(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften VIII 1922 Heft 3"

IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 
HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 
SCHRIFTLEITUNG: DR. OTTO RANK /DR. HANNS SACHS 



VIII- 3. 1922 

Der Mythus der Erde. 

Von Dr. EMIL LORENZ <Klagenfurt>. 



Hertha. 

Kulturmythologie als die Lehre von den mythischen Spiege- J?ÄpU 
lungen der eigenen Schöpfungen des Menschen beziehungs- "v«wÄ 
weise menschlicher Gesellschaften ist als eigenes Forschungs- 
gebiet noch kaum betrieben worden, wenigstens nicht in bewußter 
Abgrenzung von der Erforschung das Natur- und des Heroen- 
mythus K Entweder erschien der Kulturmythus als Bestandteil des 
Heroenmythus, wofür der Terminus »Kulturheros« (Prometheus, 
Theseus, Maui> Zeugnis ablegt oder der Kulturmythus wuchs aus 
dem Naturmythus hervor {Demeter und Kore>. Zum Teil war 
auch das, was wir in dieser Arbeit zur Kulturmythologie rechnen 
wollen, Arbeitsgebiet der Ethnologie und Volkskunde gewesen 
und man mag aus der Erweiterung des Begriffes, die sich der 
Verfasser damit erlaubt hat, daß er die äußeren Lebensformen und 
ihre psychologische Geschichte in seine Systematik hereinbezieht, 
ihm einen Vorwurf machen. Diesen zu entkräften ist nicht Sache 
theoretischer Erörterungen zu Beginn des Werkes,- der Zusammen- 
hang des Ganzen wird diese Einbeziehung entweder rechtfertigen 

1 Vgl. Fritz Langer: Intellektualmythologie. Leipzig 1916. S. 25 f. 
Iraago VIII/3 17 



INTERNATIONAL 
PSYCHOANALYTIC 
I UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




^58 Dr. Emil Lorenz 



oder als irrtümlich erweisen. Hier sei nur soviel gesagt, daß es nur 
die Vorstellungsseite, und zwar in erster Linie die unbewußte Vor- 
Stellungsseite an Brauch und Sitte ist, von deren gemeinsamer Be- 
handlung mit dem im eigentlichen und unbezweifelten Sinne so 
genannten Mythus wir eine gegenseitige Aufhellung und außerdem 
die Gewinnung neuer Einsichten für die Psychologie des Unbe- 
wußten überhaupt erwarten. 

Diese Arbeit knüpft an einen Problemenkreis an, aus dem 
bereits der Aufsatz »Der politische Mythus« 1 einen beschränkten 
Bezirk umschrieben hatte. Es soll jetzt versucht werden, die dort 
erarbeitete Grundlage zu erweitern, und zwar nicht so sehr, um 
weitere Einsichten in die Zusammenhänge des politischen Lebens 
zu erhalten, als um die Fruchtbarkeit der Heranziehung des Un- 
bewußten auf benachbarte Gebiete des Kulturlebens zu erproben. 
Das wird aber nicht in Form einer sdiematischen Wiederholung 
der in jener Arbeit angewandten Methode anzustreben sein, als 
vielmehr auf dem Wege einer Besinnung auf die logischen, psycho- 
logischen und geschichtlichen Grundlagen kultureller Begriffe und 
Symbole. 
Das Symbol der Vor allem bedarf das von der Religionsgeschichte und ^psycho- 

logie bereits als gangbare Wortmünze, deren Wert nachzuprüfen 
sich niemand der Mühe unterzieht, verwendete Symbol der Mutter 
Erde einer energischen Durchdringung in entwicklungspsychologischer 
Hinsicht. Denn zu seiner ausgebreiteten Verwendung steht in auf- 
fallendem Mißverhältnis die unzulängliche und auch dann, wenn 
mit psychanalytischen Begriffen operiert wird, fast nur auf bewußt- 
seinspsychologische Erwägungen begründete bisherige Fundierung 

des Begriffes 2 . 

Wir wollen hiebei, eingedenk des Wortes des Novalis, datf 

»man in Märchen und Gedichten 
erkennt die wahren Weltgeschichten«, 

zunächst als Leitfaden das bereits im »Politischen Mythus« 3 er- 
wähnte Gedicht von Swinburne: »Hertha«, einen Hymnus an die 
Erdenmutter, benützen, und zwar wegen der seltenen Klarheit, mit 
der hier unbewußte Denkmotive und Symbole gehäuft erscheinen, 

* Imago VI, Heft 1, S. 41. ± ... T;*»,«, 

« Das trifft z. B. aud» auf meine eigenen Ausfuhrungen im » I itanen- 

motiv« (Imago II> zu. 

» Imago VI, S. 71. 



Der Mythus der Erde 259 



und der sdiöpferischen Kraft mythischer Intuition, die sich darin 
offenbart. <Die echt Swinburnesche Länge des Gedichtes erlaubt 
einige an der Numerierung der Strophen kenntliche Kürzungen. 
Die Übertragung ist von Otto Haus er nach Swinburne: Lieder 
vor Sonnenaufgang. Weimar 1912.) 

Algernon Charles Swinburne: Hertha. 

1. Ich bin Anfang,- die Jahre, 

Gott und Mensch sind durdi midi, 
Die Unwandelbare, 
Vollkommne in sich,- 

Gott wediselt und Mensch und ihr körperlidi Sein, dodi die Seele 
bin ich. 

2. Ehe Land noch und Meer war 
Und das Grashaar der Hur 
Und der Waldbäume Heer war 
Und das fleischfarbne Gut 

Meiner Früchte an mir, da war idi, da hat in mir deine Seele geruht. 

3. Erstes Leben entband 
Meinem Urbronnen sich/ 
Jede Kraft, die es bannt, 
Es befreit, ist durch mich: 

Gott und Mensch sind aus mir und Getier und Gevögel: eh' Gott 
war, bin ich. 

8. Das Korn und das Feld, 
Der Schollen Gerott, 
Der Pflug, der bestellt, 
Und der Pflugtiere Trott, 

Die Tat und der Täter, die Saat und der Säer, der Staub, der da Gott. 

9. Wie idi Leben und Blut dir gab, 
Wer hat, Kind, dir 's genannt? 
Von dem Feuer, das Glut dir gab, 
Von dem Eisen, das band, 

Von dem dunkelen Wechsel der Wasser, was hast du davon je erkannt? 

10. Kannst im Herzen du sagen, 
Daß dein Auge gesehn, 
Was in Form dich geschlagen 
Und wie das geschehn, 
Welche Kraft und woraus dich vorm Himmel hier ließ mir am Busen 

entstehn? 

17« 






260 Dr. Emil Lorenz 



11. Wer wies es im Bildnis dir, 
Gab dir Kunde, woher? 
Vertraut es die Wildnis dir? 
Verriet dir 's das Meer? 

Oder hieltest du Zwiegesprädi im Geist mit der Nacht ward vom 
Wind dir Gewähr? 

12. Setzte ich einen Stern dir, 
Strahlte der es dir zu, 

Ward so sichtbar von fern dir, 

Was ich kund dir jetzt tu, 

Oder spracht ihr wie Brüder zusammen, die Sonne, die Berge und du? 

13. Wer erfaßt, was besteht. 
Wer erfaßt, was entflohn? 
Nicht Prophet, nicht Poet, 
Nicht Dreifuß, nodi Thron, 

Nicht Geist und nicht Fleisch, nur die Mutter weiß Antwort zu 
geben dem Sohn. 

14. Nicht gezeugt, nein geboren, 
Wenn die Kinder die Bahn 
Ihrer Mutter verloren 

Und in Furcht oder Wahn 

Zu dem Gott, den sie machten, nun beten: sie regt 's nicht, wie oft es getan. 

16. Idi bin in dir als Retter,- 
So gib, des bewußt, 
Deiner Tat grüne Blätter, 
Deines Traums weißen Blust 

Und die Rotfrucht des Tods, denn ich gab sie, und Lebensblut, Atem 
der Brust. 

17. Doch sollst du sie geben mir, 
Wie du sie empfingst: 

Frei gib dein Leben mir, 
Wie du frei darin gingst/ 

Nicht daß du wie Sklave dem Eigner, wie Diener dem Herrn dich 
mir bringst! 

20. Den vielwurzligen Baum, 
Der rotfrüchtig sich 
Hoch erhebt in dem Raum, 
Seht den Lebensbaum mich/ 

Im Geknosp eures Seins ist mein Saft, ihr sollt leben, nicht sterben, 
will ich. 



Der Mythus der Erde 261 



21. Doch der Götter Gebilde, 
Die ihr selbst schuft in Not, 
Deren Grimm, deren Milde 
Euch vergibt, euch bedroht, 

Sind Würmer der Rinde, die abfällt,- nicht Leben ist ihrer, nein, Tod. 

22. Mein Blut schließt die Stelle,- 
Ein Sternentanz irrt, 

Daß die Nacht er erhelle, 

Durch das Laub mir und flirrt, 

Als Sonnen verehrt, bis die Sonne wie Funken ihn austreten wird. 

23. Wo die toten Äonen 
Das lebend'ge Gespinn 
Meiner Wurzeln birgt, wohnen 
Meine Donner tiefhin 

Und im Braus meiner Zweige, ihr höret das Brausen des Meeres 
darin. 

24. Da hört ihre Schwingen 
Ihr spreiten die Zeit 

Und das Zweigidit durchdringen 
Zu Häupten ihr weit, 

Und ihr Tritt beugt die Äste und rings um sie rausdn meiner Blätter 
Gebreit. 

25. Der Sturm der Jahrtausende 
Geht durch mich und erstillt, 
Der Kriegssturm, der sausende, 
Der Friedenssturm mild, 

Eh ihr Atem das Haar mir zerrauht, meiner Blüten mir eine 
erschwillt. 

26. Aller Wandlungen Schall, 
Aller Schatten, all Licht 
Auf der Berghöhen Wall, 
Der sidi vielklüftig bricht, 

Die da sprechen, wie Zunge des Windes, der nächtlichen Sturm«- 
wölken spricht. 

27. Aller Antlitze Schnitt, 
Alle Werke der Hand, 
Wo die Zeit je erstritt 
Unerkundlidies Land, 

Aller Tod, alles Sein, alle Macht, aller Hinfall rinnt durch mich 
wie Sand. 



262 Dr. Emil Loren: 



28. Welche Last auch mein Frohn hat 
— Wo kann größerer sein? — 

Ob mein Wachsen nicht Lohn hat, 
Als zu wachsen allein, 

Doch wachs' ich trotz Todwürmern unten und oben der Blitzflammen 
Schein. 

29. Auch sie haben Macht in mir, 
Wie an ihnen audi ich. 

Ein Brand ist entfacht in mir, 

Ein Saft geht durch mich 

Mit unendlicher Länder und Meere Gebraus und Geheimnis in sich. 

30. In Zenturien von Tagen, 
Lenzfarben — durchglüht, 
Da ich Maisinn getragen, 
Sind mir Blumen erblüht, 

Herber Blust mit dem Dufte der Mannheir, dem Geiste wie Strahlen 
entsprüht. 

31. Der Duft ihrer Sprossen, sieh, 
Ihres Aufspringens Klang, 
Meine Wurzeln durchgossen sie 
Mit Kraft, Wärme, Sang, 

Meine Frudtf sind die Leben der Kinder, vollkommen, weil frei nun 
von Zwang. 

32. Ich will eines nur: sei/ 
Brauche nicht dein Gebet, 
Idi braudie dich frei. 

Wie die Luft, die dir weht, 

Daß mein Herz in mir größer sei,seh ich, wie schön meine Frudu mir gerät. 

33. Wohl bietet kein Glaube euch 
Je schönere dar. 

Mein Saft weckt im Laube euch, 
Was da blüht all das Jahr. 

Seht nun an euren Gott, den ihr sdiuft, daß ihr Opfer ihm bringt 
zum Altar! 

36. Mit Wundern besdiwingt 

Und beschuht, mit dem Brand, 
Der den Wettern entblinkt, 
Zu Stab und Gewand, 

Bebt Gott in den Höhn und die Engel sind bleich von dem Graun, 
das ihn bannt. 



Der Mythus der Erde 263 



37. Seine Dämmerung kam auf ihn, 
Er zittert: die Schar 

Seiner Geister blickt gram auf ihn, 

Erschreckt von der Fahr: 

Seine Stunde erfaßt ihn, die letzte in seinem unendlichen Jahr. 

38. Das Hirn schuf und richtet ihn, 
Die Wahrheit begräbt 

Und vergibt,- dodi vernichtet ihn 

Die Zeit und erhebt 

Der Liebe geliebtesten Freistaat, den Freiheit erhält und der lebt. 

39. Denn lebendig und ganz ist 
Die Wahrheit nur hier; 

Pol und Polstcrnes Glanz ist 
Die Liebe zu ihr 

Dir Mensch, der da Herzenspuls, Frucht meines Körpers und Seelen« 
saat mir. 

40. Meines Busens ein Sproß, 
Eine Blüte, die sich 
Zuhöchst mir erschloß 
Und mächtiglich 

Zum Himmel dringt: Mensch, du, mir gleich, mit mir eins, der mein 
Werk und der ich. 

Die Grundstimmung dieses Gedichtes ist enge verwandt mit der JßJjJ^ 
des Psalms 90, aber in durchgängiger Übertragung der_ positiven » Hcr $£/ n dcr 
Gefühlseinstellung von der väterlichen auf die mütterliche Potenz. 
Man vergleiche im besonderen mit Strophe 1—3 Psalm 90, 2-6: 

Ehe die Berge geboren wurden, 

ehe Erde kreiste und Welt, 

für und für bist du, o Gott! 

Denn tausend Jahre sind vor dir 

wie das Gestern, wenn 's vorüber ist, 

wie eine Wache in der Nacht! 

Du führst die Menschen zurück zum Staube 

und sprichst: kehrt heim, ihr Menschenkinder! 

Du schwemmst sie fort,- sie werden 

wie der Schlaf am Morgen, 

wie das Gras, das vergeht! 

Am Morgen blüht es und wächst, 

am Abend welkt es und dorrt. 

(Nach Gunkel: Ausgewählte Psalmen.) 




264 Dr. Emil Lorenz 



Ein anderer biblischer Anklang ist enthalten in Sprüche 8, 22 ff. 
Hier spricht die »Weisheit« <hokma> in jenem Abschnitt, der ein 
allerdings relativ spätes, vielleicht schon philosophisch beeinflußtes 
Weltschöpfungsmotiv enthält. 

Jahwe schuf mich als den Anfang seiner Wege, 

als erstes seiner Werke vorlängst. 

Von Ewigkeit her bin ich eingesetzt, 

zu Anbeginn, seit dem Ursprung der Erde. 

Als die Urfluten noch nicht waren, wurde ich geboren, als es nodi keine 
Quellen gab, reich an Wasser. 

Ehe die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln wurde ich geboren, 

ehe er noch Land und Fluren geschaffen hatte und die Masse der Schollen 
des Erdkreises. 

Als er den Himmel herstellte, war ich dabei, als er die Wölbung über 
dem Ozean festsetzte, 

als er dicWolken droben befestigte, als die Quellen des Ozeans mächtig wurden, 

als er dem Meer seine Schranke setzte, daß die Wasser seinen Befehl nicht 
überschreiten durften,- als er die Grundfesten der Erde feststellte: 

Da war ich ihm als Werkmeisterin zur Seite, da war idi <ganz> Entzücken 
Tag für Tag, spielend gesdiäftig vor ihm zu jeder Zeit, 

spielend auf seinem Erdenrund und hatte mein Entzüdten bei den Menschen- 
kindern 1 . 

Gliederung und "p •• 57 4 

verwandte Mo. rur unseren Zusammenhang kommt es weniger in Betracht, 

«kr N«or4ik«r, °^ hier a ^ tes mythisches Gut verborgen liegt oder spätere Speku» 

ondgermaokdien «tfon. Tatsache ist, daß hier zwischen der extrem mütterlich ge= 

"'S. richteten »Hertha« Swinburnes und der männlichen Tendenz des 

Psalms 90 eine Vermittlung vorliegt in Gestalt des weiblichen ersten 

Geschöpfes Jahwes, die als »Werkmeisterin« eine Abspaltung der 

Persönlichkeit Jahwes selber ist. 

Die einleitenden Strophen 1 — 3 bringen die ewige Präexistenz 
der mütterlichen Potenz zum Ausdrude, Strophe 4 — 8 zeichnen in 
immer neuen, sich übersteigernden Bildern den Zustand der In- 
differenz zwischen Subjekt und Objekt, der diesseits der Indi- 
viduation liegt, die mit der Trennung von der Mutter ihren Anfang 
nimmt. Im besonderen wäre hier hinzuweisen auf eine Bemerkung 
beiLevy=Bruhl: Das Denken der Naturvölker 2 , der <S. 26) folgendes 
schreibt: 

1 Nach Alfred Jeremias : Das alte Testament und der alte Orient. 2. Aufl. 
Leipzig 1906. 

2 Deutsch herausgegeben von Wilhelm Jerusalem. Wien und Leipzig 1921. 



Der Mythus der Erde 265 



Die Erde endlich in Loango »ist den Bafioti mehr als ein 
Schauplatz, worauf ihr Leben sich abspielt. In und aus der Erde 
wirkt ein Etwas, das alles durchdringt, Vergangenes und Künftiges 
vereinigt . . . Alles Lebende entnimmt dem Boden seine Kraft . . . Die 
Auffassung unserer Leute ließe sich dahin wiedergeben, daß sie ihre 
Erde als ein von Nsambi <Gott> stammendes Lehen für heilig halten«. 
<NachPeschueULoesche: DieLoango^Expedition 1907,III.,2,S.194ff.> 
»Der gleiche Glaube,« fährt LevyBruhl fort, »findet sich bei den 
Indianern Nordamerikas, die es für eine Freveltat halten, den Boden 
zu bearbeiten. Man würde da Gefahr laufen, dessen mystische 
Macht zu verletzen und sich den fürchterlichsten Schaden zuziehen« * 
Zum »Urbronnen« in Strophe 3 ist zu vergleichen, daß Rheia 
in den Oracula Chaldaica (bei Kroll, S. 19, 27 — 30, 69> als mfffj 
bezeichnet wird, ferner Jesaja 51, 1 f. : Blickt auf den Felsen hin, 
aus dem ihr gehauen seid, und auf die Höhlung des Brunnens, 
aus der ihr ausgegraben seid. Blickt auf Abraham, euren Ahn= 
herrn, und auf Sara, die euch gebar. 

Die Strophen 14—19 sind ein Aufruf, sich freizumachen von 
der väterlichen Macht des Gottes, darunter besonders bezeichnend 
Strophe 14: 

Mother not makcr, 

Born and not made, 

Though her childrcn forsake her, 

Allured or afraid. 

Praying to the god of their fashion, 

She stirs not for all that have prayed. 

Den Kern des visionären Hymnus bilden die Strophen 20 — 33, 
in denen die Gleichsetzung der Erdmutter mit dem Lebens» und 
Weltbaum (Yggdrasil) erfolgt. Auf die Geburt weist Strophe 22 
hin, das Bild des Yggdrasil erneuert sich in Strophe 28. Vgl. 
Grimnismol 34, 35: 

34. Mehr Würmer liegen an den Wurzeln der Esdie, 
als ein unkluger Affe meint: 
Goin und Moin <die sind Grafwitnirs Söhne), 
Grafwollud und Grabak dazu, 
Ofnir und Swafnir sollen ewig, mein ich, 
verzehren die Wurzeln des Baums. 



1 Dasselbe wird von den Tschuwaschen während des Sinjzafestes berichtet 
vgl. Archiv für Religionswissenschaft II, S. 358 <Wolter>. 



266 Dr. Emil Lorenz 



35. Yggcirasils Esche muß Ungemach leiden, 
mehr als ein Menschenkind ahnt: 
Oben frißt sie der Hirsch, es fault die eine Seite, 
während Nidhogg die Wurzeln benagt. 

Der Vergänglichkeit ist also in der Edda auch der Weh- 
baum Yggdrasil unterworfen,- vgl. Völuspa 47: 

Yggdrasil bebt,- der Eschen höchste, 

es rauscht der alte Baum, der Riese wird frei. 

Der mütterliche Baum Hertha bei Swinburne ist dagegen 
über alle Vergänglichkeit emporgehoben. Wie die weissagenden 
Bäume des Altertums (die Eiche des Zeus in Dodona mit seinem 
uralten Erdkult 1 / der Lorbeer des Apollo 2 ,- auch Yggdrasil selbst, 
an den sich Odin nach seiner Selbstopferung aufhängt, um der 
Kenntnis der Runen teilhäft zu werden) ist Hertha allwissend/ 
vgl. Strophe 9 — 13. Sie allein weiß um die Herkunft der Menschen, 
von dem Lebensfeuer, das sie beseelt, ihrer Bindung und Ent- 
Bindung in der Urhöhle, der kosmischen fir'iTQa 3 . 

Odin erzählt im Hovamol <138ff.): 

138. Ich weiß, daß ich hing am windbewegten Baum 
neun Nächte hindurch, 

verwundet vom Speer, geweiht dem Odin, 

idi selber mir selbst, 

<an dem mäditigen Baum, von dem die Menschen nicht wissen, 

aus welchen Wurzeln er wuchs). 

139. Man bot mir kein Hörn noch Brot zur Labung, 
nach unten spähte mein Aug', 

ächzend hob ich, hob aufwärts die Runen, 
zu Boden fiel ich alsbald. 

140. Su gedeihn begann ich und bedacht zu weiden, 
ich wuchs und fühlte mich wohl/ 

ein Wort fand mir das andere Wort, 
ein Werk das andere Werk. 

Gering <Die Edda, S. 105, Anm. 3) bemerkt hiezu: Um 
die Runen zu erfinden und durch sie geheimer Weisheit mächtig 
zu werden, opferte Odin sich selbst, indem er an der Weltesche 

1 Vgl. Ludwig Weniger: Altgriediisdier Baumkultus. Leipzig 1919. S. 13 ff. 

- Weniger, ibid. S. 16 ff, 

3 Vgl. Robert Eislen Weltenmantel und Himmelszelt. S. 653. 









Der Mylhus der Erde 257 



sich aufhängte und mit dem Speer sich verwundete. Daher heißt 
die Esche Yggdrasil, d. h. Yggs <Ygg, »der Schreckliche« = Odin) 
Roß, wie der Galgen in einer skaldischen Dichtung einmal »das 
Pferd« des Geliebten der Signy genannt wird <da König Sigar 
den Hagbard, der ein Liebesverhältnis mit seiner Tochter Signy 
unterhielt, aufhängen ließ). - Die Art, wie Odin sich selbst opferte, 
ist auch sonst bezeugt: nach der Gautrekssaga, c.7, »opferte Storkad 
dem Odin den König Wikar, indem er ihn mit einem Speer durdv 
stieß und an eine Fichte aufhängte«. 

Die Selbstopferung Odins ist eine Rückkehr zur allwissenden 
Mutter, dem mütterlichen Weltbaum, also eine Introversion. Odin 
ist ursprünglich Wind^, Seelen- und Totengott, wie sein später 
Nachfahre, der wilde Jäger. Das Aufhängen auf den Baum ist 
vielleicht eine Spur ehemals verbreiteter Baumbestattung <s. u.>. 
Die Gleichung Tod = Rückkehr zur allwissenden Mutter wird erst 
später ihre Deutung erfahren. 

Um zu Swinburne zurückzukehren, erinnert Strophe 9 über= 
haupt an kosmogonische Spekulationen der Orphiker. 

»Im großen Mischkrug der Nacht — ein schönes Gleichnis 
für das Verschwimmen aller Einzelerscheinungen im abendlichen 
Dunkel — sollen die Stoffe durcheinandergerührt und wie in einem 
Schmelztiegel ... zu einem Guß verschmolzen werden. Unruhig 
und unwillig, sich zu einer Einheit zu verbinden, wogen die Massen 
hin und her und erzeugen (ivoiag äteXelg xgcioeig, d. h. die vielen 
Gottheiten, die Orpheus zwischen Chronos und dem erstgeborenen 
Phanes anführt. Endlich aber schließt sidi der Urstrom - genauer 
gesagt, jenes wogende Meer des Urgemisches - wie eine Luft= 
blase im umgerührten Wasser zu entstehen pflegt - von Zeit und 
Notwendigkeit im Wirbel bewegt, zu einem Kreis zusammen und 
formt ein rundes Gebilde,- da ersieht der Gott den Augenblick und 
schmiedet aus dem Lichtstoff, der sidi zu Anfang abgeschieden hat, 
eine feste Schale um die eiförmige Blase, die er fürs erste in eine 
strahlende, aus Glanz gewobene Hülle eingefangen hat. Aber auch 
diese 8»G>0t$ soll nicht von Dauer sein. Bevor der Wirbel in die 
Eischale eingeschlossen werden konnte, hat er, wie der Strudel im 
Wasser die Luft einschluckt, saugend etwas vom Atem der Uiv 
gottheit <Vcwö,ua> in sein Innerstes gerissen. Durch diesen göttlichen 
Hauch befruchtet, gärt und keimt nun die wieder zur yövifiog vh) 
gemischte, langsam in glühende Bruthitze gelangende Masse weiter 



268 Dr- E mil Lorenz 



und gebiert den absichtslos von Chronos gezeugten Leuchter 

,Phanes'«. 

Zu Strophe 12 vgl. den bei Jung: Wandlungen und Symbole 
der Libido, S. 83 zitierten ?.6yog aus der Mithrasliturgie: 'Eydi 
ei/M GvtmXavog v^iv da'cijQ xal bt tov ßäüovg ävaXd/JJtO)v. Auch 
muß hier mit Jung 1 auf Hölderlins Gedicht »An die Natur« hin- 
gewiesen werden: 

Da zur Sonne noch mein Herz sich wandte, 

Als vernähme seine Töne sie, 

Und die Sterne seine Brüder nannte. 

Bereits in Strophe 32 — 33 klingt wieder das Gegenmotiv zu 
der werbenden Liebe der Mutter an und dieses steigert sich in 
dem letzten Absdinitt zu einem förmlichen Gericht über die Idee 
von Gott und Vater und zu ihrer Vernichtung im Namen der 
Freiheit. Ihr Erbe tritt die Mutteridee an und nodimals taucht am 
Schlüsse das gewaltige Bild des Weltbaumes auf, als dessen wesens» 
gleicher Sproß der Mensch sich in den befreiten Himmel erhebt. 

Das Wesentliche der hier miteinander ringenden Tendenzen 
ist so klar, daß wir darüber kein Wort zu verlieren braudien. 
Der Punkt, an dem unsere Untersuchung ansetzen soll, liegt nicht 
in der bisher genugsam erörterten Gegensätzlidikeit der beiden 
Tendenzen, sondern betrifft das zentrale Bild des Weltbaumes, 
der zugleich den unendlichen Leib der Erde und die Mutter» 
Imago darstellt. Wir suchen nach einem Gesetz in den wechselnden 
Bildern, in denen sich die mythenbildende Phantasie ergeht. 

II. 

Die Psychologie des integralen Denkens. 

BtoSroTS*«« Wir dürfe" uns bei der im übrigen sehr allgemein gehaltenen 

H °Ste Erde a " Fassung des am Schlüsse des vorigen Kapitels gestellten Problems 
an den Übergang der Libidobindung von der Horde zur Erde 
erinnern, den der »Politische Mythus« behauptet hatte. Denn die 
wichtigsten Darlegungen jenes Versuches gipfelten in dem Nach» 
weis, daß sich die an die Gemeinschaft der Horde geknüpften 
»mütterlichen« Libidotendenzen im Verlauf der Kulturentwidclung 

■ Ibid. S. 136. 



Der Mythus der Erde 269 

von dieser ablösen und fortan die längste Zeit an die Erde ge- 
bunden ersdieinen \ Der damit aufgestellten Forderung, das Gefühl 
der Zugehörigkeit und Abhängigkeit von einem größeren söSützenden 
Ganzen als in einem Übergang von der aus Personen bestehenden 
Einheit der Horde zu einem Naturobjekt begriffen zu denken, vor- 
zustellen und nadizuerleben ~ diese Forderung ist, abstrakt ge- 
nommen, nicht leicht zu erfüllen. Sie müßte auch bei aller theoretischen 
Anerkennung sdiließlich unerfüllt bleiben, falls sie weiterhin einer 
tieferen Fundierung ermangeln sollte. Nach welcher Richtung diese 
zu erfolgen hätte, geht aus folgender Überlegung hervor. Zunächst 
müssen die Gemeinsamkeiten zwischen Horde und Erde begrifflich 
und psychologisch schärfer erfaßt werden. Bloß begriffliche Er- 
fassung derselben im Sinne der Zurückführung auf eine gemein- 
same Gattung erwiese sich als unzulänglich, da sie dem gleichsam 
flüssigen Charakter des primitiven Denkens nicht gerecht würde. 
Aber auch der diesem Rechnung tragende »psychologische Begriff«, 
die Allgemeinvorstellung, ist hier nur ein unvollkommener Behelf. 
In dem Bestreben, jeder einzelnen Erscheinung recht zu geben, 
verfällt er in das dem Schematismus der logischen Begriffe ent- 
gegengesetzte Extrem, in die Haltlosigkeit. Die Einführung eines 
neuen Denkmittels ist hier nicht zu umgehen. 

Eine weitere Überlegung führt uns dazu, nach »Vorstufen« 
für das Phänomen der Gebundenheit an die Erde zu fragen, die 
bereits im Hordenstadium wirksam waren. Die Beantwortung dieser 
Frage ist eine Forderung des Prinzips der Kontinuität, einer Grund- 
voraussetzung jeder kulturgeschichtlichen und völkerpsydiologischen 
Arbeit. Es wird vielleicht für die Richtigkeit der Lösung sprechen, 
die ich für diese beiden Forderungen im folgenden zu geben 
gedenke, daß sie im Grunde eine für beide gemeinsame ist. 

Es ist in allem und jedem eine gleichsam unterirdische Arbeit, ^^Ste Träg . 
die hier geleistet werden soll. Es gilt, aus den Erzeugnissen des 
Kulturschaffens jenes konstante Moment herauszulesen und in 
seiner Idealität hinter aller Wandelbarkeit kultureller Schöpfungen 
zu verfolgen, durch dessen dauernde Wirksamkeit alle logisch- 
ethische Anspannung gegenüber der Realität doch schließlich den 
Zusammenhang mit dem Lustprinzip aufrechterhält. Man wird 
dieses Moment physikalisch als Trägheitsmoment, logisch und 
mathematisch als irrational bezeichnen dürfen. 

' Vgl. Imago VI, S. 77. 



hdismoment. 



270 Dr. Emil Lorenz 



Eine solche Betrauung ist nötig neben jener anderen technisch^ 
rationalen, der als Wertmaßstab die Anpassung der kulturellen 
Gebilde an das technische Ideal ökonomischer Umformung der 
Materie für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse vor Augen 

schwebt. 

Der Idee nach bestünde die Aufgabe der Völkerpsychologie 
darin, das Hervorwachsen komplexer und, wie man zu sagen pflegt, 
»sozial bedingter« psychischer Gebilde aus psychischen Notwendige 
keiten zu verfolgen, die aber wieder nur in Individuen unmittelbar 
wirklich sind, denn es macht nichts aus, ob diese Wirklichkeit erst 
durch eine geistige Wechselwirkung mit einer Mehrheit von Indi- 
viduen ermöglicht oder spontanen Ursprungs ist. Gilt ja diese 
soziale Bedingtheit auch von den einfadieren und einfachsten 
psychischen Gebilden, die ihre Gußform in der Wechselwirkung 
mit einem Du erhalten. Gemeinsame geistige Erzeugnisse, als 
welche Wundt den Gegenstand der Völkerpsychologie bezeidinet» 
sind darum alle geistigen Erzeugnisse und es gibt im Grunde 
keinen Gegensatz zwischen Individual- und Völkerpsydiologie, 
sondern nur eine Psychologie, die uns — der Idee nach — zu 
zeigen hätte, wie das Ich Objekte ergreift, umdeutet, schafft, durch 
die unter dem Einfluß seiner Affekte selbst geschaffenen Objekte 
beherrscht wird und sich deshalb beherrschen läßt, weil diese Ob- 
jekte Forderungen seines eigenen Wesens verkörpern- 

Die gemeinsame Urtatsache unseres geistigen und körper- 
lichen Daseins, über die Erfahrungserkenntnis nicht zurückschreiten 
kann, ist die Entstehung der Individualität,- die Loslösung und 
Verselbständigung eines psychophysischen Ganzen aus dem dunklen 
Naturgrund, ein Vorgang metaphysischer Natur, von dem die 
Wissenschaft nur die wahrnehmbaren Begleitumstände beschreiben 
kann. Vorwärts dieses Zustandes der Ruhe und Indifferenz liegt 
die Ausbreitung unseres Bewußtseins in der Welt der Dinge, die 
Mannigfaltigkeit der Versuche, die Welt der Erfahrung nach 
unseren Ideen umzugestalten. Diese Ideen selbst aber sind Urbilder 
oder Schemata, die wir an die Dinge anlegen, um sie unseren 
Bedürfnissen und Wünschen gemäß zu gestalten. Das Ergebnis 
dieser Bemühungen ist eine vom Geist geschaffene Welt, die 
beständig auf ihren Ursprung, die anfängliche Indifferenz, zurüdt- 
blickt, eine Reihe unvollkommener und notwendigerweise aussichts- 
loser Versuche, zwischen der Mannigfaltigkeit der Erfahrung und 



Der Mythus der Erde 271 



dem Zustand geistiger Integration eine dauernde Verbindung her- 
zustellen. Diese Versuche äußern sich nicht nur in der Art und 
Weise, wie wir die Welt auffassen, was wir auswählend aus ihr 
apperzipieren, was wir übersehen, vergessen, bewußter- oder 
unbewußterweise ausschalten, sondern auch in den Formen, die 
wir unserer Umgebung aufprägen, von der Kleidung und Be- 
hausung angefangen bis zu all den sichtbaren Veränderungen, 
durch die sich ein bewohntes Stück Land von einem unbewohnten 
unterscheidet. 

Die damit entstehende sekundäre Welt ist Gegenstand der BAaotogteimd 

ö VolkerpsyAo« 

Ethnologie, wenn man den Standpunkt der wissenschaftlichen lo s i£ - 
Beurteilung in der Mannigfaltigkeit der Welt der materiellen und 
geistigen Objekte nimmt (Sprache, Mythus, Brauch, die verschiedenen 
Artefakte),- sie ist Gegenstand der Psychologie, wenn man in 
der Mannigfaltigkeit jener Objekte Äußerungen, Objektivationen 
psychischer Mächte erblickt und die Frage nach Art, Beschaffenheit 
und Stärke jener Mächte erhebt. Die Ethnologie als historische 
Grammatik der Formensprache der kulturellen Schöpfungen wird 
nun, so sehr sie dem Einheitlichen im Mannigfaltigen, dem Ent- 
widdungsgesetz dieser Formensprache nachspürt, die ja nicht bloß 
geistgesetzt sind, sondern vielfadi durch das Material bedingt 
erscheinen, in dieser Mannigfaltigkeit mehr befangen bleiben als 
die Völkerpsychologie, die, im Subjekt und seiner doch beschränkten 
Zahl von Urmotiven wurzelnd, Geist- und Stoffbedingtes ethno- 
logischer Mannigfaltigkeit unterscheiden wird. Wenn man als das 
höchste Ziel des Bemühens um die gemeinsamen Gegenstände 
beider Wissenschaften eine Entwicklungstheorie des Geistigen 
im Mensdien betrachtet, so wird diese aber eher Sadie der Völker- 
psychologie sein, während die Ethnologie vorwiegend Entwick- 
lungsgeschichte bieten wird 1 . 

Es erhebt sich nun die Fraee nach den konkreten Formen, DieSrcti S kcit in 

T ( r\-tr der psychischen 

in denen sich dieser Übergang vom Integralen zur Differenzierung Entwicklung. 
vollzieht. Diese Frage könnte auch als die konsequente Fortbildung 
des Problems der Stetigkeit im Kulturwandel <Vierkandt> 
dargestellt werden. Denn dieses Problem, welches ausgeht von der 
ethnologischen Feststellung, daß in jedem Kulturerzeugnis eine 
Art Trägheitsmoment wirksam ist, demzufolge ältere geist- und 



1 Vgl. zu dem ganzen Problem Krüger: Über Entwicklungspsycfiologie, 
Leipzig 1915. 




272 Dr. Emil Lorenz 



materiebedingte Formen in jeder späteren Entwicklungsform eines 
Kulturerzeugnisses enthalten sind <aufgehoben in dem doppelten 
Sinn des Wortes), - dieses Problem muß jetzt lauten: Da der 
Regressus der Kulturformen kein unendlicher ist, welche Form ist 
es, in der sich der Übergang aus der Integration zur Differenzierung 
vollzieht? Oder: Nach welchen Urbildern hat der erwachende Geist, 
denkend und handelnd, zuerst die Welt gestaltet? Dieses Urbild 
durch ethnologische Forschung festzustellen, erscheint aussichtslos- 
Hier kann nur der Ausgang vom Subjekt Aufschluß geben. 

Es ist klar, daß eben wieder wegen des Prinzips der Stetig» 
keit dieses Urbild oder diese Urbilder einen hervorragend integralen 
Charakter haben werden. Das integralste, dabei aber den Aus» 
gangspunkt aller Orientierung in der Welt darstellende Bild wird 
zu gewinnen sein durch schärfste psychologische Analyse jenes 
Zustands, da sich aus dem anfänglich ununterscheidbaren Ge- 
woge von Lust» und Unlustmotiven Stüdte der gegenständlichen 
Welt herauszudifferenzieren beginnen. Was dabei an Gegenständ- 
lichem zuerst, ins Bewußtsein tritt, wird, obgleich der Art nach ein 
anderes, noch immer vorwiegend mit integralen Momenten durcn« 
setzt sein und dies um so mehr, wenn es an sich in enger Be- 
ziehung zu Lust und Unlust steht. Dies trifft aber auf jenes Stück 
»Welt« zu, das eben des werdenden Bewußtseins erste Welt war 1 . 
Voneinander gesonderte Bestandteile der Welt gibt es erst 
auf einer späten Stufe. Zunächst ist alles gleichsam eingebettet in 
eine unbestimmte Totalität, aus der sich die Elemente nur zögernd 
loslösen. Was sich aus ihr zuerst heraushebt, wird naturgemäß 
einen dauernden Vorsprung vor allem späteren differenzierten 
Erleben haben. 
Dicübcryindung Es ist ein Grundirrtum, aus dem Zusammenwirken eines 

des Dualismus im " ' T> i XT - 

primär^ Total- individuellen EinzeUIchs, das man sich mit 1 rieben, JNeigungen, 

erlebnis. ' 

Fähigkeiten - jedes Wort im Grund ein asylum ignorantiae - 
ausgestattet denkt, mit der belebten und unbelebten Welt die 
Produkte des entwickelten Seelenlebens »abzuleiten«. Die biologi» 
sehen und evolutionistischen Theorien sind hiebe! nicht wesentlich 
verschieden von der intellektualistischen. Sie stellen ein fertiges 
oder keimendes Bewußtsein sozusagen punktartig der Marrnig- 

' Vgl. Jung: Wandlungen und Symbole der Libido. S. 245: Das große 
urtümliche Bild der Mutter, das uns erstmals einzige Welt bedeutete und nach- 
mals zum Symbol von aller Welt wurde. 






Der Mythus der Erde 273 

faltigkeit der Dinge gegenüber und lassen sodann eine Auseinander* 
Setzung zwischen den beiden Wirklichkeiten - Seele und Welt - 
stattfinden. Diese Auseinandersetzung ist bald erkenntnisartiger 
und bald emotionaler Natur, ihr Zweck mag bei der biologischen 
Auffassung des Prozesses in der Anpassung an die Daseins- 
bedingungen beruhen oder - nach dem Idealismus - in der 
Überwindung der phänomenalen Vielheit durch den Geist, der, 
einer metaphysischen Einheit angehörig, diese verloren hat und sie 
auf dem Umweg über die Welt wieder zu finden bestimmt ist/ 
die »Ausstattung« mit Fähigkeiten geistiger und physischer Art 
mag ein« für allemal gegeben sein oder auf fortschreitender Sum- 
mierung geglückter Anpassungsleistungen beruhen: ein gewisser 
Dualismus ist allen Theorien gemeinsam: sie leiten das Du aus 
dem Ich ab/ sie lassen das Ich zu der Welt allmählich in Be- 
ziehung treten, sich immer neuer Objekte und Zusammenhänge 
bemächtigen,- sie vergessen über dieser bewußten Ausbreitung 
theoretischer und praktischer Art, daß sie sich erhebt auf der 
Grundlage einer Verwurzelung physischer und geistiger Art mit 
der Gesamtheit des Seins, die durch die Abtrennung der Nabel*- 
schnür nicht unterbunden wird/ die durch den Luststrom, der 
Mutter und Kind verbindet, beständig rege erhalten wird,- aus 
der die Welt der Objekte samt ihrem subjektiven Gegenstück, 
dem ordnenden Verstand, sich erst herausdifferenziert, ohne daß — 
zufolge des Gesetzes der Kontinuität — diese Differenzierung 
jemals eine vollständige werden könnte/ daß darum beständig ein 
Restbestand irrationaler und instinktiver Art übrigbleibt, dessen 
Tendenz es sein muß, zur Integrierung zurückzuführen. Eben 
diesen unerklärlichen Restbestand aus dem Denken und 
dessen sichtbarenProdukten herauszulösen und zu zeigen, 
daß er eine Wirkung jenes ursprünglichen integralen 
Moments ist, das, aller bewußten Ausbreitung vorausgehend, 
diese zugleich stützt — durch Anknüpfung an Gegebenes — und 
verzögert — durch seine Trägheitswirkung — ist eine Aufgabe, 
deren Lösung die Voraussetzung bildet für alle übrigen Aufgaben 
der Entwiddungspsychologie. Und eben das muß der Ausgangs- 
punkt dieser Entwicklungspsychologie sein, daß sie nicht ein punkt- 
formiges Ich den anderen Ichen und Dingen gegenüberstellt, sondern, 
hinter diesen Zustand der Vereinzelung zurückschreitend, in dem 
Mit- und Füreinandersein von Mutter und Kind die Integration 

Imago VHI/3 , 3 



274 Dr. Emil Lorenz 



verwirklicht findet. Diese Integration ist weder Gefühl, noch Wille, 
noch Vorstellung/ sie ist das primäre Totalerleben schlechthin. Wenn 
wir die verschiedenen Lebensäußerungen und Funktionen durch die 
Unterlegung des Begriffes verschiedener Bedürfnisse oder Triebe 
logisch zu bewältigen trachten, so ist die Befriedigung sämtlicher 
Bedürfnisse des wamsenden Lebens an die Person der Mutter 
gebunden. Sie in erster Linie befriedigt das Nahrungs-, das Schutz*, 
das Anlehnungsbedürfnis des Kindes und vermittelt ihm die erste 
Orientierung in der Welt. Die gesamte Auseinandersetzung des 
werdenden Individuums mit der LImwelt erfolgt von ihrem Koordi- 
natensystem aus. 
Das psyAisAe Unter Zugrundelegung des Gesetzes der Kontinuität wären 

wir zu dem Schluß genötigt, daß alles spätere Sichhineinfinden in 
die Wirklichkeit und alle Anpassung der Wirklichkeit an unsere 
Wünsche und Bedürfnisse unter dem bestimmenden Einfluß des 
Urtypus der durch die Mutter-Imago vermittelten ersten Aus- 
einandersetzung des Ichganzen mit Welt steht. Alles Nahrungs- 
spendende, Lustgewährende, Sd^utzbietende, in Indifferenz uns in 
ein Ganzes Einordnende müßte das Familienzeichen der mütter- 
lichen Imago an sich tragen. Und dieses muß in der Tat das 
inhaltliche Bestimmungselement des psychischen Integrals sein, 
wie wir unser neues Denkmittel nennen wollen. Die Angleichung 
und Ausgleichung zwischen Ich und Welt erfolgt im Sinne eines 
vermittelnden Typus, den wir handelnd in die Wirklichkeit um- 
setzen und vorstellend in sie hineinlegen. Dieser vermittelnde 
Typus besteht in einer solchen Formung der Wirklichkeit durch 
das Vorstellen und das Handeln, daß sie zur Quelle der ersten 
Lust zurückzuströmen scheint. 
»Gese', Br d M: Die Fruchtbarkeit dieses Denkmittels erweist sich uns gleich 

P^patfon«. bei der Betrachtung eines Problems, dem sich die moderne Ethno- 
logie erst in den letzten Jahren erschlossen hat. Diese hat sich .n 
steigendem Maße der Erkenntnis genähert, daß das Denken der 
Primitiven mit den Formen unserer Logik nicht erklärt werden 
kann, daß insbesondere der Versuch Tylors, gegründet auf se.ne 
Theorie des Animismus, in seinen wesentlidien Zügen als ge- 
scheitert gelten muß. Marett, Preuß und Frazer widmeten sich 
dann der Begründung und dem Ausbau der sogenannten pra- 
animistischen Theorie, die den Schwerpunkt der Erklärung des 
primitiven Seelenlebens auf die magische Handlung verlegten, 



Der Mythus der Erde . 275 



der sie die Priorität vor einem recht problematischen theoretischen 
Erklärungsbedürfnis der Primitiven zuschrieben. Erkenntnis und 
Vorstellungsleben traten in diesen Forschungen zurück gegenüber 
der Welt des magischen Handeins. Aber trotzdem ist alles mensch« 
liehe Handeln, soweit es nicht reine Instinkthandlung ist, bedingt 
durch Gedanken, von denen es getragen oder zum mindesten be= 
gleitet wird. In diesem Sinne bildet ein Werk wie L6vy-Brühls 
»Denken der Naturvölker« eine notwendige Ergänzung zu den 
Werken der vorgenannten Forscher. Insbesondere muß als grund- 
legend gelten das von Levy=Brühl aufgestellte Gesetz der Parti* 
zipation. Was mit diesem Ausdruck gemeint ist, ist nach des Ver- 
fassers eigenen Worten schwer in den gewöhnlichen Rahmen unseres 
Denkens hineinzubringen, 

»Ich möchte sagen, daß in den Kollektivvorstellungen des 
primitiven Denkens die Gegenstände, Wesen, Ersdieinungen auf 
eine uns unverständliche Weise sie selbst und zugleich etwas 
anderes als sie selbst sein können. Auf eine nicht minder unver- 
ständliche Weise entsenden und empfangen sie Kräfte, Fähigkeiten, 
Eigenschaften, mystische Wirkungen, die außerhalb von ihnen fühl- 
bar werden, ohne aufzuhören, zu sein, wo sie sind« 1 . 

Die wesentlichsten Fälle nun, in denen das Gesetz der Das m y stis * e 

r> • • .• -Alf« 4 n Kraftkontlnuum. 

Partizipation sich als wirksam erweist, die Setzung der Identität 
an Stelle der Ähnlichkeit, die mangelnde Unterscheidung zwischen 
Subjekt und Objekt, der Glaube an Einwirkungen mystischer 
Natur, wie zwischen Clan und Totem, auf deren Analyse so 
ungemein viel Scharfsinn verwendet wurde, lassen sich durch das 
psychische Integral als Trägheitsrückstände aus der Periode seeli- 
scher Entwicklung verständlich machen, in der Subjekt und Objekt 
noch nicht getrennt, sondern durch einen dauernden Strom von 
Lust und Befriedigung, ein Kräftekontinuum, verbunden waren. 
Levy-Brühl 2 zitiert folgende Stelle aus einem Aufsatz eines 
amerikanischen Ethnologen 3 : 

»Sie fühlen sich von allen Seiten von geistigen Kräften um- 
geben, die ihnen in den Gegenständen, auf die ihre Aufmerk- 
samkeit durch praktische Bedürfnisse gerichtet ist, konzentriert 



1 A. a. O. S. 58. 
"• A. a. O. S. 81. 

3 Hose and McDougall: Men and animals in Saraxeak <J. A. I. XXX 
o. 1/4/. 



18' 



276 



Dr. Emil Lorenz 



erscheinen. Um einen den Psychologen vertrauten Ausdruck zu 
gebraudien, könnte man sagen, daß sie in einem Kontinuum 
geistiger Kräfte eine Menge dieser geistigen Kräfte in den ver- 
schiedensten Graden der Genauigkeit differenziert haben.« 

Levy-Brühl fährt dann selbst fort: »Dieses Kontinuum 
geistiger Kräfte, das vor den durch Differenzierung aus ihm ent- 
standenen bestimmten Individualitäten da ist, finden wir in Nord- 
amerika wieder durch Miß Alice Fletcher mit fast denselben 
Ausdrücken beschrieben: ,Die Indianer,' sagt sie, ,sahen alle 
belebten und unbelebten Gestalten, alle Erscheinungen als von 
einem gemeinsamen Leben durchdrungen an, das kontinuierlich 
war und der Willensmacht ähnlich, deren sie sich in ihnen selbst 
bewußt waren. Diese mysteriöse (mystische) Macht in allen Dingen 
nannten sie Wakanda und dadurch standen alle Dinge mit dem 
Menschen und untereinander in Zusammenhang. Durch diese Idee 
der Lebenskontinuität war eine Verwandtschaft zwischen dem Sicht- 
baren und dem Unsichtbaren, zwischen den Toten und den Lebenden 
und auch zwischen einem Bruchstück irgend eines Gegenstandes und 
diesem ganzen Gegenstande selbst gegeben und festgehalten'« 1 . 
Schließlich gibt auch Alb.C.Krujt in seinem jüngsten Werke 2 anstatt 
des traditionellen Animismus zu, daß der Geist der Primitiven 
sich vorerst ein Kontinuum von mystischen Kräften, ein Prinzip 
kontinuierlichen Lebens vorstellt und daß die Individualitäten oder 
Persönlichkeiten, die Seelen, die Geister erst in zweiter Linie 
erscheinen 3 . 
HA e Kst n ff ® as Kräftekontinuum in und zwischen den Dingen, dem 

taSfT? e d w " gegenüber die einzelnen Wesen, Personen und Dinge an Bedeutung 
unbewußten" 1 we it zurücktreten, ist eines der wichtigsten Objekte der religions- 
geschichtlichen Forsdiung in den letzten Jahren geworden. Unter 
den versdüedenen Namen des Orenda, Wakonda, Mana spielt es 
die Hauptrolle in der Theorie eines ursprünglichen Monotheismus, 
wie sie von Söderblom\ P. Wilhelm Schmidt 5 und Karl Beth- 
vertreten wurde. Einer vorurteilslosen Untersuchung hält diese 
Theorie nicht Stand. Die unpersönliche Macht, der Kraftstoff, mit 



1 The Signification of the Scalplod <Omaha ritual). J. A. I. XXVII, S. 437. 
8 Het animisme in den indisdien Archipel. 1906. 
s Levy-Brühl, a. a. O. S. 81 f. 

4 Das Werden des Gottesglaubens. Leipzig 1916. 

5 Der Ursprung der Gottesidee. Münster 1916. 

8 Religion und Magie bei den Naturvölkern. Leipzig 1914. 






Der Mythus der Erde 277 



dem die Dinge geladen sind, geht zum einen Teil auf die bewußte 
Erfahrung des Widerstandes zurück, den alle Dinge in verschiedenem 
Maße unserer Willensbetätigung entgegensetzen, zu einem andern 
Teil ist er infantilen Ursprungs und setzt sich zusammen aus der 
Verbotsangst, die mit der frühinfantilen und intrauterinen Allmachts«* 
Situation ein Kompromiß eingeht 1 . 

>Eine Außenwelt gibt es für das aufkeimende Lebewesen 
nur in sehr beschränktem Maße,- sein ganzes Bedürfnis nach Schutz, 
Wärme und Nahrung wird von der Mutter gedeckt . , . Wenn 
also dem Menschen im Mutterleib ein wenn auch unbewußtes 
Seelenleben zukommt — und es wäre unsinnig, zu glauben, daß 
die Seele erst mit dem Augenblick der Geburt zu wirken beginnt — 
muß er von seiner Existenz den Eindruck bekommen, daß er tat* 
sächlich allmächtig ist . . . Mit demselben Rechte, ja mit noch mehr 
Berechtigung, mit der wir die Übertragung der Erinnerungsspuren 
der Rassengeschichte auf das Individuum annehmen, können wir 
behaupten, daß die Spuren intrauteriner Vorgänge nicht ohne Ein» 
fluß auf die Gestaltung des nach der Geburt sich produzierenden 
psychischen Materials bleiben. Für diese Kontinuität der Seelen- 
vorgänge spricht das Verhalten der Kinder unmittelbar nach der 
Geburt« 2 . . . 

Der Verfasser unterscheidet mehrere Stadien der Entwicklung 
des Seelenlebens, in denen sich der Glaube an die embryonale 
Allmachtssituation in abnehmender Stärke widerspiegelt: die Periode 
magisch-halluzinatorischer Allmacht, der magischen Gebärden und 
der magischen Worte. 

Diese Ausführungen sind für uns in mehrfacher Hinsicht bedeut* 
sam. Sie erweisen das mystische Kräftekontinuum der Ethnologen als 
eine Projektion ins Kosmische des zwischen Kind und Mutter vor- 
handenen Kräftekontinuums <Introjektionsstadium>, dessen Bedeutung 
wir durch die Bildung des Denkmittels des psychischen Integrals 
Rechnung getragen haben. Jene Projektion ins Kosmische ist freilich 
keine summarische Übertragung, sondern steht bereits unter dem 
Einfluß der Realitätskorrektur, insofern als die »übersinnliche 
Kraft«, die mit den verwandten, aber nicht durchaus identischen 
Terminis des Wakonda, Orenda, Mana bezeichnet wird, in ver^ 



1 Vgl. Ferenczi: Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Internationale 
Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, I., S. 124 ff. 

2 Ferenczi, a. a. O. S. 127. 




278 Dr. Emil Lorenz 



schiedener Stärke auf die einzelnen Wesen verteilt ist und durch 
eine gewisse Kraftanstrengung in den magischen Riten gesichert 
oder gewonnen werden muß 1 . 
MensA und Erde. jyjit <j er Einführung des Begriffes des psychischen Integrals 

ist die wichtigste Grundlage nidit nur für die Mythenforschung, 
sondern für die gesamte geschichtliche Erklärung des geistigen 
Lebens überhaupt gegeben. Liegt diesem nämlidi nicht mehr bloß 
die allgemeine Menschennatur als ein Ganzes von rein formalen, 
inhaltlichen Bestimmungen gegenüber indifferenten Elementen zu* 
gründe, sondern das a priori inhaltlich bestimmte psychische Integral, 
so lassen sich für die Arbeit in den geschichtlichen Wissenschaften 
von Anbeginn konkretere Ziele stellen und Probleme formen. 

Wenn wir jetzt auf die oft berührte Frage nach dem 
Verhältnis zwischen Mensch und Erde zurüdtsehen, so sind wir 
durch die theoretischen Grundlegungen der vorangehenden Kapitel 
ihrer Lösung ein gutes Stück näher gekommen. Der Boden, auf 
dem der Mensch und eine menschliche Gemeinschaft le*t, hat für 
diese ähnliche Bedeutung, wie die Mutter für das Kind. Wir 
können das jetzt nach der Formulierung des psychischen Integrals 
ganz ohne mystisdVallegorische Nebenbedeutung sagen, bloß 
gestützt auf die Wesensidentität des Nährenden, Bergenden, 
Schützenden. Es lag die Vermutung seit jeher nahe, daß es vor- 
zugsweise der Ackerbau sei, aus dessen Kulten und magischen 
Bräuchen die Verehrung der Mutter Erde hervorgegangen sei. 
Wir hätten dann einen echten Kulturmythus vor uns und noch 
dazu solchen, bei dem sich die Verknüpftheit mit naturmythischen 
Vorstellungen besonders schön zeigt. 
mJSS Hier ist nun zunächst auf den grundlegenden Unterschied 

hinzuweisen, der zwischen zwei Arten der Bebauung des Bodens 
besteht, welchen Eduard Hahn in seinen endlich zum Gemeingut 
der Wissenschaft gewordenen Werken durch die beiden Begriffe 
Hackbau und Pflugkultur bezeichnet hat. Danach geht der 
Bebauung des Bodens mit dem Pflug und dem diesen ziehenden 
Rind eine primitivere Bearbeitung voraus, deren Werkzeug die 
Hacke ist. Dieser Hadibau lebt als Gartenbau noch heute fort. 



1 Mißdeutungen gegenüber, wie sie von Beth <a. a. O.) im Interesse 
eines grundsätzlichen Gegensatzes zwischen Religion und Magie vertreten werden, 
ist daran festzuhalten, daß diese von ihm so genannte »übersinnliche Kraft« 
nichts ist, das außerhalb der magischen Betätigungen der Primitiven stunde. 



Der Mythus der Erde 279 



Das Kennzeichnende für den Hackbau ist nun außerdem, 
daß er in den Händen der Frauen liegt, während die Männer 
sich noch vorzugsweise mit der Jagd beschäftigen und auch davon 
ernähren. Naturgemäß wechseln dabei für sie Seiten des Über* 
flusses mit soldien des Mangels,- und so wenig freigiebig und um 
das Wohl der Ihren besorgt sie sich im Überfluß zeigen ~ die 
Jagdbeute wird oft an Ort und Stelle verzehrt und der Mann 
kehrt mit leeren Händen nach Hause zurück — so sehr sind sie 
bei der Ergebnislosigkeit der Jagd auf die vorsorgende Tätigkeit 
der Frau angewiesen, die in der Nähe der Wohnplätze durch 
ihrer Hände Arbeit eine zwar nicht reichliche und großartige, aber 
sichere und auch für weniger ergiebige Zeiten zurückzuhaltende 
Nahrung schafft. 

Es ergibt sich daraus eine auf Grund des Nahrungstriebes n Di . e 



Determinanccn 



emotional bestimmte Assoziation zwischen der Frau, Mutter oder des , psy*fe* e « 

' Integrals. 

Gattin mit der Ernährung und dem nahrungspendenden Erdboden. 
Es ist nun für das primitive Denken, wie schon erwähnt, kenn* 
zeichnend, daß es derartige von uns in distinkter, »diskursiver« 
Weise als Assoziationen bezeichnete Verbindungen gedanklicher 
Elemente, in integraler Form erlebt. Außerdem besteht seit jeher 
eine enge Verbindung der Mutter mit der Tätigkeit der Ernährung. 
Diese psychobiologische Einheit von Mutter und Nahrungsquelle 
erneuert nun einerseits das »primäre Totalerlebnis« und stellt sich 
anderseits als eine eingeschränkte »Verwirkfichungsform« desselben 
dar. Doch das bedarf vielleicht noch einer eingehenderen Erläuterung. 
Zunächst wird es ja keines Beweises bedürfen, daß eine vollkommene 
Wiederkehr des primären Totalerlebnisses nicht möglich ist, da jeder 
Schritt, den unsere Erfahrung in die Welt hinaus tut, um den 
Preis der »Enge des Bewußtseins« erkauft wird, wir also immer 
weniger eines Totalerlebnisses fähig sind, je mehr wir wissen. 
Trotzdem ist aber jenes erste Totalerlebnis nichts schlechthin Er* 
ledigtes, sondern eine Form, in die alles spätere Erleben hinein* 
gegossen wird. Daraus ergeben sich eine Reihe von »Verwirk* 
lichungsformen«, die natürlich nach der Art der »Gegenstände«, 
durch die sie ausgelöst werden, dem Totalerlebnis gegenüber als 
»beschränkt« erscheinen müssen. Ich möchte an dieser Stelle für 
die neuen Begriffe feststehende Zeichen einführen. Das primäre 
Totalerlebnis möge wie eine logisch*mathematische Größe mit dem 
Buchstaben I {psychisches Integral) bezeichnet werden, die Ver* 



280 



Dr. Emil Lorenz 



Die 

Determinante des 

Schutzes. 



wirklichungsformen durch Buchstaben, die in Form eines Potenz- 
exponenten beigesetzt werden. Diese Buchstaben sollen die »Rieh» 
tung« der Verwirklichung bezeichnen. Die Verwirklichungsform in 
der Richtung der Ernährung erhält dann das Symbol I", wobei 
n = nutrix (Ernährerin). Andere Verwirklidiungsformen - ihre 
Zahl wird sehr beschränkt sein — sind P <tutela = Schutz), 
I 1 <institutio = Unterweisung), 1° (origo = Ursprung), 

Kehren wir vorerst zu dem Problem Mensch-Erde zurück, 
so ist es klar, daß die geschilderten kulturgeschichtlichen Zustände 
eine beständige Belebung und Wacherhaltung des psychischen 
Integrals bedingen werden. Das äußert sich darin, daß ein Teil 
der Libido, welcher an der Mutter-Imago haftet, auf die Erde 
übertragen wird. Zugleich ergibt sich aber daraus eine im Vorbei« 
gehen festzustellende Modifikation an der Hypothese, welche den 
Adterbau als die Grundlage der Mutter-Erde- Vorstellung be- 
trachtet, in dem Sinne, daß es vielmehr der Hadcbau ist, aus dem 
die mythische Vorstellung erwachsen ist. Wir werden später noch 
zu viel weitergehenden Verschiebungen genötigt sein, deren Not- 
wendigkeit uns bereits jetzt die Erinnerung an das auf S. 265 
dieser Arbeit über die Stellung der nordamerikanischen Indianer 
zur Bebauung der Erde Gesagte nahelegen könnte. 

Auf jeden Fall haben wir bis jetzt den Zusammenhang 
eines Mythus oder einer mythischen Vorstellung mit den Lebens- 
bedingungen einer bestimmten Kulturstufe festgestellt. Das läßt 
nun dem Wunsche Raum, die Entwicklungsreihe noch weiter nach 
rückwärts zu verfolgen. Hier kommt uns nun die Erwägung zu 
Hilfe, daß das psychische Integral als ein ebenso altes und wichtiges 
determinierendes Moment das des Schutzes enthalten muß. Denn 
die Mutter ist ebensosehr schützende wie ernährende Macht. 
Dieses Motiv ist sogar vielleicht noch älter. Bereits vor dem Auf- 
treten des Hackbaues <spätpaläolithische Periode) gibt es schützende 
Erdhöhlen, Grotten und überhängende Felsendächer <Abris). Eine 
ähnliche Überlegung wie zuvor ergibt, daß diese als Zuflucht- 
stätten vor allem Ungemach der Witterung, vor wilden Tieren 
und Feinden unter den Mitmenschen sowie als Aufenthaltsort der 
Frauen, zu dem die Männer von Gefahren und Abenteuern zurück- 
kehren, als etwas Weiblich-Mütterliches empfunden worden sind. 

Diese zunächst aus allgemeinen Überlegungen erwachsene 
Anschauung über die Zurückführbarkeit der Zufluchtstätte in der 



Der Mythus der Erde 281 



Erde und damit der Wohnung im engeren Sinne auf die in der 
Richtung auf den Schutz hin determinierte Verwirklichungsform 
des psychischen Integrals <I'> kann teils mittelbar, teils unmittelbar 
aus der Kulturgeschichte belegt werden. 

Schutz bietet die Erde in ihren Grotten, in ihren Wäldern 
und auf ihren Bergen. Das sind außerdem Gegenstände, welche 
zugleich naturmythologisch bedeutsam sind, was eine festere Ver^ 
ankerung derselben in unserem Seelenleben bedingt. Anderseits ist 
zu bedenken, daß, je künstlicher, d. h. je mehr dem Technischen 
des Realitätsprinzips unterworfen eine derartige Zufluchtsstätte 
erscheint, ihre mythische Bedeutung abnehmen wird. Das rein 
künstliche Wohngebäude, sollte man darum meinen, vermag 
als solches keine mythische Kraft mehr zu äußern. Wie nahe aber 
die Dinge beisammenliegen, lehrt uns die Beobachtung, daß das 
Haus nur ein gewisses Alter zu erreichen braucht, um zunächst 
ehrwürdig, dann aber unheimlich zu wirken, eine sonderbare 
Eigenschaft, die es, ganz und gar nicht zufällig, mit dem Weibe 
teilt 3 . Lebendig ist diese unbewußte Gleichung noch außerdem in 
der Sprache, die den Ausdruck »Frauenzimmer« kennt und der 
Traumsymbolik, in der das Zimmer ein Symbol für Frau ist. 

Was nun die Mythologie der Höhle betrifft, so ist sie im Dfe Höhle 

» » , i*-^« tTT«« t» t-. ' m Mythus und 

Mythus einmal Oeburtsstätte des Helden, im Ritus Begräbnisort Ritus, 
und Orakelstätte. 

Bei den zahlreichen Mythen, die uns die Höhle als Geburts- 
ort des Helden zeigen, möchte ich vor der Voreiligkeit warnen, 
die Sache damit zu erledigen, daß man die Höhle auf Grund des 
Tertium comparationis der Hohlnatur ohneweiters mit dem Uterus 
gleichsetzt. Es muß hier darauf Bedacht genommen werden, 
daß der Held doch in der Regel von seiner Mutter in der Höhle 
geboren wird <Zeus von Rhea, Hermes von Maia>, die Höhle 
demnach nicht von dieser Seite her ihre mütterliche Bedeutung — 
die ihr in der Traumsymbolik ohneweiters zukommt — erhalten hat. 
Es ist in Betracht zu ziehen, daß die Höhle zunächst nichts weiter 
ist als eine primitive Form der Wohnung. Die im Unbewußten 
vor sich gehende Identifizierung mit dem Uterus geschieht durch 
den vermittelnden Typus des Integrals I . Ich glaube damit auch 
die aus der Bedachtnahme auf die kulturgeschichtlichen Bedingungen 



1 Über das >Unheimlicf.e« vgl. Freud, Imago V. 



282 Dr. Emil Lorenz 



des Mythus allenfalls mögliche Verwechslung mit der anthro- 
pologischen Methode Andrew Längs ausdrüddich abgelehnt zu 
haben, zugleich aber auch gewisse billige Erklärungen der Ent- 
stehung der Symbole, die geeignet erscheinen, die Psychoanalyse 
in Verruf zu bringen. Ich halte die Formel der Sexualisierung des 
Alls für eine Übertreibung, weil durch sie zwisdien den beiden 
Prinzipien der Lust und der Realität eine Kluft aufgerissen wird, 
die aus Gründen psychologischer Wahrscheinlichkeit nicht glaub- 
würdig ist. Zwischen den beiden sich sonst starr gegenüber- 
stehenden Prinzipien vermittelt nun das in der Richtung auf den 
Schutz determinierte psychische Integral. Es weist einerseits 
nach vorne als Grundlage der durch unsere Tätigkeit vor sich 
gehenden Umgestaltung der Welt nach der Seite des geringsten 
Widerstandes, anderseits liegt ihm selbst das dem Lustprinzip 
unterliegende Bild des Mutterleibes als schützender Potenz zu- 
grunde. 

Zu der weiblichen und Mutterbedeutung der Höhle und des 
Hauses hat Robert Eisler 1 grundlegende Beiträge geliefert. Es 
ergeben sich aus seinen Ausführungen sehr seltsame Zusammen- 
hänge zwisdien Höhle, Haus, Zelt auf der einen Seite und den 
Vulven- und matrixförmigen Meteorsteinen <Hysterolithen> auf 
der anderen Seite, sowie deren kleinasiatischer Personifikation, der 
Göttin Kybele. Kybele selbst ist die Göttin der typischen phrygi- 
schen Felsenheiligtümer der Urzeit. Ihr Name hängt nach Hesych 
zusammen mit xüßs/.a = ävvQa xal ti-äluuoi 1 . Der Zusammen- 
hang zwischen diesen so entlegen erscheinenden Begriffen, wie 
Höhle, Haus, Stein, Höhlengöttin ist herzustellen durch die Ein- 
setzung der Bedeutung »ausgehöhlter Stein« für das griechische 
y.vßog <lat. cubus) und das arabische kaaba 3 . Es muß dabei an- 
genommen werden, daß die vulvenförmigen Aerolithen eine spätere 
Unterstützung für eine schon vorher bestandene Auffassung der 
Weibnatur der steinernen Höhle waren, da der entgegengesetzte 
Weg, daß nämlich die doch nicht gar häufigen Vulven- und 
Matrixsteine die weibliche Auffassung der steinernen Höhle ver- 
ursacht hätten, im höchsten Grade unwahrscheinlich ist. Daß nun 
aber die Höhle nidit infolge einer groben Gleichsetzung mit dem 

1 Kuba-Kybele, Philologus. 68. Band, S. 143 f. 
- Vgl. im Deutschen »Frauenzimmer«. 
3 Vgl. Eisler, ebenda S. 131. 



Der Mythus der Erde 283 



Mutterleib zu ihrer geschilderten mythischen Bedeutung gekommen 
ist, haben wir schon oben darzulegen versucht 

Wie kommt aber die Höhle zu ihrer Orakelnatur? Wir pie Irradiation 

des psychischen 

müssen hier an die übrigen Determinationsmöglichkeiten des integral*, 
psychischen Integrals denken. Wir bezeichneten als solche noch 
nutrix und institutio. Jetzt müssen wir die weitere Feststellung 
machen, — und diese ist von allerwesentlichster Natur — daß 
im Wesen des psychischen Integrals die Irradiation liegt, d. h. 
daß jede »Verwirklichungsform« etwas grundsätzlich Provisorisches 
ist und die Tendenz hat, in das reine Integral überzugehen, indem 
sie, ohne die Realität zu achten, allen übrigen möglichen Deter- 
minationen Aufnahme gewährt. Daß Höhlen» und chthonischen 
Gottheiten die Gabe der Weissagung zugeschrieben wird, wie 
dem Amphiaraos, Trophonios, den Selloi in Dodona, der Pythia 
über dem delphischen Erdspalt, hängt mit diesem Charakter des 
psychischen Integrals zusammen, das man mit institutio <Belehrung> 
oder vaticinatio (Weissagung) bezeichnen kann. Diese Determination 
ist jedenfalls ein Abkömmling des I <Schutz>, da es sich bei der 
Belehrung um intellektuelle Vorbeugung von Gefahren handelt. 
Aber es haftet ihm zugleich der infantile Zug an, daß das in der 
weissagenden Unterweisung enthaltene Wissen zur Gänze einer 
übernatürlichen Macht zugeschrieben wird, der gegenüber man die 
Einstellung des Kindes zur Mutter wiederholt, von deren AU* 
wissenheit man überzeugt ist. Die Übertragung dieses durch keine 
natürliche Analogie gestützten Zuges auf die Erde ist nur durch 
den Vorgang der Irradiation erklärlich: ein Objekt, in den Kreis* 
lauf von Differenzierung und Integrierung hineingezogen, erfährt 
durch diesen ein nur psychologisch erklärbares Wachstum seiner 
Eigenschaften. 

Mit der urzeitlichen Wohnung berührt sich auf engste die gÄSöEj 
Begräbnisstätte für die Toten. Nicht nur deshalb, weil die fco«* 
Grabbauten nach dem Vorbilde der menschlichen Wohnungen an* 
gelegt werden, es dienen vielmehr die Wohnungen selbst als 
Begräbnisstätten, indem der Tote in der Höhle, die sein Auf* 
enthalt bei Lebzeiten war, auch begraben wird. Dabei braucht diese 
nicht einmal von den Lebenden verlassen zu werden, sondern in 
unmittelbarer Nachbarschaft des im Boden sorgfältig beigesetzten 
Toten hausen die Lebenden weiter. Der älteste Fund dieser Art, 
der Homo Mousteriensis Hauseri, war in einer Höhle bei Le 



284 Dr. Emil Lorenz 



Moustier im Vezeretal allem Anschein nach pietätvoll bestattet 
worden. Wegzehrung in Form gebrannter Bisonkeulen, schöne 
Feuersteinwerkzeuge lagen bei der Hand, der Kopf des Toten 
war wie zum Schlaf auf eine Art von Steinkissen gebettet. Der 
Homo Aurignacensis Hauseri zeigt schon künstliche Hocker- 
stellung 1 . 

Die Deutung der Sitte des Begrabens überhaupt, sowie der 
in der Vorzeit und heute noch bei Primitiven zur Anwendung 
kommenden Hockerstellung ist sehr umstritten. Diese Frage soll 
weiter unten im Zusammenhang mit den sonstigen Bestattungs« 
gebrauchen einer eingehenden Untersuchung unterzogen werden. 
Wir können aber, ohne aus der Hockerbestattung jetzt schon 
Schlüsse ziehen zu wollen, das eine festhalten, daß Zusammen« 
hänge bestehen zwischen der Höhle als Zufluchtsort, als Begräbnis" 
und Geburtsstätte und folgendermaßen schließen: Die unter dem 
apperzeptiven Typus von I f vor sich gehende Identifikation der 
Höhle als Zufluchtsort und Wohnung mit der Mutter <dem 
Uterus) bewirkt durch den schon geschilderten Vorgang der 
Irradiation, daß der Höhle auch die Kraft zugeschrieben wird, 
den in sie gebetteten Toten aufs neue zu gebären. Ich lege auf 
diesen Gedankengang besonderen Wert, weil er geeignet erscheint, 
die Entstehung des Glaubens an die Wiedergeburt von den 
Kulturbedingungen des Acker» und des Hackbaues unabhängig zu 
machen. Ob das Aurignacien den Hackbau bereits gekannt hat, 
ist ungewiß. Es liegt im Interesse der Kulturmythologie, für die 
Entstehung des Glaubens einen Grund ausfindig zu machen, der 
davon unabhängig ist. Ja es wird sich gleich zeigen, daß gerade 
die Untersuchung der Begräbnisriten uns zwingen wird, den 
Glauben an die mütterlichen Potenzen in der Natur von dem 
mythischen Bilde der Erde noch weiter unabhängig zu machen. 
Ein Rü*biid<. Vorher könnte aber noch die Frage erhoben werden, ob 

wir nicht in der vorausgegangenen Ableitung uns die Sache un» 
nötig erschwert hätten, indem wir nicht unmittelbar von der Eigen« 
schaft der Mutter als Gebärerin ausgingen, sondern den Weg über 
ihre Bedeutung als Zufluchtstätte nahmen. Diese Frage ist nur aus 
einer nochmaligen Besinnung auf das zu beantworten, was wir 
denn überhaupt unter dem psychischen Integral zu verstehen haben. 

1 Vgl. den Ausgrabungsberidrt bei Otto Hauser: Der Mrnsdi vor hundert- 
tausend Jahren. Leipzig 1916. S. 80. 



Der Mythus der Erde 285 



Wir haben das psychische Integral als den dauernden, seinem 
Wesen nach unveränderten Repräsentanten des primären Total- 
erlebnisses gekennzeichnet, als eine auf Grund des Gesetzes der 
Kontinuität durch infantile <und embryonale) Erlebnisse inhaltlich 
bestimmte Regulierung unserer Rezeptivität und Spontaneität,- als 
einen Typus, richtunggebend für unser Vorstellen und Handeln, 
der sich zwischen Wirklichkeit und die frei ausströmende Tätigkeit 
der Psyche dazwischenstellt. Wir stellten fest, daß die Formen 
und die Richtungen der typischen Einstellung des werdenden 
Menschenwesens zu seiner unmittelbaren Umwelt — und d. h. 
mit anderen Worten zur Mutter — den Inhalt des psychischen 
Integrals ausmachen. Es ist nun eine Tatsache, daß damit zwar 
die Bedürfnisse nach Nahrung, Schutz, Orientierung notwendig 
enthalten sind, denn diese sind unabgeleitete Bedürfnisse <auch 
das nach Orientierung, denn es betrifft die Lage des Körpers zur 
Umwelt mit ihren physisch fühlbar werdenden Folgen). Was jedoch 
den körperlichen Zusammenhang zwischen Mutter und Kind betrifft, 
so ist dieser eine spätere Erkenntnis, welche ihre Vorstufe höchstens 
in dem dumpfen Gefühl der Zusammengehörigkeit hat, das das 
Kind an die Mutter bindet. Wir werden darum auf jeden Fall 
gut tun, die Determination o <origo) nur als bedingt ursprünglich 
anzusehen. 

Es ist Zeit, daß wir ein wenig innehalten und die bisherigen 
Ergebnisse unserer Untersuchung, so unübersichtlich und abstrakt 
sie sein mögen, überblicken. 

Wir haben im ersten Teil dieser Arbeit in dem psychologi- 
schen Bestand des Staatsbegriffes das Bild der Erde als eines 
umfassenden, das staatliche und Gemeinschaftsleben emotional 
bestimmenden, sozusagen überschattenden Hintergrundes kennen* 
gelernt. Dieser mythische Boden, in dem — nach dem heran* 
gezogenen Mythus Piatons ~ das Staatsgefühl zu wurzeln scheint, 
wurde nach seinen letzten Bedingungen zu erforschen versucht. 
Wir haben im Verlaufe dieses Weges einen Begriff gebildet, der 
unseres Erachtens ein Grundbegriff der Entwicklungspsychologie 
zu werden verdient, den Begriff des psychischen Integrals. Wir 
fanden dieses Integral dem Prozesse zugrundeliegend, welcher die 
Erde zu mythischer Bedeutung gebracht hat. Es zeigte sich nämlich, 
daß die kulturgeschichtliche Grundtatsache, daß sich das Leben 
menschlicher Gesellschaften in enger Abhängigkeit vom Boden 






286 Dr. Emil Lorenz 



abspielt, der ihr sowohl Nahrung als auch Schutz bietet, diesem 
zu einer Bedeutung verhilft, welche derjenigen gleichgesetzt werden 
muß, die im Individualdasein die Mutter hat. 
Der Der kulturmythologische Zusammenhang, in den wir damit 

Baum im Mythus .. . , ,,.„ . ,-. t% h 

und Ritus,- (}j e B rc I e hineingestellt haben, laßt einer Frage Kaum, welche an 
"des Fe«». "* fa Überlegung anknüpft, daß die Erde, wenn sie als Nahrung 
und Schutz gewährende Macht auftritt, damit unter den Natur- 
dingen nicht allein steht. Aus gewissen Mythen, mythischen 
Motiven und Brauchtümern scheint mir vielmehr hervorzugehen, 
daß der Bedeutung der Erde als zentraler mütterlicher Potenz eine 
solche des Baumes vorangeht. 

Zu dieser Annahme führen auch kulturgeschichtliche Über- 
legungen. Denn es muß eine Zeit gegeben haben, da sich das 
Leben der Menschen vorzugsweise auf Bäumen abgespielt hat. 
Diese von den meisten Vertretern der Abstammungslehre aus= 
gesprochene Ansicht läßt sich durch vielerlei Erwägungen erhärten. 
Zunächst hat das Leben des Menschengeschlechtes als solchen 
zuerst unter einem wärmeren Klima beginnen müssen, d. h. der 
Übergang aus einem halbtierischen Zustand muß in das Tertiär 
zurückverlegt werden, in welchem die Erde von dichten Wäldern 
bedeckt war. Und da ist der Annahme nicht aus dem Wege zu 
gehen, daß sich jene Urmenschheit wie noch die heutigen Menschen« 
äffen schon aus dem Grunde auf Bäumen aufgehalten hat, weil 
ihr sonst kein anderer Raum zur Verfügung stand und ihr Stein- 
waffen gegen die zahlreichen mächtigen Feinde aus der Tierwelt 
noch nicht zu Gebote standen. Selbst wenn die tertiären Eolithen 
menschlichen Ursprungs sind, so waren sie eine ohnmächtige Waffe 
gegen die riesigen Saurier, die damals die Erde bevölkerten, Suchen 
wir uns aber die Mittel, mit denen sidi die Menschen damals 
sicherten, zu vergegenwärtigen, so müssen wir das Kulturminimum 
der Steinzeit noch weiter verringern und von stählernen Waffen 
wie auch von der Benützung schützender Höhlen, deren Zahl ja 
überhaupt beschränkt ist und nur durch künstliche Nachhilfe mit 
Steinwerkzeugen erhöht werden kann, absehen. Dann bleibt aber 
für einen vorsteinzeitlichen Kulturbesitz nichts weiter übrig, als allen- 
falls Verteidigungsvorkehrungen durch Adaptierung von Bäumen 
und die Kenntnis der Fauerbereitung. Daß diese eine vorstein- 
zeitliche Errungenschaft ist, beweist ihre älteste Technik. Sie besteht 
bekanntlich darin, daß ein Bohrer aus hartem Holz anhaltend in 



Der Mythus der Erde 287 



einer Scheibe aus weichem Holz gedreht wird. Tatsächlich sind 
auch die Kulturhistoriker fast einig in der Ansetzung des Beginns 
der menschlichen Kultur mit der Bntdedtung der Feuererzeugung. 
Die wohltätige Wirkung des Feuers möchte ich für diese ersten 
Anfänge viel weniger in der Ermöglichung einer abwechslungs- 
reicheren Speisenfolge erblicken, als vielmehr darin, daß es zur 
Fernhaltung der wilden und riesigen Tiere diente. Der feuer= 
speiende Drache des Mythus und Märchens, zugleich wohl das 
dauerhafteste Symbol der Heraldik, über Huropa, Vorderasien 
und Ostasien verbreitet, ist nichts weiter als eine uralte Projektion 
der Abwehrkraft des Feuers. <Das Feuer, das den Drachen fernhält, 
muß nach dem Grundsatz »Similia similibus« auch in ihm enthalten 
sein.) Das Entzünden des Feuerbrandes hatte weiterhin jedenfalls 
sehr oft die Nebenwirkung, daß ein Wäldbrand entstand und in 
seinem Gefolge eine unbeabsichtigte Rodung des Urwaldes, welche 
sodann den Menschen freien Raum zum Umhertummeln und für 
gewisse Gräser, die nachmaligen Getreidepflanzen, Entwicklungs= 
möglichkeit schuf. 

Aber selbst wenn der Baum in jenen Urzeiten nicht dauernder 
Aufenthaltsort gewesen sein sollte, so war er doch zum mindesten 
Zufluchtsort. Und nichts anderes ist es ja, was wir auch von der 
Höhle behaupteten 1 . 

Um zunächst noch bei der Kulturgeschichte zu verweilen, so _, Dic Wu S3f , J? 

ö 'der menschlichen 

ist es eine des Beweises nicht weiter bedürftige Annahme, daß sich Wohnung, 
das menschliche Haus aus der Hütte entwickelt hat, von welcher 
die hölzerne Rundhütte älter ist als die Langhütte. Die Rund» 
hütte selbst geht wieder zurück auf das Versteck in einem Gebüsch, 
bei welchem hinderliche Zweige entfernt oder geradegebogen werden, 
während innerhalb des auf diese Weise entstandenen, bequem 
gemachten Platzes der Boden von überflüssigen Wurzeln gereinigt 
und geglättet wird. Wird nun noch außerdem das Gezweige durch 
Verflechten zu einer Wand <das Wort kommt von Winden), 
wobei der noch heute von den Eingeborenen Australiens her= 



1 Reinhardt <Der Mensch der Eiszeit. S. ]7> wiederholt das überaus 
beweiskräftige Argument — sein Ursprung ist mir nicht bekannt — daß die 
Kletterbewegungen, die der des Sdiwimmens niefit kundige Mensch — ebenso 
wie der Affe — im Wasser ausführt, einem altererbten Instinkt entspringen, da 
beider Urahnen auf Bäumen lebten. Die übrigen Säugetiere machen bei dieser 
Gelegenheit die ererbten Laufbewegungen und retten sich dadurch, während 
Mensch und Affe untergehen. 



288 Dr. Emil Lorenz 



gestellte Windschirm <gegen Wind und Regen) zum Vorbild 
diente, so erübrigt nur noch, daß die Zweige über dem Kopf 
des im Gebüsch Ruhenden zusammengebunden werden und die 
Hütte ist in ihren Grundzügen fertig. Dadurch nun, daß an die 
Stelle aus dem Boden wachsender lebender Stämme biegsame, 
zum Flechten und Winden wie zur Befestigung in der Erde gleidi 
geeignete Ruten treten, entsteht die geflochtene Rundhütte, deren 
Standort von der Dichte des zum Versteck geeigneten Pflanzen* 
wuchses unabhängig ist. Die Technik der Stein« und Metaliwerk- 
zeuge ermöglicht es weiterhin, größere Holzstämme zum Bau zu 
verwenden und dem Bau auch nach obenhin eine größere Festig- 
keit zu verleihen. Das geschieht durch Anbringung von Quer- 
balken,- dabei ergab sich natürlich die Schwierigkeit, daß, falls die 
Hütte größer werden sollte, die Balken der Rundung nicht folgen 
konnten. Der erste Ausweg in diesem Kampf mit dem Material 
lag in der bald überwundenen Stufe der Hütte mit ovalem Grundriß. 
Der klassisch gewordene rechteckige Grundriß ist ein Kompromiß 
zwischen der eigentlich naheliegenden quadratischen Form und der 
ovalen Hütte. Als man nämlich die Rundung des Grundrisses, 
vom Material gedrängt, ganz aufgab, wirkte die ovale Zwischen* 
stufe insofern nach, als sie die vom Material geforderte quadratische 
Form in die Länge zog, woraus eben der rechteckige Grundriß 
entstand. Wir sind damit in der Kulturgeschichte zur spät* 
paläolithischen Periode gekommen, da derartige Hütten auf Zeich* 
nungen aus dieser Zeit vorzukommen scheinen 1 . 

Für unseren Gedankenzusammenhang ist aber folgendes 
ausschlaggebend: Die Hütte wie das Haus, Abkömmlinge des 
schützenden Baumes und des verbergenden Gebüsches, müssen 
ganz wie die Höhle, unter der Determination I' stehend gedadit 
werden und darum Mutterbedeutung besitzen. Und es ist darum 
kein Zufall, daß das Wort Material, das ursprünglich die engere 
Bedeutung Baumaterial hat, auf das lateinische Materia oder 
Materies zurückgeht, dessen Ableitung von Mater evident ist 2 . 
D«r Weitbaum Was in diesen kulturgeschichtlichen Auseinanderlegungen, 

s?mbö1s4i*Tung e über deren zum Teil konstruktive Natur ich selbst nicht im Un« 



1 Vgl. die Frau mit dem Renntier <Laugerie basse), wo sich im Hintergrunde 
ein Gebilde zeigt, das gewöhnlich als Hütte gedeutet wird. <Hoernes, Kultur 
der Urzeit. I. S. 41.) 

« Materia, materies »Kernholz, Stammholz« nach Solmsen, Berliner 
Philologische Wochenschrift 1902, col. 1140 f. 






Der Mythus der Erde 289 



klaren bin, an bündiger Beweiskraft noch fehlt, liefert in reichem 
Maße die mythologische Forschung. Wenn nämlich der Erde als 
schützende Macht der Baum vorangeht, so muß gemäß dem Ge- 
setze der Stetigkeit der Baum oder die Baumnatur, als eine ältere 
apperzipierende Masse, die erste Auffassung der Erde als solcher 
richtunggebend bestimmen. Und das ist tatsächlich der Fall. Es 
läßt sich gewiß keine urtümlichere Vorstellung, die zugleich doch 
einer wahren Erkenntnis nahekommt, denken als die geflügelte 
Eiche (ögvg vjvöjzreoog), der Weltbaum des Pherekydes, oder 
der Yggdrasil der Edda. Es ist eine Auffassung der erstmals 
ins Bewußtsein getretenen Erde als solcher, unter dem apper« 
zeptiven Einfluß eines Naturgegenstandes, der das Denken und 
Handeln darum so mächtig beeinflußt, weil er den Lebensraum 
für ungezählte Generationen gebildet hat. Wenn ferner Yggdrasil 
als »Odins Roß« bezeichnet wird, so machen wir hier die weitere 
Beobaditung, daß hier eine Art Überlagerung stattgefunden hat, 
indem zwei verschiedene Naturgegenstände, Baum und Roß, der 
Auffassung der Erde zugrunde liegen. Eine soldie Bemerkung 
kann überaus wichtig werden, weil sie uns zu ähnlichen Zwecken 
dienen kann wie die Leitfossilien der Geologie. Eine ähnliche 
Bedeutung hat in der avestischen Mythologie das Rind, wo es 
in der Bedeutung Erde auftritt 1 . 

Mannhardt 2 vertritt mit ansprechenden Gründen die Ab^ 
leitung der Weltesche aus dem Varträd, dem Schutzbaum der 
Familie. »Schwangere umfaßten sowohl in Varend als in Vestbo 
in ihrer Not den Varträd, um eine leichtere Entbindung zu 
erhalten.« Die mythische und kultisdie Bedeutung des Schwedin 
sehen Varträd wie der Baumkult überhaupt erscheint nun um so 
verständlicher, je mehr wir den naturmythologischen Standpunkt 
aufgeben, den audi Mannhardt in seiner Einleitung vertritt, und 
den ganzen Vorstellungskreis kulturmythologisch begründen. Mann= 
hardt sagt: »Alle lebenden Wesen, vom Menschen bis zur Pflanze, 
haben Geborenwerden, Wachstum und Tod miteinander gemein-* 
sam und diese Gemeinsamkeit des Schicksals mag in einer fernen 
Kindheitsperiode unseres Geschlechts so überwältigend auf die 
noch ungeübte Betrachtung unserer Voreltern eingedrungen sein, 



1 Vgl.: Die Gathas des Avesta. Vasna 29/ bei Eberhardt: Das Rufen 
des Zarathustra. S. 3. 

3 Wald- und Feldkulte. I. S. 51. 

Imago VIII/3 iy 




290 Dr. Emil Lorenz 



daß sie darüber die Unterschiede übersahen, welche jene Schöpfungs- 
stufen voneinander trennen ... Die Anerkennung der Gleich- 
artigkeit ging so weit, daß manche Völker die ersten Menschen 
aus Bäumen oder Pflanzen geschaffen oder gewachsen annahmen.« 
DieUiBuiane- Ich bin der Meinung, daß eine noch so große Ähnlichkeit 

'ASSE" ke i ne primitive Gesellschaft veranlaßt haben würde, sie auch nur 
Deutung. wa h rzune hmen und festzustellen, wenn kein emotionales Motiv 
dazukommt. Dieses findet Mannhardt nun freilich In dem Bestreben, 
die Fruchtbarkeit der Pflanzenwelt zu befördern. Aber der Baumkult 
beschränkt sich nicht auf Bäume, die durch ihre Früchte dem 
Menschen von unmittelbarem Nutzen sind. Das ist ja gerade der 
kennzeichnende Unterschied des Baumkultes von den Feldkulten, 
daß bei diesen eine unmittelbare Einflußnahme auf die Vegetation 
versucht wird und die Bräuche sich darum auch in späterer Zeit 
noch in der Nähe der Magie halten, während in dem Baum ein 
von menschlicher Einwirkung unabhängiges Walten verehrt wird. 
Es entspridit dies ungefähr dem Verhältnis von Magie und Religion. 
Der Kult der Birke wird von A. C. Winter 1 mit an« 
sprechenden Gründen bereits in die Nacheiszeit zurückversetzt. 
Es ist sehr bezeichnend, daß dieser Baum, der für jene Zeiten 
eine bedeutende kulturelle Wichtigkeit hatte (Schlafstellen aus 
Laub, Kleidung, Seile, Gefäße, Rindenzelte, der Saft), in dank- 
barer Verehrung zu einer mütterlichen Potenz erhoben wurde, 
wie aus dem für Winter 2 erzählten jakutischen Märchen hervor- 
geht. Es entspricht nun vollkommen der Natur des mythischen 
Denkens, wenn sich dabei das Y zum reinen Integral zurückent« 

wickelt. 

»Ein hundert Jahre altes Ehepaar, das erkrankt ist, erbittet 
sich von der Birke einen Sohn. Der Mann ging in eine Wald- 
lichtung, auf der eine Birke wuchs, so hoch, daß sie bis an die 
Wolken reichte <Motiv des Weltbaumes). Diese pflegte dem 
Ehepaar jegliche Nahrung zu geben: Milch, Butter, saure Milch, 
Tara (durch Frierenlassen zubereitete Milch), Fleisch, Fisdie und 
alles, was es auf der Welt Eßbares gibt. (Motiv F.) Diese Birke 
hieß An-doi-du-itschyte (Eingang zum Erdbeschützer/ Motiv I). 
Der Greis pochte an den Baum und sang: Wir sind alt geworden, 



1 Die Birke im Volkslied der Letten. Archiv für Religionswissenschaften. 
II. S. 1 ff. 

■ A. a. O. 



Der Mythus der Erde 291 



meine Frau und ich, gestern sind wir beinahe verschmachtet, gib 
uns einen Sohn, der uns bis zum Tode verpflegt und uns die 
Augen zudrückt und unsere Habe erbt . . . Plötzlich spaltet sich 
die Birke mit Geräusch und aus ihr trat eine so wunderschöne 
Frau, daß der Alte wie an den Boden geschmiedet stand und 
sogar vergaß, daß er geweint hatte. Sie spradi: Deine Tränen 
sind bis in den Himmel gelangt, dein Stöhnen und Wehklagen 
ist bis tief in die Erde gedrungen . . .« Er soll einen Sohn 
erhalten aus »einem sdiwarzen Stein« <Meteor? Motiv 1°, Stein» 
geburt), »unvergleichlich schön, golden die Haare, silbern der 
Körper« . . . 

In dem Gang der beiden Alten zu der Birke klingt das 
Motiv der Heimkehr zum schützenden Baume vernehmlich durch, 
wird aber sofort durch das des Ursprungs übertönt. Offen zutage 
liegt das der Ernährung, welches, durch die Realität nur zum 
geringen Teile gedeckt <Birkensafr>, eben nur durch die integrale 
Eigenart des mythischen Denkens erklärbar wird. 

Die Beziehung von Baum und Höhle zu den Determinanten 
n, t, o kehren in mannigfaltiger Weise im Mythus und Brauch» 
tum wieder. Wir werden, wie bei dem jakutischen Märchen, die 
Erscheinung der Irradiation an den Mythen vom Wesen der Welt 
und den Bestattungsgebräuchen feststellen können. 

Sobald einmal ein Objekt vom integralen Denken ergriffen 
wird, sind — begriffsgemäß — alle Determinanten des psydiischen 
Integrals aktionsbereit. Sie sind ja Bestimmungsstücke eines ein- 
heitlichen Lirerlebnisses. Der Baum und die Höhle, die schützen (t) r 
ernähren auch <n>, sie belehrend/ Delphi, Dodona) und sind schließlich 
der Ursprung <o,- Baumgeburt, Höhlengeburt) und das Mittel der 
Wiedergeburt <Baumgrab, Erdgrab). 

Im Mythus vollendet sich die umfassende Bedeutung des 
integralen Denkens, indem er die Welt selbst zum mütterlichen 
Baum werden läßt Yggdrasil, die geflügelte Eiche, der Lebens- 
baum). 

Wir haben damit einen einheitlichen Gesichtspunkt zur Hand, Systematik der 
um eine Unzahl mythischer Symbole in eine psychologisch und 
kulturgeschichtlich streng bedingte Reihe zu ordnen. Die mythische 
wie die Traumsymbolik krankt sozusagen an einer Überfülle des 
Stoffes und an den beiden einander scheinbar entgegengesetzten 
Eigenschaften der Unübersichtlidikeit und der Eintönigkeit der 

19* 






292 Dr- Emil Lorenz 



Deutungen. Was Kant von den Kategorien des Aristoteles sagt, - 
sie seien empirisch aufgerafft - es gilt auch von der Unzahl von 
Muttersymbolen, Libidosymbolen, von den Symbolen der Traum- 
deutung ganz zu schweigen. Es ist durchaus an der Zeit, diese 
flächenhafte Mannigfaltigkeit historisch zu vertiefen und systematisdi 
zu ordnen. Tatsachen der Kulturgesdiichte, an die bereits früher 
angeknüpft wurde, geordnet unter dem Gesiditspunkte der Konti- 
nuität, werden hiebei als Leitfaden dienen müssen. 

Auch für das Verhältnis der Kontinuität bedürfen wir einer 
eindeutigen Darstellungsform. Ordnen wir eine Reihe von Mutter- 
symbolen, die durch die Determinante des Schutzes <t> verbunden 
sind, historisch, d. h. nach der Reihenfolge, wie sie kulturelle 
Bedeutung erlangt haben, so bekommen wir z. B. die Reihe: 
Baum <I>- Schiff <II>- Arche und Wagen <III> - Pferd <IV> - 
Erde <V>. Es ergibt sich dann als Formel für den Einbaum die 
Urform des Schiffes II 1 (Schiff mit dem Kontinuitätsexponenten 
Baum),- als Formel für das Fruchtbarkeitssymbol des Schiffswagens 
der Antike und des Nerthuskultes III 11 ~\ der Weltbaum Yggdrasil 
ist gekennzeichnet durch V IV "* !l . 

Daß der »geflügelte Baum« des Pherekydes 2 als Bild der 
Welt in die nächste Nachbarschaft des Yggdrasil gehört, ist wohl 
klar. Die Flügel aber sind die Segel des »Mastbaumes«, der auf 
dem »Schiffe« ruht. Wie man sieht, hat die mythenbildende 
Phantasie, um die »Welt«, also die sinnliche Realität an sich, zu 
erfassen, den Kulturfortschritt begleitend, Symbol auf Symbol 
geschichtet. Aber all diesen Symbolen haftet ein integraler 
Charakter an und ein jeder Schritt, den der Geist hinaustut 
in das gleidisam flüssige und feindliche Element der äußeren 
Wirklichkeit, bedarf eines Rü&haltes im Ewig-Mütterlichen, 
welches war, ehe denn die Welt war. Die Summe dieser 
Symbole, wie sie etwa gerade in Yggdrasil vorliegt, ist zu 
betrachten als ein wohl abgewogenes System von Stützpunkten 
und Refugien, die sich die Phantasie schafft, um das im letzten 
Grunde feindliche Wesen der Welt bewältigen zu können. Denn 

« Zum Schifl'swagen ist zu vergleichen die Darstellung des Dionysos- 
Schiffes auf der Exekiasschale, wo der Gott, unter der heiligen Libe gelagert, 
im Schutze dieses lebenden Mastbaumes, über das ruhige Meer hmtahjt (Ger- 
hard: Auserlesene Vasenbilder I, T. 49. - Wiener Vorlegeblatt er 1888, 1 . VII IV, 
zitiert aus Robert Eisler: Weltmantel und Himmelszelt, b, *»* 

« Vgl. Diels: Fragmente der Vorsokratiker. Z, Aufl., b. 5UÖ. 




Der Mythus der Erde 293 



feindlich ist es allen Wunschsymbolen zum Trotz: wie um den 
ganzen Müheaufwand Lügen zu strafen, heißt die Welt des 
Wind», Seelen- und Totengottes, Odins, des »Schrecklichen« 
Roß. Auch der Charos <Charon>, der Todesdämon des neu* 
griediischen .Märchens, hat seinen Nachen verlassen und reitet 
auf schwarzem Roß einher. 

Wir müssen indessen zu unserer Reihe Baum — Schiff— 
Wagen — Roß — Erde zurückkehren, um die Frage nach ihrer 
kulturgeschichtlichen Gesetzmäßigkeit zu prüfen. 

Vom Baum, dem ältesten Lebensraum der Menschheit, 
stammt Hütte und Haus ab, wobei aber auf sehr früher Stufe, 
ehe noch die Erde unter dem Einfluß der Bodenbearbeitung 
mütterlichen Charakter erhielt, die Idee ihrer Mütterlichkeit durch 
die schützenden Erdhöhlen ausgelöst wurde und in alles, was 
Wohnung hieß, mitbestimmend einging. {Dieses Moment erscheint 
in dem linearen Sdiema, welches wir früher aufgestellt haben, ver* 
nachlässigt, weil es durch ein derartiges Schema nicht recht wieder» 
zugeben ist. Die »Erde«, die dort an letzter Stelle steht, ist bereits 
eine Gestalt mythischer Spekulation, die notwendig an sehr später 
Stelle zu stehen kommt.) 

Trieb der Realitätssinn den Menschen im Laufe seiner Ent* saht, Wm«i 
wicklung einerseits auf das Wasser, anderseits auf dem Wagen 
und dem Rüd^en des Pferdes über weite Landstrecken hinaus, so 
waren auch die durch diese Veränderungen bedingten Kultur* 
Schöpfungen von einem in psychologischer Hinsicht zwiefachen 
Charakter. Auf der einen Seite Artefakte, in fortgesetzter An- 
passung an die Forderungen der Wirklichkeit begriffen, sind sie 
psychologisch und für das Unbewußte durchaus schützende Um* 
hüllungen des allen möglichen Störungen durch dieselbe Wirklich- 
keit ausgesetzten menschlichen Lebens. Über diesen weiblichen 
Charakter des Schiffes kann darum wohl kein Zweifel bestehen. • 
Nicht nur, daß die Namen der Schiffe in der Regel als Feminina 
gebraucht werden, auch dann, wenn dieses Geschlecht dem gram* 
matischen der betreffenden Worte zuwider ist, so ist der Charaker 
entwicklungsgeschichtlich durch die Abstammung des Schiffes von 
dem Baum (Einbaum), mythisch durch das mythisdie Prototyp des 
Schiffes, die lebenbergende mütterliche Arche, und im Brauchtum 
durch den »Schiffswagen« <Car navale) gesichert, der in der 
Antike und im germanischen Altertum, von dem Wagen der 



294 Dr. Emil Lorenz 



Nerthus bis ins Mittelalter hinein 1 als ein Gefäß der Fruchtbar* 
keit durch die Lande gezogen wurde. Auch auf dem Vorgeschichte 
liehen Bronzewagen vonStrettweg befinden sich Symbole der Frucht- 
barkeit, gereiht um die weibliche Mittelfigur. Was aber die historische 
Reihung betrifft, so geht der Wagen als solcher aus dem Schiffs« 
wagen hervor und dieser aus dem Schiff, keineswegs umgekehrt. 
Das lehrt uns ein Kalksteinrelief aus Ninive, welches einen bereits 
profanen Zwecken dienenden Wagen zeigt, der noch immer die 
Gestalt eines Sdiiffes hat, obwohl er schon auf Rädern fort- 
bewegt wird. Überlegungen grundsätzlicher Art, denen man viel- 
leicht die Stichhältigkeit deshalb absprechen kann, weil sie nicht 
durch Tatsachen der Überlieferung gestützt erscheinen, lassen die 
frühere Erfindung des Schiffes schon deshalb wahrscheinlich er- 
scheinen, weil bei der Überschreitung eines Wassers ein zur Er- 
findung drängender objektiver Zwang vorliegt, dem Ähnliches auf 
trockenem Boden nicht zur Seite zu stellen ist, da dort doch 
immer animalische Kraft, die ja auch für das Fortbewegen des 
Wagens erforderlich ist, zur Verfügung steht. Schließlich ist über- 
haupt nicht anzunehmen, daß eine derartige Erfindung wie der 
Wagen aus ausschließlich praktischen Motiven erfolgte. Die Ver- 
breitung des Wagens zeigt, daß er an Gegenden, in denen die 
Pfluglcultur sich durchgesetzt hat, also an den Ackerbau geknüpft 
ist, an die Zähmung des Rindes oder Pferdes und vor allem an 
die Erfindung des Rades. Alle diese Dinge hängen nun, wie 
Eduard Hahn 2 gezeigt hat, innig mit mythischen Vor- 
stellungen zusammen und die Praxis spielt dabei eine 
zuweilen erstaunlich geringe Rolle. Wenn der extreme 
Standpunkt Hahns recht hat - und die Forschung, z. B. Wundt 
in seinen letzten Werken steht seinen Anschauungen heute schon 
viel näher als in den ersten Jahren — dann wäre der Wagen 
überhaupt ursprünglich keine praktischen Zwecken dienende Er^ 

1 Vgl. die Beschreibung einer solchen Wagcnfahrt bei Grimm : Deutsche 
Mythologie I, S. 213: Etwa um das Jahr 1133 wurde in einem Walde bei Inda 
<in Ripuarien) ein Schiff gezimmert, unten mit Rädern versehen und durch vor* 
gespannte Menschen zuerst nach Aachen, dann nach Maastridit <wo Mastbaum 
und Segel dazukamen), hierauf nach Tungen, Looz usw. im Lande herumgeführt, 
überall unter großem Zulauf und Geleite des Volkes. Wo es anhielt, war 
Freudengeschrei, Jubelsang und Tanz um das Sdiiff herum bis in die späte 
Nacht. Die Ankunft des Schiffes sagte man den Städten an, welche ihre Tore 
öffneten und ihm entgegengingen. 

' Demeter und Baubo, Lübcd; 1896, und: Die Entstehung der Pflugkultur. 
Heidelberg 1909. 



Der Mythus der Erde 295 



findung gewesen, sondern diente sakralen Bedürfnissen, nämlich 
dem Umherführen der Götterbilder, vor allem der Muttergöttin 
<Nerthus, Nehalennia, Magna Mater). 

Die Zähmung des Rindes ist ferner nadi demselben Autor 
im Zusammenhang mit abergläubischen Vorstellungen vor sich 
gegangen 1 . Ins einzelne einzugehen würde hier zu weit führen, 
doch geht aus diesen Hinweisen zur Genüge hervor, daß mythische 
Vorstellungen, in deren Mittelpunkt die Erde und deren Frucht* 
barkeit stand, bei der Erfindung dieser anscheinend ausschließlich 
vom Realitätssinn geleiteten Dinge bestimmend mitgewirkt haben. 

Das Roß, das in dem Bilde des Yggdrasil einen bezeich- 
nenden Zug ausmacht, hat mit dem Wagen die Doppelbedeutung 
des Aggresiven auf der einen Seite, des Schützenden und Bergenden 
auf der anderen gemein-. 

Es ist keine willkürliche Auswahl aus den geltenden Sym- 
bolen und Kulturgütern, die hier zum Leitfaden genommen wurde. 
Der Gesichtspunkt, der bei ihrer Aufstellung festgehalten wurde, 
ist vielmehr der des — dauernden oder vorübergehenden — 
Lebensraximes in seiner Erfassung durch das integrale Denken 
mit seinen möglichen Determinanten Schutz, Ernährung, Weis- 
sagung, Ursprung und Tod. 

<Hiezu nachträglich noch einige Belege: Weissagung durch 
das Schiff Argo in der Argonautensage 3 [Determinante i, von 
der Determinante t auf Grund Rückschreitens zum reinen Integral 
gewonnen]/ Weissagung durch die auf Buchenstäbe geritzten 
Runen, bei der die Baumnatur der Stäbe ebenso wirksam ist 
wie der Zeichenzauber [Odin findet die Runen, nachdem er sich 
an die Weltesche aufgehängt hat]/ weissagende Kraft der 
Pferde bei Persern und Germanen [Pferdeorakel]. Dieselbe wird 
noch heute vom Landvolk den Haustieren in der Neujahrsnacht 
zugeschrieben.) 

Wie die Objekte der von uns aufgestellten kulturgeschicht- Beziehungen zum 

w | 4 i Totcnkult. 

liehen Reihe sämtlich auch in Beziehung zum I otenkult stehen 
(Umkehrüng der Determinante o im Sinne der Wieder- 
geburt), wurde schon nachzuweisen begonnen. Neben der Be- 

1 Vgl. : Die Entstehung der Pflugkultur. S. 57 ff. 

3 Über das Roß als Libidosyrabol vgl. Jung: Wandlungen und Symbole 

der Libido. S. 245. 

3 Weniger: Altgriediisdier Baumkultus. Leipzig 1919. S. 14. 



296 Dr. Emil Lorenz 



stattung in Höhlen, die bereits der älteren Steinzeit angehört, 
gibt es nodi die jedenfalls ältere, aber durch Funde aus dieser 
Zeit natürlich nicht mehr belegbare Bestattung auf Bäumen, die 
sich noch heute bei Naturvölkern findet <Baum-, Gerüst» und 
Plattformbestattung). Bei folgeriditigem Festhalten des Gedanken- 
ganges, der das Baumleben als die älteste Lebensform der Mensch» 
heit betrachtet, müßte die Bestattung auf Bäumen auch die älteste 
Bestattungsform überhaupt sein. Daß diese Form zur Folge hatte, 
daß die Leichen den Vögeln zum Fraß dienten, mag nicht nur 
mancherlei mythische Vorstellungen von Seelenvögeln <Harpyen> 
geschaffen haben, es führt auch ungezwungen über zu dem bekannten 
parsischen Brauch, die Toten in den Türmen des Schweigens den Raub= 
vögeln auszusetzen, wobei sidier die religiöse Begründung, die Erde 
müsse vor der Befleckung durch den Leidmam bewahrt bleiben, 
späteres, wenngleich sehr tief im Unbewußten verankertes Glaubens« 
gut ist. Der Parsismus ist eine hervorragend männliche Religion. 
Er weigert den Toten die Rückkehr zur Mutter Erde und läßt 
ihn von Sonnentieren dem väterlichen Licht zuführen. Vorwärts- 
schauend führt diese Idee, wie wir nadiher sehen werden, zur 
Feuerbestattung, nach rückwärts verfolgt, zur Verzehrung des 
Toten durch Raubtiere, allenfalls auch zum Kannibalismus (Leichen- 
fraß, Fanany=Mythe> a , Ausartungen, wenn man so sagen darf, 
die zwar derselben leidenschaftslosen Behandlung durdi die Wissen- 
schaft bedürftig sind, wie alle übrigen ethnologischen Tatsachen, 
die aber aus unserer Ideenreihe darum herausfallen, weil in ihnen 
nicht der uralte — steinzeitliche wie moderne — Gedanke zur 
Geltung kommt, den Toten in seiner Individualität zu belassen, 
ihm zum mindesten die Möglidikeit einer Wiedergeburt, auch auf 
einem Umweg — wie beim Leichenbrand <s. u.> — zu verschaffen. 
Leichenfraß, vollständig oder nur teilweise, ist vielmehr, wofern 
er nicht aus ausgesprodienem Nahrungsmangel erfolgt, was aber 
selten ist, von der Absicht geleitet, die körperlidien und geistigen 
Kräfte des Toten für sich zu gewinnen, ein Zug, den das Märchen 
treu bewahrt hat. 

Diese Formen, sich mit dem Toten auseinanderzusetzen, 
haben nichts von dem mütterlichen Zug der Bestattungsform, die 
schließlich die meiste Verbreitung gefunden hat, die dann die dauer- 

1 Vgl. das Kapitel über die Fanany-Mythe bei Leo Frobenius: Die 
Weltansdiauung der Naturvölker. 



_ü^M 



Der Mythus der Erde 297 



hafteste geblieben ist, wohl deshalb, weil sie einer gewissen Träg^ 
heit schmeichelt *- der Erdbestattung- Bei ihr vermittelt wieder 
der hölzerne Sarg in seiner ursprünglichen Form des Toten- 
baums (zwei ausgehöhlte Baumstammhälften, die übereinander^ 
gelegt wurden) den Zusammenhang mit der Baumbestattung. 
Auch die Totenbretter in Süddeutschland dürften hieher gehören, 
und zwar insofern, als sie, die sonst keinen Zweck hatten, als 
daß der Tote während der Aufbahrung auf ihnen lag, worauf 
die Leiche in den Sarg gelegt, die Bretter aber an die Friedhofs^ 
mauer gelehnt oder sogar als Stege verwendet wurden, dem 
Toten die Berührung mit dem mütterlichen Holz vermitteln sollten 1 . 

Eine Sitte, deren Deutung aber sehr umstritten ist, wäre Hod J^n un 
geeignet, unserer Auffassung die stärkste Stütze zu bieten; es ist 
die »Hockerstellung«, in der die menschlichen Überreste vieU 
fadS schon seit der Steinzeit bei Naturvölkern bis in die Gegen- 
wart vorgefunden werden 2 . 

Die Annahme, es handle sich dabei nicht um die Stellung 
des Embryos, in die der Tote zwecks Ermöglichung einer neuen 
Geburt gebracht wird, sondern um eine Fesselung, um die Wieder = 
kehr des Toten zu verhindern, hätte bei der ambivalenten Gefühls- 
einstellung der Überlebenden gegen die Toten manches für sich. 
Durch den noch bis vor kurzem auch in Europa geübten Brauch, 
die zwei großen Zehen des Toten zusammenzubinden, welcher ein 
Rudiment einer ehemals umfassenderen Fesselung sein muß, ferner 
ihn mit den Füßen nach auswärts aus dem Hause zu tragen und 
hinter ihm Wasser auszuschütten <eine symbolische Handlung, der 
auf dem Gebiete des Mythus die Vorstellung eines Unterwelts- 
Stromes als trennenden Mittels zwischen Lebenden und Toten 
entspricht) ist das Vorhandensein einer Furcbt vor den Toten 
genügend gekennzeichnet. 

Es wäre jedoch eine naturalistische Übertreibung, keine 
anderen Motive, auch ethisch höherwertige, anerkennen zu wollen. 
So wie seit jeher der Tod eines Nahestehenden Trauer verursacht 
hat, werden ohne Zweifel auch Wünsche, den Toten zurüd<zu= 
halten und ihm sein Leben in irgend einer Weise fortsetzen zu 

1 Ober die Totenbretter vgl. die Arbeiten von Hein, Mitteilungen der 
Anthropologischen Gesellschaft in Wien, Bd. 21, S. 85, und Franz Stolz: Das 
Totenbrett ein Überrest des bajuwarischen Heidentums. Zeitschrift für öster* 
reichische Volkskunde XII, S. 113. 

! Vgl. Nadaillac: Die ersten Menschen und die prähistorischen Zeiten. S. 409. 



298 Dr. Emil Lorenz 



helfen, wirksam gewesen sein. Das Nächstliegende ist es, den 
Toten als schlafend zu betrachten und alles bereitzustellen, was 
ihm beim Aufwachen dienlich sein könnte. Das ist auch tatsächlich 
der Eindruck, den der älteste Fund dieser Art, der schon genannte 
Homo Mousteriensis Hauseri-Klaatsch macht. Wir sind auch heute 
noch nicht ganz frei von der Vorstellung des Todes als eines 
Schlafes, wo derselbe doch jedenfalls entweder unendlich viel mehr 
oder unendlich weniger ist als ein Schlaf. Aber er ist für unser 
Auffassungsvermögen der denkbar indifferenteste Zustand der 
Psyche und darum audi das älteste und dauerhafteste Bild des 
Todes. Das ist das Berechtigte an der zuletzt von Schuchhardt 1 , 
vor ihm schon von Nadaillac 2 vertretenen Auffassung der 
Hocker« als der Schlafstellung. 

Aber im Zusammenhang mit der Erfahrung, daß der stille 
Schläfer auf natürlichem Wege nicht mehr erwadit, kommt es zu 
der Vorstellung, daß dazu eine neue Geburt erforderlich ist. 
Dieser Übergang gehört zu den widrigsten Ereignissen der 
Menschengeschichte, denn es liegt in ihm das Fortschreiten in das 
rein Gedankliche eines Glaubens, für den es, ungleich dem magi- 
sehen Glauben, der Zufallserfüllungen nicht ausschließt, eine 
Bestätigung in der Erfahrung gar nie geben kann. Man sollte 
meinen, daß sich ein solcher Glaube nicht eine einzige Generation 
lang würde halten können, und doch gehört er zu den unverlier- 
barsten Besitztümern der Menschheit. Diese aller gegenteiligen 
Erfahrung trotzende Beharrungskraft ist nicht denkbar ohne einen 
unbewußten Hintergrund, an den die Gegeninstanzen der nach- 
träglichen Erfahrung nicht heranreichen. 

So mündet die Schläfertheorie schließlich ein in die bereits 
von Jakob Grimm vertretene Theorie der Wiedergeburt 3 . Die 
letzte zusammenfassende Behandlung des Gegenstandes findet sich 
bei O. Tschumi 4 , der die bisherigen Theorien einer kritischen 
Sichtung unterzieht. Unter den von ihm angeführten Namen 
fehlen freilich einige wichtige, vor allem der des vermutlichen Be- 
gründers der Embryotheoric, Jakob Grimms, ferner Nadaillac 5 , 

1 Alteuropa, S. 23 ff. 

' A. a. O. S. 413 f. u. a. M n , . .. 

5 Vgl. Kleine Schriften, 2. Bd., S. 211 ff.: »Ober Begraben und Ver- 
brennen«. 

* Die steinzeitlichen Heckergräber der Sdvweiz. Zürich 19Z1. 
5 Die ersten Menschen und die prähistorischen Zeiten. 



Der Mythus der Erde 299 



der sich die temperamentvolle Stellungnahme Quinets 1 zu eigen 
macht, während dort der westschweizerische Forscher F. Troyon 
als Begründer der Theorie genannt ist 2 . Sodann hat Wosinsky 
in seinem Werk über das prähistorische Schanzwerk von 
Lengyel 3 die Theorie wieder aufgenommen, bis sich schließlich 
Albrecht Dieterich 4 aus dem Zusammenhang seines ganzen 
Werkes, aber doch mit einer gewissen Zurüddialtung, wieder für 
dieselbe einsetzte. 

Daneben wurde die Fesselungstheorie vertreten durch 
Otto Schoetensack s und Richard Andree 15 . Die Schläfer- 
theorie fand Anhänger in Eduard Naville 7 und Richard Forrer, 
schließlich in Karl Schuchhardt 8 . 

Wer das umfangreiche Material ethnologischer Art bei 
Andree sowie die Verbreitung der Sitte in vorgeschichtlicher Zeit, 
von derTschumi ü und R. Martin 10 einen kurzen Überblick geben, 
vergleicht, wird sich dem Eindruck nicht entziehen können, daß es 
sich hier um eine Frage handelt, welche auch die fleißigsten Einzel- 
untersuchungen heute noch nicht restlos zu lösen imstande sind, 
die vielmehr gegenwärtig nur durch eine grundsätzliche, auf eine 
Psychologie der Kulturentwicklung gegründete Annahme der Zu* 
sammenhanglosigkeit entrissen werden kann. Welcher Art die 
Grundüberzeugung ist, die dieses Werk vertritt, und wie darum 
auf Grund derselben die Lösung der Frage ausfallen wird, braucht 
eigentlich nicht wiederholt zu werden. Unsere Theorie, innerhalb 
deren die Bindung an die Erde, als Äußerung der »mütterlichen« 
Tendenz, eines der mächtigsten Momente ausmacht, fordert die 
sinnvolle Eingliederung des Brauches in die Gesamtheit ihres Ideen- 
kreises. Aus diesem Zusammenhang herausgerissen, wird die Embryo- 
theorie freilich das bleiben, was sie ihren Kritikern bisher erschien; 



1 La creation. Paris 1870. 

2 Lettre ä M. Bertrand sur l'attitude appliee dans les sepultures antiques. 
<Revue ardSeologique 1864, I, S. 289 ff.) ' 

3 Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. 1889, Bd. 19. 

S. 156. 

* Mutter Erde. Leipzig 1905. 2. Aufl. 1913. 

5 Zeitschrift für Ethnologie. 1901. 

8 Ethnologische Beiträge zur Hockerbestattung. (Archiv für Anthropologie. 
Neue Folge 6. 1907.) 

7 Religion des anciens Egyptiens. 

8 Alteuropa. 
8 A. a. O. 

10 Über Skelettkult und verwandte Vorstellungen. (Mitteilungen der geo» 
graphisch-ethnographischen Gesellschaft in Zürich 1920). 




300 



Dr. Emil Lorenz 



eine zum Teil sentimentale, zum Teil gekünstelte Hypothese, 
wobei sie eben der Täuschung unterliegen, daß dieser Rest eines 
ehedem sehr naiven und massiven Glaubens, weil er heute nur 
mehr außerordentlicher Empfindsamkeit nacherlebbar ist, von der 
gleichen Empfindsamkeit geschaffen sein müßte. 
Die Bedeutend jünger als die Höhlenbestattung sind die mega- 

Sbauun" lithischen Grabbauten in Niederdeutschland, Dänemark, an 
den Küsten der Bretagne, in Nordafrika und Vorderasien. Die 
Idee, welche ihrer Errichtung zugrunde lag, war gewiß nicht ein- 
facher Natur. Ein soziologisches, aber schon als solches nidit in 
die Tiefe führendes Moment war dabei die auszeichnende Be= 
handlang, die man hiedurd^ den Leichnamen der Führer und 
Vornehmen erwies. Von besonderer Wichtigkeit in Hinsicht auf 
die Kontinuität erscheint mir die Tatsache, daß sich die megalithi- 
sdien Grabbauten fast nur im Flachland und in Gebieten finden, 
die in der Nähe des Meeres liegen. Den letzteren Umstand hat 
Karl Penka 1 dahin gedeutet, daß es ein seefahrendes Volk war, 
das, von Norden kommend, diese Maler an den Küsten des 
Nordmeeres und des Mittelmeerbediens errichtet habe. Was aber 
die Verbreitung im Flachland betrifft, so kann dieser Umstand 
wohl nur dahin gedeutet werden, daß das Gebirge mit seiner 
Möglichkeit, natürliche oder künstliche Höhlen als Grabstätten zu 
benützen, die Erbauung von Dolmen als überflüssig ersdieinen 
ließ. Diese würden sich also als Ersatz für die natürlichen Stein« 
und Erdhöhlen erweisen, die den Erbauern in ihrer ursprüng- 
lichen Heimat zur Verfügung standen. 

Wie diese Deutung auch im einzelnen ausfallen mag — 
und vieles wird hier ja noch lange dunkel bleiben 2 — der Zu- 
sammenhang der Megalithen mit der primitiven Höhle darf wohl 
als sicher angenommen werden und damit natürlich auch die 
ganze psychologische Bedeutung, die der Höhle in der schon 
geschilderten Weise zukommt. 

In ganz folgerichtiger Weise gleicht sich nun die künstliche 
Steinhöhle auf dem Weg über den Dolmen, Cromlech und das 
Ganggrab dem unbewußten Bilde an, das der Phantasie bei ihrer 

1 Die ethnolo S isdi-ethnographische Bedeutung der megalilhischen Grab- 
bauten. Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 1900. 

* Das Verhältnis der die jüngere Steinzeit einleitenden Stufe der Kjokken- 
möddinger, die durch Erdgräber gekennzeichnet ist, bedürfte z. B. durchaus noch 
näherer Aufhellung. 



Der Mythus der Erde 301 



Beschäftigung mit Tod und Grab als Leitmotiv zugrunde liegt. 
Der Tumulus wird tektonisch zum Uterus. Mit dieser 
Feststellung erscheinen nur schon bekannte Tatsachen folgerichtig 
zu Ende gedeutet. Die Ideen von Geburt und Zeugung, die 
den Gedanken des Todes immer mehr aufzuheben streben, 
kommen in der Gestalt der Grabbauten unzweideutig zum Aus= 
druck. Hinsichtlich der phallischen Natur der Menhirs, der Vor- 
bilder der ägyptischen Obeliske, kann kein Zweifel bestehen. 
Die Steintische, vom Volke Pfennigsteine <Fenessteine> genannt, 
sind eigentlich Vulvensteine. Ihr weiterer Ausbau zu halbunter- 
irdischen Gewölben mit einem sanft abfallenden Zugang zwischen 
Steinwänden, also zu den sogenannten Ganggräbern ist in 
jeder Hinsicht danach angetan, diese Vorstellung zu befestigen. 
Und man braucht bloß den Grundriß eines nordischen Tumulus 
mit Ganggrab und den eines mykenisdien Kuppelgrabes neben = 
einanderzulegen, um zu erkennen, daß in dem südlichen Aus- 
strahlungsgebiet der altnordischen Kultur mit den ungleidi 
reicheren Mitteln, die das Sklaventum an die Hand gab, der 
uterine Charakter des Grabbaues eine noch schärfere Betonung 
erfuhr. So sind z. B. die Rosetten auf der Innenseite des 
Kuppelgewölbes Umstilisierungen jener Eigenschaft des Uterus, 
die im Volksglauben der Anlaß zu seiner bekannten Symboli- 
sierung durch die mit Warzen bedeckte Kröte geworden ist. Und 
man darf jenen zum Teil noch recht barbarisdien Zeiten Kenntnis 
der Anatomie genug zutrauen, um auch in dem kleinen runden 
Seitenraum, der, als das Innerste der ganzen Anlage, von dem 
Kuppelraum abzweigt, keine willkürliche, sondern gleichfalls ana- 
tomisch wohlbegründete Zugabe zu erblicken. 

Über diese architektonische Angleichung des Grabbaues an 
den Uterus, wie er in den nordisdien Ganggräbern und ihrem 
hochstilisierten südlichen Ableger, dem mykenisdien Kuppelgrab, 
vorliegt, ist ein Fortschritt nicht mehr möglich. Die nächste Periode 
zeigt im Norden eine Rückkehr zu einfacheren Formen in Gestalt 
der Steinkistengräber und eine weitere, in ihrer psychologischen 
Bedeutung überhaupt noch nie ganz gewürdigte und darum noch 
gar nicht verstandene Reaktion gegen jene schon fast das Bewußtsein 
streifende Vergegenständlichung unbewußter Triebkräfte, wie sie 
in der uterinen Form der Grabbauten vorliegt. Ich meine das 
Aufkommen des Leichenbrandes. 



302 Dr. Emil Lorenz 



Der Es ist viel Rührseliges und Pathetisches, es sind die ver- 

Uid«ab»«l. sAiedensten Erwägun gen grobmaterieller und hochideeller Natur 

für das Aufkommen der Leichenverbrennung ins Treffen geführt, 

der Brauch aber noch nie nach seiner unbewußten Verwurzelung 

hin gewürdigt worden. Ein größerer Gegensatz als zwischen dem 

sorgfältigen Bewahren, Konservieren und Mumifizieren der Leichen 

auf der einen Seite und der vollständigen Zerstörung der Form 

des Körpers auf der anderen Seite läßt sich kaum denken. Auch 

hier müssen wir über alle seelischen Vordergründe, als welche sich 

uns die Erwägungen der Nützlichkeit, der Furcht und ober» 

flächlichen Aberglaubens darstellen, hinwegschreiten. Ich möchte 

den Gegensatz, der sich hier auftut, als den des Idyllischen und 

Heroischen bezeichnen. Dieser Gegensatz hat aber wieder seine 

Wurzeln in den zwei Tendenzen des Unbewußten, der einen, die 

zur Mutter, der anderen, die zum Vater zurückstrebt. Hiebei ist 

es wiederum naheliegend, daß die im allgemeinen weniger starke 

Tendenz zum Vater dann zur Wirksamkeit erwacht, sobald die 

mütterliche Tendenz einer Überspannung unterlegen ist. 

Das Feuer ist für den Primitiven kein chemischer Prozeß, 
sondern ein mystischer Vorgang. Dieser Umstand muß jedem 
Versudi, die Leichenverbrennung zu erklären, zugrundegelegt 
werden. Das Feuer ist Prinzip des Lebens und der Zeugung. 
Schon die Energie, die auf die primitive Art der Feuererzeugung 
verwendet wird, zeigt einen stark libidinösen Zuschuß. Der Mythus 
vom Prometheus läßt das Feuer durch Raub, also durch eine 
strafbare Handlung, auf die Erde gebracht werden. Die Affekt- 
besetzung dieses Vorgangs erweist sich als außerordentlich stark, 
wenn man die Folgen ins Auge faßt, die dem kühnen Räuber 
aus der Tat erwachsen. Das Feuer symbolisiert dem Unbewußten 
eine Betätigung, die dem Menschen verboten und nur dem Gotte 
vorbehalten ist. Wenn Prometheus es vom Himmel holt <der Raub 
aus irdischen Örtlichkeiten ist eine sdiwächlidie rationalistische 
Deutung), so kann es nur von der Sonne stammen, deren runde 
Scheibe das Urbild der hölzernen Scheiben ist, aus denen Feuer 
gebohrt wurde. Die Sonne aber, das alles sehende, der Untat 
wehrende und sie rächende Auge des Himmels, ist selbst mann» 
licher und väterlicher Natur. Jener anderen verbotenen aktiven 
Identifizierung mit ihr, der Begattung mit der Mutter Erde, steht 
die erlaubte passive gegenüber, durch Unterwerfung unter ihre 



Der Mythus der Erde 303 



Macht, die sich im Leichenbrand äußert. Die vollständige Ein» 
äscherung des Leichnams ist nicht der einzige Weg dazu. Wir 
kennen besonders aus der Frühzeit, als dem »Verbrennen« zeitlich 
vorangehend, das »Brennen«, bei dem der Leichnam oder einzelne 
Körperteile nur angesengt wurden 1 . Dieses Brennen kann nicht 
bezweckt haben, dem Toten die Rückkehr vollständig abzuschneiden 
<was gewöhnlich als Sinn des Leidienbrandes hingestellt wird) oder 
der Seele den Weg für eine rein geistige Fortdauer zu öffnen. 
Es war die magische Berührung mit der väterlichen, zeugenden 
Kraft der Sonne und führt die Idee der Wiedergeburt, die schon 
in der Erdbestattung vorliegt, hinweg über die dort wirksame 
mütterliche Tendenz, zur väterlichen zurück. In der Verbrennung 
folgen die Seelen der Sonne und werden durch ihr Licht und ihr 
Feuer zur Unsterblichkeit und Wiedergeburt geführt. 

Frobenius 2 zitiert 3 einen westafrikanischen Mythus: 

»Von der herrschenden Gottheit sind Untergötter über gewisse 
Länder, Menschen, Tiere, Kräuter, Flüsse usw. eingesetzt. Die= 
selben müssen ihrem Herrn jährlich von der Führung ihres Amtes 
Rechenschaft ablegen. Es geschieht das in einer allgemeinen Ver- 
sammlung aller Götter an dem Hof des großen Gottes. Wer 
seinem Amt ein Genüge getan hat, der wird von der großen 
Gottheit zur Bezeugung ihres Wohlgefallens mit einem glühen^ 
den Eisen in der Unsterblichkeit und dem Amte eines 
Gottes für ein Jahr bestätigt. Welche aber den bösen Geist 
zugelassen haben, ungerechte Kriege unter den Nationen zu 
stiften oder Pest, Feuerschaden u. dgl. in dem ihnen angewiesenen 
Gebiet wissentlich haben vorkommen lassen, die werden ihres 
Amtes entsetzt und werden sterblich . . . 

Durch das jährliche Totenfest werden die Seelen aller in 
diesem Jahre Gestorbenen ins Jenseits befördert. Die, die nicht 
mit hinüberkommen, werden sterblich, d. h. sie irren auf der Erde 
umher. Die anderen werden mit einem glühenden Eisen markiert. 
Dies glühende Eisen ist die Sonne.« 

Von dieser symbolischen Berührung mit dem väterlichen 
zeugenden Feuer führte folgerichtiges Denken zur Verbrennung 

1 >Minderer Leichenbrand« (Giesebrecht) nach Ernst Vix: Die Toten- 
bestattung in vorgeschichtlicher und geschichtlicher Zeit. 

8 Weltanschauung der Naturvölker. S. 318. 

■ Nach C G. A. Oldendorp: Mission der westafrikanischen Brüder auf 
den Karolinischen Inseln. 1777. 



304 



Dr. Emil Lorenz 



einzelner Körperteile und schließlich des ganzen Körpers. Es war 
derselbe Gedanke, den, aus einer ganz anderen geistigen Sphäre 
heraus, Angelus Silesius ausdrückt mit den Worten: 

Gott wohnt in einem Licht, zu dem die Bahn gebricht/ 
Wer es nicht selber wird, der sieht ihn ewig nicht. 

Freilich ist diese gläubige Erhebung über den Sinnenschein, 
die gerade im Anschluß an die absichtlich herbeigeführte Zerstörung 
der Form eine neue Zeugung des Wesens hervorgehen sieht, 
unserem in mandier Hinsicht vergröberten Denken sd^wer zugänglich. 

Mit einer ethischen Umdeutung des oben entwidtelten Sinnes, 
von der ich aber nicht feststellen kam* wieviel davon auf Rechnung 
der deutschen Nachdichtung zu setzen ist, heißt es im Avesta: 

Wir sehnen uns nach dir, wie nach loderndem Feuer, 
das uns frei macht von allen Schladten 
und jauchzend unser Bestes zum Himmel trägt, 
eine Qual für den, der sich dir nicht geben will, 
weil er nidu groß ist und frei 1 . 

Es wäre sehließlidi auch auf die heilende Kraft des Feuers 
zu verweisen, die in den altgermanischen Notfeuern, sowie in 
unseren Sonnwendfeuern zum Ausdruck kommt, Abbildungen des 
himmlischen Sonnenlichts, deren Überspringen heilende und vor- 
beugende . Kraft in sich schloß. Über das aus demselben An* 
schauungskreis stammende Bild des Phönix, der aus seiner eigenen 
Asche verjüngt emporsteigt, vergleiche man meine Arbeit über 
Ödipus auf Kolonos <Imago IV>. 
Andere Die Ethnologie berichtet von einer ganzen Reihe seltsamer 

formen. un d lehrreicher Zwis chen formen zwischen Begraben und Ver- 
brennen. Die Inder der vedischen Zeit kannten bereits die Leichen- 
verbrennung. Aber bei der Beisetzung der verkohlten Gebeine 
erneuerte sich die alte Einstellung zur mütterlichen Erde in den 
Worten, die von den Hinterbliebenen an den Toten sowie an die 
Erde geriditet wurden: 

Krieche nun ein hier in die Mutter Erde, 

In die weiträumige, breite, hochheilvolle. 

Woileweich ist die Erde dem Opferlohngeber <dem Frommen), 

Sie beschütze dich auf deiner Weiterreise. 



1 Nach Eberhardt: Das Rufen des Zaralhustra. Jena 1913. 



Der Mythus der Erde 305 



Hebe dich empor, o du Breite, drücke nicht niederwärts, 
Sei ihm leicht zugänglich und leicht einläßlich. 
Wie die Mutter den Sohn mit dem Zipfel <ihres Kleides) 
Bedecke du ihn, o Erde. <Rigveda X 18, 49 und so.) 

Die Ethnologie kennt auch Bräuche, die älter sind als die 
Erdbestattung und das Verbrennen. Wir werden z. B. angesichts 
der uns schon bekannten urtümlichen Bedeutung des Baumes ohne* 
weiters schließen dürfen, daß Bestattungsarten wie das Aussetzen 
auf Bäumen zu den allerältesten gehören müssen. 

Bei K. Th. Preuß 1 lesen wir <S. 143 f.>: »Die Beisetzung 
auf Bäumen geschieht meistens in der Weise, daß die eingehüllte 
Leiche auf der Gabelung von Ästen möglichst horizontal mit 
Riemen befestigt wird, Bisweilen wird sie auf ein Gestell gelegt, 
das auf den Zweigen ruht oder von ihnen herabhängt. Letzteres 
ist häufig angewendet, wenn sich der Tote in einem Kasten oder 
Kanoe befindet. Die Okanagan, ein Stamm der Suswap, banden 
den Leichnam oft aufrecht an den Stamm eines Baumes. Manche 
Völker hängten die Leichen, besonders wenn sie eingesargt waren, 
zwischen zwei und mehr Bäume, wie die Lamuten und andere 
Timgusen, die Loucheux und die Eskimo von Port Discovery . . . 
Bei den Nuthastämmen bleiben die Särge der gewöhnlichen Leute 
auf der Erde stehen oder werden auch in dieselbe eingesenkt, 
während die Vornehmen dem Range nach in verschiedener Höhe 
auf den Bäumen befestigt werden . . . Bei anderen Völkern be= 
finden sich die ausgesetzten Leichen gar nicht in Särgen, sondern 
werden bloß eingewickelt oder eingeschnürt in Felle, Kleider und 
dergleichen mehr.« 

L. v. Schröder 2 knüpft an diese Berichte die Bemerkung: 
»Danadi ist es wohl erlaubt, die Frage aufzuwerfen, ob das Auf» 
hängen der Totenbretter auf Bäumen bei den esthnischen Setukesed 
nicht am Ende als ein Rudiment der Baumbestattung auf europä- 
ischem Boden angesehen werden darf.« 

Wir haben bereits früher <S. 297) auf diesen Zusammen- 
hang hingewiesen, als wir die Abstammung des Sarges von dem 
Baum <Totenbaum> darlegten. 



1 Die Begräbnisarten der Amerikaner und Nordostasiaten. Königsberg 1894. 

2 Über die Totenbräuche bei den Esthen. Mitteilungen der Anthropologi- 
schen Gesellsdiaft in Wien. Bd. 29, Sitzungsberichte, S. 58. 

Imago VIII/3 20 



306 Dr. Emil Lorenz 



Von den Abchasen 1 wird erzählt, daß sie den Leichnam 
eines vom Blitz Erschlagenen in einen Sarg legen und auf einen 
Wachturm stellen, auf dem man ihn so lange stehen läßt, bis die 
bloßen Knochen allein von ihm übrig bleiben. Dann nimmt man 
den Sarg herunter und bestattet ihn, indem man an ihm die ge- 
wohnlichen Begräbniszeremonien ausführt und die gebräuddiche 
Erinnerungsfeier anstellt. 

Es ist klar, daß hier bereits eine historische Sduchtung vor- 
liegt, indem sich an die Baumbestattung die Erdbestattung an- 
schließt. Aber auch der Unterschied zwischen der mütterlichen und 
väterlichen Tendenz kommt zum Durchbruch. Der vom Blitz 
Erschlagene steht in einer magischen Beziehung zu dem männ- 
lichen Prinzip des Himmels und Himmelsfeuers. Er darf darum 
nicht zur Mutter Erde zurückkehren. 

So erzählt auch Apollonius Rhodius in seinen Argo- 
nautica vom Lande Kolchis: »Dort wadisen viele Weinreben und 
Weiden, an deren Spitzen auf Ketten die Leichname der Ver- 
storbenen aufgehängt waren. Auch jetzt noch gilt es bei den 
Kolchern für ein Verbrechen, die Leichname der Männer zu ver- 
brennen oder selbst in die Erde zu vergraben. Man tut sie in 
unbearbeitete Ochsenhäute und hängt sie hinter der Stadt auf 
Bäumen auf. Doch auch die Erde erhält, wie die Leute sagen, 
das Ihrige, indem ihr die Leichen der Weiber überantwortet 
werden.« 

Diese klare Gegenüberstellung, verglichen mit der Bemerkung 
in Aelians Varia Historia, die Kolcher verehrten den Himmel 
und die Erde, läßt über die unbewußte Tendenz der geschilderten 
Bräuche keinen Zweifel. Freilich hat auch hier ein Übergang statt- 
gefunden, indem die, wenn wir recht haben, ursprünglich eine 
Rückkehr zur Mutter bedeutende Bergung auf dem Bauni den 
neuen Sinn erhielt, daß die Aussetzung die Verbindung des Toten 
mit der Sonne ermöglichen sollte. Aber derartige Übergänge sind 
uns nichts Ungewohntes. 

Eine Stufe höher in der Vermännlichung der Bestattungs- 
gebräuche steht der Parsismus. Er setzt grundsätzlich alle Toten 
dem Getier des Himmels zum Fräße vor. Kennzeichnend für 
diese Bestattungsart und durchaus sinnvoll innerhalb unseres ganzen 
Zusammenhangs ist es, daß die Leichen zwar zu jeder Tages- 
' Vgl. N. v. SzydlHz, Globus, Bd. 66 <1894>. 



Der Mythus der Erde 307 



zeit nach dem Turm des Schweigens gebracht werden dürfen, 
daß es aber zur Nachtzeit strenge verboten ist, weil es wesentlich 
ist, daß der Körper dem Sonnenlicht ausgesetzt wird 1 . Historische 
Schichtung ist in doppelter Form nachzuweisen. Auf Brdbestattung 
weist zurück die in manchen Städten des Gujerat übliche alte 
a westische Methode, den Toten auf den Boden zu legen. Dazu 
wird der Boden einige Zoll tief ausgegraben und eine Schichte 
Sand darübergestreut, auf welche dann der Leichnam gelegt wird, 
ein Brauch übrigens, der mit der parsisdien Grundanschauung nidit 
redit vereinbar scheint, wonadi »die Mutter Erde nicht verun» 
reinigt werden darf« <1, c. S. 397). 

Eine andere Form historischer Schichtung liegt in dem dem 
parsischen Ritus angehörigen sogenannten Sagdeed vor, welches 
darin besteht, daß man einem Hund den Leichnam sehen läßt. 
Die Deutung ist klar: Das Erd« und Unter weltstier, den Hund, 
der einst, wie Kerberos, die Leichen fraß, wagte man nicht völlig 
auszuschalten, als man, der väterlichen und Lichttendenz folgend, 
den Fraß der Leichen nur mehr den Vögeln des Himmels vor* 
behielt. 

Eine Schichtung eigentümlicher Art zeigt die Verbindung 
zwischen Wassergrab und Verbrennung, wie sie in dem 
Wikingerbrauch zutage tritt, den Scheiterhaufen auf einem 
Schiff zu entzünden und dieses samt der Leiche den Wellen preis» 
zugeben. Einfaches Wassergrab war indisdie Sitte: die Leichen 
wurden in den Ganges versenkt 2 . Vielleicht sollte, was hier nicht 
ausgemacht werden soll, der heilige Strom die Toten wieder 
gebären. 

Das Schiff aber ist ein weibliches Symbol und wie der 
Totenbaum in seiner Urform als Einbaum von einem weiblichen 
dendritischen Numen erfüllt. Über die Bettung in das Schiff schichtet 
sich nun die Verbrennung als Neuzeugung. Die Schilderung, welche 
der Araber Ibn Fozlan, der im Jahre 921 oder 922 eine Gesandt- 
schaftsreise von Bagdad zum König der Slawen, d. i. der Wolga= 
bulgaren unternahm, von einer derartigen Totenfeier der heidni- 
schen Russen gab, enthält als unterste Schichte noch einen deutlichen 
Rest der Erdbestattung. 



1 Vgl. Jivanji Samsdiedji Modii: Die Leidiengebräuche der Parsen. Globus 64 
<1893>, S. 394 ff. 

1 Vgl. Spieß: Entw'kilungsgesdiifbte der Vorstellungen vom Tode. S. 376. 

20" 



308 De Emil Lorenz 



»Sie legten den Toten in ein Grab und schlugen ein Dach 
darüber für zehn Tage, bis sie mit dem Zuschneiden und Nähen 
seiner Kleider fertig waren. Ist ihnen ein armer Mann gestorben, 
so bauen sie für ihn ein kleines Schiff, legen ihn hinein und ver- 
brennen es. Beim Tode eines Reichen aber sammeln sie seine 
Habe und teilen sie in drei Teile, Das eine Drittel ist für seine 
Familie, für das zweite schneiden sie ihm Kleider zu, für das 
dritte kaufen sie ein berauschendes Getränk . . . Als der Tag 
des Verbrennens herangekommen war, zog man das Schiff des 
Verstorbenen ans Ufer, trug eine Ruhebank darauf, über welche 
ein altes Weib, das sie den Todesengel nennen, gesteppte Tücher, 
Goldstoffe und Kopfkissen spreitete. Dann ging sie zum Grab, 
räumte die Erde von dem Holzdach und zog den Toten mit dem 
Leichentuch, worin er gestorben war, heraus, kleidete ihn in 
prächtige Gewände und trug ihn unter das Schiffszelt.« Dann 
wurde das Schiff angezündet 1 . 

Das Gefühl für die tiefere Bedeutung der Bestattung, be» 
ziehungsweise Verbrennung auf dem Schiff sdieint recht nach= 
haltig gewesen zu sein. Ein Beweis dafür ist der spätere Brauch 
der Beisetzung in einem Sdiiff auf trockenem Lande. Reste eines 
solchen SdiifTes wurden unter anderem an der Küste der Bretagne 
gefunden. Der Tote war mit Kleidung, Waffen* und Schmuck in 
dem Schiff verbrannt worden 2 . 

Der letzte Ausläufer der Sitte liegt vor in den sogenannten 
Schiffsetzungen, steinernen Umfriedungen von Begräbnisstätten in 
der Form eines Schiffes a . 

Die steinernen Grabstätten, seien sie jetzt natürlichen oder 
künstlichen Ursprungs, sind nun - so lautet die gewöhnliche 
Auffassung - die Ursache zu einer Art mythologischer Rüde» 
Spiegelung, indem die Erzählungen von einer Geburt aus Stein 
von ihnen ihren Ausgang genommen hätten 4 . Aber älter und 
umfänglicher noch ist die mit der schützenden Kraft des Baumes 
in Parallele zu stellende mütterliche Bedeutung der Höhle als 



1 Bei Jakob Grimm: Über Begraben und Verbrennen. Kleine Schriften. IL 

S. 289. . ., . 

* Globus 96 (1906), S. 387/ vgl- auch den Bootsarg nordwestamenkani- 
scher Indianer bei Scliurtz: Urgeschichte der Kultur. S. 172. 

3 Vgl. Oskar Montelius: Urgeschichte Schwedens, sowie Julie ocnlemm: 
Wörterbuch zur Vorgeschichte. Berlin 190S. 

* Vgl. die petra genetrix des Mithraskultes (Cumont: Die Mysterien des 

Mithra. S. 97). 



Der Mythus der Erde 309 



Zufluchts» und darum auch als Ursprungsstätte, wie auch dem 
Mithra sowohl eine Baum= als auch eine Steingeburt zugeschrieben 
wird 1 . 

Wir haben gesehen, wie hervorragende Naturobjekte — 
Baum, Höhle, Erde, Tiere — von dem integralen Denken erfaßt 
werden: der integrale Charakter des »Schutzes« <I> führt durch 
Irradiation zu ihrer Apperzeption nach dem Integral 1°. Die ver» 
schiedenen Formen der Totenbergung und Totenbehandlung sind 
getragen von dem Bestreben einer Zurückführung des Leichnams 
in den integralen Zustand, aus dem die Geburt erfolgte und 
wieder erfolgen soll, sei es mehr durch die Kraft der Mutter oder 
die des Vaters. 

Die friedlich geartete Gemeinde der Ackerbauer zieht sich in I er ? u "i ! ur « 

° . Stadt und 5>taat. 

Zeiten kriegerischer Bedrängnis, die in der Regel von Hirten- und 
Nomaden Völkern über sie verhängt wird, zunächst wieder in die 
Wälder und Höhlen zurüdt, aus denen sie einst den Ausgang ge= 
nommen hat. Dann aber übernimmt der Berg (sein Name kommt von 
»bergen«) die Aufgabe des Schutzes und dieses mit um so größerer 
Aussicht auf Erfolg, je mehr er sich zur Burg <Brechungsform zu 
Berg) umgestaltet. Die ältesten Burgen sind nicht dauernde Wohn* 
Stätten, sondern sogenannte » Fluch tburgen«, wie deren eine in 
typischer Form bei Xenophon 2 beschrieben wird. Die Siedlung ist 
von ihr getrennt und hat auch in der Regel einen eigenen Namen 
<griechisch novo, sanskr. vastu, slaw. vas), während die Burg Jtö?ug 
heißt, sanskr. puras 3 . Im Laufe der Entwicklung wird die Burg in 
der Regel zum heiligen Bezirk, wie die Akropolis in Athen, 
Akrokorinth, Pergamos, die Burg von Troja, das Kapitol, als 
letzte Zufluchtsstätte der Götterbilder in Zeiten der Not. Erst ganz 
zuletzt wird die Burg zum Herrschersitz, in Rom z. B. zuerst 
das ältere Palatium, das später besiedelte Kapitol überhaupt nie. 
Mit der Besitzergreifung der Burg durch den Herrscher mündet die 



1 Vgl. jeremias 2, 27: Sdiämen werden sie sich müssen, die vom Hause 
Israel samt ihren Königen und obersten Beamten, ihren Priestern und Propheten, 
die zum Baume sagen: Mein Vater bist du, und zum Steine: Du hast mich 
geboren. Jesaja 51, 1: Blickt auf den Felsen hin, aus dem ihr gehauen seid, und 
auf die Höhlung des Brunnens, aus der ihr ausgegraben seid. Blickt auf Abraham, 
euren Ahnherrn, und auf Sara, die euch gebar. ~ Über Steingeburtssagen ist 
noch zu vergleichen A. v. Löwis of Menar im Archiv für Religionswissen- 
schaft XIII, S. 509. 

2 Anabasis IV, 7. 

* Vgl. Otto Schrader: Sprachvergleichung und Urgeschichte. S. 197 f. 



310 Dr. Emil Lorenz 



Entwicklung geradewegs ein in jene bedeutsamen Zusammen- 
hänge, die im ersten Teil dieses Werkes auseinandergelegt worden 
sind. Der Herrscher, als die höchste väterliche Potenz, ergreift 
von der Fluditburg, der mütterlichen bergenden Stätte, Besitz. Es 
entsteht dasjenige soziologische Gebilde, das wir im eigentlichen 
Sinne Staat nennen, wobei sich bald — wenigstens im Kultur« 
kreis des Mittelmeers — der Unterschied zwischen dem republi- 
kanischen, defensiven, von einer Bürgerwehr verteidigten, Autarkie 
anstrebenden Stadtstaat und dem monarchischen, offensiven, ein 
stehendes Heer unterhaltenden, weltwirtsdiaftliche Ziele anstre* 
binden Flächenstaat herausbildet 1 . Es bedarf keiner Auseinander- 
setzung, wie sehr dieser Gegensatz seine Wurzeln in dem andern 
Gegensatz zwischen der väterlichen und mütterlichen Tendenz hat. 
Über die wechselnde Gewalt dieser Gegensätze ist bereits im 
ersten Teil der Arbeit ausführlich gehandelt worden. Auf einen 
Zug wäre aber noch hinzuweisen, der mir in gewissem Betracht 
geradezu rührend erscheint <und sollte dies auch nur deshalb sein, 
weil er sich so wunderbar in den ganzen Gedankengang dieser 
Arbeit einfügt). Die politische Entwidmung geht über die Fludit= 
bürg und Zwingburg, über Stadt und Staat zur Bildung von 
Reichen über, die sdiließlich, wie das alte römische und das römisch* 
deutsche Reich, den Anspruch erheben, die ganze gesittete Welt 
zu umfassen. Der entscheidende Kampf aber, durch den die bösen 
Mächte, die sich der Verwirklidiung dieses Zieles entgegenstellen, 
endgültig geschlagen werden sollen, spielt sich wieder im Schatten 
jenes urtümlidien Bildes ab, das für die ersten Geschlechter der 
Menschen, deren Zahl und Namen niemand kennt, Schutz und 
Lebensraum war. Es ist der Birnbaum auf dem Walserfeld, die 
Birke zwischen Unna und Werl in Westfalen, das »krause 
Bäumchen« zwischen Essen an der Ruhr und Steele, die Linde 
zu Süderheistede in Holstein, die Lärche auf einer Wiese zu 
St. Agathen in Tirol 2 . Die Mythologen wie Grimm, Simrock u.a. 
sind jedenfalls im Recht, wenn sie diese Sagen auf die Idee des 
mythischen Weltbaums Yggdrasil zurüdtführen. Freilich stehen 
hier an Stelle der Esche andere Bäume, doch weist, wie idi meine, 

1 Vgl. Ernst Kornemann: Stadtstaat und Flächenstaat des Altertums in 
ihren Wechselbeziehungen. Neue Jahrbücher für das klassische Altertum 1908. 
S. 233 ff. 

2 Vgl. Stephan Stcinlen: Über die Herkunft der Sage und Prophezeiung 
von der letzten Wcitsdilacht am Birkenbaum in Westfalen. Leipzig 1915. S. 50. 



Der Mythus der Erde 311 



gerade die westfälische Birke auf Zeiten zurück, die noch hinter 
die nordische Überlieferung zurückreichen 1 . Daß schließlich an Stelle 
der ernsten Esche in südlicheren Gebieten vertrautere Bäume, wie 
Linde, Birnbaum und Lärche traten, erscheint begreiflich. Übrigens 
könnte auch der Birnbaum unter dem Einfluß des lautlichen An» 
klingens an Stelle des Birkenbaums getreten sein. Rührend ist die 
einfältige Treue, mit der der Mensch, auch wenn seine Gedanken 
das Schidisal der Welt zu umspannen trachten, nicht loskommen 
kann von dem engen Raum, der ihm nun einmal zu aller Dinge 
Urbild ward. 



* * 



In ganz wunderbarer Unmittelbarkeit scheint mir die tiefe 
seelisdie Bindung an den Baum sich widerzuspiegeln in zwei sonst 
durchaus modernem Empfinden entwachsenen Dichtungen. In Jens 
Peter Jacobsens »Niels Lyhne« wird die Verliebtheit des 
Helden in Frau Boye in folgender Weise geschildert: 

»Er fühlte, daß er das in ihrer Seele, was ihrer Schönheit 
das Üppige, Blühende, Sinnlich» Weiche gab, niemals zu sich würde 
herüberziehen können, daß es ihn niemals mit blendenden Juno- 
armen umfangen, den wollustatmenden Nacken in aller Ewigkeit 
nicht liebesschwach der Gewalt seiner Küsse hingeben würde. Er 
sah wohl ein, daß er das junge Mädchen in ihr erringen konnte, 
schon errungen hatte, und sie, die Üppig=Schöne, hatte gefühlt — 
er glaubte es gewiß — wie die junge Schönheit, die in ihr gestorben, 
sich geheimnisvoll in ihrem lebenden Grabe gerührt hatte, um ihn 
mit schlanken Jungfrauarmen zu umfangen, ihn mit bangen Jung» 
fraulippen zu küssen. Aber so war seine Liebe nidit. Er liebte 
nur das, was nicht zu erringen war, liebte gerade diesen Nacken 
mit seiner warmen Blütenweiße und dem goldigen Schein unter 
dem dunklen Haar. Er schluchzte in Liebessehnsucht und rang 
die Hände in schmerzlicher Ohnmacht, er schlang die Arme um 
einen Baum, legte seine Wange an die harte Rinde und weinte . . .« 

Niels Lyhne liebt das Mütterliche, das Frauen», nidit Mädchen- 
hafte an Frau Boye und flüchtet vor der Unerfüllbarkeit dieses 
Begehrens zu dem mütterlichen Baum. 

In Verhaerens Gedicht »Der Baum« heißt es gegen das 

Ende zu: 

1 Vgl. das über die Birke Gesagte auf S. 290 f. dieser Arbeit. 



312 Dr. Emil Lorenz 



Im Herbst, als ihn schon heiles Gold umglühte, 
Ging ich oft hin zu diesem hohen Stamme 
Mit meinen alten Schritten, die schon müde 
Geworden, wenn sie auch noch rüstig sind, 
Und staunte auf, wie — eine rote Flamme — 
Sein Laubwerk lodernd floß im Wind. 
In seinen Wipfeln schienen Millionen 
Von fremden Seelen leisen Sangs zu wohnen. 
Ich ging zu ihm, die Augen heiß von Feuer, 
Ich rührte ihn mit meinen Fingern und 
Erstaunte, wie sein Schwanken ungeheuer 
Verbebte tief bis in der Erde Grund. 
Ich preßte meine Brust an seinen Schaft 
Mit solcher Liebe an und solcher Glut, 
Daß seine Melodie, sein Sein und seine Kraft 
Aufquoll und tief verströmte in mein Blut. 

Da fühlte ich mich seinem vollen Leben nah, 

Ich drängte mich an ihn wie einer seiner Aste, 

Und ihn belauschend spürt' idi da: 

Ich liebte jetzt das Licht, die Wälder mehr, 

Die weiten Flächen und der Wolken Heer, 

Dem Schidtsal stemmt' ich midi mit neuer Feste/ 

Ich sehnte mich, das All an midi zu raffen, 

Die Muskeln fühlt' ich wunderbar geschwellt 

Und Jauchzte auf: Gott hat die Kraft erschaffen, 

Daß sich der Mensch zu kühner Tat begeistert, 

Sie ist es, die noch Edens Schlüssel hält, 

Sie ist die Faust, die alle Türen meistert! 

Und glühend küßte ich den harten Stamm 

Und heimwärts wandernd durch die trauervollcn 

Gefilde nach der roten Abendflamme, 

Fühlte ich erst, wie heiß aus meiner Brust die tollen 

Aufschreie unsagbaren Glückes quollen. 

Übertragung von Stefan Zweig.) 



s*iußwort. I m crsten Teil dieser Arbeit formulierten wir im Anschluß 

an den von Fritz Langer 1 aufgestellten Begriff der Kultur- 
mythologie die entwicklungspsychologische Aufgabe, das Gesetz 
der Ent stehung, Aufeinanderfolge und Abstammung der mythi» 
1 Intellektuaimythologie. Leipzig-Berlin 1916. S. 25 f. 



Der Mythus der Erde 313 



sehen Kulturbegriffe von den Naturbegriffen aufzuweisen. Man 
darf nun die Frage erheben, wie weit diese Aufgabe durch die 
bisherigen Auseinandersetzungen gefördert wurde. Eine andere 
Frage wäre die, ob die Kulturmythologie — wenn wir an dieser 
Teilung des mythologischen Arbeitsgebietes festhalten wollen — 
von unseren Ausführungen in annähernder Vollständigkeit umrissen 
wurde. Die letztere Frage muß sogleich verneint werden, da der 
Heroenmythus und alles, was mit Totemismus zusammenhängt, 
mit Ausnahme des der Psychologie der Revolution gewidmeten 
Abschnittes nicht zur Sprache gekommen ist. Das bedeutet nun 
ohne Zweifel einen gewissen Mangel. Eine genauere Betrachtung 
der Problemstellung läßt freilich die Gründe erkennen, aus denen 
ein Eingehen auf diese Fragen unterlassen wurde. Es sind ja 
viel frühere Stadien seelischer Entwicklung, deren Bearbeitung 
durch den Begriff des psychischen Integrals in Angriff genommen 
wurde. Sie liegen noch diesseits der Ausbildung des ödipus= 
komplexes. Die Libido agiert und reagiert hier noch durch Identi- 
fikation mit ihrem Objekt, nicht durch Objektivation unter Be* 
lassung des Individualcharakters '. 

Freuds Darlegungen über diesen Punkt ersdieinen hier 
dadurch erweitert, daß vor die Identifikation mit dem Vater, die 
unter anderem als wirksames Motiv in der Sitte des Leichen^ 
brandes erwiesen wurde, noch auf den Zustand der — physisch 
bedingten - psychologischen Identität mit der Mutter zurück= 
gegriffen wird. Als Hilfsmittel für die Analyse dieses Zustandes, 
der die Grundlage für den psychologischen Aufbau der Welt der 
Objekte darstellt, wurde der extrem komplexe Begriff des psychi= 
sehen Integrals eingeführt. Es galt, wenn wir den praktischen 
Ausgangspunkt der Untersuchung ins Auge fassen, Übergänge 
psychologisch begreiflich zu machen, wie vor allem den von der 
Einheit der Horde zur nahrungspendenden Erde, der sich vollzog 
zur Zeit des Seßhaftwerdens und des Zerfalls der gentilizischen 
Bindungen. Eine Rüdtschau auf das bisher Gefundene befähigt 
uns nun, diesem Übergang viel von seiner Schroffheit zu nehmen, 
da wir ältere verwandte Bindungen an Höhle und Baum dem 
Stadium der Seßhaftwerdung vorausgehen sahen, die sogar älter 
sein dürften als das Hordenstadium selbst. Daraus ergibt sich, 
daß die Objekte der Natur ihre Kraft der seelischen Bindung nie 

1 Vgl. Freud: Massenpsychologie und IdrAnalyse. S. 66. 



314 Dr. Emil Lorenz 



völlig an die Horde verloren haben können und immer als mög- 
liehe Refugien am Rande eines abenteuernden Lebens standen. 

Wir sehen aber auch zugleich, was uns der Begriff des 
psychischen Integrals für die Gewinnung dieser Einsicht geleistet 
hat. Die Bildung desselben setzt eine gewisse synthetische Kraft 
voraus, die vielleidit stärker war, als sie unserem vorzugsweise 
zergliedernden Verstände gemäß ist. Schreiten wir doch an der 
Hand dieses Denkmittels über eben diese Vielfältigkeit, die sonst 
das Material unseres Denkens ist, in ganz anderer Weise hinaus, 
als es die logischen Begriffe tun. Denn das psychische Integral, 
als dauernder Repräsentant des primären Totalerlebnisses, liegt 
noch diesseits der Trennung von Subjekt und Objekt, auch dies- 
seits der Trennung von Erkenntnis und Wille. Diese Einheit von 
Gegenständlichkeit und Zuständlichkeit, zwischen denen die wissen* 
schaftliche Erkenntnis sonst eine grundsätzliche Trennung herstellt, 
hält der Begriff des psychischen Integrals fest. Er hält dadurch alle 
dem zergliedernden Verstände seltsam dünkenden Verknüpfungen 
aufredit, auf deren Wegen sich das primäre Totalerlebnis bewegte. 
Dieses Totalerlebnis ist aber dadurch ausgezeichnet, daß es seinem 
Wesen nach inhaltlich bestimmt ist. Denn die Trennung von Inhalt 
und Form ist es gerade, die dem komplexen Erleben der primitiven 
Seele fremd ist. Dieses primäre Totalerlebnis hat die in der psydio- 
logischen Kontinuität begründete Tendenz der Wiederholung 1 , und 
zwar in der Weise, daß es erneuert wird durch jedes spätere 
Objekt, welches sich zur Befriedigung der Urbedürfnisse geeignet 
erweist, zweitens durch die Tendenz der Redintegration, der zufolge 
ein Objekt, das einem Teilbedürfnisse, wie z. B. des Schutzes, ent- 
spricht, durch eine Art Irradiation auch die übrigen Charaktere 
wie Nahrung, Ursprung und dessen Gegenpol (äQ%fi — tiho& auf 
sich vereinigt. Man spreche hier nicht von Assoziation. Das ist 
ein Vorgang auf einer ungemein differenzierteren Stufe 2 . 

Die Psychanalyse bringt die Entstehung der Symbolik in 
Zusammenhang mit der Tatsache der Verdrängung. Otto Rank 3 
schreibt darüber: Ein wegen seiner besonderen Eignung zur ver- 
hüllten Darstellung des Verdrängten und seiner Zulassung zum 



1 Vgl. das von Freud: Jenseits des Lustprinzips, über den Wieder» 
holungszwang Gesagte. 

» Vgl. Levy-Brühl, S. 82 (f. 

3 Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforsdiung. Wien 1919. 



Der Mythus der Erde 315 



Bewußtsein vom Mythus in gleicher Weise wie vom Traum ver- 
wendetes Ausdrucksmittel des Unbewußten ist das Symbol . . . 

Psycho logisdi betrachtet bleibt die Symbolbildung ein Regres- 
sivphänomen, ein Herabsinken auf eine frühere Stufe bildlidien 
Denkens, das sich beim vollwertigen Kulturmenschen in deut= 
lichster Ausprägung in jenen Ausnahmszuständen findet, in denen 
die bewußte Realanpassung entweder stark eingeschränkt ist, wie 
in der religiösen oder künstlerischen Ekstase, oder gänzlich auf- 
gehoben erscheint, wie im Traum und den Geistesstörungen. 
Dieser psychologischen Auffassung entspricht die kulturhistorisch 
nachweisbare ursprüngliche Funktion der der Symbolisierung 
zugrundeliegenden Identifizierung als eines Mittels zur 
Realanpassung, das überflüssig wird und zur bloßen Bedeutung 
eines Symbols herabsinkt, sobald diese Anpassungsleistung geglückt 
ist. So erscheint die Symbolik als der unbewußte Niederschlag 
überflüssig und unbrauchbar gewordener Anpassungsmittel an die 
Realität, gleichsam als eine Rumpelkammer der Kultur, in die der 
erwadisene Mensch in Zuständen herabgesetzter oder mangelnder 
Anpassungsfähigkeit gerne flüchtet, um seine alten, längst ver- 
gessenen Kindcrspielzeuge wieder hervorzuholen. Was spätere 
Generationen nur als Symbol kennen und auffassen, das hatte 
auf früheren Stufen geistigen Lebens vollen realen Sinn und Wert 1 . 

Wenn diese Arbeit nichts weiter geleistet hat, als daß sie 
in diese Rumpelkammer eine Ordnung zu bringen versuchte, so 
wird sie nicht vergebens sein. Dodi möchte ich sogar meinen, daß 
ihr Ergebnis ein reicheres ist. Wir haben den seltsamen Urväter» 
hausrät nicht nur chronologisch geordnet - freilich nur ein paar 
Stüdce, aber gerade die wichtigsten - und in dieser musealen 
Ordnung aufgestellt, wir haben die Schaustüdte auch in die natür- 
liche Umgebung hineingestellt, aus der sie hervorgewadisen sind, 
und haben dieses Freilichtmuseum noch überdies erweitert durch 
die Vorführung der geistigen Arbeitsstätten, aus denen seine 
Produkte hervorgegangen sind. Die Methode aber, deren wir uns 
hiebei bedient haben, lehrt uns noch etwas anderes. Erstens, daß 
die Symbolik keine bloße Folge der Verdrängung ist/ denn die 
Symbole erweisen sich uns als ein bereitliegendes Material, dessen 
wir uns bedienen, wenn Regungen in uns nach Ausdrudt ringen, 



' Rank, a. a. O. S. 35 f. 



316 Dr. Emil Lorenz 



für die es innerhalb des Kreises gegenwärtiger kultureller An» 
passung keine Ausdrucksformen gibt oder geben soll. Da greifen 
wir zurück zur Sprache einer Zeit, die diese Formen noch besitzt. 
Es ist eine Sprache, die sich durch ein geringeres Maß an Ver= 
drängung auszeichnet. Fernzuhalten ist aber auf jeden Fall die 
Vorstellung, als wäre das von uns heute in der Verdrängung 
produzierte Material an Ausdrucksformen einem — bewußten 
oder unbewußten — Versuch der Umschreibung entsprungen. 

Ein zweites Ergebnis, das allerdings hier nicht ausgearbeitet 
wurde, ist eine Klärung der Frage nach dem individuellen oder 
ethnischen Ursprung der Symbole. Wir haben das primäre 
Totalerlebnis als einen neuen Begriff eingeführt, das als dauernden 
psychischen Repräsentanten das psychische Integral zurückläßt. Beide 
Größen sind zugleich individuell und ethnisch. Denn sie ent- 
springen Bedingungen von dauernder, allgemein menschlicher Wirk= 
samkeit. Wir bedürfen darum nicht des Begriffes der Vererbung, 
um die Wirksamkeit der Symbole begreiflich zu machen. 




Schlagephantasie und Tagtraum 317 



Schlagephantasie und Tagtraum. 
Von ANNA FREUD 1 . 

Meine Herren und Damen! 

Ich nehme schon seit einer Reihe von Jahren Ihre Gastfreund= 
Schaft in Anspruch, habe mich aber bisher noch durdi keine 
Art von Mitarbeit bei Ihnen bemerkbar gemacht. Nun weiß 
ich zwar aus guter Quelle, daß die Vereinigung ein solches un= 
tätiges Zuschauen ihrer Gäste im allgemeinen nicht billigt. Aber 
ich meine, ich wäre auch heute noch bei meinem Verhalten ge= 
blieben, wenn Ihre strengen Regeln nicht jedem, der sich um die 
Mitgliedschaft bei Ihnen bewirbt, auch vorschreiben würden, vorher 
etwas von sich hören zu lassen. So ist also mein Ansuchen um 
Aufnahme in die Wiener Vereinigung der Beweggrund und gleich« 
zeitig die Entschuldigung meines heutigen Vortrags. 

In der Mitteilung, die ich vorbringe, handelt es sich um eine 
kleine Illustration zu dem Aufsatz von Professor Freud »Ein Kind 
wird geschlagen«. Sie ist in einer Reihe von gemeinsamen Ge= 
sprächen mit Frau Lou Andreas=Salome entstanden, der ich für 
ihr Interesse und ihren Anteil daran sehr viel zu danken habe. 

In dem Aufsatz »Ein Kind wird geschlagen« beschäftigt sich 
der Autor mit einer Phantasievorstellung, die - wie er sagt — 
mit überraschender Häufigkeit von Personen eingestanden wird, 
die wegen einer Hysterie oder einer Zwangsneurose die analytische 
Behandlung aufgesucht haben. Er hält für recht wahrscheinlidi, 
daß sie noch öfter bei anderen vorkommt, die nicht durch deutliche 
Erkrankung zu einem solchen Schritt genötigt sind. Diese sogenannte 
Schlagephantasie ist regelmäßig mit hoher Lust besetzt und läuft 
in einen Akt lustvoller autoerotischer Befriedigung aus. Ich meine, 
ich kann den Inhalt dieser Arbeit, die Schilderung der Phantasie, 



Vortrag in der Wiener Psychoanalytisdien Vereinigung am 31. Mai 1922. 



318 Anna Freud 



die Rekonstruktion der Phasen, aus denen sie entstanden ist und 
ihre Herleitung aus dem Ödipuskomplex hier als bekannt voraus- 
setzen, Ich werde übrigens im weiteren Verlaufe des Abends 
immer wieder und zum Teil recht ausführlich auf sie zurück- 
kommen. 

An einer bestimmten Stelle seiner Arbeit berichtet der Autor, 

daß ihm weibliche Fälle bekannt sind, bei denen sich über der 
masochistischen Schlagephantasie ein kunstvoller, für das Leben der 
Betreffenden sehr wichtiger Überbau von Tagträumen entwickelt 
hat, dem die Funktion zufiel, das Gefühl der befriedigten Erregung 
audi bei Verzicht auf den onanisiischen Akt möglidi zu machen. 
Nun ist es mir gelungen, aus einem Material von verschiedenen 
Tagträumen einen herauszugreifen, der zur Veranschaulichung 
dieser kurzen Bemerkung besonders geeignet erscheint. Er ist bei 
einem etwa fünfzehnjährigen Mädchen entstanden, bei dem die 
tagträumerisdie Betätigung trotz ihrer Ausgiebigkeit nie in Konflikt 
mit der Realität geraten war/ er ist nach Anlaß, Entwicklung und 
Abschluß genau feststellbar und seine Abkunft und durchgängige 
Abhängigkeit von einer seit langem bestehenden Schlagephantasie 
ist in ziemlich eingehender Analyse nachgewiesen worden. 

I. 

Versuchen wir die gesamte Phantasietätigkeit unserer Tag- 
träumerin ihrer Entwicklung nach zu verfolgen. Sie bildet also im 
fünften oder sechsten Lebensjahr - es war nicht genau fest- 
zustellen wann, aber jedenfalls vor begonnenem Schulbesudi ~ 
eine Schlagephantasie nach dem Typus der von Freud geschilderten. 
Der Inhalt bleibt anfangs äußerst monoton: irgend ein Knabe wird 
von irgend einem Erwachsenen geschlagen. Etwas später verwandelt 
er sich in*, viele Knaben von vielen Erwachsenen. Aber die Person 
der geschlagenen Knaben wie auch die der schlagenden Erwachsenen 
bleibt unbekannt und in fast allen Fällen auch das Vergehen, für 
welches die Züchtigung vorgenommen wird. Die verschiedenen 
Situationen werden vermutlich sehr lebhaft gesehen, in der späteren 
Analyse aber immer nur mit dürftigen Worten und ohne jede An- 
schaulichkeit berichtet. Jede einzelne, oft sehr kurze, phantasierte 
Szene wird von starker Erregung begleitet und von einem onanisti- 
sdien Akt abgeschlossen. 



Sdilagephantasie und Tagtraum 319 



Das Schuldbewußtsein, das sich auch bei unserem Kinde 
sofort an die Phantasie heftet, erklärt die Arbeit Freuds auf 
folgende Weise. Es heißt dort, daß diese Form der Sdilage« 
phantasie eben nichts Ursprüngliches ist, sondern nur der bewußte 
Ersatz für eine frühere, unbewußte Phase, in der die jetzt unkenntlich 
und indifferent gewordenen Personen noch sehr bekannte und 
bedeutungsvolle waren: der geschlagene Knabe das phantasierende 
Kind selber, der schlagende Erwachsene der eigene Vater. Aber 
auch diese Phase ist — wie es dort heißt — noch nichts Ursprung« 
liches, sondern nur die durch Regression und Verdrängung zustande 
gekommene Umwandlung einer vorhergegangenen ersten, die uns 
in die lebendigsten Zeiten des Ödipuskomplexes zurüdiführf. Auch 
in dieser ersten Phase war der Schlagende der Vater, das ge=» 
sdilagene Kind aber nicht das phantasierende, sondern andere 
Kinder, die Geschwister, also Konkurrenten um die Liebe des 
Vaters. Was diese Phase ausdrücken wollte, war eine Inansprudi« 
nähme der Liebe für die eigene Person, während die Strenge und 
Züchtigung den andern gelassen wurde. Die Verdrängung der 
ödipuseinstellung, das erwachende Schuldbewußtsein, wendete 
später die Strafe auf die eigene Person. Aber gleidizeitig konnte 
durch eine Regression von der genitalen auf die prägenitale, 
sadistisch«anale Organisation die Schlagesituation immer noch als 
Ausdruck einer Liebessituation benützt werden. Daher also die 
Entstehung einer zweiten Phase, die wegen ihres allzu bedeutungs« 
vollen Inhalts unbewußt bleiben mußte, und ihr Ersatz im Bewußt-» 
sein durch eine den Ansprüchen der Verdrängung besser genügende 
dritte Phase, die jetzt Träger der Erregung und des Sdiuld« 
bewußtseins geworden ist. Denn der geheime Sinn dieser seit« 
samen Phantasie wäre ja noch immer in den Worten ausgedrückt: 
»Der Vater liebt nur mich.« 

Bei unserem Kinde heftet sich das aus der Verdrängung der 
Einstellung zum Vater bezogene Schuldbewußtsein anfangs nicht 
so sehr an die Phantasie selber, obwohl auch diese von Beginn 
als etwas Häßliches empfunden wird, sondern an die autoerotische 
Betätigung, die regelmäßig ihren Abschluß bildet. Das kleine 
Mädchen macht darum durch eine Reihe von Jahren immer miß« 
lingende, aber immer erneute Versuche, die beiden voneinander 
zu trennen, die Phantasie als Lustquelle zu behalten und die mit 
den Ansprüchen d(^s Idis als unvereinbar empfundene sexuelle 



320 Anna Freud 



Befriedigung aufzugeben. Die Phantasie selber erfährt in dieser 
Zeit alle möglichen Wandlungen und Ausgestaltungen. In dem 
Bemühen, die erlaubte Lust so lange als möglich auszukosten und 
den verpönten Abschluß ins Unbestimmte hinauszuschieben, wird 
alles mögliche, an sich nebensächliche Beiwerk hinzugetan und mit 
großer Ausführlid^keit geschildert. Gleichzeitig erfindet die Phantasie 
des Kindes vollständige, komplizierte Organisationen und Institutionen, 
Schulen und Erziehungsanstalten, in denen diese Schlageszenen vor 
sich gehen sollen und stellt Regeln und Gesetze auf, an welche die 
Bedingungen der Lustgewinnung geknüpft bleiben. Die schlagenden 
Personen sind jetzt durchwegs Lehrer und Erzieher, ganz selten 
und erst in späterer Zeit spielen auch die Väter der Knaben meist 
eine bloße Zuschauerrolle. Aber auch bei dieser detaillierten Aus« 
Führung sind die handelnden Personen schemenhaft, alles näher 
Bestimmende, wie Namen, Gesichtszüge, persönliches Schidtsal 
bleibt ihnen vorenthalten. 

Ich möchte natürlich nicht behaupten, daß ein solcher Auf« 
schub der eigentlich lustbetonten Szene, das Hinausziehen und 
Verlängern der ganzen Phantasie immer ein Ausdruck des Schuld- 
bewußtseins ist, ein Erfolg der Bemühung, Phantasie und auto- 
erotische Betätigung voneinander zu lösen. Die gleiche Technik 
wird auch bei Phantasien verwendet, bei denen das Schuldbewußt« 
sein keine Rolle spielt und dient dort einfach dazu, die Spannung 
und damit die erwartete Endlust zu erhöhen. 

Verfolgen wir jetzt das Schicksal der Schlagephantasie um 
einen Schritt weiter. Mit zunehmendem Alter erstarken bei unserem 
Kinde alle dem Ich dienenden Tendenzen, in denen die Moral« 
ansprüche der Umgebung verkörpert sind. Die Phantasie, in der 
sich das ganze Sexualleben des kleinen Mädchens konzentriert, findet 
es infolgedessen immer schwerer sich durchzusetzen. Der Versuch, 
Schlagephantasie und autoerotische Befriedigung voneinander ab- 
zutrennen, wird als mißlungen aufgegeben, die Verpönung erstreckt 
sich immer weiter, jetzt auch auf den Inhalt der Phantasie. Jeder 
ihrer Durchbrüche, die nur mehr nach längerem Kampfe mit 
starken, sich widersetzenden Kräften geschehen können, wird von 
heftigen Selbstvorwürfen, Gewissensbissen und einer Zeit leichter 
Verstimmung gefolgt. Das Befriedigende an ihr wird infolgedessen 
immer mehr in den einen Lustmoment selber zusammengedrängt, 
der in vor« und nachher auftretende Unlust wie eingebettet 



Schlagephantasie und Tagtraum 321 



erscheint. Die Schlagephantasie erfüllt also ihre Aufgabe als Lust« 
quelle immer schlechter und unvollkommener und wird im Laufe 
der Zeit in der Häufigkeit ihres Auftretens erheblich eingeschränkt. 

n. 

Zur gleichen Zeit — es kann etwa zwischen dem achten 
und zehnten Lebensjahr gewesen sein, das Alter war wieder nicht 
genau feststellbar — beginnt unser Kind eine neue Art von 
Phantasietätigkeit, deren Ergebnisse es selbst zum Unterschied 
von der häßlichen Schlagephantasie als seine »schönen Geschichten« 
bezeichnet. Diese »schönen Geschichten« malen — so erscheint es 
der ersten Beobachtung — lauter angenehme, heitere Szenen aus 
und bringen Beispiele von menschenfreundlichem, liebevollem und 
gütigem Verhalten. Alle Personen, die in den schönen Geschichten 
handelnd auftreten, erhalten einen Namen, bestimmte Gesichts- 
züge, eine genau detaillierte äußere Erscheinung und eine persön- 
liche Lebensgeschichte, die oft bis weit in ihre phantasierte Vetv 
gangenheit zurüdcreicht. Die Familienverhältnisse, die Bekanntsdiaft 
und Verwandtschaft der einzelnen Gestalten untereinander werden 
genau bestimmt und alle Einzelheiten der äußeren Umstände dem 
wirklichen Leben so getreu als möglich nachgebildet. Der äußere 
Rahmen der Geschichten verändert sich leicht, wenn im Leben der 
Tagträumerin Veränderungen eintreten, ebenso werden alle mög= 
liehen Anregungen aus der Lektüre bereitwillig aufgenommen. 
Die Vollendung jeder der in sich geschlossenen Einzelszenen wird 
regelmäßig von einem starken und durch kein Schuldbewußtsein 
getrübten Glücksgefühl begleitet,- von einem autoerotischen Akt 
ist dabei keine Rede mehr. Diese Art der Phantasietätigkeit kann 
infolgedessen ungestört einen immer breiteren Raum im Leben des 
Kindes einnehmen. Wir haben hier das kunstvolle, für das Leben 
der Betreffenden wichtige Gebilde von Tagträumen, von dem 
Freud in seiner Arbeit spricht. Inwieweit wir berechtigt sind, es als 
einen Überbau auf dem Boden der masochistischen Schlagephantasie 
anzusehen, soll die weitere Fortsetzung dieser Untersuchung an= 
schaulich machen. 

Die Tagträumerin selbst wußte von einer Abhängigkeit oder 
irgend einem Zusammenhang der schönen Geschichten mit der 
Schlagephantasie nichts und hätte ihn damals sicher auch mit aller 
Entschiedenheit geleugnet. Die einen waren ihr die Verkörperung 

Imago VIII/3 21 



322 Anna Freud 



alles Häßlichen, Anstößigen und Verpönten, die anderen der Aus« 
drudt des Schönen und Beglückenden. Eine Verbindung beider 
konnte für ihr Gefühl nicht bestehen, ja es war undenkbar, daß 
z. B. eine den schönen Geschichten entnommene Gestalt in den 
Schlageszenen Verwendung finden könnte. Jede Berührung der 
beiden wurde so ängstlich vermieden, daß sich sogar jeder der hin 
und wieder vorkommenden Durchbrüche der Schlagephantasie mit 
einem zeitweiligen Entzug der schönen Geschichte bestrafte. 

So dürftig in der Analyse alle Auskünfte über die Schlage- 
phantasie gelautet hatten - es waren meist knappe und mit allen 
Anzeichen der Scham und des Widerstandes gegebene Andeutungen, 
aus denen man sich mühsam das richtige Bild konstruieren mußte — 
so bereitwillig kamen nach Überwindung der ersten Schwierigkeiten 
lebhafte und anschauliche Berichte über die versdüedenen phantasierten 
Einzelszenen der »schönen Geschichten«. Ja, es machte sogar den 
Eindruck, als könne die Tagträumerin nicht genug vom Erzählen 
bekommen, als empfinde sie dabei ein ähnliches oder gar noch 
gesteigertes Vergnügen, wie beim Phantasieren selber. Unter diesen 
Umständen war es nicht schwer, die ganze Fülle der Gestalten 
und Situationen bald gegliedert vor sich zu sehen. Es erwies sich, 
daß unser Mädchen nicht nur eine, sondern eine ganze Reihe von 
Geschichten entwickelt hatte,- der Konstanz der handelnden Per" 
sonen und des ganzen jeweiligen Rahmens halber verdienen sie 
wohl den Namen von »fortgesetzten Tagträumen« <continued 
stories). Eine darunter war die hauptsächliche und wichtigste, in 
der die größte Zahl von Gestalten beschäftigt war, die sich durch 
die längste Reihe von Jahren erhielt, versdiiedene Veränderungen 
durchmachte und - ähnlich wie die Sagenkreise in der Mythologie - 
selber wieder Abzweigungen bildete, die zu beinahe selbständigen 
Geschichten mit zahlreichen Einzelsituationen ausgestaltet wurden. 
Neben dieser großen Geschichte bestanden dann verschiedene kleine, 
mehr oder weniger bedeutungsvolle, die mit ihr abwechselten, 
alle aber nach demselben Muster gebildet. Um nun näher in den 
Bau eines solchen Tagtraums einzudringen, greife ich als Beispiel 
die kürzeste der schönen Geschichten heraus, die sidi wegen ihrer 
Übersichtlichkeit und Abgeschlossenheit am besten für die Zwecke 
dieser Mitteilung eignen wird. 

Unserem jetzt vierzehn- oder fünfzehnjährigen Mädchen 
gerät also, nachdem es bereits mehrere fortgesetzte Tagträume 



SAlagephantasie und Tagtraum 323 



entwickelt hat und nebeneinander fortführt, durch Zufall einKnaben= 
buch etwa im Range des »Guten Kameraden« in die Hand, in dem 
sich unter anderen auch eine wenige Seiten umfassende Geschichte 
aus der Ritterzeit findet. Sie liest sie mit lebhaftem Interesse ein« 
oder zweimal, stellt das Buch dann seinem richtigen Besitzer zurück 
und sieht es nie wieder. Ihre Phantasie bemächtigt sich aber sofort 
der verschiedenen Gestalten und aller in der Erzählung gebotenen 
äußeren Umstände, macht sie sich ganz zu eigen, spinnt die Hand- 
lung weiter aus und räumt ihr, ganz wie einem spontanen eigenen 
Phantasieprodukt, einen nicht unbedeutenden Platz in der Reihe 
ihrer schönen Geschichten ein. 

Trotz einiger Bemühungen der Analyse gelang es nicht, den 
Inhalt dieser gelesenen Erzählung auch nur annähernd sicher fest- 
zustellen. Er war durch die Phantasietätigkeit der Tagträumerin 
so zerstüdtt, ausgesogen und von neuen Dingen überlagert worden, 
daß jede Sonderung zwischen Aufgenommenem und selbständig 
Produziertem unmöglich war. Es bleibt daher uns, wie auch seiner- 
zeit der Analyse, nichts anderes übrig, als diese praktisch ohnehin 
bedeutungslose Unterscheidung fallen zu lassen und uns mit allem 
Inhalt der phantasierten Szenen ohne Rücksicht auf seine Herkunft 
zu befassen. 

Der in der Rittergeschichte verwendete Stoff war der folgende: 

Ein mittelalterlicher Burggraf führt einen längeren Kampf mit einer 

Anzahl von Adeligen, die sich gegen ihn verbündet haben. Im 

Verlaufe eines Handgemenges gerät ein fünfzehnjähriger Junker, 

also ein Knabe in dem der Träumerin entsprechenden Alter, in die 

Gewalt der Knechte des Grafen und wird auf die Burg gebracht. 

Er verbringt dort eine längere Zeit der Gefangenschaft, aus der 

er schließlich befreit wird. Die Tagträumerin führt nun diese Hand» 

lung nicht einfach in einandergereihten Fortsetzungen, etwa wie 

bei einem Zeitungsroman, weiter, sondern benützt sie nur als eine 

Art äußeren Rahmens. In diesen trägt sie lauter kleine oder größere, 

völlig in sich abgeschlossene und voneinander unabhängige Szenen 

ein, von denen jede einzelne wie eine wirkliche große Erzählung 

gebildet ist, also eine Einleitung, Entwicklung und Steigerung bis 

zum Höhepunkt besitzt. Sie ist dabei an kein logisch geordnetes 

Ausarbeiten des Stoffes gebunden, kann je nach Stimmung zu 

einer früheren oder späteren Erzählungsperiode zurückkehren und 

jederzeit zwischen zwei vollendete und zeitlich nebeneinandergesetzte 

21« 




324 Anna Freud 



Szenen noch eine neue einfügen, bis schließlich der Rahmen der 
Erzählung von der Fülle der darin untergebrachten Situationen fast 

gesprengt wird. 

In diesem einfachsten Tagtraum gibt es nur zwei wirklich 
handelnde Personen, alle übrigen kann man als nebensächliches 
Beiwerk beiseite lassen. Die eine dieser Hauptpersonen ist der 
gefangene Knabe, den der Tagtraum mit allen möglichen guten 
und einnehmenden Eigenschaften ausstattet, die andere der Burg« 
graf, der als finster und gewalttätig geschildert wird. Durdi allerlei 
aus der Vergangenheit und Familiengeschichte der beiden hinzu« 
gefügte Details wird der Gegensatz zwischen ihnen noch verstärkt, 
also ein Untergrund von scheinbar unversöhnlicher Feindseligkeit 
eines Mächtigen, Starken gegen einen Unterworfenen, Schwachen 
geschaffen. Eine einleitende Hauptszene schildert dann das erste 
Zusammentreffen der beiden, in dem der Graf den Entschluß 
verrät, den Gefangenen durdi Drohung mit der Folter zu einem 
Verrat zu bewegen,- dadurch wird in dem Knaben die Überzeugung 
seiner hilflosen Lage befestigt und seine Furdit vor dem Grafen 
erwedit. Auf diesen beiden Momenten bauen sich dann alle weiteren 
Situationen auf. Zum Beispiel: Der Graf treibt es tatsächlich fast 
bis zur Folterung des Gefangenen, läßt aber im letzten Augen« 
blick von ihm ab,- er richtet ihn durch eine lange Kerkerhaft fast 
zugrunde, läßt ihn aber dann, noch ehe es zu spät ist, pflegen 
und wieder gesunden,- er bedrängt ihn nach seiner Genesung von 
neuem, nur um ihn, von seiner Standhaftigkeit bezwungen, wieder 
zu schonen,- und er gewährt ihm, immer scheinbar im Begriff, ihm 
Übles zuzufügen, Begünstigung nach Begünstigung. Oder aus einer 
späteren Periode der Erzählung: Der Graf trifft den Gefangenen 
außerhalb der Grenzen, die seiner Bewegungsfreiheit gezogen sind, 
aber er verschmäht es, ihn wie erwartet mit neuer Kerkerhaft 
dafür zu bestrafen/ er ertappt ihn ein andermal auf der Über« 
tretung eines ihm auferlegten Verbotes, aber er erspart ihm selber 
dann die öffentliche Demütigung, die darauf gesetzt war, er legt 
ihm Entbehrungen auf und der Gefangene fühlt dann den Genuß 
des wieder Gewährten nur um so deutlicher. ~ All das geschieht in 
lebhaft ausgeführten und dramatisch bewegten Szenen. In jeder 
von ihnen lebt die Tagträumerin die Angst und Standhaftigkeit 
des bedrohten Knaben in vollster Erregung mit. In dem Augen« 
blick, in dem sich in dem Peiniger Zorn und Wut in Mitleid und 



SAlagephantasie und Tagtraum 325 

Güte verwandeln, also in dem erreichten Höhepunkt jeder Szene, 
löst sich diese Erregung in ein reines Glücksgefühl. 

Das tagtraumhafte Durchspielen der erwähnten Szenen der 
Rittergeschichte mit der Bildung immer neuer, ihnen ähnlicher 
Situationen nahm gewöhnlich einige Tage, allerhöchstens ein bis 
zwei Wochen in Anspruch. Die strenge Ausarbeitung und Ent- 
wicklung der einzelnen Tagtraumstücke pflegte am besten zu Beginn 
jeder solchen Phantasieperiode zu gelingen. Zu dieser Zeit bestand 
die schon erwähnte Möglichkeit, von jeder Einzelsituation aus alle 
vorhergehenden und nachfolgenden als nicht vorhanden zu betrachten, 
im vollsten Umfang. Infolgedessen fand die Bedrohlichkeit der Lage 
des Gefangenen und die Möglichkeit eines schlechten Ausganges 
der Szene bei der Tagträumerin vollen Glauben und der Schilderung 
der Angst, also der Vorbereitung des Höhepunktes, wurde ein 
breiter Raum zugewiesen. Dauerte das Phantasieren aber längere 
Zeit, so schien sich, der Absicht der Träumerin entgegen, von 
Szene zu Szene ein Stück Erinnerung an den glücklichen Aus= 
gang fortzuschleppen, Furcht und Besorgnis wurden ohne rechte 
Überzeugung geschildert und statt sich auf einen einzigen, kurzen 
Lustmoment zu beschränken, breitete sich die versöhnlich^liebevolle 
Stimmung des Höhepunktes immer mehr aus und nahm schließlich 
allen sonst für Einleitung und Entwicklung verwendeten Raum 
in Anspruch. Damit aber war die Geschichte unverwendbar ge-= 
worden und mußte — zumindest für die Dauer mehrerer Wochen ~ 
von einer anderen abgelöst werden, die ihrerseits nach einiger 
Zeit das gleiche Schidcsal erfuhr. Nur die Lebensperioden des 
großen, hauptsächlichen Tagtraums dauerten unendlich viel länger 
als die der kleinen, nebensächlichen Geschichten. Die Ursache dafür 
ist sicher in seinem großen Reichtum an Gestalten und seinen 
vielfachen Abzweigungen zu suchen. Es ist auch nicht unwahr- 
scheinlich, daß diese breitere Ausgestaltung eben nur darum 
erfolgt ist, um ihm in jeder Periode seines Auftauchens ein längeres 
Leben zu sichern. 

Überblidten wir die geschilderten Einzelstücke des Ritter^ 
tagtraums im Zusammenhang, so erstaunt uns die Monotonie, die 
sich in ihnen ausdrückt. Die Tagträumerin selber - ein sonst 
nicht unintelligentes und in ihrer Lektüre anspruchsvolles Mädchen — 
hatte sie nie, weder beim Phantasieren, noch beim Erzählen in 
der Analyse bemerkt. Aber die verschiedenen Szenen der Ritter- 



326 Anna Freud 



geschickte bieten, ihres Beiwerks entkleidet, das sie auf den ersten 
Blids als individuell verschieden, bewegt und lebhaft erscheinen 
laßt, in jedem Fall das nämliche Gerüst: ein Starker und ein 
Schwacher im Gegensatz zueinander/ ein meist unfreiwilliges Ver- 
gehen des Schwachen, das ihn dem andern ausliefert,- dessen 
drohende Haltung, die zu den schlimmsten Befürchtungen berechtigt,- 
ein langsames, oft mit raffinierten Mitteln geschildertes Steigen der 
Angst fast bis zur Unerträglichkeit,- und dann als lustvollen Höhe- 
punkt die Lösung, Verzeihung, Versöhnung und einen Augenblick 
des völligen Sicheinsfühlens der beiden Gegner. Das ist übrigens 
mit geringen Variationen auch die Struktur jeder Einzelszene in 
allen anderen sogenannten »schönen Geschichten« unserer Tag» 
träumerin. 

In dieser Struktur liegt aber die wichtige, von der Tag- 
träumerin nicht geahnte Analogie der schönen Geschichte mit der 
Schlagephantasie. Auch in der Schlagephantasie sind die handelnden 
Personen Starke und Schwache, in ihrer deutlichsten Ausprägung als 
Erwachsene und Kinder einander gegenübergestellt. Auch dort 
handelt es sich regelmäßig um ein Vergehen, wenn auch ebenso 
unbestimmt gelassen wie die Gestalten selber. Ebenso findet sich 
auch dort eine Periode der Angst und der Spannung. Der ent* 
scheidende Gegensatz liegt erst in der Verschiedenheit der Lösung, 
die in der einen Phantasie durch die Züchtigung, in der anderen 
durch die Verzeihung oder Versöhnung gegeben wird. 

Von der Analyse auf diese überraschende Übereinstimmung 
im Aufbau aufmerksam gemacht, konnte sich die Tagträumerin 
der Ahnung von einem Zusammenhang der beiden äußerlich so 
verschiedenen Phantasieprodukte nidit mehr lange verschließen, Und 
nachdem sie die Möglichkeit ihrer Verwandtschaft akzeptiert hatte, 
wurde ihr sofort noch eine Reihe anderer Beziehungen zwischen 
ihnen auffällig. 

Audi nodi bei Anerkennung der ähnlichen Struktur, scheint 
der flüchtigen Beobadmmg, daß der Inhalt der Sddagephantasie 
nichts mit dem der schönen Geschichten zu tun hat. Aber auch 
die Behauptung der inhaltlichen Fremdheit läßt sich nicht voll auf- 
recht erhalten. Die nähere Betrachtung zeigt, daß die schönen Ge« 
schichten an den verschiedensten Stellen mehr oder weniger deut- 
liche Spuren von einem versuchten Durdibruch des alten Schlage= 
themas aufweisen. Das beste Beispiel dafür haben wir bereits im 



1 



Sdilagephantasie und Tagtraum 327 

Rittertagtraum kennen gelernt: die Folterung, die als unausgeführte 
Drohung den Hintergrund für so viele seiner Szenen abgibt und 
ihnen eine bestimmte Färbung von Angst und Spannung verleiht, 
ist nichts anderes als der Anklang an eine alte Sdilageszene, deren 
Ausführung der schönen Geschichte verwehrt bleibt. Weitere Arten 
einer solchen Durchsetzung des Schlagethemas im Tagtraum finden 
sich zwar nicht in der Rittergesdiichte, aber in den anderen Tag« 
träumen des Mädchens. Ich zitiere hier aus der großen Haupt« 
geschiente, so weit sie eben in der Analyse bekannt geworden ist. 
Zum Beispiel: In manchen Szenen wird dort die Rolle des Passiven, 
Schwachen <der Knabe des Rittertagtraums) auf zwei Gestalten 
verteilt. Die eine dieser Personen erlebt dann — nach gleicher 
Vorgeschichte - die Strafe, die andere die Verzeihung. Die Straf« 
szene ist hier an sich nicht lust« oder unlustbetont, sie bildet nur 
den Hintergrund, von dem die Liebesszene sich abhebt, und steigert 
deren Lustbetonung durch den Gegensatz. — Eine andere Mög- 
lichkeit ist, daß der Tagtraum den Passiven, während ihm Liebes 
zugefügt wird, in Gedanken eine vergangene Strafszene wieder 
durchleben läßt/ auch hier erhöht der Gegensatz die Lustbetonung. 
Oder als dritte Möglichkeit: der Aktive, Starke erinnert sich, 
während die versöhnliche Stimmung des Höhepunktes über ihn 
kommt, an einen Straf« oder Schlageakt der Vergangenheit, in 
dem er, nach gleichem Vergehen, der Erleidende war. 

Das Schlagethema kann sich aber nicht nur wie in den eben 
geschilderten vier Fällen neben dem eigentlichen Thema des Tag- 
traums durchsetzen, sondern auch als wirkliches Hauptthema einer 
Tagtraumszene verarbeitet werden. Bedingung dafür ist aber der 
Wegfall eines für die Schlagephantasie unentbehrlichen Zuges, nämlich 
der Demütigung durch den Schlag. So gibt es in der schon oft 
erwähnten Hauptgeschichte unseres Mädchens einige besonders 
wirkungsvolle Szenen, deren Höhepunkte die Schilderungen eines 
Schlages oder eines Strafaktes sind, aber der eine als unbeabsichtigt, 
der andere als Selbstbestrafung dargestellt. 

Jedes dieser von der Tagträumerin selbst gebrachten Beispiele 
für Einbrüche des Schlagethemas in die schönen Geschichten konnte 
die Analyse als einen neuen Beleg für die schon vorhin behauptete 
Verwandtschaft beider verwerten. Den überzeugendsten Beweis 
für ihre Zusammengehörigkeit lieferte aber ein Geständnis in der 
Fortsetzung der Analyse. Da ergab sich nämlich, daß hie und da, 



328 Anna Freud 



allerdings ganz selten, ein direkter Umschlag der schönen Geschichte 
in die Schlagephantasie stattgefunden hatte. In schlechten Zeiten, 
d. h. in Zeiten größerer äußerer Anforderungen oder geringerer 
innerer Leistungsfähigkeit war es den schönen Geschichten nicht 
immer gelungen, ihre Aufgabe zu erfüllen. Und dann war es 
mehrfach geschehen, daß sich im Abschluß und Höhepunkt einer 
phantasierten schönen Szene plötzlich die alte Schlagesituation mit 
der ihr zugehörigen sexuellen Befriedigung an Stelle der angenehmen 
und heiteren Liebessituation gesetzt und der aufgestauten Erregung 
die volle Abfuhr verschafft hatte. Aber solche Vorfälle waren 
immer so bald als möglich vergessen, aus dem Gedächtnis gelöscht 
und mit großer Konsequenz als nicht geschehen betrachtet worden. 

Die Beschäftigung mit den Zusammenhängen zwischen Schlage- 
phantasie und schöner Geschichte ergibt uns also vorläufig drei wichtige 
Beziehungen zwischen ihnen: erstens eine auffallende Analogie in 
der Struktur der Einzelstücke,- zweitens eine Reihe inhaltlicher 
Übereinstimmungen und drittens die Möglichkeit eines direkten 
Umschlags. Als wichtiger prinzipieller Unterschied ist geblieben, 
daß die schöne Geschichte dort, wo in der Schlagephantasie die 
Schilderung eines Züchtigungsaktes steht, eine unerwartete Zart* 
lichkeitsszene eintreten läßt. 

Kehren wir an dieser Stelle zu dem Aufsatz Freuds mit 
seiner rekonstruierten Vorgeschichte der Schlagephantasie zurüdt. 
Wie schon angeführt, heißt es dort, daß die uns bekannte Form 
der Schlagephantasie nichts LIrsprünglidies ist, sondern nur der 
Ersatz für eine inzestuöse Liebesszene, die durch Verdrängung 
entstellt und durch Erniedrigung auf die sadistisd^anale Stufe zur 
Darstellung als Schlageszene gekommen ist. Von diesem Gesichts« 
punkt aus drängt sich uns eine Erklärung des Unterschiedes zwischen 
Sdilagephantasie und Tagtraum auf^ der angebliche Fortsdiritt von 
'der Schlagephantasie zur schönen Gesdiichte scheint nichts anderes 
zu sein als die Rüdtkehr zu einer früheren Phase. Bei scheinbarer 
Entfernung von der Schlageszene wird deren eigentlicher Sinn, die 
in ihr verborgene Liebessituation, zurüd^gewonnen. 

Dieser Behauptung fehlt aber vorläufig noch das wichtigste 
Stück. Wir wissen, daß der Höhepunkt der Schlagephantasie un= 
trennbar mit dem Zwang zur sexuellen Befriedigung und dem 
darauffolgenden Auftauchen von Schuldgefühlen verknüpft ist. Der 
Höhepunkt der schönen Geschichte dagegen ist von beiden frei. 






Schlagcphantasie und Tagtraum 329 

Das erscheint auf den ersten Blick unverständlich, da wir wissen, 
daß beide, sexuelle Befriedigung wie Schuldbewußtsein, gerade aus 
der verdrängten Liebesphantasie bezogen werden, die in derSchlage- 
phantasie verhüllt, in der schönen Geschichte aber zur Darstellung 
gebracht wird. 

Die Lösung liegt in der Einsicht, daß eben auch die schöne 
Geschichte die untergegangene Liebesphantasie nicht unverändert 
wieder aufnimmt. In dieser aus der frühen Kindheit stammenden 
inzestuösen Wunschphantasie hatte es sich um eine Vereinigung 
aller Sexualtriebe auf ein erstes Liebesobjekt, den Vater, gehandelt. 
Die Verdrängung der ödipuseinstellung hatte dann den Verzicht 
auf die meisten dieser kindlichen Sexualziele erzwungen. Die früheren 
»sinnlichen« Strebungen waren ins Unbewußte verwiesen worden. 
Daß sie in der Schlagephantasie wieder aufgetaucht sind, bedeutet 
nichts als ein teilweises Mißlingen dieser Bemühung. 

Ist aber so die Schlagephantasie eine Rückkehr des Ver- 
drängten, nämlich der inzestuösen Wunschphantasie, so sind 
anderseits die schönen Geschichten ihre Sublimierung. In der 
Schlagephantasie finden die direkten Sexualtriebe ihre Befriedi- 
gung, in der schönen Geschichte diejenigen, die Freud als »ziel- 
gehemmte« bezeichnet. Wie in der Entwicklung des Verhältnisses 
des Kindes zu seinen Eltern teilt sich die ursprüngliche Voll- 
Strömung der Liebe in eine verdrängte sinnliche Strebung (hier 
die Schlagephantasie) und eine sublimierte zärtliche (die schöne 
Geschichte). 

Wir erhalten also für die beiden Phantasievorstellungen das 
folgende Schema: Aufgabe der Schlagephantasie ist die ver- 
hüllte Darstellung einer immer gleichbleibenden, sinnlichen Liebes- 
situation, in der Sprache der sadistisch-analen Organisation als 
Sdilageakt ausgedrüdrt. Das Thema der schönen Geschichten da- 
gegen ist die Darstellung der verschiedensten gütigen, zärtlichen 
und liebevollen Regungen,- aber auch ihre Aufgabe ist wie die 
der Schlagephantasie eine monotone: sie besteht in der Herstellung 
einer Freundschaft zwischen einem Schwachen und einem Starken, 
einem Knaben und einem Erwachsenen oder, wie manche Tag- 
träume es ausdrücken, zwischen einem Niedrig- und einem Höher- 
gestellten. Der Umstand, daß schon während der Ihnen bekannten 
Entwicklung der Schlagephantasie die Geschlechtsdifferenz auf- 
gegeben wurde und das Mädchen sich regelmäßig in einen Knaben 



330 Anna Freud 



verwandelt darstellte, kommt natürlich einer solchen Sublimierung 

der sinnlichen Liebe zur zärtlichen Freundschaft ganz besonders 

zu Hilfe. 

III. 

Es war die Absicht dieser Mitteilung, an Hand eines einzelnen 
Falles von nebeneinander bestehenden Schlagephantasien und Tag- 
träumen dem gegenseitigen Verhältnis beider nachzugehen, um das 
Vorhandensein und die Natur der Zusammenhänge zwischen ihnen 
festzustellen. Diese Aufgabe scheint mir mit dem bisher Gesagten, 
so weit hier möglich, gelöst. In den Bemerkungen, die jetzt noch 
folgen, ergreife ich nur eine Gelegenheit, die das gleiche Beispiel 
uns bietet, das Schicksal eines solchen fortgesetzten Tagtraums, 
und zwar wieder der uns bekannten Rittergeschichte, ein weiteres 
Stück zu verfolgen. 

Mir liegt eine schriftlidie Fixierung" des Rittertagtraums vor, 
die von der Tagträumerin an einem bestimmten Zeitpunkt mehrere 
Jahre nach seinem ersten Auftauchen angefertigt worden war. Diese 
Niederschrift ist eine kurze, spannende Erzählung, deren Inhalt 
die Zeit der Gefangenschaft des Junkers umfaßt. An ihrem Aus- 
gangspunkt steht die Folterung des Gefangenen, an ihrem äußersten 
Ende seine Weigerung, eine Flucht zu versuchen. Man ahnt hinter 
diesem freiwilligen Verbleiben auf der Burg seine Wendung zum 
Grafen. Alle Ereignisse sind als vergangen dargestellt, eingekleidet 
in ein Gespräch des Grafen mit dem Vater des Gefangenen. 

Während so die geschriebene Erzählung den Stoff des Tag- 
traums behält, verändert sie seine Verarbeitung. Im Tagtraum 
wurde die Herstellung der Freundschaft zwischen dem Starken und 
dem Schwachen in jeder kleinsten Einzelszene immer wieder voll- 
ständig durchgeführt,- in der Niederschrift verteilt sich diese Ent- 
wicklung auf den ganzen Zeitraum der Handlung. Die Einzel- 
szenen des Tagtraums gehen bei dieser Umwandlung verloren,- 
einiges von dem Situationsmaterial, das sie enthielten, kehrt in der 
Niederschrift wieder, ihre Einzelhöhepunkte werden aber durch 
keinen großen. Höhepunkt am Ende der geschriebenen Erzählung 
ersetzt. Das Ziel — die Vereinigung der urprünglichen Gegner — 
wird in ihr nur vorausgeahnt, nicht mehr wirklich geschildert. Infolge- 
dessen verteilt sich das Interesse, das im Stadium des Tagtraums 
auf bestimmte Höhepunkte konzentriert blieb, hier gleichmäßiger 
auf alle Situationen und Gestalten. 



S&lagephantasie und Tagtraum 331 

Dieser Änderung im Aufbau entspricht eine Änderung im 
Mechanismus der Lustgewinnung. Im Tagtraum bedeutete jede 
Neubildung oder Wiederholung einer Einzelszene eine neue 
Möglichkeit zur lustvollen Triebbefriedigung. In der geschriebenen 
Erzählung dagegen ist die direkte Lustgewinnung aufgegeben. 
Zwar geschah seine Niederschrift selber noch in einem Zustand 
beglüdrter Erregung, ähnlich dem Zustand beim Phantasieren. Die 
fertiggeschriebene Erzählung aber ruft keine solche Erregung 
hervor. Ihre Lektüre ist zur tagtraumhaften Lustgewinnung unver- 
wendbar. Sie wirkt in dieser Beziehung nicht anders auf die Ver- 
fasserin als die Lektüre irgend einer fremden Erzählung ähnlichen 
Inhalts. 

Wir kommen hier auf die Vermutung, daß die beiden 
wichtigen Unterschiede zwischen Tagtraum und Niederschrift — 
der Untergang der Einzelszenen und der Verzicht auf die tag« 
traumhafte Lustgewinnung an bestimmten Höhepunkten — in 
engem Zusammenhang stehen. Die geschriebene Erzählung muß 
aus anderen Motiven entstanden sein und anderen Zwecken 
dienen als der Tagtraum, Sonst wäre die Rittergeschichte auf 
ihrem Wege von der Phantasie zur Niederschrift einfach aus 
etwas Brauchbarem zu etwas Unbrauchbarem geworden. 

Über die Gründe befragt, die sie zur Niederschrift gedrängt 
hatten, konnte die Verfasserin selber nur einen ihr bewußten an- 
geben. Die geschriebene Erzählung, meinte sie, wäre in einer Zeit 
besonderer Aufdringlichkeit des Rittertagtraums als Abwehr gegen 
ihre übermäßige Beschäftigung mit ihm entstanden. Ihre Absicht 
sei dabei gewesen, seinen allzu lebendig gewordenen Gestalten 
eine Art selbständiger Existenz zu schaffen, damit sie keine An- 
sprüche mehr an ihre Phantasietätigkeit zu stellen brauchten. Der 
Rittertagtraum war auch tatsächlich nach seiner Niederschrift für 
sie so gut wie erledigt. Diese Art der Begründung läßt aber 
vieles unverständlich: gerade die Situationen, deren Überdeutlich- 
keit zur schriftlichen Fixierung gedrängt haben sollen, werden in 
die Niederschrift gar nicht mit aufgenommen, während andere, die 
der Tagtraum nicht enthalten hatte <z. B. die Folterung), breit 
ausgeführt werden. Das gleiche gilt auch für die Gestalten: die 
Niederschrift unterschlägt manche, die der Tagtraum zu voller 
Individualität entwickelt hatte und führt dafür andere <wie z. B. 
den Vater des Gefangenen) neu als handelnd ein. 



332 Anna Freud 



Eine zweite Motivierung der Niederschrift ergibt sich im An- 
Schluß an eine Äußerung Dr. Bernfelds über die Dichtversuche 
Jugendlicher. Er bemerkt dort, daß bei solchen Aufzeichnungen von 
Tagträumen der Beweggrund zur Aufzeichnung nicht im Tagtraum 
selbst, sondern außerhalb desselben zu suchen ist. Und zwar findet 
er dieses Motiv in der Wirksamkeit bestimmter, vom Ich ausgehender, 
ehrgeiziger Tendenzen, so etwa in dem Wunsch, als Dichter auf 
andere zu wirken, sich Achtung und Liebe der anderen auf diese 
Art zu verschaffen. Wenden wir diese Theorie auf unseren Fall 
der Rittergeschichte an, so wäre der Vorgang bei ihrer Entwicklung 
vom Tagtraum zur Niederschrift der folgende gewesen: Im Dienste 
von ehrgeizigen Strebungen nach Art der eben genannten wird 
aus der privaten Phantasie eine für andere bestimmte Mitteilung. 
Bei dieser Umwandlung werden alle Rücksichten auf die persön- 
lichen Bedürfnisse der Träumerin durch Rücksichten auf die erhofften 
Leser ersetzt. Der direkte Lustbezug aus dem Inhalt der Nieder* 
schrift kann ausbleiben, weil die Niederschrift als solche der ehr= 
geizigen Strebung Befriedigung und dadurch der Verfasserin indirekt 
Lust verschafft. Mit diesem Verzicht auf den direkten Lustbezug 
schwindet aber auch die Bevorzugung bestimmter Stücke des Inhalts — 
der Höhepunkte des Tagtraums — die zur Lustgewinnung besonders 
geeignet waren,- ebenso fallea in der Niederschrift <wie die Auf- 
nahme der Folterszene zeigt) die Beschränkungen fort, die dem 
Tagtraum die Ausführung von Situationen aus der Schlagephantasie 
verboten hatten. Die Niederschrift behandelt eben alle Studie des 
Tagtrauminhalts gleichmäßig als objektives Material und läßt sich 
bei der Auswahl aus ihnen durch die Rüdtsicht auf Darstellbarkeit 
leiten. Denn je besser die Darstellung des Stoffes gelingt, desto 
größer ist die Wirkung auf andere und damit der indirekte Lust- 
bezug. Die Verfasserin verzichtet also, dieser Wirkung auf andere 
zuliebe, auf die persönliche Lust und vollbringt damit eine Wendung 
vom Autismus zum Sozialen. Wir können sagen: sie bahnt sich 
so den bekannten Rüdiweg aus dem Phantasieleben wieder in die 
Realität. 



Bemerkungen über »Sublimierung« 333 






Bemerkungen über »Sublimierung«. 
Von Dr. SIEGFRIED BERNFELD. 

Der Begriff oder auch nur der Terminus »Sublimierung« gehört 
zu jenen, die von der Psychoanalyse geschaffen, in den 
Spradigebrauch der Psychologie eingegangen sind. Zugleich 
fehlt es aber in der Psychoanalyse selbst an befriedigender Be- 
schreibung und Einordnung der Tatsache Sublimierung, Dies hat 
seinen guten Grund in den historischen und materialen Bedingt- 
heiten der Psychoanalyse. Und es soll auch nicht behauptet werden, 
daß das Studium der Sublimierung besonders weittragende Erkennt- 
nisse und Ausblicke verspricht,- vielmehr scheint ihm durch die Natur 
der normalen psychischen Prozesse eine recht bescheidene Rolle an- 
gewiesen zu sein. Trotzdem lohnt es vielleicht aus systematischen 
Gründen einmal zusammenzutragen, was sich heute über das 
Thema aussagen oder vermuten läßt. Denn die angewandte Psycho* 
analyse, insbesondere die psychoanalytische Kinderpsychologie hat 
ein beträchtliches Interesse an einer scharfen Klärung des Begriffes 
der Sublimierung. 

Welche Auskunft vermag uns die Psychoanalyse gegenwärtig 
zu geben? Sublimierung ist eines jener Schicksale, die der Sexual- 
trieb bei äußerer oder innerer Versagung seines Zieles erfahren 
muß 1 . Und zwar vollzieht sich dieses spezifische Sdiicksal an der 
Objektlibido 2 ,- es »besteht darin, daß sich der Trieb auf ein anderes, 
von der sexuellen Befriedigung entferntes Ziel wirft,- der Akzent 
liegt dabei auf der Ablenkung vom Sexuellen« 3 . Die Sublimierung 
ist also eine Zielablenkung 4 des Triebes, »deren Einleitung vom 
Idealich ausgeht, deren Durchführung aber durchaus unabhängig 



1 Freud: Leonardo, S. 19/20/ Drei Abhandlungen, S. 100/101,- Trieb» 
Umsetzungen der Analerotik, S. 141,- Einführung des Narzißmus, S. 102/103. 

» Freud: Einführung des Narzißmus, S. 102/103. 

3 Ibidem- Mit etwas anderen Worten: Drei Abhandlungen, S. 23, 43/44, 
100/101,- Vorlesungen, III., S. 398,- Leonardo, S. 17. 

* Freud: Masscnpsydiologie, S. 131. 



334 Dr. Siegfried Bernfeld 



von solcher Anregung bleibt« 1 . Über die inneren Veranlassungen 
der Sublimierung wissen wir ebensowenig, wie etwa über die der 
Verdrängung. Wir sind genötigt, Verdrängungsneigung und Subli- 
mierungsfähigkeit zu den angeborenen Dispositionen des Ich, be- 
ziehungsweise der Libido zu zählen 2 . Doch gehört ein gewisses 
Maß von Zielablenkungsfähigkeit zu jenen Eigenschaften, die uns 
die Sexualtriebe charakterisieren <ihre Plastizität) 3 . Es wird auch 
betont, daß die Sublimierung keineswegs die einzige uns bekannte 
Anlehnung von Sexualtrieben an solche des Ichs darstellt*. Eine 
scharfe Begriffsabgrenzung zwischen der Sublimierung und den 
anderen Zielablenkungen fehlt — meines Wissens. Das Wort 
selbst enthält eine kulturelle Wertung, so daß die Meinung des 
psychoanalytischen Sprachgebrauchs wohl am ehesten erfaßt ist, 
wenn man unter ihm die kulturell wertvollen, intellektuellen, 
sozialen und künstlerischen Zielablenkungen begreift B . Die Be- 
ziehung zwischen Reaktionsbildung und Sublimierung ist ebenfalls 
nicht immer präzise und gleichartig aufgefaßt. Man kann die 
Sublimierung als einen Spezialfall der Reaktionsbildung ü und auch 
das Umgekehrte 7 als Freuds Anschauung ausgesprodien rinden 
oder vermuten. Ich habe aber den Eindruck, als würde Freuds 
und der Psychoanalyse Auffassung doch eine deutliche Trennung 
zwischen den beiden Phänomenen verlangen 8 , und zwar ist dabei 
offenbar das entscheidende, daß die Reaktionsbildung ein Schicksal 
des verdrängten, Sublimierung des unverdrängten Triebs oder 
Triebanteils ist. In diesem Fall gehört die einzige Bemerkung 
über die Mechanik der Sublimierung, die in der psychoanalytischen 
Literatur enthalten ist, Freuds Sätze in den Drei Abhand- 
lungen a zum Verständnis der Reaktionsbildung, und für die 
Sublimierung bleibt die bisher nicht ausgeführte Andeutung: 
»Es kann auch Sublimierung tlurch andere und einfachere Mecha- 
nismen geben« 10 . 



1 Freud: Einführung des Narzißmus, S. 102/103. 

* Freud: Leonardo, S. 75,- Drei Abhandlungen, S. 100/101. 

3 Freud: Vorlesungen, III., S. 398/ Über Psychoanalyse, S. 61/62. 

4 Freud: Vorlesungen, III., S. 328. 

1 An zahlreichen Stellen der zitierten Freudsdien Schriften. 

» Freud: Drei Abhandlungen, S. 100/101. 

7 Drei Abhandlungen, S. 43/44. 

B Siehe die bisher zitierten Stellen. 

6 S. 43/44. 

10 Drei Abhandlungen, S. 43/44. 



Bemerkungen über >Sublimierung« 



335 



Zur Vermeidung von Mißverständnissen möchte ich vor* 
schlagen, an zwei Punkten eine bisher nicht ausgesprochenene, 
aber sehr geringfügige und wohl ganz im Sinne der eben mit* 
geteilten Auffassung liegende Ergänzung vorzunehmen. Erstens: 
Es ist vielleicht nicht überflüssig darauf hinzuweisen, daß unter 
Sublimierung ein Prozeß verstanden werden soll und nicht dessen 
Ergebnis, wie es besonders der laienhaften Verwendung des 
Wortes nahe liegt. Es würde sich empfehlen, das Ergebnis der 
Sublimierung etwa mit Sublimation <nach Pfisters Vorgang) 
getrennt zu bezeichnen. Zweitens: Die Berücksichtigung kultureller 
Wertungen bei der Deskription psychischer Phänomene erscheint 
nicht ganz einwandfrei und führt zu mancher Schwierigkeit. So ist 
die Sammeltätigkeit der Kinder und Erwachsenen zweifellos der 
gleiche seelische Prozeß, ob sich der Eifer nun auf Kunstwerke, 
wissenschaftliche Materialien, Briefmarken oder einstimmig als wert* 
los und spleenig empfundene Objekte wirft. Es dürfte sich darum 
empfehlen, jede Zielablenkung einer objektlibidinösen Strebung, 
soweit sie ohne Verdrängung und ichgerecht sidi vollzieht, vor* 
läufig ausdrücklich Sublimierung zu nennen und erst nach dem 
Studium der verschiedenen Mechanismen solcher Ablenkung Be* 
griffseinschränkungen auf Grund psychologischer Kriterien vorzu* 
nehmen. Im folgenden werden diese beiden Vorschläge durchgeführt. 

Wer sich in das Problem der Sublimierung auch nur ein 
wenig vertieft, wird bald merken, daß es »seine Schwierigkeiten 
hat, in der Darstellung der Zielablenkung den Anforderungen der 
Metapsychologie zu entsprechen« 1 . Die vorliegende kleine Arbeit 
hat nicht die Absicht, solche Aufgabe in Angriff zu nehmen, denn 
spekulative Erörterungen würden kaum weiter führen und neue 
empirische Studien liegen nicht vor. Es handelt sich bloß darum, 
an Hand einiger Beobachtungen einige Punkte der Frage zu 
diskutieren, um so zwar nicht das latente Wissen der Psycho- 
analyse, aber seinen publizierten Anteil um einige Ansätze zu 
vermehren. 

Es empfiehlt sich, mit der häufigsten Sublimation zu be* 
ginnen. Wir wissen, daß es den Menschen gelingt, ein gewisses, 
interindividuell verschiedenes Maß von Libido an die Berufstätig* 
keit zu binden 2 und daß dieses Maß auch intraindividuell schwan* 



1 Freud: Massenpsydiologie, S. 131. 
* Freud: Leonardo, S. 17. 



336 Dr. Siegfried Bernfeld 



kend ist,- es gibt, wenn man so sagen darf, eine passagere Sub= 
limierung, die im Arbeitsleben des Menschen sehr häufig auftritt 
und sich wieder zurückbildet. Zur passageren Sublimierung gelangt 
offenbar jener <inter- und wohl auch intraindividuell verschiedene) 
Libidobetrag, der dem Ich zur völlig freien Disposition steht. Die 
Bedingung für diese vorübergehende Sublimierung kann durch zwei 
Extreme bezeichnet werden und liegt in jedem Einzelfall an einer 
bestimmten Stelle zwischen ihnen, 1. Ein äußerer (oder vielleicht 
auch innerer) Anlaß erzwingt einen längeren Aufschub der ge« 
wohnten <ichgerechten) Befriedigung der Objektlibido und die 
gestaute Libidomenge sucht Abfuhr an einem anderen ichgerechten, 
nichtsexuellen Objekt: Sehnsudn und Trauer erfahren eine 
Milderung durch intensivierte Arbeit. In diesem Falle- gelingt sogar 
die Ablenkung einer gewissen Quantität von auf genitale hetero= 
sexuelle Ziele gerichteter Libido (für eine gewisse Zeit). Die 
Libidoverschiebung kann aber nur dann, auch in ihrem bescheiden* 
sten Maße, gelingen, wenn die Ichtriebe, genauer wohl die Ich- 
libido, nicht gleichzeitig auch Versagungen erleben müssen und 
wird um so ausgiebiger ausfallen, je mehr ichlibidinöse Befriedigung 
die Folge dieser Sublimierung ist, ökonomisdi bietet dieser Vor* 
gang keine Schwierigkeit/ und auch eine Komplikation, die man 
in vielen Fällen annehmen darf, erleichtert das Verständnis eher. 
Die Unlust, als die das Bewußtsein jene Libidostauung erfährt, 
ist nämlich oft komplexer Natur. Die reale Versagung, die der 
Objektlibido widerfährt, dürfte nicht selten eine Störung in den 
ichlibidinösen Besetzungsverhältnissen hervorrufen, denn sie ist 
zugleich eine »narzißtische Kränkung« und diese mindestens wird 
kompensiert durch die subsidiäre Funktion, die die sublimierte 
Objektlibido dem Ich bietet. Der Prozeß verläuft im System 
Bw., wenn auch unter veränderten Aufmerksamkeitsverhältnissen 
und vielleicht nie ohne Hilfe des Unbewußten. 

Der 2. Grenzfall ist in der Bedingung für die passagere 
Sublimierung entgegengesetzt. Wenn in jenem die Sexualtriebe 
gewissermaßen sich freiwillig zum Ichdienst melden (freilich, wie 
es ja so auch anderwärts zu sein pflegt, nicht ganz ohne egoistU 
sehen Grund), so werden sie in diesem einberufen. Die Energie 
der Ichtriebe und der Ichlibido kann zu gering sein zur Erreichung 
eines Ichziels und die zeitweilige und teilweise Abziehung der 
Objektlibido von ihren augenblicklichen Objekten, die Besetzung 



Bemerkungen über >Sublimierung« 337 



von nichtsexuellen ichgerechten Objekten verlangen: es kann Kon» 
zentration nötig sein, auf das Werk zum Beispiel. Die Sexual» 
triebe fügen sich dieser Not, wenn eine Ökonomische Voraus» 
setzung zutrifft <von allen Dispositionsfaktoren abgesehen): Die 
drohende Unlust beim Nichter reichen des Ichziels muß ebenso wie 
die erhoffte Lust beim Erlangen sehr groß sein. Das heißt: die 
ichlibidinöse Besetzung der Ichziele ist beträchtlich, eine Voraus- 
setzung, die im allgemeinen nur beim hervorragenden Menschen 
gegeben ist — das Wort hervorragend so wertungsfrei genommen 
als möglich. Die topischen Verhältnisse dürften in diesem Grenz- 
fall komplizierter sein. Zwar spielt auch in ihm der aktuelle Prozeß 
der Sublimierung im Bewußten, aber vermutlich unter wesentlicher 
Beteiligung des Unbewußten. 

Wir wollen nicht versäumen eine Beobachtung festzuhalten, 
die gerade an der passageren Sublimierung deutlich zu machen 
ist, für die Sublimierung aber ganz allgemein zu gelten scheint. 
Während die Verdrängung ein völlig geräuschloser Vorgang ist, 
der nicht nur als solcher sich dem Bewußtsein entzieht, sondern 
auch durch keinerlei Nebenumstände sich verrät, vollzieht sich die 
passagere Sublimierung recht bemerklich, ja lärmend. Sie pflegt 
mindestens von einer Fülle von Hoffnungsphantasien begleitet zu 
sein, die sich an die Erfüllung der Ichwünsche knüpfen, und ein 
gut Stück der Befriedigungslust, die durch die Hilfe der subli- 
mierten Libido zu erwarten ist, wird vorweggenommen. — Die 
Diskussion all dieser Befunde verschieben wir, bis wir auch andere 
Typen der Sublimierung betrachtet haben. Doch sei jetzt schon 
hervorgehoben, daß die passagere Sublimierung das volle Gegen- 
stück der Symptombildung darstellt: sie entsteht nicht aus einem 
Konflikt zwischen den Ichtrieben und Sexualtrieben, sondern aus 
deren Zusammenwirken,- ihre Folge ist nicht die Lähmung der 
Ichtätigkeit, sondern deren Steigerung, nicht die Entwicklung von 
Unlust, sondern deren Verringerung, gegebenenfalls sogar Ver- 
mehrung der Lust. 

Nach der passageren Sublimierung betrachten wir nun zwei 
verschiedene Fälle von Sublimierung in der Pubertät. Dieser 
Lebensabschnitt ist überaus reidi an Sublimationen, von denen 
viele nach Ablauf der Pubertät wieder rückgebildet werden, und 
die sidi vor allem durch diesen Charakter von den Sublimationen 
der Kindheit unterscheiden. Denn diese gehen zum großen Teil, 

„ Imago V1II/3 22 



338 Dr. Siegfried Bernfeld 



vielleicht gänzlich, in die dauernde Struktur des Ichs, des Charakters, 
ein. Die Diditungen der Jugendlichen gehören überwiegend in die 
Kategorie der vorübergehenden Sublimationen. 

Beim Studium der Dichtungen und des Dichtens Jugendlicher 
drängt sich ein fast regelmäßig wiederkehrender Tatbestand auf, 
der sich freilich in wenigen Sätzen nur schwer darstellen läßt. Ich 
verweise darum auf den in Vorbereitung befindlichen zweiten 
Band meiner Beiträge zur Jugendforschung 1 , der sich vornehmlich 
mit diesem Problem beschäftigen wird. Dort findet sich auch die 
ausführliche Beschreibung des folgenden Falles. Robert Walter 
beginnt mit 13 Jahren zu dichten, und zwar Balladen, deren Stoffe 
im allgemeinen dem Schulunterricht entnommen sind <z. B. Tarpeia). 
Mit 14*/| das erste lyrische Gedicht, das persönlichem Erleben 
entstammt, von \5 X U~19 Novellen, Dramen, Gedichte, auto- 
biographisdie Erzählungen, ausschließlich dem persönlichen Leben 
entstammend, oder ein vorgefundener Stoff von ihm durditränkt. 
In 14 1 /* fällt das Pubertätserlebnis, Objektwahlversuch <erste starke 
Verliebtheit in eineMutter-Imago). Um 15 setzt das typische Puber- 
tätsschicksal dieser Verliebtheit ein : die Verdrängung der sinnlichen 
Komponente unter regredienter Neubelebung des Ödipuskomplexes, 
das zwischen 16 und 17 kulminiert. Die Situation vor 14 V* ist durch 
den Kastrationskomplex stark determiniert. Mit welcher Energie dichtet 
nun Robert Walter? In der ersten Periode <13-14»/j> mit I&trieb 
und Ichlibido,- in das Idealich wird aufgenommen: ich möchte etwas 
Großes werden, später: ein Dichter sein. Die infantilen Sexual- 
objekte Mutter und Schwester sind verdrängt, Kampf gegen die 
Masturbation, die unter masochistischen Phantasien ausgeübt wird/ 
starke Tagträumerei durch Narzißmus, Kastrationsangst, Mutter- 
fixierung determiniert. Aber diese Tagträumereien haben keinen 
Zusammenhang mit seinen Dichtungen, die Reimereien an fremden 
Stoffen sind, »um mich zu üben und um zu beweisen, daß ich 
was kann«. Die verdrängten Ziele der Objektlibido kehren in den 
Tagträumereien und nicht in den Gedichten wieder. Nun folgt die 
zweite Periode seines Dichtens <14V« - Wifc er macht lyrische Ge- 
dichte, die ihm leicht fließen: »fertig taucht das Gedichtchen auf mit 
Vers und Reim«. Die Situation ist, soweit sie uns hier angeht, etwa 
folgende: Die Sexualtriebe sind zum Bewußtsein durchgedrungen und 
beginnen sich auf das Objekt zu sammeln, er ist in Melitta verliebt. 

' In den »Quellenschriften zur seelischen Entwicklung«. 



Bemerkungen über »Sublim ierung* 339 



Seinen Ichzielen wird die Liebe zu Melitta eingeordnet,- er bejaht sich 
»als verliebtes Kraftgenie«, nach dem Muster »Junger Goethe in 
Straßburg«. An der Dynamik der Tagträumereien ändert sich wenig,- 
sie erhalten Zuschuß von der Objektlibido und werden durch Melitta 
in ihrem Inhalt gefärbt. Aber sie sind den Idizielen nach wie vor nicht 
eingeordnet. Ihre Funktion ist gleich der der Nachtträume bloß vom 
Unbewußten her bestimmt. Seine Gedichte erfließen den Stimmungen, 
die von der Liebe zu Melitta hervorgerufen werden. Es würde hier 
zu weit führen, die Dynamik des Dichtens aus Stimmungen zu ent=- 
widceln, vielmehr genüge als hier unbewiesene Behauptung: unter 
bestimmten Bedingungen gehört zur Liebe Stimmungsentwicklung 
und zu dieser die Formulierung von Gedichten. Es ist also audi 
in dieser Periode nichts von Zielablenkung der unverdrängten 
Objektlibido aufs Dichten zu sehen. Daß Robert aber seine — 
aus Stimmungen spontan entstandenen — Gedichte aufschreibt, 
aufhebt, vorliest usw., ist eine Tatsache, die in einen neuen Zu= 
sammenhang gehört. Dies ergibt sich nämlich als Leistung der Ich= 
triebe und Ichlibido, die das Ziel, Dichter zu werden <sein>, 
nicht ganz aufgegeben haben und nun ein — so gut wie ganz ~ 
ohne sie zustandegekommenes Produkt der Sexualtriebe für sich 
annektieren. Der Wunsch, Dichter zu sein, hat übrigens um diese 
Zeit keine besondere Kraft und äußert sich bloß in der mit geringe 
fügiger Leistung erreichbaren Aufbewahrung der Gedichte. 

Es sei nun versucht, den recht komplizierten Tatbestand der 
dritten Periode <1 5 Va" 19) anzudeuten <was freilich nur bei äußerster 
Schematisierung und Verzicht auf Berücksichtigung aller Verschränk 
kungen und Überdeterminationen möglich wird), wobei auf die 
künftige Publikation des Materials verwiesen werden muß. Die in 
der zweiten <lyrischen> Periode voll auf Melitta gerichtete Objekt« 
libido erfährt eine energische Versagung. Eine beträchtliche Quantität 
wird verdrängt, fließt dem Ödipus zu und intensiviert von hier aus 
die Tagträumereien in exzessiver Weise. Eine recht geringe Quantität 
verbleibt ungehemmt auf Melitta geriditet, die zwar »nie vergessen, 
aber unerreichbar« ihm erscheint. Das Ich erscheint in seinem 
libidinösen Anteil sehr verstärkt. Sein Ziel ist, Dichter zu sein und 
zwar unter starker libidinöser Neubesetzung des Idealichs Asket, 
»Vollmensdi«, Ethiker usw. Aus dem Rest der Melitta geltenden 
Objektlibido entwickeln sich Stimmungen. Die Dichtungen Roberts 
sind völlig verwandelt: sie sind umfangreiche, aus Tagträumereien 

22' 



340 Dr. Siegfried Bernfeld 



entstandene Gebilde, die Stimmungsergebnisse sind in sie hinein- 
gearbeitet. Ich habe in der genannten Arbeit diese Periode als die 
bewußt künstlerische bezeichnet, denn in ihr wird ein sehr be- 
trächtliches Maß von Energie auf die künstlerische Bearbeitung 
der Stimmungen, vor allem der Tagträumereien gewendet. Sie 
erfahren sozusagen eine tertiäre Bearbeitung, die im Dienste des 
Ichziels steht: durch diese Arbeitsleistung wird der Träumer ein 
Dichter. Die Energie, mit der die tertiäre Bearbeitung vollzogen 
wird, ist nun unbezwei feibar unverdrängte Objektlibido, die von 
ihrem Objekt Melitta auf das der eigenen Dichtungen gelenkt 
wurde (»ich bin in meine neue Novelle verliebt«, äußert Robert, 
um hier nur ein Symptom der vollzogenen Zielablenkung zu 
erwähnen). 

Vermutlich hat diese abstrakte, durch die Vermischung 
der Standpunkte unübersichtliche Darstellung wenig Beweiskraft, 
dennoch sei es versucht, einige Feststellungen von allgemeiner 
Gültigkeit aus ihr abzuleiten. Erstens: Es zeigt sich, daß es recht 
verschiedene Prozesse sind, die man ununterschieden in dem 
Namen Sublimierung zusammenfaßt, wenn man vom Dichten als 
von einem Sublimieren, von den Diditungen als von Sublimationen 
spricht. Die Verhältnisse sind nicht immer dem Fall Robert gleich, 
aber immer ist das Dichten ein komplexer Vorgang, bei dem die 
Zielablenkung objektlibidinöser Strebungen bloß eine — jeweils 
mehr oder minder große - Rolle spielt. Doch dürfte die tertiäre 
Bearbeitung regelmäßig eine echte Sublimierung sein. Zweitens: 
Wir sehen den Tatbestand, daß der Wunsdi, ein Dichter zu 
werden, schon früher den Ichzielen angehört, als ein Anteil der 
Objektlibido zu seiner Realisierung herangezogen wird, in sehr 
vielen Fällen. Und können vielleicht von hier aus ganz allgemein 
die Sublimierung beschreiben als jene Zielablenkung unverdrängter 
Objektlibido, die der Realisierung eines - meist schon früher 
gebildeten ~ Ichziels dient. Wir würden mit dieser Formulierung 
den Schwierigkeiten der sozialen Wertung bei der Definition der 
Sublimierung aus dem Wege gehen und als ein Kriterium für 
die Unterscheidung zwischen Sublimierung und anderen topisch 
und dynamisch ähnlichen Zielablenkungen eine Relation zu den 
IdSzielen vom .Standpunkt des Ichs des Sublimierenden gewinnen, 
also letzten Endes ein ökonomisches Kriterium. Drittens: Aus 
dieser Formulierung ergäbe sich auch deutlich das Verständnis 



Bemerkungen über »Sublimierung« 341 

einer allgemeinen Bedingung der Sublimierung: deren Maß steht in 
einer gewissen Relation zur Stärke des Ichs — wie wir vorläufig 
sagen wollen, um fürs Ende unserer Erörterung eine präzisere 
Formulierung aufzusparen. Die oben dargestellten Verhältnisse bei 
der passageren Sublimierung stützen sehr wohl diese Aufstellungen. 
Die Bildung von Gruppen aller Art (Vereinen, Organisationen, 
Gemeinschaften) ist ein für die Pubertät typischer Zug, an dem 
zahlreiche Sublimierungen teilzuhaben scheinen. Das Studium 
dieser Bildungen verspricht einige Einblicke in die Bedingungen 
der Sublimierung. Es sei daher ein Fall im Zusammenhang mit 
der vorliegenden Erörterung genauer betrachtet. Ich entnehme ihn 
der Arbeit von Gerhard Fuchs: »Ein Schülerverein«, enthalten 
im ersten Band meiner Beiträge zur Jugendforschung 1 . Einige 
Knaben von vierzehn Jahren gründen einen Sdiülerverein, der ein Jahr 
lang besteht. Man kann vier Perioden an der Form und dem Inhalt der 
Vereinstätigkeit unterscheiden. Die erste, zweite und vierte ist aus* 
gefüllt von tagträumerischer Phantasie mit sehr weiter Entfernung 
von jeder Realität. Intensives Beraten der Statuten, lebhafte Dis* 
kussion über einen Vereinsnamen, Erfindung einer Geheimschrift, 
Treueschwüre, Phantasien über Verrat in der Schule, über die 
Bedeutung des Vereines für das Volksganze sind die nahezu aus- 
schließlichen Inhalte der Vereinstätigkeit. In der dritten Periode 
wird dieses Verhalten fast gänzlich abgelöst durch reale Hand* 
lungen. Boykott gegen einen Mitschüler, solidarisches Auftreten 
gegenüber den Lehrern, Eintritt in einen Turnverein u. dgl. Völlig 
in zeitlicher Übereinstimmung mit dem träumerischen Verhalten 
erstreckt sich das sexuelle Verhalten der Knaben auf gemeinsame 
Exhibition und Vergleich der Größe des Penis. In der letzten 
Zeit der dritten Periode wird der Exhibition ein einzigesmal ge- 
meinsame Masturbation angefügt. In der dritten Periode ist also 
die Triebversagung radikaler gemacht, in der vierten Periode wird 
sie zum Teil wieder aufgehoben. Ihre Folge sind gewisse, vom 
Sexualleben entfernte Gemeinschaftstätigkeiten, diese sind zum Teil 
Ergebnis der Verdrängung (mit Wiederkehr des Verdrängten), 
zum Teil der Sublimierung. Auch die Exhibition steht unter 
einem gewissen Verdrängungsdruck, sie wird nur selten und 

1 Vom Gemeinsdiaftsleben der Jugend. Beiträge zur Jugendforschung. 
Herausgegeben von Dr. Siegfried Bernfeld. Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag. 1922. 



342 Dr. Siegfried Bernfeld 



unter Hemmungen geübt Dennodi vermag sie sich im Gegen- 
satz zur Masturbation durchzusetzen, freilich als eine außervereins- 
mäßige Veranstaltung, die ausschließlich von den Gründern des 
Vereines untereinander vorgenommen wird/ es ist dies eine Art 
Geheimbund im Geheimbund. In der exhibitionistischen Tätigkeit 
ist ein <für die unter Kastrationsangst stehenden Knaben) stark 
lustvolles Element enthalten, die Konstatierung, daß man einen 
großen crektionsfähigen Penis besitzt. Daraus flösse die Kon- 
sequenz, sich dementsprechend sexuell zu verhalten, beziehungs- 
weise als Ersatz zu masturbieren. Dies geschieht aber nicht, 
sondern statt dessen weist der Inhalt der Vereinsbetätigung inten- 
sivierte Phantasien über die Macht und Bedeutung des Vereines, «- 
und in der dritten Periode Handlungen, die einem solchen Verein 
entsprächen — zahlreiche exhibitionistische Elemente, Bildungs- 
bestrebungen und dergleichen narzißtische Abkömmlinge auf. Unter 
den Ichzielen befinden sich starke Tendenzen, für das Volk bedeutend 
zu werden, in ihm zu hoher sozialer Geltung zu gelangen, und das 
Volk selbst <es handelt sich um Juden) in der Menschheit zur Geltung 
zu bringen. Dazu kommt der Pubertätskonflikt zwischen Ich und 
Objektlibido. Die Konstatierung der Größe des Penis hat einen 
ichgerechten Bestandteil <sie bereditigt die Ichziele) und einen ich- 
widrigen (die genitale Erregung, die sie herbeiführt). Die genitale 
Konsequenz der Exhibition erfährt (vermutlich vom Idealich her) 
Verdrängung und mit ihr eine gewisse Quantität von Libido, die 
übrige Quantität aber wird von ihrem Ziel zu dem ichgerechten 
der Verstärkung der Geltungsphantasien abgelenkt. Wir müssen 
uns an dieser Stelle etwas vage ausdrücken, weil das Material 
nicht hinreicht, festzustellen, ob das neue Ziel der Verein, das 
Volk oder der Führer ist. Und diese Verstärkung der auf die 
Ichziele gerichteten Triebenergie und Libido ist nötig, weil es gilt, 
eine Anzahl »narzißtischer Kränkungen« (die unter anderem aus 
der Kastrationsangst und dem inzestuösen Schuldgefühl fließen) zu 
kompensieren. Wir sehen auch hier die Sublimierung im Dienste 
des Ich(triebs oder -Iibido) und können eine anscheinend nicht 
seltene spezielle Mechanik der Sublimierung formulieren: Jene Kom- 
ponente oder Quantität eines unter Verdrängungsdruck stehenden 
Triebregungsganzen kann sublimiert werden, deren Eigenschaften 
die Übernahme einer Funktion bei der Stärkung von aktuellen 
gefährdeten Ichtendenzen oder Ichzielen gestatten. 



Bemerkungen über iSublimierung« 343 



Zum Studium der dauernden Sublimationen eignet sich wahr- 
scheinlich neben dem Wißtrieb vor allem das Spielen der Kinder. 
Dodi läßt sich leider von den Resultaten diesbezüglicher Forschungen 
nichts vorweg nehmen 1 . Darum bin ich genötigt, an die eben dar- 
gestellten Fälle die vorläufige Diskussion einer Frage anzuschließen, 
die durch eine weittragende Bemerkung Freuds eingeleitet wurde. 

Was bewirkt die Möglichkeit, den Sexualtrieb von seinem 
Ziele abzulenken? Die Sublimierungsfähigkeit als eine dispositio- 
nelle den Sexualtrieben zuzuschreiben, ist zweifellos ein unver- 
meidlidier leichter Ausweg, aber zulässig wohl erst nach Fest- 
stellung aller anderen Faktoren. Der Hinweis auf die allgemeine 
Plastizität der Sexualtriebe führt weiter, denn sie läßt die Sub- 
limierungsfähigkeit als einen Sonderfall einer allgemeinen Trieb- 
eigenschaft erscheinen. Und doch ist es gewiß recht, weiter zu 
fragen und in der gedachten Bemerkung Freuds eine sehr auf- 
klärende Beziehung zu sehen. Sie klingt pessimistisch genug: weil 
restlose primäre Befriedigung ohnehin nicht möglich ist, setzt sich 
der Trieb gegen Ablenkungen, die ja doch Verschiebungen in der- 
selben (sekundären) Ebene sind, weniger zur Wehr als zu erwarten 
stünde. Daß nicht regelmäßig bei dieser Sachlage das Schicksal der 
Verdrängung gewissermaßen freiwillig gewählt wird, daß also Ziel- 
ablenkung überhaupt eintritt, macht der ökonomische Gesichtspunkt 
klar,- denn Verdrängung ist Absperrung vom motorischen System 
und Zielablenkung bedeutet dessen Beherrschung. Und offenbar 
gehört es zum Wesen des Triebs, den Zugang zum motorischen 
System bis aufs äußerste zu verteidigen. 

Eine vage und sehr unklare Bemerkung möchte ich an dieser 
Stelle nicht unterdrücken. Es liegt nahe zu vermuten, daß darin 
der eigenartige Charakter des Kinderspiels liegt. Das Ich hat es 
noch nicht gelernt, gewissen mächtigen, aber abgelehnten Sexual- 
tendenzen den vollen Zugang zur Motilität abzusperren, im Spiel 
reichen verdrängte Kräfte, die vom Ernst-Handeln bereits fern- 
gehalten sind, noch bis in die Motorik, sie werden später nur 
mehr als Phantasie und Halluzination im Bewußten fortleben. 
So bekäme eine alte Spieltheorie, die der Einübung, einen neuen 
Sinn: das Ich lernte in ihm fortschreitend die Beherrschung des 
motorischen Systems als ausschließlicher Herr, es entwid<elte in 

1 Vorläufige Mitteilungen enthält die Wiener Dissertation: Über wissen= 
sdiaftlidie Grundlagen der Pädagogik des Kinderspiels. Von Wilhelm Hoffer. 



344 Dr. Siegfried Bernfeld 



ihm die Realitätsprüfungsfunktion und lehrte die Objektlibido 
Sublimierung. 

Diese Einschaltung, so unsicher und hypothetisch sie gemeint 
ist, kann uns aber dienen, die Erörterung über die Sublimierungs- 
fähigkeit rasch zu beenden. Vielleicht ist die Sublimierungsfähigkeit 
nicht allein abhängig von den Eigenschaften der Objektlibido, sondern 
auch von einer bestimmten Situation des Ichs <der Iditriebe und 
Ichlibido)? Das Ich müßte vielleicht in einem gewissen Sinn stark 
sein. Das heißt wohl, die Verfolgung der Ichziele müßte starke 
Lustmöglichkeiten bieten, Versagungen auf dem Gebiete der Ich- 
ziele müßten starke Unlustmöglichkeiten androhen, dann wäre 
begreiflicher, daß - die genannten Faktoren mitberüdcsichtigt - 
sich die Sexualtriebe zu Zielablenkungen im Dienste des Ich bereit 
finden. Es muß also das Maß der Sublimierungsfähigkeit mit ab- 
hängig sein von den ichlibidinösen Verhältnissen. Ich muß freilich 
zugestehen, daß ich über die Spezifica dieser Situation noch kaum 
mehr als vermuten kann. 




Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama 345 



Die Entstehung der kindlichen Worte Papa 

. und Mama. 

Einige Betrachtungen über verschiedene Stadien in der Sprach« 

entwicklang 1 . 

Von Dr. S. SPIELREIN. 

I. Die verschiedenen Spracharten. 

Wenn wir Erwachsenen von Sprache reden, so denken wir 
uns den wörtlichen Inhalt und übersehen, welche Rolle, 
selbst bei geschriebenen Texten, Hilfsmittel aus dem Ge« 
biete der rhythmisch=melodischen Sprache, wie Ausrufungszeichen, 
Fragezeichen usw. spielen. Diese melodischen Ausdrucksmittel 
kommen noch mehr bei einer Rede in Betracht,- hier gesellt sich 
noch ein dritter Faktor hinzu, Mimik und Gebärde, Ausdrucks« 
mittel die wir als visuelle Sprache bezeichnen können, welche 
namentlich in Träumen als eigenartige Bildersprache eine so her- 
vorragende Rolle spielt. Demnach müssen wir neben der Wort« 
spräche noch andere unterscheiden, wie die Melodiesprache, visuelle 
<Bild*> Sprache, Tastsprache u. dgl. m. Als bewußtes Verständigungs» 
mittel spielen bei den Menschen die akustisch vermittelten Sprachen 
<Melodie und vor allem Wort) eine weitaus überwiegende Rolle, 
weshalb sie vor allen anderen den Anspruch erheben, »soziale 
Sprachen« genannt zu werden. Lazarus sagt mit Recht, daß erst 
mit der Sprache, worunter er die Wortsprache versteht, der Mensch 
ein soziales Wesen wurde: »die ganze Welt besteht nun nicht 
mehr aus einem Nicht»Ich und einem, nämlich meinem Ich, sondern 
aus Nicht-Ich und sehr vielen Ich, so vielen nämlich, als da reden, 
als einander verstehen und darin ein Zeugnis gemeinsamen und 
gleichartigen Bewußtseins ablegen«, etwas weiter: »erinnern wir 



1 Vortrag, gehalten auf dem VI. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß 
im Haag. September 1920. 



346 Dr. S. Spielrein 



uns, daß die Sprache nur in Gesellschaft gegeben ist, so findet sich 
also der Mensch als ein Selbst und ein Idi nur, indem er zugleich 
andere Selbst und andere Ich neben sidi hat.« 

Man vergleiche bloß das in der Regel scheue, mißtrauische, 
tückische Wesen der Taubstummen mit dem Charakter von Blinden, 
um die hohe soziale Bedeutung der Wortsprache anderen Sprachen 
gegenüber zu würdigen. 

Zu sozialen Zwedcen am besten geeignet, drängte die Wort- 
sprache bald alle übrigen in den Hintergrund, indem sie zu Hilfs- 
sprachen, unterbewußten Sprachen herabsanken, respektive zu 
Kunstsprachen umgestaltet wurden. Genetisch jedoch ist die Wort- 
sprache lange nicht die erste, weder beim Menschen noch in der 
Tierreihe. Die Melodiesprache, Musik, in ihrer primitivsten Form 
der Rhythmik und Toninklination geht der Wortspradie zuerst 
weit voraus: lange bevor die ersten Zeichen der Wortsprache auf* 
treten, ist der Schrei ein bewährtes Verständigungsmittel zwischen 
Kind und Pflegeperson. Aufmerksame Mütter und Pflegerinnen 
wissen es sehr gut, daß ihr Schützling auf ganz verschiedene, 
bestimmte Art schreit, je nachdem er naß ist, Hunger hat, einen 
Schmerz empfindet oder einfach die Nähe der Pflegeperson herbei« 
wünscht. Der Säugling drückt zuerst — mit oder ohne Absicht — 
seinen Zustand oder Begehrung durch verschiedene Rhythmik, 
Höhe, Tonfall, Intensität des Schreiens aus, also in einer primitiven 
melodischen Sprache. Er versteht auch zuerst den Tonfall und viel 
später das Wort, — Audi Tieren ist an unserer Sprache am meisten 
das melodisdie Moment zugänglkh. 

Nach diesen Überlegungen wird die hohe Popularität der 
Musik begreiflich, beiläufig bemerkt gilt diese Popularität nicht der 
Musik als Kunstwerk, das gar nicht so leicht zu verstehen ist, 
sondern der Musik als Sprache. Die Erzeugnisse der plastischen 
Kunst waren ursprünglich Darstellungen, welche vor allem magi* 
sehen Zwecken dienten 1 . Als Sprache, außer als autistische, d. h. 
für sich selbst bestimmte oder als »magische« 2 ist die plastische 
Äußerung viel schwerfälliger und sie hat sich daher in diesem 
Sinne viel weniger bewährt. Die Produktionen der plastischen 



1 Siehe Freud: Totem und Tabu. 

- Wir kommen bald darauf zu sprechen, daß die Sprache ursprünglich 
für sich selbst bestimmt ist und sich erst naditräglich zu einer sozialen, für die 
Mitmenschen bestimmten Spradie entwickelt. 



Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama 347 

Künste können für sich im Stillen genossen werden. Die Musik 
hingegen, in primitivster Form der Gesang, wenn auch als Selbst- 
genoß beginnend, ist bald ein Mitteilungsmittel par excellence 
geworden, ein Lodcruf, ein Gebet, eine Klage an Gott oder Mit- 
menschen gerichtet und deren Teilnahme verlangend. Mit der Aus- 
bildung der Wortsprache treten namentlich die beiden innig ver- 
wandten akustischen Sprachen bewußt vereinigt auf, so im Gebet, 
so in den Volksliedern, wie später in Kunstwerken <Choral, 
Oper u. ä.). Die Vereinigung von Wort und Melodie in der 
Volkspoesie zeigt uns aber auch, daß es zwei selbständige Sprachen 
sind, jede mit ihrem eigenen Charakter, jede die andere teilweise 
aussdiließend: in den meisten Fällen wird entweder die Melodie 
oder der Text verkümmert. Die Melodie ist das Allgemeine, die 
Wortspradie — das mehr Konkrete, der Gegenwart Angepaßte. 
Bei alten Gebeten paßt sich die Melodie dem Text an und wird 
in ältesten Gebeten fast auf reine Rhythmik reduziert. Bei Volks- 
liedern fällt mit der stärkeren Betonung und Differenzierung der 
Melodie der oft blöde, unförmige Text geradezu auf. Wie es 
große Dichter gibt, die musikalisch primitiv geblieben sind und 
nicht einmal eine Melodie nachsingen können, so gibt es anderseits 
Schöpfer in Musik, unfähig, einen Vers zu einer Melodie zu dichten. 
Wahrscheinlich läßt sich hier auch ein für die Charakterologie eines 
Volkes typischer Unterschied nachweisen. 

Ich habe bei meinem Kinde sehr darauf geachtet, wann und 
in welcher Form es die ersten musikalischen Produktionen liefert. 
Trotzdem ist es mir nicht gelungen, die erste gleich zu notieren. 
Es folgten aber bald mehrere, dem Wesen nach analoge: es 
waren stets Versuche der Melodisierung einer Rede,- im Sinne 
unseres tonalen Gefühles war es noch keine richtige Melodie/ viel- 
mehr ein rhythmisierendes Langziehen von Silben, sogenannten 
»Versen ohne Reim« vergleichbar, eine Melodie, wie sie Kinder 
»ohne Gehör« singen. Der Text eines solcher »Lieder« lautet; 

*Von der Kiiissen Nadel pickt, 
Von der Naaadel picke dl« 1 . 

Wir amüsierten uns oft mit dem Töchterchen, allerlei Volks- 
lieder nacheinander zu singen, »wie es gerade einfällt«. Dabei fiel 
es mir auf, daß ich das nächste Lied nach der Ähnlichkeit des 

1 Die Nadel vom Kissen pickt (stidit). An der Nadel »pickst« du dich. 



348 Dr. S. Spielrein 



wörtlichen Inhalts an das vorausgegangene assoziierte, während 
die Kleine, damals zweieinhalb bis drei Jahre alt, nach Ähnlichkeit 
der melodischen Konturen assoziierte. Dies konnte nidit von Un- 
kenntnis seitens des Kindes herrühren, da es die Texte jedenfalls 
inhaltlich und zum guten Teil wörtlich kannte. Im späteren Alter 
fing auch meine Kleine an, nach Ähnlichkeit des Wortinhalts zu 
assoziieren. Bei normalen Erwachsenen scheint in erdrückender 
Mehrzahl der Fälle die Assoziation zugunsten des wörtlichen 
Inhalts zu überwiegen. 

II. Papa und Mama. 

Es soll uns im folgenden bloß die Wortsprachc besdiäftigen, 
und zwar die in der Volksmeinung als erste kindliche Worte 
geltenden »Papa« und »Mama«! 

Wer hat die Wortsprache erfunden? War es der erwachsene 
Mensch oder das Kind? Ist das Kind in der Sprache spontaner 
Schöpfung fähig oder eignet es sich bloß die von den Erwachsenen 
überlieferte Spradie an, die es entsprechend deformiert? Diese 
vielumstrittene Frage ist bis heute noch ungelöst geblieben. Hier 
können uns psychoanalytische Erfahrungen Rat bringen. 

Die Sprache wird wesentlich aus dem Unbewußten Richtiger 
Unterbewußten) heraus erfunden und das Unbewußte führt uns, 
wie Freud und seine Schüler zeigten, stets auf infantile Erlebnisse 
und Denkmechanismen zurück. 

Wir müssen stets daran denken, daß im Kind der Ahne 
schlummert und im Ahnen das Kind. Sollte wesentlich der Er* 
wachsene die Sprache erfunden haben — so hat er sie in ihren 
ersten Ursprüngen aus dem kindlichen Stadium seiner Seele ge- 
schöpft. Ob auch das Kind selbst seine Sprache schafft oder sie 
bloß von Erwachsenen überliefert bekommt? Diese Frage sollte 
meiner Ansicht nach anders formuliert werden, und zwar: ist das 
Kind seiner Anlage nach ein soziales Wesen, welches ein Mit- 
teilungsbedürfnis besitzt? Hat es ein Mitteilungsbedürfnis geerbt 
und gehört es redenden Völkern an, so hat es auch ein Sprach- 
bedürfnis geerbt, welches es suchen und erfinden läßt 1 . Selbst- 
verständlich kommen die Erwachsenen der kleinen Seele in ihrem 

1 Ich meine hier »Sprache« im gebräuchlichen Sinne des Wortes, d. h. 
Sprache als Mitteilungsmittel. Wie wir gleich sehen werden, ist es die Sprache 
ursprünglich nicht. 



Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama 349 

Ringen zur Hilfe, indem sie die beim Kinde erblich angebahnten 
sprachlichen Mechanismen durch ihre Reden und Nachahmen seitens 
des Kindes zur Entwicklung anspornen/ dabei passen sich aber Mutter 
und Ammen instinktiv den sprachlichen Erzeugnisbereitschaften des 
Kindes an: sie fühlen sich in das kleine Seelchen ein und finden 
das Material dazu in der Tiefe ihrer eigenen Seele vorgebildet, 
in ihrem eigenen früheren Entwicklungsstadium, das sie aus un= 
bewußtem Antriebe zum Kinde sprechen lassen. Ein Beispiel möge 
das Zusammenwirken von Kind und Pflegeperson bei der Sprache 
bildung erläutern: Stern berichtet, daß sein Töchterchen mit acht 
Monaten den Lippenlaut P spontan produzierte. Die Erwachsenen 
halfen nach und sprachen dem Kinde »Papa« vor. Die Kleine 
wiederholte vom Vorgesprochenen zuerst bloß den Lippenlaut »P« , 
nach fünf bis zehn Minuten Pause sagte das Kind spontan »Pa» 
pa=pa«, natürlich ohne die Bedeutung des Gesagten zu verstehen. 
Das Kind hat so rasch das Wort »Papa« sagen gelernt, weil es 
dieses im spontanen Laut »P« vorgebildet hat,- es wiederholte 
aber noch nicht »Papa«, sondern »Papapa«, weil die Beschränkung 
auf die Zweisilbenzahl seiner Entwicklungsphase noch nicht ent* 
sprach, ebenso brauchte es das Wort Papa vorläufig bloß als 
Anzahl von Lallsilben ohne eigentliche Wortbedeutung. 

Eigenartig ist es, daß in der Volksmeinung stets die gleidien 
Worte, Papa und Mama, als erste kindliche Worte gelten. Der 
Lippenlaut »P« wird in verschiedenen Sprachen durch die ihm 
genetisch verwandten Lippen* und Zahnlaute ersetzt. So heißt es 
im Russischen »Papa«, im Französischen und Deutschen »Papa«, 
im Englischen »Papa«, in anderen slawischen Sprachen »täte«, 
»tiatia«, griechisch »baba« ' usw. 

Das Wort Mama bleibt sich ziemlich gleich in allen 
Sprachen. Russisch »Mama«, französisch »Maman«, deutsch 
»Mama«, ukrainisch »Mary«, aber auch »mämo«, griechisch 
»Mama« u. dgl. m. Der Lippenlaut M scheint nidit zu wechseln, 
außer daß Sprachen existieren sollten, wo die Richtung eine ent» 
gegengesetzte wäre, d. h. wo wir statt »Mama« »amam« hätten 2 . 

Sind Papa und Mama wirklich die ersten Worte bei allen 
Kindern? Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten, weil bei 

1 Bei allen etwas komplizierter aussehenden Worten, wie z. B. batjka usw. 
müssen wir stets daran denken, daß es nicht die erste Form sein wird, welche 
dns Kind braucht. 

- Die phonetische Seite berücksichtige ich an weiterer Stelle. 



350 Dr - S - Spielrein 



schon an sich spärlichem Beobachtungsmaterial noch die Schwierigkeit 
zwischen Wort und sinnlosem Lailaut hinzukommt. Diese Schwierig- 
keit der Unterscheidung macht sich bereits beim Schreien des Säug- 
lings geltend. Dieses Schreien mag schon ursprünglich ein Reflex- 
phänomen sein, aber es bleibt dies nicht immer. Wir können jedoch 
nicht mit Bestimmtheit den Zeitpunkt feststellen, wo es kein Reflex- 
phänomen mehr ist, wo das Kind seinen Schrei zum erstenmal 
bewußt oder unbewußt in einer gewissen Absicht braucht. Väter 
und Mütter sind a priori geneigt, diesen Zeitpunkt wesentlich ver- 
schieden anzugeben, eine Mutter gibt sich mit der Annahme des 
Reflexphänomens überhaupt nicht zufrieden. Wie beim Schreien 
wird es sich mit dem voluntarisdien Moment bei den ersten 
Worten verhalten/ wir nennen das Lallprodukt »Wort«, sobald 
es eine Bedeutung erhält, die wir verstehen oder wenigstens ver- 
stehen sollten, weil es in einer gewissen Absicht hervorgebracht wird 
Eine Mutter schrieb mir von ihrem Säugling: »Das erste Wort, 
welches Lili der Bedeutung nach sicher kennt, ist ,a-a M , aber sie 
spricht es nicht,- andere Worte, die sie spricht, versteht sie nicht«, 
d. h. sie versteht sie nicht in unserem Sinne. Das erste spontan 
gesprochene und zugleich verstandene Wort Lilis notierte die 
Mutter nicht. 

Stern berichtet von Dida (Uhr) als erstem Wort seines 
Töchterchens, Dieses Wort ist durch Vorsprechen seitens Erwach- 
sener entstanden, wobei die kindliche Aufmerksamkeit künstlidi 
auf den Gegenstand der Uhr gelenkt wurde. Ein anderer Autor 
berichtet von Lululu, spontan beim Anhören des Wassergeräusches 
entstanden. Weshalb gerade diese Eindrüdte unter den zahlreichen 
an das Kind herantretenden die Priorität erhalten und den Anlaß 
zur ersten Wortbildung gegeben haben, können wir bei dem weitaus 
ungenügenden Beobachtungsmaterial nicht sagen. Sollten Papa und 
Mama audi bei diesen Kindern übersehene erste Worte sein, wenn 
auch nicht in gegenwärtiger ausgebildeter Form und Bedeutung? 
Woran liegt es, daß die allgemein verbreitete Volksmeinung ihnen 
diese Priorität zukommen läßt? Woran liegt es auch, daß das Kind 
die Worte nicht genau reproduziert, sondern umgestaltet? Diese 
letzte Frage soll uns zuerst beschäftigen. Viele Theorien wurden 
hier aufgestellt, von welchen ich einige kurz erwähnen möchte: 



1 Für ein Bedürfnis. 



Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama 35J 

Das sogenannte »Loi du moindre effort« ' ist nach Ament bis 
auf Maupertius zurückzuführen. Buffon wendet dieses Gesetz auf 
die Artikulation an und meint, unter den Selbstlauten sei das A, 
unter den Mitlauten P, B, M am leichtesten auszusprechen. Des- 
wegen bestünden die ersten kindlichen Worte aus diesen Selbst» 
und Mitlauten <Baba, Mama, Papa>. Schultze meint, das Kind 
gehe von den mit der geringsten physiologischen Leistung ver* 
knüpften Lauten zu den schwierigeren über und nimmt folgendes 
Lautverschiebungs, »verstümmelungs» oder »Verwandlungsgesetz der 
Kindersprache an: »Für den, dem Kinde noch unaussprechbaren 
Laut <Vokal oder Konsonanten) setzt dasselbe den diesem schwiert 
geren Laute nächst verwandten, mit geringerer physiologisdier 
Schwierigkeit sprechbaren Laut, und wenn es auch diesen noch nicht 
zu beobachten vermag, so läßt es ihn einfach ganz und gar weg. 

Auch Gutzmann, Franke und Toischer sprechen von ver- 
schiedenen Graden der physiologischen Anstrengung mit Bevor» 
zugung leichterer Grade. Gutzmann unterscheidet, wie Kußmaul, 
Perioden der Sprachentwiddung und meint, in der zweiten Periode 
erzeuge das Kind Laute, welche bereits denen der Muttersprache 
ähneln: »Es ist natürlich,« meint er, »daß diese ersten Sprechlaute 
im ersten und zweiten Artikulationssystem liegen: Lippen und 
Zungenspitze sind diejenigen Teile, die durch das Saugen bereits 
für die Artikulation vorbereitet waren. Daher sind Vater» und 
Mutternamen fast in allen Sprachen ähnlich, sehr oft 
gleich. 

Also ist es nach Gutzmann der Saugakt, welcher unsere 
ersten Worte, Papa, Mama, Baba usw., vorbereitet. Der Fehler 
Gutzmanns liegt darin, daß auch er das Prinzip der Reihenfolge 
nach geringster physiologischer Anstrengung annimmt. Gegen dieses 
Prinzip haben sich wohlberechtigte Bedenken erhoben. Preyer, Sully, 
Rzesnitzek u. a. anerkennen diese Gesetzmäßigkeit nicht. Rzesnitzek 
spricht von einer spielenden Beschäftigung mit den Sprachwerk» 
zeugen. Schließlich weist Ament nach, daß in Lallmonologen die 
schwierigsten Laute K, G, R usw. längst gebraucht werden, bevor 
das Kind das erste Wort der Sprache spricht. 

Irene D. lallte z. B. 288 Tage alt rrr (sprudelnd), errau 
<nasal), abrrr und ähnl,- Gertrud M. zirka 190 Tage alt abrrr, 



Das Gesetz der geringsten Anstrengung. 



352 Dr. S. Spielrein 



abruh, Elisabeth M. zirka 390 Tage rollewollegogu usw. Ament 
ersetzt daher die alte Theorie der Reihenfolge nach geringster 
physiologischer Anstrengung durch seine Theorie der physiologi- 
schen Bevorzugung. Obgleich das Kind bereits die schwierigsten 
Laute K, G, R zu sagen vermag, zieht es vor, sie durch Lippen- 
beziehungsweise Zahnlaute zu ersetzen,- es bevorzugt diese Laute, 
weil sie durch den Saugakt in ihrer Entwiddung besonders gefördert 
wurden. Demnach ist auch Aments Theorie wesentlich eine physio- 
logische. Ganz entschieden spielt die physiologische Bevorzugung 
im Sinne Aments bei der Auswahl der Laute in den ersten kind- 
lichen Worten eine große Rolle. Es ist mir hier leider unmöglich, 
auf die interessante Arbeit von Ronjat 1 ausführlicher einzugehen. 
Ronjat findet geradezu Gesetze, nach welchen das Kind die üblichen 
Worte der Sprache umgestaltet, so heißt es z. B. im Kapitel 
Assimilation: »au 15 e mois j'ai pu donner en francais et faire 
donner en allemand une serie des mots qui permet d'etablir les 
formules suivantes: 

Occlusive ou nasale explosive 2 en syllabe tonique 3 assimile 
consonne implosive en syllabe tonique ou consonne en position 
quelconque dans une syllabe atone. En syllabe posttonique Louis 
ne sait pas produire d'autre implosive qu'une r non vibree qui 
est une sorte de resonance vocalique prolongeant un <s> post- 
tonique/ ce phenomene tres efface et de nature ä peine consonan- 
tique reste tel quel. 

En syllabe pretonique je n'ai pas d'exemple de consonne 
implosive autre que Armband <ambam> 4 ou m rm 5 est dejä de 
meme organe que le b explosif de la syllabe tonique. 

Le phoneme induit prend le point d'articulation du phoneme 
inducteur, mais garde son mode d'articulation propre. 

Ainsi une nasale labiale induite par une occlusive dentale 7 
devient une nasale dentale 8 , m X d = n, ex. fr. dame > <dam > dan), 



1 Le developpement du langage observe chez un enfant bilingue par Jules 
Ronjat, Docteur es lettres. Paris 1913. 

'* Explosive ist der Laut zu Anfang der Silbe, implosif der oder die Laute; 
welche auf den Vokallaut der Silbe folgen. 

3 Auf welcher der Akzent liegt. 

4 Das heißt: statt Armband sagt Louis ambam. Zur Erklärung der Aus« 
sprachezeichen, die ich nach Ronjat anbringe, verweise idi auf das Original. 

5 Das heißt: ou m remplace le rm = wo m welches das rm ersetzt. 
• = in. 

' =d, 
» = n. 



Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama 353 



une occlusive dentale sonore <= d> induite par une occlusive labiale 
sourde <= p) devient une occlusive labiale sonore <= b>, d X p = b, 
ex. allem. Puder > <puds > pubs>« usw. 

Diese Beispiele zeigen, daß eine strenge Gesetzmäßigkeit bei 
der kindlichen Wortumgestaltung besteht, die in der Tat durch 
physiologische Bevorzugung erklärt werden kann. Wenn das Kind 
statt dam dan sagt, so erleichtert es sich die Aufgabe, indem es 
aus dem folgenden Konsonanten einen im gleichen Artikulations- 
system liegenden Laut, einen Zahnlaut macht. Ganz sicher werden 
bei den ersten kindlichen Worten Lippen» und Zahnlaute bevor* 
zugt, weil diese Laute durch den Saugakt in ihrer Entwicklung 
besonders gefördert wurden. Bei all der Richtigkeit lassen aber 
diese Theorien wesentliche Momente unaufgeklärt: woher kommt 
es, daß bei Kindern aller Völker gleiche, respektive ähnliche Be» 
Zeichnungen für Vater und Mutter zu finden sind<Papa undMama)? 
Woher kommt es, daß es die ersten kindlichen Worte sind oder 
vielleicht richtiger, daß sie als solche gelten? Wie kommt es über« 
haupt, daß ein vom Kinde produzierter Laut Wortbedeutung erhält? 
Die zwei ersten Fragen fanden noch keine Lösung, für die Wort« 
entstehung überhaupt kennen wir viele Theorien, von welchen, wie 
mir scheint, die Reflextheorie und die onomatopoetische am meisten 
Beachtung verdienen. Die beiden Theorien sind darin einig, daß der 
Mensch sich der Natur abgelauschten Laute bedient, die er in 
bestimmter Bedeutung (Wortbedeutung) anzueignen lernt. 

Die Sprache kennt allen bisherigen Theorien nach kein anderes 
Stadium, außer daß ein der Natur entnommener Laut, wenn auch 
reflexartig entstanden oder sinnlos wiederholt, sobald er zum Worte 
wird, mit der Absicht etwas mitzuteilen gebraucht wird. 

Nun möchte ich diesen Theorien meine Ansicht über die 
psychologische Bevorzugung anreihen. Ich will hier gleich vorweg" 
nehmen, daß ich bei der Sprachentwicklung drei Stadien unter» 
scheiden möchte: erstens das autistisdie Stadium, wo die Sprache 
für sich selbst bestimmt ist,- zweitens das magische Stadium, wo ein 
Wort eine Überbedeutung erhält, welche die Realität beschwört/ 
drittens das gegenwärtige Stadium einer sozialen, für die Mit* 
menschen bestimmten Sprache. 

Diese drei Stadien würden der bekannten Reihenfolge in der 
Entwicklung des Realitätsprinzips nach Freud entsprechen,- bei Freud 
schmilzt das autistische und magische Stadium zusammen, es ist ein 

Imago VIII/3 23 



354 Dr. S. Spielrein 



und dasselbe Stadium, wo der Wunsch über die Realität geht, die 

Phantasie über die Wirklichkeit, wo noch Allmacht der Gedanken 

herrscht. Folgen wir einen Schritt weit Freud in seinen Betrach» 

tungen über »Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken« 1 : 

»Man darf nicht annehmen,« sagt Freud, »daß die Menschen sich 

aus reiner spekulativer Wißbegierde zur Schöpfung ihres ersten 

Weltsystems aufgeschwungen haben. Wir sind darum nicht erstaunt 

zu erfahren, daß mit dem animistischen System etwas anderes Hand 

in Hand geht, eine Anweisung, wie man verfahren müsse, um der 

Menschen, Tiere, und Dinge, respektive ihrer Geister Herr zu 

werden.« (Diese Anweisung, welche unter dem Namen Strategie 

des Animismus bekannt ist, will S. Reinadi die Strategie des 

Animismus heißen,- ich würde es vorziehen, sie mit Hubert und 

Mauß der Technik zu vergleichen.) 

Das Prinzip der Magie beruht auf der Ähnlichkeit der voll* 
zogenen Handlung mit dem erwarteten Geschehen. Daher der von 
Frazer gewählte Name »Imitiative oder homöopathische Magie«. 
»Wenn ich will, daß es regnet, brauche ich nur etwas zu tun, 
was wie Regen aussieht oder an Regen erinnert« 2 . 

»Die Motive, welche zur Ausübung der Magie drängen, sind 
Wünsche. Der primitive Mensch hatte wahrscheinlich ein großartiges 
Zutrauen an die Madit seiner Wünsche. Wünschen ist für das 
Kind, wie für den primitiven Menschen in seiner magischen Hand* 
lung gleich Erleben.« 

»Für das Kind, welches sich unter analogen psychischen Bedin- 
gungen befindet, aber motorisch noch nicht leistungsfähig ist, haben 
wir an anderer Stelle die Annahme vertreten, daß es seine Wünsche 
zuerst wirklich halluzinatorisch befriedigt, indem es die befriedigende 
Situation durch die zentrifugalen Erregungen seiner Sinnesorgane 
herstellen läßt« <vgl. Freud: Formulierungen über die zwei Prin* 
zipien des psychischen Geschehens. Jahrbuch, III. Bd. 1912. S. 2> 3 . 

1 Freud: Totem und Tabu. 1913. ,. w , 

1 Salben einer Waffe, welche eine Wunde geschlagen hat, kann die Wunde 
heilen. Bei dieser sogenannten »kontagiösen Magie« handelt es sich nicht um einen 
Zusammenhang im Raum, die Kontiguität, wenigstens die vorgestellte Kontiguität. 
Da aber Ähnlichkeit und Kontiguität die beiden wesentlichen Prinzipien der 
Assoziationsvorgänge sind, stellt sidi als Erklärung für all die Tollheit der 
magischen Vorschriften die Herrschaft der Ideennssoziation heraus. 

8 Weiterer Text: »Für den erwachsenen Primitiven ergibt sich ein anderer 
Weg. An seinem Wunsch hängt ein motorischer Impuls, der Wille, und dieser - 
der später im Sinne der Wunschbefriedigung die Erde verändern wird - wird 
jetzt dazu verwendet, die Befriedigung darzustellen, so daß man sie gleichsam 



Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama 355 



Der an die Magie Glaubende ist wie ein Kind, für welches 
»die Dinge gegen deren Vorstellungen zurüdctreten/ was mit den 
letzteren vorgenommen wird, muß sich auch an den ersteren 
ereignen. Die Relationen, die zwischen den Vorstellungen bestehen, 
werden auch zwischen den Dingen vorausgesetzt« 1 . <Freud: Totem 
und Tabu.) Diese Art magischen Glaubens begegnet uns so oft 
bei einer Geisteskrankheit, der sogenannten »Schizophrenie« (Bleuler). 
Eine meiner Patientinnen z. B. ärgert sich über verschiedene schlechte 
Vermutungen, welche man von ihr macht. Ich meine T sie brauche 
sich nicht darüber aufzuregen, da es doch bloße Vermutungen seien, 
worauf sie: »die Vermutung könnte zur Wirklichkeit werden, um 
ihre Existenzberechtigung darzutun« 2 . Es genügt," etwas zu denken, 
damit es geschieht,- dieser Gedanke selbst ist aber stets Ausdrude 
eines Wunsches oder einer Befürchtung. 

Wenn das Kind seine ersten Lallaute produziert, so tut es 
dies, weil ihm dieses Lallen aus verschiedenen physiologischen 
Gründen der Atmung, bestimmter Muskelspannung usw. Lust 
bereitet. Bei Stern z. B. lesen wir: »Von der siebenten Woche 
an brachte das gesättigte Kind zuweilen Laute des Behagens hervor, 
etwa wie ,krä-krä',- mit zwei Monaten ließ es den Vergnügungs- 
laut ,erre«erre' hören. Vom elf Wochen alten Kinde wurde notiert: 
Das Lallen wird jetzt immer anhaltender und ist stets ein Zeichen 
großen Wohlbehagens.« Die Entwicklung schreitet nach Stern »vom 
Affektiv* Willen-mäßigen zum Objektiv-Intellektuellen fort«. 

Wenden wir uns jetzt den ersten Worten »Papa« und 
»Mama« zu. Es ist sehr wichtig, darauf zu achten, wie der 
Säugling diese Worte spricht. Er sagt zuerst nicht »Mama«, 
»Papa«, sondern »mö=mö«mö . . ,«, »pö-pö-pö. . .«,• wie ersichtlidi 
ist der Vokallaut dabei etwa ein ö und die Silbenzahl ursprünglich 
eine unbeschränkte, Führen wir uns das »mö-mö-mö« sprechende 
kleine Mündchen lebhaft vor Augen und ahmen eventuell seine 
Bewegungen an der eigenen Hand nach, so sehen wir, wie innig 
diese Bewegungen denen beim Saugakte verwandt sind. In den 



durch motorische Halluzination erleben kann. Eine solche Darstellung des be- 
friedigten Wunsches ist dem Spiel der Kinder vergleichbar, welches bei diesen 
die rein sensorische Technik der Befriedigung ablöst.« 
1 Spitteler:* Meine frühesten Kindheitserlebnisse. 

8 Spielrein: Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizo» 
hrenie. Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen 
d. 111. 1911. 

23» 



356 Dr. S. Spielrehi 



Lauten »mö-mö-mö« ist der Saugakt gegeben. Der Säugling, 
welcher nach der Fütterung in sein Bettchen zur Ruhe gebradit 
wird, hat bloß den Innervationsimpuls, den er -eben beim Saugen 
brauchte, nicht gleich zum Stillstand zu bringen, damit die Be« 
wegungen fortgesetzt werden und in ihrer Folgerung das Wort 
»mö*mö-=mö« ergeben. Diese »mö-mö« produzierenden Bewegungen 
müssen für das Kind äußerst lustbetont sein, sei es aus physio* 
logischen Gründen, weil sie durch den Saugakt vorgebildet und 
daher leicht ausführbar sind, noch mehr aber aus psychologischen 
Gründen: indem das Kind den Saugakt in Bewegungen reprodu- 
ziert, muß es irgendwie dadurdi die bei diesem eben stattgehabten 
Akt genossenen Empfindungen wieder beleben. Ich will nicht so 
weit gehen wie James, um zu behaupten: »Wir weinen nicht, 
weil wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen.« 
Sicher muß es aber sein, daß bereits im zartesten Alter die Ver- 
bindung von bestimmten Bewegungen mit den sie begleitenden 
Empfindungen festgelegt werden muß. Es ist daher kein gewagter 
Schluß, anzunehmen, daß, wenn das Kind zuerst »mö=mö« hervor« 
bringt, Laute, weldie an bestimmte Bewegungen am Saugakte 
geknüpft sind, es auch die angenehmen Empfindungen des Saug- 
aktes miterlebt. 

Wir brauchen uns dabei keine deutlichen Bilder im kindlichen 
Köpfchen vorzustellen, es muß weder das Bild der Mutter sein, 
noch der Akt des Saugens, es könnten ganz dunkle Empfindungen 
von warm, weidi <bei Berührung mit dem mütterlichen Körper), 
von flüssig, von Sättigung usw. sein. Diese Empfindungen wird 
das Kind natürlidi immer wieder haben wollen,- so wird es instinkt- 
mäßig sein Mündchen in eine Stellung bringen wollen, welche die 
eben erwähnten Laute erzeugt. Die Verbindung zwischen den 
Lauten »mö=mö« und den entsprechenden Empfindungen wird 
dadurch immer inniger, sie wird eine konstante,- das Kind wird 
diese Laute zu erzeugen suchen, um eine bestimmte, zum voraus 
erwartete vertraute Empfindungsgruppe in sich heraufzubeschwören. 
Weil nun bestimmte Laute an ganz bestimmte psychische Inhalte 
geknüpft werden, an Empfindungen, vielleicht schon Vorstellungen, 
können wir hier bereits von »Worten« reden, weldie auf diese 
Inhalte deuten, respektive sie bedeuten. 

Diese ersten Worte sind noch autistisch, d. h. für sich selbst 
bestimmt. Dieses erste autistisdie Stadium ist insofern von späteren 



J 



Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama 357 

»magischen« verschieden, als die Magie eine Außenwelt voraus- 
setzt, die man beeinflußt, während wir in diesem ersten autistisdien 
Stadium noch keine vom Kinde getrennte Außenwelt anzunehmen 
brauchen. Die Entstehung des Wortes »mö^mö« erklärt uns aber 
schon in diesem Stadium den Ursprung der Magie, namentlich den 
Glauben an die Allmacht der Worte, speziell des Namens. 

Der Name tritt bekanntlich in der Magie an die Stelle der 
Person. Es ist mit dem Namen wie mit dem Bilde: soll man z. B. 
den Tod eines Feindes heraufbeschwören, so nimmt man eine 
Kerze in seiner Größe und läßt sie ganz verbrennen/ dasselbe 
kann man erreidien, wenn man den Namen dieses Feindes in 
böser Absidit ausspricht 1 . 

Ebenso wie man einem heiligen Tiere oder einem Könige 
nicht nahen darf, wie man selbst Gegenstände, vor allem das 
Essen, dessen sich seine Person bedient, meiden muß, weil man 
sonst auf der Stelle sterben müßte, so darf man auch dessen 
Namen nicht aussprechen. 

Das gleiche gilt für die Namen der Geister, der Toten usw. 
Diese Gleichstellung von Name und Person, von Wort und Tat 
erklärt Freud auf die gleiche oben erwähnte Art, daß die Vor« 
Stellung, der Gedanke hier wie beim Kinde gegenüber der Realität 
überwertig wird,- jeder Wunsch wurde ursprünglich halluzinatorisch 
befriedigt, erst nachträglich mußte das Kind lernen, daß es eine Realität 
gibt, die ihm vieles unmöglich macht, die man erst erobern muß. 

Die Entstehung der ersten kindlichen Worte zeigt nun, daß 
wir nicht einmal eine absichtlich hervorgerufene halluzinatorische 
Wunschbefriedigung am Ursprünge anzunehmen brauchen. Wenn 
das Kind das Wort »mö=mö« ruft, so tut es dies zuerst nicht, 
weil dieses Wort es an eine mit angenehmen Empfindungen ver« 
knüpfte Handlung, das Saugen, mahnt: ursprünglich bedeutete 
das Wort nicht eine Handlung 2 , es war die Handlung selbst. Diese 



1 Einer Krankengeschichte, die mir Herr Dr. Papadaki (Direktor einer 
psychiatrischen Klinik in Genf) freundlichst zur Verfügung stellte, entnehme ich 
folgende Stelle: »Apparition par l'ennui de certaines inanies: si en travaülant 
p. ex. ä la broderie, une idec de mort lui traversait I'esprit, eile etait prise 
de scrupules que cela ne porte malheur ä la personne, dont le nom pouvait 
en meme temps traverser son esprit, et defaisait quelques points pour les refaire 
sur une autre idee moins desagreable. Si eile jugeit cela absurde et continuait 
son travail eile etait prise par crainte de bouffee de chaleur, d'un malaix terrible, 
qui la rendait malheureuse — .« 

2 Es bedeutete die Empfindungsgruppe, nicht die Handlung, 



358 Dr - S - Spielrein 



Tatsache ist es, auf welcher die Magie in ihren Glauben zurück- 
kehrt: das Wort kann eine Handlung ersetzen, weil das erste 
Wort ursprünglich eine Handlung war. Das Wort »mö-mö« im 
Sinne eines getrennten Objektes differenziert sich erst nachträglich 
aus einer bestimmten dumpfen Empfindungsgruppe heraus, welche 
sich beim Saugakte bildet. 

Das Aussprechen oder Denken eines Wortes ruft die gleichen 
Empfindungen ins Leben wie die Handlung selbst, wie die Mund- 
bewegungen beim Saugakte, weil dieses Wort als direktes Resultat 
dieser Bewegungen mit ihnen identisdi wirkt. Wenn sich mit der 
Zeit aus der undeutlichen Empfindungsgruppe bei der weiteren 
psychischen Entwidmung der Begriff eines Objektes, der Mutter, 
differenziert, bleibt die ursprünglich bestehende Verbindung zwischen 
Handlung = Wort und dem nun differenzierten Objekte »Ma»ma« 
(später Mutter), welches dieses Wort bezeichnet, bestehen. Mit 
dem Aussprechen des Namens könnte man einst wirklich eine 
bestimmte Empfindungsgruppe, die später durdi eine Person ver- 
treten wird, ins Leben rufen. Ändert oder beschädigt man irgend- 
wie diesen Namen, so hat man dabei den an ihn geknüpften 
psychischen Inhalt <in unserem Falle — Person) beschädigt. So 
kommt es, daß der Name einer Person in der Magie diese Person 
selbst vertritt und was mit deren Namen geschieht, sich auch mit 
der Person selbst ereignen wird. 

Die Trennung von Wort <Name> und dem Ereignis ist ein 
sekundärer Vorgang/ ursprünglidi war es eine Einheit, In der 
Magie wird es wieder eine Einheit, indem der Name eine Person, 
einen Vorgang, das Wort eine Handlung ersetzt. 

Im ersten Entwiddungsstadium, wo das Kind noch keine von 
ihm getrennte und zu erobernde Welt kennt, ist das Wort einzig und 
allein zum Selbstgenuß bestimmt. Es ruft bestimmte Empfindungs- 
gruppen hervor, die es schließlich »bedeutet« 1 . Nachträglich mußte 
es das Kind doch bemerkt haben, daß zwischen der »Schein- 
befriedigung«, die es beim Aussprechen der ersten Worte hat, 
und der richtigen Befriedigung beim Saugakte doch ein wesentlicher 
Unterschied besteht. Die ersten Erfahrungen in dieser Hinsicht 
mußte es dem Hungergefühl verdanken, das sich nicht immer auf 
einem Scheinwege beseitigen ließ. Hier liegt schon einer der Faktoren, 



1 Es deutet auf sie. 



Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama 359 

welcher das Kind auf den Gegensatz von Wunsch und Wider^ 
stand (Hindernis) aufmerksam machen mußte/ hier liegt der Keim 
für den Beginn der Ich-Zentrierung gegenüber einem Etwas, das 
später Außenwelt wird. Das zweite Moment liegt im Saugakte 
selbst.. Compayre sagt: 

»C'est peut=etre en pressant dans sa bouche le sein maternel 
que l'enfant acquiert la premiere notion confuse de l'exteriorite.« 
Es ist der Widerstand seitens des mütterlichen Körpers, der 
Widerstand, der sidt jeder Bewegung entgegensetzt, der uns über^ 
haupt eine Bewegung empfinden läßt. Diese Widerstand leistende 
Außenwelt ist aber zugleich mit angenehmsten Empfindungen bc 
laden. Nun kommen wiederum die Erwachsenen dem jungen 
Seelchen instinktiv zu Hilfe. Den aus dunklen Zeiten der eigenen 
Kindheit stammenden Erfahrungen gemäß beziehen sie die Laute 
»mö^mö« auf die ernährende Frau, diese Laute werden liebevoll 
wiederholt, gleichzeitig gelangt dabei die mütterliche Brust mit dem 
ersehnten Getränk in das ungeduldig suchende kleine Mündchen. 
Auf diese Art bildet sich im kleinen Köpfchen die »Idee«, daß 
man durch eine Sdieinhandlung, wie wir sie bei den Worten 
»Pö»pö« und »Mö»mö« haben, die richtige Realität »herauf- 
beschwören« kann 1 . Es genügt das Wort »mö=mö« zu nennen, 
um die entsprechende Empfindungsgruppe, die nun als eine außer- 
halb liegende, nicht immer vorhandene erkannt wird, um diese 
Empfindungsgruppe »Mö-mö« herbeizusdiaffen. Damit sind wir im 
zweiten Stadium der Wortentwicklung im »magischen Stadium«. 

Die ersten kindlichen Worte haben eine jedenfalls von der 
unsrigen ganz verschiedene allgemeine Bedeutung. Paolo Lombroso 
z. B. berichtet von einem Mädchen, das für alle möglichen Dinge, 
die es haben wollte, »Pell« <= Hut = capello) rief. Auch mein 
Renatchen bietet hier ein schönes Beispiel aus einem relativ vor- 
geschrittenen Alter von anderthalb Jahren. Damals schrieb ich: 
»Großes Vergnügen macht es ihr, Fenster, Türen, alle möglichen 
Gegenstände auf und zu zu machen. Ich sagte ihr dabei ,auf - zu'. 
Dieses ,auf ruft sie nun oft, wo es gar nicht paßt, einfach wenn 
sie etwas haben will. Ich kann es nicht garantieren, aber ich glaube, 
es bedeutet bei ihr einfach ein Rufen der Sache, d. h. eines Gegen- 
standes, im Vocativus gedacht.« Dieses wurde vor sieben Jahren 



1 Vgl. Sperber: Der sexuelle Ursprung der Sprache. 



360 Dr. S. Spielrcin 



geschrieben,- nun korrigiere ich insofern, als es nicht ein »Rufen« 
einer Sache, sondern wohl vielmehr ein Rufen, respektive Herbei- 
wünschen einer angenehmen Empfindung ist, welche das Kind im 
Rufe »auf« der ursprünglicheren Lustempfindung beim Auf- und 
Zumachen der Türe assimiliert. Es ist, wie wenn es sagen würde, 
»dieses Angenehme geschehe jetzt«. Mit anderthalb Jahren hat das 
Kind daneben die Beziehung von Subjekt und Objekt bereits 
bewältigt, aber - täuschen wir uns nicht - lange nicht mit dieser 
Sdiärfe, wie wir Erwadisenen es denken! Noch im Alter von 
viereinhalb Jahren richtete Renatchen an mich die Frage: »Wenn 
ich die Augen zumadie, so sehe ich dunkel,- warum, wenn ich 
die Augen zumache, sieht Louise <das Mädchen) nicht dunkel?« 
Diese Frage würde das Kind nicht gestellt haben, wenn die Ab- 
grenzung des eigenen Ichs von der Außenwelt für sie so geläufig 
wäre, wenn sie sich selbst von außen vom Standpunkte der 
Außenwelt <Louisens> sehen könnte. 

Das Wort »auf« ist freilich kein direkter Abkömmling einer 
Handlung wie das Wort »mö=mö«, aber die ursprünglich gemachte 
Erfahrung Wort = Handlung, welche das Ersehnte »herbeiwünscht«, 
kann nicht so bald zerstört werden. Dazu gehört eine längere 
Erfahrung. Für das Kind ist jeder Gedanke, jeder Wunsch oder 
jede Befürchtung zuerst Tatsache. Piaget spradi in einer seiner 
Vorlesungen von den verschiedenen Einstellungen des Kindes der 
Wirklichkeit gegenüber 1 ,- das Kind schreitet nach ihm, was übrigens 
unseren psydioanalytischen Erfahrungen entspricht, vom Absoluten 
zum Relativen. Der Zweifel entwickelt sich viel später. Sehr inter» 
essant ist sein Gedanke: wenn das Kind fragt, so ist es nicht, 
um sich den realen Sachverhalt klar zu machen, sondern um sich 
selbst im gewünschten Sinne zu antworten. Hier bietet mir eben= 
falls mein Töchterchen schöne Belege. Zuerst kennt sie noch keine 
Vergangenheit, sondern bloß die Gegenwart. Wenn ich sage: 
»Braves Renatchen, hat gut gegessen«, so will sie sofort das 
Essen haben, auch wenn sie absolut keinen Hunger hat. Was 
man sagt, muß eben geschehen. Die ersten Sätze des Kindes sind 
affektivaffirmativ <respektive interjektional), das entspridit den 
Beobachtungen Sterns an seinem Töchterdien. So meint er von 
einem eineinhalbjährigen Kinde: »Nodi immer überwiegen die 

1 La pensee autislique. Wintersemester 1921/1922 <Genfer psychologisches 
Laboratorium). 



Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama 361 

affektiven Satzbildungen ,- aus den interjektionalen Sätzchen der 
vorigen Zusammenstellung sind jetzt ausgesprochen volitionale 
(Begehrungssätze) geworden, die in sehr mannigfacher Form auf» 
treten. Daneben stehen Fragesätze/ sie enthalten nicht mehr lediglich 
Was^Fragen, sondern auch Wo=Fragen und Vergewisserungs- 
fragen. Zuweilen gibt sie sich selbst Antwort auf diese Fragen.« 
Mit der »Was ist das=Frage« <isn das?) will das Kind den Namen 
der Dinge kennen, welcher ihm das Ding ersetzt. Demgegenüber 
bedeutet die »Wo^Frage« einen großen Fortschritt,- hier beginnt 
das aktive Stadium: das Ding ist nicht immer da zur Verfügung, 
man muß es sich zu eigen machen, es zu finden verstehen. Auch 
hier ist zuerst das Suchen bloß ein Scheinsuchen, weil die Vor« 
Stellung über der Wirklichkeit steht. Im Alter von zwei Jahren 
dreieinhalb Monaten fragt Renatdien, gleichsam um sich selbst 
in dem von ihr gewünschten Sinne zu antworten: Wir haben mit 
ihr oft »Versteckispiele« gespielt, wobei es stets »wo?« und 
schließlich »da« hieß. Nun heißt es bei allen Gegenständen 
»wo? — da!« Zum Beispiel: »Wo ist die Mietzi=Katz — Da ist 
die MietzUKatz«, sie antwortet »da«, unbekümmert ob es der 
Wirklichkeit entspricht oder nicht. Die Welt beim Kinde ist nicht 
so wie sie ist, sondern wie sie sein soll <Spitteler: Meine frühesten 
Kindheitserlebnisse). Sie hat wohl von mir die interrogative Satz» 
form angenommen, aber diese Sätze erhalten bei ihr einen affirmativen 
Charakter, so daß ich notierte: »Die Sätze im Interrogativ braucht 
sie oft und dort, wo sie gar nicht passen, z. B. wenn sie Zwieback 
haben will: »Willst du Back haben?« oder »Willst du essen?« usw. 
Einige Tage später verzeichnete ich: »Geht herum, klopft: 
Horste so e Lärm? <will heißen ,höre, so ein Lärm'). Soll die 
Mama dich nehmen? (statt ,Mama soll dich nehmen' = ,nimm 
mich, Mama'). Willst du das Buch zu? - das Buch ist zu (hier 
ist die Trennung der Frage und der sofort darauf vollbrachten 
gewünschten Handlung ,Buch zu'). Oder aufn Tissj legen? (legt 
den Gegenstand auf den Tisch). Oder haben das? (Brot). Oder 
nicht haben? Nicht? (= ich will das Brot haben, nein, ich will es 
nicht).« Renatchen, zwei Jahre acht Monate alt: »Oder die beiden 
Wagens kann man jetzt fahren. Wenn man die beiden Wagens 
mitnimmt.« Auch diese neu auftretende, mit »wenn« beginnende 
Satzform, ist nodi keine konditioneile: es folgt kein weiterer Satz, 
der das »wenn« begründet. Das Kind will sagen: »Jetzt will ich 



362 Dr. S. Spielrein 



die beiden Wagen fahren«, oder einfach: »Jetzt fahren die beiden 
Wagen« <mit welchen sie spielt),- möglich, daß das »wenn« hier 
»so« oder.was Ähnliches bedeuten soll, es hat aber keinen Sinn 
einer Bedingung. Die interrogativen und schließlich konditioneilen 
Sätze, welche das Kind mir abgelauscht hat, erhalten bei ihm einen 
seiner psychischen Bntwiddung entsprechenden Sinn. Bei Anatöle 
France lesen wir eine recht hübsche Stelle: »Sachant un peu ecrire, 
je pensais que rien ne m'empechait de composer un livre. J'entrepris, 
sous les yeux de ma chere maman, un petit traite theologique et 
moral. Je le commencais en ces termes: Q'est ce que Dieu . . . 
et aussitöt je le portais ä ma mere pour lui demander si cela 
etait bien ainsi. Ma mere me repondit que c'etait bien, mais qu'ä 
la fin de cette phrase il fallait un point d'interrogation. Je demandais 
ce que c'etait qu'un point d'interrogation. 

C'est, dit ma mere, un signe qui marque qu'on interroge, qu'on 
demande quelque chose. II se met apres toute phrase interrogative. 
Tu dois mettre un signe d'interrogation, puisque tu demandes: 
zQu'est ce que Dieu'. 

Ma reponse fut süperbe: Je ne le demande pas. Je le sais. — 
Mais si, tu le demandes, mon enfant. 

Je repetais vingt fois que je ne le demandais pas, puisque 
je le savais et je me refusais absolument ä mettre ce point d'inter- 
rogation qui m'apparaissait comme un signe d'ignorance. Ma mere 
me reprocha vivement mon obstination et me dit que je n'etais 
qu'un sot. Mon amour propre en souffrit et je repliquai par je 
ne sais quelle impertinence pour laquelle je fus mis en penitence. 

J'ai bien change depuis lors; je ne me refuse plus ä placer 
des points d'interrogation ä tous les endroits od c'est l'usage d'en 
mettre. 

Je serais mßme tente d'ea tracer de tres grands au bout de 
tout ce que j'ecris, de tout ce que je dis et de tout ce que je 
pense. Ma pauvre mere, si eile vivat, me dirait peut-etre que 
maintenant j'en mets trop.« 

Erst wenn die Realität neben der Phantasie erkannt wird, 
wenn die Mitmenschen neben der eigenen Person erblidit werden 
und die Worte keine erzwingende, sondern fakultative Bedeutung 
erhalten, entsteht das, was wir Erwachsene geläufig unter Sprache 
verstehen. Es ist dies das dritte Stadium, das Stadium einer 
sozialen, für die Mitmenschen bestimmten Sprache. 



Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama 363 



Ich möchte nochmals das Gesagte kurz zusammenfassen: 
Die ersten kindlichen Worte, welche in erdrückender Mehr« 
zahl der Fälle aus Lippen- und Zahnlauten bestehen, verdanken 
ihren Ursprung dem Saugakte. Der Vorgang des Saugens, getrennt 
vom mütterlichen Körper fortgesetzt, erzeugt sehr leicht vor allem 
die Laute »mö=mö«. Ursprünglich war das Wort eine Handlung. 
Indem das Kind diese Handlung, respektive das Wort »mö=mö« 
unzählige Male wiederholte, mußte sich eine innige Verbindung 
zwischen diesem Wort <der es erzeugenden Mundbewegung) und 
einer ganz bestimmten, immer ein und derselben, Empfindungs- 
gruppe bilden, nämlich der Empfindungsgruppe, die das Kind 
jedesmal beim Saugakte empfindet. Durch Aussprechen einer be- 
stimmten Lautgruppe konnte das Kind schließlich diese bestimmte 
Empfindungsgruppe beliebig oft ins Leben rufen. 

Die Empfindungen sind Elemente der späteren Wahr- 
nehmungen und schließlich Vorstellungen {vielleicht haben wir 
bereits in diesem Stadium Wahrnehmungen und Vorstellungen). 
Die konstant gewordene Beziehung vom Laut zu einer bestimmten 
Gruppe von intellektuellen und affektiven Elementen 1 erlaubt uns 
zu sagen, diese Lautgruppe sei ein »Wort« geworden, Hier handelt 
es sich natürlich um Terminologiefragen -.Wollen wir bereits hier von 
»Wort« reden oder eine andere Bezeichnung vorziehen, jedenfalls 
durchlaufen diese vom Saugakte abstammenden ersten Worte 
dieses Stadium, wo sie einzig und allein zu Genußzwecken 
reproduziert werden, wo ihr Aussprechen, weil dabei Bewegungen 
zustande kommen, weldie Empfindungen beim Saugakte anregen, 
direkten Genuß bereitet. Dieses Stadium, wo noch keine außerhalb 
befindliche Welt unterschieden wird, wo die Spradie für sich selbst 
bestimmt ist, ist das autistische Stadium. Hat das Kind einmal, durch 
Erfahrung belehrt, den Unterschied zwischen einer wahren Be- 
friedigung beim Saugakt und der Scheinbefriedigung beim Sprechen 
der ersten Worte herausgefunden, hat es sich eine dunkle Idee 
von einer zu erobernden Außenwelt gebildet, so ist es in das 

1 Das heißt: an die Empfindung mit der sie begleitenden ihr eigenen 
Gefühlsreaktion. Die Idee wächst durch Abstraktion des Wesentlichen aus 

mpfindungen hervor. JA will hier keine genaue Definition einer »Idee« geben. 
Wie dieser Vorgang zustande kommt, davon spreche ich in meiner bald folgenden 
Arbeit über Symbolbildung. 

2 Ich bestehe nicht auf der Bezeichnung »Wort« bereits in diesem btadium. 
Man könnte hier z. B. von »Wortkeimen« sprechen. Die terminologischen Fragen 
ändern aber nichts an Tatsachen. 



364 Dr. S. Spielrein 



zweite »magisdie« Stadium gelangt, in das Stadium, wo man das 
Gewünschte durch Reproduzieren in einer Handlung = Wort 
heraufbeschwört. 

In diesem zweiten Stadium haben wir es noch mit einer 
Überwertung des Wunsches, des Subjektiven, des Psychischen, 
gegenüber der Wirklichkeit zu tun, mit dem Glauben an die 
»Gedankenallmacht«. Erst langsam lernt es das Kind, sich so weit 
von der Außenwelt abzugrenzen, daß es sich vom Standpunkte 
seiner Mitmenschen betrachten kann. Viele, wenn nicht wir alle, 
lernen es nie vollständig. Man lernt nun die Wünsche einzu= 
schränken und Worten fakultative Bedeutung beizumessen. Mit 
dem Gewahrwerden der eigenen Unzulänglichkeit und Abhängig- 
keit von der Außenwelt erwacht immer dringender das Be- 
dürfnis, Beistand der Mitmenschen zu erhalten, sich mitzuteilen, 
sich verstanden zu fühlen und sdiließlidi das Bedürfnis, die Mit« 
menschen zu verstehen. So tritt die Sprache in das dritte, »soziale« 
Stadium. 

Wir haben uns bis jetzt bloß mit der Entstehung des Wortes 
»mö-mö« beschäftigt. Wie das Wort »mö-mö« einen Bedeutungs* 
wandel erfährt, um schließlich die dem Kinde am nächsten stehende 
Person, die Mutter, zu bezeichnen, so auch das Wort »Pö=pö«. 
Das Wort »Papa« bekundet vielfadi seine Abstammung vom 
Saugakte. In der russisdien Ammensprache z. B. heißt das Brot 
»Papa«. Der christliche Glaube, wo man im Brot den Körper 
Jesu genießt, zeigt, daß es sich nicht etwa um eine rationalisierende 
Beziehung handelt, Papa = Brot, weil der Vater ein Brotgeber 
ist, sondern um einen viel älteren, innigeren Zusammenhang. Der 
scherzhafte Satz: »Man ist, was man ißt« wird von den primitiven 
Völkern ernst genommen,- man bemächtigt sich der Eigenschaften 
eines heiligen Tieres, welches man verzehrt. Die innigste Gemein« 
schaft wird durch den Akt des Aufessens symbolisiert. Dieser 
Glaube erscheint uns natürlich, wenn wir daran denken, daß man 
einst im Leben wirklich am Menschen <einen Menschen) gegessen, 
an einem Menschen, der uns das Leben gegeben, mit dem man 
zu Urzeiten eins bildete. Daher wird die Identifizierung durch den 
Eßakt symbolisiert. 

Das russische Wort »niania« ist allgemein bekannt. In der 
Ammensprache am Dongebiet hörte ich oft den Ausdrudt »niam- 
niam« für essen. Es ist wohl auf onamatopoetischem Wege ent« 



Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama 365 



standen,- das vom Eßakte abgeleitete »niania« wurde dann auf 
die das Essen spendende Pflegeperson bezogen 1 . 

Sehr interessant ist es, bei welchen Gelegenheiten das Kind 
»mö=mö« lallt und bei welchen »pö=pö«. Hier scheint ein ganz 
charakteristischer Unterschied zu bestehen. »Morgen ist Renatchen 
zehn Monate alt,« heißt es in meinem Tagebuch. »Sie ist immer 
noch Dummi: hat keine Zähnchen, richtet sich nicht selbst auf, 
versteht nicht, was Papa und Mama bedeutet, welche Worte sie 
recht oft am Tage plappert. Ich weiß nicht, ob ich es schon notiert 
habe: wenn Renatchen zufrieden ist, spricht sie ,Papa', wenn sie 
unzufrieden ist oder etwas will, heißt es ,Mama'« 2 . Papa als 
Zeichen der Zufriedenheit und Mama als Zeichen der Trauer 
berichtet auch Stern von seinem Töchterchen und ich glaube auch 
Sully. Seitdem teilten mir einige Mütter das gleiche mit. Frau 
Dr. Hug=Hellmuth, die meinen Kongreßbericht anhörte, meinte, 
ich habe ihr diese Tatsache aus dem Munde herausgegriffen. Da 
vorläufig keine Gegenerfahrungen vorliegen, dürfte es sidi möglicher« 
weise um eine allgemein verbreitete Tatsache handeln. Wie wäre 
diese eigenartige Erscheinung zu erklären? Als ich meine Beob- 
achtungen schrieb, kannte ich noch nichts von ähnlichen Erfahrungen 
bei Stern u. a.,- die Suggestion wäre demnach ausgeschlossen: es 
steht ausführlich verzeichnet, daß die Kleine die Worte Papa und 
Mama noch gar nicht versteht. Somit kann die »Mama« als Trauer« 
zeichen auch nicht von einer Idee beim Kinde herrühren, welche 
es zuerst den Sdiutz bei seiner Mutter suchen läßt. Der Grund 
scheint mir im folgenden zu liegen: die verschiedenen in Frage 
kommenden Laute entspringen nicht gleichen Mundstellungen,- sie 
entspringen verschiedenen Phasen beim Saugakte. Das Wort 
»mö-mö« reproduziert das Saugen am getreuesten. »Pö=pö«, 
»bö^bö« usw. würden eher dem Zeitpunkte entsprechen, wo 
das gesättigte Kind mit der Brust spielt, sie bald auslassend, 
bald wieder auffangend. Ist das Kind nicht allzu hungrig und 
daher gut gelaunt, so gefällt es sich in der Fortsetzung der 
Bewegungen, welche die Laute »pö=pö«, »bö«bö« und ähnlidie 
erzeugen. Tritt aber das Hungergefühl gebieterischer auf, dann 



1 Im Dongebiet hörte ich auch »ham-ham« <h aspire) von kleinen Kindern 
für Essen gebraucht. 

3 Die Aussprache ist dabei immer »p5»pö«, »mö=mö«. Noch mit einem 
Jahre sagte das Kind »pö=pö« statt Papa. 



366 Dr. S. Spielrein 



werden die Saugbewegungen energischer und das Münddien nimmt 
die ihm beim Saugen eigene, dieBrustwarze fest umschließende Stellung 
ein. Diese Mundstellung ergibt den Laut »mö«. Meldet sich der 
Hunger allzu heftig, dann hört überhaupt jede »vernünftige« Laut« 
bildung auf, es macht einem reflexartigen Vorgang Platz, dem Schreien. 
Die aus Lippenlauten bestehenden Kundgebungen bleiben zeitlebens 
die einzige Sprache bei verschiedenen Säugetieren. Bei anderen wieder 
trifft dieses nicht zu. Woran das wohl liegen mag? 

Was wirkt in diesen Fällen für die Lautbildung entscheidend? 
Ich will nicht auf diese komplizierte Frage eingehen. Meine Auf- 
gabe war es nicht, alle Möglichkeiten zu berüdcsiditigen, aus welchen 
die verschiedenen Spracharten zustande kommen könnten. Auch 
behaupte ich nicht, daß es der Saugakt einzig und allein ist, 
welcher die kindliche Sprache erzeugt. Wir sehen bloß, daß in 
einer erdrückenden Mehrzahl der Fälle die ersten kindlichen Worte 
aus Lippen» und Zahnlauten bestehen. Damit weisen sie auf ihre 
innige Beziehung zum Saugakte. 

Meine Aufgabe war es, die Entstehung und Entwicklung der 
Worte Papa und Mama zu verfolgen. Diese Untersuchung wirft Licht 
auf eine ganze Reihe von psychologischen Problemen, vor allem auf 
das Problem der verschiedenen Stadien in der Sprachentwidklung <das 
autistische, das magische und das soziale Stadium). 

Das Wort Mama <in der kindlichen Ausspradie mö»mö-mö . . .> 
reproduziert den Saugakt. Das Wort Papa <= pö*pö> entstammt 
der Phase, wo das gesättigte Kind mit der Brust spielt, Beide 
Worte verdanken ihren Ursprung dem Saugakte. Wie kein anderer 
ist der Saugakt für die wichtigsten Lebenserfahrungen des Kindes 
grundlegend: hier lernt es die Seligkeit des gestillten Hunger- 
gefühls kennen, es lernt aber auch, daß diese Seligkeit ihr Ende 
hat und von neuem erobert werden muß. Das Kind macht seine 
ersten Erfahrungen, daß es eine Außenwelt gibt,- hiezu trägt der 
Kontakt mit dem mütterlichen Körper bei, welcher den Bewegungen 
des Mündchens Widerstand leistet 1 . Und endlich lernt das kleine 

1 Selbstverständlich behaupte ich nicht, es sei der Saugakt einzig und 
allein, an welchem das Kind Kenntnis von der Außenwelt nimmt. Ich möchte 
auch nochmals besonders betonen, daß ich bloß von kindlichen Worten Papa und 
Mama rede. Die Bezeichnungen, welche die Erwachsenen für Vater und Mutter 
brauchen, könnten aus verschiedenen Gründen ebenso verschiedenen Vorstellungs- 
gebieten entnommen werden und nichts mehr enthalten, was auf ihre Beziehung 
zum Saugakte deutet. 



Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama 367 

Wesen, daß es einen Zufluchtsort in dieser Außenwelt gibt, der 
für ihn begehrenswert ist, nicht nur, weil hier der Hunger gestillt 
wird, sondern weil man es warm, weich hat und von allen Ge= 
fahren geborgen ist. Wenn man einst im Leben »Verweile Augen» 
blidc, du bist so schön« empfunden hat, so war es sicher zu dieser 
Zeit. Hier lernt das Kind zum erstenmal im weitesten Sinne dieses 
Wortes zu lieben, d. h. den Kontakt mit einem anderen Wesen auch 
unabhängig von der Nahrung als höchste Seligkeit zu empfinden. 
Aus all diesen Gründen ist es begreiflich, daß den durch 
Saugbewegung erzeugten Worten eine ganz besondere Bedeutung 
beigemessen wird. Sollten daher Papa und Mama, was sehr 
möglich ist, auch nidit die ersten kindlichen Worte sein, so werden 
sie doch stets im Volke als solche gelten. 




368 Dr. Oskar Pfister 



Die Religionspsychologie am Scheidewege. 
Von Dr. OSKAR PFISTER, Zürich. 

Ein seltsamer Unstern scheint über der Religionspsychologie 
zu walten. Soll das Schicksal des Vieldulders Odysseus 
sich an ihr wiederholen? Sie setzte ein mit einer Großtat, 
die gewaltige Folgen nach sich zog und das Denken aufs nach- 
haltigste beeinflußte: Schleiermachers psychologische Bearbeitung 
des Religionsbegriffes bedeutet einen Wendepunkt der protestanti- 
sehen Theologie. Allein sie blieb in Allgemeinheiten stecken und 
ihre Wandlungen verrieten die stärkste Unsicherheit. Die Nadi- 
folger schütteten nicht wenig Wasser in den Wein ihrer genialen 
Einseitigkeit, und gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts war 
man in rührender Einhelligkeit glüddich bei der Binsenwahrheit 
angelangt, daß nicht nur das Gefühl, sondern auch Wille und 
Intellekt am religiösen Leben beteiligt seien, wie übrigens an jedem 
überhaupt vorkommenden psydiisdien Phänomen. An dieser Selbst- 
verständlichkeit ging das religionspsychologisdie Interesse vorderhand 
zugrunde. 

Stanley Hall entriß die eingeschläferte Wissenschaft ihrer 
Lethargie, indem er nicht mehr nur die Religion im allgemeinen, 
sondern die konkreten Frömmigkeitserscheinungen empi- 
risch zu erforschen unternahm. Es war ein ungeheurer Fort- 
schritt. Allein die allgemeine Psychologie leistete wenig Hilfe, da 
sie mit dem zentralen Geistesleben wenig anzufangen wußte. 
Immerhin besaßen Stanley Hall und seine Nachfolger Einsicht 
genug, um die Annahme eines schaffenden Unbewußten als 
unerläßlich für das Verständnis der Frömmigkeitsäußerungen an- 
zuerkennen. Die angewandte Methode der Enquete mit Hilfe von 
Fragebogen verhinderte zwar das tiefere entwicklungsgeschicht- 
liche Erkennen, doch- erwies sich die ganze Richtung als höchst 
empfänglich für neue Anregungen, so daß von ihr noch viel zu 
erwarten ist. 



Die Religionspsydiologic am Scheidewege 369 



James, der die Entdeckung des schöpferischen Unbewußten 
für das größte Ereignis seiner wissenschaftlichen Laufbahn erklärt 
drang tiefer als seine Vorgänger in zentrale Probleme ein und 
erweiterte das Beobachtungsfeld insofern, als er nicht nur einzelne 
ihn interessierende Fragen aufwarf, sondern auch durch biographische 
Studien die Fülle der Probleme an sich herantreten ließ. Eine tiefere 
Exploration einzelner Beobachtungs- und Versuchspersonen war auch 
ihm nicht gegeben. 

Georg Runze wandte seine psychologische Forschung ein- 
zelnen religiösen Erscheinungen zu, vor allem dem Jenseitsglauben, 
wobei ihm die Philologie zu Gevatter stehen sollte. Vorbrodt 
förderte das Interesse, geriet aber in allerlei Schematismen, die 
sich nicht als sonderlich fruchtbar erwiesen/ sein größtes Verdienst 
besteht darin, daß er mit löblichem Eifer darauf ausging, seine 
Landsleute davon zu unterrichten, daß es außerhalb ihrer Grenz- 
pfähle auch noch religionspsychologische Forschung gebe. In der 
Vielseitigkeit seiner Interessen, wie im Freisein vom psycho- 
logischen Zunftgeist stellt Vorbrodt einen sehr erfreulichen Fort" 
schritt dar. 

Allein die verdiente Anerkennung blieb leider aus. Seine 
1907 gegründete »Zeitschrift für Religionspsychologie« entschlief nach 
wenig Jahrgängen, obwohl Runze sich in weitherzigster Weise ihrer 
annahm. Da man ihr wissenschaftliche Unsicherheit vorwarf, ver- 
mehrte sich die damals schon stattliche Anzahl von Nothelfern, 
die durch prinzipielle Abklärungen die Aufgabe der Religions- 
psychologie und ihrer richtigen Methoden angeben wollten. 
<Troeltsch 1894, Koch 1896, Paul Drews 1898, Kinast 1900, 
Fioumoy 1903, Girgensohn 1903, Wundt 1905 ff., Scheel 1908, 
Niebergall 1909, Goldstein 1909, Eckert 1910, Leipoldt 1910, 
Linwurzky 1910, Lütgert 1910, Wielandt 1910, Frey 1911, 
Mandel 1911, Mayer 1911, Bauke 1912, Pfenningsdorf 1912, 
Vorbrodt 1913, Faber 1913, Wobbermin 1913, Stählin 1914, 
Pariser 1914, Oesterreich 1917, Koepp 1920.) 

So prasselte in den letzten Jahren ein Regen deutscher 
religionspsychologischer Programmschriften auf das Publikum her- 
nieder. Scharenweise kamen sie gelaufen und verkündigten mit 
magistraler Gebärde: »So müßt ihr Religionspsychologie treiben!« 
Wollte man aber vernehmen, was diese Herren mit ihrer ge- 
priesenen Methode selber leisteten, so schwiegen sie mit Aus- 

Imago VIII/3 24 



370 Dr. Oskar Pfistcr 



nähme von Flournoy und Stählin 1 mäuschenstille, und ihr Verhalten 
erinnerte beinahe an Meister Jacques' Heft mit dem pompösen Titel 
und den leeren Blättern in Gottfried Kellers Zürcher Novellen. 
Wertvolle Leistungen blieben fast ganz aus. Wobbermin stellte 
der Religionspsychologie als Hauptaufgabe, aus den religiösen Er- 
scheinungen die spezifisch religiösen Motive herauszuarbeiten 2 und 
mutete ihr damit eine transpsychologischc Leistung zu. Für die 
Erkenntnis der psychologisdien Funktionen und ihrer Gesetze in 
der Religionsbildung schaut dabei nichts heraus. Ebensowenig ist 
dies der Fall bei Rudolf Ottos schöner Analyse »Das Heilige« 3 
und bei Heilers sorgfältig in Gruppen ordnender Untersuchung 
über das Gebet 4 . 

Es bedeutet daher eine eindrucksvolle Überraschung, daß in 
der Zeit schwerer Papiernot ein Werk von unerhörten Dimensionen 
der Religionspsychologie gewidmet wird. K. Girgensohn, Professor 
der Theologie in Greifswald ist es, der den großen Wurf wagte 5 . 
Er bleibt nicht im Programm stecken, sondern wagt sich in das 
zu erforschende Gebiet selber hinaus. Dafür gebührt ihm volle 
Anerkennung, denn das Aufstrecken von Fähnlein, denen nicht 
das ärmste Trüpplein Mannschaften nachfolgte, fing nachgerade an, 
komisch, ja langweilig zu wirken. 

Die zweite erfreuliche Überraschung bereitete mir Girgen- 
sohns angekündigter Vorsatz, das religiöse Erlebnis selber experi- 
mentell nach streng psychologischen Grundsätzen zu bearbeiten, 
p und zwar am lebenden Menschen <S. 11). Was uns Analytikern 
längst selbstverständlidi ist, wurde von den übrigen Religions- 
psychologen bisher vermieden. Die Amerikaner wagten es, 
wenigstens schriftliche Berichte einzuziehen. Wir erklärten dies 
längst für unzulänglich und verlangten, daß man sich stunden-, 
monate*, unter Umständen selbst jahrelang mit religiösen Personen 
abgebe, um ihre Frömmigkeit zu verstehen. Girgensohn kommt 
unserer Forderung ein Stück weit entgegen. 



1 Stählin: Experimentelle Untersuchungen über Sprachpsychologie und 
Religionspsychologie. Archiv für Religionspsychologie. I. S. 117—194. 

* Wobbermin: Religionspsychologische Arbeit und systematische Theologie. 
Archiv für Religionspsychologie. Bd. H/Hl. S. 202. 

5 Otto: Das Heilige. 7. Aufl. Breslau r 1922. 

* Heiler: Das Gebet. 1918. 

s K. Girgensohn: Der seelische Aufbau des religiösen Erlebens. S. Hirzel. 
Leipzig. 712 Seiten. 



Die Religionspsydiologie am Scheidewege 371 



Nimmt man hinzu, daß er sogar eine experimentelle Methode 
fordert, die bis zur analytischen Auffindung von unklar geahntem 
Material vordringt <S. 20>, so gerät man in freudige Erregung. 
Endlich einmal einer, der von der landesüblichen Höllenangst vor 
den Tatsachen frei zu werden und aus den obskuren Gängen 
der Bücherwürmer ins wirkliche Leben zu gelangen trachtet! Man 
wird einem Gelehrten, der so mutig neue Bahnen betritt, mit 
aufrichtiger Sympathie nachfolgen. 

Leider aber bleiben schmerzliche Enttäuschungen nicht erspart. 
In dieser Zeitschrift sei hingewiesen auf die grundfalsche Beur- 
teilung der Psychoanalyse, hernach auf die direkte refigions« 
psychologische Arbeit. 



I. Girgensohns Stellung zur Psychoanalyse. 

Es ist nicht uninteressant, zu vernehmen, wie es Girgensohn 
mit der Psychoanalyse erging. Mein Aufsatz über »Psychoanalytische 
Seelsorge« in den »Protestantischen Monatsheften« gab ihm 1909 
den letzten Anstoß zum Studium analytischer Schriften <S. 20>. 
Hören wir ihn selbst: »Nach der Meinung Freuds und seiner 
Anhänger entschleiert die Psychoanalyse die letzten <!> Geheimnisse 
des Seelenlebens und deckt seine verborgensten Wurzeln im LIn= 
bewußten auf. Es kam also nur darauf an, die Richtigkeit der 
Ansichten Freuds und" die Brauchbarkeit seiner Methode praktisch 
zu erproben. Die ersten Versuche verliefen durchaus ermutigend. 
Besonders glänzend verlief eine Traumanalyse, in der es mir 
gelang, dem Analysierten die Gedanken richtig anzugeben, mit 
denen er sich zu Bett gelegt hatte, obgleich er sie mir nicht erzählt 
hatte. Einige kleine Proben, die ich an mir selber unternahm, indem 
ich einige religiöse Texte las und dann frei aufsteigen ließ, was 
mir gerade einfiel, und das Eingefallene protokollierte, ergaben 
ebenfalls recht merkwürdige Resultate, die zum weiteren Experi^ 
mentieren loduen. Freuds Sexualtheorie stand ich freilich schon 
damals skeptisch gegenüber, obgleich ich auch in meinen wenigen 
Versuchen einige Belege dafür hatte, wie rasch die Assoziation 
in die sexuelle Sphäre hinüberspringen kann, wenn man ihr diesen 
Weg nicht abschneidet. Mein Interesse galt aber überhaupt zu= 
nächst weniger den Resultaten Freuds als seiner Methode . . . 

24» 



372 Dr. Oskar Plister 



Und zunächst sprach alles für die Methode. So schien sich denn 
auf diesem Wege die Möglidikeit zu eröffnen, zu einer wissen» 
schaftlichen Religionspsychologie zu gelangen. Die äußeren Um" 
stände brachten es mit sich, daß ich nicht allzuviel Zeit hatte, 
diese Fährte intensiv zu verfolgen. Im Winter 1909/10 stieß ich 
auf eine andere Spur, die mir mindestens ebensoviel Interesse 
abgewann.« E. Dürr wies ihn auf die Psychologie des Kreises, 
aus dem Narziß Ach hervorgegangen war, und hier glaubte er 
nun eine fruchtbarere Forschungsbasis zu finden. 

Er, der keine Zeit hatte, die Psychoanalyse genauer zu 
studieren, die sdion bei den ersten Versuchen so »glänzende« 
Resultate geliefert hatte und »für die zunächst alles zu sprechen 
schien«, hatte nun plötzlidi Zeit, sidi für ein Semester nadi Bonn 
zu begeben und dort die Psychologie Külpes an Ort und Stelle 
zu studieren. Dagegen ist gewiß nichts einzuwenden. Eine drollige 
Ironie spricht nur aus dem Umstand, daß es gerade Dürr war, 
der ihn von der Psychoanalyse entfernte. Denn gerade der spätere 
Psychologe der Berner Universität war es doch bekanntlich, der 
aus entschiedener Gegnerschaft gegen die Psychoanalyse zu ent- 
schiedener und man kann wohl sagen begeisterter Anhängerschaft 
überging. Und wie kam es? Girgensohn hatte, als es sich um ein 
tieferes Eindringen in die psydioanalytische Arbeit handelte, plötzlich 
keine Zeit mehr dazu. Ernst Dürr aber, der gegen mich ge- 
schrieben hatte, nahm sofort meine Einladung an, mit mir zu- 
sammen Versuche anzustellen und kam aus Bern zu mir herüber. 
In sorgfältigen Untersuchungen, die audi mir zum bleibenden 
Gewinn wurden, sparten wir nicht die ätzendsten Scheidewasser 
schärfster Kritik. Und das Ende war, daß Dürr die Haltlosigkeit 
seiner bisher vertretenen Dispositionspsychologie einsah und nicht 
nur die Tatsache eines unbewußten Schaffens, sondern auch die 
Möglichkeit seiner Enthüllung mit Hilfe des Freudschen Ver- 
fahrens rundweg erkannte <vgl, meinen Aufsatz »Prof. Dr. Ernst 
Dürr und seine Stellung zur Psychoanalyse«, Internationale Zeit- 
schrift für ärztliche Psychoanalyse. I. Jahrgang. 1913. S. 18 — 24). 
Allein hier steckt der Unterschied zwischen beiden Forscherin 
Dürr läßt sich die Tatsachen demonstrieren und Girgensohn — hat 
keine Zeit, wo intensivere Arbeit nötig gewesen wäre! 

Dies wird man ihm gewiß nicht übelnehmen. Aber dann 
sollte er auch nicht Zeit haben, über die Psychoanalyse, die er 



Die Religionspsydiologie am Scheidewege 373 



nur höchst ungenügend kennt, ein kritisches Urteil abzugeben. 
Nicht einmal die wichtigsten Werke Freuds sind ihm bekannt, 
von den neueren religionspsychologischen Arbeiten seiner Nach- 
folger gar nicht zu reden! 

Dennoch fühlt er sich bewogen, über ihn zu urteilen, wobei 
er leider den Tatsachen und psychoanalytischen Theorien nicht 
gerecht wird. Anerkennung will er Freud nicht vorenthalten,- 
so will er ihm zeitlebens dankbar dafür bleiben, daß er ihm half, 
seine Aufmerksamkeit von den Vordergrunderscheinungen des 
Seelenlebens stärker zu den »unbewußten« Gedanken und Wün« 
sehen zu leiten <S. 23>, und läßt gelten, daß in Freuds Einzeln 
erkenntnissen viel Wahres stecken »möge«. Ich hätte aber viel 
lieber gesehen, wenn Girgensohn seine Gesinnungstüchtigkeit nidit 
durch eine soldie Dankbarkeit, sondern durch gediegene Sachlichkeit 
bewiesen hätte. Es nimmt sich nicht gut aus, von Dankbarkeit zu 
reden und in der oberflächlichsten, um nicht mehr zu sagen, Weise 
über einen Gegner zu reden. 

Bevor ich auf direkte Entstellungen eingehe, setze ich mich 
mit Girgensohns methodischen Einwänden auseinander. 

»Erstens setzt sich die Psychoanalyse mit erstaunlicher Kühn« 
heit über alle Grenzen der Fähigkeit zur korrekten Wiedergabe 
hinweg, die sidi bei sorgfältigerer Protokollierung immer wieder 
zeigen. Schon nach wenigen Minuten fehlt manchmal das Wichtigste. 
Die Anhänger der Psychoanalyse aber protokollieren wohlgemut 
nach Stunden, Tagen, Wochen oder Jahren, wie es gerade kommt. 
Dabei ist man natürlidi viel weniger durch die Tatsachen gebunden 
als bei anderen Methoden.« <S. 24.) Ein seltsamer Vorwurf! Zu- 
nächst ist die Art der Protokollführung bei verschiedenen Ana« 
lytikern und auch bei verschiedener Problemstellung verschieden. 
Ich rede zunächst von der mir am besten bekannten Art analyti» 
scher Protokollierung, der meinigen. Ich stenographiere so ziemlidi 
jedes Wort, während Girgensohn der Stenographie nicht kundig 
ist, daher dem freien Fluß der seinen Beobachtungspersonen 
<= Bb> abgewonnenen Vorstellungen, den er selber rühmt <S. 582), 
jeden Augenblick Einhalt gebieten muß, um mit dem Schreiben 
nachzukommen. Wo stedtt da der Vorteil? Ebenso kann Girgetv* 
söhn die Leute nie frei reden lassen, immer wieder unterbricht er 
sie mit Fragen, die den freien Vorstellungslauf schädigen,- nicht 
einmal einen Traum kann er sich erzählen lassen, ohne mit seinen 



374 Dr. Oskar Pfister 



Fragen dazwischen zu fahren! Nach jedem Satz gewinnt die Be- 
obachtungsperson Zeit zu Reflexionen und Stilisierungen, die das, 
worauf es dem Analytiker ankommt, den freien Vorstellungs- 
ablauf, verpfuschen. Was Girgcnsohn wünscht, kann man am 
Schluß der Einholung des nötigen Einfallsmaterials nachholen und 
tut es auch, wenn man es für seine Zwecke nötig hat. Wir 
zeichnen sehr viel mehr, als Girgensohn auf: Stodumgen, kleine 
Bewegungen, Tonfall, Erröten usw., scheinbare Bagatellen, die als 
Symptome unbewußter Regungen doch sehr .wichtig sind. — Wo 
ist da mehr Gründlichkeit? 

Und was den Vorwurf anbetrifft, man sei bei einfachem 
Nachschreiben nicht an die Tatsachen gebunden, so frage ich: Ist 
denn nicht jedes Wort, das der Analysand redet, eine Tatsache, 
nämlidi eine seelische Tatsache, und sind nidit solche frei produ= 
zierte Tatsachen gerade das, worauf es ankommt? Lügt der 
Analysand, so ist auch die Lüge eine Tatsache, vielleicht viel 
wertvoller als hundert wirklichkeitsgerechte Aussagen. Und was 
die historische Glaubwürdigkeit anbetrifft, so weiß jeder, der etwas 
von der Sache versteht, daß man sie gerade durch das analytisdie 
Verfahren viel sicherer gewinnt, als nach der Examiniermethode 
Girgensohns. Wie manchen Simulanten haben wir überführt! Aber 
auch äußere Erkundigungen kann der Analytiker unter Umständen 
so gut wie Girgensohn einholen. 

Der zweite Vorwurf betrifft die »grobe assoziationspsydio* 
logische Schablone«, die alle feineren psychisdien Vorgänge unbe- 
merkt durch ihr Sieb fallen lasse <S. 24). Der Einwand ist so zu 
verstehen, als fuße die Psydioanalyse auf jener Assoziations- 
psychologie, welche die schöpferisdien Willenskräfte in der Vor- 
stellungsverknüpfung leugnet, und gehört damit unter die später 
zu besprechenden Entstellungen der analytischen Theorie. Riditig 
ist dagegen, daß der Analytiker gewöhnlidi nicht auf jene minutiösen, 
kaum bemerklichen Unterschiede des psychischen Inventars ausgeht, 
auf die es Girgensohn in seinem Buche abgesehen hat. Ich sehe 
aber durchaus nicht ein, warum man das Freudsche Verfahren 
nicht auch einmal zu theoretischen Zwecken auf solche funktionelle 
Finessen einstellen könnte. In der Regel haben wir es jedoch mit 
unendlich viel wichtigeren Dingen zu tun. Der größte Feind 
der Religionspsychologie ist in meinen Augen das 
Mückensieben und Kameleverschlucken, und Girgensohn 



Die Religionspsydiologie am Scheidewege 375 



hat mich in dieser Überzeugung kein bißchen erschüttern 

können. 

Die feineren Übergänge und Zusammenhänge sollen bei 
der psychoanalytischen Arbeit übersehen werden, so daß kühne 
Hypothesen die Lüdte falsch überbrücken <S. 24>. Warum nicht, 
wenn man stümpert? Allein wer auch nur etwas von der analyti- 
schen Arbeit weiß, muß zugeben, daß der Analytiker unendlich 
viel vorsichtiger zu Werke geht, als Girgensohn mit seinem 
Verfahren. Auf der einen Seite redet dieser verächtlich von 
der monate- und jahrelangen analytisdien Arbeit, die der Er- 
gründung einer religiösen Persönlichkeit zugewandt ist. Oft arbeiten 
wir viele Stunden lang an ein und demselben Traum herum 
und fordern in angestrengtester Arbeit freie Einfälle heraus, 
während Girgensohn nadi seinen Protokollen von Blume zu 
Blume huscht und alles Mögliche zu tun scheint, um nur ja 
hübsch an der Oberfläche zu bleiben und sich die tieferen Zu* 
sammenhänge zu verbergen. Gegenüber der Sorgfalt, mit der 
eine richtige Analyse die Zusammenhänge und Übergänge auf- 
sucht, ist die Untersuchung Girgensohns von wahrhaft ver- 
bluffender Oberflädilichkeit. 

Damit ist audi eine weitere Anschuldigung angeschnitten: 
»Die analysierte Person muß die härtesten Stürme aufdringlichster 
Suggestion aushalten, bis sie sich schließlich in ihr Schidisal ergibt, 
alle Widerstände überwindet und das aussagt, was die Analy- 
sierenden zu hören wünschen« <S. 24>. Hätte Girgensohn so viel 
Zeit gehabt, die wirkliche Analyse zu beobachten, als er sich Zeit 
nimmt, über sie zu Gericht zu sitzen, so hättte er dies nidit 
geschrieben. Was Girgensohn der Psydioanalyse vorwirft, ist just 
das, was sie als schweren Fehler bekämpft. 

Übrigens hat unser Gegner selbst, wie er eingesteht, Reste 
psychoanalytischer Technik beibehalten, indem er nach Abschluß 
seines Bewertungsverfahrens, über das noch zu reden ist, freie 
Einfälle einholte und protokollierte <S. 30>. Der Ertrag wird als 
ergiebig bezeichnet, insofern undeutlich gewordene oder vergessene 
Prozesse erinnert wurden, oder frühere Determinanten, die nicht 
klar erkennbar waren, aufstiegen. Allein diese Ergiebigkeit ist be- 
grenzt, indem die Assoziationen ins Uferlose entgleiten oder durch 
»ganz zufällige Verbindungslinien in große Komplexe hinüber- 
springen können, die mit der Bewertung des Gedichtes und den 



376 Dr. Oskar Pfister 



für die Auffassung desselben wesentlichen Komplexen nichts mehr 
zu tun haben«. Da hätten wir glücklich wieder den großen Gott 
aus der Maschine, den Zufall! Woher weiß denn Girgensohn, 
der doch keine Zeit fand, die psychoanalytischen Theorien gründ- 
licher nachzuprüfen, daß es soldie »zufällige Verbindungslinien« 
gibt? Und wenn diese »zufälligen« Vorstellungen nach dem Ein* 
geständnis unseres Kritikers »in große Komplexe« hinüberleiten, wer 
sagt denn, daß sie das religiöse Werterlebnis nicht mitbedingten? 
In der Analyse lernt man doch auf Schritt und Tritt, daß das 
Einzelerlebnis nur aus seinen Zusammenhängen mit dem übrigen 
Leben, speziell mit solchen »großen Komplexen« zu verstehen ist. 
Allein Girgensohn nimmt unbarmherzig die Sdiere, wenn solche 
Verbindungsfäden auftauchen/ er bleibt bei seiner künstlichen 
Isolierung, die das Wesen der geistigen Ersdieinungen so gründ- 
lich verkennt. Über die landläufige Oberflächenpsychologic, die 
nur mit dem Bewußtsein rechnet, ist er ein winziges Stücklein 
hinausgekommen/ sowie aber das Unbewußte, das er so gerne 
als Asylum ignorantiae degradiert, seine Tiefe und Breite offen* 
baren möchte, fährt er mit dem Dogma »Zufall« dazwischen und 
wirft den Dedcel über die Grube, aus der ihm unsympathische 
Geister entsteigen wollen. Da lobe ich mir Ernst Dürr, der sein 
Urteil offen hielt, bis er Zeit gefunden hatte, dem seltsamen 
Zufall, zu dem Girgensohn seine Zuflucht nahm, auf den Zahn 
zu fühlen! 

Daß Freud seine Behauptungen denn doch nicht aus dem 
Ärmel schüttelt, könnte Girgensohn aus den Bestätigungen er- 
sehen, die ihm bei seinen eigenen elementar-analytischen Ver- 
suchen in den Weg traten, so sehr er sich Mühe gab, die Bedin- 
gungen psychoanalytischer Forschungen zu zerstören, indem er die 
Assoziationsbahnen verrammelte. »Ganz ebenso wie bei den 
Psychoanalysen der Freudschen Sdiule« sieht er bei Anwendung 
des mechanischen <?> Aufsteigenlassens ȟberraschend viele Jugend- 
erinnerungen« auftreten <S. 364). Allein dies läßt ihn kalt, für 
historische Zusammenhänge hat er kein Interesse, nur das Morpho- 
logische ist ihm wichtig und seinen Glauben an »zufällige Ver- 
bindungsfäden« möchte er nicht fahren lassen. 

So wird es uns auch nicht wundern, daß Girgensohn mit 
rreuds Libidotheorie nidits anzufangen weiß und sie nicht ein- 
mal richtig darzustellen imstande ist. Zuerst wird richtig angegeben, 



Die Religionspsydiologie am Scheidewege 377 

daß Freud die sexuelle Libido, d. h. die geschlechtliche Erregung, 
mit vielen krankhaften und den meisten normalen Abläufen des 
Seelenlebens in Verbindung bringe <S. 414>, daß sie sidi proteus» 
artig in die verschiedensten Formen wandle, ohne daß es das 
betreffende Individuum ahne, daß sie bei Zurückdrängung als 
Angstgefühl den Menschen plage/ diesen richtigen Sätzen wird 
beigefügt, daß die Libido verwandelt und »sublimiert« als 
schaffende Macht unbewußt »die Produktion des Künstlers und 
alle großen geistigen und charakterlichen Leistungen« lenke und 
auch die Religion schaffe <S. 415). Hieran läßt Girgensohn 
gelten, daß wirklich die körperlichen <sexuellen> Empfindungen 
weit wichtiger seien, als die Alltagsbeobachtung annehme <S. 415), 
indem sie die Affekte verstärken und in den höheren geistigen 
Vorgängen stecken. Auch seien tatsächlich in der Religions* 
geschieh te sehr oft sexuelle Erregungen als Affektverstärkungen 
im Zusammenhange mit der Religion benützt worden <S. 416). 
Sexuelle Enthaltung und sexuelles Ausleben können wirklich eigen«* 
artige Beziehungen zur geistigen Produktion haben, allein sie seien 
einstweilen noch nicht methodisch und allseitig untersucht worden, 
wiewohl es vielbeachtete Äußerungen hervorragender Menschen 
hierüber gebe. 

Den großen Unterschied zwischen Freuds und seiner Auf= 
fassung erblickt Girgensohn darin, daß von ersterem »die Körper* 
empfindung als das Ursprüngliche und bleibende Wesentliche des 
Vorganges aufgefaßt werde, für das das Höhere nur Verkleidung 
und Aufputz sei«, während für ihn selbst das Richtunggebende 
und Lenkende etwas Selbständiges, das Geleitete nur roher Energie* 
vorrat und weiter nichts sei <S. 416>. Die Anhänger Freuds be* 
haupten, daß unbewußterweise sexuelle Motive der Motor des 
höheren Geisteslebens seien <S. 418), wobei man also wieder in 
das unkontrollierbare Asylum ignorantiae des Unbewußten hinab= 
tauche und mit einem schwierigen Begriff von Sublimierung 
operiere <S. 419). »Zunächst liegen Schwierigkeiten im Begriff der 
Umwandlung der Sexualempfindungen durch die Sublimierung. 
Wie weit erstreckt sich die /Umwandlung'? Wird die Sexual- 
empfindung wirklich etwas sehr anderes, woran erkennt man dann 
sicher, daß es nur eine angewandte Sexualempfindung ist und 
nichts anderes? Warum nennt man es dann überhaupt noch eine 
,Sexualempfindung' und gibt ihm nicht einen ganz anderen Namen?« 



378 Dr. Oskar Plister 



»Wandeln sich die Sexualempfindungen selber oder ist dort irgend 
eine andere richtunggebende Kraft am Werke? Wenn letztere An- 
nahme richtig ist, so können wir ganz überraschend die Freudsche 
Ansicht in die unsere überführen. Denn dann ist doch die um- 
formende und umwandelnde Funktion das eigentlich dominierende 
Moment, der eigentliche Schöpfer des geistigen Prozesses« <S. 420>. 
In der Tat ist die Freudsche Psychologie oft ganz nahe an einem 
energischen Ergreifen und Konstatieren derartiger rein geistiger 
Faktoren. Freud ist oft ganz nahe daran, zu erkennen: Der Ge- 
danke leitet eigentlich alle psychische Wirklichkeit des höheren 
Seelenlebens und besitzt eine selbständige Wirklichkeit gegenüber 
der bloßen Vorstellungsassoziation. Allein wegen seiner grob 
assoziationspsychologischen Betraditungsweise verwcdiselt er immer 
Bausteine und Baumeister und »bleibt an der Auffassung haften, 
daß die Sexualempfindung eben als Sexualempfindung sich selber 
potenziert und sublimiert« <S. 420). Auch Pfister warne davor, 
Kunst, Religion oder Sittlidikeit nur aus der Libido begreifen zu 
wollen, aber auch er sei unvorsichtig in der monotonen Ableitung 
religiöser Vorgänge aus der Libido und dämpfe nicht den fröhlichen 
Eifer der assoziationspsychologischen Erklärungsmethode <S, 421), 
Richtig sei, daß die (sexuelle) Organempfindung nur dadurch Bau- 
stein des höheren geistigen Lebens werde, daß sie ihre ursprüng- 
liche und selbständige Bedeutung verliere <S. 421). Und so ergibt 
sich, daß »das eigentliche Geheimnis der Religion nicht in der 
körperlichen Resonanz des Gefühlslebens zu suchen ist« <S. 422>. 

Nirgends teilt Girgensohn dem Leser mit, daß Freud den 
Ausdrude »sexuell« in einem ganz anderen Sprachgebrauche benützt, 
als gewöhnlich der Fall ist. »Organempfindung« und Freuds »Libido« 
sind nicht dasselbe,- gerade wer so sdiarf wie Girgensohn Organ- 
empfindung und Gefühl auseinanderhält, sollte sich einer solch 
krassen Verwechslung nicht schuldig machen. Hätte Girgensohn 
etwas genauer zugesehen, so hätte er schon hier erkannt, wie 
total falsch seine Ansicht ist, Freud sei der <intellektualistischen> 
Assoziationspsydiologie zugehörig! Wenn je ein strammer Volun- 
tarist gelebt hat, so ist es Freud, der überall vom Triebe aus- 
geht, ohne bei ihm stehen zu bleiben. 

Das Erstaunlichste leistet sich Girgensohn bei der Dar- 
stellung der Sublimierung im Sinne Freuds. Ich bin allen Ernstes 
der Ansicht, daß man den Autor, dessen Gedanken man dar- 



Die Religionspsychologie am Scheidewege 379 



stellen und kritisieren möchte, zuerst lesen sollte. Was sagt denn 
Freud über die Sublimierung? Man kann nicht deutlicher, als er 
es tat, immer und immer wieder sagen, daß bei ihr »sexuelle 
Triebkräfte von sexuellen Zielen abgelenkt und auf neue Ziele 
hingelenkt« werden, daß durch solche Ablenkung mächtige Kompo- 
nenten für alle kulturellen Leistungen gewonnen werden 1 . Das 
Aufgeben der Organ- oder Fortpflanzungslust und die Aufnahme 
eines nicht mehr sexuellen Zieles ist das, was das Wesen der 
Sublimierung ausmacht 2 . 

Damit ist doch deutlich genug gesagt, daß Girgensohn Freud 
gänzlich falsch verstanden hat. Sexualität ist nidit identisch mit 
Organempfindung, die Sublimierung ist nicht einfach eine Trans- 
formation der Geschlechtlichkeit, sondern birgt immer eine Energie- 
abgabe an andere, asexuelle Funktionen in sich. Daß Freud den 
Sexualtrieben eine Summe von »Ichtrieben« gegenüberstellt, die doch 
auch eine große Aufgabe zu erfüllen haben, verschweigt Girgensohn. 
Daß die Sexualität von sich aus und aus eigener Machtvoll- 
kommenheit asexuelle Bahnen einschlage, hat Freud nie behauptet. 

Ich verzeihe Girgensohn gerne, daß er mir monotone Ab- 
leitung religiöser Vorgänge aus der Libido und fröhlichen Eifer 
in der assoziationspsychologischen Erklärungsmethode vorwirft, 
während jeder, der meine Schriften einigermaßen kennt, wissen 
müßte, daß ich gerade diese beiden Manieren aufs eifrigste bc 
kämpfte. Es wäre mir unmöglich, deutlicher, als ich es tat, zu 
betonen, daß sogar bei der Elevation eine Menge asexueller 
Materialien aufgenommen werden, daß die Sublimierung stets eine 
Verbindung mit andersartigen Geistesfunktionen darstelle, und 
wo vielleicht ein Autor meinte, durch den Nachweis einer Betätigung 
des Schautriebes, der Ödipusbindung etc. in einem höheren Geistes« 
produkt schon eine Ableitung aus dergleichen Elementen allein voll- 
ziehen zu können <es ist ja allerdings schon vorgekommen, doch 
nie bei Freud), da habe ich davor gewarnt. Ebenso kann man 
die Mitwirkung des Willens schon bei einfachen Reaktionen und 
überhaupt die schöpferische Natur des Geistes kaum viel stärker 
betonen, als ich es tat. 

Daß mir Girgensohn die Gedanken anhängt, die ich aufs 
entschiedenste bekämpfe, wie gesagt, ich verzeihe es ihm gerne. 

l Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 2. Aufl. S. 39. 

3 Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 1. Aufl. S. 398. 



380 Dr. Oskar Pfister 



Aber daß er Freuds prachtvolle Schöpfung, die Sublimierungslehre, 
die in meinen Augen eine unschätzbare biologische Basis des ethi- 
sehen Idealismus einschließt, so schmählich mißhandelt, ist eigentlich 
unverzeihlich, Idi leugne gar nicht, daß Freud den »Sexualtrieb«, der 
dem Arterhaltungstrieb entspricht, aud) in den höchsten Geistes- 
funktionell aktiv denkt. Aber wer könnte es denn leugnen? Ist 
denn der Geist nichts als eine automatische Kommode, die bald 
die eine, bald die andere Schublade öffnet? Soll man die alte 
Vermögenspsychologie aus dem Grabe hervorholen? Wäre das 
Christentum verunehrt, wenn audi in ihm der Trieb der Art- 
erhaltung neben anderen, höheren Rücksichten mitwirkte? 

Girgensohns Irrtum ist wiederum nur dadurch erklärlich, daß 
ihm die organischen Zusammenhänge des Geisteslebens verborgen 
sind. Es ist nicht der Zeitmangel, sondern, wie er selbst zugibt, die 
Rücksicht auf das Schamgefühl seiner Versuchspersonen, was ihn ver- 
hindert, tiefer in die Verästelungen der Geschlechtlichkeit zu blicken. 
Hätte er, wie unsereiner, auch mit kranken Menschen zu tun, die an 
religiösen und sexuellen Abnormitäten zugleich schwer leiden und 
vielleicht vom Untergang bedroht sind, so wäre er besser belehrt. 

Auffallenderweise hält Girgensohn Gespräche über sexuelle 
Intimitäten für heilsam. »Mit allem Vorbehalt, der dem Nicht- 
mediziner auf diesem schwierigen Gebiete gebührt, glaube ich doch 
nicht ohne Grund die Meinung haben zu dürfen, daß idi mir die 
beruhigenden und heilenden Wirkungen aus dem Glauben an die 
neue sexuelle Deutung und aus der detaillierten und ruhigen 
Durchsprechung der beängstigenden Vorstellungen gut verständlidi 
machen kann, auch wenn das sexuelle Moment in Wirklichkeit 
gar nicht die Bedeutung gehabt hat, die Freuds Anhänger ihm 
beilegen . . . Der Hypochonder ist in dem Augenblicke geheilt, 
wo es ihm gelingt, eine harmlose Deutung seiner Beschwerden 
glaubhaft zu machen und dadurch eine Ignorierung seiner ver- 
meintlichen Krankheit zu bewirken. Das heilende Moment wird also 
einerseits in der Zerstörung der wahrhaften Deutungen durch die 
sehr ausgiebige Besprechung . , ., anderseits in der starken Glauben 
wedienden Suggestion . . . gesucht werden dürfen. Ich glaube, 
daß so ziemlich jede detaillierte seelsorgerliche Aussprache, wenn 
sie nur dazu bringt, alles vom Herzen herunterzureden, auch das 
längst Vergessene, wenn es wieder aufsteigt, und auch so ziemlich 
jede andere Suggestion einer harmlosen Bedeutung, sofern sie 



Die Reiigionspsydiologie am Scheidewege 33 1 



nur beim Patienten Glauben findet, dieselben Heilerfolge erzielen 
würde« <S. 419). 

Eine gründlichere Verkennung des Sachverhaltes kann ich 
mir nicht leicht denken. Wer sich mit Psychoanalyse befaßte, weiß 
nur allzu gut, daß falsche Deutungen, wenn sie auch noch so 
autoritativ aufgeredet werden, in schwierigeren Fällen nicht das 
Geringste helfen. Oft glauben Patient und Analytiker, die richtige 
und maßgebende Deutung eines Symptoms gefunden zu haben, 
allein der Heilerfolg bleibt aus, bis die richtige Deutung gewonnen 
ist, während umgekehrt eine Deutung, die weniger wichtig schien 
und sogar nicht einmal fest angenommen wurde, plötzlidi den 
Riegel der Krankheit entfernt. Daß der Hypochonder geheilt sei, 
wenn man ihm eine harmlose Deutung seiner Beschwerden glaub- 
haft machte, trifft keineswegs zu. Es gibt sehr verschiedene Formen 
von Hypochondrie, die den mannigfachsten Krankheiten zugehören 
kann. Girgensohn beachtet nicht einmal den elementaren Unter- 
schied zwisdien Zwangs« und Wahnvorstellungen! Einem zwangs- 
neurotischen Hypochonder kann man gewöhnlich mit Leichtigkeit 
klar machen, daß sein Leiden nur eingebildet sei/ aber so bestimmt 
er es glaubt, so ändert bei schwerer Triebverklemmung diese Ein« 
sieht doch kein bißchen an seiner Hypochondrie. Einem manisch- 
depressiven oder schizophrenen Hypochonder glaubhaft machen 
wollen, seine Beschwerden seien harmlos oder gar nicht vorhanden, 
wird jeder hübsch bleiben lassen, der diese Kranken kennt. Bringt 
man einen angstneurotischen Hypochonder, der aus einer belang- 
losen Ersdieinung seines Körpers eine schreckliche Sache macht, 
auf die Gewißheit, sein Übel habe nichts zu bedeuten, so kann 
die Hypochondrie schwinden, aber wenn die verklemmten Triebe 
keinen anderen Ausweg finden, tritt nur ein anderer Angstzustand 
ein und der Teufel ist vielleicht durch Beelzebub ausgetrieben. Für 
die meisten schweren Hypochonder ist Girgensohns Rezept ebenso 
weise wie der Satz: Der Einbeinige ist gesund, sobald er wieder 
auf beiden Beinen herumspringen kann. Vom Wesen der analyti- 
schen Therapie hat Girgensohn keine Ahnung. Die Begriffe der 
Verdrängung, des Widerstands, der Beziehungssetzung, der Über- 
tragung usw. sind ihm augenscheinlich unbekannt, sonst könnte 
er unmöglich so reden, wie er es tut. Er gibt sich auch Mühe, 
der tieferen Untersuchung aus dem Wege zu gehen. Es ist 
doch viel bequemer, sich die Heilung nach einem einfachen kleinen 



382 Dr. Oskar Pfister 



Privatschema zurechtzulegen, die Tatsachen zu ignorieren - und 
über den wissenschaftlichen Gegner recht tüchtig vom Leder zu 

ziehen! 

Alles in allem: Girgensohn versteht von der Psychoanalyse 
so viel wie nichts. Gelesen hat er von Freud und seinen Nadi- 
folgern offenbar sehr wenig/ sogar Flournoys klassische »Mystique 
moderne« ist ihm unbekannt, sonst könnte er nicht diesen großen 
Forscher, der in reifen Jahren die Grundgedanken der Psycho* 
analyse annahm, den amerikanischen Religionspsychologen bei- 
rechnen <S. 17), von denen er sich toto coelo unterscheidet. Ge= 
sehen von der psychoanalytischen Arbeit hat er noch weniger,- 
über elementare Versuche, die allerlei Bestätigungen und hohe 
Erwartungen eintrugen, kam er nicht hinaus, da ihm plötzlich — 
die Zeit fehlte. Die Zeit reichte jedoch völlig zu recht verständnis- 
loser Entstellung und Verkleinerung der psydioanalytischen Arbeit 
und zu ungeheuer zeitversdilingenden Untersudumgen, denen wir 
uns nunmehr zuwenden wollen. 

II. Die religionspsychologischen Untersudumgen Girgensohns. 

Erinnern wir uns zuerst noch einmal, daß Girgensohn ab- 
gesehen von den analytischen Religionspsychologen und nach dem 
sehr bescheiden und vorsichtig auftretenden W. Stählin der erste 
war, der sich an direkte religionspsychologische Forschung am 
lebenden Menschen heranwagte, ja daß er sogar auf verborgene 
Determinanten ausging. Mag er dabei den maßgebenden Begriff 
des Unbewußten noch so sehr verkennen, und mag sein Anleihen 
bei der Psychoanalyse noch so bescheiden ausgefallen sein, es 
bleiben Fortschritte gegenüber der bisherigen Religionspsychologie 
bestehen. Girgensohn ist dem Anspruch auf Empirie der Religions- 
psychologie eine Strecke weit näher gekommen, als alle seine Vor= 
ganger mit Ausnahme der Psychoanalytiker, die freilich schon seit 
länger als einem Jahrzehnt die Erfahrung unendlich viel gründlicher 
zu Rate ziehen als Girgensohn. 

Das Verfahren, das Girgensohn bei seinen Untersuchungen 
anwendet, ist ungefähr das folgende: Der Beobaduungsperson, 
die durch etwa dreistündige Experimente vorbereitet war <S. 26 f.), 
wurden ihr unbekannte religiöse Gedichte vorgelegt mit der In- 
struktion, sie möglichst natürlid\ und ungezwungen zu lesen, aber 



Die Religionspsydiologie am Scheidewege 383 



in der Absicht, sie zu bewerten <S. 28) und ohne die Lektüre zu 
wiederholen <S. 29). Die Lektüre mußte in einem Zuge vor sich 
gehen, in beliebigem Tempo, ohne zu hasten und mit Bewilligung 
kleiner Besinnungspausen. Hierauf wurde ein Bericht über das 
Erlebnis bei der Lektüre erbeten <S. 29>. Dann ließ Girgensohn 
die Gedichte nochmals durchlesen, worauf den schon besprochenen 
frei aufsteigenden Vorstellungen ein kleiner Raum gewährt wurde 
<S, 30>. Allmählich wurde dieser Rest Freudscher Technik auf 
gewisse Fälle eingeschränkt, die Girgensohn genauer beschreibt. 

Nachdem sieben Gedichte von den ersten Beobachtungs= 
personen so behandelt worden waren, wurden für die Fortsetzung 
nur noch solche Gedichte gewählt, welche die allgemeinsten formalen 
Eigenschaften des Glaubenslebens erkennen lassen <S. 31>, und 
zwar im ganzen ihrer einundzwanzig. Ferner wurde eine zweite 
Unterredung hinzugefügt, welche f zu einer Aussprache über die 
letzten Grundlagen der Glaubensgewißheit veranlassen sollte <S. 32>. 
Dabei wurde teils direkt gefragt, teils ein fingierter Angriff auf 
die Position der Beobachtungsperson unternommen. In einer dritten 
beigefügten Unterredung sollte sie den Begriff des Vertrauens 
klären,- Girgensohn ließ seine Beobachtungspersonen in Gedanken 
Personen vorstellen, denen sie vertrauten, und verlangte nun eine 
Angabe der einzelnen Elemente und Beziehungen des Vertrauens 
an der Hand des konkreten Materials. Dieser Teil wurde zwisdien 
die Gedichte Nr. 17 und 18 eingeschoben. Endlich sollten Denk- 
versuche angestellt werden, wobei über eine Anzahl von Kate= 
chismusbegriffen nur so nachgedacht werden sollte, wie es seinerzeit 
beim Unterricht der Schule geschehen mußte, oder wie es bei 
abstrakt theoretischem Disput geschieht <S. 32>. War dies geschehen, 
so mußte ein Zeichen gegeben werden, worauf der Bericht über 
das Erlebnis geliefert wurde/ der Versuchsleiter stoppte, wenn 
es die Rüdtsicht auf Brauchbarkeit des Protokolls als wünschbar 
erscheinen ließ. 

Endlich folgte zur Kontrolle und Ergänzung wiederholte 
Lektüre einzelner Gedichte, zu denen einige Gesangbuchverse 
kamen, die die Versuchsperson im Vorversuch als beliebt oder 
unbeliebt bezeichnet hatte. 

Dieses komplizierte Verfahren erheischte durchschnittlidi dreißig 
gemeinsame Sitzungen »von recht verschiedener Länge«. Meist 
arbeitete Girgensohn mit je drei Versuchspersonen gleidizeitig<S. 33). 



384 Dr. Oskar Pfistcr 



Alle Versuche nahmen etwa fünf Vierteljahre in Anspruch, 
ihre Verarbeitung etwa ein Jahrzehnt. Gearbeitet wurde mit vier* 
zehn Beobachtungspersonen, deren Protokolle zirka 700 Druck- 
seiten füllen würden. Jedoch blieben im vorliegenden Bande nur 
die Protokolle der ersten fünf Versuchspersonen fast ganz unan* 

getastet <VII>. 

Diese abgekürzte Darstellung genügt für unsere Zwecke. 
Dem Kritiker fällt zuerst auf, wie einseitig Girgensohn, der doch 
den Aufbau des ganzen religiösen Erlebens untersuchen will, 
schon bei der Auswahl seiner als Reizmittel dienenden Gedichte 
vorging. Sehr viele Gebiete religiösen Erlebens sind übergangen, 
dafür andere wiederholt vertreten, was ich als schweren Mangel 
betrachte. Anerkennung verdient dagegen, daß er poetisch hochwertige 
neben solchen des bedenklichsten Niveaus benützt, z.B. Verse, wie: 

»O selig der Stunden, die Jesus uns schenkt, 
Da man nur der Wunden des Lammes gedenkt!« 

Ob C. F. Meyers herrliche Dichtung »In Harmesnäduen« wirklich 
den Beobachtungspersonen allen unbekannt war, möchte ich be- 
zweifeln. 

Der Auftrag, dem Versuchsleiter nach der Lektüre des 
Gedichtes über den Wert des Gelesenen Aufschluß zu geben, ist 
einem unbefangenen religiösen Erleben sicherlich nicht förderlich, 
besonders wenn es erst noch in Gegenwart anderer Personen 
geschehen soll. Niemand kann leugnen, daß da die Gefahr, schön, 
fromm, geistreich reden zu wollen, eine Störung bedeuten kann. 
Wahres religiöses Erleben ist Sadie der Freiheit,- auf Kommando 
und in Gegenwart mehrerer anderer sich über sein Innerstes aus- 
sprechen zu sollen, ergibt eine fatale Einstellung, wenn ich auch 
nicht bestreiten will, daß auch bei ihr ein gewisses religiöses 
Erleben möglich ist. Es ist bedauerlidi, daß Girgensohn die Be- 
dingungen seiner Versuche durch Zuziehung von Drittpersonen 
verschlechterte. 

Ferner werden religiöse und theologisdie Erlebnisse durch- 
einandergemengt. Über die Grundlagen der Glaubensgewißheit 
sich aussprechen oder über Katechismusbegriffe abstrakt-theoretisch 
nachsinnen, hat mit Untersuchung des religiösen Erlebens nicht 
viel zu tun. Ferner sind es dodi höchst heterogene Dinge, über 
Begriffe nachzudenken, wie seinerzeit in der Schule, und wie bei 



Die Religionspsydiologie am Scheidewege 385 



einem theoretischen Disput. »Experiment« kann man die theo» 
logische Diskussion kaum mehr nennen. 

Vorstellung von Personen, die unser Vertrauen genießen, 
ergibt noch lange nicht die Merkmale des religiösen Vertrauens. 

Das Beobachtungsmaterial Girgensohns ist in den Augen 
erfahrener Analytiker von außerordentlicher Kärglichkeit. Was sind 
die vierzehn Versuchspersonen gegenüber den hunderten, mit denen 
wir es im Lauf der Jahre zu tun haben? Und was bedeuten die 
dreißig längeren und kürzeren Sitzungen im Vergleich zu den 
Besprechungen, die eine gründliche und schwierige Psychoanalyse 
dauert? Die 700 Druckseiten, die Girgensohns Protokolle beanspruc- 
hen, bilden ein mehr als bescheidenes Häuflein gegenüber den vielen 
Stößen von Protokollen, die sich in unsern Schränken anzuhäufen 
pflegen. Dafür brächten wir es auch nicht über uns, nach fünf- 
vierteljähriger Arbeit unsere Sammlung von Erfahrungsmaterial 
einzustellen und ein Jahrzehnt lang über dem Gefundenen zu 
brüten. Ich bekenne, daß mir fast jeder Tag neuen religionspsycho- 
logischen Erfahrungsstoff zuträgt. Freilich ist es großenteils die Not 
unsrer Klienten, die uns zu solcher Empirie zwingt. Ob das enge 
Zirkelchen Girgensohns, oder der unendlich große, sich stets erwei- 
ternde Erfahrungskreis des Psychoanalytikers dem Postulat der 
Empirie besser entspricht, dürfte unschwer zu entscheiden sein. Schon 
jetzt kann ich meine Überzeugung nicht unterdrücken, daß die win- 
zigen Segmente religiösen Erlebens, die Girgensohn einzog und 
durch Einführung bedenklicher Fehlerquellen teilweise entwertete, 
in Anbetracht des weitläufigen Gegenstandes von einer geradezu 
kläglichen Armseligkeit sind. Wir werden noch sehen, wie bitter sich 
dieser Mangel einer großzügigen empirischen Fundamentierung rächt. 

Folgen wir nun dem Gang der Untersuchung! 

Ein erster Hauptteil liefert die allgemeine psychologische 
Grundlegung: Die Mannigfaltigkeit des Gefühlslebens 
<S. 125 — 382). Wieder einmal wird der Leser durch das Labyrinth 
geführt, das die Psychologie gebaut hat. In vorzüglich klarer Dar- 
stellung pilgert Girgensohn durch das Chaos der Gefühlstheorien, 
und was man in den Lehrbüchern so und so oft gelesen hat, 
muß man auch in dieser Monographie wieder einmal auskosten. 
Ich konnte ein Gefühl der Wehmut nicht los werden. Als ich vor 
dreißig Jahren mein Studium der Psychologie begann, war die 
Verwirrung der psychologischen Hauptbegriffe schon recht ansehn- 

imago VIII '3 25 



386 Dr. Oskar Pfister 






lieh. Allein die experimentelle Richtung erklärte mit Emphase: 
»Bisher fehlte die Exaktheit,- jetzt aber hat die Zeit der Anarchie 
ein Ende, jetzt kommen wir und schaffen Ordnung und Einhellig- 
keit!« Ach, und jetzt? Ein Menschenalter ist vorübergerauscht, 
und die Konfusion ist um ein Erkleckliches angewachsen! 
Es scheint zum guten Ton zu gehören, daß jeder, der nicht als 
Epigone und Nachtreter verschrieen werden will, womöglich sein 
eigenes Theoriechen in die Welt hinauswirft und das Durcheinander 
noch ein klein wenig vermehrt; Immer neue Begriffs vögelchen flattern 
umher und geben sich als neue Spezies/ sieht man genauer zu, 
so sind es doch immer dieselben bekannten Arten, kaum daß ein 
paar neue Federchen aufgeklebt sind. Im Grunde ist man trotz 
der vielgepriesenen Exaktheit der Experimentalpsychologie keinen 
Zoll vorwärts gekommen, wennschon jeder Begriffsfabrikant meint, 
ihm sei nun endlich des Rätsels richtige Lösung gelungen, Gegen 
diese Begriffsgaukeleien wäre nichts einzuwenden, wenn nur nicht das 
Mückensieben eine so gefährliche Gegenseite aufwiese. Jeder muß 
sich Klarheit für seinen intellektuellen Bedarf und zur Verständigung 
mit andern verschaffen. Aber schrecklidi ist es für den Leser, in jedem 
Falle wieder den Rattenschwanz von Theorien durchgehechelt zu 
bekommen. Man denke: Bei jeder kunst-, rechts-, kultur-, wissen- 
schaftspsychologischen Monographie sich erst durch das wilde Ge- 
strüpp der Begriffsklärung durcharbeiten - brr! Und nicht jeder Dar- 
steller weiß durch ausgezeichnete Klarheit den Zugang so sehr zu 
erleichtern, wie Girgensohn, der ein ganz ungewöhnlidies didakti- 
sches Talent besitzt. 

Am Ende gelangt der Verfasser glücklich dahin, sich zunächst 
mit gutem Gewissen ganz einfach unbefangen auf den Standpunkt 
der Alltags- und Popularpsydiologie zu stellen <S. 148), um dann 
aber in seinen Protokollen bei jeder Aussage zu prüfen, welche 
Funktion die Beobaditungsperson im Auge hatte. Und nun werden 
die entsetzlich weitläufigen Mitteilungen säuberlidi in die vielen 
Schächtelchen verpackt, und ich konnte das Mitleid mit dem armen 
Experimentator nicht los werden. Wie viele schöne Stunden seines 
Lebens hat der Ärmste auf diese trostlose Arbeit, die ich keinem 
Kuli zumuten würde, verwandt! Und das Ergebnis? Es ist wahr- 
haft erschütternd! »Überblicken wir das über den funktionellen 
Gefühlsbegriff Gesagte, so sehen wir, wie rundweg sämtliche 
Funktionen des Ichbewußtseins, sofern sie als unmittelbares Erlebnis 



Die Religionspsychologie am Scheidewege 387 



des Ich charakterisiert werden sollen, für die Terminologie unserer 
Versuchspersonen unter den Gefühlsbegriff fallen können« <S. 225). 
Und um diese Selbstverständlichkeit, diese banale Selbstverständ~ 
lichkeit, die in ein paar Sätzen und Belegen hinreichend hätte 
dargetan werden können, zu gewinnen, war die peinliche Wüsten- 
wanderung notwendig? Denkt Girgensohn denn nicht daran, daß 
das menschliche Leben kurz bemessen ist, und daß man auch auf 
die Lebensdauer seiner Mitmenschen Rücksicht zu nehmen hat? 

Noch nicht genug des grausamen Spiels: Mit dieser trivialen 
Erkenntnis, die jeder Kenner des deutschen Sprachgebrauchs von 
vornherein annahm, sind wir immer noch nicht beim Thema, nära» 
lieh beim Aufbau des religiösen Erlebens, angelangt, sondern erst 
bei der Grundlegung, die der psychologischen Arbeit vorauszugehen 
hat. Aber die »Grundlegung« ist noch lange nicht beendigt! Zuerst 
muß nach dem funktionellen noch der inhaltliche Gefühlsbegriff 
bereinigt werden, was auch wieder 116 Seiten kostet. Das Papier 
ist ja, wie man sieht, vorhanden, man kann es sich leisten! Zuerst 
wird untersucht, wie in den Aussagen der Versuchspersonen organi«» 
sehe Vorgänge als Komponenten des Gefühlslebens repräsentiert 
seien <S. 226). Nach sorgfältigen Rubrizierungen, die trotz des kleinen 
Beobachtungsmateriales ziemlich reichhaltig ausfallen, gelangt Girgen- 
söhn zu der wiederum weltbewegenden Entdeckung: »Für den 
psychologisch ungeschulten Beobachter sind Organemprindungen und 
Gefühle in weitem Umfang identische Größen« <S.243>. Wer wußte 
dies nicht zum voraus? Armer Autor! Arme Leser! 

Es folgt eine überreiche Ausführung über die Anordnung 
des psychischen Erlebens in einem imaginären Bewußtseinsraum 
<S. 243 — 274), wobei sich ergibt, daß auch hier kein Unterschied 
vom sonstigen Erleben vorhanden sei. Anschließend kommen Organ** 
empfindungen als symbolische Repräsentanten geistiger Vorgänge 
zur Sprache <S. 274 — 285), ein für den Analytiker, der diese Phäno« 
mene oft in abnormer Aufbauschung zu sehen bekommt und sie 
auf ihren meistens sehr weit verzweigten Ursprung prüfen muß, 
ganz besonders unzulänglich behandelter Abschnitt. 

Über die folgenden, immer noch zur »Grundlegung« gehörigen 
Abschnitte »Die drei Gefühlspaare Wundts mit besonderer Berück- 
sichtigung von Lust und Unlust« <S. 286 — 309), »Gedanken als 
Gefühle« <»Intuitionen«) <S. 309 — 342) und »Die Reproduktions« 
grundlagen des Gefühlslebens« <S. 342 — 382) gilt, was von den 

25« 



388 Dr. Oskar Plisier 



vorangehenden Erörterungen gesagt ist: Viel Fleiß, anerkennens- 
werte Klarheit, aber fast lauter Belanglosigkeit, die den Aufbau 
des religiösen Lebens kaum verständlidier macht. 

Nachdem die Mitte des Buches in mancherlei Strapazen bereits 
überschritten ist, hat die Grundlegung ihr Ende gefunden, und es 
beginnt im zweiten Hauptteil die Erörterung der »Gefühle im 
religiösen Erleben«. 

Die Lust« und Unlustgefühle des religiösen Lebens werden 
zuerst klassifiziert <S. 383 - 405). Als Unlustgefühle treten zutage: 

1. Quälendes Leid <S. 384), nämlich Trauer, Wehmut, Elend usw., 

2. Schmerzliches Vermissen, 3. Furcht, 4. Selbstverurteilung und 
Schuldbewußtsein, 5. Haß gegen Gott und Göttliches. Die religiösen 
Lustzustände werden zerlegt in: 1. Freude und Glück mit dem 
Bewußtsein der Daseinserhöhung <S. 392>, 2. Frieden und Ruhe, 

3. Hoffnung und Zuversicht gegenüber der Zukunft, 4. Bewußtsein 
der Vergebung, Reinheit und sittlichen Reditschaffenheit, 5. die Liebe. 
Von dieser Klasseneinteilung, die alle Hauptklassen der Lust» 
Unlustzustände in der Religion zu umfassen angibt, bemerkt Girgen- 
sohn offenherzig, daß er sie erst auf Grund seiner Protokolle habe 
aufstellen können, indem seine frühere Einteilung nicht so reich- 
haltig war <S. 399). Wer sich mit dem religiösen Erleben eingehend 
befaßte, kann seine Verwunderung darüber schwerlich unterdrüd<en, 
daß eine derartige Kurzsiditigkeit und Einseitigkeit möglich war. Es 
gibt doch offenbar noch eine Menge von Lust» und Unlustgefühlen, 
die in keine der angegebenen Gruppen fällt. Nur weil Girgensohn 
sich an seine sehr eng begrenzten Versuche hielt, konnte es ihm 
verborgen bleiben. Seine Aufzählung kann mit größter Leichtigkeit 
ergänzt werden. Ich nenne z. B. die Bewunderung der göttlichen 
Größe <z. B. Psalm 19: »Die Himmel erzählen die Herrlichkeit 
Gottes«), die Schadenfreude und lustvolle Grausamkeit der Rache- 
psalmen und ähnlicher Stellen <z. B. Psalm 5, 9 ff., 55, 10: »Ver- 
nichte, Herr, zerteile ihre Zunge«, V. 16: »Der Tod überfalle sie, 
mögen sie lebendig in die Unterwelt fahren!«), der religiöse Maso- 
chismus, der auch bei Normalen sehr oft vorkommt usw. Das un- 
geheure Heer der lustvollen Unterströmungen hat Girgensohn selbst- 
verständlich übersehen, wiewohl sie besonders wichtig und interessant 
wären. Allein er scheint sich grundsätzlich auf das Selbstverständ- 
liche zu beschränken. Girgensohns Rubrizierung läßt übrigens sehr 
viel zu wünschen übrig. Liegt im »Gefühl der Vergebung, Reinheit 



Die Religionspsydiologic am Scheidewege 389 



und Rechtschaffenheit« <S. 4) nicht auch das der »Freude mit dem 
Bewußtsein der Daseinserhöhung?« 

Der nächste Abschnitt behandelt die Bedeutung der religiösen 
Lust-» und Unlustgefühle des gesamten religiösen Erlebens <S. 405 
bis 41 2>, im besonderen die Frage, ob das Wesen der Religion 
psychologisch durch die Lust-Unlustzustände definiert werden könne. 
Merkwürdigerweise kommen nur Hume und Feuerbach zur Sprache, 
dagegen nicht Höffding, der bekanntlich als das Charakteristische 
des religiösen Verhältnisses betrachtet das Streben nach Erhaltung 
des Wertvollen am Dasein l , Girgensohns Ergebnis ist, wie der 
Leser mit tödlicher Sicherheit vorausweiß, daß Lust-Unlustzustände 
das psychische Wesen der Religion nidit genügend umschreiben. 
Übrigens lasse ich nidit gelten, daß Hume und Feuerbach mit rein 
psydiologischen Kategorien das Wesen der Religion angeben wollten. 
Ein wenig Intelligenz sollte man doch auch ihnen zutrauen. Hume 
erblickt die tiefsten Wurzeln der Religion in Furcht und Hoffnung, 
sowie der Tendenz, sich selbst in die Wirklichkeit hineinzudenken 2 . 
Ganz ähnlich Feuerbach, der zwar den Wunsch »als das Wesen 
selbst der Religion« erklärt 3 , aber damit nicht von ferne das Wesen 
der Religion definieren mödite, wie Girgensohn ihm insinuiert. Er 
hat nur an eine ganz bestimmte, rein psychologisch nicht faßbare 
Art von Wünschen gedacht. 

Weiterhin kommen die Organempfindungen <S.412>, Intuitionen 
<S. 436) und Ichfunktionen (S. 457) des religiösen Erlebens zur 
Sprache. Sehr merkwürdig finde ich, daß Girgensohn die religiösen 
Gegenwartserlebnisse unter die Organempfindungen einreiht <S. 422), 
wo es sich doch nur um die geistige Präsenz Gottes handelt. Die 
Untersuchungen über die Intuition gipfeln in dem Satze, daß im 
religiösen Erleben ein intuitives Gedankengerippe unentbehrlich 
sei <S. 453). Ob hinwieder dieses »Gedankengerippe« auf emotionale 
Bedingungen zurückweise, wird nicht gesagt. Hier wird zum ersten 
Male auch die Reaktionszeit gewürdigt, wobei jedoch nur ganz vage 
Behauptungen erfolgen: Die größere Schnelligkeit erklärt sich aus 
einer gewissen allgemeinen Beweglichkeit der Auffassungsfähigkeit 
— etwa wie die narkotische Wirkung des Morphiums aus der vis 
dormitiva? -, oder aus der Einübung, oder es kann das Tempo 



1 Höffding: Religionsphilosophie. S. 101. 

'-' Pünjer: Geschichte der christlichen Religionsphilosophie. I. S. 283. 

3 L. Feuerbach- Das Wesen der Religion. 2. Aufl. S. 36. 



390 Dr. Oskar Plister 



abhängig sein »von der subjektiven Wertschätzung der gedanklichen 
Bestandteile des religiösen Lebens« <S. 454>. Von Hemmungen, 
die sich aus unterschwelligen Verwicklungen ergeben, weiß Girgen- 
söhn natürlidi nicht das geringste, so stringent sie nachgewiesen 
sind. Was nicht in seinen Akten steht, existiert überhaupt nicht 
für ihn — ein mehr durdi seine Bequemlichkeit, als durch seine 
Sachlichkeit empfehlenswertes Verfahren! Unter solchen Umständen 
kann Girgensohn seine Uhr füglich in die Tasdie stecken. 

Mit anerkennenswerter Sorgfalt sind die verschiedenen Idi- 
funktionen rubriziert. Auch hier werden ziemlich selbstverständliche 
Vorgänge durch ein erdrückendes Maß von Belegen illustriert. 

Aus seinen Protokollen zieht Girgensohn den Schluß, daß 
letztlich die Wurzel der Religion in einem undifferenzierten Gefühls- 
zustande liegt, der Gedanke und Ichfunktion auf einmal ist<S.492>. 
Sonderbar! Zuerst beschränkt er sich auf Versudie mit Reaktionen 
auf lyrische Gedichte, die ihrem Wesen nach zuerst an das 
Gefühl gerichtet sind, er läßt das ungeheure Heer andersartiger 
Erlebnisse des religiösen Bewußtseins außer acht, und dann glaubt 
er die eigentliche Wurzel der Religion zu finden! Oder nein, er 
nimmt noch die Reflexionen seiner Bb. hinzu, als ob man dies 
noch religionspsychologisches Experiment nennen könnte! Wenn der 
Ursprung der Religion sich religionsgeschichtlich in der Magie nach- 
weisen läßt, wie neuere Autoritäten behaupten, bricht diese Kon- 
struktion jämmerlich zusammen. Allein dies kann mir nicht maß- 
gebend sein/ vielmehr mache ich mich anheischig, mit Leichtigkeit 
eine Menge religionspsydiologisdier Versuche vorzustellen, in denen 
die Willensregung ebenso primär und viel dominierender, als das 
Gefühl, auftritt. So leidit darf man sidi die Aufgabe nicht machen, 
wie es Girgensohn mit seinen Reaktionen auf gefühlvolle Lieder tat. 

Der dritte Hauptteil handelt von Vorstellungen und 
Willensprozessen im religiösen Erleben <S. 511-583). Es fällt 
uns auf, daß Girgensohn diese beiden Funktionen zur Einheit 
zusammenschließt, während doch Gefühl und Wille enger zusammen- 
gehören und von manchen sogar als identisch betrachtet werden. 
Zuerst werden die »Vorstellungen« gewürdigt. Wieder wird man 
durch das unvermeidlidie Chaos psychologisdier Grundbegriffe 
gehetzt, doch kommt man glimpflicher davon. Die assoziationspsycho- 
(ogische Richtung, der, wie wir hörten, fälschlich audi Freud bei* 
gezählt wird, wird zurüdegewiesen. »Während nach der Assozia- 



Die Religionspsydiologie am Scheidewege 391 



tionspsychologie der anschauliche Gedanke die Hauptsache ist, aus 
dem durch Verdünnungs» und Abstraktionsprozesse das gesamte 
Gedankenleben sich aufbaut, wird nun der unanschauliche Gedanke 
zur Hauptsadie, denn er dirigiert das ansdiauliche Material nach 
seinen Intentionen und gibt ihm die Gestaltung« <S. 516). Dabei 
sollte Girgensohn nur betonen, daß diese dirigierenden Energien, 
die dem Gedanken innewohnen, selbst wieder dem emotionalen 
und oft nur unbewußten Leben angehören. Die Psychoanalyse ist 
gewohnt, in gegebenen Fällen der Herkunft dieser volitionellen 
Betonung nachzugehen, aber Girgensohn erspart sich überall die 
tiefere Nachforschung. Darum dringt er auch nie auf die unbe- 
wußten Umformungsprozesse, das schöpferische Umdichten jenseits 
des Bewußtseins. Wie die ganze Schule Külpes ist er in der Dis» 
positionspsychologie stecken geblieben, weil ihm der Mut und die 
Kraft fehlten, der Entstehung und den Schicksalen der unbewußten 
Determinanten nachzugehen. Hiezu wäre allerdings ein klein wenig 
historisches Denken nötig, und dies ist es, wovor unsere rein natur» 
wissenschaftlich orientierten Psychologen eine so unüberwindliche 
Furcht hegen. 

Zuerst wird die Unterordnung der Vorstellungen unter 
Gedanken untersucht <S. 518). Es stellt sich heraus, »daß der 
Gedanke die Führung hat, sobald man komplexe Gebilde analysiert, 
die für das geistige Leben als wesentlich in Betracht kommen« <S. 557>- 
Woher sie jedoch stammen, wird bei der mosaiksuchenden Methode 
Girgensohns außer acht gelassen. Um alles in der Welt darf man 
nicht genetisch denken! Hierauf werden die Eigenschaften der Vor- 
stellungen des religiösen Erlebens gewürdigt <S. 559). Zutreffend er- 
klärt Girgensohn, daß nicht die religiösen Vorstellungen die Religion 
eines Menschen erfassen lassen, sondern daß die Vorstellung als ein 
der richtigen Deutung bedürftiges Symptom für die Gedankenarbeit 
des religiösen Menschen zu verstehen sei <S. 559). Es fehlt dabei 
die scharfe Erkenntnis, daß es sich dabei vor allem um unbewußte 
Gedanken handle, die infolge von Bedingungen, welche die Psycho- 
analyse aufdeckt, die immer ungenügende Kompromißbildung der 
bewußten Vorstellung her vortreiben. Girgensohn findet auch, daß 
hinter völlig unwirklichen und absurden religiösen Vorstellungen 
ein durchaus diskutabler Sinn stecken kann <S. 564). Indem er den 
symbolischen Charakter der religiösen Erkenntnis aufdeckt, gelangt 
er zu den von Freud längst erkannten, dazu in ihren Entstehungs« 



392 Dr. Oskar Pfister 



bedingungen prachtvoll aufgehellten Tatsachen, während Girgen- 
sohn bei der Konstatierung des Sachverhaltes stecken bleibt, wie 
ja überhaupt das Kausalbedürfnis bei ihm eine unbegreiflidi kleine 
Rolle spielt. 

Zuletzt kommen die »Willensprozesse« an die Reihe <S.566>. 
Die Auseinandersetzung mit den allgemeinen Willenstheorien wird 
dem Leser natürlich nicht geschenkt. Interessant, wenn auch längst 
nicht mehr neu, ist das Zugeständnis; »Es ist Streit darüber, ob 
es überhaupt einen besonderen elementaren Willensvorgang gibt. 
Über seine nähere Beschaffenheit stimmen kaum zwei Psychologen 
und Philosophen überein« <S. 566). Glücklicherweise treffen sich nach 
Girgensohn alle »experimentell geschulten Psydiologen« darin, daß 
es kein besonderes Willensvermögen gegenüber den anderen psychi- 
schen Vorgängen gibt <S. 570). Wir sind also doch glücklich so weit, 
wie vor mehr als hundert Jahren der alte Herbart! Im übrigen 
aber gabeln die Meinungen schauerlich durcheinander, was einem 
richtigen Psychologen erwünschte Gelegenheit gibt, sich mit einer 
Unmenge von Ansichten weidlich herumzuschlagen. Hoffentlich hört 
dieser Hauptspaß, der unsere Psychologie stets mit neuer Würze 
versieht, die nächsten paar Jahrhunderte nicht auf! Ja es scheint, 
daß die Fülle der Theorien erfreulich wächst, indem aus jedem 
abgehauenen Stumpf ein paar neue Häupter wachsen. Ich glaubte 
lange, die offiziellen Seelenkenner rutschen ein Menschenafter ums 
andere auf genau dem gleichen Fleck herum. Wie kurzsichtig! Sie 
teilen ihren Zirkus in immer neue Felder und Feldchen ein und 
finden immer neue Kombinationen, wie eine brave, fleißige Schneiderin 
immer neue Finessen ersinnt. Daß man im Grunde doch immer nur 
das Alte in neuen Höschen und Stiefelchen zu sehen bekommt, 
erhöht noch den Reiz. Ist es nicht der höchste Genuß, immer wieder 
seine lieben alten Bekannten anzutreffen? Möge darum der Reigen 
der Psychologen, die so beharrlich ihre eleganten Drehungen aus- 
führen, noch recht lange blühen! 

Teils aus den »religiösen Erlebnissen« seiner Gewährsmänner, 
besser gesagt: aus den verbalen Niedersddägen von Erlebnissen, 
die sich Girgensohns Bb. in guter Gesellschaft abgewinnen ließen, 
teils aus ihren nachträglichen Betrachtungen über diese und viele 
andere vorangehende Erlebnisse ergibt sich »deutlich die sekundäre 
Bedeutung der Willensfunktion für die Religion« <S. 580>. Vor- 
sichtiger wäre der Sdiluß gewesen: »Wenn man Menschen in eine 



Die Religionspsychologie am Scheidewege 393 



Lage bringt, die zur Entfaltung des Willens möglichst wenig Gelegen- 
heit bietet, so drängt sich die Willensfunktion weniger hervor«. Der 
freie religiöse Mensch ist kein solcher Ästhet und Quietist, wie 
Girgensohn glaubt. Als Mose den Tanz ums goldene Kalb sah, 
fuhr ihm ein heiliger Zorn durch die Seele,- sein Wille war durch- 
aus nicht von sekundärer Bedeutung. Freilich wäre er damals kaum 
geneigt gewesen, Herrn Prof. Girgensohns Gedichte anzuhören. 

Der letzte Hauptteil ist betitelt »Verifikation und Durch- 
führung der Resultate an historischen religiösen Selbst- 
bekenntnissen« <S. 574— 671>. Besprochen werden die kurzen Aus- 
züge Martin Bubers in seinem Buche »Ekstatische Konfessionen«. 
Es entspricht ganz der zusammenhangsfeindlichen Betrachtungsweise 
Girgensohns, daß er auch hier nicht auf die Quellen zurückgreift 
und das einzelne Bekenntnis nicht aus dem Lebensganzen und den 
besonderen Veranlassungen zu verstehen sucht. Es folgen die Kon- 
fessionen Augustins und die Tagebuchblätter Wicherns. 

In einer Schlußbetrachtung bietet der Verfasser eine »kritische 
Selbstprüfung seiner experimentellen Methode« <S. 672>. 
Das Ergebnis ist für ihn natürlich ein höchst befriedigendes. Girgen- 
sohn gibt allerdings zu, daß seine Versuchspersonen nicht selten 
klagten, sie können sich bei solchen Versuchen nicht frei, ungestört 
und natürlich bewegen <S, 692>, und er gesteht ein, die Religion 
stelle sich nicht auf Befehl ein. Auch erhalte man nur Aufschluß 
über die Religion der Gebildeten <S. 692) ,• aber er tröstet damit, 
daß noch andere Methoden zulässig seien. Ihm gereicht es zur 
Befriedigung, wenigstens die Zerlegung der religiösen Vorgänge 
in relativ grobe Komplexe erreicht zu haben <S. 700), die »ganz 
bekannte und vertraute Physiognomien haben«. Also freue dich, 
Leser, denn du darfst hoffen, daß diese groben Komplexe weiter 
zerlegt werden, und denke, wie herrlich es wäre, wenn jeder dieser 
»groben Komplexe« wieder zu einem Wälzer von über 700 Seiten 
Anlaß böte, und jeder »Unterkomplex« wieder zu einem Wälzer usf.! 
Wenn dabei erst noch weiter ganz vertraute Physiognomien hervor- 
treten, d. h. wenn man in qualvoll weitschweifigen Ausführungen 
zu hören bekommt, was man längst wußte, mögen Vaterland und 
Religionspsychologie beruhigt sein! 



394 Dr. Oskar Pfister 



III. Das Ergebnis. 

Es fällt mir nun die gewichtige Aufgabe zu, zum ganzen 
Werke Girgensohns Stellung zu nehmen. Ich anerkenne den 
immensen Fleiß, die hervorragende Gabe klarer Darstellung und 
feiner Unterscheidung, den nicht geringen Scharfsinn in gewandtem 
Rubrizieren und Katalogisieren, die sympathische Bescheidenheit 
gegenüber seinen psydiologischen Lehrern, die rührende Geduld 
und hingebungsvolle Ausdauer in der Durcharbeitung des Stoffes. 
Idi gönnte es dem Verfasser herzlich, wenn sein Unternehmen, dem 
er elf der schönsten Jahre seines Lebens gewidmet hat, einen reichen 
Ertrag gezeitigt hätte. Es freute mich auch sehr, wenn die Religions* 
Psychologie, nachdem sie sich bis zum Überdruß mit »Programm- 
musik ohne Durchführung von Programmen« abgequält hat, nun 
endlich einen reichen Ertrag einheimsen dürfte. 

Leider ist davon keine Rede. Ich halte Girgensohns Unter- 
nehmen für sehr unersprießlich und seinen Ertrag für fast ganz 
belanglos. Der wissenschaftliche Gewinn des Werkes steht im 
umgekehrten Verhältnis zu der in ihm geleisteten Arbeit. 

Zuzugeben ist, daß Girgensohn einen ganz kleinen Ausschnitt 
von religiösen Erlebnissen, die von vornherein mißlichen Bedhv 
gungen ausgesetzt waren, in bezug auf ihre psychologische Struktur 
sorgfältiger als irgend einer seiner Vorgänger untersucht hat. Sehr 
vieles, was er unter höchstem Kraftaufwand erobert, ist freilich 
längst bekannt gewesen. Für manches andere werden ihm die offi- 
ziellen Psychologen den verdienten Dank wissen. Denn in ihrem 
Geiste ist Girgensohns Buch eine glänzende Leistung. 

Aber ist es diese psychologische Morphologie, die der Titel 
in Aussicht stellte, und die uns so dringend nottut? 

»Der seelische Aufbau des religiösen Erlebens«, so lautet der 
Titel des voluminösen Bandes. Ich erwartete daher einen Aufschluß 
auf die Frage: »Wie baut sich das religiöse Leben auf? Nach 
welchen Gesetzen kommt es zustande?« Über diese Fragen erfahren 
wir kaum ein Sterbenswörtchen. Girgensohn führt uns durch ein 
Gebäude, dessen »Aufbau« er uns zu erklären sich verpflichtete- 
Allein er erklärt uns nur die Beschaffenheit der Tapeten, der Decken» 
des Gemäuers, vielleicht auch die Bestimmung der einzelnen 
Gemächer. So hätte vor Goethe und Darwin ein Botaniker uns die 
Pflanzen zu erklären versucht. Ich leugne nicht, daß auch diese 



Die Religionspsydiologie am Scheidewege 395 



Kenntnisse einen gewissen bescheidenen Wert haben. Allein dieser 
Wert steht in keinem annehmbaren Verhältnis -zum Kraftaufwand. 
Was uns so dringend nottut, ist ein psychologisches Wissen, 
das uns hilft, die Entstehung religiöser Phänomene zu ver- 
stehen und auf sie Einfluß zu gewinnen. Gegen die statistisdi= 
analytische Religionspsychologie im alten Sinne, nämlich die Beschrei- 
bung der psychologischen Tatsächlichkeit ', ist gar nichts einzuwenden. 
Nur darf man nicht viel von ihr erwarten. Daß sie, wie Faber 
meint, angeben könnte, was Religion sei, überschreitet schon den 
Bereich der allgemeinen Religionspsychologie. Sowohl der Religions« 
historiker, als der Glaubenswissenschafter würden sich schönstens 
bedanken, wenn sie auf den Religionspsychologen zu warten hätten, 
um zu erfahren, was Religion sei. Ich wiederhole indessen, daß ich 
die deskriptive Religionspsychologie ruhig gelten lasse. Aber sehr 
viel wichtiger ist folgendes: Wir stehen gewaltigen Problemen gegen* 
über. Zu uns kommen Menschen mit religiösen Ängsten, denen 
wir mit den Mitteln der alten Psydiologie ratlos gegenüberstehen, 
oder mit bizarren religiösen Zwangshandlungen, abstrusen religiösen 
Vorstellungen, die mit kolossaler Gefühlsbetonung auftreten und 
den größten Teil des Interesses, wie der psychischen Kraft, an uns 
reißen. Dabei sind sie im medizinischen Sinne völlig gesund. Es 
ist ein Unsinn, zu behaupten, die Psychoanalyse habe es nur mit 
pathologischen Erscheinungen zu tun. Heute ist es vielleicht ein 
introvertierter Mystiker, der die Brüdce zu den Mitmensdien und 
zur Welt verloren hat, morgen vielleicht ein Mensch mit glühendem 
Teufelsglauben, jetzt ein Theosoph, dessen Interesse von der Prae- 
und Postexistenz verschlungen wird, jetzt ein fanatischer Adventist, 
hier ein halluzinierender Ekstatiker, hier ein gegen Gott völlig 
abgesperrter Jesusverehrer oder Marienanbeter. Viele unserer Ana« 
lysanden sind kerngesund im ärztlichen Sinne, viele nicht einmal 
religiös besonders auffällig. Die Fülle der Erscheinungen, mit denen 
wir uns in der Psychoanalyse abgeben, ist von einer ungeheuren 
Mannigfaltigkeit, und wenn Girgensohn mir die Ehre erweist, zu 
behaupten, ich lasse >das religionspsychologisch Interessante« in 
meinem veralteten Werke »Die psychanalytische Methode« voll zu 
Worte kommen <S. 415), so muß ich dies ebenso entschieden 
ablehnen, wie die Behauptung, daß ich diese Erscheinungen meistens 

1 Faber: Das Wesen der Religionspsychologie und ihre Bedeutung für die 
Dogmatik, S. 71 ff. 95. 



396 Dr. Oskar Pfister 



aus sexuellen Motiven erklären zu können glaubte, während ich 
doch einfach, den Tatsachen entsprechend, die neben andern vor- 
handenen Determinanten aus dem Gebiete des Geschledits- und 
Liebeslebens hervorhob. Sogar was James in seinem bekannten 
Buche über »Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit« von 
Äußerungen des religiösen Lebens darbietet, ist von verblüffender 
Armseligkeit gegenüber der ungeheuren Buntheit der religiösen 
Tatsachen. In der psychoanalytischen Methode besitzen wir ein 
ausgezeichnetes Hilfsmittel, um die unterschwelligen Determinanten 
des religiösen Erlebens mit voller Bestimmtheit zu erkennen. 

Hinzu kommt das brennende Bedürfnis, Menschen mit seeli- 
sehen Hemmungen beizustehen. Dazu bedürfen wir einer ver- 
feinerten Religionspsychologic. Was Girgensohn in seinem Bande 
gibt, hat ausschließlich akademisdien Wert. Mit solchem Wissen 
lorkt man keinen Hund hinter dem Ofen hervor und gewinnt für 
das Verständnis des religiösen Mensehen fast gar nidits. Sollte 
der Grundsatz: »Non scholae, sed vitae est discendum« für die 
Religionspsychologen nicht gelten? Sollen wir, wieTolstoj spottet, 
die Blattläuse des Gartens zählen? Ich verlange gar nicht, daß die 
Wissenschaft direkt nur auf praktischen Gewinn ausgehe. Allein 
idi halte es für ein schweres Unrecht, seine Zeit und die des 
Lesers zu vergeuden in Arbeiten, die für das Leben nichts aus- 
tragen, solange die brennendsten Lebensnötc die Arme 
nach uns ausstrecken. Und immer rädn sich jene scholastische 
Betriebsamkeit, die sich um die Not und das Bedürfnis der 
Mensehen nicht kümmert,- mag sie noch so beflissen den Nimbus 
der Exaktheit emporheben, über ein jämmerliches Müdtensieben 
und Kameleverschlucken kommt sie nicht hinaus. 

Die von Girgensohn erstrebte Exaktheit ist eine arge 
Täuschung. Was dem Chemiker und Physiker die erste Bedingung 
eines wirklichen Experimentes erscheint, nämlich daß man alle 
maßgebenden Bedingungen in der Hand habe, fehlt dem psycho- 
logischen Experiment 1 . Külpe hatte ganz recht, wenn er Girgen- 
sohn empfahl, neben den eigentlidien Experimenten »Protokol- 
lierungen spontaner Erlebnisse anzuregen, etwa in Tagebuchform« 
<S. 25>. Er wußte, daß nur ein winziger Bnidneil religiöser Er- 
scheinungen sich auf Kommando herbeirufen läßt. 

' Vgl. meinen Aufsatz: »Die Psychoanalyse als psychologische Methode« 
in dem Buche .Zum Kampf um die Psychoanalyse«. S. 28 ff. 



Die Religionspsychologie am Scheidewege 397 



Man muß das religionspsychologische Problem sehr viel tiefer 
anfassen, als Girgensohn es tat. Die schlimmste Oberflächlichkeit 
hat er glücklich überwunden, wofür er Freud zeitlebens Dank 
wissen will. Das Oberflächlichste auf der weiten Welt ist die reine 
Oberflächen-, d. h. Bewußtseinspsychologie. Ein klein wenig tauchte 
Girgensohn ins Unbewußte ein. Allein sofort blieb er stecken. 
Anstatt dem Unbewußten nachzugehen, versteift er sich auf das 
bequeme Dogma, das besonders Wundt auf dem Kerbholz hat, 
das Unbewußte sei ein asylum ignorantiae, gleichsam die Nacht, 
in der alle Katzen schwarz sind. Um dieses Dogma zu sichern, 
schneidet Girgensohn mit scharfem Messer alle Kausalzusammen= 
hänge so schnell, als es überhaupt möglich ist, ab, um den 
Charakter seines Experimentes nicht zu zerstören. In jedem 
Experiment muß ein bißchen Sukzession von Ursache und 
Wirkung stattfinden, sonst wäre für Girgensohn nidit einmal das 
arme Restchen von Ursächlichkeit übrig geblieben. Das einzige 
Mittel, um das subliminale Schaffen nicht sehen zu müssen, hat 
er mit Geschick zu Rate gezogen: Er schloß schleunigst die Augen, 
als Gefahr drohte, über seine Miniaturversuche hinauszusehen. 
Nun aber vollzieht sich das geistige Leben in großen zu« 
sammenhängenden Entwicklungen. Schon im alten Konversations= 
lexikon von Meyer war 1895 die alte Wahrheit enthalten, daß 
in jedem Augenblicke seelischen Geschehens die ganze psychische 
Vergangenheit mitwirke. Man kann seelische Phänomene in ihrer 
Ganzheit nur entwiddungsgeschichtlich verstehen. Sogar der Anatom 
bedarf der Geschichte, um die Organe des menschlichen Leibes zu 
verstehen/ er muß Embryologie und Stammesgeschichte treiben, um 
seiner Aufgabe zu genügen. Die heutige Psychologie aber steckt 
trotz ihres Experimentes noch fast vollständig da, wo die Botanik 
zur Zeit Linnes stand, obwohl es nichts gibt, das seinem Wesen 
nach so sehr eine geschichtliche Erscheinung ist, wie das Seelen- 
leben. Wundt u. a. versuchten ja freilich, die Entstehung der 
Wahrnehmung, die Entfaltung des Willenslebens, der Sprache, 
Religion usw. aufzusuchen. Aber diese an sich höchst verdienst* 
liehen Arbeiten reichen bei weitem nicht aus. Es gibt keine Wahr« 
nehmung, Sprache, Religion an sich. Wundt hat nämlich in seiner 
Völkerpsychologie keine Religionspsychologie, sondern nur eine 
Art genetischer Mythenforschung zu geben versucht. Wollen wir 
das religiöse Erleben selber verstehen, wie es zu meiner großen 



398 Dr. Oskar Pfistcr 



Freude Girgensohn eigentlich wollte, so müssen wir das einzelne 
Erlebnis im Rahmen des Lebensaufbaues, in seiner Entwicklung, 
seiner biologischen Bedeutung für das Lebensganze untersuchen. 
Nur im Zusammenhang mit dem Lebensganzen können wir die 
einzelne Lebensäußerung, und wäre sie noch so geringfügig, ver- 
stehen. Kleine Versuche, wie Girgensohn sie vornahm, erinnern 
an jenen Geologen, der Gletscherkunde am gefrorenen Wasser- 
tropfen treiben wollte, sich aber wohl davor hütete, den Eisstrom 
selbst zu durchforschen. 

Ich sage nicht, daß die Beobachtung des Wassertropfens 
wertlos sei. Aber wenn jener Unglücklidie zehn Jahre hinter seinen 
paar Wassertropfen sitzt - Girgensohn saß länger an seinen 
Versuchen und ihrer Ausarbeitung! — und wenn er denen, die 
sich auf den Gletscher hinauswagen, nur unberechtigte, sachlich 
durch nichts begründete Kritik widmet, dann würde man ihn kaum 
loben. 

Faber hat die historische Untersuchung der Entstehung und 
Entwicklung der Religion ausdrüddkh der Religionspsychologie ent- 
zogen und der Religionsgeschichte zugewiesen <a. a. O. S. 88). Allein 
wir haben es nicht mit der Religion im allgemeinen zu tun, sondern 
mit dieser und jener religiösen Erscheinung dieser oder jener Person, 
Daß man mit der Oberflächenpsychologie hilflos dastand, war das 
traurige Los der nun glücklich großenteils überwundenen Phase der 
Psychologie. Jetzt aber gilt es, endlich ein Neues zu pflügen. 

Solange die Religionspsychologie im Sinne einer naturwissen- 
schaftlichen Psychologie getrieben wird, solange sie dem Geiste 
nicht gibt, was ihm zukommt, wird sie über die Belanglosigkeit, 
die durch Girgensohns Werk gekennzeichnet wird, nie hinaus- 
kommen. Wer nach einem Menschenalter ungeheuer intensiver 
Experimentierkunst noch immer nicht einsehen gelernt hat, daß 
man auf diesem Wege weder für die Erkenntnis der höheren 
Geistesleistungen, noch für die Beeinflussung des Seelenlebens viel 
Brauchbares zu leisten vermag, soll meinetwegen weiter leeres 
Stroh dreschen. Ich kann solchen Leuten nur wünschen, daß sie 
das Alter des Methusalem um ein Mehrfaches übertreffen, sonst 
tun sie mir bitter leid. 

Daß ein so hervorragender Gelehrter wie Girgensohn, ein 
so feiner Kopf und eine so immense Arbeitskraft, nach Aufgebot 
eines so erheblichen Stückes seiner Lebenszeit so erschreckend 



Die Religionspsydiologie am Sdheidewege 399 



wenig Erhebliches und für das Leben Ersprießliches geleistet hat, 
wird vielleicht dem einen und andern zur Warnung dienen. Viel- 
leicht wird er sich Zeit nehmen, nicht nur, wie Girgensohn, ein 
wenig am Kelche der Psychoanalyse zu nippen, um nach den 
ersten Entdeckerfreuden vor den Schwierigkeiten, die ihr anhaften, 
auszureißen, sondern sich gründlich und womöglich unter kundiger 
Leitung in die Ausübung der schwierigen Methode einführen zu 
lassen. 

Die Religionspsychologie steht an einem Scheideweg. Zwei 
ihrer nichtanalytisdien Führer, Stählin und Girgensohn, wagten es, 
die Frömmigkeit des lebenden Menschen direkt zu untersuchen. 
Nun stellt sich heraus, daß mit atomisierenden Versuchen und 
Analysen nicht weit zu kommen ist und daß ein normales 
Kausalitätsbedürfnis an solchen armen kleinen Querschnitten, und 
wären ihrer Millionen, keine Befriedigung finden kann. 

Was ist da zu tun? Soll man in die alte Papierseligkeit 
zurückfallen und eine neue Herde magerer Prinzipienrößlein herum- 
jagen, das Lebendigste, Geschichtlichste aber, den schaffenden Geist, 
aus dem Totesten, dem geschriebenen Buchstaben, zu erkennen 
trachten? Es wäre Selbstmord der wahrlich schon genug kom- 
promittierten und diskreditierten Religionspsychologie! Sollen denn 
wirklich alle Hoffnungen, die auf den neuen, so grandios von 
Schleiermacher inaugurierten wissenschaftlichen Zweig gesetzt 
worden sind, begraben werden müssen? 

Ich glaube nicht. Es gibt einen verheißungsvollen Weg, der 
dem Wesen des Geistes und dem menschlichen Bedürfnis ange- 
messen ist: Die entwicklungsgeschichtliche Forschung der Psycho* 
analyse. Sie vermeidet Girgensohns unnatürliche Zerreißung der 
wirklidien seelischen Zusammenhänge, sie bedarf keiner Erpressungen 
und Erschleichungen gekünstelter religiöser Erlebnisse, sie dringt 
auf die tiefsten und weitesten heute erreichbaren Ursächlichkeiten, 
indem sie sogar die Embryologie des frommen Erlebnisses im 
Mutterschoß des Unbewußten verfolgt, sie verhilft zur Kenntnis 
religiöser Entwicklungsgesetze, ohne in den Grundfehler der natur- 
wissenschaftlichen Psychologie zu fallen, sie wird dem Historisch- 
Individuellen, wie dem Formalen, Abstrakten gerecht. Sie arbeitet 
innerhalb der Lebenswirklichkeit und dient dem Leben. Nie hat 
es eine geisteswissenschaftliche Methode gegeben, die so sehr 
vom Leben selbst aufgenötigt war. Und das Leben hat seinem 



400 Dr. Oskar Pfister 



Vorkämpfer reichlich Dank gespendet, wenn die Vertreter der 
Handfertigkeitspsychologie, der irrealen Experimentierkünsteleien 
und der öden Prinzipienreiterei ihn mit allen Mitteln der Ent- 
stellung und Verunglimpfung - Girgensohn ist viel zu vornehm, 
um an ihr teilzunehmen! - verfolgten. Ich halte die Psycho- 
analyse für eine theoretisch und praktisch ungemein fruchtbare 
und dankbare, wenn auch nicht für die einzige religionspsycho- 

logische Methode. 

Die Religionspsychologen müssen sich ernstlich entscheiden, 
ob sie sich durch den trügerischen Köder der angeblichen Exakt- 
heit von der deutschen - fast nur noch deutschen - 
einseitigen Experimentalpsychologie einfangen lassen oder zu einer 
lebensgerechten Methode des Beobachtens und Experimentierens 
übergehen wollen. Ohne geist- und religionsgemäße Versuche am 
lebenden Menschen und ohne Erforschung des unbewußten, nicht 
nur dunkelbewußten Schaffens ist alle Religionspsychologie ein 
totgeborenes Kind. 

Girgensohns Berg hat eine Maus geboren. Sein positives 
Verdienst, die mühselige Bearbeitung des religiösen Erlebens, 
rechne ich ihm trotzdem hoch an. Nodi wertvoller aber ist, wenn 
die Leser die nötigen Mittel auftreiben, der negative Dienst: Die 
Warnung vor geschichts- und seelenwidriger Kraftvergeudung. 

Wieviel alle Zweige der grausam verknöcherten Theologie 
durch die neue Tiefenforschung zu gewinnen haben, hoffe ich in 
einer anderen Arbeit zeigen zu können. Und daran soll mich auch 
der Umstand nicht hindern, daß die Bedingungen für eine wirklich- 
keitsgerechte Wissenschaft heute so ungünstig als nur möglich liegen. 



Budidi u&erei Carl Fromme, O. in. b. H., Wien V.