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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften VII 1921 Heft 2"

IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSyCHO* 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 
SCHRIFTLEITUNG: DR. OTTO RANK /DR. HANNS SACHS 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG G.M.B.H. 
LEIPZIG - WIEN - ZÜRICH - LONDON - NEW-VORK 



VII. 2. - . 1921 

Die Wechseibeziehungen von psychischem Konflikt 
und körperlichem Leiden bei Schiller 1 . 

Von FRIDA TELLER <Prag>. 

>. . . Was man an einer Minderzahl von 
menschlichen Individuen als rastlosen Drang 
zu weiterer Vervollkommnung beobachtet, läßt 
sich ungezwungen als Folge der Triebverdrän» 
gUOg verstehen, auf welche das Wertvollste 
an der menschlichen Kultur aufgebaut ist.« 

Freud: Jenseits des Lustprinzips. 

Das Interesse der psychoanalytischen Forschung war von An- 
fang an darauf gerichtet, Sinn und Absicht der neurotischen 
Symptome zu erfassen und ihren Zusammenhang mit dem 
Erleben des Patienten aufzudecken. Von Beobachtungen an Hyste= 
tischen ausgehend, die er in gemeinsamer Arbeit mit Josef Breuer 
unternommen hatte, vermochte Freud nachzuweisen ä ,. daß die Exi* 
stenz eines hysterischen Symptoms zur Voraussetzung habe, ein 
seelischer Vorgang sei nicht in normaler Weise zu Ende geführt 
worden. Zwischen dem Ich des Patienten und einer an dasselbe 
herantretenden Vorstellung war ein Verhältnis der Unverträglichkeit 
entstanden ■ und das Ichbewußtsein hatte sich bemüht, durch Ver» 
drängung der peinlichen Vorstellung und Konversion der Erregungs* 
summe in die Körperinnervation diesen Widerspruch zu lösen. An= 
statt der seelischen Schmerzen, die dem Ich nun erspart blieben, 

1 Nach einem, am 25. November 1920, in der Wiener psychoanalytischen 
Vereinigung gehaltenen Vortrage. 

'-' Vgl. Freud-Breuer: Studien über Hysterie. 3. Auflage, 1916 und Freud : 
Vorlesungen :ur Einführung in die Psychoanalyse, III. Teil. 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




96 Frida Teller 



traten körperliche auf und bei dieser Umwandlung stellte sich ab 
Gewinn heraus, daß der Patient sich einem unerträglichen psychischen 
Zustand entzogen hatte, allerdings auf Kosten eines körperlichen 
Leidens. Die Situation, die so geschaffen wurde, ist nun nicht weiter 
veränderlich. Das Ich, welches die Erkrankung zustande gebracht hat, 
will sich auch ferner vor den Gefahren bewahren, deren Drohung 
der Anlaß des Leidens geworden ist und eine Genesung nicht 
eher zuläßt, als bis eine Wiederholung der gleichen Situation 
ausgeschlossen erscheint. Tritt nun neuerlich ein Erlebnis an das 
Ichbewußtsein heran, ähnlich wie jenes, das Krankheitsveranlassung 
geworden war und führt den alten, nunmehr verdrängten Konflikten 
neue Nahrung zu, so wiederholt sich der oben geschilderte Ver«* 
drängungsvorgang und eine neuerliche Konversion stellt den früheren 
Zustand wieder her. Der Drang^ zur Abfuhr der Erregung aus 
dem Unbewußten begnügt sich alsdann meist mit dem bereits 
gebahnten Abfuhrweg, für den ohnehin ein somatisches Entgegen« 
kommen von Seiten des Patienten bestanden hatte. Jede wieder*' 
auffrischung des Konfliktes ruft auch nicht mehr die affektive Vor* 
Stellung, sondern nur den abnormen körperlichen Reflex hervor. 

Die Entdeckung der psychologischen Medianismen der Symptom- 
bildung bei der hysterisdien Neurose, die die psychoanalytische 
Forschung einleitete und eine Grundinge für die Erkenntnis der 
strengen Determiniertheit alles seelischen Geschehens bildete, bietet 
überraschende Ergebnisse, wenn wir die oben geschilderte Einsicht 
zum Ausgangspunkt einer Untersuchung nehmen, welche die Wechsel* 
Wirkung von Krankheit und seelischem Konflikt bei unserem größten 
und volkstümlichsten Dramatiker, bei Schiller, aufdecken will'. 

Freilich, auf allzuviel wohlwollendes Verständnis von seiten 
der Literaturkritik wird sich unser Versuch wohl von vornherein 
nicht gefaßt machen dürfen. Bietet unsere Darstellung und deren 
Ergebnisse dem Literaturhistoriker doch nichts, wodurch er an die 
ihm einmal liebgewordene Methode der Schillerforschung und rein 
ideale Auffassung dieses Dichters gemahnt würde,- er wird unsere 
Darstellung mit Befremden ablehnen und, im Besitze verjährter 
Einsichten, auf ein tieferes Verständnis gern verzichten — oder — 
sollte ihm ein solches zugemutet werden — einer Annahme die 
größten Widerstände entgegensetzen. 

Wir haben gut getan in diesem Zusammenhange an die 
Gesetzmäßigkeit alles Seelischen zu erinnern. Überblicken wir nämlich 
die Charakteristiken und Lebensdarstellungen, die unserem Dichter 
in so reichem Ausmaße zuteil geworden sind, so müssen wir 
gestehen, daß ihre Betrachtungsweise den Boden des Tatsächlichen 
zumeis.t längst verlassen hat. Wir können dies aber begreiflich 
finden: denn, auch abgesehen von dem billigen Pathos einer Helden* 
Verehrung, die im Künstler über dem selbstgeschaffenen Idealbild 
den Menschen übersieht oder übersehen will und nun, bei festlichen 
Gelegenheiten oder zu pädagogischen Zwecken ein gar luftiges, 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc. 97 



alle Widersprüche vermeidendes Wolkengebilde aufbaut: gewiß hat 
kein anderer Dichter eine ideale Herausarbeitung seines Wesens 
und Werdens bei Mit- und Nachwelt in dem gleichen Maße heraus- 
gefordert, wie Schiller. Wissen wir doch, daß der Dichter sich selbst 
mit dem strengsten Maßstabe gemessen hat und mit hohem Ernst 
und immer wachsender Willenskraft an der Läuterung seiner Indi- 
vidualität arbeitete. Den Stolz und die Kraft einer- großen Seele, 
die alle Leiden nicht nur geduldig erträgt, sondern selbst im Unter- 
liegen noch triumphierend sich über sie erhebt, wissen seine Biographen 
an ihm zu rühmen und den gleichen Eindruck gibt auch sein Freund 
Wilhelm v. Humboldt wieder, indem er, unmittelbar nach Schillers 
Tode, des Dichters »adelige Natur« kennzeichnend, schreibt: »Von 
niemand läßt sich vielleicht mit so viel Wahrheit sagen, daß er die 
Angst des Irdischen von sich geworfen hatte, aus dem engen, dumpfen 
Leben in das Reich des Ideals geflohen war,- er lebte nur von den 
höchsten Ideen und den glänzendsten Bildern umgeben, welche der 
Mensch in sich aufzunehmen und aus sich hervorzubringen vermag« 1 . 
Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die hohen Anforderungen, 
die der Dichter an sich selbst stellte und diesem Streben wiederholt 
Ausdrude verliehen hat. »Alles was der Dichter uns geben kann« 
— heißt es in der berühmt gewordenen Auseinandersetzung mit 
Bürger — »ist seine Individualität. Diese muß es also wert sein, 
vor Welt und Unweit ausgestellt zu werden. Diese seine Indivi- 
dualität so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten, herrlichsten 
Menschheit hinaufzuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft« 2 . 
Aber schon den tieferblickenden seiner Zeitgenossen konnte es nicht 
entgehen, daß Schillers hoher Idealismus, sein angespanntes Streben, 
das ihm als Ziel vorschwebende »IdeaHch« zu erreichen, für den 
Dichter auch Kehrseiten in sich berge. Streicher hat es oft betont, 
daß Schiller an sich selbst »zu hohe Anforderungen« stellte und 
Goethe, der wohl wußte, wie wohltätig der Einfluß seiner gelassenen 
Natur auf den Freund wirkte, hat den Sachverhalt durchschaut und 
noch im Alter in vertrautem Gespräch zu Eckermann geäußert: 
»daß nun diese physische Freiheit Schiller in seiner Jugend so viel 
zu schaffen machte, lag zwar teils in der Natur seines Geistes, 
größtenteils aber schrieb es sich von dem Druck her, den er in der 
Militärschule hatte leiden müssen. Dann aber, in seinem reiferen 
Leben wo er der physischen Freiheit genug hatte, ging er zur 
ideellen über und ich möchte fast sagen, daß diese Idee ihn getötet 
hat denn er machte dadurch Anforderungen an seine physische 
Natur die für seine Kräfte zu gewaltsam waren. Ich habe vor dem 
kategorischen Imperativ allen Respekt, ich weiß wie viel Gutes aus 
ihm hervorgehen kann, allein man muß es damit nicht zu weit 

i Briefwechsel zwischen Schiller und Humboldt. Herausgegeben von A. Leh- 
mann. Vorerinnerung. . - . ■ - . 
" » Über Bürgers Gedichte. Werke, Sakular-Ausgabe XJI, 236.. . 

7 
Image. V1I2 



98 Frida Teller 



treiben, denn sonst führt diese Idee der ideellen Freiheit sicher zu 

nichts Gutem« 1 . 

Schillers Leben wird dargestellt als ein fortdauernder Kampf 
mit den auf ihn hereinstürmenden Anfällen von Krankheit, als ein 
bewunderungswürdiges Ringen des Geistes mit dem Körper. Jedes 
neue Werk mußte der bereits dem Tode verfallene Dichter seinem 
Leiden abringen und konnte so an der eigenen Person erweisen, 
daß der dem Geschick rettungslos Preisgegebene als sittlicher Mensch 
doch immer wieder sich frei zu erheben vermag, indem er sich erfüllt. 
Und lebte und strebte Schiller auch wie einer, der im Schatten des 
Todes wandelt, so hatte diese Gewißheit doch nichts Niederdrücken 
des für ihn, gerade sie spornte ihn zu immer rastloserem Arbeiten 
an und zwang ihn, unaufhaltsam vorwärts zu schreiten nach neuen 
Zielen. 

Des Dichters Kränklichkeit setzte, wie seine Sdiwester Christo- 
phine in ihren »Erinnerungsblättern« mitteilt, mit seinem Eintritt in 
die Militärschule ein. Freilich, schon als kleines Kind war er schwäch- 
lich und »hatte bei den gewöhnlichen Kinderkrankheiten 
oft krampfhafte Zufälle« 2 , aber er erholte sich bald und blieb 
fortan gesund, bis er, im Alter von vierzehn Jahren, gegen seinen 
Willen aber auf Befehl des Herzogs in die neugegründete Stutt- 
garter Militärakademie aufgenommen wurde. Zu seinem Haupt= 
Studium wählte er die Rechtswissenschaft, weil - wie sein Freund 
Streicher erzählt — von dieser allein eine den Wünschen seiner 
Eltern entsprechende Versorgung einst zu hoffen war. Doch sein 
feuriger, schwärmerischer Geist fand in diesem Fadie wenig Be- 
friedigung,- er geriet mit seinen Lehrern in Konflikt, vernachlässigte 
die ihm aufgezwungenen pedantischen Ordnungsvorschriften und 
lernte widerwillig, daher auch schlecht. Wir erfahren, daß er wegen 
seines dissoluten und langsamen Wesens öftere Ermahnungen nötig 
gehabt habe 3 und seine Auflehnung gegen die strengen Gesetze 
der Akademie bezeugen zwei Strafbillette vom 21. November 1773 
und vom 24; Dezember desselben Jahres \ die sich Sdüller durch 
Unordnung zugezogen hatte, nach Weltrich die Quelle disziplinarer 
Anstöße für unseren Dichter in der Akademie. Doch bald ändert 
sich das Bild. Das frühzeitig gewedtte Ehrgefühl Schillers, sein 
bereits in der Militärschule beobachteter »edler Stolz« scheint durch 



1 Schillers Persönlichkeit. Urteile der Zeitgenossen und Dokumente, gesammelt 
von J. Petersen, Weimar 1909. III. Bd., S. 224. 

- Vgl. R. Weltrich : Schiller, sein Leben und seine Werke. I, i>. 63. bo 
sehen wir, daß auch bei Schiller der späteren Erkrankung eine infantile Neurose 
vorausgeht. 

8 Weltrich a. a. O., S. 229 ff. ■ 

* Wiedergegeben bei Weltrich a. a. O., S. 230. Der Verfasser hebt m 
diesem Zusammenhange hervor: »Die Zahl der Strafbilletts, weldie Schiller wahrend 
seiner -Studienzeit erhalten hat, belauft sich nach Ausweis der Akten auf nicht 
mehr als sechs, merkwürdigerweise fallen sie sämtlich in die Zeit von Oktober- 1773 
bis Februar 177C« -,-. - — ^. : -~'- ~ -.- ..'..• .. . - .- .'. - '■ '-— 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc. 99 



die Strafen und mehr noch durch die sich stets verschlechternden 
Zeugnisse <er war bald der letzte der Klasse geworden) schwer 
getroffen worden zu sein. Seit dem Jahre 1774 ist kein Tadel mehr 
überliefert 1 . Und wenn auch des Dichters Leistungen infolge der 
sich immer mehr vordrängenden Neigung zur Dichtkunst und Theo* 
logie recht schlechte waren, es wurde Nachsicht geübt, denn Schiller 
war wiederholt krank gewesen. Schon der nächste Lehrerbericht 
weiß von absichtlicher Auflehnung nichts mehr zu berichten: ». . . er 
ist ehrerbietig und respektvoll gegen seine Vorgesetzten, nicht weniger 
verträglich und freundschaftlich gegen seine Cameraden, besitzt gute 
Gaben«, »aber ist schon sieben Mal und erst vom 2. September 
bis 7. Oktober krank gelegen, welche öftere Krankheiten auch Ursach 
sind, daß er bei allem seinem Fleiß doch gegen andere ziemlich weit 
zurückgeblieben« 2 . Natürlich brachten Schillers häufige Krankheits= 
zustände auch ihre Vorteile mit sich. Sein Stolz wurde durch die 
schlechten Fortschritte in den Wissenschaften nicht weiter gedemütigt, 
denn er war für die zahlreichen, durch Krankheit hervorgerufenen 
Störungen seines Studiums nidit weiter verantwortlich 3 ,- und indem 
er sich von seinem seelischen Konflikt befreit hatte, trat noch ein 
weiterer Krankheitsgewinn sekundär hinzu. Die Erkrankung gewährte 
ihm die freie Zeit, deren er zu seiner Beschäftigung mit der Dichtung 
bedurfte 4 . Worin die häufigen Krankheitsanfälle des Dichters damals 
bestanden hatten, ist nach Weltrich nicht mehr zu bestimmen. Die 
meisten Fälle aber waren »ohne Bedeutung*,- es handelte sich häufig 
um geschwollenes Gesicht oder eine Geschwulst am Knie. Geistige 
Arbeit war also möglich <a. a. O., S. 230). Nun wissen wir durch 
Freuds Beobachtungen, daß der somatische Schmerz nicht erst von 
der Neurose geschaffen, sondern von ihr benutzt, gesteigert und 
erhalten wird. Es sind die verbreitetsten Schmerzen der Menschheit, 
die am häufigsten dazu berufen erscheinen, eine Rolle in der hyste- 
rischen Neurose zu spielen. Die krankhafte Körperveränderung weckt 
die Arbeit der Symptombildung, so daß diese das von der Realität 



' Vgl. die oben angeführte Stelle aus Weltrichs Biographie. 
a Bericht des Rittmeisters Faber vom Ende des Jahres 1774 <Weltrich a. a. O., 
S. 146). Ahnlich stellen auch die andern Lehrerberichte den Sachverhalt bei Schiller 

von nun ab dar. 

3 Ich verweise auf eine interessante stelle aus acnillers »Bericht an den 
Herzog über Mitschüler und sich selbst« (Werke, Säkular» Ausgabe XVI, 307 f.>, an 
der der Dichter, natürlich ohne sich des hier geschilderten Zusammenhangs klar bewußt 
zu sein, entschuldigend hervorhebt: »Durchlauchtigster Herzog, die schönen Gaben, 
die ich habe, habe ich bisher nicht so angewendet, als es mir meine Pflichten auf- 
gelegt haben. Nun sehe ich mich von der Unzufriedenheit gedrückt, 
die ich verdiene/ allein ich kann doch einigermaßen Entschuldigung 
finden,- denn wenn der Körper leidet, so leiden auch mit ihm die 
Kräfte' der Seele und der Wille wird durch Leibesschwachheiten 
öfters gehindert, in Erfüllung zu gehen.« <Von mir gesperrt.) - 

* Weltrich hebt hervor, daß bereits in frühen Jahren (d.h. vor Abfassung 

-der-»'Räuber«>".Jie:.-Krankensäie die Zuflucht waren, wenn Schiller sich, verbotener 

Lektüre von Poesie hingeben-wollte <a.a- 0.,.S. -284>. .... - - ■■ •■•-■-- -•- 



1 



100 Frida Teller 



gegebene Symptom zum Vertreter aller jener unbewußten Phantasien 
macht, die nur darauf gelauert hatten, sich eines Ausdrucksmittels 
zu bemächtigen. Noch oft sind in späteren Jahren bei Schiller heftige 
Zahnschmerzen aufgetreten, sobald wir allen Grund haben zu ver- 
muten, der Dichter wollte einen gerade akut gewordenen Konflikt 
durch Symptombildung unbewußt erledigen« 1 . 

Die einmal geschaffene Situation blieb für die Zeit seines 
Aufenthaltes in der Akademie stationär. Schillers Schwester berichtet, 
er habe die Nächte für seine Lieblingsarbeiten nützen müssen/ 
denn er habe einen Widerwillen gegen die Medizin gehabt und 
machte sich oft krank, um in dem Krankenzimmer sein zu können, 
wo er des Nachts Licht hatte 2 . Hat es fast den Anschein, als ob 
Schillers Schwester hier und an noch einer anderen überlieferten 
Stelle 3 den richtigen Zusammenhang ahnen, ja sogar an bewußte 
Verstellung glauben würde, so belehren uns doch andere Äuße- 
rungen aus dem Verwandtenkreise eines bessern' 1 . Übrigens müssen 
auch wir uns hüten, bei Schiller ein bloßes Krankstellen voraus- 
zusetzen. Eine derartige Simulation wäre der Aufmerksamkeit der 
Anstaltsärzte nicht entgangen und ihre Entdeckung hätte des Dichters 
Lage nur verschlechtert. Zudem hätte sie auch die bereits konstatierte 
pathogene Wirkung nicht ausüben können. Wir pflichten Weltrich, 
dem gründlichsten aller Schillerbiographen, dem der Zeitgewinn, den 
Schiller aus seinen Leidenszuständen zog, nicht entgangen war, voll- 
kommen bei, wenn er, der ja die Schleichwege unbewußter Absichten 
nicht kennt, hervorhebt: »An grundloses Krankmelden ist bei der 
strengen Aufsicht in der Akademie kaum zu denken« <a. a. O,, 
S. 230). 

Der gleiche Vorgang wie bei Entstehung der »Räuber« tritt 
ein, da der Dichter den festen Entsdiluß faßt, seine medizinischen 
Studien nachzuholen und abzuschließen. Er wollte, wie Streicher 
überliefert 5 , so lange nichts anderes, als was die Medizin betreffe, 



1 Vgl u. a. den folgenden Bericht von Baggesens über einen Besuch bei 
Schiller wälirend der kritischen Seit, die dem ersten schweren Anfall des Brust- 
leidens vorausging <August 1790>: »Er hatte erschreefdiche Zahnschmerzen, 
geschwollene Backen, so daß er mit Mühe sprach. Er war überaus artig, aber 
tiefer Gram guckte durch seine erzwungene Munterkeit. Reinhold erzählte mir 
seine Lage, die so traurig ist, daß ich darüber fast weinen möchte. Er hat nur 
200 Taler jährlichen Gehalt und braucht jährlich über 1200. Aus dieser Ursache 
muß er wie ein Pferd arbeiten, von Morgen bis Abend. Er hat wenig Zuhörer, 
weil er keine Gabe und keine Geduld zum Lesen hat.« (Petersen a. a. O., II, 183.) 

' Petersen a. a. O., III, 359. 

s Die Zöglinge der Akademie durften Abends nur bis zu einer bestimmten 
Stunde Licht brennen. Da gab sich Schiller, der in den Nächten sich gern selbst 
lebte, was der Tag nicht erlaubte, oft als krank an, um in den Krankensälen die 
Vergünstigung einer Lampe zu genießen. In solcher Lage wurden »Die Räuber« 
geschrieben. (Mitgeteilt in Karoline v. Wolzogens Schillerbiographie, S. 17.) 

'Siehe unten. 
. . ? Schillers. Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von Andreas 
Streicher, S. 17 (Deutsche Literaturdenk.male, lj^. Bd.), v - . - 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc. 101 



lesen und schreiben oder auch nur denken, bis er sich das Wissen* 
schaftliche davon ganz zu eigen gemacht hatte. Dies kostete ihm eine 
ungeheure Überwindung und die außerordentlidie Anstrengung, bei 
welcher er sich den kleinsten Genuß versagt hatte, wirkte nachteilig 
auf seine Gesundheit. Streichers Diagnose einer Erkrankung Schillers 
infolge von Überarbeitung — wir werden ähnlichen Urteilen bei 
Schiller noch oft begegnen - ist natürlich hier, wie in allen andern 
Fällen unhaltbar. Unseren einmal festgelegten Standpunkt der Kon= 
Version zum Zwecke der unbewußten Abwehr müssen wir aber 
auch jenen Anschauungen gegenüber festhalten, die, wie Caroline 
v. Wolzogen, Schillers Frau u. a. für Streichers Überarbeitung einen, 
im übrigen nirgends überlieferten Mangel an Bewegung einsetzen 
und es diesem zuschreiben, daß der Aufenthalt in der Akademie 
die Grundlage für Schillers spätere Kränklichkeit gelegt hat 1 . 

Der Dichter näherte sich nun dem Zeitpunkte, da die Pforten 
der Akademie sich öffnen sollten und er dem verhaßten Zwange 
entfliehen durfte. Wir weiden verwundert sein zu erfahren, daß er 
das Ziel seiner Wünsche so wenig freudig herbeisehnte, ja, daß er 
alle Gedanken an eine nahe Freiheit von sich abwehrt'-. Lebens» 
Überdruß erfaßte ihn und von seiner damaligen seelischen Lage geben 
gleichzeitige Briefe an den Hauptmann von Hoven anläßlich des 
Todes seines jüngeren Sohnes und Briefe an die Schwester Nachricht: 
»Er <der Tote) verlor nichts und gewann alles . . . tausendmal 
beneidete ich Ihren Sohn, wie er mit dem Tode rang und würde 
mein Leben mit eben der Ruhe statt seiner hingegeben haben, mit 
welcher ich schlafen gehe. Ich bin noch nicht einundzwanzig Jahre 
alt, aber ich darf es Ihnen frei sagen, die Welt hat keinen Reiz für 
mich mehr und ich freue mich nicht auf die Welt und jener Tag 
meines Abschieds aus der Akademie, der mir vor wenig Jahren 
ein freudevoller Festtag würde gewesen seyn 3 , wird mir 

1 Vgl. die Aufzeichnungen Charlotte v. Schillers <überl. bei Petersen a. a. O., 
III 283), worin es im Anschluß an die im Familienkreise herrschende Auffassung 
heißt: »Denn das Leben in der Akademie, der Mangel an ganz freier Bewegung 
des Körpers war gewiß der erste Grund zu unseres Geliebten Kränklichkeit. Er 
gab in seiner Jugend zu wenig auf sich Achtung«. ... , . R 

» Dieser Widerspruch muß uns natürlich darauf aufmerksam machen, dal) 
hinter des Dichters Krankheitsanfällen noch andere, tiefer liegende Motive wirksam 
sind Tatsächlich schreckt Schiller auch vor der Freiheit zurüde, weil der Wunsch, 
sich aus der Akademie gewaltsam zu befreien und seiner infantilen Libidofixierung 
entsprechend in das Elternhaus zurückzukehren, in ihm verdrängt vorhanden war. 
Die Reaktion auf diesen unbewußten Impuls fesselt den Dichter an das Zimmer 
(respektive in die Krankheit). Hier müssen wir auch den tiefsten Grund für Schillers 
spätere chronische Erkrankung erkennen, die, wie noch zu zeigen sein wird, unsern 
Dichter nahezu ununterbrochen »zum Gefangenen seines Zimmers« machte und in 
diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß die meisten seiner dramatischen Helden 
(bereits vor der Bekanntschaft mit dem ödipusrex) nach Hause zurückgekehrt, ihrem 
Vater <oder einer Ersatzperson) nach dem Leben trachten <Karl Moor, Franz, Carlos, 
Mortimer, Parricida, Demetrius). Angedeutet findet sich diese Situation übrigens auch 
bei Max Piccolomini, in »Kabale und Liebe« und im »Fiesko«. 

3 Von mir gesperrt. 



102 Frida Teller 



einmal kein frohes Lächeln abgewinnen können. Mit jedem Schritt, 
den ich an Jahren gewinne, verliere ich mehr von meiner Zufrieden- 
heit, je mehr ich mich dem reiferen Alter nähere, desto mehr wünschte 
ich als Kind gestorben zu sein« 1 . Und der Sdiwester schreibt er 
gleich verzweifelt: »Ich freue mich nicht mehr auf die Welt und 
gewinne alles, wenn ich sie vor der Zeit verlassen darf. . . 2 
Ich habe das Glück vor vielen Tausenden (das unverdiente 
Glück 3 ), den besten Vater zu haben ... Ich habe Dich meine 
Teure und doch kann dies alles keine Heiterkeit von einiger Dauer 
in meine Seele rufen« 3 . Ein tiefes Schuldgefühl spridit sich in diesen 
brieflichen Äußerungen aus und es ist bemerkenswert, daß die 
gedrückte Stimmung des Dichters seiner Anstellung als Regiments« 
medikus — mit welcher Schillers Unzufriedenheit gewöhnlich im 
Zusammenhang gebracht wird — zeitlich vorangeht. Wir müssen 
den bereits durch Otto Rank ausgesprochenen Gedanken, daß 
Schillers Einstellung zum Herzog das ambivalente Benehmen des 
Fürsten gegen ihn beeinflußt habe, im Auge behalten. 

Was nun folgt, ist zu bekannt, um hier ausführlich wieder» 
gegeben zu werden. Die Stellung als Regimentsmedikus ist Schiller 
trotz der wiederholt geübten Nachsicht seiner Vorgesetzten zuwider, 
Vorspiegelungen aus Mannheim täuschen ihn und er entflieht zwei» 
mal zur Vorstellung seiner »Räuber« nach dieser Residenz. Sein 
zweiter Ausflug nach Mannheim wird bekannt und Schiller wird 
vom herzoglichen Verbot ereilt, bei Strafe der Kassation nicht mehr 
zu dichten oder mit dem Ausland zu verkehren. Die Empörung 
der Graubündner über eine gegen ihren Kanton gerichtete Stelle 
der »Räuber« hatte das ihrige dazugetan, um den Herzog gegen 
Schiller aufzubringen. 

Wir wollen hier bei einer Darstellung der inneren Wirren des 
Dichters seit seinem Austritt aus der Akademie verweilen. Auf die 
sonderbare Tatsache, daß er seiner Freiheit nicht recht froh wurde, 
■haben wir bereits hingewiesen und glaubten sie auch motivieren zu 
können. Und gleichzeitig mit seinem Austritt erfaßt Schiller ein nur 
mühsam unterdrückter Impuls zu reisen, Stuttgart zu verlassen und 
sich von den heimatlichen Verhältnissen loszureißen, dem er in den 
beiden Besuchen nach Mannheim und schließlich in seiner gewalt» 
samen Selbstbefreiung, die eine Rückkehr nach Stuttgart dauernd 
unmöglich machte, nachgab 4 . 

Schillers Flucht aus Stuttgart nach Mannheim ist so häufig 
ausschließlich als Jrolgeerscheinung des herzoglichen Verbotes, als 

1 Stuttgart, am 15. Juni 1780 <SdiiIIers Briefe, herausgegeben von Fritz 
Jonas I, 14). 

2 Von mir hervorgehoben. 

3 Stuttgart, am 19. Juni 1780 <Jonas I, 16>. 

4 Schillers fluchtartige Loslösung vom Elternhaus ist bereits von O. Rank 
als typische Reaktion auf eine übermäßige Fixierung im Familienkomplex erkannt 
worden. 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc. 103 



Akt der Notwehr dargestellt worden, daß es verlodiend erscheint, 
einmal den umgekehrten Weg einzuschlagen und zu untersuchen, 
inwiefern etwa des Dichters eigenes Verhalten die Einstellung seiner 
Umgebung bewirkt habe. Wir wissen, Schiller hatte bereits in der 
ersten Zeit, da er bei Auge angestellt war, geschrieben, »seine 
Knochen hätten ihm im Vertrauen gesagt, daß sie nicht in Stuttgart 
verfaulen wollten« '. Und vielleicht hätte der Dichter auch die zweite 
Reise nadi Mannheim verheimlichen können,- erhielt er doch von 
seinem Obersten die Erlaubnis, den Ausflug in Zivilkleidern zu 
machen und sich krank zu melden unter der Voraussetzung, daß er 
ihn nicht kompromittieren werde' 2 . Aber Schiller benahm sich, gleiche 
sam als wollte er ein Bekanntwerden seines neuerlichen Aufent= 
haltes in Mannheim herausfordern, so unvorsichtig, daß es sogar 
seinen Freunden auffallen mußte. Hegte er audi bewußt die Hoff* 
nung, seine Abwesenheit werde durch die Vorkehrungen, die er 
getroffen hatte nicht bemerkt werden, »so hatte er doch die Un= 
Vorsichtigkeit begangen, bei seiner Ankunft seinen Namen am Tore 
anzugeben, so daß es gleich in der ganzen Stadt bekannt ward, 
Schiller, der Verfasser der Räuber sei selbst da. Wie konnte es nun 
in Stuttgart verschwiegen bleiben?« Und nicht nur dies,- er weihte 
auch seinen Freund Hoven und einige weibliche Freunde, die ihn 
auf der Reise begleiten sollten, in das Geheimnis ein. Hoven wird 
geschwiegen haben, meint Streicher, dessen Bericht wir hier folgen 3 , 
aber nicht so die weiblichen Freunde. »Sie konnten dem Drange 
nicht widerstehen, das Verdienst der Mannheimer Schauspieler um 
die Wirkung des Stückes auch andern zu schildern« und unter dem 
Siegel des Geheimnisses erfuhr auch der General Auge davon und 
durch ihn der Herzog. So wie die Sachen stehen, müssen wir wohl 
annehmen, es sei des Dichters unbewußte Absicht gewesen, einen 
Bruch mit dem Herzog herbeizuführen. Aber der Durchsetzung der 
verbotenen Handlung folgten Schuldgefühle nach und eine Er« 
krankung, die Schiller aus Mannheim mitbrachte, veranlaßte ihn, dem 
Mannheimer Intendanten, Dalberg, gegenüber, zu einer verzweifelten 
Schilderung seiner Lage: »Ich habe das Vergnügen, das ich zu 
Mannheim in vollen Zügen genoß, seit meiner Hieherkuntt dureb 
die epidemische Krankheit gebüßt (man beachte die Ausdrucksweise), 
welche mich zu meinem unausspredilidien Verdruß bis heute gänz- 
lich unfähig gemacht hat, Euer Exzellenz für so viele Achtung und 
Höflichkeit meine wärmste Danksagung zu bezeugen. Und doch 
bereue ich beinahe die glüddichste Reise meines Lebens, die mich, 
durch einen höchst widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mann- 
heim, schon so weit verleitet hat, daß mir Stuttgart und alle 



i I. G. Elwert an J. W. Petersen. (Abgedruckt bei Biedermann, Schillers 
Gespräche, 1913. S. 67.) 

* Petersen a. a. O., II., 44. 
... " A. a. O-, S. 41. " 



104 Frida Teller 



schwäbischen Szenen unerträglich und ekelhaft werden« \ Da dem 
Dichter die tiefere Motivierung seines Reisedranges nicht bekannt 
war, so schiebt er seine gegenwärtige Lage auf den aus der Ver- 
gleichung Stuttgarts und Mannheims hervorgehenden Verdruß. Doch 
wenn er Dalberg wenige Zeilen später bittet, sich seiner anzunehmen 
und ihm eine Entfernung aus den heimischen Verhältnissen zu er» 
möglichen, so verstehen wir den unbewußten Zwedc der Erkrankung 
auch darin, dem Intendanten das Trostlose seiner Lage recht ein- 
dringlich vor Augen zu führen 2 . Dalberg versagt seine Hilfe, aber 
der Dichter wendet seine Blicke trotzdem nach Mannheim und ver- 
läßt Stuttgart und die Seinen fluchtartig/ das herzogliche Verbot 
lieferte eine genügende Rationalisierung des unbewußten Reise- 
zwanges. Auch Streicher, der die Beschwerden der Flucht mit dem 
unglücklichen Freunde teilte, verurteilte die überstürzte Eile, mit 
der das Vorhaben ausgeführt wurde 3 . 

Die Biographen sind der Ansicht, die Beschwerden der Flucht 
und die Entbehrungen, die der Dichter während dieser Zeit aus- 
zustehen hatte, hätten Schillers Gesundheit erschüttert und den Keim 
zu seiner Kränklichkeit gelegt, Wir können uns dieser Anschauung 
nicht anschließen. Die Briefe aus jenen Tagen verraten keinen Krank- 
heitsanfall, ja, uns will es scheinen, als ob gerade die äußern Be- 
drängnisse — die an sich schon der Selbstbestrafung und ^quälerei 
genug boten — den Dichter vor inneren Wirren bewahrt hätten. 
Erst viel später, zur Zeit seines Aufenthaltes im Bauerbacher Asyl, 
hören wir wieder von neuer Erkrankung. Wir werden auf diese 
Episode und die sie begleitenden Umstände noch zurückkommen *. 

1 Brief an Dalberg vom 4. Juni 1782 (Jonas I, 60>. Die Stellen sind von 
mir hervorgehoben. 

2 Wie jedes neurotische Symptom, so ist auch diese Krankheitserscheinung 
überdeterminiert. Da Schiller während dieser Zeit seinen Fluchtplan entwarf, hätte 
die Erkrankung der Ausführung dieses Entschlusses entgegenwirken sollen. So 
genügte in späteren Jahren das Aufleuchten eines Fluchtimpulses bei Schiller um 
sofort einen Krampfanfall herbeizuführen. — Wir dürfen uns durch Schillers Angabe, 
es habe sich bei ihm um eine epidemisdie Krankheit gehandelt, nicht beirren lassen. 
Diese Annahme verschiebt bloß das Problem, denn wir sehen den Dichter immer 
dann zur Ansteckung neigen, sobald innere Bedrängnis einer Erkrankung entgegen- 
kam. <Ich erinnere an die vielen, in Schillers Briefen verzeichneten Fälle, da der 
Dichter — allerdings in ruhigeren Zeiten — von sich rühmen kann, er sei der einzige 
gewesen, der sich bei gerade herrschender Epidemie tapfer gehalten habe.) Eine Er» 
klärung bietet uns die kürzlich erschienene Schrift des Badener Arztes G. Groddeck 
»Psychische Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung organischer Leiden«, 1917, 
die den Nachweis erbringt, daß der Mensch durch Wechselverhältnisse zwischen seinem 
Bewußten und Unbewußten anstedcungsfähig werden könne. (Ebenda S. 6.) 

* »Hätte Schiller nur noch einige Wochen warten und nicht durchaus sich 
schon jetzt entfernen wollen, so würde er die nötige Summe ... in Händen gehabt 
haben. Aber die Ungeduld des unterdrückten Jünglings eine Entscheidung herbei- 
zuführen, ließ sich nicht zähmen.« <Streicher a. a. O., S. 59.) 

'* In seiner Beobachtung der Krankheitszustände des Eleven Grammont 
<Werke, Sädc.=A. XVI, 324ff.>, die er auf der Karlsschule auf Befehl des Herzogs 
geleitet hatte, hebt Schiller von seinem Kollegen hervor: »Das ist noch das Schlimmste, 
daß er sogar das Vergnügen nicht lange genießen kann, ohne körperliche Schmerzen 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc. 105 



Nach langen Irrfahrten ~ auch in Berlin suchte Schiller festen 
Fuß zu fassen und gefiel sich in dem Gedanken daselbst unter- 
zukommen - sollte unser Dichter auf dem Gute seiner mütter- 
lichen Freundin, der Frau v. Wolzogen, in Bauerbach bei Mei= 
ningen Ruhe finden. Für lange Zeit schien er nun geborgen und in 
der Lage, ausschließlich seiner Dichtung zu leben. »Endlich hin ich 
hier« ~- berichtet er an Streicher - »glücklich und vergnügt, daß 
ich einmal am Ufer bin. Ich traf alles noch über meine Wünsche,- 
keine Bedürfnisse ängstigen mich mehr, kein Querstrich von außen 
soll meine dichterischen Träume, meine idealischen Täuschungen 
stören« 1 . Aber die unterirdischen Mächte ruhten nicht. Bereits im 
März 1783 <nach etwa 3monatlichem Aufenthalt) hören wir von 
einem neuen Fieberanfall, der allerdings bald vorüberging, aber nach 
dem Vorangegangenen unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen muß. 

Die Wochen des Bauerbacher Aufenthaltes sind von Otto 
Rank einer eingehenden Betrachtung unterzogen worden 2 . Rank hat 
gegen frühere Darstellungen geltend gemacht, alle rezenten Konflikte 
dieser Zeit seien durch Schillers unbewußt-infantile Einstellung be- 
stimmt worden und die Liebe zu Charlotte v. Wolzogen sei nur 
ein Reflex der tiefer gehenden Neigung zu seiner Gönnerin. Aus 
den sich in Bauerbach ergebenden Wirren und Enttäuschungen sucht 
sich der Dichter zu befreien und, um seinem Stolz Genüge zu 
leisten ~ wohl auch im Hinblidc auf die nicht ruhenden Er- 
mahnungen des Vaters »daß er sich doch endlich einmal einfallen 
lassen möge, sich auf irgend eine Art zu ernähren« ~ lehnt er 
einen weiteren Aufenthalt bei Frau v. Wolzogen ab: »Also über- 
legen sie es recht, beste Freundin, denn, wenn Sie auch in mir den- 
jenigen nicht finden sollten, den sie suchten, wenn ich gewahr würde, 
daß Sie es bereuten, mir zu lieb so viel aufgeopfert zu haben, so 
wäre es um meine Ruhe geschehen. Ist der Fall unvermeidlich, so 
bitte ich Sie inständig es mir bei Zeiten zu Wissen zu tun, daß 
ich mich in Betracht meiner Barschaft danach richten kann . . . Die 
Mannheimer verfolgen mich mit Anträgen« 3 . Aber war es auch 
des Dichters ernste Absicht gewesen, Frau v. Wolzogen gegen- 
über seine Selbständigkeit zu behaupten, seine Libidohxierung 
zeigte sich stärker als sein bewußter Wille. Er wehrt auch diesen 
Konflikt durch Flucht in die Krankheit ab, und aus einem gleich- 
zeitig an Reinwald gerichteten Brief erfahren wir von einem neuer- 
lichen Fieberanfall, der »gottlob keinen Nachfolger gehabt hat« 
<I 103), aber doch auf Frau v. Wolzogen seinen Eindruck nicht 
verfehlt haben konnte. »Einen Schrecken hätte ich Ihnen verursacht 



zu empfinden und in desto tiefere Schwermut zu versinken.« Natürlich haben wir 
es hier mit einer Selbstbeobachtung des Dichters zu tun, der die eigene Konflikt- 
bereitschaft auf Grammont überträgt. 

> Jonas I, 81. 

2 »Das tozestmotiv in Dichtung und Sage«, 1912. S. 90 ff. 

• Brief vom 27. März 1783 (Jonas I, 106). 



106 Frida Teller 



meine Freundin?«, schreibt er ihr am 23. April 1783 <I, 112> und 
fügt erklärend hinzu, er sei zwar unpäßlich, doch nicht krank ge- 
wesen. Noch im nächsten Schreiben (vom 8. Mai> muß der Dichter 
versichern »daß er und was ihr ungefähr in der Gegend am Herzen 
liegt« gesund seien. Aber dauernd konnte Schiller nicht in Bauer* 
bach bleiben. Der bewußte Anteil seiner Persönlichkeit wehrte sich 
gegen die abhängige Existenz und nicht zum wenigsten gegen die 
Verwirklichung der infantilen Libidokonstellation und nach einem 
mißglückten Versuch, sich dem Einfluß Frau v. Wolzogens zu 
entziehen 1 , geht der Dichter einen einjährigen Vertrag mit dem 
Mannheimer Theater ein. »Mit reinem Gewissen« konnte er Frau 
v. Wölzogen versichern, Dalberg wäre ihm selbst entgegengekommen 
und hätte in dieser Angelegenheit den ersten Schritt getan'-'. 

Wie die Biographen uns mitteilen, trat Schiller mit vielen 
scheinbar berechtigten Hoffnungen seine neue Laufbahn an und glaubte 
nun an eine aufsteigende Richtung in seinem Leben. Er war, wie 
Minor hervorhebt 3 , voll Begierde und Eifer seine Kraft dem Theater 
zu widmen, aber seiner Arbeitslust wurde zunächst durch Krankheit 
ein Ziel gesiedet. Und während Schiller anscheinend in der Theater- 
atmosphäre lebte und webte 4 , häuften sich die äußeren Hindernisse, 
durch häufige Kränklichkeit hervorgerufene Überbürdung an Arbeit 
trat hinzu und anwachsende Schulden machten seine Lage »in dem 
für ihn so fatalen Mannheim« so kritisch, daß ihm zuletzt kein 
anderes Mittel zu Gebote zu stehen schien, als sieh heimlich zu ent- 
fernen. Der Dichter rechnet das Mannheimer Jahr schließlich jenen 
Episoden zu, die seine Gesundheit für immer untergraben hatten. 
Aber die Biographen haben, wie uns scheinen will, hier nicht 
richtig gesehen,- sie beurteilen, so wie es etwa ein Individualpsychologe 
tun würde, nur die eine Richtung seines Strebens, das vorbewußte, 
auf Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls gerichtete Wollen 6 . Dem 

. » Darüber erfahren wir in dem nächsten Brief an Frau v. Wölzogen: 
»daß ich bei Ihnen bleibe und womöglich begraben werde, versteht sich. Ich werde 
es auch wohl bleiben lassen, mich von Ihnen zu trennen, da mir 3 Tage schon 
unerträglich sind. Nur das ist die Frage, wie ich bei Ihnen auf die Dauer meine 
Glückseligkeit gründen kann« <I, 130>. 

s Vgl. Schillers Brief vom 11. Sept. 1783: »Sie erinnern sich, meine Beste, 
daß ich Ihnen mein Ehrenwort gegeben, mich nicht selbst anzubieten, und in keinem 
Fall den ersten Schritt zu einem Engagement zu tun. Ich gebe Ihnen jetzt mit 
aller Freudigkeit eines reinen Gewissens dieses mein Ehrenwort wieder, daß ich 
mein Versprechen gehalten. Dalberg selbst kam mir mit dem Antrag entgegen, 
daß ich hier bleiben sollte« <Jonas I, 151). 

3 Schillers Leben und Werke. II., 190. 

* An Zumsteeg in Bertin schrieb Schiller im Januar 1784: »Mein Clima 
ist das Theater, in dem ich lebe und webe, und meine Leidenschaft ist glücklicher- 
weise mein Amt.« 

5 Tatsächlich hat Alfred Adler in seinem Buch »Der nervöse Charakter« 
1912, Schillers »rastloses Vorwärtsschreiten«, sein »Streben nach Erreichung eines 
fiktiven Persönlichkeitsideals« der Gesamtpersönlichkeit des Dichters gleichgestellt 
und so über der von ihrem psychologischen Mechanismus losgelösten Verdrängung 
die rückwärtsstrebenden libidinösen Triebe übersehen. 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc. 107 



analytisch geschulten Blick, der sich an die in Schillers Briefwechsel 
niedergelegten unwillkürlichen Äußerungen hält, wird sich der Sach= 
verhalt leicht anders darstellen. Er wird erkennen, daß der Dichter, 
vom Zeitpunkt seines Eintreffens in Mannheim rückwärts gewendet 
war und einer vom bewußten Denken abgewehrten Erneuerung der 
Bauerbacher Idylle zustrebte. Nur was sein vorbewußtes Denken 
betrifft, hatte Schiller, als er sich endlich in seinen Bedrängnissen nicht 
mehr zu raten wußte, verzweifelt niederschreiben können: er wäre 
überzeugt, alles getan zu haben, was seine Kräfte vermochten, ohne 
daß es ihm gelungen wäre, das wenige zu erwerben, was zur größten 
Notwendigkeit des Lebens gezählt wird. ' 

Zu Beginn seines Mannheimer Theaterjahres hatte Schiller 
betont: »Mein Aufenthalt in Bauerbach soll mir von allen Seiten 
der vorteilhafteste bleiben« und von den fünfzehn Laubtalern, die dem 
Dichter nach Bestreitung der Reisekosten noch übrig geblieben waren, 
hatte er fünf sogleich für eine eventuell beabsichtigte Rückreise 
zurückgelegt. Sich dem Theater nützlich zu erweisen wurde Schiller 
zunächst durch seine Krankheit gehindert und als er sich von dem 
ersten Anfall erholt hatte, waren die so rasch geknüpften Fäden 
wieder abgerissen. Seine Gesundheit hatte sich, wie Minor hervor« 
vorhebt, in der rauhen Luft der Thüringer Berge auffallend ge* 
bessert,- jetzt wurde ihm das Mannheimer Klima zum Verderben. 

Schillers endlich erfolgter Amtsantritt wird mit einem Ent« 
schuldigungsschreiben an Dalberg eingeleitet: »Ein leidiges kaltes 
Fieber«, schreibt der Dichter, habe seine Hoffnung vernichtet, dem 
Intendanten selbst aufzuwarten. »Sehnlich erwarte ich Besserung 
und dies um so mehr, je unerträglicher es mir wird, Ihren Wunsch 
in Absicht auf Sikingen so lange unbefriedigt zu lassen. Bis jetzt 
war ich für alles solide Denken verloren und wenn auch mein 
Fieber 'weicht, so bleibt doch immer eine beschwerliche Besetzung 
in meinem Kopf zurück« <7. Sept. 1783, Jonas I. 149). Dann zu 
den Theaterangelegenheiten übergehend, schickt er Dalberg den von 
ihm unterzeichneten Kontrakt und fügt hinzu, er »wünsche nichts 
dringender als auf das baldigste in den Stand gesetzt zu sein, dem 
Theater seinen Eifer und seine Dienste in dem Maße zu zeigen, 
in welchem er sich zu seinem Liebhaber bekenne«. Doch bindet er 
sich obwohl Dalberg die Dauer des Kontraktes Schillers eigener 
Entscheidung überlassen hatte, nur für ein Jahr und erbittet ~ wie 
auch Minor bereits aufgefallen ist ~ mehr im iH.nb ick auf das 
Bauerbacher Asyl, als auf seine Gesundheit die Erlaubnis die 
heißen Monate vom Mai ab auf dem Lande zubringen zu dürfen. 
Der tiefere Sinn jener stets wiederkehrenden Klagen über das un- 
gesunde Klima Mannheims wird uns so verständlich. ■ 

Trotz der besten Absichten muß der Dichter einige Wochen 
darauf an Frau v. Wolzogen mitteilen, er sei von vier Monaten 
seines hiesigen Aufenthaltes acht bis neun "Wochen krank gewesen, 
schön drei bis vier Wochen nach dem ersten Anfall habe er ein 



108 Frida Teller 



Rezidiv von dem traurigen kalten Fieber auszustehen gehabt und 
Geschäfte, neue Bekanntschaften, die außerhalb Mannheims seiner 
warteten und überhaupt die böse Sumpfluft der Gegend hätten ihn 
zu keiner Besserung kommen lassen/ wahrscheinlich werde er 
schwerlich vor dem eigentlichen Winter vollkommen gesund werden. 

Aber gesund zu sein lag ja gar nicht in Schillers unbewußten 
Absichten. Minor betont, wie wenig vorsichtig der Dichter im Hin- 
blicke auf seine Gesundheit in Mannheim handelte. Noch nicht völlig 
genesen, unternahm er zu Anfang Oktober mit einem Freunde eine 
Reise nach Speyer, wo er Frau v. Laroche besuchte/ dadurch 
wurde er wieder auf etliche Wochen rezidiv, so daß er in den 
fieberfreien Stunden kaum die notwendigsten Geschäfte und Arbeiten 
zu verrichten imstande war 1 . 

Und nicht genug daran, ein Magister Christmann aus Ludwigs- 
burg besuchte Schiller im Oktober desselben Jahres und obwohl der 
Dichter sich kaum eine Woche vorher auf demselben Wege einen 
neuen Anfall seines Leidens zugezogen hatte, ließ er sich nicht ab= t 
halten, seinen neuen Freund am 9. oder 10. Oktober wiederum 
nach Speyer zu begleiten. Diese Episoden häufen sich- und der 

1 Minor a.a.O., S. 191. Ähnliche Fälle sind uns auch aus Schillers späterem 
Leben bekannt. Der Unterschied gegenüber dem hier geschilderten liegt aber darin, 
daß in «späteren Jahren — etwa in der Zeit von Schillers Eheschließung an — die 
unbewußten schädigenden Tendenzen, die sich hinter dem übergroßen Leichtsinn und 
der Gleichgültigkeit gegenüber einer Wiederherstellung verbergen, lange nicht mehr 
so offen zutage treten können. Ja, es bedarf der Aufdeckung einer wohlgelungenen 
Rationalisierung der tiefer liegenden Absichten, um dieselben zerstörenden Mächte 
wieder am Werk zu finden. Wie wir nämlich durch Berichte von Freunden des 
Dichters wissen, durchziehen Schillers ganzes späteres Leben auf ärztlichen Rat hin 
unternommene »Abhärtungsversuche«, die aber regelmäßig zu neuen Rezidiven 
führen (noch Schillers letzte und tötliche Erkrankung im Juni 1804 geht auf den 
gleichen Anlaß zurück). Aber die Art, wie der Dichter seine Abhärtungskur 
ausführte, läßt über die Natur der unbewußten gegensätzlichen Strebungen, die 
seine Absichten durchkreuzen, keinen Zweifel aufkommen. So verweise ich auf 
die interessante Schilderung in einem Briefe Reinholds an Baggesen vom 
Januar 1792 (Biedermann, S. 212): »Der arme Schiller ist wieder von seinen 
Krämpfen im Unterleib befallen worden . . . Er wollte sich abhärten und 
scheint sich bei Gelegenheit der Schlittenbahn, die in Jena stark 
benützt wird, der Kälte etwas zu sehr ausgesetzt zu haben«, und auf 
den noch aufschlußreicheren Bericht des damaligen Hofmeisters und Tischgenossen 
Schillers/ Göritz: »Meine nähere Bekanntschaft mit Schiller schreibt sich vom Spät- 
jahr 1791 her« . . . »Als er sich im ersten Winter unserer Bekanntschaft wieder 
etwas wohler fühlte, schlug er mir vor, auf eine Stunde im Schlitten zu fahren, da 
er sehr gut leiten könne. Er zog sich sehr leicht an. Wir waren sehr ver- 
gnügt auf dieser Fahrt und als wir zu Hause angekommen waren, hatte ihm diese 
Lustpartie so wohl angeschlagen, daß er noch länger fahren wollte, und auf 
meine Weigerung, noch einmal mitzufahren, einen anderen über- 
redete und nun bis in die tiefe Nacht hinein fuhr. Dies zog ihm eine 
Erkältung und heftige Kolikschmerzen zu, an denen er mehrere Wochen 
fürchterlich litt.« (Ebenda S. 220. Die Stellen sind von mir hervorgehoben.) 

2 Ich gedenke in diesem Zusammenhang noch einer vierten Reise, die den 
nur notdürftig hergestellten Dichter nach Heidelberg führte, woher er mit seinem 
»lieben Fieber« zurückkehrte (vgl. den Brief an Frau v. Wolzogen vom 7. Juli 1783/ 
Jonas I, 90). 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc 109 



Dichter erkennt endlich doch einen gewissen Zusammenhang selbst. 
Anläßlich eines wieder zu früh unternommenen Spazierganges ~ 
diesmal mit dem ihn aus Stuttgart besuchenden Professor Abel — 
äußert Schiller seiner ehemaligen Gönnerin gegenüber: »Schadet 
nichts, wenn ich jetzt auch später gesund werde« 1 . Haben wir zu 
Beginn unserer Darstellung des Mannheimer Aufenthaltes hervor- 
gehoben, der Dichter wollte die Bauerbacher Idylle stets in vorteil- 
haftester Erinnerung behalten, so konnte er nun, nach überstandenem 
Winter an Frau v. Wolzogen berichten: »Krankheit und Über- 
häufung von Geschäften gössen zu viel Bitteres in mein bisheriges 
Leben und nie, nie werde ich jene frohen, heitern Augenblicke 
zurückrufen können, die ich die Zeit meines Aufenthaltes in Bauer- 
bach so reichlich genoß« 2 . <Jonas I, 195.) 

Ich glaube, die Schilderung des Mannheimer Theaterjahres, wie 
sie die Biographen bieten, trägt den äußeren Hindernissen zu viel, 
den inneren Bedrängnissen des Dichters aber gar keine Rechnung. 
Freilich können wir heute nicht mehr entscheiden, wie viele der 
Ränke, die gegen Schiller gerichtet waren, wie viele der unvorher- 
gesehenen Hindernisse als Reflexerscheinungen auf Schillers eigenes Ver- 
halten zu betrachten sind. Sicher ist jedoch, daß der Dichter die Ursachen 
für Dalbergs enttäuschte Erwartungen bei sich selbst suchte: »Eure 
Exzellenz haben ganz recht gehabt,« schreibt er am 24. August 1784 
an Dalberg, »wenn Sie in mein Pläneschmieden ein Mißtrauen zu setzen 
anfingen/ aber wenn Sie abrechnen, wie oft und viel Kränk- 
lichkeit und üble Laune gegen meinen besseren Willen gestritten 
haben, so werden Sie mir wenigstens zugeben, daß der- 
gleichen leere Entwürfe nicht aus dem Wesentlichen 
meines Charakters fließen.« <Die Stellen sind von mir gesperrt.) 
Schiller ist zu Frau Wolzogen nicht mehr zurückgekehrt. Denn 
eben die Erkrankung, die ihm als Gewinn einen Verbleib auf der Stufe 
infantiler Libidofixierung gewähren konnte, bot auch die Schranken 
dar die Schiller an einer Rüdekehr nach Bauerbach hindern sollten. 
Seine anhaltende Kränklichkeit, die daraus entstehenden Mehr- 
ausgaben und Verdienstentgänge machten ihm unmöglich etwas 
von seinem Gehalt zu entbehren und so längst fällige Schulden an 
die ehemalige Gönnerin abzuzahlen. Auch hier führt unsern Dichter 
die Selbstbeobachtung ein Stück weit den richtigen Weg: denn bis 

einem gewissen Grad hat er den Sachverhalt erkannt und 



zu 



» Jonas I, 164. Wir werden uns daher auch durch Schillers ernstgemeinte 
Bemühungen, sein Fieber durch strenge Diät und übermäßigen Genuß von China- 
rinde zu bannen, in unserer Ansicht nicht beirren lassen. . , 

8 In gleichem Sinne schreibt er an seinen späteren Schwager Reinwald: »Uen 
ganzen Winter verließ mich das kalte Fieber nicht ganz. Durch Diät und China 
zwang ich jeden neuen Anfall, aber die schlimme hiesige Luft, worin ich noch 
Neuling war und meine vom Gram gedrückte Seele machten ihn bald wieder* 
kommen. Halten Sie es für kein leeres Geschwätz, wenn ich gestehe, daß mein 
Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt mein seligster gewesen, der vielleicht nie wieder- 
kommen wird.« (Jonas I, 184.) . ..-. • ,-.. ;.. •. ... .. . . .-. ■.. 



HO Frida Teller 



schreibt darüber an Frau v. Wolzogen: »Wie oft und gern wäre 
ich in den Bedrängnissen meines Heizens, in dem Bedürfnis nach 
Freundschaft zu Ihnen, meine Teuerste, geflogen, wenn nicht eben 
die schreckliche Empfindung meiner Ohnmacht, Ihren Wunsch zu 
erfüllen und meine Schulden zu entriditen, mich wieder zurück« 
geworfen hätte. Der Gedanke an Sie, der mir jederzeit soviel 
Freude machte, wurde mir durch die Erinnerung an mein Unver- 
mögen eine Quelle der Marter. (Man beachte die Rationalisierung 
der unbewußten Widerstände, die die Erinnerung an Frau v. Wol- 
zogen abwehren.) . . . Jetzt gleich kann idi Ihnen unmöglich etwas 
von meiner Schuld bezahlen. Es ist schrecklich, daß ich das 
sagen muß, aber schämen darf ich mich nicht, denn es ist 
Schicksal. Man ist nicht deswegen strafbar, weil man 
unglücklich ist. Ich bin fast das ganze Jahr krank gewesen. 
Ewig nagender Gram, Ungewißheit meiner Aussichten kämpfte gegen 
meine Wiedergenesung. Dieses allein ist Ursache, daß mein Plan ver- 
eitelt worden ist... Kann ich dafür, daß es so gehen mußte?« 1 
<Jonas I, 21 l.> 

Die Verstärkung der verdrängten Konflikte erschwert jetzt 
auch die Beschäftigung mit der Kunst. Sdiiller kündigt seinen bereits 
früher gefaßten Entschluß, die Dichtkunst nur als Nebenbeschäftigung 
zu treiben, vor Ablauf des Kontraktjahres Dalberg an: »Lange 
schon habe ich nicht ohne Ursache befürditet,« schreibt er, »daß 
früher oder später mein Feuer für die Diditkunst verlösdien würde, 
wenn sie meine Brotwissenschaft bliebe, und daß sie im Gegenteil 
neuen Reiz für mich haben müßte, sobald ich sie nur als Erholung 
gebrauche und nur meine reinsten Augenblicke ihr widmete. Dann 
nur kann ich hoffen, daß meine Leidenschaft und Fähigkeit für die 
Kunst durch mein ganzes Leben fortdauern würde.« <Jonas I, 198.) 
Die ersten Vorboten der späteren Schaffenspause kündigen sich an a . 
Und wie der Dichter sich bald darauf unfähig fühlt, die künstlerische 
Behandlung und Abreaktion der alten verdrängten Konflikte zu 
wagen, so weicht er auch im Leben vor der Liebe zur Freund- 
schaft zurück. Er erinnert sidi in der gegenwärtigen Bedrängnis der 
begeisterten Schreiben, die ihm vor wenigen Monaten aus Leipzig 
zugekommen waren und Körners Haus wird in Zukunft sein Asyl. 

Die Tage, während welcher Schiller Körners Gastfreundschaft 
genoß, sind ruhig und ziemlich frei von inneren Wirren verlaufen/ 
erst gegen Ende seines Leipziger Aufenthaltes hören wir wieder 
von Ruhestörungen und im Anschluß daran auch von leichten An- 
fällen seines ahen Leidens. Die Leidenschaft zu der sd^önen, aber 
in; Körners Hause nicht gut angeschriebenen Henriette von Arnim 
und die Liebe zu Charlotte v. Kalb — welche beide schon durch 

1 Die Stellen sind von mir gesperrt. 

■ Die Voraussetzungen der Sdiillerschen Schaffenspause hat \ lanns Sachs 
in «inem -scharfsinnigen Aufsatz über Schillers Geisterscher (Image IV> behandelt. 
Wir schließen uns seiner Darstellung hier an. .... ... . 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc. 111 

die Erfüllung der Liebesbedingungen des geschädigten Dritten ihren 
infantilen Ursprung verraten, mußten zu einer Abwehr durch Flucht 
in die Krankheit V eranlassung geben. Wir müssen aber hervor^ 
heben, daß nun bei Schiller zum erstenmal jene Unterleibskrämpfe 
auftreten, die fortan seine Leidensanfälle als Komplikation begleiten 
sollten 1 . 

Durch Vermittlung Charlotte v. Kalbs hatte Schiller in Weimar 
festen Fuß zu fassen vermocht. Jetzt beginnt jene, durch keine 
Zwischenfälle mehr unterbrochene aufsteigende Richtung seines 
Lebens, die den Dichter zu Ruhm und unbestrittenem Erfolg 
führte. Da ist zunächst der Zeitraum, welcher die zweite Schaffens« 
epoche einleitet, die Jahre ungetrübten Eheglücks mit Lotte und 
sein Beruf als Professor der Geschichte in Jena, der, wenn wir 
den Biographen trauen, »wie kein anderer geeignet war, zugleich 
sein persönliches Unabhängigkeitsbedürfnis zu befriedigen«. <Berger.> 
Dann folgt die Zeit der wiedererwachenden Produktionskraft und 
sein rastloses Schaffen, das in Schiller den großen Dramatiker 
wiedererstanden zeigte, aber diesmal auf der Höhe des Klassik 
zismus. Zu immer größerer Vollendung schien Schiller sich durch« 
zuarbeiten. Mitwelt und Freunde bewunderten die Freiheit seines 
Geistes: »Sie sind ein unendlich glücklicher Mensch lieber Schiller,« 
schreibt ihm Wilhelm v. Humboldt, »diese Produktionskraft ewig 
in sich rege zu erhalten und nie, glaube ich, ist es einem Dichter 
gelungen, so bestimmt einen selbstgezeichneten Weg zu verfolgen« 2 . 
Wohl mahnten häufig genug auftretende Krankheitsanfälle, unseren 
Dichter an seine schwache Gesundheit, aber sie beeinträchtigten 



1 Hier tritt nun der konstitutionelle Faktor der Schillerschen Leiden zu- 
tage. »Krämpfe im Unterleib« bezeichnet der Dichter selbst als das alte Übel 
seiner Mutter und wir besitzen außerdem einen aufschlußreichen Brief ihres Stutt- 
garter Arztes, des Leibmedikus Consbruch, in welchem letzterer anläßlich der 
schweren Erkrankung der Mutter <sie fällt in das Jahr von Schillers Hochzeit!) dem 
Sohn eine genaue Schilderung der Leidenszustände und der dagegen angewendeten 
Mittel gibt. Darin heißt« es: »Bei dieser (der beabsichtigten Therapie) dünkt mich, 
kommen vornehmlich 2 Umstände in Betrachtung,- nehmlich die atrabi bris che In- 
farctus im System der Blutgefäße der Verdauungs Werkzeuge und der Mutter und 
die besondere Schwäche und Empfindlichkeit der Nerven des Unterleibs. Gegen 
die Infarctus sind allerdings, wie auch Euer Wohlgeboren bemerken, abführende 
und resolvierende Mittel die zuträglichsten . . . aber zum Unglück verträgt jene 
hysterische Stimmung der AbdominaUNerven die mehrsten dieser guten 
Mittel nicht. Nicht selten erregten die gesundesten aus Ihnen unerträgliche Schmerzen, 
die sich von der Magen = Gcgend aus mit unaufhaltsamer Wut über 
die Brust und den Unterleib verbreiteten.« (Ubrichs, Briefe an Schiller. 
S. 59.) Aber Consbruch tröstet den Dichter damit, daß eben diese »schmerzhaften 
Krampfanfälle«, »welche auch oft ohne Veranlassung kommen«, nicht 
mehr so heftig und anhaltend seien wie zuvor. Wir werden hier an Schillers jahre- 
langes Übel, die »krampfhaften Zufälle mit Erstickungen« erinnert, die seit 179-1 
periodisch auftreten und von denen Starkes <des behandelnden Arztes) Meinung 
war, »daß Krämpfe im Unterleib und Zwerchfell zum Grunde liegen, die Lunge 
aber nicht leide«. <An Körner/ Brief vom 24. Mai 1791.) *..: "1 

2 Brief vom 22- Oktober 1803. (Briefwechsel, -herausgegeben" von A- Leite* 
mann, S. 307.) - - - - — -- ■ -- — r. z ■;_ - 



112 



Frida Teller 



sein Schaffen nicht 1 und erhielten seine Ausdauer rege, »denn er 
hatte sich vorgesetzt, das noch zu erreichen, wozu eine dunkle 
Ahnung von Kräften ihn zuweilen ermunterte«. Dies sind etwa 
die Umrisse, die schon bei flüchtigerer Betrachtung die zweite 
Schaffens periode bei Schiller kennzeichnen, die Linien, die jeder 
Schillerbiograph in seiner Darstellung zieht und die uns daher auch 
so vertraut und selbstverständlich anmuten. Werden nun, müssen 
wir uns fragen, diese einfachen, geraden Konturen auch einer 
psychologisch vertieften Betrachtung standhalten? Die Antwort muß 
verneinend lauten. Der Sachverhalt ist viel komplizierter, als er der 
oberflächlichen Anschauung sich darbietet und jener scheinbar so 
konsequente, zielbewußte Aufstieg unseres Dichters ist in Wirklich- 
keit ein fortdauernder aufreibender Kampf gegen die immer gewalt- 
samer störenden unterirdischen Mächte, eine Reaktion auf mühsam 
in der Verdrängung erhaltene Triebregungen, denen Schiller endlich, 
ohne es selbst zu wissen, zum Opfer fiel. 

In einer ausgezeichneten Arbeit hat der Berliner Nervenarzt 
Dr. Karl Abraham Leben und Schaffen des Malers Giovanni 
Segantini einer psychologischen Analyse unterzogen und ist dabei 
zu Ergebnissen gelangt, die jeden, der Schillers Lebens- und Ent- 
wicklungsgang betrachtet, überraschen müssen. Die Entwicklung der 
beiden Meister* — inwiefern es sich etwa um allgemein gültige 
Richtlinien handeln könnte, kann nicht beantwortet werden — ver- 
läuft nahezu parallel. Wir sehen Segantini zu immer größerer 
künstlerischer Reife vordringen, wir erfahren, wie er durdi anstren- 
gende Arbeit seine verdrängten Konflikte zu sublimieren vermochte 
und wie er sich der Arbeit endlich im Übermaß hingab, ein »Fanatiker 
der Arbeit« wurde. Aber die großartigen künstlerischen Leistungen 
waren nur scheinbar uneingeschränktem Kraftgefühl entsprungen. 
Tatsächlich stellen sie eine Überkompensation dar, sind die Ergeb- 
nisse einer mit größter Anstrengung aufgewendeten seelischen 
Energie, um dem Ansturm der unbewußten Regungen zu entgehen, 
die aber endlich doch den Sieg davontrugeh. Wir werden an 
Abrahams Darstellung noch häufig erinnert werden. 

Ich habe bereits erwähnt, daß die Biographen unseren Dichter 
mit hoher Befriedigung in Weimar verweilen und über seine Lauf- 
bahn als Professor der Geschichte äußerst erfreut sein lassen. So werden 
wir natürlich erstaunt sein, den Diditer selbst entgegengesetzter 
Meinung zu finden. Gleich Schillers erstes Schreiben aus Weimar 8 

1 Ja, Schiller schien gerade seinen krankhaften Zuständen einen positiven 
Einfluß auf sein Schaffen einzuräumen- Humboldt überliefert, daß Schiller zu sagen 
pflegte, daß man besser bei einem gewissen, freilich nichi zu angreifenden Übel 
arbeite {Humboldt an Charlotte Diede/ Petersen 111, 398) und der Dichter selbst 
betont Körner gegenüber: «... wenn ich aber physisch wohl bin, so bin ich ge- 
wöhnlich moralisch, d. i. <poetisch> desto müßiger« <jonas IV, 296) oder: »Hätte 
ich meine gesunden Tage nur zur Hälfte benutzt, als ich meine kranken nutze, so 
jpödtfe. ich. etwas weiter gekommen sein,« (Jonas IV, 557.) 

3 Brief an Körner vom 7. Januar 1788. <Jonas 11, 2> .-..,•• 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc. 



113 



verrät eine tiefgehende Unzufriedenheit mit den dortigen Verhält- 
nissen und große Mißstimmung. Durch seine Neigung für Lotte 
von Lengefeld sieht er sich gezwungen, einen bürgerlichen Beruf zu 
ergreifen und weiß nun nicht, welche Beschäftigung er wählen solle 
und wie er seine Ziele als Dichter mit einer etwa in Aussicht 
stehenden Professur werde in Einklang bringen können. In dem 
oben erwähnten Brief schreibt er: »Das Abarbeiten meiner Seele 
macht mich müde, ich bin entkräftet durch den immerwährenden 
Streit meiner Empfindungen, nicht durch Regeln oder Autoritäten 
gelähmt, . . . mein Schicksal muß ich innerhalb eines Jahres in der. 
Gewalt haben und also für eine Versorgung qualifiziert sein. Es 
ist wahrscheinlich, daß ich einen Ruf nach Jena bekommen werde, 
vielleicht innerhalb eines halben Jahres, aber ich werde die schlechten 
Bedingungen, die man mir machen muß, dazu benutzen, ihn nicht 
anzunehmen.« Die künftige Ehe erscheint Schiller in seiner schweren 
Verstimmung als einziger Rettungsanker; »Dabei bleibt es, daß ich 
heirate«, schreibt er wenige Zeilen später dem ihm abratenden 
Freunde. »Könntest Du in meiner Seele so lesen, wie ich selbst, 
Du würdest keine Minute unentschieden seyn. Alle meine Triebe 
zu Leben und Tätigkeit sind in mir abgenutzt,- diesen einzigen habe 
ich noch nicht versucht. Ich führe eine elende Existenz, elend durch 
den inneren Zustand meines Wesens ... Du weißt nicht, wie ver- 
wüstet mein Gemüt, wie verfinstert mein Kopf ist - und alles 
dieses nicht durch äußeres Schicksal . . . Wenn ich nicht Hoffnung 
in mein Dasein verflechte, Hoffnung, die fast ganz aus nur ver* 
schwunden ist, so ist es um mich geschehen . . . Mein Wesen leidet 
durch diese Armut und ich fürchte für die Kräfte meines Geistes« l . 
Wir haben diese Stellen so ausführlich wiedergegeben, um 
darauf hinweisen zu können, daß die Verbindung mit den Schwestern 
Lotte v. Lengefeld und Caroline v. Beulwitz und schließlich auch 
Schillers Heirat dem im Banne seiner unbewußten Fixierung stehenden 
Dichter als das letzte Mittel erschienen, um seinen inneren Wirren zu 
entgehen 2 So werden wir uns auch nicht wundern können, wenn 
Schiller in diese« Notausgange, dieser ,Heilung durch Heirat' den 
Seelenfrieden nicht gefunden hat, den er so sehnlich wünschte . . 

i i m gleichen Sinne schreibt Schiller wenige Wochen später an den Freund: 
»aber Einen <Weg> habe ich noch nicht versucht und ehe ich die Hoffnung ganz 
sinken lasse, muß ich noch diese Erfahrung machen, dies ist eine Heirat.« <Jonas II, 9.) 

» Wie merkwürdig richtig Schiller — dessen feine Selbstbeobachtung wir 
schon rühmen konnten - seine seelische Bedrängnis beurteilt, geht aus einem 
gleichzeitigen Brief an die beiden Schwestern hervor: .... seit geraumer Zeit 
peht mir's wie dem Orest in Goethes Iphigenie, den die Eumeniden herumtreiben. 
Den Muttermord freilich abgerechnet und statt der Eumeniden etwas anderes 
gesetzt, das am Ende nicht viel besser ist. Sie werden die Stelle der wohl- 
tätigen Göttinnen bei mir vertreten und mich vor dem bösen Unter* 
irdischen schützen.« ' — n ~. 

3 Schillers Verhältnis zu den Schwestern v. Lengefeld ist von Otto Kank 
in seinem schon wiederholt herangezogenen Werke einer eingehenden Betrachtung 
unterzogen worden. Des Dichters Objektwahl verwirklicht seine infantile Liebes» 

[raup VII/2 8 



114 Frida Teller 



Die ersten Jahre nach der im Februar 1790 geschlossenen 
Ehe wiederholt sich bei Sdiiller in jeder Hinsicht jenes Schauspiel, 
das wir bereits aus seinem Aufenthalt in der Militärschule kennen. 
Wiederum ist es die physische Idee der Freiheit, die den ^Dichter 
so hart bedrängt. Schiller ist über den ihm auferlegten Zwang, 
seine Zeit dem Geschichtsstudium opfern zu müssen, unglücklich 
und meint, die Aussicht auf die akademische Lautbahn richte eine 
seiner schönsten Hoffnungen <nämlich ausschließlich dem Kunst- 
schaffen zu leben) zugrunde. Jetzt, da es zu spät ist, möchte er 
gern zurücktreten 1 . »Ich gehe auch eigentlich nur nach Jena, um es 
in einigen Jahren mit einem anderen Orte vertauschen zu können, 
welcher sich dann hoffentlich geben wird,« sdireibt er an Huber. 
»Zwei, drei mühselige Jahre wird es mich freilich kosten, aber 
unter der Arbeit, hoffe ich, sollen sie mir verschwinden und die 
Hoffnung schönerer Zukunft soll sie mir tragen helfen.« (Weimar, 
den 2. Januar 1789.) 

Des Dichters Hoffnung ist auf den Koadjutor Dalberg, den 
Bruder des Mannheimer Intendanten, gesetzt. »Versichere er Schiller 
bestimmt und nachdrücklich, daß er für ihn handeln wolle, so lege 
er bei dem nächsten Anlaß seine jenaische, Professur nieder.« <An 
Lotte und Caroline, den 10. November 1789.) 

Bereits in den ersten Wochen des Jahres 1790 häufen sich die 
Anzeichen, die erkennen lassen, Schiller werde auch diesen Konflikt 
durch Flucht in die Krankheit abwehren. Scherzweise spielt er 
mit dem Gedanken einer Erkrankung: »Würde ich nur ein wenig 
ernstlich krank, ich schrieb es Euch gewiß,« beruhigt er Lotte und 
Caroline, die beide außerhalb Jenas weilten,- »eine so sdiöne Ge- 
legenheit, Euch zu sehen, würde ich nicht unbenutzt- lassen, das 
glaubt mir.« (15. Januar 1790.) Und sein Wunsch geht so bald in 
Erfüllung, daß er — natürlich ohne einen tiefern Zusammenhang 
zu ahnen, am 2. Februar schreiben kann: »Ich habe heute einen starken 
Catarrh und konnte deswegen auch nicht lesen. Billig solltet Ihr mich 
in dieser schweren Krankheit besuchen.« Bald muß Schiller seine 
Vorlesungen zeitweise einstellen, »da ihm die Stimme wirklich 
schwer werde«. Er selbst fügt, in richtiger Erkenntnis der 
Wechselbeziehungen seelischer und körperlicher Leiden hinzu: »Der 
Himmel, sehe ich, läßt keinen Scherz mit sich treiben. Ich habe 
soviel davon gesprochen, daß ich krank sein wolle und bins wirk- 
lich, aber ohne Folgen.« 

cinstellung. Zunächst fesselte ihn die in unglücklicher Ehe lebende Caroline/ bei 
ihr fand er seine »Liebesbedingungen«: die Möglichkeit, eine Frau zu erobern, die 
einem andern Mann angehörte, sich in der Ehe unglücklich fühlte und in ihm 
ihren »Retter« erblickte, erfüllt. Als dann Caroline vor der Scheidung zurückschreckic, 
heiratete der Dichter Lotte als Ersatz für ihre unerreichbare Schwester. Aber in 
Schillers Sehnsucht nach einem Rivalen, in seinem Bedauern, daß der Eheschließung 
die tragische Verwicklung fehle (Brief vom 14. Februar), wirken die infantil be- 
stimmten Liebesbedingungen noch deutlich erkennbar nach. 

1 An Lotte und Caroline, Weimar, den 23. Dezember 1788. (Jonas II, 185.) 






Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc. 115 

Ende des Jahres 1790 plant der Dichter eine Reise nach Erfurt 
zu Dalberg. Wie Caroline in ihrer Biographie mitteilt 1 , hatte der 
Koadjutor Frau Luise v. Lengefeld anläßlich der Verbindung ihrer 
Tochter mit Schiller »bindende Versprechungen« gegeben. Er wollte 
den Dichter »ganz nach seinem Wunsch und Sinn anstellen« und 
hatte auch Frau v. Stein gegenüber geäußert, »daß er Schillern 
einen Gehalt von 4000 fl. zudachte und ihm den ganz freien _ Ge- 
brauch seiner Zeit überlassen wollte«. Hier nun wurde der Dichter 
von seinem Verhängnis ereilt. »Bei dem Abendessen nach einem 
Concert im Stadthause, wozu er von Dalberg eingeladen worden 
war, wurde er von einem heftigen Fieber angefallen. Erkältung — 
meint Caroline v. Wolzogen, deren Bericht wir hier folgen — 
war wahrscheinlich der Hauptgrund dieses Anfalls. Nach einigen 
Tagen war der Dichter so weit hergestellt, daß er wieder nach Jena 
zurückreisen konnte. Aber kaum dort angelangt, ergriff ihn eine 
Brustkrankheit, die seinen körperlichen Zustand für seine ganze 
Lebenszeit zerrüttete . . . Schiller genas, aber beängstigende Brust* 
krämpfe waren von dieser Krankheit zurückgeblieben.« Trotz der 
traurigen Folgen dieser Reise war der Dichter mit ihrem Ergebnis 
überaus zufrieden. Er berichtet über den Unfall an Körner und 
fügt mit Genugtuung hinzu: »Meine dortigen <Erfurter> Freunde 
suchten mir diesen Unfall so leidlich als möglich zu machen und der 
Coadjutor besuchte mich mehrmals. Ich habe alle Ursache mit 
dieser Reise zufrieden zu sein. <!) Sie brachte- mich ihm 
überaus nahe und führte die glücklichsten und bestimm* 
testen Erklärungen von seiner Seite herbei« 2 . <Jena, den 
12. Januar 1791. Jonas II, 128.) 

Haben wir oben gehört, der Dichter wurde durch seinen 
Katarrh daran gehindert, Vorlesungen zu halten, so machte das 
nun einsetzende Lungenleiden seiner Lehrtätigkeit überhaupt ein 
Ende: »Dieser Brustzufall entdeckte mir übrigens, wie sehr ich 
meine Lunge zu schonen habe,« schreibt er nun an seinen Verleger 
Göschen, »und ich fürchte sehr <!>, daß er auf meine hiesige Lage 
Einfluß haben wird. Das Collegienlesen ist eine zu gefähr- 
liche Bestimmung für mich, meiner Gesundheit wegen und 
da Gesundheit doch überall vorangeht, so könnte es leicht 
kommen, daß ich mir diesen akademischen Beruf unter* 
sage.« <jena, den 11.. Februar 1791. Jonas II, 131.) 

Schiller hatte durch sein Ausweichen in die Krankheit die 
Umgehung des seelischen Konfliktes teuer erkauft,- sein Leiden war 
ein größeres Verhängnis für ihn geworden, als es je eine nüchterne 
Betrachtung der Tatsachen geworden wäre. Aber die Verhältnisse 
waren stärker als sein Mut und der Dichter unterlag, indem er 

1 Schillers Leben, S. 168. Im Laufe des Jahres 1790 hatte Schiller an 
Körner geschrieben: »für eine jährliche Einnahme von 1200 Th. in Main: wolle 
er gern sein hiesiges Etablissement hingeben.« <Jonas II, 124.) 

■ Von mir hervorgehoben. 



116 



Frida Teller 



gleichzeitig sein Geschick aktiv zu gestalten glaubte. Der nun ein- 
getretene Zustand von Kränklichkeit bleibt für Schiller von nun an 
stationär. Den sekundären Krankheitsgewinn, die Rücksichtnahme 
auf seine körperlichen Leidenszustände konnte er nidit mehr ent- 
behren. In seiner Widerstandskraft geschwächt, zu einem Berufe 
unfähig, wäre er ohne ihn auch gar nicht ausgekommen/ aber gegen 
seine Leidenssymptome kämpfte er an und das Bild, des sich seiner 
Krankheitsanfälle heldenhaft erwehrenden Dichters hat die Nach- 
welt aufbewahrt 1 . 

Schillers schwere Erkrankung hatte überall rege Anteilnahme 
geweckt. Vom Herzog erhoffte er Berücksichtigung seiner Leiden 
und dauernde Beurlaubung: »Ich werde, wie idi hoffe,« meldet er 
an Körner, »die Dispensation ohne Anstand vom Herzog erhalten, 
bei dem ich sie der Form wegen suchen muß/ überhaupt aber will 
ich die günstige Stimmung des Weimarschen Hofes dahin zu nutzen 
suchen, daß mir die völlige Freiheit zu lesen und nicht zu lesen 
auch für die Zukunft gelassen wird. Ich habe hierin vom Herzog 
alles Gute zu erwarten.« <Jena, den 22. Februar 1791. II, 135.) 

Von dem Kantianer Reinhold war der dänisdie Dichter Baggesen 
auf Schillers Notlage aufmerksam gemacht worden und durch ihn 
wurde der damals in Deutschland weilende Erbprinz Friedrich 
Christian von Holstein-Augustenburg verständigt, der sofort nach 
Hause berichtete: Übermaß von Arbeit habe Schiller ge- 
schwächt 2 , aber diese übermäßige Arbeit sei notwendig, damit er 
das Leben seiner Familie bestreiten könne: »ohne sie würde er 
Hungers sterben im eigensten Sinne des Wortes und so etwas 
kommt vor im Zeitalter der Aufklärung«. Die Verleihung eines 
Ruhegeha'tes von 1000 Talern auf drei Jahre hinaus <diese Frist 



1 Unsere Darstellung wäre unvollständig, wenn wir nicht auch bei der 
Schilderung dieses Abschnittes in Schillers Leben zu den tiefsten Schichten des 
Seelenlebens vordringen würden. So müssen wir darauf hinweisen, daß des Dichters 
häufige Fluchtimpulse, denen er aber bis zu seiner Erfurter Reise nicht ud«hi 
ein neuerliches Zusammenleben mit Caroline v. Beuiwitz erstrebten. ochiHers 
Schwägecin wohnte seit ihrer Trennung in Rudolstadt, wohin auch Schiller über- 
siedeln wollte. Es ist uns überliefert, daß hauptsächlidi die Furcht vor »imdehkatcn 
Auftritten mit Ursus« <= Beulwitz) Schiller von diesem Schritte abhielt. Mir ist 
nicht bekannt, ob Caroline, die sich bald darauf mit ihrem Vetter Wilh. v. Wol- 
fen vermählte, schon damals - um 1790 - Zeichen der mächtigen Ie.dcnschaft 
<jab, die sie später an den Koadjutor fesselte. Ist dem so (und die Tatsache daß 
Caroline später von diesen Tagen ' schreiben konnte: »Um unsern edlen Freund 
und Beschützer Dalberg dachten wir uns in der schönen Gegend von Mainz ein 
herrliches Leben«, spricht dafür), so hätten wir in Dalberg den Rivalen Soiillcrs 
zu vermuten und der bewußten Zärtlichkeit für den väterlichen Freund entspräche 
bei dem Dichter ein intensiver, aus infantilen Quellen herrührender Ha» gegen 
den bevorzugten Gegner. Die auf die Beseitigung des Konkurrenten hinzielenden 
verdrängten Impulse fanden alsdann ihre Sühne in der Krankheit. 

2 Ähnlich urteilt z. B. auch Eckermann: »Schiller mußte bekanntlich die 
akademische Laufbahn wieder aufgeben, weil ihm die Anstrengung des Lesens 
eine schwere Krankheit zugezogen hatte« (Petersen II, 163) und diese Anschauung 
teilen alle Schillerbiographen. 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc. . 117 






wurde später verlängert) war das glückliche Ergebnis der um eine 
Erleichterung von Schillers Lage angestellten Bemühungen. Mit 
Ausdrücken überschwenglicher Freude nahm Schiller das An- 
erbieten des dänischen Hofes an und suchte diesen Schritt vor 
sich und seinem Gönner zu rechtfertigen: »Rein und edel wie sie 
geben, glaube ich empfangen zu können. Der Beweggrund, aus 
dem ich mir erlaube es anzunehmen, rechtfertigt mich vor mir 
selbst und läßt mich ... mit völliger Freiheit des Gefühls vor 
Ihnen erscheinen. Nicht an Sie, sondern an die Menschheit habe 
ich die Schuld abzutragen« \ 

Schillers eigene Zufriedenheit, seine wiederholt geäußerte An^ 
sieht, als ob er nun am Ziel seiner Wünsche stünde, sollte uns dazu 
verleiten, des Dichters Anschauung zu teilen und mit ihm von nun 
an eine ruhigere dichterische Tätigkeit zu erwarten,- auch eine all» 
mähliche Wiederherstellung seiner zerrütteten Gesundheit glaubte 
Schiller erhoffen zu dürfen-', 

Einige Zeit hatte es nun wirklich den Anschein, als ob der 
Dichter einem freieren, durch äußere Schranken nicht mehr beengten 
Schaffen wiedergegeben wäre. Es sei ihm jetzt noch einmal so wohl, 
da sich wieder der Plan zu einem Trauerspiele in seinem Kopfe 
bewege, hatte er bereits von Erfurt aus, kurz nach dem ersten An* 
falle an Körner berichtet und nun findet er, daß ihn selbst anstrengende 
dichterische Arbeit nicht ermüde: »Denke übrigens nicht, daß ich mich 
überarbeite,« beruhigt er den besorgten Körner. »Im Gegenteil wirkte 
diese Beschäftigung <VergiUÜbersetzung> sehr glücklich auf meine 
Gesundheit und ihr danke ich manche frohe Stunde. Auch war es 
mir eine sehr tröstliche Erfahrung, daß ich diese 135 Stanzen mit 
ziemlichem Affekt laut ablesen konnte, ohne merklich dadurch be» 
schwert zu werden und ohne üble Folgen« 3 . 

1 An den Herzog Christian v. Augustenburg und den Grafen Ernst 
v. Schimmelmann. (Jonas III, 32:> 

- Wie der Dichter bald nach dem zweiten Anfall des Lungenleidens 
<Januar 1791) an Körner berichtet, ging die Ansicht des behandelnden Arztes 
<Dr. Starke) dahin, daß Schillers Lunge keinen dauernden Schaden gelitten habe. — 
Dagegen setzten mit Mai desselben Jahres heftige asthmatische Anfälle bei Schiller 
ein <vgl. die oben erwähnten ,Brustzufälle'>, die, von Zeit zu Zeit wiederkehrend, 
den Dichter von nun an sein ganzes Leben hindurch begleiten sollten. Überblicken 
wir den Symptomenkomplex dieser Erkrankung (Atemnot, Störungen der Herz« 
tätigkeit, Schwindelanfälle, Schlaflosigkeit u. a.), so erkennen wir, daß es sich um 
schwere angstneurotische Störungen handelt, die — soweit das vorhandene Material 
erkennen läßt — vornehmlich während der Schaffenspausen mit großer Heftigkeit 
einsetzten. Zu diesem Krankheitsbilde stimmt auch der von den Zeitgenossen 
bereits beobachtete Zusammenhang der Leidensanfälle mit dem Moment der Über= 
arbeitung und der physischen Erschöpfung durch Krankheit (vgl. Freuds Aufsätze 
zur ,Ätiologie' und .Kritik' der Angstneurose im 1. Bande der Sammlung Kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre. 2. Aufl.). 

» Jena, den 28. Oktober 1791 (II, 162). Es ist überliefert, daß Schiller 
stundenlang arbeiten und laut lesen konnte und über seiner Tätigkeit seine unseligen 
Zustände vergaß (Berger). So sehen wir also auch hier, wie unberechtigt es ist, 
Schillers Erkrankung auf Überanstrengung zurückzuführen. 



118 



Frida Teller 



Bald aber trat eine Änderung der Arbeitsweise bei Schiller 
ein. Er gab sich der dichterischen Tätigkeit im Übermaß hin, über- 
schätzte, wie Freunde und Zeitgenossen mit Unruhe wahrnahmen, 
seine Kräfte und die Freiheit, das einzige Element, in dem er mit 
voller Kraft wirken zu können glaubte, schien ihn gleichiaHs ins 
Verderben zu führen. Von nun an verurteilten die Freunde Schillers 
»geistiges Schwelgen auf Kosten der Naturkräfte« und suchten darin 
die Ursache für seine weiteren Leidensanfälle. 

Der unsern Dichter häufig besuchende Major von 1-unk aus 
Dresden berichtet erstaunt über Schillers Lebensweise an Körner: 
»Schiller lebt ein sonderbares Leben. Ausgemacht scheint es mir 
indessen, daß gerade diese Art von Existenz ihm nötig war, um 
das zu leisten, was er in den letzten drei Jahren geleistet hat <der 
Bericht stammt aus dem Iahre 1796>: aber ich fürchte, er wird dabei 
zugrunde gehen. Ganz abgesondert von aller Gesellschaff lebt er in 
seiner eigenen Welt. Er kommt oft in Monaten nicht aus dem 
Zimmer 1 , natürlich macht ihm nun schon die bloße Luft: einen un- 
angenehmen Eindruck« 8 . Aber derselbe Beobachter erkennt audi, 
daß Schillers Tätigkeitstrieb reaktiv verstärkt war und zur Über- 
kompensierung körperlichen Leidens diente, denn er setzt fort: 
Ȇberhaupt sind ihm anstrengende Arbeiten das sicherste 
Mittel für den Augenblick. Man sieht, in welcher un- 
unterbrochenen Spannung er lebt und wie sehr der 
Geist bei ihm den Körper tyrannisiert, weil jeder Mo- 
ment geistiger Erschlaffung bei ihm körperliche Krank- 
heit hervorbringt'. Aber eben deshalb ist er auch so schwer 
zu heilen, weil der an rastlose Tätigkeit gewöhnte Geist durch 
das Leiden des Körpers immer noch angespornt wird und weil 
er beim Anfang einer Kur erst recht krank gemacht werden 

müßte« <ebenda>. ,. 

Bald findet Schiller auch die geringen Schafrenspausen, die er 
sich zwischen dem Abschluß einer Dichtung und dem Beginn einer 
neuen Arbeit gönnte, unerträglich: »Ich habe mich schon lange vor 
dem Augenblick gefürchtet, den ich so sehr wünschte, meines Werks 
los zu seyn«, schreibt er am 19. März 1799, zwei läge nach 
Vollendung des Wallenstein an Goethe, »und in der Tat befinde 
ich mich bei meiner jetzigen Freiheit schlimmer als bei der bisherigen 
Sklaverei. Die Masse, die mich bisher anzog und festhielt, ist nun 
auf einmal weg und mir dünkt, als wenn ich bestimmungslos im 
luftleeren Raum hinge. Zugleich ist mir, als wenn es absolut un= 
möglich wäre, daß idi wieder etwas hervorbringen könnte/ ich werde 
nicht eher ruhig sein, bis ich meine Gedanken wieder auf einen be- 
stimmten Stoff mit Hoffnung und Neigung gerichtet sehe. Habe ich 
wieder eine Bestimmung, so werde ich dieser Unruhe los sein . . .« 



1 Die Stellen sind von mir gesperrt 
" Petersen a. a. O. III, S. "tt. 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc. 119 



Derselbe Zustand der Unruhe und Spannung wiederholt sich nach 
dem Abschluß der folgenden Dichtungen und ich hebe hier noch 
die bezeichnenden Worte an Körner hervor, mit denen Schiller 
dem Freunde seine Stimmung unmittelbar nach Vollendung der 
Jungfrau von Orleans mitteilt: »Mir ist nun wieder ganz unbe= 
haglidi, ich wünschte wieder in einer neuen Arbeit zu stecken. Es 
ist nichts als die Tätigkeit nach einem bestimmten Ziel, was das 
Leben erträglich macht.« Nunmehr hätte Schiller in Weimar eine 
unabhängige und gesicherte Existenz leben können 1 . Aber jetzt 
wurde er Weimars und der Weimarer Verhältnisse überdrüssig, 
das niemals ganz schlummernde Bedürfnis nach Ortsveränderung 
macht sich mit erneuter Stärke geltend und treibt ihn an, sich 
ernstlich nach einem neuen, ihm besser zusagenden Wohnorte 
umzusehen. Die Situation der letzten in Weimar zugebrachten 
Jahre gleicht der Zeit, die der Flucht aus Stuttgart voranging, aufs 
entschiedenste. 

Die ersten Anzeichen einer Unzufriedenheit Schillers mit Weimar 
ersehen wir aus einem Schreiben, das Wilhelm von Humboldt im 
August 1795 an den Freund richtet'-, dessen Inhalt aber auf frühere 
Gespräche zurückgreift. Darin heißt es in Übereinstimmung mit 
Schillers eigener, schon in der Jugend in Stuttgart häufig genug ge= 
äußerter Meinung: »Ihnen würde eine größere, lebendigere Stadt 
doch mehr Stoff von außen zuführen, dessen Sie zwar nicht zum 
bessern Gelingen Ihrer Arbeiten . . . aber doch zur mindern An« 
Spannung in einem arbeitsvollen Leben und zu einer froheren 
mannigfaltigeren Existenz bedürfen.« Im Sommer 1802 war es be- 
kannt, daß des Dichters Absichten seit längerer Zeit auf einen 
ständigen Aufenthalt in Berlin gerichtet waren. Der Berliner Arzt 
Hufeland fragt an: »Wann werden wir das Vergnügen haben, Sic 
hier zu sehen? Glauben Sie sidier, daß dies nicht bloß der sehnliche 
Wunsch meiner, sondern des ganzen hiesigen gebildeten Publikums 
ist!« Und um dieselbe Zeit sucht auch der Buchhändler Sander 
Schiller zu einem Aufenthalt in Berlin zu bewegen: »Es wird mich 
freuen, wenn Sie mir einen andern vorläufigen Auftrag, Ihnen auf 
drei Monate ein Logis in Berlin zu suchen, bald förmlich geben« . . . 3 
»Wenn ich nicht irre, sagte ich Ihnen schon in Weimar, daß man 
vielleicht nur das Logis ausgenommen, alles andere in Berlin wohl= 
feiler habe als in Weimar. Jetzt, da ich noch in einigen anderen 
Städten ziemlich lange gewesen bin, behaupte ich auch, daß man 
in keiner dieser Städte wohlfeiler lebt als in Berlin« 4 . Die eben zitierten 
Anfragen sind teilweise das Ergebnis des Schillerschen Planes im 
Sommer 1801 die Ostsee zu besuchen, darauf zwölf Tage in Berlin 



1 Für den Fall einer Erkrankung sollte Schillers Pension vom Herzog ver« 
doppelt werden. 

•-' Briefwechsel, herausgegeben von A. Leitrmann, S. 100. 

' Briefe an Schiller, herausgegeben von Ulrichs, Stuttgart 1877, S. 488. 

* Ulrichs a. a. O., S. 494. 



120 



Frida Toller 






zu verweilen und dort zu verhandeln *. Aber durch eine dazwischen 
kommende Erkrankung wurde der Plan vereitelt. Aus einem > Brief 
an Körner erfahren wir, der Dichter habe »aus Gesundheitsrück- 
sichten von seinem Vorhaben ablassen müssen«. »Leider habe i* 
mich seit einigen Wochen nicht zum besten be.unden«, te.lt er am 
9 fuli 1801 seinem Freunde mit. »Meine Krampte haben mich seht 
inkommodiert, wahrscheinlich hat die Witterung sie rege gemacht. 
Auch diese Unbehaelichkeit meines Zustandes ist eine Ursache mit, 
faß ich meine Reise'ins Kleine ziehe <Schiller ließ es schlieft»* bei 
einem Besuch Körners bewenden) und die Reise . . . nadi Berlin, 
wo ich gesund und frisch sein möchte, auf eine bessere ieit ver- 
schiebe« (Jonas VI, 293). . c 
Selbst Bewegung fällt dem Dichter jetzt sdiwer. »bs ist aur 
Jeden Fall gut, daß dein Gartenhaus zu Loschwitz für uns oüen 
steht wenn wir kommen«, schreibt er anläßlich seines bevorstehenden 
Aufenthaltes bei Körner, »mir ist es . . . durchaus notig, dal) ich 
freie Luft und Bewegung haben kann, ohne nötig zu haben, danach 
auszugehen, denn meine Gesundheit ist diesen Sommer lange nicht 
so gut als im vorigen und es wird mir oft schwer, ja unmöglich, 
auszugehen, ohne meine Krämpfe dadurch zu reizen« <Jonas 
VI 295). Der Nachsatz verrät nur zu deutlich, daß die Erkrankung 
dazu dient, des Dichters Tatkraft zu lähmen und eine Reise unmög- 
lich zu machen-'. 

■ Vgl. auch den Brief an Cotta vom 29. Juni desselben Jahres: »Ich habe 
mich endlich resolviert, die längst projektierte Reise nach der Ostsee J^Ä^ 
und dort das Seebad zu versuchen. Ich werde alsdann über Berlin und Dresden 
zurückkehren. « Ahnlich unterrichtet er auch lftland am selben läge. 

* Diesen Zusammenhang hat Schiller bei sich erkannt und noch kur. vor 
seinem Ableben schreibt er darüber in einem Brief an den ihn dringend na* 
Berlin einladenden Tonkünstler Rochlitz: »Leider begegne. :e. «mir BW 'ta OfcdaB 
meine schlechte Gesundheit die Hügel meines Willens b«£h«eidet 
und mich meinen Freunden dasjenige nicht sein laßt, was ich so herzlich gern 
wflnsXe« (Brief vom 10. Dezember 1804). Bereits in den Neunz,ger,ahren führt 
L im Unbewußren lauernde Versuchung dem P«* 1 '^**^^ 
größeren Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. So K e » ü f,^/^ Eden Ich 
Besuches bei Frau v. Stein um einen k^-^WSUj. Ji Sotanbtt 
zitiere folgenden, sehr aufschlußreichen Bericht an Chttfette |SdUfer • <H. g«tttt 
1794> »Seit drei Tagen bin ich hier und nun schon z»*J' £0«« em 
gewöhnt. .. aber meine Krämpfe incomod.erten m.ch den 1 ag Ober so !«***« 
ich nicht einmal die Stein besuchen konnte ob ich gleldv heute NaAmkö^SOlon 
auf dem Wege war und ihr Haus erreicht halte. Sie war i ab r be I £r»™* 
wohin ich auch invitiert war und dorthin konnte im '»'*»'' mjhr l «gen, n 
also in ihrem Hause eine Viertelstunde an ha ten um mich zu erho lui u na Ol arm 
wieder nach Hause zu gehen.« Die Angstbcreilsmaft hindert Sd.dk ^aber au* an 
jedem Entschluß: »Die Ordnung, die jedem andern Menschen wo mach , -st im - 
gefährlichster Feind,- denn ich darf nur in einer bestimm ten Z« l etwas 
bestimmtes vornehmen müssen, so bin ich ■£«*«'<•* " J"'',,^ 
möglich sein wird.« <An Goethe, Jena, den 7. Septcmbei -1794 > Na mntl.ch au 
Reisen befindet sich unser Dichter begreifli<herweise am »f «*"St« Ujd « Fflgt 
in diesem Zusammenhange hinzu .er habe noch immer erfahren, dal? e b er de , 
unannehmlichen Folgen des Reisens die Zwecke, warum er rc.se, ve.loren habe«. 
<Die Stellen sind von mir hervorgehoben.) 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt etc. 121 



Aber der Antrieb, einen Ortswechsel vorzunehmen, ruht nicht: 
»Leider ist Italien und besonders Rom kein Land für mich,« schreibt 
er an Humboldt im Februar 1803,- »oft treibt es mich, mich in der 
Welt nach einem andern Wohnort und Wirkungskreis umzusehen, 
wenn es nur irgendwo leidlich wäre, ich ginge fort« Selbst die Ver- 
pflichtung der Familie gegenüber wird ihm zur Last und er schreibt 
bedauernd: »Freilich ist dieses kleine Volk auch ein Gewicht, das 
sich an unser Dasein hängt und ohne dasselbe würde ich mandie 
Vorsätze ins Weite hinaus zustande gebracht haben« 1 . Immer 
dringender werden seine Klagen: »Auch ich verliere hier zuweilen 
die Geduld« heißt es endlich im März 1804 in einem Brief an seinen 
Schwager Wolzogen (Jonas VII, 131>, »es gefällt mir hier mit 
jedem Tage schlechter und ich bin nicht willens, hier in Weimar zu 
sterben« 2 . Nur in der Wahl des Ortes, wo er sich hinbegeben wolle, 
meint Schiller weiter, könne er noch nicht mit sich einig werden,- es sei 
aber überall besser als in Weimar und wenn es seine Gesundheit 
erlaubte, würde er mit Freuden nach dem Norden ziehen (ebenda). 

Nun drängen sich aber neue, anscheinend stichhältige Motive 
in den Vordergrund und diese sind es auch, die die Aufmerksam» 
keit der Biographen auf sich gelenkt haben: »Die Ungewißheit 
darüber, was mit seinen Kindern werden sollte, wenn er allzu 
zeitig die Augen zutun müßte, peinigte wieder und wieder den zärt- 
lichen und gewissenhaften Vater« meint Caroline v. Wolzogen, 
der sich alle neueren Darsteller anschließen. »Sein Gehalt betrug 
noch immer nur 400 Thaler, er mußte dazu jährlich 1500 Taler,- 
zusetzen, weil es in Weimar so teuer zu leben sei. Kein Wunder, 
daß er sich aus so unruhigen Verhältnissen heraussehnte« 3 . Natür- 
lich bedeutet Schillers große Gewissenhaftigkeit nur eine Über- 
kompensierung gegensätzlicher aber verdrängter Absichten. Sein Ver- 
halten den Kindern gegenüber war ambivalent und zielte in seinen 
tiefsten Bestrebungen wieder auf »gewaltsame Selbstbefreiung« hin«. 

Endlich, am ersten Mai 1804 wird die so lange geplante Reise 
nach Berlin ausgeführt, von Schillers Freunden um ihrer rasdien, 
nun doch nicht genügend vorbereiteten Durchführung willen als »arger 
Geniestreit« bezeichnet: »Die Versuchung war zu groß«, schreibt 

• An Reinhart/ Jena, den 15. Juni 1801, Jonas V, 282. 

- Unwillkürlich gedenken wir in diesem Zusammenhange jenes oben an« 
geführten Ausspruches, der seiner Abneigung gegen die Stuttgarter Verhältnisse 
wirkungsvoll Ausdruck geben sollte. 

8 Karl Berger, Schiller, sein Leben und seine Werke, 11. b. 7ÜU. 

* Vgl. den oben angeführten Ausspruch über die den Dichter drückenden 
Verpflichtungen und Otto Ranks Analyse des um diese Zeit entstandenen »Wilhelm 
Teil« (namentlich die Begründung der Apfelschußszene) (das »Inzestmotiv« S. 113). 
Bereits seine gewaltsame Losreißung aus Stuttgart hatte Schiller einst in den Bitt- 
gesuchen an den Herzog damit motiviert, daß der Ertrag, den seine Dichtungen 
ihm gewährten, ihn in den Stand setze, seinen beruflichen Studien nachzugehen 
und sein geringes Einkommen zu vermehren (vgl. Prof. Abels Erzählung, 
abgedruckt bei Petersen a. a'. O., II, 21). Ober die ähnliche Motivierung der Erfurter 
Reise siehe oben. 



122 Frida Teller 



Schiller an Iffland, dem er seine Ankunft in Berlin meldet »und so 
entschloß ich mich Knall und Fall einen Sprung hieher zu tun. Da 
bin idi nun, teurer Freund, voll herzlichen Verlangens Sie und die 
Freunde zu begrüßen/ ich bedarf eines neuen, eines größern Elements 
und freue mich darauf, zu sehen und zu hören und meinen Seh- 
kreis zu erweitern« \ Wir übergehen in diesem Zusammenhange die 
Einzelheiten der Berliner Verhandlungen mit Schiller, dem von 
seiten des Königs und des Kabinettsrates Beyme die ehrenvollsten 
Anträge gestellt und im Falle einer Übersiedlung nach Berlin die 
glänzendsten Aussichten eröffnet wurden 2 . Der Dichter selbst konnte 
an dem allen nicht aktiv teilnehmen, denn er war krank. An Cotta 
berichtet er: »Von Berlin aus dachte ich Ihnen nach Leipzig zu 
schreiben/ aber ich war acht Tage in Berlin krank und für alles 
verdorben. Die Reise, das üble Werter und die Zerstreuungen der 
ersten Tage hatten mir eine gänzliche Erschöpfung und ein katarrh- 
alisches Fieber zugezogen. Indessen habe ich das Notwendige, um 
dessentwillen ich die ganze Reise unternommen, gesehen und aus- 
geführt und meines Zweckes nicht verfehlt. In einigen Monaten 
werde ich Ihnen mehr darüber sagen können. Berlin hat mir sehr 
gut gefallen und ich würde mich in die dortigen Verhältnisse schon 
zu finden wissen« 3 . Doch es sollte anders kommen. Zwar war sich 
der Dichter bewußt, die Entscheidung diesmal in der Hand zu haben: 
»Da das Glück einmal die Würfel in meine Hand gibt, so muß idi 
werfen, ich würde mir sonst immer Vorwürfe machen, wenn ich 
den Moment versäumte« 4 , aber zu einem endgültigen Entschluß 
vermochte er auch jetzt nicht zu kommen. Inzwischen trat eine neue, 
verhängnisvolle Verschlimmerung seines Gesundheitszustandes ein. 
Bei einer Spazierfahrt durch das freundliche Dornburger Tal <in Jena) 
am 24. Juni 1804 hatte sich Schiller, »für die kühlen Abend- 
stunden zu leicht gekleidet« 5 , erkältet. Die heftigsten Schmerzen 
im Unterleib quälten ihn mehrere Tage. Sein ganzer Zustand nach 
diesen wirklich unsäglichen Leiden wurde bedenklich. Starke, der am 
Wiederaufkommen des Patienten zweifelte, befürchtete eine Ent- 
zündung der Eingeweide <Caroline v. Wolzogen). Schiller hat sich 
nadi diesem Rückfall nicht mehr erholt. Im Oktober des Jahres teilt 
er denn auch Körner mit: »Ohnehin hätte ich jedes Engagement 
in meinen jetzigen Umständen ausschlagen müssen, da ich meiner 
Gesundheit gar nicht viel zutrauen kann.« Auch die Literaturhistoriker 
sind der, bis zu einem gewissen Grade ja richtigen Ansicht, daß 
nur des Dichters nachher erfolgte Krankheit das Zustandekommen 
des Berliner Projektes vereitelt habe. 



• Brief vom 1. Mai 1804 (Jonas. VII, 142>. 

J Vgl. hiezu: J. Rodenberg, Schiller und Berlin/ (Deutsche Rundschau, 

l.hrgang 1905>. 

11 Brief vom 22. Mai 1804 <)onas VII, 143>. 

' An Körner, Jena, den 28. Mai 1804 (Jonas VIII, 147>. 

» Von mir gesperrt. 



Die Wechselbeziehungen von psychischem Konlliki eic. 123 



Der Impuls, seinen Aufenthaltsort zu ändern, taucht bei 
Schiller während seiner letzten Lebenstage noch wiederholt auf. »Eine 
große Sehnsucht nach mannigfacher Weltanschauung auf Reisen 
wandelte ihn ... oft an. Wir erfreuten uns an Plänen und suchten 
den kürzesten Weg zum Meer, was er sehr zu sehen wünschte. . . 
Auch Bauerbach wieder zu sehen, wo er die ersten Tage der Frei- 
heit verlebt, verlangte er«'. Gleiches wein auch der Genosse seiner 
letzten Lebenszeit, Johann Heinr. Von der Jüngere zu berichten '. 
Hand in Hand mit diesen Plänen gehen erneute Anfälle seines Lungen- 
leidens, so daß er am 22. Februar des Jahres 1805 - zwei Monate 
vor seinem Tode - an Goethe berichten mußte: >Zwar, mein 
jetziger Anfall scheint nur die allgemeine epidemische Ursache gehabt 
zu haben, aber das Fieber war so stark und hat mich in einem 
schon so geschwächten Zustande überfallen . . . besonders habe ich 
Mühe eine gewisse Mutlosigkeit zu bekämpfen, die das schlimmste 
Übel in meinen Umständen ist.« 

In feiner Selbstbeobachtung hatte Schiller einst seinem Freunde 
Huber geschrieben: », . . wenn Du aufmerksam darüber nachgedadw 
hast, so wirst Du das Schicksal aller menschlichen Pläne glcichs.nn 
in einem Symbol angedeutet linden,- alle steigen und zielen n.wh 
dem Zenith empor, wie die Rakete, aber alle beschreiben diesen 
Bogen und fallen rückwärts zur mütterlichen Erde. Doch auch dieser 
Bogen ist ja so schön« 3 . Mich dünkt, daß wir Schillers Lebensgang 
ebenso verlaufend geschildert haben. Anscheinend ein konsc<|iHim-i 
Aufstieg, geht doch ein unaufhaltsames Ringen mit den unterirdischen 
Mächten nebenher und die verdrängten Triebkräfte tragen den Sieg 
davon. Und war unsere Darstellung richtig, so muß sie sich wolil 
auch in seinem Werk, vor allem aber in seiner letzten Dichtung, 
dem unvollendet gebliebenen Demetrius widerspiegeln. 

Bereits Otto Rank hat in dem letzten Drama Schillers, in dem 
Teil, ein verstärktes Wiederaufleben der unbewußten Infantilen 
Phantasien beobachtet. Wir finden diesen Prozeß in der Dcmetriu 
dichtung gesteigert wieder. Er hemmt bereits die künstlerische Ge- 
staltungskraft und der Dichter, der sonst so zielbewußt arbeitet, 
ringt mühsam mit dem Stoffe, während die wiederholt auftretenden 
Leidensanfälle des Jahres 1804 die Arbeit endlich gj*«* ""*" 
Stocken bringen. »Stsyphusartig«, meint Kettner l , der Schillers ver- 
gebliches Ringen mit dem Dcmetriusstoff anschaulich, schildert, wälzte 

1 Mitgeteilt durch Caroline v. Wol:ogcn, (überliefert Ixi Petersen j. J O. 
III, 416). 

* »Noch vor einem Vierteljahr etwa ehe er starb, machte^ ich mit ihm 
Pläne zu einer Reise nach Kuxhavcn . . F.r hatte wahrlich eine Sehnsucht nach 
dieser Anschauung, denn nie habe idi ihn einen Wunsch mit größerer Innigkeit 
äußern hören« <Petersen a. a. O. III, 299). 

1 Brief vom 5. Oktober 1785. Jon.is I, 200. 

* Schillers Demetrius, herausgegeben von Gutta« Kellner <Stinit. n ■! 
Goethe-Gesellschafr, 9. Bd.) S. XXXll'l. 



124 Frida Teiler 



der Dichter den Stoff immer wieder aufs neue um, bis der Tod 
ihm die Feder aus der Hand nahm 1 . 

Schillers Demetrius bedeutet, wie die Kritiker des Dramas 
hervorheben-, die letzte Konsequenz auf dem Wege, den er seit 
seiner Hinwendung zur Antike eingeschlagen hatte. Hier endlich 
fand er einen Stoff, an dem sich in ganz realen historischen Ver<* 
hältnissen die volle Tragik des Ödipus durchführen ließ. Ohne ge= 
waltsam vorzugehen, habe Schiller der Geschichte die Grundzüge 
des alten Mythus aufgeprägt. Wie Ödipus, wird auch Demetrius 
als Knabe am Wege gefunden,- noch ehe er zum Bewußtsein er* 
wacht, ergreift ihn das Schicksal, um auch ihn erst in ahnunglosem 
Vertrauen zu sich selbst auf den Gipfel menschlichen Daseins zu 
führen, wo ein ganzes Volk gläubig seinem Winke folgt, um dann 
plötzlich die Binde von seinen Augen zu nehmen und ihn erkennen 
zu lassen, daß alles Lüge war. 

Wir vermögen Kettners Schema noch ergänzend zu vertiefen: 
Auch Demetrius bringt, als Erwachsener in die Heimat zurückkehrend, 
demjenigen den Untergang, der ihn einst als Kind aussetzen ließ 
und befreit seine Mutter aus der Gewalt des Tyrannen, der sie 
gefangen hält 3 . Und auch im Demetrius sollte im Mittelpunkt des 
Dramas eine Erkennungsszene zwisdien Mutter und Sohn statt* 
finden, die freilich, dem Fortschritte der Verdrängung entsprechend, 
das Nichtvorhandensein der verwandtschaftlichen Beziehungen nach* 
weisen sollte 4 . Schiller war diese Szene sehr wichtig gewesen,- er 
notierte sich in seinem Skizzenheft: »Demetrius steht vor seiner 
vorgeblichen Mutter allein. Dieser Moment gehört zu den 
größten tragischen Situationen (von mir gesperrt) und gehörig 
eingeleitet kann er die tragische Wirkung nicht verfehlen.« Wir 
erfahren aber nur noch aus den letzten vorhandenen Versen 
(Monolog der Marfa), wie sehnsüchtig sie ihren angeblichen Sohn 
und Rächer erwartet. Gerade an dieser Stelle, wo Schiller seinem 
antiken Vorbilde am nächsten kam, stellten sich die Hemmungen 
am stärksten ein und hemmten schließlich die Vollendung des 
Ganzen. Wir sehen hier eine interessante Parallele zu Schillers 
gleichzeitiger Bearbeitung der Agrippina, bei welcher Rank beob- 
achtet hat, daß gerade jener Punkt, der Sdjiller unbewußt am 
meisten zu dem Stoffe hinzog, die ziemlich unverhüllte Darstellung 



1 Man hat versucht, die Schwierigkeiten, welche Schiller in der Bewältigung 
des Demetriusstoffes fand, auf die Schwächung durch schwere Erkrankung zurück' 
zuführen. Wir haben uns gewöhnt, die Sache umgekehrt zu betrachten und werden 
die häufigen Rezidiven aus dem Versagen der Sublimierung der immer mehr ver- 
stärkten unbewußten Triebregungen herleiten. 

■ Vgl. Kettner a. a. O. S. XXV ff. 

s Über die Häufigkeit der 'Rettungsphantasie« bei Schiller vgl. Otto Ranks 
schon wiederholt angeführtes Werk. 

* Doch erwog Schiller in seinem Studienhefi Demetrius als natürlichen 
Sohn' des letzten Herrschers und somit als Stiefsohn der Marfa ,zu erfinden',, 



Die Wechseibeziehungen von psychischem Konflikt etc. 125 



des Inzests mit der Mutter, als die Abwehrregungen hinzutraten, 
die weitere Ausführung des Planes hinderte 1 . 

Um aber Schillers Absicht in ihrer ganzen Bedeutung zu er- 
fassen, müssen wir uns zunächst den wesentlichen Gegensatz des 
antiken und neueren Dramas vergegenwärtigen. Er besteht — wie 
schon G. Freytag erkannt hat — in der Ablösung der antiken 
Technik der Erkennungsszenen durch die Liebesszenen im neueren 
Drama. Diese Verschiebung entspricht, wie wir glauben, jenem 
Gegensatz, der von Freua für das verschiedene Verhalten der 
beiden Weltanschauungen im Hinblick auf das Liebesleben auf* 
gedeckt wurde 3 . Die tragische Schuld ergab sich im antiken Drama 
offenkundig aus den aus der Behandlung des Inzestmotivs hervor^ 
gegangenen Verwicklungen und Abwehrgefühlen 3 . Infolge des später 
einsetzenden Verdrängungsschubes verschwindet die offene Behand- 
lung des Inzestmotivs, während die aus dieser Quelle herrührenden 
Gegenregungen sich der Behandlung der Liebesszenen anheften 4 . So 
erklärt es sich, daß in den neueren Bearbeitungen der antiken Dramen 
regelmäßig die frei erfundene Person eines (oder einer) Geliebten ein* 
geführt wird, während die Wirkung der Erkennungsszene stark ver* 
blaßt 5 . Daher müßten auch wir, um Schillers Technik mit der alten 
Tragödie in Einklang zu bringen, die tragischen Verwicklungen der 
Marina*Lodoiska= und Axinia*Szenen in der Behandlung der Er* 
kennungsszene aufgehen lassen. 

Immer tiefer in die infantile Regression versinkend, war Schiller 
in seinem letzten dramatischen Versuch vollständig in den Bann des 
Sophokleischen Ödipus geraten und erstrebte eine Wiederbelebung 
des antiken Tragödienstils. Aber es liegt im Wesen der fortschreitenden 
Verdrängung, daß eine solche Erneuerung unmöglidt war. Die miß= 
glückte künstlerische Sublimierungsarbeit führte nun eine Stauung der 
Libido herbei und die verstärkten unbewußten Triebkräfte unter* 
stützten das Zerstörungswerk der Krankheit. Hatte Schiller sich einst 
in den Achtzigerjahren mit Hilfe seiner kunstphilosophischen Arbeiten 



1 Das Inzestmotiv. S. 74. 

3 >Der eingreifendste Unterschied zwischen dem Liebesleben der alten Welt 
und dem unsrigen liegt wohl darin, daß die Antike den Akzent auf den Trieb 
selbst, wir aber auf dessen Objekt verlegen. Die Alten feierten den Trieb und 
waren bereit, auch ein minderwertiges Objekt durch ihn zu adeln, während wir 
die Triebbetätigung an sich gering schätzen und sie nur durch die Vorzüge des 
Objekts entschuldigen lassen.« <Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 3 A. S. 15.) 

3 »Im ödipus wird die zugrunde liegende Wunschphantasie des Kindes 
wie im Traum ans Tageslicht gezogen und realisiert. Im Hamlet bleibt sie ver- 
drängt und wir erfahren von ihrer Existenz — dem Sachverhalt bei einer Neurose 
ähnlich — nur durch die von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen.« <Freud.> 

* Es ist bekanntlich das Verdienst Otto Ranks, hinter den Phantasiebildungen 
der neueren Dichter den Inzestkomplex in seinen verschiedenen Einkleidungen, 
Entstellungen und Verhüllungen aufgedeckt zu haben. 

* Ahnliches gilt z. B. auch für Goethes Iphigenie, in der zwar nicht die 
Gestalt, aber doch die Liebesbeziehungen des Thoas zu Iphigenie zum antiken 
Vorbild hinzugekommen sind. 



126 Frida Teller 



über die Gefahren einer Schaffenspause hinwegzuhelfen versucht 1 , 
so überwältigen ihn die pathogenen Konflikte jetzt vollkommen 
und er nahm zum zweitenmal von der Dichtung gezwungen Ab- 
schied. Nur im Kompromißsymptom der tötlichen Erkrankung 
konnte er eine Durchsetzung und auch Abwehr der unbewußten 
libidinösen Strömung herbeiführen. 



1 Es wird die Aufgabe einer zweiten, Schillers Verhältnis zu Kant gewid-* 
meten Untersuchung sein, des Dichters kunsttheoretische Schriften, den darin sich 
widerspiegelnden Kampf zwischen Trieb und Abwehr und die im Gegensatz zu 
Kant bei Schiller mißglückte Verdrängung der libidinösen Regungen zu behandeln. 




Der I.iebcsreiz der Augen 127 



Der Liebesreiz der Augen. 
Von Dr. HONORIO F. DELGADO, 

Professor an der Universität Lima, Chefarzt der kolonialen Irrenanstalt 

Magdalena (Peru) 1 . 

Die Augen sind ohne Zweifel der Teil des menschlichen Ge- 
sichres, der bei der Allgemeinheit der Menschen das stärkste 
Interesse auf sich zieht. Obwohl dies für die tägliche Beob- 
achtung evident ist, habe ich eine Enquete unter gebildeten Leuten 
angestellt, indem ich fragte: »Welcher Teil zieht Sie am Gesicht 
der Frau am meisten an?« Achtundsechzig Prozent der Antworten 
gaben den Augen den Vorzug. Es ist zu vermuten, daß unter 
weniger verfeinerten Menschen dieser Zug noch stärker hervortritt. 
Zu bemerken ist ferner, daß die Augen auch bei denjenigen Personen, 
für welche sie nicht den stärksten Reiz bilden, dennoch das ästhetisch- 
erotische Interesse auf sich ziehen. . » 

Die Verliebten wie die Dichter haben wohl zu allen Zeiten 
die Augen zum bevorzugten Gegenstand ihrer Betrachtungen, ihrer 
Bewunderung und ihrer Lobpreisungen erwählt, auch die verschieden- 
artigsten Vergleiche und allegorischen Bilder für sie gebraucht. Ich 
zitiere hier eine Anzahl davon, wie ich sie zufällig gesammelt habe, 
manche entbehren nicht des psychologischen Interesses. Wir hören von 
,magischen' Augen, von Augen, deren ,Gift verzaubert', die Augen 
werden »göttliche Zisternen' genannt, sie sind ,Seen des Wahnsinns 
und der Verführung'. Sie ,töten den Willen', sind »Talismane der 
Vergessenheit', sie ,verwirren' und ,bannen', sie »strahlen wie der 
Himmel', sind unerschöpfliche Quellen des Entzückens', »Fenster 
der Seele', ,Opfer der Liebe', sie sind »brennend', »träumerisch', 
»tief wie das Meer' usw. 

Manche Menschen sind dem Einflüsse der Augen so unter- 
worfen, daß sie in einen Seelenzustand geraten, der einer Ekstase 
gleichkommt, die verführerische Wirkung des Blickes erreicht zuweilen 
solch unmäßigen Grad, daß sie ins Pathologische übergeht. Ich be- 
obachtete einen solchen Fall. Wenn der betreffende Mann die Augen 
von Frauen genau betrachtete, so geriet er oftmals, auch wenn ihm 
das Gesicht im übrigen nicht gefiel, in einen Erregungszustand, dessen 
Lust seine Aufmerksamkeit gänzlich absorbierte und ihn von der 
gesamten übrigen Realität trennte. Nach seiner eigenen Aussage 

1 Übersetzt von Dr. Karl Abraham (Berlin). 




128 



Dr. Honorio F. Delgado 



empfand er ,eine unaussprechliche Lust wie in der Kindheit', ein 
,mit Heimweh gemischtes Entzücken', eine ,glüdtselige Vergessenheit'. 
Es war ihm, als hätte er diesen glücklichen Zustand schon in einem 
früheren Leben durchgemacht. Leider ging der Mann nidu auf den 
Vorschlag der Psychoanalyse ein. Doch kenne ich ihn genügend, um 
mit Wahrscheinlichkeit vermuten zu dürfen, daß er in durchaus 
infantiler Art an seine Mutter fixiert ist. 

Im allgemeinen findet man dieses gefühlsbetonte Interesse für 
die Augen eng verknüpft mit den Liebeserfahrungen des Individuums, 
und die Dichter bringen dies klar zum Ausdruck. So Shakespeare 
in »Verlorene Liebesmüh«: 

»Love, lirst learned in a lady's eyes, 
Lives not alone immured in the brain, 
\ But, with the motion of all elements, 

Courses as swift as thought in eveiy power, 
Above their funetions and their offices.« 

Goethe (»April«) stellt in bewunderungswürdige!' Weise <lie 
Beziehungen zwischen den Augen und den Interessen des Herzens 
dar. Idi muß das Gedicht hier vollständig reproduzieren: 

»Augen, sagt mir, sagt, was sagt ihr? 
Denn ihr sagt mir gar zu Schönes, 
Gar des lieblichsten Getönes; 
Und in gleichem Sinne fragt ihr. 

Doch ich glaub' euch zu erfassen: 
Hinter dieser Augen Klarheil 
Ruht ein Herz in Lieb und Wahrheit, 
Jetzt sich selber überlassen. 

Dem es wohl behagen müßte, 
Unter so viel stumpfen, blinden 
Endlich einen Blick zu finden, 
Der es auch zu schätzen wüßte. 

Und indem ich diese Chiffern 
Mich versenke zu studieren, 
Laßt euch ebenfalls verführen, 
Meine Blicke zu entziffern!« 

Victor Hugo schreibt in seinem Gediditband »Lcs Contem« 
plations« unter dem Titel »Amour«: 

»Au philrre qu'un regard boit dans lautre regard.* 

Im gleichen Buche sagt er <»Pleurs dans la nuit«). 

»Et, sous l'immensite qui o'est qu'un oeil sublime.* 






Der Liebesreiz der Augen 129 



Ich füge noch die Schlußverse eines Gedichtes: »Ecrit en 1846« 
aus dem gleichen Werk hinzu, in ihm gibt Hugo sozusagen seine 
Selbstverteidigung : 

»Oh! jamais, quel que soit le sort, le deuil, l'affront, 
La conscience en moi ne baissera le front, 
Elle marche sereine, indestructible et fiere, 
Car j'apercois foujours, conseil lointain, lumiere, 
A travers mon destin, quel que soit le moment, 
Quel que soit le desastre 611 l'eblouissement, 
Dans le bruit, dans le vent orageux qui m'emporte, 
Dans l'aube, dans la nuit, l'oeil de ma mere morte!« 

Eulogio Florentino singt in seiner Dichtung: »El color de 
los ojos <»Die Farbe der Augen«) wie folgt: 

>Nicht sind 's die Farben und nicht ihre Töne, 
Die da verleihn dem Aug' seine Schöne, 
Nein, nur die Liebe läßt es erstrahlen . . .« 

Dieser Reiz der Augen muß, wie jede solche Neigung, nadi 
Freuds wunderbarer Entdeckung, infantile Ursachen libidinöser Art 
haben, so daß es erlaubt ist, sie in Übereinstimmung mit den Kennt* 
nissen zu deuten, welche uns die Psychoanalyse vermittelt hat. Das 
ist die Absicht dieser kurzen Mitteilung. 

Die Momente im Leben des Kindes, in welchen es die höchsten 
Wohlgefühle erlebt, in welchen seine Libido die vollste Befriedigung 
findet, sind diejenigen, in welchen es von der Mutter intensive Lieb= 
kosungen erfährt. Wenn das Kind sich unzufrieden fühlt, wenn es 
einen Schmerz fühlt oder Furcht hat, so weint oder ruft es, und 
es ist die Mutter oder ihre Vertreterin, welche es immer in den 
Zustand zurückversetzt, der vom Lustprinzip beherrscht wird. Und 
indem sie seine Liebesansprüche erfüllt, schafft oder bestärkt sie im 
Kinde gleidizeitig den Glauben an die Allmacht der Gedanken. 
Nun sind in allen solchen Fällen die Augen der Mutter immer 
oder doch fast immer, dem Kinde bemerkbar. Die beständig wieder» 
holte Lust, weldie mit der Pflege und den Zärtlichkeiten der Mutter 
verbunden ist, assoziiert sich somit eng mit der Wahrnehmung ihrer 
Augen,- daß sie denjenigen des Kindes mehr oder weniger nahe 
sind, ist mit der sorgsamen Pflege des Kindes notwendig verbunden. 
So vereinigen sich schließlidi die beiden Faktoren in der Erfahrung 
des Kindes ,- die Augen der Mutter an sidi erwecken nun Lust beim 
Kinde. Und das ist die infantile Wurzel der Vorliebe für die Augen, 
die das Bewußtsein des Erwachsenen nicht direkt zu begreifen vermag. 

Man kann einwenden, das ganze Gesicht der Mutter sei die 
Quelle der Lust oder ein beliebiger Teil davon könne die gleiche 
Rolle spielen. Das ist zum Teil richtig/ doch gibt es starke Gründe, 
den Augen einen besonderen Einfluß zuzuschreiben. Tatsächlich sind 
die Augen der Mutter - in unserem Falle - nicht nur die Teile 

Iinoeo V1I'2 ° 



1 



130 Dr. Honorio F. Delgado 



ihres Gesichtes, die sich dem Blick des Kindes am meisten nähern, 
sondern sie beeindrucken ihn auch stärker: denn das erwachende 
Sinnesleben erfordert Reize von einer gewissen Stärke und diese 
Bedingung erfüllen die anderen Teile des Gesichtes nicht in gleichem 
Grade wie die Augen. Sie bieten einen scharfen Kontrast regel- 
mäßiger (sphärischer) Linien zwischen dem Weiß der Sklera und der 
dunkleren Farbe der Iris einerseits, sowie den dunklen Wimpern und 
Brauen anderseits. Der schwarze Punkt der Pupille hebt sich scharf 
von der Iris ab, besonders bei Blonden, und diese Kontraste müssen 
von starkem Eindruck sein. Die wunderbare Synergie der Augen- 
bewegung zieht gleichfalls die Aufmerksamkeit des Kindes auf sich 
und endlich ist die Tatsache, daß die Augen plötzlich hinter den 
Lidern verschwinden können, von Bedeutung für den uns inter- 
essierenden Vorgang. 

Die Beweglichkeit der Lippen und die weiße Farbe der Zähne 
sind analoge Eigenschaften des Mundes. Daraus erklärt e.s sich, 
wenigstens zum Teil, daß der Mund den Augen als bevorzugter 
Teil des Gesichtes, am nächsten steht. Meine Enquete weist vier» 
undzwanzig Prozent der Aussagen zugunsten des Mundes auf. 
Auf jeden Fall finden sich in keinem Teil des Gesichtes die Be- 
dingungen, die visuelle Aufmerksamkeit des Kindes zu erregen, in 
solchem Grade vereinigt, wie in den Augen. Mit anderen Worten: 
die Schaulust wird durch nichts stärker gereizt als durch die Augen 
der Mutter. Zwei libidinöse Regungen gründen sich hierauf: die 
Lust zu schauen und sich beschauen zu lassen. 

Betrachten wir auf diese Weise genetisch den Einfluß der 
Augen auf das Gefühlsleben, so wird uns, mindestens teilweise, 
die faszinierende Wirkung des Blickes bei der Hypnose verständlich. 
Nehmen wir mit Bjerre an, daß die Hypnose, ihrem psychologi- 
schen Wesen nach, eine zeitweise Rückkehr zum primitiven Ruhe- 
zustand des fötalen Lebens sei, so wird uns die Rolle klar, die den 
Augen des Hypnotiseurs zukommt. Sie stellen eine infantile Situation 
her, welche eine Regression von der gegenwärtigen psydiischen Ein- 
stellung bis zu den entferntesten Zeiten der Kindheit veranlaßt . . . 
bis endlich der psychische Zustand des Fötallebens erreicht ist. 

Vielleicht hat auch der sehr verbreitete Glaube an den »bösen 
Blick« seine Wurzel oder eine seiner Wurzeln in einer kompensatori- 
schen Reaktion oder in einer ambivalenten Äußerung des libidinösen 
Einflusses der mütterlichen Augen. In diesem Falle wäre der phallische 
Symbolwert der Augen nur ein überdeterminierender Faktor,- das 
gleiche ist auch hinsichtlich des Blickes des Hypnotiseurs zu sagen. 



Zur Psychoanalyse des Rauchopfers 



131 



Zur Psychoanalyse des Rauchopfers. 

Von P. C. VAN DER WÖLK <Middelburg, Holland). 

Die Psychoanalyse zieht immer weitere Gebiete des mensch* 
liehen Denkens, immer mehr Wissenschaften in ihren Arbeits* 
beieich. Schon lange hat sie die Grenzen der medizinischen 
Arbeitssphäre als solche überschritten, steht mitten im gewöhnlichen 
Alltagsleben,- sie bemüht sich mit großem Scharfsinn um verschiedene 
Probleme der Kunst, der Religion und der Ethnologie. Besonders 
überraschende Resultate hat sie auf letztgenanntem Gebiete erzielt 
durch Erforschung der Bedeutung, des tief verborgenen Sinnes, des 
im Dunkel versteckten Ursprunges von Sitten und Bräuchen der Völker, 
von denen der gebildetsten bis zu denen der primitivsten. Zwischen 
individuellen Gepflogenheiten, individuellen »Gewohnheiten« und den 
verwickeltsten Volkszeremonien hat die Psychoanalyse Zusammen* 
hänge aufgededit. Durch die Tatsache, daß bei einzelnen Nerven* 
kranken eigentümliche Gewohnheiten durch die schärfere Akzentu* 
ierung einer Zwangshandlung ein besonderes Gepräge erhalten, sind 
es namentlich die Neurotiker, die als Vergleichsobjekt mit den Bräuchen 
und Ritualen — sogar wilder Völkerstämme — am meisten zur Auf* 
klärung manches Rätselhaften in den Volkssitten beigetragen haben. 
Die Zeremonien der Menschheit sind ebensolche Zwangshandlungen 
wie diejenigen des Neurotikers und sind offenbar durch den gleichen 
psychischen Mechanismus entstanden. 

Oder sollte die Zeremonie, der Kultus etwa keine Zwangshand= 
lung sein? Ist derjenige, der den Brauch übt, nicht von der Notwendig* 
keit aller jener systematisch durchgeführten formellen Handlungen über* 
zeugt? Empfindet er dieselben nicht intensiv und unabwendbar z. B. als 
eine gottgefällige Handlung und darüber hinaus: als eine von einer 
höheren Macht auferlegte Aufgabe, wobei er sich mithin als Werk* 
zeug einer überlegenen Macht fühlt, einer Macht, stärker als er selbst, 
die ihn beherrscht, die ihm jene formellen Handlungen gebietet . . . 
genau in der Weise wie der Neurotiker? Und erscheinen sie dem Außen* 
stehenden, der das alles nicht mitempfindet, nicht ebenso lächerlich wie 
die Zwangshandlungen eines Narren? Findet* er die vorschriftsmäßige 
Kleidung, die feierlichen, genau vorgeschriebenen, abgemessenen Ge* 
bärden und Handlungen nicht ebenso töricht und abergläubisch als 
diejenigen des Neurotikers, über dessen merkwürdige, oft sogar tiefe 
und sinnreiche symbolische Handlungen man staunt? 

9« 



132 P. C. van der Wölk 



Der Lirgedanke der Volkszeremonie war und ist ein individueller. 
Bekannt ist der Ausspruch: Solange noch ein Mensch lebt, lebt auch 
der Urmensch noch. Demgemäß dürfen wir auch sagen: Solange noch 
ein Mensch am Leben ist, lebt noch die ganze Menschheit mit all 
ihren Sitten, Bräuchen, seltsamen Zeremonien, bizarren Ritualen. 

Die Psychoanalyse macht es evident, daß durch das Studium 
des Neurotikers, durch das Studium der Entstehung von Zwangs- 
handlungen das Wesen und die Entstehung mancher Volkszeremonien 
aufgeklärt wird. Aber derartige Zeremonien wurzeln gewöhnlich in 
der fernen grauen Vorzeit,- d. h. sie sind in ferner Vergangenheit 
als offizieller Kultus entstanden und geformt worden. Aber der 
zugrundeliegende Gedanke offenbart sich noch heutigestags im Indi- 
viduum, und zwar durchaus unabhängig vom Volksbraudi selbst. 
Wenn heute irgend eine uralte Zeremonie völlig der Vergessenheit 
anheimfiele, z. B. dadurch, daß die Gehirne beim Durchgang der 
Erde durch den Schweif eines Kometen vergiftet würden, so würde 
sie von heute auf morgen wieder aus eigener Kraft genau ähnlich 
aus der Zwangshandlung irgend eines religiös Überspannten neu 
entstehen. Denn die Volkszeremonie, der offizielle Dienst der 
Gottheit, ist ein sekundäres,- das Primäre ist der Zwahgsgedanke, 
der dem Leben der Menschenseele inhärent ist und sich heute noch 
in eben derselben Weise manifestiert. Die große Kraft und Bedeutung 
der psychoanalytischen LIntersuchung liegt darin, daß sie das Wesen 
der Volks- und Religionsbräuche zu erforschen vermag. Aber es 
liegt auf der Hand, daß solch eine Zwangshandlung, wenn sie einmal 
zur Volkszeremonie geworden ist, durdi philosophische Zutaten, durch 
Verschönerungssucht, durch religiöse Llmwälzungen und namentlich 
durch Kombination mit anderen Zeremonien, durch Vernachlässigung 
und manche andere Faktoren stark modifiziert wird. Die meisten sind 
entstellt, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, nur bruchstüdcweise auf 
uns gekommen und nicht am wenigsten bei der Übernahme von 
Bräuchen. Gewöhnlich ist die Erforschung des Wesens der Volks- 
rituale an der Hand des Tatsachenmaterials Nervenkranker und Irr- 
sinniger ein Suchen, ein Kombinieren, ein feines Herumtasten in der 
etwaigen Bedeutung überlieferter Fragmente, alter Literaturreste, alter 
Symbole,- spielte ja die Symbolik im Altertum, wo jene Bräuche ent- 
standen sind, eine so sehr hervorragende Rolle. Aber sei es auch 
ein feinfühliges Tasten, ein scharfsinniges Kombinieren und öfters 
vielleicht auch ein Irren,- der Grundgedanke steht unumstöftlidi fest: 
die psychoanalytische Forsdiung kann früher oder später die alte, 
unverständliche, entartete Volkszeremonie, Ritual oder ähnliche 
Gebilde aufklären. 

Die Kenntnis der psychoanalytischen Resultate sowie die 
Kenntnis der psychoanalytischen Methode werden bald für den 
modernen Ethnologen Grundsteine einer Wissenschaft bilden. 

Derjenige, der völlig außerhalb jener neuen, obgleich welt- 
erobernden Wissenschaft steht, wird anfänglidi einigen Äußerungen 



Zur Psydioanalyse des Raudiopfers 133 

und Interpretationen etwas fremd gegenüberstehen. Warum ist 
gerade der Neurotiker, der Nervenkranke es, der den Ausgangs* 
punkt der ethnologischen Studien bilden soll? 

Das kommt daher, weil gerade bei jenem ein tiefer, unbe- 
wußter Instinkt zufolge besonderer Verhältnisse zur nicht mehr 
zurückzuhaltenden, nicht länger kontrollierbaren oder regulierbaren 
besonderen Äußerung gelangt. Zwar wird dieselbe ein wenig 
reguliert vermöge der Bildung, d, h. des korrigierenden Verstandes, 
der ja bei einem zivilisierten Menschen von Kindesbeinen an dazu 
gezwungen wird, die tieferen Instinkte nur durch die Blume oder 
als Symbol unter Menschen zu äußern. Dergestalt verhält es sich 
auch oft bei dem Neurotiker, Seine Zwangshandlungen sind gemein* 
hin symbolische Handlungen. Sind dieselben jedoch bloß Willkür* 
liehe, individuelle Symbole? Nein,- es ist ja gerade eines der merk* 
würdigsten, treffendsten Resultate der psychoanalytischen Forschung, 
daß es einen Universalismus in der Symbolik gibt,- daß überhaupt 
die Symbole der Menschheit im großen ganzen dieselben sind/ daß 
das Symbol, dessen sich der Neurotiker unbewußt bedient, Über* 
einstimmung aufweist mit einem universellen Symbol, sowie sich 
das auch in einem Rituale äußert: denn aus eben dem Grunde 
sind die Symbole der Zeremonien ebensowenig freie Erfindungen, 
sondern ebenso Äußerungen des universellen Symbolismus. Es geht 
daraus hervor, daß die Erforschung der tieferen Bedeutung der 
Volksbräuche und Zeremonien mittels der Neuroselehre einen 
großartigen Weg bietet, der auf Grund der angeführten Tatsachen 
zu einem wirklich wissenschaftlichen Ergebnis führen kann. Die 
Schwierigkeit des Gegenstandes bringt mit sich, daß in mehreren 
psychoanalytischen Erklärungen das Suchen und Tasten in höherem 
oder geringerem Grade deutlich erkennbar ist. Die absoluten An* 
bänger der Freudschen Lehre, namentlich aber diejenigen, die mit 
der psychoanalytischen Methode hinsichtlich der Erforschung jener 
Zeremonien durchaus vertraut sind, empfinden selbstverständlich die 
»Gesuchtheit« mancher jener Erklärungen nicht, da sie aus ehrlicher 
Überzeugung heraus arbeiten. Es gibt Leute, die an der »Gesucht* 
heit« allzu sehr Anstoß nehmen. Dagegen müssen viele von diesen 
ehrlidi gestehen, daß nicht nur der Außenseiter, sondern auch der* 
jenige, der nicht Bergmann vom Leder ist, nicht allzu vorschnell 
den »Stiertöter« markieren sollten. So einfach ist die sogenannte 
»Gesuchtheit« doch wieder nicht. Es ist eine völlig neue Wissen* 
schaft, die zwischen der Ethnologie und der Medizin in der Mitte 
iiegt und man muß sich hineinarbeiten, damit man mit der Methode 
vertraut werde, sonst ist es erklärlich, daß man diesem und jenem 
ein wenig fremd und allzu skeptisch gegenübersteht. 

Der vorliegende Aufsatz, der auf eine merkwürdige neurologi* 
sehe Beobachtung bei einem meiner jüngeren Bekannten zurückgeht, 
ist ein sehr bescheidener Versuch, die tiefere ethnologische Bedeutung 
des Rauchopfers auf psychoanalytischem Wege zu erklären. 






134 P. C. van der Wölk 



Ich muß diese Abhandlung mit der Darstellung einer merk- 
würdigen symbolischen Handlung eines dreiundzwanzigjährigen Men- 
schen beginnen, welche mehr oder weniger den Charakter einer Zwangs» 
neurose hatte, obgleich nicht in so sehr starkem Grade. Der junge 
Mann ist sehr nervös, begabt und hat eine stark ausgesprochene 
Künstlernatur/ er wird völlig von Stimmungen beherrscht/ ist schwer- 
mütiger Natur und äußerst pessimistisch/ verschlossen und schweig- 
sam. Schon lange hegte ich die Vermutung, daß er ein ausgesprochener 
Onanist sei, aber hatte nicht unmittelbaren Anlaß, näheres betreffs 
dieser Vermutung zu erfahren. Was einige Eingeweihte wohl wußten, 
war, daß er Weihrauchgefäße sammelte. Obgleich der Betreffende 
durchaus nicht bemittelt war, verwandte er im Laufe der letzten 
Jahre größere Geldbeträge auf derartige Weihrauchgefäße, deren er 
einige sehr schöne indische und persische Exemplare in seinem Besitze 
hatte, trotzdem solche Gegenstände mit mehreren Zehnguldenscheinen 
bezahlt werden mußten. Aber seitdem er als Student allein, möbliert 
wohnte, sparte er an allem, darbte sogar gewissermaßen, um das 
übrige seines Monatswechsels auf den Ankauf schöner und alter- 
tümlicher Weihrauchgefäße zu verwenden. In seinen spärlichen Ge- 
sprächen kam die Rede häufig auf diese Sachen, aber er zeigte seine 
Sammlung entweder gar nicht oder nur notgedrungen und wollte 
nicht leiden, daß man die Dinge anfasse/ er hütete sie wohlver- 
schlossen in einem Schranke. Sein Benehmen in diesem Punkte war 
tatsächlich so auffallend, daß man es unter seinen Bekannten als 
einen »verrüdeten Punkt« in seinem begabten Gehirn betrachtete/ 
sowohl die Sammelmanie, der zuliebe er allerhand, sogar alltäg- 
lichen, Freuden entsagte, als die Wut, die über ihn kam, wenn 
man spaßeshalber versuchte, näheren Kontakt mit seiner Sammlung 
zu gewinnen. 

Und so geschah es eines Nachmittags, daß ich unerwartet in 
sein Zimmer trat und sah, wie er in größter Verwirrung eines der 
Weihrauchgefäße in den Schrank stellte, indem sein blasses und 
grüblerisches Gesicht plötzlich von heftiger Röte übergössen wurde. 
Obgleich ich mir nichts merken ließ, muß er dennoch etwas wie ein 
leichtes, verhaltenes Staunen bei mir beobachtet haben, einen Augen- 
blick meinte ich, er werde in Wut ausbrechen, aber sein offenbar 
heftiger Gemütszustand entlud sich plötzlich in heftigem Schluchzen, 
indem er, die Hände vor den Augen, aus dem Zimmer stürzte. 
Ehe ich ihm nacheilte, um ihm in jenen qualvollen Augenblicken bei- 
zustehen, stürzte ich schnell zum Schränkten, das er in der Aufregung 
des Überfalles unverschlossen gelassen hatte, nahm das Weihrauch- 
gefäß, einen prachtvollen kupfernen, mit blauem Email geschmückten 
persischen Luxusgegenstand in die Hand und gleich - oder viel- 
mehr schon sofort beim Öffnen des Schränkchens - spürte ich den 
Geruch frischen Spermas, von dem die letzten Spuren sogar noch 
an den Wänden des Gefäßes sichtbar waren. Alles war die Arbeit 
eines Augenblidces. Ich verschloß das Schränkten wieder und suchte 



Zur Psychoanalyse des Raudiopfers 135 

den jungen Mann auf, mit dem ich möglichst unbefangen sprach und 
ihn zu einem Spaziergang überredete. 

Seit der Zeit war ich sein Vertrauter und nach einigen weiteren 
Monaten hörte ich nach und nach von seinen Lippen einen sehr merk- 
würdigen Lebensbericht. Er soll früher ein völlig normaler Knabe, 
wenn auch mit stark sexuellen Affekten, gewesen sein, obwohl von 
Onanie nicht die Rede war, als ihm die Bekanntschaft damit in 
einem Pensionat regelrecht beigebracht worden war. Sein Drang 
ging nach Mädchen, aber insonderheit wurde er damals von einer 
großen Furcht vor Geschlechtskrankheiten beherrscht. Sehi ausfuhr« 
lieh hatte man ihm diese Geißel des Geschlechtslebens ausgemalt, 
und auch verbotene Bücher hatten das ihrige dazu getan. Er mied 
sorgfältig fremde Aborte und öffentliche Bedürfnisanstalten und seine 
Angst steigerte sich so sehr, daß er einmal Wochen hintereinander 
in angstvoller Seelenspannung umherlief, nachdem die Spitze seines 
Penis in einem unbewachten Augenblicke zufällig die Innenwand des 
Klosettes seiner Eltern berührt hatte. 

Am Anfang seines ersten Semesters an der Universität machte 
er die Bekanntschaft eines Dienstmädchens ziemlich lockeren Wandels, 
das ihn bald zu sexuellen Intimitäten' zu verführen wußte, obgleich 
er sich aus Furcht nicht zum Koitus bewegen ließ. Nach einem 
Kommers aber kam es doch zum Besuche eines Bordells . . . und 
bald, zu seinem großen Schrecken, stellte sich heraus, daß er sich 
gleich beim ersten Male eine Infektion zugezogen hatte. 

Monatelang litt er sowohl moralisch als körperlich unter diesem 
Schlage. Von jener Zeit an beobachtete man, wie er düster wurde 
und hörte ihn seine Philippiken gegen das Leben schleudern. 

Aber zu eben jener Zeit wurde er von Träumen" desselben 
Inhalts wie die eben gemachte Erfahrung heimgesucht, welche Träume 
schließlich zu Alpdrücken wurden und den ersten Anlaß zu seiner 
späteren maniakalen Sammelwut für Weihrauchgefäße gaben! Das- 
jenige Moment der immer gleicherweise wiederkehrenden Träume, 
das uns in casu am meisten interessiert, war: »ganz nackt mastur- 
bierte er, indem nackte Frauen an ihm vorüberschritten, die das 
Sperma in Weihrauchgefäße auffingen. Ein betäubender Lärm, ein 
Brausen und Sausen erfüllte da die träumenden Ohren des Jüng- 
lings. Eine dichte Volksmenge brüllte ihm ekstatisch zu beim Akte 
der Masturbation. Männer und Frauen folgten bald seinen Be- 
wegungen der Wollust. Und gegen das Herannahen der Orgias 
ertönten Chöre/ die Menge machte ehrfurchtsvoll Platz für eine 
lange Reihe singender, nackter Mädchen, die feierlichen Schrittes ein 
goldenes Gefäß vor sich hertrugen. In das Gefäß nun wurde sein 
Samen aufgefangen,- und jedesmal erscholl der betäubende Jubel und 
jeder warf sich mit Knien und Angesicht zur Erde, damit sie den 
Jüngling anbeteten. Es war ein regelrechter Kultus. Man warf ihm 
Blumen zu, schmückte ihm Leib und Glieder mit Blumengewinden. 
Indessen schritten die Mädchen mit ihren gefüllten Gefäßen unter 



136 P. C. van der Wölk 



dem Jubel weiter. Es fing nun bald in den Gefäßen das Sperma 
zu dampfen an: ein durchdringender Spermagerudi, der später in 
herrliche Weihrauchdünste überging, erfüllte das Zimmer und jedes- 
mal erwachte er durch eine solche Geruchhalluzination und meinte 
dann mit Schrecken, er merke einen Brandgeruch, weshalb er auf- 
stand und mitten in der Nacht in seinem Zimmer Nachforschungen 

anstellte.« ■„ 

Es brannte selbstverständlich nirgends,- aber es gab Z-eiten, 
wo der arme, gequälte junge Mann Nacht für Nacht nach einem 
solchen Wbllusttraum mit Brandgedanken aus dem Schlafe auffuhr 
und wie ein Gespenst im Hause umging. Er wurde nervenleidend. 
Inzwischen setzte sich nach solchen Träumen als unentrinnbare 
Zwangsvorstellung der Gedanke bei ihm fest, in den Besitz eines 
solchen Weihrauchgefäßes zu gelangen. Weshalb? Davon gab er 
sich selbst am wenigsten Rechenschaft. Selbstverständlich war es 
anscheinend eine unmittelbare, wörtliche Reaktion auf seine Traum- 
erfahrungen. Allein in seinem tiefinnersten Wesen, obgleich ihm 
selbst durchaus unbewußt, wuchs mit intensiver Gewalt in seiner 
Seele das Verlangen empor, nach Symbolisierung desjenigen, wozu 
er in der Realität offenbar nicht imstande war, zufolge einer kräftigen 
Prädomination der Furcht Unbewußt schritt er dem Koitussymbole 
zu. Es gelang ihm nicht so bald, eines Weihrauchgefäßes habhaft 
zu werden. Erst nachdem er ohne Hintergedanken den besagten 
Gegenstand obenan auf dem Geburtstagswunschzettel geschrieben, 
hatte er das Glück, ein schönes, indisches Weihrauchgefäß von 
seinem Onkel, der einen Rang in der indischen Armee innehatte, 
zu erhalten. Seine Angehörigen, die selbstverständlich nichts von 
dem seltsamen Wunsch verstanden, neckten ihn gar oft damit und 
er ließ sich gelassen necken: seine Gedanken waren anderswo! 

Da bekam er allmählich die Gewohnheit, in Nächten heftigen 
sexuellen Verlangens, über dem Weihrauchgefäß zu onanieren, indem 
seine Phantasien dann bei dem Mädchen verweilten, mit dem er in 
der Einbildung koitierte, so daß seine seltsame Handlung eine 
ungefälschte Symbolhandlung für den Koitus darstellte. 
Seine aufs äußerste gesteigerten Phantasien brachten ihn dazu, vor 
dem Onanieren Weihrauch im Gefäß zu brennen, um seine 
Illusionen von sexuellen Gerüchen zu steigern. Diejenigen, die mit 
der Geruchsphysiologie bekannt sind, werden wissen, welch enger 
Zusammenhang zwischen Aromatizis und Sexualität besteht, und 
daß sehr viele Aromasubstanzen eine ausnahmsweise starke aphrosi- 
disiatische Wirkung üben, namentlich auf gewisse empfindliche, nervöse 
oder sinnliche Personen/ Bei unserem Kranken ist die Ergreifung dieses 
Mittels nur eine logische Folge des Gedankenganges, der sich all- 
mählich auf einen besonderen Punkt, auf einen besonderen Zwangs- 
gedanken zu konzentrieren anfing. Und ebenso selbstverständlich und 
typisch, aber dennoch überraschend ist, daß er besagte Aromatika, 
die ja für seine Phantasie echte sexuelle Gerüche darstellten, in das 



Zur Psychoanalyse des Rauchopfers 137 

Weihrauchgefäß brachte, das für ihn offenbar die Vulva symbolisierte. 
Es wurde ein förmlicher Kultus, den er da in der Verschlossenheit 
seines Zimmers übte,- im duftenden Weihrauchgefäße schien er die 
Vulva zu verherrlichen und anzubeten. Die Ausschüttung seines 
Spermas in das Gefäß wurde ihm zur Zeremonie eines Rauchopfers. 
Und bald dachte er an nichts anderes, als an das Symbolische 
der Handlung. An schwülen Sommerabenden pflegte er oft aufzu^ 
springen, ein Weihrauchgefäß auf den Tisch zu stellen und darin 
ein Stückchen Weihrauch zu verbreijnen. Er fiel dann in großes 
Schweigen und starrte stumm, mit leicht verzogenen, großen Augen 
nach dem ruhig dampfenden, fein ziselierten Kleinod. Es kam vor, 
daß er bei Abendunterhaltungen oder auf abendlichen Spaziergängen 
mit einigen Freunden immer stiller wurde und ganz erfüllt von heißem 
. Sehnen nach dem Ende, um, wenn er nadi Hause kam, schnurstracks 
an seinen Schrank mit Weihrauchgefäßen zu gehen und Weihrauch 
zu verbrennen. Es wurde zur Zwangshandlung. Urplötzlich, uner= 
wartet, mitten in der angestrengtesten Arbeit, trieb eine unwidersteh« 
liehe Gewalt ihn dazu, Weihrauch anzuzünden, dessen Verbrennung 
er stieren Auges zuschaute und dann war er den ganzen weiteren 
Abend zu nichts fähig. 

Er hat sein Studium nicht absolviert. Ziemlich unerwartet ging 
er nach Java und nie hat er mehr von sich hören lassen. 

In der Geschichte jenes jungen Mannes müssen wir zu der 
überraschenden Tatsache gelangen, daß er völlig isoliert, allmählich 
zu einem Rauchopferdienst in optima forma gelangt sei. 

In dieser individuellen, isolierten Geschichte erblicken wir die 
Geschiente des Rauchopfers im allgemeinen aller Völker, und sehen, 
wie dasselbe sich aus dem Geschlechtsleben allmählich herausbildet, 
um sich schließlich beim Individuum als eine unwidersprechliche 
Symbolhandlung für den Koitus zu manifestieren, während sie sich 
als Volkszeremonie zu einem Gestus der Naturreligion sublimert, 
in der Bedeutung eines lebenspendenden Naturprinzips, einer Hand* 
hing mit heiligem, kosmischem Untergrund. 

Von hier führt ein weiterer Schritt zum Hohelied Salomos, 
jener großartigen Äußerung echt orientalischer sexueller Arom= 
Symbolik. Es ist das schönste auf diesem Gebiete und der Ps y*.°t 
analytiker, der den Symbolen desselben auf den Grund S ehr '. wir 
machtvoll ergriffen von einer Gewalt der Darstellung, <fie «* SO 
rührender, sublimer Weise die Verhüllung der heftigsten und leiden 
schaftlichsten Empfindungen des Geschlechtsmenschen gibt. Die Vuiv 
ist da ein duftendes Räuchergefäß und das Sperma wird toJJJ" 
als ein flüssiges Aromatikum, flüssiges Räucherwerk das ins Kauen 
gefäß getröpfelt wird,- der Mons Veneris als ein Myrrhenberg « 
Weihrauchhügel. .Wenn der Tag kühle wird und der Schatten •*» 
will ich zum Myrrhenberge gehen und zum We.hrauchhugei«, 
spricht der Liebhaber. Wer erblickt nicht im Hoheliede die U° 
geruchsfeier, die der Koitus ist. »Daß man deine . gute , Salbe neu , 






138 P. C. van der Wölk 



dein Samen ist ein wohlriechendes öl, das ausgeschüttet wird,- darum 
lieben dich die Mägde«, so singt die Braut im ekstatischen Verlangen. 
Und der Liebhaber fängt sein verführerisches Spiel an,- erzählt ihr, 
daß der Winter vergangen, der Regen weg und dahin sei und der 
,Südwind' gekommen,- daß die /Turteltaube', die in dem »Felsloch' 
wohnt, sehnend rufe/ daß Blumen hervorgekommen seien in dem 
Lande,- daß der Feigenbaum Knoten gewonnen habe und die Wein- 
stöcke Augen gewonnen hätten und ihren Geruch gäben. Und in 
Verzückung ruft er aus: »stehe auf Südwind und komme/ und 
wehe durch meinen , Garten', daß seine ,Würze' triefen, damit 
meine , Freundin' in meinen Garten komme und ,esse' seine edlen 
,Früchte'!« Und seine von solch einem herrlichen Liebesliede voll 
sinnlichen Verlangens entzückte Braut zeigt sich nicht unempfindlich. 
Auch sie besingt ihren ,Freund', der ihr ist wie ein , Büschel' 
Myrrhen, das zwischen ihren Brüsten die Nacht , zubringen' 
möchte,- eine /Traube' von Cypern in den Weingärten zu Engeddi. 
Wie ein »Apfelbaum' unter den wilden Bäumen, so ist ihr ,Freund' 
unter den Söhnen. Sie möchte sitzen ,unter dem Schatten', des sie 
begehrt, und seine ,Frucht' ist ihrer ,Kehle' Süße. Das »Gewächs' 
ihres Liebsten ist wie ein Lustgarten von »Granatäpfeln', mit edlen 
,Früchten', Cypern mit Narden, Narden mit Safran, Kalmus 
undCynnamen, mit allerlei Bäumen des »Weihrauches', Myrrhen 
und Aloes, mit allen besten , Würzen'. 

Und als sie erzählt, »wie sie ihren Rock ausgezogen hat«, 
nimmt die Aromzeremonie, das symbolische Rauchopfer, seinen 
Anfang mit Worten immer höher lodernder Leidenschaft. Sic 
besingt ,seinen' Leib wie reines Elfenbein,- .seine' Gestalt ist wie 
Libanon, auserwählt wie Zedern,- die ,Liebe' ist sein ,Panier' über 
ihr,- ihr ,Liebster' ist weiß und rot/ ,seine' Locken sind kraus, 
schwarz wie ein Rabe. Sie sieht ,ihn', wie er herankommt und 
,hüpfet' auf den ,Bergen' und .springet' auf den , Hügeln'. 

»Mein Freund,« so singt sie, »steckt seine ,Hand' durchs 
,Loch' und mein Leib erzitterte davor. Ich fand, den meine Seele 
sucht/ ich halte ,ihn' und will ihn nicht lassen, bis ich .ihn' bringe 
in meiner Mutter ,Haus', in meiner Mutter ,Kammer'. Da stand ich 
auf, daß ich meinem ,Freunde auftäte'/ meine Hände troffen mit 
»Myrrhen' und »Myrrhen' liefen über meine Finger an dem 
Riegel am »Schloß'. Wie schön und lieblich bist du, du Liebe in 
Wollüsten!« 

Also singt dieses berückend schöne orientalische Koituslied. 
Das ganze Hohelied Salomos ist eine Aromfeier als Symbolisierung 
des Geschlechtslebens, mit dem Beischlaf als Gipfelpunkt. Der Koitus 
ist hier tatsächlich ein Rauchopfer, aber mit gesdilechtlichen Attributen/ 
der Samen ist vollständig, bis in die äußerste Konsequenz mit Raucher* 
werk identifiziert/ die Vulva mit dem Weihrauchgefäß. 

Hier sehen wir in suggestiver Sprache mit Raffinement das« 
fenige besungen, was unser oberwähnter Kranker im stillen trieb, 



Zur Psychoanalyse des Raudiopfers 139 



sei es auch symbolisch. Dennoch war er in seiner Unbewußtheit zu 
demselben Symbole gelangt, zu dem das Hohelied in seiner Poesie 
sich aufschwingt. Symbol und Wirklichkeit fließen im Liede in eins 
zusammen. Aber bei der Verherrlichung der Zeugungskraft der 
Natur, wie dieselbe bei den alten Völkern, namentlich des Orients 
und Indiens, unter der Inspiration der schrankenlosen Üppigkeit der 
tropischen Natur üblich war, liegt nur ein Schritt zwischen der symbolU 
sehen Sprache des Hoheliedes und der symbolischen Handlung 
des Rauchopferzeremoniells. 

Und so versuche ich zum zweiten Male einen großen Schritt 
nach rückwärts: in das Zeitalter der alten Indier, in die Zeit, die 
die ursprünglichen Qiva» und Durgagestalten im religiös=philosophi- 
schen Geiste der alten Indier erschuf. Qiva, Herr der Herren, 
ßatara Guru, Schöpfer des Himmels und der Erde und alles, was 
in denselben ist. Qiva, die Verkörperung der phänomenalen Üppig* 
keit und Zeugungskraft der Tropennatur,- Qva, der Schöpfer des All» 
lebens, der göttliche Erzeuger, das göttliche Symbol der Zeugungs= 
kraft. In seinem Zeugungsdrang <auch eine Zwangshandlung, sei es 
auch eine göttliche), wollte er das Weltall 'mit Tieren, Pflanzen und 
Menschen füllen und um jenen gewaltigen Plan zu verwirklichen, 
übertrug er seine Zeugungskraft auf Mensch, Tier und Pflanze, 
damit sie ihm behilflich wären bei der schnellen Bevölkerung seines 
Universums. 

Hier steht der Beischlaf auf einer weitaus gesünderen und 
reineren Basis als es der der Paradieserzählung der Okzidentalen 
ist. Der Koitus wurde dadurch, in erster Instanz, zu einer heiligen 
Handlung, zu einem Werkzeug Gottes,- für den Menschen selbst 
war der Koitus nichts,- man übte ihn nur, um ein gottgefälliges 
Werk zu verrichten, um mitzuhelfen, die erhabenen, göttlichen Pläne 
zu verwirklichen/ das war also der einzige Beweggrund und man 
übte den Brauch gottesfürchtigen Herzens. Der Koitus war lauter 
und allein eine religiöse Zeremonie ohne weiteres: mithin heilig. 
Aber Durga, Qivas Gemahlin,, verdarb alles. Aus Rache und Eifer ** 
sucht wegen der Liebe Qivas zu der Nymphe Parvati, erschuf sie die 
Leidenschaft, damit dieselbe die Parvati verzehre. Und seit der 
Zeit hatte der Koitus der Menschen seine Natur geändert,- man 
übte die Handlung um der Handlung willen, indem man sich eigenem 
individuellen Genuß hingab. Qiva verschwand aus den Herzen der 
Kodierenden und die ehemals hochheilige gottgefällige Handlung 
wurde zur Todsünde. Umsonst versuchte man die Leidenschaft zu 
töten,- vergeblich setzte man seine Hoffnung auf Menschen, die, 
durch' Askese und Studium dem Gotte nähergerückt, meinten, sie 
könnten die göttliche Reinheit des Koitus üben: schuf man doch 
als letztes Auskunftsmittel Priester und Priesterinnen, die im 
Namen der sündigen Menschheit vor dem Angesicht des Herrn 
koitieren sollten: die ebenso sehr bekannte als berüchtigte Tempel* 
Prostitution. 






140 P. C. van der Wölk 



Das Wort Tempelprostitution hat sich so sehr eingebürgert, 
daß man darüber als einer Institution für sioS zu spreoSen gewohnt 
ist, die eigentlich einen im Laufe der Zeit entstandenen Mißbrauch 
bezeichnet. Wir müssen so ehrlich sein, daß wir den gesunden, 
reinen Kern herausschälen, müssen vom ethnographisdien Stand- 
punkte unsere Aufmerksamkeit auf den Tempel koi tu s richten, als 
auf einen ehrlich gemeinten und rein empfundenen Dienst Gottes. 
Von diesem Standpunkte betrachtet, ist derselbe weit entfernt eitle 
vulgäre Sinnlichkeit darzustellen, im Gegenteil gerade ein Zweig des 
Naturdienstes der Alten, der unsere besondere Aufmerksamkeit 
verdient. Der Tempelkoitus ist, seinem tiefsten, ursprünglichsten 
Wesen nach, eine Handlung aufrichtiger Heiligkeit, ja heiligster 
Aufrichtigkeit. Denn war derselbe nicht ein letzter Strohhalm, an 
den der damalige Indier sich in äußerster Bedrängnis des Herzens, 
an die göttliche Liebe und Gnade, festzuklammern versuchte. Es 
war eine ernstgemeinte Buße von Menschen, die sich der Verdammnis 
anheimgefallen fühlten. 

In der Weise hatten die alten Indier es beabsichtigt: der Tempel* 
koitus eine Tat heiliger Reue. 

Aber sie sahen allmählich auch schon, wie nach und nach der 
heilige Tempelkoitus degenerierte. 

Und also sah man auch diese Illusion verfliegen,- so großen 
Aufschwung die priesterliche und religiöse Prostitution auch in der 
Geschichte der Menschheit des Altertums genommen hatte. Die ur- 
sprüngliche gute Absicht entartete, denn Priester sind eben auch nur 
Menschen. Und so empfanden jene alten Indier, daß man in der 
Vulgarisation des Tempelkoitus sich noch weiter von Gott entfernte. 
Man fühlte sich außerstande, unfähig — sogar die Priester — selbst 
den reinen, heiligen, realen Koitus zu üben: und dennoch also war 
das Geheisch Qivas. Der Geist war zwar willig, aber das Fleisch 
war schwach. Das Fleisch vermochte es nicht,- der Geist vermochte 
es vielleicht. Und so vollzog sich allmählich die Entwicklung, die 
wir bei unserem eingangs geschilderten Neurotiker und weiterhin 
über den Prozeß des Hoheliedes Salomonis beobachtet haben: die 
reale Handlung wurde in blumenreichen Gedanken, in aromatisch^ 
symbolischer Sprache ausgedrüd«,- und dann verdichtete sich die 
symbolische Sprache zur symbolischen Handlung: zum allgemeinen 
Rauchopfer. An diesem Punkte können wir ,die Entwicklung zu- 
sammenfassen. Das bedrängte Herz der sich mit Sünden belastet 
fühlenden Indier erzeugte den heiligen Koitus, worin sie gefehlt 
hatten, einen durch religiöse Zeremonien sanktionierten Massen- 
koitus: das Rauchopfer. Einzeln konnten sie es nicht/ schon deshalb 
mußten sie zum Symbol ihre Zuflucht nehmen. Zusammen trugen 
sie eine reichverzierte und geschnitzte Vulva umher, in der Gc* 
stalt eines Weihrauchgefäßes,- zusammen brachte man allerhand 
aromatische Gewürze als Steuer des Tempels auf: das Sperma 
des Hoheliedes. 



Zur Psychoanalyse des Raudiopfers 141 

Das Rauchopfer, wesentlich der heilige Koitus, befreit vom 
Körper und dessen fleischlichen Gelüsten konnte nunmehr in voll- 
kommener Heiligkeit stattfinden. So konnte man nun endlich jede 
mögliche ernste Frömmigkeit hineinlegen, was unmöglich war, solange 
der Koitus noch mit dem leiblichen Körper verbunden war. Durch 
Pomp und Pracht und zeremonielle Feierlichkeit konnte das bedrängte 
Herz dasjenige ersetzen, was in seiner fleischlichen Schwäche untere 
gegangen war. Aber dadurch war auch der Kultus des Rauchopfers 
zu gleicher Zeit dazu prädestiniert, im Laufe der Jahrhunderte von 
anderen Völkern übernommen und vulgarisiert zu werden zu einer 
Verherrlichung des Koitus an sich, was derselbe im Grunde auch 
schon war. 

Und in der Weise, als Symbol des gottgefälligen, heiligen 
Koitus, entstand das Rauchopfer, das seitdem bei allen Völkern 
und bei allen Religionen Aufnahme gefunden hat, als Sühne für 
eine Sünde, die für jeden dennoch seinem tiefsten Empfinden nach 
natürlich, mithin göttlichen Ursprunges war. In tiefstem Wesen ist 
das Rauchopfer eine Verherrlichung der Zeugungskraft der Natur, 
eine naturreligiöse Zeremonie ersten Grades. 




142 



Dr. Geza Röheim 






Das Selbst. 

<Eine vorläufige Mitteilung 1 .) 
Von Dr. GEZA RÖHEIM (Budapest). 



Seelenstoff. 



B! 



II. Essenz der Dinge. 

isher haben wir bei der Deutung dieser Bräuche die Seele mit 
keinem Worte erwähnt, sind also von den beiden großen 
'ethnologischen Strömungen unserer Zeit dem Präanimisnuis 
gefolgt. Wir waren uns aber doch immerhin dessen bewußt, daß 
wir einen Boden betreten haben, den man neuerdings unter der 
erklärenden Rubrik »Seelenstoff« zusammenfaßt. Der erste, der 
diesen Begriff ausführlich verwertete, war der holländische Missionär 
Kruijt, der seinerseits den Ausdruck einem Vorschlag von Chantepie 
de la Saussaye verdankt-. So sagt z. B. Krusius über die 
Maguzava: »In allen Ausscheidungen des Menschen ist Seelenstoff, 
wie im Schweiß, im Speichel, vor allem natürlich im Blut. Ferner 
in den Fingernägeln und Haaren, deren Wachstum <Leben) auf 
reichen Seelenstoff schließen läßt. Daher werden auch alle diese 
Dinge unschädlich gemacht. Speichel wird mit Erde bedeckt, Haare 
werden vergraben usw.« Auch Teile der Kleidung geben wirksame 
»Medizin« her, weil sich der Seelenstoff in den Ausscheidungen, den 
Kleidern mitteilt. Solche Medizin wirkt aber nur, wenn der übrige 
Teil der Kleidung weiter getragen wird« 3 . Ähnlich sagt Meyer über 
die Barundi: »Die magische Gewalt über andere Menschen oder 
über deren Vieh und anderen Besitz gewinnen diese Abarosi 
(Zauberer) dadurch, daß sie sich ein Stückchen vom Körper des 
anderen, also etwas vom Haar, vom Fingernagel, Sputum, Samen, 
Urin aneignen, oder vom Mist der Rinder, vom Stroh der Hüte, 
vom Erdboden der Felder« 1 , denn mit alledem bekommt er ja 



» Sieh auch Imago 1921. LI. ' , ,, . . , .„. , 

5 A. C. Kruijt: Hct Animisme in den Indischen Archipel. 1904. Z. 
W. J. Perry: The Megalithic Culiure of Indonesia 1918. 149, meint, der .Betritt 
des Seelenstoffes sei den Ureinwohnern Indonesiens fremd und erst durch die Ein- 
wanderer, denen die Megalithen und der Sonnenkult zuzuschreiben sind, eingeführt. 

3 Dr. P. Krusius: Die Maguzawa. Archiv für Anthropologie. 1915. 291. 

* Vgl. in der europäischen Volkskunde das Entwenden des »Nutzens« oder 
»Segens« von Feld und Vieh. Röheim: Adalckok a inagyar nephithez. (Beiträge 
zum ungarischen Volksglauben.) 1920. 21. 126. 



I 



Das Selbst 143 



.-.' 



auch ein Stück »Seele« des anderen in seine Gewalt 1 . Auch Keysser 
schreibt den Kaileuten eine Anschauung zu, wonach jedes Wesen 
und jedes Ding einen Seelenstoff haben soll, der es vollständig 
durchdringt und erfüllt. »Im Holzspan ist der Seelenstoff des Baumes, 
von dem er stammt, im Stein wohnt der Seelenstoff des Felsens, von 
dem er abgeschlagen ist. Auch in jedem kleinsten Teile des Menschen 
lebt sein Seelenstoff, sogar im Fingernagel, im Haar, im Blut« 2 . Man 
kann aber unmöglich verkennen, daß diese Äußerungen nicht so sehr 
auf eindeutigen Aussagen der Primitiven als vielmehr auf einer 
theoretischen Stellungnahme der Forscher beruhen. Es wird nämlich 
z. B. aus dem Vorhandensein des Brauches, daß man seine 
Feinde durdi Verbrennen ihrer Haare tötet, implizite je nach den 
herrschenden Theorien, die Lokalisierung der »Seele« im Haare, 
die Gleichstellung von Haar und Seele, die Lokalisierung der 
»Körperseele« <Wundt> im Haare, oder das Erfülltsein des Haares 
mit »Seelenstoff« angenommen. Demgegenüber muß man betonen, 
daß ein solcher Brauch eigentlich nichts Begriffliches beziehungsweise 
nur die passiv« magische Bedeutung des Haares <und diese ist 
eigentlich eine bloße Umschreibung einer Handlungsweise) enthält, 
also bloß den Boden abgibt, auf dem sich Vorstellungen der oben 
umsdifiebenen Art entwickeln können. Ob und wie das tatsächlich 
geschieht, darüber müssen wir uns erst bei den Primitiven Auskunft 
holen. Manche Gebräuche nämlich, deren Sinn uns schon früher aus 
der Lustbetontheit der betreffenden Körperteile klar geworden ist, 
werden hie und da mit ausdrücklicher Berufung auf eine Art 
Seelenvorstellung ausgeübt. Die Maoris z. B. glauben, daß 
nur der einen Häuptling töten kann, der selber eine mächtigere 
»Atua« <Seele) hat als der betreffende Häuptling. Der siegreiche 
Führer, der unzählige Menschen getötet hat, ihre Augen verschluckt, 
ihr Blut getrunken, hat die Macht seiner eigenen Atua durch die 
Atua seiner einverleibten Opfer erhöht 3 . Die Chavantes in Südamerika 
essen ihre eigenen gestorbenen Kinder, in der Hoffnung, damit auch 
deren Seelen wieder mit ihrem Körper zu vereinen 4 . Am Pennefather 
River besitzt zwar jeder einen WaUWai <Hauchseele), aber einen 
Mulkal <Herzseele> kann man sich nur durch den Genuß von 
Menschenfleisch erwerben 5 . Auch die erotische Grundlage, die 
Gleichsetzung von Essen und Sexualakt, läßt sich bei den Seelen- 
vorstellungen genau so wie bei den magischen Bräuchen aufzeigen. 
Das Kind entsteht aus der genossenen Speise,- wenn die Mutter 
während ihrer Schwangerschaft <bei den östlichen Semang) den 

' H. Meyer: Die Barundi. 1916. 123. 

5 Keysser: Aus dem Leben der Kaileute. Neuhauß: Deutsch-Neu« 

Guinea. 1911. 112'. • ,«.«_-, 

5 R. Taylor: Te ika a Maui or New r.ealand. 1855. 64. 

4 E. Weste rmarck: The Origin and Development of the Moral Ideas. 
1908. II. 562. <Nach Couto de Magalhäes.) 

5 W. E. Roth: Superstition, Magic and Medicine. North Queensland 
Ethnography. Bull. 5. 1903. 18. 



i 




144 Dr. Geza Röheim 



Seelenvogel nicht ißt, wird ihr Kind eine Stillgeburt sein oder bald 
nach der Geburt sterben 1 . Während aber die Sitte in den früher 
behandelten Fällen nur mit einem mehr oder minder vagen Hinweis 
auf die »Eigenschaften* oder Kräfte der Toten begründet wurde, 
finden wir hier schon die festeren Umrisse des Begriffes Seele. Die 
beiden Stadien, deren Zusammenhang allerdings klar ist, ohne 
weiteres gleichzusetzen, geht nicht an 2 . In dem Seelenbegriff spürt 
man einen wachsenden Anteil der Furchtregungen und 
Hemmungen der ambivalenten Einstellung. So z. B. in 
Neubritannien, wo der Betreffende, der den Körper zerschneidet, 
sich Mund und Nase zubindet, damit die Seele des Toten keinen 
Eingang findet. Aus demselben Grunde macht man die Türen des 
Hauses, in dem ein Mensch gegessen wird, zu, und die Leute 
schreien, blasen ihre Hörner und schütteln die Speere, um die Seelen 
der Gegessenen zu erschrecken. Auch auf Duke of York Insel hielt 
die Furcht vor der Seele manche davon ab, sich an der Kannibalen- 
mahlzeit zu beteiligen 3 . Während es sidi bei der magischen Bedeutung 
der Körperteile um das Gegensatzpaar Lust- Unlust handelte und 
die Todesvorstellung eigentlidi nur als eiiK extreme Form der 
Unlustgefühle vorhanden war, erscheint im Seelenbegriffe das alte 
Gegensatzpaar in neuer Einkleidung als Leben = Tod, wobai auch 
die Schuld» und Unlustgefühle, die sich an den Tod anderer knüpfen, 
schon miterregt werden 4 . # 

HauAsede. »The act of breathing so characteristic of the higher animals 

during life - sagt Tylor - and eoineiding so closely with life 
in its departure has been repeatedly and naturally indentihed with 
the life or soul itself« 5 . Ähnlich Wundf. »Hier ist sie <die Hauch» 
seele als Wolke) offenbar das Produkt einer Assoziation des mit 
ängstlicher Spannung erwarteten letzten Atemzuges mit dem in 
kälterer Umgebung wirklidi in der Form eines Wölkchens sichtbar 
werdenden Atem« . Daß die Beobaditung des letzten Atemzuges 
zur Festigung der magisch=animistisdien Bedeutung des Atems 
beigetragen haben mag, geben wir ohne weiteres zu. Nur sdienit 
es uns, daß diese Beobachtung selbst nur auf Grundlage eines 

» Skeat and Blagden: The Pagan Raccs of the Malay l'eninsula. 1906. 
II. 4. Die Bglenda--Müttcr reißen ofi einem jungen Hornvogel, wenn die Männer 
einen solchen beschafft haben, die Flügel- und Schwanzfedern aus und geben 
sie ihren kleinen Kindern, damit sie die Kielenden aussaugen. Das unterhalt die 
Kinder nicht nur und macht sie ruhig, sondern es wird au* angenommen, dal» es 
.in einer gewissen noch nicht aufgeklärten Weise eine wohltätige Wirkung auf das 
»gute Glück« des Kindes ausübe. H.V.Stevens: Mitteilungen aus dem brauen» 
leben der Orang Bclendas. Zeitsdirift für Ethnologie. 1896. 201. Das heißt: das 
erogene Ludein bringt »Glück« <glcich I.ibidobefriedigung). 

* Vgl. Westermarck: loc. cit. II. 560. 
3 G. Brown: Melanesians and Polynesians, 1910. 145, 146. 

* Über eine andere Quelle der Sclbstvcrdopplung, wie sie im Seelen- 
begriffe vorliegt, handle idi in der Arbeit »Australian Totemism«. 

* E. B. Tylor: Primitive Culturc. 1903. I. 432. 

* W- Wundt: Völkerpsychologie. 1906. II. 2. Teil. 



Das Selbst 145 



i Wie früher schon in Anlehnung an Jones bemerkt wurde, erfolgt auch 
eine partielle Verschiebung der Analerotik nach oben. Nachzutragen ist ferner 
(nach mündlicher Mitteilung von Dr. Fereoczi), daß Dr. Forsyth <London> eine 
besondere respiratorische Erotik hat feststellen können. 
' * K. von den Steinen: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiiiens. 

• , Th. Koch: Zum Animismus der südamerikanischen Indianer. 1900. 8. 
Wundt: loc. cit. 53. ' . . . . ' 

* Torday et Joyce: Les Bushongo Annales du Musee du Congo Helge. 
Tome II Fase I 1910. 124, 125. Die Ba-Ila glauben, daß der »Wind« oder 
»Atem des Menschen« wiedergeboren werde. E. W. Smith and A. Murray: 
The Ila=Speaking Peoples of Northern Rhodesia. 1920. II. 162. 

■ H. Junod: The Life of a South African Tribe. 1913. II. 339. 

6 W. E. Roth: Superstition, Magic and Medicine. North Queensland 
Ethnography. Bull. 5. 1903. 17. 

[mago VI1/2 10 



erhöhten Interesses an den Atmungsvorgängen erfolgen konnte, 
welche wiederum aus affektiven Ursachen, nämlich aus den Lust- 
empfindungen der Mundzone, entstanden war 1 . In diesem Sinne 
werden wir auch Steinens Beschreibung der Bakairi verstehen: »Die 
Säuglinge waren kurapa, krank, schwach, wie die Eltern klagten. Die 
Mütter und Väter waren unausgesetzt tätig, sie anzublasen, und 
zwar in hohlklingenden Geräuschen mit festgeschlossenem Mund, die 
auch während der ganzen folgenden Nacht kaum einen Augenblick unter- 
brochen wurden« 2 . Koch, der diese Berichte unter anderem anführt, 
glaubt bei diesen Bräuchen ebenso wie Wundt, von der Vorstellung 
der Hauchseele ausgehen zu müssen 3 . Wir hingegen wollen den 
umgekehrten Weg auf seine Gangbarkeit prüfen: der Ritus ist eine 
durch Lust» und Unlustmomente ausgelöste Reflexhandlung und aus 
dieser Handlung ist die Vorstellung abzuleiten, die Hauchseele also 
aus dem Speichel und Hauchzauber. In unserem Sinne werden wir 
also die Hauchseele als eine Hyposthasierung der oralen Erogeneität 
(des Hauchenden) und der Hauterogeneität (des Angehauchten) 
betrachten. Den Übergang von den bisher behandelten Vorstellungen, 
in denen die Anlehnung der Seelenvorstellungen an die Funktion 
der Nahrungsaufnahme nachweisbar war, finden wir bei den Isambo, 
Die Hauchseele (Mophuph'u) wird mit dem Körper begraben, geht 
aber vom Kadaver in eine eßbare Pflanze über. Ein Mann ißt diese 
Pflanze und auf diese Weise verleibt er sich die Hauchseele ein, um 
sie seinerseits (im Koitus) einem Weibe zu übergeben, die nun ein 
Kind gebiert, in dem die Hauchseele wiedergeboren ist*. Die Ronga 
nennen die Seele hika (d. h. Atem) und erkennen darin des 
Menschen Lebensprinzip. Die Verwandten umsitzen den Sterbenden 
»das Vergehen des Atems erwartend« 5 Am Kap Bedford bedeutet 
Wauwu sowohl Atem wie Seele, laut Roth ursprünglich onomato» 
päisch Atem, dann das unfaßbare Etwas, das Innere eines Gegen- 
standes. In Zusammenstellungen bedeutet wauwu=dir (dir = mit) = 
hoffnungsvoll, wauwai = mul (mul = ohne) = hoffnungslos, wauwu- 
wointchor (wointchor = fächeln) — ein Windstoß". In Westaustralien 



.; 



146 Dr. Gera Röheim 



heißt >waung« Atem, Geist, Seele 1 . Laut Eweansrhauung »teilte 
Gott den Ödem, der im Menschen ist, in zwei Teile. Die eine 
Hälfte bewährte er bei sich, die andere übergab er den trowo 
(Naturgeistern) mit dem Auftrag, sie sollten auf die Menschen 
achthaben. Wenn nun der Odem, über den die trowo verfügen, 
zu Ende ist, so gehen sie zu Gott, um von ihm den anderen 
Teil des Odems zu bekommen 2 . Die Richtungen, in denen sich 
die Vorstellung von der Hauchseele weiter entwickelt, sind in der 
Darstellung von Wundt weiter zu verfolgen. Nur zwei dieser 
Richtlinien seien hier kurz angedeutet. Der Übergang der Hauchseele 
in Nebel und Wind führt zur Apperzeption dieser Naturvorgänge 
als selbständige Wesen 3 . In Wohlau hatte man unterlassen bei 
einem Todesfalle gleich die Fenster zu öffnen,- am anderen Morgen 
fand man eine Rauchwolke im Zimmer, das war des Toten Seele 4 . 
In Samoa ist die Seele (angänga = das Gehende und Kommende) 
die Tochter von Taufanem <= Nebel der Länder), die die Wolken 
bildet und beim Herannahen der dunklen bewölkten Nacht ist der 
Mensch schläfrig, denn seine Seele will weggehen zu ihrer Mutter ', 
der Schlaf ist ja, wie wir wissen, tatsächlich eine Rückkehr zur 
Mutter in die Intrauterinlage (Ferenczi) . Hier ist ja bereits einer 
der ursprünglichsten Anknüpfungspunkte für den psychischen Mecha* 
nismus gegeben, durch welchen der Mensch die Natur in seinen 
Gesichtskreis einbezieht,- er introiiziert die Natur in das eigene 
Ich — die Seele ist eine Wolke und er projiziert das eigene Ich in 
die Natur — die Winde und Wolken sind Seelen. Anderseits 
lassen sich gerade diese grundlegenden psychischen Mechanismen, die 
darauf abzielen, ein verlorengegangenes Einheitsgefühl mit der 
Umgebung wiederherzustellen, als Sonderfälle der Regression in den 
Zustand auffassen, in welchem die Scheidung zwischen Ich und 
Umwelt tatsächlich noch nicht vorhanden war, d.h. in das BmbryonaU 
leben. Nun sind auch die Vorstellungen der Australier und anderer 
Primitiven vom Winde durch eine Übertragung der Komplexe, welche 
am Atem haften, erklärlich. Die Kaitish glauben, die Toten sind 
wie der Wind 7 , bei den Euhlayis umwehen die Wirbelwinde die 

1 G. F. Moore: Diary of an Early Settier in Western Australia. Vocabulary. 
1884. 103. Vgl. Munkäcsi: Vogul Nepk. Gy. Regek es enekek a viläg terem- 
teserßl. Kiegeszitö füzet. CLXXVI1I. Wairz: Anthropologie der Naturvölker. 
VI. 397. D. Cranz: Historie von Grönland. 1770. III. 257. Wiiken: De VeiV 
spreide Geschritten. 1912. III. 11. J. Macdonald: Manners, Cusroms, Super*- 
stitions and Religions of South African Tribes Journ. Anthr. Inst. XX. 120—122. 
Brinton: Myths of the New World. 1905. 273. 

8 J. Spieth: Die Ewhe-Stämme. 1906. 789, 790, 864. 

3 Vgl. Laistner: Nebelsagen. 1879. 115. 

* P. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. I. 1903. 291. 

5 G. Turner: Samoa a hundred years ago. 1884. I. 8. 

6 »Le n'shanga <l'äme)'se refugie ä la niort, dans la matrice d'une femme.« 
Torday et Joyce: Les Bushongo. 1910. 124. 

7 Eylmann: Die Eingeborenen der Kolonie Siidaustrnlicn. 1908. 188. 




Das Selbst 



147 



Toten, um seine Seele fortzuraffen \ bei den Dieri wandern die 
kutchi (Geister) im Wirbelwind 2 , und laut den Wotjobaluk trägt ein 
kleiner Wirbelwind die Seele in den Himmel 3 . Hier geht dann die 
freigewordene Seele in ein fliegendes Wesen über 1 . Im Sarganserlande 
soll nach dem Tode einer Person ein Fenster geöffnet werden, damit 
die Seele in Gestalt einer weißen Taube ihren Weg gegen Himmel 
nehmen könne ". In dieser naturalistisdien Umkleidung bricht aber 
die ursprünglich libidinöse Natur der Hauchseele wieder durch: 
sowohl experimentelle 6 wie psychoanalytische Untersuchungen haben 
uns ja über die Bedeutung des Fliegens im Traume unterrichtet . 
Das Unbewußte bringt die somatischen Reize in einer vervielfachten 
Form zur Darstellung,- die hebende Bewegung des Penis in der 
Erektion wird zu einem Flug über Land und Meer 8 . Bei F rauen 
werden ähnliche Träume durch analoge Gefühle in der Klitoris 
hervorgerufen. Die Marshallinsulaner behaupten, daß manche Frauen, 
die den Tod oder die Treulosigkeit ihres Mannes beweinen, in 
ihrer Trauer so weit gehen, daß sie zu fliegen beginnen. Eine solche 
fliegende Frau gleicht einer geisterhaften Fee mit gestrecktem Körper, 
wallendem Haar und über den Körper zurückgebogenen Armen. 
In dieser Haltung gleitet sie, oder eigentlich ihr Astralbild, langsam 
durch -die Lüfte/ denn sie selbst bleibt am Strande weinend. Dem 
Missionar, der die Flugmöglidikeit der Frauen bestreiten wollte, 
antworteten die Eingeborenen:' »der Weiße verstehe nicht, was 



» K. L. Parker: The Euahlayi Tribe. 1905. 83. AAf . 

« A. W. Howitt: The Native Tribes of South Eeast Australia. 19ü*. *?°- 
a A. W. Howitt: Ebenda 369. Im Sturmwind werden die Seelen ms 
Seelenland der Littauer emporgetragen. K. Schwenck: Die Mythologie aer 
Slawen. 1853. 262. In Kalifornien sieht der Mann die Seele semer brau ip 
Gestalt eines Wirbelwindes dem Grabe entfliehen. I W . Hoff mann: Ind ans or 
Los Angeles. (Bulletin of the Essex nstitute.) 885. 23. Das Totenrej* «r 
Zigeuner ist auf den Bergen des Windkönigs. Wlislocki: Aus <•«"££ 
Leben der Zigeuner. 1892. 71. Bei den Maguzawa sind die Dämonen up ^ 
Winde. P. Krusius: Die Maguzawa. Archiv für Anthropologie, ivi • Tfe= 
wind is a bori <demon) in fact the name iska is used for both.« a- >■ ^ in ^ e 
mearne: The Ban of the Bori. 1914. 218 Vgl Röscher: Hermes *J s: 

gort. 1876. Roheim: Drachen und Drachenkampfer. 191Z. 18, 1* »• Ja 
La force magique. 1914. 73. jA manchmal 

* Die Buschmänner glauben, der Wind sei eine Person, die s 

in einen Vogel verhandle. D. Kidd: The Essential Kafir. 1904- Jiu- ß> nl 

* W. Manz: Volksbrauch und Volksglaube des Sarganserlanae . ^jgfcök 
Über Seelenvögel vergleiche Roheim: A halälmadär. <P er ( T otenVOg • und die 
a magyar ncphithez. (Beiträge zum ungarischen Volksglauben^ Gpoß f flrs t .der 
Literatur daselbst. Roheim: A kazär nagyfejedelem. 1917. <^ . tärt.) D a , nn '~ 
Khazaren.) S. 27. (Geburt durch Inkarnation des Seelenvogels er* p^ ^ ovz 
hardt: Natursagen. 1910. III. Laut Sachregister. Ch Swainson: » LorC de 
and Provincial Names of British Birds. 1886 und Sebillot: \* 

France. III. 1906. Laut Index. 

Mourly Vold: Über den Traum. 1912. II. /%. v , t9l4' t °T 

'■ Federn: Über zwei typische Traumsensationen. Jahrbucn. ^. sC ßiicK. 
8 Vgl. die geflügelten Phalloi der Antike. S. Seligmann: u 

1910. I. II. ]0 . 



1 



148 Dr. Geza Röheim 



tiefempfundene Liebe bedeute« 1 . Ich glaube, wir können sehr gut 
verstehen, was der Flug in diesem Falle bedeutet,- die Frau regrediert 
infolge einer Enttäuschung, eines Verlustes im realen Liebesleben 
von der Vaginalerotik auf die Klitoriserotik. Bei dieser Regression 
kommt es zu einer »seelenartigen« Verdopplung: der »fliegende« 
Teil, d. h. die Libido, wird zum Astralbild, das Ich, der Körper 
aber bleibt, dem Realitätsprinzip angepaßt, am Strande weinend. 
An die Vorstellungen von der Atem» und Windartigkeit der Seele 
schließt sich nun eine Vorstellungsgruppe, in welcher der Zusammen» 
hang zwischen Hauch, Wind und Erogeneität viel deutlicher hervortritt. 
In Zentralaustralien glauben die Arunta, daß in manchen Westwinden 
sich böse Kinderkeime <Seelenkinder> aufhalten, die den Versuch 
machen, in die Weiber einzugehen, die schon empfangen haben, 
weshalb sich die Weiber beim Herannahen dieser Stürme mit lautem 
Geschrei in ihre Hütten zurückziehen. Gelingt es dennoch, einem 
solchen Wesen, in ein Weib einzugehen, so wird es gleich nach 
seiner Geburt umgebracht. Es ist nämlich stets das P>stgeborene von 
Zwillingen 3 . Ähnlich glauben auch die benachbarten Loritja 3 und 
Euahlay*. Bei den Hausa heißt es, daß eine Frau mandimal alle 
Anzeichen der Schwangerschaft aufweist, jedoch nach neun Monaten 
nicht gebiert, sondern immer mehr anschwillt. Dann hat ihr ein iska 
<bedeutet Wind und auch Dämon), den ein enttäuschter Liebhaber 
oder eine eifersüchtige Nebenbuhlerin dazu bewogen hat, diesen 
Streich gespielt r \ Jones weist auf den Ursprung der Vorstellung von 
den schwängernden Winden aus dem Flatuskomplex hin 1 ',- eine direkte 
Bestätigung dieser Ansicht findet sich in der jüdischen Überlieferung. 
Ein Dämon, der als fliegender Drache erscheint, beschläft die Frauen 
per nates »but since such offspring cannot be carried by men the 
woman in question breaks wind« 7 . Nach der Krönung des Königs 
von Uganda gehen vier Hofbeamte zur väterlichen Großmutter des 
Königs, um einen neuen Fetisch, genannt Nantaba, zu holen. Der 
Wind wird in einer Kalebasse eingefangen,- einer der Hofbeamten 
bindet sich die Kalebasse auf. »He then walked slowly like a pregnant 
woman neer the time of her delivery and rested constantly,- indeed 
he was not allowed to walk more than two miles a day and was 
cared for like adelicate woman.« Die Kalebasse mit dem eingefangenen 
Wind wird von den Frauen des Königs besucht und gilt als Frucht» 
barkeitsgöttin x .Wenn wir das weitverbreitete Motiv der Schwängerung 

1 P. A. Erdiand: Die Marshall-Insulaner. 1914. 120, 121. 

* Strehlow und Leonhardi: Die Aranda und Loriljavölkcr in Zentral» 
Australien. Veröffentlidiungen des Frankfurter Museums. 1907. 1. 14, 15. 

3 Strehlow und Leonhardi: Ebenda II. 6. 

* K. L. Parker: The Euahlayi Tribe. 1905. 51. Vgl. audi A. R. Brown: 
Beliefs concerning Childbirth. Man. 1912. 183. 

5 A. J. N. Tremearne: The Ban of the Bori. 1914. 96, 441. 

6 Jonas: Die Empfängnis der Jungfrau Maria. Jahrbudi. VI. 1*'14 

7 R. C. Thompson: Semitic Magic. 1908. 76. 
■ J. Roscoe: The Baganda. 1911. 325-327. 



Das Selbst 149 



t 



durch den Wind 1 aus dem Flatuskompiex und auch unmittelbar von 
den Lustgefühlen der Frauen ableiten können, die sie beim Fächeln 
des Windes in den Genitalien spüren 9 , so scheint uns der Glaube 
an das Dahinscheiden der Seelen im Winde jedenfalls teilweise aus 
einer Umkehrung dieser Vorstellungen entstanden zu sein. Manche 
Ethnologen würden vielleicht den Zusammenhang beider Ideengruppen 
annehmen, aber eher geneigt sein, den Anfang mit der Gleichung, 
Toter = Wind zu machen. Dem gegenüber folgendes: wenn der 
Zusammenhang zweier Komplexe die gewissermaßen die Kehrseite 
voneinander bilden, erkannt ist, wird doch der Ausgangspunkt 
immer im stärker gefühlsbetonten Komplex zu suchen und die 
Entstehung des anderen etwa aus einer Umkehrung abzuleiten sein. 
Da aber nur der Lebende und nicht der Tote oder Sterbende der 
Autor aller kollektiven und individuellen Vorstellungen sein kann 
und da für uns immer dasjenige stärker gefühlsbetont sein wird, 
was sich unmittelbar auf unsere Person bezieht, so werden auch 
verhältnismäßig schwächere Reize, die uns selbst betreffen, viel eher 
Affekte und daher Mythenauslösend wirken als wichtige Vorgänge 
am sterbenden Körper eines anderen. Unsere oben entwickelte 
Theorie könnte man überhaupt im Gegensatz zu vielen 
bisherigen als einen Versuch bezeichnen, den Begriff der 
Seele aus dem Leben und nicht aus dem Tode zu erklären. 
Im übrigen handelt es sich hier eigentlich um zwei ineinander laufende 
aber doch getrennte Vorstellungsreihen. Die Eweer zum Beispiel 
glauben, daß im Augenblick der Empfängnis sich beim Kinde zwei 
Seelen vereinigen, die des Lebens und die des Todes. Die Seele 
des Lebens kam aus- der Seelenheimat, die des Todes aus der 
Unterwelt und im Tode scheiden sich beide wieder voneinander 3 . 
Auch die anale und genitale Libido geben ihre wichtigen Zuschüsse Jgy« ij^jj 
zur Entwicklung des Seelenbegriffes ab. Die psychologische Wichtigkeit in der Entwe- 
der analen Zone findet hie und dort ihren Ausdruck darin, daß man ,ung b e griffes en * 
sie zum Sitze gewisser seelischer Eigenschaften werden läßt, aber 
ihre eigentliche magisch = religiöse Bedeutung scheint doch andere 
Richtlinien als die des Seelenbegriffes eingeschlagen zu haben. So 
finden z. B. die Marshall «Insulaner den Sitz des Verstandes und 
der Gefühle in der Kehle und im Unterleib respektive Magen. 
Heftige Gemütserregungen »straffen« die Muskeln des Unterleibes, 
so daß der Leib des Erschrockenen sich zusammen« und in die Höhe 
zieht. Der Mutige empfindet ein »Sichstraffen« der Unterleibsmuskeln. 

> Vgl. E. S. Hartland: The Lesend of Perseus. 1894. I. 136, 179. 
P Saintyves: Les Vierges Meres et les Naissances Miraculeuses. 1908. 139. 
Jones: Die Empfängnis der Jungfrau. Jahrbuch. VI. 140 

9 Vgl Sadger- Haut=, Schleimhaut- und Muskelerotik. Jahrbuch. 11. 191U.5Z/. 
Vgl. den belebenden Atem der Sdiöpfungssagen. Dähnhardt: Natursagen. 1907. 
1 93 et pa. Frazer: Folklore in the Old Testament. 1919. I. 27. 

3 J Spieth- Die Religion der Eweer in Süd-Togo. 1911. 12. Die Lebens- 
seele und Todesseele würde etwa dem >Lebenstrieb« und »Todestrieb« entsprechen. 
Vgl. S. Freud: Jenseits des Lustprinzips. 1920.' 



150 Dr - Geza Röhcim 



Will mithin jemand sich mutig machen, so stärkt er sich zuerst durch 
eine gute Mahlzeit 1 . Bei den Batak sind die Eingeweide der oitz 
der Seele und die Karo -Batak betrachten den Atem als aus den 
Eingeweiden stammend-. Der Primitive apperzipiert auch gewisse 
psychische Komplexe als vom Menschen loslösbare Wesen, die, 
wenn sie auch nicht »Seelen« im landläufigen Sinne des Wortes 
genannt werden können, doch ganz bestimmt mit in den Kreis jener 
verschwommenen Vorstellungen gehören, die uns als Übergangs- 
stadien zwischen der magischen Bedeutung der Körperteile und der 
selbständigen Psyche erscheinen. Bei den Pangwe hat die Bosheits- 
zauberei einen besonderen Sitz im Körper, den man »ewu« nennt. 
Auch Schafe und Hunde haben einen »ewu«, mit dem sie andere 
Tiere ihrer eigenen Gattung töten, und auch der menschliche »ewu« 
hat die Gestalt eines Tieres 3 . Psychologisch ist aber die Natur und 
Bedingtheit dieses Willens zum Bösen erst dann aufgeklart, wenn 
wir uns an den Ursprung der Regungen von Haß und Trotz aus 
den verdrängten analerotischen Trieben erinnern 4 . Da kann also die 
Angabe nicht bedeutungslos sein, daß bei den bösen Zauberern 
der Pangwe die Gedärme zerstört seien: »Bei ihnen dürfte also 
die Ewu in einer Krankheit des Darmes bestanden haben«A Auf 
das Gebiet der genitalen Erotik übergehend, scheinen auch die Organe 
der Fortpflanzung manchmal im Sinne von loslösbaren »seelischen« 
Wesen apperzipiert zu werden. Bei der Frau wird wohl die tatsächliche 
Abtrennung eines Wesens vom anderen, das Gebären, als Vorbild 
dieser Vorstellung gelten können. In Gelaria <Neu- Guinea) glaubt 
man an ein Wesen, genannt »labuni«, das sich im Innern der Frau 
befindet. Jede Frau kann es aus sich heraussenden, die schon Kinder 

» Erdland: Die Marshall-Insulaner. 1914. 143. 

'- E. Crawley: The Idea of the Soul. 1909. 110. Nach Warneck: All- 
Semeine Missionszeitschrift. XXXI. 121. Neumann: Mededeelingen van vcgehel 
Nederlandsrh-Zendeling Genootschap. XLXI. 127. Ober »tondi« .m Urin und Kot. 
Warneck: Die Religion der Batak. 1909. 9. 

» G. Tessmann: Die Pangwe. 1913. II. 128. Vgl. »Die Art der .Ewu. 
Wirkung ist eine rein emanistische, die Emanation des Organs ist der »Wille zu 
töten«, sie strahlt von ihm aus und wirkt, was sie will, den I od. Karutz: ucr 
Emanismus. Zeitschrift für Ethnologie. 1913. 597. Die hwu halt sich meistens in 
der oberen Bauchgegend auf, sie kann aber auch im Korper unterwandern und 
dadurch Krankheit und wenn sie in den Kopf kommt, sogar den Tod hervorrufen. 
Tessmann: I. c. 129, 130. . . , 

1 Vgl. Jones: Haß und Analerotik in der Zwangsneurose. Internationale 
Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. 1913. 425. 

■- Über parallele Vorstellungen von Zauberwesen, die in den einzelnen 
Körperteilen lokalisiert sind, aber den Körper audi verlassen können vgl. 
A. Bastian: Die deutsche Expedition an der Loangoküstc. 1975. II. 1 58. Pcchucl- 
Loesche: Die Loango-Expedition. 1907. II. 336, 337. In Nord-Guinea gilt das 
»rote Wasser« als Mittel, den Zauberer zu entlarven: »Es lähmt, sobald es fo 
den Magen aufgenommen ist, den Urstoff der Zauberkraft und zerstört sogleich 
das Leben des Menschen.« J. Leighton-Wilson: West Afrika. 186Z. 1b8. 
Vgl. Perrot et Vogt: Poisons de Fleches et Poisons d'Eprcuve. 1913. J>, IL, 
81, 90, 122, 126, 142. Siehe auch Frazer: Folk-l.ore in the Old Testament. 
1909. III. 304-314. 



_*. 






Das Selbst 151 



geboren hat. Manche behaupten, die »labuni« entspringen der »ipona« 
<Eier = wohl Eierstock gemeint) der Frau. Diese schattenhaften 
weiblichen Wesen <sie tragen kurze Röcke!) verlassen den Körper 
ihrer Besitzerin per rectum <Faeces und Kind vgl. oben) um dann 
den Krankheitsstoff OGidana«) in den Körper ihrer Opfer hinein^ 
zuschießen 1 . Die nächste Parallele findet sich bei den Bahote. Sie 
glauben nämlich, daß der Uterus (oder sein Abbild?) eigenmächtig 
den Körper verlassen und umherschweifen kann. Wo sich ihm 
Gelegenheit bietet, bestiehlt er die Männer und kehrt dann nach 
seinem Ursprungsort zurück 2 . Die Kröten, die europäische Hexen 
als Seelentiere aussenden, um ihre Feinde anzugreifen, sind im 
Grunde genommen nichts anderes als die Kröte in ihrem eigenen 
Leibe, die Gebärmutter 3 . In schlesischen Sagen erscheinen erlösungs* 
bedürftige Seelen als schwarze Kröten 4 . In der Oberpfalz gilt die 
Kröte als arme Seele 5 , und ebenso in Tirol und Kärnten , auf der 
Donauinsel Csallököz 7 , während es in Böhmen die ungeborenen 
Kinder sind, die als Kröten im Teich umherschwimmen 8 . Auch 
an Andeutungen des Zusammenhanges zwischen den männlichen 
Genitalien und der Seele ist kein Mangel 9 . Beides (sowohl Semen 
wie Uterus) ist in der Anschauung der Bambala vertreten, welche 
glauben, daß die Seele nach dem Tode sich in die Gebärmutter 
einer Frau flüchtet, wo sie vom »Wasser des Chembe« begossen 
wird, um neu geboren zu werden 10 . »Wasser des Chembe« oder 
Jambi bedeutet nämlich das Semen virile 11 . Die Unmatjera erzählen, 
daß die Ahnen ihre abgeschnittenen Vorhäute in ihren Nanjabäumen 
versteckt hielten 12 . Der Nanjabaum ist eine Art von Seelenbaum, 
wo die Ahnenseelen, die Gelegenheit zur Neugeburt erwartend, 

1 Seligmann: The Melanesians of British New Guinea. 1910. 640—642. 
8 Pechuel-Loesche: Die Loango-Expedition. 1907. II. 337. 
3 Vgl. Roheim: Adalekok a magyar nephithez. {Beiträge zum ungarischen 
Volksglaube^ 1920. ^.^ ^ mQ < ^ ^ m 

& Fr. Schönwerth: Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen. 1859. III. 108. 

« Wuttke: Volksaberglaube. 478. J. V. v. Eingerle: Die Kröten und 
der Volksglaube von Tirol. Zeitschrift für deutsche Mythologie. I. 7. 

' Inolvi: Maeyar Mythologia. 1854. 104. 

a DM. Kenzic: Children and Wells. Folk-Lore. 1907. 268. Vgl. die 
Kröte als Schutzgeist des' Kindes <wie sonst die Schlange). Veckenstedt: 
Wendische Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche. 1880. 255. Die Seelen 
der Ertrunkenen werden von der Kröte in Töpfen auf bewahr:. (Kröte und Topf: 
beides Symbole der weiblichen Genitalien.) Vgl. die Sagen bei Ipoly., Zingerle 
5SS Schulenburg: Wendische Volkssagen und Gebräuche. 1800. 124 

«Zu diesem Zusammenhang vergleiche weiter unten über Daumengestalt 
der Seele und Seelenschlangen. 

«• Torday and Joyce: Les Bushongo. 1910 111, 1Z4. ■ 

u Torday and Joyce: Ebenda 121. Jatnbi -st wohl mit dem allgemem 
westafrikanischen Vater« und Himmelsgott Njanibe, Nzamb. »dentis*. Vgl. Weeks 
Among Congo Cannibals. 1913. 246. Weeks: Among he Primitive Bakongo. 
1914. 276. Pechuel-Loesche: Die Loango-Expcdition. 1907 IL 271. 

'= Spencer and Gillen: The' Northern Tr.bes of Central Austraha. 
1904. 341. 



152 Dr. Geza Röheim 



verharren '. Auf höheren Stufen der Kultur findet sich eine sekundäre 
bewußt^spekulative Gleichstellung von Seele und Sperma/ so in 
Altindien 2 , in der Gnosis :i . 
Biui und Seele. Kaum minder wichtig als die Rolle der Hauchseele, die den 

Anteil der Oralerotik in der Evolution der Seelenvorstellung vertritt, 
ist die Identifizierung des Blutes mit der Seele, die gradlinige 
Fortsetzung der aktiv* und passiv-magischen Aperzeption des Blutes, 
die sich ihrerseits als eine Konsequenz der Lust -Unlustempfindlichkeit 
der menschlichen Haut und der stellvertretenden Symbolbedeutung 
des Blutes <= Samen) hei ausgestellt hat. Um wieder mit einem 
Übergangsfall anzufangen, erwähnen wir den Glauben der Esthen: 
wer Blutklösse oder überhaupt Blut ißt, in den kommt die Seele 
des gesdilachteten Tieres, aus welchem das Blut genommen wurde 4 , 
»Allein sei fest, daß du dich ganz des Blutes enthaltest, denn das 
Blut ist das Leben und du darfst nicht zugleich mit dem Fleische 
auch das Leben verzehren«' 1 . Die östlichen Semang schreiben der 
Seele Menschengestalt zu, aber sie glauben, es sei rot wie das Blut". 
Die Patani=Malaien schreiben dem Blute eine Seele zu 7 / manche 
Papuastämme glauben, die Seele befinde sich im Blut*. In China 
erklären die Philosophen der Sung-Dynastie, wie z. B. Hwang Kan, 
»das Blut ist derTsing« <= Lebensprinzip, Seele) und in medizinischen 
Büchern findet sich die Behauptung »das Blut ist das Herz des Shen« 
(Geist, Seele) oder auch der Shen selbst 9 . Bei heftiger Erregung 
gerät das Blut ins Wallen, man spürt es in den Pulsadern/ darum 
glaubten die Kartben, daß jede Pulsader eine Seele enthalte, die 
Hauptseele aber sei im Herzen 1 ". Wang Chung glaubt die Seele in 
den Pulsadern suchen zu müssen, denn wenn die aufhören zu schlagen, 
tritt der Tod ein 11 . Wenn die Begräbnisfeierlichkeiten nicht ordnungs- 

' Spencer and Gillen: Native Tribes. 1899. 124, 132, 512. 

* E. Crawiey: The Idea of the Soul. 1909. 142. 

3 Bethe: Die dorische Knabenlicbe. Rheinisches Museuni für Philologie. 
1907. LXII. 470. 

4 Wiedemann: Aus dem inneren und äußeren Leben der Esthen. 1876.478. 

• V. Buch Moses. 12. 23. Kautzsch: Heilige Schrift. 1909. I. 262. Bei 
manchen Stämmen Nordamerikas wird das Blut des Tieres, da es Leben und Seele 
enthält, nicht gegessen. J. Adair: History of the American Indians. 1775. 117, 134. 
Ex Frazer: Taboo and the Perils of the Soul. 1911. 240. Vgl. Munkäcsi: Vogul 
Nepköitesi Gyfijtemeny. (Volksdichtungen der Wogulen. ) Bd. I. Ergänzungsheft. 
S. CLXXXI 

• Skeat and Blagden: Pagan Races of the Malay Peninsula. 1906. 11. 194. 
7 N. Annandaie: Man. 1905. Nr, 12. 

* O. Finsch: Neu«Guinea und seine Bewohner. 1865. 105. 

■ J. J. M. de Groot: The Religious Systems of China. Book IV. Vol. II. 
1901. 81, 82. 

10 J. G. Müller: Geschichte der amerikanischen Urreligioncn. 1867. 207, 208. 
Die Mexikaner hatten kein anderes Wort für Seele als »Herz«, und der Genius 
der Erde heißt bei ihnen >Hcr: der Erde«. Payne: History of the New World 
called America. 1892-1899. 1. 468. Vgl. Ty lor: Primitive Culture. 1903. 1. 431. 433. 
Oldenberg: Die Religion des Veda. 1894. 525, 526. H. A. Junod: The Life 
of a South African Tribe. 1913. II. 338. ' 

" Groot: loc. cit. IV. Vol. II. 80. 



Das Selbst 153 



gemäß verlaufen, wird die Seele bei den Maori zum kahukahu, d. h. 
ein boshafter Kinderkeim, welcher im Menstruationsblut der Frauen 
enthalten ist 1 . Aus dem menschlichen Blute können auch andere 
übernatürliche Wesen entstehen, die man wohl nicht mehr als Seelen 
im engeren Sinne des Wortes bezeichnen kann, die aber doch 
sicherlich derselben psychischen Entwicklungsreihe angehören wie 
der Begriff der Seele. Die größere Selbständigkeit, die ihnen zukommt, 
kann die Tatsache nicht verdunkeln, daß wir auch in ihnen Trieb» 
abspaltungen der Individuen sehen müssen, in deren Vorstellungswelt 
sie ihr geisterhaftes Dasein führen. Welche Triebe es sind denen so 
eine Art Sonderexistenz außerhalb des psychischen Systems zugestanden 
wird, deutet eben das Blut als Medium der Übertragung an. Die 
Malaien kennen einen Hilfsgeist, den Polong. Dieser Polong verleiht 
dem Weibe, die ihn besitzt, mag sie noch so häßlich sein, eine 
übernatürliche Schönheit. Männer halten sich selten solche Geister, 
außer aus Rachelust oder um sie für Geld an andere auszuleihen. 
Der Polong wird in einer irdenen Flasche gehalten 1 *, deren Hals 
eben nur für einen menschlichen Finger Raum hat. Dieser Geist 
lebt nämlich von Menschenblut und sein Besitzer muß sich wöchentlich 
einmal in den Finger schneiden, damit der Polong daran saugen 
kann. Wenn man das verabsäumt, so bricht er aus der Flasche 
hervor und saugt den Körper seines Eigentümers bis er ganz schwarz 
wird :i . Der Polong kann die Leute auch besessen machen, er fährt 
durch den Daumen in sie hinein und verläßt sie durch dieselbe Pforte 1 . 
Die Frau, die von einem Polong besessen ist, verliert das Bewußt» 
sein, reißt sich die Kleider vom Leibe, schlägt und beißt die Um-- 
stehenden 5 . Die eigentliche Art, sich einen Polong zu verschaffen, 
ist die folgende. Man legt das Blut eines gemordeten Menschen in 
eine Flasche und läßt es sieben oder vierzehn Tage dort, bis man 
eine Stimme wie das Zwitschern von jungen Vögeln vernimmt. 
Dann schneidet der Betreffende in seinen Finger und nährt den 
Polong mit seinem Blute. Ist es ein Mann, dann nennt man ihn 
den »Vater des Polong«, ist es eine Frau, dann ist sie die Mutter c . 
Seine Gestalt ist die eines winzigen weiblichen Wesens und seine 



' E. Tregcar: The Maoris. Joum. Anthr. Inst. XIX. 98, 101, 105, 118-120. 
Vgl. Frazer: Taboo. 240. 

1 Vgl- den Spiritus in der Flasche im europäischen Volksglauben. T. Nor- 
lind: Der Spiritusglaube in Schweden. Zeitschrift des Vereines für Volkskunde. 
1915.224. Kiihnau: Schlesische Sagen. II. 1911. 2,4,6. III. 215. Der Geist, der 
zu Riesengroße emporwächst <Erektion>, dann aber doch in die Flasche <Vagina> 
hineinkriecht, wo er als kleiner Wurm bleibt, wird wohl den Penis bedeuten. 

s W. Skeat: Malay Spiritualism. Folk=Lore. XIII. 1902. 148. Vgl. das 
Blutbad der Elisabeth Bäthory, um ihre Schönheit zu erhöhen. H. L. Strack: 
Das Blut. 1900. 59. In beiden Fällen dient das Blut, beziehungsweise die Befriedi- 
gung der Blutlust dazu, die Schönheit zu erhöhen: dieser »Schönheitsgewinn« ist 
eben die Objektivierung der Libidobefriedigung. 

* Skeat: Ebenda 149. 

■ Skeat: Ebenda 151. 

« Skeat: Ebenda 149, 150. 






154 Dr. Geza Röheim 



Größe ungefähr »as the top Joint of the little finger«. Skeat bemerkt 
treffend »the description usually given of a Polong tallies curiously 
with the Malay definition of the soul« 1 . Die Rolle des Blutes, in der 
Entstehungsgeschichte dieses Wesens ist eine überdeterminierte. Der 
Finger symbolisiert hier sowohl den Penis als auch die Brustwarze 
und das Blut bedeutet Semen und Milch. Im großen und ganzen 
können wir den Polong aus dem Kastrationskomplex' und Penisneid 
des Weibes ableiten, es als einen weiblichen Penisersatz auffassen. 
Durch denselben Entwicklungsprozeß den wir bei dem Speichel 
<Hauch> und Blute beobachtet haben, kann auch das Haar zum 
Seelensitz werden. Der Zauberer der Dayak läßt die Seele erscheinen. 
Der Eingeweihte sieht sie als menschliches Wesen »en miniaturc«, 
H^r ui.d andere dem Uneingeweihten erscheint sie jedoch als Haarbüschel'-'. Dorsey 
d°f Körper™' erzählt, wie beim Tode des Kansaindianers Ho-sa-ge sein Schwieger- 
secicnbehäiter. V ater den Haarbüschel, den man den »Geist« nennt, weinend zu 
sich nahm 3 . Die Teton nennen die Haarlocke, die man von der 
Stirn des Toten schneidet »Schatten« oder »Geist« 1 . Bei den Omaha, 
wo das abgeschnittene Haar der Jünglinge dem Donner geweiht 
wird, ist diese Haariocice ein Symbol des Lebens und wird im 
rituellen Gesang der Priester mit einem dunklen Schatten verglichen, 
der nun dem Donnergott zum Aufbewahren übergeben wird 5 . Be- 
kanntermaßen dienen die abgeschnittenen Nägel in ebenso aus- 
gedehntem Maße den Zwecken des feindlichen Zauberers wie die 
Haarabfälle, es ist also als Fortentwicklung dieser Vorstellung zu 
verstehen, wenn die Eweer vor der Beerdigung dem Verstorbenen 
die Haare abrasieren, Zehen und Fingernägel beschneiden, denn in 
ihnen -■ sagen sie — wohnt die Seele des Toten". Bei näherem 
Zusehen gewinnt man überhaupt den Eindruck, als ob gerade die 
passiv^magisdie Bedeutung einzelner Körperteile der Ausgangspunkt 
des Seelenbegrifles wäre: die autoerotische Angst, welche die Mög- 
lichkeit des Verlustes der libidobesetzten Körpciteile begleitet, 
läßt die Bedeutung dieser Körperteile im Vergrößerungsglas der 
Affekte zu einem zweiten Ich anwachsen. In Neu- Pommern ist die 
Mumut=Zauberei ein verbreitetes Mittel, um Personen zu. schaden. 
Man sucht zunächst ein Betelblatt, Betelnuß oder einen Speiserest 

1 W. Skeat: Malay Magic. 1900. 329. Auch die Leuchtkäfer sind blut- 
entstandene und blutsaugende Wesen. Skeat: Malay Spiritualism. I-oIk'Lorc. 
XIII. 150. Skeat: Malay Magic. 329. »Ignes fatui are the blood of men killed 
by weapons and of horses and cows. They are soul-flanies.« Grool: The Religious 
System of China. IV. 1901. II, 80, 81. Vgl. R. Thurnwaid: Forschungen aul 
den Salomo=Inseln und dem Bismardk-Arrhipel. 1912. I. 480. 

* Spenser St. John: Life in the Forests of the Far hast. 1862. 1, 179. 

3 J. O. Dorsey: A Study of Siouan Cults. Bureau Am. Ethn. XI. Report. 
1894. 421. 

' Dorsey: Ebenda 484. Vgl. ebenda nach Lynnd: Minn. I tist. boc. Coli. 
II. Teil 2. S. 68, 80. Vgl. auch Friederici: Skalpieren und ähnliche Kriegs- 
gebrauche in Amerika. 1906. 

5 Fletcher»Flesche:TheOmahaTribe. Bureau Am. Ethn. 1911. 123, 1Z4. 

6 Spieth: Die Religion der Eweer. 1911. 186, 



Das Selbst 155 



zu bekommen. Daraus macht der Zauberer zwei Päckchen, eins legt 
er auf den Boden und macht Feuer darüber, das andere legt er in eine 
Pfütze. Nach einigen Tagen sieht er die Seele der zu tötenden Person, 
welche an der Pfütze sitzt und hineinstiert. Nun geht er zu dem 
Feuer, das er über dem anderen Päckchen angemadn hat und sieht 
dort dieselbe Seele sitzen und sich wärmen. Der Betreffende wird 
krank und stirbt, wenn man den Zauberer nicht dazu bewegen 
kann, die Päckchen aus dem Feuer und aus dem Wasser wieder fort- 
zunehmen H Wenn man geneigt ist, eine aus der Genitalerotik her* 
genommene Bezeichnung »a potiori« anzuwenden, so kann man die 
passiv=magische Einstellung wohl der Kastrationsangst gleichstellen 
und im Seelenbegriff eine, zur Abwehr dieser Angst dienende Per* 
sönlidikeitsverdopplung erblicken. Damit würde auch die libidinöse 
Grundlage dieser Begriffsbildung aufs Beste übereinstimmen 2 . 

Aber auch alle übrigen Teile des menschlichen Körpers können 
ganz ähnlicher Weise zum Sitze der Seele werden, d. h. der Be* 
griff eines zweiten Ichs kann sich aus der aktiv- und passiv=magischen 
Apperzeption der Körperteile überall entwidteln. Die Maori glauben, 
wenn jemand im Besitze eines Stückes vom Körper des Toten oder 
seines Kleides ist, muß die Seele ihm folgen 3 . Ebenso glauben die 
Gros Ventre, daß, wenn jemand einen Knochen oder Zahn des 
Körpers aufbewahrt, wird ihm die Seele nach einiger Zeit erscheinen 4 . 
Bei den Baganda haftet die Seele am unteren Kinnbackenknochen. 
Wenn dieser weggenommen wird, so folgt die Seele bis zu den 
äußersten Grenzen der Erde : '. 

Ein kleiner Exkurs mag zur Verdeutlichung des hier ange= Da * h |£|)** 
nommenen Entwicklungsganges dienen. Aus der psychoanalytischen 
Literatur sind uns die ambivalenten Handlungen der Gesunden 
und Neurotiker bekannt. Unsere Regungen und Gefühle treten als 
Gegensatzpaare auf: in der Liebe ist auch Haß, in der Lust Unlust, v 
Diese Ambivalenz gibt sich in der Form scheinbar sinnloser Hand= 
lungen kund, deren verborgener Sinn und Lustwert aber eben darin 
besteht, daß sie die unmittelbar vorhergegangene Handlung sym* 
bolisch wieder rückgängig machen. So spucken z. B. die Akambas 
den ersten Schluck Wasser zurück in den Fluß,- wenn einer dies verab= 
säumt, muß er sterben ,; . In Rimaszombat <Ungarn) muß man etwas 
vom Wasser in den Brunnen zurückgießen, um den Zorn des 






' R. Parkinson: Dreißig jähre in der Südsee. 1907. 192, 193. 
- Vgl. zu dieser Auffassung Rank: Der Doppelgänger. Psychoanalytische 
Beiträge zur Mythenforschung. 1919. 267. 

3 R. Taylor: Te ika a Maui. 1854. 100, 101, 104. 

4 A. L Kroeber: Ethnology of the Gros Ventre. Anthr. Papers Am. 
Mus. Nat. Vol. I. P. IV. 1908. 276. 

'- J. Roscoe: The Baganda. 1911. 282. Zur Herstellung des menschlichen 
Körpers bedurfte Gott eines Kinnladens von solchen Personen, die schon vor 
langer Zeit gestorben waren. Spieth : Die Rwe=Stämme. 1906. 588. Vgl. ebenda 840. 

C. W. Hobley: Ethnology of Akamba. 1910. 101. 



156 Dr. Geza Röheim 



Brunnengeistes zu beschwichtigen 1 . Warum ist der Brunnengeist 
zornig? Natürlich darum, weil der Mensch an seiner Stelle ebenso 
fühlen würde: man gibt nichts gerne her, was einem gehört, weder 
im engeren Sinne eines Körperteiles, noch im weiteren Sinne eines 
Gegenstandes. Geschenke besiegeln die Freundschaft, sie sind die 
Symbole der Liebe zwischen Maiin und Weib-. Mit dem Geschenk 
wird ein Teil der Persönlichkeit :! übertragen oder anders ausgedrückt, 
es erfolgt eine Libidoübertragung und das narzißtische Ich reagiert 
mit Angst auf die Ansprüche des neuen Liebesobjektes, Dabei 
wird eben ein Teil der Libido, welches zur Besetzung der 
neuen Libidoposition verwendet werden sollte, in Angst umge- 
wandelt. Die Angst erstreckt sich sowohl auf den, der gibt, als 
auf den, der empfängt: bei letzterem kommt noch die Furcht vor 
der verdrängten Mißgunst, den unbewußt bösen Wünschen des 
unwillig Gebenden hinzu 4 . So gießt man nach altindischem Brauch 
Wasser in die Hand des Empfangenden, wahrscheinlich um den 
Zauber zu brechen, und ein Brähman darf nur ein freiwillig an- 
gebotenes Geschenk annehmen 5 . Ein Berber bespuckt das Geld, 
welches der erste Europäer, den er zu Gesicht bekam, ihm gibt, 
befürchtend, daß die Münze sonst nicht nur zu ihrem Besitzer zurück- 
kehren, sondern auch all sein Geld mitnehmen könne". Da also 
das Schenken mit ambivalenten Gefühlen verbunden ist, finden wir 
in einer Reihe von Riten, daß auch das Nichthergebenwollen, das 
Zurückhalten in Form einer Kompromißhandlung zum Ausdruck 

1 J. Bodon: Nyör. VI. 42. Vgl. weiteres Material in der Arbeit »Psycho- 
analysis es ethnologia«. Ethnographia. 1918. 58. 

'Vgl. Crawley: The Mystic Rose. 1902. 247, 257, 278. 

3 »The so-called bride-price was originally of the same class as the 
kalduke, a pledge, a part of one's seif, given to another and reeeived froni him. 
Buying and selling with primitive people have not the same sordid connotation 
as they now have. The principle involved is morc personal, niore religlous, rhere 
is less of price and more of value, more of the pledge than of profit and loss.« 
Crawley. loc. cit. 387, 388. Die erotische Bedeutung des Geschenkes als Libido- 
übertragung wird einerseits durch die Sitte des Hodizeitsgeschenkes (vgl. ebenda und 
Gaul: Das Gesdienk nach Form und Inhalt im besonderen untersudit an afrika- 
nischen Völkern. Archiv für Anthropologie. XIII. 1915. 215. Westermarck: 
Marriage Ceremonies in Marocco. 1914. Laut Index), anderseits durch die dem 
Gastgeschenk parallele Sitte der sogenannten gastlichen Prostitution« erwiesen. 
Es ist ja bekannt, daß die Anziehungskraft der Dirnen bei manchen Mannern 
durch eine homoerotische Strömung ihres Liebeslebens, durch die unbewußte Vor» 
Stellung des geschlechtlichen Kontaktes mit anderen Männern <wobei die Dirne als 
Medium der Übertragung dient) bedingt ist. <Vgl. Sadger: Ein Fall von multipler 
Perversion. Jahrbuch. II. 1910. 103, 111.) Wenn der Fremde die brau des Gast- 
gebers koitjert, entsteht eine erotische Bindung zwischen den beiden Männern 
und die Angst ist überwunden. <Vgl. Crawley: Mystic Rose. 248, 249.) Vgl. 
auch F. Boehm: Beiträge zur Psychologie der Homosexualität. I. Homosexualität 
und Polygamie. Internationale Zeitschrift. VI. 297. 

4 In der Entwicklungsgeschichte des Geschenkes durch I ausdi zum Handel 
dürfte ein gutes Stück der allmählichen »Realitätssublimierung« der libidinösen 
Triebe enthalten sein. 

5 Bühler: Laws of Manu Sacred Books of the Hast. II. 122. IV, 187, 188, 191. 
ü Westermarck: Origin and Development of Moral Ideas. I. 594. 



Das Selbst 157 



gelangt. Die Wotjaken glauben, daß derjenige, dem Haare an der 
Hand wachsen oder der einen langen Bart hat, »glücklich« <sudo> 
ist. Wenn man Vieh verkauft oder austauscht, so sage man »mein 
viehzüchtendes Glüdc <.pudo=zivot-vordon-Sudä> soll dir nicht nach* 
gehen« und behält einen Heller des Kaufpreises oder den Strick, 
womit das Tier angebunden war 1 . In Schlesien rupft man dem 
verkauften Kalb stillschweigend drei Büschel Haare aus dem Rücken, 
steckt diese in Brot und gibt sie der Kuh zu fressen, damit sie sich 
nicht totschreit. Auch pflegt man den Strick, mit dem das Kalb an= 
gebunden war, zu behalten und ihn um die Hörner der Kuh zu 
binden 2 . Die Sache kann auch vom Standpunkt des Käufers auf- 
gefaßt werden: ohne Strick ist der Besitz des Viehs ein unvoll- 
kommener, darum gibt man in Böhmen dem Vieh einen Strick ohne 
Knoten mit 3 . Wenn man in Semjen ein Kalb, welches noch an der 
Kuh saugt, verkauft, so gibt man einige seiner Haare der Kuh zum 
Schlucken, damit sie »ihr Kind bald vergesse« oder damit >sie viel 
Milch geben soll« 4 . Verkauft man das Kalb, so werden einige 
Haare, gewöhnlich vom Schwanz, abgeschnitten und wenn man die 
in einem Stück Brot der Kuh zum Schlucken gibt, »dann vergißt 
sie bald ihren Sohn und weint ihm nicht nach« 5 . Es scheint, daß 
das Unbewußte zwischen Besitzer und Besitz, zwischen dem Men- 
sehen und dem Haustier ein ähnliches Verhältnis herstellt, wie 
zwischen Mutter und Kind 6 . Die Kuh erhält das Zurückgehaltene 
als eine Art »Ersatzkind« oder »Ersatzembryo«, an Stelle des ihr 
entrissenen Kalbes. Mutter und Embryo bilden eine physische Ein- 
heit,- die körperliche Scheidung erfolgt bei der Geburt. Zwischen dem 
Menschen und dem Haustier besteht eine psychische, d. h. eine 
reduziert-physische Einheit, das Hingeben, die Trennung ist also 



I Munkäcsi: Votjak nepkölteszeti hagyomänyok. 1887. 17, 19, 23/ 25. 
Dem >Hüter des Glückes« <vorsud> opfert man ein paar Hechte, damit das Kind 
glücklich sei. J. Wasiljew: Übersicht über die heidnischen Gebräuche, Aber- 
glauben und Religion der Wotjaken. Mem. Soc. Finno. Ougr. XVIII. 1902. 71, 72. 
Ursprünglich symbolisieren die Fische die Fruchtbarkeit, den Kindersegen. 

II P. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1906. 11.96, 102. 
Beim Verkauf des Viehes behält man den Strick. Hartland: The Legend of 
Perseus. 1895. II. 56. Joseph Käldy: Bakonyi babonak es szoläsmödok. Aber- 
glauben und Redensarten aus dem Bakonyer Wald.) Ethn. 1908. 288. John: Bei= 
träge zum Volksaberglauben im Egerlande. Zeitschrift für österr. Volkskunde. VI. 
1900. 111. Grimm: Deutsche Mythologie. 1878. III. 417. Sartori: Sitte und 
Brauch. 1911. II. 141. 

3 A. John: Sitte, Brauch und Volksglaube in Westböhmen. 1905. 209. 

1 K. Sütö: Lakodalmi köszöntök, nepdalok nepmesek es babonäk gyujte= 
menye. (Sammlung der Hochzeitssprüche, Volkslieder, Volksmärchen und Aber« 
glauben.) F. F. Särospatak. 1915. 177. 

'- J. Nagy: Hegyhät videki babonak. Ethn. 1892. 70. 

• Wie Ed. Hahn richtig hervorgehoben hat, ist das Saugenlassen von jungen 
Hunden, Schweinen etc. durch Papua» oder Australierfrauen der erste Ansatz der 
Domestikation. Ed. Hahn: Die Entstehung der Pflugkultur. 1909. 61. Dies ist die 
phylogenetische Wurzel der unbewußten Vorstellung;. Vgl. Rohe im: Spiegelzauber. 
1919. 153. 






158 Dr. Geza R6heim 



eine Geburt, wobei folgerichtigerweise der Strick, d. h. die Nabel- 
schnür vom Tier abgetrennt wird. In Ostpreußen reißt der Ver- 
käufer dem Vieh, bevor es aus dem Stalle geführt wird, ein 
Büschel Haare aus und vergräbt sie unter die Krippe, sonst geht 
das zurückbleibende Vieh ein 1 . Die Tschuktsdien reißen einen Haar- 
büschel vom Kopf oder von der Mähne des verkauften Renntieres 
aus. »If this hair is thrown into the fire of the family hearth <Herd 
als Muttersymbol) it will prevent any part of the reindeer-luck 
from departing with the reindeer.« Bezeichnend ist das labu der 
Tschuktschen: man darf nichts verkaufen, wenn der effektive Wert 
noch so klein ist, falls es l'inli'nquin ist, d. h, »clinging to the heart«, 
z. B. nicht die gewohnte Schürte verkaufen, wohl aber eine neu her- 

festeilte, nicht das Renntier, das die eigene Sdditte zieht usw. 2 . In 
'lorida hat auch das Schwein einen Tarunga, d. h. Seele. Verkauft 
man ein Schwein und wird dessen Tarunga in einem Drazänenblatte 
zurückgehalten und im Hause aufgehängt, so verliert man nur die 
materiellen Bestandteile des Schweines, die Seele bleibt einem erhalten, 
um in einem neuen Schweine wiedergeboren zu werden 3 . In anderen 
Fällen ist die Beziehung zur Geburt nicht unmittelbar herzustellen, 
aber immer handelt es sich darum, daß das Hingeben eines Gegen- 
Standes mit analogen Unlustgefühlen verbunden ist, wie das Verlieren 
oder Abschneiden der Haare, Nägel usw. Die finnischen Hausfrauen 
glauben, daß jedesmal, wenn Milch, Getreide etc. aus dem Hause 
gegeben wird, ein wenig aus dem Geschirr des Empfängers zurück- 
genommen werden muß, damit man des »Glüdtes« nicht verlustig 
gehe 1 . Wenn man ein Brot verborgt, so soll man vorher ein 
Stückchen davon wegschneiden, dann behält man dodi noch das 
ganze Vermögen. Tut man das nidit, so gibt man alles weg 1 . Bei 
den Finnen ist also schon ein neues »etwas« da zur Begründung 
der Handlung,- es heißt »Glüdt«. Bei den Eskimos der Behrings- 
Straße pflegt der Jäger ein Stückchen vom verkauften Pelze abzu- 
schneiden und zurückzubehalten — gewöhnlich sdineidet er das 
Stückchen von der Nase ab. Verkauft er einen ganzen Seehund, 
so muß er ein Stückchen von der Zunge abschneiden und ver- 
schlucken. Sogar vom Kleide, weldies man verkauft, sduieidet man 
ein winziges Stückchen ab und versteckt es im Amulettsack. »In 
retaining these pieces it is believed that the possessor keeps the 
essential essence or spirit of the entire article and is thus 
certain to become possessed through its agency of another of the 
same kind«' ; . Dieselbe Methode kommt auch beim Verzaubern eines 

1 Wuttkc: ioc. cit. 438. 

s W. Bogoras: The Chukchee. Religion. Jesup N. P. E. 1907. 494. Vgl. 
weiteres Material in der Arbeit »Psychoanalysis es ethnobgia«. Ethn. 1918. 63. 

1 R. H. Codrington: The Melanesians. 1891. 249. 

4 U. Holmberg: Die Wasserdämonen der h'nnisch-ugrisdien Völker. 1913.6. 

s W. v. Schulenburg: Wendisches Volksthum. 1882, 117. 

6 E. Nelson: The Eskimo aboul Behring Strait. Bureau Am. Hthn. 
XVIII. Rep. 1899. 437. 



Das Selbst 159 



Menschen in Anwendung. Die Tami glauben nämlich, daß sie zu 
diesen Zwecken irgend eine Kleinigkeit, ein Restchen Speise, Tabak, 
Betelnuß, ein paar Fasern vom Tudi der Schürze, ein Haar, etwas 
Körperschmutz, einen Blutstropfen, Nasenauswurf usw. erlangen 
müssen, um unter Hersagen einer Zauberformel die Seele an das 
Mittel zu binden. Die Eingebornen sind daher sehr vorsichtig und 
verwischen jede Spur und werfen Überreste ins Wasser oder Feuer. 
Kann man auf gewöhnliche Weise kein Mittel finden, dann sucht man 
die Leute durdi Köder zu fangen, indem man ihnen Tabak oder Betel- 
nüsse schenkt, von denen aber vorher etwas abgezwadit worden ist. 
Genießt man diese Sachen, so hängt sich die Seele an das 
Abgezwackte und der Zauberer kann sie binden 1 . Dieses 
Beispiel zeigt uns mit aller wünschenswerten Klarheit die Wege, 
wie sich der Keim einer Vorstellung auf dem Boden der Handlung 
durch die Stufen des Unbewußten und Vorbewußten zu vollem 
Bewußtsein entwickelt. Das Weggeben eines Gegenstandes ruft im 
Unbewußten ein Angst- und Unlustgefühl hervor, welches durch 
ein teilweises oder scheinbares Zurücknehmen — das Unbewußte 
läßt sich ja mit dem Symbole befriedigen — wettgemacht wird. 
Durch diese Handlung verwandelt man also eine unlustvolle 
Situation in eine lustvolle: dieser Lustgewinn ist »das Glück«, 
»Essenz des Gegenstandes«, »die Seele«. Was denn wäre für uns 
das Wesen der Dinge, wenn nicht ihre Eigenschaft uns eine Trieb- 
befriedigung gewähren? Aber nicht nur das. Indem man dem 
anderen etwas vorenthält <sei es ein noch so winziges Stückchen), 
bereitet man ihm Unlust, denn seine Seele »hängt sich an das Ab- 
gezwackte«, d. h. man greift ihn mit den Mitteln der Verzauberung 
an. Die passiv-psychische Einstellung des Gebenmüssens wird durch 
diese Symptomhandlung in eine aktive, in einen Angriff verwandelt. 
Wenn wir ferner bemerken, daß die abgeschnittenen Stückchen gerade 
Schwanzhaare, Nasenspitzen u. dgl. sind, daß sie Fruchtbarkeit und 
Wiedergeburt bewirken sollen, dann werden wir dem Abgeschnittenen, 
»woran die Seele haftet«, welches die »Essenz der Dinge« enthält, 
eben ein Penissymbol, in dem Abschneiden ein Kastrationsäquivalent 
erblicken. Da eben das Gebenmüssen die Kastrationsangst auslöst, 
reagiert man darauf mit einer Symptomhandlung, in der man das 
Befürchtete darstellt und zu gleicher Zeit auch, die aktive Rolle 
selbst ergreifend, einem anderen zuwendet. Eigentlich ist aber das 
Zurückhalten in diesen Bräuchen auch analerotisch als Zurüdchalten 
der Exkremente determiniert, daher die Beziehungen des Zurück- 
gehaltenen zu dem Reichtum, sowie auch zur Vorstellung einer 
»Essenz« <Riechlust>- der Gegenstände. All das, was in nebel- 
hafteren Formen als »Glück«, »Essenz«, »Zauberkraft«, 
in festeren Umrissen als »Seele« erscheint, ist die Libido, 

1 J. Kohler: Über den Geisterglauben der Naturvölker. Archiv für Religions* 
Wissenschaft. IV. 347. 

- Vgl. Jones: Die Empfängnis der Jungfrau Maria. Jahrbuch. VI. 1914. 174. 



160 Dr. Geza Röheiin 



die Lust. Wenn sich also die Seele bei den Tami an den 
Blutstropfen binden läßt, so heißt das eine Bindung der 
Libido an den Partialtrieb der Hauterotik (ferner Sadis- 
mus etc.), wenn an den Körperschmutz der Analerotik, 
wenn an Speisereste der Oralerotik usw. 
Personiüiaiionen Tj m Rjtus und Glauben recht zu begreifen, ist es manchmal 

&ÄT£d geboten, auch den Mythos zu befragen. Das Mythische ist der 
E&i^K Realität noch mehr entzogen, hier wird manches bewußt, das sonst 
nur im Unbewußten wirkt. Bevor wir das Gebiet der erogenen 
Zonen endgültig verlassen, werden wir noch den Versuch machen, 
die Bedeutung der menschlichen Exkrete und Sekrete im 
Mythos und Märchen mit den bisherigen Ergebnissen zu ver- 
gleichen. In einem Märchen der Wongaibon verrichten zwei Neffen, 
die sich vor ihrem Onkel, dem Monde, fürchten, ihre Notdurft in 
seiner Nähe und wie er gewohnheitsgemüß fragt: »Seids ihr dort?« 
antworten die Exkremente an Stelle der Entflohenen 1 . In den Sagen 
Nordwestamerikas sind es besonders die Kulturheroen, wie Rabe 
und Coyote, die ihre Exkremente magisch beleben können. So 
befiehlt der Rabe in einer Heiltsuksage seinen Exkrementen: »Ruft 
nach kurzer Zeit Ho, Ho! Eure Feinde kommen und wollen euch 
töten! 2 Coyote verlangt und bekommt von seinen redenden Exkre- 
menten Auskunft darüber, welche Gebräuche beim Lachsfischfang zu 
beobachten sind 3 . In einer Bella Coola-Sage raubt der Baumstumpf 
eine Frau. Als sie die Flucht versucht, verrät der schreiende Nacht- 
topf des Dämons ihre Absicht'. In einer Sage der Tschuktschen 
fängt der böse Geist einen Knaben. Er entleert sich in seinen Nacht- 
topf und befiehlt den Exkrementen den Knaben zu bewachen. Dieser 
versucht die Flucht, die Exkremente geben, wie verabredet, das 
Alarmsignal, worauf er sich wieder ganz still hinlegt. Der Geist 
erwacht, sieht, daß mit dem Burschen gar nichts los ist, wird wütend 
auf seinen Nachttopf, daß er ihn grundlos geweckt hat, und uriniert 
hinein. Das nächstemal versucht der Knabe wieder die Flucht, jetzt 
ist die Stimme der Exkremente sehr schwach, weil sie unter dem 
Wasser <Urin> sind. Schnell springt der Knabe auf und erstickt die 
redenden Exkremente des Geistes mit seinen eigenen''. Diese 
besonders durchsichtige Variante charakterisiert das ganze als einen 

. > R. H. Mathews: Ethnological Notes on the Aboriginal Tribes of New 
South Wales and Victoria. 1905. 157. Vgl. »Human ordure has also its place »n 
their mythology as well as in their most important ceremonies. It is supposed to 
possess many virtucs among whidi may be mentioned the power of speedi to 
personify the individual who deposited it. It also cnables a man to catch whatever 
he was pursuing by the magical effect of its odour«. Ebenda 136. 

'- F. Boas: Indianische Sagen von der Nordpazihsdien Küste Amerikas. 
1896. 233. Ebenso bei den Awikyenoq ebenda 213 und Ttlatlasikoala 172, 177. 

» F. Boas: Chinook Texls. Smithsonian Institution. Bureau of Ethnology. 
1S94. Vgl. F. Boas: Kathlamet Texts. 45, 48. 

* F. Boas: The Mythology of the Bella Coola. )csup N. P. B. II. 1898. 101. 

» W. Bogoras: The Chukdiee. Religion. 1907. <J*sup N. I\ E.) 282, 283. 



I 



Das Selbst 161 



',. 



Wecktraum mit Stuhl- und Urinreiz 1 , außerdem zeigt es den Zu- 
sammenhang des Fluchtmotivs mit der Analerotik, den analen Ur- 
sprung des Verfolgers <indem er mit seinen eigenen Exkrementen 
identisch ist), sowie die ambivalente Einstellung zum Letzteren als 
Vertreter der analerotischer Triebrichtung <die Exkremente sind 
bald die des Verfolgers, bald die des Verfolgten, sie dienen 
bald dazu den einen, bald den andern aufzuhalten) 8 . Es ist 
auch kein Zufall, daß den Exkrementen von allen möglichen 
Lebensäußerungen gerade das Reden zukommt,- die Zusammen- 
hänge zwischen dem analerotischen Zurückhalten und der Wortkarg- 
heit, zwischen übermäßigem, sinnlosem Geschwätz <»Mauldiarrhöe«> 
und Defäkation sind ja öfters erörtert worden :i . Dem »Reden« kommt 
hier aber auch eine allgemeinere Bedeutung zu: es ist der erste 
Schritt in der Richtung der Verpersönlichung. Wenn nämlich die 
Tschüktschen einen Gegenstand »Stimme-habend« nennen, so meinen 
sie damit, daß dem Gegenstand <z. B. dem Stein usw.) Leben und 
Wirksamkeit zukommt, welches aber vom Gegenstand nicht loslösbar 
ist. Gegenstände, die diesen weiteren Schritt in der Entwicklung 
zurückgelegt haben, heißen »einen Inhaber habend«, d. h. in ihnen 
wohnt ein Genius, eine »Seele«. Die Grenzen sind natürlich 
schwankend. So besitzt nach einem Berichte der als lebend gedachte 
Nachttopf ein eigenes Haus und Land 4 . Exkremente erscheinen als 
ein ruhmrednerischer Alter in braunem Pelz, der sich aber vor den 
Hunden, die ihn essen könnten, fürchtet r '. Auch diese Entwicklungs- 
stufe läßt sich auf beiden Seiten der Behringsstraße verfolgen. Bei 
den Chilcotin-Indianern verwandelt der Rabe seine Exkremente in 
ein Canoe mit Mannschaft fi . Der große Rabe, der Schöpfergott der 
Koryak, verwandelt seine eigenen Exkremente in eine schöne Frau, 
in die er sich sofort verliebt und alles andere stinkend findet bis 
zum nächsten Tag. Dann ist der Rausch vorbei und die schöne 






' Vgl. O. Rank: Die Symbolschichtung im mythischen Denken. Psycho- 
analytische Beiträge zur Mythenforschung. 1919. 126. 

» Vgl. J. H. W. van Ophuijsen: Über die Quelle der Empfindung des 
Verfolgtwerdens. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. VI. 68. Aug. Stärker: 
Die Umkehrung des Libidovorzeichens beim Verfolgungswahn. Zeitschrift. V. 285. 

3 Ferenczi: Schweigen ist Gold. Internationale Zeitschrift. IV. 155. Eisler: 
Eine unbewußte Schwangerschaftsphantasie. Zeitschrift. VI. 53. (Verschlossenheit.) 

' Bogoras: loc. cit. 281. 

; ' Bogoras: loc. cit. 283. Ähnliches kommt in Träumen häufig vor. Eine 
Dame erzählt mir einen Traum, in welchem eine Menge kleiner schwarzer 
Teufel, die vom Winde umhergeweht werden, deutlich als solche > Exkrementen- 
geister« erkennbar sind, besonders da sie aus dem Traum mit einem Flatus 
(= Wind) erwacht. Zur Prahlsucht des Exkrementengeistes sowie auch zur Ent- 
wicklung: magische Kraft {Allmacht) der Ausscheidungen und erst dann des 
Wortes, der Gedanken, der Seele vgl. K. Abraham: Zur narzißtischen Be- 
wertung der Exkretionsvorgänge in Traum und Neurose. Internationale Zeit- 
schrift. VI. 64. 

6 Livingstone Farrand: Traditions of the Chilcotin Indians. jesup North 
Pac. Exp. II. 16. 

Imaßo VII/2 11 



; 



1 



162 D<". G"a Röheim 



Frau ist wieder ein Haufen Kot geworden 1 . Diese Darstellung 
läßt keinen Zweifel an der erotischen Natur dieser Personifikationen 
übrig. Aber auch in anderer Hinsicht ist es lehrreich - es zeigt die 
vorübergehende traumhafte Natur der analerotischen Regression. Eine 
Sage vom unteren Fräser River mag hier folgen. Ein Mädchen ist sehr 
neugierig und begierig, einen Jüngling zu sehen, der sich aber nicht zeigen 
will. Daher geht sie ans Wasser, verrichtet ihre Notdurft und ver* 
wandelt ihre Exkremente in einen schönen Wasscrvogel 2 . Als die 
Leute den Vogel sahen, versuchten sie ihn zu fangen, doch es gelang 
nicht. Endlich erhob sich der junge Mann und schoß nach dem Vogel. 
Obwohl er immer alles traf, was er nur haben wollte, verfehlte er 
ihn doch 3 . Erst als er zum zehnten Male schoß, traf er den Vogel, 
der sich sogleich wieder in Exkremente verwandelte: »Da schämte 
sich der junge Mann sehr und beschloß fortzugehen« 4 . Coyote ver- 
wandelt in einer Sage derThompson-River-Indianer seine Exkremente 
in einen magischen Hund, aber am Morgen sind sie wieder, was 
sie waren 5 . Mink, der Sonnenheros der Kwakiutl, verwandelt seine 
Exkremente in einen Mann, der den Leuten gegenüber aussagen 
soll, er sei der Sklave von Mink. Er antwortet aber der Wahrheit 
entsprechend G . In einer Sage der Lillooet beschließen die Leute, 
einen Dieb, der alles Essen stiehlt, zu verlassen. Sie führen ihn daher irre, 



« W. Jochelson: The Koryak. Religion and Myths. 1905. J. N. P. E. 
Vol. VI. 316, 317. 

s Ober Vögel als Symbole der Libido vgl. Jung: Wandlungen und Symbole 
der Libido. 1912. 238, 239. 

3 Hier verwandeln sich die redenden Exkremente in einen schwer zu treffenden 
Vogel, was auf eine psychische Identität beider hinweist In einem Bantuinärdicn 
heißt der Held Sikulume >for he had never been able to «peak tili he 
caught the bird. Then he began to tallc at onee«. Theal: The . Vcllow and 
Dark Skinned People of Africa South of the Zambesi. 1910. 296. Das Stummsem ist 
die Introversion, die Flucht der Libido vor der Außenwelt, oder auch eine negative hin- 
stellung, eine Ablehnung der Libido. Darum ist Sikulume stumm, bis er den tdrmr 
zu treffenden Vogel gefunden hat. <In einer anderen Erzählung, ebenda ZW- JUL 
entpuppt sich der Wundervogel als eine Häuptlingstochter) und darum können sich 
die nicht stummen, redenden Exkremente in einen Vogel verwandeln. Über btummhcit 
als Selbstbestrafung der Onaniesünden vergleiche das Märchen vom Mar.enk.nd. 
Grimm: Nr. 3. Stucken: Astralmythen. 537. Zum Vogel als Libidosymbol ver- 
gleiche oben den Seelenvogel als Inkarnation der Hauchseele und die Marchcntypen 
Nr. 432, 550, 551 bei Aar ne: Verzeichnis der Märchentypen. F. F. Communications 
Nr. 3. 1910 und über Sprechen und Oralerotik vergleiche oben zur Entstehung des 
Zauberspruches. So erhalten oft die wunderlich anmutenden Gleichungen von btudeen 
durch die Psychoanalyse einen guten Sinn,- wie z. B. S. 556 >den Vogel schauen «* 
Redenkönnen des bis dahin Stummen«. Allerdings ist der Zusammenhang nicht 
historisch, sondern psychologisch zu verstehen. 

4 F. Boas: Indianische Sagen von der Nordpazifischen Küste Amerikas. 38. 
Zur Vogelverwandlung der Exkremente vergleiche Teit: Traditions of the Lillooet 
Indians of British Columbia Journal of American Folklore. 1912. 308. 

s J. Teit: Traditions of the Thompson River Indians bf British Columbia. 
1898. 31. 

.* F. Boas: Indianische Sagen von der Noidpazihschen Küsie. 159. Das-, 
selbe vom Skunk erzählt Teit: Thompson River. 1898. öO, 113. 



Das Selbst 163 



indem sie ihre Exkremente statt ihrer antworten lassen 1 . In einer 
Sage der Pequot=Moheqan verleiht eine Frau den Puppen, die sie 
in ihrer Wohnung zurückläßt, durch Bestreichung mit Exkrementen 
vorübergehend Leben 3 . Diese vorübergehenden Personifikationen, 
diese »Augenblid<sgötter« deuten, wie es scheint, einen Weg an, 
auf welchem nur Ansätze einer Entwicklung vorliegen, nämlich den 
Weg, der von der Libidobesetzung der Ausscheidungen dahin führt, 
die ganze Persönlichkeit in diese zu projizieren und dadurdi zu einer 
Art Verdopplung zu gelangen 3 . In den bisher behandelten nord- R**»« 1 " 
amerikanischen Mythen sowie in den noch heranzuziehenden euro- pei 
päischen Märchen erscheint uns diese Libidobesetzung nur als eine 
momentane Regression auf überwundene Entwiddungsstufen,- die 
Libido wird von der erogenen Zone wieder zurüdtgezogen, der 
Speichel trocknet ein und redet nicht mehr. In einer hessischen 
Fassung zu Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 56, sind 
Hansel und Gretel auf der Flucht vor der menschenfressenden Hexe. 
Gretel aber speit, bevor sie fliehen, auf den Herd. Wie nun die 
Hexe ruft: »Ist das Wasser bald heiß?« antwortet die Speie: »Jetzt 
hol idis«. Beim letzten Ruf aber war die Speie schon vertrocknet, 
die Hexe erhält keine Antwort und läuft jetzt den Entflohenen 
nach*. Ebenso in einer sizilianischen Variante. Die Hexe sagt: 
»Schöne Nzentola, so komm doch und leg dich schlafen.« Der 
Speichel war vertrocknet und antwortete nicht mehr-'. In einem 
schottischen Märchen sagt der Riese: »Rise daughter and bring me a 
drink of the blood of the kings son« und der Speichel antwortet 
vor seinem Bette: »I will arise« usw". In einem baskischen 
Märdien sagt das fliehende Mädchen ihrem Speichel: »Spittle with 
thy power, you shall speak in my place« 7 . In den ungarischen 
Varianten spuckt das Mädchen dreimal auf Anraten der Katze und 
so erhält die Hexe dreimal Antwort 8 . Die Häuptlingstochter der . 
Zulu, Untombinde, empfängt den nächtlichen Besuch eines unsichtbar 
bleibenden Mannes. Beim dritten Besuch erlaubt er ihr, Feuer anzu= 






■ 






• 

1 Tcit: loc. cit. Journal of American Folklore. 1912. 297. 

1 Journal of American Folklore. Vol. XVI. Heft 61. In einem Mythos der 
Tschuktschen entsteht sogar die Erde aus den wachsenden Exkrementen des Raben. 
W. Bogoras: Chukchee Mythology. J. N. P. E. Mem. Am. Mus. Nat. Hist. 
Vol. VHfc 1910. 152 Ein Neurotiker träumt, aus seinem Anus das Weltall heraus- 
pressen zu müssen. K. Abraham: Zur narzißtischen Bewertung der Exkretions- 
vorgänge. Zeitschrift. VI. 1920. 66. 

3 Vgl. Staudenmeier: Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft. 
1912. 116 über die Beziehungen seines »Bocksfußgeistes« zum Dickdarm. 

* Bolte und Polivka: Anmerkungen zu den Kinder» und Hausmärchen. 
I. 1913. 499. 

5 L. Gonzenbach: Sizilianisthe Märchen. 1870. I. 89. 

* J. F. Campbell: Populär Tales of the West Highlands. 1890. I. 56. 
' W. Webster: Basque Legends. 1877. 125. 

* Kalmäny: Ipolyi Nepmesegyüjtemenye. 283, 284. (Magyar Nepk. Gy. 
ss Sammlung ungarischer Volksdichtungen.) Vgl. ebenda 165. Berze-Nagy: 
Niipmesek. 154. 

11» 



164 



Dr. Geza Roheim 






machen, um ihn zu sehen. Aber vorher verlangt er Schnupftabak 
aus der Hand. Er schnupft daran, spuckt und sein eigener Speichel 
begrüßt ihn mit den Worten: »Hail king! Thou black one! Thou who 
are as big as the mountains.« Er ist nämlich der verloren gegangene 
Königssohn, der Bruder der Utombinde'. Der Speichel läßt also in 
echt autoerotisdher Weise die Gedanken seines Herrn laut werden 
und proklamiert diesen als erbberechtigt. Aber es ist kein gewöhn» 
licher Speichel, er spuckt ihn ja, nachdem er Schnupftabak von den 
Händen des Mädchens geschnupft hatte,- und die Worte des Speichels, 
mit denen sich nicht nur der Prinz, sondern auch der Bruder zu 
erkennen gibt, enthalten seine Antwort auf diese Form des Liebes* 
zaubers 2 . In den europäischen Varianten ist es stets des Mädchens 
Speichel, aber die Gelegenheit zum Spucken ist die Flucht "mit dem 
Blutstropfen. Bräutigam. Statt des Speichels antworten drei Blutstropfen im 
»Liebsten Roland« 3 , drei Blutstropfen vom kleinen Finger des 
Prinzen in einer norwegischen 4 , drei Lappen mit dem Blute des 
kleinen Fingers bestrichen in einer schwedischen •', das Haar in 
einem südafrikanischen Märchen". Wir sehen also, daß die voll- 
kommene Parallele, die wir zwischen den verschiedenen libido- 
besetzten Körperteilen und Ausscheidungen (Exkremente, Urin, 
Blut, Speichel, Haarreste) in der Behandlung der passiv- und aktiv- 
magischen Bräuche vorgefunden haben, hier ebenfalls zu Recht besteht. 
Andere Körper- Ja es läßt sich — wenigstens in bezug auf unser Märchenmotiv — viel* 
vmretcr a dcrE!l* leicht auch die Vermutung aufstellen, daß in dieser »symbolischen 
krememe. Gleichung« <Stekel> die einzelnen Glieder nicht gleichwertig sind, sondern 
daß die anderen Ausscheidungen schon Symbole, die Exkremente aber 
(und der Urin) das eigentliche Verdrängte sind. Der Aufbau unseres 
Märchentypus zeigt uns nämlich deutlich, daß es sich um einen Weck- 
traum <im latenten Traumgedanken sind Inzestflucht und Inzestwunsch, 
Koitus und Geburt enthalten) handelt 7 . Der Weckreiz kann ein 
urethraler oder analer sein und daher dürfte wohl das »retardierende« 
Motiv der redenden Ausscheidungen sich ursprünglich auf die Ex- 



1 H. Callaway: Nursery Tales, Traditions and Histories of the Zulus. 
1866. 64. <Amor und Psyche als Inzestmärchen.) 

* Vgl. oben <lmago. VII. 16) über Liebeszigarren und Betelkauen als 
Liebeszauber. 

8 Grimm: Kinder" und Hausmärchen. Nr. 56. Vollständige Ausgabe. 
Hesses Verlag. S. 284. 

* Dasent: Populär Tales from the Norse. 1903. 79. P. C. Asbjörnsen 
og J. Moc: Norske Folkeaeventyr. 1844. 76. 

5 R. Köhler: Kleinere Schriften zur Märchenforsdumg. 1898. I. 168. 
Cavallius und Stephens: Schwedische Volkssagcn. 255. 

6 G. M. Theal: Kafir Folk Lore. N. D. 81 ex Macculloch: The 
Childhood of Fiction. 1905. 172, 193. Vgl. noch Boltc: Anmerkungen. II. 52/. 
E. S. Hartland: The Legend of Perseus. IL 60. 62, 74, 261 usw. 

' Über die magische Flucht mit Verwandlung der Fliehenden, vergleiche 
Röheim: Adalekok a magyar nephithez. 1920. 256, 257, über Verwandlung der 
bei der Flucht rücklings geworfenen Gegenstände. Rank: Psychoanalytische Bei* 
träge zur Mythenforschung. 1919. 144. 



Das Seifast 165 



kremente beziehen. Dazu kommt noch die ethnologisch feststellbare 
Tatsache, daß wir eben bei den Primitiven tatsächlich die Exkremente 
an dieser Stelle finden, während im europäischen Märchen die Kultur« 
Verdrängung schon weniger anstößige Formen erscheinen läßt 1 . 
Ähnlich verhält es sich mit einer anderen Märchenfigur. In einem 
isländischen Märchen weinen die Kinder goldene Tränen, bei 
Asbjörnsen wird dem Aschenbrödel die Eigenschaft verliehen, daß 
beim Strählen Gold aus den Haaren, beim Sprechen Gold aus dem 
Munde fällt 2 . In einem Szeklermärchen aus Siebenbürgen fallen dem 
Mädchen beim Kämmen immer zwei schöne Blumen aus dem Haar 3 , 
in einer anderen Variante blühen ihr, wenn sie lacht, zwei schöne 
Rosen auf den Wangen 4 . In einem Zigeunermärchen heißt es, 
»wenn die Maid sich kämmte, fiel Gold aus ihren Haaren, wenn 
sie lachte, so lachte sie Perlen, wenn sie weinte, so strömte Wein 
aus ihren Augen,- wenn sie wollte, so wuchsen unter ihren Füßen 
Blumen und Gräser aus dem Boden hervor 5 . In einem dänischen 
Märchen speit das Mädchen Goldtaler . Im Pentamerone kommen 
dem Mädchen Rosen und Jasmin aus dem Munde, wenn sie atmet, 
wenn sie sich kämmt, fallen ihr Perlen und Granaten vom Kopfe 
und wenn sie den Fuß auf die Erde setzt, sprießen Lilien und 
Veilchen hervor 7 . In einem Gascogner Märchen heißt es von der 
Heldin: »Quand eile se peignait, le ble tombait de ses cheveux 
par boisseaux. Quand eile se lavait les mains, les doubles louisd'or 
et les quadruples d'Espagne tombaient de ses doigts par douzaines« 8 . 
Die typische Form des Motivs findet sich z. B. bei Hahn in der 
griechischen Variante »Von dem Mädchen, das Rosen lacht und 
Perlen weint« 1 '. Wenn wir dem unbewußten Sinn dieses Motivs 



1 Im Volksbrauch entspricht etwa das bekannte >grumus merdae« den 
redenden Exkrementen des Märchens. Dieser schützt die Diebe vor Entdeckung 
solange er noch warm ist, heißt »Hirte« oder ähnlich (vorübergehende Personi- 
fikation) und seine eigentliche Bedeutung ist die einer Zahlung, eines Ersatzes für 
das Gestohlene. Freud: Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 1918. 
IV. 669. A. Hellwig: Die Bedeutung des Grumus merdae. Archiv für Kriminal- 
anthropologie und Kriminalistik. Bd. XXIII. A. Hellwig: Einiges über den 
grumus merdae der Einbrecher. Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Straf- 
reditsreform. I. A. Hellwig: Weiteres über den grumus merdae. Ebenda. II. 
Bourke-Krauss-Ihm: Der Unrat. Anthropophyteia. Beiwerke. 1913, sowie 
in den verschiedenen Bänden der Antropophyteia. Wlislocki: Volksglauben und 
religiöser Brauch der Zigeuner. 1891. 50. 

2 A. Rittershaus: Die neuisländischen Volksmärchen. 1902. 72. (Asbjörnsen 
og Moa: Nr. 55.) 

3 A. Horger: Hetfalusi csängö nepmesek. 1908. <M. N. Gy. X.) 222, 233. 
* H. v. Wlislocki: Volksdichtungen der siebenbürgisdien und südungari» 

sehen Zigeuner. 1890. 314. 

5 H. v. Wlislocki: loa cit. 

Kristensen: I. 15 nach Solymossy: »Märchenheldin, die Perlen weint 
und Rosen lacht«. <Ung.) Ethnographia. 1917. 228. (Siehe eine vollständige Zu- 
sammenstellung des Motivs — abgesehen von den Primitiven — ebendort.) 

7 Basile: IV. Tag. 7. Märchen. Liebrecht^FIoerke: II. 122. 

8 J. F. Bladc: Contes populaires de la Gascogne. 1886. I. 227. 

9 J. G; v. Hahn: Griechische und albanesische Märchen. 1864. I. 194. 



166 Dr. Gera Röheim 



nachspüren, so können wir von einer ungarischen Variante aus- 
gehen, wo das Mädchen goldene Tränen weint und sich in ihren 
Haaren goldene Insekten finden 1 . Das Gold und die Edelsteine sind 
also Läuse, die ja auch bei dem häßlichen Widerpart der Heldin 
häufig vorkommen, <Vgl. oben Bastle.) Läuse sind aber bekannte 
Symbole der Exkremente und wir erinnern daran, daß auch in 
anderen Märchen mit zwei (abgespaltenen) weiblichen Hauptfiguren, 
die erste oft ein Goldgeschenk, die zweite etwas Schwarzes (Typus 
Goldmarie und Pechmarie) kriegt,- — so stellt das Märchen die sub= 
limierten und weniger sublimierten Formen der Analerotik neben* 
einander. Auch finden wir ja in der Gascogner Fassung, daß das 
Gold beim Händewaschen, also aus Schmutz entsteht, ebenfalls, daß 
es durch Getreide, also eine Nahrung, ersetzbar ist. Neuestens hat 
Jones, der auch unser Märchen berücksichtigt ", wieder auf die 
Zusammenhänge zwischen Kot, Blumen, Fruditbarkeit und Gold 
(Edelsteine) hingewiesen, die sich in unserem Märchentypus so 
deutlich zeigen. Wenn wir noch die Begriffe Kind und Penis in die 
unbewußte GJeichungsreihe einschalten, so zeigt sich auch, warum 
dem häßlichen Widerpart des Mädchens gerade Schlangen (Penis) 
und Kröten (Gebärmutter, Kinder) aus dem Munde fallen. In un* 
sublimierter Form findet sich das Motiv im nordostasiatisch- 
nordwestamerikanischen Kulturkreis. Ein koryakischer Märchenheld 
tötet den Dämon, dessen Tochter Perlen und Kupferringe defäziert 3 . 
In indianischen Varianten ist es eine Frau oder der Sohn des 
Kulturheroen, der Kupfer scheißt 1 , im mongolischen Märchen erbricht 
und defäziert der Held Gold oder das Mädchen bläst es aus ihrer 
Nase hervor 5 . Dasselbe Gesetz der allmählichen Sublimierung ist 
also auch hier am Werk,- andere Ausscheidungen, wie Nasen- 
schleim, Speichel, ausgekämmte Haare, Atem, Tränen, dann von 
hier aus weitergehend auch Immaterielles, wie Reden und Lachen, 
treten an die Stelle des ursprünglich Exkrementellen. Daß hiebei 
in der spezifischen Form des Weinens und Lachens die Lust- 
Unlustdefermination der entstandenen Schätze hervorgekehrt wird, 
sei nur nebenbei erwähnt, 
f Gra^bw^de Diese Gleichstellung der Exkremente und Ausscheidungen 

mythlsAOT Dou- bewährt sich auch, wenn wir einen Blick auf die Mythcngestalten 
Wettebiidung. we rfen, die ebenfalls aus den libidobesetzten Körperteilen und 
Ausscheidungen entstehen, die aber nicht vorübergehende, sondern 
bleibende Doublettierungen der Gestalten bilden, von denen sie 
herstammen. Solche aus Exkrementen entstandene (momentane) 



1 Arany Läszlö: Magyar Nepmesek. Nr. 21. 

* E. Jones: Über analerotisdhe Charakterzüge. Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse. V. 81. 

3 W. Jochelson: The Koryak. I. N. P. E. VI. Religion and Mytlw. 
1905. 324. 

4 Boas: Indianische Sagen. 173, 226. 

5 Jochelson: loa cit. 367 nach Potanin. II. 164. Khudjakoff. 88. 



Das Selbst 167 



Doppelgänger haben wir ja schon oben besprochen und die dies- 
bezüglichen Daten können ja auch als »völkerpsychologische Parallelen 
zu den infantilen Sexualtheorien« 1 gelten: anderseits sind diese in- 
fantilen Sexualtheorien gekürzte Wiederholungen phylogenetisch- 
psychischer Entwicklungsprozesse,- im Laufe der Entwicklung werden 
aus den libidobesetzten Körperteilen Verdopplungen der Persön- 
lichkeit, d. h. Seelen oder Kinder 2 . Nachttopt, Urin und die Ex- 
kremente des Fuchses zählen bei den Tschuktschen zu den Hilfs- 
geistern der Schamanen. In einem Falle rief ein alter Schamane seinen 
eigenen Penis als Hilfsgeist an :! . Der Sohnesgott der Narrinyerri, 
Wyungare, entsteht, indem seine Mutter Ningarope »lutum amoene 
erubescens« hervorbringt und daraus eine menschliche Figur formt, die 
von ihrer Berührung sogleich zum Leben erwacht und lacht 4 . In Nord- 
amerika haben wir das Motiv vom »Blood-Clot-boy« : »The hero 
originates from blood, spittle, mucus, a bead etc.« 5 . So entsteht ein 
Märchenheld derBlackfeet aus einem Blutstropfen und heißt Kut-6=yis 
<Clot of Blood) ö . Ein Alter wird von seinem Schwiegersohn miß- 
handelt. Sie töten Büffel zusammen und der Schwiegersohn stößt 
ihn in die Blutlachen. Wie er hinfällt, küßt er ein Stück geronnenes 
Büffelblut und daraus entsteht ihm ein Sohn als Rächer, nämlich 
Blood-Clot-Boy 7 . Am Frazer River entstehen einer Frau Töchter 
aus dem Rogen des Lachses 8 , bei den Catlotq entsteht ein Kind 
aus Tränen und Nasensekret", bei den Nutka aus Nasenschleim 10 
und bei den Kwakintl aus den gekratzten Geschwüren der Häuptlings- 
tochter 11 . In einer Tlatlasikoala-Sage entsteht dieses »Geschwür« 
genannte Kind aus einem Geschwür am rechten Oberschenkel 12 , bei 
den Awikyenoq aus dem in einer Muschelschale gesammelten Vagina- 
sekret 13 und in Südamerika schafft sich Tiri einen Sohn aus seinem 



I Vgl. Rank: Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung. 1919. 98. 
s Vgl. oben den Polong: er ist Seele und Kind der Person, deren Blut er 

saugt. Ober Seelen als Kinder vergleiche Röheim: Spiegelzauber. 1919. 106 und 

Weitef 3 U w n 'Bogoras: The Chukchee. Jesup N. P. E. VII. II. Religion. 1907. 300. 

* Brough-Smyth: The Aborigines of Victoria. 1878. I. 425. Vgl. das 
Mädchen, welches »Rosen lacht<. - .... , . £ 

- R. H. Lowie: Catch Words for Mythological Motives. Journal of 
American Folklore. 1908. 26. 

* G rinn eil: Blackfoot Loge Tales. 1891. 31. 

' St R Riggs: Dakota Grammar, Texts and Ethnography. <Contnbutions 
to North American Ethnology. IX.) 1893. 102. Als der Alte dem Blood-Clot--Boy 
seine Leiden erzählt, sagt dieser: »Dies alles habe ich gewußt und darum bin 
ich gewachsen.« Also eine Wunschabspaltung seines Vaters. 

8 F. Boas: Indische Sagen. 28. 

Boas: Ebenda 84. 

10 Boas: Ebenda 116. . 

II Boas: Ebenda 160. Als der ganze Mensch aus den Geschwüren an 
ihrer Brust herausgekommen ist, fühlt sie sich erleichtert und wieder gesund. Eine 
nach oben verschobene Darstellung der Schwangerschaft. 

> 3 Boas: loc. cit. 189. 

» 3 Boas: loc. cit. 211. Vgl. ebenda 358. 



168 Dr. Geza Röheim 



abgerissenen Fußnagel 1 . (Kastration.) In der japanischen Sage spuckt 
Izanagi und der Gott, der daraus entsteht, heißt »Schnell-Edelstein* 
Mann« oder nach einer anderen Fassung »Schnell-Erbrechen-Mann«,- 
er reinigt sich und daraus wird »der bei der Ehescheidung in der 
Der Däumling. Unterwelt entstandene Mann« 8 . Aber auch unser alter Bekannter, 
der Däumling, gehört in diese Gruppe. In einem großrussischen 
Märchen entsteht der Däumling aus einem beim Krautschneiden 
oder Holzhacken abgehackten Finger 3 . In einer tschuwaschischen 
Variante schneidet sich eine junge Frau beim Holzhacken einen 
Finger ab: sie umwindet die Wunde mit einem weißen Tuch und 
es wird daraus ein Kind 1 . In der mordwinisdien Variante entsteht 
er aus dem abgeschnittenen Daumen einer alten Frau 6 , in der kal- 
mückischen aus einem ausgerissenen Ziegenschwanz" — d. h. er ist 
ein abgeschnittener und als Kind weiterlebender Phallos 7 . Schon die 
Tatsache, daß er — wie die Kinder überhaupt — in den französi» 
sehen Varianten »sous une feuille de chous« gefunden wird, beweist 
zur Genüge, daß wir seine Entstehung und Schicksale im Sinne 
der infantiUunbewußten Auffassung der Geburt' zu deuten haben". 
Die Art, wie er entsteht, ist eine infantiU-symbolische Darstellung 
des Koitus, in einer oberschlesischen Fassung entsteht er beim 
Ackern, in einer wolhynischen beim Stampfen 11 , in einer tsdiechi- 
sehen und mecklenburgischen beim Buttern 10 . Das Kind, welches 
nicht größer als ein Daumen ist, ist eben der Phallos und wenn es 
im Ohre des Pferdes sitzt, wenn sein Vater ackert, so ist das eben 

1 P. Ehrenreich: Mythen und Legenden der Südamcrikanisdien Urvölkcr. 
1905. 46. 

s K. Florenz: Japanisdie Mythologie. 1901,67. Vgl. das Perlen spulen oben. 

: ' Bolte: Anmerkungen. I. 393 aus Afanasjev: I. 225. Nr. 168. (Das 
Material bei Bolte zusammengestellt.) 

' Meszäros: Csuvas nepköltesi gyüjtemeny. 11. 1912. 412. (Weiteres 
Material habe ich ebendort in den Anmerkungen zusammengestellt. S. 528.) 

5 H. Paasonen: Proben der mordwinischen Volksliteratur. 2. Heft. Journal 
de la Soc. F. Qu. 1894. XII. 103. 

6 G. I. Ramstedt: Kalmückische Märchen. Mcm. Soc. F. Qu. 1909. 
XVII. 1. 70. 

7 Die phallische Bedeutung des Däumlings erkennt Silbercr, der auf seine 
Rolle beim Pflügen hinweist. Silberer: Das Zerstüddungsmotiv. Image III. 519. 
Laut einer Eskimosage erstand der erste Mensch aus der Erde und aus seinem 
Daumen das Weib. D. Cranz: Historie von Grönland. 1770. III. 261. Aus den 
abgeschnittenen Fingern werden im Sednamythos die Seetiere. Boas: Die religiösen 
Vorstellungen der zentralen Eskimo. Petermanns Mitteilungen. 1887. 302. 

8 Vgl. Bolte: loc. cit. I. 391. Zum Ursprung der Kinder vergleiche 
O. Schell: Woher kommen die Kinder? Am Urquell. 1893. 224 u. F, Kohlkraut 
als Hochzeitsspeise: Sebillot: Le Folklore de Trance. III. 1906. 515, 516. In 
Maine et Loire versucht jeder der Gäste am Tage nach der Hochzeitsnacht ein 
Haupt Kohl aus der Erde zu reißen, dies gelingt jedoch nur dem jungen Gatten. 
In Berry wird Kohlkraut, als Symbol der Fruchtbarkeit, am zweiten Tag der Ehe 
gepflanzt. Sebillot: Ebenda 516. 

• a Vgl. Bolte: loc. cit. I. 393. Über Mehlstampfcn vergleiche Eitrem: 

Voropfer der Griedien und Römer. 1915. 56, 305, 319, 331. 

10 Bolte: loc. cit. I. 392. Bartsch: Sagen, Märdien und Gebräudtc aus 
Mecklenburg. II. 1880. 478. 






— 



Das Selbst • 169 



eine »Spermatozoenphantasie«, als Samenfaden ist das Kind schon 
zugegen, wie der Vater mit seinem Pferde (Penis) die Mutter »ackert« '. 
Durch den kleinsten Ritz, schlüpft das Samenmännlein hinein, daher die 
Rolle, die es beim Stehlen spielt, seine Existenz in der Wurst <Penis> usw. 
Seine verschiedenen Verschlingungen erzählen immer wieder dieselbe 
Geschichte, wie der Penis in die Frau eindringt, um als Kind wieder* 
geboren zu werden und die Tiere <Kuh, Fuchs) als Verschlinger sind 
eben Doubletten der Mutter. Die Beziehungen zwischen Phallos, Kind 
und Seele werden uns ja noch beschäftigen,- die magisch=erotische Be= 
deutung des Daumens haben wir schon besprochen. Wenn wir näher 
zusehen, so merken wir bald, daß im Däumling auch das Exkrementelle 
vertreten ist, daher wird er für Gold verkauft und daher hilft er den 
Räubern beim Stehlen der Schätze. <Über den grumus merdae vergleiche 
oben.) In einer rumänischen Variante findet der Bojar, der seiner Frau 
das kleine Teufelchen als Geschenk nach Hause gebracht hat, statt 
dessen — Dreck in der Tasche -. In einer indischen Variante wird der 
Däumling in Büffelkot vergraben 8 , in der kalmückischen Variante ent= 
steht er dadurch, daß der Mann mit einem Riesenfurz das Zelt umstürzt 
und die Frau den fliehenden Ziegen nachläuft 1 und" in einer polnf= 
sehen, russischen und gagausischen Variante heißt es direkt, daß er aus 
den Bauch winden seiner Eltern entstanden ist 5 . Wenn wir bei Grimm 45 
lesen, daß ihn der Dampf der Speise zum Schornstein hinaustreibt, so 
werden wir nach dem Vorausgegangenen den Schornstein unschwer 
durch die anale Körperöffnung ersetzen können. Daß wir uns aber 
hier wieder auf »amnestischem Boden« befinden, wird ja schon durch 
die Wiedergeburtsepisoden angedeutet,- ebenso durch seine Tätigkeit 
als unsichtbarer Hilfsgeist", durch seinen Namen (»Spiritus«) 7 und 
dadurch, daß er aus einem »Seelentier« <Maus> entsteht 8 oder aus 
der Rückseite des Spiegels herausspringt 9 . 

Von unseren Exkursen kehren wir nun hoffentlich nicht ohne 
Gewinn zum Hauptthema zurück. 

Wir sehen, daß die Lustempfindlichkeit der Körperteile, die E«*bm 
am Anfang der Entwicklung sich ihnen als magische Kraft oder ir p 
Wirksamkeit kundgibt, sich langsam loszulösen beginnt und als ein 
»Etwas«, »Essenz«, »Seelenstoff«, »Organ« oder »Körperseele« 



• Vgl. Grimm: Nr. 37. Zugleich bedeutet aber auch »Ohr« die Vagina- 
Vgl. auch die Ausführungen von Jones (Theorie der Symbolik) über den »Punch« 
des englischen Puppenspieles. -.-'.- e v. 

• L. A. St auf e: Romanische Märchen aus der Bukowina. Zeitschrift für 
deutsche Mythologie. I. 1853. 49. 

s Bompas: 189. 
1 Ramstedt: 70. 
• * Bolte: loc. cit. 393-395. 

• I. F. Blade: Contes populaires de la Gascogne. III. 78. 

• Bolte: loc. cit. 392. 

8 Siehe Staufe: oben. Vgl. Grohmann: Apollo Smintheus und die Be= 
deutung der Mäuse in der Mytliologie. 1862. 

9 Kähnäny: Ipolyi Mesegyi'ijtemenye. <M. N. Gy. XIII.) 467. 



170 Dr. Geza Röheim 



neben dem Stoff, aber doch noch an ihn gebunden, eine Sonder- 
existenz führt. Man beginnt das Wesen eines Gegenstandes von 
seiner sichtbaren Form zu untersdieiden. Dieses Wesen oder diese 
Essenz der Dinge ist aber nicht das objektiv Wesentliche an ihnen, 
sondern im Gegenteil ihre endopsychtsdie, subjektive Bedeutung, ihr 
Lustwert. Das Opfer ist nicht an sich als Nahrungsmittel <im Sinne 
des Realitätsprinzips) bedeutsam, sondern eben dadurch, daß es den 
Göttern und Geistern, also den eigenen ejizierten Komplexen ge- 
opfert wird <im Sinne des Lustprinzips). Die Eßlust wird sublimiert, 
in eine »höhere« »symbolische« Sphäre projiziert. Bei den Bahau 
in Borneo erhalten die Geister nur kleine Teile. Sie begnügen sich 
nämlich mit dem geistigen Teil, der in dem Opfer stedu, das nach 
Auffassung der Bahau auch beseelt ist und überlassen den körper- 
lichen dem Genuß des Menschen \ Die See=Dayak glauben, daß die 
Totenopfer zwar am Grab liegen bleiben, der Geist der geopferten 
Gegenstände jedoch den Seelen in der Unterwelt dient-. Über die 
Indianer in Minnesota erfahren wir, daß, während sie den sichtbaren 
Teil des Totenopfers verzehren, die Geister den Geist der Nahrung 
bekommen 3 . Bei den Tami auf Neu-Guinea besteht die Verehrung 
des Weltschöpfers Anuto darin, daß man ihm bei Festmahlzeiten 
die erste Portion darbringt. Man legt eine Kleinigkeit der Speise in 
ein Körbchen, indem man dabei ausruft: »Das ist Anutos Teil.« 
Da die höheren Wesen nur das Bild <Seele> des Opfers zu sich 
nehmen, so fällt die Materie den Menschen zu, die es verzehren*. 
Auch bei den Kai nimmt der Geist nur den Seelenstoff der dar- 
gebrachten Speisen zu sich,- und so können die Leute am Morgen 
die »seelenlosen« Speisen noch mit gutem Appetit genießen. An den 
»Geisterplätzen« läuft »Geisterwild« herum. Solches Wild muß man, 
nachdem es erlegt wurde, eine Nacht liegen lassen und auf dem Leib 
die Gaben ausbreiten, die dem geschädigten Geist geopfert werden. 
Hat nun der Geist den Seelenstoff der Wertsachen zu sich genommen, 
so kann das Wild verzehrt werden. »Nimm die Gaben und lasse das, 
was ein Wild geworden ist, damit wir es essen können«' 1 . Die Maori 
glauben, daß die Feen nur die Seelen oder Abbilder der geopferten 
Schmuckgegenstände wegnehmen'", die Geister der Toten nur die 
Seele der Kumara- und Taropflanzen 7 . In Fiji bekommen die Götter 
von dem großen Speiscopfer nur die Seele 8 . So verzehrt in Poly- 

1 Nieuwenhuis: Quer durch Bomco. 1904. 1. 116. 

: Edwin H. Gomes: Seventeen years among the Sea Dayaks of Borneo. 
1911. 138. 

3 H. C. Varrow: A Further Contrihution to the Mortuary Customs. 
Bureau of Am. Ethn. 1. Report. 1879/80. 191. 

' G. Bamler: Taml. Neuhauß: Deutsch-Neu-Guinca. III. 491. Vg» 
ebenda 514. 

5 Ch. Keysser: Aus dem Leben der Kailcutc. Ebenda 145, 151. 

6 E. Tregear: The Maoris. Journ. Antlir. Inst. XIX. 1889. 120. 
■■ R. Taylor: Te ika a Maui. 1885. 100*101, 104. 

» Th. Williams: Fiji and the Fijians. 1858. I. 231. 




Das Selbst 171 



nesien der Geist des Idols nur des Opfers geistigen Teil 1 ,- die 
Ruthenen glauben, daß die Seelen nur von seelischer Nahrung 
leben-, manchmal glaubt man, das Wesen der Speise sei der Ge= 
schmadt <also nicht Nährwert, sondern Lustmoment) wie in Zentral- 
afrika, wo die Geister die Opfertiere bloß beledten 3 . Die Zulus 
glauben, daß die Geister die Opferspeise, die man am anderen 
Tag unverändert vorfindet, bloß beledien 4 . Bei den Tschuktschen 
lebt der Geist der Renntiere vom bloßen Geruch der SpeiseA 
Die Dschagga opfern ihrem Hauptgott Ruwa eine Ziege, aber das 
Fleisch verzehren sie selbst. Ruwa erhält nur die Seele 1 '. In Süd« 
afrika werden die Geister nachts mit der Opferspeise gesättigt, der 
sie nur die Essenz der Speise entnehmen 7 . Mit anderen Worten: 
dadurch, daß die Speisen durch eine Nacht als Opfer liegen gelassen 
worden sind, werden jene Regungen des Unbewußten, die <zu ihrer 
eigenen Beruhigung, daß sie ihre Pflicht gegen die Väter erfüllen) 
eine Opferhandlung, ein Entsagen 8 verlangt haben, beruhigt, 
gesättigt und diese subjektive Beruhigung, dieser Lust» 
gewinn ist eben die Essenz der Dinge. In Mexiko glaubt 
man, daß die Seelen bei der jährlichen Totenspeisung die vor* 
bereiteten Speisen beriechen oder deren Essenz, Nährwert heraus» 
saugen". In der Tat wird die Lustbedeutung dieser Begriffe erst 
hier recht deutlich: es muß ja jedem auffallen, daß wir in den Toten- 
geistern die Verkörperung der beiden spezifisch infantilen, der Oral- 
und Analerotik entsprechenden Eigenschaften der Sauge-* und Riech- 
lust entdecken 10 . Die Eskimo an der Behringsstraße geben jährlich 

— ■ • ** ■ * 

1 H. Eliis: Polynesian Researches. 1830. II. 221, 222. 

* G. Kupcsanko: Der Ursprung des Weltalls nadi den Begriffen des 
kleinrussischen Volkes. Zeitschrift für österreichische Volkskunde. 1901. 14. 

3 Macdonald: Africana. 1880. I. 95. Vgl. Waitz: Anthropologie der 

• Callaway: Religious System of the Amazulu. 1870. 11. Kidd: The 

Essential Kafir- 1904. 90. ■ 

s W. Bogoras: The Chukchee. Religion. <Jesup North Pacthc. Exp. Vol. VII. 

« J, Raum: Die Religion der Landschaft Moschi am Kilimandjaro. Archiv 
für Religionswissenschaft, 1911. XIV. 196. ' . .. , 

'• j. Macdonald: Manners, Customs, Superstitions and Religions or South 
African fribes. Journal of the Royal Anthr. Inst- XX. 1890. 121. 

8 Eigentlich sind wohl alle Opfer auch Sühneopfer - für die im Unbe- 
wußten begangenen Sünden. 

9 E. B. Tylor: Primitive Culture. 1903. II. 40. Weiteres wird angeführt 

ebendort und II. 392. ,,,,, . lii «' j 

10 Die Geister essen bei den Mafulu »the ghostly elements« von all dem, 
was die Lebenden essen und außerdem »the ghostly elements of the excrement 
of the still living native«. Williamson: The Mafulu. 1912. 268. Die Totengeister 
beneiden die Menschen um ihr glückliches Los, weil sie selbst sich mit menschlichen 
Exkrementen, weggeworfenen, verfaulten Bananentrauben, abgenagten Knochen und 
ähnlichen Leckerbissen begnügen müssen. P. G. P.eekel: Religion und Zauberei 
auf dem" mittleren Neu-Mecklenburg. 1910.18. In Motlav leben die bösen Geister 
der Hölle von Exkrementen. R. H. Codrington: The Melanesians. 1891. 275. 
Vgl. auch Waitz-Gerland: Anthropologie der Naturvölker. 1872. VI. 328, 329. 






172 Dr. Geza Roheim 



den Schatten zu Ehren, ein großes Fest. Jede Seele inkarniert sich in 
einem Lebenden gleichen Namens und bekommt so genügend Nahrung, 
um bis zum nächsten Opferfest (ein Jahr) leben zu können. Diese Seelen- 
repräsentanten nehmen von den Speisen ein Stückchen, vom Wasser 
einen Tropfen. So erhalten die Schatten »the spiritual essence of the 
entire quantity of food and water from which the small portions are 
offered«. Am unteren yukon werden, so oft man bei Festlichkeiten 
Wasser oder Essen hereinbringt, kleine Teile an das Dach oder auf 
den Fußboden geworfen, den oberen und unteren Geistern, denn diese 
Teilchen »convey to the shades the essence or essential parts of the 
entire amount« 1 . Die Buryaten stellen die Seele dar, wie sie ängstlich 
beim Zusammensein ihrer einstigen Freunde erwartet, ob jemand beim 
Teetrinken sich ihrer erinnern wird. Sie nimmt auch eventuell eine 
Schale, aber die sichtbare Schale bleibt an ihrem Platze, die Seele hat 
bloß den Geist der Schale genommen. Kriegt sie dennoch nichts, dann 
ist sie sehr traurig 2 . Die Buryaten haben recht mit dieser Auffassung, 
denn die Seele ist wirklich da, im Unbewußten der Freunde, und sie 
bleibt unbefriedigt, wenn es ihr nicht vergönnt wird, die Schwelle des 
Bewußtseins zu passieren. Sie trägt nicht bloß die Kleider, die man ihr 
ins Grab mitgegeben hat, sondern audi den »Geist« der Kleider, die 
sie nie im Leben getragen :| . Wenn die Toten ersdicinen, halten sie 
sich satt an Speise und Getränk, aber es wird dabei nicht ein Tropfen 
weniger 4 -. Aus den Ausdrücken der verschiedensten Berichterstatter 
scheint sich also ein neuer terminus teehnicus der Völkerpsychologie 



1 E. W. Nelson: The Eskimo about Behring Strait. 1899. XVIII. Report B. 
of Ethn. 437. 

- J. Curtin: A Journey in Southern Siberia. 1909. 114. Bei den Fox- 
Indianern essen die Seelen von der Speise und nehmen aud> die Holzteller mit, 
aber Speise und Holzteller bleibt dodS unberührt und die Seele wird gesättigt. 
W. Jones: Notes on the Fox Indians. Journal of American Folklore. 191 1. 222. 

5 Curtin: loc. cit. 103. 

* Curtin: loc cit. 114. Anschließend einiges zur Frage der unerschöpf- 
lichen Speise in Mythen und Märchen. Der Kulturheros der Mandan gibt dem 
Stamme, der nahe daran war, dem Hungertod zu erliegen, vier Büflclstiere, »which 
filled the whole village leaving as much meat as there was before they had eaten,- 
saying that these 4 bulls would supply thein for ever«. G. Catlin: lllustrations 
of the Manners Customs and Condition of the North American Indians. 1876. 
I. 180. Den Kulturheroen gibt die Frau des Kannibalen Fssen in einein sehr 
kleinen Korb und riesige Löffel dazu, das Essen wird aber nicht weniger. J. Teit: 
Traditions of the Thompson River Indians. 1898. 43. Tsuntia speist die Leute aus 
seinem kleinen Topf. Ebenda 96. Ebenso madit es Glooscap bei den Algonquin. 
S. T. Rand: Legends of the Micmacs. 1894. 24. <Vgl. Boas: Indianisdie Sagen. 
1895. Motiv Nr. 142.) Man könnte vielleicht den Versuch wagen, in dem kleinen 
unerschöpflichen Kessel die Vagina zu erblidcen. »Dein Sdioß ein Bedcen wohl- 
verwahrt, nie mangle der Mischtrank.« <Das Hohelied. 7. 3.) Eine eschatologisdie 
Abwandlung des Motives ist die Vorstellung, wonach die Seelen im Jenseits 
irgend ein Tier verspeisen, welches jedoch unversehrt wieder entsteht. So wohl 
beim jüdischen Leviathan J. Schefteiowitz: Das FisdvSymbol im Judentum 
und Christentum. Archiv für Religionswissenschaft. XIV. 6, 7. Die Osseten 
haben ein schlangenartiges LIngehcuer, den »Rufonon«, der vom heiligen Elias 
angekettet ist, aber stets wächst. Wenn der Ruinion an der Kette den Himmel 






Das Selbst 173 



herauszuschälen: Essentia rerum 1 , das Wesen der Dinge, obwohl mit 
beiden verwandt, ist es doch nicht ganz Zauberkraft und nicht ganz 
Seele. Während der Begriff des Mana, der Zauberkraft, mehr an die 
Handlungen gebunden ist, haftet das Wesen der Dinge an dem Objekt. 
Es ist nebelhaft, nicht so deutlich dualistisch wie der Seelenbegriff und 
doch scheint es gerade den Ausgangspunkt des Animismus und Dualis= 
mus zu bilden, denn dieses Noch etwas, das außer der sichtbaren Form 
an den Dingen der Außenwelt unterschieden wird, ist eben der Imago, 
die endopsychische Realität. Daß es überhaupt unterschieden wird, ver= 
dankt es der endopsychischen Wahrnehmung einer inneren Spaltung. 
In der Natur gibt es zwar nicht die zwei Reiche des Stoffes 
und des Geistes, aber unser Innenleben wird von zwei funda= 
mentalen Prinzipien beherrscht: Realitätsprinzip und Lust« 
prinzip. 

Dem Realitätsprinzip wird Genüge getan, wenn der Zulu das 
Opfer verzehrt, dem Lustprinzip, wenn das Wesen der Speise zu den 
Geistern gelangt. Es sind ja schon andere, ähnlich umgrenzte Ausdrücke 
im Schwange, so z. B. der »Emanismus«, »Pneumatismus« -. Die Begriffe 



erreicht, zerhacken ihn die Himmeisgeister in Stücke und geben sie den Toten. Diese 
kochen sich eine Brühe daraus und davon werden sie wieder jung. Joannissiany- 
Chalatianz: Märchen und Sagen. (Armenische Bibliothek.) S. XIV nach Miller: 
Ossetinische Studien. Der Eber Sährimnir genügt für die ganze Menge der Seelen, 
täglich wird er gesotten und ist abends wieder heil. Gylfag. 38. Simrock: Die Edda. 
1896. 273. Diese Vorstellung ist an denBrauch in zwei verschiedenen Richtungen 
anzulehnen: erstens an den Opferbrauch, der mit dem im Text behandelten Vor- 
stellungskreis zusammenhängt: die Speise wjrd hingelegt, die Seelen werden satt und 
dennoch fehlt vom Essen nichts: dies bedarf einer Erklärung, welche in Anlehnung an 
unbewußte Vorstellungen gefunden wird. Dann findet- sich auch die von Frazer be- 
handelte Sitte, dem Gebein der Tiere eine besondere Behandlung angedeihen zu lassen, 
wodurch das Wiederauferstehen der Tiere gesichert ist. J. G. Frazer: Spirits of the 
Com. 1912. II. 256. Die Wiedergeburt geschieht im Mutterleibe, das Los der Seelen ist 
den Erfahrungen des Embryos nachgebildet. Dieser nährt sich ja von einem lebenden 
Riesentier <die Mutter), welches dennoch nicht alle wird. Die unerschöpfliche Speise 
des Tischleindeckdich-Märchens <eine naturmythologische Deutung gibt L. Schroeder: 
Die Wurzeln der Sage vom heiligen Gral. 1910. Sitzungsber- der kais. Akademie der 
Wissenschaften in Wien. Phil.=histor. Kl. Bd. 166. 2. Abh. 68, woselbst auch weiteres 
über unerschöpfliche Speise und Wunschkessel) geht teilweise ebenfalls auf die Ein- 
drücke des Intrauterinlebens zurück: es stammt ja von einem kleinen Mann her, 
der in einer Nußschale wohnt. <Bolte=Polivka: Anmerkungen zu den Kinder» 
und Hausmärchen. 1. 349.) In der wotjakischen Variante befinden sich die Speisen in 
einem Ei, in der georgischen Fassung die prügelnden Männer in einem Kürbis. 
(Ebenda I. 358.) Anderseits ist aber hier die Speise auch analerotisch determiniert, 
das Tischleindeckdich ist ja eine Doublette des Goldesels und diese Zaubergaben 
stammen ja in vielen Varianten <siehe Aufzählung bei Bolte) vom Winde (= Flatus). 
Es würde sich lohnen, deri Wunschgegenständen des Märchens eine eigene psycho- 
analytische Arbeit zu widmen. 

1 Den Ausdruck habe ich zum erstenmal in der Arbeit »A varäzserö fogal= 
manak eredete«. (Ursprung des Begriffes der Zauberkraft.) 1914 geprägt: allerdings 
mit einer meiner gegenwärtigen Auffassung nicht ganz entsprechenden psychologi- 
schen Begründung. Siehe auch dort einen Teil der Quellen und des Materiales über 
Essenz der Speise. 

- H. Werner: Die Ursprünge der Metapher. (Arbeiten zur Entwicklungs- 
psychologie. 3.) 1919. 38. 



174 Dr. Geza Röheim 



»Körperseele«, »Seelenstoff«, »Seelenkräfte« - sagt Karutr — 
sind mehr verwirrend als erklärend 1 , aber ich kann wirklich nicht 
einsehen, inwiefern wir mit rationalistischen und äußerst dehnbaren 
Emanationstheorien psychologisch weiterkommen. »Seelenstoff« wäre 
noch am ehesten brauchbar, aber nicht im Sinne eines beseelten 
Stoffes, sondern eines Stoffes, aus dem der Begriff der Seele ent- 
steht. Daß man aber überall, wo Körperteile und Ausscheidungen 
eine passiv- oder aktiv^magisrhe Rolle spielen, von Seelenstoff reden 
soll, ist unberechtigt. Uns wäre am ehesten durch einen Ausdruck 
aus dem Wortschatz eines primitiven Volkes gedient, welches die 
Vorstellung in ausgeprägter Weise besitzt/ allerdings läuft man 
damit Gefahr, zu sehr nach der Seite des eigentlichen Animismus 
abzurücken: denn eine jede Ausprägung des noch unklaren Begriffes 
muß sich, der Natur der Sache gemäß, in animistischen Bahnen ent- 
wickeln. 
Tondi. Ein solcher Ausdruck ist das tondi oder tendi/ der uns aller- 

dings die verschiedensten Entwicklungsstufen von den erogenen 
Körperzonen bis zu der freischwebenden Seele vereint zeigt. Der 
tondi <bei den Toba=batak) oder tendi <bei den Karo-batak) ent- 
spricht dem Begriff des Seelenstoffes: es wird deutlich von der Seele 
als Geist, Gespenst <begu> unterschieden". Dieser Tendi ist eine 
stofflich gedachte Lebenskraft, welche alle Teile des Körpers bewohnt 
und welche nach dem Tode in andere Wesen übergeht 3 . Der tondi, 
der in den einzelnen Teilen des Körpers wohnt, ist die Ursache, 
daß der einzelne Körperteil selbständig fühlt <Organseele>. Je mehr 
ein Glied vom tondi hat, um so wertvoller ist es, um so sorgsamer 
muß es bewahrt werden. Am meisten vom Tondi findet sich im 
Kopf, im Blut und in der Leber. Mit dem Schädel gewinnt der 
Schädeljäger den Tondi seines Feindes und aus gleichem Grunde 
trinkt der Krieger vom Blute eben erschlagener Feinde 4 . Nach einer 
Angabe soll es drei tondis geben: zwei im Körper, eines außerhalb 
des Körpers verweilend •'. Hier haben wir es wohl mit Entwicklungs- 
schüben zu tun: mit dem Anwachsen des Widerstandes gegen die 
ursprünglich autoerotische Einstellung wird der Abstand der ver- 
ehrten Seele OAbstand« soll bildlich verstanden, aber im Räume 
projiziert gedacht werden) vom Körper immer größer. Manche 
sprechen von sieben tondis, das erste und zweite in den Pulsen, 
das dritte und vierte im Oberarm, das fünfte im Fontanel 8 , das 



1 Karutz: Der Emanismus. Zeitschrift für Ethnologie. 1913. 567. 

* J. H. Neumann: De tendi in verband met Si Dajang Mcdcdeclingcn 
Nederlandsche Zend. Gcnootschap. Bd. XLVIII. 1904 ex A. C. Kruijt: Het 
Animismc in den Indischen Archipel. 1906. 7, 8. 

s W. Volz: Nord-Sumatra. I. Die Batakländer. 1909. 329. 

4 Joh. Warneck: Die Religion der Batak. (Religions-Urkundcn der Völker.) 
1909. 8, 9. Anders jedoch Volz: Toc. cit. 330. 

5 B. Hagen: Beiträge zur Kenntnis der Battareligion. Tiidsthrilt voor 
Indische Taal, Land en Volkenkundc. XXVIII. 1883. 514. 

• Vgl. W. J. Perry: The Megalitliic Culttlre of lndonesia. 1918. 150. 




Das Selbst 175 



1 A. E. Crawley: The Idea of the Soul 1909. 112 nach der oben ange- 
führten Arbeit Neumanns und anderen Quellen <siehe dort). Die Siebenzahl der 
Seelen dürfte erst spät in Anlehnung an die magisdie Bedeutung der Siebenzahl 
entstanden sein. Vgl. W. Skeat: Malay Magic. 1900. 50 und 241, 431, 508, 
548, 569. 

- Volz <loc. cit. 329) meint, es sei nicht einzusehen, warum man sich die 
tondi der Ehebrecher und Diebe anzueignen wünschen sollte: doch zeigt sich eben 
hierin, daß hinter dem moralisch Verdammten eben das Verdrängte, also das 
Gewünschte ist. Ehebruch deutet auf sexuelle Potenz, Diebstahl auf mächtige Ich= 
triebe: in beiden Fällen wird die »soziale Verdrängungsschranke« von dem Starken 
durchbrochen. 

* War neck: loc. cit. 9. 

1 Warneck: Ebenda 11. « 

: - G. A. Wilken-. DeVerspreidcGeschriften.1912. 1V.38. <HetAnimisme.32.> 

_° Wilken: loc. cit. I. 568, 569. Kruijt: loc. cit. 90, 91. 

7 Warneck: loc. cit. 11. 



sechste im Herzen, das siebente im Halse. Neumann sagt: der tondi 
sei im Blute als dessen Essenz 1 . Man verzehrt das Fleisch von 
solchen Menschen, die für besonders tapfer, und darum reich an 
tondi gelten, nämlich von Kriegern, die verwundet in Feindeshand 
fallen, und von gewissen Verbrechern z. B. Ehebrechern 2 . Leber 
und Blut werden hauptsächlich geopfert. Mit Blut bestreicht man die 
Hauspfosten, um dem tondi des Hauses Kraft zuzufügen, ebenso 
die Kokospalmen, damit der im Blute enthaltene tondi sie fruchtbar 
mache. Durch Vermischen von Blut befestigt man Freundschaften 
und Bündnisse, indem die Beteiligten dabei Tondi austauschen und 
sich so innerlich nahe treten. Das Haar enthält viel tondi und gilt 
darum für heilig. Abgeschnittene Haare werden sorgfältig aufgehoben, 
damit niemand sich den tondi aneignet. Auch die Nägel enthalten 
tondi, darum vergräbt man die abgeschnittenen Nagelstüdte. Im 
Speichel ist tondi enthalten, darum ist er heilkräftig. Der Opfernde 
bespeit das Opfer, Kranke lassen sich von Gesunden, Arme von 
reichen Leuten anspeien. Von gewandten Rednern läßt sich der 
weniger Redegeschickte in den Mund spucken, denn der dadurch 
mitgeteilte tondi soll etwas von den Gaben des Redners auf den 
Empfänger übertragen. Auch der Schweiß erhält tondi und macht 
so die Gewänder sowie das Waschwasser angesehener und berühmter 
Männer wertvoll. Aber auch in den Zähnen, in den Tränen, im 
Urin und Kot ist tondi enthalten :i . Auch Tiere, Pflanzen und 
Gegenstände haben tondi: die am meisten gefürchteten Tiere, wie 
der Tiger und die nützlichsten Pflanzen wie der Reis, besitzen am 
meisten tondi 1 . Dem tondi ni eme <tondi des Reises) bringt man Opfer 
dar". Personen, welche von einer gefährlichen Unternehmung zurück- 
kehren, streut man Reiskörner aufs Haupt, und das heißt »padiruma 
tondi«: middel om de tondi, te huis te doen blijven« 6 . Diejenigen 
Speisen, welche am meisten tondi enthalten, sind die nahrhaftesten 7 . 
Alle diese Vorstellungen und Handlungsweisen haben wir im Laufe 
unserer Erörterungen schon besprochen: hier finden wir sie alle zu= 
sammen und alle werden mit Berufung auf den tondi ausgeübt. Da 



" 



176 Dr. Geza Röheim 



wir auf dem Standpunkt einer einheitlichen Entwicklung stehen, wird 
es uns nicht überraschen, zu finden, daß der tondi auch die nächst- 
höhere Stufe, nämlich die der Körpcrsecle einnimmt: der tondi ist 
seinem irdischen Körper ähnlich, denn er ist seinem irdischen Körper 
ähnlich, seine Gestalt ähnlich der leiblichen Gestalt, seine Größe 
wie die des Leibes 1 . Das Leben im Leibe ist der tondi. Der Leib 
ist wie ein Kleid, das an sich leblos ist. Der tondi ist ein seelischer 
Leib-'. Wie nun aber auch Schattenseele und Psyche keine Neu- 
erscheinungen im Entwicklungsgang des Animismus, sondern nur 
fortschreitende Loslösungen des Begriffes vom Objekt darstellen 3 , 
so verkörpert sich auch der tondi im Schatten, im Namen und offen" 
bart sich auch in Träumen 1 . Ja, selbst die letzte Stufe in der Ent- 
wicklung des Seelenbegriffes wird vom tondi erklommen: er erscheint 
auch als Außenseele. Bei den Karo Bataks gilt eine Feuerfliege, die 
in die Lampe fliegt, als sicheres Anzeichen, daß man bei der ersten 
Jagdgelegenheit ein Wild erlegen wird, dessen tondi die Feuerfliege 
war\ Alles kann also der Tondi werden, nur kein Totengeist, keine 
überlebende Seele, kein Gespenst. Wenn der Mensch stirbt, verläßt 
ihn sein tondi, um andere Lebewesen zu beseelen. Was vom Menschen 
weiterexistiert, heißt nun begu. Es ist nicht so, daß der tondi zum 
begu wird, das kann er nicht, denn der tondi kann nur in der Welt^ 
materie existieren, der begu aber geht ins Schattenreich ,; . Diese klare 
Scheidung von Lebensgeist und Totengeist, »Seelenstoff und Seele«, 
oder wie wir uns ausdrücken, Libido und Erinnerungsbild 7 , ist, wie 
Kruijt mit Recht hervorhebt, für die Völker Indonesiens besonders 
bezeichnend, obwohl natürlich nicht ausschließlich auf diese beschränkt 8 . 
Die Minangkabau nennen die zwei Seelen »njao« und »sumago«, 
Die letztere ist die freie, ungebundene Seele, welcher all das, was 
wir »seelische« Eigenschaften nennen, zugeschrieben wird: Bewußt- 
sein, Wollen, Denken usw.,- njao hingegen bedeutet Atem und ver- 
geht mit dem Leibe 11 . Auch die primitiven Malaienvölker unter- 
scheiden die Lebensseele <jiwa> und den Geist <semangat> 10 . Die 
Bahau kennen ebenfalls zwei Seelen, die Psyche im Wundtschen 
Sinne heißt bruwa, und die Körperseele ton luwa. Erstere geht 
ins Jenseits, letztere lebt als Gespenst beim Grab". Übergänge und 

I War neck: loc. cit. 46. 
- Warneck: loc. cit. 47. 

3 Vgl. hingegen Wundt: Völkerpsychologie. II. 2. 1906. 40. 

4 Warneck: loc. cit. 9, 10. 
» Kruijt: loc. cit. 172. 

Warneck: loc. cit. 14. , „, 

: Die Ableitung des Seelenbegriffes aus dem Erinnerungsbild .st die I ncone 

Crawleys (The Idea of the Soul. 1909>. 
s Kruijt: loc. cit. 6—15. 

Crawley: loc. cit. 113. - : ■ , • „ 

10 W. W. Skeat and Ch. O. Blagden: Pagan Races of the Malay Pen- 

iusula. 1906. II. 1. wiw 

II A. W. Nieuwenhuis: Die Wurzeln des Animismus. buppI.-Hd. AAl\ 
Int. Ar*, f. Ethn. 1917. 36-38. 



Das Selbst 177 



Verschiebungen gibt es zahllose: im großen und ganzen kann man 
nur sagen, daß die Seele, die wir als eine libidinöse Doublette des 
Ichs gedeutet haben, als Geist eine zweite, durch das unbewußte 
Schuldbewußtsein bedingte Umbildung erfahren hat. Bei den Kai 
g^ehen Leib und Seelenstoff zusammen zugrunde: die eigentliche 
Seele aber lebt fort 1 ,- in den Trauersitten spiegelt sich dann die 
Furcht, d. h. das schlechte Gewissen, gegenüber dem Verstorbenen* 
und das ist es, was den Geist nicht zur Ruhe kommen läßt. 

Wir werden nun die Frage aufwerfen, ob neben dem Wesen Ksrpcrsede. 
der Dinge und dem Begriff der Psyche noch Raum für die allge- 
meine Körperseele übrig bleibt? Denn daß der Tote noch für lebendig 
gehalten wird, dafür ist die Erklärung bei Wundt zu finden a . Hiemit 
hätten wir aber nur noch den Begriff eines »lebenden Toten« und 
nicht die Idee der Körperseele. Nichtsdestoweniger läßt sich eine 
solche unmittelbar aus den Aussagen der Primitiven erhärten. So 
unterscheiden z. B. die Ten'a Alaskas den nokö bedza = breite Seele 
von der yega = Bild, Schatten. Die erstere ist das eigentliche 
Prinzip des Lebens: man nennt sie »our soul which is frorh <or 
next to> our body« um es von der »yega: our outer or secondary 
soul« zu unterscheiden 4 .. Die Eskimo glauben, die Seele habe die- 
selbe Gestalt wie der Körper, nur eine ätherischere Struktur '•'. 
An der Beringstraße werden zwei »distinct forms of the spiritual 
essence or soul« angenommen. »The tä=ghün ü-g'äk or invisible 
shade is formed exactly in the shape of the body is sentient and 
is destined for a future life« <Schattenseele). »Another is the po= 
klihm'tä=ghün' ü=g'a which has a form exactly like the body and 
is the life=giving warmth« <KörpeerseeIe>. »It is without sense and 
takes flight into the air when a person dies« 1 '. Auch bei den Dakota 
finden sich verschiedene Phasen der Entwicklung nebeneinander. Von 
den vier Seelen, die sie verzeichnen, interessieren uns hier nur die 
zwei ersten. »The first is supposed to be of the body which dies 
with the body. The second is a spirit which always remains with 
or near the body« 7 . Die Tschukrschen nennen die Seele uvi'rit oder 



1 Ch. Keysser: Aus dem Leben der Kaileute. Neuhauss: Deutsch» 
Neu-Guinea. III. 1911. 112. 

- Keysser: Ebenda 142. 

s Wundt: Völkerpsychologie. II. 1906. loc. cit. S. 6. »Nicht auf 
Grund irgend einer Reflexion wird also hier der Tote noch für lebend gehalten, 
sondern umgekehrt, erst eine oft wiederholte, durch mannigfaltige Erfahrungen 
bestätigte Reflexion hat allmählich jene natürliche Assoziation zu lösen vermocht.* 

* |. Jette: On the superstitions of the Ten'a Indians. Anthropos. 1911.99, 101. 

Ä H. Rink: Tales and Traditions of the Eskimo. 1876. 36. 

«' E. W. Nelson: The Eskimo about Bering Strait. 1899. <XVIII. Report 
Bureau of Enthnology.) 422. 

7 Dorsey: A Study of Siouan Cults. Bureau of Ethnology. XI. 484. Hin- 
gegen gehört das nodi so >körperlich« erscheinende Gespenst nicht derselbe Kategorie 
an wie die Körperseele des Lebenden. Vgl. R. P. H. Tri lies: Le Totemisme che: 
les Fan. 1912. 367. A. E. Jenks: The Bontoc Igorrot. Ethnological Survey 
l'ublications. I. 1905. 196.) 

Imago VII2 12 



• 



178 Dr. Geza Röheim 



uvekkirgin. Beide Wörter scheinen von uvik » Körper abzustammen 
und der zweite bedeutet »zum Körper gehörend«. Sie haben noch 
den Ausdruck tetke'yun d. h. »vitale Kraft« eines Lebewesens l . Be- 
zeichnend ist die Auffassung der Iroquois, das Fleisch sei die Sub= 
stanz der- Seele 2 . Die Sauks bezeichnen die Seele als des Menschen 
Lebenskraft, die Ojibways als eine vom Körper lpslösbare Essenz 3 . 
Auch die Kayan unterscheiden zwei Seelen, die Totenseele, die im 
Traume wandert, und das Lebensprinzip. Letzteres heißt urip = das 
Lebende 4 . Die Torres- Straße-Insulaner haben außer dem mari: 
Schatten, Spiegelbild, Geist, auch noch den schwer umschreibbaren 
Begriff des Keber. Alles, was mit dem Menschen im Leben oder 
Tod in irgend einer Weise verbunden ist, bildet einen Teil seines 
Wesens und heißt Keber. Der Totentanz heißt Keber, die Tänzer 
Keber le. Wenn man die getrocknete Leiche stiehlt, so stiehlt man 
den Keber. Bruce definiert Keber als »the spiritual essence of the 
deceased« 5 . Wir werden dieser Definition gewiß nicht widersprechen,- 
für uns ist die Körperseele das Wesen des Menschen, eine endo* 
psychische Wahrnehmung der Lebenslust, der Libido. Sie 
unterscheidet sich vom Wesen der Dinge durch eine <relative> Los» 
lösbarkeit von der Psyche durch eine <relative> Gebundenheit. Wie 
verhält sie sich aber zur Organseele? Hier schließen wir uns ganz 
den Einwänden an, die Karutz gegen die von Wundt verfochtene 
Organsedc. Priorität der Körperseele erhebt. »Es erscheint mir viel natürlicher, 
daß die Funktionen der Organe, Augen, Sexualorgane usw., eher 
zum Bewußtsein kommen als die Einheit der Persönlichkeit, deren 
Erhaltung in der Mumifizierung beabsichtigt war.« »Nicht die 
Körperseele also löst sich in Organseelen, sondern die Organ» 
emanationen schließen sich zur Organismusemanation«". Die Olo 
Ngadju kennen zwei Seelen, die sich erst im Tode scheiden, den 
»salumpoklian« und den »liankrahang«, d. h. körperliche Seele, die 
wieder aus den Seelen der Gebeine, des Haares, der Nägel usw. 
besteht 7 . Auch die Tsduiktschen kennen außer der einen Körper- 
seele noch verschiedene Seelen für die einzelnen Körperteile. Wenn 
eine Organseele verloren geht, schmerzt der betreffende Körperteil 

1 Bogoras: The Chukchee. Religion. <)esup SJ. P. E.> 332. 

°- J. N. B. Hewitt: The Iroquoian Conccpt of the Soul. Journ. Am. 
Folk-Lore. VIII. 107. 

3 E. James: A Narrative of Captivity and Adventurc of John Tanncr. 
1830. 286, 291. W. H. Keating: Narrative of Expedition to the bource : ot 
St. Peters River. I, 229, 232. II. 154 ex Crawley: The Idea of the Soul. 1909, 15b. 

* Hose and Dougall: Pagan Tribes of Borneo. 1912. II. 113 Körper^ 
seele und Lebensseele <Libido> sind bis zu einem gewissen Grade au* 1 syene und 
Totenseele, sind identisch. 

5 A. C. Haddon: Cambridge Expedition to Torres Straits. Vol. VI. 251. 

8 Karutz: Der Emanismus. Zeitschrift für Ethnologie. 1913. 569. 

» Grabowsky: Der Tod, das Begräbnis, das Tiwah oder Totenfest bei 
den Dajaken. Internationales Archiv für Ethnographie. II. 181. Hertz: La Re- 
presantation collective de la Mort. L'Annee Sociologique. X. 58. 



Das Selbst 



179 



und schrumpft zusammen 1 . Es wird also hier die Unlustempfindung 
durch das Verlorengehen des Lustprinzips erklärt. Organseele 
istOrganlust,Körperseele der Summierung der Erogeneität 
der erogenen Zonen, die Vereinigung der Partialtriebe, 
das erste Dämmern einer einheitlichen Persönlichkeit im 
Zeichen des Lustprinzips 2 . 

1 W. Bogoras: The Chukchee. Religion. <Jesup N. P. E.> 1907. 332, 333. 

» Neuere Untersuchungen, die demnächst veröffentlicht werden sollen, lassen 
es mir jedoch wahrscheinlich erscheinen, daß wir auch mit einer noch primitiveren, 
dem Urnarzißmus des Embryo entsprechenden Einheitsphase in der Entwicklung 
des Seelenbegriffes rechnen müssen. 




'• 



! 



12« 



180 Dr. Alfred Winterstein 



Der Sammler. 
Von Dr. ALFRED WINTERSTEIN. 

Die Bestätigungen, die den Wahrheiten der Psychoanalyse aus 
der schönen Literatur erwachsen, haben im Laufe der letzten 
Jahre immer mehr an Wert verloren, je größere Verbreitung 
die — oft uneingestandene — Beschäftigung der Künstler mit der 
Psychoanalyse gefunden hat. Man darf vielleicht gegenwärtig unter 
den Dichtern dreierlei Typen unterscheiden: der erste schafft auch 
heute noch völlig naiv 1 aus dem Unbewußten, der zweite hält sich 
zwar beim Produzieren die Psychoanalyse ängstlidi vom Leibe — 
ob mit unbedingtem Erfolge, muß bezweifelt werden — , wird aber 
seine Kenntnis der Trieblehre bei einer anderen Gelegenheit, z. B. 
als Kritiker, betätigen, der dritte Typus dichtet sozusagen nach 
psydioanalytischem Rezept. 

Zu der ersten Gattung, den aus dichterischer Intuition gezeugten 
Kunstwerken, die unbewußt psychoanalytischen Erkenntnissen Gc= 
stalt und Leben geben, gehört, wie mir scheint, die Erzählung »Der 
Sammler« von Viktor Fleischer <bei E. P. Tal <& Co., 1920>. 
Die durch eine ganze Anzahl treffender Beobachtungen und feiner 
Einzelzüge ausgezeichnete Novelle bildet eine schöne Illustration zu 
der psychoanalytischen iheorie von der Pathogenese der Paranoia 
und enthält auch eine wertvolle Schilderung narzißtischer und anal« 
erotischer Charakterzüge, deren künstlerische Bewältigung im all» 
gemeinen auf größere Schwierigkeiten stößt als die dichterische Be- 
handlung des Ödipuskomplexes. 

Die Charakterstudie »Der Sammler« nimmt sich, ähnlich wie 
Schnitzlers »Doktor Gräsler — Badearzt« oder Alfred v. Bergers 
»Hofrat Eysenhardt«, das Problem des Mannes von fünfzig Jahren 
in einer seiner vielen Gestaltungen zum Gegenstande/ denn wenn" 
gleich jeder direkte Hinweis auf das Alter des Helden der Erzählung, 
des pensionierten Hofrates Baumgartner, fehlt, dürfen wir dennoch 
aus guten Gründen vermuten, daß er sich in jener auch für das 
Sexualleben des Mannes kritischen Lebenszeit befindet, die nach dem 
vierten Jahrzehnt einzusetzen pflegt. 

Jeder Leser sollte nun, bevor er meinen Ausführungen weiter 
folgt, die Erzählung unmittelbar auf sich wirken lassen,- keine Inhalts-* 
angäbe vermöchte nämlich den Eindruck von Frische und Lebens- 

1 Idi meine: naiv in bezug auf die Psychoanalyse. 



Der Sammler 181 



echtheit, von organischer Geschlossenheit, den sie hervorruft, nach- 
zuschaffen. Eine Folge dieses Eindruckes ist, daß im Leser keinerlei 
Zweifel an der Möglichkeit der Hauptfigur auftauchen und sich einem 
die Diagnose wie auf Grund der Anamnese eines lebenden Patienten 
aufdrängt, dessen einzelne Symptome, Erlebnisse und Charakter^ 
züge zu einem sinnvollen Ganzen sich zusammenschließen. 

Im Mittelpunkte der Erzählung steht, wie bereits erwähnt, der pensio- 
tiierte Hofrat Baumgartner, der bis zur Sdiicksalswende seiner Libido in 
einer Wiener Vorstadt als kinderloser Witwer nach den Worten des Autors 
eine Art wohlgeregelter Junggesellenwirtschaft führt. In das friedliche, spieß- 
bürgerlidi=pedanrische Dasein des kleinen, immer sehr sorgfältig gekleideten 
Herrn mit dem grauen Spitzbärtchen kommt eines Tages ein Riß, als er 
nach, einem Jugendfreund eine Erbschaft antritt, in der sich neben anderen 
Reb'efs ähnlicher Art auch zwei Bronzeplaketten mit Darstellungen mytho- 
logischen Inhalts befinden. Durch die zufällige Bemerkung eines Bekannten 
vom Mittagsstammtisch läßt sich der Hofrat bereden, die Plaketten, die ihm 
bisher nichts bedeutet haben, bei einem Antiquitätenhändler abschätzen zu 
lassen. Innerlich erregt, kann sich der Hofrat nicht entschließen, in die ersten 
zwei Läden, die ihm der Bekannte empfohlen, einzutreten, ja nidit wenig 
trägt zu seiner Verwirrung ein Gesicht bei, das ihn hinter dem Vorhang 
der Glastür des ersten Geschäftes zu beobachten schien/ er weiß nicht, ob 
es das eines Mannes oder eines Weibes gewesen ist. Unter einem Vorwand 
betritt Baumgartner endlich ein kleineres Geschäft ähnlicher Art und ersteht 
tatsächlich, statt den Wert der Plaketten festgestellt zu haben, das Miniatur- 
porträt einer Dame, das ihn angeblich wegen einer Familienähnlichkeit reizt. 
Dieses Frauenbildnis hängt der Hofrat in seinem Wohnzimmer auf und es 
dauert nun einige Zeit, bis er sich von neuem entschließt, zu einem Kunst- 
händler zu gehen. Auch diesmal muß ein Scheingrund gefunden werden, 
um bei dieser Gelegenheit auch die Plaketten abschätzen zu lassen: Baum- 
gartner kauft einige Stiche mit Veduten aus dem vormärzlichen Wien und 
erfährt vom Händler, daß die Plaketten Stücke aus der Darstellung der 
Orpheussage von Moderno sind und zu einer Serie gehören, die das 
Berliner Museum vollständig besitzt. Trotz des vom Händler genannten 
ziemlich hohen Preises gibt sie der Hofrat nicht aus der Hand, sucht eine 
zweite und dritte Antiquitätenhandlung auf und ersteht am Ende über der 
eigentlichen Absicht, die beiden Reliefs zum Kaufe anzubieten, noch drei 
Plaketten dazu. 

Eine lustvolle, unbekannte Unruhe lockt Baumgartner über den engen 
Bezirk seines Wolfens und Wünsdiens hinaus, er gerät in einen immer 
leidensdiaftlicheren Sammel- und Lerneifer und beschließt vorerst, die im 
Hofmuseum befindlichen Plaketten zu besichtigen. Bei seinem Rundgang durdi 
die Säle schreitet ein junger Mann an ihm vorüber, der neben einem 
Beamten des Museums einhergeht und dem Hofrat durch sein kaltes, über- 
legenes Lächeln auffällt, das seinem bartlosen Gesicht einen bemerkenswert 
hochmütigen Ausdruck verleiht. Während Baumgartner die Kunstwerke in 
den Vitrinen betrachtet, ist es ihm, als schaue ihm der junge Mann höhnisch 
zu. Aber da entdeckt er plötzlich die gleiche Plakette, die er tags vorher 
bei der Trödlerin gekauft hatte. »Moderno« nennt der Katalog den Künstler. 
Er erinnert sich der Bemerkungen des einen Kunsthändlers, will über den 
Künstler mehr erfahren, schreckt davor zurück, sich im Gespräch mit einem 



182 Dr. Alfred Winterstein 



Sachverständigen eine Blöße zu geben, kann aber seine Ungeduld bis zum 
Eintreffen des bestellten Berliner Katalogs doch, nicht meistern und eilt in 
eine der öffentlichen Bibliotheken, um dort den Katalog zu suchen und zu 
studieren. Darüber versäumt er das gemeinsame Mittagessen im Kreis der 
Freunde, was ihm eigentlich ganz recht ist, da er jetzt das Bedürfnis emp- 
findet, allein zu bleiben. In seinen Überlegungen streitet die Freude, um 
einen lächerlich geringen Preis etwas ungemein Wertvolles erworben zu 
haben, mit seinem bürgerlichen Gerechtigkeitssinn, der sich dagegen auf- 
lehnt, von der Unkenntnis der Verkäuferin solchen Vorteil zu haben. Aber 
immer mehr Gründe findet der Hofrat, die ihn berechtigen, das Stück ein- 
fach zu behalten, er weiß gar nicht, daß das Kunstwerk für ihn bloß als 
Geldwert Bedeutung besitzt, und fühlt sich nur mächtig angetrieben, noch 
mehr zu kaufen, vor allem nach den anderen Stücken der Orpheusserie zu 
suchen. 

Baumgartner wehrt sich noch gegen dieses Verlangen, das ihn erfaßt 
hat und vorwärts stößt. Zwar sitzt er am anderen Vormittag wieder in der 
Bibliothek, doch zu Mittag speist er mit seinen beiden Freunden. Ihre 
Gespräche langweilen ihn, seine Gedanken schweifen beständig zu den 
schönen Plaketten ab und er dünkt sich dem Professor und Advokaten 
überlegen. Nach Tisch fährt er in die Stadt, kämpft mit dem drängenden 
Wunsch, in Geschäften nach Preisen zu fragen, allenfalls auch zu kaufen, 
und sucht schließlich ermüdet ein Kaffeehaus auf. Gerade gegenüber ist die 
Kunsthandlung, wo Baumgartner den Berliner Katalog bestellt hat. Während 
er von seinem Platze aus beobachtet, wer dort ein- und ausgeht, betritt der 
junge Mann, den er kürzlich im Museum im Gespräch mit dem Beamten 
gesehen hat, das Geschäft. Baumgartner versucht zuerst, seine Aufmerk- 
samkeit von der Kunsthandlung wegzuzwingen, aber nach einer Weile 
erhebt er sich, von einer unwiderstehlichen Kraft angezogen, und eilt 
hinüber. Im Augenblick, wo er die Hand auf die Türklinke der Kunst- 
handlung legt, begegnet er dem jungen Mann, der das Geschäft eben ver- 
läßt. Der Hofrat erfährt vom Kunsthändler, daß jener ein reicher Kunst- 
liebhaber und hervorragender Plakettenkenner ist und Dr. Hübner heißt. 
Baumgartner, der, von einer dunklen Gewalt getrieben, den Laden betreten 
hat, gerät durch die Frage des Kunsthändlers, ob er seine beiden Moderno» 
Stücke verkaufen wolle, io Verwirrung, gibt vor, zwei Stiche für einen 
Freund zu suchen, und ersteht schließlich von dem ihm sympathischen 
Händler, der ihn mehr an einen Gelehrten als an einen Handelsmann 
erinnert, um fünfhundert Kronen ein Bronzerelief, das von Dr. H u ' )l J cr 
dem Ulocrino zugeschrieben wird. Auf dem Heimweg macht sich der 
Hofrat zuerst Vorwürfe, daß er leichtsinnig so viel Geld ausgegeben habe, 
entkräftet diese aber dann mit dem Urteil des Dr. Hübner, ohne sich 
bewußt zu sein, warum ihm dessen Meinung so wichtig sei. In seinen 
Erwägungen spielt nach wie vor nur der Gedanke an den Geldwert der 
Kunstwerke und die Vorstellung eine Rolle, bei solchen Käufen sei das 
von dem Freund hinterlassene Vermögen sogar gewinnbringend angelegt. 
Tag für Tag führen den Hofrat nun seine Sammlerwege zu Anti- 
quitätenhändlern und Trödlern, und wenn er ins Gasthaus kommt, wo ihn 
seine Freunde erwarten, sitzt er zerstreut und wortkarg da. Zu Hause ist 
er dann damit beschäftigt, seine Sammlung zu ordnen und zu etikettieren 
und Verzeichnisse anzulegen: in dem einen sind die Beträge genannt, die 
er selbst für die einzelnen Stücke gezahlt hat, im zweiten die Werte, die 
sie nach den Forderungen anderer Antiquitätengeschäfte haben sollen. 



Der Sammler 183 



Nicht lange nach seinem letzten Besuch bei dem vornehmen, sym- 
pathischen Kunsthändler treibt es ihn neuerlich dorthin: einerseits kann er 
sich's erlauben, wieder einmal Geld auszugeben, anderseits scheint es ihm 
für sein Fachwissen von Vorteil, mit den Händlern Gespräche zu führen 
und ihre Gespräche mit anderen Kunden zu behorchen. Im Geschäft trifft 
er mit dem jungen Gelehrten zusammen. Bisher hat er es immer vermieden, 
persönlich mit ihm bekannt zu werden ,• er empfindet eine unbestimmte Angst 
vor ihm, eine Scheu vor seiner Selbstsicherheit und fühlt sidi doch auch 
wieder von ihm angezogen. Nicht nur er selbst war Dr. Hübner, wenn er 
ihn auf der Straße sah, bisweilen eine Strecke weit unauffällig gefolgt, er 
glaubte auch wahrzunehmen, daß ihn manchmal ein versteckter neugieriger 
Blick des jungen Mannes streifte. Heute kann er nicht mehr ausweichen,- 
der Kunsthändler stellt ihm den Gelehrten vor. Aber es entwickelt sich 
keine zwanglose Unterhaltung,- Baumgartner ist verlegen, und als sich 
Dr. Hübner nach seiner Sammlung erkundigt, empfindet er die Frage 
geradezu als einen Angriff und wehrt in unhöflicher Weise ab. Ganz 
unvermittelt verabschiedet er sich. 

Sein Sammeleifer nimmt seitdem immer leidenschaftlichere Formen an 
Er kauft und kauft wahllos, wenn auch die Händler stets höhere Preise 
verlangen. Bis in die späte Nacht sitzt er dann bei seinen Plaketten, ver- 
gleicht sie mit Abbildungen in Büchern und Zeitschriften und trachtet auf 
jede Weise, sein Wissen auf diesem Gebiete zu erweitern. Die Erregungen, 
die ihm das planlose Suchen bei Händlern und Trödlern, das Finden und 
Erkennen von Exemplaren verschafft, welche er schon irgendwo in einem 
Budi oder im Museum gesehen hat, sind ihm Ersatz für alles, was ihm 
früher Freundschaft und geselliger Umgang geboten haben. Wenn er einmal 
mit seinen Freunden vom Mittagstisch beisammen ist, empfindet er ihre 
Reden als platt und belanglos und dünkt sich erhaben über ihren niedrigen 
Interessenkreis. '- • '„ 

Eines Tages wird der Hotrat ganz plötzlich durch die Angst vor 
Fälschungen erschreckt, die sich möglicherweise in seiner Sammlung befinden. 
Die Angst ist eigentlich Furcht vor der überlegen-gleichgültigen Miene des 
jungen Kunstgelehrten, mit der dieser Plaketten, die man ihm vorlegt, bei- 
seite zu schieben pflegt. Diese Furcht, von Dr. Hübner beschämt zu werden, 
beherrsdit ihn auch, als er nach Tagen qualvollen Suchens — obwohl er 
früher jede Begegnung peinlich vermieden hat — den jungen Mann auf 
der Straße trifft und sich ihm anschließt. Baumgartner scheint es, als 
belauere ihn Hübner ,• er vermag, gereizt durch das selbstbewußte, hoch- 
mütige Lächeln des jungen Gelehrten, das Gespräch anfangs nicht in Gang 
zu bringen, platzt dann unvermittelt mit dem Geständnis heraus, daß er 
nur ein Dilettant sei, erschrickt darüber und sprudelt allerlei hervor, was 
ihm aus Büchern und Zeitschriften in Erinnerung geblieben ist. Immer 
unerträglicher wird ihm die Gegenwart des ruhigen, selbstsicheren Jungen 
Mannes, er hat Angst vor ihm und Angst vor sich selber und läuft 
schließlich weg, um nicht seiner Verstörtheit in groben Worten Luft machen 



zu müssen. 



Zu Hause, im Begriff, das Studium der Plaketten und Bücher wieder 
aufzunehmen, wird er die Vorstellung nicht los, daß Dr. Hübner ihm 
gegenüber sitze und ihn mit dem kalten, bösartigen Lache n des Besser- 
wissenden anschaue. Er sieht sich auf einmal als Prüfungskandidaten wie 
vor drei Jahrzehnten im Rigorosensaal der Universität, vor sich diesmal 
Hübner als strengen Examinator. Baumgartner versucht, diesen von der 



■ 



184 Dr. Alfrfd Winterstein 



Phantasie vorgespiegelten Rollentausch — tatsächlich ist ja er ungefähr im 
Alter der Professoren und der Jüngling kaum älter, als er damals war — 
komisch zu finden, doch das hilft nichts, das Vergnügen an den Plaketten 
ist ihm verdorben. 

Dazu kommen die fortwährenden Zweifel an der Echtheit seiner 
Stücke, die ihn wie ein körperlicher Schmerz auch mitten in der Nacht 
überfallen und trotz aller Gegenvorstellungen, daß er sich ja um die Urteile 
der Wissenschaft und die Meinungen anderer nicht zu bekümmern brauche, 
nicht loslassen. Die peinigenden Zwangsgedanken entfremden ihn seiner 
ganzen Umgebung und errichten zwischen ihm und dieser gleichsam eine 
Wand, in die er bisweilen verzweifelt eine Bresche schlägt, um seiner 
zuerst selbst gesuchten Einsamkeit zu entfliehen. Sein Zorn über die unsicht- 
bare Gewalt richtet sich nicht nur gegen die Wissenschaft und ihre selbst- 
herrlichen, kaltherzigen Feststellungen, sondern auch gegen Dr. Hübner, in 
dessen Person sich die unbeirrbare Selbstsicherheit der Wissensdiaft zu ver* 
sinnlichen scheint. Diesem Haß gegen seinen vermeintlichen bösen Dämon 
mengt sich aber stets irgendwie auch der Wunsch, dem jungen Gelehrten 
wieder zu begegnen. 

Auf der Ringstraße trifft er ihn dann eines Tages wirklich und 
wandert mit ihm die längste Zeit durch die Straßen unter verzweifelt 
kunterbuntem Geschwätz, dem Dr. Hübner ein eisig-verbindliches Lächeln 
gegenübersetzt. Indes dieser wie ein Schatten immer gleichen Schritt mit 
dem Hofrat hält, wirft er nur hie und da ein paar bedeutungslose Worte 
ein. Bei Erwähnung der Plaketten, die der Hofrat gekauft hat, stellt der 
junge Mann jedesmal die gleich höhnische Frage: »Wie, die haben Sie auch 
gekauft?« Auch .dann, als Baumgartner die teuerste Plakette nennt, die er 
zuletzt beim sympathischen Kunsthändler erstanden hat. Der Hofrat wendet 
sich nun zu seinem Begleiter um, der, ihn ohnehin an I^örperlänge über- 
ragend, gespenstisch groß in die nächtliche Höhe wächst. Er meint, das 
spöttische Lächeln zu hören, als dieser ihn weiter fragt, ob er dem Händler 
tatsächlich tausend Kronen für die Fälschung gezahlt habe. Dann sei er 
wahrscheinlich auch der Käufer, der dem Schwindler auf ein anderes Parade- 
stück hereingefallen sei. Hübner habe anfangs einen anderen Sammler in 
Verdacht gehabt, der zahlreiche Fälschungen besitze. Aber niemand wolle 
es wahr haben, jeder wittere hinter der wissensdiaftlichen Feststellung 
Dr. Hübners nur eine Finte, um dem betreffenden Besitzer die Sammlung 
billig abzukaufen. 

Baumgartner richtet die Gegenfrage an den jungen Mann, ob diese 
Vermutung wirklich so unberechtigt sei, und schämt sich gleich darauf seiner 
Bosheit, was ihn nur nodi mehr gegen Dr. Hübners unerschütterliche Selbst» 
sidierheit aufbringt. Für einen Augenblick taucht in seinem Bewußtsein der 
Gedanke auf, ihm an die Kehle zu springen und ihn zu erwürgen. Doch 
da spricht der junge Gelehrte, wie um ihn zu versöhnen, abermals den 
Wunsch aus, der Hofrat möge ihm seine Sammlung zeigen. Wiederum 
wehrt Baumgartner nervös ab und eilt ohne Absdüedsgruß davon. 

Er ist nodi nicht weit gekommen, als er Schritte hinter sich zu hören 
vermeint. Ganz deutlich glaubt er zu spüren, wie die Blicke des jungen 
Mannes seinen Nacken, seine Sdiultern, sein Rückgrat (reffen. Er will laufen, 
aber irgend etwas lähmt seine Willenskraft, während er die Veränderungen 
seines eigenen Schattens beobaditet, liegt plötzlich ein zweiter Schatten 
daneben. Es ist ihm, als werde er von einer eisigen Hand im Genick 
gepackt, und nun hört er in seiner Nähe die Stimme Dr. Hübners, der 



Der Sammler 185 



ihm versichert, daß sie den gleichen Weg- haben. Der junge Mann bleibt 
dicht an seiner Seite, bis der Hofrat rasch in sein Haustor tritt. »Gute 
Nadit«, schallt es hinter ihm drein. 

Baumgartner stürzt die Treppe hinauf, von dem Echo seiner eigenen 
Tritte gehetzt und genarrt, sperrt ängstlich die Türe hinter sich zu und 
läßt sich, in sein Arbeitszimmer gelangt, auf einen Sessel hinsinken. 
Sdiwindel erfaßt ihn,- er hat die Empfindung, als schwebe der Sessel mit 
ihm höher und höher in die Luft . . . doch jetzt verkehrt sich die Be- 
wegung in ihr Gegenteil, er s'inkt immer tiefer in einen Abgrund . . . Als 
er ein Glas Kognak an die Lippen führen will, erblidu er sich selbst, bleich 
und verstört, im großen Wandspiegel. Vor diesem wiederholt er einige Male 
die Bewegung, wie er den Inhalt des Glases in den Mund stürzt. 

Dann holt der Hofrat seine Plaketten herbei, sdiiebt die schlednen 
Exemplare mit der Gebärde, die er an Dr. Hübner so haßt, beiseite, stützt 
den Kopf in die Hände und überdenkt das Leben der letzten Wochen. Um 
der Plaketten willen hat er sich allen seinen Freunden und Bekannten ent- 
fremdet und nun stürzt auch diese große reiche Welt zusammen. Dr. Hübner 
ist schuld daran, der Schurke! Er hätte ihn erwürgen mögen. 

Geht nidn die Tür? Und wieder hört er die Stimme Dr. Hübners, 
Bruchstücke aus irgend einem Gespräch des Gelehrten mit einem Händler. 
Jetzt spürt Baumgartner den jungen Mann dicht hinter sich . . . wenn er 
sich aufrichten wollte, würde er mit dem Kopf gegen ihn stoßen. Während 
er sich zu beruhigen sucht, daß dies alles nicht wahr sein könne, legt sidi 
eine Hand vertraulich auf seine Schulter, die bekannte Stimme ertönt und 
verhöhnt sein Interesse am Plakettenstudium, das gewöhnliche, schäbige 
Philisterhabgier sei. A's die Stimme mit hämischem Lachen des Hofrats 
Plaketten als falsch bezeichnet, wird dieser grob und fragt den jungen 
Mann, ob er ihn vielleicht eingeladen habe, seine Sammlung anzuschauen, 
worauf die Stimme erwidert, daß der Hofrat es immer gewünscht habe, er 
habe sidi nur nicht getraut, es auszusprechen. Baumgartner wirft dem unsichre 
baren Gast vor, daß er ihm seine Plaketten nur verekeln wolle, um sie 
ihm für billiges Geld abzuschwindeln, ja daß er einen Diebstahl beabsichtige. 
••'•Ich stehle nicht,« hört er, »ich stelle nur fest.« 

Der Hofrat gerät in immer größere Aufregung und droht, den jungen 
Mann hinauszuwerfen, den er jetzt dicht an. seinen niedergekrümmten Schultern 
zu spüren glaubt. Immer näher kommt die fremde Stimme und fragt, wie 
er das machen wolle,- »ich bin nicht umzubringen, ich bin die Wissenschaft«. 
Baumgartner stößt Beschimpfungen aus und duckt sich schreiend, wie um 
dem Angriff seines Gegners zu entgehen, der ihn beim Genick zu packen 
scheint. Zur Abwehr faßt er den Sessel und schwingt ihn in die Luft. Im 
Spiegel sieht er einen Sessel gegen sich erhoben, holt aus und will selbst 
einem Hieb ausweichen. Er taumelt und schlägt im Stürzen mit dem Kopf 
sdiwer gegen die Tischkante- 
Versuchen wir die Einzelzüge und Vorgänge der namentlich 
geecn Schluß kunstvoll gesteigerten Erzählung in die Sprache der 
Libidotheorie zu übersetzen, ohne die Linien der Entwicklung über 
das halbwegs gesicherte Maß hinaus in die Tiefe zu fuhren. Die 
Aufteilung der Notwendigkeiten des Schicksals zwischen Anlage 
und Erleben, Sx-W und ~'jyj, - wobei jener die bedeutsamere 
Rolle zufallen dürfte - mahnt uns, vorerst dem, was uns der 



186 Dr. Alfred Winterstein 



Dichter am Anfang über den Charakter seines Helden zu berichten 
weiß, unser Augenmerk zuzuwenden. 

Die Beziehungen des Hofrats Baumgartner zur Frau - zur 
eigenen als audi zur Mutter und zum Weibe überhaupt — finden 
im ganzen Buch kaum eine flüchtige Andeutung, hingegen wird die 
pedantisch-gleichmäßige Lebensweise des kleinen, immer sehr sorg« 
faltig gekleideten Herrn — an einer anderen Stelle ist von seinen 
tadellosen Handschuhen die Rede — betont, weshalb wir wohl 
berechtigt sind, aus diesen und anderen Gründen im Hofrat einen 
Vertreter jenes analerotischen Typus zu erblicken, dessen hervor- 
stechende Züge Sparsamkeit, Ordentlichkeit, Eigensinn und Um» 
ständlichkeit sind. Ein Mann wie Baumgartner bleibt innerlich stets 
ein Hagestolz, vielleicht ist es daher gerade ein feiner Eug des 
Dichters, seinen Helden verwitwet und kinderlos sein zu lassen,- 
denn ein Sohn hätte die Möglichkeit geboten, die unbewußte homo- 
sexuelle Libido, deren Vorstoß die Veranlassung zur Krankheit 
abgeben wird, auf sich zu ziehen. 

In die Richtung der Analerotik deutet feiner in diesem Zu- 
sammenhang möglicherweise auch der Umstand, daß der Hofrat 
vor seiner Pensionierung im Finanzdienste tätig war: die Beschäfti- 
gung mit Ziffern und Geld ist nicht selten in unbewußten Komplexen 
verankert. Wenn es an einer Stelle der Erzählung <S. 11> heißt: 
»Mit Ämtern und Akten wollte Hofrat Baumgartner nichts mehr 
zu tun haben . . . Akten waren ihm einfach unerrräglidi, Formalitäten 
jeder Art verhaßt«, so weist wohl diese leidenschaftliche Ablehnung 
von Ämtern und Akten auf die Affcktverkehrung eines homosexuellen 
Zwangsneurotikers hin, der sich zu seinen Vorgesetzten, Abbildern 
der Vater-Imago, feindlich einstellt und durdi fremde Formalitäten 
nicht in der Ausübung seines eigenen Privatzeremoniells gestört 
sein will. 

Nehmen wir noch" als weitere charakteristische Eigenschaften 
des Analerotikers Baumgartner aus dem späteren Verlauf der Er- 
zählung die Freude am System l vorweg, am gewissenhaften umständ- 
lichen Ordnen der Plakettensammlung und des Hofrats Beziehung zum 
typischen Kotsymbol, zum Geld, auf die im Zusammenhang mit dessen 
angeblichem Kunstinteresse noch zurückzukommen sein wird. 

In die schwebenden Spannungen eines soldien Gemütszustandes 
tritt eines Tages ein an und für sich nicht allzu bedeutsames Ereignis, 
das den latenten Konflikt zur Aktualität entfesselt: Baumgartner macht 
eine kleine Erbschaft nach einem Jugendfreunde. Wir erraten wohl 
die Absicht des Dichters, wenn wir eine warme Freundschaft von 
sublimiertem homosexuellen Charakter zwischen dem Erblasser und 
dem Erben voraussetzen 2 . Mit der Trauer über den Liebcsverlust 

1 Der Hang zur Systembildung kehrt in der Paranoia wieder. 

"-' Nur nebenbei möchte ich hier eine Beobachtung von Jones <Über anal- 
erotische Charakterzüge. Internationale Zeitschrift für ärztlidic Psychoanalyse, V., 
1919, Heft 2> heranziehen, wonach im Unbewußten eine Symbolbrücke vom Kot 



Der Sammler 187 



gerät aber die aus der Analerotik stammende Habgier des Hofrats 
in Widerstreit, die sich über den wertvollen Zuwachs an Besitz 
freut. Die Vorwürfe, die er sich deswegen macht und die auf die 
elterliche Kritik längst verdrängter infantil-sexueller Regungen zurück- 
zuführen sein werden, äußern sich bei ihm als Schuldgefühl als 
Angst, bei etwas Unrechtem ertappt zu werden,- dieses Gefühl 
begleitet ihn regelmäßig bei seinen Besuchen in den Antiquitäten- 
handlungen. 

Es ist auch gewiß kein Zufall, daß der Tod des Freundes 
bei Baumgartner Erinnerungen an die eigene Jugendzeit regressiv 
wiederbelebt. Als er vor dem Laden des zweiten Antiquitäten- 
händlers auf und ab schreitet und sich nicht entschließen kann ein- 
zutreten, empfindet er Ähnliches wie seinerzeit, da er als junger 
Mann vor der Tür eines Versatzamtes stand <S. 13>. Und an einer 
späteren Stelle der Erzählung <S. 42) gedenkt er beim Lesen des 
Kataloges »ferner, ferner Jahre, da er — ein lesewütiger Gymnasiast — 
mit ähnlicher Ungeduld aufregende Indianergeschichten in sich hinein- 
geschlungen hatte«. 

Bevor die homosexuelle Libido des Hofrats gegenüber dem 
jungen Privatgelehrten paranoide Formen annimmt, wird die anale 
Quelle des Verfolgungswahnes zum Sammeleifer sublimiert, wenn 
auch diese Sublimierung infolge Andrängens der Libido nur unvoll- 
ständig gelingt. Es ist nun ein feiner Zug des Dichters, daß er 
Baumgärtner anfangs noch zwischen homo- und heterosexuellem 
Fühlen schwanken läßt. Darauf deutet die Szene vor dem ersten 
Geschäft, in der der für die Symptomatologie der paranoiden Er» 
krankungen so charakteristische Beobachtungswahn bereits in Er- 
scheinung tritt. Der Hofrat fühlt sich von einem Gesicht hinter dem 
grünen Vorhang der Glastür beobachtet und weiß nachher nicht, ob 
es das eines Mannes oder das einer Frau gewesen sei. »Und er 
ärgerte sich, der Gedanke daran beschäftigte ihn eine Weile viel 
mehr als die Plaketten« . . . <S. 12.) 

Ich erinnere ferner an den bald nachher erfolgenden Ankauf des 
Damenporträts, das Baumgartner angeblich wegen einer Familien- 
ähnlichkeit reizt und das mit den altvaterischen Möbeln aus 
dem Nachlaß des Freundes harmoniert. Das Frauenbildnis gefällt 
ihm von Tag zu Tag besser und er sucht -mit Sorgfalt als dazu 
passende Umgebung farbige Stiche aus dem vormärzlichen Wien 
aus. Ein Gerühlston - die Dame aus dem alten Wien scheint 



zum letzten Willen, zum Testament über die Idee der »Hinterlassenschaft« fuhrt 
Das letzte Geschenk des roten Freundes ist das gleiche wie das erste Geschenk 
des kleinen Kindes: der Kot. Jones, dem wir überhaupt eine treffliche Beschämung 
analerotischer Charakterzüge verdanken, hat das Streben zu sammeln als summierte 
Erscheinungsform der Neigung zum »Behalten« erklärt. Nach seiner Ansicht sind 
die gesammelten Gegenstände fast durchwegs typische Kotsymbole. Vgl. zu dem 
Folgenden auch FerenczisAufsatz:ZurOntogenie des Geldinteresses. Internationale 
Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. IL, 1914. Heft 6. 



188 Dr. Alfred Winterstein 



irgendwie ein Ebenbild der Mutter zu sein - wird angeschlagen 
und nicht fortgeführt, was als ein kleiner künstlerischer Fehler wirkt, 
da das Interesse des Lesers für kurze Zeit in eine falsche Ridmmg 
gelenkt wird. 

Das beim Hofrat nur zeitweise zurückgedrängte Interesse an 
den Plaketten nimmt nun wieder völlig Besitz von seinem Gemüte. 
Der Autor unterläßt es nicht, die libidinöse Unterströmung anzudeuten, 
die die Tätigkeit des Sammeins begleitet und von Baumgartner bald 
als störend und verwirrend, bald als lustvoll empfunden wird. Daß 
die Beschäftigung mit den Plaketten eine erotisdie Neueinstellung 
in sich schließt, geht klar aus folgenden Worten <S. 34, 35> hervor: 
»Der Hofrat fühlte unklar, daß mehr geschehen sei an diesem Tage. 
Eine Unruhe war in sein Leben gekommen. Der Kreis seiner Ge» 
danken und Gewohnheiten war irgendwo undicht geworden, gerissen, 
durch die Lücke drängte Neues herein, Unbekanntes lockte über 
die Grenzen hinaus, die sich unbemerkt im Laufe seines geordneten, 
gleichmäßig geregelten Daseins um seine Interessen aufgebaut, sein 
Wollen und Wünschen in einen friedlichen Bezirk eingeschlossen 
hatten. Aber diese Unruhe war nicht quälend, sie war geladen mit 
frohen Erwartungen, sie verhieß neue Freuden und neue Kenntnisse.« 

Die halluzinierte Stimme Dr. Hübners - eigentlidi eine endo» 
psychische Wahrnehmung des Unbewußten - spricht es geradezu 
aus, daß die Sammlertätigkeit Baumgartners durch den analerotischen 
und homosexuellen Komplex determiniert ist. »Mir wollen Sie ein= 
reden, Sie hätten wirkliches Interesse an dem Plakettenstudium gehabt? 
. . . Aus Habgier ist Ihre Sammlung entstanden . . . aus ganz gewöhn» 
lieber, schäbiger Philisterhabgier*, heißt es an der einen Stelle <S. 89)'. 
Und weiter <S. 90): ». . . hab ich dich vielleicht eingeladen, meine 
Sammlung anzuschauen?« - »Natürlich, Sie haben sich nur nicht 
getraut es auszusprechen . . . Gewünsdit haben Sie es immer.« 

Man gewinnt überhaupt den Eindruck, daß das Sammelobjekt - 
in unserem Fall die Plakette - der Vermittlung zwischen dem Sammler 
und anderen Männern dient. Die Aufmerksamkeit, die der Hofrat den 
Gesichtern der Antiquitätenhändler zuwendet (bei dem einen »hätte er 
gern gewußt, was hinter der Stirn dieses Mensdu'n vorgehe« [S. 16], 
für den distinguiert und gebildet aussehenden Kunsthändler fS. 49| 
empfindet er warme Sympathie), findet wohl so ihre Erklärung. 

Aus diesem seelischen Zusammenhang heraus wird es auch 
wahrscheinlich, daß die beim Hofrat Baumgartner jählings auftretende 
Sorge um die Echtheit seiner Stücke, die Angst vor Fälschungen - f 

1 Vgl. audi S. 54: »Baumgartner merkte gar nidit, daß der Gedanke an 
den Geldwert der Kunstwerke immer mehr Raum in seinen Überlegungen gewann, 
daß die Idee, bei solchen Käufen sei das von dem Freund hintcrlassenc Vermögen 
sogar gewinnbringend angewandt, wie eine Ranke an seinem Sammeleifer empor« 
wucherte«. 

' Der quälende Gedanke, daß die Plaketten vielleicht <in bildlichem Sinn) 
»Dreck« sind, scheint auch darauf hinzuweisen, daß ihre Bedeutung als Kotsymbol 
dem Hofrat bewußt wird. 



Der Sammler 189 



die es ihm unmöglich macht, sich an den Plaketten unbekümmert 
um die Meinung anderer zu erfreuen, eigentlich nur seine homo* 
sexuelle Enttäuschung widerspiegelt. 

Wir haben gehört, daß an einer bestimmten Stelle der Er» 
Zählung das scheinbar sachliche Interesse Baumgartners für die 
Plaketten von seiner ambivalenten Gefühlseinstellung zum jungen 
Gelehrten fast völlig aufgesogen wird. Dies steht im Einklang mit 
der von der Psychoanalyse auch anderwärts 1 festgestellten Beziehung 
zwischen Analerotik und Verfolgungswahn und leitet zum Pro= 
blem der Paranoia 2 und des Narzißmus über, die beide in unserer 
Erzählung eine interessante Behandlung erfahren. 

Was die psychoanalytische Paranoialehre betrifft, begnüge ich 
mich, daran zu erinnern, daß von Freud 3 als Anlaß der Erkrankung 
das Auftreten einer femininen <passiv=homosexuellen> Wunschphantasie 
angenommen wird, gegen die sich beim Kranken ein intensiver Wider- 
stand erhebt. Der Äbwehrkampf wählt die Form des Verfolgungs= 
wahnes. Der Ersehnte, der im Grunde auf den Vater, das Urbild 
jeder ambivalenten Einstellung, zurückweist, kehrt im Wahne larviert 
als Verfolger zurück, d. h. was als Liebe verdrängt war, erscheint 
als Haß wieder, der projiziert wird und den Inhalt des Verfolgungs» 
wahnes darstellt. 

Der für die Paranoia charakteristische Größenwahn entspricht 
der narzißtischen Objektwahl, die die Zumutung der homosexuellen 
Wunschphantasie, den Mann zu lieben, radikal ablehnt. Es hat 
also eine Regression der sublimierten Homosexualität bis zum 
Narzißmus stattgefunden. 

Allein vom Narzißmus des Helden aus läßt sich die rätsel- 
hafte Figur des jungen Privatgelehrten deuten, dessen hochmütiges, 
grausames Lächeln an den mythischen Narkissos oder an den 
modernen Narziß Dorian Gray erinnert. Dr. Hübner ist das 
narzißtische Ichideal, ist ein Doppelgänger* des Hofrates. Und zu- 
gleich vertritt der insgeheim geliebte Verfolger auch den Vater. 

Wir sagten schon, daß Baumgartner sich in einem Alter be= 
findet, wo die Furcht vor dem Altwerden", die Angst, überholt 
zu werden, der Wunsch, immer jung zu bleiben, das tiefste Problem 
des Ichs bildet. Dieses Ich, richtiger: das Stück Narzißmus sträubt 

1 Siehe namentlich J. H. W. van Ophujsen: Über die Quelle der Empfindung 
des Verfolgtwerdens (Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. VI., 1920, 
Heft 1> und Aug. Stärcke: Die Umkehrung des Libidovorzeichens beim Verfolgungs- 
wahn. (Ebenda, V., 1919, Heft 4.) # 

2 Wobei ich es dahingestellt sein lasse, ob es sich um eine reine Paranoia 
oder eine paranoide Form der Dementia praecox (Dementia paranoides) handelt. 

3 Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen 
Fall von Paranoia (Dementia paranoides). Jahrbuch für psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen, III., 1911, Heft 1. 

* Zum Problem des Doppelgängers vergleiche die grundlegende Arbeit von 
O. Rank: Der Doppelgänger. (Imago. III., 1914, Heft 2.) 

•'■ Mit diesem Motiv steht der Geldkomplex in keinem zufälligen z.w • 
sammenhang. 



190 Dr. Alfred Winterstein 



sich gegen seine Bedrohung durch die Todesvorstellung und produ- 
ziert als Abwehrphänomen den die narzißtische Selbstliebe ver- 
körpernden Doppelgänger, in dem doch auch die ursprünglich ab» 
gewehrte Todesvorstellung wiederkehrt, da dieser namentlich im 
Aberglauben als Todesbote erscheint. Der Doppelgänger erweist 
sich nach Rank ' als funktionaler Ausdruck der psydiologischen Tat- 
sache, daß das zum eigenen Ich erotisch eingestellte Individuum von 
einer bestimmten Phase seiner narzißtisch geliebten Ichentwicklung 
nicht loskommen kann/ der Doppelgänger erhält die Deutung eines 
Stückes unabstreifbarer Vergangenheit. Die Freundschaft mit jungen 
Männern sucht diese erotische Verliebtheit in das eigene jugendliche 
Ebenbild zu realisieren 2 . Da der Narziß seinem Ich ambivalent 
gegenübersteht, entladen sich die abwehrenden Gefühle an seinem 
Doppelgänger als Furcht und Haß,- nur dies ermöglicht ihm die 
erotische Einstellung zum eigenen Ich. Der bisweilen auftretende 
Impuls, den Doppelgänger zu töten, um sich vor den Verfolgungen 
durch sein Ich endgültig zu schützen, ist eigentlich ein Suizidversuch 
auf fremde Kosten, ein Versuch, die aus der Bedrohung des Narziß- 
mus resultierende Todesangst durch Vernichtung seines Ichphantoms 
zu beseitigen. 

In den Abwehrmechanismus des Narzißmus fügt sich auch 
die Paranoia ein. Auf Grund der Einsicht, daß die Verfolger 
des Kranken regelmäßig den ursprünglich geliebten Personen <oder 
deren Ersatzfiguren) entsprechen, läßt sich zeigen, daß der Haupt- 
verfolger eigentlich das eigene Ich ist, die ehemals geliebteste 
Person, gegen ' die sich nun die Abwehr richtet. Die für die 
Paranoia charakteristischen »Stimmen« sprechen nur die eigenen Ge- 
danken des Urbildes aus,- dieses glaubt, sich selbst reden zu hören, 
sein innerstes Denken als Sprechen von außen zu vernehmen. 

Kehren wir nun zum Inhalte unserer Erzählung wieder zurück, 
so braucht nur an den letzten Spaziergang des Hofrats mit dem jungen 
Mann erinnert werden, um die Doppelgängernatur Dr. Hübners deutlich 
erkennen zu lassen. Er hält immer gleichen Schritt mit Baumgartner, 
paßt sich seinem Tempo an, sein Schatten liegt neben dem des Hof- 
rats und zuletzt erscheint er diesem als verfolgendes Spiegelbild 3 . 

Auch die Prüfungsphantasie, in der der alte und der junge 
Mann die Rollen vertauscht haben, bestätigt, daß Dr. Hübner nur 
ein idealisiertes Erinnerungsbild der Jugendjahre des Hofrats dar- 
stellt,- Baumgartner war sicherlich audi einmal ein Ehrgeiziger der 
Erfolge auf geistigem Gebiete anstrebte und Überlegenhcitsgefuhle 
seinen Freunden gegenüber empfand. Die ambivalente Gefühlsein» 

1 I. c. 

1 Bedeutung der narzißtischen Objektwahl für die I lomosexualität des Mannes. 

3 In der Bedrohung durch das (verhaßte) eigene Spiegelbild äußert sich das 
Qbermächtigwerden' des abgewehrten eigenen Ichs. Die Beobachtung der eigenen 
•Bewegungen beim Trinken vor dem Spiegel <S. 85) hat auch ausgesprochen narzißti- 
schen Charakter. 



Der Sammler 191 



Stellung des Hofrats zum jungen Gelehrten findet im Narzißmus 
ebenso ihre teilweise Erklärung wie der im Bewußtsein Baumgartners 
auftauchende Wunsch, dem jungen Mann an die Kehle zu springen 
und ihn zu erwürgen 1 . Schließlich sei auf das Walten der psychi- 
schen Instanz 2 verwiesen, die mit dem Klang von Dr. Hübners 
Stimme Baumgartners verdrängte Gedanken zum Ausdruck bringt. 

Wie verträgt sich aber mit dieser Auffassung die Deutung 
des jungen Kunstgelehrten als Vaterfigur, für die eine Reihe von 
typischen Zügen herangezogen werden kann? Wir meinen, daß es 
dem Hofrat nur teilweise gelungen ist, die homosexuelle Libido 
regressiv zur Bildung des narzißtischen Ichideals heranzuziehen, daß 
jedoch ein Stüdc dieser Erotik bei dem ersten männlichen Liebes- 
objekt, dem Vater, verblieben ist. Die primäre Bedeutung Dr. Hübners 
ist jedenfalls die narzißtische, da die gleichgeschlechtliche Liebeswahl 
ursprünglich in icherotischer Einstellung nach dem eigenen Ebenbilde 
erfolgte. In dem feindseligen Verhalten Baumgartners zum jungen 
Gelehrten äußert sich also nicht nur die Abwehr gegen den Narziß- 
mus, sondern auch das Sträuben des Paranoikers gegen alle homo= 
sexuellen Einflüsse. 

Dafür, daß in unserer Erzählung das Benehmen des Hofrats 
gegenüber Dr. Hübner von verdrängten homosexuellen Wünschen, 
die einstmals dem Vater galten, bestimmt wird, finden sich so viele 
offenkundige Anzeichen, daß ich mich bloß auf einige Beispiele be- 
schränke. Seit der ersten Begegnung im Museum empfindet Hofrat 
Baumgartner dem jungen Mann gegenüber Insuffizienzgefühle, in 
seinem Minderwertigkeitswahn benimmt er sich wie ein Kind gegen 
seinen Vater: er kommt sich hilflos und unwissend vor, glaubt sich 
beständig vom anderen verspottet und verhöhnt, ihm imponiert die 
unbeirrbare Selbstsicherheit Hübners, den er für unbarmherzig und 
teilnahmslos gegenüber seinen Freuden und Schmerzen hält. Als ein 
weiterer Zug> der diese Gefühlskonstellation begünstigt, kommt der 
Unterschied der Körperlänge in Betracht: der Hofrat ist von kleiner 
Gestalt, Dr. Hübner überragt ihn an Größe weitaus. Die Prüfungs- 
phantasie mit dem jungen Kunstgelehrten als strengem Examinator 
läßt ebenfalls in unzweideutiger Weise dessen Vaterrolle erkennen. 
Die Wissenschaft, die Hübner in den Augen des Hofrats verkörpert, 
repräsentiert ja auch das dem Kinde vorenthaltene Wissen um 
sexuelle Dinge. Die für das Verhalten zum Vater typische ambi- 
valente Einstellung unseres Helden wurde bereits hervorgehoben. 
Er flieht vor Hübner und fühlt sich doch wie unter einem hypnoti- 
schen Zwang zu ihm hingezogen, sucht um jeden Preis Gelegen- 
heiten herbeizuführen, mit ihm zusammenzutreffen. Das in der 
Verdrängung erhaltene positive Gefühl offenbart sich bei Baum- 

1 Der im Gefolge der Analerotik auftretende Sadismus ist auch an diesem 
Wunsche beteiligt. , „ 

- Der damit zusammenhängende Beachtungswahn tritt beim Hofrat schon am 
Anfang der Erzählung — als er vor dem ersten GesAäfte stehen bleibt — zutage. 



7 



192 Dr. Alfred Winterstein 



gartner als Angst, als Angst vor dem Doppelgänger und Angst 
vor sich selber. Der in ihm wirksame Konflikt macht es be- 
greiflich, daß er in Gegenwart dos jungen Mannes verlegen und 

verwirrt wird. . 

Das auslösende Moment für den Ausbruch des Verfolgungs- 
wahnes mit seinen somatischen Halluzinationen ist der am ^™" ss * 
der Erzählung geschilderte Spaziergang des Hofrates In Gesellschaft 
des jungen Gelehrten, bei dem jenen neuerlich die fixe Idee befällt, 
daß er den Händlern lauter Fälschungen abgekauft habe 1 (homo- 
sexuelle Enttäuschung). Als der junge Mann - scheinbar um 
Baumgartner zu versöhnen — diesen ersucht, ihm seine Samm- 
lung zu zeigen, empfindet der Hofrat diese Bitte geradezu wie - 
einen sexuellen Angriff 2 von hinten und flüchtet. Hier bricht nun 
der Wahn aus, daß der junge Mann ihm folge. »Er spürte seine 
Blicke im Rücken«, heißt es unzweideutig in der Erzählung (S. 81), 
»spürte, wie sie auf seinen Nacken trafen, auf seine Schultern, 
auf sein Rüdegrat . . .« üehörshalluzinationen, in die typische 
höhnende Stimme übergehend, täuschen ihm die Anwesenheit 
Dr. Hübners vor. 

Für die Bedrohung durch die gleichgesdilechtliche Libido sind 
zwei weitere Stellen kennzeichnend, an denen von einer Verkehrung 
ins Gegenteil die Rede ist. Nachdem der Hofrat in sein Arbeits- 
zimmer gestürzt ist und sich auf einen Sessel niedergelassen hat, 
ist es ihm, als schwebe der Sessel mit ihm höher und höher in die 
Luft . . . aber jetzt verkehrt sich die Bewegung in ihr Gegenteil und 
er sinkt mit einem Schwindelgefühl in einen unabsehbaren Abgrund. 
In einem späteren Augenblick hört er mit dem Klang von Dr. Hübners 
Stimme die Worte: »Drehen Sie sie (sc. die Plakette) doch um . . . 
Sehen Sie; hier ... sie ist von hinten mit Metall ausgegossen . . . 
schwer gemacht« 3 . W7 , 

Je stärker im Unbewußten Baumgartners sich nun der Wunsch 
nach der analen libidinösen Gewalttat regt, desto heftiger empfindet 



i Infolee Vorstoßes der homosexuellen Libido werden die Sublimierungeh 
rückgängig gemacht. Als Abwehrreaktion droht die Regression von der objekt- 
liebenden Einstellung zum infantilen narzißtischen Beharren bei der Ana'erotfk. 

« Die Wirkung, der bereits beim ersten Gespräch mit Baumgartner an diesen 
gerichteten Bitte Hühners charakterisiert der Autor folgendermaßen O 5ö>: ». . . . UM 
(sc. der Hofrat) war wiederum froh, den ersten Angriff - anders empfand er ,s 

nicht — abgewehrt zu haben«. . • , .. 

Baumgartner muß seine homosexuelle Libido mit negativem Vorzeichen in 
Form von grobem Benehmen und Beschimpfungen betätigen, wodurch sie mm 

selber unkenntlich bleibt, , ,, . n ii - 

3 Übrigens enthalten die Worte: .Vertauschte Rollen vertauschte Rollern, 
die der Hofrat bei der Prüfungsphantasie im Ohre hat, ebenfalls eine unzweideutige 
Anspielung auf die Homosexualität. Die Beschäftigung mit der Kehrseite der Uinge 
ist auch ein analerotischer Zug. Eine zweite Bemerkung der höhnenden Summe, 
die sich scheinbar auf die Plaketten bezieht, klingt wie aus einem andern, groD« 
erotischen_ Zusammenhang heraus: »In Ottakring draußen können Sie zuschauen, 
wie das Zeug gemacht wird« 



Der Sammler 193 



er im Bewußtsein Angst vor der angeblichen Bedrohung durch Dr. 
Hübner, dessen unnahbare Vatergestalt an einer Stelle <S. 91 > 
geradezu mit der Personifikation der Wissenschaft verschmilzt. Auf 
dem Höhepunkte des Anfalls, bevor Baumgartner sein eigenes 
Spiegelbild für seinen Verfolger hält und gegen dieses losgeht, gerät 
er in ein wahres Schimpfdelir,- auch die typische Wortspielerei 1 fehlt 
nicht in dem vom Dichter gezeichneten Krankheitsbilde. 

Wenn der Hofrat am Sdiluß in pathologischer Angst vor dem 
verfolgenden Spiegelmenschen zusammenstürzt und sich dabei mit 
voller Wudit an der Tisdikante verletzt, so ist ein solches Ge* 
schehen künstlerisch dem Tode des Helden gleichzuli alten, der in 
Gestalt des Selbstmordes — auf dem Umweg der Tötung des 
lästigen Verfolgers - ein übereinstimmendes Endmotiv der DoppeU 
gängererzählungcn bildet. Freilich knüpft die Katastrophe dort 
meistens an die Rivalität in der Liebe um ein Weib an, während 
in unserem Falle, entsprechend der psychoanalytisdien Aufklärung 
der Paranoia, der primitive Narzißmus des Helden durch die Todes- 
Vorstellung und den stürmischen Durchbruch der homosexuellen 
Libido bedroht erscheint. Das aus dem Spiegelbild entgegentretende 
Ichphantom ist zugleich eine Verkörperung des Todes-, wie ja auch 
wir den Tod als toten Menschen, als (fleischloses) Ebenbild unseres 
Ichs darzustellen pflegen 3 . 

r... Inde J? L wir , die "? intu 't'ver Kenntnis des Unbewußten durch- 
geführte Uiarakterstudie eines Dichters, die an keiner Stelle wie 
die bxempl.hkation irgend einer psychiatrischen oder neurologischen 
Iheone wirkt, gleich einer Krankengeschichte - etwa wie Freud 
die Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken« des Senatspräsidenten 
Schreber 1 - analysiert haben, sind wir nicht nur zu bemerkens- 
werten Bestätigungen der psydioanalytischen Paranoialehre, soweit sie 
gesichert erscheint, gelangt, sondern dürfen endlich auch im Hinblick 
auf die eigentümliche Behandlung, die der Verfolgungswahn des Helden 
im Zusammenhang mit seiner Sammelleidenschaft beim Autor erfährt, 

1 <S. 90) »Ich stehle nidit«, hörte er, »ich stelle nur fest . . .« »Stehle . . . stelle fest 
. . . stehle . . . stelle fest . . . stehle . . . stelle fest . . . Wortspielerei . . . Wortspielerei . . . 
Lächerlich aufgeblasener Narr du . . . Ich werde dich hinauswerfen . . .« 

' »Idi bin auch nicht umzubringen *, sagt die fremde Stimme. Nicht umzu- 
bringen ist — der Tod. Die eisig=eiserncn Finger, die sich um das Genick des 
Hofrats klammern, verraten gleichfalls die Zugehörigkeit zu diesem Vorstellungskreis. 

* In diesem Zusammenhang sei auf die Novelle von Thomas Mann »Der 
Tod in Venedig« <1913> hingewiesen, die einen verwandten Stoff behandelt und 
in feinsinniger Weise bereits durch H. Sachs ODas Thema Tod«, Imago, III. 1914, 
Heft 5> analysiert worden ist. Dieser unterzieht die beiden Leitmotive: Tod und 
Liebe, einer eingehenden Betrachtung, unterläßt es aber aufzuzeigen, wie Thema 
und Gegenthema im Narzißmus des Schriftstellers Aschenbach ihre Erklärung 
finden. Der sohneslose Fünfziger verwandelt sich nicht nur in einer charakteristi- 
schen Spiegelszene in den alten Stutzer von Pola, der eine Inkarnation des Todes 
darstellt, sondern liebt auch in dem polnischen Knaben die ideale Sohnesgestalt, 
also sich selbst. 

* Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia -usw., 1. c. 

Imago VH/2 13 






194 



Dr. Alfred Winterstein 



einen Schritt weiter ins Dunkel der Entwicklungsgeschichte der Li- 
bido tun und die bereits von anderer Seite 1 angeregte Frage neuer- 
lich aufwerfen: ob nicht die Empfindung des Verfolgtwerdens aus 
dem analen Komplexe abzuleiten ist und die Ambivalenz des in 
seiner Bedeutung noch immer nicht voll gewürdigten Narzißmus — 
so wie sie in pathologischer Übertreibung als Größen- und Klein- 
heitswahn auftritt — auf die primitive abwechselnd positive und 
negative Betonung der analen Empfindung letzten Endes zurückgeht. 



1 A. Stärcke, 1. c, und J. H. W. van Ophujsen, I. c. 




r 



^\ 



Literatur: Internationale Psychoanalytische Bibliothek 195 



Literatur. 

Internationale Psychoanalytische Bibliothek. 

Nr. 4: Dr. OTTO RANK: Psychoanalytische Beiträge zur Mythen- 
forschung. 

Nr. 5: Dr. THEODOR REIK: Probleme der Religionspsychologie. 

I. Teil: Das Ritual. Mit einer Vorrede von Prof. Dr. S. Freud. 
Nr. 6: Dr. GEZA RÖHEIM: Spiegelzauber. 
Nr. 7: Dr. EDUARD HITSCHMANN: Gottfried Keller. 
Nr. 8: Dr. O. PFISTER: Zum Kampf um die Psychoanalyse. 
Nr. 9: AUREL KOLNA1: Psychoanalyse und Soziologie. 

(Alle im Internationalen Psychoanalytischen Verlag, Leipzig— Wien - Zürich.) 

Die Internationale Psydioanalytische Bibliothek, durch deren Gründung eine 
Sammlung von wichtigen, d. h. einen wissenschaftlichen Fortschritt auf dem Gebiete 
der Psychoanalyse bedeutenden Publikationen geschaffen wurde, umschließt sowohl 
ärztliche als geisteswissenschaftliche Werke. Unter den bisher erschienenen zehn 
Bänden können sechs zu der letzteren Gruppe geredinet werden. Es ist kein Zu- 
fall, daß die in diesen Werken behandelten Probleme jenen Geisteswissenschaften 
angehören, deren Vertreter nun mit steigender Aufmerksamkeit den analytischen 
Forschungen folgen. Diese Publikationen sind aber zweifellos geeignet, nicht nur 
das Interesse der Fachgelehrten, sondern auch die stärkste Anteilnahme aller Ge- 
bildeten zu erwecken, zeigen sie doch die Fruchtbarkeit der analytischen Betrachtungs- 
weise gerade in der Bearbeitung solcher Fragen, die sich bisher einer Lösung mit 
den uns zur Verfügung stehenden Mitteln entzogen. Auf dem Boden der durch 
die Analyse gezeigten Tatsachen stehend, vergessen diese Untersuchungen auch 
nie, daß die in ihnen entwickelten Theorien immer wieder durch die Erfahrungen, 
welche die analytische Erforschung des Seelenlebens uns liefert, verifiziert werden' 
So verlieren sie niemals den Zusammenhang mit dem Leben, indem sie zeigen^ 
daß aus denselben verborgen wirkenden Kräften die Menschen ihr Elend und ihr 
Glück, neurotische Symptome, künstlerische, philosophische und wissenschaftliche 
Leistungen schöpfen und daß die eine Triebmelodie, wenn auch von den mannig» 
faltigsten Obertönen begleitet, das Schicksal der Menschen beherrscht. 

Die analytische Erforschung des Traumes, die sich als die wertvollste Quelle 
von Aufschlüssen über das psychische Geschehen erwies, hatte bald den Versuch 
gerechtfertigt erscheinen lassen, das in der Struktur und den seelischen Mechanismen 
ähnliche Phänomen des Mythus analytisch zu untersuchen. Das Hauptverdienst auf 
diesem Gebiete gebührt unstreitig Rank <Nr. 4>, dessen auf die Mythenforschung 
bezüglichen Arbeiten nun um neue vermehrt gesammelt vorliegen. Man kann, wenn 
man die Aufsätze miteinander vergleicht, leicht erkennen, welche Wege der Autor 
gegangen ist. Die ubiquitäre Symbolik und das rein Inhaltliche der Mythen tritt 
später bei ihm immer mehr zurück,- die Rolle, weldie die Mythen in der Kultur« 
entwiddung der Menschheit spielen, wird immer mehr betont: die beiden letzten 
Arbeiten Ranks zeigen trotz mancher fragwürdiger Züge die analytische Mythen- 

13» 



196 



Literatur: Internationale Psychoanalytische Bibliothek 



Forschung auf einem Höhepunkte, der auch dann feststeht, wenn nachprüfende 
Belastungsproben ergeben, daß sich die von ihm geschlagene Brücke vom Märchen 
zu der jeweiligen psychologischen und kulturellen Situation, der es seinen Ver- 
mutungen nach seine Entstehung und Umwandlung verdankt, nicht als genug 
tragfähig erweist. Der Mythus als Produktion der Massenpsychc hat nicht nur 
den Traum zum Pendant im individuellen Seelenleben,- manchen Menschen ist es 
gegeben, ihre Tagträume des egoistischen Charakters zu entkleiden, sie zu objek- 
tivieren und durch ihre Ausgestaltung die Gemeinschaft zu erfreuen, Es sind die 
Dichter. Hitschmann <Nr. 7) hat einen der großen deutschen Erzähler gewählt, 
um in der Darstellung seines Lebens und Schaffens, von analytischen Gesichts- 
punkten ausgehend, zu zeigen, wie tiefgehend Kindercindrückc bei Gottfried Keller 
gewirkt haben und welche hervorragende Bedeutung bestimmten Tendenzen und 
deren Hemmungen im Liebesleben für die künstlerische Stoffwahl und Gestaltung 
zukommt. Ist des Dichters Werk so die Spiegelung seines Ichs, seiner Selbstliebe 
und seiner Liebe zu anderen und zur Welt, so zeigt auch jeder von uns eine 
besondere, die Aufmerksamkeit des Psychologen erweckende Einstellung, die, einem 
frühinfantilen Libidostadium entstammend, in der Analyse als narzißtische be» 
zeichnet wurde. Den Wirkungen, Ersatzleistungen, Verschiebungen und Reaktions- 
leistungen des Narzißmus im Völkericben geht Rohcim <Nr. 0) nach, indem er 
die Spicgclriten einer eingehenden Untersuchung unterzieht. Lust und Verbot der 
Selbstspiegelung als Ausdruck narzißtischer Strebungen kommen in den zahlreichen 
Riten und Gebräudien, deren Zeugnisse Rohe im gesammelt hat, zum klaren 
Ausdruck. Was von der Wissenschaft als Aberglaube bezeichnet wird, kann unter 
glücklicheren Umständen durch den consensus omnium und in mehr oder minder 
sublimierter Form Geltung und hohe Wertung in der menschlichen Gemeinschaft 
erlangen,- es wird zum Bestandteil der Religion und lebt so als von den sozialen 
Mächten sanktionierte vornehmste Art Aberglaube fort, in die Tiefen wirkend. 
Aber auch so hoch gestiegen, zur gewaltigsten sozialen Institution geworden, kann 
der Ritus seine Abkunft aus dem Triebleben nicht verleugnen und seine analytische 
Untersuchung, die der Referent <Nr. 5> an einzelnen repräsentativen Beispielen 
durchführt, zeigt immer wieder die Wiederkehr verdrängter Regungen in ihrer 
Absicht und Formung sowie im Erfolg. Dabei geht die Gemeinsamkeit unbewußter 
seelischer Tendenzen über die angeblich so wichtigen Differenzen von Nation und 
Rasse hinweg,- mag es sich um Australnegcr oder Semiten, Indianer oder Mongolen 
handeln — »von Harz bis Hellas lauter Vettern«. Der Referent bemüht sich, die 
entscheidenden Wirkungen seelischer Tiefenmächte im Aufbau und in der Aus- 
gestaltung der Riten primitiver Völker ebenso wie in den religiösen Zeremonien 
hochkultivierter Stämme darzustellen. Die Zeremonialrcligion des Judentums erscheint, 
so betrachtet, als Ausdruck derselben Tendenzen auf denselben seelischen Voraus» 
Setzungen basierend, denselben unbewußten Zielen zustrebend, wie die der Nachbar* 
Völker, nur durch Besondere Schicksale des Volkes in andere Richtungen gedrängt. 
Referent glaubt am Beispiele eines uralten Ritus gezeigt zu haben, wie ein aus 
dem untergegangenen Totemismus stammender Gebrauch sich bis in das modernste 
Zeremoniell wenig verändert, nur seinem ursprünglichen Sinn entfremdet, fortsetzt. 
In der Analyse der Religion wurde immer klarer, weldic Bedeutung den Beziehungen 
des Kindes und des Erwachsenen, in deren Unbewußten ein Stück ihrer Kindheit 
weiterlebt, zu seinem Vater und dessen Revcnants zukommt. Eine ähnliche Rolle 
spielt dieses Verhältnis in der Entwicklung der großen sozialen Bewegungen, die 
unsere Zeit beherrschen,- tritt dort die positive Einstellung in den Vordergrund, 
so hier mehr die negative. In einer programmatischen Schrift zeigt Köln ai <Nr. 9>; 
weldic Bedeutung die Psychoanalyse für die tiefere psychologische Erkenntnis sozialer 
Probleme besitzt, indem er die Massenbewegungen des Bolschewismus, Anarcho» 
Kommunismus etc. auf ihre unbewußteu Wurzeln zurüdtführt und darzustellen 
versucht, welche psychischen Faktoren in den sozialen Bestrebungen unerkannt und 
doch treibend die Entwickjung beeinflußten. Die neuen Wege, die Kolnai für die 
soziologische Betrachtung sucht, sind durch die große Bedeutung, die er der Psycho- 
analyse in der wissenschaftlichen Erfassung der seelischen Seiten der Probleme zu- 
schreibt, gekennzeichnet. Pfisters reichhaltiges Buch <Nr. 8) führt uns wieder zu 
einzelnen Fragen zurück, deren theoretische und praktische Bedeutsamkeit zeigt, 



Literatur: Religionswissenschaft 197 

daß der »Kampf um die Psychoanalyse* nun in ein neues Stadium getreten ist. 
Seine Untersuchung der Psychoanalyse als psychologischer Methode und die Arbeiten, 
in denen er in der Folge die Fruchtbarkeit dieser Methode bei verschiedenen 
Fragen des individuellen und kollektiven Seelenlebens (Entstehung der künstlerischen 
Inspiration, Psychologie des Krieges und Friedens, Psychologie des hysterischen 
Madonnenkultes, psychoanalytische Behandlung verwahrloster Kinder etc.) beweist, 
gipfelt in einer Ansicht über die Psychoanalyse als über ein Stüd Weltanschauung, 
die, wenn auch nicht in allen Punkten einwandfrei, doch hohes Interesse bean- 
spruchen darf. 

Eine eingehendere Besprechung der einzelnen Werke darf der Referent hier um 
so eher unterlassen, als der eben erscheinende »Bericht über die Fortschritte der 
Psydioanalyse in den Jahren 1914-1919«' diese Publikationen ausführlich würdigen 
wird. Hier handelte es sich vielmehr darum, zu zeigen, wie die Analyse auf den ver- 
schiedenartigen Gebieten Fragen zu lösen und neue, bisher nicht gesehene auf» 
werfen kann, wie ertragreich ihre Methoden für Ästhetik, Kunst- und Kultur« 
geschichte, Folklore, Soziologie, Religionswissenschaft, Mythenforschung zu werden 
versprechen. Denn bei aller Vielseitigkeit und Mannigfaltigkeit der Themen bleibt 
das Verbindende das Instrument, das hier gehandhabt wird, die Analyse. Gerade 
darin aber liegt der Reiz der neuen Psychoanalytischen Bibliothek: in ihrem Studium 
glaubt man ein Orchester zu hören, das die verschiedenartigsten Individualitäten 
vereinigt und sie, jede nach ihrer Art und auf verschiedenen Wegen, doch dem 
einen Ziele zustreben läßt. Ihre wissenschaftliche Bedeutung aber liegt zweifellos 
darin, daß sie die Leser zwingt, die Wirksamkeit unbewußter psychischer Vorgänge 
auf so disparaten Gebieten des Geisteslebens besser zu würdigen. Wenn nach 
einem schönen Worte Le Bons Wissenschaft nur eine sehr gemilderte Form 
der allgemeinen Unwissenheit ist, so darf doch solche Bescheidenheit nicht zur 
Resignation werden. Neue Methoden und Mittel der wissenschaftlichen Forschung, 
wie sie gerade die Psychoanalyse den Vertretern der einzelnen Disziplinen bieten, 
geben die Möglichkeit, das >Ignorabimus* an bestimmter Stelle aufzugeben 
und ihm wenigstens einen neuen Platz einzuräumen, der den alten weit hinter 
sich läßt. Th Re . fc 

Religionswissensdiaft. 

TRAUGOTT KONSTANTIN ÖSTERREICH: Einführung in die 
Religionspsychologie. Berlin 1917, Ernst Mittler. 

Das Buch des Tübinger Professors ist aus akademischen Vorträgen über 
Religionspsychologie hervorgegangen. Nachdem Österreich das Wesen der 
Religionspsychologie kurz besprochen hat, behandelt er im Hauptteil »Die Formen 
der Offenbarung« Visionen, Glossolalie, Inspirationszuständc und seelische Innen- 
offenbarungen. Ein dritter kurzer Abschnitt ist den Entwiddungsstufen der 
Religiosität gewidmet. Der Schluß wird durch eine Betrachtung über »para- 
psychologische Zukunftsprobleme der Religionspsychologie« gebildet, die in den 
Psydiical Research, wie sie James, Riebet, Flournoy, Dürr und Dessoir befür- 
worten, eine heuristische Methode von Wert erblickt. Die Psychoanalyse ist nur 
durch Pfisters Glossolaliearbeit in der kritischen Übersicht vertreten. Hat sich 
der Autor hier noch Zurückhaltung im Urteil auferlegt, so hat er später 
<»Vossische Zeitung* 1920) solche Schranken fallen gelassen und die Totem» 
theorie Freuds durch einige forciert burschikose Spaße ad absurdum führen 
wollen. Gegenüber solcher kritischen Haltung wollen wir loyal anerkennen, daß 
sein eigenes Buch durch leichtfaßliche Diktion, gutgewählte Zitate und reiche 
Literatürangaben ausgezeichnet ist und für die intellektuell anspruchsloseren seiner 
Studenten als eine vorzügliche Einführung in die Probleme der Religionspsydiologie 
gelten darf. Th. Reik. 



Im Internationalen Psychoanalytischen Verlag. 



198 



Literatur: Religionswissenschaft 



FRANZ BOLL (Heidelberg): Oknos. (Leipzig und Berlin 1918, Archiv für 
Religionswissenschaft. 19. Band, S. 151 ff.> 

Die mythische Gestalt von Oknos, dem »Zauderer«, der hilflos versonnen 
dasitzt, nach einer anderen Variante ein Seil flicht, während die neben ihm stehende 
Eselin auf der anderen Seite das Seil wieder wegfrißt, ist neben Sisyphus und 
Tantalos und den Danaiden wohl die bemerkenswerteste Unterweltgestalt, Wilamo» 
witz sah in ihm einen Hamlet, den Büßer »des Mangels an sittlichem Mute, zu 
tun, was man für recht hält«. Rohde sah im fruchtlosen Bemühen des Oknos »eine 
Parodie, halb scherzhaft, halb wehmürig, auf jene homerischen Gestalten des Sisyphos 
und Tantalos, ein kleinbürgerliches Gegenstück zu jener homerischen Aristokratie 
der Götterfeinde«. Dem Verfasser erscheint die Geschichte und ihre Versetzung .in 
die Unterwelt »die evidente Spiegelung einer Traumphantasie, die wohl zu den 
allerhäufigsten gehören mag und jedem aus eigener Erfahrung bekannt sein wird. 
Man pflegt sie den Behinderungstraum zu nennen. Wir befinden uns in irgend 
einer Situation, wo es zu handeln gilt: wir sind uns dessen bewußt und doch 
stehen wir müßig und hilflos . . . usw.« 

Aus der neueren Literatur zitiert der Verfasser als Beispiel eines »Bchinderungs- 
traumes« den Traum in Jeremias Gotthelfs »Uli der Knecht« am Anfang des achten 
Kapitels. Bei den Alten ist bei Homer des Hektors grauenhaftes Rennen um sein 
Leben dem Traume verglichen. <Ilias XXII, 199: 6>g d'iv öveiQQ . . . usw.) 
Virgil übernimmt den Vergleich und steigert ihn: 

Ac velut in somnis, oculos ubi languida pressit nocte quies, 
nequiquam avidos extendere cursus velle videmur et in mediis conatibus 
aegri sueeidimus, non lingua valet, non corpore notae sufficiunt vires, nec 
vox aut verba sequuntur: sie . . . usw. 

Eine Bestätigung dafür, daß die Gestalt des Oknos »aus der Erfahrung im 
gebundenen Leben im Traume« geschaffen und in die Unterwelt versetzt ist, sieht 
der Verfasser auch in einer indischen Parallelgestalt: in den indischen Jatakas erscheint 
der unglückselige Seilflechter als das siebente Traumbild des Königs der Koc;ala. 

In der Kenntnis der Literatur der Traumpsychologie ist der Verfasser bis 

Volkelt, Scherner und Laistner gelangt. . , c . - 

56 A. J. Storfer. 

LUDWIG WEINER: Altgriechischer Baumkultus. Untersuchungen. 
Leipzig 1919, Dieterichsche Verlagsbuchhandlung. 

Die kleine Broschüre enthält mehr als der Titel verrät. Sie versucht nach- 
zuweisen, daß die Bedeutung des Kranzeslaubes und der hohe Wert, den die 
Alten ilmi beigelegt haben, im letzten Grunde auf den Dienst der Erdgottheit 
zurückzuführen ist und zeigt die Rolle der Baunwerehrung in Kult und Ritus der 
antiken Hellas. Dem Analytiker werden bei der Lektüre zahlreiche Anregungen 
zuströmen, die sich sowohl auf den Baumtotemismus als auch auf allgemeinere 
Fragen der Religionspsychologie beziehen. Der Autor hat es verstanden, uns zu 
zeigen, wie Eichenlaub und Lorbeerkranz, Kotinoszweig und Olivenreis, die im 
!r tua , _ er ne " en 'schen Heiligtümer eine bedeutsame Rolle spielen, zu Sinnbildern 
"** höchsten Ziele des Menschengeschlechtes geworden sind. Das materialreiche, 
sachlich geschriebene Buch ist für den Religionshistoriker und «psychologen interessant. 

Th. Reik. 

Dr. S. A. HORODETZKy: Religiöse Strömungen im Judentum. Mit 
besonderer Berücksichtigung des Chassidismus. Bern und Leipzig 1920, Verlag 
Ernst Bircher. 

Alle Blicke sind heute auf die Kämpfe gerichtet, in denen die durdi den 
Vertrag von Versailles geschaffenen Randstaaten an der Ostgrenze der ehemaligen 
Zentralmächte für ihre Unabhängigkeit zu Felde ziehen und von deren Ausgang wohl 



Literatur: Religionswissenschaft 199 



nidit nur ihr Schicksal, sondern das von ganz Europa bestimmt wird. Unzweifel- 
haft h^dVltVslidabei nicht nur um Gleichgewiditsschwankungen, denen ,eder neu- 

&defD^Ä%Sl &K dieUl |^P«» 23 

Sekt -R%äÄ^ äääIs 

sächlich dadurch Interesse, als sich hier in der Bruttemperatur ^jgWg^g 
geknechteten und unterjochten Kinder Israels, die sehnsüchtig nach ^nem «g««g 
Messias ausschauten, der Entwicklungsprozeß vor i der Gründung durch emige 
begeisterte Propheten, durch die Kämpfe mit der Orthodoxie, zur Her s *^ ^ 
führenden Zaddikim, die in ihrem verweltlichten Prunk «JS^älftttlB 
von Miniaturpäpsten gewannen, in Jahrzehnten vor sich ging, wahrend er bei aen 
Weltrelifcionen Jahrhunderte beanspruchte. ., , „„-i ,.„j 

Psychoanalytisch gewähren die Lehren der Gründer günst.ges Mater a und 
hübsche Parallelen zur Bestätigung der Thesen, die aus dem f^mm ehr st ch r 
Mystiker gewonnen worden sind, vor allem auch dafür, daß die bchaulust in 
solchen Spekulationen in zentraler Stellung sidi auswirkt. r„>hilfen 

Beseht, der Begründer des Chassidismus, ein Vollwaise der vom Uehilren 
eines Lehrers sich zum Lehrer, dann zum Pächter, Schächter, Arzt und schhen lieh 
-um Propheten wandelt und durch seine beständige Berührung mit dem voiKe 
einen stark demokratischen Zug im Gegensatz zur Aristokratie des /«ehrten 
orthodoxen Rabbinertums in die Sekte bringt, findet die Gottheit in der Natur 
und versteht die Reden der Vögel und Bäume. Gott ist der Ort der Welt lehrt 
er und die Welt der Ort Gottes <S. 60>, alles oben und unten ist eine Einheit 
und also schaust du den Schöpfer und der Schöpfer schaut auf dich/ alle Hüllen 
und Vcrdedcungcn gehören mit zum innersten Wesen Gottes. Selbst im öatan 
und bösen Trieb ist auch nur Gott. Deshalb predigt er Freiheit und Verwertung 

Charakteristisdierweise ist sein einziges literarisches Testament die Schilderung 

einer wunderbaren Vision in seinem Brief an seinen Schwager <S. 65). fcsr sieht 

darin Dinge, die er bis dahin nie gesehen hatte, seit er ein Mann war Seme 

Seele steigt zum Paradies empor, wobei die Seelen vieler Lebender und loter um 

«eine Hilfe und seinen Beistand bitten, er sieht den ; Satan und Messias, der ihn, 

s Kommen verkündet, wenn des Beseht Lehre der Welt offenbar sein werde 

und ihn drei Worte lehrt, um anderen den Aufstieg zu ermöglichen. In jedem 

Buchstaben seien Welten, Seelen und die Gottheit, die emgwsttigeiv ***.*«- 

binden und vereinigen in grenzenloser Freude, wie sie auf der unteren Welt 

Braut und Bräutigam empfinden. Bei der Unterweisung des Hauptjungers Beer 

durch Beseht treten Engelvisionen auf <S. 71). Auch der Junger verkündet eine 

nantheistische Emanationslehre <S. 79>. Die Uneinheit rühre vom Wahrnehmenden 

her der nicht fähig sei, die Gedanken des Königs ganz zu erfassen, tis müsse 

ein' Zerbrechen stattfinden - daher die sogenannten Gefaßsplitter --, damit das 

I icht erkannt werde und dieses Erkennen des Lichtes sei ja der Zweck der bchoptung. 

Das Innere sei Gott, der das körperliche Äußere belebe. Als Beispiel: siehst du 

P ine schöne Frau, so mußt du nachdenken, woher stammt ihre Schönheit,- von der 

ihr innewohnenden göttlichen Macht! <S. 83.) Dieses geistige Anschauen fuhrt auf 

jede höchste Stufe <S. 84). Alles, was dem Menschen zu Gesicht kömmt, ist vor. 

j i \£,e»k,.no ak Zeicer zu Gott bestimmt. Selbst wenn man ein Tier sieht, 

fj. Ich etwas Lust haferkennt man, daß dieses Tier Lust, d. h. Liebe hegt und 

d /^JrTan de Liebe Gottes gemahnt. Die Herzensbescheidenheit ist eine 

Äe des Aufgehe im Schauen desWers In der Verknüpfung des Menschen 

> g rJn ,Aam iener den gebenedeiten Schöpfer mit semem geistigen Auge wie 
nur Gott sAautjener _«n g ^ a|rf .^ wjc ^ Mens4/ 

man einen Mensch« L"*£™ UJ ^.^ _ ^ ^^ ^^^ p ers5nlidl keit 
Teint'n sfeh aUe WunsAphantasien dieser Propheten - übersieht alles, nichts 



200 



Literatur: Religionswissenschaft 



ist ihm verborgen und verheimlidit, sein vom Körperlichen abgelöstes Auge vermag 
die oberen Welten zu erfassen. Seine Verbindung mit Gott ist so stark, wie die 
des Buhlers mit der Buhlerin <S. 94>. 

Das auserwählte Volk beweist durdi strikte Befolgung des zweiten Gebotes 
seine starke Verdrängung der Schaulust. Der Chassid erklärt den bösen Trieb für 
göttlich und sublimiert sie in ekstatischen Visionen der Gottheit. 

Kielhol; (Königsfelden). 



Dr. phil. FERDINAND MOREL: Essai sur l'Introversion mystique. 
Etüde psydiologique de Pseudo-Denys l'areopagite et de quelques autres 
cas de Mysticisme. Gencve, Libr. Kundig, 1918. 

Aus defn Biographien und Werken einer Reihe bekannter Mystiker aller 
Zeiten sucht der Verfasser die Erscheinungen und Ausdrucksformen des Prozesses 
zu gruppieren, den er mit dem Jungschcn Begriff der Introversion am besten zu 
charakterisieren glaubt. Alle Mystiker sind introversiert, aber nicht jede Introversion 
ist mystischer Natur <S. 27). Leider erfahren wir nirgends genügend, wodurch sich 
speziell die mystische Introversion auszeichnet. Ein Vergleich der dargestellten 
Typen ergibt, daß sie dodi recht verschiedene Strukturen aufweisen, zu deren 
Schilderung sowohl die Janetsche Störung des Wirklichkeilssinncs als auch der 
Bleulersche Autismus und die verschiedenen Begriffe der Freudsdien Psychologie 
herangezogen werden. Morel hebt bei den vorwiegend männlichen Typen, bei 
denen er meist einen ausgesprochenen Narzißmus feststellt, ein starkes Vorwiege» 
der sogenannten funktionellen Symbolik hervor und erinnert sich dabei vielleicht 
zu wenig des Umstancles, daß jedes Symbol als Produkt einer Vcrdidilung gleich- 
zeitig mehrfache Deutungen fordert, daß also funktionale und materiale sich dedeen 
und_ verflechten können. Sidierlidi wäre er sonst auf die 1 lauptwurzcl der viel« 
verästelten mystischen Psyche aufmerksamer geworden, nämlidi die infantile, starken 
Verdrängungen verfallene Schaulust, die sidi in den halb lust-, halb angstbetonten 
Visionen des späteren Ekstatikers einlädt. Unsdiwcr lassen sich reichlich Belege 
für diese Auffassung finden: 

Von Dionysius erfahren wir, daß die Lichtsymbolik eine sehr große Rolle 
in seinen Werken spielt <S. 103, 106). Bei der Introversion der Inder wird als 
eine Hauptsache Fixierung des Blidces verlangt, um die eigene Seele zu erblicken 
<S. 153) und dieser Blidc wird verglichen mit dem in die Tiefe des Sees <S. 154). 
Plotin fordert: Schließen wir die Augen des Körpers, um in uns eine andere Sicht 
zu eröffnen. In der Ekstase betrachten wir den Einen <S. 16b), es hat darin keine 
Bilder und Schauspiele mehr <S. 168>. Philosophie und Moral begleiten sich, wie 
der Wunsch zu sehen denjenigen zu besitzen begleitet <S. 169). Nach Tauler 
genießt der Mensch die Visio essentiae Dei, indem er sich versenkt in den Grund, 
in die Verborgenheit <S. 183). Ganz charakrcristisdi ist die über Bernhard v. Clair- 
wrÜ? k eric htetc Anekdote, daß er einmal mit zu großer Neugier den Blidt auf eine 
Weltdame gerichtet habe, sich sofort in einen Teidi stürzte, um seine fleischliche 
Begier abzutöten und von diesem Tage an einen Pakt mit seinen Augen machte, 
nicht einmal mehr an eine Jungfrau zu denken <S. 192). Sdion als Knabe sieht er 
'") \rautn, *' ie ^ as K |llf l i1us dem Leibe der Jungfrau geboren wird (S. 197). Er 
schwärmt von dem Zimmer des Gemahls, in dem die Gottheit ruhevoll sitzt. Um 
diese anzuschauen, verfällt die Seele in einen hellen und wachsamen Schlaf, eben 
die hkstase <S. 203). Suso hat im Beginn seiner Introversion eine Vision der 
ewigen Weisheit. Das zentrale Erlebnis, zu dem er immer zurückkehrt, ist die 
gfMtter, welche den Sohn umarmt <S. 217). Audi für Franz v. Sales steht das 
Bild der Mutter im Mittelpunkt seiner Introversion und er interessiert sich für 
ihre Brüste wie ein recht hungriger Säugling <S. 243). Die mystische Liehe, erklärt 
er uns, spricht nicht allein mit der Zunge, sondern mit den Augen <S. 251). Für 
die heilige Katharina von Siena sind die Hochzeit mit Christus, der lausch des 
Herzens mit ihm und die Stigmatisation in erster Linie visionäre Erlebnisse (S. 286). 
Die Tatsache verdient ßeaditung, daß neben dieser gelehrten und reservierten Intro» 



Literatur: Religionswissenschaft 201 

version einer intellektuellen Elite eine von der Kirche bekämpfte, volkstümliche 
bestand bei den Brüdern vom freien Geiste, wo der Inzest mit Mutter und 
Schwester für erlaubt gehalten wurde <S. 185>- Da können wir das erwünschte 
Ziel dieser mystischen Schaulust unverhüllt erkennen. 

Der Unterschied der Mystik bei den beiden Geschlechtern erscheint von 
diesem Gesichtspunkt aus nicht so schwerwiegend, wie ihn Morel auffaßt. Bei den 
Männern gestattet nur eine wachsamere und schärfere Zensur des Bewußtseins 
nicht so durchsichtige Symbole wie bei den Weibern, die inzestuöse Bindung bildet 
bei beiden das Ziel der Regression. 

Das Buch Morels liefert einen wertvollen Beitrag zur Psychologie der 
Mystik und erweckt durch seine Berücksichtigung der französischen Fachliteratur 
speziell für den deutschen Leser eine Menge neuer Anregungen. 

• Kielholz <Königsfelden>. 

MAURICE NEESER: Les principes de la psychologie de la religion 
et la psychanalyse. Neuchätel 1920, Lecon d'ouverture. 

Der Autor stellt sich die Frage, ob die beiden wichtigsten Prinzipien, die 
Flournoy der Religionspsychologie zugrunde gelegt hat, von der Psydioanalyse 
noch befolgt werden. Diese beiden Prinzipien sind bekanntlich: Ausschaltung der 
Transzendenz und biologische Erfassung der religiösen Phänomene. 

Neeser beginnt seine Übersicht mit Flournoy selbst, und zwar mit seinem 
letzten Werk *Une mystique moderne«. Nachher bespricht er die Werke von 
Berguer: »Quelques traits de la vie de Jesus au point de vue psychologiques et 
psychanalytique« <Geneve et Paris 1920>, von F. Morel »L' introversion mystique* 
(Geneve 1918) und von A. Maeder »Guerison et evolution dans la vie de l'äme« 
<Züridi 1918). Und bei jedem einzelnen dieser Autoren fragt sich Neeser, ob sie 
die von Flournoy aufgestellten Grundprinzipien befolgen oder nicht. 

Neeser beschuldigt die erwähnten Psychologen, daß sie in bezug auf das 
erste Prinzip, sidi betreffs der Transzendenz Reserve aufzuerlegen, die selbstgezogene 
Grenze <in verschieden hohem Maße) überschreiten. Durch die Tatsache, daß sie 
die Genese oder die persönliche Ausarbeitung der Idee oder der Repräsentation der 
Transzendenz zu erfassen bemüht sind, treten sie aus ihrer Reserve, aus dem 
Reiche der Transzendenz selbst, heraus. Das ist aber ein Eingriff der Psychologie 
in das Gebiet der Metaphysik. 

In bezug auf das zweite Prinzip teilt Neeser die. Autoren in solche, deren 
Erklärung entweder biopsychologisch oder biophysiologisch ist. Diese Unterscheidung 
scheint uns aber mehr in Worten als in Wirklichkeit zu bestehen. 

F. Morel <Genf>. 

PIERRE BOVET: Le sentiment religieux. Etüde de psychologie. Dans la 
Revue de theologie et de philosophie. Nr. 32. Lausanne 1919. 

Wir finden das religiöse Gefühl mit allen seinen Variationen schon beim Kinde. 
Es entsteht dort von selbst, wo <he Nachahmung der Umgebung keine Rolle spielt. 
Der Autor zählt einige der zur Erklärung dieses Gefühls vorgeschlagenen Theorien 
auf: Die »erotogene« Theorie von Binet-Sangle und die von Schroeder, die 
bekanntlich dem Christentum feindlich ist und nach welcher Sexuallust und religiöse 
Ekstase identisch seien. James zeige in einem Kapitel seines Buches >Die religiöse 
Erfahrung« (1902) die Unzulänglichkeit dieser Theorie,- aber die Lösung, die er 
vorschlage, sei ebenso unzulänglich. Stanley Hall stelle die Übereinstimmung 
zwischen der Entwicklung der individuellen Religion und den Empfindungen gegen= 
über dem anderen Geschlecht fest. Flournoy endlich und die Psychoanalyse werfen 
dieses Problem ganz frisch auf durch Einführung der »Sublimierung«. Aber für den 
Autor ist die Lösung noch nicht endgültig. Durch welche ihrer Funktionen ver- 
wandelt sich die Kindesliebe, Gattenliebe, Elternliebe, Menschenliebe in Gottesliebe? 
Es geschieht durch die Kindesliebe, was schon in dem geläufigen Ausdruck »kind- 



202 



Literatur: Völkerpsychologie 



liehe Pietät« enthalten sei. In der Kindheit würden Allwissenheit, Allmacht und 
Allgüte den Eltern zugeschrieben. Erst gegen das fünfte oder sechste Jahr ent- 
wickle sich eine rationalistische Krise: Die elterliche Allwissenheit schrumpfe im 
Geist des Kindes zusammen, die Allmacht der Eltern werde untergraben, die All- 
gute ebenso auf dem Wege des Vergleichcns. Der Autor bringt einiges sehr int er* 
essante Material über diese Krise. p | v j orc | Genf. 

PIERRE BOVET: Le sentiment filial et la religion. Revue de theologie 
et de philosophie. Nr. 36. Lausanne, Aout-Octobre 1920. 

Der Autor dieser kleinen Studie bringt einige Bestätigungen der Hypothese, 
nach weither das religiöse Gefühl eine Fortdauer oder eine Veränderung der kind« 
liehen Liebe darstelle. Der Glaube an die Allgegenwart, die Heiligkeit/ die All- 
wissenheit Gottvaters wurzle in dem ganz eigenartigen affektiven Verhältnis des 
Kindes zu seinem Vater. Dieser Zustand der uneingeschränkten Bewunderung ver- 
falle einer Krise, die nach dem Autor ungefähr zwischen dem vierten und sechsten 
Lebensjahre eintritt. 

Weiterhin zeigt der Autor die Beziehung auf, die zwischen dem kindlichen 
Fühlen und dem Patriotismus besteht, zwischen dem religiösen Gefühle einerseits 
und der Loyalität anderseits. Ihr gewöhnlicher Ursprung sei derart, daß er in hohem 
Maße Verwandtschaß und Gegensätzlichkeit in der Menschenseele veransdiauliche. 

F. Morel (Genf). 

O. PFISTER: Au vteil Evangile par Uli chemin nouveau. La psych« 
analyse au Service de la eure d'ame. Beme 1920, Traduit par H. Malan. 

Diese Broschüre wendet sich an die Pfarrer, deren wahre Aufgabe die 
Seelenheilung sei. Der Autor versucht, ihnen mit Hilfe einiger Beispiele zu zeigen, 
welche Hoffnungen sie an die Psychoanalyse knüpfen können. Diese Beispiele be* 
ansprachen nicht, die Leser in die Praxis der Psychoanalyse einzuführen/ sie illustrieren 
treffend die wertvolle Unterstützung, welche die Psychoanalyse den Seelsorgern 
bietet, welche in ihrem Berufe so viele Leute sehen, die gehemmt, zweifelsüditig, 
zwangskrank, unzufrieden mit sidi selbst und mit den anderen zu werden beginnen, 
und die in Sektentum oder Asketismus zu verfallen drohen. 

Der Autor zeigt seinen Lesern, wie die Psychoanalyse imstande ist, bei 
denen, die sich an sie wenden, die Schwierigkeiten, die sich ebensowohl in der morali- 
schen Haltung als im religiösen Leben erheben, zu entwirren. Er zeigt, daß es 
das einzige Mittel sei, sie zur Einsicht in die Notwendigkeit einer moralischen 
und religiösen Regeneration zu bringen und auf eine vollständige Wicdererzichung 
vorzubereiten. Diese wäre im Beginn erreichbar, denn sie würde den Patienten 
lehren, seine affektiven Kräfte, die in den unbewußten Komplexen verborgen sind, 
zu gebrauchen. ,.-_ More , (Gcnf) . 



Völkerpsychologie, 

ELIAS HURWICZ: Die Seelen der Völker. Ihre Eigenart und Bedeutung 
im Völkerleben. Ideen zu einer Völkcrpsydiologie. Bibliographie, 164 S. 
Gotha 1920, Perthes. 

Es ist für den psychoanalytischen Leser nidit uninteressant, daß der Ver- 
fasser die Aufgabe der eigentlichen Völkcrpsydiologie darin sieht, die seelischen 
Differenzen der einzelnen Völker zu erforschen und zu ergründen. Er arbeitet 
mit reichhaltigem literarischen Material, leider machen die Zitate den weitaus wert- 
vollsten Teil des Buches aus und über dieses selbst ist ziemlich wenig zu berichten. 
Erwähnen wir Price Colliers Bemerkung, wonach die Bezeichnungen vorgeblich 



Literatur: Völkerpsychologie 203 



desselben Gegenstandes: »love«, »amour«, »Liebe« voneinander vollends ab« 
weichende Gefühlstöne innehaben. Der Verfasser weist darauf hin, daß die Seele der 
Nationen mit schlagwortmäßigen Eigenschaftstermini nicht auszudrücken ist,- wir 
finden überall Antinomien, Polaritäten. Möglicherweise wird, so glauben wir, die 
Psychoanalyse in einer Anzahl solcher Fälle ambivalente Einstellungen entdecken 
können. Auch müssen wir betonen, daß der Verfasser gar richtig bemerkt, der 
jüdischen Seele mag man sowohl Konservativismus wie hähigkeit zur Neuanpassung 
als Nationaleigenschaften gelten lassen, hat aber nicht den Einfall, ob nicht vielleicht 
die Frage, das Problem von Verharren und Neuanpassung in der judischen 
Seele eine ganz besondere Stellung einnimmt. Wäre dem so, so würden beide 
entgegengesetzten Züge einander beileibe nidit neutralisieren, selbst wenn wir kein 
neues inhaltliches Material heranzögen, was zwar natürlich immer unentbehrlich ist. 
Der Verfasser stellt allenfalls interessante, einander in vielem bestätigende, e 5 l, *^f 
mal auch widersprechende Zitate nebeneinander, die Widersprüche werden jedoch 
hiedurch nicht gelöst, ob man auch dumpf fühlt, daß sie, im beiderseitigen Zusammen» 
hange genommen, keine unersrhließbaren Antinomien darstellen. Wir meinen eben, 
wiewohl auch jederzeit die Tatsachen das wichtigste sind, vor der Beobachtung, 
insbesondere aber vor der Interpretierung der Nationalzüge sollte man Sinn und 
Bedeutung der zu gebrauchenden Eigenschaftsbezeichnungen doch ausführlicher und 
präziser bestimmen. »Radonalismus« ist fürwahr kein Wort, womit man operieren 
kann, wenn nicht ganz genau angegeben wird, was darunter zu verstehen ist, da 
es zumindest drei Grundbedeutungen hat, deren unbewußte — oder oft bewußte — 
Verwechslung jegliches Gedankengefüge über den Haufen zu werfen vermag. Leider 
wird es, auch bei Gelehrten, so ohne Erläuterung gebraucht, wie »Brot« oder 
»Buch«. Die Psychoanalyse mit ihren Schemen > Verdrängung und Verurteilung«, 
»Idealisierung und Sublimierung«, »sexuell und genital« wird zur Entwirrung 
dieses Knäuels sicherlich um vieles beitragen, wie der mit ihr vertraute Leser vor» 
liegenden Buches an vielen Stellen fühlen mag. Beispielsweise wo über das Ver- 
hältnis zwischen englischer und italienischer »Sinnlichkeit« die Rede ist. Im übrigen 
wird die Rolle der Affektbeschaffenheit und der frühesten Kindererziehung in der 
Ausbildung der Nationalcharaktere mehrfach unterstrichen. Unter anderem schildert 
der Verfasser auch den Unterschied zwischen deutscher und französischer Psychiatrie: 
die erste nennt er beschreibend, die zweite analytisch und führt als vornehmstes 
Haupt der französischen Richtung (wenn wir die Freudsche Schule nicht dazu 
rechnen, gewiß mit vollem Recht) Janet an. Von der Psychoanalyse scheint er 
nichts vernommen zu haben und das scheint nicht zum Vorteil seiner Arbeit zu 

^reichen. A. Kolnai <Wien>. 

Dr. med. G. A. WEHRLI: Krankheitsdarstcllungen in den Winter- 
zeichnungen der Dakota-Indianer mit einigen Parallelen aus 
europäischen Kinderzeichnungen. Zürich 1917/18, Jahresbericht der 
Geographisch-Ethnographischen Gesellschaft. 

Dr. med. G- A. WEHRLI: Die inneren Körperorgane in den Kinder- 
zeichnungen mit einigen ethnographischen Parallelen. Zürich 
1918/19, Mitteilungen der Geographisch-Ethnographischen Gesellschaft. 

Der Verfasser ist Mediziner, Folklorist und Begründer einer im Zürcher 
I lvgiene=Institut aufgestellten, bereits recht reichhaltigen Sammlung von Materialien 
-ur Geschichte und Volkskunde der Medizin. Er beschreibt in der ersten der 
genannten Arbeiten die Krankheitsdarstellungen, die sich in den »Winter-Counts«, 
den Bilderschriftkalendern, der Dakota vorfinden In der zweiten gibt er teilweise 
spontan, teilweise unter direkter oder indirekter Veranlassung entstandene Kinder-- 
Zeichnungen wieder, die innere Organe darstellen wollen. Die Arbeiten sind nicht 
»svchanalytisch, verdienen aber hier Erwähnung als wertvolles Material für künftige 
analytische Arbeiten, die sich mit der Entwidmung des Zeichnens oder mit infantilen 
anatomischen Theorien befassen. Rorschach. 



204 Literatur: Kunstwissenschaft 



Kunstwissenschaft. 

Dr. O. PF1STER: Der psychologische und biologische Untergrund 
des Expressionismus. Bern und Leipzig 1920, Verlag Ernst Birdier. 

Die vorliegende Schrift Pfisters über die expressionistisdic Malerei bedarf 
einer eingehenden kritischen Besprechung. Sie weist einerseits die Vorzüge auf, die 
wir an den früheren Schriften des Autors kennen gelernt haben: seine Bcreit- 
Willigkeit, die Ursachen und Ziele geistiger Strömungen vorurteilslos zu erforschen, 
seine warmherzige und verständnisvolle Anteilnahme an allem, was unsere Zeit 
bewegt, seine Gabe lebendiger Darstellung. Aber es darf nicht verhehlt werden, 
daß man dieser Eigenschaften in des Autors neuester Arbeit uidit redit froh wird, 
denn sie weist daneben entschiedene Mängel und Fehler auf, die gerade von 
psychoanalytischer Seite hervorgehoben werden müssen, weil sie denjenigen, welche 
mit unserer Wissenschaft nicht vertraut sind, leichter entgehen werden. 

Daß der Expressionismus einer Abwendung des Künstlers von der 
Realität, einer Nachinnenkehrung seiner Libido den Ursprung verdankt, daß er 
also ein narzißtisches Phänomen darstellt, darin muß dem Autor vollkommen 
zugestimmt werden. Aber den Nachweis dieses Vorganges sucht er an einem 
Beobachtungsmaterial zu führen, das in mehrfacher Hinsicht unglücklich gewählt 
ist. Pfister gibt die fragmentarische Psychoanalyse eines Künstlers der expressio- 
nistischen Richtung wieder. Die begleitenden Reproduktionen von Bildern des 
Künstlers, auf deren Analyse Pfister seine Schlüsse großenteils aufbaut, ent- 
sprechen nur zum kleinen Teil den Originalicn, da der Analysand diese zumeist 
wieder an sich genommen hatte, sie sind vielmehr aus dem Gedächtnis des Autors 
wiederhergestellt <S. 25). Wir erhalten somit gar keinen verwertbaren Eindruck 
vom Schaffen des Analysanden und es nützt uns wenig, wenn Pfister uns wieder- 
holt der genialen Künstlerschart des Mannes versichert. 

Schwerer wiegt ein zweiter Einwand. Durch die ganze Schrift hindurch wird 
von der »Neurose« jenes Künstlers gesprochen. Nun liegt es mir gewiß fern, midi 
auf diagnostische Spitzfindigkeiten einzulassen. Aber im geschilderten Lalle ist es für 
den Fachmann unverkennbar, daß eine mit ausgeprägtem Negativismus verbundene 
Psychose vorliegt. Am Schluß erfährt man denn auch, daß Pfister den Analysanden 
einem Psychiater übergab. Zwei Gründe nötigen zu dieser diaguostisdien Stellung- 
nahme. Erstens liegt der Einwand auf der Hand, daß es sich in den Bildern um 
Produkte eines Schizophrenen handelte, von welchen nidit ohne weiteres allgemeine 
Schlüsse hinsichtlich des expressionistischen Sdiaffens abgeleitet werden dürfen. 
Sodann aber machte, wie aus Pfisters Darstellung hervorgeht, das negativistisch- 
ablehnende Verhalten des Analysanden eine regelrechte Psychoanalyse unmöglich. 

Wird schon damit die wissensdiaftlidie Verwendbarkeit des beigebrachten 
Materials in Frage gestellt, so ist weiterhin noch ein Einwand zu erheben, dem 
der Psychoanalytiker das größte Gcwidit beilegen darf. Die Ausdeutung der Bilder 
des Analysanden und seiner Träume ist in einer Art gesdichen, die man nidit 
mehr als streng psychoanalytisch bezeichnet) kann. I lier drängt sich der Verglcidi 
mit früheren Sdiriften des Autors zuungunsten der vorliegenden auf. 

Pfister hat seinen Analysanden zu den einzelnen Bestandteilen seiner 
Träume und Bilder frei assoziieren lassen, aber diese Methodik nirgends weit 
genug verfolgt, was großenteils durch pathologisdie Widerstände bedingt gewesen 
sein mag. Da er aber beim geringsten Widerstand sogleich das Heizwort wediselte, 
so erhielt er naturgemäß nur solche Assoziationen, die der Oberfläche nahe, d. h. 
ichgerecht waren. Bedenkliche Beispiele sind besonders die Trnumnnnlysc auf S. 45 
und die Analyse eines Bildes auf S. 74 f. Die Deutungen hat Pfister, wie aus 
der Darstellung zu ersehen, dem Patienten selbst vorgeschlagen und ist dabei auf 
dessen Widerstand gestoßen, ohne ihn überwinden zu können. Die nilgemeinen 
Bedenken gegen die Verwendung des so gewonnenen Materials finden in den 
Einzelergebnissen der Arbeit leider ihre Bestätigung. So muß z. B. die Schluß* 
Folgerung beanstandet werden, »daß das einzelne Bild nicht die ganze Persönlichkeit, 
sondern nur einzelne im Unbewußten gerade- vorherrschende, Züge ausdrückt, und 
zwar oft häßliche Züge, während andere, die auch zur Persönlichkeit gehören, in 






Literatur: Kunstwissenschaft 205 



der Verdrängung sitzen und sich nicht einmal verkleidet manifestieren können. 
<S 150>. Die so unvollkommen durchgeführte Analyse berechtigt nicht zu solcher 
Folgerung. Ebenso große Zweifel ergeben sich bezüglich der Annahme des Autors, 
der von ihm beobachtete Künstler sei Expressionist nur, solange ein bestimmter 
Zwiespalt in ihm vorhanden sei,- nach dessen Beseitigung fehle der expressionistische 
Charakter seiner Kunst <S. 110>. Pfiffe« Ansicht scheint zwar ein richtiger Kern 
innezuvrohnen, aber an dem beigebrachten Material läßt sie sich nicht erweisen 1* 
kann ihm weder darin folgen, wie er die einzelnen Bilder der einer, oder andern 
Gruppe einordnet, noch kann ich aus seiner eigenen Darstellung entnehmen, daß die 
beiden Gruppen von künstlerischen Produkten zeitlich getrennt entstanden seien. 

Im zweiten Teil des Buches wendet Pfistcr sich von der Analyse eines 
Einzelfalles zu einer psychologischen Würdigung des Expressionismus als Zeil* 
Strömung. Auch hier finden sich zutreffende, ja vortreffliche Bemerkungen, doch 
wieder sind sie untermischt mit anfechtbaren Auffassungen. Überzeugend wirkt 
z. B. der Vergleich des Expressionismus mit der automatischen Kryptolalie und 
der religiösen Glossola-lie <S. 146). An anderen Stellen dagegen ist die psycho- 
analytische Betrachtungsweise der Phänomene stark beeinträchtigt durch eine 'ihr 
wesensfremde Ideologie (»wahres Menschentum«, »Lebensbestimmung« usw.^ Und 
ferner will mir scheinen, daß Pfister auf manche Fragen der modernen Kunst- 
richtung, die gerade den Psychoanalytiker interessieren müssen, nicht genügend 
eingegangen ist. Ich nenne nur die Verdrängung des Sexuellen aus dem mani- 
festen Inhalt des Kunstwerks und die Bevorzugung religiöser Motive. 

Bringt man alles in^ Abzug, was in Pfisters Buch unsere Kritik heraus- 
fordert, so bleibt noch immer viel Gutes und Verwertbares, (das man in anderen 
Schriften über den gleichen Gegenstand vergebens suchen würde. Dies hervorzu- 
heben ist der Kritiker gerade einem Autor schuldig, dessen Verdienste um die 
Psychoanalyse allgemein anerkannt sind und durch die Einwände gegen eine 

Einzelschrift nicht verdunkelt werden können. *< ( 

j\ Dt diin iii. 

G. F. HARTLAUB: Kunst und Religion. Ein Versuch über die Möglichkeit 
neuer religiöser Kunst. Berlin 1919, Kurt Wolff Verlag. 

Die Entwicklung der Malerei in der neuesten Zeit hat nidit nur auf 
formalem Gebiet einschneidende Veränderungen mit sich gebracht. Sie hat den 
Inhalt des Kunstwerkes ebensosehr betroffen. Man beobachtet einerseits die Tendenz, 
das Gegenständliche überhaupt auszusdialten, anderseits ein Zurüdigreifen auf 
Motive, die in den vorhergegangenen Jahrzehnten an Bedeutung sehr verloren 
hatten. Wie man sich hinsichtlich der Form auf Vergangenes besinnt, so auch hin» 
sichtlidi des Inhalts. Vom Standpunkt der Psychoanalyse haben wir in beiden Vor» 
gangen eine Regression zum Infantilen zu erkennen. 

Hartlaub weist einleitend darauf hin, daß die Kunst aus der Religion ent- 
sprungen sei,- beide hätten sich aber auf dem weiteren Wege ihrer Entwicklung 
voneinander entfremdet. Im Expressionismus nähere sich die Kunst gegenwärtig 
der Religion wieder an, sowohl durch Darstellung des Religiösen als Gefühls- 
äußerung als durch Bevorzugung der traditionellen christlichen Motive. Wir 
könnten dem Autor vollkommen zustimmen, wenn er die Herkunft der Kunst aus 
dem Religiösen weniger absolut behaupten würde. Es geht nicht an, das Erotisdie 
und andere Quellen primitiver Kunst beiseite zu lassen. Ihm ist aber das Religiöse 
in einem neuen, höheren, jetzt erst zu ahnenden Sinne auch das Ziel der gegen- 
wärtigen Entwicklung der Kunst. 

Die durch reiche Bildbeigaben verdeutlichte Wendung der Malerei zum 
Religiösen kann hier nicht im einzelnen an Hand der instruktiven und klaren Aus- 
führungen des Verfassers verfolgt werden. Dagegen sei darauf hingewiesen, daß 
Hartlaub selbst an verschiedenen Stellen seines Werkes auf die psychoanalytischen 
Anschauungen Bezug nimmt. Natürlich kann dies nur in sehr allgemeiner Form 
eesdiehcn solange von psychoanalytischer Seite eine umfassende Bearbeitung der 
neuesten Kunst noch nicht vorliegt. Eine solche wird ihrerseits mit großem Nutzen 
auf Hartlaubs Ausführungen zurückgreifen. Abraham. 



206 Literatur: Pädagogik 



Dr. K. HBRMAN BOUMANN: Das biogenetische Grundgesetz und 
die Psychologie der primitven bildenden Kunst. ZeitsoSrift für 
angewandte Psychologie. 1919. Band 14, Heft .1—4, S. 129-145. 

Es wird die Zeichenkunst eines Schwachsinnigen, der Sprache kaum kundigen 
Mädchens, das sich nur eine Art Kinderspradic aneignen konnte, dargestellt. Die 
Zeichnungen verraten dieselbe, sogenannte physioplastische Darstellungsweise, welche 
wir aus den Grottenzeichnungen ältesten Datums kennen. Die aus künstlerisdiem 
Standpunkte minderwertige ideoplastisdie {symbolistische) Darstellungsweise soll 
sowohl phylo- als ontogenetisch Zeichen eines entwickelteren Zustandes sein und 
mit der Ausbildung der Sprachfähigkeit zusammenhängen : »die Geburt des Wortes 
traf die Kunst jener längst vergangenen Zeiten. Und die unbefangene Natur» 
betrachtung ging verloren in der Befangenheit der eigenen Phantasie.« 

Dr. J. Hermann {Budapest). 

Pädagogik. 

Prof. Dr. PIERRE BOVET: »La psychanalyse et l'education«. Extrait 
de l'annuaire de l'instruction publique, 1920. 

In beneidenswert klaren und treffenden Zügen entwirft der Autor ein Bild 
von der Psychoanalyse Freuds m\d ihren pädagogischen Auswirkungen. Er rechnet 
mit dem amtlichen Charakter seiner Publikation, was wohl die Erklärung gibt für 
die neutrale Stellung, die er einnimmt. Prof. Bovet vertritt als Ordinarius der 
Pädagogik an der Universität Genf von Amts wegen die offizielle Psychologie, 
wir müssen anerkennen, daß er mit besonderem Geschick die Überleitung der 
psychologischen Interessen vom Bewußtsein auf die pädagogisch viel wichtigeren 
subliminalen Vorgänge bewerkstelligt. Dem Traum, der Verdrängung, den Fehl- 
leistungen, der infantilen Sexualität gibt er alle wünschenswerte Betonung und be* 
legt sie mit trefflichen eigenen Beobachtungen. »En parlant de la sexualite de 
I'enfant, nous avons quitte la description de la methode pour exposcr les vues 
psychologiques auxquelles l'usage de la psychanalyse a conduit les praticiens, 
Ainsi que nous l'avons marque, plusieures de ces doctrines sont encore matiere 
ä constatation. Mals il n'est pas exagere de dire que la decouverte de la psych- 
analyse a des maintenant enrichi, et sur certains points revolutionnc, la Psycho- 
logie, comme celle de l'analyse spectrale ou du microscope ont, en leur temps, 
transforme la chimie ou la biologie« <S. 20). »La psychanalyse nous donne de 
l'esprit humain un tableau infiniment plus vivant, partant plus vrai, que ne faisait 
la psychologie associationniste dun Tainc, par exemple. Pour demontrer le profit 
que les educateurs avaient ä ne pas ignorer la psychologie, nous en Itions un peu 
trop reduits, il y a quelques annees, ä citer des experienecs sur I'association des 
idees ou sur les divers types de memoire qui, ne considerant dans I'icolier que 
des facultes reeeptives, ne touchanr pas au coeur du probleme educatif. II n'en va 
plus de merae aujourd'hui. A des Schemas statistiques la psychanalyse substitue 
une vue dynamique du developpement des instinets de I'enfant« <S. 24). 

Zu besonders schönen Hoffnungen berechtigt Bovets entschiedenes Eintreten 
für die Anwendung der Psychanalyse in der Erziehung und Beobachtung der 
»enfants moralement abandonnes» und neurotischen Kindern. Der Autor befür- 
wortet warm die Bestrebungen Pfisters und begrüßt die im Entstehen begriffenen 
Beobachtungsanstalten der Jugendgerichte und Erzichungsbehörden, wobei er voraus- 
setzt, daß dem subliminalen Triebleben die Hauptaufmerksamkcit und zwar auf 
psychoanalytischer Grundlage zukommt. 

Bovet kam dazu, die verdrängte infantile Sexualität rückhaltlos anzuerkennen 
<S. 21). Das ist uns nicht unerwartet, denn in seiner glänzenden Studie »L'instinct 
combatif« (1917), die wir noch zu würdigen haben, konnte er auf von ihm eigen- 
artig begangenen Weg in voller Unabhängigkeit diese Erfahrung machen. Immer- 
hin ist es verwunderlich, daß er die infantilen Bindungen nicht beim Namen ge- 
nannt wissen will. »Parmi ccs tendeiues affectives insuffisamment satisfaites, il en 



Literatur: Pädagogik 207 



est unc qui, suivant les psydianalystes, est toujours refoulee par 1 entourage et 
que nous dcvons nous attendre ä trouver toujours dans la sous-consc.ence de 
nos sujets, c'est 1'amonr passiono* (Freud dit meme incestucux) du petit garcon 
pour sa inere, de la petite filie pour son pere, et la Jalousie parr.cide qu eile 
engendre. Cet ensemble de voeux, non seulement inassouvis mais repousses avec 
ho*reur des la plus tendre enfance, constitue ce que, par allus.on au mythe 
antique, Freud appelle le complex d'Oedipe. II est certain V*£**^^l%£ 
cides plus ou moins conscients sont tres frequents chez les enfanrs. Ont-.Is tou 
jours pour motif la Jalousie? Je n'oserais l'affirmer,. car ils sont commun s aux 
deux sexes, et ils se dirigent indistinctement sur l'un et 1 autre des parents. Ils 
trouveraient aus», semble-t-il, une explication süffisante dans cet mstinct, aus» 
primordial que l'instinct sexuel, qui pousse tout enfant a s affirmer et que les 
parents ne peuvent manquer de contrecarrer contmuellement par leurs cierenses. 
So einfach kommt mir freilich die Ödipuseinstellung nicht vor. Ist sie doch in den 
häufigsten Fällen einer Komplikation unterworfen. Ein neuerer Autsatz rNWU 
über das Motiv »Ein Kind wird geschlagen« zeigt mit überraschender Deutlichkeit 
den Wandel der Ödipuseinstellung und die Unnahbarkeit der Adlerschen Aur- 
fassung gerade in diesem Punkt. Gemeinsamkeit des Verhaltens beider Uesdilechter 
ist kein Gegenargument und die Auffassung des Geltungstriebes als »aussi prim- 
ordial que l'instinct sexuel« scheint mir durch Bovets eigene Untersuchung über 
den >instinct combatif« in Frage gesrellt. .. 

Bovet ist ein Psychologe von außerordentlich abwägendem und selbständigem 
Charakter. Das gibt aber seinem offiziellen Eintreten für die Psychoanalyse be- 
sonderen Zeugniswert. Diese Schrift ist als Instruktionsschriff ein Meisterstuck. 
Als Stellungsnahme und Kritik ist sie, nach meinem Empfinden, der Psychoanalyse 
gegenüber eher zurückhaltend und der Schulpsychologie gegenüber eher noch zu 
göostig. . Dr . u_ Grüninger (Zürich). 

Rektor Pater Dr. J. B. EGGER: Die Psychoanalyse als Seelenproblem 
und Lebensrichtung. Beilage zum Jahresbericht der kantonalen Lehr- 
anstalt Samen, 1918/19, 1919/20. 136 S. 

Diese Schrift will ein Gutachten sein : Roma locuta, causa finita. Egger will 
auch ausdrücklich wissenschaftlich ernst genommen werden. »Die wissenschaftliche 
Beurteilung einer Lehre hat deren Kenntnis zur Voraussetzung. Und zwar ist es 
von wesentlicher Bedeutung, die zu beurteilende Lehre in ihrer Reinheit, d. h. nicht 
durch allerlei Zutaten entstellt, kennen zu lernen« <S. 5, 1.>. Wir würden also ent- 
schiedenen Ernst der Behandlung und Ehrlichkeit gegenüber dem Leser erwarten. 
Zunächst trifft das letztere nicht zu. Egger, der die Kritik einer Wissenschah von 
universellem Interesse unternimmt, hat ihre authentische Literatur nicht gelesen. 
Die »Traumdeutung« kennt er nicht, schreibt aber gleichwohl ein ganzes Kapitel 
darüber <S. 28, I. ff.). Ebenso unbekannt sind ihm die Schriften zur Neurosen- 
lehre. (Die »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« zitiert er fleißig.) Diese Art 
ist für das ganze Machwerk charakteristisch. Das Wahre an der Psychoanalyse 
sei uraltes Gut: »In Xenophons Memorabilien finden wir geradezu ein Schul- 
beispiel einer Psychoanalyse.« Egger ist nie dazu gekommen, Unbewußtes und 
Un gewußtes zu unterscheiden, er hat aber den Mut zu sagen: »Mit keinem Aus- 
drude treibt die Psychanalyse so Schindluderei, wie mit den Worten ,bewußt' und 
unbewußt' was die Psychanalyse Unbewußtes nennt, würde sie viel besser Ver- 
sessenes aus der Erinnerung momentan Verschwundenes nennen. — Denn das 
Unbewußte kann den Menschen ja nicht beunruhigen, sondern nur das Bewußte. 
Da gilt das Sprichwort: /Was ich nicht weiß macht mir nicht heiß'.« 

Äußerst leichtsinnig nimmt es der Verfasser auch mit der beigezogenen 
i :,««,, Fr hänet der Psychoanalyse alle möglichen philosophischen Tendenzen 
Literatur. Cr hangt ae 7 , Hd | ung und Bildung« etc. Auf Tatbestände und 
an und «*£*" Alg < w « gj b sydiana | yS e fehlt, das ist die Fundierung 
Ä^^Ätf^pi«. Das It eben der Fluch jeder Philosophie (!) 
die nidit auf dem Standpunkt des Theismus steht, daß sie, ohne es zu wollen und 



208 



Literatur: Pädagogik. 



zu merken, in den Sumpf des Materialismus gerät«. Bgger aber nennt die Seele 
einen »Riesenfilm« <S. 71, I.>. — »Bekanntlich werden die Psychanalytiker nicht 
müde <?>, auf das katholische Bcichtinstitut hinzuweisen.« Auf einen Vorhalt, wie 
die Beichte die Analyse ersetzen solle, wo das pathogene Material ins Unbewußte 
versunken ist, antwortet Bgger: » . . . daß der Beichtende verpflichtet ist, nur jene 
Sünden zu beichten, die er nach Reißiger Erforschung des Gewissens ausfindig ge- 
macht hat. — Ad impossibile nemo tenetur — deshalb entschuldigt die Unwissen- 
heit. - Es ist endlich gar nidit einzusehen, wie die Verdrängung krankmachend 
auf die Seele wirken soll.« 

Die Schrift Eggers ist so tendenziös und negativ, daß sie sich auch für die 
Gegner entwertet — ein interessantes Stück Fanatismus, Wegen ihres offiziellen 
Charakters wird Referent eine ausführliche Entgegnung in den Berner Seminar« 
blättern, Zeitschrift für Schufreform, veröffentlichen. 

Dr. U. Grüningcr (Zürich). 

WILLIAM STERN: Die Intelligenz der Kinder und Jugendlichen 
und die Methoden ihrer Untersuchung. Leipzig 1920, Verlag 
Ambr. Barth. 

Stern stellt in diesem Werke die exakteren Ergebnisse der Intelligenz» 
Prüfungen an Kindern und Jugendlichen zusammen. So genau die Methoden' auch 
genandhabt «erden, leiden sie doch alle an einer gewissen Einseitigkeit, dem 
Mangel der Berücksichtigung des Einflusses, den das Gemütsleben gerade in den Ent- 
wicklungsjahren auf den jeweiligen Stand und Ausdruck der Intelligenz ausübt. 
Auch die Bedeutung des psychosexucllen Faktors bleibt durchwegs unbeachtet und 
vifl-jf c r na<n ' äss 'S un S ^'ird sich gewiß im positiven und negativen Sinne hin- 
sichtlich der zu erwartenden und der tatsächlichen Leistungen der Beurteilten be- 
merkbar machen. _ 

Dr. II. Mug-Uellmuth. 

HORST: Das Tagebuch eines Knaben. Berlin W 30, 1920. Kultur-Verlag. 

Es 'S 1 ein bedeutsames Zeichen unserer Zeit, daß sie an dem Erleben des 
Werdenden nicht ^ achtlos vorübergeht, sondern uns die Kämpfe der jugendlichen 
äeele schauen läßt, sei es, indem der reife Mensch, sich besinnend au( seine Jugend» 
zeit, die Lreuden und Leiden jener Tage rückschauend wiedererleb«, sei es, daß sie 
uns aus den Aufzeichnungen junger Menschen selbst unmittelbar entgegentreten. 

Im vorliegenden Tagebuch enthüllt sidi uns das tiefinnerste Erleben einer 
Knabenseele, die unter dem Schuldgefühl einer früherwachten, auf Abwege geratenen 
Erotik leidet und sich doch nicht befreien kann von dem Verlangen der Sinnlidi- 
keit. Wie der junge Mensch, weil er vom andern Geschledu nicht voll genommen 
wird, zum eigenen flüchtet und, wenn er ein gesunder ist, diesen Weg als falschen 
empfindet und ihn doch weitergeht, wie er bei den Erwachsenen nach einer liebe- 
voll führenden Hand sucht, sie bei den Eltern am allerwenigsten findet, wie ein 
ungeheurer Kampf die junge Seele erfaßt und aufreibt, das lesen wir in diesen 
vi?\a sdiu * t . u "^ wahrhaft aufgezeichnet. Wir sehen den Knaben unter den uner- 
quicklichen Verhältnissen im Vaterhaus innerlich zum Manne reifen und von der ersten 
heißen Liebe zu einem Mädchen erfaßt, die er »keusch und beilig» halten will. Und 
wir verstehen, daß ihm in der Verödung seines Heinis in ungestilltem Verlanget! 
seiner Triebe das Lernen verhaßt und unmöglich wird. Er fühlt sich den Forde- 
rungen des Lebens nicht gewachsen und will einem Dasein, das ihm durch die 
Lage daheim und das Treiben der Kollegen Unerträglich erscheint, den Tod vor- 
k m a ^ iC "^ reue eilies Freundes, die Güte der Mutter verhüten, daß der 
Entschlul) zur Tat wird und wir freuen uns, daß der Jimgc in seinem Onkel zum 
zweitenmal einen Berater findet, der ihm hilft, der Schwierigkeiten des Lebens 1 lerr 
zu werden. 

Das Büchlein wird vielen ein Spiegel eigenen Erlebens sein und Vätern, 
Erziehern und Lehrern der Knaben sollte es nicht unbekannt bleiben. 

1). II. Hug. Hellmuth. 






n 



Literatur: Pädagogik . . 209 



Dr. A. KNABENHANS: Die Erziehung bei den Naturvölkern. Aus 
der im Manuskript überreichten Festschrift für Prof. Dr. O. Stoll. Jahres» 
bericht der Geographisch-Ethnographischen Gesellschaft. Zürich 1918/19. 

Eine — von Psychoanalyse wenig berührte — ethnographische Arbeit, die 
den irrigen Vorurteilen über die sittlichen und gesellschaftlichen Zustände der 
Naturvölker entgegentritt. 

Unrichtig und gegen jedes gesunde soziologische Denken verstoßend ist die 
Anschauung, als ob auf tieferen Stufen ein nur von reinen Ichtrieben bestimmtes 
Dasein möglich wäre. Der >hoffnungslos egoistische Wilde« existiert nicht. Kinder«, 
Alten- und Krankentötung sind kein Beweis für Herzenshärte und sie erlauben 
schon deshalb nur sehr vorsichtige Rückschlüsse auf das Seelenleben, weil es sich 
da um feste Formen oder Sitten handelt. 

Verfasser bespricht zunächst die häusliche Erziehung, die beide Geschlechter 
gleichmäßig umfaßt, und teilt das Erziehungsgebiet ein in Zucht und Lernen. Die Stein- 
metzschen entwicklungsgeschichtlichen Stufen der Verwöhnung, der beginnenden Zucht, 
der strengen Zucht, der Vernachlässigung erwiesen sich als voreilige Verengungen. Es 
»steht unzweifelhaft fest, daß das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern gerade auf 
den tiefsten Stufen ein außerordentlich mildes ist. Über dieser ersten Periode des 
primitiven Kindes waltet eine unendliche Liebe und Güte. Nirgends eine Spur von 
einem schroffen Zwangs- oder Willkürverhältnis. Körperliche Strafen sind allgemein 
verpönt oder kommen höchstens als ultima ratio in Anwendung. Trotzdem ist 
das Benehmen der Kinder, besonders wenn sie etwas älter werden, überwiegend 
ein gutes. Sie zeigen ein ruhiges, verträgliches Wesen,- sie sind freundlich, an* 
hänglich«. Als Ursachen dieser Erscheinungen nimmt Verfasser an: Größere 
Instinktnähe/ auf den primitiven Stufen genüge schon der angeborene Unter- 
ordnungsinstinkt und das ebenfalls triebhafte Nachahmungsbedürfnis, um das 
jugendliche Individuum hinreichend zu disziplinieren. Ferner falle zufolge der 
früher eintretenden Reife das Flegelalter bei der häuslichen Periode nicht mehr in 
Betracht. Es fehle auch die Schule mit ihrem Geiste des Wettbewerbs. Es bestehe 
eine viel größere Einheit des Vorbildes als bei uns,- es fehlen die vielen Gebote 
und Verbote und damit auch das Zeremoniell und die tiefe Kluft zwischen Kindern 
und Erwachsenen. Einen Zusammenhang zwischen Erziehung und Häufigkeit des 
Krieges bezweifelt Verfasser, hingegen betont er, daß die mildesten Formen der 
Erziehung sich da fänden, wo sich Klassenunterschiede noch nicht herausgebildet haben. 

Das Lernen geschieht vor allem durch Spiel und Nachahmung. Als Lehr- 
meister, wo es solcher bedarf, wirken oft die Großväter. 

Für die Knaben folgt nach der häuslichen Erziehung die Initiationserziehung. 
Als Wirkungen der >BuschschuIe« nennt Verfasser: Erziehung der durch die milde 
häusliche Erziehung allzu üppig gewordenen Jungmannschaft zu disziplinierten 
Gliedern der Gemeinschaft, Erzeugung eines starken Solidaritätsgefühls unter den 
Gruppengenossen, zeitige und radikale Lösung der infantilen Bindung an das 
mütterlich-Feminine, Schulung. Der Symbolgehalt der die Buschschule abschließenden 
Pubertätsriten findet keine nähere Erwähnung. 

Die Erziehung des Naturvolkes bewahrt noch mehr einen biologischen 
Charakter. »Es ist dies aber gleichzeitig ein solcher, der den Bedürfnissen der 
kindlichen Natur und dem kindlichen Bewußtsein ungleich besser entspricht als 
derjenige unserer einseitig von den Interessen der Erwachsenen bestimmten er- 
zieherischen Maßnahmen.« Nicht umsonst tauchen heute modern=pädagogische 
Forderungen auf, »von denen man oft glauben könnte, sie wären direkt am Bei- 
spiel des Primitiven abgelesen«. Rorschach'. 

ELFRIEDE FRIEDLANDER: Sexualcthik des Kommunismus. Eine 
prinzipielle Studie. Wien 1920, Verlagsgesellschaft »Neue Erde«. 

Das infantile Sexualleben wird gemäß Freud geschildert. Das ganze sexuelle 
Elend der bestehenden Gesellschaftsordnung erfährt eine vernichtende, jedoch kaum 
ungerechte Kritik, wobei nicht etwa »das bedauernswerte Umsichgreifen der Ge- 
schlechtskrankheiten«, sondern die psychosexuelle, erotisch-ethische Unzulänglichkeit 

Imago VII/2 14 



210 



Literatur: Kriminologie 



der gegenwärtigen Sexualkonstitution der Gesellschaft die Hauptrolle einnimmt. 
Selbst in der Haltung des Gemeinwesens gegenüber den venerischen Seuchen tritt 
die Ungerechtigkeit, die grundlegende Unsittlidikeit zutage. Die reine Ehe und 
Familie ist ein Ideal der bürgerlichen Gesellschaft, dem sie in der Wirklichkeit 
ihrer Natur zufolge Hohn spricht. Überhaupt aber ist in sexualibus mit Zwang 
nichts zu erreichen und jedwede staatliche Kontrolle dieser Beziehungen möge ab' 
geschafft werden. Allerdings erkennt die Verfasserin an, "daß deren wünschens- 
werteste und sittlichste Form die Monogamie, das promiskue Geschlechtsleben immer- 
hin eine durchaus niedrige ist. Nun aber, das Thema ist nicht »Kapitalismus und 
Sexualleben«, sondern »Sexualethik des Kommunismus«/ was also ist der positive 

Rüde« 





.„.Ziehung jede.. 

die Verfasserin in schlichter Kürze. Sodann folgt ein Programm, das neben diesem 
Hauptpunkt etliche humanitäre und hygienische Forderungen enthält. <Keine Art 
des Inzests soll Friedländer nach bestraft werden!) Es folgt noch die Wieder» 
gäbe des transitorischen Familien- und Eherechts in Sowjetrußland. 

Wir vernehmen also einen konkreten Vorschlag, über dessen Unsinnigkeit, 
Unsittlidikeit und unvergleichbare Inferiorität selbst gegenüber dem mit Recht ge- 
schmähten gegenwärtigen Zustande gar kein Wort verloren werden mag. Lediglich 
darauf sei aufmerksam gemacht, daß eben die psychoanalytisdie Erkenntnis der 
kindlichen Sexualität alles andere mehr erfordert als die staatliche Kindererziehung. 
Die komplizierte Entwicklung der werdenden Seele soll ihrem oft eine störende Über- 
macht behaltenden, aber doch alleinigen Nährboden entrissen, das auch von der 
Analyse als so notwendig dargestellte Individualisieren dem Maditstaate anvertraut 
werden! Niemals hätte sidi der wahnwitzigste preußische Militarismus zu dieser 
Anmaßung erdreistet. Der Geist der Psychoanalyse ist demnach Fried [ander 
ebenso fremd geblieben wie der aller freiheitlichen und individualistischen Leitsätze, 
die ihr willkommen sind im Kampfe gegen die kapitalistische Herrschaft, um auf 
deren blutige Zertrümmerung eine andere, ungeahnt furchtbare und persönlichkeits- 
widrige Zwingherrschaft folgen zu lassen. ^ Kolnai. 

Kriminologie. 

Dr. EDMUND MEZGER, Staatsanwalt: Die Beschuldigtcnvernehmung 
auf psychologischer Grundlage. Berlin 1918, Zeitschrift für die ge- 
samte Strafrechtswissenschaft. 40. Band, S. 152 ff. 

Verfasser geht vom Problem der »kriminal psychologischen Tat» 
bestandsdiagnostik« aus, gibt eine kurze Übersicht über die Bestrebungen 
das Assoziationsexperiment in den Dienst des Untersuchungsrichters zu stellen und 
konstatiert schließlich: daß die »Tatbestandsdiagnostik« keinen Eingang in i die 
Praxis gefunden hat, ist nicht etwa dadurch bedingt, daß die psychologischen Vor- 
aussetzungen nicht zutreffen würden, sondern nur in praktischer Hinsicht durch 
Eigenarten des Strafprozesses begründet. Im Grunde genommen ist jedoch auch 
die einfache Beschuldigtenvernehmung ein psychologisches Experiment ge- 
wissermaßen, wenngleich sie sich nicht aus Reiz- und Reaktionsworten, sondern aus 
Frage- und Antwortsätzen zusammensetzt. »Wir können die formen der richter- 
lichen Besrhuldigtenvernehmung in die Formen des Assoziationsversuches um- 
denken und damit die Ergebnisse des letzteren auf die gerichtliche Untersuchung 
übertragen«. Frage und Antwort ist daher bei der Vernehmung mit genau der- 
selben subtilen Sorgfalt und Genauigkeit zu behandeln wie beim Assoziations- 
experiment des Psychologen. <Praktisdie Folgerungen für die Protokollführung! 
Stenographieren!) Der Verfasser fordert Respekt gegenüber dem zutage geforderten 
psychischen Material. Wenn der Chemiker bei der Analyse eines Stoffes fremd- 
artige, in seine Theorie wenig passende Elemente vorfindet und diesen Befund als 
unbequem beiseite schiebt, so würde das als unwissenschaftlich gebrandmarkt werden,- 
wenn dagegen der Psychologe «o der Seele des von ihm Untersuchten eigenartige 



Literatur: Kriminologie 211 



Vorstellungsverbindungen, perverse Gefühle und Triebe, erlogene und phantastische 
Ideengebilde, kurz etwas Sonderbares, Unerwartetes, Außergewöhnliches vorfindet, 
so ist jedermann bereit, das alles für dummes Zeug zu erklären. Und doch gibt 
es audi im psychischen Leben nichts, das nicht seinen »Sinn« hätte. »Sinn« — 
führt der Verfasser aus — ist subjektive Absicht, subjektive Tendenz, subjektiver 
Werf, dynamische Zweckvorstellung. Aus ihm begreifen wir das individuelle 
Seelenleben als psychodynamischen Zweckzusammenhang, lernen die einzelnen 
i psychischen Phänomene, den manifesten Bewußtseinsinhalt verstehen aus anderen 
Bewufttsc-insvorgängen oder aus seinen verborgenen, unbewußten psydiischen Ur= 
Sachen. (In diesem Zusammenhange weist der Verfasser auf die Psychoanalyse 
und besonders auf das Problem des Traumes hin.) 

Das Ziel der Beschuldigtenvernehmung im Strafverfahren, soweit sie der 
Beweiserhebung dient, sieht der Verfasser in der Aufdeckung und Erforschung 
seelischer Komplexe. Aus Komplexen und ihrer Wechselwirkung besteht unser 
ganzes psychisches Leben. Sie bedingen die Eigenart des Einzelnen, alle psycho- 
logische Forschung und Betätigung muß in letzter Linie auf Komplexerkennung 
zurückgehen. »Die Komplexe sind besondere biologische Gebilde und stehen ver= 
möge der ihnen eigenen Affektbetonung fn enger Beziehung zum Kern unseres 
Wesens, dem Willen.« 

Bei der Beschuldigtenvernehmung kommt es dem Verfasser vor allem auf 
die Erhebung folgender Komplexe an: 

1. Der »Tatkomplex». Alles, was beim Vernommenen »an Vorstellungen 
und Gedanken, Gefühlen und Affekten mit der konkreten Straftat zusammenhängt«. 
Die wahrheitsgemäße Auskunft über den Tatbestand ist das Geständnis. In An= 
betracht der Möglichkeit bewußter oder gutgläubiger (pathologischer) Selbst- 
bezichtigung gilt natürlich im modernen Strafprozeß auch dem Geständnis gegen- 
über der Grundsatz der freien richterlichen Beweiswürdigung. 

2. Die Willenskomplexe gewinnen große Bedeutung für die richterliche 
Vernehmung besonders bei Ermanglung eines Geständnisses. Vornehmlich Lügen- 
und Verstellungskomplexe setzt der leugnende Beschuldigte dem Richter als 
Widerstand entgegen. Der Lügenkomplex darf für den Richter nicht Gegenstand 
der Erregung und Entrüstung sein, er muß ihm wie jede andere psychologische 
Tatsache ein von aller objektiver Wertung losgelöstes interessantes Faktum bleiben. 

3. Erhebung von Tat- und Willenskomplexen, führt der Verfasser des 
weiteren aus, genügt nur in den allereinfachsten Fällen. In allen wichtigen Straf- 
fällen ist weiterhin, zur Aufklärung des seelischen Tatbestandes, zur Frage der 
Strafenmessung oder zur Wahrheitsermittlung auf Umwegen, durch umständlichere 
Erhebung scheinbar nebensächlicher Dinge, die aber schließlich doch näher an das 
Ziel führen als das direkte Losgehen auf die Sache selbst, die Erhebung des »Ich- 
komplexes« notwendig. Er umfaßt das gesamte »Vorleben« des Beschuldigten. 
(Auch auf die Aszendenten übergreifend !) Zu den ausschlaggebenden Vorstellungen, 
schreibt der Verfasser, gehören nicht nur die bewußten Vorstellungen, die bewegenden 
Gedanken, von denen das Individuum selbst weiß, sondern auch die unbewußten 
Vorstellungen und Seelenvorgänge, die die Taten der Menschen überall mit- 
bestimmen. Nicht nur das Vorstellungsleben, auch das Affektleben ist wichtig. 
Affekte und die sie aufbauenden Gefühle sind »eigenartige innere Zustände der 
Lust oder Unlust«. Die Erforschung des spezifischen Affekttones, des generellen 
Verhältnisses von egoistischen und altruistischen Motiven, gehört wesentlich mit 
zur Erhebung des Ichkomplexes, zur Feststellung des individuellen Charakters 
eines Menschen. (Latente und unbewußte Kriminalität! Psychopathische Verhält- 
nisse! Grenzfälle des Antisozialen!) 

4. In wichtigen Fällen, in denen es sich um Leben und Tod, um Ehre und 
Freiheit der Beteiligten handelt, oder in denen die Fäden des psychologischen Zu- 
sammenhanges verworren sind oder in denen psychopathische Verhältnisse eine 
Rolle spielen, bedarf es nach dem Verfasser noch der besonderen Erhebung einer 
weiteren Gruppe von Komplexen, der »Sach komplexe« (=; durch ein sachliches 
Band zusammengehaltene Komplexe, also »Interessen«). Sie umfassen das gesamte 
geistige Leben eines Menschen auf politischen und sozialen, wirtschaftlichen und 
technischen, religiösen und philosophischen, ethischen und künstlerischen Gebieten . . . 

H« 




212 Literatur: Kriminologie 



»In der von dem Wiener Neurologen Sigmund Freud begründeten psychoanalytU 
sehen Schule spielt unter den Sachkomplexen eine besonders bedeutsame Rolle der 
Sexual komplex. Nun ist zweifellos die Beteiligung des Sexualkömplexes am mensch« 
liehen Seelenleben ein außerordentlich umfassender. Seine individuelle Ausgestaltung 
und Wirksamkeit ist ein wesentliches Moment für die Erkenntnis eines Cbarakters. 
Audi die Beteiligung an der Verbrediensgenese ist eine große . . . Aber hüten 
wir uns vor Übertreibungen. Der Mensch ist nicht nur Sexualwesen und die 
Dinge der Außenwelt haben auch andere Funktionen zu erfüllen, denn nur als 
Genitalsymbole zu dienen. Insbesondere begegnet die Freudsche Theorie von der 
infantilen Sexualität und dem in ihr ständig wiederkehrenden Inzestkomplex 
schwerwiegende Bedenken. So geistreich und anregend für den Psydiologen viel- 
fach die methodischen Gedanken der Psychoanalyse sein können, so große Vor- 
sicht und kritische Nachprüfung ist ihren Ergebnissen gegenüber am Platz.« 

A. J. Storfer. 

J. AMBOS, Strafanstaltspfarrer in Butzbach, Hessen: Kriminalität, Jahres= 
zeit und Kirche. Mainz 1918, Der Katholik, Zeitschrift für katholische 
Wissenschaft und kirchliches Leben. 98. Jahrgang, S. 113 ff. 

Verfasser behandelt die kriminalistische Tatsache, daß die Zahl der Ver» 
brechen und Vergehen gegen die Sittlichkeit im Sommer (Juni — Juli) am 
höchsten, im Winter (Dezember— Januar) am niedrigsten ist. Dieser Umstand tritt 
aus Statistiken verschiedener Länder sehr prägnant hervor. Verfasser bestreitet 
nicht, daß »Natureinflüsse« (»kosmische«, »meteorologische«) sowohl wie »soziale 
oder kollektive« Einwirkungen (Alkohol) eine Rolle spielen, »wobei der Mai mit 
seinem Sprossen, Grünen und Blühen die Lebenskraft und mit ihr die Libido 
besonders anregen mag«. Aber »selbstredend wird man es ablehnen müssen, die 
Willensfreiheit auszuschalten«. Hier setzt die Kirche mit ihren Hilfeleistungen ein. 
Ein Hauptmittel der Kirche gegen sexuelle Verirrungen ist die Askese des Fasten« 
gebotes. Der Verfasser zitiert Fr. W. Foerster: »Es ist eine uralte Erfahrung, 
daß nichts so dämpfend auf die Naivetät des Begehrens wirkt und der Welt des 
Leibes eindrucksvoll die geistigen Forderungen fühlbar macht, wie gelegentlidie 
Eingriffe in den Ernährungsprozeß ... Es liegt ja überhaupt die gesundeste 
Sexualpädagogik darin, daß man irgend einen nicht unmittelbar dem sexuellen 
Leben angehörigen Trieb benutzt, um daran den jungen Menschen in den richtigen 
Umgang mit seinen Trieben überhaupt einzuüben.« Daß die Kirche eine gewiegte 
Pädagogin ist, beweist dem Verfasser das vierzigtägige Fasten »gerade in der Zeit 
des Ansteigens der Begehrlichkeit, die da anstürmt, um zu dem Zenith der 
Sommerglut aufzustreben?« Das fortwährende Steigen der Gesamtkriminalität als 
auch des Anteiles der Sittlichkeitsdelikte daran hängt damit zusammen, daß unser 
Geschlecht das Fasten und das Entsagen verlernt hat. Die Kirche mildert allerdings 
heute angesichts der Anforderungen des modernen Lebens mit seiner Arbeitshetze 
die früher strengen Fastenvorschriften. Doch die von dem einen oder anderen 
Gebot entbunden sind, »sollen sich da ja nicht auch jeder anderen Askese wider 
das Fleisch überhoben dünken. Da gilt es — Ersatz zu finden. Mandimal schafft 
unser Herrgott diesen Ersatz in Gestalt von körperlichen Beschwerden oder Seelen- 
leiden. Ersatzübungen sind dann leichtere Selbstabtötungen, wie Bezähmung der 
Augen, Zügelung der Gaumenlust, die in mannigfacher Weise zurückgedrängt 
werden kann u. dgl. m.« Es folgen Ausführungen über Beichte, Kommunion und 
Gebet. (»Nur verschwindend wenige Gefangene werden eingeliefert, bei denen das 
Gebetsleben auch nur ein einigermaßen normales gewesen ist.«) In der Jahreszeit, 
in der die Herzensreinheit mehr als sonst gefährdet, macht die Kirche die Beter 
am eifrigsten mobil: zum Gebetsverkehr mit der Muttergottes. »So hat sich 
denn der Maimonat zum schönsten Muttergottesmonat entwickelt, um in allen 
eifrigen Verehrern der Himmelsmutter die höhere Liebe zu pflegen, gegen die die 
irdische sinnberückend nicht aufkommen kann. Der Maialtar hat hohe Bedeutung 
gegen die Sexualverfehlungen jeder Art.« ^ j Storfer. 



Literatur: Psychologie 213 



Psychologie. 

WALTHER SEIDEMANN: Die allgemeine Psychologie der Gegen- 
wart und ihre pädagogische Bedeutung. Leipzig 1920, J. Klinckhardt. 

Die heutige Psychologie erinnert lebhaft an einen wild zerrissenen Gletscher. 
Da türmen sich die Eisblöcke zyklopisch durcheinandergesdileudert zum greulichen 
Chaos und wer sich in diese Seracs hinauswagt, verliert leicht die Orientierung. 
Von überlegenem Standort aus aber zeigen sich Ordnungen in der Unordnung, 
hier Moränen in parallelen Linien, hier Nebenarme, hier gemeinsame Senkungen. 
Walther Seidemann, Seminaroberlehrer in Altenburg, versteht es trefflich, im 
Wirrwarr der gegenwärtigen Psychologie die übereinstimmenden Züge aufzufinden. 
Mit dem Bienenfleiß eines passionierten Sammlers vertieft er sich in die ungeheure 
Zahl der Werke, die über den heutigen Stand der Seelenkunde Aufschluß geben. 
Klar und übersichtlich stellt er die allgemeinen Züge dar, weiß aber auch mit 
sicherer Hand das Sondergut der einzelnen Autoren zu zeichnen. Scharfsinnig und 
meistens mit viel Weisheit nimmt er zu den dargestellten Begriffen und Theorien 
Stellung und fügt der wissenschaftlichen Kritik jeweils eine wohlerwogene päda* 
gogische Beurteilung hinzu. Nach dieser Hinsicht stellt sein Werk eine musterhafte 
Leistung dar. 

Das Ergebnis ist allerdings für die akademische Psychologie nichts weniger 
als schmeichelhaft. Die Geschichte der menschlichen Irrungen wird sich einst an dem 
hier gebotenen Stoff ergötzen. Denn wieviel unfruchtbare Begriffsklauberei, wieviel 
ärmliche Definitiönchen, wieviel öde Scholastik auf Schritt und Tritt! Wo einer eine 
Lehre aufstellt, kommen sicher ein paar andere und wollen sie widerlegen, und in 
den wichtigsten Begriffen herrscht genau dieselbe Verworrenheit und Unwissenheit 
wie vor vielen Jahrzehnten. Da raufen sie sich um die abgenagten Knochen ab» 
gedroschener Definitionen und kommen Menschenalter nicht vom Fleck, werfen sich 
aber wütend auf solche, die, von solchem Treiben angewidert, neue Bahnen be- 
treten und neue Aufgaben aufnehmen. 

Der pädagogische Ertrag dieser von der modernen Psychologie präsentierten 
Konfusion? Was Seidemann wertvolle Anregungen nennt, ist zum großen Teil 
nichts anderes, als Berichtigung grober Irrtümer, die andere Autoren verbrachen. 
Vieles ist leeres Programm, gut gemeint, aber bei der Ausführung erweist sich die 
Unfähigkeit der mitgebrachten Methoden. Und Hand aufs Herz, muß nicht Herr 
Seidemann zugeben, daß aus seinem ganzen Buche, dessen Wert ich keineswegs 
verkleinern möchte, für die Erziehungskunst blutwenig Ergebnisse fließen, die ein 
tüchtiger Erzieher, der nicht durch eine schlechte Pädagogik verdorben wurde, nicht 
längst besaß? Und ist nicht weiter zuzugeben, daß ein Erzieher, der nur mit der 
Ausrüstung, die ihm die moderne Psychologie verschaffen kann, seine Wirksamkeit 
begänne, der ärmste, hilfloseste Tropf der Welt wäre? Sogar von dem, was eigentlich 
die Psychologie zu sagen hätte, bearbeitet sie ja nur einen kleinen Ausschnitt und 
befindet sich gegenüber den großen Seelenfragen, die für die Erziehung zentrale 
Bedeutung haben, im Zustand des völligen Nichtwissens, ja es scheint sogar, im 
Zustand des Nichtwissenwollens. 

Freilich gibt Seidemann nur die allgemeinen Grundlinien der herrschenden 
Psychologien. Aber man weiß, wie wenig wertvolle Einzelheiten in den Bazars 
der ausgeführten Theorien zu holen sind. Wer die ganze Armseligkeit, Zerfahren» 
heit, Unsicherheit, Unwissenheit der heutigen Psychologie eindrucksvoll kennen 
lernen will, findet keinen tüchtigeren Führer, als den Verfasser der besprochenen 
Schrift. Bedauerlich ist nur, daß auf die Einseitigkeit und Unfruchtbarkeit dieses 
mit enormem Geistesaufwand arbeitenden psychologischen Treibens nicht hin= 
gewiesen wird. Seidemann scheint die Fülle des dargebotenen Stoffes für Reich» 
tum zu halten. Mir geht das ewige Mückensieben und Kameleschlucken längst wider 
mein wissenschaftliches Gewissen, und ich kenne keine schlechteren Scelenkenner 
als die modernen Psychologen. Ein tüchtiger Erzieher mit hellen Augen und ein« 
fühlungsfreudigem Herzen weiß tausendmal mehr von den Realitäten des Seelen» 
lebens, als in sämtlichen Psychologiebüchern miteinander geschrieben steht. Das 
schließt nicht aus, daß man das wenige Wertvolle sich aneignen soll. 




214 Literatur: Psychologie 



Am wenigsten befriedigt der Abschnitt über die Psychoanalyse <239 — 255). 
Die Darstellung verrät auch hier den objektiven Gelehrten, und in der Würdigung 
blickt die vornehme, Gerechtigkeit übende Gesinnung aufs angenehmste hervor. 
Allein wieder bewährt es sich, daß auch ein kluger Mann die Analyse unmöglich 
verstehen kann, solange er über die Bücher nicht hinauszusehen vermag und die 
Furcht vor den Tatsachen zu seiner Beraterin macht. Wer den Dichter will ver- 
stehn, muß in Dichters Lande gehn. Und mit der Analyse sollte es sich anders 
verhalten? 

Schon die Einreihung der Psychoanalyse in die »angewandte« Psychologie be- 
deutet einen Fehlgriff. Sogar erbitterte Gegner räumten ihr ein, daß sie der Seelen* 
forschung Erkenntnisse von unabsehbarer Tragweite zuführte (siehe mein Buch: »Zum 
Kampf um die Psychoanalyse«, 1920, 11 — 115), also »Theoretische Psychologie« ist. 

Seidemann gesteht ebenfalls eine Anzahl wissenschaftlicher Verdienste zu: 
Die Psychoanalyse hat den Zusammenhang des seelischen Ablaufs mit dem wirk- 
lichen seelischen Geschehen im einzelnen neu erörtert, die überraschenden Streiche 
des Unbewußten in Fehlleistungen erkannt, geheime Wünsche in manchen Träumen 
an den Tag gebracht, wie überhaupt Freud die Traumpsychologie mit einer ganzen 
Anzahl wertvoller Traumbeobachtungen beschenkte <250>. Nachwirkungen ver- 
drängter Vorgänge, den Wert des Abreagierens, Sublimierung, Widerstand/ Ersatz- 
bildung und andere Begriffe entbehren nicht der tatsächlichen Unterlage. Auch Früh- 
zeichen der Sexualität kommen bisweilen vor und es ist der Analyse recht zu gehen, 
wenn sie die Rolle des Geschlechtlichen höher einschätzt, als viele tun. 

Diesen Verdiensten werden nun aber angebliche Übertreibungen entgegen- 
gesetzt, wobei Seidemann unglaubliche Mißverständnisse passiert sind. Man höre: 
^Nicht alle seelischen Gegebenheiten werden in erster Linie durch das Unbewußte 
bedingt« <250>. Wer hätte etwas anderes behauptet? »Es (das Unbewußte) ist 
nicht der .Zauberschlüssel', der alle Zugänge zu den seelischen Geschehnissen 
öffnet«. (Wer hätte es denn gesagt?) Nach Freud müßte man annehmen, daß 
das Unbewußte voll finsterer und gefährlicher Regungen sei und mehr schädliche 
als heilsame Antriebe aus sich entlasse (251),- Seidemann übersieht, daß Freud 
ein Unbewußtes im engeren und weiteren Sinn untersdieidety ersteres enthält nur 
das Tiefverdrängte, von dem doch kein Einsichtiger behaupten kann, daß es anders 
wirke, als Freud behauptet. Das Leichtverdrängte, das Freud das Vorbewußte 
nennt, schafft allerdings das Geniale und Hochwertige. Allein das hat kein anderer 
als Freud von jeher gelehrt. Weiter: Seide in anns Vorwurf, daß Freud alle 
Träume auf die Wunschformel bringen wolle, trifft heute nicht mehr zu. (S. Freud, 
Jenseits des Lustprinzips.) Der Begriff der Sexualität werde zu weit gefaßt, Sinnes- 
eindrücke, die in nichtgcschlechtlichen Zonen entstehen, dürfen ihm nicht unterstellt 
werden. (Wer hätte es denn getan?) Das gesunde Empfinden werde aufs tiefste 
beleidigt, wenn man liest, wie in allen, den niedrigsten wie den höchsten Erschei- 
nungen geschlechtlichen Regungen nachgespürt werde. (Also Sexualpsychologie in 
usum Delphini? Also soll man die Sexualität nur da zu erforschen suchen, wo es 
das ästhetische und ethische Gefühl erlaubt? Meine Ethik fordert ganze, nicht 
halbe Erkenntnis. Mit Seidemanns Argument könnte man Harnuntersuchungen 
als. »verletzend« ablehnen.) 

Freuds aügemeinpsychologische Anschauung soll sich mit der Assoziations- 
psychologie decken, denn das Seelenleben sei nichts als das Wechselspiel der Inhalte. 
(Das Gegenteil ist richtig: alle Störungen erklären sich aus Absichten des Individuums, 
nämlich Unlustersparnis, Krankheitsgewinn etc ,• Seidemann merkt selber, daß sein 
Urteil falsch ist.) Es fehle eine klare, einheitliche Grundauffassung des Seelenlebens. 
(Gäbe Freud eine Metaphysik, so würden die Gegner nuf ihr herumreiten, um 
sich um die Erforschung der Tatsachen herumdrüdeen zu können. Über Freuds 
Posirivismus siehe mein Buch »Zum Kampf um die Psychoanalyse«, S. 246 ff.) 

Am meisten Gewicht legt Seidemann darauf, daß das psychoanalytisdie 
Verfahren des festen Maßstabes dafür entbehre, daß der aufgefundene Inhalt 
wirklich der verdrängte Wunsch sei. An einer verdächtigen Stelle werde die Reihe 
der Einfälle unterbrochen und von ihr aus der seelische Inhalt zurechtgelegt. — 
So muß es für den aussehen, der in den Büchern stecken bleibt und nicht zu den 
Tatsachen überzugehen wagt. Ich habe oft bei Festhaftung der scharren Einstellung 



Literatur: Psychologie 215 



auch bei ausreichendem Stoff die Einfälle sehr bedeutend weiter eingeholt und 
immer gefunden, wie der Analysand, vielleicht mit ganz anderem Stoff, immer 
wieder zum zentralen Motiv, das für die Deutung maßgebend ist zurückkehrt Ich 
nenne diesen Versuch die Rosettenbildung. <Siehe Pierre Bovet, La psychanaiyse 
et l'education. S. 15. Lausanne 1920, Payot.) 

So geht es weiter bei Seidemann, der beim besten Willen, den .hm 
niemand absprechen wird, dem Stoffe viel zu fremd gegenübersteht, um ihn beur- 
teilen zu können. Das Ergebnis ist, daß zwar die geschlechtlich erklärende Psycho- 
analyse abgelehnt, aber nicht jede Psychoanalyse verworfen wird. So urteilt der 
Mann, der selber der Psychoanalyse einräumt, daß das Geschlechtliche eine stärkere 
Macht sei, als viele zugeben wollen. So urteilt er, ohne selbst die leisesten Ver= 
suche unternommen zu haben, das Unbewußte zu ergründen. Wenn diese Gelehrten 
es doch besser verstehen, wie man analysieren soll, wenn sie a priori wissen, dal) 
die gesdilechtlichen Erklärungen falsch sind, warum rühren sie denn keinen Finger, 
besser zu analysieren, zumal sie doch zugeben, wieviel Gutes in der Psychoanalyse 
liege? Ich lernte manchen kennen, der vor der praktischen Analyse urteilte, wie 
Seidemann, durch die Erfahrung aber eines besseren belehrt wurde. 

Auch über die ärztliche Wirksamkeit der Analyse spricht sich Seide mann 
aus, ohne anzugeben, woher er die Kompetenz dazu nimmt. Leichtere nervöse 
Zustände soll man analytisch heilen können, wenigstens sei es nicht völlig aus= 
sichtslos! <254.> Wie erklärt sich denn Sei de mann, daß die Psychoanalytiker es 
massenhaft mit Klienten zu tun haben, die mit den alten Methoden jahrelang ohne 
den leisesten Erfolg behandelt wurden und jetzt der Heilung zugeführt werden? 
Es ist schade, daß unser Kritiker, der sonst seine Grenzen weislich innehält, sich 
hier einen Seitensprung gestattet, der ihm nicht wohl ansteht. 

Wenn er meint, daß von der Psychoanalyse in der Pädagogik Verhältnis- 
mäßig wenig Gebrauch gemacht werden könne, so zeigt er damit nur, wie wenig 
er die tatsächlichen Verhältnisse kennt. Von den Ungeheuern Fehlern, mit denen 
die vorherrschende Pädagogik ungezählte Tausende von Zöglingen schwer geschädigt 
hat und durch die gerade unter den tüchtigsten Leuten ein wahrer Haß auf unser 
Schulwesen entstanden ist, sollte er doch auch etwas wissen. Daß sie mit groben 
psychologischen Irrtümern zusammenhängen und daß die gebräuchlichen »alt- 
bewährten« Erziehungsmethoden eine ungeheure Gefahr bilden, die 
auch pädagogisch wohlgeschulte Schulmänner ahnungslos die bedauerlichsten Miß- 
handlungen und Schädigungen an ihren Zöglingen vornehmen lassen, weiß er nicht, 
eben weil ihm jene tiefere Kenntnis der Zöglingsseele fehlt, die nur durch psycho- 
analytische Exploration gewonnen werden kann. 

Alles in allem: Wieder einmal hat ein feiner, klarer Kopf, durch eine wirk- 
lichkeitsfeindliche Oberlieferung verblendet, trotz redlichen Willens zur Gerechtigkeit 
der pädagogischen Analyse und vor allem ihrem Begründer Sigmund Freud ein 
Unrecht zugefügt, indem er ein falsches Bild zeichnete. Und doch lassen sich auch 
diesem mißglückten Versuch Verdienste nicht absprechen. q pf ister 

ULRICH GRONINGER: »Zum Problem der Affektverschiebung«. 
Bern 1916, Inaugural-Dissertation. 

In wenigen Worten möchte ich auf eine Arbeit hinweisen, die sich mit 
tastender Hand gegen das Gebiet der Psychoanalyse hinbewegt. Die Arbeit stammt 
aus der philosophischen Fakultät und führt reichlich philosophische Ausdrucksformen 

Der Verfasser versucht das Problem der Affektverschiebung neu durchzu* 
• forschen und darzustellen. Er stützt sich dabei auf Untersuchungen von Pfister 
Silberer, Jung, Binswanger, Häberlin, Bleuler, Altred Lehmann, Breuer und freud 
und eigene Beobachtungen. i 

Er geht vom Begriffe des Affektes aus und kommt dabei zu folgenden 
Sätzen: »Der Affekt ist eine angewandte Form ursprünglicher Kraft. Er entspringt 
als sekundäre Erscheinung der qualitätlosen Libido, die der Wirklichkeit zugewandt 
war — Zeitlich in der Lntwicklung zurückgebliebene seelische Kraft ersdieint als 






216 



Literatur: Psychologie 



Affekt. Der Affekt vertritt eine in der Wirklichkeit nicht geleistete Tätigkeit. — 
Durch die Wirkung des Affektes, der Vergangenheit in die Gegenwart trägt, wird 
die Wirklichkeit gefälscht usw. 

Auf diesen Thesen baut sich nun das nachfolgende auf. Er versucht an 
verschiedenem Material die Schicksale dieser Affektbeträge — wir dürfen wohl er» 
läuternd beifügen der »Inhalte des Unbewußten« — zu verfolgen und zu be» 
schreiben. 

Er stellt fest, daß sich diese Energiebeträge »verschieben« können. Er 
spricht von den möglichen Bahnen, auf welchen dies geschieht. — Sie stoßen 
dabei auf eine absolute Schranke: »das Erkennen*. Sie wenden sich nach innen 
und werden innerlich aufgezehrt (Gefühlslosigkeit, latenter Affekt)/ sie wirken sich 
motorisch aus oder — und darauf geht der Autor insbesondere ein — sie suchen 
sich auf intellektuellem Wege auszugleichen. Diese Ausgleichungen können inhalt- 
licher oder äußerlicher Art sein. Die inhaltliche Form der Affektabfuhr nennt der 
Autor, wenn ich ihn recht verstehe, sinnbildliche, symbolische Überleitung oder 
Analogie. 

, Er schreibt: »Das Symbol ist das Werkzeug des Affektes. — Die Verlagerung 
der »Libido« erfolgt, wie Jung zeigen konnte, auf dem Wege über die Analogie. 
- Die Analogie als Wandel der Erhaltung des Wesens wird in der Handlung 
der Kräfte gewahrt in der Verschiebung der Affekte bloß vorgetäusdit, gedanklich 
oder formal. - Der Affekt verläßt die tatsächliche Entwicklung in der Zeit und 
bietet Ersatz in der bildlichen Analogie usw.« Es werden Beispiele zur Erläute- 
rung beigebracht. 

tv ■ j. ^' e , A , usdr " dcsformen ' mit denen der Autor ringt, sind vielfach nodi hera- 
clitisdi dunkel und philosophisch verhängt. Aber gerade in diesem inneren Ringen 
heißt es: »Durch zu Freud«. ' „ «, 

Sara sin <Rheinau). 



GEORGES DWELSHAUVERS: »La 
temporaine«. Paris 1920. Alcan. 



Psychologie francaise con» 



Der Autor wurde durch das 1908 bei Alcan erschienene Buch »La Syn- 
these mentale« bekannt. Später veröffentlichte er bei Flammarion ein Werk »L'In- 
conscient«, das die Psychoanalyse unmittelbarer interessiert. Hier legt er uns, indem 
er den Ribotschen Arbeiten über die Geschichte der deutschen und englischen Psy- 
chologie folgt, ein Buch über die Geschichte der französischen Psychologie vor. 
Wir bedauern, daß Dwelshauvers nicht einen größeren Teil seines Buches der zeit- 
genössischen wissenschaftlichen Psychologie gewidmet hat. Tatsächlich kann man 
nur mit Mühe aus seinem Werke in die letzten Resultate, zu denen die franzö- 
sischen Psychologen gelangten, Einblick gewinnen. Dieses Buch lehrt uns nicht, 
in welcher Weise die modernen Autoren die Probleme des Gedächtnisses, der 
Intelligenz, der Gefühle oder Triebe auffassen. Dwelshauvers begnügt sich damit, 
die leitenden Ideen der verschiedenen Systeme der psychologischen Philosophie, die 
im Laufe des 19. Jahrhunderts geherrscht haben, zu beschreiben. Er glaubt auch 
nicht an den Wert der Metaphysik. — Wir bedauern, daß nur von den franzö- 
sischen Autoren die Rede ist und die Werke der Belgier und Schweizer, die in 
französischer Sprache erschienen sind, unerwähnt bleiben. Sein Buch sagt uns nichts 
" -j. ^' e Ar ' > . eiten von Decroly über die Psychologie der abnormalen Kinder, 
spricht auch nicht von den Entdeckungen Eduard Claparedes und Pierre Bovets 
in der Kinderpsychologie, auch nicht von den mediumistischen Forschungen Tli. Flour- 
n °ys- Aber selbst innerhalb der französischen Autoren gibt es unbegreifliche 
Lücken. So würdigt Dwelshauvers nicht mit einein Worte die experimentalpsycho- 
logischen Arbeiten von Dr. Toulouse. Gleicherweise übergeht er die Leistungen 
auf dem Gebiete der pathologischen Psychologie von Fere, Sollier,. Rogues de 
1-ursac, Logre, Devaux, Dupouy etc. mit Stillschweigen. Trotz all dieser Lücken 
bleibt das Buch ein interessantes Werk und ein Kapitel der Geschichte, das ge- 
schrieben werden mußte. 

Die Psychoanalytiker können bei den französischen Autoren mandicn Vor- 
läufer finden, der ihnen in gewisser Hinsidit wertvoll sein mag. So anerkennt Maine 



Literatur: Philosophie 217 



de Biran die Bedeutung des Studiums der Träume und vergleicht die Intelligenz 
der Erwachsenen mit den Handlungen der Kinder. Jouffroy legt Gewicht auf 
die Symbolik gewisser Einstellungen und Bewegungen. Man könnte einen inter= 
essanten Vergleich ziehen zwischen dem, was er symbolische Assoziationen nennt 
und dem, was Bleuler autistisches Denken genannt hat. Mit Ribot erscheint 
zum erstenmal die Bedeutung der Affektivität. Gar manches in den Ideen Janets 
und Bergsons nähert uns dem Arbeitsgebiete Freuds noch mehr. 

Raymond de Saussure (Genf). 

Philosophie. 

Dr. GUSTAVE GELEV: De I'inconscient au conscient. Troisicme 
milie. Paris 1920, Alcan. 

In diesem 346 Seiten starken Band erscheinen Beobachtung und Tatsachen 
ausgeschlossen. Der Psychoanalytiker findet fast gar kein Material. Im ganzen 
bekennt der Autor selbst, daß sein Werk »vor allem die ideale Erforschung einer 
vielumfassenden Konzeption der allgemeinen Philosophie« anstrebe. Diese Unter* 
suchung vernachlässigt aber tatsächlich die Beobachtung, welche der Autor ein 
wenig verächtlich den »Analysten« überläßt. »Die Methode der Analyse hat,« wie 
er zugibt, »eine große wissenschaftliche Bedeutung, entbehrt aber des philosophischen 
Wertes.« 

Nun schlägt uns der Autor eine Philosophie vor, und zwar was für eine 
Philosophie? Eine erschöpfende Synthese, die imstande wäre, aus den verschiedenen 
parapsychischen Erscheinungen Schlüsse zu ziehen, ohne sie zu deuten. Alles 
kommt vom Unbewußten, aber man weiß nicht, im Namen welcher Gesetze und 
auf Grund welcher Mechanismen das geschieht. Wir hören einfach, daß die 
Materialisationsphänomene eine Art der Ideoplastik sind, die der Autor mit der 
Histolyse der Insekten vergleicht,- daß die Erscheinungen der Stigmatisation trophisch 
zur Haut gehörige Modifikationen seien, die durch Suggestion oder Autosuggestion 
hervorgerufen werden könnten, d. h. ideoplastisch, daß die Telekinesie den unbe- 
wußten Impulsen gehorche, daß der Neuropath unter der Unausgeglichenheit des 
Bewußten und Unbewußten leide,- daß der Künstler und der geniale Mensch zur 
»Desequilibrierung in der individuellen Anordnung« des Bewußten und des Unbe- 
wußten neigen, einer »psychologischen Dezentralisation«. Daß das Medium wesentlich 
charakterisiert sei durch seine »exzessive Neigung zur. Dezentralisation in seiner 
individuellen Anordnung«. 

Die Hysterie sei bedingt durch eine Disharmonie zwischen der konstitutio- 
nellen Grundlage den individuellen Anlagen und dem Fehlen einer Unterordnung 
unter die Hauptleitung des Ich. Dies seien nicht die Ursachen, sondern die Folgen 
der hysterischen Zusrände. Diese auf das Unbewußte gestützte Synthese nimmt 
keine Notiz von den Arbeiten und Entdeckungen der Psychoanalyse und wir 
meinen auch, daß die Psychoanalyse von ihr nichts zu lernen hat. p vforel 

Dr. VLADIMIR DVORNIKOVIC: Die beiden Grundtypen des Philo- 
sophierens. Versuch zu einer psychologischen Orientierung in den philo- 
sophischen Strömungen der Gegenwart. 15. Band der Bibliothek für Philo- 
sophie. <Ludwig Stein.) 44 S. Berlin 1918, Leonh. Simions Verlag. 

Um sich im bunten Lager der verschiedenen philosophischen Richtungen 
orientieren zu können, soll das Philosophieren als psychologisches Problem dar= 
gestellt werden. Das philosophische Denken zeigt, psychologisch betrachtet, zwei 
typische Arten: eine nach dem Formalen, Statischen, Absoluten strebende tat- 
sachenfremde, und eine möglichst bei den Tatsachen verbleibende, inhaltlich fluktuelle, 
die Relativität alles Erkennens behauptende Denkweise. Dieser durch die Schlag» 
Wörter Piatonismus— Protagoräismus zu bezeichnender Gegensatz ist heute als 
Logizismus — Psychologismus bekannt. 




218 Schöne Literatur 



Bei der Besprechung der Frage, wie weit die abstrakten Ideen selbst erlebbar, 
also psychische Tatsachen sind, wird auf Külpes Begriffe von der Bewußtseins» 
Wirklichkeit und der psychisdien Realität, dann auf Bühlers Ergebnis, daß nämlich 
der abstrakte Gedanke eine real-psychisdte Erlebniseinheit bilden kann, verwiesen. 

Freud und seine Schule werden nidit genannt, obzwar sidi dafür mehrere 
Gelegenheiten geboten hätten (psychische Realität, Sublimierung, Extro= und 
Introversion). Dr , Hermann (Budapest). 



Schöne Literatur, 

FRANZ WERFEL: Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig. 
Eine Novelle. Leipzig 1920. Kurt Wolff. 

Ein episches Meisterwerk Werfeis: ein ethischer, man wäre versucht zu 
sagen, schließlich kleinbürgerliaVmoralischer Hymnus der Blasphemie! Ein Vater" 
komplexroman, der für die Psychoanalyse von s'ornhcrcin, aber auch infolge seiner 
künstlerischen Struktur anregend ist, obgleich die Psychoanalyse in seinein Werden 
eine Rolle gehabt haben mag. Das Problem der Regression und Anagogie 
erhält darin eine überaus feine künstlerische, aber letzten Endes audi eine moralische 
Lösung, und dies ist eine der zwingendsten Fragen, womit sich die Psydioanalye 
zukünftig auseinandersetzen muß. 

Karl Duschek, der Sohn eines gleichnamigen Hauptmanns, wird von frühester 
Kindheit an in der Kadettenschule in Prag erzogen. Der Vater sagt zu ihm nicht 
»Karl!«, sondern »Korporal!« und unterhält sich mit ihm während des Mittag* 
mahles am Sonntag über die strategisdie Beschaffenheit galizischer Dörfer. Dem 
Sohne bietet sich keine Möglichkeit, sein Zärtlichkeitsgefühl gegenüber dem Vater 
zu verwerten, da dieser sozusagen unausgesetzt dafür sorgt, daß der bloß unter* 
drückende, militärische Pol der Vater-Imago unbehelligt auf der Oberfläche ver= 
bleibe. Auch die Mutter beträgt sich als »schlichte Soldatenfrau*,- nur sehr selten, 
verborgen und unbeabsichtigt äußert sich ihre Zärtlichkeit. Die junge Seele sehnt 
sich vergebens nach einem Anhaltspunkt und wird in ihrer Entwicklung verkümmert, 
im innersten aber unheilvoller »destruktiver« Möglichkeiten schwanger. Am dreizehnten 
Geburtstage führt ihn der Vater, in Zivil gekleidet, ins Wurschtel, zeigt ihm 
diverse in ihrer Neuheit verblüffende Herrlichkeiten und bestellt ihm zwei Stück 
Bäckerei zur Schokolade, sich selbst aber nur eins. Das Ansehen des Vaters wankt 
ein wenig und möglicherweise ist es dies, was das nun Folgende bestimmt. Der 
Vater führt jetzt Karl in Herrn Kalenders Bude, wo man unaufhörlich unter- 
tauchende Figuren eines Holzpuppenkabinetts mit Kugeln bewirft und treffen soll. 
Es gibt unter den Puppen politische Zerrbilder, exotisdie Typen usw. In einem 
Winkel steht ein heiterer Knabe, vermutlich der Sohn des guten Budenbesitzers. 
Der Vater befiehlt Karl zu werfen, um sich des Besitzes einer soldatischen Tugend 
rühmen zu können. Er aber ist erschöpft, seine Würfe sind ganz sinnlos unge« 
schickt und der Tyrann drängt in immer rauherem Ton- Nun fällt der nächste 
Wurf noch ungeschickter aus, wenn auch nicht ohne verborgenen Sinn: die Kugel 
wird mit vollem Kraftaufwand ins Gesicht des Vaters geschleudert. Seinen ersten 
Vatermordsakt büßt Karl mit tiefem Ohnmachrszustande,- in der Seele des zuschau- 
enden Budenbesitzerssohnes aber läßt jener gleichfalls seine Spuren zurück. Parallel mit 
dem heranwachsenden Karl wird der Hauptmann, der sidi bei den Truppenübungen 
ausgezeichnet hat, zum General und zum »Edlen von Sporentritt«. Seine Über- 
legenheit bleibt in abnormer Weise bestehen. Die Mutter stirbt. Karl wird Leut- 
nant in einer kleinen galizischen Garnison. Er weicht von seinen Kameraden in 
vieler Hinsicht ab. Er ist sanft und dumpf, kleidet und rasiert sich nachlässig, 
kümmert sich nicht um Frauenzimmer. Oberhaupt ist er ein Pechvogel (Fixierung 
und Impotenz): in gutem Glauben steht er einem Freunde in unsauberen Geld- 
manipulationcn bei und wird schwer kompromittiert. Der General, der mit ihm 
jährlich einen Brief gewechselt. — Unterschrift; »Dein Vater Duschek von Sporen- 
tritt« — und 100 Kronen Geburtstagsgeschenk per Postanweisung zugesdiickt hat, 



Schöne Literatur 219 



fordert ihn brieflich im Dienstion auf, unverzüglich abzureisen, in der Reichshaupt» 
Stadt einzurücken und sich bei ihm zu meiden. Bei der Audienz läßt er ihn natür« 
lieh eine Weile stehen, während er noch an etwas arbeitet. Schließlich erhellt seine 
Unschuld,- zum Truppendienft zurück kann er jedoch nicht, sondern muß in Wien 

die Kriegsschule besuchen. , , , , , • ■ j 

Einmal ist er bei seinem Vater zum Abendessen geladen und lernt dessen 
zweite Frau kennen: eine abscheuliche, aristokratelnde und klerikale Person Die 
Speisen sind kärglich. Ein Abbe kommt und äußert sich abfällig über die Juden,. 
Karl widerspricht 'ihm mit naiver Aufrichtigkeit. Fast wortlos wird er entlassen - 
während sich die drei zum Kartenspiel setzen. Bald darauf scheint er seines Lebens 
Zweck und Inhalt zu finden. Sein taubstummer Hausnachbar führt ihn in einen 
Kreis von Opiumrauchern und Anarchisten ein. Die Opiumraucher sind den 
Kalenderschen Holzpuppen ähnlich. Die Anarchisten haben einen russischen Juden 
zum Vorsitzenden, der ihm die Ziele dieses Weltbundes klarlegt. Sie wollen den 
Vater und alles, was auf ihn gemahnt, aus dem menschlichen Leben entfernen 
und das Verhältnis »Vater-Sohn« überall durdi dasjenige von Mutter-Kind er- 
setzen. Die Vorbedingungen dafür, sich dieser Aktion mit Begeisterung annehmen 
zu wollen, sehen wir bei Karl gegeben,- aus Moskau kommt die Weisung an, er 
habe in der Armee zu verbleiben und soviel Soldaten als möglich gegen die be* 
■ stehende Ordnung aufzuwiegeln. Das betreibt er auch mit einigem Erfolg und 
nimmt an allen Sitzungen teil. Sein Verhältnis zum Vater verschleduert sich, als 
dieser bemerkt, daß er »außer Dienst mit der Mannschaft verkehrt«. Und nun 
stellt sich ein neuer Wendepunkt seines Lebens ein : dem Kreise tritt eiae aus Ruß= 
land zugereiste hübsche Revolutionärin namens Sinaida bei, in die er sich alsbald 
rettungslos verliebt. Da scheinen wir am Kardinalpunkt der Introversion 
und Wiedergeburt angelangt zu sein. Denn einerseits löst ihn diese Liebe end= 
gültig von der Realität, von den nötigen Rücksichten, von jeder Kompromißbe= 
reitschaft und nüchternen Erwägung. Vorwiegend Sina'idas halber erkämpft er sich, 
zur Vollziehung einer großen Tat auserlesen zu werden: an einem gewissen Tag 
soll der Zar geheim in Schönbrunn eintreffen und Karl wird betraut, ihn mit den 
üblichen anarchistischen Mitteln aus der Welt zu schaffen. Er trifft fieberhaft Vor* 
bereitungen, doch wird er Anzeichen gewahr, als ob die Polizei von seiner DoppeU 
existenz wüßte. Und Sinaida anderseits — »ihr dunkles Haar war keineswegs 
kurzgeschnitten, ihre Kleidung, wohl berechnet und anmutig« ■— / sie dürfte ihn 
nicht bloß aus den Krallen seines verfluchten offiziellen Daseins, sondern auch aus 
dem anarchistischen Sumpf der Verkommenen retten. Kurz vor dem geplanten 
Attentat versucht sie, ihn mit allen Mitteln davon abzubringen,- sie erzählt ihm 
ihr unsühnbares Verbrechen: in Rußland warf sie eine Bombe in den Wagen des 
verhaßten Gouverneurs und tötete dessen liebliches, unschuldiges kleines Töch- 
terchen. Wir sehen es etwa folgenderweise: Sinaidas Wesen, die Liebe zu ihr 
wenden allerdings Karl von der erstickenden Realität seiner traurigen Jugend noch 
mehr ab — allein auch von der realitätverneinenden Regression des Anar» 
chismus und des Opiums,- sie bieten ihm Ansätze zur Lebensfähigkeit, zur Ge= 
sundung, zur Erfassung einer freundlichen und reinen Realität. Ihre Dialektik ist 
anagogis'ch" gerichtet. Aber wir hätten es nicht mit einem großen Kunstwerk zu 
tun wenn diese Dialektik mit immanenter Durchsichtigkeit zum Vorschein käme. 
Fine Militärpatrouille überrascht die ganze Gesellschaff bei ihrer Beratung, ehe 
noch der fatale Tag gekommen war. Der zweite »Vatermordsversuch« abortiert in 
einer der ersten offenen Insubordinanz, gegenüber dem führenden Major. Karl 
wird verhaftet, einige Anarchisten, darunter Sinaida; dürften verwundet oder ge- 
tötet sein. Wir wissen — auch in Freuds Gradiva-Analyse begegneten wir 
diesem Motiv — , daß im Kunstwerke die vermeintlichen realen Tatsachen mit der 
inneren Entwicklung eigentümlicherweise verflochten sind, inniger als im Leben,- der 
mit Sinaida beginnenden Rückkehr zur Realität, beziehungsweise zur realen Ab- 
findung und Abrechnung mit dem bisherigen Leben wird von der Außenwelt Vor» 
schub geleistet: das Bild des Zaren weicht dem des eigentlichen Vaters, des 
'Generalfeldmarschalls Duschek von Sporentritt. 

Karl nämlich, dem alles außer Sinaida und dem dunklen Vaterhai» gleich- 
gültig ist geht auf die mildernden und vertuschenden Auslegungen seines Falles 






220 Schöne Literatur 



von seiten des Herrn Auditors nicht ein, sondern bleibt trotzig, widerspenstig und 
wofern nicht verstockt, aufrichtig. In diesem Stand der Dinge wird er vor den 
Vater zitiert, der ihn mit heftigen Vorwürfen, welche natürlich die Verletzung 
der militärischen Ehre beanstanden, empfängt. Er ist, wie auch jederzeit bishin, 
ohnmächtig vor dem Vater. Doch versucht er endlich die Lage zwischen ihnen zu 
klären, die miliiaristische Erstarrung der lebendigen Vater-lmago zu biegen. 
> Vater!« — reder er ihn an. Der aber macht ihn aufmerksam, daß das Dienst- 
reglement dergleichen Charge nicht kenne. Als Karl zum dritten Mal — immer 
lauter — »Vater!« — ruft, wird ihm diese Sprediweise im Namen des Allerhöchsten 
Dienstes verboten. Er schreit aus vollem Halse: »Ich scheiße auf deinen Allerhöchsten 
Dienst!« Des Vaters und Vorgesetzten Reitpeitsche trifft ihn ins Gesicht. Er 
taumelt in ein Hotel und denkt in vagen Bildern nach. Am Nachmittag sucht er 
den Vater in seiner Wohnung auf,- er ist nicht daheim. Er täuscht vor, als ob 
er wegginge, verkriecht sich aber heimlich und harrt ungesehen des Kommenden. 
Er hört den Vater zum Diener sagen: »Bringen Sie es dem Herrn Leutnant zur 
Kenntnis, daß ich zu Hause überhaupt nicht empfange.« Karl hält in seiner Hand 
einen Hantel - und sobald alles stille, der Vater zu Bett gegangen ist, richtet er 
sich auf, öffnet die Türe des angrenzenden väterlichen Schlafgemaches und ruft ihn 
heraus. Der Alte gehorcht ihm wie hypnotisiert, ruft nicht um Hilfe und ist seines 
Schicksals gewiß. Mit erhobenem Hantel tritt der Sohn auf ihn zu,- er weicht 
langsam zurück. So verfolgt ihn der Sohn um den Tisch herum in crescendo, 
sein Nachtgewand fällt allmählich herunter, er steht da mit ausgetrocknetem Körper, 
gesenktem Haupt eines gehetzten Tieres. Er ist entblößt, gleichsam kastriert. Dod> es 
Hießt Blut: Karls Wunde am Gesidit reißt auf und tröpfelt. Und er erfaßt wiederum 
(wie bei Sinaidas Sünde) den überindividuellen Kreislauf der Dinge, er denkt — 
wie er späterhin gesteht - an seinen künftigen Sohn. Dröhnend fällt der Hantel 
zu Boden, und der Ruf hallt von des Sohnes Lippen: »Geh schlafen!« 

Nach Erfüllung der militärischen Strafe <halbes Jahr Gefängnis), aus dem 
Mause gestoßen, reist Karl nach Amerika, doch verweilt er einige Tage in der 
Stadt seiner Kindheit <in Prag). Sein Weg führt ihn zum Holzfigurenkabinett des 
alten Kalender. Die Bude ist von einer riesigen Menge umringt: aus einer Zeitung 
erfährt er, daß der mißratene Sohn, August Kalender, seinen gütigen Vater, den 
alten Julius Kalender, einer Kleinigkeit wegen kaltherzig ermordet hat. Die Zeitung 
knüpft daran wehleidige Erörterungen über die sittliche Fäulnis unseres Zeitalters 
un V '"^sondere unserer Jugend an. Karl, dessen Ansichten einigermaßen ab- 
weichend sind, entwickelt diese in einem Brief, den er dem Staatsanwalt in Prag 
aus Hamburg zuschickt. Er entschuldigt darin August, den Zuschauer seines ersten 
»Vatermord'Imago« <so könnten wir sagen) und wälzt die Verantwortung für 
dessen Tat auf sich. Er ist der eigentliche Vatermörder. Doch ist daran wieder 
sein Vater schuld: »Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig«, oder gleichviel 
der eine oder das andere. (Bei dem letzten großen Vatermorde ist nur sein Blut, 
nicht das des Vaters geflossen!) Das Vaterprinzip trägt die Schuld. Jeder Sohn 
mordet seinen Vater, in dieser oder in jener Weise. Was aber berechtigte August 
Kalender so zu handeln? Sein Vater war ja die Milde und Nachsicht selbst. Sein 
rehler war aber, daß er eben sein Vater war,- und schließlich, woran sollte ein 
Junge denken, der in seinen empfänglichsten Jahren fort und fort nichts sieht, als 
Menschenköpfe, die ununterbrochen von anderen Mensdien mit Kugeln bombar- 
diert werden? 

Das Nachwort aus Amerika zeugt für eine völlige seelische Genesung. 
Karl wird Farmer und heiratet <wen? wahrscheinlich nicht Sinaida), er ist für das 
Leben wiederhergestellt. Er mahnt uns, natürlich, vernünftig und lebendig zu sein, 
und niemals den »Verschrobenen«, den »Witzigen», wir wollen sagen : den 
Zwangsneurotikern, Folge zu leisten. 

Die Kalender-Episode scheint uns nicht ohne Bedeutung zu sein. Sie 
ist eine neuartige Abschwädiung des Vatermordes, der in vielen Richtungen kühne 
Durch bruchsversuche unternimmt, doch niemals cigentlidi verwirklicht zu werden 
vermag. Die Regression erscheint, der endgültige Sieg aber bleibt ihr verwehrt. 
Der Vatermord des August ist nicht der wirkliche, er ist es nicht mehr als der 
Faustschlag des Kindes, die Revolten des Sohnes und die Demütigung des General- 



Schöne Literatur 221 



feldmarschalls. Denn die Kalenders sind Nebengestalten, Als ob=Figuren, deren 
Schicksal nicht die Realität ist, nicht einmal die des Romans. Sie sind erstens 
subalterne Leute — und psychologisch verliert das seinen Sinn durch keine Revolution 
der Staatsform, ja der bewußten Wertungen. Sodann besitzen sie eine augen= 
scheinlich allgemeine, symbolische, unpersönliche Prägung: ihre Holzfiguren sind 
den Opiumrauchern gleich,- August Kalender verfolgt den Julius Kalender not» 
gedrungen, von vornherein. Seine Tat stellt dar, daß es eine solche universale 
Tendenz gibt, die sich unerwarteterweise in Tat, in den wahrhaften brutalen, 
titanischen Vatermord umsetzen kann, und zwar ohne Rücksicht auf Milderungs» 
gründe ethischer, d. h. logischer Natur, sondern in einer psychologisdi besonders 
günstigen Konstellation. Das Psychologische, das nicht logisch ist, steht dem 
Zufälligen nahe. Ob Sinaidas Schuld nicht tiefer liegt, als die, welche an jeder 
menschlichen Tat (deren Folgen ja nicht vorauszusehen sind) haftet: ob sie in dem 
armen kleinen Mädchen nicht eine Rivalin beim Vater»Gouverneur tötete? Gleich- 
viel,- immerhin dient die Kalender-Episode dazu, einesteils der zentralen Lage ein 
breiteres Fundament zu liefern, anderesteils aber der inneren integralen Umgestal* 
tung dieser Lage, der Anagogie, zur Seite zu stehen. Das ist Kunst. 

Der Anarchismus, richtiger Anarcho-Konimunismus, die maßlose Sehnsucht 
nach der völligen Mutterrüdckehr entspricht einer Mutter« und Wurzel losigkeit. 
Die persönliche und mehr physiologische Liebe, die Fähigkeit 2um geschlechtlichen 
Verhältnis bezeichnen demgegenüber zweifelsohne Anagogie. Wie der Anarcho» 
Kommunismus zur Mutter=, verhält sich der Militarismus zur Vater=lmago. Auf 
die analen und gastronomischen Momente genügt es hinzuweisen. 

Die Wiedergeburt durch die Introversion wird bei Werfe I unmittelbarer 

behandelt, als in den meisten Literaturprodukten. In diesem Zusammenhange ist 

vornehmlich das Schlußgedicht des 'Gerichtstags*: »Das Licht und das Schweigen« 

zu berücksichtigen. . ,>- . 

ö A. Kolnai. 




Budldnickerel Carl Fromme, Ges. ni. b. H., Wien V. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG G. M. B. H. 
LEIPZIG WIEN ZÜRICH 



Anfang Mai 1921 erscheint: 

Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse 
in den fahren 1914-1919 

(III. Beiheft der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse) 

26 Druckbogen. 

Aus dem Inhalt: Normalpsychologische Grenzfragen. (Dr. J. Hermann.) — 
Traumdeutung. (Dr. O. Rank.) - Trieblehre. (Dr. E. Hitschmann.) — Per- 
versionen. (Dr. F. Boehm.) — Allgemeine Neurosenlehre. (Dr. S. Fercnczi.) — 
Therapie. (Dr. van Ophuijsen.) — Spezielle Pathologie der Neurosen und 
Psychosen. (Dr. K. Abraham.) — Ethnologie und Völkerpsychologie. 
(Dr. G. Röheim.) — Soziologie. (A. Kolnai.) - - Religionswissenschaft mit 
einem Anhang: Mystik und Okkultismus. (Dr. Th. Reik.) — Ästhetik und 
Künstlerpsychologie. (Dr. H. Sachs.) — Kinderpsychologie und Pädagogik. 
(Dr. H. Hug-Hellmuth.) — Englisch-amerikanische Literatur. (Dr. Stanford 
Read.) — Französische Literatur. (Dr. R. de Saussure.) — Holländische 
Literatur. (Dr. A. Stärcke.) — Russische Literatur. (Dr. S. Spielrein.) — 
Ungarische Literatur. (Dr. G. Szilägyi) usw. 



Mitte Mai 1921 erscheinen: 

Prof. SIGM. FREUD: 

MASSEN PSYCHOLOGIE 
- UND ICH-ANALYSE 

Dr. ERNEST JONES: 

BEHANDLUNG DER NEUROSEN 

(Internationale Psychoanalytische Bibliothek. Nr. 11)' 

Dr. AUGUST STÄRCKE: 

PSYCHOANALYSE UND PSYCHIATRIE 

(IV. Beiheft der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse) 



Jahrgänge I, II, III und IV 

der „Imago« und der , Internatio- 
nalen Zeitschrift für ärztliche 
Psychoanalyse" (auch einzelne 
Hefte dieser Jahrgänge) werden zu 
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Internationalen Psychoanalytischen 
Verlag, Wien III., Weißgärberlände 44 



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zum VI. Jahrgang von „Imago" und 
der „Internationalen Zeitschrift für 
Psychoanalyse" sind zum Preise von 

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Soeben erschien die zweite Auflage vom 

Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens 

Prof Freud in einem Briefe an die Herausgeberin: 

wicklung des Mädchens unserer Gesellschaft*- und Kulturstufe in ücn Janren u r h 
kWc chnen. Wie die Gefühle aus dem Kindisch-Egoistischen hervorwachsen, bis sie die soziale 
Reif" erreichen, wie die Beziehungen zu Eltern und Geschwistern zuerst ««■]»*» 
SKldkk an Ernst und Innigkeit gewinne,, wie , ^eundschaf.eii ^«P^^afoÄnU 
werden, die Zärtlichkeit nach ihren ersten Obickten tastet, und vor allem* e aas vkik 
des Geschlechtslebens erst verschwommen auftaucht, tun dann vpn Jft**W&r1«ffi 
IJesilz zu nehmen, wie dieses Kind unter dem Bewußtsein seines -geheime» Jr J «""^g3K2 
eidet und ihn allmählich aberwindet , das ist so reuend, na turl.ch und doc ^«"ggg 
diesen kunstlosen Aufzeichnungen zum Ausdruck gekommen, daß es hr/iehern und i sycnoiogeu 
das höchste Interesse einflößen muß. 

Zeitschrift für Sexualwissenschaft: 

Wir betrachten hier einmal wertvollcrweise die seelischen Wirkungen des ^wachcns und 
Erkennen* geschlechtlicher Dinge und Beziehungen vom Gesichtskreise der Kinder 
seele aus. (Dr. Kurt Einckcurath.) 

Literarisches Echo: 

Weibliche Wesen der bürgerlichen Welt werden sich beim Tagebuch Seite um. Seite zurück- 
versetzt fühlen in ihr Einst: männlichen Wesen wird es statt dessen manche Kleinigkeit 
mitteilen, die sie noch nicht wußten. , , ..,._. 

- Das Hauptthcma des Tagebuchs liegt nicht in dem, was von den Außenverhaltnisscn 
•luseeht mögen sie dem Kinde falsch oder richtig seine Geschlechtszukunft enthüllen oder ver- 
hüllen. ' Das Thema der elf bis vierzehn Jahre liegt in dieser Zukunft selber schon der das 
weibliche Kind - gleichsam über sein Vermögen ahnend - als einer gleichzeitig ■ vorwarts- 
dräneenden und zurückdrängenden entgegengeht: denn die Reife des Weibes bezahlt sich ... it 
einer neuen Passivhaltung, der das zunehmende Ichbewußtsein sich auf das lebhafteste widersetzt. 

(Lou Andreas-Salome.) 

Neue Freie Presse: 

Hier wie vielleicht in jedem aufrichtigen Tagebuche einer Halbwüchsigen ist natürlich der 
BrennDunkt des Interesses die Sexualität. - Die Sexualität, nicht die Erotik. Denn hier kommt 
die NeugiL noch aus dem Intellektuellen, aus dem wachen Gehirn eines noch gga****« 
Kftroers und die Unruhe quillt aus dem Verstand, nicht aus den noch dumpfen Zonen Körper- 

scheinlich bei den ine »teil 1 K ind ^ r °f e ^ e g € " „Ich dem Zusammenhange, das allzu erklärliche 
erotisch, sie ist nur Unru be naen aem l^ocn, naen Lücken und leere Stellen will, dasselbe 
Gefühl nach ^MadOtakeft Bes MM» «J"J™ ££*, An!ang ge , r j c ben hat, ihre eigene 
Gefühl, das die ,unge Menschheit 1 O ^ e X', ic h bekannt zu machen, alle Ströme, Berge, 

#&££ dÄ°K &3BJtt£ als die besten Nachdichtungen von Kindheit. 

The New Statesman: 

„ , , , - ,., _ „„,.,„ m.aspii bv the Psychoanalytical Society) belongs-to the Casanova type 
/-iretel Lainer (the na do n o> me } Rous / eau and BashkirtseffT She is singularly littlc 
^> () f autob.ographcr rath« than rom «^ breathless intcrest in the world around 

troubled w.th her own P^ÄJ fK»ecÖon or seif explanation.- . . . But It is difficult 
rather than fron, any •morbid tas te for i Mio peci be Varned off it. Nothing could be 

ÄÄÄÄtfS'Ä *•■ Greta's interest in sex cuestioi.s. 



Büdier von Dr. OTTO RANK 

Zu beziehen durch den 
Internationalen Psychoanalytischen Verlag 

Der Künstler. Ansätze zu einer Sexualpsychologie. Erweiterte 
2. und 3. Auflage. 1918 

Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch einer psycho» 
logischen Mythendeutung. (Schriften zur angewandten Seelen" 
künde. Nr. 5.) Zweite Auflage in Vorbereitung 

Die Lohengrinsage. Ein Beitrag zu ihrer Motivgestaltung und 
Deutung. {Schriften zur angewandten Seelenkunde. Nr. 13.) 
1911 

Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Grundzüge des dichte^ 
rischen Schaffens. 1912 

Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforsdiung. (Internationale 

Psychoanalytische Bibliothek. Nr. 4.) 1919 
The Myth of the Birth of the Hero. Nervous and Mental 

Disease Monograph Series. New York 1914 

II mito della nascita degli Eroi. (Biblioteca Psicoanalitica Italiana. 

Nr. 4.) 1921 

Dr. OTTO RANK und Dr. HANNS SACHS 

Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissen- 
sdiaften. 1913 

The Significance of Psycho=Analysis for the Mental Sciences. 

Nervous and Mental Disease Monoeraph Series. New Vork. 
1916 



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