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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. X 1925 Heft 1/2"

I M A G O 

XI. HAN I) 

J 5 










INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG 

DER PSYCHOANALYSE AUF DIE 

GEISTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

Prof Dr. SIGM. FREUD 



REDIGIERT VON 

Dr OTTO RANK, Dr. HANNS SACHS 
und A. J. STORFER 



XL HAND 

(»9 2 5) 



INTERNATIONALE R 

PSYC H OAN A I.V Tl S C H E R VE R LAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 









All.- l',.-rl.!.-, 
iiishosomlcii- das d.-r l hrrsct'/.miff, vorhrlmllni 



Copyright 1905 

by „Intc-ninlioiialor I'sy< lioan»lvtisclnT Vrrltig 
(l.-s. .... h, II.-, Wien 



Druck: ChrWI.ii-h U.i-,. .'. Wthllt, Wlrn V 



INHALTSÜBERSICHT DES XI. BANDES 

Seite 

Dr. Karl Abraham: Die Geschichte eines Hochstaplers im Lichte psycho- 

.m.ilvtisrhrr Fnrsciiun« 555 

Sigm. Freud: Die Verneinung 217 

— Die Widerstünde gegen die Psychoanalyse 222 

— Die okkulte Bedeutung des Traumes 234 

A. Furrer: Über die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch 58 

Dr. Gustav Hans Graber: Die schwarze Spinne 254 

Dr. J. Härnik: Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl ... 32 

Dr. lmrc Hermann: _Der Mensch und seine Welt" (Karl Böhm) . . 147 

Fortschritte der Psychoanalyse 1920—1923. Normalpsychologische 

Grenzfragen 153 

— Zwei Überlieferungen aus Pascals Kinderjahren 346 

— Gustav Theodor Fechner 371 

Aurel Kolnai: Max Schelers Kritik und Würdigung der Freudschen Libido- 

lehre 135 

Dr. Carl Müller Braunschweig: Über das Verhältnis der Psychoanalyse 

zur Philosophie 1 

Caroline Newton: Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Für- 
sorge 239 

Dr. Alfred Robitseh: Bemerkungen zu einem Gedicht Liliencrons . . 552 

— Der Kotillon 421 

Dr. Alice Sperber: Über die seelischen Ursachen des Alterns, der Jugend- 
lichkeit und der Schönheit 84 

Frida Teller: Libidotheorie und Artumwandlung 335 

Dr. Edoardo Weiß: Die psychologischen Ergebnisse der Psychoanalyse 14 

Dr. M. Wulff: Die Koketterie in psychoanalytischer Betrachtung . 123 

REFERATE 

Adnm: Das Ratsei de» Totemisnms (Storfer) 482 

Allendy: Der Symbolismus des Traumes (Storfer) 482 

Apfelbach: Das Denkgefuhl (Hermann) 194 

Aimut: Ein Beitrag lur Lehre von der Entwicklung der optischen Raumauf • 

fassung und des optischen Raumgedächtnisses bei Schulkindern (Hermann) 189 

Zweiter Kongreß für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft. (Storfer) 479 

B es sin er: Die Wunder des Evangeliums und die Psychotherapie . . (Storfer) 484 

Beyme: Die stroboskopischen Erscheinungen (Hermann) 189 



VI 



Inh.iltsiibiMsicht il>-s \l. Band« 



Brinckmann: Spät werke groDer Meister (Storftr) 

Brunei: Lereve (Smuturt) • !* 

Brv: Verkappte Religionen (Smratin) 314 

Büchereinlauf 49 8 

Büchi: Zur Psychologie dei Triehc (Blum) . ^<- 

Bumke: Psychologische Vorlesungen (Rrieh) 187 

Burkamp: Die Kausalität de» psychischen Prozesse« und der unbewußten Aktion»- 

regulationen (>'' "99 

Carraro: Die wissenschaltlichen ( inindlagen Am Freidenkcrtums . jh 

Daffner: Zur Psychopathologie der Knuigshcrgcr Mucker Wu&mmH) 485 

Deutung der Psychoanalyse aus der Persönlichkeit Freuds , . (Storftr) 460 
Di et tri c h : Seelsorgerische Bat schlage zur Heilung seelisch lir.lin^ter 

Nervosität (Pfitttr) 4H4 

Dolles: Das Jüdische und das Christliche (Uug-lUllmuih r! 

Driesch: Bewußtsein und Uuterh.uuin-ein ,Ft,Urn) 185 

Dumas: Traite de Psychologie Smuwi) 

Eisler: Psychologie im Umriß (HmUMH 

Geyser: Abriß der allgemeinen Psychologie (HummnJ > ^ s 

Giese: Psychoanalu.s. he Psychotechnik (Hamann) 196 

Graves: The Meaning of Dreams (Jona) to», 

Groddeck: Das Buch vom El (Sa.h t ) 

Haas: Kraft und Erscheinung HuvmWnj 

Harms: Die Ursachen de» SittenbUtt>«HI ■•'•» S.hulkmdern . (Bllg4ttibmäk t) 495 
Heinitz: Untersuchungen über die Fehlleistungen heim Ma»chin«< In eihen 

■mann) im" 

Henning: Der Geruch " ,fr """" 1 ' "" 

Hermann: Psychoanalyse und Logik (Mütltr-Braunu /,„ „gj 178 

Ingenieros: Prinzipien der biologischen Psychologie . (Hamm 
Jacobi: Über die Bedeutung extrem eingestellter psych.. IngiM-lirr F'nr». l.nng.- 
richtung in der Psychiatrie fr'"'"" 1*7 

Kerler: Der Denker (lltrm.mn 

Klage»: Vom Wesen des Bewußtseins . . (Huwmi\ »94 

Konig: Sexuelle und verwandte modernste Bil)ehleiitung.n . tyltm 4**4 

Paul Und Maria Krische: Vom werde, i.lei. 1. eben . (Hug-Ilttlmutli f) 494 

Krueger: Der StrukUirbcgrilT in der Psychologie lim,,,,,,*} ..,. 

Kwanyong Lee: Das Wollen als Griuidtatsache des Bewußtsein» (Um,,,,;,,) 1H8 

Lipmann: Über Begriff und Formen der Intelligenz .... (Htrmann) i-i: 

Lipmann und Bogen: Naive Physik 1" I '9' 

Martens: Schonungslose Lebenschronik (F.itltr) aoi 

Meyer: Zum Sinn und Wesen der Geschlechter (Storjn £0 

Michaelis: Die Menschheilsprnhlematik der Frcudschcn I'svchoi.iu.lv «e ,.Vf.../f< I"" 

Montet: Die (irundprobleme der medizinischen Psychologie . { ll.<m«>m) 190 
Müller- Freien fels: Philosophie der Individualität . . . (BmnBto 

- Grundzuge einer Lebenspsychologie " 

\orthridge: Modern Theories of th» l ... on.s. u.us (Jonf 



Inhaltsübersicht des XI. Bandes VII 

5« e 
Zeitschrift für kritischen Okkultismus und Grenzfragen des Seelenlebens 

(Storfer) 496 
Pfistcr: Der seelische Aufbau des klassischen Kapitalismus und des Geld- 
geiste« (Furrcr) 483 

Philosophischer Anzeiger (Storftr) 496 

Pollnk-Rndin: Magie als Naturwissenschaft (Kolnai) 490 

Pollnk-Rudin und Schulhof: Grundlagen der experimentellen Magie 

(Kolnai) 490 

Priitorius: Das Liebeslcben Ludwigs XIII. von Frankreich . . . (Sachs) 489 

Psychologie und Medizin (Storfer) 496 

l'wchoanalyse im Strafprozeß (Storfer) 464 

Keik: GcMändniszwang und Straf bedürfnis (Reich) 468 

Külf: Das Problem des Unbewußten (Fenichel) 184 

Schmitz: Psychoanalyse und Yoga (IHnn-rsuin) 204 

Schultz: Fiktionen der Psychologie und Mythologeme der Psychanalytik 

(Storfer) 181 

Schwarz: Die Sinnfindung als Kategorie des ärztlichen Denkens . . (Fenichel) 184 

Spielrein: Iber schwer zu merkende Zahlen und Rechenaufgaben (Hermann) iH,, 

Steffens: E. v. Hartmanns Religionsphilosophie (Pßster) 482 

S loker: Das Gewissen (Storfer) ,,,, 

Szirtes: Zur Psychologie der öffentlichen Meinung (Kolnai) 485 

Vererbung und Geschlechtsleben (Storfer) 49 6 

Vetter: Kritik des Gefühls (Hermann) 199 

Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie (Storfer) 496 

Wagner: Die Schulstrafe im Urteil des Schalen . . • (Hug-Itellnmh f) 494 

Werner: Die Irsprünge der Lyrik (Gero) 486 

WerlhiMin er: Über Schlußprozesse im produktiven Denken . . fHarmflniiJ 200 

Wittmann: Über das Sehen von Scheinbewegungen und Scheinkörpern (Hermann) 1 96 

Zappert: Über Neurosen im Kindesalter (h'riedjung) 495 

/oller: Sinaischrift und Griechisch-Lateinisches Alphabet . . • (Wnß) 488 



I M A G 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 



XI. Band (1925) Psychologisches Heft | l,ft 1 u. 2 

Über das Verhältnis der Psychoanalyse zur 

Philosophie 

Vortrag auf dem Fünften Internationalen Kongreß für Philosophie. Neapel, Mai 1924 

Von Dr. Carl Müller-Braunschweig (Berlin) 

Die Psychoanalyse ist eine empirische Wissenschaft. Insofern hat «ie 
zunächst mit Philosophie so wenig zu tun, wie nur irgendeine andere 
empirische Wissenschaft, etwa die Physik oder die Chemie. Sie kann sich 
ihren Gegenstand nicht schaffen, ihn nicht a priori aus sich heraussetzen, 
die Daten der Erfahrung werden ihr gegeben vom Gegenstand, hier den 
psychischen Vorgängen. 

Freilich, soweit jede Wissenschaft nicht nur eine Sammlung von Beob- 
achtungen und Erfahrungen darstellt, sondern die Aufgabe hat, diese in 
ein begrifflich einwandfreies Ganze einzuordnen, und soweit man diese 
Aufgabe eine philosophische nennt, ist auch in der Psychoanalyse die 
Philosophie enthalten, von der man sagt, daß jede Wissenschaft nur soweit 
Wissenschaft sei, als Philosophie in ihr sei. 

Der Schöpfer der Psychoanalyse, Freud, hat ihren empirischen Cha- 
rakter immer betont und hat verlangt, daß alle theoretischen Subkonstruk- 
tionen des Erfahrungsmaterials aufgegeben und durch neue ersetzt werden 
sollten, sobald neue Beobachtungen und Erfahrungen das verlangten. 

Fragen wir uns weiter, wo die Stellen sein mögen, an denen sich 
Psychoanalyse und Philosophie berühren. Jede Wissenschaft kommt in 
ihrem Bemühen, das Ganze ihrer Erfahrungen begrifflich zu ordnen, an 
Grundbegriffe, die von einem bestimmten Punkte an nicht mehr empirisch 
zu klären, sondern nur noch begrifflichen Überlegungen zugänglich sind 
und zur Erkenntnistheorie hinüberführen. Auch die Psychoanalyse kennt 

Im*fO XI. 1 



Dr. Carl Müller Brauni.chweig 



solche Begriffe, es sind dies besonders die der Tendenz, und der psychischen 
Energie. Hingegen sind Begriffe wie die der Libido und des l ..bewußten 
empirische Begriffe. 

Einen weiteren Berührungspunkt mit der Philosophie ergib! bei jeder 
Wissenschaft die Kritik ihrer Methode. Für die Psy. hnanalyie *'eht hier 
im Mittelpunkte das „psychoanalytische Experiment". 

Eine philosophische Aufgabe darf mim auch dl« I Otertuchung über 
das Verhältnis der Psychoanalyse zu anderen Wissens, halten nennen, /.. B. 
zur Biologie, Soziologie, Ethik. 

I'.in altes zentrales Problem der Philosophie entrollt lieh, wenn man 
den Determinismus der Psychoanalyse ins Auge faßt. Die durchgängige 
Determinierung aller psychischen Akte und weiter des. Schicksals des 
wachsenen stellen uns vor das Problem der „Freiheit ". vor das Problem 
des Verhältnisses naturwissenschaftlicher zu kulturphilusophischer, geriet! 
kausaler Betrachtung zu der der Werte. 

Außer all diesen Beziehungen der Psychoanalyse zur Philosophie gibt 
es dann jene, in der das philosophische Denken und der Philosoph /tun 
Forschungsgegenstand der Psychoanalyse werden. Die Frage lautet In- i 
Kann uns die Psychoanalyse darüber Aufschluß gehen, unter welchen Bf. 
dingungen ein Mensch zum Philosophen wird, und warum ei diese und 
keine andere Philosophie produziert? 

Ehe ich es unternehme, auf einige der hier kurz, skizzierten Frage- 
stellungen einzugehen, wird es zweckmäßig sein, mit ein paar S< hlag- 
lichtern die Basis und das Erkenntnisgebäude der Psychoanalyse zu be- 
leuchten, da ich nicht annehmen kann, daß Ihnen allen die P»v« hoanalvse 
genügend gegenwärtig ist. 

Nichts ist so schwer, rein theoretisch darzustellen, als die Psy« Imanalyse, 
beruht sie doch im wesentlichen aul einem Kxpcrimenl, das man nicht 
von außen vorführen kann, sondern das man u sich selbst erlebt haben 
muß. Dasjenige, was ich aus erkenntnistheoretis< heu und methodischen 
Gründen als „Experiment" zu bezeichnen pflege, um die experimentell« 
Basis der Psychoanalyse zu betonen, ist identisch mit dei |.sy. hoanalytis« hen 
Kur, der praktischen Analyse, der sich nicht nur seel.s. h ... irröl Kranke. 
sondern auch „Gesunde" mit Erfolg unterziehen können, || müssen. "<nn 
sie in die psychoanalytische Wissenschalt ganz eindringen wolle.. 

Dies Experiment beruht auf einer sehr einfach zu bes. hreibenden, m. hl 
so einfach zu befolgenden Grundregel: sich dem Strom seine. Gedanken 
und Einfalle entspannt zu überlassen und dem Analytiker alles, was einem 



Ober das Verhältnis der Psychoanalyse zur Philosophie 



so durch den Sinn geht, ohne Ausnahme mitzuteilen, erscheine es einem 
auch noch so gleichgültig, oder noch so unsinnig oder nicht zum Thema 
gehörig oder peinlich oder indiskret. Kurzum, alles zu sagen, und sich 
durch keinen kritischen Einwand gegen den Einfall bestimmen zu lassen, es 
nicht zu sagen. 

Die Befolgung dieser Regel ergibt, daß nach einer kürzeren oder län- 
geren Dauer fortlaufender Mitteilungen die Einfalle des Analysanden zu 
stocken beginnen. Es kommt zu einem entweder dem Analysanden selbst 
subjektiv fühlbaren Widerstände gegen das Auftauchen von Einfallsmaterial 
oder aber zu einem Widerstände, den der Analytiker nach seinen Erfah- 
rungen als solchen bezeichnen muß, auch wenn er dem Analysanden sub- 
jektiv nicht wahrnehmbar ist. 

Lassen Sie Ihre Aufmerksamkeit auf eine bedeutsame Erscheinung lenken : 
Der Analysand zeigt einen deutlichen Widerstand gegenüber einem Material, 
das diese Ablehnung nicht gerechtfertigt erscheinen läßt. Ganz indifferent 
scheinende Dinge mögen von ihm nicht ausgesprochen werden. Er erklärt: 
Warum soll ich es sagen, es sind ja völlig belanglose Dinge. Er ist also 
sehr schnell bereit, die ihm auferlegte Grundregel nicht ernst zu nehmen, 
und läßt sich dort durch einen kritischen Gedanken, hier den, der Einfall 
sei „belanglos", bestimmen, ihn nicht mitzuteilen. 

Es ergibt sich dann regelmäßig, daß seine anscheinend indifferenten 
Einfälle zwar selbst nicht das Material sind, gegen das sich der Wider- 
stand richtet, aber wohl assoziativ zu einem Material gehören, das, sobald 
es bewußt wäre, begreiflicherweise auf unlustige Ablehnung des Bewußt- 
seins stoßen müßte. 

Wenn z. B. eine Analysandin nur unter Zögern den Einfall preisgibt, 
daß sie soeben an die Krau gedacht habe, die ihr morgens die Milch 
bringt, und dabei betont, daß ihr diese Frau gänzlich gleichgültig sei, so 
können wir diesen Widerstand nicht verstehen. Wenn aber unter ständigen 
weiteren Widerständen, unter Zögern und Stocken, die Analysandin von 
diesem Einfall weiterkommt zu einer Erinnerung daran, daß ihr diese 
Frau einmal erzählt hat, wie sie von ihrem Manne geschlagen worden sei, 
und wenn der Analysandin schließlich ein eigenes ähnliches, sie tief 
erschütterndes, aber lange zurückliegendes Erlebnis mit ihrem eigenen 
Ehemanne, von dem sie seit Jahren geschieden ist, in die Erinnerung 
zurückkommt, dann finden wir ohneweiters den Widerstand begreiflich. 

Das Bedeutsame an diesem Ergebnis des psychoanalytischen Experimentes 
ist nun, daß wir erkennen müssen, daß wir gegen etwas einen Wider- 



Dr. Carl Müller- lirnumu-hweig 



stand, eine Ablehnung stark empfinden können, ohne daß wir wissen, um 
was es sich handelt. Der Widerstand der Analysandin ist j« »chon r« 
handen. ehe sie weiß, wogegen er sich richtet, Die Erinnerung muß also 
schon latent vorhanden gewesen sein, denn wie bitte sie sonn eine solche 
Auswirkung haben können? Hier stoßen wir also auf das „Unbewußte", 
auf den experimentell erbrachten Beweis, daß Vorstellungen unbewußt 
vorhanden sein und in diesem Zustande die gleichen Wirkungen zuwege 
bringen können, wie im bewußten Zustande. 

Das psychoanalytische Experiment, das wir nach seiner Bedingung, der 
„psychoanalytischen Grundregel", hier kurz beschrieben und dann nach 
einer Richtung hin, dem Widerstand«- gegen unbewußte \ <>. -.t. -Illingen. 
verfolgt haben, ist nun die Basis der ganzen psyrho.m.dytisrhen Forschung. 
Aus den Assoziationsbeobachtungen, die es liefert, hat sich eine ungeheure 
Fülle bisher nicht gekannter Beziehungen des gedanklichen, des Vorstellung»-, 
Affekt- und Trieblebens ergeben. 

Ich will nur kurz einige Züge aus den Erkenntnisgebieten der Psycho 
analyse herausheben. Bestimmend für die Gestaltung de» körperlichen, 
seelischen und geistigen Schicksals des einzelnen ist die mit »einer Anlage 
gegebene und durch entscheidende Ki h-bnisse der Kindheit beeinflußte 
Konstellation und Entwicklung seiner Triebe und seiner sonnigen als trieb- 
artig zu bezeichnenden Tendenzen. Unter diesen Trieben und I andt&ua 
stechen im Laufe des analytischen Experiment» li.ivoi die leiu.!-.eltj-en 
Strebungen und die libidinösen. Sie sind es, die hauptsachlich den Inhalt 
jenes Materials ausmachen, gegen das sich der oben be-al,,, ebene Wider 
stand richtet. Die seelische Instanz, die sich mit d i esen Streuungen UM 
einanderzusetzen hat, nennt die Psychoanalyse das Ich; ihm gegenüber 
steht das von Freud neuerdings so genannte- Es, als Inbegriff; des seeli- 
schen Gesamt-Ichs, aus dem sich das Ich als gesonderte- ln»t.mz heraus- 
entwickelt hat, dem aber jene Strebungen angehören, mit denen M M 
ringen hat. El erwehrt sich unter anderem solcher Strebungen durch den 
Prozeß der Verdrängung, dessen Effekt darin besteht, daß es von solchen 
es belästigenden Tendenzen oder von einem Erinnerungsniaterial, das solche 
Strebungen enthalt, nichts mehr weiß. Eine solche Verdrängung Lei eine 
mißlungene Verdrängung, keine gelungene Überwindung, sobald das v.-r 
drängte Material in Form einer — als solche vom Ich nicht erkannten 
und es doch belästigenden — Ersatzbildung, /.. B. einem neurotischen 
Symptom wiederkehrt. Indem die psychoanalytische Kur solche nie In über 
wundene Inhalte wieder bewußt macht, schafft sie die Bedingung einer 






Über das Verhältnis der Psychoanalyse zur Philosophie 



neuerlichen Auseinandersetzung mit dem unverarbeiteten Material und 
damit eine Freimachung unverfügbar gewordener Trieb- und Seelen- 
energie. 

Die libidinösen Triebe sind von besonderer Bedeutung für die normale 
oder abwegige Entwicklung des Gesamtindividuums. Es ist ausschlaggebend, 
wie viele Anteile der ihnen angehörigen Energie den normalen Entwick- 
lungsgang durchlaufen und wie viele nicht. Der Begriff der Libido in der 
Psychoanalyse ist weiter als der populäre, doch kann ich hier auf ihn 
nicht eingehen. Aber ich muß bemerken, daß diese weitere Fassung der 
Empirie und nicht der Spekulation entsprungen ist. Es hat sich gezeigt, 
daß es richtig ist, unter diesen Begriff nicht nur das direkte Streben nach 
Befriedigung am Genitale zu fassen, sondern auch das von solcher Befrie- 
digung absehende, „zärtlich" oder zielgehemmt zu nennende Liebesver- 
langen, da es genetisch aus dem ersten entsteht. Weiter hat es sich gezeigt, 
daß es dieselbe Libido sein muß, die sich in Lustempfindlichkeiten aller 
möglichen anderen Körperstellen äußert. Der Zusammenhang wird her- 
gestellt dadurch, daß die genitale Libidotendenz sich zeigt als das End- 
produkt einer Entwicklung, die bereits kurz nach der Geburt zu be- 
obachten ist und sich zunächst in einer diffusen über den ganzen Körper 
verbreiteten, unter anderem an Mund, After und Urethra gebundenen 
Lustempfindlichkeit äußert, die sich erst mit der Pubertät endgültig auf 
das Genitale konzentriert. 

Im groben gesehen, gehen die Entwicklungen der libidinösen Triebe 
und anderer Tendenzen folgenden Entwicklungslinien entlang: 
Vom diffusen Autoeroüsmus zur genitalen Libido 

von der (sinnlich und unsinnlich) auf EU der auf das Objekt gerichteten 

das eigene Ich gerichteten Libido Libido 

(vom Narzißmus) 
von der mehr oder minder großen zu der Fähigkeit der Rücksicht gegen 

Gewaltsamkeit gegen das Objekt das Objekt 

von einem überwiegend Regiert- zu größerer Fähigkeit der Trieb- 

werden durch Triebtendenzen beherrschung und der Fähigkeit, 

überhaupt oder durch die Tendenz zeitweilig in Rücksicht auf die For- 

nach Lustgewinnung und Unlust- derung der Realität Unlust auf 

Vermeidung sich zu nehmen und auf Lust zu 

verzichten. 
Von besonderer Bedeutsamkeit für die Entwicklung des Gesamtindividu- 
ums ist die Art und Weise, wie sich das Ich mit den frühesten Bezie 



Dr. Carl Müller Uraunsehweip 



hangen zu den Liebesobjekten uii«lnander.etzt. Di.-. In.!.-— L.ebe*- 
obiekte sind allemal - WO sie vorhanden itüd die Eutern und ( „-■, l.w uter. 
Soll das Individuum bei seimr Ralfe lul.ig Hill, »in außei lanul.ares 
I iebesobjekt zu wählen und zu gewinne» und mit Ihm in .■„,.■„ I..-I. iedj 
.enden körperlichen und seelischen Liebesaustau.ch .Anzutreten, so m..U 
es ihm gelingen, seine Libido in genügendem Ausmalte ron den Eutern 
„nd (iesrhuis.ern abzuziehen und auf «"in auhV, ■|,„,ili..n-s « Ibjtkl ZU übe, 

'"üTes mißlingt sehr häufig und gib. den Anlaü zu bedeutenden Fehl 
entwicklungen nicht nur auf dem Liebesgel.ie.e selb*,. Müden, auf all« 
Gebieten der Lebensbetätigung. 

Allzu starke Fixierungen an die P tKg«iAd*> Trlebkon.tell.tionen and 
Zonen und an die familiären Liebesobjekte lühn-n en.wede, ZU Pen ers.onen 

oder zu Neurosen -der zu Charakterverbildungon. Oder r ,u h.nUvuk- 

luneen die sich nicht so sehr in maniies.er rWtl d« Neuro* 

zeigen 'als in einer seelischen oder in.ellek.ue.len S .rblidun, wi. 

etwa der des Künstlers, also in kulturell hoch KU bewertender, Lrsehe, 

nU W besonders schwierige Klippe in der Kn, wi. klun, bildet die f, .... 
kindliche Phase der überwiegenden Hindun« an die Litern. Mil ihr »t 
das gegeben, was die l'svd.oanalyse den Ödipuskomplex »,,„>, '-r 

enthält schwierige Triebkons.Hla.ion.,,. Das Kind ickelt «il die« 

Komplex nicht nur eine Liebesbeziehung zu beiden Kl..- Btellen, .onderrj 

außerdem eine besonders positiv, zu dem and.,,.-, I Wichen nd dM 

negative eine llivali.äts- und llaßbeziehung zu dem gleichgeschlechtliche« 
Ekerntei'le. Es hängt sehr viel davon ab, wie WO* M dem k.mle gelingt, 
ohne pathogene Verdrängung nich, nur sieh von den Litern ah,,«...,.. 
sondern auch die feindseligen S.rehungen gegen den gleu I. geschlechtlich* 

Elternteil zu überwinden. 

Sehr häufig ist der zu den oben genannten Lehlentwicklungen luhrende 
Weg der, daß Haß wie Liebe wohl von den realen lamilia.en Objekt« 

abgezogen wird, aber nicht so, dall sie (die feindsei,;.,,, I ube.wun.l, « 

(die positiven) auf andere Objekte über.ragen werden, sondern so, daß «.• 
an die Phantasiebilder der fauuliaren Objek.e geheftet werdet, und nu, 
samt diesen Phan.asiebildern (den lu.agines) der Verdrängung verlallen. 

also unbewußt werden. 

Die Psychoanalyse ,„„». diesen Vorgang Introversion. Di- In.n.vers.on 
kann, aber muß nicht zur Neurose lühren, sie fuhrt zunaehs. ..... der 



Über das Verhältnis der Psychoanalyse zur Philosophie 7 

Abwendung von den realen Liebesobjekten zu einer mehr oder minder 
starken Abwendung von der Außenwelt überhaupt und schafft die Haupt- 
bedingung, von der Triebkonstellation aus betrachtet, für jedes nach innen 
gewandte Wesen. Von ihrer Bedeutung für den Philosophen werde ich 
später sprechen. 

Ich will nun hier die Skizze einiger Züge der psychoanalytischen Lehre, 
die ich mit dem eben Gesagten gegeben habe, um Ihnen ein wenig die 
Psychoanalyse ins Gedächtnis zurückzurufen, abbrechen, um das eigentliche 
Thema, ebenfalls mit knappen Strichen, zu zeichnen. Ich hatte in der 
Einleitung davon gesprochen, daß die Psychoanalyse wie jede andere empi- 
rische Wissenschaft da zur Philosophie wird, wo sie es unternimmt, ihre 
Methode und ihre Grundbegriffe zu diskutieren. Beides wären interessante 
Themata, aber ich will heute von diesen Themen absehen, um Ihre Ge- 
duld nicht zu lange in Anspruch zu nehmen. Ich habe vor vierzehn Tagen 
auf dem VIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Salzburg den 
Versuch unternommen, als Grundbegriffe der Psychoanalyse eine Reihe von 
Tendenzen hinzustellen und sie begrifflich zu kritisieren. Besonders hervor- 
zuheben wäre hier die Tendenz der Wiederholung, die uns die praktische 
Analyse in ihrer Bedeutsamkeit gezeigt hat — ist doch die ganze psycho- 
analytische Kur durch eine solche experimentell provozierte Wiederholung 
infantiler Einstellungen charakterisiert — und die Tendenz der Regression, 
des Zurückgreifens auf normalerweise überwundene Entwicklungsphasen. 
Die Betrachtung dieser Tendenzen führt über das Psychische weit hinaus 
und erlaubt es, das psychoanalytische Bild der Individualentwicklung in 
die umfassendere Entwicklungsgeschichte der Organismen überhaupt ein- 
zugliedern. 

Ich sprach auch einleitend davon, daß Begriffe wie die „Libido' und 
„das Unbewußte" nicht eigentlich zu solchen Grundbegriffen gehören, da 
sie einem ausgedehnten empirischen Boden entwachsen sind und einen 
empirischen Inhalt haben. Gleichwohl wäre von hier aus viel darüber zu 
sagen, wie weit mit ihnen spekulativ gesündigt werden kann und wie weit 
man, von ihnen ausgehend, zu wirklichen Grundbegriffen vordringen kann 
und darf. 

Aber ich will heute, wie gesagt, nicht alle die Fragen, die von der 
Psychoanalyse zur Philosophie führen, besprechen, sondern mich auf fol- 
gende Themata beschränken: 

1) Das Verhältnis des Determinismus der Psychoanalyse zum Problem 
der „Freiheit", der „Kultur", der „Moral". 



Dr. Curl Müller Uraunschwitg 



2) Der Philosoph und die Philosophie als Korschungsgegenstand der 
Psychoanalyse. 

Zunächst also: Wie verhält lieh der Drin imiiismui drr Psychoanalyse 
zu dem Poblem der „Freiheit", der „Moni", dir „Kultur" !> 

Wir sehen den Menschen im psyi hoanah i'im lum Experiment ni allen 
seinen geistigen Akten durch bestimmte Trieb und Allektkonst. llationen 
determiniert, durch Vorgänge, die ihm selbst unbewußt sind. Wir sehen 
ihn weiter in allen seinen Reaktionen als e.n Produkt < ine: bestimmt«! 
infantilen Entwicklung. 

Die Stimme des Gewissens zeigt uns die Psychoanalyse als einen Ab 
kömmling einer ehemals von außen kommenden Stimme, als einen \l> 
kömmling der Stimme der Eltern und Erzieher, insbesondere aber de* 
Vaters. Aber nicht nur mitogenetisch erscheint uns das Gewissen deter 
miniert, vielmehr haben vergleichende l Untersuchungen der Ergebnisse der 
Individualanalyse und der sozial-religiösen Systeme primitiver Völker (des 
Totemismus und Tabuismus) uns zur Oberzeugung gebracht, daß dies*- 
Hineinnahme der gehietenden Stimme des Vaters, wie sie sich in d« 
Tndividualanalyse ergibt, bereits stammesgeschichtlich vnrp.e/ci« hm-t ist. Das 
Gewissen ist der Niederschlag der Stimme äußerer Mac Inhaber, insbesondere 
des zu konstruierenden Urhordenhäuptlings oder IJrhoiden Vaters. 

In der praktischen Analyse ergab sich weiter, daß sich in der Kindheit 
ein bedeutsamer Vorgang in der Richtung abspielt, daß die ursprunglich 
feindselige Einstellung, die ein jedes Kind zunächst gegen sein Geschwister, 
insbesondere gegen das nächstgeborene als seinen natürlichen Rivalen in 
der Liebe der Eltern empfindet, reaktiv in Liebe umschlagt, ein Vorgang, 
der für die Entwicklung zu moralisch-sozialer Einstellung wichtig ist und 
wiederum seine phylogenetische Vorgeschichte hat. 

In gleicher Richtung liegen die Erkenntnisse, die zeigten, daß sich die 
als kulturell bewerteten Eigenschaften der Ordnung und Reinlichkeit re 
aktiv aus den entgegengesetzten und ursprünglicheren Tendenzen einei 
frühkindlichen Lust am Schmutz entwickeln oder daß sich das Mitleid 
reaktiv aus dem infantilen Hang zu Gewaltsamkeit und Grausamkeit ent- 
wickelt. 

Wir sehen hier überall, daß das Kind nach bereit» immanent gewor- 
denen, in der Stammesgeschichte auf Grund äußerer Einwirkungen er 
worbenen Entwicklungslinien Stufen durchläuft und Zielen entgegenwächst, 
deren Inhalt sich mit den Inhalten der kulturellen und moralischen l'or 
derungen decken. 



Über das Verhältnis der Psychoanalyse zur Philosophie 9 

Der Unterschied zwischen der quasi naturwissenschaftlichen psychoana- 
lytischen Betrachtung und einer ethischen ist aber augenfällig. Es handelt 
sich in der Psychoanalyse um die Aufdeckung eines Vorgefundenen, um 
eine Seins-Wissenschaft, während die Moral Forderungen aufstellt, die 
Ethik eine Wissenschaft des Sein sollen den darstellt. 

Die alte Frage lautet: Bleibt bei einer deterministischen Betrachtung 
Raum für die „Freiheit" des moralischen (kulturellen) Handelns? Ich 
glaube, die Frage so beantworten zu dürfen, daß es sich hier nicht um 
einen unlösbaren Widerspruch, sondern um zwei gleich notwendige und 
berechtigte Betrachtungen handelt, von denen die eine das Geschehen 
kausal, die andere vom Standpunkte der Werte ansieht, vielmehr von 
diesem Standpunkte aus es tätig verändern will. 

Es tut der Welt der Werte keinen Abbruch, wenn wir sie gleichzeitig, 
antatt sie realisieren zu wollen, genetisch betrachten und dabei sehen, daß 
auch sie ihre Geschichte haben und letzten Endes aus der Not äußeren 
Druckes heraus entstanden sind. Der anscheinende Widerspruch zwischen 
Kausalität und Freiheit löst sich auf in die Anerkennung zweier gleich 
notwendiger Standpunkte: des kausalen und des wertenden. 

Betrachten wir die Kultur genetisch und im Hinblick auf unsere Ein- 
sicht in die Funktionen der Triebe, insbesondere der Libido, so erscheint 
sie uns als ein Verdrängungsprodukt, als ein Gebiet, das den primitiven 
Triebregungen abgerungen ist. 

Die Tendenz zu immer größerer Geistigkeit und Vervollkommnung 
zeigt sich uns dann als getragen von einer Flucht vor der Libido, 
genauer von einer Flucht vor einer Tendenz, die sich dem Sublimierungs- 
prozesse widersetzt, die nach primitiver Befriedigung drängt. Es scheint 
so, daß es unmöglich ist, den ganzen Betrag primitiver Sexualenergie 
in kulturelle Energieformen umzusetzen, daß ein Mensch, welcher 
glaubt, ganz darauf verzichten zu können, ewig unbefriedigt bleibt, und 
seine ständige Unbefriedigung auch in all sein kulturelles Streben hinein- 
tragen muß. 

Werfen wir noch einen Blick auf den Begriff der „Entwicklung", wie 
er sich der Psychoanalyse darbietet. Sie kennt eine Entwicklung nur in 
dem Sinne, daß ein Organismus unter dem Drucke äußerer Not zu Ver- 
änderungen gezwungen wird. Wenn sich im individuellen Leben eine im- 
manente Entwicklung zeigt, so sieht sie darin nur die ontogenetische 
Wiederholung des in der phylogenetischen Entwicklung durch äußere Mächte 
erzwungenen Entwicklungsweges. 



io 



Dr. (Äirl Midier Braun« hwrig 



Es ergibt sich daraus, daß ein Mensch, dem die I'iililuti^ mit dar Außen- 
welt verlorengegangen ist, wohl eine YVVile durch die phylogenetisch er 
worbene Entwicklungstendenz weilergeti iehen weiden kann, auf die Dauer 
aber stagnieren muß, weil er des mächtigsten \ im i ■ - 1 »< ••.. der 1 .chensnot, 
entbehrt. Zur analytischen Kur wendet sich darum auch dei \. urotiker, 
der sich durch eine auf den vorhin beschrieben«] Gründen lullenden \l> 
wendung von der Realität auszeichnet, und dimii die Kur wird er. nach 
Verarbeitung aller der Moment«-, die ihn von der Außenwelt (orttrieben, 
wieder zu ihr zurückgeführt und gewinnt damit eine erhöhte Gesundheit, 
Lebens- und Leistungsfähigkeit. 

Wir wollen uns nun der zweiten Fragestellung innerhalb des Themas 
des Verhältnisses der Psychoanalyse zur Philosophie IU wenden, inwieweit 
kann die Psychoanalyse etwas über den Philosophen und seine- Philosophie 
als ihren Forschungsgegenstand aussagen'' 

Die Einstellung einer psychologischen Erforschung dei ( u-nese des Philo- 
sophen und seines Werkes ist nicht neu. 

Von vornherein ist zu sagen, daß man aus der genetischen Bedingtheit 
einer Philosophie nicht zu schließen vermag .ml die Nichtigkeit oder 
Falschheit ihrer Aufstellungen, sondern daß sich diese lediglich am < >bjekt 
der Philosophie selbst feststellen läßt. Die genetische, also auch die psycho 
analytische Betrachtung von Philosoph und Philosophie kann nur be- 
greiflich machen, warum der betreifende Philosoph zu diesem und keinem 
anderen Gedanken kommen mußte. Kj mag »ich <\.\ ergehen, d.di etwaige 
Fehlentwicklungen seiner Libido gerade notwendig waren, um ihn tu he 
stimmten Feinheiten seiner Erkenntnisse zu befähigen, tu denen ein.- 
ungestörte Entwicklung keinen Anlaß gegeben hatte. 

Der Philosoph ist dadurch ausgezeichnet, <\.\u HX m< h von der Mannig 
faltigkeit der Objekte und von den Einzclwissenschaften ab- und den all 
gemeinen und letzten fragen zuwendet. Was kommt darin /.um Ausdruck? 
Er wendet sich von „dieser" Welt ab. Von dieser „sinnlichen" Welt und 
ihrer Mannigfaltigkeit. Der letzte Grund dafür ist sein Konflikt mit dem 
„Sinnlichen" par exccllence, der Libido. Von ihr mußte BT siel» abwanden 
und wandte sich dann von der Welt überhaupt ab. Und die Hnuptklippe 
ist hier wiederum der Ödipus-Kompicx. Der Beweis für diese Behauptung 
liegt in den praktischen Analysen, die der Psychoanalytiker in philosophisch 
eingestellten Analysanden vorgenommen hat. 

Eine psychoanalytische Durchforschung der großen historischen Philo- 
sophen Stößt gegenüber der Analyse am lebenden Objekte natürlich auf 



Über das Verhältnis der Psychoanalyse zur Philosophie i l 

Schwierigkeiten. Ist der Psychoanalytiker hier doch lediglich auf biogra- 
phisches Material angewiesen, von dem aus die unbewußten Entwickhingen 
nur theoretisch zu rekonstruieren und nicht wie beim Lebenden direkt 
wieder wachzurufen und bewußt zu machen sind. 

Wir können aus den praktischen Analysen feststellen, daß bei jedem 
Philosophen das eine Rolle spielt, was wir die Introversion nannten, nämlich 
die Abwendung der Libido von den ersten Liebesobjekten und ihre An- 
heftung an deren Phantasiebilder, an die „Imagines". Das gleiche gilt vom 
Künstler. Von der Introversion führt der eine Weg zur Neurose, der an- 
dere aber, durch die Möglichkeit, die Gedankenwelt in schriftlichen und 
mündlichen Werken zu objektivieren und den Mitmenschen mitzuteilen, 
auf einem neuen sublimierten Wege zum Objekte, zum Du, zurück und 
läßt den Weg der Neurose ganz oder teilweise vermeiden. 

Es gibt so jedes Mischungsverhältnis zwischen intellektueller Sonder- 
leistung und damit Gesundheit und anderseits von Neurose, Perversion 
oder Charakterverbildung. 

Die direkte Verwendung der Libido kann neben starker „Verdrängung", 
die ja nur eine Unzugänglichmachung von Vorstellungen und Regungen 
für das Bewußtsein, aber nicht ein Verschwinden des Triebes selbst be- 
deutet, mehr oder weniger stark erhalten bleiben, oft in Form des Ver- 
kehrs mit einem Objekte, das als Liebesobjekt nicht hoch bewertet, son- 
dern entwertet wird, gehört doch die eigentliche, sinnliche und zärtliche 
Liebesregung den unbewußten familiären Imagines. 

Der Druck, der von dieser ewig unerlösten, vom Bewußtsein abge- 
sperrten Libido ausgeht, führt immer neu zur „nicht sinnlichen Welt. 

Zur Psychoanalyse des Philosophen gehört weiter die Aufdeckung einer 
Macht komponente. Er sucht die Welt zu erobern. Und zwar durch den 
Begriff. Er darf sie aber nicht in ihrer sinnlichen Fülle erobern, er 
muß sie mit nichtsinnlichen, mit den allgemeinsten Begriffen zu erfassen 
versuchen. Er hat es nicht vermocht, seine Libido seiner Herrschaft zu 
unterwerfen, so muß er diesen Mangel ausgleichen durch die Gewinnung 
einer anderen Herrschaft. Das ist keine Entwertung des Philosophen, auf 
diesem Mangel ruht sein spezifischer Wert. 

Wer sich mit dem Gedanken vertraut gemacht hat, daß die Genese 
einer Erscheinung nichts an ihrem Wert zu vermindern vermag, der kann 
wohl auch ohne Entrüstung oder abweisendes Lächeln anhören, daß die 
praktische Analyse des Philosophen feststellen kann, wie das Suchen nach 
den letzten verborgenen Wahrheiten in seinen ersten aber entscheidenden 



12 



Dr. Carl Müller ürnuiuehwrig 



Anfängen wurzelt, in den heftigen Wünschen des Kindes, die ( ..nitili'u 
der Eltern zu sehen und hinter die Geheimnisse der Zeugung und Geburt 
zu kommen. 

Bei diesen Hinweisen auf die Ergebnisse de. Psychoanalyse des Philo» 
sophen geben wir zu, daß ihre Anerkennung ohne upcrimentclle Nach- 
prüfung nicht leicht ist. Die Frage, welche Faktoren /<> jenem oben ge- 
schilderten frühkindlichen Libidoschicksul hinzukommen müssen, um in 
einem Falle eine Neurose, im anderen einen Philosophen, im dritten «inen 
Künstler entstehen zu hissen, unier anderem die 1 - ••;:<*. wie weil das k<.ti 
stitutionelle Moment spezifischer Begabung mitverantwortlich tu machen 
ist, kann hier nicht verfolgt werden. 

Zum Schlüsse möchte ich noch einmal kurz, auf das Verhältnis de» 
psychoanalytischen Determinismus zur Freiheit /.urüc kkommen: 

Wir glauben, daß der Widerspruch zwischen Kausalität und Freiheit 
nur ein scheinbarer ist und sich — im Ans* blosse an Kant — durch 
die Anerkennung der beiden notwendigen Standpunkte: des kausalen und 
des „intelligiblen" beseitigen läßt. Die Bückbeziehung diesei ..mtelligiblen" 
Welt auf eine transzendente erscheint uns dabei unnötig. Sie erschöpft 
sich in dem gedanklichen Universum der Kultur/.usaiimienhange. 

Daß die moralischen und ästhetischen Ideen, nach denen wir uns richten, 
selbst (kausal betrachtet) geworden sind, tut der Möglichkeit und 'I rif 
tigkeit des zweiten Gesichtspunktes keinen Abbruch. Daß die Gebote des 
Gewissens ursprünglich äußere Gebote waren, von Mächtigeren stammen 
(„Hordenvater"), nimmt ihrem Wert als konstituierender Ideen eine» höher 
zu bewertenden Zusammenlebens der Menschen nichts. 

Die Idee der moralischen Autonomie behält ihren inmi.iiiciit« n int«~lli 
giblen Wert, auch wenn sie (kausal betrachtet) wie alles, au« der Not 
und aus Niederwertigerem stammt. 

Dabei wollen wir ein weiteres licdeukcn ; Das lininei weitrrgreilen 
des Gedankens der durchgängigen Detcrminierung alles Geschehens ist 
selbst ein „Wert". Es bedeutet das immer großen- l>e f ;r illlic lie Kr fassen 
des Geschehens, hier des psychischen Geschehens. Anstatt daß die „Frei 
heit" des Handelns dadurch gefährdet wird, wird »ie gefördert: wu 
ich kenne, kann ich beherrschen. Was meinem Wissen entzogen 
ist, das Unbewußte, kann ich nicht beherrschen. Allem die größere 
Kenntnis meiner unendlichen Abhängigkeiten iti.it ht mich unabhängiger. 
„Wissen ist Macht" gilt nicht nur für dran Ken, sondern in erhöhte« 
Maße für innen. 



Über das Verhältnis der Psychoanalyse zur Philosophie 1 5 

Freilich haben wir uns hier zu besinnen und auch wiederum bescheiden 
zu sein. Es ist nicht so, daß nur durch begriffliches Forschen allein der 
Mensch freier wird. Es gibt Menschen, denen es „Gott im Schlafe gibt" 
und gegeben hat. Sie haben sozusagen ein „unbewußtes Wissen". Sie haben 
es nicht nötig, wie der Forscher mühsam die Gebiete des Unbewußten 
zu durchsuchen und bewußt zu machen, um sich und das Leben sicher 
zu beherrschen. Ihnen fehlt allerdings das bewußte, begriffliche Wissen, 
das sich der Forscher erringt und das ihm allein zufällt, aber sie besitzen 
etwas köstliches Anderes, ein unbewußtes, sich in allen Lagen des Lebens 
Sicherfühlen, ein, man kann es nicht anders ausdrücken, auf unbewußtem 
Wissen fußendes instinktives Vermögen, das Leben zu verstehen, und es 
für sich und die anderen fruchtbar und wertvoll zu machen. 

Wir brauchen daher den Philosophen nicht als die Krone der Mensch- 
heit hinzustellen. Aber er behält seinen unverrückbaren einzigartigen Wert, 
auch wenn dieser, wie alles Gute, aus einer Not erwachsen ist, aus der 
Not frühkindlicher Konflikte mit der zentralen Macht der Libido. 



Die psychologischen Krgebnisse der 
Psychoanalyse 

Vortrag am IV. Italienischen l'sfchologenkong'.il, Fl.nenz, 14. Oktober /pjj 

Von Dr. Edoardo Weiß (Triefte) 

Die Wissenschaft strebt im allgemeinen danach. »i< h < uns Kim h. inunjjs- 
gebietcs intellektuell zu bemächtigen. Um sieh dl« Erscheinungen erklaren 
zu können, müssen wir auch deren -Ante/edentien entdecken. Die Psycho- 
analyse erforscht offenbar das Gebiet der psyc Ihm ln-n Er»« 'he imingcii und 
bringt hauptsächlich die empirisch anerkannte Totlache EUT Geltung, daß 
auch die Antezedentien der Bcwußtseinsvorgiinge, welche nl» »<>1< he über- 
haupt nicht im Bewußtsein registriert weiden, aU jisv» Ihm 1i>' \ op-ang«' 
aufgefaßt werden können. Jenes Geschehen, das den Bew uIliseiMVOl ;&D 
vorangeht, wird als psychisches Geschehen betrat htet, wiewohl es ander«« 
Eigenschaften besitzt, als .jene, die uns bei den Bewußtseinsvorgiingen be- 
kannt sind. Wie es im allgemeinen bei jeder Orientierung, sei sie wissen- 
schaftlich oder nicht, der Fall ist, hangen tue 1'inlil. -im-, die * 1 « 1 1 (IM 
Psychoanalyse stellt, von ihren eigenen Bedürfnissen ab. Wenn wir uns 
z. B. das Benehmen eines Manschen in einer gegebenen Situation erklären 
wollen, so werden wir dessen Begründung in .seinen Gedanken. Absichten 
und Gefühlen, wie z. B. in der Eifersucht, in Haß, liebe, Mitleid usw. 
suchen, die dieses Benehmen bestimmt haben werden. Wir werden es also 
für notwendig halten, uns nach psychologischen Begriffen /u orientier) n . 
und, wenn wir einmal die ps\ < IidIujmm In n liew «•■■■'.! unde liii das Benehmen, 
das uns interessiert, gefunden haben, so können sich dann etwa andere 
Bedürfnisse einstellen, z. B. sich die Ante/edentien diesei \nte/.edenlieii Bl 
erklären: wie beispielsweise jene Eifersucht oder jenes Mitleid entstunden 
sind. Wir werden auch im vorhinein nicht wissen können, wann uns 
im Laufe unserer Forschung neue Bedürfnisse vom psychologischen Er 
scheinungsfelde, beispielsweise zum physiologischen, hinüber 1. iten werden. 



Die psychologischen Ergebnisse der Psychoanalyse 15 

Vergessen wir nicht, daß die gegenseitigen menschlichen Beziehungen 
vornehmlich psychischer Natur sind: wenn wir jemanden von einem Vor- 
satze abhalten wollen, in ihm Gefühle erwecken wollen, ihn von etwas 
benachrichtigen wollen, so werden wir keinen Augenblick an die Tatsache 
denken, daß es ein somatisches Substrat der geistigen Tätigkeit gibt, son- 
dern wir werden nur psychologisch vorgehen. Es geht uns wenig an, daß 
sich in unserem Xebenmenschen, während wir seinen Gedanken eine be- 
stimmte Richtung geben, gleichzeitig bestimmte physiologische Vorgänge 
abspielen, welche demnach in indirekter Weise von uns provoziert worden 
sind; aber es wird uns auch gar nicht einfallen, diese in Abrede zu stellen. 
Anderseits, wenn wir auch etwas Genaueres über die physiologischen Kor- 
relate der Bewußtseinsvorgänge wüßten, so wäre die zweckentsprechendste 
Art, beispielsweise um jemandem etwas mitzuteilen, sicherlich nicht die, 
mit physischen Mitteln, sagen wir auf dessen Hirnrinde einwirken zu 
wollen. 

Nun verdankt die Psychoanalyse ihre Entstehung der Tatsache, daß man 
auf Erscheinungen gestoßen ist, welche uns Begriffe (Freud), die der all- 
gemeinen Psychologie abgingen, aufzwangen, so daß man bewogen wurde, 
auf eigene Faust Psychologie zu treiben. So nahm diese neue wissenschaft- 
liche Richtung ihren Anfang und ihr Entwicklungsgang wurde von ihren 
eigenen Bedürfnissen bestimmt. Wenn also vorläufig die Psychoanalyse des 
anatomisch -physiologischen Substrates der geistigen Tätigkeit nicht Rech- 
nung trägt, so geschieht dies einfach deswegen, weil sie einer, von ihren 
eigenen Bedürfnissen vorgeschriebenen Richtung folgt. Wenn andere Lehren, 
die aus dem Bedürfnisse entstanden sind, die Zusammenhänge zwischen den 
somato-physiologischen Vorgängen und jenen des Bewußtseins kennen zu 
lernen, uns Kenntnisse verschaffen, so wird es dem Psychoanalytiker gar 
nicht einfallen, diese zu bekämpfen oder in Abrede zu stellen. Während 
der Psychophysiologe die Anatomie und die Leistung des Nervensystems 
erforscht, um daraus begreifen zu können, wie die Bewußtseinsvorgänge 
entstehen und sich abspielen, findet es der Psychoanalytiker für not- 
wendig, zum selben Zwecke noch in der psychologischen Denkrichtung 
zu verbleiben. Er hofft immerhin, daß mit dem Fortschritte dieser beiden 
Wissenschaften sich diese einmal von selbst begegnen werden, ohne daß 
man genötigt wäre, den Sprung über den Abgrund, der bisher die physische 
von der psychologischen Auffassung trennt, ausführen zu müssen. 

Es ist sicher nicht notwendig daran zu erinnern, daß Freud nicht die 
Priorität hat, eine unbewußte psychische Tätigkeit entdeckt zu haben. 



Dr. Edoardo Weiß 






Jedoch der Begriff des Unbewußten umlaüi für Freud .in.- viel weitere 
Zone als die Schulpsychologie als „Unterbewußtes" behandelt. Wenn auch 
Freud es offen bekennt, daß sich die PfjeBOmaljM weder Priorität noch 
Originalität als Ziel gesteckt hat, so hat er in Wirkluhk.it doch mit den 
vielen scharfsinnigen Differenzierungen /wischen dein Bewußten und dem 
Unbewußten, mit der Einführung neuer Ge«icht«punktc\ mit der Fe«! 
Stellung der Arten des verschiedenen psychischen Geicheheni, viel Neues 
und Originelles geschaffen, und viele neue Gesichtskreise eröffnet. Die 
Bewußtseinstätigkeit hat natürlich ihre Antezedenlien. sie entsteht .ms irgend 
etwas, das wir vorläufig x nennen können. Wir können Moli die Klickte 
dieses x wahrnehmen, die zum Teil eben die Bcwuütsein.vorgänge sind 
und zum Teil Erscheinungen anderer Art, in welche sich dieses x um- 
gesetzt hat, in analoger Weise wie «ich die Bewußtseinstätigkeit in Hand- 
lungen und verschiedene Leistungen, die sie uh.-ilrhrn, umsetzt 

Eine Menge Erscheinungen, die schon vor der l'syc hoanalysc hrkannt 
waren, mußte man psychologisch auffassen, um sie intellektuell \ei wendbar 
zu machen, wiewohl sie nicht Inhalt unseres Bewußtseins bilden. Um ein 
ganz einfaches Beispiel zu zitieren: Wenn in einer Assoziationsreihe ein 
Zwischenglied nicht zum Bewußtsein gelangt, auf welchen Standpunkt wir 
uns auch immer stellen mögen, sei c«, daß wir als organisch oder p»y< hi«ch, 
was selbst latent im Bewußtsein eine Wirkung äußert, betrachten wollen, 
müssen wir es doch als eine Vorstellung auffassen. Auch im Falle der 
posthypnotischen Suggestion muß da« treibende Motiv für die auszuführende 
Handlung als etwas Psychisches betrachtet werden, als ein Impuls, ««... 
Vorstellung, ein Gehorsam usw. Jedoch zeigt uns eine ausführliche Unter 
suchung dieser latenten psychischen Vorgänge, daß sir andere Eigenw haften 
und Fähigkeiten besitzen, als die bewußten psychischen Vorgänge Und 
tatsächlich kann eine suggerierte Vorstellung beispielsweise auf gewiss* 
Innervationen wirken und gewisse Funktionen beeinflussen, welche nicht 
unter der Herrschaft unseres bewußten Willens stehen. Auch wenn die 
suggerierte Vorstellung dem Subjekte bewußt ist, so muß diese doch in 
irgendeiner Weise an irgend etwa« Unbewußtes und gleichzeitig von der 
bewußten psychischen Tätigkeit des Individuums Unabhängige« gebunden 
sein, wenn das Subjekt die Folgen der Suggestion erleidet, in g.uw ami 
loger Weise als ob es irgendeinen mechanischen Eiugrifl erlitten hätte. Es 
muß uns ferner sehr einleuchtend sein, daß eben dieses Etwa», dieses r. 
der Schlüssel zum Verständnis der Erscheinung der Suggestion selbst wäre. 
Ich werde später erwähnen, daß die unbewußten psychischen Krs« heinungen 



Die psychologischen Ergebnisse der Psychoanalyse 17 

sich noch durch andere Eigenschaften und Fähigkeiten von den bewußten 
unterscheiden. 

In gewissen Zustanden, wie z. B. im Halbschlafe, kann man bewußte 
Wirkungen einer unbewußten psychischen Tätigkeit wahrnehmen: Wenn 
wir, vom Schlafe überwältigt, unsere bewußten Gedanken verlassen, so 
werden die Vorstellungen, die sie bildeten, von einer, von der bewußten 
unabhängigen Tätigkeit an sich gezogen, und erleiden merkwürdige Ent- 
stellungen, die oft schwer festzuhalten sind; man kann auch verfolgen, 
wie sie sich in Halluzinationen umsetzen oder sich umzusetzen beginnen. 
Man ist nicht gewöhnt etwas, was wir erleiden, als psychisch anzu- 
sehen. Den Traum z. B. erleiden wir passiv, im Schlafzustande, wenn 
wir eben auf jede Tätigkeit verzichtet haben. Sicher wird der Traum 
an und für sich als ein psychischer Ausdruck angesehen, aber der Einfall 
kommt uns spontan, seine Herkunft physischen Einwirkungen auf unser 
Nervensystem zuzuschreiben. Und tatsächlich hält auch der Primitive das 
Geträumte für wirkliche Erlebnisse der aus dem Körper entwichenen Seele; 
so weit sind wir davon entfernt, die Herkunft des Traumes als psychisch 
aufzufassen. 

Eine sorgfältige Analyse von Tausenden von Träumen hat uns gezeigt, 
daß diese nicht nur als psychische Äußerungen, sondern auch als psychische 
Produkte anzusehen sind. Aber jene unbewußte psychische Tätigkeit, 
welche den Traum bewirkt hat, ist eine ganz andere psychische Tätigkeit 
als die uns mittels der Introspektion bekannte, welche uns nur Kenntnisse 
über deren Endeffekte liefern kann. Diese unbewußte psychische Tätigkeit 
äußert sich aber auch im Wachzustande. Da jedoch der Zustand des Indi- 
viduums ein anderer ist, ist auch die Art anders, in welcher sie sich 
äußert. Sie lenkt unmerklich unser bewußtes psychisches Leben; so wird 
uns z. ß. unsere affektive Einstellung gegenüber der Außenwelt vom Un- 
bewußten aufgezwungen, wiewohl wir auch glauben mögen, sie mit be- 
wußten Motiven erklären zu können. Es liegt auf der Hand, daß sich bei 
der Beschreibung und Feststellung der Gesetze, die diese unbewußte Tätigkeit 
lenken, große Schwierigkeiten ergeben. Es handelt sich an erster Stelle 
darum, neue Grundbegriffe zu erlangen, sie zu assimilieren und mit 
Worten festzuhalten, um mit ihnen umgehen zu können. Diese Erschei- 
nungen zogen allmählich die Aufmerksamkeit Freuds auf sich, infolge 
der Entdeckung, daß symptomatische Äußerungen Nervenkranker einen 
Sinn und eine Bedeutung hatten, was jedoch die Kranken selbst voll- 
kommen ignorierten. 

[m. C . XI. 



,g Dr. Edoardo Weilt 



Wie ich bereits anfangs sagte, kann ich in dieser Mitteilung nicht nur 
nicht die psychoanalytische Methode beschreiben, sondern ich muß mich 
darauf beschränken, eine Vorstellung vom Prinzip, auf dos sie sich gründet, 
zu geben. Wegen ihrer Kompliziertheit wird die psychoanalytische Technik 
von Freud mit dem Schachspiel verglichen: Man kann die Kröffnunge- 
und in manchen Fällen die Endspiele lehren, aber die Mittelspiele können 
eine unberechenbare Anzahl von Kombinationen ergeben Das piy« hoana- 
1\ tische Verfahren kann auf jeden Mens, hen, mit weh hem man in psych. 
sehe Beziehung treten kann, und weichet sich diesem Verfahren ernstlich 
unterzieht, Anwendung finden, sei er nervenkrunk oder gesund. El handelt 
sich, wie gesagt, um die Erforschung einer psychischen Tätigkeit in uns. 
die aber der Introspektion ganz unzugänglich ist, um ein psychische» Ge- 
schehen, wovon man introspektiv nur Effekte wahrnehmen kann, und 
welches wir, wie vorhin erwähnt, erleiden. Jedoch bildet den Ausgangs- 
punkt für unsere Forschung unter anderem sicherlich auch die Intro- 
spektion: Das Subjekt erzählt in den Sitzungen übersieh von Erinnerungen, 
Gefühlsregungen, und Tatsachen im allgemeinen, was ei natürlich aus 
der Introspektion schöpft. 

Mit dem Fortschritte der psychoanalytisc hen Behandlung bemächtigt 
sich das Gedächtnis des Subjektes vollkommen vergessener Imstande, sogar 
solcher, die in seiner frühesten Kindheit vorgefallen sind, und der Analy- 
sierte gelangt zum Verständnis von Zusammenhangen zwischen einer und 
der anderen Tatsache seines psychischen Lebens, wahrend er anlangt, neue 
Gefühls- und Triebregungen zu verspüren. Diese- neuen und bewußten 
Tatsachen wurden von einem Etwas bewirkt, dn« lieh vorher in Traumen, 
in verschiedenen Symptomen (womit wir, mehr »der weniger, doch 
behaftet sind) und in anderen „Komplexen" kundgegeben hatte Diese Zu 
sammenhänge liefern uns den Schlüssel zur Entdeckung, wie das erwähnte 
Etwas — das Unbewußte sich abspielt und wirkt. 

Die psychoanalytische Technik zielt nach einer Anbahnung des Unbe- 
wußten zur Entwicklung einer bewußten psychischen Tätigkeit. Es würde 
Stoff zu einer speziellen Abhandlung abgeben, wenn man über die Kräfte 
sprechen wollte, die in gegenseitigem Widerstreite im Unbewußten wirken 
und sogar verhindern können, daß ein Teil dei UnbewuLlten jene Eigen- 
schaften erlange, um der Introspektion zugänglich sein zu können. Dir 
Aufgabe des Psychoanalytikers ist, diese Widerstände zu entdecken und iu 
beheben: es handelt sich folglich um eine dynamische Arbeit. Und es ist 
eine ganz irrige Vorstellung, daß der Piychoanalytiker den Patienten mit 



Die psychologischen Ergebnisse der Psychoanalyse 19 

Fragen überhäuft und daß er nichts Eiligeres zu tun hat, als ihm, ich 
weiß nicht welche, Aufklärungen zu geben. Der Psychoanalytiker muß 
vor allem zu schweigen wissen und muß mit derselben Aufmerksamkeit 
alle Äußerungen des Subjektes ohne irgendwelche Vorurteile beobachten; 
es wäre auch unnütz, daß er sich anstrengen würde, sei es Träume, oder 
andere Äußerungen des Unbewußten zu verstehen, bevor sich die dyna- 
mischen Bedingungen im Unbewußten nicht geändert hätten. Was während 
der Psychoanalyse den Inhalt des Bewußtseins bereichert, bestand vorher im 
Unbewußten nicht in derselben Form, sondern in einer anderen, welche 
wir aus den Äußerungen, zu welchen es früher Anlaß gegeben hatte, er- 
schließen. Z. B. im größten Teile unseres Unbewußten (ich werde später 
von der Differenzierung der verschiedenen Arten des Unbewußten sprechen) 
gibt es keine solchen Erinnerungen, wie wir sie nach unserer bewußten 
Art kennen. Die Erinnerung ist doch jener psychische Akt, wodurch wir 
etwas Gegebenes als etwas, was gewesen ist, erkennen. Nun gibt es in 
einem sehr großen Teile unseres Unbewußten keinen Zeitbegriff, und 
folglich, um exakt zu sein, kann man in diesem Falle nicht von Erinne- 
rung im wirklichen Sinne sprechen. An ihrer Stelle gibt es im Unbewußten 
etwas anderes, worauf sich die Erinnerung aufbaut, es gibt nämlich hier 
ein Antezedenz der Erinnerung. 

Bei der allmählichen Ausarbeitung einer Methode, um auf gewisse 
dynamische Bedingungen im Unbewußten einzuwirken, damit sich bewußte 
Äußerungen dieses Unbewußten äußern können, in Gestalt von Gefühls- 
regungen und Erinnerungen, bot sich dem Psychoanalytiker eine neue und 
merkwürdige Erscheinung: Anstatt zu erinnern, erlebte nämlich das Sub- 
jekt vergessene Situationen, ohne dabei zu vermuten, daß es sich um die 
Wiederholung des Vergangenen handelte. Was das Subjekt mit großer, oft 
recht unangenehmer Treue wiederholt, hält es für aktuell, real und 
autochthon. Die Endleistung der Behandlung besteht nun darin, diese 
Wiederholung in Erinnerung zu verwandeln, indem man den Behandelten 
erkennen läßt, daß das, was er für gegenwärtig hält, nichts anderes als die 
in die Gegenwart versetzte Vergangenheit ist. Die Wiederholung erleidet 
jedoch diese Änderungen, daß das Subjekt zeitlich und örtlich voll- 
kommen orientiert bleibt, und bei Wiederholung vergangener Situationen 
und Triebregungen, diese der neuen Situation anpaßt. In der psychoana- 
lytischen Ausdrucksweise sagt man, daß das Subjekt „agiert", anstatt zu 
erinnern, es verspürt wirkliche Gefühlsregungen, welche es zu verschie- 
denen Einstellungen und Handlungen bewegen. Diese Wiederholungen 



20 



Dr. Edoardü Weiß 



stellen sich hauptsächlich in seiner Beziehung zum Arzt und zur Kur ein. 
Anstatt z. B. die Eifersucht zu erinnern, welche er in der Kindheit auf 
die Eltern wegen seiner Geschwister verspürte, wird der Patient tatsächlich 
eifersüchtig auf den Arzt wegen seiner anderen Patienten. Er erlebt die 
verschiedensten Situationen und Gefühlsregungen der Kindheit wieder, wie 
Liebe und Haß, Auflehnungs- und Unterwerfungseinstellungen, es gelingt 
ihm, sich vom Arzt loben und tadeln zu lassen, es gelingt ihm auch, in 
der raffiniertesten Art Handlungen zu begehen, wegen welcher er sich dem 
Arzt gegenüber etwas vorwerfen kann, und er wiederholt in dieser Weise 
kindliche Schuldgefühle. Ich will irgendein Beispiel dafür erwähnen: 
Einer meiner Patienten, der sich eine Zeitlang bereits in meiner Behand- 
lung befand, stellte sich beim Verlassen meines Hauses nach der Sitzung 
vor, daß ich ihn vom Fenster aus mit den Blicken folge. Kurz darauf 
erinnerte er, daß in der Kindheit, jedesmal wenn er mit dem Kinder- 
fräulein ausging, die Mutter ihn vom Fenster aus grüßte und ihm eine 
Zeitlang mit den Blicken folgte. Diese Tatsache der Wiederholung infantiler 
psychischer Situationen ist oft ungemein einleuchtend, wie z. B. bei der 
Analyse von Erwachsenen, wenn sie sich in ihnen sonst ungewohnte Trotz- 
einstellungen versetzen, und damit in treuer Weise ihren kindlichen Trotz 

wiederholen. 

Oft kündigt sich ein solches Agieren einige Zeit vorher durch gewisse 
undeutliche Einstellungen oder in Träumen an. Wenn derartige Äuße- 
rungen anfangs dem Psychoanalytiker entgehen, weil sie noch wenig augen- 
scheinlich sind, und dieser ungestört die Behandlung fortsetzt, so zeigen 
sie sich später einmal doch in voller Deutlichkeit und Treue, je mehr im 
Unbewußten gewisse Widerstände nachlassen. Und erst dann drängen sich 
alle jene Anzeichen, die früher übersehen wurden, infolge ihrer Überein- 
stimmung mit dem ganzen verdrängten Situationsbilde und infolge ihrer 
Kohärenz zu einem Verständnisse auf. Wie schon gesagt, wird die reprodu- 
zierte Situation den neuen Verhältnissen angepaßt. 

Aus Zeitersparnis will ich ein einziges Beispiel aus meiner Erfahrung 
«erwähnen. Ich weiß nicht, ob es, so dargelegt, herausgenommen aus jedem 
Zusammenhange, in welchem es sich zutrug, sehr überzeugend ausfallen 
-wird. Ein Patient, dem die Analyse bereits einige Vorteile gebracht hatte, 
der aber noch nicht vollkommen geheilt war. träumt eines Nachts, daß 
ex sich in eine Badeanstalt begibt, um ein Bad zu nehmen. Aber beim 
Eintritte in die erste Kabine nimmt er wahr, daß ein anderer vor ihm ia 
,der Wanne gebadet hatte, weil das Wasser darin bereits gebraucht und 



Die psychologischen Ergebnisse der Psychoanalyse 31 

schmutzig war. Er tritt hierauf in eine zweite Kabine ein, wo er dasselbe 
feststellen muß; tritt schließlich in eine dritte Kabine ein, wo ihm das- 
selbe passiert, usw. Endlich verläßt er ganz enttäuscht die Anstalt und 
denkt sich dabei, daß ihm nicht gegönnt sei, ein Bad zu nehmen. Man 
darf nicht etwa glauben, daß der Arzt dem Patienten den Sinn des Traumes 
mitteilt. Er muß dagegen alle freien Einfälle des Kranken, die sich zu den 
einzelnen Traumbildern einstellen, verfolgen. Meinem Patienten fiel zur 
Vorstellung des im Traume erschienenen Bades das Wort „Katharsis" und 
dann „kathartische Behandlung" ein, wie ursprünglich jenes Verfahren 
genannt wurde, das sich später zur Psychoanalyse entwickelte. Das war 
dem Patienten bekannt. Es fiel ihm ferner die Ähnlichkeit zwischen der 
Badeanstalt des Traumes und meinem Vorzimmer auf, und es leuchtete 
ihm ein, daß das Bad des Traumes die psychoanalytische Kur vorstellte. 
Die Badewannen mit dem bereits abgenützten, schmutzigen Seifenwasser, 
sagte er, wären die bereits vollendeten Kuren meiner anderen Patienten; 
und wie es ihm im Traume nicht gegönnt war, ein Bad zu nehmen, so 
folgerte er, sei es ihm nicht gegönnt, die Kur zu vollenden. Auf die Frage, 
warum er dies glaube, konnte er keine Antwort geben. Tags darauf brachte 
er kein Material für die Analyse, und die Stunde verlief fast, ohne daß er 
den Mund geöffnet hätte. Nächsten Tag — Patient dachte überhaupt nicht 
mehr an den Traum — kam er zu mir mit dem festen Vorsatze, die Kur 
abzubrechen, indem er sich mit den bereits erzielten Vorteilen zufrieden 
erklärte und fügte hinzu, daß die vollkommene Genesung ihm so wie so 
nicht gegönnt sei. Da hielt ich es für angezeigt, ihn an den Traum, den 
er vor zwei Tagen gehabt hatte, zu erinnern, und wies ihn auf die Über- 
einstimmung seiner Deutung desselben mit seinem jetzigen Vorsatze und 
seiner Einstellung gegenüber der Behandlung. Er gab ohne Schwierigkeiten 
zu, daß in ihm die Tendenz bestand, die Kur nicht zu vollenden und 
überzeugte sich, daß es viel besser wäre, die Provenienz dieser Tendenz zu 
suchen, als ihr nachzugeben. Daß diese seine Einstellung, die schon im 
Traume allegorisch vorgebildet wurde, eine Wiederholung einer infantilen 
Situation gewesen sei, erschien dann sehr einleuchtend. Von seinen Ge- 
schwistern war er von den Eltern am wenigsten geliebt, ja schon seit der 
frühesten Kindheit von ihnen geradezu vernachlässigt worden. Er hatte 
alle möglichen Ungerechtigkeiten und Demütigungen erleiden müssen und 
ist gegenüber seinen Geschwistern immer benachteiligt worden. Vergeblich 
strebte er nach der Liebe der Eltern ; das ist ihm niemals gelungen, es 
ist ihm nicht „gegönnt" worden. Später einmal hat er die sich ihm dar- 



22 



Dr. Edoardo Weiß 



gebotene Gelegenheit benützt, um sich vom Hause zu entfernen, um so 
die Eltern zur Liebe zu zwingen und sie damit gleichzeitig zu bestrafen. 
Diese Situation, die er nicht überwunden hatte, wiederholte er jetzt in der 
Analyse, indem er meine Patienten an Stelle seiner Geschwister setzte, 
welch ersteren es gegönnt war zu heilen, und in mir fand er seine 
Mutter oder seinen Vater. Durch sein Fortbleiben von der Kur wollte 
er mich nach altem Muster zur Liebe zwingen — ohne es jedoch zu 
wissen — und mich gleichzeitig bestrafen. Nachdem er dies verstanden 
hatte, wollte er die Kur fortsetzen und drei Monate später war er voll- 
kommen genesen. 

Man darf nicht etwa glauben, daß derlei Wiederholungen etwas Seltenes 
sind, bei jeder psychoanalytischen Behandlung stellen sich in evidentester 
Art Wiederholungen ein und die wichtigste Leistung und manchmal die 
größten Schwierigkeiten ergeben sich dem Psychoanalytiker bei der Um- 
wandlung der Wiederholungen in Erinnerungen. Die Erscheinung der 
Wiederholung an und für sich kann man übrigens auch im täglichen 
Leben beobachten, mit dem Unterschiede jedoch, daß sie in der Psycho- 
analyse evidenter und genuiner erscheint. Überdies stellen sich in der 
analytischen Behandlung solche Wiederholungen ein, die sich sonst infolge 
starker unbewußter Widerstände nicht eingestellt hätten; durch die dyna- 
mische Einwirkung der Psychoanalyse werden sie erst ermöglicht. 

Wir pflegen den Charakter eines Menschen als seine, [ihm eigene Art 
in den mannigfaltigsten Lebenssituationen sich zu benehmen und zu 
reagieren, zu definieren. Die Psychoanalyse fügt hinzu, daß größtenteils 
die Situationen selbst, in welche das Individuum automatisch versetzt wird, 
als ob sich diese durch von ihm unabhängige Umstände eingestellt hätten, 
seinem Charakter zuzuschreiben und als Wiederholungen zu betrachten 
sind. Es ist wohl unnötig zu erwähnen, daß der Wiederholungszwang nur 
ein Faktor zur Charakterbildung ist, und daß auch die konstitutionelle 
Triebanlage dabei eine wichtige Bolle spielt. Durch den Wiederholungs- 
zwang ist die affektive Einstellung des Patienten zum Arzte gegeben ; diese 
Projektionseinstellung auf den Arzt hat Freud Übertragung benannt. 
Sicherlich ist das Studium der Übertragung sehr verwickelt und erheischt 
eine Vertiefung in das psychische Leben des Kindes. Je nachdem die auf 
den Arzt projizierte Gefühlseinstellung eine anziehende ist, wie /.. B. bei 
der Sympathie, Bewunderung, Achtung, Liebe, Vertrauen etc., oder aber 
der Abstoßung. wie beim Hasse, Antipathie, Auflehnung etc., wird sie 
entweder positiv oder negativ genannt. 



Die psychologischen Ergebnisse der Psychoanalyse 25 



Eben diese Übertragung wird von der Analyse benützt, um auf die 
dynamischen Verhältnisse des Unbewußten einzuwirken. Der vom Psycho- 
analytiker infolge der Übertragung ausgeübte Einfluß auf den Patienten, 
deckt sich mit der suggestiven Einwirkung, so daß uns durch die Über- 
tragung der Schlüssel zum Verständnis der Suggestion ; im allgemeinen ge- 
geben ist. Auch außerhalb der Psychoanalyse gibt es Übertragungen und 
jeder Arzt, auch wenn er die Psychoanalyse nicht kennt, macht davon 
Gebrauch, ohne sich darüber Rechnung abzulegen, und seine Erfolge hängen 
größtenteils von ihrer Art und Stärke ab. Jeder Unterricht, auch in den 
Schulen, ist an die Übertragung der Schüler auf den Lehrer gebunden; 
wenn sich diese nicht einstellt, nimmt der Schüler nicht einmal Kenntnis 
von den Worten des Lehrers. Kurz, wir alle bilden Übertragungen auf die 
Menschen, mit welchen wir zusammenkommen, auf Kameraden und Vor- 
gesetzte, auf Männer und Frauen. Und so verleiht der psychoanalytische 
Gedanke den Ausdrücken; in jemandem einen Vater, eine Mutter, einen 
Bruder oder Schwester finden, erst den eigentlichen Sinn. Ich mußte mich 
mit einem Hinweise auf das Prinzip, auf welches sich die Suggestion 
gründet, beschränken, während diese für sich erforscht werden müßte, und 
notwendigerweise, im Lichte der psychoanalytischen Forschungsergebnisse, 
nicht nur hn Zusammenhange mit dem infantilen psychischen Leben, 
behandelt werden müßte, sondern auch mit den Anfängen der mensch- 
lichen Kultur, «velche Phasen gewissermaßen vom Kinde ontogenetisch 
wiederholt werden, namentlich was seine sozialen Beziehungen anlangt 
wovon das treffliche Buch von Freud „Totem und Tabu" handelt. Die 
Erscheinung der Suggestion muß auch im Zusammenhange mit der Ent- 
wicklung und der Struktur des Gewissens studiert werden, welche Institution 
sich auf die Aufrichtung eines Ich-Ideals oder Vorbildes gründet, das dem 
Menschen seine Aufführung aufzwingt. Im Falle der Hypnose setzt sich 
der Hypnotiseur an Stelle des Ich-Ideals. 

* 

Nur zwei Worte über den Unterschied zwischen der psychoanalytischen 
und der rein suggestiven Behandlung. Bei der einfachen Suggestion macht 
man nur von der positiven Übertragung Gebrauch, um die Äußerungen des 
Unbewußten zu neutralisieren. Die positive Übertragung dient gewisser- 
maßen als Mittel, um auf den Kranken einzuwirken; das Mittel selbst 
wird jedoch vom Arzte vollkommen ignoriert oder vernachlässigt. Der 
Psychoanalytiker dagegen erkennt, daß die sogenannte suggestive Kraft, 



2 4 



Dr. Edoardo Weif3 



d. h. die positive Übertragung, nichts anderes als eine spezielle Äußerung 
einer viel ausgedehnteren Erscheinung ist, und wartet ab, daß sich Über- 
tragungen jeglicher Art spontan einstellen. Und wie es seine Ilauptleistung 
ist, die Wiederholung in Erinnerung zu verwandeln, so muß er dasselbe 
auch mit der Übertragung tun ; da sie doch selbst nur eine Wiederholung 
ist, muß er sie in Erinnerung verwandeln. Dasselbe muß er natürlich 
auch mit der negativen Übertragung tun, die für das reine Suggestiv- 
verfahren nicht nur unbrauchbar ist, sondern sich diesem geradezu wider- 
setzt. Der Psychoanalytiker kann sie hingegen in sehr nützlicher Weise 
ausnützen. Das psychoanalytische Verfahren richtet sich also gegen die 
Übertragung selbst, während — wie gesagt — das rein suggestive sich 
einer bestimmten Äußerung dieser als Mittel bedient, indem es das Mittel 
selbst nicht antastet. Und deshalb wird derjenige, der genügend psycho- 
analysiert worden ist, sich vom Arzte affektiv frei fühlen, und wenn er 
auch früher leicht der Suggestion zugänglich gewesen sein sollte, wird er 
sich vom Arzt selbst und von anderen um so vollkommener emanzipieren, 
je mehr die Übertragung die Umwandlung in Erinnerung erfahren haben 
wird. Und das nennen die Psychoanalytiker die Auflösung der Über- 
tragung. 

Um diese kleinen Hinweise auf die Erscheinung der Wiederholung zu 
beschließen, muß ich noch erwähnen, daß diese Erscheinung für das Leben 
im allgemeinen von größter Bedeutung ist. Z. B. besteht die Funktion 
des Gedächtnisses zwar nicht in einer vollkommenen Wiederholung, aber 
sie gründet sich sicher auf diese. In Wirklichkeit greift eine andere Funktion 
(Realitätsprüfung genannt) ein — ich kann mich jetzt nicht auf ihre 
Erklärung einlassen — indem sie die Wiederholung in statu nasctmdi auf- 
fängt und sie in Erinnerung umwandelt. Aus alledem ersieht man, wie 
kompliziert die psychologischen Antezedentien der Bewußtseinsvorgänge 
sind. Nach Freud ist die Grundlage des Triebes im allgemeinen der 
Zwang, vergangene Situationen zu wiederholen. Er sagt: „Wenn gewisse 
Fische um die Laichzeit beschwerliche Wanderungen unternehmen, um 
den Laich in bestimmten Gewässern, weit entfernt von ihren sonstigen 
Wohnorten abzulegen, so haben sie nach der Deutung vieler Biologen 
nur die früheren Wohnstätten ihrer Art aufgesucht, die sie im Laufe der 
Zeit gegen andere vertauscht hatten. Dasselbe soll für die Wnnderflüge 
der Zugvögel gelten ..." Auch die Erblichkeit ist doch eine Wieder- 
holung. Die augenfälligste Erscheinung der Wiederholung ist sicher die, 
wodurch in der Ontogenese die Phylogenese wiederholt wird. 



Die psychologischen Ergebnisse der Psychoanalyse 25 



Es sei nur nebenbei und um diejenigen zu beruhigen, welche glauben 
sollten, daß Freud den Drang nach vorwärts vernachlässige, bemerkt, daß 
er diesen Drang sehr wohl berücksichtigt hat, dessen unverleugbare, wenn 
auch nicht allgemeine Existenz bestätigt; ein Vorwärtsdrang, der mit 
dem Wiederholungszwang in keinem Widerspruche steht, sondern wegen 
seines Mechanismus mit diesem eng verbunden ist. Die Widerstände 
(Hindernisse), welche sich manchmal einer Rückkehr zur Vergangenheit 
entgegenstellen, bewirken gewissermaßen Neubildungen, welche eben in 
gewissen Fällen diesen Drang nach vorwärts herstellen, indem sie einen 
Zustand eines kontinuierlichen, wenn auch nie befriedigten Überwindungs- 
durstes schaffen. 

Man betrachtet also als Triebeffekte auch organische Veränderungen, 
wie es eben die Entwicklung des Organismus wäre; und der Begriff der 
Triebregung ist sicher kein physiologischer Begriff, sondern eher ein psycho- 
logischer. Wir pflegen die Äußerungen der willkürlichen Motilität als 
organische Effekte psychischer Vorgänge zu betrachten : der bewußte Wille 
setzt sich in Handlung um. Und wir betrachten als affektbegleitende oder 
bewirkende Erscheinungen eine Reihe viszeraler,- vasomotorischer und 
sekretorischer Vorgänge. Daß der Physiologe diese Erscheinungen physio- 
logisch zu erklären und die entsprechenden nervösen Zentren zu finden 
sucht, bringt den Psychoanalytiker nicht davon ab, diese physischen Aus- 
drücke der Gefühle und Affekte als Handlung des Unbewußten zu be- 
trachten. Und die Psychoanalyse strebt nach einer psychologischen Erklärung 
derselben, in der gleichen Weise wie es zulässig ist, den psychologischen 
Sinn einer Willenshandlung zu suchen, wenn uns auch der Physiologe 
lehren kann, wie die Muskelbewegung erfolgt, und uns auf der Hirnrinde 
die Zone der willkürlichen Motilität zeigen kann. 

Die Introspektion benachrichtigt uns nur über dasjenige psychische Ge- 
schehen, das bereits eine hohe Entwicklungsstufe erlangt hat. Die psycho- 
analytische Forschung lehrt uns, daß das psychische Leben mehrere Ent- 
wicklungsphasen durchmachen muß, bevor es die, unserem Bewußtsein 
bekannten Eigenschaften erlangt. Man darf sich nicht etwa vorstellen, 
daß diese Entwicklungsphasen einander ähnlich sind, und daß sie sich 
voneinander nur durch ihre Stärke unterscheiden. Vielleicht könnte folgen- 
der Vergleich diesen Begriff ein wenig klären : Wie bei der Ausführung 
einer Photographie die Platte zuerst exponiert, dann entwickelt und fixiert 
und schließlich auf dem Papiere kopiert wird, so unterscheiden sich die 
einzelnen Entwicklungsphasen des psychischen Lebens in qualitativer Art 



26 



Dr. Edoardo Weiß 



voneinander. Wenn dieser Vergleich auch nicht in allem zutreffend ist, 
geht aus ihm doch klar hervor, daß eine Vorstellung, die noch nicht so 
weit entwickelt ist, um der Introspektion zugänglich zu sein, dcshalh allein 
nicht notwendigerweise schwach sein muß, ebenso wie ein photographisches 
Negativ sehr deutlich sein kann, auch wenn das Bild noch nicht auf dem 
Papiere kopiert worden ist. 

Jene psychischen Vorgänge, die bereits die Eigenschaften der Bewußt- 
seinsvorgänge erlangt haben, aber noch nicht zum Bewußtsein gekommen 
sind, und wegen gewisser Widerstände sich noch der Introspektion ent- 
ziehen können, benannte Freud das Vorbewußte. Dieser Ausdruck be- 
zeichnet bloß die Entwicklungsphase; das damit bezeichnete Geschehen 
gehört aber noch dem Unbewußten im weiteren Sinne an, so daß man 
in der Psychoanalyse das Unbewußte im engeren Sinne und das Un- 
bewußte — Vorbewußte unterscheidet. 

Die einzelnen Entwicklungsphasen werden von Freud psychische 
Systeme genannt. Diese zwei Arten des Unbewußten oder diese beiden 
psychischen Systeme unterscheiden sich voneinander durch verschiedene 
Eigenschaften. Zum System Unbewußtes (Ubw im engeren Sinn) gehören 
auch die vererbten Triebe, die man den Instinkten der Tiere vergleichen 
könnte. Der Charakter eines Volkes (einer Rasse) ist nacli Freud der 
Niederschlag seiner Geschichte. Der Kern des Systems Ubw besteht aus 
Trieben (Triebrepräsentanzen), die nach Abfuhr streben. Zu ihrer Abfuhr 
linden sie jedoch den Weg zu bestimmten organischen Äußerungen von 
einem anderen, höheren psychischen System versperrt, einem System, das 
der Introspektion zugänglich ist, und welches sich sehr frühzeitig des 
Zuganges zu diesen organischen Äußerungen bemächtigt hat. Wir nennen 
diese physischen Erscheinungen, welcher sich die bewußte psychische 
Tätigkeit bemächtigt, die willkürliche Motilität. Die große Bedeutung dieser 
Tatsache ist so augenfällig, daß es nicht notwendig ist, sich weiter darauf 
einzulassen. Nur im Wahnsinn setzt sich das Unbewußte in die Motilität 
durch. 

Wie ich bereits sagte, sind die Eigenschaften des bewußten psychischen 
Lebens von denen des unbewußten sehr verschieden. Die Schwierigkeiten, 
die Unterschiede der verschiedenen psychischen Systeme darzulegen, hängen 
damit zusammen, daß die einzelnen Kategorien der psychischen Er- 
scheinungen, und zwar der Gedanke, die Triebreguug, der Affekt etc. 
sich verschiedenartig entwickeln und nicht gleichzeitig im psychischen 
Leben eingreifen. Zum Beispiel, in einem System, wo sich bereits 



Die psychologischen Ergebnisse der Psychoanalyse 27 



Sachvorstellungen vorfinden, ist das psychische Potential, oder wie 
man in der Psychoanalyse sagt, die ihnen anhaftende Besetzung, noch 
nicht Gefühl oder Affekt, sondern erst ihre Abfuhr wird Anlaß zum 
Gefühl oder Affekt geben. Ohne auf die Erklärung, wie man aus den 
Äußerungen des Systems Ubw einige seiner Eigenschaften feststellen 
konnte, eingehen zu können, werde ich mich beschränken, einige davon 
aufzuzählen \ 

Zwei oder mehrere Triebregungen können gleichzeitig aktiviert werden ; 
deshalb heben sie sich gegenseitig nicht auf, auch wenn sie miteinander 
unverträglich scheinen, sondern sie verdichten sich zu einer Kompromiß- 
bildung. Im System Ubw gibt es weder die Negation, noch den Zweifel, 
noch verschiedene Sicherheitsgrade. Negation, Zweifel und Sicherheit 
werden zwischen dem Systeme Ubw und Vbw durch die Leistung einer 
besonderen Institution (Zensur) eingeschaltet. Als etwas der Negation Ana- 
loges könnte etwa die sogenannte Verdrängung betrachtet werden, die 
Erscheinung nämlich, daß eine Triebregung sich nicht jenseits der Phase 
des Systems Ubw entwickelt, sondern auf dieser niederen Entwicklungsstufe 
infolge bestimmter Widerstände, welche bei ihrem Übertritte vom System 
Ubw zum Vbw wirken, verbleibt. Die Bedeutung der Erscheinung der 
Verdrängung geht schon daraus hervor, daß die Triebregung keine Abfuhr 
in die Motilität haben kann, wenn sie im Systeme Ubw bleibt; und da 
infolge dieser Unmöglichkeit die Triebregelung einen kontinuierlichen 
Druck ausübt, um zu einem höheren System zu gelangen, so muß sie im 
Verdrängungszustande mit Aufwand von psychischer Energie erhalten 
werden. So bewirkt die Verdrängungsarbeit Reaktionen, sie provoziert Re- 
gungen, die die Aufgabe haben, die Entwicklung der verdrängten Trieb- 
regung hintanzuhalten. Die Berücksichtigung der Verdrängung vom dynami- 
schen und vom ökonomischen Gesichtspunkte, der den Aufwand der 
Energien, mit welchen die Verdrängung erhalten wird, in Erwägung zieht, 
gehört zu den interessantesten Kapiteln der Psychoanalyse. Die Art, wie 
diese Arbeit geleistet wird, ist für jede Neurosengattung charakteristisch. 
In jedem Menschen kommen Verdrängungen vor; manchmal führt die 
Verdrängungsarbeit zu jenem Vorwärtsdrang, wovon oben die Rede war. 
Den Gesichtspunkt, der die Systeme berücksichtigt, in oder zwischen welchen 
sich ein psychischer Vorgang abspielt, hat Freud den topischen Gesichts- 
punkt genannt. Der ganze Verdrängungsvorgang spielt sich zwischen dem 
Systeme Ubw und Vbw ab, er ist somit der Introspektion unzugänglich, 
welche uns nur Effekte davon offenbaren kann. 



28 »r. Edoardo Weiß 



Der dominierende Charakter des Systems Ubw ist der Mangel der Sprache. 
Hier gibt es keine Wortvorstellungen, welche irgend etwas avisdrücken. 
Hauptsächlich wegen des Sprachmangels entzieht sich das Ubw der Intro- 
spektion. Die Sprache charakterisiert aber deshalb nicht d.e. System Ubw, 
denn die Vereinigung der Wortvorstellung mit der Sachvorstellung ist für 
das Vbw charakteristisch, welches, wie erwähnt, noch nicht bewußt ist. 
Die eigentümlichste Erscheinung, wenn wir uns nach den Bewußtseins- 
vorgängen richten, ist die Leichtigkeit, mit welcher sich die Besetzung 
(nicht der Affekte) von einer Vorstellung zur anderen verschiebt, wodurch 
die merkwürdigsten und absurdesten Substitutionen entstehen. Eben die 
Vereinigung der Sachvorstellung mit der Wortvorstellung, womit erstere 
ausgedrückt wird, setzt diesen merkwürdigen Vertauschungen und Ver- 
schiebungen ein Ende. Die vorbewußte Vorstellung ist bereits mit ihrem 
Gefühlston verbunden. 

Die Vorgänge des Systems Ubw haben keine Beziehung zur Zeit, sie 
sind nicht in der Zeit geordnet, noch ändern sie sich mit der Zeit, sie 
sind einfach zeitlos. Die Zeitbeziehungen sind an die Leistung des Vbw 
geknüpft. Endlich kümmern sich die psychischen Erscheinungen dieses 
Systems Ubw gar nicht um die äußere Wirklichkeit, sie unterscheiden 
nicht äußere Wirklichkeit von der Phantasie. Während sie sich in ver- 
schiedene Innervationen und Funktionen unseres Körpers umsetzen können, 
welche nicht unter der Herrschaft unserer bewußten psychischen Vorgänge 
stehen, ist ihnen, wie gesagt, der Zugang zur willkürlichen Motilität ver- 
sperrt, außer bei den Reflexen und automatischen Handlungen. Auch die 
vbw Vorgänge, welche bereits die der Introspektion bekannten Eigenschaften 
erlangt haben, können sich nicht in Handlungen umsetzen. In einem 
einzigen Falle,, und zwar beim Somnambulismus, setzt sich das l'hxr in 
Handlung um; man weiß noch nicht, wodurch das ermöglicht wird. Im 
Fakirismus begegnen wir dem Falle, wo der bewußte Wille auf Funk- 
tionen des Körpers einwirken kann, zu welchen normalerweise nur das 
Ubw Zutritt hat. 

Diese psychischen Systeme gelten nur für den reifen Menschen und 
Freud warnt vor ihrer Verallgemeinerung. Welche Bedeutung ihnen im 
psychischen Leben des Tieres zukommt, muß für sich studiert werden. 

Wie eine angefertigte Photographie ihre Entwicklungsphasen dem Kenner 
erkennen läßt, und man feststellen kann, ob die Platte zu viel oder zu 
wenig exponiert worden ist, zu viel oder zu wenig entwickelt wurde, oder 
die Platte auf dem Papiere zu viel oder zu wenig kopiert worden ist, so 



Die psychologischen Ergebnisse der Psychoanalyse 29 



kann man in verschiedenen Syndromen psychischer Erkrankungen erkennen, 
daß die eine oder die andere Entwicklungsphase (System) unvollkommen 
enthalten ist, oder geradezu fehlt. Ein anderes System fehlt oder ist be- 
troffen bei gewissen schizophrenen Syndromen, ein anderes wieder bei 
neurotischen Syndromen und wieder ein anderes bei amentialen Zustands- 

bildern. 

Um alle jene Triebe, welche sich bewußt äußern, verstehen und be- 
werten zu können, ist es notwendig, ihre Entwicklung bis zu jenen Systemen, 
die von der Introspektion entfernter sind, zu verfolgen. Wenn wir uns 
eine Vorstellung machen wollen, wie sich der Trieb allmählich im Ubw 
entwickelt und welche Veränderungen er in den weiteren Entwicklungs- 
phasen erleidet, wie die einzelnen Vorstellungen im Ubw vertauscht werden, 
müssen wir notwendigerweise diese Vorgänge mit Worten ausdrücken ; wir 
beschreiben somit eine Art psychischen Geschehens im Ubw in einer 
Form, in welcher sie sich im Ubw nicht vorfindet, wo eben das aus- 
drückende Wort fehlt. Man kann sagen, daß wir den Inhalt des Ubw in 
einer Inhaltsform beschreiben, welche uns durch die Introspektion gegeben 
ist. Wenn wir nun die psychologischen Antezedentien der bewußten Trieb- 
regungen, in diese Form übersetzt, beschreiben, sei es, wie sich der bei 
Mann und Frau sehr komplizierte Sexualtrieb bildet, sei es, wie die nicht 
sexuellen Triebe entstehen, so werden unsere Darlegungen äußerst sonder- 
bar und merkwürdig erscheinen, mitunter sogar lächerlich; manchmal 
können sie den Eindruck weder gelungener noch geistreicher Witze machen. 
Jedenfalls, wenn man diese empirisch gefundenen Tatsachen, so, ohne 
irgendeine Erläuterung, wiedergibt, dann erscheinen sie allerdings un- 
geheuerlich, auch wenn man nach ihrer Wiedergabe kein Ausrufungs- 
zeichen setzt. 

Obwohl Freud infolge tieferer Forschung den Sexualbegriff bedeutend 
erweitert hat, und die Provenienz vieler Regungen, welche nicht mehr 
sexuell sind, als sexuell erklärt, so hat er doch nicht nur immer die 
Existenz solcher Triebe, die nicht einmal ursprünglich sexuell waren, an- 
erkannt, sondern seine rezenteren Schriften sind diesen letzteren gewidmet, 
wo an einer Stelle auch gesagt wird, daß die sogenannten Ich-Triebe 
mächtiger als die Sexualtriebe sind. Man kann diesen Punkt niemals 
genug betonen, weil namentlich bei uns in Italien sich die Vorstellung, 
vom sogenannten Freudischen Pansexualismus verbreitet, welche Freud 
selbst sehr fern liegt. 



Dr. Edoardo Weiß 



Durch die psychoanalytische Methode konnte man von den Äußerungen 
des Unbewußten beim Einzelnen, die ubw psychische Tätigkeit des Men- 
schen im allgemeinen studieren. Die pathologischen Fälle, bei denen, wie 
erwähnt, bald die eine, bald die andere Entwicklungsphase der psychischen 
Tätigkeit mangelhaft vertreten war oder überhaupt fehlte, ermöglichten 
das Studium von Ausfallserscheinungen und es bot sich so die Gelegenheit, 
die mit der psychoanalytischen Technik erhaltenen Befunde zu bestätigen 
oder zu rektifizieren. Außerdem, um eine einzige psychische Institution in 
Betracht zu ziehen, wie z. B. das Gewissen, welches nach psychoanalytischer 
Auffassung seine eigene Entwicklung aufweist, welche Entwicklung durch 
die phylogenetische Vergangenheit der menschlichen Gesellschaft gegeben 
ist, begegnen die Psychoanalytiker in verschiedenen psychischen Affektionen, 
wie z. B. im paranoischen Beachtungswahn, in der Übergewissenhaftigkeit 
und sozialen Angst der Zwangsneurotiker, bei den Melancholikern mit 
ihren Wahnvorstellungen der Schuld, verschiedenartigen Erkrankungen, 
bzw. Zerfallsstadien des Gewissens, welches, je nach der Art, in welcher 
es betroffen wird, verschiedene krankhafte Äußerungen aufweist. Aus der 
verschiedenen Art, wie das Gewissen erkranken kann, ersieht man, wie 
kompliziert die Entwicklung dieser Funktion ist. 

Überdies sind große Übereinstimmungen zwischen den Äußerungen des 
Unbewußten beim Einzelnen und gewissen Kollektiväußerungen gefunden 
worden. In der Masse, welche aus gleichen und ungleichen Individuen 
zusammengesetzt sein kann, sei es wegen ihrer Lebensweise, ihren Be- 
schäftigungen, ihrem Charakter, ihrer Intelligenz, zeigt sich uns eine 
sogenannte Kollektivseele, eine Verschmelzung von dem, was die Einzelnen 
in ihrer Seele gemeinsam haben. In dieser begegnen wir sehr analogen 
Eigenschaften, denen für das System Ubw von Freud beschriebenen, 
und zwar Mangel an Zweifel und Sicherheit, Fehlen einer Unterscheidung 
zwischen Realität und Phantasie, Kritiklosigkeit, Denken in visuellen Bildern 
(Mangel der Sprache) etc. 

Was den Inhalt des Unbewußten und dessen Äußerungen anlangt, die 
Vertauschungen und Verschiebungen, die uns so merkwürdig vorkommen, 
konnte man ganz unerwartete Übereinstimmungen mit anderen Kollektiv- 
äußerungen feststellen, mit der Mythologie, mit den Religionen, Kunst- 
leistungen und namentlich mit den 4 Sitten und Gebräuchen der Wilden. 
Ich beschränke mich auf diesen kleinen Hinweis. 

Weit davon entfernt, die Psychoanalyse als ein fertiges System zu be- 
trachten, stellt diese Forschungsrichtung für die Psychoanalytiker nur „eine 



Die psychologischen Ergebnisse der Psychoanalyse 31 

Ergänzung und eine Korrektur zu Kenntnissen, die in anderer Art er- 
worben wurden", dar. Jene Autoren, welche der Psychoanalyse den Begriff 
des PansexuaJismus zuschreiben, glauben, man müsse sich streng an alle 
Aufstellungen von Freud halten, um sagen zu können, daß man tat- 
sächlich Psychoanalyse treibe. Ich habe es aber selbst aus seinem eigenen 
Munde erfahren — und zwar in einer Universitätsvorlesung im Oktober 
1913 — daß man, auch ohne sich an seine Sexualtheorien zu halten, 
dennoch Analyse betreiben kann. Freud sagt: „Jede Forschungsrichtung, 
welche die beiden Tatsachen der Übertragung und des Widerstandes an- 
erkennt und diese zum Ausgangspunkte für ihre Arbeit nimmt, kann 
Psychoanalyse genannt werden."' 

Wir dürfen uns dadurch, daß viele erleuchtete und scharfsinnige Köpfe 
dieser Gedankenrichtung abgeneigt sind, nicht abschrecken lassen, die 
Psychoanalyse zu studieren. Ohne ein Verständnis für das Unbewußte zu 
haben, wird man die Psychoanalyse nicht schätzen können. Und es gibt 
spekulativ hochbegabte Köpfe, denen aber der Sinn für das Unbewußte 
abgeht, wie einem auch scharfsinnigen Mathematiker der Kunstsinn fehlen 
kann, einem Künstler wissenschaftlicher Sinn etc. 

Für den Psychoanalytiker ist die Bewußtseinspsychologie dasselbe, was 
für den Anatomen die Beobachtung der Oberfläche des Körpers darstellt. 
Um aber die Veränderungen und die Erscheinungen an der Oberfläche ver- 
stehen zu können, muß der Anatom das Innere des Körpers studieren. So 
ist die Kenntnis der psychologischen Antezedentien, die in den verschiedenen 
psychischen Systemen gegeben sind, notwendig, um die Bewußtseins- 
vorgänge zu verstehen. 

Wir wollen hoffen, daß in nicht allzu langer Zeit die Psychoanalyse 
von allen Psychologen angenommen sein und die gebührende Stellung in 
der Psychologie gefunden haben wird. 



1) Freud: Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. Gesammelte 
Schriften, Bd. IV. 



. ■ 

I I. 



Die triebhaft-affektiven Momente im 

Zeitgefühl 

Vortrag, gehalten am 14. November 1922 in der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung* 

Von Dr. J. Harnik (Berlin) 



Der erste Hinweis auf Beziehungen zwischen Zeitvorstellung und 
Analerotik in der psychoanalytischen Literatur stammt von E. Jones. In 
seiner Arbeit „Über analerotische Charakterzüge" erwähnt er kurz, daß 
„der Zeitbegriff wegen der ähnlichen Werteinschätzung als unbewußtes 
Äquivalent für die Exkretionsprodukte gilt" und daher unter den Einfluß 
von Einstellungen fällt, die zum Analcharakter gehören. „So wehren sich 
solche Menschen unwillig gegen jede unerwünschte Inanspruchnahme 
ihrer Zeit und behalten die Einteilung ihres Tages hartnäckig der eigenen 
Person vor." 2 

Dieses Bild wurde später von Abraham durch folgende wesentliche 
Züge ergänzt : 

„Häufig zu beobachten ist die Verschiebung des Geizes vom Geld oder 
Geldeswert auf die Zeit; letztere wird ja in einer geläufigen Redewendung 
dem Gelde gleichgesetzt. Viele Neurotiker sind in beständiger Sorge vor 
Zeitverlusten. Nur die Zeit, welche sie allein und mit ihrer Arbeit 
verbringen, erscheint ihnen wohl ausgenützt. Jede Störung in ihrer 
Tätigkeit versetzt sie in höchste Reizbarkeit. Sie hassen Untätigkeit, Ver- 
gnügungen usw. Es sind die gleichen Menschen, die zu den von Ferenczi 
beschriebenen „Sonntagsneurosen" neigen, d. h. keine Unterbrechung ihrer 

1) Die dem Vortrag folgende Diskussion hat eine Reihe wertvoller Anregungen 
gebracht, die die endgültige Gestaltung der Arbeit verschiedentlich beeinflußt haben. 

2) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse III, »919- S. 7G. Englisch in 
,,Journal of Abnorm. Psychology", vol. XIII, abgedruckt in des Verfassers „Papers 011 
Psycho-Analysis«, ad ed. 1918, 3«! ed. 1924. 



Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl 55 



Arbeit vertragen. Wie jede neurotisch übertriebene Tendenz ihr Ziel leicht 
verfehlt, so geschieht es auch oftmals bei dieser. Die Patienten sparen oft 
Zeit im Kleinen und verlieren sie im Großen. 

„Eine häufige Gewohnheit unserer Patienten, welche der Zeitersparnis 
dienen soll, ist das gleichzeitige Vornehmen zweier Beschäftigungen. 
Beliebt ist bespielsweise das Lernen, Lesen oder Erledigen sonstiger Arbeiten 
während der Defäkation. Wiederholt lernte ich Leute kennen, die um 
Zeit zu ersparen, Weste und Rock zusammen aus- beziehungsweise an- 
zogen, oder abends die Unterhose in der Hose stecken ließen, um am 
Morgen beide Kleidungsstücke mit einer Bewegung anziehen zu können. 
Beispiele dieser Art sind leicht zu vermehren." 1 

Ich möchte zunächst dieses typische Verhalten an Fällen aus eigener 
Beobachtung etwas ausführlicher darstellen. 

Ein zwangsneurotischer Patient (A.) — Techniker von Beruf — ist 
immer darauf bedacht, Zeit zu sparen. Er hat es stets eilig, lebt und 
arbeitet in ständiger Hetze. Hat er z. B. eine Zeichnung anzufertigen, 
dann „mechanisiert" er die Arbeit, indem er statt der sinngemäßen eine 
rein formale Anordnung trifft, also etwa alle gleichlaufenden Linien zu- 
sammensucht und in einem ausführt. Der kleine Zeitgewinn, den er so 
erzielt, befriedigt ihn sehr. Manchmal stellt es sich dann heraus, daß 
er ein wichtiges Detail vergessen hat, oder daß irgendwo ein grober Fehler 
sitzt, so daß er mit erheblichem Zeitverlust alles von vorne anfangen muß. 
Er gehört natürlich auch zu denjenigen, die bei den kleinen Geldausgaben 
sparen, zeitweise aber große Beträge loswerden müssen. 

Das überbetonte Interesse an der Zeit hat bei ihm frühzeitig eingesetzt. 
Schon in den Pubertätsjahren war es für ihn klar, daß er seine Zeit gut 
ausnützen müsse, wenn er alle die großen Pläne verwirklichen solle, die 
er voller Ehrgeiz gefaßt hat. Er maß sich die Zeit im wahren Sinne 
des Wortes aus, verteilte seine Arbeiten planmässig und genau auf die 
Stunden des Tages und las und lernte dann mit der Stoppuhr in der 
Hand, um sich zu kontrollieren und seine Leistung in einer Zeiteinheit 
festzustellen. Die Gewohnheit, zwei Beschäftigungen gleichzeitig vorzunehmen, 
besaß er natürlich auch, bei der Klavierübung z. B las oder lernte er 
und singt heute noch beim Zeichnen. 

Auch bei einem anderen Analysanden (Pat. B.) konnte ich Beginn und 
Wandlungen des überbetonten Zeiti nteresses verfolgen. Dieser führte bis 

a) Ergänzungen zur Lehre vom Analcharakter", Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse IX, 1925. S. 40. 

Imago XI. 



34 



Dr. J. Harnik 



in die späteren Pubertätsjahre hinein ein recht sorgloses Leben, begann 
sich dann, nach einem sexuellen Verdrängungsschub, für das höhere 
Studium vorzubereiten und wurde ganz durch das Ideal eines geistigen 
Berufes beseelt. Er studierte nun Tag und Nacht mit unerhörter Energie 
und nützte — von starker Wißbegierde erfüllt — jede Stunde, ja 
jede Minute zur Arbeit aus und war kaum zu bewegen, sich Zeit für die 
Mahlzeiten zu nehmen. Sein Vater zwang ihn aber, auf seine Pläne zu 
verzichten und in das väterliche Geschäft einzutreten. Da verwandelte sich 
seine Leidenschaft für Zeitausnützung allmählich in ein intensives Interesse 
für Geld und Geldverdienst. ' Doch reizte ihn beim Erwerb nicht die 
Menge des verdienten Geldes allein, sein Streben ging vielmehr dahin, 
durch überlegene Geschäftsführung aus seinen kaufmännischen Unter- 
nehmungen relativ hohe Gewinnste herauszuschlagen, höhere als die 
Konkurrenten, also ein ehrgeiziges Moment, wie es auch sein Wunsch nach 
geistiger Erhöhung war, der ihn beim Lernen anfeuerte. Diese Verknüpfung 
soll uns noch später beschäftigen. 

Zu tieferen Einsichten hat mich die Analyse eines weiteren Falles von 
Zwangsneurose (Pat. C.) geführt, in deren Symptomatik die Zeit, vor 
allem die Beschäftigung mit Zeitquantitäten, eine überragende Rolle 
spielte. Der Patient mußte für alle Arbeiten und Geschäfte des Tages die 
erforderliche Zeit auf Stunde und Minute genau berechnen, pünktliche 
Tagesordnungen festsetzen ; sein Beschäftigungsplan war auf Wochen im • 
vorhinein geregelt, wobei Termine selbstverständlich entscheidende Bedeutung 
hatten. Trotz dieser genauen Zeitberechnung litt er jedoch dauernd unter 
einem Mangel an Zeit, weil ihm seine schwere Arbeitshemmung emp- 
findliche Zeitverluste zugetragen hat. Wenn er so in einem gewissen Zeit- 
raum nur einen Bruchteil des vorgeschriebenen Pensums bewältigen konnte, 
berechnete er, daß die betreffende Leistung bei ihm x-mal so viel Zeit in 
Anspruch nehme als bei einem anderen und war verzweifelt, wie lange 
es noch dauern würde, bis er all die Aufgaben erfüllt, die ihm das Leben 
gestellt habe und noch stellen werde. 2 

Diese typischen Zustände eines Zwangskranken würden kein besonderes 
Interesse beanspruchen, wenn der Patient in seinen Nöten nicht Mittel 

i) Umgekehrt konnten wir bei dem ersten Patienten (A.) feststellen, daß dem Zeit- 
geiz der Pub ertäts jähre ein normales Geldinteresse in der Kindheit voranging. 

2) Daß er dieselbe Einstellung auch in die analytische Arbeit hineinbrachte, ist 
leicht zu erraten, ebenso, welche Widerstände sich daraus gegen die therapeutische 
Bemühung ergaben. 



Die triebhaft- affektiven Momente im Zeitgefühl 35 

und Wege gefunden hätte, den ihn quälenden Zeitmangel durch künst- 
liche Erzeugung und also beliebige Vermehrung von „Zeit" zu beheben. 
Die Bedeutung dieser Phantasien für unser Problem nötigt mich, etwas 
ausführlicher auf die Geschichte seiner Erkrankung einzugehen. 

In auffallendem Gegensatze zu seiner ewigen Befürchtung, Zeit zu ver- 
lieren und zu seinen Klagen über die infolge der neurotischen Hemmungen 
„verloren gegangene" Zeit, verhielt sich der Patient in seiner Neurose 
geradezu zeitlos. Seiner Befürchtung, nie „fertig zu werden, entsprach 
im Unbewußten die Tendenz, in der Kindheit zu verharren, sich nicht 
weiter zu entwickeln. Bewußterweise hielt er die Jahre vor seiner 1915 1 
ausgebrochenen Erkrankung für die glücklichste Zeit seines Lebens, und 
war an sie offenkundig mit seiner Sehnsucht fixiert. 2 Er verbrachte diese 
„glückliche Zeit" — etwa zwei Jahre vor dem Ausbruch des Weltkrieges — 
in einem Erziehungsheim, wo er sich eines abwechslungsreichen Zusammen- 
lebens mit anderen Kindern und geliebten Lehrern erfreuen durfte. Der 
Krieg hatte dann sein neues Heim zerstört, die meisten Kinder und Lehrer 
zerstreuten sich, und die Zurückgebliebenen waren der Angst vor Hunger, 
aber auch wirklichen Entbehrungen ausgesetzt. Im Jahre 1915 setzt dann 
die Erkrankung mit typischen Zwangssymptomen ein, die er als Reaktion 
auf Not und Versagung empfindet. 

Ehe wir in die Schilderung dieser Symptomatik eintreten, soll uns ein 
Blick auf seine Pubertät über die Momente aufklären, die bei dem schein- 
bar gesunden Knaben die Disposition zur neurotischen Erkrankung be- 
gründet haben. 

Im Alter von etwa elf Jahren wurde er von einem Dienstmädchen ver- 
führt, zu einer Zeit, wo sich die Genitalorganisation der Pubertät zu ent- 
falten begann. Er reagierte mit heftigen Schuldgefühlen, unterdrückte 
fortab seine genitalen Regungen und führte seine Libido einer über- 
wuchernden Phantasietätigkeit zu. Seine großartigen Phantasien verraten 
deutlich die Regression zur sadistisch-analen, beziehungsweise kannibalistischen 
Stufe. Er malte sich die Vorstellung aus, daß er ein großes Gebäude be- 
sitze, das er „die Hallen" nennt. Diese „Hallen beschreibt er wie eine 
auf Großbetrieb eingerichtete Fleisch- und Konservenfabrik, die aber als 

1) Die angegebenen Jahreszahlen ergeben nach Abzug der Jahrhunderte das un- 
gefähre Alter des Patienten. 

2) Vgl. dazu die ähnlichen Beobachtungen H oll 6s' an der paralytischen Demenz 
und anderen Geisteskrankheiten. (Ferenczi und Hol lös: „Zur Psychoanalyse der 

y paralytischen Geistesstörung." Hol lös: „Über das Zeitgefühl", Internationale Zeit« 
^ schrift für Psychoanalyse VIII, H. 4.) 

3* 



3 6 Dr. J. Härnik 



Rohmaterial Menschenfleisch verarbeitet. In diesen „Hallen herrscht er 
über Leben und Tod seiner „Kinderuntertanen". Da hangen die Leiber 
der getöteten Kinder wie die Fleischvorräte im Schlächterladen, gelangen 
dann in große Maschinen, wo sie zerschnitten werden usw. Der Transport 
wird mittels Preßluft durch Röhrenleitungen bewerkstelligt, — eine Vor- 
richtung, deren Einzelheiten bereits den späteren Techniker erkennen 
lassen. Später gab es, wie er berichtet, auch einen Abnehmer für die er- 
zeugten Eßwaren, einen Riesen, der sich in den unterirdischen Räumen 
der „Hallen" aufhielt und von den „Hallen" her versorgt wurde. Daneben 
produzierte er auch ganz roh gestaltete anale Phantasien von aufeinander 
defäzieren usw. 

Die Reschäftigung mit diesen Phantasien erstreckte sich mit manchen 
Unterbrechungen über die Jahre der Vorpubertät. Nach seiner manifesten 
Erkrankung tauchten sie in modifizierter Form wieder auf. Ihr Inhalt er- 
wies sich jetzt durch die Ereignisse des Weltkrieges beeinflußt und war 
durch die Vorstellung von Kämpfen, Verwundungen, Leichen usw. be- 
herrscht. Die Analyse konnte allerdings in dieser Wandlung auch das Resultat 
jener psychosexuellen Prozesse erblicken, die von den Anfängen der Pu- 
bertät zur neurotischen Erkrankung geführt haben. Diese Phantasien ge- 
statteten die Aufdeckung homosexueller Erlebnisse, die in der „glücklichen 
Zeit" vorgefallen waren, und hauptsächlich in mutueller Onanie bestanden. 
Sein „glücklicher" Aufenthalt im Erziehungsheim hatte also seine durch 
Regression zurückgeworfene Sexualstrebung auf die Höhe der Genitalität 
gehoben und ihr den Weg der onanistischen Betätigung gewiesen. Ein 
gegen diese Befriedigungsart gerichteter Abwehrkampf ging dann dem 
Ausbruch der Krankheit unmittelbar voran. Man sieht, wie die Erinnerung, 
seine Erkrankung sei als Reaktion auf den drohenden Hunger ausgebrochen, 
das ätiologisch entscheidende Moment der sexuellen Versagung in ent- 
sprechender Verkleidung festgehalten hat. Sein Kampf um die Unterdrückung 
der Masturbation setzte sich dann direkt in die ersten Krankheitserschei- 
nungen fort. 

Die Krankheit hob mit dem typischen Zwang zum Notieren an. Er 
begann ein Tagebuch zu führen, in das er alle wichtigen Ereignisse, 
seine Klagen usw. sorgfältig eingetragen hat. Insbesondere machte er 
detaillierte und genaue Aufzeichnungen über sämtliche von ihm genossene 
Mahlzeiten. Mit seiner Lebenslage unzufrieden, durch Hunger oder viel- 
mehr das Gespenst der Hungersnot gepeinigt, nahm er zu Phantasien Zuflucht, 
in denen ihm sein Allmachtsgefühl durch großartige Zaubermittel über 



, 



Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl 37 



all die Nöte der Zeit hinweghalf. Er hatte sich eine „Antworttafel" zu- 
recht gemacht, die ihm auf alle Fragen die Antwort gab, und die er 
später aus Gründen der „Bequemlichkeit" und „Einfachheit" mit einem 
Antwortring" vertauscht hat. Bedeutsamer für uns ist der „Verdoppelungs- 
stab", ein seltsames und wundertätiges Werkzeug, das er sich erdacht hat. 1 
Dieser war dazu bestimmt, der Gefahr der Hungersnot vorzubeugen und 
allmählich überhaupt sämtliche fehlende Gegenstände des täglichen Bedarfes 
herbeizuschaffen. 2 Er verdoppelte — und das Produkt weiter und wieder- 
holt verdoppelnd — verviel fachte er damit zunächst leere Dosen und 
Kästchen, wie Teebüchsen usw. Sehr bald füllte seine Phantasie diese Be- 
hälter mit allerlei Lebensmitteln, verdoppelte und vervielfachte den Inhalt 
mit, und sammelte so großartige Vorräte. 

Desselben Verdoppelungsstabes bediente er sich dann in späteren Jahren, als 
die Anforderungen des Lebens immer drückender, seine verfügbaren Kräfte 
immer unzureichender wurden, um sich durch das Vervielfachungsverfahren 
genügend viel Zeit herbei zu zaubern. Seitdem er mit etwa achtzehn Jahren 
das technische Studium aufnahm, empfand er dieses Bedürfnis — man 
könnte es „Zeithunger" nennen — dauernd; zugleich traten auch seine, 
auf die Zeit bezüglichen, typischen Charaktereigenschaften dominierend 
hervor. Er wurde anfänglich durch das Bedenken gestört, es gehe nicht 
an, abstrakte Dinge, wie z. B. seine Körperkraft, mit dem Stabe zu ver- 
doppeln. So empfand er auch ein Sträuben gegen die Vervielfachung der 
Zeit mit dem Stab; er ging zur Vorstellung über, daß er die Zeit für 
Geld kauft. Späterhin bequemte er sich doch dazu, die Zeit mit Hilfe 
des Verdoppelungsstabes zu vermehren; dann gab es Etappen, wo er all 
diese komplizierten Hilfsmittel durch einen Wunsch- und Bestellzettel er- 
setzt hatte. Allerdings mußte das „Bestellen von Zeit" selbst seiner völlig 
in Allmachtsphantasien befangenen Selbstkritik allzu primitiv und kindlich 
erscheinen. Später, während des technischen Studiums, gelang es ihm, eine 
zufriedenstellende „Vervollkommnung" seines Verfahrens der Zeitmehrung 
zu erreichen; dies ist in einem Stück systematisch ausgebauter Phantasie 
niedergelegt. Er besitzt nun abermals ein großes Gebäude, und zwar eine 

i) Die Penisbedeutung dieses Stabes ist offenkundig, seine Macht, alles zu ver- 
doppeln, rührt wohl von der Fähigkeit des Gliedes zur Erektion und Zeugung her. 

z) Ein „Besitzhunger" dominierte von nun an in seinem Seelenleben als Zeichen 
der Regression von der genitalen Objektliebe zur anal-sadistischen Organisations- 
stufe, für die nach Abraham charakteristisch ist, daß die Objektliebe durch ein 
„Habenwollen", „Besitzenwollen" ersetzt wird. Vgl. „Versuch einer Entwicklungs- 
geschichte der Libido". Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse Nr. II, 1924, S. 85. 



3» 



Dr. J. Härnik 



Maschinenhalle, in der er als Maschineningenieur nach Relieben schaltet 
und waltet. Diese Maschinenhalle ist eine offenkundige Neuauflage der 
„Hallen" aus der Vorpubertät. Er herrscht auch hier mit der Allmacht 
seiner Gedanken und Wünsche über die von ihm erdachte Welt. In der 
Maschinenhalle gibt es keinen Zeitmangel mehr: ein Handgriff an 
einer Schalttafel genügt, um „Zeit" in quantitativer Abstufung „einzu- 
schalten", d. h. um konkrete Zeitgrößen beliebig zu vervielfachen. Praktisch 
kam er mit einer Verzwölffachung aus, und glaubte diese Grenze nicht 
überschreiten zu sollen. Jetzt gab es für ihn endlich Zeit genug, er durfte 
sich von der Zeit unabhängig fühlen und erreichte so die Empfindung 
eines zeitlosen Daseins. Wir erinnern uns an den Eindruck der „Zeit* 
losigkeit , den sein neurotisches Gehaben auf den Analytiker ausgeübt hat. 
Das dargestellte Material fügt sich zwanglos in die Auffassung, daß sich 
beim Patienten „Hunger" nach dem „Eßbaren" in das Bedürfnis nach 
mehr, beliebig viel Zeit verwandelt hat, daß also „Nahrung" und „Zeit", 
des weiteren Geld und Kot für sein Unbewußtes dasselbe bedeuten 1 im 
Sinne der Gleichung: Eßbares = Zeit = Geld (Kot). Ich legte diese Ver- 
mutung dem Patienten vor und erhielt als erste Bestätigung die Erinnerung, 
daß es in den (früheren) „Hallen" auch Fässer gab, in denen Kinderleiber 
wie Heringe konserviert waren, und zwar in einer aus breiigen Fäkalien 3 
bestehenden Sauce. 



Ich breche hier die Wiedergabe des Krankenberichtes ab, um die Frage 
nach der unbewußten Gleichsetzung von Zeit und Kot näher ins Auge zu 
fassen. Die Beschreibung von Jones, daß sich die analen Strebungen „in- 
folge der ähnlichen Werteinschätzung" des Zeitbegriffes bemächtigen, kann 
uns nicht voll befriedigen. Vielmehr ist es wahrscheinlich, daß die Wert- 

1) Jones sagt hierüber, daß das natürlichste Kotsymbol das Essen ist, „da es 
denselben Stoff nur in einer früheren Erscheinungsform, darstellt" (op. cit. S. 80). 

2) Weiteres Material zur Skatophagie aus seiner Analyse: Kirschkerne im Kot erinnern 
daran, daß sie im Mund gewesen sind. Eine plötzlich auftauchende Imagination: eine 
Kotstange aufgehängt, in der Mitte mit einem Faden umwunden — so wie unlängst 
die Mutter eine Wurst aufbewahrt hatte. Übrigens ist für ihn nur die nicht homo- 
gene Kotmasse (einer Abortgrube z. B.) ekelhaft, eine homogene „schöne" Kotmassc 
aber ist es nicht. Aufschlußreich scheint mir sein Ekel vor gebackenem Fleisch, den 
er nur überwinden kann, wenn er die knusprige Rindenschicht abkratzt, entfernt. 
Die braungebackene Oberfläche erinnert ihn an Kot und Kotessen. Dieses bestätigt 
die Auffassung von A. Balint, daß die Zubereitung der Nahrung mit Feuer (nach 
primitiver Anschauung) die Speisen in Kot verwandelte, und daß im Essen von ge- 
kochten etc. Speisen das Kotessen seine Auferstehung feierte. (Siohe „Die mexikanische 
Kriegshieroglyphe", Imago IX, S. 425.) 



Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl 59 



Schätzung der Zeit eben aus der unbewußten Gleichsetzung mit Kot her- 
rührt, 1 und man also — ähnlich wie bei der Entstehung des Geldinteresses — 
die intimen, unbewußten Beziehungen zwischen Zeitvorstellung und Anal- 
erotik, aufzuklären hat. 

In der Tat scheint nun das zeitliche Moment bei der Analerotik 
eine überragende Rolle zu spielen, und zwar sowohl in der ursprünglichen 
analen Lustbestrebung des Kindes, wie in den entsprechenden Einschrän- 
kungen, die ihm die kulturelle Erziehung auferlegt. Diese letztere, die 
Reinlichkeitsgewöhnung, zeigt deutlich den Einfluß zeitlicher Bestimmungen 
über die anale Funktion. Sie geht ja darauf hinaus, den Zeitpunkt der 
Entleerung zu bestimmen. Das Kind lernt so eine erste Pflichterfüllung als 
Vorbild für alle späteren, zeitlich bestimmten Pflichten kennen. 3 Dem 
Herangewachsenen kann es dann zum Stolze werden, daß er seinen Stuhl- 
gang täglich zur selben Stunde, mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerks, 
verrichtet. Der zum Analcharakter gehörige Wesenszug der Pünktlichkeit 
leitet sich ja hievon ab. Diese Forderung der Erziehung stellt sich dem 
triebhaften Streben des Kindes entgegen, den Kot möglichst lange zurück- 
zuhalten, welchem Streben es unterworfen ist, da mit der Dauer der 
Zurückhaltung eine Steigerung der Lust verknüpft ist. Die Vermutung liegt 
nahe, daß sich das Kind dabei das erste Gefühl einer zeitlichen Dauer zu 
eigen macht und damit die ersten Ansätze der Fähigkeit erwirbt, Zeitdauer zu 
schätzen, beziehungsweise zu messen. Die Beschränkungen aber, die durch die 
Erziehung dem Kinde auferlegt werden, vermitteln allmählich Empfindungen 
und Begriffe von einer Abgrenzung, Einteilung des zeitlichen Verlaufes. 

Wir können in diesem Zusammenhange auch auf andere Körper- 
funktionen hinweisen, die von den Gesichtspunkten der zeitlichen Ein- 
teilung und der Zeitdauer beherrscht erscheinen. Vor allem auf gewisse 
Phänomene der genitalen Betätigung, die sich bei Durchsetzung des geni- 
talen Erregungsablaufes mit prägenitalen, analen, zum Teil sadistischen 
Tendenzen ergeben. Ich lasse aus diesen, meistens bekannten Erscheinungen 
eine kleine Auswahl folgen. 

Der gewohnheitsmäßige Onanist versucht fast regelmäßig, seine Betätigung 
zeitlichen Einschränkungen zu unterwerfen, sie nur in gewisser Häufigkeit, 

O Patient A. sagte mir einmal, solange man ihm eine tiefere Begründung für dieses 
Äquivalentverhältnis nicht geben kann, fühle er sich berechtigt, darin nichts als eine 
Redensart, oder im besten Falle rationalistisch ein Gleichnis für die Tatsache xu 
sehen, daß man durch die Ausnutzung der Zeit Geld verdienen kann. 

2 ) Vgl. Lou Andreas-Salome: „Anal" und „Sexual«, Imago IV, 1916. 



40 Dr. J. Harnik 



oder nur in bestimmten Zeitabständen auszuüben usw. Diese Bemühung 
ist, ebenso wie ihre hypochondrische Begründung, allgemein bekannt. Für 
das neurotische Interesse an der Dauer des onanistischen Aktes zunächst 
zwei Beispiele: 

Ein Patient (D.) weiß nichts von seiner infantilen Onanie, erinnert aber, 
daß er im Alter von ungefähr sieben bis neun Jahren die Gewohnheit 
hatte, im Klosett einen Psalm zu singen 1 

„Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen" — usw. 

Zu dieser durchsichtigen Deckerinnerung gesellt sich eine zweite, nicht 
minder deutliche aus der Phase der Pubertätsonanie. Er befand sich da 
im Unterdrückungskampf gegen die Onanie und wollte es nicht zum 
Samenerguß kommen lassen. Er nahm sich vor, die manuelle Reibung 
nur so lange fortzusetzen, bis er das Lied zu Ende gesungen hatte : 

„Komm, lieber Mai und mache 
Die Bäume wieder grün" usw. 

Natürlich konnte er der Erregung nicht widerstehen und mußte, seinem 
Vorsatze nur scheinbar genügend, das Lied immer wieder von Anfang an 
wiederholen, bis die Ejakulation eintrat. 

Bei einer Patientin (B.) dauert die Masturbation immer sehr lange, weil 
der Orgasmus sich nur mit Verzögerung einstellt. Sie empfindet dies als 
beunruhigende Abnormität und kontrolliert sehr besorgt die Dauer des Aktes 
an der Uhr. 

Analog beobachtet man bei gewissen Neurotikern, daß sie in der Aus- 
übung des geschlechtlichen Aktes eine zeitliche Ordnung herstellen, 
häufig mit hypochondrischer Begründung. Notorisch ist der Beischlaf am 
Sonnabend, der wie eine pflichtgemäße Entleerung erledigt wird. 

Manche Zwangsneurotiker haben die merkwürdige Neigung, die Dauer 
ihres Beischlafes festzustellen. Ein junger Mann (Patient F.) leidet an 
Ejaculatio praecox und ist ängstlich besorgt, ob der vorgenommene Ge- 
schlechtsakt lange genug dauert ; er zählt deshalb die Anzahl der Bewegungen, 
die er ausführt. 1 Einen ähnlichen Zählzwang zeigt Patient A., der seit 
Jahren an retardierter Ejakulation leidet. Es ist gewiß auf seine verdrängten 
feindseligen Impulse zu beziehen, daß er wiederholt mit Frauen zu tun 

1) Die erste Wandlung unter dem Einfluß der Analyse ist die Wandlung zur 
Ejaculatio retardata gewesen. Bei dem ersten solchen Koitus hat er zunächst auch 
gezählt : bis etwa zum fünfzigsten Stoß — dann horte er damit auf. 



Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl 4 1 



hatte, die im Geschlechtsakt „nur Schmerzen" empfinden. Er nimmt beim 
Verkehr „eine bequeme Lage" ein, um sich auf die verzögerte Dauer des 
Aktes einzurichten, und zählt so halbbewußt seine motorische Leistung bis 
er zum (ziemlich geringfügigen) Orgasmus gelangt. Die Analyse weist dann 
nach, daß er bereits in der Pubertätszeit bei der Onanie gezählt hat. 
Er wollte damals den Genuß verlängern und den Samenerguß hintan- 
halten, da er nach dem Orgasmus Ekel und Selbstvorwürfe empfand. Er 
zählte die manuellen Reizungen, die er an seinem Gliede ausgeführt hat, 
und hielt nach einer bestimmten Anzahl inne, um das wiederholte Ab- 
flauen der Erregung herbeizuführen, bis es schließlich zur Ejakulation kam. 
Die zurückhaltenden Tendenzen, die wir bei diesen Erscheinungen an- 
treffen, entsprechen der Verwendung analerotischer Triebkräfte, im Sinne 
der von Ferenczi entwickelten Auffassung. 1 Ihr eingehenderes Studium 
dürfte zum besseren Verständnis mancher bisher nicht gewürdigter 
Symptome der Zwangsneurose führen, während sie uns jetzt einen Einblick 
in die analerotischen Quellen gestatten, aus denen das Zeitgefühl einen 
Teil seiner Besetzungsenergien bezieht. 

Ich führe noch eine abschließende Beobachtung an, an der sich das 
Bestreben studieren läßt, eine Entleerung zurückzuhalten und die Zeit- 
dauer zu messen, während der die Zurückhaltung gelungen ist. Der eben 
erwähnte Patient A. hat die Gewohnheit, bei der Ausführung mathe- 
matischer Rechnungen nach erfolgter Inspiration seinen Atem zeitweilig 
zurückzuhalten, bis er z. B. eine bestimmte Formel, die eben an die Reihe 
kommt, niedergeschrieben hat. Wenn das geschehen ist, atmet er stöhnend 
aus. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß er sich damit während 
der Arbeit einen Lustgewinn verschafft, indem er die Situation bei der 
Defäkation nachahmt. Gelegentlich hat er die Zeit mit der Stoppuhr ge- 
messen, die er ohne zu atmen aushielt. Er tat dies (mit zwölf bis dreizehn 
Jahren) in einer Periode reger sportlicher Interessen, mit der bewußten 
Begründung, daß man diese Fähigkeit zum Schwimmen unter dem Wasser 
trainieren müsse. Hier fällt wieder die Verknüpfung des Zeitinteresses mit 
einer ehrgeizigen Regung auf, deren symbolischer Sinn übrigens offen- 
kundig ist. 

Der Eindruck, den diese und viele ähnliche Erfahrungstatsachen aus- 
üben, trägt viel zur Bekräftigung meiner oben entwickelten Ansicht bei. 
Man könnte demnach versuchen, zur Ontogenese des Geldinteresses, wie 



i) Vgl. „Versuch einer Genitaltheorie", S. 8 ff. 



4 2 



Dr. J. Harnik 



sie von Ferenczi skizziert wurde, eine Parallele zu konstruieren über die 
individuelle Entstehung der Zeitvorstellung. Wie etwa das Kind von der 
spielerischen Beschäftigung mit massigem Lehm oder Kot, dann mit viel- 
körnigem Sande zur Wertschätzung des einzelnen Steinstückes und darüber 
hinaus zur Bewertung des Geldstückes gelangt, so dürfte es auch von der 
Zeit zunächst die unbestimmte Empfindung von einer ausgedehnten, zu- 
sammenfließenden Masse haben, um allmählich die Vorstellung von zu- 
sammenhängenden, immer kompakteren Zeitmengen zu erwerben. Für diese 
Parallele spricht übrigens noch die Übereinstimmung der Zahlsysteme für 
Geld und Zeit bei manchen Völkern. 1 



II 

Unser bisheriges Resultat fordert zu einer kritischen Betrachtung heraus. 
Ich verdanke sie Dr. H. Sachs, der in der Diskussion meines Vortrages 
folgende Auffassung entwickelt hat: Zeit ist der Repräsentant der realen 
Notwendigkeit. Das Zeitgefühl ensteht, wenn die lustvolle, also „zeit- 
lose" Wunschlosigkeit des Säuglings durch die erste „Not", durch das 
Gefühl des Hungers unterbrochen wird. Das Hungerfühl setzt also in der 
kindlichen Psyche die ersten „Zeitengramme". 

Die Korrektheit dieser Deduktion ist unbestreitbar, sie scheint mir eine 
wertvolle Ergänzung zu meinen Ausführungen zu bilden. Sie läßt sich 
auch leicht mit empirischem Material belegen. Ich verweise auf den 
Patienten C, der die Zeit mit dem „Eßbaren" überhaupt 2 — und dieses 
allerdings mit Kot identifiziert. 

Ich kann von hier aus einen weiteren Schritt tun, indem ich von der 
Feststellung ausgehe, daß für das Kind der Vater als Repräsentant der 
Lebensnotwendigkeiten (als Anwalt des „Realitätsprinzips") erscheint. 5 Unter 
diesen Nötigungen, denen sich das Kind fügen muß, steht die Reinlich- 
keitserziehung voran. Sie erfolgt in letzter Linie unter dem Zwange des 
Vaters, des Vertreters und Vorbildes der sozialen Autorität innerhalb der 



1) Von den Schwierigkeiten der direkten Kinderbeobachtung in diesem Punkte 
gewinnt man ein Bild aus dem später zu besprechenden Kongreüvortrug (1922) von 
S. Spielrein. 

2) Es wäre nicht unangebracht, ihn als „Zeitfresser" zu bezeichnen. Bei manchen 
sportlichen Betätigungen ist er auch ein typischer „Kilometerfresser". 

3) Vgl. jetzt Freud: „Neurose und Psychose" und „Das ökonomische Problem des 
Masochismus". Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse X, 19241 Heft 1 und 2. 
(Ges. Schriften, Bd. V). 






Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl 45 



Familie. Wir können dann diese Auffassung mit der Einsicht von van 
Ophuijsen 1 und Stärcke 2 über die anale Quelle des Verfolgungswahns 
verknüpfen. Die beiden Autoren haben bekanntlich den Nachweis erbracht, 
daß im Unbewußten das Scybalon mit dem Penis des „Verfolgers" (d. h. \ 
der ursprünglich geliebten Person) identifiziert wird. Die Kotsäule vertritt 
also in letzter Linie den Vater und drängt physiologisch ebenso zur 
Entleerung, wie der letztere, oder die ihn vertretende Autorität sozial. 3 
Daher ist die, dem Kot gleichgesetzte „Zeit" mit dem Vater identisch, 
dem Vertreter der Lebensnot. Er ist es, der dem Knaben die Mutter vorenthält 
und ihm die sexuelle Entbehrung auferlegt (Ödipus-Komplex), so wie er 
für die rückwärtsschauende Phantasie des Kindes ihm auch den Verzicht 
auf die Mutterbrust („den Hunger") aufgezwungen hat. 

Dieser Gesichtspunkt kann uns dazu verhelfen, ein früher zurückge- 
stelltes Problem zu lösen. Es ist uns aufgefallen, daß das Zeitinteresse 
unserer Patienten bewußt meistens im Dienste höherer Strebungen steht, 
die auf Pflichterfüllung und nützliche Verwertung der Zeit abzielen. 
Daher fühlen sich solche Personen stets von der „Zeit" bedrängt, und 
verstricken sich unaufhörlich in Termine und Fristen. Diese höheren 
Strebungen gehen vom Ich-Ideal, oder Über-Ich (Freud) aus und entspringen 
im wesentlichen der Identifizierung mit dem Vatervorbild. Die „drängende" 
Zeit erweist sich also — über die assoziative Brücke der bedrängenden 
Kotsäule hin — als ein Stück des Ich-Ideals. Es scheint mir die Annahme 
berechtigt, daß das Über-Ich den zwangsartigen Charakter des gebieterischen 
Sollens* auch aus dieser analen, also einer erotischen Quelle bezieht. 
So befremdend auch diese Ableitung anmutet, sie fußt auf der Grundlage 
bekannter analytischer Auffassungen. Ich darf dazu auch die Bemerkung 
Freuds anführen : „Was im einze lnen Seelenleben dem Tiefsten angehört 

1) „Über die Quelle der Empfindung des Verfolgtwerdens". Internationale Zeit- 
schrift für Psychoanalyse VI, 1920, S. 68 f. 

2 ) „Die Umkehrung des Libidovorzeichens beim Verfolgungswahn , ibid. V, 1919, 

**) Siehe hiezu dieBemerkung vonAbraham: Derartige (eigenwillige) Kinder lehnen 
sich Übrigens in gleicherweise wie gegen das „Sollen" (die befohlene Entleerung) auch 
gegen das „Müssen" (Ausdruck der Kindersprache für Stuhldrang) auf. Op. cit. S. 53. 

4) VfL Freud: „Das Ich und das Es" (Ges. Schriften, Bd. VI, S. 400). Die für die 
Zwangsneurose charakteristische Reaktionsbildung des Ich, die gesteigerte Gewissen- 
haftigkeit, ist ebenfalls aus dieser — der Regression zur analsadistischen Stufe ent- 
sprechenden — Beziehung abzuleiten. Ich vermute ferner, daß die von Freud in 
einem Fall mit Vorteil geübte Technik, die genügend lange fortgesetzte Behandlung 
einer Zwangsneurose durch Terminsetzung zu beenden, in diesem Zusammenhang 
ihre tiefste Wurzel hat. 



44 



Dr. J. Harnik 



hat, wird durch die Idealbildung zum Höchsten der Menschenseele im 
Sinne unserer Wertungen" (loc. cit. S. 381). 

Die Beziehungen zwischen Zeitvorstellung und Idealerfüllung sind aber 
noch um ein Stück verwickelter. Bei den Patienten, die schon Abraham 
so geschildert hat, daß sie nur für die Arbeit leben, Untätigkeit und 
Vergnügungen hassen, stellt sich beim näheren Eingehen heraus, daß in 
ihnen ein stetiger Ambivalenzkonflikt tobt, ein Schwanken zwischen Pflicht 
und Genuß. Während sie bewußt die Pflichterfüllung über alles stellen, 
sehnen sie unbewußt die verbotene (oder verachtete) Sexualbefriedigung 
herbei. Wenn der Patient C, obwohl stets auf Zeitersparnis bedacht, bei 
dem Zeichnen große Pausen hält, um sich dem Grübeln hinzugeben, „verliert" 
er diese Zeit an eine direkte Befriedigung im Symptom.' Auch sonst gibt 
es ein Sparen mit der Zeit zur Erreichung libidinöser Befriedigung. Hierher 
gehört das ängstliche Rechnen mit den Schlafstunden, eine nicht 
allzu seltene Erscheinung, für die ich ein von Abraham stammendes, 
hübsches Beispiel anführen will: Ein Patient, von einer Prostituierten 
aufgefordert, mitzukommen, erwiderte, er müsse mit Geld und Schlafzeit 

haushalten. 

Die „Zeit" scheint also eine Pflicht- (Unlust) scitc und eine Lustseite 
zu haben. Es ist leicht zu erkennen, daß beide Qualitäten von der Gleich- 
setzung mit Kot herrühren, einerseits der lustvollen Tendenz zur Zurück- 
haltung, anderseits dem unlustvollen Drängen, beziehungsweise der Ent- 
leerungspflicht entsprechen. Wir verstehen dies besser, wenn wir auf die 
physiologische Vorstufe des Kotes, das Essen, zurückgreifen, in ultima analysi 
auf die Ernährung an der Mutterbrust. Das Saugen an der Brust ist reine 
Lust, die Entbehrung auf dieser Stufe reine Unlust — der Hunger setzt 
die ersten „Zeitgefühle". In der Analerotik treten die beiden Krregungs- 
arten zu einer Mischung zusammen : die Kotsäule verursacht Lust und 
Unlust zugleich. Daher hat die Zeitvorstellung Besetzungen beider Quali- 
täten erhalten. Vielleicht ist es so, daß das Kind die lustspendenden 
Wirkungen auch auf dieser Stufe der „Mutter" zuschreibt, während es den 
schmerzverursachenden Bedränger mit dem „Vater" identifiziert. 

Ich verfüge jedenfalls über eine Beobachtung, die wie eine Illustration 
dieser Auffassung aussieht. Der schon öfters erwähnte Patient C. ist in 
seiner Kindheit nie zur regelmäßigen Stuhlentleerung angehalten worden, 

j) Tatsächlich hat bei ihm die Analyse in dieser Hinsicht die Wandlung ge- 
schaffen, daß er nunmehr über die durch die Neurose verlorene Zeit klagt, welche 
durch die Freuden der Jugendjahre hätte ausgefüllt sein sollen. 



Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl 45 



da seine Mutter die Ansicht vertrat, den Kindern müsse man in jeder 
Beziehung Freiheit gewähren. Sie begünstigte also die (ursprüngliche) Lust- 
tendenz des Kindes. Heute, da in seinem Seelenleben zwangsneurotische 
Reaktionsbildungen vorherrschen, gilt, sie ihm dafür als unordentlich und 
schmutzig. Dagegen hält er den Vater für einen ordentlichen, pilicht- . 

bewußten Menschen. 1 

* 

Die Entstehung des Zeitgefühls auf der oralen Stufe der Libidoent- 
wicklung gestattet nun, wenn wir die Bildung des Ich-Ideals durch Intro- 
jektion (Freud) berücksichtigen, die zusammenfassende Formulierung: 
Die „Zeit" ist im Unbewußten der introjizierte, d. h. der verschlungene 
und dann zum Kote gewordene Vater. 2 

Ich möchte an dieser Stelle der fruchtbaren und aussichtsreichen 
Forschungen Röheims* gedenken, deren Resultate mich in der Über- 
zeugung von der Richtigkeit der hier entwickelten Anschauung weitgehend 
bekräftigen. Aus seinen, an Freuds Hypothese von der Urhorde an- 
schließenden Gedankengängen möge das für uns Wichtige in Kurze wieder- 
gegeben werden. Nach der Urtat hatten die Mitglieder der Bruderhorde 
sich mit dem toten Urvater identifiziert. Sie erwarben ein Ich-Ideal, indem 
sie ihn gefressen, d. h. introjiziert hatten. Dieser Vorgang hatte eine Reihe 
entscheidender psychischer Veränderungen zur Folge, die der Entwicklung 
zur menschlichen Gesellschaft den Anstoß gaben. Ebenso bedeutsame 
Wirkungen sind von dem Kote ausgegangen, zu dem sich der gegessene 
Vater in ihrem Innern verwandelt hat, beziehungsweise von der Entleerung 
dieses Körperproduktes. Die materielle und speziell die wirtschaftliche 
Kultur hat von diesen Vorgängen ihren Ausgang genommen. 

Die Ausführungen R6heims gestatten uns, die klinisch-analytische 
Auffassung der Zeitvorstellung mit einer Spekulation zu ergänzen, die uns 
di e Entwicklung derselben in der fernen Vergangenheit naher bringen 
O Dieser denkt auch über die Anforderungen der Reinlichkeit anders, wie folgende 
Kindhri serinnerung beweist. Einmal wollte ihm, wie auch sonst oft, der Vater etwas 
nETsSS* wurde der Knabe durch Stuhldrang gestört, und mußte S1 ch zurück- 
gehen. Da bemerkte der Vater, daß ein ordentlicher Mensch dxes nur einmal am 
Tacrp und zwar zur selben Stunde, tut. 
*Z) ,,Das Ich und das Es«, Ges. Schriften, Bd. VI, S. 575- - Vgl. auch Abraham, 

*£mE!£2 Tode des Urvaters«, Image IX, Heft ,, tmd Heiliges Geld in Mela- 
nesien«, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse IX, Heft 3, ferner ein Vortrags- 
zyklus in der Berliner Psychonalytischen Veremigung 1922. 



46 Dr. J. Harnik 



soll. Aus der kulturgeschichtlichen Perspektive gesehen, kann es dann 
heißen: Zeit ist ein psychischer Abkömmling des aufgefressenen 
und zum Kote gewordenen Urvaters. Für diese Betrachtungsweise 
lassen sich einige Anhaltspunkte avs der Völkerpsychologie heranziehen. 
Wenn wir im Sprachgebrauch den Ausdruck finden: „Die Zeit totschlagen", 
was wie ein „sadistischer" Beitrag zum Zeitgefühl anmutet, so ist es jetzt 
naheliegend, darin eine Spur der zur Wiederholung drängenden Urtat zu 
sehen. Aus derselben unbewußten Sphäre sind wohl Ausdrücke wie „Zeit- 
vertreib , die „Zeit vertreiben" geschöpft. Schon griechische Schriftsteller 
des Altertums reden, wie wir, vom „Zahn der Zeit", offenbar infolge der 
naheliegenden Gleichsetzung von Chronos mit Kronos, der die eigenen 
Kinder verschlungen hat und dann von Zeus entmannt und gestürzt 
wurde. Die philologische Forschung erkannte neuerdings diese Gleich- 
setzung als eine an die Lautähnlichkeit anknüpfende Spekulation der Spät- 
zeit und hat sie, hauptsächlich aus sprachlichen Gründen, verworfen. 1 Trotz- 
dem nimmt noch Waser für die Allegorie Partei, indem er meint, daß 
„der Mythos vom Verschlingen der eigenen Kinder nicht schlecht paßt auf 
die schaffende und wieder zerstörende Zeit". Ohne in diese Streitgkeit ein- 
zugreifen, bemerken wir jedenfalls, daß diese Gleichsetzung, gleichwie ihre 
offenkundige Bedeutsamkeit für das Denken der ausgehenden Antike, ihrer 
guten, unbewußten Grundlage nicht entbehrt. 2 



Unsere Zeitvorstellung läßt noch vielfache Spuren ihrer Genese er- 
kennen. Sie scheint im Sinne unsererer prähistorischen Spekulation in 
Vergangenheitsbeziehungen zu wurzeln und tritt als Repräsentant von Ver- 
gangenem ins Bewußtsein. Nach Spielreins 3 begrifflicher Unterscheidung 

i) Die Angaben zu diesem Thema auf Grund folgender Darstellungen: Roschers 
„Lexikon der Griechischen und Römischen Mythologie", Artikel Kronos von Mayer. 
Pauly-Wissowa: Realenzyklopädie der klassischen Altertumwissenschaft", Artikel 
Chronos von Waser und Artikel Kronos von Pohlenz. 

2) Ein Abkömmling dieser mythologischen Vorstellungen ist eine allegorische 
Darstellung aus der Schule von Rubens. Sie hat den Titel: „Die Zeit entführt die 
Wahrheit" und stellt die Zeit als bärtigen alten Mann dar, mit Flügeln auf dem 
Rücken und der Sense auf der Schulter, die sonst zu den Requisiten des Todes 
gehört. — Das Gegenstück dazu findet sich in der Mithrastheologie, für welche es 
eine Urpotenz gibt, die unendliche Zeit (Zroan akarana), die mit Kronos gleich- 
gesetzt und als löwenköpfiges Ungehe\ier mit Menschengestalt dargestellt wird. Die 
„totemistische" Herkunft dieser Verbildlichung darf wohl angenommen werden. 

3) » Die Zeit im unterschwelligen Seelenleben", Imago IX, H. 5. 



Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl 47 



können wir die Richtung der Vergangenheit als das Entscheidende für 
die Erwerbung der Zeitvorstellung hervorheben. Beachtenswert sind in 
diesem Zusammenhange gewisse Volksbräuche, die Rohe im 1 analytisch 
untersucht hat. Den verbreiteten Aberglauben, Gegenstände in magischer 
Absicht hinter den Rücken zu werfen, klärte er durch die Annahme 
auf, daß derselbe, ähnlich wie es auch in Träumen, Riten usw. der Fall 
ist, die Zeitlichkeit mittels des Räumlichen darstellt. 2 

„Was hinter uns ist, das ist vergangen, das ist Vergangenheit. Die 
Krankheit hört auf, ist vergangen, wenn man sie [in geeigneter Ver- 
körperlichung] nach hinten wirft. Mit zurückgeworfenen Steinen richtet 
der vom Begräbnis nach Hause kehrende Mann des Volkes eine Schranke 
auf zwischen dem lebendigen Leben und den eigenen, den Toten be- 
treffenden Vorstellungen [der Seele des Toten]" (loc. cit. S. 254). 

Zu dieser gewiß zutreffenden Deutung Röheims ist noch zu bemerken, 
worauf er übrigens nebenbei hinwies, daß die angeführten magischen 
Handlungen offenbar die Defäkation symbolisieren, die nach hinten ge- 
worfenen Gegenstände also als Kot aufzufassen sind. Wir finden demnach 
eine gemeinsame Symbolik für Kot und das Vergangene, die Vergangenheit, 
in guter Übereinstimmung mit unseren Erörterungen. 

Der Werdegang der Vorstellung „Vergangenheit" beim Kinde wurde 
bereits von Spielrein analytisch untersucht: „Das Kind kennt zuerst bloß 1 
Gegenwart und unmittelbare Zukunft, die es wahrscheinlich bloß durch 
die Dauer voneinander trennt! Es ist ein Dasein. Mit der Zeit entwickelt 
sich die Vorstellung des Nichtdaseins. Dieses Nichtdasein wird zuerst 
durchaus räumlich gedacht, weit, weit weg, fort. In der Vorstellung des 
Nichtdaseins liegt der Keim für den späteren Vergangenheitsbegriff. 3 Noch 
vorher, mit anderen Worten: Die Idee der Vergangenheit durfte das Kind 
durch die Feststellung des Verschwindens gewinnen.* Nehmen wir 
hinzu, daß nach den neuesten Forschungen von Abraham* (auf der von 

x) „Adalekok a magyar nephithez« II („Beiträge zum ungarischen Volksglauben"). 

Budapest 1920. • . 

/Vgl hiezu Eisler: „Das .Zeitliche Geschehen' wird im Traume durch ein 
Räumliches dargestellt.« Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse V, 1919, S. 298. 
Ferner: Spielrein, a. a. O. S. 516. ,,.._. , •. 

*) Dementsprechend ist „die Vergangenheit imTraume kerne richtige Vergangenheit, 
sondern ein Nichtdasein, respektive ein Nichtmehrdasein« (a. a. O. S. 316). 

4 ) Die von Freud erwähnten Träume von Abreisen als Todesdarstellung: Dar- 
stellung des Zeitlichen mittels des Räumlichen (Spielrein, S. 505). 

5) Siehe „Entwicklungsgeschichte der Libido", insbesondere S. 15 ff. u. 86 f. 



Dr. J. Harnik 



ihm unterschiedenen frühen anal-sadistischen Organisationsstufe der Libido) 
die Ausstoßung des Kotes mit dem Verlust, dem Verschwinden, beziehungs- 
weise mit der Vernichtung, dem Tod des Objekts gleichbedeutend ist, und 
die Stuhlentleerung als das Prototyp jeder späteren Vorstellung vom Verlust, 
beziehungsweise vom Verschwinden eines Objektes erscheint, so gelangen 
wir wieder zu einer sehr beachtenswerten Übereinstimmung. Die hier 
diskutierten Gesichtspunkte lassen sich in einer graphischen Darstellung 
veranschaulichen : 



verloren- 
Kot (Objekt) 



-verschwunden- 

t 



-Nichtdasein, 

►-Vergangenheit 



hinten „weg 



„weit weg , „ 



fort"- 



-vergangen 



Das bisherige Resultat meiner Untersuchung ist auch im besten Ein- 
klang mit der Auffassung, die S. Rado' über die Genese der menschlichen 
Abstraktion entwickelt hat. Rad6 stellt nach eingehender Untersuchung 
der Kausalitätsidee, in der sich nach seiner Hinsicht in letzter Instanz der 
„übermächtige Wille des Urvaters" verewigt hat, die verallgemeinernde 

Behauptung auf: 

„Die wissenschaftliche Begriffs- und Theorienbildung hebt sich ganz all- 
gemein mit individual- und massenpsychologischen Selbstwahrnehmungen 
an, die animistisch in die Außenwelt verlegt sind." Ich erblicke in den 
Ergebnissen meiner Abhandlung eine weitere Bestätigung dieser Auffassung, 
die mir um so bedeutender erscheint, da meine Untersuchung des Zeit- 
problems auf ganz anderen Wegen wandelt, als die der Psychologie der 
Forschung gewidmete Studie von Rado. 

In diesem Zusammenhange möchte ich ferner meine Ergebnisse den 
Äußerungen Freuds zum Zeitproblem 2 gegenüberstellen. Freud vermutete 
zuerst, daß die mit der Ausbildung des Ich-Ideals verknüpfte Entwicklung 
und Erstarkung der beobachtenden Instanz, das für unbewußte Vor- 

1) „Die Wege der Naturforschung im Lichte der Psychoanalyse", Imago VIII, S. 412. 

2) Möllns hat dieselben unlängst übersichtlich zusainmcngefuLit. Im Sinne der 
von ihm vorgenommenen Klärung der Begriffe verstehe ich unter Zeitgefühl „jene 
unbewußte Grundlage, vermittels welcher ein zeitliches Krfnssen oder dns Erfassen 
der Veränderungen in Zeitlichkeit überhaupt ermöglicht wird." „Über das Zeitgefühl", 
Internationale Zeitschrift für Psychoanalye VIII, S, 425. 



Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl 49 



gange nicht geltende Zeitmoment in sich faßt. Später korrigierte er diese 
Annahme und wies die Herstellung der zeitlichen Anordnung in den 
seelischen Vorgängen sowohl wie die Funktion der Realitätsprüfung dem 
Ich zu. 1 Es ist aus unseren Erörterungen leicht zu verstehen, daß Freud 
das Zeitmoment zunächst mit auf das Ichideal bezogen hat. Er dürfte 
dabei vom unbewußten Wissen geleitet worden sein, für welches ja Zeit 
und Über-Ich zusammenfallen. Es schiene mir vorzeitig, meine Zurück- 
führung des Zeitgefühls auf die lebenswichtigen Ernährungsvorgänge des 
Körpers mit der metapsychologischen Stellungnahme Freuds entscheidend 
zu verknüpfen, wir sind dazu über den Aufbau des Ich, das ja „ein be- 
sonders differenzierter Anteil des Es ist", noch viel zu wenig unterrichtet. 
Wir müsssen uns hier mit der unbestimmt gelassenen Andeutung von 
Freud begnügen: „Mit Hilfe des Über-Ichs schöpft es [das Ich] in einer 
für uns noch dunklen Weise aus der im Es angehäuften Erfahrungen der 
Vorzeit" (a. a. O. S. 40t). 2 



III 



Ich schließe hier — mir wohl bewußt, daß es sich nur um einen 
Versuch handeln kann — eine Untersuchung über die Anfänge der Zeit- 
messung und die ersten Zeitmeßinstrumente an. 

Nach den Angaben der Autoren 3 läßt sich die zeitliche Folge der ver- 
schiedenen Zeitmesser im Altertum nicht mit Sicherheit feststellen. Ich 
greife also zuerst die Sanduhr heraus, die als Eieruhr noch heute benützt 



1) Das Ich und das Es (Ges. Schriften, Bd. VI, S. 572 und 401). 

2) Nachtrag bei der Korrektur. In seiner jüngst erschienenen „Notiz über den 
Wunderblock" (Ges. Schriften, Bd. VI) entwickelt Freud d.e Auffassung, daß der 
Zeitvorstellung „die periodische Besetzungsinnervation« des Wahrnehmungssystems 
zugrunde liegt. Diese Einsicht erfaßt sicherlich den letzten physiologxschen Kern 
des Zeitgefühls, sowie der darauf gegründeten Zeitvorstellung. Der Hinweis auf die 
solare Periodizität (Hollös) hebt dann den paläobiologischen Ursprung derselben 
hervor, während unsere Erörterungen sich an die mannigfachen Verarbeitungen und 
Gestaltungen wenden, die das Zeitmoment in der psychosexuellen Entwicklung 
der Menschheit (und des Einzelnen) erfahren hat. 

3) Die Kenntnis der einschlägigen Literatur verdanke ich Herrn Dr. Lampl, der 
mir Auszüge aus folgenden Werken freundlichst zur Verfügung gestellt hat: Bilfinger, 
Die antiken Stunden angaben, Stuttgart, 1888. Saunier, Geschichte der Zeitmeßkunst, 
deutsch von Speckhart, Bautzen, 1912 — 1914. Berthon, Histoire de la Mesure 
du temps, 1862. Kindler, Die Uhren. Ein Abriß der Geschichte der Zeitmessung, 
Einsiedeln, 1905. 

Imago XI. 



C.O 



Dr. J. Hdrnik 



wird und allgemein bekannt ist.' Es ist ganz offenkundig, daß diese 
Vorrichtung dem Defäkationsvorgang nachgebildet ist, daß der gelbbraune 
Sand dem Kot, der trichterförmige Behälter dem Darm, die Öffnung dem 
After entspricht. Besonderes Interesse verdient, daß die Sanduhr den Zeit- 
raum mißt, den die Entleerung des Sandes beansprucht, während bei der 
zum Vorbild genommenen Körperfunktion die Zeitdauer der Zurückhaltung 
von Bedeutung ist. Über diesen Unterschied wird uns die Würdigung 
einer anderen Gruppe von Zeitmessern aufklären. 

Die Wasseruhren sind nach allgemeiner Ansicht älter als die Sand- 
uhren und waren jedenfalls schon Jahrhunderte vor Christus im Gebrauch. 
So diente z. B. in den attischen Gerichtssälen die Klepsydra (das Abfließen 
einer bestimmten Wassermenge) zur Messung der dem liedner einge- 
räumten Zeit. Auf diese Einrichtung deuten die lateinischen Redensarten: 
„Aquam sustinere" , „Hie haeret Aqua" , „Aqua mihi haerrt" , „Aquam perdere" 
(= „in den Tag hineinreden", nach Findler, a. a. O.), so wie unsere 
heutigen Ausdrucke: „Redefluß", „Logorrhoe" usw., die das Sprechen mit 
dem Fließen des Wassers, also mit der Harnentleerung vergleichen. 1 Die 
Wasseruhren beruhen, wie ich gleich vorwegnehme, auf der Nachbildung 
dieses Vorganges. Horapollo berichtet von den alten Ägyptern: „Die 
Ägypter versinnbildlichen die Tag- und Nachtgleichen dadurch, daß sie 
einen Affen sitzend darstellen, der am Tage der Tag- und Nachtgleiche 
zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang zwölfmal das Wasser ausließ; 
dadurch wurde der Tag in zwölf Stunden geteilt." Nach einer mythischen 
Überlieferung soll die Entdeckung der Wasseruhr aus einer Beobachtung 
Hermes, des ägyptischen Merkurs mit dem Ibiskopf hervorgegangen sein. 
Hermes soll bemerkt haben, daß ein Affe, der dem Serapis geweiht 
war (Kynoskephalosaffe), zvvölfmal täglich und ebensooft nachts in gleichen 
Zeiträumen sein Wasser ließ. 3 

Bei der Wasseruhr wurde sowohl die Dauer der Flüssigkeitsentleerung, 
wie auch der Abstand der einzelnen Perioden zur Zeitmessung verwendet. 
Ich schließe hier zur Parallele einige Beobachtungen an Zwangskranken 
an, die die Harnentleerung zu solcher archaischen Zeitmessung verwenden. 



1) An dieser Stelle sei erwähnt, daß die seit dem Mittelalter aufgekommene 
allegorische Darstellung des Todes mit der Sanduhr als Attribut unsere unbewußte 
Vorstellung von der Zeit symbolisiert. 

2) Vgl. Ferenczi, Versuch einer Genitaltheorie, S. 12. 

3) Nach Saunier, a. a. O. Derselbe beliebt sich darauf, daß in einigen orien- 
talischen Sprachen das Wort „Zeit" = „Affe" ist. 



Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl 51 



Ein Analysand (G.) hatte in der späteren Kindheit die Gewohnheit, bei 
der Miktion zu zählen, um ihre Dauer festzustellen. Er zählte — offenbar 
zwangsmäßig — gesondert, während der Harn in einem Strahl spritzte 
und gesondert für die Zeit des Tröpfeins — und hat dabei Höchst- 
leistungen nach oben und nach unten als „Rekord" gewürdigt. 

Ähnliches ist beim Patienten C. der Fall, der in Anwesenheit anderer 
überhaupt nicht, oder nur nach Überwindung von Hemmungen urinieren 
kann. Bei seinen Bemühungen unterliegt er dem Zwange zu zählen und 
mißt so die Zeit bis der Urinstrahl einsetzt. 

In beiden Fällen handelt es sich um die unbewußte Berechnung der 
Mengen des entleerten, beziehungsweise des zurückgehaltenen Exkrets. 
Jedenfalls kommt in dieser pathologischen Verzerrung das selbstverständliche 
Prinzip der Zeitmessung zur Geltung, die Anwendung der Zahlvor- 
stellungen auf den zeitlichen Ablauf der Vorgänge. Eine ergänzende Mit- 
teilung des Patienten C. wirft übrigens auf diese Verhältnisse ein weiteres 
Licht. Derselbe überwindet gelegentlich seine Hemmung, wenn er mit 
Urinieren bis zu einem gewissen Zeitpunkt fertig werden muß ; z. B. im 
Bahnhof, unmittelbar vor Abgang seines Zuges. Wir sehen, seine Urethral- 
funktion verhält sich so, wie sonst die anale, und sein Zählzwang erweist 
sich in der Tat als eine Verschiebung des kindlichen Interesses an der 
Stuhlverhaltung auf das Urinieren. Wir haben es also mit einem Über- 
greifen sehr starker anal-zurückhaltender Tendenzen auf die Blasenfunktion 
zu tun, mit einer Amphimixis (der Erotismen) im Sinne von Ferenczi. 1 
Dieser Mischung der beiden Tendenzen entspricht psychisch (unbewußt) 
die Gleichsetzung des Harns mit dem Kot, der Urinstockung mit der 
Stuhlverhaltung, der Miktion mit der Stuhlentleerung. In dieser Beleuch- 
tung erscheint auch für das Zählen des ersten Analysanden (G.) beim Ab- 
fließen des Harns die Gleichung Urin = Kot als der entscheidende Faktor. 
Die Wasseruhr ist demnach die menschliche Erfindung, bei der diese 
libidinösen Interessen auf das Niveau der Sublimierung gehoben sind. Die 
Umkehrung aber, die bei der Sanduhr unsere Aufmerksamkeit auf sich 
zog, entpuppt sich als eine scheinbare: sie beruht auf den eben aufge- 
zeigten Beziehungen zwischen den beiden Au sscheidungsfunktionen. 2 Die 

1) Siehe Versuch einer Genitaltheorie, S. 7 ff. 

2) Ich hatte in einer Analyse Gelegenheit, von dem Erfinder eines modernen 
technischen Instrumentes, das mit unter hohem Druck stehendem Wasser arbeitet, 
Hergang und unbewußte Wurzeln seiner Konstruktion zu erfahren. Die Dauer des 
Wasserdrucks zu messen, ist die wesentliche Leistung des Apparates. Die Analyse 
zeigte, daß die sich in seiner Tätigkeit abspielenden Vorgänge ein getreues Spiegel- 

4* 



5 2 Dr. J. Hdrnik 



i 



Sanduhr — geschichtlich wahrscheinlich jüngeren Ursprungs, als die 
Wasseruhren — beruht auf demselben Messungsprinzip, als die letzteren. 
Uer aus der Sanduhr rinnende Sand, gleichwie das aus der Klepsydra 
fließende Wasser repräsentieren und messen „die fließende Zeit . 



Wir haben uns noch mit der Sonnenuhr zu beschäftigen. Ihre Er- 
findung läßt sich nicht historisch fixieren ; sie wird vielfach in die ältesten 
Zeiten verlegt. Wie dem auch sein mag, Saunier wird sicher recht 
behalten, wenn er sagt: „Die Zeitmaße, die durch die scheinbare Bewegung 
der Sonne entstehen, erregten schon früh die Aufmerksamkeit der Erden- 
bewohner" (a. a. O. S. 122). Sicherlich war auch die früheste Methode 
der Zeitbestimmung auf die Sonnenbewegung gegründet. In den ältesten 
Zeiten benützte man dazu senkrecht aufgestellte Stäbe oder Säulen, sogenannte 
Gnomone, deren Schattenlänge oder Richtung die Tageszeit angab. Aus 
diesen Sonnenzeigern (Sonnenweisern, Stundensteinen) entstanden dann die 
Sonnenuhren, die wesentlich genauere Zeitbestimmungen ermöglichten. 

Der Psychoanalytiker wird seinen Blick von all diesen Angaben weg 
auf die Bedeutsamkeit der Sonnenbeziehung für diese menschliche Kunst 
richten. Er kennt die tiefe Symbolik Sonne = Vater und wird sich sagen, 
daß sie den schönsten und zugleich handgreiflichsten Beweis für die un- 
bewußte Vaterbedeutung der Zeit abgibt. Er wird weiter für die auch 
zeitlich später erfundenen Wasser- und Sanduhren folgern, daß sie gleichsam 
auf „regressivem" Wege entstanden sind und diesen Gesichtspunkt vielleicht 
auch für die mechanische Uhr der Neuzeit geltend machen. ' 



bild der Spannungserscheinungen abgeben, die bei der willkürlichen Zurückhaltung 
der Harnentleerung auftreten (steigender Harndrang, Erleichterung bei dem Abfließen 
des Urins). Anderseits hängt der Umstand, daß die Druckbetätigung des Wassers 
sich im Apparat periodisch wiederholt, mit den Erinnerungen zusammen, die sich 
auf die Empfindungen bei der absichtlichen Stuhlverhaltung beziehen: Die Kotsäule 
drängte gegen die Afteröffnung, bis ein Höchstpunkt des Druckes eintrat, dann wurde 
aber der Drang schwächer und gab nach; bald ist dann der Stuhldrang wieder stärker 
geworden, um vielleicht neuerlich abzuflauen; dies wiederholte sich so lange, bis auf 
der Höhe der Spannung die Entleerung erfolgen mußte. Wir sehen auch in diesem 
Fall die sekundäre Gleichsetzung der Urinverhaltung mit der Retention des Kotes. 
Die Betrachtungsweise Ferenczis eignet sich vorzüglich, diese Vorgänge theoretisch 
zu würdigen. 

1) Ich meine damit, daß sie sämtlich zurückgreifen auf die symbolische Dar- 
stellung einzelner Funktionen des Organismus. 



Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl 55 

Auch bei der Sonnenuhr sind direkte Beziehungen zum Menschen 
vorhanden, vielleicht sogar solche von entscheidender Bedeutung. In den 
Berichten der Historiker taucht mehrmals die Behauptung auf, daß der 
menschliche Körper, beziehungsweise seine Schattenlänge, zur Zeit- 
bestimmung benützt wurde. „Vor dem Gebrauch der Wasser- und Sonnen- 
uhren maß man die Zeit durch Abschreiten des eigenen Schattens mit der 
Sohle", heißt es bei Bilfinger (loc. cit. Kap. VI). Die Richtigkeit dieser 
Angabe kann ich nicht nachprüfen ; sicher ist, daß der Sonnenzeiger den 
Menschen selbst darstellt, 1 daß die Beschäftigung mit dem eigenen 
1) Ein Scherzgedicht Mörikes aus dem Jahre »84.0 verwendet diese Einsicht 
intuitiv: An mcinen Vetter, 

als er sich leidenschaftlich mit Verfertigung von Sonnenuhren beschäftigte. 

Hör' er nur einmal, Herr Vetter, 

Was mir diese Nacht geträumt ! 

Sonntag war es, nach Mittage, 

Und ich sali vom Fenster Seines 

Alten gelben Gartenhauses, 

Wie die Bürgersleute ruhig 

Vor der Stadt spazieren gingen. 

Und ich wandte mich und sah ihn, 

Der im Anfang nicht zugegen, 

Ernsthaft vor dem Spiegel stehen, 

In der Stellung eines Mannes 

Der sich zu halbieren trachtet. 

Doch indem ich näher trete, 

Muß ich voll Erstaunen sehen. 

Wie er sich mit schwarzer Farbe 

Auf sein rundes Vollmondantlitz 

Einen säubern Halbkreis malte, 

Von der linken Schläfe aufwärts, 

Zwischen Mund und Kinn hindurch und 

So hinauf die rechte Backe. 

Jetzo mit geübtem Pinsel 

Zeichnet er entlang den Zirkel 

Schöngeformte römsche Ziffern, 

Kunstgerecht von eins bis zwölfe, 

Und ich dachte, ach mein lieber 

Vetter ist ein Narr geworden ! 

Denn er sah mich an mit Augen, 

Die mich nicht zu kennen schienen. 

Überdem stellt er sich förmlich 

An das Fenster in die Sonne, 

Und der Schatten seiner Nase 

Sollte nun die Stunden weisen. 

Ach, die Leute auf der Straße 

Wollten sich fast Kröpfe lachen! 

Was nun dieser Traum bedeute? 
Ich will ihn just nicht erschrecken : 
Aber laß er sein verdammtes 
Sonnenuhrenmachen bleiben! 





54 



Dr. .1. Harnik 






Schatten des Menschen, sowie die an ihm angestellten Beobachtungen der 
Erfindung der Sonnenuhr vorangingen und zu ihr angeregt haben. 

Das Interesse des Menschen an seinem Schatten wurde bereits von zwei 
psychoanalytischen Autoren untersucht, von Hank im „Doppelgänger" 
und von Rö heim in der Abhandlung über „das Selbst". 2 Ich muß hier 
den von ihnen erbrachten Nachweis von der Seelenbedeutung des Schattens 
voraussetzen und darf zugleich den außerordentlichen Reichtum an 
literarischem, beziehungsweise folkloristischem und ethnologischem Material 
hervorheben, das sie zur Stützung ihrer Gedankengange heranziehen 
konnten. Worauf aber keiner der beiden Autoren hingewiesen hat, ist der 
merkwürdige Umstand, daß der Reichhaltigkeit an literarischen und 
völkerpsychologischen Dokumenten über die Bedeutung des Schattens im 
menschlichen Seelenleben keine, oder bloß sehr geringfügige Erfahrungen 
aus der Individualpsychologie entsprechen. Die Psychoanalyse hat merk- 
würdigerweise keine diesbezüglichen Funde ans Tageslicht gebracht, obwohl 
die Aufmerksamkeit, die das Kind der Schattenwahrnehmung schenkt, uns 
allen bekannt ist. Rank begnügt sich damit, ein kleines Gedicht von 
Richard Dehmel „Der Schatten", nach R. L. Stevenson anzuführen, 
das sehr hübsch die Rätselhaftigkeit des Schattens für das Kind schildert, 
das nicht weiß, wozu es seinen kleinen Schatten hat" (a. a. 0. S. 276) : 

Das Sonderbarste an ihm ist, wie er sich anders macht ; 
Garnicht wie artige Kinder tun, hübsch alles mit Beducht. 
Und manchmal springt er schneller hoch als mein Guinmimann ; 
Und manchmal macht er sich klein, daß keiner ihn finden kann." 

Von diesem hübschen Motiv ausgehend, läßt sich die unbewußte Be- 
deutung des Schattens ein Stück ^weiter aufklären. Seine Penis-, beziehungs- 
weise Erektionssymbolik ist offenkundig. 3 Von ihr gelangt man zur Ver- 
knüpfung der Schattenvorstellung mit dem Kastrationskomplex, wie sie 
,\ vor allem durch Chamissos Erzählung vom Peter Schlemihl, der 
seinen Schatten verloren hat, bekannt ist. Als ethnologische Parallele führe 
ich nach Röheim an: „Ein Schamane der Euahlayi kann den Schatten 
des Menschen stehlen und dadurch ihn dem langsamen Hinsiechen preis- 
geben." Hiezu sagt Röheim: „Im allgemeinen gleicht die passivmagische 
Bedeutung des Schattens ganz dem der Körperteile und Ausscheidungen, 

1) Imago III, 1914. Abgedruckt in „Psychoanalytische Beiträge zur Mythen- 
forschung", 1919. S. 266 ff. 

2) Imago VII, 1921. S. 211 ff. 

5) Vgl. die (phallische) „Daumengestalt" der Seele, bei RA he im, loc. cit. S. 3*3. 



Die trieb haft-affektiven Momente im Zeitgefühl 55 



so daß wir wohl vermuten dürfen, daß die autoerotischen Vorstellungen 
von den erogenen Zonen auf den Schatten, als gegebenes Bindeglied 
zwischen Ich und Außenwelt verschoben wurden" (a. a. O. S. 317). Dies 
bringt uns auf die Vermutung, daß das Unbewußte den Schatten auch 
mit den Ausscheidungen gleichsetzt. Die Fruchtbarkeitsbedeutung des 
Schattens, die von Rank ausführlich besprochen wurde, scheint dafür zu 
sprechen. Sie liegt z. B. dem Stoff von Richard Strauß Oper „Die Frau 
ohne Schatten" zugrunde, deren Text von Hoffmannsthal stammt. Die 
Heldin des Stückes bekommt keine Kinder — sie ist eine Frau ohne 
Schatten. Der Schatten hat also die symbolische Bedeutung: Kind. Es ist 
dann naheliegend, die analytische Deutung des Schattens im Sinne der 
bekannten symbolischen Gleichung : Penis = Kind = Kot zu vervollständigen. 
Dies stimmt gut zur Rolle des Schattens als Schatzhüter, ja sogar Schatz- 
mehrer (Rank, loc. cit. 321). Diese von mir angenommene Beziehung 
des Schattens zur Analerotik könnte auch den wesentlichen Zug in den 
Geschichten von Peter Schlemihl u. a. beleuchten, daß sie für den 
Schattenverlust durch Reichtum entschädigt werden. Vielleicht hat der 
Ausdruck „einen Schatten werfen" ebenfalls in der Beziehung zur 
Analerotik seinen Ursprung. 

Kehren wir nach dieser Exkursion zur Sonnenuhr zurück. Ist die An- 
nahme, daß der Mensch seinen Schatten im Unbewußten mit Kot gleich- 
setzt, stichhältig, so wäre die Rolle des Schattens in der Messung der 
Zeit nicht nur aus einer rationellen Wahrnehmung hervorgegangen, 
sondern auch der Bedeutung der Analerotik für Zeitdauerschätzung und 
-messung durchaus entsprechend. Vielleicht bedeutet für das archaische 
Denken des Primitiven das Bestrahltwerden von den Sonnenstrahlen die 
Aufnahme, die Einverleibung dieser Strahlen (in letzter Linie wohl des 
Himmelkörpers selbst) 1 und das Schattenwerfen das Endprodukt dieses 
Verdauungsprozesses", also die wesentlichen Momente der Urtat, in der 
Symbolisierung durch das Kosmische! Wie dem auch sei, für uns steht es 
fest, daß die Rolle der (scheinbaren) Sonnenbewegung für unsere Zeit- 
bestimmung aufs innigste mit der Sonnensymbolik verknüpft ist. 

Die Bedeutsamkeit dieser Beziehung tritt klarer hervor, wenn wir die tief- 
schürfende, aber nicht in allen Punkten klare Arbeit Holl6s: „Über das 

1) Man erinnere sich an die Einstellung, die der Senatspräsident Schreber zur 
Sonne und seinen „Strahlen" hatte. Siehe Freud : Psychoanalytische Bemerkungen über 
einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Ges. Schriften, Bd. VIII, 
S. 370 u. 404). 



56 Dr. J. Härnik 



Zeitgefühl" 1 heranziehen. Nachdem er den allgemeinen Zusammenhang 
der rhythmischen Lebensäußerungen mit der kosmischen Periodizität dar- 
gestellt hat, zeigt Hollös, daß „der Schlaf des Nachts und das 
Wachen tagsüber" als „das klassische Korrelat aller rhyth- 
mischen Libidobewegungsphasen" zu betrachten sind und somit die 
biologische Grundlegung für das Zeitgefühl abgeben. Auflassung und Be- 
trachtungsweise mögen am besten aus des Autors eigenen Worten hervor- 
gehen: „Der regelmäßige Nachtschlaf und das rhythmisch sich 
wiederholende Aufwachen scheint einen unbewußten Kontakt 
zu ergeben, einesteils mit der in uns phylogenetisch unbewußt 
fortwirkenden solaren Rhythmizität, andererseits mit der aktu- 
ellen, bewußten solaren Periodizität. Auf Grundlage dieses, die 
Ünbewußtheit mit der aktuellen Veränderung verbindenden 
Kontaktes allein wäre das Zeitgefühl zu verstehen." 11 Dieser An- 
schauung entsprechend meint Hollös, daß für die erste Orientierung des 
Kindes in der Zeitlichkeit das Schlafen in seinem Wechsel mit dem 
Wachsein der wichtigste Faktor sei. Fügen wir hinzu, daß sich dies offen- 
bar nur auf die Orientierung in der Richtung der Zeit (Vergangenheit — 
Gegenwart — Zukunft) bezieht, und nicht gelten kann für die Empfindung, 
oder Emschätzung einer Zeitdauer. 

Hollös' Ausführungen über den Zusammenhang des Zeitgefühls mit 
Rhythmus und Periodizität der Lebenseischeinungen beruhen auf allgemein- 
sten biologischen Einsichten und sind sicherlich zutreffend. Mehr psychoanaly- 
tisches Interesse beansprucht seine These von der Rcdeutung des Wechsels 
von Schlafen und Wachen für das Zeitgefühl. Dazu kann man die analy- 
tisch mehrfach verwertete Parallele zwischen Schlaf und Intrautcrin/.ustand 
heranziehen. Die Mutterleibexistenz ist ja wahrscheinlich zeitlos; erst mir 
der Geburt beginnen die Einwirkungen der realen Außenwelt auf das 
Psychische, die vermutlich von Anfang an auch Zeitspuren hinterlassen, 
in Übereinstimmung mit der von Sachs betonten Beziehung der Zeit zur 
realen Not. Der Schlaf entspricht dann einer periodischen, wenn auch nur 
partiellen Rückkehr in den verlorenen Zustand der Zeitlosigkeit. Übrigens 
hat bereits M. Klein auf Grund von Kinderanalysen behauptet, daß das 
kindliche Interesse an der zeitlichen Orientierung im wesentlichen auf der 
Neugierde beruht, die das Kind der Mutterleibexistenz entgegenbringt. 3 

1) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse VIII, S. 421fr. 

2) A. a. O. S. 431. Vom Verfasser gesperrt. 

3) Zur Frühanalyse, Imago IX, S. 251. 



Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl 57 

Ausschlaggebend für unsere Diskussion ist doch die Abhängigkeit des 
Schlafes von der solaren Periodizität. Diese Abhängigkeit, dem Menschen 
als natürliches Wissen eigen, dürfte sich ihm in dunklen Vorzeiten als eine 
Art Erfahrung eingeprägt haben. Mächtige libidinöse Motive müssen an 
ihr hängen, mögen sie auch uns Heutigen ganz unbewußt sein : dafür bürgt 
die Vaterbedeutung der Sonne, die in einstigen Kulturen eine so über- 
ragende Rolle gespielt hat. Wir können es wagen, jene Entwicklungen aus 
ihren Niederschlägen zu rekonstruieren, wenn unsere Spekulation an der 
analytischen Urhordenhypothese anknüpft. 

Vergegenwärtigen wir uns die Einstellung der Söhne zum Urhorden- 
vater, wie sie im Sinne von Freuds Einsichten S. Radö kurz geschildert 
hat : „Alle Söhne sind durch libidinöse Bindung an die Tyrannei des feind- 
seligen und gefürchteten Urvaters gefesselt, der mit einer später nie mehr 
erreichten Machtvollkommenheit über ihre Person und ihr Schicksal ver- 
fügt: Sein Wille regiert die Welt, entscheidet über Leben und Tod." Wir 
haben schon gehört, daß nach diesem Autor „hier die Situation gegeben 
ist, in der die Menschheit die Idee des Determinismus erworben hat". 
Ferner: „Für das archaische Denken der Söhne bedurfte es wirklich nur 
eines winzigen Schrittes, um die unerbittliche Allmacht des Hordenvaters 
auf das übrige Universum auszudehnen." (loc. cit. S. 412.) 

In Anlehnung an diese Auffassung kann man sich eine Vorstellung 
darüber bilden, welchen Platz der tägliche Schlaf in dem Weltbild der 
Söhne einnahm. Aus dem Willen des Urvaters wurde es dunkel, und 
die Sonne ging unter, wenn Er sich zum Schlafe legte! Er beherrscht 
die zeitlichen Vorgänge auch in den späteren Gestaltungen, die er nach 
seiner Tötung annimmt. In der nachtotemistischen Epoche auf den Himmel 
projiziert, wurde er im Unbewußten mit der Sonne identifiziert. Er be- 
hielt aber seine frühere Allmacht weiter, da von der Sonne Lauf der 
Wechsel von Tag und Nacht, damit Schlaf und Wachsein abhängig ist. 
In diesem „Zeitalter des Sonnengottes" (Frobenius) ist also die schein- 
bare Bewegung der Sonne zur Grundlage der Zeitbestimmung geworden. 
Die Beobachtungen schließlich, die man an den Schattenveränderungen 
anstellte, führten dann zu einer objektiven Schätzung, beziehungsweise 
Messung der Zeit. 



Über die Bedeutung der „B" im 
Rorschachschen Versuch 

Nach einem Vortrag in der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse, if. Märt 1924 

Von A. Furrer (Zürich) 



Ich möchte Ihnen heute die Ergebnisse einer Untersuchung über die 
Bedeutung der Bevvegungsantworten (B) im Rorschachschen Versuch 
vorlegen. Die Untersuchung strebte an, zu einer theoretischen Er- 
klärung der B zu kommen. Ob und wie weit es mir gelang, mich diesem 
Ziel zu nähern, muß Ihre Kritik entscheiden. 

Bekanntlich war es leider R orschach nicht vergönnt, die theoretischen 
Grundlagen für seinen Versuch selber zu schaffen. Er schreibt in der Ein- 
leitung zu seiner „Psychodiagnostik" :' „Die theoretische Begründung 
der Versuche steckt teilweise noch ganz in den Anfängen." Dies gilt be- 
sonders mit Bezug auf die theoretische Erklärung der Bewegungsdeutungen. 3 
Auf rein empirischem Wege hatte R orschach gefunden, daß die B die 
Repräsentanten des Innenlebens, des innerlichen Schaffens, des schöpferi- 

1) Psychodiagnostik. Methodik und Ergehnisse eines wuhrnehmungsdiagnosti- 
schen Experiments. Bern 1921. (Referiert von Flügel in der Internationalen Zeit- 
schrift für Psychoanalyse VIII, 1922, S. 362 ff. Vgl. auch Binswangcr, Bemerkungen 
zu Hermann Rorschachs Psychodiagnostik, Internationale Zeitschrift für Psycho- 
analyse IX, 1925, S. 512 ff. und das Referat von Weber über Rorschuch-Ober- 
holzer, ibid. X, 1924, S. 311 f.). 

2) R orschach definiert die Bewegungsantworten a. a. O. S. 13 und 15 so: 
„Bewegungsantworten sind diejenigen Deutungen, die durch die Formwahrnehmung 
plus kinästhetische Zuflüsse determiniert werden. Die Versuchsperson stellt sich 
das gedeutete Objekt in Bewegung begriffen vor . . . Als Regel kann gelten, daß 
Kinästhesien meist nur dann in Frage kommen, wenn menschliche Figuren gesehen 
werden." 



Über die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch 59 



sehen Denkens, der produktiven Phantasie sind. Das war eine überraschende 
und hochbedeutsame Entdeckung — wohl auch die originellste innerhalb 
des Versuchs — eine Entdeckung, welche die experimentelle Psychologie 
um einen entscheidenden Schritt vorwärts brachte. Aber inwiefern die B 
Repräsentanten des innerlichen Schaffens, der schöpferischen Phantasie seien 
und wie sie entstehen und in welchem inneren Verhältnis sie zu der 
Motilität stehen, das blieb recht dunkel. Immerhin einige gesicherte Fest- 
stellungen und weitreichende Andeutungen sind auch schon in der „Psycho- 
diagnostik" vorhanden : 

S. 55 schreibt Rorschach: „Die JB-Antworten repräsentieren somit eine 
Komponente der Intelligenz, die mit der Lockerung der Assoziationsmassen 
parallel geht, mit der Zahl der Eigenantworten (Orig.) der Versuchspersonen 
parallel geht, die durch heitere Verstimmung verstärkt, durch depressive 
Verstimmung und stumpfe Affektivität geschwächt wird, infolgedessen in 
besonders inniger Verquickung mit affektiven Vorgängen stehen muß, die 
ferner durch bewußte Bemühung und bewußte Hinwendung der Auf- 
merksamkeit nicht gestärkt, sondern eher geschwächt wird, die schließlich 
in irgendwelcher Weise mit der mehr unbewußten als bewußten (Affekt-) 
Energie, der dispositionellen Energie des Assoziationsbetriebs identisch sein 
muß. Diese Komponente kann nichts anderes sein als die Fähigkeit, pro- 
duktiv Neues, Eigenes zu schaffen, die Fähigkeit des innerlichen 
Schaffens (die in ihrer Höchstausbildung das ist, was wir künstlerische 
Inspiration, religiöses Erlebnis u. a. nennen). Die Kinästhesien müßten 
demnach etwas wie eine Art Instrument des innerlichen Schaffens, der 
Introversionsfähigkeit sein. 

Vom Traum sagt Rorschach (S. 71), dieser habe „im Auftauchen kin- 
ästhetischer Engramme wohl seine wesentlichsten formalen Ursprünge". 
Und damit ich nachher bei der Besprechung des Zusammenhangs der B 
mit der Motilität nicht mehr auf Rorschach zurückgreifen muß, zitiere 
ich gleich hier die entsprechenden Ausführungen. S. 63 heißt es, man 
müsse annehmen, „daß die Innerlichkeitsfaktoren mit ihrem wahr- 
scheinlichen Hauptinstrument, den Bewegungsempfindungen, in 
einer gegensätzlichen Beziehung zu der Motilität, zu den wirk- 
lich ausgeführt werdenden Bewegungen, stehen müssen". Und 
S. 71: „Je mehr Kinästhesien, desto weniger Bewegung, je mehr Bewegung, 
desto weniger Kinästhesien . . . Die kinästhetischen Engramme hemmen . . . 
die Aktivbewegungen; die Aktivbewegungen hemmen die kinästhetischen 
Engramme." 



6o A. F 



urror 



In der gemeinsamen Arbeit von Rorschach und Emil Obcrholzer: 
„Zur Auswertung des Formdeutversuchs für die Psychoanalyse" 1 
sagt Rorschach (S. 264): „Wenn also irgendwelche Deutungen im Form- 
deutversuch Komplexinhalte verraten, so werden wir letztere an erster Stelle 
bei den Individual- und Originalantworten, die zugleich II- oder Fb-Deu- 
tungen sind, erwarten, indem in diesen Deutungen /.wischen Formalem 
und Inhaltlichem Beziehungen bestehen. Zunächst erwies sich die Annahme 
solcher Beziehungen als richtig für die B -Deutungen." Und Ober holzer 
schreibt unter anderem (S. 266): „Die Beugerkiniisthesien gehören somit 
dem tiefsten Unbewußten an und ihr Inhalt ist kaum mehr ein Inhalt zu 
nennen. Dieser hier sicher zu leistende Nachweis ist mit Rücksicht und 
im Zusammenhalt mit dem Symptomwert der Faktoren gewiß bemerkens- 
wert, die Beziehung der Kinästhesien zum Unbewußten wäre bei einer 
theoretischen Begründung der Versuchsergebnisse an erster Stelle in An- 
schlag zu bringen ..." Und weiter: „. . . Es bestätigt sich von der Analyse 
her, daß sie (die B) in den allerengsten Beziehungen zu dem stehen müssen, 
was wir das Unbewußte zu nennen pflegen." 

Ob die Behauptungen der beiden Autoren richtig seien in bezug auf 
die Komplexabhängigkeit der B und in welcher Weise die B determiniert 
werden, glaubte ich feststellen zu können durch psychoanalytische Unter- 
suchung einer Anzahl B -Deutungen. Als Versuchspersonen konnte ich einen 
Herrn und eine Dame gewinnen. 

Bevor ich aber die analytischen Ergebnisse mitteile, möchte ich mir 
erlauben, eine kurze theoretische Erörterung dos Wahrnehmungsvorgangs 
bei der 5 -Deutung vorauszuschicken. 

Der Wahrnehmung svor gang bei der B -Deutung 

Tut eine Versuchsperson ein Bild der Rorschach sehen Serie ab mit der 
Aussage, sie sehe da einen Klecks oder mehrere Kleckse, so deckt sich 
deren Wahrnehmung mit der Realität vollkommen. Diese Deutung ist die 
denkbar objektivste und sie ist nicht mehr bloß eine Deutung, sondern 
eine eigentliche Wahrnehmung. 

Deuten wir beispielsweise die Tafel I als Schmetterling, genauer 
gesagt, als Bild eines Schmetterlings, so wird ein stark bearbeitetes 
Engramm, herrührend von der Wahrnehmung zahlreicher Schmetterlinge 

1) Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, 1925. 



Über die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch 61 

und Schmetterlingsbilder, ekphoriert, eine Anzahl Einzelheiten des vom 
Klecksbild bewirkten Empfindungskomplexes werden ignoriert und dafür 
fehlende Bestandteile aus früheren Erfahrungen hinzugesetzt, ergänzt. 
Letzteres geschieht im angenommenen Falle in so stark fälschendem 
Ausmaß, daß wir den Vorgang als Illusion bezeichnen dürfen (ich 
halte mich hier an den Bleu ler sehen Begriff): wir nehmen nicht ein 
Schmetterlingsbild wahr, sondern wir illusionieren eins. Wir sind uns des 
Illusionierens bewußt und wir sprechen daher nicht von Wahrnehmung, 
sondern von Deutung. Es handelt sich in diesem Fall um ein Illusio- 
nieren der Form, besser: der Gestalt des Schmetterlingsbildes, also um 
einen Vorgang, der auch bei der gewöhnlichen Wahrnehmung mehr oder 
weniger stark spielt und sogar notwendig zu sein scheint. Bleuler sagt: 
„Unser Wahrnehmen ist überhaupt viel mehr, als man sich denkt, ein 
Illusionieren." 1 (Man denke hier z.B. an das Übersehen der Druckfehler.) 
Diese Art Illusionieren ist also bis zu einer gewissen Grenze eine Realitäts- 
funktion. (Wundt bezeichnet den gleichen Vorgang mit „Assimilation .) 

Wie verhält sich die Sache nun, wenn ich beispielsweise auf Tafel I 
den seitlichen Klecks als einen „Nikolaus'* deute, der rüstig vorwärts 
schreitet? Hier kommt zu der normalen Gestaltsillusion noch etwas Neues 
hinzu, die Bewegungsvorstellung, die so deutlich, so zwingend und so 
innig verschmolzen ist mit der Gestaltsillusion, daß ich auch die Bewegung 
(oder Haltung) wahrzunehmen glaube. Wir dürfen also wohl von einer 
Bewegungsillusion sprechen, sagen wir meinetwegen Pseudoillusion, 
weil ich bei der Deutung genau weiß, daß es sich nicht um eine reale 
Bewegung handelt. (Wundt würde hier von „Komplikation* reden.) 

Was ist bei dieser Bewegungsdeutung vorgegangen? Das, was dem bewegt 
empfundenen Nikolaus auf dem Bild entspricht, ist in Wirklichkeit ja nur 
ein in seiner Form unveränderlicher Klecks. Diesen deute ich als Bild 
einer menschlichen Gestalt, das ebenfalls starr sein kann, und nun illusio- 
niere ich (gleichzeitig!) diese Gestalt als in Bewegung begriffen. Diese 
letztere Art Illusion geht nun über die Gestaltsillusion weit hinaus. Während 
wir bei den F+ -Deutungen (F+ = Formen, die mit dem gedeuteten Objekt 
gut übereinstimmen) finden, daß die entsprechenden Klecksformen relativ 
gut mit denjenigen der gedeuteten Objekte übereinstimmen, daß also die 
Formillusionen objektiver Kritik standhalten, müssen wir von jeder Be- 
wegungsdeutung sagen, daß in Wirklichkeit die entsprechenden Kleckse 

1) Bleuler, „Naturgeschichte der Seele und ihres Bewußtwerdens", S. 156. 



62 A. I'inri'i- 

keine Spur von Bewegung aufweisen, daß wir also nicht etwas unvoll- 
kommen Vorhandenes bloß illusionistisch ergänzen, sondern daß wir die 
Bewegung vollständig in die Kleckse hineinlegen, hineinprojizieren. Es ist 
gewiß zuzugeben, daß die Form gewisser Kleckse geeignet ist, Unästhetische 
Engramme zu wecken; aber es bleibt eben doch so, daß wir etwas wahr- 
zunehmen glauben, was in der Realität gar nicht gegeben ist. Wenn wir 
also einen Klecks als bewegte menschliche Gestalt deuten, so begehen wir 
eine doppelte Wahrnehmungsfälschung: zunächst machen wir aus dem in 
der Realität vorhandenen Klecks eine menschliche Gestalt, sodann verleihen 
wir dieser Bewegung. Während wir aber das Gestaltsillusionieren als 
normalen Wahrnehmungsvorgang, als Realfunktion gelten lassen müssen, 
wenn es eine gewisse Grenze nicht überschreitet, so müssen wir von der 
Bewegungsillusion sagen, daß sie kritischer Realitätsprüfung in keiner Weise 
standhält und somit ganz und gar der autistischen, dereierenden 1 
Auffassungs- und Denkweise entspricht. 

Mir scheint, daß damit über die Bedeutung der B schon viel gesagt sei. 
Aber können nicht auch F— -Deutungen (F— = schlechte Formen), bei 
denen das Illusionieren die durch das statistische Verfahren ermittelte Grenze 3 
bereits überschritten hat, und auch Farbdeutungen autistischer Auffassungs- 
weise entspringen? Gewiß können sie das. Und daher dürfen wir nicht die 
B allein als Repräsentanten des autistischen Denkens in Anspruch nehmen. 

Der prinzipielle Unterschied zwischen einer auf autistischem Wege ent- 
standenen F— - oder FZ>-Antwort (Fb = Farbe) und einer 5-Deutung liegt 
im Bewegungsmoment. 

Eine F— -Antwort z. B. kann sich von der Realität noch so stark ent- 
fernen, wahrgenommen wurde eben doch nur eine starre, tote Form; der 
Vorgang selber bleibt eine Erkennung, eine Konstatierung des Vorhanden- 
seins und der Wesensart eines äußeren Objektes. Wenn ich aber in einem 
Klecks eine bewegte menschliche Gestalt sehe, so ist das nicht mehr eine 
unveränderliche tote Form, sondern ein belebtes, wollendes, handeln- 
des Wesen. Das Illusionieren von bewegten Gestalten bedeutet nicht nur, 
daß ich mich von dem durch das Sinnesorgan vermittelten realen Wahr- 
nehmungsinhalt befreie, mich von der Erfahrung loslöse, sondern daß ich 
in meiner Vorstellung das Starre auflöse und das Realgegebene ver- 
ändere; es bedeutet, daß ich eine Um- und Neugestaltung vornehme, 

1) Nach einem neueren Ausdruck Bleulers für das „autistische" Denken. 

2) Daß man diese Grenze auf statistischem Wege ermitteln mußte, ist hczeichnend. 
Dies zeigt, daß man Wahrnehmung und Illusion in Wirklichkeit nicht scharf trennen kann. 



Über die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch 63 



eine Entwicklung, ein Geschehen, ein Werden einführe; ich schaffe 
dadurch Leben, denn dieses äußert sich vor allem augenfällig in der 
Bewegung. Ich bin also mit einem Wort schöpferisch tätig. Das Auf- 
fassen eines Kleckses als bewegte Gestalt ist ein schöpferischer Akt. 
Auf Grund dieser Auffassung des psychischen Vorgangs bei der 5-Deutung 
fragte ich mich, ob nicht gerade in dieser spezifischen Illusionsfähigkeit, 
welche zustande kommt durch ein gut entwickeltes Vermögen, Bewegungs- 
engramme zu ekphorieren und neue Bewegungsvorstellungen zu bilden, 
das schöpferische Moment liegt (ich meine hier die formal-funktionale Seite 
des Schöpferischen, nicht die inhaltliche). 

Und wenn ich beim ß-Sehen eine Veränderung des Wahrnehmun^s- 
oder Vorstellungsinhaltes vornehme im Sinne des Handelns, des Geschehens, 
also der Bewegung, so müssen wir auf Grund unserer Kenntnis des Sach- 
verhaltes bei analogen Verhältnissen (Traum, autistisches Denken) annehmen, 
daß dieses Geschehen — im Versuch die Bewegung — sich nicht in zu- 
fälliger Weise und in zufälliger Richtung vollziehe, sondern daß es deter- 
miniert und gerichtet sei durch Strebungen und Zielvorstellungen, die mein 
Innerstes am tiefsten bewegen. Ob dies tatsächlich zutrifft und wie wir 
uns die Determinierung der Bewegungsdeutungen zu denken haben, können 
uns vielleicht die folgenden 5-Analysen zeigen. 

Die psychoanalytischen Ergehnisse 

Meine erste Versuchsperson, Herr X., ist ein junger, gebildeter Mann, der 
eine vollständige Analyse durchgemacht hat. Aus seiner Analyse hatte sich 
ergeben: Überaus intensive Bindung an Mutter und Vater, Identifikation 
mit der Mutter, passiv-homosexuelle Einstellung zu Vater und Vatersurro- 
gaten. Daher in seinem ganzen Wesen weiblich, weich, passiv, latent- 
homosexuell, unfähig zu heterosexueller Objektwerbung. Hinter seinen 
Klagen über schwere Minderwertigkeitsgefühle verbarg sich ein gewaltiger 
latenter Narzißmus, der gerade wegen jenes täuschenden Schutzwalles (In- 
suffizienzbewußtsein) äußerst lange der Analyse trotzen konnte. Die Analyse 
hatte erst Erfolg, als der narzißtische Panzer durchbrochen und der Narziß- 
mus gründlich analysiert war. 1 

1) Auf diesen Zusammenhang war ich durch Reichs treffliche Mitteilungen über 
„Zwei narzißtische Typen" (Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 1922, Heft 4) 
aufmerksam gemacht worden. 



64 A. Kurrer 

Analyse von drei Bewegungsdeutungen des Herrn X. im ersten und zweiten 

Rorschachschen Versuch 

(Zwischen dem ersten und zweiten Versuch liegen zweieiiihalh 
Jahre. In dieser Zeit fand die therapeutische Analyse statt.) 

Zu Tafel 11 gab Herr X. im ersten Versuch folgende Deutung: „Zwei 
menschliche Wesen in Masken, welche in kniender Stellung 
sind, mit den Händen gegeneinander gepreßt." 

Ich lasse Herrn X. diese Gestalten auf der Tnfel wieder ins Auge fassen 
und bitte ihn um seine Einfälle, wobei ich ihn ersuche, seine Aufmerk- 
samkeit besonders der gedeuteten Bewegung zuzuwenden. 

Einfälle: „. . . Diese Figuren scheinen mir jetzt einen Tanz auszu- 
führen, und zwar einen russischen Tanz. Da kommt es vor, daß sie ganze 
Teile des Tanzes in kniender Stellung ausführen. Ich erinnere mich an 
einen solchen Tanz, den ich gesehen habe. Das Gegeneinanderstemmen 
der Hände wäre jetzt nur mehr ein Ineinandcrschlagen der Hände, ein 
Klatschen ..." Also, ich sehe jetzt ziemlich deutlich diesen Tänzer, den 
ich in dem russischen Tanz sah, er hat etwas Sympathisches gehabt für 
mich. Nun drängt sich mir die Erinnerung an verschiedene Frauengestalten 
auf aus der Literatur, und zwar hat alles Beziehung zu Rußland. Der Typus 
der russischen Frau hat etwas sehr Anziehendes für mich. Ich glaube, das 
ist zurückzuführen auf die Bindung an die Mutter und der Eindruck geht 
offenbar von den schwarzen Haaren aus, ein wenig bleiche Gesichtsfarbe 
und dann so . . . und dann wahrscheinlich so etwas affektiv Warmes, das 
diese Frauen wahrscheinlich tatsächlich häufig an sich haben. 

Eine andere Frauengestalt ist mir aufgetaucht, von Wassermann in 
, Christian Wahnschaffe'. Sie heißt dort Ruth. Die stelle ich mir auch als 
diesen Typus vor. 

Das Bild des russischen Tänzers hat sich mir wieder aufgedrängt. Das 
war in einer Aufführung des Dramas von Tolstoi ,Der lebende Leichnam'. 
Dort sind viele Züge von diesem Frauentypus, in der Mascha, aber mehr 
nur die sinnlichen Strömungen . . . Der Tänzer scheint mir ganz eigen- 
artig gefühlsbetont zu sein, etwas gegensätzlich. Er hat übrigens auch viel 
Weibliches an sich gehabt. Ich vermute, daß ich mich wahrscheinlich 
gewissermaßen identifiziert habe mit ihm. Er ist mir wahrscheinlich zum 
Teil als ein Abbild von mir vorgekommen . . . 

1) Mehrere Punkte (. . .) bedeuten nicht Wortweglassungen, sondern Sprechpausen 
der Versuchsperson. 



Über die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch 65 

Alles Russische ist für mich ganz ohne Mitwirkung des Intellektes sehr 
sympathisch. Diese affektive Einstellung geht sehr weit zurück. Woher mag 
das wohl kommen? Ich sagte mir, daß dies vielleicht einfach eine Aus- 
strahlung des Idealbildes der russischen Frau ist, das ich mir ziemlich früh 
bildete . . . 

Das Klatschen der Hände, da kamen Erinnerungen an Gesellschafts- 
spiele, Kinderspiele aus früheren Jahren, aus dem elften, zwölften Jahr, 
und Erinnerungen an die ersten mehr oder weniger undeutlichen sexuellen 
Erregungen infolge Berührung mit den Händen. 

(Kniende Wesen): „. . . Ein Traum, und zwar: Ich bin in einem 
Zimmer, Hotelzimmer, und zwar bin ich nackt, auch in kniender Stellung, 
in der Stellung der tiefen Kniebeuge. Das Zimmer ist hell beleuchtet und 
hat ein großes Fenster gegen einen Park oder gegen einen Platz mit großen 
Bäumen. Es war Nacht und ich führte dann ein paarmal die Bewegung 
der tiefen Kniebeuge aus, der Penis war erigiert und bei der Ausführung 
der tiefen Kniebeuge empfand ich eine starke sexuelle Wollust. Der Um- 
stand, daß das Zimmer hell beleuchtet war und ein großes Fenster hatte, 
das war ganz gegensätzlich betont im Traum. Ich lehnte mich zum Teil 
gegen das Ausleben des Zeigetriebes auf, anderseits kam es einem Wunsch 
entgegen. Ganz dunkel spielt noch eine Person eine Rolle, draußen auf dem 
Platz unter den Bäumen, irgendeine weibliche Person. Ich habe aber den 
Eindruck, daß es eine Person war, welche für mich anziehend ist, ich 
habe das Gefühl von primärsexuellen und zärtlichen Strömungen zu 
ihr hin." 

Analyse dieses Traums: „Von einem eigenartigen Eindruck begleitet 
war das Bild des Zimmers und auch jetzt ist wieder das Interesse darauf 
gefallen, es war kolossal deutlich . . . Die Erinnerung an einen Abend am 
Luganer See 1 , als ich von Morcote heimkehrte. Dort übernachtete ich in 
einem Hotel. Das Zimmer hatte einen Balkon gegen den See. Ich wollte 
mich so recht in die Stimmung dieser Nacht versenken, war aber durch 
sinnliche Reizung ein wenig davon abgehalten. Das Zimmer im Traum 
ist allerdings nicht genau das Hotelzimmer . . . Der Blick vom Fenster (im 
Traum) ging auf den Platz mit Bäumen, der erinnert mich an einen 
bestimmten Platz beim Sanatorium von Dr. Zupelli. Das Sanatorium heißt 
ja „Forza vivace 1 " glaub ich. Dort begegnete ich einmal einem Fräulein, 
einer Verwandten des Dichters Denhoff, und der ist offenbar mit seiner 

1) Die Namen von Örtlichkeiten und Personen sind verändert. 
Imago XI. 



66 A. Furrer 

starken Betonung des Sexuellen in seinen Werken ... all das scheint mir 
den Gedanken zu enthalten, daß in der Bejahung der Sexualität lebendige 
Kraft läge. 

lind nun die weibliche Gestalt, die ganz unbestimmt angedeutet ist. 
Die ist im Freien, und diese ganze Landschaft ist eine nächtliche Land- 
schaft, nur schwach vom Mond beleuchtet und speziell unter den Bäumen, 
wo die Frau steht, ist es nur ganz schwach beleuchtet. Mir scheint, der 
Weg zur Frau enthalte für mich viele Unbestimmtheiten. Etwas, was ich 
noch nicht ganz durchdringen kann. Es ist ganz der Ausdruck der Stim- 
mung, daß ich gegenüber der Frau immer diese Angst habe, ich könnte 
in ihr Züge entdecken, die mich verletzen würden, die Angst, daß ich bei 
ihr nicht die Liebe finde, die ich suche . . . Die Tatsache, daß dann bei 
der rhythmischen Bewegung der tiefen Kniebeuge die sexuelle Wol- 
lust eintritt, daß gleichsam die Onanie abgelehnt wird, daß also der Wunsch 
besteht, die sexuelle Wollust nicht bei einem onanistischen Akt zu emp- 
finden, sondern nur bei dieser rhythmischen Bewegung ohne Mitwirkung 
der Hände. Es ist also quasi ein Kompromiß. 

Daß dann dieses Zimmer so kolossal deutlich ist und daß überhaupt 
das Ganze sich in einem Zimmer abspielt . . . Charakteristisch dafür war, 
daß es erstens einmal hell beleuchtet war. Auf einer Seite war die ganze 
Zimmerwand von einem großen Fenster gefüllt. Da kommen jetzt Assozia- 
tionen, welche darauf hindeuten, daß das eine Wunscherfüllung insofern 
sein könnte, als hier der Sexualakt stattfindet, gleichsam öffentlich. Es 
ist also vielleicht eine Befriedigung des Exhibitionstriebes, vielleicht aber 
noch von einem anderen Gedanken, daß, sobald man den Sexualakt mit 
einer Frau, also mit seiner Frau ausübt, daß er dann nicht mehr etwas 
Verbotenes ist, sondern etwas, was alle Welt tut, etwas Natürliches. 

Daß das Ganze sich im Zimmer abspielt, da vermute ich, daß hier eine 
Beziehung zur Mutter mithineinspielt ... Ich glaube, es hat am meisten 
Beziehung zu jener Nacht am Luganer See, wahrscheinlich hat es auch Be- 
ziehung zur letzten Heimreise von Morcote. Da habe ich in Etore über- 
nachtet und ... es ist charakterisiert gewesen durch ein kolossal starkes 
Hervorbrechen der Sexualität. Also die ganzen Ferien in Morcote war ich 
sehr glücklich, indem ich sinnlich sehr ruhig war. Aber in jener Nacht 
machte sich die ganze Unterwelt bemerkbar. Ich blieb aber stark. 

(Nackt in kniender Stellung, tiefe Kniebeuge): „Also, die tiefe 
Kniebeuge gehört zu meinen Turnübungen, die ich jeden Abend mache . . . 
Gedanken, die mit dem Exhibitionismus zusammenhangen, gewisse Freude 



Über die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch 67 

am Körper, an dem Gefühl von Kraft, das bei diesen Turnübungen aus- 
gelöst wird. Gedanken, ob die Frau an einem schönen männlichen Körper 
auch diese Freude empfindet wie wir an einem weiblichen Körper." 

(Kniebeuge mit erigiertem Penis): „. . . Ich bleibe da am Traum- 
bild hängen . . . ich sagte mir vorhin, es sei gleichsam eine sexuelle Er- 
regung durch den Anblick des eigenen Körpers, durch das Gefühl des 
eigenen Körpers. 

(Identifizierung mit jenem russischen Tänzer): „Das Weibliche 
war schon äußerlich durch lange Haare ausgedrückt ... ja, ich weiß also 
nicht, ich habe den Eindruck, daß dieser Tanz von einem großen Publi- 
kum bewundert wird. In mir wäre die Tendenz auch, bewundert zu werden 
für irgendeine Leistung. Diese Strömung kann sich aber nicht kritiklos 
ausleben, sie wird kritisiert durch das höhere Ich, daher die gegensätzliche 
Einstellung . . . dann mögen noch andere Sachen mitspielen ... es war bei 
ihm eine Tendenz da, durch das Äußere zu wirken. Das habe ich wahr- 
scheinlich als so weiblich empfunden. Und nun wegen der Identifikation. 
Da habe ich vielleicht gespürt, daß ich in mir auch allerlei so Strömungen 
habe, daß bei mir der Wunsch, Mädchen zu sein, sowieso nicht so ferne 
liegt. Die Einstellung zum Tänzer war gegensätzlich, weil ich mich da- 
gegen wehre. 

Eine Erinnerung an die frühere Periode von Onanie. Da habe ich 
häufig den Drang gehabt, die Wollust, die Erregung dadurch hervorzurufen, 
daß ich den Penis heftig gegen den eigenen Körper schlug. Das hat Be- 
ziehung zu der Traumstelle vom Kniebeugen. 

* 
Resume der ersten B- Analyse 

B-Deutung: Kniende Menschen, die Hände gegeneinander gepreßt — Assozia- 
tionen: Diese Menschen tanzen, und zwar russisch (kniend und klatschend) — 
Russischer Tänzer, der Vp. sympathisch ist — Russische Frau, sehr anziehend 
für ihn — Russische Frau = Mutter — Bindung an die Mutter (Ödipus-Ein- 
stellung) — Tänzer, zu dem er jetzt ambivalent eingestellt ist = männliches und 
weibliches Wesen zugleich — Identifikation mit dem Tänzer, damit ist er 
Ödipus und Weib, Mutter zugleich — In sich selber liebt er sein Ich und die Mutter. 

Neu eingestellt auf die B-Deutung: Kniende Wesen — Traum: Nackt Knie- 
beuge machend mit erigiertem Penis — Zeigelust — Sexualität, gerichtet auf eine 
Frau. Träumer bejaht die Heterosexualität und gewinnt dadurch lebendige Kraft, 
d. h. die psychische Gesundheit und normale Einstellung zum Leben. Rhythmische 
Bewegung bei der Kniebeuge = Onanie (die vom Bewußtsein abgelehnt wird) 
und Koitussymbol zugleich. Traum erfüllt symbolisch offenbar den Inzestwunsch 
(Kniebeugen im „Zimmer") und direkt: Exhibitionstendenzen — Nackt knie- 



68 



A. Furrer 



beugen: Befriedigung des primitivsten Narzißmus ^vollkommene Verliebtheit in den 
eigenen Körper, sexuelle Erregung durch den eigenen Körper und Befriedigung daran) 
und zugleich an der Mutter (er ist ja auch die Mutter). 



Nach dieser Analyse der ersten Ä-Deutung drängten sich mir folgende 
Fragen auf: 

/; Besteht nicht ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen den auf- 
gedeckten Strebungen, Wünschen, Affekten und der ß-Deutung? 

2) Wäre es nicht denkbar, daß die Versuchsperson den ganzen Komplex 
der aufgedeckten unbewußten Strebungen und Affekte in dieser einen 
Bewegungsillusion zum Ausdruck brachte? 

3) Und wäre es nicht sogar möglich, daß er sich unbewußt in eine der 
tanzenden Figuren oder auch in beide hineinprojiziert hätte, daß er also, 
indem er in der Vorstellung tanzt, all das in symbolischer Form erleben 
würde, was er unbewußt wünscht? 

Vorläufig genügt es mir, diese Fragen gestellt zu haben. 



Deutung zu Tafel II beim zweiten Versuch: „Zwei Clowns, welche 
gegeneinander schauen, die Hände gegeneinander stemmend 

und kniend. 

Einfälle: „Ich habe das Knien, die Bewegung eingestellt. Da kam mir 
eine griechische Statue in den Sinn, darstellend eine Frau in kniender 
Stellung. Dann ist mir eingefallen das Frühlingsfest in M., als ich sah, 
wie die Männer miteinander tanzten. Das machte einen eigenartigen Ein- 
druck, gerade wie eine . . . ich kann es nicht anders sagen . . . gerade wie 
eine Perversität . . . Jetzt, da ich das Aneinanderstemmen der Hände ein- 
gestellt habe, kam mir ein Kinderspiel in den Sinn, wo sie abwechslungs- 
weise in die eigenen Hände und in die Hände der anderen klatschen in 

einem Rhythmus. 

Zu Clown: Der Kopf und das Gesicht auf dem Bild haben etwas 
kolossal Abstoßendes für mich. Das gilt auch von den Clowns überhaupt, 
und zwar darum, weil es gleichsam der Ausdruck ist für eine rohe, aus- 
gelassene Sinnlichkeit ... An Clown hat sich Fastnacht überhaupt asso- 
ziiert und die Erinnerung an eine bestimmte, weit zurückliegende Fast- 
nacht. Mein Vater hat sich viele Jahre beteiligt bei der Erstellung der 
Dekorationen im X-Theater, er war auch am Maskenball. Und in jener 



Über die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch 69 



Nacht hatte ich eine kolossale Angst, daß der Vater könnte betrunken 
heimkommen. Ich hatte fast wie Fieberphantasien und charakteristisch war, 
daß ich meinte, ich werde gezwungen, Wein zu trinken, und zwar aus 
einer zerbrochenen Flasche ... Ein rezenter Traum kam mir jetzt. Ich bin 
in einem kleinen Raum, es soll ein Abort sein, und ich habe den Wunsch 
empfunden zu onanieren und auf einmal spüre ich, wie ich von hinten 
am Kragen gepackt werde, und ich sehe, daß dies der . . . und ja, daß ich 
also mit großer Kraft rückwärts gerissen werde, und ich bemerke, daß dies 
mein Vater ist, der durch eine kleine Öffnung bei der Wand den Arm 
herausstreckt, lautlos, und mich packt und an sich reißt. Vor Schreck er- 
wachte ich. 

Resume der zweiten B- Analyse 

Zwei gegeneinander schauende, kniende Clowns - Frau (statt: russischer 
Tänzer) — Tanz der Männer = homosexuelle Betätigung (Perversion) — Ekel 
vor dem Clown, der Personifikation der rohen Sinnlichkeit ist — Vater, der ge- 
legentlich betrunken war (betrunkene Männer sind für Vp. sinnliche, sexuell aggres- 
sive Männer, Phobieobjekte) - Trinkzwang = homosexuelle Vergewaltigung — 
Angst davor und vor dem Vater überhaupt — Onaniekomplex - Schuldgefühl 
und offenbar Kastrationsangst. 

* 

Fragen zur zweiten B- Analyse 

1) Besteht nicht auch hier ein Zusammenhang zwischen der unbewußten 
homosexuellen Einstellung der Vp. und der 5-Deutung (zwei gegen- 
einander schauende und kniende Clowns)? 

2) Wäre es nicht möglich, daß Herr X. in einem der Clown seinen 
Vater sähe — unbewußt natürlich — oder sich selber, oder am Ende in 
einem Clown den Vater und im andern sich selber? 

(Aus der Analyse möchte ich hier nur noch beifügen, daß Herr X. als 
überaus sensibler Mensch mit abnorm starker Neigung zur Sexualverdrängung 
vor Fastnachtslustbarkeiten lange einen Abscheu empfand, es nicht einmal 
zum Tanzen brachte, daß er aber anderseits doch sehnlichst wünschte, 
tanzen und sich so frei benehmen zu können, wie dies ein Clown fertig 
bringt.) # 

Deutung zu Tafel III beim ersten Versuch: „Karikatur von zwei 
menschlichen Gestalten, Kellner im Frack." (Er sagt auf meine 
Frage, er habe dies bestimmt bewegt empfunden.) 



70 A. Furrer 

Einfälle: „Ich habe eine Erinnerung an einen Abend bei uns daheim. 
Zwei Fräulein waren bei uns daheim. Ich war zu Lumpereien aufgelegt. 
Da spielte ich den Kellner, indem ich ein weißes Tüchlein unter den 
Arm nahm und kunstgerecht servierte. Diese Bewegung hier spielt bei 
der Assoziation eine gewisse Rolle, indem ich ungefähr solche Bewegungen 
ausführte. Es ist mir bewußt, daß meine Fröhlichkeit bewirkt worden ist 
durch die Anziehung, welche das eine Fräulein auf mich ausgeübt hat. 

Ich habe jetzt eine Assoziation gehabt, welche deutlich an der Be- 
wegung ansetzt: Erinnerung an die sechste Klasse, Erinnerung an ein 
Mädchen. Da hat sich hauptsächlich eine Situation merkwürdigerweise 
eingeprägt. Ich sehe dieses Mädchen mit einem kleinen Mägdlein und 
dieses will fort rennen und das größere zieht das kleinere auf sich zu, 
hält es zurück, und da hat die Stellung des älteren Mädchens Ähnlichkeit 
gehabt mit der Stellung der Kellner, indem sie auch das Körpergewicht 
nach hinten verlegt, um das kleinere zurückzuziehen. Diese Szene hat 
sich scharf meinem Gedächtnis eingeprägt. Und ich meine, es müsse dabei 
irgendein sexueller Eindruck eine Rolle gespielt haben . . . Bei dem Zurück- 
halten brachte das größere Mädchen die Hände in die Nähe des eigenen 
Genitales. Ich hatte nachher, als ich allein im Zimmer war, das Bedürfnis, 
diese Bewegung nachzumachen. Ich sagte mir: Wenn dieses Mädchen 
eine solche Bewegung macht, führe ich dies auch aus . . . 



Analyse der B von Fräulein Y. (Künstlerin) 

Tafel I, Mittelstück: „Zwei Figuren, welche sich umschlungen 
halten und küssen und die Hände hochhalten." 

Einfälle dazu: „ — — — ' Es ist, wie wenn die zwei Gestalten ein 
durchsichtiges Kleid trügen, das ihre Muskeln und ihre Körperform durch- 
scheinen läßt. Es sind zwei bärtige Männerköpfe ; die Formen sind aber 
weiblich. — — — Jetzt kommt mir der Maler Kieser in den Sinn. Er 
ist der Männertypus, wie ich ihn in diesen Figuren sehe, bärtig und sehr 
kräftig, so wie man sich ausdrückt : , baumstark'. Versuchsperson (Vp.) wird 
jetzt unruhig, will mehrfach zum Sprechen ansetzen. „Es kommt mir halt 
komisch vor: Kiesers haben noch das altertümliche Himmelbett. 

l) Aus Gründen der Diskretion kann ich bei diesen Analysen Verschiedenes 

nicht mitteilen. Diese Auslassungen sind bezeichnet durch: . Mehrere Punkte 

(...) bedeuten Sprechpausen der Versuchsperson. 



Über die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch 



Sie schlafen in dem Himmelbett. Der Wille dieser alten Himmel- 
betten dünkt mich schön, es ist doch wie ein für sich abgeschlossenes 
Zimmerchen . . . Soll ich vom Himmelbett weiterreden oder von den 
beiden Figuren? . . . Der Typus Kieser gefällt mir als Mann sehr gut. 
Etwas Kräftiges, Sicheres, Zielbewußtes ohne Schroffheit. Überhaupt die 
Art, wie dieses Paar zusammen haushaltet, ist mir sympathisch. So allen 
bürgerlichen Überflüssigkeiten enthoben und doch wieder nicht primitiv. 

Es ist eine veredelte Bohemewirtschaft. Sie scheinen mir zwei 

Gespanen zu sein, nicht zwei Ich, sondern ein Ich und ein Du. 
Männliches und Weibliches in der gleichen Figur beieinander . . . Nur 
das Zusammengehörige von beidem fällt mir noch ein . . . Amor und 
Psyche . . . Noch etwas von Lenau im Don Juan : ,Mann und Weib, eine 

Seele und ein Leib'." 

Nach Beendigung aller 5-Analysen fragte ich die Vp., welches nach 
ihrer Ansicht der Sinn ihrer 5-Deutung zu Tafel I sei. Sie antwortete 
mir: „Ich sehe darin die Vereinigung von Ich und Du, geistig und 
körperlich, das Ein ssein. Ein Wunsch, daß es so sein möchte. Das wäre 
das unbewußte Motiv gewesen hier." 



Zu Tafel II, Bild auf Schmalkante gestellt: „Eine Tänzerin in 
Knie- Ellbogenlage." 

Einfälle: „Eine Sonnenanbetung. Langsame religiöse Bewegung, über 
die Sonne selber. Die Sonne ist eine Gottheit: Ein Gott, wie man ihn 
im Alten Testament findet, groß, erhaben, befruchtend und gewalttätig. 
Er ist alles Leben, alles Verderben, ein Wesen, vor dem man nichts ist. 
Gott ist etwas Unerforschliches. Man kann nur in Demut vor ihm 
liegen. Es kann einem gerade so gut ein Füllhorn von Glück be- 
schieden sein, und er kann einen auf sadistische Art quälen und be- 
rauben. Dies ist kein Gott der Liebe, das ist ein Gott, der gewaltigere 
Gesetze hat als die der Liebe. Das Gebet eines Mohammedaners. Meine 
ägyptische Freundin hat so gebetet. Ihr Gebet und ihre Gebetstellung, 
ihre Anbetung ist ihr in Europa mehr Bedürfnis geworden als in ihrem 
Heimatland . . . 

,Knie-Ellenbogenlage l ist ein Ausdruck aus dem Krankenhaus. Es ist 
eine Stellung, die auch Patienten einnehmen mußten bei gründlichen 
Darmspülungen. Es ist etwas, was mich am meisten abgestoßen hat. Diese 
Stellung, die der Ausdruck einer religiösen Ergriffenheit ist: degradiert. 



7 2 A. Furrer 

(Die Stellung der Patienten bei der Darmspülung): „Ja, diese Stellung 
ist mir unangenehm gewesen. Ich habe sie als schamlos empfunden . . . 
Tiere begatten sich so . . . Erinnerungen an Hunde, Katzen und an . . . Kühe." 

Den Sinn dieser 5-Deutung erklärte sie später wie folgt: „Das erste 
ist die Demut im Gebet dem Übermächtigen gegenüber, ein religiöses Ge- 
fühl, und das zweite ist eine Ablehnung der primitiv-sinnlichen Sexualität, 
der tierischen Sexualität 1 . . . Ich dachte jetzt gerade darüber nach, was 
denn Zusammenhängendes sein könnte. Es ist offenbar das Übersichergehen- 
lassen eines fremden Willens, das Sichfügen einem Schicksal." (Ich hätte 
gesagt: Die bedingungslose Hingabe an einen vergewaltigenden Mächtigen. 
Gott = Vater.) ( 

Zu Tafel IV: „Ein Mensch, der sich furchtbar müht und plagt." 
(Rechts oben, die „Schlange = linker Arm dieses Menschen.) 

Einfälle: „Ein großer Schmerz, oder nicht eigentlich ein Schmerz, 
sondern ein Wehren gegen eine übermenschliche Macht liegt in dieser 
Bewegung. Das Gesicht ist im Schmerz zerrissen. Es ist, wie wenn sich 
dieser Mensch würde ein Stück Fleisch aus dem Körper reißen . . . wie wenn 
er wollte ersticken und mit einer furchtbaren Anstrengung aus dem Chaos 
heraus kommen, in dem er steckt. (Der Ton ist jetzt ganz der Schilderung 
entsprechend.) Es fällt mir der Ausdruck , Amokläufer' ein . . . Ein Geschöpf, 
bei dem alles ausgeschaltet ist neben dem einzigen Trieb, der es momentan 
beherrscht. Sein ganzes Sein ist überhaupt nur noch auf das eine eingestellt 
... Es ist eine unbeherrschte Gewalt, eine furchtbare Baserei, ein kritik- 
loser Kampf über Leben und Tod . . . Ein Mensch wird sich so wehren in 
der Todesnot, wenn ihm droht, im Wasser zu ertrinken, oder wenn er in 
einer Lawine ist, oder in einem seelischen Kampf. Die seelische Not ist ja 
genau so wie die äußere. Mir kommt es vor, als habe ich mich selber schon 
so gemüht; aber jetzt bin ich unterlegen. Jetzt muß ich mich treiben lassen 
und komme mir vor wie ein Blatt, das vom Baum gerissen worden ist, wie 
wenn etwas gebrochen wäre ... Es ist furchtbar, so heimatlos zu sein. 

Eigene analytische Deutung der Vp.: 2 „Die ganze Figur, alles 
zusammengefaßt, stellt meinen jetzigen Zustand dar." 



i) Als ich sie fragte, ob sie glaube, daß diese Ablehnung auch ihrem Unbe- 
wußten angehöre, sagte sie, sie sei sich klar, daß dies nicht der Fall sei. 

2) Vp. wurde erst nach Schluß der ganzen Untersuchung veranlaßt, ihre B 
selber psychoanalytisch zu deuten. 



Über die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch 73 



Zu Tafel V als Ganzes: „Oberer Teil von Arlequin." 
Einfälle: „Bizarre Fastnachtserscheinung, übertriebene Bauschärmel, 
zwei lange Ohren und spitzige lange Vogelnase. Stützt sich auf eine 
Balustrade. Eine fröhliche, bunte Erscheinung. Er kommt wie aus einem 
Balltreiben heraus, wie wenn hinter ihm noch eine große Menge maskierte 
Gestalten wären, die lärmen würden und tanzen. Er schaut in einen 
nüchternen Alltag hinein ... Er ist der Vertreter eines freien, fröhlichen 
Lebens, wo sich die Menschen finden und treffen ohne gesellschaftliche 
Schwierigkeiten und Hemmungen. Ist wohl dies der Sinn der Fastnacht, 
die sich durch Jahrhunderte erhalten hat, daß wenigstens ein Mal im Jahr 
der Mensch sich so geben kann . . . Farben und phantastische Kostüme sind 
wie eine Entspannung, ein Sichtbarmachen eines bizarren Gedankens oder 
Wunsches. Ich hätte unbegrenzt derartige Wünsche, ich möchte jeden in ein 
Gewändlein bringen. Mich dünkt, es wäre eine große Erleichterung. 

Deutung der Vp.: „Hier steckt der Wunch drin, sein zu können 
wie ich bin, alle Hemmungen und Minderwertigkeitsgefühle, die davor 
stehen, auf die Seite schieben zu können. 

* 

Zu Tafel VI, seitliche Figur: „Ein König oder jemand Macht- 
voller, der zu seinem Volk redet, streckt so die Hand aus. 

Einfälle: „Ein würdiger, bärtiger Mann. Er weist einen Weg oder 
zeigt ein Ziel, das sichtbar ist oder er ruft jemand Bestimmten. Die zweite 
Hand hält er auf die Brust, wie wenn er sich auch damit in Beziehung 
brächte: Das was ich will, kommt von mir aus. Er sieht väterlich, 
vertrauenerweckend aus und ist seiner Sache sicher. Man hat das Gefühl, 
er kann die Verantwortung tragen. Er ist die treibende Kraft der ganzen 
Menge. Ohne ihn wäre sie verfallen und haltlos . . . Ich bin auch so 
wie die Menge und möchte, daß jemand das Steuer übernähme. Ich habe 
keine glückliche Hand . . ." (knickt jetzt ganz in sich zusammen). 

Eigene analytische Deutung der Vp.: „Da drin steckt das Be- 
dürfnis nach einer Führung, das Bedürfnis nach einer Lebensrichtung, 
welche der gerade Arm darstellt. Der König ist der Führer oder die mir 
fehlende Klarheit oder die innere Sicherheit. 

* 

Zu Tafel VII: Wieder zwei wunderliche Figuren, die einander 
angreifen, sie kommen in der größten Bewegung aufeinander los, daß 
die Zöpfe fliegen. 



74, A. Furrer 

Einfälle: „Zwei Furien, keifende Frauen. Erinnerungen an meine 
Mutter, an die Tante, an Frau Rabe. Es ist furchtbar häßlich, Frauen, 
die in diesen Zustand verfallen. Es beelendet mich, wenn es mich auch 
nicht persönlich angeht. Ich verfalle in Schrecken und Kopflosigkeit. Es 
muß mir jedenfalls von jeher einen großen Eindruck gemacht haben. 
Derartige groteske Bewegungen kann ich in jeder Stellung zeichnen mit 
größter Leichtigkeit. Das ist vielleicht eine Art Rache, eine Art Genug- 
tuung, Menschen, Bekannte auf diese Art zu karikieren. Ich kann mir 
ja auf keine andere Art Genugtuung verschaffen . . . wenn meine Um- 
gebung nicht so autokratisch wäre, so wäre ich vielleicht auch selbständiger 
und selbstsicherer. Wenn meine Tante, meine Mutter beherrschter wären 
oder erzogener, wäre ich nicht so vergewaltigt ..." 

Eigene analytische Deutung der Vp. : „Es ist für mich eher eine 
Art Gespenst, das mir Schrecken einjagt: Menschen, die mich zugrunde 
richten, seien sie jetzt männliche oder weibliche. Ich fürchte sie, ich kann 
nicht unter ihnen existieren, ich bin unfähig zu denken und zu handeln, 
wenn sie losbrechen. Morgen will ich eine richtige Furie darstellen am 
Maskenball, so eine richtige Teufelsgroßmutter, so abscheulich und schreck- 
lich als ich es immer ausdenken kann. Innerlich empört man sich dagegen 
und reagiert auf die gleiche Art , . . Ich selbst bin jetzt am Maskenball 
die Furie und leide nicht unter den anderen und anderseits will ich sie 
auch lächerlich machen." * 

Zu Tafel VII, umgekehrt, mittlerer und unterer Teil: „Eine Büste 
und ein Kopf, der hinauf schaut, flehend, verzweifelt." 

Einfälle: „Mir scheint, als ob in der Laokoon-Gruppe ein Mensch mit 
diesem Ausdruck wäre. Ein lautloser Schmerz. Ein Mensch vor dem 
Zusammensinken ... Es ist ein Mann, er erinnert mich auch ein wenig 
an meinen Vater . . . Mein Vater ist bedrückt wie von einer großen Sorge, 
oder von einem großen Kummer gebrochen — — — Ich habe nur die 
Idee : im Wesen meines Vaters ist dieser Ausdruck von jeher gewesen. 

Analytische Deutung derVp.: „Wieder Verkörperung meines innern 
Zustandes mit dem Wunsch nach Erlösung." 

* 

Zu Tafel IX, grün: „Ein Bär mit einem drohenden mensch- 
lichen Kopf, der sich vorwärts schleicht." 

Einfälle: „Ein plumpes Geschöpf, ein Waldmensch mit einer Stumpf- 
nase, wild und langhaarig . . . Etwas Plumpes, Triebhaftes . . . Vielleicht 



Über die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch 75 



eine Verkörperung der Sexualität. So wie ja auch die Mythologie den 
Sexualtrieb dargestellt hat ... Ein dummes, gedankenloses Wesen und 
gewalttätig . . . Etwas Schlechtes und Raffiniertes kann ich diesem Vieh 
nicht nachsagen ... Es läuft durch einen Urwald, es ist dort ganz am 
Platz, ein natürlicher Bewohner." 

Es ist hier deutlich, daß der menschenähnliche Bär eine Personifikation 
eines einzelnen Triebes ist. 

Zu Tafel X, grau, seitlich: „Jemand, der kopfüber hinabstürzt." 

Einfälle: „Ein Sprung ins Wasser ... Es ist mehr ein freiwilliger 
als unfreiwilliger Sprung. Ein Wunsch, unterzutauchen in einem andern 
Element, zu vergessen, was darüber ist . . . Ich möchte jetzt auch unter- 
tauchen und vergessen. Auf jede Weise das Vergangene los werden und 
nicht mehr umher schleppen . 

Zu Tafel X, blau, seitlich: „Ein Teufelchen, das eine grüne 
Fackel schwingt. 

„Es sind weniger Dämonen, vielmehr kleine Plaggeister, komplizierte 
aufgeregte Wesen mit viel Nebensächlichem. Sie sind bockshörnig und . . . 
aufgedunsen und . . . unsittlich und machen sehr viel Wesen von sich . . . 
Menschen, die von unreinen Geistern besessen sind, von denen im Alter- 
tum viel geredet worden ist. Da gehören wir wahrscheinlich alle auch 
dazu, alle die Menschen, die innerlich nicht frei sind. 

Zu Tafel X, rot mit grau, oben: „Menschliche Gestalt mit Kutte, 
steigt vielleicht durch eine Treppe hinauf." 

Einfälle: „Es ist eine Mönchsgestalt, welche die Treppe hinaufsteigt; 
aber es ist nicht die Anstrengung des Steigens, sondern mehr ein Schweben 
hinauf; die Treppe in Rom, wo die Wallfahrer hinaufrutschen müssen. 
Der Mönch ist ganz nach innen gekehrt, als würde er etwas Schönes 
erhorchen. Er wehrt die zwei Teufelsgestalten ab, die ihn bedrängen 
(blau, seitlich, siehe oben) und den fröhlich leichtsinnigen Käfer (grau, 
seitlich) ... Die Versuchung des heiligen Antonius ... In diesem Sinn 
kämen da diese Teufelchen von außen in Form von Irrwegen, von einer 
unpassenden Umgebung und unpassenden Menschen . . . Ich bin jedenfalls 
mehr dazu (Versuchung) gekommen durch das Zusammensein einer Mönchs- 
gestalt inmitten einer Schar Teufelchen. Sie wollten ihn von seinem Weg 
abbringen. Er ist ihrer Herr geworden, indem er sich ganz in seinen 
Lebenszweck verschlossen hat. Er ist seiner Sache bewußt gewesen, darum 
konnten ihm die Teufel nichts tun." 



j6 A. Furrer 

Die beiden letzten 5-Deutungen wurden kombiniert. Mir scheint dies 
ein sehr schönes Beispiel zu sein für die Zerlegung des Ichs in verschiedene 
Gestalten (Dissektion). 

II 

Ansatz zu einer Theorie der B 

Bei allen meinen 5-Analysen war mir aufgefallen, daß außerordentlich 
oft Sexualsymbolik in den B steckt. Aus dieser Beobachtung ergab sich 
mir die erste Fragestellung: Welches ist die Genese der sexualsymbolischen 
B und welchen Zweck erfüllen sie? 

Auf tierisch-primitiver Stufe konnten die Tiermenschen ihre Triebe auf 
direktem Wege befriedigen, soweit sie durch äußere Verhältnisse und 
durch ihre Genossen daran nicht gehindert wurden. Zum Beispiel, die 
oral-sadistischen Triebe befriedigten sie durch wilde Tier- und Menschen- 
mörderei und -fresserei. Die hetero- und homosexuellen Strebungen durch 
häufigen Koitus und Körperberührungen usw. Solange die Verhältnisse die 
verschiedenen Wege zu direkter Befriedigung offen ließen, bestand offenbar 
kein Anlaß, die Befriedigungserlebnisse sich bloß vorzustellen und diese 
Vorstellungen lange festzuhalten und eventuell auszubauen. Wenn aber 
Zeiten kamen, welche der direkten Befriedigung der Triebe ungünstiger 
waren, so entstand wahrscheinlich eine Nötigung, sich die Befriedigungs- 
erlebnisse vorzustellen und die entsprechenden Vorstellungen festzuhalten 
und zu „pflegen". Darin hätte die primitivste Stufe der Phantasie- 
tätigkeit bestanden.* # 

Auf einer höheren Stufe der Menschheitsentwicklung konnten wegen 
des Zwanges der Stärkeren und wegen sozialer Forderungen die direkten 
Triebbefriedigungen nicht mehr in dem Maße durchgesetzt werden wie 
früher. Der Einzelne mußte sich allerlei Schranken gefallen lassen. Zu 
Zeiten mag insbesondere die Einschränkung der Sexualtriebe durch die 
Stammesgewaltigen sehr weit getrieben worden sein. Die zur Entbehrung 
gezwungenen Stammesgenossen werden zunächst nach Ersatzbefriedigungen 
primitiver Art gesucht haben. Diese fanden sie in ausgiebigem Maß in 
den Körperbewegungsspielen, im Waffenspiel, Bingen, Klettern, 
Schwimmen und Tanzen (Kriegsspiele und Tänze der Primitiven!). Wenn 
sich in diesen Bewegungsspielen regressive Tendenzen äußerten (was ja 
nicht verwunderlich ist), so lag in ihnen doch ein Fortschritt, indem an 



Über die Bedeutung der „B" im Borschachschen Versuch 77 



Stelle direkter Triebbefriedigungen symbolische gesetzt wurden. (Beginn 
der Sublimierung.) In diesen oft rhythmisch ausgeführten motorischen 
Aktionen reagierten die Primitiven offenbar große Libidomengen ab. 

Es wird stets Einzelne unter ihnen gegeben haben, die aus irgend- 
welchen Gründen an diesen sexualsymbolischen Bewegungsspielen 
nicht teilnehmen konnten. Auch ganze Völker werden harte Zeiten erlebt 
haben, die nicht nur direktes Erreichen der Sexualziele ausschlössen, 
sondern auch die nächstliegenden Ersatzbefriedigungen unmöglich machten: 
die Bewegungsspiele, von deren Bedeutung wir uns heute kaum eine 
genügende Vorstellung mehr machen können (aber unsere Kinder!). In 
diesen Zeiten schwerster Entbehrung blieb dann schließlich nur noch die 
Zuflucht zur Vorstellungstätigkeit, zur Phantasie übrig. Inzwischen waren 
aber im Ich dieser Menschen Instanzen aufgerichtet worden, die das Vor- 
stellen von direkten sexuellen Befriedigungserlebnissen (z. B. Inzest u. dgl.) 
nicht mehr duldeten. Dann mußte auch hier Ersatz geschaffen werden, 
und dieser bot sich in der Vorstellung der triebnahen sexualsymboli- 
schen Bewegungen. Es spielte sich innerhalb der Phantasie derselbe 
Prozeß ab, wie vorher auf dem Gebiet der motorischen Aktionen (der 
„extratensiven" Erlebnisweise): also Ersatz der direkten Triebbetätigung 
durch symbolische Bewegungen, nur das erste Mal in Wirklichkeit 
durch Veränderung der Handlungsweise, das andere Mal nur in der 
Phantasie durch Veränderung der Vorstellungen (auf der „introversiven" 
Seite). Diese Ersetzung der Vorstellungen von primitiver Triebbetätigung 
durch vorgestellte (oder halluzinierte) symbolische Bewegungen würde der 
zweiten Stufe der Phantasieentwicklung entsprechen (menschliche Stufe).' 
Wenn aber die Vorstellungen von symbolischen Bewegungen in 
der Phantasie jemals eine Bolle gespielt haben, dann werden sie fortan 
zum mindesten in Spuren darin enthalten sein. Deshalb treffen wir im 
Traum (und zwar im manifesten Inhalt desselben), diesem relativ trieb- 
nahen Phantasieprodukt, so viel Bewegungssymbolik an. Diese Be- 
wegungssymbolik ist das, was von der Traumzensur in der Regel gerade 
noch zum Bewußtsein „durchgelassen" wird. Ist die Zensur ganz aus- 

i) In der Diskussion machte M. Minkowski mit Recht geltend, daß dieser 
phylogenetischen Herleitung der B allzusehr nur hypothetische Bedeutung zukomme 
und übrigens gar nicht nötig sei, da die Ontogenese gute Einsichten in die Psycho- 
logie der Kinasthesien vermitteln könnte. — Meine Herleitung hat ihren Zweck schon 
erfüllt, indem sie fruchtbarer Kritik rief. Hoffentlich findet sich bald ein Berufener, 
der das Problem von der ontogenetischen Seite her anfaßt. 



y8 A. Furrer 

geschaltet oder sehr schwach, so halluzinieren wir im Traum direkte 
Triebbetätigungen und Befriedigungen (unter anderem schwerverdrängte wie 
Inzest. Exhibition usw.). Ist die Zensur sehr streng, dann finden wir im 
Trauminhalt nicht einmal mehr Bewegungssymbolik. Der manifeste Inhalt 
wird um so formaler, je strenger die Zensur ihres Amtes waltet. 

Nicht die Bewegungsempfindungen als solche sind offenbar im Traum 
das Wichtige, das Erlebnishafte, sondern ihr Symbolwert. Die starke 
Lustbetonung der Bewegungsvorstellungen im Traum rührt von der teil- 
weisen Befriedigung unbewußter Wünsche her. 

Es fragt sich nun, ob die „Kinästhesien" im Rorschachschen Versuch — 
ich setze das Wort in Anführungszeichen, weil es sich hier sicher nicht 
um reine Kinästhesien handelt, optische Kiemente spielen dabei auch eine 
wichtige Rolle, — prinzipiell dasselbe sind, wie die Traumkinästhesien. Mir 
scheint, daß kein prinzipieller Unterschied besteht. Der einzige Unterschied 
scheint mir darin zu liegen, daß die „Kinästhesien" im Traum halluzi- 
niert, im Rorschachschen Versuch illusioniert sind. 

Von hier aus würde es verständlich, warum die ausgesprochenen Motoriker 
wenige /»der keine B haben; die Bewegungssymbolik und überhaupt das 
ganze Triebleben wird eben auf der motorischen Seite ausgelebt. Auch 
könnten wir verstehen, warum „introversive Momente" der Verdrängung 
anheimfallen können, wie Rorschach behauptet. In den Neurosen sehen 
wir ja oft, daß nicht bloß direkte Triebregungen, sondern auch symboli- 
sche Betätigungen verdrängt oder gehemmt wurden. 

Und die „Hemmung der kinästhetischen Engramme" durch die Be- 
wegungen (genauer wohl: Hemmung der Ekphorie der kinästhetischen 
Engramme) könnten wir uns so erklären : Ist genügende Abfuhr der Libido 
auf der motorischen Seite ermöglicht (z. B. beim Tanzen), so besteht kein 
Anlaß, kinästhetische Engramme zu ekphorieren, also zu phantasieren. Das 
momentane affektive Bedürfnis stellt alle „Schaltungen" in der Richtung 
der motorischen Aktion und sperrt alle introversiven Bahnen. Umgekehrt: 
Wenn bei introversiver Tätigkeit (z. B. beim Zeichnen), kinästhetische En- 
gramme ekphoriert werden, so hat eben ein anderes starkes affektives Be- 
dürfnis den introversiven „Apparat zusammengestellt, dessen Funktion die 
zur Zeit schwächeren extratensiven (motorischen) Funktionen hemmt, da 
diese nur stören könnten. Jede beliebige Funktion könne eine andere 
hemmen, wenn sie nur stark genug sei, sagt Bleuler.' 
— , — 

1) Naturgeschichte der Seele, S. 297. 



Über die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch 79 



Gegen die Annahme, daß die im Traum vorkommenden und im 
Rorschachschen Versuch gedeuteten Bewegungen sexualsymbolischer Natur 
seien, erhebt sich der Einwand, daß nicht nur in der Realität viele nicht- 
sexualsymbolische Bewegungen vorkommen, sondern daß wir auch im 
Traum Bewegungshalluzinationen erleben, welche anscheinend nichtsexueller 
Herkunft sind. Ich meine erstens die Bewegungen, welche zu irgend- 
welchen Handlungen nichtsexueller Art nötig sind, und zweitens die 
zur Mimik gehörenden Ausdrucksbewegungen (auf letztere machte 
Ludwig Bins wanger aufmerksam). 1 

Zu den Handlungsbewegungen ist folgendes zu sagen: Durch die 
Psychoanalyse wurde die Tatsache erwiesen, daß in vielen Formen wirt- 
schaftlicher Betätigung neben anderen Determinanten sexualsymbolische 
Motive stecken (z. B. pflügen, hacken, säen, hämmern, bohren, Fahrzeug 
führen usw.) und daß die Sexualsymbolik manchmal auf assoziativ weit 
entlegene und gesucht anmutende Objekte und Tätigkeiten übergreift. 
Aber abgesehen davon, kann darauf hingewiesen werden, daß die Handlungen 
letzten Endes aus den Trieben hervorgehen, und daß vielleicht bei den 
meisten unserer Handlungen die Hauptmotive im Unbewußten wurzeln, 
in welchem die Herrschaft der Sexualität dominiert. Denken wir gar an 
die phantasierten Handlungen in Tagtraum, Dichtung usw., so werden 
wir nicht daran zweifeln, daß wenigstens diese Handlungen libidinös 

motiviert sind. 

Jeder Handlungsimpuls hat zunächst die Tendenz, in die Motilität ab- 
geführt zu werden, sich in Körperbewegungen auszuwirken. Ist der 
Weg zur Motilität nicht frei, so bleibt wiederum der Ausweg in die 
Phantasie übrig. Nun können wir uns phantasierte (geträumte) fortlaufende 
Handlungen ohne Bewegungsvorstellungen ebensowenig denken wie wirk- 
liche Handlungen ohne motorische Aktionen (man denke sich eine Traum- 
szene mit lauter bewegungslosen Personen oder eine Theateraufführung, 
in welcher die Darsteller bloß Statuen wären). Für das Phantasieren von 
kontinuierlichen Handlungen sind also die Bewegungsvorstellungen einfach 

unentbehrlich. 

Wir können jetzt sagen: Bewegungsvorstellungen im Traum oder in 
der Tagphantasie oder in der Dichtung sind also inhaltliche Elemente 
von phantasierten Handlungen, welche direkt oder indirekt der Erreichung 

i) Bemerkungen zu Hermann Rorschachs „Psychodiagnostik", Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse IX, 1925, Heft 4. 



80 A. Furrer 

unbewußter Wunschziele dienen. Als Bausteine der Phantasie müßten die 
Bewegungsvorstellungen demnach meist stark libidobcsetzt sein. Dann 
aber könnten wir verstehen, weshalb die sogenannten Kinästhesien (eigent- 
lich Bewegungsvorstellungen) in manchen Fallen vom Bewußtsein fern- 
gehalten werden sollen (nach Rorschach: „Verdrängung introversiver 
Momente"). 

Daß es im Rorschachschen Versuch fi-Deutungen gibt, welche solchen 
inhaltlichen Elementen von phantasierten Handlungen entsprechen, haben 
vielleicht die 5-Analysen zeigen können. Es muß übrigens schon auffallen, 
daß die meisten der in den Rorschachschen Beispielen (in der „Psycho- 
diagnostik") bewegt gedeuteten Gestalten zielstrebig handelnde Personen 
darstellen, (z. B. I.: zwei Männer, die auf einem Altar etwas schwören, 
oder: zwei Krieger, die gegeneinander fechten; II.: zwei Kasperli, die 
miteinander tanzen ; III. : zwei Kellner, die sich voreinander verneigen, 
sich begrüßen ; IV. : Märchenkönig, der zwei herbeieilende Königinnen 
begrüßt usw.). Bei einigen 5-Deutungen glaube ich, an Hand des vor- 
gebrachten analytischen Tatsachenmaterials bewiesen zu haben, daß die 
gesehenen Bewegungen autosymbolische Projektionen der betreffenden 
Versuchspersonen sind' (nach Binswanger „Objektivationen") 2 und daß 
in den gedeuteten Handlungen unbewußte Wünsche sich äußern, 
manchmal in stärkster Verdichtung. Nicht immer, so scheint es mir, 
handelt es sich um „Objektivationen des ganzen Selbst", wie Binswanger 
meint, sondern gelegentlich nur um Personifikationen von einzelnen 
Triebregungen. 

Spuren der Wirksamkeit der „Zensur" und der „sekundären Bearbeitung" 
sind bei den 5-Deutungen oft zu erkennen. Überhaupt zeigt sich darin 
die Wirksamkeit der Traumgesetze. 

Neben den B, die eine Phase einer bestimmten Handlung darstellen, 
finden wir noch B, welche Ausdrucksbewegungen, also mimische 
Affektäußerungen repräsentieren. Ihr eigentlicher Weg ist wiederum der 
in die Motilität. Die Ausdrucksbevvegungen sind typisch extratensive Affekt- 
äußerungen. Das Schicksal der nach dem Lustprinzip und später nach dem 
Realitätsprinzip orientierten Handlungen können auch die Ausdrucks- 
bewegungen mitmachen, d. h. auch sie können den Weg in die Phantasie 



1) Daß aber auch andere handebide Personen (z. B. Vatergestalten) gesehen 
werden, halte ich für gewiß. 

2) A. a. O. 



Über die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch 81 

nehmen. Ausgesprochen Introversive äußern ihre Affektivität selten oder 
gar nicht in Ausdrucksbewegungen, aber die Gestalten, die beispielsweise 
introversive Künstler schaffen, können durch lebhafte und feinste Bewegungs- 
mimik ausgezeichnet sein. Und da ist nichts Angelerntes dabei, sondern 
die Ausdrucksbewegungen dieser Gestalten fließen aus den geheimsten 
seelischen Regungen, tiefsten Gedanken und zartesten Gefühlen des Künstlers 
selbst. Was der Künstler in seinen Schöpfungen leistet, bringen auch wir 
zustande im Traum und vielleicht etwa in Tagphantasien. „Ganz all- 
gemein verlegen wir Gefühle, die wir selbst haben, im Traum in andere 
Personen" (Bleuler: Psychiatrie, S. 103) und damit natürlich auch die 
zugehörigen Ausdrucksbewegungen. Dieser Vorgang, in der Psychopathologie 
unter dem Namen „Transitivismus" bekannt, wird für unsere Zwecke 
vielleicht besser als „Disjektion" bezeichnet. „Disjektion ist nach Pf ister 
das Gegenteil von „Verdichtung". Einzelne Charakterzüge, Triebregungen 
aus Ambivalenzpaaren, Affektzustände werden aus uns hinaus projiziert 
und personifiziert. Das Ich kann so in verschiedene Gestalten zerlegt werden, 
die häufig kämpfend gegeneinander auftreten. Dieser Mechanismus findet 
bekanntlich auch in der Kunst sehr oft Verwendung (z. B. : Goethe = Faust 
und Mephistopheles, Tasso und Antonio). Freud hat hauptsächlich in 
„Totem und Tabu" gezeigt, daß die „Projektion" einen wichtigen ökonomi- 
schen Zweck im Seelenhaushalt erfüllt. Durch die Verlegung böser, an- 
stößiger, unerträglicher Triebregungen und Affekte in andere Menschen 
oder erdachte Wesen (z. B. Geister), schaffen wir uns Erleichterung, 
indem quälende Triebkonflikte aus unserem Innern nach außen verpflanzt 
werden. 

Diese Projektionsgestalten hassen und bekämpfen wir, oder wir teilen 
das Leid mit ihnen, wenn sie schmerzgebeugte, trauernde Wesen sind, 
oder wir finden sie närrisch und wir lachen mit ihnen, und all das geht 
viel leichter, als wenn diese „Wesen" in uns stecken, und überdies führt 
das zu einer Verringerung der Unlust quantität (Affektabfuhr, Abschwächung 
des Schuldgefühls durch Sühne in der Identifizierung). 

Die Vermutung liegt nahe, daß wir beim Rorschachschen Versuch ein- 
zelne passende Kleckse benützen, um unser strebendes, stellungnehmendes 
Ich oder Abspaltungen des Ichs hinein zu projizieren, wodurch uns die 
betreffenden Kleckse als bewegte Gestalten vorkommen (B). Wir würden 
von diesem Vorgang ebensowenig merken, wie wenn wir im Traum in 
andere Personen verwandelt auftreten. Die Tatsache aber, daß wir diese 
Gestalten (B) mit eigenem seelischen Inhalt erfüllen und sie mit eigenen 

Imago XI. 6 



82 A. Furrer 

geheimen Einstellungen und Gefühlen ausstatten, würde sich uns durch 
die eigentümliche kinästhetische Empfindung verraten, die wir beim „Sehen 
der B haben, und die Rorschach als „Erfühlen der Bewegung beschrieb 
(Psychodiagnostik, S. 14). 

Ob aber die B sexualsymbolische Bewegungsvorstellungen seien, oder 
ob sie Einzelakte aus einer dramatischen Handlung oder Ausdrucks- 
bewegungen darstellen, immer sind sie dann im wesentlichen Kundgebungen 
des Unbewußten, des schöpferischen Unbewußten. 



Schlußbemerkungen 

Gegen meine Hypothese wurde folgender Einwand erhoben : Wenn es 
richtig sei, daß in den B die Komplexe sich besonders leicht äußern, so 
sei damit nicht bewiesen, daß das schöpferische Unbewußte speziell in 
den B stecke, sondern es sei damit bloß bewiesen, daß die Assoziationen 
von den B aus viel leichter laufen als z. B. von den Färb- oder Form- 
antworten aus. Die Analyse könne bei jedem beliebigen Ding anknüpfen 
und komme letzten Endes zu den gleichen Komplexen, wie wenn wir von 
den B ausgehen. 

Dieser Einwand hat mich instand gesetzt, meine Auffassung der B noch 
schärfer zu formulieren. Gewiß werden wir von den Farbantworten, be- 
sonders von den primären und FbF und auch von den Formantworten aus- 
schließlich zu denselben Komplexen gelangen, selbstverständlich. Während 
aber die Färb- und Formantworten mehr oder weniger komplexbedingte 
assoziative Reaktionen auf einen äußeren Reiz sein können: irgendein 
Verschiebungsglied in der Assoziationskette oder ein Symbol für eine 
zur Zeit unbewußte Vorstellung oder einen Affekt oder Trieb (z. B. Feuer 
als Libidosymbol ; Blut, Fleisch, Wunde u. dgl.), so ist das B eine komplex- 
bedingte Schöpfung, angeregt durch eine rezente Wahrnehmung. (Man 
denke hier an die „Traumerreger .) 

Hören wir dazu nur noch, was meine Künstlerin aussagte, als sie das Er- 
gebnis ihrer B- Analysen selber zusammenfaßte: „Das B ist eine fertige 
Komposition von meinen inneren Konflikten gewesen, so wie wenn 
ich diese bildlich darstellte. Als ich die B deutete, war mir das aller- 
dings noch nicht bewußt. Wenn ich bildlich eine Komposition machen 
würde, käme noch das Bewußtsein dazu mit dem ästhetischen Empfinden. 
Jede künstlerische Schöpfung wird ja geschaffen mit dem Unbewußten und 



Über die Bedeutung der ,B" im Rorschachschen Versuch 85 

Bewußten. Der einzige Unterschied zwischen den B, die man produziert, 
und einem Kunstwerk, ist der, daß man dort das Bewußt-Ästhetische ver- 
nachlässigt. Das B ist infolgedessen ein Rohprodukt, während das Kunst- 
werk der geschliffene Stein ist." 

Das mag kühn gesprochen sein; aber für die Individual- und Original-5 
stimmt es gewiß. Ob auch für die Vulgär-ß, wäre durch entsprechende 
Untersuchungen erst noch zu beweisen. 

Zusammenfassend: In den Kinästhesien erleben wir uns (im Fötal- 
stadium) zuallererst als wollendes, autonom handelndes Wesen, und 
darum wird das Unbewußte später, wenn es unsere Wünsche, Strebungen 
nicht auf motorischem Wege aktivieren kann, statt dessen die kinästheti- 
schen Engramme zur Ekphorie bringen. Beim Sehen von B im Ror- 
schachschen Versuch werden die (meist unbewußt bleibenden) Ekphorate 
der Kinästhesien in die wegen ihrer besonderen Form sich eignenden 
Kleckse hineinprojiziert (Projektion der Bewegung). Die B sind in der 
Vorstellung sich abspielende motorische Aktionen, welche Ver- 
dichtungsprodukte, symbolische Handlungen, Sublimationen sein können, 
oder sie sind in der Vorstellung sich abspielende Stellungnahmen 
zur Außenwelt und zu inneren Reizen, Triebansprüchen (Ge- 
fühlsäußerungen, Ausdrucksbewegungen). Da das B durch Projektion 
von eigener Bewegung zustande kommt, so äußert sich darin eigenes (meist 
unbewußtes) Wollen und eigenes Gefühl. 

Es ist ja nicht so, daß das schöpferische Unbewußte nur in „Kin- 
ästhesien" (Bewegungsvorstellungen) redet; aber beim Rorschachschen 
Versuch, diesem visuellen Reaktionsexperiment, sind die B die geeignetste 
Äußerungsmöglichkeit für das Innenleben, das schaffende Unbewußte. Denn 
nur bei der Produktion von B können die schöpferisch-ge- 
staltenden Kräfte und Mechanismen, die bei der Bildung des 
Traumes, der Halluzination, des Kunstwerkes wirksam sind, 
voll zur Geltung kommen. 



Über die seelischen Ursachen des Alterns, 
der Jugendlichkeit und der Schönheit 

Von Dr. Alice Sperber (Wien) 

Seit die Forschungen Steinachs die Tatsache ergeben haben, daß der 
Prozeß der Verjüngung bzw. des Alterns im Zusammenhang mit Verände- 
rungen der Geschlechtsdrüse steht, erhebt sich mit besonderer Aktualität die 
Frage, von welchen seelischen Phänomenen das Altern bzw. das Jung- 
bleiben abhängig sein könnte, denn daß auch seelische Vorgänge hier eine 
Rolle spielen, wird sich nicht von vornherein abweisen lassen. In An- 
betracht der außerordentlichen Kompliziertheit des Problems kann es nicht 
meine Aufgabe sein, es der Lösung zuzuführen, vielmehr werde ich mich 
damit begnügen müssen, einige Beobachtungen mitzuteilen und vieles zur 
Diskussion zu stellen. 

Da im allgemeinen die Ansicht verbreitet ist, daß ein sorgenloses Leben, 
Glück und Erfolg die Konservierung der Jugend begünstigen, während 
Entbehrungen, Unglück und Sorgen das Altern beschleunigen, möchte ich 
einleitend bemerken, daß dies manchmal richtig sein kann und daß ich keine 
Veranlassung habe, diese populäre Erklärung abzulehnen, doch glaube ich, 
daß noch andere Gründe für diese Erscheinung in Betracht kommen, die 
viel tiefer liegen und daß die populäre Erklärung sehr häufig nicht aus- 
reicht. Da wir nun häufig die Erfahrung machen, daß bedeutende Dichter 
und Schriftsteller als die besten Kenner des menschlichen Herzens auch 
die besten Führer bei der Beurteilung von dunklen, psychischen Problemen 
sind, möchte ich vor allem auf einen Roman eingehen, der das Problem 
der Jugendlichkeit und der Schönheit zum Gegenstande hat. Es ist dies 
der Roman „Das Bildnis des Dorian Gray" von Oskar Wilde, dessen 
Inhalt ich in folgendem kurz angebe, soweit er auf unser Thema Bezug hat. 

Dorian Gray, ein etwa zwanzigjähriger Jüngling von wunderbarer 
Anmut, wird von seinem Freunde Basil Hallward gemalt. Der Künstler 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 85 

ist von einer vergötternden Liebe für seinen jungen Freund erfüllt, der 
nicht nur durch Schönheit, sondern auch durch Unschuld des Gemütes 
und einfache Güte ausgezeichnet ist, doch bemerkt der Maler mit Be- 
trübnis, daß Dorian unter den verderblichen Einfluß des ebenfalls noch 
jungen, aber abgelebten Lord Henry Wotton gerät, dem ungewöhnliche 
Geistesgaben verliehen sind. Lord Henry ist eine ungemein komplizierte 
Persönlichkeit, die im skrupellosesten Genießen und Auskosten alles dessen, 
was das Leben an Empfindungen und Erlebnissen zu bieten hat, den 
eigentlichen Sinn des Daseins erblickt. Er bemüht sich auf jede Weise, 
Dorian diese Weltanschauung zu vermitteln und lenkt das ganze Interesse 
des Jünglings auf seine eigene bezaubernde Schönheit. Unwillkürlich wird 
man bei der Schilderung des schönen und in sich selbst verliebten Dorian 
Gray an die Sage von Narzissus denken, der unfähig ist zu lieben, bis er 
im Wasserspiegel sein eigenes bezauberndes Bildnis erblickt und, von Liebe 
verzehrt, dem Tode entgegenwankt. Auch Dorian Gray küßt einmal in 
kindlicher Nachahmung des Narzissus die gemalten Lippen seines Bildes. 
Dorian erschrickt vor dem Gedanken, daß seine jugendfrischen Beize ver- 
gehen könnten. Er ist von Eifersucht erfüllt für das von Basil Hallward 
gemalte Bild, das ewig jung und schön bleiben darf, während er selbst 
dazu bestimmt ist, zu altern und zu verblühen und in leidenschaftlicher 
Auflehnung gegen das scheinbar Unvermeidliche, spricht er den Wunsch 
aus, das Bild möge die Last des Alterns tragen und er selbst die Beize 
seiner Jugend bewahren. Der Wunsch geht in Erfüllung: Dorian, dessen 
Leben unter dem verderblichen Einfluß Lord Henrys eine Kette von Ver- 
brechen und Ausschweifungen wird, bleibt jung und schön, während das 
Bild, das von Dorian ängstlich verborgen wird, die Last seiner Jahre und 
Sünden tragen muß und sich in der abstoßendsten Weise verändert. 
Vielleicht will der Dichter in diesen Veränderungen auch die sittlich 
hochstehende Persönlichkeit des Malers zu Worte kommen lassen, der 
stets bestrebt ist, den Jüngling auf den rechten Pfad zurückzuleiten und 
Dorian so in geheimnisvoller Weise gleichsam sein wahres Spiegelbild 
vorhält. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß der Maler, der erst spät von 
der furchtbaren Umwandlung erfährt, schon zu Anfang sagt, «er habe 
zuviel von seinem eigenen Wesen in das Bild hineingelegt. Von Angst 
und Gewissensqual gepeinigt, will Dorian, der inzwischen in unver- 
minderter Jugendfrische vierzig Jahre alt geworden ist, das Bild durch- 
stechen, da ertönt ein Schrei und ein Fall, das Messer steckt in seiner 
eigenen Brust. EiD zweites Wunder ist geschehen: als die Diener ein- 



86 Dr. Alice Sperber 



treten, sehen sie an der Wand ein prachtvolles Porträt ihres Herrn, in 
all dem Zauber seiner erlesenen Jugend und Schönheit. Auf dem Boden 
liegt ein toter Mann im Frack, ein Messer im Herzen. Er ist welk, 
runzlig und ekelhaft von Angesicht. Erst als sie die Ringe betrachten, 
erkennen sie, wer es ist. 

Fragt man nun nach dem Sinn des Wunders, so muß die Antwort wohl 
lauten: Der leidenschaftliche Wunsch, jung und schön zu bleiben, der 
Dorians ganzes Wesen beherrscht, und das in erster Linie seiner eigenen 
Person zugewandte Interesse halten die Folgen des Alterns und der Aus- 
schweifungen von seiner äußeren Person ab. Als die Kraft der Seele, die 
diese geheimnisvolle Wirkung hervorgerufen hat, erstirbt, geraten die Dinge 
wieder in ihre natürliche Ordnung, das Antlitz Dorians zeigt die Spuren 
des Verbrechens und des Alters, das Bild erstrahlt in Jugend und Schönheit. 
Der Gedanke ist zwar nicht ganz konsequent durchgeführt, denn Dorian 
hat schon kurz vor seinem Tode seine eigene Jugend und Schönheit verflucht, 
um deretwillen er einem so schrankenlosen Egoismus gefrönt hat, aber die 
Verwandlung erfolgt erst im Augenblicke des Todes selbst. Doch wird der 
Sinn der Dichtung wohl kein anderer sein, auch ist gewiß in Dichtung 
und Wahrheit die Annahme berechtigt, daß Flüche und Schwüre oft be- 
zeichnender sind für das, was die Menschen wollen möchten, als für das, 
was sie wirklich wollen. 

Bei der Betrachtung des Dorian Gray, dem die Liebe für die eigene 
Person Sinn und Zweck des Lebens wird, mußte ich einer Vorlesung 
Prof. Freuds über das Wesen des Narzißmus gedenken, in der er die 
Bemerkung machte, daß die Liebe zur eigenen Person vielleicht 
das Geheimnis der Schönheit sei. Es scheint nun, daß narzißtische 
Strömungen und die leidenschaftliche Auflehnung gegen das Altern, wie 
sie bei Dorian Gray das ganze Wesen erfaßt, nicht nur der Schönheit, 
sondern auch der Erhaltung der Jugendlichkeit, die mit der Schönheit so 
oft im Zusammenhang steht, zugutekommt. 

In diesem Zusammenhang möchte ich auch der schönen Frau Boye aus 
dem Roman „Niels Lyhne" von Jacobsen gedenken (Diederichs, Jena 1919) 
und folgende charakteristische Stelle zitieren: 

„Etwas entfernt von Eriks Gerüst saß Frau Boye auf einem niedrigen 
hochrückigen Lehnstuhl, mit einem feinen Buch in der einen Hand und 
einem kleinen Tonklumpen in der anderen. Klein war sie, ein bißchen 
klein und leicht brünett, mit klarbraunen Augen und lichtweißem Teint, 
der im Schatten der Rundungen goldenmatt wurde und fein zu dem 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 87 

glanzvollen Haar stimmte, dessen Dunkelheit im Licht einen Ton von 
braun gebräunter Blondheit annahm. 

Sie lachte, als sie kamen, so wie ein Kind lachen kann, 1 so er- 
leichternd klang es und lustig laut, so vergnüglich frei, und es war 
auch eines Kindes offener Blick in ihrem Auge, eines Kindes 
vorbehaltsloses Lächeln um ihren Mund, der dadurch noch kind- 
licher wurde, daß die Oberlippe so kurz war und daß die milchweißen 
Zähne fast nie ganz verschwanden und der Mund fast immer eine Spur 
offen stand. Doch war sie kein Kind. War sie einige Dreißig alt? 
Des Kinnes feste Form sagte nicht nein, so wenig wie der Unterlippe 
reifer Flaum; und sie war voll von Gestalt, mit reichen, aber festen 
Formen, die stark hervorgehoben wurden durch ein dunkelblaues Gewand, 
das sich stramm anschloß wie die Taille eines Reitkleides, eng um die 
Mitte, Brust und Arme. An ihrem Hals und auf ihren Schultern lag 
faltenreich ein kleines blutrotes Seidentüchlein, dessen Enden in dem 
spitzen Ausschnitte des Kleides verschwanden und im Haare trug sie Nelken 
von der Farbe des Tuches. Frau Boye stammt aus vornehmer Patrizier- 
familie, hat sich aber mit ihren Angehörigen entzweit, nachdem sie Witwe 
geworden. Ihr Mann war Apotheker gewesen, Assessor pharmaciae und 
Ritter. Als er starb, war er Sechzig und Besitzer von anderthalb Tonnen 
Goldes. Soweit man es wußte, hatten sie miteinander sehr gut gelebt. Im 
Beginn, die ersten drei Jahre, war der alternde Mann sehr verliebt gewesen ; 
später lebten sie sehr viel jedes für sich, er mit seinem Garten beschäftigt 
und damit, seinen Ruf als Tausendsassa — in Herrengesellschaften auf- 
rechtzuerhalten; sie mit dem Theater, mit Romanzenmusik und deutscher 
Poesie. 

Dann starb er. 

Als das Trauerjahr vorbei war, machte die Witwe eine Reise nach 
Italien und lebte ein paar Jahre unten, zumeist in Rom. Es war gar nichts 
Wahres daran, daß sie in einem französischen Klub Opium geraucht, so 
wenig wie an der Geschichte, daß sie sich auf gleiche Art wie Paolina 
Borghese habe modellieren lassen und der kleine russische Fürst, der sich 
erschoß, erschoß sich durchaus nicht um ihretwillen. Allein wahr ist, daß 
die deutschen Künstler nicht ermüdeten, ihr Serenaden darzubringen und 
auch das ist wahr, daß sie in einer Morgenstunde in einer albanischen 
Bauernmädchentracht sich auf eine Kirchentreppe oben bei der Via Sistina 

1) Diese, wie auch die folgenden Stellen sind von der Verfasserin gesperrt. 



88 Dr. Alice Sperber 



gesetzt, und von einem neu angekommenen Künstler hatte anwerben 
lassen, mit einem Topf auf dem Haupt und einem kleinen braunen 
Knaben an der Hand Modell zu stehen. Solch ein Bild hing jedenfalls an 
der Wand. 

Auf der Reise nach Italien traf sie mit einem Landsmann zusammen, 
einem bekannten tüchtigen Kritiker, der lieber ein Dichter gewesen wäre. 
Eine negative skeptische Natur nannte man ihn, einen scharfen Kopf, der 
seine Mitmenschen hart und unbarmherzig anfaßte und seine Brutalität 
durch dies „weil" gerechtfertigt glaubte. Allein er war nicht ganz das, 
wozu die Leute ihn machten; er war nicht so unangenehm aus einem 
Guß, noch so rücksichtslos konsequent, als er aussah, denn ungeachtet, 
daß er gegenüber der idealen Richtung der Zeit allezeit auf dem Fehdefuß 
war, und sie mit anderen verdammenden Namen nannte, so hatte er doch 
für dies Ideale, Träumende, Ätherische, dies blaublau Mystische, das unbe- 
greiflich Hohe und verschwindend Zarte eine Sympathie, die er der mehr 
erdgeborenen Richtung gegenüber nicht empfand, für die er kämpfte und 
an die er hauptsächlich glaubte. 

Widerstrebend verliebte er sich in Frau Boye, doch er sagte ihr es 
nicht, denn es war keine junge und offene, keine hoffende Verliebtheit. 
Er liebte sie wie ein Wesen von einer anderen, feineren und glücklicheren 
Rasse als seine eigene, und es war darum Neid in seiner Liebe, eine instinkt- 
mäßige Erbitterung wider das, was in ihrer Rasse war. 

Mit feindlichen eifersüchtigen Augen sah er auf ihre Neigungen und 
Meinungen, ihre Geschmacksrichtung und ihre Lebensanschauung, und 
mit allen Waffen, mit feiner Beredsamkeit, mit herzloser Logik und 
barscher Autorität und mitleidsgefühltem Spott erkämpfte er sie sich, 
gewann er sie zu sich und zu seiner Ansicht hinüber. Aber als die Wahr- 
heit nun gesiegt hatte und sie wie er geworden war, da sah er, daß nicht 
allzuviel gewonnen und daß er sie mit ihren Illusionen und Vorurteilen, 
ihren Träumen und Irrtümern geliebt hatte und nicht als die, so sie 
nun war. 

Unzufrieden mit sich selbst, mit ihr und mit allem zu Hause, reist er 
fort und blieb auch fort. Aber da hatte sie gerade begonnen, ihn zu lieben. 

Aus diesem Verhältnis konnten die Leute natürlich sehr viel machen 
und das taten sie auch. Die Etatsrätin sprach mit Niels, so wie alte Tugend 
von jungem Fehltritt spricht." (S. 94 ff.) 

Nach diesem schon ziemlich wechselvollen Leben kommt nun die 
Liebesepisode zwischen Frau Boye und Niels Lyhne. Obwohl sie den 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 89 

Jahren nach nicht mehr sehr jung sein kann, so sind ihr doch Schönheit 
und Jugend treu geblieben. 

„Sie sah so jung aus, wie sie so da lag, unter der Astrallampe 
mildgelbem Schein, beleuchtet vom Scheitel bis zum Fuße, und es war 
eine betörende Nichtübereinstimmung zwischen dem herrlichen stark- 
geformten Hals, der matronenartigen Charlotte-Corday-Haube und dann 
den kindlich treuherzigen Augen und dem geöffneten kleinen Mund 
mit den milchweißen Zähnen. Niels sah bewundernd auf sie" (S. 104) und 
Frau Boye teilt uns selbst unmittelbar darauf das Geheimnis 
ihrer Jugendlichkeit mit: 

„Wie es wunderlich ist, sich nach sich selbst zu sehnen!" sagte 
sie, indem sie langsam ihre Träume fahren ließ und mit ihrem Blick 
zurückkehrte, „und ich sehne mich so oft, oft nach mir selbst als 
junges Mädchen und liebe es wie eine, der ich innerlich nahe- 
gestanden und mit der ich Leben und Glück und alles geteilt 
und die ich dann verloren, ohne daß ich das Allergeringste 
dafür konnte. Was für eine liebliche Zeit das war! Sie ahnen nicht, 
wie zart und rein eines jungen Mädchens Leben ist, bis hinein in 
der ersten Liebe Zeit. Es kann nur in Tönen ausgedrückt werden; aber 
denken Sie sich es als ein Fest in einem Feenschloß, wo die Luft sogar 
leuchtet, gleich wie errötendes Silber. Da ist alles voll von kühlen Blumen 
und sie wechseln die Farben, sie tauschen langsam miteinander die Farbe, 
alles klingt drin jubelnd, aber dennoch gedämpft, und die dämmrigen Ahnungen 
glitzern und glühen wie ein mystischer Wein in feinen reinen Traumes- 
schalen, und es klingt und duftet: tausend Düfte ziehen durch die Säle; 
ah, ich könnte weinen, wenn ich daran denke, und wenn ich auch daran 
denke, daß bekäme ich das alles wieder, so wie es war, durch ein Mirakel, 
so würde das Leben mich nun gar nicht tragen können, sondern ich würde 
durchfallen, wie eine Kuh, die auf Spinnweben tanzen wollte' (S. 104). 

Genau so wie bei Dorian Gray ist es auch bei Frau Boye: Die Liebe 
zu sich selbst verleiht ihrer Schönheit und Jugend eine wunderbare Wider- 
standsfähigkeit. 

Ehe ich auf die psychologische Erklärung der jugenderhaltenden Kraft, 
des Narzißmus, eingehe, möchte ich noch vorausschicken, daß auch mir 
die narzißtische Veranlagung verhältnismäßig jugendlich aussehender Per- 
sonen aufgefallen ist und daß diese Menschen zumeist auch für schön oder 
zumindest hübsch gelten. Ich bin mir nun allerdings darüber klar, daß es 
eine besondere Erschwerung für diese Untersuchung bedeutet, wenn das 



go Dr. Alice Sperber 



Problem der Jugendlichkeit zu gleicher Zeit mit dem der Schönheit be- 
handelt werden soll, weil auf diese Weise ein dunkles Problem mit einem 
anderen belastet wird, das vielleicht noch geheimnisvoller ist; ich konnte 
aber anderseits nicht davon abgehen, da in vielen Fällen der Zusammen- 
hang eben besteht, was ja auch Wilde in seinem Roman andeutet. Eine 
besondere Erschwerung der Situation bedeutet es ferner, daß die Menschen, 
die doch schon das Alter anderer Personen häufig verschieden einschätzen, 
in bezug auf die Begriffe „schön" oder „nicht schön" noch viel ver- 
schiedenerer Meinung sind, doch müssen alle diese Schwierigkeiten ja kein 
Grund sein, um von vornherein auf die Erörterung jener Probleme zu 
verzichten. Wenn man nun auch über die Begriffe „schön oder „jung 
äußerst verschiedener Ansicht sein kann, so dürfte doch in einer Beziehung 
eine ziemlich weitgehende Übereinstimmung herrschen. Allgemein ist die 
Ansicht verbreitet, daß das Glück verjüngt und verschönt und Menschen 
mit hochgradig narzißtischer Veranlagung besitzen eine Quelle des Glücks, 
die sich anderen nicht in demselben Maße erschließt. Es ist höchst wahr- 
scheinlich, daß alle Menschen gelegentlich ihr Glück in Phantasien und 
Träumen suchen und man kann mit Sicherheit voraussetzen, daß stets der 
Träumer selbst der Held seiner Träume ist und darin die vorteilhafteste 
Rolle spielt, aber wenn man dies im Prinzip wohl von allen Menschen 
sagen kann, so sind doch die quantitativen Unterschiede, nämlich die 
Häufigkeit solcher Phantasien und die Intensität der Selbstliebe, die darin 
zum Ausdruck kommt, wahrscheinlich sehr verschieden. Ich vermute nun, 
daß Menschen, denen eine verhältnismäßig widerstandsfähige Jugend be- 
schieden ist, sehr häufig von früher Kindheit an bis in spätere Jahre in 
solchen Träumereien schwelgen, die für sie manchmal vielleicht mehr 
bedeuten, als das, was die Realität ihnen sonst schenken oder versagen 
mag. Von dem naiven Egoismus solcher Phantasien kann man sich am 
besten eine Vorstellung machen, wenn man das Leben Dorian Grays, wie 
es der Dichter darstellt, als eine Phantasie auffaßt, wie ja übrigens auch 
Wilde sein Werk in die höhere Sphäre der Unwirklichkeit entrückt hat, 
indem ein geheimes Wunder die Handlung von Anfang bis zu Ende be- 
gleitet. Größere Egoisten als Menschen mit so stark narzißtich betonter 
Veranlagung gibt es wahrscheinlich nicht; ich möchte nur, um ein Miß- 
verständnis zu vermeiden, noch besonders betonen, daß hier nicht immer 
jener alltägliche und triviale Egoismus vorhanden sein muß, der aus- 
schließlich nach realen Gütern strebt, obwohl dieser natürlich mit einer 
stark betonten narzißtischen Einstellung verbunden sein kann. Es kann 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 9 1 



aber auch Narzißten geben, die sich bemühen, ihren sozialen Pflichten, wie 
auch ihren Pflichten gegen ihre Familie und ihre Freunde so gut als 
möglich nachzukommen und die damit äußerlich nicht schlechter zustande 
kommen als anders veranlagte Menschen, aber sie besitzen die Fähigkeit, 
sich innerlich die eigenen Leiden und die anderer bis zu einem gewissen 
Grade fernzuhalten, denn sie flüchten immer wieder in ihre beglückende 
Märchenwelt, in der sie sich nichts versagen. Und ist es nicht ganz 
natürlich, daß eine derartige Seelenverfassung, die der des Kindes so nahe- 
steht, auch einen gewissen Schutz vor dem Altern gewährt und den Zügen 
eine Unberührtheit von den Stürmen des wirklichen Lebens verleiht, die 
anderen den Eindruck der Jugendlichkeit und oft auch der Schönheit 
macht? Wenn wir sagen, jemand sehe alt aus, so meinen wir doch damit, 
daß das Leben tiefe Spuren in sein Antlitz gegraben hat und wenn mit- 
unter auch die Meinung vertreten wird, ein Antlitz sei dann schön, wenn 
es den Kampf der Leidenschaften und die Spuren des Erlebten recht 
deutlich widerspiegle, so werden doch die meisten anderer Ansicht sein 
und jene Menschen schön finden, die sich etwas von jenem Reiz bewahrt 
haben, der Kindern im höchsten Grade eigen ist und bei den meisten 
schnell verloren geht. Die echten Narzißten bleiben eben lange Zeit Kinder 
und wenn auch ihnen natürlich oft große Leiden beschieden sind, so haben 
sie doch in sich selbst einen letzten Schutz vor dem Elend des Lebens 
und die traurige Realität, die tiefe Spuren in die Gesichter der meisten 
Menschen gräbt, kann sie nicht mit derselben erbarmungslosen Gewalt 
überfallen, wie es sonst der Menschen Los. 

In „Niels Lyhne" hat Jacobsen geschildert, wie Frau Boye trotz wechsel- 
voller Schicksale die Realität gleichsam ignoriert und noch als reife Frau 
äußerlich das junge Mädchen bleibt, von dessen geliebtem Bild sich ihre 
Phantasie nicht losreißen kann und sehr wirkungsvoll hat Wilde die Ab- 
lehnung der Realität zum Ausdruck gebracht, indem er die äußeren Folgen 
der Sünden und Leiden seines Helden von diesem abwendet und auf ein 
Bild projiziert. Wenn also der Narzißmus und die damit verbundene Selbst- 
betonung und Selbsterhaltung wirklich ein Faktor sein sollte, der der Er- 
haltung der Jugend günstig ist, so ist es naheliegend zu erörtern, welche 
äußeren Umstände und sozialen Strömungen eine derartige Einstellung 
begünstigen können und einige dieser Strömungen aufzudecken, soll eine 
der Hauptaufgaben dieser Arbeit sein. 

Meine Betrachtungen beziehen sich nun allerdings auf einen verhältnis- 
mäßig beschränkten Kreis von Menschen, die der intellektuellen 






92 Dr. Alice Sperber 



bürgerlichen Schichte Österreichs angehören, was jedoch leicht 
erklärlich ist, denn es liegt in der Wesensart des Problems, daß der Be- 
obachter nur dann Aussicht hat, annähernd richtig zu urteilen, wenn er 
das Milieu, das er zum Gegenstande seiner Betrachtungen macht, von 
Jugend an genau kennt und gleichsam die geistige Atmosphäre jener 
Schichte geatmet hat. Es wird daher notwendig sein, daß viele Personen 
in den verschiedenen Sphären der menschlichen Gesellschaft, deren Lebens- 
bedingungen ihnen vertraut sind, Beobachtungen anstellen und nur als ein 
Versuch soll diese Arbeit betrachtet werden, die auf allgemeine Gültigkeit 
keinen Anspruch erheben darf. Da ferner Beobachtungen bei Frauen 
dadurch erschwert werden, daß ihnen eine möglichst lange Konservierung 
der Jugend und Schönheit von der Gesellschaft in höherem Maße als den 
Männern gewissermaßen zur Pflicht gemacht wird und die Mode, wie 
auch die Kosmetik bemüht ist, ihnen hier in jeder Weise zu Hilfe zu 
kommen, will ich das Problem zunächst im Hinblick auf das männ- 
liche Geschlecht erörtern. 

Schon ehe das Problem des Alterns und Jungbleibens durch die For- 
schungen Steinachs in den Brennpunkt des Interesses gerückt war, 
mußte ich oft darüber staunen, daß die Männer jener Sphäre, und zwar 
meine ich jene, die derzeit zwischen dem dreißigsten und vierzigsten 
Lebensjahre stehen oder zum Teil auch schon älter sind, einen auffallend 
jugendlichen Eindruck machen. Die Bartlosigkeit, wie die herrschende 
Mode sie vorschreibt, mag ja dazu beitragen, ohne jedoch dieses Phänomen 
vollständig zu erklären, wobei immerhin noch zu erwägen wäre, ob nicht 
diese Mode das Resultat seelischer Strömungen ist, die mit dem, was hier 
gesagt werden soll, im Einklang stehen. Überdies tragen ja auch die Priester 
der katholischen Kirche keinen Bart, ohne daß dadurch der autoritative 
Eindruck ihrer Erscheinung abgeschwächt würde, der in direktem Gegen- 
satz zu dem knabenhaften Wesen und Aussehen steht, von dem hier die 
Rede sein soll. Die Gestalt jener jungen Männer erreichte spät oder gar 
nicht das gewichtige auf Würde eingestellte Aussehen der früheren Gene- 
ration, der Ausdruck des Gesichtes bleibt oft fast kindlich und ganz be- 
sonders will die Stimme wie auch die Sprech- und Modulationsweise den 
Jahren nicht folgen, hingegen scheint das verhältnismäßig frühzeitige Er- 
grauen der Haare durch diese Vorgänge nicht beeinflußt zu werden. Auch 
in bezug auf die seelische Entwicklung ist diese Generation auffallend 
jung geblieben. Während ich diese Zeilen schreibe, schweben mir die 
Worte „kindlich, knabenhaft, jugendlich, spielerisch und sogar kindisch" 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 95 



auf den Lippen, je nach den Personen, auf die sie sich beziehen. Ein 
Werturteil will ich damit in keiner Weise verbinden, denn ich habe diese 
Nuancen in Verbindung mit einer gewissen Mittelmäßigkeit und Minder- 
wertigkeit ebenso konstatieren können, wie auch im Verein mit den 
edelsten Vorzügen des Geistes und des Herzens. Mitunter habe ich gehört, 
daß für die Betreffenden die Worte „Bursch, Bürscherl, Jüngling" gebraucht 
wurden, Bezeichnungen, die mehr zu ihrem Wesen und Aussehen als zu 
ihrem Alter paßten. Häufig wurden sie von Menschen, die sie nicht näher 
kannten, für bedeutend jünger gehalten, als sie tatsächlich waren, auch 
geschah es, daß Leute, denen ihr tatsächliches Alter bekannt war, sich oft 
über ihr jugendliches Aussehen wunderten und ich lege Wert auf die 
Feststellung, daß diese Bemerkungen von Menschen herstammen, die von 
mir nicht beeinflußt sein konnten, da ihnen meine eigene Ansicht unbe- 
kannt war. Eine ältere Frau, die allerdings davon wußte und der in 
höherem Grade als mir die Möglichkeit offen stand, den Vergleich mit den 
Männern der vorherigen Generation zu ziehen, hat mir meine Beob- 
achtungen mit demselben Erstaunen bestätigt, das ich für diese Erscheinung 
empfand. Wollte man die Gründe erörtern, so hieß es: „Sie haben den 
Ernst des Lebens nicht recht kennen gelernt, sie sind von ihren Angehörigen 
zu sehr verwöhnt worden und deshalb Kinder geblieben. Da kam der 
Weltkrieg. Die angeblich so bevorzugte Generation wurde ins Feuer ge- 
schickt, sie hat ertragen, was Menschen überhaupt ertragen können, sie 
war den furchtbarsten Schrecknissen, der schwersten Verantwortlichkeit 
ausgesetzt und — ist jung zurückgekehrt, und wenn in diesen Zeilen auch 
zum Teil von jungen Männern die Rede ist, denen die Leiden der 
Schlacht erspart geblieben sind, so waren doch auch die Zurückgebliebenen 
so sehr mit Kummer, Angst, Not und Entbehrungen überhäuft, daß ein 
rasches Altern nur allzu begreiflich gewesen wäre. Diese Erscheinung ist 
einer eingehenden Erörterung wert, ich möchte aber, ehe ich damit be- 
ginne, noch auf einen für dieses Thema sehr charakteristischen Ausspruch 
hinweisen, der von einem damals etwa vierzigjährigen Manne stammt. Es 
war davon die Rede, ob man sich Knaben oder Mädchen als Nachkommen- 
schaft wünschen sollte. „Ach", meinte der Betreffende lächelnd, „doch 
lieber Mädchen, ein Bub, das ist man doch selber." Tatsächlich handelt 
es sich um eine Persönlichkeit, deren Jugendlichkeit in seelischer wie 
auch in äußerer Hinsicht auffallend ist, um so mehr als sich der Be- 
treffende in leitender Stellung befindet und einer sehr pessimistischen 
Lebensauffassung huldigt. 




94 Dr. Alice Sperber 



Auch möchte ich hier auf einen anderen Ausspruch verweisen, den ich 
vor kurzem hörte. Es war von einem jetzt etwa "fünfzigjährigen Manne 
von großen geistigen Fähigkeiten die Rede, der als einer der ersten unseres 
Landes dem Einfluß der neuen Einstellung zu den Frauen ausgesetzt war. 
Die Bekanntschaft mit den Anwesenden begann vor etwa zwanzig Jahren. 
„Vor zwanzig Jahren"; meinte jemand, „habe ich mich immer gefreut, 
wenn ich mit ihm sprechen konnte." „Ach," erwiderte jemand anderer, 
„damals war er noch ein Bub." Keiner von den Sprechenden gab sich 
darüber Rechenschaft, daß der „Bub damals schon dreißig Jahre alt war. 
„Wenn ich den Hut aufsetze," hörte ich einmal von einem Dreißig- 
jährigen, „so sehe ich doch nicht so bubenhaft aus. 

Sehr bezeichnend ist z. B. auch, daß sich in Wien (nach einer Zeitungs- 
meldung im Jänner dieses Jahres) ein „Bund junger Architekten 
Österreichs" konstituiert hat und daß die Altersgrenze, bis zu der man 
Mitglied dieser Organisation werden kann, mit dem vierzigsten Jahre 
festgesetzt worden ist. 

Im Gegensatz dazu möchte ich einige Stellen aus dem Roman Gabriele 
Reuters „Aus guter Familie" (21. bis 22. Auflage) zitieren, der in den 
Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts spielt und seinen außerordent- 
lichen Erfolg neben vielen Vorzügen dem Umstand verdankt, daß darin 
die bürgerliche Gesellschaft der damaligen Zeit sehr lebenswahr geschildert 
wird. Um die Heldin des Romans bewirbt sich der Landrat Raikendorf. 
„Wollte er wirklich 'mal heiraten, so war es hohe Zeit. Er 
rechnete nach, wie alt er mittlerweile geworden. Wahrhaftig — 
so nah' den Vierzig!" (S. 252.) Und zu Agathe sagt der Landrat: 
„Prophezeien Sie einmal: Können Sie sich vorstellen, daß ein 
junges, hübsches, kluges Mädchen so einen alten kahlen Kerl... 
was? Hat nicht viel Aussicht?" (S. 254.) Und von Agathe heißt es: 
„Den kahlen Kopf, die müden farblosen Augen des Landrates, seinen goldenen 
Kneifer und das beginnende Bäuchlein — den Wert, den er aufs Essen 
legte — an alles dies gewöhnte Agathe sich mit sanfter Freude. Jede 
Unvollkommenheit kam ihr fast wie eine neue Garantie für die Zu- 
kunft vor." 

„Die Mädchen müssen nehmen, was ihnen geboten wird." (S. 257.) 
Vgl. auch eine Stelle aus den Memoiren des Grafen Alex. v. Tilly, die 
nach der französischen Revolution geschrieben wurden. „Eine Neffe des 
Schwans v. Cambray, der Marquis v. Fenelon, dem es aber am Gesang 
und an der Herzensreinheit seines Oheims fehlte, wagte im heran- 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 95 

nahenden Alter etwas, wozu mehr Mut und Beharrlichkeit gehört, als 
zu einem Telemach. Er unterhielt ein Mädchen von sehr zweideutigem 
Ruf, deren Vater ein Amt im Finanzfach bekleidet hatte. Sie gab sich den 
Namen Beauvilliers, war ausnehmend schön und richtete ihren vierzig- 
jährigen Liebhaber zugrunde." Aus dieser Stelle wie auch aus den 
vorhergehenden Zitaten klingt eine Resignation, die heute immer mehr 
und mehr abhanden kommt. 

. Ich glaube, daß die verhältnismäßig lange Jugend jener Männer, von 
denen hier die Rede ist, auf das engste mit der Art und Weise zusammen- 
hängt, in der sie auf das weibliche Geschlecht eingestellt sind. Seit nämlich 
das weibliche Geschlecht aus dem Schatten hervorgetreten ist, in dem es 
durch Jahrtausende gelebt hatte, waren die Männer genötigt, sich seelisch 
diesem Ereignis anzupassen und haben nicht nur tatsächlich, sondern ver- 
mutlich auch in ihrem Phantasieleben ihre Herren- und Beschützerrolle 
gegenüber dem weiblichen Geschlechte zum Teil aufgegeben. Diese neue 
Einstellung scheint nun die Entwicklung aller seelischen und körperlichen 
Kräfte von Männern, die in besonders hohem Grade unter den Ein- 
wirkungen jener Strömungen standen, nachhaltig beeinflußt zu haben und 
dürfen wir darüber staunen, „daß es der Geist ist, der sich den Körper 
baut" und daß die Betreffenden länger knabenhaft geblieben sind als ihre 
Väter? 

Die Anpassung an das große Ereignis der Frauenemanzipation ist 
weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht leicht gefallen, 
die endlosen Diskussionen, die über dieses Thema geführt wurden, sind 
noch in aller Erinnerung und wenn in der Hitze des Gefechtes auch von 
hochgebildeten und wohlmeinenden Männern Worte gegen die Gleich- 
berechtigung der Frau gefallen sind, die sich mit dem gesunden Menschen- 
verstand in keiner Weise vereinigen ließen, so mag dies für alle Erforscher 
des menschlichen Herzens als Beweis dafür gelten, daß nicht nur reale 
Rechte, sondern auch liebgewordene Phantasien verteidigt wurden und 
vielleicht sind die Leiden Strindbergs, die sich aus seiner feindseligen 
Einstellung zum weiblichen Geschlecht ergaben, zum großen Teil darauf 
zurückzuführen, daß die neue Zeit das Frauenideal von einst zerstört hatte, 
noch ehe sie dem Dichter ein neues geschaffen. Wie gesagt, haben auch 
die Frauen sich nicht leicht in die neue Situation hineingefunden, aber 
sie waren wenigstens scheinbar in einer günstigeren Lage, denn das Schlag- 
wort lautete ja, daß sie Rechte erkämpfen würden, während die Männer 
etwas später, aber dann ziemlich restlos, zu der Erkenntnis gelangten, daß 



g6 Dr. Alice Sperber 



sie nicht nur Rechte, sondern auch drückende Verpflichtungen abge- 
treten haben. Während nun die ältere Generation ziemlich unvorbereitet 
dem Anprall der neuen Weltanschauung ausgesetzt war und sich zum Teil 
auf das heftigste dagegen wehrte, befand sich die jüngere in einer 
wesentlich anderen Lage. Die Schwester, die Geliebte, die Braut, mitunter 
selbst die Mutter strebte nach Befreiung, nach Anerkennung, nach Selb- 
ständigkeit, die Luft war gleichsam mit neuen Idealen getränkt, die Ritter- 
lichkeit machte es geradezu zur Pflicht, den Frauen in ihrem Kampfe bei- 
zustehen, man war nicht mehr der Beschützer ihrer Schwäche, sondern 
der Bundesgenosse ihrer Stärke und wahrscheinlich ist dem Phantasie- 
leben jener heranwachsenden jungen Männer das Bild der imponierenden 
Sappho teurer geworden als jenes der mädchenhaften Melitta; mit anderen 
Worten: die Macht der Mutter-Imago war im Wachsen begriffen. Dazu 
kam, daß auch im Familienkreise das weibliche Element seine Einfluß- 
sphäre erweiterte und wenn es auch gewiß ebenso falsch als oberflächlich 
wäre, die Männer kurzweg als streng und die Frauen als mild zu be- 
zeichnen, so ist es doch sicher, daß die Macht der väterlichen Autorität 
im Sinken begriffen war. Es scheint nun tatsächlich, daß eine milde, viel- 
leicht sogar feminine Erziehung die Entwicklung verlangsamt, was übrigens 
auch die Sprache, die so oft das Richtige trifft, zum Ausdruck bringt, 
denn niemand kann sich ein „Muttersöhnchen" alt oder gereift vorstellen. 
In diesem Sinne hätte also die eingangs erwähnte Anschauung recht, die 
die langsame Entwicklung des männlichen Geschlechtes auf den Einfluß 
einer rücksichtsvolleren Erziehung zurückführt als sie anderen Generationen 
zuteil geworden ist. Dabei ist es interessant zu konstatieren, daß die Ein- 
drücke der Kindheit und der ersten Jugend offenbar von ausschlaggebender 
Bedeutung sind, denn der furchtbare Druck der Autorität, der während 
des Krieges auf der heutigen jungen Generation gelastet hat, konnte ihr 
Wesen nicht mehr nennenswert verändern; die Entwicklung des Knaben 
ist im höchsten Grade abhängig von dem Wunsche, dem Vater ähnlich 
zu werden, wenn nun dieser freiwillig auf einen Teil seiner Macht ver- 
zichtet, wird auch bei dem Kinde der Wunsch, selbst autoritativ und 
mächtig zu wirken, geringer werden, insbesondere weil ja auch die Unter- 
drückung wegfällt, die den Knaben vor allem dazu anspornt, sich Macht und 
Autorität zu wünschen, um sich möglichst vollständig von dem Zwange zu 
befreien, der auf ihm lastet; und wozu sollte man schließlich auch noch 
so ansehnlich und gewichtig auftreten, wenn die Frauen, um deretwillen 
es einst geschah, nun selbst ein anderes Ideal verkündet hatten? Unter 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 9 7 

solchen Umständen mußten die Eheaussichten reifer Frauen steigen. 
Während früher in erster Linie das junge, fast noch kindliche Mädchen 
auf die Huldigungen des männlichen Geschlechtes Anspruch erheben durfte 
und ein Mädchen von dreißig Jahren kaum noch begehrenswert erschien, 
haben viele Frauen der erwähnten Schichte erst in diesem Alter, zum Teil 
auch noch später geheiratet, mit anderen Worten: die Männer hielten an 
derjenigen Einstellung zum weiblichen Geschlecht fest, die ihnen in der 
Kindheit und in Jünglingsjahren vertraut geworden war und wenn für 
diese späten Eheschließungen es auch manchmal in Betracht kommen 
konnte, daß die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau die Gründung des 
Haushaltes erleichterte, so war dies doch nicht immer der Fall und auch 
nicht der alleinige Grund. Gelegentlich heirateten sehr junge Männer viel 
ältere Frauen und soweit meine naturgemäß allerdings recht begrenzten 
Beobachtungen reichen, waren diese Ehen, mit ihrer starken Betonung des 
Mutterkomplexes von seiten des Mannes, der langsamen Enwicklung jener 
Männer günstig. 

Es ergibt sich nun die Frage, wie sich die allgemein kindliche 
Mentalität, die soeben hier beschrieben wurde, zum Problem der jugend- 
erhaltenden Kraft des Narzißmus verhält. Nun wäre es ja wohl 
möglich, daß Menschen, die sich eine gewisse Kindlichkeit oder Jugend- 
lichkeit des Gemütes bewahren, verhältnismäßig lange jung aussehen, auch 
dann, wenn sie nicht besonders narzißtisch veranlagt sind, aber ich glaube 
doch, daß die derzeitige Seelenverfassung des männlichen Geschlechtes, das 
sich einer so schweren Bürde entledigt hat, wie es die Beschützerrolle 
gegenüber der Frau bedeutete, einer kindlich narzißtischen Einstellung 
günstig ist, denn je weniger die Verantwortung und Sorge für andere das 
Gemüt eines Menschen bedrückt, desto mehr wird er geneigt sein, sich 
selbst zum Mittelpunkt seines Interesses zu machen. 

Ich gehe nun zur Erörterung dieses Problems in bezug auf das weib- 
liche Geschlecht über und möchte vor allem eine auch von anderen be- 
merkte Tatsache konstatieren. In den ersten Jahren der Frauenemanzi- 
pation, als derartige Betrachtungen noch nicht durch Babyfrisuren, Bubi- 
köpfe und Schulmädchenkleider erschwert wurden, ist es aufgefallen, daß 
Mädchen, deren Schulzeit infolge des Studiums länger währte als jene 
anderer Frauen, eine merkwürdige widerstandsfähige Jugendlichkeit be- 
wahrten. Vgl. „Quellen und Studien zur Jugendkunde", herausgegeben von 
Charlotte Bühl er, Heft 1. „Tagebuch eines Mädchens , Jena 1922, S. 6: 
Es handelt sich um ein Gespräch einer Lehrerin mit ihrer etwa vierzehn- 

Imago XI. 7 




98 Dr. Alice Sperber 



jährigen Schülerin. Sie (nämlich die Lehrerin) sagt: „Vorhin in der Unter- 
grundbahn war ein kleiner Junge, der schleifte seine Fahne immer hinter 
sich. Die Mutter sieht zu, ohne etwas zu sagen. Ich sage: aber Junge, so 
nimm doch die Fahne hoch! Er sieht mich mit dummen Augen an, und 
ich fahre fort, ihm klar zu machen, daß er die Fahne nicht so schleifen 
dürfe. Ach! und ihr Mädels nehmt die Fahne auch nicht in die Hand, 
man könnte fast verzweifeln an euch." Da erzählte ich ihr, was Anni und 
Hilde mir gesagt hatten, daß sie jung sein wollten usw. Da war sie 
furchtbar niedergeschlagen. Ich glaube, daß sie das sehr enttäuscht hat.. 
Dann gingen wir in die Post. Währenddessen erzählte ich ihr von heute 
die Geschichte mit dem Lesebuche. Sie riet mir, doch so anständig und 
höflich zu sein, wie ich es vermöchte. Ich erzählte ihr auch von Hildes 
Betragen in der Religionsstunde. Sie meinte immer noch, daß sie Fräulein 
Lind doch lieb hätte. Ich erwiderte ihr aber das Entgegengesetzte. 

Wir sprachen dann noch vom Studieren. Sie meinte, daß die- 
jenigen länger jung wären, die studieren. Das fand ich auch. 

Es ist nicht ganz klar, was Anni und Hilde meinten, wenn sie sagten, 
daß sie jung sein wollten usw. Es könnte aber sein, daß die jungen 
Mädchen meinten, sie wollten durch gesellschaftliche Vergnügungen ihre 
Jugend genießen, wohl mit einer Spitze gegen die Anforderungen der 
Schule, worauf die enttäuschte Lehrerin dann mit der Bemerkung reagierte, 
daß diejenigen, die studieren, länger jung bleiben. 

Der oberflächliche Beobachter könnte darin ein Gegenargument gegen 
jene Hygieniker sehen, die davor gewarnt hatten, die Frauen durch das 
Studium zu belasten, ob mit Recht oder Unrecht soll hier nicht erörtert 
werden, doch will ich bemerken, daß eine derartige Argumentation nicht 
zutreffend wäre, denn eine gewisse Jugendlichkeit oder Kindlichkeit der 
Erscheinung und des Geistes muß keineswegs mit der Gesundheit des 
Körpers und der Seele Hand in Hand gehen. 

Ich vermute, daß eine derartig langsame Entwicklung und langandauernde 
Jugendlichkeit von einer langsamen Entwicklung in sexueller Beziehung 
abhängig ist. Für den Durchschnittstypus der weiblichen Generationen, die 
der Frauenemanzipation vorangingen, war die Erotik in höherem Grade 
der Hauptinhalt des Daseins gewesen als bei jenen anderen Frauen. Die 
Erforschung der verbotenen sexuellen Geheimnisse, der Wunsch, möglichst 
rasch die Kindheit zu überwinden, um nur recht bald die gefeierte Dame 
zu spielen, der Ehrgeiz, früher zu heiraten als die Freundinnen, um sich 
in der Würde der Hausfrau und Mutter zu sonnen, das war das Programm, 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit qq 

welches das Phantasieleben der meisten Frauen fast ausschließlich be- 
herrschte. Die Möglichkeit, die bewußte Phantasie anders zu beschäftigen, 
war gering. Die belletristische Literatur, die den Frauen zur Verfügung 
stand, wandelte ohnedies mehr oder weniger dieselben Themata ab. Das 
soziale Gewissen schlief und wenn die Wohltätigkeit in das Leben dieser 
Frauen trat, deren seelische Not Gabriele Reuter in ihrem Buch Aus 
guter Familie" mit so ergreifender Wahrhaftigkeit geschildert hat, so 
geschah es wiederum nur auf dem Umwege über Balltoiletten und 
Kränzchen. Künstlerische Begabung war nur wenigen Glücklichen ver- 
liehen und wissenschaftliche Interessen galten als unweiblich. Auch die 
Ablenkungsmöglichkeiten durch den Sport waren in bürgerlichen Kreisen 
nicht sehr groß und die Folge aller dieser Umstände war, daß die erotischen 
Phantasien in eine Temperatur gerieten, die dem verhältnismäßig raschen 
Ausreifen der Seele und offenbar auch dem des Körpers günstig war. Dem- 
gegenüber war eine neue Generation in den Kampf ums Dasein einge- 
treten, die zu der anderen in mehr oder weniger scharfem Gegensatz stand. 
Allerdings gab es unter den studierenden Frauen der neuen Richtung eine 
Anzahl, die sich ziemlich gedankenlos auf die Prüfungen vorbereiteten und 
sich in ihrer Mentalität wahrscheinlich nicht nennenswert von der bisher 
üblichen Schablone unterschieden, andere aber befanden sich im Zustande 
einer sehr radikalen Sublimierung. Sie strebten nicht nur nach wirtschaft- 
licher, sondern auch nach innerer Freiheit, machten die Sache des weib- 
lichen Geschlechtes zu ihrer eigenen und wollten sich mit allen Problemen 
ihrer Zeit auseinandersetzen ; kein Wunder, daß der Gedanke an die sexuelle 
Mission des Weibes weniger ausschließlich das Phantasieleben dieser Frauen 
beherrschte, als es bei dem anderen Typus der Fall war. Und war es unter 
solchen Umständen nicht natürlich, daß diejenigen, die durch ihre für die 
damaligen Begriffe abnorm verlängerte Schulzeit, ihr heftiges Streben nach 
Entwicklung und Erkenntnis und ihren Radikalismus an Kinder erinnerten, 
später alterten, als jene, die sich in ihren Phantasien schon längst als 
Hausfrau und Mutter sahen oder es frühzeitig auch schon geworden waren? 
Übrigens hat mir auch eine Frau der älteren Generation, deren Jugend- 
lichkeit in den verschiedenen Stadien ihres Lebens oft aufgefallen ist 
erzählt, der Wunsch, nur recht bald erwachsen zu sein, habe in ihrer 
Kindheit keine Rolle gespielt, vielmehr habe sie immer gewünscht, nur 
recht lange ein Kind zu bleiben, was um so auffallender war, als zwei 
reizende ältere Schwestern sich bereits gesellschaftlicher Erfolge freuen 
durften. Für die Betreffende wie auch für einige andere Frauen der älteren 



joo Dr- Alice Sperber 



Generation, 1 deren Jugendlichkeit in auffallendem Gegensatze zu ihrem 
tatsächlichen Alter stand, war ein verhältnismäßig weiter Horizont und 
eine starke Anlage zur Sublimierung charakteristisch. Es scheint nun, daß 
in den erwähnten Fällen die Fähigkeit, sich geistigen und ideellen Inter- 
essen zuzuwenden, der Erhaltung der Jugendlichkeit insofern günstig war, 
als dadurch die Herrschaft der rein sexuellen Interessen eine Beeinträchti- 
gung erlitt, so daß die sexuelle Entwicklung verlangsamt wurde, allerdings 
wäre auch der umgekehrte Fall möglich. Vielleicht suchten jene Frauen 
unbewußt für verdrängte sexuelle Interessen Ersatz, indem sie sich geistigen 
Gütern zuwendeten. Sie strebten nämlich einerseits nach Wissen und 
Bildung, wurden aber anderseits durch eine höchst konservative Erziehung 
von sexuellen Interessen und Problemen abgelenkt. Diese Art der Er- 
ziehung, die vor etwa zwei Dezennien und auch noch später allgemein 
üblich war, ist uns bereits entrückt, denn der Krieg hat die .damals 
herrschenden Begriffe so nachhaltig erschüttert, daß man sich einen Augen- 
blick besinnen muß, um sich zu vergegenwärtigen, was einmal in dieser 
Beziehung zum guten Ton gehörte. Es ist jedoch notwendig, darauf ein- 
zugehen, weil es mit unserem Thema in engstem Zusammenhang steht. 
Ein Kind, besonders wenn es weiblichen Geschlechtes war, mußte 
„rein" sein, d. h., es sollte unter Androhung aller möglichen Strafen die 
sexuellen Geheimnisse vollständig ignorieren und nach „Höherem" streben. 
Hatte es aber doch etwas Derartiges erfahren oder erfahren wollen, so war 
es „verdorben". Von Liebe durfte es überhaupt nicht sprechen. Nacktheit 
war der Inbegriff der Gemeinheit und es hat tatsächlich Erzieherinnen 
gegeben, die den ihnen anvertrauten kleinen Mädchen sagten, es sei besser zu 
sterben als sich vor einem Arzte zu entkleiden. War dann ein junges 
Mädchen in vollkommener Unkenntnis ihrer sexuellen Mission in die Ehe 
getreten, so stellte dies der Reinheit und Tugend ihrer Familie das beste 
Zeugnis aus. Die mehr oder minder bewußte Voraussetzung aller dieser 
pädagogischen Bemühungen war natürlich, daß die „Sünde , die wirt- 
schaftlich und gesellschaftlich so gefährlich werden konnte, wenn ein 
uneheliches Kind geboren wurde, so übermächtig im Menschen sei, daß 
für eine bürgerliche Existenz für alle Fälle noch genug davon übrig bleiben 
werde. In einer großen Anzahl von Fällen hat sich diese Voraussetzung 
auch als richtig erwiesen. Die meisten Kinder lehnten sich nämlich im 
geheimen gegen dieses Erziehungssystem auf. Sie suchten sich durch 



l) Ich meine hier jene Generation, die derzeit zwischen sechzig und siebzig ist- 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 1 o 1 



Dienstpersonen, Kameraden und Lektüre die verbotenen Geheimnisse im 
weitesten Umfange anzueignen (vgl. „Tagebuch eines halbwüchsigen 
Mädchens , Quellenschriften zur seelischen Entwicklung, Bd. 7) haben 
später geheiratet und in sexueller und anderer Beziehung ein Schicksal 
gehabt, das man im großen und ganzen als normal bezeichnen kann. 
Frühzeitig lernten sie erkennen, daß es durchaus nicht nötig und oft sogar 
sehr unangebracht sei, das zu tun und zu glauben, was man sagen müsse 
und waren schon durch diese Überzeugung zur Frühreife bestimmt, denn 
es liegt im Wesen einer kindlichen und gewissermaßen jugendlichen An- 
schauung, den Schein mit der Realität zu identifizieren und als selbst- 
verständlich zu fordern, daß Handlungen und Worte sich decken müßten. 
Es gab aber immerhin auch Mädchen, deren Naivität in sexueller Be- 
ziehung ganz den Wünschen ihrer Erzieher entsprach und deren kindliches 
Aussehen merkwürdigerweise in auffallendem Gegensatz zu der frühen 
Damenhaftigkeit ihrer Freundinnen stand. Sie fügten sich in sexueller Be- 
ziehung wirklich und nicht nur scheinbar der traditionellen Erziehung. 
Das fortwährende Flüstern und Munkeln über sexuelle Dinge, das doch 
die Lieblingsbeschäftigung so vieler junger Menschen beider Geschlechter 
bildet, blieb ihnen fremd, denn sie strebten nach jenem Seelenzustande, 
den allerdings nicht die Psychoanalyse, wohl aber der Sprachgebrauch als 
Reinheit bezeichnet und es wird kein Zufall sein, daß die Worte „jung" 
und „rein" sich so leicht verbinden. Die edelste künstlerische Verkörperung 
dieses Zustandes ist das Antlitz des Engels, das wir uns doch auch nicht alt 
vorstellen können. 

Wie sehr sich die sexuelle Aufklärung bei jenem weiblichen Typus ver- 
zögern kann, dem, so weit meine Beobachtungen reichen, eine unge- 
wöhnlich lange Jugend beschieden ist, sei hier erwähnt. 

So ist mir ein Fall bekannt, wo die sexuelle Aufklärung erst im 
zwanzigsten Jahre erfolgte, in einem anderen Falle wurde die Betreffende 
sogar erst nach dem dreiundzwanzigsten Jahre über den Geschlechtsakt 
aufgeklärt. Wieder eine andere Frau, deren Aussehen auch zeitlebens hinter 
den Jahren zurückblieb, erfuhr zu ihrem Entsetzen im neunzehnten Jahre, 
in ihrer Brautnacht, worin die sexuelle Bestimmung der Gattin besteht. 
In anderen Fällen, die hier ebenfalls in Betracht kommen, bin ich jeden- 
falls zu der begründeten Vermutung berechtigt, daß die Aufklärung sehr 
spät erfolgte. 

Ich möchte zur Stütze meiner Behauptung eine Stelle aus dem Tage- 
buch eines halbwüchsigen Mädchens" (erste Auflage 1919) anführen 



10 2 Dr. Alice Sperber 



(S. 176): „Gott, wann soll man denn alles erfahren?" meinte die junge 
Rita, die Verfasserin des Tagebuches, „als wenn man bald vierzehn Jahre 
alt ist! Wir beide, Hella und ich, haben diese Sachen sehr früh erfahren 
und geschadet hat es uns gar nicht. Die Mama der Hella sagt immer, 
wenn man solche Sachen schon zu früh weiß, bekommt man ein 
altes Gesicht; aber das ist natürlich nicht wahr." 

Ich bin geneigt, der Mutter bis zu einem gewissen Grade 
recht zu geben, wenn ich das Hauptgewicht auch nicht gerade 
auf den Zeitpunkt legen möchte, in dem die Aufklärung erfolgt, 
sondern auf die Einstellung zur Erotik. Je sublimierter die erotischen 
Phantasien sind, desto kindlicher oder jugendlicher wird der Gesichts- 
ausdruck des betreffenden Individuums bleiben, je mehr sich jene Phan- 
tasien der Realität nähern, desto mehr wird der Ausdruck derjenige eines 
Erwachsenen werden. Eine jetzt etwa vierzigjährige Frau, deren Jugend- 
lichkeit und Anmut einem wechselvollen Schicksal zu allgemeinem Er- 
staunen Trotz geboten haben, hat mir versichert, daß die Liebesphantasien 
ihrer Mädchenjahre etwas Märchenhaftes und Weltentrücktes hatten. Erst 
im Alter von etwa sechsundzwanzig Jahren näherten sie sich der Realität. Die 
Aufklärung war allerdings bei der Betreffenden schon im neunten Jahre 
erfolgt, doch hat sie, wie sie mir versicherte, den Gedanken daran gleichsam 
weggeschoben und ignoriert. 

Ob aber die Art und Entwicklung jener Phantasien letzten Endes von 
der Entwicklung der Sexualorgane abhängig sind oder umgekehrt, die Ent- 
wicklung der Sexualorgane durch Phantasien mehr oder weniger be- 
schleunigt werden könne, darüber muß ich mich des Urteils enthalten. 
Wahrscheinlich kommen beide Fälle in Betracht. 

Einige literarische Beispiele mögen an dieser Stelle erwähnt werden. 
Mademoiselle Perle, die Heldin der gleichnamigen Novelle von Mau- 
passant, ist ein Adoptivkind unbekannter Herkunft einer wohlhabenden 
Bourgeoisfamilie. Sie liebt den Sohn des Hauses, der ihre Liebe erwidert, 
aber trotzdem eine Konvenienzehe mit einer Cousine eingeht. Mademoiselle 
Perle entsagt und lebt als alterndes Mädchen im Hause des Mannes, den 
sie liebt, wo sie sich nach Möglichkeit nützlich zu machen sucht. „Quelle 
dge avait-eüe? quarante ans? Oui quarante ans. Elle n'etait pas vieille, 
cette fille, eile se vieillissait. Je fus soudain frappe par cette remarque. 
Elle se coiffait, s'habillait, se parait ridiculement, et, malgre tout, eile 
n'etait point ridicule, tant eile portait en eile de grdce simple, naturelle, 
de grdce voilee, cachee avec soin. Quelle drole de creature vraiment ! Com- 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 105 

ment ne Vavait-je jamais mieux observee? Elle se coiffait d'une fucon 
grotesque, avec de petits frisons vieillots tout ä farces; et sous cette 
chevelure ä laVierge conservee, on voya.it un grand front calme, 
coupe par deux rides profondes, deux rides de longues tristesses, 
puis deux yeux bleus, larges et doux, si timides, si craintifs, si 
kurables, deux beaux jeux restes si naifs, pleins d'etonnements de 
fillette, de sensations jeunes et aussi de chagrins qui avaient passe 
dedans, en les attendrissant sans les troubler. 

Tout le visage etait fin et discret, un de ces visages qui se 
sont eteints sans avoir ete uses, ou fanes par les fatigues ou les 
grandes emotions de la vie." (Maupassant: La petite Roque. Paris 1886, 

p. 147 ff -) 

Anderseits scheint das allzufrühe Altern der Kinder des Proletariats auf 

ihre frühzeitigen und sehr vollständigen Erfahrungen in sexueller Hinsicht 
zurückzugehen. Wenn es gewiß auch nicht unterschätzt werden darf, daß 
diese Kinder schon im zartesten Alter die Sorgen und Leiden der Er- 
wachsenen teilen, so darf doch auch das andere Moment nicht übersehen 
werden. So erzählt Zola in seinem Roman „L'Argent" (Bibliotheque Char- 
pentier. 1891. P. 172) von einer kleinen Proletarierin, die sich in einer 
Pariser Wohltätigkeitsanstalt befindet: „Et avant de s'en aller ces dames 
voulaient se donner le plaisir de voir les petites convalescentes manger leurs 
tartines. L'une surtout etait tres interessante, une blonde fillette de dix 
ans, avec des yeux savants dejä, un air de femme, la chair 
hdtive et malade des faubourgs parisiens. C'etait d'ailleurs la com- 
mune histoire: un pere ivrogne qui amenait ses mattresses ramassees sur les 
troittoirs, qui venait de disparaitre avec une d'elles, une mere qui avait pris 
un autre komme, puis un autre, tombee elle-meme ä la boisson; et la petite 
fille lä-dedans, battue par tous ces mdles qiuind ils n'essayent pas de la 
violer." In demselben Werke heißt es von einem Knaben, der in einem 
Elendsquartier aufgefunden wird und schon in sexuellem Verkehr mit einer 
Frau steht: „En outre il parassait prodigieusement developpe pour son dge, 
pas tres grand, trapu, entierement forme ä douze ans, dejä poilu ainsi qu'une 
bete precoce. Les yeux hardis, devorants, la bouche sexuelle etaient d'un komme. 
Et dans cette grande enfance, au teint si pur encore, avec certains coins 
delicats de fille, cette virilite si brusquement epanouie genait et. effrayait 
ainsi qu'une monstruosite (cf. p. 162). 

Schließlich kommen ähnliche Reobachtungen auch in der alltäglichen 
Behauptung zum Ausdruck, wer allzu früh und zu heftig den sexuellen 



104 Dr. Alice Sperber 



Begierden nachgehe, sehe „abgelebt" aus. Als in den ersten Jahren der 
Frauenbewegung die Forderung nach Keuschheit vor der Ehe auch für das 
männliche Geschlecht erhoben wurde, hat es tatsächlich junge Männer 
gegeben, die sich bemüht haben, die Konsequenzen der neuen Anschauung 
auf sich zu nehmen und sie boten keineswegs das traurige Bild, das 
Strindberg von einem Jüngling entworfen hat, der das Gelübde der Ent- 
haltsamkeit, das er seiner sterbenden Mutter gegeben hat, nicht brechen 
will, sondern sie haben ihre Jugend verlängert. 1 

Ähnliches kommt in der Novelle „Der kleine Herr Friedemann" 
von Thomas Mann zum Ausdruck. Der Held der Erzählung, der kleine 
Herr Friedemann, ist verwachsen, und als er mit sechzehn Jahren eine 
Enttäuschung erlebt hat, entschließt er sich, der Liebe für immer zu ent- 
sagen und sich durch andere Genüsse zu entschädigen, die das Leben ver- 
schönern können. Er freut sich still an der Kunst und der Natur und 
friedlich vergehen die Jahre. So kommt der dreißigste Geburtstag. „An 
seinem dreißigsten Geburtstage, einem hellen und warmen Junitage, saß 
er nach dem Mittagessen in dem grauen Gartenzelt mit einer neuen 
Nackenrolle, die Henriette ihm gearbeitet hatte, einer guten Zigarre im 
Munde und einem guten Buch in der Hand. Dann und wann hielt er das 
letztere beiseite, horchte auf das vergnügte Zwitschern von Sperlingen, die 
in dem alten Nußbaum saßen und blickte auf den sauberen Kiesweg, der 
zum Hause führte und auf den Rasenplatz mit den bunten Beeten. 

Der kleine Herr Friedemann trug keinen Bart, und sein 
Gesicht hatte sich fast gar nicht verändert; nur daß die Züge 
ein wenig schärfer geworden waren." Wenn wir uns nun fragen, 
warum die Jahre fast spurlos an dem kleinen Friedemann vorübergegangen 
sind, so dürfen wir wohl antworten, daß eine der vorhin angeführten Be- 
dingungen, hier die Abkehr von der Erotik, zutrifft. Die hochgradige Subli- 
mierung, der der kleine Friedemann so viele Freuden verdankt, scheint 
eine Folge dieser Abkehr zu sein, aber vielleicht ist umgekehrt eine solche 
Bescheidenheit in erotischen Dingen nur bei Menschen möglich, die von 
vornherein die Anlage zur Sublimierung besitzen. Sehr erwähnenswert ist 
auch, daß der Held der Novelle in hohem Maße der Einwirkung 
des Mutterkomplexes unterworfen ist. „In seinem einundzwanzigsten 
Jahre starb nach langem Leiden seine Mutter. Das war ein großer Schmerz 
für Johannes Friedemann. Er genoß ihn, diesen Schmerz, er gab sich ihm 



1) Vgl. „Asra" von Strindberg (übersetzt von Emil Schering) in „Heiraten". 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 1 05 

hin, wie man sich einem großen Glück hingibt, er pflegte ihn mit tausend 
Kindheitserinnerungen und beutet ihn aus als sein erstes starkes Er- 
lebnis" (S. 11). • 

Wiederum müssen wir uns hier die Frage stellen, wie sich jene in 
erotischer Hinsicht wenig anspruchsvolle Mentalität, wie- sie vorhin ge- 
schildert wurde, zu dem Problem des Narzißmus verhält und wiederum 
müssen wir sagen, daß eine derartige Einstellung einer hochgradig narzißti- 
schen Gemütsverfassung sehr günstig ist, womit natürlich nicht gesagt 
werden soll, daß Askese und Narzißmus stets Hand in Hand gehen 
müssen. Vergegenwärtigen wir uns nur, was vorhin , für die Erziehung des 
weiblichen Geschlechtes von anno dazumal gesagt wurde. Dem jungen 
Mädchen, vor dem die leiseste Anspielung auf sexuelle Probleme als 
unpassend galt und das sich bemühte, dem Gebote ihrer Erzieher nicht 
nur äußerlich, sondern auch innerlich Folge zu leisten, blieb ja schließ- 
lich nichts anderes übrig, als sich auf die eigene Person zurückzuziehen 
und wenn man so sagen darf, sich selbst zu lieben und wunderbar bewährte 
sich oft die jugenderhaltende Kraft dieser narzißtischen Einstellung. Ein 
Gefühl der Überlegenheit jenen Frauen gegenüber, die der Natur größere 
Rechte einräumten, kam hinzu und verstärkte die Selbstliebe. Auch die 
Mentalität mancher studierender Frauen war einer narzißtischen Ein- 
stellung günstig. Es lag im Studium und im Streben nach einem Beruf 
ein starkes Moment der Selbstbetonung und mitunter auch der Abkehr 
von den Werbungen des männlichen Geschlechtes. Eine etwas spätere 
Generation von Feministinnen hat allerdings in dieser Hinsicht gerade 
den gegenteiligen Standpunkt eingenommen und vor allem die Forderung 
nach sexueller Freiheit der Frau erhoben, aber von diesem Typus ist hier 
nicht die Rede. 

Ausdrücklich möchte ich betonen, daß narzißtische Gefühle in sehr ver- 
schiedener Form auftreten können. Sie sind bei der Dirne vielleicht ebenso 
gut möglich wie bei dem ängstlich behüteten jungen Mädchen aus guter 
Familie oder der nach Selbständigkeit strebenden Frau. Zwischen den 
beiden letzteren Typen mußte übrigens in der ersten Zeit der Frauen- 
emanzipation kein unbedingter Gegensatz bestehen, denn manchem jungen 
Mädchen war es eine Selbstverständlichkeit nach intellektueller und poli- 
tischer, aber durchaus nicht nach sexueller Freiheit zu streben. Im allge- 
meinen wird Narzißmus und sexuelle Enthaltsamkeit jedenfalls häufig 
Hand in Hand gehen, wie ja auch Narzissus, der nur sich selbst liebt 
und jede Liebeswerbung kalt abweist, bei den Alten nicht nur als 



1Q 6 Dr. Alice Sperber 



Repräsentant harter Sprödigkeit, eitler oder kalter Selbstliebe, sondern auch 
als Repräsentant lobenswerter Enthaltsamkeit galt. (Vgl. Narkissos, eine 
kunstmythologische Abhandlung von Friedrich Wieseler. S. 74.) 

Es wurde schon ausgeführt, daß Männer, die unter der Herrschaft des 
Mutterkomplexes stehen, mehr Aussicht auf eine lange Jugend haben, 
als solche, die sich dem weiblichen Geschlechte gegenüber als Autorität 
und Beschützer fühlen. Das Entsprechende gilt von Frauen, deren Jugendlich- 
keit es auch günstig ist, wenn sie unter der Herrschaft des Vaterkomplexes 
stehen. 

Ein Beispiel aus dem Roman „Le Docteur Pascal" von Zola möchte 
ich zur Stütze dieser Behauptung anführen. Interessanterweise erweist sich 
Zola in diesem Werke als theoretischer Vorgänger von Stein ach, denn 
der Doktor Pascal hat ja das Mittel gefunden, durch Injektionen neue Ju- 
gend zu verleihen, das er auch auf sich selbst mit Erfolg anwendet. Für 
unser Thema kommt aber weniger der Doktor Pascal als seine Nichte und 
Geliebte Clotilde in Betracht. Von ihr sagt der Autor gleich zu Anfang 
des Romans: „Malgre ses 2/ ans eile restait enfantine et en pa- 
raissait ä peine l8." Für uns erhebt sich nun die Frage: Wie vollzog 
sich die Entwicklung Clotildens, deren Jugendlichkeit sich als so wider- 
standsfähig erwies. Dieses Mädchen, das aus der schwer belasteten Familie 
der Rougon Macquart stammt, verbringt ihre ersten Jahre in Paris, wird 
aber bald in das Haus ihres Onkels Pascal gebracht, wo sie in ländlicher 
Ungebundenheit aufwächst. Ihr gelehrter Onkel kümmert sich nicht allzu- 
viel um ihre Ausbildung, da Clotilde ihm aber bei seinen naturwissen- 
schaftlichen und medizinischen Forschungen Hilfe leistet, erwirbt sie mit 
der Zeit ausgedehnte Kenntnisse auf diesem Gebiete und macht sich den 
Interessenkreis ihres Onkels zu eigen, den sie leidenschaftlich liebt. Er ist 
für sie der viel ältere, mit väterlicher Autorität wirkende Geliebte, was 
übrigens auch aus der Anrede „Maitre hervorgeht, die Clotilde ihm gegen- 
über konsequent anwendet. Als Clotilde einmal in einem Anfall von reli- 
giöser Überspanntheit, die sich aus ihrer belasteten Deszendenz erklärt, 
seine wissenschaftlichen Werke vernichten will, um sein Seelenheil zu 
retten, macht er diese Autorität so sehr geltend, daß er sie sogar mißhandelt 
und sie seinem Willen vollständig unterwirft. Das weitere Schicksal der 
Liebenden interessiert uns hier nicht, es soll nur konstatiert werden, daß 
für eine langsame Entwicklung bei Clotilde günstige Voraussetzungen ge- 
geben sind: eine Erziehung auf dem Lande in fast knabenhafter Unge- 
bundenheit, die die Entwicklung in keiner Weise beschleunigt und starke 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 107 

Gebundenheit an den Vaterkomplex. Die Möglichkeit weitgehender Subli- 
mierung ist ebenfalls vorhanden. 

Während bei Clotilde eine besonders narzißtische Veranlagung nicht 
auffällt, tritt dieser Zug um so mehr bei Frau Boye (Jacobsen, Niels Lyhne) 
hervor, die auch in hohem Maße unter der Entwicklung des Vaterkom- 
plexes steht. In erster Ehe war sie mit einem alternden Manne vermählt, 
und zwar war die Ehe zumindest in den ersten Jahren eine sehr glück- 
liche gewesen. Von ihrem zweiten Manne, einem Kritiker, wird erzählt: 
„Mit den Waffen feiner Beredsamkeit, mit herzloser Logik und barscher 
Autorität und mitleidsgehülltem Spott erkämpfte er sie sich", so daß auch 
diese zweite Verbindung der Frau Boye dem Vaterkomplex nahesteht. Als 
dann der jugendliche Niels Lyhne auftaucht, sollte man glauben, daß 
Frau Boye sich von ihrer bisherigen Einstellung dem männlichen Ge- 
schlecht gegenüber losreißen wird, aber auch dies ist nicht der Fall, 
denn Niels schwankt in seiner Bolle als Liebender zwischen Sklaven und 
Herrentum (vgl. S. 111 ff.). „Wie war sie nicht schön, wie mild nicht, 
wie rein! Er liebte sie in kniender Begier, er bettelte vor ihrem Fuß um 
all diese betörende Pracht. Wirf dich nieder von deinem Thron zu mir. 
Mache dich zu meiner Sklavin, lege selbst die Sklavenkette um deinen 
Hals, aber nicht zum Spiel; ich will an der Kette rücken, es soll Gehor- 
sam sein in all deinen Gelenken, Unterworfenheit in deinem Blick. Daß 
ich dich zu mir beugen könnte durch einen Liebestrank, denn dieser 
zwänge dich und du würdest willenlos seinem Zwange gehorchen, und 
nur ich soll Herr sein und sollte Deinen Willen entgegennehmen, der ge- 
brochen in deinen demütig vorgestreckten Händen läge, du solltest meine 
Königin sein und ich dein Sklave, aber mein Sklavenfuß soll auf deinem 
stolzen Königinnacken sein; es ist nicht Wahnwitz, was ich begehre; denn 
ist es nicht Frauenliebe, stolz zu sein und sich zu beugen; es ist Liebe, 
weiß ich, schwach zu sein und zu herrschen. 

Noch charakteristischer ist folgende Stelle (p. 114): „Wenn er sich nun 
dachte, daß er Frau Boye seine Liebe gestand und er mußte immer an 
alles denken, so sah er sich so deutlich in der Situation, seine ganze Hal- 
tung, jede Bewegung, seine ganze Person, von vorn, von der Seite und 
vom Bücken, dazu sah er sich unsicher gemacht durch das Handlungs- 
fieber, das stets ihn lähmte und ihm alle Geistesgegenwart nahm, so daß 
er stand und die Antwort entgegennahm, wie man einen Schlag, von dem 
man sich in die Knie schlagen läßt, entgegennimmt, statt sie entgegen- 
zunehmen, wie einen Federball, der zurückgeworfen werden kann, wer 



io8 Dr. Alice Sperber 



weiß auf wie viele Arten und wiederkommen kann, wer weiß auf wie 
viele. Er dachte daran zu reden und er dachte daran zu schreiben, aber 
gerade heraus gesagt bekam er es nie. Es wurde nie anders heraus gesagt, 
als in verblümten Erklärungen, oder indem er, in halb angenommen lyri- 
scher Leidenschaftlichkeit sich zu liebeswarmen Worten und schwärme- 
rischen Wünschen hinreißen ließ. Aber nichtsdestoweniger kam es allmählich 
zu einem Verhältnis zwischen ihnen, einem seltsamen Verhältnis, geboren 
aus eines Jünglings demütiger Liebe, eines Phantasten traumheißen Be- 
gehren und eines Weibes Lust, in romantischer Unerreichbarkeit 
begehrt zu werden; und das Verhältnis fand seine Form in einer Mythe, 
die für sie entstand, keines von ihnen wußte wie, einer stillen stubenblassen 
Mythe von einem schönen Weib, das in seiner Jugend einen von des 
Geistes Großen geliebt hatte, der fortgegangen war, um verlassen und 
vergessen in einem fernen Land zu sterben. Und das schöne Weib war 
trauernd viele Jahre gesessen, doch niemand ahnte ihren Kummer; nur 
die Einsamkeit war heilig genug, ihren Schmerz zu schauen. Da kam ein 
Jüngling, der jenen hingefahrenen Großen seinen Meister nannte 
und der erfüllt war von seinem Geist und begeistert für sein Werk. 
Und er liebte das trauernde Weib. Für sie war es, als ob tote glückliche 
Tage sich aus ihrem Grab erhöben und wieder wandelten, so daß alles 
sich seltsam süß verwirrte und Vergangenheit und Gegenwart zu einem 
silberverschleierten, dämmernden Traumestag verschmolzen, so wie sie den 
Jüngling liebte, halb als ihn selbst, halb als eines andern Schatten und 
ihm ganz ihre halbe Seele gab. Aber leise mußte er treten, daß der Traum 
nicht berste; streng mußte er die irdischen Wünsche verschließen, daß sie 
nicht die sanfte Dämmerung zerstreuten und sie zu ihrem Schmerz wieder 
erwache. 

Deutlicher könnte es nicht gesagt werden, daß Frau Boye die demütige 
Liebe des jungen Mannes nicht ganz befriedigt, sondern daß sie von dem 
entgegengesetzten Komplex, der ihrem Herzen wohl vor allem lieb und 
vertraut ist, gleichsam etwas borgen muß, um die Liebe des jungen Mannes 
genießen zu können. Im Grunde genommen kann sie doch nur einen 
„Großen" lieben, einen „Meister". Übrigens erreicht Niels sein Ziel nicht, 
denn trotz tausend Koketterien, trotz Frau Boyes aufstachelnder Naivität 
und ihrem nackten Mut, von den allerschwierigsten Dingen zu reden, ver- 
sagt sie sich dem Jüngling, und obwohl sie gelegentlich auf das Phanta- 
sieren schlecht zu sprechen ist und behauptet, daß sie die Phantasie ver- 
achte, kann die Wirklichkeit sie doch nicht verlocken und sie sättigt ihr 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 109 

Herz mit Träumen (p. 116 ff.). „Und überdies hatte sie nicht ganz und 
gar das Spiel in der Hand, denn es konnte doch manchmal geschehen, daß 
das Blut in seinem Müßiggang dahinträumte, diese halb gespielte Leiden- 
schaft zu belohnen, sie verschwenderisch mit den reichsten Entzückungen 
der Liebe zu überfluten, um sich an deren überraschten Glück zu beseeli- 
gen. Doch solch ein Traum ist nicht leicht zu verlöschen und wenn Niels 
dann kam, war eine Nervosität der Sinne über ihr, eine schuldbewußte 
Verlegenheit, eine berückende Schamhaftigkeit, die die Luft gar seltsam 
liebesbang machte. Es war noch eines, was dem Verhältnis eine eigene 
Elastizität verlieh und dies war, daß sich in Niels Lyhnes Liebe so viel 
Manneskraft fand, daß er sich ritterlich enthielt, in seiner Phantasie zu 
nehmen, was die Wirklichkeit ihm weigerte und auch da, in dieser Seiten- 
welt, wo alles seinem Gebote folgsam war, Frau Boye respektierte, als ob 
sie wirklich zugegen. 

Schließlich sagt sich Frau Boye von Niels los, versöhnt sich mit ihrer 
Familie, die ihr wegen ihrer exzentrischen Allüren gegrollt hatte und hei- 
ratet einen außerordentlich angesehenen Mann, was wieder an ihre 
Vorliebe für Autorität anklingt. Im folgenden die Worte, mit denen sie 
Niels diese Eröffnung macht: 

„Nun besaß aber Hatte einen Freund, der sehr angesehen, 
ungeheuer angesehen ist, und sie fanden alle, ich solle es und wollten 
es so gern haben und siehst du, dann konnte ich wieder völlig meine 
Stellung unter den Leuten einnehmen, die ich vorher gehabt, ja eigentlich 
eine bessere, weil er so angesehen ist, in jeder Bichtung, und danach 
hatte ich mich ja doch gesehnt. Nicht wahr, das verstehst du nicht? Das 
hättest du dir von mir nie gedacht! Ganz im Gegenteil. Weil ich immer 
einen Narren machte aus der Gesellschaft und alle ihren konventionellen 
Dummheiten und ihrer Patentmoral und ihrem Tugendthermometer und 
Weiblichkeitskompaß; du erinnerst Dich noch, wie witzig wir waren. Es 
ist zum Weinen, du, es war alles nicht wahr, alles nicht im mindesten, 
denn ich werde dir etwas sagen : wir Frauen, Niels, wir können wohl für 
eine Zeit uns losreißen, wenn in unserm Leben etwas ist, das uns die 
Augen geöffnet hat für den Freiheitsdrang, den wir ja dennoch besitzen, 
aber wir halten nicht aus; wir haben nun einmal eine Passion im 
Blut für das Korrekteste des Korrekten, bis hinauf zu des Prüden 
allerprüdesten Spitze. Wir halten es nicht aus, mit dem im Krieg 
zu liegen, was nun einmal von den vielen Gewöhnlichen ange- 
nommen ist; innerst finden wir doch, sie haben recht, weil sie es 



no Dr. Alice Sperber 



sind, die Urteil sprechen und wir beugen uns in unserm Herzen 
vor ihrem Urteil und leiden darunter, wie kühn wir uns auch 
stellen. Es liegt uns Frauen gar nicht, Ausnahmen zu sein, wirklich nicht, 
Niels, wir werden so wunderlich davon, wohl interessanter, aber sonst . . . 
Verstehst du das? ist das nicht erbärmlich, findest du? Aber du kannst 
doch begreifen, daß es auf mich einen sonderbaren Eindruck machen 
mußte, in die alten Umgebungen zurückzukehren, es kamen so viele Er- 
innerungen — das Gedächtnis meiner Mutter — wie sie dachte; mich 
dünkt, ich sei wieder in den Hafen gelangt; alles war so friedlich und 
richtig und ich brauchte mich nur daran zu binden, um all meine Tage 
anständig glücklich zu werden. Und so ließ ich mich denn von ihnen 
binden, Niels. 

Niels konnte nicht umhin zu lächeln; er fühlte sich so überlegen und sie 
tat ihm so leid, wie sie so dastand, so jugendlich unglücklich durch 
dieses Selbstbekenntnis. Er wurde so weich und konnte gar keine 
harten Worte finden." 

Deutlicher hätte das Mädchen aus guter Familie ihren Gefühlen nicht 
Ausdruck verleihen können. Wohl hat sie Reden über die Tyrannei der 
Männer geführt, die man eine Zeitlang als emanzipiert zu bezeichnen 
pflegte und keck über die heikelsten Dinge gesprochen, aber diese eman- 
zipierten Reden waren auf ihren Lippen und nicht in ihrem Herzen. 

Wenn wir uns nun nochmals das Wesen der jugendlich aussehenden 
Frau Boye vor Augen halten, so müssen wir sagen, daß ihre Gemütsver- 
fassung einer langen Jugend sehr günstig ist, denn mehrere Momente, die 
hiefür in Betracht kommen, treffen bei ihr zusammen : eine ungemein 
stark narzißtische Veranlagung, starke Bindung an den Vaterkomplex und 
bei aller Koketterie die Neigung erotische, von Poesie erfüllte Phantasien 
realen sinnlichen Genüssen vorzuziehen. 

Wenn nun wirklich Männer durch den Einfluß des Mutterkomplexes 
und Frauen durch die Bindung an den Vaterkomplex verhältnismäßig lange 
jung bleiben würden, so müßte man es wohl begreiflich finden, wenn das 
männliche Geschlecht durch die moderne 'Ablehnung der patriarchalischen 
Idee gegenüber den Frauen, lange jung bliebe, man wird aber im ersten 
Augenblick geneigt sei, für das weibliche Geschlecht das Gegenteil zu erwarten, 
denn die moderne Anschauung ist der Herrschaft des Vaterkomplexes über die 
Frauen keineswegs günstig. Naturen, die darauf eingestellt sind, werden 
ja allerdings immer zu finden wissen, was sie suchen und die lange Schul- 
zeit der modernen intellektuellen Frau mit der viel belächelten Schwärmerei 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 



111 



für diesen oder jenen Lehrer ist ja geeignet, die Herrschaft des Vater- 
komplexes zu stützen, aber von den Beziehungen der Geschlechter im all- 
gemeinen könnte man dies doch nicht sagen; trotzdem deck't sich die An- 
nahme, daß die Jugendlichkeit der modernen Frau dadurch beeinträchtigt 
würde, nicht mit den Tatsachen, was hier erörtert werden soll. Nicht nur bei 
den Männern hat sich die Altersgrenze nach obenhin verschoben, sondern auch 
bei den Frauen. Man hört nicht selten die Behauptung, daß die Menschen 
jetzt so viel länger jung bleiben als früher und einige literarische Stellen 
mögen dieser Behauptung zur Stütze dienen: So berichtet Isolde Kurz in 
ihrer Novelle „Das Vermächtnis der Tante Susanne" (aus dem Band 
„Von anno dazumal") von einer alten Jungfer: „Sie hatte mystische Stunden, 
wo sie sich in einen geheimnisvollen Seelenrapport mit älteren verwitweten 
Notaren oder hagestolzen Kanzleisekretären hineinträumte. Aber diese hatten 
nur Augen für die jüngste Jugend und würden Susannes stille 
Wünsche sehr anmaßend gefunden haben. Dann schlug das dreißigste 
und unerbittlich fiel die Pforte des Paradieses zu, und ferner in 
derselben Novelle: „Mit grausamer Lust beobachtete sie an andern 
die Verwandlung, die sie selber hatte durchmachen müssen und 
es war jedes Mal ein Festtag für sie, wenn eine Jüngere unver- 
heiratet in das dreißigste trat," Agathe, die Heldin des bereits er- 
wähnten Romans „Aus guter Familie" von Gabriele Reuter, gilt sogar 
schon mit vierundzwanzig Jahren als alte Jungfer, obgleich sie 
manchmal noch jung und hübsch aussieht. Ihre Schwägerin findet, 
die arme Agathe sei doch eigentlich über das Heiratsalter hinaus und ihr 
Bruder spricht von „Alten Jungfernschrullen" (S. 258 und 267). Wie sehr 
sich die Ansichten in dieser Beziehung geändert haben, beweist folgende 
Stelle aus einer modernen Komödie von Shaw (vgl. die Bühnenanweisungen 
zu Beginn des Lustspieles „Overruled , igia): „The Lady is very attractive 
with a musical voice and soft appealing manners. She is young: that is 
one feels sure she is under }j and over 24. Es scheint aber, daß die 
Grenze noch weiter hinaufgerückt werder soll. In einer Novelle, die aller- 
dings aus dem Jahre 1880 stammt, hat J. P. Jacobsen dieses Thema 
berührt (vgl. „Frau Föns aus „Novellen, Briefe, Gedichte bei Diederichs, 
Jena 1919). Frau Föns, die Heldin der Novelle, ist fast vierzig Jahre alt, 
verwitwet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Sie wird mit fol- 
genden Worten geschildert: „Nach des Mannes Tod hatte sie dann viel 
für ihre Kinder gelebt, aber hatte sich nicht mit ihnen eingesperrt, hatte 
am Gesellschaflsleben teilgenommen, wie es für eine so junge und ver- 



112 Dr. Alice Sperber 



mögende Witwe natürlich war, und nun war ihr Sohn einundzwanzig Jahre 
alt und sie selbst hatte nicht viele Tage übrig bis zu vierzig. Jedoch sie 
war noch schön; es war nicht ein grauer Faden in ihrem schweren dunkel- 
blonden Haar, nicht eine Falte um die großen offenen Augen und die 
Figur war schlank in ihrer formbeherrschten Fülle. Die kräftigen linien- 
feinen Züge wurden durch den dunkleren mehr farbentiefen Hautton her- 
vorgehoben, den die Jahre ihr gegeben; allein es war eine Süße im Lächeln 
ihrer tief eingebuchten Lippen, eine nahezu verheißungsvolle Jugend im 
weich betauten Schimmern ihrer braunen Augen, die alles wieder mild 
und freundlich machten. Und doch war dann wieder die ernsthafte große 
Rundung der Wange, des reifen Weibes willenstarkes Kinn." 

Frau Föns hatte den Geliebten ihrer Jugend nicht heiraten können, 
sondern war eine Vernunftehe eingegangen. Als dann in ihrem vierzigsten 
Jahre der Geliebte nochmals um sie wirbt, fühlt sie sich anfangs sehr 
unsicher (p. 144): „Diese Nacht bekam Frau Föns nicht viel Schlaf in die 
Augen, sie hatte allzuviele Gedanken, die sie wach erhielten. Sie dachte 
daran, wie wunderlich es war, daß er und sie, als sie sich trafen, 
einander lieben sollten, wie in alten Tagen." 

„Doch es waren alte Tage, besonders für sie, sie war ja nicht, sie 
konnte jedenfalls nicht länger mehr Jungsein. Und das würde sich zeigen; 
er würde schließlich mit ihr Nachsicht haben müssen, sich daran ge- 
wöhnen, daß es lange her war, seit sie achtzehn Jahre gewesen. Jedoch 
sie fühlte sich jung; sie war es in so manchen Richtungen und dennoch 
war es gerade dies, daß sie das Rewußtsein dieser Jahre hatte; sie sah es 
so deutlich; in tausend Bewegungen, in Mienen und Gesten, in 
der Art, wie sie auf einen Wink kommen würde, in der Art, wie 
sie bei einer Antwort lächeln würde, zehnmal im Tage würde 
sie sich darin alt machen, weil sie des Mutes ermangeln würde, 
im Äußern so jung zu sein wie in ihrem Gemüt. Frau Föns folgt 
schließlich trotz schwerster Konflikte mit ihren Kindern dem Geliebten 
ihrer Jugend, womit indirekt gesagt wird, daß sie entschlossen ist, doch 
noch nicht mit vierzig Jahren alt zu sein und es scheint, daß jener Ent- 
schluß, der zu der Zeit, als die Novelle entstand, als bemerkenswerte Aus- 
nahme gelten mußte, häufiger werden soll, und daß die Frauen der Jetzt- 
zeit noch weit mehr als Frau Föns gesonnen sind, mit vierzig Jahren noch 
keineswegs zu resignieren. 

Das Signal war übrigens schon vor mehreren Jahren gegeben worden, 
als plötzlich die Mode für fast alle Altersstufen des weiblichen Geschlechtes 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 113 

dieselbe wurde und sich trotz Lachens und Protestes konservativer Elemente 
behauptete, und zwar mit gutem Grunde, denn jene Mode wurde nicht, 
wie es dem oberflächlichen Betrachter scheinen mochte, „aufoktroyiert", 
sondern sie hat nur zum Ausdruck gebracht, was die Gemüter schon 
längst insgeheim bewegte. Als ich einem Bekannten gegenüber einmal das 
Thema des Alterns und der Jugendlichkeit erwähnte und er seinem Er- 
staunen darüber Ausdruck gab, daß die Menschen jetzt viel langsamer alt 
werden als früher, gab er mir eine sehr wertvolle Anregung durch die 
Bemerkung, daß er das Nichtresignierenwollen für die Hauptursache dieser 
Erscheinung halte und wenn man auch glauben muß, daß die Jugend doch 
gewiß zu allen Zeiten als ein kostbares Gut betrachtet wurde, so scheinen 
sich die Menschen jetzt mit einer Leidenschaft daran zu klammern, die 
an den heißen Wunsch Dorian Grays erinnert, die Verheerungen des 
Alterns nicht an sich herankommen zu lassen. Es scheint nun, daß diese 
Einstellung in hohem Grade jugenderhaltend ist und es ist vielleicht dies 
der Grund, daß die Frauen, bei denen ja eine ganz besondere Intensität 
dieses Wunsches sehr begreiflich wäre, jetzt länger jung bleiben, als ehedem, 
obwohl die Herrschaft des Vaterkomplexes, die vorhin als ein jugend- 
erhaltender Faktor bezeichnet wurde, im Sinken begriffen ist. Man könnte 
zwar sagen, daß die Situation der beiden Geschlechter hier nicht analog 
ist, denn zwischen der Selbständigkeit der modernen Frau gegenüber dem 
Manne und der Machtstellung der früheren männlichen Generation gegen- 
über dem weiblichen Geschlecht besteht ein großer Unterschied, aber 
trotzdem bedarf die Sache der Erklärung. Es kommt hier außer dem festen 
Entschluß und dem heißen Wunsch, nur ja nicht allzu früh zu resignieren, 
noch ein anderes Moment in Betracht ; die patriarchalische Idee ist nämlich 
nicht nur in bezug auf das Verhältnis der beiden Geschlechter zueinander 
ins Wanken geraten, sondern auch in bezug auf das Verhältnis der älteren 
zur jüngeren Generation. Immer mehr tritt die Autorität der Eltern und 
Erzieher in den Hintergrund, immer stürmischer fordert die Jugend das 
Recht der Selbstbestimmung und schon wird ziemlich allgemein verkündet, 
daß der moderne Erzieher nicht berechtigt ist, unbedingten Gehorsam zu 
fordern, sondern sich damit begnügen soll, mit der Jugend in freund- 
schaftlichem und kameradschaftlichem Ton zu verkehren, und wiederum 
hat es den Anschein, als ob eine bisher scheinbar bevorzugte Gruppe auf 
Rechte verzichten müßte, während ihr in Wirklichkeit Verpflichtungen 
schwerster Art um vieles erleichtert werden. Insofern besteht eine Analogie 
mit der Situation der Männer, die sich plötzlich der ebenso ehrenvollen als 

Imago XI. 8 



114, Dr. Alice Sperber 



unbequemen Verpflichtung enthoben sahen, den Frauen zu imponieren, 
und es wäre wohl begreiflich, wenn auch die Konsequenzen ähnliche 
wären. Das beständige Bevormunden, Imponieren, Sichnichtsvergeben und 
Verantwortlichsein gegenüber der heranwachsenden Generation, das gewiß 
frühzeitig die Jugendblüte vieler Menschen geknickt hat, ist einer Ein- 
stellung gewichen, die gerade im Gegenteil dazu prädestiniert ist, die 
Menschen jung zu erhalten. Während es früher eine Selbstverständlichkeit 
war, daß die Eltern zugunsten ihrer Kinder innerlich resignieren mußten, 
wenn auch äußerlich ihre Machtstellung noch so gut befestigt war, so 
beginnt es jetzt ebenso selbstverständlich zu werden, daß man keineswegs 
zugunsten der nächsten Generation resignieren will, sondern sich bemüht, 
mit ihr Schritt zu halten, mit anderen Worten: jung zu bleiben. Die 
meisten Menschen leben jetzt weniger, als es früher der Fall war, ihren 
Kindern, die ein derartiges Opfer und alle damit verbundenen Gegen- 
forderungen nur als höchst unangenehmen Zwang empfinden würden, und 
viel mehr sich selbst, d. h. auch in dieser Hinsicht ist die jetzige Ein- 
stellung geeignet, egozentrische und narzißtische Gefühle und damit eine 
lange Jugend zu begünstigen. Wenn dies schon bei jenen der Fall ist, die 
Kinder haben, so wird die Selbstbetonung jener, die kinderlos bleiben, eine 
um so stärkere sein, da die eigene Person dann um so mehr in den Mittel- 
punkt des Interesses tritt. Es ist also jedenfalls auch die verhältnismäßig 
weitgehende Einschränkung der Kinderzahl, wie sie jetzt üblich ist, einer 
langen Jugend der Menschen günstig. In höherem Maße als bei Männern 
gilt dies bei Frauen, denn, abgesehen davon, daß die durch viele Geburten 
erschöpfte Frau im allgemeinen wahrscheinlich früher verblühen wird als 
diejenige, die selten oder nie geboren hat, kann man auch in seelischer Hin- 
sicht die Mütterlichkeit mit ihrem beständigen Sorgen für andere, ihrem Auf- 
gehen in dem Kinde und dem Auslöschen der eigenen Person geradezu als den 
Gegenpol einer narzißtischen Einstellung bezeichnen und die heutige Zeit 
treibt das weibliche Geschlecht der letzteren entgegen. Ob nun die Frau in 
schmerzlicher Entsagung und nach schweren Kämpfen auf Kindersegen ver- 
zichtet, weil sie durch ungünstige finanzielle Verhältnisse dazu gezwungen 
wird, oder, ob die Sorge um die eigene Schönheit und Jugend sie dazu ver- 
anlassen, das Resultat wird zumeist sein, daß das Interesse sich der eigenen 
Person in erhöhtem Maße zuwendet und so manche wird in einer längeren 
Jugend einen gewissen Ersatz für den Verzicht auf Mutterglück finden. 

Zusammenfassend möchte ich sagen, daß folgende Momente für die 
Erhaltung einer langen Jugend günstig zu sein scheinen: hochgradig 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 115 

narzißtische Veranlagung, der feste Entschluß, nicht zu re- 
signieren, Anspruchslosigkeit in bezug auf reale sinnliche 
Genüsse, und die Fähigkeit, in erotischen Phantasien dafür 
Ersatz zu finden, starke Bindung an den Vater- bzw. Mutter- 
komplex (d. h. an die Imago des entgegengesetzten Elternteils), 
wodurch das betreffende Individuum bis zu einem gewissen 
Grade ein Kind verbleibt, Verzicht auf die patriarchalische 
Idee von seiten der Männer gegenüber den Frauen und seitens 
der reiferen gegenüber der heranwachsenden Generation, was 
bei manchen doch wahrscheinlich eine gewisse Gleichgültigkeit gegen 
die heranwachsende Generation zur Folge haben wird. (Schon hört man 
ja gelegentlich sagen, daß die Eltern gar nicht die geeigneten Erzieher 
ihrer Kinder sind, sondern daß die Kinder dem Staate gehören, der verpflichtet 
sei, für sie zu sorgen und ihre Erzieher auszuwählen.) Ob die narzißtische 
Veranlagung stets mit den anderen hier erörterten Faktoren Hand in Hand 
geht, oder ob diese unabhängig davon ihre jugenderhaltende Wirkung aus- 
üben können, darüber muß ich mich, wie schon erwähnt, des Urteils 
enthalten, glaube aber, daß sowohl der eine wie der andere Fall vor- 
kommen wird. Daß alle hier aufgezählten Faktoren bei einem und dem- 
selben Individuum vorkommen, wird recht selten sein, jedenfalls wären 
dann die Aussichten auf eine lange Jugend des Betreffenden besonders 
günstig, aber auch der eine oder der andere Faktor kann vielleicht, 
wenn er in entsprechender Intensität vorhanden ist, seine günstige Wir- 
kung ausüben. 

Man kann wohl sagen, daß jene Generation, die jetzt ungefähr zwischen 
Dreißig und Vierzig steht oder das vierzigste Jahr auch schon überschritten 
hat, trotz der unbeschreiblichen Leiden des Weltkrieges vom Schicksal 
insofern begünstigt wurde, als so manche soziale Strömungen ihre Jugend 
verlängert haben. Der Landrat, der, als er sich den Vierzig nähert, schon 
anmutet wie ein Bild der Resignation, die vierundzwanzigj ährige Agathe, 
die schon als alte Jungfer gilt, sind keine modernen Figuren mehr. Von 
den Frauen, die jetzt zwischen Dreißig und Vierzig stehen, ist noch zu 
sagen, daß sie in ihrer ersten Jugend in sexueller Hinsicht verhältnis- 
mäßig geschont wurden, wenigstens gilt dies von den Frauen der bürger- 
lichen Schichte und nur von dieser ist hier die Rede gewesen. Die sexuelle 
Befreiung, die seit dem Kriege immer mehr um sich greift, wird es wohl 
im Gefolge haben, daß die jungen und ganz jungen Mädchen mit 
„wissenden Augen" immer zahlreicher werden und es bleibt abzuwarten, 

8- 



n6 Dr. Alice Sperber 



ob dieser Umstand durch andere, einer langen Jugend günstige Faktoren 
ausgeglichen werden wird. Die letzten Jahre haben ja so viel des Über- 
raschenden und Ungeahnten gebracht, daß man schwerlich den Mut auf- 
bringen könnte, Prophezeiungen zu wagen und niemand kann sagen, was 
jenen beschieden ist, die jetzt in der Blüte der ersten Jugend ihrem 
Schicksal entgegengehen. 

In den bisherigen Ausführungen wurde der Versuch gemacht, einige 
psychologische Momente aufzufinden, die geeignet sind, die Jugend und 
manchmal auch die Schönheit lange zu erhalten; ich möchte nun die 
Frage aufwerfen, ob und unter welchen Umständen die Bilder der Phantasie 
die körperliche Bildung beeinflussen können und ob Phantasien die Folge 
haben können, daß manche Menschen wenigstens annähernd so aussehen, 
wie sie es wünschen. Ich bin zwar leider keineswegs imstande, diese Frage 
zu beantworten, möchte sie aber trotzdem nicht übergehen. Es ist ja klar 
und bedarf keiner besonderen Erörterung, daß es bis zu einem gewissen 
Grad in der Macht eines jeden liegt, durch Kleidung, verschiedene Hilfs- 
mittel der Kosmetik, Sport, Entfettungskuren oder reichliche Nahrung sein 
Äußeres seinen Wünschen anzupassen. Es wäre aber interessant zu erörtern, 
ob bewußte und unbewußte Wünsche und Gedanken Einfluß auf die 
körperliche Bildung nehmen können, ohne daß äußerliche Hilfsmittel in 
Anspruch genommen würden. So weit es sich um Haltung, Gebärde und 
Gesichtsausdruck handelt, wird dies sicher der Fall sein und auch dies ist 
ja nicht schwer verständlich, es fragt sich nur, ob auch die Gesichts- 
bildung und die Gestalt durch Phantasien und Wünsche beeinflußt werden 
kann. Es wurde vorhin auf die narzißtische Veranlagung schöner Menschen 
hingewiesen, die jeder in seinem Bekanntenkreis mit Leichtigkeit wird 
konstatieren können. Eine Dame machte einmal in meiner Gegenwart die 
Bemerkung, daß so häufig ein schönes Mädchen einen häßlichen Mann 
und ein häßliches Mädchen einen schönen Mann heirate und fügte hinzu, 
daß bei schönen Menschen das Schönheitsbedürfnis an der eigenen Person 
befriedigt werde. Soweit meine eigene Beobachtung reicht, kann ich die 
Richtigkeit dieser Bemerkung allerdings mehr in bezug auf schöne Frauen 
bestätigen. Oft kann man von schönen jungen Frauen die Behauptung 
hören, sie machten nicht für andere Toilette, sondern für sich selbst 
und zum Teil wird diese Behauptung auch richtig sein, aber es fehlt 
doch die Grundlage für die Annahme, daß etwa die Selbstverliebtheit 
und eine damit verbundene, besonders lebhafte narzißtische Phantasie- 
tätigkeit die Schönheit hervorrufe, vielmehr wird man, so lange keine 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 117 

anderen Forschungsergebnisse vorliegen, annehmen, daß schöne Menschen 
sich begreiflicherweise leicht in sich selbst verlieben und daß dann die 
narzißtische Einstellung der Erhaltung der Schönheit und Jugend günstig 
ist. (Vgl. oben S. 90 ff.) Ich möchte es aber nicht unterlassen, an dieser 
Stelle auf einen alten und sehr verbreiteten Glauben hinzuweisen, der 
tatsächlich die Beeinflussung der körperlichen Entwicklung durch die Phan- 
tasie zur Voraussetzung hat, nämlich auf das sogenannte Versehen 
schwangerer Frauen. Den Begriff des Versehens hat der Frauenarzt 
Gerhard v. Welsenburg in seinem Werk: „Das Versehen der Frauen in 
Vergangenheit und Gegenwart", Leipzig 1899, folgendermaßen bestimmt: 
„Wenn auf eine Frau während ihrer Schwangerschaft irgendein heftiger 
Eindruck derart einwirkt, daß am Körper des Kindes die Ursache des 
Eindruckes sichtbar wird, so sagen wir, die Betreffende hat sich ^er- 
sehen'." Es ist kaum möglich, dieses Thema zu erwähnen, ohne daß sofort 
einige Anwesende diesen oder jenen Fall erwähnen, der geeignet wäre, den 
Glauben an das Versehen zu stützen. Fast alle behaupten, „daß etwas daran" 
sei, aber so lange keine größere Klarheit herrscht, ist es natürlich auch nicht 
möglich, zu bejahen oder zu verneinen. So weit die Sache aber für diese 
Arbeit in Betracht kommt, möchte ich aus dem reichen Material, das 
Welsen bürg in seinem Werk publiziert hat, einiges zitieren. Alles, was 
Beobachtung oder eine lebhafte Phantasie über die Entstehung von eigen- 
tümlichen und mißgestalteten Bildungen infolge des Versehens festgestellt 
haben wollen, gehört nicht in den Bahmen dieser Arbeit, wohl aber soll 
hier die sogenannte ästhetische Theorie der Antike Erwähnung finden, denn 
im Altertum war die Ansicht verbreitet, daß schöne Kinder erzeugt werden 
könnten, wenn die schwangeren Frauen Gelegenheit haben, schöne Bilder 
zu betrachten, daß man aber schwangeren Frauen alles Häßliche und 
Traurige fernhalten müsse, um nicht die Bildung der Frucht nachteilig 
zu beeinflussen. 

So berichtet Heliodoros in seinen äthiopischen Erzählungen, Persinna, 
die äthiopische Königstochter, habe nach zehnjähriger kinderloser Ehe mit 
einem schwarzen Gatten eine schöne weiße Tochter geboren, die sie aus- 
setzen mußte, um nicht in bösen Verdacht zu geraten. Auf einen Gürtel 
stickt die Königin in äthiopischer Königsschrift folgenden Bericht: ihr 
Frauengemach sei mit Perseus und Andromedas Liebe geschmückt „und 
bei meines Garten Umfangen zeigte das Bild meinen Augen die Andro- 
meda in voller Nacktheit und so ward das Kind — ach ! nicht zum Glück — 
ihr gleich gestaltet" (vgl. Welsenburg, S. 1 1 ff.). 



! 1 8 Dr. Alice Sperber 



Sehr interessant ist ferner eine Stelle aus dem Lehrgedicht „Die Jagd" 
des syrischen Dichters Oppian, die Welsenburg auf S. 14 in deutscher 
Übersetzung zitiert: 

„Bei schwangeren Frauen selbst, eh' sie vergnügt entbunden, 

Hat dies der Männer Witz in Sparta so gefunden. 

Da sie manch kostbar Bild den Weibern vorgesetzt, 

Sie malten Jünglinge, die man für andern schätzt. 

Narziß und Hyazinth, den reizenden Nireen, 

Und Kastorn, auf des Helm die roten Federn stellen. 

Auch Pollux, dessen Faust Amykum umgebracht, 

Und Menschen, die man sonst den Göttern gleichgeachtet, 

Auch schöne Götter selbst! den Bacchus, wie er singet 

Und wie um seinen Stab sich krauser Epheu schlinget. 

Und Phöbus, dessen Haar ein frischer Lorbeer ziert, 

Auf diesen holden Blick wird nun ihr Geist geführt. 

Die Weiber wundern sich, entzückt sehn sie die Schöne, 

Und durch den hellen Reiz entstehen auch solche Söhne." 

Ferner zitiert Welsenburg auf S. 8 ff. den berühmtesten Frauenarzt des 
Altertums, Soranus aus Ephesus um 120 n. Chr. „Wunderbarerweise hat 
auch der Zustand der Seele Einfluß auf die Gestaltung der des Empfangenen. 
So wurden solche, die im Augenblick des Beischlafes Affen sahen, mit 
affenähnlichen Wesen schwanger. Ein mißgestalteter Herrscher von Zypern 
zwang seine Gattin, während er ihr beiwohnte, auf schöne Statuen zu 
blicken und erzeugte so schön gestaltete Kinder. Die Pferdezüchter stellen 
beim Bespringen vor die Stuten edle Tiere. Auf daß nicht eine Mißgeburt 
dadurch geschehe, indem die Trunkenheit der Seele häßliche Bilder vor- 
spiegelt, sollen die Frauen nüchtern sein und dies auch aus dem Grunde, 
weil die Kinder der Mutter sowohl körperlich wie geistig ähnlich werden. 
So wird eine Frau von stetigem Gemüte, die nicht durch Trunkenheit 
wahnsinnig ist, auch ein gleiches Kind gebären. Es ist ganz unsinnig bei 
Menschen anzunehmen, daß die Natur schon für sich die Erzeugung schön 
gestaltete, wenn auch der Samen sich in Körper ergießt, welche übermäßig 
feucht und überschwemmt sind, während man doch sieht, daß der Land- 
mann seine Saat nicht auf feuchtem und sumpfigem Boden ausstreut. 
Ähnlich wie Soranus erzählt Galen, der berühmte pergamenische Arzt, in 
seinem Buch über den Theriak (ein als Gegenmittel bei Vergiftungen im 
Altertum sehr gebräuchliches Arzneigemisch): „Eine alte Geschichte ist 
mir bekannt, daß ein häßlicher Fürst, der einen schönen Knaben zeugen 
wollte, das Bild eines solchen auf Holz malen ließ, und seiner Frau befahl, 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 1 1 g 

das Gemälde bei der Umarmung zu betrachten. Diese versenkte gleichsam 
ihren ganzen Geist in die Betrachtung des Bildes und gebar einen Knaben, 
der dem gemalten glich. Es war die Kraft des Geistes, die dieses 
vollbrachte, nicht irgend etwas Körperliches, durch welches das 
Bild des Knaben auf die Frau übertragen wurde" (vgl. Welsen- 
burg, S. 11). 

Der Talmud erzählt, daß Rabbi Jochanan, der um 200 n. Chr. in 
Palästina lebte, auf folgende Weise für die Erzeugung schöner Kinder sich 
bemühte. Sieben Tage nach beendeter Periode mußten die jüdischen Frauen 
ein Tauchbad nehmen, bevor ihnen der eheliche Verkehr wieder gestattet 
war. Jochanan, ein Mann von edler Gestalt und schönen Zügen, setzte sich 
an die Tür des Bades, damit die Frauen ihn sehen und das Bild seiner 
Schönheit im Geiste mit nach Hause nehmend ebenso schöne Kinder zur 
Welt brächten. Vielleicht lassen sich in dieser Vorstellung griechische Ein- 
flüsse erkennen, da der Rabbi ein großer Verehrer des Hellenentums war 
(Welsenburg S. 15). 

Von dem Einfluß des Versehens auf die Pferdezucht war schon bei 
Galen die Rede. Ähnliches schreibt Oppian in dem schon erwähnten 
Gedicht „Die Jagd": 

„Denn, wenn vom Geilheitstrieb der Stute Brust entbrennt. 
Und sie den nahen Hengst mit Wiehern ruft und kennt; 
So wird dies muntere Pferd, das sehend auf sie blicket, 
Sehr schön bemalt, und bunt, und prächtig ausgeschmücket, 
So läßt man dieses Pferd der muntren Stute sehn, 
Sie stampft, sie brennt, sie keucht, erstaunt find' sie es schön: 
Wie, wenn den Bräutigam die Hochzeits Jungfern führen; 
Wenn er vom Balsam trieft, den Palästina bringt, 
Darauf ins Bette steigt und Hochzeitslieder singt. 
So freudig eilt das Pferd, es wiehert, schäumt und rennet 
Und steht vor dem Gemahl, der gleichfalls sehnlich brennet. 
Doch lange hält man es mit einem festen Band; 
Und endlich läßt man's los, und kühlt den süßen Brand. 
Nachdem die Stute nun die Lebensfrucht empfangen; 
So bleibt ihr starrer Blick an denen Farben hangen, 
Die sie erstaunt, so schön an ihrem Hengst erblickt. 
Sie bringt die Frucht, die sich mit gleichen Flecken schmückt. " 

(Welsenburg, S. 1+.) 

Während im Altertum die Ansicht vorherrschend war, daß das Versehen 
im Augenblick des höchsten Liebesgenusses stattfinde und der Zeit der 
Schwangerschaft in dieser Hinsicht weniger Beachtung geschenkt wurde, 



120 Dr. Alice Sperber 



hat sich später die Ansicht durchgesetzt, daß das Versehen zu jeder Zeit 
der Schwangerschaft und sogar kurz vor der Niederkunft möglich ist. So 
meint Welsenburg, S. 9: „Vielleicht hat die Aufstellung der so zahlreichen 
herrlichen Statuen im alten Griechenland sehr viel zur Veredlung des Ge- 
schlechtes und zur Verschönerung menschlicher Formen beigetragen, indem 
die schwangeren Mütter stets ein Ideal von Schönheit vor Augen hatten 
und daher auch schöne Kinder gebaren, wie in Spanien die hoffende Mutter 
vor den Heiligenbildern kniet und oft stundenlang in tiefster Andacht eine 
schöne Madonna, eine liebestrahlende Justa, eine verklärte Eulalia betrachtet. 
Dort findet man die Züge jener Bilder sehr häufig genau in den geborenen 
Töchtern wieder. Daher die vielen Madonnen und lebendigen Heiligen- 
gesichter, die man mehr als irgendwo in Spanien findet. 

Domeier, der 1789 in Italien reiste, sah als Hauptgrund von so viel 
ungewöhnlichen Schönheiten unter den Florentinerinnen die vielen öffent- 
lichen Statuen an, welche alle nackt aufgestellt seien, und, weil sie so 
alle Schönheiten des Körpers auf einmal darböten, den lebhaftesten Ein- 
druck machten. Bei denjenigen, die von der Hypnose eingenommen sind, 
daß lebhafte Vorstellungen der schwangeren Mutter auf ihr ungeborenes 
Kind Einfluß haben, muß diese Vermutung sogleich Eingang finden (vgl. 
Welsenburg, S. 78). 

Lessing sagt im Laokoon: „Erzeugten (bei den Alten) schöne Menschen, 
schöne Bildsäulen, so wirkten diese hinwiederum auf jene zurück, und der 
Staat hatte schönen Bildsäulen schöne Menschen zu verdanken. Bei uns 
scheint sich die zarte Einbildungskraft der Mütter nur in Ungeheuern zu 
äußern. 

Letzteres bezieht sich auf die Angst der Frauen des Mittelalters und 
auch der neueren Zeit, sie könnten durch den Anblick von etwas Häß- 
lichem Mißgeburten und entstellte Kinder erzeugen, denn diese Einstellung 
hat zum großen Teil den Schönheitskultus der Antike abgelöst. Im übrigen 
ist die Ansicht Lessings, Domeiers und Welsenburgs keineswegs zwingend, 
denn es wäre ja möglich, daß ein Künstler, der in einem Lande lebt, wo 
die Menschen besonders schön sind, auch zum besonders eifrigen Schaffen 
schöner Kunstwerke angeregt wird. 

Einen sehr interessanten Fall berichtet Welsenburg (S. 150) nach 
Edward Garraway. „Eine feingebildete Dame hatte die Gewohnheit, vor 
einer Gruppe Statuetten zu sitzen, in deren eine Figur sie sich ganz be- 
sonders verliebt hatte. Dies war der ausruhende Cupido, seine Wange auf 
dem Rücken der Hand ruhend. Als das Kind geboren wurde, zeigte es eine 



Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 121 

auffallende Ähnlichkeit in Gestalt und Gesichtsausdruck mit dem kleinen 
Cupido. Als ich den Knaben am nächsten Tag in seiner Wiege sah, be- 
merkte ich, daß er genau dieselbe Stellung angenommen hatte wie die 
Figur und diese Stellung hielt er unverändert und natürlich unwillkürlich 
im Schlafe, und nicht nur allein in seiner Kindheit, sondern auch im 
vorgeschrittenen Knabenalter, als ich ihn aus den Augen verlor." Schließlich 
zitiert Kahn in seinem Buch „Das Versehen der Schwangeren in Volks- 
glaube und Dichtung*', Frankfurt 1812, auf p. 58 das Werk des Claudius 
Quilletus: „Callipaedia seu de pulchris prolis habenda ratione poema 
didacticon." Paris 1709: 

„Nicht mögst, Schwangere du, den traurigen Sorgen dich widmen, 

Nicht der Melancholie dunklem Schatten dich weihen. 

Hüte das Auge vor häßlichem Blick und greulichem Monstrum, 

Schöner Bilder Gestalt und edler Statuen Formen 

Mögen zur freundlichen Buh' laden den heiteren Blick. ' 

Ferner aus demselben Werk: 

„Ist's euch Wille und Wunsch, kraftvoll edlem Geschlecht 
Leben zu leihen, so fliehet des Kummers trübes Gewölk, 
Suchet der Schönheit strahlende Fluren und heitere Sonne, 
Auf Apollos männlicher Kraft verweile das Auge, 
Oder wie liebend Alexis bedrängt die arme Corydon, 
Schauet auf Venus' holde Gestalt, die Tizians Pinsel 
Meisterhaft malte, oder auf Danaes schwärmenden Mund, 
Während des göttlichen Zeus goldener Begen sie rührt. 

Auf S. 44 heißt es bei Kahn: Die Kallipaedie ist nur wenigen bekannt, 
in Deutschland nur im Frankenwald, dagegen unter den Slawen, den 
Buthenen und in Rußland den Bewohnern des Gouvernements Charkow, 
wo die Schwangeren mit schönen Bildern und schönen Menschen sich 
umgeben sollen, und charakteristischerweise den Französinnen, von denen 
Poulain erzählt: „Pour avoir un bei enfant, Uz mere regardera souvent 
un portrait, une image representant un beau bebe; les femmes du peuple 
vont mime aux vitrines des marchands de jouets regarder les belles poupees. 

So sehr auch die gewissenhafte Darstellung und das reiche Material in 
den Arbeiten Welsenburgs und Kahns anerkannt werden muß, möchte 
ich mich doch jedes Urteils über die Glaubwürdigkeit der angeführten 
Beispiele enthalten, wie ja übrigens auch Welsenburg in dieser Hinsicht 
sehr vorsichtig ist, und selbst, wenn man der Lehre vom Versehen Glauben 



122 Sperber: Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlic hkeit usw. 

schenken wollte, so wäre die Übertragung der Wünsche und Eindrücke 
der Mutter auf das Kind noch immer höchst rätselhaft. Es war nur 
meine Absicht, dieses Problem der wissenschaftlichen Untersuchung be- 
sonders zu empfehlen, da hier vielleicht ein Schlüssel für die Beein- 
flussung der körperlichen Entwicklung durch die Phantasie gefunden 
werden könnte. 



Die Koketterie in psychoanalytischer 

Betrachtung 

Fortrag, gehalten in der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung 

Von Dr. M. Wulff (Moskau) 

Eine genaue wissenschaftliche Definition des Begriffes „Koketterie ist 
durchaus nicht einfach. Georg Simmel versucht den Begriff in seinem 
Aufsatz „Psychologie der Koketterie" 1 folgendermaßen zu beschreiben: 

„Übersetzt man Koketterie mit , Gefallsucht', so verwechselt man das 
Mittel zu einem Zweck mit dem Triebe zu diesem Zweck. Eine Frau mag 
alles aufbieten, um zu gefallen, von den subtilsten geistigen Reizen bis 
zur zudringlichsten Exposition physischer Anziehungspunkte, so kann sie 
sich mit alledem noch sehr von der Koketten unterscheiden. Denn dieser 
ist es eigen, durch Abwechslung oder Gleichzeitigkeit von Entgegenkommen 
und Versagen, durch symbolisches, angedeutetes, ,wie aus der Ferne' wirk- 
sames Ja- und Neinsagen, durch Geben und Nichtgeben oder, platonisch 
zu reden, von Haben und Nichthaben, die sie gegeneinander spannt, indem 
sie sie doch wie mit einem Schlage fühlen läßt — es ist ihr eigen durch 
diese einzigartige Antithese und Synthese Gefallen und Begehren zu 
wecken" . . . „Der Koketterie in ihrer banalen Erscheinung ist der Blick 
aus dem Augenwinkel heraus, mit halbabgewandtem Kopfe, charakteristisch. 
In ihm liegt ein Sich-Abwenden, mit dem doch zugleich ein flüchtiges 
Sich-Geben verbunden ist, ein momentanes Richten der Aufmerksamkeit 
auf den anderen, dem man sich in demselben Momente durch die andere 
Richtung von Kopf und Körper symbolisch versagt . . . „Es ist nur eine 
technische Modifikation dieser Gleichzeitigkeit eines angedeuteten Ja und 
Nein, wenn die Koketterie über die Bewegungen und den Ausdruck ihres 

l) „Der Tag", Berlin 1909, 11. Mai. 



i2 4 Dr. M.Wulff 



Subjektes selbst hinausgreift. Sie liebt die Beschäftigung mit gleichsam 
abseits liegenden Gegenständen: mit Hunden oder Blumen oder Kindern. 
Denn dies ist einerseits Abwendung von dem, auf den es abgesehen ist, 
anderseits wird ihm doch durch jene Hinwendung vor Augen geführt, 
wie beneidenswert sie ist; es heißt: nicht du interessierst mich, sondern 
diese Dinge hier — und zugleich : dies ist ein Spiel, das ich dir vorspiele, 
es ist das Interesse für dich, dessentwegen ich mich zu diesem anderen 
hinwende" . . . „An jeder definitiven Entscheidung — meint weiter 
Simmel — endet die Koketterie, und die souveräne Höhe ihrer Kunst 
offenbart sich an der Nähe zu einem Definitivum, in die sie sich begibt. 

Von besonderem Interesse ist aber die Bemerkung Simmeis, daß „das 
Verhältnis d£f weiblichen Wesenheit zur männlichen an der Koketterie 
eine besondere Synthese seiner entscheidenden Momente besitzt: weil eben 
das Verhältnis der Frau zum Manne, seinem spezifischen und unvergleich- 
lichen Sinne nach, sich in Gewähren und Versagen erschöpft." Mit anderen 
Worten, in der Koketterie, in dem stetigen Spiele und Wechsel von An- 
ziehen und Abstoßen sieht Simmel das Wesen der Verhältnisse zwischen 
Weib und Mann und diese Ansicht bei all ihrer Paradoxie verdient 
doch unsere volle Aufmerksamkeit und soll unser Interesse an der psycho- 
logischen Wesenheit der Koketterie erhöhen. 

Es soll gleich hervorgehoben werden, daß die Koketterie keine aus- 
schließliche Eigentümlichkeit der Weiber und der Art des liomo sapiens 
ist. Die Koketterie ist auch beim Manne gar keine seltene Erscheinung, 
besonders im kindlichen und jugendlichen Alter, und auch alle Be- 
obachter der Begattungsprozesse in der Tierwelt sind sich darüber einig, 
daß ganz unzweifelhafte Äußerungen raffinierter Koketterie beim Weibchen 
verschiedener Tiere und Vögel zu beobachten sind. Wir haben es hier sicht- 
lich mit einem lebenswichtigen biologischen Prozeß zu tun, der einen 
speziellen Wert und Zweck hat und deshalb im Verlaufe der phylogeneti- 
schen Entwicklung erhalten und kultiviert wird, und wir dürfen auch 
behaupten, daß die Koketterie sicherlich der Stärkung und Komplizierung 
des psychischen Momentes in den sexuellen Erlebnissen und der Vervoll- 
kommnung der Selektion dient. Karl Groos 1 behauptet, daß der Begriff 
der Koketterie „in seiner weiteren Fassung erst die hohe biologische und 
psychologische Bedeutung zeigt, die ihm zukommt. Nicht nur in der 
Menschenwelt, sondern auch im Tierreich ist nämlich bei dem weiblichen 



1) Groos, Die Spiele der Menschen. 1899. 



Die Koketterie in psychoanalytischer Betrachtung 125 

Geschlecht während der Bewerbung ein eigentümlicher Zustand zu beob- 
achten, der auf den Antagonismus zweier Instinkte, des sexuellen Triebes 
und der angeborenen Sprödigkeit beruht. Hieraus entspringt jenes wech- 
selnde Suchen und Fliehen, für das wir keinen anderen Ausdruck als den 
der Koketterie besitzen, das aber durchaus nicht notwendig ein Spiel zu 
sein braucht. Die einfachste Illustration hiefür bietet das von dem ver- 
liebten Bock verfolgte weibliche Reh: es flieht, aber es flieht im Kreise 
herum" . . . „Da der sexuelle Trieb notwendig eine außerordentlich große 
Gewalt besitzen muß, so ist es im Interesse der Arterhaltung, daß die 
Entladung eines so übermächtigen Triebes erschwert wird, indem sie nur 
auf eine vorausgehende längere Zeit in Anspruch nehmenden Zustand der 
Vorerregung möglich ist. Diesem Interesse dient die instinktive Sprödigkeit 
des Weibchens ... So entwickeln sich aus den rohen Anfängen der Werbung 
jene freundlichen Bewerbungskünste, in denen psychologisch die sexuelle Wut 
zur Liebe sublimiert wird . . . An einer anderen Stelle 1 bezeichnet Groos 
die Koketterie als einen „Kampf zweier entgegengesetzter Instinkte (Furcht, 
Scheu, Geschlechtstrieb), die sich aus einem realen Anlaß äußern", — 
womit wohl der Begriff der Sprödigkeit genauer definiert werden soll. 

Die psychoanalytische Erforschung der Koketterie beim Menschen weist 
gleich den Narzißmus als Grundlage und Hauptquelle derselben auf. 
Die narzißtische Objektwahl ist, wie bekannt, hauptsächlich der Frau eigen, 
und wenn zugleich die physischen Eigenschaften der äußeren Erscheinung 
es begünstigen, so entwickelt sich jener weibliche Typus par excellence, 
dessen besonderer Reiz auf den Mann noch durch den instinktiven Wunsch 
der Frau zu „gefallen" besonders erhöht wird. Aber um anderen gefallen 
zu können, muß man vorerst sich selbst gefallen, eine gewisse Verliebtheit 
in sich selbst ist eine notwendige Bedingung jeder Koketterie. Eine solche 
in sich selbst narzißtisch verliebte Frau stellt jenen Typus einer, im 
Grunde genommen affektiv gleichgültigen Kokette dar, deren Koketterie 
eher aus ihrer Selbstliebe, als aus Interesse zum Objekt stammt. Nicht die 
Liebe eines Mannes schafft ihr Glück, sondern die Feststellung, inwieweit 
diese Liebe den Reiz ihrer Person beweisen kann. Eine solche Frau wählt 
eigentlich nicht selbst ihr Objekt, sie will nur „gewählt werden", und der 
persönliche Wert und die Eigenschaften des Mannes sind für sie nicht von 
Bedeutung. In stark ausgeprägten Fällen kann eine solche Frau sogar ganz 
allein mit einem rein imaginären Objekt mit einem Eifer kokettieren, wie 



1) Groos: Die Spiele der Tiere. Jena 1907. 



12 6 Dr. M.Wulff 



wenn ein reales Objekt vorhanden wäre. Das von Simmel oben beschriebene 
gleichzeitige Anziehen und Abweisen entspringt bei einer solchen Kokette 
nicht aus einem gewissen affektiven Dualismus, aus einer Gefühlsambivalenz 
und, selbstverständlich, nicht aus reinem kalten Überlegen (denn eine solche 
Koketterie halte ich für kaum möglich, sie kann nie ihr Ziel erreichen), 
sondern aus der Konzentrierung der Libido auf die eigene Person und 
Mangel an Liebe und Interesse zum Objekt. Es ist kein eigentliches Spiel 
zwischen Ja und Nein, es ist nur ein kurzdauerndes Aufflackern eines 
schwachen, bald erlöschenden Gefühls, in dem mehr Eitelkeit und Eigen- 
liebe ist, als echte herzliche Zuneigung. Die Koketterie einer solchen Frau 
hat einen passiven Charakter und ist der Koketterie eines Kindes ähnlich, 
ebenso wie man den ganzen Typus solcher Frauen eigentlich als den eines 
Weib- Kindes charakterisieren könnte. 

Die zweite infantile Quelle der Koketterie ist eine gesteigerte Zeige- 
lust, deren Äußerungen in der Koketterie so einfach, klar und natürlich 
sind, daß man darüber nicht viel Worte zu verlieren braucht. 

Mit der Aufdeckung der infantilen Quellen der Koketterie ist aber die 
Analyse noch lange nicht erschöpft. Gerade in der letzten Zeit hat die 
Psychoanalyse dem Studium der ganzen Persönlichkeit, ihrer Entwicklung 
und Einwirkung auf die Äußerungen der einzelnen Triebe mehr Aufmerk- 
samkeit geschenkt, und das von uns geschilderte psychologische Bild der 
Koketterie und ihrer Entwicklung wäre bei weitem nicht vollständig, würden 
wir nicht auf die Eigentümlichkeiten und die charakteristischen Züge der 
Persönlichkeit hinweisen, die in ihrer Entwicklung durch die aufgezeigten 
infantilen Quellen und ihre Erscheinungsformen bedingt und gefördert 
werden. Aus Freuds Studie über „Das Ich und das Es" wissen wir, daß 
die Identifizierung mit einem der Eltern im frühen Kindesalter während 
der Liquidation der aus dem Ödipus-Komplex stammenden sinnlich-eroti- 
schen Beziehungen zu den Eltern von größter Bedeutung für die weitere 
Entwicklung der Persönlichkeit und des Charakters wird, indem sie zur 
Bildung des Ichideals führt und formell wie inhaltlich dessen Kern 
determiniert. Das Kind, ungeachtet seines eigenen Geschlechts, kann sich 
mit dem Vater oder der Mutter identifizieren (richtiger — mit deren ideali- 
sierter Imago), und diese Identifizierung wird zur Richtungsschnur seiner 
ganzen Lebenseinstellung, die die Wahl seiner Interessen, Strebungen und 
Lebensziele in vielfacher Beziehung beeinilußt und determiniert. In dem 
uns interessierenden Fall führt die weitere Evolution des Ödipus-Komplexes 
zur Identifizierung mit der Mutter. Das Mutter-Imago und die Mütter- 



Die Koketterie in psychoanalytischer Betrachtung 127 

lichkeit werden dann schon in frühester Kindheit des Mädchens zum 
Zentrum seiner Interessen und Wünsche und äußern sich in den kindlichen 
Phantasien, Spielen usw. Die konstitutionellen weiblichen Züge erfahren 
damit eine Verstärkung und das Kind entwickelt sich zum vollständigen 
Weib — was dazu beiträgt, daß die durch die Anlage bedingte Disposition 
zur Koketterie (Narzißmus, Zeigelust) sich frei und ungehemmt von Seiten 
des „Ich" zur vollen Blüte entwickeln kann. 

Während der weiteren Entwicklung des Mutterkomplexes können Beein- 
flussungen von seiten der zukünftigen Vertreterinnen der Mutter-Imago 
wirksam werden (Erzieherinnen, Freundinnen, Milieus usw.), was aber 
mehr in den äußeren Erscheinungsformen der Koketterie zum Vorschein 
kommt, und diesen Formen entweder das Gepräge einer grob-zynischen 
Äußerung oder einer verfeinert-kulturellen, mehr geistigen verleiht, gege- 
benenfalls sogar zu einer mehr oder minder ausgesprochenen Verdrängung 
der Koketterie mit Bildung von Ersatzsymptomen führen kann (z. B. ab- 
sichtliche Schroffheit im Benehmen, unterstrichene Vernachlässigung der 
äußeren Erscheinung usw.). 

Es ist noch interessant zu bemerken, daß Frauen von diesem Typus, 
wenn sie ein Kind bekommen, auf das ^ sie ihren Narzißmus und ihre 
Zeigelust übertragen, leicht jede Spur ihrer früheren Koketterie verlieren. 

Im Gegensatz zu diesem passiven Typus, der vielleicht nicht mit vollem 
Recht zur echten Koketterie zugerechnet werden darf, gibt es einen anderen 
aktiven Typus koketter Frauen, die den Mann aktiv anziehen, erobern 
wollen und ihn gleichzeitig abweisen, abstoßen. Ihr Betragen dem Mann 
gegenüber zeigt dann einen ausgeprägten Charakter der Gefühlsambi- 
valenz, eine Abwechslung von passiver Unterwerfung und aggressiver 
Strebung, ihn zu beherrschen, dem eigenen Willen unterzuordnen, die den 
Grad einer sadistischen Quälerei erreichen kann. In Liebesbeziehungen 
entwickeln sie oft eine mehr dem Mann eigene Aktivität und Initiative, 
sie wählen selbst ihr Objekt, sie streben nach Liebe und wollen nicht nur 
geliebt werden, ihr Gefühl hat oft einen schöpferischen Charakter und ist 
mit einer Überschätzung des Objektes verbunden; mit einem Worte, nach 
der Terminologie Freuds können sie ihr Objekt nach dem Anlehnungs- 
typus wählen. Zugleich entdeckt die Analyse in den tieferen Schichten 
des Unbewußten oft masochistische Strebungen, Phantasien über Unter- 
werfung, Erniedrigung, Vergewaltigung durch den Mann usw.; anderseits 
aber zeigen sie oft in der Kindheit und frühen Jugend knabenhafte Züge 
und auch im späteren Alter trägt manchmal die Koketterie solcher Frauen 



12 8 Dr. M. Wulff 



Züge von knabenhafter Ausgelassenheit. Eine solche Beimengung männ- 
licher Züge kann manchmal sogar durch eine konstitutionell angedeutete 
Anlage bedingt sein, was aber den weiblichen Reiz durchaus nicht aus- 
schließen muß. 

Eine eingehendere Analyse entdeckt zwei wichtige Besonderheiten in 
dem Entwicklungsgang der zu diesem Typus zugehörigen Frauen. Die erste 
betrifft den Ödipus-Komplex. Die Identifizierung mit der Imago des einen 
Elternteiles verlief nicht so einseitig und vollständig wie im vorigen Fall. 
Die Psyche des Kindes ist im Laufe der Entwicklung gewissermaßen ent- 
zweit worden, es hat sich nicht voll und ganz mit einem der Eltern 
identifiziert, sondern in irgendeiner Beziehung mit dem Vater, in einer 
anderen — mit der Mutter. Im allgemeinen kommt es dazu, daß das 
Mädchen mit der Rolle des Weibes durchaus nicht bricht, zugleich aber 
entwickeln sich bei ihm Züge, die auf eine Neigung zur Beeinflussung 
der Charakterbildung durch die Vater-lmago hindeuten. Es zeigt eine teil- 
weise männliche Lebenseinstellung, männliche Interessen und männlichen 
Inhalt der Persönlichkeit, z. B. eine Strebung zur Selbständigkeit und Unab- 
hängigkeit auf materiellem wie auf psychischem Gebiet u. a. m., mit 
anderen Worten, das Ichideal s.olcher Frauen hat nicht nur einen weib- 
lich-mütterlichen, sondern in mancher Beziehung auch einen männlichen 
Inhalt. Eine solche Frau will durchaus Weib bleiben, will aber zugleich in 
jeder Beziehung dem Manne nicht nur gleich bleiben, sondern ihn sogar 
übertreffen. Das bleibt selbstverständlich nicht ohne Einfluß auf die Äuße- 
rungen ihres Narzißmus und ihrer Zeigelust und auf die Form ihrer Koket- 
terie. Das ist eigentlich der geläufigste Typus der modernen koketten Frau. 

Von Bedeutung ist noch der Weg und der psychische Mechanismus, 
die zu dieser Identifizierung mit dem Manne (Vater) führen. Das Mädchen 
identifiziert sich mit dem Vater in seinen Beziehungen zur Mutter, wobei 
die homosexuelle Komponente einerseits und eine Entfremdung, sogar eine 
teilweise feindliche Einstellung dem Vater gegenüber — als Folge un- 
bewußter, verdrängter inzestuöser Wünsche — anderseits als treibende 
Momente stark mitwirken. Und gerade diese feindliche Einstellung spielt 
in der Koketterie mit ihren ambivalenten Gefühlen eine große Rolle. 

Die letzte Erscheinung hat aber noch andere Wurzeln und ist mit dem 
zweiten der oben erwähnten wichtigen Momente in der Entwicklung des 
hier in Rede stehenden Typus verbunden — ich meine mit dem weib- 
lichen Kastrationskomplex, der bekanntlich zu einer feindlichen Ein- 
stellung zum Manne führt und die Gefühlsambivalenz verstärken kann. 



Die Koketterie in psychoanalytischer Betrachtung 129 

Von großer Bedeutung können dann noch weitere Eigentümlichkeiten 
in der psychosexuellen Konstitution der Frau sein. Unter dem Einfluß der 
erwähnten Momente, besonders des Kastrationskomplexes, wird der Koitus 
unbewußt mit der Kastration identifiziert, als eine Vergewaltigung, Er- 
niedrigung und Entwertung empfunden und es entsteht eine mehr oder 
minder bewußte Angst vor dem Koitus und eine damit verbundene 
sexuelle Frigidität. Kompensatorisch wird die mit Vorlust verbundene 
Bedeutung der sekundären erogenen Zonen (der Oral-, Anal- und anderen 
Zonen) als Befriedigungsquellen gesteigert, die nur noch mit der Mastur- 
bation konkurrieren. Unter diesen Bedingungen entwickelt sich oft der 
Typus der Kokette, der in der schönen Literatur mit dem Namen demi- 
vicrge festgehalten worden ist. Sein psychologisches Wesen geht nicht etwa 
auf eine falsche Sexualmoral der heutigen Gesellschaftsordnung zurück, 
wie es manche Ideologen behaupten, ist vielmehr in der psychosexuellen 
Konstitution solcher Frauen begründet. Man kann übrigens solche Typen 
nicht selten auch bei verheirateten Frauen beobachten und bei solchen, die 
es mit der Moral nicht so streng nehmen. 

Zur Illustration sei nur ein Beispiel aus der Analyse eines Falles gebracht. Es 
handelt sich um eine junge Frau, die aus Liebe gegen den Willen ihrer Eltern 
geheiratet hatte. Aus äußeren Umständen blieb sie während der ersten drei 
Monate nacli der Hochzeit virgo intacta, während die Beziehungen zu ihrem 
Manne die besten und zärtlichsten waren. Am Morgen nach der Defloration kam 
es zum ersten Streit mit dem Mann und seitdem wiederholten sich Streitigkeiten 
immer öfter und öfter, besonders nach jeder ehelichen Annäherung, wobei 
das Hauptmotiv aller Mißverständnisse Vorwürfe von Seiten der Frau waren, 
dahingehend, daß ihr Mann sie nicht „wirklich" liebe, daß er sie „nur als 
Weib brauche", daß er sie, nachdem er von ihr „alles, alles vom Weib ge- 
nommen habe, verachte" usw. Alle Einwände und Versicherungen des Mannes 
halfen nicht, denn die Vorwürfe und Beschuldigungen, wie die Analyse er- 
wiesen hatte, stammten aus ihrer eigenen Mißachtung der sexuellen Rolle des 
Weibes, aus ihrer Auffassung des Koitus als einer Beleidigung und vollen 
Entwertung, denn sie war vollkommen frigid und empfand nur Ekel vor 
dem Koitus. Am Ende kam es zur Unterbrechung der ehelichen Beziehungen. 

Dann änderte sich aber das Betragen der Patientin in einer ganz sonder- 
baren Weise. Sie begann zu flirten und kokettierte mit fast allen jungen 
Leuten, mit denen sie zusammenkam, wobei sie alle ihr zu Gebote stehenden 
Mittel der Koketterie mit Eifer und Ausdauer zu benützen pflegte, um das 
auserkorene Objekt zu „erobern" und in sich verliebt zu machen. Sie selbst 
fühlte dabei eigentlich keine besondere Neigung zum jeweiligen jungen Manne, 
er blieb ihr seelisch wie physisch fast ganz gleichgültig, es lag ihr nur daran, 
die Macht ihrer weiblichen Reize an ihm zu beweisen und ihn ganz dem 

Imago XI. 9 



! -o Dr. M. Wulff 



eigenen Willen zu unterwerfen. Sie ließ gerne Umarmungen, Zärtlichkeiten 
und Küsse zu, beobachtete dabei mit besonderem Vergnügen «He steigende 
sexuelle Aufregung des Partners, leistete aber jedem Versuch, eine intimere 
geschlechtliche Annäherung zu erzwingen, energischen Widerstand. Diese 
„Präludien der Liebe", der Kampf und der Anblick des sexuell aufs äußerste 
erregten, verliebten und unbefriedigten Partners brachten ihr die höchste Be- 
friedigung, die sie als Weib nur erleben konnte. Wie die Analyse zeigte, 
wiederholte die Patientin eine von ihr als Kind erlauschte Szene, nur mit 
der von ihr angebrachten Korrektur, daß das Weib im Kampf (Koitus) die 
Siegerin war. 

Aus der Analyse des Falles will ich nur folgendes erwähnen. Dire Mutter 
starb, als sie im zweiten Lebensjahr war und sie wurde vom Vater und einer 
älteren Schwester mit großer Liebe und Zärtlichkeit erzogen. Ihre Beziehungen 
zum Vater waren, trotz einer gewissen Strenge, sogar Pedanterie, mit der 
er von ihr absoluten Gehorsam forderte, die besten und zärtlichsten, voll 
Zutrauen, Hochachtung und Liebe bis zu ihrem zwölften Jahre, als der Vater 
zum zweiten Male heiratete. Eine gewisse Entfremdung und Verschlossenheit 
des Mädchens war die Folge, als die „neue Mutter" in die Familie kam, und 
als die Patientin dann im Alter von dreizehn Jahren einmal in die Lage kam, 
den ehelichen Verkehr der Eltern zu belauschen, — den sie als eine furcht- 
bare Vergewaltigung auffaßte, — fing sie bald an, mit den Kameraden eines 
zwei Jahre älteren Bruders zu kokettieren und Liebesaffären zu haben, vor 
dem Vater aber all dies geheim zu halten. Sie liebte den Vater zwar noch, 
aber von dem früheren Vertrauen und der Offenherzigkeit blieb keine Spur 
mehr übrig. Im weiteren deckte die noch nicht ganz fertige Analyse un- 
zweifelhaft sichere Spuren eines Kastrationskomplexes auf. 

Das sind die hauptsächlichsten Typen der weiblichen Koketterie, die 
ich zu beobachten Gelegenheit hatte ; ob damit alle Möglichkeiten erschöpft 
sind, wage ich nicht zu behaupten. Selbstverständlich sind auch hier, wie 
bei jeder Klassifikation, neben reinen Typen gemischte zu treffen und ver- 
schiedene Übergänge. 

Wenn bis jetzt nur von Frauen die Rede war, so ist dies bloß damit 
zu erklären, daß die Koketterie ein typisch-weiblicher Charakterzug und nur 
beim Weibe zu rechtfertigen ist. Daraus soll aber nicht gefolgert werden, 
daß sie bei Männern nicht vorkommt. Was für jede Klassifikation gilt, 
muß auch hier wiederholt werden: wenn in der Psychologie von Mann 
und Weib gesprochen wird, so verstehen wir darunter einen mittleren 
normalen Typus und nicht diese oder jene irgendwie extremen Ab- 
weichungen, selbst wenn sie sich noch in den Grenzen des Normalen 
bewegen. Zweifelsohne können auch beim Manne diese oder jene weib- 
lichen Züge mehr oder minder stark ausgeprägt sein, was angesichts der 



Die Koketterie in psychoanalytischer Betrachtung 



angeborenen Bisexualität gar nicht verwunderlich ist. Zudem ist auch zu 
betonen, daß an der Entwicklung der Koketterie vornehmlich solche Triebe 
ihren Anteil haben, die ja dem Manne ebenso eigen sind wie dem Weibe 
und in seinem Seelenleben eine ebenso wichtige Rolle spielen, d. h. der 
Narzißmus und die Zeigelust. 

Um so größere Bedeutung kommt aber bei der Koketterie des Mannes 
dem Ichideal und der Entwicklung der Persönlichkeit zu. Im äußeren 
Wesen solcher Männer, in ihrem Betragen, Gesten sind deutlich weib- 
liche Züge zu bemerken, auch dann sogar, wenn ihre äußere physische 
Struktur von absoluter Männlichkeit ist. Sie zeigen oft eine gewisse 
Passivität in ihrer ganzen Lebenseinstellung, besonders aber in ihrer 
Psychosexualität. Es muß betont werden, daß bei der Beurteilung dieser 
Passivität, die Ausdauer und Hartnäckigkeit, mit der sie manchmal die 
Erreichung ihrer Ziele und Wünsche verfolgen, nicht irre führen soll, 
weil sie aus ganz anderen Quellen, nämlich aus der sublimierten Anal- 
erotik stammen können. Sie neigen zur narzißtischen Objektwahl, 
sie wollen vom Weib gewählt und geliebt werden, sie schaffen sich eine 
Entourage von Freundinnen und Verehrerinnen, für die sie oft weder Liebes- 
gefühle noch Interesse haben, denen sie aber gern erlauben, ihnen den 
Hof zu machen, verschiedene Dienste zu leisten, Zeichen von Aufmerksam- 
keit und Gunstbeweise zu liefern, Geschenke, Andenken zu bringen u. dgl. 
Die intimen sexuellen Beziehungen gehen öfters nicht über ganz un- 
schuldige Äußerungen von Zärtlichkeit hinaus, und wenn es manchmal 
zu einer geschlechtlichen Annäherung kommt, so geschieht es nur infolge 
der Initiative der Frau. Bei solchen Männern ist manchmal auch die männ- 
liche Parallele zur weiblichen Frigidität, eine mehr oder minder ausge- 
sprochene psychische Impotenz, zu beobachten und sie haben im Grunde 
genommen mehr oder minder bewußt Angst vor dem Koitus und vor 
tieferen und verbindlicheren Liebesbeziehungen. Es sind passive Don 
Juans, die nicht wie die aktiven dieses Typus eine für sie unmögliche 
Befriedigung suchen und die nicht immer wieder enttäuscht ihre Objekte 
verlassen, um bei anderen ihr Glück zu versuchen, sondern die jeder 
neuen Frau, die es will, ihre Gunst zu schenken bereit sind, ohne die 
vorigen zu verlassen und die Beziehungen zu ihnen zu ändern. Eigentlich 
suchen sie beim Weibe nicht die Geliebte, sondern die Mutter, und sie 
bilden eine Parallele zum weiblichen Typus „Weib-Kind", dem Typus, 
den man vielleicht' „Mann-Kind'* nennen könnte. Hieher gehören, 
meiner Beobachtung nach, die meisten hysterischen Männer. Insofern es 



132 Dr. M. Wulff 



auf ihre eigene Objektwahl ankommt, heiraten sie eine Frau des gleichen 
Alters, oder eine ältere sogar, in der sie hauptsächlich eine Stütze, eine 
Beschützerin, eine Mutter finden wollen. 

Die Analyse zeigt, daß die Entwicklung des Ödipus-Komplexes bei 
solchen Männern zu einer starken inzestuösen Fixierung an die Mutter 
und zu einer Identifizierung mit ihr führt. Von Kindheit auf übernehmen 
sie deshalb eine weibliche Rolle im Leben, bekunden weibliche Interessen, 
und — was besonders typisch ist — ein hohes Interesse für ihre Kleidung 
und äußere Erscheinung, ebenso wie für die Kleidung und das äußere 
Aussehen der Mutter und für die weibliche Kleidung und Mode überhaupt, 
auf welchem Gebiet mancher von ihnen sein Lebtag lang als arbiter 
elegantiarum gilt. Sie besitzen überhaupt oft einen feinen künstlerischen 
Geschmack und eine Neigung zur Ästhetik — ein Zug, den sie mit 
manchen homosexuellen Männern gemein haben. 

Dem Vater gegenüber zeigen solche Männer von Kindheit an eine 
typische ambivalente Einstellung, die fürs ganze Leben für ihre homo- 
sexuelle Komponente charakteristisch bleibt : feindliche Regungen, die sich 
einerseits manchmal bis zu ausgesprochenen Haßgefühlen steigern und ander- 
seits eine masochistische Abhängigkeit und Unterwürfigkeit, die durch eine 
Trotzeinstellung überkompensiert wird. Dazu gesellt sich noch ein starker 
Kastrationskomplex (der manchmal in der unbewußten Phantasie sogar 
ohne Protest, als gewünscht, angenommen wird, womit die Identifizierung 
mit dem Weib noch verstärkt wird), dann ein aus diesem Komplex 
stammendes, starkes Minderwertigkeitsgefühl dem Manne gegenüber, 
was zu einer Bevorzugung der weiblichen Gesellschaft führt. Das ist der 
einzige Typus der männlichen Koketterie, den ich Gelegenheit zu beob- 
achten hatte, die individuellen Differenzen hängen dabei nur von dem 
Grade der Reinheit des Typus ab. 

Schließlich noch eine Bemerkung. Es gibt Frauen, die jeder Spur von Koket- 
terie entbehren, obschon sie kokett zu sein wünschen und die äußeren Um- 
stände hiefür günstig sind. So klagte mir eine Patientin, eine hübsche, feine 
und kluge Frau, sie habe ihr ganzes Leben den Wunsch gehegt, mit einem 
Manne, der ihr gefällt, kokettieren zu können, es sei ihr aber ganz unmöglich 
gewesen, sie blieb immer in männlicher Gesellschaft „trocken", gespannt, 
zaghaft, obwohl sie ein reges, gesellschaftliches Leben führte, viel Bälle be- 
suchte usw. Es war mir leicht, die Erscheinung durch Hinweis auf ihr 
starkes Minderwertigkeitsgefühl zu erklären und die Bedeutung des Kastra- 
tionskomplexes und des gekränkten Narzißmus als Ursache anzuführen. 



Die Koketterie in psych oanalytisch er Betrachtung 133 



Am nächsten Tag brachte sie mir den folgenden Traum: 

„Ich gehe über die Straße von rechts nach links zum Tor unseres Hauses. 
Ich bin ganz nackt. Alles herum ist mit Schnee bedeckt. Die Straße ist ganz 
leer. Ah ich mich dem Tore nähere, merke ich Männer in der Ferne, geniere 
mich aber nicht, denn ich merke bei mir einen Penis. Die Männer achten 
auch auf mich nicht. Ich gehe durch das Tor und sehe im Hof zwei Damen, 
die sich wundern, daß ich ohne Kleidung bin und nicht friere. Nun merke 
ich, daß ich ein Laken vorne halte, weiß aber, daß es für jemanden bestimmt 
ist, für ein Kind. Ich wache nun auf und wundere mich darüber, daß ich 
im Traume nur zwei Damen gesehen habe, weiß aber, daß deren drei waren." 

Aus der Analyse: Zunächst wollte der Patientin zum Traume nichts 
einfallen. Auf die Frage, was ihr zu den zwei Damen einfiel, gab sie zur 
Antwort: „meine Schwester". Nun ist klar, warum Patientin nur zwei Damen 
im Traume sah, aber „wußte, daß deren drei waren", denn die dritte war 
sie selbst. In ihrer Familie waren drei Kinder, drei Schwestern. 

„Die Damen wunderten sich, daß ich ohne Kleidung bin und nicht friere." 
Dazu fällt der Patientin ein: „Die Kälte ist eine seelische, ein Leben ohne 
Liebe, sie wundern sich, wie ich ohne Liebe leben kann." Diese Deutung 
bezieht sich auf ein früheres Symptom der Patientin. Vor einigen Jahren litt 
sie abends an Anfällen von Schüttelfrost, der von einem Spezialisten als „nervös" 
diagnostiziert worden war." Die Anfälle kamen, als sie in ihrem Eheleben eine 
Enttäuschung — eine Untreue des Mannes — erlebt hatte. Der Einfall er- 
klärt aber zugleich auch den ganzen Traum. Die beiden Schwestern heirateten 
aus Liebe, was bei ihr nicht der Fall war. Aber schon in der Kindheit liebte 
die Mutter die beiden Schwestern mehr als die Patientin und beschenkte und 
kleidete sie besser, was der Patientin viel Leiden verursachte. Die kalte, leere, 
mit Schnee bedeckte Straße und ihre eigene Nacktheit sind Symbole für ihr 
einsames Seelenleben, ohne Wärme, ohne Liebe. Das einzige, was sie im 
Leben noch hat, ist ihr „Laken für ein Kind", d. h. ihre Liebe für ihre 
Kinder. 

„Sie merkt einen Penis bei sich und geniert sich nicht vor den Männern, 
die auf sie nicht achten." Wie gesagt, hat sie mir am Vortag erzählt, daß sie 
niemals mit Männern kokettieren konnte, auch dann nicht, als ein von ihr 
platonisch geliebter Mann sie darum bat. Sie fühlte sich nicht weiblich genug 
und dachte, daß sie deshalb keinen Erfolg bei Männern hat, was in Wirklich- 
keit nicht der Fall war, denn sie hatte einmal sogar einen Preis für ihre 
Schönheit und Eleganz auf einem Ball bekommen. Das hinderte sie aber nicht 
daran, sich für unschön zu halten, hauptsächlich nur deshalb, weil ihre Mutter 
behauptete, daß die Schwestern schön seien und sie nicht. Die Mutter wollte 
als zweites Kind einen Knaben haben (das erste Kind war ein Mädchen). Die 
Patientin selbst wollte in der Kindheit Knabe sein, beneidete die Männer ihr 
ganzes Leben, schätzte sie höher als die Weiber, die sie oft verachtete, und 
auch sich selbst als Weib. Im Traum ist der infantile Wunsch, einen Penis 






154 ^ r - M- Wulff: Die Koketterie in psychoanalytischer Betrachtung 

zu haben und ein Mann zu sein, verwirklicht. Die Wirkung des Kastrations- 
komplexes und des mit ihm verbundenen Minderwertigkeitsgefühls ist also 
durch den Traum bestätigt worden. Und als deren Folge — ein Leben ohne 
Erfolg beim Manne, ohne Liebe, ohne Koketterie und Möglichkeit zu gefallen. 
Das wollte der Traum sagen und meine Erklärung, die ich der Patientin am 
Vortag gegeben hatte, bestätigen. 



Max Schelers Kritik und Würdigung der 
Freudschen Libidolehre 

Von Aurel Kolnai (Wien) 



Die Auseinandersetzung Max Schelers mit der Freudschen Ontogenetik 
der Liebesgefühle 1 ist aus mehreren Gründen des Beachtens wert. Scheler 
ist heute, nächst dem Begründer der Richtung: Edmund Husserl, das Haupt der 
fruchtbaren und einflußreichen „phänomenologischen 1 * Schule der Philo- 
sophie. Dadurch, daß er den methodologischen Grundgedanken seines Meisters 
aus dem Bereiche der Logik in den der Ethik und der geistig-seelischen 
Erscheinungen schlechthin verpflanzt hat, erscheint er als origineller Denker 
ernstester Bedeutung. 2 Nun faßt aber die phänomenologische Methode — wie 
schon aus dem Namen hervorgeht — die Dinge am gerade entgegengesetzten Ende 
an als die psychoanalytische. Sie will statt einer Metapsychologie eine Prä- 
psychologie gründen, wenn wir selbst eine Bezeichnung prägen dürfen. 
Statt die Erscheinungen zu erklären, zu entziffern, abzuleiten, auf einen ge- 
meinsamen Nenner zurückzuführen, die Gesetze ihres Vorkommens und Ent- 
stehens zu ermitteln, ist sie vielmehr bestrebt, ihr unmittelbares „Wesen" 
„einsichtig" zu erschauen und mit möglichst vollkommener Fixierung und Be- 
schreibung aller ihrer Spielarten sowie ihrer ideellen, statischen „Sinnzusammen- 
häno-e" festzuhalten. 3 Diese Methode will letzten Endes nicht die Beherrsch- 



1) Enthalten in Max Scheler: „Wesen und Formen der Sympathie." (Der 
„Phänomenologie der Sympathiegefühle" 2., vermehrte und durchgesehene Auflage.) 
Bonn: Cohen 1925. Das Werk bildet den I. Band einer Serie, betitelt „Die Sinn- 
gesetze des emotionalen Lebens". Der demnächst erscheinende Band: „Wesen 
und Formen des Schamgefühls" soll eine noch eingehendere Besprechung der 
Freudschen Lehren bringen. 

2) Nicht mit Unrecht nennt T. K. Oesterreich in dem von ihm bearbeiteten 
IV. Band der Überwegschen Philosophiegeschichte Schelers Auftreten das größte 
Ereignis der Ethik seit Kant. 

3) Sie unterscheidet sich von der Bergsonschen Intuition, der sie nahe verwandt 
ist, durch ihre Bevorzugung des statisch-begrifflichen Elementes. Die Spuren der 
Phänomenologie sind hinter Husserl zurück über A. v. Meinong bis F. Brentano 
zu verfolgen. 



2 6 Aurel Kolnai 



barkeit und Lenkbarkeit des zu untersuchenden Materials fördern, wogegen 
die analytische Methode aus einem Heil- zu einem Erklärungsverfahren wurde. 
Obwohl die beiden Forschungsrichtungen den Anschein haben, so fern von- 
einander abzuliegen, daß sie sich gar nicht schneiden können, wurde Schelers 
Geist von den Freu dschen Erkenntnissen und Theorien sehr lebhaft beschäftigt 
und er hat ihnen eine ziemlich sorgfältige und, wiewohl scharfe, von Gehässig- 
keit und Verkleinerungsstreben freie Kritik angedeihen lassen. Die Anerkennung, 
die er ihnen in manchen Punkten zollt, muß nach dem oben Mitgeteilten 
doppelt bemerkenswert sein und scheint auch Neues zu bringen. Die Einwürfe 
selbst könnten in dieser und jener Hinsicht der psychoanalytischen Forschung 
fruchtbar werden. Sie sind aber auch geeignet, gewisse Schwächen der phäno- 
menologischen Richtung ins Licht zu setzen. 

II 

Sehe ler führt die Psychoanalyse zunächst an in der Behandlung der 
„Einsfühlung" (Identifizierung mit der Mutter bei der Genese der männlichen 
Homosexualität) sowie des „Mitgefühls" (als Folge oder, nach ihm, eine Art 
Oberstufe der Einsfühlung). Er gedenkt des analytischen Heilverfahrens als 
Beispiel für die Auflösung von Gefühlstraditionen. In betreff der Geschlechts- 
liebe tritt er an die Seite Georg Simmeis gegenüber Schopenhauer und 
Freud und unterstreicht den einheitlichen, sui-generis- Charakter dieser Er- 
scheinung, die keineswegs ein bloßer „Überbau" des „massiven" Geschlechts- 
triebes sei und sich keineswegs aus Sinnlichkeit und Geistigkeit „zusammen- 
setzen" lasse. 

ra 

Im Anschluß an andere „naturalistische", zumeist aber nur die Phylo- 
genese berücksichtigende Theorien der Liebesgefühle bekommen wir ein Resume 
der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" zu lesen, wobei Scheler hervor- 
hebt, daß deren Verfasser nicht etwa den „Geschlechtstrieb" als solchen zum 
letzten Erklärungsprinzip des Neigungslebens macht, sondern ihn selbst als 
etwas Sekundäres, ein Entwicklungsprodukt, ein Bauwerk hinstellt. Die Per- 
versionen sind demgemäß keine Abirrungen der normalen, sondern mehr- 
minder ungewohnte Fixierungen der unfertig herumtastenden Sexualität. Der 
Mensch ist polymorph pervers geboren, der normale Geschlechtstrieb stellt 
einen „günstigen", vergleichsmäßig häufigen Entwicklungszufall dar. Neben ihm 
und den Perversionen kommt es aber noch zu Bildungen, die ihre Entstehung 
den Vorgängen der Verdrängung und der Sublimierung verdanken. Jene 
bedient sich des Ekels, des Schamgefühls, der Inzestscheu; die von ihr be- 
troffenen Wunschkomplexe machen sich — in entstellter Form — in den Träumen 
und den Neurosen Luft. Die Sublimierung aber verstreut die verfeinerten 
reproduktiven Reste von Wollustempfindungen in „höherwertige seelische 
Vorgänge, die sich also der nicht unmittelbar befriedigten Libido als eines 
Triebrades bedienen. Hieher gehören alle Arten affektive Bindungen, die mit 
der Genitalität keine Verknüpfung mehr haben. 



Schelers Kritik und Würdigung der Freudschen Libidolehre 157 

IV 

Volle Achtung läßt Scheler gerade derjenigen Tat Freuds zuteil werden, 
die von unkundiger Seite so vielen Anfechtungen ausgesetzt war: der Ent- 
deckung der kindlichen Sexualität. „Ein ganz neues Land der Kinderseele 
ist in der Tat hier entdeckt worden. Auf alle Fälle ist auch richtig beobachtet, 
daß den Richtungen des eigentlichen und gewöhnlich sogenannten Geschlechts- 
triebes' in der Zeitphase vor der Pubertät andere erotisch gefärbte Zu- 
wendungen zu Objekten vorausgehen, die einem besonderen Studium zu unter- 
werfen sind. Auch daß die .Fixierung' solcher Zuwendungen (im Gegensatz 
zu ihrem typischen sukzessiven Wegfall in einem normalen Entwicklungsgang) 
für die Gestaltung des ferneren Liebeslebens und Lebens überhaupt in be- 
sonderem Maße bestimmend werden können, ist von Freud, und seiner Schule 
mit einem großen Tatsachenmaterial gezeigt worden. Er vermochte so eine 
Menge seelischer Erkrankungsformen, z. B. auch viele Arten von geschlecht- 
lichen Perversionen noch genetisch zu verstehen, die man früher ohne weiteres 
einer angeborenen ,Anlage' zuschrieb — hiemit natürlich auf jeden Versuch, 
die kranken Individuen zu heilen, Verzicht leistend." 

Origineller als dies ist die nächste Bemerkung Schelers, die wir für sehr 
bedeutsam halten. Die Freud sehe Methode vermag vielleicht einmal dies 
Eigentümliche einem ganz neuen Verständnis näherzuführen, was wir das 
.Schicksal' eines Menschen nennen. »Schicksal* ist ja nicht mit all dem gleich, 
was von außen her uns an Reizursachen und Bewegungen trifft. Es wird 
anderseits auch in keinem Sinne bewußt ausgewählt. Es scheint ein Gesamt- 
begriff für all dasjenige zu sein, von dem wir gemeinhin zu sagen pflegen: 
,daß dies und jenes nur einem solchen Menschen passieren konnte . Die Reihe 
von Begebenheiten, meint Scheler, die wir „als zu unserm Sosein ge- 
hörig" empfinden, „wenn sie dagewesen sind". — „Von dem »Schicksal in 
diesem Sinne nun meint Freud, daß es in den Eindrücken und, nach seiner 
Meinung, vorwiegend in den erotischen Eindrücken der ersten Kindheit 
recht eigentlich in den Grundlinien präformiert werde. Sieht man tiefer, so 
hat Freud sich damit einer Idee genähert, die vielleicht geeignet ist, den 
bisherigen Gegensatz der ,nativistischen' und ,empiristischen Anschauungen 
gleichzeitig zu schlichten und sie durch eine neue Grundannahme zu ersetzen. ' — 
„Jede Erfahrung bis zur einfachsten Empfindung hat nach ihrer Wirkungs- 
größe und Wirkungsart für die Formung des Gesamtlebens des Individuums 
einen bestimmten und einzigartigen Stellenwert in der typischen Entwicklung 
und Reifung des Menschen." — Der Irrtum des Empirismus bestand darin, 
daß er die Verschiedenwertigkeit des Eindrucks nur insofern anerkannte, als 
er seine Wirkung von der bereits vorhandenen Erfahrungsmasse, zu welcher 
er hinzutrat, abhängig machte. Hingegen gewinnt der einmalige, eigenartige 
Charakter jedes Erlebnisses „seinen ganz besonders prägnanten Sinn durch jene 
Einsicht Freuds, daß ein psychisches Erlebnis in Wirkungsart und Wirkungs- 
größe . . . sich nach dem Stellenwert mitbestimme, den es innerhalb der Ge- 
samtentwicklung eines Menschen habe". Der Mensch sucht sich also unbewußt 
seine Erfahrung aus; so sollen nach Scheler die Aphorismen Schopenhauers 



i«8 Aurel Kolnai 



„über die Weiber" auf realen Beobachtungen beruhen, daß er aber gerade zu 
diesen Beobachtungen gekommen ist, soll aus seiner von Kindheit auf negativen 
Einstellung zur Mutter erklärbar sein: „... Das , Mißlingen der normalen Über- 
tragung der Libido auf die Mutter', wie Freud sagen würde." 



V 

Alsdann bemängelt jedoch Sehe ler die Klarheit des Libidobegriffes. Er 
versucht selbst, ihm eine Fassung zu geben; die durcli Beizung der erogenen 
Zonen beim Säugling auftretenden wollüstigen Empfindungen zum Ausgangs- 
punkt nehmend, 1 will er "unter Libido das Streben nach Wiederholen 
so gearteter Empfindungen verstehen. Die Libido könne nicht selbst in 
Lustgefühlen bestehen, wenn anders sie als Triebkraft betrachtet werden 
soll. Mit Jungs Libidobegriff, der sich zum Begriff des Strebens überhaupt 
destilliert hat, sei freilich wenig anzufangen. Dies beiseite gelassen habe der 
psychoanalytische Libidobegriff seine Schwierigkeit darin, daß ein Streben 
schlechterdings auf mehr-minder bestimmte Inhalte, nicht auf das Erleben von 
Empfindungen gerichtet ist. Mögen nun diese Inhalte dadurch charakterisiert 
sein, daß sie von Wollustempfindungen begleitet werden, sie müssen trotzdem, 
wiewohl nicht gleich in präzisen bildhaften Vorstellungen, doch dasein. Sie 
sind nach Scheler „Werte der Andersgeschlechtlichkeit" . Er stützt diese 
Ansicht durch den Hinweis, daß gerade auch im homosexuellen Verkehr solche 
Noten der Andersgeschlechtlichkeit künstlich konstruiert werden. Er zieht als 
Analogon den Hunger heran, der ebenfalls von vornherein ein gerichteter 
Trieb ist. Es könne daher nicht die Bede sein von einer bloßen assoziativen 
Zuordnung eines bloß allgemeinen Wolluststrebens zur Idee des andern Ge- 
schlechtes, sondern allein von einer phasenrhythmisch erfolgenden „Anordnung 
eines auf das andere Geschlecht überhaupt bereits gerichteten Triebes zu 
einem bestimmten Gegenstande des andern Geschlechtes ' . 

VI 

Von der psychoanalytischen Annahme, daß die zärtliche Zuneigung jugend- 
licher Individuen zu andersgeschlechtlichen Mitgliedern ihres engen Familien- 
kreises vor der exogamischen Objektwahl eine regelrechte Stufe in der 
Sexualentwicklung darstelle, läßt Scheler nur soviel gelten, daß hier ein 
probeweises Herumtasten des Triebes stattfindet, eine eigentliche dauerhafte 
Sexualbindung in diesem Sinne gibt er innerhalb der Grenzen des Normalen 
nicht zu. Bei Besprechung anderer „naturalistischer" Sympathietheorien macht 
er übrigens das Zugeständnis, daß er einen selektiven, ortbestimmenden, wir 
möchten sagen vehikelhaften Einfluß der Triebe auf die „höheren Begungen" 
annimmt: die Triebe sollen dem Menschen eine „Dringlichkeitsordnung" vor- 



1) Wobei er seinen Zweifel äußert, ob die Qualität solcher Empfindungen des 
Säuglings wirklich festzustellen sei. Er selbst scheint aber auf diesen Zweifel keinen 
übergroßen Wert zu legen. Die Kontinuität zwischen Säuglingserotik und späterem 
Auto- und Alloerotismus dürfte als erwiesen gelten. 



Schelers Kritik und Würdigung der Freudschen Libidolehre 159 

schreiben, gemäß welcher er einen Teil der in ihm „schlummernden" geistigen 
Akte wirklich vollziehen und ihnen entsprechende Gegenstände der Außenwelt 
zuweisen könne. Jedenfalls aber seien die verschiedenen Qualitäten der Liebe 
untereinander irreduzibel und in der Struktur der Seele selbst vorgebildet. 
Die Freud sehe Methode, das Normale aus dem Anormalen verständlich 
machen zu wollen, führe hier — unkritisch angewendet — zu irrigen Er- 
gebnissen. 

vn 

Im folgenden wehrt Scheler den Einwand jener Freud-Gegner ab, 
welche die dem Geschlechtstrieb zugeschriebene besondere psychiche Rolle in 
Zweifel ziehen. Er legt sehr überzeugend dar, daß es z. B. nichts gibt, was 
dem Hungertrieb in dem Sinne zugeordnet werden könnte, wie dem Geschlechts- 
trieb die Geschlechtsliebe (etwa eine „Ernährerliebe"). Freilich weist Scheler 
dieser — auch wertenden — Auszeichnung des Geschlechtstriebes nur innerhalb 
der sogenannten „Vitalsphäre" einen Platz an, 1 das Reich der Kultur- und der 
höchsten ethischen und religiösen Werte, beziehungsweise der auf sie ge- 
richteten seelischen Akte, ist hier nicht miteinbezogen. 

VIII 

Mit besonderer Zähigkeit verharrt Scheler bei dem Leitmotiv seiner 
Kritik, daß seelische Qualitäten von einander nicht ableitbar sind. Hinsichtlich 
der Verdrängung verlangt er Aufschluß über die verdrängende Kraft und 
zieht einen etwas ironisch sein sollenden Vergleich zwischen der Freud- 
schen Libido und dem „Ich" Fichtes, das sich auch „selbst Schranken setzt". 
Er wirft hier Freud eine Zirkelerklärung vor. Hinsichtlich der Sublim ierung, 
die Vorherrschaft einer Triebrichtung sowie die Surrogatbildungen eingeschlossen, 
zieht er gegen die Ansicht ins Feld, daß überschüssige Libido etwa spezifische 
Begabungen bestimmen könne. Daß Napoleon in seinen Beziehungen zu 
Josephine viel Unglück zu erdulden gehabt hatte, dieser Umstand schuf seine 
Feldzüge nicht. Nur bereits vorhandenen Befähigungen könne noch ein Plus 
an Energie zugeleitet werden, dies aber sei nur innerhalb nicht sehr weit 
abgesteckter Grenzen der Fall; denn alle seelischen Anlagen haben ihre spe- 
zifischen Energiebesetzungen. Die Vorstellung eines beliebig dehnbaren Ventil- 
verhältnisses 2 zwischen den einzelnen Schichten sei völlig unhaltbar. Die Alter- 
native: entweder Verzicht auf die Höherentwicklung oder Verzicht auf Fort- 
pflanzung, sei in ihrer zwingenden Form hinfällig (nur für ein einseitig in- 
tellektualistisches Kulturideal einigermaßen gültig). Hätte die Freudsche Energie- 
arithmetik recht, so müßte dauernde geschlechtliche Enthaltsamkeit entweder 

1) Sehr treffend ist hier seine Bemerkung, daß es nur eine echte und sittliche 
Rassenpolitik gehen könne, nämlich die, welche der Hemmung der Geschlechtsliebe 
durch inferiore Einflüsse entgegenwirkt. 

2) Diese treffende Bezeichnung entnehmen wir der Psychologie von Adolf St öhr, 
der in Bezug auf kommunizierende Tendenzen das Ventil- vom Relaisverhältnis 
unterscheidet. 



iao Aurel Kolnai 



geistige Höchstleistungen oder die Produktion von Neurosen notwendig zur 
Folge haben; dies wird jedoch von der Erfahrung nicht bestätigt. „Was wir 
bei Freud vollständig vermissen, sind bestimmtere Angaben, worin sich denn 
eine berechtigte und notwendige ,Beherrschung' der Libido und des Geschlechts- 
triebes von einer , Verdrängung' derselben unterscheidet, die nach ihm eine 
Hauptquelle für die Nervenkrankheiten darstellen soll; und gleichzeitig eine 
bestimmt umschriebene Angabe der differenziellen Bedingungen, die von der 
verdrängten Libido einmal in die Richtung der ,Sublimierung', ein andermal 
in die Richtung der .Erkrankung' führen sollen. Solange diese beiden Punkte 
eine genaue und präzise Aufklärung nicht erfahren haben, trägt die Freud sehe 
Theorie die große Gefahr in sich, einmal auch die Ethik in die ganz falsche 
Alternative: ,Primitivismus' oder .Askese' hineinzudrängen; und anderseits die 
nicht minder große Gefahr, die Grenzen zwischen sittlich notwendiger und 
berechtigter Herrschaft über den Geschlechtstrieb und einer falschen, zur 
Krankheit führenden , Verdrängung' desselben zu verschleiern." 

IX 

Wir sind der Ansicht, daß wohl kein Psychoanalytiker behaupten wird, 
die Seh el ersehe Kritik sei oberflächlich und rühre nicht an ungelöste Probleme. 
Aber auch sein eigener Ideengang läßt manche recht wunde Punkte erkennen, 
die wir zunächst aufzuzeigen haben. Danach werden wir festzustellen ver- 
suchen, welche brauchbare Fingerzeige die Psychoanalyse dieser Kritik ent- 
nehmen kann. Die zustimmenden Äußerungen des ausgezeichneten Denkers 
sollen uns nicht weiter beschäftigen. — Die Schwächen des Schelerschen 
Beweisganges stammen einerseits aus gewissen Mängeln an Kenntnis der 
Freudschen Lehren, anderseits aus einer bestimmten Ungelenkigkeit des phäno- 
menologischen Forschers, deren er sich nicht gut erwehren kann, wenn er 
sich in den Bereich des realen Geschehens begibt. Daß er sich aber zu 
solchem Schritt entschließt, daß er sich zuweilen bereit erklärt, die „phäno- 
menologische Reduktion" aufzuheben, dies schreiben wir dem Erkenntnisdrange 
zu, der die von jener Methode vorgeschriebenen Grenzen allzu eng findet. 



Nur beiläufig bemerken wir, daß es um so weniger angeht, spezielle 
Ansichten Jungs auch nur als mögliche Ausdeutungen der Freudschen Doktrin 
in Betracht zu ziehen, als der Gegensatz zwischen den beiden Forschern gerade 
hier sehr scharf und bewußt ist: der Verwässerung des Libidobegriffes und 
dem Triebmonismus überhaupt wollen Freud und seine Anhänger schlecht- 
hin kein Zugeständnis einräumen. Gerade der Freud sehe Libidobegriff schließt 
daher schon eine gewisse Qualitätsbestimmung der psychischen Energie in sich. 
Eine schrankenlose Versetzbarkeit, Umschaltbarkeit, „Multiponibilität" sozusagen, 
der Psychoenergie, wurde denn auch von Freud niemals gelehrt. — Den 
Vorwurf des „Fi cht eschen Ichs" hätte Sc heier Freud getrost ersparen 
können, hätte er sich nicht grundlos auf das irrige Zuschreiben eines Triebmonismus 



Schelers Kritik und Würdigung der Freudschen Libidolehre 141 

versteift und hätte er nicht außer acht gelassen, daß Freud von Anfang 
an mit einer ursprünglich daseienden Gegeninstanz der Libido gerechnet hatte 
und bald dem Lustprinzip das Realitätsprinzip, bald den Sexualtrieben die Ich- 
triebe entgegenstellt. Sind auch die diesbezüglichen Formeln nicht eindeutig 
festgelegt, der angedeutete Versuch einer Zirkelerklärung der Libidohemmung 
ist Freud, aus seinen Schriften geurteilt, niemals in den Sinn gekommen. — 
Bedenklich finden wir ferner das Mißverstehen des Verdrängungsbegriffes durch 
Scheler. Verdrängung bedeutet bei Freud nirgends die Nichtbefriedigung 
oder Bekämpfung eines Triebes, bedeutet auch nicht die extreme Form solcher 
Entsagung etwa im Gegensatz zu einer „gemäßigten Beherrschung", sondern 
die Hinausdrängung affektbetonter Vorstellungen aus dem Bewußtsein. 
Zugegeben: die Annahme eines unbewußten Seelenlebens (die der Freudsche 
Verdrängungsbegriff voraussetzt) muß dem Phänomenologen so ziemlich als 
Greuel erscheinen. Aber wenn man einmal gesonnen ist, den seiner üblichen 
Methode vorbehaltenen Bereich zu verlassen, so sollte man eben auch Möglich- 
keiten, die jener Methode gänzlich verschlossen bleiben müssen, frei ins 
Auge schauen. Scheler scheint hier in den von anderen oft begangenen Fehler 
zu verfallen, dem leibhaftigen Freud einen imaginären „wilden Psychoanalytiker" 
unterzuschieben, der alle Dinge bei einem Menschen aus der durchschnittlichen 
Menge seiner Geschlechtsbefriedigungen zu erklären und durch deren Regelung 
zu lenken vorgibt. Ein bereits vollausgebildeter Trieb, um welchen die Person 
weiß und welchen sie bewußt „verurteilt", „regelt" oder „auslebt", ist nach 
Freud nicht, wenigstens nicht primär und unmittelbar, seelisch schöpferisch 
oder schädigend. Hier sieht Scheler so, als ob er vergessen hätte, was er 
einige Seiten früher quittiert hat, daß Freud nicht den Geschlechtstrieb als 
abgeschlossene Einheit für primär wirksam hält. Ebensowenig stellt die Psycho- 
analyse den Menschen vor die Wahl „Primitivismus 1 oder Askese", denn 
unter Aufhebung der Verdrängung versteht» man keineswegs die Aufhebung 
faktischer Hemmungen, und anderseits unter Förderung der Sublimierung 
keineswegs etwa die (langsame) Reduktion des Geschlechtslebens auf Null. 

XI 

Es ist wohl nicht als Zufall zu betrachten, wenn Schelers Innerstes 
sich weigert, Annahmen über Triebkonflikte und Triebinterferenzen, geschweige 
denn über daraus hervorgehende seelische Neuschöpfungen, zur Kenntnis zu 
nehmen : dies sind Dinge, die notgedrungen in die Vorkommens- und Daseins- 
probleme des Seelischen hineinführen, die — so können wir es schelerisch 
fassen — auf die Bedingtheit des „Soseins" gewisser psychischer „Akte" 
durch das „Dasein" anderer psychischer Phänomene hinzeigen. Wohl hat 
Scheler die Berechtigung solcher Auffassung auf Umwegen zugegeben — wo 

1) Dieses Glied der Alternative würde absonderlich anmuten, wenn wir unter 
„Primitivismus" — mit vollem Recht — nicht schrankenlose Begattung und Kinder- 
zeugung, sondern etwa die Mutterleibsregression oder die Rückbildung zum Protisten 
als reales Ziel ins Auge fassen würden. Es wurde in der Psychoanalyse oft angedeutet, 
daß das Regressionsstreben zum großen Teil unvollziehbar ist. 



1 4 2 



Aurel Kolnai 



er die Theorie vom selektiven Einfluß der Triebregungen auf die höheren 
Aktqualitäten aufstellt — aber es ergeht ihm wie so manchen, die sich nur 
zögernd ein Zugeständnis abringen ließen: sie ziehen es implizite wieder zurück. 
Dies äußert sich in der Unklarheit, deren er sich schuldig macht, wenn er Ge- 
schlechtstrieb und Geschlechtsliebe behandelt; er geht dem Belieben nach vom 
einen auf das andere über und wirft sie trotz der mehrfach betonten Schei- 
dung zusammen. So schränkt er die vitale Vorzugsstellung des Geschlechts- 
triebes unversehens auf die Geschlechtsliebe ein. Wichtiger aber als das, ist 
seine, unseres Erachtens schiefe Interpretierung des Libidobegriffes, wo ihm 
nämlich vorgefaßterweise bereits die Geschlechts liebe vorschwebt. Denn seine 
These, daß der Trieb sich nicht auf die Hereinbringung von Empfindungen, 
sondern auf „Objekte" richte, ist zwar verlockend, aber doch in ihrer Ein- 
seitigkeit bedenklich. Gewiß, um den raffinierten Entwurf einer Wollustbilanz 
handelt es sich beim Libidostreben ganz und gar nicht. Daraus muß aber 
keineswegs die Annahme eines auf die Nähe oder „Verfügbarkeit „werthäl- 
tiger'" Objekte gerichteten Strebens folgen. Ein triebhaftes Streben ist doch 
wohl vor allem auf die Ausübung von Tätigkeiten gerichtet. Wenn die 
Geschlechtsliebe etwas anderes ist als der Geschlechtstrieb, so ist eben auch 
der Geschlechtstrieb etwas anderes als die Geschlechtsliebe und bei ihm stehen 
die wollustbegleiteten Tätigkeiten im Vordergrunde. Wir können dabei Scheler 
soweit entgegenkommen, daß wir die immanente Entwicklungstendenz der 
Libido zum normalen Trieb gelten lassen, dafür gibt er das „probeweise 
Herumtasten " zu — wäre denn dieses möglich, wenn sich das Streben zuerst 
auf irgendein „Haben" von Objekten und dann erst auf die sexuellen Betäti- 
gungen richten würde? Nur im Hinblick auf sexuelle Betätigungen bedarf 
es der Lokalisierung der „Werte der Andersgeschlechtlichkeit" auf wenige, 
oft typische Individuen, an welchen sie erlebt werden. Die Vergegenwärtigung 
solcher Werte setzt schon ein Spiel sexueller Bewegungsimpulsc voraus. Was 
aber die unscharfe Fassung des Libidobegriffes in der Freudschen Schule an- 
langt, so muß hier hervorgehoben werden, daß den wollustbegleiteten Tätig- 
keiten neben den äußeren Manipulationen auch nichtmotorische innere Körper- 
vorgänge beigezählt werden können, welche die rein passiven Wollustempfin- 
dungen (etwa des Säuglings) verstehen helfen : es gibt, wofür die Psychoanalyse 
manche Beweise erbracht hat, eine Organlust, und zwar geht diese niemals, 
auch nicht nach erfolgter normaler Pubertätsentwicklung, ganz in den genitalen 
Geschlechtstrieb ein. In diesem Sinne ist schon das uranfängliche Libido- 
„Streben" nach „Empfindungen nichts so Ungeheuerliches, als es dem Forscher, 
der das Psychische nur als bewußten Akt zu begreifen vermag, vorkommt. 
Denn das primitive Streben ist kein Suchen nach Mitteln, um vermöge deren 
einen Zustand, an dessen lustgewährenden Charakter man sich erinnert, her- 
beizuführen (logische Definition des Strebens), sondern ein Spannungszustand, 
der Spuren des Lustzustandes in sich enthält und wiederum in diesen über- 
gehen kann. 1 Derartige Erwägungen lassen sich nicht vermeiden, sobald man 
sich herbei- und herabläßt, Psychologie zu treiben! 

1) Das Bild des Reflexbogens dürfte hier nicht unbrauchbar sein. 



Schelers Kritik und Würdigung der Freudschen Libidolehre 145 

Obschon wir Schelers Betonung der „Werte der Andersgeschlechtlichkeit" 
für die Genese der normalen, ja jeder Sexualkonstitution für einen glücklichen 
Griff erachten, müssen wir doch festhalten, daß damit eine eindeutige Be- 
stimmung des Objekts keineswegs gewonnen ist (und auch nicht gewonnen werden 
kann), besonders ist damit für das Verständnis der Lokalisierung, der Personwahl, 
noch gar kein Fingerzeig gegeben. Der anormale Fall kann in seiner größeren 
morphologischen (strukturellen) Faßbarkeit — man denke an Bergsons reiz- 
volle Untersuchungen! — sehr wohl zum Verständnis des normalen beitragen, 
gerade wenn man dem normalen eine morphologische Sonderstellung und nicht 
nur eine konventionelle Höherbewertung einräumt. (Der „anormale" Fall ist 
nämlich gerade der typische [als Episode und Komponente!]: Inzestwunsch; 
oder ein typischer: fetischistische Bindungen.) 

XII 

Es fragt sich nun, ob der Streit um die Ableitbarkeit der seelischen 
Qualitäten kein bloßer Wortstreit, kein müßiges Aneinander-Vorbeireden ist. 
Wer will einerseits das Vorhandensein, das relativ beständige Verharren und 
den eigenen Wertgehalt solcher Qualitäten leugnen? Wer will anderseits 
bezweifeln, daß das Seelenleben sich in stetem Flusse befindet, daß da ununter- 
brochen Qualitäten auf- und untertauchen? 

Trotzdem scheint uns das Problem nicht ganz inhaltsleer. Mit Scheler 
muß die Konzeption einer mosaikartigen Zusammensetzung von Gefühls- 
zuständen, ferner jeder Hang zur Wegstreichung der Wertunterschiede mit 
Berufung auf das ursprüngliche „Material u der seelischen Einstellung ver- 
worfen werden. 1 Dieser vulgärpsychologische Hang, der z. B. dem Wort Sub- 
limierung mit Vorliebe das Wörtchen „nur" voransetzt, beruht nämlich auf dem 
faktisch irrigen Glauben an eine spielerisch zu handhabende Mechanik, eine be- 
liebig flüchtige Wandelbarkeit und Zurückwandelbarkeit der Seelenzustände. 
Gewisse psychoanalytische Motive mögen diesem Irrtum Vorschub leisten, er 
wird aber, alles im allem, gerade durch die Psychoanalyse am meisten als 
solcher entlarvt: wir erinnern nur an die umständliche und mühsame Technik 
des Nacherlebenlassens, die Umwege der Übertragung, die Widerstände, die 
Nichtumkehrbarkeit und an deren Stelle bloße Umbiegbarkeit der seelischen 
Vorgänge. Diese Seiten der Psychoanalyse, die aus der einschlägigen Literatur 
deutlich genug hervorleuchten, werden von Scheler überhaupt nicht berück- 
sichtigt. Nun aber zu ihm selbst! Gegen sein psychologisches Weltbild, daß 
nämlich Gefühlsqualitäten höchstens durch andere (triebhaftere) bedingt, aber 
niemals aus ihnen heraus, sondern gleichsam nur aus sich heraus auftreten, 
spricht in entscheidender Weise die Tatsache, daß auch auf einen und 
denselben Gegenstand bezogene Gefühle sich im Laufe der Zeit 
bald kontinuierlich, bald ruckartig ändern. Liebe zu X. kann unmerk- 
lich in Haß oder Gleichgültigkeit gegen ihn übergehen; im ersten Falle besteht 



1) Die Verdienste dieses Philosophen sind gerade um die Bereicherung unserer 
Kenntnis der Werttönungen außerordentlich groß. 



144 Aurel Kolnai 



auch die Note der Leidenschaftlichkeit, die Energiebesetzung fort. Wem würde 
da nicht Rebekka aus Ibsens „Rosmersholm" einfallen, deren sinnliche Liebe 
zu Rosmer sich unter der Einwirkung verschiedener Motive in eine ganz 
andersartige Schwärmerei für ihn „sublimiert ? Gewiß, diese läßt sich nicht 
gut als sinnliche Liebe + Achtung oder Bewunderung erleben. Aber die sinn- 
liche Liebe hat sie mitbedingt, und hat selbst aufgehört: ist sie wohl nicht 
in ihr, etwa wie das chemische Element in einer Verbindung, enthalten? Wie 
wenig sie auch noch in diskreten Spuren vorfindbar, wie wenig auch eine 
solche Synthese im Laboratorium vollziehbar sei. Gar so schwerfällig dürften 
also die Energieschübe von einer psychischen Schicht zur andern, wie Scheler 
es in platonisierender Lust zum Bau einer unverrückbaren Ideenordnung meint, 
doch nicht vor sich gehen. Aber nicht nur die Triebwandlung, auch die 
Trieb mischung ist für Scheler mit Unrecht ein Stein des Anstoßes; genauer 
genommen ist ja jede Triebwandlung eine Triebmischung, eine durch den 
Konkurs verschiedener Regungen entstehende neue Regung. Niemand empfindet 
Grün als ein Gemenge von Blau und Gelb, aber aus Blau und Gelb läßt sich 
doch ein vollwertiges Grün darstellen. Es gibt keine Geschlechtsliebe, wo nicht 
sinnliche und „ zielgehemmte " (Freud) zärtliche Anziehung miteinander ver- 
webt wären, wiewohl die Grundqualität nicht als ein Hin- und Herpendeln 
zwischen beiden Polen zu beschreiben ist. Doch diese „Grundqualität" 
kommt wiederum erst zustande, wenn die objektiven Bedingungen 
der aus ihr erfließen, sich gleichsam auseinanderziehen sollenden 
Einzelregungen erfüllt sind! Daß die Geschlechtsliebe auch ein beträcht- 
liches Maß an Sublimierung voraussetzt, leuchtet ein: gewisse perverse, poly- 
gamische, das Lustobjekt herabsetzende Neigungen verschwinden in ihr, wenn- 
gleich sie der liebenden Person sonst (früher) nachzuweisen waren. Die Aus- 
führungen Schelers sind demnach nicht imstande, die psychoanalytischen An- 
schauungen von einer energetischen Gesamtorganisation in den Grundfesten zu 
erschüttern. 

XIII 

Schließlich müssen wir noch im Hinblick auf die Ethik den Spieß 
umdrehen und fragen, ob eine gewisse psychoanalytisch gedachte Bildsamkeit der 
Trieb regungen nicht eher Voraussetzung als Hindernis einer Moral ist, 
welche sittliche Werte nicht bloß „schauen", sondern wohl oder übel auch 
schaffen will. 1 Man mag in verschiedenen Moralfragen anders denken als Freud 
oder die Mehrheit seiner Schüler, es sollte einem schwer fallen, das psycho- 
analytische Leitprinzip der Bewußtseinserweiterung nicht zu den ethischen 
Grundprinzipien zu zählen. Scheler hegt Angst, man möchte Gut und Böse — 
Wertvoll und Wertlos — allzu leicht miteinander verwechseln und ver- 
mengen; wir aber fürchten, eine allzu „wesensmäßige" metaphysische Scheidung 
zwischen beiden könnte dazu führen, auf die Förderung des Guten (die 



1) Dies ist auch der Kernpunkt der Kritik, welche von der modernen katholischen 
Schule der Ethik (z. B. Wittmann) an Scheler geübt wird. Seinem Wertbegriff 
wird hier der Zielbegriff entgegengestellt. 



Schelers Kritik und Würdigung der Freudschen Libidolehre 145 

Vermehrung des Wertvollen) Verzicht zu leisten, um nur die saubere 
Isolierung des Guten (des Wertvollen) aufrecht zu erhalten. 1 Er wird wohl 
zugeben müssen, daß die zimperliche Angst, mit dem Bösen „in Berührung 
zu kommen , kein in seinem Sinne christlicher Wesenszug, viel eher ein Zu- 
behör des von ihm bekämpften puritanischen Hochmuts und Mißtrauens-Ethos 
ist. Hiermit endet unsere Antikritik an Scheler. 



XIV 

Den Einwänden, Fragestellungen und Begriffstrennungen Schelers kann 
von seiten der Psychoanalyse manches abgewonnen werden. Von der kriti- 
schen Bedeutsamkeit abgesehen, die in solchen Waffengängen geübt zu werden 
pflegt, glauben wir vier Problemgruppen der Psychoanalyse unterscheiden 
zu dürfen, die von dem Schelerschen Vorstoß verlebendigt werden, i) Die 
Fragen der Normalität und Pathologie; inwieweit erstere existiert und welche 
Variationen innerhalb von ihr möglich sind. Und was damit aufs engste verknüpft 
ist: Die Beziehung und — entwicklungstheoretisch — die fortschreitende Zu- 
sammenordnung zwischen Inhalt (Ziel) und Gegenstand besonders der 
Sexualtriebe. 2) Die Fragen der seelischen Entwicklung überhaupt; besonders 
wieweit das Sichversagen der Außenwelt einen Wunsch oder Trieb gegen- 
über wirklich entwicklungsbestimmend sei und zur Herausbildung höherer 
seelischen Einstellungen beitrage," wieweit es nur eine Gelegenheit dazu dar- 
biete. }) Die Fragen der Verdrängung, Verurteilung, Sublimierung : Subli- 
mierung innerhalb des Triebes und vom Triebe weg. Daß soviele scharfsinnige 
Kritiker der Analyse Verdrängung mit Hemmung schlechthin in eins setzen, dürfte 
außer der Schwierigkeit, überlieferten Denkgewohnheiten entsagend das Unbe- 
wußte als einen Bereich wirklicher Kräfte zu betrachten, auch noch sachliche 
Gründe haben. Jede faktische Zurückdrängung eines im Bewußtsein gegenwärtigen 
Wunsches beansprucht eine gewisse ansetzende Verdrängung der Wunschvorstellung 
aus dem Bewußtsein: wo sei gegen eigentliche, schädliche und feige Verdrängung die 
Grenze zu ziehen? Ferner: Warum werden die in einer Analyse aus dem 
Unbewußten gehobenen, erinnerten (reproduzierten) Wünsche nicht real nach- 
erlebt, ist dies nur der Übertragung zuzuschreiben (durch welche die früher 
überbesetzten Schichten gleichsam trockengelegt würden) oder besteht eine unlös- 
liche Verbindung zwischen dem Unbewußten als psychiche Existenzform und den 
affekterfüllten Inhalten des Unbewußten (so daß die echt erlebnishafte Bewußt- 
werdung automatisch einer Verflüchtigung gleichkäme)? Wir meinen: wieweit 
und wieso kann das aufdeckende, erinnernde Nacherleben als wirkliche Ab- 
reaktion und Erledigung gelten? Die Frage Schelers nach dem Verhältnis 
von Verdrängung, Sublimierung, Ausleben führt schließlich 4) zu der Frage, 



1) Die Lenkung und Beherrschung der Erscheinungen, worauf es die Naturwissen- 
schaft (im weitesten Sinne) abgesehen hat, wird innerhalb bestimmter Grenze 
auch in der Ethik unumgänglich postuliert. Dies ist hier weiter nicht von Interesse. 

2) Vgl. S. Ferenczi: Versuch einer Genitaltheorie. Internationale Psychoanalytische 
Bibliothek, Nr. XV, Wien 1924. 

Imago XI. 10 



146 Kolnai: Schelers Kritik und Würdigung der Freudschen Libidolehre 

ob die Beziehung zwischen Psychoanalyse und Ethik damit genügend geklärt 
sei, daß der Analysand „sich selbst zurückgegeben" wird und nun seine Triebe 
und Lüste so unterbringt, daß dabei jedenfalls die Möglichkeit der Neurose 
ausgeschlossen bleibt. Oder, ob bereits im analytischen Prozeß ethische Grund- 
sätze, diese oder jene, wiewohl versteckt und in Form von sous-entendus, 
mitgesetzt und zur Richtschnur genommen werden.' Es sind dies Fragen, die 
einmal noch genauere Behandlung erheischen und erfahren werden. 



1) Vgl. die abweichende sexualethische Färbung der Freud-Schüler im engeren 
Sinne, des Kreises um Jung und des Kreises um W. St ekel. Insbesondere die An- 
wendung der psychoanalytischen Einblicke und Methoden auf die Pädagogik (Pfister) 
scheint ihre Anhänger unweigerlich vor die Frage zw stellen, welche Art Mensch 
denn aus dem Schmelzofen der Entneurotisierung emporzusteigen habe; vielleicht 
sei es nur eine leere Fiktion, daß man letztere ohne Stellungnahme zu dieser Frage 
überhaupt betreiben könne! Darf der Analytiker selbst sein Ethos verdrängen? Die 
Ansicht, daß es auch solche Verdrängung, z. B. Verdrängung idealer Regungen gebe, 
gewinnt neuerdings an Boden (Freud, Ferenczi), woraus übrigens auch ersichtlich 
ist, daß die vielverlästerten „herrschenden Moralanschauungen" etwas sehr Viel- 
schichtiges sind. Und die psychoanalytische Arbeit bezieht sich nun einmal auf die 
Gestaltung seelischen Materials, dessen Schicksal auch zum hauptsächlichen Gegen- 
standskreis der Ethik gehört. Sie ist ursprünglich schon von der Bloßlegung moral- 
bedingter psychischer Mechanismen ausgegangen. Ein einfaches „Absehen" des 
Analytikers von der Ethik erweist sich kaum als möglich. Es wäre auch schwer, in 
bedeutenden Arbeiten des Meisters selbst und seines Kreises zwei ethische Neben- 
töne zu überhören: einen naturalistischen, welcher die Abneigung gegen „gesellschaft- 
liche" Bewertungen und Triebzensuren verrät, und einen rationalistischen, welcher 
dem frohen Hoffen auf die gedankliche und auch faktische Eroberung der dunklen 
Tiefen der Seele durch die Kräfte des Bewußtseins Ausdruck verleiht. Wiewohl die 
Schelersche Zumutung der Zwickmühle „Primitivismus — Askese" auf Mißverständnis 
beruht, — das Bestehen einer unausgeglichenen Zweiheit von Tendenzen, die gegen- 
einander nicht klar abgewogen und abgegrenzt sind, scheint uns unzweifelhaft. 



»Der Mensch und seine Welt« 

Aus der Psychologie des ungarischen Philosophen 

Karl Böhm 

Von Dr. Imre Hermann (Budapest) 

„Ich habe gelernt, die Wünsche des Herzens als 
gerade solche Objekte aufzufassen, als es die Objekte 
der Außenwelt sind." 

(Der Mensch und seine Welt, I. Bd., Vorwort.) 

Es kann nicht in meiner Absicht Hegen, die Philosophie des verstorbenen 
ungarischen Philosophen Karl Böhm zu besprechen. 1 Die Psychoanalyse ist 
und bleibt eine Erfahrungswissenschaft und ruft keine Philosophie zu Hilfe; 
doch ist es bedeutungsvoll, daß ein Philosoph, der seinen Standpunkt — 
wenigstens in der Zeit, aus welcher wir seine Gedanken betrachten wollen — 
zwischen dem Kritizismus Kants und dem Positivismus Comtes sucht, 2 der 
demnach einerseits die unfruchtbaren metaphysischen Spekulationen zurück- 
weist, anderseits in der Erfahrung positive Grundlagen unseres Wissens auf- 
zufinden wähnt, psychologische Ideen äußert, welche der psychoanalytischen 
Auffassung soweit entgegenkommen, wie es nur durch das Rüstzeug der Logik 
und der Selbstbeobachtung möglich ist. 



1) Karl Böhm, geboren im Jahre 1846, starb 1911 als Professor der Philosophie 
an der — damals ungarischen — Universität Kolozsvar. Sein Hauptwerk „Az ember 
es vilaga" — Der Mensch und seine Welt — erschien nur in ungarischer Sprache, 
und zwar Bd. I (Dialektik oder Grundphilosophie) im Jahre 1885; Bd. II (Das Leben 
des Geistes) im Jahre 1892; Bd. III (Axiologie) im Jahre 1906; Bd. IV (Die Lehre 
der logischen Werte) im Jahre 1912 — aus der Hinterlassenschaft. Deutsch erschienen 
zwei ältere Abhandlungen in den „Philosophischen Monatsheften" (1876, 1877, Bd. XII, 
XIII) und ein neuerer Vortrag — in der Übersetzung aus dem Ungarischen, in der „Zeit- 
schrift für Philosophie und philosophische Kritik" (Bd. 156). 

2) Die starke Betonung des Ichs führt seine Philosophie konseement ins Lager der 
Idealisten; d. h. das stark narzißtische Ich setzt sich stärker und stärker durch. 
(Seine ganze Philosophie sei „Selbstentfaltung des eigenen Ichs"; das Ich, welches 
sich über sich selbst freut, soll die Grundlage der Werte ergeben; „die Wertigkeit 
offenbart sich in dem unbeschreibbaren Akte der Selbstliebe" — siehe Einleitung 
des IV. Bandes.) 

10" 




1 48 Dr. Imre Hermann 



Auch beabsichtige icli keine systematische Darstellung der Psychologie 
Böhms hier niederzulegen. Wörtliche Übersetzungen einiger Stellen seines 
psychologischen Hauptwerkes (Bd. II) sollen dafür haften, daß von keiner 
Hineindeutung die Rede ist. Doch zum besseren Verständnis der folgenden, 
nach psychoanalytischen Gesichtspunkten geordneten Zitate sollen einige Grund- 
anschauungen der Bö hinsehen Philosophie vorausgeschickt werden. 

Böhms erste philosophische Hauptfrage war: Wie ist Erkenntnis möglich? 
Er findet im Sinne Kants im Subjekt die Möglichkeit der Erkenntnis be- 
gründet, er findet aber auch, daß ein Gegenstand der Erkenntnis — seiner 
Bedeutung nach — eine konkrete Tatsächliehkeit ist und daß diese konkrete 
Tatsächlichkeit durch eine ideelle Einheit der logischen Fundamente gebildet 
wird. Diese ideelle Einheit soll „Selbstaktion" (öntet) benannt werden. Der 
unmittelbaren Erfahrung sei nur eine einzige „Selbstaktion zugänglich: das 
Ich, der Geist. Die logische ideelle Einheit soll aus mehreren logischen Prädi- 
katen zusammengesetzt sein, welche Prädikate, einzeln betrachtet, Tatsächlich- 
keiten, mit unbedingt wirkender, treibender Kraft versehen, bilden; in der 
„Selbstaktion" des Geistes sollen diese Tatsächlichkeiten als Triebe erkannt 
werden. — Ziel der „ Selbstaktion" wird in der Tat der Selbsterhaltung er- 
kannt. Die Taten der „Selbstaktion" sind somit, die Selbsterhaltung bezweckend, 
zielstrebig; diese Zielstrebigkeit spiegelt sich im Selbstbewußtsein 1 als „Be- 
friedigung". Damit soll das Hauptprinzip sämtlicher seelischen Geschehnisse 
entdeckt worden sein. 

Das psychiatrische Wissen Böhms lehnt sich hauptsächlich an Krafft- 
Ebings „Lehrbuch der Psychiatrie" an. 

Das Unbewußte betreffend teilt Böhm Richets Ansicht: La conscience . . ., 
ce n'est pas la psychologie toute entiere. (Bd. II, S. 46. ) a 

/. Assoziationslehre und Wahrnehmungslehre 

S. 17: „Es ist eine Unmöglichkeit, das Seelenleben aus (solchen) elementaren 
Bildern konstruieren zu können. Der Geist ist keine Maschine minimaler 
Teilchen, sondern ein Organismus ernster Bedeutungen. Die Beziehung dieser 
Bedeutungen zur Einheit des Organismus bildet das höchste Problem der 
Psychologie, obzwar sie keine einzige Richtung der Psychologie zum Nachdenken 
der Mühe wert findet." 

S. 150: „Denn die Bilder des menschlichen Geistes sind kein zielloses 
Blinken, welches durch unsere Willkür hervorrufbar, ohne jeden Einfluß auf 
das Wohlsein der .Selbstaktion' wäre, sondern sie sind Lebensäußerungen der 
letzteren, auf deren Wohlsein sie ständig Einfluß nehmen . . . Und deshalb 

1) Böhms Selbstbewußtsein ist etwas allgemeineres, als sein Bewußtsein; er 
meint, daß überall, wo Bewußtsein vorhanden ist, auch Selbstbewußtsein vorhanden 
sein muß, nicht aber umgekehrt. (Selbstbewußtsein bedeutet, daß das Ich von sich 
selbst Kenntnis nimmt.) 

2) Es sei nachtragend bemerkt, daß Frau Alice Bdiin t in der Ungarischen Psycho- 
analytischen Vereinigung unlängst in einer kurzen Mitteilung auf das Problem des 
Verstehens bei Karl Böhm hinwies (kannibalistische Auffassung des Verstehens). 



„Der Mensch und seine Welt" (Karl Böhm) 149 

muß derjenige, welcher die Verknüpfung der Bilder verstehen und erklären 
möchte, in diese Tiefe dringen, wo sich eben die Kämpfe abspielen, welche 
emporgestiegen zur glänzenden Oberfläche des Selbstbewußtseins oft in kapri- 
ziöser Weise ein verwickeltes Gewebe darstellen." 

S. 78 u. 79: „Das Bild ist somit eine Teilerscheinung des Triebes . . . 
Wenn ein Beiz auf den Trieb wirkt, wird der Trieb durch diese Wirkung 
in seiner freien Entfaltung gestört . . . dieses Zentrum wirkt auf den Angriff 
zurück und erobert seinen ursprünglichen Platz wieder, d. h. es projiziert die 
Veränderung ..." 

S. 155: „. . . der vor Augen hält, daß das Bild sich als Teilerscheinung 
des Triebes ergibt, der sieht nun klar, daß in den Tiefen der Bilderverknüpfung 
sich der Lebenskampf der Triebe äußert, dessen auf die Oberfläche geratene 
Bläschen eben in den assoziierten Bildern wahrzunehmen sind. 

S. 154: „Diese Verknüpfungen sind im Leben des erwachsenen Menschen 
durch Schichten von Zwischengliedern verdeckt (obzwar sie auch hier unter 
der Herrschaft der Gewöhnung fast versteinerte Gebilde aufweisen, z. B. die 
Bizarrheiten der Junggesellen). 

S. 149: „Daraus ist ersichtlich, daß in der Tiefe der Bilderverknüpfung 
die Dynamik (sie!) der Instinkte verborgen sei; diese ursprünglichen Ver- 
knüpfungen sind nicht aufhebbar und entstehen deshalb unbedingt. 

S. 151 und 152: „Sobald in der Bilderverknüpfung die gründlichste Offen- 
barung des Trieblebens erkannt wird, können die aristotelischen Regeln nicht 
mehr maßgebend sein." 

S. 195: n - • ■ was mr Gleichheit wäre z. B. zwischen Hunger und Brot, 
Geschlechtsregung und Weib ? Die primäre Art dieser Verknüpfungen ist nicht 
abzuleugnen ! 

II. Traum, „Sinn" von scheinbar unsinnigen Handlungen 

S. 159: „Endlich weist das von der Führung des Selbstbewußtseins be- 
freite Triebleben (z. B. im Traum und in den Geisteskrankheiten) auf Schritt 
und Tritt auf den natürlichen Verband, welcher zwischen den Trieben besteht. 
Statt vielen soll nur eine Tatsache hier vorgeführt werden. Jedweder Reiz des 
Geschlechtstriebes stellt das ersetzende Bild in der Gestalt eines Weibes dar. 
So verursacht z. B. der Druck der Blase die Erektion des Penis, die Erektion 
das Bild des Weibes, das Bild des Weibes alle die Bewegungen, welche das 
Besitzen des Weibes bezwecken, und endigen gerade so wie das reale 
Liebesspiel." 

S. 145: „. . • es scheint, daß das Ich auch im tiefen Schlaf, in den hyp- 
notischen und somnambulen Zuständen wach ist. 

S. 149: „Der erste Erfolg der durch das Selbstbewußtsein in Gang ge- 
brachten Ersätze ist oft eine Tat, ohne Bücksicht auf den ersten Mangel; das 
Selbstbewußtsein befreit sich von der Vehemenz des ersten Reizes dadurch, 
daß es den Reiz anderswohin lenkt und seine Spannung damit abwälzt. (Hier 
beruft sich Böhm auf Krafft-Ebing und auf Maudsleys Pathologie de l'esprit.) 



i 5 o 



Dr. Imre Hermann 



So werden die bizarren Bilderverknüpfungen der Träume verständlich . . . (Dazu 
die Anmerkung:) Den Ursprung der Traumbilder aus diesem Prinzipe zu er- 
klären, ist noch kaum versucht worden, es ist aber offenbar, daß der leitende 
Gedanke kein anderer sein kann, als eben der hier im Falle der Bilder- 
verknüpfung ausgelegte." 

S. 201: „Die sogenannte J~olie sensorielle' — Sinnesverrücktheit, — In 
welcher der Maniakus ,ohne es zu wissen, was er tut', alles zertrümmert und 
angreift, was seine Sinne reizt, wird kaum so eine einfache Erscheinung sein, 
als es Maudsleys (Pathol. de l'esprit, S. 279) haben möchte. Zwar führt das 
sinnliche Bild zu konvulsiven Bewegungen, doch sicher nur deswegen, weil 
der Gefühlszustand des Selbstbewußtseins darin seine Befriedigung findet. Und 
somit scheint der Grund der Bewegungen in der Ahnung einer unklaren Be- 
deutung zu sein." 

S. 202: „Im verwirrten Geiste zeigen sich diese Zustände noch entschiedener. 
Die Bindung des Selbstbewußtseins stammt liier aus ständiger Triebbindung, 
deren in einzelnen Augenblicken überflutende Wellen das Selbstbewußtsein 
zur reflexiven Betätigung antreiben. So bilden sich die Wahnvorstellungen (. . .), 
in welchen der Geisteskranke für seine Besorgnisse eine Erklärung, d. h. eine 
Erleichterung sucht, doch lenkt die herrschende Triebbindung als Zwangs- 
vorstellung die Erklärungen des deutenden Triebes stets in die primitive 
Richtung." (In der Anmerkung folgt die Krafft-Ebingsche Begriffsbestimmung 
der Zwangsvorstellung: „mit krankhafter Intensität und Dauer im Bewußtsein 
fixierte Vorstellungen.") 

III. Lust — Unlust, Affekte, Ambivalenz 

S. 194: „In einer selbstbewußten Persönlichkeit erscheint der Mangel als 
Schmerz, der Ersatz als Lust. Das höchste Streben des Ichs ist deswegen, 
Schmerz zu vermeiden und in ungestörter Selbstsetzung die eigene Kraft 
zu genießen. 

S. 506: „. . . der Uraffekt kann, seiner Färbung nach, nur Schinerzaffekt 
sein. Nehmen wir ein wenig die Phantasie in Anspruch, dann können wir 
leicht darauf kommen, daß schon die Befruchtung der Eizelle schmerzhaft sein 
muß . . . Jede weitere Reizung, welche der Entwicklung vorausgellt, ist 
schmerzhaft; und als der Neugeborene in die kalte Luft eintretend, sein neues 
Vaterland mit einem Schrei begrüßt, dann wurde dieser Schrei schon von 
Kant richtig, aus Indignation und Zorn erklärbar, aufgefaßt. 

S. 307: „Jeder Affekt, sowie schon jedes Gefühl besitzt ein doppeltes 
Angesicht: mit dem einen wendet sich der Affekt gegen den Mangel und das 
ist die Unlust; mit dem anderen blickt er gegen den Ersatz und das ergibt 
den Zug der Lust. Es ist also klar, daß der Affekt stets zwei Phasen besitzt, 
welche einander ablösen können (wenn auch 'dieser Wechsel oft auf lange 
Zeitintervalle eingeteilt ist) und dadurcli wird die bis jetzt nicht genügend 
gewürdigte Eigenheit der Affekte verständlich, wonach die Affekte unter ge- 
wissen Umständen sich gegenseitig ineinander umgestalten. 



„Der Mensch und seine Welt" (Karl Böhm) 15 1 



S. 525: Hier wird der Begriff der Zurücksetzung (Rejektion) der Affekte 
eingeführt: Die Affekte können in einer Hufeisenform geordnet werden (von 
der Demut durch die Betroffenheit bis zum Hochmut). Ein Affekt kann sich 
ändern, indem er auf den anderen Schenkel des Hufeisens gelangt (vollständige 
Rejektion), oder er bleibt auf demselben Schenkel stehen (unvollständige Re- 
jektion). Nun heißt es weiter: 

S. 326: „Aus dieser Rückversetzung sind die Transfigurationen (= ein 
Affekt übergeht in einen Affekt der anderen Phase) und die Kommutationen 
(=aus dem Affekte einer Phase tritt ein anderer Affekt derselben Phase 
hervor) der Uraffekte zu verstehen ... Bei der Rejektion gilt das Gesetz, 
daß mit der stufenweisen Abschwächung des Affektes die Entwicklung des 
Gegenkeimes Hand in Hand geht, d. h. die zwei Phasen durchsetzen sich in 
umgekehrtem Verhältnisse." 

IV. Geschlechtstrieb 

S. 9: „Das Gebiet der Begriffe des menschlichen Geistes muß weit ent- 
ferntere Grenzen erhalten, als es meistens geschieht. In dieser Frage entscheidet 
bei vielen eine schiefe Scham, sie können es mit ihrer Würde nicht vereinen, 
daß auch sie essen, trinken, geschlechtlich verkehren und sogar noch tiefer 
stehende Dinge verrichten; Tatsache ist aber, daß wir es sind, die all das 
vollführen und deswegen soll nicht unser Leib, sondern unser Selbstbewußtsein 
zur Verantwortung gezogen werden." 

S. 146: „In der keuschen Seele gibt der Mangel in der Gestalt einer un- 
klaren Unlust, Mattigkeit von sich Kunde und führt zu verschiedenen Affekten 
(besonders zu Ungeduld). Das Selbstbewußtsein wählt zwischen den bedeutungs- 
vollen Bildern, sucht Befreiung in grund- und planlosen Bewegungen, dann in 
ausschweifender Lust, im (überhaupt nicht unschuldigen) Tanz und ähnlichen 
Dingen (bei Verrückten sind solche Symptome zu beobachten)." 

S. 158: „. . . die Eigenheit, daß die Geilheit sich mit der Blutgier zu 
gesellen pflegt, verweist auf den Kannibalismus, wie es auch die Worte des 
Volkes tun: ,ich esse deine schönen Augen'." (Ungarische Redensart.) 

S. 199: „Aus dem mangelhaften Ersatz des Geschlechtstriebes entspringen 
auch andere Surrogate; denn das Bewußtsein wird durch diesen ewigen Trieb 
ständig gebunden und die Wolke, welche es aus dieser Richtung belegt, möchte 
das Selbstbewußtsein durch jeden Windstoß vertreiben . . . daher das ständige 
Haschen (der unfruchtbaren Frauen) nach äußerlichen Rollen, die Jagd nach 
Kleinigkeiten in der Bekleidung, Wohnung und in anderen Eitelkeiten, welche 
bezwecken, daß diese Grundentzweiung der weiblichen Seele nicht ins klare 
Feld des Bewußtseins eintreten könne." 

S. 200: „Es ist wieder ein Spezifikum des Weibes, gegen die Peinigung 
des Geschlechtstriebes in der mythologischen und mystischen Welt der Religion 
Zuflucht suchen zu wollen; nicht wenige Jungfrauen gelangten unter solchen Um- 
ständen ins Kloster und die Mehrzahl der ,Betschwestern' ergibt sich aus dem 
unbefriedigten Geschlechtstrieb oder aus der Ausschweifung im Geschlechts- 



152 Dr. Imre Hermann: „Der Mensch und seine Welt" (Karl Böhm) 

triebe." — „Sich von den Qualen des Geschlechtstriebes zu befreien, gibt es 
nur einen sicheren Weg ... die geistige Arbeit, das Ideal. Die mit sich selbst 
beschäftigte Selbstaktion findet einen Ersatz dafür, was sie im Leben ohne ein 
Frauenherz nicht erreichen konnte." 



Die psychologischen Ansichten Karl Böhms sichtend, erkennt der Psycho- 
analytiker in so mancher der Andeutungen ihm wohlbekannte Gedanken. Und 
es ist außerordentlich bemerkenswert, daß diese Andeutungen, wenn eigentlich 
auch nur von der Oberfläche her, immerhin viele und weite Gebiete der 
Psychoanalyse streifen und mitunter geradezu treffen. Eine derartige Überein- 
stimmung einer ganzen Reihe von Gedanken, dünkt uns kein bloßer Zufall 
sein zu können, muß vielmehr auf die übereinstimmende Wahrheit der 
psychologischen Gesetzmäßigkeiten zurückgeführt werden. 



Fortschritte der Psychoanalyse 1920 — 1923' 



Normalpsychologische Grenzfragen 

Von Dr. Imre Hermann (Budapest) 

1) Aichhorn, Über die Erziehung in Besserungsanstalten. Imago IX. 189 [referiert 
unter F]. 

2) Alexander, Metapsychologische Betrachtungen. Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse VII. 270 [D\ 

3) Bernfeld, Über eine typische Form der männlichen Pubertät. Imago IX. 169 [H~j. 

4) Berg er. Zur Theorie der menschlichen Feindseligkeit. Imago IX. 344 [E, /]. 

5) B ins wanger, Psychoanalyse und klinische Psychiatrie. Int. Ztschr. f. PsA VII. 

137 [*]• 

6) — Bemerkungen zu Hermann Rorschachs „Psychodiagnostik". Int. Ztschr. f. PsA 

IX. 512 [S]. 

7) Brun, Selektionstheorie und Lustprinzip. Int. Ztschr. f. PsA IX. 183 [A]. 

8) Deutsch, Helene, Zur Psychologie des Mißtrauens. Imago VII. 71 [F]. 

9) Dukes, Psychoanalytische Gesichtspunkte in der juridischen Auffassung der 
„Schuld". Imago VII. 225 [F]. 

10) Eisler, Über Schlaflust und gestörte Schlaffähigkeit. Beitrag zur Kenntnis der 
oralen Phase der Libidoentwicklung. Int. Ztschr. f. PsA VII. 166 [D]. 

11) Feldmann, Über das Erröten. Beitrag zur Psychologie der Scham. Int. Ztschr. 
f. PsA VIII. 14 [F]. 

1) Der vorliegende Bericht war ursprünglich für das geplante Sammelwerk „Be- 
richt über die Fortschritte der Psychoanalyse in den Jahren 1920 — 1923" (Fort- 
setzung des 1921 erschienenen „Bericht . . . 1914 — '9'9") bestimmt. Deshalb fehlen 
in ihm wichtige Gebiete, an welchen die Normalpsychologie ebenfalls interessiert 
ist, so z. B. ein Kapitel über das Unbewußte, über die Trieblehre, Gebiete, welche 
in einem Sammelwerke für sich, von anderen Referenten behandelt werden sollten 
und wohl jetzt auch als gesonderte Veröffentlichungen der „Imago", beziehungsweise 
der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" behandelt werden sollen. 



!ca Dr. Imre Hermann 



12) Felszeghy, Panik und Pankomplex. Imago VI. 1 [I]. 

15) Fenichel, Psychoanalyse und Metaphysik. Imago IX. 518 [A]. 

14) Ferenczi, Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic. Int. Ztschr. f. PsA 
VII. 53 [ß]. 

15) — Die Symbolik der Brücke. Int. Ztschr. f. PsA VII. 211 [ff]. 

16) — Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung. (Gemeinsame Arbeit mit 
Hollös.) Beiheft V. der Int. Ztschr. f. PsA 1922 [f]. 

17) Freud, Jenseits des Lustprinzips. 1920 [A, C, D, Hj. 

18) — Massenpsychologie und Ich-Analyse. 1921 [B, !]■ 

19) — Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homo- 
sexualität. Int. Ztschr. f. PsA VIII. 249 [C, F]. 

20) — Das Ich und das Es. 1925 [ß, C, D, F, G]. 

21) Groddeck, Der Symbolisierungszwang. Imago VIII. 67 [G], 

22) — Das Buch vom Es. 1923 [B]. 

23) Hattingberg, Übertragung und Objektwahl. Ihre Bedeutung für die Trieblehre. 
Int. Ztschr. f. PsA VII. 401 [£]. 

24) Hermann, Intelligenz und tiefer Gedanke. Int. Ztschr. f. PsA VI. 193 [G, ff]. 

25) Randbemerkungen zum Wiederholungszwang. Int. Ztschr. f. PsA VIII. 1 

[A, E, F, ff]. 

26) — Zur Psychologie der Schimpansen. Int. Ztschr. f. PsA IX. 80 [ff]. 

27) — Die Randbevorzugung als Primärvorgang. Int. Ztschr. f. PsA IX. 137 [ff]- 

28) — Organlibido und Begabung. Int. Ztschr. f. PsA IX. 297 [G]. 

2 g) — Wie die Evidenz wissenschaftlicher Thesen entsteht. Imago IX. 385 [ff]. 
50) Ho 11 6s, Über das Zeitgefühl. Int. Ztschr. f. PsA VIII. 421 [ff]. 

31) Jelgersma, Psychoanalytischer Beitrag zu einer Theorie des Gefühls. Int. Ztschr. 
f. PsA VII. 1 [E]. 

32) Jones, Die Theorie der Symbolik (IV. Funktionale Symbolik). Int. Ztschr. f. 
PsA VIII. 259 [ff]. 

53) Klein, Zur Frühanalyse. Imago IX. 222 [ff]. 

34) Kolnai, Über das Mystische. Imago VII. 40 [FJ. 

35) Kinkel, Eine hypnopause Vorstellung. Beitrag zum Problem des Erwachens. 
Int. Ztschr. f. PsA. VIII. 199 [D]. 

36) Landquist, Das künstlerische Symbol. Imago VI. 297 [G, ff]. 

37) Lorenz, Der Mythus der Erde. Imago VIII. 257 [ff]. 

38) Müller-Braunschweig, Psychoanalytische Gesichtspunkte zur Psychogenese 
der Moral, insbesondere des moralischen Aktes. Imago VII. 237 [F]. 

39) Nunberg, Über den katatonischen Anfall. Int. Ztschr. f. PsA VI. 25 [ß]. 

40) Ossipow, Tolstois Kindheitserinnerungen. Ein Beitrag zu Freuds Libidotheorie. 
Imago-Bücher II. 1923 [ß]. 

41) Rad6, Die Wege der Naturforschung im Lichte der Psychoanalyse. Imago VIII. 
401 [A, ff]. 



Normalpsychologische Grenzfragen 1920 — 1923 155 

42) Reik, Über kollektives Vergessen. Int. Ztschr. f. PsA VI. 202 [/]. 

45) Roeder, Das Ding an sich. Analytische Versuche an Aristoteles' Analytik. 

Imago IX. 273 [ff]. 
44,) Simonson, Schleichs Psychophysik und Freuds Metapsychologie. Int. Ztschr. 

f. PsA IX. 57 [C]. 

45) Spielrein, Die drei Fragen. Imago IX. 260 [G]. 

46) — Die Zeit im unterschwelligen Seelenleben. Imago IX. 300 [ff]. 

47) Stärcke, Der Kastrationskomplex. Int. Ztschr. f. PsA VII. 9 [B]. 

48) Schneider, Zu Freuds analytischer Untersuchungsmethode des Zahleneinfalls. 
Int. Ztschr. f. PsA 75 [A]. 

49) Varendonck, Über das vorbewußte phantasierende Denken. Int. PsA. Bibliothek 
XII. 1922 [G, ff]. 

A) Grundprinzipien des psychischen Geschehens 

(Ref. Lit. Nr. 7, 13, 17, 25, 41, 48) 

Das allgemeinste Prinzip des psychischen Geschehens, das sogenannte Lust- 
prinzip, wurde von Freud (17) einerseits in seiner Geltung schärfer um- 
grenzt, anderseits tiefer begründet. Daß das Lustprinzip im real angepaßten 
Denken nur bedingt gilt, nur insofern nämlich, als die Ich-Triebe die Lust- 
möglichkeit zulassen, respektive insofern, als auch die Unlust eventuell zuge- 
lassen wird, wenn das Endresultat doch lustbetont erscheint — das wurde 
schon früher klargestellt. Damit war der Geltung des Lustprinzips im Walten 
des Realitätsprinzips quasi eine obere Grenze geschaffen, und es war durch 
diese Grenze eine Grenze der blinden Geltung gezogen. Auch eine innere 
Grenze der Herrschaft des Lustprinzips ist zu erkennen, diese Grenze wird 
bedingt durch das Geteiltsein des psychischen Apparates in Systeme: Es gibt 
Geschehnisse, welche lustspendend für das eine, unlusterregend für das andere 
System sind. Die Mehrzahl unserer Unlusterlebnisse stammt aber aus der 
(äußeren) Wahrnehmung; diese Unlusterlebnisse bilden eine äußere Grenze 
des Lustprinzips; doch widersprechen sie dem Lustprinzip insofern nicht, als 
der seelische Vorgang, worauf die Geltung des Lustprinzips eigentlich zu be- 
ziehen ist, nur mit dem Einsetzen der Reaktion auf das unlustvolle Erlebnis 
beginnt. Auch unter Herrschaft des Lustprinzips gibt es also Möglichkeiten 
genug, um unlustvolle Geschehnisse nicht nur zu erleben, sondern auch in 
die Erinnerung zurückzurufen und seelisch zu bearbeiten. (Die in uns durch 
eine andere Person herauf beschwörte Unlust wird z. B. als Racheakt quasi 
einer anderen Person übergeben.) 

Eine Grenze der blinden Geltung fand nun Freud auch nach unten 
zu, in einer seelischen Schichte nämlich, wo das Lustprinzip zwar gilt, doch 
das blinde Walten sich nicht ihm, sondern dem sogenannten Wieder- 
holungszwang anschließt. Sinkt der seelische Apparat auf ein Niveau, wel- 
chem noch primitivere, elementarere, ursprünglichere, triebhaftere Funktions- 




i 56 Dr. Imre Hermann 



weisen zukommen, als dem Niveau der bisher betrachteten Seelenvorgänge, so 
werden die seelischen Abläufe statt des Lustprinzips durch einen Wieder- 
holungszwang — und zwar ohne Rücksicht auf die Lustmüglichkeit des re- 
produzierten Erlebnisses — regiert. Mit der Wiederholung will das Individuum 
die Erregung bewältigen oder binden und diese Aufgabe führt es vor allem 
anderen durch, wenn auch nicht im Gegensatze zum Lustprinzip, so doch 
gewissermaßen unabhängig von ihm. 

Der Wiederholungszwang äußert sich sehr auffallend in gewissen Eigen- 
tümlichkeiten des Kindes, z. B. indem es ein Märchen aber und abermals, 
und zwar in dem nämlichen Wortlaut hören will; die Erwachsenen hingegen 
drängen zum Neuen, sie wenden sich vom Alten ab. Mit dem Wieder- 
holungszwang wird auch das Wesen jedes Triebes angegeben: dieses Wesen 
ist die Herstellung eines früheren (vorzeitlichen) Zustandes. 

Tiefer begründet wird das Lustprinzip durch seine Ableitung aus der all- 
gemeineren Tendenz zur Erreichung stabiler Zustände (Fechner). Die 
Herrschaft des Lustprinzips kann nämlich auch mit der Annahme in Einklang 
gebracht werden, daß es im Seelenleben ein Bestreben gebe, die vorhandene 
Menge der psychischen Erregungsgröße auf einem möglichst niedrigen Wert 
oder wenigstens in einer konstanten Größe zu erhalten. Damit ergibt sich 
aber das Lustprinzip als ein besonderer Fall der Fechn ersehen „Tendenz 
zur Stabilität". Als eine Tendenz muß das Lustprinzip mit anderen Ten- 
denzen um die Herrschaft ringen; es kann nicht möglich sein, daß das Lust- 
prinzip ohne Einschränkung gültig sei. Man vergesse auch nicht, daß das 
Lustprinzip ein Prinzip und keine Funktion ist, ein Prinzip, welches im 
Dienste einer sich stets durchsetzenden Funktion steht. Dieser Funktion fällt 
es zu, den seelischen Apparat erregungslos zu machen, oder ihn in konstanter, 
möglichst niedriger Erregung zu erhalten. Die Bindung jeder Erregung, wie 
sie durch den Wiederholungszwang in Erscheinung tritt, ist eine vorberei- 
tende Funktion, welche jeder Lustäußerung vorangeht. So ist also am Anfang 
des Lebens, unter ausschließlicher Herrschaft der Primärvorgänge das Lust- 
prinzip eine Richtung des Geschehens, welche sich zwar sehr intensiv, doch 
nicht uneingeschränkt äußert; später läßt die Intensität der empfundenen Lust 
und Unlust nach, demgegenüber gewinnt das Prinzip an Extensität. 

Die Bedeutung des Lustprinzips wurde durch Brun noch über das bisher 
Bekannte gestellt (7); spezifische Instinkte der Ameisen zeigen nämlich, daß 
unter den phylogenetisch wirksamen biologisch-seelischen Faktoren das Lust- 
prinzip tätig mitspricht, indem auch nicht artdienliche, nur lustbringende Eigen- 
schaften angenommen werden können. 

Vom Referenten wurde eine Abgrenzung des Begriffes „Wiederholungs- 
zwang" gegenüber anderen, die Tendenz zur Wiederholung betonenden Begriffen 
(„Perseverationstendenz", „zirkuläre Reaktion", „Perioden", „ewiger Wieder- 
kehr des Gleichen") versucht (25), indem er im Freud sehen Begriff folgende 
Bestimmungen heraushebt, Bestimmungen, welche einzeln oder insgesamt den 
übrigen genannten Begriffen fehlen: 1) Der „Sinn" des Wiederholungszwanges 
im Gefüge des seelischen Geschehens ist angebbar, dieser Sinn Hegt in der 



Normalpsychologische Grenzfragen 1920 — 1925 157 

Erhaltung der Kontinuität des psychischen Geschehens. 2) Das Verhältnis zum 
Lustprinzip ist angegeben. 5) Die «Art der Wiederholung — rhythmisch, 
regelrecht periodisch, aperiodisch — ist unbestimmt gelassen. Referent zeigte 
auch, wie auf Grund des Begriffes des Wiederholungszwanges normalpsycho- 
logische Gesetzmäßigkeiten — die Ranschburgsche Verschmelzung des 
Ähnlichen, die Flimmererscheinungen, das „Zusammenfassen 1 * der Wahr- 
nehmungsdaten usw. in Gestalten, also gewisse Gestaltproduktionen (Rhyth- 
mus, Ähnlichkeit, Verschiedenheit) verständlich werden. — Bezüglich der Gültig- 
keit des biogenetischen Grundgesetzes in normalpsychologischen Abläufen 
siehe Abschnitt H, Randbevorzugung. 

Lustprinzip, Wiederholungszwang, sind Prinzipien des psychischen Ge- 
schehens, zur Bestimmung seines Ablaufes; ein Prinzip des psychischen Ge- 
schehens, jedoch zur Bestimmung seiner Erkenntnis, ist das Prinzip der fort- 
laufenden psychischen Determiniertheit. Man wurde stutzig, als Schneider 
(48) seine Versuche mitteilte, nach welchen Zahlen auch dann durch die 
seelische Fassung des Individuums determiniert erscheinen, wenn die Zahl 
Einfall des Versuchsleiters und nicht der Versuchsperson war; knüpft letztere 
freie Assoziationen an die ihr zugerufene Zahl, so wird man den (fremden) 
Einfall ebenso determiniert finden, wie wenn der Einfall ursprünglich Einfall 
der analysierten Versuchsperson wäre. Schneider folgerte aus diesem Resultate, 
daß der „psychische Zusammenhang mit der Zahl . . . nicht als Beweis für 
eine Determination des Einfalles gelten (kann)." Referent (25) versuchte hier 
die Sachlage klarzustellen, indem er kritisch nachwies, daß das Prinzip der 
fortlaufenden psychischen Determination nicht bewiesen werden kann, dieses 
Prinzip bildet viel eher eine Voraussetzung der psychoanalytischen Forschung 
und Methode (wie sie auch von Freud so aufgefaßt wird, was von Radö (41) 
hervorgehoben wurde); die psychoanalytische Forschung kann hier nicht nach- 
weisen, sondern nur zeigen, daß keine Tatsache diesem Prinzip widerspricht. — 
Damit wird aber die Psychoanalyse noch zu keiner Metaphysik, ihre Kraft 
liegt nicht in der Intuition, sondern in der durchweg naturwissenschaft- 
lichen Methode, welche stets mit Arbeitshypothesen arbeiten muß 
(Fenichel, 15). 

B) Das Ich und seine Metapsychologie. Die Persönlichkeit 

(Ref. Lit. Nr. 5, 6, 14, 18, 20, 22, 59, 40, 47) 

Die von Tausk behandelte Frage der Ich-Grenze nimmt Stärcke (47) 
wieder auf. Nach ihm soll unser definitives Lust-Ich einen Rest bilden, 
primär soll nämlich im Ur-Ich auch die lustspendende Außenwelt (Brust- 
warze, Lutscher) mitenthalten sein. Außenwelt sei in diesem Stadium nur das 
dem Individuum Feindliche, das Unlustbietende; dieses Gebiet soll dann später 
sekundär mit — aus der Funktion der Fernsinnorgane (Auge, Ohr, Geruchs- 
organ) stammender — Lust heimlicher gemacht werden. Unser definitives Ich 
ist also, wie gesagt, ein Rest-Ich, dem ein Teil des früheren Lust-Ich ent- 
zogen wurde, d. h. das Ur-Ich erlebt die Urkastration. 



l c8 Dr. Imre Hermann 



Nunberg (59) gibt Anhaltspunkte zur Topik und Entwicklungs- 
geschichte der Ich-Institutionen. Die Selbstbeobachtung wird topisch 
auf diejenige Stelle des Vbiv lokalisiert, an welcher die Bewußtseinszensuren 
walten. Die Bewußtseinszensuren selbst stehen im Abhängigkeitsverhältnis zu 
den übrigen Ich-Institutionen (Gewissen und Realitätsprüfung). Bei gewissen 
Ich-Regressionen sinken nun Gewissen und Realitätsprüfung auf tiefere 
Entwicklungsstufen, dann muß aber auch die Zensurfähigkeit der Bewußtseins- 
zensuren sinken und es bleibt von den Ich-Institutionen nur noch die Selbst- 
beobachtung übrig. 

Um funktionieren zu können, bedarf das Ich-System einer Herrschaft über 
gewisse Erinnerungen. Nach Ferenczi (14) sind diese Erinnerungen in einem 
besonderen Ich-Erinnerungssystem aufbewahrt. Dieses System registriert 
also die eigenen körperlichen und seelischen Vorgänge und steht teilweise 
mit den Ubw, teilweise mit den Vbiv, respektive £w-Systemen in näherer 
Verbindung. Durch einen überstarken Narzißmus entwickelt sich dieses System 
in stärkerem Maße. 

Über zwei spezifische Ich-Funktionen, über die Identifizierung und 
Idealisierung spricht Freud (18) ausführlicher. 

Die Identifizierung ist Äußerung einer Gefühlsbindung, durch welche 
das Individuum an einer anderen Person haften bleibt; sie ist vor jeder 
sexuellen Objektwahl mögüch, sie strebt danach, das eigene Ich dem Identi- 
fizierungsvorbilde ähnlich zu gestalten; sie muß auch jedem Mitgefühl voran- 
gehen, sie kann bei jeder neu wahrgenommenen Gemeinsamkeit mit einer 
Person, die kein Sexualobjekt bedeutet, entstehen. Die Identifizierung muß 
nicht die ganze fremde Person, das ganze fremde Ich betreffen, sie kann 
auch partiell sein. Mit dem Begriff der Identifizierung sollte dasjenige Feld 
der Psychologie belichtet werden, welches bis jetzt unter dem Namen der 
„Einfühlung" bekannt war. [Zur Herstellung des Charakters tragen 
wesentliche Identifizierungen des Ichs bei (20)]. 

Die Idealisierung kulminiert in der Aufstellung eines Ich-Ideals in 
dem eigenen Ich. Das Ich-Ideal umfaßt alle die Einschränkungen, welche das 
Ich über sich ergehen lassen muß. Die Sonderung von Ich und Ich-Ideal ist 
in verschiedenen Individuen verschieden weit fortgeschritten, die Spannung 
zwischen diesen zwei Stufen des Ich-Systems hat verschiedene Werte erreicht. 
Gelingt bei großer Spannung die teilweise Deckung von Ich und Ich-Ideal 
wieder einmal, dann entsteht ein Gefühl des Triumphes. Das Schuld- 
gefühl und das Gefühl der Minderwertigkeit können als Ausdruck gewisser 
Spannungen zwischen Ich und Ich-Ideal gedeutet werden. 

Klar erscheinen gewisse Gesetzmäßigkeiten der Identifizierung und Ideali- 
sierung, wenn man diese Funktionsweisen mit Eigentümlichkeiten der Ver- 
liebtheit vergleicht. In der Verliebtheit wird das Sexualobjekt durch eine 
Idealisierung so behandelt, wie das eigene Ich. Es strömt dem Sexualobjekte 
ein größeres Maß narzißtischer Libido zu. Damit wird aber der kritischen 
Instanz des Ichs Einhalt getan, das Gewissen hört in bezug des Sexualobjektes 
auf, richtig zu funktionieren und so kann eine psychische Konstellation ent- 



Normalpsychologische Grenzfragen 1920 — 1925 159 

stehen, in welcher das Sexualobjekt sich an Stelle des Ich-Ideals setzt. Der 
Unterschied zwischen Identifizierung und Verliebtheit (in ihrer höchsten 
Ausprägung) liegt nun darin, daß in der Identifizierung das eigene Ich sich 
um fremde Eigenschaften bereichert (= Introjektion), bei der Verliebtheit 
verarmt hingegen das eigene Ich, es gibt Kräfte von sich aus ab. Diese Ab- 
gabe geschieht aber doch nicht in die Außenwelt hinaus (was bei psychi- 
schen Kräften unmöglich wäre), sondern es wird ein Teil des eigenen 
Ichs quasi abgespalten und auf seine Kosten dieser Teil innen wieder auf- 
gestellt, im Ich-Ideal nämlich. In der Identifizierung gelangt die psychische 
Repräsentanz des Objektes an Stelle des Ichs, in der Verliebtheit an Stelle 
des Ich-Ideals. 

Das Gesamt-Ich zerfällt — so sagt Ossipow (40) — in drei „Ich": 
1) in das Individual-Ich, welches das Subjekt „meiner" — im Gegensatze 
der (vom Standpunkte dieses Ichs von außen) „mir gegebenen " Strebungen 
darstellt; 2) in das Sub-Ich, d. h. die psychische Repräsentanz des Leibes 
mit den somatogenen, „mir gegebenen" (sexuellen) Strebungen und 5) in das 
Supra-Ich, mit den ethischen, „mir gegebenen" Strebungen. Jedes Ich möchte 
infolge seiner Selbstaktivität die Gesamtherrschaft über Leib und Seele für 
sich beanspruchen. Normal ist das Verhältnis der Ich-Institutionen, wenn das 
Individual-Ich die Antriebe, respektive Forderungen der beiden anderen oder 
die Reizungen von selten anderer Individuen beherrscht. Gelingt das nicht, 
so entsteht ein Seelenkonflikt. 

Über die psychoanalytische Auffassung der Persönlichkeit verhandelt 
Bins wanger (5) ausführlicher. Er hebt hervor, daß durch die Psychoanalyse 
die Persönlichkeit nicht in Teilfähigkeiten aufgelöst, verflüchtigt, sondern die 
Einheit der Person, welche Einheit mehr bedeutet, als die Summe von noch 
so zahlreichen Funktionen, völlig bewahrt wird. Auch wird hier die Persönlichkeit 
nicht nur als passive, reizaufnehmende und reagierende, sondern als aktive, 
wertende Wesenheit dargelegt. Die Persönlichkeitslehre der Psychoanalyse ist 
eine biologische und keine charakterologische Lehre, da hier in den Charakter- 
eigenschaften nicht etwas Letztes, Feststehendes gesehen wird, nicht eigene 
Charakterkräfte angenommen werden, sondern hinter den Charaktereigenschaften 
das ökonomisch bestimmbare Walten der Triebe erblickt wird. 

Dann ist Binswanger eine Studie über Rorschachs die ganze Per- 
sönlichkeit umfassendes psychodiagnostisches Verfahren zu verdanken (6); 
Binswanger legt besonderen Wert darauf, daß es diesem Verfahren zum 
erstenmal gelungen ist, die durch eine ausgeführte Psychoanalyse bewirkte 
affektive und Charakterveränderung experimentell (sollte richtiger heißen: in 
einem Prüf ungs verfahren) nachzuweisen. 

Auch Freud spricht sich über die Bildung der Persönlichkeit aus (18), 
worin er eine Integration erblickt, also eine Funktion, welche die Zusammen- 
fassung der einzelnen, bis dorthin unabhängigen Triebregungen und Ziel- 
strebungen beabsichtigt. — — 

Eine zusammenhängende und auf neue Einsichten beruhende Übersicht 
über das Ich gibt Freud im Buche „Das Ich und das Es" (20). Grundlegend 



160 Dr. Imre Hermann 



ist die Trennung der Begriffe „Ich" und „Bewußt". Das Ich entspricht 
der Vorstellung von einer zusammenhängenden Organisation der 
seelischen Vorgänge in einer Person, welches aber nichts Isoliertes ist, 
sondern mit einer anderen stets unbewußt wirkenden Organisation, mit dem 
das psychische Triebdepot und die phylogenetischen Seelenreste beherbergenden 
„Es" innig verbunden dasteht. Vom E s hier nur so viel, daß es eine von 
Groddeck (22) entlehnte Bezeichnung von etwas anderem ist: die Bezeich- 
nung war bei Groddeck vitalistisch gemeint, als ein dem Lebensprinzip 
der Alten analoges, durch diese Lichtenbergsche Redewendung gekenn- 
zeichnetes Etwas; bei Freud ist das Es ein metapsychologischer Begriff, 
d. h. ein Begriff, welcher in das Inventar der dynamischen, ökonomischen 
und topischen Bestimmungen gehört. Das Es ist nicht vitalistisch bei Freud, 
es ist die seelische Repräsentanz von unbewußten Besetzungen, aber eine 
irgendwie dem Ich analog organisierte Repräsentanz. 

Das Ich ist also nicht unbedingt bewußt, an ihm „hängt" nur das Be- 
wußtsein und „Kern" des Ichs ist das JF-System (die Wahrnehmungen), 
welches System sich in das Vbiv, mit seinen Wahrnehmungserinnerungsresten 
fortsetzt. Die persönliche seeüsche Organisation setzt sich aber auch noch von 
hier aus (also in der Richtung vom Bewußtsein zum Unbewußtsein) fort und 
bildet nunmehr das vom Bewußtsein immer gänzlicher abgeschlossene, vom 
Ich aus gesehen mit eigener Aktivität versehene E s, dessen einer Teil durch 
„das Verdrängte" — also von seiten des Ichs am Bewußtwerden gänzlich 
verhindertes Seelisches — gebildet ist. Das Ich stellt nach dieser Darstellung 
die Oberflächenausgestaltung an einem gewissen Teile des unbewußten 
Es dar; dieser Teil trägt dann an seiner äußersten Peripherie das System 
W-Bw. 

Das Ich wirkt somit als Vermittler zwischen Außenwelt und Innenwelt, 
das Ich ist bestrebt, das Realitätsprinzip zur Geltung zu bringen und läßt 
sich dabei durch die Wahrnehmungen (wie das Es durch die Triebe) leiten; 
es beherrscht die Zugänge der Motilität, d. h. es läßt nicht unzeitgemäße 
motorische Handlungen oder Entladungen zustande kommen, übt Kontrolle 
(Kritik) über gewisse, dem wachen Seelenleben eigene Partialvorgänge und 
kann auch als verdrängende Macht wirken, stets aber als Anwalt des Reali- 
tätsprinzips. 

Primär ist das Ich ein körperliches Ich (seelische Repräsentanz des Körpers), 
und zwar die psychische Projektion der Körperoberfläche, es bleibt auch stets 
ein Repräsentant des Körpers und der realen Wahrnehmungswelt. Die Diffe- 
renzierung der seelischen Organisation in Ich und Es muß in noch viel ein- 
facheren Wesen als es der primitivste Mensch ist, vorhanden sein. 

Im individuellen Entwicklungsgang ist das Ich anfangs schwächlich, es läßt 
sich die Objektbesetzungen des E s gefallen, oder, etwas verstärkt, erwehrt es 
sich dagegen durch Verdrängung oder durch eine innerstrukturelle Veränderung, 
durch das Aufrichten des Objektes im eigenen Selbst. Unabhängig von diesen 
Prozessen geht eine Identifizierung im Ich vor sich, in der frühkindlichen 
Zeit eine Identifizierung mit dem Vater (und eine mit der Mutter). Das wäre 






Normalpsychologische Grenzfragen 1920 — 1925 161 



die erste, primäre Identifizierung des Ichs. Die Identifizierung, welche infolge 
des zuvor beschriebenen Introjektionsmechanismus entsteht, und ebenfalls Vater 
und Mutter betrifft, verstärkt sodann die primär entstandene, noch schwache 
Identifizierung. Die so entstandene, auch als Reaktionsbildung gegenüber den 
Es-Anforderungen auffaßbare, am Untergange des Odipus-Komplexes ausgebildete 
Ich-Strukturveränderung erhält eine Sonderstellung in der Organisation des 
Gesamt-Ich-Gebildes, indem sie den übrigen Ich-Strukturen als etwas Isoliertes 
entgegentritt. Diese, durch Vater-Mutter-Identifizierung entstandene, gesonderte 
Ich-Teilstruktur heißt Über-Ich oder Ich-Ideal. Dieses Über-Ich macht 
das Ich stärker, kräftiger, dem Es gegenüber widerstandsfähiger. Während das 
Ich Repräsentant der Außenwelt bleibt, bildet sich im Über-Ich ein Anwalt 
der Innenwelt aus, indem das Über-Ich seine Entstehung den mächtigsten 
Regungen, Wünschen, Forderungen des Es verdankt. So gelangen in die Ich- 
Sphäre die moralischen Gebote und Verbote als Inhalte des Sollens und Ver- 
bietens, die seitens des Über-Ichs dem Ich gegenübergestellt werden und so 
üben sie als Gewissen die moralische Zensur aus. Das Über-Ich ist vielleicht, 
teilweise, nur ein Niederschlag phylogenetisch alter Ich-Gestaltungen, die im 
Es schlummerten. 

Das Über-Ich ist zum großen Teil unbewußt. Auch das Über-Ich hat, 
wie das Ich, nahe Beziehungen zu den Hörwahrnehmungen (Wortvorstellungen, 
Begriffen, Abstraktionen), doch erhalten diese Inhalte ihre Besetzungsenergie 
aus dem Es, also nicht direkt vom ^-.Bw-System. 

Bezeichnend für das Über-Ich ist eine gewisse Härte, Strenge; diesen 
Charakterzug erhält das Über-Ich aus den bei der Bildung der sekundären 
Identifizierung durch Triebentmischung freigewordenen Todestrieben. 



C) Metapsychologie allgemeiner psychischer Vorgänge 
(Ref. Lit. Nr. 17, 19, 20, 44) 

Über die Natur des Erregungs Vorganges, welcher die psychischen 
Vorgänge trägt, läßt sich, nach Freud (17) zwar metapsychologisch nichts 
Bestimmtes aussagen, docli hat die Annahme für sich eine gewisse Wahr- 
scheinlichkeit, daß die Erregungsvorgänge nicht nur quantitative, sondern auch 
qualitative Unterschiede (etwa per Analogie einer Amplitude in der Erre- 
gungswelle) zeigen. Die Bindung der in den seelischen Apparat einströmenden 
Energie besteht vielleicht — wieder nach Freud (17) — aus der Überführung 
des frei strömenden Zustandes in den ruhenden Zustand. 

Im Gefüge des individuellen Seelenlebens muß eine verschiebbare, an 
sich qualitätslose Energie angenommen werden (Freud, 20), welche sich 
zu den qualitativ ausgezeichneten, aus den beiden Triebarten stammenden 
Energiebindungen gesellen und somit die Gesamtbesetzung erhöhen kann. 
Diese Energie entstammt wahrscheinlich dem narzißtischen (desexualisierten) 
Libidovorrat. Auch die Denkarbeit wird durch Verschiebung dieser Energie 
bestritten. 

Imago XI. 11 



i62 Dr. Imre Hermann 



Um funktionieren und von gewaltsamen Eingriffen verschont bleiben zu können, 
muß der seelische Apparat mit Reizschutzvorrichtungen versehen werden. 
Freud führt diesbezüglich aus (17): Äußerlich besitzt das System Biv-JV einen 
Reizschutz, um vor allzu starken Einwirkungen gedeckt zu sein; nach innen 
ist aber ein Reizschutz des Systems Bw — wenigstens in der Art des äußeren 
Reizschutzes (siehe später unter Zeitvorstellung, H) — unmöglich. Dadurch ergibt 
sich eine Neigung, von innen kommende, übermächtige Unlustmengen nach 
außen zu projizieren, um so die zur Verfügung stehenden Abwehrmecha- 
nismen anwenden zu können. Wird der Reizschutz durchbrochen, z. R. im 
Falle vom körperlich verursachten Schmerz, so muß ein Wall aus verfüg- 
baren psychischen ßesetzungen den einbrechenden Kräften entgegengeschleudert 
werden es muß eine Gegenbesetzung stattfinden, was aber mit einer 
hochgradigen Herabsetzung der Leistungsfähigkeit des psyschischen Apparates 
einhergeht. 

Der Begriff der Schaltung wäre nach den Bemerkungen Freuds (19) 
mit Einführung des ökonomischen Gesichtspunktes überflüssig; die Wider- 
standssteigerung in einer Richtung des psychischen Ablaufes muß möglicher- 
weise eine Überbesetzung eines anderen Weges nach sich ziehen, womit 
dann die Einschaltung dieses letzteren in den psychischen Ablauf erklärt 
wäre. 

In einer vergleichenden Studie von Simon son (44) finden wir Ähnlich- 
keiten zwischen Schleichs Psych ophysik und Freuds Metapsychologie zu- 
sammengestellt, so z. B. in der Auffassung des Schlafes, in der Ausarbeitung 
von „Hemmungs- und Isolationsmechanismen". Für Schleich bedeutet die 
oberste Gehirnrindenschicht das Ich, der Sympathikus die Seele. 



D) Das Bewußtsein und seine Metapsychologie 
(Ref. Lit. Nr. 2, 10, 17, 20, 55) 

Das Bewußtsein betreffend wurden einerseits neue biologische Zusammen- 
hänge aufgestellt, anderseits lag ein Bestreben vor, die bekannten Eigenschaften 
des Systems Bw metapsychologisch zu beschreiben. 

In betreff des ersteren veranschaulichte Eisler (10) die enge Verknüpfung 
von Bewußtsein und Atmungstätigkeit. Bewußtsein fängt sozusagen mit 
der Atmungstätigkeit an. Alexander (2) stellt das Bewußtsein als ein Hem- 
mungsorgan dar, dessen Obliegenheit es ist, die dem Ich unangenehmen 
Triebbefriedigungen zu hemmen, respektive zu verdrängen. Darin soll die dyna- 
mische Leistung des Bewußtseins liegen. Die höhere Bewußtseinstätigkeit ent- 
falte sich im Angesicht des sozialen Milieus, höhere Bewußtseinstätigkeit sei 
mit „sozial" gleichbedeutend; Kern jedes Bewußtseinsaktes bleibt aber stets 
die Erinnerung an die Schmerzempfindung. — Durch die Analyse einer 
hypnopausen Vorstellung, d. h. eines Bewußtseinsinhaltes, welcher im Augen- 
blicke des Erwachens auftritt, bot sich die Gelegenheit (Kunkel, 55), das 



Normalpsychologische Grenzfragen 1920 — 1923 163 

Verhältnis von Bewußtsein, Erwachen und motorischer Abfuhr näher 
zu bestimmen. Die Tendenzen des Wachlebens sollen alle in die Progression 
d. h. nach motorischer Abfuhr streben, während im Schlafe der motorischen 
Abfuhr eine Schleuse in den Weg gestellt ist. Ist nun im Momente des Er- 
wachens in hervorragender Weise nur eine Tendenz bewußtseinsfähig so 
erreicht auch sie das klare Bewußtsein" und die Motilität, schwankt jedoch 
die Entscheidung des Vbiv zwischen mehreren Tendenzen, so wollen alle in 
der- Bildung des ersten Bewußtseinsaktes zur Geltung kommen, was aber wegen 
der Bewußtseinsenge das Eingreifen der vom Studium der Träume aus be- 
kannten Mechanismen nach sich zieht. 

Freud führt aus (17), daß das System Bw-fV dadurch gekennzeichnet wird, 
daß erstens seine Funktionen vom Phänomen des Bewußtseins begleitet werden, 
zweitens, daß diese Funktionen — im System selbst! — keine Gedächtnis- 
spur hinterlassen. Dieses Zusammentreffen beider Merkmale läßt den Gedanken 
emporsteigen, daß das Bewußtsein gerade an Stelle der Erinnerungs- 
spur entsteht. Metapsychologisch soll — wie schon früher bereits ange- 
nommen — zwischen einer gebundenen und einer freien abfuhrfähigen Energie 
unterschieden werden ; die Elemente des Systems Bw sollen aber vielleicht nur 
frei abfuhrfähige Energie führen können, womit die Gedächtnislosigkeit des 
Systems Bw erklärt wäre. Das System Bw selbst muß topisch etwa so vor- 
gestellt werden, daß es einerseits der Außenwelt zugekehrt ist, anderseits 
wieder die übrigen Systeme umhüllt, d. h. im psychischen Apparat einen 
analogen Sitz hat, wie im Verhältnis zum Gesamtnervensystem die Hirnrinde 
und deren Ausläufer, die Sinnesorgane. 

Auf Grund dieser Vorstellungen kann sodann auf die Frage geantwortet 
werden: Was ist: etwas bewußt machen? (20) Bewußtsein ist ja die 
Oberflächenfunktion des seelischen Apparates, es ist die Funktion desjenigen 
Teilsystems des Gesamtapparates, welches „räumlich" das erste von der Außen- 
welt her ist. („Bäumlich soll tatsächlich im Sinne einer anatomischen Zer- 
gliederung gemeint sein.) Leicht zu verstehen ist das Bewußtwerden in betreff 
der Sinneswahrnehmungen und Körpergefühle, bei den Denkprozessen wird 
das Bewußtwerden erst verständlich, wenn man die durch andere gute Gründe 
behauptete Charakteristik des J^iu>-Systems heranzieht, die Bestimmung näm- 
lich, daß vbiv Vorstellungen an Wortvorstellungen hängen. Vorbewußt wird 
also der Gedanke durch Anknüpfung an Wortvorstellungen und dann bewußt 
durch Ertönenlassen der Wahrnehmungserinnerungsreste dieser akustischen 
Wortvorstellungen. Bewußt werden kann von innen her nur das Gefühl, oder 
die Erinnerungsspur einer früher bewußt gewesenen Wahrnehmung. Dem 
System Vbiv wird somit ein besonderer (akustischer) Sinnesursprung zuer- 
kannt. Innere Gefühle und Empfindungen von Lust-Unlust werden 
durch Anlangen an das System W bewußt, sie können dann aber nur „direkt" 
bewußt werden, das heißt, diese inneren Gefühle und Empfindungen sind 
entweder bewußt oder unbewußt, ein dem vbiv Zustand der Vorstellungen 
entsprechender Charakter ist für sie unmöglich, nichts Indirektes kann an 
ihre Stelle treten. 



,64 Dr. Imre Hermann 



E) Allgemeine Erscheinungen des Gefühlslebens 

(Ref. Lit. Nr. 4, 23, 25. 3 1 ) 

Von Jelgersma (51) liegt ein Versuch vor, eine kausale Erklärung der 
Lust-Unlustgefühle zu geben, indem er einen Zusammenhang zwischen 
dem Steigerungsgrad der materiell-nervösen Prozesse und dem Emporsteigen 
der Lust respektive Unlust zu finden glaubt: mäßige Steigerung dieser mate- 
riellen Prozesse ergäbe eine stets wachsende Lust, übermäßige Steigerung eine 
stets sinkende Lust, respektive eine Indifferenzzone, respektive Unlust. (Die 
Theorie ist' also der Lehmannschen ähnlich aufgebaut.) Die Ambivalenz 
der Gefühle soll damit zu erklären sein, daß die Geistesdisposition sich ^ändern 
kann, also das früher als „mäßig" anerkannte, später als „übermäßig" (oder 
umgekehrt) bewertet wird. Die Summation der Reize — und unter diesem 
Begriff fällt auch die Libidostauung — muß von Unlust begleitet werden, da 
die Summation durch überstarke materielle Prozesse bedingt ist. 

Nach den Ausführungen von Berger (4) kann sich eine Anlage nur auf 
Kosten aller anderen entfalten, ebenso wie eine Tendenz nur auf Kosten 
aller anderen Tendenzen realisiert werden kann. Das besagt aber soviel, daß ein 
Vorgang wenn er einerseits lustvoll ist, anderseits unlustbestimmend sein muß. 
Diese Unlust kommt natürlich selten zum Bewußtsein, sie bleibt latent, un- 
bewußt. Damit soll die theoretische Forderung einer allgemeinen 
Polarität unserer primären Gefühlsregungen begründet werden. 

Daß die metapsychologische, also auch die topische Betrachtungsweise 
zur Begründung einfacher Gefühlsprozesse herangezogen werden muß, hat 
Referent (25) hervorgehoben. Er zeigte, daß die normalpsychologisch unter- 
schiedenen Einzel- und Gemeingefühle ihre Verschiedenheit topischen 
Unterschieden verdanken: Einzelgefühle spielen sich in den W- und Objekt- 
Er-Systemen ab, Gemeingefühle verdanken ihr Entstehen dem Ich-System. 

Mit den Analogien des Trieb- und Gefühlslebens beschäftigt sich 
Hattingberg (25) eingehender. Begrifflich wird durch ihn festgestellt, daß 
unter Affekt eine typische Verhaltungsweise zu verstehen ist, die ein ein- 
heitliches Ganzes bildet und nur theoretisch in motorische Vorgänge und 
Bewußtseinserscheinungen auflösbar ist. Triebhandlungen sind hinwieder 
„Zusammenhänge von Funktionen und Funktionsveränderungen, die von einem 
typischen Anfangszustand, dem Bedürfnis, ausgehen und zu einem typischen 
Endzustand, der Befriedigung, hinführen". Triebe sind somit Richtungs- 
bestimmungen von Abläufen. Die dynamische Auffassung der Triebe 
kann immer nur ein — wenn auch nützliches — Bild bleiben. Zurück- 
gewiesen werden diejenigen Auffassungen des Triebes, welche zum Ausgangs- 
punkte ihres Triebbegriffes den Reiz, oder den Reizgegenstand, oder die 
Äußerungsformen der Triebe wählen. Diesen Auffassungen gegenüber betont 
Hattingberg, daß die Unabhängigkeit von Gefühlen und Affekten einerseits, 
von intendierten Gegenständen anderseits verallgemeinert werden muß. Die 
Lehre von der Übertragung — also von der Objektunabhängigkeit 
der Gefühle — ursprünglich auf affektive Situationen und Äußerungen des 



Normalpsychologische Grenzfragen 1920 — 1925 165 



Sexuallebens bezogen, soll ebensogut für die Triebe im allgemeinen 
gelten. Es werden Beispiele aus der Tierpsychologie gewählt, um diese all- 
gemeine Eigenschaft aller Triebe zu veranschaulichen. Wesentlich sei bei der 
triebhaften Reaktion die affektive Situation: derselbe Eindruckskomplex 
kann je nach der affektiven Situation (z. B. Jagd- oder Brutpflege) eventuell 
entgegengesetzte Verhaltungsweisen auslösen. 



F) Einzelne Gebilde und Funktionell des Gefühlslebens 

(Ref. Lit. Nr. 1, S, 9, 11, ig, 20, 25, 54, 58) 

Wie Freud die Symptome der Verliebtheit deutet, sahen wir schon. 
(S. Das Ich usw.) Auch über die im Liebesleben so häufige Eifersucht ent- 
wickelt Freud (19) einige Ideen: Die normale Eifersucht ist zusammengesetzt 
aus der Trauer um das verloren geglaubte Liebesobjekt, der narzißtischen 
Kränkung, der gegen den bevorzugt gedachten Rivalen gerichteten feindseligen 
Neigung und einer Selbstkritik, welche die eigene Verantwortung für den 
schmerzhaften Verlust sucht. Auch die normale Eifersucht ist keineswegs 
durchweg rationell, denn sie wird aus tiefsten Schichten des Unbewußten (aus 
dem Odipus- und Geschwister-Komplex der ersten Sexualperiode, eventuell aus 
der Homosexualität) gespeist. 

Die Angstarten betreffend unterscheidet Freud (20): 1) Objekt- oder 
Realangst, 2) neurotische Angst, 5) Todesangst. Dieser dritten Art werden 
Kastrationsangst und Gewissensangst zugerechnet, und zwar so, daß der Sinn 
dieser Gruppe in der Kastrationsangst am ausgeprägtesten erscheint. Todes- 
angst und Gewissensangst sind Bearbeitungen der Kastrationsangst und spielen 
sich zwischen Ich und Über-Ich ab. Die mit Todesangst einhergehende über- 
große reale Angst bedeutet für das Ich, daß es von allen ihn liebenden und 
schützenden Mächten verlassen ist und es verläßt deshalb seine eigenen Be- 
setzungen. 

Feldmann (11) analysiert im Anschluß an Darwin, Stanley Hall und 
Havelock Ellis das Schamgefühl und das damit zusammenhängende Er- 
röten. Die gemeinsame Wurzel aller Art von Scham und Erröten liegt nach 
Feldmann in der Herabsetzung oder im Herabsinken des Selbstgefühls. Als 
mächtigste Triebfeder solcher Herabsetzungen gilt der Kastrationskomplex. 
Das Erröten soll einerseits, seinem Mechanismus nach, der Konversions- 
hysterie, anderseits, der Erscheinungsform nach, der Zwangsneurose ent- 
sprechen und bilde eine libidinöse Funktion der (Gesichts) Haut. 

Das Mißtrauen, als Charaktereigenschaft, entsteht, so belehrt uns H.Deutsch 
(8), infolge eines andauernden unerledigten inneren Konfliktes, welcher ver- 
ursacht, daß das Individuum unsicher wird, eine innere Gefahr vermutet, 
diese Gefahr aber von innen nach außen projiziert, d. h. den Angriff von 
außen erwartet. Der Sadismus, sich der Gefühlsambivalenz aufbietend, soll 
besonders geeignet sein, das Mißtrauen hervorzulocken, dann liefern auch die 
infantilen Liebesenttäuschungen starke Triebfedern zur Entwicklung des (dis- 



jgö Dr. Imre Hermann 



positionell erscheinenden) Mißtrauens. In der Libidoentwicklung selbst hat das 
Mißtrauen keine bevorzugte Fixierungsstelle zur Voraussetzung. 

Haß bedeute (Aichhorn, 1) stets die Reaktion auf ein nicht befriedigtes 
Liebesbedürfnis. Es soll zwei unterscheidbare Haßtypen geben: 1) Menschen, 
die eine kontinuierliche Reihe von der Ablehnung bis zum tödlichen Hassen 
darstellen, 2) scheinbar Üebenswürdige, freundliche, bis zur Arroganz selbst- 
bewußte, verlogene, hinterlistige Tyrannen. 

Kolnai entwickelt eine beschreibende Bearbeitung und Typisierung der 
mystischen Gefühle (54), verarbeitet besonders die Analogie mit dem 
Komischen (beide seien formelle Widerstandstypen, beide sollen eine größere, 
verborgene Macht als ihren Kern fühlen lassen, beide seien Mittel zur Er- 
weckung des Interesses), sowie die Beziehungen zum Heimlichen- Unheimlichen. 
Analytisch wird das ursprüngliche Schema der mystischen Gefühle in der 
Szene der Geburt gefunden; das Mystische, mit seinem Gruseln, sei ein feiner, 
quasi formeller Hauch, ein intellektueller Niederschlag der Angst (Geburtsangst). 

Eng verknüpft mit dem Gefühlsleben entwickelt sich die Moralität des 
Individuums. Deswegen soll hier anknüpfend einiges über die neuen psycho- 
analytischen Anschauungen über die Entwicklung der moralischen Akte gesagt 
werden. Müller-Braunschweig (58) würdigt besonders die Rolle der anal- 
sadistischen Organisation, des Narzißmus, der Idealbildung. Es wurde in der 
genannten Studie der Unterschied gemacht, daß die Moral als habitueller 
Charakterzug der Umsetzung von Triebenergien ihr Dasein verdankt, der 
moralische Akt selber jedoch stammt eher aus Energien abgeleiteter Tendenzen, 
aus Energien von Wünschen. Die vorbildliche Situation jeder moralischen For- 
derung soll die Reinlichkeitsangewöhnung sein, ein Moment, welcher sich auch 
zum Kern der Selbstbestimmung aufschwingt. 

Referent vermutet (25), daß der Hang zur sittlichen Fehlerhaftigkeit durch 
pathologische Erscheinungen des primitiven Wiederholungszwanges (mangel- 
hafte Überwindung, fehlerhafte Entwicklung, Regression, krankhafte Anziehung 
der Anal- und Urethralerotik) erklärt werden könnte. 

[Anhangsweise sei hier eine Abhandlung von Dukes (9) erwähnt, worin 
die psychoanalytische Auffassung der unbewußten Führerschaft in der Seele 
in betreff ihrer Bedeutung für die Kriminologie besprochen wird.] 



G) Allgemeine Erscheinungen des Denkens 
(Ref. Lit. Nr. 20, 21, 24, 28, 36, 45, 49) 

Es war eine offene Frage der Psychoanalyse, wie die logischen Denkgesetze 
sich zu den verschiedenen psychischen Systemen verhalten. Ein glattes Abweisen 
der logischen Denkgesetze, als allgemein gültige Gesetze des richtigen Denkens, 
wäre gerade für die Psychoanalyse, die in jedem Gebilde des Unbewußten 
einen „Sinn" findet, unmöglich. Landquist (36) versuchte hier Klarheit zu 
schaffen; er führt aus, daß in den Definitionen der logischen Denkgesetze 
lange Zeit eine Doppeldeutigkeit herrschte, nämlich die Vermengung des 






Normalpsychologische Grenzfragen 1920 — 1925 167 

logischen Identitätsgesetzes mit dem ontologischen. Vom Standpunkte des 
logischen Identitätsgesetzes ist auch der Traum nicht absurd, wenn auch ein- 
zelne Traumgebilde Inhalte vereinen, deren entsprechende Gegenstände nach 
aller Erfahrung in der realen Welt unvereinbar wären. Das Denken, in wel- 
chem nur das logische Identitätsgesetz gilt, ist breiter, als das realangepaßte 
Denken; ein solches Denken soll gegenüber dem realangepaßten Symbol- 
denken genannt werden., 

Einen im Resultate ähnlichen Gedanken entwickelt Groddeck (21), indem 
er feststellen will, daß das Bewußtsein vom Unbewußten durch Symbole 
gelenkt wird. Taucht ein Symbol vom Unbewußten ins Bewußtsein auf, dann 
reihen sich — infolge des Assoziationszwanges, welcher auch zur Wesensart 
der Funktionsweise des Unbewußten gehört — immer wieder neue Symbole 
zum früheren. Das wäre der Symbolisierungszwang als wesentliche Denk- 
funktion des Unbewußten. 

Zu allgemeinen Folgerungen gelangt auch Varendonck (49), der die 
Tagträume, besonders diejenigen, welche vor dem Einschlafen oder während 
einer Lektüre einsetzen, einer systematischen Selbstbeobachtung (keiner 
regelrechten Psychoanalyse) unterwarf und das Material in einer in der 
Denkpsychologie üblichen Weise verarbeitete. Er deckt besonders die Rolle 
der Erinnerungen auf, indem, nach seinen Erfahrungen, der aktuelle äußere 
Reiz, falls er zum autistischen (von Varendonck vorbewußt genannten) 
Denken führt, eine affektiv betonte Erinnerung erweckt. Das autistische 
(nach Varendonck vorbewußte) Denken arbeitet gerne mit Bildern, u. zw. 
desto lieber, je näher es zum Unbewußten gelangt ist; die visuellen Ele- 
mente bilden aber keine selbständigen Bestandteile des Denkens, denn sie 
sind stets nur zusammen mit dem gesamten Denkprozeß verständlich. Eine 
wesentüche und besonders hervorzuhebende Eigenschaft vorbewußter (richtiger 
autistischer) Gedankenketten ist das ständige Spiel von Frage und Antwort, 
d. h. die dramatische Darstellungsart (wozu auch als Belege Bruchstücke 
aus Literaturprodukten der primitiven Kulturstufe beigegeben werden) ; hieher 
gehört die wechselnde Rolle des Ichs als Mitwirkender und als Zuschauer in 
den Tagesphantasien. Die Richtungsänderung in den Gedankenketten ist 
durch auftauchende Erinnerungen bedingt, welche die Führerschaft auf 
eine Weile an sich reißen und automatisch abrollen, was mit dem Zustande 
eines Halluzinierenden zu vergleichen wäre. Der auffälligste Zug des „vor- 
bewußten" Denkens ist seine Sprunghaftigkeit, welche eben infolge solcher 
der inneren Wahrnehmung sich aufdrängender Erinnerungs-Automatismen in 
Erscheinung tritt. Bemerkenswert ist, daß in diesem Denken die Konjunktion 
„und" voranschreitet. 

Spielrein (45) wies experimentell nach, daß nach Augenschluß der Ge- 
dankengang die unmittelbare persönliche Zukunft aufsucht, gegenüber dem 
bewußt gerichteten Denken bei offenen Augen, welches unpersönlichere, all- 
gemeinere, auch in die weite Zukunft oder Vergangenheit leitende Gedanken 
ans Tageslicht fördert. — Das onto- und phylogenetisch ältere Denken in 
Bildern ist nach Freud (20) ein sehr unvollkommenes Denken, denn die 






i 68 Dr. Imre Hermann 



Denkrelationen können niemals visuellen Ausdruck erlangen. Die Rolle der 
Wortvorstellungen ist bezüglich des Denkens, die inneren Denkvorgänge in 
akustische Wahrnehmungen umzuschalten. (Darüber Näheres siehe unter „Be- 
wußtsein", D). 

Mit Hinweis auf Freuds Gedanken werden durch Referenten (24) zwei 
Arten von Gedanken unterschieden, und zwar Gedanken des Alltagslebens und 
„tiefe" Gedanken. Letztere weisen den ersteren gegenüber einen Qualitäts- 
unterschied und keinen logischen oder Bewertungsunterschied auf. Es wird 
zwischen den zwei Arten des Denkens ein analoges Verhältnis vorgefunden, 
wie zwischen Einzel- und Gemeingefühl [s. o. E) Allgemeine Erscheinungen des 
Gefühlslebens] und zur metapsychologischen Begründung dieser zwei Denkarten 
wird auch auf denselben Unterschied wie bei den Gefühlen hingewiesen : die „tiefen 
Gedanken weisen stets eine stärkere Inanspruchnahme des Ich-Systems auf. Es 
wird auch der regressive Charakter gewisser wissenschaftlich-tiefer Gedanken 
zu zeigen versucht. — Dann wird mit Heranziehung der Tatsache, daß viele 
höhere seelische Gegenstände (z. B. Rhythmus - Erlebnis, Symmetrie - Wahr- 
nehmung) aus einer zurückgedrängten Unlustentwicklung ihren Ursprung 
nehmen, eine Theorie der gedanklichen Vertiefung entwickelt, nach welcher 
eine „übergangs-masochistische" Anlage der Denker und Forscher, die dadurch, 
hervorgelockte Schmerzentwicklung, der so entstehende erhöhte Gehirn- 
libidotonus und die Produktion von „tiefen" Gedanken genetisch zusammen- 
hängen (28). 

Über die Rolle des Schmerzes in unserem Denken äußert sich auch 
Freud (20). Der Schmerz soll eine hohe Rolle bei der Herausdifferenzierung 
des eigenen Körpers aus der Wahrnehmungswelt spielen. Der Schmerz muß 
übrigens als Mittelding zwischen äußerer und innerer Wahrnehmung be- 
trachtet werden, das sich stets wie eine innere Wahrnehmung verhält, soll 
diese von innen oder von außen stammen. 



H) Einzelne Gebilde und Funktionen des Denkens 
(Ref. Lit. Nr. 3, 15, 17, 24, 25, 26, 27, 29, 50, 32, 33, 36, 37, 41, 45, 46, 4g) 

Landquist geht in seiner früher erwähnten Arbeit (56) auch ins Spezielle 
und bestimmt die Elemente des Symboldenkens, das sind Symbole, Metapher 
und das Gleichnis. Ein Unterschied dieser drei Gebilde liegt im ver- 
schiedenen Grad der Verdichtung von Bild und Bedeutung. Am inten- 
sivsten soll die Verdichtung im Symbol vorgefunden werden, am wenigsten 
durchgreifend im Gleichnis. 

Jones setzte seine monographische Studie über das Symbol fort (52) und 
bespricht jetzt ausführlich den Silbererschen Begriff der funktionalen 
Symbolik. Diese soll der Anerkennung und Würdigung des Unbewußten 
ausweichen, indem der Silber er sehe Begriff hauptsächlich die sekundären, 
reaktiven und hemmenden Affekte in Betracht zieht, nicht aber die aktiven, 
positiven Kräfte, welche vom Unbewußten aus zur anschaulichen Darstellung 



Normalpsychologische Grenzfragen 1920 — 1925 169 

drängen. Der von Silber er inaugurierte Begriff soll also als ein Symptom 
des Widerstandes gegen die Anerkennung der tieferen Bedeutung der Symbolik 
aufgefaßt werden können. — Jones wirft sodann auch die Frage auf, in 
welcher Beziehung das Symbol zu derjenigen Vorstellung stehe, welche später 
die realangepaßte Erkenntnis des Symbolgegenstandes enthält. Die Antwort 
auf diese Frage lautet, daß ein Teil des geistigen Materials, welches später 
in die realangepaßtere Erkenntnis einfließt, schon im Stadium der Symbol- 
darstellung (der mythologischen Stufe der Erkenntnis) vorhanden ist; die Vor- 
stellung selbst bestand damals jedoch weder bewußt, noch unbewußt. Die 
Symbolik selbst bedeutet für den Werdegang der wissenschaftlichen Erkenntnis 
eher ein Hindernis. 

Auch Ferenczi (15) rüttelt an dem Glauben, das funktionale, d. h. auto- 
symbolische Phänomen Si Iberers — also die Darstellung einer psychischen 
oder logischen Relation — bilde eine besondere Denkkategorie: jedes funk- 
tionale Phänomen hat nämlich eine materiale, d. h. aus der Objektvorstellung 
ableitbare Parallele; es wird auch behauptet, es sei möglich, daß dieser Satz 
umkehrbar sei, und dann könne kein materiales, seelisches Phänomen (Symbol) 
existieren, ohne eine Parallele aus dem Ich-Er-System — aus der Selbst- 
wahrnehmung — zur Seite zu haben. 

Einen neuen Begriff in der Denkpsychologie bildet der von Lorenz ge- 
schaffene Begriff des psychischen Integrals (57). Entsprechend der neuen 
Bestrebung in der Normalpsychologie verlangt Lorenz ein Denkmittel, welches 
der Tatsache gerecht wird, daß am Anfange jeder geistigen Entwicklung 
kein isoliertes Ich dem isolierten Außending entgegensteht, sondern diese 
Einzeldinge sich erst später aus der Gesamtsituation herausdifferenzieren. 
In dem Mit- und Füreinandersein von Mutter und Kind ergibt 
sich dieses psychische Integral am ursprünglichsten und klarsten; in diesem 
Integral ist ein Totalerleben und kein isoliertes Denken, Fühlen oder Wollen 
ausgedrückt. 

Referent hat den gegenwärtig in der Denkpsychologie rege besprochenen 
Begriff der Intelligenz einer psychoanalytisch orientierten Kritik unterworfen 
(24). Ausgehend von der Sternschen Definition wird festgestellt, daß Intelligenz 
nur als Idealfähigkeit, als Ergänzungsfunktion (neben anderen dispositionellen 
und libidinösen Funktionsweisen) und als Teilfunktion der allgemeinen geistigen 
Anpassungsfähigkeit aufzufassen sei. Diese Teilfunktion selbst zeigt noch vier 
Unterabteilungen (sc. die vorhandene Intelligenzbreite und die Anpassung in, 
respektive zu diesem Bereich, dann die vorhandene durchschnittliche Gedanken- 
tiefe und die neue Vertiefungsfähigkeit). Jede Intelligenzprüfung setzt die Be- 
stimmung der Übertragungsfähigkeit voraus, zu deren Prüfung man eine 
intelligenz-diagnostische Psychoanalyse versuchen sollte. Als Motoren der intellek- 
tuellen Neuleistungen sind stets affektive Kräfte wirksam, unter denen die 
Rolle von Verboten nicht zu vernachlässigen ist. Jede intellektuelle Gestaltung 
soll sich auf einer Hemmung (Verdrängung, Überwindung) und auf einer nar- 
zißtischen, zusammenhaltenden Kraft aufbauen (26). Daß die intellektuelle Leistung 
nicht nur aus der Intelligenz besteht, sondern außer ihr andere Fähigkeiten 



170 Dr. Imre Hermann 



herangezogen werden müssen, wurde ebenfalls vom Referenten (25) betont, auch 
gab er mit dem Begriff der Ordinanz ein Beispiel nicht zur Intelligenz ge- 
höriger, intellektueller Leistungen. Die Ordinanz ist vermutlich ein Ab- 
kömmling des Wiederholungszwanges, geradeso wie die Intelligenz der 
biologischen Anpassungsfähigkeit. 

„Grundlage des Orientierungssinnes*' soll — nach Klein (33) — beim 
Kinde die Erforschung der Wege und Straßen sein. 

Beiträge zur Entwicklung der speziellen Denkfunktionen Hegen 
bezüglich des „Zeitgefühls'*, des Kausalitätsglaubens und des Abstraktions- 
prozesses vor. Hollös (30) unterscheidet die Grundlagen unserer Zeitauffassung 
betreffend einen Zeitsinn, welcher die Zeitabstände vom Standpunkte des 
Bewußtseins aus abschätzt, ein Zeitbewußtsein, welches zur bewußten 
zeitlichen Orientierung dient, und eine nichtbewußte Instanz, das Zeitgefühl. 
Auf Stärckes Gedanken fußend, nach welchem die Entwicklungsrichtung der 
Motilität vom frequenteren zum weniger frequenten Rhythmus führt, sieht 
Hollös in der im Unbewußten sich stets wiederholenden solaren Rhyth- 
mizität die eigentliche Grundlage jeder Zeitauffassung, zu welcher sich die 
aktuelle, solare Periodizität (des Schlafes und Wachseins) vom Bewußtsein aus 
gesellt. Das Zeitgefühl beruht somit auf einem unbewußten Akt des Wieder- 
erkennens. Dynamisch soll dem Zeitgefühl eine Spannung zugrundeliegen, 
welche von der im Unbewußten wirkenden, unveränderlichen, frequenteren 
Rhythmizität zu derjenigen aktuellen, veränderlichen, langsameren des Biv- 
Systems ausgespannt ist. 

Freud selbst spricht sich ganz kurz über unsere abstrakte Zeitvor- 
stellung aus (17), welche aus der Selbstwahrnehmung des Systems WBiv 
stammt und durch die Arbeit dieses Systems bedingt sein soll. Möglicherweise 
ist das Arbeiten im Nacheinander der Zeit ein Weg zum inneren 
Reizschutz, welcher dem System WBw sonst ermangelt (die übrigen Systeme 
arbeiten mit Reizschutz, aber zeitlos). 

Spielrein (46) gibt eine entwicklungspsychologische Aufklärung der — 
von ihr Denkkategorien genannten — Denkfunktionen: Im kindlichen Geiste 
ist eine Entwicklungsrichtung von der räumlichen Orientierung über die 
Orientierung nach der Kausalität zur zeitlichen Orientierung aufzufinden. 
Die letztere zeigt sodann folgende Seiten: Gegenwart und unmittelbare Zu- 
kunft, dann die Vorstellung des Nichtdaseins, was den Keim für den späteren 
Vergangenheitsbegriff enthält. Die Idee der Dauer ist schon anwesend, als die 
Idee der Zeitrichtung noch unausgebildet ist. Zu jeder Richtungsidee gehört 
nämlich das Erfassen von Gegensätzen und die Auseinanderhaltung dieser 
Gegensätze ; der primitive Geist braucht sich aber nur mit der Zukunftsrichtung, 
noch nicht mit der Vergangenheit abzugeben. 

Der Kausalitätsglaube, die Kausalitätsidee stammen nach den Aus- 
führungen von Radö (41) aus der Projektion innerer Wahrnehmungen nach 
außen, und zwar individualpsychologisch aus der Wahrnehmung der Gedanken- 
allmacht, massenpsychologisch aus der Beobachtung des übermächtigen Willens 
seitens des Vaters. 



Normalpsychologische Grenzfragen 1920 — 1925 



Was die Abstraktionsprozesse betrifft, wurde eine primitive Art der Ab- 
straktion — diesen Begriff in möglichst weitem Sinne gemeint — in der 
Randbevorzugung, also in der bevorzugten Rolle der Ränder, Grenzen, des 
ersten und letzten Gliedes aufgefunden (Referent, 27) und in experimentellen 
Reaktionen der Kinder, in Kinderzeichnungen, in Tatsachen der gedanklichen 
Entwicklung der Wissenschaft, in der Psychologie der Affekte und Ausdrucks- 
bewegungen, in den geometrisch - optischen Täuschungen, in neurotischen 
Symptomen nachgewiesen. Im primitiven Denken gibt sich die Rand- 
bevorzugung auch durcli Bevorzugung der Randstellen des Denkablaufes 
(Reizaufnahme und Abfuhr) kund und bedeutet für das primitive Denken 
das Überwuchern von „Peripherprozessen", welche im entwickelteren Denken 
entweder versiegen oder sich automatisieren. Manche Berührungspunkte er- 
geben sich mit dem Lustprinzip. Die Randbevorzugung wird von einer ent- 
wicklungsgeschichtlich späteren, noch immer primitiven Mittebevorzugung 
abgelöst. Beide Bevorzugungstendenzen sind ins Biologische verfolgbar. Zur 
Erklärung der geometrisch - optischen Täuschungen sind im An- 
schlüsse an die Randbevorzugung folgende Gesichtspunkte herangezogen: 
Diese Täuschungen sind Symptome der überwundenen narzißtischen Phase 
und zeigen Verschiebungen der Empfindungsdaten in der Richtung von 
primitiver zur entwickelteren Anschauungsart, somit oft auch Verschiebun- 
gen vom Rande zur Mitte. Die Erklärung setzt i) die Gültigkeit 
des biogenetischen Grundgesetzes auch bezüglich normalpsychologischer Ab- 
läufe (Schilder), 2) die Tatsache von primitiverer und entwickelterer 
Raumerkenntnis, j) die Verschiebbarkeit einer Raumbestimmtheit auf eine 
andere, 4) die Annahme von treibenden „Kräften" in der primitiven 
Raumerkenntnis (animistische Auffassungsart) voraus. Das stroboskopische 
Sehen von Bewegungen wird auf Grund derselben Prinzipien er- 
klärbar; die Rand-, respektive Mittebevorzugung gelangt auch hier zur 
Rolle. 

Einen kleinen Beitrag zur Psychologie der Erfindung und Inspiration 
gibt Varendonck (49). Er hält diese Denkmechanismen für Denkweisen, bei 
denen der halluzinatorische Erinnerungsablauf unterdrückt wird und der 
Wunsch, das ersehnte Endziel zu erreichen, zur großen Macht emporsteigt. 
In der Entstehung der Evidenz von Wahrheiten wird vom Referenten (29) 
eine große Rolle dem Liebesideal, respektive Ich-Ideal, zuerkannt. Das 
Beweismaterial stützt sich auf Humes Anschauung über die Ähnlichkeit und 
auf den analytischen Entwicklungsgang J. St. Mills logischer Grundauffassung. 
Dem anschließend sollen die ins Philosophische übergreifenden Ausführungen 
Roeders zur Deutung der Gedanken, welche in der Analytik von Aristoteles 
dem Problem des „Ding-an-sich u zugrunde lagen (45), erwähnt werden. 

Idealbildung soll jenes Schicksal des Ich-Libido genannt werden, welches 
unter dem Druck des Ideal-Ichs als eine der Sublimierung analoge Ziel- 
ablenkung ich-libidinöser Strebungen entsteht. Eine Voraussetzung von reich- 
lichen Idealbildungen ist ein streng forderndes und verurteilendes Ideal-Ich 
(Bernfeld, 5). 





1 7 2 




Dr. Imre Hermann 






I) Grenzfragen 


der 


Individualpsychologie 
Psychologie 


gegenüber 


der Massen- 



(Ref. Lit. Nr. 4, 12, 16, 18, 42) 

Es sollen uns hier nicht die für die Massenpsychologie grundlegenden Ge- 
danken Freuds beschäftigen. Nur insofern soll das Gebiet der Massenseele 
herangezogen werden, als es die individual-psychologisch orientierte Normal- 
psychologie streift. 

Wie Freud ausführt (18), ist die Individualpsychologie in ihren Wurzeln 
ebenso alt wie die Massenpsychologie, keine bildet eine Grundwissenschaft 
für die andere, denn die Massenindividuen lebten zwar kein echtes Individual- 
leben und ihre Psychologie kann nur unter Vernachlässigung der Massenreste 
herausgearbeitet werden, aber der Vater der Urhorde war doch frei, 
seine geistigen Akte stammten nur aus seiner Seele, er liebte niemanden außer 
sich und kümmerte sich um die übrigen nur insoweit, als er Interesse daran 
hatte. Auch der einzelne der Masse nahm in den Erzählungen von Märchen, 
Sagen usw. die Rolle des Heros an, der als Einzelindividuum sich gegen den 
Vat'er auflehnte (zuallererst der epische Dichter), und so macht jeder in 
der Phantasie den Sprung von der Massenseele in die Individualseele mit 
(Rank). 

Von einer anderen Seite her belichtet Ferenczi das hier besprochene 
Grenzgebiet (16). Die Unifizierungstendenz im Seelischen soll nach 
Ferenczi durch einen Organisationsplan der Einzelseele erklärt werden können, 
welcher Plan der Organisation der Masse ähnlich gestaltet ist, d. h. in der 
Einzelseele soll an Stelle des herrschenden Führers (der Masse) der Ich-Kern 
gelangen. Aus libidinöser Rücksicht auf diesen „dritten" soll die Vereinheit- 
lichung zweier psychischer Inhalte, also die Gedankenassoziation überhaupt, 
entstehen. 

Die Panik, diese unzweckmäßige und unproportionelle seelische Reaktion 
der Massen soll, wie man von Felszeghy unterrichtet wird (12), als Vorbild 
die Geburt des Einzelnen vor sich haben und soll in Erscheinung treten, 
wenn die, durch das Eingeklemmtsein in der Masse hervorgerufene Panik- 
bereitschaft (das „Nur -hinaus") durch ein plötzliches narzißtisches Zurück- 
fluten der projizierten Libidomenge aktiviert wird. Freud setzt den Gedanken- 
gang fort (18): Die Entwicklung der panischen Angst der Masse setzt die 
Lockerung der libidinösen Struktur der Masse voraus, sie zeigt eine weit- 
gehende Analogie mit der (individualpsychologischen) Angst des Einzelindi- 
viduums. Sie entsteht nämlich durch die Steigerung der alle betreffenden Ge- 
fahr (beim Individuum: Größe der Gefahr = Realangst), oder durch das Auf- 
hören der Gefühlsbindung, welche die Massenindividuen beisammenhält (beim 
Individuum: Auflassen der Libidobesetzung = neurotische Angst). 

Auch das individualpsychologische Schamgefühl hat seine massenpsycho- 
logische Wurzel: Lehnt das einsame Individuum den Einfluß der Masse auf 
seine Sexualstrebungen ab, so entsteht das Schamgefühl (Freud, 18). 



Normalpsychologische Grenzfragen 1920 — 1923 173 

Durch die Analyse der einen Beteiligten einer kleinen Gesellschaft, in 
welcher keinem Anwesenden der Titel eines Romanes („Ben Hur") einfallen 
wollte, wurde Reik (42) zur Einsicht geführt, daß das Vergessen bei der 
analysierten Dame — sie legte das kollektive Vergessen als erste zu 
Tage — ähnlich determiniert war, wie jedes andere scheinbar unmotivierte 
Vergessen. Es läßt sich auch vermuten, daß der verborgene, damals unbewußt 
gebliebene Inhalt von den übrigen Beteiligten mit ihrem Unbewußten er- 
raten und darauf ebenfalls mit Vergessen reagiert wurde. 

Auf Grund seiner bereits erwähnten Auffassung des Gefühlslebens gelangt 
Berger (4) zu folgenden Feststellungen: In der Entwicklung der Menschheit 
kommt es zu Differenzierungen, d. h. zu neuen Energiebesetzungen, da aber 
ursprünglich jede Kulturgemeinschaft aus Individuen von gleicher Seelenart 
und gleicher Energieverteilung besteht, so bedeutet diese Differenzierung die 
Verstärkung gewisser Tendenzen auf Kosten anderer, welche in anderen 
Individuen noch stark wirken. Die Folge davon ist, daß jede Differenzierung 
eine Minderwertigkeit mit sich führt, die als eigene Schwäche, unter ge- 
wissen Umständen als Unlust fühlbar wird. Diese Schwäche bildet sich wie in 
einem Spiegel in einem anders differenzierten Mitmenschen als Mehr- 
wertigkeit ab und führt so zu Neid oder durch Umwandlung des objektiven 
Minus in ein subjektives, scheinbares Plus zu Haß. 



ANHANG 
Fortschritte der Normalpsychologie 

Nicht Bücher wollen wir hier dem Leser vorstellen; es soll über einige 
Richtungen referiert werden, welche in der Zeitspanne des Berichtes größere 
Wirkungen ausübten, rege besprochen wurden, auch in Grenzgebiete (Biologie, 
Ästhetik) eindrangen und außerdem mit der Psychoanalyse Berührungspunkte 
aufweisen. 



Unter Führung von W. Köhler, M. Wertheimer entstand die neue 
Richtung der „Gestaltpsychologie". Sie bildet eigentlich eine Fortsetzung ge- 
wisser Ideen von Fechner, Ehrenfels, Mach, von den Vitalisten, gibt aber 
durch gewisse Eigentümlichkeiten ein anderes Gepräge ihrer Thesen. Nach 
diesen „Gestaltpsychologen" wären am Grunde jeder bisherigen Psychologie 
zwei Fehler, zwei irrige Grundanschauungen zu finden -, diese alten, fehler- 
haften Thesen seien die folgenden: 






174 ^r. hure Hermann 



i) „Allem ,Komplexen' liegt zunächst als Grundlage, die Summe neben- 
einander gegebener elementarer Inhalte, Bestandstücke (Empfindungen usw.) 
zugrunde. Man hat es im Grunde mit einer summativen Mannigfaltigkeit von 
verschiedenartigen Bestandstücken (einem .Bündel') zu tun ; alles weitere baut 
sich auf der Und-Summe der Elemente irgend weiter auf. . ." (Wert heim er, 
Psychologische Forschung, I. Bd. 1921.) 

2) „Ist ein Inhalt a mit einem anderen b öfter zusammen dagewesen (,in 
raumzeitlicher Kontiguität'), so besteht die Tendenz, daß das Auftreten von a 
das Erscheinen von b nach sich ziehe" (dortselbst). 

Statt der ersten falschen „Mosaik- und Bündelthese" soll diejenige neue 
Erkenntnis gestellt werden, daß die realen psychischen Gegebenheiten stets 
„gestaltet", „strukturiert" sind, d. h. sie bilden keine einfachen, isolierten, 
abgekapselten Aggregate : „Und-Summen" von „Elementen", wo jedes Element 
unabhängig vom andern existiert, sondern die Sachlage ist die, daß die realen 
psychischen Gegebenheiten stets ein solches Zusammensein von Phänomenen 
bilden, in dem jedes Glied das andere trägt, in dem jedes Glied seine 
Eigenart durch und mit dem anderen besitzt, d. h. eben gestaltet, struk- 
turiert ist. 

Die zweite falsche These, die „Assoziationsthese" soll dann durch diejenige 
neue Erkenntnis ersetzt werden, nach welcher kein beliebiges Zusammentreten 
von Inhalten, sondern nur Zusammensein aus innerer Notwendigkeit 
vorkommen kann. 

Es ist nun klar, daß auch die Psychoanalyse ausgesprochen gegen diese 
beiden falschen Thesen den Kampf aufgenommen hat. Sie wurde zum Gegner 
der „Mosaikthese", denn sie lehrt: Unser Seelenleben gründet sich auf Triebe 
und deren Verwandlungen; die Psychoanalyse sieht sogar beim Säugling das 
Walten sexueller Triebe in solchen Erscheinungen, welche früher nur als ein- 
fache Beaktionen auf äußere Beize aufgefaßt wurden. Triebe sind aber keine 
Elemente im Sinne der alten, sondern eher Strukturen im Sinne der neuen 
Lehre. Ein Kriterium der Struktur ist ja doch die sogenannte Transponier- 
bar keit. (Transponierbar ist z. B. die Gestalt des Quadrates, da sie unabhängig 
ist von der Linienfarbe, Linienlänge, ja sogar davon, ob die Linien ausgezogen, 
oder nur durch Punkte, oder nur durch die Eckpunkte angedeutet werden. 
Transponierbar ist z. B. die Gestalt einer gewissen rhythmischen Folge, da es 
nichts ausmacht, ob man sie mit Klaviertönen, Flötentönen, in welcher Oktave, 
ja sogar mit Lichtsignalen angibt.) Nun ist die Freudsche Sexualtheorie 
ein großartiger Beweis gerade der Transponierbarkeit der libidi- 
nösen Triebe. Auch gibt es im Gebiete der Sexualität, bereits von Freud 
hervorgehoben, „Zentrierungen", Organisationen, um welche sich also andere 
Triebe strukturieren. Strukturiert ist im Sinne der Psychoanalyse das Seelen- 
leben auch dadurch, daß es unter Wirkung gewisser „Komplexe" gelangt, die 
aber keine sinnlosen Silben, sondern hochkomplizierte Gebilde (Odipus-, 
Kastrations-Komplex) sind. Diese Komplexe stammen nicht von Empfindungs- 
elementen her, sondern sie bilden sich auf Grund von aktuellen Szenen, ferner 
von Urbildern, Urszenen, Urkomplexen phylogenetischen Ursprunges aus. — 



Normalpsychologische Grenzfragen 1920 — 1925 175 

Die Freu tische Mahnung, man habe während der analytischen Arbeit das 
Augenmerk nicht auf Einzelheiten zu richten, sondern auf den Gesamtfluß 
der Darstellung, besagt ja auch, daß man das Ganze, welches durch die 
Teile nicht vollwertig rückgegeben werden kann, zu erschließen hat. 

Die Assoziationsthese der alten Lehre wurde sodann gerade durch die 
Methode der freien Einfälle umgestoßen. Diese Methode deckte doch den ver- 
borgenen Sinn auf, dort, wo sich manifest kein innerer Sinn äußerte. Deshalb 
ist es etwas auffällig, wenn Wertheimer es als eine neue weittragende 
wissenschaftliche Möglichkeit hinstellt, daß „an Stelle von prägnant sinnlosen 
oder recht eigentlich nur zufällig sinnhaften Vorgängen . . . echt sinnvolle" zu 

setzen sind. 

Auch zur Mctapsychologie führen gewisse Gedankengänge der Gestalt- 
psychologie. W. Köhler trachtete den Nachweis zu erbringen, daß jeder 
„psychischen Gestalt" eine durch die physiologischen Gegebenheiten bestimmte 
„physische Gestalt" entspräche. Bei dieser Beweisführung zog er die Begriffe 
„ein System", „Topographie" des Systems heran. Da die bisherigen Aus- 
führungen sich nur auf Ruhe, auf „stationäre Zustände" bezogen, finden 
wir kein striktes Analogon der dynamischen Bestimmung; die Systeme be- 
stimmen aber stationär im „geschlossenen System" dasjenige, was im dynami- 
schen Gesamtgeschehen der Metapsychologie durch die Partialtriebe und Partial- 
kräfte bestimmt wird; „Topographie" entspricht vollständig dem seelisch- 
topischen Gedanken. Als eine allgemeinste Gesetzmäßigkeit des Geschehens 
innerhalb eines „geschlossenen Systems" wird ein ökonomisches Minimum- 
gesetz erkannt: „Die Ausbreitungsart verschiebt sich in Richtung auf ein 
Minimum der Strukturenergie." (W. Köhler: Die physischen Gestalten in 
Ruhe und im stationären Zustand, 1920.) 1 

n 

Ziemliches Aufsehen erregten die Untersuchungen von E. R. Jaensch und 
seiner Mitarbeiter am psychologischen Institut der Universität Marburg. Nach 
diesen Untersuchungen gibt es einen Menschentypus — von den Erwachsenen 
gehören z. B. viele Dichter hieher, bis zu einem gewissen Lebensalter aber 
alle Kinder (im neunten bis fünfzehnten Lebensjahre noch fast die Hälfte der 
Schüler), — der eine besondere Eigentümlichkeit seines Gedächtnisses aufweist, 
und zwar daß er Anschauungsbilder 2 in sich erweckt, wo der andere 
Typus gewohnt ist, sich Vorstellungsbilder zu bilden. Diese Anschauungs- 
bilder sind voll lebendig, erfüllen den „Eigenraum", ziehen den Beobachter 
quasi in sich hinein, so daß er sich zum Bild gehörig findet, geben den Ein- 
druck einer gewissen Aktivität und des Beteiligtseins, erzeugen das Gefühl 

1) Vgl. damit den Kongreßvortrag 1922 „Die neue Berliner psychologische Schule 
und die Psychoanalyse" und einige seither erschienene Aufsätze des Referenten. 

2) Schilder beschäftigte sich bereits in „Wahn und Erkenntnis" auf Grund der 
Untersuchungen von Urbantschitsch mit den „subjektiven optischen Anschauungs- 
bildern". 



176 Dr. Imre Hermann 



starker Anteilnahme. Dieser Typus heißt der „eidetische" Menschentypus. 
Alle Kinder bis zu einer gewissen Altersstufe seien „Eidetiker". Die spätere 
Vorstellungs- und Wahrnehmungswelt soll sich erst aus dieser urprünglichen, 
eidetischen Einheit (vom Vorstellungs- und Anschauungsbild) herausdifferenzieren. 
Diese originäre eidetische Einheit steht der sogenannten Wahrnehmung 
sehr nahe und kann mit ihr verwechselt werden. Kalkzufuhr beeinflußt den 
Gedächtnistypus, der anders bei tetanoider und anders bei basedowoider Kon- 
stitution vorzufinden ist. Das eidetische Bild hat seine Wichtigkeit für die 
Psychologie darin, daß es nicht nur vom augenblicklichen äußeren Reiz ab- 
hängt, sondern ebenso von vergangenen Erlebnissen und von der ge- 
samten Bewußtseinskonstellation. — Daß das eidetische Bild in der 
Beschreibung der Struktur des Traumbildes und der Tagesphantasie be- 
hilflich sein kann, gebe ich gerne zu (obzwar ich darüber sehr wenig in der 
Literatur gefunden habe, wie wenn die Traumforschung von diesen Marburger 
Psychologen gemieden wäre!), aber nur soweit, als es den regressiven 
Charakter dieser Struktur näher zu bestimmen befähigt ist. Doch über 
den Sinn des Traumes (oder, wenn man will, über seine Sinnlosigkeit) erfährt 
man durch diese Forschung nicht um ein Jota mehr. Wenn z. B. die eine 
Versuchsperson sich zu einem Illustration s- Anschauungsbild äußert: „Es ist 
mir, als wenn ich mit den Reitern bekannt wäre, und wenn ich selbst ein 
Reiter jener Schar wäre ... es kommt mir vor, als ob der eine Reiter mein 
Vater wäre und die übrigen meine Verwandten" — so ist der Sinn dessen 
zu fragen, warum der Vater hier einbezogen wird. 

Über den Eidetismus hinaus geht die Lehre von Jaentsch dadurch ins 
Allgemeine, daß sie eine geschichtete Struktur des Bewußtseins ver- 
kündet — merkwürdigerweise ganz ohne Hinweis auf die Psychoanalyse. Hier 
hätten die Marburger z. B. finden können, da3 das Unbewußte (das 
Kindliche) mit Dingvorstellungen arbeitet, das Vorbewußte aber 
mit Wortvorstellungen. 

Bemerkenswert ist ein experimentelles Resultat, wonach bei Eidetikern das 
zielgerechte Handeln durch dynamische Prozesse im Anschauungsbilde selbst 
beeinflußt, bestimmt wird. (Peripherprozesse des Referenten.) 

IH 

Ein drittes Gebiet, das in seiner Entwicklung während der genannten 
Jahre Erfolge aufzeigen kann, ist die Erforschung der Individualität. Zwei 
Richtungen sind hier zu erwähnen, die eine knüpft sich dem Namen Kretsch- 
mers an; sein „Körperbau und Charakter", 1921, zieht von der Psycho- 
pathologie aus Parallelen zwischen körperlicher und seelischer Konstitution. 
(Siehe Referat und Kritik von P. Schilder, Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse VIII, 1922, S. 79.) Die andere Richtung ist psychologisch orientiert 
und liebäugelt mit der Psychoanalyse: sie ist im Buche Jungs niedergelegt, 
Psychologische Typen (1921). (Siehe Referat und Kritik vom Referenten, 
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse IX, 1925, S. 529.) 



Normalpsychologische Grenzfragen 1920 — 1925 177 

IV 

Endlich ist noch eine psychologische Richtung erwähnenswert, eine Richtung, 
deren Verfolgung wir gerade bei den Gestaltpsychologen vermißt haben, das 
ist die dynamische Sehweise in der Psychologie. Zwei Bücher von W. Haas 
kämpfen für die Durchführung dieses Gedankens („Die psychische Dingwelt 
1921, Referat: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse VIII, S. 229; „Kraft 
und Erscheinung", 1922), und G. Hey m ans führt die beiden Grundprinzipien 
der Energielehre auf psychologischem Gebiete durch. (Über die Anwendbar- 
keit des Energiebegriffes in der Psychologie, 1921, Referat: Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse V1I1, S. 98.) Beide Autoren berufen sich auch auf 
von der Psychoanalyse erschlossene Tatsachen. 






Illlugo XI. 12 



KRITIKEN UND REFERATE 



Dr. IMRE HERMANN: Psychoana 
Der Verfasser will mit der Arbeit 
nicht — wie Kehrer in Nr. 55 der „Klini- 
schen Wochenschrift" vom 26. August 1924 
mit gründlichem Mißverstehen meint — 
eine „logische Grundlegung" der Psycho- 
analyse geben, sondern einmal das „logi- 
sche" Denken zum psychoanalytischen 
Gegenstand nehmen, ein andermal die 
Frage beantworten, ob und wie weit man 
eine psychoanalytisch orientierte „Logik" 
aufbauen kann. Wann z. B. etwas das Merk- 
mal der Evidenz an sich trügt, kann 
psychoanalytisch gefragt und beantwortet 
werden. Das logische Denken gehört als 
„normative und kritische" Tätigkeit zu 
den Funktionen der Zensur und des Ideal- 
Ichs, „deren Untersuchung ins Arbeits- 
feld der Psychoanalyse fällt". „Es gibt 
Kranke, bei denen wir einen sie charak- 
terisierenden Denkmechanismus gewahr 
werden, welcher sie zu Denkleistungen 
zwingt, die nur infolge dieser Mecha- 
nismen entstehen und als richtig bewertet 
werden." „Vom Standpunkt des Kranken 
haben wir ein evidentes, richtiges Denken 
vor uns." Man kann daher von einer „in- 
dividuellen Logik" sprechen. Nicht nur 
das Denken des Normalen, sondern auch 
das Denken eines solchen Kranken ist 
normativ und allgemein. Es hat eine 
„intra-individuelle" Allgemeinheit, weil 
es in seinen Denkleistungen sich eine all- 
gemeinere Verbreitung verschaffte, aber 
auch eine „inter-individuelle", „weil es 



lyse und Logik. Imago-Bücher VII. 
keinen isolierten Fall darstellt". „An Stelle 
der bisher in der Logik üblichen »Allge- 
meinheit' ist eine »relative Allgemeinheit' 
einzuführen. Es ist nicht von der »Wahr- 
heit' als Ziel der normativen Funktionen 
zu sprechen, sondern nur von der Denk- 
befriedigung gewisser Denkschritte." 

EineReihe solcher „Denkschritte" weist 
nun Verfasser an Hand des Einfallsmate- 
rials analytisch behandelter Patienten auf. 
So sieht er z. B. das Denken der Pat. Dl. 
vom „Dualachritt" beherrscht. Sie muß 
sich in der Liebe immer das Vorhandensein 
einer Konkurrentin vorstellen. Als Termine 
setzt sie sich zwei Tage, zwei Wochen, 
die Träume sind voll von je zwei Per- 
sonen oder Gegenständen, zwei Arten 
von Männern gefallen ihr, sie denkt, der 
Analytiker habe zwei Frauen usw. 

Das entwicklungsgeschichtliche Auf- 
treten des Dualschrittes belegt Verfasser 
mit Beispielen aus der Kinder- und Pri- 
mitivenpsychologie, der Kulturgeschichte 
(z. B. mit der Bedeutung der Eins — 
des Ungeraden, Männlichen — und der 
Zwei — des Geraden, Weiblichen — bei 
den Pythagoräern) und der Biologie (Ge- 
schlechtsdimorphismns). 

Zur Erforschung der allgemeinen Ge- 
nese des Schrittes benutzt Verfasser die 
Arbeits-Hypothese, daß ein solcher Schritt 
(der als primitiv und damit als Regres- 
sionserscheinung angesehen werden muß) 
im Leben und Denken des Individuums 



Kritiken und Referate 



»79 



durch die gleichen Momente ausgelöst und 
aufrecht erhalten worden ist, die ihn auch 
zu allererst im primitiven Geiste erstehen 
ließen und aufrecht erhielten. 

Aus der Analyse Dl. ergibt sich, daß 
unter anderem der Dualschritt aus einer 
Überkompensierung des Kastrationsge- 
dankens entsprungen war: die Patientin 
tröstete sich über den Nichtbesitz des 
einen Penis durch die Vorstellung des 
Besitzes der zwei Brüste und durch 
Wunschvorstellungen vom Zweierverhält- 
nis von Mutter und Kind. 

Die gleichen Motive müssen den Dual- 
schritt im primitiven Geiste ausgelöst 
haben. „Das originelle Erscheinen des 
Dualschrittes im primitiven Geiste ent- 
sprang aus der Quelle des allgemein- 
menschlichen Kastrationskomplexes und 
war ein Befriedigungsschritt gegenüber 
den allgemein-menschlichen Kastrations- 
gedanken." Auch das nicht als eigentliche 
Kastration, aber wohl als „Kastrations- 
modell" aufzufassende allgemein-mensch- 
liche Erlebnis der gewaltsamen Trennung 
des Säuglings von der Mutter, die nicht 
nur im Akte der Geburt vor sich geht, 
sondern sich ständig, nur durch das zeit- 
weilige Säugen unterbrochen, wiederholt, 
wird den Dualschritt, der die verlorene 
Zweiheit wiederherstellt, ausgelöst haben. 
Aus dieser Herkunft des Dualschrittes 
erklärt sich seine „Befriedigungswirkung". 
Daß er aber auch zugleich das Gefühl der 
„Evidenz" entstehen läßt, „eine Überzeu- 
gung, daß er für das nach richtigem Ver- 
halten und Denken trachtende Ich richtig 
zu verwenden ist", folgt daraus, daß „Kind 
haben wollen" und „zwei gut entwickelte 
Brüste" Idealen entsprechen. 

Im Verhältnis zum Ödipuskomplex 
bedeutet der Dualschritt die Überwin- 
dung seiner extremen Phase des „Nur-Ich" 
und den Fortschritt zum „Ich-Auch". Die 
Pat. Dl. „sucht in ihren Phantasien die 



Mutter nicht mehr zu beseitigen, sie will 
sich einen Platz neben ihr sichern". 

Der Umkehrschritt ist dem Analy- 
tiker in den Erscheinungen der Darstellung 
durch das Gegenteil, der Projektion und 
Introjektion, der Ambivalenz bekannt. 
„Überall, wo zwei psychische Gegenstände 
(worunter auch das Ich als Gegenstand 
vorkommen kann) durch eine gewisse Re- 
lation miteinander verknüpft sind, kann 
eine Umkehrung stattfinden, wenn die zwei 
Gegenstände ihren Platz tauschen oder die 
verbundene Relation sich in eine rück- 
läufige Relation verwandelt." Auch der 
Umkehrschritt gehört besonders dem pri- 
mitiven Geiste an. 

Der Pat. Uk. (beginnende Schizophrenie) 
haßt seinen Vater und glaubt vom Vater 
gehaßt zu sein. Er hält sich für etwas 
Höheres, die Leute aber halten ihn für 
dümmer als er ist. Er glaubt, durch seine 
Gedanken bewirken zu können, daß sich 
die Leute auf der Gasse umwenden. Ver- 
spricht sich oft, indem er etwa statt 
Vagina Penis sagt oder sich verschreibt, 
321 statt 125. 

Als biologische und entwicklungspsy- 
chologische Parallelen des Umkehrschrittes 
bezeichnet Verfasser die Heringsche 
Assimilation und Dissimilation, das Altern, 
Stimmungsänderungen in der Reaktions- 
weise von Pflanzen auf Reize, die Er- 
scheinung, daß es Kindern gleich ist, ob 
sie Bilder richtig oder auf dem Kopf 
stehend betrachten oder zeichnen, die 
Raumumkehrung bei der Tiefenwahr- 
nehmung der geometrischen Scheinkörper, 
Umkehrschritte im philosophischen Den- 
ken Demokrits und Heraklits. 

Die Analyse Uk. führt den Schritt zu- 
rück auf den doppelten Odipus, die 
stärkere bisexuelle Anlage, den Kampf 
zwischen analer und genitaler Zone und 
den Wunsch, sein ganzes Leben rückgän- 
gig machen zu können, um bei anderen 



12« 



i8o 



Kritiken und Referate 



Eltern als tadelloses reinrassiges Kind 
nochmals auf die Welt zu kommen. Die 
Befriedigungswirkung des Umkehrschrittes 
liegt im Narzißmus. „Das eigene Selbst 
regiert, wenn auf Befehl des Ichs statt 
der ihm aufgezwungenen Wahrheiten auch 
ihr größter Feind, auch ihr Gegenteil 
richtig ist." Die Evidenz des Schrittes 
stammt aus einer Form der Überwindung 
des Üdipus, die in der Phantasie lautet: 
der Sohn tritt an die Stelle des Vaters, 
ohne ihn aber aus der Familie auszu- 
stoßen, er tauscht nur mit ihm. („Real 
in dieser Wendung . . . ist, daß der Sohn 
tatsächlich das Mannesalter, der Vater 
aber das Greisenalter, das zweite Säug- 
lingsalter, vor sich hat.") 

Eine enge Verknüpfung von Dual- und 
Umkehrschritten zeigt der Fall Duk. „Das 
Zweifeln ist eigentlich das Festhalten an 
beiden Inhalten der Endpunkte eines Um- 
kehrschrittes, somit ein dem Umkehr- 
schritt angehängter Dualschritt." Das 
Zusammengehen der beiden Schritte bei 
Heraklit, Protagoras und Empedokles. 

In ähnlicher Weise wie die bisherigen 
Schritte untersucht Verfasser den „Ab- 
wendungsschritt", der unter anderem 
in der Abwendung vom Konkreten zum 
Abstrakten zum Ausdruck kommt, und 
den „Schritt des Sinkens", der sich 
bei der Pat. Si. unter anderem in dem für 
sie evidenten Satze kundgibt: „Auf alles 
Gute folgt etwas Schlechtes, alles wird 
ein schlimmes Ende nehmen." 

In dem Abschnitt „Skizze einer Denk- 
schrittspsychologie" setzt Verfasser zu- 
nächst die untersuchten und einige weitere 
Denkschritte in Beziehung zu den in allen 
Logiken und Wissenschaftslehren behan- 
delten logischen Relationen und Opera- 
tionen. Der Dualschritt ist in dem zwei 
Elemente miteinander verknüpfenden 
„Urteil" wiederzufinden, der Umkehr- 
schritt in den logischen Umkehrungen, 



der Abwendungsschritt in der Abstraktion, 
die Schritte des Sinkens und der 
Erhebung in Deduktion und Induktion, 
die „G estalt ungstendcnz" in der Ein- 
ordnung von Gegenständen in eine Klasse. 
Der Schritt der Negation geht (als 
privatio) auf die Kastrationstendenz, (als 
oppositio) auf das Vater-Sohn-Verhältnis 
und den analen Trotz zurück. Der Ver- 
dinglichungsschritt, „der bewirkt, 
daß das Denken Dinge vor sich hat und 
keine losen Vorgänge oder Anschauungen", 
ist sowohl analen Ursprungs als auch 
bedingt durch den Zwang der Libido, sich 
ein Objekt zu suchen. Der „Fes thaltungs- 
zug", der das Denken nötigt, „an einer 
gegebenen, angenommenen Bedeutung 
eines Begriffes, eines Satzes festzuhalten", 
ist außer auf das Anale auf das Fest- 
haltenwollen des mütterlichen Körpers 
zurückzuführen. 

In weiterer Zurückführung der Denk- 
schritte ins Biologische verfolgt Verfasser 
deren Verhältnis zur Trieblehre: Die 
psychischen „Gestalten" entstehen auf 
Grund libidinöser narzißtischer Kräfte, 
der Schritt der Verneinung, der des Sin- 
kens und der Vergleichung sind Schritte 
des Todestriebes, die Schritte der Be- 
jahung und des Erhebens solche des 
Lebenstriebes. 

In den zwei letzten Abschnitten er- 
gänzt Verfasser seine Untersuchungen 
über die „Evidenz" der Denkschritte. 
Die Evidenz der logischen Axiome (des 
Satzes der Identität, des Widerspruches und 
des ausgeschlossenen Dritten) wird auf 
eine Phase der Überwindung des Ödipus- 
Konflikts zurückgeführt, wo dieser bereits 
verdrängt und wo die Identifizierung mit 
dem Vater verboten ist. „Der Vater bleibe 
der Vater, der Sohn bleibe der Sohn." Von 
zwei sich widersprechenden Meinungen 
ist die eine im Sinne des Vaters, die andere 
aber nicht; die eine muß verworfen, die 



Kritiken und Referate 



181 



andere angenommen werden. Diese Zurück - 
fiihrung belegt Verfasser auch durch den 
Inhalt sophistischer Fangschlüsse. 

Die Erscheinung der Evidenz hängt — 
wie ausgeführt — mit Idealbildungen 
und dem Ödipus-Konflikt zusammen. Eine 
Reihe von Denkschritten (die Verding- 
lichung, die Randbevorzugung, die Ge- 
setze der Gleichzeitigkeit und Gleich- 
örtlichkeit, der Schritt der Vergleichung) 
ermangeln der Evidenz, und zwar des- 



wegen, weil sie die Idealbildungen und 
den Ödipus-Konflikt erst ermöglichen, also 
„prälogisch in dem Sinne sind, als sie 
vor jeder noch so primitiven Logik bereits 
walten müssen". 

Die Arbeit stellt einen der originellen 
und verdienstvollen Versuche des Ver- 
fassers dar, die Brücke von der Psycho- 
analyse zur Schulpsychologie und Philo- 
sophie zu zimmern. 

Dr. C. Müller-Braunschweig (Berlin;- 



JULIUS SCHULTZ: Fiktionen d 
der Psychanalytik. Annalen der 
Vaihinger und Raymund Schmidt. 

Als „Mythologeme" bezeichnet der 
Verfasser fiktive Hilfsannahmen, die Un- 
persönliches, um es begreifbar zu machen, 
personifizieren. (Der Verfasser betont, daß 
er in diese Bezeichnung keinen tadelnden 
Nebensinn legt; ein Mythologem, dem es 
gelingt, Dunkelheiten zu durchlichten, 
Verworrenes zu ordnen, könne äußerst 
wertvoll werden.) Der Psychologie — führt 
Schultz aus — ist vielleicht noch niemals 
eine interessantere Entdeckung gelungen, 
als die, welche die Namen Breuers und 
Freuds mit solchem Recht berühmt ge- 
macht hat. Es sei jedoch bereits zeitge- 
mäß zu prüfen, welche von den im all- 
gemeinen so nutzbringenden fiktiven Be- 
griffsgrundlagen der „Psychanalysten" 
entbehrlich sind. Die erste psychoanaly- 
tische Entdeckung, die der Verfasser einer 
Kritik unterzieht, ist das Trauma, bzw. 
die Tendenz Traumata, bzw. „Freuden, die 
das Gewissen ächtet, ferner beschämende 
Wünsche. . ." usw. zu verdrängen. Diese 
psychoanalytische Fiktion künde sich zu- 
nächst nur leise als Mythologem an: indem 
die verdrängende Instanz nur andeutungs- 
weise mit Eigenschaften ausgestattet wird, 
wie sie uns bloß an abgeschlossenen 
menschlichen Personen bekannt sind. Und 



er Psychologie und Mythologeme 
Philosophie. Herausgegeben von Hans 
IV. Bd. Heft 6. Leipzig 1924. 

die Rücksicht auf die weiteren psycho- 
analytischen Entdeckungen legt es dem 
Verfasser nahe, die Personifizierung der 
verdrängenden Gewalt nicht zu über- 
sehen. („Ich werde also von jetzt an das 
Unterbewußte [sie .'] Freuds als ,Dämonium' 
bezeichnen — abermals ein Ausdruck, in 
dem keinerlei polemische Absicht sich 
versteckt.") Gegenüber der Entdeckung 
der Konversion glaubt der Verfasser 
einen Vorbehalt machen zu müssen. „Ängste 
und Zwangshandlungen dürfen wir als 
eigentliche Umsetzungen, als Konversionen 
der verdrängten Komplexe nicht gelten 
lassen; uns sind sie vielmehr Begleitum- 
stände und wunderliche Formen der Ab- 
wehr gegen das Heranschweben dieser 
Komplexe." Das Mythologem des „einge- 
klemmten Affektes" lehnt der Verfasser ab. 
Affekte kann er sich nämlich nur als Er- 
lebnisse einer Gesamtpersönlichkeit vor- 
stellen ; es genügt ihm, was j eder Psychologe 
ohnehin wissen kann: daß Vorstellungen 
sich notwendig motorisch ergänzen müssen, 
in Innervationen, Bereitschaften, Bewegun- 
gen. Einen verführerischen Schimmer habe 
der Begriff der Konversion dadurch ge- 
wonnen, daß die vergessenen Traumata 
in der psychoanalytischen Literatur zu- 



]82 



Kritiken und Referate 



gunsten der verdrängten Wünsche in den 
Hintergrund getreten sind; man habe sich 
versucht gefühlt, was da umgesetzt wird, 
als eine Art von seelischem Energie- 
quantum aufzufassen und so entstand 
die halb energetische Fiktion von der 
Libido. Dieser energetischen Wendung 
vermag der Verfasser keinen besonderen 
Wert beizumessen. Sie sei sogar nicht un- 
schädlich, „sie verwischt und betrügt, 
indem sie dem Unkundigen oder Unvor- 
sichtigen leicht vorspiegelt, es könnte im 
Psychischen ,Energie' physikalischen Wort- 
sinns, also energetische Mengen, Äqui- 
valente, Umwandlungen geben". Die Ge- 
fahr, die Grenze zwischen dem Seelenreich 
und seinen unmeßbaren Intensitäten und 
der körperlichen AVeit mit ihren Akzenten 
zu verwischen, sei nahe. 

Eine weitere Entdeckung der Psycho- 
analyse, jene, daß die Symptome, in die 
die Komplexe sich umsetzen, nicht — wie 
vor Freud jeder Psycholog vermutet 
hätte — stets sinnlose Reaktionen auf 
ungeordnete Reize sind, sondern daß sie 
(zum mindesten oft) gleichsam arrangiert 
werden, als ob eine zielstrebige Macht 
mit ihnen Absichten erreichen wollte, Ab- 
sichten, von denen die bewußte Persön- 
lichkeitnichts ahnt oder doch nichts ahnen 
will, diese Entdeckung, die sich am über- 
zeugendsten an den Erscheinungen der 
„Psychopathologie des Alltagslebens" de- 
monstrieren läßt, rechtfertigt nach dem 
Verfasser vollkommen die Einführung der 
entsprechenden psychoanalytischen „My- 
thologeme". „Die sonderbare Absichtlich- 
keit, mit der . . . ein unterbewußtes Wollen 
seine Krankheit sich selber zu wählen, zu 
erschaffen, zu erdichten scheint, liefert 
natürlich Anlaß genug, das Mythologcm 
vom Dämonium weiter auszubauen. Ja, 
fast ist's, als wüchse es sich hier zum 
vollberechtigten wissenschaftlichen Be- 
griffe aus." Kritische Bemerkungen werden 



der Symbolik gewidmet. Die Sexual- 
symbolik sei übertrieben. („Tausend Sym- 
bole für einen und denselben Gegenstand 
schrumpfen zum Nullwert an Symboli- 
siernng zusammen; man kann nichts 
mehr mit ihnen anfangen, nichts mehr 
mit ihnen beweisen.") Sodann fänden sich 
unter den angeblichen Absichten gemein- 
schaftlicher Symbolik (Völkerpsycho- 
logie, Kunst usw.) zu viele von so ab- 
straktem Charakter, daß niemand dabei 
an eine allgemein menschliche Uranlage 
zu gleichnishafter Erwiderung mehr glau- 
ben könnte. 

Die populärste von allen Entdeckungen 
Freuds sei die, daß im Traume die 
niedergepreßten Komplexe gleichsam Luft 
bekommen, daß sie sich dort, wiewohl 
vermummt, vor das Auge des Ichs wagen 
und ihre Heimlichkeiten durch kunstvolle 
Anspielungen kundgeben, wobei vielfach 
Reminiszenzen früher Kindheit, die wir 
längst vergessen wähnten, aus ihren 
Grüften steigen. Soweit geht der Ver- 
fasser ohne Zaudern mit Freud: das 
müsse man einfach schon als Tatsache 
hinnehmen. Bezweifelt wird jedoch, daß 
jeder Traum eine larvierte Wunsch- 
erfüllung sei, und zwar eine, auf die 
eine zwecksinnige Traumarbeit lossteure. 
Nach Freud sehe es aus, als triebe eine 
Traumregie absichtlichen Mummenschanz, 
listiges Intrigenspiel. Die Prozesse der 
Traumarbeit (Verdichtung, Verschiebung 
usw.) ließen sich aber auch mit den 
Mitteln der gewöhnlichen Assoziations- 
psychologic erklären. Wenn Freud und 
seine Schüler in zahlreichen Selbstanalysen 
die Hypothesen der psychoanalytischen 
Traumlehre geprüft und richtig befunden 
haben wollen, „sollte da nicht in die ana- 
lytische Tätigkeit selber der Wunsch leise 
hincinspielen, sich zu bestätigen, was so 
geistreich ersonnen war?" („Sonderbar 
bliebe es, wenn hinter jedem unserer 



Kritiken und Referate 



185 



Träume ohne Ausnahme solch ein ver- 
hohlenes Drängen steckte und unsereinem 
nun dennoch nie, aber wirklich fast nie- 
mals irgendein dürftiger Ansatz zu einer 
Deutung im Freudschen Stile gelänge. 
Und wie oft habe ich's gemeinsam mit 
meiner Frau vergebens versucht! Dabei 
sind wir beide sehr lebhafte Träumer.") 
Die praktisch bedeutendste psychoana- 
lytische Entdeckung ist nach dem Ver- 
fasser jene, die besagt, daß durch Be- 
wußtmachen des Verdrängten die krank- 
haften Folgen der Verdrängung beseitigt 
werden. („Die fatalen Erlebnisse und 
Wünsche geben sich zwar nach wie vor 
motorisch aus — in der Sprache Breuers 
und Freuds: ,sie werden abreagiert'; 
aber es stellt sich, indem jetzt der Ge- 
samtorganismus an der Tätigkeit teil- 
nimmt, ein gemeinsamer Rhythmus der Be- 
wegungen wieder her: der fremde Neben- 
motor ist aus der Maschine entfernt.") 
Der Verfasser schließt: „Die Tatsache, 
daß Nerven- und Seelenleiden durch 
Psychokatharsis geheilt werden, wird viel- 
fach noch bestritten; ich sehe nicht ein, 
wie solche Skepsis möglich ist, an- 
gesichts des gewaltigen Materials, das 
Breuer, Freud und ihre Helfer uns vor- 
legen. Auch fühle ich keine besondere 
Versuchung zum Zweifel; denn eine Er- 
klärung der wundersamen Fakten mittels 
der Denkformen der rationalen Psycho- 
logie ist ja nicht schwer : das eben wünschte 
ich zu zeigen. Die Mythologeme der 
Schule schrecken viele weg. Aber warum? 
Sie lassen sich ja abstoßen, ohne daß auch 
nur die winzigste unter den vielen mit- 
geteilten Beobachtungen bemängelt zu 
werden braucht. Davon den willigen Leser 
zu überzeugen", sei des Verfassers Absicht. 
Damit wäre zweierlei gewonnen: „viele 
Vornrteile gegen die interessanteste Ent- 
deckung der neuesten Seelenlehre wären 
weggeräumt — und jenen Liebhabern 



magischer Dünste, denen nicht an Tat- 
sachen, sondern gerade an den verklei- 
denden Mythologemen liegt, wäre ihr 
mystagogisches Spiel verdorben." 

Wir beschränken uns auf diese Inhalts- 
wiedergabe der Schultzschen Abhand- 
lung. All dem, was vom psychoanalytischen 
Standpunkt aus kritisch seinen Ausfüh- 
rungen entgegengehalten werden könnte, 
müßte auch eine Bemerkung des Be- 
dauerns hinzugefügt werden, daß dieser 
zweifellos so ernst interessierte, nach Ob- 
jektivität strebende, voraussetzungslose und 
gewissenhafte Kritiker so wichtige Gebiete 
der psychoanalytischen Lehre (z. B. die der 
infantilen Sexualität und der Libido- 
entwicklung) ganz ignoriert und in 
der Kenntnis der psychoanalytischen 
Forschung bei einem bestimmten Zeit- 
punkt stehen geblieben ist (in bezug 
auf die Therapie sogar bei dem Zeit- 
punkt vor dem Aufgeben der psycho- 
kathartischen Lehre zugunsten der eigent- 
lichen psychoanalytischen, also vor etwa 
einem Vierteljahrhundert). 

Schließlich sei hier noch festgestellt, 
daß der Verfasser der referierten Ab- 
handlung (Dr. phil., Verfasser mehrerer 
erkenntnistheoretischer Werke, zuletzt 
„Die Grundfiktionen der Biologie" 1920, 
die „Philosophie am Scheidewege" 1922, 
„Leib und Seele" 1925) nicht identisch 
ist mit Prof. Dr. med. J. H. Schultz 
(Chefarzt am „Weißen Hirsch", Verfasser 
von „Die seelische Krankenbehandlung", 
referiert in „Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse", VI, S. 175, und der vor 
kurzem erschienenen Schriften „Hypnose 
und Suggestion", „Nervosität und erbliche 
Belastung", „Taschenbuch der psycho- 
therapeutischen Technik", „Die Schick- 
salsstunde der Psychotherapie", die eben- 
falls in der „Internationalen Zeitschrift 
für Psychoanalyse", besprochen werden). 

A. J. Storfer. 



i8 + 



Kritiken und Referate 



OSWALD SCHWARZ: Die Sinnfind 
Denkens. Klinische Wochenschrift, II. 

Ein fesselnd geschriebenes und mu- 
tiges Bekenntnis zum Vitalismus, das auf 
philosophisch hohem Niveau steht und 
wegen der in ihm enthaltenen prinzipiellen 
Einreihung der Psychoanalyse in eine all- 
gemeine vitalistisch-biologische Betrach- 
tungsweise den Psychoanalytiker auch 
dann interessieren muß, wenn er über 
die Beziehung des kausalen zum sinn- 
vollen Zusammenhang grundsätzlich an- 
ders denkt. 

Die Kategorie des „Sinnes" ist für 
Schwarz eine von der Kausalität durch- 
aus verschiedene, die nur bei Be- 
trachtung von Geformtem (Organischem) 
in Betracht kommt. „Sinn" ist dann das, 
was die Beziehungen des Ganzen zu 
seinen Teilen regelt, Sinn ist „die Spie- 
gelung der Struktur (des Geformten) im 
Bewußtsein des Beschauers". Die Sinn- 
haftigkeit eines Organismus ist imma- 
nent, „autolog", das heißt, der Organis- 
mus ist fähig, durch Aktionen seine Sinn- 
haftigkeit zu bewahren und auszudrücken. 
„Irrationalität", „nicht kausal geregelt" 
ist also nicht gleichbedeutend mit regel- 
los, es gibt noch andere regelmäßige, 
durch Wissenschaft erforschbare Zusam- 
menhänge als kausale, nämlich sinnvolle. 
Es ist also ein Irrtum, wenn man mit 
der Erkenntnis der Differenz von Kau- 
salität und Sinnhaftigkeit auch schon er- 



ung als Kategorie des ärztlichen 
Jahrg., Heft 24. 

kannt zu haben vermeint, daß man sich letz- 
terer nur mit Intuition, mit Liebe nähern 
könne (Allers und andere). Zu suchen 
sind vielmehr das Irrationale rationali- 
sierende Methoden. Eine solche gegeben 
zu haben, ist das große Verdienst der 
Psychoanalyse, die in verschiedensten 
psychischen Gebilden einen Sinn aufdeckt 
und systematisch erforscht. Es ist klar, 
daß solchem Standpunkt die energetische 
(dynamische, also kausale) Auffassung des 
Seelenlebens eine „konstruktive Schwäche" 
der Psychoanalyse erscheint und Adler, 
der weit mehr die Finalität als die 
Kausalität in die Betrachtung zieht, als 
„Weiterentwicklung" derselben; bei sol- 
cher rein philosophischen bzw. methodo- 
logischen Beurteilung soll aber — wie 
Schwarz ausdrücklich feststellt — über 
Zweckmäßigkeit, und Richtigkeit der Sy- 
steme nichts ausgesagt werden. Jedenfalls 
besteht auch nach Schwarz kein prinzi- 
pieller Unterschied zwischen somatischer 
und psychischer Medizin: „Nicht auf die 
Feststellung einer Herzneurose kommt es 
an, sondern, wer sie hat." 

Trotz mancher erkenntniskritischer 
Einwände, die sich bei der Lektüre ein- 
stellen, verdienen die präzisen Gedanken- 
gänge und Formulierungen Schwarz' 
durchaus Anerkennung. 

Dr. O. Fenichcl (Berlin). 



RÜLF: Das Problem des Unbew 

Nacli einer weitausgreifenden Einlei- 
tung, die erst die prinzipielle Berechti- 
gung der Annahme eines psychischen Un- 
bewußten nachweist, sodann ausführlich 
im einzelnen die Wirksamkeit eines 
solchen Unbewußten in normalen und 
pathologischen psychischen Phänomenen 
zu zeigen versucht, wobei die Ergebnisse 



ußten. Arch. f. Psychiatr. 68, 3/5. 

der Psychoanalyse unberücksichtigt blei- 
ben, trägt Autor eine phantastisch an- 
mutende Theorie des Unbewußten vor. 

Als Beweis der Beteiligung des Unbe- 
wußten am Zustandekommen einer Wahr- 
nehmung etwa gelten die Tatsachen, daß 
nicht bewußt aufgenommene Wahr- 
nehmungsbestandteile nachträglich be- 



Kritiken und Referate 



18s 



wüßt werden können, und daß in jeder 
Wahrnehmung — unbewußt — Residuen 
früherer Wahrnehmungen vorausgesetzt 
werden müssen. Als pathologische Phäno- 
mene mit Beteiligung des Unbewußten 
werden der posthypnotische Auftrag und 
vor allem die Hysterie besprochen. Be- 
züglich dieser steht Autor auf einem 
ähnlichen Standpunkt wie Breuer und 
Freud in den „Studien über Hysterie"; 
ihm ist die egozentrische Einstellung der 
Ncurotiker die „gegebene Grundlage für 
die Abspaltung stark affekterregender 
Ereignisse"; demgemäß ist die indizierte 
Therapie die Bewußtmachung des „Ein- 
geklemmten", die angeblich auch ohne 
Hypnose und ohne Psychoanalyse durch 
„körperliche und seelische Beruhigung" 
möglich ist. Bezüglich motorischer Sym- 
ptome, wie Tic, Tremor, glaubt aber 
Autor, obwohl er sie für psychogen 
hält, es „nicht nötig zu haben, zur Er- 
klärung jedesmal einen komplizierten seeli- 
schen Mechanismus mit Verdrängungen, 
Komplexwirkungen u. dgl. in Bewegung 
zu setzen." Man sieht, daü Rülf, ob- 
wohl er den Hauptteil seiner Arbeit 
auf Polemiken gegen Kretschmer, Forster 
und andere Autoren verwendet, die in 
der Erklärung der Hysterie ohne Unbe- 
wußtes auskommen zu können glauben, 
dennoch für die Dynamik im Seelenleben 
und damit für Charakter und Gewalt des 
Verdrängten kein Verständnis hat. 

Demgemäß ist auch seine zum Schluß 
gebotene, früher als „phantastisch" be- 
zeichnete Theorie rein spekulativ. Sie be- 



sagt ungefähr folgendes: Das Gefühl ist 
der Mittler zwischen Bewußtsein und Un- 
bewußtem. Jedem Gefühl ist im Keim ein 
Vorstellungsinhalt immanent. Häufig treten 
nun Gefühle im Bewußtsein auf, ohne 
daß gleichzeitig die zugehörige Vor- 
stellung ins Bewußtsein käme. Diese den 
Gefühlen zugehörigen, selbst nicht be- 
wußten Vorstellungen sollen nun das Un- 
bewußte ausmachen. Da diese unbewußten 
Vorstellungen im Grunde aber in den 
bewußten Gefühlen implizite enthalten 
sind, gibt es doch eigentlich nichts Un- 
bewußtes. „Im Gefühl ruhen uns unbe- 
wußt unsere Vorstellungen und Wollun- 
gen in der oben dargestellten Form. Erst 
wenn diese sich aus jenen hervorgear- 
beitet haben, erkennen wir klar Ziel und 
Inhalt unseres Strebens." Rülf hält die Vor- 
stellungen und Wollungen phylo- wie onto- 
genetisch für Abkömmlinge der Gefühle. 

So kommt Rülf, nachdem er so viel 
Mühe auf den Beweis des Unbewußten 
verwendet hat, zum Schluß doch wieder 
zur Leugnung dieser folgenschweren An- 
nahme. Es ist dies derselbe Widerspruch, 
der sich bei Rülf schon bei Besprechung 
des Tic gezeigt hat. 

So erfreulich es ist, daß in letzter 
Zeit in psychiatrischen Kreisen die Dis- 
kussion über das Unbewußte so lebhaft 
geworden ist, so meinen wir doch, daß 
diese Diskussion für Psychiatrie und Psy- 
chologie so lange nichts Ersprießliches 
ergeben wird, so lange sie sich in der 
spekulativen Art der Arbeit Rülfs abspielt. 
Dr. O. Fenichel (Berlin). 



Professor HANS DRIESCH: Bewußtsein und Unterbewußtsein. 
Deutsche medizinische Wochenschrift Jahrg. 48, Heft 57, 1922. 

Die Annahme des unbewußten Seeli- das eine gewichtige Zustimmung zur Lehre 

sehen ist für Driesch nicht mehr vom Unbewußten. „Psychologie treiben 

Gegenstand der Diskussion; von dem heißt geradezu, das bewußt Erlebte durch 

hervorragenden Autor ausgesprochen, ist Unbewußtes vervollständigen." Mit der 



1 86 



Kritiken und Referate 



von Descartes stammenden Bewnßt- 
Seinspsychologie ist endgültig gebrochen. 
„Durch nichts kann die Lehre vom Seeli- 
schen so bereichert werden, als durch 
genaue Beobachtung gerade solcher Fälle, 
welche es zwar selten gibt, aber docli 
geben kann." Der Autor begründet die 
Notwendigkeit, außer dem Begriffe des 

Dr. ROBERT BÜCHI: Zur Psycholo 
Heft 8-11. Verlag Bircher. Bern 1922. 

In dieser Abhandlung werden die 
Lehren Freuds zusammen mit den Auf- 
fassungen von Adler, Jung, Ribot, 
Iwan Bloch, Moll, H. Ellis, Bain 
zusammengeworfen. Ohne eine kritische 
Stellung gegen die verschiedenen Autoren 
einzunehmen, akzeptiert Verfasser eigent- 
lich — alle. Daß aus solchen „Kompro- 
missen" keine klare und einheitliche 
Triebpsychologie aufgebaut werden kann 
beweist diese Arbeit. Dazu kommt, daß 
Verfasser von der Trieblehre Freuds 
nur die „Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie" zu kennen scheint, was die 
Mangelhaftigkeit der Ausführungen ganz 
bedeutend vergrößert. 

Verfasser will hauptsächlich das gegen- 
seitige Auswirken von Sexual- und Selbst- 
erhaltungstrieb darstellen, das vernach- 
lässigt zu haben er den Freud sehen 
Lehren zu Unrecht vorwirft. Dann beginnt 
er mit seinen Anleihen bei den schon ge- 
nannten Autoren, kommt dabei in Details, 
die den Zusammenhang oft vermissen 
lassen, geht aber nirgends so tief, daO 
er dabei auf Widersprüche stoßen könnte. 
So werden die zwei Triebkategorien der 
Selbsterhaltung und der Arterhaltung 
(nach Ribot) behandelt. Der „Horden- 
trieb" wird als Phänomen der gegen- 
seitigen und allgemeinen Anziehung 
^„Sympathie" nach Ribot) und als 
Synthese der beiden Urtriebe dargestellt. 
Bei der Behandlung des Geschlechtstriebes 



Unbewußten auch die des „Unter- und 
Nebenbewußten" anzunehmen. Das sind 
aber nur Bezeichnungen, die nichts er- 
klären und keinen Fortschritt gegenüber 
der von Driesch kaum erwähnten 
psychoanalytischen Nomenklatur und Pro- 
blemstellung bedeuten. 

Dr. P. Federn (Wien). 

ne der Triebe. Natur und Mensch. 

folgt Verfasser zunächst Iwan Bloch, 
um ihn dann mit Ribot als angeborene 
motorische Reaktion auf einen äußeren 
oder inneren Reiz zu definieren. Mit 
Moll wird er dann in Tumeszenz- und 
Kontrektationstrieb, oder nach H. Ellis 
in Tumeszenz- und Detumeszenztrieb 
zerlegt. Schließlich wird auf die Bedeu- 
tung der erogenen Zonen (nach Freuds 
„Abhandlungen") hingewiesen. Es folgt 
eine Besprechung der Bisexualität (im 
Sinne I.Bloch s). Daraus wird eine sexuell- 
neutrale (!) Anziehung abgeleitet, der die 
sozialen Institutionen ihre Entstehung ver- 
danken sollen. Anderseits spricht Verfasser 
auch wieder von Sublimierung. 

Wir wollen es an diesen Beispielen 
genügen lassen, um die Art und Weise 
zu zeigen, mit der Verfasser den Stoff 
abhandelt. Alles und nichts zugleich neben 
unhaltbaren Behauptungen. Dies wird 
noch krasser in den Abschnitten, wo 
die eigentliche „Trieblchre" abgehandelt 
wird. 

Der Autor sieht im Organismus ein 
Kräftereservoir, in dem die beiden Grund- 
triebe die Kräfte den verschiedenen 
Organen zuleiten. Die beiden'Grundtriebe 
stehen nach seiner Auffassung in stetem 
Gegensatz zueinander. Obwohl ein Aus- 
gleich möglich sei, so sei ein Mißlingen 
doch häufiger und die Folge davon sei 
„dauernde soziale Unzulänglichkeit". 
Glücklicherweise ist die Welt nicht so, 



Kritiken und Referate 



187 



wie Herr Büchi sie uns schildert. Auch 
mit der Organminderwertigkeitstheorie 
Adlers, die der Autor nun anführt, 
kann er uns seine unglaublichen Behaup- 
tungen nicht plausibler machen. Schließ- 
lich rettet sich Verfasser noch zu Jung, 
erklärt Neurose und Psychose als Ent- 
zweiung mit sich selbst, als mißlungenen 
Ausgleich im Kampfe der Urtriebe, in 
dem der sublimierte Sexualtrieb den 
Selbsterhaltungstrieb an einer einseitigen 
Auswirkung zu hindern sucht. 

W. TACOBI (Jena): Über die Bedeu 
logischer Forschungsrichtung in 
Jahrgang 18, Heft 42. 

Allgemeine und philosophische Aus- 
führungen über die Berechtigung der 
Psychoanalyse, die er eine Methode der 
Einfühlung und künstlerischen Erfassung 
des individuellen Menschen nennt und als 
der Metaphysik nahestehend bezeichnet.Die 
Arbeit verrät wenig Kenntnis der Werke 
Freuds und vertritt keine eigene An- 
sicht, die Zustimmung oder Widerlegung 
verdienen würde. Zwischen vagen theo- 
retischen Ausführungen findet sich eine 
dezidierte Verwerfung der psychoana- 
lytischen Ambulatorien und der Laien- 



Verfasser verspricht uns, „in einer 
besonderen Studie" diese mehr vorläufigen 
Mitteilungen noch näher auszuführen und 
zu begründen. Dazu müßte der Autor 
sein, wie es uns dünkt, etwas oberfläch- 
liches Schein- und Vielwissen durch 
gründlichere Studien ersetzen, nicht aus 
allen Richtungen widerspruchsvolles Stück- 
werk zusammentragen, wie in vorliegen- 
der Arbeit, die namentlich an diesem 
Umstand gescheitert ist. 

Dr. E. Blum (Bern). 

tung extrem eingestellter psycho- 
der Psychiatrie. Medizinische Klinik, 

analyse. Obgleich er als Schüler Windel- 
bands die Einteilung in Geistes- und 
Naturwissenschaften ablehnt, nimmt er 
später zur Lehre vom Unbewußten fol- 
gende Stellung ein: diese Art der Psycho- 
logie (d. h. die der Dichter, Seelsorger, 
Künstler und Psychoanalytiker) bedarf 
dieser besonderen Methodik, „die mit dem 
rational nicht faßbaren Begriff des Unbe- 
wußten arbeitet, und meines Erachtens 
auch arbeiten darf, der für die naturwissen- 
schaftliche Psychologie stets unannehmbar 
sein muß". Dr. P. Federn (Wien). 



OSWALD BUMKE: Psychologische Vorlesungen. Bergmann, München 



1925- 

Das Buch bietet an Kritik der Psycho- 
analyse in inhaltlicher und formaler Hin- 
sicht nichts Neues. Es gibt kein Unbe- 
wußtes, die „Logik" der Psychoanalytiker 
stehe der der Anthroposophen und Yogis 
nahe, man müsse sich „scheuen, die 
höchsten Kunstwerke sowohl wie die 
zartesten menschlichen Verhältnisse mit 
der groben Vereinigung der Geschlechter 
so in einem Atemzuge zu nennen, wie 
es Freud und seine Anhänger bis heute 
immer noch tun". Der Autor läßt nur 



die Psychologie des Alltagslebens, die 
Lehre vom Versprechen und „bis zu 
einem gewissen Grade" auch die von 
der Verdrängung gelten und gibt, da 
„die Ehrlichkeit es erfordert", zu, .daß 
seine eigenen Anschauungen vom Dua- 
lismus der Seele (dieses Wort übrigens 
völlig mißverständlich gebraucht) „erst 
durch Freuds Ansturm gegen frühere, 
allzu primitive psychologische Anschauun- 
gen vorbereitet worden sind". 

Dr. W. Reich (Wien). 



i88 



Kritiken und Referate 



Dr. JOSEF GEYSER: Abriß der all 
Westfalen, H. Schöningh, 1922. 

Geyser — bekannt durch seine 
Arbeiten über die Denkpsychologie und 
durch sein größer angelegtes Lehrbuch 
der allgemeinen Psychologie — huldigt 
ganz ausgesprochen der alten scholasti- 
schen Richtung: Aristoteles, Augustinus, 
Thomas v. Aquin gelten ihm als Weg- 
weiser. Dabei bieten seine Auffassungen 
eine Fundgrube von primitiven Rand- 
bevorzugungen, wie Referent das 
Stehenbleiben bei Extremen und das 
Suchen nach den Rändern genannt hat: 
der Mensch ist natürlich das vollständigste 
Geschöpf auf Erden, er besitzt — nicht 
aber das Tier — einen Geist. Natürlich 
muß Geyser sich viel mit Gott, mit dem 
höchsten Gute, mit Ursprung und End- 
schicksal der Seele (selbstverständlich ist 
nur die menschliche Seele unsterblich) 
beschäftigen. Er kennt nur rationale und 
moralische Gründe, aber keine anthropo- 
logisch - e n t w i c k 1 u n g s g c s c h i c h t- 
li chen Zusammenhänge im Inhalte dieser 
Ideen, obzwar Geyser sonst mit dem 



gemeinen Psychologie. Münster in 

Entwicklungsgedanken in gutem Ein- 
vernehmen zu sein scheint („die seelischen 
Vorgänge unserer Affekte, Willens- und 
Denkakte usw. . . . sind etwas, das sich in 
einer gewissen Zeitspanne in »ins ent- 
wickelt ..." — S. 15). 

Geyser ist der Assoziationspsycho- 
logie feindlich gesinnt. Die Hauptgedanken, 
welche seine ganze Psychologie durch- 
wehen, sind die „Einheit unseres 
Ichs" und die „Intentionali tat" (d.h. 
inneres Gerichtetsein auf ein Objekt) als 
allgemeinste Natur des Bewußtseins. 
Einzelne Kapitel sind lehrreich, besonders 
dasjenige, welches über die Begriffe 
handelt; meistens findet man aber nichts 
anderes als Klassifikationen \ind De- 
finitionen. Auch trifft man viele Un- 
klarheiten an, so wird vom „unbewußten" 
Seelenleben öfters gesprochen, ohne un- 
zweideutig auszusagen, was darunter zu 
verstehen sei. Von psa. Erkenntnissen 
nirgends eine Spur. 

Dr. I. Hermann (Budapest). 



Dr. KWA NYONG LEE (Korea): 
des Bewußtseins. Manns Pädagog. 
& Söhne, 1922. 

Verfasser wird einerseits durch die 
Auslegung von experimentellen Aussagen 
(richtiger systematischer Selbstbeobach- 
tungen), anderseits durch die Th. Lipps- 
sche Auffassung des Strebens als Grund- 
tatsache des Ichs und die G. P. Lipps- 
sche Definition des Wollens zur Ansicht 
geführt, „das Wollen« sei „nichts anderes 
als das Bewußtwerden des eigenen Wir- 
kens, das in dem Hervorgehen eines 
Lebenszustandes aus dem ihn begründen- 
den Lebenszustande besteht". Jedes Wir- 
ken sei letzten Endes von Instinkten und 



Das Wollen als Grundtatsache 
Magazin, Heft 869. Langensalza, Beyer 

Gewöhnungen ableitbar, „so daß der 
letzte Grund alles Wollens und Handelns 
in diesen entfernten Wirkungsweisen zu 
suchen" sei; als äußerst wichtig sollen 
auch die ersten Erlebnisse gelten. 

Wir hätten gegen diese klar und 
fesselnd geschriebenen Ausführungen 
folgende Haupteinwände: 1) Achs — 
der psychoanalytischen Auffassung über 
die Leitung der Assoziationen so nahe 
stehende „determinierende Tendenzen" 
— sind nicht genügend gewürdigt. 
2) Zwischen Lust- und Realitätsprinzip 



Kritiken und Referate 



189 



wird nicht unterschieden, was aber in nur der topische Gesichtspunkt die wahre 
einer Psychologie des Wollens imum- Natur des — in fremde Systeme ein- 
gänglich notwendig wäre. 5) Die ver- greifenden — Wollens (und der ihm in 
schiedenen psychischen Systeme (Ubw, den unbewußten Systemen ablaufenden 
Fbw,Bw, Ich-System) werden nicht genannt verwandten Erscheinungen) aufdecken 
und nicht auseinandergehalten, obzwar konnte. Dr. I. Hermann. 



Dr. MARIE BEYME: Die stroboskopischen Erscheinungen. Eine 
experimentell-psychologische Untersuchung. Manns Pädagog. Magazin, Heft 8«ä. 
Langensalza, Beyer & Söhne. 1922. 



Die Einleitimg gibt eine kurze, gute 
Übersicht über die neueren Theorien der 
stroboskopischen Erscheinungen ; P i k 1 e r s 
Theorie bleibt unerwähnt. Dann folgen 
eigene Versuche, in deren Bearbeitung 



läge des Bewegungsehens selbst in Be- 
ziehungsetzungen. Verfasserin beruft sich 
auch auf Menschen der Stufe der 
Mythenbildung, auf welcher Stufe „ein 
Gegenstand, der sich bewegt, ein mit 



als Leitmotiv der Gedanke dient, daß wir Leben begabter" sei; auf diejenige 
eine psychologisch fundierte Theorie Stufe, wo alles belebt und deswegen 



benötigen und uns mit physiologischen 
Erklärungen (Marbe, Dürr, Wert- 
heim er, Koffka) nicht geholfen sei. 
Die Verfasserin sieht das Wesen des Be- 
wußtseins in „Beziehungsetzungen" 
(z. B. Verschiedenheit, Gleichheit des 
genseitigen Abstandes); so findet sie 
auch folgerichtig die Ursache der strobo- 
skopischen Erscheinungen und die Grund- 



den Gegenständen die Möglichkeit der 
Bewegung zuerkannt wird, verweist sie 
aber nicht (animisti s che Phase des 
Wirklichkeitssinnes — Ferenczi) — 
mit Heranziehung welcher aber Refe- 
rent die stroboskopischen Erscheinun- 
gen psychologisch-analytisch zu erklären 

glaubt. 

Dr. I. Hermann. 



Dr. KARL ASMUS: Ein Beitrag zur Lehre von der Entwicklung der 

optischen Raumauffassung und des optischen Rauingedächtnisses 

bei Schulkindern. Manns Pädagog. Magazin, Heft 881. Langensalza, Beyer 

& Söhne, 1922. 

Von Interesse sind die verschiedenen Linien, zur Auffassung unsymmetrischer 
zur Entfaltung gelangenden Tendenzen, Figuren als symmetrischer. 

wie „Tendenz zur Regularisierung", zur „ T lr 

kt' „• ir ui • Dr - L Hermann. 

„Nivelherung , zur Verkleinerung von 



ISAAK SPIELREIN: Über schwer zu merkende Zahlen und Rechen- 
aufgaben. Zeitschr. f. angew. Psychol.. Bd. 14, Heft 5 u. 4, 1919. 

In den experimentellen Arbeiten der und zwar die einfachsten Rechenformeln 

letzten zwei Dezennien wird von mehreren — typischer Weise verschieden große 

Seiten darauf hingewiesen, daß bestimmte, Schwierigkeit bereiten, sowie daß die 

sonst ganz ähnliche Rechenaufgaben — einzelnen Zahlen verschieden schwer zu 



igo 



Kritiken und Referate 



memorieren sind. Nach Spielrein sind 
diejenigen Rechenaufgaben die schwieri- 
geren, bei welchen eine der „großen 
Zahlen" (6—9) oder die Zahl „3" oder 
„7" vorkommt; dieselben Zahlen lassen 
sich aber auch schwerer merken. Spiel- 
rein will nun diese zwei Tatsachen 
durch die Annahme der Unlustbctont- 
heit der schwierigeren Zahlen zusammen- 
fassend erklären. Die Unlustbetontheit 
selbst stamme aus Gründen, die im 
Rechnen liegen; die schwierigeren Zah- 
len seien nämlich diejenigen, welche 
beim Erlernen der Rechenformeln die 
größten Schwierigkeiten zu überwinden 
haben. 



Das Vorhandensein der Unlustbetont- 
heit der schwierigeren Zahlen will Spiel- 
rein durch die Reaktionsmethode und 
durch fortlaufendes Niederschreiben ein- 
stelliger Zahlen nachweisen (bei der 
letzteren Methode wird auf Freud hin- 
gewiesen, bei der früheren auf Jung). 
Die Experimente beweisen aber nur die 
Gefühlsbetontheit der Zahlen „5" und „7"; 
Spielrein zieht hier bezüglich der 
„großen Zahlen" Hilfshypothesen heran, 
anstatt anzunehmen, daß bereits das vor- 
schulpflichtige, des Rechnens unkundige 
Kind gefühlsbetonte Zahlen besitzt. Die 
Gefühlsbetontheit der Zahlen hat eben 
mehrere Quellen. Dr. I. Hermann. 



WILH. HE1NITZ: Untersuchungen über die Fehlleistungen beim 
Maschinenschreiben. Heft 16 der Schriften zur Psychologie der 
Berufseignung und des Wirtschaftslebens. J. Ambr. Barth. Leipzig 1921. 



Die narzißtische Einstellung der Ge- 
lehrten, die zur Folge hatte, daß nur 
das Objekt der psychologischen Unter- 
suchung sein könnte, was sich dem Ge- 
lehrten während seiner Betätigung als 
„Denker" aufdrängt, ist infolge des zur 
Realität zwingenden wirtschaftlichen 
Druckes zu Ende. Jeder Beruf birgt in 
sich zahlreiche psychologische Probleme, 
nicht nur der Beruf des „Denkers". Die 
vorliegende Arbeit bildet eine Vorunter- 
suchung teilweise zur Berufseignungs- 
prüfung von Maschinenschreibern, teil- 
weise zur eventuellen Reform der 
Tastatur der Schreibmaschinen. Es werden 
die Fehlleistungen von Anfängern unter- 
sucht, die Fehler statistisch ausgewertet, 
sowiebei einzelnen charakteristischen Feh- 



lern nacli ihren Ursachen geforscht. Finger- 
satz und Tastordnung, so erfahren wir, 
spielen bei den Fehlleistungen eine starke 
Rolle. Die ganze Arbeit wäre viel klarer, 
wenn die einzelnen Fingersätze ihrer 
möglichen Unlustwirkung nach — es ist 
von Anfängern die Rede — in eine Reihe 
gestellt und die Fehler dieser Reihe gegen- 
übergestellt worden wären. Daß Spreizung 
des Zeigefingers fehlerbegünstigend wirkt, 
ist ein Resultat der vorliegenden Unter- 
suchung. Ist aber, so fragen wir, diese 
Spreizung nicht unlustvoll? Wären diese 
Fehlleistungen auf das Unlustmotiv, wie 
vermutlich, zurückführbar, dann wären 
sie in die einheitliche Auffassung der 
Psychopathologie des Alltagslebens ein- 
gereiht. Dr. I. Hermann. 



Dr. CH. deMONTET: Die Grundprobleme der medizinischen Psycho- 
logie. Ernst Bircher. Bern 1922. 

Es war ein glücklicher Gedanke, ein Grundauffassung des Seelenlebens 
einführendes Buch über die medizinische geben will. Diese Grundauffassung wird 
Psychologie zu schreiben, das eine richtige hier darin zusammengefaßt, daß das Be- 



Kritiken und Referate 



«9 1 



wußtsein in durchgreifendem Lebenszu- 
sammenhang steht; jedes Denken und 
Handeln gehe aus dem ganzen Menschen 
hervor, was in einer Wahrnehmung auf- 
lebt, sei stets die gesamte Vergangenheit, 
Verstand und Gefühl seien wesensgleich. 
(Nebenbei soll bemerkt werden: dieses 
Suchen der Ganzzusammenhänge und Ver- 
nachlässigung der Teile ist eine Zeit- 
strömung, die in den Geisteswissenschaften 
sowie in den Naturwissenschaften verfolgt 
wird.) Die üblichen Kategorien der Psy- 
chologie, der Charakterologie und Neu- 
rosenlehre seien nur künstliche Verselb- 
ständigungen, wie auch Traum, Lüge, 
Zwangsgedanke, pathologisches Angst- 
gefühl Verselbständigungen seien. Die 
Therapie müsse diese Verselbständigungen 
mit Hilfe der Grundfunktionen des Be- 
wußtseins — Verknüpfung und Unter- 
scheidung — wieder in die Ganzheit 
einzuschmelzen suchen. 

Weniger glücklich ist die Art, wie vom 
Verfasser die Psychoanalyse einmal zur 
Unterstützung eigener Ansichten, ein 



andermal mit Vorwürfen beladen heran- 
gezogen wird. Verfasser scheint die Psycho- 
analyse nur als eine Methode zu kennen, 
welche hinter den manifesten die latenten 
Inhalte aufsucht (welcher Tendenz Ver- 
fasser zustimmt); von Übertragung, vom 
Unbewußten als psychischem System, 
von einer aktiven Therapie nimmt er 
keine Kenntnis. Die Behauptung, daß nicht 
jeder Fall zur psychoanalytischen Therapie 
geeignet sei, sondern die Gesamtlebens- 
umstände und Zusammenhänge bei der 
Indikationsstellung in Erwägungzu bringen 
sind, entspricht seit jeher den Ansichten 
Freuds. 

Verfasser will eine neue Methode des 
Beobachtern in die Neurosenlehre ein- 
führen, worin der Gesamtzusammenhang 
als Forschungsprinzip gelten und gegen- 
über der Einzelbeobachtung die Wahr- 
scheinlichkeitsbestimmung (hier Berufung 
auf Bleuler) mehr zu Worte kommen 
soll. Er verspricht die Anwendung dieser 
Methode in einer folgenden Arbeit dar- 
zustellen. Dr. I. Hermann. 



HANS HENNING: Der Geruch. Ein Handbuch für die Gebiete der Psycho- 
logie, Physiologie, Zoologie, Botanik, Chemie, Physik, Neurologie, Ethnologie, 
Sprachwissenschaft, Literatur, Ästhetik und Kulturgeschichte. J. Ambr. Barth. 
Leipzig 1924. 2. Aufl. 



Auf die besondere Wichtigkeit des 
Geruchsorgans bei Neurotikem hat vor 
vielen Jahren Freud (Bemerkungen über 
einen Fall von Zwangsneurose, 1909) auf- 
merksam gemacht, er hat gleichzeitig einen 
Vorschlag zum Verständnis der Rolle dieses 
beim Menschen verkümmerten Organs, 
dessen Funktionslust der Verdrängung an- 
heimgefallen ist, seinen Ausführungen 
hinzugefügt. Im vorliegenden Handbuch 
findet man viele Daten, eigene Unter- 
suchungen des Autors und fremde An- 
gaben zusammengewürfelt, es wird sogar, 
an Preyer anschließend, erwähnt, daß 



das Kind bis etwa zum dritten Jahre vor 
Kot, Urin keinen Ekel fühlt. Die ein- 
schlägigen Forschungen Freuds und 
seiner Schüler werden unerwähnt gelassen. 
Dessen ungeachtet wird vom Autor 
der Zusammenhang von Geruch und Sexu- 
alität offen anerkannt und es wird noch 
überdies die Sachlage so dargestellt, als 
ob der Verfasser ein gründlicher Kenner 
der Psychoanalyse wäre. Es heißt an einer 
Stelle: „An zahlreichen Beispielen sieht 
man leicht, daß Freud, Adler und Jung 
häufig nicht etwa infantile und andere 
Komplexe mit psychoanaly tischenund 



192 



Kritiken und Referate 



suggestiven Mitteln aus dem tiefsten Seelen- 
keller des Unterbewußten ans Tageslicht 
fördern, sondern daß einfach das alte 
Erlebnis eidetisch wiederkehrt . . . 
Das gilt auch für den Traum." (S. 297 
und Ähnliches auf S. 421.) Die letzter- 
wähnte Seite verkündet auch folgendes: 
„Über die mathematischen Fehler der 



sexuellen Zahlensymbolik von Fließ, 
Weininger und Svoboda, aus welcher 
die Psychoanalyse erwuchs, vgl. H. Hen- 
ning: Annalen der Naturphilosophie usw." 
Ich will aus diesen Stellen noch nicht 
auf eine durchgehende Unzuverlässig- 
keit des ganzen Handbuches schließen 
lassen. Dr. I. Hermann. 



OTTO LIPMANN und HELMUT BOGEN: Naive Physik. Arbeiten aus 
dem Institut für Angewandte Psychologie in Berlin. Joh. Ambr. Barth. 1925. 



Ein Dokument der Wendung in der 
Geschichte der Psychologie! Es werden 
Vorträge gehalten über Lebenswissen- 
schaft (Klages), Bücher geschrieben über 
die Beziehungen der Psychologie zum 
Leben (Tansleyl oder über Lebens- 
psychologie (Müller-Freienf eis"! und 
in dem vorliegenden Buche wird der 
Öffentlichkeit vorgehalten, daß sogar die 
experimentelle Psychologie die Ver- 
bindungsbrücken zu Lebensproblemen 
sucht. Es wurde zwar auch bisher von der 
experimentellen Psychologie angestrebt, 
Anwendungsmöglichkeiten auf Fragen aus 
dem Leben zu finden (Testprüfungen), 



doch waren die Begriffe dieser angewandten 
AVissenschaft viel zu theoretisch gehalten 
(z. B. Intclligenzbegriff von W. Stern). 
Hieif geben die Verfasser Untersuchungen, 
welche die praktische, auf das Hän- 
deln gerichtete Intelligenz entwicklungs- 
psychologisch erforschen wollen. In den 
praktischen Aufgaben wird sich die experi- 
mentelle Psychologie, so meinen wir, mit 
der Psychoanalyse sicher früher verstän- 
digen können, als in theoretischen Aus- 
einandersetzungen. Vorarbeiten von Ror- 
schach, Giese sind ja zu dieser Ver- 
ständigung bereits vorhanden. 

Dr. I. Hermann. 



Dr. phil. DIETRICH HEINRICH KERLER: Der Denker. Eine Heraus- 
forderung. H. Kerler. Ulm 1920. 



Der „Denker", der wahre Denker sei 
ein „Erlebnistypus", der in seiner reinsten 
Ausprägung noch niemals in Erscheinung 
getreten sei. Es soll sich beim Denker 
nicht um die Beweise und um die realen 
Gegenstände der Wahrheit, sondern nur 
um den Augenblick der Erkenntnis einer 
vom „Eros" ergriffenen Wahrheit, um die 
erosentsprungene Erkenntnis handeln, wo- 
bei „Eros" Ergriffensein, Glut bedeutet. 
Interessant sind die Beispiele zum Be- 
weise der Behauptung, daß die bisherigen 
großen Denker intellektuell — unbe- 
wußt — unredlich, „im entscheidenden 
Moment von jeglichem Scharfsinn total 



verlassen" seien, daß sie nur beweisen 
wollen, um recht zu behalten, und dem 
unphilosophischen Menschen ähneln, der 
„nach Freud für wahr hält, was er 
wünscht, dem wahr ist, was gefällt". Auch 
eine kurze Auseinandersetzung mit H. 
Blühers „Rolle der Erotik" ist vorzu- 
finden. Die Behauptungen des Autors, 
daß „dem Denker die Umsetzung der 
Erkenntnis in Tat gänzlich äußerlich und 
wesenslos", daß „einmal erschaut... 
ihm die Wahrheit entwertet" sei, 
sind nicht zu kritisieren, sondern 
zu analysieren. 

Dr. I. Hermann. 






Kritiken und Referate 



»93 



zwei 



Dr. RUDOLF EISLER: Psychologie im Umriß. Vierte, verbesserte Auflage. 
Verlag von Oskar Ziegler, Marktredwitz. 

Ein leichtverständlich gehaltener kurzer hier gerade im Rahmen der Wundt 
Umriß, hauptsächlich den Wundtschen Psychologie einer breiteren V K ^ 
Gedanken huldigend. Die Psychoanalyse erfreut, muß meiner Meinung h 
findet mehrfach Erwähnung, meistens mit 
Anerkennung (Determiniertheit „freistei- 
gender" Vorstellungen im Unterbewußten; 
Sublimierung ; Katharsis; erotische Fakto- 
ren im individuellen, sozialen, kulturellen 
Verhalten, in der Charakterbildung; sym- 
bolische Ersatzreaktionen; Verdrängung; 
die Rolle der aus der Kindheit stammenden 
Komplexe — „Vaterkomplex"; Bewußt- 
machung als Therapie; Wunscherfüllung 
im Traume — wenn auch nicht durchwegs). 
Der Umstand, daß die Psychoanalyse sich 



RICHARD MÜLLER -FREIENFELS: 
Verlag F. Meiner. Leipzig 1921. 

Unter den Methoden der Psychologie 
und der Psychotherapie hat zu allererst 
die Psychoanalyse die gründlichste Er- 
kenntnis der persönlichen Erlebnisse 
als Ziel hingestellt. Die Psychoanalyse 
war nicht durch Aufdeckimg von Krank- 
heitssymptomen und psychischen Normal- 
oder pathologischen Typen befriedigt, 
sondern sie versuchte die Gesamtindividu- 
alität zu erforschen. Jeder aber, der sich 
während der Krankenbehandlung diesem 
Ziele irgendwie näherte, konnte bemerken, 
daß er mit der größten Anstrengung nach 
Begriffen und Worten ringen mußte, durch 
die die mehr weniger vollständig erfaßte 
Individualität zu beschreiben wäre. 

Der Psychoanalytiker wird es also als 
natürlich empfinden, daß die „Individu- 
alität" für das Denken ganz besondere 
Probleme auf wirft. Müller-Freienfels 
ist im vorliegenden Werke dem Problem 
der Individualität von philosophischer Seite 
näher getreten. Er sieht in der Individu- 
alität (neben Substanz, Kraft und Form) 

Iraago XI. 



Lehren Wundts zugeschrieben werden 
das ist erstens die durchgehends volun- 
taristische Auffassung „ nd 2weitens die 
Apperzeptionslehre. Die erste Auf- 
fassung kann als eine sublimierte Trieb- 
lehre, die zweite als ein nicht klar aus- 
gearbeitetes Durcheinander vom „Ich- 
System" mit Zensur und von Systemen 
Bw — Vbw betrachtet werden. Einige ana- 
tomisch-physiologische Angaben müßten 
verbessert werden (z. B. Purkinjesches 
Phänomen). Dr. I. Hermann. 

Philosophie der Individualität. 

eine Denkkategorie, hinter welcher 
als reale Grundlage — als „Drittes« neben 
Materie und Seelischem — das Leben 
waltet. Wie das Leben, so sei auch die 
Individualität irrational, d.h. sie kenne 
die Sätze der rationalen Logik nicht: die 
Sätze der Identität (A = A), des Wider- 
spruchs (A kann nicht gleichzeitig B und 
Nicht-B sein), des zureichenden Grundes 
(Kausalität) verlieren hier ihre Gültigkeit. 
Die irrationale Individualität soll sieben 
verschiedene Erscheinungsweisen zeigen 
können, und zwar 1. das unmittelbar er- 
lebte Individualitätsbewußtsein, 2. die 
physische Erscheinungsweise, d. h. der 
Leib, 3. das psychische Substrat, d. h. die 
Seele, 4. der geistige Besitzstand, 5. das 
Innenbild als zusammenfassenden Begriff 
der eigenen Individualität, 6. das Außen- 
bild als Vorstellung anderer von unserer 
Individualität, endlich 7 . die Objektiva- 
tionen, d. h. objektive Leistungen. 

Die Irrationalität besage, daß Leben 
und Individualität sowie auch die auf- 



13 



194 



Kritiken und Referate 



gezählten Erscheinungsweisen nur als 
Werden erfaßt werden können. Allein 
die Kontinuität dieses Werdens soll den 
Glauben an die angebliche Identität — 
die „Einheit der Seele" der älteren 
Psychologen — aufrechterhalten. Die 
„Einheit" stelle sich dem seelischen Ge- 
schehen nur als Ziel hin, wie das auch 
durch einen Hinweis auf das Verdrän- 
gungsphänomen der Psychoanalyse be- 
wiesen wird. Das irrationale Werden 
soll durch den Prozeß der Rationali- 
sierung mechanisiert, erstarrt werden, 
durch einen Prozeß, welcher relativ ab- 
grenzbare, einheitliche, feste, zweckdien- 
liche Gebilde emporsteigen läßt (etwa 
die sekundäre Bearbeitung der Psycho- 
analyse). Die Rationalisierung habe eine 
Tendenz aller Lebensvorgänge zur Grund- 
lage, „sich zu wiederholen, soweit es 
sich für das Subjekt des Lebens als 
nützlich erweist". 

Irrationalsoll auch das Werterlebnis 
sein, welches letzten Endes auf Bedürf- 
nisse — doch keinesfalls auf abso- 
lute Normen — zurückführbar sei. 



Müller-Freienfels' Geistesrichtung 
ist — indem er die Welt als Geschehen 
betrachtet, wo eine außer-mechanistische 
Kausalität waltet — vitalistisch und 
mit seinem Prinzip „Anfangs war die 
Individualität" individualistisch ge- 
richtet. Viele Gedanken knüpfen an W. 
Stern und L. Klage s an; erwähnt sei 
auch, daß die „Entwicklung" bereits von 
H. Hoff ding zu den Denkkategorien 
gezählt wurde. Auch zur psychoanalyti- 
schen Auffassung führen Stellen, wie z. B. 
„Das Verfahren, das das Einheits-Ich an- 
wendet, nm die unmittelbaren Regungen 
zu unterdrücken, ist das einer Zensur, in- 
dem es den aufsteigenden, widerstrebenden 
Trieb durch entgegenstrebende zu ver- 
drängen sucht." Der Auffassung Freuds 
von Lebens- und Todestrieben tritt der 
Standpunkt von M üll er- Fr ei enf eis 
nahe, nach dem wir sterben, indem wir 
leben, und leben, indem wir sterben. 

Wenn auch das ganze Buch etwas zu 
allgemein gehalten ist, wird seine Lektüre 
auch den der Philosophie Fernerstehenden 
Freude bereiten. Dr. I. Hermann. 



HANS APFELBACH: Das Denkgefühl. Eine Untersuchung über den emotio- 
nalen Charakter der Denkprozesse. Wilhelm Braumüller. Wien und Leipzig 1922. 



Verfassers Absicht ist es, eine einheit- 
liche Theorie der psychischen Prozesse 
herauszuarbeiten; dabei findet er als Kern- 
begriff den des Gefühls. Selbst das 
Denken ohne Worte — die Worte seien 
nur Symbole des Gemeinten — soll nichts 
anderes als ein Gefühl (sc. ein Denk- 
gefühl) sein. Verfasser scheint dabei selbst 
die schrankenlose Verallgemeinerung zu 



spüren, da er im Vorworte nur davon 
spricht, „das rein emotionale Element der 
Denkprozesse" (sc. das Denkgefühl) be- 
leuchtet zu haben. Die etwas mangel- 
hafte Sachkenntnis wird dadurch, daß die 
Psychoanalyse öfters erwähnt ist (Ver- 
drängung, Katharsis, Gefühlsübertragung, 
,,Unter"-Bewußtsein) nicht verdeckt. 

Dr. I. Hermann. 



Dr. LUDWIG KLAGES: Vom Wesen des Bewußtseins. Aus einer lebens- 
wissenschaftlichen Vorlesung. J. Ambr. Barth. Leipzig 1921. 

Die entschieden geistreich, mit einem nisse, das soll heißen ursächliche Zu- 
ganz besonderen Schwünge geschriebenen sammenhänge nach Forderung der Wissen- 
Ausführungen wollen uns keine Kennt- Schaft, sondern Erkenntnisse übermitteln, 



Kritiken und Referate 



195 



d.h. den Sinn, das Wesen, den Wahrheits- 
gehalt einiger Symbole wie Geist, Seele, 
Erleben, Ding erleben lassen. In dieser 
Weise soll eine Theorie des Bewußtseins, 
d. h. eine Erkenn tnis Wissenschaft 
aufgebaut werden. 

Das Ding besitzt also keine bewußt- 
seinsunabhängige Wirklichkeit, es ist 
nichts anderes, als die Projektion des 
Ichs in der Wirklichkeit (K. beruft sich 
hier auf Nietzsche). Der Auffassungsakt 
des Dinges ist art-, zeit- und raumlos, 
er ist die bloß zählbare Tat. Die Einheit, 
die Zahl, das Zählen ist ein rein geistiges 
Erzeugnis, nicht so die Arteigenschaften, 
die Stetigkeit, die Raumzeitlichkeit sinn- 
licher Erlebnisse: diese sind außergeistig, 
unbegreiflich. Der Geist ist gezwungen, 
alles zu verdinglichen und so muß auch 
das Ich handeln, welches die Manifestation 
des Geistes im Leben darstellt; dabei ist 
das Ich auch ein Ding und doch wirklich. 
Das Ich wird gedacht und erlebt. In der 
Wirklichkeit des Geschehens muß sich 
das Ich gegen jede Gefahr behaupten; 
die in die Dinge projizierte Selbstbehaup- 
tung des Ichs wird „Ursache" genannt. 

Die Seele ist dasjenige, was Erleben 
ermöglicht; sie hängt mit dem Körper im 
Verhältnisse von Sinn und Erscheinung, 
Zeichen und Bezeichnetem zusammen. 
Jede Erscheinung muß demnach Sinn 
haben, d. h. beseelt sein, also dem früher 



Gesagten entsprechend, muß behauptet 
werden, daß nicht die Dinge, sondern die 
Bilder beseelt sind. Der Auffassungs- 
akt, welcher zu Dingen führt, ist wesentlich 
verschieden von demjenigen, welcher Bil- 
der als Wesen, als Seelen emporsteigen 
läßt; der erstere Akt ist das Empfinden, 
der letztere das Schauen. Im Traume 
wird geschaut. Der Raum wird geschaut, 
die Stärkegrade der Sinnesdaten empfun- 
den; jede Empfindung ist nichts anderes 
als Tasten ; Tasten aber setzt Selbstbeweg- 
lichkeit voraus, weshalb nur triebhafte 
Wesen, nicht aber Pflanzen empfinden. 

Der Geist, als Anlage zur Besinnung, 
verdrängt die Seele, das schaffende Wir- 
ken und ersetzt sie mit dem Dinge und 
mit der Tat. Im Schicksale greifen je- 
doch noch immer die dämonischen Seelen 
ins Reich der Dinge, des mechanischen 
Ablaufens, ein. — Erlebtes und Erlebnis 
stehen in polarem Gegenseitigkeitsverhält- 
nis, sie müssen ursprünglich verschmolzen 
und danach erst entfremdet worden 
sein. In diesen polaren Gegensatz greift 
nun das Bewußtsein ein, erst als Sach-, 
dann als Selbst-, endlich als Beziehungs- 
bewußtsein. Ich meine, es wird zu wenig 
auf Bergs 011 verwiesen; einmal wo es 
doch geschieht (Auffassung der Intensität 
der Sinne als Raumdaten), sollte eher 
Brentanos Name erwähnt werden. 

Dr. I. Hermann. 



JOSE INGENIEROS: Prinzipien der biologischen Psychologie. Autori- 
sierte Übersetzung aus dem Spanischen von J. Reinking. Mit einer Einführung 
von W. Ostwald. Verlag Felix Meiner. Leipzig 1922. 



Ein klar geschriebenes, lesenswertes 
Buch! Leider ist dem Verfasser entgangen, 
daß es eine neue naturwissenschaft- 
liche Seelenforschung, die Psychoanalyse, 
gibt, deren Grundrichtung eine geneti- 
sche ist, welche das Psychische mit Be- 
wußtem nicht gleichsetzt, eine Richtung, 



die von jeher die Parallelität der psy- 
chischen Entwicklung mit der organischen 
behauptet hat und es mit der energeti- 
schen Auffassung der Lebensprozesse 
ernst nimmt. Was also Verfasser oft theo- 
retisch ableitet, hätte er am Beispiele der 
Psychoanalyse demonstrieren können. — 



'3- 



ig6 



Kritiken und Referate 



Das Buch läuft in ein monistisches Ingenieros lauten: „Weder Wundt noch 

Glaubensbekenntnis aus. Die kurze Formel Bergson", d. h. weder Experimentahsmus 

der methodischen Anforderung gegenüber und Parallelismus, noch Intu.tion.smus 

der biologischen Psychologie soll nach und Pragmatismus. Dr. I. Hermann. 

Dr. JOH. WITTMANN: Über das Sehen von Scheinbewegungen und 
Scheinkörpern. Beiträge zur Grundlegung einer analytischen Psychologie. 
Joh. Ambr. Barth. Leipzig 1921. 

Interessiert denn auch diese, in einer der verschiedensten Formen bei Figuren 
weltfremden Werkstätte der experimen- nur nach einer gewissen Anstrengung, 
teilen Psychologie entstandene Arbeit den nach Niederkämpfen der Angewöhnung, 
Psychoanalytiker? Was geht es die Psycho- der Voreingenommenheit gelingen wollen, 
analvse an, daß es viele Arten von Schein- Ist das Ich noch frei von dieser Ange- 
bewegungen gibt, daß auch ein wirk- wöhnung, dann können eben d.e ver- 
licher Gegenstand*„invers", also in einer schiedensten (auch symbolischen) Formen 
Scheinlage gesehen werden kann? Nun, in das Gegebene ganz leicht hinemge- 
man bedenke, was es bedeutet, daß man sehen werden. Auch soll darauf aufmerk- 
die wirklichen Gegenstände auch anders sam gemacht werden, daß hier nicht 
sehen kann, als sie gewöhnlich gesehen einmal von angewöhnten Gedankenrich- 
werden, daß einfache Figuren in über tungen, sondern einfach von angewöhntem 
sechzig phänomenal verschiedenen Raum- Sehen die Rede ist, trotzdem wirken 
formen erscheinen können. Dabei lehrt schon hier Voreingenommenheiten und 
die Erfahrung, daß die Invertierungen versperren viele gangbare Wege, 
wirklicher Gegenstände, das Heraussehen Dr. I. Hermann. 

Dr. FRITZ GIESE: Psychoanalytische Psychotechnik. Sonderahdruck 

aus „Imago", Bd. X, 1924. Internationaler Psychoanalytischer "Verlag 1924. 

Dieses neue vor Giese noch kaum Innigen richtunggebende Lehre werden 



betretene Grenzgebiet der Psychoanalyse 
wird hier nicht systematisch bearbeitet, 
dazu wäre auch unser bisheriges Wissen 
zu mangelhaft; was uns Giese vorlegt, 
ist aber doch am Wege einer weit- 
blickenden, nichts vernachlässigenden, mit 
klaren Gesichtspunkten operierenden Dar- 



und dadurch könnte nach dem Verfasser 
auch das psychoanalytische Wissen einen 
Einfluß auf die Gestaltung gewisser wirt- 
schaftlicher Neuwerte ausüben. Wie 
das psychoanalytische Wissen im Wirt- 
schaftsleben verwertet werden kann, wird 
am Beispiele des Reklamewesens 



Stellung. Giese sieht mit Recht in der ausgearbeitet: erotisierte Reklame, auf 

Psychoanalyse eine Hilfswissenschaft Vorlustmechanismen appellierende, das 

der mit Wertbegriffen getränkten Psycho- archaische Denken bewegende, durch das 

technik, meint aber, daß außer der Psy- Prinzip der Reihung oder Häufung be- 

choanalyse in der Psychotechnik auch lebte Reklame werden vorgestellt. Das 

andere Wissenschaften zu Worte gelangen Aufstöbern der Sadismusfreude der Leute, 

sollen. Die Psychotechnik soll nicht nur die Benützung gewisser Symbole (das 

eine beschreibende, sondern auch eine Kind in der Getränkebranche) geben auch 

im Wirtschaftsleben in gewissen Bezie- der Psychoanalyse Material zur Beweis- 



Kritiken und Referate 



197 



fuhrung Dtter Behauptungen, wie denn 
auch die Reklampsychologie direkte Fra- 
gen an Psychoanalytiker stellt, so z. B. 
das Prozentverhältnis der im Publikum 
verbreiteten fußfetischistischen Vorstel- 
lungen. — Ein besonders reges Zusammen- 
arbeiten von Psychotechniker und Psycho- 
analytiker soll bei der psychologischen 
Eignungsprüfung verlangt werden. 
Hier wären ebenfalls die Erfahrungen der 
Analytiker bei ihren Kranken bezüglich der 
Ursachen der Berufswahl, Berufsabneigung, 
des Scheiterns im Berufe, bezüglich der 
charakterologischen Typologie und der 
Korrelationen gewisser Eigenschaften zu 
sammeln und zu verwerten, dann umge- 
kehrt wären durch den Psychotechniker 
der seelischen Tiefendiagnose dienende 
Schnellverfahren auszuarbeiten. Gi es e 
selbst beschreibt einige selbstausgedachte 
Verfahren (leider wird von einer objek- 



tiven Kontrolle dieser Methoden nicht 
berichtet), gibt auch eine Kritik des 
Rors chachschcn Verfahrens, das er das 
ungebildete Publikum betreffend für nicht 
zweckmäßig findet. Die „Berufskunde" 
soll Aufklärung bei der Psychoanalyse 
über emotionelle und erotische Kompo- 
nenten der Berufe, über das „Material- 
gefühl" (das Verhältnis des Arbeiters 
zum bearbeiteten Stoff), über die Berufs- 
neigung und über die „Menschenkunde" 
überhaupt suchen. Wir sehen nach Giescs 
Beschreibung das mächtige Arbeitsgebiet 
dieser Grenzwissenschaft, sehen auch die 
Schwierigkeiten, welche einerseits durch 
das ökonomische Prinzip, anderseits durch 
das Einhalten methodologischer Erforder- 
nisse den richtigen Weg versperren 
wollen. Es wird keine leichte Aufgabe 
sein, diese Schwierigkeiten zu lösen! 

Dr. I. Hermann. 



OTTO LIPMANK: Über Begriff und Formen der Intelligenz. Sonder- 
abdruck aus der Zeitschrift für angewandte Psychologie. Bd. 24. J. A. Barth. 
Leipzig 1924. 



Gute, systematische Zusammenfassung 
des Intelligenzproblems auf Grund der 
Theorie der „psychischen Gestaltung". Die 
Realitätsanforderung soll durch die Be- 



griffe „zielgerecht", und „sachgerecht" aus- 
gedrückt werden ; die Gestalten selbst lassen 
eine Gegebenheit als ein sinnvolles Gan- 
zes erleben. Dr. I. Hermann. 



FELIX KRUEGER: Der Strukturbegriff in der Psychologie. Sonder- 
abdruck aus dem Bericht über den VIII. Kongreß für experimentelle Psychologie 
in Leipzig (1925). S. Fischer. Jena 1924. 



Der durch seine entwicklungspsy- 
chologische Richtung bekannte Autor 
will in diesem Vortrage Klarheit in der 
Benützung und Bedeutung des Begriffes: 
psychische „Struktur" schaffen, gibt dabei 
aber mehr, gibt ein Programm der psycho- 
logischen Forschung. Krueger stützt sich 
auf ältere Gedankengänge von Dilthey, 
der den Ganzheitsstandpunkt als 
einer der ersten in der Psychologie ver- 
tritt. So werden unter den unmittelbaren 



Gegebenheiten im Bewußtsein Gefühle 
und nicht Wahrnehmungen oder Gedan- 
ken in den Vordergrund gerückt; neben 
den Gefühlen kommen dann Gestalten, 
also besondere Teile von psychisch 
erlebten Ganzheiten, mit besonderen 
Wechselbeziehungen zwischen dem Erleb- 
nisganzen und seinen Gliedern oder Tei- 
len, zu Worte. Gefühle xind Gestalten 
sind aber noch Erlebnis-Ganzheiten, keine 
Strukturen, d. h. keine Bedingungen der 



i 9 8 



Kritiken und Referate 



Erlebnisse. Besondere Strukturiertheiten 
finden sich nicht im Bewußtsein, sondern 
kommen (z. B. als Erlebnistiefe) ins Be- 
wußtsein. Es gibt also einheitliche Inhalte 
im Seelischen, und deren ebenfalls ein- 
heitliche Bedingungen, das sind eben Struk- 
turen. Strukturen begründen mittelbare, 
gedachte Zusammenhänge. Die Gesamt- 
struktur des Seelenwesens soll als rela- 
tiv beharrend, als dispositioneller Seins- 
grund der Erlebnisse, und besonders des 

Dr. WILHELM HAAS: Kraft und 
des Psychischen. Fr. Cohen, Bonn ig 
Wie die bereits besprochene Arbeit 
desselben Autors (Die psychische Ding- 
welt) als ein erkenntnistheoretischer Be- 
gründungsversuch der Psychoanalyse be- 
trachtet werden kann, indem sie die 
Berechtigung einer bewußtseins-transzen- 
denten psychischen Dingwelt klarlegt, so 
will das vorliegende Buch eine in die Meta- 
physik reichende metapsychologi- 
sche Ergriindung der Funktionsweisen 
dieser psychischen Dingwelt, also auch 
der psychoanalytischen Begriffe Verdrän- 
gung, Abreagieren, Wiederholungszwang 
bieten: Da durch jede Veränderung eine 
verändernde Kraft postuliert wird, sollte 
auch hinter den Veränderungen in der 
psychischen Dingwelt eine bewegende, be- 
lebende, bewußtseins-transzendente 
Kraft angenommen werden. Die psychi- 
sche Dingwelt könnte somit von zwei 
Standpunkten aus betrachtet werden: sie 
sei einerseits eine wirkliche (nicht nur 
eine im Bewußtsein sich abspielende) Er- 
scheinungswelt, anderseits eine von 
wirklichen Kräften getragene Welt. 
Beobachtet man das Verhältnis von Kraft 
und Erscheinung, so gelange man zu einer 
sehr allgemeinen Gesetzmäßigkeit, zum 
Antagonismus von Kraft und Erscheinung: 
Gleichen Kräften entsprechen ungleiche 
Erscheinungen und nur ungleichen Kräften 



Ganzheitscharakters der Erlebnisse gedacht 
werden. „Struktur bedeutet gegliederte 
und in sich geschlossene Ganzheit von 
Seiendem." Aufgabe der Psychologie ist 
durch fortschreitende Erkenntnis der ge- 
gebenen Erlebnisse die Strukturiertheit 
in ihrer Entwicklung zu bestimmen. Wie 
nahe diese Auffassung an die Metapsy- 
chologie Freuds herankommt („System", 
„Ich"), wird nirgends erwähnt. 

Dr. I. Hermann. 

Erscheinung. Grundriß einer Dynamik 
22. 

gleiche Erscheinungen. Bei der Reproduk- 
tion soll z. B. stets dieselbe Kraft ange- 
wendet werden, aber, da die Erscheinung 
desto weniger Kraft zur Wiederbelebung 
benötigen würde, je öfter sie bereits belebt 
wurde, müsse der Kraftüb ersehn ß zur se- 
kundären Veränderung, zur Umgestaltung, 
respektive Verunstaltung der ursprüng- 
lichen Erscheinung verwendet werden. Im 
allgemeinen soll die psychische Dingvvelt 
durch eine Entwicklungslinie gekenn- 
zeichnet werden, und zwar durch die Ent- 
wicklung vom Gesetz des Dynami- 
schen (Tendenz zur Wiederholung der 
gleichen Kräfte) zur Vorherrschaft der Er- 
scheinung (gleiche Erscheinungen), 
welch letzteres Gesetz nur nach Verdrän- 
gung des ersteren hervortreten könne. Die 
Entwicklungslinie soll aber auch schon 
eine dritte Stufe erkennen lassen, in ge- 
wissen religiösen Erlebnissen soll nämlich 
der genannte Antagonismus durchbrochen 
und durch gleiche Kraft die gleiche Erschei- 
nung heraufbeschworen werden (Versen- 
kung in monotone Erlebnisse). 

Haas will auf dieser Grundlage die Psy- 
chologie des Unbewußten geben, welches 
(wie z. B. an den Träumen, im Magischen 
ersichtlich) überhaupt auf der Stufe der 
dynamischen Wahrheit stehen soll. Die 
Verdrängung soll die Selbstauflösung der 



Kritiken und Referate 



199 



Kräfte verhindern, das Abreagieren diesen 
Zustand wieder herstellen. — Psycho- 
analytisch kann trotz Konzessionen von 
Seiten des Autors gegenüber psychoanaly- 
tischen Begriffen die Richtung des Buches 
nicht genannt werden: die Kräfte, mit 
welchen Haas arbeitet, schweben irgend- 
wo in der Luft und die wahre metapsycho- 
logische Dynamik (die sich auf die Trieb- 
lehre stützt) wird nicht einmal berührt. 
Weshalb der Wiederholungszwang mit der 



Einführung des Gesetzes des Dynamischen 
aufhören soll, eine Grundfunktion zu sein, 
kann ich nicht einsehen. — Zu begrüßen 
ist die Tendenz des Buches erstens, weil 
es sich wugt, psychologische Konstruktio- 
nen (Metapsychologie) zu erarbeiten, zwei- 
tens, weil es — gegenüber vielen verbrei- 
teten Ansichten — in der Arbeitsweise der 
psychischen Kräfte keine unbedingten 
Analogien mit derjenigen der physischen 
Kräfte sucht. Dr. I. Hermann. 



WILHELM BURKAMP: Die Kausalität des psychischen Prozesses und 
der unbewußten Aktionsregulationen. J. Springer, Berlin 1922. 



Die vorliegende Arbeit fußt auf der Idee, 
daß der im mathematischen Sinne 
gemeinte Funktionsbegriff auch in die 
Biologie einzuführen sei. Durch diesen Be- 
griff soll ein System der biologischen 
Psychologie, möglichst fern von allem 
Phänomenal-Introspektiven ermög- 
licht werden. Berücksichtigt werden hier 
von Burkamp nur die Funktionen des 
Faktors t (Zeit), also vorzüglich die 
Kausalfunktion. Beginnend bei den Reak- 
tionen der primitivsten Lebewesen führt 
uns der Autor zu den entwickeltesten 
psychischen Akten des Menschen, zu den 
Wertungen, zur Bildung der Persönlich- 
keit, der Ideale des Ichs aus der Ur- 

AUGUST VETTER: Kritik des 

Prien 1925. 

Verfasser unternimmt nichts Geringeres, 
als eine Gefühlskritik im Sinne Kants 
zu entwickeln, d. h. die Gefühlsverfeh- 
lungen, die durch das Gewissen entdeckt 
und verbessert werden, ebenso ausfindig zu 
machen, wie Kant diejenigen Täuschun- 
gen eruierte, welche durch unser Wissen 
bemerkt und berichtigt werden. Beide 
Kritiken stoßen nach Vetter auf Mängel 
und Störungen der Sinnlichkeit, was 
im Gebiete des Gefühls mit Störungen 



persönlichkeit und Umgebung, lenkt unsere 
Aufmerksamkeit von den Urmotiven der 
Handlung— Lust und Unlust — zu den „axio- 
logischen" Wertungsmotiven: nirgends 
wird die Kette der Kausalfunk- 
tionen durchbrochen gefunden. 
Doch nicht nur innerhalb des Bewußten, 
sondern auch unbewußte Prozesse ein- 
schließend kann diese restlose kausale Be- 
ziehung festgestellt werden. — Die Er- 
wähnung der Psychoanalyse bleibt aus. 
Das hindert uns nicht zu bemerken, die 
funktionale Auffassung des Autors ver- 
diene bei einer systematischen Durch- 
arbeitung der Metapsychologie Beachtung. 
Dr. I. Hermann. 

Gefühls. Kampmann und Schnabel. 

und Konflikten der Erotikgleichbedeutend 
sei. Diese erotischen Konflikte werden nun 
im vorliegenden Werke in historischen 
Epochen, in Kunstrichtungen, in den Er- 
scheinungen der Liebe (Ambivalenz, Homo- 
erotik, Autoerotik, Familienleben), in poli- 
tischen imd religiösen Strömungen dem 
Leser vorgeführt, ihre Folgen, auf den 
Begriffen der Verdrängung und Subli- 
mierung fußend, in der Abwendung von 
der Gegenwart und vom Sinnlichen über- 



200 



Kritiken und Referate 



hanpt, in Umkehr- und Rand- (Grenz-) Be- 
vorzugungserscheimmgen und in Dual- 
Spaltungen aufgefunden. Den logischen 
Grundkategorien von Sein und Nichts, 
Werden und Vergehen analog sollen vier 
erotische Grundstadien bestimmbar sein: 
der vaterhafte und sohnhafte Mann, das 
mütterliche und töchterliche Weib. — Die 
Kritik dieser Gefühlskritik verlangt viel 
mehr Sachkenntnis aus den allerverschie- 
densten Gebieten vom Referenten, als ihm 

RICHARD MÜLLER-FREIENFELS: G 
Bd. I. Das Gefühls- und Willensleben 
Der Autor nimmt in dieser systema- 
tisch-psychologischen Arbeit noch ent- 
schiedener als bisher Stellung gegen den 
Sensualismus, gegen jede zerstückelnde 
Theorie des Seelischen und entscheidet 
sich für einen vitalistisch gefärbten 
Ganzheits-Standpunkt. Seine psycho- 
logische Grundkategorie ist das unteilbare, 
auf Lebenserhaltung und Lebensentfaltung 
hinwirkende, strebende, .aktiv gerichtete 
Ich. Die Psychologie soll sich damit be- 
gnügen, die „unselbständigen Teilphäno- 
mene" dieses Ichs kennen zu lernen. Diese 
niemals isoliert darstellbaren Teilphäno- 
mene lassen sich nach dem Autor in die 
folgenden sieben Grundmodifikationen des 
Stellungnehmens einteilen: 1. Trieb- oder 
Instinktbestimmtheit. 2. Subjektcharakter. 

3. Objekt- oder Gegenstandsbestimmtheit. 

4. Der Angepaßtheits- (Lust- oder Unlust-) 
charakter. 5. Der Verlaufscharakter. 6. Der 
Aktivitäts- und Spontaneitätscharakter. 
7. Der Wertcharakter. — Auf Grund dieser 



zur Verfügung steht. In der einfachen 
psychologischen Behauptung, worauf Ver- 
fasser soviel Wert legt, daß nämlich die 
optische Tiefendimension niemals anschau- 
lich gegeben sein kann, irrt aber Verfasser 
sicher. Aus der Psychoanalyse scheint der 
Verfasser hauptsächlich Formalistisches ge- 
schöpft zu haben, wenn er auch die kultur- 
geschichtliche Bedeutung Freuds auf eine 
viel breitere Basis stellt. 

Dr. I. Hermann. 

rundzüge einer Lebenspsychologie. 
Joh. Ambr. Barth. Leipzig 1924. 
Einteilung gelingt es dem Verfasser, eine 
auf die Triebe basierte Psychologie aus- 
zubauen, welche in die Würdigung der 
Werte (wir möchten sagen Ichideale) 
ausläuft. Ideen und Darstellung sind, ein- 
gestandenermaßen, durch die Psychoana- 
lyse ziemlich beeinflußt. Es wird die 
Rolle der unbewußten Phänomene, der 
Verdrängung, der Hemmungsaktionen, der 
Sublimierung, der Triebpolarität, ja sogar 
bis auf gewisse Einschränkungen, die 
Sexualtheorie und infantile Sexualität an- 
erkannt. Die Trieblehre wird dynamisch 
fundiert („Konzertieren"— „Wettstreit" — 
der Triebe), viele motorische Aktionen 
(gewisse Ausdrucksbewegungen) werden 
als Reaktionsbildungen gewürdigt. Doch 
bleibt die Darstellung noch immer zu 
abstrakt, wenn auch eine Annäherung an 
das Leben durch Skizzierung einer auf 
obige Einteilung gegründeten Charaktero- 
logie angestrebt wird. 

Dr. I. Hermann. 



MAX WERTHEIMER: Über Schlußprozesse im produktiven Denken. 
Vereinigung wissenschaftlicher Verleger. Berlin und Leipzig 1920. 

Der Psychologie des Denkens soll hier logismus (mod. barb,). Die bisherigen 
näher gekommen werden, und zwar durch Theorien des Syllogismus sollen die Sach- 
kntisch-psychologische Betrachtung des läge vom Standpunkte eines Gelehrten 
einfachen Schlußprozesses, des Syl- beleuchten, der bereits alles weiß und 



Kritiken und Referate 



201 



alles durchschaut hat und nur mehr ordnen 
will; dieses Standpunktes wegen soll die 
Frage der petitio (der Obersatz enthält 
bereits die Aussage des Schlußgedankens) 
bis heute unerledigt geblieben sein. Man 
soll demgegenüber logisch-genetisch 
betrachten, dann müsse man gewahr 
werden, daß hier ein wirklicher Ge- 
dankenfortschritt, eine „Umzentrie- 
rung", ein „Herausfassen" vorliegt. Der 
Weg des Schlußprozesses vom Obersatze 
zum Schlüsse, sei durch sogenannte 
Struktureigenschaften der Begriffe, 
der Kenntnisse geleitet, es sei kein Zu- 
fall, wenn gerade der vorgefundene Mittel- 
begriff die Brücke zwischen Obersatz und 
Schlußsatz bildet. Die Sinnhaltigkeit 
des Syllogismus soll durch die innere 
Struktur bedingt sein (und nicht durch 
die rationale Überlegung): „und tatsäch- 
lich sind die schönsten Prozesse (wie rein 
liegt das z. B. bei den Einstein sehen 
Entdeckungen!) gerade dadurch ausge- 



zeichnet, daß sie die Sachlage von falschen 
rationalistischen Ingredienzen reinigen, 
die Sachlage in Reinheit herzustellen 
suchen." (Vgl. mit Freuds Jenseits des 
Lustprinzips; „Der sogenannten Intuition 
traue ich bei solchen Arbeiten wenig zu; 
was ich von ihr gesehen habe, schien mir 
eher der Erfolg einer gewissen Unpartei- 
lichkeit des Intellekts.") 

Daß Wertheim er gezwungen ist, 
von „innerer Struktur" usw. zu sprechen, 
folgt aus der Vernachlässigung seinerseits 
der unbewußten Prozesse, der psy- 
chischen Systeme, der Rolle der Ver- 
drängung, aus dem Nichtauseinander- 
halten des Vorbewußten und des 
Bewußten, des Gedankenfort- 
schritts und der Gefühlsübertra- 
gung. — Bemerkt sei noch, daß über die 
produktive, zentrierende Natur der indivi- 
duell-neuen Erkenntnisse Referent bereits 
anfangs 1919 einen Vortrag hielt. 

Dr. I. Hermann. 



KURT MARTENS: Schonungslose Lebenschronik. 1870—1900. Rikola- 
Verlag, Wien, Leipzig, Berlin und München 1921. 



Der Autor dieser glänzend verfaßten 
Selbstbiographie ist ein in München le- 
bender Schriftsteller, der sich sowohl durch 
literarische wie kritische Tätigkeit vor- 
teilhaft bemerkbar gemacht hat. Die vor- 
liegende Schrift dürfte zweifelsohne seine 
bedeutendste Leistung sein, und zwar 
nicht nur in künstlerischer Hinsicht. Es 
ist gebührend, ehe wir auf die uns speziell 
interessierenden Werte des autobiogra- 
phischen Werkes hinweisen, dem Stil- 
künstler, der es geschrieben hat, vollste 
Anerkennung zu zollen. Martens zählt zu 
den wenigen Schreibbeflissenen inDeutsch- 
land, die stets im Konkreten verbleibend, 
allein schon durch das Stoffliche und Ge- 
genständliche anziehen, sich niemals ins 
Uferlose verlieren und auch vor dem 
Schreibtisch gediegene Gesellschaftsmen- 



schen bleiben, die keine anderen als ge- 
meinsame Interessen kennen. Seine Men- 
talität ist von jener Art, die man un- 
willkürlich akzeptiert, auf die man ein- 
geht und die man auch bei gegensätzlicher 
Anlage für vollwertig nimmt. Er ist kein 
Eigenbrötler, wie die meisten „deutschen" 
Talente und Genies, sondern durch Zucht 
und Eigenwille ein guter „Europäer", 
weniger auffällig, als einen hohen — 
heute gewiß noch selten erreichten — 
geistigen Durchschnitt kennzeichnend, also 
Hoffnung einer gesitteten Zukunft ohne 
nationale oder völkische Beengtheit. 

Die autobiographischen Auslassungen 
eines Schriftstellers dieser Art sind von 
vornherein interessant, weil sie für einen 
kultivierten Typ einstehen, dessen Charak- 
terologie für unsere Zeit nicht ohne Be- 






202 



Kritiken und Referate 



deutung ist. Wahrscheinlich hat dies der 
Verfasser klar empfunden, denn er be- 
handelt sein Leben bis zum dreißigsten ■ 
Lebensjahr — der es schrieb, ist fünfzig 
Jahre alt geworden — fast mit histori- 
scher Objektivität. Diese Einstellung macht 
den ungeheuren Reiz seiner Schrift aus 
und zusammen mit der Fähigkeit, für alles 
das treffende Wort leicht zu finden, war es 
der Anlaß, daß er in ungeschminkter Weise 
die intimsten Begebenheiten aus dem 
eigenen früheren Leben preisgeben durfte. 
„Nicht nur an einen engen Kreis von Li- 
teraturfreunden und Memoirenlesern wen- 
det sich dieses Buch, sondern an alle, die 
Anteil nehmen an den Problemen der 
menschlichen Persönlichkeit und ihrer 
Eingliederung in den sozialen Organismus: 
an Psychologen und Psychiater, an Lehrer 
und Erzieher, an Historiker und Politiker, 
an Richter und Kriminalisten . . ." 

Indem wir uns zu den Apostrophierten 
rechnen, machen wir von der Aufforderung 
Gebrauch und nehmen die „schonungslose 
Lebenschronik" des Verfassers im analy- 
tischen Sinne zum Gegenstand der Be- 
trachtung. Zunächst interessiert uns das 
führende Motiv der vorliegenden Schrift, 
das Bekenntnis an sich. Wir haben es 
mit einem Analogon der Praxis zu tun: 
auseinanderstrebende Kräfte, innere Nöte, 
Mangel eines anderen Auswegs u. dgl., in 
letzter Hinsicht das Trachten nach Har- 
monie, die den psychisch Leidenden zum 
Arzte führen, haben auch diese General- 
beichte hervorgebracht. Durch das Ver- 
hältnis zur Öffentlichkeit, das „Künstler- 
tum" des Verfassers, war die litera- 
rische Form als Lösung gleichsam von 
selbst geboten. Eine moralische Selbst- 
behauptung, wie sie die gewaltigsten Selbst- 
kenner der abendländischen Geistesge- 
schichte, Augustinus und Rousseau, 
anstrebten, war hier nicht entscheidend. 
Die mehr intellektuell gerichtete und 



mit einem zwiespältigen Ich im Kampfe 
stehende Persönlichkeit suchte eher eine 
reingeistige Ausgleichung. „Der Stachel 
der Erotik und ein ernüchternder Drang 
nach Analyse" sind nach seinen eigenen 
Worten die Prinzipien seiner Lebens- 
äußerung gewesen. Die reichlichen Ma- 
terialien der „schonungslosen Lebens- 
chronik" zeugen für eine durchaus nicht 
ungehemmte Entwicklung, vielmehr war 
vom Anfange an jeder stärkeren Trieb- 
äußerung ein Dämpfer aufgesetzt, so daß 
Erlebnis und Erkenntnis sich die Wag- 
schale hielten. Die Offenheit, womit der 
Verfasser die Entfaltung seines Trieb- 
lebens behandelt, darf voll anerkannt 
werden: der Analytiker wird sich je- 
doch seiner Kombinationsgaben bedienen 
müssen, um die fortlaufende Reihe der 
Erinnerungen — zunächst Deckerinnerun- 
gen ! — zu ordnen, einzustellen und als 
Belege weiterer Folgerungen auszunützen. 
Das Lebensbild ist, wiewohl ein Künstler- 
leben, an äußeren Begebenheiten durch- 
aus nicht reich. Die Wechselfälle über- 
schreiten nicht den Alltag. Dem Rück- 
blickenden erschloß es sich als ein 
Kampf liomo- und heterosexueller Re- 
gungen, die fast bis zur Schwelle des 
Mannesalters unentschieden gegeneinan- 
der wirkten. Der völlig Erwachsene 
präsentiert sich uns als ein normal Emp- 
findender, der aber ein sehr tief gehendes, 
ja lebendiges Erinnerungsvermögen für das 
Abgetane behalten hat. Die Neigung zu 
gleichgeschlechtlichen Ekstasen zeigt sich 
schon im Elternhause; die eigenartige 
Organisation des deutschen Bildungswe- 
sens hat ihr dann zu einer systematischen 
Entwicklung verholfen. Das Leben in den 
Alumnaten, Pensionaten und Kollegien 
wird vor uns mit reichlichem Szenen- 
wechsel aufgerollt. Der analytischen Li- 
teratur sind diese Materialien nicht mehr 
unbekannt. Korpsstudentenwesen undmili- 



Kritiken und Referate 



20; 



tärische Organisation bilden das Sammel- 
becken, wo die mit dem Eintritt der Pu- 
bertät latent gewordene Homosexualität 
ihre mannigfaltigen Abfuhren erfährt. In 
der Schilderung dieser Durchgänge, die 
wohl keinem gradgewachsenen deutschen 
Intellektuellen erspart werden, hat den 
Verfasser unseres Erachtens seine klare 
Überlegenheit ein wenig im Stich gelassen. 
Die seelischen Übergänge ins Mannesalter 
dürften bei ihm vielstimmiger gewesen 
sein. Jedenfalls sprechen das lange Schwan- 
ken in der Berufswahl, die Neigung, 
zwischen Einsamkeit und Freundeskreis 
wiederholt zu wechseln, wie auch andere 
Motive dafür, daß der Ausgleich im 
Haushalte seines Trieblebens nur allmäh- 
lich stattfinden konnte. Halten wir uns 
an das in der „Lebenschronik" gebotene 
Material — künstlerische Selbstbekennt- 
nisse sind zwar niemals erschöpfend, sie 
geben aber die Grundelemente verhältnis- 
mäßig klar wieder, — so werden wir 
folgende wichtige Tatsache feststellen 
können. Die vorherrschende (latente) homo- 
sexuelle Strömung wird immer mehr sub- 
Iimiert und zum Nährboden geistiger 
Interessen gewandelt. Das Ergebnis prä- 
sentiert sich uns in den zahlreichen Por- 
träts von Zeitgenossen, die in knappstem 
Rahmen mit großer Lebendigkeit dar- 
gestellt sind. Schärfe der Charakteristik 
ist hier mit ausgesprochener Sympathie 
für das Persönliche gepaart. Es herrscht 
also gleichsam ein griechischer Zug vor, 
als seelische Reaktion auf eine Beeinflus- 
sung durch die „Männliche Gesellschaft". 
Viel weniger Einfluß konnten die ver- 



schiedenen Frauen auf den Verfasser ge- 
winnen. Ihre „Objekf'-Bedeutung ist ohne 
Nachwirkung, so daß das Geschlechtliche 
bei freiester Betätigung doch nur als ani- 
malisch-niedrige Lebensäußerung zum Be- 
wußtsein kommt. Es fügt sich dann im ana- 
lytischen Sinne gut zusammen, daß die weib- 
lichen Mitglieder der Familie als ideale 
Lebensgefährten gelten. Eine solche Natur- 
anlage — durchaus zur Norm zählend — 
macht erklärlich, daß nichtsdestoweniger 
viele Schwankungen notwendig waren, ehe 
sich die einzelnen Triebäußerungen einem 
Lebensplane einordnen konnten. 

Es steht außer Zweifel, daß eine 
Existenz, wie sie in der „schonungslosen 
Lebenschronik" dargestellt ist, als Kultur- 
leistung angesprochen werden muß. Wem 
die „Eingliederung in den sozialen Orga- 
nismus" mit Hilfe der erkennenden Geistes- 
kräfte solcherart gelungen ist, der hat 
sicherlich ein Anrecht darauf, von allen 
jenen „Fach"leuten ernst genommen zu 
werden, denen er sein Werk empfohlen 
hat. Für den Analytiker bietet sich im 
besonderen so manche Gelegenheit, teils 
aus einigen Randbemerkungen, teils aus 
der Fülle des spontan Ausgedrückten 
ein weiteres Bild von dem Aufbau der 
dargestellten Menschlichkeit zu gewinnen. 
Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß der 
Verfasser bei Gelegenheit der Psycho- 
analyse vollste Anerkennung zollt; wir 
wollen glauben, daß er nicht nur seinem 
aufrichtigen Naturell, sondern auch dieser 
Disziplin die Förderung in der schwie- 
rigen Materie der Selbsterkenntnis ver- 
dankt. Dr. M. J. Eis ler (Budapest). 



ROBERT GRAVES: The Meaning of Dreams. Cecil Palmer, London 1924. 



Zur Charakteristik dieses Buches ge- 
nügt folgendes Zitat: „Die Freud sehe 
Theorie lautet, — kurz zusammengefaßt, 
— daß jeder Traum irgendeinem Wunsche 
Ausdruck verschafft, den der Träumer in 



seinem Wachleben nicht erfüllen konnte, 
ja nicht einmal auszudenken wagte, sei 
es wegen seines irgendwie abstoßenden 
oder naturwidrigen Inhalts, oder weil er 
der schärfsten Kritik der Nebenmenschen 



204 



Kritiken und Referate 



ausgesetzt wäre. Diese Wünsche haben 
ihren Ursprung im Triehleben, so ilaQ 
Freud, um für das Träumen bei Kindern 
eine Erklärung zu finden, genötigt war, 
schon von sehr kleinen Kindern anzuneh- 
men, daß sie denselben Leidenschaften 
und Neigungen unterlegen seien wie er- 
wachsene Personen; es ist das jener Satz, 
durch den Freud so großen Anstoß erregt 
hat und der alle vernünftig Denkenden 
mehr denn je von dem Thema abgeschreckt 
hat, vor allem, da Freuds Theorie bald 
eine Anzahl Schüler nach Wien zog, die 
das Anstößige um seiner selbst willen 
suchten, so daß die Arbeiten, die sie auf 
Grund der vom Professor aufgestellten 
Richtlinien leisteten, oft die Unanständig- 
keit zu ihrem. Hauptzweck hatten. Freuds 
Begriff der Sexualität, den er in erwei- 
tertem Sinn gemeint hatte, wurde so 
immer mehr eingeschränkt, und die 
Funde seiner Schüler ihm vielleicht mit 

OSKAR A. H. SCHMITZ: Psychoan 
Darmstadt 1925. 

Die Psychoanalyse soll als Mittel die- 
nen, um die unbewußten Hemmungen zu 
beseitigen, die den modernen Europäer 
hindern, sich nach Art des Yogi zu ver- 
senken, sein „metaphysisches Selbst" zu 
erreichen. Es handelt sich nach Schmitz 
um eine Verbindung von bewußter Me- 
thode und individueller Mystik, welche 
die „Einseitigkeit der Analyse", sofern 
sie menschliche Höherentwickhuig (nicht 
therapeutische Wirkung) bezweckt, durch 
eine vom schöpferischen Selbst ausgehende 
Synthese des Ichs überwindet. Die Kom- 
bination von Analyse mit der contention 
Baudouins, die auch nur eine Form der 
autohypnotischen Versenkung ist, bildet die 
Technik dieser „Yogamethode für Euro- 
päer", welche sich letzten Endes aus einer 
mangelhaften psychologischen Durch- 
dringung der analytischen Methode und 



Unrecht zum Vorwurf gemacht" (S. 11 

und 12). 

An einer andern Stelle erklärt der 
Autor, daß „Rivers der Wissenschaft 
einen großen Dienst erwiesen hatte, in- 
dem er . . . das ganze Thema in eine ver- 
ständlichere und anziehendere Form ge- 
bracht hatte" (S. 19). Im ganzen Buch 
finden sich die phantastischesten Traum- 
deutungen des Autors. Vielleicht am be- 
lustigendsten klingt die Behauptung, daß 
Schlangen in Träumen gewöhnlich „ein 
Symbol für Freundesverrat" darstellen 
(S. 65). 

Man kann nicht behaupten, daß diese 
Mischung von grober Unwissenheit, Bös- 
willigkeit und Voreingenommenheit eine 
sehr würdige Basis für ein derartiges Buch 
bildet. Der einzig lesbare, aber auch 
äußerst oberflächliche Abschnitt ist das 
Schlußkapitel über „Träume und Dich- 
tung". Dr. Ernest Jones (London). 

alyse und Yoga. Otto Reichl Verlag. 

der Versenkungslehre erklärt. Auf die 
große Ähnlichkeit zwischen jener und 
der Lehre Buddhas ist schon mehrfach 
hingewiesen worden. Wenn wir die me- 
taphysischen Fingerzeige von Schmitz, 
deren praktische Verwirklichung beim 
einzelnen immerhin erheblichen Schwie- 
rigkeiten begegnen dürfte, in die Sprache 
der Libidotheorie übersetzen, können wir 
sagen: Ebenso wie in der buddhistischen 
Versenkung geht hier durch vollkomme- 
nes Einziehen der libidinösen Besetzun- 
gen von der Außenwelt die Regression 
über die in der Analyse durch Introver- 
sion erreichte narzißtische Stufe hinaus 
bis in den psychischen Zustand des in- 
trauterinen Lebens zurück, wo der Un- 
terschied zwischen Subjekt und Objekt 
aufgehoben ist. Die dem Selbst, dem 
„schöpferischen Weltschoß" (!) in der 



Kritiken und Referate 



205 



Individnation, von Schmitz zugeschrie- 
bene „göttliche Allmacht und Allwissen- 
heit" erinnert an die Allmacht des Kindes 
im Uterus. 

Schmitz, der manche Teile der Li- 
bidolehre wirklich gut erfaßt hat und 
auch für ein breiteres Publikum gut dar- 
zustellen vermag, macht sich doch immer 
wieder gewisser Mißverständnisse schuldig. 
Vor allem scheint ihn das aus der Chemie 
entlehnte Wort „Analyse" irrezuführen, in- 
dem er den Vorgang so schildert, als 
ob das Seelenleben des Patienten tatsäch- 
lich durch die psychoanalytische Behand- 
lung atomisiert würde und noch einer 
psychosynthetischen Ergänzung durch eine 
philosophisch - seelsorgerische Erziehung 
bedürfe; in Wirklichkeit regt ja der ana- 
lytische Prozeß die Dynamik des Unbe- 
wußten von selbst, ohne wesentliches 
Dazutun des Arztes, zu neuen Bindungen 
von Ich und Libido, zu neuen Realanpas- 
sungen der Triebe an. Die Psychoanalyse 
läßt das Selbst erobern, ohne die Außen- 
welt, das rationale Leben zu verlieren, 



und gerade gegen diese soziale Funktion 
der Analyse grenzt Schmitz in schroffer 
Weise seine narzißtische Methode ab, 
indem erFr eud s angeblich bürgerlich-ma- 
terialistische Weltanschauung bekämpft. 
Auch wirft er ihm „Verdrängung der 
Werte" vor: das künstlerische Talent 
oder das Streben, Besonderes zu leisten, 
sei nach Freud „nichts als Narzißmus". 
Solche Übertreibung lag Freud fern. 
Jedenfalls entscheidet über den Wert eines 
psychischen Phänomens niemals die Her- 
kunft der Libido, die dabei verwendet 
wird. Aber was hat die Psychoanalyse, 
die im Sinne ihres Begründers eine 
Forschimgs- und Heilmethode ist, mit 
einer bestimmten Weltanschauungslehre 
oder Wertung zu tun? Der Raummangel 
verbietet, weitere Behauptungen von 
Schmitz, soweit sie die Lehre Freuds 
betreffen, richtigzustellen; freilich ist nicht 
immer ersichtlich, ob Schmitz Freud 
selber treffen will oder nur gewisse Ärzte, 
die sich als Psychoanalytiker ausgeben. 
Dr. A. Winterstein (Wien). 



W. L. NORTHRIDGE, M. A., Ph. D. 

scious. Introduction by Prof. J. Laird, 

& Co. London 1924. 

Im Gegensatz zu vielen andern Büchern, 
die ohne persönliche Erfahrung über die 
Tiefen des Seelenlebens geschrieben sind, 
verdient diese Arbeit die Achtung des 
Lesers. Sie ist ein ernsthafter Versuch, 
in sachlicher und vorurteilsfreier Weise 
die vielen bisher aufgestellten Theorien 
des Unbewußten zu würdigen. Der Autor 
besitzt an wertvollen Fähigkeiten für seine 
Aufgabe eine weitgehende Kenntnis der 
Literatur, leider nicht ohne bedenkliche 
Lücken, und eine Ehrlichkeit der Gesin- 
nung bei voller Vorurteilslosigkeit, wie 
man es auf diesem vielumstrittenen Gebiet 
nicht oft findet. Man sieht, daß der Autor 



Modern Theories of the Uncon- 
M. A. Kegan Paul. Trench, Trübner 

sich mit dem Thema eingehend beschäf- 
tigt hat und seine Folgerungen klar und 
unparteiisch zu äußern versteht. Auf der 
andern Seite aber läßt die Arbeit zwei 
wichtige Mängel erkennen: die Kenntnisse 
weisen Lücken auf und das kritische 
Vermögen ist meiner Ansicht nach unzu- 
länglich. Man hat daher im ganzen von 
dem Buch den Eindruck der Unreife und 
Voreiligkeit. Es wäre sicher besser ge- 
worden, wenn der Autor in persönlichem 
Kontakt mit Forschern auf diesem Gebiet 
gestanden hätte. 

Das Buch behandelt ganz dasselbe 
Thema wie die Arbeit Levines, die 



206 



Kritiken und Referate 



nicht erwähnt wird. Es ist reicher als 
dieses, aher nicht so zuverlässig und ins 
Einzelne gehend. Der erste — weitaus 
bessere — Teil enthält die Darstellung 
voranalytischer Theorien, der zweite be- 
handelt die Psychoanalyse. 

Die unzureichenden kritischen Fähig- 
keiten des Autors verraten sich nicht nur 
in seinen Schlußfolgerungen, wo die Ei- 
genart des Stoffes immerhin vieles ent- 
schuldigen würde, sondern auch in andern 
Hinsichten, besonders in der zu geringen 
Differenzierung bei der Behandlung ver- 
schiedener Autoren. So bespricht er Jan et s 
Arbeiten in angemessener Weise, die von 
Sidis (den er nebenbei fälschlich im 
Präsens zitiert) aber mit übertriebener 
Ausführlichkeit. Rivers erfährt eine zu 
eingehende Würdigung auf Kosten Jungs, 
von dessen Theorie der Autor wichtige 
Züge unbesprochen läßt: die Theorien von 
Maeder und Silberer hätten in einer 
solchen Arbeit nicht unerwähnt bleiben 
dürfen. Schließlich neigt der Autor dazu, 
alle Stellen aus der psychoanalytischen Li- 
teratur, gleichgültig von wem sie stammen, 
als authentisch zu behandeln, was leider 
durchaus nicht berechtigt ist; so kann es 
vorkommen, daß er eine höchst fragwür- 
dige oder schlecht dargestellte Theorie mit 
den Worten „wie man in der Psychoana- 
lyse sagt" zitiert, ohne diese von Freuds 
eigenen Schriften zu unterscheiden. 

Wie bereits angedeutet, scheint der 
Autor in der Auswahl seiner Lektüre, die 
im wesentlichen die Quelle seines Wis- 
sens ausmacht, mehr in die Breite als in 
die Tiefe gegangen zu sein; er hat vieles, 
aber oft zu oberflächlich gelesen. Zum 
Beispiel hätte man, da die Freudsche 
Theorie offenbar die Anregung zu der 
Arbeit gegeben hat, übrigens auch ihr 
Hauptthema ist, von einem ernsthaften 
Forscher, wie dem Autor, eigentlich er- 
warten müssen, daß er zur Erfüllung 



seiner Aufgabe zumindest die Lektüre 
der diesbezüglichen Schriften Freuds für 
unerläßlich hielte. Wir haben aber allen 
Grund anzunehmen, daß er nicht einmal 
deutsch lesen kann. Seine Literaturan- 
gaben beschränken sich auf Freuds „Vor- 
lesungen" und die „Traumdeutung", eine 
einzige Bemerkung über die Massenpsy- 
chologie ausgenommen. Er spricht zwar 
immer wieder von Freuds neuesten Theo- 
rien, erwähnt aber als letzte die über den 
Narzißmus, die vor mindestens zehn Jah- 
ren entstanden ist; alle späteren Arbeiten 
Freuds übergeht er eigentlich, obwohl 
viele, vor allem die „Massenpsychologie" 
und „Das Ich und das Es", für die hier 
aufgeworfenen Fragen von weittragend- 
ster Bedeutung sind. Auch Freuds wich- 
tige Abhandlung über das Unbewußte 
wird nicht erwähnt, was bei dem Titel 
des Buches als eine besonders unverzeih- 
liche Vernachlässigung erscheint. 

Das Buch enthält vier Kapitel. Das 
erste, eine gedrängte Zusammenfassung 
aus Bretts meisterhaftem Werk, ist viel- 
leicht das beste. Es gibt eine vorzüglich 
klare Darstellung der Hypothesen und 
Theorien des Unbewußten von Plato bis 
Ribot. Der Autor hätte hier schon, wie 
an späterer Stelle (S. 1 27) eindeutig klar- 
legen sollen, daß es sich in den meisten 
dieser Arbeiten, vor allem bei Leibnitz, 
in Wahrheit um das handelt, was man 
heute als unter- oder vorbewußt klassifi- 
zieren würde. Mit Recht heißt es, „daß 
vom Standpunkt der Freudschen Lehre 
aus keine der früheren Theorien des Un- 
bewußten so wichtig ist wie die Lehre 
Schopenhauers" (S. ix). Eine Reihe 
von Irrtümern, die in diesem Abschnitt 
vorkommen, sollen später in geeigneterem 
Zusammenhang erwähnt werden. 

Das zweite Kapitel bringt eine ausge- 
zeichnete Darstellung der Myersschen 
Theorie der Unterschwelligkeit. Das aus- 



Kritiken und Referate 



207 



ruhrliche und interessante Referat von 
Dr. Mitchell über den Fall Doris Fischer 
(nicht Fitscher) hatte nicht nur flüchtig 
erwähnt werden sollen. 

Das dritte Kapitel führt den Titel „Die 
Theorien des Unbewußten" und referiert 
mit großer Klarheit die Arbeiten und An- 
sichten von Janet (Binet wird in diesem 
Zusammenhang nicht erwähnt), S i d i s und 
Morton Prince; es ist die beste uns 
bekannte Darstellung dieser Art und dieses 
Umfangs. Der Wert dieses Kapitels wird 
aber beeinträchtigt durch eine ganz un- 
verhältnismäßig ausführliche Besprechung 
der sogenannten „Schule von Nancy", die 
der Autor viel zu ernst nimmt. Er ver- 
säumt es, darauf hinzuweisen, daß die 
Arbeiten dieser „Schule", so viel sie auch 
von sich hören macht, keinen einzigen 
neuen Gedanken enthalten, wenn auch 
manche alte neuerlich ausgebeutet werden. 
Auf S. 68 finden wir die imbewiesene 
Behauptung, daß sich der Einfluß Berg- 
sons in der Psychoanalyse nachweisen 
läßt; vielleicht denkt der Autor dabei an 
Jung, aber das hätte er ausdrücklich 
sagen müssen. 

Der Verfasser geht nun vom „Unbe- 
wußten" zur Besprechung der Psycho- 
analyse über und polemisiert hier gegen 
eine Behauptung des Referenten des In- 
halts, daß diese sich völlig unabhängig 
von Janets Arbeiten entwickelt hat. Als 
einzigen Beweis führt er an, daß „Freud 
sich, kurz bevor er sein großes System 
schuf, in Paris aufhielt, wo die Arbeiten 
Janets sehr bekannt waren. Es ist un- 
vorstellbar, daß diese keinen Einfluß auf 
ihn ausgeübt hätten" (S. 97). Und doch 
entsprach meine Feststellung ganz den 
Tatsachen. Als Freud nach Paris kam. 
übertraf seine Kenntnis über den Dis- 
soziationsmechanismus bereits alles, was 
Janet darin selbst bis heute erreicht 
hat. Janets Arbeiten waren zu der Zeit 



in Paris nicht bekannt (aus dem einfachen 
Grund, weil sie noch gar nicht entstanden 
waren), ebensowenig wie zwanzig Jahre 
später, als ich selbst dort arbeitete, und 
ich weiß aus bester Quelle, daß Freud 
erst viel später von ihnen hörte. Es sei 
außerdem daran erinnert, daß Janets 
beste Arbeiten dem Gebiet der hysterischen 
Stigmata angehören, für das sich Freud 
niemals interessiert zu haben scheint. Aller- 
dings zitiert er Janet in einer zehn Jahre 
später abgefaßten Schrift zur Unterstützung 
dieser nunmehr weitgehend ausgestalteten 
Theorie; aber weder sein Tatsachenmaterial 
noch seine Theorien leiten sich im ent- 
ferntesten von Janet ab. 

Dann folgt eine Darstellung der Psycho- 
analyse, natürlich in sehr elementarer 
Form. Ganz richtig betont der Autor, daß 
nach Freud das Unbewußte sowohl wich- 
tige, niemals bewußt gewesene Elemente 
enthält, als auch solche, die früher im 
Bewußtsein waren. So heißt es an einer 
Stelle: „Er (Freud) macht es klar, daß 
seine Theorie nicht auf vorgefaßten Mei- 
nungen beruht, sondern sich aus der Er- 
forschung des normalen und kranken 
Seelenlebens ergeben hat. Dies ist, meiner 
Meinung nach, das große Verdienst der 
Freud sehen Theorie: sie ist auf Tat- 
sachen aufgebaut und bemüht, ihnen 
gerecht zu werden" (S. 125, 124). Dann 
folgt eine Beschreibung der Theorien von 
Adler, Jung und Rivers, wobei er 
sichtlich Jung den Vorzug gibt. Er ver- 
wirft zwar dessen Aufstellung eines „kol- 
lektiven Unbewußten" als unnötig, da man 
den hier in Frage stehenden Tatsachen 
auch anders gerecht werden könne, aber 
er hält Jungs Traumdeutungsmethode 
für „praktischer" als die von Freud. Je- 
doch bringt jede ihre Gefahren mit sich: 
bei Freud kann der Patient zu sehr durch 
Suggestion beeinflußt werden, während 
Jungs Methode „der Willkür und Spe- 



208 



Kritiken und Referate 



kulation viel zu freien Spielraum gewährt" 
(S. 155)- Diese widersinnige Behauptung 
läßt einen Mangel an scharfem Denken 
in diesem Punkte vermuten; der Autor 
hat niemals den Inhalt der eigentlichen 
Kritiken von Psychoanalytikern über 
Jungs „Methode" und Theorien erfaßt 
(oder sie wahrscheinlich nicht einmal ge- 
lesen). Er ist ganz in dem Irrtum von 
Jungs, wie er meint, „unwiderlegbarem 
Argument" befangen, daß man jedes be- 
liebige Traumelement als symbolisch auf- 
fassen dürfe (S. 154). Er hat entschieden 
keine deutliche Vorstellung von dem, was 
man in der Psychoanalyse unter Symbolik 
versteht, und kommt bei seiner verall- 
gemeinernden Verwendung des Terminus 
zu der unrichtigen Behauptung, daß nach 
Freud „Vorstellungen mit Unlustcharakter 
nur in symbolischer Form ins Bewußtsein 
zugelassen werden" (S. 129). 

Über das Thema „Vererbung" finden 
wir einige unbewiesene Behauptungen, 
z. B-, daß Freud ihr für das Zustande- 
kommen psychischer Erkrankungen gegen- 
über den individuellen Erlebnissen eine 
sehr untergeordnete Bedeutung zuweist 
(S. 1 14). Freud hat zwar darauf hinge- 
wiesen, daß die Erlebnisse der Kindheit 
als wichtiges Moment zu den aktuellen 
und zu den Vererbungsfaktoren hinzu- 
treten, aber er hat niemals die Bedeutung 
der letzteren unterschätzt, obgleich er zu- 
geben mußte, daß der heutige Stand 
unseres Wissens oder besser Nichtwissens 
über die Faktoren der Vererbung vorläufig 
noch keinen Vergleich ihrer relativen Be- 
deutung gestattet. So ist es falsch, zu be- 
haupten, daß „Jung in viel größerem 
Ausmaße als Freud die Macht der Ver- 
erbung in ihrem Einfluß auf das spätere 
Leben anerkennt" (S. 145); Jung vernach- 
lässigt einfach die Bedeutung infantiler 
Momente. Wenn wir in Betracht ziehen, 
welchen Nachdruck Freud immer wieder 



auf die vorher bestimmte Reaktionsweise 
des Kindes auf verschiedene Erlebnisse 
legt und, wie er sichtlich geneigt ist, die 
ontogenetischen Reaktionen als Wieder- 
holungen der phylogenetischen aufzu- 
fassen, scheint er der Vererbung eine 
ungemein hohe Bedeutung beizumessen. 
In der Frage des formalen Inhalts des 
Unbewußten gerät der Autor ernstlich in 
Verwirrung, wahrscheinlich aus subjek- 
tiven Gründen. Zunächst begeht er den 
Irrtum, zu behaupten, daß nach Freud 
das Unbewußte so gut wie unerkennbar 
ist (S. 17), eine Ansicht, zu der er selbst 
neigt, wie folgender (im Zusammenhang 
mit der Arbeit von Prince geschriebener) 
Satz zeigt: „Entweder sind die marginalen 
Elemente des Bewußtseins Vorstellungen, 
die nur schwuch vom Bewußtsein erhellt 
sind, oder es sind überhaupt keine Vor- 
stellungen; letztere Annahme erscheint 
mir als die wahrscheinlichere" (S. 93). 
Da er Freuds Arbeit über das Unbewußte 
nicht gelesen hat, ist er sich auch nicht 
klar darüber, ob man im Unbewußten 
Affekte annehmen kann oder nicht, und 
wirft die Frage auf, ob nicht Strebung 
ein geeigneterer Terminus wäre als Affekt 
(S. 154-136). Da andere Autoren mit 
gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen 
scheinen, möchte ich vielleicht folgendes 
zur Klärung der Tatsachen sagen: Freud 
ist der Ansicht, daß der unbewußte Primär- 
vorgang seinem Wesen nach triebhaft ist, 
eine von einem Trieb herstammende 
Strebung, die durch irgendeinen Reiz 
hervorgerufen ist. Dieser Trieb ist wahr- 
scheinlich immer durch eineVorstellung re- 
präsentiert (Triebrepräsentanz ist Freuds 
bevorzugter Ausdruck dafür), so daß die 
Vorstellung eigentlich den einzig wahr- 
nehmbaren Teil des Triebes ausmacht; 
natürlich ist Freud der Ansicht, daß im 
Unbewußten eine große Anzahl Vorstel- 
lungen vorhanden ist, die sich aber von 



Kritiken und Referate 



209 



den Vorstellungen des Bewußtseins in 
einem bemerkenswerten Punkt unter- 
scheiden: sie sind Sachvorstellungen 
ohne irgendwelche sprachliche Beziehung, 
während sie in den anderen seelischen 
Schichten mit Wortvorstellungen verknüpft 
sind. Niemand glaubt, daß es unbewußte 
Gefühle im strengen Sinne des Wortes 
gibt; was aber die Affekte angeht, so kann 
man sagen, der unvermeidliche Terminus 
„unbewußter Affekt" ist die Bezeichnung 
für „einen Affekt, der entstünde, wenn 
die entsprechende Regung nicht im Un- 
bewußten aufgehalten würde". 

Am Ende des Buches, in dem kritischen 
Kapitel „Schlußfolgerungen", das viel 
schwächer ist als der referierende Teil, 
läßt der Autor seine bisherige Vorurteils- 
losigkeit und was er vorher an Verständnis 
bewiesen hat, vermissen, und sein Stand- 
punkt läßt sich jetzt nur schwer von dem 
der Schulpsychologie unterscheiden. Er 
beginnt zwar mit den Worten : „Wir halten 
die Lehre von Freud und seinen Schülern 
für die wichtigste unter den Theorien 
des Unbewußten" (S. 175), aber „sie muß 
mit gewissen Einschränkungen und Modi- 
fikationen angenommen werden" (S. 174). 
Wir werden uns überzeugen, daß diese 
„Modifikationen" beinahe das ganze 
System der Psychoanalyse wieder auf- 
heben. 

Seine Kritik wendet sich anscheinend 
vor allem dagegen, daß die Psychoanalyse 
die Bedeutung des Bewußtseins unter- 
schätzt und ihm nur eine rationalisierende 
Funktion zuerkennt. (Es ist allerdings 
richtig, daß die Psychoanalyse das Be- 
wußtsein aus seiner bisher unumstrittenen 
Stellung entthront hat, aber der Autor 
hat sichtlich nicht erfaßt, was für die 
Psychoanalyse die eigentliche Bewußt- 
seinsfunktion ausmacht.) „Es denkt, fühlt 
und will, und zwar unabhängig von Ein- 
flüssen und Motiven des Unbewußten, 



denn was müßte man sonst von dem 
System der Psychoanalyse selbst halten?" 
(S. 179.) Im folgenden will der Autor dem 
Unbewußten anscheinend jeden eigent- 
lichen psychischen Inhalt absprechen. „Die 
Bezeichnung ,Unbewußt' ist durchaus ver- 
ständlich: denn es sind damit jene Zu- 
stände oder Vorgänge gemeint, von denen 
wir tatsächlich nichts wissen. Aber die 
Behauptung, daß es Vorstellungen, Affekte, 
Wünsche und Befürchtungen geben könne, 
von denen wir nichts wissen, klingt wider- 
sinnig. In Worten wie , Vorstellung' .Af- 
fekt" und anderen derartigen Terminis 
ist der Begriff eines Bewußtseins schon 
enthalten nnd die Bezeichnung ,unbewußte 
Vorstellung' bedeutet daher fast soviel 
wie ,unbewußtes Bewußtsein' ... Es kann 
unmöglich ,unbewußte Vorstellungen' oder 
,unbewußte Wünsche' geben, wenn nicht 
alles, was wir der Selbstbeobachtung 
unserer Bewußtseinsvorgänge verdanken, 
hoffnungslos irrig sein soll" (S. 180, 181). 
Was bleibt also noch im Unbewußten be- 
stehen? Nach unserem Autor nichts außer 
verschiedenen psychischen Dispositionen, 
Spuren oder Strebungen. Diese setzen sich 
zusammen: 1) aus Eindrücken, die frühere 
Affekte hinterlassen haben, 2) aus dem 
Bedeutungsinhalt gewisser Strebungen, 
aber „. . - es ist sicherlich falsch, den ver- 
borgenen oder unbekannten Sinn einer 
bewußten Strebung als ,unbewußte Vor- 
stellung', ,unbewußten Wunsch' oder ähn- 
lich zu bezeichnen (S. 18g) und j_) aus 
verbotenen Wünschen, die durch Subli- 
mierung vollkommen aus dem Unbewußten 
verschwinden (welche Erklärungsmöglich- 
keit gäbe es dann für die Regression?) 
und ähnlichen Begehrungen, die einst be- 
wußt waren; die Triebe, die vom Bewußt- 
sein abgehalten werden, ohne dabei einen 
Ausweg in sublimierte Betätigungen ge- 
funden zu haben, sind somit die wichtig- 
sten Faktoren des Unbewußten, aber sie 



lmugo XI. 



»+ 




210 



Kritiken und Referate 



bestehen unbewußt als Tendenzen oder 
Dispositionen, nicht als Vorstellungen oder 
Wünsche" (S. 190). 

Wir sehen, was der Autor auf der 
einen Seite wegnimmt, gibt er auf der 
anderen wieder hinzu, denn während es 
einen Augenblick so scheint, als sei alles 
endgültig aus dem Unbewußten eliminiert, 
bleibt dann wieder genug übrig, um die 
meisten Psychoanalytiker zufriedenzu- 
stellen. Dieser Widerspruch ließe sicli 
schwer erklären, erblickten wir darin nicht 
eine uns vertraute Äußerung ambivalenter 
Einstellung. Der Autor gibt uns hier in 
der Tat ein hübsches Beispiel eines 
Menschen, der im gewöhnlichen Sinn des 
Wortes keine Vorurteile zeigt, der aber 
offenbar heftige Widerstände hat, von 
denen er selbst gar nichts ahnt. Betrachten 
wir weiter diese Seite der Einstellung, 
denn bei dieser Art. sich mit dem formalen 
System der Psychoanalyse auseinanderzu- 
setzen, müssen wir von der Beurteilung 
ihres wirklichen Inhalts noch mehr er- 
warten. 

Der Autor gibt zu, daß manche Träume 
Wnnscherfüllungen enthalten, aber soviel 
wußte man lange vor Freud; als Beweis 
dafür zitiert er eine Stelle aus der Literatur, 
die sich auf die Erfüllung bewußter 
Wünsche bezieht. „Es folgt aber noch 
nicht, daß alle Träume als Wunscherfül- 
lungen zu deuten sind" (S. 175) — sonst 
bringt er keinen Beweis. In der gleichen 
Weise werden auch andere Theorien 
Freuds behandelt. „Ähnliches gilt von 
den täglichen Fehlleistungen und anderen 
,Symptomhandlungen'. Weil man gewisse 
Fehlleistungen als ,Kompromißbildungen' 
erklären konnte, hat man kein Recht zu 
der verallgemeinernden Behauptung, daß 
alle dazu gehören, und wenn eine un- 
bewußte Bindung an einen Elternteil sich 
an der Wurzel mancher Fälle neurotischen 
Leidens findet, dürfen wir die Möglich- 



keit anderer, für die Ätiologie in Betracht 
kommender Faktoren nicht ausschließen" 
(loc. cit.). Über die infantile Amnesie 
heißt es: „Dieses Vergessen bedarf in 
vielen Fällen keiner eigenen Erklärung; 
es entspricht einfach dem allgemeinen 
Gesetz zu vergessen" (S. 186). 

Am besten zeigt sich die Tendenz zu 
nivellieren und das Fehlen einer gewissen 
„Größenperspektive in der Psycho- 
logie" an folgendem Beispiel: Mit An- 
erkennung für Rivers räumt er ein, daß 
sexuelle Faktoren bei psychischen Er- 
krankungen eine Rolle spielen mögen, 
leugnet aber, „daß diese immer die eigent- 
liche Ursache der Neurose sind". „Geben 
wir die Beschreibung eines Falles, den 
ich kürzlich mit sehr weitgehendem Erfolg 
zu analysieren versucht habe und der mich 
zu obiger Behauptung veranlaßt hat" 
(S. 165). Diese Patientin wurde alles in 
allem sechsmal je eine halbe bis eine 
ganze Stunde per Woche beobachtet. 
Ihre Symptome, die mit Todesgedanken 
in sichtlichem Zusammenhang standen, 
schwanden, als sie unter Affcktbegleitung 
die bewußte Erinnerung des zwischen ihr 
sechstes und siebentes Lebensjahr fallen- 
den Todes ihrer Schwester reproduzierte. 
(Die Besserung war vermutlich ein Re- 
sultat der Übertragung und der Bekräf- 
tigung in dem Glaxiben des Analytikers an 
die primäre Bedeutung der Beschwerden.) 
Ob man das Recht hat, auf Grund einer 
solchen „Analyse" Schlußfolgerungen zu 
ziehen und von ihnen zu glauben, daß sie 
Freuds dreißig Jahre intensiver Arbeit 
umstürzen könnten, braucht wohl nicht 
näher erörtert zu werden, ebensowenig 
bei folgender Stelle: „Könnte die allge- 
meine Nervosität und Empfindlichkeit, 
die für später an Neurose Erkrankenden 
charakteristisch sh:d, nicht auf unver- 
nünftige Erziehung zurückzuführen sein, 
vor allem auf die Erzählungen allzu 



Kritiken und Referate 



21 1 



vieler unheimlicher Geistergeschichten, 
die man in Kinderbüchern zu hülfig 
antrifft?" (S. 169). Auf keinem anderen 
Gebiet als in der Psychologie wäre diese 
Naivität zugleich mit dem Scharfsinn 
möglich, der sich sonst in demselben 
Buch verrät. 

Für eine eventuelle spätere Auflage 
möchten wir dem Autor die Richtigstellung 
folgender Irrtümer nahelegen: Es stimmt 
nicht, daß Freud alle Wünsche letzten 
Endes für sexuell erklärt (S. 15). Freud 
hat über den Fall des Fräulein Anna O. 
weder gemeinsam mit Breuer noch sonst 
irgendwie gearbeitet (S. 99). Wir haben 
nie davon gehört, daß Patienten ersucht 
wurden, während der Analysenstunde die 
Augen zu schließen (S. 115). Es ist nicht 
die Meinung Freuds, daß jeder Traum 
im Unbewußten entsteht (,S. 132); er ist 
im Gegenteil der Ansicht, daß kein Traum 
dort seinen Ursprung hat (sondern im 
Vorbewußten) und ferner, daß manche 
Träume mit dem Unbewußten gar nichts 
zu tun haben; auch heißt es nicht, 
daß jeder Traum als Grnndelement sexu- 
elles Material enthält (S. 154). Schließlich 
steht der Autor nicht, wie er meint, im 
Widerspruch zu Freuds Auffassung des 
Unbewußten, wenn er die Ansicht ver- 
tritt, es könne sich aus irgendwelchen 
der Verdrängimg unterliegenden Stre- 
bungen zusammensetzen, nicht nur aus 



solchen, die dem Sexuellen angehören 
(S. .79). 

Das Register des Buches ist sehr unvoll- 
ständig, die bibliographischen Angaben sind 
nachlässig zusammengedrängt, bei man- 
chen fehlen sogar die Namen der Autoren. 

Wir waren genötigt, auf die schweren 
Mängel dieses ambivalenten Buches hin- 
zuweisen, aber wir wollen zum Abschluß 
einige Sätze vom Ende zitieren, wo die 
andere Seite der Ambivalenz, wie wir 
hoffen, für immer, die Oberhand gewinnt. 
„Schließlich kann, wie immer das Schick- 
sal der Freudschen Theorie in ihrer 
gegenwärtigen Fassung sein mag, kein 
Zweifel darüber bestehen, daß seine 
Psychologie eine Verständnis- und Er- 
klärungsmöglichkeit des Lebens in einem 
Ausmaß gegeben hat, das bisher un- 
erreicht war" . . . „Freud hat Recht, 
wenn er diejenigen, die der Psycho- 
analyse mit Geringschätzung gegenüber- 
stehen, dazu auffordert, sie selbst zu er- 
proben, um ihren Wert zu erkennen. 
Wir haben uns überzeugt, daß das 
richtig ist" . . . „So liegt meiner Mei- 
nimg nach der größte Dienst, den uns 
die neuen Forschungen über das Unbe- 
wußte geliefert haben, in der Schaffung 
eines neuen Gesichtspunktes, von dem 
aus man das Leben und Verhalten des 
Menschen untersuchen kann" (S. 192). 
Dr. Ernest Jones (London). 



ANGELO CARRARO: Die wissenschaftlichen Grundlagen des Frei- 
denkertums. Freidenker-Jahrbuch 1922. Herausgegeben vom Verlag des Frei- 
denkerbundes in Österreich. 



Der Verfasser weist in dieser Übersicht 
darauf hin, daß die Psychoanalyse einen 
außerordentlichen Einfluß auf das Ver- 
ständnis der Gefühlsäußerungen im Ge- 
biete des Religiösen gewonnen habe. Sie 
bringe ganz neue Aufschlüsse über viele 
der wichtigsten Probleme der Religions- 



forschung und beweise die Einheitlich- 
keit des Seelenlebens aller Völker- und 
Kulturstufen. „Trotzdem vieles noch un- 
fertig und verbesserungsbedürftig sein 
mag, ist diese Methode eine durchaus 
ernste und wird den heute auch in 
Ärztekreisen noch waltenden Widerstand 



If 



212 



Kritiken und Referate 



gewiß überwinden, für die Erklärung des 
Religiösen ist sie unentbehrlich geworden." 
Auf Freuds „Totem und Tabu" wird nach- 



drücklich hingewiesen, daneben werden 
die Werke Ranks, R 6 h e i m s, R e i k s 
genannt. Dr. Th. Reik (Wien). 



TRAITE DE PSYCHOLOGIE, herausgegeben von Georges Dumas, Professor für 
Experimentalpsychologie an der Sorbonne. 2 Bände. Felix Alcan. Paris 1925/24. 

für die 



Dieses Lehrbuch, zu dessen Mit- 
arbeitern einige bedeutende französische 
Psychologen zählen, stellt eine gewaltige 
Arbeitsleistung dar. Man kann zwar nicht 
sagen, daß die Probleme nach den neue- 
sten Gesichtspunkten behandelt sind, aber 
das Werk gibt doch immerhin eine all- 
gemeine Übersicht über die Forschungen 
in Frankreich von Ribot bis auf unsere 
Zeit. Es ist bedauerlich, daß von der aus- 
ländischen Literatur nur solche Werke 
berücksichtigt wurden, die zumeist vor 
fünfundzwanzig oder dreißig Jahren er- 
schienen sind. 

Obwohl die Besprechung mancher 
Kapitel sehr lohnend wäre, bin ich an 
dieser Stelle docli gezwungen, das Buch 
nur in bezug darauf zu besprechen, welche 
Stellung der Psychoanalyse darin ein- 
geräumt wird. Vor allem muß fest- 
gestellt werden, daß sich kein einziges 
Kapitel mit dem Instinkt beschäftigt. 
Diese Lücke ist um so bedauerlicher, 
als gerade Freud und Mac Dougall 
diesem Problem besondere Wichtigkeit 
beigemessen haben. Ebenso ist die Psycho- 
logie der Beziehungen innerhalb der 
Familie gänzlich vernachlässigt worden. 
Man wundert sich auch, daß die Psycho- 
analyse in den Kapiteln Affekte, Vorstel- 
lungen, Erinnerungen, Liebe, Ästhetische 
Gefühle, Künstlerische Produktion, Be- 
wußtsein und Unbewußtes überhaupt nicht 
erwähnt wird. 

In dem Kapitel über die Träume bringt 
Delacroix eine kurze Darstellung der 
Freud sehen Lehre. Seine Einschränkun- 
gen hindern ihn nicht, den Wert der psycho- 



analytischen Untersuchungen 
Traumpsychologie zuzugeben. 

Challay macht in dem Kapitel „Ge- 
netische und ethnische Psychologie" nur 
sparsame Anleihen bei Freud. Hingegen 
gibt Dumas im Kapitel „Pathologische 
Psychologie" eine gedrängte, kritische 
Darlegung der Psychoanalyse. Er wirft 
Freud seine dynamische Auffassung und 
die daraus sich ergebende Vorstellung 
vom Unbewußten vor. Alle diese Termini 
seien nur Abstraktionen und hätten bloß 
praktischen Wert. Dumas findet, daß 
der Freudismus eine große Anzahl von 
interessanten Beobachtungen aufweise, 
aber er macht den Psychoanalytikern den 
Vorwurf, daß sie die Bedeutung dieser Be- 
obachtungen übertrieben und sie zu sehr 
verallgemeinert und systemisiert hätten. 
Er ist mit Ribot der Ansiebt, daß die 
originellste und unanfechtbarste Gesetz- 
mäßigkeit, die Freud aufgedeckt habe, 
die Lehre von der Verdrängung sei. Dar- 
über schreibt er folgendermaßen (Bd. II, 
S. 1032): „Es ist sehr richtig, daß eine 
große Menge von Wünschen an der 
Schwelle des Bewußtseins durch die ge- 
ordneten Gewohnheiten und Empfin- 
dungen, die die Zensur bilden, aufgehalten 
werden, und zwar durch einen Mechanis- 
mus, denFr e u d das Vorbewußte nennt und 
den andere als Unterbewußtes bezeichnen 
würden. Es ist auch ebenso richtig, daß 
viele dieser Wünsche durcli eine Art von 
Zurückströmen wieder im Bewußtsein 
auftauchen, so oft aus irgendeinem Grund 
der vorbewußte Mechanismus der Abwehr 
nicht mehr funktioniert. Mag man der 



Kritiken und Referate 



21 



Ansicht sein, daß die Komplexe agierende 
psychische Kräfte seien oder nicht, mag 
man an ein Unbewußtes auf psychischer 
Grundlage glauben oder dasselbe auf das 
Körperliche zurückführen, die von Freud 
mitgeteilte Tatsache scheint wohl ein 
allgemeingültiges Gesetz zu sein." 

Dumas stellt sich aber in schroffen 
Gegensatz zur psychoanalytischen Theorie 
der Neurosen und Psychosen. Seiner An- 
sicht nach können diese Erkrankungen nie- 
mals psychogenen, müssen vielmehr kon- 
stitutionellen oder toxischen Ursprung 
haben. Einige seiner Einwände erscheinen 
betreffs der Psychosen gerechtfertigt, 
werden aber meiner Meinung nach bei der 
Ätiologie der Neurosen keine Geltung 
haben. Man darf sich nicht wundem, daß 
ein Gelehrter, der über die Psychoanalyse 
urteilt, ohne sie je angewendet zu haben, 
sich weigert, alle ihre Folgerungen zu ak- 
zeptieren. Aber man muß Dumas Dank 
wissen, daß er Nutzen und Vorteile der 
Freud sehen Methode anerkennt, denn 
die Methode ist wichtiger als die Theorie. 
Er äußert sich darüber wie folgt (Bd. II, 
S. 1062/63): „Prinzipiell bestreiten wir ja 
nicht, daß man mit dieser Therapie einige 
Formen der Zwangs- und Aktualneurosen 
beeinflussen kann und in jenen Fällen, in 
denen die psychasthenische oder hysteri- 
sche Konstitution nach der Kur latent 
bleiben wird, die verschwundenen Sym- 
ptome nicht durch neue ersetzt worden 
sind, wird man von passagi'rer Heilung 
sprechen können. Freud, der von der 
ursprünglichen und tiefgehenden Aktivität 
der Komplexe überzeugt ist, glaubt, daß 



seine Therapie nicht viel weiter reiche . . . 
Wir gestehen Freud zu, der ja aus lang- 
jähriger Erfahrung spricht, daß bei einigen 
Fällen von Hysterie oder Zwangsneurose 
die von ihm angewandte Art der Behand- 
lung dauernde Heilerfolge erzielen kann; 
es gibt aber — wie er selbst zugibt — 
soviel Mißerfolge, daß man wohl an- 
nehmen könnte, es seien eben in manchen 
Fällen konstitutionelle Momente, die jeder 
Art der Beeinflussung Widerstand leisteten. 
. . . Doch wollen wir der Freudschen 
Therapie nicht Schranken und Mißerfolge 
zum Vorwurf machen, die jede Psycho- 
Therapie aufzuweisen hat; hoffen wir, 
daß die Psychoanalyse auch weiterhin die 
Psychiatrie in der Pathogenese der Delirien 
fördern wird, wenn sie auf ihre über- 
mäßigen Forderungen im Gebiete der 
Kausalität, auf ihre willkürlichen Deutun- 
gen, auf ihre Konstruktionen a priori und 
auf ihre Übertreibungen verzichtet hat . , . 
Trotz dieses Verzichts bringt sie uns zwei 
Erkenntnisse, die uns sicherlich erhalten 
bleiben werden und die ich für sehr frucht- 
bar halte. Vor allem die Tatsache, daß ver- 
drängte Tendenzen, sehr häufig sexueller 
Natur, in Verkleidungen oder Symbolen 
in vielen Delirien oder neurotischen Zu- 
ständen wieder auftauchen; weiters die 
Erkenntnis, daß wir viel zu vorschnell 
Kranke als dement bezeichnen, deren 
geistige Aktivität nur verringert und in ihr 
Inneres gelenkt würde, in dem sich ihre 
intellektuellen und affektiven Funktionen 
noch in einer herabgeminderten und reali- 
tätsfremden Form manifestieren." 

Dr. R. de Saussure. 



BRUNET: Le reve. (Psychologie et physiologie.) Stock. Paris 1924. 



Dieses kleine Buch bringt zahlreiches 
Beweismaterial und gibt eine ausgezeich- 
nete, sehr gut wiedergebende Übersicht 
der einschlägigen Werke. Wenn der Autor 
auch nicht in die Details der psycho- 



analytischen Untersuchungen eindringt, so 
gebührt ihm doch das Verdienst, die Ge- 
dankengänge Freuds und seiner Schüler 
unparteiisch dargelegt zu haben. 

Dr. R. de Saussure. 



214 



Kritiken und Referate 



WILHELM DOLLES: Das Jüdische und. das Christliche als Geistes- 
richtung. Fragen und Erkenntnisse zur augenblicklichen Lage unserer geistigen 
Kultur und Erziehung vom Standpunkt einer biologischen Auffassung des Seelen- 
lebens. (Beitrage zur Kinderforschung und Heilerziehung. Heft 179.) Langen- 
salza, H. Beyer & Söhne. 



Im Schlußsatz seiner Untersuchung 
nennt der Autor die Quelle, aus der seine 
Beobachtungen, Erfahrungen und Urteile 
fließen: Haß, „nicht des Juden, aber 
des Jüdischen". Unter demselben Ge- 
sichtswinkel urteilt er über die psycho- 
analytische Forschung, die „zunächst 
vornehmlich von Juden oder Ärzten und 
Psychologen mit jüdischem Einschlag ge- 

CARL CHRISTIAN BRY: Verkappte 
Gotha 1924. 

Der Verfasser versucht in seinem Buche 
von einem Gesichtspunkte aus eine Reihe 
moderner Erscheinungen zu beschreiben 
und heißt sie „verkappte Religionen". Die 
Untersuchung umfaßt Esperanto, Sexual- 
reform, rhythmische Gymnastik, Über- 
menschen, Fauste.xegese, Gesundbeten, 
Kommunismus usw. usw., eine bunte Ge- 
sellschaft; und darunter findet sich auch 
eine Kritik der Psychoanalyse, der 
ein ganzes Kapitel gewidmet ist. 

Was verkappte Religionen bedeuten, 
erklärt der Verfasser folgendermaßen 
(S. 16): „Religion sagt: der letzte Sinn 
deines Daseins liegt jenseits deines 
Lebens, liegt über deinem Leben . . . 
Verkappte Religion hingegen sagt: Hinter 
deinem gewöhnlichen Leben und hinter 
der gewöhnlichen Welt liegt etwas bisher 
Verborgenes, etwas zwar seit langem Ge- 
ahntes, aber für uns nicht Verwirklichtes, 
eine noch nie realisierte Möglichkeit . . . 
Der Anhänger der verkappten Religion 
glaubt a 1 etwas hinter der Welt. Man 
kann ihr kurzweg den Hinterw eltler 
nennen." Dieser neu entdeckte Hinter- 



schaffen und gefördert wurde". Dolles 
sieht in der Psychoanalyse ein „Ringen 
nach Befreiung vom Jüdischen in uns und 
ein Suchen nach dem Christlichen". 

Die unwissenschaftliche, rein affektive 
Einstellung zum Problem macht jede Aus- 
einandersetzung mit dem Autor von vorn- 
herein unmöglich. 

Dr. Hermine Hng- Hellmuth (f). 

Religionen. Verlag F. A. Perthes. 

weltler besitze nun eine Menge Untugen- 
den, die in seinen Werken und Bemühungen 
verräterisch zutage treten. Vor allem sei 
er monoman: „In tausend Formen, die 
immer wieder wechseln, stellen sie einen 
Gedanken in die Mitte usw." 

Mit dieser Idee bewaffnet durcheilt 
der Autor die Welt und sieht eine Menge 
Dinge in neuer Beleuchtung. Ich übergehe 
diese Erörterungen und wende mich dem 
Kapitel „Das Unbewußte" zu. Bry be- 
ginnt folgendermaßen: „Wenn wir die 
Betrachtung von Freuds Psychoanalyse 
an die Spitze der verkappten Religionen 
im engeren Sinn stellen, so folgen wir 
damit nur dem Brauch, der sich in der 
Mehrzahl neuerer Bücher über den Okkul- 
tismus eingebürgert hat. Psychoanalyse ist 
hier das Eingangstor . . . Die allgemeinste 
Behauptung der Psychoanalyse besagt, 
daß unsere Seele sich in zwei große 
Reiche trenne: in das bewußte und in 
das unbewußte." (S. 171.) 

Bry gibt wohl zu, daß die Psycho- 
analyse im wesentlichen ein Mittel ist, 
um kranke Menschen zu heilen, daß es 



Kritiken und Referate 



215 



sogar Arzte gibt, die nichts anderes da- 
hinter suchen. „Aber sie ist nicht nur 
ärztliche Wissenschaft, sie will nicht nur 
Krankheiten heilen, sondern das Wesen 
des Menschen neu erkennen. Sie ist, ob 
zugestanden oder nicht, eine Welt- 
anschauung, nicht nur empirisch- 
wissenschaftlicher Befund und nicht nur 
medizinische Hypothese." (S. 172.) 

Und nun folgt eine Darstellung, die 
am Wesentlichen vorbeigeht. Bry sucht 
nachzuweisen, daß der Traum keine 
Wunscherfüllung sei, sondern nur als solche 
könne gedeutet werden, was ihm aber durch- 
aus willkürlich und unsicher erscheine und 
wählt gerade den typischen Prüfungs- 
traum, um seine Ansicht zu erhärten. 

Über die analytische Technik des 
freien Assoziiereiis läßt sicli Bry folgen- 
dermaßen vernehmen: „Freud spricht in 
dieser Beziehung gern von ^ungewollten 
Vorstellungen'. Aber es fragt sich, ob es 
sich wirklich um ungewollte Vorstellungen 
handelt. Auch bei einem bewegt hin und 
herspringenden Gespräch in größerer Ge- 
sellschaft gelangt man vom Hundertsten 
ins Tausendste und hier sind die Vor- 
stellungen wirklich .ungewollt'. [Sic!] Vor 
dem Psychoanalyten [sie!] ist das kaum 
in derselben Weise der Fall. Gegenüber 
dem psychoanalytischen Interview 
setzt tatsächlich die Befangenheit 
und die Verdrängung ein." [Sic!] 
(S. 173.) 

Diese Äußerungen, die von keinerlei 
Sachkenntnis getrübt sind, sprechen für 
sich. Bücherschreiber, die eine ausfor- 
schende Befragung mit der freien Assozia- 
tion in der analytischen Stunde verwech- 
seln, haben eben die Psychoanalyse nicht 
begriffen. 

„Aber er (Freud) vergißt, daß sie 
(die Fehlleistungen) nie einen Grund, 
nein, daß sie tausend Gründe haben." 
Wir wissen, daß gerude Freud gelehrt 



hat, in einem Krankheitssymptome die 
Äußerung einer langen Krankengeschichte 
zu sehen, worin viele Ursachen zu einer be- 
sonderen Erscheinung zusammenwirken. 
Oder S. 187: „Und Freud will auf der 

anderen Seite zu viel. Er will die Sache 

wie sagt man — restlos aufklären." Das 
ist einfach nicht wahr. Freud äußert sich 
über diesen Punkt sehr klar und sagt in 
der „Traumdeutung" (6. Auflage) auf 
S. 392 : „In den bestgedeuteten Träumen 
muß man oft eine Stelle im Dunkeln 
lassen, weil man bei der Deutung merkt, 
daß dort ein Knäuel von Traumgedanken 
anhebt, der sich nicht entwirren will 
Dies ist dann der Nabel des Traumes, die 
Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt." 
AVo ist da die restlose Aufklärung? 

Wir lesen bei Bry auch folgendes 
'S. 99): „Die Neurotiker, die der psycho- 
analytische Arzt behandelt, kranken ja an 
dem, was in diesem Buche ,Hinterwelt' 
genannt wird. Der Neurotiker sieht feind- 
selige Gestalten, auch wo keine sind, 
ebenso wie der Antisemit oder Antifrei - 
maurer feindselige Gestalten und Gewalten 
sah, wo keine sind. Dem neurotisch 
kranken Hinterweltler tritt nun hier der 
psychoanalytische Hinterweltler gegen- 
über, ausgerüstet zugleich mit der ganzen 
Autorität und Fachbildung des diplo- 
mierten Arztes. Er versucht nicht mehr, 
die Neurose wegzuräsonieren (wie der 
Laie) oder sie wegzukurieren (wie viel- 
leicht der praktische Arzt'), er ist kühn 
genug, die einzige Methode einzuschlagen, 
die hier überhaupt Erfolg verspricht: 
nämlich sie wegzuzaubern. Nicht wie 
seine wissenschaftlichen Gegner meinen 
trotzdem, sondern weil er Schamane 
Zauberer ist, hat er seine Erfolge. Und 
wenn er heute herausfinden sollte, daß er 
gewisse Erscheinungsformen der Neurose 
am besten behandeln kann, wenn er 
dem Patienten in einem sternenbesäten 






2l6 



Kritiken und Referate 



schwarzen Mantel und in phantastischer 
Kapuze im trüben Licht eines Opfer- 
feuers entgegentritt, so würde ich jeden- 
falls vom Werte der Psychoanalyse als 
Therapie nicht geringer denken." 

Bry wird S. 204 noch deutlicher: 
„Wenn es wahr ist, daß sich mein Traum 
von voriger Nacht als ein Inzest nicht 
nur deuten läßt (was Freud sicher kann), 
sondern daß dieser Traum ein Inzest war, 
positiv war, was bedeutet er dann für 
mein Wachleben? ... Die Mahnung, daß 
ich, daß wir alle Bestien sind, daß das 
Bestialische in uns nur von einer dünnen 



Decke am Ausbruch gehemmt wird? Ja, 
lieber Professor Freud, das wußten wir 
ja schon vor der Psychoanalyse einiger- 
maßen. Außerdem ist ein Inzest (im Traum) 
so bestialisch nicht. Mein Wachleben wirft 
mir schlimmere Bestialitäten vor, weil un- 
scheinbarere vmd doch schuldbeladenere. 
Was bleibt also? Nichts. Doch, die Regel, 
die Deutung, die Hinterwelt, die ver- 
kappte Religion bleibt." 

Der Autor ist so unvorsichtig, am 
Anfang seines Buches die Frage aufzu- 
werfen: „Hat Bücherschreiben noch Sinn?" 
Dr. Ph. Sara sin (Basel).