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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften VIII 1922 Heft 1"

MAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG 
DER PSYCHOANALYSE AUF DIE 
GEISTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

PROE DE SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 
DI OTTO RANK u. DI HANNS SACHS 



VIII BAND <1922> 




INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH / LONDON 



Buch(Jruck«rcl Carl Proratn bw H '•• 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Inhaltsübersicht des VIII. Bandes <1922>. 

Abhandlungen: SeJ|e 

Dr. Siegfried Bernfeld (Wien): Bemerkungen über »Sublimierung« 333 

Dr. William Boven (Lausanne): Alexander der Große. ....... 418 

Anna Freud (Wien): Schlagephantasie und Tagtraum 317 

Prof. Sigm. Freud <Wicn): Traum und Telepathie 1 

Albert Furrer <Züridi): Tagphantasie eines scchscinhalbjährigcn 

Mädchens 82 

Dr. Georg G roddeck (Baden-Baden): Der Symbolisierungszwang 67 

Dr. Imre Hermann (Budapest) : Beiträge zur Psychogenesc der 

zeichnerischen Begabung 54 

Dr. Hans K eisen (Wien): Der Begriff des Staates und die Sozial» 
psydiologie. Mit besonderer Berücksichtigung von Freuds Theorie 
der Masse 97 

Dr. Johann Kinkel (Sofia); Zur Frage der psychologischen Grund- 
lagen und des Ursprungs der Religion 23, 19/ 

Aurel Kolnai (Wien): Zur psychoanalytischen Soziologie 242 

Dr. Emil Lorenz <KIagenfurt): Der Mythus der Erde 257 

Dr. Oskar Pf ist er <Züridi>: Die primären Gefühle als Bedingungen 

der höchsten Geistesfunktionen _ 4f> 

- — Die Rcligionspsychologic am Scheidewege 368 

Dr. Sindor Radö (Budapest): Die Wege der Naturforschung im 

Lichte der Psychoanalyse 401 

Dr. Otto Rank (Wien): Die Don Juan-Gestalt. Bin Beitrag zum 

Verständnis der sozialen Funktion der Dichtkunst 142 

Dr. S. Spielrcin (Genf): Die Entstehung der kindlichen Worte 

Papa und Manu 345 

Dr. Alfred Winterstein (Wien): Zur Entstehungsgeschichte der 

griechischen Tragödie 4-10 



IV InhaltsübmiAt de» VHL Band« (1922) 

'■ ■■■■»■ I ■ ■ ■— M ■ ■ ■ I ■ ■ — l 'l — *—■— — —^— — — 

Bücher: „^ 

Dr. Siegfried ßernfeld: Kinderheim Baumgarten (Friedjung) . . , 511 
Albert Furrer: Unsere Erfahrungen mit dem Beobachtungsheini 

Pro Juvenfutc in Zürid» (Grüningcr) 252 

EmilGaßmann; Praktisdie Erziehung und Psydianalysc (Grüningcr) 252 
A. C. Haddon: Migration of Cultures in British New Guinea 

(Röheim) 5|y 

Ed. König: Die Sexualität im Hohenlied und ihre Grenze (Hiisch- 

mann) 5jq 

Maria Krische: Die sexuelle Frage in der Erziehung (Hug. 

Mellmuth) 5jq 

Paul Krische: Marx und Freud (Federn) 512 

Ernst Lobmeyer: Vom göttlichen Wohlgcruch (Rohe im) . .509 

MeiIlet:LinguistiqueHistoriquectLinguistiqucGenL-ralc(Sau$sure> 508 

Dr. Otto Rank: Der Mythus von der Gehurt des Melden (Rclk) 506 
Raymond de Saussure: A propos d'un disciplc d'Unternährcr 

(Rohrschach) 252 

Thcrese Schlesinger: Religion und Erziehung (Friedjung) . 511 

Heinz Werner: Die Ursprünge der Metapher (Röheim) 94 

W.Wundt: Völkerpsychologie. Bd. X; Kultur uiulGeschichte(Röh f j m ) 253 
H. Zulliger: Psychoanalytische Streiflichter aus der Volkwchul. 

praxis (A. Furrer) 251 



IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSyCHO- 
ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: DR. OTTO RANK /DR. HANNS SACHS 

vnfl " i^2 



Traum und Telepathie. 

(Vortrag in der Wies« psychoanalytischen Vereinigung.) 

Von SIGM. FREUD. 

Eine Ankündigung wie die meinige muß in diesen Zeiten, die 
so voll sind von Interesse für die sogenannt okkulten 
Ph l nnmww, gm h ttttmmrt Erwartungen erwecken. Ich be- 
eile midi also, diesen zu widersprechen. Sie v/erden aus meinem 
Vortrag nuhts über das Rätsel der Telepathie erfahren, nicht ein- 
mal Aufschluß darüber erhalten, ob ich an die Existenz einer 
»Telepathie« glaube oder nicht. Ich habe mir hier die sehr beschei- 
dene Aufgabe gestellt, das Verhältnis der telepathischen Vorkomm- 
nisse, welcher Herkunft immer sie sein mögen, zum Traum, ge- 
nauer: zu unserer Theorie des Traumes, zu untersuchen. Es ist 
Ihnen bekannt, dal man die Beziehung zwischen Traum und Tele- 
pathie gemeinhin für eine sehr innige hält/ ich werde vor Ihnen die 
Ansicht vertreten, daß die beiden wenig miteinander zu tun haben, 
und daß, wenn die Existenz telepathischer Träume sichergestellt 
würde, dies an unserer Auffassung des Traumes nichts zu ändern 
brauchte. 

Das Material, das dieser Mitteilung zugrunde liegt, ist sehr 
klein. Ich muß vor allem meinem Bedauern Ausdruck geben, daß 
ich nicht wie damals, .ils ich die »Traumdeutung« <1900> schrieb, 
an eigenen Traumen arbeiten konnte. Aber ieh habe nie einen »tele- 
pathischen« Traum gehabt. Nicht etwa, <U) es mir an Träumen 

laug.. VIII I 



Sigm. Iivt.-I 



gefehlt hätte, welche die Mitteilung enthielten, an einem gewissen 
entfernten Ort spiele sich ein bestimmtes Ereignis al>, wobei es <let 
Auffassung des Träumers überlassen ist, zu entscheiden, ob d.i 
Ereignis eben jetzt eintrete oder zu irgend einer späteren Zeit/ .mdi 
Ahnungen entfernter Vorgänge mitten im Wachleben habe idi oft 
verspürt, aber alle diese Anzeigen, Vorhersagen und Ahnungen sind, 
wie wir uns ausdrücken: nicht eingetroffen/ es zeigte sidi, dlfl dmen 
keine äußere Realität entsprach, und sie mußten darum als rein 
subjektive Erwartungen aufgefaßt werden. 

Ich habe z. B. einmal während des Krieges geträumt, daß 
einer meiner an der Front befindlidien Söhne gefallen sei. D«m 
Traum sagte dies nicht direkt, aber dodi unverkennbar, ei drückte 
es mit den Mitteln der bekannten, zuerst von W. Stcktl • mgr- 
gebenen Todessymbolik aus. {Versäumen wir nicht, hier die oft un- 
bequeme Pflicht literarischer Gewissenhaftigkeit zu erfüllen!) I«f» sah 
den jungen Krieger an einem Landungssteg stellen, an der Grenze 
von Land und Wasser/ er kam mir sehr bleich vor, ich sprach ihn an, 
er aber antwortete nicht. Dazu kamen andere nidit mißverständliche 
Anspielungen. Er trug nicht militärische Uniform, sondern ein Ski- 
fahrerkostüm, wie er es bei seinem schweren Skiunfall mehrere 
Jahre vor dem Krieg getragen hatte. Er stand aul einer schemel- 
artigen Erhöhung vor einem Kasten, welche Situation mir die Deu- 
tung des »Fallens« mit Hinsicht auf eine eigene Kindheitserinnerung 
nahe legen mußte, denn ich selbst war als Kind von wenig mehr 
als zwei Jahren auf einen solchen Schemel gestiegen, um etwas von 
einem Kasten herunterzuholen — wahrscheinlich etwas Gutes — 
bin dabei umgefallen und habe mir eine Wunde geschlagen, deren 
Spur ich noch heute -eigen kann, Mein Sohn aber, den jener I räum 
totsagte, ist heil aus den Gefahren des Krieges zurüekgekchtt 

Vor kurzem erst habe ich einen anderen Unheil verkünden- 
den Traum gehabt, ich glaube, es war, unmittelbar ehe ich mich 
zur Abfassung dieser kleinen Mitteilung entschloß/ diesmal war 
nicht viel Verhüllung aufgewendet worden/ ich sah meine beiden 
in England lebenden Nichten, sie waren schwarz gekleidet und 
sagten mir: am Donnerstag haben wir sie- begraben. Ich wußte, 
daß es sich um den Tod ihrer jetzt siebenundaditzigjahiigen Mutier, 
der Frau meines verstorbenen ältesten Bruders, handle. 

Es gab natürlich eine Zeit peinlicher Erwartung bei mir/ das 
plötzlidie Ableben einer so alten Frau wäre Ja nichts Überraschen- 



Traum und Telepathie 



des und es wäre dodi so unerwünscht, wenn mein Traum gerade 
mit diesem Ereignis zusammenträfe. Aber der nächste Brief aus 
England zerstreute diese Befürchtung. Für alle diejenigen, welche 
um die Wunschtheorie des Traumes besorgt sind, will ich die be- 
ruhigende Versicherung einschalten, daß es der Analyse nicht sdiwer 
geworden ist, auch für diese Todesträume die zu vermutenden un^ 
bewußten Motive aufzudecken. 

Unterbrechen Sie mich jetzt nicht mit dem Einwand, daß 
solche Mitteilungen wertlos sind, weil negative Erfahrungen hier so 
wenig, wie auf anderen minder okkulten Gebieten, irgend etwas 
beweisen können. Ich weiß das auch selbst und habe diese Bei- 
spiele auch gar nicht in der Absicht angeführt, um einen Beweis zu 
geben oder eine bestimmte Einstellung bei Ihnen zu erschleichen. 
Ich wollte nur die Einschränkung meines Materials rechtfertigen. 

Bedeutsamer ersdieint mir allerdings eine andere Tatsache, daß 
ich nämlich während meiner ungefähr siebenundzwanzigjährigen 
Tätigkeit als Analytiker niemals in die Lage gekommen bin, bei 
einem meiner Patienten einen richtigen telepathischen Traum mitzu- 
erleben. Die Menschen, an denen ich arbeitete, waren doch eine 
gute Sammlung von schwer neuropathischen und »hochsensitiven« 
Naturen, viele unter ihnen haben mir die merkwürdigsten Vor- 
kommnisse aus ihrem früheren Leben erzählt, auf- die sie ihren 
Glauben an geheimnisvolle okkulte Einflüsse stützten. Ereignisse 
wie Unfälle, Erkrankungen naher Angehöriger, insbesondere Todes- 
fälle eines Elternteiles, haben sich während der Kur oft genug zu- 
getragen und dieselbe unterbrochen, aber nicht ein einziges Mal 
verschafften mir diese ihrem Wesen nach so geeigneten Zufälle die 
Gelegenheit, eines telepathischen Traumes habhaft zu werden, ob- 
wohl die Kur sich über halbe, ganze Jahre und eine Mehrzahl 
von Jahren ausdehnte. Um die Erklärung dieser Tatsache die 
wiederum eine Einsduänkung meines Materials mit sich bringt, 
möge sich bemühen, wer immer will. Sie werden sehen, daß sie 
selbst für den Inhalt meiner Mitteilung nicht in Betracht kommt. 

Ebensowenig kann mich die Frage in Verlegenheit bringen, 
warum ich nicht aus der reichen Fülle der in der Literatur nieder- 
gelegten telepathischen Träume gesdiöpft habe. Ich hätte nicht 
lange zu suchen gehabt, da mir die Veröffentlichungen der eng- 
lischen wie der amerikanischen Society for Psychical Research als 
deren Mitglied zu Gebote stehen. In all diesen Mitteilungen wird 



Sigm. Freud 



eine analytische Würdigung der Träume, wie sie uns in erst.-i 
Linie interessieren muß, niemals versucht 1 . Anderseits werden Sic 
bald einsehen, daß den Absichten dieser Mitteilung auch dui.h 
ein einziges Traumbeispiel Genüge geleistet wird. 

Mein Material besteht also einzig und allein aus zwei Be- 
richten, die ich von Korrespondenten aus Deutschland .-i h.ilten 
habe. Die Betreffenden sind mir persönlich nidit bekannt, sie 
geben aber Namen und Wohnort aii/ ich habe nicht den minde- 
sten Grund an eine irreführende Absicht der Sdireiber zu glauben. 

I. Mit dem einen der beiden stand idi schon früher in Brief« 
verkehr/ er war so liebenswürdig, mir, wie es auch viele andere 
Leser tun, Beobachtungen aus dem Alltagsleben und ähnliches 
mitzuteilen. Diesmal stellt der offenbar gebildete und intelligent« 
Mann mir sein Material ausdrücklich zur Verfügung, wenn ich es 
>literarisdi verwerten« wollte. 

Sein Brief lautet: 

»Nachstehenden Traum halte ich lür intciess.int genug, »m il"i Ihnen 
als Material für Ihre Studien zu liefern. 

Voraussdiickcn muß idi : Meine Tochter, die in Berlin verheiratet in 
erwartet Mitte Dezember d. J. ihre erste Niederkunft. Ich bealnichtlge, mit 
meiner (zweiten) Frau, der Stiefmutter meiner Tochter, um diese Zeil n.idi B< 
zu fahren. In der Nacht vom 16. auf 17. November träume idi, und zwar so 
lebhaft und anschaulich wie sonst nie, daß mein.- lr.ui Zwillinge hat 

Ich sehe die beiden prächtig aussdiauenden Kinder mit ihren r< teil Fnnbackcn 
deutlich nebeneinander in ihrem Bettchen liegen, das Oesdilccht stelle ich nicht 
fest, das eine mit semmelblondem I l.iar tragt deutlich meine Züge, gemischt 
mit Zügen meiner Frau, d.is andere mit kastanienbraunem I bar, tragt deutlich 
die Züge meiner Frau, gemisdit mit Zügen von mir. hh »..ige zu meiner Frau, 
die rotblondes Haar hat, wahrscheinlich wird das kastanienbraune Haar ►•l.me\. 
Kindes später auch rot werden. Meine Frau gibt den Kindern die Bf« 
hatte in einer Waschschüssel Marmelade gekocht (auch Traum) und beide Kinder 
klettern auf allen vieren in der Sdiüssel herum und lecken nie au». 

Dies der Traum. Vier- oder fünfmal bin ich dabei halb erwacht, frage 
mich, ob es wahr ist, daß wir Zwillinge bekommen haben, komme aber doch nicht 
mit voller Sicherheit zu dem Krgebnis, daß ich nur gcii.iumi habe I >, . I'uum d.<u< M 
bis zum Erwachen und auch danach dauert es eine Weile, Ins idi mir über die 
Wahrheit klar geworden bin. Beim Kaffee erzähle ich meiner Frau den Traum, 
der sie sehr belustigt. Sic meint: Ilse (meine Tochter) wird doch nldil etwa 



1 In zwei Schriften des oben genannten Autors W, Stckcl (»Der tele- 
pathische Traum«, Berlin, ohne Jahreszahl und »Die Sprache de» Ti.iiunc»«, 
zweite Auflage 1922) finden sich wenigstens Ansätze zur Anurmlimg 
analytischen Technik auf angeblich telepathische Traume. Der Am.-i MUMM 
sich zum Glauben an die Realität der Telepathie 



Traum und Telepathie 



Zwillinge bekommen? Ich erwidere: Das kann ich mir kaum denken, denn weder 
in meiner noch in Gs. (ihres Mannes) Familie sind Zwillinge heimisch. Am 
18. November früh zehn Uhr erhalte ich ein nachmittags vorher aufgegebenes 
Telegramm meines Schwiegersohnes, in dem er mir die Geburt von Zwillingen, 
eines Knaben und eines Mäddiens anzeigt. Die Geburt ist also in der Zeit vor 
sich gegangen, wo ich träumte, daß meine Frau Zwillinge bekommen habe. Die 
Niederkunft ist vier Wochen früher erfolgt, als wir alle auf Grund der Ver- 
mutungen meiner Tochter und ihres Mannes annahmen. 

Und nun weiter: In der nächsten Nacht träume ich, meine verstorbene 
Frau, die Mutter meiner Tochter, habe achtundvierzig neugeborene Kinder in 
Pflege genommen. Als das erste Dutzend eingeliefert wird, protestiere ich. Damit 
endet der Traum. 

Meine verstorbene Frau war sehr kinderlieb. Oft sprach sie davon, daß 
sie eine ganze S<iiar um sich haben möchte, je mehr desto lieber, daß sie sich 
als Kindergärtnerin ganz besonders eignen und wohlfühlcn würde. Kinderlärm 
und Geschrei war ihr Musik. Gelegentlich lud sie auch einmal eine ganze Schar 
Kinder aus der Straße und traktierte sie auf dem Hof unserer Villa mit Schoko- 
lade und Kuchen. Meine Tochter hat nach der Entbindung und besonders nach 
der Überraschung durch das vorzeitige Eintreten, durch die Zwillinge und die 
Versdiiedenhcit des Geschlechts gewiß gleich an ihre Mutter gedacht, von der 
sie wußte, daß sie das Ereignis mit lebhafter Freude und Anteilnahme aufnehmen 
werde. »Was würde erst Mutti sagen, wenn sie jetzt an meinem Wochenbett 
stände?« Dieser Gedanke ist ihr zweifellos durch den Kopf gegangen. Lind Ich 
träume nun diesen Traum von meiner verstorbenen ersten Frau, von der ich 
»ehr selten träume, nach dem ersten Traum aber auch nicht gesprochen und mit 
keinem Gedanken an sie gedacht habe. 

Halten Sic das Zusammentreffen von Traum und Ereignis in beiden Fällen 
für Zufall? Meine Tochter, die sehr an mir hängt, li.it in ihrer schweren Stunde 
vidier besonders an midi gedacht, wohl auch, weil ich oft mit ihr über Verhalten in 
der Schwangerschaft korrespondiert und ihr immer wieder Ratschläge gegeben habe.« 

Es ist leicht zu erraten, was ich. auf diesen Brief antwortete. 
Es tat mir leid, daß auch bei meinem Korrespondenten das ana- 
lytische Interesse vom telepathischen so völlig erschlagen worden 
war/ ich lenkte also von seiner direkten Frage ab, bemerkte, daß 
der Traum' auch sonst noch allerlei enthielt, außer seiner Be- 
ziehung zur Zwillingsgeburt, und bat, mir jene Auskünfte und 
Einfälle mitzuteilen, die mir eine Deutung des Traumes ermög- 
lichen könnten. 

Daraufhin erhielt ich den nachstehenden zweiten Brief, der 
meine Wünsche freilich nicht ganz befriedigte: 

»Erst heute komme ich dazu, Ihren freundlichen Brief vom 24. d. M. zu 
beantworten. Ich will Ihnen gern »lückenlos und rückhaltlos« alle Assoziationen, 
auf die ich komme, mitteilen. Leider ist es nicht viel geworden, bei einer münd' 
liehen Ausspradse käme mehr heraus. 



Signi. I'reud 



Also! Meine Frau und idi wünschen uns keine Kinder mehr. Wir ver- 
kehren auch so gut wie gar nicht gesdilcchtlidi miteinander, wenigstens lag zur 
Zeit des Traumes keinerlei »Gefahr« vor. Die Niederkunft meiner Tochter, die 
Mitte Dezember erwartet wurde, war natürlich öfter Gegenstand unserer Unter- 
haltung. Meine Toditer war im Sommer untersucht und geröntgt Morden, dabei 
stellte der Untersuchende fest, daß es ein junge werde. Meine Frau luftcrtc 
gelegentlich- »Ich würde lachen, wenn es nun doch ein Mädchen würde « Nr 
meinte auch gelegentlich, es wäre besser, wenn es ein H. als ein G. (Name 
meines Schwiegersohnes) würde, meine Toditer ist hübscher und stattlicher m 
der Figur als mein Schwiegersohn, obgleich er MarincoflfdV war. Ich beschaf- 
tigte mich mit Vererbungsfragen und habe die Gewöhnlich, mir kleine Kinder 
darauf anzusehen, wem sie gleichen. Nodi eins! Wir habe, ein kleines Münd- 
chen, das abends mit am Tisch sitzt, sein Futter bekommt und Teller und 
Schüsseln ausleckt. All dieses Material kehrt im Traum wieder 

Ich habe kleine Kinder gern und schon oft gesagt, ich mochte noch ein- 
mal so ein Wesen aufziehen, jetzt wo man e* mit sehr viel mein 
Interesse und Ruhe vermag, aber mit inen,, i I ,.,„. ,lj c nldit die Fil 
zur vernünftigen Erziehung eines Kindes besitzt, möd,.,- „I, keins H—H Hill 
haben. Nun beschert mir der Traum zwei - das Gesd.lcd.t bahr i.h B 
gestellt. Ich sehe sie noch heute im Bett liegen und erkenne scharf die 1 
das eine mehr »Ich«, das andere mehr meine Frau, Jedes aber kleine Züge \. ■ 
andern Teil. Meine Frau hat rotblondes 1 1...... »-im-, dn Kln.l.r aber kaitamen- 

<rotcs> braunes. Ich sage: »Na, das wird später aud. n, -f, ,,.t vcrtfaM Die 
beiden Kinder kriechen in einer großen Waschschüssel, in de, „,<!„< Frau Mar- 
melade gerührt hat, herum und lecken fkfl Boden und die Ränder ab (Traum). 
Die Herkunft dieses Details ist leicht erklärlidi, wie der Traum Oberhaupt in-ht 
schwer verständlich und deutbar ist, wenn er nicht mit dem wider BrWssfl 
Irühen Eintreten der Geburt meiner Enkel (drei Wochen zu früh) zelilldi fast 
auf die Stunde (genau kann idi nicht sagen, wann der Traun. bCfsBU. u ■ 
und viertel zehn wurden meine Enkel geboren, um elf etwa ging ich :u I 
und nachts träumte ich) zusammengetroffen wäre und wir nicht schon vorher 
gewußt hätten, daß es ein junge werden würde. Freilich kann wohl .ler Evttfd 
ob die Feststellung richtig gewesen sei — Junge oder Mädchen — Hfl I MM 
Zwillinge auftreten lassen, es bleibt aber Immer noch das zeilliche Zusammen- 
treffen des Traumes von den Zwillingen mit dein unei * -.nieten und drei Wochen 
zu frühen Eintreffen von Zwillingen bei meiner Tochter. 

Bl ist nicht das erste Mal, daß Ereignisse In der lerne rieh mir bewußt 
machen, ehe idi die Nachridit erhalte. Eines unter zahlrcidivn ! Im Oktober be- 
suchten mich meine drei Brüder. Wir haben uns seit dreißig Jahren mihi wiedci 
zusammen (der eine den andern natürlich öfter) gesehen, nur einmal ganz kon 
beim Begräbnis meines Vaters und dem meiner Mutici BcJdffl Fod I U B 
erwarten, in keinem Falle habe ich »vorgefühlt«. Aber als vor zirka fünfund- 
zwanzig; Jahren mein jüngster Bruder im zehnten Lebensjahr plÖDtM und un- 
erwartet starb, kam mir, als mir der Briefbote die Postkarte mit der NuMriri 
von seinem Tode übergab, ohne daß Idi einen Blick darauf geworfen halle, so- 
fort der Gedanke: D.i steht darauf, daß dein Bruder gestorben Ut. Ir war 
doch allein im Elternhaus, ein kräftiger gesunder Buh, wahrend w ii wri alteren 



Traum und Telepathie 



Bruder alle vom Elternhaus schon flügge geworden und abwesend waren. Zu- 
fällig kam das Gespräch beim Besudi meiner Brüder jetzt auf dieses mein Er- 
lebnis damals, und alle drei Brüder kamen nun wie auf Kommando mit der 
Erklärung heraus, daß ihnen damals genau dasselbe passiert sei wie mir. Ob 
auf dieselbe Weise, kann im nicht mehr sagen, jedenfalls erklärte jeder, den 
Tod vorher als Gewißheit im Gefühl gehabt zu haben, ehe die bald darauf 
eintreffende und gar nicht zu erwartende Nachricht ihn angezeigt hatte. Wir 
sind alle vier von Mutters Seite her sensible Naturen, große kräftige Menschen 
dabei, aber keiner etwa spiritistisch o<kf okkultistisch angehaucht, im Gegenteil, 
wir lehnen beides entschieden ab. Meine Brüder sind alle drei Akademiker, 
zwei Gymnasiallehrer, einer Oberlandmesscr, eher Pedanten als Phantasten. — 
Das ist alles, was ich Ihnen zum Traum zu sagen weiß. Wenn Sie ihn etwa 
literarisch verwerten wollen, stelle ich ihn gern zur Verfügung.« 

Ich muß befürchten, daß Sie sich ähnlich verhalten werden 
wie der Schreiber der beiden Briefe. Auch Sie werden sidi vor 
allem dafür interessieren, ob man diesen Traum wirklich als eine 
telepathische Anzeige der unerwarteten Zwillingsgeburt auffassen 
darf, und gar nicht dazu geneigt sein, ihn wie einen anderen der 
Analyse zu unterziehen. Ich sehe voraus, daß es immer so sein 
wird, wenn Psychoanalyse und Okkultismus zusammenstoßen. Die 
ersterc hat sozusagen alle seelischen Instinkte gegen sich, dem 
letzteren kommen starke, dunkle Sympathien entgegen. Idi werde 
aber nicht den Standpunkt einnehmen, ich sei nichts als ein Psycho- 
analytiker, die Fragen des Okkultismus gehen mich nichts an/ das 
würden Sie dodi nur als Problemflüditigkeit beurteilen. Sondern, 
idi behaupte, daß es mir ein großes Vergnügen wäre, wenn ich 
mich und andere durch untadelige Beobachtungen von der Existenz 
telepathischer Vorgänge überzeugen könnte, daß aber die Mit- 
teilungen zu diesem Traum viel zu unzulänglich sind, um eine 
solche Entscheidung zu rechtfertigen. Sehen Sie, dieser intelligente und 
an den Problemen seines Traumes interessierte Mann denkt nicht 
einmal daran, uns anzugeben, wann er die ein Kind erwartende 
Tochter zuletzt gesehen oder welche Nachrichten er kürzlich von 
ihr erhalten, er schreibt im ersten Brief, daß die Geburt um einen 
Monat verfrüht kam, im zweiten sind es aber nur drei Wochen 
und in keinem erhalten wir Auskunft darüber, ob die Geburt 
wirklich vorzeitig erfolgte, oder ob sidi die Beteiligten, wie es so 
häufig vorkommt, verrechnet hatten. Von diesen und anderen 
Details der Begebenheit würden wir aber abhängen, wenn wir 
die Wahrscheinlichkeit eines dem Träumer unbewußten Absdiätzens 
und Errate» zu erwägen hätten. Ich sagte mir auch, es wür<l< 



Siglll l*!.-U'l 



nichts nützen, wenn ich auf einige solcher Anfragen Antwort be- 
käme. Im Laufe des angestrebten Beweisverfahrens würden ckxh 
immer neue Zweifel auftaudien, die nur beseitigt Verden Konnten, 
wenn man den Mann vor sich hätte und alle die dazugehörigen 
Erinnerungen bei ihm auffrischen würde, die er vielleicht als un- 
wesentlich beiseite geschoben hat. Er hat gewiß Recht, wenn er 
zu Anfang seines zweiten Briefes sagt, bei einer mündlichen Aus- 
sprache wäre mehr herausgekommen. 

Denken Sie an einen anderen, ähnlichen Fall, an dem das 
störende okkultistische Interesse gar keinen Anteil hat. Wir ,1t 
sind Sie in die Lage gekommen, die Anamnese und den Krank« 
heitsbericht, den Ihnen ein beliebiger Neurotiker in der erffCfl 
Besprechung gab, mit dem zu vergleichen, was Sie n.uh rJolfCfl 
Monaten Psychoanalyse von ihm erfahren haben. Von der be- 
greiflichen Verkürzung abgesehen, wieviel wesentliche Mitteilungen 
hat er ausgelassen oder unterdrückt, wieviel Beziehungen ver- 
schoben, im Grunde: wieviel Unrichtiges und Unwahres hat er 
Ihnen das erste Mal erzählt! Ich glaube, Sie werden midi nicht 
für überbedenklidi erklären, wenn ith unter den uns vorliegen- 
den Verhältnissen es ablehne, darüber zu urteilen, ob der uns 
mitgeteilte Traum einer telepathischen Tatsache cm t?.j .1 nlii oder 
einer besonders feinen unbewußten Leistung des Träumers odei 

einfach als ein zufälliges Zusammentreffen hingenommen vtfdn 

muß. Unsere Wißbegierde weiden wir auf eine spätere üelefl 
heit vertrösten, in der uns eine eingehende, mündlieh« Au-.for- 
schuug des Träumers vergönnt sein mag. Sie können aber uieht 
sagen, daß dieser Ausgang unserer Untersuchung Sie • ntt.tus.ht 
hat, denn ich hatte Sie darauf vorbereitet, Sie würden niehts er- 
fahren, was auf das Problem der Telepathie Licht wirft. 

Wenn wir jetzt zur analytisdien Behandlung dieses Traumes 
übergehen, so müssen wir von neuem unser Mißvergnügen be- 
kennen. Das Material von Gedanken, die der Träumer an den 
manifesten Trauminhalt anknüpft, ist wiederum ungenügend/ da- 
mit können wir keine Traum. uialyse madien. Der Traum verweilt 
z. B. ausführlich bei der Ähnlichkeit der Kinder mit den Bitern, 
erörtert deren Haarfarbe und die voraussichtliche Wandlung »I. 
selben in späteren Zeiten, und zur Aufklärung dieser breit aus- 
gesponnenen Details haben wir nur die dürftige Auskunft des 
Träumers, er habe sich immer für Fragen der Ahnli.hl eit und 



Traun und Telepathie 



Vererbung interessiert/ da sind wir doch gewohnt, weitergehende 
Ansprüche zu stellen I Aber an einer Stelle gestattet der Traum 
eine analytische Deutung, gerade hier kommt die Analyse, die 
sonst nichts mit dem Okkultismus zu tun hat, der Telepathie in 
merkwürdiger Weise zur Hilfe. Dieser einen Stelle wegen nehme 
ich überhaupt Ihre Aufmerksamkeit für diesen Traum in An- 
spruch. 

Wenn Sie es recht ansehen, so hat Ja dieser Traum auf 
den Namen eines »telepathischen« gar kein Anrecht. Er teilt 
dem Träumer nichts mit, was sich — seinem sonstigen Wissen 
entzogen — gleichzeitig an einem anderen Orte vollzieht, sondern 
was der Traum erzählt, ist etwas ganz anderes als das Ereignis, 
von dem ein Telegramm am zweiten Tag nach der Traumnacht 
berichtet. Traum und Ereignis weichen in einem ganz besonders 
wichtigen Punkt voneinander ab, nur stimmen sie, von der Gleich- 
zciiigkeit abgesehen, in einem anderen, sehr interessanten Element 
zusammen. Im Traum hat die Frau des Träumers Zwillinge be- 
kommen. Das Ereignis besteht aber darin, daß seine entfernt 
lebende Tochter Zwillinge geboren hat. Der Träumer übersieht 
diesen Unterschied nicht, er scheint keinen Weg zu kennen, über 
ihn hinwegzukommen, und da er nach seiner eigenen Angabe 
keine okkultistische Vorliebe hat, fragt er nur ganz schüchtern an, 
ob das Zusammentreffen von Traum und Ereignis im Punkte 
der Zwillingsgeburt mehr als ein Zufall sein kann. Die psycho- 
analytische Traumdeutung hebt aber diesen Unterschied zwischen 
Traum und Ereignis auf und gibt beiden den nämlichen Inhalt. 
Ziehen wir das Assoziationsmaterial zu diesem Traum zu Rate, 
so zeigt es uns trotz seiner Spärlichkeit, daß hier eine innige Ge- 
fühlsbindung zwischen Vater und Tochter besteht, eine Gefühls- 
bindung, die so gewöhnlich und natürlich ist, daß man aufhören 
sollte, sich ihrer zu schämen, die im Leben gewiß nur als zärt- 
liches Interesse zum Ausdruck kommt und ihre letzten Kon- 
sequenzen erst im Traume zieht. Der Vater weiß, daß die Tochter 
sehr an ihm hängt, er ist überzeugt, daß sie in ihrer schweren 
Stunde viel .in ihn gedacht hat/ ich meine, im Grunde gönnt er 
sie dem Schwiegersohn nicht, den er im Briefe mit einigen ab- 
schätzigen Bemerkungen streift. Beim Anlaß ihrer <erwartetcn oder 
telepathisch vernommenen) Niederkunft wird im Verdrängten der 
unbewußte Wunsch rege: Sie sollte lieber meine (zweite) Frau 



10 



Slgm. I ; rcti<l 



sein, und dieser Wunsch ist es, der den Traumgedanken entstellt 
und den Unterschied zwischen dem manifesten 'rr.niminli.ilt und 
dem Ereignis verschuldet. Wir haben das Rcdn, für die zweite 
Frau im Traume die Tochter einzusetzen. Besäßen wir mehr 
Material zum Traum, so würden wir diese Deutung gewiß ver- 
sichern und vertiefen können. 

Und nun bin ich bei dem, was ich Ihnen zeigen wollte. 
Wir haben uns der strengsten Unparteilichkeit bemüht und zwei 
Auffassungen des Traumes als gleich möglidi und gleich unbe- 
wiesen gelten gelassen. Nadi der ersten ist der Traum die Re- 
aktion auf eine telepathisdie Botschaft: Deine Tochter bringt eben 
jetzt Zwillinge zur Welt. Nadi der zweiten liegt ihm eine unbe- 
wußte Gedankenarbeit zugrunde, du- sich etwa derart ubeiseireu 
ließe: Heute ist ja der Tag, an dem die Entbindung eintreten 
müßte, wenn sich die jungen Leute in Berlin wirklich um einen 
Monat verrechnet haben, wie ich eigentlich glaube. Und wenn 
meine (erste) Frau nodi leben würde, die wäre doch mit einem 
Enkelkind nicht zufrieden! Für sie müßten es mindestens Zwil- 
linge sein. Hat diese zweite Auffassung Reiht, so entstehen keine 
neuen Probleme für uns. Es ist eben ein Traum wie ein anderer. 
Zu den erwähnten <vorbewußten> Traumgedanken ist der (unbe- 
wußte) Wunsch hinzugetreten, daß keine andere als die Tochter 
die zweite Frau des Träumers hätte werden sollen, und so ist 
der uns mitgeteilte manifeste Traum enlst.inden. 

Wollen Sie aber lieber annehmen, daß die telepathische 
Botschaft von der Entbindung der Tochter an den Schlafenden 
herangetreten ist, so erheben sieh neue 1 '"rasen nach dei Beziehung 
einer solchen Botschaft zum Traum und nach ihrem hinlluß .ml 
die Traumbildung. Die Antwort liest dann sehr n.die und ist 
ganz eindeutig zu geben. Die telepathische Botschaft wird be- 
handelt wie ein Stück des Materials zur Traumbildung, wie ein 
anderer Reiz von außen oder innen, wie ein störendes Geräusch 
von der Straße, wie eine aufdringliche Sensation von einem Organ 
des Schlafenden. In unserem Beispiel ist es ersichtlich, wie sie mit 
Hilfe eines lauernden, verdrängten Wunsches zur Wunscherfül- 
lung umgearbeitet wird, und leider weniger deutlich zu zeigen, 
daß sie mit anderem gleichzeitig rege gewordenem Material zu 
einem Traum verschmilzt. Die telepathische Botsihaft — wenn 
eine solche wirklich anzuerkennen ist - kann also an der Traum- 



Traum und Telepathie H 



bildung nichts ändern, die Telepathie hat mit dem Wesen des 
Traumes nichts zu tun. Und um den Eindruck zu vermeiden, 
daß ich hinter einem abstrakten und vornehm klingenden Wort 
eine Unklarheit verbergen möchte, bin ich bereit zu wiederholen: 
Das Wesen des Traumes besteht in dem eigentümlichen Prozeß 
der Traumarbeit, welcher vorbewußte Gedanken <Tagesreste> mit 
Hilfe einer unbewußten Wunschregung in den manifesten Traum- 
inhalt überführt. Das Problem der Telepathie geht aber den 
Traum so wenig an wie das Problem der Angst. 

Ich hoffe, Sie werden das zugeben, mir aber bald einwenden, 
es gibt doch auch andere telepathische Träume, in denen kein 
Unterschied zwischen Ereignis und Traum besteht, und in denen 
nichts anders zu finden ist als die unenfstelltc Wiedergabe des 
Ereignisses. Ich kenne solche telepathische Träume wieder nidit 
aus eigener Erfahrung, weiß aber, daß sie häufig berichtet worden 
sind. Nehmen wir an, wir hätten es mit einem solchen unent- 
stellten und unvermischten telepathischen Traum zu tun, dann er- 
hebt sich eine andere Frage: Soll man ein derartiges, telepathi- 
sches Erlebnis überhaupt einen »Traum« nennen? Sie werden es 
ja gewiß tun, solange Sie mit dem populären Sprachgebrauch 
gehen, für den alles Träumen heißt, was sich während der Schlaf- 
zeit in Ihrem Seelenleben ereignet. Sie sagen vielleicht auch: Ich 
habe mich im Traum herumgewälzt und finden erst recht keine 
Inkorrektheit darin zu sagen: Ich habe im Traum geweint oder 
mich im Traum geängstigt. Aber Sie merken doch wohl, daß Sie 
in all diesen Fällen »Traum« und »Schlaf« oder »Schlafzustand« 
unterscheidungslos miteinander vertauschen. Ich meine, es wäre im 
Interesse wissenschaftlicher Genauigkeit, wenn wir »Traum« und 
»Schlafzustand« besser auseinanderhielten. Warum sollten wir ein 
Scitenstüdt zu der von Maeder heraufbeschworenen Konfusion 
schaffen, der für den Traum eine neue Funktion entdeckte, indem 
er die Traumarbeit durchaus nicht von den latenten Traum- 
gedanken sondern wollte? Wenn wir also einen solchen reinen 
telepathischen »Traum« antreffen sollten, so wollen wir ihn doch 
lieber ein telepathisches Erlebnis im Sdilafzustand heißen. Ein 
Traum ohne Verdichtung, Entstellung, Dramatisierung, vor allem 
ohne Wunscherfüllung, verdient ja doch nidit diesen Namen. Sic 
werden mich daran mahnen, daß es noch andere seelische Produk- 
tionen im Schlaf gibt, denen man dann das Rcdit auf den Namen 



12 



Sigm. Freud 



»Traum« absprechen müßte. Es kommt vor, daß reale Erlebnisse 
des Tages im Schlaf einfach wiederholt werden, die Reproduk- 
tionen traumatischer Szenen im »Traume« haben uns erst kürzlidi 
zu einer Revision der Traumtlicorie herausgefordert/ es gibt 
Träume, die sich durch ganz besondere Eigenschaften von der ge- 
wohnten Art untersdieiden, die eigentlich nichts anders sind als 
unversehrte und unvermengte nächtliche Phantasien, den bek.innieu 
Tagesphantasien sonst durchaus ähnlich. Ks wäre gewiß mißlidi, 
diese Bildungen von der Bezeidinung »Träume« auszuschließen. 
Aber sie alle kommen dodi von innen, sind Produkte unseres 
Seelenlebens, während der reine »telepathische Traum« seinem Be- 
griff nach eine Wahrnehmung von außen wäre, gegen welche sich 
das Seelenleben rezeptiv und passiv verhielte. 

II. Der zweite Fall, von dem idi Ihnen berichten will, liegt 
eigentlich auf einer anderen Linie. Er bringt uns keinen telepathi- 
schen Traum, sondern einen seit Kindheitsjahren rekurrierenden 
Traum bei einer Person, die viel telepathische I '.rlebnisse gehabt 
hat. Ihr Brief, den ich nadistehend wiedergebe, enthält manches 
Merkwürdige, worüber uns zu urteilen versagt ist. billiges da- 
von kann für das Verhältnis der Telepathie zum Traum ver* 

wertet werden. 

1. 

». . . Mein Arzt, I lerr Doktor N., riet mir, Ihnen einen Traum zu er- 
zählen, der midi seit ungefähr dreißig bll :weiunddrcißig Jahren verfolgt, ld» 
folge icincm Rate, vielleicht hat der Traum in w i.s. n (li.itilidi.-r lieziehunfc fOr 
Sie Interesse. Da nach Ihrer Meinung solche TrlOflM auf ein Erlebnis In 
sexueller Beziehung während der ersten Kindetj.dire zurückzuführen »Ind, gebt 
ich Kindhcitseriniurcingen wieder, es sind Erlcbnlsie, die heute nodi Ihren Ein- 
druck auf mich machen und so nachdrücklich gcwc-.ui n I ilT meine 
Religion bestimmt haben. 

Darf ich Sie bitten, mir nach Kenntnisnahme vielleicht mitzuteilen. In 
welcher Weise Sic sich diesen Traum erklären und ob ei nicht möglich Ist. ihn 
aus meinem Leben vcrsdiwinden zu lassen, da er mich wie ein Gcspcntt ver- 
folgt und durdi die Umstände, von denen er begleitet ist — ich Wie iteti am 
dem Bette und habe mir sdion nicht unerhebliche Verletzungen zugezogen — 
sehr unangenehm und pcinlidi für midi ist. 



Ich bin siebenunddreißig Jahre all, sehr kräftig und k.-iperhch ,..-.un<l 
habe außer Masern und Scharlach in der Kindheit eine Nierenentzündung durch« 
gemacht. Im fünften Jahre hatte Ich eine sehr schwere Augenentzflndung, nach 
der ein Doppcltsehen wrückblieb. Die Bildei sn-hen sdit|| na mandcr, die Um- 
risse des Bildes sind verwischt, well Narben von Geschwüren die Klarheit be- 



TmUI und Telepathie 13 



einträchtigen. Nach fachärztlichem Urteil ist am Auge aber nichts mehr zu ändern 
oder zu bessern. Durch das Zukneifen des linken Auges, um klarer zu sehen, 
hat sich die linke Gesichtshälfte nach oben verzerrt. Ich vermag, durch Übung 
und Wille, die fein -ton I I.indarbcitcn zu machen/ ebenso habe ich mir als sechs- 
jähriges Kind da« schiefe Sehen vor dem Spiegel weggelernt, so daß heute von 
dem Augenfehler äußerlich nichts zu sehen ist. 

In den frühesten Kinderj.ihrcn schon bin id» immer einsam gewesen, habe 
mich von allen Kindern zurückgezogen und habe schon Gesichte gehabt (hell» 
hören und hellsehen), habe das aber von der Wirklichkeit nicht unterscheiden 
können und bin deshalb oft in Konflikte geraten, die aus mir einen sehr zurück- 
haltenden, scheuen Menschen gemacht haben. Da ich schon als kleinstes Kind 
viel mehr gewußt habe, als ich hatte lernen können, verstand ich einfach die 
Kinder meines Alters nicht mehr. Ich selbst bin die älteste von zwölf Ge- 
schwistern. 

Von sechs bis zehn Jahren besuchte ich die Gemeindeschule und dann 
bis sechzehn Jahre die höhere Schule der Ursulinerinnen in B. Mit zehn 
Jahren habe ich innerhalb vier Wochen, es waren acht Nadihilfestunden, soviel 
Französisch nachgeholt, als andere Kinder in zwei Jahren lernen. Ich hatte mir 
:u repetieren, es war, als ob ich es schon gelernt und nur vergessen hätte. 
Oberhaupt habe ich auch später Französisch nie zu lernen brauchen, im Gegen- 
satz zu Englisch, das mir zwar keine Mühe machte, das mir aber unbekannt 
war. Ahnlich wie mit Französisch ging es mir mit Latein, das ich eigentlich nie 
richtig gelernt habe, sondern nur vom Kirchcnlatcin her kenne, das mir aber 
vollkommen vertraut ist. Lese ich heute ein französisdics Werk, dann denke ich 
auch sofort in Französisch, während mir das bei Englisch nie passiert, trotzdem 
ich englisch besser bchcrrsdie. — Meine Eltern sind Bauersleute, die durch 
Generationen nie andere Sprachen als deutsch und polnisch gesprochen haben. 

Gesichte: Zuweilen verschwindet für Augenblicke die Wirklichkeit und 
ich sehe etwas ganz anderes. In meiner Wohnung sehe ich z. B. sehr oft ein 
altes Ehepaar und ein Kind, die Wohnung hat dann andere Einrichtung. — 
Noch in der Heilanstalt kam früh gegen vier Uhr meine Freundin in mein 
Zimmer, ich war wach, hatte die Lampe brennen und saß am Tische lesend, da 
ich sehr viel an Schlaflosigkeit leide. Stets bedeutet diese Erscheinung für mich 
Arger, auch dieses Mal. 

Im Jahre 1914 war mein Bruder im Felde, ich nicht bei den Eltern In 
B., sondern in Ch. Es war vormittags 10 Uhr, 22. August, da hörte ich 
»Mutter, Mutter« von der Stimme meines Bruders rufen. Nach zehn Minuten 
nochmals, habe aber nichts gesehen. Am 24. August kam ich heim, fand 
Mutter bedrückt und auf Befragen erklärte sie, der Junge hätte sich am 
22. August angemeldet. Sie sei vormittags im Garten gewesen, da hätte sie 
den Jungen »Mutter, Mutterc rufen hören. Ich tröstete sie und sagte ihr nichts 
von mir. Drei Wochen darauf kam eine Karte meines Bruders an, die er am 
22. August zwischen neun und zehn Uhr vormittags geschrieben hatte, kurz 
darauf starb er. 

Am 27. September 1921 meldete sid» mir etwas in der Heilanstalt an, 
E« wurde zwei- bis dreimal an das Bett meiner Zimmerkollegin heftig geklopft. 
Wir waren beide wach, ich fragte, ob sie geklopft hätte, sie hatte nicht einmal 



14 Sigm. Freud 

etwas gehört. Nadi Mal Wodicn hörte idi, (hfl eine meiner Freundinnen In Her 
Nacht vom 26. auf 27. gestorben vift, 

Nun etwas, was Sinnestäuschung sein soll, Anlldl Idi habe eine 

Freundin, die sich einen Witwer mit fünf Kindern eelieiratet h.it, den Mann 
lernte ich erst durdi meine Freundin kennen. In deren Wohnung sehe ich fast 
jedes Mal, wenn Ich bei ihr bin, eine D.imc aus« und ein geben 1 1 Anii.il.iiie 
lag nahe, daß das die erste Pwu des Mannes sei. Idi fragte fdefcntlld) nadi 
einem Bilde, konnte aber nach der Photographie die Eridieinung nicht (dem. 
filieren. Nach sieben Jahren sehe ich bei einem der Kinder ein Hlld mit den Zügen der 
Dame. Es war doch die erste Frau. Auf «lern ersten Hilde s.dt rf| bedeutend besser 
aus, sie hatte gerade eine Mastkur durehgemadit und daher das für eine Lungen- 
kranke veränderte Aussehen, — Das sind nur Beispiele wn vielen 

Der Traum: Ich sehe eine Landzunge, von Wasser umgeben. Die 
Wellen werden von der Brandung herangetrieben ■-■' IlTlUr ftirflltglflMM 
Auf der Landzunge steht eine Palme, die etwas mm \V.....r pbofvjl HM UbH 
den Stamm der Palme schlingt eine Frau ihren Ann und beugt sich gm tief 
ins Wasser, wo ein Mann versucht, an Land zu kommen. Zuletzt legt sie sich 
auf die Erde, hält sich mit der Linken an der Palme fest und .eidit, so «*A 
wie möglich, ihre Rcdite dem Manne ins Wasser, ohne ihn :u erreid.en Dabei 
falle ich aus dem Bette und wadie auf. - Ich war ungefähr fünfzehn bis sech- 
zehn Jahre, als ich wahrnahm, da» idi |a seihst diese Li.,., ... •, und nun eilel.te 
ich nicht nur die Angst der Frau um den M.u.n, sondern st..nd manchmal auch 
als unbeteiligte Dritte dabei und sah zu. Aud» in Huppen träumte ich dieses 
Erlebnis. Wie das Interesse am Manne wach winde <ad.l:cl.n bis zwanzig 
Jahre), versuchte ich das Gesicht des Mannes zu erkennen, es war mir nie 
möglich. Die Gisdit ließ nur N.uken und HiuteiL.pl im l.l, l..u .-*.-in..,l v,,- 
lobt gewesen, aber dem Kopf und Körperbau nadi u.ir es keine, dieser leiden 
Männer. — Als idi in der I leil.mst.dt einm.il im Paraldebydr.ui ..!,. lag. sali 
ich das Gesicht des Mannes, das ich nunmehr in jedem fad« sehe 
das des midi in der Anstalt behandelnden Arztes, der mir wohl als Arzt sym- 
pathisch ist, mit dem midi aber nichts verbindet. 

Erinnerungen: ';, bis ' 4 Jahr alt. Idi im Kinderwagen, redits mir 
zur Seite zwei Pferde, das eine, ein Brauner, sieht mich groß und eindrucksvoll 
an. Das ist das stärkste Frlel.nis, idi hall.- das (..luld, es sei ein Mensd». 

Ein Jahr all. Vater und idi im Stadtparke. * o mir ein Park wirter ein 
Vögelchcn in die 1 Lind gibt. Seine Augen sehen mich wieder an. id. fühle, das 
ist ein Wesen wie du. 

Hausschlacht ungen. Beim Quieken der Sdiwrine habe ich stets um 
Hilfe geschrien und immer gerufen: Ihr schlagt |a einen Menschen tat < 
Jahre alt). Ich habe Fleisch als Nahrungsmittel stets abgelehnt. Sdn ei... Heisch 
hat mir stets Erbrechen verursadit. Erst im K liege habe idi Fleis.li | MB ge- 
lernt, aber nur mit Widerwillen, jetzt cntw.'hne i.h uu.h dessen wie.lei 

Fünf Jahre alt. Mutler kam nieder und ich hörte sie schreien. Iih haue 
die Empfindung, dort ist ein Tier oder Mensch in höchster Not, ebenso wie 
idi es bei den Sdiladitungen halte. 

In sexueller Beziehung bin ich als Kind ganz indilleieni gewesen, mit 
zehn Jahren gingen Sünden wider die Keusdiheit no.ii ni.l.i in mrm HcgrlnV 



Traum und Telepathie 15 



vermögen. Mit zwölf Jahren wurde ich menstruiert. Mit sechsundzwanzig Jahren, 
nachdem ich einem Kinde das Leben gegeben hatte, erwachte erst das Weib in 
mir, bis dahin <ein halbes Jahr) hatte ich beim Koitus stets heftiges Erbrechen 
Auch später trat Erbrechen ein, wenn die kleinste Verstimmung mich bedrückte. 

Ich habe eine außerordentlich scharfe Beobachtungsgabe und ein ganz 
ausnahmsweise scharfes Gehör, Geruch ist ebenso ausgebildet. Bekannte Menschen 
kann ich mit verbundenen Augen unter einem I laufen anderer herausriechen. 

Ich führe mein Mehrsehen und I lören nicht auf krankhaftes Wesen, 
sondern auf feineres Empfinden und schnelleres Kombinationsvermögen zurück, 
habe aber darüber nur mit meinem Religionslehrer und Herrn Dr. ... ge« 
sprachen, zu letzterem auch nur sehr widerwillig, weil ich mich davor scheute, 
xu hören, dafi ich Minuseigenschaften habe, die ich persönlich als Pluseigen* 
tchaften ansehe, und weil ich durch Mißverständnis in meiner Jugend sehr scheu 
geworden bin.« 

Der Traum, dessen Deutung uns die Schreiberin auferlegt, 
ist nicht schwer zu verstehen. Es ist ein Traum der Rettung aus 
dem Wasser, also ein typischer Geburtstraum. Die Sprache der 
Symbolik kennt, wie Sie wissen, keine Grammatik, sie ist das 
Extrem einer Infinitivsprachc, auch das Aktivum und das Passi- 
vum werden durch dasselbe Bild dargestellt. Wenn im Traum 
eine Frau einen Mann aus dem Wasser zieht (oder ziehen will), 
so kann das heißen, sie will seine Wutler sein (anerkennt ihn als 
Sohn wie die Pharaotochter den Moses) oder auch: sie will durch 
ihn Mutter werden, einen Sohn von ihm haben, welcher als sein 
Ebenbild ihm gleichgesetzt wird. Der Baumstamm, an den die 
Frau sich hält, ist leicht als Phallussymbol zu erkennen, auch 
wenn er nicht gerade steht, sondern gegen den Wasserspiegel ge- 
neigt - im Traum heißt es: gebogen - ist. Das Andrängen und 
Zurückfluten der Brandung legte einmal einer anderen Träumerin, 
die einen ganz ähnlichen Traum produziert hatte, den Vergleich 
mit der intermittierenden Wehentätigkeit nahe, und als ich sie, die 
noch nie geboren hatte, fragte, woher sie diesen Charakter der 
Geburtsarbeit kenne, sagte sie, man stellt sich die Wehen wie 
eine Art Kolik vor, was physiologisch ganz untadelig ist. Sie 
assoziierte dazu: »Des Meeres und der Liebe Wellen.« Woher 
unsere Träumerin die feinere Ausstattung des Symbols in so 
frühen Jahren genommen haben kann (Landzunge, Palme), weiß 
ich natürlich nicht zu sagen. Übrigens vergessen wir nicht daran: 
Wenn Personen behaupten, daß sie seit Jahren von demsellu -n 
Traum verfolgt werden, so stellt sich oft heraus, daß es mani- 
fester Weise nicht ganz derselbe ist. Nur der Kern «l.s Traumes 



16 



Slgm. Freud 



ist jedesmal wiedergekehrt, Einzelheiten des Inhalts sind abge- 
ändert worden oder neu hinzugekommen. 

Am Ende dieses offenbar angstvollen Traumes fällt die 
Träumerin aus dem Bett. Das ist eine neuerliche Darstellung der 
Niederkunft. Die analytische Erforschung der I löhenphobien, dei 
Angst vor dem Impuls, sidi aus dem Fenster zu stürzen, hat 
Ihnen gewiß allen das nämlidie Ergebnis geliefert. 

Wer ist nun der Mann, von dem sich die Träumerin ein 
Kind wünscht oder zu dessen Ebenbild sie Mutier sein möchte? 
Sie hat sich oft bemüht, sein Gesidit zu sehen, aber der 1 räum 
ließ es nicht zu, der Mann sollte inkognito bleiben, Wir wissen 
aus ungezählten Analysen, was diese Verschleierung bedeutet, und 
unser Analogieschluß wird durch eine andere Angabe der Träu- 
merin gesichert. In einem Paraldchydrausd» ei kannte sie einmal 
das Gesicht des Mannes im Traum als das des Anstaltsar 
der sie behandelte und der ihrem bewußten Gefühlsleben nidits 
weiter bedeutete. Das Original halle sich also nie gezeigt, aber 
dessen Abdruck in der »Übertragung« gestattei den Sdduß, daß 
es immer früher der Vater hätte sein sollen. Wie Reiht halte 
doch Perenczi, als er auf die »Träume der Ahnungslosen« als 
wertvolle Urkunden zur Bestätigung unserer analytischen Ver- 
mutungen hinwies! Unsere Träumerin war die älteste von zwölf 
Kindern/ wie oft muß sie die Qualen dei I ileisueht und Ent- 
täuschung durchgemacht' haben, wenn nicht sie, sondern die Mutler 
das ersehnte Kind vom Vater empfing! 

Ganz richtig hat unsere Träumerin verstanden, daß ihre 
ersten Kindheitserinnerungen für die Deutung ihres buhen und 
seither wiederkehrenden Traumes wertvoll sein wurden. In der 
ersten Szene vor einem Jahr sitzt sie im Kinderwagen, neben ihr 
zwei Pferde, von denen eines sie groß und eindrucksvoll ansieht. 
Sie bezeichnet das ihr stärkstes Erlebnis, sie hatte das Gefühl . ■ 
sei ein Mensch. Wir aber können uns in diese Wertung nur ein- 
fühlen, wenn wir annehmen, zwei Pferde ständen hier, wie so oft, 
für ein Ehepaar, für Vater und Mutter. Es ist dann wie ein 
Aufblitzen des infantilen Totemismus. Könnten wir die Sihi.'iln im 
sprechen, so würden wir die Frage an sie richten, ob nicht der 
Vater seiner Farbe nach in dem braunen Pferd, das sie so 
menschlich ansieht, erkannt werden darf. Die zweite Erinnerung 
ist mit der ersten durch das gleiche »verständnisvolle Ansehen« 



Traum und Telepathie 



17 



assoziativ verknüpft. Aber das Indiehandnehmen des Vögel« 
diens mahnt den Analytiker, der nun einmal seine Vorurteile hat, 
an einen Zug des Traumes, der die Hand der Frau in Beziehung 
zu einem anderen Phallussymbol bringt. 

Die nächsten beiden Erinnerungen gehören zusammen, sie bieten 
der Deutung noch geringere Schwierigkeiten. Das Schreien der Mutter 
bei ihrer Niederkunft erinnert sie direkt an das Quieken der Schweine 
bei einer Hausschlachtung und versetzt sie in dieselbe mitleidige 
Raserei. Wir vermuten aber auch, hier liegt eine heftige Reaktion 
gegen einen bösen Todeswunsch vor, welcher der Mutter galt. 

Mit diesen Andeutungen der Zärtlichkeit für den Vater, 
der genitalen Berührungen mit ihm und der Todeswünsche gegen 
die Mutter ist der Umriß des weiblichen Ödipuskomplexes ge- 
zogen. Die lang bewahrte sexuelle Unwissenheit und spätere 
Frigidität entsprechen diesen Voraussetzungen. Unsere Schreiberin 
ist virtuell - und zeitweise gewiß auch faktisch - eine hysterische 
Neurotika geworden. Die Mächte des Lebens haben sie zu ihrem 
Glück mit sich fortgerissen, ihr weibliches Sexualempfinden, Mutter- 
glück und mannigfache Erwerbsleistung möglich gemacht, aber ein 
Anteil ihrer Libido haftet noch immer an den Fixierungsstellen ihrer 
Kindheit, sie träumt noch immer jenen Traum, der sie aus dem 
Bette wirft und für die inzestuöse Objektwahl mit »nicht uner- 
heblichen Verletzungen« bestraft. 

Was die stärksten Einflüsse späteren Erlebens nicht zu- 
stande brachten, soll jetzt die briefliche Aufklärung eines fremden 
Arztes leisten. Wahrscheinlich würde es einer regelrechten Analyse 
in längerer Zeit gelingen. Wie die Verhältnisse liegen, mußte ich 
mich damit begnügen ihr zu schreiben, ich sei überzeugt, daß sie 
an der Nachwirkung einer starken Gefühlsbindung an den Vater 
und der entsprechenden Identifizierung mit der Mutter leide, hoffe 
aber selbst nicht, daß diese Aufklärung ihr nützen werde. Spon- 
tanheilungen von Neurosen hinterlassen in der Regel Narben und 
diese werden von Zeit zu Zeit wieder schmerzhaft. Wir sind 
sehr stolz auf unsere Kunst, wenn wir eine Heilung durch Psycho- 
analyse vollbracht haben, können aber einen solchen Ausgang in 
Bildung einer schmerzhaften Narbe auch nicht immer abwenden. 

Die kleine Erinnerungsreihe soll unsere Aufmerksamkeit noch 
ein wenig festhalten. Ich habe einmal behauptet, daß solche Kind- 
heitsszenen >Denkerinncrungen« sind, die zu einer späteren Zelt 

Imtgo Villi 2 






18 



Sigtn. Freud 



herausgesucht, zusammengestellt, und dabei nicht selten verfälscht 
werden. Mitunter läßt sidi erraten, welcher Tendenz diese sp.iu 
Umarbeitung dient. In unserem Falle hört man geradezu das Ich 
der Schreiberin sich mittels dieser Erinnerungsrcihe rühmen oder 
beschwichtigen: Ich war von klein auf ein besonders edles und 
mitleidiges Menschenkind. Ich habe frühzeitig erkannt, daß die 
Tiere ebenso eine Seele haben wie wir und habe Grausamkeit 
gegen Tiere nicht vertragen. Die Sünden des I Irisches sind mir 
fern geblieben und meine Keuschheit habe ich bis in späte [.ihre 
bewahrt. Mit soldier Erklärung widerspridu sie laut den An- 
nahmen, die wir auf Grund unserer analytischen Erfahrung über 
ihre frühe Kindheit machen müssen, daß sie voll war von vor- 
zeitigen Sexualregungen und heftigen I laßregungen gegen dir 
Mutter und die jüngeren Geschwister. <I)as kleine Vö^eUhen 
kann, außer der ihm zugewiesenen genitalen Bedeutung, auch die 
eines Symbols für ein kleines Kind haben, wie alle kleinen Tieie, 
und die Erinnerung betont so sehr aufdringlich die Gleich- 
berechtigung dieses kleinen Wesens mit ihr selbst.) Die kurze 
Erinnerungsreihe gibt so ein hübsches Beispiel für eine psychische 
Bildung mit zweifachem Aspekt. Oberflächlid» betrachtet, gibt sie 
einem abstrakten Gedanken Ausdruck, der hier wie meistens sich 
auf Ethisches bezieht, sie hat nach V. Silberers Bezeichnung 
anagogischen Inhalf/ bei tiefer eindringender Untersuchung er- 
weist sie sich als eine Kette von Tatsachen aus dem Gebiet des 
verdrängten Tricblebens, sie offenbart iluen psychoanalyti- 
schen Gehall. Wie Sie wissen, hat Silberer, der als einer der 
ersten die Warnung an uns ergehen ließ, ja nicht an den edleren 
Anteil der mensddichen Seele zu ver>;< Behauptung auf- 

gestellt, daß alle oder die meisten Träum-- «ine solche doppelte 
Deutung, eine reinere, anagogisdie, über der gemeinen, psycho« 
analytischen, zulassen. Dies ist nun leider nldu der Fall/ im 
Gegenteil, eine solche Überdeutung gelingt recht selten, es ist 
auch meines Wissens bisher nicht ein brauchbares Beispiel einer 
solchen doppeldeutigen Traumanalyse veröffentlicht worden. Aber 
an den Assoziationsreihen, welche unsere Patienten in der analy- 
tischen Kur vorbringen, können Sie solche- Beobachtungen telath 
häufig machen. Die aufeinander folgenden Einfälle verknüpfen 
sich einerseits durch eine klar zutage liegende, durddaulende 
Assoziation, anderseits werden Sie auf ein tiefer liegendes, ge* 



Traum und Telepathie \g 



heim gehaltenes Thema aufmerksam, welches gleichzeitig an all 
diesen Einfällen beteiligt ist. Der Gegensatz zwischen beiden in 
derselben Einfallsreihe dominierenden Themen ist nicht immer der von 
hoch-anagogisch und gemein-analytisch, eher der von anstößig und 
anständig oder indifferent, was Sie dann das Motiv für die Ent- 
stehung einer solchen Assoziationskette mit doppelter Determinierung 
leicht verstehen läßt. In unserem Beispiel ist es natürlich kein Zufall, 
daß Anagogie und psychoanalytische Deutung in so scharfem Gegen* 
satze stehen/ beide beziehen sich auf das nämliche Material und 
die spätere Tendenz ist gerade die der Reaktionsbildungen, die sich 
gegen die verleugneten Triebregungen erhoben hatten. 

Warum wir aber überhaupt nach einer psychoanalytischen 
Deutung suchen und uns nidit mit der näher liegenden anagogi- 
schen begnügen? Das hängt mit vielerlei zusammen, mit der 
Existenz der Neurose überhaupt, mit den Erklärungen, die sie 
notwendig fordert, mit der Tatsache, daß die Tugend die Menschen 
nicht so froh und lebensstark macht, wie man erwarten sollte, als 
ob sie noch zuviel von ihrer Herkunft an sich trüge - auch unsere 
Träumerin ist für ihre Tugend nicht recht belohnt worden - und mit 
manchem anderen, was ich gerade vor Ihnen nicht zu erörtern brauche. 

Wir haben aber bisher die Telepathie, die andere Deter- 
minante unseres Interesses an diesem Fall, ganz beiseite gelassen. 
Es ist Eeit, zu ihr zurückzukehren. Wir haben es hier in 
gewissem Sinne leichter als im Falle des Herrn G. Bei einer 
Person, der so leicht und schon in früher Jugend die Wirklichkeit 
entschwindet, um einer Phantasiewelt Platz zu machen, wird die 
Versuchung überstark, ihre telepathischen Erlebnisse und »Ge- 
sichte« mit ihrer Neurose zusammenzubringen und aus dieser 
abzuleiten, wenngleich wir uns auch hier über die zwingende 
Kraft unserer Aufstellungen nicht täuschen dürfen. Wir setzen 
nur verständliche Möglichkeiten an die Stelle des Unbekannten 
und Unverständlichen. 

Am 22. August 1914, vormittags zehn Uhr, unterliegt die 
Schreiberin der telepathischen Wahrnehmung, daß ihr im Feld 
befindlicher Bruder >Mutter, Mutter« ausruft. Das Phänomen ist 
ein rein akustisches, wiederholt sich kurz nachher, sie sieht aber 
nichts dabei. Zwei Tage später sieht sie ihre Mutter und findet 
sie schwer bedrückt, da sich der Junge bei ihr mit dem wieder- 
holten Ausruf: Mutter, Mutter angemeldet. Sie erinnert sich so- 

2« 



20 



Sigm. Freud 



fort an die nämliche telepathische Botschaft, die ihr zur gleichen 
Zeit zuteil geworden, und wirklich läßt sich nach Wochen fest* 
stellen, daß der junge Krieger an jenem Tag, zur bezeichneten 
Stunde, gestorben ist. 

Es ist nicht zu beweisen, aber audi nicht abzuweisen, daß 
der Vorgang vielmehr der folgende war: Die Mutter macht ihr 
eines Tages die Mitteilung, daß sich der Sohn telepathisch bd ihr 
angezeigt. Sofort entsteht hei ihr die Überzeugung, sie habe um 
dieselbe Zeit das gleiche Erlebnis gehabt. Solche lainnei ungs- 
täuschungen treten mit zwanghafter Stärke auf, die sie aus realer 
Quelle bezichen/ sie setzen aber psychische Realität in inatrrielle 
um. Das Starke an der Erinneruugstäuschung ist, daß sie ein guter 
Ausdrude für die in der Sdiwcster vorhandene Tendenz zur 
Identifizierung mit der Mutter werden kann, >I)u sorgst didi um 
den Jungen, aber ich bin ja eigentlich seine Mutter. Also hat sein 
Ausruf mich gemeint, ich habe jene telepathische Botsdi.it i 
empfangen.« Die Schwester würde natürlich unseren I rklarungs- 
versuch entschieden ablehnen und ihren Glauben an das eigene 
Erlebnis festhalten. Allein sie kann gar nicht anders/ sie muß an 
die Realität des pathologischen Erfolges glauben, solange ihr die 
Realität der unbewußten Voraussetzung unbekannt ist. Du* Starke 
und Unangreifbarkeit eines jeden Wahns führt sich ja auf seine 
Abstammung von einer unbewußten psychischen Realität zurück. 
Ich bemerke noch, das Erlebnis der Mutter haben wir hiei nldtf 
zu erklären und dessen Tatsächlichkeit nicht zu untersuchen. 

Der verstorbene Bruder ist aber nicht nur das imaginäre 
Kind unserer Schreiberin, sondern er steht auch für einen schon 
bei der Geburt mit Haß empfangenen Rivalen. Weitaus die zahl- 
reichsten telepathischen Ahnungen beziehen sich auf lod und 
Todesmöglichkeit/ den analytischen Patienten, die uns von der 
Häufigkeit und Untrüglichkeit ihrer düsteren Vorahnungen be- 
richten, können wir mit ebensolcher Regelmäßigkeit nachweisin 
daß sie besonders starke unbewußte Todeswünsche gegen ihre 
Nächsten im Unbewußten hegen und darum seit langem unter- 
drücken. Der Patient, dessen (ieschidite ich l l M)W in eleu »Bemer- 
kungen über einen Fall von Zwangsneurose« erzahlt, war ein 
Beispiel hiefür/ er hieß bei seinen Angehörigen auch der »I.eidien- 
vogel«/ aber als der liebenswürdige und geistreiche Mann — 
der seither selbst im Kriege untergegangen ist — auf eleu \\ ■ , 



Traum und Telepathie 21 



der Besserung kam, verhalf er mir selbst dazu, seine psychologi- 
schen Taschenspielereien aufzuhellen. Auch die im Brief unseres 
ersten Korrespondenten enthaltene Mitteilung, wie er und seine 
drei Brüder die Nachricht vom Tod ihres jüngsten Bruders als 
etwas innerlich längst Gewußtes aufgenommen, scheint keiner an- 
deren Aufklärung zu bedürfen. Die älteren Brüder werden alle 
die gleiche Überzeugung von der Qberflüssigkeit dieses jüngsten 
Ankömmlings bei sich entwickelt haben. 

Ein anderes »Gesicht« unserer Träumerin, dessen Verständ- 
nis vielleicht durch analytische Einsicht erleichtert wird! Freundinnen 
haben offenbar eine große Bedeutung für ihr Gefühlsleben. Der 
Tod einer derselben zeigte sich ihr kürzlich durch nächtliches 
Klopfen an das Bett einer Zimmerkollegin in der Heilanstalt an. 
Eine andere Freundin hatte vor vielen Jahren einen Witwer mit 
vielen (fünf) Kindern geheiratet. In deren Wohnung sah sie regel- 
mäßig bei ihren Besuchen die Erscheinung einer Dame, in der sie 
die verstorbene erste Frau vermuten mußte, was sich zunächst 
nicht bestätigen ließ und ihr erst nach sieben Jahren durch die 
Auffindung einer neuen Photographie der Verstorbenen zur Ge- 
wißheit wurde. Diese visionäre Leistung steht in der nämlichen 
innigen Abhängigkeit von den uns bekannten Familienkomplexen 
der Schreiberin wie ihre Ahnung vom Tod des Bruders. Wenn 
sie sich mit der Freundin identifizierte, konnte sie in deren Person 
ihre Wunscherfüllung finden, denn alle ältesten Töchter kinderreicher 
Familien schaffen im Unbewußten die Phantasie, durch den Tod der 
Mutter die zweite Frau des Vaters zu werden. Wenn die Mutter 
krank ist oder stirbt, rückt die älteste Tochter wie selbstverständlich 
an ihre Stelle im Verhältnis zu den Geschwistern und darf auch 
beim Vater einen Teil der Funktionen der Frau übernehmen. Der 
unbewußte Wunsch ergänzt hiezu den anderen Teil. 

Das ist nun bald alles, was ich Ihnen erzählen wollte. Ich 
könnte noch die Bemerkung hinzufügen, daß die Fälle von tele- 
pathischer Botschaft oder Leistung, die wir hier besprochen haben, 
deutlich an Erregungen geknüpft sind, welche dem Bereich des 
Ödipuskomplexes angehören. Das mag frappant klingen, ich möchte 
es aber nicht für eine große Entdeckung ausgeben. Wir wollen 
lieber zu dem Ergebnis zurückkehren, welches wir aus der Unter- 
suchung des Traumes in unserem ersten Fall gewonnen haben. 
Die Telepathie hat mit dem Wesen des Traumes nichts zu tun, 



22 



SIgm. Preod 



sie kann auch unser analytisches Verständnis des Traumes nicht 
vertiefen. Im Gegenteil kann die Psychoanalyse das Studium der 
Telepathie fördern, indem sie mit Hilfe ihrer Deutungen manche 
Unbegreiflichkciten der telepathischen Phänomene unserem Ver- 
ständnis näher bringt, oder von anderen, noch zweifelhaften 
Phänomenen erst nachweist, daß sie telepathisdicr Natur sind. 

Was von dem Anschein einer innigen Beziehung zwischen 
Telepathie und Traum übrig bleibt, ist die unbestrittene Begün- 
stigung der Telepathie durch den Schlaf zustand. Dil «f ist zwar 
keine unumgängliche Bedingung für das Zustandekommen tele- 
pathischer Vorgänge, - beruhen sie nun auf Botschaften oder auf 
unbewußter Leistung. Wenn Sie dies noch nicht wissen sollten, 
so muß das Beispiel unseres zweiten Falles, in dem der Junge 
sich zwischen neun und zehn Uhr vormittags anmelde*, es Sie 
lehren. Aber wir müssen doch sagen, man hat kein Recht, tele- 
pathische Beobachtungen darum zu beanstanden, weil Hreignis 
und Ahnung <oder Botschaft) nicht zur gleichen astronomischen 
Zeit vorgefallen sind. Von der telepathischen Botschaft ist es sehr 
wohl denkbar, daß sie gleichzeitig mit dem Ereignis eintrifft und 
doch erst während des Sihlafzu.siaudes dei nächsten Nacht - 
oder selbst im Wachleben erst nach einer Weile, wahrend einer 
Pause der aktiven Geistestätigkeit — vom Bewußtsein wahrge- 
nommen wird. Wir sind ja auch der Meinung, daß die Tiauin- 
bildung nicht notwendigerweise erst mit dem Einsetzen 
Schlafzustandes beginnt. Die latenten Traumgeclanken mögen dfi 
den ganzen Tag über vorbereitet worden sein, bis sie zur Nacht- 
zeit den Anschluß an den unbewußten Wunsch finden, der sie 
zum Traum umbildet. Wenn das telepathische l'l n abei 

nur eine Leistung des Unbewußten ist, dann liegt ja kein neues 
Problem vor. Die Anwendung der Gesetze des unbewußten 
Seelenlebens verstünde sidi dann für die Telepathie von sei! 

Habe ich bei Ihnen den Eindruck erweckt, daß ich für die 
Realität der Telepathie im okkulten Sinne versteckt Partei nahm e n 
will? Ich würde es sehr bedauern, daß es so schwer ist, solchen 
Eindruck zu vermeiden. Denn id\ wollte wirklich voll unparteiisch 
sein. Ich habe audi allen Grund dazu, denn ich habe kein Urteil, 
ich weiß nichts darüber. 



Zur Frage der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 23 



Zur Frage der psychologischen Grundlagen und 
des Ursprungs der Religion 1 . 

Von Dr. JOHANN KINKEL, 

ord. Doient an der Universität Sofia, Mitglied des soziologischen Instituts Solvay iu Brüssel. 

Dieser Vortrag bildet einen skizzierten Teil der von mir ge- 
planten Arbeit — »Die psychologischen Grundlagen und der 
Ursprung der Religionc — in der ich, wenn es meine 
Kräfte und meine Zeit erlauben sollten, versuchen will, die Prinzi- 
pien der psychoanalytischen Lehre bei der Darstellung der gesamten 
Entwicklung der religiösen Vorstellungen und Stimmungen anzu- 
wenden. 

Die gewaltige Entwicklung der Psychologie in den letzten 
zwanzig Jahren hat bereits bewiesen, daß diese Grundwissenschaft 
zur Grundlage bei der Forschung aller sozialen Erscheinungen 
werden soll und daß sie es vermag, uns auch diejenigen Geheim- 
nisse im Gesellschaftslcben und seinem Fortschritt wie auch in den 
von der Menschheit erlebten Stimmungen zu erklären, die bis jetzt 
mit Hilfe der alten Methoden in den Sozialwissenschaften nicht be- 
griffen werden konnten. Damit eröffnen sich uns weite Aussichten 
zur Orientierung in den Sozialwissenschaften und besonders in der 
Soziologie mit einer neuen psychologischen Methode, ohne daß 
damit die Richtigkeit der alten anerkannten Methoden in Frage ge« 
stellt werden soll. Nun breitet sich aber in der Psychologie, sowohl 
der individuellen als auch der sozialen, die psychoanalytische 
Schule immer weiter aus, ihr ist es gelungen, eine ganze Reihe 
von Problemen in der Seele des Menschen und der Gesellschaft zu 
lösen, die bis dahin für die Wissenschaft völlig im Dunkeln lagen. 
Somit bietet uns die psychoanalytische Lehre die besten Aussichten, 
mit ihrer Hilfe ein neues System der Soziologie aufzubauen, das 
vom psychologischen Gesichtspunkt den Ursprung und die Entfal- 

» Vortrag gehalten am 25. Mär: 1921 in der Psychologisdien Gesellschaft 
ru Sofia. (Übersetzung aus dem Bulgarischen.) 



24 



Dr. Johann Kinkel 



tung sozialer Institutionen und der großen Stimmungen im kultu- 
rellen Leben der Menschheit - wie der Religion, der Ethik, des 
Rechtes und der Kunst — betrachten soll. 

Die Naturwissenschaften haben schon seit langem das soge- 
nannte biogenetische Grundgesetz der Entwicklung feststellen können 
und seine Gültigkeit in den verschiedensten Gebieten der Biologie 
nachgewiesen. Es ist das Gesetz der Übereinstimmung der Onto- 
genese mit der Phylogenese in seiner Anwendung auf die Biologie 
des Menschen, dahinlautend, daß die Entwi.klungsgesduduv des In- 
dividuums eine abgekürzte Wiederholung derjenigen der Gattung 
ist. Mit anderen Worten, man konnte überhaupt feststellen, daß 
diejenigen Gesetze, die die allgemeinsten Erscheinungen des Lebens 
beherrschen, notwendig zugleid, mit den durch die spezielle Natur 
der Gebiete bedingten Modifikationen auch Gesetz dieser einzelnen 
Ocbiete sind. Ganz besonders ist es dem großen Naturfbn&a 
unserer Zeit, Ernst Haeckel, gelungen, dem biogenetischen Grund- 
gesetz eine weitere Begriffsbildung zu geben, d. h. ihm auch ei.u- 
kausale Bedeutung in dem Sinne beizulegen, <|.,r> j„ der Butwfat 
lung der Gattung die entscheidende Ursache fü, die Auleinamlcr- 
folge der Entwicklungszustande des Einzelwesens gegeben ist Be- 
trachten wir das biogenetische Grundgesetz speziell in seiner F.ismi.u- 
gegenüber der Physiologie des Menschen und seiner Entwicklung, 
so lautet es, daß der menschliche Organismus in dem Uterus der 
Mutter dieselben Formen der Entwicklung durchläuft wie die 
ganze organische, respektive Tierwelt - von der ersten For- 
mation, die der Ameube gleicht, bis zur letzten, dem komplizierte,, 
Organismus der Wirbeltiere, und dann weiter zur Ausbildung 
der Besonderheitendes Mensdienorganismus. D. h. die Naturwissen- 
schaften stellten fest, daß ein Parallelismus besteht zwischen der 
Entwicklung einer höchsten An <species) und derjenigen einer 
ganzen Reihe niederer Arten, woraus sich die Formel ergibt: 
Die höhere Art wiederholt in ihrer Entwicklung die 
Formen und die Stufen der Entwicklung niederer Arten 
<species>. 

Nun hat die Soziologie ihrerseits erst vor kurzem begonnen, 
ebenfalls dieTatsache eines gleichen Parallelismus festzustellen ,'n.imlich 
zwisdien der geistigen Entwicklung und dem Schaffen der Natur- 
völker und denjenigen des modernen Kulturmenschen im Kind, 
alter in der ersten vernünftig-bewußten Geisfesstufe. Das waren 



r.ur Frage der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 25 

allerdings meistens zufällige, nid« systematische Bemerkungen, die auf 
keiner streng durchgeführten Methode beruhten. Auf Grund um« 
fangreidier anthropologischer Forschungen über das Leben und die 
Kultur der Naturvölker, die am Ende des neunzehnten Jahrhunderts 
vorlagen, haben einige Soziologen von der organologischen Schule 
und dann Lippen bemerkt, daß das geistige Schaffen und zum 
Teil auch die moralischen Eigenschafren der Naturvölker lebhaft an 
diejenigen der Kinder bei den modernen Kulturvölkern erinnern. 
Diese Äußerungen legten den Grund zu dem Gedanken, daß das 
biogenetische Grundgesetz der Entwicklung seine Gültigkeit auch in 
der Sozialpsychologie bewahre, und hier lautet seine Formel dahin, 
daß die Völker, respektive überhaupt die Menschheit in ihrer 
geistigen und gesellschaftlichen Entwicklung diejenige des Einzel- 
menschen wiederhole, welche er noch heute durchläuft. Mit anderen 
Worten — der Parallelismus besteht auch auf sozialem Gebiete 
zwischen der geistigen Entwicklung, dem Schaffen und den ethischen 
Äußerungen der Völker und solchen jedwedes Individuums, eines 
jeden von uns in seiner geistigen und moralischen Entfaltung. 
D. h. ein Parallelismus, ja eine volle Übereinstimmung besteht in 
den Formen und Stufen der geistigen Entwicklung bei der Gesell- 
schaft {höhere Art) und dem Einzelmenschen, den Einzelindividuen 
<niedere Art). 

Ich glaube, daß das biogenetische Grundgesetz in der Sozio- 
logie zunächst rein logisch-abstrakt begründet werden kann. Wenn 
nämlich die Gesellschaft bloß einen Zusammenhang von Einzelindi- 
viduen darstellt, so müssen offenbar dieselben Entwicklungsgesetze, 
respektive Geistesformen, die wir bei dem Einzelmenschen in 
verschiedenen Zeiten seines Lebens antreffen, auch für die Gesell- 
schaft in ihrer historischen Entwicklung maßgebend sein. Das bleibt 
gewiß lediglich eine aprioristische Erwägung. Im folgenden wollen 
wir die Gültigkeit des erwähnten Gesetzes in der Soziologie 
mit konkretem individual-psychologischen und sozial-psychologischen 
Material, nach der konsequent vergleichenden Methode geordnet, 
nachweisen. 

Ein großes Verdienst erwarb sich bei Erforschung der Indi- 
vidualpsychologie und aller ihrer Geheimnisse, die bis dahin von 
der alten Psychologie nicht begriffen «werden konnten <das Gebiet 
des Un- und Unterbewußten in der menschlichen Seele), die moderne 
psychoanalytische Schule, begründet von Freud und Breuer. Sie 



26 



Dr. Johann Kinkel 



war es, die uns die Erscheinung des Infantilismus in der 
menschlichen Psyche vielseitig dargestellt und erläutert hat. Durch 
diese Lehre wissen wir, welches die besonderen Züge sind, die 
die infantile <kindliche) Seele des Menschen in verschiedenen Lebens- 
altern diarakterisieren und wie ganz besonders die pathologische 
Fortsetzung dieser Züge in den Tiefen des Seelenlebens auch bei 
dem erwachsenen Menschen starke Konflikte in seinem Leben be- 
gründet und fördert, die ihrerseits zur Ursache und Triebfeder I 
sexuelle Perversitäten, moralische Fehler und Abirrungen, für Ver- 
brechen, eventuell besondere Charakteteigensdiaften, und im äußer- 
sten Fall für Neurosen und Irrsinn werden. 

Wird man nun parallel auch von dem Infantilismus in der 
Sozialpsychologie reden dürfen? Gibt es ebenfalls spezifische Züge, 
die die Psyche der Gesellschaft, der Völker, der Menschheit in dn 
infantilen Periode ihrer geistigen Entwicklung charakterisieren? Und 
ferner: entsprechen denn solche Züge in ihrem Wesen denjenigen 
typischen Zügen, die wir bei dem Kinde in verschiedenen Perioden 
seiner geistigen Entwicklung antreffen? — Die Aufgabe der folgen- 
den Ausführungen wird es sein, eben diese Fragen bejahend zu 
beantworten. 

Die Forscher der kindlichen Psychologie in der ersten Periode 
der Bildung und der Entwicklung den Verstandes, respektive des 
bewußten Verhaltens zur äußeren Welt beim Kinde (vom dritten 
bis zum achten Lebensjahr durchschnittlich) charakterisieren dieselbe 
mit dem Stichwort Symbolismus. In den Vorstellungen betreffend 
die Außenwelt, die Naturerscheinungen und -kräfte, die mensch- 
lichen Beziehungen, welche das Kind zu begreifen vermag, bedient 
es sich symbolischer Gestalten und Bilder, die aus seinem Leben 
und seiner Umgebung entnommen sind. Somit lauten z. B. die 
astronomischen Vorstellungen des Kindes oft, daß die Sonne — 
der Vater, der Mond - die Mutter und die Steine ihre Kinder 
seien. Der Blitz ist das Feuer, welches der liebe alle üotr schlägt, 
um seine Pfeife anzuzünden, und dei I > ; i eben das Anstoß« 

zweier gewaltigen Steine, die Gott anschlägt, um das Feuer zu ge- 
winnen. In den Kindermärchen über die Tierwelt, die von Eundtffl 
selbst oder auch von Erwachsenen in Anpassung au die Kinder- 
psychologie ersonnen sind, findet man wieder den typisdien infan- 
tilen Symbolismus, wobei die Tiere und Naturkräfte Symbole dei 
kindlichen Vorstellungen, Ideale, Sympathien und Abneigungen dar- 



Zur Frage der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 27 

stellen, die das Kind sich in seinem Leben bildet 1 . Die Märchen 
von der guten Fee mit dem wunderschönen und freundlichen Ge= 
sieht und dem langen Kleid geben die symbolisierte Gestalt der 
liebevollen Mutter wieder. Alle Gestalten und Bilder des schreck» 
liehen Riesen, der das Kind in Angst oder Ehrfurcht versetzt und 
sich durch seine schreckliche Kraft bald in guter, bald in böser Rieh- 
tung auszeichnet, geben die Gestalt und das Symbol des Vaters 
wieder, der für die kindliche Einbildung unbegreiflich und erstaun- 
lieh ist und zum Teil ihm fremd bleibt, im Gegensatz zur Mutter, 
die dem Kinde nahesteht. Denselben Symbolismus treffen wir 
in den einfachsten Spielen des Kindes an, die uns manchmal un- 
sinnig erscheinen — stets findet sich dort irgend ein Symbol, das 
bald die Beziehungen der Eltern zu den Kindern, bald irgendwelche 
dem Kinde unbegreifliche Erscheinungen ausdrückt. Ebenso verhält 
es sich mit den mannigfaltigsten Vorstellungen beim Kinde, sogar 
in der Arithmetik: 1 — das ist eine Säule / 2 — ein Mensdi mit 
einem dicken Kopfe/ 4 — eine Schachtel,- 6 — eine Frau, die mit 
einem Kinde auf den Knieen sitzt/ 8 — ist eine dicke Frau mit 
dem Mieder usw. Es ist bekannt, daß die Kinder manchmal ganze 
Worte erfinden, die einige besondere kindliche Vorstellungen sym- 
bolisieren, die für die Erwadisenenen ganz unbegreiflich sind. Von 
diesem Symbolismus in der kindlichen Psych ik stammt auch der be- 
sondere Drang des Kindes, seinen Nächsten oder Lehrern Spott* 
namen zu verleihen, die nämlich Symbole gewisser zwingender Vor- 
stellungen in Zusammenhang mit der betreffenden Person beim 
Kinde sind. 

Denselben Symbolismus finden wir nun auch in der ganzen 
Psychologie und besonders in den religiösen Vorstellungen der 
Naturvölker. Die primitiven Formen der Sprache und der Wort- 
bildung sind, wie uns die Philologie nachweist, gewisse symbolisierte 
Vorstellungen von verschiedenen Gegenständen. So ergibt z. B. das 
russisch-bulgarische Wort »Bik«, »Byk«, altdeutsch »Bulle«, latei- 
nisch bovis, altgriechisch fiovg, im Zusammenhang der Silben den 

1 Von dieser besonderen symbolisch-phantastischen Psyche des Kindes 
stammt dessen besondere Neigung, Märchen zu lesen und sich erzählen zu lassen 
(besonders Nachts), indem das Kind in die verschiedenen Gestalten, die dort 
zum Vorschein kommen, symbolisch das eigene »Ich< hineinlegt. Gewöhnlich 
wählen die Kinder selbst und haben es gerne, sich wiederholt solche Märchen er- 
zählen zu lassen, die gewisse persönliche eindrucksvolle Erlebnisse oder Ereignisse 
HB ihrem eigenen Leben symbolisch darstellen können oder sie wenigstens an- 
nähernd daran erinnern. 



28 



Dr. Johann Kinkel 



Laut, den dieses Tier ausstößt und deshalb haben die ungetrennten 
primitiven arischen Stämme in diesem Laut >bu« symbolisch die 
Vorstellung des Ochsen wiedergegeben. Jeder, der auch nur ober- 
flächlich mit der altägyptischen, assyrischen oder altchinesischen 
Sprache und Schrift vertraut ist, wird sich erinnern, daß die Worte 
und Schriftzeichen dort stets gewisse Vorstellungen symbolisieren. 
Ein Finanzbeamter, der die Steuern einsammelt, wird dargestellt 
als Huhn, das Samenkörner aufpickt, der Begriff der Kraft und 
Macht wird dargestellt als Pharao, auf dem Thront sitzend/ die 
Sonne, die einen Menschen bescheint, bedeutet Gnade, Glück, Gewinn. 
Vorteil usw., mit anderen Worten - das gesamte Alphabet mit 
seinen verschiedenen Zeichen ist eine Sammlung verschiedenster Sym- 
bole. Ebenso stellen die Werke der Kunst bald das eine, b.ild das 
andere Symbol aus dem Leben der Tiere oder des Menschen dar, 
oder auch symbolisch in Tiergestalten die Eigenschaften der Tiere 
und Menschen (Schlauheit, Kraft), respektive es werden verschie- 
dene wichtige Ereignisse im Leben des Menschen symbolisch wieder- 
gegeben. Eine besondere Rolle spielen hier die sogenannten Amulette 
oder geheimnisvollen Gegenstände, die der Wilde bei sich tragt, dir 
gewisse wohltätige Naturkräftc, welche ihm zugetan sind, symbo- 
lisieren, wie anderseits die Tabus oder Gegenstände, deren Be- 
rührung unter Todesstrafe verboten ist, böse und tückische Natur- 
kräfte symbolisieren. Besonders drastisch erscheint aber die sym- 
bolische Psychologie der Naturvölker in ihren religiösen, kosmo« 
gonischen und physiologischen Vorstellungen. Es ist wichtig, zunächst 
festzustellen, daß die ersten Universalgottheiten, die nach der 
Periode des ganz primitiven Totemisinus und l'etischismui rntsti-hcn 
<in der sich nur besdiränkte Ixikalgottheitcn und Geister, respek- 
tive Symbole der Stamm- oder Geschlechterahnen finden), ollen- 
bar verhüllte Symbole des Elternpaares sind, die die infantile 
Religionspsychologie und -philosophic des Naturmenschen aui das 
Universum projiziert. Die verhüllte Vatergestalt tritt ziemlich 
deutlidi in der Gestalt des Uranos <l limmel) hervor, der, wie jetzt 
feststeht, die universale Urgottheit aller altorientalischen Völker 
gewesen ist (besonders ausgebildet bei den Ägyptern und Chinesen), 
aber ebenso der Juden, der Germanen, der Griechen, Römer und 
Slawen. Eben darum war der hödistc Gott immer auch derjenige 
des Donners und Blitzes und der psychologische Nachfolger des 
Himmelsgottes ist noch der jüdische jahwr, der hoch oben aul dem 



Zur Frag« der psydiologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 29 



Sinaiberge sich aufhält, wie au* in den letzten Nachklängen dieser 
Gestalt noch der christliche Gott, dessen Aufenthalt ebenfalls in 
den Himmel verlegt wird. Die verhüllte Muttergestalt tritt ebenso 
deutlich in der weiblichen Gestalt der Mutter Erde hervor, die 
eigentlich die Urahne aller weiblichen Gottheiten ist, die sich später 
in der Mythologie aller Völker entwickelt haben, und ihre letzte 
religionspsychologische Enkelin ist ohne Zweifel die christliche 
Muttergottes. Es war kein Psychoanalytiker, der bereits 1905 
treffend nachgewiesen hat, daß die Urgottheit bei allen primitiven 
Völkern des grauesten Altertums — die Mutter Erde war und daß 
die alten Rudimente dieses tausendjährigen Glaubens auch in der 
Psyche der modernen Völker noch immer fortleben 1 . 

Es ist nun bemerkenswert, daß aus dem Bunde dieser uni- 
versalen Urgottheiten: Uranos (Himmel) und Mutter Erde, die aller- 
erste objektive kosmogonische Theorie der Naturvölker das gesamte 
Leben entstehen läßt. Uranos befruchtet durch den Regen (Symbol 
des Sexualaktes) die Mutter Erde und sie gebiert dann alles leben- 
dige - die Pflanzen, die Tiere, die Menschen, welche übrigens nach 
dem Tode wieder in den Schoß der Mutter Erde zurückkommen. 
Aus diesem Urglauben und diesen Urvorstellungcn entstand auch 
der weitverbreitete religiöse Phalluskult des grauen Altertums, wie 
er so drastisch bei den Altägyptern und anderen altorientalischen 
Völkern auftritt und eine gewisse Verbreitung noch bei den Griechen 
aufweist. Der Phallus war offenbar das Symbol der Zeugungskraft 
des Urgottes, der alles Lebende erzeugt, so daß in diesem Kultus die 
infantilen Vorstellungen und Ehrfurchtsgefühle vor der verhüllten 
Ur- und Universalvatergestalt ihren deutlichen Ausdruck fanden. 

Sowohl in der Mythologie als auch in den Kindermärchen 
prägt sich der primitive Verstandesmechanismus aus, die primi- 
tiven Denkformen, die dadurch bezeichnend sind, daß kausale 
Vorstellungen und Begriffe gegenüber den Naturerscheinungen, 
die den Menschen umgeben, bei ihm noch sehr schwach entwickelt 
sind/ er bedient sich deshalb zur Verbindung verschiedener Natur- 
erscheinungen, die sichtbar auch für ihn voneinander abhängen, 
verwandter, ihm nahestehender Vorstellungen, die er seinem Leben 
entnimmt. Anstatt abstrakter Begriffe, die mit einander kausal 
oder teleologisch verbunden wären, bedient sich der Naturmensch 

1 Vgl. die Schrift: Mutter Erde. Ein Venudi über Volksrcligion von 
Albfwht Dietrich. Leipzig 1905. 



30 



Dr. Johann Kinkel 



und das Kind ganzer Schemen von konkreten Vorstellungen, 
ciie seinem Leben entnommen sind. Sie schaffen somit nach diesen 
Schemen eine neue Reihe von (Natur-) Vorstellungen, wobei In 
diesen letzten die Verbindungselemenfc zwischen einzelnen Gliedern 
der schematischen Reihe Analogien dei n Verbindungsglieder 

sind, die sich in den konkreten Schemen von Vorstellungen be- 
finden, welche dem Naturmenschen zur Grundlage seines Denkens 
dienen. Hben dieser primitive Denk- und Gefühlsmcchanismus 
bildet das Wesen des anfänglichen symbolisdien Denkens am 
Beginn der menschlichen Kultur und des individuellen Lfbttl. 
Dieser Denkmechanismus bleibt übrigens rudimentär zurück - auch 
bei Kulturvölkern, respektive erwachsenen Menschen. Z. B. um du- 
Erscheinung des Todes zu erklären, wird der Kultur-, respektive 
erwachsene Mensch diejenigen Erscheinungen beschreiben und dann 
formulieren, welche das Erlöschen des Lebens im Ouvnnsmus und 
das Aufhören seiner Funktionen charakterisieren (kausale Reihe), 
wogegen der Naturmensch und das Kind den Tod mittels eines 
Schädels und zweier gekreuzter Knochen beschreiben und damit 
auch erklären werden. Für die Rudimente der infantilen Psyduk 
beim modernen Kulturmenschen ist es bezeichnend, daß wir alle 
immer noch bei verschiedenen, in rationeller Beziehung einfachen 
Fällen, uns solcher Symbole bedienen - so z. H. in Apotheken (Gift- 
präparate) oder auf Kirchhöfen (Zeichen auf Denkmälern) u. a. m. 
Ebenso, wie bei dem Kinde moralische Triebe im Sinne von 
Kants kategorischem Imperativ fehlen und das Bewußtsein dessen, 
was es tun oder unterlassen soll, unabhängig von persönlichen 
Vorteilen nur durdi die Elternautorität, respektive die Furcht vor 
der Strafe bedingt ist, sind auch bei dem Naturmensdien alle mo- 
ralischen Handlungen lediglich ein Produkt der Furcht vor über- 
natürlichen Kräften, die eine, gewissen Geboten ungehorsame, Per- 
son bestrafen. Die Analyse dieser Mächte zeigt stet», daß das 
verhüllte Gestalten der Ahnen sind, die gewisse ( iebote aufge- 
stellt haben und streng deren Erfüllung veil.uu;. n. Gerade deshalb 
fallen alle >Sittcn« bei den Naturvölkern stets mit der »Sittllch- 
keit« zusammen 1 , da es noch kein Gefühl und V Inis des 

1 Ebenso verweist bei den slawischen Völkern ■ul diesen Zu immrnhanf 
die gemeinsame Wurzel in den Begriffen — »NrawU (Sitten) und »Nr.iw- 
stwenost« (Sittlichkeit). Der IctftC Begriff stammt offenbar VOÜ dem rr»ten — 
»Nrawi« im Sinne von Sitte, ebenso wie auch da* Won »Moral« von dem 
Worte »mores« (Sitten, l iel>i.nidi<-,> .ibsumnit 



Zur Frage der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 31 

kategorischen Imperativs als Stimme des Gewissens gibt, nämlich 
kein — »ich soll«, unabhängig von äußeren Mächten, die von 
mir gewisse Handlungen verlangen. Der Naturmensch argumentiert 
eben immer — »ich soll, weil so die Sitte lautet, so handeln alle, 
so haben es die Ahnen geboten«. 

Das Erscheinen und die Entwicklung moralischer Triebe be 
dem Kinde in den obenerwähnten Formen ist der Anfang des 
Übergangs der infantilen Psychik in die zweite Periode ihrer 
Entwicklung, nach der ersten symbolischen Periode in die zweite 
Stufe, die die psychoanalytische Schule mit der Herrschaft des 
geistigen Vater- und Mutterkomplexes in der kindlichen Psycho- 
logie charakterisiert. Diese Stufe ist als die letzte in der infantilen 
Psychologie des Menschen zu bezeichnen und ihre Züge herrschen 
später dauernd und wirken noch in dem Jugendalter, das in psycho- 
logischer Beziehung einen Prozeß der Verdrängung aller infantilen 
Züge und Besonderheiten, nebst Bildung der den Erwachsenen 
eigenen, d. h. realen, vernünftig-bewußten und kritischen Psycho- 
logie, darstellt. 

Fassen wir nun zusammen, was den psychischen Inhalt des 
Elternkomplexes bei dem Kinde in der zweiten Periode der infan- 
tilen Psychik bildet 

Es ist einwandfrei festgestellt, daß das Kind auf der Ent- 
wicklungsstufe, auf der sich seine psychische und besonders Ver- 
standesgestalt ausbildet, unter starkem geistigen Einflüsse seiner 
Eltern, respektive Erzieher, eventuell Personen, die sie ersetzen, 
steht. Die schwache und noch ganz unbeholfene kindliche Psyche ist 
noch nicht imstande, die sie umgebende komplizierte Welt und die 
menschlichen Beziehungen zu begreifen, und sucht deshalb instinktiv 
eine sichere Stütze, eine Autorität, die es nachahmen und der es 
gehorchen könnte, dessen Meinungen, Begriffe und Urteile maß- 
gebend wären. Das wäre, kurz gefaßt, die Grundlage des Vater- 
komplexes in geistiger Richtung bei dem Kinde. Es ist ganz natür- 
lich, daß gerade der Vater hier eine maßgebendere Rolle spielt, 
da das Kind mit seiner feinen und sensiblen Psychik rasch heraus- 
fühlt, daß der Vater sowohl in der Familie als auch in der Außen- 
welt größere Autorität und Einfluß besitzt als die Mutter, und 
auch daß der Vater - Mann, einen stärkeren Willen und Charakter 
äußert als die Mutter - das Weib, was das Kind instinktiv ver- 
anlaßt, die geistige Stütze hauptsächlich beim Vater zu suchen. 



32 



Dr. Johann Kinkel 



Tatsächlich beweist die Analyse der Kindcrseele auf dieser Alters- 
stufe stets, daß die Autorität des Vaters, respektive seines geistigen 
Stellvertreters, hier die wichtigste Rolle spielt. Von dem Vater 
stammt aller Sdiutz und Hilfe, ihm gehört alles, w.is das Kind be- 
kommt und braucht, er ist die letzte Instanz, an die das Kind sich 
wendet, an seinem Willen scheitert des Kindes eigensinniger und 
eigensüchtiger Widerstand. Von ihm kommt Strafe und Belohnung. 
Ihn gilt es zu versöhnen, wenn er zürnt, und ihm zu gehorchen ist 
Gebot der Erziehung und der erwachenden Klugheit (Federn). Die 
Meinungen, welche das Kind äußert, sind ihm unbewußt die des 
Vaters. Der Vater ist ihm ein intimer Lehrer und ein geistiger Zu- 
fluchtsort. Nach der Meinung des Kindes ist sein Vater der ge- 
scheiteste und der stärkste, vorzüglichste Mann«. Und dies sprüht n 
öfters in dem Kreise seiner Altersgenossen .ms. Da VtttB und 
dessen Tätigkeit, soweit sie dem Kinde verständlich ist, stellt für das 
Kind ein Ideal vor. In der infantilen Rsychik bildet sich auf diese 
Weise ein Gefühl der Bewunderung gegenüber der Gestalt de« 
Vaters, das manchmal beinahe religiöse Formen annimmt, der 
Vater beherrscht die kindliche Seele und lullt sie aus, wohn sich 
auch eine besondere, tiefe Liebe zum Vater entwicic.lt, nebst der 
Anhänglichkeit und dem Gefühl der Unterordnung, j.i .-ine ipob 
fisdie Ehrfurcht, Verehrung und oft das Gefühl der Nichtigkeit \ -or- 
dern Vater, von dem auch der erwachsene- Mensch si.h mdit ganz 
freimachen kann*. Solche Gefühle und entsprechende Beziehungen 
zwischen Vater und Kind treten deutlicher im Volke hervor und 
waren besonders bezeichnend in vergangenen Kulturzeiten, re- 
spektive erscheinen noch scharf ausgediückt bei minder zivilisiert«! 
Völkern, z. B. bei den Russen um\ überhaupt Slawen, vielmehr als 
bei den westcuropäisdien Völkern. Es ist bekannt, daß die stärkste 
Beleidigung für das Kind, die es zur Äußerung intensivsten Jäh- 
zornes und Wut, ja bis zum hysterischen Anfall bringen kann - 
die Beleidigung des Vaters ist, etwa durch Worte, die man gegen- 
über dem Kinde äußert, was z. B. dem Pädagogen wohl bekannt 



»Mein Vater, der mir Hie Schafe anverir.iut hat, ist matfitlger ul» alle 
Mensdien und keiner vermaß sie der Hand meine* Vater» zu entreißen«. (BvaOffN 
lium Johannes, cap. 10, v. 29, 30)/ »ld» und mein Vater lind ein».« 

• »Alles ist mir übergeben von meinem Vater und keim i kcflfll dtfl 
außer dem Vater, und den V.ner kennt niemand anlief den Sohne, otkf dem« 
jenigen, dem der Sohn ihn offenbaren will« <lv.nie.lminM.iuli.ii, CID, II, v 26, 
27>. »So sei es Vater, denn das war dein Willen , . .« 



Zur Frage der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 33 

ist. Dem ist so, weil dadurch das innigste Heiligtum und Ideal be- 
leidigt wird, das in der Kindesseele wurzelt, vor dem das Kind sich 
ehrfurchtsvoll beugt und in dem es seine ganze Autorität sieht 1 . 
Außer diesen starken, rein psychischen Trieben und Gefühlen 
zeigt der Vaterkomplex bei dem Kinde auch Züge des sexuellen, 
oder eigentlich physischen Triebes zur Vatergcstalt, Untersuchungen, 
die von der psychoanalytischen Psychiatrie über die infantile Sexual- 
psychologie unternommen worden sind, beweisen überzeugend, daß 
das erste Objekt, auf das sich unbewußt die sexuellen Sympathien 
der Mädchen fixieren, die Gestalt und das Bild des Vaters ist. 
Eben die von uns erwähnte geistige Zuneigung, Anhänglichkeit und 
Idealisierung des Vaters stellt einen durchaus günstigen Boden dar 
zur psychischen Begegnung und Vereinigung dieses in der Phantasie 
des Kindes wurzelnden Bildes, des stärksten, mächtigsten und ge- 
scheitesten Mannes, mit den bereits In der weiblichen infantilen 
Psychik sich entwickelnden Trieben zu einem Manne mit gerade 
solchen Zügen. Sogar später, nach Verdrängung des psychischen und 
sexuellen Vatcrkompiexes sucht nicht selten die erwachsene Frau 
unbewußt bei Männern die besonderen spezifischen Züge des 
Charakters und des Äußeren, welche typisch für ihren Vater 
waren. Diesbezüglich hat die psychoanalytische Praxis ein buch- 
stäblich unübersehbares kasuistisches Material gesammelt, bewiesen 
und genügend begründet. Indessen ist 'der sexuelle Vaterkomplex 
bezeichnend nicht nur für Mädchen, sondern in ebensolchem Grade 
auch für Knaben, d. h. in gleichen Formen für Kinder beiden 
Geschlechts, sowohl in den ersten jähren der zweiten Periode als 
auch früher. 

Ich muß hier, um Mißverständnissen vorzubeugen, ausdrücklich 
erwähnen, daß die infantile Libido einen ganz besonderen Charakter 



1 Mit Recht verweist Herr Dr. Krstnikow in einer Sitzung der psycho- 
logischen Gesellschaft zu Sofia auf den psychologischen Zusammenhang zwisdien 
sadistischen Zügen, dann tiefem Mitleid zu allen gequälten Tieren und Menschen 
einerseits, und verletzten tief kindlichen Gefühlen anderseits in der kunstvollen 
Gestalt des Iljuschetschka, gezeichnet von dem großen russischen Psychologen 
Dostojewski, hin. Diese Züge und diese Psychik wurden bei dem Knaben hervor- 
gerufen infolge einer starken seelischen Erschütterung, als er einmal Zeuge eines 
für ihn schrecklichen Vorfalles war, indem sein Vater, ein alter Trinker und 
heruntergekommener Mensch, öffentlich von einem Beamten beschimpft wurde. 
Vor Schrecken, Angst und Liebe zum Vater <der an dem Barte durch die Strafte 
gezogen wurde) und Empörung bekam der Knabe einen hysterischen Anfall und 
darauf entwickelten sich bei ihm jene bezeichnenden Kompensationszüge als Re.ik» 
tion auf das psychische Trauma 

lm» e o VIII 1 3 



34 



Dr. Johann Kinkel 



trägt, gänzlich verschieden von den Sexualneigungen und Vorstel- 
lungen des Erwachsenen. Wenn wir von sexualem Vaterkomplex 
bei dem Kinde reden, ganz gleich für beide Geschlechter, wollen 
wir durchaus nicht behaupten, das Kind empfinde den für den Er» 
wachsenen charakteristischen Sexualtrieb zu einer Person des anderen 
Geschlechts. Soldie rein physische Empfindungen und Ekstasen sind 
ein speeificum des erwachsenen Mensdien und sind ein Produkt der 
Geschlechtsreife. In der infantilen Libido sind dagegen der ideelle — 
geistige Trieb und der Trieb zur körperlichen Annäherung noch 
ungetrennt voneinander und beide stellen ein gesamtes, einziges 
Gefühl dar, oder wie Christus sich im Evangelium ausdrückt (das 
in jenen Stellen, wo es von den Banden zwischen Gott- Vater und 
Christus-Sohn lautet, ganz besonders plastisch die infantilen Ge- 
fühle ausdrückt!): >Ich bin Im Vater und Er in mir.« Das Streben 
selbst zur körperlichen Nähe, das so oft und deutlich beim Kinde 
zum Vorschein kommt, nämlich in dem Wunsche, möglichst nahe 
bei Mutter oder Vater zu sitzen, mit Vorliebe auf den Knien oder 
in ihrer Umarmung, das häufige Küssen u. a., all das trägt ganz 
besondere Züge und enthält noch durchaus nicht den spezifischen 
Sexualtrieb des Erwachsenen. Indessen ist es nicht abzuleugnen, 
daß wir in diesen infantilen Äußerungen des Triebes zur körper- 
lichen Annäherung die Rudimente des zukünftigen spezifischen 
Sexualtriebes vor uns haben. Physiologische Untersuchungen be- 
weisen nämlich, daß die Lippen ein elementares erogenetisches 
Zentrum sind, ebenso wie auch Umarmungen und das Anschmiegen 
des Kindes an den Vater oder die Mutter leise dessen Sexual- 
nervensystem erregen. Noch bei dem Erwachsenen sind Küsse und 
Umarmungen ein Ausdruck des Scxualgcfühls und -triebes, d. h. 
diese rudimentären Sexualemotionen existieren bei ihm weiter fort, 
bilden aber lediglidi eine Einleitum; • Meinem des Haupttriebes 
und -gefühls. Eben darum, weil das Kind in seiner rudimentären 
Sexualpsychik noch keine solchen Triebe besitzt, die bestimmt auf 
eine Person des anderen Gesdileehts gerichtet wären, und sein 
Sexualtrieb lediglich ein Sueben bildet, seinen ganzen Körper in 
unmittelbare Berührung mit der geliebten Person zu bringen, um 
damit und mit Küssen unbewußt, leise die Nevu.ilnei ven zu erregen 
<was zweifellos dem Kinde die Rudimente des Gefühls der Sexual- 
befriedigung gibt), wobei noch in diesem infantilen Gefühle eine 
bedeutende, ja überragende Rolle ideell -geistige Momente des 






Zur Frage der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 35 

psychischen Elternkomplexes spielen, so wird klar, daß das erste 
oder rudimentäre Sexualgefühl bei dem Menschenkinde durchaus 
noch nicht hetero-sexuell <d. h. Trieb zum anderen Geschlecht), 
sondern vermischt hetero-homosexuell ist, oder genauer ausgedrückt: 
der primitive Sexualtrieb projiziert sich in seinen rudimentären 
Äußerungen auch auf Personen desselben Geschlechts, respektive 
enthält Elemente des Homosexualismus, wie z. B. bei dem Knaben 
zum Vater und bei dem Mädchen zur Mutter. 

Prüfen wir nun weiter, was den psychischen Inhalt des Mutter* 
komplexes beim Kinde ausmacht. Dieser Komplex beginnt bei dem 
Kinde, wegen der geistigen und körperlichen Nähe der Mutter 
von der Stunde der Geburt an, sich viel früher als der Vater- 
komplex auszubilden, wogegen der letztere eher ein Ergebnis der 
zweiten Periode ist. Der Mutterkomplex bildet sich dagegen bei 
dem Kinde sozusagen von den ersten Tagen seines Lebens an und 
diejenigen spezifischen Züge der infantilen Libido, die wir oben 
kennzeichneten, entwickeln sich schon von dieser Zeit an, indem die 
Mutter mit ihren leidenschaftlich-zärtlichen Umarmungen und 
Küssen <nicht selten direkt auf die Sexualorgane gerichtet 1 ) gerade 
diese Züge entwickelt und fördert und damit die infantile Libido 
direkt auf sich fixiert. Indessen entwickeln sich die rein psychischen 
Züge des Mutterkomplexes vollständig erst in den vernünftig-be- 
wußten Jahren des kindlichen Alters. Es muß jedoch die Tatsache 
betont werden, daß die Stärke des geistigen Mutterkomplexes 
bei dem Kinde viel geringer ist als die des Vaterkomplexes, wenig- 
stens bei normalen Familienbeziehungen und daß er sich eigentlich 
mehr bei Mädchen als bei Knaben entwickelt. Indem die Gestalt 
des Vaters als höchste Autorität und Beschützer der Familie und 
des Hauses und als höchster Regent und Ordner der Familienbe- 
ziehungen, als höchste geistige und physische Macht in der das 
Kind umgebenden Welt erscheint und damit die Phantasie und den 
Verstand des Kindes erfüllt und beschäftigt, ist die Gestalt und 
das Bild der Mutter mehr ein Ideal der unendlichen Güte und 
Liebe, der ständigen Beschützung, der vollkommenen Frau, des gütig- 
sten Hausengels, der alle Güter verabreicht und im Kummer tröstet. 



1 Der Verfasser dieser Schrift konnte das heimlich bei :wei jungen Müttern 
beobachten. Eine dritte gestand ihm, daß dies der Mutter eine besondere wollüstige 
Freude mache. Dieses wird stimmen, denn eine von mir beobachtete Mutter 
errötete tief, als ich sie das swcilcmal dabei überraschte. 



36 Dr. Johann Kinkel 



Ebenso wie bei älteren Mädchen, bei der Ausbildung der reifen 
Sexualpsydiik (Hcterosexualität), diese einige Zeit unbewußt mit der 
Gestalt des Vaters verknüpft bleibt - dem Symbol des mächtig- 
sten, gescheitesten und schönsten Mannes, lebt bei alleren Kn.iben 
im Pubertätsalter das Bild der Mutter unbewußt in der Seele 
weiter, als Ideal der schönsten und vollkommensten Frau, deren 
Charakterzüge er unbewußt bei anderen Frauen sucht, respektive 
an solchen ein Gefallen findet. Hei zukünftigen Sexual- und geistigen 
Psychopathen treffen wir in diesem Alter manchmal deutlich 
ausgedrückte Züge einer Verliebtheit in das Bild der Mutter, 
respektive des Vaters, was darauf hinweist, d.S der Vater-, 
respektive Mutterkomplex bei ihnen nicht verdrängt wurde, wie 
das bei normalen Menschen der Fall ist, sondern als pathologisdM 
Grundlage ihrer ganzen Psychik für das gesamte Leben zurück- 
bleibt. 

Wie nun bei dem Kinde die primitive, symbolische Psycho- 
logie mit Entwicklung des vernünftig-bewußten Verhaltens zur 
äußeren Welt durch ein Verstehen, Denken und i 'üblen ersetzt 
wird, in denen die herrschende und sozusagen regulative Rolle der 
Vaterkomplex spielt, ebenso entwickelt sich auch bei der Gesell- 
schaft, respektive der Menschheit, nach der primitiven, symMischen, 
naiven Denk- und Gefühlsperiodc ein neu,-, l ieistes und < ieluhls- 
stadium in der sozialen Psychik, bei dem in dem Begriffe der Kos- 
mogonie <Weltschöpfung und -leben), der Wellordnung, aller 
Lebensprobleme und endlich auch der menschlichen Beziehungen 
<bei Abwesenheit des wissenschaftlichen Denkens und beim Unl>e- 
greifen des evolutionistischen, kausalen und objektiven Piinzips in 
der Wellordnung) der Monotheismus zur Entwicklung kommt, 
nebst allen spezifischen Äußerungen des Glaubens an den Ciott- 
Vater, der ganz besonders seinen Ausdnuk im Christentum ge- 
funden hatte. Dieser Glaube und die vollkommen infantile Liebe 
zu Gott, deren Ausdruck wir so bezeichnend in dem l'.vangelium 
finden, stellen tatsächlich den Vaterkomplex in der Sozialpsychologie 
vor. In der Tat entwickelt sich der Monotheismus geschichtlich aus 
dem Polytheismus, der nodi ungeordnete symbolistische Züge von 
gemischt-zufälligem Charakter aufweist und ähnlich den kindlichen 
Märchen über die Wellschöpfung noch keine gemeinsame Idee und 
kein einziges harmonisches System in eleu kosnu .dien und biologi- 
schen, respektive gesellschaftlichen und soziologischen Vorstellungen 



Zur Frage der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 37 



enthält 1 . Der Monotheismus gibt dagegen eine gemeinsame Idee 
und ein harmonisches System in den Vorstellungen über das ganze 
Universum - über das natürliche und menschliche Leben, geschaffen, 
geregelt und verwaltet von Gott dem Vater, dem alleinigen 
Schöpfer, indem die Gesellschaft, die Sozialpsychologie hier die in- 
fantile Vorstellung von dem Vater auf das Universum, das ge- 
samte Leben und alle gesellschaftlichen <mcnschlichen> Verhältnisse 
projiziert,- ähnlich wie das Kind mit seiner schwachen und unbe- 
holfenen Geistesverfassung eine Autorität sucht und sie in der 
Person des Vaters findet, indem der Vater einen bedeutenden Teil 
seiner Psychik ausfüllt. Wie das Kind sieht, daß sein Vater das 
Familienleben aufbaut und ordnet, d. h. die gesamte umgebende 
Welt, die es begrcilt, ebenso sucht und findet die infantile soziale 
Psychologie die einzige Autorität im Universum und im ganzen 
Leben in der Gestalt Gott-Vaters und projiziert damit die Familien- 
ordnung auf die ganze Welt. Es ist nicht außer acht zu lassen, 
daß der Monotheismus in der sozialen Psychologie zu einer Zeit- 
periode der menschlichen Kultur erscheint und sich entwickelt, wo 
die Autorität und die Macht des Vaters in den Familienverhält- 
nissen unendlich höher standen als heutzutage und wo die Frau 
und die Kinder nebst allen Hausgenossen ihm so Untertan und 
hörig waren, wie das bei dem römischen pater familias der Fall 
war, der eine unbegrenzte Macht über die Persönlichkeit, Freiheit 
und auch das Leben aller Hausgenossen besaß. Für die Rudimente 
der Sozialpsychologie bei der Genese der Gestalt Gott- Vaters ist 
es sehr bezeichnend, daß er in den ältesten christlichen Religionen 
stets als ehrwürdiger Greis, mit einem langen weißen Barte, auf 
dem Throne sitzend, gedacht und gezeichnet wird. — Woher stammt 
nun, psychoanalytisch betrachtet, dieses Bild? — Es ist zweifellos, 

1 Es ist bemerkenswert, daß der christliche, religiöse Glaube in den ersten 
Jahrhunderten und noch lange nachher währenddes Mittelalters eine gewisse geistige 
Verwandtschaft mit den älteren polytheistisdi-symbolistisdien Religionen aufweist. 
Das antike Christentum bevölkert den Himmel mit den verschiedensten guten 
Mächten, Gott Vater an der Spitze, deren Beziehungen in der Religion noch 
nicht feststehend sind, respektive noch in ein harmonisches System von den 
folgenden Konzilen gebracht werden müssen. Ebenso wie der Himmel mit guten 
Mächten, ist die Unterwelt, die Hölle, mit bösen Mäditen bevölkert, wobei 
zwischen Himmel und Hölle ein starker Kampf tobt. Es ist klar, daß diese mittel- 
alterlichen christlich-religiösen Vorstellungen noch grundlegende Elemente des Poly- 
theismus und Symbolismus enthalten (Symbole des Guten und Bösen in den Ge- 
stalten der göttlichen Kräfte im Himmel und der Teufclsmächte in der Hölle). 
Nach Freud »Totem und Tabu« würden allerdings Gott und Teufel, respektive 
Himmel und Hölle, Ambivalenzgcstalten (Gefühle) des Vatcrkomplcxes sein. 



38 Dr. Johann Kinkel 



daß das Christentum diese Gestalt von der älteren jüdischen Reli- 
gion kopiert hat, wo ebenso Jahwe geschildert wird. In den jüdi- 
schen religiösen Vorstellungen entstand nun diese Gestalt offenbar 
auf Grund der Herrschaft des Patriarchats in der Gesellschafts- 
ordnung, wobei der Patriarch, das ist der älteste Vorsteher einer 
Großfamilie, oder Geschlechts -Großvater oder Urgroßvater ab- 
solut herrscht und das gesamte persönliche und gesellschaftliche 
Leben aller Mitglieder dieser Familienorganisntion ordnet. Die jüdi- 
sche Kultur auf patriarchaler Grundlage ist nun die älteste von den 
Kulturen aller europäischen Völker, die ebenfalls die patriardiale 
Gesellschaftsordnung mit einigen Modifikationen entwickelt haben, 
und deshalb finden wir bei den Juden zuerst die Erscheinung des 
Monotheismus. Für die Feststellung der Psydiogentse der Gestalt 
6es jüdischen Jahwe ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß es dem 
bekannten Soziologen Jul. Lippert und späteren Forschern voll- 
ständig gelungen ist nachzuweisen, daß ursprünglich die jüdische 
Religion ein ausgesprochener Polytheismus war und dS mehren- 
Götter die Gestalten von Geschlechter. ihnen verschiedener jüdischer 
und israelitischer Stämme waren. Später verschmolzen diese Ge- 
stalten in die eine Gestalt des Jahwe, der ebenfalls anfänglich als der 
heilige Ahne, der Urahne des gesamten jüdischen Volkes gedacht 
wurde. Die patriarchale Gesellschaftsordnung, die mehr oder minder 
stark ausgedrückt bei allen europäischen Völkern eine Zeirlang ge- 
herrscht hat, besonders aber bei Griedien und Römern zum Aus- 
druck kam (man rechne hier mit Hunderten von Jahren!), schuf also 
die psychologischen Grundlagen für die Aufnahme und Ausprägung 
der ganzen Ideologie und des psychischen Komplexe, des Mono- 
theismus auch bei diesen Völkern, nachdem er schon vor der Um- 
wicklung des Christentums, bei Griechen und Römern in «len Lehren 
von Plato, Sokrates, Seneka und in der Stoischen Philosophie, zum 
Vorschein gekommen war. Die jüdischen monotheistischen Ideen 
konnten um so leichter von allen europäischen Völkern empfangen 
werden, als die geistige Erbschaft der patrianhalen Gcsellsdialts- 
ordnung — die absolute Macht des Vaters — Mannes In der 
Familie auch dann noch fortdauerte und ihren gesamten Umfang 
und Stärke bewahrte, als das Patriarchat im Sinne einet Gesell- 
schaftsordnung längst aufgehört hatte zu existieren. Nicht nur die 
Macht des römischen pater familias ist bezeichnend in diesem Sinne, 
sondern ebenso charakteristisch die absolute Macht eines soldu-n 



Zur Frag« «kr psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 39 

pater, respektive eines Feudalherren, noch im Mittelalter bei den 
westeuropäischen Kulturvölkern und noch heute bei den Südslawen 
und Türken 1 . 

Auf diese Weise wurden in der Sozialpsychologie der Kultur- 
menschheit die Grundlagen für die Entwicklung der Idee des Mo- 
notheismus und des ganzen Inhalts der Vorstellungen und Gefühle 
geschaffen, die die christliche Religion kennzeichnen. 

In ihren psychologischen Grundlagen spiegelt sie die infantilen 
Vorstellungen von der Weltschöpfung und dem menschlichen Schick- 
sal nach der folgenden Analogie wieder: wie der Vater Familien- 
leben und Ordnung schafft und unterhält, gehorsame Kinder be- 
lohnt und die ungehorsamen bestraft, so verhält sich auch Gott- 
Vater zu den Menschen, respektive zu ganzen Völkern. Diese Vor- 
stellungen sind bereits im Alten Testament vielfach vertreten und 
klar zum Ausdruck gekommen, nämlich bei allen Erklärungen ver- 
schiedener Qbel und anderseits auch alles Wohls, die das jüdische 
Volk, aber auch die Menschheit treffen <NB. so die Geschichte 
von der Sintflut, von Adam und Eva, Sodom und Gomorrha u. a. 
mehr). — Nachher bekamen diese Vorstellungen eine besonders 
weite Entwicklung im Christentum. 

Für die soziale Psychoanalyse ist es vor allem wichtig, den 
Charakter und den psychologischen Inhalt der christlichen Religion 
testzustellen. Diese Religion brachte in die religiösen Vorstellungen 
und Gefühle ein neues Prinzip hinein: die ethischen Postulate, 
die nicht nur auf den von der alteren jüdischen Religion aufgestellten 
zehn Geboten beruhten, sondern in denen das Christentum noch einen 
ganz neuen Moralkodcx schuf, der noch deutlicher als in der jüdischen 
Religion mit rein religiösen (monotheistischen) Glaubensprinzipien 
verbunden wurde. Dieser Moralkodex, der seinen vollen Ausdruck 
besonders im Neuen Testament gefunden hat, rückt die Ethik auf 
allgemein menschliche Grundlagen und predigt die spezifische >Liebe 
zum Nächsten«, die ideale humanitäre Selbstopferung im Sinne des 
allgemein-menschlichen Wohles u. a. mehr, indem die christliche 
Moral hier offenbar das höchste Ziel des Gesellschaftslebens zu er- 
reichen bestrebt ist: ein harmonisches, solidarisches Leben bei der 
gesamten Menschheit, wie in einer großen Familie, mit Gott dem 



1 Dk Macht des Patriarchen (Wladyka) in der südslawischen Hauskommu- 
nion — üroßfamilic (Sadruga) und bei den alten Ostslawen ist noch ein Res! 
des Patriardiau- 



40 Dr. Johann Kinkel 



Vater an der Spitze zu sriiaffen, was nach der christlldicn Grund- 
idee nur durch Bruderliebe, Vergeben und Selbstopferung bei jedem 
Individuum gegenüber allen Miimcnsdicn Zustandekommen kann. 
Sozialpsychologisch-historisch erklären sich diese Ideale durch die- 
jenigen Stimmungen und Gefühle, von denen die Arbcitcrmassen 
— die Sklaven, Proletarier und Lumpenproletarier in dem großen 
römischen Reiche begeistert waren, die ja Träger und Verbreiter 
der christlichen Lehre waren, als das Christentum zum ersten Male- 
eine weltumfassende, soziale und religiöse Bewegung der Volks- 
massen wurde 1 . In diesen Idealen und dem Glauben an die all- 
gemein-menschliche Liebe, Brüdersd.äft, Solidarität . Selb.-.topfi-nmg. 
Vermögensgleichlicit, Beseitigung des Reichtums und der Armut, 
gutwillige Verteilung der Besitztümer u. a„ die im Neuen Testament 
gepredigt werden, spiegelten sidi zweifelsohne die Stimmungen und 
tiefen Wünsche der bedrückten und leidenden K lassen der römischen 
Gesellsdiaft <» Wunscherfüllung« in der Phantasie nach der Bezeich- 
nung Freuds, aber im sozialpsychologisdieu Sinne!), ebenso wie 
in analogen Vorstellungen und dem Glauben an eine zukünftige, 
vollkommene, sozialistische Gesellschaftsordnung - die Erwartungen 
und der Glaube des modernen Proletariats zum Ausdruck kommen. 
D, h., wie der Einzelmcnsch am häufigsten davon träumt und 
sich das idealistisch-phantastisch vorstellt, was ihm besonders im 
Leben fehlt - einen Erfolg, Gesundheit, Verehrung, Reichtum, 
Liebe mit der crwünsditen Person usw.-, ebenso idealisieren und 
glauben, respektive predigen leidende, bedrückte und in ihren Ge- 
fühlen verletzte Gesellschaftsklassen das Kommen einer solch« 
Gesellschaftsordnung, in der harmonisch alle menschlichen Interessen 
verbunden sein und Brüderschaft, gegenseitige Liebe und Solidarität 
herrschen werden. Der Parallelismus zwischen individueller und 
sozialer Psychologie verläuft hier so vollkommen, daß, wie in den 
Träumen des Mensdien das gewünschte Objekt stets eine ausge- 
sprochene Vollkommenheit und volle Erreichung des I lerbeigc- 
sehnten darstellt, ebenso die Ideale in den Sdiwärmcreien und 
sozialreformatorischen Systemen der bedrüduen und ausgebeutet. fl 
Klassen, respektive ihre Vorstellungen von dem Zukunftsstaat 
(das »Reich Gottes« in der Phantasie der Massen des römischen 
Proletariats oder der sozialistische Staat des modernen Proletariats) 

1 »Es gibt für mich keinen Griechen, Römer oder Juden — in meinem 
Reiche sind alle gleich!* — verkündigt das Neue Testament. 



Zur Frage der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 41 

stets ein Bild des Paradieses auf Erden malen. (Vgl. z. B. die Ideen 
von Irenäos, Joh. Chrysostomos, Hyppolytos, Laktantius und (ver- 
hüllt) der Johannesapokalypse von dem »Reiche Gottes auf Erden« 
mit den sozialistischen Romanen von Thomas Morus und den 
folgenden im achtzehnten und auch im neunzehnten Jahrhundert.) 

Das wären also die sozialpsychologischen Grundlagen der 
ethischen Lehren, die im Urchristentum zum Ausdruck kamen. In- 
dessen, vom psychologischen Gesichtspunkt, ist es von Belang fest- 
zustellen, daß das Christentum diesen von ihm entwickelten Moral* 
kodex auf religiösem Grunde aufbaute, indem das Evangelium 
einige Male ausdrücklich darauf hinweist, daß Christus — >der 
Sohn Gottes« nur ein Sendbote des Herrgottes sei, der durch ihn 
die ewige Wahrheit der Menschheit offenbaren will. D. h. der im 
Neuen Testament enthaltene Moralkodex stammt nach dem christ* 
liehen Glauben von dem Herrgott, von Gott dem Vater. In diesem 
Sinne gerade könnte man auch umgekehrt sagen, daß die christliche 
monotheistische Religion auf ethischen Grundlagen aufgebaut ist — 
im Gegensatz zu den älteren polytheistischen (symbolistischen) Reli- 
gionen, wo diese Grundlage noch fehlt. 

Die Menschheit ist also bei Schaffung dieser neuen Grund- 
lagen und Elemente in ihrer Religionspsychologie auf dieselbe Stufe 
in ihrer geistigen Entwicklung gestiegen wie auch der Einzelmensch 
im Kindcsalter, wenn nämlich bei dem älteren Kinde ethische Triebe 
im Sinne von Kant bereits erwachen und sich entwickeln, jedodi 
ihren Grund und gewissermaßen ihre Stütze in der Autorität des 
Vaters oder der Mutter finden. Ahnlich wie die christliche Religion 
die Moral und den ganzen Moralkodex aus der »Offenbarung« 
Gottvaters 1 herleitet/ ebenso begründet das Kind mit der Moral- 
autorität des Vaters, mit den »zehn Geboten« der Eltern gewisse 
ethische Handlungen oder Unterlassungen. Die ursprüngliche Furcht 
vor der Strafe, die für die moralischen Triebe des Kindes im 
jüngeren Alter maßgebend ist, wird durch die autoritäre Moral 
ersetzt und gleichzeitig umfaßt der Umfang der moralischen Triebe 
und der Objekte die ganze äußere Welt, mit der das ältere Kind 
in Berührung kommt. Dieselbe Evolution hat in ihrer ethischen 
Entwicklung audi die Menschheit durchgemacht. 

1 In diesem Sinne suchte die christliche Religion in der Tat stets nach 
leitenden ethischen Prinzipien zun« Aufbau einer idealen Gesellschaftsordnung und 
eines Lebens gemäß dem Willen der Vorsehung, nach idecll'familiären Prinzipien 
mit rcligionsautoritativer Grundlage ausgestaltet. 



42 Dr. Johann Kinkel 



Prüfen wir nun weiter, welches die anderen grundlegenden 
psychologischen Züge der christlichen Religion sind und was den 
Inhalt des Religionsgefühls bei dem Menschen überhaupt bildet. Die 
Analyse dieses sonst geheimnisvollen Gebietes in der Sozialpsycho- 
logie nach der Methode Freuds und Jungs vermag uns vielleidu 
doch diejenigen Geheimnisse in der Menschenseele zu enthüllen, die 
noch für Kant und auch jetzt noch für alle Religionsphilosophen 
als Beweis der objektiven Existenz einer höchsten übernatürlichen 
Macht dienen, die von der menschlichen Seele empfunden wird und 
zu der diese sehnsüchtig hinstrebt. 

Wenn wir z. B. die klassischen Erzeugnisse in der Literatur 
der christlichen Religionsphilosophie, wie etwa die Summa Thcologiae 
von Thomas v. Aquino, oder die Werke des heiligen Augustinus 
auf ihren psychologischen Inhalt prüfen und diesen mit dem theo- 
logischen Inhalt der vier Evangelien und mit dem Geiste aller 
christlichen Gebete zusammenstellen, so treffen wir dort stets fol- 
gende Züge, die die Religionspsychologie überhaupt auszeichnen: 
ein tiefer Glaube an Gott, der die ganze Psyche des Menschen er- 
faßt und der ausdrücklich nicht auf der Vernunft, sondern auf dem 
inneren Gefühl begründet ist/ bei ekstatisch-hysterischen Personen 
<Mönche, heilige Brüder, Sektanten u. a.) gar auf »innerer Empfin- 
dung« und »innerem (seelischen) Hellsehen« der Göttlichkeit <»Gott 
lebt in meiner Seele«, »der Herrgott ist in mir« usw.) 1 . Es ist da- 
bei bemerkenswert, daß die Religionsphilosophen fast immer darauf 
hinweisen, daß dieser tiefe Glaube an Gott durchaus nicht auf ver- 
nünftigen Erwägungen begründet sei, daß der Mcnsdienverstand 
nicht imstande sei, Gott zu begreifen, weder seine Vorschriften, 
noch den Sinn seines Willens, den der Weltschöpfiing, des mensch- 
lichen Schicksals u. a. mehr*. »Lediglich das tiefe Gefühl, die inner- 
lich-geistige Empfindung Gottes in allen Naturäußerungen und im 
Menschenschicksal ist die wahre Grundlage der Religion« — heißt 
es oft in Religionsschriften. In psychoanalytischer Beziehung heißt 

1 Daher stammen die Beinamen zahlreicher Heiliger in der griechisch-ortho- 
doxen Kirche: Gregorius, Iwan usw. »der Gottesträger« und ähnliches. 

■ Kant hat vorzüglich in der Kritik der reinen Vernunft nachgewiesen, 
daß die Existenz Gottes und seines Willens, der die Welt regiere, mit vernünf- 
tigen Beweisen nicht begründet werden kann, indem er auf logischem Wege alle 
Beweise, die von der christlichen Rcligionsphilosophie vorgehradit werden, zurück- 
wies und unbestreitbar bewies, daß sie ad absurdum führen. I'tlr ihn ist die 
Existenz Gottes ein kategorischer Imperativ, der ebenso wie die Moralgebote 
nicht bewiesen werden kann, sondern empfunden wird durch ein tiefes inneres 
Gefühl seiner Notwendigkeit. 



Zur Frage der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 43 

das nun, daß der religiös-gestimmte Mensch im Unterbewußtsein 
eine Reihe von erlebten Vorstellungen aufbewahrt, die miteinander 
verbunden sind und ein Ganzes bilden, mit einer gemeinsamen 
Gestalt und Idee, die diese Vorstellungen beherrscht und leitet und im 
gegebenen Fall das Bild einer Herrschafts« und Führerperson ergibt. 
Das innere, geistige Empfinden Gottes, das tiefe Gefühl von 
Gott in allen Äußerungen der Natur und den Vorstellungen, respek- 
tive Begriffen von dem ganzen Leben überhaupt, ist ohne Zweifel der 
verhüllte Vaterkomplex, der in dieser Symbolform aus dem Unbe« 
wußten auftaucht, wohin, wie die psychoanalytische Lehre nachweist, 
die kindlichen Vorstellungen und Erlebnisse verdrängt werden, um 
später in verhüllten Symbolformen und -gestalten um so mehr und 
um so öfter in das Bewußtsein emporzutauchen, je mehr bei der be- 
treffenden Person die infantile Psychologie zurückbleibt. Dieser ver- 
hüllte Vaterkomplex herrscht eben in dem gesamten Bewußtsein einer 
solchen religiös-gestimmten Person und bedingt alle ihre Vorstellungen 
und Gefühle, indem ein solches Individuum zweifelsohne in starkem 
Maße aufbewahrte Rudimente der infantilen Psychologie aufweist. 

Die christliche Religionsphilosophie liefert im weiteren für die 
soziale Psychoanalyse ein durchaus dankbares Material, indem sie 
ziemlich ausführlich die Vorstellungen der christlichen Religion von 
Gott im Sinne seiner Eigenschaften aufzeichnet. Gott der Vater 
hat nicht nur die sichtbare und unsichtbare Welt geschaffen, sondern 
nach seinem Willen geschieht alles. Er ist das » Allerg ütigste 
Wesen« — die Vorsehung, die die Welt regiert und sie zur Voll- 
kommenheit leitet. Es ist klar, daß auch hier, in diesen Vorstel- 
lungen die kindlichen Vorstellungen und Begriffe vom Vater auf 
die Welt und das menschliche Leben projiziert werden. Sozial« 
psychoanalytisch muß indessen diese Parallele dahin berichtigt 
werden, daß in der christlichen Religion die ideale Gestalt Gott- 
Vaters, der vollkommen gütig und gerecht auch dann erscheint, 
wenn er die Menschen, seine Kinder, für deren »Sünden« bestraft, 
gewiß einen stark idealisierten Vaterkomplex darstellt, indem 
diese phantastische Idealisierung überhaupt ein Spezifikum der in- 
fantilen Psychologie bildet, zu der wir alle teilweise nachts in 
unseren Träumen zurückkehren und die ganz besonders bezeichnend 
für die antike und noch mittelalterliche Menschheit gewesen ist. 

Von besonderem Interesse ist es, die psychologischen Motive 
der christlich-religiösen Gefühle und Stimmungen festzustellen. Als 



44 Dr. Johann Kinkel 



höchster, sozialer und philosophischer Trieb wird in der Religions- 
literatur oft der Gram über die tiefe Unvollkommenheit des Lebens, 
das Leiden in Anbetracht der vielen Übel, des Bösen im Menschen 
und in der Natur geschildert. Viel öfter erscheinen jedoch persön- 
liche Leiden als die Triebfeder religiöser Stimmungen, wenigstens 
bei den Durchschnittsmenschen. Es ist bekannt, daß sehr oft ver- 
schiedene psychische Leiden, respektive tragische Erlebnisse, die 
Menschen intensiv religiös stimmen, manchmal sogar solche Personen, 
die bis dahin religiösen Stimmungen und dem Glauben gänzlich 
gleichgültig und fremd gegenüberstanden, oder wie Geistliche sich 
gerne ausdrücken: »Der Mensch kehrt in den Schoß der Kirche 
zurück.« Eine Krankheit, der Verlust einer tief geliebten, nahe- 
stehenden Person, große Vermögensverluste, das Alter <d. h. die 
Nähe des furchtbaren, unbegreiflichen Todes), unglückliche Liebe 
(besonders bei Frauen) u. a„ ergeben fast immer den Grund zur 
Entwicklung der religiösen Psychik bei dem Menschen und diese 
wird dann um so ausgeprägter, je größer das Scelcnleiden gewesen 
war <im äußersten Falle führt das manchmal den Menschen zum 
Eintritt in ein Kloster). Eben darum hat die christliche Religion 
stets die stärkste Stütze bei den Volksmasscn gefunden. Eben die 
unglücklichen und leidenden Volksmassen haben durdi ihre geistigen 
Führer - die Apostel des Jesus aus Nazareth - jüdische Flücht- 
linge, in sozialer und religiöser Beziehung die Lehre des Christen- 
tums formuliert und entwickelt und ihr die erwähnten spezifischen, 
ethischen und religiösen (theosophischen) Züge beigelegt, in denen 
nämlich die infantile Psychologie dieser Klassen äußerst idealisierte 
(phantastische, wie In Kinclermärchen!) religiöse Gestalten der väter- 
lichen, obersten, allgütigsten Macht schuf, die die Welt zur Voll- 
kommenheit, allgemeinen Bruderliebe unter den Menschen, Frieden 
und allgemeinem Wohl, mit Freude und Glückseligkeit verbunden, 
führe. In diesem Sinne liegt es außer Zweifel, daß das Christentum 
historisch ursprünglich die soziale und religiöse Lehre der unter- 
drückten und ausgebeuteten Klassen in dem mächtigen römischen 
Reiche gewesen ist, als es zum ersten Male eine umfassende, 
soziale und religiöse Bewegung und Stimmung breiter Gesellschafts- 
kreise wurde 1 . Und darum spiegeln sich in der ganzen christlichen 

' £ s l ist wonl ^kannt, daß die römischen Sdiriftsteller dieser Zeit verbit- 
ten das Christentum als »Religion - wilden Aberglauben von Sklaven und 
Bettlern« bezeichnen. Apostel Paulus berichtet in Übereinstimmung damit. 



Zur Frage der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 45 

Lehre, respektive in ihren ersten Literaturerzeugnissen, den vier 
Evangelien, den Apostelbriefen und den Werken der ersten Kirchen- 
väter, wie in einem Spiegel die religiösen und sozialen Gefühle, 
der Glaube, die Stimmungen, Hoffnungen, Erwartungen und Be- 
strebungen der römischen Sklaven», Proletarier« und Halbproletarier» 
massen. Zutreffend verweist deshalb der vorzügliche deutsche 
Historiker des antiken Sozialismus und Kommunismus Pöhlmann 
darauf, daß ursprünglich das Christentum und seine Literatur einen 
ebenso entwickelten sozialen als rein religiösen Inhalt einschlössen 
und das dessen Soziallehren bestimmte und deutlich hervortretende 
kommunistische Züge aufwiesen 1 . 

Psychoanalytisch betrachtet, erklärt sidi diese historische, heut* 
zutage erschöpfend bewiesene Genese und Evolution der christ- 
lichen Religion damit, daß die eigentümlichen geistigen (sozialen) 
Stimmungen der römischen Volksmassen eine besonders günstige 
Grundlage für die Entstehung und Weiterentwicklung der religiösen, 
monotheistischen Psychologie bildeten, d. h. zur Projektion des in- 
fantilen Vaterkomplexes auf die Welt- und sozialen Vorstellungen 
und Ideale. Mit anderen Worten, der geistige Fortschritt von den 
primitiveren, polytheistisch-symbolistischen Vorstellungen und Glau- 
ben zum Monotheismus und der auf ethischen Grundlagen aufge- 
bauten christlichen Religion äußerte sich anfangs bei intensiv-leiden- 
den <und deshalb auch intensiv denkenden und tief empfindenden) 
Schichten der Gesellschaft und später betraten diese höhere geistige 
Stufe auch die übrigen Schichten der Kulturmenschheit. Einige Jahr- 
hunderte darauf akzeptierten auch die barbarischen Völker, die das 
römische Reich erobert hatten, offenbar unter dem geistig-kulturellen 
Einfluß der römischen Gesellschaft das Christentum. 

daß die christlichen Gemeinden in der ersten Zeit weder vermögende noch ge- 
bildete Leute enthielten. Bezeichnend ist es auch, daß die christliche Bewegung 
noch in Galiläa zur Zeit Christi auf Arbeiterschichten aus dem Volke sich stützte. 
Die Jünger und Anhänger Jesus sind Arbeiter-, proletarische Elemente. Er selbst 
stammt aus einer armen Handwerkerfamilie und der Sinn seiner Predigten ist 
offenbar gegen die Reichen und Herren »dieser Welt« gerichtet, indem die Armen, 
Leidenden, Verfolgten und Unglücklichen nach ihm sichere Erben des »Gottes- 
reiches« sind. Vgl. besonders die Bergpredigt Jesus nach dem Lukasevangelium. 
1 Vgl. Pöhlmann: Geschichte des antiken Kommunismus und Sozialis- 
mus, 1912, Bd. II. Das Christentum. 



46 



Dr. O. Pfister 



Die primären Gefühle als Bedingungen der höchsten 

Geistesfunktionen. 

Von Dr. O. PFISTER in Zürich. 

Unter Sublimierung versteht Freud den Vorgang, in welchem 
»die Sexualbestrebung ihr auf Partiallust oder Fortpflanzungs- 
lust gerichtetes Ziel aufgibt und ein anderes annimmt, welches 
genetisch mit dem aufgegebenen zusammenhängt, aber selbst nicht 
mehr sexuell, sondern sozial genannt werden muß« 1 . Hiezu gesellt 
sich in einer früheren Behandlung desselben Gegenstandes der Satz: 
»Eine frühzeitig vorgefallene Verdrängung schließt die Sublimierung 
des verdrängten Triebes aus/ nach Aufhebung der Verdrängung ist 
der Weg zur Sublimierung wieder frei« 2 . 

Gegen diese letztere These erhob sich reger Widerspruch. Die 
Verachtung, mit der die Gegner der Psychoanalyse dem Sexualleben 
gegenüberstehen, ließ es als Pflicht und verdienstliches Werk er- 
scheinen, die Abhängigkeit der höchsten Geistesproduktc von den 
primären Regungen leidenschaftlich zu bekämpfen. Wie ekelhaft 
wäre doch der Gedanke, daß selbst Religion, Freundschaft, Kunst- 
genuß durch sexuelle Einschläge besudelt wären! Dabei verkannte 
man Freuds Ansicht, als hätte er behauptet, die höchsten sozialen 
Leistungen wären nichts anderes als umgemodelte Sexualität, 
so daß sie aus dieser allein restlos zu erklären seien! Nicht nur die 
Anhänger jener Ethik, welche die mortificatio carnis als Bedingung 
vollkommener Frömmigkeit betrachtet, sondern aud» religionslose 
Leute, die auf Anstand und Sitte hielten, liefen gegen Freuds 
Sublimierungstheoric Sturm, wobei sie ihre Waffen nicht der Rüst- 
kammer wissensdiaftlicher Erfahrung, sondern der Esse ihres 
sittlichen Bewußtseins entnahmen. 

Das Gewissen in allen Ehren! Wer es mißachtet, versinkt in 
einen Abgrund. Aber darf die Psychologie deswegen Pektoral- 

1 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 398. 
• Über Psychoanalyse, 61. 



Die primären Gefühle als Bedingungen der höchsten Geistesfunktionen 47 

Psychologie werden? Dann fiele sie selbst in einen Abgrund. 
Eine sachliche Erledigung des Gegenstandes läßt sich nur gewinnen 
bei Anwendung des Verfahrens, das die Gegner so leidenschaftlich 
ablehnen. Um aber ihrer Einrede zu entgehen, daß dann meine 
Worte für sie in den Wind gesprochen seien, nehme ich meinen Aus- 
gangspunkt bei Tatsachen, die sie selbst in ihrer Umgebung auf« 
suchen können, da sie sich so oder anders ja stets wiederholen. Dann 
werden die Opponenten sich die Frage vorlegen müssen, ob eine 
andere Erklärung, als Freud sie gibt, möglich sei, oder ob nicht 
vielmehr die Tatsachen selber die psychoanalytische Interpretation 
beweisen. 

Ich schildere zunächst einige Fälle, in denen tatsächlich die Ver- 
drängung der primären Triebe die Entfaltung der höchsten geistigen 
Fähigkeiten teils verhinderte, teils in die Tiefe riß. Natürlich handelt 
es sich hier für uns nicht um vollständige Analysen, sondern um 
kurze Auszüge derjenigen Merkmale, die für unser Thema ent- 
scheidend sind. 

1. Ein Mitte der Dreißigerjahre stehender Gelehrter leidet an 
schwerer Gemütsverödung. Unter Tränen berichtet er, wie ihm alle 
Werte versunken seien, zuletzt auch die Freude am wissenschaft- 
lichen Forschen, das ihm hohe Anerkennung und außergewöhnliche 
äußere Erfolge eingetragen hatte. Seit ihm die Menschen nichts mehr 
sind, können ihm auch Ehre und Ruhm nichts mehr bieten, und die 
wissenschaftliche Arbeit als Selbstzweck läßt ihn kalt. Neid auf 
Menschen, die in ihrer sozialen Betätigung oder ihrem religiösen 
Wandel glücklich sind, Sehnsucht nach begeisternden Idealen, Schmerz 
über die trostlose Leerheit seiner inneren Verfassung erfüllen ihn. 

Während hypnotischer Versuche taucht folgende Phantasie auf: 
>Ich sehe mich als kleines Kind nackt daliegen, aus meinem Unter- 
leib steigt Feuer auf, die Mutter löscht es aber sogleich wieder. Ein 
Riese liegt über einem Gracht <in ein Häuserquartier vorspringender 
Hafen), die Beine liegen über den Straßen, die den Gracht einfassen, 
aus dem Wasser, zwischen den Beinen, ragt ein riesiger Baum,- wie 
dieser zu brennen beginnt, eilen von allen Seiten Feuerspritzen 
herbei und löschen die Flammen« l « 

Bei der Einstellung der Phantasien bekennt der Analysand: 
Was hier beschrieben ist, enthält die Tragödie meines Lebens. Von 

1 Da ich ausnahmsweise nicht nachstenographierte, kann ich den Wortlaut 
nicht verbürgen, was aber nidits schadet. 



48 



Dr. O. Ptistcr 



klein auf wurde ich in puritanischem Sinne mißhandelt, alle natürlichen 
Regungen erklärte die Mutter für sündhaft, alle Freuden wurden 
durch Moralblühe vergällt. Wir Kinder lebten in enger, dumpfer 
Luft und konnten unser Recht auf freie Bewegung nie ausüben. 
Besonders wurde alles, was mit der Geschlechtlichkeit zusammenhing, 
in Verruf gebracht und als schändliches Noli mc tangere behandelt. 
Als ich eine kleine Jugendliebe aufbrachte, wurde sie mir durch die 
Mutter in brutaler Weise ausgetrieben. Damals begann der Intellek- 
tualismus stärker hervorzutreten und das Gefühl abzustumpfen.« 
Die Deutung liegt auf der Hand: Der Zustand des Nirwana 
ist zum Bedürfnis geworden, aus dem von der Mutter seiner Primär- 
erotik beraubten Kinde ist ein Mann geworden, dessen Unbewußtes 
paranoisch sich selbst im Wunsche aufbläst, ein Riese zu sein, ein 
tyann, der entmannt wird, indem alle heißen Gefühle, die mit der 
Liebe zusammenhängen, ihm ertötet werden. 

Daß ein solcher Mensch im Egoismus keinen Ersatz findet, 
wird uns nicht wundern. Im Verkehr mit der Umgebung war er oft 
gereizt, wo er es sich leisten durfte, aber mehr und mehr nähert er 
sich dem Automaten, bis ihm die Analyse half, die weitgehende 
Verdrängung der Sexualität rüchgängig zu machen und eine normale 
Einstellung zum Leben zu gewinnen. Er gewann die innere Freiheit 
zur Liebe, verheiratete sich und wurde ein glücklicher, arbeitsfroher 
Mensch. 

2. Waren in diesem Falle gemäß den Resten unverdrängter 
Sexualität noch dann und wann erhebliche Spuren von Liebesahnung 
vorhanden 1 , so verfällt eine andere Analysandin beinahe dem Zu- 
stand des Nirwana, nur daß Lebensüberdruß und Lebenssehnsucht 
sich nicht erdrosseln lassen wollen. Ein 28jähriges Mädchen sdireibt 
mir einen verzweifelten Brief, laut dem es sich seit etwa zwei Jahren 
im Zustand einer lebendigen Leidie befinde. Alle Interessen und 
Freuden seien geschwunden, das größte Unglück lasse sie kalt, nichts 
als namenloser Ekel vor dem Leben sei übriggeblieben. Auch gute 
Lektüre hinterlasse nur namenlose Traurigkeit. Alle Versuche, elfl 
Lebensziel zu finden, hatten fehlgesdi lagen, besonders auch die 
Anthroposophie, die sie, wie sie mündlich berichtete, mit dem Ver- 
stand anerkenne, ohne aber durch sie zu irgend einem tieferen Er* 

1 Deutlich treten sie hervor in einer von iliesrm An.ilys.inden improvisierten 
Tagphantasie, die Ich wiedergab und analysierte in meinem Rüchlein »Wahrheit 
und Schönheit in der Psychoanalyse«, Rascher, Zürich l'MN, S. liiS l 



Die primären Gefühle als Bedingungen der höchsten Geistesfunktionen 49 

leben zu kommen. Daß man keine Gefühle forderte, aber beständig 
Lehren entwickelte, gefiel ihr an der neuen Sekte. Nachdem sie die 
größten Anstrengungen gemacht habe, durch theoretische und 
praktische Arbeit auf dem Wege Rudolf Steiners über ihre 
geistige Verödung hinauszukommen, versuchte sie, unauffällig sich 
umzubringen. Trotz schweren tuberkulösen Lungenleidens lief sie 
nachts bei Regenwetter barfuß steile Abhänge hinauf und unter« 
nahm eine Reihe anderer Suizidversuche, die keineswegs als 
hysterische Aufmachungen betrachtet werden können. Da ihr das 
Schicksal sogar den Selbstmord mißgönne, wünschte sie eine 
Analyse iw durchlaufen. 

Die Vorgeschichte enthält vorzügliches Material zur Beant« 
wortung der Frage, die uns beschäftigt. In unerquicklichen Familien- 
verhältnissen aufgewachsen, wurde unsere Patientin im 22. Jahr von 
einem schweren Lungenleiden befallen und verbrachte drei Jahre an 
einem Kurort. Hatte sie als strenge Katholikin die Sexualität als 
den Inbegriff alles Häßlichen und Sündlichen betrachtet und beispiels« 
weise sogar das Waschen der unteren Leibespartien für eine Tod- 
sünde angesehen, so kam sie nun in ein Milieu, das die freie Liebe 
unbedenklich zuließ. Gegen Ende der ersten Kur, die etwa drei Jahre 
gedauert hatte, sagte sie sich, daß sie nie heiraten dürfe. Dann aber 
wolle sie auf andere Weise das Mysterium der Liebe kennen lernen. 
Bisher hatte sie junge Männer gerne gesehen und arglos Freund- 
schaft mit ihnen gepflegt. Auch Freundinnen waren ihr lieb und 
voller Sehnsucht, ein guter Mensch zu sein und einen hohen Lebens- 
inhalt zu gewinnen, fühlte sie sich glücklich. 

Während eines Lehrkurses, der ihr zu einem Beruf verhelfen 
sollte, trat die Wendung ein. Sie lernte einen jungen Mann kennen, 
der seine sinnlichen Gelüste wenig verbarg. Unsere Analysandin 
konnte ihn weder schätzen noch lieben ,- um jedoch ihren längst ge= 
faßten Vorsatz auszuführen und ein für allemal von ihren Begierden 
befreit zu werden, ließ sie sich mit ihm in ein Verhältnis ein, das 
eine Woche dauerte, aber nur zu Intimitäten, nicht zum normalen 
Sexualverkehr führte. Bei allen Reizungen blieb sie kalt und der 
Ekel wurde so stark, daß sie jedesmal im letzten Augenblick ihren 
Widerstand zur Geltung brachte. In der Nähe des Geliebten war 
sie innerlich kalt, sofort nach seinem Weggang aber brannte sie in 
den wildesten Gefühlen. Um sich nicht als gefallene Person verachten 
zu müssen, willigte sie in eine »Verlobung« oder doch bleibende 

lmijro VIII I 4 



/ 



50 



Dr. O. Pfisicr 



Beziehung zu jenem Manne ein, wobei sie sich jedoch fortwährend 
sagte, daß sie ihn nie werde heiraten können. Während dieser kon- 
fusen Verfassung, die in Abwesenheit des »Bräutigams« etwa sechs 
Monate anhielt, litt sie unter ihren Trieben, blieb aber bei auto- 
erotischen Manipulationen völlig kalt. Als ihr ein neuer Bewerber 
nahe trat, wiederholte sie die Szene mit dem ersten Liebhaber. 
Wieder versagte sie sich im letzten Augenblick und erstarrte nur 
desto mehr in sexueller Hinsicht, blieb aber in ihrem Gesamt- 
verhalten gegenüber den ihr zugänglichen Lebensgütern gesund. 

Eines Tages erfuhr sie, daß der Geliebte, dem sie sidi zu- 
gesagt hatte, eine Schwindelexistenz führte. Sic gab ihm- in einem 
entrüsteten Schreiben den Abschied. Alsbald aber wurde sie von so 
heftigen Begierden erfaßt, daß sie vier Tage lang wie eine brünstige 
Stute herumlief und fast verzweifelte. Zuletzt sah sie das Aushänge- 
sdiild eines Frauenarztes. Sie rannte zum Spezialisten und bat 
flehentlich um Hilfe, da sie sidi sonst gleichen Tages prostituieren 
müsse. Er wandte ein schmerzhaftes Ätzmittel an und erzielte 
wirklich eine augenblicklidie Abkühlung. 

Allein mit den Scxualgefühlen verschwanden gleidizcitig alle 
höheren Gefühle. Natur und Kunst, Freundschaft und Lebenswille 
sanken in einen unsichtbaren Schacht. Wenn sie von etwas Schönem 
und Beglückendem hörte, bradi sie in Weinen aus. Oft trat sie vor 
Messerläden und prüfte, welches der Messer zum Selbstmord wohl 
am besten paßte. Ein Nervenarzt versuchte sie mit Suggestionen 
zu erlösen, audi Turnen empfahl er ihr, aber sie konnte sich nicht 
aufraffen, nicht konzentrieren und gab die Kur auf. 

Eine Freundin verwies sie zur Anthroposophie, die ihr als 
Gedankenbau imponierte und Lebenssehnsucht wachrief. Besonders 
der Gedanke der Rcinkarnation sagte ihr zu. Aber es blieb die 
eisige Kälte ihres Innern, und obwohl sie alles tat, was jene Lehre 
auferlegt, die Enttäuschung war vollkommen. Audi der Lungen- 
prozeß bradi wieder aus und zwang sie zur erneuten Aufsudiung 
eines Kurortes. Als gänzlich verödeter, bankrotter Mensch ohne 
Hoffnung verlebte sie, wie wir hörten, zwei fahrt. 

Eine Analyse, die leider aus äußeren Gründen auf zwei 
Monate beschränkt werden mußte, verhalf zur fast völligen Ge- 
nesung. Die ödipusbindung sträubte sich ungcwöhnlidi heftig gegen 
die Untersudiung und warf die unangenehmsten Widerstände lud» 
außen. Der Umschwung ging plötzlich von statten, als die Sexualität 



Die primären Gefühle als Bedingungen der höchsten Geistesfunktionen 51 

ihrem Grabe entstieg, ihr früheres Odium verlor und sich dem sitt- 
lichen Lebensplan einzufügen begann. Gleichzeitig schwand ein 
hysterisches Symptom: Seit den vier Tagen der Brunstraserei 
hatten sich braune Flecken im Gesicht gezeigt, offenbar daher 
rührend, daß einige Monate zuvor der erste Partner ihr ver- 
sicherte, schlechte Weiber tragen solche. Dieser neurotisch aus- 
gedrückte Prostitutionswunsch verschwand, sobald die Sexualität der 
Vorherrschaft des Gewissens zugeführt wurde. Pat. fand auch 
eine Weltanschauung, die sie befriedigte, und schrieb nach einigen 
Monaten, es gehe ihr gut, wenn auch noch, dem Zustand der 
Unanalysiertheit entsprechend, Hemmungen geblieben waren. 

3. Ein einunddreißigjähriger Gelehrter, der an beträchtlicher Un- 
fähigkeit zu geistiger Sammlung, an Selbstverachtung, Depressionen 
und anderen Symptomen litt, beginnt einen erfolgreichen Kampf 
gegen die Onanie, die ihm zu etwas Unmöglichem und Gleich- 
gültigem wird. Sowie die Sexualbegierde verschwunden ist, befindet 
sich aber auch die Kraft zu geistiger Anstrengung auf dem Null- 
punkt. So heftig er sich aufpeitschen will, er bringt nicht das 
Geringste zustande. Nachdem er halb verzweifelt in diesem 
Zustand verharrt hatte, begegnete er eines Abends einem Mäd- 
chen, das ihm gut gefiel. Er näherte sich ihr und merkte bald, 
daß er es mit einer Prostituierten zu tun habe. Sogleich verließ 
er sie, begab sich schnurstracks nach Hause und arbeitete noch in 
derselben Nacht mit großer Freudigkeit an seinem Werke. Sobald 
die Geschlechtsbegierde aus ihrem Verließ gerissen worden war, 
blühten auch wieder die wissenschaftlichen Interessen auf. 

Es ist nicht nötig, die Beispiele zu vermehren. Was gezeigt 
werden sollte, trat deutlich genug hervor, und obwohl uns manche 
ähnliche Fälle begegnet sind, würden sie unser Wissen nicht be- 
reichern. Wir dürfen daher den Satz wagen: Wird die Primärerotik 
im engeren oder weiteren Bereiche verdrängt, so kann innerhalb der 
Sublimierungen ein Ausfall eintreten, der jener Verdrängung entspricht 
und unter Umständen das ganze Sublimierungssystem lahm legt. 

Bei partieller Sexualverdrängung können aber auch unter 
gewissen Bedingungen mit Hilfe nichtverdrängter Primärtriebe ge- 
steigerte Sublimierungsleistungen eintreten, die jedoch leicht den 
Charakter des Überhitzten, Fanatischen annehmen. 

Freuds Satz, der früh vorgefallene Verdrängung als not- 
wendiges Hindernis der Sublimierung hinstellt, besteht sicher zurecht. 



52 



Dr. O. Pfistrr 



Dagegen wäre es nicht richtig, von der völligen Verdrängung aller 
deutlich bewußten Sexualregungen im engeren Sinne Vernichtung 
des Sublimicrungsaufbaues zu erwarten. 

Ich behandelte, aus äußeren Gründen leider nur einige Stunden, 
einen an seelischen Hemmungen leidenden 19jährigen Jüngling, den 
mir ein Psychiater zugewiesen hatte. Dem Arzte war aufgefallen, daß 
er keinerlei sexuelle Regungen bei ihm auffand. Audi idi konnte nicht 
die leiseste Innervation oder Strebung entdecken, die deutlich sexuell 
charakterisiert gewesen wäre. Dabei war der Jüngling begeistert für 
Religion und Natur, sehnte sich nach Freundschaft und erlabte sich 
an guter Literatur. Pollutionen traten selten und stets ohne Emp- 
findung auf. Beim Eintritt von Mädchen oder älteren Frauen geriet 
er in starke Verwirrung. Wie junge Mädchen aussehen, wußte er 
nicht anzugeben, da er ihnen niemals ins Gesicht sah. Der körper- 
liche Unterschied zwischen Mann und Weib war ihm unbekannt. 
Hörte er über Sexuelles sprechen, so wurde ihm übel. Angst kannte 
er nur in einer einzigen deutlichen Form: Als Angst vor dem Fege- 
feuer/ um diesem zu entgehen, hob er zu Boden gefallenes Brot 
sofort auf. Seit Jahren war aber auch diese Angstform verschwunden. 
Auffallend war eine Aphonie, die mit der Gemütslagc wechselte 
und keine nachweisliche organisdie Grundlage aufwies. Daheim und 
im Geschäft schrieb er, ohne es zu wollen, zwei verschiedene Hand- 
schriften. Oft litt er an Depressionen. Wir sehen hier die Sexualität 
im engeren Sinne sehr stark verdrängt, ohne daß die Sublimicrungen 
in die Tiefe gerissen wurden. Dieser Ausgang kann eintreten, wenn 
starke Sublimierungsfähigkeit besteht, lustvolle Sublimierungs- 
leistungen eingeübt waren oder offen stehen, ferner wenn die pri- 
märe Sexualität nicht zu stark betont war, als die Verdrängung erfolgte 
und wenn die Verdrängung nicht zu schroff und plötzlich vor skh ging. 

Von hier aus verstehen wir auch jene kulturell hochstehenden 
Menschen, die sich der mortificatio carnis rühmen und trotzdem 
Wissensdiaft, Kunst oder andere hodiwertige Leistungen pflegten. 
Wenn wir Gelegenheit haben, ihr Seelenleben genauer zu unter- 
suchen, so beobachten wir oft, daß sie nur unvollständige Sexualvcr- 
drängungen hervorbraditen. Mag auch das normale Gelüsten ver- 
drängt sein, mögen die motorischen Funktionen fehlen, man findet 
Sexualität, oft ethisdi einwandfrei, oft sogar in abstoßender Aus- 
prägung. Einzelne Teilleistungen sind überbetont, vielleicht der 
Schautrieb, oder, wie die Geschichte der Inquisition lehrt, der 



Die primären Gefühle als Bedingungen der hödisten Geistesfunktionen 53 

Sadismus, oder wie uns die Asketik verrät, der Masochismus usw. 
Oft tollt siöS die ganze Erotik unverändert in religiösen Phantasien 
aus, Träumen, Halluzinationen, Delirien, hysterischen Phantasien, 
in denen die Primärerotik sich in den kräftigsten und unverhüllten 
Innervationen äußern kann 1 . Selbstverständlich entspricht nicht die 
Sexualverdrängung, sondern die von der ethischen Norm bestimmte 
Verwendung und Beherrschung der Geschlechtlichkeit dem Ideal 
einer autonomen Ethik. 

Nach einzelnen Psychologen besteht das Gefühl überhaupt 
nur in Körperempfindungen, seien es Innervationen der Muskeln 
(James) oder solche der Gefäße (Lange). Der Würde der höchsten 
Gefühle tut dies so wenig Abbruch, als es die Hoheit irgend eines 
Helden beeinträchtigt, daß er ohne Darmfunktionen seine höchsten 
Schöpfungen nicht zustande brächte. Denn niemal s kann es sich . 
darum handeln, aus der Primärerotik allein die höchsten Geistestaten 
zu erklären. Jede Sublimierung ist Aktivierung nichtsexueller 
Anlagen, und schon das Neue Testament bestätigt, daß von 
Menschen, die sich in Primärerotik ausgeben, eine höhere Lebens- 
entfaltung vernünftigerweise nicht zu erwarten steht. Diese praktisch 
gewonnene Einsicht durch exakte Beobachtung zu erhärten und 
ein wenig weiter durchzudenken, war die Absicht dieser kurzen Mit* 
teilung. 

1 Vgl. Pfister, Die Frömmigkeit des Grafen L. v. Zinzendorf, Sdiriften zur 
angewandten Seelenkunde, 8. Heft, Leipzig und Wien. — Derselbe, Zur 
Psychologie des hysterischen Madonnenkultus. Zentralblatt für Psychoanalyse, 
Band 1- Derselbe, Hysterie und Mystik bei Margarete Ebner. Ebenda. Beide in 
das Buch: Zum Kampf um die Psychoanalyse (Internationale Psychoanalytische 
Bibliothek Nr. 8>, 1920, aufgenommen. 







54 



Dr. Imrc Hermann 






Beiträge zur Psychogenese der zeichnerischen 

Begabung ' . 

Von Dr. IMRE HERMANN, Budapest. 

Problemstellung. 

Was ist der Künstler? Diese Frage wird in der psychoanaly- 
tischen Literatur rege besprochen 2 . >Der Künstler« ist — 
nach Freud — »ursprünglich ein Mensch, welcher siih von 
der Realität abwendet ... Er findet aber den Rüdeweg aus dieser 
Phantasiewelt zur Realität, indem er dank besonderer Begabungen 
seine Phantasien zu einer neuen Art von Wirklichkeiten gestaltet«*. 
»Er besitzt . . . das rätselhafte Vermögen, ein bestimmtes Material 
zu formen, bis es zum getreuen Ebcnbildc seiner Phantasievor- 
stellung geworden ist« 4 . 

Um den Künstler zu verstehen, muß demzufolge — unter 
vielem anderen — auch das dem Verständnis näher gebradit werden, 
was die »besondere Begabung«, was das »rätselhalle Vermögen« 
des Gestaltens eigentlich ist. Diese Frage erstreikt sidi über die 
Frage des Künstlers, da doch jeder Künstler eine besondere Be- 
gabung besitzen muß, hingegen wird nicht aus jedem Begabten ein 
Künstler, und zwar erstens, weil gewisse Begabungsarten keine Be- 
fähigung zu einer künstlerischen Ausführung aussprossen lassen 
<z. B. mathematische Begabung), zweitens kann aber eine zum 
Künstlertum disponierende Begabung ohne künstlcrisdicn Erfolg 
vorhanden sein <z. B. zeichnerische Begabung im Konstruktions- 
zeichnen), nicht aber umgekehrt. Dabei sollen diejenigen Fälle, wo 
unproduktive Fähigkeiten zu bemerken sind, also das bloße 

1 Nach einem am 19. Dezember 1920 in der Ungarischen Psychoanalytischen 
Vereinigung gehaltenen Vortrag. 

3 Siehe z. B. O. Rank, Der Künstler, 1007. 2. Auflage, 1918. 

• S. Freud, Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen 
Geschehens. )ahrbuch für psychoanalytische Forschungen, III. Bd., 1912. 

* S. Freud, Vorlesungen zur Finführung in die Psychoanalyse, 1917, 
S. 436. 



Beiträge zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung 55 



nicht leistungsfähige Dasein von Fähigkeiten vorhanden ist, nicht 
zur Begabung gezählt werden 1 . 

Auch die normalpsychologische — nicht psychoanalytische — 
Forschung studiert die Frage der Begabung,- sie kennt die Begriffe 
der aktuell wirksamen Fähigkeit und der ihr zugrundeliegenden 
Disposition,- sie weiß die Erscheinung des Interesses zu würdigen,- 
sie zerfasert die einzelnen Begabungen, Fähigkeiten, indem sie Teil» 
fähigkeiten zu bestimmen trachtet, welche nebeneinander bestehend 
die fragliche Fähigkeit ergeben, geradeso wie — nach einem häufig 
verwendeten Vergleich — die einzelnen Steinchen des Mosaikbildes 
das bedeutungsvolle Bild. 

Nicht diese Untersuchungen spornen den Psychoanalytiker 
an, die Frage der Begabung zu bearbeiten. Der Tiefenpsychologie 
liegt während ihrer Beschäftigung mit Neurosen eine Fülle von Tat- 
sachen vor, welche die Frage der Begabung <und der Fähigkeit) in 
einem ganz besonderen Lichte erscheinen lassen. Diese Tatsadien 
sind die folgenden: 

1. Die Vorbildlichkeit der Sexualität drängt die Begabung im 
sexuellen Sinne, die männliche Potenz als Muster vor. Hier können 
alle Teilfähigkeiten ungestört vorhanden sein <Erektion, Ejakulation, 
Liebe zu einem Weibe), ohne die leistungsfähige Potenz, die »Be= 
gabung« selbst, zu ergeben: Die Potenz kann gerade im entscheiden- 
den Momente versagen, obzwar die Teilfähigkeiten sich — schein** 
bar — leistungsfähig erweisen. Die Teilfähigkeiten erheischen noch 
etwas, sagen wir einen »beseelenden Akt« (Husserls Ausdrudt in 
seiner Wahrnehmungslehre), um die Potenz zu ergeben. Ob der 
beseelende Akt wirkt oder nicht, ist wiederum kein Zufall, sondern 
mit der seelisch-libidinösen Entwicklung des betreffenden Menschen 
verknüpft. Das Fehlen des »beseelenden Aktes« kann psycho* 
analytisch begründet werden. 

2. Die Frage, ob jemand eine gewisse Begabung, Fähigkeit 
besitzt, kann in der nicht analytischen Psychologie mit »ja« oder 
»nein« beantwortet werden: entweder ist jemand zeichnerisch begabt 
oder nicht, entweder ist jemand musikalisch oder nicht — anzunehmen 
sind nur Gradunterschiede. Natürlich muß der Fähigkeit auch hier 
keine Begabung entsprechen, d. h. die Fähigkeit kann eventuell nur 
unproduktiv, dispositionell vorhanden sein. Auch muß sich die Be- 

1 G. Revesz, Prüfung der Musikalität. Zeitsdir. f. Psychologie, Bd. 85, 
1920, S. 164. 



56 



Dr. Imre Hermann 



gabung, die Fähigkeit, nicht bei jeder möglichen Gelegenheit offen- 
baren. Niemals kann aber außer der Psychoanalyse behauptet 
werden, daß, je nach dem eingenommenen Standpunkt des Beob- 
achters, eine Fähigkeit vorhanden oder nicht vorhanden ersd«eint. 
Freud findet, daß die Auffassung von, ich mödite sagen, stabilen 
Fähigkeiten, wenigstens im Gebiete der Denkarbeit, unhaltbar ist. 
Freud sagt in der »Traumdeutung«: »Wir finden die Frage- 
stellung vor, ob die Seele alle ihre Fähigkeiten in ungehemmter 
Entfaltung an die Traumbildung verwendet oder nur einen Bruch- 
teil derselben. Unsere Untersuchungen leiten uns dazu, solche 
Fragestellungen überhaupt als den Verhältnissen inadäquat zu ver- 
werfen ... Die Traumgedanken sind völlig korrekt und mit allem 
psychischen Aufwand, dessen wir fähig sind, gebildet . . . I lingegen 
ist jenes andere Stück Arbeit, welches die unbewußten Gedanken 
in den Trauminhalt verwandelt, dem Traumleben eigentümlich und 
für dasselbe charakteristisch« '. 

Das heißt: Das Vorhandensein einer produktiven Fähigkeit 
(Begabung) ist durch einfaches Herunterlesen aus dem psychischen 
Produkte nicht zu konstatieren. Die psydüschen Begabungen sind 
somit einem dynamischen Gleichgewicht der Biologie vergleichbar, 
sie sind Ergebnisse von dynamisch <im Heringschen Sinne) zu be- 
schreibenden Zuständen 2 . 

3. Kranke sind oft im Besitze von Fähigkeiten mit Mehr- 
leistung (Begabungen) gegenüber den Fähigkeiten anderer Gesunden 
und gegenüber ihrem eigenen gesunden Lebensabschnitt. Diese Mehr- 
leistungen sind aber oft nadigewiesencrmaßen - nach der psycho- 
analytischen Lehre - keine wirklichen Neuschöpfungen, sie beruhen 
auf Wiederbelebung alter Gewohnheiten, auf Regression <z. B. die 
erhöhte Phantasietätigkeit). Die Mehrleistung beruht auch hier auf Be- 
setzungsänderungen, sie beruht (beruht nur) auf ökonomisch-dyna- 
mischen Vorgängen. Durch Zurücksinken auf schon verlassene Ent- 
wicklungsstufen werden schon vergessene Fähigkeiten wiederbelebt. 
Das bisher gesagte zusammenfassend will also die nicht analy- 
tische Psychologie sozusagen eine .Statik der Begabung gehen, einen 
Plan seiner stabil aufgefaßten Eigenschaften entwerfen/ die Tiefen* 



1 S. Freud, Traumdeutung, 4. Auflage, 191-1, S. 363. 

- Begabung ist ein Zustandsbegrlfl, deshalb halte ich hier die für Vor- 
gange geprägte metapsydiologisdic Ausdruckweise von ökonomlsdi-dynamiidi 
nicht für angezeigt. 



Beiträge zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung 57 

Psychologie soll hingegen eine Dynamik geben, metapsychologisch 
gesprochen eine ökonomisch-dynamische Begründung einführen. Die 
Normalpsychologie bleibt bei angeborenen spezifischen Dispositionen 
stehen, die Psychoanalyse ist durch keine solche Voraussetzung ge- 
bunden. Die Psychoanalyse kann hingegen voraussetzen, daß prin- 
zipiell jeder Mensch zu allem fähig ist, nur fehlen bei einem die- 
jenigen ökonomisch-dynamischen Momente, welche beim anderen die 
Mehrleistung entstehen lassen 1 . In einem Punkte treffen aber Psycho- 
analyse und Normalpsychologie wieder zusammen, nämlich in der 
Forderung, das Hauptgewicht des Studiums der Begabungsentfaltung 
in das kindliche Alter zu legen 2 . 

Was die Psychoanalyse zu diesem Studium besonders ge= 
eignet macht, ist die Methode. Ohne diese Methode ist die For- 
schung geradeso lahmgelegt, wie z. B. die Therapie der Zwangs- 
zustände ohne Freud. 

Bevor wir weitergehen, soll unser Problem noch etwas klarer 
herausgearbeitet werden. Der Maler, Kunstzeichner besitzt eine 
zeichnerische Begabung. Diese Begabung hat verschiedene Seiten 
und Teile, so das Herausfinden von entsprechenden Themen, das 
»künstlerische Schauen«, das Wahlen von geeignetem Material 
(Form des Bildes, Kohle? Pastell?), die Produktivität, die Origi* 
nalität,- diese und ähnliche Seiten lassen wir hier unberührt. Wir 
fragen nur, wieso jemand die Tätigkeit des Zeichnens <Malens>, 
quasi die Tätigkeit der Hand 3 des Zeichners, besser, richtiger aus- 
führen kann als ein anderer,- wieso jemand diese Muskelinnerva- 
tionen, die zum richtigen Zeichnen <Malen> führen, in seiner Macht 
hat, der andere aber nicht. Es wäre eigentlich selbstverständlich, 
daß jedermann zeichnen könnte 4 , da doch jeder den Muskeln der 
Hand befehlen kann (nicht so, wie seiner Erektion). Der Unter- 
schied in der zeichnerischen Begabung — so aufgefaßt — ist ja nur 
ein Unterschied der Handgeschicklichkeit, welcher - wiederum 



1 Hier soll die Frage der anthropologischen Kontroverse in betreff der an» 
geborenen psychischen Rassenunterschiede nur gestreift werden. 

5 G. Revesz, Ober das frühzeitige Auftreten der Begabung. Zeitschr. f. 
angew. Psychol., Bd. 15, 1919. (Ohne Hinweis auf die Psychoanalyse.) 

* Als »Hand« soll stets das topographisch-anatomische System, das ganze 
Nerven-Muskelsystem der Hand, mit den gesamten psychischen Repräsentationen 
der Hand (Empfindungen, Vorstellung, Begriff, psychisches Körperschema, Bild der 
Hand) verstanden werden! 

4 Das psychische Bild kann mehr oder weniger jeder sich anschaulich ent* 
werfen <Traum, Phantasiebild). 



58 



Dr. Imre Hermann 



staunenswert — auch sonst unter den Menschen besteht. Sicher ge- 
nügt es nicht, gut zeichnen zu wollen, um zeichnen zu können, 
es genügt nicht, geschickt sein zu wollen, um geschickt zu werden: 
auch deswegen scheint die Begabung angeboren zu sein. Aber: 
Geisteskranke entpuppen sich oft als begabte Zcidiner '. Physiologisch 
ist dieser Neuerwerb problemlos, psydiologisch bildet er ein Problem, 
weil wir an solchen Neuerwerb nicht gewöhnt sind. — Ich 
verspreche nicht, das Problem gelöst zu haben, ich möchte nur den 
über das Rätsel verhängten dichten Schleier etwas auf die Seite 
schieben. 

Die Krankenanalysen. 

Eines Tages erschienen zwei junge Leute von achtzehn Jahren, 
gegenseitige Freunde, bei mir/ sie wünschten behandelt zu werden. 
Der eine, groß gewachsen, mit längeren Haaren <er soll unser 
Patient Groß sein) führte das Wort, der andere <unser Klein) 
mit auffallend langen Haaren, mädchenhaftem Gesichte, in den Ge- 
sichtszügen etwas kindlichen Stolz ausdrückend, sprach wenig, nickte 
und zuckte zeitweise mit dem Kopfe. Idi erfuhr, daß sidi beide in 
einer modernen, freien Künstlcrschule kennen lernten, welche sie 
wegen ihrer seit ihrer Kindheit sich offenbarenden zeichnerischen Be- 
gabung aufsuchten,- dort erkannten beide ihr eigenes Leid im anderen: 
Groß war impotent, Klein hielt sich für impotent, da er sidi keinem 
Mädchen, keiner Frau nähern konnte. Sie versuditen, sich durch 
mutuelle Onanie zu vergewissern, ob sie wirklich, wie sie es für 
möglich hielten, homosexuell seien? Dieser im Freien ausgeführte 
Sexualakt ließ sie aber sexuell wie intellektuell unbefriedigt. Groß 
hat schon Psychoanalytisches gelesen, so entschlossen sie sich, nach 
einem längeren inneren Kampf, zur Behandlung. Die Kranken- 
geschichten sollen hier nur insoweit entwickelt werden, als sie für 
unser Problem unumgänglich notwendig erscheinen. 

I. Klein, ein intelligenter, tief denkender Junge, blieb nur 
kurze Zeit in der Analyse (eineinhalb Monate). Was ich erfuhr, 
ist nicht sehr viel. Er stammt aus einer Familie des ärmsten Pro- 
letariats, er lebte stets in drückender wirtschaftlicher Not. Sein 
Vater, ein armer Handwerker, frönte dem Alkohol-. Seine Mutter 

1 St. Hol 16s hat in der Diskussion des Vortrages solche Fülle erwähnt lt 
hat audi die Rolle der Muskclcrotil< hervorgehoben. 

- Die Frage, ob nidit der häufige Alkoholr.iuseh eines Nahvtrw.iiidtrn 
oder Bekannten, quasi als ein Schauspiel im ernsten Lehen, rur künstlerischen 
Begabung des Kindes beiträgt, will ich nicht unerwähnt lassen, Von einer Schau- 



Beiträge zur Psydiogenese der zeichnerischen Begabung 59 



verzehrte ihr Leben durch Sorgen um das tägliche Brot und durch 
Zänkereien mit dem Manne. Der Vater benützte gegenüber der 
Mutter die allergröbsten Schimpfworte. Klein selbst, ein »mittleres« 
Kind, besuchte nur sechs Klassen Volksschule, wurde Kunstschlosser- 
lehrling, dann Gehilfe in einer Fabrik. In seinem Berufe legte er 
wenig Eifer an den Tag, er liebte das Herumstreifen in der Stadt, 
bewunderte dabei die Schaufenster der Geschäfte und dachte sich, 
was eigentlich die Leute über diesen heruntergerissenen Jungen sich 
denken mögen? Ja, soll er nur größer werden, er wird schon zeigen, 
wer er ist. Obzwar er von seiner Geistesgabe sehr viel hielt, geriet 
er doch gegenüber einem besser Gekleideten in große Verlegenheit. 
Mädchen aus niederem Stande unterschätzte, aus höherem Stande 
überschätzte er, somit jede Annäherungsmöglichkeit zerstörend,- bei 
der zweiten, dritten Begegnung fand er das bis dahin geschätzte 
Mädchen häßlich, bekrittelte ihre Eigenschaften und verließ sie. Nach 
sexueller Befriedigung drängend onanierte er viel, als »Objekt« 
wählte er einmal ein Huhn 1 . 

Die Analyse brachte langsam alte Erinnerungen zur Schau, 
nach welchen er bis zu seinem vierten bis fünften Lebensjahre eine 
starke aktive Sexualität besaß. Er spielte mit der Schwester 
und den übrigen Mädchen vom Hause, bis ein Ereignis seine Lust 
am Spiel zerstörte. Die Mutter überraschte ihn <er fühlte sich 
wenigstens überrascht), als er sich mit einer Spielgenossin in einen 
großen Sack verkroch, um das Vater-Mutterspiel dort zu treiben. 
Die Mutter rief ihn beim Namen, er sprang aus dem Sack und 
sagte ganz verlegen, »nichts, ich mache doch gar nichts!« Einige 
Tage lang blinzelte er nach diesem Ereignisse krampfhaft mit den 
Augenlidern. Seine Verlegenheit stammt von damals her, auch 
jetzt mußte er noch unwahre Dinge in seiner Verlegenheit zu- 
sammensprechen. ~ Seit dieser Kinderszene war er nicht mehr 
stolz auf sein Knabentum, er kleidete sich öfters als Mädchen und 
hörte selbst zufrieden die Bemerkung anderer, daß er »ein schönes 
Mädchen geworden wäre«. 

Schon seit seinem dritten Jahre gab er Beweise seiner be- 
sonderen Handgeschicklichkeit, er bereitete kleine Schuhe <beim 

Spielerin, die schon in ihrer Kindheit auf die Bühne trat, erfuhr ich, daß sie einen 
viel älteren Bruder hatte, der in der Nachtzeit oft berauscht nach Hause kam. Sie 
zeigte auch sonst Identifizierungen mit diesem Bruder. <Er starb als Tuberkulotiker, 
sie bildete sich diese Krankheit ein usw.) 

» Kommt in den jüngeren Jahren auf dem Lande häufig vor. 



60 Dr. Imrc Hermann 



Vater), später baute und schnitzte er aus Holz Häuser, zur Verwun- 
derung seiner Lehrer. Er zeichnete auch immer besser, so daß er 
das Zeichnen, Malen als Lebensberuf wählte. Noch vor dem dritten 
Jahre muß es aber gewesen sein, daß ein Friseur seiner Mutter 
den Hof machte/ einmal, diese Erinnerung kam aus dem Ver- 
drängten, äußerte sich die Mutter: »Ich liebe den Friseur eigentlich 
nicht, er hat eine zu feine Hand.« 

Die »feine Hand« hängt also mit Lieben, mit Lieben der 
Mutter zusammen." Hätte er eine feine Hand, so könnte er so 
lieben, wie der Friseur, er könnte die Mutter so lieben, wie der 
es tut, er wäre dann ein besserer, ein höherer Mensch als der 
rohe Vater. Aber ist es denn erlaubt, die Mutter zu lieben, für den 
Friseur, für ihn, liebt die Mutter den Friseur wirklich nicht? Die 
Ambivalenz, die schon in der erinnerten Aussage der Mutter 
Oeigentlich«) drin steckt, hat eine weite Bedeutung! Die feine 
Hand ist zu wünschen, aber auch nicht! - Als kleines Kind hielt 
er beim Beten die eine Hand beim Penis/ auch kann er sich erinnern, 
wie die Mutter seinen Penis mit ihrer Hand berührte. 

Klein hat sich nach Aufdeckung der infantilen Reminiszenzen 
von seiner kräftigen männlichen Potenz überzeugt, er hat auch zur 
Verbesserung seiner Lage eine ungewöhnlidu- I inergie entwickelt. 
II. Groß stammt ebenfalls aus einer Familie des tieferen 
sozialen Standes, doch lebte diese Familie in ordentlichen Ver- 
hältnissen. Der Vater legte viel Gewicht auf die Erziehung seiner 
drei Kinder <zwei Söhne und eine Tochter, das jüngste Kind). 
Groß, das älteste Kind, ist intelligent, etwas oberflächlich im 
Denken/ bis zu seinem achten Lebensjahre lernte er gut, von 
da angefangen immer schlechter und schlechter, hat maturiert. 
Er zeichnet seit seinem fünften bis sechsten Jahre, anfangs nur 
ein einziges Panorama, später auch andere Themata. Eine große 
Entsagung überstand er in seinem siebenten bis achten Lebens- 
jahre, als ihn der Vater zwang, die »große Not« nunmehr selb- 
ständig draußen am Aborte zu verrichten/ bis dorthin blieb er 
nämlich in dieser Verrichtung ein Infantiler, Vater oder Mutter 
mußten nach der Notverrichtung im Zimmer an ihm die übliche 
Reinigung vornehmen. Beiläufig von dieser Zeit an sprach er gerne 
Unwahrheiten. 

1 Es ist unmöglich, nach h'rruds Ausführungen nicht an Leonardo da 
Vinci zu denken. 



Beiträge zur Psydiogenese der zeichnerischen Begabung 61 

Sein ganzes Sexualleben ist durch starken Narzißmus, Sadist 
mus und Analerotik gekennzeichnet. Er onanierte viel, in seinem 
dreizehnten Lebensjahre auch mutuell mit einem Freunde. Erektionen 
in Gesellschaft des anderen Geschlechtes hat er in der Pubertäts- 
zeit beobachtet, ganz besonders, als er seine Schwester auf den 
Schoß nahm. Später blieben bei allen diesen Gelegenheiten die Erek- 
tionen. Er überzeugte sich durch mehrere Versuche von seiner Im- 
potenz 1 . Auch war er ein »schönes Kind«, auch spielte er als 
kleiner Knabe viel mit Mädchen. Groß hat die Analyse mit der 
Überzeugung unterbrochen, daß er sich schon gesund fühle, die 
Erektionsfähigkeit in weiblicher Gesellschaft kehrte zurück, er fürchtet 
sich aber, bei weiterer Analyse möchte er seine Künstlernatur ver- 
lieren. Drei Monate nach Abbruch der Analyse hat er mich über 
den Erfolg der Analyse verständigt. 

Wo steckt hier die Begabung? Eine ganze Reihe von Aus- 
sagen mußte meine Aufmerksamkeit auf die »Hand« lenken. Diese 
Aussagen sollen auf drei Gruppen verteilt aufgezählt werden <die 
Gruppen haben keine sdiarfen Grenzen, bei einzelnen Aussagen 
kann man über die Her= oder Hingehörigkeit zweifeln,- die 
Gruppen haben nur einen ökonomischen Wert). 

A. Die Berührung <u. dgl.) der eigenen Hand wirkt 
erogen: Als zwei bis drei Jahre alter Knabe fühlte er sich, so er- 
innert er sich, sehr wohl, als ihn ein älteres Mädchen an der Hand 
führte. — In der Pubertätszeit tritt Erektion ein, wenn ihm ein 
Mädchen die Hände streichelte. Manchmal ist er so kitzelig an der 
Hand, daß er durch die Berührung Erektion bekommt. Einmal 
wurde er sexuell erregt, als er in die Hohlhand einen Flatus ließ. 
— Wenn er mit der einen Hand über die andere Handfläche geht, 
dabei die erste Hand als ein Weib phantasiert, ist Erektion die 
Folge. 

B. Die psychische Repräsentation (Vorstellung, Bild, 
Ort im psychischen Körperschema [Pick]) ist libidinös stark be- 
tont: Er steckte als kleines Kind den einen Daumen aus dem 
Hosenschlitz und zeichnete eine rote Linie auf den herausblickenden 
Daumen, um mit seiner scheinbaren Nacktheit die Mädchen zu er« 
schrecken. — Als sie jünger waren, spielte er mit seiner Schwester 

1 Seine Impotenz verhehlte er vor Freunden und Mädchen nicht, obzwar 
man ihn nach seinem Aussehen für einen Don Juan hielt! 



62 



Dr. Imre Hermann 



im Bette, dabei war seine Hand der »kleine Mann«, »Jancsi« 
(Hänschen). — In der zweiten bis dritten Bürgerklasse hatte er 
seine eigenen Hände bewundert, sie gefielen ihm sehr. - In 
derselben Zeit zeichnete er viele weibliche Hände in anmutiger 
Haltung. ~ Beim Onanieren dachte er an die Hand, als an ein 
anderes »Ich«. — Er phantasierte oft darüber, daß er als Zauberer 
auftritt, dabei die eine Hand vom Unterarm loslöst, so daß Heisch 
und Knochen nadet sichtbar werden,- dann soll die Hand wieder 
ihren alten Platz erhalten <vcrsdiobene Kastration). — Die Finger 
der einen Hand sind, in der Phantasie, Füße einer Dame (siehe 
die letzte Aussage sub A>. — Er phantasierte über eine »Lili- 
putanerin«, die er in der Hand hält. 

Die Hand vertritt somit <nach A und B> oft das 

Genitale. 

C. Die erogene Wirkung fremder Hände. Fr erinnert 
sieb, wie die Mutter, noch im fünften bis sechsten Jahre, wegen 
Ekzem seinen Penis und Umgebung mit öl behandelte. — Die er- 
wähnte Art der Reinigung nach der Defäkation (Analerotische Er- 
regung). — Hier soll bemerkt werden, daß er seine Inktion bei 
Gelegenheit der ersten gelungenen Kohabitation darauf zurückführt, 
daß ihm plötzlich der Gedanke kam, seine Dame will sich mit den 
Händen an seinem Penis spielen. 

Wir erfahren also über Groß: die Hand ist nicht ein Körper- 
teil, wie die meisten übrigen, sondern ein libidinös besonders aus- 
gezeichnetes Organ, Kleins I land war in der frühkindlidien Zeit 
in einen libidinösen Komplex einbezogen, zeigte aber in der Zeit 
der Analyse nicht mehr ihre starke libidinöse Besetzung. 

Aus der psychoanalytischen Literatur sollen folgende Stellen 
zur Verstärkung des hier auftauchenden Gedankens wiedergegeben 
werden: Pfister analysierte einen aditzc-hnjährigen Jungen, der sich 
durdi besondere zeichnerisdie Begabung auszeichnete. An zweien 
von den drei reproduzierten Bildern erscheint die I land. Dazu die 
Analyse: 1. »Die Hand ist die eines um Erbarmen Flehenden. Vor- 
bild ist der Zöllner, der an seine Brust schlägt und betete: »Gott 
sei mir Sünder gnädig!« (Luk. 16.) — Der kleine Finger ist 
verzeichnet. Es fällt Franz auf, daß der Fehler helfe, der Hand 
die Form eines männlichen Genitales zu geben, d.is nach Mastur- 
bation zu erschlaffen im Begriffe steht.« - 2. »Die Hand ist ab- 



Beiträge zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung 63 



norm groß. Sie umfaßt und beherrscht alle Fäden, die über den 
Vorhang <der Welt) laufen. Sie kann alles zusammendrücken. Sie 
gehört Franz 1 . 

In einer Vision des schizophrenen Malers, analysiert von van 
der Chijs, war das Kreuz von einer riesengroßen Hand fest- 
gehalten. Die Hand wird als Masturbationssymbol gedeutet 2 . 

Hier erlaube ich mir einen nicht analysierten Fall von Dr. G. 
Szilägyi zu erwähnen, welchen er in der Diskussion vorbrachte: 
Eine zeichnerisch begabte Dame war eine Anbeterin der eigenen 
Hände, sie schenkte eine übermäßige Aufmerksamkeit den Hand* 
schuhen, obzwar sie sonst nicht viel auf Kleidung gab. Diese Dame 
zeichnet nun erst seit ihrem neunten bis zehnten Lebensjahre, nach- 
dem sie einen Unterarmbruch erlitt. Der Armbruch hatte nach ihrer 
eigenen Aussprache zur Folge, daß sie ihre Hand als Ziel ihrer 
eigenen Schmeicheleien und Liebkosungen wählte. 

Folgerungen und Ausblicke. 

Die Tatsache, welche wir aus unseren Analysen ableiten, 
lautet also, bekräftigt durch anderer Beobachtungen, wie folgt: »Die 
Hand« — in dem angegebenen Sinne — ist oder war bei 
den zeichnerisch Begabten libidinös betont. Diese Tatsache 
sagt, so wie sie hier formuliert ist, nicht viel. Es wäre ja auch 
möglich, daß die libidinöse Betontheit eine Folge der Begabung 
bildet, es wäre ja prinzipiell zuzugeben, daß ein Organ ebenso wie 
durch Traumen 3 , so auch durch eine regere Betätigung, bedingt 
durch die Begabung, erogenisiert werden könnte. Wir müssen dem« 
nach drei Fälle als möglich hinstellen: 1. Die Libidobetontheit der 
Hand ist primär, 2. die zeichnerische Begabung ist primär, 3. beide 
Erscheinungen laufen parallel, ohne ursächliche Verknüpfung. 

Die ökonomisch-dynamische Auffassung drängt zur ersten 
Annahme. Diese Annahme wird dadurch bekräftigt, daß die 
Libidobetonung der Hand mindestens soweit in die Jugendzeit zu 
verfolgen ist, wie die zeichnerische Begabung. Der Fall von Szilägyi 
ist durch diese Annahme, mit Berufung auf die Pathoneurosen, 



1 O. Pf ist er. Die psychoanalytische Methode (Pädagogium, I. Bd.). Berlin 
1913, S. 333 bis 344. 

* VanderChijs, Über Halluzination und Psychoanalyse. Intern. Zeitschr. 
f. ä. Psychoanal. 1919, V/4, S. 278. 

s S. Ferenczi, Von Krankheit und Pathoneurosen. Intern. Zeitschr. f. ä. 
Psychoanal. 1916 bis 1917, IV,' 5. 



64 



Dr. Imre 1 (ermann 



auch verständlich. Um unsere Annahme zu bekräftigen, wäre es 
notwendig nachzuweisen, daß libidinöse Betontheit der Hand in 
keinem Falle zeid^nerischer Begabung fehle oder gefehlt habe und 
die zeitliche Folge der Erscheinungen dieser Annahme entspreche, 
Libidobetontheit der Hand muß aber, nicht stets zeichnerische Be- 
gabung, sondern kann eventuell eine andere Handgeschicklichkeit 
<oder vielleicht überhaupt keine Fähigkeitserhöhung) hervorrufen. 

Unsere Annahme ist die einfachste nicht nur, weil sie die 
Beobachtungen von einem Gesichtspunkte aus zusammenfassen kann, 
sondern auch deswegen, weil wir verständlich machen können, wes- 
halb eine Libidobetontheit der Hand ohne ein außerordentliches Er- 
lebnis und ohne Trauma entsteht und weshalb diese Überbetontheit 
sich indirekt in der Begabung kundgeben kann. 

Die Hand kann vielleicht durch einen höheren Grad konstitu- 
tionell mitgebrachter organisdi-narzißtischer Libido ' ausgezeichnet 
sein,- diese Wendung der Annahme steht aber nicht weit von der 
Dispositionsannahme der Normalpsychologie. Ich glaube, die psehy- 
dusche Repräsentation der Hand <Bild,Vorstellung) kann durch die 
Onanie (Säuglingsonanie inbegriffen) libidinös stärker betont werden, 
das Kind »abstrahiert« die Lustquellen nicht, sondern erfährt die 
Lust aus der Gesamtsituation, Bei Verhinderung der Onanie — 
Trennung der (anatomischen) Lustquelle und Lustbereiter — kann 
eventuell die »Abstraktion« auf falsdiem Wege geschehen (wie bei 
anderen Kinderabstraktionen). Es könnte auch eine echte Ver- 
schiebung stattfinden (nach Analogie der Verschiebung von unten 
nach oben),- so käme der Kastrationskomplex zur Hand (der Fall 
Groß). Die Hand erhielte also durch die Onanie und Onanicabge» 
wöhnung einen erhöhten »Libidotonus« (Ausdruck von 1 ausk). 

Wie kommt aber die indirekte Kundgabe dieses Libidotonus 
in der Begabung zustande? Der erste Gedanke ist, die Sublimie- 
rung bewirke diesen Besetzungswandel. Damit haben wir aber den 
Weg zur Erklärung von Fällen, wo die libidinöse Betontheit auf- 
rechterhalten blieb (Fall Groß) versperrt und auch durdi den Be- 
griff von »Besetzungswandel« eine neue Schwierigkeit eingeführt. 
Vielleicht nähern wir uns der Wahrheit, wenn wir die (magische) 
Kunst der Erektion verantwortlich machen, indem sie durch eine 
eigentümliche Verschiebung eine »Kunst« auch der I land entladet. 

1 V. Tausk, Ober die Umstellung des »Beelnllussungsapparates« in der 
Schizophrenie. Intern. Zcitschr. f. ä. Psydioanal. 1919, V/1. 



Beiträge zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung 65 



Vielleicht ist es eine allgemeine Fähigkeit des erhöhten Li- 
bidotonus, feinere lokale körperliche Wirkungen hervorlocken zu 
können. Vielleicht - diese Annahme stelle ich nach der Lektüre 
vom »Jenseits des Lustprinzips« 1 auf - ist die Wirkung des er- 
höhten Libidotonus dies, die Organe zu einem besseren Zu- 
sammenwirken anzuspornen, und die zeichnerische Begabung 
<der Hand) ist eben ein besseres Zusammenwirken von Bild, 
Empfindung, Gedanke, Muskeln! 

Hier müssen wir aber eine auffallende Lücke unserer An= 
nähme eingestehen. Wir gelangen ja immer nur zum Verständnis 
von besonderen Handgeschicklichkeiten, nicht aber zu der besonderen 
Form dieser Geschicklichkeit, zur zeichnerischen Begabung. Ich glaube, 
auch zur Ausfüllung dieser Lücke einen Beitrag liefern zu können. 
Wir erinnern uns, daß beide Patienten »schöne Kinder« waren. 
Sollte nicht die von den Erwachsenen als ein beonderes Lob 
dienende Beurteilung dem Kinde als Form=Ideal narzißtischer 
Quelle vorschweben? Blicke in meine Bekanntschaft werfend, finde 
ich die Behauptung, daß gute Zeichner schöne Kinder waren <ni<ht 
zu verwechseln mit ihrer jetzigen Schönheit), nicht für gewagt. <Eine 
Ausnahme scheinen die Zeichnerinnen, Malerinnen zu bilden.) 

Ich fasse alles zusammen : Bei zwei analysierten Patienten mit 
zeichnerischer Begabung war die »Hand« in ihrer Kindheit 
libidinös stark betont, bei dem einen ist sie auch so geblieben. 
Die Annahme ist berechtigt, daß diese Libidobetontheit zeitlich und 
ursächlich der zeichnerischen Begabung vorausgeht. Vermutlich spielt 
auch das Lob der Erwachsenen: ein »schönes Kind«, eine 
Rolle. ■* Wir haben das Problem der Begabung isoliert vom 
Problem des Künstlers behandelt und müssen jetzt eingestehen, 
daß das Problem der Begabung bei dieser isolierten Behandlung 
Lücken hinterließ. Hier muß ein gegenseitiges Entgegenkommen 
der ProblenvBehandlungen einsetzen. 



Nachtrag während der Korrektur. Im Laufe des letzten 
Jahres hatte ich, teilweise infolge der Liebenswürdigkeit des Herrn 
Dr. S. Ferenczi, Gelegenheit gehabt, meine Erfahrungen über die 



1 S. Freud, Jenseits des Lustprinzips, 1920, S. 48: >. . . sich vorstellen, 
daß die in jeder Zelle tätigen Lebens» oder Sexualtriebe sind, welche die an- 
deren Zellen zum Objekt nehmen . . .« 

Iraago VIII '1 5 



66 



Dr. lmre Hermann 



künstlerischen Begabungen zu vermehren. So kamen noch zwei 
»Zeichner« in die Analyse. Von diesen hatte nur der eine künst- 
lerische Ambitionen. Auch er war ein — nach seiner Mutter Worten 

— wunderschönes Kind mit lockigen, blonden Maaren. Bis 
zu seinem fünften bis sechsten Lebensjahre schlief er stets im Bette 
neben seiner Mutter, beim Einschlafen auf ihrem Arm liegend, sich 
mit ihrer Hand spielend oder ihren Körper streichelnd. Er zeichnet 
seit seinem vierten bis fünften Lebensjahre. Er hält seine Hand für 
sehr schön und verlangt auch beim Weibe als Hauptsache eine 
schöne Hand. <Sogar die Milesische Venus sei wegen den 
fehlenden Händen keine vollkommene Schönheit.) — Der andere 
zeichnete gut, jedoch nicht mit Ambition/ er berichtet, daß er seiner 
Hand erotische Gefühle entlocken konnte. 

Der ersterwähnte Zeichner hatte einen Säufer zum Vater,- 
er hatte auch stets den Drang zum Rollen-Spielen gefühlt. Ich 
lernte flüchtig eine Schauspielerin kennen, die an Phobien litt, sie 
fürchtete sich vor Brüden, Stiegen, den höheren Stockwerken und 

— vor besoffenen Leuten. 

Die Analyse eines Poeten ergab analoge Verhältnisse: 
Einerseits den starken Libidotonus der Mundzone, anderseits 
einen Komplex mit narzißtisdiem Einschlag, den ich »Seher- 
Komplex« nennen möchte: er sah in seiner frühesten Kindheit 
öfters das Eintreten eines Vorganges, zu welchem er stark ambi- 
valent eingestellt war — die Wiederkehr des von der Mutter getrennt 
lebenden Vaters — vorher. Einen ähnlichen Komplex glaube ich auch 
beim ungarischen Dichter Petöfi aufgefunden zu haben. 




Der Symbolisierungszwang 67 



Der Symbolisierungszwang. 

Von GEORG GRODDECK, Baden-Baden. 

In dieser Zeitschrift ist von anderer Seite die Sage des Sünden- 
falls mit Hilfe der Symbole gedeutet worden. Die Sdilange, von 
der Eva — und nach ihr jede Frau — verführt wird, ist als 
Phallus aufgefaßt, der lustige Baum, von dem gut zu essen und 
der lieblich anzusehen ist, bedeutet dasselbe, während seine Früchte 
Hoden und Eichel des Mannes und, vom Weibe gereicht, die Brüste 
oder Scheide sind. Daß diese Erklärung zutrifft, ergibt sich aus dem 
weiteren Verlauf der Erzählung, die berichtet, wie das Menschenpaar 
sich seiner Nacktheit schämt, sobald es vom Baum der Erkenntnis 
gegessen hat. Der Nacktheit schämt sich und kann sich nur schämen, 
wer von dem Schuldbewußtsein der Geschlechtssünde bedrängt ist 1 . 
Die Erzählung meint mit dem Sündenfall den Liebesverkehr von 
Mann und Weib und der Ausdruck »Erkenntnis« ist in derselben 
Bedeutung gebraucht, die er häufig in der Bibel hat, als ein Er- 
kennen, ein Beschatten, Beschlafen des Weibes. 

Es wäre albern, bei dieser klaren Sachlage anzunehmen, die 
Symbolik von Schlange, Baum und Apfel sei von der Analyse 
willkürlich in die Erzählung hineingedeutet. Sie ist von vornherein 
darin und wer verstehen kann, versteht sie. Noch schwieriger wird 
die Annahme der künstlerischen Absicht, wenn man die Erzählung 
weiter verfolgt. Gott spricht einen Fluch über Schlange, Weib und 
Mann aus, der seltsam vom Symbol durchsetzt ist. »Auf deinem 
Bauche sollst du gehen, sagt er der Schlange, und Erde essen 
dein Lebelang«/ der Penis geht am Bauche hin und her bei jedem 
Schritt des Menschen und sein Mund ist nach der Erde gewendet. 
Und weiter: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem 
Weibe und deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir 



1 Merkwürdig ist, daß die Überlieferung nach und nach diese Frudit als 
einen Apfel aufgefaßt hat, der seit alters das Symbol der Brüste und der Hinter- 
backen ist. Man hat die Feige, die doch an derselben Stelle erwähnt ist, vermieden, 
obwohl oder vielleicht eben weil sie die Scheide symbolisiert. 



5" 



68 



Georg Groddedc 



den Kopf zertreten und du wirst ihn in die Ferse Stechen.« Das 
ist die Symbolik des Liebeskampfes, das Zertreten des Kopfes ist 
die Erschlaffung des Gliedes nach Erektion und Ejakulation und 
der Fersenstich, der in unsern Ammenmärchen als Stordicnbiß fort- 
lebt, die Entbindung/ im Fluch des Weibes ist die Erläuterung 
dazu gegeben. Der A<ker, den Adam im Schweiße seines Ange- 
sichts bebauen soll, der ihm Dornen und Disteln trägt, dieses Feld, 
davon er genommen ist, ist das Weib, dessen Stimme er ge- 
horcht hat. 

Eine solche Häufung der Symbole läßt sich kaum auf einen 
künstlerischen Plan zurückführen. Ich glaube schon hier sagen zu 
dürfen, daß die Symbole nicht willkürlich vom Dichter in sein Werk 
hineingelegt werden, wenigstens nicht immer. Wo aber stammen sie 
her, was sind sie, und wenn sie nicht ersonnene Arbeit des Men- 
schen sind, wie kommen sie in sein Werk hinein? Eine Antwort 
läßt sich, wenn sie überhaupt möglich ist, nur finden, wenn man 
nachsieht, wie Symbole in der Dichtung verwendet werden. ICD 
wähle das Märdien von Sdmecwittdien als Beispiel und will ver- 
buchen, einfach die nackten Symbole nebeneinander zu stellen. 

Eine Frau stirbt bei der Geburt einer Tochter. Die I'oditer 
ist das Symbol der weiblichen Schamteile, auf die die Beschreibung 
von Schneewittdiens Äußerem paßt/ weiß wie Schnee ist der Leib, 
rot wie Blut der Geschlechtsteil selbst, schwarz wie Ebenholz die 
Behaarung,- das Weiß betont außerdem die Unberührthcit des 
Organs. Die Geburt ist das Gebären der Geschlechtsreife, das Ein- 
treten in das mannbare Alter, das Blut im Schnee die erste Periode. 
der Schnitt in den Finger deutet an, daß die Periode echt kindlich 
als Folge der Kastration aufgefaßt ist. Die Mannbarkeit bedingt, 
da sie eine Kastrarionsstrafe ist, eine Veränderung (fei zärtlichen 
Verhältnisses Zwischen Mutter und Tochter, Weib und Geschlechts- 
teil, die Mutter wird zur Stiefmutter, die dem Sdwcewittdien — 
ihrem Schamteil — feindlich gegenüber steht, es aus doppeltem 
Grund, aus Begierde nach Entjungferung und aus Scham über diese 
Begierde mitsamt ihrer Unschuld und Schönheit töten lastet) will. 
Das Besdiauen im Spiegel ist wohl wörtlich zu nehmen/ sich MCKfl 
im Spiegel zu betrachten und dabei die Geschledilsteilc anzusclu-n 
ist eine überall geübte Gewohnheit des Mädchens. Das Beschauen 
im Spiegel ist aber gleichzeitig ein Symbol der Onanie, die den 
Wunsch nach dem wirklidien Verkehr mit dein Manne nahelegt. 



Der Symbolisierungszwang 69 



Schneewittchen wird mit dem Jäger, der den Mann darstellt, während 
sein Messer der Phallus ist, in den Wald — die Schamhaare — 
geschickt, um dort getötet zu werden, d. h. das Verlangen nach 
der Brautnacht ist da. Es kommt jedoch nicht zum Verkehr, das 
Kind bleibt unberührt und der Jäger tötet an ihrer Stelle einen 
Frischling, was die Erschlaffung des Penis von dem Beischlaf an« 
deutet. Schneewittchen lebt nun in Verborgenheit hinter den Bergen, 
die als die Hinterbacken gelten können, bei den sieben Zwergen. 
Der Zwerg ist ein bekanntes Symbol des schlaffen_Gliedes.. Die 
Zahl sieben bezeichnet Kopf, Rumpf, Gliedmaßen und Glied/ der 
Mann ist die heilige Sieben, während das Weib die böse, kastrierte 
Sieben ist 1 . 

Die Wendung des Märchens, daß der siebente Zwerg, weil 
Schneewittchen sein Bett braucht, mit dem sechsten zusammen 
schlafen muß, also beseitigt wird, ist wiederum ein Kastrations* 
symbol. Die Stiefmutter macht nun einen neuen Mordversuch,- sie 
schnürt die Begierde der Schamteile zu Tode, erstickt sie. Dieselben 
Zwerge — der Gedanke an den Mann — bringen die Geschlechts- 
regung wieder hervor. Der vergiftete Kamm ist ein Onanieakt, der 
Kamm steht für die Hand mit den Fingern. Der letzte Mordan- 
schlag ist besonders kennzeichnend. Schneewittchen wird mit dem 
Apfel — wir kennen ihn vom Sündenfall her als Mannessymbol 
— vergiftet,- die Stiefmutter ißt dabei die weiße Hälfte des Apfels, 
d. h.: sie spielt die kalte Frau während des Aktes, Schnee- 
wittchen die rote Hälfte,- der Geschlechtsteil wird von dem Liebes- 
spiel erregt. Zur Sprengung des Jungfernhäutchens kommt es jedoch 
nicht. Der Apfel bleibt im Munde stecken, das Liebesspiel ist auf 
den Vorhof beschränkt. Der gläserne Sarg ist die Gefahr, in der 
die Jungfernschaft bei diesem Spiel schwebt, der Königssohn der 
Mann, der ungeschickt stolpernde Diener, der den entscheidenden 
Ruck gibt, das Glied, Die Wendung, daß der Apfel aus dem 
Munde herausspringt, ist neben der deutlichen Verkehrung von 
Herein in Heraus das Aufgeben der Befriedigung am Vorspiel zu= 
gunsten des Geschlechtsaktes selbst. Die böse Stiefmutter stirbt am 
Tanzen in glühenden Pantoffeln, d. h.: das prüde verlogene 



1 Das Wort Hexe hat allerdings eine andere Ableitung als sechs, wird 
aber in der Analyse oft mit der Sechs in Verbindung gebracht, und sechs ist die 
Sieben, der die Eins fehlt, der kastrierte Mann das sechste Gebot gibt eine Ver- 
stärkung. Die Gleichung: Hexe — Frau — Mutter ist häufig. 



71) Georg Groddeifc 



kalte Weib wird sinnlich erregt, in ihrer Strafe ist ihr heißer 

Wunsch erfüllt. 

Niemand wird wohl bei dieser Nebeneinanderstcllung auf dem 
Gedanken beharren, daß der Diditer des Märchens die Symbole 
technisch willkürlich zur Erzählung zusammengesetzt habe. Das kann 
nur eine Kraft getan haben, die allerdings sein Eigen ist, über die 
er aber nicht herrscht. Und diese Kraft ist das Unbewußte. Das 
Unbewußte äußert sich in Symbolen, sendet sie in das Bewußtsein 
hinauf und gibt dem Dichter das Material, mit dem er seinen Bau 
formen muß. Er ist nicht völlig frei bei seinem Schaffen, muß den 
Weg gehen, der ihm vom Unbewußten durch das Auftauchen des 
Symbols vorgeschrieben wird. An dieses eine Symbol reihen sich 
durch den Assoziationszwang, der ebenfalls eine Eigentümlichkeit, 
eine Eigenschaft des Unbewußten ist, andre an, die den Gang der 
Dichtung in gewissem Grade bedingen. 

Der Gedanke, daß Volksdichtungen, wie es Sagen und Märchen 
sind, geheimnisvoll schaffenden Kräften entspringen, befremdet nicht/ 
und wer diese Kräfte unbewußt nennen will, wird nicht allzuviel 
Zorn auf sich laden. Wenn man aber behauptet, daß das Kunst- 
gedicht auch in seinem wesentlichen Inhalt aus dem Unbewußten 
herstammt, daß die Symbole im Diduer sind und von ihm die eine 
ganz bestimmte Schöpfung erzwingen, der er letzten Endes tiur die 
Form gibt, so wird das nicht leicht gebilligt werden, noch dazu, 
wenn es sich um Goethes Fischer handelt »Das Wasser rauscht, 
das Wasser schwoll« - rauschendes Wasser ist das Symbol des 
Hamens, ein stark, man kann sagen körperlich wirkendes Symbol, 
wie jeder leicht beim Entlanggehen an rausdu-nden Bächen erproben 
kann, der Harndrang wird nicht lange auf sich warten lassen. Der 
Angel - man beachte die seltsam männliche Form, die Goethe 
gebraucht - ist als Symbol des Gliedes sofort kenntlich, und das 
ruhevoll Kühle des Fischers beweist, wie fern ihm jede Erregung 
ist. Nur der Ausdruck »lausdien« deutet an, daß eine Sehnsucht 
nach Begierde da ist. Nun taucht aber aus den bewegten Wassern 
ein feuchtes Weib hervor. Das erotisdie Symbol, das in dem Wort 
»feuchtes Weibe liegt, hat der Volks witz begriffen. Wir wissen auch 
ohnehin, daß das Weib eines der zahlreichen Symbole für die 
weiblichen Genitalien ist. Die Feuchtigkeit zeigt die Erregung U 
in die das Weib beim Anblick des Angels gerät und unter deren 
Herrschaft die Drüsen und Schleimhäute sczcrnicrcn. Das Herauf- 



Der Symbolisierungszvcang 71 

locken in Todesglut knüpft an die Verwandtschaft von Tod und 
Liebe an, während der Ausdruck Brut in sich das männliche und 
weibliche Symbol birgt. Die gegenseitigen Beziehungen der Ge- 
schlechter stellen sich genau so dar, wie bei der Erzählung vom 
Sündenfall. Der Anblick des Mannes, seiner Schlange, seines Angels, 
weckt das Begehren des Weibes, macht sie feucht, und erst dadurch, 
daß ihre weiblichen Organe, ihre weibliche Brut zur Brunst empor- 
gelockt werden, kommt sie in die Zwangslage, den Mann, der ja 
auch ihre Brut ist, emporzulocken, sein Glied zur Erektion zu 
bringen. Daß sie die Schuld des Begehrens dem Manne zuschiebt, 
ist die Wiederholung dessen, was Adam tut, als er dem Herrn 
antwortet: Das Weib, das du mir zugesellt, gab mir zu essen, 
oder was Eva tut, als sie die Schlange Adams für alles verant- 
wortlich macht. An Stelle des Angels tritt nun das Fischlein, das 
sich wohlig im Grund, in der Tiefe des Frauenschoßes fühlt. Der 
Fisch ist aus den Träumen und Neurosen, aus dem täglichen Leben 
und aus der altchristlichen Religion als Sy mbol des P hallus bekannt,- 
gleichzeitig bedeutet er das Kind, der Phallusfisch stirbt im Weibe, 
um als Kindfisch und als neuer Phallusfisch wieder gesund zu 
werden, aufzustehen. Die beiden nächsten Symbole Sonne und 
Mond führen in die tiefsten Schichten des kindlich Unbewußten, zu 
den Liebesbeziehungen von Vater und Mutter/ sie sind einst vom 
Es des Kindes wahrgenommen, symbolisch erklärt und zu neuem 
Symbol umgestaltet worden, haben in der Tiefe gewirkt und werden 
als unbewußte Komplexe zur Aufreizung des Begehrens von jedem 
Menschen verwendet. Das »wellenatmend«, das in der nächsten 
Zeile gebraucht wird, entspricht diesen kindlichen Beobachtungen 
die die wellenförmige Bewegung verbunden mit dem lauten Atmen 
der Lust aufgefaßt haben. Der tiefe Himmel ist wiederum das 
weibliche Organ, das - soll man sagen seltsamerweise oder selbst- 
verständlicherweise — Himmel und Hölle gleichzeitig ist und in 
dessen Geheimnis die Religion und der Mythus wurzelt. In dem 
»feuchtverklärt« klingt wieder die Erregung dieses Himmels an, 
während das Blau als Farbe der Hoffnung das Kind verheißt. Der 
Gedanke an das Kind, an das Ebenbild und Spiegelbild im Kinde 
wiederholt sich dann in dem Wort »eignes Angesicht«, das gleich- 
zeitig Onaniesymbol ist, während der »ewige Tau« das Meer als 
Muttersymbol alles Menschliche in ein Wort zusammendrängt. In 
den folgenden Zeilen reiht sich wieder Symbol an Symbol, der 



72 



Georg Groddcck 



nackte Fuß, der genetzt wird, ist der Phallus, das Wachsen des 
Herzens das immer stärkere Anschwellen der Erektion, die sddieß- 
lieh im Tode, in dem Nicht-mehr-gesehen-wcrden, endet. Die Doppel» 
bedeutung aller Symbole wird von dem Unbewußten des Gedichtes 
besonders betont in dem: halb zog sie ihn, halb sank er hin. 

Ich habe mit Vorbedacht den Ausdruck Unbewußtes des Ge- 
dichtes statt des Dichters gebraucht, weil idi damit sagen wollte, 
daß das Kunstwerk — wie vielleicht jede Handlung — sein eigenes 
Leben, seine eigene Seele hat, daß — um es anders auszudrücken 
— das Symbol, sobald es aufgetaudu ist, neue Symbole im Asso- 
ziationszwang anreiht, die das Material des Gedichtes werden. Es 
bleibt hier für die bewußte Tätigkeit des Dichters nur das Ausge- 
stalten der Form. Wenigstens scheint er darin Freiheit zu haben. 
Bei tieferem Eingehen in die Untersuduing von Bewußtem und 
Unbewußtem zeigt sich freilidi, daß es eine freie Tätigkeit und 
Wahl des Bewußtseins überhaupt nicht gibt. Die beiden Systeme 
des Bewußten und Unbewußten stehen sich nicht glcidunächtig 
gegenüber, sondern das Bewußte wird von dem Unbewußten be- 
herrscht, womit allerdings nicht gesagt werden soll, daß das Unbe- 
wußte nicht audi von dem Bewußten beeinflußt wird. Die Bedingt- 
heit des Bewußten anzudeuten, - mehr kann man in diesen jen- 
seits allen Begreifens liegenden Dingen nidit tun — ist die Aufgabe 
dieser gedrängten Arbeit, die dadurdi, daß sie Symbole aufsucht, 
nichts erklärt, wohl aber daran erinnert, daß alles Vergängliche nur 
ein Glcidinis ist. 

Der Erwachsene quält sich mühsam 211 einem Verständnis 
der Symbolik durch und zuweilen gelingt es ihm, irgend dfl 
Menschenwerk in seinen symbolisdien Beziehungen zum Unbewußten 
zu begreifen. Dem Kinde ist dieses Verständnis ohneweiters ge- 
geben, eine Tatsache, die man sidi gegenwärtig halten muß, wenn 
man theoretisch oder praktisch sidi mit dem Wesen des Kindes belaßt. 
Diese Feinfühligkeit der ersten Lebensjahre geht rasch verloren und 
weicht dem, was man gesunden Menschenverstand nennt, was aber 
in Wahrheit nur durch Verdrängungen erworbene Dummheit ist. 
Daß dem Dichter die Kraft, Symbole zu verat heilen, innewohnt, 
habe ich soeben zu beweisen versucht. Wie nun aber seine Ver- 
wandtschaft mit dem Kinde ist, zeigt am besten der Struwwelpeter, 
der noch den Vorzug hat, uns etwas vom Wesen des Arztes zu 
sagen — der Verfasser war Irrenarzt — und «1er in seinen Illustra- 



Der Symbolisierungszwang 73 



tionen auf das Gebiet der Malerei überleitet. Ich wähle die Ge- 
schichte vom bösen Friederich/ bemerke aber, daß sich dieselbe 
Arbeit des Symbolaufsuchens bei den anderen Teilen des Werkes 
mit gleichem Erfolg durchführen läßt. Man kommt bei jedem Vers 
und jedem Bild zu der Überzeugung, daß ein bestimmtes Mensch- 
liches symbolisches Denken erzwingt und durch die eigentümliche 
Macht der Assoziation ein Symbol an das andere reiht und so 
Gedicht und Illustration schafft. 

Zunächst fällt bei der Betrachtung der Bilder auf, daß in ihnen 
die Farbe Braun maßgebend ist, die ja die Farbe des Kotes ist,- 
die enge Verbindung der Grausamkeit mit den analen Sexualnei- 
gungen ist darin betont, unbewußt, darf man wohl hinzufügen. Der 
anale Komplex spricht sich auch in dem hochgeschwungenen Stuhl 
aus, der das erste Bild krönt. Neben dem Braun tritt Gelb am 
meisten hervor, die Urinfarbe. An die Harnentleerung erinnert die 
breitbeinige Stellung auf dem ersten Bilde, der Brunnen, an dem 
der Hund trinkt, und der Nachttopf vor dem halb geöffneten Nacht- 
tisch in Friedrichs Krankenzimmer. Entsprechend dieser Exkretions- 
erotik dreht sich die Dichtung um die sadistischen Neigungen des 
Kindes. Die beigegebenen Bilder stecken voller Impotenzsymbole: 
ein leerer Vogelbauer, ein toter Hahn und ein toter Kanarienvogel, 
eine erschlagene Katze, auf der ein Stein liegt. Daß der Fliege die 
Flügel ausgerissen werden, leitet über zu dem Kastrationskomplex, 
der schon dadurch angedeutet ist, daß der Kanarienvogel zwischen 
den Beinen Friedrichs liegt, als ob er eben von ihm abgefallen 
wäre. Das Herausstrecken der Zunge während des Flügelausreißens 
ist für die Schlaglust bezeichnend. Die Analyse beweist es immer 
wieder^ daß jedesmal, sobald im Gespräch oder bei irgend einer 
Handlung die Zunge zwischen den Lippen zum Vorschein kommt, 
eine sexuelle Erregung mit Schlagneigungen aufsteigt. Der sexuelle 
Charakter der Dichtung erzwingt noch ein anderes Symbol: die 
Treppe. Sie ist auf allen Bildern in verschiedener Form und ohne 
jede Motivierung angebracht. Merkwürdig für die unbewußten Kräfte 
ist auch, daß die Hosenklappe bei Friedrich hervorgehoben wird, 
während sie auf keinem der anderen Bilder gemalt ist. Dann tritt 
als beherrschendes Symbol des männlichen Gliedes die Peitsche her- 
vor, zunächst dem Kindermädchen gegenüber, die Stellvertreterin 
der Mutter und des Weibesorgans ist. Folgerichtig ist bei dem 
weiblichen Wesen das Rot der Periode, im Rock, betont, das nur 



74 



Georg ürodded< 



unvollkommen von dem Unschuldsweiß der Schürze verdeckt wird. 
Außer dem Hahnenkamm, der ebenso wie die rote Zunge des 
Hundes die Eichel darstellt, ist die rote Farbe im Gegensatz zu 
den andern Struwwelpeterbildcrn nur für das Stuhlpolster und den 
Wein verwendet, die beide Frauen» und Menstruationssymbole 
sind. Von diesem Angriff auf das weibliche Liebesobjekt geht die 
symbolische Darstellung über zu dem Interesse für den Mann. 
Friedrich steigt zwischen zwei Geländern, den Beinen, eine Treppe 
hoch, dem Brunnen, das heißt dem Penis zu, in der Hand die 
Peitsche und den Blick auf ein Kirdilem, das Beischlafsymbol, gerichtet. 
Der Onanietrieb meldet sich. Er schleicht sich zu dem Hund am 
Brunnen, was als Belauschen des Urinlassens beim Vater zu deuten 
ist. Dabei regen sich undeutlich die infantilen Sexualtheoricn, die 
den Verkehr der Eltern als ein Harnen des Vaters in die Mutter 
auffassen, was durch die gelbe Brunnenröhre als Mann und das 
Bed<en als Weib angedeutet ist. Jetzt kommt der Haß gegen den 
Vater in dem Schlagen des Hundes zum Ausdruck, Dabei ist der 
tiefste Wunsch des Sohnes, den Vater impotent zu machen, bildlich 
dargestellt, der Schwanz des Vaterhundes ist eingeklemmt, kaum 
sichtbar, während Friedrichs Peitsche steil in die Höhe geschwungen 
und sein eines Bein ausgestreckt ist. Dann wird die Kastration 
gleichzeitig in mehrfacher Symbolik vor Au,«;cn geführt. Der Hund 
beißt ins Bein, die Mütze fällt vom Kopf und die Peitsche aus der 
Hand, die dann vom Hunde mit wehenden Ohren und stolz er» 
hobenem Schwanz fortgeschleppt wird. Wie gründlich die Kastration 
gewirkt hat, zeigen die Symbole des Doktorbildes. Der Doktor 
selbst ist Vaterersatz, genau so auf dem Rot des Stuhles, des 
Weibes thronend, wie der Hund der letzten Abbildung. Er hält 
Friedrichs Flasche in der Hand und gibt ihm den Löffel, die 1 löh- 
lung, das Weibgewordene. Der böse Knabe zeigt nur eine I land, 
die andere ist nicht zu sehen und audi der I laarschopf, der noch 
im vorhergehenden Bilde zwischen den Hodensymbolcn in die Höhe 
steht, ist verschwunden. Die Höhle ist weiter dargestellt in dem 
umgekehrten Hut des Arztes, in der halb offenen Nachttischtür, 
dem Nachttopf und der hohl gebauten Treppe. Zum Überfluß steht 
auch noch ein Stock neben dem Tischchen, während die Poten: des 
Vaters durch die große Nase des Doktors betont ist. Die Bäumchen 
neben der Treppe stellen je drei und drei die Sexualkraft des 
Vaters und die kastrierte Kraft Friedridis dar. Im letzten Bild ist 



Der Symbolisierungszwang 75 



dann das leckere Mahl des Hundes bei der Mutter dargestellt,- er 
genießt Kuchen und Wurst und hat den Wein ins Glas geschenkt. 
Dabei ist der Schwanz in voller Hebung. 

Denselben Phänomenen wie beim Struwwelpeter, daß in der 
bildlichen Darstellung sich Symbole finden lassen, die mit dem vor» 
geführten Thema übereinstimmen und kaum der bewußten Absicht 
des Künstlers entstammen können, begegne ich bei dem berühmtesten 
Gemälde der Welt, der Erschaffung Adams von Michel Angelo. 
Im freien Raum schwebend fliegt Gott Vater daher. Hinter ihm 
wölbt sich der Mantel zum Sack, in dem ein Gewimmel von 
Kindern sich drängt, während der Gott selbst unbedeckt sich zur 
vollen Länge dehnt, und mit dem weit vorgereckten Arm und dem 
krampfhaft gestreckten Zeigefinger über das Gewand herausragt. 
Ihm gegenüber liegt, noch kraftlos zusammengesunken, Adam auf 
unfruchtbarer Erde,- aber aus dem matten Körper, der wie an der 
Böschung hängend dargestellt ist, streckt sich das eine Bein mit be- 
ginnender Kraft, in das andere, völlig gekrümmte, fließt schon das 
Leben hinein ,- der Kopf und Rücken trachtet von dem Hügel hin» 
weg und der Arm hebt sich halb schlaff langsam in den Raum 
empor. Der Trieb, die Idee des Menschenschaffens weckend und 
von ihr geweckt, hat sich, ganz unabhängig von der persönlichen 
Leistung des Künstlers, in allgemein menschlichen Symbolen des 
völlig erigierten Phallus gegenüber dem leise sich hebenden Gliede 
durchgesetzt 

Ich hoffe, dem Leser ist durch meine Beispiele verständlich ge» 
worden, wie ich durch das Aufsuchen von Symbolen in den Ob» 
jekten zu der Vermutung genötigt worden bin, daß das Symbol 
ein Mittel ist, mit dem das Unbewußte unser Bewußtsein lenkt. 
Meine weiteren Betrachtungen verschiedener Lebensäußerungen, die 
weder den Anspruch der Vollständigkeit noch der absoluten Richtig» 
keit der Deutung erheben, sollen den einen oder andern bewegen, 
diesen für mich merkwürdigen Problemen nachzugehen. 

Die griechische Skulptur hat sich einen Kanon des männlichen 
Körpers zu schaffen gesucht und man hat schon im Altertum als 
einen solchen Kanon den Doryphoros bezeichnet, den nackten Mann 
mit dem Speer, dem allbekannten Phallussymbol. Und wiederum 
drängt sich bei dem größten Bildhauer der Neuzeit, Michelangelo, 
das Symbol ganz ohne sein Bewußtsein durch, wenn er in seiner 
Pietä den toten Körper Christi der Maria in den Schoß legt, der 



76 



Georg Groddedc 



Mutter, die jung wie der Sohn gebildet ist, den Phallus, der in ihr 
erschlafft tot ruht. 

Daß das Haus ein Symbol des Menschen, im besonderen des 
Weibes ist, weiß ein jeder. Es muß aber ausdrücklich betont werden, 
daß der Mensch nur durch einen Zwang, einen inneren Zwang des 
Symbolisierens auf die Idee der Behausung gekommen sein kann, 
daß er die befruchtete Gebärmutter im Hause symbolisch dargestellt 
hat. Es ist beim Menschen nicht anders zugegangen wie beim Nest- 
lein des Vogels oder beim Höhlenbau des Dachses. An primitiven 
Gebäuden läßt sich das ebenso nadi weisen, bis in die Einzelheiten 
nachweisen, wie bei den herrlichsten Tempeln und Palästen oder 
den verwidceltsten Festungsanlagen. Das Symbol der Tür oder des 
Fensters ist nicht von außen hineingetragen, ist nicht nachträglich 
aus der Art des Hauses abgeleitet worden, sondern die Tatsache 
der Begattung und der Geburt haben mit Hilfe des Symbolisierens 
die Erfindung von Zimmer, Tür, Fenster, Sddoß und Schlüssel er- 
zwungen, haben Nisdicn geschaffen und Statuen hineingesetzt, 
Gräben gegraben und Wälle und Türme errichtet. Wer sich im 
Hause bewegt, begegnet bei jedem Schritt dem Symbol, ja er sieht 
deutlich, wie ein Symbol sich das andere erzwingt, sub auf den 
Wege des Assoziiercns neue Bilder des Mensehseins schafft. Das 
Feuer, die flammende Leidensdiaft, baut sich den 1 lerd, die Mutter- 
göttin, die das Feuer in sich schließt und im Symbol des Kochens 
das Kind wachsen läßt. Der Herd aber assoziiert sich den Topf, 
den Löffel, die Tasse, immer neue Bilder des fassenden Raumes 
im Weibe. Der wärmende Ofen entstand daraus, während das 
Leuchten des Feuers Öllampe, Kerze und Holzspnn erfand, unter 
dem Drude der Phallusimago, die noch im elektrischen Leuchtkörper 
sich überall vordrängt. Das Messer, mit Dolch, Speer und jeder 
Waffe verwandt, versinnbildlidu das Stechen des Mannes und, be- 
gleitet von Schere und Gabel, dem Schenkel spreizenden Weil»-, 
und der spielenden Hand der Onanie, wächst es aus dem Kastra- 
tionskomplex/ der Tisdi ist der säugenden Mutter nachgebildet, der 
Schrank ist unbewußte Nachahmung der Schwangiren, der Spiegel 
der Onaniefreude entwadisen, Vorhänge sind Schamlippen und 
Hymen, Teppiche weiche Schleimhaut, das Bett das Liebesspiel 
selbst, Weib als Lager, Mann als Decke zur Einheit verschmolzen 
und in sich das Kind bergend. Das fötale Leben erschuf sich d. 
Bad mit Wanne, Hähnen, Dusche und Wasser, und nicht zu ver- 



Der Symbolisierungszwang 77 



gessen, der anale Komplex brachte den Stuhl und den Thron 
und das Klosett, wie der Phallus uns Stock, Zepter und 
Feder gab. 

Genau so steht es mit der Zähmung, der Benützung und 
Auswahl unserer Haustiere. Der Mensch ist auf den Gedanken 
des Reitens nicht durch seinen Verstand gekommen, sondern hat, 
weil er als Mann das Weib ritt und weil das Kind auf dem Vater 
ritt und in der Mutter fuhr, das Symbol dafür gesucht und im 
Reiten des Pferdes, Kamels, Esels finden müssen. Er spannte das 
Zugtier vor den Wagen, um so die Schwangerschaft symbolisch 
darzustellen, und erfand das Schiff als Bild der Mutter und den 
Mast als Phallus, von einer Notwendigkeit getrieben. 

Den Ackerbau aus dem Symbolisierungsdrang des Menschen 
abzuleiten, liegt besonders nahe, wobei denn der Acker Schoß des 
Weibes, die Pflugschar der Mann ist, der der infantilen Theorie 
zufolge die Furche im Weibe aufreißt, um den Samen hineinzu- 
gießen, aus dem die Frucht wächst. Von dort führt es weiter zu 
dem Pfropfen und Okulieren der Bäume, zum Pflanzen in Erde 
und Blumentopf und weiterhin zum Gartenbau. Der Ziergarten, 
dessen Bild die Malereien des Paradieses gaben, birgt in sich Symbol 
neben Symbol vom beschattenden Baum in seiner Mitte bis zum 
springenden Brunnen, mit dem Gartenweg, der von Buchsbaum 
umsäumt ist, mit der Hecke, die den Garten umschließt, dem Bach, 
der hindurch läuft, den Rosenbeeten und der Laube, in der die 
Liebe kost. Der Rechen ist die spielende Hand, Grabscheit und 
Gießkanne Phallussymbole, während das Düngen, anknüpfend an 
die Kindphantasien, aus Geburt und Afterkomplex entstand. 

Aus dem After kommt auch das Geld, und der Handel ist 
das Symbol für das Säuglingsleben, das die Nahrung und Pflege 
der Mutter mit seinen eigensten Schöpfungen, Stuhlgang und Urin 
bezahlt/ parallel damit geht die Symbolisierung des Tauschverkehrs 
von Mann und Weib, wo der eine die Kraft seiner Lenden gibt, 
um sich den Sohn gebären zu lassen. 

Es ist in dieser Zeitschrift schon vor Jahren der Gedanke 
ausgesprochen worden, daß die menschliche Sprache den erotischen 
Trieben des Unbewußten entstammt. Im wesentlichen deckt sich das 
wohl mit meiner Auffassung, daß das Unbewußte den Laut der 
Stimme symbolisch verarbeitet, um bestimmte innere Vorgänge mit 
Hilfe des Kehlkopfs darzustellen, daß also im Sprechen Symbol an 



78 



Georg G roddeck 



Symbol gereiht wird, daß jedes einzelne Wort eine Versinnbild- 
lichung eines unbewußten Vorganges ist. 

Idi begnüge mich damit, einige Andeutungen zu geben, wie 
sich der Symbolisierungszwang des Menschen im Sprachgebiet 
studieren läßt. Zunächst kommt da das Studieren der Kindessprachc, 
vor allem der Säuglingslaute in Betracht. Dort wird sich vieles aut- 
klären lassen, was bisher im Dunkel ist. Beim Erwachsenen sind 
mir Eigentümlichkeiten der Stimme aufgefallen. Sie ist bei denselben 
Menschen bald tief> bald hoch, bald lauf, bald leise. Achtet man 
auf die für die Krankenbehandlung wicht/gen Schwankungen, so er- 
kennt man, daß sich in ihnen das Unbewußte symbolisch äußert, 
daß zum Beispiel ein Höherwerden des gewöhnlichen Tonfalls ent- 
steht, weil der Sprecher plötzlich ein Kind geworden ist, während 
der tiefere Ton inmitten des hohen Sprechens die Verwandlung in 
den starken Mann beweist. Dabei muh ich, um nhht mißverstanden 
zu werden, erwähnen, daß für das Unbewußte Altersuntersdüede 
nicht existieren, wenigstens nicht in dem Sinne wie für das Bewußte. 
Daß in dem Leisewerden der Stimme, vor allem in der momentanen 
Heiserkeit, sich das Geheimnis symbolisiert, ist schon von anderer 
Seite hervorgehoben worden, während ja das Laut.- des Sprechens 
-seit alters her als Mittel des Überzeugenwollens bekannt ist. Ebenso 
bezeichnend wird das Symbol des Stockens mitten im Satz vom 
Unbewußten als Äußerung der Unsicherheit und versteckter Be- 
denken unter sehnsüchtigem Verlangen nadi der Nachhilfe durch 
Schläge benützt, wofür jede Schulstunde und jede Unterhaltung die 
Beweise liefert. 

Deutlich tritt der Ursprung des Wortes aus dem Symbolisie- 
rungszwang bei allen den Wörtern hervor, die einen Laut nach- 
ahmen, und es ist zu verstehen, daß die Bezeichnungen der primi- 
tiven Geräusche des Menschen in einer ganzen Reihe von Sprachen 
dieselben sind, z, B. kacken, pissen, furzet» usw. Auf dem letzten 
psyochanalytischen Kongreß hat Frau Spiclrein die Vermutung aus- 
gesprochen, das der M-Iaut und P-<F-)laut bei Mutter und Vater 
von dem Säugen an der Brust abzuleiten ist, das M als Symbol 
der Gier und das P <F> als Symbol des Ges.t!.. t . m>. das sich 
nun unter Aufgeben der Mamma der weiteren Umwelt zuwendet. 
In der genitalen Sexualität hängen an einzelnen Wörtern Symbol- 
komplexe, in denen sich ganze Gebiete des Menschseins zusammen« 
drängen, wie etwa in dem Worte > vögeln« oder »heken«. Während 



. 



Der Symbolisierungszwang 79 



das eine in den Mythus des Eros und der Engel hineingreift und 
in ihm der Ursprung der Fiugmasdiine und des Luftballons ent- 
halten ist, erzählt das andere von der Entstehung der Taschen, des 
Sacks und Ranzens, vom Beladen der Güterwagen und der 
Handelsschiffe. 

Man stößt auf seltsame Überraschungen, wenn man die ein- 
zelnen Wörter eines Satzes als Symbole nebeneinander betrachtet 
und den Zusammenhang dieser Symbole konstruiert, ein Verfahren, 
das, abgesehen von seiner theoretischen Bedeutung, deshalb beachtens- 
wert ist, weil es von uns allen gelegentlich, von bestimmten Kranken 
häufig verwendet wird und so Mißverständnisse kleiner und großer 
Bedeutung herbeiführt. 

Daß Gesang und Musik symbolisieren, hat wohl noch niemand 
bezweifelt. Man hat auch auf die merkwürdige Übereinstimmung, 
die zwischen dem Bau des Klaviers und des Ohres besteht, hinge- 
wiesen und hie und da ist der Gedanke aufgetaucht, daß dieses 
Instrument auf irgend eine rätselhafte Weise in unbewußter Nach- 
ahmung des Gehörorgans in die Außenwelt projiziert sei. Wenn 
man der Symbolik nachgeht, findet man, daß im Klavier ein Symbol 
neben dem andern steckt, vom Baß des Mannes über den Diskant 
des Weibes bis zu dem hohen Kinderstimmchen, daß das Geheim- 
nis der Geburt, der Liebe und des Grabes darin ist, ebenso wie 
die Geige im Auf und Ab des Bogens das Entzücken der Wollust 
symbolisiert und dem Drang nach solcher Symbolisierung ihr Da- 
sein verdankt. Die vier Zwischenräume der Notenlinien sind auch 
ein Muttersymbol, das ähnlich wie das Kreuz die vier Gliedmaßen 
des Weibes im Gegensatz zu den fünfen des Mannes kennzeichnet. 
Und an und in dieser Mutter klettern und kribbeln die Notenkinder, 
vom befruchtenden Samenfaden bis zur dickköpfig reifen Frucht. 
Wie mit den Noten ist es auch mit der Schrift. Das moderne 
Sdireiben selbst in seinem hastigen Auf und Ab, in der Verbin- 
dung von Feder und Tintenfaß und der ausströmenden Flüssigkeit 
verrät den symbolisch erotischen Ursprung, während die individuellen 
Schreibarten durch Abweichen von der geraden Linie nach oben 
oder unten Erregungs- oder Erschlaffungssymbole sind, durch 
Unterbrechungen inmitten der Wörter Lustverlängerungen andeuten 
und in ihren verschiedenen Charakteren das Kindliche, Erwachsene, 
Listige oder Verworrene im Menschen zeigen. Daß der einzelne 
Buchstabe, ähnlich wie die Ziffer, als Symbol historisch entstanden 



80 



IJcorK C irotldcik 



ist, weiß man, aber es ist erlaubt weiter zu sehen und die kleinen 
Eigentümlichkeiten unserer eigenen Sehril t zeichen .ms dem Symboli- 
sierungszwang abzuleiten, die Häkchen und Rundungen, die steilen 
Striche so gut wie die Interpunktionszeichen. Ks würde nicht schwer 
sein, die Erfindung des Buduhucks ebenso wie die der Dampf- 
maschine, des Telephons, des Zweirades oder des Automobils von 
gleichen Gesichtspunkten aus zu betrachten, wie icii es bisher getan 
habe. Wenn mir dann gesagt wird: das alles ist dummes Zeug, so 
muß ich es hinnehmen, glaube es aber ruhig weiter, sogar ohne 
Beweis, ja vielleicht, weil es sich nicht beweisen läßt/ denn Ri-s^n 

L Beweise wird man um so argwöhnischer, je länger man sidi damit 
abgegeben hat. Wenn man mir aber sagt, du phantasierst, so er* 
widere ich: Ja, Gott sei Dank, und wer es weit hergeholt findet, 
dem muß ich antworten: Nein, im Gegenteil, alle diese Dinge liegen 
viel zu nahe, um ohne guten Willen gesehen zu werden 

Wir alle lesen in den Gesichtszügen unseres Nachbarn, ob er 
traurig oder heiter ist, wir wissen, daß sein Gesicht sich symMiseh 
verändert/ wir erkennen seine Stimmung .m seinem Schritt, semer 
Haltung, dem Trällern einer Melodie. Er will uns vielleicht gar 
nicht zeigen, wie ihm zumute ist, aber das Unbewußte zwingt ihn 
zum Symbolisieren. So kreuzt die Frau, wenn sie in Gegenwart 
eines andern sich niederlegt, die Füße, im Symbol, unbewußt, druckt 
sie aus: ich weiß, was mir jetzt droht/ so richtet sich der M.um 
hoch auf, wenn er stark erscheinen will, so hält man den Daumen 
in der Höhlung der Faust, wenn man Glück zu bringen wünscht, 
so senkte die Römerin den Daumen nach unten, wenn der Gla» 
diator ihre Begierden im Kample nicht reizte, und bob Ihn steil tur 
den der ihr gefiel, ohne zu wissen, welch Hegeln cn »las ausdruckte. 
Unsere Bewegungen sind symbolisch, haben mit unserem \X i 
nur indirekt etwas zu tun und gehorchen in Wahrheit unserem 
Unbewußten. Wenn sie es aber sind, warum tollten unsere 1 -.11111» 
düngen es nicht sein, die sich dodi symbolisdi empfinden lassen? 

Das Symptom der Neurose — persönlich glaube id», daß es 
mit dem organischen Symptom ebenso ist — dnnkt symbolisch eine 
Regung des Unbewußten aus. Ist es Im den Mens, in 11 so unmög- 
lich, das Fernrohr in derselben Weise zu erdenken, wie er den 
komplizierten Bau der Zwangsneurose oder des Krampfanfalls oder 
der Verrücktheit erdenkt? Und von *\vi\ Ix'sern dieser Zeitschrift 
zweifelt wohl niemand mehr, daß Religion und W'isscnsch.ilt, 1.1 das 



Der Symbolisierungszwang 81 



ganze menschliche Denken und Handeln unter dem Zwange dieses 
rätselhaften Dinges steht, das wir Unbewußtes nennen und dessen 
Äußerungen, mögen wir sie packen, wo wir wollen, stets symbolisch 
sind. So wäre denn diese Zusammenstellung überflüssig,- aber mit* 
unter ist es gut, Selbstverständliches, längst Bekanntes wiederum 
zu betrachten, als ob es neu sei. Und weil ich solches Wiederholen 
alter Gedanken für nützlich halte, möchte ich zum Schluß noch auf 
etwas aufmerksam machen, was wir alle kennen, aber meinem 
Gefühl nach zu wenig beachten, auf das Symbolisieren des Kindes. 
Für uns Erwachsene ist — scheinbar — der Stuhl ein Stuhl, 
für das Kind aber ist er sehr viel anderes auch: eine Kutsche, ein 
Haus, ein Hund oder ein Kind. Für uns ist — scheinbar — der 
Wasserhahn ein Wasserhahn, für das Kind aber ist es ein pinkeln» 
des Wesen. Der Erwachsene bemüht sich, die Symbolik zu ver- 
drängen und zu verstecken, aber das Kind sieht ohne weiteres die 
Symbole, es kann nicht anders verfahren als deutlich symbolisch. 
Und auch bei dem Kind läßt sich für den, der sehen will, sehen, 
daß es nicht das Symbol von außen in die Dinge hineinlegt, son- 
dern, daß es sie wahrnimmt, weil der Mensch symbolisch eingestellt 
ist, weil er ein symbolisierendes Wesen ist. 




lmago VIII 1 



82 Albert Furrer 



Tagphantasie eines sechseinhalbjährigen Mädchens. 

Von ALBERT FURRER, Zürich. 

Die von meinem sechseinhalbjährigen Töchterchen produzierte Tag- 
phantasie und deren Analyse werden dem erfahrenen Praktiker 

kaum etwas Neues zu bieten imstande sein. Wenn idi die Phantasie 
dennoch veröffentliche, so tue ich es einmal deswegen, weil sie mir einen 
kasuistischen Beitrag zur Augensymbolik zu liefern scheint, und sodann 
aus der Erwägung heraus, daß es auch für den Routinier immer wieder 
lehrreich und vor allem erfrischend sein wird, Produkte der kindlichen 
Phantasietätigkeit und die bald naiven, bald witzigen und tollen Einfälle 
eines Kindes zur Kenntnis zu nehmen. 

Die Situation, welche mein Töchterchen Heidi anregte, mir seine 
»Dichtung« vorzutragen, war folgende: Ich lag grippekrank zu Bette,- da 
kam — es war am 6. März 1920 — mein Kind zu mir ins Zimmer auf 
Krankenbesuch. Wie es ans Bett trat, sagte es gleich: »Gelt dir ist lang- 
weilig, soll ich dir eine schöne Geschichte erzählen?« »O ja, sehr gerne«, 
gab ich zur Antwort. Augenblicklich hub Heidi zu erzählen an 1 : 

Einmal sind drei Buben gewesen und ein Mägdelein. Die Buben 
sind an einer Hagecke <Zaun> gestanden und weiter vorn hat es ein 
Gebüsch gehabt. Dort drin ist ein Loch gewesen, in dem ist früher mal 
ein Tier gewesen. Das Mägdelein hat nicht mit den Buben spielen dürfen. 
Da ist das Mädchen in jenes Gebüsdi gegangen zu jenem Loch und da 
sind viele, viele Schlangen gekommen und sie sind in dieses Loch hinein» 
gegangen. Und das Mädchen ist fest ersdirocken und hinausgesprungen aus 
dem Gebüsch. Und es ist eine böse Schlange gekommen und hat es am 
Röcklcin gepackt mit dem Maul. Es hat davon ein Loch gehabt am 
Röcklein. Aber das Mädchen ist gleichwohl noch davon gekommen. Es ist 
zur Mutter gerannt. Die hat gesagt: »Was hast auch du da für ein Loch?* 
Da hat das Mädchen gesagt: »Ich habe es ja nicht gemacht, eine böse 
Schlange hat es gemacht.« Da hat die Mutter gesagt: »Wir haben dod! 
keine Schlangen, Donnerwetter, du hast doch das Lodi selber gemacht.« 
Und die Mutter hat gesagt: »Dann wollen wir mal nachsehen.« Da sind 
sie miteinander gegangen und das Mägdelein hat ein Loch gezeigt, wo 

> Ich werde mich bemühen, bei der Übersetzung das Schriftdeutsche 
möglichst getreu dem mundartlichen Wortlaut anzupassen. 






Tagphantasie eines sechseinhalbjährigen Mädchens 83 

keine darin gewesen sind. Da hat die Mutter gleich gesagt: »Siehst du, es 
sind ja keine Schlangen im Loch.« Da hat das Kind gesagt: »Doch, doch, 
kannst ja dort unten schauen.« Da ist die Mutter gegangen und auf einmal 
hat sie gerufen: »Herrschaft, ja, da sind Schlangen, bei Gott Kind, du hast 
recht.« Und nachher hat sie gesagt: »Komm, wir wollen schnell einen Kübel 
voll heißes Wasser holen.« Und da sind sie miteinander gegangen einen 
holen. Und sie haben ihn gebracht und gerade in das Gebüsch hinunter 
gelassen mitsamt dem Wasser. Die Hälfte der Schlangen ist in den Kübel 
gefallen. Die freche ist dabei gewesen. Die andere Hälfte ist fortgerannt. 
Dann ist das Kindlein hineingegangen ins Haus und der Vater ist gerade 
fort gewesen. Er ist spät heimgekommen. Einer hat ihm das Auge aus- 
geschlagen gehabt. Nun kam er heim. Die Mutter hat gesagt: »Himmel, 
was hast denn du gemacht, Vater?« Gottfried Stutz! wer hat denn dir das 
Auge ausgeschlagen?« Da hat der Vater gesagt, es habe gerade einer einen 
Stein geworfen und das Auge sei ihm ausgelaufen, und da sei er heim 
gegangen. Da sind sie alle miteinander ins Bett gegangen und haben 
geschlafen. 

»Weißt du, Vater, das ist nur ein Märchen — « 

Gleich nach der Aufzeichnung dieser Erzählung zog ich von Heidi 
die Einfälle zu den einzelnen Stücken derselben ein. Ich lasse sie hier folgen : 

<Die drei Buben): Sie wollten eine Wette machen, haben einander 
nachrennen wollen. Wer zuerst oben gewesen wäre, hätte zuerst hinunter 
gehen dürfen. 

<Wie sahen die drei Buben aus?>: Braune Haare hatten sie. 

<Wie hießen sie?) Das weiß ich nicht recht. 

<Das Mädchen): Es war traurig, daß es nicht mitmachen durfte mit 
den Buben. 

<Wie hieß es?): Roseli oder . . , (Heidis Miene schien zu verraten, 
daß ihr nachher »Heidi« eingefallen war). 

<Wie sah es aus?): Ein rotes Röcklcin, schwarze Härchen, aber 
offene, schöne. (Heidi ist blond und trägt zwei Zöpfe.) 

<Die Buben in der Hagecke): Sie machten miteinander das Spielab 
dort in der Ecke, daß das Mädchen es nicht hörte. 

<Das Gebüsch): Das Gebüsch ist mal gewachsen. 

<Das Loch im Gebüsch): Der Wind hat mal dort alle Tannen auf 
die Seite geschlagen. (Offenbar meint Heidi zunächst die Lücke im 
Gebüsch.) 

<In dem Loch war früher ein Tier) : Ich glaube, ein Hund war darin 
er schlief darin. 

<Das Mädchen durfte mit den Buben nicht spielen): Weil das 
Mädchen nicht gleich groß war und weil es nicht in die gleiche Klasse ging 
und weil es keinen Platz dort hatte bei den Buben. 






84 Albert Furrer 



<Das Mädchen ging in jenes Gebüsch zum Loch): Das Mädchen 
dachte es wolle nicht bei den Buben sein, wenn sie doch so böse seien. 
Das Mädchen schlief gar nicht bei den Buben im Zimmer, die Buben 
schliefen allein und das Mädchen allein. 

<Viele Schlangen kamen und gingen in das Loch hinein): Weil sie schon 
früher darin gewesen waren, sie dachten immer daran und wollten dort hinein. 
<Das Mädchen erschrak): Es hat halt noch nicht gewußt, was das 
für Tiere sind. Die Schlangen sind ganz in das Loch hineingegangen. 

<Das Mädchen sprang aus dem Gebüsch): Da packte gerade eine 
Schlange es am Röddi und wollte es fressen. 
<Das Loch am Röckli): (Kein Einfall.) 

<Das Mädchen kam gleichwohl davon): Es hat halt fest gerissen. 
<Es rannte zur Mutter): Es wollte schnell ihr klagen. 
<Wie sah die Mutter aus?): Schwarze Haare und blauer Rock, etwas 
blauer als derjenige von Mutti. 

<Mutter fragte: »Was hast du da für ein Loch?«): Sie hat halt nicht 
gewußt, ob das Mädchen den Rock am Hag zerrissen hatte. 

<Antwort des Mädchens: »Ich habe es nicht gemacht, die Schlange.«) 
Die böse Schlange wollte das Mädchen gerade packen und fressen. 

<Mutter: »Wir haben doch keine Schlangen«): Die Mutter hat ge- 
dacht, sie haben doch keine Schlangen bei ihnen im Garten. 

<Das Loch, wo keine Schlangen waren): Das Mädchen dachte, es 
wolle jetzt der Mutter schon . . . warum hat sie nicht geglaubt, daß das Loch 
im Rock von der Schlange herrührt. 

(Die weiteren Einfälle bilden eine Zeitlang nur Wiederholung, zum 
Teil belanglosen Kommentar zum Phantasietext.) 

(Die andere Hälfte der Schlangen rannte fort): Sie schlichen aus 
dem Gartentürchen. 

(Der Vater war fort): Er mußte in der Stadt arbeiten. 
(Einer hatte ihm das Auge ausgeschlagen): Ein junger Bursche hatte 
auf der Straße einen Stein geworfen und der hatte gerade den Vater ins 
Auge getroffen. Das Auge lief ihm gerade aus. 

(Der Bursche): Es war ein Böser. Er war vorher im Gefängnis 
gewesen. 

<Wie sah er aus?): (nach längerem Besinnen) . . . nidit so wie 
Ernst . . . (Hjähriger Cousin von Heidi.) 

<Wie sah der Vater aus?): Er hatte ein graues Gewand an, ähnlich 
wie du, und wie der Onkel Ernst. (Vater des Cousin Ernst.) 

<Wer hat denn dir das Auge ausgeschlagen) : Die Mutter erschrak fest. 
(Sie gingen miteinander ins Bett): Der Vater hatte fest Schmerzen. 
Und die Mutter und das Kind beteten, daß der Vater sterben könne, 
damit er nicht mehr leiden müsse. 



Tagphantasie eines sechseinhalbjährigen Mädchens 85 

Obwohl die Assoziationen zu den einzelnen Elementen der Tag= 
phantasie stellenweise etwas dürftig flössen, wären wir gewiß imstande, die 
Phantasie in groben Zügen zu deuten. Allein wir würden nicht viel mehr 
leisten können, als was wir ohne die Einfälle schon konnten. Nun ist mit 
den »Übersetzungen vom Blatt« weder dem Neuling auf dem Gebiet der 
Psychanalyse noch der psychanalytischen Wissenschaft gedient. Ich empfand 
jedenfalls das Bedürfnis, mir zu einigen Details, deren Deutung mir 
nicht einwandfrei gesichert schien, von Heidi noch nähern Aufschluß geben 
zu lassen 1 . 

<Wie sah die Hagecke aus?): Auch so grau wie unser Gartenhag. 
Ein Pfahl ging dort hinauf. 

(Was machten die Buben dort?): Sie rechneten das Spiel ab. Sie 
wollten das Mädchen nicht, weil sie halt Buben sind und sie kein Mädchen 
wollen. 

<Was für ein Spiel rechneten sie ab?>: »1, 2, 3,4, auf dem Klavier 
steht ein Glas Bier, wer davon trinkt, der stinkt.« 

<Wie hießen die drei Buben?): Einer hieß Josef, der andere Bruni, 
der dritte Fritz. 

<Das Loch im Gebüsch?) Die Kinder haben es früher gemadit, als 
sie ein Teichlein machen wollten. Sie leerten allemal Wasser hinein und 
taten Stecklein hinein. Das sollten Schifflein sein. Sie ließen sie im Teich 
herum fahren. 

(Das Tier, welches früher im Loch war): Wie eine Kröte (Heidi 
äußert Ekel), braune Tupfen hat sie am Rücken gehabt. In meinem Bilder » 
buch habe ich gesehen, daß sie solche Tupfen haben. (Nach kleiner Pause): 
Das ist eine liebe Kröte gewesen. 

<Die Schlangen gingen in das Loch hinein): Sie machten noch tiefere 
Löcher in die Erde hinein. 

<Wo waren die Schlangen vorher?): Bei Dr. Höslis (früherer Nach» 
bar). Dort hat es auch ein Gesträuch und auch ein Loch. 

<Das Loch im Röcklein): Weißt, die Schlange hat halt fest zugepackt. 
Als das Kind fortrennen wollte, ist sie schnell hervorgekommen und hat 
das Kindlein wollen zu sich herziehen am Röcklein. 

<Was wollte sie denn?): Es fressen. — Das Kind hieß Edith 
(Nachbars Töchterchen, Freundin von Heidi.) Weißt, das ist ein schlaues. 
Wie ich. 

<Das Loch, wo keine Schlangen darin waren): Aus diesem Loch hat es 
eine Röhre gehabt in das andere Loch hinunter, weißt, unter der Erde durch. 

(Der Kübel voll heißes Wasser): Daß die Sdilange verbrennt, daß 
sie nichts mehr können machen. 



1 »Dies war erst möglich anfangs August 1920, weil ich mehrere Monate 
vom Hause abwesend war.« 



86 



Albert Furrer 



<Hastdu mal etwas Ähnliches gesehn ?>: Ja, ich habe mal einen Bub 
gesehn, der hat Wasser über Ameisen geleert. 

<Das Haus): hat ähnlich ausgesehn wie unser Haus, gleiche Öfen 
und gleiches Spielzimmer. 

<Wic sah der aus, der dem Vater das Auge ausgeschlagen?): Wie 
ein Dieb. Ähnlich wie Ernstli. (Dies ist nicht der Cousin, sondern ein 
Pflegeknabe von uns, dessen Sexualleben stark zu Perversionen neigt). 

<Gottfried Stutz): Wenn der >Götti« (Pate) nicht eingeladen ist und 
er kommt doch, sagt die Mutter: »Gottfried Stutz! jetzt ist der Götti 
gekommen.« 

<Das Auge): Es war das rechte Auge. Es war ein »böses« (krankes) 
Auge, war schon vorher von einer Krankheit her blind. Im Traum habe ich 
einmal einen Mann gesehn, der hatte ein blindes Auge. Das war ein armer. 



Nachdem wir nun, wie mir scheinen will, einige recht wertvolle Er- 
gänzungen zu den früheren Assoziationen erfahren haben, dürfen wir 
es wagen, an die Deutung der Tagphantasie heranzutreten. Wir wollen 
uns dabei nur stützen auf das durch den Phantasietext, die Einfälle und 
durch frühere Beobachtungen gebotene Material, sowie auf die absolut 
gesicherten Ergebnisse der psychanalytischen Forschung auf dem Gebiet 
der Symbolik. Auf Mutmaßungen, die doch nur geringen Wahrschein- 
lichkeitswert beanspruchen könnten, wollen wir verzichten. 

Die Örtlichkeit, in der Heidi die phantasierten Geschehnisse sich 
abspielen läßt, kann unschwer als das heimatliche Milieu erkannt werden. 
Der Hag ist »audi so grau wie unser Gartenhag«/ das Haus »hat 
ähnlich ausgesehn wie unser Haus«, sogar die gleichen Öfen und ein 
gleiches Spielzimmer sind vorhanden. 

Das Mägdelein ist natürlich Heidi selbst, denn es trägt ein rotes 
Röcklein, wie Heidi eines besitzt. Wenn das Mädchen im Märchen schwarze 
und offene Haare hat, so sehen wir darin nur die Darstellung des Gegen- 
satzes, der nötig war, um die Identifizierung nicht allzu deutlich werden 
zu lassen. Die Heldin in der Dichtung trägt zuerst den Namen Roseli, 
später heißt sie Edith, welche sdilau ist wie Heidi. 

Die drei Buben in der Phantasie heißen Josef, Bruni, Fritz. Die 
Träger des ersten und dritten Namens, zwei schwer erziehbare Knaben, 
hatten wir vorletztes, beziehungsweise letztes Jahr in unserem Beobachtungs- 
heim. Zur Zeit, da Heidi die Tagphantasie produzierte, wohnten ebenfalls 
ein paar Knaben in unserem Haus. Wir dürfen daher annehmen, daß die 
»drei Buben« nichts anderes darstellen als unsere damaligen Zöglinge. 

Warum sind es drei Buben? Wir wissen, daß die Zahl 3 bedeutsam 
ist für das männliche Genitale im ganzen. Die Dreizahl in der Tagphantasie 
bereitet uns also auf eine Szene sexuellen Charakters vor. Die drei Buben 



Tagphantasie eines sechseinhalbjährigen Mädchens 



stehen abseits, also getrennt vom Mädchen, in einer Hagecke. Das 
Mädchen schläft nicht bei den Buben im Zimmer. Aus diesen Hinweisen 
dürfen wir wohl sdiließen, daß die Hagecke Verschiebungsersatz ist für 
das Schlafzimmer der Buben. Wenn das Mägdelein nicht bei den drei Buben 
sein darf, so will das offenbar heißen : Heidi wird nicht geduldet im Knaben« 
Schlafzimmer. Dies entspricht nun tatsächlich der Wirklichkeit. Daß sie gerne 
mit den Jungen zusammen sein möchte, sehen wir deutlich aus der Be« 
merkung: »Es war traurig, daß es nicht mitmachen durfte mit den Buben.« 
Warum ist Heidi eigentlich traurig? Gewiß nicht in erster Linie deswegen, 
weil sie sich an dem in der ersten Sitzung ziemlich unklar besdiriebenen 
und nidit besonders interessanten Spiel der Knaben nicht beteiligen darf. 
Heidi gibt denn auch nach Monaten in der zweiten Sitzung eine ganz 
andere Handlung an, deren Charakter uns auf die richtige Spur zu führen 
imstande ist. Heidi nannte einen »Anzählreim«: 1, 2, 3, 4, auf dem Klavier 
steht ein Glas Bier, wer davon trinkt, der stinkt.« Wir merken, es handelt 
sich also gar nicht um das Spiel selbst, sondern um die Vorbereitung dazu. 
Es wird etwas abgemacht (»abgerechnet«), und zwar im geheimen/ die 
Buben sprechen so, »daß das Mädchen es nicht hörte«. Diese Tatsache und 
der nicht gerade salonfähige Anzählreim deuten darauf hin, daß mit dem 
»Spielabmachen« das unanständige Reden gemeint ist. Denken wir noch 
daran, daß das Spielen in den Träumen bekanntlich sehr häufig sexual« 
symbolischen Sinn hat (spielen steht gewöhnlich für Onanie), so merken 
wir, daß Heidi gerne bei den Buben im Schlafzimmer sein möchte, damit 
sie alles hören und sehen könnte, was die Buben dort in sexueller Hin» 
sieht reden und treiben. Warum ihr die Erfüllung dieses Wunsches ver« 
sagt bleibt, hat sie richtig erkannt. Dies geht am deutlichsten aus der Be- 
merkung hervor: »Sie wollten das Mädchen nicht, weil sie halt Buben 
sind und sie kein Mädchen wollen.« Wir können hier und schon bei der 
früheren Stelle: »Das Mädchen durfte mit den Buben nicht spielen, weil es 
nicht gleich groß war 1 und . . . weil es keinen Platz dort hatte bei den 
Buben« nachfühlen, wie schmerzlich Heidi die Benachteiligung gegenüber den 
Knaben empfindet. Da Heidi recht gut weiß, daß diese Benachteiligung 
durch das Fehlen des männlichen Genitales statuiert ist, verwundern wir 
uns nicht, wenn bei ihr der »Penisneid« in folgender Äußerung durch« 
bricht: »Das Mädchen dachte, es wolle nicht bei den Buben sein, wenn 
sie doch so böse seien. Das Mädchen schlief gar nicht bei den Buben im 
Zimmer.« — Als ob es nicht hätte wollen bei den Buben schlafen. Es 
sei hier noch darauf hingewiesen, daß Heidi bei anderen Gelegenheiten, 
besonders wenn sie bei der Pflege ihrer kleinen Brüderchen zugegen war, 



1 Das ist eine offenkundige Rationalisierung,- nicht die Körpergröße, sondern 
die »Größe« des Genitales, beziehungsweise das Fehleo des Penis ist ausschlag- 
gebend. 




Albert Furrcr 



unverhohlen dem Wunsch, ein männliches Genitale zu haben, mit den 
Worten Ausdruck gab, sie möchte richtige Bubenhosen tragen, sie möchte 
lieber ein Bub sein oder sie möchte auch so »eins« haben wie die Brüder. 
Bei »Gebüsch« und »Loch* können wir nicht im Zweifel sein, daß 
damit das behaarte weibliche Genitale gemeint ist. Es sei besonders auf 
den Einfall vom Teich hingewiesen. Da sich das Loch in der Erde (be- 
kanntes Muttersymbol: »Mutter Erde«) befindet, handelt es sich also um 
das Genitale der Mutter. In dieser Auffassung werden wir durch das 
nachherige Auftreten einer Mutter bestärkt. Mit dem Tier, das früher 
einmal in dem Loch war, kann zweierlei gemeint sein. In der ersten Sitzung 
gab Heidi an, früher habe ein Hund in dem Lodi geschlafen, in der 
zweiten Sitzung versetzte sie eine Kröte hinein. Nun braucht Heidi 
gelegentlich das Wort »Hundi« als Kosenamen für ihre beiden Brüderchen/ 
die Bezeichnung »Kröte« ist ihr geläufig als Schimpfwort für kleine Kinder. 
Demnach wären »Hund« und »Kröte« eine Anspielung auf die Brüder, 
welche früher im Mutterschoß geschlafen haben. Die Art, wie Heidi sidi 
über die Kröte äußerte, legt uns aber nahe, noch an etwas anderes zu 
denken. Kröte ist ihr zugleich Sexualtier. Das mag daher kommen, daß das 
Bild einer Kröte auf der gleichen Seite ihres Bilderbuches zu finden ist, auf 
der sich Illustrationen von Reptilien (namentlich Schlangen) und Amphibien 
befinden. Da also »Kröte« im engsten assoziativen Zusammenhang steht 
mit Tieren, die uns als typische Symbole für das männliche Genitale be- 
kannt sind, dürfen wir annehmen, daß die Kröte zugleich den Penis dar- 
stellt, der schon früher in der Vagina war. Sehr diarakteristisch ist übrigens 
die Art, wie sich Heidi über die Kröte ausspricht. Zuerst äußert sie 
Gefühle des Ekels, schließlich aber fügt sie bei: »Das ist eine liebe Kröte 
gewesen.« Diese gut erkennbare ambivalente Einstellung darf aber nicht 
als weiterer Beleg für unsere zweite Auffassung der Kröte beansprucht 
werden, denn die Ambivalenz kann sich ebensogut auf die Brüder der Heidi 
beziehen wie auf das männliche Geschlechtsorgan. 

Da Heidi nicht bei den Knaben schlafen darf und sie sidi vom 
Schicksal überhaupt verkürzt sieht, will sie sich schadlos halten, indem sie 
ihre Schaulust an einem anderen Ort zu befriedigen sudit. In der Tag- 
phantasie sieht das Mädchen, welches sich unterdessen ärgerlich und zornig 
von den Buben ab und zum Gebüsdi gewendet hat, viele Schlangen 
kommen, welche in das Loch hineingehen und noch »tiefere Lödier in die 
Erde hinein machen«. In den Schlangen haben wir ein typisches Penis- 
Symbol vor uns. Daß die Schlangen in der Mehrzahl auftaudien, kann uns 
nicht beirren. Wir wissen namentlich aus den Traumanalysen, daß die 
Mehrzahl zum Zweck der Entstellung oft gebraucht wird, als Gegensatz 
für die Einzahl. Unser Mägdelein wird also zum Augenzeugen eines 
Koitus^Aktes. Das eine Objekt der Beobachtung haben wir bereits 



Tagphantasie eines sediseinhalbjährigen Mäddiens 89 

erkannt als die Mutter. >X A ir werden also kaum fehlgehen, wenn wir hier 
an einen elterlichen Koitus denken, wissen wir doch schon, daß in einem 
späteren Teil der Tagphantasie auch noch der Vater eine Rolle spielt. 
Woher sollte aber das geheime Wissen des sediseinhalbjährigen Kindes von 
der geschlechtlichen Vereinigung zwischen Mann und Frau stammen ? Vor- 
erst: Es handelt sich natürlich um ein unbewußtes »Wissen«. Dieses 
kann kaum auf entsprechende Beobachtung der Eltern zurückgeführt werden, 
wohl aber auf eine sexuelle Aggression eines Jungen auf unser Töchterchen, 
als es fünfjährig war. Der Junge entblößte damals sein erigiertes Glied und 
gab seine Absicht, die auf einen regelrechten Koitus abzielte, mit unmiß- 
verständlichen Gebärden und Worten kund. — Den Schrecken, den das 
Mädchen beim Anblick der Schlangen erlebt, müssen wir, gestützt auf die 
Ergebnisse der Neurosenforschung, als Sexualangst, d. h. als Äußerung der 
verdrängten Libido auffassen. Zugleich wird mit der Angst die Ablehnung 
des Wunsches nach sexueller Befriedigung zum Ausdruck gebracht. Be= 
merkenswert ist, daß das Mägdelein erst nach der Beobachtung flieht. Wir 
können uns des Eindruckes nicht ganz erwehren, als handle es sich hier 
um eine Provokation der männlichen Sexualität (Sdilangen), die dann aber 
zurückgewiesen wird, sobald diese Ernst macht. Mit der einzelnen Schlange, 
welche das Mägdelein packen und »fressen« will, kann nur der Vater ge- 
meint sein. Die psychanalytischen Forschungen haben vielfadi gezeigt, daß 
das Unbewußte nicht selten das Genitale zum Wesentlichen der ganzen 
Person erhebt und umgekehrt die Person für deren Genitale setzt. Die 
einzelne Schlange kann also in unserem Fall Penis und Vater zugleidi 
bedeuten. Ihr Angriff muß wohl zunächst als Strafandrohung seitens des 
Vaters für das verbotene Zuschauen des Töchterchens aufgefaßt werden. 
Das »Gefressen werden« von einem Vaterersatz hat Freud be- 
sonders einleuchtend in seiner »Geschichte einer infantilen Neurose« 1 
gedeutet als »regressive Umsetzung des Wunsches, vom Vater koitiert 
zu werden«. Es wird uns also ein scharfer Konflikt, der in Heidi tobt, 
offenbar. Dem Wunsch, vom Vater sexuell befriedigt zu werden in der 
Weise, wie die Mutter befriedigt wird, stehen schroff ablehnend Regungen 
der Scham, des Gewissens, des Ichs überhaupt gegenüber. In ihrer Herzens- 
not und im Bedürfnis, in diesem Kampf einen starken Helfer zur Seite zu 
haben, wendet sie sich an die Mutter selbst, die nun im Märchen als 
solche gut kenntlich wird (»blauer Rock, etwas blauer als derjenige von 
Mutti«). Es wird uns nun recht deutlich, daß Heidi nicht das beste Gewissen 
hat. Nicht sie will schuld sein, daß sie beinahe ihrem Gelüste zum Opfer 
fiel, sondern die »böse Schlange« wird allein verantwortlich gemacht. Die 
Mutter soll nun dem Kind helfen, die gefährliche väterliche Sexualität 
unschädlich zu machen. Es mißbraucht aber die Unterstützung, die ihm 

1 Freud: Kleine Schriften zur Neurosenlehre. IV. Folge, S. 626. 



90 



Albert Furrer 



bereitwillig gewährt wird, indem es sich an der Mutter dafür rächt, dal) 
diese ihm nicht glauben wollte, daß es die »Schlangen« (väterliche Sexualität) 
nicht provoziert hat. Mit dem Gedanken »es wolle jetzt der Mutter schon« 
führt das Mägdelein in der Tagphantasie seine Mutter zuerst irre, indem 
es ihr ein Loch zeigt, wo keine Schlangen sind. Bei Heidi wird im Unbe« 
wußten der Gedanke mitspielen: »Wie du mir, so ich dir,- hat mir die 
Mutter hinsichtlich der sexuellen Vorgänge das Wichtigste vorenthalten, 
d. h. das Vorkommen der geschlechtlichen Vereinigung zwischen den Eltern 
verschwiegen \ und will sie mir das gleiche Recht auf den Vater nicht zu- 
gestehen, das sie sidi nimmt, so will ich nun die Mutter auch einmal etwas 
zum besten halten.« (Man erinnere sich, daß Heidi sagte: »Edith ist ein 
schlaues, wie ich.«) Wenn wir das Loch, wo keine Schlangen waren, 
lokalisieren wollten, so würden wir wohl am ehesten auf den Mund 
schließen. Man denke an die Erklärung Heidis: »Aus diesem Loch hat es 
eine Röhre gehabt in das andere Loch hinunter, weißt, unter der Erde 
durch.« — Mit Hilfe der Mutter wird die gefährdende väterliche Sexualität 
vernichtet, aber nur teilweise 2 . Heidi läßt ja nur die eine Hälfte der 
»Schlangen« umkommen, während die andere durch das Gartentürchen (be= 
kanntes Vaginasymbol) entwischt. Es soll also noch etwas von der 
gefürchteten, aber zugleich begehrten männlidien Sexualität übrig bleiben. 
Wenn Heidi aussagte, daß die Schlangen vorher ausgerechnet bei Dr.Höslis 
waren, so ist das gewiß kein Zufall, sondern bestimmt durch die Wort« 
brüdte Hosen^-Höschen-Dr. Hösli. 

Daß der Vater am Schluß dieses Märchens ganz unmotiviert noch 
auftritt, kann uns jetzt nicht mehr überraschen. Im unbewußten Gedanken« 
gang war er ja längst zugegen. Aber, daß der Vater heimkommt mit einem 
ausgeschlagenen Auge, das können wir nicht verstehn. »Unsinn!« würde 
der Bewußtseins«Psychologe dazu sagen,- »die kleine Märchendichterin hat 
natürlich den Faden verloren und produziert zum Schluß noch etwas, was 
in gar keinem Zusammenhang steht mit dem Vorausgegangenen.« Gemach! 
Die Psychanalyse hat uns gelehrt, manche Zusammenhänge, welche das 
Bewußtsein geschaffen hat als fassadenhaftes Sdieingefüge und als Ratio» 
nalisierungen zu entlarven, während wir nicht selten dort, wo uns in 
Phantasieprodukten eine klaffende Lücke, eine auffallende Zusammenhangs« 
losigkeit oder ein Unsinn entgegentritt, sehr sinnreiche Zusammenhänge 
aufdecken, Zusammenhänge freilich, die sich nur auf das unbewußte 
psychische Material beziehen. 

1 Heidi ist über den Geburtsakt längst aufgeklärt, aber noch nicht über den 
Befruchtungsvorgang. — Wir faßten gerade diese Tagphantasie als Wink auf, daß 
es Zeit sei, letztere Aufklärung nachzuholen. 

"- Interessant ist, daß das »heiße Wasser« aus einer Erinnerung stammt, in 
der Ameisen begossen wurden, die uns aus Träumen und Phobien als Symbol 
für das männliche Genitale bekannt geworden sind. 



Tagphantasie eines scdiseinhalbjährigen Mädchens 91 

Den Vater in der Tagphantasie erkennen wir sofort als Vater der 
Heidi, trägt er doch ein »graues Gewand« wie der eigene Vater und der 
Onkel Ernst. Der Bursche, der dem Vater das Auge ausgeschlagen hat, 
wird in Verbindung gebracht mit dem Cousin Ernst. Heidi wollte natürlich 
zuerst sagen, der Bursche habe ausgesehen wie Ernst, denn es war ihr 
niemand eingefallen als Ernst. Sie sah dann aber gleich ein, daß es kein 
Kompliment gewesen wäre für den Cousin, wenn sie ihn verglichen hätte 
mit dem bösen Burschen. Da nun der Cousin Ernst das Kind des Onkels 
Ernst ist, der ähnlich gekleidet ist wie der eigene Vater, wird uns klar, 
daß Heidi mit dem »bösen Burschen« niemand anders als sich selbst zur 
Darstellung gebracht hat. Heidi hätte also dem Vater das Auge ausge- 
schlagen. Mit dieser Einsicht ist aber der Sinn dieser Tat um nichts ver- 
ständlicher geworden, es muß noch ein Mißverständnis vorliegen. Es mußte 
uns auffallen, daß Heidi lange Zeit nicht von einem Auge sprach, sondern 
stets sagte: »das Auge«, als ob der Vater bloß ein Auge besäße! Wir 
werden gut tun daran, dieser an und für sich geringfügigen sprachlichen 
»Unkorrektheit« auf den Grund zu gehen. Nehmen wir den Ausdruck 
»das Auge« wörtlich, so dürfen wir nicht an ein Organ von zweien oder 
mehreren denken, sondern an ein Organ, das nur einzeln vorhanden ist. 
Folglich fallen die Augen selbst außer Betracht. Wir haben überdies von 
Heidi gehört, daß es sich um das rechte — kann zugleich heißen: das 
richtige — Auge handelt und daß dieses vorher schon »böse« und blind 
war. »Böse« ist doppelsinnig in der Zürcher Mundart. Das Wort kann den 
gleichen Sinn haben wie das hochdeutsche Wort böse, es kann aber auch 
bedeuten »krank«. Ein blindes Auge ist zum Sehen untauglich. Sollen 
wir vielleicht an ein Objekt denken, das durch die Merkmale einzeln, 
»böse«, zum Sehen untauglich angedeutet ist? Schließlich wissen wir 
aus zahlreichen Arbeiten von Rank 1 , Abraham 2 , Jung 3 , Eder 4 , Reitler», 
Ferenczi 6 , daß dem Auge in hohem Orade sexualsymbolische Bedeutung 
zukommt, und zwar sowohl mit Bezug auf das weibliche Genitale, was 
leichter verständlich ist, als auch auf das männliche. Die genannten Autoren 
zeigen an Mythen, Sagen, Träumen und neurotischen Symptomen, daß der 
Verlust des Auges sehr oft zur Darstellung des Verlustes des Penis be- 
nützt wird, also die Kastration bedeutet. Nachdem wir dies wissen, ver- 
mögen wir den verborgenen Sinn der sonderbaren Schlußszene unseres 
Märchens zu erkennen. Heidi kastriert ihren Vater. Aber warum? Dies 



1 Internationale Zeitschrift für Psydianalyse. 1913. S. 513 ff. 

2 Traum und Mythos. 1919. S. 16. 

3 Jahrbuch IV. S. 312. 

4 Internationale Zeitschrift für Psychanalyse. 1913. S. 157. 

5 Internationale Zeitschrift für Psydianalyse. 1913. S. 159. 

8 Imago. 1912. S. 276 ff. und Internationale Zeitschrift für Psychana« 
yse. 1912. 



92 Albert Furrer 



wird uns teilweise klar aus der Tagphantasie selbst. Es ist die Rache dafür, 
daß Heidi einmal nicht geduldet wird als Zuschauer beim elterlichen Scxual- 
verkehr, dann dafür, daß der Vater die Gunst dieses Verkehrs nur der 
Mutter, nicht auch ihr (Heidi) zuteil werden läßt. Die Rache gilt natürlich 
auch der Mutter,- denn durch die Kastration des Vaters wird die Mutter 
mitbetroffen. Dem Kastrationswunsch liegt wohl noch ein anderes Motiv 
zugrunde, das zwar in der Tagphantasie auch angedeutet ist, aber doch 
nicht gut allein daraus abgeleitet werden kann. Wir haben oben feststellen 
können, daß Heidi darunter leidet, daß sie ein Mädchen ist. leb kann noch 
beifügen, daß Heidi gerade zu jener Zeit, da sie ihr Märchen produzierte, 
mehrmals der Mutter gegenüber den Wunsch äußerte, einmal das Genitale 
des Vaters zu sehen 1 . Es wäre nun leicht denkbar, daß Heidi gegen den 
Vater mit dem Kastrationswunsch reagierte, als jener ihrem Wunsch nicht 
entsprechen wollte. 

Wir sehen also, daß die vorher unverständliche Schlußszene, genau 
betrachtet,, eigentlidi nur eine verdeutlidite und erfolgreichere Wiederholung 
der vorangegangenen Handlung (Vernichtung der »Schlangen«) ist. Wir 
sind jetzt auch nicht mehr verwundert, daß der »böse Bursche« als Dieb 
geschildert wurde. Er hat ja in der Tat dem Vater etwas weggenommen. 
Wir merken jetzt audi, warum der mißhandelte Vater bei seiner Heim* 
kunft mit dem grotesk wirkenden Ausruf »Gottfried Stutz!« empfangen 
wird. Einmal ist der Vater ja gar nicht willkommen, ebensowenig wie der 
»Götti« eingeladen war. Dazu ist das Wort »Gottfried Stutz« in diesem 
Zusammenhang ein Ausdruck der Genugtuung, der Schadenfreude. Der 
Kastrationswunsch ist eben am Vater in Erfüllung gegangen. Wie tief- 
gehend und intensiv die Rachephantasie bei Heidi wirkte, sehen wir am 
besten daraus, daß dieselbe in den Todeswunsch ausgeht, der auf den 
Vater gerichtet ist: »Die Mutter und das Kind beteten, daß der Vater 
sterben könne, damit er nicht fhehr leiden müsse.« Wir haben Anlaß, 
der letzteren Begründung zu mißtrauen und den .aus der Rachenbsichr ge- 
borenen Todeswunsch ernst zu nehmen. Der tröstliche Schlußkommentar: 
»Weißt du, Vater, das ist nur ein Märchen« - ist in dieser Hinsicht 
bezeichnend. Gewiß wird der Todeswunsch nodi andere Quellen haben/ 
aber diese aufzudecken, würde über den Rahmen unseres Aufsatzes 
hinausführen. 

Zum Schluß noch eine Bemerkung: Ich weiß, daß meine Deutung 
unter dem Mangel leidet, daß sie sich gerade in ein paar wesentlichen 

1 Ängstliche Gemüter werden sich wohl darüber entsetzen, daß ein sechs- 
einhalbjähriges Mädchen es wagt, einen solchen Wunsch auszusprechen. Ich glaube 
aber, daß alle normal veranlagten Kinder, welche von klein auf in jeder Hinsicht 
zur Offenheit angehalten wurden, und denen die Erzieher mit Aufrichtigkeit und 
ohne Geheimtuerei begegnen, in diesem Alter gelegentlich entsprechende Wünsche 
unbefangen aussprechen werden. 



Tagphantasie eines sediseinhalbjährigen Mädchens 93 



Punkten auf fremdes Material stützen muß. Aber dieser Mangel besteht 
nur mit Bezug auf meine Leser, nicht für mich. Auf Grund einer lang- 
jährigen Beobachtung meines Kindes, von der ich glaube, daß sie in ziemlich 
objektiver Einstellung betrieben wurde, muß ich sagen — ich tue es gewiß 
nicht gern — , daß die von mir gefundene Deutung der ganzen Psychologie 
meines Töchterchens durchaus entspricht. In Einzelheiten mag ich im Irrtum 
sein/ aber gerade in den wesentlichen Punkten bin ich überzeugt, daß die 
von mir angegebenen Motive die tiefsten und darum die wichtigsten sind. 




94 Bücher 



Bücher. 

HEINZ WERNER: Die Ursprünge der Metapher. (Arbeiten zur 
Entwicklungspsychologie. Herausgegeben von Felix Krueger, Heft 3. 
Veröffentlichung des Forschungsinstituts für Psydiologie zu Leipzig, 
Nr. 4.) 1919. VIII. 238. 

Im Sinne Werners ist die Metapher ein bewußter Ersatz für einen 
anderen Gegenstand, d. h. wir könnten, wenn das nicht laut psydio- 
analytischer Auffassung eine contradictio in adiecto wäre, von einem 
bewußten Symbol reden <S. 4>. Die Untersudiung geht von der motorischen, 
d. h. vorpsychischen »Geistesstufe« aus, für die natürlich die Bedingung 
des Bewußtseins für metaphorische, d. h. substituierte Bildungen noch nicht 
gefordert wird. Die zweite Geistesstufe in der aufsteigenden Reihe wäre die 
>emotionale«, in der die Metapherbildung in Ausdrücken wie: »die Gedärme 
sehnen sich« <Arunta> nach etwas, oder »die Stirnc beißt mich« <»Sich 
schämen« : Neu Guinea) vertreten sein soll. Soglcidi setzt aber der Ver- 
fasser sehr treffend hinzu, daß wir es noch immer nicht mit der echten 
Metapher zu tun haben, da auch diese Bildungen nidit bewußte Ersatz« 
Vorstellungen sind. Gefühle sind <im Kruegerschen Sinne) »Komplexqualitä- 
ten« und werden daher durch Hervorhebung von Organempfindungen, die 
Teilerscheinungen des Komplexes sind, zum Ausdrude gebrndn. Wir setzen 
hinzu, daß wir es hier mit einer ähnlichen, aber nicht so weit gehenden 
Konversion zu tun haben wie in der Hysterie und daß diese Konversion 
vom Psychischen ins Physische wahrscheinlidi der rückläufige Weg ist, auf 
dem in umgekehrter Reihenfolge einst das Psychisdie entstand. Anschließend 
an die Diskussion, ob Symbol und Symbolisiertes als ursprünglich iden- 
tisch aufzufassen seien, können wir auf die Ausdrücke der primitiven 
Sprachen Bezug nehmen, die der Verfasser »Metapher des Denkzwanges« 
nennt. Wenn die Ewcneger die Brille als »eisernes Auge« bezeichnen 
<S. 17), so handelt es sich darum, daß sie die neue Erscheinung (Brille) 
nur in Anlehnung an Bekanntes erklären können. Hier haben wir tat- 
sächlich Identität und nicht Gleichnis. Nach anderen, ähnlich negativ ver- 
laufenden Versuchen, die Entstehung der Metapher aus der Psyche der 
Primitiven zu begreifen <der Verfasser läßt dabei gelegentlich Bemerkungen, 
wie z. B. über den Ursprung des Anthropomorphismus fallen <S. Z3>, die 
auch für den Psychoanalytiker bemerkenswert sind), kommen wir zur 



Bücher 95 

Fragestellung: »Gibt es im Leben des Einzelnen oder der Völker ein 
bestimmtes Verhalten, das gleich dem metaphorischen das Bewußtsein 
einer fiktiven Einstellung, einer Inkongruenz von Bezeichnung und Begriff 
im Sinne jener Verzerrung enthält?« Dieses Verhalten findet der Verfasser 
in der »pneumatischen Weltanschauung«, d. h. in der Tatsache, daß die 
Dinge der Außenwelt dem Primitiven verdoppelt als Objekt und als 
treibendes Etwas hinter dem Objekt erscheinen <S. 37). Als Außenwelt 
machen sich aber primär nur jene Gegenstände bemerkbar, die dem Ich 
einen Widerstand bieten, während die anderen, lustbringenden, in das 
erweiterte Ich einbezogen werden. Daher ist das Tabu älter als das Pneuma, 
die Vermeidung eine primitivere Reaktion als die Aneignung. Bisher können 
wir vielleicht zustimmend folgen. Wenn aber der Verfasser nun daran 
schreitet, die sogenannten »Gesetze« des »Pneumatismus« festzulegen 
<Pneuma ist nur ein neuer Ausdruck für »Essenz der Dinge«, »Mana« 
oder »Emanation»), so müssen wir sagen, daß diese fünf »Gesetze« 
einerseits Dinge enthalten, die jedem Ethnologen als selbstverständlich 
erscheinen müssen, anderseits aber dem Primitiven selbst wohl nie als 
bewußte Normen vorschweben (siehe S. 38, 39). Als typisches Vorbild des 
lebensfördernden Pneuma gilt der Atem des Menschen, während die Idee 
des lebenshemmenden Prinzips sich »an dem Bild der verpestenden Fort» 
Wirkung des Todes auf Lebendes und an der schleichenden Infektion des 
Giftigen« <S. 39) entwickelt haben mag. Der Verfasser gebraucht vielfach 
Wendungen, die inhaltlich oder formell an die Denkungsart der Psychoana» 
lyse erinnern,- »Verschiebung« kommt öfters vor, ähnlich auch »Doppel- 
wertigkeit«, »doppelte Reaktionsweise« <d. h. Ambivalenz, in der Magie, 
S. 40, 41). Eine Hemmung, d. h. Tabu, heftet sich auch an das lebens» 
fördernde Pneuma, z. B. an die mannbaren Jünglinge, an den Phallus 
<S. 43). Die Gesetze des Tabus sind wiederum die bekannten Assozia- 
tionsgesetze von Berührung, Ähnlichkeit, Kontrast. In dem tabuistischen. 
Verhalten steckt schon etwas von jenem Fiktionsbewußtsein, welches zur 
Entstehung einer wirklichen Metapher notwendig ist, denn die Hemmung 
ist im Vergleich zum einfachen Davonlaufen schon eine Verheimlichung, 
eine Art Fiktion. Der Verfasser weiß auch, daß das Tabu nicht nur »als 
reiner Ausdrude der Furcht«, sondern auch »aus der Unterdrückung von 
biologisch gefährlichen Regungen« entsteht. Dann bietet das Tabu die 
Möglichkeit, innere Wünsche nicht zur Schau kommen zu lassen. Schon 
daß der Kampf mit sich selbst, der dieser Unterdrückung vorausgehen 
mag, sich nicht im Ausdruck spiegelt, bedeutet eine gewisse »Unaufrichtig» 
keit« <S. 49). Die Theorie Werners lautet nun, und diese Theorie wird 
auch mit aller wünschenswerter Exaktheit nachgewiesen, daß die Meta» 
pher aus dem Tabu entsteht als eine halbe Umgehung des 
Verbotes, indem man z. B. dem Zuschauer das Verbotene mit »offener 



96 Bücher 

Heimlichkeit« doch mitteilt <S. 51). Wir sehen nun, daß der Verfasser 
beinahe vollkommen auf psychoanalytischem Boden steht, nur sagt er es 
ein wenig anders. Erstens erklärt er das Tabu aus der Verdrängung, 
dann die Metapher <Symbol> aus dem Tabu. Nur der topischc Gesichts- 
punkt geht ihm ab,- dafür ist ja aber ex definitione die Matapher eine 
Art Symbolbildung im Bewußtsein. 

Da es sidi hier nur um ein Referat handelt und nicht um eine all- 
gemeine Theorie der Symbolbildung, wollen wir die Frage nicht erörtern, 
ob Metapher oder Symbol die primitivere Stufe darstellt. Immerhin können 
wir uns die Entwicklungsreihe sehr gut so vorstellen, daß zuerst eine Er- 
satzhandlung, d. h. die Vcrsdiiebbarkeit der motorisdien Reaktion <wen 
die Urreaktion vor einem Widerstände weichen mußte) da war, diese dann 
auch in der Abwesenheit des Objektes <oder an einem Ersatzobjekt) zur 
Entladung gelangt, d. h. zum Ritus <Symptomhandlung) wurde, weldier 
wiederum im Unbewußten eine Spur hinterließ. Wird nun eine Vor- 
stellung vom System Bewußtsein abgehalten, so regrediert sie auf diese 
unbewußte Spur, die eben sowohl von der Ur- wie audi von den 
Ersatzreaktionen gebahnt ist. Demnach ist die Vorstellung hier in einem 
Komplex enthalten, von dem sie nur einen Teil bildet; der andere Teil 
<Ersatzreaktion> gelangt nun in das System Bewußtsein und vertritt dort 
die Stelle des Urinhaltes. Bei der bewußten Symbolik <Metapher) wird 
eben der ganze Vorgang <Symbol und Verdrängung) bewußt, man weiß, 
was man sagen will, und auch, daß man es nidit will. Wenn das Sdtema 
Flucht- Verdrängung- Verurteilung aufrediterhaltcn werden soll, so müssen 
wir in der Metapher dem Symbol gegenüber jedenfalls eine sekundäre Er*- 
scheinung erblicken. Übrigens macht der Verfasser audi redit treffende Be- 
merkungen zum Verhältnis zwischen Fludit und Verdrängung. Die primi- 
tivsten der Naturvölker (gemeint sind Aäta, Toala, Wedda und ähnlidie) 
sollen angeblich die Lüge <Methapherbildung, Symbolik) nicht kennen. »Da 
diese Völker ihre Furcht sofort motorisdi abreagieren — sagt der Ver- 
fasser — , vermögen sie auch nicht jene primäre Form der Lüge zu ent- 
wickeln, die in einer Hemmung besteht« <S. 50). Hoffentlich wird der Ver- 
fasser nicht auf dem halben Weg zur Psychoanalyse stehen bleiben, aller- 
dings leistet er auch so Bedeutendes. Setzen wir noch hinzu, daß im Budi 
ein reiches Material, insbesondere zur Sexualsymbolik der Naturvölker, 
enthalten ist, dann glauben wir, daß es sich wohl jeder Analytiker ange- 
legen sein lassen wird, auch das Original heranzuziehen. Rohe im.