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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. X 1924 Heft 1"

IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG 

DER PSYCHOANALYSE AUF DIE 

GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON 

Prof. Dr. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

Dr. OTTO RANK, Dr. HANNS SACHS 
und A. .1. STORFER 



X. BAND 
(1924) 



I N T KRNATIONAL E R 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 



Alle Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 

* 

Copyright 1924 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Ges. m. b. H.' : , Wien 



Gedruckt bei Carl Fromme Gei. m. b. II., Wien V 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



INHALTSÜBERSICHT DES X. BANDES 

Seite 

Adolf Arndt: Über Tabu und Mystik 514 

Dr. Fritz Giese: Psychoanalytische Psychotechnik 95 

Prof. Heinrich Gomperz: Psychologische Beobachtungen an griechischen 

Philosophen ... 1 

Dr. Karl Heise: Der Kuckuck und die Meise 540 

Dr. Jmre Hermann: Benvenuto Cellinis dichterische Periode . . 418 

— Die Regression zum zeichnerischen Ausdruck bei Goethe . . . 424 

— Die Regel der Gleichzeitigkeit in der Sublimierungsarbeit . . 431 
Dr. Alice Hermann-Cziner: Die Grundlagen der zeichnerischen 

Begabung bei Marie Bashkirtseff »434 

Dr. Ernest Jones: Psychoanalyse und Anthropologie 135 

Flora Kraus: Die Frauensprache bei den primitiven Völkern . . 296 

Hans Kühnen: Psychoanalyse und Baukunst 374 

Dr. Bronislaic Malinowski: Mutterrechtliche Familie und Ödipus- 

Komplex 228 

Beata Rank: Zur Rolle der Frau in der Entwicklung der mensch- 
lichen Gesellschaft 277 

Dr. Geza Röheim: Die Sedna-Sage 139 

Dr. Hanns Sachs: Carl Spitteler f 44- 

Dr. R. Spiez: Zwei Kapitel über kulturelle Entwicklung (1. Die 
Dreizahl. — II. Die Genesis der magischen und der transzendenten 

&üte) 328 

Dr. Richard Sterba: Zur Analyse der Gotik 361 

Hans Zulliger: Beiträge zur Psychologie der Trauer- und Bestattungs- 
gebräuche 1?8 

REFERATE 

Dr. Karl Abraham: Giovanni Seganlini (Sachs) izq 

Atlantis: VII. Dämonen des Sudan. XL Volksdichtungen aus Oberguinea (Reih) 556 

Franz Boas: Moderne Ethnologie (Reik) 358 



IV Inhaltsübersicht des X. Bandes 

Seile 

J. T. Brown: Circumcision Rites of the Becwana Tribes (Röheim) . . . 345 

Dr. Paul Cattani: Das Tatanieren (Röheim) 360 

F. Cohen-Portheim: Asien als Erzieher (Röheim) 343 

Dansei: Die psychologischen Grundlagen der Mythologie {Röheim) . ■ ■ 343 

— Kultur und Religion des primitiven Menschen (Reik) 356 

— Die psychologischen Grundlagen der Mythologie (Reik) 356 

Prof. Honorio F. Delgado: El dibujo de los psicopdtas (Allende-Navarro) . 440 

L. Frobenius: Paideuma (Röheim) 345 

Fry: The Artist and Psychoanalysis (Jones) 441 

A. Grimble: From Birth to Death in the Gilbert Islands (Röheim) , ■ ■ 345 

J. W. Hauer: Die Anfänge der Yogapraxis (Röheim) 343 

Dr. Gerhard Kalo: Die Verse in den Sagen und Märchen [Röheim, . . . 354 

Ludwig Klages: Vom kosmogonischen Eros (Kielholz) 555 

Dr. Gonzalo R. Lafora: Estudio psicolojico del cubismo y del expresionismo 

(Allende-Navarro) 439 

Georg Langer: Die Erotik der Kabbala (Endler) 357 

Gustav Le Bon: Psychologische Grundgesetze der Volkerentwicklung (Federn) 552 

L. Lewy-Brühl: Das Denken der Naturvölker (Röheim) 348 

Sven Lönborg: Der Clan (Röheim) 345,54g 

J. Loevventhal: Das altmexikanische Ritual tlacacäliliztli und seine Parallelen 

in den Vegetationskulten der alten Welt. (Röheim) 548 

Pehr Lngn: Die magische Bedeutung der weiblichen Kopfbedeckung im 

schwedischen Volksglauben (Röheim) 548 

Rosa Mayreder: Die Krise der Väterlichkeit (Reik) 355 

P. I. Meier: Der Totemismus im Bismarck-Archipel (Röheim) 543 

R. A. Pfeifer: Der Geisteskranke und sein Werk (Landauer) 441 

W. Pflug: Die Kinderwiege, ihre Formen und Verbreitung (Röheim) . . 343 

F. v. Reitzenstein: Ethnoanalyse (Röheim) 343 

VV. H. R. Rivers: The Symbolism of Rebirth (Röheim) 545 

Prof. Dr. Max Schmidt: Grundriß der ethnologischen Volkswirtschaftslehre 

(Röheim) 554 

Cäcilie Seier-Sachs: Frauenleben im Reiche der Azteken Reiner (Röhtim) . 555 

Prof. C. G. Seligman: Anthropology and Psychology (Winter stein) . . . 558 

Joe Tom Sun: Symbolism in the Chinese written language (Abraham) . . 560 

R. Thurnwald: Die Psychologie des Totemismus (Röheim) 545 

— Die Gemeinde der Bänaro (Röheim) 343, 351 

Wilhelm VI eng eis: Zu Freuds Theorien von der Psychoanalyse (Reik) . . 550 

K. Weule: Anfange der Naturbeherrschimg. I. Frühformen der Mechanik (Kolnai) 358 

Dr. Moritz Zeller: Die Knabenweihen (Röheim) 546 

Büchereinlauf 442 






I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 



X. BAND 1934 HEFT1 

Psychologische Beobachtungen 
an griechischen Philosophen 

Von Dr. Heinrich Gomperz 

a. ö. Professor an der Universität Wien 

Daß uns die Psychoanalyse auf viele Tatsachen achten gelehrt 
hat, die früher niemand beachtet hat und die doch der Beachtung 
in hohem Maße wert sind, kann kein Unbefangener bestreiten. 
Dies anerkennen heißt freilich nicht sich auch alle Schlüsse an- 
eignen, die sie aus solchen Tatsachen glaubte ziehen zu dürfen, 
oder gar alle Ergebnisse, zu denen diese Schlüsse sie geführt 
haben. Ja, auch das Bemühen, neue Tatsachen dieser Art zu er- 
mittein und sie mit den sonst bekannten Tatsachen und Gesetz- 
mäßigkeiten wenigstens vermutungsweise zu verknüpfen, verträgt 
sich durchaus mit der Überzeugung, daß weder das schon Be- 
kannte noch das neu Ermittelte uns bisher in den Stand setzt, 
gerade jene Fragen zu beantworten, deren Beantwortung uns alle 
am meisten befriedigen würde. Der Wert der Tatsachen selbst 
wird durch diese Zurückhaltung nicht gemindert und bei ihrer 
Ermittlung, Verwertung und Veröffentlichung sollten auch solche 
zusammenwirken können, die über Haltbarkeit und Tragweite der 
bisherigen Ergebnisse der Psychoanalyse verschieden denken. In 

Imago X/i ! 



2 H. Gomperz 

diesem Sinne möchte auch ich die Gastfreundschaft der „Imago" 
für einige Beobachtungen über die geistig-leibliche Veranlagung 
und Entwicklung griechischer Philosophen in Anspruch nehmen. 
Inwieweit diese Beobachtungen auch dazu beitragen, den eigen- 
tümlichen Lehrgehalt ihres Philosophierens besser verständlich zu 
machen, das werden die Leser selbst einigermaßen beurteilen 
können. Meines Erachtens ist das bisher nur in sehr eingeschränktem 
Umfang der Fall. 

i. Parmenides 

Parmenides lebte in Elea in Unteritalien. Als die Zeit, seiner „Blüte" 
gaben die alten Chronologen die Jahre 504 bis 501 v. Chr. an, sie 
dachten ihn also etwa zwischen 544 und 541 geboren. Piaton 
schildert ihn, als wäre er um 455 oder 451 ein uralter Mann ge- 
wesen, der indes noch trefflich erhalten, „höchstens wie ein Fünfund- 
sechzigj ähriger" aussah. Er zählte also damals gewiß mindestens 
achtzig Jahre, war demnach spätestens 531 geboren. 1 Zur Zeit, da er 
sein Lehrgedicht verfaßte, war er, wie aus diesem selbst hervorgeht, 
ein noch waffenfähiger Mann, 2 schwerlich über fünfundvierzig. 
Dieses Gedicht kann also nicht jünger sein als 486; wahrscheinlich 
ist es einige Jahre älter. 

Über sein Leben wissen wir so gut wie nichts. Theophrast be- 
zeichnete ihn als den Sohn des Pyres, doch gab es daneben viel- 

1) Diels, Fragmente der Vorsokratiker 18 A 5: ev ftdXa 6i) ngeoßvrip' . . . Gtyödga 
noliöv, Ka?.öv de y.dyaOöv vifV oiptv negi ht] näXiöxa steine zai tgi)xovta. Man ver- 
steht gewöhnlich : „Er war damals höchstens fünfundsechzig Jahre" und macht danach 
Parmenides um fünfzehn bis zwanzig Jahre zu jung. Aber „schon sehr alt und eis- 
grau, wenngleich noch stattlich anzusehen, höchstens etwa fiinfiindscchzig Jahre 
alt" gibt keinen Sinn. Der Zeitpunkt, zu dem das Gespräch spielt, ergibt sich aus 
der Angabe, der um 469 geborene Sokrates sei damals noch „ganz jung" gewesen. 
Piatons Darstellung stimmt, richtig verstanden, mit den Angaben Apollodors (Vorsokr. 

18 A j) so ziemlich üherein. 

2) Denn die Göttin redet ihn I, 24 als y.ovgog an, was ich durch „Junker" wieder- 
zugeben versuche. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 



leicht noch eine andere, möglicherweise besser begründete Über- 
lieferung, der zufolge er „durch seine Geburt der Sohn des 
Teleutagoras, durch Adoption dagegen der Sohn des Parmenides" 
gewesen wäre. 3 Jedenfalls war seine Familie vornehm und begütert. 
Unzweifelhaft ist, daß der Dichter und Denker Xenophanes der 
etwa dreißig Jahre älter war als er, auf Parmenides einen ge- 
wissen Einfluß übte, doch wissen wir nicht, ob dieser Einfluß 
sich auf persönliche Berührung gründete. 4 Als sein eigentlicher 
Lehrer erscheint vielmehr Ameinias, der Sohn des Diochaites, „ein 
edler, wenngleich armer Mann", der ihn für die pythagorische 
Lebensweise gewonnen haben soll und dem er nach seinem Tode 
ein Grabtempelchen errichtete. 5 Als Parmenides selbst alt geworden 
war, ward ein um vierzig Jahre jüngerer Mann, Zenon, sein 

3) Vorsokr. 19 Ai ist überliefert: „Zenon von Elea. Diesen nennt Apollodor in 
der Chronik den Sohn des Pyres und von Parmenides" (den nämlich Theophrast zum 
Sohne des Pyres macht) „sagt er, er sei als Sohn des Teleutagoras geboren, von 
Parmenides aber adoptiert worden." Man stellt nun meist um: „Zenon . . . Von 
diesem sagt Apollodor . . ., er sei als Sohn des Teleutagoras geboren, von Parmenides 
aber adoptiert worden, den Parmenides aber nennt er den Sohn des Pyres." So ist 
die Übereinstimmung mit Theophrast (Vorsokr. 18 A 7) hergestellt und die Bemerkung 
über Parmenides gut angeknüpft. Allein es ist doch auffallend, daß die Gleichnamig- 
keit des Adoptierenden und des Adoptierten (die besonders bei der Adoption eines 
Enkels oder Neffen häufig gewesen sein muß) nur auf mechanischer Textstörung be- 
ruhen soll; ferner, daß Piaton, wo er Parmenides und Zenon zusammen einführt, nicht 
nur von einer Adoption nichts erwähnt, sondern vielmehr von Zenon sagt : xai Uyzaftai 
airvöv naiöixä vov IlaQ[ievidov yeyovevai, was sich doch mit jenem Verhältnis kaum 
verträgt. Wich also Apollodor von Theophrast bewußt ab, so könnte er seine guten 
Gründe dafür gehabt haben. 

4) Eine solche Berührung wäre unwahrscheinlich, falls bei Parmenides Miß- 
verständnisse des Wortlauts von Versen des Xenophanes angenommen werden dürften. 
Und eine solche Annahme wird vielleicht dem beachtenswert scheinen, der Parmenides' 
Lehre von der Ö6t;a (I, 30; VIII, 51; vgl. VIII, 60: ioixöxa nävta) mit den schlichten 
Bescheidenheits Wendungen des Xenophanes vergleicht (XXXIV, 4: ööxog ö'im ytüöt 
xitv/xai; XXXV: tavza deöo^da'da /jev ioixöra xolq irvfioiai) oder darauf achtet, in 
wie verschiedenem Sinne Parmenides (VIII, 4) das Wort oiloq auf sein Seiendes und 
Xenophanes eben dasselbe Wort (XXIV) auf seinen Gott anwendet. 

5) Vorsokr. 18 A 1. Sotion nennt hier Ameinias einen Pythagoriker, von dem Par- 
menides elg l)OVZiav lZQOETQä?vr}. l)av%ia aber ist Kunstausdruck für die pythagorische 
Lebensweise (Vorsokr. 4, 19 =3 Diog. Laert. VIII 7; Lukian, Vit. auct. 3). Durch Sotions 
Worte schimmert vielleicht noch ein Vers aus der Weihinschrift des Heroons durch 
etwa: 6g sioze fl'ig aeßvijv jiqovxqssiev i)av%Li)v (vgl. u. Anm. 103). 






H. Gomperz. 



Schüler, der nicht nur seine Lehre verteidigte und zum Teil 
fortbildete, sich ihm vielmehr auch menschlich aufs innigste an- 
schloß: es ist möglich, daß er ihn an Sohnes Statt annahm, und 
Piaton erwähnt das (wie aus dem Folgenden hervorgehen wird, 
wohl durchaus unglaubwürdige) Gerücht, es habe zwischen beiden 
ein päderastisches Verhältnis bestanden. 6 

Das Lehrgedicht des Parmenides zerfiel in drei ungleiche Teile: 
die Einleitung, die „Wahrheit" und den „Wahn". Die beiden 
ersteren sind uns so gut wie vollständig erhalten; 7 auch aus dem 
dritten kennen wir nicht ganz wenige Verse und auch der Inhalt 
der verlorenen Abschnitte ist uns durch Auszüge zum Teil bekannt. 
In der Einleitung schildert Parmenides seine wunderbare Fahrt 
auf dem Sonnenwagen in die Himmelsburg, 8 allwo ihm Hemera, 
die Göttin des Tages, 9 die beiden Ansichten offenbart, die mit- 

6) Vorsokr. 18 A 5; vgl. o. Anm. 3. Festzuhalten ist, daß wir nur die Wahl haben, 
den Parmenides zum Adoptivsohn eines altern Parmenides oder aber zum Adoptivvater 
Zenons zu machen, daß aber diese beiden Annahmen nicht zusammen bestehen können. 

7) W. Kranz, Über Aufbau und Bedeutung des parmenideischen Gedichts, Berliner. 
Sitzungsberichte 1916, 1175; dazu H. Gomperz, Hermes LVIII, 28 ». 

8) Das Tor dieser Burg (I, 25) öffnet und schließt die Dike (I, 14), eine der drei 
Hören (Hesiod, Theog. 902); von den Hören wird aber das Himmelstor gehütet (II. 
V -40) und daß Parmenides wirklich dieses selbe Tor im Sinn hat, lehrt der Ver- 
gleich seiner Worte (tj]i &a öt'ato&ovll&vg lypv xovqcu y.ax'äfia^itöv ÜQfia xal Innovg, 
I, 20 f.) mit denen Homers (fjji $a di'aiirdav xevtQrivsxsag fyov Innovg, II. V 752). 
Die Himmelsburg, zu der die Sonnentöchter den Wagen fahren, ist entgegengesetzt 
dem Palaste der Nacht, von dem diese Fahrt ihren Ausgang nahm (I, 9) : der Weg 
von diesem zu jener ist der Weg des Tages, der Weg von jener zu diesem ist der 
Wen- der Nacht, beide Wege laufen durch das Einfahrtstor der Himmelsburg (I, 11 
— ebenso natürlich auch durch das des nächtlichen Palastes). 

9) Die Burg der Göttin ist das Ziel der Fahrt (I, 25), die von dem Palast der 
Nacht ihren Ausgang nahm (I, 9); Nyx, der Göttin der Nacht, entspricht aber als 
ihr Gegensatz Hemera, die Göttin des Tages (Hesiod, Theog. 124 und 748). Nur 
wohnen beide nicht, wie an dieser letzteren Stelle, in einem Hause, in dem sie, sich 
dann freilich nur abwechselnd aufhalten könnten (das Tor dieses Hauses hat denn 
auch Theog. 750 eine eherne Schwelle, die des Himmelstores dagegen ist von Stein, 
Parm. I, 12), sondern in einander entgegenliegenden Burgen, die sie nicht selbst ver- 
lassen, zwischen denen vielmehr der Sonnenwagen hin- und herfährt. Und so gehört 
es sich auch, da ja Parmenides (VIII, 58) ausdrücklich sagt, daß die Nacht dem himm- 
lischen Feuer gerade entgegenliegt. Zu der Annahme aber, die Göttin, die Parmenides 
belehrt, könnte dieselbe sein, die (XII, 3) die Welt lenkt, besteht um so weniger Anlaß, 
als es ja eben jene ist, die von dieser in der dritten Person zum Dichter spricht. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 



einander im Streite liegen: die „Wahrheit", der zufolge es nur 
eines gibt, das „Seiende", das, ungeworden, unveränderlich und 
unvergänglich, als gleichartige, unbewegliche, kugelförmige Masse 
den Himmel ausfüllt und den „Wahn", der die Menschen dazu 
verführt hat, zweierlei zu unterscheiden, Licht und Dunkel: 
diese dachten sie auf eine obere und eine untere Region verteilt 
und aus ihrer Vermischung ist dann für diesen Wahn jene ent- 
standene, veränderliche und vergängliche Welt hervorgegangen, 10 
die wir mit unseren Augen und Ohren wahrzunehmen, mit unseren 
Worten zu benennen vermeinen. 

Ich lasse nun zunächst Einleitung und „Wahrheit" in deutscher 
Übersetzung folgen, und füge ihr nur jene Anmerkungen bei, die 
mir, sei es zum Verständnis des Gedichts, sei es zur Rechtferti- 
gung meiner Übersetzung, unerläßlich scheinen: 11 

/. Einleitung 

Brachst. I,i: Rosse, die ihr mich fahrt, soweit mich mein Sehnen hinaustreibt, 
Diesmal jagtet ihr hin auf der heiligen Straße der Gottheit, 
Welche den kundigen Mann in sämtliche Teile der Welt trägt. ,3 
Und so fuhr ich dahin: ihr, hochverständige Rosse, 
5 : Jagtet dem Wagen voran und die Mädchen wiesen den Weg uns.'S 

10) Karl Reinhardt, Parmenides und die Geschichte der griechischen Philosophie, 
Bonn igi6,hat schön gezeigt, daß Parmenides zwischen einer bloß imaginären Weltbildung 
für den menschlichen Wahn und einer wirklichen Weltbildung durch eben diesen Wahn 
nicht folgerecht unterscheidet. Hätte man ihm freilich die Frage, so scharf zugespitzt, 
vorgelegt, er hätte nicht gezögert, sie im Sinne der ersteren Auslegung zu entscheiden. 

11) Die Übersetzung sucht auch den außerordentlich holprigen und prosaischen 
Charakter der griechischen Verse wiederzugeben, der natürlich in der „Wahrheit" 
am meisten auffällt. — Meine Vorschläge zur Verbesserimg des Textes sind, freilich 
ohne Begründung, auf Grund brieflicher Mitteilung größtenteils verzeichnet von 
Diels, Vorsokratiker, 4. Auflage. „Nachträge zum I. Bande", 1922. 

12) „Welche" kann auch im Griechischen sowohl auf „Straße« wie auf „Gottheit" 
bezogen werden; ersteres gewiß das Richtige. „Straße der Gottheit", weil sie den 
Dichter der Göttin zuführt, die ihn belehrt. An dem durch Vorsokr. 66 B 21, 5 (wo 
es sich ebenfalls auf die Sonnenbahn bezieht) gesicherten ndv%'ä0Vn ist trotz Nestle 
bei Zeller, Ph. d. Gr. I 1 «, 727*, nicht zu rütteln. 

13) Die Sonnentöchter fahren auf dem Sonnenwagen als seine Lenkerinnen mit. 



H. Gomperz 



10 ; 



Aber ein pfeifender Ton erklang von der Achse, die in den 
Naben, vom Kreisen der Räder herumgewirbelt, sich heiß lief; 
Denn es beeilten die Fahrt ins Licht die Töchter der Sonne. 
Weit schon lag hinter ihnen die Burg der Nacht und vom Haupte 
Schlugen sie nun mit der Hand zurück die schützenden Schleier. 
Dort ist das Tor, das den Weg des Tages sowie auch der Nacht sperrt : 1+ 
Unten die Schwelle von Stein, von oben umrahmt es der Türsturz; 
Hochauf ragt es, erfüllt von gewaltigen Flügeln: den Schlüssel, 
Der sie versperrt und erschließt, verwahrt die Göttin des Rechtes. 15 

15: Dieser nun sprachen die Mädchen zu mit schmeichelnden Worten 
Und beredeten sie, den verpflöckten Riegel der Pforte 
Eilends ihnen zur Seite zu stoßen. 16 Da flogen die Flügel 
Klaffend auf: nacheinander drehten sich in den Pfannen 
Zapfen und Dornen der beiden mit Erz beschlagenen Pfosten 

20: Und durchs geöffnete Tor, da lenkten die Mädchen, der Fahrspur 
Folgend, gerad' aufs Ziel den Wagen, den rossebespannten. 
Huldreich nahm die Göttin mich auf, ergriff meine Rechte 
Mit ihrer Hand und sprach, zu mir gewendet, die Worte: 
Sei uns, Junker, gegrüßt! Unsterbliche 17 lenkten die Rosse, 

25: Die dich im Flug hieher, zu unserer Wohnung, getragen. 

Denn nicht regt' eine Unheilsmacht dir auf das Verlangen, ( 
Diese Straße zu zieh'n, weitab den Pfaden der Menschen, 
Sondern der Pflicht und des Rechtes Göttin ; erfahre drum alles : 
Erst das nie erzitternde Herz der gerundeten Wahrheit, 

30: Dann auch der Sterblichen schwankenden Wahn, dem wahre 
Gewähr fehlt! 
Gleichwohl fass' auch diesen und daß wahrscheinlicher Anschein 
Einst notwendig das All in all seinen Teilen erfüllt hat!' 8 

14) Das Tor der Himmelsburg, die die Tagesgöttin bewohnt; vgl. o. Anm. 8 und 9. 

15) Sie wacht darüber, daß der Sonnenwagen die Fahrzeiten einhält, bei denen 
die Länge von Tag und Nacht jeweils im richtigen, vorherbestimmten Verhältnis steht 
und verhindert so, daß Tag und Nacht voneinander benachteiligt werden könnten; 
vgl. Vorsokr. 12 B 94. 

16) Sie tut damit kein Unrecht, da diesmal nicht die Sonne selbst den Sonnen- 
wagen fährt, dessen Einfahrt daher an dem Verhältnis der Tages- und der Nacht- 
länge nichts ändert. 

17) Die Sonnentöchter. 

18) Meine Auffassung der vielumstrittenen Verse Vorsokr., Nachtr. XXVIII, 11. 
</>g ZQVV daß, nicht wie es notwendig wurde, da 6>g bei Parmenides durchwegs jene 
Bedeutung hat. rd öoxif.mg doxovvca Wortspiel ganz ähnlich wie Vorsokr. 12 B 28, 
wo ich lese: öoy.e6v%av ydo öoy.if.iüraxov yiväoxei ■ ■ ■ 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 7 

IL Wahrheit 

Br. IV, 1 : Und nun verkünd' ich dir's, du aber bewahre die Rede, 

Welches die beiden einzigen Straßen erkennender Forschung 
Sind: die Straße des Seins, (der Erkenntnis): „Unmöglich ist 

Nichtsein", 19 

Ist der Belehrung Straße und alsbald folgt ihr die Wahrheit. 20 

5: Aber des Nichtseins Straße, des Wahns: „Notwendig ist Nichtsein", 

Das ist, so lehr' ich, ein Pfad, der gänzlich dem Wissen entrückt ist. 

Denn was nicht ist, das erkennst du auch nicht (wie wäre das 

möglich?) 
Und du nennst es auch nicht. 
Br- V: Denn nur das, was ist, kann 

man kennen. 21 
Br. VI, 1: Dies nur erkenn' und sag': Das Seiende ist, denn es kann sein. 22 
Nichts aber kann nicht (sein): 23 daß du fest dir im Geiste dies 

einprägst ! 
Und drum hüte zuerst dich vor dieser Straße des Irrtums! 
Dann aber auch vor jener, auf der unwissende Menschen 
5: Schwanken, mit Doppelgesichtern, denn ratlos lenket im Herzen 
Ihnen den Schritt die schwanke Vernunft: so fahren dahin sie 
Blind und taub und dumm (wie junge Kälber), 24 verworr'ne 

19) IV, 1 bis VIII, 2 bilden den ersten Teil der „Wahrheit" und enthalten den 
Beweis, daß das Seiende ist. IV, 2: ödoi öitjrjOiog, voijaai ist das letzte Wort frei 
angehängt: Straßen der Forschung, die man erkennend betritt. IV, 5 &g laxiv empha- 
tisch, fast wie ein Impersonale „es istet", es giht etwas, gibt ein Sein. 

20) Das überlieferte 'AAttfhi/r) besser als 'AXri'deiiji, denn auch II. XVII 251, 
Od. VIII 237 und Hesiod, W. u. T. 141 f. folgt das höhere Wesen dem geringeren: 
die Wahrheit folgt der Belehrung nicht wie ihre Dienerin, sondern erscheint un- 
mittelbar nach ihr, folgt ihr auf dem Fuße, ist von ihr untrennbar. 

21) tö yäg OÖVÖ voelv laxiv xe Kai eivai. Gewöhnlich erklärt man: Erkennen = Sein. 
Allein das wäre keine Begründung des Satzes, daß, was nicht ist, weder erkannt noch 
genannt werden kann. Sachlich ist daher nur die Erklärimg von Zeller (Ph. d. Gr. 
I 2 8 , 687 °) und Burnet (Greek Philosophy I, 67 l ) annehmbar, sprachlich aber verstehe 
ich nicht: idem cogitari potest et esse (potest), vielmehr (indem mit leichter Inkonzinnität 
avtö zwar Objekt von voelv, aber Subjekt von eivai ist): idem enim cogitare licet et esse. 

22) Ich teile ab: XQV ^6 Xeyetv %e voelv x'-iöv ifXfievaflaxi yäo eivai (tö iöv). 

23) firjöev ö'otix ioxiv (nämlich eivai). 

24) Durch irf)%e veßgol erläutere ich ze^nöieg nach IL IV 245. Die Verse sind 
durch mannigfaltige Beziehungen, zum Teil bloße Wortspiele, mit Stellen Homers, 
besonders mit seinen Schilderungen von Fliegen- und Bienenschwärmen, verbunden 
(vgl. II. XIX 30; II 469; II 87; II 868; II 246; II 796; Od. VIII 505; auch Timon Frg.9 
Diels). Parmenides legt also besonderen Wert darauf, die hier abgelehnte Irrlehre als 
Massenerscheinimg zu kennzeichnen. 



8 H. Gomperz 

Haufen, denen was ist und was nicht ist als Eins und doch wieder 

Nicht-Eins gilt und denen beständig ihr Weg sich zurückbiegt ! 25 

Br. VII, 1: Denn das setzt kein Mensch je durch, daß das, was nicht ist, sei! 

Br. I, 55 : Drum wcnd' ab die Erkenntnis von dieser Straße der Forschung, 2 *" 

Daß nicht Gewohnheit, die vielgewandte, dich zwinge, auf diese 

55: Straße das Auge, das blinde, zu lenken, 27 die dröhnenden Ohren 



25) Obwohl nach IV, 2 dem Forscher nur zwei Wege offen stehen, ein Wahrweg 
und ein Abweg, ist nun VI, 4 bis 9 plötzlich von einem dritten Weg, einem zweiten 
Abweg, die Rede. Während nämlich nach Parmenides jener erste Abweg zwar in die 
Irre führt, indes doch immerhin ein Weg ist, der folgerecht bis zu einem gewissen 
Punkte verfolgt werden kann, ist dieser zweite Abweg überhaupt kein Weg, denn er 
„biegt sich beständig zurück", wer ihn zu gehen versucht, widerspricht sich in einem- 
fort selbst. Sein nämlich ist nach Parmenides (VIII, 11) nur denkbar als „völliges", 
d. h. unentstandenes und unvergängliches Sein. Indem nun die Menschen zwar von 
Seiendem reden, diesem Seienden aber Entstehen und Vergehen beilegen, machen sie 
das Seiende zu einem Nichtseienden, verwischen jeden Unterschied zwischen Sein und 
Nichtsein, setzen Sein und Nichtsein einander gleich. Dabei aber reden sie doch 
wieder davon, daß eines ist, ein anderes nicht ist, so also, als wäre zwischen Sein 
und Nichtsein doch wieder ein Unterschied. In diesem Sinne also gilt ihnen „was ist 
und was nicht ist als Eins und doch wieder Nicht-Eins". Solche Menschen heißen mit 
Recht blind und taub, weil sie sich (I, 54 f.) von der Gewohnheit dazu verführen 
lassen, das Zeugnis ihres Auges und Gehörs auf solch angeblich Seiendes und doch 
in Wahrheit Nichtseiendes zu beziehen, es sind äxQira q>v?.a, weil sie es nicht ver- 
stehen, XQlvat- Äöy&H (I, 56). Diese in verworr'nen Haufen einherschwankenden, von 
der Gewohnheit beherrschten, den Begriff „Sein" wohl verwendenden, aber an ihn 
keine Ansprüche logischer Folgerichtigkeit stellenden Menschen mm sind natürlich 
die Durchschnittsmenschen: während dem Forscher nur zwei Wege offen stehen: 
bedingungslose Anerkennung „völligen", d. i. ewigen Seins und bedingungslose Leug- 
nung alles Seins, versucht die große Masse einen dritten Weg zu gehen, nämlich 
ein Sein anzuerkennen, das aber nicht „völliges", ewiges und daher in Wahrheit gar 
kein Sein ist; eben darum aber ist dieser Weg auf die Dauer ungangbar, er biegt in 
sich selbst zurück und alle, die ihn zu gehen versuchen, sind zuletzt „verworrene 
Haufen", die hin- und herschwanken, gelenkt von ihrer „schwanken Vernunft". Der 
unglückliche Einfall von Jacob Bcrnays, Parmenides streite VI, 4 ff. gegen Heraklit 
oder Herakliteer, an dem auch heute noch verdiente Forscher hartnäckig festhalten, 
obzwar ihn Zeller längst widerlegt hat (Ph. d. Gr. I 2 9 , 926), sollte endlich aus der 
Wissenschaft verschwinden: weniges in der Geschichte der älteren griechischen Philo- 
sophie ist so gewiß, als daß es um 490 keine „Haufen" von Herakliteern gab! 

26) Nämlich von der VI, 4 genannten. Das würde aus der Entsprechung von VI, 7 
und I, 55 f. sogar dann folgen, wenn man die von Kranz ermittelte Folge der Bruch- 
stücke ablelmen wollte. 

27) öööv r.axä ti)vöe ßidö&O), vco/täv, „auf diesen Weg, nur deinen Blick . . . walten 
zu lassen" Diels. Aber es ist dieselbe Straße wie die I, 55 mit tiioö'äfp'ödov bezeich- 
nete. Ihre Eigenart braucht also nicht erst angegeben zu werden* Daher tilgte ich 
(unter brieflicher Zustimmung von Diels, vgl. Nachträge XXVIII, 28) den Beistrich: 
ßiäöftw vco/Aäv = /xrjde oe . . . . ßtüO'&ci) voifiäv xatä rrivöe ziyv ödöv. Parmenides ver- 
wirft das Zeugnis der Sinne nicht als solches; es darf nur nicht im Sinne der VI, 4 ff. 
besprochenen Auffassung gedeutet werden. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 9 

Und das klingende Wort. 28 Nach Gründen entscheide den 

Wettstreit! 29 
Denn dann siegt der Beweis, den ich dich gelehrt und es bleibt nur 
Br. VIII, 2: Ein Weg übrig: die Straße des Seins; 30 voll ist sie von Zeichen 
Dafür, daß, was ist, nicht werden und nicht vergeh'n kann: 
Einzig, fest, der Erschütterung unfähig wie der Vollendung, 
5: Weder gewesen noch künftig, ist's jetzt beisammen, ein Ganzes, 
Welches zusammenhängt. 31 Denn woher sollt' es entspringen? 

28) Ich beziehe yZ&OOav auf die Zunge als Sprachwerkzeug: im Banne jener ver- 
kehrten Auffassung läßt sich der Mensch auch zu verkehrten Benennungen verführen 
und diese sind es eigentlich, die seinen Wahn verkörpern, ja nach Parmenides ihn 
eigentlich erzeugen (VIII, 38; VIII, 53; IX, 1). Doch scheint Empedokles in seiner 
Nachbildung unserer Verse (Vorsokr. 21 B 4, 11) die Zunge als Geschmackswerkzeug 
verstanden zu haben. 

29) loyal, wie ich in einem für die „Wiener Studien" bestimmten Aufsatze zu 
Vorsokr. 12 B 1 zeige, in alter Sprache nie „Vernunft". An unserer Stelle steht es im 
Gegensatz, nicht zu öfi/xa, äxovvv, yXüOöav, sondern zu l&og: du sollst dich nicht 
von der Gewohnheit vergewaltigen lassen, vielmehr den Streit nach Gründen, der 
Sache nach, entscheiden (vgl. bes. Vorsokr. 20 B 8/1 ; 21 B 35, 2; 55 B 7; Herodot I 
132/133; II 33; III 45; IV 127; VI 124). 

30) Hiemit ist die Erörterung zu ihrem Ausgangspunkte IV, 3 zurückgekehrt: mir 
die Straße des Seins steht zuletzt dem Forscher offen; es ist also bewiesen, daß das 
Seiende ist — erste Hälfte der „Wahrheit"! 

31) VIII, 2 bis 49 folgt nun die zweite Hälfte der „Wahrheit", in welcher dar- 
gelegt wird, wie das Seiende beschaffen ist oder, wie Parmenides dies ausdrückt, 
welche Merkzeichen an der Straße des Seins stehen (daß arj/ia wirklich Merk- 
Mal im eigentlichen Sinne bedeutet, erhellt aus der neuerlichen Verwendung des- 
selben Wortes VIII, 55). Die Merk-Male des Seienden sind aber hier zugleich Merk- 
Zeichen, d. h. Beweise, seiner Ungewordenheit und Unvergänglichkeit, denn um dies 
Haupt-Merkmal des Seienden, das es eben zum „völlig" Seienden stempelt, ist es dem 
Dichter zuletzt zu tun. Daher ordnet denn auch Parmenides die fünf Merkmale, die 
er dem Seienden außer diesem Hauptmerkmal beilegt, diesem entschieden unter: die 
Beweise dafür, daß sie dem Seienden wirklich zukommen, sind teils in den Beweis 
des Hauptmerkmals eingeschoben, teils folgen sie diesem als seine Ergänzungen nach. 
Die Gliederung der Beweise ist es auch, die uns berechtigt, neben dem Hauptmerk- 
mal der Ewigkeit gerade fünf weitere, im ganzen demnach sechs Merkmale zu unter- 
scheiden; doch ist es vielleicht kein Zufall, daß VIII, 57 und 59 den beiden Ur- 
Erscheinungen der Wahn-Welt ebenfalls je drei, zusammen also gleichfalls sechs 
Merkmale zugezählt werden. Die sechs Merkmale des Seienden sind: 

I. Hauptmerkmal: es ist nicht geworden und wird nicht vergehen. In 6c äytvrjzov 
£ÖV xai äväXe&QOV toxi ist £6v Subjekt und bezeichnet das Seiende wie VI, i- 
VIII, 25; VIII, 46 bis 47. Der eigentliche Beweis hiefür reicht von VIII, 6 bis 21! 
II. Merkmal: es ist einzig. Denn sollte es ein zweites Seiendes geben, so müßte es ent- 
weder aus dem Seienden oder es müßte dieses aus ihm hervorgegangen sein. Daher 
fällt der Beweis für die Undenkbarkeit einer solchen Annahme mit dem für die 
Ewigkeit des Seienden zusammen und wird VIII 12 f. in diesen eingeschoben. 
III. Merkmal: es ist nicht „gewesen", so daß es jetzt nicht mehr wäre, auch nicht 
„künftig", so daß es jetzt noch nicht wäre. Denn in jenem Fall müßte das Sei- 



io 



H. Gomperz 



Wie erwuchs' es? Woraus? Aus dem, was nicht ist? 32 Das darfst du 
Weder sagen noch glauben : unsagbar, unglaublich ist Nichtsein ! 
Und was hätte für Not das Sein erregt, daß es aus dem 
10 : Nichts erst spät und nicht schon früher zu wachsen begonnen? 
Und so gibt's notwendig ein völliges Sein oder gar kein's! 33 
Doch auch daß irgend aus dem, was schon ist, ein anderes werde. 
Wird durch die Kraft des Beweises verwehrt: 3 * zum Vergehen, 

zum Werden 
Läßt es die Göttin des Rechts nicht zu: in ewigen Banden 



ende vergehen, in diesem werden können. Daher aiich dieser Beweis VIII, 19 f. 
in den für die Ewigkeit des Seienden eingeschoben. 

IV. Merkmal: es ist fest, dicht, ganz von Sein erfüllt, lückenlos zusammenhängend, 
massiv. Diese Bedeutung von ou?.og ergibt sich aus Homer (II. XVI 224; 
XXIV 646; Od. IV 299; VII 338; X 451; XVII 89; XIX 295) und ist auch für 
Vorsokr. 12 B 10 als Hauptbedeutung vorauszusetzen (vgl. auch Plutarch de garr. 
17, 5ioe; de primo frig. 21, 955b). Beweis: VIII, 22 bis 25 als Ergänzung des Beweises 
für das Hauptmerkmal; denn wäre das Seiende nicht massiv, sondern teilbar, so 
könnte es auch zugrundegehen. 
V. Merkmal: es ist unerschütterlich, unbeweglich. Beweis: Vin, 26 bis 41, gleich- 
falls als Ergänzung des Beweises für das Hauptmerkmal; denn die Unvergäng- 
lichkeit des Seienden beruht darauf, daß es von seiner kugelförmigen Grenzfläche 
zusammengehalten, ja bis zur Unbeweglichkeit zusammengeschnürt wird; könnte 
es diese Grenzfläche durchbrechen, so würde es zerstäuben; könnte es sich inner- 
halb ihrer bewegen, so müßten dort leere Stellen sein, es würde also dann diese 
Grenzfläche nicht mehr lückenlos ausfüllen, 

VI. Merkmal: es ist der Vollendung unfähig, weil nicht bedürftig (dreAeöiOV = non 
perfectibile, so richtig Patin, Parmenides im Kampfe gegen Heraklit = Jahr- 
bücher für klassische Philologie, Suppl. XXV, 1899, S. 539; vgl. VIII, 32 bis 33). 
Beweis vorläufig VIII, 32 f., endgültig VIII, 42 bis 45; II; VIII, 46 bis 49, 
wiederum, als Ergänzung des Beweises für das Hauptmerkmal; denn der Voll- 
endung fähig und bedürftig wäre das Seiende eben nur dann, wenn es nicht 
überall bis zur kugelförmigen Grenzfläche reichte, dann aber wäre es auch kein 
massives, unbewegliches und darum unvergängliches Ganzes. 
Mit den Worten „ein Ganzes, welches zusammenhängt" (jiöv, Sv, öwe^jec) wird 

dem Seienden kein neues Merkmal beigelegt, vielmehr fassen sie nur wiederholend 

zusammen, was schon mit „Einzig, Fest, Unvollendbar" (flovvoyeveg, oöXov, äxeXeaxov) 

behauptet worden war. 

32) Es ist am überlieferten Wortlaut nichts zu ändern und auch keine Lücke an- 
zunehmen. Parmenides stellt in seinen Beweisen durchwegs den Fall des Nichtseins 
voran und so nun auch hier den der Entstehung aus dem Nichtsein. Und so wie er, 
hatte es auch schon sein Vorgänger Xenophanes gehalten (Vorsokr. 11 A 28, 8 bis 9}. 

33) „Völliges" oder absolutes, d. i. anfangs- und endloses Sein. Der Beweis ist aber 
damit noch nicht zu Ende, er schließt vorläufig nur mit dem Dilemma ab : entweder 
absolutes Sein oder absolutes Nichtsein! 

34) oiioe nov'iy. mjt iövxog iqrrjöet. nCoxiog laxvg/ylyve<y&al xi nag'aixö (ai)t statt 
ixt) nach Simplicius, Phys. 78, 27 Diels, doch nicht mit iövxog, sondern mit yiyveoftai 
zu verbinden wie VIII, 7 mit aüfyftev ; noxe dagegen gehört zu icptfoei wie VII (x,r)noxB 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 1 1 

15: Hält sie das Sein. 55 Der Urteilsspruch wird also begründet: 
Sein oder Nichtsein? 56 Und schon erfloß der Spruch: notwendig 
Lautet er: lass' die eine Straße, unfaßbar, unsagbar 
Ist sie und trügt, doch die andere leitet zum Sein und zur Wahrheit ! 
Und wie wäre, was ist, zukünftig, wie war' es vergangen? 

20: War es einmal oder wird's erst sein, so ist es ja jetzt nicht l 57 
So ist Werden verlöscht und Vergang, den keiner ergründet! 
Seiendes teilt sich auch nicht: 58 's ist ein gleichartiges Ganzes, 
Dem nicht hier ein Mehr von Sein, dort ein schwächeres, stetig 
Sich zu erstrecken verwehrt: nein, ganz erfüllt es das Sein, 59 drum 

zu 5afM)i) = ovöe iq>i)oei noxe 1) änööei^tg, ytyveoftal JI171 S| öwog (Aijöev nao'atoö rö öv. 
Das leichte Anakoluth oute VIII, 7 — ovöe VIII, 12 ist ganz unbedenklich: weder 
kann das Seiende aus dem Nichtseienden entstanden sein, denn . . . Aber auch aus 
einem Seienden kann nichts anderes werden. Dies letztere schließt sowohl die Ent- 
stehung des Seienden aus einem frühern Seienden aus als auch die Umwandlung des 
Seienden in ein späteres Seiendes, somit seinen Untergang; daher nun ganz folgerecht 
nicht mehr hloß vom Entstehen, sondern auch vom Vergehen die Rede ist. 

35) Dadurch, daß das Seiende in seine Grenzfläche unbeweglich eingeschnürt ist, 
ist sowohl (sein) Vergehen wie (das) Werden (eines anderen) ausgeschlossen. Diese 
Einschnürung wird hier der Göttin des Rechtes zugeschrieben, weil sie dem Wesen 
des Seienden und damit der Weltordnung gemäß ist; VIII, 50 und 37 wird dieselbe 
Tätigkeit aus ebenso einleuchtenden Gründen den Göttinnen des Zwanges und des 
Schicksals beigelegt. 

56) Damit wird das VIII, 11 gewonnene Dilemma wieder aufgenommen und der 
Entscheidung zugeführt. Unter „Sein" ist hier „völliges", absolutes Sein zu verstehen. 

37) Soweit sich beide Verse auf die Zukiuift beziehen, sind sie ganz klar. Da aber 
nach VIII, 5 in Beziehung auf die Vergangenheit ein entsprechender Gedanke vor- 
auszusetzen ist, möchte ich annehmen, ytvotvo beziehimgsweise iyeveco bedeute hier 
etwa „etwas sein, wovon man sagt: es war einmal", „etwas sein, was einmal war, 
aber nicht mehr ist". 

38) Nicht nur, daß das Seiende nicht vernichtet werden kann, es kann auch nicht 
in mehrere Stücke zerfallen, ja es sind an ihm gar nicht verschiedene Stücke zu 
unterscheiden, in die es zerfallen könnte, denn es ist durchaus gleichartig: Beweis 
der Massivität des Seienden. 

39) Das Seiende ist ganz von Seiendem erfüllt — nur scheinbar unlogisch! Ge- 
meint ist: der vom Seienden erfüllte Raum ist von ihm ganz erfüllt. — Im Fort- 
gange des Gedichts wird es immer deutlicher, daß das Seiende des Parmenides Stoff, 
Materie ist: der Begriff eines „Stoffes im allgemeinen", der nicht Wasser, Feuer 
oder dergleichen wäre, scheint in der Tat seine Schöpfung zu sein und so konnte auch 
erst er die Unvergänglichkeit des Stoffes als allgemeinen Satz aussprechen. Daß der 
Stoff nicht nur unvergänglich, sondern auch unveränderlich sei, scheint er nicht nur 
als erster deutlich ausgesprochen, sondern auch als erster erkannt zu haben. Aus 
dieser Erkenntnis entwickelte dann wenige Jahrzehnte später Leukipp die Lehre von 
den Atomen. Was für eine Art von Stoff sich Parmenides unter dem „Seienden" vor- 
gestellt haben mag und ob er ihm auch Erkenntnis (Bewußtsein) zuschrieb, wissen 
wir nicht. Vielleicht spricht eher einiges dafür, daß er es sich als eine durchsichtige, 
etwa glasartige, lichterfüllte, auch der Erkenntnis teilhafte Masse dachte. Sein An- 



12 



H. Gomperz 



25: Hängt's auch ganz zusammen, denn ein Sein stößt an das and're. 4 ** 
Aller Bewegung bar, umhegt von mächtigen Banden, 
Endlos, anfangslos (ist Sein); 41 Vergehen und Werden 
Sind in die Ferne geweht : die Wahrheit hat sie vertrieben ! 
Und so beharrt dies selbige (Sein) für sich an demselben 
• • 50: Ort und harrt dort standhaft aus: des Zwanges Gewalt schlägt's 
In der Begrenzung Bande, die nun ringsum es umhegen. 
Darum darf, was ist, nicht der Vollendung entbehren. 
Denn ihm fehlt ja nichts. Wär's nicht, dann fehlte ihm alles! 42 



hänger Melissos mindestens legte dem Seienden Bewußtsein bei und sprach ihm, 
obzwar es den Weltraum lückenlos erfüllen sollte, doch Körperlichkeit im gewöhn- 
lichen Sinne ab (Vorsokr. 20 B 7; B g). 

40) Hier scheint mit einem Male von mehr als einem Seienden die Rede zu sein. 
Doch soll man darin nicht einen Selbstwiderspruch des Dichters finden wollen. Da 
er dem Seienden räumliche Erstreckung zuschrieb, so mußte er ja annehmen, daß 
jedes Raumstück von einem besonderen Stücke des Seienden erfüllt sei — nur daß 
eben diese einzelnen Stücke stetig aneinanderliegen und einander ununtcrscheidbar 
gleich sein sollten. Diese Stücke des Seienden nun sind es, die Parmenides bei den 
Worten im Auge hat: „ein Sein stößt an das andre". 

41) VIII, 26 beginnt der Beweis für die „Unerschütterlichkeit" des Seienden, der 
darauf gestützt wird, daß die Grenzfläche des Seienden von ihm erfüllt ist wie ein 
praller Beutel, in dem sich nichts bewegen kann. Dabei wird aber VIII, zj f. sofort 
die Bedeutung dieses Merkmals für das Hauptmerkmal hervorgehoben: da das Seiende 
in seine Grenzen unbeweglich eingezwängt ist, gibt es in ihm auch keine Verände- 
rimg, kein Werden und Vergehen, keinen Anfang und kein Ende! 

42) VIII, 52 geht Parmenides vorübergehend von der Unbeweglichkeit auf die 
„Unvollendbarkeit" des Seienden über, d. h. auf seine Eigenschaft, der Vollendung, 
Vervollständigung, Ergänzung nicht zu bedürfen. Dabei handelt sich's ihm aber nicht 
darum, wie man ihn meist versteht, zu zeigen, daß das Seiende allseits begrenzt und 
abgeschlossen und nicht etwa unbegrenzt und unendlich sei. Das Vorhandensein einer 
das Seiende einschließenden, ja zusammenpressenden Grenzfläche gilt ihm vielmehr 
als durchaus selbstverständlich. Was ihm am Herzen liegt, ist, zu betonen, daß das 
Seiende diese Grenzfläche nicht etwa unvollständig erfüllt, daß zwischen jenem 
und dieser nicht etwa irgend welche leere Zwischenräume bleiben — in welchem 
Falle sich das Seiende ja freilich innerhalb der Grenze bewegen könnte wie etwa 
der Wein in einem nur halb vollen Paß. Nachdem er also gezeigt hat, daß die Bande 
der Begrenzung das Seiende rings umhegen, fährt er fort: Darum würde es auch 
gegen die Weltordnung verstoßen, wenn das Seiende unvollständig wäre (ovvexev ovy. 
dTE/.SVrrjtov TÖ iöv 'ds/A.ig elvai). Denn es bedarf ja nicht (irgend einer Ergänzung: 
SOZI yäg oi)X imöelg — so nämlich wäre das bei Simplicius an zwei Stellen über- 
lieferte iftlösig zu sprechen, wie ja auch I, 33 elgye neben VIII, 31 Hgyst, VIII, 46 
Uvelaüai und gerade VIII, 53 töelxo steht; doch auch das bei Simplicius an zwei 
anderen Stellen überlieferte ihlöevcg läßt sich nach dem Vorgang von Karsten und 
Patin, Parmenides im Kampfe gegen Heraklit, S. 568 „dreisilbig mit Synizese" lesen). 
Dem Nichtseienden freilich würde alles fehlen (/*■>) iöv ö'äv navtäg iöeito. Obwohl 
schon Simplicius dies (ir\ las, haben es doch Bergk, Zeller, Diels, Reinhardt gestrichen. 
Die Worte sollen dann bedeuten: Wäre es dies, nämlich einer Ergänzung bedürftig 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 1 5 

Eins ist Erkennen und die Erkenntnis, es sei (das Erkannte). 45 
55: Denn nicht ohn' ein Sein, in dem die Erkenntnis sich ausspricht, 
Wirst du sie jemals finden. 44 Nicht gibt's ja, jetzt oder künftig. 
Andres als nur, was ist: dies ruht, von der Parze gefesselt, 
Fest und bewegungslos. Drum sind's nur tönende Worte, 45 
Die, im Vertrauen, es sei die Wahrheit, Sterbliche brauchen 
40: Wie „Entstehen und Vergehen", wie ferner „Das Sein und das 
Nichtsein", 46 
Wie „DieVeränd'rung des Orts" und „Der Wechsel der leuchtenden 
Farbe". * 

oder unvollständig-, dann würde ihm alles fehlen. Allein 1. kommt löv bei Parmenides 
nur als Name des Seienden vor; 2. bliebe unverständlich, warum dem Seienden des- 
wegen, weil ihm irgend etwas fehlt, gleich alles fehlen müßte; 3. und vor allem 
hebt diese Änderung den sogleich darzulegenden Zusammenhang von VIII, 35 und 
VIII, 34 vollkommen auf), denn es würde ja gar keinen Raum einnehmen, somit den 
gesamten Raum innerhalb der Grenzen völlig leer lassen. Aber das Nichtseiende — 
so muß man hier Parmenides' Gedankengang ergänzen — kann ja nicht sein. Und 
so schiebt er denn hier noch einen Beweis für die Unmöglichkeit des Nichtseins 
ein (VIII, 34 bis 37, 1. Hälfte), um erst dann (VIII, 37, 2. Hälfte) zu dem Ausgangs- 
punkte dieser Abschweifung, der Unbeweglichkeit des Seienden, zurückzukehren. 

43) xabxöv d'laxt, voelv re xai ovvexev Sozi vör)fj.a. Man versteht zunächst: Eines 
ja ist Erkenntnis und das, wovon sie Erkenntnis. Allein wenn sich nach VIII, 35 jede 
Erkenntnis in einem Sein „ausspricht", so kann sie mit ihm doch nicht wohl 
schlechthin zusammenfallen. Ich nehme daher mit Heidel (siehe Vorsokr. Nachtr. 
XXVIII, 45) an, daß ofivexev idtiv von vörj/^a abhängt. Dieser Gebrauch von ovvsy.a 
auch schon Hymn. in Apoll. 376 und Vorsokr. 21 B 114, 1 (vgl. auch Od. V 215; XV 41 ; 
XVI 529; XVI 57 8). 

44) Das, worin eine Erkenntnis sich ausspricht, ist zunächst ein Name. Aber der 
Name fließt dem Dichter auch sonst vielfach mit dem Benannten zusammen. Was er 
sagen will, ist zuletzt: Keine Erkenntnis ohne ein irgendwie benanntes Etwas, worauf 
sie sich bezöge. 

45) Man kann auch xül als Dativ fassen und übersetzen: Nur Benennungen dieses 
Seienden sind in Wahrheit die Worte, die . . ., aber die abschätzige Art, in der 
Parmenides auch sonst von „Namen" und „Benennungen" spricht (Vin, 53; IX, 1 ; 
XIX, 3; vgl. auch Diels' „Parmenides", S. 86 f.) empfiehlt diese Auffassung nicht. 

46) „Sein" ist für Parmenides natürlich nicht in demselben Sinne ein „tönendes 
Wort" wie „Entstehen" oder „Vergehen". Es ist also wohl der Sinn, in dem die 
Menschen die Worte „Sein" und „Nichtsein" gebrauchen (nämlich zur Bezeichnung 
von solchem, was nicht „immer ist" oder „immer nicht ist", vielmehr entsteht und 
vergeht) und vor allem dies, daß sie sie zu verschiedenen Zeiten auf dieselben Dinge 
anwenden (was früher nicht war, ist jetzt — denn es ist entstanden; was jetzt ist, 
wird später nicht sein, — denn es wird vergehen), was der Dichter als bloße Redens- 
art, als „bloßen Namen" verwirft. 

47) Für Parmenides steht immer das Seiende als Ganzes im Vordergrund. Vermut- 
lich bezieht sich darum auch dies Verwerfungsurteil vor allem auf die große Welt- 
bewegung, den Umschwung des Himmels und der Gestirne und die damit eng ver- 
knüpfte Weltverfärbung, den Wechsel von Tag und Nacht, Licht und Dunkel (ist 



14 



H. Gomperz 



Aber zu äußerst ist (Sein) begrenzt; nicht fehlt ihm der Abschluß 
Allseits: es gleicht der Wucht einer wohlgerundeten Kugel,* 8 
All wärts gleich, von der Mitte gemessen: es kann an dem einen 
45: Ort nicht stärker sein noch schwächer als an dem andren! 49 
Br. II, 1 : Blick' auf das, was fern : nah zeigt's und verläßlich der Geist dir. 5<> 
Denn du reißest das Sein nicht los, daß vom Sein es sich scheide, 51 
Weder indem 's allwärts sich zerstreut, gleichmäßig geordnet, 
Noch indem es sich sammelt (an dieser Stell' und an jener). 52 

doch nach VIII, 55 ff. eben die Unterscheidung von Licht und Nacht die Grundtatsache 
des gesamten menschlichen Irrwahns). Allein wenigstens mittelbar sind in jenes Ver- 
werfungsurteil gewiß auch alle Bewegungen und Verfärbungen einzelner Dinge ein- 
geschlossen. 

48) VIII, 42 bis 49 der (VIII, 32 bis 53 nur flüchtig vorweggenommene) „Beweis" 
für die „Unvollendbarkeit", d. i. die Vollständigkeit des Seienden: es reicht auf allen 
Seiten bis zur „Grenze". Diese Grenze ist natürlich der Himmel als der augenschein- 
liche Abschluß des vorhandenen Stoffes und an diesem Augenschein hat Parmenides 
niemals gezweifelt! Da nun das Seiende (der Stoff) allseits bis zu dieser (wie Par- 
menides eben als ganz selbstverständlich voraussetzt: kugelförmigen) Grenze reicht, 
so „ist es" was seine Gestalt betrifft „der Masse eines gut gerundeten Balles ähnlich" 
— d. h. es ist selbst eine massive (weil durch und durch von Stoff erfüllte) Kugel : 
die als Unterschicds- und lückenlose Masse gedachte Weltkugel! 

49) Da das Seiende allseits bis an die begrenzende Kugelschale reicht, sind all 
seine Halbmesser gleich, die zwischen Mittelpunkt und Grenzfläche gelegene Masse 
kann nicht auf einer Seite dicker oder dünner sein als auf einer anderen : das 
Seiende hat keine unregelmäßige Gestalt. 

50) Mit alledem werden freilich Behauptungen über weit Entferntes, dem Augen- 
schein Entrücktes aufgestellt, allein was für die Sinne fern lind fragwürdig scheint, 
ist für die Erkenntnis nah und gewiß {äneövta VÖ01 naQEÖvza, vgl. das Vorsokr. 12 
B 54, zitierte Sprichwort: naQEÖvxag änelvai). Dieser erste Vers des Bruchstücks II 
ließe sich natürlich auch anderswo einschieben; allein VIII, 46 gibt deutlich die Be- 
gründung zu II, 2 bis 4. Bei der „Erkenntnis" denkt aber Parmenides hier wohl an 
die anschauliche Vorstellbarkeit, denn die Annahme zweier räumlich getrennter Seiender 
bietet wohl keine unmittelbar logische Schwierigkeit. Dagegen kann man sich nicht, 
zwei Dinge in einem gewissen Abstand vorstellen, ohne sich auch dazwischen etwas 
vorzustellen, dies etwas aber wäre eben wieder Seiendes ! 

51) Es gelingt dem Menschen nicht, ein Stück des Seienden abzuschneiden, so 
daß es mit dem andern (vgl. o. Anm. 40) nicht mehr zusammenhinge {dnoTfl^st ist 
2. Pers. Put. Med., nicht 5. Fut. Act.; tov iöiTog £%sa&ai bezeichnet den Zustand, der 
durch das Abschneiden beseitigt würde). Das ist eben unvorstellbar (Anm. 50). VIII, 
44 *■ war gezeigt worden, daß das Seiende nicht einen unregelmäßigen Körper dar- 
stellt. Noch weniger — so ergibt sich mm — kann es auf mehrere Körper verteilt sein. 

52) Weder so, daß kleine Stoffmassen regelmäßig (jeerrä xödfiov, wie II. X 472; 
an „Welt" ist hier gar nicht zu denken) im Raum verteilt wären (erste Erwähnung 
des Atomismus im Abendland! Der Gedanke blitzt freilich nur auf, um alsbald ver- 
worfen zu werden) noch so, daß der Stoff (hier und dort zu einigen größeren Massen) 
zusammenträte (II, 4 mag etwa mit Iv&a xal £iy&a geschlossen haben : vom Zusammen- 
treten zu einer Masse kann hier natürlich nicht die Rede gewesen sein, da es sich 
ja um eine der beiden möglichen Arten des „Abschneidens" handelt). 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 1 5 

Br. VIII, 46: Denn es gibt kein Sein, das es, sich zusammenzuschließen, 

Hindern könnte noch kann ein Sein hier mehr als ein andres 
Sein, dort weniger: 53 jeglicher Mind'rung ist's gänzlich entzogen: 
Nur ein einziges (Sein) stößt, allseits gleich, an die Grenzen ! 5+ 

IIL Wahn 

Von diesem Teil ist der Anfang noch erhalten, der an den Schluß 
der „Wahrheit" unmittelbar anschließt: 

Br. VIII, 50: Und hier end' ich dir nun die verläßliche Lehre, der Wahrheit 
Sich're Erkenntnis: von nun an vernimm der Sterblichen Irrwahn, 
Wie ihn dir der trügliche Bau meiner Worte verkündet! 55 
Zwei Gestalten 56 beschloß der Mensch mit Namen zu nennen — 57 

53) Ich übersetze den Text, wie ihn v. Wilamowitz und Kranz (a. a. O. S. 1176) 
hergestellt haben, glaube aber auch VIII, 46 das als erstes Wort überlieferte ovxe 
gegen jede Ändenuig schützen zu dürfen: ovxe yäg ..." ovx'ibv lau, %6 xev navoi . . . 
ovx'loxiv önog elf] xev, „Denn weder — (noch): weder gibt es ein Sein, das ver- 
hinderte . . . noch ist es möglich, daß ein Sein . . .". Parmenides unterscheidet zwei 
Fälle: zwischen mehreren Seienden könnte nur entweder nichts liegen oder etwas 
anderes, mehr oder weniger Seiendes (entweder leerer Raum oder ein anderer, 
dichterer oder dünnerer Stoff); ein Nichts oder Nichtseiendes aber gibt es nicht 
(IV, 7; VI, 2), es kann also auch Seiendes nicht auseinanderhalten; somit bliebe nur 
der zweite Fall übrig; allein daß es nicht verschiedene Grade des Seins geben kann, 
wurde auch schon gezeigt (VIII, 25); folglich ist das TT, 2 ff. erörterte Bedenken, das 
Seiende könnte sich auf mehrere Körper verteilen, widerlegt. 

54) zoiyäg statt ol yäg gewiß richtig Zeller, Ph. d. Gr. I 1 6 , 695'. £v nelgaai 
xvgei = nelgaOiv iyxvgel. Die „Unvollendbarkeit" oder „Vollständigkeit" des Seienden, 
d. h. die völlige Ausfüllung der kugelförmigen Grenzfläche (der Himmelskugel) durch 
das Seiende ist endgültig erwiesen und damit die Lehre vom Seienden, die Darlegung 
der „Wahrheit" von Seite der Göttin überhaupt zu Ende geführt. 

55) Daß es sich bei den „Irrlehren der Sterblichen" (öoZai ßgöreiai) um eine 
fehlerhafte Gesamtanschauung, einen „Irrwahn" handelt, geht aus dem Inhalt der 
folgenden Darlegungen auch für uns noch deutlich hervor. — „Trüglich" sind natür- 
lich nicht die Worte der Göttin selbst, diese Bezeichnung verdient vielmehr der 
Wahn, dessen Inhalt sie mit diesen Worten wiedergibt. 

56) Gestalt oder Gebilde (tA,og(pfi, öi/.iag — VIII, 55 und 59), nicht etwa Ding, 
Stoff; Element! ßogqpfi bezeichnet nicht nur überhaupt die äußere Erscheinung, sondern 
insbesondere auch die wechselnde und täuschende (Aeschyl. Frg. 304, 5 Nauck; Sophocl. 
Trach. 10; Eurip. Frg. 839, 14 N.), ja sogar die Truggestalt (des Traumes: Aeschyl. 
Prom. 449). Licht und Dunkel, aus denen sich für den menschlichen Wahn die Welt 
zusammensetzt, sind — so dürfen wir die Meinung des Parmenides ziemlich genau 
wiedergeben — „Erscheinungen": etwas, das in Wahrheit „nicht ist", indes den 
Menschen in ihrem Irrwahn zu „sein" scheint. 

57) Der Mensch, denn er ist aus ßgoxelag VIII, 51 als Subjekt zu ergänzen. Darin, 
daß die Menschen bloße Erscheinungen, ein in Wahrheit Nichtseiendes, benannten 



i6 H. Gomperz 



Eine davon zu viel! 58 Da wich er vom richtigen Weg ab! 
35: Denn ein Doppelgebilde durch Gegensetzung der Zeichen 

Schuf er: 5 9 hierhin setzt' er das himmlische Feuer der Flamme, 



und damit hinstellten und setzten als ein Seiendes, bestand ihr Fehlgriff. Durch diesen 
Fehlgriff ist — zunächst für sie, damit aber doch auch irgendwie überhaupt, (vgl. o. 
Anm. 10) — die Welt des Wahnes entstanden. Wo und wann aber ist dieser Fehl- 
griff begangen worden, wer hat denn zuletzt die zwei Gestalten benannt? Wie mir 
scheint, belastet diese Schuld für Parmenides vor allem Hesiod und etwa noch die 
andern Verfasser alter Kosmogonien. Denn für Hesiod ist der Gegensatz zwischen 
Hell und Dunkel, Tag und Nacht wirklich der erste, der bei der Bildung der Welt 
hervortrat (Theog. 123 f.) und ihm zufolge entwickeln sich jeweils die spätem Er- 
scheinungen aus den früheren durch geschlechtliche Zeugung, ganz wie dies nach 
XII, 3 ff. auch in der Welt des Wahnes der Fall ist. Aber freilich war der Wahn" 
des Parmenides keinesfalls ein bloßer Auszug aus Hesiods Theogonie. Deren Inhalt 
erschien dort vielmehr offenbar in eigenartiger Znrechtrückung, Vereinfachung und 
Ergänzung: es ward gezeigt, wie Hesiod, wäre in seinem Wahnsinn Methode gewesen, 
die Weltbildimg eigentlich hätte darstellen müssen. Aus seinem Gedicht waren also 
gewisse Grundgedanken herausgeschält und diese galten dem Parmenides gleichzeitig 
als die Leitideen des volkstümlichen wie des wissenschaftlichen Weltbildes seiner 
Zeit. Daher denn die einzelnen Lehren des „Wahnes" anscheinend von fünferlei Art 
waren: I. Solches, was Hesiod wirklich gesagt hatte; II. Solches, was er nach Par- 
menides folgerechter Weise hätte sagen sollen; III. Solches, was zur Zeit der Ab- 
fassung des Gedichtes alle Welt glaubte und was dem Dichter als Folgerung aus 
Hesiods angeblichen Grundgedanken erschien; IV. Solches, was die Wissenschaft 
seiner Zeit ermittelt zu haben meinte und was er daher in das Weltbild des gemeinen 
Mannes an gehöriger Stelle glaubte eintragen zu müssen, ohne deswegen dies Welt- 
bild für ein weniger wahnhaftes zu halten; V. endlich Solches, was Parmenides vom 
Standpunkte der Wissenschaft ausgehend, selbst entdeckt hatte und womit er nun auf 
dieselbe Art wie mit den Entdeckungen seiner gelehrten Zeitgenossen verfuhr. Im ein- 
zelnen lassen sich diese fünferlei Bestandteile freilich nicht mehr deutlich sondern und 
hier mußte sogar fast auf jeden Versuch einer solchen Sonderung verzichtet werden. 

58) &v fdav oti ZQmy iaxiv, nicht cüv ireQTjv ov zqe&v (Diels, Parmenides S. 93) ! 
Also liegt der Fehler nicht (wie es vielleicht schon Aristoteles auffaßte, Vorsokr. »8 
A 24) darin, daß neben einer wahrhaft seienden Grunderscheinung (dem Licht) noch 
eine andere, nicht wahrhaft seiende (das Dunkel) angenommen wird — er liegt viel- 
mehr darin, daß statt einer Einheit eine Zweiheit (von der eben die eine Einheit zu 
viel ist, nicht angenommen werden sollte), statt des einen wahrhaft Seienden zwei 
nicht wahrhaft seiende Erscheinungen gesetzt werden (so richtig schon Tannery, 
Pour Vhistoire de la science Hellene p. 227; Patin, Parmenides im Kampfe gegen Heraklit 
S. 591 ; Reinhardt, Parmenides S. 70). Das schließt freilich nicht aus — und insofern 
mag ja die Auffassung des Aristoteles begründet sein — , daß Parmenides die eine 
der fälschlich als seiend gesetzten Gnmderscheinungen (das Licht) dem wahrhaft 
Seienden immerhin in mancher Hinsicht ähnlicher gedacht haben mag als die andere. 

59) «Sie stellten die Gebilde einander gegenüber und sonderten ihre Merkmale 
voneinander" : man kann nicht anschaulicher eine Begriffsbildung beschreiben — nur 
daß eben, nach Reinhardts schönem Nachweis, dem Parmenides die Bildung der Be- 
griffe zugleich auch als die Erzeugung der Erscheinungen selbst galt: Licht und 
Nacht werden einander nicht nur im logischen Sinne „entgegengesetzt", vielmehr 
kommt bei dieser Entgegensetzung das Licht nach oben, die Nacht nach unten zu stehen • 



> 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 1 7 

Lind, gar fein und leicht, durchaus gleich, 60 aber dem andern 
Ungleich, das auf der anderen Seite gerad' ihm entgegen 61 
Steht, der Nacht, der dumpfen, dem lastenden, dichten Gebilde. 
60: Diese Ordnung verkünd' ich dir, ganz wie sie geschehen, 62 
Denn nicht soll jemals dich menschliches Wissen beschämen. 



60) fjmov x6, uey'ägatöv, ikaqigöv, ßavxäij ndvxoae zaixov. Um den siebenten 
Fuß des Hexameters zu beseitigen, darf man weder dgaiöv noch iXacpgöv opfern, da 
diese den Merkmalen der Nacht avxivöv . . . iftßQV&tg xs genau entsprechen (Patin, 
Parmenides . . . S. 595). Allein auch ijniov, dgaiöv, £Xaq>g6v . . (Simplicius Phys. I 
59, 5 Diels; Patin a. a. O.) befriedigt nicht, da es die Einschiehung des siebenten 
Fußes nicht verständlich macht, f.avxäx. dagegen konnte zwar wegen des in VIII, 58 
folgenden xm d'&xegou pi) xaixöv leicht eingeschoben werden, allein sicherlich wollte 
der Dichter mit ndvxoae xavxöv etwas ganz anderes sagen als die platte Selbst- 
verständlichkeit, Feuer sei „sich selbst gleich" (ist denn das die Nacht nicht?): da es 
sich hier um den Zustand der Welt handelt, wie er (dem Wahn zufolge) vor der 
Bildung der Gestirne bestand, so war das Himmelsfeuer noch nicht auf Sonne, Mond, 
Sterne verteilt, sondern erfüllte den „Äther" (VIII, 56) noch durchaus gleich- 
mäßig. Von den beiden andern Fassungen des Simplicius aber hat das schwerer ver- 
ständliche ijmov zö („— und dies ist lind . . .") schon als solches den größeren 
Anspruch auf Ursprünglichkeit (überdies spricht gegen i]niOV öv auch noch 1. daß 
Parmenides sonst durchwegs iöv gebraucht, 2. daß er diesen Ausdruck ausschließlich 
zur Bezeichnung des „Seienden" verwendet, vgl. o. Anm. 42). 

61) Da das Licht leicht, die Nacht schwer ist, so liegt jenes „oben", diese „unten". 
Werden aber dabei Oben und Unten als letzte Gegensätze gedacht, so daß das Licht 
die obere, die Nacht die untere Hälfte der Himmelskugel einnimmt oder werden sie 
vom Mittelpunkte der Himmelskugel aus beurteilt, so daß das Licht die äußeren, die 
Nacht die inneren Teile der Himmelskugel erfüllt? Diese Frage, von deren Beant- 
wortung das Verständnis des im „Wahn" des Parmenides dargestellten Weltbildes 
durchaus abhängt, ist noch nicht entschieden und wo im folgenden die Ausdrücke 
„Oben" und „Unten" gebraucht werden, ist diese ihre Zweideirtigkeit im Auge zu 
behalten. Nach dem Auszuge des Aetios (Vorsokr. 18 A 57 ; vgl. u. Anm. 67) zu schließen, 
scheint Theophrast, der das Gedicht des Parmenides noch als Ganzes las, es so ver- 
standen zuhaben, als hätte der Dichter Oben und Unten vom Weltmittelpunkt aus beurteilt. 

62) x6v aoi iy6) ötdxoö/tov toixöxa ndvxa <paxLtp>. öiaxoafieZv sondernd ordnen 
= diaxglvsiv (Tl. II 474 bis 476; vgl. II 126; Od. XXII 457). Eben dies haben nun die 
Menschen mit den beiden Grunderscheinungen getan (xdvxla ixglvavxo, VUI, 55), 
deren sondernde Ordnung, d. i. Scheidung, also verkündet die Göttin dem Dichter 
(von einer Folge von Weltzuständen, wie Reinhardt, Parm. S. 175, meint, ist dabei dem 
Wortlaut nach ebensowenig die Rede wie Vorsokr. 46 B 12 oder 12 C 1/6, aber da 
solches Von-einander-Scheiden und Ordnen der Stoffe in den Darstellungen der Welt- 
bildung wiederzukehren pflegte, so nahm ötäxoOfiog allmählich die Bedeutung Welt- 
Ordnung an — eine Bedeutungsentwicklung, die dadurch zum Abschluß gekommen 
sein wird, daß die kosmogonischen Schriften Leukipps und Demokrits als die Große und 
die Kleine „Weltordnung" bezeichnet wurden). Und die von ihr verkündete Ordnung 
ist „ganz gleich" (eben das bedeuten dieselben Worte auch II. XXI 600; vgl. auch 
V 800 und Od. VI 301; überhaupt bedeutet ioixcbg im Gegensatze zu elxöc in alter 
Sprache immer Gleich, nie Wahrscheinlich), nämlich der Ordnung, wie sie von den 
Menschen wirklich vollzogen wurde (derselbe Gedanke auch Vorsokr. 1 1 B 55 oder Aristo- 
phanes Vesp. 1321; elxäg = Gleich ohne beigefügten Dativ auch Aeschyl. Suppl. 283). 

Imogo X/i 2 



jß H. Gomper/. 



Br. IX, 1 : Aber nachdem nun alles benannt nach dem Licht und der 

Nacht ist — 63 
Jeder der Namen, nach seiner Bedeutung, diesem und jenem! , 64 - 
Ist nun alles des Lichtes sowohl wie der finsteren Nacht voll, 
Die sich genau dem Maß nach gleichen; 65 denn nichts ist 
dazwischen. 66 

Hier fehlen uns einige Verse. Ihr Inhalt läßt sich nach einem 
Auszug des Aetios ungefähr erraten i 07 die Göttin sprach von mehreren, 

65) Daß IX, 1 „bald nach« VIII, 59 stand, sagt Simplicius ausdrücklich. Und daß 
zwischen beiden mehr als VIII, 60 bis 61 gestanden hätte, ist wenig wahrscheinlich, 
da IX, 1 lediglich die Beendigung der VIII, 55 bis 59 geschilderten „Ordnung" voraussetzt. 

64) nal xä xarä öcpeTtoag öwäftetg inl total te y.ai xolg. Der von Simplicius 
angeführte alte Erklärer (den ich wegen dnexQl'dl) etwa in die Zeit des Anaxagoras 
oder Archelaos setzen möchte, vgl. Vorsokr. 46 B 12; 47 A4) verstand, die einzelnen 
Dinge seien auf Grund ihrer „Kräfte", d. i. Eigenschaften, den heiden Grunderscheinungen 
Licht und Nacht zugeordnet worden, bis eben „alles" nach der einen oder der andern 
benannt war. Allein dürfen wir Parmenides ohne Kot einen solchen Selbstwiderspruch 
zumuten? Aus dem Gegensatz von Licht und Nacht sollte sich doch erst alle Vielheit 
entwickelt haben: woher nun mit einem Male die einzelnen, mit den verschiedensten 
„Kräften« begabten Dinge? Es gibt eine bessere Erklärung, övvafug bezeichnet die 
Bedeutung eines Wortes (Herodot IV 192; VI 98; vgl. II 30; Vorsokr. 79 A 11; Lys.as 
in Theomnest. I 7; Plato, Cratyl. 394b; 435c!; Critias 113«; Phüeb. 24c; 49c). Nun 
hat Parmenides schon innerhalb des Seienden eine räumliche Vielheit, die einzelnen 
Stücke des Seienden, unterschieden (VIII, 25 und 47). Zur „Bedeutung" des leichten 
Feuers aber gehört, daß es „oben", zu der der schweren „Nacht", daß sie „unten" 
ist. Er sagt nun hier: die Namen Licht und Nacht wurden je nach ihrer Bedeutung 
diesem und jenem zugeteilt, d. h. es wurde alles, was oben liegt, Liebt, alles, was 
unten liegt, Nacht genannt — und zwar so lange, bis alles mit einem dieser Namen 
belegt, das eine Seiende in die zwei Grunderscbeinungen Licht und Nacht zerfällt war. 

65) Wie in Wahrheit (nach VIII, 24) alles, d. i. die ganze Himmelskugel, mit 
Seiendem, so ist es nun dem Wahne zufolge mit Licht und Nacht erfüllt und unter 
sie zu gleichen Teilen aufgeteilt — mögen nun die von Licht erfüllte „obere" und 
die von Nacht erfüllte „untere" Hälfte der Himmelskugel als ihre „nördliche" und 
„südliche" oder als ihre „äußere" imd „innere" Hälfte zu deuten sein (vgl. o. Aum. 61). 

66) inei otiötrigcoi. fiera jMjoev, wörtlich: denn keinem von beiden ist etwas anderes 
oder aber: denn keinem von beiden ist das Nichts, d. h. ist Leere beigemischt. Sowohl 
dies als jenes muß aber zutreffen, wenn die Worte wirklich die Behauptung begründen 
sollen, daß Licht und Nacht zusammen „alles" erfüllen (IX. 3; daß es sich um die 
Begründung dieser Behauptung handelt, zeigte Lortzing, Jahresber. f. d. Fortsein, 
d. klass. Altertumswiss. 1902, I 257). Wahrscheinlich hat somit Parmenides mit Fleiß 
Worte gebraucht, die geeignet waren, jede Möglichkeit auszuschließen, es könnte, dem 
Wahn zufolge, im All neben Licht und Nacht noch etwas anderes geben. 

67) Daß nicht viel ausgefallen ist, ergibt sich aus den Worten des Simplicius, der 
zwischen VIII, 61 und XII, 1 nicht viel mehr las, als auch wir noch IX, 1 bis 4 lesen. 
Der Auszug des Aetios Vorsokr. 18 A57; den Text habe ich verbessert Vorsokr. 
Nachtr. XXVII, 50: Aetios kennt nur eine mit Dünnem (Feuer) und eine mit 



Psychologische Betrachtungen an griechischen Philosophen 19 

„aufeinander folgenden, die Welt umflechtenden Kronen". „Und 
das sie alle Umfassende sei fest wie eine Mauer", das Himmels- 
gewölbe nämlich, die äußerste „Krone". 

Br. XII, 1 : Denn die engeren wurden erfüllt von lauterem Feuer, a 

Andre von Nacht j 69 doch da fährt ein Teil der Flamme dazwischen \ 7 ° 

Dichtem (Nacht) erfüllte Krone (tijv (.iev ix %0V ägaiov, %i)V de ex tov nvxvov); da 
nun die Feuer-Krone unmittelbar unter dem festen Himmelsgewölbe liegt, zwischen 
ihr und der Nacht-Krone aber sich noch gemischte Kronen einschieben (offenbar 
nimmt in ihnen der Anteil des Feuers stetig ab, der der Nacht ebenso stetig zu), 
so muß die Nacht-Krone die innerste sein. Danach ließ sich der Anfang des Auszugs 
folgendermaßen herstellen: „Parmenides lehrte, es gebe aufeinanderfolgende, die Welt 
umflechtende Kronen, die eine aus dem Dünnen, die andere aus dem Dichten bestehend, 
zwischen diesen aber noch andere, aus Licht und Dunkel gemischt. Und das sie alle 
Umfassende sei fest wie eine Mauer; darunter befinde sich die feurige Krone. Und 
was in ihrer aller Mitte liegt, (sei dicht. Dies umgebe ein Reif, aus beidem, Dünnem 
und Dichtem, gemischt;) diesen wieder die feurige Krone". Aetios, beziehungsweise 
sein Gewährsmann und zuletzt wohl auch Theophrast verstanden demnach unter dem, 
was Parmenides „Oben" und „Unten" nennt, Umfang und Mitte der Himmelskugel 
und deuteten die „Kronen" (oxecpävai) als Kugelschalen — eine Deutung, die wohl 
nicht die einzig mögliche ist, indes durchaus als zulässig gelten muß (orecpüvY) bedeutet 
bei Homer mehrfach einen am Rande ausgezackten Helm: IL VII 11; X 50; XI 95; 
vgl. Hesychios s. v. und bei Herodian V 5, 5 ist von einer tiaraförmigen arecpävi} die 
Rede; vgl. auch Aelian V. H. I 18; das Wort bezeichnet freilich auch kronenartig 
gezackte Diademe, mit denen dann Haarflechten, betürmte Mauern, Zinnen, gezackte 
Bergvorsprünge, Korbränder, überhaupt. Reifen und Ringe verglichen werden: Anthol. 
Gr. VI 274; Eurip. Hec. 910; Anthol. Gr. IX 97 und 151; Eurip. Troad. 785; Polyb. 
VII 16 und 18; II. XIII 157; Polyb. I 56; Apoll. Rhod. II 920; Moschus I 55; Pollux 
V 5 2 /53; lr 59> in vielen Fällen endlich bleibt die Gestalt des „Kronenreifs" unbe- 
stimmt, z.B. IL XVIII 597;- Hesiod, Theog. 578; Aristophanes, Eccl. 1054,; Ritter 968; 
Theophrast, H. pl. V 6, 2; Vita Sophoclis 45 Westermann; Athen. V 202 d heißt eine 
Schau- Krone oierpdvr), deren Höhe sich zu ihrem Umfang wie 2:16 verhält). 

68) Nach dem aus Aetios zu entnehmenden Zusammenhange heißen die Feuer- 
Kronen „enger" im Verhältnis zu dem sie umschließenden Himmelsgewölbe. Da dieses 
als eine ganz dünne Kugelschale gedacht wird, kann die folgende Feuer-Krone, die 
gewiß eine ansehnliche Dicke besitzt, als eine Mehrheit ebenso dünner Kugelschalen 
bezeichnet werden. 

69) ai d'im zatg vvxxög. Wenn wir die Auffassung des Aetios annehmen, sind 
die Nacht-Kronen einfach „die folgenden". Denn der Auszug Vorsokr. 18 A 57 stellt 
einen etwas späteren Zeitpunkt der Weltbildung dar. Hier liegen zwischen den Feuer- 
und den Nacht-Kronen noch gemischte Kronen; allein von dieser Mischung berichtet 
die Göttin erst in der zweiten Hälfte unseres Verses: vor dieser Mischung kann sie 
darum die Nacht-Kronen allerdings als die auf die Feuer-Kronen unmittelbar folgenden 
bezeichnen. 

70) Der vom Himmelsgewölbe eingeschlossene Raum war zur Hälfte von Licht 
oder Feuer, zur Hälfte von Nacht oder Dunkel erfüllt (IX, 5 bis 4; XII, \ bis 2). Nun 
aber dringen — so muß nach dem Wahne der Menschen die Weltbildung vor sich 
gegangen sein, wenn sich unsere so vielfältig gemischte Welt folgerecht a\is zwei 






20 H. Gomperz 

Doch in der Mitte, 71 da ruht die Göttin, die Lenk'rin des Weltalls: 
Überall regt sie Geburt, so reich an Schmerz, an und Paarung. 
5 : Denn, was weiblich, gesellt sie dem Männlichen, daß es sich paare 
Und, was männlich, dem Weiblichen zu 

Es ist Aphrodite, 72 die Göttin der Paarung und damit die einzig 
angemessene Beherrscherin der Welt, wie sie sich dem Wahne der 
Sterblichen darstellt, ja wie sie durch diesen wirklich geworden 
ist: einer Welt des Werdens, in der jedes Gewordene nur als 

Grunderscheinungen soll ableiten lassen — Flammen in das Reich der Finsternis ein 
und damit beginnt jene Mischung von Licht und Dunkel, der unsere Welt, die Welt 
des Werdens und Vergehens, ihren Ursprung verdankt. Diese Mischung begann 
natürlich an der Berührungsfläche von Licht und Nacht (nach Aetios, indem sich 
hier „gemischte", von Licht und Nacht erfüllte „Kronen" bildeten). In dem Augen- 
blick'kber, da von der ersten Mischung die Rede ist, wird sehr passend jener Gottheit 
Erwähnung getan, die allen Mischimgen, aus denen Neues entstehen soll, vorsteht — 
insbesondere also auch jener Mischung, die als Vorbild aller anderen Mischungen 
dieser Art gelten kann: der geschlechtlichen Zeugung. 

71) In der Mitte der genannten „Kronen", somit, wenn diese einander konzentrisch 
umschlossen, auch im Mittelpunkte des Himmelsgewölbes und des Wcltgebäudes 
überhaupt. So hat es auch Simplicius, der die Verse noch in ihrem Zusammenhang 
las, verstanden (*TJV tv fliom nävtav lÖQVIxevw). Der Gewährsmann des Aet.os und 
des Epikureers bei Cicero dagegen (Vorsokr. 18 A 37) muß emen Au " u ? vor 
sich gehabt haben, in dem schon vor der Erwähnung der Göttin von „gemischten 
Kronen" die Rede war. So bezog er denn das £v /tiam tofaav auf diese und ver- 
setzte die Göttin mitten unter die „gemischten Kronen", ja auf Grund eines kaum 
glaublichen, dem klaren Sinn des Gedichts ins Gesicht schlagenden Mißverständnisses 
setzte er sie der mittelsten dieser „gemischten Kronen" gleich (töv öi av^uyav xi)v 
(l*oaiTdxrp>; orbem, qui cingit caclum, quem appellat deum). Über diesen Unsinn konnte 
sich dann Ciceros Epikureer freilich leicht entrüsten! 

72) So wenigstens nennt sie Plutarch (Vorsokr. 18 B 13, denn daß die Göttin, die 
den Eros „erdenkt«, dieselbe ist, wie die XII, 3 genannte, sagt ebendort Simplicius 
ausdrücklich) und auch wir werden der Göttin der geschlechtlichen Paarung schwer- 
lich einen passenderen Namen beizulegen wissen (Doering, Griech. Philosophie I 131), 
es sei denn etwa den jener Göttin „Liebe" (tfddwfff), der Empedokles wohl in Nach- 
ahmimg des parmenideischen Verses XII, 3 eine ähnliche Mittelpunktsstellung ein- 
räumt (Vorsokr. 21 B 55, 4). Der o. Anm. 71 sattsam gekennzeichnete Gewährs- 
mann des Aetios setzt die das All aus seinem Mittelpunkt steuernde Göttin mit der 
Schlüsselhalterin (denn Vorsokr. 18 A 57 ist mit Fülleborn nXriibovioq iu lesen, da 
das überlieferte xAijc-ofl^og sonst nie ohne irgendwelche Beziehung auf eine Land- 
nahme gebraucht wird), der Göttin des Rechts und des Zwanges nur darum gleich, 
weil er aus 1,14; VIII, 14; VIII, 30 und X, 6 meinte herauslesen zu dürfen, daß 
Parmenides auch diesen Göttinnen die Weltherrschaft beigelegt habe. Vgl. auch o. 
Anm. 9, Schluß. Für die Gleichsetzung der göttlichen „Steuerfrau" (Vorsokr. 18 A 37) 
mit Aphrodite beruft man sich übrigens besser nicht auf Vorsokr. 18 B 20, da diese Verse 
nicht unter des Parmenides' Namen überliefert sind und nach der Einführungsformel 






Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 



21 



Ergebnis einer Mischung der beiden Urerscheinungen Licht und 
Nacht und der aus ihnen entstandenen Mischerscheinungen be- 
griffen werden kann — einer Welt also, deren Entstehung ihre 
Weisen und Sänger — Hesiod vor allen! — ganz folgerecht als 
eine stetige Folge von Zeugungsakten und Geburts Vorgängen be- 
schreiben; es ist ja eben die Welt, der jene irrtümliche Zweiheits- 
setzung gegensätzlicher Erscheinungen — des Lichten und Dunklen, 
eben damit aber, wie sich zeigen wird, auch des Weiblichen und 
Männlichen — zugrunde liegt! Und so ist denn auch die erste be- 
sonders angeführte Hervorbringung der die Welt lenkenden Göttin 
dem Wesen der Aphrodite vollkommen angemessen: 

Br. XIII: Und sie erdachte zuerst von allen Göttern den Eros. 73 

Doch scheint es nach einem von Cicero benützten, freilich durch- 
aus schleuderhaften Auszug aus diesem Abschnitt des parmenide- 
ischen Gedichtes, 74 daß hier weiterhin „auch der Krieg, auch die 
Zwietracht, auch die Begierde und all die andern aus derselben 
Sippe" auf dieselbe Göttin „zurückgeführt wurden" : vermutlich als 
die Gottheiten der Trennung, da ja die Wahnwelt des Werdens 
zugleich eine solche des Vergehens ist, das durch Mischung der 
Urerscheinungen Gewordene aber nur durch deren Scheidung ver- 



Hippolyts (<5 noirftric öe (prjOiv) eher einem dem Orpheus beigelegten Gedicht ent- 
stammen werden. Eine weltbeherrschende Stellung der Aphrodite konnte aber Par- 
menides auch bei Hesiod aus doppeltem Grunde zu finden glauben: nicht nur wird 
dort wirklich fast alles Entstehen als ein Geboren- und Erzeugtwerden dargestellt, 
sondern es heißt auch vom Eros, daß er den Sinn aller Menschen und Götter 
bezwinge (Theog. 129), bald darauf aber wird ebenderselbe bloß ein Begleiter der 
Aphrodite genannt (Theog. 201). 

73) Daß dem Eros bei der Weltbildung eine entscheidende Rolle zufiel, ist kein 
dem Parmenides eigentümlicher Gedanke: er fand ihn sowohl bei Hesiod (Theog. 120) 
wie auch bei Akusilaos (Vorsokr. 75 B 1 bis 5). 

74) Vorsokr. 18 A 57; vgl. o. Anm. 71. Ciceros überlieferte Worte bedürfen keiner 
Änderung : „Nam Parmenides commenticium quiddam (seil, deum voluit esse) : coronae similem 
efficit — Stefanen appellat — , continentem ardorem Iuris, orbem, qui cingit caelum, quem 
appellat deum . . . mullaque eiusdem monstra" (und viele Ausgeburten desselben Kreises) 
„quippe qui bellum, qui discordiam, qui cupiditatem ceteraque generis eiusdem ad deum revocat". 



2 2 H. Gomperz 



gehen kann. Wie nun dem menschlichen Wahn zufolge durch 
Mischung und vielleicht auch durch Scheidung von Licht und Dunkel 
Himmel und Erde entstanden sind, das legte die Göttin des Tages 
dem Dichter im einzelnen dar. Sie verhieß ihm, er werde erfahren, 

Br. XI, i : Wie die Erde, die Sonne, der Mond, die Helle des Himmels, 

Wie der Bogen von Milch, wie des Weltalls äußerster Gipfel 
Und die Glut der Gestirne hervor zum Werden sich drängten; 
Br. X, 1: Wirst das Wesen erkennen der himmlischen Helle, darin die 
Sämtlichen Bilder; das dörrende Werk, das die heilige Sonne 
Üht mit weißlichem Schein und wie's zustandegekommen; 
Lernen des rundäugigen Mondes Wesen und Umlauf; 
5 : Wirst den Himmel versteh'n, der ringsum alles umfaßt hält, 
Fassen, woraus er erwuchs, wie (des Zwanges Gewalt) ihn gefesselt, 
Grenze der Sterne zu sein — — — /0 

Darüber, wie die Göttin diese Verheißung einlöste, unterrichten 
uns fast nur ein paar dürftige Auszüge, 76 hochwichtig für die Ge- 
schichte der Astronomie, doch für unsern augenblicklichen Gesichts- 
punkt wenig belangreich. Jedenfalls sprach sie dabei von 

Br. XV a: — — — — der im Wasser wurzelnden Erde 

und zwar in Versen, in denen das spätere Altertum die erste Er- 
wähnung der Kugelgestalt der Erde, ja ihrer Einteilung in eine 
kalte, gemäßigte und heiße Zone fand 77 und kleidete die damals 
neue Erkenntnis, daß der Mond sein Licht von der Sonne erborgt, 
in zwei Verse, die Verse Homers aufs witzigste parodieren: 

75) In dem siebenfüßig überlieferten Vers X, 6: Zvftev fdv yäg lyv ys y.al &g 
luv äyova' ineöyaev 'Aväyxnlntigaz'lzniv äargcov . . . darf man nicht fitv yäg tilgen 
wollen (wem wäre es eingefallen, diese Wörtchen in einen heilen Vers einzu- 
schieben?), sondern 'Avdyx.11 ist als erklärender Zusatz des Clemens „außerhalb der 
Anführungszeichen" anzusehen: 'Avdyxrj wird wirklich Subjekt zu äntötjOHV gewesen 
sein, aber erst nach äotgav, vielleicht am Ende des Verses 7, gestanden haben. 

76) Vorsokr. 18 A 57 bis 43 a. 

77) Vorsokr. i8A 1/21; A 44 bis 44* und Nachtr. XXVII, 35. Gegen die Glaub- 
würdigkeit der Nachricht, daß schon Parmenides von der Kugelgestalt der Erde 
wußte, Patin, Parmenides im Kampfe gegen Heraklit, S. 611 und neuerdings Erich 
Frank, Plato u. d. sog. Pythagoreer, S. 198 f. 






Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 



Br. XV: Auslug hält er stets nach den goldenen Strahlen der Sonne 
Br. XIV: Und umirrt, nachthell durch das Licht, das er borgte, die 

Erde.? 8 

Dann wandte sich die Göttin der Entstehung der lebenden Wesen 
zu, die unter der Einwirkung der Sonnen wärme aus der Erde 
hervorgewachsen sein sollten 79 und legte dar, daß sich auch heute 
noch Gedächtnis und Denkkraft des Menschen nach dem Verhältnis 
richtet, nach dem in ihm Licht und Dunkel, Kälte und Wärme 
gemischt sind: 80 im Schlaf und im Alter nimmt mit der Wärme 
auch die Denkkraft ab, 81 im Tod erlischt sie mit ihr völlig, höchstens 
eine ärmliche Empfindung für Dunkel, Stille und Kälte bleibt im 
Leichnam zurück: 82 

-Br. XVI, 1: Denn wie gerade die schwankenden Glieder zusammengesetzt 

sind, 8 ^ 
So gestaltet sich auch der Menschen Erkenntnis: nur eines 



78) Um die Art der Parodie zu kennzeichnen, versuche ich die Wortspiele wieder- 
zugeben und bilde daher die beiden Homerverse sehr frei so nach: 

Od. XII 235 : Auslug hielt ich stets nach dem dunstumflossenen Festland. 

II. V 214: Denn gleich streckt er mich dann mit dem Schwert, das er borgte, 

zur Erde. 

70) Dies ergibt sich aus Vorsokr. 18 A 1/22 (wo yevEOlv re äv-ÜQtiaav i£ 
■))?.Cov KQÜnov yeVEoftat nicht anzutasten und im folgenden vielleicht: [6xoi%ela ttav"] 
abröv de ürcdo^stv %ö ftsQ^öv xal %b yvxQOv ... zu lesen ist), verglichen mit A 51 
bis 53. 

80) Vorsokr. 18 A 46. 

81) Vorsokr. Nachtr. XXVII, 42. 

82) Vorsokr. 18 A 46. 

83) &g yäg txdoxox'ezM xQäaiv ftsfj&v aoXvnXdyxtW. Subjekt zu l%ei ist ein, 
wenn nicht aus dem Vorhergehenden, so doch aus dem folgenden Av&Qf&flOlOt zu 
entnehmendes äv&Qaziog. „Die Glieder" schon bei Homer Bezeichnung des lebendigen 
Menschenleibes {o&fia. bei Homer die Leiche. II. XXIII 191 sind fittea ausnahmsweise 
einzelne Teile der Leiche. Sonst klingt der Gedanke an eine Mehrheit von Gliedern 
meist nur nebenbei an und fehlt häufig ganz, z. B. II. VII 151; XIII 671; XVI 607; 
XXIII 880; Od. XI 201; XV 554), ganz ähnlich aber auch noch bei Pindar (z.B. 
Pyth. III 48; Nem. I 70; XI 15; Frg. 131, 4) und Aischylos (z. B. Pers. 991 ; Eumenid. 265), 
ja auch noch bei Empedokles (spricht er doch Vorsokr. 21 B 27 a un d E 30, 1 sogar 
von den Gliedern" des Sphairos, an dem doch nach B 29, 3 keine Teile unter- 
scheidbar sind). Und dieser Leib heißt „schwankend", weil er vielfacher Täuschung 
ausgesetzt ist (vgl. Od. XX 105; Sophokles, Antig. 615; Parm. VI, 5). 



24 H. Gomperz 



Ist's ja, was in den Menschen denkt — in allen und jedem — , 8+ 
Nämlich der Glieder Natur: was vorwiegt, ist die Erkenntnis! 85 

Endlich legte die Göttin, wie es scheint, noch ziemlich ein- 
gehend die Physiologie und Pathologie der menschlichen Fort- 
pflanzung dar und die Ansichten, die ihr Parmenides über diesen 
Gegenstand in den Mund legte, stellen offenbar eine erhebliche 
Verwicklung und Verfeinerung der schon zu seiner Zeit gang und 
gäben Vorstellungen dar. 86 In allen Einzelheiten lassen sie sich 
leider nicht mehr mit voller Sicherheit wiederherstellen, 87 doch gibt 



84) Also im Menschen als Gattung wie als Einzelwesen. Als Gattung zeichnet er sich 
vor den Tieren und Pflanzen, ja auch vor den unbelebten Gegenständen (Vorsokr. 18 A46) 
durch seine größere Denkkraft aus, die auf seinen größeren Anteil an Wärme zurückzu- 
führen ist. Was aber den Menschen als Einzelwesen betrifft, so beruht auf demselben 
Vorzug die größere Denk- und Gedächtniskraft (ebd.) des Lebenden vor dem Toten, 
des Wachen vor dem Schlafenden, des Jungen vor dem Alten (vgl. o. Anm. 81 bis 82),' 
vielleicht auch des Begabten vor dem Unbegabten (vgl. Vorsokr. 21 A 86/11). 

85) Der Mensch erkennt, soweit die Wärme die Kälte überwiegt. Diese „materialisti- 
sche Erkenntnispsychologie" des Parmenides beurteilt man indes unrichtig, wenn man 
sie als seine eigene Überzeugung hinstellt (vgl. Nestle bei Zeller, Pli. d. Gr. I 1«, 721 ° 
und 721 '); sie bildet nicht nur überhaupt ein Stück des menschlichen Wahnes, sondern 
ist an und für sich selbst den Grundlehren der „Wahrheit" unmittelbar entgegen- 
gesetzt. Diesen zufolge gibt es keinen anderen Gegenstand der Erkenntnis als das 
eine, unveränderliche Seiende, gibt es also auch nur eine einzige, unveränderliche 
Erkenntnis. Wer sich zu dieser Lehre bekannte, konnte der Anschauung, der Menschen 
Erkenntnis wechsle, je nachdem „wie gerade die schwankenden Glieder zusammen- 
gesetzt sind", nur grimmige Mißachtung entgegenbringen, sie konnte ihm nur als 
das würdige Schlußstück jenes Wahnes erscheinen, der sich von dem einzig wahren 
Erkenntnisgegenstand schon im Augenblick seines Entstehens abgewandt hatte! 

86) Vorsokr. 18 A 55 bis 54; B 17 bis 18; vgl. Vorsokr. 14 A 13 bis 14. 

87) Denn die Notiz des Aetios V 7, 4 = Vorsokr. 18 A 53, wenn rechts gebildeter 
Same in der linken Gebärmutterhälfte, links gebildeter in der rechten empfangen 
werde, würden Mädchen* geboren (und also offenbar Knaben bei Empfängnis in der 
gleichen Körperhafte), läßt sich mit den übrigen Berichten nicht vereinigen und so 
bleibt bei dem Versuch, diese widersprechenden Darstellungen miteinander zu ver- 
söhnen, dem Belieben des einzelnen Forschers ein gewisser Spielraum eröffnet. Ich 
glaube meiner Wiederherstellung des parmenideischcn Gedankenganges des Dichters 
eigene Worte (XVII) und die damit vortrefflich zusammenstimmenden Berichte des 
Aetios und des Lactanz (Vorsokr. 18 A 54) zugrunde legen zu müssen und nehme an, 
daß Aetios V 7, 4 = Vorsokr. 18 A 53 in übermäßiger Verkürzung einen Bericht wieder- 
gibt, der ursprünglich etwa besagte: „Parmenides lehrte, rechts gebildeter Same 
ergieße sich in die rechte Gebärmutterhälfte (wo sich dann ein Knabe entwickle), 
links gebildeter in die linke (wo dann ein Mädchen entstehe). Werde aber die 
Richtung des Ergusses vertauscht, so würden (im ersten Fall) weiblich (geartete 
Knaben) geboren (im zweiten männlich geartete Mädchen)". 






. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 2 5 

wahrscheinlich folgender Gedankengang ihren wesentlichen Inhalt 
wieder: Entscheidend für das Geschlecht des Kindes ist die Körper- 
hälfte des Vaters, in der sich der Same gebildet hat: 

Br. XVII: Rechts (nämlich werden) die Knaben erzeugt, links aber die 

Mädchen. 88 

Regelmäßigerweise gelangt aber der im Vater rechts gebildete 
Same auch in die rechte Hälfte der Gebärmutter (und umgekehrt): 
der Keim ist dann von beiden Eltern her zum Knaben (oder zum 
Mädchen) bestimmt; solche gleichbestimmte Keime verschmelzen 
leicht und vollständig miteinander und entwickeln sich zu Kindern 
von ausgeprägter Männlichkeit (oder Weiblichkeit). Gelangt dagegen 
ausnahmsweise rechts gebildeter Samen in die linke, links gebildeter 
in die rechte Hälfte der Gebärmutter, dann findet nur eine schwierige 
und unvollständige Verschmelzung solcher, mit ungleicher Geschlechts- 
bestimmung behafteten Keime statt: es wird zwar — entsprechend 
der entscheidenden Bedeutung der väterlichen Körperhälfte — im 
ersten Fall ein Knabe, im zweiten ein Mädchen geboren, allein einem 

88) Galen bezog diese Worte auf die beiden Hälften der Gebärmutter. Allein mit 
dieser Auffassung streitet nicht nur die Darstellung des Lactanz, der ganz offenbar 
unter „männlichem" und „weiblichem" Samen den (im Vater) rechts und links 
gebildeten versteht, vielmehr auch das klare Zeugnis des Aetios, beziehungsweise 
des Censorin (Vorsokr. 18 A 55), demzufolge in der rechten Gebärmutterhälfte 
empfangene Kinder dem Vater, in der linken empfangene der Mutter ähnlich sein 
sollen; denn daß Parmenides nicht bloß Knaben den Vätern, Mädchen den Müttern 
ähnlich sein ließ, erhellt aus seinen eigenen Worten (XVIII, 5 bis 6). Parmenides 
spricht somit in Bruchst. XVII entweder ausschließlich oder doch vorwiegend von 
den Körperhälften des Vaters (als Regel galt ihm ja, daß rechts gebildeter Same 
auch rechts empfangen wird, Aetios V 7, 4 = Vorsokr. 18 A 55) und was Aetios, be- 
ziehungsweise Censorin a. a. O. sagen wollen, ist dies, daß rechts empfangene Kinder 
entweder Knaben oder doch männlich geartete Mädchen sind, links empfangene 
entweder Mädchen oder doch weiblich geartete Knaben (je nachdem sichs nämlich 
in beiden Fällen um rechtsgebildeten, d. i. „männlichen", oder linksgebildeten, d. i. 
„weiblichen" Samen handelt). Die Frage nach den Gründen individueller Ähnlich- 
keit (zwischen dem Kind und einem seiner Eltern in Beziehung auf einzelne 
leibliche oder geistige Eigenschaften) hat Parmenides wohl kaum beschäftigt: nicht 
nur die Auszüge aus seinem Gedicht sprechen geg n eine solche Deutung, sondern 
auch seine eigenen Worte (XVIII). Empedokles freilich soll auch dies Problem schon 
beschäftigt haben (Vorsokr. 21 A 81). 









— j 

solchen Knaben haften noch von seiner Mutter her weibliche, einem 
solchen Mädchen haften von seinem Vater her männliche Eigen- 
schaften — und zwar ebenso des Geistes wie des Leibes — an: 

Br. XVIII, 1: Wenn der Mann und das Weib die Keime der Liebe vermischen, 
Die in den Adern der beiden aus ihrem Blut sich gebildet, 9° 
Wächst, wenn die Keime verschmelzen, ein wohlgebildeter Körper. 
Doch wenn das doppelte Wesen uneins bei des Samens Vermischung 
5: Bleibt und am werdenden Leib zur Einheit nicht sich verbindet, 
Dann wird nach der Geburt ihn zwiefache Artung zerrütten. 91 

Unter dieser „zwiefachen Artung" ist nicht etwa wahres Zwitter- 
tum zu verstehen, 92 vielmehr ist das gemeint, was Lactanz, der 

89) Vorsokr. 18 A 54; vgl. Anm. 88. 

90) Die Lehre von der Bildung des Samens, beziehungsweise des entsprechenden 
weiblichen Keims (den nach Vorsokr. 14 A 13 Parmenides wie schon vor ihm Alkmaion 
und nach ihm Anaxagoras und Empedokles amiahm) aus dem elterlichen Korper wird 
in jener Zeit von dem Gedanken beherrscht, da durch die Zeugung auf das Kind 
auch die Denkkraft der Eltern übertragen wird, müßten in den Samen jene Stoffe 
eingehen, die als Trager dieser Denkkraft gelten: Alkmaion, dem das Gehirn als 
dieser Träger galt, hielt den Samen für eine Absonderung des Gehirns (Vorsokr. 14 
A »); Pvthagoreer, die diese Ansicht übernahmen, jedoch als den eigentlichen Trager 
der Erkenntnis den warmen Hauch betrachteten, erklärten den Samen für einen 

Tropfen Hirn, der etwas warmen Hauch umhülle": aus dem Hirn erwachse der 
Leib, ans dem Hauch die Seele (Vorsokr. I, Nachtr. XLIII, 19 bis 25); für Parmenides 
ist die Denkkraft an die Wärme des Körpers, also, wie es nach ihm Empedokles 
aussprach, an das Blut gebunden (Vorsokr. 21 B 105, 5% daher ist es nur folg««**. 
wenn er aus dem Blut auch den Samen hervorgehen läßt. 

91) Dirae I Nascentem gemino vexabunt \semine sexum (Brachst. XVIII ist uns nur in 
lateinischer Übersetzung erhalten). 

92) Ebensowenig gleichgeschlechtliche Liebesneigung, wie es der Übersetzer, Caelius 
Aurelianus, verstand (indem nämlich „zwiefache Artung" auch von dem weiblich 
empfindenden Mann, der männlich empfindenden Frau gesagt sein könnte). Diels, 
der dies als irrig erkannte (Parm. S. 116), dachte an körperliches Zwittertum. Allein 
gegen beides spricht in gleicher Weise, daß der einzige andere Autor des fünften 
Jahrhunderts, der aus Verschiedenheiten der Keimentwicklung Unterschiede der 
Männlichkeit und Weiblichkeit ableitet ^Hippocrates de victu c. 28 bis 29 = VI 501 ff. 
LÜfetY, unter diesen Unterschieden nur verschiedene Grade leiblicher und geistiger 
„Männlichkeit« und „Weiblichkeit" versteht (er unterscheidet je drei Stufen der 
Männlichkeit und Weiblichkeit: geistig hervorragend und körperlich kräftig; weniger 
hervorragend, indes immerhin noch mannhaft; weibisch — sehr weiblich und Wohl- 
gestalt; etwas dreist, indes immerhin noch sittsam; Mannweiber). Ferner bemerkt 
Piaton (Gastm. 189 <0 ausdrücklich, Zwitter habe es zwar in Urzeiten gegeben, zu 
seiner Zeit jedoch werde der Ausdruck „Weibischer Mann" ausschließlich als Schimpf- 
wort (also zur Kennzeichnung von Feiglingen) gebraucht. Über das Zeugnis des Lactanz 
endlich vergleiche die folgende Anmerkung. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 27 

hier offenbar aus uns verlorenen Versen des Parmenides schöpft, 93 
folgendermaßen ausdrückt: „Wenn zufällig in die linke Gebär- 
mutterhälfte der Samen eines männlichen Kindes gelangt, entsteht, 
so ist die Meinung, zwar ein Knabe, allein weil er auf der weib- 
lichen Seite empfangen wurde, hat er mehr Weiblichkeit an sich, 
als die männliche Würde zuläßt, sei es schöne Formen oder allzu 
lichte Hautfarbe oder geringes Körpergewicht oder zarte Gelenke 
oder Ideine Gestalt oder schwache Stimme oder scheue Gemütsart 
oder auch mehr als eine dieser Eigenschaften. Und ebenso, wenn 
der Samen eines weiblichen Kindes in die rechte Hälfte einströmt, 
so werde zwar ein Mädchen geboren, aber weil es auf der männ- 
lichen Seite empfangen wurde, habe es mehr Männlichkeit an sich 
als mit der Eigenart dieses Geschlechtes verträglich ist: kräftige 
Gliedmaßen oder übermäßige Größe oder dunkle Hautfarbe oder 
haariges Gesicht oder unsittigen Blick oder rauhe Stimme oder 
frechen Sinn oder auch mehr als eine dieser Eigenschaften." — 
Die Rede der Tagesgöttin und mit ihr allem Vermuten nach auch 
das parmenideische Lehrgedicht 9 * schloß mit diesen Worten: 

Br. XIX, 1 : So nun ist (all) dies nach dem Wahne (der Menschen) entstanden, 
Ist so und wird auch künftig noch wachsen und endlich vergehen ; 
Aber auf jedes drückte der Mensch das Mal eines Namens. 

Die erste psychologische Bemerkung, die ich an diesen Sach- 
verhalt knüpfen möchte, geht von der parmenideischen Theorie 
der Geschlechtsbestimmung aus: wenn hier männliche Eigenschaften 
des Körpers wie des Gemütes als „zerrüttende" Störung der weib- 
lichen Eigenart erscheinen, so ist es ganz offenbar, daß der Dichter 



95) Vorsokr. 18 A 54. Zwar nennt Lactanz den Parmenides nicht, allein woher 
hätte er sonst die nur für diesen bezeugte Lehre von der regelmäßigen und ausnahms- 
weisen Richtung des Samenergusses? 

94) Höchstens einige Verse, mit denen die Göttin den Dichter entläßt, könnten 
auf XIX, 5 noch gefolgt sein; daß er auch seine Rückfahrt zur Erde geschildert 
hätte, ist zwar gewiß denkbar, doch nicht eben walirscheinlich. 



a8 H. Gomperz 






selbst das „weibliche Weib" bevorzugt: wenn wir die Ausführungen 
des Lactanz mit Recht auf ihn zurückführen, so wissen wir sogar, daß 
ihm kleine Hände und Füße, eine nicht mehr als mittelgroße Gestalt, 
lichter, zarter Teint, eine helle Stimme, niedergeschlagene Augen 
und eine schüchterne Gemütsart als Kennzeichen des „wahren", 
also des begehrenswerten Weibes erschienen. Er liebt das „weib- 
liche Weib", war also aller Wahrscheinlichkeit nach selbst ein 
„männlicher" Mann. Schon daraus dürften wir schließen, daß 
seine Empfänglichkeit für Knabenschönheit kaum besonders groß 
gewesen sein wird und in der Tat lehnt er ja auch gerade die 
Eigenschaften ab, die den Knaben vom Manne unterscheiden und 
ihn dem Mädchen ähnlich machen; weibliche Eigenschaften „zer 
rütten" die männliche Eigenart: den wahren Mann denkt er sich 
(nach Lactanz) etwas eckig und braungebrannt, massig und kräftig, 
die Gestalt groß, die Stimme tief, ein furchtloses Gemüt. Die 
Veranlagung, die sich hierin ausspricht, ist. der gewöhnlichen des 
griechischen Knabenliebhabers gerade entgegengesetzt; das von Piaton 
erwähnte Gerücht, Parmenides sei Zenons Liebhaber gewesen, wird 
demnach wohl bloßes Gerede gewesen sein: allem Vermuten nach 
galt seine Liebe dem weiblichen Geschlecht. 

Diese Vermutung wird nun durch einen zweiten Umstand in 
überraschender Weise bekräftigt. Die Überlieferung drängt uns 
nämlich den Schluß auf, daß dem Parmenides das weibliche 
Geschlecht als das geistig begabtere gegolten hat. Wir 
erinnern uns ja, daß seiner Auffassung nach die geistige Begabung 
des Menschen davon abhängt, ob und in welchem Maße in ihm 
das Lichte und Warme das Dunkle und Kalte überwiegt, und da 
ihm eben Licht und Wärme als die Quelle des menschlichen Denkens 
gelten, so denkt er sich denn auch, der Mensch sei unter der Ein- 
wirkung der Sonne aus der Erde hervorgewachsen. Mit diesen An- 
schauungen nun steht er in seiner Zeit keineswegs allein und wer 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 29 

die gewöhnliche Ansicht von der höheren geistigen Begabung des 
Mannes teilte, dem ward es nicht schwer, sie mit dieser Ansicht 
übereinzustimmen. Empedokles z. B. lehrte, nur wenige Jahrzehnte 
nachdem Parmenides sein Gedicht verfaßt hatte, der Mann sei durch 
Wärme gekennzeichnet, das Weib durch Kälte, daher seien denn 
auch die ersten Männer in heißen Gegenden entstanden, die ersten 
Weiber in kalten. 95 Parmenides dagegen lehrte gerade um- 
gekehrt — Aristoteles selbst bezeugt's uns 96 — , das Weib sei wärmer 
als der Mann. Und demgemäß ließ er denn auch 97 „die ersten Weiber 
im Süden aus der Erde sprießen wegen ihrer Feinheit, die ersten 
Männer dagegen im Norden wegen ihrer Dichtigkeit". Das ist auch 
durchaus begreiflich, wenn wir bedenken, daß Parmenides von allem 
Anfang an das Licht als die feine und leichte, das Dunkel als die 
dichte und schwere Erscheinung bezeichnet: es war nur folgerecht, 
wenn er dann auch die weibliche Zartheit durch ein Mehr von 
Licht, die männliche Plumpheit durch ein Mehr von Dunkel 
bestimmt glaubte. 98 Es war aber auch nur folgerecht, wenn er 
dann dem Weib auch die höhere Denkkraft zuschrieb, hatte er 
doch der Nacht die der Erkenntnis hinderliche „Dumpfheit' als 
eines ihrer wesentlichen Merkmale beigelegt. 99 Ja, was noch weit 
mehr besagt, schon in der Einleitung des Gedichtes ist die Fahrt, 
die den Dichter der Erkenntnis entgegenführen soll, zugleich 
eine Fahrt aus dem Dunkel „ins Licht", sie, die ihn diesem 
Ziele zufahren, sind Licht-Mädchen, die Töchter der Sonne, 
und sie, die ihm endlich die volle Belehrung erteilt, ist selbst ein 

95) Vorsokr. 21 A 81; B 65; B 67. 
' 96) Vorsokr. 18 A 52. 

97) Vorsokr. 18 A 53. 

98) Heißt es an der Anm. 97 genannten Stelle: rä de TCQÖg Talg fiEarjßßgCaig ih)Xea 
(ßXaaTijaai) .taoct ttjv ägaiÖT^va, so könnten die letzten Worte ebensowohl auch 
lauten: naga zyv änaXöx^ta. Offenbar fallen für den Dichter die beiden Ausdrücke, 
in ihrer Anwendbarkeit aufs Weib, so gut wie zusammen. 

99) vvxi'&bai), VIII, 59. 



3° 



H. Gomperz 



Weib und ein Lichtwesen zugleich: Hemera, die Göttin des 
Tages! Konnte der Dichter deutlicher zum Ausdruck bringen, daß 
er zum Weib aufblickte wie zu einer ihm auch geistig überlegenen 
„Lichtgestalt", als indem er seine ganze Lehre einem weiblichen 
Lichtwesen, der Tagesgöttin, zuschob? 

Dazu kommt nun eine dritte Beobachtung, vielleicht die merk- 
würdigste von allen: nicht nur die Gottheit, die den Parmenides 
belehrt, ist weiblich — es kommen (und von dieser Regel gibt 
es so gut wie keine Ausnahme) in seinem Gedicht überhaupt 
nur weibliche Gottheiten vor! Denn weiblich wie die Göttin des 
Tages ist auch die der Nacht (I, 9), weiblich sind die Sonnentöchter 
(I, 8 5 1, 1 5), weiblich die Gottheit des Rechts (1, 1 45 1, 28 ; VIII, 1 4) wie 
auch die der Pflicht (I, 28), die Belehrung wie die Wahrheit. (IV, 4), die 
Zwangsgewalt (VIII, 30; X, 6) und die Parze (VIII, 57). Man kann 
einwenden, dies seien fast durchwegs vergöttlichte Abstraktionen, 
und Abstraktionen seien eben im Griechischen großenteils weiblich. 
Allein diese Einwendung versagt doch völlig gegenüber jener Göttin, 
die Parmenides in die Mitte des Himmels setzt und ausdrücklich 
als die „Lenk'rin des Weltalls" bezeichnet (XII, 5): sie ist so wenig 
eine bloße Abstraktion, daß (zumindest wo sie zuerst erwähnt ward) 
nicht einmal ihr Name genannt wird 5 daß aber so einer weiblichen 
Gottheit jene Herrscherstellung zufällt, die sonst „der Vater der 
Götter und Menschen" einzunehmen pflegt, das kann doch 
unmöglich ein Zufall sein, ja dies würde, so scheint mir, schon 
für sich allein den Schluß rechtfertigen, daß der Dichter, 
der diese Zeilen niederschrieb, das Weib ganz ungewöhnlich 
hoch gestellt haben muß. Nun aber ist diese Göttin, die das 
All lenkt, überdies dieselbe, die überall Geburt anregt und 
Paarung: 

Denn, was weiblich, gesellt sie dem Männlichen, daß es sich paare 
Und, was männlich, dem Weiblichen zu. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 5 1 

Es ist also die Göttin der Liebe, und zwar der Liebe zum anderen 
Geschlecht, der die Weltherrschaft eingeräumt wird, und daß sie 
ihr an Zeus' Stelle zufallt, haben auch schon die Alten bemerkt, 
denn Empedokles, wo er den von Parmenides geschilderten Welt- 
zustand als den einer fernen Urzeit hinstellt, schildert ihn mit den 
Worten: 100 

Jene kannten den Kriegsgott nicht, nicht den Gott des Getümmels, 
Kannten nicht Zeus, den König, nicht Kronos und nicht Poseidon, 
Sondern es herrschte Kypris allein, (die Göttin der Liebe). 

Alle Gottheiten also, die Parmenides kennt, sind weiblich. Die 
einzige Ausnahme, die es von dieser Regel gibt, ist eine solche, 
die sie bestätigt: der einzige Gott nämlich, dessen Namen wir in 
seinem Gedichte lesen, ist — Eros! (XIII). 101 Über ihnen allen aber 
thront als höchste der weiblichen Gottheiten — die Liebe zum 
Weibe! 

Fassen wir diese Beobachtungen zusammen, so dürfen wir sagen: 
die Welt des Parmenides erweist sich unverkennbar als die Ver- 
körperung einer wohl durchaus unbewußten, allein deswegen nicht 
weniger kräftig entwickelten, ausschließlich dem anderen Geschlechte 
zugewandten Erotik. Das weibliche Weib ist das vollkommene Weib. 
Und dies vollkommene Weib ist auch begabter, überhaupt voll- 
kommener als der Mann, denn in ihm ist weit mehr von dem 
enthalten, was wir wohl das weibliche Prinzip nennen dürfen: 
das Prinzip des Feinen, Zarten, Lichten, Verständigen, das offen- 
bar unvergleichlich wertvoller ist als das entgegengesetzte raänn- 

100) Vorsokr. 21 B 128. 

101) Neben diesem mag freilich an weniger hervorragender Stelle noch ein männ- 
licher Kriegsgott gestanden haben, wenn anders bei Cicero (Vorsokr. 18 A 57), wie 
es ja gewiß am nächsten liegt, „Bellum" als Übersetzimg von J7ö7.£jiiOC axifzufassen ist 
(die dort weiter genannte Discordia läßt auf eine Göttin Eris schließen; Cupiditas 
bezieht Diels auf Eros, Parmenides kann indes auch von einer 'ETCl'&v/.lla oder der- 
gleichen gesprochen haben). 



■Z2 



H. Gomperz 












liehe Prinzip: das des Festen, Plumpen, Dunkeln, Verstandlosen. 102 
Diese beiden Prinzipien aber sind die Grunderscheinungen der 
Welt ; aus ihrer Vereinigung entsteht alles 5 der Trieb, der sie zu- 
einander zieht, sie paart, ist die höchste Weltmacht, die oberste 
Gottheit! 

Und nun die vierte und letzte Beobachtung, jene, um derent- 
willen alles Bisherige gesagt ist, die uns erst an das wahre Problem 
heranführt, um uns — oder doch um mich — dort fast ratlos 
zu verlassen: diese die Geschlechtsliebe verkörpernde, von der 
Geschlechtsliebe beherrschte Welt — lehnt Pannen ides ab! Er 
verwirft sie aufs schärfste, erklärt sie für unwirklich, für eine 
bloße Ausgeburt menschlichen Wahnes. Und was diesen Wahn als 
Wahn kennzeichnet, ist eben dies, daß er zwei gegensätzliche 
Grunderscheinungen annimmt, diese sich miteinander paaren läßt, 
an diese Paarung Geburt, Entstehung, Werden geknüpft denkt. 
In der wahren Welt, so versichert er immer wieder, gibt es kein 
Werden, kein Entstehen und Vergehen; in ihr gibt es auch nicht 
eine Zweiheit von Erscheinungen, die sich miteinander paaren 
könnten, so daß dann aus dieser Paarung ein Neues hervorginge. 

102) Theophrast (Vorsokr. 18 A 7) sagt, Parmenides habe das Dichte und Kalte 
als das „stoffliche" Prinzip gedacht, das Dünne und Warme dagegen als „das Wir- 
kende und Tätige". Stammten diese Ausdrücke von Parmenides selbst, so könnte die 
Frage aufgeworfen werden, ob darin nicht ein Widerspruch gegen die von mir vor- 
ausgesetzte mehr weibliche Natur des Lichtes, die mehr männliche des Dunkeln liege. 
Nun bringt es ja aber das Wesen der Sache mit sich, daß man eine Mischung von 
Licht und Dunkel eher auf das Eindringen von Lichtstrahlen in die Finsternis als 
auf den umgekehrten Vorgang zurückfuhren wird. So schreibt denn auch Parmenides 
XII, 2 : Da fährt ein Teil der Flamme dazwischen. Aus diesen Worten und etwa noch 
aus einigen andern, ähnlichen glaubte dann Theophrast den „stofflichen" Charakter 
des Dunkeln, den „wirkenden" des Lichten bei Parmenides ableiten zu können, was 
ihm dann spätere Doxographen ohneweiters nachsprachen (Vorsokr. 18 A i;*Aä3\ 
Scheut er sich doch auch nicht, die Grunderscheinungen des „Wahnes" ohneweiters 
„Feuer und Erde" zu nennen, was Aristoteles noch nicht wagte („Er setzt zwei Ur- 
sachen . . ., Warmes und Kaltes, womit er etwa Feuer und Erde meint, olov 
nvQ xai yfjv Xeyav, Vorsokr. 18 A 24} und was Simplicius, da er den Wortlaut des 
Gedichts vor sich hatte, alsbald berichtigte (uQq xal yijv 4) fiäV.ov q>ä>g xai axöiog, 
Vorsokr. 18 A 34), 



' 



Psychologische B eobachtungen an griechischen Philosophen 

In dieser wahren Welt gibt es nur eines und dies eine ist ein 
Sächliches: das „Seiende", dies eine sächliche Seiende aber ist 
unentstanden und unvergänglich, ewig unveränderlich und unbe- 
weglich . . . Parmenides glaubte diese Sätze aus dem Begriffe des 
Seins ableiten zu können: man braucht nicht Psychoanalyse studiert, 
man braucht nur Nietzsche gelesen, nur die Luft des zwanzigsten 
Jahrhunderts geatmet zu haben, um zu wissen, daß niemand aus 
rein und ausschließlich logischen Gründen das Zeugnis seiner eigenen 
Sinne verwirft. Allein, wenn ich mich nun frage: woher erhob sich 
in diesem in der Vollkraft der Jahre stehenden, anscheinend von 
gesunder Erotik erfüllten Manne die Kraft, die ihn dazu ver- 
mochte, den Augenschein zu leugnen, die Welt, in der sich für 
ihn sein durchaus gesundes Fühlen verkörperte, für bloßen Wahn 
zu erklären — dann versagt mir die Antwort. Gewiß wird man 
annehmen dürfen, daß Parmenides, indem er die Welt verwarf, 
in der sich ihm seine Erotik verkörperte, sich eben auch gegen 
diese Erotik aufgelehnt, in dem Gedanken an das eine, ewige, 
sächliche Seiende Befreiung von ihr gesucht und vielleicht auch 
gefunden hat. 103 Allein die aufgeworfene Frage ist damit nicht be- 
antwortet: woher kam dem Parmenides der Wunsch, nach einer 
solchen Befreiung zu streben? Woher kam ihm die Kraft, sie ins 
Werk zu set zen? . . . Habe ich es wahrscheinlich gemacht, daß für 

103) Vielleicht darf hier auch an die auffallenden Worte erinnert werden, mit 
denen (nach Vorsokr. 18A1) Sotion berichtete, daß Ameinias den Parmenides für die 
pythagonsche Lebensweise gewonnen habe : dieser, sagte er, sei von jenem „für die 
Stille gewonnen worden« - Worte, durch die, wie ich schon sagte (vgl. 0. Anm. 5), 
vielleicht noch eine Zeile der Inschrift .auf dem Grabtempelchen durchscheint, das 
Parmenides dem Ameinias errichtet hat: 

Da mich der treffliche Mann ^heiliger Stille gewann. 
Unter der heiligen „Stille" ist wohl ganz allgemein das der Welt mit ihren 
Geschäften und Kämpfen, Genüssen und Entbehrungen abgekehrte, der bloßen Be- 
trachtimg gewidmete Leben des Denkers zu verstehen. Daß er ihn für dies — wie 
man später sagte — „theoretische Leben" gewonnen habe, durfte Parmenides dem 
Ameinias bezeugen, auch wenn er sich dessen pythagorische Lehre nicht angeeignet 
hatte oder von ihr wieder abgewichen war. 

Imago X/i , 



54 



. 






H. Gomperz 



den ersten Abendländer, der die Wirklichkeit der sinnlichen Er- 
scheinungswelt geleugnet hat, diese Welt durch und durch von 
Erotik durchtränkt war, so ist ja auch dies Ergebnis gewiß des 
Festhaltens wert; allein auf die weit größere und schwierigere 
Frage, warum er nun die Wirklichkeit dieser von Erotik durch- 
tränkten Welt leugnen wollte und wie er sie leugnen konnte, 
weiß ich keine Antwort. 104 



. 









2. Sokrates 
Sokrates lebte in Athen etwa 469 bis 599 v. Chr. Sein Vater war 
der Steinmetzmeister Sophroniskos. los Seine Mutter, Phainarete, war 
in erster Ehe mit einem gewissen Chairedemos vermählt gewesen, 
von dem sie einen Sohn, Patrokles, hatte; 106 in vorgerückten Jahren, 
vielleicht erst nach dem Tode [des Sophroniskos, brachte sie sich 
als Geburtshelferin und Heiratsvermittlerin fort. 107 Den Patrokles 
bezeichnete Sokrates noch als reifer Mann als „seinen Bruder", 
er lebte noch, als Sokrates etwa vierundsechzig Jahre alt war; 1 " 1 
sonst hatte dieser entweder überhaupt keine Geschwister gehabt 
oder sie waren doch früh gestorben. 109 Aus der Jugend des Sokrates 

104) Immerhin sei angemerkt, daß sich auch in Indien ein gewisser Zusammen- 
hang zwischen Leugnung der äußeren Wirklichkeit und Ablehnung der Geschlecht- 
lichst behaupten ließe; denn mag diese Leugnung dort zuerst von buddhistischen 
Bhikshus oder von vedantistischen Yogins ausgegangen sein - in beiden Fällen 
handelt sich s um Angehörige einer mönchsartigen Bruderschaft, zu deren ersten 
Pflichten vollkommene Keuschheit gehörte. 

105) Der Name des Vaters Plato,Laches\8o«ta; Xenophon, Hell. I 7, ,5. Sein Beruf 
euvf te men a "S e *L eUtet P1 -E»thyphro ixb; dafür, daß er gerade Steinmetz, nicht 
Par^W n aU T °, ^"« ießer war ' "t der älteste Zeuge Menedem aus Pyrrha bei 

^V? eS p C \ d I r Phil0S " Frg " " Na " ck ' dann ««* W Laert. II, «U.A. < 
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107? PL tV Seme Mutter hä " e kaum mchr «*»» Sohn geboren. 

,n« v T heaet - 1 « a ; >49 b ; 149«. 

( ^ lrchn «, Prosopographia Attica Nr. ,1607. 
109) D ies erhellt aus der Anm. ,06 angeführten Euthydem-Stelle. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 



55 



wissen wir fast nichts. Etwa ein halbes Jahrhundert nach seinem 
Tode erzählte man, er habe sich frühzeitig gegen seinen Vater 
aufgelehnt: dieser habe ihn als Lehrburschen verwenden wollen 
und ihm häufig den Auftrag gegeben, ihm sein Handwerkszeug 
da- oder dorthin zu tragen, Sokrates aber habe sich um solche 
Aufträge nicht gekümmert und sei nach seinem Belieben umher- 
gestreift. 110 Ein mißgünstiger Berichterstatter fügte hinzu, er habe 
nichts Rechtes gelernt, und das habe man auch noch in späteren 
Jahren daran bemerken können, daß er beim Lesen gestottert habe 
wie ein Kind und auch beim Schreiben das Geschriebene stockend 
vor sich hinsagte; wer zugegen war, habe lachen müssen. 11 
Im Alter von siebzehn Jahren, so erzählte man weiter, habe er 
eine für sein Leben entscheidende Bekanntschaft gemacht: es näherte 
sich ihm nämlich ein gewisser Archelaos, ein Naturforscher aus 
der Schule des Anaxagoras: dieser stellte sich, als wäre er in ihn 
verliebt und gewann so seine Freundschaft, Sokrates aber schloß 
sich ihm eng an und verlebte viele Jahre in vertrautem Umgang 
mit ihm." 2 Und in der Tat wissen wir, daß beide, als Sokrates 
etwa dreißig Jahre alt war, zusammen den Feldzug nach Samos 
mitgemacht haben." 3 Durch Archelaos sei denn auch in Sokrates 
das Interesse für wissenschaftliche Fragen geweckt worden. Archelaos 

110) Porphyr, Gesch. d. Philos. Frg. 12 Nauck. Die Nachricht scheint einem 
sokratischen Gespräch entlehnt, das älter war als Aristoxenos; denn schon dieser las 
aus der unmittelbar folgenden Nachricht über Sokrates und Archelaos ein päderasti- 
sches Verhältnis beider heraus (Frg. 1 Müller). 

111) Porphyr, a. a. O. Frg. 11 Ende, wohl aus Aristoxenos. 

112) Ebd. Frg. 12. 

113) Ion v. Chios bei Diog. Laert. II, 22; vgl. Diels, Vorsokr. 47 A 3. Aber viel- 
leicht sprach Ion gar nicht vom Philosophen Sokrates, vielmehr vom Strategen 
(v. Wilamowitz, Philol. Unterss. I 24°; Joel, Geschichte d. antik. Philos. I 758)? Dann 
müßte die auf Sokrates zielende Bemerkung „als er jung war" später beigesetzt sein. 
Und das ist an und für sich denkbar. Allein von einer Beziehung Sokrates' zu 
Archelaos wußte man schon vor der Zeit des Aristoxenos (vgl. Anm. 110), sie ward 
also gewiß nicht nur aus Ions Reise-Erinnerungen mißverständlich herausgelesen. 
Dann ist aber die Annahme, schon Ion selbst habe vom „jungen" Philosophen Sokrates 
gesprochen, immerhin einfacher (so jetzt auch v. Wilamowitz, Piaton I 9 6«). 

3* 



5 6 H. Gomperz 



beschäftigte sich vor allem mit Fragen der Naturphilosophie (Grund- 
und Urstoffe, Weltbildung) und erwarb sich insbesondere Verdienste 
um die Begründung der Akustik: es ist wohlbeglaubigt, daß auch 
Sokrates in seiner Jugend über solche Fragen nachgedacht und Lehren 
des Archelaos auch noch zu einer Zeit vertreten hat, zu der seine 
persönliche Beziehung zu diesem schon hinter ihm lag. 11 * Arche- 
laos nahm wie sein Lehrer Anaxagoras eine höchste Weltvernunft 
an, als deren Trägerin ihm aber, wie seinem Zeitgenossen Diogenes 
aus Apollonia, die Luft galt, und auch als Vertreter dieser Ansicht 
ist Sokrates später (als er etwa siebenundvierzig Jahre alt war), 
wohl nicht mit Unrecht, verspottet worden." 5 Archelaos scheint 
aber auch als erster den Fortschritt der menschlichen Gesittung 
als etwas grundsätzlich von aller bloß natürlichen Entwicklung- 
Verschiedenes betrachtet und in diesem Sinne dem „Wachstum" 
die „Satzung" entgegengestellt zu haben." 6 Wenn also Sokrates 
sich späterhin immer mehr den Fragen der Naturwissenschaft 
ab- und solchen des Menschenlebens zugewandt, ja sogar das 
Recht geradezu für (teils göttliche, teils bloß menschliche) Satzung 
erklärt hat, so wird auch hiezu der Einfluß des Archelaos bei- 



114) PI. Phaedog6aff. Vgl. auch Aristophanes, Wolken 164 mit Vorsokr. 47 A 1/17. 

115) Vgl. Wolken 198; 250; 264; 627; 667; 762 mit Vorsokr. 47 A 12 (vgl. A 10 
und A 18). Da die von Aristophanes verspottete Lehre mit der des Diogenes aus 
Apollonia vielfach genau übereinkommt, glaubte Diels (35. Versammlung deutscher 
Philologen und Schulmänner 1881, 106) erwiesen zu haben, der Komiker habe Sokrates 
die Anschauungen dieses Naturphilosophen zu Unrecht in den Mund gelegt. Allein 
das heißt die Originalitätssucht der Denker jener Zeit überschätzen, die einander ihre 
Ansichten vielfach entlehnten. Aristoteles bemerkt ausdrücklich, die Luftlehre des 
Diogenes sei ihm nicht allein eigentümlich ( Vorsokr. 51 A 20); sie kann somit sehr 
wohl auch von Archelaos geteilt worden und von diesem auf Sokrates übergegangen sein. 

116) Anaxagoras hatte die Entstehung der menschlichen Gesittung als ein wesent- 
liches Stück der Weltbildung angesehen (Vorsokr. 46 B 4; B 21b). Ebenso schloß 
wohl auch des Archelaos Darstellung der Weltbildung mit einem Hinweis auf die 
Gründung der Städte und die Entstehung der Künste (Vorsokr. 47 A 4/6). Hob er 
nun trotzdem hervor, Recht und Unrecht bestünden nicht auf Grund natürlichen 
Wachstums, vielmehr auf Grund menschlicher Festsetzung (Ebd. A 1), so sollte damit 
vermutlich die Entstehung der Gesittung von der Entwicklung des Weltalls abgetrennt 
und einer besonderen Untersuchung vorbehalten werden. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen - 7 

getragen haben. 117 Als Sokrates etwa vierzig Jahre alt war, verließ 
Archelaos Athen, 118 und erst seit dieser Zeit scheint Sokrates die 
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben. Zum 
mindesten wird uns seine Gestalt erst seit 450 — vor allem 
durch den Spott der Komödie — einigermaßen greifbar. 119 

Sokrates erschien seinen Zeitgenossen — und zwar auch jenen, 
die ihm leidenschaftlich ergeben waren — außergewöhnlich häßlich: 
auf einem nicht einmal mittelgroßen Körper 120 saß ein Kopf mit 
„krebsartig" vorstehenden Augen, wulstigen Lippen und einer kurzen 
Stumpfnase, deren Nasenlöcher dem Beschauer weit geöffnet ent- 
gegenstarrten ; 121 die ganze Erscheinung glich der eines Silens. 122 
Und waren so die Züge des „Silens" an und für sich wenig ein- 
nehmend, so wurde dieser Eindruck noch verstärkt durch seine 
Art, sich zu tragen und zu bewegen. Sein Äußeres war auffällig 
ungepflegt: eine bleiche Gesichtsfarbe zeugte von unzureichender 
Ernährung; das Haar wallte lang herab; die Füße waren unbe- 
schuht und nicht bloß ihnen, auch dem Körper war es anzu- 
merken, daß er nur selten, aus besonders festlichem Anlaß, ge- 



117) Xen. Erinn. IV 4, 12; 19; 25. Antiphon hatte (Vorsokr. II 4 , Nachtr. p. XXXII) 
von einem „natürlichen" Recht gesprochen, dessen Übertretung sich selbst bestrafe. 
Erklärt nun Sokrates dies natürliche Recht seihst für ein (freilich ungeschriebenes und 
von Göttern, nicht von Menschen gegebenes) Gesetz, so scheint er damit den Satz 
des Archelaos (Recht = Gesetz) gegen Antiphons Widerspruch zu verteidigen. 

118) Vorsokr. 46 A 7. 

119) Den Wert der Komiker-Stellen für unser Sokrates-Bild und die Grundsätze 
die sie uns für die Bewertung der Sokratiker-Nachrichten aufzwingen, habe ich dar- 
gelegt m dem Aufsatz „Die sokratische Frage als geschichtliches Problem« (Histor. 
Zeitschr. 1924); die entsprechenden Folgerungen, die aus der Anklage des Meletos 
und seiner Genossen zu ziehen sind, in dem Aufsatz „Die Anklage gegen Sokrates 
und ihre Bedeutung für die Sokrates-Forschung« (Neue Jahrbücher für das klassische 
Altertum 1924). Das dort Gesagte kann ich hier nicht wiederholen. Wo daher im 
Folgenden für eine Angabe des Textes die Anmerkungen Belege oder Erläuterungen 
schuldig zu bleiben scheinen, sind diese in den zwei angeführten Aufsätzen zu finden. 

120) Dies möchte ich aus PI. Phaedo 102b schließen, wo als Beispiel einer bloß 
beziehungsweisen Größenbestimmung angeführt wird: „Sokrates ist kleiner als 
Simmias, Simmias kleiner als Phaidon". 

121) Xen. Gastm. V, 5 bis 7. 

122) PI. Gastm. 2153b. 



-8 H. Gomperz 

o 



badet wurde. 123 Dazu trat ein eigenartig stolzer, ein gewisses 
Absonderungsbedürfnis verratender Gang; die Augen wurden rasch 
hin- und hergeworfen 12 * und blickten bald diesem, bald jenem 
starr ins Gesicht. 125 Sokrates' ganzes Wesen hatte denn auch etwas 
Prophetenhaftes, Weitabgewandtes, Jenseitiges, Entrücktes. Und 
wirklich ward er von Zeit zu Zeit auch von förmlichen Ent- 
rückungs- und Versenkungszuständen heimgesucht: am unge- 
eignetsten Ort, auf dem Wege zu einem Festessen oder mitten 
im Heerlager, konnte er plötzlich stehen bleiben und nun, wie 
in tiefe Gedanken versunken, eine Stunde, zwei Stunden, aber 
auch vierundzwanzig Stunden unbeweglich dastehen. 126 Doch auch 
sonst fehlte es in seinem Leben nicht an Zügen, die er auf das Ein- 
greifen übermenschlicher Kräfte zurückführte: in lebhaften Traum- 
gesichten wurde ihm Kommendes vorhergesagt und dies oder jenes 
aufgetragen; so hörte er insbesondere immer wieder und noch kurz 
vor seinem Ende als Siebzigjähriger im Traum eine Stimme: 
„Sokrates, mach' Musik und sei fleißig!" 127 Vor allem aber war es 
ihm sehr oft auch im Wachen, als höre er eine Stimme, die ihm 
dies oder jenes, was er gerade tun oder sagen wollte, verbot: es 
waren scheinbar gleichgültige Dinge, allein hinterdrein ward es ihm 
fast immer klar, daß er oder einer seiner Freunde durch die Stimme 



125) Aristoph. Wolken 103; 885; Vögel 1282; i554f pl - Phaedo 64b; Gastm. 174a; 

Xen. Gastm. I, 7. ,,,,.,... 

124) Wolken 362; vgl. PI. Gastm. 221b. ß QB vdvead-ai bedeutet bald sich für etwas 
zu gut dünken (Bruchstück eines unbekannten Komikers Nr. 506 Kock), bald auf etwas 
stolz sein (Athenaios XV, 625b), bald sich gekränkt fühlen (Anstophanes, Friede 26; 
Lysistrate 887; Lukian, Die gemieteten Freunde 57, p. 697), ursprünglich naturlich 
sich benehmen wie der Vogel Brenthos (der aber bei Aristoteles bald als See- und 
Raubvogel, bald als Berg- und Singvogel erscheint: Tiergeschichte IX 1, 609» 24 und 
IX 11, 6x5a 15 ). Etwas Abweisendes und Stolzes will der Ausdruck dem Sokrates 
gewiß anheften, und das wird durch den Zusammenhang, in dem Piaton ihn anführt, 
bestätigt. Als einen Mann, der sich absondert, zu den Menschen nur herablaßt, 
schildert ihn Aristophanes gleich bei seinem ersten Auftreten, Wolken 222 ff. 

125) PI. Phaedo 117b. 

126) PI. Gastm. i75 ab ; 220 cd . 

127) PI. Phaedo 60«; vgl. Apol 55S Crito 44 a - 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 59 



vor ernsterem oder weniger ernstem Schaden bewahrt worden war. 
Daher er denn fest davon überzeugt war, daß diese wunderbare 
Stimme nur von der höchsten Gottheit ausgehen könne: von jener 
höchsten Vernunft, die, einem kunstreichen Meister vergleichbar, die 
Welt hervorbringe und in Ordnung halte, ihm, Sokrates, aber 
offenbar ihre Fürsorge ganz besonders angedeihen lasse, weshalb er 
sich denn auch, ihres Schutzes gewiß und in diesem Schutz geborgen, 
aller Besorgnis vor irgendwelchen irdischen Gefahren durchaus ent- 
schlagen dürfe. Doch darf dies nicht so ausgelegt werden, als hätte 
sich Sokrates etwa um irdische Dinge überhaupt nicht gekümmert: 
vielmehr galt gerade ihnen und ihrer Verbesserung nahezu sein 
ganzes Trachten und Wirken. 

Daran, daß Sokrates seine Bürgerpflicht im Krieg wie im Frieden 
vorbildlich erfüllt hat, ist nicht zu zweifeln: die Beschwerden des 
Winterfeldzugs von Potidaia (45 1 bis 429) ertrug er wie kein anderer, 128 
auf dem Rückzug von Delion (424) bewies er die größte Ruhe und 
Umsicht. 129 Als erlöster Vorsitzender der Volksversammlung (406) 
trotzte er ganz allein dem Toben der Menge, die unbeliebten An- 
geklagten ein ihnen gesetzlich zustehendes Recht verkürzen wollte, 130 
und unter der Herrschaft der Dreißig (404) weigerte er auf jede 
Gefahr hin dem Befehl Gehorsam, an einer gesetzwidrigen Verhaf- 
tung teilzunehmen. 131 Aus freien Stücken hat sich Sokrates am Staats- 
leben freilich nicht beteiligt, 132 allein der Lebensplan, dem er sein 
eigenes Leben unterwarf, sollte nicht nur ihn selbst der irdischen 
Zufriedenheit so nahe als möglich bringen: indem er auch andere 



128) PI. Gastm. 221 eff.; vgl. Apol. 28e; Charm. 155a; Xen. Erinn. IV 4, 1. 

129) PI. Gastm. 221a; Laches 181b. 

150) Xen. Hell. I 7, 15; Erinn. IV 4, 2; PI. Apol. 32b. 

151) Xen. Erinn. IV 4, 3; PI. Apol. 52 = ; 7. Brief 324c ff 

152) PI. Apol. 31c ff. Doch scheint Sokrates mehr als einmal zum Ratsherrn erlost 
worden zu sein, denn das Gorgias 475 e ff. Berichtete paßt nicht zu seinem inAnm. 150 
besprochenen Auftreten als solcher; auch würde eine Beziehung auf dieses anderen 
Zeitumständen des Gespräches widersprechen (vgl. v. Wilamowitz, Piaton I, ail'Y. 



4 o 



H. Gomperz 



von der Richtigkeit dieses Lebensplanes zu überzeugen suchte, wollte 
er mittelbar auch den gesamten Zustand seiner Vaterstadt verbessern. 
Dieser Lebensplan hatte, ganz im allgemeinen betrachtet, den 
Vorsatz zum Mittelpunkt, in Fragen, die menschlicher Einsicht nicht 
grundsätzlich entzogen sind (und in denen man am besten tut, den 
Winken der Gottheit oder aber Brauch und Herkommen zu folgen),' 33 
sich nie an eine andere Richtschnur als an die der eigenen Einsicht 
zu halten, die Autorität des Wissens höher zu stellen und zu achten 
als jede andere: denn nur der Erkenntnis gemäßes Handeln ist 
richtiges Handeln, das Bewußtsein, richtig zu handeln, aber verleiht 
schon an und für sich eine Befriedigung, mit der keine andere sich 
vergleichen kann. 13 * Als das der Erkenntnis einzig gemäße Leben 
erweist sich nun aber ein Leben der Selbstbeherrschung und frei- 
willigen Entbehrung, Abhärtung und Ertüchtigung, denn nur das, 
worauf wir verzichten gelernt haben, werden wir auch zu ent- 
behren wissen, wenn es uns abgeht, und auch ein wirklich starker 
Genuß stellt sich nur dann ein, wenn ihm eine lange und fühlbare 
Entbehrung vorangegangen ist. 135 Solchen gelegentlichen Genüssen 
wie Festmahlen und Trinkgelagen war denn auch Sokrates durchaus 
nicht abhold, ja seinem Ertüchtigungsplan fehlt überhaupt völlig 
jedweder lebens- und genußfeindliche Zug. Böse Zungen des nächsten 
Jahrhunderts behaupteten sogar, in seinen Beziehungen zum weib- 
lichen Geschlecht habe Sokrates eher ein Zuwenig als ein Zuviel 
an Selbstbeherrschung gezeigt, ohne daß er freilich etwas Unrechtes 
getan hätte — habe er sich doch, außer mit seiner Frau 136 , nur 
mit öffentlichen Dirnen eingelassen. Und diese Nachricht, so schlecht 

155) Xen. Erinn. I 1, 6 bis 9. 

134) Xen. Erinn. I 6," 9 ; IV 8, 6; Apol. 5. 

155) Xen. Erinn. I 2, 1; I 3, 5 bis 8; I 6, 2 bis 3; 6, 7; IV 5, 9 (vgl. Hiero I, 25; 
Dio Chrys. VI 12); PI. Gastm. 219a; 220a. 

136) Eigentlich „seinen (beiden) Frauen" (?) yäg taig ya^etalg $ xalg xowaig 
ZQfjö&ai fxövaig); vgl. u . Anm. 199. Daß von Sokrates eigenen Frauen die Rede ist, 
erhellt aus den vorhergehenden Worten: äötxlav de firi ngoaelvai. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 41 

ihre Bezeugung auch ist, 137 sagt doch insofern gewiß etwas Wahres, 
als Sokrates Verhältnisse der zuletzt erwähnten Art offenbar nur 
als unschädliche Vergnügungen beurteilt, leidenschaftliche Zuneigung 
dagegen sicherlich nur für Knaben empfunden hat. 158 Noch glaub- 
würdiger scheint es, wenn ihm eine Neigung zum Jähzorn nach- 
gesagt wird („vom Zorn erhitzt habe er sich in Wort und Tat 
zum Äußersten hinreißen lassen"). 139 Gewiß ist jedenfalls, daß einer 
seiner leidenschaftlichsten Bewunderer von ihm erzählte, ein Physio- 
gnomiker habe aus seiner Erscheinung geschlossen, es müßten ihm 
alle möglichen lasterhaften Neigungen eigen sein; darüber hätten 
seine Freunde gelacht, als welche wußten, wie hievon gerade das 
Gegenteil gelte; allem Sokrates selbst habe geantwortet: „Du hast 
ganz recht gesehen, nur bin ich über all diese Neigungen Herr 
geworden." 1 *" In der Tat hat Sokrates in seinen Zeitgenossen den 
Eindruck eines zu voller innerer Ruhe und Harmonie gelangten, 
durchaus glücklichen und zufriedenen Mannes hinterlassen. 14,1 

Zu einem Leben wie dem seinen wollte aber nun Sokrates auch 
die Jugend erziehen, ja er war überzeugt, auf diesem und nur auf 
diesem Wege nicht nur deren eigenes Glück, vielmehr auch das 
der Stadt befördern zu können. Zwar wird man nicht sagen dürfen, 
daß Sokrates die für ihn bezeichnenden Gespräche ausschließlich 
mit jungen Leuten führte: abgesehen davon, daß auch zu seinem 

137) Aristoxenos Frg. 28 Müller. 

158) Xen. Erinn. I 3, 14; II 1, 5; II 2, 4 (vgl. Antisthenes bei Xen. Gastm. IV 38 
und bei Diog. Laert. VI 3). 

13g) Aristoxenos Frg. 28 Müller. Wenn dieser sich freilich für das Schlechte, das 
er Sokrates wie andern großen Männern nachsagte, auf Erzählungen seines Vaters 
Spintharos berief, so halte ich das für literarische Fiktion; für die Darstellung des 
Verhältnisses zwischen Sokrates und Archelaos hat er offenbar aus schriftlichen 
Quellen geschöpft, das aus ihnen Geschöpfte aber mit dem Schmutze seines Übel- 
wollens getrübt und nicht anders werden auch seine übrigen Nachrichten zu be- 
urteilen sein. 

140) Über die Geschichte vom Physiognomiker Zopyros, die allem Vermuten nach 
aus dem gleichnamigen Gespräch des Phaidon stammt, s. Zeller, Ph. d. Griech. II 1«, 64 
und v. Wilamowitz, Hermes XIV 187 f. 

141) Xen. Erinn. I 6, 14; IV 8, 11; PI. Phaedo 58e. 



42 H. Gomperz 



engeren Kreise ältere Freunde wie Kriton gehörten, wie auch davon, 
daß er wohl auch zu manchen Alteren, wie vor allem zu dem 
großen Tragiker Euripides, in rein freundschaftlicher Beziehung 
stand, kennen wir neben den Gesprächen, in denen Sokrates Jüngere 
belehrt, auch solche, in denen er von Älteren oder Gleichaltrigen 
zu lernen sucht. Es sind das dann regelmäßig Meister irgend einer 
Kunst: Maler, Bildhauer, Panzerschmiede,' 42 vor allein aber natürlich 
die Meister der vornehmsten und eben damals neu aufgekommenen 
Kunst, die berufsmäßigen Lehrer der Rede- und der Staatskunst. 145 
Solchen nähert sich Sokrates, indem er ihnen zu verstehen gibt, er 
fühle sich in irgend einer Frage völlig unwissend und erwarte von 
ihnen sehnlichst endgültige Belehrung; dann legt er ihnen seine 
Frage vor. In einzelnen Fällen mag er sich dann wohl bei der er- 
teilten Antwort beruhigt haben; 144 meist bildete diese nur den Aus- 
gangspunkt zu neuer Fragestellung — und siehe da, Frage reiht 
sich an Frage, aus Belehrung heischenden werden widerlegende 
Fragen, immer entschiedener reißt Sokrates die Führung des Ge- 
sprächs an sich, zum Schluß stellt sich's heraus, daß der Meister 
und Lehrer gewiß nicht mehr, eher weit weniger weiß als der 
fragende Schüler, so daß, wenn schon zuletzt beide nichts Rechtes 
wissen mögen, Sokrates doch insofern der Klügere ist, „als er wengstens 

142) Xen. Erinn. III 10; vgl. PI. Apol. 22c ff. 

143) Gespräche mit Sophisten bei Xenophon, Erinn. I, 6 (Antiphon) und IV 4 
(Hippias) wie bei Piaton (Euthydemos, Protagoras, Gorgias, Hippias, Kratylos in 
den gleichnamigen Dialogen, dazu noch Thrasymachos im Staat); dann mit Poli- 
tikern (Xen. Erinn. I 2, 33 ff.; III 2; III 3; III 4; PI. Apol 22b ff.), weiter mit 
Dichtern (PI. Apol. 22 a) und Rhapsoden (Piatons Ion), endlich mit einem Fach- 
mann des religiösen Formel- nnd Opferwesens (Piatons Euthyphron). Dazu, wenn 
man will, noch mit dem Mathematiker Theodoros in Piatons Theaetet (um die 
ohne Zweifel von Piaton erdichteten Gespräche mit Pythagoreern und Eleaten nicht 
zu nennen). 

144) Die Nachrichten, die ich Sophistik und Rhetorik S. 90 ff. zusammengestellt 
habe, geben Anlaß zu dem Gedanken, Sokrates möge sich so öfters z. B. dem 
Sophisten Prodikos gegenüber verhalten haben, dessen Untersuchungen über die Be- 
deutungsunterschiede der Wörter den sokratischen Fragen nach dem Wesen des 
Guten, Anständigen, Gerechten usw. ohne Zweifel die Bahn geebnet haben. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 45 



dies eine weiß, daß er nichts weiß". 1 * 5 Meist handelt sich's dabei 
um die Frage nach dem Wesen eines sittlichen Grundbegriffs: „Du 
willst die jungen Leute lehren, rechtschaffen sein; wie also erklärst 
du das Wesen der Rechtschaffenheit, was ist rechtschaffen? Nicht 
töten, nicht täuschen? Aber im Krieg müssen wir doch die Feinde 
töten und täuschen. Die Freunde nicht täuschen? Aber müssen wir 
nicht einen Kranken täuschen, um ihm listig das Heilmittel ein- 
zuflößen, das er sich wissentlich zu trinken weigert? ... Du weißt 
also nicht, was Rechtschaffenheit ist? Wie willst du sie dann lehren?" 
Im Mittelpunkt der Sokratischen Wirksamkeit steht trotz alledem 
sein Verhältnis zur Jugend. Seine Gespräche mit dieser unterscheiden 
sich allerdings nicht grundsätzlich von den soeben gekennzeichneten : 
der hier wiedergegebene Gedankengang findet sich ebensowohl in 
einer Unterredung mit einem Jüngling wie in einer solchen mit 
einem Lehrer der Rhetorik. 146 Allein das Gespräch findet in beiden 
Fällen nicht die gleiche Fortsetzung, es führt zu anderen Wirkungen, 
es hebt sich vor allem von einem ganz verschiedenen Gefühls- 
hintergrund ab. Während der bloßgestellte Lehrer von Sokrates 
mehr oder weniger aufgebracht scheidet, pflegt der seiner Unwissen- 
heit überführte Jüngling in sich zu gehen: er sieht ein, daß er sich 
für das tätige, vor allem für das öffentliche Leben nicht eignet, 
solang er noch nicht einmal die Grundbegriffe der Lebensführung 
ihrem Wesen nach richtig zu erklären vermag; Sokrates unterstützt 
diese Einsicht, indem er ihm vorhält, daß er sich um lauter Neben- 
sachen bemüht, statt um die eine Hauptsache, wenn er von Ruhm, 
Macht und Reichtum träumt statt von dem, was ganz allein zu Ruhm, 
Macht und Reichtum führen, aber auch ganz allein ihren Besitz 
zu einem ersprießlichen und darum wünschenswerten machen kann : 



145) PI. Apol. 2 id. 

146) Xen. Erinn. IV 2, 15 bis 18; PI. Staat I, 531 <=. Vgl. auch PI. Über Gerechtig- 
keit 574 bff - 



44 



H. Gomperz, 



von der Ausbildung seines Innern, dem Reifen seiner Erkenntnis! 
Und da bricht dann wohl ein gut veranlagter Jüngling schluchzend 
in sich zusammen' 47 und schließt sich auf Gedeih und Verderb dem 
Sokrates an, wird zu einem „Freund", einem Jünger des Meisters! 
Über dem Verhältnis des Meisters zu seinen Jüngern, seinen 
„Freunden" aber schwebt, mehr oder weniger fühlbar, mehr oder 
weniger ausgesprochen, ein Hauch leidenschaftlicher Knabenliebe: 
einmal nähert sich Sokrates dem Jüngling geradezu als der erklärte 
Anbeter, der ihn schon lange verfolgt und schweigend bewundert; 
ein anderesmal ist er nur leidenschaftlich erregt durch den Anblick 
seiner Jugendblüte; ein drittes Mal hat es ihm nur der Lerneifer 
oder die Frühreife seines Mitunterredners angetan. 1 * 8 Darin aber 
sind all unsere Zeugen einig, daß sie Sokrates die höchste Empfäng- 
lichkeit für Knabenschönheit beilegen,' 49 ja ihn in „immerwährender 
Verliebtheit" dahinleben lassen.' 50 Ebenso freilich auch darin, daß 
er niemals auch nur den schwächsten Versuch gemacht hat, einen 
Knaben körperlich zu besitzen: gerade den, den er am heftigsten 
liebte, läßt Piaton erzählen, er habe sich dem Sokrates förmlich an- 
getragen, sei eine Nacht lang mit ihm unter einer Decke gelegen, 
allein als er sich am Morgen erhob, sei es nicht anders gewesen, 
als hätte er bei seinem Vater oder seinem älteren Bruder ge- 
legen.' 51 Ja, auch als Grundsatz hat Sokrates es ausgesprochen: die 
körperliche Vereinigung mit dem geliebten Knaben sei etwas 
Schweinisches, 152 ja schon das Verlangen nach ihr mache den Lie- 
benden unfrei, erniedrige ihn zu einem Bettler, einem Sklaven des 

147) PI. Gastm. 215c; Aischines aus Sphettos, Frg. 9 bis 10 Dittmar; vgl. Xen. 
Erinn. IV 2, 23; PI. Apol. 2gd ; Kleitophon 407a ff. = Dio Chrys. XIII 16. 

148) Alkibiades (PI. Protag. 309a; Gorg. 481 d); Charmides (PI. Charm. 154c); 
Theaitetos in Piatons gleichnamigem Gespräch; vgl. Xen. Erinn. IV 1, 2. 

149) Xen. Gastm. IV, 27 bis 28; vgl. Erinn. I 3, 12 bis 13; PI. Charm. 155000; 
Phaedr. 257 a. 

150) Xen. Erinn. II 6, 28; Gastm. VIII, 1 bis 2; PI. Charmides 154b. 

151) PI. Gastm. 2i8bbis2i9d. Vgl. Xen. Erinn. I 3, 14. 

152) Xen. Erinn. 1 2, 30. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 45 

Geliebten: 153 der wahrhaft Edle liebt nur mit der Seele und liebt 
auch nur die Seele des geliebten Knaben ; einzig und allein darauf 
ist er bedacht, diesen klüger und einsichtiger, eben damit aber auch 
besser und glücklicher zu machen. 15 * 

Die Jünglinge, die Sokrates so für sich gewonnen hatte, hingen 
ihm vielfach auch ihrerseits leidenschaftlich, manche nicht ohne 

153) Xen. Erinn. I 2, 29; Ig, 11; Gastm. VIII, 23. Daher soll denn auch Sokrates 
der Umgang mit einem ungeliebten Knaben immer noch weniger unheilvoll er- 
schienen sein als der mit einem geliebten (Xen. Erinn. I 5, 14). 

154) Xen. Erinn. II 6, 30 bis 52; IV 1, 2; Gastm. VIII, 12 bis 42; PL Phaedr. 256*0 ; 
Staat 405 abc. Die besonders in Xenophons „Gastmahl" und in Piatons „Phaidros" 
vorgetragene Lehre des Sokrates. der geliebte Knabe solle sich dem Liebhaber nicht 
körperlich hingeben, beide sollten sich mit der rein seelischen Liebe begnügen, wird 
erstaunlicherweise noch immer ganz allgemein mit der in Piatons „Gastmahl" von 
Pausanias vertretenen Ansicht verwechselt, der Geliebte solle sich nur dem Liebhaber 
körperlich hingeben, der nicht bloß seinen Körper, sondern auch seine Seele liebt 
(PI. Gastm. 181 b ff.). Da Pausanias die Meinung, auch die Hingabe an den die Seele 
liebenden Liebhaber sei tadelnswert, ausdrücklich zurückweist (Ebd. 182a; 182c), 
diese Hingabe vielmehr förmlich billigt (Ebd. 185 b), steht es hiemit im besten Ein- 
klang, wenn Sokrates bei Xenophon (Gastm. VIII, 32) dem Pausanias nachsagt, er 
habe jene verteidigt, die ihr sinnliches Verlangen nach dem Besitz schöner Knaben 
nicht zu beherrschen verstehen — mag nun der xenophontische Sokrates den Stand- 
punkt des Pausanias aus Piaton kennen (was nicht wahrscheinlich ist, da VIII, 54 
"dem Pausanias ein Argument geliehen wird, das bei Plato 178 <* ff. vielmehr Phaidros 
benutzt) oder aus dem „Archelaos" des Antisthenes (Diog. Laert. VI 18 — denn aus 
diesem könnte die Erzählung von Archelaos, Pausanias und Agathon bei Aelian 
V. H. II 21 stammen) oder mag wirklich — und das ist immerhin das wahrschein- 
lichste — „Pausanias, der Liebhaber des Agathon" (PI. Protagoras 5i5 de ) eine Rede 
über Knabenliebe verfaßt haben (deswegen müßte sie noch nicht einmal aufgezeichnet 
worden sein; daß Athenaios V, 2i6f von einer solchen Aufzeichnung nichts weiß, be- 
weist jedenfalls nicht das Geringste). Damit, daß sich Sokrates in der Beurteilung 
der körperlichen Knabenliebe au „Pausanias" in schärfstem Gegensatz befand, ver- 
trägt sich natürlich aufs beste, daß er ihm die Unterscheidung eines doppelten Eros 
und einer doppelten Aphrodite entlehnte: diese Unterscheidung bedeutet eben beiden 
etwas durchaus anderes. „Pausanias" hatte (PI. Gastm. 180 d ff.) den Umstand, daß Hesiod 
die Aphrodite einmal aus dem Blute des Himmelsgottes Uranos entstehen, einmal 
von Zeus erzeugt werden läßt, dazu benutzt, jener ersten „himmlischen" Liebes- 
göttin das leidenschaftliche Verlangen nach dauernder leiblicher und geistiger Lebens- 
gemeinschaft mit einem schönen und edlen Knaben zuzuordnen, während er der 
„gewöhnlichen" Aphrodite nur die rein sinnliche Begierde nach dem fleischlichen 
Umgang mit schönen Knaben oder auch Weibern zuwies; Sokrates dagegen (Xen. 
Gastm. VIII, 9 ff.) versteht unter der „gewöhnlichen" Liebe jedes Verlangen nach 
dem körperlichen Besitz des Geliebten und als „himmlische" Liebe gilt ihm nur 
die rein und ausschließliche seelische Neigung — kurz das, was wir darum „pla- 
tonische" Liebe nennen, weil auch Piaton im „Phaidros" den Sokrates die hier ge- 
kennzeichnete Ansicht aussprechen läßt. 



46 H. Gomperz 






deutliche Anzeichen von Verliebtheit, an:' 55 es erschien ganz natür- 
lich, daß auch sie als „Liebhaber des Sokrates" bezeichnet werden 
konnten. 156 Und so lebten denn Meister und Jünger in enger Lebens- 
gemeinschaft, meist geradezu „ihre Tage zusammen verbringend", 157 
indem sie teils gemeinschaftlich die Schriften der Dichter lasen 
und deren Weisheitssprüche auf ihre Haltbarkeit prüften, 158 teils 
öffentliche Orte wie Turnplätze, Ringschulen u. dgl. aufsuchten, wo 
Sokrates von den Älteren oder Jüngeren diesen oder jenen ins Ge- 
spräch zu ziehen pflegte — ein Gespräch, dem dann der ganze 
Chor seiner Jünger mit leidenschaftlicher Spannung folgte. 159 Soweit 
Sokrates mit den wissenschaftlichen Entdeckungen seiner Zeit- 
genossen vertraut war, überlieferte er diese auch jenen seiner Jünger, 
denen es hierum zu tun war und die, seiner Meinung nach, aus 
ihnen Nutzen ziehen konnten; 160 soweit er sich auf einem Sonder- 

155) Antisthenes bei Xen. Gastm. VIII, 4 bis 6; Apollodor bei PI. Gastm. 172 e ; 
vgl. über Chairephon PI. Charm. 155 b ; Apol. 21». 

156) PI. Gastm. 173b; vgl. Xen. Apol. 28. 

157) Xen. Erinn. I 4, 1 ; Gastm. IV, 44. 

158) Xen. Erinn. I 6, 14; vgl. PI. Gorg. 485 d. Daß unter den „alten Weisen" vor 
allem die Dichter zu verstehen sind, erhellt aus PI. Phaedr. 235b ; Hipparch 228b ff. ; 
Lysis 214a; Io 532 d; Staat II, 565c. Daß Sokrates sich in der Tat gern auf Dichter- 
stellen berief und diese dann oft recht gewaltsam in seinem Sinne deutete, beweisen 
wohl zur Genüge die Darstellungen seiner Jünger. Denn da deutet er: Homer bei 
Xenophon dreimal (Erinn. I 2, 58; II 6, 10 ff.; Gastm. VIII 28 ff.), bei Piaton siebenmal 
(Cratyl. 592«*; 402a; Theaet. 152; kl. Hippias 370»; Staat I, 334 nb ; III, 404**5 Minos 
519b ff.); Hesiod bei Xenophon viermal (Erinn. I 2, 57; I 3, 3; II 1, 20; IV 1, 20), bei 
Piaton einmal (Minos 320^; vgl. aber auch Charm. i63 b c); Orpheus bei Piaton zweimal 
(Phaedo 6gcd; Cratyl. 402c); Theognis bei Xenophon (Gastm. II, 4; vgl. Erinn. I 2, 20) 
und Piaton (Meno gsdff.) ]e einmal; Simonides bei Piaton zweimal (Protag. 339« ff.; 
Staat I, 531 e ff.) un d ebenso Pindar (Theaet. 173°; Meno 8ibc). 

159) Siehe das o. Anm. 155 über Apollodor Gesagte. 

160I Daß seine Jünger bei Sokrates auch Rechnen, Raumlehre und Redekunst 
lernten, habe ich in dem ersten der beiden Anm. 119 genannten Aufsätze aus der Über- 
einstimmung der Darstellungen eben dieser Jünger mit den spöttischen Anspielungen 
der zeitgenössischen Komiker nachgewiesen. Auf dieselbe Art läßt sich feststellen, 
daß Sokrates sie gelegentlich auch über grammatische Fragen belehrte (Grammati- 
sches im eigentlichen Sinn sowie die grammatischen Neuerungen des Protagoras 
Aristoph. Wolken 681 sowie 666, 851, 678, 1251 ; Antisthenes Frg. XI V/2 Winckelmann; 
PI. Iheaet. 2o6d; Cratyl. 391 c ; Phaedr. 267 c • richtige Abgrenzung der Wortbedeutungen 
gegeneinander in der Art des Prodikos Aristoph. Wolken 741 ; Antisthenes Prg. XII/i 
Winckelmann; Xen. Erinn. III 14, 2; IV 2, 22; vgl. Oec. VI 4 und 12; PI. Cratyl. 425 abc; 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 47 

gebiet eigener Rückständigkeit bewußt war, wies er die jungen 
Leute an geeignete Fachlehrer und tat sich auf diese seine Meister- 
schaft in der „Kuppel"- und „Vermittlungs"- Kunst nicht wenig zu 
Gute. 161 Doch besagte all das zuletzt wenig neben der sittlichen 
Bildung, die ihnen aus der Lehre wie aus dem Vorbild des Meisters 
zufloß. Diese Lehre läßt sich etwa folgendermaßen zusammenfassen. 
Wahrhaft wertvoll ist einzig die Erkenntnis: ihr allein verdankt 
es der Mensch, wenn er (anders als ganz gelegentlich und zufällig) 
etwas Gutes oder Nützliches erreicht und davon (anders als ganz 
gelegentlich und zufällig) einen vernünftigen, zweckmäßigen Ge- 
brauch macht. Erkenntnis bedeutet aber: ein Gebiet so beherr- 
schen, wie der Meister einer Kunst, eines Handwerks, das seine 
beherrscht — in jeder Lage wissen, was richtiger- und zweck- 
mäßigerweise zu tun ist und über das Warum und Wozu dieses 
Tuns Rechenschaft ablegen können! So verhält sich der Arzt 
in Fragen der Gesundheit, der Steuermann in Fragen der See- 
fahrt, der Schuster in Fragen der Fußbekleidung 162 — wenn 
anders diese alle ihre Kunst, ihr Handwerk verstehen! Nur wer 
sich in allen Fragen des tätigen Lebens — des eigenen wie des 
öffentlichen — ebenso verhielte, wer Mut, Selbstbeherrschung, 
Gerechtigkeit so verstünde, wie der Schuster das Schuhemachen 
und auch ebenso wie er davon Rechenschaft geben könnte — 
nur ein solcher verdiente ein wahrhaft tüchtiger Mann 163 und 

Charm. 1 65 d; Ladies 197 d; Euthyd. 277 e; Protag. 359 a ff.), ferner über Metrik (Aristoph. 
Wolken 658 bis 651; PI. Phileb. i7 a ; Io 554 c ; Staat III, 398a bis 400b) und vielleicht 
auch über Gedächtniskunst (Aristoph. Wolken 414 und 483; Xen. Erinn. IV 1, 2; PI. 
Staat VI, 486 cd), beides wohl vorzugsweise nach dem Vorgang des Hippias. 

161) Xen. Erinn. IV 7, 1; Gastm. III 10; IV 57 bis 64; Oec. III 14; PI. Theaet. 151b. 

162) Vorliebe des Sokrates für Erläuterung seiner Lehre durch das Beispiel der 
Schuster und anderen Handwerksmeister besonders hervorgehoben bei Xen. Erinn. 
I 2, 57; IV 4, 5 und PI. Gastm. 221«; Gorg. 491a. Anspielung auf das ständige Schuster- 
beispiel vielleicht auch schon bei Ameipsias Frg. IX, 3 Kock. 

163) y.alog re y.ai dya#Ö£, als Stichwort der Sokratiker schon bei Aristophanes, 
Wolken 101, verhöhnt. In ihren Schriften findet sich's unzählige Male, als besonders 



4 8 



H. Gomperz 



nützlicher Bürger zu heißen. 16 * Die Erkenntnis des Guten — 
denn auf sie zielt ja diese Forderung zuletzt — verleiht aber 
auch allein Anspruch auf alle Art von Autorität. Ein Vater 
z. B. — oder ein anderer älterer Verwandter — kann von 
seinen Söhnen nur insofern Unterordnung erwarten und verlangen, 
als er ihnen auch an Einsicht überlegen ist; in Dingen, von denen 
ein anderer mehr versteht, werden sie sich notgedrungen an dessen 
Urteil halten müssen: läßt sich doch auch niemand von einem ver- 
wandten Arzt behandeln, wenn er ihn für weniger sachkundig 
hält als einen fremden! Und Sokrates machte kein Hehl daraus, 
daß er in Fragen der Erziehung z. B. sich für einen berufeneren 
Ratgeber der Jugend hielt als die Eltern und Verwandten der 
meisten unter ihnen. 165 Allein was vom Vater gilt, das gilt erst 
recht vom Herrscher: nicht der verdient so zu heißen, den das Los 
oder die Wahl einer unverständigen Menge an die Stelle eines 
Führers gesetzt hat; der wahre Herrscher ist immer und einzig jener, 
der das Herrschen versteht, mag er nun an hervorragender Stelle 
stehen oder nicht 166 (regelmäßigerweise setzt sich ja sein Einfluß 
durch, auch wenn das nicht der Fall ist: 
Denn „den Staat beherrscht stets jener, der am meisten Einsicht hat"; 16 ? 

handeln aber die jeweiligen Machthaber seinem Rate zuwider, so 
schaden sie sich nur selbst). 168 Und was für den Herrscher zu- 
trifft, das trifft auch für 's Gesetz zu: ein Gesetz ist gerade soviel wert, 



kennzeichnend hebe ich nur heraus: Aischines aus Sphettos Frg. 55 Dittmar; Xen. 
Erinn. I 2, 48; I 6, 14; II 6, 15; II 9, 8; IV 2, 23; IV 8, 11; Gastm. II, 4; VIII, 5; 
Oec. VI, 12 bis VII, 3; PI. Gorg. 470«. 

164) Xen. Erinn. I 1, 16; IV 6, 6; PI. Ueb. Gerechtigkeit 375 c; Aristoteles, Eth. 
Nie. VI 13, 1144b i 7; Eth. Eud. I 5, 1216b 2; VII 13, 1246b 36; Große Moral I 1, 
1182a !6; 1185b ll; I 15, ng8a 10 . 

165) Xen. Erinn. I 2, 49 ff.; Apol. 20 f. 

166) Xen. Erinn. I 2, 9 ff.; III 9, 10 bis 11; PI. Gorg. 455a ff. ; Staat VI, 487«; 
vgl. auch Staatsmann 2976 ff. und Antisthenes bei Diog. Laert. VI 8. 

167) Euripides, Iph. Aul. 375, vermutlich unter dem Einfluß des Sokrates. 

168) Xen. Erinn. III 9, 12 bis 13; PI. Gorg. 466 c ff. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen ,« 

nicht mehr noch weniger, als die Einsicht des Gesetzgebers; 169 an 
und für sich ist es nichts als ein hingeschriebener Satz; 170 die wahre 
Verfassung ist jene, die der Einsichtige als die richtige erkennt. 171 
Ja, der alleinige und unbedingte Herrschaftsanspruch der Einsicht 
bewährt sich selbst am Göttlichen: wahrhaft göttlich ist nur die 
Vernunft, die, zweckmäßig und planvoll wie ein weiser und liebe- 
voller Meister, 172 das Weltall gebaut hat und lenkt; die Götter, von 
denen die Dichter singen, verdienen Anerkennung und Anbetung 
nur, sofern sie bloß als verschiedene Namen der einen, wahren 
Gottheit aufgefaßt werden, unter denen diese nach dem Brauche 
der einzelnen Städte, Sippen und Gilden verehrt wird. 175 

Der wahrhaft Einsichtige wird das, was in den einzelnen Städten 
als recht und sittlich gilt, je nachdem es vernünftig ist oder nicht, 
gutheißen oder verwerfen. Und zwar wird er als vernünftig vor 
allem jene Gebote und Verbote gelten lassen, deren Übertretung 
sich an dem Übertreter ganz von selbst rächt; denn eben durch diese 
ihre kunstreiche, ja unfehlbare Wirksamkeit beweisen sie, daß sie 
aus zwar unaufgezeichneten, dafür aber wahrhaft allgemeinen und 
natürlichen, zuletzt von der göttlichen Vernunft gegebenen Gesetzen 
fließen. 174 Dahin gehört vor allem das Gebot, die Eltern zu ehren, 
dies aber erweist nähere Überlegung als einen besonderen Fall des 
allgemeineren Gebotes, sich für empfangene Wohltaten dankbar zu 
erzeigen (denn die Eltern schenken den Kindern das Leben in be- 
wußter Absicht: bloß zur Befriedigung sinnlichen Begehrens würde 
niemand heiraten); wer aber dies Gebot übertritt, straft sich selbst, 

169) PI. Minos 3170b. 

170) Aischines aus Sphettos Frg. 51 Dittmar; PI. Phaedr. 278 = ; vgl. Staatsmann 
298 <* ff. Aufreizung gegen die geltenden Staatsgesetze wird Sokrates in fast wörtlicher 
Übereinstimmung vorgeworfen bei Aristophanes, Wolken 1400 und bei Xen. Erinn. 

I 2, 9 ff - 

171) Antisthenes, Bruchst. unbek. Herkunft Nr. VI Winckelmann. 

172) Xen. Erinn. I 4, 7; PI. Staat VII, 550 *; X, 596c ff. ; vgl. Tim. 41«. 

173) Xen. Erinn. IV 3, 1; vgl. Gastm. VIII, 9. 

174) Xen. Erinn. IV 4, ig bis 24. 

Imago X/i , 



50 H. Gomperz 

denn er beraubt sich seiner besten Freunde. 175 Natürlich ist auch 
die Liebe zu den Geschwistern: sie findet sich schon im Tierreich. 176 
Ebenso das Gebot, die Freunde zu lieben und ihnen zu helfen 5 doch 
läßt sich dies nur befolgen, wo nicht Neid und Nebenbuhlerschaft 
die natürliche menschliche Hilfsbedürftigkeit durchkreuzen: daher 
können in wahrer Freundschaft miteinander nur Einsichtige leben, 
die sich selbst zu beherrschen, ihre Bedürfnisse und Wünsche ein- 
zuschränken verstehen, soweit deren Befriedigung die Freunde in 
Streit verwickeln könnte (gemeinnützige Zwecke werden alle ge- 
meinsam verfolgen) 5 wahre Freunde müssen demnach die meisten 
Besitztümer miteinander teilen und sich zur gemeinsamen Leitung 
der Stadt verbünden. 177 Ein natürliches Verbot ist aber endlich auch 
jenes, das die Blutschande, den Umgang von Eltern und Kindern,, 
verpönt: denn zwischen Eltern und Kindern besteht notwendig ein 
bedeutender Altersunterschied, es können daher nicht beide gleich- 
zeitig in der vollen Blüte ihrer Zeugungskraft stehen, die Kinder 
nicht voll zeugungskräftiger Eltern aber entarten und da entartete 
Kinder das größte Unglück sind, das Eltern treffen kann, so strafen 
sie sich, indem sie solche in die Welt setzen, selbst. 178 Da nun aber 
diese Begründung auf das Verbot des Umgangs zwischen Geschwistern 
nicht zutrifft, 179 so ist dies für ein bloß menschliches zu halten, 
von dem der Einsichtige aus triftigem Anlaß Ausnahmen bewilligen 
sollte. 180 Ebenfalls ein bloß menschliches Gebot, jedoch ein durchaus 

175) Ebd. IV 4, 20 und 24; II 2, 2 bis 4. 

176) Ebd. II 5, 4. 

177) Ebd. II 6, 21 bis 26; PI. Staat III, 4i6d; 41700. 

178) Xen. Erinn. IV 4, 20 bis 23. 

179) Sie paßt in Wahrheit nicht einmal auf das Verbot des Umgangs zwischen 
Vater und Tochter. Sokrates selbst heiratete eine Frau, die allem Vermuten nach seine 
Tochter hätte sein können, denn er war nahe an 55 (siehe u. Anm. 199), und sie gebar 
ihm noch drei Söhne. 

180) PI. Staat V, 461«. Vgl. Aristoph. Wolken 1571. Dies bezieht sich auf den 
„Aiolos" des Euripides, in dem die Zulässigkeit der Geschwisterehe grundsätzlich 
verteidigt wurde (Bruchst. Gr. Trag. S. 365 Nauck). Dabei mögen Gründe, wie wir 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen ci 

törichtes und darum in einer vernünftig geordneten Stadt abzu- 
schaffendes betrifft die grundsätzliche Ausschließung der Frau von 
Kriegsdienst und Staatsleben: jeder Mensch hat seine körperlichen 
und geistigen Kräfte nach Möglichkeit auszubilden; auf keines 
Menschen Kraft und Einsicht soll die Stadt von vornherein ver- 
zichten; durch Übung und Unterricht kann es die Frau viel «weiter 
bringen, als die Athener annehmen: auch Frauen wären daher 
gymnastisch auszubilden (wie in Sparta) und in Wissenschaften und 
Künsten zu unterweisen; mögen sie es dabei im Durchschnitt nicht 
so weit bringen wie die Männer, viele Frauen werden doch viel 
mehr leisten als manche Männer, einige mögen sogar zur Leitung 
der Stadt heranzuziehen sein: die Brauchbarkeit eines Menschen 
hängt eben zuletzt von seiner Erkenntnisfähigkeit ab und in Be- 
ziehung auf diese besteht zwischen den Geschlechtern wohl ein 
Grad-, jedoch kein Wesensunterschied. 181 Die möglichste Ausbildung 
aller leiblichen und geistigen Anlagen der Frau wird vor allem 
auch ihren Kindern zugute kommen. Um eine möglichst tüchtige 
Nachkommenschaft zu erzielen, sollten dann einsichtige Herrscher 
möglichst tüchtige, zueinander passende Männer und Weiber plan- 
mäßig zusammentun. 182 Zu den verwerflichen, weil unverständigen 

sie für Sokrates voraussetzen müssen, vorgebracht worden sein. Euripides Frg. 24 
Nanck klingt wie die Antwort auf einen solchen Grund. Anlaß zu der ganzen Er- 
örterung mag die angebliche Geschwisterehe des von dem Sokratiker Kritias (Frg. 8 
Diels) höchlich bewunderten Spartanerfreundes Kimon (Plutarch, Kimon 4) gegeben 
haben, die noch 422 dem Gedächtnis so wenig entschwunden war, daß Eupolis 
(Frg. 208 Kock) auf sie anspielen konnte. 

181) Antisthenes, Bruchst. unbek. Herk. Nr. II Winckelmann; Xen. Gastm. II, 9; 
PI. Staat V, 45i de ; 455 de ; 457 ab - Die Lehre geht gewiß nicht auf Antisthenes oder 
Piaton zurück, deren Meinung von der Frau eine weit geringere war (vgl. Xen. 
Gastm. IV 38; Antisth. Bruchst. unbek. Herk. Nr. XVII; XVIII W.; Tim. 76de). Wenn 
Piaton, wie v. Wilamowitz (Piaton I 395) richtig anmerkt, die für seine Zeit fast un- 
erhörte Forderung nach grundsätzlicher Gleichstellung von Weib und Mann doch 
unverkennbar mit einer gewissen Schwunglosigkeit erhebt, so erklärt sich das eben 
daraus, daß es zuletzt nicht seine Forderung, vielmehr die seines Meisters- 
Sokrates war. 

182) Xen. Erinn. II 6, 56; Gastm. IV, 64; Aischines aus Sphettos Frg. 31 Dittmar- 
PI. Staat V, 459 a ff.; vgl. auch Xen. Erinn. I 4, 23. 

♦* 



j. 2 H. Gomperz 

Bräuchen endlich rechnete Sokrates (so scheint es 183 ) auch alle jene, 
<die den Menschen den Leichen ihrer Angehörigen gegenüber ein 
gewisses ehrerbietiges Verhalten zur Pflicht machen; denn der Wert 
des Menschen besteht in seiner Denkkraft: der Denkkraft beraubt 
ist der menschliche Leib nicht wertvoller als jene seiner Bestandteile, 
die wir eben darum, weil sie verstandlos sind, durchaus mit Recht 
geringschätzen und so rasch als möglich entfernen: so wie wir Haare 
:ohneweiters scheren, Nägel ohneweiters schneiden, Speichel ohne 
weitere Umstände ausspucken, so sollte man auch den Leichnam, 
selbst des nächsten Angehörigen, ohneweiters verbrennen oder ver- 
scharren! 

Diese Stellung zu den überlieferten Vorschriften fließt ja nun 
wohl notwendig aus der höchsten und wertvollsten Erkenntnis, der 
Erkenntnis des Nützlichen und Guten, allein sie ist doch nicht der 
Hauptertrag, den diese Erkenntnis uns abwirft: als solcher ist 
vielmehr die Einsicht in die Notwendigkeit jenes Lebens der Selbst- 
beherrschung anzusehen, mit dem Sokrates den Jünglingen bei- 
spielgebend voranging. Denn die Vernunft zeigt uns: das wichtigste 
im Leben ist, sich selbst beherrschen, sich üben und abhärten, Un- 
bilden ertragen, Genüsse entbehren lernen. 18 * Werden doch selbst 
Genüsse erst nach vorangegangener Entbehrung wahrhaft genossen, 
wie die alltägliche Erfahrung des Essens und Trinkens, des Schlafs 
und des Liebesgenusses genugsam dartut, 185 und dazu gesellt sich nun 
noch das Wohlgefühl, zu wissen, daß man der Erkenntnis gemäß 
lebt und in der von ihr geforderten Vollkommenheit fortschreitet. 186 
Wer sich selbst beherrscht, ist aber auch allein wahrhaft frei: denn 
wer sich über seine Bedürfnisse, Wünsche, Begierden nicht hinweg- 
zusetzen gelernt hat, der wird von ihnen beherrscht wie ein Sklave, 

185) Xen. Erinn. I 2, 53 bis 55. 

184) Xen. Erinn. I 5, 4; IV 5, 1 und 8; PI. Phaedo 82 c. 

185) Xen. Erinn. IV 5, 9; vgl. Hiero I 19 und 35; Dio Chrys. VI 1a. 

186) Siehe o. Anm. 134. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 55 

wird er doch von ihnen sogar daran gehindert, seiner eigenen 
Einsicht nachzuleben, da er jedem ersten besten, ihm gerade er- 
reichbaren Genüsse wehrlos ausgeliefert ist. 187 Allein nicht nur von 
seinen eigenen Begierden wird ein solcher geknechtet, vielmehr auch 
von den anderen, der Selbstbeherrschung in höherem Grade fähigen 

187) Xen. Erinn. IV 2, 22; IV 5, 2 bis 7; 10 bis 11; PI. Gorg. 4gi d ; vgl. Xen. 
Erinn. III 9, 12 bis 13; PI. Lysis 210b; Gorg. 466^. Kann aber nach echt sokrati- 
scher Lehre überhaupt jemand daran gehindert werden, seiner eigenen Einsicht nach- 
zuleben, zu tun, was er selbst für richtig hält, selbst als das Richtige und Gute, also 
zuletzt auch als das für ihn selbst Vorteilhafte erkennt? Darauf ist, wie ich glaube, 
im Sinne dieser Lehre folgendes zu erwidern: 

1. Daß die Menschen vielfach ihren Leidenschaften nachgeben, auch wo sie ihnen 
nicht nachgeben sollten, daß somit an ihnen „Mangel an Selbstbeherrschung" 
(„Akrasie") festzustellen ist, ist eine Tatsache: eben diese Akrasie ist es, gegen 
die sich der Mensch vor allem zur Wehr setzen sollte: Xen. Erinn. I 5, 2 bis 3; 
IV 5, 6 und 11 (auch III 9, 4, denn auch hier bedeutet äxQaxelg nur „zuchtlos", 
und die angeblich mit dieser Eigenschaft vereinbare Verständigkeit der Zuchtlosen 
wird durch aofovg besonders ausgedrückt). 

2. Mangel an Selbstbeherrschung (Akrasie) beruht aber zuletzt auf Mangel an Ein- 
sicht, denn niemand tut etwas, obzwar er deutlich einsieht, daß es ihm schadet; 
wenn solche deutliche Einsicht in einem Menschen lebt, so kann er sich nicht 
zugleich doch über sie hinwegsetzen; niemand tut also das Unrichtige und sieht 
gleichzeitig deutlich ein, daß es das Unrichtige ist; deutliche Einsicht kann un- 
möglich von irgend einer andern Macht überwunden werden, sie ist vielmehr 
in menschlichen Dingen selbst die höchste Macht; versteht man demnach unter 
„Mangel an Selbstbeherrschung" („Akrasie") dies, daß ein Mensch sich von 
seiner Leidenschaft gegen seine bessere Einsicht fortreißen läßt, so ist zu 
sagen, daß ein solcher Mangel an Selbstbeherrschung (diese „Akrasie" im enge- 
ren Sinne) undenkbar, daß sie ein Unding ist: Xen. Erinn. III 9, 4; IV 6, 6; 
PI. Protag. 345 de ; 352°; 358 bc ; Kleitophon 407a; Üb. Gerechtigkeit 375 d ; Aristo- 
teles Eth. Nie. III 7, 1113b 14; VII 3, 1145b 21; Große Moral I 9, 1187a 7; II 6, 
1200 b 25. [An der ersten dieser Stellen folge ich der handschriftlichen Über- 
lieferung mit zwei geringfügigen Änderungen: „Zwischen Verstand und Sittlich- 
keit kannte er keinen Unterschied, sondern das Rechte erkennen und es tun, 
daß Unrecht erkennen und es unterlassen (xö, xä ßev xakd xs xdyaftä yiyvüoxovxa, 
XQrjO'&ai avxolg xai xö xä ala%Q&, tiööxa, E'bXaßeZo'&ai) erschien ihm als das 
Wesen der Verständigkeit und zugleich der Sittlichkeit (ooepov xe xai aü(pQov — 
dies statt acöq}QOva). Auf die Frage aber, ob er denn nicht jenen, die das Rechte 
kennen, es aber nicht tun, Verstand zu-, aber Selbstbeherrschung abspreche, er- 
widerte er: Ebensowenig wie ich ihnen Verstand ab- und Selbstberrschung zu- 
spreche (rj doöyovg xe xai iyxQaxeig — dies statt dxgaxetg). Denn alle Menschen 
tun das, was sie für zuträglich halten; wer also etwas Unrechtes tut, besitzt 
weder Verstand noch Sittlichkeit." (Zu Ende von III 9, 5 ist wie zu Anfang zu 
lesen: ndvxa 5a a dgexrji ngdxxexai)]. 

3. Könnte es einen Menschen, der zwar das Unrichtige tut, dabei aber doch das 
Richtige einsieht, überhaupt geben, so müßte er ja immer noch besser sein, als 
wer es auch nicht einmal einsähe — so wie, wer bewußt schlecht schreibt oder 



54 



H. Gomperz 



und darum auch zur Herrschaft über andere geeigneteren Menschen. 
Denn wie wäre der eine Herrschernatur, der von seinen dringendsten 
Pflichten, den wichtigsten Entschlüssen und Taten jetzt durch 



rechnet, immer noch ein besserer Schreiber oder Rechner ist als wer imbewußt 
schlecht schreibt oder rechnet. Das wollen die Leute nicht zugeben: sie meinen, 
wer bewußt das Unrechte tut, müsse noch schlechter sein. Die Lösung liegt eben 
darin, daß das überhaupt nicht vorkommt: Xen. Erinn. IV 2, 19 bis 20; PL kl. 
Hippias 576b. 

4. Daß deutliche Einsicht von der Leidenschaft nicht überwunden werden kann, soll 
jedoch nicht besagen, daß die Kraft, die Leidenschaft zu überwinden, mithin 
sich zu beherrschen, einfach durch einen Akt des Verstandes, durch Hören und 
Verstehen einer Wahrheit, erworben werden kann. Denn nichts Gutes ist ohne 
Mühe und Anstrengung zu erreichen (Xen. Erinn. II 1, 28) und so heißt, deutliche 
Einsicht gewinnen oder lernen, immer auch, sich diese Einsicht einprägen, sie 
einüben; „Lernen" und „Üben" gehören untrennbar zusammen: Xen. Erinn. I 5, 5; 
II 6, 59; III 9, 5; III 9, 14 (vgl. Gyrup. VIII 8, 13; De re equ. VIII, 1); PI. Staat 
VII, 526c. Woraus erklärt sich nun aber dies, woraus insbesondere die ebenso 
unbestreitbare Tatsache, daß auch solche, die die Schädlichkeit einer Leiden- 
schaft schon einmal eingesehen hatten, desungeachtet wiederum von ihr fort- 
gerissen werden können? 

5. Xenophon spricht sich einmal hierüber eingehend aus (Erinn. I 2, 19 bis 25) und 
stellt fest, daß in einem Menschen, der sich nicht zur Selbstbeherrschung erzogen 
hat, die Leidenschaft diese Selbstbeherrschung untergräbt und ihn auch das, was 
er schon eingesehen hatte, vergessen läßt — eine Feststellung, die, eben als solche, 
zwar unleugbar richtig und auch nicht unsokratisch ist, indes die aufgeworfene 
Frage überhaupt nicht, daher auch nicht im Sinne des Sokrates zu beantworten 
unternimmt. 

6. Die echt sokratische Antwort scheint im allgemeinen dahin zu gehen, daß Stählung 
des Willens und Selbsterziehung die unerläßlichen Bedingungen für den Er- 
werb deutlicher sittlicher Erkenntnis sind, während uns ein -leichtes Leben in 
den Tag hinein an der Gewinnung solcher Erkenntnis hindert (Xen. Erinn. 
II 1, 20). Näher aber sollen wir uns dies, so scheint es, folgendermaßen denken. 
Die Einsicht, die unser Tun regeln soll und es, wenn sie deutlich genug ist, auch 
wirklich regelt, hat zum Gegenstand Menge und Stärke des Wohlgefühls oder 
Mißbehagens, das aus diesem oder jenem Tim für uns erfolgt — wobei erst 
künftig eintretendes Wohlgefühl oder Mißbehagen um nichts geringer zu achten 
ist als das unmittelbar bevorstehende (PI. Protag. 356b; 357 ab). Im Gegensatz 
hiezu ist es das Wesen der Leidenschaft, uns immer nur das gerade unmittelbar 
bevorstehende Wohlgefühl oder Mißbehagen vorzustellen (Xen. Erinn. IV 5, 10 
Ende). Wer sich nun nicht durch Übung dazu erzogen hat, sich diesem ihn auf 
das unmittelbar Bevorstehende ablenkenden Einfluß der Leidenschaft entgegen- 
zustemmen, der mag zwar das Richtige sehen (alodävea'&a.i), allein er wird 
außerstande sein, ihm mit seinem Denken dauernd zugewandt zu bleiben (jigoaexetv) 
und sich völlig mit seiner Richtigkeit zu durchdringen (xaca^av&ävElv avcd) 
und so wird er dem Ansturm der Leidenschaft eben darum erliegen, weil sie 
ihn an der Gewinnung einer wirklich deutlichen Einsicht verhindert; nur durch 
planmäßige Erziehung zur Selbstbeherrschung hätte er sich vor diesem ihrem, 
seine Einsicht trübenden Einfluß bewahren können (Xen. Erinn. IV 5, 6). 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 55 

Hunger, dann wieder durch Durst, heute durch Müdigkeit, morgen 
durch Verliebtheit abgezogen wird? 188 Nur solche vielmehr, die sich 
beherrschen gelernt haben, vermögen auch andere zu beherrschen, 
nur wer zu entbehren versteht, wird auf jeden Sondervorteil ver- 
zichten und sich in wahrer Freund- und Kameradschaft einem 
herrschenden Stande einordnen wollen/ 89 daher denn insofern von 
allen Hellenen allein die Spartaner die rechte Art kennen, Herren 
zu erziehen. 190 Ein solcher wahrhaft freier Mann aber wird nicht 
nur nicht von seinen Leidenschaften, nicht nur nicht von andern 
Menschen geknechtet werden, ihm wird auch das Schicksal nichts 
anzuhaben vermögen: das einzige, was ihm wahrhaft wertvoll ist, 
seine Erkenntnis, vermag es ihm nicht zu rauben 5 unvermeidliche 
Entbehrungen hat er zu ertragen gelernt 191 und das Bewußtsein, 
stets seine Aufgabe erfüllt, seiner Einsicht gemäß gehandelt zu haben, 
wird ihm jede Unbill versüßen: „Für den wahrhaft Tüchtigen gibt 
es kein Übel, weder im Leben noch nach dem Tode." 192 Wenn sich 
die Jünger des Sokrates bemühen, diese wahre Tüchtigkeit zu erringen, 
so werden sie nicht nur selbst ein freies und glückliches Leben 
führen, vielmehr auch als die berufenen Herrscher für dasjenige 
sorgen, was der Herrschaft wahres Ziel ist: das Gedeihen der Stadt 
und das Glück der Bürger! 193 

Für diese Lehre scheint Sokrates anfangs nicht allzu viele Anhänger 
gefunden zu haben, großenteils enthusiastische Jünglinge, aus un- 

188) Xen. Erinn. I 5, 1; II 1, 1 bis 7. 

189) Ebd. n 6, 21 bis 27; PI. Staat III, 4 i6d ; 4 i 7 ab. Vgl. Xen. Erinn. I 6, 15. 

190) Xen. Erinn. IV 4, 15; Apol. 15; PI. Crito 52«. 

191) Xen. Erinn. II 1, 18 bis 19; vgl. I 6, 7. 

192) Antisthenes, Bruchst. imbek. Herk. Nr. VI Winckelmann; PI. Apol. 4i=d; Gorg. 
47 oe; Staat I, 354a; II 361^; HI 3928b; ix 5 8oc ; X 613a; vgl. Xen. Oec. IV 25; 
PL Gesetze II, 660 e; V, 742 e ; Aristoteles Frg. 3, 3 Bergk. (und hiezu J. Bernays, Ges. 
Abhandig. I 141; Th. Gomperz, Hellenika II 239; Arch. f. Gesch. d. Philos. XX 479); 
Kleanthes Frg. 558 Arnim. 

193) Aristophanes, Wolken 41 2 f. ; Isokrates, Rede III 3 ; Xen. Erinn. IV 2, 34 ; PI. Gastm. 
204c f. ; Xen. Erinn. III 2, 1 bis 4; PI. Euthydem 2910b ( V gl. Apelt S. 101, Anm. 58 seiner 
Übersetzung); vgl. Isokrates, Rede VIII, 91; Aristoteles, Poltik V 8, 1310b 4 o ff. 



56 H. Gomperz 

bemittelten Familien stammend wie er selbst, die ihn an Strenge 
der Selbstüberwindung noch zu überbieten suchten. 194 Da er einem 
bürgerlichen Erwerb wohl nie nachgegangen ist und sein väter- 
liches Erbteil, wenn er ein solches jemals erhielt, bald aufgezehrt 
worden war, so scheint er zeitlebens in der Hauptsache von frei- 
willigen Gaben seiner Freunde und Jünger gelebt zu haben: 195 so- 
lange also diese selbst zumeist arme Schlucker waren, herrschte im 
Sokratischen Kreise unverhüllte Not: um 423 wurde dieser Kreis 
auf der komischen Bühne wegen seiner Bettelhaftigkeit vielfach 
verhöhnt. 196 Darin scheint in den folgenden Jahren ein gewisser 
Wandel eingetreten zu sein: für die von Sokrates verherrlichte spar- 
tanische Erziehung begeisterten sich auch Abkömmlinge vornehmer 
Männer; damit mag es zusammenhängen, daß in seinen späteren 
Jahren gerade auch „die Söhne der Reichsten" sich unter seine 

194) Das erhellt für Sokrates', so viel wir wissen, ersten und leidenschaftlichsten 
Anhänger, den „verrückten" Chairephon (PI. Charm. i53 b ; vgl. Apol. 21a; Xen. Erinn. 
II 3, 14 bis 17) aus Kratinos Frg. 202; Eupolis Frg. 239 Kock; Aristophanes, Wespen 1412; 
Wolken 103 f.; 503 f.; Vögel 12G3; 1296; Frg. 573 Kock: offenbar sah der bedauerns- 
werte Sokratesjünger infolge seiner übermäßigen Selbstqual auffallend schlecht aus 
— mehr tot als lebendig, eher wie ein Geist als wie ein Mensch, so daß er unter 
Benutzung eines im Volksglauben begründeten und schon bei Homer vorkommenden 
Sinnbilds für die abgeschiedene Seele (O. Keller, Die antike Tierwelt II 11 f.; 
Odyssee XXIV 6 ff.) mit einer Fledermaus verglichen werden konnte. 

ig5) Aristophanes, Wolken 98; 1146 f.; Eupolis Frg. 352 Kock; Xen. Apol. 17; 
PL Apol. 32 b ; vgl. Xen. Oec. II, 8. Damit steht keineswegs im Widerspruch, und 
Piaton a. a. O. sowie auch Xenophon (Erinn. I 2, 60 und I 6, 13) bezeugen es aus- 
drücklich, daß Sokrates für seinen Unterricht oder richtiger seinen Umgang' Bezahlung 
nie verlangt, sie nie zur Bedingung dieses Umgangs gemacht hat: dies wirft ihm 
denn auch bei Xenophon (Erinn. I 6, 3 und 11 bis 12) der Weisheitslehrer Antiphon 
(.als Verletzung der gemeinsamen Standespflicht) in bitteren Worten vor. 

196) Ameipsias Frg. 9; Eupolis Frg. 352 und 361 Kock; Aristophanes, Wolken 175 ff. 
v. Wilamowitz, Piaton I 95 f. führt hiegegen an, daß doch Sokrates um dieselbe Zeit 
die Schlacht bei Delion als Schwerbewaffneter mitmachte (siehe o. Anm. 129), somit 
„in der Lage war", „sich die volle Rüstung zu halten". Ich glaube, es ist umgekehrt zu 
schließen: da Sokrates um 423 öffentlich als Bettler verhöhnt wurde, wird er den 
Feldiug von 424 schwerlich als Hoplit mitgemacht haben. Daß seine Jünger, die 
damals Kinder waren, dies etwa vierzig Jahre später behaupteten und vermutlich auch 
glaubten, beweist nicht viel; in der Tat haben denn auch in ihren Angaben über 
Sokrates' Kriegstaten schon Antisthenes und Piaton einander widersprochen, was auch 
schon im Altertum bemerkt worden ist (Demochares bei Athenaios V, 215° ff.). 






Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen «7 

Jünger mengten. 197 Diese werden auch reichlicher für ihn gesorgt 
und es ihm so ermöglicht haben, sich, spät genug, einen eigenen 
Hausstand zu gründen:' 98 um 414, etwa fünfundfünfzig Jahre alt, 
heiratete er Xanthippe, die ihm bald darauf einen Knaben und nach 
einigen Jahren deren noch zwei gebar und von der wir sonst nur 
wissen, daß sie den Zeitgenossen als ein wohlmeinendes, jedoch 
über die Maßen zänkisches und unverträgliches Geschöpf erschien. 199 

197) PI. Apol. 25 c. 

198) Bei alledem blieb er so gut wie mittellos oder wurde es doch wieder, als 
die etwaige, gewiß nicht bedeutende Mitgift seiner Frau aufgezehrt war und die 
Wirkungen des athenischen Zusammenbruchs seit dem letzten Kriegsjahr (vgl. Xen. 
Erinn. II 7, 2) auch für ihn sich fühlbar machten: für die Zeit seines Prozesses (399) 
hebt Piaton seine Armut mit großem Nachdruck hervor (Apol. 23^0; 51 c ; j6 d ) und führt 
insbesondere an, er hätte eine Geldstrafe von mehr als einer Mine (d. i. einem Pfund) 
Silbers nicht aus eigenen Mitteln aufbringen können. Und dazu stimmt es recht gut, 
wenn Sokrates bei Xen. Oec. II, 3 den Erlös seines gesamten Besitztums „einschließ- 
lich des Hauses und bei einem guten Verkauf" auf höchsten fünf Minen schätzt. 

199) Die Zeit der Verheiratung sowie der Geburt der Knaben erhellt mit an- 
nähernder Genauigkeit aus Piatons Angaben über deren Alter Apol. 34 d . Über das 
Wesen der Xanthippe verdienen nur Xenophons Angaben Beachtung (Erinn. II 2, 7 
bis 10; Gastm. II, 10). Die im Altertum so beliebte Geschichte von Sokrates' Doppel- 
ehe ist längst als Fabel erkannt. Auch ihr Urheber ist wohl Aristoxenos (Frg. 29 bis 
30 Müller), der die auch in der (angeblich) aristotelischen Schrift über den Adel 
(Frg. 82 bis 93 Rose) erwähnte Nachricht bösartig mißdeutet zu haben scheint, daß 
Sokrates eine mittellose Witwe, Myrto, die Enkelin, genauer die „Tochterstochter" 
(oder die Tochter? Diese hatte Sokrates offenbar in einem uns verlorenen Gespräch 
gelobt: Aristoteles Frg. 92 R.; allein warum sollte er nicht, wenn von Aristeides' 
Enkelin die Rede war, auch deren Mutter rühmend erwähnt haben?) des großen 
Aristeides, in sein Haus aufgenommen habe. Nun hören wir in Piatons „Ladies", daß 
um 420 (siehe o. Anm. 106) des Aristeides Sohn Lysimachos, ein sehr bejahrter (gewiß 
fast fünfundsiebzigjähriger) Mann, Sokrates, den Sohn seines Jugendfreundes und 
Altersgenossen Sophroniskos, seit vielen Jahren aus den Augen verloren hatte. Daraus 
geht hervor: 4. daß zwischen Sokrates und der Familie des Aristeides wirklich 
eine Beziehung bestand, die es ganz glaublich erscheinen ließe, wenn er sich eines 
hilfsbedürftigen Gliedes dieser Familie angenommen hätte; 2. daß er Myrto kaum 
früher als etwa 415, d. h. zur Zeit seiner Verheiratung, in sein Haus aufgenommen 
haben kann, denn solang ihr Oheim (oder gar ihr Bruder!) Lysimachos lebte, konnte 
sie nicht auf Sokrates' Hilfe angewiesen sein (auch Lysimachos' Sohn, der jüngere 
Aristeides, hat nach PI. Theaet. 151 a — vgl. Theages 130a — mit Sokrates verkehrt, 
scheint indes ein wenig rühmliches Ende genommen zu haben: solang es ihm gut 
ging, hatte nach griechischen Begriffen auch er sich um seine Kusine zu kümmern !) 
und überdies konnte sonst Piaton Lysimachos nicht sprechen lassen, als habe er seit 
Jahrzehnten von Sokrates nichts mehr gehört; 3. daß Myrto mindestens so alt war 
wie Sokrates (denn als die Tochter von Lysimachos' Schwester wird sie kaum mehr 
als fünfundzwanzig Jahre jünger gewesen sein als dieser — um so weniger, da Lysi- 



58 H. Gomperz 

Allein Sokrates' Berührung mit vornehmen, spartafreundlichen Fa- 
milien hatte für ihn auch andere, minder erfreuliche Folgen. 
Zwischen Athen und Sparta bestand seit fünfzehn Jahren ein fast 
ununterbrochener Kriegszustand 5 der Wunsch, Athen möge die 
spartanische Zucht einführen, war an sich mit dem andern, es möge 
sich Sparta im Felde gewachsen, ja überlegen zeigen, durchaus ver- 
träglich; allein ebensowohl konnte er sich doch auch mit dem Be- 
streben verknüpfen, den Sieg des Gegners zu befördern, die Zu- 
stände der Heimat mit dessen Hilfe zu erneuern. Daß Sokrates 
selbst „Lakonist" in diesem Sinne gewesen sei, ist nicht wahr- 
scheinlich, allein unter seinen Anhängern kann es auch an solchen 
Spartanerfreunden nicht gefehlt haben. Eben zu der Zeit, da es 
ihm ermöglicht ward, sich zu verheiraten, ward er auf der Bühne 
als der Liebling der jugendlichen Hochverräter gebrandmarkt. 200 
Und was noch mehr besagen will, als zehn Jahre später der Wider- 
stand Athens zusammenbrach, die Spartaner Athen besetzten, da 
war es — mit anderen, Gleichgesinnten — einer seiner ältesten 
Genossen, Kritias, der Sohn des Kallaischros, den sie, unter dem 
Schutz ihrer Waffen, den Athenern zum Herren setzten. Von diesem 
Augenblick an war Sokrates in den Augen des durchschnittlichen 
athenischen Vaterlandsfreundes vor allem der Erzieher des Verräters 
Kritias, und eben dies ward die letzte Ursache seines Untergangs. 201 
Denn Kritias und seine Genossen — denen Sokrates' freimütige Kritik 



machos' Vater Aristeides, wenn Lysimachos wirklich nicht vor 495 geboren ist, damals 
selbst schon den Fünfzig nahe gewesen sein muß), daß sie also zu der Zeit, da 
Sokrates sie in sein Haus genommen haben soll, kaum weniger als fünfundfünfzig 
Jahre gezählt haben wird (die Tochter des Aristeides sogar fünfundsiebzig!). Be- 
gründet wäre somit die Eifersucht, die die Alten der Xanthippe gegen sie nach- 
sagten (Porphyr, Gesch. d. Philos. Frg. 12 Nauck), kaum gewesen! Im übrigen mag 
„Tante Myrto" durch weibliche Handarbeiten zum Unterhalt der Familie beigetragen 
haben, wie eben auf Sokrates' Rat die in ähnlicher Lage befindlichen Verwandten 
des Aristarchos (Xen. Erinn. II 7, 7 ff.). 

200) Aristophanes, Vögel 1281 ff. 

201) Aischines' Rede gegen Timarch, 173. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 59 

inzwischen freilich unbequem genug geworden war 202 — wurden 
vertrieben; Kritias fiel; seine Gegner gelangten zur Macht. Auch 
gegen den nun sechsundsechzigjährigen Sokrates zog sich ein Un- 
gewitter zusammen. Zunächst freilich schützte ihn die allgemeine 
politische Amnestie, mit der der Bürgerkrieg geendet hatte. Doch 
dieser Schutz versagte, sobald die Gegner nicht-politische Eigen- 
tümlichkeiten seiner Lehre zu Zielpunkten ihres Angriffs wählten. 
Und solche zu finden, war nicht schwer. Im Jahre 599, als Sokrates 
siebzig Jahre alt geworden war, brachte Anytos, ein Führer der 
Volkspartei, der Kritias zum Opfer gefallen war, im Verein mit 
zwei Genossen 203 gegen ihn die Klage ein, er erkenne die Staats- 
götter nicht (als von der höchsten Gottheit verschiedene Wesen) 
an und ergebe sich der Verehrung neuer Gottheiten (indem er die 
.Stimme der göttlichen Allvernunft zu vernehmen vorgebe) 5 er ver- 
gifte ferner den Geist der Jugend (indem er sie gegen die unbedingte 
Autorität der Eltern und der bestehenden Staatsverfassung aufreize, 
Wahl und Auslosung der höchsten Staatsbeamten ins Lächerliche 
ziehe). Unwahres war damit nicht behauptet; ob das Behauptete 
bei dem damaligen Stand der athenischen Gesetzgebung strafbar 
war, ist eine Frage, die nur die Rechtshistoriker angeht; daß sich 
aber Sokrates keiner üblen Absicht bewußt, vielmehr fest überzeugt 
war, stets nach seiner besten Einsicht das Wohl der Stadt, das ihrer 
Bürger und auch sein eigenes befördert zu haben, ist gewiß. Über 
sein Verhalten vor Gericht und seine Verteidigung ist uns mancherlei 
überliefert, allein diese Nachrichten stimmen nur in wenigen Punkten 
überein und sind nicht hinreichend beglaubigt. Nur soviel ist gewiß, 
daß sein Verhalten vor Gericht in den Zuhörern den Eindruck 
vollster Furchtlosigkeit und unerschütterlicher Zuversicht zurück- 



202) Xen. Erinn. I, 2, 33 bis 38. 

203) Daß Meletos die Klage mir als erster unterzeichnete, Anytos ihre Seele war, 
ergibt sich vor allem aus Piaton, Brief VII, 325 b; vgl. Xen. Apol. 29. 






60 H. Gomperz 

gelassen hat, ja er schien ihnen die Richter eher zu reizen als zu 
begütigen, den Tod, mit dem ihn die Klage bedrohte, eher zu suchen 
als zu fliehen. 204 Er hatte seiner Einsicht gemäß gehandelt, die 
Absicht der göttlichen Vernunft erfüllt: um die Folgen, so empfand 
man's, bekümmerte er sich nicht. So ward denn die Todesstrafe 
über ihn ausgesprochen. Doch auch dies vermochte seinen Gleichmut, 
seine Ruhe und Heiterkeit nicht zu trüben. Denn den Tod fürchtete 
er nicht. Vieles spricht sogar dafür, daß er der Ansicht zuneigte, 
dem Tüchtigen (d. h. dem Einsichtigen) möge diese seine Tüchtig- 
keit auch im Jenseits zugute kommen. 205 So führte er denn auch 
noch im Kerker mit seinen Freunden Gespräche derselben Art wie 
sonst — fast bis zu seiner letzten Stunde. Nur eines machte ihm 
vorübergehend Sorge: hatte er wirklich, wie er es bisher annahm, 
das oft wiederholte Gebot seiner Träume: „Sokrates, mach' Musik m 
und sei fleißig!" erfüllt, indem er sein Leben der Erkenntnis, zu- 
letzt also den Musen weihte? Sicherer schien es ihm nun doch, 
dem Gebot auch buchstäblich nachzuleben und so dichtete er — 
es fiel ihm nicht leicht — ein Gedicht an Apollon und brachte 



204) Xen. Erinn. IV 8, 6 bis 10; Apol. 1 bis 9; PI. Apol. 54c bis 57a. 

205) Antistbenes schrieb über die Einrichtung der Unterwelt (Diog. Laert. IV 17). 
Auch PI. läßt — im „Gorgias", im „Phaidon", im „Staat", im „Phaidros" — seinen 
Sokrates das Jenseits immer wieder ausmalen. Das geschieht im großen und ganzen 
mit den Farben der orphischen Mysterien. Doch auch in seiner Verteidigungsrede, 
wie PI. sie wiedergibt, drängt sich, wie Taylor bemerkt hat (Varia Socratica p. 31), 
Orphisches auffällig vor: die Seelen werden im Jenseits von Totenrichtern gerichtet 
(Apol. 41a) und unter den Abgeschiedenen, denen Sokrates dort zu begegnen hofft, 
werden Orpheus und Musaios als erste, Homer und Hesiod erst nach ihnen genannt. 
Nun scheint es das Eigentümliche der orphischen im Gegensatze zu anderen Mysterien 
gewesen zu sein, daß sie dem sittlichen Wert des Menschen größeren Einfluß auf 
sein jenseitiges Los einräumten als dem bloßen Vorgang seiner Einweihung; da kann 
es nicht unwahrscheinlich heißen, daß auch Sokrates, dessen gesamtes Denken sich 
um den Gegensatz von Tüchtigkeit und Untüchtigkeit bewegte, dieser Lehre ein 
gewisses Verständnis entgegengebracht, sie zum mindesten nicht von vornherein ab- 
gelehnt haben mag! Möglicherweise bezieht sich auf Beschäftigung mit der Unter- 
welt schon Aristophanes, Wolken 188 und 192 (vgl. PI. Apol. 18b; 19b; 2 5 d); dagegen 
möchte ich aus Vögel 1555 ff. — einer Stelle, deren Witz auf ihrer Vieldeutigkeit 
beruht — nicht gerne weittragende Schlüsse ziehen. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 61 

einige Fabeln des Aesop in Verse. 206 Als aber die letzte Stunde ge- 
kommen war, leerte er den Giftbecher mit unerschütterter Ruhe. 
Dann legte er sich hin und sein Körper erstarrte. Als der letzte 
Augenblick schon ganz nahe war, fiel ihm ein, daß er kurz vor der Ge- 
richtsverhandlung, dem allgemeinen Brauch gemäß, anläßlich eines 
Krankheitsfalles in seinem Hause, dem Asklepios einen Hahn ge- 
lobt hatte, falls der Kranke genese; das war geschehen, doch zur 
Darbringung des Opfers war er nicht mehr gekommen: jetzt ge- 
dachte er dieses uneingelösten Versprechens, und, fast schon hinüber- 
geschlummert, legte er seinem Freund Kriton ans Herz, an seiner 
statt das Versäumte nachzuholen. 807 Und dann entschlief er .... 
Dem Gefühl, das seine Jünger in diesem Augenblick ergriff, gibt 
Piaton Ausdruck: es schien ihnen, sagt er, 2 ° 8 als wären sie ihres 
Vaters beraubt worden und müßten nun ihr ganzes weiteres Leben 
als Waisen verbringen. Wirklich blieb Sokrates den meisten unter 
ihnen beständiges, wenngleich unerreichtes Vorbild, und, soweit ihre 
Meinungen sonst auseinandergingen, über drei Punkte waren sie 
doch im wesentlichen einig: daß das Gute das letzte Ziel ist, Ein- 
sicht aber das Mittel zu seiner Erreichung; daß dem Einsichtigen 
und darum Tüchtigen die Herrschaft gebührt und daß sein Glück, 
seine Zufriedenheit von allem Äußeren unabhängig, gegen jede 
Wendung des Schicksals gefeit ist. 209 

An dem soeben vorgeführten Sachverhalt glaube ich nun gewisse 
Umstände wahrzunehmen, die sich mit ähnlichen, an anderen Per- 
sonen beobachteten Umständen vergleichen lassen und darum ge- 

206) PI. Phaedo 60 ° bis 61 b. 

207) Ebd. 118a, richtig- erklärt von Wilamowitz, Piaton II 58. Zum Vergleich 
eines unerfüllten Gelöbnisses mit einer unbezahlten Schuld vgl. Staat I, 331b. 

208) PI. Phaedo 116 a. 

209) Jenes ergibt sich besonders aus einer Vergleichung von PI. Staat VI, 509b mit 
Eukleides bei Diog. Laert. II 106, dieses habe ich in meinem Buch „Die Lebens- 
auffassung der griechischen Philosophen und das Ideal der inneren Freiheit" (2. Auf- 
lage, Jena 1915) gezeigt. 



62 H. Gomperz 

eignet sind, wenigstens auf einige Züge im Wesen des Sokrates 
ein wenig Licht zu werfen. Diese Beobachtungen ordnen sich von 
selbst in zwei Gruppen: in den Mittelpunkt der einen Gruppe 
dürfen wir Sokrates' Empfänglichkeit für Knabenschönheit, in den 
der andern seine Hochschätzung der Handwerksmeister stellen. 

An und für sich war Sokrates ohne Zweifel für den Reiz beider 
Geschlechter empfänglich und diese doppelte Empfänglichkeit war 
ja auch in dem Kreis, in dem sich sein Leben abspielte, im vor- 
nehmen athenischen Bürgertum der zweiten Hälfte des fünften 
Jahrhunderts v. Chr., durchaus die Regel. Verliebt zwar war in 
der Regel nur der Mann in den Knaben, den er denn auch mit 
allen Mitteln körperlich zu besitzen strebte, allein das hinderte ihn 
keineswegs daran, mit einer fremden Hetäre ein Verhältnis zu unter- 
halten und noch weniger daran, eine athenische Bürgerin zur Ehe- 
frau zu nehmen und mit ihr Kinder zu zeugen. Dies letztere tat 
denn auch Sokrates in reiferen Jahren und auch Verhältnisse der 
ersteren Art wurden ihm, wie wir hörten, nachgesagt. Wir dürfen 
vermuten, daß ihm besonders knabenhafte Frauen begehrenswert 
erschienen sein werden, denn einmal erwarten wir dies bei einem 
Bewunderer mädchenhafter Knabenschönheit von vornherein, dann 
aber hätte Sokrates, war' es nicht der Fall gewesen, schwerlich in 
der gymnastischen, ja auch nur in der verstandesmäßigen Aus- 
bildung der Frau die ihr förderlichste Erziehungsweise erblickt. 
Gewiß dagegen ist, daß er die Empfindungsweise seiner Umgebung 
auch dem eigenen Geschlecht gegenüber teilte: seine Jünger legen 
ihm höchste Empfänglichkeit für Knabenschönheit bei und lassen 
ihn bald in diesen, bald in jenen Jüngling verliebt sein. 

Allein an diesem Punkte biegt nun sein Verhalten von dem 
seiner Mitbürger scharf ab : während diesen insgesamt als höchstes 
Ziel der körperliche Besitz des geliebten Knaben vor Augen steht, 
und sie sich höchstens zu dem Zugeständnis verstehen, der wahrhaft 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 65 



D 



Vornehme solle nur einen solchen Knaben zu besitzen streben, 
an dem ihm auch die Seele liebenswert erscheint, lehnt Sokrates 
den körperlichen Umgang mit Knaben überhaupt entschieden ab 
und erklärt vielmehr die „rein seelische" Liebe, die leidenschaft- 
liche Sorge um die Tüchtigkeit, das Seelenheil des Geliebten für 
die einzig wahre, die „himmlische Liebe". Und dem entspricht 
sein Leben: er verkehrt beständig mit Knaben und Jünglingen, ja 
tritt diesen vielfach ganz offen als ihr Liebhaber gegenüber, allein 
er geht bei alledem nicht etwa darauf aus, sich nun diese seine 
„Lieblinge" körperlich gefügig zu machen, er ist vielmehr unab- 
lässig um ihr Wohl bemüht, ermahnt und rügt sie, kurz macht 
ihre Tüchtigkeit zum Hauptinhalt seines Denkens, und zu den guten 
Lehren, die er ihnen gibt, gehört gerade auch die, der körperliche 
Besitz eines geliebten Knaben sei etwas „Schweinisches und als 
solches unbedingt zu meiden! Das hatte dann einerseits zur Folge, 
daß dieser seltsame Liebhaber, der auf das eigentliche Endziel der 
übrigen Liebhaber von vornherein verzichtete, vielen Zeitgenossen 
den Liebhaber überhaupt nur zu spielen schien, so daß sie dann 
auch seine Liebeserklärungen bloß als Äußerungen „sokratischer 
Ironie" verstanden. 210 Anderseits läßt sich kaum bezweifeln, daß 
gerade die Durchdringung der Sokratischen Tugendpredigt mit dem 
Geiste dieser eigenartig-leidenschaftlichen, aber doch völlig ver- 
klärten, zu rein seelischer Fürsorge emporgeläuterten Liebe auch zu 
ihrem unvergleichlichen Erfolge sehr viel, ja vielleicht das meiste 
beigetragen haben wird. Wenn diese Predigt den jungen Mann 
aufforderte, sich nicht so sehr um Nebensächliches und Äußeres 
zu bekümmern, vielmehr vor allem um die Hauptsache, die Aus- 
bildung seines eigenen Innern, die eigene Einsicht und Tüchtigkeit, 
so wich sie ja damit inhaltlich nicht allzuweit von den Ratschlägen 






210) PI. Gastm. 2i8d. 



64 H. Gomperz 

anderer Tugendlehrer ab: wenn sie dessenungeachtet auf die athe- 
nischen Jünglinge so viel stärker wirkte als diese, so lag das ge- 
wiß vor allem daran, daß sie eben nicht bloß Predigt und Rat- 
schlag war, daß sich in ihr nicht bloß gereiftes Nachdenken und 
menschenfreundliches Wohlwollen, sondern über das alles hinaus 
auch noch der leidenschaftliche Anteil eines liebenden Herzens 
aussprach! 211 

Die Wirksamkeit des Sokrates wurzelt so unverkennbar in einer 
zu erzieherischer Leidenschaft emporgeläuterten („sublimierten") 
Knabenliebe. Diese Emporläuterung und Verklärung könnte nun, 
von vornherein, entweder eine mehr angeborene, vorwiegend in 
der Eigenart der geistig-leiblichen Anlage wurzelnde oder aber 
eine mehr erworbene, dieser Anlage in einem inneren Kampfe 
abgerungene sein. Die Frage, ob dies oder jenes zutraf, scheint mir 
für Sokrates entschieden zu werden durch die Tatsache, daß im 
Mittelpunkte seines Lebens- und Gedankenkreises der Begriff der 
Selbstbeherrschung steht. Das Wort, das Sokrates zu jenem 
Physiognomiker gesprochen haben soll: er sei seiner lasterhaften 
Neigungen Herr geworden, spiegelt nur den Eindruck wider, 
den sein Wesen in seinen Jüngern zurückgelassen hat und den es 
auch in uns noch zurückläßt: Sokrates hat sich selbst zur Selbst- 
beherrschung erzogen, seinen Willen durch Gewöhnung an Ent- 

211) Vgl. Sokrates' Antwort auf den Anm. 195 erwähnten Vorwurf des Sophisten 
Antiphon, er verlange für seinen Unterricht keine Bezahlung, bei Xen. Erinn. 16, 13: 
„Mein lieber Antiphon, in unserem Kreise (nag''fifiZv — das kann aber nicht wohl 
heißen: „bei uns in Athen", da Antiphon ja selbst Athener ist) denkt man über den 
Verkauf des Wissens wie über den der Schönheit: ein junger Mann, der sich dem 
ersten besten, der dafür bezahlen will, hingibt, prostituiert sich; läßt er sich dagegen 
die Freundschaft eines innerlich vornehmen Liebhabers gefallen, dann handelt er ver- 
nünftig. Ganz ebenso prostituiert sich auch der Weisheitslehrer, der sein Wissen dem 
ersten besten für Geld verkauft; wer sich dagegen einen wohlveranlagten jungen 
Mann dadurch zum Freund macht, daß er ihm beibringt, was ihm nützlich sein kann, 
benimmt sich wie ein anständiger Mensch." — Es ist allerdings anzunehmen, daß 
Sokrates im Gegensatze zu anderen Lehrern zuletzt darum von seinen Schülern Be- 
zahlung nicht verlangt hat, weil ihm der Umgang mit ihnen Herzenssache war! 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 6<; 

behrungen aller Art planmäßig gestählt, auch seinen Jüngern die 
Selbstbeherrschung als die Frucht planmäßiger Erziehung und Ge- 
wöhnung hingestellt; er war nicht frei von Stolz auf die bei dieser 
Selbsterziehung errungenen Erfolge, voll heftigen Tadels für jene, 
die solche Erfolge nicht aufzuweisen hatten — keine Spur von jener 
verstehenden und bescheidenen Milde, die wir dort erwarten müßten, 
wo die eigene Art als notwendiges, kampfloses Ergebnis einer aus- 
nahmsweise glücklichen Naturanlage empfunden und beurteilt 
würde! Und gewiß haben wir allen Grund anzunehmen, daß das 
eigentliche Ziel dieser Sokratischen Selbsterziehung eben die Über- 
windung des Verlangens nach dem körperlichen Besitze schöner 
Knaben gewesen ist. Denn gerade an diesem Punkte war er in 
seinem Leben wie in seiner Lehre weitaus am strengsten: schon 
die Alten machen kein Hehl daraus, daß Sokrates seiner Neigung, 
sich an Speis' und Trunk, ja wohl auch am Umgang mit Weibern 
zu erfreuen, gelegentlich die Zügel schießen ließ, die einzige Selbst- 
beschränkung, von der sie keine Ausnahme kennen, ist die, die er 
sich den geliebten Knaben gegenüber auferlegte ; und auch als 
Lehrer hat er in allen übrigen Stücken bloße Mäßigung, in 
diesem einen völlige Enthaltung gefordert! Wir sind also wohl 
berechtigt, vom psychologischen Standpunkte aus in der Unter- 
drückung der körperlichen Knabenliebe die eigentliche Haupt- 
leistung der Sokratischen Selbstbeherrschung, in deren übrigen 
Äußerungen mehr nur Mittel zur Stählung und Erziehung des 
Willens im Dienste dieser Hauptaufgabe zu sehen. Und von 
eben diesem Standpunkte aus müssen wir mit dieser Bedeutung 
der Selbstbeherrschung im Leben des Sokrates wohl auch die 
Mittelpunktsstellung zusammenschauen, die sie in seiner Lehre 
einnimmt: den Mahnruf, sich vor allem andern die Selbstbeherr- 
schung zu erkämpfen, hat er an seine Jünger zuletzt doch wohl 
darum gerichtet, weil er selbst schwer um sie gerungen hatte 

Imago X/l 5 



66 H. Gomperz 

und sich durch den siegreichen Abschluß dieses Ringens befreit 
und beglückt fand! 

Bisher wurden vor allem Tatsachen festgestellt: die erzieherische 
Wirksamkeit des Sokrates wurzelt in dem Boden einer vergeistigten. 
Knabenliebe; sein Leben und seine Lehre werden beherrscht von. 
der Aufgabe der Selbstüberwindung. Und von diesen Tatsachen 
entfernten wir uns zum mindesten nicht weit durch den Schluß: 
eben jene Vergeistigung der Knabenliebe wird die Hauptleistung 
dieser Selbstüberwindung gewesen sein. Diesen festen Boden der 
Tatsächlichkeit müssen wir wohl verlassen und nach mehr oder 
weniger einleuchtenden Vermutungen greifen, wenn wir nun die 
Frage zu beantworten suchen: welche inneren Antriebe mögen 
Sokrates den Willen eingegeben und die Kraft verliehen haben,, 
sein Verlangen nach dem körperlichen Besitz geliebter Knaben zu 
unterdrücken, sich selbst zu überwinden, seine Knabenliebe zu ver- 
geistigen? 

Wir denken in einem solchen Falle zunächst an die Macht 
der empörten öffentlichen Meinung, das eigene Bewußtsein des 
sittlich Unerlaubten, Allein für den Fall des Sokrates scheint 
eine solche Erklärung von vornherein auszuscheiden: in dem ge- 
sellschaftlichen Kreis, in dem sein Leben verlief, verstand sich 
die ganz unvergeistigte oder doch nur wenig vergeistigte Knaben- 
liebe durchaus von selbst, galt keineswegs als etwas besonders 
Tadelnswertes; in der Sokratischen Enthaltsamkeit sahen denn 
auch die Zeitgenossen nicht etwa bloß ein seltenes Beispiel 
pflichtmäßiger Gewissenhaftigkeit, vielmehr ein beispielloses, un- 
vergleichliches Wunder! Auch die Annahme, Sokrates' körperliches 
Verlangen möchte im Grunde doch mehr dem anderen als dem. 
eigenen Geschlecht gegolten, von dem wirklichen Besitz auch des 
schönsten und gelieb testen Knaben möchte ihn zuletzt doch ein. 
dunkles Widerstreben zurückgehalten haben, würde schwerlich das 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 67 

richtige treffen: wäre ihm der Verzicht auf den körperlichen Besitz 
schöner Knaben leicht gefallen, was sollte dann sein Loh der Selbst- 
beherrschung, seine Verherrlichung ihrer Mühen und Früchte 
eigentlich bedeuten? . . . Und auch der Glanz mühsam errungener 
Selbstbezwingung, von dem seine Gestalt den Zeitgenossen umstrahlt 
schien, war schwerlich bloß eine durch Mißverständnis hervorge-y 
rufene Täuschung! Sokrates selbst führt gegen die körperliche Knaben- 
liebe vor allem an, daß durch sie der Liebhaber unfrei, von seinem 
Liebling abhängig, auf dessen Laune angewiesen wird, und es wäre 
durchaus unrecht, das Gewicht zu unterschätzen, das für eine so 
freiheitsstolze Natur dieser Erwägung wirklich zukommen mußte. 
Allein so schwer wir es heut' einem Manne glauben würden, daß 
er aus keinem anderen Grund als bloß aus Stolz und Unabhängigkeits- 
gefühl sein ganzes Leben lang keine Frau berührt habe, so wenig 
wird uns doch auch für Sokrates jene Begründung als eine wirklich 
ausreichende erscheinen. Und in der Tat, mindestens noch eine 
andere Erklärung bietet sich dar. Sokrates war in dem Kreis, in 
dem er lebte, nicht geboren. Und dem athenischen Kleinbürgertum, 
dem er entstammte, war — wir sehen es aus der Komödie ; — die 
Knabenliebe immer fremd geblieben: die „gute Gesellschaft" Attikas 
hatte diese Gefühlsweise von den Dorern übernommen. 212 Könnte 
so nicht das, was Sokrates den Willen und die Kraft gab, sein Ver- 
langen nach dem körperlichen Besitz schöner Knaben zu überwinden* 
der Geist seines Elternhauses, der Umgebung, in der er aufwuchs, 
gewesen sein? Und wenn er dem Kritias vorhielt, das Verlangen 
nach dem Umgang mit einem Knaben sei etwas Schweinisches, 
hören wir in diesen Worten etwa den Nachklang des Urteils, das 
jene Umgebung über diesen Umgang zu fällen pflegte, und das 
Sokrates von den athenischen Kleinbürgern seit seiner Kindheit zu 
vernehmen gewohnt war? 

212) Vgl. Erich Bethe, Die dorische Knabenliebe, Rheinisches Museum I^XII, 438 ff.. 

5* 



~ 



68 H. Gomperz 

Daß dies die Quelle jenes Widerstrebens gewesen sei, das, ver- 
stärkt durch seinen Unabhängigkeitsdrang, den Sokrates gegen die 
ungehemmte Herrschaft sinnlicher Knabenliebe sich aufbäumen ließ, 
ist, ich wiederhole es, bloße Vermutung. Daß dagegen ein solches 
inneres Aufbäumen stattfand, daß Sokrates sich die Herrschaft über 
seinen sinnlichen Trieb in inneren Kämpfen mühsam errang, darf 
mit weit stärkerer Zuversicht behauptet werden. Und hieran knüpft 
sich nun eine weitere Frage, die ich freilich gleichfalls nicht durch 
den Hinweis auf Tatsachen, vielmehr bloß durch den auf Mög- 
lichkeiten, beantworten kann: wenn denn in Sokrates' Seele schwere 
sittliche Kämpfe stattfanden, könnte nicht auch die Vorherrschaft 
sittlicher Fragestellungen in seinem Denken eben in ihnen ihren 
letzten Grund gehabt haben? — Tatsache ist, daß Sokrates in den 
Jahren seiner Reife die Energie seines Denkens ganz überwiegend 
Fragen wie diesen zuwandte: Was ist das Gute? Das Anständige? 
Das Rechte? Um dies zu erklären, pflegt man auf den Geist jener 
Zeit zu verweisen, die eben begonnen habe, ihre Aufmerksamkeit 
den Fragen des menschlichen Lebens zuzuwenden. Und dies mit 
Recht, sofern sich's darum handelt, den Widerhall zu verstehen, 
den Sokrates' sittliche Fragestellungen im Denken seiner Zeitge- 
nossen fanden. Soll dagegen begreiflich gemacht werden, wie gerade 
dieser bestimmte Mensch dahin gelangt sein mag, jene Fragen auf- 
zuwerfen, dem Ringen um ihre Lösung sein Leben zu weihen, 
dann besagt doch diese Antwort recht wenig. Unser Streben nach 
psychologischem Verständnis jedenfalls würde sich mehr befriedigt 
fühlen, dürften wir die Annahme machen, Sokrates habe sich die 
Frage: Was ist das Gute, das Anständige, das Rechte? nicht aus 
bloßer theoretischer Wißbegierde gestellt, vielmehr ursprünglich 
darum, weil er wirklich nicht wußte, was für ihn gut, anständig 
und recht sei, mit anderem Wort: wie er sich verhalten, sein Leben 
gestalten» solle? Diese Voraussetzung nun ist in der Tatsache, daß 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 69 

Sokrates einen heftigen sinnlichen Trieb in sich niederzukämpfen 
hatte, zwar noch nicht enthalten, indes, wie ich glaube, doch mit 
einiger Wahrscheinlichkeit aus ihr zu folgern. Denn unsere 
sittlichen Kämpfe spielen sich doch, wohl recht selten so ab, daß 
wir uns darüber, auf welcher Seite das Recht sei, von vornherein 
ein für allemal im klaren sind, und daß es uns nur schwer fällt, 
dieser unserer Einsicht nun auch in unserem Handeln Geltung zu 
verschaffen 5 weit häufiger so, daß auch der bekämpfte Trieb uns 
Gründe, die zu seiner Rechtfertigung dienen können, vor Augen 
stellt, so daß dann unser Urteil zwischen diesen Gründen und den 
Gegengründen hin und her schwankt. Und dafür, daß eben dies 
auch der Fall des Sokrates gewesen sein wird, spricht ja schon der 
Umstand, daß dieser auch in seinen Gesprächen unsittliches Handeln 
durchwegs auf unzulängliche sittliche Einsicht zurückzuführen 
pflegt. 213 Auch galt ja den Gebildeten Athens körperliche Knaben- 
liebe wirklich nicht als verwerflich, — ein Umstand, den der be-^ 
kämpfte Trieb für sich auszubeuten kaum unterlassen konnte. War 
es vollends etwa gar so, wie wir vorhin mutmaßten, schwankte 
Sokrates wirklich jemals zwischen der Gefühls weise seines Eltern-r 
hauses und der seiner späteren Umgebung hin und her, dann mußte 
er sich ja die Frage, was gut, anständig und recht sei, notwendig 
auch in dem Sinne stellen, daß sie für ihn soviel wie die andere 
Frage bedeutete: Was soll ich tun, wie soll ich leben? ... So darf 
es also wohl nicht unwahrscheinlich heißen, daß für Sokrates 
die Frage nach dem Wesen des Sittlichen und Guten ursprünglich 
die Bedeutung einer ganz persönlichen Lebensfrage gehabt hat. 

Diese soeben als nicht unwahrscheinlich bezeichnete Annahme 
besagt übrigens nicht, daß sich Sokrates die Frage nach dem Wesen 
des Guten und Schlechten erst in jenem Lebensalter gestellt haben 
könne, in dem er vor der Wahl stand, dem Trieb der sinnlichen 

213) Vgl. o. Anm. 187. 



70 H. Gomperz 



Knabenliebe nachzugeben oder ihn zu unterdrücken, somit nicht 
vor dem ersten Mannesalter. Im Gegenteil! Zeigt sich an diesem 
einen Beispiel, daß Sokrates' Natur zu sittlichen Kämpfen über- 
haupt neigte, dann ist's fast wahrscheinlich, daß ihm der Wider- 
streit zwischen Neigung und Pflicht auch schon aus früheren An- 
lässen, wohl gar seit seiner Kindheit, schmerzlich fühlbar geworden 
sein wird. Und so wär's denn durchaus denkbar, daß sein unab- 
lässiges Fragen nach dem Wesen des Guten zwar wirklich zuletzt 
aus seinen eigensten sittlichen Nöten geflossen wäre, dennoch aber 
schon in seiner frühen Jugend angehoben und aus den seelischen 
Kämpfen, in die ihn seine Knabenliebe verwickelte, etwa nur neuen 
Anstoß empfangen hätte. Ein Umstand freilich spricht dafür, daß 
dem Ringen um die Vergeistigung der Knabenliebe für die Sokra- 
tische Fragestellung nach dem Wesen des Sittlichen doch eine 
größere Bedeutung zugekommen sein mag, als es sonst nach dem 
eben Gesagten scheinen könnte: Sokrates' Nachdenken scheinen in 
seinen Jünglingsjahren mehr Fragen der Naturerkenntnis, erst in 
seinem Mannesalter immer entschiedener Fragen des sittlichen 
Lebens beschäftigt zu haben; das aber ist eben die Zeit, zu der 
sich seine Knabenliebe zuerst stark und bewußt in ihm geregt 
haben muß; ist doch nach den Begriffen jener Zeit ein Lieb- 
haber kaum unter fünfundzwanzig Jahren denkbar. Mag also 
Sokrates die Frage, was gut, anständig und recht sei, auch 
schon als Kind aufgeworfen haben, entscheidende Bedeutung 
scheint sie für sein Leben erst nach seinen Jünglingsjahren ge- 
wonnen zu haben, und da darf es denn wohl eine einigermaßen 
scheinbare Vermutung heißen, daß diese Wendung in seinem 
Denken mit jenen inneren Kämpfen zusammenhing, in die ihn 
in eben denselben Jahren der Trieb zu sinnlicher Knabenliebe 
verwickelt haben dürfte. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 7 1 

Ich komme zur zweiten Gruppe meiner Beobachtungen. Im Ge- 
dankenkreise des Sokrates nimmt der Begriff des Handwerksmeisters 
eine eigentümlich beherrschende Stellung ein: die Erkenntnis des 
Handwerksmeisters gilt ihm als die vorbildliche Erkenntnis; wie dieser 
die Fragen seines Fachs, so sollte jeder Tüchtige die Fragen des 
Lebens, der wahre Herrscher die der Staatskunst überblicken; ja. 
selbst das Verhältnis Gottes zur Welt weiß sich Sokrates nur an 
dem des Handwerksmeisters zu seinem Erzeugnis zu erläutern. Nun 
war aber Sokrates der Sohn eines Steinmetzen, war also selbst im 
Haus eines Handwerksmeisters aufgewachsen: daraus dürfen wir 
schließen, daß sich in seinem Erkenntnisbegriff seine Jugendeindrücke 
niedergeschlagen haben, daß ihm das Fachwissen des Handwerks- 
meisters darum als das Musterbild alles Wissens überhaupt galty 
weil .für die Menschen, die ihn in seiner Jugend umgaben, tüchtige 
Handwerksmeister die maßgebenden Autoritäten waren und weil 
deshalb auch er selbst als Kind zu solchen Handwerksmeistern voll 
Achtung und Ehrerbietung aufgeblickt hatte. 

Allein Sokrates' Urteil über die Handwerksmeister erschöpft sich 
nicht in jener Anerkennung ihres Fachwissens. Es schließt auch die 
ebenso entschiedene Feststellung ein, daß die Handwerksmeister, 
wie sie in Athen wirklich zu finden sind, zulängliches Wissen nur 
in ihrem Fache besitzen, dagegen auf die wichtigsten Fragen der 
Lebensführung, der Staatsleitung und natürlich erst recht der Welt- 
einrichtung die Antwort ebenso schuldig bleiben wie die übrigen 
Bürger und Fremden. 214 Das Fachwissen des Handwerksmeisters ist 
demnach zwar für Sokrates seiner Art nach die vorbildliche Er- 
kenntnis, allein ihrem vollen Umfang nach besitzen diese vor- 
bildliche Erkenntnis seiner Meinung nach nicht etwa irgendwelche 
wirkliche Handwerksmeister, vielmehr stellt er diesen einen als 
vollkommen gedachten, kürzer: einen idealen Handwerksmeister 

214) PI. Apol. 22 d. 



7 2 H. Gomperz 

entgegen, und erst dieser gilt ihm als der einzig wahrhaft Tüchtige, 
der einzig wahre Herrscher, ja in gewissem Sinne sogar als die 
einzig wahre Gottheit. An die Annahme, Sokrates habe als Kind 
zu den athenischen Handwerksmeistern ehrfürchtig aufgeblickt, ist 
daher die weitere zu fügen, er habe sich gegen den Druck ihrer 
Autorität irgendeinmal aufgebäumt, ja sich von deren Anerkennung 
endlich völlig befreit. Sokrates verhielt sich demnach gegen die 
Handwerksmeister so, wie wir alle uns oft gegen Typen verhalten, 
zu denen wir einmal aufgeblickt haben, die aber dann die Er- 
wartungen, die wir auf sie gesetzt hatten, enttäuschten: wir „spalten" 
nämlich diese Typen, setzen etwa den „wahren Richter", den 
„wahren Gelehrten" den unzulänglich befundenen „wirklichen" 
Richtern und Gelehrten entgegen $ jener erweist sich nun als ein 
durchaus geeigneter Gegenstand fortdauernder, von keinem Einwand 
mehr angefochtener Verehrung, diese dagegen werden jetzt durch 
unsere Wertschätzung des Typus gegen die Geringachtung, die 
uns dessen wirkliche Vertreter eingeflößt haben, nicht mehr ge- 
schützt. Und daß auch Sokrates von den wirklichen Handwerks- 
meistern, sofern er sie als Vorbilder zulänglicher Erkenntnis be- 
trachtet hatte, irgendeinmal schwer enttäuscht worden ist, darf 
aus der Art, wie er ihnen einen „idealen Handwerksmeister" ent- 
gegenstellte, mit Zuversicht geschlossen werden. Ja, da wir aus seiner 
Lebensgeschichte wissen, daß Sokrates etwa im achtzehnten Lebens- 
jahr mit dem Naturphilosophen Archelaos umzugehen begann, dessen 
Fragestellungen über den Wissenskreis der athenischen Handwerks- 
meister, mögen wir ihn noch so groß annehmen, ohne Zweifel 
weit hinausführen mußten, so dürfen wir sogar hinzusetzen, daß 
jene Enttäuschung kaum später als eben damals eingetreten sein 
kann. 

Wir können einer Autorität entweder still und unvermerkt ent- 
wachsen oder aber sie kann sich unseren Ansprüchen gegenüber 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 73 

ein Mal über das andere als unzulänglich erweisen und so vor 
unseren Augen Stück für Stück zerbröckeln. Eine Vermutung 
darüber zu wagen, ob Sokrates in früher Jugend mit der Autorität 
der Handwerksmeister diese oder jene Erfahrung gemacht habe, 
scheint zunächst höchst vermessen: nur ein ganz besonders glück- 
licher Umstand erlaubt es uns, diese Frage nicht bloß aufzuwerfen, 
nein, sie sogar mit einer an Gewißheit grenzenden Wahrschein- 
lichkeit zu beantworten. Treffen wir nämlich bei einem Erwach- 
senen ein sonst für Kinder bezeichnendes Verhalten an, so dürfen 
wir doch mit großer Zuversicht annehmen, er werde dies Verhalten 
auch schon als Kind beobachtet und es eben seit damals beibehalten 
haben. Sokrates nun hat sein Leben damit zugebracht, mit immer 
gleichem, nie ermattendem Eifer all denen, mit denen er umging, 
Fragen vorzulegen: wer diese Fragen nicht — oder doch nicht 
ohne sich in Widersprüche zu verwickeln — beantworten konnte, 
der galt ihm als „widerlegt", seiner Unwissenheit überführt," seines 
Anspruchs auf Autorität beraubt. Die Erwachsenen mit Fragen zu 
bestürmen, ist aber ausgesprochene Kinderart. Ich folgere, es werde 
um so mehr auch die Art des Sokrates, als er noch ein Kind war, 
gewesen sein. Und da nun diesem auch noch in seinen reifen 
Jahren eine Autorität dann als entwertet galt, wenn der, dem sie 
beigelegt worden war, seine Fragen nicht zu seiner Zufriedenheit 

zu beantworten wußte, so glaube ich weiter folgern zu dürfen, 

« 
auch schon dem jugendlichen Sokrates werde die Autorität der 

Handwerksmeister auf dieselbe Art entwertet worden sein. Mit 
anderen Worten, solange sich seine Fragen auf das Handwerk des 
einzelnen Meisters, seine Gegenstände und Verrichtungen bezogen, 
werden dessen Antworten den jugendlichen Frager höchlich be- 
friedigt haben: eben daher wird denn auch die hohe Achtung rühren, 
die Sokrates sein Leben lang für das Fachwissen der Handwerks- 
meister erfüllt hat. Allein dies mußte sich von Grund aus ändern 



74 H. Gomperz 

sowie sich der Kreis der von Sokrates gestellten Fragen erweiterte. 
Piaton läßt diesen einmal selbst davon reden, Fragen welcher Art 
ihn in seiner Jugend beschäftigten: 215 Wie entstehen die Tiere? 216 
Mit welchem Bestandteil des Leibes denken wir? Ist die Erde 
flach oder rund? Und, wenn flach oder rund, wozu ist sie flach 
oder rund? .. . Solche Fragen konnten die Handwerksmeister, die 
Sokrates in seiner Jugend umgaben — der Steinmetz Sophroniskos, 
seine Verwandten und Freunde — unmöglich beantworten ; noch 
weniger freilich die Fragen, die Sokrates später mit Vorliebe auf- 
warf, vielleicht aber doch auch schon früh gestellt hat: Was ist 
das gemeinsame Wesen alles Guten, Anständigen, Gerechten...? 
Und eben ihr Unvermögen, diese Fragen zu lösen, wird ihre Auto- 
rität in den Augen des jugendlichen Sokrates entwertet und diesen 
veranlaßt haben, ihnen als den wirklichen, jedoch unzulänglichen 
Handwerksmeistern einen als vollkommen gedachten, idealen Hand- 
werksmeister entgegenzusetzen. 

Wirklich hat sich ja Sokrates mit siebzehn Jahren dem Natur- 
philosophen Archelaos angeschlossen und ohne Zweifel zunächst in 
diesem zulängliches Wissen verkörpert zu finden, den wahren 
Meister" zu sehen geglaubt. Vermochte ihn doch Archelaos nicht 
nur über die Entstehung der Tiere, das Denkorgan, die Gestalt 
der Erde und noch vieles andere dergleichen, vielmehr auch über 
den Ursprung von Recht und Staat zu belehren. Beider Verhältnis 
war denn auch ein langdauerndes und inniges. 217 Endlich aber 

215) Phaedo 96 a ff. 

216) Gemeint ist die Frage der Urzeugung. Piatons Worte lauten in Apelts Über- 
tragung: „. . . ob, wenn das Warme und Kalte in Fäulnis gerät, wirklich Lebewesen 
entstehen, wie Einige behaupten . . .?". 

217) Auf Seiten des älteren Freundes wird ihm eine gewisse leidenschaftliche 
Färbung wohl nicht gemangelt haben. Wirkte indes wirklich, wie wir vermuteten, 
in Sokrates eine anerzogene Mißachtung körperlicher Knabenliebe dauernd nach, so 
wird er solcher Leidenschaft wohl von Anfang an gewisse Schranken gesetzt haben: 
manche Eigentümlichkeit seiner Lebensweise, die weder als Mittel zur Übung im. 
Entbehren noch als solches der Willensstählung unbedingt gefordert scheint, wie etwa 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 75 

scheint Sokrates doch auch den Archelaos „überfragt" zu haben, 
und zwar vermutlich um so unverkennbarer, je entschiedener die 
Fragen nach dem gemeinsamen Wesen alles Guten, Anständigen, 
Gerechten sein Denken beherrschten: hätte Archelaos diese Fragen 
selbst zu beantworten gewußt, so wäre ja er der Begründer der 
wissenschaftlichen Sittenlehre geworden! Auch er also konnte dem 
Sokrates nicht dauernd die wahre Autorität, den wahren „Meister" 
bedeuten. Und die Erfahrung, die Sokrates an den Handwerks- 
meistern und nun auch an Archelaos gemacht hatte, sie wieder- 
holte sich ihm nun noch unzählige Male im Umgang mit all den 
Männern, die auf irgend einem Gebiet für hervorragend galten; 
denn auch er selbst wiederholte ihnen allen gegenüber das Ver- 
fahren, daß ihm seit seiner Kindheit geläufig war: er legte ihnen 
Fragen vor und beurteilte ihr Wissen, ihren Geltungsanspruch, 
ihre „Meisterschaft" nach den Antworten, die sie auf diese Fragen 
erteilten; da aber fand sich's regelmäßig, daß sie zwar auf ihrem 
Sondergebiet zulängliches Wissen besaßen, andere Fragen dagegen, 
besonders die dem Sokrates vor allem am Herzen liegenden nach 
dem Wesen des Guten, Anständigen und Rechten nicht wider- 
spruchslos und befriedigend zu beantworten vermochten. Alle blieben 
sie vielmehr dem Sokrates die erbetene Belehrung schuldig: wie 
hätte er ihnen da wahre Autorität zubilligen, sie als wahre „Meister" 
anerkennen können? 21 

Als der einzig wahre Meister galt ihm vielmehr jetzt Gott, die 
das All zweckgemäß einrichtende und leitende Vernunft. Die Vor- 

das seltene Baden und Haarschneiden, sieht ganz so aus, als stammte sie aus einer 
Zeit, da es Sokrates willkommen war, reiferen Männern nicht allzu anziehend zu 
erscheinen. 

218) Daß Sokrates ein solches Gespräch belehrungsdurstig wie ein Kind beginnt, 
um in seinem Verlauf immer unverkennbarer den Meister des Widerspruchs, der 
Widerlegung hervorzukehren, ward seinen Zeitgenossen einer der wichtigsten Anlässe, 
mit einem gewissen, freilich nur teilweisen Becht von „sokratischer Ironie" zu 
sprechen. 



7 6 H. Gomperz 

Stellung solch einer göttlichen Vernunft mag ihm Archelaos ver- 
mittelt haben: daß sie in seinem Bewußtsein etwa die Stelle ein- 
nahm, die dereinst die Autoritäten seiner Jugend, die Männer, die 
in seinem Elternhause für weise galten, innegehabt hatten, daß 
also der Mann Sokrates der Gottheit innerlich etwa so gegenüber- 
stand, wie einst der Knabe Sokrates den weisen Handwerksmeistern 
gegenübergestanden hatte — dies dürfen wir mit ziemlicher Sicher- 
heit aus zwei Umständen schließen. Er selbst vergleicht diese Gott- 
heit einem „weisen und liebevollen Handwerksmeister" und die 
kurzen Verbote, die er von Zeit zu Zeit hörte und auf Gott zurück- 
führte, scheinen durchwegs von der Art gewesen zu sein, wie sie 
ältere Leute einem kleinen Buben zuzurufen pflegen ; nach Piatons 
Andeutungen mögen sie etwa gelautet haben: „Bleib' stehen! Sitzen 
bleiben! Halt's Maul!" ; auch das einzige göttliche Gebot, das So- 
krates, soviel wir wissen, (im Traum) vernahm, ist von ganz der- 
selben Art: „Sokrates, mach' Musik und sei fleißig!" Wo Sokrates 
seinem Gott gegenübersteht, fühlt er sich durchaus als Kind. 21 ^ 
Die entscheidende Bedeutung seines Gottesglaubens für Sokrates" 
Lebensgestaltung ist indes erst darin zu erblicken, daß dieser Glaube 
es ihm gestattete, sein Verlangen nach Unterordnung unter eine 
Autorität mit seinem Unabhängigkeitsdrang zu versöhnen. Der 
Widerstreit dieser beiden Bedürfnisse kehrt ja wohl in irgend einem. 
Grad bei jedem Menschen wieder. Ein großer Teil des Reizes, den 
die Erinnerung an die Kinderzeit auf die meisten von uns ausübt, 
beruht darauf, daß dies eine Zeit war, da noch andere für uns 
dachten, sorgten und handelten, auf die wir uns verlassen, in deren 
Hut wir uns geborgen fühlen durften. So oft es in unserem späteren 
Leben scheint, dieses Verhältnis könnte sich, wenn auch in abge- 
änderten Formen, wiederherstellen, es biete sich uns ein Erzieher 

219) Hier darf auch daran erinnert werden, daß Sokrates beim Lesen und Schreiben 
wie ein Kind gestammelt haben soll. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 77 

oder Lehrer, ein Vorgesetzter, ein Parteiführer oder ein Herrscher, 
ein Genius, ein Prophet oder eine Gottheit dar, denen wir nur zu 
folgen brauchten, auf die wir uns bedingungslos verlassen dürften, 
begrüßen wir, sofern sich keine Gegenwirkung fühlbar macht, diese 
Aussicht mit inniger Befriedigung. Und daß auch Sokrates so empfand, 
geht daraus hervor, daß sich ja sein ganzes Leben als ein Suchen 
nach dem „wahrhaft Wissenden", dem „wahren Meister" begreifen 
und darstellen läßt. Allein wenn die Erwachsenen dem Kind Sorge 
und Verantwortung für seine Entscheidungen abnehmen, so treten 
sie dafür doch auch der Erfüllung seiner Wünsche, der Befriedi- 
gung seiner Neigungen vielfach hemmend in den Weg. Daher es 
denn natürlich, ja notwendig ist, daß in dem Kinde die Sehnsucht 
nach ungehemmter Selbstbetätigung, völliger Selbständigkeit, schran- 
kenloser Unabhängigkeit erwacht. Und daß dies Streben nach voller, 
bedingungsloser Unabhängigkeit auch in Sokrates, und zwar in un- 
gemeinem Maße lebendig war, erhellt unzweideutig aus seiner un- 
ermüdlich wiederholten Forderung, die Jugend zu freien Herren- 
naturen zu erziehen, gewöhnt, lieber alle Entbehrungen auf sich 
zu nehmen als sich in irgendwelche Unfreiheit, irgendwelche Ab- 
hängigkeit von Menschen oder Verhältnissen zu fügen, eher auf 
jeden Genuß zu verzichten als auch nur ein Teilchen der 
eigenen Unabhängigkeit, der eigenen Selbstbestimmung preiszu- 
geben — und erhellt vielleicht noch entschiedener daraus, daß 
auch Sokrates selbst dieser Forderung nachgelebt, sie. in Leben 
und Sterben beispielgebend erfüllt hat. Diese beiden Urnei- 
gungen des menschlichen Herzens geraten nun aber, sobald sie 
über einen gewissen Stärkegrad hinaus anwachsen, notwendig in 
Streit: wer zu voller Unabhängigkeit durchdringen will, muß 
darauf verzichten, sich einer höheren Autorität anzuvertrauen und 
sich im Vertrauen auf sie vor jeder Fährlichkeit behütet zu fühlen; 
wer hierauf nicht verzichten kann, muß irgend eine Autorität 



7 8 



H. Gomperz 



über sich stellen, gegen die gehalten er dann selbst als ein un- 
selbständiges Wesen von beschränkter Wirkungsmöglichkeit erscheint. 
Sokrates nun gehörte zu jenen Menschen, die diesen Streit so 
schlichten, daß sie eine übernatürliche Autorität unbedingt an- 
erkennen, sich ihr völlig unterwerfen, eben hiedurch aber in den 
Stand gesetzt werden, allen natürlichen Widerständen Trotz zu 
bieten, im Vertrauen auf den Schutz der Gottheit sich von allen 
irdischen Mächten unabhängig zu fühlen. Dies haben in den ver- 
schiedensten Zeiten viele mit sehr ungleichem Ergebnis versucht; 
Sokrates ist es mit ganz besonderem Erfolge gelungen: er war fest 
davon überzeugt, daß Gott über ihm wache, ihn weise und für- 
sorglich leite, und diese Überzeugung hat ihm jene furchtlose Ruhe 
verliehen, die ihn allen äußeren Gefahren gegenüber beseelte, hat 
ihm das Gefühl völliger Unabhängigkeit vom Schicksal geschenkt. 
Voraussetzung war dabei für Sokrates freilich auch eine eigen- 
tümliche Geisteshaltung, die ihm mit vielen anderen Größen der 
Geistes- und besonders der Religionsgeschichte gemein ist. Schwerlich 
hätte die Gottheit für ihn diese lebensbestimmende, diese Wirklich- 
keitsbedeutung gewinnen und behaupten können, wäre sie für ihn 
Gegenstand bloßen Glaubens geblieben, ihm nicht in voller Sinn- 
fälligkeit entgegengetreten: er war überzeugt, ihre Stimme selbst 
zu hören, die Äußerungen ihrer Fürsorge für ihn und seine Freunde 
unmittelbar zu vernehmen. Das heißt aber: er trug das Idealbild, 
des „wahren Meisters", einer höchsten Weisheit, unbewußt in 
sich und da es nun in sein Bewußtsein eindrang, erschien es ihm 
als ein wirklich außer ihm Befindliches, an das er sich halten 
konnte mit der vollen Kraft des wirklichen Lebens. Daß nun mit 
dieser vollsten Lebendigkeit nur solche Erzeugnisse unseres Geistes 
auf uns wirken, die wir nicht als Erzeugnisse unseres eigenen 
Geistes erkennen, die wir vielmehr außer uns setzen als ein von 
uns unabhängiges Wirkliches, um nicht zu sagen Leibhaftiges, dies 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 79 



ist eine Grunderscheinung der Religionsgeschichte; diese so eigen- 
tümlich-folgenreiche Geisteshaltung aber einigermaßen aufzuklären, 
vor allem ihr Verhältnis zu den Wahngebilden zu bestimmen, die 
ja der Geisteskranke nicht minder „außer sich" setzt, dies wäre wohl 
eine der dringendsten Forderungen an eine nervenärztliche Seelen- 
kunde. 

Fassen wir das in einer zweiten Gruppe von Beobachtungen 
bisher Festgestellte zusammen, so hat sich ergeben: Sokrates hat 
in früher Jugend zu tüchtigen Handwerksmeistern als höchsten 
Autoritäten aufgeblickt, ist aber dann, da sie seine über ihr Fach- 
gebiet hinausgreifenden Fragen nicht zu seiner Zufriedenheit be- 
antworten konnten, an ihrer Autorität irre geworden und hat ihnen 
das Ideal eines wahren, d. h. wahrhaft weisen Handwerksmeisters 
entgegengesetzt; dieses aber fand er nicht unter Menschen ver- 
wirklicht, vielmehr einzig in der die Welt weise einrichtenden und 
leitenden Gottheit verkörpert, und indem er diese als höchste Auto- 
rität anerkannte, fand er in ihr zugleich den Stützpunkt, der ihn 
in den Stand setzte, allem Irdischen gegenüber seinen mächtigen 
Unabhängigkeitsdrang zur Geltung zu bringen. Und blicken wir 
nun von hier aus auf das zurück, was wir in einer ersten Gruppe 
von Beobachtungen über Sokrates' Stellung zu seinem gleichge- 
schlechtlichen Triebe festgestellt hatten, so werden wir einer engen 
Wechselbeziehung des dort und des nun hier Beobachteten gewahr, 
Sokrates selbst hatte ja als den Hauptgrund, aus dem er für sich 
wie seine Jünger die sinnliche Knabenliebe grundsätzlich ablehnte, 
die Unfreiheit bezeichnet, in die durch sie der Liebhaber dem 
Geliebten gegenüber gerate. Da sich der Trieb nach Unabhängigkeit 
von allem Äußeren als einer der Grundtriebe des Sokrates erwiesen 
hat, so bestätigt sich nun, was wir schon damals mutmaßen konnten; 
daß jene von Sokrates selbst gegebene Begründung durchaus ernst 
zu nehmen ist und, können wir sie auch nicht als ausreichenden 



80 H. Gomperz 

psychologischen Erklärungsgrund für Sokrates' Herrwerden über die 
sinnliche Knabenliebe gelten lassen, doch zu diesem Ergebnis ohne 
Zweifel wesentlich beigetragen haben wird. Anderseits aber ist 
auch innere Unabhängigkeit vom Schicksal dort undenkbar, wo ein 
Mensch von einem Drange beherrscht wird, über dessen Befriedi- 
gung oder Nichtbefriedigung eben dies Schicksal entscheidet. Folglich 
hätte Sokrates seinem Drang nach Unabhängigkeit von allem Äußeren 
überhaupt nicht zum Durchbruch verhelfen können, hätte er nicht 
die sinnliche Knabenliebe in sich unterdrückt, sie zu einem rein 
seelischen Erziehungseifer emporgeläutert. Er selbst hat es ausge- 
sprochen : Freiheit ist unmöglich ohne Selbstbeherrschung. 220 Sokrates 
war also durchaus folgerecht, wenn er in seiner Lehre die Forderung 
nach Selbstbeherrschung mit der nach innerer Freiheit verknüpfte 
und auch in seinem eigenen Leben vermochte er dieser zweiten 
Forderung nur darum Genüge zu tun, weil er auch jene erste er- 
füllte. War es, wie wir vermuteten, zuletzt wirklich die Abhängig- 
keit von der Empfindungsweise seines Elternhauses, die ihm die 
Bezwingung des heftigsten seiner körperlichen Triebe ermöglichte, 
dann hat ihm diese Abhängigkeit eben damit zugleich auch zur 
Erringung eines Höchstmaßes innerer Unabhängigkeit verholfen! 
Ich habe bisher Sokrates' Drang nach Unabhängigkeit und seine 
Auflehnung gegen die Autorität der Handwerksmeister, überhaupt 
der nicht wahrhaft Sachverständigen als zwei voneinander unab- 
hängige Erscheinungen besprochen. Und das sind sie ja auch wirklich, 
sofern wir nämlich voraussetzen dürfen, Sokrates habe seine Fragen 
zu allen Zeiten seines Lebens aus bloßer Wißbegierde gestellt^ 
daß ihm die Autorität der Befragten, wenn sie, wie gewöhnlich, 
die gestellten Fragen nicht zufriedenstellend beantworten konnten 
in Nichts zusammenbrach, ist dann ein vollkommen unbeabsichtigter 
Nebenerfolg gewesen. Daneben wäre indes doch auch eine andere 

220} Xen. Erinn. IV 5, 2 bis 5. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 8i 

Auffassung denkbar. Es könnte sein, daß Sokrates' Unabhängigkeits- 
drang von früh auf der dauernden Anerkennung jeder menschlichen 
Autorität widerstrebt, und daß er mit seinen beständigen Fragen 
auch die Absicht verfolgt hätte, die Befragten in Verlegenheit zu 
bringen, in seinen eigenen Augen wie auch in denen etwaiger Zu- 
hörer ihre Autorität zu untergraben, zu entwerten. Jedenfalls wäre 
eine derartige Absicht auch schon bei einem Kind durchaus nichts 
Unerhörtes oder auch nur Ungewöhnliches. So wie die Erwachsenen 
vielfach der Erfüllung der Wünsche des Kindes im Wege stehen, 
so vor allem auch seinem angeborenen Streben nach Ansehen und 
Geltung, seinem Verlangen, sich vor allen andern hervorzutun, neben 
ihnen als der Überlegene, der Erste zu erscheinen 5 denn dieses 
Verlangen ist wohl jedem vernünftigen, zum Leben unter Genossen 
bestimmten Wesen von Natur aus eigen. Ist nun anzunehmen, daß 
diese Neigung zur Auflehnung gegen die Autorität als solche auch 
in Sokrates besonders entwickelt war, daß er den wirklichen Hand- 
werksmeistern den idealen Handwerksmeister nicht nur darum ent- 
gegenstellte, weil sie seinen Wissensdrang enttäuschten, vielmehr 
auch darum, weil sie seinem Selbständigkeitsdrang im Wege waren, 
ja hat er vielleicht bald auch die Fragen, die er ihnen vorlegte, 
so gewählt, daß jene Enttäuschung nicht wohl ausbleiben konnte? 
Auf die frühe Jugend des Sokrates bezogen, überschreitet diese 
Frage natürlich den Umkreis dessen, was wir noch heute durch 
Beobachtungen an überlieferten Nachrichten mit einer gewissen 
Zuversicht feststellen dürfen. Allein an den uns erhaltenen Frage- 
stellungen des Sokrates in den Jahren seiner Reife ist das Streben 
nach geistiger Niederringung des Mitunterredners, nach Vernichtung 
seines Geltungsanspruchs unverkennbar, die Fassung und Anein- 
anderreihung der Fragen dient noch mehr der Widerlegung des 
Befragten als der Belehrung des Fragenden, die Fragekunst des 
Sokrates ist hier vorwiegend Widerlegungskunst, ja sie nähert sich 

Imago X/i 6 



82 



H. Gomperz 



oft genug der Streitkunst. Und hiezu tritt nun noch die Schärfe, 
mit der Sokrates jede angemaßte Geltung bekämpft, zur Nicht- 
achtung aller Väter, Lehrer, Herrscher, Gesetzgeber, die sich nicht 
über zulängliches Wissen ausweisen können, aufreizt. All das nun 
schließt sich mir zu einer so einheitlichen und geschlossenen Eigen- 
art zusammen und stimmt so gut zu dem doch offenbar tief im 
Wesen des Sokrates wurzelnden Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang, 
daß ich die Vermutung nicht abweisen kann, die vorhin aufge- 
worfene Frage sei zu bejahen: wenn Sokrates weder den Hand- 
werksmeistern noch irgendwelchen andern hervorragenden Männern 
eine wahrhaft zulängliche Erkenntnis zubilligte, so wird das wahr- 
scheinlich nicht nur darum geschehen sein, weil sie seine Wiß- 
begierde nicht endgültig zu befriedigen vermochten, vielmehr vor 
allem auch darum, weil sein Freiheits- und Unabhängigkeitsdurst 
sich bei der Anerkennung einer höchsten menschlichen Autorität 
nicht dauernd beruhigen konnte! 

Endlich drängt sich mir hier noch eine letzte Frage auf. Bemüht, 
dem halbwegs Sichern oder doch überwiegend Wahrscheinlichen vor 
dem bloß Möglichen und nicht Unwahrscheinlichen den Vortritt zu 
lassen, habe ich von jenen Handwerksmeistern, deren Autorität Sokrates 
in früher Jugend irgendeinmal feststand, gegen die er sich aber dann, 
wie wir vermuteten, später aufgelehnt hat, bisher nur ganz allgemein 
und unbestimmt gesprochen. Es liegt aber außerordentlich nahe, bei 
diesen ganz vorzugsweise an einen bestimmten Handwerksmeister, 
den Steinmetzen Sophroniskos, Sokrates' Vater, zu denken. Dürfte 
doch Sokrates die entscheidenden Erfahrungen von dem Betrieb eines 
Handwerks, dem Wissen des Meisters um die Regeln und Bedingungen 
seiner Kunst, seiner Eignung zur Beantwortung der ihm hierüber 
gestellten Fragen, seiner geringeren Eignung zur Beantwortung 
anderer Fragen vermutlich früher und öfter in der väterlichen 
Werkstatt als in der irgend eines Verwandten oder Freundes seines 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 8z 

Vaters gemacht haben. Auch berichtet uns ein nicht unglaubwürdiger 
Zeuge, 221 Sokrates habe „unablässig das Steinmetzenhandwerk seines 
Vaters und den Hebammenberuf seiner Mutter im Mund geführt", 
woraus sich immerhin schließen ließe, gerade sein Vater sei ihm als 
typischer Vertreter des Handwerkerberufes erschienen. Wir dürften 
uns dann vorstellen, Sokrates habe als Kind nicht zu igendwelchen 
beliebigen Handwerkern aufgeblickt, später aber ihre Autorität be- 
stritten, vielmehr er habe zuerst unbedingt an seinen eigenen Vater 
geglaubt, dann aber sich gegen ihn aufgelehnt, 222 und er habe diesem 
wirklichen Vater das Idealbild nicht nur des „wahren Handwerks- 
meisters", vielmehr auch des „wahren Vaters" entgegengesetzt, dieses 

221) Menedem ans Pyrrha bei Porphyr, Gesch. d. Philos. Frg. 11 Nauck. Auch 
wenn dieser bei seiner Bemerkung nur die Gewohnheiten des Sokrates in den (uns 
zum größten Teil verlorenen) Gesprächen der ältesten Sokratiker im Auge hatte, 
kommt seinem Zeugnis für uns doch ein gewisser Wert zu. 

222) Nehmen wir an, auch schon die Fragen, die Sokrates seinem Vater stellte, 
seien ihm (wenigstens teilweise und von einem gewissen Zeitpunkt an) von einer 
Neigung, sich gegen diesen aufzulehnen, eingegeben worden, so kann gefragt werden: 
woher mag ein solcher Wille zur Auflehnung gegen den Vater zuletzt entsprungen 
sein? Der Psychoanalytiker denkt in einem Falle dieser Art zuerst an eine Neben- 
buhlerschaft um die Gunst der Mutter. Daß diese die notwendige Bedingung 
solchen Auflehnungswillens sei, kann ich nicht glauben. Denn es scheint mir: wenn 
es natürlich ist, daß der Sohn zum Vater aufblickt, der so viel größer und mächtiger 
ist als er, ihm Befehle erteilt, ihn belohnt und bestraft, so ist es nicht minder natür- 
lich, daß er sich gegen diesen selben Vater doch auch wieder aufbäumt, der seine 
Wünsche so vielfach durchkreuzt, seinem Ehrgeiz, als der erste und wichtigste zu 
gelten, jeden Augenblick im Weg steht. Oft mag es sich dann auch ganz besonders 
um ein Gelten in den Augen der Mutter handeln. Und dafür, daß es sich so auch 
bei Sokrates verhalten habe, läßt sich wirklich einiges wenige, jedoch gewiß nichts 
entscheidendes anführen. Sokrates bezeichnet bei Piaton seine Mutter als „sehr tüchtige 
und ansehnliche" Geburtshelferin (ji-a/.a yewaiagze y.ai ßkoovgäg, Theaet. 149a) — mit 
einem Ausdruck, den er anderswo auf Krieger anwendet (Staat VTI, 535 b ): es wäre 
denkbar, daß darin ein Hinweis auf ihre etwas männliche Veranlagung läge, die 
wieder auf seine Vorliebe für männlich veranlagte und erzogene Frauen von Einfluß 
gewesen sein könnte. Er setzt sich ebendort mit Phainarete insofern eins, als er seine 
Gewohnheit, durch Fragen die Gedanken junger Leute ans Licht zu bringen, mit 
ihrer geburtshilflichen und seine Neigung, sie mit geeigneten Lehrern in Verbindung 
zu setzen, mit ihrer ehestiftenden Tätigkeit vergleicht. Er gibt endlich, wie wir hörten, 
für das Verbot der Blutschande zwischen Eltern und Kindern eine Begründung, die 
allein auf die Beziehung von Mutter und Sohn, dagegen gar nicht auf die von Vater 
und Tochter paßt — woraus man vielleicht immerhin schließen dürfte, der Gedanke 
an einen Inzest der ersteren Art habe seinem Vorstellungskreis näher gelegen als der 
an einen solchen der zweiten. 



84 H. Gomperz 



aber auf die Dauer in keinem anderen Menschen, vielmehr einzig 
in Gott verwirklicht gefunden. 225 Und so dürften wir weiterhin in 
dem Streit zwischen dem Aufblick zum Vater und der Auflehnung 
gegen ihn gleichsam den Urkeim zu all den seelischen Kämpfen in. 
Sokrates' Innerm erkennen, durch die er ein großer Mensch und über- 
dies ein großer Ethiker geworden ist: von hier aus wäre sein lebens- 
langes Fahnden nach dem wahrhaft Wissenden wie seine schroffe 
Nichtachtung aller bloß überlieferten und angemaßten Autorität zu 
verstehen (er hätte eben nie aufgehört, den wahren Vater zu suchen, 
aber auch nie, sich gegen jede wirkliche Verkörperung dieses Ideal- 
bildes aufzulehnen), sein unbedingtes Vertrauen auf die Stimme Gottes 
neben seinem schrankenlosen Freiheitsdrang, endlich die Selbstbe- 
zwingung, die ihn zum Herrn über die, wie wir annehmen dürfen, 
vom Vater verpönte sinnliche Knabenliebe gemacht hat! Und für 
diese Auffassung läßt sich anführen, daß ja solch eine gegensätzliche 
Einstellung zu den „Vätern" sich auch in seiner Lehre wirklich 
findet. Stellt es doch diese einerseits als ungeschriebenes, göttliches 
Gesetz hin, die Eltern zu ehren, verpflichtet aber anderseits die 
jungen Leute zum Gehorsam gegen ihre Väter nur dann, wenn diese 
auch durch richtige Einsicht zum Befehlen befähigt sind, da andern- 
falls der Gehorsam nicht ihnen, vielmehr ausschließlich dem Einsich- 
tigen, dem „wahren" Erzieher und Vater gebühre! . . . Alles das 
bietet nun aber dem Historiker doch keinen vollen Ersatz dafür, daß 
uns über Sokrates' Verhältnis zu seinem Vater keine einzige glaub- 
würdige Nachricht unterrichtet, und so wird er den eben umrissenen 
Sachverhalt doch wohl mehr nur als eine anziehende Möglichkeit, 
denn als gesichertes Forschungsergebnis hinzustellen wagen. 

Übrigens bleibt mit der Frage des persönlichen Verhältnisses des 
Sokrates zu seinem Vater Sophroniskos doch nicht das zum Verständnis 

223) Die Vorstellung eines göttlichen Vaters hätte auch im Altertum durchaus nichts 
Erstaunliches ; heißt doch Zeus schon bei Homer der „Vater der Götter und Menschen". 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 85 

seiner Lehre und Wirksamkeit eigentlich Wichtige in der Schwebe. 
Denn unzweifelhaft ist, daß in Sokrates ein Verlangen nach Unter- 
ordnung unter eine Autorität mit dem Drang zu völliger Unabhängig- 
keit zusammenbestand ; daß er jene Unterordnung dem als vollkommen 
gedachten „wahren Meister" gegenüber zu vollziehen bereit war und 
sie dem göttlichen „Meister" gegenüber wirklich vollzogen hat, diese 
Unabhängigkeit dagegen allen nicht auf Einsicht beruhenden, bloß 
überlieferten, angemaßten Autoritäten.gegenüber schroff zur Geltung 
brachte, die Jugend zu ihrer aller Nichtachtung aufrief. Unzweifelhaft 
ist aber auch, daß zu diesen von Sokrates nur unter der Bedingung 
ihrer Einsichtigkeit anerkannten Autoritäten wie die des Herrschers 
und Gesetzgebers, so auch die des Vaters und Erziehers zählte, und 
daß er die Jünglinge dazu ermunterte, in Fragen der Erziehung 
statt ihren uneinsichtigen Vätern Heber ihm selbst als dem „wahren" 
Erzieher zu gehorchen, 224 und seine Jünger bezeugten's uns mit ihren 
eigenen Worten, daß sie den Sokrates geradezu als ihren „Vater" 
empfanden! Unzweifelhaft ist aber endlich auch dies, daß Sokrates* 
rücksichtslose Nichtachtung aller bloß überlieferten Autorität in 
Familie, Staat und Religion, insbesondere aber der väterlichen, sich 
endlich gegen ihn gekehrt, ihm den Untergang bereitet hat. Die 
athenischen Jünglinge, die sich dem Sokrates wie seine Söhne an- 
schlössen, wurden hiedurch zugleich ihrem angestammten Vaterhaus 
entfremdet, und ihre Väter empfanden's ganz mit Recht, daß der 
Angriff, der da gegen sie geschah, ebensowohl jede andere Art 
überlieferten Geltungsanspruchs traf. Der Rache dieser Väter aber, von 
denen sich so ihre Söhne ab wandten, ist Sokrates zum Opfer ge- 
fallen: 225 sie waren keineswegs im Unrecht, wenn sie ihm schuld 



224) Vgl. H. v. Arnim, Xenophons Memorabilien und Apologie des Sokrates 
(Kgl. dän. Ges. d. Wiss., Historisch-philolog. Mitteilungen VIII 1, 1923), S. 92. 

225) Piaton beruft sich zur Verteidigung des Sokrates darauf, daß die Väter und 
Brüder seiner hauptsächlichen Jünger vor Gericht nicht gegen ihn Zeugnis abgelegt 
hätten (Apol. 53 d bis 34b; doch zeugten sie selbst nach seiner Darstellung auch 



86 H. Goraperz 



gaben, er lehre die jungen Athener die überlieferten Götter mißachten 
und eine neue Gottheit verehren,, er reize sie gegen die bestehende 
Staatsordnung auf, indem er an Stelle der erlosten und erwählten 
Beamten allein den „Meister der Politik" als „wahren Herrscher" 
gelten lasse, und er untergrabe die Autorität aller Eltern, indem er 
die Jünglinge dazu bewege, in Fragen der Erziehung zuletzt nicht 
diesen zu gehorchen, vielmehr ihm selbst als dem „wahren", weil 
allein sachkundigen „Meister der Erziehung"! 

Ich versuche nun, das hier über die seelischen Kräfte, die Sokrates 
bewegten, Ermittelte, ergänzt durch einige Vermutungen über den- 
selben Gegenstand, zusammenzustellen. Eigentümlich zunächst war 
ihm danach eine leiblich-geistige Anlage, die ihn erstens von ihm 
selbst unbewußt Gedachtes wie Fremdes von außen vernehmen 
und zweitens seine Liebesfähigkeit noch mehr als knabenhaften 
Frauen mädchenhaften Knaben zuwenden ließ (ob diese beiden 
Anlagen im strengen Sinne angeboren oder selbst schon erworben, 
und ob sie voneinander durchaus unabhängig waren, kann dabei 
unbestimmt bleiben). In früher Jugend müssen ihm dann die 
athenischen Handwerksmeister, die Berufsgenossen seines Vaters, 



nicht für ihn!); er will damit den Eindruck erwecken, als hätten die "Verwandten 
der Sokrates-Jünger dessen Einfluß auf diese allesamt oder doch in ihrer Mehrheit als 
einen günstigen beurteilt. Daß auch eine solche Beurteilung stattfand, sei nicht be- 
zweifelt; wäre sie die Regel gewesen, so war' es ein Wunder zu nennen, wenn anders 
Xenophon — und daran ist nicht zu zweifeln — Sokrates' Äußerungen über das Verhältnis 
von Vätern und Söhnen richtig wiedergibt (Erinn. I 2, 49 bis 55; Apol. 20 bis 21; vgl. 
Anm. 224). Übrigens kennen wir einen Fall, in dem sich ein Vater über des Sokrates Ver- 
halten höchlich entrüstete und gerade dieser Fall soll seinen Untergang mitverursacht 
haben. Xenophon nämlich erzählt (Apol. 29 bis 31 und auch Piaton scheint Meno 95» 
auf dieselben Vorgänge anzuspielen), Anytos sei gegen Sokrates besonders dadurch 
aufgebracht worden, daß dieser sich in die Erziehung zu mischen suchte, die Anytos 
seinem Sohne angedeihen ließ: Sokrates habe den jungen Mann der väterlichen 
Gerberei abwendig machen und ihn für Fragen höherer Art einnehmen wollen, der Alte 
aber sei dem entgegengetreten und habe auch seinen Willen durchgesetzt; hievon sei 
ihm indes eine lebhafte Gereiztheit gegen Sokrates zurückgeblieben, und von dieser 
beherrscht, habe er später die Anklage gegen den Philosophen angezettelt. — Der Sohn 
des Anytos war übrigens besonderer Bemühungen wohl kaum würdig: nach Xeno- 
phons Bericht hat er bald nach dem Tode des Sokrates als Säufer geendet. 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 87 



vielleicht vor allem dieser Vater selbst, als hohe Vorbilder zuläng- 
lichen Wissens vor Augen gestanden haben. Allein da er sie nun 
mit immer weiter ausgreifenden Fragen bestürmte — vermutlich 
sehr bald schon nicht mehr aus bloßer Wißbgierde, vielmehr weil 
sich sein Selbständigkeitsdrang schon damals gegen die vorbehalt- 
lose Anerkennung ihrer Überlegenheit aufgelehnt hat — , mußten 
sie ihm immer häufiger die Antwort schuldig bleiben. Damit aber 
hörten sie nun auf, ihm die höchsten Autoritäten zu sein, und er 
erkannte als solche an Stelle der wirklichen Handwerksmeister ideale 
Handwerksmeister an, die er mit wahrhaft zulänglichem Wissen 
begabt dachte; vielleicht galt ihm dann auch sein Vater seines 
unzulänglichen Wissens wegen bald nicht mehr als it wahrer" Vater, 
indem für ihn der ideale Handwerksmeister auch die Stelle eines 
idealen Vaters einzunehmen begann. Als ein solcher wahrer, weil 
mit zulänglichem Wissen ausgestatteter Meister und vielleicht auch 
Vater mag ihm eine Zeitlang Archelaos gegolten haben. Im ganzen 
aber läßt sich das Leben des Sokrates als ein vergebliches Suchen 
nach diesem wahren Meister verstehen: jedem Manne, der irgend- 
wie hervorragte, mit einem gewissen Geltungsanspruch auftrat, 
legte er seine Fragen vor und sobald dieser sie nicht zufrieden- 
stellend beantwortete, war damit in den Augen des Sokrates sein 
Geltüno-sanspruch vernichtet, bewiesen, daß auch dieser Mitunter- 
redner kein wahrer Meister sei. Wir glaubten mutmaßen zu dürfen, 
daß solche Erlebnisse für Sokrates nicht bloß eine Enttäuschung 
bedeuteten, daß es seinem Unabhängigkeitsdrang schwer gefallen 
■wäre einen andern Menschen als wahren Meister anzuerkennen, 
und daß er daher — zumindest in seinen reiferen Jahren — seine 
Frao-en von vornherein darauf anlegte, mit ihnen den Geltungs- 
anspruch des Befragten zu vernichten. Im Gegensatz zu dieser all- 
gemeinen Unzulänglichkeit aller menschlichen Meister erschien 
Sokrates als der eine wahre Meister der Verfertiger der Welt: 



88 H. Gomperz 

die göttliche Vernunft j diesen Weltmeister empfand er als höchste 
Autorität, als seinen höchsten Schutzherrn, vielleicht geradezu als seinen 
wahren Vater, auf ihn führte er auch die kurz verbietenden Stimmen 
zurück, die er von Zeit zu Zeit zu vernehmen glaubte, und denen 
er sich bedingungslos unterwarf; in der Hut dieses höchsten Schutz- 
herrn geborgen war er sich jener vollen Unabhängigkeit von allen 
Menschen, Gefahren, Schicksalswendungen bewußt, nach der seine 
freiheitsdurstige Seele seit jeher gestrebt hatte (und wir vermuteten, 
dieser Unabhängigkeitsdrang werde schon zu seiner ersten Auf- 
lehnung gegen die Vorbilder seiner Kindheit sein Teil beigetragen 
haben). Dieser Unabhängigkeit vom Schicksal aber konnte er sich, 
sicher fühlen, weil er über den leidenschaftlichsten seiner Triebe 
Herr geworden war, das Schicksal ihm also nichts mehr, was ihm 
lebenswichtig gewesen wäre, schenken oder rauben konnte. Dieser 
Trieb war das gleichgeschlechtliche Verlangen nach dem Besitz 
schöner Knaben. Dieses Verlangen empfand er unmittelbar als An- 
tastung seines selbstherrlichen Dranges nach unbedingter Unab- 
hängigkeit, wir vermuteten aber, es möge ihm zu seiner Über- 
windung auch die innere Nachwirkung der in seinem Elternhause 
über Verhältnisse solcher Art aller Wahrscheinlichkeit nach gefällten 
Mißbilligungsurteile verholfen haben. Gewiß ist jedenfalls, daß 
Sokrates jenen Trieb durch planmäßige Schulung seines Willens 
zur Beherrschung seiner Bedürfnisregungen überwand, genauer, daß 
er ihn auf diese Art zu leidenschaftlicher Fürsorge um die seelische 
Tüchtigkeit der geliebten Knaben verklärte. So erzog er sich selbst 
zu einem Leben der Selbstbeherrschung, und wir mutmaßten, die 
inneren Kämpfe, die er hiebei durchlebte, möchten den wichtigsten 
Anstoß dazu gegeben haben, daß seine Gedanken zeitlebens 
vor allem um die Frage nach dem Wesen des Guten, Richtigen, 
Sittlichen kreisten. Als das richtigste, weil glücklichste Leben be- 
urteilte er jedenfalls das der Selbstbeherrschung, seine verklärte 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 89 



Knabenliebe aber äußerte sich nun vor allem darin, daß er sich 
unablässig mit Knaben umgab, gerade ihnen das Leben der Selbst- 
beherrschung als das richtige, weil beglückende, anpries. Dadurch 
nahm er nun seinen Jüngern gegenüber selbst die Stellung eines 
Meisters, ja eines Vaters ein und eben hierauf vor allem (darauf 
nämlich, daß die Jünglinge in ihm neben dem väterlichen Erzieher 
auch den Liebhaber empfanden) beruhte die einzigartige Macht seiner 
Einwirkung auf sie. Damit setzte er sich aber freilich in den Augen 
der jungen Leute an die Stelle, die natürlicherweise deren Vätern 
zukam, und diese suchten seiner Wirksamkeit ein Ende zu machen. 
Da sie aber ganz richtig fühlten, daß des Sokrates Nichtachtung 
der bloß tatsächlichen (nicht durch Wissen geadelten) Vaterschaft 
aus einer Quelle floß, aus der auch seine gleich rücksichtslose 
Nichtanerkennung aller bloß tatsächlichen Gesetzgebung und Gottes- 
verehrung strömte (wir vermuteten, daß als diese Quelle nicht 
allein Sokrates' fanatischer Erkenntnisdurst, vielmehr ebensosehr 
auch sein ebenso mächtiger Unabhängigkeitsdrang zu betrachten 
sei) so bereiteten sie ihm den Untergang durch eine Klage, die 
ihm „Nichtanerkennung der Staatsgötter und unheilvollen Einfluß 
auf die Jugend" schuld gab. 

Was hier festgestellt und vermutet wurde, liefert, wie ich glaube, 
gewisse Beiträge zum Verständnis einiger Züge der Persönlichkeit, 
der Lehre, ja auch des Schicksals des Sokrates. Das 'heißt, es wurde 
gezeigt oder doch einigermaßen glaubhaft gemacht, daß sich an 
der Persönlichkeit, der Lehre, dem Schicksal des Sokrates gewisse 
typische Züge beobachten lassen, die ihm mit vielen anderen 
Menschen gemeinsam sind (z. B. gleichgeschlechtliche Veranlagung, 
Bindung an die sittlichen Wertungen der ersten Jugend, Auflehnung 
gegen die ursprünglichen Autoritäten u. dgl. m.). Eben darum 
aber wäre nun die Meinung grundverkehrt, als wäre durch diese 



go H. Gomperz 

Beobachtungen und Vermutungen (auch ihre durchgängige Richtig- 
keit vorausgesetzt) gerade das Eigentümliche der Sokratischen 
Persönlichkeit, ihrer Äußerungen und Wirkungen, irgendwie „er- 
klärt": eben das Eigentümlichste und Persönlichste eines Menschen 
kann ihm ja natürlich niemals mit anderen gemeinsam sein ! An. 
zweien der erörterten Züge in Sokrates' Wesen wird dies, so scheint 
mir, besonders deutlich. 

Nehmen wir an, Sokrates habe die für ihn so bezeichnenden 
Fragen von vornherein lediglich aus Wißbegierde gestellt, Wert 
und Geltungsanspruch aller Menschen, mit denen er umging, 
darnach beurteilt, in welchem Maße sie diese seine Wißbegier zu 
befriedigen vermochten, so stoßen wir in dieser so früh und so 
stark entwickelten Wißbegier von vornherein auf eine letzte Tat- 
sache, die wir als Sokrates ganz persönlich bezeichnend ansehen 
und somit unerklärt zurücklassen müssen. Neigen wir aber der 
Ansicht zu, an jenen Fragestellungen sei auch Lust am Wider- 
spruch beteiligt gewesen, die Entwertung aller Mitunterredner, 
die ihm nicht befriedigend zu antworten wußten, sei auch durch 
ein ganz eigentliches Auflehnungsbedürfnis des Sokrates zu erklären, 
so müssen wir wieder in der besonderen Gestalt, die dieses 
Auflehnungsbedürfnis bei Sokrates annahm, einen höchst persön- 
lichen und insofern unerklärbaren Zug seines Wesens erblicken. 
Zahllose Menschen haben sich ja gegen die Autoritäten ihrer Kind- 
heit, auch zahllose Söhne gegen ihre Väter aufgelehnt; sehr viel 
geringer wird schon die Zahl derer sein, die vor allem die ge- 
dankliche Unzulänglichkeit dieser Autoritäten zum Zielpunkt nahmen; 
keinen zweiten Fall kenne ich, in dem die Auflehnung die Gestalt 
unausgesetzter Fragen angenommen und dieses widerlegende, die 
Unzulänglichkeit des Befragten bloßstellende Fragen sich förmlich 
zu einer Forschungsmethode entwickelt hätte. Auch bei dieser Auf- 
fassung also müssen wir hier zuletzt doch eine höchstpersönliche 



Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 91 



Eigenart anerkennen 5 denn nur indem wir bei Sokrates einen 
leidenschaftlichen Erkenntnisdurst einzigartiger Stärke vor- 
aussetzen, glauben wir zu verstehen, wie dieser Erkenntnisdurst 
seiner Auflehnung gegen die Autoritäten seiner Umgebung gerade 
die Richtung verleihen mußte, die sie wirklich genommen hat. 
Und wir müssen dem noch hinzusetzen: nur daß auch Soktrates' 
ganze Zeit von mehr als gewöhnlichem Erkenntnisdurst erfüllt 
war, erklärt uns den vielfältigen Widerhall, die mächtige Wirkung, 
die seiner also gerichteten Auflehnung zuteil geworden ist. 

Von den unzähligen Kindern ferner, die an ihren Vätern oder 
ersten Erziehern irre geworden sind oder sich gegen sie aufgelehnt 
haben, haben gar" manche diese ihre ersten Vorbilder „gespalten , 
den wirklichen Vater oder Erzieher als Gegenstand der Ehr- 
erbietung bei Seite geschoben, ein „ideales" Vorbild, oft einen 
göttlichen Schutzherrn oder Vater, an seine Stelle gesetzt. Allein 
wie wenigen ist es nun gelungen, allein auf das Gefühl der Ein- 
heit mit diesem bloß gedachten, „idealen" Vater oder Schutzherrn 
sich stützend, dem wirklichen Leben gegenüber wahre Unab- 
hängigkeit und innere Freiheit zu erringen! Gewiß verfügen wir 
für die Fähigkeit des Menschen, sich, auf bloß Gedachtes gestützt, 
über die Wirklichkeit hinwegzusetzen, zu erheben, über einen eigenen 
Namen: wir nennen sie Idealismus. Allein ist dieses Vermögen 
deswegen weniger rätselvoll? Die Kraft, die der Idealist der Wirk- 
lichkeit entgegensetzt, muß er zuletzt doch aus dem eigenen Innern 
schöpfen: woher kommt sie ihm? Auch hier wieder stoßen wir, 
so scheint's mir, auf eine letzte Tatsache, einen höchstpersönlichen 
und insofern unzurückführbaren Zug im Wesen des Sokrates: wir 
müssen ihm einen Unabhängigkeitsdrang von ganz außer- 
gewöhnlicher Stärke zuschreiben; nur unter dieser Voraussetzung 
können wir uns jenen „Idealismus" erklären, durch den er sich 
von der ungeheuren Mehrzahl der übrigen Menschen unterscheidet. 



92 H. Gomperz: Psychologische Beobachtungen an griechischen Philosophen 



Und daß seine Zeit für ein Ideal reif war, das den Standesbegriff 
der Freiheit verinnerlichte, den, der sich von der Herrschaft des 
Schicksals selbst befreite, höher zu schätzen lehrte als den bloß 
Freigeborenen (denn hierin konnte es der kleinste Bürger, ja selbst 
der Knecht dem größten Adligen zuvortun) — dies war dann die 
Bedingung dafür, daß Sokrates' innere Unabhängigkeit von allem. 
Äußeren die Jugend mächtig ergriff, ganz Griechenland auf Jahr- 
hunderte hinaus zur Nachfolge mitriß. 

Fortschritte der Psychologie erweitern und vertiefen unsere Ein- 
sicht in das Typische der Menschen; über die Geheimnisse der 
Einzelseele verbreiten sie nicht eben sehr viel Licht. Aller solchen 
Fortschritte ungeachtet besteht wohl noch immer der anspruchs- 
lose Satz zurecht: ein großer Mann ist jener, dessen Persönlich- 
Eigenartigstes den Forderungen seiner Zeit begegnet. Auch an 
Sokrates, so scheint's mir, bewährt er sich wieder. 






Psychoanalytische Psychotechnik 

Von Dr. Fritz Giese 
Privatdozent an der Technischen Hochschule Stuttgart 

I. 

Psychoanalyse und Wirt Schaftspsychologie 

Obschon manchen Forschern die Verbindung zwischen psychoanalytischen 
Auffassungen und dem Wirtschaftsleben mehr als gewagt erscheinen kann, muß 
man bei objektiver Behandlung wirtschaftswissenschaftlicher oder insbesondere 
wirtschaftspsychologischer Sachverhalte ohne weiteres zugeben, daß sehr 
viele Einzelheiten durch die Psychoanalyse eine Förderung erfahren würden. 
Sehr viele Einzelheiten: nicht alle. 

Denn es würde ein ziemlich abwegiges Unternehmen sein, etwa pauschal 
das gesamte Wirtschaftsleben als einen Ausdruck menschlicher Kultur zu 
nehmen, der seine restlose Aufklärung durch Psychoanalyse erfahren dürfte. 
Die Grenze, an der die Psychoanalyse unbedingt hier Halt machen muß, 
sind vor allen zwei Tatbestände. Einmal die Abhängigkeit der Wirtschafts- 
gestaltung von rein materiellen Zusammenhängen, die mit nur seelischen 
Vorgängen nichts gemeinsam haben und die Entwicklung des Wirtschafts- 
körpers von jeher bestimmen. Zweitens die notwendigerweise vorliegende 
Selbständigkeit des Gebildes Wirtschaft; das objektive, überindividuelle 
Dasein seiner selbst, das uns aus eben diesen Gründen ihm nur gerecht 
werden macht, wenn wir teleologische, also zugleich Wertungsmaßstäbe, an 
seine Existenz legen, zuletzt also vom rein Persönlichen, Massen- oder Einzel- 
menschlichen dabei ganz und gar absehen. Und wenn auch dort anfänglich 
noch Brücken zu einem immanenten Unbewußten — ganz ähnlich wie 
bei der Gestaltung des Organischen und des überpersönlichen Unbewußten 



94 Dr. Fritz Giese 



im Sinne vital istischer Vorstellungen der Biologie — herüberleiten, so liegt 
das allerletzte Wort niemals im Seelischen, auch nicht etwa seiner kul- 
turellen Sublimierung, sondern im Eigendasein des objektiven Zusammen- 
hanges, den wir „Wirtschaft" nennen. Die Philosophie der Wertung und 
Zielsetzung löst die psychische Analyse ab, soweit überhaupt menschliche 
Erkenntnis in der Lage ist, Tatbestände dieser Stufe noch zu verstehen. 

Wir lassen also materielle Notwendigkeiten ebenso fort, wie kultur- 
philosophische Betrachtungsweisen. 

Welchen Sinn kann unter diesen Einschränkungen eine psychoanalytische 
Betrachtungsweise des Wirtschaftsleben dann haben? 

In doppelter Richtung dürfte naturgemäß unser Augenmerk liegen. 
Einmal in der Erklärung von Tatbeständen und Zusammenhängen, die 
bisher in anderer Weise schwer oder gar nicht deutbar waren. Zum anderen 
in der Möglichkeit, aus psychoanalytischen Ergebnissen auf das Wirtschafts- 
leben praktische Anwendungen im Sinne einer Wirtschaftsgestaltung zu 
verfügen. 

Zweifellos ergibt die Betrachtung des Wirtschaftskörpers eine sehr große 
Reihe von Sachverhalten, für die uns bis jetzt der innere, der notwendige 
Sinn verborgen ist, deren funktioneller Zusammenhang unklar oder dunkel 
war. Derartige Zusammenhänge sind immer seelischer Art, und die Auf- 
schließung des Wirtschaftslebens ist naturgemäß zunächst für unsere Zwecke 
die wirtschaftspsychologische. Die Beziehung zwischen dem lebendigen 
Faktor des Ganzen, dem gestaltenden, dem betrachtenden, aber auch lei- 
denden und eingeordnetwerdenden Menschen und der objektiven Wirtschaft 
ist eine Funktion beider Größen, die wir als psychologisch zu bezeichnen 
pflegen. Tun wir das, so ist damit keineswegs gesagt, daß wir deshalb schon 
der psychoanalytischen Betrachtungsweise uns bedienen müßten! Im Gegen- 
teil, ein sehr erheblicher Anteil dieser Gegenbeziehung gehört durchaus 
zur Oberflächenpsychologie, sagen wir deutlicher, zur Bewußtseinskultur des 
Menschen und eine tiefer zu schürfen versuchende Analyse wäre unangemessen 
und abwegig. Dann aber finden wir bei psychologischer Untersuchung 
Felder, die von der normalen Bewußtseinspsychologie, „schwer oder gar 
nicht deutbar sind". Alsdann wird die Psychoanalyse sicherlich tiefere Auf- 
schlüsse bieten. Man sieht schon, wie außerordentlich heikel eine Betrach- 
tung des genannten Zusammenhangs sein kann, denn er berührt alsbald 
grundsätzliche Fragestellungen, die über Anwendbarkeit der Tiefen- oder 
der Oberflächenpsychologie, der Kultur des Unbewußten oder des Bewußt- 
seins handeln und in manchem am Wirtschaftsleben nur ein Beispiel und 



Psychoanalytische Psychotechnik qg 

darüber hinaus eine breitere Gültigkeit erfahren sollten. — Psychoanalyse 
und Wirtschaftsleben bezieht sich also in diesem Zusammenhang auf see- 
lische Bindungen zwischen Mensch und Wirtschaftswelt, die von der Be- 
wußtseinspsychologie normalen und älteren Stils gar keine oder eine 
unzureichende Deutung erfahren würden. Keinesfalls ist dagegen eine Psycho- 
analysierung um jeden Preis gewollt! Ferner wird man bescheiden genug 
sein und zugeben, daß trotz der ungeheuren Tragweite der genialen Ent- 
deckungen Freuds, auch hier noch manches Dunkel verbleiben wird, daß 
also die Psychoanalyse keinesfalls restlos alles erklären kann. 

Was sie im vorliegenden Fall als ganz besonders geeignet erscheinen 
läßt, ist nicht nur das Grundsätzliche ihrer Tiefenforschung, als eigentlich 
derselbe Keimherd, der bis heute immer wieder Aufschlüsse bot: das Studium 
des pathologisch oder sagen wir angekränkelten Normalseelendaseins, daß 
uns wie in mikroskopischer Vergrößerung die strukturellen Zusammenhänge 
für den Gesunden verdeutlichen hilft. In dieser Beziehung hat es mich 
immer gewundert, daß das Wirtschaftsleben früher auch von psychiatrischer 
Seite so wenig Beachtung erhielt und daß anderseits die Wirtschafts- 
wissenschaften sich um pathologisches Material allzu wenig gekümmert 
haben. Aber die Wirtschaftskunde in solchem Sinne und die Wirtschafts- 
psychologie im engeren ist überhaupt neuartig. Man möchte daher von 
Anbeginn aus heuristischen Gründen sich einer Betrachtungsweise versichern, 
die wiederholt als nicht ungünstig erschienen ist. (Das dies nicht gleich- 
bedeutend mit einer Pathologisierung der Wirtschaft ist, brauche ich nicht 
ausdrücklich anzugeben, obwohl gerade die Gegenwart des internationalen 
Wirtschaftslebens paradox genug ist, um dies nicht als bloße Ironie an- 
zusehen.) Diese Betrachtungsweise wird um so aufschlußreicher für Fälle 
sein, in denen auch der objektive Wirtschafts „körper" seine bestimmte 
Pathologie offenbart, krank ist, genau wie es eine Religion oder Literatur 
oder eine Wissenschaft kollektiv zu irgend einer Zeit sein kann. Doch will 
ich hier auf meine Auffassung der Pathologie einer Kultur nicht näher 
eingehen, sondern dies anderen Zusammenhängen vorbehalten. Auf jeden 
Fall muß prinzipiell in der Ableitung psychoanalytischer Erkenntnisse aus 
pathologischen Zusammenhängen für unseren Fall eher ein Vorteil, als etwa 
etwas Bedenkliches gesehen werden. 

Aber auch Anwendung sollte erstrebt werden aufs Wirtschaftsleben. Was 
kann das heißen? 

Man trennte im engeren Rahmen der Psychoanalytiker die ärztliche von 
der auf die Geisteswissenschaften angewandten Psychologie. Hiebei ist die 









g 6 Dr. Fritz Giese 



letztgenannte Fassung nur grob zu verstehen, denn man findet auch Über- 
tragungen auf die Naturwissenschaft — ich erinnere nur, weil es mir 
gerade einfällt, an das bekannte Beispiel vom Benzolring oder auch die 
Technik, für die ich selbst vor vielen Jahren in „Imago eimal etwas bei- 
steuerte. Man geht aber doch noch immer in erster Linie darauf aus, schon 
bestehende Zusammenhänge anzunehmen, sie zu erklären und dann zu be- 
einflussen: also zu heilen oder entsprechend ihrer Daseinsform zu leiten 
(Psychoanalytische Therapie und Pädagogik). Wir werden im Wirtschafts- 
leben aber Fälle ermitteln können, in denen das Anwenden viel weiter zu 
fassen ist, in denen wir zu einer Art psychoanalytischer Psychotechnik ge- 
langen dürfen, in denen wir Neuwerte ausdrücklich unter Anwendung 
psychoanalytisch erkannter Gesetzmäßigkeiten bilden. Schon das nach- 
stehend genannte erste Beispiel kann hieher rechnen. Immerhin wird man 
zuzugeben haben, daß diese Möglichkeit verhältnismäßig neuen Ausblick 
erschließt, denn mir ist noch kein Fall von auf Geisteswissenschaft ange- 
wandter Psychoanalyse bekannt geworden, in denen Neuwerte ausdrücklich 
unter Verwendung tiefenpsychologischer Zusammenhänge geschaffen sind. 
Die Möglichkeit, zu gestalten ist dort gering und man wird auch bezweifeln, 
ob es kulturell nützlich oder erstrebenswert sein könnte, Anleitungen zum 
Schreiben von Dramen auf psychoanalytischer Basis oder Anweisungen für 
narzißtische Malerei jemals der Öffentlichkeit vorzulegen. Das Wirtschafts- 
leben jedoch, das vielfach, in seiner Beziehung zu materiell bedingtem 
Arbeitsstoff, mannigfachste Aufgaben dem Ich stellt, wird — infolge seiner 
materiellen Komponente — psychoanalytische Erkenntnisse erweitert ver- 
wenden können. Es findet sich alsdann also eine Parallelität zur Therapie 
vor, nur mit dem Unterschied, daß von Anbeginn Situationen vermieden 
werden, die irgend eine Abweichung von Normalen, oder einen Zwang oder 
eine Anbrüchigkeit des beteiligten Menschen voraussetzen. Es ist angewandte 
Psychologie auf analytischer Erkenntnisgrundlage; würde ich hier arbeits- 
wissenschaftliche Kenntnisse voraussetzen dürfen, rechnet dies Gebiet in das 
Bereich der Objektspsychotechnik. 

Aus eben diesen Gründen muß jedoch noch eine weitere Besonderheit 
erwähnt werden, die gerade für die Psychoanalyse im engeren Sinne nicht 
uninteressant sein mag. Die Beschäftigung mit dem Wirtschaftsleben wird 
aller Wahrscheinlichkeit auch der analytischen Forschung selber gewisse 
neue Erkenntnisse erschließen und man kann sich vorstellen, daß diese 
auf beispielsweise medizinische oder pädagogisch gerichtete Fragestellungen 
rückwirken. 



Psychoanalytische Psychotechnik - 



Die immer und immer wieder angeschnittene Frage nach der inneren 
Struktur unseres unterbewußten Lebens, unserer Triebe und lebensbestim- 
menden Energien, wird von hier aus beleuchtet. Vergessen wir nicht, daß 
alle Abspaltungen — seit Adler oder Jung oder auch Stekel — von hier 
den Ausgang nahmen, so daß es heute dem Fernerstehenden nicht leicht 
gemacht ist, Beurteilungen der Psychoanalyse nach richtig oder falsch zu 
teilen. Erinnern wir uns nur der Kontroverse um den Libidobegriff, so ist 
mit einem Wort gekennzeichnet, worum es sich dreht: Gerade die Ge- 
schichte dieses Begriffs (ich erinnere auch an Jungs Darstellungen) ist 
letzten Endes eine Geschichte des Kampfes der psychoanalytischen Richtung 
mit den Gegnern — wie im eigenen Hause. Dieser Kampf wäre kaum 
vorteilhaft geworden, wenn nicht der Kern der Entdeckungen Freuds so 
überlegen real und heuristisch wertvoll zugleich (was ja nicht dasselbe sein 
muß) gewesen wäre. Heute sind die dreißig Jahre, die Gustave le Bon 
zum Durchdringen jeder neuen Lehre ansetzt, verstrichen und in den letzten 
Zeiten sind außerordentliche Annäherungen erfolgt. Man gedenke der 
Wirkungen auf die Psychiatrie und Neurologie, aber auch Pädagogik 
und Kunstwissenschaft. Sogar die offizielle Psychologie fand Anregungen 
und Gesichtspunkte, die sie ohne Psychoanalyse — trotz innerer Gegner- 
schaft — schwerlich je gefunden hätte. In solcher Tatsächlichkeit wesent- 
lichen Fortschritts wird allerdings die Psychoanalyse nicht umhin können, 
eine gewisse Toleranz ihrer Grundbegriffe und Leitsätze zu ertragen. Es 
scheint so, daß gerade die Übertragung auf das Wirtschaftsleben manches 
Schlaglicht werfen könnte. Eine engere Orthodoxie der Lehrmeinung muß 
dort scheitern und kann auch gegebenenfalls dazu führen, daß neue Ab- 
spaltungen zutage treten. Dieses negative Ergebnis wäre zu bedauern. 
Das Vorbild des Begründers der Psychoanalyse ist in dieser Beziehung von 
ergreifender Bedeutung und wer nicht allzu befangen blieb in lügenhafter 
Tradition, wird in den letzten Veröffentlichungen Freuds — so im „Jenseits 
des Lustprinzips" und vor allem dem „Ich und Es" — jene wahrhaft großzügige 
Erkenntnis wiederfinden, jene königliche Kunst des Aufbauens, die von je und 
auf allen Gebieten das Genie eines Meisters vom bloßem Glauben der Jünger- 
schaft geschieden hat: das Fallen-lassen-können eines früheren Leitgedankens 
oder das Erweitern einer vormaligen Lehrmeinung. Diese grundsätzliche 
Voraussetzung muß gemacht werden, wenn man Anwendungen auf neue 
Gebiete sucht und es kann auch der Psychoanalyse hiebei ergehen, wie 
jeder Wissenschaft, daß sie am neuen Stoff ihr Wissen modifiziert. Das 
starre Übertragen von Dogmen kann nicht im Sinne der Sache liegen. 

Imago X/l _ 



98 



Dr. Fritz Giese 



Unter solchen vorherigen Erwägungen sei nun an Spezielleres gedacht. 
Es liegt nicht in meiner Absicht, hier in systematischer Form Psychoanalyse 
und Wirtschaftsleben zu verbinden. Dazu ist die Forschung noch zu küm- 
merlich, dazu gibt es auch vorläufig noch viel zu viel Hinweise und An- 
regungen, als fest umrissene Tatbestände — und dazu mangelt es hier des 
Raums. Ich behalte mir vor, bei anderer Gelegenheit ein Schema grund- 
sätzlicher Art anzudeuten. 1 Hier soll es sich nur darum handeln, an etlichen 
Illustrationsbeispielen darzustellen, in welcher Mannigfaltigkeit und in welchem 
Ausmaße die einschlägigen Beziehungen sich entwickeln können, für die 
künftige Aufschließung des Ganzen. 

Man wird sich zweckmäßig zu erinnern haben, in welcher Form denn 
die angewandte Psychologie schlechthin heute bereits des Wirtschaftslebens 
sich bemächtigte. — Man ersieht sogleich, daß diese Bindung ebenfalls 
noch im Werden ist. Wirtschaftskunde, Arbeitswissenschaft: das sind alles 
neue Begriffe und die psychologische Durchdringung ist daher erst recht 
nicht vollzogen. Man kann sich immer noch am ehesten ein Bild von der 
Sachlage machen, wenn man die Aufstellungen Münsterbergs verfolgt, 
der als erster Psychologe sich mit dem Wirtschaftsleben befaßt hat. 

Münsterberg trennt bekanntlich drei wesentliche Anwendungsbereiche 
voneinander: i. Auslese der geeigneten Persönlichkeiten für das Wirtschafts- 
leben; 2. Gewinnung bestmöglichster Leistungen; 3. Erzielung erstrebter 
psychischer Wirkungen. In die erste Gruppe rechnen wir, unter Verwen- 
dung der jetzt üblicher gewordenen Bezeichnungen, die Berufsberatung, 
die Begabtenauslese, die psychotechnische Eignungsprüfung für Kinder, 
Jugendliche, Erwachsene, Gesunde wie Kranke, die Berufsauslesen für be- 
stimmte Sonderarbeiten (Verkehr, Industriefacharbeiten, Landwirtschaft u.a.m.) 
und die Werkschulpsychologie. — Unter die zweite Gruppe würden wir 
heute rechnen alle Anlernverfahren (bei der Straßenbahn, der Eisenbahn, 
den Kraftfahrzeugen, den Lehrlingsausbildungsgängen usw.), die Übungs- und 
Ermüdungsforschung, das Verfahren der rationellen Betriebsführung ein- 
schließlich wissenschaftlicher Betriebsführung und Taylorsystem. Die dritte 
Abteilung deckt sich etwa mit der Werbkunde oder Reklamepsychologie. 

Münsterbergs alte Einteilung wird heute durch einen anderen Gesichts- 
punkt noch ergänzt. Man trennt die angewandte Psychologie (auch Psycho- 

1) Hiebei nehme ich auch Bezug auf meine Vorlesungen an der Universität Halle, 
insbesondere „Wirtschaft und Persönlichkeit" (Sommer 1923) und „Psychoanalyse des 
Wirtschaftslebens". Letztere hatte ich für Winter 1925/24 angekündigt, bevor ich 
die Berufung an die Technische Hochschule Stuttgart erhielt. 



Psychoanalytische Psychotechnik qq 



technik genannt, was nicht mit Psychologie für technische Zwecke ver- 
wechselt werden darf!) nach ihrem Untersuchungsgegenstand und hat nun, 
wie ich seiner Zeit vorgeschlagen, entsprechend der Gegenüberstellung von 
Personen und Sache (vgl. W. Sterns philosophische Darstellung dieser 
Polarität) der Subjektspsychotechnik eine Objektspsychotechnik gegenüber- 
gestellt. Jene ist die Anwendung seelenkundlicher Untersuchungen auf In- 
dividuen — diese behandelt Anpassung der Dinge an die menschliche 
Eigenart. In beiden Fällen werden also auch Fragen anzuschneiden sein, 
die psychoanalytisch beleuchtbar sind oder nur durch die Psychoanalyse 
selber Aufhellung erfuhren. 

Die Beziehung zwischen Psychotechnik und Psychoanalyse ist bereits, 
wenn auch nur vorläufig, behandelt worden. So von Hermann und von 
Schneider. Die fachliche Psychotechnik ihrerseits hat sich kaum damit 
befaßt, es sei denn, man verweise auf den Tatbestand, daß wenigstens ge- 
legentliche Referate über psychoanalytische Literatur — so seitens Baum- 
garten — oder zusammenfassende Hinweise, wie ich sie seit längerem gab, 
in der psychotechnischen Fachliteratur geboten wurden. Ich werde im Zu- 
sammenhang mit vorstehendem Thema außerdem auf die Besprechungen 
der Rorsch ach sehen Methode in wirtschaftswissenschaftlicher Anwendung 
zurückkommen, wobei die Versuche Römers und die Kontroversen um diese 
erwähnenswert sind. Sonst indessen hat die Psychologie in ihrer wirtschaft- 
lichen Praxis sich kaum mit Fragen der Tiefenpsychologie befaßt und es 
wird darzustellen sein, welche Gründe dafür ausschlaggebend waren. 

Man könnte nun, um Illustrationbeispiele zu suchen, denselben Weg 
geben, den etwa Münsterberg beschreitet, und dann Gruppe für Gruppe 
nachweisen, wo überall psychoanalytisches Material verborgen ist oder not- 
wendigerweise herbeigeschafft werden sollte. Doch erscheint das jetzt noch 
zu umständlich, da erhebliche fachliche Voraussetzungen zu machen wären, 
gleichviel ob ein Psychoanalytiker das psychotechnische oder der Psychologe 
das psychoanalytische Gebiet kennen lernen will. Ich ziehe daher vor, von 
beiden Lagern her bestimmte Stichproben auszusuchen, die ich um schlag- 
wortähnliche Begriffe ordne. Damit ist naturgemäß nur eine Art Auswahl 
und ein Vorgeschmack geboten, aber da beiderseits solche Schlagworte den 
Vorzug der Bekanntschaft besitzen, läßt sich besser mit ihnen verfahren. 
Hiebei werden — ich wiederhole es ausdrücklich nochmals, um keines- 
falls mißverstanden zu werden — alle jene Einschränkungen aufrecht- 
erhalten, die ich eingangs hinsichtlich Anwendung der Psychoanalyse 
auf das Wirtschaftsleben machte. In gewisser Beziehung treffen diese 

t 






I 

ioo Dr. Fritz Giese 



Einschränkungen die gesamte Psychologie überhaupt, gleichviel welcher 

Richtung. 

Um das Verständnis zu erleichtern, beginne ich mit einigen Hinweisen 
aus der Reklamepsychologie, um später über Anwendungen auf das Taylor- 
system, die wissenschaftliche Betriebsführung einschließlich der Lohnprobleme, 
in das viel schwierigere Bereich der Subjektspsychotechnik zu gelangen, von 
dem ich Fragen der Eignungsanalysen und kollektivpsychologischer Ver- 
haltungsweisen sowie der Beziehungen zwischen Wirtschaft und Persönlichkeit 
(Wirtschaft als Erlebnisform) auswählen werde, sobald es meine Zeit erlaubt. 



Beispiel: Erotisierte Reklame 

Zu den sogenannten Reklameinhalten gehört zunächst naturgemäß auch 
die Erotik. — Es ist nicht meine Absicht, hier auf eine genauere Besprechung 
der erotischen Reklame einzugehen. Denn in diesem Sinne wäre Psycho- 
analyse überflüssig, da es sich eher um Sexualwissenschaft handelt, und beides 
ist niemals das Gleiche. Erotik als Reklameinhalt ist immer sozusagen Be- 
wußtseinsgegenstand — hat mit den unterbewußten oder, wie wir spezifischer 
sagen dürften, libidinösen Strebungen gar nichts zu tun. Ich kann daher hier 
nur, im Anschluß an meine Darstellungen in Marcuses „Handwörterbuch 
der Sexualwissenschaft" über ausgesprochene Sexualreklame (also erotische 
Reklame), das wesentliche andeuten: 

Die erotische Reklame umfaßt alle geläufigen Reklamewege, wie Plakat, 
Broschüre, Inserat, Musterprobe, Lichtbild, Attrappe usf. Ihr Inhalt bezieht 
sich auf die natürlichen Sexualgegenstände, insbesondere Liebesmarkt (ein- 
schließlich Ehe und Bekanntschaftsanbahnung), erotische Erholungsstätten, 
erotische und zum Teil ausgesprochen pornographische Literatur wie Kunst, 
hygienische Artikel für Vorbeugung der Empfängnis, Sexualhygiene und 
Erhöhung sexuellen Genusses (erotische Parfüms, Aphrodisiaka u. a. m.). 
Alle diese und ähnliche Reklameinhalte rechnen immer mit dem ausge- 
sprochenen Vollbewußtsein. Sie führen auf dem Wege apperzeptiver Auf- 
nahme des Reklamegegenstandes in rational-logischer Weise dem zu beein- 
flussenden Publikum den Reklameinhalt nahe und arbeiten wie jede Reklame 
sinnentsprechend mit mnemischen Nachwirkungen — um bei Kaufanlaß 
den Wahlentschluß des Konsumenten entsprechend zu leiten, führen diese 
jedoch in allererster Linie oberbewußt durch. Natürlich benützt die Sexual- 
reklame — wiederum wie jede andere — auch die triebähnlichen Regungen 



Psychoanalytische Psychotechnik xo% 



des Verbrauchers als Anreiz. Schmeicheleien („Der Mann von Welt be- 
nützt . . ."), die Wirkung der Autorität („Schauspielerin X. trägt Büsten- 
halter Y."), die natürliche Trägheit (Verteilung von Gummiartikeln 
in Friseurläden, wohin der Kunde sowieso gelangt), Eitelkeitsanregung 
(„Wollen Sie erfolgreich sein im Wettbewerb . . .' usw.) und alle sonstigen 
emotionalen Regungen des Menschen werden auch hier zum Ansprechen 
gebracht, genau wie es jede andere Spezi alreklame, etwa für Klubsessel 
oder Bohnermasse oder Streichhölzer, im Wirtschaftskampfe ausnützen 

muß. 

Einen Punkt kann ich zunächst beiläufig berühren, den ich. bei meinen 
Vorlesungen über Reklamepsychologie stets der Freudschen Terminologie 
entnehme: den Tatbestand, daß jede erfolgreiche Reklame — und zwar 
auch die im Unterbewußtsein durch logische Apperzeption zustande ge- 
kommene — immer nebenher den Grundsatz der Vorlustweckung benützt. 
Der zu beeinflussende Kunde soll auch in Augenblicken, wo er das ange- 
priesene Stück überhaupt gar nicht unmittelbar sucht, durch Weckung 
emotional angenehmer Vorgefühle Lust zum Erwerb erhalten. Hiebei ist 
zudem auch gerade der überflüssige Erwerb für die Vorlustwirkung kenn- 
zeichnend. Das beste Beispiel ist die das Warenhaus durchschreitende Frau. 
Das Warenhaus weckt Vorlust auf Reklamegegenstände, weil diese lust- 
weckend zur Schau gegeben sind. Die Käuferin unterliegt — meist stärker 
als der Mann — dieser Vorlust und erwirbt daher, obschon sie A kaufen 
wollte, nachher B (statt des Aluminiumkessels einen Hauspantoffel). Eine 
Reklame kann beispielsweise hochwertig in apperzeptiver Richtung sein, 
also in noch zu erwähnendem Werte der „Sinnfälligkeit" an erster Stelle 
stehen. Wird nicht zugleich vom Oberbewußtsein herüber ins Emotional- 
reich die Vorlust geweckt, versagt oft diese Reklame, da wegen Vorlust- 
mangel ein Verlust mnemischer Nachwirkung (des Nachklingens wie der 
Gegenwartsbereitschaft) des Reklameartikels erfolgt. Statistische Forschungen 
ergaben, daß die mit Vorlustbeiwerk betonten Reklameinhalte besser behalten 
werden und schneller reproduzierbar sind. Die Vorlust kann beispielsweise 
auch den Weg des Humors oder der Komik schreiten: nur darf dann das 
Reklamestück darüber die Stiftung assoziativer Beziehungen zum Reklame- 
inhalt nicht verabsäumen. Ist die Komik zu stark, dann wird aus der 
erstrebten Vorlust eine Augenblickslust, die sich aber gar nicht zum Reklame- 
inhalt, sondern zum Scherz, dem Witz oder der Komik der Darstellung 
selbst wendet. Es ist bedauerlich, daß ich an diesem Orte nicht durch 
entsprechende Abbildungen die Vorlustwirkung und anderseits die Störung 



io2 Dr. Fritz Giese 



der Vorlust durch falschen Humor oder das Fehlen der Reklamewirkung 
wegen Vorlustmangel vorführen kann. 

Mit dem Begriff der Vorlust sind wir aber bereits aus der Zone der 
groben, äußerlichen Sexualreklame heraus, denn das Vorlustprinzip gilt für 
alle Reklamewerte. Man wird hier, wenn man Psychoanalytiker ist, im 
Vorlustprinzip libidinöse Vorstellungen erblicken. Man wird sagen wollen, 
daß Vorlust letzten Endes immer — wenn auch sublimiert — an Libido 
(und dies zwar sogar im engeren Sinne) erinnert. Insofern könnte man 
bereits hinsichtlich der Notwendigkeit der Vorlustweckung von erotisierter — 
im Gegensatz zu erotischer (!) — Reklame reden. Dieses libidinöse Vorlust- 
prinzip wäre dann zugleich ein Gesetz psychologischer Reklamewirkung. 
Keine Reklamewirkung wesentlicher Art ohne Vorlust. Vorlust, wie sie 
drastisch das Schaufenster des Delikatessenhändlers, wie sie feiner über den 
Weg der Neugier das siebenmal an den Anschlagsäulen wiederholte Frage- 
zeichen bietet (das dann am achten Tage endlich enthüllt, wer im Kabarett Z. 
demnächst auftreten wird). Und man dürfte ferner in diesem Zusammen- 
hang betonen, wie die Menschen typologisch verschieden reagieren, je nachdem 
ihr Ich sich zur Vorlust stellt. Gibt es doch — nach meinen Beobachtungen — ■ 
Reklamen, bei denen gewisse Menschen sich mit der Vorlust vollauf be- 
gnügen. Gibt es doch Leute, die Reklame suchen, nur um Vorlust zu. 
genießen, ohne je die eigentliche Lust zu erstreben. (Beispiele: Sammler 
von Prospekten, Bildchen, Katalogen usf.) Diese Vorlust Jäger können sogar 
ihre Vorlust auf Inhalte richten, die an sich alles andere als libidinös 
sind. Ich kenne Fälle, wo Kataloge elektrischer Schalter oder Bücherlisten 
aus Freude an sich, zum Vorlustgegenstand, gesammelt wurden : und es ist 
selbstverständlich, daß — wenn auch nicht in allen Fällen — hier der 
Psychoanalytiker Beziehungen zwischen Reklame und Sammeltrieb über- 
haupt entdecken würde. Ich kann in der Kürze jedoch hierauf nicht mehr 
eingehen, denn das Thema Reklameanalyse ist ungeheuer breit. 

Einen weiteren Punkt immanenter Erotisierung könnte man jedoch noch 
erwähnen, nämlich die erhöhte Reklamewirkung von rhythmisch gebotenen 
Reklamewerten . 

Ich unterscheide dabei akustische, optische und motorische Rhythmik — - 
entsprechend der gröbsten Dreiteilung der Vorstellungstypik — und rechne 
hieher auch das Prinzip der Reihung oder Häufung, das im Reklamewesen 
eine große Rolle spielt, da es anerkannterweise wirkt. Diese Wirkung ist 
aber genau wie bei der vorigen Tatsächlichkeit mnemisch. Ist Erinnerungs- 
wert voll Lustbetonung. Daher, wie die Experimente erweisen, notwendig 



Psychoanalytische Psychotechnik 103 

bei guter Reklame, also einer Reklame, die praktisch über die Apperzeption 
hinaus zum Kaufe führt. 

Sehr bekannt ist die akustische Rhythmik in Gestalt der gereimten oder 
auch nur taktierten Sätze. Der Reklamefachmann sagt nicht „Reinige dich 
mit dem Abradorstein", sondern ausdrücklich „Bims' die Hand mit Abrador". 
Er sagt „Biomalz — Gott erhalt's" oder er dichtet vierzeilig „Das Stiefel- 
putzen, Einst 'ne Qual — Zur Spielerei wird's Mit Erdal!" usw. Je ein- 
fältiger die akustische Rhythmisierung, um so eindringlicher wirkt sie im 
volkstümlichen Sinne. Ich verzichte darauf, hier jetzt meine Beobachtungen 
über die Beziehungen zwischen archaischem Denken und Reklame mitzuteilen. 
Es wäre das ein Kapitel für sich. 

Optisch ist der Rhythmus — entsprechend experimentellen Befunden der 
Sinnespsychologie — weniger gut zu fassen. Hier aber tritt in erster Linie 
ein jenes Reklameprinzip der Reihung, der Anhäufung desselben Reizes 
in Menge und die daraus folgende verstärkte Nachwirkung in mnemischer 
Beziehung. Wir sehen Reklamebilder von Sektfirmen, in denen nicht einer, 
sondern fünf Oberkellner nebeneinander dieselbe Marke präsentieren. Wir 
finden die Glühlampen nicht einmal, sondern serienweis ausgelegt. Diese 
Verstärkung durch optische Reihung ist reklametechnisch bekannt und letzten 
Endes rhythmisches Prinzip. Ich will nicht untersuchen, ob dabei auch 
Gestaltauffassungen des Ganzen eintreten. Nach meinen Erfahrungen ist dies 
gerade nicht der Fall ; der Beobachter sieht vielmehr die Wiederholung der 
Einzelheiten und empfindet sie als Rhythmus — nicht als Komplexgestalt. 
Aber das nur nebenbei. 

Der optische Rhythmus verbindet sich gern mit motorischem, obschon 
letzterer auch bekannt ist (Beispiel: Klopfapparate hinter Fensterscheiben, 
um die Aufmerksamkeit zu erregen). Der optischmotorische Rhythmus feiert 
den Reklamehöhepunkt im Trickfilm, welcher in ganz beliebiger Sukzession 
Reklameinhalte vorführt, und zwar im Sinne genetischer Folge. Diese 
Rhythmik hat — zumal wenn sie noch, wie sehr häufig, den Nebenweg 
des Humors ausnützt — ungeheure Reklamewirkung! Sie ist weitaus besser 
als der Film in natürlicher Rhythmik. (Gehtempo usw.). In allen Fällen 
ist das, was den Beeinflussenden trifft, eine ausgesprochene Mitbeanspruchung 
des Unterbewußtseins und nun braucht man nur der verschiedenen Er- 
klärungsversuche des Rhythmischen sich zu erinnern, um auch zur Psycho- 
analyse eine Verbindung zu bekommen. Sicherlich gehört die theoretische 
Erklärung des Rhythmus durch die Psychoanalyse zu den elegantesten und 
wahrscheinlichsten. Die Anwendung aber auf die Reklame ist dadurch ge- 



1 04 Dr. Fritz Giese 



geben. Denn im Sinne einer Objektspsychotechnik ist es nunmehr Aufgabe 
des Psychologen, diejenige Rhythmik zu ermitteln, die normalerweise unter- 
bewußt dem Gesunden die gemäßeste ist. Er wird dann wahrscheinlich 
gewisse Typen finden und seine akustisch-optisch-motorische Reklame- 
rhythmik zuschneiden können auf die Gesetzmäßigkeit der unterbewußten 
Rhythmik. Aus einem solchen Fall kann der Fernerstehende auch zugleich 
ermessen, wie interessant und aufschlußreich für die Theorie der Psycho- 
analyse derartige nüchterne Wirtschaftsfragen ( — Steigerung des Absatzes 
durch psychologische Mittel — ) werden können und warum auf unserem 
Gebiete eine angewandte Psychoanalyse nach anderen Wegen führt, als die 
der Therapie der medizinischen Psychoanalyse. 

Wir sehen ferner, daß das Lust-Unlustprinzip in unserem Zusammenhange 
der besonderen Beachtung bedarf. Nicht die Unlust interessiert den Reklame- 
psychologen, sondern gerade die Lustweckung — das Unlustmeiden. Er er- 
mittelt seine Erfahrung in Ergänzung zu den im Vordergrund der Medizin 
stehenden Unlustfällen (Verdrängungsgedanke) gerade aus dem Positiven - 
aus der Frage, warum ein Reklameinhalt eben lustbetont war, warum die 
Lust ihm mnemische Überlegenheit im Ich gab ; die Umkehrung zur medi- 
zinischen Frage, die die Unlustkomponente als gedächtnisbeeinflussend be- 
trachtet, und dies im positiven wie negativen Sinne (Vergessen — Erinnern). 
Im Rahmen der Erotisierung von Reklamewerten möchte ich aber — - 
zur Verdeutlichung, daß gar nichts Gesuchtes in einer solchen Psychoana- 
lysierung der Werbkunde liegt — noch einen viel drastischeren Fall aus- 
wählen. Nämlich die Erotisierung von ausgesprochen nichtsexuellen Inhalten 
und die Störung der Sinnfälligkeit und der mnemischen Wirkung einer 
Reklame durch Erotisierung. Letzteres könnte man auch formulieren als 
„Verschlechterung der Reklamewirkung durch libidinöse Ablenkung des zu 
beeinflussenden Reagenten". Ich bespreche beide Möglichkeiten. 

Die Erotisierung von Reklameinhalten, die an sich unmittelbar mit 
Sexualität gar nichts zu tun haben, ist heute eine geläufige Methode. Man 
wird dabei annehmen dürfen, daß viele Entwürfe diese Tendenz ganz und gar 
unbewußt bringen, und daß nur in wenigen Fällen auf das erotische Gebiet 
angespielt wird, um zielentsprechende Assoziationen zu stiften und so die 
Apperzeption des Reklameinhaltes mit einem sympathischen Gefühlston zu 
versehen, der wiederum das mnemische Haftenbleiben beim Gesunden ver- 
bürgt. Wir können gewisse Branchen beobachten, die noch indirekt zur ero- 
tischen Ware Beziehung besitzen. So die Seifenfabriken, die naturgemäß über 
den Weg der Hygiene auch die Beziehungen der Geschlechter bestimmen 



Psychoanalytische Psychotechnik 105 



mögen. Wir wundern uns daher nicht, wenn die einschlägige Reklame etwa 
mit der Abbildung von Frauengestalten arbeitet, um ihr Produkt angemessen 
zur "Wirkung zu bringen. Sehr viele Firmen der Seifenbranche tun das nicht, 
sondern bilden etwa ihre Packungen ab, geben in Stichworten die materielle 
Güte des Fabrikats allein an. Andere erotisieren : sie legen bei der bildlichen 
Darstellung die Packung zu der schönen — meist im Neglige dargestellten — 
Frau. Dabei wird kein Wort verloren über gewisse hautreinigende Wirkungen 
des Produkts, um etwa die Berechtigung zu erläutern. Bei Fabrikaten für 
Vertreibung von Sommersprossen oder Hautunreinigkeiten wäre die Abbildung 
eines Gesichts verständlich, um die Teintwirkung zur Schau zu führen. Das 
ist bei der erotisierten Reklame nicht gemeint. Man wird sich fragen, wie der 
Künstler die Wirkung sich denkt und wie diese praktisch zustande kommt? 
Nach meinen Beobachtungen sind hier sehr verschiedene Einstellungen der 
typischen Geschlechter zu erkennen. (Ich sehe also von dem bekannten Über- 
gangsverhalten und der psychischen Doppelgeschlechtlichkeit des Menschen 
ab.) Der Mann empfindet beim Betrachten derartiger Vorführungen in erster 
Linie Sympathie zum Fabrikat durch die libidinöse Anregung des Dargestellten. 
Ihm gefällt der Kopf, die Gestalt und auf diesem Umwege erinnert er den 
Bildinhalt. Die Frau neigt eher zu einer ganz anderen Tendenz: nämlich 
dem Sicheinfühlen in die Rolle der Dargestellten. Sie identifiziert sich mit 
dem Bilde und erträumt — momentan und unterbewußt geleitet im 

Augenblick Situationen, in denen sie ebenso ideal wirken könnte, wie das 
Bild. Diese Ichidealisierung ist selbstverständlich oft nichts weiter als eine 
augenblickliche Regung; aber diese genügt wieder, die Reklame einzuprägen. 
Es scheint auch in der Reklame derselbe Grundsatz vorzuliegen, den ich 
experimentell beim Beobachten erotischer Postkarten erschließen konnte. 
Der Mann beobachtet immer eher das andere Geschlecht gern und in aktiver 
Einstellung; die Frau träumt sich in Pärchenbilder oder auch Darstellung 
des eignen Geschlechtes, in der Einstellung auf Rollentausch. 

Anmerken kann man, daß in der Reklame unästhetische Dinge selten 
durch Frauengestalten symbolisiert werden, daß hier vielmehr figürlich der 
Mann gewählt wird. So bei Hühneraugenmitteln etwa. Anderseits werden 
rein maskuline Angelegenheiten „verniedlicht" durch feminine Zutat. So 
bei der Rasierapparatindustrie, die häufig nicht den Mann, sondern dazu 
ein weibliches Wesen darstellt, das den durch Apparat „gut Rasierten" an- 
schaulich karessiert (Vorlust weckung). 

Die Erotisierung der Reklame greift aber noch viel weiter. Ich kann 
erinnern an die zahllosen Abbildungen der Mundkosmetik, die bereits zu 



jo6 Dr. Fritz Giese 



seiner Zeit, als bildliche Reklame in künstlerischer Form sehr selten war, 
sich weiblicher Anreize bediente (Beispiel: das Kalodontmädchen). Weiter 
die Zigarettenindustrie. Vor fünfzehn oder zwanzig Jahren war das offizielle 
Rauchen der Damen relativ selten. Und trotzdem benutzten die Zigaretten- 
firmen Frauenköpfe, um dem Manne diese oder jene Marke anzupreisen, 
seine Kauflust zu wecken. Das weibliche Geschlecht wurde rauchend dar- 
gestellt oder die Marke durch einen Frauennamen verniedlicht. Entwicklungs- 
psychologisch ist anzumerken, daß diese Tendenz gerade die Zigaretten- 
industrie traf und daß abstrakte Symbole — ich erinnere an den Reemtsma- 
schiffsdrachen — dem Volk fremdartig bleiben. (Dies Ergebnis ermittelte 
ich in 'meiner psychotechnischen Praxis.) Ferner geht die Industrie der 
Zigarre — dem Genußmittel für starke Männlichkeit, das historisch ältere 
Bestandstück und, wie die Psychoanalyse vielleicht sagen würde, das „phal- 
lische Symbol des Ludlers" — nicht auf zu starke Erotisierung ihrer Reklame- 
mittel ein. Sie bildet die Pflanzerköpfe oder das rauchende Männervorbild, 
ab. Man wird es für selbstverständlich finden, daß sie keine zigarrenrauchende 
Frau darstellt. Das ist richtig: sie bildet aber auch keine erotisierten Szenen 
dar, wie die noch zu nennende Sektindustrie oder andere Branchen. Die 
Zigarre an sich ist nur Männlichkeitszeichen, eignet sich aber für erotische 
Szenen schwerlich so wie die Zigarette. Entwicklungspsychologisch ist in 
diesem Zusammenhang ferner interessant, daß die „Marken" des einfachen 
Mannes auch in der Zigarettenindustrie zur maskulinen Vergröberung neigen, 
von der erotisierten Namensgebung weniger wissen. Der Handlungsgehilfe 
und der Friseur rauchen die Marken „Dolly" oder „Fritzi Massary" usw., 
der Arbeiter greift zur „Dicken Bohne" oder der „Feinen Nummer". Auf 
jeden Fall ist hiebei das optische Motiv ganz ausgeschaltet und nur in 
äußerst groben Beispielen durch sprachliche Symbolik ersetzt. Hinzufügen 
kann man, daß die Absatzstatistik der Fabriken genau beweist, wie Provinzial- 
und Ländereinflüsse die Struktur der Bevölkerung auch in dieser Beziehung 
scheiden, wie etwa die Lustempfindung am Zigarettengenuß im Westen Deutsch- 
lands (Rheinland) und Osten (slawischer Einschlag) stets größer war. Es ist 
unmöglich, im vorliegenden Zusammenhang auf diese Dinge oder auf die 
differenzierte Abwanderung zum Pfeifengenuß, beziehungsweise die Abstinenz 
in Zeiten hoher Teuerung der Rohstoffe und der Tabakbesteuerung, hinzu- 
weisen. Man kann außerordentlich interessante völkerpsychologische Ergeb- 
nisse finden. — Die Erotisierung der Reklame befaßt sich aber auch mit 
Gegenständen, die nicht ohneweiters dazu gegeben erschienen und die erst 
im Laufe der werbkundlichen Verfeinerung der Anbietungsverfahren zn 






Psychoanalytische Psychotechnik 1 07 



dieser erotisierten Note gediehen. Hieher rechnet die Branche der Trink- 
mittel. In erster Linie Bier, Wein, Spirituosen. 

Noch immer wird das Bier vielfach durch Männer (der heilige Engelhardt, 
das Bürgerbräu usw.) symbolisiert. Neuerlich taucht aber auch die Kellnerin 
auf um die Bierfabrikate anzupreisen. Noch klarer bei den Edelgetränken : Die 
Sektfirmen haben sich in gesteigertem Ausmaße mit erotisierten Zusammen- 
hängen in der Reklame befaßt. Pärchenbilder mit Sektglas beim Anstoßen, 
Boudoireinblicke, sogar Sportbilder oder Symbolikvignetten auf und an den 
Flaschen: das ist gang und gäbe und ersetzt frühere Darstellungen der 
Flaschenpackungen. Einige Firmen gaben ganze Mappen von Künstlerzeich- 
nungen heraus, die beliebten Zeichnern Gelegenheit boten, die Weiblichkeit 
mit Sekt oder Likör in Beziehung zu bringen. Ein Beispiel sind die Reklamen 
von „Henckel Trocken" und „Kupferberg Gold", die Heilemann illustrierte. 
Hier ist die Erotisierung im Zusammenhang des „Stimmunghabens und 
des erhöhten Materialgenusses in Gesellschaft anderer gedacht. Es scheint, 
daß diese Bilder das Publikum immer noch mehr anziehen, als die, welche 
den Einzelgenießer berücksichtigen. (Ich erinnere an Darstellungen wie bei 
Firma Braun, „Edelliköre", die bespielsweise einen genußsüchtig an der 
Flasche schnuppernden jungen Gent vorführt.) Die Psychoanalyse würde 
in ihrer Terminologie sagen, daß die Vorführung des narzißtischen Genusses 
in dieser Beziehung reklamewirksamer sei. Eine zweite Frage wäre die, ob 
energetisch gesprochen der Kaufantrieb durch Vorlustweckung mittels eroti- 
siertem Pärchenbild unmittelbar erheblicher ist, oder ob bei solipsistisch 
gerichteten Einzeldarstellungen die bildliche Symbolik im Betrachter zunächst 
peinliche Vorstellungen, also Hemmungen auslöst. Hiebei könnten diese 
Hemmungen einfach aus Nahelegung der Selbsterkenntnis folgern („Lieber 
Freund, wir wollen offen sein. Du bist ein ausgesprochener Egoist und 
genießt für dich allein am liebsten . . ."). Ich will das nicht entscheiden 
ohne statistische Unterlagen. Leider wissen wir durchaus nicht, ob und 
inwieweit die unterbewußte Vorstellungstypik bei Normalen verbreitet ist. 
Wir kennen nicht die Größe der Populationen jedes Typs. 

Es mag die Psychoanalyse auch interessieren, daß in der Getränke- 
branche das Kind häufig Symbol wird. Beispiele: das Berliner Kindl, das 
Pichlbräu. Dergleichen wirkt teils humoristisch, teils freundlich und löst 
ein gewisses Behagen aus. Obwohl man eigentlich sagen muß, daß Kind 
und Bier logisch gar nichts miteinander zu tun haben können, ja daß 
manche Temperenzler mit Recht entsetzt sein können über die — Gedanken- 
verbindung der Werbefachleute. Der praktische Erfolg solcher Symbolik im 



io8 Dr. Fritz Giese 



Reklamewesen steht aber fest. Ich will wieder nur darauf verweisen und 
noch nicht entscheiden, ob hier das Kind an das ursprünglichere Getränk: 
der infantilen Zeit erinnert (Muttermilch-Ersatz) oder bei anderen Typen 
eine gewisse Befriedigung durch die Komik ausgelöst wird: Die Freude 
endlich erwachsen zu sein. Vielleicht kommt beides und sicher auch noch 
anderes vor. (Beim oben erwähnten Beispiel „Berliner Kindl" ist der Aus- 
druck „ein Berliner Kind" typisch infantil gesehen und im Sprachgebrauch 
aller Länder bekannt — und wegen des Gefühlstons stets beliebt gewesen. 
Die Reklame kann daher auch den Sprachgebrauch nur noch unterstreichen 
wenn sie ein Baby mit Bierglas abbildet. Auf jeden Fall ist aber der gewählte 
Titel für eine Brauerei dann unterbewußt entsprechend zu erläutern.) 

Was wir bei den alkoholischen Getränken finden, sehen wir auch bei 
anderen. Dies erweist, daß nicht etwa Vorfreude auf alkoholischen „Rausch" 
mit anschließenden erotischen Exzessen das Leitmotiv sein konnte. Die 
Erotisierung ist viel zarter und feiner. Das zeigen Plakate von Firmen 
die Tees oder koffeinfreien Kaffee fertigen. Auch hier tritt die servierende 
Kellnerin und die Frau als Symbol auf und keinesfalls in Beziehung nur 
zum Ursprungsland des Erzeugnisses. (Die Chinesin bei der Teemarke usw.) 
Vielfach finden wir dann sogar Abweichungen, die die Frau als Mutter- 
Imago (nach psychoanalytischer Theorie) hinstellen. Ich rechne nicht hieher 
Kakaoplakate, die die Bekömmlichkeit für Kinder vorführen, und so etwa 
die Mutter mit den Kleinen am Frühstückstisch veranschaulichen; hier ist 
natürlich unmittelbar die Gedankenbindung geboten. Dagegen tritt das 
Motiv der Mütterlichkeit in anderen Fällen sehr deutlich zutage, und 
manche, wenn auch nicht alle Beobachter mögen entsprechende Erinne- 
rungen an die Mutter, welche für das Wohl und Wehe sorgte, beim Be- 
trachten solcher symbolisierten Anzeigen bekommen. 

Dies Beispiel offenbart aber sogleich ein ganz neues Problem, das, 
wiederum der experimentellen Forschung zugänglich gemacht werden kann. 
In pathologischen Fällen, also der klassischen Klientel der Psychoanalyse, können 
solche und andere Beispiele im Neurotiker usw. gegebenenfalls Hemmungen 
Ablehnungen oder gänzliches Vergessen von Reklameinhalten bewirken. E s 
wäre zu untersuchen, wie Kauflust und Kaufhandlung in dieser Beziehung 
konstitutionell gegeben sind. Aber das sind Fragen, deren Beantwortung 
der Reklamepsychologie erst künftig möglich sein wird. 

Daß in dasselbe Gebiet auch Darstellungen von Bureauartikeln fallen 
ist der Sachlage nach selbstverständlich, denn das Bureau und das Geschäfts- 
leben, in dem nebeneinander beide Geschlechter berufstätig sind, legt eroti- 



Psychoanalytische Psychotechnik 109 



sierte Sachverhalte nahe. Wir wissen aus den therapeutischen Analysen sehr 
genau, wie oft dort ausgesprochene Sexualkonflikte zustande kamen. Diese 
erotisierte Stimmungslage wird etwa benützt, um für eine Schreibmaschine 
Reklame zu machen. Bildet man nur ein Tippfräulein mit dem Fabrikat 
ab kann man sagen, daß dies ebenso selbstverständlich sei wie die Dar- 
stellung des Drehers bei der Industriereklame für Revolverautomaten oder 
genormte Passungen. Wird dagegen — wie sehr häufig — nicht nur das 
Tippfräulein, sondern auch der diktierende Chef dargestellt, und liegt zudem 
in den Mienen der Personen zeichnerisch ein entsprechender Ausdruck, so 
kann die Rubrizierung des Reklamegegenstandes nicht zweifelhaft sein. Das 
gleiche gilt für Abbildungen, die im Beiwerk Stigmata einschlägiger Art 
bieten ; kokettes Strumpfwerk oder Halsausschnitte des dargestellten Maschinen- 
personals. Es ist mir aufgefallen, daß die englische Reklame bei Bureau- 
artikeln wie auch anderen Branchen sachlicher Natur viel mehr mit dem 
Mann zu operieren scheint, als die kontinentale. Ich denke hiebei an 
Reklamen für Schreibgeräte, besonders Füllfederhalter und Bleistifte. Doch 
muß auch diese Beeinflussung durch völkerpsychologische Struktur eines 
Konsumentenstammes noch untersucht werden. 

Eine eigentümliche Stellung in der Reklame nimmt das Tier ein. Auch 
bei ihm kommen allgemein gesprochen emotionale Motive hinzu. Natürlich 
wird man niemals eine Reklame hieherrechnen, deren Inhalt mit Tieren 
zu tun hat oder wo die Namenswahl des Fabrikats Tierdarstellung nahe- 
legt. (Beispiel fürs erste Hundekuchen ; für den zweiten Fall etwa die Dar- 
stellung des Löwen als Marke für ein „Löwenbräu".) 

Wenn eine Sammlung von Sprachführern und Wörterbüchern durch 
eine Reihe aufrechtsitzender Pinguine oder ein Lackfabrikat durch einen 
Pinscher mit Pinsel im Maul versinnbildlicht wird — ohne daß irgend- 
welche sonstigen Beziehungen äußerer Art bestehen, etwa wie beim Pelikan 
der Pelikanfabrikate der Firma Günther -Wagner — so muß man fragen, 
was hier reklametechnisch als Reizwert gesucht wird? Es entsteht vielfach 
der Humor auf der Basis des Verständnisses für die Kreatur und es ist 
reklamepsychologisch zugleich bekannt, daß dieses Verständnis für die Wesen 
unter uns, die wohlwollende Humanität, in der Reklame der germanischen 
Völker eine stärkere Rolle spielt als bei den romanischen beispielsweise. 
Der Reklamekünstler rührt mit seinem Text an diese schlummernde Eigen- 
schaft des Wohlwollens mit der Schwäche; man wird aber zugleich die 
Beziehungen zwischen Mensch und Tier im Spieltrieb erinnern und so 
verstehen, warum vermutlich eine spätere Forschung auch diese Fälle in 



lio Dr. Fritz Giese 



gewisser Beziehung zu den vorlustbetonten und auch erotisierten Beispielen 
rechnen dürfte. Es liegt mir fern, dies sogleich zu behaupten, man muß 

aber auf des Tierproblem hindeuten. Die Ausdeutung in Symbolik selber 

in Analogie zur Schlange, Giraffe usw. — halte ich für weniger fruchtbar; 
da nur sehr wenige Symbole Allgemeinverständlichkeit und unterbewußte 
Gleichförmigkeit erweisen. Etwas anders ist dagegen die kulturelle Symbolik, 
wie wir sie in Darstellung der Nationen finden. Wenn ein gegenwärtiges 
Plakat im deutschen Ruhrkampf Frankreich in einer Frauengestalt ver- 
körperte, die mimisch aufreizend wirkt, so ist diese Symbolik klar. (Ich 
bemerke, daß das fragliche Plakat jedoch abirrte, indem es zur Mimik, 
sadistischer Gesichtszüge einen libidinös anklingenden nackten Frauen- 
körper fügte.) In ähnlicher Weise hat Frankreich im. Kriege durch die 
dortigen Aufrufe zum Schützengrabenkampf die Tragödie des Schlachtfeldes 
verniedlicht, indem vielfach der von Frauenhuld belohnte Held oder die 
hübsche Amazone im Stahlhelm dem Publikum veranschaulicht ward. Die 
französische Reklame ist überhaupt in dieser Beziehung viel offener erotisch, 
als unterbewußt erotisierend. 

Ich möchte die Betrachtung nicht schließen, ohne auf einen weiteren 
interessanten Sachverhalt hinzudeuten, der teilweise herüberführt in einen 
wirtschaftspsychologischen Begriff, dessen Besprechung ich im Zusammen- 
hang mit dem Taylorsystem noch geben werde. Nämlich die Sinnfälligkeit 
von Darstellungen. 

Bei der Reklame bedeutet Sinnfälligkeit soviel wie sofortiges Verstehen 
und unmittelbares In-den-Sinn-kommen eines Reklameinhalts. Wissenschaft 
lieh heißt es apperzeptive Unterstützung des Betrachters. Hiebei sind ver- 
schiedene Wege möglich, um eine Darstellung sinnfällig zu machen. Die 
Sinnfälligkeit kann durch logische Assoziationen und perzeptive Hilfsmittel 
zustande kommen. So bei sachlicher Aufteilung von Schaufenstern in Gebiets- 
gruppen, durch Abbau überladener Schaumengen, durch optische Kontrast- 
gebungen in Farbe oder Helligkeit, durch Auflösung einer Gesamtgestalt 
oder Gesamtsituation aus der Simultaneität der Darstellung in sukzessive Dar- 
stellung (Entstehenlassen eines Ganzen im Trickfilm oder dem Leuchtplakat), 
durch sogenannte Blickfanglinien und vieles mehr. Es wäre gut, wenn ich 
diese Fälle einer logisiert gebotenen Sinnfälligkeit im Bilde vorführen könnte, 
denn um so klarer würde die nachstehend bezeichnete emotionale Sinn- 
fälligkeit werden, und zudem würde manchen Lesern verständlich, weshalb 
ich ausdrücklich sage, daß eine allgemeinste Psychoanalysierung der Reklame- 
psychologie nicht am Platze sein kann. Auch dann, wenn man zugibt, daß 






Psychoanalytische Psychotechnik 



111 



die hier ebenfalls in Betracht stehenden Fragen der Enge des Bewußtseins 
und der Spaltung der Aufmerksamkeit — welche jene logisch geleitete 
Sinnfälligkeit berücksichtigt — innerlich mit unterbewußten Tatbeständen 
zusammenhängen. 

Wenn Sinnfälligkeit durch gefühlsmäßige Werte zustande kommt, so 
finden wir zweierlei. Häufig die Weckung der Heiterkeit beim Beobachter 
und ebenso häufig produktive Unterströmungen des Zeichners und beides 
durchaus unterbewußt geboten. Was die Heiterkeit des Beobachters belangt, 
so zeichnet sie sich bei der Sinnfälligkeit einer Reklame durchaus durch 
ethisch unterwertige Gefühle, wie Schadenfreude, auch Roheit und Gefühle 
metatropistischer Form (insbesondere sadistischer Färbung) aus. Einige Bei- 
spiele: Eine Firma für Etiketten mit Nadelschutz zum Auszeichnen von 
Waren, bringt über dem Begleittext eine Figur, der ein riesiger Degen 
Brust und Rücken durchstoßen hat. Die Bluttropfen hängen am Schwert, 
der Ärmste ist wahrhaft aufgespießt; sein Gesicht zeigt erschrockene Angst; 
die Schwarzweißzeichnung ist mit Fettdruck erläutert durch den Satz: „Sie 
können sich nicht mehr pieken." Immer hat in meinen Vorlesungen dies 
Bild, projiziert, ungeheure Heiterkeit und Schadenfreudegelächter ausgelöst. 
Werbetechnisch ist es ausgezeichnet, denn die assoziative Beziehung zwischen 
dem sich Verletzenden und den nun angepriesenen Nadelschutzetiketten ist 
geboten und haftet mnemisch, wie mir Experimente erwiesen, ausgezeichnet. 
Warum aber? Weil die Freude am Unglück eines anderen, weil der Lust- 
effekt, selber nicht in diese peinliche Situation der Reklamefigur zu geraten, 
für den Betrachter den Ausschlag bietet. Die Sadismusfreude der Leute wird 
noch klarer bei ähnlichen Bildern, die zugleich reklametechnisch schlecht 
sind. Jemand haut einem beleibten Gegenüber mit einem Riesenbesen auf 
die Nase. Das Blut spritzt sichtlich; zur Befriedigung des Lesers steht in 
Fettdruck darunter: „Das merkt man." Alles lacht schadenfroh. Hinterher 
empfiehlt der Fabrikant Patent-Medaillon-Stahlblechplomben (in Fettdruck), 
die bekanntlich zu Paket- und Flaschenverschlüssen dienen. Bild und Text 
werden ungeschickt verbunden mit: „Das merkt man bei einem Versuche 
sofort, daß unsere Patent-Medaillon-Stahlblechplomben . . . alle anderen über- 
treffen." Der Fabrikant fordert also mit der Assoziation — zu seinem eigenen 
Schaden, da er den Begriff Plombe auf eine ganz falsche Richtung lenkt! — 
noch einen ganz bestimmten Vorstellungsablauf hämischer Art: Das Zu- 
schlagen auf Nase und Gesicht unter Blutspritzen geht zugleich auf die 
Zähne = Zahnplomben. Der Erfolg ist also, sadistisch betrachtet, äußerst 
ergiebig. Alsdann wird die logische Assoziation Plombe— Paketplombe— Patent- 



112 Dr. Fritz Giese 



Stahlblechplombe angeknüpft. Das Plakat sinkt in seiner Wirkung, da das 
Publikum am ersten Abschnitt lustbetont hängen bleibt. 

Ein weiteres Beispiel mit Gegenstück, um die Sinnfälligkeit zu erläutern. 
Jemand fertigt Metallsägen. Dies wird versinnbildlicht, indem scheibenweise 
vor einem Rundblock Metallschichten abgeschnitten vorgeführt sind und die 
Säge gerade dabei ist, eine neue Scheibe vom Block abzuteilen. Niemand wird, 
an der Logik dieser Sinnfälligkeit Zweifel hegen. Ein anderer fertigt Rasier- 
klingen. Auch deren Schärfe will er versinnbildlichen. Was tut er? Er stellt 
einen Dackel dar, dem mit der Klinge der Leib in der Mitte durchgeschnitten 
ist. Welch groteske Vorstellung, Hunde mit Rasierklingen zu tranchieren. Und. 
welche unterbewußte, interessante Ideenverbindung! Das Plakat ist unwirksam, 
denn es ist für viele abstoßend oder dumm und keinesfalls komisch. 

Die andere Möglichkeit, Gedankengänge des Künstlers aufzufinden, bieten 
Plakate, die Sinnfälligkeit suchen und entgleisen. Schon das eben genannte 
rechnet hieher. Aber die erotisierten Leitvorstellungen finden sich auch 
noch drastischer und zeigen uns Wege der künstlerischen Produktion an. 
Jemand fabriziert Mundspiegel. Er will die praktische Brauchbarkeit des 
Mundspiegels vorführen. Er tut es, indem der Künstler einen Mann auf 
einer Kirchturmspitze sitzen läßt, den Spiegel in der Hand. Darunter der 
Satz: „Sie sehen einfach alles." Logisch betrachtet ist es ein Unsinn, durch 
einen Mundspiegel eine Ortschaft betrachten zu lassen. Erstens ist das 
ungewöhnlich und zweitens lenkt es nicht nur ab von der Anwendung des 
Mundspiegels selbst, sondern veranschaulicht auch keinesfalls die besondere 
Güte des Fabrikates. Beide Absichten schlagen fehl. Die Darstellung würde viel 
eher für einen Feldstecher oder ein Zielfernrohr von Belang sein. Die Analyse 
wird aber fragen: wie kam der Künstler auf diesen Gedanken, den Mann mit 
dem Mundspiegel auf die Kirchturmspitze zu setzen? Ich will mich jeder 
näheren Annahme enthalten; klar ist, daß hier unterbewußte Vorstellungen 
den Künstler geleitet und überaus schlecht beraten haben. Wenn er rein ober- 
bewußtlich gearbeitet haben sollte, könnte man seiner intellektuellen Fähig- 
keit nur eine äußerst geringe Konzeption zuweisen und fast zu seiner Ent- 
schuldigung wird man annehmen, daß er sich durch unterbewußte erotisierte 
Vorstellungen hat in die Irre leiten lassen : von der erstrebten Sinnfälligkeit fort. 

Hiemit komme ich zu dem eingangs erwähnten zweiten Fall : der Möglich- 
keit, daß der Reklamereagent durch erotisierte Darstellungen nichtsexuell 
betonter Branchen aus der Bahn geworfen wird, daß die Reklamewirkung 
verpufft. Hiebei ist dann von Sinnfälligkeit oft niemals die Rede gewesen. 
Das Erotische drängt sich mit anderen Worten hervor. Aus erotisierter 



1 



Psychoanalytische Psychotechnik 



1 1 i 



Darstellung wird Erotik am unangemessenen Platze. Und diese libidinöse 
Darstellung der Reklame bewirkt ausgesprochene Fehlschläge. Einige Bei- 
spiele werden es verdeutlichen. Wenn Schuhfirmen elegante Frauen vor- 
führen, die das Produkt tragen oder auch nur partiell die Wade bieten — 
wobei uns wiederum das Prozentualverhältnis der im Publikum verbreiteten 
fetischistischen Vorstellungen fesseln könnte — so wird man darin eine 
natürliche Sinnfälligkeit erblicken. Wenn Florstrümpfe vorgeführt werden 
an einem Akt, wird man ebenfalls nicht unbedingt darin etwas Gesuchtes 
sehen. Auch ins Anzügliche kann diese Symbolik gehen, beispielsweise 
wenn eine andere Firma, die seidene Damenstrümpfe fabriziert, zwei über- 
einandergeschlagene grünbestrümpfte Beine demonstriert, die ein schwarzer 
Kater mit grünen Augen und rotem Halsband interessiert beblinzelt. Unklar 
wird dagegen die Erotisierung wirken, wenn eine dritte Firma, die eine 
Strumpf marke „Dreiringe" offeriert, wiederum nur einen Unterkörper, einen 
lila Zwickelstrumpf im Schritt darstellt, der zugleich in drei ineinander- 
geschlungene große Ringe tritt. Hier verwirrt sich der apperzeptive Ein- 
druck ohneweiters und man würde besser einen einfachen Strumpf mit 
drei Ringen oder zu Ringen geformte Strümpfe oder wieder übereinander- 
geschlagene Beine mit Strumpfringen oder meinetwegen Fußspangen wählen, 
als diese durch erotisierte Zwischengedanken abwegig gewordene Versinn- 
bildlichung des Reklamegegenstandes. Ein anderes Geschäft stellt dar einen 
elegant gekleideten Herrn in Zylinder und Gut, der einer Dame einen 
Handspiegel reicht. Das weibliche Wesen setzt sich gerade den Hut zurecht. 
Zur Seite ist auf ekem Stativ ein Damenhut zu erblicken. Jeder wird 
apperzipieren wollen, daß es sich um ein Damenhutgeschäft handle. Darunter 
steht aber in großen Buchstaben: Fa. N. N., Herren-Moden. Ein Beispiel 
erotisierter Entgleisung, denn was soll die Pärchendarstellung und zudem 
in dieser Situation des Hutaufsetzens der Dame? Der Gedanke: „Mann, 
kleide dich gut, dann machst du Avancen" (der vielleicht dem Künstler 
vorschwebt), hat zu einer Überbetonung des rein erotisierenden Motivs geführt, 
und die logische Bindung zwischen Bildinhalt und Text ist nicht nur nicht 
gegeben, sondern sogar künstlich unterbunden. Dient der Entwurf etwa als 
Zeitschrifteninserat und sucht ebenso ein Mann beim Durchblättern Inserate 
für seine Zwecke, wird er niemals dieses Bild näher betrachten, da er schon 
in der perzeptiven Aufmerksamkeitszone sofort annimmt, daß es sich um 
eine Anzeige für Damen handle. 

Grotesker ist noch ein anderes Beispiel. Eine sehr bekannte Schreib- 
maschinengesellschaft macht für ihr Fabrikat Reklame, indem sie Künstler- 

Imago X/l g 



i i + Dr. Fritz Giese 



blätter von hervorragenden Fachleuten entwerfen läßt. Der Künstler erotisiert 
das Thema in einer Form, die den kaufmännischen Erfolg gänzlich ver- 
hindert. Er wählt nicht das Tippfräulein als Arbeitssymbol für die Schreib- 
maschine. Er bietet beispielsweise vielmehr Einblick in ein Boudoir, in 
dem auf einem hübschen Sofa eine elegante Dame mit Strumpf und Hemd 
bekleidet hockt. Sie liest ein Billettdoux, in der einen Hand kost sie haltend 
den Schoßhund. Auf einem Tischchen vor ihr ist eine Schreibmaschine 
aufgestellt. Das farbige Bild enthält einen schmalen, weißen, unteren Band, 
der die Firma nennt, bringt aber sonst nichts Näheres. Was wird geschehen? 
Mancher wird sich libidinös an der Nudität freuen. Keiner wird darauf 
verfallen, daß das eine Beklame für eine Schreibmaschine sein soll. Wer 
die Zeichnung besonders schätzt, wird aber den weißen Band mit dem 
Firmenaufdruck säuberlich abschneiden und das Ganze sich als Vielfarbendruck 
vielleicht an die Wand der Junggesellen wohnung hängen. Keine, auch nicht 
die geringste bewußte Brücke zwischen erotisiertem Gefühlston des Bildes 
und logischer Apperzeption der Schreibmaschine und ihrer Herkunft. Ein 
Beispiel für viele, um Versager der Werbkunde durch ganz und gar un- 
angebrachte Emotionalisierung eines bildnerischen Sachverhaltes vorzuführen. 
Man könnte dergleichen Parallelen in großer Fülle bringen. 

Ich möchte hiemit die kurzen Bemerkungen über Beklamepsychologie 
in psychoanalytischer Beleuchtung schließen. Jedem wird klar geworden 
sein, welche Fülle von Problemen dort noch verborgen ruht und wie auch 
die Psychoanalyse selber zu typologischen Ergebnissen durch die Beklame 
kommen kann, welche Befunde der Pathologie ergänzen helfen. 

LITERATUR 
(In der Reihenfolge des Zitats) 

Giese, Sexualvorbilder bei einfachen Erfindungen. Image- 1915. — Jung, Wand- 
lungen und Symbole der Libido. Jahrbuch, III ff., 1912, und Psychologische Typen. 
Zürich 1921. — Le Bon, Psychologische Grundgesetze der Völkerentwicklung. Leipzig 
1922. — Freud, Jenseits des Lustprinzips. Wien 1920, und Das Ich und das Es. 
Wien 1923. — Münsterberg, Psychologie und Wirtschaftsleben. Leipzig 1916. — 
W. Stern, Person und Sache. Leipzig 1906 und 1919. — Giese, Psychotechnisches 
Praktikum. Halle 1923. — Hermann, Intelligenz und tiefer Gedanke. Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. 6, 1920. — Grüninger, Psychotechnik und Psycho- 
analyse. Ebenda. — Schneider, Ernst, Psychotechnik und Psychoanalyse. Schulreform 
(Berner Seminarblätter) 1921. — Baumgarten, Die psychoanalytische Bewegimg. 
Praktische Psychologie 1920. — Giese, Medizinische Psychologie. Referat in Psycho- 
technische Rimdschau 1921 (2). — v. Härtungen, Psychologie der Reklame. Stutt- 
gart 1921. — Seyffert, Die Reklame des Kaufmanns. Leipzig 1914. 



Psychoanalytische Psychotechnik 1( c 

IL 
Psychologische Eignungsprüfung 

Von psychoanalytischer Seite ist wiederholt auf das psychotechnische 
Problem der Eignungsprüfungen hingewiesen worden. So hinsichtlich des 
Intelligenzbegriffs von Hermann, so von Grüninger anläßlich der Berliner 
Begabtenauslese, so von Schneider. Umgekehrt haben Fachpsychologen ver- 
hältnismäßig wenig sich um die Tiefenpsychologie in ihrer Beziehung zur 
Eignungsprüfung gekümmert. Erwähnt sei das Referat von Baumgarten, 
meine eigenen laufenden Literaturberichte in psychotechnischen Zeitschriften 
und die psych ogn ostisch ausgewertete Überprüfung der Rorsch ach sehen 
Methode durch Römer. Auf dies letzte komme ich noch zurück. 

Überblickt man die gegenwärtige Lage beider Gebiete, so kann man 
hinsichtlich der Psychoanalyse sagen, daß sie nach Jahren gewisser ein- 
seitiger Kämpfe doch zu einer abgeklärteren, in sich gefestigteren, von 
Schlacken gesäuberten Theorie und einer vielfach erfolgreichen Praxis kam. 
Auf der anderen Seite ist zuzugeben, daß die psychotechnischen Eignungs- 
prüfungen nicht immer das gehalten haben, was sie versprachen, oder was 
man von ihnen erwartete. Denn abgesehen davon, daß hiebei bestimmte 
Modefragen — so die Hochbegabtenauslese — ihre Aktualität einbüßten, 
bringen auch die laufenden Untersuchnngen in Schule, Industrie, Berufs- 
beratung oder Anbrüchigenfürsorge immer wieder Fälle, bei denen das Rüst- 
zeug der Oberflächenpsychologie nicht ausreicht. Bei denen der Ruf nach 
Vertiefung der Diagnose mit Recht ertönt. Man kommt so unmittelbar zu 
zwei Fragestellungen: welche Anforderungen der Psychotechnik können 
von der Oberflächenpsychologie nicht erfüllt werden, würden also mit 
Nutzen durch analytische Auffassungen Unterstützung erhalten — und 
welche Hilfsmittel gibt es auf diesem Wege? 

Daß durchaus nicht alle Fragen der Psychodiagnose — in Sonderheit 
bei Eignungsprüfungen — jetzt oder jemals psychoanalytischer Hilfe be- 
dürfen, ist ohne weiteres klar. Sehr viele dieser Diagnosen müssen sich 
aus Gründen der Wirklichkeit auf Gebieten bewegen, die nicht von der 
Analyse im engeren Sinne erfaßt werden. Viele psychische Qualitäten, 
welche industrielle Berufe erfordern — Eigenschaften der Arbeitshand, der 
Aufmerksamkeitsverteilung oder der intellektuellen Anlage — werden natur- 
gemäß keiner Analyse benötigen und höchstens hier und dort durch 
psychoanalytische Gesichtspunkte theoretische Klarstellungen erfahren. 

8* 



16 Dr. Fritz Giese 



Praktisch dagegen mangelt es zweifelsohne der heutigen Eignungs- 
prüfungen, nach Grundlage wie Durchführung der Versuche, erheblich an 
Berücksichtigung der emotional gerichteten Faktoren. Doch scheint es 
mir — wie man es gelegentlich liest — unrechte Kritik zu bedeuten, wenn 
man der Psychotechnik vorwirft, sie kümmere sich nicht darum. Sie würde 
es schon tun, wenn es methodisch ohneweiters möglich wäre und sie 
wird es tun müssen, wenn ihre Ergebnisse verbessert werden sollen. Denn 
im Nichtuntersuchen oder Nichtbeobachten der Gefühlssphäre — in die 
wir natürlich zweckhaft voluntative und überhaupt unterbewußte Vorgänge 
miteinschließen — liegt unbedingt ein Manko. Ausgeschlossen müssen 
natürlicherweise Hemmungen werden, die persönlicher Art sind: Es gibt 
Gegner der Psychoanalyse, weil sie ein Unterbewußtsein annimmt, oder 
weil sie einen gewissen Nachdruck auf sexuelle Tatbestände legte. Beides 
ist vielen Fachpsychologen Grund, in der ganzen Richtung etwas Ent- 
artetes zu erblicken und es kommen noch andere Motive von sogenanntem 
Rasseempfinden hier und dort hinzu, um von Anbeginn die Ablehnung zu 
unterstreichen und jedwede unvoreingenommene Stellungnahme zu hindern. 
Dergleichen kann selbstverständlich subjektiv erklärbar sein, wird indessen 
niemals die objektive Notwendigkeit unterbinden, jedes Mittel des Fort- 
schritts zu übernehmen, das die Sache fördern kann. Bei objektiver Be- 
urteilung wird man aber zuzugeben haben, daß die Psychoanalyse außer- 
ordentlich wichtige und vielfach entscheidende Klärungen bis dahin dunkler 
Gebiete ermöglichte und man wird dies auch tun, wenn man hier oder 
dort nicht immer mit allen Ansichten der breiteren psychoanalytischen 
Gefolgschaft übereinstimmt. Ja, im sozial bedingten Kreis der psychotech- 
nischen Eignungsprüfung wird man es sogar für Pflicht halten, jedes 
Mittel zu versuchen, allgemeine Interessen angemessen zu berücksichtigen. 

Nun ist ein Einwand von gegnerischer Seite sehr häufig gemacht worden : 
nämlich die Beschränkung der Gültigkeit psychoanalytischer Erkenntnisse . 
auf eine kleinere Population. Man sagt immer wieder, daß die gefundenen 
Gesetze wohl zutreffen, aber nur für einen kleinen Kreis von Leuten, deren 
pathologisch gerichtete Konstitution außer Frage steht. Manchmal ist 
beispielsweise auch die soziale Bevorzugung bestimmter Schichten hervor- 
gehoben worden. Psychoanalyse sei nur etwas für arbeitslose Gebildete. Ich 
will nicht auf den Kern des Vorwurfs hier näher eingehen, möchte aber 
doch die Erfahrungen der Berliner Poliklinik in den Vordergrund rücken, 
deren Klientel, wie die von Eitingon mitgeteilten Statistiken ersehen 
lassen, durchaus nicht nur den sogenannten gehobenen Schichten ent- 



Psychoanalytische Psychotechnik 



117 



stammt. Das ist besonders wichtig für die Eignungsprüfung, da diese 
zweifelsohne — vor allem aus Gründen des Arbeitsmarktes — bei der 
Lehrlingsprüfung in erster Linie proletarische Schichten vor sich sieht. 
Immerhin kann zugegeben werden, daß das statistische Streuungsverhältnis 
der interindividuellen Stellungsnahmen und Verhaltungsweisen in der 
Psychoanalyse noch stärker untersucht werden könnte und wenn vormals 
die Einzelfälle der durchgeführten Analysen vielleicht nicht genügten, so 
sieht das heute angesichts des Materials anders aus. Eine solche Statistik 
müßte natürlicherweise auch das intraindividuelle Vorkommen dieser oder 
jener emotional betonten Einstellung (sagen wir Analerotik, Odipus-Komplex, 
um Stichworte zu erwähnen) beim selben Menschen untersuchen, obschon 
oder weil die Simultaneität aller Varianten bei fast allen Fällen und über- 
tragen auch bei jedermann angenommen wurde. Dies ist eine Forderung, 
die durchaus wissenschaftlichen Wert hat und Untersuchungen der Normal- 
psychologie über Vorkommen von Farbenblindheit oder eidetischer Vor- 
stellungswelt etwa parallel laufen würde. 

Bleiben wir also bei der Annahme der verhältnismäßigen Allgemein- 
gültigkeit der psychoanalytischen Befunde — eine Annahme, die hinsicht- 
lich der Fehlleistungen des Alltags jeder offene Beobachter wohl ohne- 
weiters zugeben würde — so entsteht die oben genannte Frage, inwieweit 
in der psychotechnischen Eignungsprüfung die Tiefenpsychologie An- 
wendung finden könnte? Ein erstes Gebiet wäre schon die sogenannte 
Berufskunde. Jeder Eignungsprüfung geht naturgemäß eine Aufstellung 
der für den betreffenden Beruf oder die Arbeitskategorie en bloc notwen- 
digen psychischen Funktionen, der Berufs- und Arbeitseigenschaften voraus. 
Das bedingt aber wiederum eine Untersuchung der Berufseigenart selbst, 
denn bevor ich aus der Fülle der Prüfmittel mir die für den Fall not- 
wendigen Arten aussuche, also das Versuchsschema bilde, muß ich wissen, 
wie der Beruf sich darstellt, welches Gesicht er hat. Die volkswirtschaft- 
liche und pädagogische oder rein medizinische Seite (Gewerbehygiene) 
würde dabei für diesen Zweck nicht so wichtig sein, als die psychologische 
Berufskunde. Die berufkundliche Erschließung der Arbeitsfelder ist in 
großen Zügen versucht worden, aber in dieser Beziehung noch sehr dürftig. 
Nur wo es zur Ausarbeitung bestimmter psychotechnischer Ausleseverfahren 
kam, hat man sich mit den psychologischen Gegebenheiten befaßt. 

Ich möchte einige Punkte nennen, von denen anzunehmen wäre, daß 
psychoanalytische Betrachtung Fortschritte bringen könnte. Jene berufs- 
psychologischen Eigenschaften, die sich an der Oberfläche bewegen, inter- 



1 1 8 Dr. Fritz Giese 



essieren dabei nicht. Es ist anzufügen, daß deren Zahl durchaus nicht 
gering ist. 

Erstlich zeigen bestimmte Berufe ausgesprochen emotionale Werte, über 
deren unmittelbare Zuordnung zur Psychoanalyse gar keine Zweifel be- 
stehen können. Es sind das mit anderen Worten» Berufe, bei denen der 
Libidobegriff im ursprünglichsten und engeren Sinne eine Rolle spielen 
muß. Es sind Berufe mit erotischer Komponente dieser oder jener Form. 
Das Gasthauspersonal ergibt beispielsweise eine Klientel dieser Art und die 
Berufskunde muß darauf verweisen. Es können Individuen, die in dieser 
Beziehung erotisch leicht ansprechen, in der Eignungsprüfung gegebenen- 
falls eine andere Beurteilung erfahren müssen, als neutralere Strukturen. 
Dabei ist das „Ansprechen" durchaus nicht nur im affirmativen und aktiven 
Sinne zu verstehen. Gerade die Klientel der Psychoanalyse, die Ps3 r cho- 
genen, stellen in einem solchen Berufe gegebenenfalls unangemessenere 
Vertreter dar, wenn sie Verdrängungszugängen — also dadurch beruflicher 
Arbeitshemmungen — unter Umständen schneller unterliegen, als andere. 
Die Erotik in unmittelbarer Form spielt auch bei Berufen eine Rolle, bei 
denen man es gar nicht erwartet. Ich möchte erinnern an meine beruf- 
kundlichen Untersuchungen im Reichspostdienst. Hier fand ich — veran- 
laßt durch Meldungen der Behörde — erotische Einflüsse bei den Tele- 
phonistinnen. Ein Typus neigt bei dem engen Zusammenarbeiten mit vielen 
gleichgeschlechtlichen Kollegen zu Freundschaften, über deren innere Natur 
hier oder dort kein Zweifel sein konnte. Dieser Tatbestand, als Privat- 
angelegenheit, würde nicht interessieren, wenn nicht durch Cliquenbildung, 
Bevorzugung von Freundinnen usw., unliebsame amtliche Hinderungen, 
kurz Subjektivität im Betriebe, einreißen könnten. Ein anderer Typus 
reagierte anders. Er war subjektiv gefährdet in der Bedienung der 
Teilnehmer, also den sogenannten Anrufsplätzen. Es gibt — beispielsweise 
in Großstädten — Ämter, bei denen die Dielen, Bars, die Lebewelt in 
überwiegender Zahl Anschluß hat und ich fand Individuen, die ein Ver- 
gnügen daran fanden, die oft sehr intimen Gespräche der Lebewelt begierig 
auf dem Amte abzulauschen. Da diese Gespräche häufig, äußerst realistisch 
und zeitlich ausgedehnt sein können, auch in der Ruhe des Nachtdienstes 
zustande kommen, ist ein solches berufskundliches Ergebnis erotischer Ge- 
fährdung von seelisch Inklinierenden nicht ohne Interesse, denn es wird 
bei praktischen Berufsberatungen eine Rolle spielen. 

Auch mittelbar mit dem Libidobegriff in Beziehung stehende Berufs- 
eigenarten sind festzustellen. Erinnert sei nur an die Gefährdung von 



Psychoanalytische Psychotechnik 1 1 9 



kleptomanisch gerichteten Frauen — und wir wissen heute (sogar in 
Kreisen, die die Psychoanalyse ablehnen), daß die Kleptomanie ähnlich wie 
das Zopfabschneiden einen ausgesprochen sexuellen Hintergrund hat. Das- 
selbe gilt auch der Berufsuntersuchung auf Verführung zur phantastischen 
Lüge. Andere Berufe (Beispiel Pädagogik) können zu sadistischen Einstel- 
lungen schneller verleiten, als manche, deren Vorbildungsbedingungen viel- 
leicht nicht wesentlich abweichen vom Gefahrenberuf (Beispiel Archivar). 
Eine solche Berufskunde fehlt uns noch, und zwar in zweierlei Form. Ein- 
mal muß die objektive Prüfung der Berufslage uns auf derartige Gefahr- 
punkte verweisen. Neben der objektiven Analyse ist aber eine genetische, 
historische Musterung berufsgescheiterter Personen vorteilhaft. Schon eine 
flüchtige Prüfung des veröffentlichten psychoanalytischen Materials erwies 
mir, daß aus der Geschichte der Ps) r chogenen beispielsweise für Berufs- 
einflüsse gefährlicher Art und genannter Richtung außerordentlich viel zu 
erschließen wäre. Ebenfalls eine kommende Aufgabe, um Berufskunde und 
Psychoanalyse näher zu bringen. 

Man braucht jedoch nicht den engeren Libidobegriff zu wählen. Es gibt 
auch noch andere berufkundliche Einflüsse, von denen ich hier nur das 
Materialgefühl" nennen will. Ich verstehe darunter die eigentümliche 
Erscheinung, daß in beruflicher Arbeit jedes Individuum ein bestimmtes, 
gefühlsmäßig bedingtes Verhältnis zum Stoff im äußeren Sinne aufweist. 
Sehr viele praktische Fälle bei Prüfungen erwiesen, daß dieses Material- 
gefühl die Berufstüchtigkeit außerordentlich beeindrucken kann. Das 
Materialgefühl äußert sich in der gestaltenden Funktion des Arbeitenden 
auf den Arbeitsstoff. Es zeigt sich darin, ob der Stoff Freude bereitet und 
darin, inwieweit er anregt zur formalen Modifizierung. Manche Jungen 
kneten gern weichen Stoff. Andere arbeiten mit blankem Metall lieber. 
Einige lieben Holz und können aus ihm viel mehr machen — also ver- 
arbeitungstechnisch, phantasievoll, erfinderisch betrachtet — als aus Papier 
oder Arbeiten mit Steinen. Eigenartige Beziehungen zu Textilerzeugnissen 
finden sich bei Mädchen. Manche Menschen arbeiten gern in Flüssigkeiten 
(Wasser, chemischen Bädern usw.). Alle diese Dinge erklären sich aus ver- 
schiedenen emotional-unterbewußten Beziehungen zum Stoff. Einschlägige 
Untersuchungen zu dieser Frage, die arbeitswissenschaftlich noch keine 
Behandlung gefunden, habe ich zur Zeit eingeleitet. Es kommt wieder nur 
auf das Wesentliche an, und dies besagt, daß berufskundlich Ichanalyse 
und Materialfrage in ganz bestimmtem Zusammenhang stehen. Ja, daß die 
Materialgefühle überhaupt nur verstanden werden, wenn wir das Unter- 



1 2 o Dr. Fritz Giese 



bewußtsein erschließen. Der Weg kann vorteilhaft nur über die Psycho- 
analyse leiten. 

Doch nicht nur das Materialgefühl entscheidet. Die Berufsneigung 
als Ganzes ist gefühlsbetont. Wir kennen aus einschlägigen Untersuchungen 
die außerordentliche Mannigfaltigkeit der sogenannten Berufswünsche von 
Kindern und Jugendlichen. Tägliche Praxis erweist, daß beispielsweise be- 
stimmte Lieblingsberufe zustande kommen, bei denen in allererster Linie 
der Wunsch nach gutem und schnellem Verdienst Anreiz zur Berufswahl 
war. Daher auch die Überfüllung dieser Lieblingsberufe des Drehers 
Schlossers und Elektromonteurs in industriellen Gegenden Deutschlands 
und die Nachwuchsverarmung wirtschaftlich nicht so günstiger Zweige, 
gleich dem Buchbinder, Gärtner oder Friseur — um einige Beispiele aus 
der Wirklichkeit zu nennen. Das ökonomische Motiv ist beim einfacher 
organisierten Menschen außerordentlich groß, würde jedoch nicht aus- 
reichen, um uns Berufsbeliebtheit und Berufswahl im allgemeinen wie im 
Einzelfall zu erläutern. Auch da kann die Psychoanalyse wieder besondere 
Aufklärungen gelegentlich bieten. 

Thalberg, Maday und Kramer haben sich bereits über die Berufs- 
psychologie in diesem Sinne geäußert, und Adler gab einen Beitrag zur 
Psychologie der ärztlichen Berufswahl. Wesentlicher und entwicklungs- 
möglicher erscheint mir aber eine Aufstellung, welche in anderem Zu- 
sammenhange St ekel bot. Er führt gewisse Berufsneigungen zurück auf 
psychologische Untergründe und man wird zugeben, daß seine Aufstellung 
aussichtsreiche berufskundliche Überblicke verheißt. Er kennt fünf Wahl- 
motive. Ein Typus nimmt einen bestimmten Beruf, weil er sich innerlich 
mit dem Vater identifiziert. Dieser Fall ist in Erbberufen sehr gegeben, 
kommt aber aus Milieugründen, aus der Beziehung zwischen Kind und 
Eltern, natürlicherweise auch vor, ohne daß das Vatervorbild äußerlich 
selbstverständlich gewesen wäre. Gegenstück ist der zweite Typus, der aus 
Differenzierung zum Vaterberufe entsteht. So wird der Kaufmannssohn 
oppositionell Künstler. Der Kampf zwischen den Generationen entscheidet. 
Wiederum ist die Familienstimmung für die Berufswahl entscheidend. 
Dritter Typus ist geleitet durch die Sublimierung der dem Ich inne- 
wohnenden Triebe. Hiebei sind diese Triebe als ausgesprochen objektiv- 
kulturfeindlich anzusehen. Sie werden durch den Beruf unterjocht. Der 
Beruf dient als Bändiger. So ist mancher Chirurg zu seinem Beruf gelangt 
und es gibt natürlich auch in den nichtakademischen Berufen ähnliche 
Fälle (vgl. Fleischer). Vierter Typus steht im -Dienste unterbewußter 



Psychoanalytische Psychotechnik x 2 1 



Neigungen. Diese werden ausgebeutet für den Beruf, ergeben sogar oft 
berufliche Qualitäten höheren Grades. Neulich wurde ich mit einem der- 
artigen Fall bekannt. Es war ein Mann, der sich der Pediküre widmete. 
Er war ausgesprochener Fuß- und Beinfetischist, wußle dies auch und 
erklärte, daß es ihm beispielsweise eine tiefe Freude mache, sich vorzu- 
stellen, daß die von ihm behandelten Damen auf der Straße (an ihm) 
vorbeipromenierten. Friseure, Schuhmacher, Masseure, viele Modisten rechnen 
hieher. Auch Verkaufspersonal in Handschuhgeschäften, bei Juwelieren. 
Man kann selbstverständlich das gleiche auch in höheren Berufen finden — 
Beispiele zu bieten, wird sich erübrigen. Ein fünfter Typus ist narzißti- 
scher gerichtet. Er wählt den Beruf in Selbstschutz und zur Sicherung 
gegenüber unzweckmäßigen Neigungen, die dem Ich (also nicht so, wie 
beim dritten Typus, der Gesamtheit) schaden. So ist ein Richter zu be- 
greifen, der das Niederhalten eigner moralischer Schwäche im Beruf meistern 
will. Viele andere und gerade höhere Berufe rechnen in diese Gruppe. In 
jedem Fall sieht man ohneweiters ein, daß die unterbewußten Vorgänge 
eine sehr erhebliche Beeinflussung ausüben werden und man könnte 
Stekels Typologie durchaus noch erweitern. Es wird der Hinweis genügen, 
um anzudeuten, welche künftigen Aufgaben berufskundlicher Art gerade 
für die Psychoanalyse gegeben sind. Man braucht auch wiederum nur die Be- 
handlungsberichte von Patienten durchzublättern, um sofort in Fülle Belege 
zu ermitteln. Freilich fehlt auch da wieder die notwendige typologische 
Statistik, die dann psychotechnisch betrachtet von außerordentlichem Belange 
sein könnte, zumal Berufsgescheiterte für Beratungszwecke die Arbeits- 
wissenschaft ganz besonders interessieren. Ebendorthin rechnen Berufs- 
wechselmotive, Abwanderungstendenzen, soweit sie nicht rein wirtschaftlich 
notwendig sind oder aus sonstigen äußeren Gründen zustande kamen. 

Nach der kurzen Erläuterung psychoanalytischer Anwendung im Rahmen 
der Berufskunde zum zweiten: der Verwendung der Tiefenpsychologie für 
die eigentliche psychologische Beratung und Diagnose. Zur Eignungs- 
prüfung. — Hiebei sind zwei Gesichtspunkte grundsätzlich zu trennen. 
Wir finden heute einmal das Beobachtungsprinzip, zum anderen das Ex- 
periment. Für beide Fälle, die sich in der Praxis zu ergänzen pflegen, 
einige Anmerkungen. 

Das psychologische Beobachten der Berufsanwärter findet heute schon 
seitens der Lehrer in den Schulen statt. Es wird dann später hier und 
dort geregelt fortgesetzt während der Lehrzeit in den Werkschulen. Immer 
liegt dabei die Absicht zugrunde, sich Rechenschaft zu geben über die im 



122 Dr. Fritz Giese 



Individuum schlummernden Eigenschaften. Zu diesem Zwecke hat man 
eigene Beobachtungsbogen entworfen; Vordrucke, die nach genauen Regeln 
und Schemata die berufsnotwendigen Gesichtspunkte vereinen. Es ist nicht 
Platz genug, um dergleichen Proben zu bieten, auch ist die Literatur über 
das Gebiet erheblich groß. Aber alle Bogen dieser Art berücksichtigen 
gerade die seelischen Eigentümlichkeiten, welche das Experiment ver- 
geblich suchen würde: die moralischen, ethischen, gefühlsmäßigen und 
voluntativen Eigenschaften. Auskünfte über sittliches Verhalten, über 
Ehrgeiz, Fleiß, Ordnungsliebe, Ehrlichkeit oder Wahrheitsstreben sind 
am Platze. Dergleichen Bogen waren vormals sogar in bestimmten Gegenden 
für weiteste Kreise gedacht. Es entstand indessen alsbald lebhaftester Wider- 
spruch. Aus innerpolitischen Gründen mußten die Entwürfe zurückgezogen 
werden — lächerlicherweise entstanden sogar Kämpfe um schulische Angabe 
der Konfession, der Aufmerksamkeit oder des Fleißes, und dieselbe partei- 
politische Machenschaft hat in Deutschland auch das Zensurenwesen wie 
die Methode der Rangplätze in den Schulen hier und dort grundsätzlich 
beseitigt. Ein wundervolles Beispiel für die hemmungslose Abreaktion der 
zur Macht gekommenen unteren Schicht. Die jahrelangen Fesseln wurden 
mit parteipolitischen Schlagworten beseitigt, man sprach von Wiederauf- 
leben eines Steckbriefverfahrens, wenn dergleichen Berufsberatungsbogen 
eingeführt werden sollten. Eine tiefere Begründung mochte gelegentlich 
deshalb gegeben sein, weil einige der Vordrucke außer der Individualauf- 
nahme des Stellenanwärters auch Familienvorgeschichte verlangte, über die 
Eltern und Geschwister Angaben forderten, die zu bieten den allermeisten 
Leuten außerordentlich hemmungsvoll wurde. Kriminalität, Krankheit, 
außereheliche Geburten u. dgl. kamen zu Protokoll, ja etliche Bogen 
suchten sich auch über Wohnungsgröße, Interessenahme der Eltern am 
Kinde, sogar über die Dauer der Stillzeit zu orientieren. Wiederum war 
die Folge die, daß die meisten Formulare im Publikum abgelehnt wurden 
und da die natürliche Trägheit der zur Ausfüllung bestimmten Pädagogen 
hinzukam — falls nicht der Geltungstrieb dieses Phlegma ins Wichtigtun 
umgekehrt hatte — so verschwanden die Beobachtungsbogen und machten 
höchstens kleineren Auskunftszetteln Platz, deren Verbreitung durch wirt- 
schaftliche Einengung vielfach segensreich beschränkt blieb. So außer- 
ordentlich gut der Grundgedanke der Familiengeschichte und der Beob- 
achtung des Anwärters war, so schwierig wurde es in der Wirklichkeit. 
Die Motive der Kämpfe gegen die Idee sind durchweg unterbewußt 
gegeben und eigentlich restlos nur psychoanalytisch, dazu massenpsycho- 



Psychoanalytische Psychotechnik 123 



logisch zu verstehen. Die Analyse kann hier wiederum interessante Ent- 
deckungen machen. Als Forderung freilich bleibt dies: Beobachtungen ein- 
zurichten, welche die Erkenntnisse der psychoanalytischen Forschungen 
hinreichend verwerten, denn ganz zweifelsfrei ist der Beobachtungsbogen 
ein Weg zur Ergänzung des bloßen Experiments und für Mengenzwecke 
in dieser oder jener Weise das einzige Mittel. Beobachtungsbogen sind ge- 
blieben für pathologische und kriminelle Jugend. Für die Klientel der 
Berufsfürsorge. Hier wird eine Durchdringung der Motive des Handelns 
der gefährdeten Jugend mit tiefenpsychologischen Erkenntnissen erfreulich 
sein, da sich unter der Masse dieser Jugend, wie ich in jahrelanger Praxis 
fand, alle erdenklichen Spielarten finden; vom sexuellen Trauma des 
Klienten, von Kriminalität offener Art bis zu feineren und vielen unver- 
ständlicheren Verhaltungsweisen, gleich der Vagabundage, der phantastischen 

Lüge u. ä. m. 

Neben die Beobachtung trat das Experiment, die psychotechnische 
Eignungsprüfung im engeren Sinne. Man muß zugeben, daß manche Prüf- 
schemata in unglaublicher Oberflächlichkeit operieren. Willenseinstellungen 
werden höchstens durch ergographische oder Beaktionsversuche festgestellt, 
dagegen ist von gefühlsmäßigen Faktoren so gut wie nirgends die Bede. 
Es ist interessant, daß in wenigen Fällen dergleichen überhaupt gesucht 
ward. Man glaubte tatsächlich vom emotionalen Strukturelemente absehen 
zu können. Man trieb Mechanismus, statt seelisches Verstehen. Nicht alle 
Eignungsprüfungen müssen sich das vorwerfen lassen. Es sind bestimmte 
Verfahren ausgearbeitet und versucht worden, um in die Tiefe zu dringen. 
Eine Beihe derartiger Methoden seien kurz erwähnt, indem zugleich die 
praktische Bewährung in der Eignungsprüfung angemerkt werden soll. 
Alle diese Versuche mögen dem geschulten Psjxhoanalj'tiker unendlich ein- 
fältig und zu grob erscheinen; es wird aber am Schluß eine Darlegung 
der wirklichen Aufgaben der Psychotechnik erfolgen und sich daraus diese 
krampfhafte Bemühung erklären lassen. 

Zunächst ist eine Beihe von sogenannten Tests erwähnenswert, die es 
sich zur Absicht machten, das sittliche Verhalten, die ethische Einstellung 
des Prüflings zu ermitteln. Nicht alle können hier erwähnt werden, nur 
die wesentlicheren Verfahren, die irgendwie etwas Neues brachten. Da 
wäre zu nennen das Verfahren von Ziehen, der Verbrechen und Hand- 
lungen beurteilen ließ. Nach meinen eigenen Ergebnissen indessen stellte 
sich heraus, daß dieses, von manchen nachgeahmte Untersuchungsverfahren, 
gerade in entscheidenden Fällen uns nicht den Blick in die Tiefe tun 



124 D r - Fritz Giese 



läßt, den wir brauchen. Ich prüfte ethisch Minderwertige und auch Krimi- 
nelle und fand sehr häufig tadellos „ethische , also unverdächtige Lösungen. 
Auch der Abwegige kann eben theoretisch angemessen denken — wenn 
'es just verlangt oder erwartet wird — aber zwischen Theorie und Hand- 
lung klaffen Unterschiede. Wesentlich gewandter ist dann die Methode 
Fernaids, der ebenfalls kriminelle Fälle gab, jedoch nun nicht weiter 
abfragte oder auf gut? oder schlecht? und mit der bloßen Warumfrage 
arbeitete, sondern Rangreihen bilden ließ. Auf Karten verzeichnete illegale 
Handlungen waren — quasi vom Standpunkt des beurteilenden Vor- 
gesetzten oder Richters — nach Schwere des Vergehens zu „ordnen". Dieser 
technische Kniff verrät indirekt erheblich mehr und wenn man ferner die 
Beispiele nicht zu drastisch gibt, sondern Tatbestände beifügt, die vulgär 
möglich sind, so findet man hübsche Einblicke in die Auffassungswelt des 
Prüflings. Aber einwandfrei ist der Versuch auch noch nicht, denn ihm 
ermangelt die Spontaneität des Handelns. Ich habe entsprechende Beispiele 
in meinem Buche „Eignungsprüfungen" mit Lösungsergebnis vorgeführt. 
Ebendort entwickelte ich einen anderen Versuch, den ich „Stellenanwärter- 
test" nenne. Die Versuchsperson soll sich nach Bild und Personalbeschrei- 
bungen eine Verkäuferin für ein Geschäft auswählen. Die Bilder und 
Personalbeschreibungen sind so gewählt, daß Wertungen unbedingt erfolgen 
müssen. Der Versuch lief besser ab, als der Fernaldsche, da hiebei die 
Versuchsperson ganz unvermittelt sich verraten kann. Heftige, gefühls- 
betonte Steüungsnahmen treten spontan auf. Innerpolitische Standpunkte, 
Erinnerungen an eigenes Erleben wird oft sprudelnd produziert. („Na, das 
ist auch so eine, ich weiß Bescheid, wie bei der Frida N . . ." „Was, die 
soll in ein Geschäft und hat das Lyzeum besucht? Da nimmt sie unser- 
einen doch nur das Brot weg ..." „Das uneheliche Kind bei dieser hier 
schadet nichts. Ist Privatsache ..." „Geschlechtskrank war sie vor fünf 
Monaten . . . Mit so einer würde ich nicht zusammen arbeiten usw. . . .") 
Je harmloser der Versuch aufgezogen wird, um so bessere Einblicke ver- 
schafft er uns. Ideal freilich ist auch diese Probe nicht. 

Man kann auch die Phantasie und Kombination reizen, um so Ein- 
blicke zu erhalten. Hier wäre das Rorschachsche Verfahren zu nennen, 
das Römer nachgeprüft und verbessert hat. Ich muß nach eigenen Ver- 
suchen bestätigen, daß dieser Test — das Deutenlassen farbiger Klexo- 
graphien, nach dem Vorbild Kirckpatricks u. a. — nicht ohneweiters 
für jede Klientel paßt. Ungebildete genierten sich, fanden sich wohl ver- 
ulkt. Wenn auch dann die aufsteigende Reaktion des Selbstbewußtseins 



Psychoanalytische Psychotechnik 125 

interessant ist, so bricht der Versuch doch leicht vorzeitig ab. Die Figuren 
sind auch etwas zu ähnlich, zu schematisch in ihrer Symmetrie. Römer 
hat die Vorlagen verbessert, und ich selbst habe versucht, durch zwei weitere 
Modifikationen weiter zu kommen: ernstlich durch dreidimensionale, also 
körperliche, farbige Gebilde und dann durch veränderliche, im Rauch- 
verfahren gewonnene Phantasiesymbole. Gerade das letztere scheint nicht 
übel zu sein, da es schnelle, unvermittelte Anpassung, fast im Sinne der 
freien Assoziation, bedingt. Ich berichte bei Gelegenheit über diese Ver- 
suche. Grundsätzlich ist wieder zu sagen, daß das Deutenlassen von 
Rorschach-Figuren seinen Wert haben kann, daß es aber methodisch noch 
verbesserbar ist, da viele Menschen Hemmungen besitzen oder so stark 
perseverieren bei Produktion ihrer phantastischen Einfälle, daß in der 
Eignungsprüfung leider zu wenig herauskommt aus dem Experiment. Ich 
habe übrigens bereits 1915 in meiner Arbeit über Korrelationen noch ein 
anderes Verfahren der suggestiv geleiteten Phantasie mitgeteilt, nämlich 
Darbieten von berußten Figuren im Tachistoskop. Mischt man sinnvolle 
und sinnlose Schwarzweißgebilde und bietet sie (angeblich zwecks „Augen- 
prüfung") kurzzeitig, so findet man bestimmte Typen, die außerordentlich 
starke Phantasien aus den sinnlosen Gebilden entwickeln, sie deuten, ohne 
eine Ahnung zu besitzen, daß gar nichts zu deuten wäre. Ich fand so sehr 
kennzeichnende Hinweise der Deutung: junge Mädchen mit Bändern, 
Eingeweide u. a. m. wurde aus sinnlosen Schnörkeln abgelesen. Auch 
dieser Versuch ist möglich und besitzt den Vorzug, besonders harmlos zu 
wirken. Das ist wichtig, da viele Experimente versagen, wenn die Versuchs- 
person zu deutlich merkt, was von ihr eigentlich verlangt wird. Aus diesem 
Grunde ist auch der freie Assoziationsversuch, den ich immer den Eignungs- 
prüfungen einfügte — unter Wahl usueller Stichworte mit möglichem 
Komplexwert — nur bedingt brauchbar für vorliegende Zwecke. Viele 
genieren sich zu stark, andere assoziieren gänzlich oberflächlich (Klang- 
assoziation, Gegensatzassoziation usw.). Dazu kommen Schwierigkeiten in 
der mündlichen Verständigung, weil die gegenseitige Gewöhnungszeit zu 
kurz ist. Nur bei Hysterikern (Kriegsbeschädigten) ergaben sich typische 
Verhaltungsweisen: nicht nur komplexbedingte Zeitverlängerungen (Reiz- 
wort: Rente, Arbeit, Krüppel usf.), sondern auch Wutanfälle mit Über- 
gang zu Tätlichkeitsv ersuchen, Zitterausbruch usf. Dergleichen kann renten- 
diagnostisch sehr wertvoll sein. Im großen und ganzen, und bei normalem 
Material, ist die Assoziation in der Eignungsprüfung nicht verwendbar. Das 
gleiche gilt von der gebundenen Assoziation (die besser durch reine Intelli- 



i 2 6 Dr. Fritz Giese 



genzprüfungen Ersatz findet) und eingeengt geleiteter Assoziation ; etwa dem 
Hersagen von frei einfallenden Worten in fünf Minuten oder Nennen von 
Worten mit bestimmten Anfangsbuchstaben. Das Wesentliche ist, daß hiebet 
der Ernst der Prüfung nicht immer gewahrt bleibt, daß viele meinen, 
veralbert zu werden. Die Sachlage gegenüber der psychoanalytischen Be- 
handlung ist eben eine ganz andere. 

In Anbetracht solcher Tatbestände habe ich im Bemühen, der psycho- 
technischen Eignungsprüfungen Tiefeneinblicke zu verschaffen, weitere neue 
Methoden erprobt. — Ich nenne zunächst zweierlei: meinen Spontanklappen- 
apparat und die Arbeitsprobe. Ersterer besteht darin, daß man mit der 
Versuchsperson einen Pseudogedächtnisversuch macht. Zu diesem Zwecke 
geleitet man sie in ein Einzelzimmer, das einen Bahmen mit vierund- 
zwanzig Klappen an der Wand aufweist. Jede Klappe trägt ein Titelschild. 
Hebt man die Klappe, ist darunter eine Photographie zu sehen. Titel und 
Photoinhalt sind verschiedensten Gebieten entlehnt: Technik, Geschichte, 
Erotik, Kriminalistik usf. Der Prüfling soll sich Titel und Inhalt gut ein- 
prägen und wird zwanzig Minuten allein gelassen. Nun ist jede Klappe 
mit elektrischem Kontakt versehen, der zu einem Lampensignalfeld im 
Zimmer des Versuchsleiters führt. Außerdem sind Beobachtungslöcher ver- 
steckt in der Wand. Der Versuchsleiter kann am Signalfeld beobachten, 
welche Bilder am häufigsten und am längsten beobachtet wurden, da die 
Pseudolernzeit zu lang gewählt ist, der Prüfling demnach alsbald Wahl- 
beobachtung treibt. Direkt gibt zudem das Schauloch Auskunft. Der Apparat 
arbeitete außerordentlich drastisch. Wie ich in meiner Mitteilung auf dem 
Kongreß in Milano angegeben, wurden mir zu bestimmtem Prozentsatz 
beispielsweise Aktbilder gestohlen. Einige Typen trieben offensichtlich 
Masturbation. Andere richteten sich durchaus lyrisch-gefühlbetont ein, lasen 
Gedichte, sahen dramatische Szenen genauer an usf. Andere waren unge- 
horsam, folgten nicht der Instruktion, sondern aßen ihr Brot. Andere 
zündeten sich eine Zigarette an, wieder andere dösten vor sich hin. Der 
Abschluß des Pseudogedächtnisversuchs besteht darin, daß die behaltenen 
Titel und Bildinhalte vom Prüfling aufgeschrieben werden. Hiebei sind 
abermals interessante Divergenzen zwischen objektiver Beobachtung und 
subjektiven Angaben (scheinbares Vergessen; Unterschlagung von gesehenen 
Bildern) häufig. Ähnlich habe ich auch Pseudoatemversuche mit umge- 
schnalltem Pneumographen unter Alleinbleiben der Versuchspersonen ge- 
macht. Der Prüfling erhielt dann ein Bilderalbum zum Beobachten. 
Mittels Schauloch aus dem Nebenzimmer wurde sein Verhalten beobachtet 



Psychoanalytische Psychotechnik a 27 



und beim Umblättern stets ein Markiermagnetsignal auf der Rußfläche des 
Kymographions vermerkt, um später die Symptome der Atemkurve festzu- 
legen. Hiebei kam es — vor allem beim weiblichen Geschlecht — oft zum 
Tagtraum. Doch eignet sich diese Variante nur unter Vorsicht (Komplex- 
verhütung ist notwendig bei Psychogenen). 

Ganz anders ist die Arbeitsprobe gedacht. Ich verweise auf meine ent- 
sprechende Darstellung an anderer Stelle. Grundsätzlich wird an neutralem 
Stoff eine Arbeitserledigung verlangt und das Gesamtverhalten des Prüf- 
lings in kollektivem wie singulärem Arbeiten, neben quantitativer Analyse 
des Leistungseffekts, beobachtet. Emotional bestimmte Tiefenregungen wie 
Wut, Ehrgeiz, Verschlagenheit, Zuvorkommenheit, Selbständigkeit, Mut- 
losigkeit und vieles mehr zeigt sich sogleich und bietet naturgemäß gute 
Einblicke, weitaus tiefer, als reine Tntelligenzproben oder sinnespsycho- 
logische Befunde. Zum Schluß kann erwähnt werden, daß sich gelegentlich 
auch die graphologische Diagnose — in Ergänzung hiezu und mit Benützung 
der Klagesschen Grundsätze — bewährte. Hierüber habe ich früher berichtet. 

Neuerdings habe ich alsdann in noch zwei weiteren Tests Hilfsmittel 
für Tiefenpsychologie erstrebt. In meinem (bereits in den „Eignungs- 
prüfungen", S. 270 fr. erwähnten) Paradoxietest und in dem „Körperhaltungs- 
Einfühlungsv ersuch" . 

Der Paradoxietest kann nämlich thematisch in eine Zone gebracht 
werden, der psychoanalytisch kennzeichnende Bewußtseinsinhalte besonders 
nahe liegen. Bei ihm soll bekanntlich der Prüfling alle Folgerungen aus 
einer paradoxen Prämisse in Stichsätzen niederschreiben. Ist die Prämisse 
angemessen geboten, zeigen die produzierten Denkfolgerungen interessante 
Angaben. Versuche, die bereits mit zwölf- bis vierzehnjährigen Schul- 
kindern begannen, boten schöne Einblicke. War etwa gegeben: „Was 
würde geschehen, wenn eines Tages plötzlich überall statt Wasser — 
Marmelade sich befände?'' so beobachtete man außerordentlich klar das, 
woran der Prüfling zunächst dachte. Also die Bereitschaft von Bewußt- 
seinsinhalten ; die Weckzeit für bestimmte Inhalte. Daß derartige Individual- 
inhalte Symptomwert tragen, braucht nicht betont zu sein! Thematisch 
ähnliche Ergebnisse kamen z. B. auch bei der Prämisse zustande: „Eines 
Tages sind alle Frauen vier Meter, alle Männer nur fünf Zentimeter groß." 
Hier fand ich bei Kindern wie Erwachsenen sehr fesselnde Ergebnisse: 
beim weiblichen Geschlecht wurde etwa die Möglichkeit des leichten 
„Tottretens" der kleinen Männer (man gedenke des „Kopfzertretens der 
Schlange!"), des Ansichreißens der Herrschaft im Lande — aber auch die 



128 Dr. Fritz Giese 



Unmöglichkeit, den „Bart zu sehen , sehr oft — und auch schon bei 
Zwölfjährigen — erwähnt. Im umgekehrten Fall (Männer drei Meter, 
Frauen fünfzig Zentimeter) wurden männliche Tyranneneinstellungen usw. 
geweckt. Ich komme auf diese Dinge, welche mein Paradoxietest ermittelt, 
zurück, da ich den Versuch auch in Beziehung zum schizophrenen Vor- 
stellungskreis erforsche. Die Einfühlungsprobe auf „Körperhaltung" besteht 
darin, daß jemand Posen imitieren muß. Diese werden in Bild, bessfer in 
Lichtbild, und zwar bei Dauerpose, vorteilhafter noch (filmartig) in Wechsel- 
stellungen geboten. Man kann auch aus Vorbildern Posen „wählen" lassen. 
In jedem Fall offenbart sich hier die Beziehung zwischen Ich und vor- 
geführtem Ausdruckstyp. Dem einen „liegt" die heroische, dem anderen 
die melancholische Pose eher; er fühlt sich jeweils rascher ein, kann 
auch temporärem Wechsel gewandter Folge leisten. Der Gedanke des 
„Körperhaltungs-Einfühlungstests" beruht auf Beobachtungen, die ich im 
Gebiete der Körperkultur machte, worüber auch mein Buch „Körperseele" 
Bildmaterial bietet. Es ist hier nicht der Ort, näher darauf einzugehen. 
Zumal die Psychoanalyse kann dem Gedanken Wert abgewinnen; hievon 
bei Gelegenheit. 

Überschaut man alles, wird "man zugeben, daß die Psychotechnik sich 
bemüht hat, den Anforderungen auf Tiefenschau gerecht zu werden. Mehr 
als dergleichen vermag sie bisher nicht zu leisten. Es kann psychoanaly- 
tischen Gepflogenheiten kaum genügen. Leider aber versagen bei so kurz- 
fristigen Untersuchungen alle sonstigen Bemühungen ganz und die klassische 
Form der Analyse wird unmöglich. Ein wenig günstiger mag es liegen, 
wenn wir die psychodiagnostischen Verfahren über die Berufsauslese aus- 
dehnen auf die Lehrzeitbeobachtung. Hier steht dem Psychologen mehr 
Zeit — zumindest vier Wochen bis ein halbes Jahr — zur Verfügung. 
Er will sehen, ob der Lehrgang Erfolg verspricht und soll dann die Elemente 
herausnehmen, deren Ausbildung sich nicht zu verlohnen scheint. Daselbst 
steht zudem zweierlei im Mittelpunkt des Interesses: erstlich die Pubertät 
des Jugendlichen, die eine Momentaufnahme bei Prüfungen schwerlich 
faßt und die erfahrungsgemäß den Entwicklungsgang erheblich ändern 
kann. Das ist wiederum ein ganz typisch psychoanalytisches Problem und 
nach meinen Beobachtungen kommt man hinter oft rätselhafte Versager 
sonst bestens beanlagter — gerade auch intellektuell gutbefähigter — Lehr- 
linge nur, wenn man die Psychoanalyse in ihren Erkenntnissen wertet. 

Ein zweites ist weniger bekannt: das Problem der Lehrstelleneichung. 
Mir ist aus großstädtischen Berufsämtern bekannt, daß bestimmte Lehx- 



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Psychoanalytische Psychotechnik , 2 q 

stellen bei bestimmten Lehrlingstypen eine Gefahr darstellen. Es finden 
sich Meister und Vorgesetzte von zweifelhaft normalem Empfinden. Eine 
deutsche Großstadt hat beispielsweise eigens Rechercheure angestellt, um 
Gefahren der Homosexualität des Meisters zu verhüten, weil dergleichen 
vorkommt. Der Weg für die Praxis führt zumeist über das (geänderte) 
Verhalten des Lehrlings und die Diagnose kann sich daher auch auf eine 
Eichung von Lehrstellen im objektiven Sinne erstrecken. Daß dies alles 
jedoch nie experimentell, sondern rein analytisch vonstatten gehen müßte, 
ist ohneweiters klar. 

Wir schließen, indem wir die Aufgaben zusammenfassen, deren Er- 
füllung durch psychoanalytische Methoden zu erhoffen wäre, da die normale 
Psychotechnik nur selten oder gar nicht genügt: Als Klientel wird sich der 
Aufgabenkreis zunächst nur drei Arten von Berufsvertretern suchen, nicht 
etwa alle. Ich rechne hieher die Pathologischen, die Gefährdeten und die 
Anbrüchigen. Unter die Pathologischen rechnen beispielsweise die Hilfs-* 
schüler, Geistesschwachen aller Grade, auch Mindersinnige. Gefährdet ist 
das Gros der der Jugendfürsorge Unterstehenden und die Fälle, in denen 
das häusliche Milieu (Elterneigenart) Beachtung verdient. Bei den Kriegs- 
beschädigten kommen alle Neurotiker nach Unfall, die Psychogenen 
(Hysteriker usw.) und insgesamt alle Kopfschuß verletzten in Betracht. 
In erster Linie sind hier nach meinen jahrelangen Erfahrungen die 
Epileptiker und die Stirnhirnverletzten wichtiges Material, da (wie ich 
immer beobachten mußte) dort sehr erhebliche Einflüsse auf libidinöse 
Komponenten zustande kommen. Eine große Zahl der Stirnhirnleute 
erbrachte eheliche Konflikte. Ich kann hier nicht auf nähere Begrün- 
dungen verweisen. 

Daß gelegentlich ausgelesene Hochbegabungen der analytischen Durch- 
prüfung bedürfen, mag sein. Vorerst wird man freilich eher eine Analyse 
erfolgreicher Menschen erhoffen, da man die Grenze, von der aus 
Abweichung von sogenannter Normalität und glatter Funktion des un- 
gestörten Unterbewußtseins schädlich wirkt, bis jetzt einwandfrei noch 
nicht ermittelte! Wir brauchen in diesem Sinne eine Art Verdrängungs- 
ökonomie und eine Musterung teleologisch angemessener Sublimierungs- 
wege der Psyche. Mit Putnam mochte ich also — wenigstens für Zwecke 
der wirtschafts-wissenschaftlichen Fragen — gerade auch auf philosophi- 
sche Gegebenheiten und Wertungsgegenstände verweisen, obwohl mir die 
ablehnende Haltung diesen Ansichten gegenüber von mancher Seite be- 
kannt ist. 

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Imago X/i Q 



150 Dr. Fritz Giese 



Zweitens ist wichtig, daß die Psychoanalyse für Vorschulung der in 
dieser Materie tätigen Kräfte sorgt. Die Schulung der Experten ist um so 
nötiger, um das Schlimmste, nämlich die spielerische Beschäftigung mit 
der Analyse, zu. verhindern und aus der Wissenschaft das ausgesprochene 
Dilettantentum, die wilde Praktikerschaft zu vertreiben. Dieser Weg ist 
sicherlich schwerer, als alles andere und bedingt für das genannte Gebiet 
auch einen zweckmäßigen Ausschnitt aus der ganzen Lehre, denn alles 
wird in der Berufsberatung ja nur unter bestimmten Sonderbedingungen 
zur Diskussion stehen. So fällt das eigentliche Therapieprinzip für die Aus- 
lese jedenfalls fort. Die Praktiker würden den Fall dem Sonderfachmann 
weiterzuleiten haben, um Heilungen zu versuchen. Aufklärung in aus- 
gelesener Art und in strengster Methodik ist daher nötig, wenn die Psycho- 
analyse den genannten Aufgaben gerecht werden soll. 

Endlich ein drittes: wir benötigen neuer Methoden der Art, daß die 
Diagnose und Prognose schnell erzielbar ist. Ich betone, daß die Therapie 
nicht mehr zu den Aufgaben der Eignungsprüfung rechnet. Die oben ge- 
nannten Erfahrungen aus der wirklichen Praxis der Psychotechnik geben 
zu denken! Die Prüfungszeiten sind so kurz, daß selbst der gewöhnliche 
Assoziationsversuch versagen kann, und daß man nur mit Tricks einiges 
erreicht. Denn mehr als drei Sitzungen pro Kopf gestattet die heutige 
Frequenz nicht. Die Eignungsprüfung wird zu teuer und wegen zu geringer 
Mengenerfassung auch wertgemindert. Die praktische Berufsauslese fordert 
Massendurchtrieb. Bechnen wir von diesem aber auch nur die eben er- 
wähnte, typisch der Psychoanalyse zu unterstellende, Klientel ab, so wird 
man doch zugeben, daß die Zeitkürze sich mit der Therapiebreite über- 
haupt nicht mehr vergleichen läßt. Es war mir äußerst interessant zu sehen, 
daß dieses Problem übrigens auch die Therapie selber bewegt, wenn ich den 
Bericht der Berliner Psychoanalytischen Poliklinik durchlese. Die Behandlungs- 
dauer ist selten ideal gedehnt, viele brachen vorher ab und manche wurden 
auch relativ schnell fertig. Es sind nicht nur ökonomische Ziele, als sach- 
liche Ideale, die uns vorschweben, wenn wir eine schnelle Diagnose — 
und nur die Diagnose brauchen wir! — der Eignungsprüfung zu über- 
mitteln fordern. 

Es entsteht daher die neue Aufgabe, für psychoanalytische Schnell- 
diagnostik Verfahren und für deren Ergebnisse eine Symptomlehre zu ent- 
wickeln. Hiebei würde der Tiefenschnitt in die Persönlichkeit nur dem 
Wesentlichen gelten, während das Herauspräparieren der verlagerten und 
überwachsenen Komplexe für eine robuste Berufungsberatungspraxis kaum 



Psychoanalytische Psychotechnik ! g i 

erforderlich ist. Bis diese Aufgabe gelöst wird, muß die Psychotechnik sich 
mit ihren oberflächlicheren Verfahren begnügen, kann also auch die 
Eignungsprüfung nicht zu optimaler Sicherheit gelangen. 

Anderseits würde die neue Aufgabenstellung auch für die Psychoanalyse 
selbst wertvoll sein können: denn die Schnelldiagnose ist therapeutisch zu 
verbinden mit der Forderung nach fraktionierter Analyse. Sie hat als solche 
auch in der Berliner Statistik bereits ihren Ausdruck gefunden! Hinzu 
käme die wissenschaftliche Erkenntnis, daß eine Totallösung individuell 
gar nicht erwünscht sein mag; viele Individuen brauchen, rein biologisch, 
ihren Komplex; sind komplexfrei unglücklicher — beziehungsweise un- 
möglich, da sie sogleich neue Ersatzkomplexe produzieren. 

Die Symptomlehre aber führt zu einer psychoanalytischen Typologie. 
Wir warten notwendigerweise auf diese charakterologische Zusammen- 
fassung und schon die vorliegenden, reichen Erfahrungen der Analytiker 
sollten eine solche „Menschenkunde" ermöglichen. Mit anderen Worten 
müssen aus Einzelfällen (wie stets in der Psychologie) Allgemeinerkennt- 
nisse folgen und es kann hiebei weniger Wert auf belletristische Dar- 
stellung der Einzelkasuistik als auf nüchterne Synthese der charakterologi- 
schen Typen-Populationen Wert gelegt werden. Dadurch würden zugleich 
weitere wissenschaftliche Fragen (wie etwa die nach der Konstanz des 
Typus im Individuum; nach Korrelation von Altersstufe und Typen- 
gestaltung) eine angemessene Bearbeitung finden. 

Man möchte hoffen, daß die Fragen der Psychotechnik Anregung für 
die psychoanalytische Forschung enthalten und nicht umsonst gestellt sind. 

LITERATUR 

Hermann, Intelligenz und tiefer Gedanke. Internationale Zeitschrift für Psycho- 
analyse, Bd. 6, 1920. — Grüninger, Psychotechnik und Psychoanalyse. Ebendort. — 
Ernst Seh ei der, Psychotechnik und Psychoanalyse „Schulreform" (Berner Seminar- 
blätter) 1921. — Römer, Über die Anwendung des psychodiagnostischen Verfahrens 
nach Rorschach auf Fragen der Berufsberatung. Kongreßbericht über den 7. Kongreß 
für experimentelle Psychologie. Jena 1922. — Desgleichen auf dem 8. Kongreß für 
Psychologie. Leipzig 1923 und in „Praktische Psychologie" 19*3. — Baumgarten, 
Die psychoanalytische Bewegung. „Praktische Psychologie" 1920. — Friedländer, 
Eignes und Fremdes zu der Freud sehen Psychoanalyse. Zeitschrift für angewandte 
Psychologie, Bd. 22, 1925 — Giese, Medizinische Psychologie in „Psychotechnische 
Rundschau", Cöthen 1922. — Eitingon, Bericht über die Berliner Psychoanalytische 
Poliklinik. Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. 8, 1922. — Giese, Berufspsychologiscbe 
Beobachtungen im Reichstelegraphendienst. Leipzig 1923. — Thalberg, Zur Berufs- 
wahl. — Kramer, Kindliche Phantasien über Berufswahl. — Maday, Psychologie der 



152 Dr. Fritz Giese: Psychoanalytische Psychotechnik 

Berufswahl. — Adler, Ein Beitrag zur Psychologie der ärztlichen Berufswahl: sämt- 
lich in Adlcr-Furtmüller, „Heilen und Bilden", München 1914. — Stekel, Berufs- 
wahl und Kriminalität, Archiv für Kriminalanthropologie, Band 41, 1911. — Ziehen, 
Die Prinzipien und Methoden der Intelligenzprüfung. Berlin 1911. — Stern -Wieg- 
mann, Methodensammlung zur Intelligenzprüfung. Leipzig 1922. — Fernald: siehe 
Jacobsohn-Lask, Über die Fernaldsche Methode. Leipzig 1920. — Giese, Psycho- 
technische Eignungsprüfungen an Erwachsenen. Langensalza 1921. — Rorschach, 
Psychodiagnostik. Bern 1921. — Kirckpatri ck: vgl. Mcumann, Vorlesungen zur 
Einführung in die experimentelle Pädagogik, Bd. IT. Leipzig 1915. — Giese, Korre- 
lationen psychischer Funktionen. Zeitschrift für angewandte Psychologie, Bd. 10, 
1 9 1 5- — Giese, Über erotische Inklination. Kongreßbericht über den 3. Kongreß 
für Psychotechnik, Milano 1922. — Giese, Die Arbeitsprobe in der Psychognostik. 
Zeitschrift für angewandte Psychologie. 1924. — Giese, Handschriftendiagnose in 
„Deutsche Psychologie", Bd. III, 1921. — Klages, Handschrift und Charakter. Leipzig 
1917. — Putnam, Allgemeine Gesichtspunkte zur psychoanalytischen Bewegung. Inter- 
nationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. 4, 1918. — Jones, Nachruf auf Professor 
Putnam. Ebendort, Bd. 5, 1919. — Giese, Körperseele. München 1924 (Delphin- 
verlag), und Giese, Ausdruckshand und Arbeitshand. Zeitschrift „Arbeitsschule" 1924.