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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften IX 1923 Heft 2"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

IX. BAND 1925 HEFT 2 



EINIGE PROBLEME 
DES JUGENDLICHEN ALTERS 

Von ERNEST JONES 1 

I. Einleitung 

Ich weiß es als verantwortungsvolle und ehrende Aufgabe zuschätzen, 
daß ich auf Ihre Aufforderung hin vor dieser Versammlung spreche, 
die sich aus Forschern auf verschiedenen Wissensgebieten zusammen- 
setzt. Der Gelegenheit entsprechend, war ich bemüht, ein umfassendes 
und allgemein interessierendes Thema auszuwählen. Dabei möchte 
ich einem Mißverständnis, das sich aus seinem Titel ergeben könnte, 
von vorneherein begegnen. Daß ich das Wort „Probleme" gebrauche, 
kann in manchen, besonders in den Pädagogen unter Ihnen, die Er- 
wartung erweckt haben, daß ich mich hier mit praktischen Fragen 
befassen werde, etwa Probleme aufrollen, auf die der Lehrer in seiner 
Arbeit stößt, oder ausführen, wie meiner Ansicht nach der Heran- 
wachsende am sichersten durch die Probleme und Schwierigkeiten 
seiner Entwicklung zu leiten wäre. Einen Vortrag dieser Art würde 
man wahrscheinlich dankbar begrüßen. Trotzdem, fürchte ich werde 
ich jeden enttäuschen müssen, der mit solchen Erwartungen hierher 
gekommen ist. Ich verstehe im folgenden unter Problemen Lücken in 

1) Vortrag, gehalten in der British Psychological Society, Joint Meeting of the General, 
Medical and Educational Sections, 14. März 1922. — Übersetzt von Anna Freud. 
10 IraagoEX/2 



J 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



i 4 6 ER NEST JONES 



unserer Erkenntnis: der Versuch der „Lösung" besteht demnach für 
mich in der Aufzeigung von Beziehungen, die man populär als Ver- 
hältnis von „Ursache und Wirkung" bezeichnen könnte. 

Verweilen wir einen Augenblick bei dem Unterschied zwischen den 
beiden angedeuteten Auffassungsweisen, der für fast alle hierher- 
gehörigen Fragen von besonderer Bedeutung ist. Bekanntlich läuft 
man bei jeder angewandten Wissenschaft Gefahr, zu viel Nachdruck 
auf die Anwendung, zu wenig Nachdruck auf die Wissenschaftlichkeit 
zu legen. In allen Angelegenheiten, die uns persönlich nahegehen, 
— wie in Fragen der Gesundheit, der Erziehung, der Politik — ist 
der Drang zu handeln stärker in uns als das Verlangen nach Erkennt- 
nis. Wir handeln gewöhnlich lieber in Unwissenheit statt untätig zu 
bleiben bis wir durch Forschung Wissen erworben haben. Wir wären 
vielleicht manchmal bereit, Wissen zu verwerten, wenn es ohne über- 
mäßige Anstrengung gewonnen werden kann; im allgemeinen aber 
ist die Notwendigkeit, unter allen Umständen und wie auch immer 
zu handeln, so zwingend, daß der Wunsch zu wissen, welches die 
Folgen unserer Handlungsweise sein werden, daneben kaum in Be- 
tracht kommt. 

Im Gegensatz zu diesem triebhaften Verhalten kann das Ziel der 
Wissenschaft kein andres sein als Erkenntnis. Die einmal erworbene 
Erkenntnis kann uns natürlich nachträglich bei der Entscheidung für 
die eine oder andere Handlungsweise beeinflussen. Hier handelt es 
sich aber um eine andere Art von psychischer Aktivität, die man vom 
wissenschaftlichen Denken unterscheiden muß. Um auf unser heutiges 
Thema zu kommen: ich bin überzeugt, daß es bereits eine Unzahl 
von Vereinigungen, Kongressen, Klubs und Zeitschriften gibt, welche 
Gelegenheit bieten, die Stellungnahme zu den Pubertätserscheinungen 
von pädagogischen und andern Gesichtspunkten aus zu erörtern. 
Daneben darf es zumindest eine Gesellschaft wie die unsere geben, 
deren Absicht ausschließlich die reine Forschung ist und in welcher 
der Wissenstrieb unter vorübergehender Hintansetzung aller übrigen 
Strebungen zur freien Betätigung gelangen kann. Die Tragweite dieser 



EINIGE PROBLEME DES JUG ENDLIC HEN AL TERS r 47 

Bemerkungen soll durch die nachfolgenden Ausführungen noch ver- 
anschaulicht werden. 

Eine zweite Erwartung, die ich allgemeiner bei Ihnen voraussetzen 
darf, brauche ich nicht zu enttäuschen. Sie werden vermuten, daß ein 
Psychoanalytiker kaum über die Pubertät sprechen wird, ohne das 
Wort „Sexualität" zu gebrauchen, eine Behandlung des Themas, die 
mir erschiene wie eine Aufführung des Hamlet ohne den Prinzen von 
Dänemark. Das Sexualleben der Kindheit (d. h. der Zeit vor der Puber- 
tät) wird in der gebildeten Welt allgemein totgeschwiegen oder, wenn 
das Thema überhaupt berührt wird, ausdrücklich geleugnet. Sogar 
das Sexualleben der Erwachsenen gilt in den meisten Lehrbüchern 
der Psychologie als so nebensächlich, daß sie keinen Raum für seine 
Erörterung finden. Zu keiner Zeit aber spielt der Sexualtrieb eine so 
große Rolle im menschlischen Leben wie während der Pubertät, deren 
Hauptmerkmal biologisch eben die Vollendung der sexuellen Reife 
ist. So gibt es tatsächlich kaum eine auf die Pubertät bezügliche Frage, 
die sich ohne Berücksichtigung des einen oder andern sexuellen Fak- 
tors beantworten ließe. 



IL Worin besteht das ,,Erwachse?iu>e? , den <( '? 

Fünf Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen 

Von den vielen hierhergehörigen Detailproblemen, in die man sich 
einlassen könnte, betreffen die meisten irgend eine Seite des großen 
Entwicklungsprozesses, den wir „Erwachsenwerden" nennen. Es 
scheint mir deshalb am besten, eine allgemeine Würdigung dieses 
Vorgangs selber zu unternehmen. Jeder Versuch, seinem Verständnis 
näher zu kommen, wird uns später bei dem Studium der Einzelprobleme 
unterstützen, denen das Hauptproblem etwa so gegenübersteht wie 
ein Hauptsatz den aus ihm abgeleiteten Folgesätzen. 

Fragen wir uns zunächst, worin dieses Erwachsenwerden überhaupt 
besteht, welche Kräfte es fördern oder ihm hinderlich sind, in welchem 



Ö 



J4 8 ERNEST JONES 



Ausmaß und mit welchem Erfolg es gewöhnlich zustande gebracht 
wird. Was geschieht eigentlich während der Pubertät, diesem Über- 
gangsstadium, in dem das Kind zum Erwachsenen heranreift? Viel- 
leicht läßt sich am ehesten eine Antwort finden, wenn wir versuchen, 
die Hauptunterschiede zwischen einem Kind und einem Erwachsenen, 
den Anfangs- und Endprodukten dieses Prozesses, festzustellen. Diese 
Unterschiede sind natürlich zahlreich. Manche von ihnen sind bloße 
Gradunterschiede, Veränderungen, die durch die Zunahme an Alter 
und Erfahrung bedingt und als solche für unsere Zwecke nicht er- 
giebig sind. Andere, charakteristischere wieder ermöglichen uns die 
Beurteilung, inwieweit eine bestimmte Person erwachsen ist, kind- 
liche Züge beibehalten oder abgestreift hat. Mit diesen letzteren wollen 
wir uns vor allem befassen. Da es in der Natur nirgends sprunghafte 
Entwicklungen gibt, sind auch sie Gradunterschiede, aber die hier 
stattfindenden Veränderungen sind auffällig genug, um für prak- 
tische Zwecke die Zusammenfassung in eine eigene Gruppe zu ge- 
statten. 

Die auffälligsten Unterschiede zwischen einem Kind und einem 
Erwachsenen sind schwerer festzustellen, als man glauben sollte. Viele 
Tatsachen, die bei flüchtiger Beobachtung gesichert erscheinen, ge- 
raten ins Schwanken, wenn man näher auf sie eingeht. Oft weiß man 
ohne weiteres, ob eine bestimmte Fähigkeit oder Verhaltungsweise zu 
den typisch kindlichen oder typisch erwachsenen gehört, ohne doch 
das Wesentliche an ihr definieren zu können. Was ich hier vor Ihnen 
vorbringe, ist deshalb nichts Gesichertes, nur Ansätze zu einer Theorie, 
die ich Sie bitte, nur als solche aufzunehmen. 

Untersucht man, warum dieser Vergleich so schwer durchzuführen 
ist, so zeigt sich, daß, wieso oft, eine Ungenauigkeit der Fragestellung 
die Schwierigkeit der Lösung bedingt hat. Unsere Vergleichsobjekte 
sind nicht genügend einheitlich. Weder die Lebenszeit von der Ge- 
burt bis zur Pubertät noch die der Pubertät folgenden Jahre sind ein- 
heitliche Perioden. Beide bedürfen einer weiteren Scheidung, die 
erstere in die erste und zweite Kindheitsperiode, die letztere in die 



EINIGE PROBLEME DES JLG ENDLICHEN AL TERS 149 

Zeit der Pubertät und die des völligen Erwachsenseins \ Ein Vergleich 
der zweiten Kindheitsperiode mit der Pubertät liefert nicht dieselben 
Ergebnisse wie ein Vergleich der andern, ersten Kindheitsperiode mit der 
andern, späteren Periode des Erwachsenseins. Die weitere Verfolgung 
dieses Gedankenganges wird, wie ich meine, zeigen, daß die richtigen 
Vergleichsobjekte erste Kindheitsperiode und Pubertät einerseits und 
zweite Kindheitsperiode und Erwachsensein anderseits wären. Wir 
wollen uns deshalb hier, um für unsern heutigen Zweck die stärksten 
Kontraste zu erhalten, hauptsächlich mit einer Gegenüberstellung der 
beiden Extreme — erster Kindheitsperiode und Erwachsensein — be- 
schäftigen. 



a) Die intellektuelle Entwicklung 

Beginnen wir mit einem der auffälligeren Unterschiede, nämlich 
der stärkeren Ausbildung der intellektuellen Fähigkeiten beim Er- 
wachsenen. Gerade über diesen Punkt fühle ich persönlich die ge- 
ringste Berechtigung zu sprechen und habe gebührende Achtung vor der 
ungeheuren Menge experimenteller Forschungsarbeit, die auf diesem 
Gebiet geleistet wurde. Durch die Ausarbeitung von Tabellen ist es 
möglich geworden, die Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten 
von Jahr zu Jahr zu messen und die intellektuelle Reife des Indi- 
viduums mit seinem Lebensalter zu vergleichen. Forscher wie Burt, 
Yule und andere haben sich bemüht Methoden zu finden, um aus den 
verschiedenen Formen der Intelligenzprüfung die gemeinsamen Ele- 
mente herauszuheben und die Beziehung zwischen diesen und andern 
psychischen Zügen zu erkennen. Aber bei aller Achtung vor solchen 
Leistungen möchte ich hier doch zwei skeptische Bemerkungen ein- 
schieben. Ich bin, vielleicht mit Unrecht, überzeugt davon, daß man 



1) Ich bezeichne als erste Kindheitsperiode das Alter bis zum 5., als zweite Kindheits- 
periode das 5.— 12., als Pubertät das 12.— 18. Lebensjahr. Ich nenne hier das 12. statt des 
14. Jahres als Pubertätsbeginn, weil sich die hierhergehörigen Veränderungen im Psychischen 
früher bemerkbar machen als im Physischen. 



ISO 



ER NEST JONES 



viele dieser Tests von rein psychologischen Gesichtspunkten aus noch 
gründlicher prüfen müßte. Ich meine, man beurteilt sie zu leicht von 
äußerlichen, praktischen, oft durchaus erwachsenen Standpunkten und 
vernachlässigt darüber die Möglichkeit, daß jede Reaktion auf einen 
Test durch komplizierte affektive und gewöhnlich ganz unbewußte 
Faktoren beeinflußt werden kann. Ich möchte ferner ganz allgemein 
hervorheben, daß ich mir in meiner psychoanalytischen Arbeit eine 
sehr hohe Meinung von der kindlichen Intelligenz erworben habe, 
die — wie man durch die Psychoanalyse erfährt — mit zunehmen- 
dem Alter oder auch durch die davon unzertrennliche „Erziehung" 
oft in wichtigen Beziehungen direkt geschädigt wird. Ich mußte 
immer wieder mit Erstaunen feststellen, daß sich bei kleinen Kin-. 
dem eine Kühnheit des Denkens, eine kritisch forschende Wißbegierde 
zeigen kann, von denen in den späteren Lebensjahren des gleichen 
Menschen keine Spur mehr zu finden ist. Dem steht allerdings die 
starke Suggestibilität und die (oft mehr scheinbare als wirkliche) Leicht- 
gläubigkeit des Kindes gegenüber, deren Folgen der anfänglichen Frei- 
heit des Denkens bald ein Ende bereiten. Man gewinnt aber im ganzen 
aus solchen Erfahrungen den Eindruck, daß die experimentelle Intel- 
lektualforschung in das Wesen der Elemente, die sie bemessen will, 
und der vielleicht ganz verschiedenen Prozesse, die man als intellek- 
tuelle Funktionen zusammenfaßt, nicht immer tief genug eindringt. 
Das Interesse der Psychologen war jahrhundertelang ausschließlich auf 
das Studium der Denkprozesse gerichtet $ dafür verstehen wir von diesen 
Vorgängen im Grunde erstaunlich wenig. Es ist anderseits aber auch 
nicht unmöglich, daß gerade diese Ausschließlichkeit der Konzentration 
den geringen Umfang unseres bisherigen Wissens verschuldet hat. 



b) Die Integration 

Ein zweiter Punkt, in dem sich der Erwachsene vom Kinde unter- 
scheidet, ist der bei ihm erreichte höhere Grad von Integration, d. h. 
von Unifizierung der einzelnen Teile oder Gruppen, aus denen das 



EINIGE PROBLEME DES JUGENDLICHEN ALTER S 151 

Seelenleben sich zusammensetzt. Bei Erwachsenen scheint das Seelen- 
leben mehr als bei Kindern als geschlossene Einheit zu funktionieren ; 
so kann man die Handlung eines Erwachsenen im allgemeinen als 
Ausfluß seiner gesamten Persönlichkeit ansehen, während die Hand- 
lungen des Kindes oft nur einer einzelnen, mehr oder weniger iso- 
lierten Strebung Ausdruck verleihen. Verweilen wir noch einen 
Augenblick bei dieser Integration. Wie aus der Gegenüberstellung 
der beiden extremsten Fälle, der überlegten Handlung eines normalen 
Erwachsenen und dem triebhaften Verhalten des kleinen Kindes, her- 
vorgeht, ist ihre Vorbedingung die Ausbildung von aufhaltenden, hem- 
menden Kräften. (In der zweiten Kindheitsperiode ist die Integration 
oft stark vorgeschritten, manchmal weiter als in den unmittelbar darauf 
folgenden Pubertätsjahren $ auf diese Beziehungen zwischen erster 
Kindheitsperiode und Pubertät einerseits, zweiter Kindheitsperiode 
und Erwachsensein anderseits werden wir noch später zurückkommen.) 
Nun ist an der geschilderten Gegenüberstellung vor allem zweierlei 
auffällig. Das triebhafte Handeln des kleinen Kindes entspricht oft 
einer einzigen Triebregung, ist durch andere Strebungen und Über- 
legungen nicht zu beeinflussen und nähert sich darin mehr oder we- 
niger der dissoziierten, autonomen „Komplexaktivität' , mit der wir 
aus der Paraphrenie und andern psychischen Störungen vertraut sind. 
Dieses triebhafte Handeln ist ferner schwer beherrschbar und drängt 
nach sofortiger Äußerung: das kleine Kind kann bekanntlich Aufschub 
und Verzögerungen nicht vertragen. Ich möchte versuchen, einen Zu- 
sammenhang zwischen diesen beiden Zügen herzustellen und das ge- 
ringe Maß an Synthese der einzelnen Seelenregungen in der frühen 
Kindheit mit der Tatsache in Verbindung bringen, daß das kleine Kind 
noch nicht gelernt hat, Erregung ohne sofortige Abfuhr zu vertragen, 
d. h. nicht imstande ist, zwischen der Auslösung des Erregungszustandes 
und der motorischen oder affektiven Reaktion auf ihn ein Intervall ein- 
zuschieben. Ich kann an dieser Stelle nicht genauer auf den Zusammen- 
hang zwischen der fortschreitenden Vereinheitlichung des Seelen- 
lebens und der fortschreitenden Ausbildung von hemmenden Kräften 



152 EKNEST JONES 



eingehen. Fügen wir nur noch hinzu, daß die Erwerbung von Hem- 
mungen, d. h. die Fähigkeit, ein größeres Maß von psychischer Un- 
lust zu ertragen, bei der langsamen Unterwerfung des Lust-Unlust- 
prinzips unter das Realitätsprinzip eine hervorragende Rolle spielt. 
Man erhält hier den Eindruck, daß ein besseres Verständnis der 
Integration manche Aufklärung über den Unterschied der intellek- 
tuellen Leistungsfähigkeit in den verschiedenen Lebensaltern geben 
wird. Die höheren Verstandesleistungen, die Fähigkeit, in abstrakten 
und allgemeinen Begriffen zu denken, scheinen nämlich von der 
Konzentrationsfähigkeit abzuhängen, bei der wieder Synthese und 
Hemmungen eine wichtige Rolle spielen. 



c) Das Gefühls- und Afjektleben 

Der dritte unterscheidende Faktor, ein weniger einheitlicher als 
die vorhergehenden, betrifft bestimmte Eigenheiten des Affekt- und 
Phantasielebens. Bei flüchtiger Gegenüberstellung scheint das Phan- 
tasieleben bei Kindern und Erwachsenen (besonders bei jüngeren Er- 
wachsenen) gleichmäßig stark ausgebildet; erst bei näherer Betrach- 
tung werden verschiedene charakteristische Unterschiede auffällig. 
In den kindlichen Phantasien ist der egozentrische Charakter deut- 
licher ausgeprägt als in den Phantasien der späteren Jahre. Während 
jüngere Männer und Frauen oft komplizierte Phantasien bilden, in 
denen sie selber scheinbar gar nicht vorkommen, ist der Held der 
kindlichen Phantasie fast nie zu verkennen. Der kindlichen Phantasie 
fehlt ferner ein bestimmtes sehnsüchtiges Verlangen, ein Übersich- 
hinauswollen, ein Streben, die Grenzen des Endlichen zu überschrei- 
ten, mit dem wir besonders aus der Zeit der Spätpubertät vertraut 
sind. Regungen dieser Art können sich in den verschiedensten Ver- 
kleidungen, als religiöse, als künstlerische, dichterische oder rein so- 
ziale Bestrebungen äußern j ihr charakteristischer Grundton bleibt 
aber immer ein Gefühl von der Unvollkommenheit oder Minder- 



I 



EINIGE PROBLEME DES JUGENDLICHEN ALTERS 153 

Wertigkeit des eigenen Ichs und das dringende Verlangen nach An- 
schluß an eine Idee oder ein Wesen außerhalb der eigenen Person. 
Gleichzeitig pflegen sich auch die altruistischen Regungen stärker 
zu entwickeln, wie überhaupt den jetzt beschriebenen Zügen mög- 
licherweise die Höherentwicklung des Liebesvermögens und Liebes- 
dranges zugrunde liegt, zum Unterschied von dem zeitlich älteren 
Bedürfnis geliebt zu werden, das uns als einer der hervorstechendsten 
Züge des Kindesalters entgegentritt. 

Betrachten wir in diesem Zusammenhange auch die Beziehungen 
zwischen Phantasie und Realität in den verschiedenen Lebensaltern. 
Im allgemeinen gewinnt man den Eindruck, daß das Phantasieleben 
zweimal im Laufe der individuellen Entwicklung in engere Abhängig- 
keit von den realen Verhältnissen der Außenwelt gebracht wird: das 
erstemal während des Überganges von der ersten zur zweiten Kind- 
heitsperiode, das zweitemal definitiver während des Überganges von 
der Pubertät zum späteren Erwachsensein. Der hier gemachte Fort- 
schritt entspricht dem oben er wähnten Fortschritt von Selbstgenügsam- 
keit und Selbstzufriedenheit zur Besetzung der Außenwelt mit Interesse 
und Liebe. Wir können sagen : es geht hier eine Entfaltung der Persön- 
lichkeit vor sich, welche die leichtere Wendung des Gefühls vom eigenen 
Ich auf die Außenwelt ermöglicht. Diesem großen Entwicklungs- 
vorgang läßt sich natürlich eine Unzahl von Einzelverschiedenheit 
an die Seite stellen: so z. B. das ungleich stärkere Hervortreten von 
Egoismus und Grausamkeit während der Kinder jähre. 



d) Die Abhängigkeit 

• 

Eine vierte Gruppe von Unterschieden umfaßt spezifische Verände- 
rungen, die das Verhältnis des Einzelnen zu seiner Umwelt betreffen. 
Die auffälligste unter ihnen ist die Verminderung in der Abhängig- 
keit des Individuums. Ich gebrauche mit Absicht das Wort „Vermin- 
derung", denn es gibt kaum einen Erwachsenen, bei dem sich nicht 



134 ER NEST yONES 



wenigstens Spuren des alten kindlichen Abhängigkeitsgefühls nach- 
weisen ließen 5 stärker ausgeprägt ist es in allen Lebensaltern häufig 
genug zu finden. Die Wandlung auf diesem Gebiet ergibt einen der 
wichtigsten Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern und das 
Maß, in dem sie zustande gebracht worden ist, das verläßlichste Kri- 
terium bei der klinischen Entscheidung, inwieweit eine bestimmte 
Person die Aufgabe des Er wachsen werdens bewältigt hat. Reste der 
früheren Einstellung können sich in den verschiedensten Eigenheiten 
zeigen, von abnormer Schüchternheit und Verlegenheit in Gegen- 
wart Vorgesetzter bis zu allen Arten von Überempfindlichkeit gegen- 
über der öffentlichen Meinung, den Äußerungen der Umwelt oder 
sogar der Dienstboten. Es gibt auch Menschen, die bei jedem Vorhaben 
auf eine Bestätigung von außen warten, die nicht wagen, sich auf 
ihre eigene Initiative zu verlassen oder sie auch nur zu gebrauchen, 
nicht, den Mut haben, selbständig zu handeln oder zu denken, ja die in 
extremen neurotischen Fällen nicht einmal ohne Begleitung gehen 
können. Schon die rein intellektuellen Erscheinungen sind außer- 
ordentlich mannigfaltig. Es gibt alle Grade von Dummheit, die den 
Anschein intellektueller Defekte erwecken, in Wirklichkeit aber nur 
durch Hemmungen bedingt sind. Die Zahl der Menschen, die ihre 
intellektuellen Kräfte wirklich frei gebrauchen können, ist überhaupt 
nicht groß. 

Die Analyse der verschiedenen Äußerungen des Abhängigkeits- 
gefühls hat viel zu seinem besseren Verständnis beigetragen. Ihr wich- 
tigstes Ergebnis war, daß jede psychische Abhängigkeit im Grunde 
auf eine ungelöste Bindung an einen der Elternteile zurückgeht, be- 
sonders auf die Angst, das Mißfallen dieses Elternteils zu erregen und 
damit seine Liebe zu verlieren. Die für den ganzen Entwicklungs- 
vorgang so wichtige Wandlung von der Abhängigkeit zur Unabhängig- 
keit hängt also mit dem Problem der Bindung an die Eltern und der 
Ablösung von ihnen innig zusammen. 

Unternehmungsgeist, Verantwortlichkeitsgefühl, Initiative und 
Selbstvertrauen sind Charakterzüge, die im allgemeinen beim mann- 



EINIGE PROBLEME DES JUGENDLICHEN AL TERS 155 

liehen Geschlecht stärker ausgeprägt sind. Unter den äußeren Ein- 
flüssen, die für ihre Entwicklung in Betracht kommen, treten ferner 
die Erlebnisse auf sexuellem Gebiet besonders hervor; so das Aufgeben 
des Abwehrkampfes gegen die Masturbation und der an sie geknüpf- 
ten Schuldgefühle, die erste Ausführung des Geschlechtsverkehrs, 
die Heirat und die Geburt des ersten Kindes; auch der Tod des be- 
deutungsvollen Elternteils spielt eine wichtige Rolle. Schon diese 
Bemerkungen verweisen auf die Möglichkeit eines Zusammenhangs 
der besprochenen Erscheinungen mit dem psychosexu eilen Leben; 
wir werden im weiteren sehen, daß noch andere Beobachtungen zu 
der gleichen Folgerung führen. 



e) Die sexuelle Reife 

Der jetzt folgende, letzte Punkt unserer Aufzählung betrifft den 
markantesten und eindeutigsten Unterschied zwischen Kindern und 
Erwachsenen, mit dem wir uns deshalb eingehender beschäftigen 
müssen: nämlich die sexuelle Reife. Noch vor wenigen Jahren wäre 
es einfach gewesen, ihn zu definieren. Man hätte gesagt, die Ver- 
schiedenheit liege in dem Fehlen der Sexualität beim Kinde gegen- 
über ihrem Vorhandensein beim Erwachsenen. Dieser Standpunkt 
ist aber seit den Forschungen Freuds und seiner Schule unhaltbar 
geworden. Wir wissen heute, daß in jeder menschlichen Gemeinschaft 
starke Motive wirksam sind, die den Erwachsenen zwingen, die Äuße- 
rungen der kindlichen Sexualität einerseits auf jede nur mögliche 
Weise einzuschränken, und sich anderseits über die sexuelle Natur 
derartiger Äußerungen hinwegzutäuschen; durch die Kombination 
beider Methoden ist die fast völlige Verleugnung der kindlichen Sexua- 
lität zustandegekommen. Inwieweit dieses Verhalten der Erwachsenen 
einer nützlichen biologischen Funktion entspricht, inwieweit es nur 
eine soziologische Erscheinung darstellt (eine durch Eifersucht hervor- 
gerufene und durch Verdrängung festgehaltene Einstellung), ist ein 



156 ERNEST JONES 



wichtiges Problem, das Flügel in seiner kürzlich erschienenen „Psycho- 
Analytic Study of the Family" in anregender Weise behandelt. Uns 
wird im folgenden vor allem die Umwandlung beschäftigen, die 
während der Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen auf dem Ge- 
biete des Sexuallebens vor sich geht. 

Die psychoanalytische Erforschung des kindlichen Sexuallebens 
hat bekanntlich zu folgenden Ergebnissen geführt. Während der ersten 
vier bis fünf Lebensjahre ist das Sexualleben des kleinen Kindes in 
physischer und psychischer Beziehung außerordentlich reichhaltig; 
es durchläuft in dieser Zeit eine Reihe von charakteristischen Stadien, 
mit denen wir uns noch eingehend befassen werden. Seine Äuße- 
rungen unterscheiden sich stark von den Sexualäußerungen Erwach- 
sener und ähneln eher den Sexualäußerungen der Primitiven oder 
der tierischen Vorläufer des Menschen; dieser atavistische Charakter 
hat viel zur Verkennung ihrer sexuellen Natur beigetragen. Die in- 
fantilen Sexualregungen verschwinden im allgemeinen mit Beginn 
der zweiten Kindheitsperiode. Zum Teil sind sie in neue, nicht-sexuelle 
Bahnen gelenkt, d. h. sublimiert worden, zum andern Teil der Ver- 
drängung erlegen, so daß sie nur mehr im Unbewußten existieren; 
einige führen noch ohne Wissen der Erwachsenen ein verborgenes 
Dasein und die einzigen, denen man auch weiterhin die Existenz- 
berechtigung zugesteht, werden durch Hemmungen verhindert, ihr 
natürliches Ziel zu erreichen. Zu den letztgenannten gehört der Wunsch 
geliebt zu werden, angemessene Liebkosungen zu empfangen und zu 
erweisen, also die zärtlichen Impulse des Kindes, die von den Eltern 
und den übrigen Autoritäten gerne gesehen und gefördert werden. 
Charakteristisch für sie ist, daß der Wunsch geliebt zu werden in 
ihnen stärker hervortritt als der Drang zu lieben oder — was fast 
das gleiche bedeutet — daß das Ich in der Liebesbeziehung eine größere 
Rolle spielt als das Objekt; charakteristisch für sie ist ferner ihre schon 
erwähnte Zielgehemmtheit. 

Auf die wichtigen physischen Veränderungen während der Puber- 
tät können wir hier nicht eingehen, nur auf die ebenso wichtigen 



I 



EINIGE PROBLEME DES JU G E ND LI C H E N ALT ER S 157 

Wandlungen, die sie im Psychischen begleiten. Mit ihnen beginnt 
der Prozeß, der schließlich mit der Ersetzung des eben geschilderten 
Sexualtypus der zweiten Kindheitsperiode durch das erwachsene Sexual- 
leben seinen Abschluß findet. Nach Beendigung dieses Prozesses sind 
drei Veränderungen vor sich gegangen: die Sexualtriebe sind nicht 
mehr zielgehemmt 5 sie sind auf fremde Objekte gerichtet statt wie 
bisher auf die Eltern und die Personen der nächsten Umgebung; und 
der Wunsch geliebt zu werden ist, besonders beim männlichen Ge- 
schlecht zugunsten der Fähigkeit zu lieben in den Hintergrund ge- 
treten. 



III. Die Wiederbelebung der Phasen der infantilen 
Sexualentwicklung während der Pubertät 

Ehe diese großen Veränderungen aber vor sich gehen können, muß 
das Übergangsstadium der Pubertät passiert werden 5 das geschieht 
in sehr bemerkenswerter Weise. Während der Pubertät findet nämlich 
eine Rückwendung zur allerersten, frühinfantilen Periode statt, so 
daß das Individuum auf einem neuen Niveau den Entwicklungsgang 
seiner fünf ersten Lebensjahre noch einmal durchläuft. Verweilen 
wir bei dieser Beziehung zwischen erster Kindheitsperiode und Puber- 
tät, dem wichtigsten Stück Theorie, auf das ich heute Ihre Auf- 
merksamkeit zu lenken habe; ich meine, es eröffnet uns einen Zugang 
zum Verständnis vieler hierhergehörigen Fragen. Das Individuum 
rekapituliert und erweitert also im zweiten Dezennium seines Lebens 
den Entwicklungsgang seiner fünf ersten Lebensjahre, ebenso wie es 
während dieser fünf ersten Lebensjahre Jahrtausende aus dem Leben 
seiner Vorfahren und während seines intra-uterinen Lebens Jahr- 
millionen rekapituliert; das gilt wahrscheinlich nicht nur für die rein 
sexuelle Seite des psychischen Lebens, an der wir es nur am besten 
beobachten können. Natürlich verstehe ich unter Rekapitulieren kein 
einfaches Wiederholen, ebensowenig wie man unter dem Rekapitu- 



r 5 S ERNEST JONES 



lieren der phylogenetischen Entwicklung im embryonalen Stadium 
eine wirkliche Wiederholung versteht. Gerade weil der Entwicklungs- 
prozeß in allen drei Fällen keine genaue Reproduktion der vorher- 
gegangenen ist, sind die Gemeinsamkeiten zwischen den früheren 
und späteren Stadien wenig auffällig und lange nicht gewürdigt 
worden. Die Unterschiede zwischen ihnen sind offenbar darauf zurück- 
zuführen, daß die Entwicklung jedesmal unter ganz veränderten Ver- 
hältnissen vor sich geht. 

Wir wollen im Folgenden die Sexualentwicklung während der 
ersten Kindheitsperiode mit der Sexualentwicklung während der Puber- 
tät den Einzelheiten nach vergleichen. Hier wie dort lassen sich fünf 
Phasen unterscheiden, die in wesentlichen Punkten miteinander über- 
einstimmen. Leider kann man sie nicht anders als schematisch be- 
schreiben, denn die Zusammengesetztheit, Fülle und Variabilität der 
Faktoren, die den Entwicklungsvorgang beeinflussen, macht jede kor- 
rekte Reduktion auf eine einfache Formel unmöglich. Gelingt seine 
Verfolgung aber, so findet man im allgemeinen auch die fünf Phasen, 
etwa in der hier angegebenen Reihenfolge, angedeutet. Allerdings 
darf man auch wieder keine scharfe Sonderung der einzelnen Phasen 
voneinander erwarten: sie pflegen ineinander überzugehen und 
können auch gleichzeitig auftreten. Lassen wir nach dieser ein- 
schränkenden Bemerkung ihre Aufzählung folgen. Die erste ist die 
Phase des diffusen Autoerotismus, in der die verschiedenen Körper- 
öffnungen die wichtigste Rolle spielen. Auf sie folgen die verschie- 
denen Einzelstadien, die wir als prägenitale Organisationen bezeichnen; 
hier wissen wir von der anal-sadistischen Organisation am meisten, 
für die das Hervortreten des sadistischen Partialtriebes, kombiniert 
mit zahlreichen physischen und psychischen Abkömmlingen der Anal- 
erotik charakteristisch ist. Die dritte Phase wird durch Herstellung 
des Primats der eigentlichen Genitalzone und durch die Ausbildung 
des Narzißmus gekennzeichnet. In naher Beziehung zu ihr steht die 
homosexuelle Phase, die je nach dem Individuum in ihrer Intensität 
stark variiert. Die fünfte Phase schließlich ist die der hetero-sexuellen 



L 



EINIGE PROBLEME DES JUGENDLICHEN ALTERS 159 

Objektwahl, bei der alle Sexualstrebungen auf eine Person des ent- 
gegengesetzten Geschlechtes gerichtet werden. 

Wie oben erwähnt, werden diese Phasen während der ersten Kind- 
heitsperiode und während der Pubertät auf verschiedenem Niveau, 
aber beim selben Individuum in sehr ähnlicher Weise durchlaufen. 
Diese Behauptung stützt sich auf die direkte Untersuchung der Sexual- 
entwicklung bei bestimmten Personen. Durchforscht man z. B. die 
Kindheit eines Menschen, der in der Pubertät die masturbatorische 
Phase besonders schwer überwindet, so findet man rein empirisch, 
daß in der früheren Periode in derselben Beziehung ähnliche Schwierig- 
keiten bestanden haben. Sind in der Pubertät die homosexuellen Nei- 
gungen besonders ausgesprochen, so kann man nachweisen, daß das 
gleiche in der frühen Kindheit der Fall war, u. a. m. Zahlreiche Er- 
fahrungen dieser Art haben mich zur Aufstellung des oben angefühlten 
allgemeinen Satzes bewogen, in dem ich behaupte, daß die Pubertät 
eine Wiederbelebung der ersten Kindheitsperiode bedeutet und daß 
die Art, wie ein bestimmtes Individuum die Entwicklungsphasen der 
Pubertät durchläuft, zum größten Teil durch den Verlauf seiner in- 
fantilen Entwicklung vorherbestimmt ist. Ich möchte im folgenden 
zu der früher gegebenen schematischen Beschreibimg der Sexual- 
entwicklung während der Pubertät noch einige Erweiterungen hin- 
zufügen. Daß man die autoerotische Phase eher der Früh- als der 
Spätpubertät zurechnen muß, ist allgemein bekannt. Zu ihr gehört 
die Neigung zur Introversion und das reichere Phantasieleben ebenso 
wie die intensivere Beschäftigung mit der eigenen Person und die ver- 
schiedenen Grade von Schüchternheit und Verlegenheit, die den Heran- 
wachsenden so häufig auszeichnen. Die anal-sadistische Phase ist nicht 
immer gleich deutlich; aber die Verwandlung eines netten sanften 
Zehnjährigen in einen derben, unordentlichen Dreizehnjährigen ist 
zum großen Bedauern seiner weiblichen Verwandten kein seltenes 
Vorkommnis. Überspanntheit, Unpünktlichkeit, Eigensinn, Sammel- 
wut und andere Charakterzüge analerotischer Herkunft pflegen in 
diesem Alter besonders hervorzutreten. Der Narzißmus kann sich 



i6o ERNEST JONES 



ebenso leicht positiv wie negativ ausdrücken; denn die Anmaßung, Ein- 
bildung und Selbstsicherheit der Jugend ist für diese Entwicklungs- 
phase ebenso charakteristisch wie die entgegengesetzten Züge von 
Selbstherabsetzung, Unsicherheit und Mangel an Zutrauen; die beiden 
Einstellungen wechseln gewöhnlich beim selben Individuum mit- 
einander ab. Die homosexuelle Phase erscheint öfter positiv als negativ, 
wie überhaupt homosexuelle Neigungen während der Pubertät häufiger 
sind als in irgendeinem späteren Lebensalter; daß ihre Intensität je 
nach dem Individuum außerordentlich verschieden sein kann, ist selbst- 
verständlich bekannt. Die hetero-sexuellen Strebungen haben in den 
beiden Perioden gewöhnlich ganz verschiedene Schicksale: hier wie 
dort pflegen sie die aufgestellten Schranken zu durchbrechen und ein 
direktes Sexualziel zu erreichen. Während dieser Triebanteil aber in 
der Kindheit mehr und mehr den zielgehemmten Trieben (Familien- 
liebe usw.) untergeordnet wird, erstarken aus physiologischen Grün- 
den in der Pubertät allmählich die direkten Sexualtriebe; oft setzt ein 
erbitterter Konflikt zwischen den beiden Triebarten ein, bis schließ- 
lich durch die Vereinigung beider in einem glücklichen Liebesver- 
hältnis die Harmonie hergestellt wird. 

IV. Anwendung der entwickelten Gesichtspunkte 
auf die aufgezählten Unterschiede 

Wir haben bisher fünf Unterschiede zwischen Erwachsenen und 
Kindern aufgezählt, auf die ich jetzt der Reihe nach den eben auf- 
gestellten Satz von der Verwandtschaft zwischen Pubertät und erster 
Kindheitsperiode anwenden möchte. Die beiden ersten Unterschiede, 
die den Grad der intellektuellen Entwicklung und der Integration 
betreffen, kann man gemeinsam behandeln. Ich habe oben ausgeführt, 
daß die Ausbildung von Hemmungen an der ersteren Veränderung 
wahrscheinlich einen wichtigen, an der zweiten den allergrößten An- 
teil hat. Nun ist es bemerkenswert, daß die beiden Perioden, in denen 



EINIGE PROBLEME DES JUGENDLICHE N ALTERS 161 

die meisten Hemmungen erworben werden, die erste Kindheitsperiode 
und die Pubertät sind. Was in jeder erlernt wird, mag der Form nach 
verschieden sein, ist aber dem Wesen nach das gleiche. Das kleine 
Kind lernt in seinen ersten Lebensjahren, die verschiedenen Reize. 
die auf seinen psychischen Apparat (und natürlich auf das Nerven- 
system) einwirken, in Schwebe zu halten, sie ohne sofortige affektive 
oder motorische Reaktion zu ertragen, die Reaktionen auf den geeig- 
netsten Moment aufzuschieben und diese Reize mit andern in seinem 
psychischen Apparat wirksamen Kräften in Verbindung zu setzen. 
Beim Übergang zur Reife erwirbt der Heranwachsende die Fähigkeit, 
erhöhte Reizspannungen zu ertragen, in noch höherem Maße. Das 
typischeste Beispiel aus der infantilen Periode ist die Erwerbung der 
Herrschaft über die Exkretionsvorgänge, an der wir die obige Be- 
schreibung Punkt für Punkt veranschaulicht finden. Auch die einer- 
seits selbständig, anderseits durch Erziehungseinflüsse zustande kom- 
menden Veränderungen während der Pubertät bestehen zum größten 
Teil in der Erwerbung von „Selbstbeherrschung"; hierher gehörenzahl- 
lose, allbekannte Beispiele, die ich nicht einzeln aufzuzählen brauche. 
Vielleicht könnte man als einen Unterschied zwischen den beiden 
Perioden hervorheben, daß in der frühen Kindheit mehr Wert auf 
die allmähliche Beherrschung der willkürlichen motorischen Äuße- 
rungen, in der Pubertät auf die Beherrschung der Affektäußerungen 
gelegt wird. Das kleine Kind lernt, Handlungen zu unterdrücken 
wenn sie ungelegen sind, der Heranwachsende, seine Gefühlsäuße- 
rungen einzuschränken (nicht nur zu ungelegener Zeit, sondern immer). 
Das Erstarken der hemmenden Kräfte in den genannten Lebens- 
altern muß damit zusammenhängen, daß in diesen beiden Perioden 
das menschliche Affektleben seine größte Intensität erreicht- die 
Hemmungen sind wahrscheinlich eine Reaktion auf den Affektansturm 
der diese Lebenszeiten charakterisiert. Dem Hemmungsvorgang nahe 
verwandt, wahrscheinlich überhaupt eine seiner Äußerungen, ist ferner 
die Verdrängung, die gleichfalls während erster Kindheitsperiode und 
Pubertät die Zeiten ihrer stärksten Aktivität hat. Wir alle kennen die 

ii Imago IX/2 



i62 ERNEST JONES 

Folgen der Verdrängung für die erste Kindheitsperiode: der größere 
und wichtigste Teil der fünf ersten Lebensjahre wird regelmäßig ver- 
gessen und für das Bewußtsein unzugänglich (Definition des Begriffs 
„Verdrängung") } oft hinterläßt die ganze Periode überhaupt keine 
einzige Erinnerung. In der Pubertät setzt eine zweite große Ver- 
drängungswelle in einer zu jeder andern Zeit unerreichten Stärke'ein. 
Vorstellungen, die bis dahin ohne weiteres im Bewußtsein geduldet 
waren, wie z. B. das Verlangen nach lustvollen Liebkosungen von 
Seiten der Eltern 1 , werden für immer verdrängt und andere, z. B. 
Vorstellungen sinnlicher Natur, werden verbannt, um erst später 
wieder freien Zugang zum Bewußtsein zu erhalten. 

Als die beiden charakteristischen Merkmale des dritten Unter- 
scheidungspunktes nannten wir die stärkere Betonung der altruisti- 
schen Regungen, die Besetzung der Nebenmenschen und der Außen- 
welt im allgemeinen mit Interesse und Liebe und die fortschreitende 
Ersetzung des Phantasielebens durch Anpassung an die Wirklichkeit, 
die Ablösung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip. Beide spielen 
die größte Rolle in der Spätpubertät und während des Übergangs 
zum völligen Erwachsensein, in der Kindheit dementsprechend in der 
Zeit des Übergangs von der ersten zur zweiten Kindheitsperiode. Sie 
scheinen im Sexualleben der Wendung von der Befriedigung an der 
eigenen Person zur Heteroerotik zu entsprechen, d. h. der Wendung 
von Autoerotismus, Narzißmus und in einem gewissen Grad auch 
Homosexualität (die man fast als eine Abart des Narzißmus bezeichnen 
könnte), zur Wahl eines Liebesobjekts. Diese Parallele mit dem Sexual- 
leben macht uns die oben beschriebene Veränderung in der Richtung 
zum Altruismus verständlich, bei dem es sich ja hauptsächlich um 
eine Ausdehnung der libidinösen Besetzung des Ichs auf die umgeben- 
den Objekte handelt. Auch das Verhältnis zwischen Phantasie und 
Realität steht mit dem Sexualleben in Zusammenhang, allerdings, wie 
Freud ausführt, nicht von vornherein. Die Phantasieerlebnisse und 

l) Natürlich muß nicht der Vorgang selber als unerträglich empfunden werden; aber 
auch das kann vorkommen. 



EINIGE PROBLEME DES J b G E N D L I C H EN A LT ER S 163 

Phantasiebefriedigungen treten in Konkurrenz mit den Erlebnissen 
und Befriedigungen, welche die reale Außenwelt dem Individuum 
zu bieten hat. Daß die letztere schließlich Siegerin bleibt, ist vor allen 
Dingen dem Fortschritt vom Autoerotismus zur Heteroerotik zu- 
zuschreiben. In der Phase des Autoerotismus ist die Befriedigungs- 
quelle (das Ich) jederzeit zugänglich, so daß das Individuum in weit- 
gehendem Maße von der Außenwelt unabhängig ist. Dagegen wird 
mit der Entwicklung zur Heteroerotik die Notwendigkeit, sich an 
die Außenwelt anzupassen, immer zwingender ; die Aufrichtung der 
Herrschaft des Realitätsprinzips ist wahrscheinlich zum großen Teil 
auf diese Verhältnisse zurückzuführen. Beim Fortschritt vom Auto- 
erotismus zur manifesten Heterosexualität spielt die Phantasie die 
Rolle des Vermittlers, wie auch beim Übergang von der verpönten 
inzestuösen Objektliebe zur gestatteten Objektwahl. 

Der vierte unterscheidende Faktor, die Abhängigkeit des Kindes, 
wird oft mißverständlich aufgefaßt, weil man in dieser wie in vielen 
andern Hinsichten die kindliche Situation vom Standpunkt des Er- 
wachsenen beurteilt. Weil der Erwachsene weiß, daß das Kind ohne 
seine Wartung und Pflege zugrunde gehen müßte, möchte er glauben, 
daß auch das Kind diesen Zusammenhang erfaßt, sich ganz vom Er- 
wachsenen abhängig fühlt und erst langsam zu einer gewissen Selb- 
ständigkeit herangebildet werden muß. Er betrachtet, mit andern 
Worten, die Frage der Abhängigkeit des Kindes von den realen er- 
wachsenen Verhältnissen aus und projiziert die gleiche Einstellung 
auch auf das kindliche Denken. Ich halte diese Auffassung der Sach- 
lage aber für ganz einseitig. Die Bedürfnisse des kleinen Kindes wer- 
den so automatisch befriedigt und die Scheidung, die es zwischen 
seinem Ich und der Außenwelt vornimmt, ist noch so unvollkommen 
daß man ihm viel eher ein Machtbewußtsein als das Gefühl der Hilf- 
losigkeit zutrauen dürfte; auch wir würden uns wahrscheinlich für 
sehr mächtig halten, wenn wir auf dieselbe sichere und schnelle Er- 
füllung unserer Wünsche rechnen dürften. Das Abhängigkeitsgefühl, 
das überhaupt erst während der späteren Entwicklung des Kindes 
11* 



164 ERNEST JONES 



auftritt, hat meiner Ansicht nach ursprünglich nichts damit zu tun, 
daß das kleine Kind in bezug auf sein materielles Wohl, auf Nahrung, 
Kleidung usw., auf die Eltern angewiesen ist; es betrachtet diese Dinge 
als selbstverständlich, so daß sie psychologisch nicht bedeutsam sind. Die 
Analyse extremer Fälle von Abhängigkeit zeigt, daß hier das Liebes- 
bedürfnis des Kindes die viel größere Rolle spielt und verlegt 
die Entstehung dieser Gefühle in die heteroerotische oder Odipus- 
phase der ersten Kindheitsperiode. Zwischen dem sechsten und zwölf- 
ten Lebensjahr soll das Abhängigkeitsgefühl normalerweise allmählich 
abnehmen, um mit Beginn der Pubertät in veränderter Form wieder 
aufzutreten; am typischesten ist hier die bekannte Verschiebung der 
Bewunderung und Unterordnung von der Person des Vaters auf die 
Gottesidee. Psychologisch muß dieses Liebesbedürfnis den Sexualtrieben 
zugerechnet werden; die zu ihm gehörigen Regungen unterscheiden 
sich aber von den eigentlichen Sexualtrieben durch ihre mehr oder 
weniger vollkommene Zielgehemmtheit in sexueller Hinsicht. Sie 
streben statt nach körperlicher Vereinigung nach einer Gefühlsver- 
bindung. Von der infantilen Ödipuseinstellung, auf die der Heran- 
wachsende regrediert, wird zur Zeit der Pubertät nur die Beziehung 
zum Vater (beim Knaben) als Feindseligkeit und Rivalität in positiver 
Form manifest; der Mutter gegenüber äußert sich die Ödipuseinstellung 
gewöhnlich in negativer Form in der Zurückweisung der bis dahin 
geduldeten Liebkosungen und Zärtlichkeiten. Das Verhältnis zu andern 
Liebesobjekten wird gleichzeitig lebhafter und das Bedürfnis geliebt 
zu werden zugunsten der aktiven Liebestähigkeit verringert. Wenn 
das völlige Erwachsensein erreicht ist, werden die inzestuösen Bindungen 
gelöst; das Individum findet ein fremdes Liebesobjekt, auf das sich 
jetzt die zielgehemmten und die direkten Sexualtriebe vereinigt richten. 
Gelingt dies vollständig, so ist auch die erwachsene Selbständigkeit 
in allen Stücken aufgerichtet. Wir können also die Abhängigkeit oder 
Unselbständigkeit als Fortdauer einer inzestuösen Bindung der Libido, 
die Unabhängigkeit oder Selbständigkeit als deren andersartige Ver- 
wendung definieren. Die nicht mehr inzestuös gebundene Libido kann 



EINIGE PROBLEME DES JLGENDLICHEN ALTER S 165 

entweder ein Liebesobjekt besetzen oder sublimiert werden 5 gewöhn- 
lich ist beides der Fall. 

Ihre Richtigkeit vorausgesetzt, sind die vorstehenden Überlegungen 
von besonderer Bedeutung für die Pädagogik. Ein Kind kann sich 
natürlich selbst erziehen, im allgemeinen aber verstehen wir unter 
Erziehung die zu ganz bestimmten Zwecken vorgenommene Einwir- 
kung auf ein Kind von seiten einer zweiten Person. Ich möchte be- 
haupten, daß die stärkste Triebkraft, die man — bei der Haus- oder 
Schulerziehung — dabei in Anspruch nimmt, die von uns sogenannte 
„zielgehemmte Libido", inzestuöser Herkunft ist, also der gleiche Fak- 
tor, den wir auch für das Phänomen der Abhängigkeit verantwortlich 
machen. Wenn die Libido diese Form gar nicht oder nur ganz vor- 
übergehend annimmt, dann ist das betreffende Kind unter sonst gleich- 
bleibenden Umständen um so schwerer erziehbar 1 . Der Erziehung sind 
also in zwei verschiedenen Hinsichten Grenzen gesetzt, einerseits durch 
die autoerotischen Betätigungen, anderseits durch die heteroerotischen, 
nicht-inzestuösen Bindungen der Libido, beides Abfuhrmöglichkeiten, 
die sich der Erzieher nicht dienstbar machen kann. Die zweite Form 



1) Man soll hieraus nicht schließen, daß manifeste Sexualäußerungen (auto- oder hetero- 
erotischer Natur) und Erziehbarkeit in umgekehrtem Verhältnis zueinander stehen müssen. 
Die Sachlage wird dadurch kompliziert, daß exzessive Verdrängungstätigkeit, die zur völ- 
ligen Unterdrückung jeder Sexualäußerung führt, sich leicht auch auf die zielgehemmte 
Libido erstreckt, von der die Erziehbarkeit abhängt. Die bekannte Tatsache, daß Kinder 
zwischen dem 12. und 15. Lebensjahr gewöhnlich viel „schlimmer" und „schwieriger zu 
behandeln" sind als zwischen dem 8. und 1 1. möchte ich eher auf die Verdrängung der ziel- 
gehemmten Libido im erstgenannten Alter zurückführen als auf den Drang nach freier 
Sexualbetäligung und die damit verbundene Auflehnung gegen die Autorität. Fügen wir 
gleich hinzu, daß unsere heutige, durch das Schulgesetz sanktionierte Gewohnheit, das Alter 
vom 5. oder 6. bis zum 14. Lebensjahr als Erziehungseinheit zusammenzufassen, nicht mit den 
Ergebnissen der klinischen Psychologie übereinstimmt. Nach letzterer ist die Lebenszeit vom 
g. oder 6. bis zum 12. Jahr psychologisch etwas ganz anderes als die Zeit vom 12. bis zum 
18. Jahr und müßte auch in pädagogischer Hinsicht gesondert behandelt werden. 

Wir sehen also, daß exzessive Verdrängung und unvollkommene Verdrängung die Er- 
ziehbarkeit in gleichem Maße herabsetzen. Zukünftige genauere Forschungen werden viel- 
leicht imstande sein, zwischen diesen beiden Extremen denjenigen Mittelzustand zu eruieren, 
bei dem im einzelnen Fall die Bedingungen für eine erziehliche Beeinflussung am gün- 
stigsten sind. 



166 ERNEST JONES 



ist selbstverständlich im Schulleben viel seltener ; schon ihre leisesten 
Andeutungen beim Kinde werden von allen Erziehern energisch be- 
kämpft. Die erste (autoerotische) Betätigung ist während des Schul- 
alters häufig und deshalb von einem gewissen Standpunkt aus der 
ärgste Feind des Erziehers, eine „unverzeihliche Sünde", wie man sie 
immer wieder nennen hört. Wie wenig Erfolg alle Bemühungen ihrer 
Herr zu werden haben, ist bekannt, der Grund dafür wahrscheinlich, 
daß die Erzieher versäumen, die Art. und Bedeutung des Phänomens 
eingehender zu studieren. 

Wir müssen noch, wenigstens mit kurzen Worten, die Kräfte be- 
rücksichtigen, die während des Entwicklungsprozesses auf den Heran- 
wachsenden einwirken. Der Herkunft nach unterscheiden wir sie in 
externe und interne: von ihnen spielen die letzteren wahrscheinlich die 
größere Rolle. Jede Gruppe umfaßt wieder zwei Untergruppen von 
für und gegen die Entwicklung arbeitenden Kräften, so daß wir im 
ganzen vier Arten von Einflüssen erhalten : zwei entwicklungsfördernde 
und zwei entwicklungshemmende, zwei interne und zwei externe. 
Auf der einen Seite haben wir die notwendige Entfaltung der Persön- 
lichkeit, die Wiederholung der phylogenetischen Entwicklung, die 
schon in früher Kindheit in Gestalt ehrgeiziger Phantasien und Hand- 
lungen angedeutet wird. Diese stärkste Kraft behält normalerweise die 
Oberhand. Ihr zu Hilfe kommt der selbstlose Anteil der Elternliebe, 
die auf das endgültige Wohl des Kindes hinarbeitet, und der elter- 
liche Ehrgeiz, der seine Kraft aus der Identifizierung mit dem Kind 
bezieht. Auf der andern Seite haben wir die konservative Tendenz 
zum Festhalten an den früheren Entwicklungsphasen und die Ab- 
neigung, sie gegen neue, unbekannte einzutauschen, ehe Sicherheit 
gegeben ist, daß sich die aufgegebene Lust durch äquivalente neue 
Lust ersetzen wird. Diese Tendenz, welche die Freudschen Mecha- 
nismen der „Regression" und „Fixierung" und andere noch unge- 
nügend erforschte Prozesse einschließt, ist sicher mächtiger als man 
gewöhnlich glaubt. Sie erhält bedeutende Verstärkungen durch gleich- 
gerichtete Einflüsse von seiten der Eltern, vielleicht vor allem der 




EINIGE PROBLEME DES JUGENDLICHEN ALTERS 167 

Mutter. Diese der Entwicklung des Kindes feindliche Einstellung der 
Eltern ist in der Mehrzahl der Fälle ungleich stärker als die entgegen- 
gesetzte Strömung. Ihre beiden Hauptbestandteile sind ein Gefühl 
eifersüchtiger Rivalität und die schwere Verzichtleistung auf die Lust- 
quelle, die das Kind bis dahin für sie bedeutet hat, — beides natür- 
lich uneingestandene Regungen. Der Lustgewinn, den die Eltern (be- 
sonders die Mutter) aus ihrer Elternschaft beziehen, steht oft in um- 
gekehrtem Verhältnis zum Alter des Kindes; der Verzicht auf ihn ist 
außerdem fast immer ein wirklicher Verlust ohne ein Äquivalent. Im 
Grunde ist die Sachlage meistens die, daß die Weiterentwicklung 
des Kindes oder Jugendlichen auf einen inneren Antrieb hin geschieht, 
trotz Gegenwehr eines fast gleichgroßen inneren Widerstandes und 
einer starken Opposition aus der Außenwelt. Daß die Entwicklung 
selten ohne Anstoß vollzogen wird, ist unter diesen Verhältnissen 
kein großes Wunder. Der Kampf gegen die Einschränkungen der Per- 
sönlichkeit, die ihren Höhepunkt in Kindheit und Jugend erreichen, 
zieht sich auch durch die Jahre des Erwachsenseins, bis dieser Ent- 
wicklungsdrang schließlich an einer Gegenkraft scheitert: an dem 
rückbildenden Prozeß des Alterns, der den Menschen über die „zweite 
Kindheit" ' zum Tode führt. 



V. Die biologische Bedeutung der Pubertät 

Die Frage der biologischen Bedeutung der Pubertät wird durch 
das bisher Gesagte in ein neues Licht gerückt. Die Pubertät, d. h. die 
Fähigkeit zur Fortpflanzung, die sexuelle Reife, tritt bei der Mehrzahl 
der Tiere irgendwann nach der Geburt ein; die Größe dieses Intervalls 
schwankt außerordentlich je nach den verschiedenen Tierarten. DieVor- 
pubertätsperiode des Menschen ist, soviel ich weiß, länger als die irgend- 
einer andern Tierart; sie beträgt etwa zwanzig Prozent seiner gesamten 
Lebensdauer. In der menschlichen Gesellschaft sind Kräfte wirksam, 

1) Die „dritte Kindheit", wenn unsere Ausführungen Recht haben. 






i68 EU NEST JONES 



die darauf hinarbeiten, sie noch weiter bis über die Zeit der lebhafte- 
sten Sexualbetätigung, die Jahre von fünfzehn bis dreißig auszudehnen. 
Es wäre interessant zu erörtern, ob diese Tendenz durch rein sozio- 
logische und psychologische Faktoren bedingt und im biologischen 
Sinn schädlich ist. Unser heutiges Thema aber berührt vor allem die 
Feststellung, daß der Mensch (wenigstens soweit meine Kenntnis reicht) 
das einzige Wesen ist, bei dem die ersten Äußerungen des Sexuallebens 
sich nicht in ununterbrochener Reihenfolge bis zum Stadium der vollen 
Reife fortsetzen. Wie schon oben ausgeführt, muß die Sexualentwick- 
lung beim Menschen zweimal durchlaufen werden 5 zwischen ihre bei- 
den Ansätze ist eine mehr oder weniger vollständige Ihn erbrechung, 
die von Freud sogenannte „Latenzperiode" eingeschaltet. Statt daß 
der Entwicklungsprozeß geradlinig fortgeführt mit der Pubertät seinen 
Höhepunkt erreicht, wird er in den ersten Lebensjahren von Anfang 
bis Ende durchlaufen, um dann mit Erreichung der Pubertät in ernst- 
hafterer, manchmal tragischer Form noch einmal von vorne durch- 
gemacht zu werden. 

Abschließend möchte ich betonen, daß ich mir bewußt bin, Ihnen 
hier nur die schattenhaften Umrisse einer Theorie geboten zu haben. 
In dem Bestreben, ein umfassendes und wichtiges Gebiet in den Kreis 
meiner Ausführungen zu ziehen, mußte ich mich an vielen Stellen 
mit kurzen und schematischen Andeutungen begnügen. So haben die 
aufgestellten Behauptungen durch den notwendigen Wegfall aller 
Einschränkungen und Modifizierungen viel von ihrer sonstigen Be- 
weiskraft eingebüßt. 



ANMERKUNG DER REDAKTION: Das ADOLESCENCE dts englischen Originaltextes 
(im Titel als „jugendliches Alter" verdeutscht), wird der ttilistischen Einfachheil halber im Texte 
durchweg mit PUBERTÄT wiedergegeben ; wie. aus der Anmerkung auf Seite 149 hervorgelit, ist 
dabei die Pubertät im weiteren Sinne, der Lebensabschnitt vom 12. bis zum 18. Jahre, zu verstehen. 



ÜBER EINE TYPISCHE FORM DER MÄNNLICHEN 

PUBERTÄT 

Von Dr. SIEGFRIED BERNFELD 1 

Das Studium der sexual wissenschaftlichen und psychologischen Lite- 
ratur lehrt bald, daß sich die Untersuchungen und Ergebnisse dieser 
Wissenschaften nicht auf alle Stadien des unerwachsenen Menschen 
gleichmäßig erstrecken. Und insbesondere das Lebensalter der soge- 
nannten Pubertät hat bisher wenig Beachtung gefunden, ist weniger 
gut beschrieben und noch weniger verständlich geworden als die 
früheren Perioden der psychischen und sexuellen Entwicklung. Das 
kann um so mehr Verwunderung und Ansporn zur Arbeit erregen, 
als in der Pubertät offenbar eine spezifisch menschliche Erscheinung 
vorliegt. Die Entwicklung der Tierpsyche und -Sexualität kennt kein 
zwischen Kindheit und Erwachsensein eingeschobenes Stadium von 
charakteristischen Eigenschaften 2 . Es scheinen auch die wenigen vor- 
genommenen Untersuchungen an primitiven Völkern zu zeigen 3 , daß 
die Pubertät nicht einmal notwendig zur Psychologie des Menschen 
gehört, sondern daß ihre Ausbildung in einer gewissen Beziehung zu 
Tatsachen steht, die wir „kulturelle" oder „soziale" nennen müssen. 

Einer der Gründe für diesen befremdlichen Mangel in der wissen- 
schaftlichen Literatur liegt wohl im Objekt selbst. Die Pubertät ist 
ein außerordentlich vielgestaltiges Phänomen. Sie äußert sich auf den 



1) Vortrag, gehalten in der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" am 15. Febr. ig22. 

2) Vgl. Mitchell, Die Kindheit der Tiere. 

3) Vgl. Ericn F r a n k e , Die Entwicklung der zeichnerischen Begabung bei Negerkindern. 



j 7 o S. BERNFELD 



verschiedensten Gebieten: physiologisch, psychologisch und nicht zu- 
mindest auch soziologisch. Die psychischen und psychophysischen Er- 
scheinungen allein umfassen eine Fülle von Gebieten. Aber nicht ge- 
nug an dieser materialen Extensität des Objektes, es kommt eine sehr 
beträchtliche formale Mannigfaltigkeit hinzu. Wer sich um diese Phä- 
nomene wissenschaftlich bemüht, ist angesichts der zahllosen individu- 
ellen sozialen, kulturellen, historischen und physischen Differenzen, 
die sie aufweisen, immer wieder geneigt anzunehmen, daß es über- 
haupt nicht angebracht sei, die in Rede stehenden Erscheinungen in 
einem Begriif und Namen zusammenzufassen. Andererseits scheint 
doch unleugbar die Berechtigung gegeben, von der Pubertät, ihren 
Determinanten und ihrer Funktion zu sprechen. Diese Auffassung 
teilen die Forscher mit dem naiven Begriff von der Sache, den die 
Sprache festhält. 

Die Psychoanalyse hat zu allen anderen Motiven, welche die Wissen- 
schaft veranlassen, die Pubertät in allen ihren Erscheinungsweisen als 
einen einheitlichen Prozeß aufzufassen, ein sehr entscheidendes hin- 
zugebracht. Die Libidotheorie verlangt, daß alle gleichzeitigen psycho- 
physischen (oder doch psychischen und sexuell physischen) Vorgänge 
in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander stehen und als die gemein- 
samen Folgen der vorangegangenen Stadien aufgefaßt werden. Sie 
gibt auch die Möglichkeit das Wesentliche (Spezifische) einer Ent- 
wicklungsstufe zu präzisieren und von den variablen Anteilen zu 
sondern, indem ihr die Schicksale der Objektlibido und Ichlibido als 
die zentralen, bis in sehr abgelegene psychische und physische Ge- 
biete hinein verursachenden Faktoren erscheinen. Gewiß hat die 
Psychoanalyse es nicht unternommen — und sie ist dazu vielleicht 
auch gar nicht berechtigt und befähigt — sämtliche Erscheinungen 
der Pubertät als eine in sich zusammenhängende Einheit zu erweisen, 
aber sie hat dies doch für einen, nicht den unwichtigsten Komplex 
derselben in Aussicht gestellt: für die libidinösen Prozesse während 
der Pubertätszeit. Freud 1 formulierte als das Charakteristische der 

1) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 



ÜBER EINE TYPISCHE FORM DER MÄNNLICHEN PUBERTÄT 171 

Pubertät, ihrer Erscheinungen sowohl als ihrer psychischen und bio- 
logischen (oder wenigstens sexualbiologischen) Funktion : In der Puber- 
tät erfährt das infantile Sexualleben zwei wichtige Veränderungen, 
die es zum definitiven, erwachsenen, umgestalten. Es findet 1 . „die 
Unterordnung aller sonstigen Ursprünge der Sexualerregung unter 
das Primat der Genitalzonen" statt. Diese Veränderung „vollzieht sich 
durch den Mechanismus der Ausnützung der Vorlust, wobei die sonst 
selbständigen sexuellen Akte, die mit Lust und Erregung verbunden sind, 
zu vorbereitenden Akten für das neue Sexualziel, die Entleerung der 
Geschlechtsprodukte werden". 2. vollzieht sich in der Pubertät der 
„Prozeß der Objektfindung". Und zwar geschieht diese endliche, 
zweite Objektwahl „geleitet durch die infantilen, zur Pubertät auf- 
gefrischten Andeutungen sexueller Neigungen des Kindes zu seinen 
Eltern und Pflegepersonen und durch die mittlerweile aufgerichtete 
Inzestschranke von diesen Personen weg auf ihnen ähnliche gelenkt". 

Die Betrachtungsweise unseres Problems, die in diesen Formulie- 
rungen sich darstellt, hat einige wichtige Vorzüge gegenüber der land- 
läufigen und den von etlichen Autoren vorgeschlagenen Modifika- 
tionen derselben. Sie macht die Pubertät zu einem funktionalen Pro- 
zeß, dessen Ausgangs- und Endpunkt gegeben ist, und dessen Dauer 
und Form offenbar von diesen beiden Faktoren wesentlich mitbestimmt 
ist. Sie erfaßt aber überdies das Problem psychologisch und enthebt 
uns so aller Schwierigkeiten, die durch den physiologischen Begriff 
der „Geschlechtsreife" in jede Untersuchung gebracht werden. Und 
schließlich der Begriff der „normalen Erwachsenheit" wird durch 
die Betonung eines, aber eines ihn durchweg charakterisierenden 
Merkmals, und zwar eines normalen Merkmales, präzis, wertfrei und 
zur wissenschaftlichen Verwendung tauglich. Demgegenüber bedeutet 
die — natürlich auch von Freud bemerkte — Tatsache, daß weder 
eine Beschreibung noch eine Erklärung des Phänomens durch sie ge- 
geben ist, bloß eine Aufgabe und nicht etwa eine Wertverminderung. 

Vor allem aber eine Tatsache, die jedem sich aufgedrängt hat, wenn 
auch, soviel wir sehen, niemand daraus nachdrückliche Konsequenzen 



172 S. BERNFELD 



gezogen hat, wird von hier aus zu einer gewissen Wichtigkeit: daß 
nämlich die Dauer der Pubertät so außerordentlich großen Variationen 
unterliegt. Es ist keineswegs bloß Angelegenheit der Definition oder 
der Definitionslosigkeit, wenn die Autoren in Angaben zwischen zwei, 
drei und sieben, acht Jahren schwanken. Vielmehr ermöglichen nur 
gewisse Definitionen eine annähernd präzise Zeitangabe, so wenn die 
Pubertät vom physiologischen Gesichtspunkt oder vom soziologisch- 
historischen aus betrachtet wird. Und das ist um so merkwürdiger, 
als doch sonst die psychischen Entwicklungsstadien zwar eine gewisse 
Variation der Dauer, aber doch eine verhältnismäßig eng begrenzte 
aufweisen. Nach der Freudschen Formulierung, der wir uns, wie ja 
kaum ausdrücklich bemerkt zu werden braucht, anschließen, hört 
die Dauer ganz auf, ein irgendwie bezeichnendes Charakteristikum 
der Pubertät überhaupt zu sein, sondern sie wird ebenso natürlich 
zu einem Einteilungsprinzip für verschiedene Formen des Pubertäts- 
verlaufes. 

Nach oben hin ist die mögliche Dauer der Pubertät theoretisch 
unbegrenzt. Es gibt Personen, die das Endstadium der erwähnten Ob- 
jektfindung Zeit ihres Lebens nicht erreichen. Es ist eine Frage der 
Konvention oder der — jedenfalls außer wissenschaftlichen — Praxis, 
welche Typen von ihnen man Neurotiker nennen will; desgleichen 
aber auch, ob man für jene von ihnen, die man als „normal" gelten 
lassen will, den Ausdruck einer permanenten Pubertät oder einen, der 
an die Puberttät gar nicht erinnert, anwenden will. Der Mißerfolg- 
rührt jedenfalls von einer Fixierung der Libido her, die nicht mehr 
gelöst werden konnte. 

Die untere Grenze ist jedenfalls bemerklich schärfer gezogen. Denn 
das Sexualziel, das aufzustellen und zu erreichen Aufgabe der Pubertät 
ist, bindet sich an physische Bedingungen, deren Vorbereitung eine 
gewisse Anzahl von Jahren in Anspruch nimmt, und zwar bei An- 
nahme eines mittleren Wertes, nach den Angaben der Autoren zwei 
Jahre. Von diesem Zeitpunkte an ist die Einnahme der Endposition 
möglich. Wenn sie aber nicht bezogen wird, so muß dies an einer 



ÜBER EINE TYPISCHE FORM DER MÄNNLICHEN PUBE RTÄT 173 

Fixierung der Libido oder an einem Schicksal liegen, das für eine ge- 
wisse Zeit im Resultat einer solchen gleichkommt. 

Es sind somit zwei verschiedene Entwicklungsvorgänge von ein- 
ander zu unterscheiden. Erstens das Sexualvermögen, das Resultat 
eines physiologischen Prozesses, das wir im weiteren Verlauf durch cp 
symbolisieren wollen. Und zwar sei unter <£ jener Zustand des Genital- 
apparates im weiteren Sinne des Wortes verstanden, in dem Erektions- 
und Ejakulationsfähigkeit vorhanden ist (wobei die Zeugungsfähigkeit 
neutral ist) und jener psychophysische Zustand, in dem geeignete Reize 
sexuelle Erregung im Genitalapparat zu erzeugen vermögen. Zwei- 
tens das G> entsprechende Sexualbedürfen: das Resultat einer be- 
stimmten Libidoentwicklung, das wir als y> andeuten. Und zwar ist 
unter W ein Zustand verstanden, in dem geeignete Reize zur Sexual- 
erregung im Genitalapparat habituell verwendet werden und die so 
entstehenden Spannungen ihre Lösung an einem Objekt zu erfahren 
suchen. Die Pubertät ist darnach zu verbildlichen als in zwei Teile 
zerfallend, der Anfang durch die Gabelung der bisherigen Entwicklung 
in eine <p und in eine y;-Linie, der Wendepunkt durch den Augenblick 
auf der <p-Linie, der Endpunkt durch den Augenblick W auf der y- 
Linie symbolisiert. 

Von diesen beiden Teilen der Pubertät ist offenbar die Dauer des 
ersten (0) verhältnismäßig konstant. Schwankungen sind gewiß nicht 
auszuschließen, doch haben sie normalerweise eine geringere Variations- 
breite. Die Entwicklung des Sexual Vermögens ist an physiologische 
Prozesse gebunden, deren Bedingungen bei allen normalen Individuen 
einigermaßen die gleichen sind. Der zweite Teil der Pubertät könnte 
die Anpassung des Sexualbedürfens an die neue Situation genannt 
werden. Er ist der eigentlich variable Teil der Pubertät; seine Varia- 
tionsbreite ist eine außerordentlich große, jedenfalls größer als sie 
sonst bei regelmäßig verlaufenden Prozessen der Entwicklung zu sein 
pflegt. Er ist der psychische Anteil der Pubertät. Es ist leicht ein- 
zusehen, daß demnach die Länge der Pubertät psychisch bedingt ist. 



'74 



S. BERNFELD 



Theoretisch ergäbe sich als kürzeste Pubertät 0. Und diese wäre 
auch die notwendige, die physisch bedingte — wenn die Tatsache 
der Pubertät überhaupt einmal hingenommen ist — und die ^-Puber- 
tät jeder Dauer wäre demnach als eine gestreckte Pubertät zu be- 
zeichnen. Wie das Namenssymbol bereits andeutet, ein vor allem 
psychisches Phänomen. Es kann dies beim gegenwärtigen Stand der 
empirischen Grundlagen nicht strikt abgelehnt werden. Aber der auf- 
merksame Beobachter der Pubertätsphänomene wird recht geneigt 
sein hier eine oft bemerkte Komplizierung als den allgemeingültigen 
Vorgang anzusprechen: daß y nämlich immer etwas größer als £> ist; 
daß die Anpassung des Psychischen an das Physische, die durch diese 
Differenz ausgedrückt ist, jedesmal eine gewisse Zeit beansprucht, 
wenn auch zweifellos nur eine recht geringe. 

Definieren wir zunächst jene Form der Pubertät, die uns des Wei- 
teren allein beschäftigen soll. Als gestreckte Pubertät wollen wir eine 
bezeichnen, deren Ende im Bereich des Normalen liegt, aber erst nach 
Abschluß der Entwicklung des Sexualvermögens (ß>) plus der kürzesten 
empirisch festzustellenden Anpassung des Sexualbedürfens an das ent- 
wickelte Sexualvermögen eintritt. Wir wollen im Folgenden die 
gestreckte Pubertät als yPb symbolisieren. Die gestreckte Pubertät 
stellt eine Form der Pubertät dar, die gewiß häufig genug ist, um sie 
als typische zu bezeichnen. Besser freilich spräche man vom Formen- 
kreis der gestreckten Pubertät, denn wie sich bald zeigen wird, ist 
auch der Ablauf der t/'Pb keineswegs in allen Fällen gleich, sondern es 
sind auch in ihr eine Reihe von Formen sonderbar und beschreibbar. 
Wenn nun der Versuch unternommen wird, eine der Formen des 
Kreises y>Pb herauszugreifen und durch einige auffällige Merkmale zu 
charakterisieren, so hat dies nicht wenig Mißliches an sich. Denn es 
ist derzeit nicht möglich solche Abgrenzung und Beschreibung an 
Hand von sorgfältig ausgewählten, wohlstudierten Einzelfällen zu 
unternehmen. Die Literatur bietet kein geeignetes Material hierfür 
und die ausführliche Darstellung auch nur eines gut ausgebildeten 
Falles von yPb würde eine Publikation von starkem Umfang verlangen. 



ÜBER EINE TYPISCHE FORM DER MÄN NLICHEN PUBERTÄT z/5 

Solche Publikationen werden früher oder später nicht zu umgehen ' 
sein. Bis dahin aber erscheint es nicht ganz wertlos, vorwegnehmend 
eine Orientierung über den Formenreichtum zu versuchen, auf Grund 
der Eindrücke, die eindringende, wenn auch unmethodische Be- 
obachtung zahlreicher Jugendlicher, persönlich oder aus der Literatur 
(der biographischen und belletristischen) Bekannter und ihrer Pro- 
duktionen und Äußerungen zurückläßt. , 

In den Kreis der yPb gehört die auffälligste und lärmendste Puber- 
tätsform, die sich auch soziologisch einen sichtbaren, ja auffälligen 
Ausdruck geschaffen hat in einem sehr weitverzweigten Organisations- 
wesen, das heute in Deutschland und Österreich unter den Namen 
Jugendbewegung bekannt ist, in anderen Ländern ähnliche, aber 
minder bekannte und berühmte Gebilde schuf und als studentische 
Organisation seit Jahrhunderten sich eine gewisse Beachtung, selbst 
Geltung zu erzwingen wußte. Zweifellos sind all diese sozialen Ge- 
bilde so wenig psychisch identisch, wie die in ihnen tätigen Jugend- 
lichen. Aber um innerhalb der i/>Pb zu Sonderungen zu gelangen, ist 
es nötig, sie als Ganze in ihren Erscheinungen festzustellen. Also: 
die tpPb meint man, wenn man von Jugend im kulturellen Sinne 
spricht; wenn man von der Jugend einer Partei, von der Jugend in 
einer Kunstbewegung, in der Revolution u. dgl. handelt. Insofern man 
das Wort Jugend nicht bloß im metaphorischen Sinn gebraucht, 
sondern damit einen gewissen, in vielen Beziehungen dem erwachsenen 
sehr ähnlichen, oder mit ihm sogar identischen, in anderen Beziehungen 
aber unbez weifelbar unerwachsenen, Lebensabschnitt meint. Diese 
Jugend ist von direkter, aktiver kultureller Bedeutung, einerlei ob 
man sie gegebenenfalls für fördernd oder für schädlich erklärt; denn 
sie nimmt an den Inhalten der Kultur und an ihren Veränderungen 
teil. Das Kulturgebiet, an dem sie beteiligt ist, war nicht zu allen 



1) Teilversuche in dieser Richtung bringen meine „Beiträge zur Jugendforschung", deren 
erster Band unter dem Titel „Vom Gemeinschaftsleben der Jugend" im Psychoanalytischen 
Verlag 1922 erschienen ist; der zweite mit dem Titel „Vom dichterischen Schaffen der 
Jugend" ist in Vorbereitung, 



I7 6 S. BERNFELD 



Zeiten das gleiche: Religion, Politik, Kunst, Wissenschaft, „Geselliges 
Leben", Sport u. dgl. mehr, um nur einige Begriffe anzudeuten, mögen 
abwechselnd oder gleichzeitig davon betroffen sein. Sicher ist auch, 
das die yVb im Kulturleben nicht immer gleich stark oder deutlich 
in Erscheinung tritt; es dürfte auch manche Kulturperiode gegeben 
haben, wo sie gar nicht wirksam war (wo v Pb noch nicht oder für 
eine Zeitlang nicht in einer irgendwie soziologisch in Betracht kom- 
menden Zahl von Individuen sich entwickelte?). Häufig ist die Form 
dieser kulturellen Erscheinung der»/ ; Pb die gleiche: sie wirkt in irgend- 
einem Sinn revolutionär, d.h. sie erhebt Forderungen, vertritt Inhalte, 
Anschauungen, Weisen, die denen der jeweiligen Erwachsenen wider- 
sprechen, also relativ neu sind. Aber dies muß keineswegs zutreffen, 
gilt weder für jede ?/>Pb-Generation, noch für die ganze. In einer zweiten 
Richtung aber ist die kulturelle Funktion viel allgemeiner (wenn auch 
gewiß nicht ausnahmslos jedes v Pb -Individuum an ihr notwendig 
beteiligt sein muß). Das Alter der yPb ist nämlich für bestimmte In- 
halte und Formen des Kulturlebens die spezifische Zeit der „Fort- 
pflanzung". Wenn ein bestimmtes Individuum für sie ein gewisses 
Interesse nimmt, ihnen eine beträchtliche Rolle in seinem psychischen 
Ganzen zukommen läßt, dann geschieht es zuerst und gewöhnlich 
auch am nachhaltigsten während seiner y pb - Vorher niemals und 
nachher nur selten und unter besonderen, nicht mehr ganz normal zu 
bezeichnenden Bedingungen. Individuen, die keine yPb entwickelten, 
entbehren folgerichtig auch der Erlebnisse dieser Kategorie und die 
Folgen psychischer oder geistiger Art, die mit dem Bestand jener Er- 
lebnisse oder mit der Tatsache, daß sie eine gewisse Zeitlang bestanden 
hatten, verknüpft zu sein pflegen. Es sind dies gerade jene Inhalte und 
Formen, die als die „geistigen", kulturellen im engeren Sinn des 
Wortes, eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen. Die Pädagogik und 
Kulturpolitik hat daher immer der t/' Pb eine besondere Aufmerksam- 
keit geschenkt — ohne freilich zu wissenschaftlicher Betrachtungs- 
weise zu gelangen. Wir hoffen am Ende dieser Untersuchung gezeigt 
zu haben, daß deren Einführung die Probleme viel komplexer und 



ÜBER EINE TYPISCHE FORM DER MÄNNLICHEN PUBERTÄ T Itf 

die pädagogischen Schlüsse viel waghalsiger erscheinen läßt, als ohne 
sie — offenbar — vermutet wurde. 

Was sich so als soziales Phänomen yPb andeutungsweise bezeichnen 
läßt, ist nicht ebenso leicht individualpsychologisch zu charakterisieren. 
Selbstverständlich können sich recht heterogene individuelle Typen zu 
einer verhältnismäßig einheitlichen Kollektiverscheinung zusammen- 
finden. Es ist nicht einmal nötig, daß alle Individuen, die das soziale 
Phänomen yPb bewirken, ausnahmslos auch selbst am psychischen 
Phänomen der yPb teilhaben. Uns aber diente die soziale Betrachtung 
nur zur schärferen Aufzeigung des psychologischen Typus, und den 
werden wir wohl am ehesten unter den führenden Personen der tpPb- 
Generation antreffen. Unter den Führern nun in der yPb-Generation, 
soweit sie selbst noch Jugendliche sind, läßt sich leicht eine Gruppe aus- 
sondern, die durch das Zusammentreffen einer Anzahl von Merkmalen 
bezeichenbar ist. 

Erstens fällt der gedachte Typus durch eine Fülle von Interessen 
auf, die er Dingen oder Verhaltungsweisen widmet, welche sich sonst 
einer solchen Bevorzugung nicht zu erfreuen pflegen. So verschieden 
die Objekte des Interesses inter- oder intraindividuell sein mögen — 
sie sind so beschaffen, daß das Interesse idealistisch genannt werden 
muß. Sie dienen weder unabgelenkter Libido noch der Befriedigung 
der Ichtriebe in direkter Form. Häufig sind die Objekte dieses Interesses 
die obengenannten „geistigen Werte" Kunst, Politik, Menschheit u. dgl., 
nicht selten aber auch individueller gefärbte, eigenbrödlerische oder 
spezialisiertere. Jedenfalls aber stehen sie von adäquaten Zielen der 
beiden Grundtriebe, Erwerb und Frau, mehr oder weniger erheblich 
ab 5 ja überaus häufig werden sie so formuliert, daß zwischen ihnen und 
diesen die Beziehung völligen Ausschließens gegeben ist. In extremen 
nicht gerade seltenen Fällen, erscheint die ganze Libido und Ichtrieb- 
kraft auf jene „geistigen" Ziele gerichtet, in den meisten aber nur 
ein verschieden großer, jedoch recht beträchtlicher Betrag. Bezeichnend 
ist auch, daß die anderen Interessen und Ziele verborgen, verheimlicht, 
entstellt oder indirekt verfolgt werden, daß sie niemals in irgend- 

12 Imafjo IX/z 



i 7 8 S. BERNFELD 



einem erwähnenswerten Maße Bestandteile des Idealichs des gedachten 

Jugendlichen sind. 

Zweitens hat das Verhältnis zu jenen Zielen noch eine sehr charak- 
teristische Note, es ist ein produktives. Phänomenal läßt sich dieser 
Zug nicht leicht, alle Erscheinungsformen umfassend, beschreiben. 
Der v>Pb- Jugendliche, der sich etwa für Kunst in der angedeuteten 
besonderen Weise interessiert, läßt es sich nicht genügen, die von 
anderen geschaffenen Kunstwerke zu genießen, oder an die hohe Be- 
deutung der Kunst zu glauben, sondern er versucht wenigstens auch 
selbst solche Werke zu schaffen, die hohe Bedeutung der Kunst durch 
sein Handeln zu verwirklichen. Nicht immer entstehen aus dieser 
Tendenz auch wirkliche Werke — ganz zu schweigen ob sie irgend- 
welchen Kunstwert haben, denn dies wäre eine außerpsychologische 
Frage — es gibt Motive und Situationen genug, die dies verhindern 
können, aber die Tendenz zur Produktivität wird dem y pt> -Jugend- 
lichen nie fehlen. Noch undeutlicher wird die Tatsache der Produk- 
tivität, wenn das zentrale Interesse nicht Kunst, Philosophie, Wissen- 
schaft ist, wenn es Werke im eigentlichen Sinne des Wortes nicht 
kennt oder zuläßt. Aber auch hier ist eine Tendenz feststellbar, die 
analog dem Werke-Schaffen- Wollen wäre. So wenn etwa zwei 1 7 jährige, 
die sich der „Idee der Menschheit widmen" einen „Freien Zusammen- 
schluß Werdender" gründen,' der keinerlei reale Funktion hat und 
haben kann, und verständlich nur aus dem Drang der beiden Jugend- 
lichen wird, etwas, irgend etwas, für ihre Idee zu tun, und wäre es 
auch bloß die teilweise illusionshafte 2 Realisierung einer Phantasterei. 
Ganz allgemein handelt es sich bei der Produktivität der i/' pb vielleicht 
um zwei Momente: a) das Interesse an dem „idealistischen" Ziele 
nach außen wahrnehmbar zu manifestieren; b) diese Manifestation 
persönlich — womöglich sogar spontan und originell — zu gestalten. 

1) Siehe meinen Aufsatz „Über Schülervereine". Z. f. ang. Ps. XVI. Auch Gerhard Fuchs : 
Ein Schülerverein, Beiträge zur Jugendforschung, Bd. i. 

2) Zum Verständnis solchen Handelns siehe vorläufige Bemerkungen bei W. Hoffer: 
Kinderspiel. Wiener Dissertation 1922. 



Ober eine typische form der männlichen p uber tÄt ~g 

Dabei darf nur nicht übersehen werden, daß diese phänomenale 
Charakterisierung die Motive zwar bezeichnen kann, dies aber keines- 
wegs für alle tut, und auch gar nicht beabsichtigen darf. 

Drittens. Nie fehlt in diesen beiden Charakteren ein ausgeprägtes 
Selbstbewußtsein oder reichliche Symptome seiner mißglückten Ver- 
drängung. Die eigene Person und ihre Werke werden sehr hoch ein- 
geschätzt — überschätzt, empfinden alle, außer den nächsten Freun- 
den — beides wird sehr wichtig genommen. Sehr oft erstreckt sich 
diese Selbstliebe manifest nur auf einzelne Körper- oder Charakter- 
züge, nur auf gewisse Werke oder einzelne ihrer Qualitäten. Zuweilen 
scheint sie sogar zu fehlen, denn zahlreiche Äußerungen des „Minder- 
wertigkeitsgefühls", des Selbsthasses sind überaus vordringlich bemerk- 
bar. Es bedarf aber nicht einmal der Analyse, um die ambivalente 
Natur dieses Verhaltens oder seine Genese aus Verdrängungen, und zwar 
aus recht oberflächlichen Verdrängungen, zu erkennen. Zudem fehlt 
gewiß gerade in diesem Fall nicht eine sehr markante Äußerungs- 
weise der Selbstliebe: die Herabsetzung der Anderen, und zwar ent- 
weder die der älteren Generation, oder der gleichaltrigen, wenigstens 
ihrer Mehrheit. Nicht selten finden wir beide in gleichem Maß vereint. 

Dieser Trias fügen sich noch einige Charakteristika an, die nicht 
in der gleichen Ausschließlichkeit und vollen Ausprägung, aber doch 
häufig und bemerklich genug der zu schildernden Form der ^Pb zu- 
kommen. Vor allem zwei seien wegen ihres später zu besprechenden 
theoretischen Wertes erwähnt. 

Viertens. Während die Herabsetzungstendenzen gegen die „Ande- 
ren* zuweilen die äußerste Intensität annehmen, und sich schlecht- 
hin gegen alle persönlich Bekannten, gegen die „Menschen" im all- 
gemeinen, oder insbesondere gegen die Generation der Gleichaltrigen 

und gegen die Autoritäten richten können, pflegt je einer oder 

einige wenige — von den Genossen der gleichen Generation und 
von den Alten ausgenommen zu sein: der Freund und Meister (der 
übrigens keineswegs unter den Lebenden ausgewählt sein muß). Diesen 
beiden — oder ganz wenigen — gilt Liebe und Verehrung. 



i8o 



S. BERNFELD 



Fünftens. Die Liebe zum Freund ideologisch zu fundieren und 
auf einen ganzen Kreis oder eine Gemeinschaft gleichgerichteter, 
gleichstehender, gleichwertvoller, gleichempfindender Freunde zu 
erweitern, ist eine sehr häufige Tendenz der gedachten v»Pb\ Es hängt 
von noch unerkannten psychischen — gewiß auch sozialen — Be- 
dingungen ab, wie sich diese Tendenz manifestiert und ob dies ge- 
geschieht. Ist aber schon die Manifestierung überaus häufig, so gilt 
dies gewiß noch mehr vom Wunsch zu ihr. Wozu noch zu bedenken 
ist daß im Zusammenhang dieser Betrachtung nicht allein die Fälle 
wirklicher Gesellung oder des Wunsches (Triebes, Tendenz) zu ihr 
einzuschließen sind, sondern die reiche Fülle von nicht eigentlich 
gruppenhaften Bildungen. Ein gutes Beispiel ist die Mitarbeiterschaft 
einer Schülerzeitschrift, die miteinander keine Gruppe bilden, ein- 
ander vielleicht nicht einmal kennen, und sich doch durch ein ge- 
meinsames Etwas verbunden fühlen, das, um einige charakterische 
Fälle anzudeuten, etwa formuliert wird: „Wir haben die Pflicht, da die 
Forschung des Geistes . . . nicht rein erfüllt werden konnte, dies auf 
dem anderen Wege zu versuchen . . . 2 " oder „Wir wollen nur Ruhe 
und Zeit haben uns mit uns selber . . . auseinandersetzen zu können 3 ." 

Diese Beschreibung des Phänomenalen einer Form der V'Pb wurde 
unter Vermeidung präziser Termini gegeben. Beim Leser kann nicht 
durchgehends eine konkrete, genügend breit basierte Anschauung der 
Pubertät vorausgesetzt werden; die mangelnde Anschauung in dieser 
kleinen Arbeit durch Kasuistik zu ersetzen, ging aus mancherlei Grün- 
den nicht an, — so mußte versucht werden, durch eine Darstellung, 
die nicht abstrakte und resultierende Formulierungen gibt, die An- 
knüpfung von Erinnerungen und Erfahrungen ermöglichen. Für die 
weitere Betrachtung aber würde dieses Verfahren weder empfehlens- 



1) Eine Anzahl von Beispielen für die Motive und GesUltunnsformen dieser Tendern 
findet sicli in den zitierten Beiträgen zur Jugendforschung. 

2) Der Anfang; Zeitschrift der Jugend, herausgegeben von Georges Barbizon und Sieg- 
fried Bernfeld. Verlag die Aktion, Berlin 1913/14. S. 4.5. 

a) Der Neue Anfang; herausgegeben von Hermann Schlicht. München. 1919. S. 109. 



ÜBER EINE TYPISCHE FORM DER MÄNNLICHEN P UBERTÄT 181 

wert, noch fruchtbar oder nur erlaubt sein. Verständnis erschließt 
uns nur die Einordnung in die präzise Nomenklatur der Psychoana- 
lyse. Dies erweist sich gleich beim ersten Versuch der „Übersetzung". 
Denn eine Anzahl der genannten Charakteristika erhält sogleich eine 
einheitliche Wurzel, indem sie sich unbez weifelbar den „narzißtischen" 
Erscheinungen einordnen. 

Das Ich hat im Vergleich zur Situation der Latenzperiode und der 
anderen Formen der Pubertät eine außerordentlich verstärkte libidi- 
nöse Besetzung erfahren, und zwar auf Kosten der Objekte. Die Folge 
sind Erscheinungen, die den von den Psychosen her für den gleichen 
Fall bekannten bis zu einem gewissen Grad sehr ähnlich sehen. Doch 
ist der Unterschied deutlich genug: die Objekte werden nicht völlig 
libidoleer, denn selbst richtige Verliebtheit ist in der ^Pb gedachter 
Art nicht selten und gewiß nicht ausgeschlossen. In diesem Zusammen- 
hang werden häufige — wenn auch nicht unerläßliche — Erschei- 
nungen dieser Pubertätsform verständlich, z. B. die überaus häufige, 
wenigstens vorübergehende narzißtisch-homosexuelle Fixierung. 

Theoretisch ist dies recht wichtig und so viel ich sehe, noch nicht 
genügend gewürdigt: Die in der eingangs zitierten Freudschen For- 
mel erkannte Aufgabe der Pubertät erfährt eine Störung; anstatt daß 
sich die Sexualtriebe auf ein Objekt definitiv sammeln, verwandelt 
sich ein beträchtlicher Teil von ihnen in Ichlibido, und erzeugen so 
eine sekundäre — wenn man will auch tertiäre — narzißtische Situa- 
tion, neben der, zu ihr wahrscheinlich nicht immer in gleicher Be- 
ziehung stehend, auch eine objektlibidinöse vorhanden bleibt. 

Aber dieser Pubertätsnarzißmus ist vom infantilen durch ein öko- 
nomisches Moment sehr scharf unterschieden. Er ist nicht, oder nur 
zum geringen Teil, lustvoll, sondern nicht selten an Zustände der 
Melancholie gemahnend, jedensfalls von zahlreichen und tiefen Depres- 
sionen begleitet. Der Grund dafür ist die Bildung eines Idealichs, das 
eine sehr beträchtliche Quantität der Libido an sich bindet, und je 
stärker diese Bindung wird, um so mehr sich vom realen Ich distanziert 
und, für die ?/>Pb absolut bezeichnend, zu ihm in Gegensatz tritt. Der 



18a S. BERNFELD 



Konflikt, der in der ytPb allemal zwischen Realich und Idealich ent- 
steht und zuweilen zu beträchtlicher Stärke anwächst, erlaubt ver- 
schiedene Ausgänge, die aber bisher noch wenig studiert sind. Darum 
können wir kaum mehr leisten, als zu sehen, ob nicht der typischen 
Form der yPb, die wir betrachten, eine typische Lösung des Konfliktes 

entspricht. 

Man kann diesen Konflikt etwa so beschreiben: Den libidinösen 
Strebungen, die ins Ich zurückkehren, oder in ihm sich entwickeln, 
wird vom Idealich verwehrt, sich an das Ich zu binden, sie werden 
von ihrem Ziel abgelenkt und suchen Besetzungsmöglichkeiten, die 
das Idealich gestattet. Als solche bieten sich endopsychische Gebilde: 
Phantasien, Wertungen, Ideen, die durch die ichlibidinöse Besetzung, 
die sie erfahren, zu einer Art Objekt werden. Freilich zu Objekten, 
die sich von den mit Objektlibido besetzten in einer nicht leicht for- 
mulierbaren Weise unterscheiden. Man nennt solche Auch-Objekte 
Ideale. Die ungestörte Besetzung ist mit Lust verbunden, die Sexual- 
betätigung — auch die abgelenkte — die an ihnen möglich ist, ist 
aber eine andere, als bei den Objekten der Objektlibido. Ein Gegen- 
satz, in den uns ein Dichterwort uns leicht einfühlen läßt : „Die Sterne, 
die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht, und mit Ent- 
zücken schaut man auf in jeder klaren Nacht." Von einem etwas 
anderen Standpunkt aus formuliert sich dieser Gegensatz ganz ähn- 
lich wie es Freud für den Unterschied zwischen Identifikation und 
Objektwahl am Beispiel der Vateridentifizierung getan hat: „Im ersten 
Fall ist der Vater das, was man sein, im zweiten das, was man haben 
möchte 1 ." 

Zur Entschuldigung für manche mangelnde Präzision in dieser Er- 
örterung sei darauf hingewiesen, daß wir uns hier auf neuem, noch 
unerforschten Boden bewegen, und versuchen einen Ansatz zu jenen 
Untersuchungen zu bieten, die Freud postuliert, wenn er sagt: „Denken 
wir daran, daß das Ich nun in die Beziehung eines Objektes zu dem 
aus ihm entwickelten Idealich tritt, und daß möglicherweise alle 

i) Freud, Massenpsychologie und Ichanalyse. S. 68. ■ 






ÜBER EINE TYPISCHE FORM DER MANNLICHEN PUBERTÄT 183 

Wechselwirkungen, die wir zwischen äußerem Objekt und Gesamt- 
ich in der Neurosenlehre kennen gelernt haben, auf diesem neuen 
Schauplatz innerhalb des Ichs zur Wiederholung kommen 1 ." Dazu 
ist noch zu berücksichtigen, daß im einzelnen die Unterscheidung 
zwischen den ichlibidinösen und objektlibidinösen Strebungen sehr 
schwierig ist, und wir hier genötigt sind subtile Differenzierungen 
vorzunehmen, die dem Leser konstruiert erscheinen müssen, da wir 
das Material, aus dem sie sich, auch nicht mühelos, aber doch deutlich, 
ergeben, nicht vorlegen können. 

Die Idealbildung, soweit sie durch Zielablenkung ichlibidinöser 
Strebungen unter dem Versagungsdruck des Idealichs geschieht, ist 
jenes Schicksal der Ichlibido, das der Sublimierung analog ist; falls 
man, wie ich vorgeschlagen habe 2 , das Wort Sublimierung in einem 
engen Sinn, als Schicksal des Objektlibido, verwenden will. Daß bei der 
Idealbildung auch Sublimierungen mitspielen, oder daran in beträcht- 
lichem Maß beteiligt sein können, bedarf eigentlich kaum der Er- 
wähnung. Dieser Konflikt und dessen geschilderter Ausgang ist dem- 
nach für unsere Form der xpPb charakteristisch, faßt wesentliche ihrer 
Erscheinungen einheitlich und kausal zusammen. Andere Konflikte, 
vor allem zwischen Ich (Idealich) und der Sexualität wirken natür- 
lich auch mit. Insbesondere Ödipus und Kastrationskomplex in einer 
gewissen gegenseitigen Beziehung gehören zu den notwendigen Fak- 
toren in ihrem Bild. 

Diese Beziehungen, zum Teil wohlbekannt, zum Teil sehr ver- 
wickelt mit mannigfaltigen Formen, seien für einen anderen Zusamen- 
hang aufgespart. Hier möchte ich nur eine Bemerkung nicht unter- 
drücken, die ein auffälliges und wesentliches Charakteristikum unserer 
ipPb trifft. Wir sprachen oben unter zweitens von der Tendenz zur 
Produktivität. Sie gehört nicht an und für sich und auf jeden Fall zu 
den Merkmalen der gedachten i/>Pb-Form; wenngleich sie dieser immer 
in einem gewissen Grade zukommt. Und zwar mit einer bezeichnen- 

1) Freud, Massenpsychologie. S. 114/15. 

2) Bernfeld, Bemerkungen über Sublimierung, Imago 1922. 



i84 S. BERNFELD 



den Note: die Produktion, das Werke-Schaffen — der Versuch dazu, 
der Wunsch darnach — steht unter der Gunst des Idealichs. Die 
Produktion ist ein Mittel idealgerecht zu werden oder zu scheinen. 
Das Werk selbst als idealgerechtes endopsychisches Objekt bindet Ich- 
libido (übrigens nicht selten auch Ichtriebanteile). Das Schaffen selbst 
oder das fertige Werk — zuweilen beides — gehört aber oft zum 
nicht geringen Teil der realen Welt an; es ist ein richtiges Objekt 
und ermöglicht daher Sublimierungen. Zugleich aber hat das Werk 
Möglichkeiten — wenigstens phantasierte — Libido fremder Per- 
sonen zu binden, es wird somit zum Mittelglied zwischen dem in 
Introversion befindlichen Ich und den potentiellen Sexualobjekten in der 
realen Welt. Daher spielt regelmäßig das Werk beim Abschluß der 
V>Pb eine große typische Rolle, von der später noch ein Wort zu sagen 
sein wird. 

Nachdem wir so einiges über die Ökonomik und Dynamik der V'Pb- 
Form erkannt haben, dürfen wir nach den Bedingungen fragen, unter 
denen die Pubertät solchen Verlauf nimmt. Es ist offenbar eine Ver- 
sagung zu Beginn oder im Verlauf der Pubertät, die die objektlibidinöse 
Strebungen zwingt, sich ins Ich zurückzuwenden. Wir wissen von 
Freud 1 , welche Tatsache regelmäßig eine solche Versagung herbei- 
führt. Die in der Pubertät wiedererwachende Libido muß die infan- 
tilen inzestuösen Strebungen neu erwecken und die Inzestschranke, 
die indes aufgerichtet wurde, widersetzt sich den neuerlichen Betäti- 
gungswünschen der Libido. Wir verstehen wohl, daß es nur einer 
hinzutretenden Bedingung bedarf, um uns die Tatsache der V'Pb im 
allgemeinen erklärlich zu machen: Inzest wünsch und Inzestverbot 
müssen eine über das Gewöhnliche hinausgehende Stärke besitzen. 

Für das Verständnis der beschriebenen Form der yPb reicht dies 
nicht aus. Bei ihr bedingen offenbar noch spezielle Momente den spe- 
zifischen Verlauf. Zunächst drängt sich da eine Tatsache auf, die viel- 
leicht ganz allgemein für die verlängerte Dauer der Pubertät mit zur 
Verantwortung zu ziehen wäre. Das diskrepante Verhältnis zwischen 



1) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 



1 



ÜBER EINE TYPISCHE FORM DER MÄNNLICHE N PUBERTÄT 185 

xp und 0, das der Pubertät ganz allgemein zukommt, ist ja nur eine 
umgekehrte Wiederholung eines Zustandes, der in einer früheren 
Lebensperiode eine bedeutsame Folge hatte. Das Ende der frühinfan- 
tilen Sexualbetätigung ist nicht zuletzt die Folge davon, daß damals 
die Entwicklung der y-Reihe dem langsamen Sich-Entwickeln der 
<£-Reihe weit vorausgekommen war. 

Es wäre verwunderlich, wenn der Ausgang des infantilen Konfliktes 
sich nicht im Verlauf des prinzipiell identischen Pubertätskonfliktes 
bemerkbar machen sollte. Wir sind daher um so eher geneigt, ihm 
eine Rolle bei der Verursachung der yPb zuzuschreiben, als ja diese 
ein narzißtisches Phänomen ist, und j enes Trauma zu Beginn der Latenz- 
periode eine narzißtische Kränkung war. Vielleicht finden wir die Ver- 
urteilung des Ichs durch das Ideal-Ich basiert auf die Erfahrungen 
und narzißtischen Einschränkungen, die das Individuum durch die 
frühinfantile y>- ^-Diskrepanz erleben mußte. War jene Diskrepanz zu 
einer starken Erschütterung des Narzißmus geworden, so kann damit 
eine Disposition erworben worden sein zur Ausbildung eines vom Ich 
scharf distanzierten, es arg kritisierenden und verurteilenden Ideal- 
ichs. Darüber hinaus aber kann jenes Trauma bei der beginnenden 
Neubelebung dieser Diskrepanz allgemein auf eine Versagung der ab- 
schließenden ^-Entwicklung hinwirken. Um so mehr als jene narziß- 
tische Kränkung in einem innigen Zusammenhang mit dem Ödipus- 
komplex steht. 

In einem streng fordernden und verurteilenden Idealich liegt ge- 
wiß eine der Bedingungen zu reichlicher Idealbildung. Da diese für 
unsere r/;Pb so bezeichnend ist, haben wir einen Anreiz, die Stärke 
ihres Idealichs voll zu determinieren. Und da liegt ein Gedanke viel- 
leicht nicht zu abwegig. Man beobachtet leicht, daß der Kampf des 
Idealichs sich vor allem gegen einzelne Eigenschaften — reale oder 
eingebildete — des Ichs richtet, für die es reale Vorbilder oder Vor- 
träger in ehemals geliebten Personen gibt. So bekämpft einer den 
Vater, der andere den Bruder oder Lehrer in sich. In der frühinfantilen 
Liebe, auch in der Ödipussituation ist die Identifikation ein sehr wich- 



186 S. BERNFELD 



tiger Mechanismus. Hat diese Identifikation im UBW länger als ge- 
wöhnlich angedauert — und das könnte bei starker inzestuöser Fixie- 
rung, die ja eine Ursache der yPb ist, wohl sein — so findet der Puber- 
tätsödipus, den indessen vom BW abgelehnten Vater wirklich näher 
und mehr in sich als zu vermuten war und das Idealich, das vom Vater 
differenziert (um ein Beispiel zu geben) hat allen Grund zu unerbitt- 
lichem Kampf. 

Ohne konkretes Material auszubreiten, kann hier in eine Typik 
nicht eingegangen werden. Es sollte bloß auf eine Gruppe von Mo- 
tiven zur nachdrücklichen Differenzierung des Idealichs hingewiesen 
werden. Ein Fall aber ist so häufig, und scheint so mannigfaltige Be- 
dingungen für eine reiche Entwicklung unserer typischen Form der 
i/'Pb zu enthalten, daß er genannt sei. Wohlbekannt ist die Identifi- 
zierung des Knaben mit der Mutter und der damit verknüpfte femi- 
nine Zug im Charakter und Leben zahlreicher Männer (bekanntlich 
nicht zu verwechseln mit Homosexualität). Gerade diese Femininie ist 
für die gedachte yPb überaus charakteristisch. Und die genauere Ana- 
lyse von Jugendlichen, die unsere v ,pb -Form vertreten, zeigt deutlich 
in zahlreichen Elementen eine wohlausgebildete Identifikation mit 
der Mutter. Es mag in der blassen abstrakten Formulierung nun sehr 
konstruiert erscheinen, was sich als sehr sichere Vermutung beim 
Studium des Konkreten aufdrängt. Wendet sich Objektlibido einem 
solchen mutteridentifizierenden Ich zu, so droht gewissermaßen der 
Inzest im eigenen Ich. Und diese Gefahr kann sehr heftige Abwehr 
des Idealichs hervorrufen, seine deutliche Ausbildung und sein strenges 
Regiment determinieren. Diese Situatien enthält so viel Komplika- 
tionen, daß es wohl begreiflich ist, wenn sie etlicher Jahre zur Aus- 
gleichung bedarf und die längsten i/'Pb-Fälle oft ihr zugehören. 

Es wird nicht leicht jemandem entgangen sein, daß das Phänomen, 
das wir hier in der Form der yPb behandeln, in seinen wesentlichen 
Zügen bei einer gewissen Menschengruppe dauernd bleibt: bei den 
Schöpferischen, insbesondere den Dichtern. Für sie nun tritt häufig 
genug ganz deutlich der Kampf mit der Mutteridentil'izierung und 



Ober eine typische form der männlichen Pu bertät 187 

deren Auffassung als inzestuös von selten des Idealichs zutage. Tat- 
sächlich meine ich, daß manches vom hier Gesagten zugleich ein Bei- 
trag zur Psychologie des Künstlers oder des schöpferischen Menschen 
überhaupt ist. Man kann, gewiß nicht völlig richtig, aber fruchtbar 
sagen, daß der schöpferische Mensch zeitlebens die Pubertät nicht be- 
endet. Sicherlich aber gehört die Jugendzeit aller Künstler dem yPb- 
Typus, häufig dem hier beschriebenen an. Und der Jugendliche, der 
sich in ihr befindet, scheint allemal und nicht nur seinen Anver- 
wandten — oder auch diesen zuletzt — eine große Zukunft zu ver- 
sprechen. Ein Versprechen, das freilich die wenigsten halten, denn 
yPb ist noch keineswegs Genie, so sehr sie ihm in vielen Belangen 
gleichen mag. Wir könnten aus diesen Tatsachen heraus die uns be- 
schäftigende Form der yPb die genialische nennen. Wollte man die 
Gesichtspunkte hervorheben, die sich bei vergleichender Betrachtung 
zwischen Pubertät und Pathologie ergeben, so könnte man vielleicht 
die genialische yPb auch die paraphrene nennen. 

Der Excurs in die Psychologie des Künstlers macht uns noch auf 
ein Element aufmerksam, das wir gern zur weiteren Determination 
der Idealbildung heranziehen. Die Frühreife der Künstler Jugend wird 
oft erwähnt. Wir wundern uns nicht, bei der genialischen yPb wenn 
auch nicht ausnahmslos, doch allgemein eine auffallende Frühreife zu 
finden. Das heißt, schon die Latenzperiode verläuft ein wenig anders, 
als schematisch feststeht, wenn auf sie eine y p b, wenigstens wenn die 
genialische, folgen wird. Und zwar handelt es sich um Differenzen 
nach zwei Richtungen. Erstens ist die sexuelle Aktivität in diesem Fall 
während der Latenzperiode größer als sie sonst zu sein pflegt. Die an- 
genommene narzißtische Kränkung hat also nicht zur völligen Lahm- 
legung des sexuellen Interesses und der sexuellen Betätigung geführt 
sondern zur Weiterführung beider. Aber — und dies bewirkt die Ab- 
weichungen in der zweiten Richtung — schon in der Latenzperiode 
und in der Vorpubertät ist dabei Vermehrung der Ichlibido und Steige- 
rung ihrer Tätigkeit zu bemerken und als Folge der erlebten Ein- 
schränkung des Narzißmus die Entwicklung des Idealichs. So daß die 



188 S. BERNFELD 



eintretende Pubertät bereits mit einem ausgebildeten Idealich zu tun 
hat, das der Anpassung der ^-Entwicklung an die beginnenden Ver- 
änderungen der <£-Reihe sich widersetzt. 

Fassen wir die Ergebnisse dieser stellenweise recht unübersichtlichen 
Darstellung kurz zusammen: Von den manigfaltigen Erscheinungen, 
die die männliche Pubertät bietet, läßt sich ein Kreis von Phänomenen 
aussondern, dem gemeinsam ist: die psychischen Erscheinungen der 
Pubertät dauern über die Zeit der physiologischen Pubertät an. Wir 
sprechen dann von einer gestreckten Pubertät (y pb )- Eine der nicht 
wenigen Formen der yPb haben wir die genialische Pubertät genannt, 
und sie als durch eine Anzahl stets oder sehr häufig zusammentreffender 
Merkmale charakterisiert gefunden. Als solche zählten wir auf: Ideale, 
Produktivität, Selbstschätzung, Freundes- (Führer) Verehrung, Grup- 
penbildung. 

Die gemeinsame Basis dieser Merkmale glaubten wir zu finden in 
der Rückverwandlung von gewissen, jedenfalls nicht geringfügigen 
Quanten Objektlibido in Ichlibido; in dem Vorhandensein eines wohl- 
ausgebildeten, vom Realich scharf differenzierten, es streng beur- 
teilenden und verwerfenden Idealichs} in dem vom Idealich aus- 
gehenden Zwang zu Idealbildungen, dem die introvertierte Libido in 
großem Umfang nachgibt. 

Als Bedingungen für diese Verlaufsform zeigten wir auf: l . Der 
Abbruch der frühinfantilen Sexualität hinterläßt eine dauernde, be- 
trächtliche narzißtische Wunde; 2. starke während der Latenzperiode 
andauernde inzestuöse Fixierung; 3. beginnende Idealich-Bildung in 
der Latenzperiode und Vorpubertät. 



\ 



1 



ÜBER DIE ERZIEHUNG 
IN BESSERUNGSANSTALTEN 1 

Von AUGUST AICHHORN 

Meine Damen und Herren! Ich sage absichtlich Erziehung in Bes- 
serungsanstalten, obwohl ich weiß, daß der offizielle Terminus Zwangs- 
erziehung heißt. Mich veranlassen dazu zwei Überlegungen. Erstens 
könnte das Wort Zwangserziehung leicht zu der Meinung verleiten, 
es handle sich um eine Erziehungsform, die dem zu Erziehenden auf- 
gezwungen wird, da ja von den Besserungsanstalten soviel Zwang be- 
kannt ist. Zwangserziehung ist aber eine Erziehung gegen den Willen 
des zur Erziehung Verpflichteten. Zweitens erscheint mir dadurch 
das Thema gegen die offene Jugendfürsorge und die in der freien 
Jugendbewegung versuchten Erziehungsformen schärfer abgegrenzt. 

Wenn auch zweifellos innige und tiefe Beziehungen zwischen der 
Erziehung des normalen und des dissozialen Kindes bestehen, sind 
wir in den Besserungsanstalten noch lange nicht so weit, aus unserer 
Erziehungsarbeit mit Sicherheit Schlüsse auf die Erziehung des nor- 
malen Kindes ziehen zu können. So wie wir unter unsern Zöglingen 
Grenzfälle und fließende Übergänge zur Neurose und Psychose finden 
und uns daher im Grenzgebiete mit der Psychiatrie berühren, stoßen 
wir auch auf Grenzfälle und fließende Übergänge zum normalen Kinde 
und berühren uns dadurch in unserer Arbeit mit der offenen Jugend- 



1) Vortrag, gehalten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 21. Juni 1922. 






i 9 o A. AJCHHORN 



fürsorge und der freien Jugendbewegung. Unsere Hauptarbeit wird 
sich aber immer auf gesondertem Gebiete entwickeln müssen. 

Wir konnten in Oberhollabrunn und in St. Andrä' in allen uns zur 
Behandlung übergebenen Fällen, mochte die tiefer liegende Ursache 
der Dissozialität welche immer sein, doch stets denselben auslösenden 
Faktor erkennen. Der Mensch braucht, um die Stöße, die ihm das 
soziale Leben gibt, ertragen zu können, einen Ruhepunkt, der nor- 
malerweise in der Familie liegt. Ist dieser vorhanden, so bewegen sich 
auch die Äußerungen seines Trieblebens innerhalb sozial erträglicher 
Grenzen, fehlt dieser, so wird der auch sonst nicht sehr stabile Gleich- 
gewichtszustand noch leichter gestört, und bei vorhandener Disposition 
tritt Dissozialität ein. 

Die Anstalten für Dissoziale haben dieDauerwirkungendieserGleich- 
gewichtsstörungen zu beheben und die Einflußnahme auf das Kind 
muß sich daher wesentlich von der Erziehung des normalen Kindes 
unterscheiden. Unsere Tätigkeit hat viel Ähnlichkeit mit der des 
Arztes, so daß wir vielleicht besser von der Behandlung, als von der 
Erziehung des Dissozialen sprechen. 

Eine Feststellung erscheint mir noch sehr wichtig. Wir teilen nicht 
die Meinung jener, für die mit der Erbmasse allein schon die spätere 
Entwicklung des Kindes gegeben ist. Wir stehen hier auf dem Boden 
der Psychoanalyse, die die Art und Stärke der libidinösen Bindungen 
des Kindes an die Objekte seiner ersten Umgebung als richtunggebend 
für das spätere Leben erkennt. Damit stimmt überein, daß wir unsere 
nicht unbeträchtlichen Erfolge bei der Ausheilung der Dissozialen einer 
Einflußnahme auf das spätere Schicksal der Libido im Sinne der Subli- 
mierung und Kompensierung verdanken. W ie wir das auffassen, möchte 
ich an zwei Fällen zeigen: an einem siebzehnjährigen Homosexuellen 
und einem Sechzehnjährigen, der von unserem psychiatrischen Konsu- 



1) Die Gemeinde Wien hat im Dezember 1918 im ehemaligen Flüchtlingslager Ober- 
hollabrunn ein Jugendheim für dissoziale Wiener Kinder und Jugendliche errichtet und 
dieses am 28. Februar 192 1 in das bisherige Versorgungshaiis nach St. Andrä an der Traisert 
verlegt. 



I 



ÜBE R ME ERZIEHUNG IN BESSERUNGSANSTAL TEN 191 

lenten, Dozenten Dr. Lazar, als leichte Form der Schizophrenie be- 
zeichnet wird. 

Der Sechzehnjährige, ein Junge aus sehr gutem bürgerlichen Milieu 
wurde wegen fortgesetzter häuslicher Diebstähle der Anstaltserziehung 
übergeben. Er kam zu uns, nachdem es in mehreren anderen Anstalten 
mit ihm nicht mehr ging. Wie arg seine Diebstähle waren, ist daraus 
zu ersehen, daß sein Vater zu mir sagte: „Der Junge hätte uns ruiniert, 
wäre er noch länger zu Hause geblieben." Er war sehr schwierig zu 
führen, äußerst reizbar, bildete sich zeitweise ein, daß die anderen auf 
ihn losgehen wollten und leistete sich dann arge Aggressionen gegen 
seine Mitzöglinge, den Erzieher und andere Personen seiner Umgebung. 
So rächte er sich vor noch nicht sehr langer Zeit an unserem Ver- 
walter, von dem er sich beleidigt glaubte, dadurch, daß er in der fol- 
genden Nacht vor dessen Wohnungstür defäzierte. Sein Größenwahn 
lebte sich in der Idee aus, Einbrecherkönig zu werden. Er hatte sich 
in Wien auch eine „Platte" gebildet, die er zu beherrschen wähnte, 
von der sein Vater aber gerade das Gegenteil berichtete. Sein Ver- 
halten bei uns und die wiederholten Aussprachen mit ihm bestätigten 
die erwähnte Diagnose des Dozenten Dr. Lazar. 

Dem körperlich kräftigen, intellektuell unternormalen Jungen war 
unter Ausnutzung der so deutlichen aggressiven und analen Kompo- 
nenten eine Beschäftigung zuzuweisen, bei der er körperlich etwas 
leisten konnte, ohne dabei infolge der mangelnden Intelligenz be- 
schämenden Vergleichen ausgesetzt zu sein. Bei uns kam da nur die 
Gemüsegärtnerei mit ihrem Wühlen in Dung und Erde in Frage. 

Der Siebzehnjährige wurde von uns in die Schneiderwerkstätte ge- 
geben. Dort erlernte er in fünf Monaten alles, das sonst normalerweise 
in drei Jahren erlernt wird. Der Werkmeister bezeichnete ihn als 
Schneidergenie. In der ganzen Zeit kam nur ein Rückfall vor der 
Versuch, einen Mitzögling zu homosexueller Handlung zu verleiten. 

Wir sind nun der Meinung, daß die Berufsberatung für diesen 
Jungen aus unserer psychoanalytischen Einstellung heraus richtig er- 
folgt ist. Dem ökonomischen Gesichtspunkte der Psychoanalyse wurde 



jg2 A. AI CH HÖRN 



entsprochen. Der Zögling findet in seiner täglich achtstündigen ge- 
werblichen Arbeit die besten Vorbedingungen für den „automatisch 
durch das Lustprinzip regulierten Ablaufseiner seelischen Vorgänge". 
(Freud, „Jenseits des Lustprinzips", Seite 3.) 

Durch die Einstellung in die Schneiderwerkstätte ändern wir zwar 
nicht die Kraftquelle, aus der das psychische Leben des Jungen seine 
Energien bezieht, wir rechnen aber aus der von der Psychoanalyse 
erkannten Dynamik der Libidokomponenten darauf, daß gerade in 
dieser Arbeit seine perverse Libido in nützlicher Verwendung abreagiert 
werde, statt ihn mit der Polizei in Konflikt zu bringen. Ich erwähne, 
daß die Einstellung in die Schneiderei gegen den Willen des Zöglings 
erfolgte und daß er sich monatelang sehr unbehaglich fühlte. Als ich 
kurz vor seinem Abtransporte nach Eggenburg ' auf seine Leistungen 
in der Schneiderei mit ihm zu sprechen kam, meinte er, der jetzt ein 
begeisterter Schneider ist: „Es ist doch gut, wenn einem nicht immer 
sein Wille gelassen wird." 

In beiden Fällen ist die psychoanalytische Beurteilung der dissozial 
verwendeten Libidokomponente und der normalen Libidoverwertung 
bei den Handwerken in der Berufswahl zu Heilzwecken benützt 
worden. 

Eine eingehende Analyse würde, namentlich im ersten Falle, ein 
sichereres Ergebnis erwarten lassen. Wenn auch aus praktischen Gründen 
in Besserungsanstalten nicht jeder Zögling der Analyse wird zugeführt 
werden können, so müssen wir sie doch grundsätzlich für jene ver- 
langen, die solche Führungsschwierigkeiten bieten, daß sie in keiner 
Zöglingsgruppe möglich sind 8 . 



1) Das Jugendheim St. Andrä wird aufgelöst, da die Gemeinde Wien die große Er- 
ziehungsanstalt Eggenburg (Belagraum für 1000 Zöglinge) vom Lande Niederösterreich 
übernommen hat. Unsere Zöglinge werden dorthin übersiedeln. 

2) Freilich könnte dieser Versuch erst unternommen werden, bis der Psychoanalytiker 
in der Organisation der Besserungsanstalt seinen Platz eingeräumt erhalten haben wird. 
Gegenwärtig müssen wir die größte Mühe aufwenden, um die aus der Begeisterung unter 
den Erziehern entstandene Epidemie psychoanalytischen Dilettantismus in ernstes Studium 
zu lenken. 






,1 



Ober die Erziehung in Besserungsanstalt en 193 

Wer Gelegenheit hat, Besserungsanstalten alten Stils zu besuchen, 
dem wird vor allem das mürrische, verschlossene "Wesen der Zöglinge 
auffallen. Überall nur scheue, mißtrauische, haßerfüllte Blicke von 
unten herauf. Nirgends ein offenes, freies Ins-Gesicht-Schauen. Das 
fröhliche, oft kraftüberschäumende Wesen des normalen Kindes fehlt 
vollständig. Was an Heiterkeit zu sehen ist, stimmt den Besucher 
traurig. Lebensfreudige Äußerungen sehen ganz andersaus! Man kann 
sich eines Schauers nicht erwehren über den vielen Haß, der in diesen 
jungen Menschen aufgespeichert ist und in der Besserungsanstalt nicht 
nur nicht zur Lösung kommt, sondern sich noch verdichtet, um später 
in der Gesellschaft entladen zu werden. 

Als wir in Oberhollabrunn unsere Tätigkeit begannen, hatten wir 
davon keine Ahnung. Wir kamen, nicht beschwert mit Anstalts- 
traditionen, von der offenen Jugendfürsorge und von der Schule, 
ohne eigene Vorbildung für unsere besondere Aufgabe, vielleicht mit 
einiger Befähigung, sicher aber mit viel Zuneigung zur Jugend. 

Es war uns rein gefühlsmäßig klar, daß wir Knaben und Mädchen 
und jungen Menschen im Alter von vierzehn bis achtzehn Jahren vor 
allem Freude zu bereiten hätten. Keinem von uns fiel ein, in ihnen 
Verwahrloste, Gauner, Verbrecher zu sehen, vor denen die Gesellschaft 
geschützt werden müßte. Für uns waren es Menschen, denen das Leben 
eine zu starke Belastung gebracht hatte, deren negative Einstellung 
und deren Haß gegen die Gesellschaft der Berechtigung nicht ent- 
behrte, für die wir ein Milieu zu schaffen hatten, in dem sie sich 
wohl fühlen konnten. Und es ging ganz von selbst. Frohe Gesichter 
bei Erzieherinnen und Erziehern, freudiges Lachen aus Kinderaugen 
auch aus achtzehnjährigen — das waren eben unsere großen Kinder. 
Ich erinnere mich noch der Spannung, mit der wir den ersten Zögling 
erwarteten und seines Behagens, als wir uns auf ihn stürzten um ihn 
zu verwöhnen. Wir haben später freilich manches Zuviel abgestreift. 
Aber zur Beruhigung kann ich mitteilen, daß auch dem ersten die 
anfänglich arge Verwöhnung nichts geschadet hat. Er ist heute Gärtner- 
gehilfe in Wien. 

13 Imago IX/2 



I94 ' A. AI CH HÖRN 



Wir betrieben so, ohne es zu wissen, schon durch die Milieuschaf- 
fung eine praktische Psychologie der Versöhnung. Von dieser können 
wir heute sagen, daß sie für den höchsten Prozentsatz aller in Besse- 
rungsanstalten befindlichen Zöglinge anzuwenden ist. 

Wir hatten sehr rasch den Lusthunger der Dissozialen erkannt. 
Vielleicht haben sie überhaupt ein größeres Lustbedürfnis als normale 
Kinder. Jedenfalls aber haben sie sich aus einem Defizit im sozialen 
Leben die Lustbefriedigung im Dissozialen gesucht. 

Unsere Aufgabe ist es, unsere Schützlinge erleben zu lassen, daß 
ein höheres Gesamtergebnis an Lust im sozial gerichteten Leben zu 
finden ist. 

Sie mögen aus dem Satze „wir müssen sie erleben lassen, daß ein 
höheres Gesamtergebnis an Lust im sozial gerichteten Leben zu finden 
ist" meine Stellung zur „Anstalt" überhaupt erkennen. 

Wenn die Zöglinge etwas erleben sollen, so müssen sie ins Leben 
und nicht in die lebensfremde, wenn auch noch so schöne Anstalt 
gestellt werden. Je weniger das Milieu Anstaltscharakter trägt und 
je mehr es sich dem einer freien Siedlung lebensbejahender Menschen 
nähert, desto weniger ist der Dissoziale dem wirklichen Leben ent- 
zogen, desto sicherer ist seine Ausheilung, desto sicherer sein Wieder- 
eintritt in die Gesellschaft zu erwarten. 

Die Gefahr, daß die Individualität nicht zur Entwicklung kommt, 
ist in der Anstalt sehr groß. Nur zu leicht bildet sich für die Er- 
ziehungshandlungen eine Schablone heraus und der Zögling wird 
nur zu oft infolge administrativer Notwendigkeiten zur Nummer. Er- 
innern wir uns doch an unsere eigene Kindheit: was bedeutete uns 
eine Schublade, ein Kastenfach, eine Schachtel, ein Plätzchen, das uns, 
uns ganz allein gehörte, wo wir unsere Geheimnisse vor Eltern und 
Geschwistern verbergen konnten; wo wir Ordnung machten, wenn 
es uns paßte, wo wir aber auch nach Herzenslust schlampig sein konnten! 
Wieviel Erlebtes wirkt da unbewußt heute noch nach! Und in der 
Anstalt? — Überall die der Einheitlichkeit wegen aufgezwungene 
Art der Ordnung und der Lebensweise! Anstaltsmauern schließen das 



Ober die erziehlng in Besserungsanstalt en 195 

Kind vom Leben ab und drängen es in ungesunde Phantasieerlebnisse 
verhindern den rechtzeitigen Ausgleich zwischen Lust und Realität! 
Wie ganz anders, wenn das Kind in einer Siedlung wohnt! 

Den Zwang des sozialen Lebens hat es nicht ertragen und durch 
Anstaltszwang soll es sozial werden? Das dissoziale Kind braucht ein 
Milieu, das ihm Bewegungsfreiheit gibt. 

Das war in Oberhollabrunn durch das Wohnen jeder Gruppe für 
sich in einer primitiven Baracke gegeben, in St. Andrä sind die äußeren 
Bedingungen sehr ungünstige j in jeder Anstalt mit Pavillonsystem läßt 
es sich unschwer schaffen. 

Glauben Sie aber nicht, daß bei uns die Dissozialen sofort nach 
ihrer Einlieferung vom Zauber des Milieus gefangen genommen wer- 
den. Manche sind erstaunt, ungläubig, mißtrauisch. Viele, die inner- 
lich Verrohten, die sich nur gebeugt hatten, wenn die Brutalität des 
anderen sie unwiderstehlich zwang, sehen in uns Schwächlinge, die 
sich an sie nicht heranwagen. Noch andere, die intellektuell Hoch- 
wertigeren, sehen in uns die Dummen, die sich zum besten halten 
lassen. So finden wir von der brutalen Opposition bis zur stillen Ver- 
achtung alles vertreten. 

Weil wir das wissen, versuchen wir nicht, sie beim Eintritte durch 
Worte für uns zu gewinnen. Wir geben sie in die sogenannte Ein- 
und Auslaufgruppe. Dort leben sie mit Zöglingen zusammen, die schon 
zur Entlassung reif sind. Dies stellt uns die beste Bedingung für das 
rasche Einleben der Neuen in das Milieu dar. Wir haben dadurch 
noch den Vorteil, zu erkennen, ob die zu Entlassenden schon den 
starken Stoß dissozialer Elemente auszuhalten vermögen. 

Ethische Werte haben anfangs keine Zugkraft. Zu nehmen ist der 
Zögling bei seinem Freßtrieb. Er verlangt eine ausgiebige Kost, legt 
nicht besonderen Wert auf Abwechslung. Im allgemeinen ist er kein 
Feinschmecker. Aber daß ein Erzieher mit ihm uud für ihn lebt be- 
greift der Dissoziale nicht, wenn er Maisgries bekommt und für den 
Erzieher Gulyas gekocht wird. In der Besserungsanstalt ist die Ein- 
heitskost, gekocht auf einem Herde und in denselben Töpfen, eine er- 
13* 



, 9 6 A. A1CHH0RN 



zieherische Grundbedingung. Die aus verschiedener Verköstigung von 
Zöglingen und Erziehern hervorgehende Unlust löst starkes Mißtrauen 
gegen den Erzieher aus, das sich auf das ganze Verhältnis überträgt. 
Der Dissoziale glaubt dem Erzieher seine Liebe nicht mehr! 

Ich möchte noch einmal auf die den Zöglingen zu gewährende 
Bewegungsfreiheit zurückkommen. Sie wird von ängstlichen Leuten 
nicht verstanden und von den nächsten Nachbarn übelgenommen. 
Es erhebt sich jedesmal großes Geschrei, wenn einer über die Stränge 
geschlagen hat. Wir lassen uns aber trotz Kopfschütteins und Ent- 
setzens nicht irre machen. Es ist wie bei der Psychoanalyse: aus täg- 
lichen Konflikten bekommen wir die Handhabe, in den Zögling ein- 
zudringen und die im Unbewußten liegenden Motive seines Handelns 
zu erschließen. 

Manchmal ist es uns gelungen, durch herzhaftes Zugreifen bei einem 
akuten Konflikt oder sogar durch künstliche Herbeiführung eines 
solchen, die Heilung anzubahnen. Wiederholt haben wir das eigen- 
mächtige Verlassen der Anstalt (Durchgehen) verhindert oder — er- 
schrecken Sie nicht — provoziert, wie es uns notwendig erschien. 
Das Durchgehen erfolgt in seltenen Fällen infolge eines plötzlichen 
Affektes oder eines Traumes und ist dann gewöhnlich schwer zu ver- 
hindern. In den weitaus meisten Fällen bereitet es sich tagelang vor 
und darf dem geschulten Auge des aufmerksamen Erziehers nicht ent- 
gehen. Wir halten es — abgesehen von unserer ablehnenden Stellung- 
nahme gegen die Strafe in Besserungsanstalten überhaupt — für eine 
vollständige Verkennung der Zusammenhänge, wenn in den Satzungen 
von Besserungsanstalten Rutenstreiche für rückeingelieferte Durch- 
gänger vorgesehen sind. Das Durchgehen erfolgt, wenn das „Draußen" 
stärker lustbetont ist als das „Drinnen". Gelingt es in dieser Konflikt- 
stimmung den Zögling zu einer Aussprache zu bringen, so gelingt es 
unschwer, ohne seine Durchgeh-Absicht auch nur zu berühren, ihm 
das „Drinnen" stärker lustbetont zu machen. Er bleibt dann. Den 
andern, der dableiben will, zieht es hinaus, wenn ihm das „Draußen" 
von uns stärker lustbetont in Erinnerung gerufen wird. 



ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSERUNG SAN S TA LTEN 197 

Ich ersuchte Sie, über die Mitteilung nicht zu erschrecken, daß auch 
die Notwendigkeit eintreten könne, einen Zögling zum Durchgehen 
zu veranlassen. Freilich wird das nicht täglich vorkommen, sondern 
ein Ausnahmefall sein. Einen solchen will ich Ihnen im folgenden 
mitteilen. 

Es handelt sich um einen siebzehnjährigen Lebemann und Spieler, 
der sich zuerst als Börsenspekulant und dann als Schleichhändler sehr 
hohe Beträge verdiente. Seine Laufbahn begann er als Kontorist, kam 
als Fünzehnj ähriger zu einemWinkelbankier, der den intelligenten, sehr 
verwendbaren Jungen mit Börsenaufträgen betraute und ihm ermög- 
lichte, Geschäfte auch auf eigene Rechnung zu machen. So brachte 
er 35000 Kronen zusammen, mit denen er sich selbständig machte. 
Für das Jahr 1917 war das ein bedeutendes Betriebskapital. Er fuhr 
nach Galizien und brachte von dort Lebensmittel mit, die er im Scheich- 
handel weitergab. Das Geschäft warf reichen Gewinn ab. In Wien 
führte er ein lockeres Leben, trieb sich in Nachtlokalen herum, hielt 
zweifelhafte Damen aus und verbrachte viel Zeit mit Kartenspiel, das 
er leidenschaftlich betrieb. Gewinn und Betriebskapital verschwan- 
den. Um sich dieses wieder zu verschaffen, räumte er seiner Mutter 
den Wäschekasten aus. Diese, nach äußerst trauriger Ehe verwitwet, 
hatte wiederholt versucht, den mittlerweile siebzehn Jahre alt Ge- 
wordenen zu einem ordentlichen Lebenswandel zu bringen. Da es 
ihr nicht gelang, nahm sie die Hilfe einer Jugendfürsorgeorganisation 
in Anspruch, die den Jungen zu uns brachte. 

Er war einer von denen, die keine besonderen Schwierigkeiten 
machen, solange man sich mit guter Aufführung in der Anstalt be- 
gnügt. Solche Zöglinge sind höflich und zuvorkommend, recht an- 
stellig und zu leichteren Kanzleiarbeiten gut zu gebrauchen. Bei ihren 
Mitzöglingen wissen sie sich ohne Reibungen einzuleben und erlangen 
doch bald eine gewisse Führerrolle. Wenn man sich aber näher mit 
ihnen beschäftigt, wird man die Schwierigkeiten gewahr. Innerlich 
verkommen, äußerlich aalglatt, geben sie keine Angriffsfläche zu er- 
zieherischen Einwirkungen. Ihr Gehaben ist Maske, zwar eine sehr 



jg8 A. AI CH HÖRN 



gute, aber doch nur eine Maske. Dem Erzieher schließen sie sich nicht 
an und verhindern auch jeden Annäherungsversuch desselben. Die 
Übertragung, die gerade bei ihnen sehr stark sein muß, ehe auch nur 
daran gedacht werden kann, erzieherisch auf sie einzuwirken, ist fast 
nicht herzustellen. Sie gehören eben zu denen, die sich in der Anstalt 
nichts zuschulden kommen lassen und sehr bald den Eindruck machen, 
geheilt zu sein. Sobald sie aber wieder ins freie Leben zurückkommen, 
sind sie die alten. Bei ihnen ist daher äußerste Vorsicht geboten. 

Auch unser Lebemann wußte sich jeder Einflußnahme zu ent- 
ziehen. Er war schon einige Monate bei uns, ohne daß sich eine Über- 
tragung im Sinne der Psychoanalyse hergestellt hatte. Man konnte 
aber doch bemerken, daß das Oberhollab runner Milieu nicht ohne 
Wirkung auf ihn geblieben war. Ich wollte ihn auf ganz kurze Zeit 
von uns weghaben, damit ihm die negative Lustbetonung eines anderen 
Milieus das wohltuende Milieu von Oberhollabrunn recht deutlich 
empfinden lasse und er vielleicht dadurch behandlungsreif würde. 
Dazu durfte er aber nicht zwangsweise fortgebracht werden, sondern 
mußte selbsthandelnd bleiben. Natürlich war zu vermeiden, daß er 
diese Absicht auch nur ahnte. Als geeignetes Mittel, diese Voraus- 
setzung zu erfüllen, war die Stimmungsbeeinflussung sehr naheliegend. 
Es genügte auch tatsächlich eine halbstündige Aussprache, in der das 
„Draußen" stark positiv in Erinnerung gebracht wurde und nach 
einer weiteren halben Stunde kam vom Erzieher seiner Gruppe die 
Nachricht, daß er durchgegangen sei. Der erste Teil der „Erziehungs- 
handlung" war geglückt, den Zögling hatte es unwiderstehlich hinaus- 
gezogen. Der Erzieher wußte nicht, daß das Durchgehen von mir provo- 
ziert worden war. (Ich mache während eines Versuches dem Erzieher nur 
dann davon Mitteilung, wenn ich seiner Mithilfe bedarf, da es im 
ständigen Zusammenleben mit den Zöglingen sehr schwierig ist, un- 
befangen zu bleiben. Ist der Versuch gelungen oder ergebnislos ver- 
laufen, so gibt er Anlaß zu lebhaftem Meinungsaustausch.) Über den 
zweiten Teil der Erziehungshandlung in diesem Falle, die Herstellung 
der Übertragung, werde ich noch berichten. 



ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSERUNGSANSTALTEN '99 



Ich habe davon gesprochen, daß wir, ebenso wie der Psychoanaly- 
tiker bei seinen Patienten, die täglichen Konflikte im Leben unserer 
Zöglinge ausnützen müssen. Als Beispiel führte ich Ihnen das Durch- 
gehen und die Art, es zu verhindern oder hervorzurufen, an. 

Ein anderes wäre das Eingreifen bei akuten Diebstahlskonflikten. 

In einem Fall verwertete ich nicht die gegebenen Umstände gefühls- 
mäßig, sondern schuf die erforderliche Situation mit Überlegung. Auf 
einer Fahrt nach Wien las ich Dr. Ranks Buch: „Das Inzestmotiv in 
Dichtung und Sage." Bei der Stelle, wo er die aristotelische Lehre 
von der Katharsis anführt, kam mir die Überlegung, ob nicht ein Zög- 
ling in einem Konflikte selbst zum Helden eines Dramas zu machen 
wäre. Als geeignet erschienen mir Diebstahlskonflikte. Die Gelegen- 
heit zu einem Versuch ergab sich bald. 

Wir hatten einen achtzehnjährigen Zögling, der wegen Kamerad- 
schaftsdiebstählen aus der Kadettenschule ausgeschlossen worden war 
und sich auch Haus-, sowie Fremddiebstähle hatte zuschulden kommen 
lassen. Ich übertrug ihm nach einigen Monaten Aufenthaltes bei uns 
absichtlich die Verwaltung der Tabakkasse. (In diese bezahlten die 
Angestellten die Beträge zur gemeinsamen Behebung ihrer Tabak- 
fassungen.) Der Gesamtbetrag, der allwöchentlich einlief, betrug 700 
bis 800 Kronen, für die damalige Zeit verhältnismäßig viel Geld. Den 
Kassier hatte ich ersucht, den Jungen so zu beobachten, daß dieser 
davon nichts merke und mir Mitteilung zu machen, wenn ein Ab- 
gang vorkommen sollte. Nach ungelähr vier Wochen wurde mir das 
Fehlen von 450 Kronen gemeldet. Mir schien nun die Gelegenheit 
gekommen, den Zögling der Erschütterung und Rührung auszu- 
setzen, um so die Kartharsis zu versuchen, obwohl ich noch keine 
Ahnung hatte, wie das anzufangen sei. Ich wollte vorerst Zeit ge- 
winnen und ersuchte den Kassier, mir den Zögling nachmittags in 
die Kanzlei zu schicken, ihm aber nicht zu sagen, daß der Abgang 
bemerkt wurde. 

Der Junge kam und ich war mir noch immer nicht klar, was ich 
tun sollte. Ich wollte ihn vorläufig eine Zeitlang um mich haben und 



2 00 A. AI CH HÖRN . 



machte ihm den Vorschlag, mir beim Abstauben und Ordnen meiner 
Bücher zu helfen. 

Es mußte versucht werden, eine Handlung zu gestalten, in deren 
Mittelpunkt er selbst stünde und die sich so zu entwickeln hätte, daß 
sein ausgelöster Angstaffekt bis zur Unerträglichkeit gesteigert würde. 
Im Augenblick der unvermeidlich scheinenden Katastrophe wäre dieser 
eine so entgegengesetzte Wendung zu geben, daß die Angst plötzlich 
iri Rührung umschlagen müsse. Die durch diesen Affektkontrast her- 
vorgerufene Erregung mußte die Ausheilung bringen oder einleiten. 

Im vorliegenden Falle spielt sich das „Drama" folgendermaßen ab. 
Wir beginnen zu arbeiten. Ich frage ihn. um sein Ergehen, um dies 
und jenes und komme nach und nach auch auf die Tabakkasse zu 
sprechen. „Wieviel Geld nimmst du wöchentlich ein?" — „700 bis 
800 Kronen." Wir räumen weiter Bücher ein. Nach einiger Zeit: 
„Stimmt dir deine Kasse auch immer?" Ein zögerndes „Ja", von dem 
ich aber weiter nicht Notiz nehme. Wieder nach einiger Zeit: „Wann 
hast du den größten Parteienverkehr?" — „Vormittags." — Und 
etwas später: „Ich muß -mir doch einmal deine Kasse ansehen." Der 
Junge wird merklich unruhiger, ich sehe es nicht, sondern arbeite 
mit ihm weiter, lasse aber nicht locker, sondern komme immer wie- 
der auf die Tabakkasse zu sprechen. Als sich sein Unbehagen derart 
gesteigert hat, daß ich den Zeitpunkt für gekommen erachte, stelle 
ich ihn plötzlich vor die Entscheidung: „Du, wenn wir hier fertig 
sind, werde ich mir deine Kasse ansehen." (Seit unserem Zusammen- 
sein sind ungefähr fünf Viertelstunden vergangen.) Er steht mit dem 
Rücken zu mir vor dem Bücherkasten, nimmt ein Buch heraus, um 
es abzustäuben und — läßt es fallen. Jetzt sehe ich seine Erregung. 

„Was ist dir?" — „Nichts!" — „ Was fehlt dir in deiner 

Kasse? Ein angstverzerrtes Gesicht, zögerndes Stammeln: 

„450 Kronen." Ohne ein Wort zu sprechen, gebe ich ihm diesen Be- 
trag. Er sieht mich mit einem unbeschreiblichen Blick an und will 
sprechen. Ich lasse ihn nicht reden, aus dem Gefühl heraus, daß mein 
Tun auf ihn noch wirken müsse und schicke ihn mit einem freund- 



ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSER UNGS.4 NS TAL TS N 201 

liehen Kopfnicken und einer entsprechenden Handbewegung weo\ 
Nach ungefähr i o Minuten kommt er zurück, legt mir die 450 Kronen 
auf den Schreibtisch mit den Worten: „Lassen Sie mich einsperren 
ich verdiene nicht, daß Sie mir helfen, ich werde ja doch wieder 
stehlen!" Diese in höchster Erregung hervorgestoßenen Worte wer- 
den von heftigem Schluchzen abgelöst. Ich lasse ihn niedersetzen und 
spreche mich mit ihm aus, halte ihm keine Moralpredigt, sondern höre 
teilnahmsvoll an, was aus ihm herausquillt; seine Diebereien, seine 
Stellung zur Familie, zum Leben überhaupt und vieles, das ihn be- 
schwert. Der anfänglich überaus starke Affekt wird unter Erzählen 
und Weinen allmählich schwächer. Schließlich gebe ich ihm das Geld 
neuerdings, indem ich ihm sage, ich glaube nicht, daß er nochmals 
stehlen werde, er sei mir die 450 Kronen wert. Und im übrigen 
schenke ich sie ihm nicht, er möge weniger rauchen und mir nach 
und nach den Betrag zurückzahlen. Damit niemand etwas merke, solle 
er den Betrag in die Kasse zurücklegen. Den Kassier mache ich auf- 
merksam, daß der Schaden gutgemacht sei und daß er sich von der 
Sache nichts wissen machen möge. Nach ungefähr zwei Monaten hatte 
ich tatsächlich mein Geld zurückbekommen. 

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die große Spannungsdifferenz 
zwischen der Angst, was geschehen würde, wie er sah, daß ich vom 
Diebstahl wußte, und der Rührung, wie sich die Situation ganz anders 
als erwartet, entwickelt hatte, die Lösung brachte. Praktisch war der 
Erziehungsfall erledigt, da sich der Junge die kurze Zeit, die er noch 
bei uns verblieb, sehr gut aufführte. Er ist seit anderthalb Jahren als 
Zeichner in einer großen Wiener Möbelfabrik angestellt und hält sich 
sehr brav. 

Es gelang, einen starken Affekt hervorzurufen und ihn erzieherisch 
zu verwerten. Weiteren Erfahrungen muß es vorbehalten bleiben 
inwieweit und für welche Fälle sich daraus eine besondere Technik 
entwickeln läßt. 

Als ich in Erinnerung dieses Falles unlängst erklärte, ich halte es 
für selbstverständlich, daß Zöglinge auch noch in der Anstalt stehlen, 



I 



202 A. AICHHORN 



ja, daß in manchen Fällen geradezu die erzieherische Notwendigkeit 
bestehe, dem Zögling die Möglichkeit zum Stehlen zu geben, erhielt 
ich von sonst ernst zu nehmender Seite zur Antwort, daß es, wenn 
auch begreiflich, so doch bedauerlich sei, wenn in einer Anstalt zur 
Erziehung Dissozialer gestohlen wird; daß es aber irrsinnig sei, den 
Diebstahl für erzieherisch notwendig zu halten. 

Kehren wir nach dieser Abschweifung zur Schilderung des Milieus 
zurück, das ich zur Ausheilung des Dissozialen für notwendig halte. 

Der Geist, der die Besserungsanstalt erfüllt, soll von den Erziehern 
ausgehen, aus deren eigenen positiven Einstellung zum Leben ; aus 
jener glücklichen Lebensauffassung, die Heiterkeit und Freude um 
sich verbreitet. Nur dann sind sie befähigt, sich ihren Schützlingen 
so ganz zu nähern, daß diese in allen Handlungen Zuneigungen spüren 
und immer empfinden, verstanden zu werden. Die meisten Dissozialen 
sind nie zur Befriedigung ihres kindlichen Zärtlichkeitsbedürfnisses 
gelangt. Viele haben eine Entwicklungsstufe übersprungen; der ersten 
Kindheit folgte der brutale Kampf ums Dasein; sie haben die schöne, 
noch das spätere Leben verklärende Märchenzeit nie kennengelernt 
und die Stunden innigen Beisammenseins von Mutter und Kind nie 
erlebt. Ihnen muß viel gegeben werden und nur dem Erzieher mit 
sehr hoher Einfühlungsfähigkeit, wird es gelingen, in jedem Falle das 
Richtige zu treffen. Die Erziehungswissenschaft läßt ihn hier im Stich. 
Wenn die Einfühlungsfähigkeit eine typisch weibliche Eigenschaft ist, 
dann müssen wir in der Erziehung Dissozialer den Erzieher mit femi- 
niner Komponente vorziehen und können auch in der Erziehung des 
männlichen Jugendlichen die Frau nicht entbehren. Der Dissoziale 
verbirgt bewußt oder infolge unbewußter Komplexe sehr viel von 
seinem Erleben. Ohne hohe Einfühlungstähigkeit würde man an ihm 
vorbeierziehen. Es genügt nicht, des Zöglings Reden und Tun zu er- 
fassen, der Erzieher muß sich in ihn so hineinleben, daß fremdes Er- 
leben zu eigenem wird. 

Damit der Dissoziale wieder zur gesellschaftlichen Einordnung ge- 
bracht werden kann, muß er in der Anstalt zu Beziehungen, zu Bin- 



ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSER LNGSANS TAL TEN 203 

düngen an Menschen seiner Umgebung kommen. Wir suchen diese 
durch die freundliche Gesinnung, mit der wir den Zöglingen gegen- 
überstehen, anzubahnen. Trotz dieser haben wir natürlich auch bei 
uns nicht das Paradies und es geht nicht immer ohne Konflikte und 
negative Stimmungen ab. Die erste Beobachtung in dieser Richtung 
machte ich sehr bald nach Beginn unserer Tätigkeit in Oberhollabrunn. 
Mir fiel auf, daß namentlich in Zöglingsgruppen, die von Erzieherinnen 
geführt wurden, die schlechte Stimmung der Erzieherin sich sofort 
auf die Gruppe übertrug, dann verstärkt auf diese zurückwirkte und 
so immer hin und her, bis es zum offenen Konflikte kam. Ich nannte 
das das unbewußte Hinunterlizitieren. Dies trat natürlich auch dann 
ein, wenn eine schlechte Stimmung, von mir ausgehend, sich auf den 
Betrieb übertrug. 

Ich hatte damals noch nicht das richtige Verständnis für die be- 
freiende Wirkung einer Aussprache. Ich konnte aber doch immer be- 
merken, daß sich das Bild der Gruppe vollständig umkehrte, wenn 
es gelang, die Stimmung der Erzieherin zu heben. Durch die wieder- 
holten Aussprachen mit jedem einzelnen vom Erziehungspersonal, 
bei denen auch recht oft auf Persönliches eingegangen wurde, kam 
ich nach und nach in ein Vertrauens- und Freundschaftsverhältnis 
zu meinen Mitarbeitern. Die gegenseitige Art dieses Verkehres über- 
trug sich nun auch auf die Zöglinge, so daß heute nur ein Ton den 
ganzen Betrieb beherrscht. Wir haben dadurch nichts an Autorität 
eingebüßt, haben aber den Zöglingen die Angst vor uns genommen 
und so ihr Vertrauen gewonnen. 

Der durch die Psychoanalyse aufgedeckte Mechanismus der Über- 
tragung erklärte mir später den Erfolg unserer Erziehungsarbeit. Er 
sagt mir auch, weshalb über Erziehungsfragen so leicht zu reden ist, 
daß aber Erziehen-Können erlebt werden muß. Was beim ersten Er- 
zieher gttt ausfällt, kann beim zweiten, der es nachmacht, schlecht 
sein. Ich halte erfolgreiche Arbeit des Personales in einer Besserungs- 
anstalt ohne starke Bindung an den Führer für unmöglich, weil ich 
mir das Sozialwerden des Dissozialen ohne vorherige starke Bindung 






204 A. AICHHORN 



an einen Menschen seiner Umgebung nicht denken kann und weil 
der Erzieher seine Einstellung zum Führer zum Großteil unbewußt 
im Zögling zu sich hervorruft. 

Jedem einzelnen Zögling in der Besserungsanstalt einen Erzieher 
zuzuweisen ist natürlich unmöglich. Die Anzahl der in einer Gruppe 
zu vereinigenden bestimmt sich aus den vorhandenen Geldmitteln 
und der erzieherischen Zulässigkeit. Der Erzieher wird immer mög- 
lichst kleine Gruppen verlangen. Wir haben gegenwärtig 25 Zöglinge 
in einer Gruppe. Jede Gruppe hat ihren eigenen Tag-, Schlaf- und 
Waschraum und bildet im Anstaltsgefüge eine geschlossene Einheit 
für sich. 

In den Anstalten alten Stiles ist jede einzelne Gruppe eine Samm- 
lung sämtlicher Formen, die die Pathologie des Kindes überhaupt 
nur aufzutreiben imstande ist. Daß man eine so zusammengesetzte 
Gesellschaft nicht erziehen kann, sondern nur mit den äußersten 
Gewaltmitteln im Zaume zu halten vermag, ist einleuchtend. Dies 
mag auch eine der Ursachen sein, daß man sich in den alten Besse- 
rungsanstalten nie entschließen kann, von der körperlichen Züchtigung 
Abstand zu nehmen. 

Die Psychopathologie hatte durch ihre Forschungsarbeit neue Ge- 
sichtspunkte gebracht. Die Arbeiten Birnbaums („Die psychopathischen 
Verbrecher", Berlin, Langenscheidt 1914), Kraepelins („Lehrbuch der 
Psychiatrie", Gregors („Die Verwahrlosung", Berlin, Karger 1918), 
Sieferts („Psychiatrische Untersuchungen über Fürsorgezöglinge", 
Halle, Marhold 1912), Gruhles („Die Ursachen der Jugendlichenver- 
wahrlosung und Kriminalität", Berlin, Springer 1912) und schließlich 
Lazars hatten eine Menge wertvoller Aufschlüsse gebracht. Man glaubte 
sogar schon daran, die Fälle so genau diagnostizieren zu können, daß 
mit den fertigen Diagnosen auch zu wirklichen Gruppierungen ge- 
schritten werden könnte. 

Dozent Lazar kam mit dieser Absicht nach Oberhollabrunn und 
unternahm den Versuch, im Sinne der genannten Diagnostik zu grup- 
pieren. Wie er selbst auseinandersetzt („Heilpädagogische Gruppierung 






ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSERUNG SANSTALTEN 205 



in einer Anstalt für verwahrloste Kinder", Zeitschrift für Kinderheil- 
kunde, Band XXVII, Heft 1 — 2, Berlin, Julius Springer 1 900), mußte 
er diesen Plan als undurchführbar wieder aufgeben, weil die einzelnen 
Formen, die diagnostisch zusammengefaßt waren, erzieherisch viel zu 
weit auseinanderfielen. Er machte es sich aus diesem Grunde zur Auf- 
gabe, eine Gruppierung vorzunehmen, die in erster Linie Tempera- 
ment und Führungsmöglichkeit berücksichtigte. 

Für diese Arbeit fand Dozent Lazar im Jugendheim Oberhollabrunn 
den Boden vorbereitet. Die Zöglinge, die ursprünglich nur nach dem 
Geschlecht und nach Schulkindern und Schulentlassenen getrennt 
worden waren, sonst aber so beisammenblieben, wie sie ankamen, 
zeigten sehr bald außerordentliche Führungschwierigkeiten. Einzelne 
Zöglinge mußten aus den Gruppen herausgenommen und so lange 
verschoben werden, bis der Führung nicht mehr unüberwindliche 
Schwierigkeiten im Wege standen. So erwuchs aus dem Bedürfnis 
der Führungsmöglichkeit die erste Gruppierung. In den einzelnen 
Gruppen verblieben schließlich mir die, die sich von selbst aneinander- 
schlossen. Erzieher Martin Krämer, der einen ganz ausgezeichneten 
Blick für die Differenzierung der Zöglinge hat, fand unabhängig von 
jeder Gruppierungsmethode aus der Zöglingsschar die Zusammen- 
passenden heraus. Er konnte daher für Neuangekommene die richtige 
Gruppe leicht bestimmen. Dadurch fiel die Notwendigkeit weg, sie 
verschiedene Gruppen durchwandern zu lassen. 

Aus der Untersuchung und Bearbeitung des Materials durch Lazar 
ergab sich, daß die Gruppierung eine organische geworden war. Mit 
Berücksichtigung der intellektuell Minderwertigen hat Dozent Dr. La- 
zar für die Knaben folgende Gruppierung aufgestellt: 

„I. Intellektuelle Defekte; 

IL soziale Mängel, die unter dem Einfluß der neuen Umgebung 
ohne besondere Schwierigkeiten zu überwinden sind; 

III. soziale Mängel, die tiefer gegriffen haben und fester verankert 
sind; neben dem Einflüsse der neuen Umgebung ist aktive Erziehung 
notwendig; 



2o6 A. AI CH HÖRN 



IV. charakterologische Fehler neben den sozialen Mängeln bei 
höherer Intelligenz; 

V. Gleichgewichtsstörungen mit gelegentlicher, motivierter Aggres- 
sion neben charakterologischen Fehlern und sozialen Mängeln 5 

VI. Aggression verschiedenster Form, die unmotiviert zum Aus- 
bruch kommt, neben den früher genannten Fehlern und Mängeln". 1 . 

Wir hatten nun in den einzelnen Gruppen gleichartige Elemente, 
deren typische Eigenart dem Erzieher schon durch die Vervielfältigung 
zum Bewußtsein kommen mußte und denen ersieh aus diesem Grunde 
anpassen konnte. Es war ihm dadurch auch möglich geworden, gleich- 
artige Erziehungsmaßnahmen anzuwenden, weil er in der Gruppe 
nicht mehr so stark differenzierte Fälle hatte. Durch die Art ihrer 
Zusammenfassung finden die Zöglinge in den Gruppen die ihnen ent- 
sprechenden Verhältnisse. Diese bietet ihnen günstige Bedingungen 
für ihre Entwicklung und Ausheilung, so daß der Gruppierungs- 
gedanke ökonomisch und gleichzeitig Heilungsprinzip ist. 

Dozent Lazar setzte seine Gruppierungsversuche in Oberhollabrunn 
und St. Andrä fort und wird in nächster Zeit weitere Ergebnisse ver- 
öffentlichen. 

Als wir mit unserer ersten Gruppierung in Oberhollabrunn fertig 
waren, blieben uns zwölf Schulknaben übrig, die sich infolge ihrer 
argen Aggressionen in keine Gruppe einordnen ließen und die wir 
deshalb in der Gruppe VI (Gruppe der Aggressiven) zusammenfaßten- 
Ich betone, daß es sich um schwerste Fälle handelte. Es kamen oft 
ganz unvermittelt ärgste Wutausbrüche vor. Wiederholt wurde mit 
Tischmessern auf einander losgegangen, die Suppenteller gegenseitig 
an den Kopf geschleudert, der Ofen umgeworfen, ein Feuerbrand als 
Angriffswaffe gebraucht u. dgl. m. Es trat nun an uns die Frage heran, 
mit welcher erzieherischen Einstellung wir dieser Gruppe gegen- 
übertreten sollten. Ich vertrat gegenüber der überwiegenden Mehr- 
heit des Erziehungspersonales, die der Meinung war, hier wäre eine 

1) Lazar: Heilpädagogische Gruppierung in einer Anstalt für verwahrloste Kinder, 
Zeitschrift für Kinderheilkunde, Band XXVII, Heft 1—2, Berlin, Julius Springer, 1920. 



ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSERUNG SANS 7 A L TEN 20/ 

etwas schärfere Zucht und viel körperliche Betätigung am Platze, die 
Ansicht, daß wir zunächst versuchen müßten, die Ursache der Ag- 
gressionen zu erfahren. Da sich, wenn ich mich recht erinnere, meinem 
Vorschlag nur unser Anstaltspsychologe anschloß, übernahm ich die 
Gruppe selbst als Erzieher mit zwei Erzieherinnen, die sich freiwillig 
gemeldet hatten. 

Ich berichte von dieser Gruppe, weil uns die Erziehungsarbeit in 
ihr neue Gesichtspunkte für die Behandlung Dissozialer brachte. 

Ich kümmerte mich vorerst nicht um das von den Fürsorgerinnen 
des Jugendamtes bei den Angehörigen erhobene und in den uns mit 
dem Zöglingsakte übermittelten Erhebungsbogen niedergelegte Ma- 
terial. Ich wollte vom Kinde selbst hören, wie es dem Leben gegen- 
über steht, wie das Leben sich in ihm spiegelt. Die wiederholten 
eingehenden Aussprachen mit jedem einzelnen zeitigten folgendes Er- 
gebnis: In allen Fällen lagen schwere Konflikte der Eltern unter- 
einander, oder des Kindes mit den Eltern vor. Die Kinder waren zu 
einer Haßeinstellung gegen Vater oder Mutter, gegen beide oder gegen 
deren Stellvertreter gekommen. Bei keinem der Kinder war das Zärt- 
lichkeitsbedürfnis befriedigt worden. In einzelnen Fällen war die Liebe 
vollständig vom Menschen auf das Tier verschoben. Von ihren 
Kaninchen sprachen sie in Ausdrücken größter Zärtlichkeit, unmittel- 
bar darauf bedrohten sie ihre Kameraden tätlich. In allen Fällen war 
es zur Entwicklung einer starken Haßkomponente gekommen. Alle 
waren fürchterlich geprügelt worden und prügelten darum wieder 
und griffen dort an, wo sie sich als die Stärkeren fühlten. 

Für mich gab es nach diesem Ergebnis keinen Zweifel mehr über 
den einzuschlagenden Weg. Die Art der Behandlung, die wir für die 
Zöglinge dieser Gruppe anwendeten, ist durch folgenden Satz charak- 
terisiert: „Absolute Milde und Güte; fortwährende Beschäftigung und 
viel Spiel, um den Aggressionen vorzubeugen; fortgesetzte Aussprache 
mit jedem einzelnen Zögling. 

Ich habe schon vorher angedeutet, daß unsere Milde oft als Schwäche 
gedeutet wird. Dies traf bei diesen Zöglingen in erhöhtem Ausmaße 



soS A. AI CH HÖRN 



zu. Wir waren die, die sich fürchteten ! Die Aggressionen verstärkten 
sich und wurden häufiger. Außer den gegenseitigen, schon geschil- 
derten Angriffen, die sehr arg wurden, kam es zur Zertrümmerung 
von Barackeninventar. Fensterscheiben wurden eingeschlagen und 
Türfüllungen mit den Füßen eingetreten, ja es ereignete sich auch, 
daß einer durch das geschlossene Doppelfenster sprang, unbekümmert 
um etwaige Verletzungen. Der Mittagstisch blieb schließlich immer 
unbesetzt, weil jeder sich irgend einen Platz im Tagraum suchte, um 
dort, auf dem Boden kauernd, sein Essen zu verzehren. Schreien und 
heulen hörte man von weitem ; die Baracke sah aus, als ob sie eine 
Schar Tobsüchtiger beherbergte. 

Die beiden Erzieherinnen waren der Verzweiflung nahe, da ich 
fortgesetzt darauf bestand, die Aggressionen auswirken zu lassen, nur 
zu verhindern, daß den Zöglingen körperlicher Schaden erwachse, 
dabei aber jede Parteinahme für den einen oder anderen imbedingt 
zu vermeiden, durch fortgesetzte Beschäftigung und viel Spiel für Ab- 
lenkung zu sorgen, mit allen gleichmäßig nett zu sein, sich absolut 
nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, kurz den Ruhepunkt darzu- 
stellen, um den sich dieses Chaos formen könne. Die zwei Erzieherinnen 
Jda Leibfried und Grete Schmid, die Außerordentliches leisteten, waren 
schließlich so erschöpft, daß sie abgelöst werden mußten. Sie wurden 
durch zwei andere, Gerta Grabner und Valerie Kremer ersetzt, die 
sich wieder freiwillig gemeldet hatten und die, wenn möglich, mit 
noch größerer Opferwilligkeit und Begeisterung mitwirkten. Ihrem 
a pferen Durchhalten ist eigentlich die Lösung des Problems zu ver- 
danken. 

ich ließ mich trotz der Schwierigkeiten vom eingeschlagenen Weg 
deswegen nicht abdrängen, weil ich bei einzelnen schon eine Wirkung 
der Behandlung erkennen konnte. An Stelle der wirklichen Aggres- 
sionen waren Schein-Aggressionen getreten. Wir waren durch die 
Jeder Beschreibung spottenden Aufführung nicht zu oppositioneller 
Anstellung zu bringen. Die frühere Umgebung der Kinder hatte auf 
v iel weniger arge mit brutaler Gewalt reagiert. Unser ihnen un- 



ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSERUNGSA NSTALTEN 209- 

begreifliches Verhalten löste ärgere Aggressionen aus, die doch nur bis 
zu einer gewissen Grenze steigerungsfähig sind. Die aus Reaktionen 
der früheren Umgebung unbedingt erwartete Ohrfeige kam noch 
immer nicht. Sie mußte aber kommen, denn sonst hätte der Haß 
keineBerechtigung mehr. Daher nach der Zeit gesteigerter Aggressionen 
die Schein-Agressionen. Da auch diese die unbewußt gewünschte 
Reaktion nicht hervorriefen, kam es zu einem neuen Affekt, zum Wut- 
weinen. Ich erinnere mich eines besonders arg erscheinenden Vorfalls. 
In meiner Gegenwart stürzte ein Zögling auf den anderen mit ge- 
schwungenem Brotmesser los und setzte es ihm an die Kehle mit dem 
Ausruf: „Hund! i erstich di!" Ich stand ruhig daneben, ohne ab- 
zuwehren, ja ohne auch nur von der Gefahr, in der der andere schein- 
bar schwebte, Notiz zu nehmen. Mir war die Schein-Aggression sehr 
deutlich zu erkennen. Weil ich so gar nicht in Aufregung kam, wurde 
das Brotmesser mit Wucht zu Boden geschleudert, der Messerstecher 
stampfte wütend auf den Boden, schrie auf und brach in heftigstes 
Weinen aus, das ihn so hernahm, daß er schließlich vor Erschöpfung 
einschlief. 

Auf das Stadium des Wutweinens folgte das einer sehr starken 
Labilität. Zeitweilig waren die Kinder sehr brav, verträglich, ohne 
jedwede Aggression, darauf folgten verstärkte Wutausbrüche. 

Da ich nun die Ansicht vertrete, daß die Ausheilung der Dissozialität 
sich unbewußt vorbereitet und dann oft durch das Erleben des Wunders 
— wie das gemeint ist, habe ich bei der Schilderung des Diebstahles 
der 450 Kronen angedeutet — plötzlich angebahnt wird, ersah ich bei 
dieser Gruppe den Zeitpunkt zum Erlebenlassen eines starken Freuden- 
affektes für gekommen, als die Zeiträume des Bravseins immer größere 
wurden. Da gerade das Weihnachtsfest vor der Tür stand, sollte diese 
Feier und die damit verbundenen Geschenke die Kartharsis zum Ab- 
schluß bringen. Es wurde freudig, mit tief innerlicher Wirkung ge- 
feiert und die Umkehr war da, als wir einige Tage später die devastierte 
Baracke, die Zeuge des unschönen Lebens gewesen war, verließen und 
in einer anderen, vollständig neu eingerichteten, ein neues Leben be- 

14 Image» IX/2 



2io A. ÄICHHORN 



gannen, trotz Abraten so mancher, die nicht begreifen konnten, daß 
der wüstesten Gesellschaft im ganzen Jugendheim nun die schönste 
Baracke eingeräumt wurde. 

Die Kinder blieben wohl noch eine Zeitlang empfindlich. Unser 
Anstaltspsychologe, Franz Winkelmayer, der dann die Funktion des 
Erziehers in dieser Gruppe übernahm und der sich sehr verdienstvoll 
betätigte, unterzog die Zöglinge nach und nach sehr vorsichtig immer 
stärkeren Belastungen. Er war absichtlich nicht immer gleichmäßig 
ruhig und freundlich, zeigte Ungeduld, Unzufriedenheit, schlechte 
Stimmung usw., kurz all die Reaktionen so wie sie sich normal im 
Leben ergeben. 

Ich brauche gewiß nicht besonders zu sagen, daß die ehemaligen 
Aggressiven besonders anhängliche Zöglinge geworden sind. 

Nicht uninteressant ist es, daß mit dem Abflauen der Aggressionen 
einzelne Zöglinge bedeutend erhöhte intellektuelle Leistungen zeigten. 
Dieses libidinöse Problem müßte noch näher untersucht werden. 

Wir haben auch getrachtet, uns den Ausheilungsvorgang zu er- 
klären. Ich wiederhole kurz: während die übrigen Gruppen sich da- 
durch bildeten, daß wir die Zöglinge beisammen ließen, die sich selbst 
zusammenschlössen, stellten wir die zwölf Aggressiven notgedrungen 
in eine Gruppe zusammen. Wie auch aus der Auffassung des Er- 
ziehungspersonales hervorgeht, war zu erwarten, daß diese künstliche 
Masse nur durch Gewalt zusammenzuhalten sein würde; wir erlebten 
aber das Gegenteil. Die Tatsache steht fest, daß die Gruppe Bestand 
hatte und die Zöglinge in ihr zur Sozialität kamen, trotzdem jede Ge- 
walt verpönt war. 

Wir stellen uns den Vorgang im Anschluß an die Ausführungen 
in Freuds „Massenpsychologie und Ich-Analyse" so vor, daß es nach 
der Zeit des Anschwellens der Aggressionen zu starken Gefuhlsbin- 
dungen an die Erzieherinnen, an mich und später auch an den An- 
staltspsychologen kam. Diese intensive Objektbindung der einzelnen 
an die gleichen Führerpersonen bahnte im weiteren Verlauf eine 
Identifizierung dieser einzelnen untereinander an, rief also eine Ge- 



ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSERUNGSA NSTALTEN 211 

fühlsbindung der Zöglinge untereinander hervor. Diese bildete den 
Kitt der Gruppe, da jedes gewaltsame Verhindern eines etwaigen 
Auseinanderfallens, wie schon erwähnt, ausgeschlossen war. 

In den Aggressionen wird Libido, aus welcher Quelle sie immer 
kommen mag, zu ähnlichen Dissozialitätsäußerungen verbraucht. Eis 
wäre auch zu untersuchen, wie diese sich nach der Ausheilung äußert. 

Wir haben gehört, daß die Erzieherinnen und Erzieher durch die 
Aggressionen der Zöglinge nicht zu oppositioneller Einstellung zu 
bringen waren, daß sich bei den Zöglingen zuerst ein Gefühl, stärker 
als diese zu sein, auslöste, das sich in verstärkten und häufigeren Ag- 
gressionen äußerte, daß es im weiteren Verlauf zum Wutweinen, einer 
starken Labilität und schließlich zum Bravwerden kam. 

Die Affektentladung im Wutweinen war ein Abreagieren. Dadurch 
erfolgte eine Auflockerung in dem bisher festen Gefüge der Aggressionen 
und eine Verminderung der sado-masochistischen Regungen gegen 
die Erzieherin. Die verdrängte normale, zärtliche Libido fand nach 
jeder solchen Entladung geringeren Widerstand und konnte sich so 
nach und nach durchsetzen und das geeignetste Objekt, die Erzieherin, 
besetzen. War die Übertragung hergestellt, so kam es auch nach und 
nach zu Gefühlsbindungen (Identifizierung) mit den in Bändigung 
begriffenen Mitzöglingen. Wir hatten so das Schauspiel vor uns, wie 
ein bisher alleinstehender Dissozialer sich allmählich affektiv einer 
sozialen Gesellschaft (Masse) einzuordnen beginnt. Der explosionsartig 
weiterschreitende Auf lockerungsprozeß läßt fortgesetzt bisher dissozial 
verwendete Libido frei werden, normalen Zielen zuwenden, und den 
Zögling so für das Leben in der Gruppe sozial werden. Wir wissen 
aber nicht, ob genug der früher verderblich verwendeten Libido 
sublimiert worden ist, um ein wieder Dissozialwerden aus dem alten 
Konflikte als ausgeschlossen annehmen zu können, wenn der Zögling 
in das frühere Milieu zurückkehrt. Wir haben ihn ja nicht nur zu 
heilen, sondern auch immun zu machen, ehe wir ihn in die Infektions- 
zone, die alten Verhältnisse, zurückbringen. Wir müßten ihn also 
noch innerhalb der Anstalt verschiedenen Milieueinflüssen aussetzen. 



212 A. AICHHORN 



Dies könnte nur durch ein kürzeres oder längeres Verweilen in den 
verschiedenen Zöglingsgruppen geschehen. Das läßt sich nicht durch- 
führen, da sonst fortwährend Zöglinge auf der Wanderschaft wären 
und die Gruppen nie zur Ruhe und damit nicht zur Erledigung ihrer 
besonderen Aufgabe kämen. Einen Ausweg haben wir in der bereits 
erwähnten Ein- und Auslaufgruppe gefunden. 

Wir haben damit das Problem der Behandlung schwierigster Fälle 
in Besserungsanstalten gelöst. Bei Nachprüfung dieser Lösung darf 
nicht übersehen werden, dieselben Bedingungen zu schaffen, unter 
denen wir den Veruch machten. 

Es fragt sich, ob nicht dasselbe, ja vielleicht ein viel besseres Er- 
gebnis auf einem anderen Weg erzielt werden könnte. Wenn wir 
viele uns ähnlich erscheinende Fälle einer Psychoanalyse unterzögen, 
gewännen wir die Möglichkeit, immer gleichartigere Fälle zusammen- 
zubringen und hätten auch eine Basis, von der aus die Gruppierungs- 
versuche einwandfrei variiert werden könnten. Wir würden auch er- 
fahren, ob die Zusammenfassung gleichartiger Fälle die beste Bedingung 
für die Ausheilung der Dissozialität ist, welche Komplexe gleichartige 
Dissozialitätsäußerungen hervorrufen, welche Fälle nicht in eine 
Gruppe vereinigt werden können usw. Erst damit würde die Grup- 
pierung sich auf psychologische Einsicht gründen und auch der Grup- 
pierungsgedanke hätte Entwicklungsfähigkeit erlangt. 

Dieselben Zöglinge, die uns zur Freundschaft, Milde und Güte 
zwangen, haben in den Besserungsanstalten alten Stiles das Personal 
zu oppositioneller Einstellung provoziert und das ganze Anstaltsleben 
auf das uns wohlbekannte sado-masochistische Niveau herabgedrückt 
oder, wenn sie wollen, gesteigert. Unsere Einstellung zu diesen Zög- 
lingen ist zur allgemeinen geworden und wir haben es bis heute nicht 
für notwendig gefunden, sie zu ändern. Wir sind noch immer der 
Freund und Berater der uns übergebenen Kinder und Jugendlichen, 
gehen auf ihre Bedürfnisse ein und haben Verständnis für ihre 
Schwächen. Ist unsere Einstellung nicht für alle in der Besserungs- 
anstalt befindlichen Zöglinge richtig, so haben wir eben noch zu wenig 






ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSERUNGSANSTALTEN 213 



Erfahrung. Wir werden sie ändern, nicht, wenn die Außenwelt es 
will, sondern dann, wenn wir aus neuer Erkenntnis heraus dazu ge- 
nötigt werden sollten. 

Ich habe Ihnen schon mitgeteilt, daß wir den Zögling bei seinem 
Eintritte nicht durch Worte für uns zu gewinnen suchen, sondern 
daß wir ihn in die sogenannte Ein- und Auslaufgruppe einreihen. 
Wir drängen uns keinem auf, sondern warten, bis sich eine Über- 
tragung hergestellt hat, beschleunigen sie allerdings, wenn sie zu lange 
auf sich warten läßt. 

Bei unserem siebzehnjährigen Lebemann und Spieler (Seite 197) 
war das geglückte Provozieren zum Durchgehen der Auftakt zur Her- 
stellung der Übertragung. Ich vermutete seine Rückkehr schon am 
zweiten Tage. Als der achte Tag vorüber war und er noch immer 
nicht erschien, fürchtete ich, mit meinem Eingreifen einen Fehlgriff 
getan zu haben. 

Am zehnten Tage um halb zehn Uhr abends klopfte es an meiner 
Wohnungstüre. Franz (nennen wir ihn so) war da. Er war körper- 
lich ermattet und seelisch derart in Spannung, daß ich vermutete, 
nun erzieherisch viel mehr leisten zu können, als ich bei der Provo- 
kation seines Durchgehens beabsichtigt hatte. Ich machte ihm keiner- 
lei Vorwürfe wegen seines Durchgehens, die er allem Anscheine nach 
erwartet hatte, sah in einen Augenblick ernst an und fragte ihn dann 
sofort: „Wann hast du zum letzten Male gegessen?" — „Gestern 
abends." Ich nahm ihn in meine Wohnung, setzte ihn an meinen 
Tisch wo die Familie gerade beim Abendessen war und ließ auch 
ihm anrichten. Franz, der auf alles andere eher gefaßt war, kam da- 
durch so aus dem Gleichgewicht, daß er nicht essen konnte. Trotz- 
dem ich das sah, fragte ich: „Warum ißt du nicht?" — „Ich kann 
nicht, darf ich draußen essen?" „Ja, geh in die Küche." Er bekam 
seinen Teller so lange nachgefüllt, bis er satt war. Es war mittler- 
weile zehn Uhr geworden. Ich ging zu ihm in die Küche und wandte 
mich an ihn mit den Worten: „Es ist schon zu spät, du kannst heute 
nicht mehr in deine Gruppe gehen, du wirst bei mir schlafen." Ich 



214 A. AICHHORN 



bereitete ihm im Vorzimmer ein Lager, Franz legte sich schlafen, ich 
strich ihm über den Kopf und wünschte ihm eine gute Nacht. Am 
nächsten Morgen war die Übertragung da, so daß es erzieherisch sehr 
rasch mit ihm vorwärtsging. Wie stark sie war, erkannte ich aus 
einem Fehler, den ich machte. Ich gab ihm, ohne es zu wollen, An- 
laß zu begründeter Eifersucht, dadurch, daß ich ihm einen seiner 
Mitzöglinge in gewissen Kanzleiarbeiten vorzog. Aus einem Rache- 
akt mir gegenüber wurde mir die Unvorsichtigkeit, die ich gemacht 
hatte, klar. Es gelang mir, die Scharte auszuwetzen. Heute ist Franz 
ausgelernter Kaufmann, wird bei uns als Kanzleihilfskraft verwendet, 
bringt mit Lastenauto Lebensmittel und andere Waren von Wien, 
Millionenwerte werden ihm anvertraut. Er läßt sich nicht das min- 
deste zu Schulden kommen, so daß er als sehr verläßlicher junger 
Mann unser volles Vertrauen genießt. 

Zur Herstellung der Übertragung bedarf es natürlich nur selten 
so besonderer Kunstgriffe wie im vorliegenden Falle. In der Regel 
genügt bei gleichmäßig freundlichem Ton ein Wechsel zwischen Be- 
achten und Übersehen. 

Erst wenn die Übertragung da ist, beginnt die individuelle Heil- 
erziehung. Wir erziehen nicht durch Worte, Reden, Ermahnen, Tadel 
oder Strafen, sondern schaffen den Zöglingen Erlebnisse, die sie zur 
sozialen Einordnung führen sollen. Bei richtiger Führung ergeben 
sich für jeden einzelnen täglich Erlebnisse ; kleine, kleinste und große, 
mit tiefgehender Wirkung. Viele Situationen können geschaffen wer- 
den, um die gerade notwendige Stimmung herzustellen. Die im 
Dissozialen so stark betonte Räuberromantik ermöglicht viele An- 
knüpfungspunkte. 

Ein allgemeines Rezept für die Erzieher haben wir nicht. Jeder 
muß versuchen, aus seiner Persönlichkeit heraus das Richtige zu treffen. 
Er kann dies durch vieles Beobachten, fleißige Arbeit und ernstes 
Studium erlernen, wenn die Befähigung da ist. Durch Dilettantismus 
und durch Berufserzieher, die zum Erzieher nicht berufen sind, wird 
in der Erziehung des Dissozialen viel Schaden angerichtet. 



ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSERUNGSANSTALTEN 215 

Die Auffassung, mit der wir den Zöglingen gegenüberstehen, er- 
scheint Ihnen vielleicht selbstverständlich. Ich möchte aber nicht un- 
erwähnt lassen, daß sie uns oft vor die schwersten Anforderungen an 
uns selbst stellt. Vergessen wir nicht den weiten Weg von dem Er- 
kennen der Richtigkeit einer Handlung, bis zur eigenen Lebensein- 
stellung darauf. 

Wenn Sie mich nun noch fragen, welche besonderen Erziehungs- 
mittel wir in Anwendung bringen, so komme ich in die größte Verlegen- 
heit. Wir haben keine. Strafen sind das Nichtgewähren oder der Entzug 
von Belohnungen. Bei Roheitsakten, Diebstählen, die nicht immer zu 
vermeiden sind, lasse ich den Zögling zur Aussprachezumir kommen. Die 
Aussprache mit ihm und mildes Verzeihen bis zur äußersten Grenze 
haben wir immer als das wertvollste Erziehungsmittel kennengelernt. 

Die Aussprache leistet uns so gute Dienste, weil wir das Vertrauen 
der Zöglinge besitzen. Sie kommen mit allen Schwierigkeiten, die sie 
nicht allein überwinden können, mit allen Unklarheiten und Be- 
schwerden, Hoffnungen und Bestrebungen, ja mit tausend Fragen 
nach all dem Unbekannten, das sie quält 5 aber auch mit ihren, manch- 
mal schwer errungenen Erkenntnissen und Vorstellungen. Viele, ganz 
innere Zweifel tauchen da auf; quälendes Mißverstehen religiöser 
Wahrheiten, dumpfer Druck des Unbegreiflichen, Ablehnung jeder 
kirchlichen Handlung, Verspottung jeder, auch der eigenen Glaubens- 
empfindung, ja oft Haß gegen alles, das Religion heißt, — aber manch- 
mal auch viel tiefes, echtes und wahres religiöses Empfinden. Sorg- 
sam müssen wir da erklären und aufklären, manchmal viel wegräumen 
und auflösen, aber immer vorsichtig, ohne unsere eigene Überzeugung 
aufzuzwingen. 

Sie kommen zögernd, mit heißen Wangen und flackernden Blicken, 
um stockend von ihren ersten Schwärmereien, ihren feinsten Liebes- 
regungen zu sprechen, ihre phantasierten Liebeserlebnisse zu erzählen, 
aber auch das Schöne oder Unerträgliche wirklicher Liebe mitzuteilen 5 
sie zeigen sich auch als Don Juan oder Ritter Toggenburg 5 sie kommen 
in ihrer sexuellen Not, mit ihren Leiden und Lastern. Wir führen 



2i6 A. AICHHOR.N 



das Gespräch nur in ganz vereinzelten, notwendigen Fällen selbst 
darauf. Vielleicht interessiert es Sie noch zu hören, daß in unseren 
Aborten die bekannten Inschriften und Zeichnungen vollständig fehlen. 

Auch durch die Ergebnisse der Aussprachen könnte man zu einer 
Gruppierung gelangen, da das Verhalten der Zöglinge, so verschieden 
es auch immer erscheinen mag, doch einzelne Hauptrichtungen her- 
vortreten läßt. 

Die intellektuell Minderwertigen fallen sofort heraus. Aber nicht 
nur die Intellektvariationen stechen hervor, sondern auch die Ein- 
stellung des einzelnen zur Umgebung gäbe eine Reihungsgrundlage. 
Zwei Haß-Typen lassen sich deutlich unterscheiden. Die einen bringen 
ihrer Umgebung Haß entgegen, der freilich manchmal nur leise an- 
gedeutet, als Ablehnung zu spüren ist. Stellt man aber die einzelnen 
Formen dieser Reihe von der Ablehnung bis zum tödlichen Haß zu- 
sammen, dann merkt man deutlich das Verwandte, die Zusammen- 
gehörigkeit. 

Der zweite Haß-Typus ist weniger verbreitet. Ich traf ihn häufig 
unter Mädchen und unbegreiflicher Weise nur bei Knaben jüdischer 
Abstammung. Diese Zöglinge sind liebenswürdig bis zur Aufdring- 
lichkeit, freundlich bis zur unangenehmen Intimität, selbstbewußt bis 
zur Arroganz, verlogen und hinterlistig, sie entpuppen sich als Ty- 
rannen ihrer Mitzöglinge und Aufwiegler im geheimen. Alle ihre 
Äußerungen sind aber als Haßreaktionen zu erklären. 

Ich habe immer gefunden, daß der Haß die Reaktion auf ein nicht 
befriedigtes Liebesbedürfnis war. In vielen Fällen konnte dies auch 
objektiv festgestellt werden, in sehr vielen entsprang es aber bloß dem 
subjektiven Empfinden des Kindes. Beim ersten Typus handelt es sich 
wahrscheinlich um ein Zuwenig an empfangener Liebe, um eine brutale 
Ablehnung des Kindes von Seiten der Erwachsenen. In den Fällen des 
zweiten Typus könnte ein Zuviel an Liebe, meistens zu viel Mutter- 
liebe gegeben worden sein. 

In allen diesen Fällen zeigten die Aussprachen mit den Eltern 
immer dasselbe Bild: zu wenig Gattenliebe, Flucht zum Kind. Dieses 






ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSERUNGSANSTALTEN 217 

muß die Liebe als nicht seinetwegen gegeben empfunden haben und 
reagierte mit einem sich dissozial äußernden Wesen darauf. 

Typisch für die beiden eben geschilderten Zöglingsreihen ist die 
Art ihrer Haßäußerungen: offene Widersetzlichkeit bis zum brutalen 
Totschlag bei den einen und hinterlistiges Anstiften bis zum feigen 
Morde im Schlaf bei den anderen. 

Die folgende Briefabschrift zeigt, wie ein Zögling der letztgeschilder- 
ten Art durch verstecktes Haßgefühl die Anstalt zu verdächtigen sucht. 

St. Andrä, 5. V. 1920. 
Liebe Eltern! 

Man glaubt hier allgemein daß ich nur hier bin bis die Verhand r 
lung' aus ist und ich kann nicht eingesperrt werden weil ich in ein 
Erziehungs-Haus bin, wenn die Verhandlung dann gut abgelaufen 
ist nehmt Ihr mich wieder zu Hause hat der Herr Vorstand zu mir 
gesagt 2 und äußert sich auch zu jeden bereits die ganzen Zöglinge 
wissen es, dann hat er auch gesagt: ich habe gar nichts dagegen wenn 
Dich Deine Mutter von hier wegnimmt, denn soviel wie ich mit Dir 
ausstehe hab ich nicht mit der ganzen Anstalt zu tun und ein Vater 
unser werde ich beten wenn ich Dich einmal in ein Geschäft ange- 
bracht habe, das kannst Du mir glauben hat er noch zum Schluß 
gesagt. 

Herr Krämer ist bei derselben Behauptung wie Herr Vorstand. Ich 
habe 2 Tintengläser voll Tinte ausgetrunken 3 und Herr Krämer hat 
es erfahren und gesagt ich muß wenn ich wieder Tinte trink für 
jedes Glas 200 K zahlen. Herr Müller (sein Gruppenerzieher), ist es 
zu verdanken daß ich nicht tot bin, nähmlich ich war schon bereits 



1) Berufungsverhandlung wegen Waren- und Hausdiebstählen großen Umfanges. 

2) Diese, sowie die folgenden Äußerungen sind starke Vergrößerungen und größtenteils 
vollständig aus der Luft gegriffen. 

3) Er erkundigte sich bei Erziehern und Zöglingen, ob Tinte zu trinken sehr gefährlich 
sei und wie es schmecke und bekam zur Antwort, daß nur eine größere Menge nachteilige- 
Folgen hätte. Kurz darauf nippte er in Anwesenheit des Kanzleipersonales an einem Tinten 
glas und spuckte die Tinte gleich wieder aus. 



218 a. A1CHH0RN 



ganz beim Fenster heraus 1 und er kam gerade dazu und riß mich 
geschwind zurück auf das herauf sagte Herr Vorstand er will mich 
nicht länger halten er will nicht die Anstalt, an der er so lange als 
Vorstand die Führung hatte und dieselbe die beste Anstalt gilt nicht 
in schlechten Ruf bringen 2 , deswege bitt ich euch kommt wer be- 
stimmt von euch heraus, Herr Vorstand hat gesagt er wird entweder 
einen Brief an das Jugendgericht oder an euch schreiben. Bringt gleich 
Seife mit da hier nur Sandseife ist 3 die nicht schäumt und die ganze 
Gruppe wäscht sich damit. Auch Schuhe wenn möglich denn ich trage 
die roten schon auf alle Tage w r eil sich der Bursch die Hausschuhe 
wieder genommen hat und Barfuß darf man hier nicht gehen und 
der Fuß tut mir in die Schuh sehr weh. Herr Krämer hat noch ge- 
sagt das sind ganz gewöhnlich Drehs und ich werde mich in diesen 
Sachen schneiden ich werde mindestens 3 Monate bekommen. Er ist 
ein sehr falscher Kerl aber drin sagte er noch er ist neugierig wie die 
nächste Verhandlung ablauft. Was ich von der Tinte noch erwähnen 
will habe nur Kopfschmerz und schwindelanfälle bekommen weiter 
ist nichts passiert nur daß man auf mich sehr aufpaßt daß nichts ähn- 
liches mehr passiert. Herr Müller hat mit Herrn Vorstand über mich 
von 9 h bis 1 1 h nachts gesprochen man paßt auf mich wie auf einen 
Sträfling auf. Der Herr welcher Nachtdienst hat hält sich meistens 
bei meinem Bette auf und schaut Öfters ob ich schon schlafe 4 . So geht 
es mir von gestern ab. Laßt mir alles schön grüßen Euch um Ver- 
zeihung bittender Sohn Siegfried. 

Ihr werd sehn daß alles besser wird werden wenn ich in ein Ge- 
schäft so bald als möglich kome denn nächstes Jahr im Feber bin ich 

1) Er aß — wie es die Zöglinge oft tun, nur auf dem inneren über ein Meter breiten 
Fensterbrett — als Herr Müller dazu kam. 

2) Ich habe ihm auf den Kopf zugesagt, daß es ihm darum zu tun sei, die Anstalt in 
schlechten Ruf zu bringen. (Der Brief war nicht der einzige Versuch.) 

3) Zöglinge bekommen gut schäumende, gewöhnliche Waschseife, es war ihm jeden- 
falls darum zu tun, Toiletteseife zu bekommen. 

4) Vollständig unwahr. 



ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSERUNGSANSTALTEN 219 

schon Kammi. Ich werde nicht mehr stehlen Gott bewahre. Liebe 
Eltern ich sehe alles ein welche Schmach ich Euch bereitet habe und 
ich werde mich in Zukunft bessern ich garantiere Euch ihr werdet 
nächstes Jahr sagen einen solchen Sohn wie unserer ist muß man 
suchen, wenn ich in ein Geschäft kommen werde ich mit meinen 
ganzen Fleiß und Ausdauer arbeiten damit mein Herr eine Freude 
an mir hat im Februar 1923 bin ich dann Kammi und werde auch 
fernerhin auf meinem Posten bleiben damit ich ein Jahreszeugnis be- 
komme denn solche die ein solches besitzen werden überal bevorzugt. 
Ihr habt gar keine Ahnung wie leid ihr mir tut, ich weine bei diesen 
Brief das könt Ihr mir glauben, so oft ich an euch denke muß ich 
weinen jetzt seh ich erst wie saudumm ich gewesen. Ich bitte Euch 
mit aufgehobenen Händen um Verzeihung, verzeiht einen zur Ein- 
sicht gekommenen Sohn. Bitte lieber Papa komme sonntag zu mir 
heraus schlage mir diese einzige Bitte nicht ab sonst weiß ich nicht 
was ich mir noch antun werd, ich kann mir vorstellen welche große 
Opfer ich Dir gekostet hab aber ich wird Dir alles mit Zinsen und 
Zinseszinsen in Dein Alter zurückgezahlt werden. Denke Dir nur das 
was ich Dir von meiner Kindheit an bis jetzt gekostet hab ist ange- 
legtes Kapital das in einigen Jahren Zinsen trägt. Du wirst einmal 
noch froh sein das ich Dein Sohn bin. 

Euer tief bereuender Sohn 
Siegfried. 

Der unmittelbare Anlaß zum Schreiben des Briefes war eine tiefe 
Verstimmung Siegfrieds. Erzieher Krämer, der mit ihm zu einer Be- 
rufungsverhandlung nach Wien gefahren war, erlaubte ihm nicht, 
wie er es wünschte, einige Tage in Wien zu bleiben, und die Be- 
schwerde darüber bei mir hatte nicht den erwarteten Erfolg. In diesem 
Falle konnten die Entstellungen und Lügen im Briefe der Mutter, die 
einige Tage später zu uns kam, nicht begreiflich gemacht werden, 
trotzdem der Junge am selben Tage auch einen Brief an die Groß- 
mutter schrieb, in dem er sich sehr zufrieden äußerte. 



MO A. AICHHORK 



Die Beweisführung ist für uns in solchen, nicht seltenen Fällen oft 
sehr schwierig, manchmal geradezu unmöglich. Die Mütter hängen, wie 
wir wissen, gerade an diesen Kindern mit übergroßer Zärtlichkeit; Sie 
sind immer in Sorge und bereit zu glauben, daß dem Liebling zu wenig 
Aufmerksamkeit gewidmet wird. Sie erkennen nicht und lassen sich 
auch nicht überzeugen, daß er bewußt undunbewußt gerade darauf seine 
Angriffe gegen uns stützt. „Aus der Luft können die Mitteilungen 
doch nicht gegriffen sein," meinen sie gewöhnlich. Der Junge hat 
seinen beabsichtigten Zweck erreicht, das Ansehen der Anstalt ge- 
schädigt. Den größten Triumph erlebt er, wenn die unverständige 
Mutter ihn mit nach Hause nimmt. Daß er in kurzer Zeit wieder 
erscheinen wird, weil es zu Hause mit ihm einfach nicht e:eht, wissen 
in diesem Augenblicke beide nicht 1 . 

Ich muß nun noch unsere „abnormen" Zöglinge, die Depressiven, 
Hyperthymischen, Hyperthymisch-Depressiven und die, die ein ein- 
zelnes schweres psychisches Trauma erlitten haben, streifen. Diese 
zeigen in den Aussprachen ein von den bisher erwähnten Typen ganz 
abweichendes Verhalten. Für uns waren es Einzelfälle, bis wir Freuds: 
„Untersuchung über die Trauer und Melancholie" studiert hatten. 
Seither erscheinen sie uns als zusammengehörig und es eröffnen sich 
uns Ausblicke für ihre erzieherische Beurteilung und Behandlung. Wir 
meinen, eine Einbruchsstelle gefunden zu haben, durch die wir, aus- 
gehend vom Narzißmus, dazu gelangen werden, die Erziehung Dis- 
sozialer in ein ganz neues Licht zu rücken. Darüber zu berichten 
wäre verfrüht, wir sind aber zu dieser Feststellung schon heute ge- 
nötigt, da wir durch die Auflösung des Jugendheimes St. Andrä vor- 
läufig in unserer Arbeit unterbrochen werden. 

Ich erlaube mir zum Schlüsse meine Stellung zur Psychoanalyse 
klarzulegen. 

Ich verdanke der Psychoanalyse das Verständnis für meine früher 
gefühlsmäßige Einstellung zum Personal und zu den Zöglingen, konnte 

1) Auch Siegfried wurde kurz nach diesem Briefe aus der Anstalt genommen. Gegenwärtig 
befindet er sich in Eggenburg, da er abermals einen bedeutenden Geldbetrag entwendete. 







ÜBER DIE ERZIEHUNG IN BESSERUNGSANSTALTEN 22/ 



dadurch manches richtigstellen und für den weiteren Ausbau ver- 
werten. 

Sie hat mir das Verständnis für unbewußt wirkende Komplexe und 
das so oft die Dissozialität bedingende Trauma gebracht. 

Sie hat mich gelehrt, den Mechanismus der Übertragung, Subli- 
mierung und Kompensierung erzieherisch zu verwerten. 

Sie ist für mich gegenwärtig die einzige psychologische Methode, 
die im Augenblicke einer Erziehungshandlung bestehende psychische 
Situation des Zöglings zu erfassen. 

Wir Erzieher erwarten von der Psychoanalyse, daß sie uns in Zu- 
kunft helfen werde, Einzelfälle direkt auszuheilen und daß sie uns 
die Mittel an die Hand geben werde, die unbewußten Ursachen der 
Dissozialität aufzufinden, um dadurch sichere und ökonomische Metho- 
den zur Ausheilung Dissozialer zu gewinnen. 

Wir verlangen, daß jeder Erzieher analysiert werde, um die in ihm 
selbst liegenden Verzerrungen zu korrigieren, die sonst seine Ein- 
stellung im Leben und Beruf fehlerhaft machen und daß der Psycho- 
analytiker in der Organisation der Besserungsanstalt seinen Platz finde. 

Wir halten es aus Gründen der Übertragung für unzulässig, daß 
der Erzieher seinen Zögling selbst analysiert. 



ZUR FRÜHANALYSE 1 

Von MELANIE KLEIN (Berlin) 

Neurotische Hemmungen von Talenten zeigen sich in Psychoana- 
lysen immer wieder dadurch determiniert, daß die Verdrängung sich 
gegen die mit. diesen Betätigungen verbundenen libidinösen Vorstel- 
lungen wendet und zugleich auch die damit verknüpfte Betätigung 
mitbetrifft. — Ich hatte an Material aus der Frühanalyse und Kinder- 
analyse Gelegenheit, Hemmungen zu untersuchen, die sich als solche 
erst im Verlauf der Analyse feststellen ließen. So erwiesen sich als 
Hemmungen in einer typisch erscheinenden Weise in einer Anzahl 
von Fällen z. B.: Ungeschicklichkeit und Unlust zu Sport und Be- 
wegungsspielen, geringe Lernlust, mangelndes Interesse für einen oder 
den anderen Gegenstand oder im allgemeinen, die sogenannte Faul- 
heit in verschiedenen Graden, aber auch oft nur Verminderung von 
Fähigkeiten oder Interessen. Ihr Charakter als Hemmungen war zum 
Teil unkenntlich gewesen, und wir können sie, da sie in dieser Form 
zur Persönlichkeit jedes Normalen gehören, nicht als neurotische 
Hemmungen bezeichnen. Nach ihrer Auflösung durch die Analyse 
zeigte sich als Grundlage der Hemmungen — wie es Abraham bei 
den an Bewegungshemmungen leidenden Neurotikern nachgewiesen 

1) Dieser Arbeit liegen zugrunde: Der auf dem VII. Internationalen Psychoanalytischen 
Kongreß in Berlin September 1922 gehaltene Vortrag „Die Entwicklung und Hem- 
mung von Fähigkeiten", ferner das im März 1922 in der Berliner Psychoanalytischen 
Vereinigung gebrachte Referat „Die infantile Angst und ihre Bedeutung für die 
Entwicklung der Persönlichkeit" und das ebenfalls in der Berliner Vereinigung im 
Mai 1921 gebrachte Referat „Über die Hemmung und Entwicklung des Orien- 
tierungssinnes". 



I 



ZUR FRÜHANALYSE 223 



hat 1 — , auch eine starke primäre Lust, die zufolge ihres sexuellen 
Lustcharakters verdrängt worden war. Das Ballspielen, Reifenspielen, 
Schlittschuhlaufen, Rodeln, Tanzen, Turnen, Schwimmen, kurz Sport 
aller Art erwiesen sich libidobesetzt, und zwar auch immer genital- 
symbolisch, ebenso der Weg zur Schule, Verhältnis zu Lehrer und 
Lehrerin, aber auch die Tätigkeiten des Lernens und Lehrens an sich. 
Dabei erwiesen sich natürlich reichliche, individuell verschiedene, durch 
die einzelnen Partialtriebe gegebene, hetero- und homosexuelle aktive 
und passive Determinierungen als bedeutsam. 

Analog den neurotischen Hemmungen zeigten sich bei diesen als 
normal zu bezeichnenden Hemmungen eine konstitutionell ver- 
stärkte Lust und die sexual-symbolische Bedeutung als grundlegend. 
Ich muß aber auf diese sexual-symbolische Bedeutung den Haupt- 
akzent legen, denn sie ist es, die durch Besetzung mit Libido zugleich 
auch — in einem noch nicht feststellbaren Grade — die primär vor- 
handene Anlage und Lust verstärkt, sie ist es aber auch zugleich, die 
die Verdrängung auf sich zieht, da diese sich gegen den der Tätigkeit 
anhaftenden sexuellen Lustcharakter wendet und so zur Hemmung 
dieser Tätigkeit oder Strebung führt. 

Ich möchte nun darauf hinweisen, daß alle diese Hemmungen, ob 
sie als Hemmungen kenntlich waren oder nicht, vorwiegend den 
Rückweg über die Angst — und zwar Kastrationsangst — nahmen, 
und erst mit deren Auflösung ein Fortschritt in der Behebung der 
Hemmung zu erzielen war. Es ergaben sich mir aus diesen Beobach- 
tungen Einblicke in die Beziehung zwischen Angst und Hem- 
mung, die ich hier näher besprechen will. 

Besonders einleuchtend wurde mir dieser innige Zusammenhang 
zwischen Angst und Hemmung aus der Analyse des kleinen Fritz*. 



1) Abraham: Über eine konstitutionelle Grundlage der lokomotorischen Angst (Klini- 
sche Beiträge zur Psychoanalyse. Int. Psychoan. Verlag.) 

2) Siehe „Eine Kinderentwicklung" von Melanie Klein. Imago VII, 1921, drittes Heft. 
Da ich im Verlauf meiner Ausführungen immer wieder auf diese Arbeit zurückgreifen muß, 
wäre es des Zusammenhangs halber ratsam, diese frühere Arbeit vor der jetzigen zu lesen. 



924 M. KLEIN 



In dieser in ihrem zweiten Teil sehr tiefführenden Analyse konnte 
ich feststellen, daß die Angst, die eine Zeitlang sehr hohe Grade an- 
nahm — nachdem ein gewisser Höhepunkt überschritten war, immer 
schwächer werdend — , den Gang der Analyse so begleitete, daß sie 
als Anzeichen der bevorstehenden Auflösung von Hemmungen auf- 
trat. Die Auflösung der Angst bedeutete dann immer einen sehr großen 
Fortschritt in der Analyse, und ich kann vergleichsweise mit anderen 
Analysen feststellen, daß die Behebung der Hemmungen um so voll- 
ständiger gelingt (in dem Sinne, daß sie nicht nur als solche ver- 
mindert oder behoben, sondern daß der Analyse das Wiedereinsetzen 
der primären Lust möglich wird), je deutlicher die Angst als solche* 
hervortritt und aufgelöst werden kann. Das ist zweifellos erreichbarer 
in der Kinderanalyse und um so eher, je jünger das Kind ist, da der 
Rückweg dort weniger lang und kompliziert ist. Bei Fritz ging diesem 
Rückweg über die Angst zum Teil auch das Auftreten passagerer 2 
Symptome voraus, — deren Auflösung vorwiegend auch über die 
Angst führte. Daß wir aber diese Hemmungen und Symptome den 
Rückweg über die Angst nehmen sehen, zeigt wohl, daß sie von ihr 
ausgehen. 

Wir wissen, daß die Angst einer der primärsten Affekte ist. „Ich 
sagte, die Verwandlung in Angst, besser: die Abfuhr in der Form von 
Angst sei das nächste Schicksal der von der Verdrängung betroffenen 
Libido" (Freud, Vorlsg. S. 477). Das Ich wiederholt bei dieser Reak- 
tion mit Angst den bei der Geburt präformierten Affekt und ver- 
wendet ihn dann als „die allgemein gangbare Münze, gegen welche 
alle Affektregungen eingetauscht werden oder werden können — " 

1) Bei Fritz trat sie, was mir sehr bedeutungsvoll erscheint, mit dem ganzen ihr eigenen 
Affekt intensiv auf, während dies in den anderen Analysen nicht immer so der Fall war. Bei 
Felix z. B., einem dreizehnjährigen Knaben, auf dessen Analyse ich im Verlauf dieser Arbeit 
auch wiederholt zurückkomme, wurde die Angst wohl häufig als solche erkannt, aber nicht 
so affektiv durchlebt. In seiner Arbeit „Kastrationskomplex und Charakter" (Zeitschrift VIII, 
Heft 2) weist Dr. Alexander darauf hin, wie bedeutungsvoll dieses affektive Durchleben sei, 
— etwas, was ja die Psychoanalyse schon in ihren Anfängen als das „Abreagieren" forderte. 

2) Siehe Dr. S. Ferenczi: Über passagere Symptombildungen während der Analyse. 
Zentralblatt für Psychoanalyse, 2. Jahrg., Heft 10/11. 



Z UR FR ÜHA NALY SE 225 



(Vorlsg. S. 470). Aus der Erkenntnis, wie in den verschiedenen Neu- 
rosen das Ich sich gegen die Angstentwicklung zu schützen sucht 
kommt Freud zur Feststellung; „Es schiene also in einem abstrakten 
Sinne nicht unrichtig, zu sagen, daß Symptome überhaupt nur ge- 
bildet werden, um der sonst unvermeidlichen Angstentwicklung zu 
entgehen" (Vorlsg. S. 470). Dann ginge aber beim Kinde die Angst 
jeder Symptombildung voraus und wäre die primärste neurotische Er- 
scheinung, die gewissermaßen erst den Zugang zu den Symptomen 
bildet. Allerdings wird der Nachweis dafür nicht immer möglich sein, 
was daran liegt, daß die Angst in einem frühen Stadium oft nicht 
manifest oder übersehen 1 wird. 

Jedenfalls gibt es wohl kaum ein Kind, das nicht an pavor nocturnus 
gelitten hätte, und es läßt sich wohl behaupten, daß bei jedem Men- 
schen irgend einmal mehr oder minder neurotische Angst aufge- 
treten sei. 

„Wir wissen aber, daß Motiv und Absicht der Verdrängung nichts 
anderes als die Vermeidung von Unlust war. Daraus folgt, daß das 
Schicksal des Affektbetrages der Repräsentanz bei weitem wichtiger 
ist als das der Vorstellung, und daß dies über die Beurteilung des Ver- 
drängungsvorganges entscheidet. Gelingt es einer Verdrängung nicht, 
die Entstehung von Unlustempfindungen oder Angst zu verhüten, so 
dürfen wir sagen, sie sei mißglückt, wenngleich sie ihr Ziel an dem 
Vorstellungsanteil erreicht haben mag." (Die Verdrängung, Kleine 
Schriften, IV. Folge, S. 288.) Glückt die Verdrängung nicht, so kommt 
es eben zur Symptombildung. „Es sind bei den Neurosen Prozesse im 
Gange, welche sich bemühen, diese Angstentwicklung zu binden und 
bei denen dies auf verschiedenen Wegen gelingt." (Vorlsg. S. 477.) 



1) Ich konnte übrigens in mehreren Analysen feststellen, daß Kinder oft ganz beträcht- 
liche Quantitäten von Angst vor ihrer Umgebung geheim halten, — als 0D s i e von der Be _ 
deutung der Angst unbewußt Kenntnis hätten. Bei Knaben kommt noch hinzu daß sie sich 
der Angst als Feigheit schämen, ein Vorwurf, der, wenn sie sie bekennen, ihnen ja auch 
meist gemacht wird. Das könnten ja auch wohl Motive sein, die Kinderangst gerne und 
gründlich zu vergessen, — und ein Teil primärer Angst wird wohl auch immer durch die 
Kindheitsaranesie gedeckt und nur durch tiefgehende Analyse zu rekonstruieren sein. 
15 Imago IX/2 



226 M. KLEIN 



Was ist aber das Schicksal jenes Affektbetrages, der zum Ver- 
schwinden gebracht wird, ohne daß es zur Symptombildung kommt, — 
also in den Fällen von geglückter Verdrängung? Wir erfahren über 
das Schicksal des zu verdrängenden Affektbetrages: „Das Schicksal 
des quantitativen Faktors, der Triebrepräsentanz kann ein dreifaches 
sein, wie uns eine flüchtige Übersicht über die in der Psychoanalyse 
gemachten Erfahrungen lehrt. Der Trieb wird entweder ganz unter- 
drückt, so daß man nichts von ihm auffindet, oder er kommt als irgend- 
wie qualitativ gefärbter Affekt zum Vorschein oder er wird in Angst 
verwandelt." (Die Verdrängung, Kl. Sehr., IV. Folge, S. 287 u. 288.) 
In welcher Weise aber wird diese Unterdrückung des Affektbetrages 
bei der geglückten Verdrängung möglich? Die Annahme scheint 
gegeben, daß bei der Verdrängung in jedem Fall, also auch bei der 
geglückten Verdrängung, der Affektbetrag in Angst abgeführt wird, 
deren erste Phase mitunter nicht manifest oder übersehen wird. Diesen 
Vorgang, der bei der Angsthysterie häufig ist, können wir auch dort 
annehmen, wo es dann nicht zur Entwicklung der Angsthysterie 
kommt, so daß dann wirklich eine Zeitlang Angst unbewußt vor- 
handen wäre . . . „wir finden selbst die befremdliche Vereinigung 
,unbewußtes Schuldbewußtsein' oder eine paradoxe ,unbewußte Angst' 
unvermeidlich". (Das Unbewußte, Kl. Sehr., IV. Folge, S. 507.) Aller- 
dings führt Freud in bezug auf die Verwendung der Bezeichnung 
„unbewußte Affekte" weiter aus: „Dem Sprachgebrache ist also die 
Konsequenz nicht abzustreiten 3 es besteht aber im Vergleiche mit der 
unbewußten Vorstellung der bedeutsame Unterschied, daß die un- 
bewußte Vorstellung nach der Verdrängung als reale Bildung im 
System Ubw bestehen bleibt, während dem unbewußten Affekt eben 
dort nur eine Ansatzmöglichkeit, die nicht zur Entfaltung kommen 
durfte, entspricht. (Das Unbewußte, Kl. Sehr., IV. Folge, S. 508 u. 509.) 
Der bei der geglückten Verdrängung zum Verschwinden gebrachte 
Affektbetrag hätte also doch wohl die Umwandlung zur Angst durch- 
gemacht, die aber bei völligem Glücken der Verdrängung mitunter 
gar nicht oder verhältnismäßig wenig in Erscheinung treten würde, doch 



ZUR FR ÜHANAL YSE 22/ 

als Ansatzmöglichkeit imUbw. bestehen bliebe. Der Mechanismus aber 
der die Bindung und Abfuhr dieser Angst oder deren Ansatzes er- 
möglicht, wäre der, als dessen Resultat wir die Hemmung kennen 
lernen, von der wir ja durch die Erkenntnisse der Psychoanalyse wissen, 
daß sie in geringerem oder größerem Ausmaße zur Entwicklung jedes 
normalen Individuums gehört und daß auch hier nur der quantitative 
Faktor entscheidend ist für die Bezeichnung gesund oder krank. 

Es ergibt sich die Frage: Woran liegt es, daß der Gesunde in Form 
von Hemmungen erledigen kann, was beim Neurotiker zum Schick- 
sal der Neurose geführt hat? Als Merkmale der hier angeführten 
Hemmungen läßt sich feststellen: 

1. Daß Ich-Strebungen stark libidinös besetzt werden, 2. Daß auf 
diese Strebungen eine Quantität Angst so verteilt wird, daß sie nicht 
mehr in der Form von Angst erscheint, sondern in der von Unlust', 
Ungeschicklichkeit usw., Formen, die sich jedoch in der Analyse als 
nur graduell verschiedene Angst erwiesen, die nicht als solche in Er- 
scheinung getreten war. Die Hemmung wäre also die Unterbringung 
einer Quantität Angst in eine Ich-Strebung, die vorher schon libidinös 
besetzt wurde. Die Grundlage der geglückten Verdrängung wäre dann 
die in dieser zweizeitigen Weise mit dem Resultat der Hemmung 
in Erscheinung tretende libidinöse Besetzung von Ich-Trieben. 

Je vollkommener der Mechanismus der geglückten Verdrängung 
gelingt, desto weniger wäre der ursprüngliche Charakter der Angst, 
also nicht einmal in Form von Abneigung, kenntlich, — bei den ganz 
Gesunden und anscheinend ganz Ungehemmten eventuell nur in 
Form verminderter und teilweise verminderter Neigungen'. 



1) Über die Beziehung zwischen Unlust und Angst im Traume schreibt Freud (Vorlsg. 
S. 243) : „Dasselbe was für die unentstellten Angstträume gilt, dürfen wir auch für diejenigen i 
annehmen, die ein Teil Entstellung erfahren haben, und für die sonstigen Unlustträume 
deren peinb'che Empfindungen wahrscheinlich Annäherungen an die Angst entsprechen." 

2) Zweifellos ist es auch in dieser als Angstverwandlung doch ganz unkenntlichen Form der 
geglückten Verdrängung möglich, die Entziehung sehr großer Quantitäten von Libido durch- 
zuführen. — Ich möchte hier auch auf die zu jeder Entwicklung gehörigen Gewohnheiten 
und Eigenarten hinweisen, von denen ich bei einer ganzen Anzahl in der Analy se feststellen 
konnte, daß sie unter der Einwirkung libidinöser Vorstellungen zustande gekommen waren. 



is* 






228 M. KLEIN 



Wenn wir die Fähigkeit, mit überschüssiger Libido Ich-Strebun- 
gen zu besetzen, mit der Fähigkeit zu sublimieren gleichsetzen, so 
könnten wir annehmen, daß der Gesundbleibende dies zufolge seiner 
größeren Fähigkeit vermag, in einem sehr frühen Stadium seiner 
Ich-Entwicklung zu sublimieren. 

Der Erfolg der Verdrängung würde sich dann an den hierzu er- 
wählten Ich -Strebungen abspielen und auf diese Weise die Hem- 
mung ergeben, während sonst mehr oder minder die Mechanismen 
der Neurosen mit dem Erfolge der Symptombildung in Funktion 

treten. 

Wir wissen, daß die Verdrängung ganz besonders stark unter der 
Wirkung des Ödipuskomplexes einsetzt und dabei Kastrationsangst 
frei wird. Es wäre wohl auch anzunehmen, daß die auf Grund 
früherer Verdrängungen eventuell nur als Ansatzmöglichkeiten vor- 
handene Angst, — die vielleicht auf Grund der Urkastrationen 1 gleich 
als Kastrationsangst wirksam war, — diesen großen Angstschub ver- 
stärkt. So konnte ich wiederholt Geburtsangst als eine Aktivierung 
früheren Material es durch die Kastrationsangst feststellen, und die 
Auflösung der letzteren führte auch die der Geburtsangst herbei. 
Z. B. erwies sich wiederholt die Angst auf dem Eise einzubrechen, 
durch das Loch einer Brücke zu fallen usw. — also deutliche Ge- 
burtsangst — durch die viel weniger offenkundigen (zufolge der se- 
xualsymbolischen Bedeutung des Schlittschuhlaufens, der Brücke 
usw. in Wirksamkeit gesetzten) Wünsche auf dem Wege des Koitus 
wieder in die Mutter einzudringen und durch die aus diesen Wün- 
schen resultierende Kastrationsangst aktiviert. Wohl durch diese wird 
es dann auch verständlich, daß in unbewußten Vorstellungen Zeugung 
und Geburt häufig auch als Koitus des Kindes empfunden wird, das 
dabei — wenn auch mit Hilfe des Vaters — in die mütterliche Vagina 
eindringt. 

1) Siehe Fr eud: Über Triebumsetzungen insbesondere der Analerotik (Kleine Schriften, 
IV. Folge). — Stärcke: Psychoanalyse und Psychiatrie. Beiheft II. — Alexander: Kastra- 
tionskomplex und Charakter. Zeitschrift. VIII. Heft 2. 



ZUR FRÜHANALYSE ~ 229 



Es scheint naheliegend, daß wir den im Alter von 2 — 3 Jahren 
auftretenden Pavor nocturnus als die Angst ansehen können, die als 
erstes Stadium der Verdrängung des Ödipuskomplexes frei ward, und 
deren Bindung und Abfuhr dann verschiedenartig erfolgt 1 . 

Die bei der Verdrängung des Ödipuskomplexes freiwerdende Ka- 
strationsangst wendet sich nun gegen die schon früher libidinös be- 
setzten Ich-Strebungen und wird nun ihrerseits durch diese Besetzung 
gebunden und abgeführt. 

Es scheint mir sehr einleuchtend, daß je reicher quantitativ und 
qualitativ die bis dahin erreichten Sublimierungen sind, um so voll- 
kommener und unmerkbarer sich die sie nun besetzende Angst auf 
sie verteilen und so abgeführt werden wird. 

Im Falle von Fritz und Felix ließ sich feststellen, daß die Hemmungen 
der Bewegungslust mit denen der Lernlust und diverser — ■ hier unter 
dieser Bezeichnung zusammengefaßter — Ich-Strebungen und Inter- 
essen sich als eng verbunden erwiesen. Die Möglichkeit dieser Ver- 
schiebung der Hemmung resp. Angst von einer Gruppe von Ich- 
Strebungen zur anderen ergibt sich in beiden Fällen deutlich durch 
die gemeinsame sexualsymbolische Hauptbesetzung. 

Beim dreizehnjährigen Felix, — aus dessen Analyse ich in einem 
weiteren Teile dieser Arbeit noch Beispiele bringe, — trat sie in der 
Form in Erscheinung, daß ein Wechseln seiner Hemmungen zwischen 
Sport und Lernen vorlag. Er war die ersten Schuljahre ein guter 
Schüler gewesen, dagegen sehr ängstlich und ungeschickt bei allen 
sportlichen Betätigungen. Als der Vater aus dem Kriege heimkehrte, 
schlug und beschimpfte er ihn wegen dieser Feigheit und erreichte 



1) Der Erfolg der Verdrängung tritt uns dann augenfällig als z. T. schon fertige Er- 
scheinungen etwas später — (im Alter zwischen drei und vier Jahren und darüber) als Wir- 
kungen des Ödipuskomplexes entgegen. Es ist einleuchtend, — muß aber erst erwiesen wer- 
den, daß, wenn es gelänge, sich zur Zeit des Pavor nocturnus oder bald nachher mit dem 
Kinde analytisch ins Einvernehmen zu setzen und diese Angst aufzulösen, der Neurose die 
Wege abgeschnitten und Sublimierungsmöglichkeiten freigelegt würden. Die Möglichkeit, 
sich mit Kindern dieses Alters analytisch ins Einvernehmen zu setzen, halte ich nach meinen 
Beobachtungen für gegeben. 



2jo M XL EIN 



damit das gewünschte Resultat. Aus dem Knaben wurde ein geschickter 
und leidenschaftlicher Sportanhänger, aber Hand in Hand damit ent- 
wickelte sich Abneigung gegen die Schule, alles Lernen und Wissen, 
die sich zu einem ausgesprochenen Widerwillen steigerte, den er noch 
in die Analyse mitbrachte. Die durch die gemeinsame sexualsymbolische 
Besetzung gegebene Beziehung zwischen diesen Hemmungen hatte 
zum Teil durch das Eingreifen des "Vaters, das ihm den Sport als ich- 
gerechtere Sublimierung empfinden ließ, eine Verschiebung der ganzen 
Hemmung zugunsten des Sportes auf das Lernen ermöglicht. 

Das Moment des „Ichgerechten" scheint mir auch bedeutungsvoll 
dafür, gegen welche libidinös besetzte Strebung die als Angst ab- 
geführte verdrängte Libido sich wendet und welche dadurch in grö- 
ßerem oder geringerem Ausmaße der Hemmung verfällt. 

Dieser Mechanismus der Verschiebung von einer Hemmung zur 
anderen scheint mir Analogien mit dem der Phobien zu besitzen. 
Während aber dort nur die Ersatzbildung des Vorstellungsanteiles 
durch Verschiebung vor sich geht, der Affektbetrag aber nicht ver- 
schwindet, scheint mir im Falle der Hemmung zugleich auch die Ab- 
fuhr des Affektbetrages zu erfolgen. 

„Wie wir wissen, ist die Angstentwicklung die Reaktion des Ichs 
auf die Gefahr und das Signal für die Einleitung der Flucht} da liegt 
uns denn die Auffassung nahe, daß bei der neurotischen Angst das 
Ich einen ebensolchen Fluchtversuch vor dem Anspruch seiner Libido 
•unternimmt, diese innere Gefahr so behandelt, als ob sie eine äußere wäre. 
Damit wäre die Erwartung erfüllt, daß dort, wo sich Angst zeigt, 
auch etwas vorhanden ist, wovor man sich ängstigt. Die Analogie 
ließe sich aber weiter fortführen. So wie der Fluchtversuch vor der 
äußeren Gefahr abgelöst wird durch Standhalten und zweckmäßige 
Maßnahmen zur Verteidigung, so weicht auch die neurotische Angst- 
entwicklung der Symptombildung, welche eine Bindung der Angst 
herbeiführt." (Vorlsg. S. 471.) 

Analog könnten wir, scheint es mir, in der Hemmung, die nach 
innen verlegte zwangsmäßige Beschränkung eines gefährlichen Über 



ZUR FRÜHANALYSE 231 



Schusses an Libido sehen, — eine Beschränkung, die einmal in der 
Geschichte der Menschheit als der äußere Zwang in Erscheinung ge- 
treten wäre. Zuerst also käme immer als erste Reaktion des Ichs auf die 
Gefahr der Libidostauung die Angst als „Signal zur Flucht". Dem 
Fluchtversuch aber folgt das „Standhalten und zweckmäßige Maß- 
nahmen zur Verteidigung' — , der die Symptombildung entspricht. 
Eine andere Maßnahme aber wäre die Unterwerfung durch Be- 
schränkung, — also die Hemmung gewesen, die aber erst möglich 
wurde, als es gelang, auf Tätigkeiten der Selbsterhaltungstriebe Libido 
abzusetzen und damit den Kampf zwischen Triebkraft und Verdrän- 
gung auf dem Gebiet der Ich-Strebungen zum Austrag zu bringen. 
Die Hemmung als Resultat der geglückten Verdrängung wäre also 
Vorbedingung und Folge der Kultur. So würde der Primitive, zwischen 
dessen Seelenleben und dem des Neurotikers so viele Übereinstim- 
mungen bestehen 1 , zu diesem Mechanismus der Neurose gekommen 
sein, weil er wohl wegen nicht genügender Fähigkeit zum Subli- 
mieren des Mechanismus der geglückten Verdrängung auch nicht 
genügend fähig ist. 

Auf einer Stufe der Kultur angelangt, die die Verdrängung be- 
dingt, zu der Verdrängung aber vorwiegend nur auf dem Wege 
der Neurosen-Mechanismen fähig, kann er auch über diese gewisse 
kindliche Stufe der Kultur nicht hinauskommen. 

Ich weise nun auf die aus meinen bisherigen Ausführungen her- 
vorgehende Folgerung hin: Ein anscheinend nur durch konstitutio- 
nelle Faktoren gegebenes, der Entwicklung der Ich-Triebe zugehöriges 
Mangeln oder Vorhandensein von Fähigkeiten, ja auch deren Quan- 
tität erweist sich durch andere und zwar libidinöse Faktoren mit- 
bestimmt und durch Analyse veränderlich. 

Einer dieser grundlegenden Faktoren ist die libidinöse Besetzung als 
Vorbedingung von Hemmungen. Diese Feststellung deckt sich mit in 
der Psychoanalyse wiederholt gemachten Erfahrungen. Die libidinöse 
Besetzung einer Ich-Strebung erweist sich aber auch dort gegeben, wo es 

1) Siehe Freud: Totem und Tabu. 



232 M. KLEIN 



, nicht zur Hemmung kommt, sie ist, — wie sich das besonders deutlich 
] in der Frühanalyse erkennen läßt — eine konstante Komponente jeder 
«Begabung, jedes Interesses. Wenn das zutrifft, so müßte für die Ent- 
wicklung einer Ich-Strebung nebst einer konstitutionellen Anlage be- 
deutungsvoll sein: Wie, wann, in welcher Quantität, kurz unter 
welchen Bedingungen die Verbindung mit Libido erfolgt 5 die Ent- 
wicklung der Ich-Strebung wäre also auch abhängig vom Schicksal 
der ihr gesellten Libido, vom Gelingen der libidinösen Besetzung. 
Damit aber schränkt sich die Bedeutung des dispositionellen Momentes 
für die Begabung ein, und analog wie es durch Freud für die Er- 
krankung festgestellt wurde, tritt als bedeutungsvoll hinzu der akziden- 
telle Faktor. 

Wir wissen, daß Ich-Triebe und Sexualtriebe im Stadium des 
Narzißmus noch vereint sind und sich die Sexualtriebe zunächst an 
die Selbsterhaltungstriebe anlehnen. Daß sie sich nachher voneinander 
ablösen, als zweierlei Energie wirksam sind und voneinander ab- 
weichende Entwicklungen durchmachen, ließ sich aus dem Studium 
der Übertragungsneurosen erkennen. — Wenn wir also die Scheidung 
zwischen Ich-Trieben und Sexualtrieben als bestehend erkennen, so 
wissen wir andererseits doch durch Freud, daß ein Anteil der Sexual- 
triebe zeitlebens den Ich-Trieben gesellt bleibt, und diese mit libidi- 
nösen Komponenten ausstattet. Dieser libidinösen Komponente ent- 
spricht das, was ich früher als die sexual-symbolische Besetzung einer 
den Ich-Trieben zugehörigen Strebung oder Tätigkeit bezeichnet habe. 
Wir sprechen den Vorgang dieser Besetzung mit Libido als Subli- 
mierung an und können uns die Genese dieses Vorganges so erklären, 
daß dabei überschüssiger, nicht zu befriedigender Libido Abfuhr- 
möglichkeiten geboten — also dadurch die Libidostauung vermindert 
oder behoben wird. Diese Auffassung entspricht auch Freuds Fest- 
stellung, daß beim Prozeß der Sublimierung den überstarken Er- 
regungen aus einzelnen Sexualitätsquellen Abfluß und Verwendung 
auf andere Gebiete eröffnet wird, wodurch bei abnormer konstitutio- 
neller Anlage außer den möglichen Ausgängen in Perversion oder in 



ZUR FRÜHANAL YSE ^ 



Neurose auch der in Sublimierung in Betracht kommt. (Drei Ab- 
handlungen zur Sexualtheorie S. 100.) 

Sperber führt in seinen Untersuchungen über den sexuellen Ur- 
sprung der Sprache aus, ' daß sexuelle Impulse eine wichtige Rolle bei 
der Entwicklung der Sprache gespielt haben, die ersten Sprachlaute 
die Lockrufe vor der Paarung waren und die Entwicklung dieser 
Sprachwurzeln als rhythmische Begleitung der Arbeit vor sich ging, 
Und dieser dabei sexuelle Lust zugeführt wurde. Jones zieht die Fol- 
gerung, daß die Sublimierung die ontogenetische Wiederholung dieses 
durch Sperber beschriebenen Prozesses sei'. Wir sehen aber zugleich 
in diesen Bedingungen der Sprachentwicklung die der Genese der 
Symbolik. Ferenczi stellt als grundlegend für die Identifikation, 

— also die Vorstufe der Symbolik, — fest, daß das Kind in einer 
frühen Periode seiner Entwicklung in jedem Ding seine Organe 
und deren Tätigkeiten wiederzufinden sucht. Indem es eine solche 
Ingleichnissetzung auch innerhalb seiner eigenen Körperorgane vor- 
nimmt, finde es vielleicht für jeden affektiv wichtigen Teil der 
unteren Körperhälfte ein Äquivalent an der oberen. — Die frühe 
Orientierung am eigenen Körper ist nach Freud auch von der Ent- 
deckung neuer Lustquellen begleitet. — Dadurch aber könnte wohl 
die Ingleichnissetzung verschiedener Organe und Körperstellen er- 
möglicht sein. Ihr schlösse sich dann weiter die Identifizierung mit 
anderen Dingen an, — wobei nach Jones das Lustprinzip den Ver- 
gleich zweier sonst ganz verschiedener Dinge aiif Grund einer lust- 
oder interesse-betonten Ähnlichkeit ermöglicht. 3 Wir können aber 
wohl annehmen, daß andererseits diese Dinge und Tätigkeiten, die 
an sich nicht Lustquellen sind, es durch diese Identifizierung werden, 

— indem sexuelle Lust auf sie abgesetzt wird, — wie es Sperber auch 
für die Arbeit des Urmenschen annimmt. Wenn dann zufolge ein- 



1) Siehe Sperber, Imago I. Heft 5. 

2) Siehe Jones, Die Theorie der Symbolik. Int. Zeitschrift V. Siehe auch Rank und 
Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften. 

3) Siehe Jones, Die Theorie der Symbolik. Int. Zeitschrift V. Heft 4. 



234 M. KLEIN 



setzender Verdrängung der Schritt von der Identifizierung zur Symbol- 
bildung gemacht ist, erweist diese sich zugleich als die Möglichkeit, 
auf andere ursprünglich nicht lustbetonte Dinge und Tätigkeiten der 
Ich-Erhaltungstriebe Libido abzusetzen, — womit der Mech anism us 
der Sublimierung gegeben wäre. 

Die Identifizierung erscheint aber dann nicht nur als Vorstufe 
der Symbolbildung, sondern zugleich auch als die der Sprachent- 
| wicklung und Sublimierung. Die Sublimierung findet über die 
' Symbolbildung statt, indem auf Dinge, Tätigkeiten und Interessen in 
i sexual-symbolischer Weise libidinöse Phantasien fixiert werden. Als 
Beispiel für diese Behauptung führe ich an: In den hier erwähnten 
Fällen der Bewegungslust, Spiele, Sportbetätigungen konnten wir die 
sexual-symbolische Bedeutung des Sportplatzes, der Straße usw. als 
Mutter als wirksam erkennen,-' — des Gehens, Laufens, der Sport- 
bewegung als(^Eindringens in die Mutter/ Dabei diente Fuß, Hand, 
Körper, die diese Betätigungen ermöglichen, die zufolge der frühen 
Identifizierung mit dem Penis gleichgesetzt werden, dazu, einen Teil 
der Phantasien an sich zu ziehen, die dem Penis und der mit diesem 
verknüpften Befriedigungssituationen gelten, wobei die Bewegungs- 
lust, vielmehr die Organlust an sich als Bindeglied dienen dürfte. 
Hier ist nun der Punkt, wo die Sublimierung von der hysterischen 
Symptombildung abweicht, mit der sie bisher konform verlief. 

Ich möchte hier, um Analogien und Unterschiede zwischen Symp- 
tom und Sublimierung näher ausführen zu können, auf die Analyse 
Leonardo da Vincis durch Freud hinweisen. Freud geht dabei von 
der Kindheitserinnerung resp. Phantasie Leonardos aus, daß, als er 
noch in der Wiege lag, ein Geier zu ihm herab kam, ihm den Mund 
mit seinem Schwänze geöffnet habe und viele Male mit dem Schwanz 
gegen seine Lippen stieß. Leonardo selbst fügt hinzu, daß es ihm also 
schon früh bestimmt gewesen sei, sich so ausführlich mit dem Geier 
zu befassen, und Freud weist nach, wie sich tatsächlich diese Phan- 
tasie bedeutungsvoll für seine Kunst, sowohl als auch für seine Rich- 
tung als Naturforscher erwies. 



Z UR FR ÜHA NA LYSE ~~ """ 23S 



Von der Phantasie selbst erfahren wir durch die Analyse Freuds, 
daß ihr realer Erinnerungsgehalt die Situation des von der Mutter 
gesäugten und geküßten Kindes ist. Die Vorstellung des Vogelschwanzes 
in seinem Mund, — was der Fellatio entspricht — erweist sich als 
eine Umarbeitung zu einer passiv homosexuellen Phantasie. Zugleich 
aber zeigt sich die früh-infantile Sexualforschung Leonardos darin 
verdichtet, die zur Annahme einer Mutter mit dem Penis führte. Den 
möglichen Ausgängen in Hemmung oder in Zwangsneurose und 
Grübelzwang, die sich durch die frühe Verknüpfung des Forscher- 
triebes mit sexuellen Interessen so häufig ergeben, ist Leonardo, wie 
Freud weiter ausführt, durch die Sublimierung dieses Partialtriebes 
entgangen, der deshalb nicht von der Verdrängung betroffen worden 
sei. — Ich möchte nun die Frage aufwerfen: Wodurch ist Leonardo 
der Hysterie entgangen, deren Möglichkeit mir aus dem in dieser 
Phantasie verdichteten Element des Geierschwanzes erkennbar scheint, 
das als Phantasie von Fellatio sich doch häufig bei Hysterischen im 
Symptom z. B. des Globusgefühles darstellt? — Nach Freud kehrt 
die bei der frühen Orientierung und Identifizierung in Erscheinung 
tretende Verschiebbarkeit der erogenen Zonen in der Symptomato- 
logie der Hysterie wieder. So kennen wir die Identifizierung auch als 
Vorstufe der hysterischen Symptombildung, durch die es möglich ist, 
die für die Hysterie charakteristische Verschiebung von unten nach 
oben vorzunehmen. Wenn wir nun annehmen, daß bis zur Entwick- 
lung der bei Leonardo fixierten Befriedigungssituation durch Fellatio 
der Weg über Identifizierung, Symbolbildung und Fixierung der 
gleiche war, wie der zur hysterischen Konversion führende, so setzt 
bei der Fixierung, so scheint es mir, die Abweichung ein. Leonardo 
hat diese Befriedigungssituation nicht als solche fixiert, sondern er hat 
sie auf Ich-Strebungen abgesetzt. Er hatte wohl die Fähigkeit zu einer 
sehr frühen weitgehenden Identifizierung mit den Dingen der Um- 
welt, die vielleicht an einer besonders frühen Entwicklung von der 
narzißtischen zur Objektlibido liegen könnte. Dafür wäre gewiß auch 
die Fähigkeit, Libido schwebend erhalten zu können, mitbestimmend. 



236 M. KLEIN 



Andererseits müssen wir für die Fähigkeit zur Sublimierung auch 
einen Faktor als bedeutungsvoll annehmen, der gewiß einen sehr 
wesentlichen Teil der konstitutionell mitgebrachten Begabung dar- 
stellt: das Entgegenkommen einer Ich-Tätigkeit oder Strebung, sich 
mit Libido besetzen zu lassen und den Grad dieser Aufnahmsfähig- 
keit, — analog dem somatischen Entgegenkommen der innervierten 
Stelle und der Bedeutung dieses Momentes für das Zustandekommen 
des hysterischen Symptoms. Alle diese Faktoren, — in denen wir 
auch die Disposition erkennen, — würden Ergänzungsreihen ergeben, 
wie sie uns für die Ätiologie der Neurosen bekannt sind. Im Falle 
Leonardos wurde nicht nur die Identifizierung von Brustwarze, Penis, 
Vogelschwanz vorgenommen, sondern darüber hinaus diese Fixierung 
an das Interesse abgegeben, an der Bewegung dieses Dinges, dem 
Vogel selbst und dessen Flug, den Raum, wo er fliegt, so daß diese 
erlebten und phantasierten Befriedigungssituationen zwar unbewußt 
und fixiert, aber in einer Ich-Strebung aufgelöst in ihm wirksam 
blieben und so abgeführt werden konnten. Durch diese Art der Dar- 
stellung werden die Fixierungen ihres sexuellen Charakters entkleidet, 
ich-gerecht und wenn die Sublimierung geglückt, sie also in der Ich- 
Strebung aufgegangen sind, nicht mehr von der Verdrängung be- 
troffen. Sie versehen dann die Ich-Strebung mit dem Affektbetrag, 
der dem Talent als Antrieb und Motor dient, geben ihr, da sie in der 
Ich-Strebung einen freien und ich-gerechten Tummelplatz finden, die 
Möglichkeit der freien Phantasieentfaltung und gelangen auf die Weise 
selbst zur Abfuhr. 

Bei der hysterischen Fixierung aber wird die Phantasie über die 
Befriedigungssituation an sich so intensiv festgehalten, daß sie, bevor 
ihre Sublimierung möglich ist, von der Verdrängung betroffen, als solche 
fixiert, und so, — die Wirksamkeit sonstiger ätiologischer Faktoren vor- 
ausgesetzt, — zur Darstellung und Abfuhr in hysterische Symptome ge- 
zwungen wird. Daß aber auch in der Sublimierung die Fixierung an 
diese Phantasie mit allen ihren Determinanten wirksam bleibt, zeigt sich 
an der Entwicklung von Leonardos Forschungen über den Vogelflug. 



ZUR FRÜHANALYSE 237 



. Wenn wir die Punkte, in denen Freud das Wesen des hysterischen 
Symptoms erschöpfend zusammengefaßt hat 1 , auf die Sublimierung 
Leonardos anwenden, wie sie sich uns durch den Zusammenhang mit 
der Geierphantasie darstellt, so zeigt sich die Analogie zwischen Sym- 
ptom und Sublimierung als vorhanden. Diese Sublimierung scheint 
mir aber auch der Formel Freuds zu entsprechen, daß das hysterische 
Symptom häufig der Ausdruck einerseits einer männlichen, anderer- 
seits einer weiblichen sexuellen unbewußten Phantasie ist. Die weib- 
liche ist bei Leonardo durch die passive der Fellatio, die männliche 
scheint mir aus einer Stelle erkennbar, die Freud aus den Aufzeich- 
nungen Leonardos als eine Art Prophezeiung anführt: „Es wird 
seinen ersten Flug nehmen der große Vogel vom Rücken seines großen 
Schwanes aus, das Universum mit Verblüffung, alle Schriften mit seinem 
Ruhm füllen und ewige Glorie sein, dem Neste wo er geboren war . 
Heißt das nicht die Anerkennung der Mutter für seine genitalen Lei- 
stungen erringen? Ich meine, daß diese Phantasie, die auch einen früh- 
infantilen Wunsch ausdrückt, zusammen mit der Phantasie vom Geier 
in seinen Forschungen über den Vogel flug und Bau von Luftschiffen 
zur Darstellung kam. Die sonst in der realen Triebbefriedigung Leo- 
nardos so wenig in Erscheinung tretende genitale Aktivität ist auf 
diese Art voll in seinen Sublimierungen aufgegangen. 

Der hysterische Anfall ist nach Freud nichts anderes als ins Motori- 
sche übersetzte, auf die Motilität projizierte, pantomimisch dargestellte 
Phantasien. Wir können das Analoge von den Phantasien und Fixie- 
rungen behaupten, die, wie beim Künstler, sei es an seinem Körper oder 
an anderem Material durch motorisch-körperliche Innervationen dar- 
gestellt werden. Diese Behauptung deckt sich mit Ausführungen Feren- 
czis und Freuds über die Analogien und Beziehungen zwischen Kunst 
und Hysterie einerseits und hysterischem Anfall und Koitus andererseits. 

Wie aber der hysterische Anfall mit besonderer Verdichtung von 
Phantasien arbeitet, so wäre mitbestimmend dafür, ob es zur E nt _ 



1) Freud: Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität. Kl. Sehr. 
IV. Folge. S. 142. 



2jS AI. KLEIN 



wicklung eines künstlerischen Interesses oder aber eines schöpferischen 
Talentes kommt, der Reichtum an Fixierungen und Phantasien und 
deren Intensität, die durch die Sublimierung zur Darstellung kommen. 
Nebst den Quantitäten aller in Betracht kommender konstitutioneller 
und akzidenteller Faktoren und deren günstigem Zusammentreffen 
wäre gewiß auch der Grad der genitalen Aktivität, der der Sublimie- 
rung zugeführt werden kann, bedeutungsvoll, wie ja auch bei der 
Hysterie das Primat der Genitalzone immer erreicht ist. 

Für das Genie, das sich nicht nur quantitativ, sondern auch in seiner 
Wesensart vom Talent unterscheidet, können wir dennoch auch die 
gleichen genetischen Bedingungen wie für das Talent annehmen. Es 
wären nur die durch die Reichhaltigkeit aller in Betracht kommenden 
Faktoren und deren Quantitäten ermöglichten andersartigen Grup- 
pierungen, gebildet aus den in einem Teil ihres Wesens gleichen Ein- 
heiten — den libidinösen Fixierungen — , die als Resultat das Genie 
ergeben würden. 

Ich habe als ein entscheidendes Moment für das Gelingen einer 
Sublimierung die Frage angeführt, ob die für die Sublimierung be- 
stimmenden Fixierungen nicht zu früh von der Verdrängung be- 
troffen und so von der Möglichkeit der Entwicklung abgeschnitten 
werden. Wir müßten dann zwischen der Symptombildung einerseits 
und der geglückten Sublimierung andererseits Ergänzungsreihen 
aufstellen, die dazwischen auch alle Möglichkeiten der weniger ge- 
glückten Sublimierungen umfassen. Wir finden dann wohl auch, daß 
die Fixierung, die zum Symptom führt, schon auf dem Wege zur Subli- 
mierung war, aber durch Verdrängung davon abgeschnitten wurde. 
Je früher das der Fall ist, um so mehr wird die Fixierung von dem 
sexuellen Charakter der Befriedigungssituation an sich — behalten 
und die von ihr besetzte Strebung sexualisieren anstatt in ihr aufzu- 
gehen. Um so schwankender wird auch diese Fähigkeit sein, weil sie 
immer wieder dem Ansturm der Verdrängung ausgesetzt bleibt. 

Über die Unterscheidung zwischen der nicht geglückten Sublimie- 
rung und der Hemmung und den zwischen beiden bestehenden Be- 



ZUR FRÜHANALYSE ' 239 



Ziehungen möchte ich noch einige Worte anfügen. Die von mir er- 
wähnten, als normal bezeichneten, bei der geglückten Verdrängung 
resultierenden Hemmungen zeigten nach ihrer Auflösung durch die 
Analyse als Grundlage zum Teil sehr starke Sublimierungen. Diese 
waren an sich zustande gekommen, aber in ihrer Gesamtheit oder 
zum Teil gehemmt worden. Sie hatten nicht den zwischen Symptom- 
bildung, neurotischen Zügen und Sublimierung schwankenden Cha- 
rakter der nicht geglückten Sublimierungen, — ihr Charakter, der 
als Hemmung erst in der Analyse feststellbar war, erschien als ein 
negativer, als ein Fehlen von Neigungen oder Fähigkeiten, zum Teil 
sogar nur als eine Verminderung von solchen. Die Hemmung kommt 
(wie ich S. 225 nachzuweisen versuchte) so zustande, daß überschüssige, 
als Angst abgeführte Libido auf Sublimierungen abgesetzt wird. Auf 
diese Weise wird die Sublimierung durch die Verdrängung in Form 
von Hemmungen vermindert oder aufgehoben, aber die Symptom- 
bildung vermieden, da die Angst analog wie bei der hysterischen Sym- 
ptombildung auf diese Weise zur Abfuhr gebracht wird. So würde 
also der Normale seine Gesundheit mit Hilfe der geglückten Ver- 
drängung durch Hemmungen erreichen. Wenn die sie besetzende 
Angstquantität die der Sublimierung übersteigt, käme es zur neu- 
rotischen Hemmung, da nun das Kräftespiel zwischen Libido und 
Verdrängung nicht mehr auf dem Gebiet der Ich -Strebungen zum 
Austrag kommt, und deshalb zur Bindung der Angst die zu diesem 
Zweck bei den Neurosen wirksamen Prozesse in Gang gesetzt werden. 
Während bei der nichtgeglückten Sublimierung die Phantasien auf 
dem Wege zur Sublimierung von der Verdrängung betroffen und so 
fixiert werden, hätte die gehemmte Sublimierung zur Vorausset- 
zung, daß sie als Sublimierung zustande kam, wofür eben wieder die 
früher aufgestellten Ergänzungsreihen zwischen Symptom einerseits 
und geglückter Sublimierung andererseits in Betracht zu ziehen sind. 
Es läßt sich andererseits aber annehmen, daß, je geglückter die 
Sublimierungen sind und je weniger also gestaute, als Angst ab- 
zuführende Libido im Ich verbliebe, um so weniger Notwendigkeit 



240 M. KLEIN 



zur Hemmung gegeben wäre. Gewiß wird wohl auch die Sublimie- 
rung um so weniger die "Wirkung der Verdrängung auf sich ziehen, 
je geglückter sie ist, wofür also auch Ergänzungsreihen aufzustellen 
wären. 

Wir kennen die Bedeutung der Masturbationsphantasie für das 
hysterische Symptom und den hysterischen Anfall. Ich führe nun für 
die Wirksamkeit der Masturbationsphantasie auf die Sublimierung ein 
Beispiel an: Der 15 jährige Felix brachte in die Analyse eine Phantasie 
mit. Er spielt mit nackten schönen Mädchen, streichelt und liebkost 
deren Brüste. Die Unterkörper sieht er nicht. Sie spielen miteinander 
Fußball. Dieser einzigen sexuellen Phantasie, die ihm als Onanieersatz 
diente, schlössen sich im Verlaufe der Analyse zahlreiche, sowohl als 
Tagträume, wie auch abends als Onanieersatz wirksame, ausschließlich 
den Sport betreffende Phantasien an. Diese zeigen den Weg, den seine 
Fixierungen zum Teil in der Verarbeitung zum Sportinteresse nehmen 
konnten. In der ersten sexuellen nur mehr in Resten erhaltenen Phan- 
tasie war der Koitus schon durch das Fußballspiel dargestellt'. Dieses, 
ebenso wie die anderen Sportbetätigungen hatten vollständig sein Inter- 
esse und seine Ambition aufgesaugt, weil diese Sublimierung zum 
Schutze gegen andere verdrängte und gehemmte nicht so ich-gerechte 
Interessen reaktiv verstärkt war. 

Dieses Moment der reaktiven oder sonst zwanghaften Verstär- 
kung könnte wohl überhaupt für die gelegentliche analytische Auf- 
lösung von Sublimierungen bestimmend sein, die ja im allgemeinen 
erfahrungsgemäß durch die Analyse nur befördert werden. Das Sym- 
ptom als kostspielige Ersatzbildung wird aufgegeben, wenn die Fixie- 
rungen gelöst und andere Wege zur Abfuhr der Libido frei werden. 
Das Bewußtmachen jener Fixierungen aber, die der Sublimierung 
zugrunde liegen, bringt meist nicht das gleiche Resultat, sondern sehr 
häufig noch eine Verstärkung der Sublimierung mit sich, weil sie als 

1) Diese Bedeutung des Fußballspieles, wie der Ballspiele überhaupt erwies 6ich mir in 
Knaben, wie Mädchenanalysen als typisch. Beispiele für diese Behauptung will ich im 
Rahmen einer anderen Arbeit bringen, jetzt nur auf diese Feststellung hinweisen. 



ZUR FRÜHANAL YS E ^J 



zweckmäßigster und wohl auch ursprünglichster Ersatzweg zur Ab- 
fuhr nicht zu befriedigender Libido beibehalten wird. 

Die Wirksamkeit der Fixierung an Urszenen oder Urphantasien 
für die Genese der Neurose ist uns bekannt. Für die Bedeutung von 
Urphantasien für die Entwicklung von Sublimierungen will ich ein 
Beispiel herausgreifen. Der fast siebenjährige Fritz brachte zahlreiche 
Phantasien über den Pipigeneral, — das Genitale, — der die Soldaten, 
die Pipitropfen, durch Straßen, deren Lage und Verlauf er genau 
schilderte und mit der Form von Buchstaben verglich, in ein Dorf 
führte, wo sie Quartier nahmen. Diese Phantasien, deren Inhalt der 
Koitus mit der Mutter und die dabei vom Penis ausgeführten Be- 
wegungen und dessen Weg war, dienten, wie sich aus Zusammen- 
hängen ergab, auch als Masturbationsphantasien. Sie zeigten sich nebst 
anderen Elementen, deren Entwicklung ich hier nicht weiter verfolgen 
kann, in seinen Sublimierungen wirksam. Wenn er auf seinem Schnell- 
läufer fuhr (das ist ein Brett auf Rädern mit einer Lenkstange, das 
durch einen Fuß vorwärts geschoben wird), legte er besonderen Wert 
darauf, sich zu wenden und zu biegen 1 , wie er es in verschiedenen 
Phantasien auch von seinem Pipi beschrieben hatte. Z. B. erzählt er 
einmal, er hätte ein Pipipatent erfunden. Dieses bestand darin, daß 
er ohne Berührung der Hand nur durch verschiedene Wendungen 
und Bewegungen des ganzen Körpers es fertig brachte, das Pipi aus 
dem geöffneten Hosenschlitz hervorschnellen zu lassen. 

Er phantasiert wiederholt über Erfindungen besonderer Konstruk- 
tionen von Motorrad und Auto. Diese phantasierten Konstruktionen 2 



1) Dieser großen Lust und Geschicklichkeit war ursprünglich Ungeschicklichkeit und Un- 
lustvorausgegangen. In der Analyse trat— wie auchbei seinen anderen Bewegungsspielen und 
Sportbetätigungen — zunächst ein Schwanken zwischen Lust und Unlust auf. Später trat an 
Stelle der durch Kastrationsangst determinierten Hemmung anhaltende Lust und Ges h' k 
lichkeit. Ebenso determiniert erwies sich auch seine Hemmung resp. Lust amRodel h ' A 
er auch ganz besonderes Gewicht auf die dabei angenommenen Stellungen legte. Eine ana- 
loge Einstellung ließ sich bei all seinen Bewegungsspielen undSportbewegungen nachweisen 

3 ) Als die Wurzel der von ihm phantasierten Patente und Konstruktionen ließ sich bei 
ihm immer wieder die Bewegungen und Funktionen des Pipi erkennen, denen er eben 
durch diese Konstruktionen zu größerer Vollkommenheit verhelfen wollte. 
16 ImagoIX/2 



242 M. KLEIN 

dienten auch immer der besonderen Geschicklichkeit im Lenken und 
im Aus- und Einbiegen. „Frauen meinte er, können vielleicht lenken, 
aber nicht rechtzeitig abbiegen." In einer Phantasie hat jedes Kind 
gleich bei der Geburt sein eigenes kleines Motorrad, auch die Mädchen. 
Jeder kann auf seinem Motorrad drei oder vier Kinder mitnehmen, 
— die darf er dann unterwegs, wo es ihm beliebt abwerfen — die 
schlimmen fallen herunter, wenn er scharf um eine Ecke biegt. Die 
anderen lädt er dann auf einer Endstation ab — sie sind geboren 
worden. — Bei den Buchstaben S, von denen er viel phantasiert, können 
die Kinder, die kleinen s, schon als Wickelkinder schießen oder Auto 
führen: jedes hat sein Motorrad, sie können damit in einer Viertel- 
stunde weiter kommen, als bei uns die Erwachsenen in einer Stunde, 
sind ihnen auch sonst im Laufen, Springen und in jeder Körperge- 
schicklichkeit über. Zahlreich sind auch die Phantasien über die ver- 
schiedenen von ihm gewünschten Vehikel, mit denen er gleich wie 
er sie bekäme, zur Schule fahren und dabei Mutter oder Schwester 
mitnehmen möchte. Das Einfüllen des Benzins (vor dem er eine Zeit- 
lang Angst wegen der Explosionsgefahr zeigte) in ein von ihm phanta- 
siertes kleines oder großes Motorrad erweist sich als das von ihm beim 
Koitus als nötig vorausgesetzte Pipiwasser, resp. Samen, die ganz be- 
sonders kunstvolle Handhabung des Motorrades mit fortwährendem 
Ausbiegen und Wenden als die beim Koitus angewendete Geschick- 
lichkeit. 

Von dieser starken Fixierung an den Weg und allen damit zusammen- 
hängenden Interessen war nur ganz früh etwas in Erscheinung ge- 
treten, — im Alter von ungefähr fünf Jahren aber war eine ausge- 
sprochene Unlust zum Spazierengehen vorhanden. Auffallend zeigte 
sich in diesem Alter auch das mangelnde Verständnis für örtliche und 
zeitliche Entfernungen. So meinte er nach einer mehrstündigen Reise 
noch in seiner Heimatstadt zu sein. Im Zusammenhang mit seiner 
Unlust zum Spazierengehen zeigte er auch keinerlei Interesse, seinen 
neuen Aufenthaltsort näher kennenzulernen und auch sonst weder 
Fähigkeit noch Sinn für Orientierung. 



ZUR FRÜHANALYSE ~^\ 



Ein stark betontes Interesse für Vehikel war in der Form vorhanden 
daß er stundenlang vom Fenster oder Hausflur aus die vorbeifahren- 
den Wagen betrachtete und auch leidenschaftlich gern fuhr. Seine 
Hauptbeschäftigung war eine Art Kutscher- und Chauffeurspiel, wobei 
zusammengeschobene Stühle das Vehikel darstellten. Dieses Spiel 
— das eigentlich nur darin bestand, daß er dort ruhig saß — betrieb 
er mit einer Ausschließlichkeit, die bei sonst völliger Spielunlust zwang- 
haft schien. Um diese Zeit setzte ich mit Analyse ein und es trat im 
Verlauf weniger Monate diesbezüglich, wie auch im allgemeinen eine 
vollständige Veränderung ein. 

Im Verlauf der Analyse war bei dem früher angstlosen Kinde 
starke Angst aufgetreten, die analytisch aufgelöst wurde. Im letzten 
Teil der Analyse trat eine Phobie vor Straßenjungen auf, die daran 
anknüpfte, daß er wiederholt von Straßenjungen belästigt worden war. 
Er zeigte Angst vor ihnen und war schließlich nicht mehr dazu zu 
bewegen, die Straße allein zu betreten. Ich vermochte dieser Phobie 
nicht mehr analytisch beizukommen — da ich aus äußeren Grün- 
den die Analyse damals nicht mehr fortsetzen konnte — erfuhr aber, 
daß nicht lange nach Beendigung der Analyse die Phobie ganz ge- 
schwunden sei und einer besonderen Lust am Herumstreifen Platz 
gemacht habe*. 

Hand in Hand damit hatte aber auch ein lebhafterer Sinn für örtliche 
Orientierung eingesetzt und zwar waren es zunächst speziell der Bahn- 
hof,die Aus- und Eingänge der Coupes, dann aber auch die Aus- und 
Eingänge von Lokalitäten, denen sich gleich beim Betreten sein Interesse 
zuwandte. Auch begann er sich nun sehr für die Linien der Elektri- 
schen zu interessieren und für die Straßen, durch die sie fuhren. Die 
Analyse hatte seine reich determinierte Spielunlust behoben. Das 



1) Im Alter von zwei und dreiviertel Jahren war er einmal von zu Hause durchgegangen 
und hatte vollständig angstlos belebte Fahrstraßen gekreuzt. Ungefähr ein halbes Jahr lang 
hielt diese Neigung zum Durchgehen an. Nachher trat eine recht stark betonte (wie die 
Analyse erwies neurotische) Vorsicht vor Autos auf und die Lust zum Durchgehen, aber 
auch das Vergnügen am Herumstreifen schienen endgültig vergangen. 



'5* 



244 M. KLEIN 



(frühere zwanghafte) Interesse für Vehikel zeigt sich nun auch im 
Rahmen zahlreicher Spiele wirksam, die aber im Gegensatz zu dem 
früheren einförmigen Chauffeurspiel mit großer Phantasieentwicklung 
vor sich gehen. Auch ein leidenschaftliches Interesse an Fahrstuhl und 
Fahrstuhlfahren wird bemerkbar. Um diese Zeit spielt er, da er un- 
wohl ist und zu Bette liegt, folgende Spiele: Er kriecht, unter die 
Decke und sagt: „Das Loch wird immer größer, gleich komme ich 
heraus." Dabei hebt er langsam an dem anderen Ende die Decke her- 
auf bis die Öffnung groß genug ist und klettert hinaus. Dann spielt 
er daß er unter der Decke reist, er kommt das eine Mal auf der einen, 
dann auf der anderen Seite heraus und sagt beim Heraufkommen, 
daß er ,oberirdisch* geworden ist, was als Gegensatz zur Untergrund- 
bahn gemeint ist. Es hat ihn nämlich ganz außerordentlich frappiert, 
als er sah, wie die Untergrundbahn bei einer Endstation aus der Erde 
herauskam und dann oben fuhr. Bei diesem Spiel mit der Decke achtet 
er sehr darauf, daß während der Fahrt die Decke sich auf keiner der 
beiden Seiten hebt, so daß er nur sichtbar wird, wenn er auf einer 
oder der anderen Endstation, wie er es nennt, herauskommt. Ein 
andermal spielt er dieses Spiel mit der Decke so, daß er an verschie- 
denen Stellen herein- und herausklettert. Bei diesen Spielen sagte er ein- 
mal zu seiner Mutter. „Ich gehe in deinen Magen." Um diese Zeit 
bringt er folgende Phantasie: Er geht zur Untergrundbahn hinunter. 
Dort sind viele Menschen. Der Kondukteur geht schnell Treppen hin- 
auf und hinunter und gibt den Leuten Karten. Er fährt mit der 
Untergrundbahn unter der Erde bis die Schienen zusammenkommen. 
Dann kommt ein Loch und dort ist etwas Gras. — Bei einem anderen 
dieser Spiele im Bett läßt er wiederholt ein kleines Auto mit Chauffeur 
über die zu einer Erhöhung zusammengeballteDecke fahren und sagt da- 
zu: „Der Chauffeur will immer über den Berg, das ist doch ein schlechter 
Weg (dann, indem er ihn unter die Decke fahren läßt), so das ist der 
richtige Weg." Er zeigt besonderes Interesse für eine Linie der Elek- 
trischen, die, da dort die Schienen nur eingleisig sind, eine Schleife 
bildet. Er spricht darüber, daß diese Schleife wohl dazu nötig ist, damit 



Z UR FR ÜHA NA L YSE 245 

nicht eine andere Elektrische entgegenfährt und ein Zusammenstoß 
erfolgt. Dabei demonstriert er diese Gefahr so seiner Mutter: „Schau 
z. B. wenn zwei Menschen so (rennt dabei gegen sie an) gegenein- 
anderkommen, so stoßen sie zusammen oder zwei Pferde, wenn sie 
so kommen." Er phantasiert, was schon öfter der Fall war, wie er sich 
seine Mama von innen, speziell den Magen mit allen möglichen Ein- 
richtungen versehen denkt. Daran schließt sich die Phantasie von einer 
Schaukel oder Karussell, worin viele kleine Leute sind, — die steigen 
immer nacheinander ein, dann auf der anderen Seite aus. Jemand ist 
dort, der drückt auf etwas und hilft ihnen dabei. 

Der neue Genuß am Herumstreifen und alle diese Interessen hielten 
einige Zeit an, aber nach mehreren Monaten war wieder Unlust zum 
Spazierengehen an ihre Stelle getreten, die noch vorhanden war, als 
ich den damals fast sieben) ährigen Knaben neuerlich in Analyse nahm 1 . 

Im Verlaufe der nun sehr tiefführenden Analyse vergrößerte sich 
die Unlust, wurde als Hemmung deutlich, bis die darunterliegende 
Angst manifest wurde, um so aufgelöst zu werden. Speziell war es 
der Schulweg, bei dem die Angst als solche hervortrat. Es zeigt sich, 
daß er die auf dem Weg zur Schule liegenden Straßen u. a. nicht 
mag, weil es dort Bäume gibt. Straßen, wo es Wiesen gibt, findet er 
dagegen sehr schön, denn dort könnte man Wege anlegen und sie, 
indem man Blumen pflanzt und begießt in einen Garten verwandeln 2 . 
Die Antipathie gegen Bäume, — die eine Zeitlang in Erscheinung 
getretene Angst vor dem Wald, — zeigt sich zum Teil durch Phan- 
tasien vom Abhacken eines Baumes, der dann aber auf ihn fallen 
könnte, determiniert. Der Baum ist ihm der große Penis des Vaters, 
den er abschneiden will und deshalb fürchtet. Was er auf diesem 
Schulweg befürchtet, ergab sich aus verschiedenen Phantasien. Ein- 



1) Es war bei dem Knaben ein teilweiser Rückfall eingetreten, was darauf zurückzu- 
führen war, daß ich aus Vorsicht die Analyse nicht tief genug geführt hatte. Ein Teil des 
gewonnenen Resultates aber erwies sich als haltbar. 

2) Im Zusammenhang mit dem Pflanzen der Blumen steht auch das Urinieren an ganz 
bestimmten Stellen des Weges. 



• 



246 M. KLEIN 



mal erzählt er von einer nur phantasierten Brücke auf seinm Schul- 
wege'. Wenn die ein Loch hätte, könnte er durch dieses durchfallen. 
Ein andermal war es ein dicker Bindfaden, den er auf dem Wege 
liegen sah und vor dem er Angst bekam, weil er ihn an eine Schlange 
erinnerte. Zu dieser Zeit versuchte er auch einen Teil des Weges 
hüpfend zurückzulegen mit der Begründung, daß ihm ein Fuß ab- 
geschnitten worden sei. — Er phantasierte im Anschluß an ein Bild, 
das er in einem Buche sah, von einer Hexe, der er auf seinem Schul- 
wege begegnen würde und die einen Eimer mit Tinte über ihn und 
seine Schultasche ausgießen würde, wobei der Eimer den mütterlichen 
Penis bedeutete*. Damals fügte er spontan hinzu, daß er davor Angst 
hätte, — es aber doch auch angenehm wäre. — Ein andermal war 
es eine schöne Hexe, der er begegnete, und deren Krone, die sie auf 
dem Kopfe trug, er angelegentlich betrachtete. „Weil er so kuckte, — 
er war dabei ein Kuckuck," zauberte sie ihm die Schultasche weg und 
verzauberte ihn aus einem Kuckuck in eine Taube (also in ein weib- 
liches Tier, nach seiner Meinung). 

Von Phantasien, die im weiteren Verlauf der Analyse die ursprüng- 
liche lustvolle Bedeutung des Weges hervortreten ließen, bringe ich 
als Beispiel: Er erzählt einmal, daß er ganz gern zur Schule ginge, 
wenn nur der Weg nicht wäre. Er phantasiert nun davon, wie er, 
um den Weg zu vermeiden, eine Leiter von dem Fenster seines Zimmers 
bis zu dem der Lehrerin legt, dann könnte er gemeinsam mit seiner 
Mutter so hingehen, daß sie von Sprosse zu Sprosse steigen. Dann 
erzählt er von einem Strick, der ebenfalls von Fenster zu Fenster reicht, 
an dem entlang er mit seiner Schwester zur Schule gezogen würde 
und zwar mit Hilfe eines Dieners, der den Strick hinwirft, wobei die 
schon in der Schule befindlichen Kinder behilflich sind. Zurück würfe 



\\ S. Ferenczi „Zur Brückensymbolik". Zeitschrift VII. S. 211. 

2) Zu der Beschmutzung durch die Tinte assoziierte er: Öl, Kondensmilch — Flüssig- 
keiten die für ihn Samen darstellten, wie sich aus seiner Analyse ergab. — Es war ein 
Gemisch von Stuhl und Samen, das er im Penis — sowohl im mütterlichen als auch im 
väterlichen voraussetzte. 



ZUR FRÜHANALYSE 247 



er wieder den Strick, „würde er den Strick bewegen," wie er es 
nannte 1 . 

Zu einer Zeit, da er im Verlauf der Analyse viel aktiver geworden 
war, erzählte er folgende Geschichte, die er „Straßenraub" benannte: 
„Es war ein Herr, sehr reich und vergnügt, er war noch sehr jung, 
wollte aber doch schon heiraten. Er ging auf der Straße, da sah er 
eine schöne Dame und frug sie nach ihrem Namen. Sie sagte: Das geht 
Sie nichts an, dann frug er sie nach ihrer Wohnung. Da sagte sie ihm 
wieder, daß es ihn nichts angeht. Dabei wurden sie immer lauter. Da 
kommt ein Polizist der schon darauf gelauert hatte, führt ihn zu einem 
vornehmen Wagen, wie sich das für einen solchen vornehmen Herrn 
passt, in ein Haus mit Eisenstäben vor dem Fenster, — in ein Gefängnis. 
Er wird wegen Straßenraub angeklagt, so nennt man das . 

Wie aber seine ursprüngliche Lust am Wege dem Koituswunsch 
mit der Mutter entspricht und deshalb erst durch Auflösung der Ka- 
strationsangst voll eingesetzt werden konnte, so sehen wir in innigem 
Zusammenhang damit die Erforschung der Wege und Straßen, — also 
die Grundlage des Orientierungssinnes, — sich entwickeln durch 
Freiwerden der zufolge Kastrationsangst ebenfalls verdrängten Sexual- 
forschung. Ich will dafür einige Beispiele bringen. Er erzählt mir 
einmal daß er beim Urinieren bremsen muß, (was er durch Drücken 
am Gliede bewerkstelligt) weil sonst das ganze Haus einstürzen könnte 3 . 

\\ Es handelt sich dabei um eine lange, sehr reich determinierte Phantasie, aus der sich 
Material für verschiedene Zeugungs- und Geburtstheorien ergab. Es schlössen sich daran 
noch Einfälle über eine von ihm erfundene Maschine, mit deren Hilfe er den Strick bis in 
die verschiedenen Teile der Stadt werfen könnte. — Auch diese Phantasie zeigt die Vor- 
stellung der Zeugung durch den Vater verquickt : mit Vorstellungen des eigenen Koitus. 

2) Diese Phantasie zeigt auch, wodurch die frühere nicht erledigte Phobie vor den Straßen- 
jungendeterminiert war. Dienicht genug tiefgefuhrte ersteAnalyse hatte sie und damit auch für 
eine Hemmungen grundlegend bestimmende Fixierungen nicht auflösen können. Dadurch 
ITa^er Z2 die Möglichkeit des Rückfalles gegeben. Dieser Umstand, wie auch sonstige 
Erfahrungen in der Frühanalyse -h ~ %*"*"* *■* *■ auch die Frühanalyse 
*• <• u a führt werden soll wie es sich als notig erweist. 

so ;£*«» ^ti t f" v- m - *■*•* «• ■»«• *■— 

„4 cl» B « S. * 9 6 ■""> S ' '"'' °* "" t "T "'£' S ° ** TOrd ""S. »» »ch d» Frei- 
erst dann in der zweiten Anaiy* 



24o , 

Im Anschluß daran ergaben zahlreiche Phantasien, daß in ihm das 
Im Anschluß dar g Identifizierung mit ihr 

Rild des Körperinnern der Mutter z.uiu.£ C *«J+ 

"ort auch gibt, zum Leben brauchen und nut allen modernen 
Ei flln S xtegcaphen- und Telefonverbindungen, Bahnen 

Die Bahnen sind verschiedenartig ausgestaltet, manchmal als Bing 
Shn mit mehreren Stationen, manchmal als Stadtbahn nn, zwei 
E^tationen gedacht. Auf den Schienen fahren aber zweierlei Bahnen 
ffifeine ist die Pipibahn, die ein Pipitropfen führt die andere dm 
K kibahn, die ein Kaki zum Führer hat. Diese werden auch haufcg 
so dargestellt, daß die Kakibahn, ein Personenzug, - die Pipibahn 
ein Expresszug oder eine Elektrische is, Die zwei Endstationen .sind 
Mund und Pipi. In diesem Falle kreuzt die Bahn an eurer Stelle 
einenseitlichschrägnachuntenverlaufendenSchienenstrang-wobet 

' eine Zerstörung erfolgt, da der auf diesem «"J^ 
Zu* der die Kinder, die Kakikinder führt, überfahren wird. Diekranken 
K^dr werden dann zum Wächterhäuschen geführf, da, steh als das 
K^ch erweist, das aber dann auch oft in Phantasien **■£££ 
als Einsteigestation gebracht wird. Das überfahren und ^e» 

tritt aber auch ein, wenn der Zug von der anderen Seite komm, aUo 
rennbein, Mund eingestiegen wird, wasdieBefruchtungdurdtEs.n 

darstellt, - Phantasien, die seinen Ekel vor einzelnen Speisen m* 
determinierten. In verschiedenen Phantasien wird auch von der ge 
meinsamen Einsteigestation für die beiden Bahnen gesprochen dm 
Tann auf denselben Schienen laufet, sich erst weite, — £££ 
undsozumPipiundzumKakiloch führen. - Wte sehr fceVoretelhmg 

PkJttiie in der die Kakikinder »om BrUkon über d.e Treppe m 
topf) laufen. 



ZUR FRÜHANAL YSE 249 



der Befruchtung durch den Mund in ihm wirksam sei, zeigt eine 
Phantasie, der zufolge er siebenmal beim Urinieren halt machen mußte. 
Diese sieben Haltestellen erwiesen sich durch die Anzahl von Tropfen 
begründet, die er zu dieser Zeit von einer Medizin einnahm und zwar 
mit starkem Widerwillen, da er sie mit Urin gleichsetzte, wie die 
Analyse ergab. 

Ich will aus dem außerordentlich reichhaltigem Bilde, das diese 
Phantasien von Stadt, Bahnen 1 , Stationen, Wegen ergaben, nur noch 
ein Detail hervorheben. Er phantasierte auch wiederholt von einer 
Station, der er verschiedene Namen gab und die ich A nenne. Auf 
diese waren zwei weitere Stationen B und C aufgeklebt, die er häufig 
auch nur als eine große Station schildert. A ist eine sehr wichtige 
Station, denn von dort werden alle Sachen weitergeschickt, es steigen 
auch mitunter Passagiere ein, z. B. Bahnbeamte, die er auch durch 
seinen Finger darstellt. A ist der Mund, von dem aus das Essen be- 
fördert wird. Die Bahnbeamten sind das Pipi, was wieder zu seinen 
Vorstellungen der Befruchtung durch den Mund führt. — B und C 
dienen als Ausladestation. In B gibt es einen Garten ohne Bäume mit 
Wegen, die alle miteinander in Verbindung stehen und zu denen vier 
Eingänge führen, die keine Türen, nur Löcher sind. Diese erwiesen 
sich als Ohren- und Nasenlöcher. Station C ist der Schädel, B und C 
zusammen der Kopf. Er sagt darüber, daß der Kopf nur auf den Mund 
aufgeklebt sei, eine Vorstellung, die durch seinen Kastrationskomplex 
mitdeterminiert wird. Auch der Magen ist häufig eine Station, doch 

1) Die m seinen Phantasien sich zeigende Ringbahn tritt bei all seinen Spielen auch in 
Erscheinung. Er baut Bahnen, die ringmäßig laufen und treibt seinen großen Reifen, 
jj daß der Weg, d en er damit zurücklegt, in der Form eines Ringes verläuft. Das immer 
stärkere Interesse für den Verlauf und die Bezeichnung der Straßen hat sich zum Interesse 
für Geographie entwickelt. Er spielt, daß er auf der Landkarte reist. Dabei läßt sich fest- 
stellen, daß die Entwicklung von Wohnung zu Stadt, zu Land, zu Welt, die sich in den 
freiwerdenden Phantasien zeigt, auch in seinen Interessen, deren Kreis sich dadurch immer 
mehr vergrößert, wirksam ist. Ich will bei diesem Anlaß auf die außerordentliche Bedeu- 
tung der Spie heniniung a uch von diesem Gesichtspunkt aus hinweisen. Was dabei an Inter- 
essen gehemmt Und eingeen gt wird, ergibt auch für das Lernen und die ganze weitere Ent- 
wicklung eine Verminderung der Möglichkeiten und Interessen. 



in 

so 






350 M. KLEIN 



wechseln diese Einteilungen. Dabei spielen auch Fahrstuhl, Karussell, 
die ausschließlich der Kaki- und Kinderbeförderung dienen, eine sehr 

große Rolle. 

Hand in Hand mit der Deutung dieser und anderer Phantasien wird 
immer stärker bei ihm Orientierungssinn und Fähigkeit frei, was klar 
in seinen Spielen und Interessen zum Ausdruck kommt. 

So erwies sich auch sein vorher stark gehemmter, nun ausgesproche- 
ner Sinn für Orientierung determiniert durch den Wunsch nach dem 
Eindringen in die Mutter, der Erforschung des Mutterleibes, dessen 
Ein- und Ausgänge, Befruchtung und Geburt 1 . 

Diese libidinöse Determinierung des Orientierungssinnes fand ich 
typisch, und zwar bestimmend für günstige Entwicklung oder aber 
zufolge Einsetzens der Verdrängung für die Hemmung des Orientie- 
rungssinnes. Die partiellen Hemmungen dieser Fähigkeit, z. B. vor- 
handenes Interesse für Geographie und Orientierung, zugleich aber 
größere oder geringere Untähigkeit dazu, erwiesen sich mir als ab- 
hängig von den Momenten, die mir für das Zustandekommen der 



1) In der Diskussion, die meinem Referat „Über die Hemmung und Entwicklung des 
Orientierungssinnes" (Mai 1921) in der Berliner Vereinigung folgte, wies Abraham darauf 
hin, daß dem Interesse an der Orientierung über den mütterlichen Körper das am 
eigenen Körper in einem sehr frühen Stadium vorausgehe. Dies ist zweifellos der Fall, aber 
diese frühe Orientierung scheint erst der Verdrängung mitzuverfallen, wenn das Interesse 
an der Orientierung über den Mutterleib verdrängt wird, und zwar zufolge der damit ver- 
bundenen Inzestwünsche — , da im Unbewußten die erwünschte Wiederkehr in den Mutter- 
leib und dessen Erforschung nur auf dem Wege des Koitus erfolgt. Z. B. ließ Fritz ein- 
mal ein ganz winziges Spielhündchen, das wiederholt in seinen Phantasien den Sohn dar- 
stellte, auf dem Körper seiner Mutter entlang gleiten. Dabei phantasierte er von den Land- 
schaften, die er nun durchwandere. Bei der Brust waren es Berge, in der Nähe der Genital- 
gegend ein großer Fluß. Aber plötzlich wurde das Hündchen von Knechten — Spielfiguren 
— gestört, die ihm irgendein Vergehen vorwarfen, er sollte etwas am Auto des Hausherrn 
verdorben haben und die Phantasie endete mit Streit und Kampf. Ein andermal phanta- 
sierte er wieder von den Reisen des Hündchens. Es hätte eine hübsche Gegend gefunden, 
wo er sich niederlassen wolle usw. Aber auch da endete die Sache böse, denn plötzlich er- 
klärte Fritz, daß er das Hündchen niederschießen müsse, weil es ihm sein eigenes Block- 
haus hätte nehmen wollen. Von dieser „Geographie des Mutterleibes" hatte es ebenfalls 
früher Andeutungen gegeben. Er bezeichnet mit noch nicht fünf Jahren jeden Abschluß, 
auch das Kniegelenk als eine „Grenze" (Eine Kinderentwicklung S. 263) und nennt die 
Mutter einen „Berg, den er besteigt" (S. 285). 



Z UR FR ÜHANAL YSE 251 



Hemmung überhaupt wesentlich scheinen: Wann und in welchem 
Maße die Verdrängung gegen die für die Sublimierung bestimmten 
oder schon sublimierten Fixierungen einsetzt. Wird z. B. das Interesse 
nach Orientierung nicht verdrängt, so bliebe Lust und Interesse für 
Orientierung erhalten 5 wieviel sich dann von der vorhandenen Fähig- 
keit entwickelt, steht im Zusammenhang mit dem besseren oder schlech- 
teren Gelingen der Sexualforschung. 

Ich will hier auf die sehr große Bedeutung dieser Hemmung hin- 
weisen, die nicht nur bei Fritz auf die verschiedensten Interessen und 
Disziplinen ausstrahlt. Außer dem Interesse für Geographie zeigte sie 
sich mir mit determinierend für die Fähigkeit zum Zeichnen 1 für das 
Interesse für Naturwissenschaften und alles, was mit Erforschung der 
Erde zusammenhängt. 

Im Falle von Fritz ergab sich auch ein sehr inniger Zusammenhang 
zwischen dem Mangel an Ort- und Zeitorientierung. 

Dem verdrängten Interesse nach den örtlichen entsprach auch das 
nach den zeitlichen Einzelheiten seines Aufenthaltes im Mutterleib. 
Es waren also die Fragen ; „Wo war ich vor der Geburt, und wann war 
ich dort", miteinander verdrängt. 

Die unbewußte Gleichsetzung von Schlaf, Tod und intrauterinem 
Leben zeigte sich in zahlreichen seiner Aussprüche und Phantasien 
und damit in Zusammenhang die Frage nach der Dauer dieser Zustände 
und derem zeitlichen Wechsel. Der Wechsel von intrauterinem zu 
extrauterinem Leben, als das Vorbild jeder Periodizität müßte so auch 
eine der Wurzeln des Zeitbegriifes und der Zeitorientierung deter- 



minieren 2 . 



Ich will hier noch auf ein Moment eingehen, das mir die Hemmung 
des Orientierungssinnes als eine sehr bedeutsame erscheinen läßt. Im 
Falle von Fritz zeigte sich, daß sein Widerstand gegen die Aufklärung, 

1) Bei Fritz setzten z. B. die ersten, allerdings keineswegs von Begabung zeugenden 
Zeichen versuche in dieser Zeit ein und sie stellten Bahnlinien mit Haltestellen und Städte dar. 

2) Ich begegne mich in dieser Folgerung mit Dr. Hollös („Über das Zeitgefühl«. Zeit- 
schrift VIII S. 421), der von anderen Gedankengängen ausgehend zu einem in diesem Punkt 
ähnlichen Ergebnis kam. 



252 M. KLEIN 



der sich in so innigem Zusammenhang erwies mit der Hemmung 
seines Orientierungssinnes, begründet war durch sein Festhalten an 
der infantilen Sexualtheorie des Magen-Darmkindes. Die Analyse er- 
gab aber, daß das Festhalten an dieser analen Theorie ein Erfolg der 
Verdrängung infolge des Ödipuskomplexes war — und daß nicht 
die Unfähigkeit zufolge einer noch nicht erreichten Organisationsstufe, 
die genitalen Vorgänge zur Kenntnis zu nehmen, den Widerstand gegen 
die Aufklärung verursacht hatte. Es war also vielmehr umgekehrt: 
dieser Widersiand war es, der den Fortschritt zur genitalen Organi- 
sationsstufe verhinderte und die Fixierung an das Anale verstärkte. 

In diesem Zusammenhang muß ich wieder auf die in den Kinder- 
analysen sich immer wieder bestätigende Bedeutung des Widerstandes 
gegen die Auf klärung hinweisen. Es ergibt sich daraus die Notwendig- 
keit, ihn als ein bedeutsames Symptom aufzufassen, als ein Anzeichen 
von Hemmungen, welche die ganze weitere Entwicklung bestimmen. 

Die gleiche sexualsymbolische Besetzung zeigt sich des weiteren 
auch für sein Verhältnis zum Lernen bestimmend. Seine ausgespro- 
chene Lernunlust erwies sich in der Analyse als reichgegliederte, in 
bezug auf die einzelnen Schulgegenstände durch die Verdrängung 
der Partialtriebe vielfach determinierte Hemmung. In ihrer Haupt- 
determinante aber war sie, wie die des Gehens, der Sportbetätigung 
Lind des Orientierungssinnes, verursacht durch die auf Kastrationsangst 
beruhende Verdrängung der all diesen Interessen gemeinsamen sexual- 
symbolischen Besetzimg, nämlich : Des Eindringens in die Mutter auf 
dem Wege des Koitus. In der Analyse von Fritz wurde deutlich das 
Fortschreiten dieser libidinösen Besetzung und damit auch der Hem- 
mung von den frühesten Bewegungen und Bewegungsspielen aus auf 
den Schulweg, Schule, Lehrerin und weiterhin die in der Schule aus- 
geübten Tätigkeiten zu Tage gefördert. 

Denn in seinen Phantasien waren auch die Zeilen Wege, das Heft 
war die ganze Welt und die Buchstaben fuhren auf Motorrädern — 
der Feder — in sie ein. Die Feder war aber auch ein Boot, das Heft ein 
See. Durch die zahlreichen, den verschiedenen Buchstaben geltenden 



Z UR FR ÜHA NAL YSE 253 



Phantasien, in denen diese in Freundschaft lebten oder kämpften und 
allerlei Erlebnisse hatten, zeigten sich auch die häufigen Fehler von 
Fritz determiniert, denen eine Zeitlang gar nicht beizukommen war, 
bis sie nach Auflösung durch die Analyse ganz mühelos wegblieben. 
Im allgemeinen sind die kleinen Buchstaben bei ihm die Kinder der 
großen. Das große (deutsche) © ist bei ihm der Kaiser der „f" — 
es hat zwei Haken am Ende, damit man es von der Kaiserin, dem 
Schluß-tf das nur einen Haken hat, unterscheidet. 

Das gesprochene Wort erwies sich als für ihn mit dem geschrie- 
benen identisch. Das Wort war für ihn der Penis, das Kind — die 
Bewegung der Zunge — und der Feder: der Koitus. 

Ich will hier nur kurz hinweisen auf die aus Frühanalysen mir 
deutlich werdende allgemeine Bedeutung libidinöser Besetzungen auf 
die Entwicklung der Kindersprache und deren Eigentümlichkeiten 
und somit auf die Entwicklung der Sprache überhaupt. Orale 1 , kanni- 
balistische, anale, sadistische Fixierungen kommen dabei zur Subli- 
mierung, die mehr oder weniger geglückt ist, je mehr die Fixierungen 
der früheren Organisationsstufen unter dem Primat der genitalen Fixie- 
rungen zusammengefaßt werden. Diser Vorgang, der die Abfuhr per- 
verser Fixierungen ermöglicht, wird wohl in allen Sublimierungen 
nachzuweisen sein. Es ergibt sich zum Teil auch durch regressive und 
reaktive Verstärkungen und Verschiebungen zufolge Einwirkung der 
Komplexe eine unbegrenzte Vielfältigkeit von Möglichkeiten, was ja 
auch — um beim Beispiel des Sprechens zu bleiben — in den be- 
sonderen Spracheigentümlichkeiten des Einzelnen und der Entwick- 
lung der Sprachen überhaupt zum Ausdruck kommt. 

Im Falle von Fritz erwies sich, daß das Sprechen — zweifellos eine 
der frühesten Sublimierungen — von früh auf bei ihm gehemmt war. 
Das Kind, das ungewöhnlich spät zu sprechen begonnen hatte nach- 
her schweigsam veranlagt schien, wurde im Verlauf der Analyse zu 



1) Ich verweise liier auf die interessanten Ausführungen von Dr. S. Spielrein. (Image-, 
VIII. Bd., 3. Heft) in denen sie in sehr einleuchtender Weise die Entstehung der kindlichen 
Worte Papa und Mama vom Saugakt ableitet. 



254 M. KLEIN 



einem besonders redelustigen Gesellen. Er kann sich nun nicht ge- 
nug tun, im Erzählen selbst erfundener Geschichten, wobei eine Phan- 
tasieentfaltung in Erscheinung tritt, von der sich vor der Analyse 
keinerlei Ansätze zeigten: aber auch eine Freude am Aufsagen selbst, 
ein besonderes Verhältnis zu dem Wort an sich ist dabei unverkenn- 
bar. Hand in Hand damit geht auch ein starkes Interesse für Gram- 
matik. Ich will nur kurz als Beispiel anführen, was ihm die Gramma- 
tik bedeutet. Er erzählt, daß „der Stamm selbst sich nicht bewegt, 
nur mit seiner Endung". — Er will seiner Schwester zum Geburts- 
tag ein Heft schenken, in das er alles einschreibt, was das Ding tut. 
Was tut das Ding? „Das Ding springt, das Ding läuft, das Ding fliegt" 
usw. — Es war die Darstellung dessen, was das Glied kann, das er 
in das Heft einschreiben und damit auch in der Mutter betätigen 
wollte. 

Die Bedeutung des Sprechens als genitale Aktivität, von der auch 
Abraham in einem Falle von Pseudologia berichtete, fand ich in allen 
Fällen mehr oder weniger wirksam. Sie scheint mir nebst der analen 
Determinierung typisch und wurde mir besonders deutlich auch im 
Falle eines stotternden, stark homosexuell fixierten Mädchens, der neun- 
jährigen Grete, bei der das Sprechen und Singen auch der männlichen 
Aktivität die Bewegung der Zunge der des Penis entsprach. Sie emp- 
fand es als einen besonderen Genuß, auf dem Divan liegend gewisse 
französische Sätze aufzusagen und zwar machte es ihr „solchen Spaß, 
wenn die Stimme so auf und abging, wie jemand auf einer Leiter". 
Sie assoziiert dazu, daß die Leiter in der Schnecke angelehnt ist, ob 
aber dazu in der Schnecke Platz wäre? — Die Schnecke aber war ihr 
Name für ihr Genitale. — Das Komma, der Punkt sowohl wie die 
ihnen beim Reden entsprechende Pause bedeuteten, daß einmal „auf 
und ab" fertig ist und dann ein neues beginnt. Das einzelne Wort 
ist ihr das Glied, der Satz entspricht den Stößen des Gliedes beim 
Koitus und auch dem ganzen Koitus. 

In vielen Fällen konnte ich feststellen, daß Theater und Konzert, 
kurz, jede Darbietung, bei der es etwas zu sehen und zu hören gibt, 



ZUR FRÜHANALYSR 255 

immer den Koitus der Eltern bedeuten 1 , — das Zuhören und Schauen 
die tatsächliche oder phantasierte Beobachtung — der fallende Vorhang 
die diese Beobachtungen verhindernden Gegenstände, wie Decke, 
Bettwand usw. Ich führe ein Beispiel an: Die kleine Grete erzählt von 
einer Theatervorstellung. Sie war zuerst betrübt, eine nicht genug gute 
Karte zu haben und etwas weiter ab von der Bühne sitzen zu müssen. 
Es zeigt sich aber dann, daß sie dadurch noch besser sah, als die der 
Bühne ganz nahe Sitzenden, weil diese die Bühne nicht ganz über- 
sehen konnten. Die Assoziationen führen zu der Lage der Kinder- 
betten, die im Schlafzimmer der Eltern so standen, daß der kleinere 
Bruder zwar unmittelbar beim Ehebett schlief, dabei aber die Rück- 
wand der Betten Beobachtungen erschwerte. Ihr Bett aber stand weiter 
entfernt, ermöglichte aber die volle Beobachtung des elterlichen Bettes. 

Beim 13 jährigen, bis dahin unmusikalischen Felix entwickelte 
sich nach und nach im Verlauf der Analyse eine ausgesprochene Liebe 
für Musik. Diese Entwicklung ergab sich aus dem Bewußtwerden 
seiner Fixierung an frühinfantile Koitusbeobachtungen. Es erwies sich, 
daß die Geräusche, die er aus dem Ehebett der Eltern zum Teil er- 
lauscht, zum Teil hinzu phantasiert hatte, grundlegend für ein sehr 
starkes, schon sehr früh gehemmtes musikalisches Interesse waren, 
das im Verlaufe der Analyse wieder frei wurde. Diese Determinierung 
des Musikinteresses und der musikalischen Begabung, die sich mir 
(nebst der analen) auch in andern Fällen bestätigte, halte ich für typisch. 

Analog erwiesen sich mir bei Frau H. ein ausgesprochenes künst- 
lerisches Verständnis für Farben, Formen, Bilder determiniert, mit 
dem Unterschied, daß die frühinfantilen Beobachtungen und Phanta- 
sien dabei dem, was es zu sehen gibt, gelten. In diesem Falle repräsen- 
tierte z. B. eine gewisse bläuliche Nuance auf Bildern direkt das männ- 
liche Element, es war eine Fixierung der Analysandin an die Farbe 
des erigierten Penis. Diese Fixierungen ergaben sich aus Koitusbeob- 
achtungen, die zu Vergleichen mit der Farbe und Form des nicht eri- 
gierten Penis geführt hatten, ferner zu Beobachtungen über ein ge- 

1) Siehe die in der Zeitschrift publizierten Träume. 



256 M. KLEIN 



wisses Wechseln der Färbungen und Formen zufolge verschiedener 
Beleuchtungen, der Kontrast zu den Schamhaaren usw. — wobei die 
anale Grundlage des Farbeninteresses immer wirksam ist. Diese libi- 
dinöse Besetzung des Bildes als Glied oder Kind, wie des Kunstwerks 
überhaupt, ferner des Malers, Künstlers und Schaffenden als Vater ist 
immer wieder festzustellen. 

Ich führe hier für die B edeutung des Budes als Kind und Glied^ 
der ich immer wieder in Analysen begegne, nur noch ein Beispiel an. 
Der fünfeinhalbjährige Fritz äußerte den Wunsch, die Mutter nackt zu 
sehn und daran anschließend: „Ich möchte auch deinen Magen sehn 
und das Bild, das in deinem Magen ist". Auf ihre Frage: „Meinst 
du, wo du drinnen warst?" erwidert er: „Ja ich möchte in deinem 
Magen nachschauen, ob kein Kind drinnen ist". (Eine Kinderent- 
wicklung S. 287.) Zu dieser Zeit kam unter der Wirkung der Analyse 
seine sexuelle Neugierde freier heraus und seine Theorie des Magen- 
Darmkindes trat in den Vordergrund. 

Die Fixierungen, die künstlerisch — intellektuellen sowohl, wie die 
später zur Neurose führenden, erwiesen sich mir, wie ich nun zu- 
sammenfassend bemerken will, von Urszenen oder Urphantasien aus 
auf das Stärkste mitdeterminiert. Bedeutungsvoll ist dann auch, wel- 
cher der Sinne dabei stärker angeregt wird, ob das Interesse mehr 
dem gilt, was es zu sehen oder dem, was es zu hören gibt. Das wird 
wohl auch determinierend sein dafür, — andrerseits aber wieder davon 
abhängen (wofür gewiss auch der konstitutionelle Faktor bedeutsam 
ist), ob sich jemand Vorstellungen auf visuellem oder akustischem Wege 
vergegenwärtigt. 

Im Falle von Fritz war es die Bewegung des Gliedes, an die er 
fixiert war; bei Felix die Geräusche, die er hörte, bei anderen die Farb- 
wirkungen, wobei selbstverständlich zur Entwicklung des Talentes 
oder der Neigung auch noch die speziellen früher ausführlich be- 
sprochenen Faktoren bedeutsam sind. Der bei der Fixierung an die 
Urszene oder Urphantasien vorhandene Grad der Aktivität, der für 
die Sublimierung an sich so bedeutsam ist, ist es zweifellos auch für 



ZUR FRÜHANALYSE 257 

den Umstand, ob es zur Gehese eines schaffenden oder reproduzieren- 
den Talentes kommt. Denn erwirkt gewiß auch auf die Art der Identi- 
fizierung ein, nämlich, ob sie sich in der Bewunderung, Erforschung 
und Nachahmung der vorbildlichen Leistungen erschöpfen wird, oder 
aber, darüber hinaus sie durch eigene Leistungen zu übertreffen strebt. 
Im Falle von Felix konnte ich feststellen, daß das erste in der Analyse 
sich einstellende Interesse für Musik ausschließlich der Kritik des 
Komponisten und Dirigenten galt. Die nach und nach freier werdende 
Aktivität führte zu Bestrebungen, das Gehörte auch selbst nachzuahmen. 
In einem weiteren Stadium noch gesteigerter Aktivität tauchen Phan- 
tasien auf, die den jüngeren Komponisten in Vergleich zum älteren 
setzen. Wenn es sich auch in diesem Falle anscheinend nicht um eine 
schöpferische Begabung handelt, so gewährte mir doch die Beobachtung 
des Einflusses der freier werdenden Aktivität auf seine Einstellung in 
all seinen Sublimierungen einen Einblick in die Bedeutung der Aktivität 
für die Entwicklung des Talentes. Ich konnte aus seiner Analyse fest- 
stellen, was sich mir auch in anderen Analysen bestätigte, daß die Kritik 
immer ihren Ursprung in der Beobachtung und Kritik der väterlichen , 
genitalen Leistungen hat. Bei Felix zeigte sich, daß er Zuschauer und 
Kritiker in einer Person war und sich auch in seiner Phantasie als 
Orchestermitglied bei dem Geschauten und Gehörten betätigte. Erst 
in einem viel späteren Stadium frei werdender Aktivität vermochte er 
sich selbst die väterliche Rolle zuzutrauen, hätte also — bei genügen- 
der Begabung — den Mut zum Komponisten erst dann finden können. 
Ich fasse meine Ausführungen zusammen: Bewegungslust und 
Sprechen sind immer libidinös und zwar auch immer genitalsymbo- 
lisch besetzt. Diese Besetzung erfolgt über den Weg der frühen Iden- 
tifizierung des Penis mit Fuß, Hand, Zunge, Kopf, Körper auf die durch 
diese ermöglichten Betätigungen, denen auf diese Weise Koitusbe- 
deutung verliehen wird. Dann wären nach der Anlehnung der Sexual- 
triebe an die Icherhaltungstriebe bei der Ernährung die Bewegungs- 
lust und das Sprechen die nächsten Ichtätigkeiten,, an die sich die 
Sexualtriebe anlehnen. Die Sprache hätte so nicht nur im Dienst von 

17 lmago IX/s 




258 M. KLEIN_ 



Symbolbildung und Sublimierung gestanden, sondern wäre selbst das 
Resultat einer der frühesten Sublimierungen. Es scheint nun, daß, wo 
die Vorbedingungen zur Sublimierungsfähigkeit gegeben sind, von 
diesen primärsten Sublimierungen ausgehend, im Zusammenhang mit 
diesen die Fixierungen immer weitere Ichtätigkeiten und Interessen 
sexualsymbolisch besetzen. Freud legt dar, daß, was als ein Drang nach 
Vervollkommnung im Menschen erscheint, das Resultat der Spannung 
ist die sich aus der Differenz zwischen der geforderten und durch alle 
Reaktions-Ersatzbildungen und Sublimierungen nicht zu stillenden 
Befriedigungslust ergibt. Dieses treibende Moment scheint mir wirk- 
sam für das, was Groddeck den Symbolisierungszwang nennt (ImagoVIII, 
Heft 1 ), aber auch für eine ständige Weiterentwicklung der Symbole. 
Der Drang, immer weitere genetisch, d. i. sexualsymbolisch miteinan- 
der verknüpfte Ichtätigkeiten und Interessen durch Fixierungen libi- 
dinös zu besetzen und neue zu schaffen, wäre so der Motor für die 
Kulturentwicklung der Menschheit. — So erklärt es sich auch, 
daß wir die Symbole in immer komplizierteren Erfindungen und Be- 
tätigungen wirksam sehen, wie ja auch das Kind von seinen ursprüng- 
lichen primitiven Symbolen, Spielen, Betätigungen aus zu immer 
weiteren fortschreitet und die früheren fallen läßt. 

Ich versuchte auch die außerordentliche Bedeutung jener Hem- 
mungen nachzuweisen, die nicht neurotisch genannt werden können. 
Auch die praktisch an sich doch nicht bedeutungsvoll scheinenden, 
oft nur in der Analyse (in ihrem ganzen Umfang vielleicht nur in der 
Frühanalyse) als solche erkennbaren Hemmungen wie: verminderte 
Neigungen, unbedeutende Abneigungen, kurz in der verschiedensten 
Art maskierten Hemmungen des Gesunden, gewinnen eine sehr weit- 
gehende Bedeutung, wenn wir sie von dem Standpunkt aus betrachten, 
mit wie weit gehenden Opfern an Triebkraft der Normale seine Ge- 
sundheit erkauft. „Wenn wir aber nicht nach einer Erweiterung des 
Begriffes der psychischen Impotenz, sondern nach den Abschattierungen 
ihrer Symptomatologie ausschauen, dann können wir uns der Einsicht 
nicht verschließen, daß das Liebesverhalten des Mannes in unserer 



ZUR FRÜHANALYSE 2 59 

heutigen Kulturwelt überhaupt den Typus der psychischen Impotenz 
an sich trägt." (Freud, Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens) 

An einer Stelle der Vorlesungen (S. 422) erörtert Freud auch die für 
die Pädagogik sich ergebenden Möglichkeiten zur Prophylaxe. Freud 
kommt zur Folgerung, daß die strenge Behütung der Kindheit — an 
sich sehr schwierig — ohnmächtig gegen den konstitutionellen Faktor 
wäre, daß es aber auch Gefahren mit sich brächte, wenn sie ihr Ziel zu 
gut erreichen könnte. Diese Festellungen bestätigten sich mir vollauf im 
Fall des kleinen Fritz. Das Kind hatte von früh auf eine vorsichtige, 
durch analytische Erkenntnisse beeinflußte Erziehung gehabt — aber 
die Entstehung von. Hemmungen und neurotischen Zügen war dadurch 
nicht hintangehalten worden. Andererseits aber zeigten sich mir dann 
in der Analyse gerade die Fixierungen, die zu den Hemmungen ge- 
führt hatten, als Grundlage reicher Fähigkeiten. 

Wenn wir also einerseits die Bedeutung der sogenannten analy- 
tischen Erziehung — bei aller gebotenen Vermeidung von Schädlich- 
keiten — nicht allzu hoch anschlagen können, ergibt sich andererseits 
aus den hier angeführten Begründungen die Notwendigkeit der Früh- 
analyse als Behelf jeder Erziehung. Wir können die Faktoren, aus 
denen sich Sublimierung oder Gehemmtheit und Neurose entwickeln 
sollen, nicht verändern, — die Frühanalyse aber gibt uns die Mög- 
lichkeit, zu einer Zeit, da diese Entwicklungen sich noch vollziehen, 
deren Richtung grundlegend zu beeinflussen. 

Ich versuchte nachzuweisen, daß die libidinösen Fixierungen be- 
stimmend für die Genese von Neurose sowohl wie von Sublimierung 
sind und der Weg beider ein Stück gemeinsam verläuft. Ob er zur Subli- 
mierung führt oder aber zur Neurose abbiegt, dafür wäre bestimmend 
die Wirksamkeit der Verdrängung. Hier aber setzen die Möglichkeiten 
der Frühanalyse ein : Indem sie in weitgehendem Maße an Stelle von 
Verdrängung die Sublimierung setzt, kann sie den Weg zur Neurose 
in den zu Fähigkeiten münden lassen. 



•7" 



DIE DREI FRAGEN 

Von Dr. S. SPIELREIN (Genf) 

Es ist bisweilen interessant, psychoanalytische Erfahrungen durch andere 
psychologische Methoden bestätigt zu sehen. Im Wintersemester 1922/25 machte 
ich mit vierzehn meiner Schüler am Institut „Rousseau" folgendes Experiment: 
„Stellen Sie sich vor" — meinte ich — „Sie dürfen an die Gottheit, Schicksal, 
oder wie Sie es nennen wollen, drei Fragen richten, die Ihnen unbedingt beant- 
wortet werden. Sie dürfen alles mögliche fragen, was das Diesseits und Jenseits 
betrifft; alle Fragen sind erlaubt; wählen Sie drei Fragen, die Sie am meisten 
interessieren." Die Fragen wurden von den Schülern in der gleichen Stunde 
schriftlich gestellt. 

In einer Woche wollte ich wiederum, ebenfalls durch nichts beschränkte 
drei Fragen haben. Diesmal ließ ich aber die Schüler etwa 1—2 Minuten lang 
mit geschlossenen Augen verweilen ; daraufhin mußten sie die ersten drei Fragen 
niederschreiben, wie sie ihnen gerade einfielen. 

Erst nach Beantwortung dieser zweiten Frageaufgabe erklärte ich den Schü- 
lern den Zweck und das Resultat dieses Experimentes. 

ERSTE SERIE. BEWÜSST ÜBERLEGTE FRAGESTELLUNGEN 1 

Zweck des Lebens 

1. Was ist der Sinn des Lebens? (1) 

2. Was ist der Zweck des menschlichen Lebens? (1) 

5. Was ist die Bedeutung des Lebens? (2) 

6. Was ist der wirkliche Zweck der menschlichen Wesen auf dieser Erde? (1) 
14. Was ist die wirkliche Bestimmung des Menschen? (3) 

Diesseits oder Jenseits? 
10. In die Zukunft schauen! (2) 

1) Die vor jeder Frage stehende Zahl bedeutet die Versuchsperson; die nach der Frage 
stehende Zahl bezeichnet, ob die Frage von der VP. an 1., 2. oder 5. Stelle gestellt wurde. 
Die sachliche Einteilung der Fragen wurde nachher von mir gemacht. 



DIE DREI FRAGEN 261 



Zukunft nach diesem Leben 

2. Was ist der Tod? (2) 

4. Wohin gelangt das Weltall? (2) 

9. Gibt es ein Leben nach diesem Leben und wie soll man sich dieses Leben 
vorstellen? (2) 
14. Was werden wir nach dem Tode? (1) 

Persönliche Zukunft auf dieser Erde 

5. Werde ich mein Ziel erreichen? (5) 
5. Was wird meine Zukunft sein? (3) 

10. Das Lebensgeheimnis kennen (um das Leben schaffen zu können)! (1) 
13. Werde ich einmal Mutter? (1) 

• -. ■ '• .".1 - ■ ■•■•, '•' :• 

Krieg 

5. Ist der Krieg unter den europäischen Mächten noch möglich und wann? (2) 

7. Wird man die Kriege unter der mörderischen Form, wie sie jetzt geführt 
werden, vermeiden können? (2) -i, 

11. Wird man dazu kommen, den Krieg abzuschaffen? (3) 

13. Werden die Leute ewig einander töten oder kommt es einmal zum Welt- 
frieden? (2) .. 

Anderer Kampf 
(Imperativfragen) 

8. Abschaffen das Geld! 

8. Abschaffen die Anziehungskraft der Erde! ■ : 

8. Erreichen das Glück ohne Kampfund ohne Schmerz! 

Religion und Moral 
a) Zukunft 

3. Vom religiösen Standpunkte aus: gibt es ein zukünftiges Leben? (1) 

7. Eine absolute und echte Harmonie zwischen den Menschen — kann das 
einmal verwirklicht werden? (5) 

11. Welchen Unterschied wird man machen, wenn es nach dem Tode ein Ge- 
richt geben sollte, zwischen denjenigen, die ohne jede Mühe Gutes tun und 
solchen die gewissenhaft handeln, sich viel Mühe geben und doch durch ihre 
Handlungen für die Menschheit schädlich sind? (1) 

12. Jedes Wesen, das geboren wird — wird es einmal im Reiche der voll- 
kommenen Liebe leben? (1) 

14. Wird das Böse schließlich durch das Gute besiegt in der Menschheit? (2) 

b) Ursachen und Mittel 

6. Enthalten die Naturgesetze nichts Bestimmtes, woraus man eine allen ge- 
meinsame Religion machen könnte? (2) 

7. Was sind die Einflüsse, welche die Sublimation bedingen, welche diese mög- 
lich und sicher gestalten? (6) 

12. Die Wesen auf dieser Erde, werden sie einmal selbst die Vollkommenheit 
schaffen? (2) 



! 



• 



262 S. SPIELREIN 



c) Überlegungen in bevug auf Religion und Moral 

4. Hat die Religion absoluten oder relativen Wert? (3) 

5. Existiert Gott? (1) 

6. Ist die Liebe das Wesen des elan vital des Lebens? (3) 

7. Weshalb existiert das Böse? (1) 

11. Weshalb leben die Wesen, die leiden oder Leiden verursachen . . . bisweilen 
so lange, während andere im Vollbesitz der moralischen und geistigen Kräfte 
oft so jung sterben? (2) 

13. Gibt es ein menschliches Wesen ohne jede Gefühlsregung? (3) 

Die Dauer in Zeit und Raum 
1. Ist der menschliche Geist unsterblich? (3) 
7. Ist das All endlich oder unendlich? (5) 

12. Das vollkommene Sein, wird es ewig dauern? (3) 

absolute und relative Wahrheit 

1. Was ist die richtige Wirklichkeit? (2) 

g. Ist es die Wissenschaft oder das moralische Gewissen, das die richtige Wahr- 
heit enthält? (1) 

Das Ich und die hinderen 

2. Was bin ich? (3) 

7. Gibt es menschliche Wesen auf anderen Planeten? (4) 
9. Was gibt es außerhalb von unserem Kosmos? (3) 
10. Gedanken anderer lesen können. (3) 

Historische Frage 
4. Bildung des Weltalls? (1) 

Das Frageergebnis ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Von 14 Personen 
wurden im ganzen 45 Fragen gestellt, weil eine der Personen statt 3 sechs Fragen 
stellte. Unter diesen 45 Fragen beziehen sich 29 auf die Zukunft (darunter 5 
Fragen der Dauer und 4 Zielfragen), 15 auf die Gegenwart (Was ist die rich- 
tige Wirklichkeit z. B.) und bloß eine einzige Frage auf die Vergangenheit (die 
Genese des Weltalls). Dieses zeigt wie sehr unser Geist final orientiert ist, jeden- 
falls im Jugendalter. Die Fragen nach Religion und Moral, 14 an Zahl, bilden 
ein Drittel aller Fragen, was vielleicht durch die spezielle calvinistische Um- 
gebung in Genf begünstigt wird. Was nun merkwürdig ist, trotzdem ich mehr- 
mals betonte, daß die Fragen sich auch mit dem Jenseits befassen dürfen — 
haben wir bloß 9 Fragen, welche die Dauer unseres Lebens auf dieser Erde über- 
schreiten, d. h. bloß 1 / 6 aller Fragen. Zwei Fragen gehen im Raum über die 
Grenzen unserer Erde. Mit den vorigen 9 Fragen wären es im ganzen 11, also 
bloß V* all er Fragen, die zeitlich oder räumlich über die Grenzen unteres irdi- 
schen Daseins gehen. 



DIE DREI FRAGEN 263 



Die spontanen Fragen nach Augenschluß unterscheiden sich deutlich von den 
bewußt überlegten Fragen. An Fragen nach Augenschluß beteiligten sich bloß 
6 Personen mit im ganzen 1 7 Fragen (eine Person wollte eine der drei Fragen 
nicht gestehen, so daß sie bloß 2, Fragen lieferte). Von diesen 17 Fragen beziehen 
sich alle ohne Ausnahme auf die Zukunft, und zwar auf die unmittel- 
bare persönliche Zukunft auf dieser Erde. Keine Frage sieht in die Zukunft 
mehr als ein Jahr weit. Religiöse, moralische, philosophische, wissenschaftliche 
Interessen sind in keiner der spontanen Fragen vertreten — ein Beweis dafür, 
wie viel enger, persönlicher die Probleme unseres Seelenlebens werden, wenn 
wir uns vom bewußt gerichteten Denken entfernen und wie der mehr „soziale' 
Wissensdrang eine immer deutlicher dem Augenblick angepaßte egozentrische 
Wißbegierde wird. 

EINIGE BEISPIELE DER ZWEITEN SERIE (SPONTANE FRAGEN 

NACH AUGENSCHLUSS) 

Was können die anderen schreiben? 

Welche Meinung kann Frau Dr. S. über uns haben? 

Was kann sich diesen Sommer ereignen? 

Was tut man zu Hause? 

Wo ist meine Schwester Marie? 

Gehen Marie und Henry nach I? 

Wo werde ich nächstes Jahr sein? 
Werde ich ein Klavier haben? 

Ich möchte schon im nächsten Jahre sein. 

Bereits ' kennen. 

Zeit haben zum Malen. 

Die letzten drei Fragen sind gleichzeitig Wunschäußerungen oder Imperativ- 
fragen. Solche Wunsch- oder Imperativfragen liefert Nr. 8 in bewußt überlegten 
Fragen. Bei alle der Ähnlichkeit der beiden Fragetypen sind auch hier die spon- 
tanen Fragen viel enger persönlich und umfassen einen viel geringeren Zeitraum. 



1) Es war zu undeutlich geschrieben; man sieht aber, daß auch diese als zweite gestellte 
Frage eine persönliche ist und auf dieser Erde bleibt. 



mmt^ 



EIN HYSTERISCHES SYMPTOM BEI EINEM 
ZWEIEINVIERTELJÄHRIGEN KINDE 

Mitgeteilt von ANNA FREUD 

Die kleine Begebenheit, über die ich im folgenden berichte, ist nicht von 
mir selbst beobachtet worden. Die Mutter des Kindes, Frau Hilda Sissermann, 
hat sie mir mitgeteilt und zur Veröffentlichung überlassen. Sie bürgt auch für 
die Korrektheit der Beobachtung. Frau Sissermann berichtet nun wie folgt: 

Sie lebte zur Zeit des Vorfalls mit ihren Kindern in Tula, in einem Hause, 
in dessen Hof sich ein tiefer Schöpfbrunnen befand. Sie hatte allen Kindern 
wiederholt verboten, sich dem Brunnen allein zu nähern oder auch nur in 
seiner Umgebung zu spielen, und hatte ihnen zur Abschreckung die Gefahr des 
Hineinstürzens lebhaft geschildert. Eines Tages stand sie zufällig mit einem der 
Kinder, einem Knaben von 2 1 /* Jahren in der Nähe des Brunnens, als sich beim 
Schöpfen ein voller Eimer von der Kette löste und in den Brunnen stürzte. Dem 
Kleinen machte dieses Erlebnis sichtlich einen starken Eindruck. Er sprach dar- 
über — so weit er das Sprechen überhaupt beherrschte — , folgendes : „Eimer war 
unartig, Eimer ist in Brunnen gefallen;" im aufgeregten Weiterreden machte 
er aus dem Eimer ein Kind und schließlich wurde er selber dieses Kind. Als die 
Mutter ihm, wieder ins Haus zurückgekehrt, sein Jäckchen ausziehen wollte, 
begann er plötzlich zu schreien und zu klagen, rief, der Arm tue ihm weh, man 
dürfe ihn nicht anrühren, er habe ihn beim Sturz in den Brunnen „zerbrochen". 
Die Mutter war überzeugt, daß es sich nur um eine Phantasie handeln könne, 
versuchte erst gütlich, dann mit Strenge ihren Willen durchzusetzen, aber ohne 
Erfolg. Schließlich erschreckte sie der Anblick des Armes, den das Kind krampf- 
haft gebogen hielt, so daß das Babyfett auf allen Seiten herausquoll und ihm ein 
geschwollenes Aussehen gab. Sie begann zu zweifeln, ob sie ihn nicht wirklich 
beim Führen gezerrt oder verstaucht haben könnte und ließ den Arzt rufen. 
Dieser, ein guter, sehr erfahrener Kinderarzt, meinte, ein Bruch ließe sich nicht 
feststellen, vermutete eine jedenfalls sehr schmerzhafte Zerrung und verordnete 
Umschläge. Während der Untersuchung schrie das Kind wie unter Qualen; das 
Jäckchen hatte man weggeschnitten. — Das Kind wurde zu Bett gebracht, saß 
im Bettchen und spielte, ohne jemals den Arm zu rühren; beim Versuch einer 
Berührung schrie es auf. Auch aus dem Nachmittagsschlaf erwachte es sofort, 
als die Mutter einen Versuch machte, den Arm zu berühren. Trotzdem waren 
der Mutter noch Zweifel an der Wirklichkeit der Verletzung geblieben. Als der 



EIN HYST. SYMPTOM BEI EINEM ZWEI EIN VIERTELJA HR. KINDE 265 

Kleine aus dem Nachmittagsschlaf erwachte, setzte sie sich mit einer Freundin 
an sein Bett und spielte so lange und hinreißend mit ihm, bis er immer leb- 
hafter wurde, alles vergaß und beide Arme streckte, hob, drehte und senkte, um 
im Spiel den Flug der Vögel nachzuahmen. Von diesem Augenblick an war von 
einer Schmerzhaftigkeit des Armes nie wieder die Rede. 

So weit gehen die Angaben der Mutter, noch mit der Hinzufügung, daß der 
Kleine in seiner weiteren Entwicklung nie wieder eine Neigung zu ähnlicher 
Symptombildung bemerken ließ. 

Ein ganzes Stück von dem Mechanismus der Symptombildung liegt, wie 
mir scheint, in diesem Fall auf der Hand. Der kleine Junge hat wahrschein- 
lich wiederholt gewünscht, das Verbot zu übertreten und dem verlocken- 
den Brunnen nahe zu kommen. Auf Grund dieses Wunsches bildet er dann die 
Schuldgefühle, die es ihm ermöglichen, sich an die Stelle des Eimers zu setzen 
und die für sein Gefühl an dem Eimer vollzogene Sti'afe auf sich selbst zu be- 
ziehen. ..-. 

Ein zweites Stück des Mechanismus müßte man sich aber zu ergänzen trauen. 
Man ist vielleicht berechtigt anzunehmen, daß die Schuldgefühle, die das 
Spiel am Brunnen zum Inhalt haben, auf andere, ernsthaftere gestützt sind, die 
von der wirklichen, nicht bloß phantasierten Übertretung eines Verbotes her- 
rühren, und zwar von der Übertretung des Onanieverbotes. Der Vorgang, den 
der Knabe am Brunnen vor sich sieht, das Loslösen des Eimers von der Kette 
und sein Sturz in die Tiefe, müßte ihm in diesem Fall die symbolische Aus- 
führung der Kastrationsdrohung bedeuten: den Verlust eines schuldigen und 
geschätzten Körperteils, in erster Linie des Gliedes selber, in weiterer Verschie- 
bung des Armes und der Hand, die an dem verbotenen Tun beteiligt waren. 

Das Symptom des Kindes erhielt von hier aus gesehen einen doppelten Sinn : 
daß der Arm steif und unbeweglich ist, wäre im Sinne moralischer Tendenzen 
die direkte Strafe für die Onanie und der Verzicht auf ihre weitere Ausführung; 
daß er aber eng an den Körper gepreßt und vor jedem Angriff von außen ängst- 
lich behütet wird, müßte eine triebhafte Abwehr und Sicherung gegen die an- 
gedrohte Kastration bedeuten. 

Wie weit die angedeuteten Verhältnisse für den vorliegenden Fall wirklich 
zutreffen, läßt sich aus der Entfernung und ohne Möglichkeit einer Nachprüfung 
natürlich nicht entscheiden. 









BÜCHER 

O. PFISTER: Die Liebe des Kindes und ihre Fehlentwicklungen. 
Verlag Ernst Bircher, Bern, 1922. 

Dr. O. Pfister hat uns mit seinem neuesten Werk ein wertvolles pädago- 
gisches Buch geschenkt. Was die bisherige Pädagogik fast stets übersehen hat, 
nämlich daß die Erziehung der Liebe und zur Liebe im Mittelpunkt des ganzen 
Erziehungswerkes stehen muß, hat Pfister klar erkannt und psychologisch aus- 
reichend begründet. 

Pfister zeigt in seinem einleitenden „Gang durch die Geschichte des Liebes- 
problems , daß schon vor Jahrtausenden große Denker, Religionsstifter, Dichter 
erkannten, daß die Liebe das Zentralproblem der Menschheitsentwicklung dar- 
stellt. Umsomehr müssen wir darüber erstaunen, daß tatsächlich bis heute so 
wenige Philosophen und Psychologen das Problem der Liebe zum Gegenstand 
wissenschaftlicher Untersuchung gemacht haben. Im Altertum rückte dieser Auf- 
gabe Plato, dessen Eroslehre von keinem Philosophen je wieder erreicht wurde, 
am nächsten. In der Neuzeit war es namentlich Pestalozzi, der die Bedeutung 
der Liebe für das Schicksal des Einzelnen und der Menschheit in wunderbar 
klaren Worten zum Ausdruck brachte und der vollbewußt die Weckung, Be- 
hütung und Lenkung der Liebe zum entscheidenden Moment der Erziehung 
machte. Aber auch er kann uns über die mannigfachen Schicksale und Fehl- 
entwicklungen der Liebe nicht viel und vor allem nichts Beweiskräftiges sagen; 
darum kann er uns auch keinen Aufschluß geben über die Beseitigung eines 
im Liebesleben wurzelnden Übels. Pestalozzi kannte eben die Bedeutung des 
unbewußten Seelenlebens nur unvollkommen und die Mittel der psycholo- 
gischen Tiefenforschung standen ihm noch nicht zur Verfügung. 

Indem Pfister nach seiner glänzend geschriebenen historisch -kritischen 
Untersuchung den normalen und abnormen Erscheinungen und Entwicklungs- 
gängen des Liebeslebens mit Hilfe der psychoanalytischen Methoden an zahl- 
reichen Einzelfällen aufs sorgfältigste nachgeht und uns zeigt, wo und wie die 
eigentlichen Ursachen zu suchen sind und wie zu helfen ist, wird sein Buch 



BÜCHER 267 



zur großen Auseinandersetzung der modernen Psychologie mit den gesamten 
Ergebnissen der historischen Pädagogik und ihrer Hilfswissenschaften. 

Im ersten Teil des Buches werden an Hand einer Fülle von Beispielen die 
„tatsächlichen Entwicklungen und Fehlentwicklungen der Liebe 
des Kindes" beschrieben. Nach diesem analytischen Teil geht der Verfasser 
über zur Synthese: „Die gestaltenden Mächte und Erlebnisse". Der 
dritte Teil enthält die Nutzanwendungen unter dem Titel: „Zur Erziehung 
und Heilung der Liebe des Kindes". 

Den streng biologisch Eingestellten kann es vielleicht stören, daß im ersten 
Teil die Selbstliebe erst nach der Objektliebe behandelt wird. Ich begreife 
aber, daß in diesem für Eltern und Berufserzieher geschriebenen Buch prak- 
tische Rücksichten bestimmend sein mußten für die Wahl der Reihenfolge. 
Ich vermute, daß der Autor in einem nur für Wissenschaftler bestimmten Werk 
auch eine etwas andere Einteilung und Namengebung der Triebe (S. 21 8 ff.) 
vorgenommen hätte. Die Nebeneinanderstellung des Selbsterhaltungs-, Fort- 
pflanzungs- und Sozialtriebes ist besonders nach Freuds „Massenpsychologie 
und Ich-Analyse" nicht mehr verständlich. Der Definition des Begriffs „Sexuali- 
tät" (222) kann ich nicht beistimmen. Freud hat schon in seinen „Drei Ab- 
handlungen zur Sexual theorie" auf die Schwierigkeiten und Widersprüche hin- 
gewiesen, welche entstehen, wenn man, wie Pfister, unter „Sexualität" nur die 
„Summe aller derjenigen physischen und psychischen Erscheinungen, die sich auf 
die Fortpflanzung oder die Betätigung der Fortpflanzungsorgane beziehen", ver- 
steht. Seither haben gerade die Ergebnisse der Psychoanalyse die Richtigkeit 
der von Freud eingeführten Erweiterung des Begriffs „Sexualität" immer wieder 
bestätigt. (Will man die Sexualität einmal auf etwas Genitales beschränkt wissen, 
so dürfte sich der Ausdruck „genitalsexuell" oder noch besser „genitale Libido'* 
hierfür gut eignen.) 

Die „Regression" wird auf Seite 215 so erklärt: „Wird die seelische Ent- 
wicklung an irgendeinem Orte gehemmt, so werden Erlebnisse, ja sogar bei 
starker Stauung Betätigungsformen der Vergangenheit bis hinauf in die frühe 
Kindheit wieder lebendig . . ." In diesem Sinn wird der Terminus „Regression" 
in der psychoanalytischen Literatur gewöhnlich gebraucht und verstanden, wobei 
unter den entwicklungshemmenden Faktoren der Fixierung eine besonders 
wichtige Rolle zuerkannt wird. Wenn aber der Autor weiter unten sagt: „Manche 
Menschen . . . geraten scheinbar grundlos in Zorn, Verzweiflung, Haß, weil 
etwas aus der Gegenwart sie, ohne daß sie es merken, an frühere 
Erlebnisse erinnnert (vom Ref. gesperrt). Diesen gilt der jetzige Affekt in 
Wirklichkeit . . .", so erweitert er den Begriff „Regression" so stark, daß dessen 
Klarheit entschieden schwere Einbuße erleidet. Eine Wiederbelebung der in 
der Kindheit geschaffenen Engramme, z. B. in der Form, daß der dem Engramm 
zugehörige Affekt an ein gegenwärtiges Erlebnis abgegeben wird, ohne daß der 
entsprechende Vorstellungsinhalt bewußt würde, entspricht dem allgemeinen 



368 BÜCHER 



psychologischen Gesetz, daß die Vergangenheit (Engramme) in jedem gegen- 
wärtigen Erlebnis nachwirkt. Affektekphorien, wie die beschriebenen, erleben 
wir ungemein häufig. Mit dem Begriff „Regression" möchte man aber doch 
einen vom Gewöhnlichen abweichenden Vorgang herausheben. Mir scheint 
deshalb, der Begriff „Regression" habe innerhalb der Psychoanalyse nur dann 
einen Sinn, wenn er eingeschränkt wird auf die Bezeichnungeines Rückfalls 
in infantile oder phylogenetisch weitab liegende Phasen derLibido- 
oder Ichentwicklung. (Die spezifische Traumregression, d. h. der Vor- 
stellungsablauf in Sinnesbildern, würde z. B. eine sehr tiefe Stufe der Ichenl- 
wicklung darstellen.) Das Sublimieren in die Religion scheint mir nur dann 
zweckmäßig zu sein, wenn der entsprechenden Libidolenkung von seiten des 
Analysanden ein starkes Bedürfnis und ein von Zweifeln nicht im geringsten 
angekränkelter Glaube entgegenkommt. Andernfalls führt die religiöse Subli- 
mierung nur zu neuen schweren Konflikten. Auf das Erziehungsziel Phsters 
(S. 500) dürften sich Pädagogen der verschiedensten Weltanschauungen ver- 
pflichten können. Es lautet: „Das Ziel der Erziehung besteht darin, dem 
Zögling zu demjenigen Ausbau seiner Kräftezu helfen, bei welchem 
er liebend und im Bewußtsein einer durch seine höhere Natur ge- 
setzten Verpflichtung der Menschheit die bestmöglichen Dienste 
zur Förderung ihres Wohles und Erreichung ihrer höchsten Be- 
stimmung leisten will und kann." Sehr sympathisch berührt, daß Pfister 
hier „Grenzen" des Wirkungsbereichs der Psychoanalyse sieht und daß er un^ 
umwunden die Möglichkeit von Mißerfolgen bei gewissen Fällen zugibt. Pfister 
hat mit diesem Buch ein Werk von bleibendem Wert geschaffen. Es liefert 
meines Erachtens das Fundament für die Zukunftspädagogik, welche die „Be- 
wußtseins- und Tiefenerziehung zu einem einheitlichen Ganzen vereinigt." 

Furrer (Zürich). 

Prof. Dr. PAUL HÄBERLIN: Kinderfehler als Hemmungen des Lebens. 
277 S. Verlag Kober, Basel. 

Der Verfasser bespricht zuerst die Liebeserpressungen der Kleinsten, er führt 
den Lutscher, Schreihals und den Geschwisterzank und ihre Ursachen vor. Da- 
bei sagt er nichts, was die Psychoanalyse nicht längst schon erkannt und ge- 
schildert hätte. Doch vermeidet er dabei das verpönte Wort „sexuell" und ersetzt 
es durch das weniger anrüchige „erotisch". Über die Gründe zu diesem Vor- 
gehen braucht sich kein Analytiker zu fragen. Häberlin hat mit der Umgehung 
jenes schockierenden Wörtleins erreicht, daß auch die kirchlich positiven Kreise 
mit ihm gehen, obschon die beiden Worte dasselbe bedeuten und der Verfasser 
unklar werden muß, sobald er über „Sexualfehler" sprechen will; denn hier 
erhebt sich die Frage: was ist „sexuell", was ist „erotisch"? Ist sexuell nur 
„genital", wie uns der Autor zuerst glauben macht, wie kann er alsdann inaktive 



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Homosexuelle, psychisch-Homosexuelle als „sexuell Perverse" bezeichnen, da 
sich doch diese Kategorie gar nicht genital betätigt! 

Die Hauptkapitel des Buches handeln über die Wirkungen der Schuld („Angst 
und Ängstlichkeit, andere Wirkungen der Schuld"). Hier geht der Verfasser am 
weitesten von den Anschauungen der psychoanalytischen Schule ab. Zwar hat 
er sich die psychoanalytischen Technik zu Eigen gemacht und gesteht in der 
Einleitung des Werkes ein, daß er Freud „für viele Anregungen zu danken 
habe", ihn trenne auf psychologischem Gebiete vor allem die „Behauptung und 
Betonung einer .formalen' Grundtendenz neben und außer den Trieben, eines 
sittlichen und kulturellen Urfaktors, eines geistigen Prinzips, das alle Trieb- 
regungen begleitet, überwacht und zu dirigieren trachtet und das im Gewissen 
in irgendeiner Form seinen urteilsmäßigen Ausdruck findet." Die Phänomene 
des realen Lebens seien aus der Auseinandersetzung jenes formalen Willens 
mit den Trieben zu verstehen. Überstarke Triebansprüche versündigen sich 
gegen die Gebote der „normativen Tendenz", gegen den „formalen Willen , 
daraus entsteht die Schuld, und die muß gesühnt werden. Das „Normative ist 
etwas Gegebenes in der Organisation der Seele, gleichsam eine Macht hors con- 
cours, von Gott in den Menschen gelegt, damit er ein Füllhorn habe, um die 
Forderungen des Unendlichen, Absoluten, Objektiven, Seinsollenden, Göttlichen 
wahrzunehmen. Es ist neben Hunger und Liebe der eigentliche Kulturfaktor im 
Menschen, der Hauptantrieb zur Arbeit. Aus dem Schuldgefühl gegen die „nor- 
mative Tendenz", hervorgegangen durch ungehorsame und zu anspruchsvolle 
Triebe, entspringen die Neurosen, so erklärt Häb erlin. 

Wir fragen uns, was das ist, was der Autor mit der Bezeichnung „normative 
Tendenz", „formaler Wille" aus dem Zusammenhang der Seele herausgreift. 
Wir würden uns wundern, wenn eine so wichtige Sache von der Psychoanalyse 
gänzlich übersehen worden wäre. Wir würden uns aber ebenso wundern, wenn 
sich die Seelen forschung, nachdem Freud die Dynamik als das Hauptgesetz 
der Seele entdeckt und bewiesen hat, nun bequemen müßte, einzugestehen, daß 
doch etwas Statisches da sei, eben der „formale Wille". Wir lernen als einen 
Teil des „Normativen" sehr bald zunächst die Vaterbindung kennen, aufgefaßt 
im weitesten Sinne und in ihrer ganzen ambivalenten Bedeutung (Freud: 
„Totem und Tabu", II). Es wäre aber ungerecht, und die Verehrer Häberlins 
Wehren sich beleidigt dagegen, den „formalen Willen" nur als den Vater- 
komplex aufzufassen. Häberlin investiert in ihm weiter die Idendifikation mit 
dem Vater und jene Strebungen der Selbstliebe, die Freud am Schluß seiner 
„Einführung in den Narzißmus" untersuchte, von der er auch in der „Massen- 
psychologie und Ich-Analyse" spricht (hauptsächlich im VII. Aufsatz, ferner 
dort, wo vom Ich-Ideal die Rede ist). Freud zeigt, und das ist der grundlegende 
Unterschied zu Häberlins Auffassung, daß das Gewissen genau so als eine 
dynamische Organisation aufzufassen ist wie der Sexualtrieb („Drei Abhand- 
lungen zur Sexualtheorie"). So aufgefaßt, werden uns auch die „gewissenlosen". 







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die „gemeinen und schändlichen" Reaktionen des Gewissens erklärbar, wie wir 
sie bei den Verwahrlosten vorfinden. Häberlin könnte hier etwa sagen, daß 
die Verwahrlosten keine „normative Tendenz" besitzen. Wie will er jedoch mit 
seiner Auffassung klarlegen, daß gelegentlich auch normale Kinder, über deren 
Gewissen und seinen Reaktionen im „objektiv" guten Sinne kein Zweifel be- 
stehen kann, als Gewissensreaktion Taten vollbringen können, die „objektiv" 
gemein, vielleicht sogar verbrecherisch sind — die nichts weniger als der For- 
derung des Absoluten, Objektiven, Seinsollenden entsprechen? Hat der Verfasser 
diese Gewissensreaktionen übersehen, oder will er sie aus dem naheliegenden 
Grunde nicht kennen, weil sie ganz und gar nicht in den philosophischen 
Überbau seiner Psychologie passen? 

Was Häberlin am Schluß seines Buches über Lüge und Betrug zu sagen 
weiß, läßt insofern unbefriedigt, als der Autor nicht so eingehend und begrün- 
dend untersucht, wie in den vorhergehenden Kapiteln. 

Wenn hier in der Hauptsache die Mängel des Buches aufgedeckt wurden, 
so soll nicht verschwiegen werden, daß Häberlins Psychologie ungleich mehr 
wert ist, als diejenige, die an den schweizerischen Seminarien und Lehramt- 
schulen gelehrt wird. Häberlin wendet sich an die Pädagogen, und ich bin 
überzeugt, daß er dort viel Gutes stiftet in dem Sinne, daß manch ein Erzieher 
bestimmte Fälle, wie sie in der Schule jeden Tag vorkommen, anders beurteilt 
und vorsichtiger wird in der Anwendung der althergebrachten pädagogischen 
„Hilfen", die manches Übel nur noch verschlimmerten. 

Dr. Zulliger (Bern). 

HANS ZULLIGER: Psychoanalytische Erfahrungen aus der Volks- 
schulpraxis. Heft V der Schriften zur Seelenkunde und Erziehungskunst. 
Ernst Bircher Verlag in Bern und Leipzig (1921). VIII u. 146. 

An zahlreichen kleinen Fällen der täglichen Praxis — Fällen, die aus dem Ver- 
halten der Kinder und dem eigenen gewonnen sind — zeigt der Verfasser, was 
der psychoanalytisch geschulte Lehrer an Einsicht in die Motive seiner Schüler 
und an Wirkungsmöglichkeiten den anderen voraushat. Die Beispiele und ihre 
Darstellung dürften dem populären Zweck der Sammlung, Kenntnis der Analyse 
zu verbreiten, wohl entsprechen. Kasuistisch bieten sie kaum Neues, und wollen 
es auch nicht. Sie zeigen, leider nur nebenbei und nicht ausdrücklich betont, daß 
mit 8 14 jährigen Kindern sehr wohl über eine Reihe von psychoanalytischen 
Grundtatsachen gesprochen werden kann, daß sie sie verstehen und anzuwenden 
vermögen, auf sich selbst und andere, auch ohne den „verderblichen, suggestiven 
Wirkungen des therapeutisch Analysierenden ausgesetzt zu sein. Zulliger zeigt 
somit für die Psychoanalyse, was für die Psychologie ganz allgemein auch hart- 
näckigen Gegnern bewiesen zu haben Berthold Ottos Verdienst ist. Zulliger 
tut sehr recht, scharf zu betonen, daß der Pädagoge nichtselbst zu analysieren habe, 






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sondern daß ihm lediglich obliegt, mit Hilfe der Selbstanalyse und des analyti- 
schen Wissens und Verstehens eine „andere Einstellung" zu seinen Schülern zu 
erreichen. Wenn er freilich erwähnt, daß er „durch das Studium der Tiefenpsycho- 
logie neben neuen pädagogischen auch zu neuen ethischen und religiösen Ein- 
sichten und Anschauungen gekommen ist",(S. 146), so muß man anmerken, daß 
letzteres kein notwendiges Resultat dieses Studiums ist, und daß seine neuen 
pädagogischen Anschauungen nicht „neu " genug sind. Soweit sie sich von dem 
entfernen, was er — und alle — mit Recht abgelebte alte Anschauungen nennen, 
die entscheidenden Konsequenzen aus den Ergebnissen der Psychoanalyse deutet 
er, in diesem Buche wenigstens, nicht an. Er fügt in den gegebenen Rahmen 
der Schule die Psychoanalyse ein, diesen Rahmen selbst aber analytisch zu be- 
trachten versäumt er — wie wir hoffen, bloß aus begreiflichen Rücksichten auf 
das Publikum, das ihm für diese Schrift vorschwebte. Aber dadurch wurde es 
unvermeidlich, daß nicht nur die Vertreter der alten Pädagogik, sondern auch 
solche einer neuen, freilich aus den entgegengesetzten Gründen und Einstellungen, 
an manchen Stellen der Schrift peinlich berührt werden. Es liegt eine zu große 
Kluft zwischen Schulluft und analytischem Verfahren und Denken, als daß man 
sich dieses in jener gern vorstellen möchte. 

Dr. Siegfried Bern fei d (Wien). 

Dr. HUG-HELLMUTH: Aus dem Seelenleben des Kindes. Schriften zur 
angewandten Seelenkunde. Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud. 
Zweite, erweiterte Auflage, Leipzig und Wien. Franz Deuticke 1921. 

Die zweite Auflage der für Psychologen und Pädagogen gleich wichtigen 
Schrift, die 1915 zuerst erschien, ist durch viel Material erweitert. Die Verfas- 
serin ist sicher dazu berufen, uns einmal eine zusammenfassende Darstellung 
der seelischen Entwicklung des Kindes zu geben, wie sie sich unbefangener Be- 
obachtung darbietet. Die Vorsicht, die Frau Dr. Hug-Hellmuth zeigt, indem 
sie vorzüglich das Material von Preyer, Shinn, Scupin, Sully u. a. heran- 
zieht, war durchaus am Platz, allein jetzt ist die Latenzzeit der psychoanalytischen 
Kinderpsychologie fast abgelaufen und wir würden wünschen, daß daneben das 
durch die Psychoanalyse ans Licht gezogene Material in größerem Ausmaße be- 
nützt würde. Gerade die Autorin verfügt über so reiche und vielseitige Beobach- 
tungen und Erfahrungen auf diesem Gebiete, daß man es bedauert, daß sie sich 
noch immer allzusehr von dem Material anderer Forscher abhängig gemacht hat. 
Neben der direkten Beobachtung des Kindes zeigt die Analyse Erwachsener in 
ihrer Rekonstruktion der Prozesse kindlichen Seelenlebens so überraschende und 
der Tradition widersprechende Tatsachen, daß auch diese Resultate analytischer 
Forschung mehr Berücksichtigung beanspruchen dürfen. Wir wünschen, daß 
in der nächsten Auflage des wertvollen Werkes, auch diese Einsichten ihre ge- 
bührende Beleuchtung erfahren. Solche Erweiterung wird sicher von seiten der 



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offiziellen Kinderpsychologie nicht unangefochten bleiben und die Angriffe, 
welche sich gegen die ersten Ergebnisse der Erforschung der kindlichen Psyche 
richteten, werden sich wiederholen. Dies kann den Fortschritt der Analyse nicht 
aufhalten. Goethe meinte, die Leute glauben immer, er sei noch in Erfurt, 
während er schon in Weimar war. Th. Reik (Wien). 

E. OBERHOLZER: Phobie eines sechsjährigen Knaben, Schweizerische 
pädagogische Zeitschrift, Heft l, 1922, Zürich, Orell Füßli. 

Verfasser teilt die Phobie eines Schuljungen mit, die in dem günstigen Augen- 
blick in Behandlung kam, da die Phobie zwar voll ausgebildet, aber noch nicht 
kompliziert war, und wegen ihrer Einfachheit und bündigen Schlüssigkeit ge- 
eignet ist, auch von pädagogischen Interessenten und psychoanalytisch Außen- 
stehenden diskutiert zu werden. Die Publikation, die sich nicht scheut in die 
Tiefe zu gehen, ist vielfach beachtet worden. 

Es handelt sich um die Folgen von Kastrationsdrohungen durch Vater und 
Bruder, wobei die Umgehung der Angstentbindung zur Phobie (Hund und Auto) 
führte. Nebst dem Vorgang der Affektverschiebung und der Bildung der Phobie 
(Überfall durch einen großen Bernhardiner mit ^ 1 / i Jahren, der von den An- 
gehörigen als Ursache der Phobie angesehen wurde, dem aber die Angst vor den 
Hunden erst i 3 / 2 Jahre später, nach der Kastrationsdrohung des Vaters, ein Hund 
werde ihm noch das Schnäbeli abbeißen, gefolgt war; Auto: der zehn Jahre ältere 
Bruder, der ihn einmal beim Onanieren ertappte, hatte ihn damals, zur Zeit des 
Stimmbruchs, „hu, hu", wie ein „böses" Auto angefahren) wird gezeigt, aus 
welcher Grundlage die deletäre Wirkung früher Kastrationsdrohungen ersteht 
(Schuldbewußtsein, Liebe zum Genitale, primäre Unkenntnis der Geschlechts- 
differenz resp. die nachfolgende Entdeckung derselben, kindlicher Glaube an die 
elterliche Allmacht und Allwissenheit) und wie mit der dem Kleinen abgerun- 
genen Auflösung der Weg zur Heilung aufgeschlossen war (Zerstörung der Auto- 
rität des älteren Bruders und Widerrufung resp. Versicherung durch den Vater, 
daß jene Drohung nichts mehr als ein schlechter Scherz gewesen sei, da in Wirk- 
lichkeit nichts derartiges geschehe, was der Kleine, der sich seit dem Zusammen- 
stoß mit dem Vater keine Gelegenheit hatte entgehen lassen, nach den Genitalien 
seiner Kameraden zu spähen, aus seiner Erfahrung bestätigen konnte). Zugleich 
war die zwanghafte Unart des Buben behoben, weder Schuhe noch Strümpfe zu 
dulden, die nach dem Rezept mancher Zaubermittel ein Selbstschutz gewesen 
war: er hatte gehört, ein böser Hund habe einem anderen in die Ferse gebissen 
und offerierte den gefürchteten Hunden diesen Körperteil, um den wichtigeren 
zu retten. Dr. Grüninger (Zürich).