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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften VII 1921 Heft 3"

IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO^ 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 
SCHRIFTLEITUNG: DR. OTTO RANK /DR. HANNS SACHS 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG G.M.B.H. 
LEIPZIG ~ WIEN - ZÜRICH - LONDON - NEW=VORK 



VII. 3. 1921 

Psychoanalytische Gesichtspunkte in der juridischen 
Auffassung der »Schuld«. 

Von Dr. GEZA DUKES, Budapesr. 

»Die Aufgabe des Therapeuten ist aber die näm» 
liehe, wie die des Untersuchungsrichters,- wir sollen 
das verborgene Psychische aufdecken und haben 
zu diesem Zwecke eine Reihe von Detektivkünsten 
erfunden, von denen uns also jetzt die Herren 
Juristen einige nachahmen werden.« 



<Freud: »Tatbestandsdiagnostik und 
Psychoanalyse«) '. 



I. 



Die Bestimmungen des positiven Rechts, welche die Grund- 
begriffe der Schuld festlegen, geben über den psychologischen 
Inhalt derselben keinen Aufschluß, weder § 75 des ungarischen 
noch § 59 des deutschen Strafgesetzbuchs, ebensowenig das positive 
Privatrecht <§ 8>S5 im Entwürfe des ungarischen bürgerlichen Gesetz* 
buches und § 276 des deutschen bürgerlichen Gesetzbuches s >. Die 
Rechtsprechung ist daher auf diesem Gebiete ausschließlich auf die 
Rechtswissenschaft angewiesen. Diese hat die Schuldlehre auf die 
zwei Grundpfeiler des Wissens und des Wollens aufgebaut. Dies 
sind nun aber psychologische Begriffe, so daß hier ein ständiges 
Zusammenarbeiten der Juristen mit den Psychologen notwendig 

1 Freud: »Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre«, 2. Folge. 

s Im letzteren ist bloß das Wesen der Fahrlässigkeit näher bezeichnet, 
aber auch nicht psychologisch begründet. (»Außerachtlassung der im Verkehr er* 
forderlichen Sorgfalt.«) Die Entwürfe zur Reform des allgemeinen Teiles des 
ungarischen Strafgesetzbuches haben es bereits ohne Ausnahme für notwendig er- 
achtet, auch den psychologischen Inhalt der subjektiven Verschuldung zu um- 
schreiben. Ebenso § 1295 des österreichischen allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuchs. 

Imag;o V1I/3 1 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




226 Geza Dukes 

1 ■ • 



wäre. Der Jurist hat in diesen Grenzfragen des Rechts und der 
Psychologie den Fortschritten der Psychologie stets vollste Auf- 
merksamkeit zu schenken und mit den Ergebnissen der psycho- 
logischen Forschungen <- pro oder contra - ohne Verzug zu 
rechnen. Ein Gebot des wissenschaftlichen Fortschritts ist die» 
aber auch praktisch unerläßlich. Denn die Literatur der Schuldlehre 
ist ein unentschiedener Kampf von entgegengesetzten Theorien. Das 
Wesen dieses Gegensatzes: ob zum Vorsatze schon die Vor- 
stellung des rechtswidrigen Erfolges genügt <Vorstellungstheorie> l 
oder aber auch das Wollen des Erfolges notwendig ist <WiIlens- 
theorie) 2 . Dieser Gegensatz erwies sich bis nun als unüberbrückbar, 
obwohl sich Vermittler finden <in der ungarischen Literatur Finkey, 
Vämbery), die denselben nur als einen scheinbaren oder als einen 
solchen betrachten, der ohne bedeutende gegenseitige Konzessionen 
auszugleichen wäre. Dürfte es aber aus rein praktischen Rücksichten 
noch so nützlich sein, wissenschaftliche Gegensätze womöglich auf 
kurzem Wege zu eliminieren, für die Wissenschaft erscheint es uns 
wertvoller, erst den Ursprung des Gegensatzes zu ergründen und 
die Motive zu erforschen, denen es zuzuschreiben ist, daß Begründer 
und Anhänger der Theorien trotz aller Vermittlung am Ende doch 
bei ihrem Standpunkte beharren. Eine derartige Untersuchung führt 
dann möglicherweise zu einer solchen Erledigung des Streites, die 
beide Parteien befriedigt, nicht etwa nur ihre Kritiker. Wir schicken 
uns nun an, die Ursache dieses Gegensatzes in den lückenhaften 
Kenntnissen der seelischen Geschehnisse, beziehungsweise in den 
auf diesem Gebiete, herrschenden Kontroversen zu suchen. Wir 
wollen annehmen, daß in dem Maße, als letztere behoben werden, 
auch die auf psychologischen Erkenntnissen aufgebauten gegensätz- 
lichen Rechtstheorien sich einander nähern und die aus denselben 
hervorgegangenen Rechtsbegriffe geläutert werden. 

Nun ist es eben das Gebiet der Vorstellung, also eines Grund- 
begriffes der Schuldlehre", auf welchem die psychologische Forschung 
seit der Erstarrung so mancher Rechtsbegriffe durch die Freudsche 
Psychoanalyse zu vielen und bedeutungsvollen neuen Kenntnissen 
gelangte. Im Mittelpunkt derselben steht die Aufschließung des un- 
bewußten seelischen Geschehens, die Erkenntnis dessen, daß 
dem Unbewußten nicht jene nebensächliche Rolle zukommt, welche 
ihm die auch heute noch allgemein gültige - wenn auch nicht 
mehr ausschließlich anerkannte - Psychologie einräumt, indem sie 
z. B. von der »Schwelle des Bewußtseins« spricht, sondern daß das 
Unbewußte vielmehr der eigentliche Inhalt der Seele ist, der vom 
Bewußtsein — wie von einem sechsten Sinne — nur erfaßt wird. 
Durch die Erkenntnis der Wichtigkeit des unbewußten seelischen 

1 Liszt, Frank, Köhler etc., in der ungarischen Literatur Fayer, 
Baumgarten. 

5 Beiing, Birkmeycr, Lammasch, Meyer etc., in Ungarn binkey, 

Angyal. 



Psydioanalyt. Gesichtspunkte in der juridischen Auffassung der »Schuld« 227 



Geschehens und durch dessen eingehende Erforschung gelangte 
Freud unter anderem auch zu einer tieferen und sichereren Be« 
gründung des Determinismus. Dieses Problem war bis Freud bloß 
Gegenstand theoretischer Erwägungen. Man konnte sich der determi« 
nistischen Anschauung anschließen oder nicht, je nachdem man sich 
die pro oder contra angeführten, auf rein theoretisch-deduktiver 
Grundlage basierten Argumente zu eigen machte. Anders seit 
Freud. Wer sich durch Freuds »Psychopathologie des Alltags« 
lebens« 1 ehrlich durcharbeitet, wird sich den dort gewonnenen prak* 
tischen Erfahrungen nicht mit rein theoretischen Raisonnements 
widersetzen können. Der uns vorgeführte Inhalt der Determinanten 
und deren Wirksamkeit im seelischen Mechanismus überzeugt uns 
davon, wie unsere, scheinbar bloß von außen her bestimmten Hand* 
lungen, wenn auch jenseits des bewußten seelischen Geschehens, so 
doch in der eigenen Seele wurzeln können. Es wird uns auch klar, 
daß auch solche, gewöhnlich als »Zufälle« qualifizierte Fehlleistungen, 
wie Irrtum, Verschreiben, Versprechen, Vergreifen, Vergessen, Ver« 
lesen u. a., nicht einfach »ursachlose« oder nur auf äußere Ur« 
sachen (Zerstreutheit, Nachlassen der Aufmerksamkeit etc.) zurück« 
führbare Tatsachen darstellen, sondern daß sich in ihnen verborgene 
Tendenzen der Seele offenbaren, die nur diesen besonderen Weg 
des Sichgeltendmachens finden, aber durch die von Fall zu Fall 
vorgenommene Analyse in ihrer ursprünglichen eigentlichen Form 
rekonstruiert werden können. Im Laufe der psychoanalytischen 
Forschungsarbeit erwies es sich auch bald unzweifelhaft, daß jeder 
wenn auch noch so unwesentliche Einfall mit dem übrigen Seelen« 
inhalte zusammenhängt und daß die Determiniertheit des seelischen 
Geschehens so weit reicht, daß sie auch vom scheinbar willkürlich 
gewählten oder in uns »zufällig« aufgetauchten Namen« oder Zahlen« 
einfall nachweisen läßt, warum uns gerade dieser und kein anderer 
Name oder Zahl in den Sinn kam. Und so ist denn als Ergebnis 
der psychoanalytischen Arbeit jede Möglichkeit eines »seelischen 
Zufalles« ad absurdum geführt. 

Überprüfen wir nun auf Grund dieser Erkenntnisse die 
Vorsatztheorien, so erweisen sich beide gleicherweise als psycho« 
logische Irrtümer. Denn: findet die eingehende Analyse unbewußte 
Tendenzen selbst in den Fällen, wo eine Handlung weder von 
bewußtem Wolfen noch von einer bewußten Vorstellung be« 
gleitet, ausgeführt wird, wie könnte der Psychoanalytiker zugeben, 
daß ein Erfolg nicht gewollt ist, den ein auf die bewußte Vor« 
Stellung des Erfolges basiertes, bewußtes Handeln zustande bringt? 
Das ist es aber, was beide Vorsatztheorien für möglich halten. Die 
eine, indem sie zum Vorsatze nebst der Vorstellung des Erfolges 
das Wollen desselben für unnötig hält,- die andere, indem sie letz« 
teres ausdrücklich postuliert. Die ungarische Rechtsprechung folgt 



1 7. Auflage. Internat. Psydioanalyt. Verlag. 1921. 

15* 



228 Geza Dukes 



denn auch keiner dieser Theorien 1 ,- sie nimmt Vorsatz an, sobald 
es offenkundig wird, daß der Täter mit Vorstellung des Erfolges 
gehandelt hat. Dabei stützen sich die gerichtlichen Urteile nicht auf 
die Vorstellungstheorie, sondern motivieren sich damit, daß die Vor^ 
aussieht des eingetretenen Erfolges notwendigerweise auch dessen 
Wollen bedeutet. »Wer eine Handlung vollführt, von der er weiß, 
oder wissen müßte, daß dieselbe gewöhnlich den Tod herbeiführt, 
hat diese Handlung eben dieses Erfolges halber vollführt, hat also 
diesen Erfolg unbedingt gewollt.« So motiviert die ungarische 
königliche Kurie eine Reihe von Entscheidungen 2 . Dieser Standpunkt 
der Rechtsprechung enthält eigentlich — bei näherer Betrachtung — 
eine stillschweigende Anerkennung der Möglichkeit eines unbc 
wußten Wollens und dessen juridischer Relevanz. Handelt es sich 
doch in den Motiven dieser Urteile um ein Wollen, welches, obwohl 
nicht offenkundig, dennoch notwendigerweise als vorhanden ange= 
nommen wird. So bedeutet denn diese gerichtliche Praxis nichts 
weniger als Festlegung des Prinzips, es genüge zum Vorsatze die 
— wenngleich nur vom unbewußten Wollen desselben begleitete *r 
Vorstellung des Erfolges. Dieser Standpunkt ist übrigens auch in 
der Literatur des Strafrechtes vertreten. Zu demselben Ergebnis 
gelangt nämlich auch Binding, wo er sagt: »Sich als Täter zu wissen, 
ohne seine Täterschaft zu wollen, ist undenkbar. Das Letztere ist das 
Prius und die conditio sine qua non für das Wissen als Folge« 3 . 
Diese Auffassung entspricht denn nun auch der psychoana* 
lytischen Wahrheit. Doch läßt die Psychoanalyse uns dieselbe durch 
ihre Aufschlüsse über das Unbewußte in neuem Lichte erscheinen. 
Was Binding und die vor-Freuds che Psychologie durchwegs unter 
»unbewußt« verstanden, war etwas Grundverschiedenes von dem in 
der Psychoanalyse mit diesem Namen bezeichneten Begriffe. »Ein 
unbewußtes Wollen und ein unbewußtes Tun — nicht ein Wollen 
und Tun, dessen sich der Täter nicht bewußt wäre, sondern dessen 
Potenz ihm nicht bewußt ist« *'. Das ist das Wesentliche des Bin ding- 
schen Unbewußten. Bewußt und unbewußt würden also dieser Auf- 
fassung gemäß nur der Intensität nach verschiedenes bedeuten. 
Anders in der Lehre Freuds. Die Psychoanalyse belehrt uns über 
folgendes seelisches Geschehen 5 . Alles Psychische beginnt unbewußt 

1 Das deutsche Reichsgcridit steht grundsätzlich auf dem Boden der Willens- 
theorie; in Frankreich herrscht di» Vorstellungstheorie. Siehe Liszt: Lehrbuch des 
deutschen Strafrechts, 15. Aufl Berlin 1905, S. 171, Nota 3. 

s Siehe die Aufzählung der einschlägigen Entscheidungen im V. Bd. der 
Dezisionen-Sammlung: >Felsöbir6<ägaink Elvi Hatärozatai« von D. Markus. 

3 Binding: Die Normal -n I ihre Übertretung. 2. Aufl., S. 323. Von den 

mir bekannten Autoren der S htsliteratur ist Binding der einzige, der dem 

Unbewußten größere Aufmerk' -it schenkt. 

* Binding: Normen II M9. 

* Siehe die Abhandlung Her den Begriff des Unbewußten in der Psycho- 
analyse« in Freuds: »Sammln I Schriften zur Neurosenlehre«, IV. böige, lyiö. 



Psydioanalyt. Gesichtspunkte in der juridischen Auffassung der »Schuld« 229 



und wird erst später bewußt,- aber letzteres nicht unbedingt. Ein 
Teil des Psychischen kann zufolge eines Abwehrvorganges in der 
Seele nicht zum Bewußtsein gelangen, so daß mehr oder weniger 
vom seelischen Inhalt eines jeden Menschen trotz seiner noch so 
großen »Intensität« ständig unbewußt bleibt. Dieses unbewußte 
Psychische, »bewußtseinsunfähige« Urtriebe und archaische Tendenzen, 
sowie das sich im Laufe der individuellen Entwicklung diesen 
anschließende Material, behält aber seine Wirksamkeit und _offe :nbart 
sich im Traum, in den Produktionen der Künstler, in Fehlhand* 
lungen, in Neurosen, Psychosen etc. Also nicht die geringere In- 
tensität ist es, wodurch sich dieses Unbewußte vom Bewußten 
unterscheidet. Nebst der Verschiedenheit des Inhaltes ist übrigens 
dieses Unbewußte auch durch eigene Arten des Vorstellungsablaufes, 
den sogenannten »Primärvorgang« charakterisiert. In dieser Auf- 
fassung des Unbewußten und in den durch deren praktische An* 
wendung erzielten therapeutischen Erfolgen liegt die große Bedeutung 
der Psychoanalyse,- und durch eine weitere Aufschließung des in 
diesem Sinne erfaßten Unbewußten ließen sich vielleicht auch für 
die Kriminologie weitgehende Erfolge erzielen 1 . 

Der Kampf zwischen Willens* und Vorstellungstheorie blieb 
— wie aus dem Bisherigen erhellt — unentschieden, solange er sich 
auf dem Gebiete der Bewußtseins=Psychologie abspielte. Die un- 
garische Rechtsprechung verließ nun — ohne sich hierüber Rechenschaft 
zu geben '— dieses Gebiet und löste die Frage mit Zuhilfenahme 
des Unbewußten. Die Literatur möge hierin eine Wegweisung er* 
blicken, um sich auch behufs theoretischer Lösung des Problems auf 
dieses Gebiet zu wagen, ^enn dann das unbewußte seelische Ge* 
schehen und dessen kriminogene Wirksamkeit seitens des Kriminal* 
Psychologen entsprechende Würdigung erfährt, wird sich die Frage 
vielleicht auf das Problem der Zurechnungsfähigkeit erstrecken 
können, in dem Sinne, ob und in welchem Maße die nicht im be* 
wußtlosen Zustande <§ 76 des ungarischen und § 51 des deutschen 
St.=G.*B.>, aber unbewußterweise ~ in einem der Kontrolle 
des Bewußtseins mehr oder weniger entzogenem Zustande ~ be* 
gangene kriminelle Handlung strafrechtlich zu verantworten sei. zSum 
Unterschiede dieser zwei Arten seelischer Zustände ist hier zu be* 
merken daß, während die Bewußtlosigkeit - abgesehen von den 
Fällen der Psychose ~ ein durch äußere, physiologische Ursachen 
hervorgerufener Zustand ist <Schlaf, Trunkenheit), das Bewußtsein 
des unbewußt Handelnden durch innere, rein psychische Ursachen 
ausgeschaltet ist. Im wesentlichen könnte hier von einer temporären 

i Siehe die Abhandlungen: »A pszicfaoanalizisröl s annak jogi es tärsadalmi 
jelentösegeröl« und »Pszichoanalizis es kriminologia« in Ferericzis: »Ideges töne- 
tek keletkVese es eltünese« und: »A pszichoanalizis haladasa«. (Deutsch in den 
demnächst im Intern. Psychoanalytischen Verlag in Buchform erscheinenden gemein- 
verständlichen Aufsätzen über Psychoanalyse von S. Ferenczi, (Aufsätze viu 
und IX.). 



230 Geza Dukes 



Geistesstörung gesprochen werden, wenn man nicht an dem üblichen 
Sinn dieses Begriffes festhält, sondern den wissenschaftlichen Inhalt 
desselben vor Augen hat. Und für den Kriminologen wird es sicherlich 
keine leichte Aufgabe sein, einerseits derartige seelische Störungen, 
aus welchen Irrtum, Zerstreutheit, Verschreiben, Versprechen' u. a. 
durch Disharmonie von Bewußtsein und Unbewußten verursachte 
Handlungen hervorgehen, und anderseits solche Zustände, welche 
kurz als »Störung der Geistestätigkeit« bezeichnet werden <§ 76 des 
ungarischen und § 81 des deutschen St.=G.-B.> — vom Standpunkte 
der psychischen Zurechnungsfähigkeit — voneinander abzugrenzen. 
Der Kriminalpsychologe wird — um von der psychologischen Wahrheit 
nicht abzuweichen — beide Zustände mit demselben Maßstab messen 
müssen,- in beiden Arten von seelischen Störungen wird er sich 
einem Durchbruche der Front des Bewußtseins gegenüberfinden ,• mit 
welcher Begründung wird er - aus rein psychologischen Erwä= 
gungen — in den an erster Stelle erwähnten Fällen Zurechnungs= 
fähigkeit, in den anderen aber das Gegenteil oder »verminderte 
Zurechnungsfähigkeit« annehmen? Etwa nur auf Grund kriminal 
politischer Zweckmäßigkeit? 

Die Kriminalpolitik wird — soweit dies die Sicherheit der 
Gesellschaft erlaubt - sicherlich auch in der Zukunft auf dem 
Fundamente der psychologischen Wahrheit weiterbauen wollen. Nun 
wird aber die Berechtigung des heutigen Begriffes der strafrechtlichen 
Zurechnungsfähigkeit durch die Erkenntnis der unbedingten Deter* 
miniertheit alles seelischen Geschehens - Ausgangspunkt und Basis 
dieser Erörterungen — in Frage gestellt^ und wird dem Anstürme 
dieser psychologischen Wahrheit kaum genügenden Widerstand leisten 
können. Um so mehr als dadurch der Rechtsgrund der Strafe im 
wesentlichen nicht tangiert wird. Der Hauptzweck der Strafe ist ja 
die Sicherung der Gesellschaft, welcher Zweck die Ausübung der 
staatlichen Strafgewalt genügend legitimiert. Wozu daher die diesem 
Zwecke dienenden Maßregeln mit Rechtsbegriffen unterstützen, die 
der psychologischen Wahrheit widersprechen? Die Notwendigkeit der 
diffesa sociale geböte ja selbst dann die Aufrechterhaltung der Strafe, 
beziehungsweise die Unschädlichmachung des Täters, wenn der Strafe 
nur repressive Wirksamkeit zugemutet werden könnte. Nun bedeutet 
aber die Ausschaltung der strafrechtlichen Zurechnungsfähigkeit nicht 
zugleich Negierung der präventiven Wirksamkeit der Strafe,- schließt 
doch die unbedingte Determiniertheit des seelischen Geschehens nicht 
die Möglichkeit der Erziehung aus, also auch nicht die Wirksamkeit 
solcher Motive wie Furcht vor der bevorstehenden, beziehungsweise 
Erinnerung an die vollzogene Strafe. Vielmehr zeigen die psycho^ 
analytischen Erfahrungen, daß sich diese Wirksamkeit auf ein 
weiteres Gebiet der Psyche erstreckt, als bisher angenommen wurde, 
und zwar auch auf den unbewußten Inhalt und die unbewußte 
Funktion der Seele,- wurde es doch klar, daß auch das Unbewußte 
beeinflußt werden kann, ja daß eine wirklidie — auch gegen Rück- 



Psychoanalyt. Gesichtspunkte in der juridischen Auffassung der »Schuld« 231 



fälle stützende - Änderung in der psychischen Konstitution eigent- 
lich nur durch intensive Einwirkung auf das Unbewußte möglich ist. 
Und dies gilt nicht nur von den sogenannten Gesunden, sondern 
auch von den Geisteskranken,- auch bei den wegen Unzurechnungs- 
fähigkeit freigesprochenen und in Irrenanstalten untergebrachten 
Geistesgestörten läßt sich ia - wie bekannt - durch Strafdrohungen, 
beziehungsweise Vollzug' derselben, die beste Ordnung aufrecht- 
erhalten. Dies ist ein weiteres Argument dafür, daß es unbegründet 
ist, einerseits die geisteskranken, anderseits die irrt obigen Sinne 
unbewußt handelnden Kriminellen in Hinsicht auf eine aktuelle Tat 
- vom Standpunkte der psychischen »Zurechnungsfähigkeit« — so 
scharf zu unterscheiden, wie dies heute geschieht. 

Dem Bedenken Bindings, der »strikte« Determinismus zöge 
unabwendbar die Vernichtung des Schuldbegriffes nach sich, können 
wir nicht beipflichten 1 . Ist doch die Schuld eine nicht allein sozio- 
logische, strafrechtliche Konstruktion — wie wir dies von dem Be- 
griffe der strafrechtlichen Zurechnungsfähigkeit behaupten - sondern 
eine psychische Einstellung, die schon angeborenerweise oder auf 
leise Winke der Außenwelt hin, auch ohne besonders starke Er- 
ziehungs- oder Strafmaßnahmen, spontan zustande kommt. Die 
psychoanalytischen Erfahrungen bestätigen jene intuitive Einsicht der 
Religionsstifter und Dichter, daß das Schuldgefühl, unabhängig von 
den jeweiligen gesellschaftlichen Werturteilen, ein mitgeborenes phylo- 
genetisch ererbtes »Gut« des Menschen ist: ein Überrest <survival) 
der Wirkung der in der Urzeit der Gattung erlittenen Drohungen 
und Abschreckungen, die nach Begehung einer kriminellen Handlung 
nur gesteigert, daher bewußt wird, zum Schuldbewußtsein heran- 
wächst, unbewußt aber in gewissem Maß in uns allen stets vorhanden 
ist <»Erbsünde«> Freud kam in seiner psychoanalytischen Praxis 
sogar zu dem »paradox klingenden« Ergebnis, daß es zuweilen die 
Kraft dieses Schuldgefühls ist, welches den Täter zur Ausführung der 
strafbaren Handlung drängt. Er braucht die Tat zur eigenen seelischen 
Erleichterung und zur Rationalisierung, des präexistierenden Schuld- 
gefühls 2 . Die die Kriminalität gewöhnlich hemmende Wirksamkeit 
dieses Schuldbewußtseins wie auch des darauf aufgebauten Gewissens 
ist also unabhängig davon, ob die »strafrechtliche Zurechnungsfähig- 
keit« und andere dem psychischen Determinismus widersprechende 
Begriffe aufrechterhalten bleiben oder nicht. 

II. 
Den psychologischen Inhalt der Fahrlässigkeit finden wir im 
positiven Rechte ebensowenig umschrieben, wie den des Vorsatzes. 
Wissenschaft und Rechtsprechung verstehen unter Fahrlässigkeit 



1 Bin ding: Normen II, § 91: »Etappen der theoretischen Schuldvernichtung«. 

s Siehe die Abhandlung: »Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen 

Arbeit« in Freuxls: »Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre«, IV. Folge. 






232 Geza Dukes 



die pflichtwidrige Nichtvoraussicht des voraussehbaren Erfolges. Dabei 
unterscheidet die Literatur seit Feuerbach eine bewußte <aber un- 
gewollte) — culpa lata, luxuria — und unbewußte <und auch ungewollte) 
Fahrlässigkeit <culpa levis). Die erstere, wenn der Täter sich den 
Erfolg zwar vorgestellt hat, aber den Eintritt desselben für aus* 
geschlossen hielt, die letztere, wenn der Täter vom Erfolge über» 
haupt keine Vorstellung hatte.. Zu psychoanalytischen Gesichtspunkten 
gelangen wir hier über Binding, der die Fahrlässigkeit als den »un= 
bewußt rechtswidrigen Willen« definiert 1 . Der psychoanalytisch ge- 
schulte Kriminologe wird im Falle der sogenannten bewußten Fahr- 
lässigkeit die Frage aufwerfen, ob der Täter, der den Eintritt des 
rechtswidrigen Erfolges <bewußt> für ausgeschlossen hielt, diesen un» 
bewußt dennoch nicht wollen konnte? Und aus den Erfahrungen 
der Psychoanalyse ergibt sich ihm darauf wohl keine andere als 
eine bejahende Antwort. Die Tatsache selbst, daß der Handelnde 
den Eintritt des vorausgesehenen strafbaren Erfolges, ohne ihn 
eigentlich zu wollen, dennoch verursachte/ wird den Psychoanalytiker 
zur Annahme bewegen, daß bewußte und unbewußte Tendenzen 
bei dem Täter nicht kongruent waren. Was der Mensch mit »ganzer 
Seele« will, in dessen Verwirklichung pflegt er nicht fehlzugehen — 
wenn die Möglichkeit dazu überhaupt gegeben ist. Sicherer Erfolg 
spricht für das gleichmäßige Zusammenwirken aller Seelenkräfte: 
halber Erfolg, Mißerfolg oder »Unfall« läßt den Verdacht auf einen 
Mangel dieses Zusammenwirkens aufsteigen*. 

Bezüglich der culpa levis wird die Frage auftauchen, ob es im 
Falle, wo der Täter bewußt — soweit es die heutigen Mittel der 
Kriminologie nachweisen lassen — keine Vorstellung vom Erfolg 
hatte, ausgeschlossen ist, daß er den Erfolg doch unbewußt »ahnte« 
und wollte. Auf Grund rein theoretischer Erwägungen meint hiezu 
Binding: »Auch das nicht Vorgestellte kann gewollt sein und Prüf- 
stein für den Willensgehalt ist nicht die Meinung des Wollenden 
sondern seine Tat« 3 . Diese Ansicht wird auch durch die Erfahrungen 
der Psychoanalyse bekräftigt. »Die bisherigen analytischen Erfah- 
rungen« — so heißt es bei Ferenczi — »berechtigen übrigens 
zur Annahme, daß z. B. der durch ,Unachtsamkeit', Sorglosigkeit' 
verursachte Schaden in vielen Fällen auf ein unbewußtes ,WoIlen' 
zurückgeführt werden kann«*. In der Terminologie der Psycho- 
analyse hieße es also: Auch mit Nichtvorhandensein einer be- 



1 Binding: Normen II. S. 326. Dagegen meint Finkey: «Ein un- 
bewußter Wille ist nicht vorstellbar, ebenso wie unbewußter Vorsatz ein 
Unding ist.« <Finkey: A magyar büntetCjog tankönyve 2. kiad. S. 274, Lehr- 
buch des ungarischen Strafrechts.) 

2 Siehe den Abschnitt: »Determinismus, Zufalls- und Aberglaube« in 
Freuds: Psychopathologie des Alltagslebens (I. c> 

3 Binding: Normen. 11. S. 317. 

4 Siehe die Abhandlung: »Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte« in 
der oben erwähnten neuersdieinenden Sammlung S. Ferenczi s. 



Psychoanalyt. Gesichtspunkte in der juridischen Auffassung der »Schuld« 233 



wußten Vorstellung des Erfolges ist ein unbewußtes Wollen 
desselben doch verträglich. 

Diesen Ausführungen zufolge würde nun ein beträchtlicher 
Unterschied zwischen Vorsatz und Fahrlässigkeit verschwinden, wie 
denn auch Binding die Statuierung desselben für einen Irrtum der 
strafrechtlichen Literatur hält. »Wissentliche und unwissentliche 
Schuld« — sagt Binding — »das sind dogmatisch ihre einzigen 
qualitativ verschiedenen Arten. Das ist aufs Haar genau auch der 
quellenmäßige Standpunkt des früheren gemeinen Rechtes gewesen 
und der Standpunkt der ganzen neueren Straf- und Zivilgesetz- 
gebung geblieben« 1 . Dieser Ansicht schließen wir uns auch an,- und 
kann uns hievon auch etwa das praktische Bedenken <Finkey> 2 
nicht abhalten, daß diese Auffassung das Gebiet der Culpa zu sehr 
einschränken würde. Praktische Ziele dürfen die wissenschaftliche 
Forschung von vornherein nicht beeinflussen und die Wissenschaft« 
liehe Wahrheit darf praktischen Erwägungen zuliebe nicht ver- 
schwiegen werden. Die praktische Verwirklichung dieser reinen 
Wahrheit ist eine andere Frage, sie gehört aber weniger in das Ge- 
biet der Wissenschaft, sie ist vielmehr Gegenstand politischer 
Kunst. 

Ist aber das Bedenken gegen obige Wahrheit überhaupt be= 
gründet? Zöge die im obigen Sinne zu erfolgende Korrektur der 
Schuldlehre unbedingt die Verschärfung des Strafrechts mit sich? 
Wir können das nicht zugeben. Denn es stimmt wohl, daß, wenn 
obige Gedankenreihe zum Ausgangspunkt genommen wird, daraus 
die Erweiterung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit auch auf das 
unbewußt Gewollte folgt,- da aber diese Richtung zugleich auch die 
festere Begründung des Determinismus bedeutet, werden sich die 
aus letzterem zugunsten des Angeklagten folgenden Konsequenzen 
mindestens in demselben Maße geltend machen, als sich das Gebiet 
der Verantwortlichkeit erweitert und die Rücksicht auf die soziale 
Gefährlichkeit Raum gewinnt. 

Es dürfte auch eingewendet werden, daß eine solch verfeinerte 
Individualisierung, die die praktische Durchführung obiger Gesichts- 
punkte bedingt, nicht möglich sei. Demgegenüber sei nur darauf 
hingewiesen, wie oft Rechtsgelehrte und Praktiker auch im heutigen 
Strafverfahren die Hilfe des Psychiaters in Anspruch nehmen. Wird 
diesem doch durch das von ihm in der Frage der Zurechnungs- 
fähigkeit verlangte . Gutachten eigentlich das entscheidende Wort ein« 
geräumt. Bedenken wir aber, daß wir erst am Anfange der prak- 
tischen Verwirklichung jener Richtung stehen, die im Zeichen der 
Individualisierung begann, so scheint es uns, daß die Möglichkeit auch 
weiterer Fortschritte von vornherein nicht abzulehnen ist. 



1 Binding: Normen II. S. 327. 

- Finkey: »A magyar büntetöjog tankönyve«, 2. kiad. S. 302. 



234 Geza Dukes 



III. 

Die bisherigen Ausführungen lassen leicht auch den Standpunkt 
erkennen, den die Psychoanalyse dem Zufall gegenüber einnimmt. 
Das Gebiet der Zufälle wird durch sie bedeutend eingeschränkt. Den 
realen Zufall, d. h. den nicht ausschließlich auf eigene Tätigkeit 
zurückführbaren Zufall der äußeren Umstände und Begebenheiten 
läßt auch die Psychoanalyse gelten, aber von einem *- der be= 
wußten Einsicht noch so entrückten — Erfolge einer ausschließlich 
eigenen Einwirkung kann die Abhängigkeit vom Willen des Han= 
delnden immer erwiesen werden \ Dies wird durch folgendes Beispiel 
klarer. Die Psychoanalyse wird die Möglichkeit des Zufalles nicht 
ab ovo ausschließen, z. B. in dem von Binding erwähnten Paradigma, 
wenn jemand »ein brennendes Zündholz wegwirft, damit es un= 
schädlich verlösche, es aber in ein Gefäß mit Spiritus wirft, den er 
für Wasser hielt«. Binding geht hier zu weit, indem er weiter 
bemerkt: Der Täter »hat keine Vorstellung von der Größe und 
Furchtbarkeit des Erfolges gehabt, ja hat sie vielleicht nicht haben 
können, und doch ist der Erfolg nichts anderes als realisierter Wille«*. 
Anders die Psychoanalyse, welche hier den Zufall, also die Unab^ 
hängigkeit vom Willen des Täters, eventuell präsumieren wird, 
wenn nämlich der Täter die Tatumstände nicht nur nicht kannte, 
daher nicht voraussehen konnte, sondern bei ihm auch die unbe« 
wußte Gegenwärtigkeit jener Kenntnisse nicht in Betracht kommen 
kann. In dem von Binding angeführten Falle z. B. dann, wenn 
am Orte der Tat tatsächlich immer nur ein Wassergefäß stand und 
es sich auch nicht etwa um den Hof einer Spiritusbrennerei handelt. 
Dies wäre ein Zufall, den Freud als äußeren, realen Zufall be- 
zeichnet. Handelt es sich dagegen um eine Tätigkeit, die von äußeren 
Umständen unabhängig, oder mit Kenntnis *r wenn auch nur un= 
bewußter Kenntnis — derselben ausgeführt wird, wenn z. B. jemand 
in seiner »Zerstreutheit« aus dem in der Hand getragenen Medi- 
kamentenfläschchen unterwegs Sublimatpastillen verstreut und dadurch 
mehrfachen Tod verursacht, so wird der Psychoanalytiker stets nach 
unbewußtem Vorsatz fahnden, selbst wenn scheinbar nicht einmal 
Fahrlässigkeit — im heutigen Sinne — vorliegt. Die Erfahrungen 
der Psychoanalyse sprechen nämlich entschieden gegen die Möglichkeit 
eines innern, psychischen Zufalles. Übrigens liefert hier die 
Psychoanalyse nur die wissenschaftliche Grundlage zu jener Einsicht, 
die den Richter auch bis nun - wenn auch nur intuitiv - leitete. 
Die wissenschaftliche Distinktion des realen Zufalles und des psy- 
chischen wird die Aufgabe des Richters: Zufall von Fahrlässigkeit 

1 Siehe den Abschnitt: >Determinismus, Zufalls- und Aberglaube« in 
Freuds: »Psychopathologie des Alltagslebens«. 

- Binding: Normen II, $ 80. Im wesentlichen liegt diese Auffassung auch 
der 660. Dezision oder ungarischen königlichen Kurie - bezüglidi der aberratio 
ictus — zugrunde. 



Psychoanalyt. Gesichtspunkte in der juridischen Auffassung der »Schuld«. 235 



zu unterscheiden, sicherlich erleichtern und die Rechtsprechung auf 
diesem Gebiete sicherer und konsequenter gestalten. 

Die Richtung, das Gebiet des Zufalles einzuschränken, wird 
von vielen als Übertreibung der Subjektivisten qualifiziert 1 , So= 
lange diese Richtung nur durch theoretische Erwägungen und philo= 
sophische Klügeleien unterstützt wurde, waren die hier geltend ge= 
machten Bedenken nicht ganz grundlos. Sobald aber der Kriminologe 
in die Lage kommt, im Wege der psychoanalytischen Methode von 
der »Überdeterminiertheit« alles seelischen Geschehens unmittelbare 
Überzeugung zu gewinnen, wird er deren Konsequenzen nicht mehr 
aus dem Wege gehen können und bemüßigt sein — wie Freud 
bemerkt — statt des »leichten Flirts« mit dem Determinismus mit 
dieser Lehre eine »rechtschaffene Ehe« einzugehen, mit dem der= 
selben anhaftenden, gesteigerten Verantwortlichkeitsgefühl und so 
mancher Schwierigkeit. Eine andere Frage ist es, wie sich dann die 
lex lata mit dieser — mittels der »Kriminalpsychoanalyse« 
<Ferenczi> zu bekräftigenden — Wahrheit in Einklang wird bringen 
lassen? Und was geschähe de lege ferenda? Wird es etwa not= 
wendig sein, sich Ferris Standpunkte der objektiven Verantwort= 
lichkeit 2 zu nähern? 

IV, 

Den Erfahrungen der Psychoanalyse auch in der Rechtswissen= 
schaft Geltung zu verschaffen, die psychologischen Grundlagen der 
letzteren im Sinne der Freudschen Lehren zu überprüfen, wird 
nicht umgangen werden können. Es gilt dies in erster Reihe für die 
Kriminologie, wo Ferenczi 3 bereits Ziele und Wege festlegte. 

Die Grundmethode der Psychoanalyse, die freie Ideenassozia= 
tion, ist in der Kriminologie übrigens seit den Versuchen von 
Wert heimer und Klein <Tatbestandsdiagnostik> nicht unbekannt. 
Nun sollte man auf diesem Wege — auf der seither technisch und 
inhaltlich erweiterten Basis der Psychoanalyse — einen weiteren 
Schritt tun, wenn dies auch in der Praxis jedenfalls auf so manches 
Hindernis stößt. Das größte Hindernis der Anwendung der psycho^ 
analytischen Methode in der Kriminologie ist der Unterschied 
zwischen dem Charakter und dem Interesse des Heilung suchenden 
Kranken und dem des Kriminellen, auf den Freud folgendermaßen 
hinweist: Beim Neurotiker Geheimnis vor seinem eigenen Bewußt» 
sein, beim Verbrecher nur vor dem »Kriminologen«, bei ersterem ein 
echtes Nichtwissen, obwohl nicht in jedem Sinne, bei letzterem nur 
Simulation des Nichtwissens. Damit ist ein anderer, praktisch wichtiger 



1 Finkey. »A magyar büntetöjog tankönyve« 2. kiad., S. 309. 

* Siehe die Abhandlung Ferris über die italienische Strafrechtsreform in 
der »Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft« Nr. 4—5 des Jahrganges 
1920. 

3 Siehe die Abhandlung: »Psychoanalyse und Kriminologie« in der oben- 
erwähnten neuerscheinenden Sammlung Ferenczi s. 



236 Geza Dukes 



Unterschied verknüpft. In der Psychoanalyse hilft der Kranke mit 
seiner bewußten Bemühung gegen seinen Widerstand, denn er hat 
ja einen Nutzen von dem Examen zu erwarten, die Heilung,- der 
Verbrecher hingegen arbeitet nicht mit dem Kriminologen »er würde 
gegen sein ganzes Ich arbeiten« 1 . Demzufolge wird seine Seele dem 
Kriminalpsychoanalytiker im allgemeinen nicht zugänglich sein. Deshalb 
ist auch nicht zu hoffen, daß die Psychoanalyse behufs Klarlegung 
des Tatbestandes und der Motive der Tat vor dem Urteil ähnliche 
Verwendung finden könnte wie in der ärztlichen Praxis. Nicht aus- 
geschlossen wird es aber sein, die Erfahrungen der ärztlichen Psycho« 
analyse auch schon im Laufe des Untersuchungsverfahrens und 
bei der Hauptverhandlung auf Tat und Täter derart anzuwenden, 
wie dies bereits mit Dichterwerken, Mythen oder längst verflossenen 
geschichtlichen Handlungen vielfach geschieht, wo ja auch die Möglich* 
keit fehlt, die Person des Künstlers oder Mythendichters einer 
direkten Analyse zu unterziehen, — Aber nach dem rechtskräftig 
erbrachten Urteile wird — wie Ferenczi vermutet — möglicher- 
weise die unmittelbare Analyse des Täters vorgenommen werden 
können. Der rechtskräftig Verurteilte sieht sich einerseits nicht mehr 
der Gefahr gegenüber, seine Lage durch Aufrichtigkeit zu ver* 
schlimmem, anderseits wird ihn die Möglichkeit, sein Gewissen zu 
erleichtern und gegen seinen kriminellen Hang Heilung zu finden, 
dazu bewegen, seine Seele dem Psychoanalytiker gegenüber 
ebenso zu öffnen, wie dies der Arzt von seinen Kranken fordert. 
Mit der psychoanalytischen Untersuchung solcher Verurteilter könnte 
dann einerseits der theoretische Zwedt verfolgt werden: die ein- 
gehende ErforsdSung der kriminogenen seelischen Determinanten 
und Begründung der psychoanalytischen Kriminologie, anderseits die 
im besten Sinne erfaßte Spezialprävention: die »Kriminaltherapie« 
(Ferenczi) beginnen. 



1 Freud: Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse. 






Psychoanalytische Gesichtspunkte zur Psychogejiese der Moral etc. 


237 


■ ,-- 


« 



Psychoanalytische Gesichtspunkte zur Psychogenese 
der Moral, insbesondere des moralischen Aktes 1 . 
Von Dr. CARL MÜLLER-BRAUN SCHWEIG, Berlin. 

Ehe ich an die eigentliche Untersuchung herangehe, lassen Sie 
mich deren Gegenstand umschreiben. Was wollen wir unter 
Moral hier verstehen? Man spricht von der Moral einer Zeit 
oder eines Volkes. In diesem unbestimmten Sinne wollen wir Moral 
hier nicht verstanden wissen, sondern in dem Sinne eines Lebens 
und Handelns gemäß bestimmten Normen oder Idealen. 

Dieses Leben nach Normen trägt zum Teil einen habituellen 
Charakter. Es fällt nicht weiter auf, wenn der gegenwärtige Kultur* 
mensch im allgemeinen nicht stiehlt und mordet. Man könnte Moral 
in diesem Sinne statisch nennen. Die Betrachtung dieser habituellen 
statischen Moral verdunkelt nun aber ein Moment, um das es uns 
hier besonders zu tun ist, ich meine den ursprünglichen Spannungs* 
charakter des Moralischen, den Charakter einer Spannung zwischen 
dem fordernden Ideal und dem sich zunächst resistent verhaltenden 
Triebleben. 

Diese Äußerung der Moral, die wir die dynamische nennen 
könnten, zeigt sich mehr in außergewöhnlichen Situationen eines 
inneren Konfliktes. Wir mögen uns hier erinnern an das Kantische 
Beispiel des Depositums ä , in welchem jemand in der Lage wäre, 
ohne die geringste äußere Unannehmlichkeit fürchten zu brauchen, 
ein ihm anvertrautes Gut an sich zu nehmen, sich aber durch die 
bloße Vorstellung der Pflichtwidrigkeit einer solchen Handlung dazu 
bestimmen läßt, es dem Willen des verstorbenen Depositärs* gemäß 
zu verwenden. Oder wir mögen uns vorstellen, daß wir in die 
Lage versetzt werden, über einen verhaßten Rivalen eine gutacht- 
liche Äußerung zu tun. Wir wissen, daß ein kleines eingeschobenes 
Wort eine winzige Geste genügen könnte, bei dem sich Erkundi- 
genden einen Eindruck hervorzurufen, der wohl unserem Haß ent- 
sprechen und unserem Vorteil zugute kommen, aber nicht unserem 
Gerechtigkeitsgefühl genügen würde. Jeder, der die menschliche Natur 
im allgemeinen und sich selbst im besonderen besser, als das durch= 
schnittlich der Fall ist, kennt, wird solche Situationen in sich erlebt 



1 Vortrag, gehalten in der Berliner Ortsgruppe am 11. November 1920. 
8 Kritik der praktischen Vernunft 1. T., 1. B., 1. Hauptst., § 4. 



238 .Carl Müller-Braunschweig 



haben. In ihnen wird die aktuelle Spannung deutlich, um die es 
uns hier vornehmlich zu tun ist, die Spannung zwischen dem ideal 
Geforderten und den entgegenstehenden Tendenzen. 

Es mag auch dienlich sein, die in Frage stehende Erscheinung 
dadurch abzugrenzen, daß wir sie gegen das Strafrechtliche und das 
Religiöse abheben. Der moralische Akt wird entscheidend bestimmt 
nicht durch Rücksicht auf die strafrechtlichen Folgen, die etwa die 
gegenteilige Handlung haben würde, und nicht durch Rücksicht darauf, 
daß ein Gott eine solche Handlung wünscht. Strafrechtlich oder re=> 
ligiös gerechtfertigte Handlungen sind damit nicht notwendigerweise 
unmoralisch, sie können es aber sein. Man kann sie vormoralisch 
oder außermoralisch nennen. Moralisch sind sie nur dann, wenn 
das entscheidend Bestimmende in ihnen nicht durch die strafrechtliche 
oder religiöse Rücksicht, sondern durch die moralische Idee vertreten 
ist. Dabei kann es offen gelassen werden, ob es in Wirklichkeit 
solche rein moralischen Handlungen gibt und ob nicht vielmehr zu- 
gleich immer andere Triebfedern unterstützend in der gleichen Rieh* 
tung wirksam sind, Triebfedern außermoralischer wie antimoralischer 
Tendenz. Der Psychoanalytiker wird das ohne weiteres bejahen. Auch 
nach Kant ist das Moralische in seiner vollen Reinheit immer nur 
Idee, ideale Forderung 1 . 

Zur weiteren Bestimmung unseres Gegenstandes mögen wir 
uns fragen, ob wir irgend eine inhaltlich bestimmte Moral im Auge 
haben, und darauf die Antwort geben, daß es für unsere Absichten 
belanglos ist, daß die Inhalte der moralischen Forderungen nach 
Zeiten und Völkern, nach Gesellschaftsgruppen, ja, nach Individuen 
neben Gleichem auch starke Verschiedenheiten aufweisen. Uns inter* 
essiert hier vorwiegend nur die Form des Moralischen, die unab~ 
hängig von jedem Inhalt in dem Phänomen besteht, daß der Kultur« 
mensch sich überhaupt Grundsätzen, Maximen, Idealen unterwirft. 
Sollten wir genötigt sein, inhaltlich bestimmte Beispiele heranzuziehen, 
werden wir sie freilich zweckentsprechend unserer kulturellen Sphäre 
entnehmen. 



1 Er sagt <Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 2. Abschnitt, 3. Ab- 
satz): »Man braucht auch eben kein Feind der Tugend, sondern nur ein kalt- 
blütiger Beobachter zu sein, der den lebhaftesten Wunsch für das Gute nicht sofort 
für dessen Wirklichkeit hält, um Vornehmlich mit zunehmenden Jahren und einer 
durch Erfahrung teils gewitzigten, teils zum Beobachten geschärften Urteilskraft) 
in gewissen Augenblicken zweifelhaft zu werden, ob auch wirklich ( in der Welt 
irgend wahre Tugend angetroffen werde. Und hier kann uns nichts vor dem gänz- 
lichen Abfall von unseren Ideen der Pflicht bewahren und gegründete Achtung 
gegen das Gesetz in der Seele erhalten, als die klare Oberzeugung, daß, wenn 
es auch niemals Handlungen gegeben habe, die aus solchen reinen 
Quellen entsprungen wären, dennoch hier auch gar nicht davon die Rede 
sei, ob dies oder jenes geschehe, sondern . . . was geschehen soll, mithin Hand- 
lungen, von denen die Welt vielleicht bisher hoch gar kein Beispiel gesehen hat . . ., 
dennoch unnachläßlich geboten seien, und daß z. B. reine Redlidikeit in der Freund- 
schaft um nichts weniger von jedem Menschen gefordert werden könne, wenn es 
gleich bis jetzt gar keinen redlichen Freund gegeben haben möchte . 



.« 



Psydioanaly tische Gesichtspunkte zur Psychogenese der Moral etc. 239 

Anderseits wollen wir darauf hinweisen, daß das Moralische, 
gerade wenn wir es nach dieser formalen Seite hin ins Äuge fassen, 
Anteil hat an vielen Erscheinungen, die für gewöhnlich nicht oder 
nicht deutlich zum Geltungsbereich des Moralischen hinzugerechnet 
werden. Ich meine Erscheinungen wie die Konvention, die Umgangs* 
form, die Disziplin, ja, den Komment der Studenten. Bis in sie er* 
streckt sich, wenn auch in geringem Maße, das formal moralische 
Element hinein. Deutlicher tritt es schon in der Berufsmoral hervor, 
etwa der des Arztes, des Offiziers oder des Kaufmannes. Man 
kann aber auch von einer Schülermoral oder von einer Gauner* 
moral sprechen. 

Wenn wir kurz zusammenfassen wollen, was uns etwa als 
der formale Charakter des Moralischen imponiert, so wäre es: 

a) Das Verantwortungsgefühl gegenüber der idealen Forderung,- ^ 

b) die Spannung zwischen dem Antrieb der moralischen Forde» 
rung und den dagegfnstehenden, zumeist dem Triebleben 

• entspringenden Tendenzen,- <\ 

c) die Forderung einer Triebeinschränkung oder eines Befriedig 
gungsverzichts/ 

d) die Forderung einer von fremdem Einfluß unabhängigen 
Selbstbestimmung. 

Welche Gesichtspunkte wird die Psychoanalyse an das so um* 
schriebene Phänomen heranbringen können? Sie wird fragen können, 
welche bei den Neurosenanalysen gefundenen, aber auch für das 
normale Leben gültigen Prozesse und Mechanismen, sie wird fragen 
können, welche Phasen in der Ich* und Libidoentwicklung und welche 
Libidoorganisationen wesentlich an der Bildung der Moral beteiligt 
sein mögen, und sie wird weiter fragen können, ob vielleicht typische, 
in der Kindheitsgeschichte jedes Menschen vorkommende epochale 
Ereignisse von bestimmendem Einfluß gewesen sein mögen. 

Durch diese Fragestellungen angeregt werden wir zunächst 
die Vorgänge der Reaktionsbildung und Sublimierung ins Auge 
fassen und darauf die determinierenden infantilen Ereignisse 
betrachten. Wie wir vorwegnehmend bemerken wollen, werden wir 
dann der anal=sadistischen Organisation eine wichtige Rolle 
zuschreiben müssen und weiterhin dem Narzißmus, sowohl in 
seiner Bedeutung als Entwicklungsphase als auch in der Rolle einer 
das ganze Leben hindurch wirksamen Libidoform. Im Zusammen» 
hang mit dem Narzißmus werden wir die Bedeutung der Prozesse 
der Idealbildung und der Identifizierung und die Bedeutung 
der sadistisch*masochtstischen Komponente zu würdigen haben. 
Zum Schluß wollen wir versuchen, die ontogenetische Betrachtung 
durch eine kurze phylogenetische zu ergänzen. 

Wir sind es in der Psychoanalyse gewöhnt, von Reaktions- 
bildungen und Sublimierungsprodukten zu sprechen. Wir vermögen 



240 Carl Müller-Braunsdiweig 



\ 



freilich nicht näher anzugeben, weiche Prozesse es sind, die diese 
Bildungen zustande bringen, wir können nur erläuternd sagen, 
Reaktionsbildungen seien solche, die aus einer Umsetzung primitiver 
Triebenergien entstehen, derart, daß sie das ursprüngliche Triebziel 
in seinen Gegensatz verkehren. Anderseits verstehen wir unter 
Sublimierung eine Umsetzung primitiver Triebenergien solcherart, 
daß das primitive Triebziel mit einem fernere, abgeleiteteren, auf 
einer höheren Ebene gelegenen vertauscht wird. Der Begriff der 
Sublimierung ist also der weitere, der den der Reaktionsbildung 
einschließt. So fassen wir die Ordnungsliebe als eine Reaktions- 
bildung der primitiven Schmutzlust, Sparsamkeit und Geiz als Subli- 
mierungsprodukte der Triebtendenz zum Zurückhalten des Stuhls auf. 
Ganz allgemein hat Freud schon in seinen »Drei Abhand- 
lungen zur Sexualtheorie« die Moral als eine Reaktionsbildung be- 
zeichnet. In ihr sieht er gleicherweise wie in den Erscheinungen von 
Ekel und Scham einen der Wälle, die gegen das primitive Trieb- 
leben aufgeworfen werden. 

In der Folge sind die Begriffe der Reaktionsbildung und Subli- 
mierung fruchtbar angewandt worden bei der Nachforschung über 
die genetischen Zusammenhänge zwischen Charakterzügen und ihnen 
zugeordneten primitiven Triebtendenzen. Nach Freuds Ableitung 
der Trias Ordentlichkeit, Sparsamkeit, Eigensinn aus der Gruppe 
der analen Triebe folgten insbesondere Sadger und Jones mit weiteren 
Untersuchungen. Jones 1 leitete eine Reihe von Charakterzügen aus 
der Analerotik ab, und zwar ohne Rücksicht darauf, ob es sich um 
als moralisch anzusprechende Charakterzüge handelte oder nicht. 
Uns, die wir hier die Psychogenese des Moralischen untersuchen 
wollen, interessiert es, daß unter den von Jones abgeleiteten 
Charakterzügen sich eine große Reihe von solchen befinden, die wir 
als moralisch wertvolle bezeichnen müssen. So spricht er dort außer 
von Ordnungsliebe und Sparsamkeit zum Beispiel auch von aus- 
geprägter Individualität, von Selbstbeherrschung, Entschlossenheit, 
Verläßlichkeit, von Tüchtigkeit, Gründlichkeit, von liebevoller Sorg- 
falt gegenüber anvertrauten Dingen und untergeordneten Personen. 
Für unser Thema wollen wir uns daran erinnern, daß wir 
zu Beginn die habituelle Moral von einer aktuellen ursprünglichen 
unterschieden. Der zweiten sollte eigentlich unsere Untersuchung 
gelten. Nun müssen wir jene moralischen Charakterzüge zur habi- 
tuellen Moral rechnen und es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, 
die Genese solcher Züge weder allgemein noch im einzelnen zu 
verfolgen. 

Wir möchten hierein anderes Problem nicht unberührt lassen: 
Wie unterscheidet sich die Genese der habituellen moralischen 



1 Intern. Zeitschr. 19J9. Ernest Jones: Über analerotisdie Charakter- 
züge <übers. v. Anna Freud), vorher bereits veröffentlicht im Journal of Abnormal 
Psychologie, vol. XIII, auch in des Verfassers Papers on Psychoanalysis, 2. ed. 1918. 



Psychoanalytische Gesichtspunkte zur Psychogenese der Moral etc. 241 

Charakterzüge von der Genese jener ursprünglichen aktuellen 
Reaktion, wie sie im moralischen Konflikt zutage tritt? . Man darf 
hier wohl antworten, daß der habituelle Charakterzug aus der Um= 
setzung von Trieb energien hervorgeht, während der moralische 
Akt mehr aus der Umsetzung von Energien stammt, die nicht den 
eigentlichen Trieben so sehr zugehören als vielmehr daraus abge= 
leiteten Tendenzen <die einer höheren psychischen Ebene angehören), 
nämlich den Wünschen. 

Es würde sich aus dieser Ableitung erklären, daß in den 
Charakterzügen das Eingewohnte, Konstante und Reflexartige des 
Triebes wiederkehrt, während der moralische Akt wie eine momentane 
Sicherung gegen den momentan auftauchenden Wunsch- erscheint. 

So würden wir die habituelle Moral als eine Sublimierungs= 
und Reaktionsbildung aus primitiven Triebenergien, den moralischen 
Akt als eine Reaktionsbildung von Wunschenergien betrachten 
können. 

Sehen wir von den besonders durch den Prozeß der Ver= 
drängung erzeugten pathologischen Verwendungen der Trieb* und 
Wunschenergien ab, so würden demnach im Menschen an Formen 
der Energieverwendung nebeneinander wirksam sein einmal der 
Anteil der nicht umgesetzten und nicht gebundenen Energien der 
primitiven Triebe <z. B. der Exkretionstriebe, des Gewaltsamkeit^ 
triebes), dann die aus einem weiteren Anteil dieser primitiven 
Triebenergien entstandenen Sublimierungs= oder Reaktionsprodukte 
<etwa Ordnungsliebe, Güte), weiterhin die aus beiden Quellen 
stammenden Wünsche und die daraus wieder reaktiv entspringenden 
momentanen Sicherungen in Form moralischer Forderungen. 

Diese Forderungen treten einem »ich möchte« oder »ich möchte 
nicht« mit den Formeln »du darfst nicht« oder »du sollst« entv 
gegen. Sie werden aktuell, wenn das Individuum sich in einem Z,w 
stand verstärkter »Versuchung« befindet, d. h. wenn durch die äußere 
oder innere Situation verursacht, ein verstärkter Wunsch in ihm rege 
wird, der durch die vorhandenen Gegenkräfte (Gegenwünsche, 
Charakterzüge) allein nicht gebunden werden kann, sondern besondere 
Sicherungen verlangt, eben die verstärkte Besinnung auf die moralische 
Forderung. 

Für den Psychoanalytiker liegt es nahe, die normale Unter- 
werfung unter moralische Gebote mit dem Verhältnis des Zwangs= 
neurotikers zu seinen Zwangsgeboten zu vergleichen, und es 
entsteht für ihn die Frage, worin die Übereinstimmung und worin 
der Unterschied zwischen beiden Erscheinungen liegen- mag. 

Beiden gemeinsam- ist die Unterwerfung unter Gebote, aber 
das Charakteristische dieser Unterwerfung bei der Zwangsneurose 
ist der Zwang, mit dem seine Befolgung nahezu unausweichlich 
bestimmt wird, während das Sichauferlegen einer moralischen For- 
derung nur Sache eines mehr beweglichen Intellekts und Willens 
sein kann. 

Imago VII. 3 16 



242 Carl Müller-Braunschweig 



Das Zwangsgebot ist eine Sicherung vorwiegend unbewußter 
Triebe und Wünsche und deshalb annähernd unkontrollierbar und 
inkorrigibel, das normale moralische Verbot richtet sich gegen vor* 
wiegend bewußte Tendenzen. Die manifesten Inhalte der Zwangs« 
verböte sind entstanden durch Verschiebung von einem infantilen 
verbotenen Gegenstande auf einen indifferenteren Ersatzgegenstand, 
während die moralische Forderung ihren eigentlichen Gegenstand 
zum Inhalte hat. Beim Zwangsverbot handelt es sich um ein — 
wenigstens vorübergehend -* erstarrtes Verdrängungsprodukt, beim 
moralischen Gebot um eine floride Verdrängungsaufgabe. In der 
Zwangsneurose handelt es sich — so könnte man in Analogie zu 
dem sagen, was Freud in seinem Aufsatze »Zwangshandlung und 
Religionsübung« <K1. Sehr. z. Neurosenlehre, II. F.> über das Ver- 
hältnis von Zwangsneurose und Religion äußert — um eine Privat- 
moral, um ein asoziales, realitätsabgewandtes Gebilde, während die 
normale Moral einen sozialen Charakter hat und damit der Realität 
zugewandt ist. 

Wir wollen die Erörterungen, die sich an die Begriffe der 
Reaktionsbildung und Sublimierung anschlössen, verlassen, um die 
Frage aufzuwerfen, ob es typische Kindheitsereignisse gibt, denen 
wir eine besondere Bedeutung für die Entwicklung der moralischen 
Einstellung zuschreiben müssen. 

Betrachten wir die formalen Charaktere der moralischen Red- 
aktion, den Verzicht auf einen Triebwunsch, die Unterordnung unter 
ein Gebot, die Selbstbestimmung, die Selbstbeherrschung, die Indi- 
vidualität, die Konfliktspannung zwischen einem »ich möchte« und 
einem »du sollst«, so werden wir nicht anstehen, deren grundlegende 
Entwicklung in den Situationen der ersten kindlichen Triebkonflikte 
zu vermuten. 

Und zwar wird man hier unter, den mehrfachen in Frage 
kommenden Situationen eine herausheben und ihr eine besondere Be- 
deutungbeimessen müssen, nämlich der Reinlichkeitsangewöhnung 
des Kindes. 

Die epochale Bedeutung dieser Angewöhnung ist psychoana- 
lytisch ausgiebig gewürdigt worden. Für unser Thema finden wir 
eindrucksvoll alle die gesuchten Züge vereinigt,- wir finden den Trieb- 
verzicht in dem Verzicht auf die Exkret- und Exkretionslust in 
mannigfacher Form. Die Unterordnung unter ein Gebot ist 
gegeben in der Unterordnung des Kindes unter das Gebot des Er- 
ziehers, sich nicht mehr schmutzig zu machen, seinen Stuhl nicht 
länger nur nach ungeregeltem Belieben, sondern auf bestimmte Weise 
und zu bestimmten Zeiten herzugeben u. dgl. Von besonderer 
Wichtigkeit hiebei ist der Vorgang, daß das Kind nicht nur lernt, 
dem fremden Gebot des Erziehers zu gehorchen, sondern daß es 
lernt, sich das Gebot als eigenes von sich aus aufzuerlegen. Nur 
durch diese ~ wenngleich nur relative und partielle - Unabhängig-- 
machung vom Erzieher, nur dadurch, daß es das Gebot des Er- 



Psychoanalytische Gesichtspunkte zur Psychogenese der Moral etc. 243 

ziehers zu seinem eigenen macht, gewinnt es die endgültige Fähigkeit, 
es dauernd und ausnahmslos zu erfüllen. Damit kommt es zum 
wichtigen Momente der Selbstbestimmung. Die, wenn auch nur 
gefühlsmäßige, Einstellung, die es jetzt beherrscht, würde, in die 
vollbewußte und begriffliche Ausdrucksform übersetzt, lauten: Ich 
will mich nicht mehr schmutzig machen. In der Beherrschung der 
Sphinkteren haben wir wohl die bedeutsamste Grundlage aller 
Selbstbeherrschung zu sehen. Aber auch die Gewinnung dessen, 
was wir Individualität nennen, ist wesentlich mit der Reinlichkeits= 
angewöhnung verknüpft. Einmal durch die schon erwähnte Unab= 
hängigkeit, die das Kind gewinnt, wenn es das Gebot des Er= 
ziehers zu seinem eigenen macht. Es handelt hier als selbständige 
Persönlichkeit, die sich in einer wichtigen <Trieb-> Angelegenheit vom 
fremden Einfluß freigemacht hat. Zum andern ist es freilich nicht 
außer acht zu lassen, daß es dieser Unabhängigkeit nicht nur da=- 
durch mächtig und gewahr wird, daß es lernt, dem Gebote des 
Erziehers von sich aus und selbständig zu folgen, sondern auch 
dadurch, daß es lernt, diesem Gebote selbständig zu trotzen. 
Tausk 1 hat bereits darauf aufmerßlam gemacht, wie gerade die 
Wahrnehmung des Kindes, durch Lüge und Verstellung die Er» 
zieher täuschen und deren Wünschen entgegen die seinen durchsetzen 
zu können, mit dazu dient, daß das Kind vom Erzieher unabhängig 
wird und Individualität gewinnt. 

Das formale Moment der Konfliktspannung tritt in der 
Situation der Reinlichkeitsangewöhnung ebenfalls deutlich hervor. 
Die Wucht der kindlichen Exkretionstriebe ist groß, die daraus 
hervorgehenden Wünsche sind stark, eine heftige Spannung zwischen 
Wunsch und idealer Forderung, geeignet, grundlegend zu sein, ist 
damit gegeben. 

Zusammenfassend dürfen wir also sagen, daß das Kindheirs- 
ereignis der Reinlichkeitsangewöhnung einen, wenn nicht den Haupt" 
ausgangspunkt der Entwicklung der moralischen Einstellung bildet. 
Auffallen muß, daß, während bei dem Angewöhnungskampf der 
Verzicht auf die urethrale Lust sicher die gleiche Rolle wie der Ver= 
zieht auf die anale spielt, die moralischen Charakterzüge — ■ wenn 
wir die bisherigen Untersuchungen betrachten — mehr den Stempel 
analer als urethraler Herkunft tragen 2 . 

Eine Frage möchte ich hier aufwerfen. In der Kindheits- 
geschiente gehen der Reinlichkeitsangewöhnung bereits andre Er- 
Ziehungsaktionen vorauf. Sind diese nicht in gleichem Sinne Aus- 

1 Über die Entstehung des Beeinflussungsapparates in der Schizophrenie. 
I. Z. 1919, S. 15. 

1 Ob das daher kommt, daß <nach einer Diskussionsbemerkung von H. Sachs) 
die urethralen Energien mehr geeignet sind, für die genitale Organisation ver- 
wertet zu werden, während sich die analen dazu nicht schicken und somit für 
andere Umsetzungen frei sind, oder ob wir die Entdeckung urethraler Charakter- 
züge — über den »brennenden Ehrgeiz* hinaus — noch vor uns haben, wollen 
wir nicht zu entscheiden versuchen. 

16* 







244 Carl Müller-Braunsdiweig 



gangspunkt der moralischen Entwicklung? So läßt man etwa das 
Kind liegen, wenn es schreit und offensichtlich aufgenommen werden 
möchte. Oder es verlangt nach Nahrung und wird nicht an die 
Brust gelegt. Hat es hier nicht auch Triebverzichte zu leisten? 

Der Grund, aus dem heraus wir diesen Erzieh ungsmaßregeln 
eine geringere Bedeutung als der Reinlichkeitsangewöhnung zuschreiben, 
liegt darin, daß bei dieser ein unvergleichlich höherer Anspruch an 
des Kindes Freiwilligkeit und Aktivität gestellt wird, während es 
sich bei jenen mehr passiv, wohl oder übel, zum Verzichte gebracht 
sieht. Das für die moralische Einstellung so wesentliche Moment 
des aktiven Verzichts von sich aus, ebenso das der Konflikts* 
Spannung kann dort nicht in so entscheidendem Maße anknüpfen. 

Anderseits wird eine richtige Erziehung vor jener entscheidenden 
Epoche eine Erleichterung der Aufgabe der Reinlichkeitsangewöhnung 
und damit eine günstige Vorbedingung für die moralische Ent= 
Wicklung bedeuten. Im Gegenteil wird die falsche Behandlungsart 
mancher Mütter (etwa das Kind jedesmal aufzunehmen und zu 
beruhigen oder gar an die Brust zu nehmen, wenn es schreit), eine 
sehr ungünstige Vorbedingung ^ür die spätere Reinlichkeitserziehung 
geben, stärkere Trotzeinstellungen schaffen und die Erlangung der 
Verzichtsfähigkeit erschweren. 

Es wäre eine Aufgabe für sich zu fragen, wie weit man die 
Begriffe und Äußerungsformen, die zum Umkreis des Moralischen 
gehören, im einzelnen mit dem Kindheitsereignis der Reinlirhkeits« 
angewöhnung in Zusammenhang bringen kann. Es soll hier nur auf 
einzelnes hingewiesen werden. 

So auf den Begriff der Schuld und die Erscheinung des Schuld" 
gefühls. Wir kennen seit langem aus dem Assoziationsmaterial die 
Gleichung von Schulden, insbesondere Geldschulden und Kot. Diese 
Gleichung bekommt einen genetischen Unterbau, wenn wir daran 
denken, daß die ersten Schulden tatsächlich Kot- und Urinschulden 
sind. Auch hier scheint, den Assoziationen nach zu urteilen, der 
Kot vor dem Urin einen Vorrang zu haben — Geld vorwiegend = 
Kot -, doch kommt in anderen Ausdrücken - > Mittel flüssig 
machen« — die Beziehung zum Urin auch deutlich zum Vorschein. 
Wichtig ist, daß das erste intensivere Schuldgefühl, das paradigmatisch 
für alle späteren wird, mit den Exkreten und der Exkretion innig 
verknüpft sein muß. Damit ist gesagt, daß das aus dem ödipus= 
Komplex stammende Schuldgefühl, von dem später noch die Rede 
sein wird, etwas — der Entwicklung nach — Zweites ist und in 
dem mit der Reinlichkeitsangewöhnung verknüpften seinen Vorläufer 
findet. Ebenso setzen sich die aus dem Masturbationsverbot stam= 
menden Züge auf die aus dieser Epoche gewonnenen auf, am deutlichsten 
Trotz und Auflehnung. Doch scheint es mir verkehrt, im Masturbations- 
verbot ein den Schmutzverboten gleichwertiges Agens für die moralische 
Spannung zu sehen, denn der Erziehung der Exkretionstriebe läßt 
sich viel schwerer ausweichen, das Kind kann hier fortdauernd kon- 



Psychoanalytische Gesichtspunkte zur Psychogenese der Moral etc. 245 

trolliert und beschämt werden, während es seine Masturbation ver- 
heimlichen kann 1 . 

Ein anderer zum Thema des Moralischen gehöriger Zug, der 
in seinem Zusammenhange mit der Epoche der Reinlichkeits- 
angewöhnung erwähnt sein möge, ist das egoistische Nichthergeben, 
Fürsichbehaltenwollen und sein Widerspiel, die Opferwilligkeit, das 
Gebenvermögen. Es ist deutlich, daß das erste drastische Vorbild 
zu diesen Zügen in dem Zurückhalten des Kotes, beziehungsweise 
in dem Verzicht auf dieses Zurückhalten zu sehen ist. Der Egois- 
mus, der unter dem Gesichtspunkte der Moral als das zu Über- 
windende y.y-' ibr/w gilt, zeigt sich hier gespeist von der anal-nar- 
zißtischen Libido. Von dieser analnarzißtischen Lust opfert das Kind, 
wenn ihm der Erzieher eine quasi Liebesprämie gibt, mit Hilfe seiner 
dadurch mobilisierten Objektlibido. 

Doch wollen wir den soeben geäußerten Gedanken von hier 
aus nicht weiter verfolgen, sondern uns einem weiteren analytischen 
Gesichtspunkte zuwenden, den wir an die Frage nach der Entstehung 
der Moral heranbringen können. Es ist das der Begriff der anal- 
sadistischen Organisation, derjenigen Organisation, die der genitalen 
vorangeht. 

Wir erinnern uns, daß Freud dieser Organisation für die 
Genese der Zwangsneurose eine besondere Bedeutung zugeschrieben 
hat. Der Zwangsneurotiker ist an sie fixiert. Insbesondere ist das 
zwangsneurotische Phänomen der Übermoral darauf zurückzuführen, 
daß der Zwangsneurotiker seine relativ schwache Objektliebe gegen 
die hinter ihr lauernde, aus der stark wirksamen anal=sadistischen 
Organisation stammende Feindseligkeit zu sichern hat. Nach Freud 
ist der Zwangsneurotiker mit seiner Ich-Entwiddung {insbesondere 
mit der Entwicklung seines Intellekts und seiner Selbsterhaltungs- 
triebe) seiner Libidoent Wicklung vorausgeeilt, während das Ich schon 
die Beziehung zu den Objekten gefunden hat, ist die Libido hier 
noch im Rückstande, befindet sich noch vorwiegend in der prägeni- 
talen anal-sadistischen Organisation. So entsteht die Übermoral mit 
der Aufgabe, die relativ schwache Objektliebe gegen die »hinter ihr 
lauernde Feindseligkeit zu verteidigen«. 

Diese Einsicht in die Entstehung der zwangsneurotischen 
Übermoral erweitert nun Freud zu einer Betrachtung der Moral 
überhaupt. Er sagt 8 wörtlich: »Erwägt man, daß die Zwangsneu- 
rotiker eine Übermoral entwickeln müssen, um ihre Objektliebe 
gegen die hinter ihr lauernde Feindseligkeit zu verteidigen, so wird 
man geneigt sein, ein gewisses Ausmaß von diesem Voraneilen der 

1 Wohlgemerkt sprechen wir hier vom Akt des Masturbationsverbotes <in 
Analogie zum Schmutzverbot) und nicht von den Inhalten der Masturbation* 
phantasien. Die unbestrittene Abhängigkeit des Schuldgefühls von diesen gehört nicht 
ohne weiteres in den obigen Zusammenhang. 

2 Freud: Die Disposition zur Zwangsneurose, I. Z. 1, 1913, S. 531,- wieder 
abgedruckt in den »Kleinen Schriften zur Neurosenlehre«, 4. Folge, S. 123. 



246 Carl Müller-Braunschweig 



Ich-Entwicklung als typisch für die menschliche Natur hinzustellen 
und die Fähigkeit zur Entstehung der Moral in dem Umstände 
begründet zu' finden, daß nach der Entwicklung der Haß der Vor- 
läufer der Liebe ist. Vielleicht ist dies die Bedeutung eines Satzes 
von W. Stekel, der mir seinerzeit unfaßbar schien, daß der Haß 
und nicht die Liebe die primäre Gefühlsbeziehung zwisdien den 
Menschen sei.« 

Von diesem Gesichtspunkte aus wäre also die moralische 
Spannung mitzuverstehen, aus der bei allen Menschen vorhandenen 
Spannung zwischen den aus der anal^sadistischen Organisation 
stammenden feindseligen Impulsen und einer noch relativ unvoll- 
kommenen Ausbildung der Objektliebe. 

Ich verlasse diese Betrachtung und wende mich der Bedeutung 
des Narzißmus und der Idealbildung zu 1 . 

Unter Narzißmus verstehen wir ganz allgemein die Richtung 
der Libido auf das eigene Ich. Wir wenden aber den Begriff in 
verschiedenen Bedeutungen an: Einmal bezeichnen wir mit Narzißmus 
diejenige Phase der Libido-Entwicklung im Kindesalter, die vor- 
herrschend durch die Richtung der Libido auf das eigene Ich charak- 
terisiert ist, und in der die Objektlibido noch wenig entwickelt ist. 
Ein andermal verstehen wir unter der narzißtischen Libido diejenige 
Teilrichtung der Libido, die während des ganzen Lebens des Menschen 
eine wichtige Rolle für das körperliche und seelische Gleichgewicht 
spielt, und einen Zustand der Libido, aus dem, wie aus einem 
Reservoir, jede neu entstehende, vorübergehende oder dauernde 
Objektbesetzung ihre Energien zieht. 

Wir wollen hier nur von den normalen Bildungen und Be= 
deutungen der narzißtischen Libido sprechen. So schalten wir den 
Narzißmus in der Bedeutung einer Libidoverfassung aus, die durch 
ein überstarkes Fortbestehen des kindlichen Narzißmus charakterisiert 
ist, und so sprechen wir auch nicht von einer überstarken narzißti- 
schen Einstellung, die durch Überausgleich einer Läsion des nor- 
malen Narzißmus entstanden ist. 

Wir wollen anstatt dessen unser Augenmerk auf eine andere 
Differenzierung des Narzißmus richten, die wir mit den Ausdrücken 
primärer und sekundärer Narzißmus bezeichnen können. 

Jene das ganze Menschenleben fortdauernde Richtung der 
Libido auf das Ich, die für sein körperliches und seelisches Gleich- 
gewicht hochbedeutsam ist, und die man den vitalen Narzißmus 
nennen könnte, macht einen Entwicklungsgang durch von einer pri- 
mären Bildung zu einer ausgebauten. Der primäre Narzißmus er- 
leidet Gefährdungen, insbesondere dadurch, daß sich der kleine 
Mensch mit der Realität zu messen beginnt und sich in Leistungen 



1 Siehe für den ganzen Abschnitt Freud: Zur Einführung des Narzißmus, 
Jahrbuch d. Ps., Bd. VC 1914. Audi abgedruckt in der 4. Folge d. Kl. Sehr. z. 
Neurosenlehre. 



Psychoanalytische Gesichtspunkte zur Psycbogenese der Moral etc. 247 

<einsdiließiidi Liebesleistungen) versucht, die ihm mißlingen können. 
Oder er beginnt seine Eigenschaften und Leistungen mit denen der 
Eltern und Freunde oder anderer geschätzter Personen zu ver- 
gleichen, und ist dadurch einer Beeinträchtigung seines Selbstgefühls 
ausgesetzt. Nun werden normalerweise diese Gefährdungen des 
primären Narzißmus überwunden, eine sozusagen narzißtische Narbe 
und weitere sich daran anschließende pathologische Folgen werden 
vermieden, indem Erlebnisse mißlungener Leistungen durch solche 
gelungener ausgeglichen werden, und indem das Individuum im mehr 
oder weniger gelingendem Wettbewerb mit den andern zu einer 
steigenden Erkenntnis und Übung seiner individuellen Fähigkeiten 
gelangt. Dieser Prozeß bricht normalerweise während des ganzen 
Lebens niemals ab, und auf diesem Wege wird der primäre Nar= 
zißmus ständig erweitert und durch ihn gesichert 1 . 

Neben dieser Sicherungsform, zum Teil sich mit ihr deckend, 
geht nun aber eine andere, an sich bedeutsam und für unsere Be= 
trachtung von besonderer Wichtigkeit, einher: die Sicherung des 
primären Narzißmus durch den Prozeß der Idealbildung. Das wilj 
sagen: mit der Entwicklung von Phantasie und Intellekt beginnt das 
Individuum, sidi zu lieben, nicht nur wie es ist, sondern auch wie 
es sein möchte. 

Mit dieser Doppelrichtung der narzißtischen Libido ist eine 
hochbedeutsame Spannung des Seelenlebens gegeben, eine Spannung 
zwischen einer seelischen Gruppe, die Freud das IdeaUch, und einer 
anderen, die er das Aktual=Ich genannt hat. Das IdeaUIch wacht 
ständig über das AktuaUIch. Entweder erledigt es die unlustvolle 
Spannung durch Verdrängung ihm nicht genehmer Züge und Impulse 
des AktuaWchs oder es stellt an das AktuaMch Forderungen. 
Es müht sich ab, das AktuaWch dem IdeaWch anzugleichen. 

Das aber ist auch die Formel der moralischen Bemühung. 

Wir dürfen also sagen, daß psychoanalytisch die narzißtische 
Idealbildung als eine Quelle der moralischen Spannung und For« 
derung anzusehen ist. Auch das für die Moral zentral bedeutsame 
Phänomen des Gewissens findet in diesem Zusammenhange eine 
psychoanalytisch bekannte Quelle. Es ist das die Zensur, jene von 
der Traum- und Phantasiearbeit, den Fehlhandlungen und neuro= 
tischen Symptomen her bekannte Instanz. Das Gewissen erscheint 
uns hier als eine Äußerung jener Zensur, soweit sie durch die 
Einwirkung des IdeaUIchs auf das AktuaMch gegeben ist. 

Für die Entstehung der Idealbildung kommt vor allem das 
Verhältnis des Kindes zu seiner Umgebung in Betracht. Das Kind 
baut sein IdeaWch auf durch mehr oder weniger unbewußte oder be= 
wußte Identifizierung mit den Personen seiner Umgebung, nach 

1 S. dazu Tausk : Ȇber die Entstehung des Beeinflussungsapparates in der 
Schizophrenie«. Int. Zeitsdir. 1919, S. 35: unser »vitaler Narzißmus« hier teils 
als »organischer«, teils als »psychischer«. S. 22: der »angeborene« und »erworbene« 
Narzißmus. 



248 Carl Müller-Braunschweig 



deren positivem Vorbilde wie im Gegensatze zu ihnen. Das so im 
Zusammengehen mit seinen mitgebrachten Tendenzen in ihm ent* 
stehende Ideal-Ich wirkt seine zensurierende Macht auf sein AktuaU' 
Ich aus. 

Insoweit die das Kind umgebenden Personen, insonderheit die 
Erzieher, im Ideal-Ich wirksam sind, kehren also im Gewissen des 
Menschen die Stimmen seiner Erzieher wieder. Diese Erscheinung 
hat Freud in der pathologischen Verzerrung der Paranoia auf.* 
gezeigt. Die Stimmen, die der Paranoiker zu hören vermeint, sind 
die wieder nach außen projizierten Forderungen des Gewissens, die 
durch diese Projektion und durch ihren typischen Inhalt die Quelle des 
Gewissens verraten: die Stimmen der Erzieher oder andrer Personen 
der Kindheit. 

Um die Bedeutung der Kindheitsumgebung für die Entstehung 
der Idealbildung und der moralischen Einstellung, insbesondere die 
Bedeutung des Erziehers für das Kind voll zu würdigen, dürfen 
wir uns nicht eines Vorteils begeben, den uns die Betrachtung der 
sado=masochistischen Komponente der Libido an die Hand gibt. Wie 
kommt, das Kind dazu, sich dem Erzieher zu unterwerfen? Nur 
aus der aktiven und passiven Unterwerfungslust, so können wir 
sagen, ist der moralische Akt verständlich. Nur auf dem Wege einer 
<wenn auch nur teilweisen) Unterwerfung unter den Erzieher nimmt 
es dessen Gebot auf sich. Indem es sich mit dem Erzieher identi- 
fiziert, vertritt es gegen sich selbst dessen Stelle. Im moralischen 
Akt ist es Unterwerfender und Unterworfener in einer Person und 
zu gleicher Zeit. 

Man wird, wenn man diesen Prozeß voll verstehen will, daran 
denken müssen, daß Freud in seiner Abhandlung über Triebe und 
Triebschicksale von der Genese des Masochismus aus dem primären 
Sadismus sagt, diese geschehe auf dem Wege über den gegen das 
eigene Ich gewendeten Sadismus. Selbst wenn man nicht der Meinung 
ist, daß es keinen primären Masochismus gibt, wird man zugeben 
müssen, das die masochistische Komponente sich auf diesem Wege 
ausbilden und verstärken mag. 

Dieser Werdegang des Sado^Masochismus wird nun auch bei 
der Ausbildung der moralischen Fähigkeit anzunehmen sein und 
wird insbesondere bei dem Prozeß der Reinlichkeitsangewöhnung in 
Erscheinung treten. 

Wir wollen zum Schluß die bisherige ontogenetische Betraditung 
durch eine phylogenetische ergänzen 1 . Diese Aufgabe wäre, voll in 
Angriff genommen, eine ebenso lohnende wie umfangreiche, sie 
kann hier nur angedeutet werden. 

1 Wir haben in der ontogenetischen Untersuchung die Bedeutung der Kon« 
flikte aus dem Familienroman, insbesondere aus dem Ödipus-Komplex, für die 
Enwicklung der moralischen Reaktion nur gestreift. Ihre Würdigung hätte den 
Rahmen eines Vortrages zu stark geweitet. 



Psychoanalytische Gesichtspunkte zur Psychogenese der Moral etc. 249 



Freud hat mit seinem »Totem und Tabu« für die Frage der 
Entstehung der sozialen, staatlichen und religiösen Kultur und damit 
auch der moralischen Kultur einen großartigen Ausblick eröffnet und 
etwas Grundlegendes geschaffen. 

In der Tabu^Abhängigkeit des Primitiven dürfen wir einen 
Vorläufer der moralischen Spannung sehen. Und die Analyse der 
Inhalte der Tabuverbote führt uns im wesentlichen auf eine un- 
geheure reale Spannung zurück, auf die Spannung des Kampfes um 
die Sexualobjekte, insbesondere des Kampfes der Väter und der 
Söhne um die Mutter. Die Psychoanalyse des Gegenwartsmenschen 
zeigt, daß die inzestuösen Kämpfe, aus der Realität zum größten 
Teil verschwunden, nicht weniger mächtig nun innerhalb der Seele 
toben. Die inzestuösen Triebregungen gehören dem vom Ideal-Ich 
bekämpften AktuaUIch an und tragen so zu einem mächtigen Teil 
zur Spannung zwischen diesen beiden psychischen Gruppen und 
damit zur moralischen Spannung bei, ohne daß — in der Regel — 
der moralisch Reagierende um diesen Unterbau weiß. 

Während so die unbewußten inzestuösen Regungen einen 
negativen Faktor der moralischen Spannung darstellen, geht ander* 
seits ein wichtiger positiver Faktor von den stammesgeschicht^ 
liehen inzestuösen Kämpfen aus. Im Laufe des zu konstruierenden, 
ungeheure Zeitspannen umfassenden realen Kampfes der Väter und 
der Söhne um die Frau ist es, sicherlich nach vielen Schwankungen 
und Rückfällen, schließlich zu mehr und mehr lebensfähigen und 
dauernden Triebeinschränkung'en auf beiden Seiten gekommen, der 
Vater hat auf die Vertreibung oder Tötung des Sohnes, der Sohn 
auf die Tötung des Vaters und den Besitz der Mutter verzichtet. 
Dabei mögen außer der Notwendigkeit, den Stamm gegen Feinde 
besser verteidigen zu können, Entwidmungen und Sublimierungen 
der homosexuellen Komponente mitgeholfen haben. So wurden zu 
wesentlichen Inhalten des Ideal=Ichs die Schonung der Eltern durch 
die Kinder, insbesondere des Vaters durch den Sohn, und die 
Beachtung der Inzestschranke. 

In der Kindheitsgeschichte wiederholen sich diese Kämpfe und 
Verzichte in abgekürzter Form. Zugleich aber bringt der kleine 
Mensch den ganzen Ertrag dieser stammesgeschichtlichen Kämpfe 
und Verzichte in Form vererbter Bereitschaft mit. Je mehr in diesem 
Erbe eine, unausgeglichene Spannung zwischen unverarbeiteten in* 
zestuösen Regungen und gelungenen Triebeinschränkungen und 
Sublimierungen enthalten ist, um so stärker wird die Spannung 
zwischen dem IdeaWch und dem AktuaMch und damit die moralische 
Spannung sein. Um so heftiger wird er auch in die unvermeidlichen 
aktuellen Konflikte des Familienromans hineingerissen werden, die 
nun ihrerseits die mitgebrachte moralische Spannung vertiefen können. 

Ich bin geneigt, die Bedeutung des Ödipuskomplexes für die 
Entstehung der moralischen Spannung mehr in der Stammesgeschichte 
als in der Einzelgeschichte zu sehen. In der Einzelgeschichte scheint 






250 Carl Müller-Brauns&wpg 

mir den Erlebnissen aus dem Ödipus=Komplex das ja auch so früh 
einsetzende Erlebnis der Reinlichkeitsangewöhnung den Rang streitig 
zu machen. 

Auch die Reinlichkeitsangewöhnung hat naturgemäß ihr Vor» 
spiel, das weit in die Geschichte der tierischen Ahnen des Urmenschen 
hinabreichen muß, denn schon der Vogel lernt es, sein Nest nicht 
zu beschmutzen. Es scheint mir aber ein Unterschied zwischen der 
ontogenetischen Wiederholung der Reinlichkeitsangewöhnung und der= 
jenigen der inzestuösen Verzichte zu bestehen, auf die hinzuweisen 
nicht so unwichtig sein mag. Das Kind wiederholt den inzestuösen 
Kampf nur in sehr eingeschränktem Maße. Wenn der kleine Sohn 
auf seine Mutter verzichtet, so verzichtet er auf ein Objekt, das er 
nie wirklich, und ganz besessen hatte, wie das beim Urmenschen 
einmal der Fall gewesen sein muß. Dagegen wiederholt das Kind 
die in der unendlichen Reihe seiner tierischen Ahnen zurückliegende 
Lust am eigenen Kot und Urin in aller Gründlichkeit, und es hat 
hier also auf etwas zu verzichten, worin es sich zunächst real und 
restlos auslebt. 




Eine Kinderentwicklung 251 



Eine Kinderentwiddung. 
Von MELANIE KLEIN, Berlin. 

I. 

Sexualaufklärung und Autoritätsmilderung in ihrem Einfluß 
auf die intellektuelle Entwicklung des Kindes 1 . 

Die Idee der sexuellen Aufklärung der Kinder gewinnt immer Einleitung, 
mehr an Boden. Die mancherorten auch durch die SoSulen 
eingeleitete Aurklärungsaktion bezweckt, die im Pubertätsalter 
stehenden Kinder vor realen, durch die Unkenntnis vergrößerten 
Gefahren zu bewahren, und auf dieser einleuchtenden Grundlage 
hat die Idee auch am meisten Verständnis und Anhängerschaft ge* 
wonnen. Die durch die Psychoanalyse gefundenen Erkenntnisse ver- 
weisen aber auf die Notwendigkeit, die Kinder vom zartesten Alter an 

— wenn auch nicht »aufzuklären« — so doch in einer Weise zu erziehen, 
die eine eigentliche Aufklärung überflüssig macht, weil sie die voll" 
kommenste, dem Entwicklungsgang des Kindes sich anpassende, 
naturgemäßeste Autklärung in sich begreift. Die aus den Erfahrungen 
der Psychoanalyse unabweisbar sich aufdrängenden Folgerungen 
gebieten, die Kinder nach Möglichkeit vor überstarker Verdrängung 

— und damit sei es vor Krankheit, sei es vor ungünstiger Charakter« 
entwicklung — zu bewahren. Der gewiß begründeten Absicht, tat" 
sächlichen, respektive sichtbaren Gefahren durch das Wissen zu be= 
gegnen, setzt also die Analyse die Forderung an die Seite, ebenfalls 
tatsächliche, wenn auch nicht sichtbare <weil als solche nicht erkannte) 
aber viel allgemeinere, tiefer geh.endere und deshalb viel beachtens* 
wertere Gefahren zu verhüten. Die Ergebnisse der Psychoanalyse 

— die in jedem einzelnen Falle immer wieder in die Kinderzeit 
zurückführen zu den Verdrängungen der kindlichen Sexualität als den 
Ursachen späterer Erkrankung oder der auch in jedem normalen 
Seelenleben mehr oder weniger wirksamen krankhaften Elemente 
oder Hemmungen — weisen uns deutlich den zu betretenden Weg. 
Wir können dem Kinde übergroße Verdrängung ersparen, indem 



1 Als Vortrag gehalten im Juli 1919 in der Budapester Psychoanalytischen 
Vereinigung. Ich habe zu derselben Zeit diese Arbeit zum Drucke fertiggestellt 
und lasse diese Beobachtungen und die daraus gezogenen Folgerungen unverändert, 
so wie sie sich mir damals darboten. 




252 Melanie Klein 



wir - und vor allem in uns selbst — das ganze große Gebiet 
der Sexualität von den Schleiern des Geheimnisvollen, Unaufrichtigen 
und Gefährlichen befreien, die eine heuchlerische auf affektiver und 
nicht erkenntnismäßiger Basis begründete Zivilisation dicht gesponnen 
hat. Ist erst von unserer Erkenntnis dieser Schritt gemacht worden, 
bei dem uns die Einsicht in die Wahrheit der durch die Psycho- 
analyse zutage geförderten Seelenlehre geleitet — ist der Weg 
leicht. Wir werden dann eben das Kind, in dem Maße als es die 
Entwicklung seiner Wißbegierde verlangt, der Kenntnis der, mit den 
Schleiern zugleich eines großen Teiles ihrer Gefährlichkeit entkleideten 
Sexualität, teilhaftig werden lassen. Damit erreichen wir, daß nicht, 
wie es über uns verhängt war, vorhandene Wünsche, Gedanken, 
Empfindungen zum Teil verdrängt, zum Teil aber — soweit das 
nicht gelingt — mit falscher Scham und nervösen Leiden ertragen 
werden müssen. Indem wir aber diese Verdrängung, indem wir 
die Belastung durch überflüssige Leiden verhüten, legen wir die 
Grundlagen für Gesundheit, für seelisches Gleichgewicht und günstige 
Charakterentwicklung. Dieses an sich unermeßlich reich erscheinende 
Resultat ist nicht der einzige Gewinn, den wir für den einzelnen 
und die Entwicklung der Menschheit aus einer auf unbedingtester 
Wahrhaftigkeit aufgebauten Erziehung zu erhoffen haben. Denn 
ihre Folge ist zugleich auch eine andere und nicht weniger bedeu- 
tungsvolle: Die entscheidende Beeinflussung der Entwicklung des 
Denkens. 

Diese aus den Erfahrungen und Lehren der Psychoanalyse 
hervorgehende Erkenntnis ist mir zu einer tiefen und lebendigen 
Überzeugung geworden, als sie sich mir in deutlicher und unwider- 
leglicher Weise an der Entwicklung eines Kindes erwies, mit dem 
ich mich viel zu beschäftigen Gelegenheit habe. 
Vorgcsdiiditc. Es handelt sich um einen Knaben, den kleinen Fritz, Sohn 

einer verwandten Familie, die in meiner nächsten Nachbarschaft 
wohnt. Ich hatte dadurch Gelegenheit, viel und ungezwungen mit 
dem Kinde beisammen zu sein. Da überdies die Mutter alle meine 
Weisungen befolgt, kann ich weitgehenden Einfluß auf seine Er- 
ziehung nehmen. Der nun fünfjährige Knabe, ein gesundes, kräftiges 
Kind, hat sich auch geistig normal, aber langsam entwickelt. Er 
hat erst mit zwei Jahren zu sprechen begonnen und war schon über 
dreieinhalb Jahre alt, als er sich zusammenhängend ausdrücken 
konnte. Besonders bemerkenswerte Aussprüche, wie man sie mit- 
unter bei veranlagten Kindern schon sehr frühzeitig hört, waren 
aber auch dann nicht zu verzeichnen. Trotzdem machte er doch, so- 
wohl in seinem Aussehen als in seinem Wesen den Eindruck eines 
gewedtfen und gescheiten Kindes. Sehr langsam machte er sich einzelne 
Begriffe zu eigen. Er war schon über vier Jahre alt, als er erlernt 
hatte, die Farben zu unterscheiden, und fast viereinhalb, als ihm die 
Begriffe »gestern, heute, morgen« klar geworden waren. In prak- 
tischen Dingen, also was die Entwicklung seines Wirklichkeitssinnes 



Eine Kinderentwicklung 253 



betrifft, war er entschieden hinter anderen Kindern seines Alters 
zurück. Wiewohl er häufig zu Einkäufen mitgenommen wurde, 
schien es — wie aus seinen Fragen hervorging — ihm nicht recht 
begreiflich, daß man die Dinge von den Leuten, die mehr davon 
haben, nicht geschenkt bekommt und es war ihm nicht recht be= 
greiflich zu machen, daß man — und zwar auch nach ihrem Wert 
verschieden viel ~ dafür bezahlen müsse. 

Auffallend war dagegen sein Gedächtnis. Er erinnerte und 
erinnert sich verhältnismäßig sehr weit zurückliegender Dinge mit 
allen Einzelheiten und Begriffe oder Tatsachen, die ihm einmal klar 
geworden, hat er sich gründlich zu Eigen gemacht. Gefragt hat er 
im allgemeinen wenig. Im Alter von ungefähr viereinhalb Jahren 
setzte eine schnellere geistige Entwicklung und auch etwas stärkere 
Fragelust ein. Zu dieser Zeit trat auch bei ihm das Allmachts* 
gefühl sehr in die Erscheinung, das Freud den »Glauben an die 
Alimacht der Gedanken« genannt hat. Wovon immer — von welcher 
Kenntnis und Handfertigkeit ~ die Rede war, Fritz zeigte sich 
davon durchdrungen, daß er es vollkommen könne und wenn ihm 
auch das Gegenteil bewiesen, in anderen Fällen auf Fragen zuge^ 
standen wurde, daß auch Papa und Mama so manches nicht wissen, 
so schien das seinen Glauben an die eigene und die Allwissenheit 
seiner Umgebung nicht zu erschüttern. Wenn er sie anders nicht 
mehr zu verteidigen wußte, so erklärte er unter dem Drucke der 
Gegenbeweise: »Wenn man es mir nur einmal zeigt, weiß ich es 
bestimmt.« So zeigte er sich trotz aller Gegenbeweise unter anderem 
davon überzeugt, vollkommen kochen, lesen, schreiben und franzö= 
sisch sprechen zu können. N 

Mit vierdreiviertel Jahren setzten die Fragen nach der Geburt Beginn der Ge- 
ein. Die Feststellung drängte sich auf, daß damit zugleich auch eine "periode!" 
auffallende Verstärkung der Fragelust im allgemeinen Hand in 
Hand ging. 

Ich möchte da bemerken, daß die von dem Kleinen gestellten 
Fragen <mit denen er sich meist an die Mutter oder an mich 
wendet) stets wahrheitsgetreu, wenn erforderlich, auf Wissenschaft« 
licher Grundlage, doch natürlich seinem Verständnis angepaßt, aber 
möglichst kurz gefaßt, beantwortet werden. Niemals wird auf die 
schon beantworteten Fragen zurückgegriffen, ebensowenig ein neues 
Thema angeregt, wenn er es nicht durch seine spontan gestellten 
Fragen wieder oder neu veranlaßt. 

Nachdem er einmal die Frage 1 : »Wo war ich, wie ich noch 
nicht auf der Welt war« gestellt hatte, war sie in der Formulierung: 



1 Die Frage in dieser Formulierung wurde ausgelöst durch gelegentliche 
Bemerkungen der älteren Schwestern und des Bruders, die bei verschiedenen An-- 
lässen ihm sagten: >Da warst du noch nicht auf der Welt.« Sie schien auch in 
dem ihm sichtlich peinlichen Gefühl »einmal nicht dagewesen zu sein« ihre Begrün^ 
düng zu finden — da er auch sofort nach erhaltener Aufklärung und seither auch 
immer wieder seiner Befriedigung Ausdrude gab — doch also auch früher schon 




254 Melanie Klein 



»Wie 'wird ein Mensch?« wieder aufgetaucht und so stereotyp fast 
täglich gestellt worden. Es war klar, daß die stete Wiederkehr dieser 
Frage nicht die Folge mangelnden Verstehens sei, denn er begriff 
sichtlich vollkommen die Erklärungen, die ihm über die im Mutter* 
leib vor sich gehende Entwicklung gegeben wurde (der Anteil des 
Vaters wurde allerdings dabei nicht berührt, da er die Frage nach 
dieser Richtung damals noch nicht direkt gestellt hatte). Dafür, daß 
eine gewisse Unlust, ein »Nichtannehmenwollen«, gegen die sein 
Wahrheitsdrang ankämpfte, für das häufige Wiederholen der Fragen 
bestimmend war, sprach sein Benehmen, das zerstreute, etwas be- 
fangene Verhalten, daß er kaum, daß das Gespräch begonnen hatte, 
an den Tag legte und das sichtliche Bestreben, von dem durch ihn 
selbst herbeigeführten Thema wieder loszukommen. Er setzte dann 
mit der Stellung dieser Frage an die Mutter und mich einige Zeit 
aus und wandte sich damit an die ihm sicher weniger maßgebenden 
Elemente, nämlich die Bonne <die kurz nachher das Haus verließ) 
und den älteren Bruder. Deren Antworten: daß der Storch die 
Kinder bringe und daß Gott den Menschen schaffe — beruhigten 
ihn aber doch nur für einige Tage, und als er nachher mit der Frage: 
»Wie wird ein Mensch?« wieder bei der Mutter anlangte, schien er 
endlich geneigter, ihre Anwort auch tatsächlich zur Kenntnis zu nehmen l . 
Auf die das Gespräch einleitende Frage: »Wie wird ein 
Mensch?« wiederholte ihm die Mutter wieder die öfter gegebene 
Aufklärung, wonach er diesmal gesprächiger wurde und ihr er" 
zählte, das Fräulein habe ihm gesagt <das schien er übrigens vorher 
schon von jemandem gehört zu haben), daß der Storch die Kinder 
bringe. »Das ist nur eine Geschichte«, erwiderte sie. »Die L.-Kinder 
haben mir gesagt, daß nicht der Osterhase zu Ostern da war, aber 
das Fräulein die Sachen im Garten versteckt hat« '-. »Sie haben voll« 

auf der Welt gewesen zu sein. Daß dieses Interesse aber nicht das einzig wirk- 
same bei dieser Fragestellung war, zeigte sich darin, daß nach kurzer Zeit die 
Frage in der veränderten Formulierung auftauchte: »Wie wird ein Mensch?« 
Mit vierundeinviertel Jahren war eine Zeitlang eine andere Frage öfter wieder- 
gekehrt. Er fragte: »Wozu braucht man einen Papa?« und (seltener): »Wozu 
braucht man eine Mama?« — Diese Frage, deren Bedeutung damals nicht erkannt 
wurde — beantwortete man dahin, man brauche einen Papa zum liebhaben und 
damit er für einen sorgt. Diese Antwort befriedigte ihn sichtlich nicht — und er 
wiederholte noch öfter diese Frage, bis er sie dann allmählich fallen ließ. 

1 Zugleich damit erledigte er auch einige andere Vorstellungen, die in der 
den Geburtsfragen unmittelbar vorhergehenden Zeit wiederholt besprochen, aber 
anscheinend in ihm ebenfalls nicht geklärt worden waren. Er hatte sogar eine Art 
Kampf um sie geführt, z. B. die Existenz des Osterhasen damit beweisen wollen, 
daß auch die L.-Kinder <seine Spielgefährten) einen besitzen, daß er selbst den 
Teufel von weitem auf der Wiese gesehen habe — und es war viel leichter, ihn 
davon zu überzeugen, daß das von ihm Vermeinte ein Füllen sei, als ihm die 
Überzeugung von der Grundlosigkeit des Teufelglaubens an sich beizubringen. 

* Anscheinend war er in der Osterhasenfrage erst durch die Erklärung der 
L. -Kinder <wiewohl sie ihm oft Unwahres erzählten) überzeugt worden. Das hatte 
ihn vielleicht auch veranlaßt, auf die so oft von ihm geforderte und doch nicht 
zur Kenntnis genommene Beantwortung der Frage: »Wie wird ein Mensch?«, 
endlich auch etwas näher einzugehen. 



Eine Kinderentwiddung 255 



kommen recht gehabt«, erwiderte sie. — »Nicht wahr, es gibt keinen 
Osterhasen, das ist nur eine Geschichte?« — »Gewiß.« — »Und 
gibt es auch keinen Weihnachtsmann?« — »Nein, den gibt es auch 
nicht.« — »Und wer bringt und richtet den Baum?« — »Die 
Eltern.« — »Und Engel gibt es auch nicht, das ist auch nur eine 
Geschichte?« — »Nein, es gibt keine Engel, das ist auch nur eine 
Geschichte.« 

Es war gewiß eine nicht leicht erkaufte Erkenntnis, als er 
nach Abschluß dieses Gespräches nach einer kurzen Pause fragte: 
»Aber nicht wahr, Schlosser, die gibt es, die sind wirklich? Wer 
würde denn sonst den Kasten machen?« Zwei Tage nachher untere 
nahm er den Versuch eines Elternwechsels, indem er mitteilte, daß 
er Frau L. zu seiner Mama, deren Kinder zu seinen Geschwistern 
nehme und diesen Entschluß konsequent einen ganzen Nachmittag 
aufrecht erhielt. Abends war er dann reuig wieder nach Hause zurück= 
gekehrt 4 . Daß zwischen diesem beabsichtigten Elternwechsel und der 
vorangegangenen so schwer angenommenen Aufklärung ein ursäch~ 
licher Zusammenhang bestand, ergab sich daraus, daß er am nächsten 
Morgen gleich nach dem Gutenmorgengruß seine Mutter frug: »Mama, 
bitte, sag', und wie bist du auf die weit gekommen?« 

Von da an zeigt er auch weit mehr Lust, auf das von ihm immer 
wieder gesuchte Thema wirklich einzugehen. Er fragt, wie das bei 
den Hunden ist? Dann erzählt er mir, daß er letzthin »in ein auf* 
geschlagenes Ei hineingeschaut«, aber kein kleines Huhn drinnen ge- 
sehen habe. Als ich ihm den Unterschied zwischen dem Hühnchen 
und dem Menschenkind erkläre, daß dieses so lange in der 
Wärme im Mutterleib bleibt, bis es auch schon stark genug ist, 
außerhalb zu gedeihen, gefällt ihm das nun sichtlich gut. »wer 
ist denn aber in der Mutter drinnen, der das Kind füttert?« fragt 
er weiter. 

Den nächsten Tag fragt er mich: »Wie wird das, daß man 
wächst?« Als ich ihm als Beispiel ein kleines Kind der Bekanntschaft 
anführe und als weitere Beispiele für die Stufen des Wachstums: 
ihn, seinen Bruder, seinen Papa, sagt er: »das weiß ich, aber 
wie wird das überhaupt, daß man wächst?« 

Am Abend hat er wegen Unfolgsamkeit einen Verweis er= 
halten. Er ist betrübt darüber und bestrebt, die Mutter zu versöhnen. 
Er sagt: »Morgen werde ich folgen und wieder morgen und Vieder 
morgen . . .« Plötzlich hält er inne, denkt nach und fragt: »Mama 
bitte, wie lange kommt dann noch wieder morgen?« Und als sie 
fragt, wie er das meint, wiederholt er: »Wie lange kommt dann 
immer noch ein neuer Tag?« - Gleich nachher: »Nicht wahr, 
Mama, die Nacht gehört immer noch zum vorigen Tag und in der 

4 Er war auch schon ungefähr zwei Jahre vorher vom Hause durchgegangen, 
damals blieb allerdings Ziel und Grund unbekannt. Man fand ihn damals vor einem 
Uhrmachergesdiäft, dessen Auslagen er aufmerksam betrachtete. 



256 



Melanie Klein 



Gespräch über 

die Existenz 

Gottes 



Früh kommt dann wieder ein neuer Tag« '. Sie war etwas holen 
gegangen und fand ihn, als sie ins Zimmer zurückkam, vor sich hin* 
singend, Bei ihrem Eintritt hört er zu singen auf, schaut sie forschend 
an und fragt: »Nicht wahr, wenn du jetzt sagst, idi soll nicht singen, 
so darf ich nicht weiter singen?« Als sie ihm erklärt, daß : sie so 
etwas nie sagen würde> weil er immer seinen Willen haben darf, 
nur dann nicht, wenn, es nicht sein kann, wenn sie einen Grund 
dagegen habe, läßt er sich das an Beispielen erklären und zeigt sich 
zufrieden. 

Den darauffolgenden Tag regnet es. Fritz, der das bedauert, 
weil er im Garten spielen möchte, fragt die Mutter »ob der liebe 
Gott bestimmt weiß, wie lange er regnen lassen wird?« Sie er» 
widert, daß doch nicht Gott regnen läßt, sondern der Regen aus 
den Wolken kommt und erklärt es ihm, — Den nächsten Morgen 
empfängt er sie nach langer Zeit wieder mit der Frage: »Wie wird 
ein Mensch?« Sie sucht zu ermitteln, was er eigentlich an ihren 
Erklärungen nicht verstanden hat, da sagte er: »Das mit dem 
Wachsen.« Als sie nun wieder versucht, ihm klar zu machen, wie 
der kleine Kopf, die kleinen Glieder usw. wachsen, sagt er: »Mama 
bitte, aber wie wird — von wo kommt der kleine Kopf und der 
kleine Bauch und das andere? Als sie ihm erwidert, daß das ganz 
klein eben schon in dem kleinen Ei drinnen sei, wie in der Knospe 
die kleine Blüte — fragt er nicht weiter. Etwas später fragt er: 
»Wie wird der Sessel gemacht?« 3 Inzwischen hatte sie ihn angekleidet. 
Ganz unvermittelt fragt er: »Nicht der liebe Gott läßt regnen? Die 
Toni <das Mädchen) hat gesagt, der liebe Gott läßt regnen!« — 
Nach ihrer Antwort fragt er: »Das ist nur eine Geschichte, daß 
Gott regnen läßt?« Als sie das bejaht, fragt er weiter: »Aber der 
liebe Gott ist wirklich?« Sie erwidert ein wenig ausweichend, daß 
sie ihn nie gesehen habe, »Man sieht ihn nicht, aber er ist wirklich 
oben im Himmel?« — »Im Himmel — ist ihre Antwort — ist nur 
Luft und Wolken.« »Aber ist Gott wirklich?« fragt er weiter. — 
Nun kann sie nicht mehr entschlüpfen, faßt einen Entschluß und 
sagt: »Nein, mein Kind er ist nicht wirklich.« - »Aber Mama, wenn 
mir ein wirklicher, erwachsener Mensch sagt, daß Gott wirklich ist 



'»Der Zeitbegriff, den er sich so schwer zu Eigen gemacht hatte, scheint 
sich nun in ihm geklärt zu haben. Denn einmal, als schon die erhöhte Fragelust 
eingesetzt hatte, sagte er: »Gestern ist, was war, heute ist, was ist, morgen, was 
sein wird.« 

* Diese Frage wiederholte er nachher noch eine Zeit lang, bei solchen Ge- 
legenheiten, wenn von dem Werden ihm schwerer verständlicher Entwicklungen 
die Rede war. »Wie der Sessel gemacht wird«, obzwar er es als Frage stellt, 
deren Antwort ihm aber wohlvertraut ist, ja die ihm deshalb mit dem Hinweis, 
daß es ihm ja schon bekannt ist, nicht mehr wiederholt wird — scheint also eine 
Art Hilfsbegriff für ihn zu sein — den er als Maß oder Vergleich für die Tat- 
sächlichkeit des neu Gehörten verwendet. — In dieser Art verwendet er auch das 
Wort »wirklich«, — wogegen dann auch der Gebrauch »Wie wird ein Sessel ge- 
macht« zurücktritt und schließlich auch aufhört. 



Eine Kinderentwiddung 257 



und im Himmel wohnt — dann ist es auch nicht wahr?« Sie er= 
widert ihm, daß auch manche Erwachsene Dinge nicht gut wissen 
und unrichtig erzählen. Er war nun auch mit seinem Frühstück 
fertig geworden und stand vor der Türe, die in den Garten führt 
und schaute hinaus. Er war nachdenklich. Plötzlich sagt er: »Nicht 
wahr Mama, was ist, das sehe ich, und was man sieht, das ist auch 
wirklich so? Ich sehe die Sonne und den Garten — aber ich kann 
das Haus von Tante Marie nicht sehn und es gibt es doch?« Sie 
erklärt ihm, warum er das Haus von Tante Marie nicht sehen kann 
und er fragt: »Mama, du kannst das Haus auch nicht sehn?« - und 
zeigt sich befriedigt, als sie es verneint. Gleich nachher aber fragt 
er noch immer weiter: »Mama, wie ist die Sonne dort hinauf ge= 
kommen?« Als sie ein wenig nachdenkend sagte: »Weißt du, das 
ist schon sehr, sehr lange so . . .« — »Ja aber, viel, viel früher noch, 
wie ist die da hinaufgekommen?« 

Ich muß da für das etwas unentschiedene Verhalten der Mutter 
in der Gottfrage dem Kinde gegenüber eine Erklärung einfügen. - 
Die Mutter ist Atheistin. Nichtsdestoweniger aber war in der Er= 
Ziehung der älteren Kinder diese ihre Überzeugung nicht geltend 
geworden. Die Kinder wurden zwar absolut frei von Konfession 
nalität erzogen, bekamen auch sehr wenig von Gott zu hören 
— aber der von der Umwelt (Schule usw.> fertigpräsentierte Gott ' 
wurde auch von ihr nie negiert, so daß er, wenn auch wenig von 
ihm die Rede, unbedingt für die Kinder vorhanden war und den 
Grundbegriffen ihres Denkens eingereiht wurde. Sie ging dabei X 
von der Anschauung aus, daß die Gottvorstellung, die vielleicht 
auch einem tieferen Bedürfnisse des Kindes entspreche, durch das 
persönliche, geistige Wachstum, durch Entwicklung eigener Welt^ 
anschauung entweder verworfen oder ihr in einer der Persönlichkeit 
entsprechenden Weise eingegliedert würde. Da auch ihrem Manne, 
der selbst einen pantheistischen Gottbegriff anerkennt, die Einführung 
des Gottbegriffes in die Kindererziehung vollkommen entsprach — 
so war über diese Frage zwischen den Eltern absolut nichts Prinzi= 
pielles vereinbart worden. — Allerdings aber hatten die älteren 
Geschwister den Begriff der Existenz Gottes — wie wohl die meisten 
kleinen Kinder — als gegeben und so selbstverständlich aufgenommen, 
daß für sie, solange sie noch kleiner waren, die Begründung dieses 
Begriffes und der Standpunkt der Eltern dazu überhaupt nicht in 
Frage kam. Nun aber hatte sich unerwarteterweise die Sachlage so 
gefügt, daß der Kleine so dringend ein prinzipielles Bekenntnis über 
ihre persönliche Überzeugung von ihr gefordert hatte, daß ihr 
eine andere als die erteilte Antwort unmöglich war. Es traf sich 
nun zufällig so, daß sie an diesem Tage nicht mehr Gelegenheit 
fand, die Veränderung der Sachlage mit ihrem Manne zu besprechen, 
so daß er, als der Kleine gegen Abend unvermittelt die Frage an . 
ihn richtete: »Papa, ist Gott wirklich?« sie einfach mit »ja« beant- 
wortete. Fritz erwiderte: »Die Mama hat aber gesagt, es gibt 

Inmgo VII'3 17 



258 Melanie Klein 



nicht wirklich Gott.« In diesem Augenblicke betritt gerade die Mutter 
das Zimmer und er interpellierte sie sofort: »Mama, bitte, der Papa sagt, 
es gibt wirklich Gott — gibt es wirklich Gott?« — Sie war natürlich 
etwas betroffen und erwiderte: »Ich habe ihn nie gesehen und glaube 
auch nicht, daß es Gott gibt.« Nun kam ihr auch schon ihr Mann 
zu Hilfe und rettete die Situation, indem er sagte: »Weißt du, Fritz, 
niemand hat Gott gesehen, und es gibt Leute, die glauben, daß es 
Gott gibt und andere, die glauben, daß es ihn nicht gibt. Ich glaube, 
daß es Gott gibt, die Mama glaubt, daß es ihn nicht gibt.« — 
Fritz, der die ganze Zeit über recht gespannt von ihm zu ihr blickte, 
wurde nun ganz vergnügt und erklärte: »Ich glaube auch, daß es 
nicht Gott gibt.« Nach einer Pause scheinen ihm aber doch Zweifel 
zu kommen und er fragt: »Mama bitte, wenn es Gott gibt, wohnt 
er dann im Himmel?« Sie wiederholt, daß im Himmel nur Luft und 
Wolken sind — darauf sagt er wieder ganz munter und bestimmt: 
»Ich glaube auch, daß es nicht Gott gibt.« Gleich nachher sagt er: 
»Aber Elektrische, die sind wirklich - und Eisenbahn gibt es auch 
— ich bin zweimal auf ihr gefahren, einmal als ich zur Großmama 
und einmal als ich nach E. gefahren bin.« 

Diese unvorhergesehene und improvisierte Lösung in der Gott- 
frage hatte vielleicht den Vorteil, daß sie geeignet ist, die übergroße 
Autorität der Eltern etwas zu vermindern, die Vorstellung ihrer 
Unfehlbarkeit und Allwissenheit abzuschwächen, da er — was bis 
dahin noch nicht der Fall war - eine verschiedene Meinung von 
Vater und Mutter in einer wichtigen Frage feststellen konnte. Aller- 
dings hätte diese Autoritätsverminderung vielleicht auch eine gewisse 
Unsicherheit zeitigen können, die aber, glaube ich, unbedingt und 
ohne Schwierigkeit überwunden würde, weil noch immer ein Maß 
an Autorität zurückbleibt, das mehr als genügend wäre, ihm Stütze 
zu bieten. Ich habe aber in seinem allgemeinen Verhalten keine 
Spuren dieses Eindruckes, weder als Unsicherheit, noch als er- 
schüttertes Vertrauen einem der Elternteile gegenüber wahrnehmen 
können. Eine kleine Beobachtung, die wir ungefähr zwei Wochen 
nachher machten, mag immerhin damit in Zusammenhang stehen: 
Seine Schwester hatte ihm bei einem Spaziergang aufgetragen, 
jemanden nach der Zeit zu fragen. »Ob einen Herrn oder eine 
Dame?« meinte er. Das sei gleich, wurde ihm erwidert » Wenn 
aber der Herr sagt zwölf Uhr und eine Dame sagt viertel zwei?« 
frug er nachdenklich. # 

Die nächsten sechs Wochen seit diesem auf die Existenz Gottes 
bezüglichen Gespräche haben sich mir gewissermaßen als Abschluß und 
Höhepunkt eines Abschnittes erwiesen. Ich finde das intellektuelle 
Wachstum in diesem Abschnitt und seither so stark angeregt und 
sowohl in der Intensität wie in der Richtung und Art der Ent- 
wicklung gegen früher so verändert, daß ich in seiner geistigen 
Entwicklung seit der Zeit, da er sich zusammenhängend ausdrucken 
kann, bisher drei Abschnitte unterscheide: Die Zeit vor dem Ein- 



Eine Kinderentwicklung 259 



setzen der Geburtsfragenperiode, als zweite den mit diesen Fragen 
beginnenden und mit der Erledigung des Gottbegriffes abschlie» 
ßenden Abschnitt und die diesem folgende, erst begonnene Periode. 

Die Fragelust, die sich in diesem zweiten Abschnitte so stark Dritter AbsAni«. 
entwickelt hatte, ist seither nicht schwächer geworden, bewegt sich 
aber auf etwas anderen Wegen. ♦ 

Allerdings kommt er auch jetzt noch öfters auf das Thema 
der Geburt zurück — aber in einer Weise, die zeigt, daß er diese 
Kenntnis seinem Denken bereits einverleibt hat. Das Interesse für 
Geburt und damit Zusammenhängendes ist noch immer stark, aber 
entschieden weniger brennend, was sich auch darin zeigt, daß er 
diesbezüglich weniger fragt, sondern mehr feststellt. So z. B.: »Der 
Hund, nicht wahr, wird auch so, daß er in seiner Mama wächst.« 
— Ein andermal: »Wie wird der Hirsch, so wie der Mensch?« 
Auf die bejahende Antwort: »Er wächst also auch in seiner Mama 
drinnen?« . 

Aus der Frage: »Wie wird ein Mensch?« die in dieser Form Werden, 
nicht mehr gestellt wird, hat sich aber das Fragen nach dem Werden 
im allgemeinen entwickelt. Er hat in diesen Wochen der Entstehung 
all dessen, was verfertigt wird und wächst, soweit es seinen Augen 
und Begriffen zugänglich ist, nachgefragt. Aus der Fülle der nach 
dieser Richtung in diesen Wochen gefallenen Fragen gebe ich eine 
Auswahl: »Wie seine Zähne wachsen,- wie es ist, daß das Auge 
drinnen bleibt <in der Augenhöhle) , wie es wird, daß die Hand» 
linien entstehen,- wie Bäume, Blumen, "Wald usw. wachsen,- ob der ■ 
Stengel von der Kirsche von Anfang an mitwächst,- ob unreife Kirschen 
im Magen reifen,- ob abgepflückte Blumen versetzt werden können,- 
ob abgepflückter, unreifer Samen nachher reift,- wie eine Quelle wird,- 
wie Flüsse entstehen/ wie die Schiffe auf die Donau kommen/ wie 
der Staub wird,- ferner die Herstellung der verschiedenartigsten 
Gebrauchsgegenstände, Stoffe und Materialien. Dabei fragt er auch 
bei den verfertigten Gegenständen nur selten, wie sie gemacht 
werden, sondern fast immer: »Wie wird <z. B.> Glas?« 

Mit den mehr spezialisierten Fragen: »Wie es wird, daß sich 
der Mensch bewegen, die Füße bewegen, etwas anfassen kann —• 
wie es wird, daß das Blut in ihn hineinkommt — wie die Haut 
des Menschen wird, daß sie da ist — wieso es kommt, daß über» 
haupt etwas wächst — wie das wird, daß ein Mensch arbeiten, 
machen kann« — und der Art, wie er diesen Fragen nachgeht, 
ebenso wie mit dem immer wieder geäußerten dringenden Wunsch 
zu sehen, wie die Dinge verfertigt sind, auch ihren inneren Mechanis- 
mus kennen zu lernen <Klosett, Wasserleitung, Röhren, Revolver), 
mit dieser Neugierde scheint mir schon das Bedürfnis, das ihm Inter= 
essante bis zu Ende zu erforschen, in die Tiefe zu dringen, wirksam 
zu sein. An dieser Intensität und Tiefenforschung ist vielleicht die 
unbewußte Neugierde nach dem Anteil des Vaters an der Geburt 
des Kindes <der er direkt noch nicht Ausdruck gab) auch mit be- 

17» 



260 Melanie Klein 



teiiigt. Diese zeigt sich, glaube ich, auch bei einer anderen Art Frage« 1 
wirksam, die eine Zeitlang sehr in den Vordergrund trat, und die, 
ohne daß er auch dies bisher bereits geäußert hätte, dem Unterschied 
der Geschlechter nachforschte. Wiederholt ist in dieser Zeit die Frage 
gefallen - ob seine Muttex, ich und seine Schwestern immer Mädchen 
waren - ob jede Fr^u, wenn sie noch klein, ein Mädchen ist — 
ob er nie ein Mädchen war 1 «-» ferner ob sein Papa, als er klein, ein 
Bub war — ob Papas, wenn sie klein sind, immer Buben sind — 
ob jeder Mensch, auch jeder Papa zuerst klein ist - auch frug er, 
als die Geburtsfrage noch aktueller war, einmal seinen Vater, ob 
er auch in seiner Mama gewachsen sei, wobei er sagte »im Magen 
seiner Mama«, eine Behauptung, die er gelegentlich noch einigemale 
wiederholte, obzwar dieser Irrtum richtiggestellt worden war. Das 
imeres« für stets in die Erscheinung getretene, liebevolle Interesse für Stuhl, 
siuhi und Harn. Harn un( * a ^ es damit Zusammenhängende ist auch weiter recht leb- 
haft geblieben, das Vergnügen daran tritt gelegentlich unverhüllt 
zutage. Dem Wiwi <Penis>, den er sehr liebt, hat er eine Zeitlang 
einen Kosenamen gegeben, ihn »Pipatsch« genannt, sonst aber auch 
häufig »Pipi« 2 . Er hat auch einmal seinem Vater gesagt, indem er 
dessen Spazierstock zwischen die Beine klemmte: »Schau, Papa, was 
ich für ein großes, dickes Wiwi habe.« - Eine Zeitlang sprach er 
öfters von seinen schönen eleganten Kakis, wobei er auch gelegentlich 
Form, Farbe, Quantität viel Beachtung schenkt. 

Wegen Unwohlseins hatte er einmal einen Einguß bekommen 
<ein bei ihm recht ungewohnter Vorgang, dem er jedesmal großen 
Widerstand entgegensetzt,- auch Medizin nimmt er nur sehr schwer, 
speziell in Pillenform) und ist dann sehr überrascht, als er anstatt 
festen Stuhles - Flüssigkeit kommen fühlt. Er fragt, ob jetzt das 
Kaki von vorne kommt oder ob das jetzt Wiwiwasser ist. Als man 
ihm erklärt, daß das ebenso wie sonst vor sich geht, nur flüssig ist 
- fragt er: »Auch bei Mädchen ist das so - auch bei dir ist 

das so?« . rv j- 

Ein andermal bezieht er sich auf die Vorgänge im Darm, die 
ihm die Mutter anläßlich des Eingusses erklärt hat, und tragt 
nach dem Loch, wo die Kakis herauskommen. Dabei erzahlt er mir, 
daß er letzthin in dieses Loch hineingeschaut hat oder h.neinschaun 

wollte. , . . , 

Er fragt, ob das Klosettpapier auch für die anderen ist? 

Dann fragt er: . . . »Nicht wahr Mama, du machst auch Kakis j« 

Als sie bejaht, meint er: »Denn nicht wahr, wenn du nicht Kakis 

« Im Alter von ungefähr drei Jahren zeigte sich besonderes Interesse für 
Schmuckgegenstände, speziell seiner Mutter (dieses Interesse halt seither an> und 
er äußerte wiederholt: »Wenn ich eine Dame sein werde, werde ich auf einmal drei 
Broschen tragen«. Wiederholt sagte er: »Wenn ich eine Mama sein werde - - - «. 

« Er war im dritten Jahre, als er einmal, den um einige Jahre alteren Bruder 
im Bade ganz nackt sah und voller Freude ausrief: »Der Karl hat auch ein P.p. « 
Dann sa<te er zum Bruder: »Bitte, frage die Lene, ob sie auch ein Pipi hat!« 



Eine Kinderentwicklung 261 



hättest, hätte niemand auf der Welt Kakis.« Im Anschluß daran 
erzählt er von der Dicke und Farbe der Hundekakis, von dem 
anderer Tiere und vergleicht seines damit. Er hilft beim Schoten* 
öffnen und sagt, daß er jetzt ein Klistier der Schote gibt, den Popo 
öffnet und die Kakis herausnimmt. 

Sein praktischer Sinn, von dem festzustellen war, daß er - wie Wta *JJJ** 
schon erwähnt - vor der Geburtsfragenperiode sehr wenig entwickelt 
und der Kleine in dieser Beziehung hinter anderen Kindern seines 
Alters zurück war, zeigte mit Einsetzen dieser Frageperiode einen 
mächtigen Aufschwung. 

Indem er im Kampfe mit seiner Verdrängungsneigung nicht leicht 
und, wie es scheint, um so lebendiger verschiedene Begriffe als un- 
wirkliche im Gegensatz zu den wirklichen erkannt hat, zeigt sich . 
nun das Bedürfnis, alle Dinge nach dieser Richtung hin zu prüfen. 
Seit Abschluß der zweiten Periode tritt dies besonders in dem Bestreben 
zutage, auch längst vertraute, immer wieder geübte und beobachtete 
Vorgänge und ihm seit jeher bekannte Dinge auf ihre Wirklichkeit, 
ihre Begründung hin zu untersuchen — so zu selbständigen Fest- 
stellungen zu gelangen, aus denen er dann auch wieder seine eigenen 
Folgerungen zieht. / 

Z. B. er ißt ein Stück hartes Brot und sagt: »Das Brot ist sehr gJg^St 
hart.« Nachdem er es aufgegessen hat: »Ich kann auch sehr hartes Feststellungen. 
Brot essen.« — Er fragt mich, wie das heißt, worauf man in der Küche 
kocht <das Wort war ihm entfallen). Als ich es ihm sage, stellt er fest: 
»Nicht wahr, es heißt Sparherd, weil es Sparherd ist — ich heiße Fritz, 
weil ich Fritz bin. Du heißest Tante, weil du Tante bist.« Er hat 
beim Essen einen Bissen schlecht gekaut und deswegen nicht herunter» 
schludeen können. Beim Weiteressen sagt er: »Das ist mir nicht 
heruntergegangen, weil ich es nicht gekaut habe.« Gleich nachher: 
»Der Mensch kann essen, weil er kaut.« Nach dem Frühstück erzählt 
er: »Wenn ich den Zucker ■ im Tee umrühre, kommt er in den 
Magen.« Ich: »Ist das sicher?« Er: »Ja, weil dann bleibt er nicht in 
der Schale und kommt in den Mund.« 

Die auf diese Weise erworbenen Feststellungen und Erkennt- 
nisse dienen ihm sichtlich als Maß und Vergleich für neu sich ihm 
zur Verarbeitung darbietende Erscheinungen und Begriffe. Indem 
also sein Intellekt um die Verarbeitung der neu erworbenen Er- 
kenntnisse rang, diese an ihm bekannt gewesenen Tatsachen und 
Begriffen zu messen und andere zum Vergleich heranzuziehen strebte, 
wurde er zur Überprüfung und Registrierung der bisher erworbenen 
und zur Bildung neuer Begriffe geführt. 

»Wirklich« - »nicht wirklich« — Worte, die er ja vorher 
auch gebraucht hat, gewinnen nun einen ganz anderen Sinn durch 
die Art ihrer Anwendung. Wenn er, gleich nachdem er Storch, 
Osterhase usw. als Märchen erkannt, die Geburt durch die Mutter 
als etwas weniger Schönes, aber Plausibles und Wirkliches fest- 
gestellt hat — als Abschluß sagt: »Aber die Schlosser sind wirklich,- 



262 Melanie Klein 



wer würde denn sonst den Kasten machen?« — wenn er, nachdem 
von ihm die Nötigung genommen wurde, an ein ihm unbegreifliches 
und unglaubliches, unsichtbares, allmächtiges, allwissendes Wesen zu 
glauben, fragt- »Nicht wahr, was ist, das sehe ich — und was man 
sieht, das ist wirklich. Ich sehe die Sonne und den Garten, usw.«, 
so hat dieses »wirklich« eben dadurch für ihn eine grundlegende 
Bedeutung gewonnen, die ihn befähigt, alle sichtbaren, tatsäch= 
liehen Dinge — von den bloß in Wunsch und Phantasie vornan« 
denen, so schönen, aber leider nicht wahren, nicht »wirklichen«, zu 
unterscheiden. Das »Realitätsprinzip« 1 setzt sich. in ihm durch. Wenn 
er nach dem Gottgespräch mit Vater und Mutter, nachdem er sich 
mit seiner Meinung dem Unglauben der Mutter angeschlossen hatte, 
sagt: »Elektrische, die gibt es wirklich, und Eisenbahnen auch, 
denn ich bin darauf gefahren«, so hat er sich eben in vorerst greif« 
baren, körperlichen Dingen den Maßstab gefunden, an dem er auch 
die vagen und unverläßlichen Dinge mißt, die sein Wahrheitsdrang 
verwirft. Vorerst mißt er sie bloß an den greifbaren, körperlichen 
Dingen — aber schon indem er sagt: »Ich sehe die Sonne und • 
den Garten — ich sehe aber nicht das Haus von Tante Marie und 
es gibt es doch«, hat er einen weiteren Schritt auf diesem Wege 
gemacht, der die Tatsächlichkeit des nur Gesehenen auf die Tat« 
sächlichkeit des Gedachten überträgt, indem er nämlich etwas, das 
ihm auf Grundlage seiner bisherigen geistigen Entwicklung als ein« 
leuchtend — also gewissermaßen auch als »greifbar« — erscheint, 
aber auch nur so Erworbenes, als »wirklich« feststellt und dann 
diese Feststellung einreiht. 

Die starke Anregung und Entwicklung, die sein Wirklichkeits« 
sinn also in der zweiten Periode erfährt, setzt sich im dritten Ab« 
schnitt unvermindert, aber mehr in der Weise fort, daß sie sich — 
gewiß zufolge der Menge neu erworbener Feststellungen — mehr 
einer Überprüfung der früheren und gleichzeitig einer Entwicklung 
der neuen, nämlich ihrer Verarbeitung in Erkenntnisse, zuwendet. 
Ich gebe als Beispiele dafür einige der in dieser Zeit gefallenen 
Fragen und Bemerkungen. - Kurz nach dem Gottgespräch berichtet 
er seiner Mutter einmal nach dem Erwachen, eines der L.«Mädchen 
habe ihm erzählt, daß sie ein Kind aus Porzellan gesehen hätte, 
das gehen konnte. Als sie ihn fragte, wie man das nennt, was ihm 
da erzählt worden sei, lacht er und sagt: »Eine Geschichte«. Als 
sie ihm gleich nachher sein Frühstück bringt, stellt er fest: »Aber 
das Frühstück, nicht wahr, ist etwas Wirkliches - das Mittagessen 
ist auch etwas Wirkliches?« — Als man ihm verbietet, Kirschen zu 
essen, weil sie noch unreif sind, fragt er: »Nicht wahr, jetzt ist 
Sommer? Im Sommer sind aber die Kirschen reif.« - Es war 
tagsüber davon die Rede, daß er, wenn andere Buben ihn angreifen, 



1 Siehe Freud: Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen 
Geschehens. <Kleine Schriften zur Neurosenlchre. Dritte Folge.) 



Eine Kinderentwidclung 263 



zurückschlagen solle. <Er war nämlich so sanft und wenig aggresiv, 
daß sein Bruder es für nötig hielt, ihm diesen Rat zu geben.) Am 
Abend fragt er: »Mama, bitte, wenn mich ein Hund beißt, kann 
ich ihn zurückbeißen?« Sein Bruder hat bei Tisch Wasser einge- 
schenkt, wobei er das Glas auf die etwas aufgebogene Kante gestellt 
und' dabei verschüttet hat. Fritz sagt: »Das Glas steht nicht gut 
auf dieser Grenze.« <Er nennt jeden abschließenden Rand, überhaupt 
jeden Abschluß, z. B. auch das Kniegelenk »Grenze«.) »Nicht wahr, 
Mama, wenn ich das Glas auf die Grenze stellen wollte, so wollte ich 
verschütten!« Ein sehnlicher und oft geäußerter Wunsch von ihm ist, 
auch das Höschen, das einzige Kleidungsstüdc, das er nun bei der Hitze 
im Garten trägt, ablegen und ganz nackt sein zu können. Da die 
Mutter auf seine Frage, warum er das nicht soll, wirklich keinen triftigen 
Grund vorbringen kann, so erwidert sie, daß nur ganz kleine Kinder 
nackt zu sein pflegen,- daß doch auch seine Spielgefährten, die L.=Kinder, 
nicht nackt sind, weil man das nicht macht. Darauf sagt er bittend: 
»Bitte, erlaube, daß ich nackt bin,- dann werden die L.=Kinder sagen, 
daß ich nackt bin, und sie werden dürfen und dann werde ich auch 
nackt sein.« — Für Geldverkehr zeigt er nun endlich nicht nur 
Verständnis, sondern auch Interesse- 1 . Er stellt gelegentlich wiederholt 
fest, daß man Geld bekommt für das, was man arbeitet, und das 
was man im Geschäfte verkauft/ daß der Papa für seine Arbeit 
Geld bekommt, aber bezahlen muß für das, was man ihm arbeitet. 
Auch fragt er seine Mutter, ob sie Geld bekommt für das, was 
sie arbeitet <im Haushalte). — Als er wieder einmal um etwas 
bittet, das jetzt nicht zu haben ist, fragt er: »Ist jetzt noch 
Krieg?« Als man ihm darauf erklärt,, daß noch immer wenig Waren 
vorhanden, sie teuer sind und man deshalb schwer einkaufen 
könne, fragt er: »Weil wenig ist, ist es teuer?« Nachher läßt er 
sich noch erklären, welche Gegenstände z. B. billig und welche teuer 
sind. — Einmal fragt er: »Nicht wahr, wenn man schenkt, das ist 
so, daß man nichts dafür bekommt?« 

Sehr deutlich zeigt sich auch sein Bedürfnis, sich über die f^™ £'"£*, 
Grenzen seiner Rechte und Macht ins Klare zu kommen. Er hatte 
damit den Anfang gemacht, als er - an dem Abend, da die Frage 
fiel, »wie lange noch immer ein neuer Tag kommen werde« — sich 
bei' der Mutter erkundigte, ob er aufhören müsse zu singen, wenn 
sie es ihm verbiete. Damals zeigte er zuerst lebhafte Befriedigung 
über ihre Versicherung, daß sie ihn nach Möglichkeit tun läßt, wozu 
er Lust hat, und er suchte sich das durch Beispiele, wann das möglich 



1 Für das nun hervortretende Interesse und Verständnis für Geld war wohl 
auch bestimmend, daß die Aufklärung, die sichtlidi Hemmungen behob, seinen 
Komplexen die Möglichkeit gab, bewußter zu werden. Wiewohl seine Koprophilie 
sich auch bis dahin ziemlich offen geäußert hatte, ist doch wohl anzunehmen, daß 
die allgemeine, nun einsetzende Tendenz zur Aufhebung von Verdrängungen auch 
in bezug auf seine Analerotik sich geltend machte und so ihr Anstoß zur Subli= 
mierungsmöglidikeit - zum Interesse für Geld - bor. 






264 



Melanie Klein 



sei und wann nicht, klar zu machen. Einige Tage darauf bekam er 
von seinem Papa Spielzeug, mit der Bemerkung, das gehöre ihm, 
wenn er brav sei. Er erzählt mir das und fragt: »Was mir gehört, 
das kann mir doch niemand wegnehmen, auch Mama nicht, auch 
der Papa nicht?« Er war sehr zufrieden, als ich ihm das zugestand. 
Am selben Tag fragt er noch seine Mutter: »Nicht wahr, Mama, 
Du verbietest mir nichts so — nur mit Grund« (wobei er sich un- 

fefähr der seinerzeit von ihr benützten Worte bedient). Zu seiner 
ch wester sagt er einmal: »Ich kann alles machen, was ich kann — 
wie geschickt ich dazu bin und was ich darf.« Mir sagt er ein 
andermal: »Nicht wahr, ich kann alles machen, was ich will, nur 
nicht schlimm sein!« Übrigens fragt er einmal bei Tisch: »Darf ich 
denn nie unartig essen?« Und als man ihn damit tröstet, daß er 
doch schon genug oft unartig gegessen habe, meint er: »Und jetzt 
darf ich dann nie mehr unartig essen?« l Häufig sagt er beim 
Spiel oder bei anderen Gelegenheiten von Dingen, die er gerne 
macht: »lehr tue das — nicht wahr — weil ich will!« So zeigt 

Wollen, Müssen, es sich, daß er in diesen Wochen sich über die Begriffe: Wollen, 
or en, onnen. ^j usseil/ Dürfen, Können vollkommen ins Reine gekommen ist. 
Von einem Spielzeug, dessen Mechanismus darin besteht, daß ein 
in einem kleinen Käfig befindlicher Hahn beim öffnen des Türchens, 
das ihn zurückgedrängt hat, herausspringt, sagt er:. »Der Hahn 
springt heraus, weil er muß.« Als noch am selben Abend von der 
Geschicklichkeit der Katzen die Rede ist und erzählt wird, daß eine 
Katze auch aufs Dach klettern kann, fügt er hinzu: »Wenn sie will.« 
Er sieht eine Gans und fragt, ob sie laufen kann, Gerade in 
dem Augenblicke beginnt die Gans zu laufen. Er fragt: »Sie läuft, 
weil ich es gesagt habe?« Als das verneint wird, setzt er fort: 
»Weil sie wollte?« 

Aiimacbisgefühi. In engstem Zusammenhange mit der bedeutenden Entwick* 

lung seines Wirklichkeitssinnes scheint mir der Abbau seines noch 
vor einigen Monaten so stark in die Erscheinung getretenen »All= 
machtsgefühles« zu stehen, der schon in der zweiten Periode ein» 
setzte, aber seither noch merklichere Fortschritte gemacht hat. Er 
zeigte und zeigt bei verschiedenen Gelegenheiten die Kenntnis der 
Beschränkung seiner Fähigkeiten, ebenso wie er nun auch nicht 
mehr so Unbegrenztes von seiner Umgebung voraussetzt. Aber 
immer wieder zeigen doch Fragen und Bemerkungen, daß es sich 
eben nur um einen Abbau handelt, daß zwischen seinem sich ent- 
wickelnden Wirklichkeitssinn und dem tief wurzelnden Allmachts- 
gefühl - also zwischen Realitätsprinzip und Lustprinzip - sich 
Kämpfe abspielen, die häufig zu Kompromißbildungen führen, oft 

1 Wiederholt bittet er seine Schwester, doch auch manchmal recht unartig 
zu sein und verspricht ihr, sie dafür sehr zu lieben. Daß Papa oder Mama mit- 
unter auch etwas schlecht machen, nimmt er mit großer Befriedigung zur Kenntnis 
und sagte bei so einer Gelegenheit: »Nicht wahr, auch eine Mama kann etwas 
verlieren?« 



Eine Kinderentwicklung 265 



aber zugunsten des Lustprinzips entschieden werden. Ich führe einige 
Fragen und Bemerkungen an, aus denen ich diese Folgerungen ge= 
zogen habe. Einen Tag nach dem Gespräch, in dem er Osten* 
hase usw. erledigt hatte, erkundigt er sich bei mir, wie die Eltern 
den Weihnachtsbaum herrichten und ob der Baum auch gemacht 
wird oder wirklich wächst. Dann fragt er mich, ob ihm die Eltern 
nicht zu Weihnachten einen Wald von Weihnachtsbäumen schmücken 
und schenken könnten. Noch am selben Tage bittet er die Mutter, 
ihm den Ort B. (wohin er im Laufe des Sommers fahren soll) zu 
schenken, damit er ihn gleich habe 1 . In der Früh sagt man ihm ein= 
mal, daß es kühl ist und er deshalb wärmer angezogen werden 
muß. Nachher sagt er zu seinem Bruder: »Es ist kalt, demzufolge 
ist Winter. Es ist Winter, demzufolge ist Weihnachten. Du — 
heute ist Weihnachtsabend. Wir werden Schokolade schlecken und 
Nüsse vom Baum essen.« 

Überhaupt wünscht und bittet er häufig Mögliches und Un- Wüns * tn 
mögliches von ganzem Herzen und inständig, wobei er viel Leiden« 
schaftlichkeit und auch LIngeduld zeigt, die sonst nicht sehr in die 
Erscheinung treten, da er ein ruhiges, wenig aggressives Kind ist 2 . 
Z. B. sagt er, als von Amerika die Rede ist: »Mama, bitte, ich 
möchte Amerika sehn - aber nicht wenn ich groß bin - gleich 
jetzt möchte ich es sehn.« Dieses »nicht wenn ich groß bin, gleich 
jetzt« verwendet er häufig im Anschluß an Wünsche, bei denen er 
voraussetzen kann, daß er mit ihrer Erfüllung auf später vertröstet 
werden wird. Aber auch in der Äußerung seiner Wünsche, die in 
der Zeit, da sein Allmachtsglaube so stark in die Erscheinung trat, 
durch die Unterscheidung von Erfüllbarkeit oder Unerfüllbarkeit gar 
nicht beeinflußt schienen, zeigt sich nun meist eine Anpassung an 
Möglichkeit und Wirklichkeit. 

Mit den Bitten, ihm einen Wald von Weihnachtsbäumen und 
den Ort B. zu schenken, die er am Tage nach dem Gespräch 
äußerte, das ihm den Verlust so vieler Illusionen gebracht hatte 
(Osterhase, Storch usw.), hat er vielleicht einen Versuch gemacht, 
wie weit die mit dem Verlust dieser Illusionen zugleich gewiß auch 
stark erschütterte elterliche Allmacht doch noch reiche. Dagegen 
fügt er, wenn er mir nun erzählt, was er mir für schöne Dinge 
aus B. mitbringen wird, jetzt immer hinzu: »Wenn ich kann« oder 
»Was ich kann«, während er sich früher ebenso wie in der Formu- 



1 Zu dieser Zeit bat er auch einmal die Mutter, die in der Küche be= 
schäftigt war, sie möge doch den Spinat so kochen, daß daraus Kartoffel würden. 

2 In seinen Liebesäußerungen zeigt er sich sehr zärtlich, besonders der Mutter, 
aber auch seiner übrigen Umgebung gegenüber, ist mitunter auch stürmisch, aber 
im allgemeinen eher zärtlich als stürmisch. Allerdings zeigt sich seit einiger Zeit 
in der Intensität seiner Fragen eine gewisse Leidenschaftlichkeit. Im Alter von 
ungefähr eindreiviertel Jahren trat^ die Liebe zum Vater auch etwas stürmisch 
hervor. Er liebte ihn zu dieser Zeit entschieden mehr als die Mutter. Einige 
Monate, bevor sich dies zeigte, war der Vater nach fast einjähriger Abwesenheit 
wieder nach Hause gekommen. 



266 Melanie Klein 



, 



lierung von Wünschen auch in der von Versprechungen <was er 
mir und den anderen alles schenken wird, wenn er groß ist) durch 
die Unterscheidung von Möglichkeit oder Unmöglichkeit gar nicht 
beeinflußt zeigte, wenn nun von ihm unbekannten Kenntnissen oder 
Handfertigkeiten die Rede ist <z. B. Buchbinden), sagt er, daß er 
es nicht kann und bittet, es lernen zu dürfen. Aber es braucht oft 
nur eines kleinen, ihm günstig scheinenden Umstandes, um seinen 
Allmachtsglauben wieder wirksam zu zeigen, z. B. wenn er be- 
hauptet, daß er auch mit Maschinen umgehen kann wie ein Maschinen^ 
ingenieur, weil er eine kleine Spielmaschine bei seinem Freunde 
kennen gelernt hat, oder wenn er seinem Eingeständnisse, etwas nicht 
zu wissen, oft hinzufügt: »Wenn man es mir gut zeigt, werde ich 
es wissen«. Sehr häufig vergewissert er sich in solchen Fällen, ob 
sein Papa das auch nicht weiß. Es zeigt sich dabei deutlich eine 
ambivalente Einstellung. Mitunter scheint ihm die Antwort, daß 
auch Papa oder Mama etwas nicht wissen, befriedigend, ein ander» 
mal nimmt er sie ungerne zur Kenntnis und versucht, sie durch 
Gegenbeweise zu entkräftigen. Das Mädchen hat ihm einmal auf 
seine Frage, ob sie alles weiß, mit »Ja« erwidert. Trotzdem 
sie nachher diese Behauptung zurüdtgezogen hat, wandte er sich 
dann noch eine Zeitlang an sie mit der gleichen Frage, wobei er 
sie durch eine schmeichelhafte Bemerkung über ihre Geschicklich'» 
keit, die ihn zu diesem Glauben veranlasse, dahin zu beeinflussen 
suchte, bei ihrer ersten Behauptung des »Alleswissens« zu ver- 
bleiben. Auf diese Behauptung, daß die Toni alles weiß <wobei er 
aber sicher anderseits davon überzeugt ist, daß sie weit weniger 
weiß als seine Eltern), berief er sich einigemale, als er die Antwort 
erhielt, daß auch Papa oder Mama etwas nicht machen können, und 
es ihm eben damals sichtlich unangenehm war, das zu glauben. Er 
bat mich einmal, die Wasserleitungsrohre auf der Straße bloßzu- 
legen, weil er sich sie von innen ansehen möchte. Auf meine Ant- 
wort, daß ich das nicht machen und auch nachher nicht mehr in 
Ordnung bringen könnte, suchte er diesen Einwand dadurch zu 
widerlegen »wer aber solche Sachen machen würde, wenn nur 
die Familie L. und er und seine Eltern allein auf der Welt 
wären?« Er erzählt seiner Mutter einmal, daß er eine Fliege ge- 
fangen hat, und fügt hinzu: »Ich habe Fliegen fangen gelernt.« 
Wie er das gelernt hat, erkundigte sie sich. »Ich habe probiert, 
eine zu fangen, und es ist gegangen und jetzt kann ich es«. Da 
er sich gleich nachher bei ihr erkundigt, ob sie das »Mamasein« 
gelernt hätte, glaube ich nicht mit der Annahme fehlzugehen, 
daß er sich — vielleicht nicht ganz bewußt — über sie lustig ge- 
macht hat. 

Diese ambivalente Einstellung, deren Erklärung dadurch ge- 
geben ist, daß das Kind sich an die Stelle des mächtigen Vaters <die 
es doch auch einmal einzunehmen hofft) versetzt, sich mit ihm iden- 
tifiziert, daß es aber anderseits diese sein Ich tatsächlich ein- 



Eine Kaderentwicklung 267 



schränkende Macht beseitigen möchte, gilt gewiß auch für dieses 
Verhalten bezüglich der Allwissenheit den Eltern gegenüber. 

Aus der Art aber, wie sein erstarkender iwirklichkeitssinn "r^sJI?*!? 
sichtlich den Abbau des Allmachtsgefühles begünstigt, wie der Kleine Lustprinrfr. 
die Siege über dieses, deutlich mit entschiedener Unlustüberwindung, 
durch seinen Forschungsdrang getrieben, nicht leicht erkämpft, meine ich 
folgern zu können, daß eben dieser Kampf zwischen Wirklichkeits= 
sinn und Allmachtsgefühl die ambivalente Einstellung auch mit be= 
einflußt. Wenn in diesem Kampfe das Realitätsprinzip die Oberhand 
gewinnt und die Notwendigkeit durchsetzt, die Unbegrenztheit des 
eigenen Allmachtsgefühles einzuschränken, läuft parallel damit das 
Bedürfnis, bei dieser schmerzlichen Notwendigkeit in der Verminderung 
der elterlichen Allmacht eine Erleichterung zu finden. Siegt aber 
das Lustprinzip, dann findet es an der Autorität der elterlichen .«„ 
Vollkommenheit eine Stütze, cfie es zu schützen sucht. Das wäre 
vielleicht auch mit ein Grund, warum das Kind ebenso wie zur 
Rettung des eigenen auch zu der des Allmachtsglaubens der Eltern 
Versuche unternimmt, sowie sich ihm dazu eine anscheinende Mög= 
lichkeit bietet. 

Wenn er, durch das Realitätsprinzip bewogen, den schmerzlichen 
Verzicht auf das eigene, unbegrenzte Allmachtsgefühl versucht, er- 
gibt sich vielleicht — auch mit Anschluß daran — das beim Kinde 
so deutlich zutage tretende Bedürfnis, die Machtgrenzen der Eltern 
und die eigenen festzustellen. 

Es scheint mir, als ob in diesem Falle der Wißtrieb als der 
im Kinde primärer und stärker entwickelte den schwächer ent= 
wickelten Wirklichkeitssinn angeregt und mit Überwindung der Ver=- 
drängungsneigung zu den Feststellungen der für ihn so neuen 
und bedeutsamen Erkenntnisse gedrängt hätte K Durch diese, speziell 
auch die mit ihnen verbundene Autoritätsverminderung, hätte dann das 
Realitätsprinzip in ihm eine neuerliche und so verstärkte Kräftigung 
erfahren, daß er die schon mit diesen Entwicklungen zugleich be= 
gonnene Beeinflussung und Überwindung des Allmachtsgefühles in 
bezug auf Denken und Erkennen erfolgreich fortführen konnte. 
Diesen Afcbau aber, der das Bedürfnis nadb Verminderung der 
elterlichen Vollkommenheit mit sich führt <was gewiß auch zur Fest= 
Stellung der Grenzen ihrer und der eigenen Macht beiträgt), be= 
einflußt wieder die Verminderung der Autorität, so daß zwischen 
Autoritätsverminderung und dem Abbau des Allmachtsgefühles eine 
Wechselwirkung, eine gegenseitige Unterstützung bestünde. 



1 Es ist anzunehmen, daß das Kind in der Entwicklung seines Wirklidi- 
keitssinnes auf einer gewissen Stufe des Allmaditsglaubens fixiert geblieben war. 
<Siehe Ferenczi: Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes. Int. Zeitschr. f. ärztl. 
Psychoanalyse, Jahrg- I, 1913.) Sichtlich ist es der nun zufolge der Aufklärung 
mit ungehemmterer Wirksamkeit einsetzende Wißtrieb, der es ermöglicht, daß mit 
Überwindung des Lustprinzipes das Realitätsprinzip in ihm zur Geltung kommt, 
er eine weitere Stufe des Wirklidikeitssinnes zu nehmen vermag. 



268 Melanie Klein 



Sehr stark entwickelt zeigt sich, gewiß im Zusammenhang mit dem 
Optimismus, so wenig erschütterten Allmachtsgefühl, sein Optimismus, was früher 
besonders hervortrat, aber sich auch jetzt bei verschiedenen Gelegen- 
heiten erweist. In der Anpassung an die Wirklichkeit hat er auch 
hierin parallel zum Abbau des Allmachtsgefühles große Forschritte 
gemacht, aber sehr häufig zeigt sich auch sein Optimismus stärker, 
als alle Realität. Dies trat besonders bei einer sehr schmerzlichen 
Enttäuschung, ich denke der schwersten seines bisherigen Lebens, 
zutage. Seine Spielgefährten, in deren gutem Verhältnisse zu ihm 
infolge äußerer Gründe eine Störung eingetreten war, trugen im 
Gegensatz zu der bis dahin ihm bewiesenen Liebe und Zärtlichkeit 
ein vollkommen verändertes Verhalten zur Schau. Sie gaben ihm, 
da sie in der Mehrheit und älter sind, in jeder Weise ihre Macht 
zu fühlen, verhöhnten und kränkten ihn. Da er wenig aggressiv und 
zärtlich ist, versuchte er beharrlich, durch Freundlichkeit und Bitten 
- sie wieder zu gewinnen, und schien eine Zeitlang ihre Unfreund» 
lichkeiten auch vor sich selbst nicht zur Kenntnis zu nehmen. Z. B. 
war er, trotzdem er nicht umhin konnte, die Tatsache anzuerkennen, 
absolut nicht geneigt zuzugestehn, daß sie ihn belügen, und als 
sein Bruder es ihm gelegentlich wieder bewies und ihn ermahnte, 
ihnen doch nicht zu glauben, sagte Fritz bittend: »Aber nicht immer 
lügen sie.« Dann aber zeigten doch gelegentliche, wenn auch seltene 
Klagen, daß er sich entschließt, das ihm widerfahrene Unrecht zur 
Asg dj?n!en T,:n Kenntnis zu nehmen. Es traten nun auch aggressive Tendenzen ganz 
unverhüllt hervor <er sprach davon, sie mit seinem Spielrevolver 
wirklich totzuschießen, ihnen ins Auge zu schießen, sprach auch ein= 
mal von totschlagen, als er von den Kindern geschlagen worden war, 
und zeigte so und durch andere Bemerkungen und auch im Spiel 
seine Todeswünsche) 1 , aber dabei hat er nichtsdestoweniger seine 
Versuche, sie wiederzugewinnen, nicht aufgegeben. Sobald sie wieder 
mit ihm spielen, scheint er alles Erlebte vergessen zu haben und 
alles für gut zu halten, wiewohl dann doch wieder gelegentliche 
Bemerkungen zeigen, daß er sich der Veränderung des Verhältnisses 
vollkommen bewußt ist. Er hat, da ihn besonders mit dem einen 
der kleinen Mädchen eine zärtliche Liebe verbindet, unter dieser Sache 
sichtlich gelitten, aber doch mit Ruhe und großem Optimismus sich 
hineingefunden. Als er einmal vom Sterben hörte und ihm auf seine 
Frage erklärt wurde, daß jeder Mensch, wenn er alt ist, sterben 
muß, meinte er zu seiner Mutter: »Dann werde audi ich sterben, 
du auch, die L.-Kinder auch. Und dann werden wir wieder kommen, 
und dann werden sie wieder brav sein. Kann sein — vielleicht — «. 
\ Als er dann andere Spielgefährten fand, - Buben - schien 



1 Audi früher hat er gelegentlich, wenn auch sehr selten, wenn er au 
seinen Bruder sehr böse war — von totschießen und totschlagen gesprochen. Seit 
letzter Zeit erkundigt er sich öfter, wen man tot schießen darf — und stellt fest: 
»Wer mich erschießen will, den darf ich tot schießen«. 



Eine Kinderentwicklung 269 



er die ganze Sache verschmerzt zu haben und behauptet jetzt auch 
wiederholt, die L.«Kinder nicht mehr zu lieben. 

Die Frage der Nichtexistenz Gottes hat er seit diesem Gespräch »■£ £0««'" 
nur selten und flüchtig berührt, ist auf Osterhase, Weihnachtsmann, 
Engerl usw., überhaupt nicht mehr zurückgekommen. Den Teufel 
hat er noch einmal erwähnt. Er frug seine Schwester, was alles 
im Lexikon steht. Als sie ihm erklärte, daß man dort alles nach- 
schauen kann, was man nicht weiß, erkundigte er sich: »Steht auch 
etwas vom Teufel drinnen?« Auf ihre Antwort: »Ja, es steht drinnen, 
daß es keinen gibt«, erwiderte er nichts mehr. Eine eigene Theorie srerben. 
scheint er sich bezüglich des Todes konstruiert zu haben, wie zuerst 
aus seiner Bemerkung betreffend die L.=Kinder: »Dann werden wir 
wiederkommen«, hervorging. Bei einer anderen » Gelegenheit sagt 
er: »Ich möchte gerne Flügel haben und fliegen können. Haben die 
Vögel schon Flügel, wenn sie noch tot sind? Man ist doch schon tot, 
wenn man noch nicht da ist.« Auch in diesem Falle wartet er keine 
Antwort ab und geht gleich zu einem anderen Thema über. Vom 
Fliegen und Flügel haben phantasierte er nachher noch einige Male. 
Als ihm seine Schwester bei so einer Gelegenheit vom Luftschiff 
erzählt, das dem Menschen Flügel ersetzt, gefällt ihm das weniger. 
Das Thema »Sterben« scheint ihn jetzt überhaupt zu beschäftigen. 
Seinen Papa fragt er einmal, wann er sterben wird,- dem Mädchen 
erzählt er auch, daß es einmal sterben wird,- »aber nur, wenn sie 
sehr .alt ist«, wie er tröstend hinzufügt. Daran anschließend sagt er 
mir, daß er, wenn er gestorben ist, sich nur mehr langsam bewegen 
wird — so: <er bewegt ganz langsam und wenig den Zeigefinger) — 
und daß auch ich, wenn ich tot bin, mich nur so langsam werde 
bewegen können. Ein andermal fragt er mich, ob, wenn man 
schläft, man sich gar nicht rührt, und meint dann: »Nicht wahr, 
mancher rührt sich, mancher nicht?« Er sieht in einem Buche 
ein Bild Kaiser Karls des Großen und erfährt auf seine Frage, daß 
er schon vor langen Zeit gestorben ist. Darauf fragt er'. »Und 
wenn ich der Kaiser Karl wäre, wäre ich schon lange gestorben?« 
Auch fragt er, wenn man sehr lange nicht ißt, ob man dann 
sterben muß, und wie lange das dauert, bis man daran stirbt. 

Wenn ich die Beobachtungen über die unter dem Einflüsse der Pädagogische u. 

— . . . . . • T\ 1 *."+.• ) -i J !/"• J . psychologische 

neuen Erkenntnis intensiv gesteigerte Denktatigkeit des Kindes mit Perspektiven, 
früheren Beobachtungen und Erfahrungen über mehr oder weniger 
ungünstige Entwicklungen zusammenhalte, so ergeben sich mir daraus 
neue Einsichten. 

Die Ehrlichkeit dem Kinde gegenüber, die aufrichtige Beant- 
wortung aller seiner Fragen und die ihm dadurch ermöglichte innere 
Freiheit beeinflussen grundlegend in günstiger Weise die geistige Ent= 
wicklung, indem sie es vor den das Denken treffenden Haupt= 
Schädigungen der Verdrängungsneigung bewahren: dem Entzug von 
Triebkraft, von der auch ein Teil der Sublimierung verloren geht, 
und der mit den verdrängten Komplexen zugleich verbundene Mit= 



270 Melanie Klein 



Verdrängung von Ideenassoziationen, wodurch die Folgerichtigkeit 
des Denkens gestört wird. Darüber sagt Ferenczi in seinem Artikel 
»Symbolische Darstellung des Lust- und Realitätsprinzips im ödipus» 
Mythos« 1 : »Diese durch die kulturelle Erziehung der Rasse und 
des einzelnen für das Bewußtsein höchst unlustvoll gewordenen, 
daher verdrängten Tendenzen ziehen eine große Menge anderer 
mit diesen Komplexen assoziierter Vorstellungen und Tendenzen 
mit sich in die Verdrängung und schalten sie aus dem freien Ge- 
dankenverkehre aus oder lassen sie zumindest nicht mehr mit wissen- 
schaftlicher Sachlichkeit behandeln.« 

Bei dieser Hauptschädigung des Denkens — der Ausschaltung 
der Assoziationen aus dem freien Gedankenverkehre - käme nun, 
meine ich, auch die Art der Schädigung in Betracht, die Dimen- 
sionen gewissermaßen, unter denen das Denken von ihr betroffen 
wird, wodurch die Richtung des Denkens, nämlich die Ausbreitung 
nach Breite oder Tiefe bestimmend beeinflußt würde. Wie nun in 
dieser Zeit des intellektuellen Erwachens Begriffe aufgenommen oder 
als dem Bewußtsein unerträglich abgestoßen werden, dafür wäre 
bedeutsam die Art der Schädigung, die diesen Vorgang (der 
vorbildlich für das Leben bleibt) auslöst. Die Schädigung käme so 
zustande, daß bis zu einem gewissen Grade auch unabhängig von- 
einander das »Eindringen in die Tiefe« oder aber die die Breiten- 
dimension füllende »Quantität« betroffen werden kann 2 . 

In beiden Fällen würde nicht etwa nur eine Veränderung der 
Richtung bewirkt und die der einen Dimension entzogene Kraft der 
anderen zugute kommen. Wie sich aus allen anderen durch zu 
große Verdrängung zustande gekommenen psychischen Entwicklungen 
folgern läßt, bleibt die durch Verdrängung betroffene Kraft auch 
tatsächlich gebunden« 

Daß aber diese erste, wichtigste Schädigung des Denkens 
einem das Ich belastenden Übermaß an Verdrängung, — ob nun 
in seiner Gesamtheit oder in einer seiner Dimensionen — in be- 
sonderem Maße der durch Heuchelei, Lüge und Verheimlichung 
bewerkstelligten Absperrung und Verheimlichung des Sexuellen und 
Primitiven entstammt, folgt daraus, daß sie damit jenes Gebiet trifft, 
dem sich die ursprünglichsten Wünsche, Triebe und Interessen zu- 
wenden — an dem also auch der erwachende Intellekt seine Be- 
griffe bilden und einreihen lernt/ mit der Beschränkung des einen 
geht auch die Verstümmelung des anderen Hand in Hand. 

Wenn nun durch diese Absperrung und Verheimlichung 
die natürliche Neugierde, unbewußt als vorhanden geahnten Tat- 
sachen und Erscheinungen auf den Grund zu kommen, zurück- 

> Imago, I, 1913. 

* In dem 1902 erschienenen Buch von Dr. Otto Groß: >Die zerebrale Sekundär- 
funktion« stellt er zwei Typen der Minderwertigkeit bei » verflachtem« und der 
bei »verengtem« Bewußtsein auf, deren Entwicklung er auf »typische konstitutionelle 
Veränderungen der Sekundärfunktion« zurückführt. 



Eine Kinderentwicklung 271 



gedrängt wird, so werden dann die tiefer gehenden Fragen, von 
denen das Kind unbewußt fürchtet, daß es auf Verbotenes, Sund» 
haftes stoßen könnte, mit verdrängt — zugleich aber auch das 
Bedürfnis, überhaupt tiefer gehenden Fragen nachzuforschen, unter- 
bunden. So wäre damit die Scheu vor der Tiefenforschung an sich 
hergestellt und es wäre der Weg gegeben, daß dann zufolge ange^ 
borener, nicht zu unterdrückender Lust daran das Fragebedürfnis 
sich an der Oberfläche bewegen, eben zur oberflächlichen Neugierde 
werden wird. Oder aber es entwickelt sich der Typus des Begabten, 
dem man so häufig im täglichen Leben wie auch in der Wissenschaft 
begegnet, der, reich an Ideen, bei deren tiefergehender Ausführung 
versagt. Hieher gehört auch der Typus des anpassungsfähigen, 
klugen, praktischen Menschen, der Sinn für die Wirklichkeiten der 
Oberfläche hat, aber blind für die Wirklichkeiten ist, die nur in 
tiefer reichenden Zusammenhängen zu finden sind,- — der das Tat= 
sächliche vom Autoritativen im Gedanklichen nicht zu unterscheiden 
vermag. Die Furcht, ihm autoritativ als wahr aufgedrängte Begriffe 
als falsch erkennen zu müssen, die Furcht, verpönte und ver- 
leugnete Dinge unbefangen als vorhanden festzustellen — hat ihn 
zur Scheu, mit seinen Zweifeln tiefer einzudringen, hat ihn zur 
Flucht vor der Tiefe überhaupt geführt. In diesen Fällen könnte, 
so denke ich es mir, die Entwicklung mit beeinflußt worden sein 
durch die zufolge Verdrängung in der Tiefenausdehnung erfolgte 
Beschädigung des Wißtriebes und damit der Entwicklung des Wirk- 
lichkeitssinnes. 

Wenn aber die Verdrängung den Wißtrieb in einer Weise 
trifft, daß durch die Scheu vor verheimlichtem und Verpöntem 
die ungehemmte Lust zum Fragen nach diesen verbotenen Dingen, 
damit auch die allgemeine Fragelust, die Quantität des Forschungs- 
dranges unterbunden, sie also in ihrer Breitendimension betroffen • 
wird, so wäre damit die Vorbedingung zum späteren Mangel an 
Interessen gegeben. Wenn das Kind dann eine gewisse Hemmungs- 
periode seines Forschungsdranges überwunden hat und dieser selbst 
wirksam bleibt oder wieder wird, ~ kann er, dem nun die Scheu 
vor dem Anschneiden neuer Fragen anhaftet — die ganze Wirk» 
samkeit seiner noch übrigen, nicht gebundenen Kraft auf die Tiefe 
einzelner weniger Probleme verwenden. So würde sich der Typus 
des Forschers entwickeln, der, von einer Frage angezogen, ihr die 
Arbeit seines Lebens widmen kann, ohne außerhalb dieses ihm ge» 
mäßen begrenzten Gebietes besondere Interessen zu empfinden. Ein 
anderer Typus des Gelehrten ist der Forscher, der, in die Tiefe 
dringend, dem Erkennen des Wirklichen sich gewachsen zeigt und 
auf diese Weise neue und große Wahrheiten findet, aber den 
größeren und kleinen Wirklichkeiten des täglichen Lebens gegenüber 
vollkommen versagt — er ist absolut unpraktisch. Das kann sich 
nicht daraus erklären, daß er, großen Aufgaben zugewendet, die 
kleinen nicht mehr seiner Aufmerksamkeit würdigt. Wie Freud bei 



272 Melanie Klein 



der Untersuchung der Fehlleistungen feststellt, kann der Aufmerk- 
samkeitsentziehung nur eine Bedeutung als Nebenmoment zukommen. 
Sie bedeutet nichts für die grundlegende Ursache, nichts für den 
Mechanismus, durch welchen die Fehlleistung zustande kommt, sie 
kann höchstens eine begünstigende Wirkung haben. Wenn wir nun 
auch annehmen können, daß der mit großen Erkenntnissen beschäf- 
tigte Denker wenig Interesse für die Dinge des täglichen Lebens 
übrig hat, so sehen wir ihn dann aber auch in solchen Situationen 
versagen, wo er zufolge eiserner Notwendigkeit schon das Interesse 
hätte, aber sich eben praktisch nicht zurechtfinden kann. Daß er so 
geworden ist, dafür meine ich den Grund darin zu finden, daß er 
in einer Zeit, wo in erster Linie greifbare, einfache, alltägliche Dinge 
und Begriffe von ihm als wirklich erkannt werden sollten, an deren 
Erkenntnis durch etwas gehindert wurde, was auf dieser Stufe gewiß 
noch nicht Aufmerksamkeitsentziehung zufolge Mangel an Interesse 
für das Einfache, Naheliegende, sondern nur Verdrängung sein 
\ konnte. \Es ließe sich annehmen, daß er früher einmal, am Er* 
kennen anderer von ihm als wirklich geahnter, aber verpönter, pri- 
mitiver Dinge gehemmt, zugleich auch das Erkennen der Dinge des 
täglichen Lebens, der ursprünglichen, der greifbar sich ihm darbieten- 
den, in diese Hemmung und Verdrängung mit hineinbezog. So 
bliebe ihm — sei es, daß er sich ihm gleich zuwendet oder viel- 
leicht erst nach Überwindung einer gewissen Hemmungsperiode ~ 
nur mehr der Weg in die Tiefe/ er scheut nach dem in der Kindheit 
hergestellten vorbildlichen Vorgang die Breite, die Oberfläche. Dadurch 
hat er einen Weg nicht beschritten und kennen gelernt, der auf 
diese Weise für immer für ihn ungangbar wurde, den er also in 
späterer Zeit nicht einfach und natürlich gehen kann, wie es sich 
wohl auch ohne besonderes Interesse auf einem Wege machen läßt, 
der einem von früherer Zeit bekannt und wohl vertraut ist. Er 
hat eben diese eine in die Verdrängung eingeschlossene Stufe über- 
sprungen, sowie im Gegensatze dazu der andere, der »nur Prak- 
tische« nur diese eine Stufe nehmen konnte, aber den Zugang zu 
den tiefer führenden Stufen verdrängt hat. 

Es ereignet sich häufig, daß Kinder, die (meist noch vor Ein- 
setzen der Latenzzeit) durch ihre Äußerungen hervorragende geistige 
Fähigkeiten zeigen und zu großen Hoffnungen für ihre Zukunft zu 
berechtigen scheinen, später nachlassen und schließlich als Erwachsene 
wohl ganz gescheit sind, aber einen durchaus nicht über den Durch- 
schnitt sich erhebenden Intellekt aufweisen. Bei den Ursachen dieser 
Nichtentwicklung könnte wohl auch die größere oder kleinere Beschä- 
digung der einen oder anderen Dimension mit als Erklärung dienen. 
Dafür würde die Tatsache sprechen, daß so manche Kinder, die 
durch ihre außerordentliche Fragelust, durch die Anzahl ihrer Fragen 
— andere, die durch ihr fortwährendes Forschen nach dem »wieso 
und warum« jeder Sache — ihre Umgebung ermüden, nach einiger 
Zeit nachlassen und schließlich: die einen wenig Interesse, die anderen 



Eine Kinderentwicklung 273 



Oberflächlichkeit in ihrem Denken zeigen. Daß sich bei ihnen das 
Denken — sei es in seiner Gesamtheit oder in der einen oder 
anderen Dimension betroffen — nicht nach allen Seiten ausdehnen 
konnte, hat es an der Entwicklung gehindert, die eben die Bedeutung 
des Geistes ergeben hätte, zu der es in der Kindheit bestimmt schien. 

Die bedeutsame Schädigungsursache des Wißtriebes und 
Wirklichkeitssinnes, die Verpönung und Verleugnung des Sexuellen 
und Primitiven, löst die Wirkung der Verdrängung durch Absper- 
rung aus — zugleich aber droht ihnen eine andere eminente Gefahr, 
und zwar nicht durch Entziehung sondern durch Aufoktroyierung, 
durch Aufdrängung fertiger, und zwar auf eine solche Art fertig ge= 
reichter Begriffe, daß die Erkenntnis des Tatsächlichen, die sich da= 
gegen nicht aufzulehnen wagt, die Folgerung, die daraus Schlüsse 
zu ziehen gar nicht unternimmt, dauernd dadurch ungünstig beein= 
flußt werden. 

Die erste und übermächtige Autorität, der die Begriffe des 
Kindes begegnen, zu einer Zeit also, da es, hilflos und autoritäts« 
bedürftig, sie als mit vollkommener Macht ausgerüstet empfindet, 
sind die Eltern. Wie das Kind sich dieser Autorität gegenüber 
verhalten — ob es sich ihr bedingungslos beugen, sich gegen sie 
auflehnen, oder sich möglichst unbehindert davon entwickeln kann — 
wird somit bestimmend für seine spätere Einstellung jeder Autorität 
gegenüber. Die Art also, wie die Eltern die Macht« und Autoritäts« 
frage auch schon in der ersten Erziehung handhaben, wird gewiß 
in bedeutsamer Weise dazu beitragen, nicht nur ein mehr oder 
weniger widerspruchlos folgsames, kritikloses Kind, sondern auch 
diese Geistesentwiddung für das ganze Leben zu bilden. 

Man hebt bei besonders voraussetzungslosen, im Gegensatz 
zu Herkommen und Autorität zustande gekommenen Forschungs« 
ergebnissen den »Mut« des Denkers hervor. Es würde keinen so 
großen erfordern, wenn er nicht eben in der Kindheit einer außer» 
ordentlichen Tapferkeit bedurft hätte, die heiklen, von den höchsten 
Autoritäten teils verleugneten, teils verbotenen Themen im Gegen« 
satze zu ihnen zu durchdenken. Wenn es nun auch eine häufige 
Beobachtung ist, daß der Widerstand die Kräfte entwickelt und 
stählt, die zu seiner Überwindung geweckt werden, so gilt das sicher 
nicht für die seelische und geistige kindliche Entwicklung. Sich im 
Gegensatze zu jemandem oder etwas entwickeln, heißt ja nicht 
weniger abhängig sein, als sich seiner Autorität bedingungslos zu 
unterwerfen, zwischen beiden Extremen entwickelt sich die wirkliche 
geistige Unabhängigkeit. Der Kampf, den der sich entwickelnde 
Wirklichkeitssinn gegen die mitgebrachte Verdrängungsneigung zu 
führen hat, der Prozeß, aus dem, ähnlich wie die Errungenschaften 
von Wissenschaft und Kultur in der Geschichte der Menschheit, 
auch beim Einzelnen die Erkenntnisse mühsam werden müssen, 
und die unvermeidlichen Hindernisse der Außenwelt sind reichlich 
genug, den Widerstand zu vertreten, der als Anregung der Em« 

Imago VII 3 -18 



274 Melanie Klein 



\ 



Wicklung der Kräfte durch Gegenwirkung noch dienen kann ohne 
die Selbständigkeit der Entwicklung zu gefährden. Was außerdem 
in der Kindheit noch überwunden werden muß, - in der Form 
von Gegensatz oder Unterwerfung - was äußerlich noch als Wider- 
stand zugetragen wird, ist zumindest überflüssig, meist aber schädlich, 
weil es als Hemmung und Schranke wirken wird 1 . Wenn auch 
häufig nebst deutlich kennbaren Hemmungen hohe geistige Fähig* 
keiten beobachtet werden, so sind auch diese gewiß nidit unbeeinflußt 
geblieben von den ungünstigen, hindernden Einflüssen ihres Werde* 
beginnes. Wie viel von dem geistigen Besitz des Einzelnen ist nur 
scheinbar sein Besitz, wie vieles ist dogmatisch, theoretisch, in An- 
lehnung an Autoritäten gewonnen, nicht auf dem Wege freien, un- 
behinderten Zuendedenkens sein Eigen geworden! Daß die Erfahrung 
und Einsicht des Erwachsenen für einen Teil der in der Kindheit 
verbotenen, unlösbar scheinenden und deshalb zur Verdrängung ver- 
urteilten Fragen die Lösung gefunden hat, macht trotzdem diese 
Behinderung des kindlichen Denkens nicht ungeschehen, nicht be- 
deutungslos. Denn wenn auch der Erwachsene einzelne der in der 
Kindheit vor seinem Denken errichteten Schranken später schein- 
bar niederzulegen vermag, das was zur Schranke für seinen 
Intellekt werden soll, die Art, wie er gegen sie,, sei es in Trotz 
anrennt oder sie in Furcht umgeht, das Fundament der Denkrichtung 
und Denkweise also bleibt von den späteren Erkenntnissen unbe- 
rührt. So zeigt denn der Bau des Denkens hinter der anscheinend 
so wohl und organisch gegliederten Fassade Sprünge und klaffende 
Risse. Vielleicht läßt sich da auch, das zum Vergleich vorbringen, 
was Freud uns vom manifesten Trauminhalt im Vergleidi zum 
latenten lehrt: daß der Teil der Traumarbeit, der den Traum für 
das Bewußte mit der Rücksicht auf Verständlichkeit herrichtet, mit 
Rationalisierung arbeitet, unbegründete Assoziationen künstlich 
herstellt, die aber dann häufig ganz plausibel wirken. 

Die dauernde Unterwerfung unter das Autoritätsprinzip, die 
dauernde stärkere oder geringere geistige Unselbständigkeit und 
Beschränkung wird in diesem ersten und bedeutsamsten Auftreten 
der Autorität, im Verhältnisse der Eltern und des kleinen Kindes 
begründet. Ihre Wirkung wird verstärkt und gestützt durch die 
Menge ethischer und moralischer Begriffe, die - dem Kinde fertig 
gereicht - zu ebenso vielen Schranken für die Freiheit seines 
Denkens werden. Immerhin, ~ wenn auch als unumstößlich ge- 



1 Es ist zweifellos, daß jede Erziehung, au* die verständnisvollste, da sie 
ein gewisses Maß 'an Festigkeit voraussetzt, auch ein gewisses Mab an Wider- 
stand und Unterwerfung erregen wird, ebenso wie eine größere oder kleinere 
Quantität an Verdrängung gegeben, unvermeidlich ist und wohl zu den Not- 
wendigkeilen der Kulturentwicklung und Erziehung gehört. Die auf psychoana- 
lyrischer Einsicht basierende Erziehung wird 'aber dieses Maß auf ein Mindestmaß 
einzuschränken, die hemmende und schädigende Überlastung des psyduschen Orga- 
nismus zu vermeiden wissen. 



Eine Kinderenrwiddunjj ?75 



geben — der stärker begabte, in seiner Widerstandsfähigkeit weniger 
beschädigte kindliche Intellekt kann doch häufig gegen sie einen 
kleineren oder größeren Kampf unternehmen. Denn wiewohl sie 
durch die autoritative Art ihrer Einführung dem Kinde gegenüber 
geschützt sind, müssen diese verschiedenen Begriffe immerhin ge= 
legentliche Proben für ihre Wirklichkeit ablegen, und da entgeht es 
dem schärfer beobachtenden Kinde nicht, daß nicht alles, was von 
ihm als so selbstverständlich, als gut, als richtig, als sdiön gefordert, 
von denen, die es fordern, von den Erwachsenen, auch ebenso ein- 
gehalten wird. So bieten einer stärkeren Kritik diese Begriffe immerhin 
Angriffsflächen dar, gegen die ein Kampf, wenigstens in der Form 
von Zweifeln eher unternommen werden kann. Aber wenn die 
so fundamentalen früheren Hemmungen besser oder schlechter über» 
wunden sind, bringt die Einführung der unkontrollierbaren, der 
übernatürlichen Begriffe eine neue schwere Gefahr für das Denken. 
Die Vorstellung des unsichtbaren, allmächtigen und allwissenden 
Gottes ist für das Kind eine überwältigende, um so mehr als zwei 
Umstände ihr affektives Wurzelfassen sehr begünstigen. Der eine 
ist eine mitgebrachte Autoritätsbedürftigkeit. Freud sagt darüber in 
»Eine Kindheitscrinnerung des Leonardo da Vinci«: »Die Religiosität 
führt sich biologisch auf die langanhaltende Hilflosigkeit und Hilfs- 
bedürftigkeit des kleinen Menschenkindes zurück, welches, wenn es 
später seine wirkliche Verlassenheit und Schwäche gegen die großen 
Mächte des Lebens erkannt hat, seine Lage ähnlich wie in der 
Kindheit empfindet und deren Trostlosigkeit durch die regressive 
Erneuerung der infantilen Schutzmächte zu verleugnen sucht.« Da 
nun das Kind den Prozeß der Menschheitsentwicklung wiederholt, 
so findet der Gottbegriff an dieser Autoritätsbedürftigkeit einen 
Nährboden. Aber auch das eingeborene Alfmachtsgefühl, »der 
Glaube an die Allmacht der Gedanken«, von dem wir durch Freud 
und seit Ferenczis »Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes« 1 
wissen, wie tief seine Wurzel reicht und daß es deshalb im Menschen 
unvergänglich bestehen bleibt, — das Gefühl der eigenen Allmacht 
kommt der gefühlsmäßigen Aufnahme des Gottesbegriffes entgegen.^ 
Denn das Gefühl der eigenen Allmacht führt das Kind dazu, diese 
auch bei seiner Umgebung vorauszusetzen. So kommt der Gottes- 
begriff, der eine Autorität mit der vollkommensten Allmacht aus- 
stattet, diesem Allmachtsgefühl des Kindes entgegen, indem es zu 
seiner Befestigung dient, respektive dazu beiträgt, dessen Abbau 
zu verhindern. Wir wissen, daß auch in dieser Beziehung der Eltern-" 
komplex maßgebend ist und die Art, wie dieses Allmachtsgefühl durch 
das Schicksal der ersten wichtigsten Liebe des Kindes befestigt oder 
gestört wird, seine Entwicklung zum Optimisten oder Pessimisten 
und damit gewiß auch die Frische und Unternehmungslust oder 
aber einen übermäßigen behindernden Skeptizismus in seiner Denk- 



1 Internat. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse I, 1913. 

IS« 






\ 



276 Melanie Klein 



richtung bestimmt. Daß aber das Resultat der Entwicklung nicht 
schrankenloser Utopismus und Phantasmus, sondern Optimismus 
sei, dazu ist das rechtzeitige Korrektiv durch das Denken notwendig. 
Die »mächtige religiöse Denkhemmung« wie es Freud nennt, ver- 
hindert nun das rechtzeitige grundlegende Korrektiv des Allmachts- 
gefühles durch das Denken. Sie verhindert eben dadurch, daß sie 
durch die autoritative Einführung einer mächtigen unumstößlichen 
Autorität das Denken überwältigt, den Abbau des Allmachtsgefühles, 
der eben nnr rechtzeitig und stufenweise mit Hilfe des Denkens 
erfolgen kann. Die vollkommene Entwicklung des Realitätsprinzips 
im wissenschaftlichen Denken aber hängt auf das Innigste damit zu- 
sammen, daß das Kind rechtzeitig in sich die Auseinandersetzung 
wagt, die das Realitätsprinzip und das Lustprinzip in ihm mit- 
einander zu führen haben. Bei einem glücklidien Verlauf dieser 
Auseinandersetzung wird sich das Allmachtsgefühl zum Denken in 
ein gewisses auf Kompromissen basierendes Verhältnis zu setzen 
wissen, indem es Wunsch und Phantasie als das ihm zugewiesene 
Reich anerkennt, im Denken und Feststellen aber dem Realitäts- 
prinzip die Herrschaft überläßt 1 . 

Im Gottesbegriff aber erwächst diesem Allmachtsgefühl ein 
übermächtiger Bundesgenosse, der fast unbesiegbar ist, weil das 
kindliche Denken, — unfähig mit den bisher geübten Mitteln sich 
diesem Begriff zu nähern, anderseits aber durdi seine überwältigende 
Autorität zu sehr eingeschüchtert, um ihn zu verwerfen, — einen 
Kampf, einen Zweifel ihm gegenüber in den meisten Fällen gar 
nicht wagt. Daß das Denken später einmal vielleicht sogar dieses 
Hindernis niederzulegen vermag, wiewohl sehr viele Denker und 
Gelehrte über diese Schranke niemals hinübergelangten und ihre 
Erkenntnisse deshalb vor diesem Hindernis ein Ende fanden, macht 
auch hier den geschehenen Schaden nie mehr ungeschehen. Er kann 
durch Erschütterung des Wirklichkeitssinnes, der das ihm unglaub- 
lich, unwirklich Scheinende nicht zu verwerfen wagt, diesen so 
treffen, daß er auch die Erkenntnis des Greifbaren, Naheliegenden, 
des sogenannten »Selbstverständlichen« im Gedanklichen, wie 
\ auch das in die Tiefe dringende Erkennen mit verdrängt. \ Gewiß 
ist aber, daß diese erste Stufe des Erkennens und Folgerns un- 

f'iemmt zu nehmen, das Selbstverständliche sowohl wie auch das 
underbare nur auf Grund eigener Feststellung und Folgerung 
zu erkennen, nur wirklich Erkanntes dem geistigen Besitz einzu- 
reihen, die Grundlage legen heißt für die vollkommene, ungehemmte 
Entwicklung des Denkens nach jeder Richtung hin. Der Schaden 
kann gewiß verschiedenartig und verschieden groß sein, er kann das 
Denken als Ganzes oder mehr die eine oder andere Dimension 



1 Dafür bringt Freud <in »Formulierungen über die zwei Prinzipien des 
psychischen Geschehens«. Sammlung kleiner Schriften. Dritte Folge. S. 275) einen 
besonders einleuchtenden Vergleich. 



Eine Kinderentwicklung 



277 



betreffen, sicher ist er durch spätere erkenntnismäßige Entwicklung 
nicht aufgehoben. So ist also nach den primären und grundlegenden 
Schädigungen des Denkens im frühesten Kindesalter auch die 
später einsetzende Hemmung durch den Gottesbegriff nodi be» 
deutungsvoll. Es genügt also nicht, die Erziehung von Konfession 
nalität und Dogmen zu befreien, deren hemmende Einwirkung auf 
das Denken allgemeiner einleuchtet. Den Gottesbegriff in die Er= 
ziehung einführen und es der persönlichen Entwicklung überlassen, 
damit fertig zu werden, heißt durchaus nicht ihr diesbezüglich Frei- 
heit geben. Denn man hat durch die autoritative Einführung zu 
einer Zeit, da das Kind erkenntnismäßig noch nicht gerüstet und der 
Autorität gegenüber ohnmächtig ist, seiner Stellungnahme in dieser 
Frage in gewaltsamer Weise eine Richtung gegeben, von der es 
sich nie mehr oder nur durch große Kämpfe und Energieverschwen= 
düng befreien kann. Ihm in dieser Frage Freiheit gewähren, heißt, 
die autoritative Einführung des Gottesbegriffes im Kindesalter ver* 
meiden und so der eigenen persönlichen Entwidmung die unbe= 
hinderte Möglichkeit aller Erkenntnisse, also auch der des Gottes^ 
begriffes freigeben. 

Das Bedürfnis der Menschen nach Denkfreiheit ist ein tief 
eingeborenes, ihre um sie ertragenen Kämpfe und Leiden so alt 
wie die Geschichte der Menschheit selbst. Aber nichts, was sie 
an äußerem Zwange abzuschütteln vermögen, kann dem Gewinn 
an Freiheit verglichen werden, der diesem Kampf beschieden sein 
wird, dem Kampf gegen die Unterbindung des Denkens an seiner 
Quelle. Ein Kampf zugleich auch um die Höherentwiddung der 
Menschheit. Denn wenn Schwärmer und Utopisten an eine Bjit? 
widdung als an ein Besserwerden zufolge Kulturhebung glauben, 
so hätte ihnen gewiß dieser Krieg mit seinen unermeßlichen Grätieln 
beweisen können, daß die gewalttätigen, egoistischen, grausamen 
Instinkte nicht auszurotten sind. Nein, nicht auszurotten, aber zu 
beherrschen. An Stelle der auf Verleugnung der vorhandenen 
Instinkte basierenden Ethik eine neue setzen, die ihre freie Erkenntnis 
gewährt, die Kinderseele vor der Last übermäßiger Verdrängung 
bewahren und die Freiheit des Kinderdenkens sichern, heißt die 
Menschen von der Herrschaft ihrer unbewußten und deshalb im* 
gebändigten Triebe erlösen und sie zum Teil dem freien, folge* 
richtigen Denken übertragen. Denn die Psychoanalyse will keine" 1 
Utopien verkünden, keinen neuen Glauben gründen. Sie weiß, mit 
den tiefsten Tiefen der Seele vertraut, daß der »Mensch nie seinen 
Näch'sten so lieben wird wie sich selbst«, daß er nie »den Feind 
lieben wird«, wie es die auf Unkenntnis der menschlichen Natur 
basierenden unerfüllbaren Forderungen der verschiedenen Religionen 
verlangen. Unerfüllbar und unerfüllt geblieben. Sie haben ihre Un- 
fähigkeit erwiesen, die Menschen edler, im Verhältnisse zueinander 
besser zu machen, sie gehören einer zu überwindenden infantilen 
Periode der Menschheit an, da diese mit ungeheuren Anforderungen 






278 Melanie Klein 



an sich selbst ihr böses Gewissen übertönen, sich über die Tatsache 
hinwegtäuschen wollte, daß sie auch nicht einmal einen Bruchteil 
dieser Gebote zu erfüllen vermöge. Die Menschen von diesem 
Schuldbewußtsein befreien, das ihnen noch von Ahnen her, dem 
einzelnen immer wieder eine die ursprünglichsten Triebe der mensch* 
liehen Natur verkennende und deshalb auf Verdrängung beruhende 
Kultur eingeimpft hat, das hieße schon sie glücklicher machen und 
sie von dieser infantilen Stufe hinaufheben auf eine solche, die 
zweckmäßige, erfüllbare Gebote aufzustellen und diese dann auch ein» 
zuhalten vermag. Denn das wirkliche, nicht theoretische oder dog* 
mansche Wissen um die tiefsten eigenen Schwächen macht gut, macht 
nachsichtig und rücksichtsvoll gegen die anderen. Auf dieser Basis 
könnten die Menschen jeder für sich und doch alle miteinander sidi 
häuslich einrichten. 



II. 

Zur Frühanalyse. 

Der Widerstand der Kinder gegen die Aufklärung 1 . 

Die Ergebnisse der Analysen bei erwachsenen Neurotikern, 
die mit den Erkrankungsursachen immer wieder in die Kindheit 
zurückführen, haben die Möglichkeit und Notwendigkeit der Kinder-* 
analyse als unabweisbare Folge ergeben. In seiner Analyse des 
kleinen Hans 3 hat Freud wie in allem auch hierin den Weg ge= 
wiesen, den dann vor allem Frau Dr. Hug*He!lmuth und auch 
andere in so verdienstvoller Weise beschritten und erforscht haben. 

Der sehr interessante und lehrreiche Vortrag der Frau Dr. Hug, 
den wir auf dem letzten Kongresse zu hören Gelegenheit hatten 3 , 
brachte uns manchen Aufschluß darüber, wie sie in ihren Kinder* 
analysen die Technik der Analyse zu variieren, sie den Erfordere 
nissen der Kinderpsyche anzupassen versteht. Es handelte sich dabei 
um Analysen erkrankter oder ungünstige Charakterentwicklung auf* 
weisender Kinder, wobei die Vortragende bemerkte, daß sie Analysen 
bei Kindern erst nach sechs Jahren für angebracht hält. 

Ich möchte nun aber die Frage aufwerfen: Was entnehmen 
wir den Analysen der Erwachsenen und Kinder für Lehren, die 
wir auf die Psyche des Kindes unter sechs Jahren anwenden können, 
da doch bekanntlich die Analysen der Neurosen als Traumen und 
schädigende Ursachen Vorfälle, Eindrücke oder Entwicklungen auf* 

1 Als Vortrag gehalten in der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung im 
Februar 1921. 

2 Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben, Jahrbuch für Psycho- 
analyse, I. Band, 1909, abgedruckt in Sammlung kleiner Schriften. 

3 Zur Technik der Kinderanalysc. Internationale Zeitschrift für Psycho« 
analyse, VII, 2, 1921. 



Eine Kinderentwicklung . 279 



dedien, die in einem sehr frühen Alter, also vor sechs Jahren, er* 
folgt sind. Was ergibt sich aus diesen Erkenntnissen an Handhaben 
für die Prophylaxe, was können wir tun, und zwar gerade in dem 
Alter, von dem uns die Analyse gelehrt hat, daß es nicht nur für 
spätere Erkrankungen, sondern auch für die dauernde Charakter« 
bildung und intellektuelle Entwicklung so überaus bedeutsam ist? 

Die erste und selbstverständliche Folge unserer Erkenntnisse 
wird vor allem die Vermeidung von Momenten sein, die uns auch 
die Psychoanalyse gelehrt hat, als grobe Schädigungen der Kinder« 
psyche zu werten. Wir_ werden also als unbedingte Notwendigkeit 
feststellen, daß das Kind, und zwar von Gekürt an, nicht das Schlaf- 
zimmer der Eltern teilen soll, wir werden dem kleinen sich ent- 
wickelnden Wesen gegenüber mit ihm aufgezwungenen ethischen 
Forderungen sparsamer sein, als man es uns gegenüber war. Wir 
werden es ihm gönnen, länger und ungehemmter natürlich zu bleiben, 
ungestörter als es bis jetzt der Fall war, sich seiner verschiedenen 
Triebregungen und seiner Lust daran bewußt zu werden, ohne 
sofort gegen diese Natürlichkeit mit ganzer Kraft seine Kultur* 
neigungen aufzupeitschen. Wir werden eine langsamere Entwicklung 
anstreben, die Raum bietet zum teilweisen Bewußtwerden seiner 
Triebe und daran anschließend zu deren möglicher Sublimierung, 
dabei seiner erwachenden Sexualneugierde nicht die Äußerung wehren 
und sie stufenweise befriedigen, und zwar — meine ich - in rückhalt- 
losester Weise. Wir werden ihm genügend Liebt zu geben und 
dabei ein schädliches Übermaß zu meiden wissen, wir werden vor 
allem körperliche Strafen und Drohungen verwerfen und uns die 
zur Erziehbarkett notwendige Folgsamkeit durch die Handhabe des 
Liebesentzuges sichern. Es ließen sich auch noch andere, mehr ins 
Detail gehende Forderungen dieser Art aufstellen, die aus unseren 
Erkenntnissen als mehr oder weniger selbstverständlich hervorgehen 
und hier nicht mehr begründet werden müssen. Auch darüber, wie 
diese Forderungen im Rahmen der Erziehung erfüllt werden können, 
ohne daß 'das Kind in seiner Entwicklung als Kulturwesen beein- 
trächtigt, noch durch besondere Schwierigkeiten im Verkehr mit der 
anders denkenden Umwelt belastet wird, darauf jetzt näher einzu- 
gehen, liegt nicht im Rahmen dieser Arbeit. 

Ich will jetzt darüber nur bemerken, daß diese Forderungen 
für die Erziehung praktisch durchführbar sind <ich selbst hatte wieder- 
holt Gelegenheit, mich davon zu überzeugen), und daß sie entschieden 
eine günstige Wirkung, eine nadi vieler Hinsicht freiere Entwidmung 
zur £olge haben. Es wäre, wenn es gelingen könnte, sie zu allge- 
meinen Erziehungsprinzipien zu machen, schon viel erreicht. Ich muß 
da allerdings gleich eine Einschränkung machen. Ich fürchte, daß 
selbst da, wo Einsicht und guter Wille diese Forderungen befolgen 
möchten/die innere Möglichkeit von seiten der niditanalysierten Er- 
zieher nicht immer vorhanden wäre. Ich will aber der Vereinfachung 
halber vorläufig nur an dem günstigen Fall festhalten, daß bewußter 



280 Melanie Klein 



und unbewußter Wille sich diese Erziehungsforderungen zu eigen 
machen und mit gutem Resultate durchführen. Ob dann — wir 
kehren damit zur ursprünglichen Fragestellung zurück — diese 
prophylaktischen Maßnahmen die Entstehung von Neurosen oder 
ungünstige Charakterentwicklung hindern können? 1 Meine Beobadv* 
tungen haben mir die Überzeugung erbracht, daß wir auch damit 
oft nur einen Teil des Angestrebten erreichen, tatsächlich aber auch 
nur einen Teil der sich aus unseren Erkenntnissen ergebenden 
Forderungen angewendet haben. Denn aus den Analysen der Neu» 
rotiker ersehen wir, daß nur ein Teil der zufolge Verdrängung 
entstehenden Schäden auf das unrichtig*e Vorgehen der Umgebung 
oder sonstige ungünstige äußere Umstände zurückzuführen ist. Ein 
anderer und sehr gewiduiger Teil ergibt sich aus einer seit dem 
zartesten Alter vorhandenen Einstellung des Kindes. Es hat häufig 
auf "Grundlage der Verdrängung seiner starken Sexualneugierde ein 
Nichtwissenwollen, eine unüberwindliche Abneigung gegen alles 
Sexuelle entwickelt, das später nur die tiefgehende Analyse aufzu» 
lösen vermag. In welchem Maße die belastenden Umstände, in 
welchem die neurotische Anlage an der Entwicklung der Neurose 
beteiligt sind, läßt sich — besonders in der Rekonstruktion — aus 
den Analysen Erwachsener nicht überall feststellen. Es handelt sich 
dabei um variable, nicht genau bestimmbare Größen. Soviel ist aber 
sicher, daß es bei stärkeren neurotischen Anlagen oft nur ganz geringer 
Abweisungen von Seiten der Umwelt bedarf, um in dem Kinde 
einen ausgesprochenen Widerstand gegen jede sexuelle Aufklärung 
und überhaupt eine die psychische Konstitution im Übermaße be- 
lastende Verdrängung zu fixieren. Für diese Erfahrungen aus den 
Analysen von Neurotikern erhalten wir die Bestätigungen aus den 
Beobachtungen an Kindern, welche die Möglichkeit bieten, diese 
Entwicklung im Werden kennen zu lernen. Es zeigt sich nämlich, 
daß trotz aller Erziehungsmaßnahmen, die unter anderem auch die 
rückhaltlose Befriedigung der Sexualneugierde bezwecken, diese sich 
doch häufig nicht frei äußert. Die Ablehnung nimmt dann, vom 
"absoluten Nichtwissenwollen angefangen, die verschiedensten Formen 
an. Mitunter erscheint sie als ein auf anderes verschobenes Interesse, 
das sich meist dadurch kennzeichnet, daß es zwanghaft ist. Mitunter 
setzt die Ablehnung erst bei einem Teile der Aufklärung ein,- dann 
zeigt das Kind trotz bisher bewiesenen lebhaften Interesses heftigen 
Widerstand, einen weiteren Teil der Aufklärung anzunehmen und 
nimmt ihn einfach nicht zur Kenntnis. 

In dem Falle, den ich im ersten Teile dieser Arbeit 1 aus- 
führlich besprach, wurden die eingangs erwähnten günstigen Er- 
ziehungsmaßnahmen mit gutem Erfolge angewendet und hatten 
speziell auch eine vorzügliche Einwirkung auf die intellektuelle Ent- 



1 Die sexuelle Aufklärung und Autorirätsmilderung in ihrem Einflüsse auf 
die intellektuelle Entwicklung des Kindes. 



1 



Eine Kinderentwicklung 



!81 



wicklung des Kindes zur Folge. Die Aufklärung war — wie dort 
berichtet — soweit gegeben worden, daß das Kind über die Ent= 
Wicklung des Fötus im Mutterleibe und den Geburtsvorgang mit 
allen ihn interessierenden Details orientiert wurde. Die Frage nach 
dem Anteil des Vaters an der Geburt des Kindes, wie nach' dem 
Akte überhaupt, fiel wohl nicht direkt. Aber ich meinte schon da^ 
mals, daß sie wohl unbewußt in ihm wirksam sei. Es gab auch 
einige Fragen, die trotz möglichst eingehender Beantwortung oft 
wiederkehrten. Ich bringe dafür einige Beispiele: »Mama, bitte, von 
wo kommt der kleine Bauch und der kleine Kopf und das andere?« 
»Wie kommt das, daß ein Mensch sich bewegen, daß ein Mensch 
machen, arbeiten kann?« »Wie wird das, wie kommt das, daß beim 
Menschen Haut wächst, daß sie da ist?« Diese und einige andere 
Fragen kehrten während der Zeit der Aufklärung und der ihr un= 
mittelbar folgenden, von dem berichteten starken Entwiddungsschub 
begleiteten, zwei bis drei Monate umfassenden Periode immer wieder. 
Ich legte der häufigen Wiederkehr dieser Fragen nidit gleich die 
volle Bedeutung bei, die ich ihnen später geben mußte, was auch 
zum Teil daran lag, daß zufolge der im allgemeinen so stark an» 
geregten Fragelust diese Bedeutung mir auch nicht so klar wurde. 
Nach der ganzen Entwicklung, die sein Forschungsdrang und sein 
Intellekt zu nehmen schienen, hielt ich die weitergehenden Auf« 
klär.ungsfragen für unausbleiblich und meinte, an dem Grundsatze 
stufenweiser, nur den gestellten bewußten Fragen entsprechender 
Aufklärung festhalten zu sollen. 

Nach dieser Periode trat insofern eine Veränderung ein, 
als nun hauptsächlich die früher erwähnten und andere stereotyp 
werdende Fragen wiederkehrten und die aus sichtlichem For* 
schungstriebe gestellten sich verminderten und meist grüblerisch 
wurden. Dazu traten überwiegend oberflächliche, gedankenlos und 
unbegründet scheinende Fragen. Immer wieder frug er, woraus 
die verschiedenen Dinge \ sind und wie sie gemacht werden, z. B.: 
»Woraus ist die Türe?« »Woraus ist das Bett?« »Wie wird 
das Holz gemacht?« »Wie wird Glas gemacht?« »Wie wird der 
Stuhl gemacht?« Als Beispiel für grüblerische Fragen: »Wie kommt 
die viele Erde unter die Erde?« 1 »Wo kommen die Steine her, das 
Wasser?« usw. Es war kein Zweifel, daß er im großen ganzen die 
Beantwortung dieser Fragen vollkommen erfaßt hatte und ihre Wieder» 
kehr intellektuell nicht begründet war. Auch zeigte er bei der Stellung 
der Fragen durch ein unaufmerksames zerstreutes Benehmen an, 
daß es ihm eigentlich gar nicht um die Beantwortung der Fragen 
zu tun war, trotzdem er sie mit großer Leidenschaftlichkeit stellte. 
Aber auch die Quantität der Fragen hatte zugenommen. Es war 



i Wiederholt gab er dem Bedauern Ausdruck, daß die Mutter nicht »alles 
wisse« und ihm nicht »alles« erklären könne. Als sie ihn dabei einmal aufforderte 
zu sagen, was sie ihm denn erklären solle, — dachte er erst ein wenig nach und 
sagte dann: »Wie man die Bausteine einräumt«. 



282 Melanie Klein 



das so oft beobachtete Bild der Kinder, die mit ihren oft ganz im* 
begründet scheinenden Fragen ihre Umgebung quälen, ohne daß die 
Beantwortung der Fragen Abhilfe schaffen würde. 

Nach dieser neuerlichen nicht ganz zwei Monate umfassenden 
Periode gesteigerten grüblerischen und zum Teil oberflächlich gewor- 
denen Fragens setzte eineVeränderung ein. Der Knabe wurde schweige 
sam und es zeigte sich eine ausgesprochene Spielunlust. Er hatte wohl 
nie gern oder phantasievoll zu spielen verstanden, aber Bewegungsspiele 
mit anderen Kindern immer gerne geübt. Er spielte auch oft stunden« 
lang Kutscher oder Chauffeur, wobei eine Kiste, Bank oder Stühle die 
verschiedenen Vehikel darstellten. Aber auch diese Art Spiele und Be- 
schäftigungen hörten auf, zugleich auch der Wunsch nach Gesellschaft 
anderer Kinder, mit denen er, wenn er mit ihnen zusammenkam, nichts 
mehr anzufangen wußte. Er zeigte Langeweile, schließlich sogar, was 
bisher nie der Fall gewesen war, in Gesellschaft seiner Mutter. Er 
äußerte auch Unlust, sich von ihr Geschichten erzählen zu lassen, blieb 
aber unverändert zärtlich und liebebedürftig ihr gegenüber. Die Zer- 
streutheit, die er oft bei Beantwortung der von ihm gestellten Fragen 
gezeigt hatte, trat nun auch sonst sehr häufig auf. Trotz dieser von 
einem schärfer beobachtenden Auge nicht zu übersehenden Ver- 
änderung ließe sich doch für diesen Zustand nicht die Bezeichnung 
»krank« verwenden. Sein Schlaf und Befinden waren tadellos. 
Wenn auch schweigsam und zufolge des Unbeschäftigtseins schlimmer, 
blieb er weiter freundlich, normal behandelbar und munter. Aller= 
dings ließ auch seit den letzten Monaten seine Eßlust viel zu 
wünschen übrig,- er begann wählerisch zu werden und zeigte aus- 
gesprochene Abneigung gegen verschiedene Speisen, aß dagegen ihm 
Zusagendes mit sehr gutem Appetit. Er hing nur noch leiden- 
schaftlicher an der Mutter, wiewohl er, wie gesagt, auch in deren 
Gesellschaft sich langweilte. Es war eine jener Veränderungen, wie 
sie im allgemeinen von der Umgebung nicht besonders bemerkt 
oder wenn ja, als unwichtig genommen werden. Die Erwachsenen 
sind ja im allgemeinen so gewöhnt, bei Kindern vorübergehende 
oder bleibende Veränderungen zu beobachten, ohne irgendwie eine 
Begründung dafür finden zu können, daß man derlei Entwiddungs- 
Schwankungen als durchaus normal zu betrachten pflegt, gewisser- 
maßen mit Recht, da es doch fast kein Kind ohne neurotische Züge 
gibt und nur die Entwicklung, die diese Züge später nehmen, und 
ihre Quantität die Krankheit ausmachen. Es fiel mir besonders seine 
Abneigung, Geschichten zu hören, auf, die so sehr gegen seine 
frühere große Vorliebe dafür abstadi. / 

Wenn ich die der teilweisen Aufklärung folgende, stark angeregte, 
später zum Teil grüblerische, zum Teil oberflächliche Fragelust mit der 
dann folgenden Frageunlust und der sich daran schließenden Abneigung, 
auch nur Geschichten zu hören, zusammenhielt, wenn ich mir außerdem 
einzelne der stereotyp gewesenen Fragen vergegenwärtigte, ergab sich 
mir als Oberzeugung: Der sehr starke Forschungstrieb des Kindes 



Eine Kinderentvriddung 283 



sei mit seiner ebenfalls starken Verdrängungsneigung, die den im 
Unbewußten gewünschten Teil der Aufklärung ablehnte, in Konflikt 
geraten, wobei die letztere ganz die Oberhand behalten habe. Nach* 
dem er als Ersatz für die von ihm verdrängten Fragen viele und 
andere gestellt hatte, sei er im weiteren Verlauf der^Entwidlung 
dort angelangt, das Fragen überhaupt, aber auch das Zuhören, das 
ungefragt von ihm Abgelehntes bringen könnte, zu vermeiden. 

Ich möchte da zurückgreifen auf einige Bemerkungen über die 
Wege der Verdrängung, die ich in dem ersten Teile brachte. Ich sprach 
dort von den oft festgestellten Schädigungen der Intellektualität 
durch die Verdrängung, die dadurch erfolgen, daß verdrängte Trieb- 
kraft gebunden und nicht für die Sublimierung frei wird, und daß 
mit den Komplexen zugleich auch Gedankenassoziationen ins Un= 
bewußte versenkt werden. Ich stellte nun im Anschlüsse daran die 
Vermutung auf, daß außerdem die Verdrängung die Intellektualität 
auf einem ganzen Entwicklungswege, nämlich in der Tiefen- und in 
der Breitendimension treffen könne. Daß also z. B. der Forschungs* 
trieb, der zufolge Verdrängung die in die Tiefe gehenden Fragen 
scheut, sich nach der Oberfläche hin ausbreitet, was viele und ober- 
flächliche Fragen und auf diese Art ein Oberflächlichwerden des 
Intellekts zur Folge haben könnte. Ein anderer Entwicklungstypus 
wäre der, daß der Forschungstrieb aus Scheu vor dem Fragen die 
Oberfläche, die Breitenausdehnung meidet und den Weg in die Tiefe 
nimmt. Vielleicht könnten die zwei Perioden, die ich in dem von 
mir beobachteten Fall feststellte, diese frühere Vermutung irgendwie 
illustrieren. Wenn sich der Entwicklungsweg in dem Stadium fixiert 
hätte, da das Kind zufolge Verdrängung seiner Sexualneugierde 
viel und oberflächlich zu fragen begann, wäre vielleicht die Schädi- 
gung des Intellekts in der Tiefendimension gegeben. Das daran an* 
schließende Stadium des Nichtfragens und Nichthörenwollens könnte 
durch Fixierung die Vermeidung der Oberfläche und Breite der 
Interessen, die ausschließliche Richtung in die Tiefe ergeben. 

Nach dieser Abschweifung möchte ich zu meinem Ursprung* 
liehen Thema zurückkehren. Die in mir erwachsende Überzeugung, 
daß verdrängte Sexualneugierde eine Hauptursache der psychischen 
Veränderung des Kindes sei, bestätigte mir die Richtigkeit einer 
Anregung, die ich einige Zeit vorher erhalten hatte. In der Dis* 
kussion, die meinem Vortrage in der Budapester Vereinigung folgte, 
hatte Dr. Anton von Freund mir entgegengehalten, daß meine Be= 
obachtungen und Gruppierungen wohl analytisch seien, nicht aber 
die Aufklärung selbst, da ich bei dieser nur die bewußten, nicht 
aber auch die unbewußten Fragen in Betracht ziehe. Ich erwiderte 
ihm damals, daß ich der Ansicht sei, es genüge ein Eingehen auf 
die bewußten Fragen, solange nicht ein zwingender Gegengrund 
vorliege. Nun zeigte sich mir, daß seine Meinung sich als richtig, 
das Nureingehen auf die bewußten Fragen sich als ungenügend 
erwiesen habe. 



284 Melanie Klein 



Ich hielt es nun für ratsam, dem Kinde den bisher noch 
nicht erteilten Rest der Aufklärung zu geben. Eine seiner damals 
seltenen Fragen nämlich: welche Gewächse wohl alle aus Samen 
wachsen, wurde als Anlaß genommen, ihm zu erklären, daß auch 
der Mensch aus Samen würde, und ihn über den Begattungsakt 
aufzuklären. Er legte aber ein zerstreutes, unaufmerksames Ver- 
halten an den Tag, unterbrach die Erklärung durch eine andere, 
nicht zum Thema gehörige Frage, und zeigte keinerlei Bedürfnis, 
sich über Details zu orientieren. Bei einer anderen Gelegenheit 
erzählte er, er habe von den Kindern gehört, daß zur Henne, damit 
sie Eier lege, auch ein Hahn notwendig sei. Er zeigte aber, kaum 
daß er das Thema angesdinitten hatte, auch den offenkundigen 
Wunsch, davon wieder loszukommen. Er machte' dabei entschieden 
den Eindruck, daß er diesen ganzen neu erhaltenen Teil der Auf- 
klärung überhaupt nicht -zur Kenntnis genommen habe und nicht 
zur Kenntnis zu nehmen wünsche. Die früher erwähnte psychische 
Veränderung des Kindes zeigte sidi auch durch diesen -Fortsdiritt 
der Aufklärung in keiner Weise beeinflußt. 

Da gelang es einmal der Mutter durch einen Scherz, an den 
sich eine kleine Geschichte schloß, seine Aufmerksamkeit und seinen 
Beifall wieder zu erregen. Sie sagte, als sie ihm ein Zuckerl gab, 
daß dieses schon lange auf ihn warte, und schloß eine kleine Geschichte 
daran an. Er unterhielt sich vorzüglich darüber, äußerte den Wunsch 
nach mehrmaliger Wiederholung, und hörte dann der Erzählung einer 
anderen Geschichte, der der Frau, der auf Wunsch des Mannes eine 
Wurst auf der Nase wuchs, gerne zu. Ganz unvermittelt begann er 
dann zu erzählen, und zwar brachte er, von da angefangen, lange und 
kürzere phantasieartige Geschichten, die manchmal von gehörten 
Geschichten ausgehend, meist aber schon von Beginn an ganz frei 
phantasiert, eine Menge analytisches Material lieferten. Bis dahin 
hatte das Kind ebensowenig Neigung zum Erzählen wie zum 
Spielen gezeigt. In der der ersten Aufklärung folgenden Periode 
zeigte sich zwar auch in dieser Beziehung eine starke Anregung, 
er machte manche Ansätze zum Erzählen, die aber im großen ganzen 
doch eher Ausnahmen blieben. Diese Geschichten nun, die selbst 
von der primitiven Kunst, die Kinder in Nachahmung der Er- 
wachsenen auf ihre Erzählungen zu verwenden pflegen, nichts auf- 
wiesen, machten den Eindruck von Träumen, denen es an sekun- 
därer Bearbeitung fehlt. Sie begannen manchmal mit dem Traume 
der letzten Nacht, setzten sich dann als Geschichte fort, waren aber 
auch ganz derartig, wenn er sie gleich als Geschichte begann. Er 
erzählte sie mit Leidenschaft, von Zeit zu Zeit, wenn Widerstand 
— trotz vorsichtiger Deutungen — einsetzte, brach er damit ab, 
um sie aber nach kurzem wieder mit Vergnügen aufzunehmen. Ich 
bringe in kurzem Auszüge aus einigen dieser Phantasien. 

»Zwei Kühe gehen miteinander/ dann springt die eine der andern 
auf den Rücken und reitet auf ihr, und die andere springt der andern 



Eine Kinderentwicklung 285 



auf die Hörner und hält sich dort fest. Das Kalb springt auch der Kuh 
auf den Kopf und hält sich an den Zügeln fest. <Auf die Frage, 
wie die Kühe heißen, nennt er die Namen der Dienstmädchen.) 
Dann gehen sie miteinander und gehen zur Hölle,- dort ist der 
alte Teufel,- so finstere Augen hat er,- er sieht gar nichts, er weiß 
aber, daß es Menschen gibt. Auch der junge Teufel hat so finstre 
Augen. — Dann gehen sie weiter zum Schloß, das Däumelinchen sah,- 
dann gehen sie hinein, mit dem Mann der bei ihnen war, und gehen 
hinauf in ein Zimmer und stechen sich an der Spinn (Spindel). Dann 
schlafen sie hundert Jahre ,- dann kommen sie auf und gehen zum 
König, der freut sich sehr und fragt sie — den Mann, die Frau 
und die Kinder, die mit waren, ob sie nicht dort bleiben wollen? 
<Auf meine Frage nach den Kühen: »Die waren auch da und die 
Kälber auch«.) — Es War vom Friedhofe und vom Sterben die Rede. 
Da sagt er: »Wenn aber ein Soldat jemanden erschießt, dann be- 
gräbt man ihn nicht, dann bleibt er so liegen, weil der Kutscher 
vom Leichenwagen ist auch ein Soldat, und der macht es nicht«. 
<Als ich frage, wen er z. B. erschießt, nennt er zuerst seinen Bruder 
Karl, dann aber, da er ein wenig erschrocken ist, verschiedene Namen 
von Familienmitgliedern und Bekannten 1 . — Er erzählt einen Traum: 
»Mein Stock ist auf Deinen Kopf gegangen, dann hat er die Presse 
<Tischtuchpresse> genommen, hat damit darauf gedrüdit«. — Des 
Morgens, als er seiner Mutter Gutenmorgen sagen kommt, sagt 
er, nachdem er sie geliebkost hat: ' »Ich werde dich besteigen, du 
bist ein Berg und ich besteige dich«. Etwas später sagt er: »Idi 
kann besser laufen als du, ich kann Treppen hinauflaufen, und du 
kannst das nicht«. — Nach längerer Zeit stellt er nun wieder leiden** 
schaftlich einige Fragen: »Wie wird Holz — , wie wird das Fenster- 
brett hineingemacht — wie wird Stein?« Auf die Antwort, daß der 
eben immer da war, sagt er unbefriedigt: »Aber woraus ist er her- 
gekommen?« *- Er erzählt eine Phantasie von einer Taube und Biene. 
»Sie kamen zu einem sehr großen und tiefen Flusse. Weißt du, 
was das für ein Fluß war? Das war ein Meer, das ist tief genug. 
Für einen Riesen wäre es nicht zu tief. Und da ist die Biene und 
Taube immer größer und größer geworden, wie der Kasten, und 
dann wollten sie ins Wasser. Aber das Wasser war noch immer 
zu tief für sie. Da sagte die Taube -* sie war gescheiter — : 
Schnell geh und hol einen Kasten. Dann sind sie beide in die Luft 
geflogen. Die Luft war nicht ihre Wohnung, nur ihr Feld. Dann 
sind sie in ihre Wohnung, sie konnten so herein, daß sie von oben 
auf die Treppe flogen. Dann kam ein Schornsteinfeger. In der 
Wohnung waren auch große Menschen, lauter Soldaten, die haben 
mit ihren Bajonetten den RauaSfangkehrer gestochen und mit ihren 
Schießgewehren geschossen. Das war nur, weil er schon den Rauch- 



1 Kurz vorher hat er geäußert: »Ich möchte sehen, wie jemand stirbt, nicht 
wie er schon tot ist. sondern wie er stirbt, dann seh ich auch, wie er tot ist«. 



286 Melanie Klein 



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fang ausgeputzt hatte. Audi die Biene und Taube haben ihre kleinen 
Bajonette umgehängt, und die Gewehre, die sie von ihren Papas 
bekommen haben, und haben geholfen. Dann haben sie ihm ein 
Loch in seinen Hut geschossen. Dann ist er zurückgekommen. Da 
haben sie ihm schnell das Loch mit Nadel und Spagat <Bindfaden> 
zugenäht. Er hat gewußt, es war ein Loch, hat es aber nicht mehr 
gefunden. Dann ist der Rauchfangkehrer mit der Taube und der 
Biene weggegangen«. 

In einer Traumphantasie, in der er ausführlich schildert, wie er 
mit den L.-Kindern <von denen er zufolge einer Ortsveränderung^ ge- 
trennt ist und die er sehr liebte) in einem eigenen, mit schweren Gefäßen 
beladenen Wagen herumkutschiert, erzählter dann: »Dann sind wir 
wieder zurück, dann sind wir in das Haus hinaufgegangen. Ich habe 
finster gemacht, ich habe von draußen die Roletten heruntergelassen ,- 
dort hat sich niemand hingetraut, die Mädchen hätten sich dabei schmutzig 
gemacht«. Nachdem er dann noch geschildert hat, wie sie zusammen ge- 
wohnt haben, erzählt er: »Daß sie zusammen eine Brücke gebaut haben, 
die war so, daß sie niemand sehen konnte, auch die Mama nicht, nur 
sie — die Kinder. Sie haben sie aus Brettern, Eisen und Syndetikon 
gemacht. Die Brücke ist so hoch geworden wie die Sonne. Er hat 
dazu die hohe Leiter gebracht und sie gehalten. Die Brücke konnten 
sie hinlegen, wo sie wollten, und dort, wo sie sie hinlegten, war 
dann rein. Dann haben sie sie in zwei Kanäle hineingesteckt, sie 
haben nur ein Stück von der Brücke hineingesteckt, und dann wieder 
zurüd<gezogen. Das Eisen war so häßlich, da haben sie es zu Holz 
gemacht und mit einem großen Pinsel eingefärbt . . . usw.« 

Hand in Hand damit begann er zu spielen. Vor allem mit andern, 
mit seinem Bruder oder Freunden spielte er nun gern und ausdauernd, 
alles mögliche. Er begann aber auch allein zu spielen. Er spielte 
Galgen, behauptete, daß er seine Geschwister geköpft habe, ohrfeigte 
die Köpfe, und sagte: »So einen Kopf kann man ohrfeigen, der 
kann einem nichts machen« und nennt sich einen »Galger«. Ein 
andermal sehe ich, wie er folgendes spielt: Die Schachfiguren sind 
Menschen,- der eine ist ein Soldat, die andere ein König. Der Soldat 
hat dem König »Dreckvieh« gesagt. Da wurde er verhaftet und 
hingerichtet. Dann wurde er geprügelt, das hat er aber nicht mehr 
gespürt, weil er tot war. Der König hat mit seiner Krone das Loch 
größer gemacht, das der Soldat am Fuß hatte. Dann ist der Soldat 
wieder lebendig geworden, man hat ihn gefragt, ob er das wieder 
tun wird, er hat gesagt: nein, da hat man ihn nur verhaftet. - 
Eines der ersten nun einsetzenden Spiele war folgendes: Er spielt 
mit seiner Trompete und sagt, daß er zugleidi Offizier, Fahnen- 
träger, Trompeter ist. Er sagt, »wenn Papa auch Trompeter wäre 
und ihn in den Krieg nicht mitnimmt, so nimmt er seine eigene 
Trompete und sein Schießgewehr und geht ohne ihn in den Krieg«. — 
Er spielt mit seinen Figuren, darunter sind zwei Hunde. Den einen 
hat er immer den Schönen, den andern den Sdmuitzigen genannt. 



Eine Kinderentwickiung 287 



Nun spielt er, die Hunde sind Herren. Dabei ist der Schöne er, 
der Schmutzige Papa. 

Es kam bei seinen Spielen ebenso wie in seinen Phantasien 
eine außerordentliche Aggression gegen seinen Vater und auch 
die allerdings schon stark gezeigte Leidenschaft für seine Mutter 
heraus. Zugleich wurde er gesprächig, lustig, konnte stundenlang 
mit andern Kindern spielen, und zeigte neuerlich eine fortschreitende, 
auf alle Gebiete sich erstreckende Wiß= und Lernbegierde, so daß 
er auch in kurzem mit nur sehr wenig Hilfe lesen lernte. Allerdings 
zeigte er in dieser Beziehung einen so großen Eifer, daß er manchmal 
als Übereifer erschien. Seine Fragen hatten den sterotypen zwangs- 
artigen Charakter verloren. Diese Veränderung erfolgte zweifellos 
durch das Freiwerden seiner Phantasie, wobei meine nur gelegent= 
liehen und vorsichtigen Deutungen gewissermaßen nur die Hilfe zu 
diesem Freiwerden boten. Bevor ich nun ein mir bedeutungsvoll 
erscheinendes Gespräch wiedergebe, muß ich noch etwas nachtragen: 
Der Magen besaß für ihn eine besondere Bedeutung. Trotz Auf- 
klärung und wiederholter Berichtigungen hielt er an der Auffassung 
fest, die er bei verschiedenen Gelegenheiten äußerte, daß die Kinder 
im Magen der Mutter wachsen. Aber auch sonst zeigte sich der 
Magen für ihn als besonders affektbetont. Er replizierte scheinbar 
sinnlos bei allen Gelegenheiten mit dem Magen. Z. B. als ein 
anderes Kind ihm sagte: »geh in den Garten« erwiderte er: »Geh 
in Deinen Magen« oder »Du hast Dir den Magen angestoßen«. 
Er zog sich auch Verweise zu, weil er dem Mädchen auf ihre 
Frage, wo der eine oder der andere Gegenstand sei, wiederholt 
erwiderte: »In Ihrem Magen«. Auch klagte er manchmal — wenn 
auch nicht häufig — während des Essens über »kalt im Magen« 
und behauptete, daß das vom kalten Wasser sei. Er zeigte auch 
einen lebhaften Widerwillen gegen verschiedene kalte Speisen. Zu 
dieser Zeit äußerte er Neugierde, die Mutter ganz nackt zu sehen. 
Gleich nachher meinte er: »Ich möchte auch Deinen Magen sehen, 
und das Bild, das in Deinem Magen ist«. Auf ihre Frage, »meinst 
du dort, wo du drinnen warst?« erwiderte er: »Ja, ich möchte in 
deinem Magen nachschaun, ob kein Kind drinnen ist«. Etwas später 
äußerte er: »Ich bin sehr neugierig, ich möchte alles in der Welt 
wissen«. Auf die Frage, was er denn so gerne wissen möchte, 
sagte er: »Wie dein Wiwi und Kakiloch ist. Ich möchte, <lachend> 
wenn du auf dem Klosett bist, hineinschaun, ohne daß du es weißt, 
und dann dein Wiwi und Kakiloch sehen«. Einige Tage später 
schlägt er seiner Mutter vor, sie könnten alle zugleich auf dem 
Klosett Kaki machen und zwar übereinander, seine Mutter, seine 
Geschwister und zu oberst er. Vor dem nun folgenden Gespräche, 
das deutlich seine Theorie zeigte, daß die Kinder aus Essen würden 
und mit Stuhl identisch seien, hatten vereinzelte Bemerkungen schon 
darauf hingewiesen. Er hatte von seinen Kakis als schlimmen 
Kindern gesprochen, die nicht kommen wollen,- bei dieser Gelegen^ 



.288 Melanie Klein 



heit hatte er übrigens sofort der Deutung beigestimmt, daß die 
Kohle, die in einer seiner Phantasien die Treppe hinauf und 
hinunterlief, auch Kinder seien. Auch sprach er einmal sein Kaki an, 
er werde es prügeln, weil es so langsam komme und so hart sei. 

Ich bringe nun das Gespräch. Er sitzt in der Früh auf dem 
Topf und erklärt, daß die Kakis schon auf dem Balkon sind, die 
Treppe wieder hinaufgelaufen sind und nidit in den Garten kommen 
wollen <als den er wiederholt den Topf bezeichnet hat). Ich frage ihn: 
»Also das sind die Kinder, die im Magen wachsen?« Da ich Interesse 
bei ihm merke, fahre ich fort: »Denn die Kakis werden aus dem 
Essen, die wirklichen Kinder werden nicht aus Essen.« Er: »Das weiß 
ich, die werden aus Milch«. Ich: »O nein, sie werden aus etwas, 
was der Papa macht, und aus dem Ei, das in der Mama drinnen 
ist« <er ist jetzt wieder sehr aufmerksam und sagt, ich soll es ihm 
erklären). Als ich wieder beim kleinen Ei beginne, unterbricht er: 
»Das weiß ich«. Ich setze fort: »Der Papa kann mit seinem Wiwi 
etwas machen, das wirklidi etwas ähnlich wie Milch aussieht, und 
Samen heißt: das macht er ähnlich, wie wenn man Wiwi macht, 
nur nicht so viel. Mamas Wiwi ist anders als das von Papa« <er 
unterbricht): »Das weiß ich!« Ich: »Mamas Wiwi ist ähnlich wie 
ein Loch. Wenn nun der Papa in das Wiwi von der Mama aus 
seinem Wiwi den Samen hineinmacht, so fließt der Samen tiefer in 
den Körper hinein, und wenn er auf ein solches kleines Ei, das in 
der Mama drinnen ist, kommt, so beginnt dieses kleine Ei zu 
wachsen, und es wird ein Kind daraus«. Fritz hat mit großem 
Interesse zugehört und sagt: »Ich möchte so gern einmal sehen, 
wie so ein Kind hineingemacht wird«. Ich erklärte ihm, daß dies 
nicht geht, aber wenn er schon groß sein wird, denn früher geht 
das nicht, da wird er das selbst machen. Er: »Aber dann möchte. 
ich es in die Mama hineinmachen«. Ich: »Das geht nicht, die Mama 
kann nicht deine Frau sein, sie ist doch die Frau von deinem Papa. 
Und dann hätte der Papa doch keine Frau«. Er: »Wir können es 
doch beide in sie machen«. Ich: »Nein, das geht nicht. Jeder Mann 
hat nur seine Frau. Wenn du groß bist, ist deine Mama schon alt. 
Du heiratest dann ein schönes, junges Mädchen, und das wird dann 
deine Frau sein«. Er: <dem das Weinen nahe ist und die Mund- 
winkel zittern) »Aber wir werden in einem Hause mit der Mama 
zusammen wohnen?« Ich: »Sicherlich. Auch liebhaben wird dich deine 
Mama immer, nur deine Frau kann sie nicht werden!« Er erkundigt 
sich dann nach verschiedenen Details, nach der Ernährung des Kindes 
im Mutterleibe, woraus die Nabelschnur ist, wie das hinunter- 
genommen wird, - er ist voll Interesse, und es ist gar kein Wider- 
stand mehr zu bemerken. Zum Schlüsse sagt er: »Nur einmal 
möchte ich doch sehen, wie ein Kind hinein und herauskommt«. 

Im Anschluß an dieses Gespräch, das seine Sexualtheorie bis 
zu einem gewissen Grade zur Auflösung brachte, zeigte sich also 
zum erstenmal wirkliches Interesse für den bis dahin zurückge- 



Eine Killderentwicklung 289 



wiesenenTeil der Auf klärung, den er erst jetzt eigentlich zur Kenntnis 
nahm. Wie spätere gelegentliche Bemerkungen zeigten, hat er auch 
diese Kenntnisse seinem Wissen einverleibt. Von dieser Zeit an 
war auch das außerordentliche Interesse für den Magen stark ver= 
mindert 1 . Ich möchte aber trotzdem nicht behaupten, daß es seines 
affektiven Charakters vollkommen entkleidet worden wäre, und er 
diese Theorie ganz aufgegeben hätte. Über das teilweise Festhaltern 
an einer schon bewußt gewordenen infantilen Sexualtheorie hörte ' 
ich einmal von Ferenczi die Meinung, daß die infantile Theorie 
gewissermaßen die Abstraktion von lustbetonten Funktionen sei, 
weshalb, da ja die Funktion weiter lustbetont bleibt, ein gewisses 
Beharren an dieser Theorie sich ergibt. Dr. Abraham führte in 
seinem jüngsten Kongreßvortrag »Über den weiblichen Kastrations* 
komplex« aus 2 , .daß die Ursache der Bildung der Sexualtheorien in 
der Abneigung des Kindes zu suchen sei, den Anteil des anders- 
geschlechtlichen Elternteiles zur Kenntnis zu nehmen. Röheim wies 
dasselbe als Ursache für die Sexualtheorien der Primitiven nach. ~* 
In diesem Falle könnte vielleicht das teilweise Festhalten an dieser 
Theorie auch dadurch mitverursacht sein, daß ich ja nur einen Teil des 
reichen analytischen Materials gedeutet hatte und ein Teil der un* 
bewußt gebliebenen Analerotik noch wirksam war. Jedenfalls zeigte 
sich erst mit der Auflösung der Sexualtheorie der Widerstand gegen 
die Kenntnisnahme der wirklichen sexuellen Vorgänge beseitigt, trotz 
teilweisen weiteren Beharrens 3 an seiner Theorie war doch die 
Kenntnisnahme der tatsächlichen Vorgänge ermöglicht worden. Er 
schloß gewissermaßen ein Kompromiß zwischen der in seinem Un- 
bewußten noch teilweise fixierten Theorie und der Wirklichkeit, was 
ich durch eine Bemerkung des Knaben selbst am besten beleuchtet 
finde. Er brachte — allerdings dreiviertel Jahre später — wieder 
einmal eine Phantasie, in der sich der Mutterleib als vollkommen 
eingerichtete Wohnung präsentierte, wobei speziell der Magen aufs 
vollständigste und sogar mit einer Badewanne und einem Seifen- 
behälter ausgestattet war. Er machte zu dieser Phantasie gleich selbst 
die Bemerkung: »Ich weiß, daß das nicht wirklich so ist, aber ich 
sehe es so.« 

Nach dieser Auflösung und der damit verbundenen Kenntnis* 
nähme der tatsächlichen Vorgänge tritt der Ödipuskomplex besonders 

1 Von dem Symptom »Kalt im Magen« ist nur ein Teil erledigt worden, 
nämlich soweit es sich auf den Magen bezog. Später äußerte er, allerdings nur 
einige Male: »Kalt im Bauch.« Auch ist der Widerstand gegen kalte Speisen ge- 
blieben, die Antipathie gegen verschiedene Speisen, die in den letzten Monaten 
aufgetreten war, blieb überhaupt durch die Analyse unverändert, wechselte nur 
gelegentlich das Objekt. Stuhl hat er im allgemeinen regelmäßig, aber häufig 
langsam und schwer. Darin zeigte sich zufolge der Analyse auch keine bleibende 
Änderung, nur gelegentliche Schwankungen. 

2 Wird veröffentlicht in der Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse. 

3 Beim Mittagessen sagte er einmal: »Die Nudeln werden gleich über den 
Gang in den Kanal rutschen.« Ein andermal: »Die Marmelade geht gleich in das 
Wiwi.« (Übrigens gehört Marmelade zu seinen Antipathien.) 

lmago VII/3 19 



S 



~^~ 



£90 Melanie Klein 



in den Vordergrund. Ich berichte als Beispiel dafür folgende Traum» 
phantasie, die drei Tage nach dem vorhergehenden Gespräche ge= 
bracht wurde und die ich ihm auch teilweise deutete. Er beginnt mit 
dem Bericht eines Traumes: »Es war ein großes Auto, das hat ganz 
so ausgesehen wie eine Elektrische. Es hat audi Bänke gehabt, und 
da war ein kleines Auto, das ist mit dem großen zugleich gefahren. 
Man hat ihnen das Dach öffnen können und wenn es regnet, schließen. 
Dann sind die Autos gefahren und sind gegen eine Elektrische ge* 
fahren und haben sie weggestoßen. Dann ist das große Auto auf die 
Elektrische hinauf und hat das kleine nachgezogen. Und dann haben 
sie sich zusammengetan, die Elektrische und die beiden Autos. Die 
Elektrische hat auch einen Zusammenspanner gehabt. Du weißt, was 
ich meine? Das große Auto hat ein großes, schönes silbernes Eisen 
gehabt, das kleine auch etwas wie zwei kleine Hafteln. Das kleine 
war zwischen der Elektrischen und dem großen Auto. Sie sind dann 
zusammen einen hohen Berg hinaufgefahren und schnell wieder hin- 
unter. Die Autos sind audi in der Nacht dort geblieben. Wenn 
Elektrische gekommen sind, haben sie sie weggestoßen, und wenn 
jemand nur so . . . mit dem Arm gemacht hat, sind sie gleich 
zurückgefahren.« <Ich erkläre ihm, daß das große Auto der Papa, 
die Elektrische die Mama, und das kleine Auto er ist. Und daß 
er sich zwischen Papa und Mama getan hat, weil er gar so gerne 
den Papa so ganz wegtun wollte, und allein bei der Mama bleiben 
und das mit ihr machen, was nur der Papa tun darf.) Nach einigem 
Zögern stimmt er bei, setzt aber schnell fort: »Das große und kleine 
Auto sind dann gefahren, sie waren in ihrer Wohnung, sie haben 
beim Fenster hinausgeschaut, es war ein sehr großes Fenster. Dann 
sind zwei große Autos gekommen. Das ein« war der Großvater, 
das andere der Großpapa, Die Großmama war nicht da, sie war 
<er zögert ein wenig und sieht sehr ernst drein) sie war gestorben. 
<Er schaut mich an, aber da ich ganz unverändert bleibe, setzt er 
fort): Und dann sind sie alle zusammen den Berg hinuntergefahren. 
Der eine Chauffeur hat mit dem Fuß die Türe geöffnet, der andere 
mit dem Fuß das, was man aufdreht <Kurbel). Der eine Chauffeur 
ist krank geworden, das war der Großpapa (wieder schaut er mich 
fragend an, da er mich gleichmütig sieht, setzt er fort): Der andere 
Chauffeur hat ihm gesagt: Du Dreckvieh, willst du eine Ohrfeige, 
ich werde dir gleich eine herunterhauen!« <Ich frage, wer war denn 
der andere Chauffeur?) Er: »Ich! Und da werfen ihn unsere Soldaten 
um. Das waren alle Soldaten — und zerbrechen das Auto und 
schlagen ihn und schmieren ihm das Gesicht mit Kohle ein und 
stopfen ihm auch Kohle in den Mund. (Begütigend): Er hat nämlich 
gemeint, daß es ein Zudterl ist, und da hat er es genommen, und 
es war Kohle. Dann waren alle Soldaten, und ich war der Offizier. 
Ich habe eine schöne Uniform gehabt, und <er richtet sich stramm 
auf), so habe ich mich gehalten, und dann haben mir alle gefolgt. 
Sie haben ihm das Schießgewehr weggenommen, er hat nur mehr 



Eine Kinderentwicklung 291 



,so' gehen können! <dabei verkrümmt er sich ganz). (Begütigend) : 
Die Soldaten haben ihm dann, weil sie ihm das Schießgewehr weg* 
genommen haben, eine Auszeichnung und ein Bajonett gegeben. Ich 
war der Offizier, und die Mama war die Pflegerin <bei seinen 
Spielen ist die Pflegerin immer die Frau vom Offizier), und der 
Karl und die Lene und die Anna (seine Geschwister), die waren 
meine Kinder, und wir haben eine schöne Wohnung gehabt — die 
war schon von außen wie die vom König 1 — sie war noch nicht 
ganz fertig, die Türen haben noch gefehlt, das Dach hat noch gefehlt, 
aber sie war sehr schön. Was noch gefehlt hat, haben wir uns dann 
noch gemacht.« <Meine Deutung, was die unfertige Wohnung usw. 
bedeutet, nimmt er jetzt schon ohne große Schwierigkeit zur Kenntnis.) 
»Der Garten war sehr schön, er war oben auf dem Dach. Ich habe 
immer eine Leiter genommen, um hinauf zu kommen. Macht nichts, 
ich habe sehr gut hinaufkönnen. Karl, Lene und Anna habe ich 
schon helfen müssen. Das Speisezimmer war auch sehr schön, es 
sind auch Bäume und Blumen dort gewachsen. Macht nichts, das 
geht ja sehr leicht, man legt Erde hin, und- dann wächst es. Dann 
ist der Großpapa hineingekommen in den Garten, ganz leise, ,so!' 
<er macht wieder den eigentümlichen Gang nach) in der Hand hat 
er eine Schaufel und will etwas graben. Da schießen die Soldaten 
auf ihn und <er macht wieder ein ernstes Gesicht) er ist gestorben.« 
Nachdem er dann noch lange von zwei blinden Königen gesprochen 
hat, von denen er jetat schon selbst sagt, daß der eine sein Papa, 
der andere der Papa von seiner Mama ist, erzählt er: »Der König 
hat Schuhe gehabt, so groß wie bis Amerika, man hat auch hinein- 
gehen können, und man hat darin Platz gehabt. In der Nacht hat 
man die Wickelkinder darin schlafen gelegt«. Nach dieser Phantasie 
setzte die Spiellust verstärkt und anhaltend ein. Er spielte nun* 
stundenlang allein, und zwar mit gleich großer Lust, mit der er 
diese Phantasien brachte 2 . Er äußerte auch direkt: »Jetzt gehe ich 
das spielen, was ich erzählt habe«, oder »Ich werde das nicht er- 
zählen, gleich spielen«. Während also in der Mehrzahl der Fälle~ 
die unbewußten Phantasien eben im Spiel ihr Ventil finden, erwies 
sich in diesem Falle wie wahrscheinlich auch in den immerhin nicht 
seltenen ähnlichen Fällen als Ursache der Spielhemmung die Hem- 
mung seiner Phantasie, die miteinander behoben wurden. Ich konnte 
dabei die Feststellung machen, daß die vorher geübten Spiele und 
Beschäftigungen nun in den Hintergrund traten. Ich meine da in 
erster Linie das stundenlang fortgesetzte »Chauffeur*, Kutscher- usw. 
Spiel«, das ja eigentlich daraus bestanden hatte, daß er Bänke, Stühle, 

1 Als ihm seine Mutter einmal liebkosend sagte: »Mein Pupperl«, meinte 
er: »Pupperl sag lieber der Lene oder Anna, das ist eher für ein Mädchen, mir 
sag lieber: »mein Lieblingskönigerl«. 

2 Damals machte er einmal des Morgens einen »Turm« (wie er es nannte) 
aus seinem Bettzeug, kroch da hinein und erklärte: »Jetzt bin ich der Schornstein- 
feger und putze gut den Schornstein aus.« 

19» 



292 Melanie Klein 



oder eine Kiste zusammenschob und sidi darauf setzte. AuoS hatte 
er es nie unterlassen, sowie er ein Vehikel fahren hörte, zum 
Fenster zu laufen und war ganz unglücklich, wenn er das einmal 
verpaßte. Stundenlang konnte er am Fenster oder vor der Haustür 
stehen, hauptsächlich um den vorüberfahrenden Wagen zuzusehen. 
Die Leidenschaftlichkeit und Ausschließlichkeit, mit der er diese Be= 
schäftigungen betrieb, ließen sie mir als zwanghaft erscheinen 1 . 

In letzter Zeit, da er so starke Langeweile zeigte, hatte er 
aber auch mit dieser Art Spielersatz aufgehört. Als man ihm ein* 
mal, um ihn zur Beschäftigung anzuregen, vorschlug, auf eine neuere 
Art ein Vehikel zusammenzustellen, das wäre so interessant, er= 
widerte er: »Nichts ist interessant«. Als er mit den Phantasien zu« 
gleich das Spiel aufnahm oder eigentlich erst richtig begann, kamen 
wohl auch in seinen Spielen, die er meist aus Figuren, Tieren, 
Menschen, Wagen, Bausteinen zusammenstellte, Fahrten und Über« 
Siedlungen vor, das bildete aber nur einen Bestandteil seines Spieles, 
das sich dann verschiedenartig und mit starker Phantasieentwicklung 
\ (die er vorher nie gezeigt hatte), fortsetzte. Gewöhnlich kam es 
dabei auch zu Kämpfen zwischen Indianern, Räubern oder Bauern 
einerseits und Soldaten anderseits, wobei die letzteren immer von 
ihm und seiner Truppe dargestellt wurden. Es war davon die Rede, 
daß sein Vater, als er nach Beendigung des Krieges aufhörte, Soldat 
zu sein, seine Montur und seine Waffen ablieferte. Er war darüber 
ganz betroffen, speziell wegen Ablieferung des Bajonettes und 
Gewehrs. Gleich nachher spielte er: Bauern kommen, um den 
Soldaten etwas zu stehlen. Sie werden aber von den Soldaten 
furchtbar mißhandelt und getötet. — Am Tage nach der Autophantasie 
spielte er folgendes Spiel, das er mir erklärt: »Ein Indianer wird 
Verhaftet von den Soldaten. Er gesteht, daß er mit ihnen schlimm 
war. Sie sagen: ,Wir wissen, daß du noch schlimmer warst.' Man 
spuckt auf ihn, macht Wiwi und Kaki auf ihn, steckt ihn ins Klosett 
und macht alles auf ihn. Er schreit und da kommt ihm das Wiwi 
gerade in den Mund. Ein Soldat geht weg, ein anderer fragt: 
, Wohin?' ,Mist suchen und auf ihn zu werfen!' Der Schlimme geht 
mit einer Schaufel und macht Wiwi darauf und das schüttet man 
ihm ins Gesicht.« Auf meine Frage, was er denn eigentlich ange- 
stellt habe, sagt er: »Er war schlimm. Er ließ uns nicht ins Klosett 
gehen und dort machen.« Dann erzählt er noch, im Klosett, neben 
dem ins Klosett gesteckten Schlimmen, machen zwei Leute Kunst- 
stücke. - Um diese Zeit spricht er (wiederholt) das Papier, mit 
dem er sich nach dem Stuhlabsetzen gereinigt hat, höhnisch an: 
»Bitte, essen Sie es, mein Lieber!« Auf eine Frage sagt er, daß das 

1 Das Interesse für Vehikel, wie auch für Türen, Schlösser, VersA1us.se 
bleibt deshalb audi weiterhin stark bestehen, es verlor nur an Zwanghaftigkeit 
und Aussdiließlidikeit, so daß es sich audi in diesem Falle zeigte, daß durch die 
Wirkung der Analyse nicht die günstige Verdrängung, sondern nur deren Zwang- 
haftigkeit behoben wurde. 






Eine Kinderentwicklung 293 



Papier der Teufel ist, der das Kaki essen soll. — Ein andermal er- 
zählt er: »Ein Herr hat seine Krawatte verloren und er sucht sie 
sehr. Endlich findet er sie doch.« — Vom Teufel erzählt er einmal 
wieder, daß man ihm den Hals und den Fuß abgeschnitten habe. 
Der Hals konnte gehen, nur wenn man dazu Füße gemacht hat. 
Der Teufel konnte jetzt nur mehr liegen, da konnte er nicht mehr 
auf die Straße gehen. Da hat man gemeint, er ist gestorben. Und 
einmal hat er aus dem Fenster geschaut, jemand hat ihn gehalten, 
das war ein Soldat, der hat ihn hinausgestoßen, da ist er gestorben. 
Durch diese Phantasie erscheint mir eine zwei Wochen vorher auf- 
getauchte, bei ihm ungewohnte Angst begründet. Er schaute beim 
Fenster hinaus, und das Mädchen hatte sich hinter ihn gestellt und 
ihn gehalten. Er zeigte Furcht und beruhigte sich erst, als das 
Mädchen ihn losließ. Die Furcht erwies sich durch die spätere 
Phantasie als die Projektion seiner unbewußten aggressiven Wünsche 1 . 
— In einem Spiel, bei dem der feindliche Offizier getötet, mißhandelt 
und wieder lebend wurde, sagt dann der Feind auf die Frage, wer 
er denn sei: »Ich bin doch der Papa!« Darauf werden alle mit ihm 
sehr freundlich und man sagt ihm <dabei wird Fritz' Stimme ganz 
sanft): »Ja,' Sie sind der Papa, dann bitte, kommen Sie doch her!« - 
Auch in einer anderen Phantasie, wo ebenfalls der Hauptmann nach 
den verschiedensten Mißhandlungen, auch Blendung und Verhöhnungen, 
wieder lebend wird, erzählt er, daß er dann mit ihm ganz gut war, 
und fügt hinzu: »Ich habe ihm doch zurückgegeben, was er mir 
getan hat, da war ich nicht mehr böse auf ihn. Hätte ich es ihm 
nicht zurüd^gegeben, wäre ich böse gewesen!« Auch nach dieser 
Phantasie, wie nach so vielen, erklärt er, daß er das jetzt spielen 
geht. - Sehr gern spielt er jetzt mit Teig und sagt, daß er im Klosett 
kocht 2 . <Das Klosett ist eine kleine Schachtel mit einer Vertiefung, 
die er beim Spielen verwendet.) — Beim Spielen zeigt er mir auch 
einmal zwei gleiche Soldaten und die Pflegerin, und sagt, daß das 
er und sein Bruder und die Mama ist. Auf meine Frage, welcher 
von beiden er ist, sagt er mir: »Der, der da unten so etwas hat, 
was sticht, bin ich.« Ich frage, was denn das ist, was unten so 
sticht? Er: »Ein Wiwi.« »Und das sticht?« Er: »Im Spiel nicht, aber 
in Wirklichkeit — nein, ich habe mich geirrt, in Wirklichkeit nicht, 
aber im Spiel.« — Er brachte immer mehr und weitere Phantasien, 
sehr häufig war es der Teufel, aber auch der Hauptmann, Indianer, 
Räuber, auch- wilde Tiere, denen gegenüber sowohl in den Phantasien 

1 Es zeigte sich da besonders in letzter Zeit dieser Beobachtungsperiode so» 
wohl in den Phantasien wie audi im Spiel, gelegentlich ein Zurückweichen, ein 
Erschrecken vor der eigenen Aggressivität. Er erklärte dann manchmal beim leiden» 
schaftlidi geübten Räuber- und Indianerspiel, er wolle nicht weiterspielen, er fürchte 
sich davor, auch zeigte er zugleich ein übermäßiges Bestreben, brav zu sein. Da- 
mals kam es auch vor, daß er, wenn er sich angeschlagen hatte, sagte: »Das ist 
gut, das ist die Strafe, weil ich schlimm war«. 

■ Das Formen mit Sand oder Erde liebte er eine Zeitlang als kleines Kind, 
aber nicht lange und anhaltend. 



294 Melanie Klein 



wie in den parallellaufenden Spielen sein Sadismus ebenso wie ander» 
seits auch die auf die Mutter gerichteten Wünsche herauskamen. Oft 
schildert er, wie er dem Teufel oder feindlichen Offizier oder König 
die Augen ausgestochen, die Zunge abgeschnitten hat, er besitzt 
sogar ein Gewehr, das wie ein Wassertier beißen kann. Überhaupt 
wird er dabei immer stärker und mächtiger. Er kann auf keine Art 
getötet werden, wiederholt sagt er, seine Kanone sei so groß, daß 
sie bis zum Himmel reiche. 

Ich hielt es dann nicht mehr für nötig zu deuten, so daß ich 
in dieser Zeit nur ganz vereinzelt und andeutungsweise ihm das 
eine oder das andere bewußt machte. Ich gewann übrigens aus der 
ganzen Art seines Phantasierens und Spielens und aus gelegentlichen 
Bemerkungen den Eindruck, daß ihm selbst ein Teil seiner Komplexe 
bewußt oder wenigstens vorbewußt geworden sei und hielt dies für 
genügend. So äußerte er einmal, als er sich auf den Topf setzte: 
»Er gehe Brodel machen.« Als die Mutter darauf eingehend sagte: 
»Also mach nur deine Brodel schnell«, meinte er: »Du freust Dich, 
wenn ich genug Teig habe«, und fügte gleich hinzu: »Ich habe Teig 
anstatt Kaki gesagt.« »Wie geschickt ich bin,« meinte er, als er 
fertig war, »so einen großen Menschen habe idi gemacht. Wenn 
man mir Teig gibt, mache ich einen Menschen daraus. Nur etwas 
Spitzes brauche ich für die Augen und Knöpfe.« 

Seit der Zeit, als ich mit gelegentlichem Deuten eingesetzt 
hatte, waren ungefähr zwei Monate vergangen. Es trat dann in 
meinen Beobachtungen eine mehr als zweimonatlidie Pause ein. In 
dieser Zeit trat bei dem Knaben Angst auf, die sich schon an» 
deutungsweise darin gezeigt hatte, daß er dodi sdion vorher im 
Spiel mit den anderen Kindern sich weigerte, das ihm in den letzten 
Monaten so liebgewordene Räuber» und Indianerspiel fortzusetzen. 
Abgesehen von einer Zeit, da er im Alter zwischen zwei und drei 
Jahren pavor nocturnus gezeigt hatte, war Angst bei ihm nachher 
nicht manifest gewesen oder jedenfalls nicht beobachtet worden. So 
war die jetzt auftretende Angst eines jener Symptome, die vielleicht 
der Verlauf der Analyse manifest macht. Sie war wohl auch da- 
durch entstanden, daß er das bewußt Werdende wieder stärker zu 
verdrängen suchte. Befördert wurde die Auslösung der Angst wahr- 
scheinlich durch das Anhören der ihm in letzter Zeit so lieb ge- 
wordenen Grimm=Märchen, an die sie auch wiederholt anknüpfte 1 . 
Es mag auch beigetragen haben, daß die Mutter einige Wochen 
leidend war und sich mit dem Kinde, das sonst sehr an sie ge- 
wöhnt war, nur sehr wenig befassen konnte, was gewiß auch die 
Umsetzung der Libido in Angst erleichterte. Die Angst zeigte sich 
meist vor dem Einschlafen, das dadurch im Gegensatze zu früher 



1 Vor dem Beginne der Analyse hatte er eine starke Abneigung gegen die 
Grimm-Märdien, die dann mit der günstigen Veränderung zugleidi sich in Vor- 
liebe verwandelte. 



Eine Kinderentwiddung 295 



sich auch oft recht lange hinauszog und auch durch gelegentliches 
Aufschrecken aus dem Schlafe. Aber auch sonst war ein Rückfall 
zu verzeichnen. Das Alleinspielen und Erzählen hatten stark nach* 
gelassen, das Lesenüben war so eifrig geworden, daß es nun ent* 
schieden als übereifrig erschien, da er oft stundenlang lernen wollte 
und fortwährend übte. Auch war er viel schlimmer und weniger 
munter. 

Als ich wieder Gelegenheit hatte, mich mit ihm zu befassen, 
— allerdings nur gelegentlich — erfuhr ich nun, im Gegensatze zu 
vorher unter recht starkem Widerstände, von einem Traume, vor 
dem er sich sehr gefürchtet habe und auch jetzt noch selbst bei 
Tage fürchte. »Er hat Papierbogen mit Reitern angeschaut, da haben 
sich diese Bogen geöffnet und es sind zwei Männer herausgekommen. 
Er und seine Geschwister haben sich an die Mutter angehalten und 
wollten fliehen. Sie sind zu einem Haustor gekommen und da hat 
eine Frau gesagt: Da kann man sich nicht verstecken. Dann haben 
sie sich aber doch so versteckt, daß die Männer sie nicht finden 
konnten.« Er brachte diesen Traum unter heftigstem Widerstand, 
der sich beim Einsetzen des Deutens noch erhöhte, so daß ich, um 
den Widerstand nicht zu sehr zu erregen, nur unvollkommen und 
wenig deutete. An Einfällen bekam ich wenig, und zwar: Daß die 
Männer in den Händen Stöcke, Schießgewehre und Bajonette gehabt 
hätten. Als ich ihm erklärte, daß die das große Wiwi des Papa 
bedeuten, das er zugleich wünscht und auch fürchtet, entgegnete er 
mir, »daß doch diese Waffen hart, das Wiwi aber weich sei«. Er 
nahm aber, als ich ihm erklärte, daß das Wiwi auch hart wird, 
gerade dabei, was er zu tun sich wünscht, die Deutung ohne viel 
Widerstand an. Dann erzählte er noch, daß es ihm manchmal so 
vorkommt, als ob der eine Mann in dem andern gesteckt hätte und 
nur ein Mann wäre! 

Kein Zweifel, daß die bisher wenig beachtete homosexuelle 
Komponente nun stärker in den Vordergrund tritt, was auch die 
nächsten Träume und Phantasien zeigen. Ein anderer Traum, der 
aber nicht mit Angstempfindung verknüpft war, ist folgender: 
»Überall, hinter Spiegel, Türe usw. waren Wölfe mit lang heraus* 
hängenden Zungen. Die hat er alle weggeschossen, so daß sie 
starben. Er habe sich deshalb nicht gefürchtet, weil er stärker war.« 
v — Auch darauffolgende Phantasien handeln von Wölfen. Als er 
einmal wieder vor dem Einschlafen Angst zeigt, berichtet er darüber: 
Er hat sich vor dem Loch in der Mauer, wo das Licht herein* 
schaut <ein Mauerausschnitt zum Zwecke der Durchheizung) ge- 
fürchtet, weil das dann auch auf dem Plafond wie ein Loch aus* 
schaut. Von dort könnte ein Mann mit einer Leiter auf das Dach 
steigen. Auch spricht er davon, ob nicht der Teufel im Ofenloch 
sitzt. Er erzählt, er habe in einem Budi mit Bildern folgendes ge* 
sehen: Eine Dame ist in ihrem Zimmer. Da sieht sie, daß im 
Ofenloch der Teufel sitzt und der Schwanz herausschaut. Im Laufe 



2% Melanie Klein 



der Einfälle zeigt sich, wenn auch widerwillig und unter fortge* 
setztem Widerstand, daß er befürchtet hat, daß der Mann mit der 
Leiter auf ihn treten, ihm auf dem Bauche wehtun könne, und gibt 
schließlich zu, daß er für sein Wiwi fürchtet. 

Nicht lange nachher höre ich wieder, was allerdings sehr selten 
vorkam: »Kalt im Bauch.« In einem sich daran anschließenden Gespräch 
über Magen und Bauch bringt er folgende Phantasie: Im Magen ist 
ein Zimmer, da sind Tische, Stühle. Jemand setzt sich auf einen 
Stuhl, legt den Kopf auf den Tisch, da stürzt das ganze Haus 
ein, der Plafond auf den Fußboden, auch der Tisch fällt um, das 
Haus stürzt ein. Auf meine Frage: »Wer ist der Jemand und 
wie kam er hinein?« Er: »Ein kleiner Stock kam durch das Wiwi 
in den Bauch und so in den Magen.« In diesem Falle setzt er 
meiner Deutung wenig Widerstand entgegen. Ich sage ihm, daß 
er sich an die Stelle von seiner Mama gedacht hat und sich 
wünscht, sein Papa möchte das mit ihm machen, was er mit ihr 
macht. Er fürchtet aber <was er sich auch so von der Mama 
denkt), daß, wenn dieser Stock - Papas Wiwi - in sein Wiwi 
hineinkommt, ihm dabei weh geschieht und dann drinnen im Bauch, 
im Magen, alles zerstört wird. — Ein andermal berichtet er von der 
Angst, die er vor einem Grimm=Märchen empfindet. Es ist das 
Märchen von einer Hexe, die einem Manne vergiftete Nahrung 
reicht, er aber gibt sie seinem Pferde weiter, das daran zugrunde 
geht. Er erzählt, er fürchte sich vor Hexen, denn es könne doch 
sein, daß das nicht wahr ist, was man ihm gesagt hat: Daß es in 
Wirklichkeit keine Hexen gibt. Es gibt doch auch Königinnen, die 
schön und doch auch Hexen sind, und er mödite gerne wissen, wie 
Gift ausschaut, ob es fest oder flüssig ist 1 . Als ich ihn dann frage, 
warum er denn von seiner Mama so etwas Böses befürchtet, was 
er ihr denn getan oder gewünscht habe, gibt er zu, daß er, wenn 
er böse war, sowohl ihr wie dem Papa schon gewünscht hat, daß 
sie sterben möchten und sich auch schon gedacht hat »dreckige 
Mama«. Auch daß er ihr böse ist, wenn sie ihm verbietet, mit dem 
Wiwi zu spielen, gibt er zu. Übrigens zeigt sich im Verlaufe des 
Gespräches, daß er auch von einem Soldaten befürchtet, Gift zu 
bekommen, und zwar ist das ein fremder Soldat, der ihm zusah, 
als er, Fritz, vor einem Geschäft die Beine an einen Wagen an- 
gestemmt hatte, um darauf zu springen. Im Anschlüsse an meine 
Deutung, daß der Soldat der Papa ist, der ihn für seine bösen 
Absichten, nämlich auf den Wagen — die Mama — zu springen, 
bestrafen will, richtet er bis dahin noch nicht gestellte Fragen an 
mich nach dem Akte. »Wie der Mann das Wiwi hineinstedten 
könne - ob der Papa noch ein Kind machen möchte — wie groß man 

1 Damit sdieint mir auch das kur: vorher aufgetretene Interesse, woher es 
kommt, daß Wasser flüssig ist und wie das überhaupt ist, daß Sachen fest und 
flüssig sind, mitbegründet. Die Angst war wohl auch schon bei diesem Inter* 
esse wirksam 



Eine Kinderentwicklung 297 



sein muß, damit man ein Kind machen kann — ob auch die Tante 
mit der Mama das machen könnte« usw. Der Widerstand zeigt 
sich wieder verringert. Am Anfang, bevor er zu erzählen beginnt, 
erkundigt er sich ganz munter, ob ihm das »Unangenehme«, wenn 
ich es ihm erklärt haben werde, wieder nicht unangenehm sein 
wird, ebenso wie es mit dem bisherigen war. Er erzählt dabei, 
daß er sich vor den ihm erklärten Sachen, auch wenn er daran 
denkt, gar nicht mehr fürchtet. 

Das Gift wurde leider nicht weiter aufgeklärt, da keine Ein* 
fälle mehr dafür zu haben waren. Das Deuten mit Hilfe der Ein* 
fälle gelang überhaupt nur manchmal, meist war es so, daß spätere 
Einfälle, Träume, Geschichten vorhergehende erklärten und er* 
gänzten. Auch daraus erklärt sich teilweise mein manchmal recht 
unvollkommenes Deuten. 

Ich hatte in diesem Falle ein sehr reiches Material, das zum 
großen Teile ungedeutet blieb. Außer seiner vorherrschenden Sexual- 
theorie lassen sich verschiedene andere Geburtstheorien und Strö* 
mungen erkennen/ die anscheinend nebeneinander laufend, manchmal 
die eine oder die andere stärker betont wirksam sind. Die Hexe 
in dieser zuletzt besprochenen Phantasie leitet nur eine, dann öfter 
wiederkehrende Gestalt ein, die er, so scheint es mir, durch Teilung 
der Mutter-Imago erhalten hat. Dies zeigt sich mir auch in der 
seit einiger Zeit zutage tretenden gelegentlichen ambivalenten Ein* 
Stellung dem weiblichen Geschlechte gegenüber. Seine Einstellung 
ist zwar im allgemeinen der Frau wie dem Manne gegenüber eine 
sehr gute, aber gelegentlich bemerke ich doch, daß er kleine Mädchen 
oder auch weibliche Erwadisene mit einer nicht genügend begrün* 
deten Antipathie bedenkt. Diese zweite weibliche Imago, die er, um 
sich die geliebte Mutter, so wie sie ist, zu erhalten, von dieser ab* 
gespalten hat, ist die Frau mit dem Penis, über die anscheinend 
auch bei ihm der Weg zu der stark zum Vorschein kommenden 
Homosexualität führt. Das Symbol für die Frau mit dem Penis 
ist auch bei ihm die Kuh, die er nicht liebt, während er das Pferd 
zärtlich liebt 1 . Um nur ein Beispiel dafür anzugeben: Vor dem 
Schaum, den die Kuh vor dem Maul hat, zeigt er Ekel und be* 
hauptet, daß sie einen damit anspucken will, vom Pferde behauptet 
er, daß es ihn küssen will. Daß die Kuh ihm die Frau mit dem 
Penis darstellt, geht nicht nur unzweifelhaft aus seinen Phantasien 
hervor, sondern auch aus verschiedenen Bemerkungen. Wiederholt hat 
er beim Urinieren den Penis mit der Kuh identifiziert. Zum Bei* 
spiel: »Die Kuh läßt Milch in den Topf«, oder, als er die Hose 
öffnet: »Die Kuh schaut beim Fenster heraus«. Das Gift, das ihm 
dann die Hexe reicht, könnte wohl auch noch mit der Theorie der 
Befruchtung durch das Essen, die an ihm vollzogen würde, deter* 

1 Die Bedeutung des Pferdes ist mir nadi dem bisherigen Material nodi 
nidit ganz klar: es scheint mandimal männliches, manchmal weibliches Symbol 
darzustellen. 



298 Melanie Klein 



miniert sein. Mehrere Monate vorher war von dieser ambivalenten 
Einstellung noch kaum etwas zu merken. Als er von jemandem 
die Bemerkung hörte, eine Dame sei ekelhaft, frug er ganz erstaunt: 
»Eine Dame kann ekelhaft sein?« 

Von einem andern weiteren Traume mit Angstempfindung 
berichtete er wieder unter starkem Widerstand. Er begründete die 
Unmöglichkeit, ihn zu erzählen, damit, daß er so lang sei. Da 
müßte er den ganzen Tag erzählen. Ich erwiderte ihm, so würde 
er eben nur einen Teil erzählen. »Aber gerade im Langen war das 
Unangenehme«, war seine Antwort. Daß dieses »Unangenehme, 
Lange« das Wiwi des Riesen sei, von dem der Traum handelte, 
leuchtete ihm bald ein. Es kehrte in verschiedenen Formen wieder 
als Aeroplan, der die Leute nach einem Gebäude bringt, bei dem 
man gar keine Türen sieht, audi gar keinen Boden ringsherum, 

u d ' e i StCf V °" er Leute - Aber der R' ese se,bst ist ganz 
mit Menschen behängt und greift auch nach ihm. Es war eine 

Mutterleibs- und Vaterleibsphantasie, dabei auch Wunsch nach dem 
Vater. Aber auch eine seiner Geburtstheorien, die Vorstellung, 
daß er den Vater <sonst auch die Mutter) auf analem Wege zeuge 
und gebäre, zeigt sich wirksam. Zum Schluß kann er selbst fliegen,- 
mit Hilfe der andern Leute, die schon aus dem Zuge ausgestiegen 
sind, sperrt er den Riesen in den fahrenden Zug und fliegt mit 
dem Schlüssel fort. Bei diesem Traume deutete er auch selbst vieles 
mit. Dem Deuten brachte er überhaupt großes Interesse entgegen 
und fragte, ob das ganz »innen drinnen« ist, wo er das denkt, 
was er selbst nicht weiß, ob das jeder Erwadisene erklären 
kann? usw. 

Von einem andern Traume berichtet er, daß er unangenehm 
war, es fällt ihm aber nur ein, daß da ein Offizier war, der 
einen großen Mantelkragen hatte und daß er sich ebenfalls einen 
solchen Mantelkragen umnahm. Sie sind zusammen von irgendwo 
1 herausgekommen. Es war finster und er ist gefallen. Nach der 
Deutung, daß er es wieder einmal mit dem Papa aufnehmen und 
ein ebensolches Wiwi haben wolle, fällt ihm plötzlich das ein, was 
unangenehm war. Der Offizier hat ihn bedroht, gehalten, nicht 
wieder aufstehen lassen usw. Ich will aus den freien Einfällen, 
die er diesmal ganz willig brachte, nur ein Detail hervorheben, 
das ihm auf die Frage einfiel, yon wo er mit dem Offizier 
herausging. »Es fiel ihm ein Geschäftshof ein, der ihm dadurch 
gefiel, daß auf schmalen Schienen kleine Wagen mit Gepäck aus* 
und einfuhren«. Wieder der Wunsch, es mit dem Papa zugleich bei 
der Mama zu machen, was aber mißlingt, worauf er die dem Vater 
geltende Aggression auf diesen ihm gegenüber projiziert. Auch da 
scheint mir als andere Determinante die sehr starke analerotische und 
homosexuelle (die ja auch unzweifelhaft in den vielen Teufels* 
Phantasien, wo der Teufel auch in einer Höhle oder in einem eigen- 
tümlichen Haus wohnt) wirksam zu sein. 



Eine Kinderentwiddung 299 



Nadi dieser auf ungefähr sechs Wochen sich erstreckenden 
neuerlichen Beobachtung mit meist nur an die Angstträume an- 
schließender Analyse war die Angst wieder vollkommen geschwunden,- 
Schlafen und Einschlafen wieder tadellos geworden. Spiel und Ge- 
selligkeitsbedürfnis ließen nichts zu wünschen übrig, Eine kleine 
Phobie vor Straßenkindern war zugleich mit der Angst aufgetreten. 
Ihre reale Begründung lag darin, daß wiederholt Straßenjungen ihn 
bedroht und ihn belästigt hatten. Er zeigte Furcht, allein über die 
Straße zu gehen und ließ sich dazu nicht bewegen. Dieser Phobie 
noch analytisch beizukommen, war mir wegen neuerlicher Abreise 
nicht mehr möglich. Davon abgesehen aber machte, wie gesagt, das 
Kind einen absolut günstigen Eindrück. Als ich einige Monate später 
Gelegenheit hatte, ihn wiederzusehen, bestärkte sich mir dieser gute 
Eindruck, Seine Phobie hatte er in der Zwischenzeit verloren, und 
zwar, wie er mir berichtete, auf folgende Weise: Bald nach meiner 
Abreise ist er zuerst über die Straße gelaufen und hat die Augen 
zugemacht. Dann ist er gelaufen und hat nur den Kopf weggedreht, 
und schließlich ist er wieder ganz ruhig gegangen. Dagegen zeigte 
er <wohl auch zufolge dieses Selbstheilungsversuches — er versicherte 
mir stolz: nun fürchte er sich vor gar nichts mehr!) eine ent- 
schiedene Abneigung gegen Analyse, vermied aber auch das Er- 
zählen von Geschichten und Anhören der Märchen, das einzige 
also, was sich ungünstig verändert hatte. Ob die — wie ich noch 
ein halbes Jahr später feststellen konnte — anscheinend haltbare 
Erledigung der Phobie nur eine Folge seines Selbstheilungsver- 
fahrens war? Oder nicht doch, zumindest teilweise, eine nachträgliche 
Wirkung der Kur nach deren Beendigung, wie man es mit dem 
Schwinden des einen oder andern Symptoms nach Analysen häufig 
beobachten kann? 

Ich möchte übrigens den Ausdruck »beendigte Kur« auf diesen 
Fall nicht anwenden. Mit ihrem nur gelegentlichen Deuten wäre 
diese Beobachtung nicht als Kur zu bezeichnen, ich möchte dafür 
die Bezeichnung » Erzieh ung mit analytischem Einschlag« verwenden. 
Aus demselben Grunde möchte - Feh auch nicht behaupten, daß sie 
beendigt war bei dem Punkte, bis zu dem ich sie hier geschildert 
habe. Schon daß sich so lebhafter Widerstand gegen die Analyse 
und ein Nichtanhörenwollen von Märchen zeigte, läßt es mir als 
wahrscheinlich erscheinen, daß auch die fernere Erziehung noch Anlaß 
zu gelegentlichem analytischen Eingriff bieten kann. 

Ich komme damit zu der Folgerung, die ich aus diesem Falle 
ziehen möchte. Ich meine, daß keine Erziehung des analytischen 
Einschlages entbehren sollte, weil sie sich damit einer wertvollen, 
in ihren prophylaktischen Wirkungen noch unabsehbaren Hilfe begibt. 
Wenn ich diese Forderung auch nur mit einem Fall begründen kann, 
in dem sich mir die Analyse als Behelf in der Erziehung sehr förderlich 
erwies, so stehen mir anderseits viele Beobachtungen und Erfahrungen 
zur Seite, die ich an Kindern machen konnte, die ohne analytische 



300 Melanie Klein 



Hilfe erzogen wurden. Ich möchte von diesen Beobachtungen nur 
zwei mir gut bekannte Kinderentwicklungen 1 anführen, die mir als 
Beispiele geeignet erscheinen, da sie weder zur Neurose noch zu 
abnormer Charakterentwicklung geführt haben, also zu den normalen 
zu rechnen sind. Es handelt sich dabei um sehr gut veranlagte und 
recht vernünftig und liebevoll erzogene Kinder. Es war z. B. ein 
Erziehungsprinzip, daß jede Frage gestattet sei und gerne beant- 
wortet werde,- es war auch sonst den Kindern ein größeres Maß 
an Natürlichkeit und Meinungsfreiheit gestattet, als es im allgemeinen 
üblich ist, doch wurden sie, wenn auch mit Zärtlichkeit, so doch mit 
Festigkeit geleitet. Von der so bereitwillig befriedigten Fragefreiheit 
hat in bezug auf die Aufklärung nur das eine Kind und auch das 
nur in sehr geringem Maße Gebrauch gemacht. Viel später erst - 
als er fast erwachsen war - erzählte der Knabe, daß ihm die auf 
seine Frage nach der Geburt erteilte richtige Antwort vollkommen 
""genügend erschienen sei und ihn dieses Problem weiter stark be- 
schäftigt habe. Die Auskunft war wohl nicht vollkommen gewesen, 

Vj ~~ a,le rdings entsprechend der gestellten Frage - sich nicht 
r« j" , Anteil des Vaters an der Geburt erstreckt hatte. Auf- 

i-?- abef ' Sr ' ^ ( * er ^nabe innerIidl >"<t diesem Problem be- 
schäftigt, doch weitere, sich darauf beziehende Fragen nie gestellt 
hat, aus ihm selbst unbekannten Gründen, da er gar keinen Anlaß 
hatte, an der Bereitwilligkeit der Antwort zu zweifeln. Bei diesem 
Knaben setzte mit dem vierten Jahre eine Phobie vor dem näheren 
Verkehr mit Menschen - speziell Erwachsenen — ein, zu der dann 
auch eine Phobie vor Käfern trat. Diese Phobien hielten einige Jahre 
an und wurden nach und nach durch Liebe und Gewöhnung so 
ziemlich behoben. Der Ekel vor kleinem Getier verlor sich allerdings 
nie. Auch zeigte der Knabe nachher nie 6eu Wunsch nach Gesell- 
schaff, wenn auch keine direkte Scheu mehr davor. Der Knabe hat 
sich im übrigen psychisch, physisch und intellektuell gut entwickelt 
und ist normal gesund. Aber eine ausgesprochene Ungeselligkeit, 
Reserve, auf sich selbst Zurückgezogensein, und noch einige damit 
zusammenhängende Charaktereigenschaften scheinen mir als die 
Spuren der sonst glücklich überwundenen Phobie, als dauernde 
Elemente der Charakterbildung zurückgeblieben zu sein. — Beim 
zweiten Beispiel handelt es sich um ein Mädchen, das sich in den 
ersten Lebensjahren geradezu ungewöhnlich begabt und wissens- 
durstig zeigte. Vom Alter von ungefähr fünf Jahren angefangen, 
hat das Kind in seinem Forschungsdrang stark nachgelassen 8 , wurde 
nach und nach oberflächlich, nicht lerneifrig und ohne tieferes Interesse 
und hat, wenn auch vorhandene gute intellektuelle Anlagen weiter 
unverkennbar sind, sich bisher wenigstens — sie ist jetzt im fünf- 
zehnten Jahre — zu einem durchschnittlidien Intellekt entwickelt. 

1 Es handelt sich um Geschwister, die zwei Kinder einer gut befreundeten 
Familie, so daß ich ihre Entwicklung genau kenne. 

- Dieses Kind hat die Frage nach sexueller Aufklärung überhaupt nie 
gestellt. 



Eine Kinderentwicklung 301 



Wenn auch die bisherigen guten und bewährten Erziehungs» 
prinzipien viel für die Kulturentwicklung der Menschheit geleistet 
haben, die Erziehung des Einzelnen ist dabei, wie gerade die 
besten Pädagogen wußten und wissen, ein kaum lösbares Problem 
geblieben. Wer Gelegenheit hat, die Entwicklung von Kindern zu 
verfolgen und sich mit den Charakteren der Erwachsenen eingehender 
zu beschäftigen, weiß es: daß oft die best veranlagten Kinder plötzlich, 
ohne daß sich dafür ein Grund finden ließe, versagen, und zwar in 
der mannigfaltigsten Weise. Einzelne, die bis dahin gut und lenkbar 
waren, werden scheu, schwer behandelbar oder direkt trotzig und) 
aggressiv. Da sieht man heitere und freundlidie Kinder ungesellig 
und verschlossen werden. Bei anderen, deren intellektuelle Anlagen 
schönste Blüte versprachen, erscheint diese auf einmal wie abge= 
schnitten. Glänzend veranlagte Kinder versagen oft vor einer kleinen 
ihnen gestellten Aufgabe und verlieren dann Mut und Selbstver* 
trauen. Freilich kommt es auch häufig vor, daß solche Schwierigkeiten 
in der Entwicklung auch wieder glücklich überwunden werden. Aber 
die kleineren Schwierigkeiten, über die oft die Elternhand liebevoll 
hinweghalf, zeigen sich im späteren Verlaufe des Lebens oft als 
große, unüberwindliche Schwierigkeiten wieder, die dann zum Zu= 
sammenbruche oder doch zu viel Leiden führen können. Unzählig sind 
die Schäden und Hemmungen, die die Entwicklung betreffen, ohne 
von den Vielen zu sprechen, die später der Neurose verfallen. 

Wenn wir die Notwendigkeit erkennen, die Psychoanalyse in 
die Erziehung einzuführen, so bedeutet das nicht den Umsturz der 
bisherigen guten und bewährten Erziehungsprinzipien. Die Psycho« 
analyse hätte dabei der Erziehung als Behelf — als Ergän« 
zung - zu dienen die als richtig erkannten bisherigen Grundlagen 
blieben dadurch unberührt 1 . Zu allen Zeiten haben ja wirklich 
gute Pädagogen aus ihrem Unbewußten heraus das Richtige ange« 
strebt: sich durch Liebe und Verständnis zu den tiefer liegenden, 
manchmal so unbegreiflich und verdammenswert scheinenden Re=- 
gungen des Kindes in Beziehung zu setzen. Es lag nicht an den 



1 Nach meinen Erfahrungen konnte ich feststellen, daß sich äußerlich an- 
scheinend nicht viel in der Erziehung verändert. — Es sind jetzt seit dem Zeit- 
punkte, da ich die hier geschilderten Beobachtungen abschloß, ungefähr eineinhalb 
Jahre vergangen. Der kleine Fritz besucht die Schule, fügt sich tadellos in deren 
Rahmen ein und gilt dort wie auch sonst als ein wohlerzogenes Kind, das bei aller 
Unbefangenheit und Natürlichkeit sich ganz entsprechend benimmt. Der wesentliche, 
dem uneingeweihten Beobachter aber kaum bemerkbare Unterschied liegt in einer 
völlig veränderten Grundeinstelfung von seiten der Erzieher und des Kindes. So 
erweist es sich — wobei auch zugleich ein absolut herzliches freundschaftliches 
Verhältnis sich entwickelt hat — daß erzieherische Forderungen, die sonst häufig 
nur unter großem autoritativen Nachdruck . und mit Schwierigkeiten zur Geltung 
gebracht werden können, sich ganz leicht erfüllen lassen — da die dagegen im 
Kinde wirksamen unbewußten Widerstände durch Analyse behoben werden. — Es 
ergibt sich also als Resultat der Erziehung mit Hilfe der Analyse — daß das 
Kind die auch sonst üblichen Erziehungsforderungen erfüllt, aber auf Grund anderer 
Voraussetzungen. 



302 Melanie Klein 



Pädagogen, es lag an den Behelfen, wenn ihnen dieses Bestreben 
nicht oder nur sehr unvollkommen gelang. In dem schönen Buch 
der Lily Braun: »Memoiren einer Sozialistin« lesen wir, wie sie 
in dem Bestreben, die Sympathie und das Vertrauen ihrer Stief- 
söhne <ich glaube ungefähr 10 und 12 jähriger Knaben) zu gewinnen, 
ihnen, von. ihrer bevorstehenden Niederkunft ausgehend, über die 
sexuellen Vorgänge Aufklärung geben will. Sie wird traurig und 
ratlos, wie sie bei diesem Bemühen auf offenen Widerstand und 
Ablehnung stößt, und muß den Versuch aufgeben. Wieviele Eltern, 
deren größtes Bestreben es ist, sich die Liebe und das Vertrauen 
ihrer Kinder zu erhalten, sehen sich plötzlich vor einer Situation, 
in der sie — ohne es zu begreifen - erkennen müssen, daß sie 
beides nie richtig besessen haben. 

Um zu dem hier ausführlich beschriebenen Beispiel zurückzu= 
kehren: Wodurch war die Einführung der Psychoanalyse in die 
Erziehung dieses Kindes begründet? Es war bei dem Knaben eine 
Spielhemmung vorhanden, die Hand in Hand ging mit einer Hemmung, 
Geschichten zu hören und zu erzählen, ferner zunehmende Schweig- 
samkeit, Grübelsucht, Zerstreutheit und Ungeselligkeit. Wenn nun 
auch das psychische Gesamtbild des Kindes in diesem Stadium die 
Bezeichnung »Krankheit« keinesfalls verdient hätte, läßt sich doch 
nach Analogien eine Vermutung über mögliche Entwicklungen aus- 
sprechen: Vielleicht hätten diese Hemmungen in bezug auf Spiel, 
Erzählen, Zuhören, ferner die Grübelsucht und die Zerstreutheit, 
auf einer späteren Stufe zu neurotischen Zügen sich entwickelt — 
die Schweigsamkeit und Ungeselligkeit zu Charakterzügen. Ich muß 
da — als bedeutungsvoll — folgendes nachtragen: Die hier ange* 
gebenen Eigentümlichkeiten waren zum Teil, wenn auch nicht so 
prägnant, von ganz klein angefangen bei dem Kinde vorhanden 
gewesen, nur indem sie sich verstärkten und andere dazutraten, 
hatten sie das auffallendere Bild ergeben, daß mir ein Eingreifen 
der Psychoanalyse als wünschenswert erscheinen ließ. Der Knabe, 
cler sich vollkommen gesund und normal, wenn auch langsam ent« 
wickelt hatte, begann erst mit zwei Jahren zu sprechen. Schon vorher 
aber und auch nachher hatte er einen ungewöhnlich nachdenklichen 
Gesichtsausdrude, der, als das Kind dann fließender zu sprechen begann, 
in gar keinem Verhältnisse zu den zwar normalen, aber keineswegs 
auffallend klugen Bemerkungen stand, die der Knabe hören ließ. 
Er hatte auch nie viel erzählt, überhaupt nie viel gesprochen, am 
Spielen, soweit die Phantasie mitbeteiligt ist, nie Vergnügen gefunden,- 
in Gesellschaft ihm lieber Kinder hielt er sich wohl gerne auf, aber 
ohne recht zu spielen, eigentlich liebte er nur Bewegungsspiele und 
eine Zeitlang Formen im Sand. Er war bei aller Munterkeit meist 
nachdenklich, schaute und beobachtete gerne. An der Gesellschaft 
Erwachsener, außer ihm vertrauter, fand er gar kein yergnügen, 
er zeigte wohl keine Scheu, aber auch keine Lust, sich mit ihnen zu 
unterhalten. Wie weit eine im Alter von nicht ganz einem Jahre rest- 



Eine Kinderentvticklung 303 



los überstandene schmerzhafte Erkrankung als Trauma und Ursache 
langsamerer Entwicklung gewirkt haben mag, entzieht sich meinem 
Urteile. Beobachten ließ sich, daß er vor dieser Erkrankung, wenn 
auch nicht Sprechversuche, aber immerhin darauf hindeutende Laute 
hören ließ, die dann erst sehr viel später wieder einsetzten. Ob nicht 
das späte Sprechen, zum Teil auch schon ein »Nichtgernesprechen« 
bedeutete, das sich dann in der späteren Schweigsamkeit zeigte, oder 
in welcher Beziehung es zu dieser stand? Tatsächlich aber ist mit 
dem Einsetzen der sexuellen Fragen und deren Befriedigung nicht 
nur der starke Entwicklungsschub erfolgt, sondern auch die von 
klein auf vorhanden gewesene Schweigsamkeit, die geringe Fragelust 
und das wenige Erzählen, zeigten sich dadurch vollkommen ver» 
ändert. Allerdings traten sie, nach den hier beschriebenen Perioden 
wieder in der ursprünglichen Art auf und verschlechterten sich bis 
zum Einsetzen der Psychoanalyse. Diese hat dann die Hemmungen 
behoben, eine freie Entwicklung eingeleitet. Auffallend ist im Gegen* 
satze zu früher, nun seine muntere Gesprächigkeit, sein ausgesprochenes 
Geselligkeitsbedürfnis, und zwar nicht nur Kindern, auch Erwachsenen 
gegenüber, mit denen er sich ebenfalls gerne und frei unterhält. 

Aber noch etwas anderes konnte ich aus diesem Falle lernen. 
Wie vorteilhaft und notwendig es wäre, den analytischen Einschlag 
ganz zeitlich in die Erziehung einzuführen — so bald wir uns mit dem 
Bewußten des Kindes ins Einvernehmen setzen, auch schon die 
Beziehung zu seinem Unbewußten anzubahnen. Dann ließe sich 
wahrscheinlich leicht die Hemmung oder der neurotische Zug sowie 
sie sich zu bilden beginnen, auch schon auflösen. Est ist kein Zweifel, 
daß das normale dreijährige, eventuell auch noch jüngere Kind, das 
so häufig schon so lebhafte Interessen zeigt, auch schon intellektuell 
fähig wäre, die ihm gegebenen Erklärungen so gut wie etwas anderes 
zu erfassen. Wahrscheinlich viel besser als das größere Kind, das 
schon durch einen stärker befestigten Widerstand affektiv daran 
verhindert ist, während diese natürlichen Dinge dem kleinen Kinde 
noch viel näher liegen, solange noch nicht die Schädlichkeiten der 
Erziehung allzu sehr ihre Wirkung ausgeübt haben. Das wäre dann, 
weit mehr noch als in dem Falle dieses schon fünfjährigen Knaben, 
die eigentliche Erziehung mit analytischem Einschlage. 

So groß auch die Hoffnungen sind, die man für den Einzelnen 
und die Allgemeinheit an eine derartige, allgemeine Erziehung 
knüpfen könnte, so braucht anderseits eine zu weitgehende Wirkung 
nid« befürchtet zu werden. Auch wo wir uns dem Unbewußten 
6es ganz kleinen Kindes gegenübersehen, werden wir uns sicherlich 
vor all seinen fertigen Komplexen finden. In welchem Maße diese 
Komplexe phylogenetisch mitgebracht, in welchem Maße schon onto= 
genetisch erworben -sind? Nach A. Stärcke liegt eine ontogenetische 
Wurzel des Kastrationskomplexes für den Säugling im zeitweiligen 
Verschwinden der ihm zugehörig scheinenden Mutterbrust. Das Ab» 
setzen des Stuhles wird als eine andere ontogenetische Wurzel des 



304 Melanie Klein 



Kastrationskomplexes aufgefaßt. In dem Falle dieses Knaben, wo 
Drohungen nie geübt wurden, und die Lust zur Onanie auch ziemlich 
frei und furchtlos sich äußerte, war doch ein sehr stark ausgesprochener 
Kastrationskomplex vorhanden, der sicherlich zum Teil auf dem 
Boden des Ödipuskomplexes erwachsen war. Jedenfalls aber liegen 
bei diesem Komplexe und so bei der Komplexbildung überhaupt, 
die Wurzeln in einer Tiefe, zu der wir hinabzudringen nicht ver- 
mögen. In dem hier beschriebenen Falle scheinen mir die Grundlagen 
seiner Hemmungen und neurotischen Züge zum Teil vielleicht 
schon in die Zeit bevor er sprach zurückzureichen. Es wäre gewiß 
schon viel früher und leichter als es geschah, möglich gewesen, sie 
aufzulösen, nicht aber die Wirksamkeit der Komplexe ganz auszu- 
schalten, die sie verursacht hatten. Eine zu weit gehende Wirkung 
der Frühanalyse, eine Wirkung, die die Kulturentwicklung des ein* 
zelnen und damit die Kulturgüter der Menschheit gefährden könnte, 
ist sicherlich nicht zu befürchten. Wie weit wir auch da vordringen 
mögen, es findet sich immer wieder die Schranke, vor der wir not- 
gedrungen halt machen müssen. Viel Unbewußtes, Komplexbetontes, 
wird weiter kunst- und kulturbildend wirksam sein. Was die 
Frühanalyse leisten kann, wird die Verhütung zu großer Ver- 
schüttung, die Beseitigung von Hemmungen sein. Damit wird sie 
aber nicht nur der Gesundheit des einzelnen, sondern gerade auch 
der Kultur dienen, indem sie durdi die Beseitigung von Hemmungen 
Entfaltungsmöglichkeiten frei macht. Bei dem von mir beobachteten 
Knaben war es auffallend, wie sehr seine allgemeinen Interessen 
angeregt wurden, als die Befriedigung eines Teiles seiner unbewußten 
Fragen erfolgte. Und wie sehr sein Forschungsdrang dann wieder 
nachließ, weil weitere unbewußte Fragen in ihm wirksam wurden 
und sein ganzes Interesse auf sich zogen. 

Es erübrigt wohl, näher darauf einzugehen, daß die Wirksam- 
keit von Wünschen und Triebregungen durch das Bewußtwerden 
nur vermindert werden kann. Ich kann aber auch aus meinen Be- 
obachtungen feststellen, daß ebenso wie beim Erwachsenen auch 
beim kleineren Kinde dies ohne jegliche Gefährdung vor sich geht. 
Es ist wohl wahr, daß schon mit der Aufklärung beginnend und 
mit dem Einsetzen der Analyse sich sehr verstärkend, eine aus- 
gesprochene Charakteränderung bei dem Knaben hervortrat, wo- 
bei allerdings auch »unbequeme« Charakterzüge zum Vorscheine 
kamen. Der vorher sanfte und bloß ausnahmsweise aggressive 
Knabe wurde aggressiv, rauflusti 
Phantasien, sondern auch in Wirk! 



Verminderung der Autorität der 



g, und zwar nicht nur in seinen 
ichkeit. Es ging damit auch eine 
Ha 



Erwachsenen Hand in Hand, die 



aber keineswegs mit einer mangelnden Fähigkeit, andere anzuer- 
kennen, identisch ist. Ein gesunder Skeptizismus, der gerne auch 
sieht und begreift, was er glauben soll, vereinigt sich bei ihm mit 
der Fähigkeit, die Verdienste oder Geschicklichkeit anderer, speziell 
des sehr geliebten und bewunderten Vaters, oder auch des älteren 



Eine Kinderentwicklung 305 



Bruders, anzuerkennen. Dem weiblichem Geschlechre gegenüber fühlt 
er sich, dies aber aus anderen Quellen fließend, eher überlegen, 
mehr beschützerisch. Die Verminderung der Autorität äußert sich 
bei ihm in erster Linie darin, daß er sich zu jedermann in ein 
kameradschaftliches, freundschaftliches Verhältnis setzt, wie es auch 
seinen Eltern gegenüber der Fall ist. Er legt sehr viel Wert auf 
die Möglichkeit, seine Meinung, seinen Willen zu behalten,- das 
Folgen fällt ihm entschieden mitunter schwer. Dabei ist er aber doch 
unschwer eines Besseren zu belehren und folgt, um die geliebte 
Mutter zufrieden zu stellen, trotzdem es ihm manchmal sauer fällt, 
im großen ganzen doch recht gut. Alles in allem betrachtet, bietet 
seine Erziehung keine besonderen Schwierigkeiten, trotz der zutage 
getretenen »unbequemen« Charakterzüge. 

In keiner weise beeinträchtigt, ja eher noch stärker angeregt, 
zeigt sich die bei ihm sehr günstig entwickelte Fähigkeit, gut zu 
sein. Er gibt leicht und gerne, legt sich für Menschen, die er liebt, 
auch Opfer auf, ist rücksichtsvoll und besitzt in vollem Maße, was 
man »Herzensgüte« nennt. In diesem Falle zeigt sich auch, was 
uns aus den Analysen Erwachsener bekannt ist: daß die Analyse, 
diese geglückten Bildungen keineswegs ungünstig, sondern eher noch 
fördernd beeinflußt. Mir scheint deshalb der Rückschluß erlaubt, daß 
auch die Frühanalyse schon geglückte Verdrängungen, Reaktions- 
bildungen und Sublimierungen nicht beeinträchtigen, dagegen die 
Möglichkeit zu anderen Sublimierungen frei machen wird 1 . 

Eine andere für die Frühanalyse sich ergebende Schwierigkeit 
muß noch erwähnt werden. Unleugbar kommt durch das Bewußt- 
werden seiner Inzestwünsche, die auf die Mutter gerichtete Leiden- 
schaft auch im Leben stark heraus, macht aber keinen Versuch, die 
ihr gesetzten Schranken in einer andern Weise zu überschreiten, 
als es sonst bei zärtlichen kleinen Jungen der Fall ist. Das Ver- 
hältnis zum Vater ist trotz <oder wegen) der bewußt gewordenen 
Aggression ein ausgezeichnetes. Es ist eben auch damit so, daft 
die bewußt werdende Leidenschaft leichter zu beherrschen ist als die 
unbewußt bleibende. Zugleich aber macht er mit der Erkenntnis seiner 
Inzestwünsche auch schon Versuche zur Ablösung dieser Leiden- 
schaft und ihrer Übertragung auf ihm erreichbare Objekte. Dies 
scheint mir auch aus einem der hier zitierten Gespräche zu folgen, 
wo er schmerzlich feststellte, daß er dann wenigstens mit der Mutter 
zusammenwohnen will. Auch andere wiederholte Bemerkungen weisen 
darauf hin, daß der Ablösungsprozeß von der Mutter teilweise ein- 
geleitet ist, oder wenigstens der Versuch dazu unternommen wird-. 



1 Es wurden in diesem Falle nur deren Übertriebenheit und Zwanghaftig- 
keit aufgehoben. 

8 Nicht im Zeiträume dieser Beobachtungen, sondern fast ein Jahr später, 
äußerte er nach einer Liebeserklärung wieder einmal sein Bedauern, daß er die 
Mutter nicht heiraten könne. >*Du wirst ein schönes Mädchen heiraten, daß dir 
gefällt, wenn du groß bist«, erwiderte sie ihm. >Ja, aber«, sagte er, schon ganz 

Image. VII /3 20 



306 Melanie Klein 



Es ist also zu hoffen, daß seine Ablösung von der Mutter 
den richtigen Weg einschlagen wird, den der Objektwahl nach der 
Mutter=Imago. 

Aber auch von den Schwierigkeiten, die sich für das Kind 
mit der anders denkenden Umwelt durch die Frühanalyse ergeben 
könnten, habe ich wenig wahrgenommen. Das Kind, das sich so 
empfindlich auch nur ganz leichten Abweisungen gegenüber zeigt, 
weiß ganz gut, wo es auf Verständnis rechnen kann und wo nicht. 
In diesem Falle hatte der Knabe nach einigen leichten, mißglückten 
Versuchen es vollkommen aufgegeben, anderen als seiner Mutter 
und mir in dieser Beziehung sein Vertrauen zu schenken. Dabei 
aber blieb er in bezug auf andere Dinge der Umwelt gegenüber 
ganz zutraulich. 

Eine andere Sache, die leicht zu Übelständen führen könnte, 
erweist sich auch bald als leicht regulierbar. Das Kind hat das 
natürliche Bedürfnis, auch die Analyse zu Lustgewinn auszunützen. 
Des Abends, wenn es einschlafen sollte, meldet es sich dann wohl 
mit der Mitteilung, daß ihm etwas eingefallen sei, das es aii* 
bedingt besprechen muß. Oder es sucht tagsüber die Aufmerksam* 
keit mit derselben Mitteilung auf sich zu lenken, kommt eventuell 
auch zu ungelegener Zeit mit seinen Phantasien, kurz, es kann auf 
mannigfaltige Weise den Versuch machen, die Analyse ins Leben 
umzusetzen. Mir hat sich dabei ein ebenfalls von Dr. Freund 
erteilter Rat vorzüglich bewährt: Ich setzte, auch wenn ich dies 
dann gelegentlich veränderte, eine gewisse Zeit für die Analyse 
fest und habe dem Kinde gegenüber, obwohl ich bei unserem nahen 
Zusammenleben recht viel in seiner Nähe war, unbedingt daran 
festgehalten. Und das Kind fand sich nach einigen mißglückten Ver» 
suchen vollkommen hinein. Ebenso lehnte ich seine Versuche, etwas 
von der in der Analyse herauskommenden, seinen Eltern und mir 
geltenden Aggression auch sonst zu äußern, energisch ab und forderte 
von ihm den üblichen höflichen Ton, was auch sehr bald eingehalten 
wurde. Wenn es sich auch hier schon um ein über fünf Jahre altes, 
und deshalb vernünftigeres Kind handelte, so zweifle ich nicht, daß auch 
beim kleineren Kinde sich Mittel und Wege finden lassen, um diese 
Übelstände zu verhindern. Dafür wird es sich ja auch beim kleineren 
Kinde nicht gleich um so ausführliche Gespräche, sondern um ge- 
legentliche Deutungen, sei es beim Spiele, oder änderen Gelegen- 
heiten, handeln, die es wohl leichter und natürlicher annehmen wird, 
als das größere. Übrigens hat ja auch die bisher übliche Erziehung 
immer wieder bei jedem einzelnen Kinde die Aufgabe, ihm den 
Unterschied zwischen Phantasie und Wirklichkeit, zwischen Wahrheit 
und Lüge beizubringen. Dem wird sich die Unterscheidung zwischen 
Wünschen und Handeln (später auch Aussprechen der Wünsche> 

getröstet, >so ähnlich muß sie aussehen wie du, so ein Gesicht, solche Haare. Und 
sie muß auch Frau Walter W. heißen, so wie du.« (Walter ist nicht nur der 
Name des Vaters, sondern auch sein zweiter Name.> 



1 



Eine Kaderentwicklung 307 



gewiß angliedern lassen. Das im allgemeinen so gelehrige und zum 
Kulturwesen veranlagte Kind wird unschwer auch das erlernen, 
daß es alles denken und wünschen, aber nur einen Teil davon 
ausführen kann. 

Ich meine übrigens, daß man vor diesen Dingen nicht gar so 
ängstlich zu sein braucht. Ohne Schwierigkeiten ist keine Erziehung 
möglich, und sicherlich werden diese eher von außen einwirkenden 
Schwierigkeiten eine geringere Belastung für das Kind darstellen, 
als die unbewußt von innen wirkenden. Ist man erst innerlich von 
der Richtigkeit der Sache durchdrungen, werden sich gewiß nach 
einiger Erfahrung auch die äußeren Schwierigkeiten ebnen lassen. 
Ich meine auch, daß das mit Hilfe der Frühanalyse psychisch robustere 
Kind dann eine unvermeidliche Belastung leichter und ohne Schaden 
ertragen kann. 

Es läßt sich gewiß die Frage aufwerfen, ob denn eigentlich 
jedes Kind dieser Unterstützung bedarf? Es gibt ja auch ganz ge= 
sunde, nach jeder Richtung ausgezeichnet entwickelte Menschen, 
und so gibt es ja wohl auch Kinder, die keine neurotischen Züge 
zeigen oder solche ohne Schädigung überwunden haben. Man kann 
allerdings nach den Erfahrungen der Analyse behaupten, daß die 
Erwachsenen und die Kinder, für die das zutrifft, verhältnismäßig 
selten sind. In seiner »Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben« 1 
spricht Freud ausführlich darüber, daß dem kleinen Hans kein 
Schaden und wohl nur Nutzen erwachsen sei durch das völlige 
Bewußtwerden des Ödipuskomplexes. Freud meint, daß die Phobie 
des kleinen Hans von den so außerordentlich häufigen Phobien 
anderer Kinder sich nur dadurch unterscheide, daß man sie eben 
beachtete. Er führt aus, daß sie »gewissermaßen einen Vorteil für 
ihn darstellte, da er vielleicht nun vor andern Kindern das voraus 
habe, daß er nicht mehr jenen Keim verdrängter' Komplexe in sich 
trägt, der für das spätere Leben jedesmal etwas bedeuten muß, der 
gewiß Charakterverbildung in irgend einem Ausmaße mit sich bringt, 
wenn nicht die Disposition einer späteren Neurose«. Des weiteren 
spricht Freud dann dort darüber, »daß man zwischen nervösen 
und normalen Kindern keine ■ scharfe Grenze ziehen darf, daß 
Krankheit ein rein praktischer Summationsbegriff ist, daß Disposition 
und Erleben zusammentreffen müssen, um die Schwelle für die Er» 
reichung dieser Summation erreichen zu lassen, daß infolgedessen 
fortwährend viele Individuen aus der Klasse der Gesunden in die 
der nervös Kranken übertreten« usw. In der »Geschichte einer 
infantilen Neurose« 2 schreibt er <S. 690): »Man wird mir entgegen« 
halten, daß wenige Kinder solchen Störungen wie einer vorüber- 
gehenden Eßunlust oder einer Tierphobie entgehen. Aber dieses 
Argument ist mir sehr willkommen. Ich bin bereit zu behaupten, 



1 Sammlung kleiner Schriften =ur Neurosenlehre, 3; Folge, Seite 119 und 120. 
- Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlelire. 4. Folge. 



20* 



308 Melanie Klein 



daß jede Neurose eines Erwachsenen sich über seiner Kinderneurose 
aufbaut, diese aber nicht immer intensiv genug ist, um aufzufallen 
und als solche erkannt zu werden«. 

Es wäre also bei der Mehrzahl der Kinder wohl angebracht, 
deren beginnenden neurotischen Zügen Aufmerksamkeit zu schenken,- 
wenn wir aber diese Züge feststellen und auflösen wollen, ergibt 
sich uns die Einführung einer möglichst frühen analytischen Beob- 
achtung und gelegentlicher analytischer Eingriffe als unbedingte Not- 
wendigkeit. Ich glaube, es ließe sich da eine Art Norm aufstellen: 
Wenn ein Kind zur Zeit, da sein Interesse an sich und der Umwelt 
erwacht und sich äußert, auch den sexuellen Fragen nachforscht und 
sie stufenweise zu befriedigen trachtet, wenn es sich in dieser Neu- 
gierde nicht gehemmt zeigt und die erhaltene Aufklärung vollkommen 
zur Kenntnis nimmt, wenn es in Spiel und Phantasie auch einen 
Teil seiner Triebregungen, speziell des Ödipuskomplexes ungehemmt 
auslebt, wenn es z. B. die Grimm-Märchen gerne hört und keinerlei 
Angst nachher produziert und sich auch sonst in gutem psychischen 
Gleichgewicht zeigt, — wenn das alles der Fall ist, kann wohl die 
Frühanalyse ausbleiben, — obwohl sie sicherlich auch in diesen nicht 
allzu häufigen Fällen nur zum Nutzen angewendet würde, weil 
manche Hemmungen, unter der auch die bestentwickelten Menschen 
leiden oder litten, dadurch beseitigt würden, 

Ich habe da, unter den Zeichen der psychischen Gesundheit des 
Kindes, speziell auch das angstlose Anhören der Grimm-Märchen 
erwähnt, weil unter den verschiedenen Kindern, die ich kenne, nur 
sehr wenige sind, bei denen es der Fall war. Wohl zum Teil aus 
dem Bestreben heraus, die damit verbundene Angstentbindung zu 
vermeiden, sind die verschiedenen bearbeiteten abgeschwächten Aus- 
gaben dieser Märchen entstanden und bevorzugt man auch in der 
modernen Erziehung andere, weniger Angst erregende Märchen, 
d. h. solche, die nicht so sehr — lust- und unlustvoll — an die ver- 
drängten Komplexe rühren. Ich meine aber, daß die Erziehung mit 
analytischem Einschlag diese Märchen nicht nur nicht zu vermeiden 
braucht, sondern sie direkt als Maßstab und Behelf verwenden kann. 
Mit ihrer Hilfe läßt sich leichter die auf Verdrängung beruhende 
latente Angst des Kindes manifest machen, die dann durch ana- 
lytischen Eingriff gründlicher beseitigt wird. 

Wie aber läßt sich praktisch die Erziehung mit analytischem 
Einschlag durchführen? Die durch die analytischen Erfahrungen so 
wohl begründete Forderung, die Eltern, Kindergärtnerinnen und 
Lehrer zu analysieren, wird wohl noch auf lange hinaus ein frommer 
Wunsch bleiben. Und selbst wenn sich dieser Wunsch erfüllte,, 
hätten wir wohl eine Garantie für die Durchführung der eingangs 
erwähnten günstigen Maßnahmen, noch immer aber nicht die Mög- 
lichkeit der Frühanalyse. Ich möchte da einen Vorschlag machen, 
der wohl nur einen Notbehelf darstellt, aber übergangsweise, bis 
andere Zeiten andere Möglichkeiten bringen, doch nützlich wirken 



Eine Kinderentwiddung 309 



könnte: Ich meine die Gründung von Kindergärten, an deren Spitze 
Analytikerinnen stehen. Es ist kein Zweifel, daß eine Analytikerin, 
die einige von ihr unterrichtete Kindergärtnerinnen zur Verfügung 
hat, eine ganze Schar Kinder so zu beobachten vermag, daß sie 
die gelegentliche Angebrachtheit analytischer Eingriffe erkennt und 
auch gleich durchführt. Es läßt sich wohl unter anderem dagegen 
einwenden, daß dadurch in einem sehr zarten Alter das Kind 
psychisch zum Teil der Mutter entzogen würde. Ich meine aber, 
daß das Kind dabei so viel zu gewinnen hätte, daß schließlich auch 
die Mutter an anderer Stelle zurückgewönne, was sie da vielleicht 
eingebüßt hat. 




310 Dr. Geza Röheim 



Das Selbst. 

<Eine vorläufige Mitteilung) '. 

Von Dr. GEZA RÖHEIM, (Budapest). 
III. Eidolon. 

Eidoion. /> heißt die frei und sichtbar gewordene Seele, das Abbild des 
^^ Menschen, im homerischen Zeitalter*. Der Mensch ist eigentlich 
V_Jzweimal da: in dem lebendigen, leiblichen Menschen wohnt die 
Seele als ein fremder Gast, ein schwächerer Doppelgänger 3 . Diese 
Selbstverdopplung des hellenischen Altertums und des primitiven 
Menschen findet sich auch, stufenweise mehr oder minder ausge*- 
prägt, beim normalen, neurotischen und psychotischen Kulturmenschen 
und wird von Freud, um damit die Quelle des Selbstsehens in 
der Selbstliebe zu bezeichnen, Narzißmus genannt 4 . »Wir bilden so 
die Vorstellung einer ursprünglichen Libidobesetzung des Ichs, von 
der später an die Objekte abgegeben wird, die aber im Grunde 
genommen verbleibt und sich zu den Objektbesetzungen verhält, 
wie der Körper eines Protoplasmatierchens zu den von ihm ausge= 
schickten Pseudopodien« \ Zum Autoerotismus muß noch etwas, eine 
neue psychische Aktion, hinzukommen, um den Narzißmus zu ge- 
stalten 6 . Streng genommen dürfte es sich um zwei psychische Akte 
handeln,- der eine wäre die Summierung der Erogeneität der 
erogenen Zonen und Organe, die libidinöse Grundlage des auf- 
dämmernden Ichbewußtseins. Nach einer Periode der Zerstückelung 
im Autoerotismus wird die Einheit entdeckt, bezüglicherweise wieder* 
entdeckt. Diese Stufe ist eigentlich schon eine narzißtische zu nennen 
und sie wäre, wie oben betont, in der Vorstellung einer Körper- 
seele vertreten. Damit rückt aber die Tendenz der erotisch bedingten 
Selbstidealisierung gefährlich nahe an die Schwelle des Bewußtseins 

• Siehe Imago VII, Heft 1 und 2, S. 1 und 142. 

4 Erwin Roh de: Psyche. 1907. I, 3. (Vierte Auflage.) 

» Rohde: Ebenda. 1, 6. , „ 

* Ursprünglich bedeutet dieser Ausdrude einen pathologischen zustand der 
Verliebtheit in die eigene Person. Vgl. H. Ellis: Geschlechtstrieb und Schani- 
gefühl. 1907. 280. Ellis und Moll: Psychopathia sexualis. Moll: Handbuch der 
Sexualwissenschaften. 1912. 616. 

5 S. Freud: Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch, VI. 3. Schriften 

rur Neurosenlehre. IV. 81. 

'• Darüber siehe ebenda, Jahrbuch VI. 4. Schriften. IV. 82. 



Das Selbst 311 



<die Entfernung ist genau bestimmt in dem Grad der Differenzierung 
der »Körperseele« vom Körper), sie würde, wenn auch von der 
obersten psychischen Instanz angenommen, zu einer Hypertrophie des 
Ichs führen. Im Bewußtsein sind aber auch andere Einzelwesen als 
Vorstellungen da, und die Summe derjenigen, von denen ein äußerer 
Widerstand gegen die rücksichtslose Durchsetzung der Ichliebe aus= 
geht, heißt die Gesellschaft. Schon in der Ambivalenz der auto= 
erotischen Triebe ist aber ein Element des Widerstandes in den 
Furchtregungen und Hemmungen der passiv=magischen Einstellung 
vertreten und auf diesen Widerstand regrediert nun die Realitäts« 
funktion, das anpassungsfähige Ich, um eine stufenweise Loslösung 
der psychosexuellen Libido vom Körper durchzuführen. An Stelle 
des Körpers als Kultobjekt tritt der Schatten, an Stelle des Dinges 
die Vorstellung. Man wünscht den eigenen Körper zu lieben, infolge 
des Widerstandes begnügt man sich aber mit dem Abbild. Nach 
der Summierung der Triebe in der Körperseele erfolgt die 
Eiection in einen von der Außenwelt dargebotenen Rahmen und 
als solcher eignen sich vor allem die dem Bedürfnis des Sichvisuali* 
sierens entsprechenden Erscheinungen des Schattens und des 
Spiegelbildes. Rank, der als erster den Zusammenhang zwischen 
der Vorstellung eines narzißtischen Doppelgängers und der Seele 
nachgewiesen hat, betont als erster diesen sekundären Kompromiß 3 
charakter des eigentlichen Animismus. »Der Todesgedanke ist er» 
fraglich gemacht dadurch, daß man sich nach diesem Leben eines 
zweiten in einem Doppelgänger versichert.« »Erst bei der Apper^ 
zeption der Todesvorstellung und der aus dem bedrohten Narzißmus 
folgenden Todesangst taucht der Unsterblichkeitswunsch als solcher 
auf, der eigentlich den ursprünglichen, naiven Glauben an die ewige 
Fortexistenz in einer teilweisen Akkommodation an die inzwischen 
apperzipierte Todeserfahrung wiederbringt 1 . Ein ewiges Leben wird 
also nicht mehr dem Ich, sondern dem Abbild des Ichs zugeschrieben 2 
und an Stelle des Ichs gilt dieses »Eidolon« als verehrungswürdig. 
Eine psychotische Parallele zu den Schatten und Spiegelbildseelen 
der Primitiven gibt Kaplan: »Ein Kandidat, der erst aus dem 
Irrenhaus entlassen war, saß am Abhänge des Ufers, wo ein vorüber* 
gehender Strom eine Krümmung bildete. Es schien, als beobachtete 
er seinen Schatten, den der glatte Spiegel des Stromes in der Sonne 
zurückwarf. ,Sie scheinen in tiefes Nachdenken versunken?' So redete 
ein Vorübergehender ihn an. ,Ich weiß nicht', sagte er in langsam 
abgemessenem Tone, ,bin ich das im Strome dort, oder das (indem 



1 Rank: Der Doppelgänger. Imago, 1914. 163. Vgl. ebenda 158. Es muß 
allerdings hervorgehoben werden, daß die Todesvorstellung nicht erst aus der Er= 
fahrung, sondern aus der Todesangst, weldie wiederum der Urquelle aller Angst, 
der Geburt <Freud>, entstammt, abzuleiten ist. 

8 Weiter unten siehe über eine andere, biologische Quelle dieser Vor- 
stellung. 



312 Dr. Geza Röhcim 



er auf sich deutete), was hier in den Strom sieht'« 1 . Die Philosophie 
hat sich mit derlei Problemen noch immer nicht abgefunden, der 
Primitive erledigt den Zwiespalt durch die Theorie einer körper^ 
SAattensede. liehen und einer Schattenexistenz. Über das Aussehen der Seele 
befragt, erklärt ein Oberhäuptling der Banjangs: »Ich kann meine 
Seele jeden Tag sehen, ich stelle mich einfach gegen die Sonne, der 
Schatten ist meine Seele, sie geht mit dem Tode ab, denn sobald 
einer tot ist, wirft er keinen Schatten mehr« 2 . Während hier also 
gerade die Schattenseele zur negativen, rationalistischen Beantwortung 
der Frage nach der Unsterblichkeit dient, ist es in Nias gerade die 
Schattenseele, die im Jenseits weiter lebt und zum Totengeist wird. 
Die Schattenseele kann der gewöhnliche Sterbliche nur bei Sonnen« 
oder Lagerfeuerlicht leicht sehen, der Priester jedoch zu jeder Zeit 3 . 
Auf Halmahera fragte Kruijt, ob auch ein totgeborenes Kind eine 
Seele besitze, man antwortete ihm darauf: »Natürlich, wenn man 
das Kind zur Lampe hält, sieht man seine Seele« <den Schatten)*. 
Gerade auf Halmahera scheint aber das Symbolische, die »Als ob«« 
Natur dieser Vorstellung, durchzuschimmern. Sie nennen nämlich den 
Schatten »uneigentliche Seele« und erzählen : Wenn ein Priester zum 
Himmelsherrn kommt, um die Seele des Kranken zurückzuholen, 
gibt dieser ihm erst dreimal den Schatten. Er darf aber diesen nicht 
annehmen/ dann gibt ihm der Himmelsherr das viertemal die echte 
Seele 5 . In Neu^Mecklenburg heißt tanua-na=ri »Seele von Jemand«, 
an erster Stelle Schatten, dann aber auch Seele, Geist,- der Neu- 
Mecklenburger stellt sich die Verstorbenen vor wie eine natürliche 
Menschengestalt mit Händen und Füßen, aber es ist ein Scheinbild, 
ein Spiegelbild oder ein verkörperter Schatten, ein Schattenmensch 6 . 
Die Baining nennen den Geist des lebenden Menschen »a nemki«. 
Dasselbe Wort bedeutet auch »Namensvetter«, »Schattenbild« 7 . Der 
»Namensvetter« weist darauf hin, daß der Schatten seine Bedeutung 
eben als »Namensvetter«, als Doppelgänger, als Abspaltung des 
Menschen gewinnt 9 . Es ist wie in der Kaitish Sage: Aus dem 



1 L. Kaplan: Hypnotismus, Animismus und Psychoanalyse. 1917. 93. Nach 
R hei 11: Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Kurnierhode auf Geistes- 
störungen. Hall. 1903. 72, 73. 

s A. Mansfeld: Urwalddokumente. 1908. 220. 

5 E. Crawley: The Idea of the Soul. 120. G. A. Wilken: De Verspreide 
Geschrifteii. III. 7. Kruijt: Het Animisme. 177, 179. Kleiweg de Zwaan: Die 
Heilkunde der Niasser. 1913. 260. Dazu, daß der Schatten dem Priester stets sicht- 
bar ist, vgl. Roheim: Spiegelzauber. 1919. 49. 

4 Kruijt: 1. c. 69. 

'■ Kruijt: 1. c. 70. 

8 P. G. Peekel: Religion und Zauberei auf dem mittleren Neu-Mecklen- 
burg. (Anthropos-Bibiiothek. I. 3.) 1910. 14, 15. 

7 F. Burger: Die Küsten- und Bergvölker der Gazellehalbinscl. (Studien 
und Forschungen zur Menschen- und Völkerkunde. XII.) 1913. 62. 

• » Vgl. Rank: Der Doppelgänger. Psychoanalytische Beiträge zur Mythen» 
forschung. 1919. 273. 



Das Selbst 313 



einen Schatten*Mann entstehen immer wieder neue Schatten-Leute ', 
Diese Doppelgänger und Abbildseelen entstehen ja eigentlich durch 
den psychischen Akt der Selbstbeobachtung,- durch die Spaltung des 
Individuums in Objekt und Subjekt des Erkennens entsteht eine 
Zweiheit. Bei den Olo Ngadju und Olo Dusun heißt die Seele 
hambaruan, beziehungsweise amiruä. Rua, rUä, bedeutet in diesen 
Sprachen zwei: »Seele« ist also etwa wörtlich übersetzt »Doppel* 
ganger« 2 . Bei den Minahassa heißt die Seele Genosse, Freund 3 , so 
wie anderseits in den Kultursprachen Ausdrücke, wie »Seele« 
»Seelchen« <slawisch: »dusha«, ungarisch: »lelkem«) liebkosende Be» 
Zeichnungen, besonders der Geliebten, sind. Indem man die Geliebte 
»meine Seele« nennt, enthüllt man auch die unbewußte -Entstehung 
der Seelenvorstellung aus der Selbstliebe. Die Zweiheit Ich und 
Seele entspricht der Zweiheit Ich und Außenwelt, indem wir in beiden 
Zweiheiten ein Perzipiertes und ein Perzipierendes unterscheiden, denn 
die Seele entsteht, indem ein Teil des Individuums zur Außenwelt ge= 
schlagen, als Schatten projiziert wird und somit eine Brüdce zwischen 
dem Ego und der Außenwelt bildet. Wenn Freud die Vermutung 
aufstellt, daß es der Sadismus, also der vom Ich abgedrängte Todes*- 
trieb gewesen sei, der den Libidoströmungen den Weg zur Objekt» 
liebe bahnte 4 , so liegt eine Art Bestätigung dieser Hypothese in der 
Tatsache, daß das Ich in der Vorstellung der Schattenseele einen 
Fühler nach der Außenwelt ausstreckt, einen Fühler, der auch als 
eine Personifikation des Todestriebes aufgefaßt werden kann. Auf der 
Torresstraße bedeutet mari= Geist, die Seele der Person nach dem 
Tode, aber auch Schatten, Spiegelbild 5 , und ebenso benützen die 
westlichen Insulaner das Wort mar, um damit Schatten, Spiegelbild, 
Geist oder Seele zu bezeichnen, obwohl sie den Unterschied zwischen 
diesen Begriffen sehr gut kennen ,: . Bei den Mafulu hat jedes mensch- 
liche Wesen »during life a mysterious ghostly seif in addition to 
his bodily, visible and conscious seif,- and this ghostly seif will on 
his death survive him as a ghost« 7 . In Wagawaga gibt es zwei 
Wörter für Geist oder Seele: »Jantu«, welches auch Atem bedeutet 
und »Arugo«, d. h. Schatten, Spiegelung. Eine Atemseele, das eigent* 
liehe aktive Denkprinzip, haben Tiere und Bäume nicht, wohl aber 
Schatten und Spiegelungsseelen, welche ja im Wasser sichtbar werden. 

1 Spencer and Gillen: The Northern Tribes of Central Australia. 1904. 
413, 414. Vgl. Röheim: Spiegelzauber. 116. 
- Kruijt: 1. c. 12. 

* Crawley: 115, Kruijt: 1. c. 13. 

* S. Freud, Jenseits des Lustprinzips. 1920. 51. 

5 A. C. Haddon: Cambridge Expedition to Torres Straits. V. 355. 

6 Haddon: Ebenda. VI. 25. Die Westafrikaner meinen, daß der Mensch 
sich in der Früh darum stark und ausgeruht fühlt, weil sein Schatten lang ist. 
Wenn sie ihren Schatten nicht sehen, so glauben sie, daß jemand ihre Schatten» 
seele gestohlen hat. M. H. Kingsley: West African Studies. 1901 17t '-Auch 
dem Eskimo erscheint der Schatten als Seele. Das Jenseits ist unter dem Wasser, 
weil sich die Dinge im Wasser spiegeln. Nansen: Eskimoleben. 1903. 215, 207. 

' Williamson: The Mafulu. 1912. 266. 



314 Dr. Geza Röheim 



Nach dem Tode geht die Schattenseele ins Jenseits, welches unter 
dem Meere bei Maivara liegt l . Die Jabim sprechen von zwei Seelen, 
eine im Wasser und eine auf dem Lande. Darunter ist natürlich 
die Spiegelung im Wasser und der Schatten auf dem Lande zu ver* 
stehen. Nach dem Tode wird die Landseele zum Geist, während 
die andere im Wasser wohnt 2 . In Fiji hat der Mensch zwei Seelen. 
Die eine, die »dunkle Seele«, d. h. der Schatten, geht nach dem 
Hades, die andere, die lichte Seele, das Abbild im Wasser oder 
im Spiegel, bleibt nahe beim Orte, wo der Betreffende gestorben 
ist. Ein Eingeborener, den Williams vor den Spiegel stellte, blieb 
entzückt stehen. »Nun«, sagte er, »kann ich in die Geisterwelt 
blicken« 8 . Dasatai in Mota <Melanesien> ist das Spiegelbild der 
eigenen Persönlichkeit, sie leben, leiden, blühen und sterben zu* 
sammen. Die als real apperzipierten Erinnerungsbilder heißen »nunuai«. 
»The screem is over and the sound is gone but the nunuai remains/ 
a man lies down tired at night and feels the fishing line pulling as 
if a fish were caught, though the line is no longer on his neck,- 
this is the nunuai of the line.« Für den Eingeborenen handelt es 
sich nicht um eine bloße Einbildung, es ist objektiv wahr, nur ohne 
Form und Substanz. Erlebnis ist hier Maßstab der Realität. Eine andere 
Form desselben Wortes »niniai« bedeutet Schatten, Spiegelbild*. 

1 Seligmann: The Melanesians. 1910. 655. 

2 Hagen: Unter den Papuas. 265. Bei den Pangwe verkörpert sich die 
Seele im Schatten des Menschen und in seinem Spiegelbild im Wasser. G. Teß* 
mann: Die Pangwe. 1913. II. 35. Aus der Vorstellung der Spiegelbildseele er- 
klärt Teßmann die Bedeutung der Wassertiere im Kultus. Vgl. oben die Vor» 
Stellungen der Wagawaga und Jabim über Jenseits im Meere. Hier kreuzt sich 
diese Assoziationsreihe mit der Intrauterinbedeutung der Jenseitsvorstellungen. 

3 Th. Williams: Fiji and the Fijians. 1858. I. 241. Vgl- Ch. Keysser: 
Aus dem Leben der Kaileute. Neuhauß: Deutsch-Neuguinea. III. 111. In Neu« 
britannien: nio = Schatten, nio oder niono=Seele. G. Brown: Melanesians and 
Polvnesians. 1910. 190. Die Tasmanier glaubten, daß »warrawah«, d. h. Schatten, 
der Geist sei und das Echo nannten sie »sprechenden Schatten«. E. B. Tylor: 
On the Tasmanians as Representatives of Paleolithic Man. Journal of the Anthropo- 
logical Institute. XXIII. 151. H. Ling-Roth: The Aborigines of Tasmania. 1899. 
41, 55. Vgl. W. E. Roth: Superstition, Magic and Medicine. North Queensland 
Ethnography. Bull. 5. 1903. 11,17. A.W. Howitt: The Native Tribcs of South 
East Australia. 1904. 438, 439. 

4 R. H. Codrington: The Melanesians. 1891. 251, 252. Die Maori sagen 
auch manchmal ata = »reflected light« im Sinne von Seele, doch gewöhnlich heißt 
sie wairua und bezeichnet ein schattenhaftes Wesen. Tregear: The Maoris. Jour* 
nal of the Anthropological Institute. XIX. 98. Vgl. die Bedeutungen von wairua 
als Geist, Seele, Schatten, Abbild, Spiegelbild <Maori>. Ahnlich in Tahiti, Hawai, 
Mangaia. Tregear: Maori-Polynesian Comparative Dictionary. 591, 592. Ata 
heißt Spiegelbild, Schatten, Morgendämmerung, Geist, Seele, körperloses Bild 
<Maori>. In Samoa auch Symbol oder Stellvertreter einer Gottheit. (Vgl. das 
shintai und mitama der Japaner. W. G. Aston: Shinto. 1905.) In Tahiti: Wolke, 
Schatten, Zwielicht, Bote des Häuptlings <sein Schatten!). In Marquesas: >The 
essence of a thing as of an offeringe. <Vgl. das »Wesen der Dinge«.> Tregear: 
Ebenda. 26. Vgl. E. H. Man: On the Andamanese. Journal of the Anthropo- 
logical Institute. 1882. 162. Ch almers: Pioneering in New Guinea. 1870. 170. 
Lambert: Moeurs et Superstitions des Neo-Caledoniens. 1900. 45. 



Das Selbst 315 



Bei den Dschagga bleibt vom Menschen nach dem Tode nur der 
Schatten <kirische> übrig. Die Seele des Menschen heißt aber urima, 
das sind die den Leib beherrschenden geistigen Kräfte. Hier hätten 
wir also wiederum den Gegensatz zwischen Lebens* <d. h. /Körper-) 
und Schattenseele. Für den Dschagga ist der Schatten das Unver- 
gängliche am Menschen. Wenn ein Mann von Kampfeswut befallen 
wird und sich ganz allein den Feinden gegenüberstellt, so heißt es: 
»Laßt ihn, denn die Geister fassen schon seinen Schatten« 1 . Ebenso 
bei den Ronga. Das Vitalprinzip steckt im Atem, nach dem Tode 
lebt aber nur der Schatten. Zauberer können aber ihre Persönlich* 
keit schon zu Lebzeiten vom Körper in den Schatten verschieben. 
Früher fürchteten sie sich auch, ihr Abbild im Wasserspiegel zu 
erblicken 2 . Die Amazulu sagen, der Schatten sei zwar weder die 
Seele noch der Totengeist, aber der Schatten sei dasjenige, woraus 
der überlebende Teil des Menschen, der Geist, entstehe 3 . In Süd- 
afrika im allgemeinen ist die Seele ein genaues, nur verkleinertes 
Ebenbild des Körpers,- was im Menschen spricht und denkt, ist sein 
Schatten, sein Spiegelbild 1 . Die Ba^huana glauben, daß der Mensch 
aus Leib, Seele <bun, d. h. Herz) und »Doppelgänger« <doshi> be- 
stehe. Der Doppelgänger verursacht die Träume, nach dem Tode 
hält er sich in der Luft auf und erscheint den Überlebenden. Einen 
Doppelgänger besitzt schon das Kind, einen »bun« nur der Er» 
wachsene :> . Die Ojebway und Sauk sehen die Seele im Schatten. 
Wenn einer sehr krank ist, so heißt es, der Schatten sei abwesend . 
Die Stämme Neu-Englands nannten die Seele »chemung« d. h. 
Schatten und auch die Quiche-, Dakota- und Eskimosprachen drücken 
beide Begriffe mit demselben Worte aus 7 . Bei den Hidatsa jagen 
die menschlichen Schatten im Jenseits die Schatten der toten Buffalo 8 . 
Manche Denestämme betrachten die Lebenswärme, welche mit dem 

i B. Gutmann: Dichten und Denkeader Dschagganeger. 1909. 143, 144. 
Die Kagoro glauben, der Schatten sei die Seele. A. J. N. Tremearn: Notes on 
some Nigerian Head Hunters. Journal of the Anthropological Institute. 1912. 158. 

- H. A. Junod: The Life of a South African Tribe. 1913. IL 339. 

3 Callaway: The Religions System of the Amazulu. 1870. 126, 136. 
Der »kurze Schatten* stirbt mit dem Körper, der »lange« wird zum itongo. 

* J. Macdonald: Manners, Customs, Superstitions and Religions of South 
African fribes. Journal of the Royal Anthropological Institute. XX. 1890. 32. 
Ein Kaffer, den man über das Leben nach dem Tode befragt: »Me stop here« 
und zeigt auf seinen Körper »dat man go dere« und zeigt auf seinen Schatten 
und den Himmel. Kidd: The Essential Kam- 1904 84 

'■> Torday and Joyce: Notes on the Ethnography of the Ba=huana. 
Journal of the Anthropological Institute XXXVI. 290. Vgl. B. Ankermann: 
Totenkult und Seelenglaube bei afrikanischen Volkern. Zeitschrift für Ethnologie- 

1918. 106 ff. , , _ . . , i , , . . _ 

6 E James- A Narrative of the Captivity and Adventures or John 1 anner. 

1830. 286/291, exCrawley: The Idea of the Soul. 1909 156. 

' Brinton: The Myths of the New World. 1905. 273. 

s H C yarrow: A Further Contnbution to the otudy or the Mortuary 
Customs of the North American Indians. Annual Report of the Bureau of Ethno- 
logy. 1879'80. I. 199. 






316 Dr. Geza Röheim 



Tode erlischt, als Seele des Menschen. Daneben existiert aber auch 
noch ein zweites Ich oder Schatten <netsin>, welches sich im Kranke 
heitsfalle oder bei Todesgefahr den Lebenden zeigt und nach dem 
Tode im. Schattenreich weiterlebt 1 . Die Selbstverdopplung ist also 
wiederum eine Abwehrreaktion des bedrohten Narzißmus. Wenn 
das eine Selbst gefährdet ist, so entsteht ein Ersatzwesen, dem die 
Gefahr nichts anhaben kann 2 . In Südamerika glauben die Bakairi, 
daß der Schatten des Menschen im Traume umherwandere 3 , und 
die Abiponer hatten das Wort loakae für Schatten, Seele, Echo 
und Abbild 4 . 

pa»fv- v m"ag" s d che D , Wenn wir nun cine , n BIick auf die aktiv*- und passiv-magische 
Bedeutung Bedeutung des Schattens werfen, so fällt uns vor allem die Rolle 

des schatten*. ^ Schattens bei der Verursachung der übernatürlichen Geburt auf, 
eine Funktion, welche die libidinöse Natur der Schattenverdopplung 
recht deutlich bezeugt 5 . Auf Tahiti 6 und ebenso auf den Hervey- 
inseln 3 wird die Mondgöttin Hina vom Brotfruchtbaum ihres Vaters 
Tangaroa schwanger, dessen Schatten auf sie fiel, als Tangaroa den 
Baum schüttelte 7 . In Vorderindien heißt, es, das Kind würde dem 
Manne, dessen Schatten auf die Schwangere fiel, ähnlich werden 8 . Wir 

ki n c reitS bemerkr ' ^aß niniai beziehungsweise nunuai in Mota so* 
wohl Schatten, Abbild wie auch Erinnerungsbild bedeutet. Dasselbe 
Wort finden wir in der Form von nunu in Aurora, wo es »the fancied 
relation of an infant to some thing or person from which or from 
whom its origin is somehow derived« bedeutet. Die Frau glaubt 
z. B daß eine Kokosnuß oder eine Brotfrucht irgend etwas mit 
der Geburt des Kindes zu tun habe. Wenn das Kind geboren 
Jird, ist es der nunu, d. h. »echo or reflection« der Kokosnuß, von 
der es keinesfalls essen darf, denn sonst erkrankte es. Ebenso kann 
ein Kind der nunu eines verstorbenen Adoptivsohnes seiner Mutter 
sein, den diese sehr gern hatte". Die Liebe zum Adoptivsohn ist 
wohl ein Ersatz für die Liebe zum eigenen Kinde und die Vor- 
stellungen von der übernatürlichen Geburt die Sublimationsformen 



1 Hitl-Tout: The Native Races of British North Amerika. 1907. 177, 178. 
a Vgl. Ähnliches auch bei den Eskimo. E. W. Nelson: The Eskimo about 
Behring Strait. 1899- Report of the Bureau of Ethn. XVIII. 422. 

3 K. vondenSteinen: Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens. 1897. 295. 

4 Crawley: The Idea of the Soul. 1909. 162. Dobrizhoffer: Historia 
de Abiponibus. II. 194. 

* Vgl. O. Rank: Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung. 1919. 319. 
U R. Waitz: Anthropologie der Naturvölker. VI. 624. 

7 Frobenius: Zeitalter des Sonnengottes. 1904. 226. 

8 M. R. Pedlow: Indian Antiquary. XXIX. 60/ ex Frazer: Taboo and 
the Perils of the Soul. 1911. 83. 

9 R. H. Codrington: The Melanesiens. 1891. 252. Die Aradiobiten 
sagen von einem Jüngling, dem alles gelingt, besonders wenn er ohne Mühe das 
Wohlwollen der Leute gewinnt und Glück in der Liebe hat, er habe einen schönen 
Schatten, wogegen es von solchen, die sich nirgends Zuneigung erwerben, heißt, 
daß sie einen »bösen Schatten« besitzen. B. Schmidt: Das Volksleben der Neu« 
griechen. 1871. 1S2. 



Das Selbst 317 



des verdrängten Ödipuskomplexes 1 . Die Bavili betrachten es als 
große Sünde, den Schatten eines anderen mit den Füßen zu be- 
rühren, besonders ist dies der Fall, wenn es sich um den Schatten 
einer verheirateten Frau handelt 2 . Bei den Kurnai ist den Jüng- 
lingen bei der Männerweihe nicht nur der Geschlechtsverkehr ver- 
boten, schon der Schatten eines Weibes, der auf sie fällt, übt 
schädliche Einflüsse aus 3 . Im allgemeinen gleicht die passiv-magische 
Bedeutung des Schattens ganz .dem der Körperteile und Aus- 
Scheidungen, so daß wir wohl vermuten dürfen, daß die auto- 
erotischen Vorstellungen von den erogenen Zonen auf den Schatten, 
als gegebenes Bindeglied zwischen Ich und Außenwelt, verschoben 
wurden. In den Bräuchen der Schattenvermeidung hätten wir dann 
das Rohmaterial, die Vorstufen der Schattenseele. Ein Schamane 
der Euahlayi kann den Schatten des Menschen stehlen und dadurch 
ihn dem langsamen Hinsiechen preisgeben,- so wie der Schatten 
langsam einschrumpft, so auch das Leben des Betreffenden. Ander- 
seits ist der Schatten des Schamanen ebenso wie sein Haupt mahgarl, 
d. h. tabu: wer es berührt, muß dafür büßen*. In Melanesien kann 
der vui <Geist des Ortes) den Menschen, dessen Spiegelbild auf 
einen gewissen Wassertümpel oder dessen Schatten auf einen ge- 
wissen Stein fällt, töten ". Bezeichnenderweise schreibt hierüber 
Codrington »The power of the spirit, vui, could lay hold of 
the man by his shadow or reflection as the power of a ghost 
could get hold on a man by a fragment of his food, the 
shadow being in a way another person of the man. But 
that the shadow was the soul was never thought«' 1 . Noch 
nicht, setzen wir hinzu, aber der Weg zu einer solchen Vorstellung 
ist bereits angebahnt. In Hawai heißt es/ wenn der Schatten eines 
gemeinen Menschen auf den Häuptling fällt, so muß der Betreffende 
sterben''. Ähnliche Beispiele sind bei Frazer nachzulesen 8 . 

Dieselbe psychische Einstellung, die sich im passiv-magischen B5c3 0t ?£2£? 
Charakter des Abbildes oder Schattens äußert, wurde den 3 
europäischen Reisenden beim Versuche des Photographierens öfter 
höchst unangenehm bemerkbar. Ata, d. h. Schatten des Toten, heißt 
ein Insekt in Samoa, den Photographen nennen sie kue ata d. h. 
Seelenfänger 9 . Howard versuchte, die Ainos vor einen Spiegel zu 
stellen: blitzschnell liefen sie aus dem Zimmer und er konnte sie 

1 Näheres darüber siehe demnächst in der Arbeit über »Australian Totemism«. 

8 R. E. Dennett: At the Back of the Black Mans Mind. 1906. 79. 

* A. W. Howitt: The Jeraeil or Initiation Ceremonies of the Kurnai 
Tribe. Journal of the Anthropological Institute. XIX. 1885. 316. Vgl. auch Rank: 
1 c 319 über den Schatten der Schwiegermutter. 

* K L. Parker: The Euahlayi Tribe. 1905. 29. 

* Codrington: I. c. 182, 184, 186. 
» Codrington: I. c. 250. 

' Tregear: Maori Polynesian Dictionary 26. 

* J. G. Frazer: Taboo and the Periis of the Soul. 77. 100. Siehe auch 
Kruijt: Het Animisme in den Indischen Archipel. 1906. 68. 

9 G. Brown: Melanesians and Polynesians. 1910. 219. 



Dr. Geza Röheim 



nicht mehr dazu bewegen zurückzukommen 1 . Die Aluridja Zentral* 
australiens werden beim Versuche des Photographierens von einem 
panischen Schreck ergriffen 2 . Perron lebte im friedlichen Verkehr 
mit den Eingeborenen Südtasmaniens, bis er einige Eingeborene 
zeichnete, nun griffen sie ihn an und wollten ihm die Bilder ent- 
reißen 3 . Die Dajak glauben, daß die Photographie ihnen die Seele 
raube 1 . Nach den Anschauungen des Japmannes ist die Seele ein 
dem sichtbaren Körper innewohnender unsichtbarer Körper, genau 
von der Gestalt des ersteren. Die Seele ist das getreue Bild des 
Körpers. Wenn irgend ein böser Meergeist das Bild des Menschen 
im Wasser festhält, dann muß der Mensch sterben, weil jener ihm 
die Seele geraubt hat. Deshalb ihre Furcht vor dem Photographieren, 
sie nennen es »die Seele fortnehmen«. Der Tote kann die Grab* 
beigaben benützen, indem er ihr Schattenbild <fön> nimmt und das 
Photographieren von leblosen Dingen heißt »das Schattenbild weg- 
nehmen« 5 . Die Anschauungen der Thonga über Schatten und Ab- 
bildseelen sind dieselben,- wir werden daher ihre Furcht vor dem 
Apparate wohl verständlich finden. »Die Weißen wollen uns mit 
sich nehmen nach fernen unbekannten Ländern und wir bleiben dann 
hier als unvollkommene Wesen.« Bei der Vorstellung einer Laterna 
magica bedauerten sie die Leute, die darin sichtbar waren. »So 
werden sie auch uns mißhandeln, wenn sie uns photographieren« 6 . 
Im Innern von China läßt man sich nicht gerne photographieren, da 
mar, fürchtet, daß damit das Po <= Giüd<> abhanden käme'. In Süd- 
afrika wurde Kidd oft befragt, warum er denn ihr Bild auf ein 
Muck Papier haben wolle, sie sagten, dies sei ihnen sehr unangenehm, 
denn er konnte sie durch diese »Emanation« ihres Selbst bezaubern 8 . 
Die ßakongo nennen den Schatten, das Spiegelbild im Wasser oder 
im Spiegel und auch die Photographie elilingi, ein Wort, welches 
sie oft auch an Stelle von elimo <Seele> gebrauchen 9 . Die Haussai 
sehen die Seele im Schatten und ihre Zauberer fangen sie auch 
dann. Viele von ihnen sehen es sehr ungern, wenn ihr Abbild im 
opiegel oder im Wasser von wem immer gesehen wird: ja sie £e- 

*• ^ Howard: Life with Trans-Sibcrian Savages. 1893. 95, 97. Batdielor: 
Ainu Folk Lore. Journ. Am. F. L. VII. 43. 

e q *H. Basedow: Anthropological Notes. Transactions of the Royal Society 
of bouth Australia, 1904. 37. 

1824 jj A rron "P re > rcinet: Voyages de decouvertes aux Terres Australes. 

* Kruijt: I. c. 79. 
. ," Walleser: Religiöse Anschauungen und Gebräuche der Bewohner von- 
t&Llft thr °P° s - 1 9 '3. 610, 611. Über Totenbeigaben vgl. W. "Müller: Vap. 
Srirwng ISS i e 9i7 er i S 2 ü 7 d - see ' Ex P cdit i°n. 1908,1910. Hamburgische Wissenschaftliche 

! H. A. Junod: The Life of a South African Tribe. 1913. II. 340. 

8 b. i? u S.? u ^ Quer durdl Chryse. 1884. I. 130. 
frir FtK x. : J!i% Essemial Kafir. 1904. Karutz: Der Emanismus. Zeitschrift 
für Ethnologie 1913. 577. 

" lohn H. Weefcs; Among Congo Cannibals. 1913. 262. 






Das Selbst 319 



trauen sich auch selbst nicht, es anzublicken, denn dadurch könnte 
ein Zauberer ihre Seele fangen. Daher^ auch ihr Widerwillen gegen 
die Photographiermaschine 1 . 

Weiteres Material zu diesem Thema läßt sich leicht zusammen- Säl^SSL 
stellen, doch ist damit für das psychologische Verstehen der Er» Die Gefahr des 
scheinung nur wenig geleistet 2 . Vor allem fällt es dem Beobachter 
auf, daß dieses Bildverbot in eine Kategorie mit einer Reihe von 
anderen Verboten fällt. In all diesen Verboten wird etwas, was 
zunächst anscheinend nur dazu dient, irgend ein Objekt formell zu 
erkennen, abgewehrt. Solche Handlungen sind .namentlich das Ab- 
bilden, Zählen, Messen, Wiegen, Benennen. Eine nähere Unter- 
suchung führt jedoch zur Schlußfolgerung, daß wir es im Erkenntnis- 
trieb mit einer sublimierten Form des ursprünglich aggressiven 
Bemächtigungstriebes zu tun haben. Folgender Bericht ist von Wichtig- 
keit, weil wir darin die gleiche Angst auf verschiedenen Entwick- 
lungsstufen nebeneinander finden. Die Battak, sagt der Berichter- 
statter, sind voller Aberglauben »et pour les decider ä se laisser 
mesurer et photographier j'etais obligees de payer chaques sujet. 
Quand j'en arrivais ä la meche des cheveux,- qu'il fallait leur 
couper pour donner un echantillon de leur chevelure . . . en certain 
cas j'epuisais en vain tout mon eloquence.« »Quand Touan <Herr, 
malayisch), serait retourne dans son pays, repetait il avec obstination 
s'il avait un meche de mes cheveux, il me rendrait fout ou il me 
ferait mourir« 3 . Der Zauberer, der eine Haarlocke abschneidet, be- 
mächtigt sich noch unmittelbar <wenn auch durch ein pars pro toto> 
des Opfers,- im Abbilden, Messen, Zählen haben wir es schon mit 
symbolischen Weiterbildungen derselben Handlungsweise zu tun. 
Es ist eine Sünde, Menschen oder Vieh zu zählen. Die Boloki 
glauben, es bedeute Unglück, wenn eine Frau ihre Kinder zählt: 
die bösen Geister könnten es hören und die Kinder fortraffen. Fragt 
man daher einen Eingeborenen am Kongo, wieviel Kinder er habe, 
so lautet die Antwort: »Ich weiß es nicht«, oder er gibt eine 
beliebig hohe Zahl an, um die lauernden bösen Geister zu betrügen". 
Zur Begründung des Zählverbotes sagen die Akamba, einer habe 
sich einst mit der Zahl seiner Angehörigen gebrüstet, indem er be- 
hauptete, seine Familie könne auch ganz allein den Angriffen der 
Masai widerstehen,- zur Strafe wurde die ganze Familie im Kampfe 
aufgerieben 5 . Merkwürdigerweise scheint sich dieses Zählverbot nur 
auf die Eltern in bezug auf ihre Kinder zu beziehen, jeder andere 
gibt bereitwilligst Aufklärungen dieser Art 6 . Das Zählen wird also 
vom Unbewußten als eine Symptomhandlung des Zählenden ge* 



» A. I. N. Tremearne: The Bau of the Bori. 1914. 133, 136. 

2 Vgl. y. G. Frazer: Taboo and the Perils of the Soul. 1911. 96-100. 

3 Brau de Saint Pol-Lias: Les Battaks. Revue d'Ethnographie. III. 230. 

* V. H. Weeks: Among Congo Cannibals. 1913. 136. 

* C W. Hobley: Ethnology of the A-Kamba 1910. 165. 

* Routledge: With a Prehistoric People. 1910. 135, 136. 



320 Dr. Geza R6h.eim 



wertet, welche die verdrängte Feindseligkeit zur Schau trägt. So. 
wie ein Vater seine Kinder, soll auch ein König seine Untertanen 1 ,, 
der Herdenbesitzer sein Vieh nicht zählen -. Die große Zahl könnte 
den Wählenden etwa dazu verleiten, einen Teil seines lebenden Be= 
sitzes zu opfern. Wir erinnern an die Vermutung der Bibelkommen- 
tatoren, die Volkszählung Davids sei eine militärische Vorbereitung 3 , 
und bei dem Herden besitzer liegt es ja ganz auf der Hand, daß die 
Verminderung der Herde von ihm selbst ausgehen könnte. Aber auch, 
in bezug auf die Kinder läßt sich diese Erklärung durch die häufige Sitte 
des Kindermordes rechtfertigen 4 . Besonders häufig kommt es inAustra* 
lien vor, daß die Eltern das Neugeborene, wenn sie schon mehr Kinder 
haben, als sie versorgen können, einfach erdrosseln •', und in Australien, 
ist ebenfalls eine Sitte belegt, welche in merkwürdigem Gegensatz zur 
Scheu vor dem Nennen der Zahl der Kinder steht.' In Südaustralien 
werden die Kinder einer Familie oft nur dem Alter nach benannt, 
heißen also nach Zahlen »Erster«, »Zweiter«, »Dritter« usw/'. 

In dieser unbewußten Deutung des Zählens als feindlicher. 
Symptomhandlung enthüllt sich wahrscheinlich ein Stück aus der Ur« 
geschichte der Zählkunst, welche sich aus einem Abtasten, aus 
einem aggressiven Besitzergreifen einer Reihe von Gegenständen 
Ursprung der entwickelt haben mag. Zahl ebenso wie Gewicht und Name sind 
met öden. Abstraktionen, die notwendigerweise ein Konkretes voraussetzen, 
dieses Konkrete <das Gezählte) aber auch ersetzen und daher dem 
Zähler über das Gezählte Macht verleihen. Daneben findet sich, 
allerdings in der Projektionsform auf die Dämonen, auch ein Motiv, 
welches auf eine ursprünglichere Lust am Zählen hinzudeuten 
scheint. In Steiermark hängt man ein Säckchen mit Hirse in den 
Stall. Der »Schrattel« glaubt, er muß die Hirsekörner zählen, so« 
lange er damit nicht fertig wird, kann er den Pferden nichts an= 
haben 7 . In Glatz setzt man kleine Birken vor die Haustür in der 
Meinung, daß die Hexen erst alle Blätter an diesen Bäumchen 
zählen müssen, ehe sie ins Haus gelangen können 8 . Ein solches 

1 Vgl. die Deutung von Th. Reik: Die Sünde der Volkszählung. Imago V. 
320, und ebendort über die Volkszählung im Alten Testament. 

3 J. G. Frazer: Folklore in the Old Testament. 1919. II. 557. <Das Material 
ist von Frazer zusammengestellt: auch die oben mitgeteilten Fälle.) 

3 Vgl. Reik: I. c. 351. 

* Vgl. Steinmetz: Endokannibalismus. Mitt. d. Anthr. Ges. in Wien XXVI. 
Westermarck: The Origin and Development of the Moral Ideas. 1906. I. 393. 

5 Vgl. W. E. Roth. Marriage Ceremonies and Infant Life. North Queensland 
Ethnography. Bull. 10. 1908. 13. G. Taplin: The Narrinyeri. 1878. 13, 14. 

,; N. W. Thomas: Natives of Australia. 1906. 180. E. V. Eyre: Journals, 
of Expeditions into Central Australia. 1845. 11.323. Gh. Provis: Kukatha tribe. 
G. Taplin: The Folklore, Manners, Customs and Languages of the South 
Australian Aborigines. 1879. 

" A. Schlosser: Sagen vom Schrattel aus Steiermark. Zeitschrift für Volks» 
künde. II. 377. 

s R. Kühnau: Schlesische Sagen. III. 1913. III. 69. Weiteres Material zum 
Sagenmotiv. Röheim: Adalekok a magyar nephithez. (Beiträge zum ungarischen 
Volksglauben.) 1920. 246, 247. 



Das Selbst 321 



zwanghaftes und lustvolles Zählen müssen wir wohl überhaupt 
voraussetzen, um die Entstehung der Zahlensysteme zu erklären. 
Die zwei wichtigsten Zahlensysteme Sind die binare und die 
quinare Zählmethode 1 . Bei der binaren Zählmethode handelt 
es sich eigentlich nur um die Zahlen »eins« und »zwei«: höhere 
Zahlen werden aus diesen Grundzahlen gebildet. Das Erklärungs« 
bedürftige ist also hier eigentlich nur die Zweiheit, die wir wohl 
primär auf den Gegensatz zwischen Ich und Außenwelt zurückführen 
dürfen. Zur Außenwelt gehört alles, was dem Triebe Widerstand 
leistet, der Gegensatz läßt sich also auch als Gegensatz zwischen 
Trieb und Widerstand fassen. Bei der Herausbildung der binaren 
Zählmethoden wird wahrscheinlich die soziale Fassung dieses Gegen* 
satzes eine besondere Rolle spielen. In Australien nämlich, wo die 
binaren Zählmethoden besonders überwiegen, ist der Stamm in 
zwei, vier, acht Heiratsklassen gespalten. Für einen Mann der 
Heiratsklasse A fallen die Frauen des Stammes in zwei Gruppen, 
Die der Grupe A, mit denen er nicht verkehren darf, da dies dem 
Inzest gleichzurechnen wäre, und die der Gruppe B, die als seine 
rechtmäßigen Gattinnen gelten. Hier sehen wir also unmittelbar, wie 
eine Reihenbildung durch den Widerstand bedingt ist a / wächst dieser, 
so verlängert sich auch die Reihe. Durch den Widerstand gegen den 
Inzestkomplex wird die Zahl der tabuierten Frauen immer erhöht, 
im Zweiklassensystem ist jede zweite, im Vierklassensystem jede 
vierte, im Achtklassensystem nur jede achte Frau dem Geschlechts^ 
verkehr zugänglich. So können wir uns auch den Ursprung der 
binaren Zahlenreihe aus fortgesetzten Doublettierungen der Ursprung* 
liehen Zweiheit vorstellen. Was das quinare System betrifft, so liegt 
seine unmittelbare Rückführbarkeit > in der Sitte, Gegenstände an den 
Fingern abzuzählen, auf der Hand 3 . Wie diese Sitte selbst ent» 
standen sein mag, darüber lassen sich nur Vermutungen aufstellen. 
Die Wiederholungslust, welche wir als treibende Kraft des Zählens 
voraussetzen, ließe sich bei der Ableitung aus spielerischem Qreifen 
nach den Fingern der anderen.Hand erklären, indem wir wiederum diese 
Spiele als Onanieäquivalente auffassen 4 . Somit kämen wir zurSchluß= 
folgerung, daß beim Verbot des Zählens hinter der vorbewußten Ab= 
wehr des Erkennens eine unbewußte Abwehr, einerseits der Aggressi= 
vität, anderseits der infantilen libidinösen Betätigung steckt. In 

1 Vgl. J. Eisenstädter: Elementargedanke und Obertragungsrheorie in 
der Völkerkunde. 1912. 152. Die ethnographischen Analogien in den ZähU und 
Rechnungsmethoden. • 

- Vgl. über Reihenbildung S. Pfeifer: Äußerungen infantil-erotischer 
Triebe im Spiele. Imago V. 255 ff. 

' E. B. Tylor: Primitive Culture. I. 1903. 245. 

4 Vgl. über diese Fingerspiele A. C. Haddon: The Study of Man. 190& 
226. W. E. Roth: Games, Sports and Amüsements. North Queensland Ethno- 




Onanietraummotiv. Vgl. 

ungarischen Volksglauben). 1920. 247. 

Imago VII/3 21 



322 Dr. Gera Röheim 



Verbot dieselbe Kategorie gehört das Verbot des Messens. In Steier- 

<les Messens und f _ , °, . P . , , .... wr 

Wagens mark wamst das Kind nicht, wenn man es abwägt'. Wenn man 
zwei Kinder wägt, um zu sehen, welches schwerer sei, so wird 
eins von den beiden sterben 2 . Kinder unter einem Jahre soll man 
nicht abbilden, sonst sterben sie bald, nicht messen oder wägen, 
sonst wachsen und gedeihen sie nicht :! . Auch hinter diesen Verboten 
siedet aber die Abwehr eines positiven Braudies. Laut bulgarischem 
Volksglauben ist es glückbringend, wenn man sich am St. Georgs-» 
tag wiegen läßt 4 . Im sächsischen Erzgebirge maß ein Mann seine 
todkranke Frau mit einem Bindfaden, womit er früher eine Leiche 
gemessen hatte*. Die Weißrussen stellen den Kranken in die Sonne, 
daß sein Schatten auf die Diele oder draußen auf die Erde fällt. 
Sodann kratzt man mit dem Messer etwas Schmutz oder Erde von 
dem Schatten des Hauptes, der Glieder, des ganzen Körpers ab 
und legt alles in einen Scherben. Hierauf mißt man Länge und 
Breite des Körpers sowie aller Glieder mit einem Leinenfaden und 
legt diese Maße auch in den Scherben . Auf den Araninseln <lrland> 
mißt beim »kleinen Fieber«, d. h. Kopfschmerz, die Besprecherin den 
Kopfumfang des Leidenden 7 . In Dalmatien wird das rachitische 
Kind mit einer geweihten Wachskerze gemessen*. Als Krankheit^ 
orakel kommt das Messen häufig vor. Wenn man wissen möchte, 
ob ein Schwerkranker wieder gesund wird, so kauft man eine Rolle 
Wachslicht, mißt damit den Kranken, ohne daß er es merkt, und 
schneidet soviel davon ab, als der Kranke lang ist, zündet es an 
und stellt es hinter das Bett, so daß er es nicht sehen kann. Lebt 
er noch, wenn die Kerze ganz verbrannt ist, so wird er gesund 9 . 
Wenn das Messen als eine Handlung ersdieint, die zur Heilung 
des Kranken dient, so liegt das noch innerhalb der Grenzen meiner 
bei einer anderen Gelegenheit gegebenen Deutung, man messe die 
Kinder nicht, um die narzißtische Fixierung an ein gewisses Stadium 
des Wachstums zu verhüten 10 . Der Kranke ist in einem narzißtischen 

1 Bartels: Volks- Anthropometrie. Z. d. V. f. Vk. 
8 Gönczi: Göcsej. 1914. 144. 

3 P. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1903. I. 212. 
Vgl. Röheim: Spiegelzauber. 1919. 14. 

4 A. Strauß: Die Bulgaren. 1898. 337. 

4 E. John: Aberglaube usw. im sächsischen Erzgebirge. 111. C. Seyfarth: 
Aberglaube und Zauberei in der Volksmedizin Sachsens. 1913. 232. 

* Bartels: Brauch' und Glauben der weißrussischen Landbevölkerung. 
Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. XVII. 169. 

7 F. N. Finck: Vier neuWrische Zaubersprüche. Z. d. V. f. Vk. VI. 1896. 89. 
Vgl. auch Ammann: Volkssegen aus dem Böhmerwald. Z. d. V. f. Vk. II. 169, 170. 
Thos. J. Westropp: A Folklore Survey of County Cläre. Folk»Lore. 1911.57. 
Zachariae: Abergläubische Meinungen und Gebräuche des Mittelalters. Z. d. V. 
f. Vk. 1912. 133. Kahle: Volkskundliche Nachträge Z. d. V. f. Vk. 1905. 349. 

8 Hovorka und Kronfeld: Vergleichende Volksmedizin. 1908. II. 696. 
n Spiegelzauber S. 14. 

10 Th. Zachariae: Etwas vom Messen der Kranken. Z. d. V. f. Vk. XXI. 
151. Derselbe: Kleine Schriften. 1920. 230,362. Grimm: Deutsche Mythologie. 
II. 974. 



Das Selbst 323 



Zustand/ Libido wird den Objekten entzogen und dem eigenen 

Körper zugewendet <Ferenczi>, daher ist ihm auch jede Beschäf* 

tigung mit dem eigenen Körper lustvoll. Beim Orakel, wo die 

Antwort ebenso auf den Tod wie auf Genesung des Kranken aus= 

fallen kann, ist schon eine zweite, aggressive Strömung der Hand* 

lung unverkennbar. Im letzten Fall sehen wir z. B., daß es sich 

nicht so sehr um eine Frage an das Schicksal, als vielmehr um einen 

direkten Angriff auf den Kranken, um einen Vernichtungszauber 1 

handelt. Das Lebenslicht des Kranken wird ja verbrannt — wenn 

er diesen Angriff aushält, so wird er freilich gesund. Das Maß des 

Kranken ist eben nur das tertium comparationis, die Brücke zwischen 

ihm und der Kerze. Es handelt sich um die bekannte »Darstellung 

durch ein Kleinstes« Zahl, Körperlänge, Gewicht, also gerade die 

farblosesten, abstraktesten Eigenschaften stellen den ganzen Menschen 

in seiner triebhaften Menschlichkeit dar. In Rumänien pflegen die 

Maurer in das Fundament eines Gebäudes ein Schilfband zu legen, 

womit sie den Schatten eines Menschen gemessen haben, und ebenso 

bei Südslawen und Russen 2 . Auch hier finden wir mehrere Reale 

tionsbildungen zu einem Tabu verdichtet, namentlich die Verdrän» 

gung der endopsychischen Wahrnehmung und des Narzißmus, dann 

aber auch das unbewußte Herausspüren einer aggressiven Symptom* 

handlung. In all diesen Fällen richtet sich aber die wirkliche oder 

nur herausprojizierte Aggressivität gegen ein Substitut, eine Art 

Symbol der Persönlichkeit. Wenn wir z. B. Schatten oder noch 

Abstrakteres wie Körperlänge, Namen als die Achillesferse der 

Persönlichkeit finden, und nicht mehr Schleim oder Exkremente, so 

haben wir es mit einer durch fortschreitende Kulturverdrängung 

hervorgebrachten Sublimierung zu tun. Es ist vielleicht kaum eine 

Übertreibung, wenn wir behaupten, daß alles, was im Bewußtsein 

als Symbol, als Stellvertreter einer Person auftritt, auch zu einer 

»Seele«, einem »DoppeMch« im Sinne des Primitiven werden kann. 

Ein richtiges Symbol ist es freilich doch wiederum nicht, denn der 

Zusammenhang mit dem Symbolisierten wird hier nicht verdrängt. 

So sehen wir im Traume z. B., daß sich hinter einem bloßen, Wort 

eine Person verbirgt,- aber auch im Bewußtsein, im Wachleben 

identifiziert sich der Mensch mit einem bloßen Wort, mit seinem 

Namen. Dieselbe Scheu wie vor dem Abbilden, Zählen, Messen Der Name als 

finden wir auch vor dem Nennen des eigenen Namens. Oder aber D °PP e « an s er - 

man hat neben dem Namen für den Alltag einen sakralen Geheim^ 

namen als Wortsymbol jenes Teiles der Gesamtpersönlichkeit, welcher 

vor fremden Augen besser verhüllt bleibt 3 . Dementsprechend findet 



1 Vgl imallg B er kusky: Vernichtungszauber. Arrh. f. Anthropologie. XI. 1912. 
"- Kahle: Volkskundliche Nachträge. Z. d. V. f. Vk. XV. 349. Frazer: 

Taboo. 1911. 89. 

3 Howitt: Native Tribes of South East Australia. 1904. 736. Spencer 
and Gillen: Native Tribes of Central Australia. 1896. 637. A. J. N. Tremearne: 
Haussa Superstitions and Customs. 1913. 92. 

21* 






324 



Dr. Geza Röheim 



sich auch die passiv- und aktiv=magisdhe Wirksamkeit des Namens 1 ,- 
als Heilzauber bekommen Kranke einen neuen Namen-, Namens= 
tausch tritt an die Stelle des Blut* oder Speicheltausches beim 
Freundschaftsbund 3 und man stellt sich die Seele als mit dem Namen 
identisch vor*. Auch die Scheu vor schönen Namen, welche, wie 
die große Zahl, die bösen Geister, d. h. die verdrängte Feind- 
seligkeit der Menschen, reizen können, findet sich z. B. in China, 
Borneo 5 . Wahrscheinlich waren die ersten Objekte, welche eine ge- 
wisse Lautreaktion ständig hervorriefen, Gegenstände mit einer 
Libidobesetzung, Sexualsymbole, da die Tiere ja auch von ihrer 
Stimme am meisten Gebrauch in der Brunstzeit machen oder wenig- 
stens da Laute hervorbringen, die wir am ehesten als artikuliert 
bezeichnen können. Hierauf scheint nämlich eine höchst interessante 
Beobachtung von Rivers zu deuten: »It is clear that in parts of 
Melanesia and especially in the Torres Islands the use of personal 
names between certain men and women carries definite implications 
concerning the conduct of those who use the names, thus a Torres 
Islander who addresses certain female relatives by name is 
thereby known to have had sexual relations with them' 1 . 
Wenn eine Eheform, <z. B. mit der Schwester des Vaters oder mit 
dem Bruder der Mutter) die früher als gestattet oder sogar als ge- 
boten galt, nun zu den inzestuösen, d. h. zu den verbotenen ge- 
rechnet wird, so tritt in der Ansprache die Verwandtschaftsbezeichnung 
an die Stelle des Personennamens 7 . Wir dürfen vielleicht die Ver- 
mutung aussprechen, daß die Notwendigkeit, einen Tabu-Namen für 
die tabuierte Person zu erfinden 8 , also die Verdrängung, für die 
Entstehung eines großen Teiles der Verwandtschaftsbezeichnungen 
verantwortlich ist. Der Name des übernatürlichen Gatten oder der 
übernatürlichen Gattin darf im Märchen wohl darum nicht genannt 
werden, weil dies einer Enthüllung des Inzestgeheimnisses <der Un- 
bekannte = der sehr gut Bekannte, der nicht-menschliche Gatte = der 



1 Vgl. E. Clodd: Tom, Tit, Tot. 1898. 192. R. Campbell Thompson: 
Semitic Magie. 1908. 148. Nyrop: Navnets Magt. Kleinere Abhandlungen, 
herausgegeben von der phil.-hist. Ges. Kopenhagen. 1887. 

- R. Andree: Den Tod betrügen. Zeitschrift des Vereinsfür Volkskunde. 
XIX. 1909. 203. 

' E. Crawley: The Mystic Rose 1902. K. von den Steinen: Unter 
den Naturvölkern Zentralbrasiliens. 1897. 145. 150. 

* Fr. Nansen: Eskimoleben, 1903. 202, 203 <Furcht vor dem eigenen 
Namen, wie sonst vor dem Doppelgänger 205). Crawley: The Idea of the Soul. 
1909. 180. Clodd: 1. c 231. 

: ' Hose and Mc Döugatl: Pagan Tribes of Borneo 1912. I. 79. 80. 
Stenz: Beiträge zur Volkskunde Süd-Schantungs. 1907. 72. 

6 "W. H. R. Rivers: The History of Melanesian Society. 1914. II. 37. 

7 Derselbe: Ebenda. II. 38. Kleine Mädchen pflegen den Vater, Knaben 
die Mutter mit dem Personennamen anzureden und deuten damit eine libidinöse 
Bindung an,- sie setzen sich damit hinweg über den Tabu, der in der Verwandt« 
schaftsbezeichnung enthalten ist. 

9 Vgl. H. Werner: Die Ursprünge der Metapher. 1919. . 



Das Selbst 325 



Vater) gleichkäme 1 . Diese funktionelle Bedeutung des Tabus ist 
aber erst durch eine Verschiebung entstanden, das Verbot ist vom 
inzestuösen Geschlechtsverkehr auf die ursprünglich gleichbedeutende 
Handlung des Anredens beim Personennamen verschoben,- d. h. die 
Gattin, deren -Name nicht genannt werden darf, ist eine, die auch 
nicht Gattin sein dürfte. 

Um nun zur Scheu vor dem eigenen Abbild zurückzukehren 2 , 
sehen wir vor allem, daß diese Einstellung, in die größere Gruppe 
der Reaktionsbildungen gegen Symbole der eigenen Persönlichkeit 
gehört,, ja wahrscheinlidi als der Lirvertreter dieser Gruppe, anzu» 
sehen ist. Das, was in diesem Falle abgewehrt wird, ist die bildende 
Kunst überhaupt. Ethnologisch dürfte wohl die Hypothese, das 
Zeichnen habe seinen Anfang mit dem Bemalen des eigenen Körpers 
genommen, nicht abzuweisen sein. In diesem dürfen wir dann ebenso 
wie in dem Schmuck eine supraorganische Weiterbildung der sekun- 
dären Geschlechtsmerkmale und zugleich eine Reizung der PartiaU 
triebe, namentlich der Hauterotik und der aktiven und passiven Schau» 
lust, sehen 3 , Ehe es, also dazu kommt, daß aggressive Handlungen 
gegen das Abbild des Menschen ausgeführt werden konnten, müssen 
die Urmenschen erst erlernt haben, solche Abbilder überhaupt fertig* 
zustellen, eine Tätigkeit, welche durch die lustvoll betonte Selbst» 
Verdopplungstendenz des Narzißmus, ihre Erklärung findet. In der 
narzißtischen Erkrankung der Schizophrenie pflegen die Patienten sich zu 
beklagen daß ihre unsichtbaren Feinde ihnen mit Hilfe einer elek» 
trischen Maschine allerlei antun und Schmerzen verursachen. Das 
Äußere dieses Apparates wird gewöhnlich nicht näher beschrieben, aber 
es läßt sich laut den Ausführungen Tausks der Nachweis 'führen, 
daß es sich hier nur um eine Verdrängung des wahren Tatbestandes 
handelt. Der Apparat ist eigentlich das in die Außenwelt projizierte 
narzißtische Ebenbild, des Kranken und daher ist es natürlich, daß 
der Kranke alle Manipulationen, die am Apparat vorgenommen 
werden,. an entsprechender Stelle des eigenen Körpers und mit gleicher 
Intensität empfindet. Auch treten die am Apparat gesetzten Wir» 
kungen am Körper der. Kranken ein. Der Apparat hat keine Geni- 
talien mehr, »seit die Kranke keine Geschlechtsempfindungen mehr 
hat, und er hatte Genitalien, solange die Kranke sich solcher Ge- 
schlechtsempftndungen bewußt war«*. Die jetzt schon feststehende 
Tatsache, daß wir in den Wahnbildungen regressive Neubelebungen 
archaischer Stücke der Kulturentwicklung vor uns haben, bestätigt 



1 Vgl. eine etwas abweichende (natürlich auch richtige) Deutung bei O. R a n k : 
Die Lohengrinsage. 1911. 53. 

2 Vgl. auch das allgemeine Bilderverbot des Judentums und des Moharn» 
medanismus. Th. Reik: Probleme der Religionspsychologie. I. 1919. 

3 Über den Zusammenhang zwischen dem ästhetischen Trieb und den sekun* 
dären Geschlechtsmerkmalen siehe schon Ch. Darwin: The Descent of Man. 1898. 

1 V. Tausk: Über die Entstehung des Beeinflußungsapparates in der 
Schizophrenie. Intern. Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. V. 11. 



326 Dr. Geza Röhcim 



sich hier wiederum in frappanter Weise. Solche Beeinflussungsapparare 
gehören zu den gewöhnlichsten Requisiten des primitiven Zauber^ 
wesens, und zwar in der unverhüllten ursprünglichen Form, die 
sich bei den Schizophrenen nur selten findet. Das Photographieren 
ist nämlich den Primitiven nichts vollkommen Neues. Etwas Analoges 
existiert auch in ihrer Praxis, denn überall verfertigen die Zauberer 
rohe Bildnisse ihrer Feinde, sogenannte Rachepuppen, um diesen 
dadurch etwas anzutun. Es ist wiederum keinesfalls die Überlegung, 
sondern der Affekt, welcher den Puppen Leben schenkt. Nur in 
Liebe oder Haß ist das Bild dem Original gleichwertig. In Zentral- 
australien geht der Mann, dem die Frau mit einem anderen durch- 
gegangen ist, mir seinen Freunden und zeidinet die Frau, wie sie 
am Rücken liegt, in den Sand und daneben legt er eine grüne 
Baumrinde, welche die Seele der Frau darstellt. Die Baumrinde 
wird nun von den Männern mit kleinen Speeren beworfen und 
das Ganze werfen sie dann, samt den Speeren, die darin stecken, 
der Gegend zu, wo sich die Frau, die sie töten wollen, befindet 1 . 
Die Ewenyoon machen aus Sand eine Figur, die soll den Feind 
darstellen »By concentrating their thought on the one they desire 
to härm and by singing a weird song the mischief is wrought« 2 . 
Ein Gesang der Omaha wird in Erinnerung an folgendes 
Ereignis gesungen. Vor Jahren waren die Omaha in Besuch bei den 
Ponca und bei dieser Gelegenheit bekämpften einander zwei Zauberer, 
beide Mitglieder der Donnergesellschaft. Der Ponca zeichnete ein Bild 
des Omaha auf den Boden, schlug darauf mit einer Keule los und 
bat die Donnerer, sie möchten mit dem 'Original des Bildes ebenso 
verfahren. Doch diese hörten lieber auf das Lied der Omaha und 
schlugen den Ponca tot 3 . Bei den Dschagga macht man irgend etwas 
zum Gleichnis der verhaßten Person und mißhandelt es mit dem 
ausgesprochenen Wunsch: so möge es dem Llrbilde ergehen. In 
einen Baum haut man tiefe Wunden und wünscht dabei jener Person 
den Tod. Wenn dann der Baum in einigen Monaten eingeht, wird 
mit ihm auch der verwünschte Mensch sterben müssen 4 . In Altindien 
verfertigte man das Bild eines Menschen aus Erde oder Metall und 
legte seinen Fuß auf die Brust des Bildes, indem man dazu gewisse 
Sprüche murmelte, oder man verfertigte die Figur aus schwarzem 
Reismehl, schlug ihr die Glieder ab und warf sie ins Feuer,- wenn 
man dabei das Herz der Reispuppe aufißt, so stirbt der Betreffende 
nicht. Eine Frau kann die Liebe ihres Mannes erwecken, wenn sie 
sein Abbild mit feurigen Pfeilen ringsherum beschießt. Dabei sagt 
sie »This yearning love comes from the Apsaras, the victorious, 

1 Spencer and Gillen: The NativeTribes of Central Australia. 1899. 549. 

'• W. H. Bird: Ethnographical Notes about the Buccaneer Islanders. 
Anthropos. 1911. 177. 

3 Alice C. Fletcher and Francis la Flesche: The Omaha Tribe. 
Bureau of American Ethnology XXVIII. 1911. 490, 491. 

' B. Gutmann: Dichten und Denken der Dschagjaneger. 1909. 165. 



Das Selbst 327 



imbued with victory. Ye gods, send forth the yearning love,- may 
yonder man burn after me 1 . Die Singhalesen stellen aus Bienen= 
wachs zwei Puppen her, eine männliche und eine weibliche. Dann 
wird die männlidie Puppe über die weibliche gelegt, so daß nur 
ihre Brüste sich berühren. In dieser Stellung sagt man in einem 
leeren Haus (wo keine gegensätzlichen Strömungen sich geltend 
machen) oder bei einem halbgeöffneten Grab (vgl oben über die 
Toten im Liebeszauber) Zaubersprüche über die beiden Figuren 
her. Die weibliche Puppe wird vergraben, die männliche vom ver- 
liebten Mann, den sie ja darstellt, herumgetragen. »When the female 
image has been stepped over by the woman 2 and placed against 
the male image, it is carried by the lever« 3 . Beispiele aus dem Mittel« 
alter sind häufig »Und im 1574 Yar wirt in dem getruckten Urteil.. • 
angezeigt wie man ein Wächssin Bild mit seinen seltsamen Charak= 
teren verkritzt und verkratzt hinter ihm gefunden dem der Kopff 
und das Herz durchstochen gewesen. Welches zweifelsohn die grösst 
Ursache seines tods mag gewesen sein« 4 . Beim Arabischen Schrift- 
steller al Gähiz (gestorben 869) findet sich folgender Liebeszauber: 
Man macht zwei Wachskerzen und gibt ihnen die Gestalt zweier 
Menschen, dann vergräbt man sie insgeheim. Wenn dies nun so 
geschieht, daß ihre Gesichter einander zugewendet sind, dann neigen 
sich die dargestellten Personen in Liebe einander zu, wenn sie ein 3 
ander den Rüdien kehren, dann hört die Liebe der beiden auf 5 . 
Eine weitere Aufzählung dieser Bräuche hätte keinen Zwedt, zumal 
der Gegenstand von andern schon eingehend behandelt wurde 6 . 
Einige der einschlägigen Beispiele jedoch verdienen besondere Be=» du BaAepapw 
achtung. In einem malayischen Zauberbuch steht folgende Andeutung. U BedVutu n n S de/ 
»Man nehme von dem Nagel, Haar, Augenbrauen, Speichel etc. KSrpe«die. 
(sufficient to represent every part of his person«) des beabsichtigten 
Opfers und knete diese zu einem Wachsbild, das ihm gleiche. Sieben 

' M. Winternitz: Witcfacraft in Ancient lndia. New World. J898. 82. 

8 Vgl. Röheim: Die Bedeutung des Überschreitens. Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse. 1920. 242. Die Bedeutung des Überschreitens ist aber hier eine 
narzißtisch-verschobene, nicht über die Puppe des Mannes, sondern über "ihr eigenes 
Abbild schreitet die Frau zur Liebe. Schreitet sie über die Puppe des Mannes 
hinweg, so wandelt sich Liebe in Haß. <Umkehrungsform.) W. L. Hildbusgh: 
Notes on Sinhaiese Magic. J. A. J. 1908. 158, 159. . . 

5 W. L. Hildburgh: Notes on Sinhaiese Magic. Journal of the An» 
thropological Institute. 1908. 157-158. Vgl. auch zur Frage die Arbeit von 
Elisabeth Lemke: Spiel-, Sauber* und andere Puppen. Zeitschrift des Vereins 
für Volkskunde. 1915. 126 ff. 

4 Johannes Bodinus: De Magorum Daemonomania. Vom Ausgelaßnen 
wütigen Teuffelsheer etc. 1586. 388. 

» S Fraenkel: Zum Zauber mit Menschenbildern. Zeitschrift des Vereins 
für Volkskunde. XIII. 1903 441. 

8 Am ausführlichsten bei Frazer: The Magic Art. 1911. 1. Vgl. R. Andree: 
Ethnographische Parallelen und Vergleiche. 1889. 8 bis 20. Derselbe: Niedersächsische 
Zauberpuppen. Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. 1899. 333. Feilberg: Zu 
den niedersächsischen Zauberpuppen, ebenda 1900. 417. Mielke: Zauberpuppen, 
ebenda 1901. 217. Weinhold: Niedersächsische Zauberpuppen, ebenda. 1909. 99. 



328 Dr. Geza Röheim 



Nächte lang halte man das Bild über dem Feuer, indem man sage: 
»It is not wax that I am scorching, It ts the liver, heart and spieen 
of So and so that I scorch« 1 . Frazer findet diesen Fall auch be- 
achtenswert, weil er »obviously combines the principles of homeo- 
pathic and contagious magic,- since the image which is made in 
the likeness of an enemy contains things which once were in contact 
with him, mamely his nails, hair and spittle« 2 . Das ist ja unzweifel- 
haft richtig, damit ist aber die psychologische Deutung der Frage 
nicht aufgeklärt. Uns erscheint vielmehr die Übertragung der libido- 
besetzten Körperteile und Ausscheidungen auf das Abbild als auto- 
symbolischer Zug des Ritus, d. h. die Handlung stellt den 
Gang der Entwicklung dar, welche in der Übertragung der 
Libidobesetzung von den erogenen Zonen auf das Eben- 
bild <Seele) besteht und auch damit die Annahme bestätigt, 
daß die Vorstellung des Ebenbildes eben aus der Summie- 
rung und Ejizierung der ursprünglich an diesen erogenen 
Zonen haftenden Partialtriebe entstanden ist. Einige Beispiele 
dieser Art mögen folgen: In Burma verschafft sich der zurückgewiesene 
Liebhaber ein Stück vom Kleide der Angebeteten und geht damit 
zum Zauberer. Der verwendet nun den Fetzen zu den Ingredienzien 
der Puppe, welche dann aufgehängt oder ins Wasser geworfen 
wird. Infolge dieses Verfahrens wird das Mädchen von Sinnen 3 . In 
Indien wird die Rachepuppe aus Erde von vierundsechzig schmutzigen 
Plätzen, gemischt mit naarabfällen und Nägelschnitzel, hergestellt*. 
Die Singhalesen verschaffen sich erst eine Haarlocke, einen Fetzen 
oder Nägelschnitzel und verfertigen dann die Puppe 5 . 



1 W. Skeat: Malay Magic. 1900. 570. 

S J- G. Frazer: The Magic Art. 1911. I. 57. 

s ). F. L. F-orbes: British Burma. 1878. 232. 

* ). A. Dubois: Moeurs, institutions et ceremonies des peuples de l'Inde. 
1825. II. 63. ex Frazer: Magic Art. I. 64. 

6 A. A. Perera: Glimpses of Singhalese Social Life. Indian Antiquar/. 
XXXIII. 1904. 57. Ganz ähnliche Riten, wie sie hier vom Feinde ausgeführt 
werden, um den Menschen zu schädigen, begeht dieser auch selbst in abwehrender 
Absiebt: die dargebrachten Abbilder seiner Person sollen den bösen Mächten als 
Ersatz dienen. <Vgl. K. Schwenn: Menschenopfer der Griechen und Römer. 1915. 
pass.J Audi in diesen Bräuchen läßt sich die Übertragung von Körperteilen auf das 
Ebenbild nachweisen. In Südindien, wenn jemand krank wird oder Unglück erlitten 
hat, >he pours oil in an carthen vessel, worships it in the same way as the family 
god (zum Kult des Ebenbildes vgl. weiter unten), looks at his face reflected in 
the oil and puts into it a hair from his head and a nailparing fron» his toe«. Das 
Ganze gibt man dann den Koragars <Pariahkaste) und die feindlichen Mächte sind 
beschwichtigt. (E. Thurston: Castes and Tribcs of Southern India. 1909. III. 426.) 
Wenn bei den Batak der tondi sich von einem »begu« <Geist> hat weglocken lassen, 
so gibt man diesem ein Bild als Ersatz, damit er den tondi loslasse. Diesem Bild 
muß aber etwas vom Leibe des Kranken, woran Seelenstoff haftet, eingefügt werden, 
damit es beseelt wird und vom begu angenommen werden kann. Jede solche Figur 
(ebenso wie die Ahnenbilder im allgemeinen in Indonesien) hat ein Loch in der 
Nabelgegend, in welches die den tondi vermittelnden Dinge hineingesteckt werden, 
denn sonst ist das Bild wertlos. (Warneck: Religion der Batak. 1909. 13.) 






Das Selbst 329 



In Ägypten nahm man einen Tropfen Blut, etwas von dem 
Haar oder den Nägelabfällen, einen Fetzen seines Kleides und der 
Zauberer hatte seine Opfer vollständig in seiner Gewalt. Diese 
Dinge knetete er nun in einen Wachsklumpen, dem er ähnliche 
Kleider anzog, wie sie der Betreffende zu tragen pflegte. Nun 
braucht er nur das Bild dem Feuer zu nähern und sein Opfer 
spürt das Brennen des Fiebers, er braucht nur ein Messer hinein- 
zustoßen und der Mensch spürt die Wunde, die der Puppe be- 
reitet wurde 1 . Laut dem Testament des heiligen Ephrem nahmen 
die ägyptischen Zauberkünstler, die Moses verderben wollen, etwas 
von seinen Haaren und von seinen Kleidern. Dann machten sie ein 
Bild Mosis, legten es auf ein Grab und riefen ihre Dämonen gegen 
ihn an 2 . In Dänemark glaubt man, daß, wenn sich jemand zur Auf- 
nahme in die Freimaurerloge meldet, ihm der Vorsitzende den Finger 
blutig sticht und mittels des Blutes sein Bild an die Wand zeichnet,- 
und der Neuling muß einen schweren Eid schwören, nichts zu ver- 
raten. Tut er es dennoch, so erblaßt die blutige Figur an der Wand 
und der Vorsitzende braucht nur das Bild zu durchstechen, um den 
Verräter zu töten 3 . Hier kann der Name wiederum an Stelle des 
Bildes treten. Man schreibt laut magyarischem Volksglauben den 
Namen eines Mannes mit seinem eigenen Blute auf ein Taubenei 
und läßt dies durch seine Frau unversehens zertreten: Dadurch wird 
die Liebe des Mannes »zertreten«. Malt man mit dem Blute eines 
Menschen einen Kopf an eine Wand und sticht eine Nadel in die 
Figur, so wird der Betreffende an heftigen Kopfschmerzen so lange 
leiden, bis man die Nadel entfernt 4 . In Island zeichnet der Be- 
sdiwörer auf ein Stück Papier ein Bild mit seinem eigenen Blute, 
es muß ein Menschengesicht mit zwei Augen sein,- er nimmt dann 
einen spitzen Stiel, setzt ihn mit der Spitze in das eine Auge und 
spricht: »Ihm, der von mir gestohlen hat/mach ich ein böses Auge« 5 . 

Wir können ruhig annehmen, daß das Abgebildete ursprünglich Die Rachepuppen 
immer einen Ersatz für irgend etwas, was augenblicklich nicht vor* und ^m"^"" 
handen ist, darstellt fi . Ein Zeichnen nach der Natur scheint der 
Primitive nicht zu kennen/Demnach hätten wir es im Zeichnen oder 
Formen mit einem Nach-Erleben zu tun, so daß die Halb-Belebt« 
heit des Abbildes, welches sich auf höherer Stufe in den Beispielen 
des Unheimlichen schon als Zwiespalt, als Zweifel an der Belebtheit 
manifestiert, eben die ursprüngliche Bntstehungs weise der Kunst 



1 G. Maspero: Histoire ancienne des peuples de l'Orient classique. 1895. 
ex Frazer: Magic Art. 1911. I. 66. 

* S. Fraenkel: Zum Zauber mit Menschenbildern. Zeitschrift des Vereins 
für Volkskunde. XIII. 441. 

s H. F. Feilberg: Totenfetische im Glauben riordgermanischer Völker. 
Urquell. 1892. 5. 

* A. F. Dörfler: Das Blut im magyarischen Volksglauben. Urquell. 1892. 270. 
ä Feilberg: I. c. 6. 

c Vgl. auch die Auffassung S. Reinachs <CuItes, Mythes et Religions. 
I. 1908. 125.) von den Höhlenbildern zur Herbeilodcung des Jagdwildes. 



330 Dr. Ge:a Röheim 



wäre 1 . Dem Kind ist das Spiel mit seiner Puppe, die Personifikation, 
bloß Lust, dem Erwachsenen wird diese abgewehrte Kinderlust zum 
Grausen. Bei dem Primitiven sind beide Strömungen zugleich ver- 
treten,- die narzißtische Libido verlangt nach einer Verdopplung des 
eigenen Ichs, der Primitive empfindet aber auch ein Grauen vor 
dem eigenen halb=belebten Doppelgänger und dieses Grauen wird 
in der Rachepuppe objektiviert. Es gibt ein Stadium in der Ent- 
wicklung des Ichs, welches dem eigentlichen Leben vorangeht und, 
vom Standpunkte des vollentwickelten Individuums betrachtet, auch 
die Eigenschaft des Halb^Belebtseins aufweist — das des Fötal* 
Stadiums. Wir kennen die Sitte der Primitiven, daß Frauen mit 
Puppen spielen, um Kinder zu bekommen *, hier wird also der 
Embryo im Mutterleib der Spielpuppe unmittelbar gleichgesetzt. Das 
Grauen vor den scheinbar belebten Puppen wäre also nicht ein 
Grauen vor einem überwundenen Standpunkt des Glaubens, sondern 
auch vor einem überholten Stadium des Seins und Puppe wie 
Doppelgänger wären eigentlich beide das Ich im Fötalstadium 3 . Das 
ist aber eben jene Entwicklungsstufe, die bekanntlich der Vorstellung 
vom Zustand nach dem Tode als Vorbild dient: man verfertigt 
Puppen, Abbilder, sei es, um Leben hervorzurufen, sei es, um 
Leben zu zerstören. Letzterer Zweck des Abbildens äußert sich auch 
mit einem hysteron-proteron den Toten gegenüber: will man 
einen Menschen töten, so wird eine Puppe, die ihm gleicht, herge- 
stellt <und zerstört). Ist einer schon tot, so wird ein Grabdenkmal 
errichtet <und verehrt: Reaktionsbildung). Dies wäre der Ursprung 
der Grabdenkmäler, wie wir sie z. B. bei den Melville und Bathurst- 
Insulanern 4 oder auch in den Ahnentafeln der Chinesen 5 , den ima« 
gines majorum der Römer antreffen. In der Männerweihe der Juin 
wird die lebensgroße Figur des großen Gottes Daramulun, der einst 
in der Vorzeit auf Erden lebte <also jetzt zu den Toten gegangen 
ist), den Novizen gezeigt und dann rasch wieder mit Gebüsch und 
Laub bedeckt <d. h. getötet). Es wird ihnen strengstens eingeschärft, 
daß sie solche Bildnisse nicht verfertigen dürfen , weil sie eben in 
ihren Händen zu Rachepuppen werden könnten, um den Urvater 
zu töten 7 . Genau wie die Pietät gegenüber den Ahnen eine Reak- 
tionsbildung auf frühere Mordimpulse ist, ebenso sind die Grab- 
denkmäler, die dazu dienen, die Gestalt des Vaters »aere perennius« 



1 Vgl. die Ausführungen von S. Freud: Das Unheimliche. Imago. V. 297. 

' Vgl. vorläufig j. G. Frazcr: The Magic Art. 1911. I. 

8 Vgl. die Ausführungen von Aurel Kolnai: Ober das Mystische. Imago. 
VII. 1. 1921. 

4 B. Spencer: NativeTribes of the Northern Territory of Australia. 1914.228. 

1 Vgl. H. Dore: Researches into Chinese Superstitions. 1914. I. J. J. M. de 
Groot: The Religious System of China. Vol. 1. Book. I. 1892. 113. 

v A. W. Howitt: The Native Tribes of South Fast Australia. 1904. 553. 

7 Vgl. die Erklärung vom Bildverbot und die Zerstörung des goldenen 
Kalbes bei Reik: Probleme der Religionspsychologie. I. 1919. 



Das Selbst 331 



festzuhalten, Abkömmlinge der Nachbildungen, die hergestellt wurden, 
um diese Gestalt je eher zu zerstören. 

Das Leitmotiv unserer Ausführungen war die Annahme, daß K £JJ t e < J[' r * 
die Bildung eines zweiten »höheren« »edleren« Wesens im Menschen, eisten Seele, 
einer Seele, eine Kompromißbildung zwischen dem Wunsche sei, 
diese »höheren« Eigenschaften sich selbst zuzuschreiben, und dem 
Widerstände gegen diese allzu offene Selbstüberhebung. Die An= 
nähme wird zur unmittelbaren Gewißheit, wenn wir die Gebräuche 
in Betracht ziehen, die wir unter dem Titel »Kult der eigenen Seele« 
zusammenfassen können und die sich zu der Angst vor dem eigenen 
Abbild und der Rachepuppe wie das Positive zum Negativen ver- 
halten. Hören wir zunächst die vorzüglichen Angaben Warnecks 
über die Batak. »Der Mensch hat seinen tondi <Seele> sehr 
lieb und er ist ihm außerordentlich teuer. Wenn eine Frau 
schwanger ist, muß ihr Vater ihrem tondi ein Gewand und ein Stüd* 
Feld schenken« 1 . Man gibt dem Kind einen hochtrabenden Namen, 
denn der tondi des Kindes verlangt, daß es einen rechten Namen 
bekomme, sonst fühlt der tondi sich nicht wohl und das Kind leidet 2 . 
Ein kleines Kind straft man nicht gern, denn das Sprichwort sagt; 
»Sei nicht zu hitzig dein Kind zu schlagen, es könnte die Gesinnung 
deines tondi wie die Gesinnung deiner Hand sein, der tondi des 
Kindes möchte erschrecken durch dein Schlagen und fortlaufen« 3 . 
Die Batak verehren ihren eigenen tondi, sie geben ihm 
Schmuck oder Kleider, die dann heiliges Gerät werden. 
Man häuft gekochten Reis schön auf einen Teller und tut Zuspeise 
oben darauf, manchmal Fische oder ein Huhn, oder die besten Stücke 
eines Schweines. Dann wäscht sich der Opferer die Hände und ißt 
zuerst von der Speise. Wenn die Speise fertig ist, legt man seine 
besten Kleider an und danach spricht der Familienvater, nachdem 
er mit der Zunge geschnalzt hat, um den tondi aufmerksam zu 
machen. »Dies ist das Opfer für unseren Tondi . . . Der Tondi 
unserer Mutter sei wohlauf und gesund. Der tondi unseres Hauses 
beherrsche alles, was darin ist, er winke Reichtümer herbei von 
Ost und West . . . Tondi unseres Herdes, wir fordern von dir 
glückliche Söhne und Töchter« *. Dreierlei will der Tondi vom Menschen : 

• Warneck: Die Religion der Batak. 1909. 47. 

1 Vgl. oben über die Verdrängungsform dieses Narzißmus des Namens in 
den sich selbst beigelegten Schimpfnamen. 

3 Warneck: 1. c. »Darum verstehen die Batak nicht, ihre Kinder zu er» 
ziehen, solange es ihnen vor ihrem eigenen und ihrer Kinder tondi bange ist.« 
S. 48. Die unbewußte Feindseligkeit, welche sich häufig hinter erzieherischen Maß- 
nahmen verbirgt, wird als »Gesinnung des tondi« endopsychisch wahrgenommen. 
Zu Zeiten, wo böse Geister herumschwärmen, darf man Kinder nicht schelten oder 
gar schlagen, man muß ihnen vielmehr den Willen lassen, ja man muß dem tondi 
des Kindes besonders opfern, damit er sich nicht fürchtet oder von den herum- 
schwärmenden Geistern fortlocken läßt. Warneck: 1. c. 55. 

* Vgl. über den Zusammenhang zwischen dem Tondi des Herdes und 
Nachkommenschaft C. Rademacher: Ober die Bedeutung des Herdes. Urquell. 
IV. 59. Eisler: Über die Kuba-Kybele. Philologus. 68. 202. F. S. Krauss: 






332 Dr. Geza Röheim 



Bekleidung, Speise und heilige Geräte. Wenn jemand eine Frau 
nimmt, so muß er bald ihrem tondi ein Gewand geben, man bringt 
zugleich Fisch als Gabe zu dem tondi der Frau, indem man sagt: 
»Oh tondi der N. N., wir bringen dir hier ein Gewand, nimm es 
an, zu bekleiden Söhne, zu bekleiden Töchter, iß diesen Fisch, 
damit er begleite viele Söhne und Töchter unserer Mutter«. Auf 
diese Weise will man den tondi der Frau gewinnen, viele Nach' 
kommen zu gewähren. Am liebsten gibt man überhaupt dem tondi 
Fische als Gabe 1 . Die Opfernden essen die Fische zwar selbst, aber 
sie weihen sie erst dem tondi und sagen: »Diese Fische sind die 
Gabe für unseren tondi, damit fest sei unser tondi, fern jede Krank" 



Artemidoros aus Daldis Symbolik der Träume. 1881. 112. Buch. II. Kap. 10. 
Herodotus: V, .92. Storfer: Marias jungfräuliche Mutterschaft. 1914. 118, 
119. <Herd als Symbol des Uterus.) Bei den Votjäken ist nun in der Asche 
des Herdes der vor§ud, d- h. das Glück <oder tondi) der Familie. N. Blinov: 
Jaztfesky kult votjakov. Wjatka. 1898. 10. Wenn der Sohn sreh eine neue Familie 
gründet, so nimmt er den vorsud, d. h. den Genius und das Glück der Familie in 
der Asche des Herdes mit. Wenn sein Vater nicht einwilligt, so muß er etwas von 
der Asche des Herdes stehlen, denn ohne vorSud existiert kein Glück, keine Hoff- 
nung. J. Wasiljew: Obersicht über die heidnischen Gebräuche, Aberglauben und 
Religion der Wotjaken. <Mem Soc. Finno*Ougrienne XVIII. 1902.) 59 bis 62. 
AjY-t ^ en vor§u< * handle ich in den »Beiträgen zum ungarischen Volksglauben«. 
Adalekok a magyar nephithez. S. 12 und ebenda S. 19, Anm. 8 über die Bedeutung 
der Asche.) Die Ahnengeister <= Vaterimagines) hausen am Herde <Symbol der 
mütterlichen Vagina). W. R. S. Ralston: The Songs of the Russian Peopie. 1872. 
121, 123. Usakov: Materiali pö narodnym vjerovanijam velikorussov. Etno» 
graficeskoje Obozrjenie. 1897. Nr. 2/3. 155. Bondarenko: Poverje krestyan Tarn- 
bovskoj Gubemij. Zivaja Starina. 1890. II. 117. Wissowa »Penates« in Rosthers 
Lexikon. Derselbe: Religion und Kultus der Römer. 1902. 145 bis 148. L. Preller: 
Römische Mythologie. 1858. 532 bis 550. Samt er: Der Ursprung des Larenkultes. 
Archiv für Religionswissenschaft. X. 371, Im Backofen sieht das Mädchen den zu- 
künftigen Gatten. K. Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. 
1880. II. 238. Der herausgefallene Zahn <Penissymbol) wird ins Ofenloch geworfen. 
P. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1906. II. 298. Um einen 
guten Mann zu bekommen, »beten« junge Mädchen den Ofen an. Bartsch: 1. c. 
II. 131. Wenn der russische Bauer sein Haus verläßt, wird das Feuer am Herd 
zuletzt von der ältesten Frau der Familie angezündet. W. R. S. Ralston: The 
Songs of the Russian Peopie. 1872. 137 bis 139. Die Frau, nimmt bei den Tschu- 
waschen den Hausgeist mit einem Stück des Herdes mit. P. v. Stenin: Die Tschu- 
waschen. Globus. LXIII. 322. Die junge Frau guckt in den Ofen <Sztancsek: 
Privigye videken gyüjtött babonäk. Ethn. 1908. 102), sie küßt die Schwelle <vgl. Rö- 
heim: Die Bedeutung des Überschreitens, I. Z. f. Psa. 1920. 242) und Herd. 
<J. Piprek: Slawische Brautwerbungs- und Hochzeitsgebräuche. 1914. 170, 171). 
Vgl. noch Sartori: Sitte und Brauch. II. 1911. 10. Wuttke: Volksaberglaube. 396. 
Grimm: Mythologie. III. 442. Cziszewski: Ognisko. 1903. M. P. Nilsson: 
Herd und Aschengrube. A. R. W. XVI. 325. Preuner: Hestia-Vesta. Roschers 
Lexikon. 

1 Vgl.R. Eister: Der Fisch als Sexualsvmbol. Imago. 1914. 165 J. Wasiljew: 
Übersicht über die heidnischen Gebräuche, Aberglauben und Religion der Wotjaken. 
Mem. Soc. FinnoOugr. XVIII. 1902. 71, 72. Storfer: Marias jungfräuliche Mutter- 
schaft. 1914. 140 bis 152. Keller: Englisches erotisches Idiotikon. Anthropophyteia. 
1910. VII, 44. Röheim: A medve es az ikrek. <Der Bär und die Zwillinge.) 
Ethnographia. 1914. S. 95, Anm. 3. Vgl. die aufgepflügten Fische im 
Schwank. K. Lieb recht: Zur Volkskunde. 1879, 126. 



Das Selbst 333 



heit« 1 . Schon im Mutterleibe fordert der tondi des Menschen Speisen 
und zeigt das durch die Schwangerschaftsgelüste an 2 . 

Wenn jemand ein seinem tondi geheiligtes Gerät weggibt, 
dann wird er krank und nicht wieder gesund, bis er das heilige 
Gerät ersetzt hat. Dabei sagt er: »Oh tondi, erschreck dich doch 
nicht, weil dein Gerät weggegeben ist« usw. Es ist auf den tondi 
zurückzuführen, ob sich die Güter des Menschen vermehren oder 
vermindern, denn der tondi empfängt das Vermögen oder er wirft 
es von sich. Also die Menschen hängen sich an ihren tondi und 
machen ihn zu ihrem Herrn. Wenn jemand erkrankt ist, erklärt der 
Zauberer, der tondi finde sich beleidigt, und sofort meldet sich 
jemand, der den tondi des Kranken um Entschuldigung bittet 3 . 
»Meine Anbetung deinem tondi, ich will mich bessern. Dies ist ein 
Angeld, Beweis meiner Schuld, wenn du gesund wirst, will ich dir 
nach deinem Verlangen geben, Speise, Kleider, Schmuck. Dein tondi : 
* '* sei barmherzig.« Nach üblen Träumen überreidit der Träumer dem 
tondi sofort eine Gabe. Man darf dabei nicht mürrisch sprechen und 
muß seine besten Kleider anziehen. Manchmal weiht man seinem 
tondi ein Pferd oder Huhn. Wenn man plötzlich erschrocken ist, 
bringt man auch dem tondi ein Opfer das »Geschick« heißt 4 . »Der 
Batak ist beständig in Angst, daß sein tondi ihn verlassen könnte, 
darum ist es ihm viel wichtiger, seinem tondi mit Ehrfurcht 
und Opfergaben entgegenzukommen, als die fernen Götter 
zu verehren, die er weder fürchtet, noch liebt« 5 . <Eine typisch 
narzißtische Variante der Religion.) »Es ist Aufgabe eines klugen 
Menschen, seinen Tondi zu bewahren, zu kräftigen, durch Zufuhr 
anderweitigen Seelenstoffes zu bereichern und ihn bei guter Laune 
zu erhalten« . Ähnliche Anschauungen finden wir auch bei anderen 
Völkern. Wenn bei den Karen jemand krank wird, so ist er von 
seiner Seele verlassen und seine Freunde vollführen dann eine 
Zeremonie mit dem Kleide des Kranken 7 und opfern seiner Seele 
ein Huhn mit Reis 8 . Für den Karen ist es außerordentlich wichtig, 
seine Seele bei guter Laune zu erhalten. Fortwährend bringt 
er ihr Opfer, schlägt das Bambus, um ihre Aufmerksamkeit zu ge= 
winnen, und bindet ein Stück Faden an sein Handgelenk, um die 
stets fluchtbereite Seele zurückzuhalten '•'. Bei den Iroquois bedeutet 

» Warneck: I. c. 56, 57. 

* Warneck: Ebenda. 56. 

3 Krankheit als Folge der allmächtigen bösen Wünsche. Narzißmus des 
Kranken. _ 

* Warneck: 1. c. 57. Das Pferd muß ein junges Tier sein, dessen Haare 
noch nie abgeschnitten worden sind. Wahrscheinlich, weil man mit den Haaren 
»das Glück« abschneiden würde. (Kastrationsangst, vgl. oben.) 

s Warneck: I. c. 40. 

« Warneck: 1. c. 8. 

' Vgl. Warneck: 1. c. über die Riten mit dem »Seelenkleid« der Batak. 

8 E. B. Tylor: Primitive Culture. 1903. I. 438. 

9 Crawley The Idea of the Soul. 1909. 138. Nach F. Mason: Journal 
of the Royal Asiatic Society of Bengal. XXXIV. 195 bis 202. 



334 Dr. Geza Roheim 



oiäro"' Seele. Nun sagt Hewitt über Opfer an den eigenen Schutz* 
geist »The expression ru-=tä'-ne" n = it requires pay from him, is 
used in reference to the necessity of making a feast to the guardian 
spirit (oiäro"')« 1 - In Polynesien versöhnt man die atua des Kranken 
durch Verstümmlungen (Abschneiden des kleinen Fingers usw.), welche 
von den Verwandten des Kranken an sich selbst vollzogen werden 2 . 
Bei den Ewe und dem Tschivolk ist die Seele oder Schutzgeist das 
Aklama <Kla, Kra), ein unsichtbares Etwas, das Gott dem Menschen 
mitgegeben hat, damit es ihn überall begleite. Wenn jemanden ein 
Unfall getroffen hat und es doch glüddich vorübergeht, wenn man 
aus schwerer Krankheit gesundet, wenn einem etwas gelingt, so 
sagt man, »mein Aklama war mir gnädig«. Diesem Aklama, als 
einem selbständig in oder neben dem Menschen existierenden, über 
das Geschick des von ihm bewohnten Menschen frei entscheidenden 
Wesens werden Idole errichtet und Opfer dargebracht,- meistens 
wird das Aklama im Aklama Kpak=pa = geschnitztem Aklama <eine 
rohgeschnitzte Menschenfigur) symbolisiert 3 . Es gibt auch eine 
Kalebasse des Aklama mit zwei sich kreuzenden Strichen, einem 
roten aus Blut und einem weißen aus weißer Erde. Die Striche 
weiden alljährlich an dem dem Aklama geweihten Tage abgewaschen 
und neu aufgetragen. Auch kegelförmige Lehmfiguren (vornehmlich 
in Nord=Togo) dienen dem Aklama. Die Opfer, die ihm am Stand* 
orte seines Idols dargebracht werden, bestehen meistens in einem 
Huhn, dessen Blut auf das Idol gestrichen wird, Du Tschi haben 
das »Waschen des sum« <= okra, Aklama), sie waschen die Idole, 
die den Schutzgeist darstellen, in einer heiligen Quelle*. Bei den 
Hodzo sind die Funktionen des Aklama mehr spezialisiert. Er ist 
der Jagdgott, der beim Menschen wohnt und die Tiere dem Jäger 
übergibt 6 . Bei den Hoern ist der Kla oder Kra bei jedem Menschen 
und geht schon vor seiner Geburt in ihn ein. Der Name des Tages, 
an dem ein Mensch geboren wird, ist der Name seines Kla, der 
mit ihm kommt . Kla ist der »jüngere Bruder« des Gottes, der 
beim Menschen wohnt. In Pelzi und Anum feiern sie den Tag 
jährlich einmal mit einem Festgelage, das man »das Bad des Klac 

1 J. N. B. Hewitt: The Iroquoian Concept of the Soul. Journal of Ame- 
rican Folklore. VIII. 115. 

- Waitz*Gerland: Anthropologie der Naturvölker. 1872. VI. 303. Über 
derlei Verstümmlungen vgl, I- G. Frazer: Folk»Lore in the Old Testament. 
1919. III. 165. 

s Westermann: Über die Begriffe Seele, Geist, Schicksal bei den Ewe» 
und Tschivolk. Archiv für Religionswissenschaft. VIII. 104, 105. 

4 Westermann: Ebenda. 104, 105. Zu den kegelförmigen Figuren vgl. 
Grant-Allen: The Evolution of the Idea of God. 1897. Zu Ehren verstorbener 
Angehöriger werden in Nias Steine errichtet, die mandimal menschliche Figuren 
darstellen, manchmal aber die Form eines Phallos haben. Klciweeg de Zvaan: 
Die Heilkunde der Niasser. 1914. 62. 

1 J. Spieth: Ewe-Stämme. 1906. 840. 

6 Vgl. den Namenstag und Schutzheiligen im europäischen Volksglauben 
und die Feier des Schutzheiligen bei den Südslawen. 



Das Selbst 335 



nennt. Der Betreffende sagt: »Heute beabsichtige ich, meinen Kla 
zu baden« l . Wer sich gegen seinen Aklama <= Kla> verfehlt, den 
schützt er nicht mehr vor Krankheit oder Unglück. Er legt seine 
Hand manchmal in der Nacht auf die Brust seines Schützlinges, so 
daß dieser zwar wacht, aber doch nicht schreien kann. Jedes Leiden 
kommt von einer Verfehlung des Menschen gegen seinen Aklama. 
Dieser hat bestimmte Tage, an welchem seinem Schützling das 
Pfefferessen verboten ist, oder er darf kein Wildschwein essen oder 
Paimwein trinken. Das Übertreten dieser Verbote wird vom Schutz«* 
geist bestraft. Die individuelle Eigenart des Menschen ist die Eigenart 
seines Schutzgeistes, der seinen Charakter dem Menschen aufprägt. 
Der Aklama reinkarniert sich nach dem Tode des Menschen in einem 
anderen Mitglied seiner Familie 2 . Bei den Tschi wird der Schutz^ 
geist Kra nach dem Tode zu Sisa und dieser wird dann in den 
Nachkommen wiedergeboren. Dem eigenen Kra opfert man an 
seinem Geburtstage 3 . Außer dem Aklama, aber allerdings im engen 
Zusammenhang mit ihm, kennen die Hoer noch den Dzodzome, 
»die individuelle Eigenart des Menschen«. Wenn jemand krank wird, 
hat ihn sein dzogbe <= dzodzome) verlassen, wird er gesund, so 
ist der dzogbe zurückgekehrt. Man fragt den Dzogbe des Kranken, 
was er haben wolle, ob ein Huhn oder Palmwein? und das wird 
ihm auch dann zum Wohle des Kranken geopfert '. Die Ga schreiben 
dem Menschen drei Seelen zu, eine im Kopf, eine im Magen und 
eine in der großen Zehe. Der letzteren opfern sie vor einem Spazier^ 
gang*. Bei einem Unglücksfalle sagen sie: »Mein Okra <meine $eele) 
hat sich von mir abgewendet.«; Von seinem Okra erfleht man Rar, 

1 Diesem Waschen der Seele ist es zu vergleichen, wenn ein Häuptling der 
Fan seinen Lebensbaum, der über seiner Nabelschnur gepflanzt worden ist und als 
Symbol seines eigenen Lebens gilt, von Zeit zu Zeit ein Wasseropfer darbringt. 
<R. P. H. Trilles: Le Totemisme chez les Fan. Anthropos Bibliothek. I. H. 4. 1912. 
508.) Das Wasser symbolisiert in all diesen Gebräuchen das Fruchtwasser: am 
Tage def Geburt regrediert man in den pränatalen Zustand, um neues Leben aus 
dem Ursprung alles Lebens zu schöpfen. Vgl. den Zusammenhang zwischen Wasser» 
opfer, Nabel und Sintflut. Feuchtwang: Das Wasseropfer und die damit ver- 
bundenen Zeremonien. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Juden« 
tums. 1910. 535, 713. W. H. Röscher. Neue Omphalosstudien. Abh. d. Phil-Hist. 
Kl. d. Kgl. Sächsischen Ges. d. Wiss. XXXI. 1915. 15. Mehringer, Omphalos, 
Nabel, Nebel. Wörter und Sachen. V. 1913. 43 bis 91. 

* J. Spieth: Die Ewe»Stämme. 1906. 510, 511. Ob auch der Vogel Aklama 
<J. Spieth: Die Religion der Eweer in Togo. 1911. 58) in diesen Zusammen» 
hang gehört, kann ich nicht feststellen. Jedenfalls würde dies zur Vogelgestalt der 
Seele stimmen. 

» A. B. Ellis: The Tshi speaking People. 1887. 15, 149, 153 bis 157- Nach 
Crawley: The Idea of the Soul. 1909. 175. Siehe auch Ellis: The Voruba spea» 
king People 125 bis 127. •■ , 

4 j. Spieth: Ewe»StänTme. 511, 512. In Akra und Aschanti ist das Kla 
das Leben des Menschen und der persönliche Schutzgeist. Er wird zitiert und hat 
Anspruch auf Dankopfer. Th. Waitz: Anthropologie der Naturvölker. 1860. II. 182. 

ä E. Crawley: The Idea of the Soul. 1909. 176. Audi von den Joruba 
werden Teile des eigenen Körpers verehrt. Waitz: Anthropologie der Natur» 
Völker. 1860. II. 188. 






336 Dr. Geza Röheim 



Hilfe und Trost, ihn ehrt man täglich und auch öfters am Tag durch 
Opferspenden. Manchmal fürchtet der Ga, seine Seele <Okra> be* 
leidigt zu haben, dann geht er zum Priester und läßt sich belehren, 
wie er den Okra wieder versöhnen könnte 1 . Die Ba=Ila nennen 
diese persönlichen Schutzgeister »musediakwe muntu« = »Namens* 
bruder des Menschen«, wenn jemand nießt, so sagt er: »Namens- 
vetter, stehe mir immer bei.« <Hier wünscht man sich demnach selber 
»G'sundheit!«, nicht wie bei uns die anderen.) Dann opfert er dem 
Namensvetter durch Spucken und sagt dabei »Tsu« 2 . Will er auf 
die Jagd gehen, so opfert er dem Namensvetter und sagt: »Namens» 
vetter, gehen wir zusammen auf die Jagd.« Nach der Jagd opfert 
er dem Namensvetter vom Fleisch des Tieres und sagt: »Here is 
meat, O my namesake. A spirit does not refuse his own any thing. 
To=morrow and to-morrow may I kill even more than this animal! 
Be thou around mc, O hunter!'« Smith und Murray, die beiden 
Verfasser des Buches über die Ba*Ila, weisen auch darauf hin, daß 
der »Namensvetter« des Ba-Ila und das Unbewußte <»subliminal 
seif«) des modernen Psychologen eins und dasselbe sind. Nun ist 
aber der Mensch, wie bei vielen Naturvölkern, so auch bei den 
Ba=Ha, der wiedergeborene Großvater. Wenn er z. B. Mungalo 
heißt, so ist es darum, weil der Großvater Mungalo war. Dem- 
zufolge heißt natürlich auch der Geist Mungalo 4 , d. h. er ist das 
auf eine höhere Sphäre erhobene eigene Ich, welches zugleich mit dem 
Großvater als Vorbild identifiziert wird 5 . Bei den Asaba hat jeder 
neben dem chi und eka auch einen ikenya, einen persönlichen Glücks- 
geist. Ein Idol vertritt diesen im Hause, dem regelmäßig Opfer 
dargebracht werden 6 . Ähnlich ist die Beschwörung des »luonto«, der 
eigenen Natur der finnischen Schamanen. »Nouse luontoni«, werde 
wirksam meine Natur <Naturkraft), sagt man beim ßesdiwören 7 . 
»Erwache meine Natur, mein Stamm aus der Erde Tiefen, Natur 
meines Vaters, meiner Mutter und meine eigene Natur« 8 . Oder 
in Lönrots Sammlung: »Stehe auf und sei fest meine Natur, 
Genius meiner Seele <haltia) erwache, glitzerndes Auge unter dem 



1 W. Schneider: Die Religion der afrikanischen Naturvölker. 1891. 144 
(nach Ellis). 

5 Siehe oben <Teil i> über das Wörtchen »Tsu« und die sakrale Bedeutung 
des Speichels. Imago. 1921. 6. 

3 So differenziert sich dann der persönliche Schutzgeist zu einem besonderen 
Jagdgott. Vgl. Spieth: Die Eve»Stämme. 1906. 830. 

4 Edwin W. Smith and Andrew Murray: The Ha speaking People 
of Norhern Rhodesia. 1920. 156 bis 160. 

* Vgl. jetzt die präzisere Formulierung von Freud: »Das Objekt hat 
sich an die Stelle des Idrldeals gesetzt.« S. Freud: Massenpsychologie und Ich- 
Analyse. 1921. 83. 

• J. Parkinson: On the Asaba People of the Niger, Journ. Anthr. Inst. 
XXXII. 312 bis 314. 

7 K. Erwast: Finnisch-Deutsches Wörterbuch. 1888. 341. 
■ Krohn-Bän: A fihnugor nepek pojäny istcniisztekte. 1908. (Der heid» 
n sehe Götterkult der finnisch-ugrischen Stämme.) 184. 



Das Selbst 337 



Stein, fleckiges Gesicht unter der Steinplatte, hart wie Stein ist 
meine Natur, meine Haare unbeugsam wie Eisen« usw. 1 . Auch 
die Opfer an die persönlichen Schutzgeister bei den Tschuktschen 2 , 
dem Schutzgeist der angakoks <Schamanen> bei den Eskimo 3 , 
Cree 1 , der Ottawa' 1 , der Dene 6 an ihre Medizinsäcke oder Manitos, 
gehören in dieselbe Reihe, da diese Wesen, wie wir noch sehen 
werden, ebenfalls Abspaltungen aus dem Unbewußten ihrer Schütz« 
linge und Weiterentwicklungen des Seelenbegriffes sind. 

Eine solche ist auch der römische »Genius«, eine unzweifel" 
hafte Geburts* und Zeugungsseele 7 . Nur der Mann hat einen 
Genius, die Frau hat eine Juno. Genius und Juno verhalten sich 
zueinander wie Zeugung und Empfängnis. Das Wort erweitert 
dann seinen Sinn und bedeutet nicht bloß Zeugungskraft, sondern 
»die gesamte Kraft, Energie, Genußfähigkeit, mit einem Worte die 
ganze Persönlichkeit des Mannes, die höheres und inneres Wesen 
abspiegelt und darstellt« 8 . »Genialis lectus« heißt das Ehebett, wo 
der Genius der Familie segnend und befruchtend waltet und es dem 
Hause nie an Kindern fehlen läßt. »Geniales homines« sind gastlich 
freigebige Leute u . Seine Libidobedeutung ist unzweifelhaft. Für uns 
hat es aber besonderes Interesse, daß das, was dem Menschen zu=- 
kommt, eigentlich seinem Genius zukommt, was ihm entwendet 
wird, wird seinem Genius entwendet »Nunc et amico meo pro= 
sperabo et Genio meo multa bona faciam« sagt einer, der . Geld 
bekommen hat 10 . Einer, dem Geld entwendet ist, klagt »Egomet me 
defraudavi Amicum meum geniumque meum« 11 . Liebende rufen seine 
Hilfe an 12 , bei der Bereitung des Hochzeitsbettes wird der Genius 
des Mannes angerufen 13 . Der Geburtstag ist das Fest des Genius 
natalis, Weihrauch und Kuchen sind ihm dargebrachte Opfer 14 , viel» 

1 Lönnrot: Suomen kansan muinaisia loitsurunoja. <Alte Zaubersprüche 
des finnischen Volkes.) 1880. 26 b. John Abercromby: The Pre and Proto« 
historic Finns. 1898. IL 83. b. 

a W. Bogoras: The Chukcfaee. (Jesup North Pacific Expedition.) 1907.422. 

s F. Boas: The Eskimo of Baffin Land and Hudson Bay. Bull. Am. Mus. 
Nat. Hist. 1891. 156. 511. 

* G. Catlin: Jllusrrations of the Manner, Customs and Condition of 
the North American Indians. 1876. L 36. 

8 Lettres edifiantes et curieuses. Nouvelle edition. VI. 1781. 172 bis 174, 
Frazer: Totemism and Exogamy. III. 382. 

6 A. G. Morice: The Canadian Denes. Annual Archeological Report. 
Toronto. 1906. 204. Frazer: 1. c. III. 442. 

' Identifiziert wird sie mit der Seele von Varro bei Augustinus: De Civitate 

Dei. VII. 1323. 

6 G. Wissowa: Religion und Kultus der Römer. 1902. 154. 

9 L. Prell er: Römische Mythologie. 1858. 69. 
io Plautus: Persa. IL 3, 11. 

" Plautus: Aulular. IV. 9, 15. 

<* Tibull: 2, 2. 4, 5. 

» Arnobius: 2, 67. Roscfaers Lexikon. I. 1615. Genius. 

u H Usener: Götternamen. 1896. 297. W. Schmidt: Geburtstag im Alter- 
tum 1908 23. Wissowa: Religion und Kultus. 1902. 155. Tibull: IL 2. IV. 5. 
Censorinus De die natali. 2. O. Jahn-: zu Pers. p. 119. Ovid: Trist. III. 13, 18. 

Iraago VII/3 22 



Genius. 



338 Dr. Geza Rölieim 



leicht gab es auch blutige Opfer '. Es scheint jedoch, daß eine gewisse 
Scheu vor dem Blutvergießen am Tage des Genius nachweisbar ist. 
Varro sagt, die Alten hätten, wenn sie dem Genius am Geburtstag 
das jährliche Geschenk darreichten, ihre Hände vom Blut ferngehalten 2 ". 
Entsprechendes findet sich bei den Deliern,- sie durften am Altar 
des Apollo vsvstw; kein Tier schlachten 3 . Wenn wir uns an die 
bald bewußte, bald nur unbewußte Identität zwischen der Gottheit 
und dem Tier, welches der Gottheit geopfert wird, erinnern, so 
wird der Sinn dieses Verbotes sofort klar werden. Ein Tier dem 
Genius schlachten, hieße den Schutzgeist, also sich selbst, töten. Und 
auch wenn wir das Hauptgewicht bei der Deutung des Genius vom 
Gezeugten auf den Erzeuger legen, müssen wir sagen, daß der 
Genius ein nicht genug erdentfernter Vertreter der Vater-Imago 
ist, um dem Opfertod preisgegeben zu weiden. Dann bedeutet 
aber der Genius auch die Libido, den Phallos* und somit entpuppt 
sich die Scheu vor dem Blutvergießen in diesem Zusammenhang 
als Kastrationsangst. Das Schlimmste, was sich vom Geizhals aus= 
sagen läßt »genium festo vix suo aestimat« 5 . Man dankt dem 
Genius natalis für das neue Jahr und trägt ihm Wünsche für die 
Zukunft vor 6 . Pompejus hat einmal, um seinen Genius besonders 
zu ehren, seinen Triumph gerade auf seinen Geburtstag gelegt 7 . 
Es wird wohl niemandem einfallen, die narzißtische Natur dieses 
Kultes zu bezweifeln. Der Genius ist einfach das idealisierte 
Selbst, der Atman der Upanishaden*. In Ägypten entspricht der 
Ka, der Doppelgänger des Menschen, dem Genius der Römer 
oder dem Tondi der Batak''. »Deinem Ka trinke ich zu« heißt 
es, und bedeutet soviel wie: ich trinke dir zu lu . Wenn man einer 
Dienerin Geschenke gibt, so heißt es, dies sei für den Ka der 
Dienerin 11 . Die Ägypter hatten eine Vierseelenlehre. Das Herz des 
Toten war eine besondere überlebende Gottheit, Kanum, welches 
in der Mumie durch einen Skarabäus dargestellt wurde. Dann 
haben wir den xaib, den Schatten, welcher in Fächerform erscheint. 
Der bä ist der Seelenvogel und endlich der Ka ist Doppelgänger 
und Lebenskraft 12 . »Besitzer eines Ka« bedeutet einen lebenden 



1 Horatius: Od. III. 17, 14. 

2 Schmidt: I. c. 26. 

3 Schmidt: Ebenda. 28. 

4 Siehe Teil IV. Die Außenseele. Über Schlangengestalt der Seele. 

5 Vgl. Rheinisches Museum. 34. 539. 
11 Roschers Lexikon. Genius- 1617. 

' Plinius: Hist. nat. XXXVII. 13. Schmidt I. c. 23. 

8 Vgl. P. Deussem Sechzig Upanishaden des Rigveda. S. 257. <Opfer.) 

9 Vgl. F. S. Krau ss : Der Doppelgängerglaube im alten Ägypten und bei 
den Südslawen. Imago. 1920. 387. 

10 Er man: Die ägyptische Religion. 1909. 103. 

11 G. Roeder: Urkunden zur Religion des alten Ägypten. 1S15. <Religiöse 
Stimmen der Völker.) 89. 

'- Vgl. M. Medvei: Az egyiptomiak halottas tisztelete es halottas szob- 
roeskai. 1917. <Torenkultus und Torenstatuen der Ägypter.) 10. 



Das Selbst 339 



Mens&en 1 . Unsere Ansicht also vom Ursprung der Selbstver» 
dopplung in dem Streben der Libido nach dem eigenen Ich als 
Objekt, findet eine vollkommene Bestätigung in dem narzißtischen 
Kult der eigenen Seele, welche zugleich als eine funktionale Ent* 
hüllung der Urquelle des Seelenbegriffes gelten muß. 

Noch ein Moment bleibt zu berücksichtigen. Der primitive Das unbewußte. 
Dualismus ist nicht bloß ein Gegensatz zwischen Körper und Seele, 
er ist auch ein Zwiespalt innerhalb des seelischen Teiles der Persön- 
lichkeit. Wenn der Primitive sagt: »Ich tue das und jenes«, oder 
wenn er sagt: »Meine Seele« tut es, so meint er ganz verschiedene 
psychische Zustände. Seine Seele ist ja auch Er, aber doch etwas 
anderes, etwas in ihm, dessen Zugehörigkeit zu sich er wohl fühlt, 
das aber manchmal doch mit seiner bewußten Persönlichkeit in Konflikt 
gerät. »Die Wünsche des Menschen und seines Tondi sind keines* 
wegs immer die gleichen, aber immer erfüllen sich die Wünsche des 
Tondi. Vom Tondi hängt das Geschick des Menschen ab« 2 . Ein 
solches Gefühl der ganzen Menschheit muß irgend eine Grundlage 
haben, ein solcher Zwiespalt kann nicht willkürlich ersonnen sein. 
Tatsächlich besteht dieser Zwiespalt, es ist der zwischen dem Be- 
wußten und dem Unbewußten. Die Seele ist das Unbewußte 3 . 
Manche unserer Handlungen sind scheinbar unmotiviert, wir schrecken 
zurück vor unbekannten, d. h. noch nicht bewußt gewordenen Ge- 
fahren,- in solchen Fällen übt eben das Unbewußte seine lebens- 
hütende Funktion aus, indem es die notwendige Reaktion schneller 
hervorruft, bevor noch die Vorstellung Zeit gehabt hätte, bewußt 
zu werden. So ist das Arumburinga des Arunta sein Doppelgänger 
und Schutzgeisr. Wenn ein Mann z. B. auf der Jagd ist und seine 
ganze Aufmerksamkeit dem Wilde zugewandt, das er gerade erlegen 
will, und dann plötzlich, scheinbar grundlos doch zu seinen Füßen 
blickt und bemerkt, daß er gerade auf eine Schlange getreten wäre, 
so ist es sein Arumburinga, welches ihm die Warnung zukommen 
ließ 4 . Dieser Arumburinga wird vom selben Nanjabaum oder Stein 
geboren wie der Mensch, aber er ist unvergänglich und unwandel- 
bar 5 , ein Zug, der nicht übel zu dem nicht entwicklungsfähigen, 

1 Steindorff: Der Ka und die Grabstatuen. Zeitschrift für ägyptische 
Sprache. Bd. XL VIII. 1910. 153, 154. Mit dem Genius vergleicht es auch Le 
Page Renouf: Vorlesungen über Ursprung und Entwicklung der Religion der 
alten Ägypter. 1882. 138. 

> Warneck: I. c. 46. 

3 Vgl. L. Kaplan: Hypnotismus, Animismus und Psychoanalyse. 1917. 102. 
Persönlichkeitsfremde Komplexe werden als fremde Geister apperzipiert, Verschie» 
bangen im Zustande des Unbewußten deuten auf ein Fernsein der Seele oder ein 
Besessensein durch fremde Geister. Die Lengua glauben manchmal, daß sich ihre 
fernweilende Seele nicht in den Körper zurücktraut wegen der fremden Geister, die 
sich eingenistet haben. »A man sitting up in füll strength and vigour, apparently % 

in doubt as to whether he is himself or not, and asserting that his soul is at a 
distance.« Grubb: An Unknown People in an Unknown Land. 1911. 135. 

* Spencer and Gillen: Native Tribes of Central Australia. 1899. 514. 

■ Spencer and Gallen: 1. c. 512, 515. 

22« 



340 Dr. Geza Röheim 



ewiggleichen Charakter des Unbewußten paßt '. Antisoziale Impulse 
fallen der Verdrängung anheim, doch plötzlich brechen sie wieder 
aus dem Unbewußten hervor. Bei den Akikuyu »If a man suddenly 
stabs another on the road, it is said that: it is his Ngor'o <= soul> 
which goes bad« 2 . Die entscheidende Rolle des Unbewußten in der 
Gestaltung der Lebensschicksale wird von den Primitiven endo» 
psychisch wahrgenommen. Bei Eheleuten kommt es nicht auf Liebe 
an — sagen die Batak — , sondern darauf, daß ihre Tondi zw 
sammenpassen. Der Tondi des einen muß die Ergänzung des Tondi 
des anderen sein, gewissermaßen sein Supplement. Diese, man möchte 
sagen chemische Ergänzung, nennt man »rongkap«. Ein Freier hat 
also seinen rongkap zu suchen, wobei ihm Träume, Vorzeichen und 
die Künste des Zauberers helfen. Das sicherste Kennzeichen, daß 
die Tondi eines Ehepaares zusammenstimmen, sieht man darin, daß 
sie Kinder bekommen 3 . Bei den Asaba ist jeder in zwei Exem- 
plaren erschaffen und der Wiederschein des Menschen und all dessen, 
was er besitzt, im Lande der Geister ist der chi und dessen Eigene 
tum. Der chi eines Mannes heiratet die chi der Frau, die er heiratet 4 . 
Wir wissen, daß die Umkehrung in das Gegenteil eine der Arten 
ist, durch welche das Unbewußte die Zensur ausspielt/ Wünsche 
werden durch ihr Gegenteil dargestellt. Die Dajak glauben, daß das 
Reich der Seelen das genaue Abbild des Diesseits ist, nur findet 
sich dort alles in der Umkehrung, die Gegenstände stehen am 
Kopfe, was hier süß ist, ist dort bitter, 'lag ist Nacht usw 5 . Unsere 
manifesten Eigenschaften beruhen immer auf Verdrängung der gegen^ 
teiligen Triebe, die im Unbewußten weiterleben. Doch nach dem 
Tode löst sich ja die Seele los vom Ich, das Unbewußte wird frei 
und so glauben die Dakota, daß die Seele eines ruhigen, wohl- 
anständigen Menschen nach dem Tode unruhig und gefährlich wird, 
hingegen die Seele eines schlechten Menschen gar nicht zu fürchten 
ist 6 , denn nichts Böses verbleibt ja in seinem Unbewußten, bei ihm 
ist ja alles bewußt geworden. 

1 Die anderen Seelen oder Seelentcile unterliegen nämlich einem ständigen 
Wandel in der Reinkarnation. (Vgl. Näheres im >Australian Totemism«.) 
1 Routledge: Wich a Prehistoric People. 1910. 239. 
> Warneck: 1. c. 12, 48, 49. . , 

4 1. Parkinson: On the Asaba People of the Niger. Journ. Anthr. Inst. 
XXXVI. 312 bis 314. t - „ , , 

5 F. Grabowsky: Der Tod, das Begräbnis etc. bei den Daiaken. Inter- 
nationales Archiv für Ethnographie. II. 1889. 187. Vgl. weiteres über diese Um- 
kehrungen bei Röheim: Psychoanalysis es ethnologia, Ethnographia. lJlö. oJ. 

« Dorsey: A Study of Siouan Cults. Bureau of Ethnology. Report XI. 
486. Auch die verschiedenen Tendenzen des Ichs, wie etwa Aktual-Ich und Ich- 
Ideal (Freud) können in verschiedenen Seelen personifiziert werden, so in den guten 
und bösen Engeln des europäischen Volksglaubens oder in der Auffassung der 
Lushai, wonach jeder Mensch eine weise und eine dumme Seele hat 'und die Un* 
2uverlässigkeit des Menschen sich aus dem Widerstreit dieser beiden Seelen erklart. 
Wenn man sich zufällig den Fuß anschlägt, hat die dumme Seele zeitweilig gesiegt. 
I. Shakespear: The Lushei Kuki Clans. 1912. 61. 



Das Selbst 341 



Die fast eintönige Universalität, mit welcher der Primitive Dle T ^*^ im 
seine Träume als Erlebnisse seiner Seele betrachtet, scheint der 
bekannten ethnologischen Hypothese von dem Ursprung der Seelen- 
Vorstellungen aus dem Traume recht zu geben. Hingegen fragt 
Durkheim, warum der Primitive gerade diese Erklärungsmöglich'» 
keit wählt, er könnte ja ebensogut auf irgend eine andere ver= 
fallen, z. B. daß sein Körper, er selbst in die Traumgegend 
entrückt wird usw. i . Die richtige Antwort gibt uns erst das 
psychoanalytische Verständnis des Traumes als Produkt des Un= 
bewußten. Im Schlaf erfolgt ein Insichkehren der Seele, die hem= 
menden Einflüsse der realen Außenwelt werden ausgeschaltet und 
den Wünschen des Unbewußten ist eine <relativ> ungehemmte 
halluzinatorische Erfüllung gegeben 2 . Diesen Wunschcharakter des 
Traumes fühlt der Primitive heraus,- er trachtet sich aber dieser 
Erkenntnis durch eine Projizierung der Wünsche auf die Traum» 
bilder zu entledigen. Eine Dayakfrau sagt zur Entschuldigung ihres 
Ehebruches, sie habe es vorausgeträumt und der Traum sei ein 
Gebot der Götter <d. h. des Unbewußten), wenn sie nicht gehorcht 
hätte, wäre sie wahrscheinlich verrückt geworden 3 . Ein Lengua 
träumte einmal, daß der englische Missionär Grubb drei Kürbisse 
aus seinem Garten gestohlen habe und forderte darauf von diesem 
eine Entschädigung. Er gibt zwar zu, daß er die Kürbisse nicht 
tatsächlich genommen hätte, aber — sagt er — »If you had been 
there you would have taken them«. <Die Indianer machen nämlich 
keinen Unterschied zwischen den Intentionen und der Ausführung 
eines Verbrechens, z. B. Mordes) >Thus showing — sagt Grubb — 
that he regarded the act of my soul, which he supposed had met 
his in the garden, to be really my wilH.« Im Traume verläßt die 
Seele den Körper ~ so glauben die Indianer Nordamerikas — und 
wandert umher, nach den Dingen, von denen sie sich angezogen 
fühlt,- der Wachende muß sich bemühen, diese zu erlangen, damit 
sich die Seele nicht betrübe und den Körper ganz verlasse 5 . Was 
ein Indianer träumt, dazu glaubt er sich unabänderlich bestimmt, und 
sei es auch Mord oder Kannibalismus, er führt es aus 6 . 



1 E. Durkheim: Les Formes Elementaires de la Vie Religieuse. 1912. 78. 

- Vgl. S. Freud: Die Traumdeutung. 1911. 117. 

3 E. H. Gomes: Seventeen Vears among the Sea Dayaks of Borneo. 

1 Barbrooke Grubb: An Unknown People in an Unknown Land. 1911. 

153, 154. 

s de la Potherie: Histoire de I'Amerique septentrionale. 1727. Nach 
Waitz: Anthropologie der Naturvölker. III. 195. 

c Kohl: Kitschi-Gami oder Erzählungen vom oberen See. Bremen- 1859. ex 
Waitz: Ebenda. Der Indianer gibt also dem Unbewußten nach, bei den Tonga äußert 
sich im Wachlebzn schon der Widerstand »Dreams« are not generally liked by the 
Thongas. If something they happened to dream really takes place, it disgusts them. 
When a man has seen a woman several times in his dreams, especially if she were 
pregnant he consults the oracle. If he dreams he has relations with her he may 
go next day and hit her with a stick. He leaves the stick on the ground and goes 



342 Dr. Geza Röheiin 



Schlaf, Traum und Erwachen sind für den Hoer rätselhafte 
Vorgänge, von denen man sich keine klare Vorstellung machen kann. 
Im Schlaf verläßt die Seele den Körper und geht spazieren,- sobald 
sie wieder in den Leib zurückkehrt, erwacht der Schlafende. Der 
Traum <von ku drö »träumen«) wird drö kuku genannt und das be= 
deutet soviel wie »halb und halb gestorben sein«. Im Traum geht 
die vom Körper sich entfernende Seele in das Traumland dröewe, 
wo man in dem einen Augenblick etwas schaut und zu haben glaubt, 
was sich aber nicht festhalten läßt 1 . Der Traum wird deswegen auch 
»Sehen von Schatten« genannt. Diese Schatten sind aber real gc= 
dacht' 2 . Der Westafrikaner deutet seinen Traum auf die Erlebnisse 
seiner Traumseele 3 . Im Schlaf ebenso wie im Tode verläßt die 
Seele den Körper und sieht die Seelen der Lebenden und Toten' 1 . 
Pechuel-Locsche sagt über die Bafiote: »So hat schon der lebendige 
Mensch mit der eigenen Seele seine liebe Not. Er ahnt ihre Neigungen. 
Und im Schlafe merkt er erst recht, was sie eigenmächtig unter« 
nimmt. Sie fliegt wie ein Vogel. Sie schweift in die Wildnis und 
jagt. Sie steigt in den Kahn und fischt. Sie geht vielleicht zum 
Baume, wo die Placenta vergraben worden ist, mit der sie geheim» 
nisvolle Beziehungen unterhält 5 . Sie macht sich lüstern an das andere 
Geschlecht, fährt in ein Tier, treibt vielerlei harmlosen oder groben 
Unfug« c . Der Südafrikaner glaubt, daß sein Schatten ihn im Traume 
verläßt und die Örtlichkeiten wirklich aufsucht, die er im Traume 
sieht,- auch kann er sich mit den Schatten anderer Personen treffen 
und von ihnen Mitteilungen erhalten 7 . Die Nandi glauben, daß die 
Seele im Schlafe den Körper verläßt und daher soll ein Schlafender 
nicht plötzlich geweckt werden, sonst könnte es geschehen, daß die 
Seele den Rückweg nicht findet 8 . Die Haussa sagen, manchmal ist 
man bei Nacht durstig, doch zu schläfrig, um aufzuwachen und. zu 
trinken. »This shows that his soul is suffering from thirst, and is 
trying to get out of his body to assuage it. On the person going 
off to sleep soundly the soul will leave the body and will take the 
shape of a bird and fly to where there is water. You often hear a 

away without a word. This is done to get rid of the obsession and to prevent 
the dream from passing into reality. H. A. lunod: The Life of a South'African 
Tribe. 1913. II. 341. 

1 Vgl. Tarttalus und andere Büßer in der Unterwelt als Traunimotive. Boll: 
Oknos. Archiv für Religionswissenschaft. 1918. 151. 

* I. Spieth: Die Ewe-Stämme. 1909. 564. 

* M. H. Kingsley: West African Studies. 1901. 170. 

4 Arthur Glyn Leonard: The Lower Niger and its Tribes 1906. 146. 

5 Der Traum als Regression in die Intrautcrinlage! (Ferenczi.) Diese Träume 
deuten also funktional den Grundcharakter des Traumes an. <Placenta unter dem 
Baum = Kind im Mutterleib.) 

* Pechuel-Loesche: Die Loango Expedition. 1907. II. 301. 
' D. Kidd: The Essential Kafir. 1904. 83. 

8 A. C Hollis: The Nandi. 1905. 81, 82. Laut den Kagoro verlassen die 
Schattenseelen den Körper des Schlafenden. J. N. Tremearne: Notes on some 
Nigerian Head Hunters. Journal Amhropological Institute. 1912. 158. , 



Das Selbst 343 



tweet=tweet=tweet at night and you know that that is some thirsty 
soul« l . In dieser Beschreibung handelt es sich natürlich um einen 
urethralerotischen Weckreiz: Daher der Durst und das Fliegen. Der 
Boloki erklärt seine Träume als Irrfahrten der Seele 2 . Die Wad* 
schagga bezeichnen die Seele mit dem Worte »urima«, was am 
ehesten dem Worte > Lebenskraft« entspricht, denn diese Seele ist 
an den Leib gebunden und vergeht mit dem Tode. Es ist die 
»Körperseele« der Wundtschen Terminologie. Aber — so fährt 
Gutmann fort '— der Schatten des Menschen überdauert den Tod. 
Er allein geht in die Unterwelt hinab um dort schließlich auch zu 
sterben, zu vergehen. Dieser Schatten des Menschen nun, wie er 
im Sonnenlichte sichtbar wird, ist der, der alles im Traume Er= 
schaute wirklich erlebt, indem ihn die Geister autheben und an jene 
Orte führen, die man z. B. auf einer geträumten Reise berührt 3 . 
Daß es gerade die Schattenseele ist, der die Traumerlebnisse zuge* 
schrieben werden, ist leicht zu verstehen, wenn wir der narzißtischen 
Natur sowohl des Traumes wie der Selbstverdopplung im Schatten 
ein gedenk bleiben. Die Schattenseele, das Unbewußte, äußert sich im 
Traume,- es wird von den Geistern <= die verdrängten Komplexe) 
emporgehoben, es allein lebt in der Unterwelt des Seelischen weiter, 
um schließlich auch in Vergessenheit zu geraten und zu sterben. Die 
Karen in Hinterindien sagen, der Mensch könne im Traume nur 
solche Gegenden aufsuchen, wo er schon früher einmal gewesen 4 . 
Ist ja die Traumlandschaft häufig eine symbolische Wiederholung 
der pränatalen Umgebung des Menschen. Kein Dajak würde daran 
denken, Priester oder Schmied zu werden, wenn er es nicht früher 
geträumt hätte, d. h. wenn es nicht seinen vorbewußten Wünschen 
entspricht. So gibt z. B. einer sein Kind einem fremdem Manne 
zum Erziehen, weil er geträumt hatte, daß das Kind sonst sterben 
würde 5 . Hier werden also ^te verdrängten Mordimpulse in gemil-* 
derter Form realisiert — das Kind ist »weg«, d. h. so gut wie 
tot. Laut den Igorroten geht die Seele des lebenden Menschen, das 
ta' ko, ins unsichtbare Reich der Geister im Traume und bringt den 
Lebenden Kunde vom Jenseits 11 . Eigentlich kommen die Tagalen 
unseren Anschauungen vom Aufbau des Psychischen schon ziemlich 



' J. N. Tremearne: The Ban of ihe Bori. 1914. 134, 135. 

» J. Weeks: Among Congo Cannibals. 1913. 261. 

3 B. Gutmann: Wahrsagen und Traumdeuten bei den Wadschagga. 
Globus. XCII. 1907. 166. Die Südaustralier sagen, wenn jemand in tiefem Schlafe 
versunken ist: »Now he is away over the water«, d. h. seine Seele ist im Jenseits. 
Account respecting beliefs of Australian Aborigines. Manuscript of Sailors 
betonging to the Wilkes Expedition. Journal of American Folklore. IX. 202. 

* A. Bastian: Die Völker des östlichen Asiens. 1866. II. 389. 

5 Ling-Roth: The Natives of Sarawak and British North Borneo. 1896. 
I. 231, 232. Wenn er im Traum ins Wasser fällt, so sagt er, seine Seele sei 
hineingefallen und er ruft den Zauberer, um sie herauszufischen. 

6 A. E. Jenks: The Bontoc Igorot. Departement of the Interior Ethno* 
logical Survey Publications. 1905. 197. 




344 Dr. Geza Roheim 



nahe, indem sie sagen, daß die Hälfte der Seele im Traum umher» 
wandere 1 : Wir würden etwa sagen die unbewußte Hälfte. Die 
Euahlayi haben außer ihren anderen Seelen noch besondere Traum» 
seelen. Was die Traumseele sieht, das erscheint dem Träumenden. 
Wenn jemand die wandernde Traumseele schlägt, so spürt man 
Müdigkeit, und wenn man sie hindert, in den Körper zurückzu- 
kehren, dann erwacht man überhaupt nicht mehr. An der Grenze 
Queenslands wohnte ein Zauberer, der hatte einen Sadt voll solcher 
abgefangenen Traumseelen und infolgedessen ist er eines der gefürch- 
tetsten Mitglieder seiner Gilde '-. Am Pennefather River spricht die eigene 
Seele zum Schlafenden im Träume, am Cape Grafton bringt die 
Taube der Mutter im Traume die Seele ihres Kindes 3 . Die Chane 
und Chiriguano in Südamerika treffen im Traume einen Toten, sie 
besuchen im Traume das Totenreich 4 . Die Stämme Nordwest- 
brasiliens glauben, daß die Seele im Schlaf und Traum den Körper 
verläßt und »spazierenc geht 5 . Durch das Abhetzen der zurück» 
kehrenden Seele im Traum erklärt der Bahairi die Kopfschmerzen, 
die man nach zu kurzem nächtlichen Schlummer bekomme c . Bei den 
Bororo fliegt die Seele im Traum in Gestalt eines Vogels von 
dannen, sie sieht und hört dann vieles und, was der Erwachende 
berichtet, wird fest geglaubt 7 . Auch den Kulturvölkern ist derartiges 
keineswegs fremd, die Folklore Europas und Chinas weist zahl- 
reiche Beispiele von den Traumfahrten der Seele auf 8 . Wenn wir 
uns vergegenwärtigen, daß der Primitive endopsychisch die Wahr= 
nehmung macht, daß er nicht ganz »Herr im eigenen Hause« (Freud) 
ist und die unbeherrschbaren Gewalten seines innersten Wesens 
in der Form eines schattenhaften Doppelgängers objektiviert, so 
wird es uns einleuchten, warum gerade das Traumleben der Herr- 
schaft dieses Doppelgängers unterworfen ist' J . 

¥ 

1 A. Bastian: Die Völker des östlichen Asiens. 1866. II. 389. Die Maori 
<W. B. Baker: On Maori Poetry. Transactions of the Ethnological Society. I. 
57>, die Aru=lnsulaner <RiedeI: De Sluik-en kroeshaarige Rassen tuschen Papua 
cn Selebes. 1888. 267.) und die nördlichen Massini <C G. Seligmann: The 
Melanesiens of British New Guinea. 1910. 734.) deuten Träume als Erlebnisse 
der wandernden Seele. 

1 K. L. Parker: The Euahlayi Tribe. 1905. 27, 28. 

3 W. E. Roth: Superstition, Magic and Medicine. North Queensland Ethno» 
graphy Bull. 5. 1903. 27. 

* E. Nordenskiöld: Indianerleben. 1912. 257. 

8 Th. Koch-Grünberg: Zwei Jahre unter den Indianern. 1910. II. 152. 
Vgl. bei den Karaja P. Ehrenreich: Beiträge zur Völkerkunde Brasiliens. 1891. 33. 

''• K. von den Steinen: Unter den Naturvölkern Zöntralbrasiliens. 1897. 295. 

"■ Steinen: Ebenda. 397. In Motlav werden nur die besonders lebhaften 
Träume diesen »Traumfahrten« der Seele zugeschrieben. R. H. Codrington: The 
Melanesians. 1891 249. 266. 

8 J. J. M. de Groot: The Religious System of China. IV. 2. 1901. 117. 
Leuba: The Several Origins of the Ideas of Unseen, Personal Beings. Folk-Lore. 
1912. 152 bis- 156. 

9 Vgl. Kaplan: Hypnotismus, Animismus und Psychoanalyse. 1917. 102. 
»Die transzendentale Welt — das Jenseits — wird also mit dem Unbewußten 



Das Selbst 345 



der Seele. 



Die Seele wäre also funktional dem Unbewußten gleidizu» 5*J |«äg " nd 
setzen. Woraus besteht aber unser Unbewußtes? Darauf antwortet 
die Psychoanalyse: Im wesentlichen aus verdrängten Wünschen und 
Erlebnisspuren unserer Kindheit,- hier sind die archaischen Vertreter 
eines überwundenen Standpunktes der psychischen Entwicklung zu 
Hause. Das Unbewußte ist also das Infantile. Nun werden 
wir die Angaben verstehen, in denen die Seele als verkleinertes 
Abbild des Menschen oder als Kind erscheint. Eigentümlicherweise 
mischen sich aber noch andere Gebilde mit diesen, als wollten sie 
uns ermahnen, daß wir eine andere Seite der Frage nicht vernach* 
lässigen sollen. Das Unbewußte kann ja nur wünschen, es ist 
Wunsch, Lustprinzip, Libido. Das ist ja die Vorstellung der Seele 
ihrem Ursprünge nach auch, wie wir bereits gesehen haben. Wie 
verrät sich das in unseren Angaben? Die Größe der Seelen» Daumengestalt 
männchen wird oft als finger» oder daumengroß angegeben, 
sie wohnen im Finger, oder haben die Gestalt eines Fingers — 
und der Finger ist ja ein symbolischer Phallos 1 . In Ägypten 
bleibt der Ka, der seelische Doppelgänger des Menschen, ewig in 
kindlicher Gestalt, einerlei ob es die Seele eiries Kindes oder eines 
Mannes ist 2 . Nach indischer Anschauung ist die Seele, die den 
Körper des Toten verläßt, daumengroß 3 . Jama zieht die Seele in 
Form eines kleinen Männchens aus dem Körper 4 . Wenn in Ma= 
cassar ein Kranker im Todeskrampfe liegt, reibt ihm der Priester 
den Mittelfinger, um den Ausgang der Seele, der stets dort erfolgt, 
zu erleichtern 5 . Die östlichen Semäng glauben, daß die Seele ein 
genaues Abbild des Menschen sei, aber rot wie Blut und nicht größer 
als ein Maiskörnchen °. Die Malayen halten die Seele für ein kleines 
Männchen, gewöhnlich unsichtbar, doch ungefähr von der Größe 
eines Daumens, welcher in Form und Proportion, ja sogar in der 
Gesichtsfarbe genau dem Körper entspricht, welcher sein Behälter 
ist 7 . Mit folgenden Worten wendet sich der malaiische Zauberer 
zur Seele des Kokosbaumes »Come hither, Little One, come hither, 
Come hither, Tiny One, come hither, Come hither, Bird, come 
hither, Come hither, Filmy One, come hither« 8 . Sofort wird 
der Sinn der Anrufung des »Kleinen« klar, wenn wir bedenken, 



identifizierte, S. 106: »So bedient sich die Verdrängung der amnestischen Denk- 
weise, indem das Ich als außerhalb des Ich befindlich aufgefaßt wird.« 

1 Vgl. oben über Daumen im Liebeszauber und über den Däumling der 
Märchen. Imago. 1921. 28. Antn. 10. 168. 

8 Guimet: Les ämes egyptiennes. Revue de l'Histoire des Religions. LXVII1. 
1913. 1. Medvei: Totenkultus der Ägypter <ung.> 1917. 42. Vgl. auch die Arbeit 
von Monseur: L'äme poucet. Revue de l'Histoire des Religions. LI. 

3 Crawley: The Idea of the Soul. 109. 141, 144. 

* Crawley: Ebenda. 242. Bastian: Der Mensch in der Geschichte 1860. 

II. 312. 

6 A. Bastian: Der Mensch in der Geschichte. 1860. II. 322. 

Skeat and Blagden: Pagan Races of the Malay Peninsula. 1906. II. 194. 

■ Skeat: Malay Magic. 1900. 47. 

« Skeat: Malay Magic. 1900. 217. 



346 Dr. Geza Röheim 



daß die »Seele des Reises« 1 auch »Kind des Reises« heißt 2 . So 
glauben die Eingeborenen bei Adelaide, daß die Seele ungefähr 
so groß sei wie ein Knabe von acht Jahren 3 . Andere sagen, die 
Seele sei so klein »that it might pass rhrough a chink« 4 . Fison 
schreibt an Frazer: »Die Anschauung der Fijier, daß die Seele ein 
winziges Männchen sei, wird durch die Sitte der Nakelo beleuchtet. 
Man begleitet nämlich die Seele eines toten Häuptlings zum Fluß^ 
ufer, wo der Charon der Fijier ihn abholen soll. Am Wege schützt 
man die Seele mit Fächern, denn, so sagte einer dem Europäer, 
»His soul is only a little child« r '. Die Huronen faßten die Seele 
als verkleinertes Abbild des Menschen auf n . Die Chukchen glauben, 
die Seele sei sehr klein 7 . Laut den Anschauungen der Grönländer 
hat der Mensch mehrere Seelen. Die größten wohnen im Larynx 
und in der linken Seite und seien ungefähr so groß wie ein Spatz. 
Die anderen leben in verschiedenen Teilen des Körpers und sind 
von der Größe eines Fingergelenks 8 . Bei den Giljaken hat der 
Mensch eine große Seele, die in ihrer Größe dem Körper des 
Menschen gleichkommt. Außerdem haben aber alle Menschen noch 
kleine Seelen, welche sich im Kopfe der großen Seelen befinden, nach 
deren Tod sie sich in die großen Seelen verwandeln und zu Dupli^ 
katen der gestorbenen werden. Diese kleine Seele stellt sich der 
Giljake als Ei vor und es ist diese kleine, eiförmige Seele, die dem 
Giljaken im Traum erscheint 1 '. Die eiförmige Seele deutet Stern- 
berg richtig auf den Embryo, ja, vielleicht liegt sogar eine noch 
weitergehende Regression bis zum Spermatozoon vor. Dann wären 
wir auch zur Annahme gezwungen, daß die Gleichungen Seele = das 
Infantile, Seele = Embryo, Seele = Sperma, Libido, alle richtig 
sind, nur daß jede von ihnen eine weiter zurückliegende Stufe der 
regressiven Begriffsbildung darstellt. Vorläufig haben wir es nur 
mit der ersten Stufe zu tun 10 . Der Batak sieht in seinem Sohne 
seinen Tondi, denn er pflanzt das Leben fort. Alle kinderlosen 
Menschen haben gewissermaßen keinen Tondi 11 . Dem Dayak er» 

1 Skeat: I.e. 225. Vgl. auch Spenser St. John: Life in the Forcsts of 
the Far East. 1862. I, 177, 178. 

I Skeat: 1. c. 243. 

3 E. F. Eyre: Journals of Expeditions of Discovery into Central Australia. 
1845. II. 346. 

4 Ch. Wilhelmi: Manners and Customs of the Australian Natives. Royal 
Society Transactions. Melbourne. 1862. 28. 

* I. G. Frazer: Golden Bough (zweite Ausgabe). I. 250. 
« Relation des lesuites. 1634. 17. 1636. 104. 1639. 43. Nach Crawley: 
I. c. 155. 

7 W. Bogoras: The Chukchee. (Jesup North Pacific Expedition.) 1907. 
Religion. 333. 

8 Holm: Meddelelser om Grönland. X. 112. Nansen: Eskimoleben. 1903. 
201, 202. 

9 L. Sternberg: Die Religion der Giljaken. Religionswissenschaft. VIII. 
1904. 470. 

10 Über Seele und Embryo vgl. demnächst im »Australian Totemism«. 

II War neck: Die Religion der Batak. 1909. 47. 



Das Selbst 347 



scheint die Seele als »miniature human being« l . In Minahassa 

heißt die Seele »kleiner Mann« 2 und ebenso nennen die Toradjas 

von ZentraUCelebes die Seele »tanoanac, d. h. »Männchen, Homun* 

culus« 3 . Wenn wir nun einmal so weit sind und das Infantile an Die stimme der 

der äußeren Gestalt der Seele erkannt haben, so wird uns ihre hohe, e " 

schrille, piepsende Stimme 4 nicht mehr überraschen, sie deutet den 

Kontrast an, zwischen der tiefen Stimme des Mannes und der höheren 

Stimmlage des Kindes. Darin macht uns auch die Beobachtung nicht 

irre, daß diese schrillen Töne oft von den Zauberern hervorgerufen 

werden, im Gegenteil, wir werden in diesem Umsdilagen der Stimme 

gerade die Regression ins Infantile erblicken 5 . Die Seelen reden 

in pfiffartigen Tönen mit den Zuluzauberern und überall in Neu* 

Seeland und Polynesien sind die*schrillen Töne der Toten bekannt 7 . 

Das Gebet der Wogulen ist ein schrilles Piepsen, wie wenn man 

Hühnchen heranlodtt*. 

Aus einer Vergleichung der Phylo* und Ontogenese Susammen- 
gelangen wir also zu dem Resultate, daß die narzißtische 
animistische Entwicklungsphase eine Kompromißbildung 
zwischen den an den erogenen Zonen haftenden libidinösen 
Trieben und dem Widerstände ist. Die vorwiegend auf 
Grundlage der diffusen Erogeneität (Lustempfindlichkeit des 
»allgemeinen Sinnes« Wundt) zustande gekommene Sunt* 
mierung der libidinösen Triebe <Körperseele> als Grund* 
läge des Ichgefühls führt zur Bildung eines zweiten außer* 
körperlichen, ejizierten Ichs (Eidolon, Ebenbildseele). Diese, 
ejizierten Vorstellungen und Gefühle knüpfen sich leicht 
an Vorstellungsinhalte an, welche von der Außenwelt 
objektiv gegeben sind/ der Mensch, der sein Ebenbild sucht, 
findet es auch im Schatten, im Spiegelbild. Weil das Un= 
bewußte durch Ersatzobjekte zu befriedigen ist, zieht der 
Mensch den Gegenstand seines Hasses oder seiner Liebe 
in das rohgefertigte Bild hinein und handelt dement* 
sprechend. Die eigentliche Grundlage jeder Ejizierung ist 
aber immer eine Hemmung, entweder eine äußere oder 
eine innere. Eine äußere Hemmung ist z.B., daß der Feind 
nicht auffindbar ist, man sich also mit dem Bilde begnügen 
muß, eine innereHemmung wäre der intrapsychische Wider* 

' Spenser St. John: Life in the Forests of the Far East. 1862. I. 179. 

3 A. C. Kruijt: Het Animisme. 1906. 13, 171. J. A. T. Schwarz: Mede-- 
declingen van wege het Neederlandsch Zendeling Genootschap 1903. 104. Craw- 
ley. The Idea of the Soul. 1909. 115. 

3 Kruijt: 1- c. 12, 66, 171, 176. Bedeutet audi Bild, Spiegelung. Vgl. 
zu diesen Vorstellungen Roheim: Spiegelzauber. 1919. 106. 

* Vgl. E. B. Tylor: Primitive Culture. 1903. I. 452. 

5 Vgl. Ferenczi: Krankhafte Anomalien der Stimmlage. Int. Zeitschrift. 

6 Callawey: The Religious System of the Amazulu. 1870. 265, 348,370. 

7 Tylor: I.e. «•'«■-*«'•« 

8 Munkäcsi: Vogul Nepköltesi Gyüjtemeny (Sammlung des wogulischen 

Volksglaubens). 1910. II. 



348 Dr. Geza Rölieim 



stand ^'einerseits wiederum ein Abkömmling der äußeren Schwierig- 
keiten), welcher sich auf Grundlage der psychischen Bi- 
polarität den positiven Libidoströmungen als Negativum 
entgegenstellt. Eben dieser Widerstand ist es aber, welcher 
die Scheidewand zwischen Bewußt und Unbewußt bildet,- 
das, was ejiziert wird, weil es auf Widerstand stößt, sind 
also die Libidoströmungen, aber auch das Unbewußte. Die 
Seele ist das Unbewußte,- die Spaltung der Welt in körper- 
lieh und seelisch entsteht aus der Spaltung des Individuums 
in Bewußt und Unbewußt und entspricht dem Gegensatz 
zwischen Realitätsprinzip <— Körper = Bewußt) und 
Lustprinzip <Seele, Unbewußt 1 ). Die endopsychisch wahr- 
genommenen Manifestationen*des Unbewußten in Ahnun» 
gen und Träumen werden also richtig als Äußerungen 
der Seele, des Lustprinzips, aufgefaßt. Als Lustprinzip er= 
scheint dieSeele in.der Däumlinggestalt <— Phallossymbol). 
Da das Verdrängte aus Materialien der Kinderzeit besteht, 
hat die Seele Gestalt und Sprache eines Kindes. Nun 
werden wir zusehen, wie sich diese Verdopplung des Menschen der 
Außenwelt gegenüber verhält. Naturgemäß muß sich dem Menschen 
zu Liebe die Außenwelt auch verdoppeln, 

1 Daß das Bewußte in der Schulpsychologie als das Allein»Psychische auf» 
gefaßt wird, während das Unbewußte als niedrigere Entwicklungsstufe dem Körper» 
liehen näher»teht, kann ich nicht als Einwendung gelten lassen. Denn das »Psychische« 
der Psychologen ist nur eine höhere Funktionsweise des Realitätsprinzips, der Not- 
wendigkeit der Anpassung an die fremden, d. h. widerstandleistenden Körper der 
Außenwelt, es ist also natürlich das System ßw., welches die Welt der Realität 
apperzipiert, während das Unbewußte eine magisch*animistische Wunschwelt ge- 
staltet. Siehe auch S. Freud: Jenseits des Lustprinzips. 1920. 22, über den Ur- 
sprung des Systems Bw. aus der Hirnrinde, d. h. aus der Schichte, welche die 
Grenze zwischen dem Lebewesen und der Außenwelt bildet. 




Englische Literatur 349 



Literatur. 

a) Englische. 

FREDERICK SCHLEITER: Religion and Culturc. A Critical 
Survey of Methods of Approach to Religious Phenomena. 
(Columbia University Press, Newyork 1919. Pp. 193 and BibIio= 
graphy.) 

Wie schon der Titel andeutet, beabsichtigt der Verfasser, nur einen 
kritischen Überblick und keinen Originalbeitrag zu diesem ausgedehnten 
Thema zu liefern, das Gebiete wie vergleichende Religionsforschung, Massen* 
Psychologie, Anthropologie und Ethnologie in sich einschließt. Die Arbeit 
beschäftigt sich hauptsächlich mit der schwierigen Frage der Methodologie, 
bespricht die Kriterien, nach denen die Deutung der anthropologischen Er= 
kenntnisse vor sich geht, die Prinzipien, welche den verschiedenen Arbeits» 
methoden zugrunde liegen und die günstigsten Ausgangspunkte für Forschungen 
und Untersuchungen. Da uns hier aber weder Zeit noch Raum zur Be= 
sprechung dieser komplizierten Probleme zur Verfügung stehen, wollen wir 
uns darauf beschränken, einige Worte über den Gesamteindruck zu sagen, 
den die Arbeit erweckt. 

Man hat bei der Lektüre die Empfindung, daß der Autor — zweifellos in 
dem Bestreben, objektiv zu bleiben — jede Kritik der dargelegten Methoden zu 
ängstlich vermeidet, so daß sein Buch schließlich eine Aneinanderreihung von 
Auszügen aus einer Theorie nach der andern wird und es versäumt, die 
organischen Beziehungen der einzelnen Methoden untereinander anschaulich 
darzustellen. Immerhin verschafft es Lernenden einen guten Überblick über 
die Hauptrichtungen auf diesem Arbeitsgebiet und enthält gleichzeitig eine 
sehr brauchbare und sorgfältig ausgewählte Bibliographie. Daß anderseits 
die Aussagen des Autors nicht immer verläßlich sind, beweisen einige grobe 
Irrtümer und Mißverständnisse, die ihm in der Darstellung der psydioanaly- 
tischen Theorie unterlaufen. 

Die Verwendbarkeit des Buches wird leider durch seinen btil — ein 
schwer lesbares Deutsch-Amerikanisch — stark beeinträchtigt. 

EDWARD CLODD: »Magic in Names.« <Chapman 'S) Hall, 
London 1920. Pp. 238., Price 12 «. 6 d.) 

Eine außerordentlich wertvolle, klar und übersichtlidi angeordnete 
Materialsammlung, die in keiner psychoanalytischen Bibliothek fehlen sollte. 
Der Autor begnügt sich in weiser Beschränkung hauptsächlich mit der Dar- 
legung des Materials, ohne viel Erklärungen und Deutungen hinzufügen zu 

Er beginnt mit einer Beschreibung des weitverbreiteten Glaubens an 
das Mana, die Macht, das Weltgeschehen auf übernatürlichem Wege zu beein» 



350 Englische Literatur 



Aussen, ein Begriff, der sich wahrscheinlich mir der von der Psychoanalyse 
sogenannten > Allmacht der Gedanken« deckt. Er zeigt, wie diese Kraft 
zuerst konkreten Körperbestandteilen, wie dem Blut, den Haaren, Zähnen, 
den Körpersäften etc., später weniger materiellen Dingen, wie dem Bild, 
dem Schatten, Spiegelbild, Echo zugeschrieben wurde und findet von da aus 
den Übergang zu dem Hauptthema des Buches, den Vorstellungen von 
magischer Kraft, die mit allen Arten von Namen in Verbindung gebracht 
werden. Hier bespricht er in einzelnen Kapiteln das Verhalten gegenüber 
dem eigenen Namen und den Namen von Verwandten, Geburts- und 
Initiationsnamen, Euphemismen, Königs-, Priester- und Götternamen und 
den Namen von Verstorbenen. Wir erfahren, daß der Primitive dem Namen 
eine außerordentlich große Bedeutung zuerkennt, ihn einerseits als etwas 
Konkretes und Selbständiges und anderseits als den vollgültigen Vertreter 
der Person selbst behandelt. So findet, sich z. B. der Glauben, daß es 
sicherer ist, seinen Namen verborgen zu halten, und daß ein Feind durch 
Kenntnis des Namens Macht über einen erhält, über die ganze Welt ver- 
breitet. 

Der Autor, dessen Arbeitsgebiet die Anthropologie und Folklori- 
stik ist, entnimmt sein Material hauptsächlich dem Leben der primitiven 
Völker und der Bauern und versäumt es, auch die Beispiele heranzuziehen, 
die sich bei den kulturell hochstehenden Ständen und Nationen auffinden 
ließen. So können wir uns mit seiner Äußerung, daß »••für den Kultur- 
menschen der Name nur eine notwendige Etikette ist« nicht einverstanden 
erklären. Jeder praktische Arzt weiß, daß Patienten in Bewußtlosigkeiten, 
in denen sie für jeden andern Reiz unempfindlich sind, nodi auf den Anruf 
beim eigenen Namen reagieren und Steckel machte gelegentlich darauf auf- 
merksam, in welchem außerordentlichen Ausmaß Charakter und Interessen- 
entwicklung eines Menschen durch die Bedeutung seines Namens beeinflußt 
werden können. 

Wir sehen hier ein neues ergiebiges Arbeitsfeld für den Psychoana= 
Iytiker vor uns und haben alle Ursache, dem Verfasser für das wertvolle und 
reiche Material, das sein Buch uns zur Verfügung stellt, dankbar zu sein. 

R. R. MARETT <Reader in Social Anthropology in Oxford): 
Psychology and Folklore. <Methuen 'S) Co., London 1920. 
Pp. 275. Price 7 a. 6 d.) 

Unter den Sozialanthropologen Großbritanniens konnte man von 
Anfang an eine Scheidung in zwei Gruppen beobachten, von denen die 
eine unter der Führerschaft Tylors, die andere unter der Gommes stand. 
Die Anhänger der beiden Schulen, von denen die Arbeiten der einen entwick- 
lungsgeschichtlich, die der andern rein historisch geriditet sind, bezeichnen sich zur 
Unterscheidung selbst als Anthropologen und Ethnologen. Zu den ersteren 
gehören: Frazer, Hartland und Marett, zu den letzteren Rivers und 
Elliot Smith. Ursprünglich unterschieden sie sich nur durdi die verschiedene 
Bedeutung, die sie der Verbreitung und der unabhängigen Entstehung von 
Sitten, Gebräuchen etc. beilegten. Heute behaupten die Ethnologen, daß 
die Verschiedenheiten der beiden Schulen nur in der Methode gelegen seien. 
Marett aber zeigt in dieser Arbeit in '•*• wie es dem Referenten scheint — 
überzeugender Weise, daß der Unterschied hauptsäddidi in der verschiedenen 
Richtung des Interesses liegt. Das Ziel der ethnologischen Forschungs- 
methode ist die Llntersuchung der sozialen Einkleidung und des historischen 



Englische Literatur 351 



Ursprungs der betreffenden Riten und Gebräuche unter Beiseitelassung ihrer 
psychischen Bedeutung, ihr Interesse ist also hauptsächlich soziologisch, das 
der Anthropologen psychologisch gerichtet. Es braucht hier wohl nicht erst 
betont zu werden, welche Arbeiten dem Psychoanalytiker als die interessan- 
teren erscheinen müssen. Für ihn kommt die Untersuchung der psycholo- 
gischen Bedeutung in erster Linie in Betracht und eine nadtte Tatsache, wie 
z. B. daß eine bestimmte Sitte sich im Laufe der geschichtlichen Entwicklung 
von einem Volk auf das andere übertrug,- erweckt in ihm nur die weit 
interessantere Frage, was dieses zweite Volk veranlaßt haben mag, gerade 
diese Sitte auszuwählen und anzunehmen, d. h. was in ihm schon vorhanden 
war, das es dieser Sitte einen bestimmten Sinn unterlegen ließ. Diese Ver= 
schiedenheiten der Auffassung erinnern an die verschiedenen Richtungen in 
der Psychopathologie, wo die eine Schule etwa ganz im Banne der Er^ 
kenntnis steht, daß ein Hysteriker ein Symptom durch Imitation erwerben 
könne, die andere aber ihre Forschungsarbeit erst von dieser Tatsache aus- 
gehen läßt. 

Das vorliegende Buch enthält den Wiederabdruck von zwei Bespre- 
chungen Frazer scher Bücher und neun Aufsätze, deren erstem der Titel 
des Buches entlehnt ist. Eines der Hauptthemen, das sich durdi alle 
hindurch fortsetzt, ist die Betonung des psychologischen Gesichtspunkts in 
der folkloristischen Forschungsarbeit. Marett vertritt die Ansicht,- daß die 
Überlebsel, die auf diesem Arbeitsgebiet das hauptsächlichste Studienmaterial 
abgeben, nicht tote Überreste sind, die sidi aus irgend einem Grund mechanisch 
erhalten haben, sondern lebendige Wirklichkeit mit einem noch erhaltenen 
Sinn, der allerdings nicht der ursprüngliche Sinn zu sein braucht. Er sagt: 
»The fossil-hunter tends to overlook the permanent forces at work in the 

minds to which such lore appeals Da wir unter Überlebseln die 

sozialen Gewohnheiten verstehen, deren Sinn denen, die an ihnen festhalten, 
teilweise verlorengegangen ist, so folgt daraus, daß in jedem Falle eines 
vorgeblichen Überlebsels der Verlust der Bedeutung und nicht nur der 
Mangel einer solchen nachgewiesen werden muß. Nun erkennt aber die 
moderne Psychologie, welche die Lehre vom Unbewußten auch auf das 
Seelenleben der Gruppe ausdehnt, daß Impulse, die vom vernunftgemäßen 
Standpunkt aus sinnlos erscheinen, trotzdem einen verborgenen Einfluß auf 
Denken und Verhalten ausüben können. So kann also die Sinnlosigkeit 
ganz andere Gründe haben als den Vorgang des Veraltens, der sich auf 
historischem Wege erklären läßt.« »Folkloristische Überlebsel sind nicht einfach 
stehengebliebene Trümmer der Vergangenheit, sondern gleichzeitig Äuße- 
rungen jener allgemein menschlichen Strebungen, denen die dauernde Durch- 
setzung am wahrscheinlichsten gelingen wird.« 

Obwohl der Autor in solcher Weise für die Anwendung psycholo- 
gischer Methoden auf die Folkloristik eintritt, ist er doch, offenbar in Er- 
manglung der entsprechenden psychologischen Kenntnisse, kaum imstande, 
selbst eine solche Anwehdung vorzunehmen und scheint auch über das Ausmaß, 
in dem solche Arbeiten schon unternommen wurden, nicht orientiert zu 
sein. Er erwähnt in seinem Buch die Psychoanalyse gar nicht und den 
Namen Freuds nur ein einziges Mal. Es ist auch nicht zu erwarten, daß 
er der psychoanalytischen Arbeit bei näherer Bekanntschaft sympathisch gegen- 
überstehen würde, wenigstens nach seiner ablehnenden Einstellung gegen 
das Prinzip des Determinismus, nach seinem Glauben an die »selbsttätige 
Kraft der Seele« und seiner Verteidigung der Theologie und Philosophie 
gegen die Naturwissenschaften zu schließen. — Vor kurzem erschien im 



352 Französische Literatur 



»Athenaeum« eine Besprechung von >Totem und Tabu«, die vermutlich Mr 
Marett zum Autor hat. Er macht dort die merkwürdige Äußerung, daß 
ohne den Ödipuskomplex die Aufklärungen, die Freud über die bis dahin 
ungelösten Probleme des Totemismus gibt, in nichts zusammenfallen würden, 
— versäumt allerdings den logischen Schluß aus dieser Beobad^tung zu ziehen. 
Der Inhalt des Buches umfaßt die versdiiedensten Gebiete, von den 
Beziehungen zwischen Krieg und der Kultur der Wilden bis zu den Be- 
Ziehungen zwischen Magie und Religion und kann jedem Psychoanalytiker 
wegen der zahlreichen interessanten Anregungen und des wertvollen Ma» 
terials, das es bietet, zur Lektüre empfohlen werden. Die beiden besten 
Kapitel sind, der Meinung des Referenten nach, die über die Psychologie 
der Berührung mit der Kultur und über die Deutung der Überlebsei, ob- 
wohl auch das Kapitel über den Medizinmann bei den Primitiven 
praktische Ärzte besonders interessieren dürfte. In diesem letzterwähnten 
Kapitel findet sich übrigens eine Fußnote, die angibt, daß das Kikuyu-Wort 
für Beichte von einem Wort, das »erbrechen« bedeutet, abstammt, so 
daß also der Breuer-Freudsdhe Begriff der »Katharsis« damit einen Vor- 
läufer in Ostafrika gefunden hätte! r- . t 

° Ürnest Jones. 

b) Französische. 

GOBLETd'ALVIELLA: L'initiation, ins titution sociale, magique 
et religieuse. Revue de l'hist. des Religions. T. LXXXI. Nr. I, 
janv. fevr. Paris 1920. 

Der Autor dieses wichtigen Artikels führt im Anfang aus, daß die 
Individuen desselben Geschlechtes und Alters, welche dieselben Interessen, 
dieselben Neigungen und dieselben Beschäftigungen haben, in allen primitiven 
Gesellschaften eine Tendenz zeigen, sich in besonderen Vereinigungen in- 
mitten der allgemeinen Gesellschaft zu gruppieren. Es gibt so viele Abtei- 
lungen neben der großen Gruppe, die die Unerwachsenen, die Jünglinge, die 
Junggesellen, die verheirateten Männer, die Frauen in ihren verschiedenen 
physiologischen Zuständen, die totemistischen Gruppen, Clans, Phratrien, 
die Fremden und sogar die Toten umschließen. 

Jeder Übergang von einer Klasse in eine andere ist nur von einer 
Modifikation in der Form oder in der Art der übermenschlichen Ein- 
flüsse begleitet, mit denen das Individuum in Beziehung steht. Anderseits 
laufen die Fremden, wenn sie in eine neue Gruppe eintreten, Gefahr, die 
magischen und verderblichen Ausströmungen ihres alten Milieus dahin mit- 
zubringen. Sie müssen also zugleich gereinigt, aufgenommen und unterwiesen 
werden. Solcher Art nun ist der dreifache Gegenstand der Initiation. 

Der Autor glaubt feststellen zu können, daß das magisdie Element 
des Eintrittes allmählich verschwindet, indem es religiöser, moralischer und 
schließlich sozialer wird. Wenn der Glaube an die Wirksamkeit der Magie 
zu verschwinden beginnt oder wenn die- öffentlidien Kulte an Wichtigkeit 
gewinnen, kommt es vor, daß geheime Gesellschaften einfache Klubs werden, 
aus denen jedes mystische Element verschwunden ist/ ihre alten Heiligtümer 
sind nur mehr ein sozialer Mittelpunkt. Ihre Riten sinken dann zu Volks- 
belustigungen oder zu einfachen Possen herab. 

Was nun den Ritus der Initiation anlangt, unterscheidet der .Autor 
unter anderem: 



Französische Literatur 353 



1. Eine Serie von Feierlichkeiten, welche die Verbindungen des Neo- 
phyten mit seinem früheren Milieu lockern und auflösen. 

2. Eine andere Reihe von Feierlichkeiten, die ihn in die überirdische 
Welt aufnehmen. 1 

3. Ein Zeigen von heiligen Gegenständen sowie Unterweisung darin, 
was deren Wesen und Bestimmung ist. 

4. Riten der Rückkehr und Wiedereinsetzung, welche die Rückkunft 
der Initierren in die profane Welt darstellen. 

Diese Riten, hauptsächlich aber die der drei ersten Kategorien, werden 
in allen Initiationen, sowohl bei den Wilden, als auch bei den zivilisierten 
Völkern angetroffen. 

Wie wirken diese Riten auf die Person des Neophyten? 

1. Durch die Erzeugung magischer Einflüsse, welche seine geistige 
und sogar physische Natur ändern. 

2. Findet eine Einsetzung und zwar wahrhafte Einsetzung einer 
neuen Seele statt, die aus der Geisterwelt niedersteigt, 

3. Durch eine stark betonte Anwendung der Idee der Wiedergeburt, 
kehrt der Initiirte zum Embryonalzustand zurück. 

Was diesen letzteren Aspekt anlangt, der für die Initiation sehr 
wichtig ist, zitiert der Autor eine größere Anzahl sehr bezeichnender Zeug» 
nisse. Bei den Nosairis des Libanon war die Initiation einer Geburt an= 
genähert, der Neophvte hieß Foetus. In Ägypten mußte sich der Pharao, 
den man feierlich weihte (Umbildung zu Osiris), in eine Tierhaut einhüllen, 
welche man die Hautwiege nannte. In Indien mußte der junge Brahmane 
im Laufe seiner Initiation die Stellung eines Embryo einnehmen, indem er 
sich auf das Fell einer schwarzen Antilope niederließ, welche die Gebär- 
mutter darstellte. Hernach wurde er als zweimal Geborener bezeichnet. 

Dieser Tod mit der Aussicht, die Gnade einer Neugeburt zu er- 
halten, ist übrigens genau in der Zeremonie des »Bekenntnisses der Gelöbnisse« 
bei den Benediktinern bestimmt. Es ist eine wirkliche Initiation mit der 
Verpflichtung des Schweigens. Der Novize streckt sich auf den Boden 
zwischen vier Kerzen aus. Man bedeckt ihn mit dem Sterbetuche, der 
Orden stimmt das Miserere an, nachher erhebt er sich, umarmt alle An- 
wesenden und geht, um aus den Händen des Abbes das Abendmahl zu 
empfangen. 

Endlich spielt in der Initiation die »Aufmachung« eine Rolle. Es ist 
der eigentliche Ritus der Separation und er umfaßt gleichermaßen die Ver- 
stümmelungen, <Besrhneidung, Ausschlagen eines Zahnes, Abnahme eines 
Fingers.) 

Die Aufnahme in das neue Milieu schließt oft die Annahme eines 
neuen Namens ein, der auch vom Gebrauch einer neuen Sprache begleitet 
ist, die teils durch archaische Ausdrücke und Wendungen, teils durch ge- 
bräuchliche Worte, welche sich einer neuen Betonung bedienen, gebildet wird. 

SIR JAMES GEORGES FRAZER: Les origines magiquesde la 
royaute. Trad. de P. Hyacinthe. Loyson. Paris 1920. 399 pages in 8°. 

Unter den Ursachen, die zur Errichtung der Königswürde führten, 
nennt Verfasser die Einflüsse, welche den Zauberer oder Quacksalber der 
primitiven Gemeinschaft zum hervorragenden Rang eines Monarchen in den 
vorgeschrittenen sozialen Gruppen emporhoben. Der Autor glaubt demnach, 
durch das Studium der Magie zum wirklichen Verständnis des Ursprungs 

Iraago VII/3 23 



354 Französische Literatur 



dieser Einrichtung zu gelangen, die in ihrer Entwicklung ihre Bedeutung so 
tiefgehend geändert hat. 

Man findet in dieser Studie sehr lehrreiche Seiten über die Magie 
und ihre beiden Aspekte, den positiven, das heißt die Zauberei und den 
negativen, das heißt das Tabu. • Die positive Magie befiehlt: »Tue dies, 
damit eine solche oder solche Sache geschieht!« und die negative Magie 
ordnet an: »Tue dies nicht, damit diese Sache nicht geschehe!« Diese doppelte 
Haltung findet sich übrigens in ihrer entwickeltsten Gestalt, in der Institution 
des Königstums wieder. 

P. SAINTVVES: Les origines de la Medecine. Empirisme ou 
Magie? Nourry, Paris 1920. 98 Seiten in 8°. 

Wie in seinen vorangehenden Werken liefert uns hier Saintyves 
eine Materialsammlung, die zwar ein wenig fragmentarisdi und undurdi- 
sichtig, aber sehr lehrreich und abwedislungsvoll ist. Gerade diese Mannig» 
faltigkeit seines Materials hindert ihn, sidi an eine oder die andere der 
beiden, »ein wenig einfältigen« Theorien, des Ursprungs der Medizin und 
Apothekerkunst anzusdiließen, an die rein empirische und die mystisdie 
oder magische. Er berücksichtigt den Anteil, den die mehr oder minder zu- 
fällige Entdeckung von bestimmten Heilmitteln und von bestimmten Ver- 
fahren herangebracht hat und berüdtsichtigt in gleichem Maß den Anteil 
des »Instinktes« beim Menschen in der Entdeckung von Heilmitteln, die 
zur Linderung seiner Leiden geeignet sind. Aber der weitaus wichtigere 
Teil seiner Zeugnisse drängt ihn dazu, am Lirsprung der Medizin mystisdie 
und hauptsächlich magische Einflüsse zu sehen. Die Magie ist gleichzeitig 
eine Wissenschaft, eine Kunst und eine Religion. Sie ist das Ganze der 
Meinungen, der Techniken, und der Gefühle, durch welche der Primitive 
die Welt begreift, zu gewinnen sucht, ihre unsichtbaren Kräfte benützt und 
die seine seelische Halfung gegenüber geheimnisvollen Mächten bestimmt. 
Der Autor gibt folgende Definition der Magie, von der er viele Verfahren 
beschreibt: »Sie ist eine Art von geistiger Physik, aufgebaut auf weiten 
und kindlichen Verallgemeinerungen in bezug auf nützliche Ziele«. 

ALFRED LOISV: Essai historique sur le sacrifice. Nourry, 
Paris 1920. 450 Seiten in 8°. 

In diesem Werk, das eine außerordentlich große Anzahl von Einzel- 
heiten und Belegen enthält, untersucht der Autor die Entwidmung bestimmter 
Opferriten von den zurückliegendsten Zeiten, von denen wahrnehmbare 
Spuren uns erhalten sind, bis zu den geläutertsten Religionen, indem er 
von den rudimentären Riten der Aruntas und der australischen Wilden der 
Gegenwart ausgeht. 

Loisy gibt der rituellen Opferhandlung den Sinn der »Zerstörung 
eines wahrnehmbaren Objektes, das belebt ist oder von dem man annimmt, 
daß es Leben enthält, und durch das man die unsichtbaren Mächte, zu 
beeinflussen gedacht hat. Diese Zerstörung gesdiieht, um sidi entweder 
ihrem Einflüsse zu entziehen, wenn man sie für schädlidi oder gefährlich 
hält, oder um Werk zu befördern, ihnen Genugtuung und Ehre zu erweisen, 
in Verkehr mit ihnen zu treten oder sogar in Gemeinschaft mit' ihnen«. 

Loisy findet am Ursprung des rituellen Opfers zwei eng verknüpfte 
Elemente: das magische Element, durdi das man auf mechanische Art auf 



Französische Literatur 355 



die unsichtbaren Mächte wirken und daraus irgend einen Gewinn ziehen will 
und das mehr religiöse Element, wodurch man eine oder einige übermenschliche 
Wesen umzustimmen, auszunutzen oder wenigstens zu beeinflussen sucht. 

Welches der beiden Elemente ist ursprünglich? Loisy stellt keine 
sichere Behauptung darüber auf, denn diese zwei Momente erscheinen, so 
weit man auch nach rückwärts geht, niemals so völlig gesondert. Dennoch 
bemerkt der Autor, daß in dem Maße, als die Religionen sich organisieren 
und entwickeln, das Moment der Magie sidi vermindert und das der 
Religion sich vergrößert und ein immer ausgeprägteres moralisches Moment 
sich endlich an das magische knüpft und es allmählich verändert. Allein man 
darf sich nicht vorstellen, daß der magische Faktor im Opfer jemals ausfällt. 

Loisy sieht, im Ritualopfer »eine verworrene, kostspielige, schmerzliche 
und vergebliche Bemühung, um sich die freie Benützung der Dinge dieser 
Welt zu erkaufen, um sich das Gedeihen der Völker und die Seligkeit der 
Unsterblichkeit zu erkaufen«. Loisy gesteht zu, daß das rituelle Opfer 
außer den magischen Wirkungen, also rein fiktiven, auch reellere haben 
kann. So bewirkt der Ritus die mystische Einheit des Clans. Er schafft 
und unterhält das dauernde Gewissen der primitiven Gemeinschaft, gleich- 
gültig ob das Ritual das der totemistischen Kommunion bei den Aruntas 
von Australien, das dionysische Fleischfressen oder die christliche Eucha- 
ristie ist. 

Eine zweite Wirkung des Opferrituals jenseits der sozialen Bande 
ist das Vertrauen, das es dem Menschen verleiht: »Die primitive Magie 
ist also die Reaktion gegen die den unkultivierten Menschen beunruhigenden 
und erschreckenden Eindrücke der Natur. In der Gewalt der Elemente, der 
Jahreszeiten, abhängig von dem, was die Erde ihm gewährt oder verweigert, 
von" dem Erfolg oder Mißglücken seiner Jagd und seiner Fischerei, auch 
vom Glück im Kampf mit seinesgleichen, glaubt er, ein Mittel zu linden, 
um durch Schattenhandlungen seine mehr oder minder ungewissen Chancen 
einzurichten.« Er findet darin ein rudimentäres Vertrauen für sein schwaches 
Leben, aber es ist der Anfang des sittlichen Mutes. 

Ferdinand Morel, Genf. 

Dr. CHRISTIN: »Hamlet«. <Semaine litteraire. Geneve, 7. Mai 1921.) 

Dr. C. gibt hier eine Übersicht über die Deutungen, welche die 
Psychoanalytiker von diesem Drama geliefert haben. Er zeigt ferner, wieviel 
plausibler diese sind, als die Erklärungen Goethes und Janets. 

ALBERT THIBAUDET: »Psychanalyse et littcrature«. <Nouvelle 
Revue Francaise, Avril 1921.) 

Thibaudet ist ein ausgezeichneter Literaturkritiker. Schade, daß er 
seine Ansicht über einen Gegenstand äußern wollte, den er kaum kennt, 
und so unfehlbar Torheiten sagt, und zwar gelegentlich des Buches. von 
Vodoz über Roland. Ich werde mich nicht dabei aufhalten, die Irrtümer 
eines Schriftstellers, der über die Anschauungen Freuds spricht, ohne je 
eines seiner Bücher gelesen zu haben, zu berichten. Ich ziehe es vielmehr 
vor, eine der wenigen tröstlichen Sätze dieses Artikels hervorzuheben: 
»Wir müssen verstehen, daß diese Untersuchungen des poetischen und 
künsterischen Unbewußten wirklidi an ein sehr reiches Material rühren, an 
ein Dickicht innerer Realitäten, wo viele Entdeckungen möglich sind«. 

23* 



356 Deutsche Literatur 



A. STOCKER, Privatdozent in Jassy: »Essai psychanalytique sur 
la cruche cassee, de Greuze«. (Encephale 1921, p. 78.) 

Nach einem Hinweis auf die Dienste, welche die Psydioanalyse 
der Kunst erweisen kann, bemerkt der Autor den Parallelismus, der auf 
dem Bilde von Greuze zwischen dem zerbrochenen Krug und dem Leib 
des jungen Mädchens, das ihn trägt, erscheint. Sie hält die Hände, indem 
sie zwischen den Fingern einen leeren Raum bildet, der an das Loch im 
Krug erinnert. Ist das ein purer Zufall? Stocker weist darauf hin, daß 
andere Autoren in der Traumdeutung den Krug als Frauenleib symbolisiert 
gefunden haben. Die Redaktion des Encephale hält sich für verpflichtet, 
diesem Artikel <p. 96> folgende Note folgen zu lassen: »Dieser Artikel 

Ze ' S jf x 7° mn man mit dem Freudismus gelangt, und es ist selbstver- 
ständlich, daß die Verantwortung für ihn nur seinem Autor zufällt und 
daß die Richtung des Encephale vor allem klinisch, anatomisdi-pathologisch 
und biologisch bleibt«. 



R. de Saussure. 



c) Deutsche. 



GEORG GRODDECK: Der Seelen such er. Ein psychoanalytischer 
Roman. (Internationaler Psychoanalytischer Verlag. Leipzig und 
Wien 1921.) 

Groddecks Name dürfte aus der deutschen Literatur vielen bekannt 
sein als der eines temperamentvollen Arztes, dem der wissenschaftliche 
Dunkel so vieler Gelehrten stets ein Greuel war und den, gleichwie der 
ihm wesensverwandte Schweninger, Menschen und Dinge, Krankheiten 
und Heilungsvorgänge mit eigenen Augen besah, mit den eigenen Worten 
beschrieb und sich nicht in das Prokrustesbett einer konventionellen Termin 
nologie zwängen ließ. Manche seiner Aufsätze schienen gewissen Thesen 
der Psychoanalyse zu ähneln, doch wandte sich ihr Autor anfangs auch 
gegen die Freudsche, wie gegen jede Schule überhaupt. Sein Wahrheits= 
fanatismus erwies sich aber schließlich noch stärker, als das Hassen jeder 
schulmäßigen Gelehrsamkeit: er bekannte öffentlich, daß er gefehlt hatte, 
als er gegen den Schöpfer der Psychoanalyse loszog und — was noch 
ungewöhnlicher ist — er entlarvte coram publico sein eigenes Unbewußtes, 
in dem er die Tendenz nachwies, ihn aus purem Neid in die Gegnerschaft 
zu Freud gedrängt zu haben. Man darf sich nicht wundern, daß 
Groddeck, auch nachdem er sich zur Psychoanalyse bekannte, nicht die 
gewohnte Bahn eines normalen Freud-Schülers, sondern auch hier eigene 
Wege ging. Für die psychischen Krankheiten, das eigentliche Gebiet 
analytischer Forschung, hatte er überhaupt wenig Interesse übrig,- sogar die 
Worte »Psyche« und »psychisch« klangen seinem monistisch gestimmten 
Ohre falsch. Er dachte ganz konsequent, daß, wenn er mit seinem Monis- 
mus recht hat und wenn die Lehren der Psydioanalyse richtig sind, letztere 
auch auf organischem Gebiete zu recht bestehen müssen. Mit keckem Mute 
wandte er also die analytischen Waffen gegen die organischen Krankheiten 
und berichtete bald von Krankheitsgesdiichten die seine Annahmen merk- 
würdig bestätigten. Er erkannte in vielen Fällen sdnverer körperlicher Er= 
krankung das Walten unbewußter Absichten, die nach ihm in der 
Verursachung von Leiden überhaupt eine hervorragende Rolle spielen. 






Deutsche Literatur 357 



Bakterien sind, wie er meint, immer und überall da/ es hängt vom unbe= 
wußten Willen des Menschen ab, wann und wie er sich deren bedienen 
will. Ja auch die Entstehung von Geschwülsten, Blutungen, Entzün^ 
düngen usw. kann durch solche »Absichten« begünstigt oder gar hervor- 
gerufen werden, so daß Groddeck sdiließlich diese Tendenzen als conditio 
sine qua non einer jeden Erkrankung hinstellte. Das zentrale Motiv dieser 
latenten krankmachenden Absichten ist nach ihm fast immer der Sexualtrieb,- 
der Organismus erkrankt leicht und gerne, wenn er dadurch eine sexuelle 
Lust befriedigen oder sich einer sexuellen Unlust entziehen kann. Und gleich» 
wie die Psychoanalyse durch das Bewußtmachen verstedtter Regungen und 
das Niederringen des Widerstandes gegen verdrängte Tendenzen Seelen= 
krankheiten heilt, so will Groddeck mittels methodischer analytischer 
Kuren den Verlauf schwerer Körperkrankheiten günstig beeinflußt haben. — 
Es ist mir nichts davon bekannt, daß auch andere Ärzte diese merkwürdigen. 
Heilwirkungen nachgeprüft und bestätigt hätten, so daß wir einstweilen nicht 
bestimmt sagen können, ob wir es hier wirklich mit einer genialen neuen 
Heilmethode oder mit der suggestiven Macht einer einzelnen außergewöhn= 
liehen ärztlichen Persönlichkeit zu tun haben. Keinesfalls darf man aber den 
Beweisführungen dieses Autors die Konsequenz, seiner Hauptidee die Ernst= 
haftigkeit absprechen. 

Nun bereitet uns dieser Forscher eine neue und nicht geringere Über= 
raschung; er stellt sich in diesem neuesten Werke als Romandichter vor. Ich 
glaube aber nicht, daß es ihm dabei in erster Linie um die Erwerbung 
literarischen Ruhmes zu tun gewesen wäre,- er fand im Roman nur die 
passende Form in der er die letzten Konsequenzen seiner Erkenntnisse über 
Krankheit und Leben, Menschen und Einrichtungen zum besten geben konnte. 
Wahrscheinlich hat er recht wenig Zutrauen zur Aufnahmsfähigkeit seiner 
Zeitgenossen für Neues und Ungewöhnliches und darum findet er es nötig, 
die Absonderlichkeit seiner Ideen mit Hilfe der Komik und der unterhalt- 
samen Erzählung zu mildern und den Leser gleichsam mit Lustprämien 
zu bestechen. — Ich bin kein Literat und maße mir kein Urteil über den 
ästhetischen Wert dieses Romanes an, doch glaube ich, daß es kein schlechtes 
Buch sein kann, dem es, wie diesem, gelingt, den Leser vom Anfang bis 
zum Ende zu fesseln, schwere biologische und psychologische Probleme in 
witziger, ja belustigender Form darzustellen und das es zustandebringt, 
derbzynische, groteske und tieftragische Szenen, die in ihrer Nacktheit ab» 
stoßend wirken müßten, mit seinem guten Humor wie mit einem Kleide zu 
behängen. 

Das geistreiche Mittel, dessen er sich dabei bedient, ist, daß er seinen 
Helden MüIler=WeltIein, den »Seelensucher«, als einen genialen Narren 
darstellt, von dem der Leser nie sicher wissen kann, wann er Erzeugnisse 
seines Genies, und wann die seiner Narrheit zum Besten gibt. So kann 
sich dann Groddeck» Welt lein manches vom Herzen reden, was er weder 
in einem wissenschaftlichen, nodi in einem ernsthaft gemeinten phantastischen 
Buche hätte mitteilen können, ohne alle Welt herauszufordern. Der entrüstete 
Bourgeois hätte sofort nach der Zwangsjacke geschrien; da sich ihn aber 
der spöttische Autor von vornherein anzog, bleibt audi dem Hüter der 
Moral nichts anderes übrig, als gute Miene zu machen und mitzulachen. 
Doch so mancher Denker, Arzt und Naturphilosoph wird in diesem Buche 
Ansätze einer von allen Fesseln herkömmlicher Mystik und Dogmatik be= 
freiten Weltanschauung erkennen, oft auch geistvolle Anleitung zur Beur= 
teilung von Menschen und Institutionen bekommen. Der erziehliche Wert 



358 Deutsche Literatur 



desBuches aber liegt darin, daß er, wie einst Swift, Rabelais und Balzac, dem 
pietistisdi-hypokritisdien Zeitgeist die Maske vom Gesiebte reißt und die 
dahinter versteckte Grausamkeit und Lüsternheit, wenn audi mit dem Ver- 
ständnis für deren Selbstverständlichkeit, offen zur Schau stellt. 

Über den Inhalt des Romans kann man auszugsweise überhaupt 
kaum Bericht erstatten. Sein Held ist ein älterer Junggeselle, dessen geregelte, 
in beschaulidier Lektüre verbrachte Einsamkeit durch das plötzliche Auf» 
tauchen einer verwitweten Sdiwester und ihres mannbaren Töditerdiens 
gestört wird. Was zwischen dieser Toditer und unserem Helden eigentlich 
vorging, erfahren wir nie ausdrücklich, können es auch aus dunklen Andeu- 
tungen kaum erraten. In den Betten des Hauses nistet sidi Ungeziefer 
— Wanzen — ein, bei dessen Vertilgung der Hausherr eifrig mithilft. 
Während dieser Jagd nach den blutdürstigen Schmarotzern wird unser Held 
»verrückt«, daß heißt, er befreit sich von allen Fesseln, die einem sonst 
Erbschaft, Überlieferung und Erziehung anlegen. Er wird wie »umge- 
wechselt«, wechselt sogar den Namen und wird zum Landstreidier, zugleich 
sichern ihm aber sein Geld und seine alten Beziehungen den Zugang auch 
zu den höheren und höchsten Gesellschaftsschichten. Und wo er nun hin- 
kommt, macht er von der Narrenfreiheit Gebrauch, den Leuten die Wahrheit 
an den Kopf zu werfen, und so kommt audi der Leser dazu, die Wahr- 
heiten zu hören, die sogar Groddeck nicht anders als mit der Schellenkappe 
am Haupte zu sagen sich getraut. Wir sehen und hören unseren Müller- 
Weltlein im Polizeigefängnis, in einem kleinbürgerlichen Kegelklub, im 
Krankensaale eines Spitales, in der Bildergalerie, im zoologischen Garten, 
im Eisenbahnabteil der IV. Wagenklasse, in einer Volksversammlung, beim 
Feministenkongreß, unter abgefeimten Prostituierten, Schwindlern und Er- 
pressern, sogar beim Saufgelage eines königlich preußischen Prinzen. Überall 
redet und gebärdet er sich wie ein richtiger »enfant terrible«, der alles 
bemerkt und rücksichtslos heraussagt, der sich sogar bewußt zum unentrinnbar 
kindischem Grundwesen audi des erwachsenen Menschen offen bekennt und 
allen großspredierisdien und großtuerischen Heuchlern ein Schnippdien schlägt. 
Das Leitmotiv seiner Narrheit, gleidisam seine Stereotypie, bleibt, offenbar 
als Erinnerungsrest des angedeuteten, traumatisch wirksamen Ereignisses, die 
Wanze, deren vielgestaltige Symbolik zu wiederholen er nicht müde wird. Aber 
audi sonst freute er sidi wirklidi wie ein Kind, an jeder symbolischen Gleidiung, 
die er nur entdecken konnte und in deren Aufspüren er es zur Meister« 
schaft brachte. Die Symbolik, die die Psychoanalyse zaghaft als eine der 
gedankenbildenden Faktoren einstellt, ist für Weltlein tief im Organisdien, 
vielleicht im Kosmischen begründet und die Sexualität ist das Zentrum, um 
das sich die ganze Symbolwelt bewegt. Alles Mensdienwerk ist nur bild= 
liehe Darstellung der Genitalien und des Geschlechtsaktes, dieses Ur- und 
Vorbildes jedes Sehnens und Traditens. Eine großartige Einheit beherrsdit 
die Welt,- die Zweiheit von Körper und Seele ist ein Aberglaube. Der 
ganze Körper denkt,- in der Form des Schnurrbartes, eines Hühnerauges, ja 
der Entleerungen können sidi Gedanken äußern. Die Seele wird vom Körper, 
der Körper von den Seeleninhalten »angesteckt«/ von einem »ich« darf 
eigentlich nicht gesprochen werden, man lebt nicht, sondern wird von einem 
Etwas »gelebt«. Die stärksten »Ansteckungen« sind die Sexuellen. Wer die 
Erotik nicht sehen will, wird kurzsichtig,- wer etwas »nicht riechen« kann, 
bekommt einen Schnupfen,- die Form der bevorzugten erogenen Zone 
kann sich an der Gesichtsbildung, zum Beispiel als Doppelkinn, manifestieren. 
Der Geistliche wird durch seinen Talar »priesterlidi angested««/ nicht die 



Deutsche Literatur 359 



Frau strickt den Strumpf, sondern die Handarbeit verstrickt das weiblidie 
'Geschlecht in eine erbärmliche Kleinlichkeit. Die höchste menschliche Leistung 
ist das Gebären/ die geistigen Anstrengungen des Mannes sind nur lächer» 
liehe Nachahmungsversuche. Die Sehnsucht nach Kindern ist so allgemein 
— in Mann und Weib — — daß »niemand fett wird, es sei denn aus 
ungestilltem Verlangen nach einem Kinde«. Sogar Krankheit und Wunden 
sind nicht nur Quellen des Leides, aus ihnen sprießt auch »die nährende 
Kraft der Vollendung«. 

Am heimischesten fühlt sidi natürlich Weltlein in der Kinderstube, 
wo er lustig mit den Kindern mitspielen, ihre noch naive Erotik mitgenießen 
kann. Am hämischesten aber zieht er gegen die Gelehrten und besonders 
gegen die Ärzte los, deren Beschränktheit die beliebteste Zielscheibe seines 
Spottes ist. Eine wenn auch recht feine Ironie bleibt auch der psycho» 
analytischen Dogmatik nicht erspart, doch ist das die reine Zärtlichkeit mit 
der Grausamkeit verglichen, mit der der »Sdiulpsydiiater« an den Pranger 
der Lächerlichkeit gestellt wird. Nicht ohne Wehmut hören wir zum Schluß vom 
katastrophalen Lebensende dieses lachenden Dulders. Er kommt bei einer 
Eisenbahnkatastrophe um, — verleugnet aber auch postmortal seinen Zynismus 
nicht: sein Kopf ist nirgends zu finden und seine Identität wäre nur mittels 
Einzelheiten seines restlichen Körpers festzustellen, was merkwürdigerweise 
nur die — Nichte versucht. 

Das wäre die äußerst gedrängte Darstellung des Inhaltes dieses »psycho- 
analytischen Romans«. Sicher wird G roddeck = Weltlein, »zu Tode inter» 
pretiert, kommentiert, zerrissen, beschimpft und mißverstanden werden«, wie 
es von Rabelais in den »Contes Drölatiques« zu lesen steht. Dod» 
gleichwie uns Pantagrue! und Gargantua erhalten blieben, wird vielleidit 
eine spätere Zeit auch Weltlein Gereditigkeit widerfahren lassen. 

S. Ferenczi. 




, Buchdruckern Carl Fromme» Oes. 111. b. H., Wien V. 



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Abhandlungen 
aus dem Gebiete der Sexualforschung 

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Hofrat Prof. Dr. L. v. LIEBERMANN (Budapest)— Oeli. Hofrat Prof. K. v. LILIENTHAL (Heidel- 
berg) — Dr. MAX MARCUSE, Berlin) — Prof. Dr. O. MINOAZZINI (Rom) — Geh. Justizrat 
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Redigiert von 
Dr. MAX MARCUSE, Berlin. 

Die „Abhandlungen aus dem Gebiete der Scxualforschung" dienen den gleichen Zwecken wie 
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deren Gcsanitumfang innerhalb eines Jahrganges (Bandes) etwa 2ü Druckbogen betragen wird. 
Die Mitglieder der Gesellschaft für Sexualforschung, die Abonnenten der Zeit- 
schrift für Sexualwissenschaft, sowie die Subskribenten eines Jahrgangs (April 
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