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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. XI 1925 Heft 4"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

XI. Band 1925 Heft 4 



Die Geschichte eines Hochstaplers 

im Lichte psychoanalytischer Erkenntnis 
Von Dr. Karl Abraham 

Die klinische Beobachtung, an welche der nachfolgende krimin al-psycho- 
logische Versuch sich anlehnt, entstammt nicht der psychoanalytischen Praxis 
im strengen Sinne des Wortes. Es handelt sich um die Schicksale eines 
Mannes, den ich im Jahre 1918 als Militärarzt psychiatrisch zu begutachten 
hatte, und den ich fünf Jahre später unter eigentümlichen Umständen 
wiedersah. Die gemessene Zeit einer gerichtlich angeordneten Beobachtung, 
ebenso wie die Arbeitsverhältnisse auf einer Untersuchungsstation ließen 
eine regelrechte Psychoanalyse nicht zu. 

Nun bietet aber das Leben jenes Mannes — den ich fortan „N." nennen 
werde — in psychologischer Hinsicht ganz Außergewöhnliches dar; ein in 
neuerer Zeit eingetretener Umschwung seines sozialen Verhaltens steht in 
einem grellen Widerspruch zur psychiatrischen Erfahrung. Eben dieses 
Außergewöhnliche und mit der Erfahrung Kontrastierende erfährt aber eine 
befriedigende Aufklärung, wenn wir ganz geläufige, empirisch fest begrün- 
dete Ergebnisse der Psychoanalyse zu Rate ziehen. Anderseits erscheinen 
aber die Tatsachen des Falles N. wohl geeignet, die Psychoanalyse auf eines 
ihrer künftigen Anwendungsgebiete — die Kriminalistik — in besonderer 
Weise hinzulenken. Ich hege darum die Hoffnung, daß die Eigentümlich- 
keiten des Falles seine Publikation in dieser psychoanalytischen Zeitschrift 
vor den Augen der Leser rechtfertigen werden. 

N. war 22 Jahre alt, als er in den Militärdienst eintrat. Er hatte schon 
damals eine Reihe von Freiheitsstrafen durch bürgerliche Gerichte in ver- 

Imago XI 



2+ 



w VI INTERNATIONAL 
^^1 PSYCHOANALYTIC 
■■ UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



_c6 Dr. Karl Abraham 



schiedenen Ländern erlitten. Unmittelbar aus der letzten Strafhaft wurde 
er der Truppe überwiesen, bei welcher er seine soldatische Ausbildung 
empfing. Seine Vorgesetzten waren über seine bisherige Lebensführung 
genau unterrichtet. Dennoch wiederholte sich, was sich in N.'s Vorleben 
bereits viele Male abgespielt hatte. In kürzester Zeit hatte er sich die all- 
gemeinen Sympathien erworben, genoß das besondere Vertrauen seiner 
Kameraden und nahm beim Führer der Kompanie eine Vorzugsstellung ein. 
Zu gleicher Zeit aber begann er auch das Vertrauen der anderen zu miß- 
brauchen. Doch in dem Augenblick, da seine Betrügereien ans Licht zu 
kommen schienen, erhielt er, zugleich mit einer Anzahl seiner Kameraden, 
einen Marschbefehl, der ihn an die Balkan front versetzte. 

Da man beim Feldregiment über N.'s Vorleben nichts wußte, so wurde 
es ihm hier noch leichter gemacht, durch gewandtes Auftreten das Ver- 
trauen der maßgebenden Personen zu gewinnen. Als Zeichner von Beruf 
fand er bald eine entsprechende Verwendung. Sein Auftreten ließ ihn aber 
auch besonders geeignet erscheinen, geschäftliche Angelegenheiten zu er- 
ledigen. Und so vertraute man ihm alsbald Gelder an und ließ ihn in den 
Städten des Etappengebiets Einkäufe für die Truppe machen. In der Stadt 
„X" lernte er ein paar Soldaten kennen, die dort auf großem Fuße lebten. 
Da ergriff ihn sofort seine alte Neigung, von der später die Rede sein wird. 
Er trat ebenfalls als großer Herr auf und hatte in vier Tagen von dem 
ihm anvertrauten Gelde 160 Mark verbraucht. Auf einer zweiten solchen 
Reise erfuhr er, daß man seine Unterschlagungen bereits bemerkt hatte. 
Nun kehrte er nicht mehr zum Regiment zurück, sondern fuhr nach einer 
größeren Stadt. Hier versah er seine Uniform mit Tressen, um fortan als 
Unteroffizier aufzutreten. Außerdem hatte er sich bei seiner Truppe Eisen- 
bahnfahrscheine angeeignet und sie mit Stempeln versehen, so daß er nun- 
mehr ganz nach Belieben nach allen Richtungen der Windrose reisen konnte. 
So kam er auch wieder nach Deutschland. Aber die scharfe Kontrolle und 
die Begegnung mit früheren Bekannten machten ihm, besonders in Berlin, 
einen längeren Aufenthalt unmöglich. So wandte N. sich eines Tages nach 
Budapest, nachdem er sich vorher noch die Abzeichen als Vizefeldwebel 
zugelegt hatte. Von dort zog er, stets die Ausweise fälschend, nach Buka- 
rest weiter. Hier war die militärische Kontrolle so wachsam, daß N. nach 
Budapest zurückkehrte. Er wußte sich dort Zutritt zu angesehenen Familien 
zu verschaffen, erbot sich in gewinnender Form zur Besorgung von Lebens- 
mitteln, erhielt beträchtliche Vorschüsse von seinen Auftraggebern, ver- 
brauchte das Geld aber für seine eigenen Zwecke und lieferte die ver- 



Geschichte eines Hochstaplers im Lichte psychoanalyt ischer Erkenntnis 557 

sprochenen Lebensmittel nicht. Als ihm in Budapest der Boden unter den 
Füßen zu heiß wurde, wandte er sich nach Wien, wurde hier aber bald 
ergriffen und dann in die heimatliche Garnisonstadt überführt. Schon an 
dieser Stelle sei darauf aufmerksam gemacht, daß N. mit größter Leichtig- 
keit Menschen jeden Alters, Standes und Geschlechts für sich einzunehmen 
wußte, um sie dann zu betrügen, daß er dagegen niemals besondere Ge- 
schicklichkeit darin zeigte, dem Arm der Gerechtigkeit zu entgehen. Erst 
wenn er gefangen saß, erwachte seine Agilität wieder; es kam dann vor 
daß er in kurzer Zeit seine Wächter sorglos gemacht hatte und den Weg 
zur Freiheit fand, ohne im geringsten Gewalt anzuwenden. 

Als N. sich zweieinhalb Monate in Untersuchungshaft befand, war sein 
Einfluß auf die im übrigen gewissenhaften und erfahrenen Aufseher soweit 
gediehen, daß die Tore sozusagen von selbst vor ihm aufsprangen. Einer 
der Aufseher wurde während eines Gespräches mit N. abgerufen und 
ließ, völlig sorglos geworden, seine Schlüssel in der Zelle des Gefangenen 
zurück. Der nahm sie, öffnete die verschlossenen Ausgänge und war in 
Freiheit. Er wanderte bis zu einer kleinen Eisenbahnstation, bestieg dort 
einen Zug und verließ ihn bei der Ankunft in der nächsten Großstadt; 
überall gelang es ihm, die kontrollierenden Beamten zu täuschen. Drei 
Wochen arbeitete er als Dekorateur in einem Warenhaus. Die Gefahr des 
Entdecktwerdens nötigte ihn dann, die Stadt zu verlassen. Mit gefälschten 
Ausweisen gelang es ihm, Deutschland zu durchqueren. In einer Großstadt 
trat er wieder als großer Herr auf, führte sich als Kunsthistoriker ein, 
erhielt auf seine schwindelhaften Angaben von seinen neu gewonnenen 
Gönnern Geld und gab es mit vollen Händen aus . . . Nach einiger Zeit 
solchen „Zivillebens" mußte er den Schauplatz seines Wirkens verlegen. 
Nach kurzem Aufenthalt in Berlin fuhr er abermals nach Budapest. Hier 
war es, wo er zum ersten Male die Uniform eines Offiziers anlegte. Als 
„Leutnant" kehrte er nach Deutschland zurück und lebte monatelang auf 
großem Fuße in einer Beihe von Badeorten, doch nur in den elegantesten. 
Überall fand er als junger Offizier Zutritt zur Badegesellschaft. Sein sicheres 
und liebenswürdiges Auftreten ließ ihn stets nach kürzester Zeit zum Mittel- 
punkt eines großen Kreises werden. Wurde in einem Seebad die Gefahr 
der Entdeckung seiner zahllosen Schwindeleien zu groß, so verschwand er 
und suchte einen großen Kurort in Oberbayern auf, um nach einiger Zeit 
wieder in einem Seebad aufzutreten. Mittlerweile ließ er sich zum Ober- 
leutnant avancieren, d. h. bis zu dem höchsten Bang, den er, seinen Jahren 
entsprechend, erreicht haben konnte. Niemand ahnte, welche Bewandtni 



ns 

24* 



„_q Dr. Karl Abraham 
03° 



es 



in Wirklichkeit mit dem jungen Offizier hatte, der mit Kriegsdekora- 
tionen geschmückt war und in ebenso interessanter wie bescheidener Form 
von seinen Erlebnissen zu erzählen wußte. Schließlich aber wurde er doch 
verhaftet und wiederum in seine Garnisonstadt überführt. 

Das Strafverfahren gegen ihn nahm einen gewaltigen Umfang an; hatte 
er sich doch der Fahnenflucht schuldig gemacht, sich eigenmächtig einen 
militärischen Rang beigelegt und eine außerordentliche Zahl von Unter- 
schlagungen, Fälschungen und betrügerischen Handlungen begangen. 

Der mit der Untersuchung betraute Kriegsgerichtsrat zeigte volles Ver- 
ständnis und Interesse für N.s psychologische Eigenart, und da er irgend- 
eine Art krankhaften Zwanges als treibende Kraft in N.s Verhalten ver- 
mutete, so wurde die psychiatrische Beobachtung des Beschuldigten an- 
geordnet. 

Ich besuchte N. zunächst ein einzelnes Mal in der Untersuchungshaft, 
mußte aber sofort erkennen, daß die Kompliziertheit des Falles eine längere 
Beobachtung auf meiner Station erfordern würde. Diese letztere aber besaß 
keine genügenden Einrichtungen, um das Entweichen eines Untersuchungs- 
gefangenen — und eines so gewandten — zu verhüten. Auf meinen ent- 
sprechenden Hinweis verfügte das Gericht, daß N. in einem Zimmer des 
Dachstocks untergebracht werde. Um seine Flucht ZU verhindern, wurde 
eine besondere Bewachung eingerichtet. Es sollten ständig drei besonders 
zuverlässige und intelligente „Gefreite" vor N.'s Zimmer Wache halten. 
Um eine Beeinflussung durch N. zu verhüten, wurden die Wachen streng 
angewiesen, sein Zimmer nicht zu betreten und sich auf kein Gespräch mit 
ihm einzulassen. 

So wurde N. eines Tages von seinen drei Wächtern in das Lazarett 
überführt, und dieser Akt vollzog sich ohne Schwierigkeit. Zehn Minuten 
nach der Aufnahme wollte ich mich davon überzeugen, ob N. den Vor- 
schriften gemäß untergebracht und beaufsichtigt sei. Zu meinem Erstaunen 
fand ich vor dem Zimmer keine Wache, sondern nur ein paar Stühle. 
Beim Eintritt in das Zimmer aber bot sich mir ein unerwartetes Bild. 
N. saß zeichnend an einem Tisch. Einer seiner Wächter saß ihm Modell 
zu einer Zeichnung, und die beiden anderen schauten zu. Es ergab sich, 
daß N. seine Wächter bereits auf dem Wege zum Lazarett für sich ge- 
wonnen hatte, indem er von seiner Zeichenkunst erzählte und sie zu 
porträtieren versprach. Übrigens verlief N.s mehrwöchiger Aufenthalt auf 
der Station ohne irgendwelche Fluchtversuche oder sonstige Unregelmäßig- 
keiten. 



Geschichte eines Hochstaplers im Lichte psychoanalytischer Erkenntnis 359 

Um zu einem Urteil über N.s geistigen Zustand zu gelangen, mußte 
ich vor allem die Geschichte seiner Jugend kennen lernen. Da er ein 
Virtuose auf dem Gebiet der phantastischen Erzählungen zu sein schien 
so waren seine eigenen Berichte mit Vorsicht aufzunehmen und durch 
Erkundigungen an informierten Stellen nachzuprüfen. Ich kann aber so- 
gleich hinzufügen, daß N.s Angaben über seine gesamte Vergangenheit 
in keinem Widerspruch zu den amtlichen Nachweisen standen. Ich konnte 
niemals feststellen, daß er in den vielen Gesprächen mit mir jemals etwas 
unterdrückt, fälschlich hinzugesetzt oder zu seinen Gunsten verändert hätte. 
Im Gegenteil sprach er von allen seinen Verfehlungen mit größter Offenheit, 
so wie sich das auch später bei der gerichtlichen Verhandlung wiederholte; 
nur intimere Einblicke in sein Seelenleben zu geben war er nicht geneigt. 

Ich erfuhr bald, daß N.s unerlaubte Handlungen auf sehr frühe Lebens- 
jahre zurückgingen, und die Akten einer Besserungsanstalt, in welcher sich 
N. während mehrerer Jahre als „Fürsorgezögling" aufgehalten hatte, be- 
stätigten diese Angaben vollauf. 

N. war das jüngste aus der langen Kinderreihe einer kärglich lebenden 
Beamtenfamilie. Hinsichtlich erblicher Belastung durch geistige Erkran- 
kungen in der Familie war nichts von Bedeutung festzustellen. Was bei 
dem Knaben aber — ganz im Gegensatz zu seinen älteren Geschwistern — 
schon in frühester Zeit hervortrat, das war eine unbändige Großmanns- 
sucht. Als er in seinem fünften Lebensjahr die Vormittage in einem 
Kindergarten zubrachte, wandte er sich von den weniger gut gekleideten 
Kindern ab und spielte nur mit denjenigen, die den wohlhabenderen 
Familien angehörten. Kaum war er in die Schule eingetreten, so sah er 
mit Neid, daß manche Knaben diesen und jenen Gegenstand in schönerer 
Ausstattung besaßen als er; sie hatten etwa eine bunt lackierte Feder- 
schachtel oder einen Bleistift von besonderer Farbe. Da ging der Sechs- 
jährige eines Tages in einen Schreibwarenladen nahe dem Schulhaus und 
gab sich als Sohn eines in der Nachbarschaft wohnenden Generals aus. 
Sofort lieferte man ihm die Gegenstände seiner Sehnsucht auf Kredit. Nun 
konnte er sich stolz neben den Söhnen der wohlhabenden Familien zeigen. 
Bald freilich wurde sein erster Betrug entdeckt und bestraft, aber der 
Wunsch, es mit den glücklicheren Kameraden aufnehmen zu können, blieb 
unbezähmbar und fand in weiteren unrechtmäßigen Handlungen seinen 
Ausdruck. Einer der Schulkameraden besaß eine große Armee von Blei- 
soldaten, während N. nur wenige sein eigen nannte. Die Sehnsucht, dem 
Mitschüler nicht nachzustehen, ließ ihn nicht ruhen. Endlich entwendete 



_5o Dr. Karl Abraham 

«J ^ __ 



er seiner Mutter einen Betrag von 6 bis 7 Mark, legte ihn sofort in Blei- 
soldaten an und zeigte dem Kameraden, daß er ebensoviele und schöne 
Soldaten besaß wie jener. 

Von Anfang an trat in der Schule N.s gute Begabung hervor. Allem 
Anschein nach waren seine Leistungen aber nur dann seinen Anlagen ent- 
sprechend, wenn er sich vom Lehrer irgendwie besonders beachtet oder 
bevorzugt fühlte. Wiederholt trug er sich mit abenteuerlichen Fluchtplänen. 
Einmal erlangte er von seinem Lehrer durch schwindelhafte Angaben Geld. 
Andere Male lieh er von Mitschülern Bücher und verkaufte sie. Der Versuch, ihn 
eine höhere Schule durchmachen zu lassen, scheiterte an dem Mangel an Aus- 
dauer. Stets trat der phantastische Zug in N.s Wesen hervor; einer seiner 
Lehrer äußerte von ihm, er scheine an Größenwahn zu leiden. So wurde der 
Schulbesuch unterbrochen, und N. trat eine kaufmännische Lehrstelle an. 

Bis dahin hatten sich N.s unerlaubte Handlungen zumeist innerhalb der 
Familie und Schule abgespielt. Als Lehrling veruntreute er alsbald Geld- 
beträge aus der „Portokasse" und verlor seine Stellung nach etlichen 
Monaten. Eine zweite Stellung sagte ihm nicht zu, und er blieb nach 
wenigen Tagen eigenmächtig fort. In einer Gärtnerei untergebracht, lief 
er auch dort bald davon, geriet in schlechte Gesellschaft, trieb sich umher 
und wurde schließlich der „Fürsorge-Erziehung" unterstellt. 

In der Erziehungsanstalt spielte sich nun ab, was sich später so oft 
wiederholen sollte. Der Direktor erkannte N.s künstlerische Begabung, ebenso 
wie sein Begehren nach gesellschaftlichem Aufstieg, und versuchte N.s 
Leben in beiden Hinsichten in geordnete Bahnen zu lenken. N. fühlte sich 
als Vorzugsschüler verhältnismäßig wohl, und eine Zeitlang gab es an- 
scheinend keine Klagen über ihn. Durch Vermittlung des Direktors wurde 
N., obwohl noch Fürsorgezögling, zum Besuch der Kunstgewerbeschule in 
einer anderen Stadt zugelassen. Hier fehlte ihm der Halt an seinem väter- 
lichen Gönner, und nach kurzer Zeit bereits war N. in ein gerichtliches 
Strafverfahren verwickelt und mußte die Schule verlassen. In die Erziehungs- 
anstalt zurückgekehrt, zeigte er ein ähnliches Verhalten wie so viele junge 
Menschen in gleicher Lage. Irgendeine wirkliche oder vermeintliche Zurück- 
setzung gab ihm den Anlaß zum Fortlaufen, und die kurze Zeit, welche 
er alsdann in Freiheit zubrachte, war mit mancherlei unerlaubten Hand- 
lungen ausgefüllt. 

Mit neunzehn Jahren tauchte N. in Berlin auf, fand Stellung, arbeitete 
aber kaum, spielte den großen Herrn und machte betrügerische Schulden. Es 
gelang ihm, zu den gesellschaftlichen Kreisen Zutritt zu finden, die immer 



Geschichte eines Hochstaplers im Lichte psychoanalytischer Erkenntnis z6i 

das Ziel seiner Sehnsucht gewesen waren. Der Fürsorgezögling wurde ein 
beliebter Gast in sehr exklusiven studentischen Verbindungen. In Kleidung 
Lebensweise und Auftreten hatte er sich ganz den „oberen Zehntausend" 
angeglichen. Nur die Mittel dazu stammten aus dunklen Quellen und 
schließlich mußte N. sich der drohenden Verhaftung durch die Flucht ent- 
ziehen. Nun begann eine abenteuerliche Wanderung durch Süddeutschland 
Tirol und die Schweiz. Überall machte N. sich strafbar, indem er Zech- 
prellereien und sonstige betrügerische Handlungen beging, und wurde von 
den verschiedensten Gerichten verfolgt. In der Schweiz verbüßte er eine 
Gefängnisstrafe von einem Monat, mußte dann das Land verlassen und 
wurde nun in Deutschland für eine Reihe von früheren Delikten bestraft. 
Er wanderte von Gericht zu Gericht, von Gefängnis zu Gefängnis. Während 
der letzten Strafhaft erwarb er sich schnell das Wohlwollen des Gefängnis- 
direktors und wurde mit der Führung der Bibliothek betraut. Als er alle Strafen 
verbüßt hatte, trat er, wie eingangs erwähnt, in den Kriegsdienst (1915). 

Indem ich alle psychologischen Bemerkungen zum Fall N. auf einen 
späteren Zusammenhang verschiebe, will ich hier nur den Tenor des Gut- 
achtens im Auszug wiedergeben. Eine geistige Störung im gewöhnlichen 
Sinne des Wortes war bei N. in keiner Weise feststellbar. Von einem 
intellektuellen Defektzustand konnte nicht die Rede sein; im Gegenteil 
hatte ich mit einem Mann zu tun. dessen Intelligenz über dem Durch- 
schnitt stand, und der außerdem beträchtliche künstlerische Gaben aufwies. 
Die Abweichung von der Norm lag ausschließlich im sozialen Verhalten 
des Untersuchten. Ich nahm eine tiefgreifende Störung des Gefühlslebens 
an, aus welcher sich gesellschaftsfeindliche Antriebe herleiteten. Derartige 
Impulse waren bei ihm selbst unter den günstigsten Verhältnissen jeweils 
nur für kurze Zeit ausgeblieben; bald waren sie mit offenbar zwingender 
Gewalt wieder zum Durchbruch gelangt. 

Die klinische Deskription spricht in derartigen Fällen von ethischen 
Defektzuständen. Das herrschende Strafgesetz aber erkennt einen Einfluß 
solcher Abweichungen des Gefühlslebens auf die Zurechnungsfähigkeit des 
Menschen nicht an. Das Militärgericht, welches dem Angeklagten mit 
rühmenswertem menschlichem Verständnis gegenübertrat, konnte die Zu- 
rechnungsfähigkeit N.s nicht verneinen und mußte ihn nach dem Wort- 
laut des Gesetzes zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilen. 

Hervorzuheben bleibt noch, daß ich im Gutachten den Zustand N.s 
auf Grund allgemeiner psychiatrischer Erfahrung als bleibend und un- 
beeinflußbar bezeichnete. 



-62 Dr. Karl Abraham 



Wenige Monate nach N.s Verurteilung (im August 1918) ging der Krieg 
zu Ende, und weder vorher noch während der folgenden vier bis fünf Jahre 
vernahm ich etwas von ihm. Eines Tages aber wurde ich unter merk- 
würdigen Umständen von einem bürgerlichen Gericht um ein neues Gut- 
achten über N. angegangen. Er hatte bis zum Frühjahr 1919 eine Reihe 
von Delikten begangen, die den früheren durchaus ähnlich waren. In dem 
Strafverfahren, das sich durch mancherlei Umstände jahrelang verzögert 
hatte, behauptete nun N., die inkriminierten Handlungen bis zum Früh- 
jahr 1919 unter dem alten krankhaften Zwang begangen zu haben. Kurz 
danach aber seien jene seit seiner Kindheit bestehenden kriminellen Nei- 
gungen verschwunden. Er sei in den letzten vier Jahren seßhaft und 
arbeitsam gewesen und habe sich nie mehr etwas zuschulden kommen 
lassen. 

Waren diese Angaben N.s richtig, so hatte ich mich in der Beurteilung 
seines Zustandes erheblich geirrt, namentlich hinsichtlich der Prognose. 
Zunächst bedurfte es jedenfalls authentischer Feststellungen über sein Ver- 
halten seit der Verurteilung vor fünf Jahren. Aus Angaben, welche N. mir 
persönlich machte, als er sich mir zur erneuten Untersuchung vorstellte, 
und aus den amtlichen Belegen ergab sich nun folgendes Bild. 

N. war bei Kriegsschluß gemäß der weitgehenden Amnestie in Freiheit 
gelangt. Rasch folgten nun neue Delikte, die in ihrer Art den früheren 
ähnelten. Von den Umwälzungen, wie sie sich zu jener Zeit auf allen 
Gebieten abspielten, konnte ein schnell erfassender Kopf wie N. leicht 
profitieren. Er, der eine lange Untersuchungs- und Strafhaft hinter sich 
hatte, gewann auch jetzt überall das Vertrauen der maßgebenden Personen, 
um es freilich bald zu mißbrauchen. So hebt mit der wiedergewonnenen 
Freiheit für N. auch eine Kette neuer Delikte an. Zu jener Zeit bildeten 
sich sogenannte Freikorps und andere militärische Organisationen. N. ge- 
hörte irn Laufe einiger Monate mehreren solchen an. Überall war er gern 
gesehen; seine Beliebtheit fand ihren Ausdruck darin, daß man ihm stets 
die Kasse anvertraute. N. beging darauf Unterschlagungen, mußte fort- 
gehen und begann anderswo das Spiel von neuem. Bei einer Organisation 
glaubte man ihm auf sein Wort, daß er während des Krieges Offizier ge- 
wesen sei, und N. tat nun wirklich Offiziersdienst. 

Doch die Gelegenheit zu solchem Spiel hörte bald auf, und N. kehrte 
ins Zivilleben zurück. Vom März bis zum Juni 1919 beging er in alter 
Weise eine Reihe von Unterschlagungen, Zechprellereien usw. und wurde 
von mehreren Gerichten gesucht. 



Geschichte eines Hochstaplers im Lichte psychoanalytischer Erkenntnis 565 

Und dann folgt die große Veränderung. Daß N. sich seit dem Juni 
1919 nichts mehr hat zuschulden kommen lassen, dafür liegen be- 
stimmte Beweise vor. Seit jener Zeit hat keine polizeiliche oder gericht- 
liche Behörde ein Verfahren gegen N. eröffnet. Vertrauenswürdige Zeugen 
bekunden, daß er seither seßhaft und arbeitsam sei. Seine beruflichen 
Leistungen werden gerühmt. Angesehene Kaufleute, die N. in ihren Be- 
trieb aufgenommen haben, bekunden seine Pflichttreue und seine unbedingte 
Zuverlässigkeit, insbesondere in allen finanziellen Beziehungen, die durch 
mehrere Jahre erprobt sei. Beide Zeugen waren über N.s Vorleben wohl 
unterrichtet und hatten daher ein wachsames Auge auf ihn, fanden aber 
niemals einen Anlaß zur Klage. N. ist verheiratet und führt das Leben eines 
gutbürgerlichen Ehemannes; im gesellschaftlichen Leben seines Wohnortes, 
einer großen Stadt, ist er beliebt und geachtet, ohne jedoch in seiner aus 
früherer Zeit bekannten Art die Menschen zu „blenden . 

An der Tatsache dieses vollkommenen Umschwunges in N.s sozialem 
Verhalten konnte kein Zweifel bestehen. Entsprachen die Berichte aber 
der Wirklichkeit, so lief eine derartige Veränderung aller psychiatrischen 
Erfahrung zuwider. Wenn sich bei einem Individuum die dissoziale Ein- 
stellung so früh gezeigt, und wenn dieses Individuum bis zu sechsund- 
zwanzig Jahren sich dem sozialen Leben nicht eingeordnet, sondern ein aus- 
geprägtes Hochstaplerleben geführt hat, so nötigt uns alle Erfahrung, die 
Aussicht auf eine spontane Besserung zu verneinen. Wir wüßten auch 
keine Einflüsse namhaft zu machen, denen wir solche außerhalb unserer 
Erfahrung liegenden Wirkungen zutrauen könnten. Es müßten schon außer- 
ordentliche Umstände sein, mit deren Eintreten man eben praktisch nicht 

rechnen kann. 

Die Lösung des Bätsels liegt auf psychologischem Gebiet. Wir werden 
uns daher jetzt gewissen Tatsachen in N.s Leben und seiner seelischen 
Reaktion auf solches Erleben zuwenden müssen. Erwähnt sei an dieser 
Stelle, daß N. zur Zeit der Beobachtung im Jahre 1918 weniger geneigt 
war, mit mir auf diese Fragen einzugehen. Damals befand er sich, wie 
wir nun bald verstehen werden, noch zu sehr in einer trotzig-aufrührerischen 
Einstellung zu jedem Repräsentanten der väterlichen Gewalt, und damals 
war ich sein militärischer Vorgesetzter. Im Jahre 1925 dagegen machte er 
den Eindruck eines Menschen, der es sich in den gegebenen Verhältnissen 
wohl sein läßt. Er fühlte sich mir bürgerlich gleichstehend und konnte 
sich mir ohne das frühere Mißtrauen offenbaren. So ergab erst unsere 
weit kürzere zweite Begegnung manche wichtige, ja grundlegende Er- 



sö.j. Dr. Karl Abraham 



klärungen für das soziale Verhalten N.s in früherer Zeit und erklärte den 
neuerdings erfolgten Umschwung. 

Wie erinnerlich, war N. das jüngste unter den vielen Kindern einer 
in dürftigen Verhältnissen lebenden Familie. Es muß hinzugefügt werden, 
daß ihn ein weiter Altersabstand von seinen Geschwistern trennte, die zur 
Zeit seiner Geburt schon halb oder ganz erwachsen waren. Als ganz kleiner 
Knabe, aber auch später, hörte er seine Mutter wieder und wieder sagen, 
wie unwillkommen er ihr als Spätling gewesen sei. Während die älteren 
Geschwister schon selbst etwas verdienen konnten, war N. der unnütze 
Esser in der Familie und erfuhr aus lieblosen Bemerkungen, daß er nur 
als eine Belastung des Familienbudgets angesehen wurde. Jedenfalls fühlte 
er sich von beiden Eltern und sämtlichen Geschwistern ungeliebt, ja be- 
feindet, ganz im Gegensatz zu der sonst häufigen Verwöhnung spät- oder 
letztgeborener Kinder. Sein späteres soziales Verhalten stellt in letzter 
Linie seine psychische Reaktion auf diese Eindrücke seiner früheren Kind- 
heit dar. 

Es braucht hier nur an die gesicherte psychoanalytische Erfahrung er- 
innert zu werden, nach welcher ein Kind an den Personen seiner frühesten 
Umgebung die ersten Liebeserfahrungen sammelt und selbst lieben lernt. 
Unter Umständen wie den soeben geschilderten kann eine vollwertige 
Objektliebe sich nicht entwickeln. Die ersten Versuche des Kindes, die ihm 
nächsten menschlichen Objekte mit seiner Libido zu besetzen, werden not- 
wendig scheitern, und eine rückläufige, narzißtische Besetzung des Ich wird 
nicht ausbleiben, während sich den Objekten zu gleicher Zeit eine große 
Ilaßbereitschaft zuwenden wird. 

Unter diesen Gesichtspunkten wird N.s Verhalten in der Kindergarten- 
und Schulperiode verständlich. Er verschmäht seine Eltern, so wie sie ihn 
verschmäht haben. Er wünscht sich reiche Eltern, die ihn nicht als 
ökonomisch belastenden Faktor ansehen würden. Er zeigt sich schon früh 
jedem Menschen, der ihm Vater, Mutter, Bruder oder Schwester bedeuten 
kann, von der gewinnendsten Seite; jeder Lehrer, jeder Mitschüler muß 
ihn gern haben — eine ständig fließende Quelle der Befriedigung für 
seinen Narzißmus. Aber die Identifizierung der ihn jeweils umgebenden 
Personen mit seinen Eltern und Geschwistern geht weiter: er muß die, 
welche ihn lieb gewonnen haben, enttäuschen, um Rache an ihnen zu 
nehmen. Daß alle, aber ausnahmslos alle, sich von ihm düpieren lassen, 
gibt seinem Narzißmus weitere intensive Befriedigung. Unter Anlehnung 
an eine geläufige Wortbildung verschiedener Sprachen möchte man sagen: 



Geschichte eines Hochstaplers im Lichte psychoanalytischer Erkenntnis ^65 

N., der sich in seiner Kindheit ungeliebt fühlte, mußte unter einer inneren 
Nötigung sich allen Menschen „liebenswürdig", d. h. ihrer Liebe 
würdig zeigen,, um bald danach sich und ihnen zu beweisen daß er 
dieses Gefühls unwürdig sei. Wir werden hier an die „Zweizeitigkeit" 
der Handlungen Zwangskranker erinnert. 

Besondere Beachtung verdient N.s brennender Wunsch, der Mittelpunkt 
eines großen Kreises von Menschen zu sein. Er erklärte mir selbst, daß 
es sein größtes Vergnügen war, „wenn sich alles um ihn drehte". Ein 
solcher Zustand war seinem Dasein in der Kindheit wirklich vollkommen 
entgegengesetzt. Jedesmal freilich tat N. selbst alles, um der Herrlichkeit 
ein rasches Ende zu bereiten. Ein übermächtiger Wiederholungszwang nötigte 
ihn, sich immer wieder zum Ausgestoßenen zu machen, wenn er gerade 
zum Liebling aller aufgestiegen war, — bis eines Tages die von uns noch 
nicht aufgeklärte große Änderung kam. 

Im Juni 1919 zog N. unstet und flüchtig von Stadt zu Stadt, sein Leben 
mit Hilfe von Zechprellereien und anderen Betrügereien fristend. In diesem 
Zeitpunkt trat ein glückliches Ereignis ein, dessen besondere Bedeutung 
für N. dem psychoanalytisch Geschulten sich förmlich aufdrängen muß. 

N. machte damals die Bekanntschaft einer Frau, die sich schon im ersten 
Gespräch für ihn zu interessieren begann. Sie war nicht unerheblich älter 
als er und war Teilhaberin eines industriellen Unternehmens. Kaum hatte 
sie von N.s Stellenlosigkeit und Notlage gehört, als sie auch schon für ihn 
zu sorgen versprach. Er fand in dem Unternehmen, an welchem sie be- 
teiligt war, eine seinen künstlerischen Gaben entsprechende Tätigkeit, hatte 
mit den sozial angesehensten Personen umzugehen und wurde auskömm- 
lich bezahlt. Zwischen ihm und seiner Gönnerin entwickelten sich engere 
Beziehungen. Sie war Witwe und Mutter mehrerer bereits halbwüch- 
siger Kinder. Es kam zur Eheschließung, während N. gleichzeitig in 
dem geschäftlichen Betrieb zu einem Posten mit voller Verantwortlich- 
keit aufstieg, der ihm überdies eine ausgezeichnete gesellschaftliche Stellung 
sicherte. Es gab in diesem Idealzustand bürgerlicher Zufriedenheit nur 
eine Beunruhigung; diese ging von den noch unerledigten Strafver- 
fahren aus. 

Als ich N. im Jahre 1923 wiedersah, hatte sich dieser Zustand des 
äußeren Glückes und — wie wir hinzufügen dürfen — der inneren Ruhe 
bereits durch einige Jahre stabil gehalten. Früher hatte N. jede ihm günstige 
Situation aus zwingenden, unbewußten Antrieben zerstören müssen. Warum 
blieb jetzt ein solcher Zusammenbruch aus, und warum konnte N. die 



„66 D r - Karl Abraham 



günstige Wendung seines Schicksals in voller Eintracht mit einem anderen 
Menschen genießen? 

Wir können die Antwort in eine kurze psychoanalytische Formel bringen. 
Alle früheren Zustände einer vorübergehenden Prosperität in N.s Leben 
stellten nichts anderes dar als eine augenblickliche Befriedigung seines 
Narzißmus. Ein derartiger Zustand aber trug den Keim raschen Verfalls in 
sich; die Ambivalenz der Antriebe war in N. viel zu stark, als daß er 
irgendeine Art des seelischen Gleichgewichts hätte erreichen können. Ver- 
mutungsweise dürfen wir hinzufügen, daß sich an N.s vorübergehende 
„Erfolge" starke unbewußte Schuldgefühle knüpften, die ein baldiges Ende 
des Glücks als Akt der Selbstbestrafung herbeiführen mußten. 

Wir haben bereits versucht, das Verharren der Libido im Zustande des 
Narzißmus aus einem regressiven Vorgang zu erklären, der sich an tief 
enttäuschende Eindrücke der frühen Kindheitsjahre anschloß. Anders aus- 
gedrückt: N. hatte als kleiner Knabe aus der Üdipus-Einstellung zu seinen 
Eltern dasjenige Quantum an Lust nicht entnehmen können, das anderen 
Kindern — wenn auch in sehr verschiedenem Maße ■ — ■ gestattet wird. Es 
fehlte die mütterliche Zärtlichkeit. Es fehlte die Möglichkeit, den Vater 
zur Idealgestalt zu erheben; im Gegenteil sehen wir von früh auf den 
Wunsch nach einem anderen Vater dominieren. Es fehlte auch die Mög- 
lichkeit, sich im Ödipus-Kampf gegen den Vater mit Geschwistern zu 
identifizieren; diese bildeten ja in unserem Falle zusammen mit den Eltern 
eine Welt von Feinden. So unterblieb die regelrechte Entwicklung 
des Ödipus-Komplexes. Naturgemäß konnten sich dann auch jene Sub- 
limierungsvorgänge nicht vollziehen, die von einer geglückten Bewältigung 
des Ödipus-Komplexes zeugen und die Vorbedingung für eine erfolgreiche 
Einordnung des Individuums in den sozialen Organismus bilden. 1 

Der Umschwung, der sich im Jahre 1919 in N.s Leben vollzog, bedeutet 
nun nichts mehr und nichts weniger, als das vollkommene Gegenteil der 

. 1) Wir sollten übrigens nicht vergessen, daß die Ödipus-Einstelhing, die wir mit 
gutem Recht als Quelle ernster und nachhaltiger Konflikte im Seelenlehen des 
Kindes und des Herangewachenen betrachten, zunächst eine Quelle wirklicher und 
phantasierter Lust darstellt. Das Kind lernt aber auf den größten und wichtigsten 
Teil seiner bezüglichen Wünsche, d. li. auf die sozial verpönten, allmählich verzichten, 
wenn ihm ein gewisses, eingeschränktes Maß von Lust gegönnt wird. Dies scheint 
eine dem Kinde unentbehrliche Hilfe zur erfolgreichen Überwindung der Ambivalenz 
gegenüber den Eltern zu sein. Ist aber dem Kinde alle solche Lust gänzlich versagt, 
so wird eine günstige Verarbeitung des Ödipus-Komplexes ausbleiben, und alle Libido 
wird wieder dem Ich zuströmen. 



Geschichte eines Hochstaplers im Lichte psychoanalytischer Erkenntnis 367 



häuslichen Konstellation in seiner frühen Kindheit. Eine Frau, an Jahren 
ihm überlegen, findet auf den ersten Blick Gefallen an ihm und über- 
häuft ihn mit Beweisen mütterlicher Fürsorge. Beweise der Liebe ge- 
sellen sich hinzu. Niemand steht dieser Liebe zwischen Mutter und Sohn 
hindernd im Wege, denn der Ehemann jener Frau ist längst verstorben. 
Da sind aber ein paar Söhne, die doch schon lange vor N. ein Recht auf 
die Liebe der Mutter hatten. Doch sie bevorzugt ihn, der so spät in ihr 
Leben eintritt, vor den anderen Söhnen, heiratet ihn und bietet damit 
ihm, nicht den leiblichen Söhnen, den Platz des verstorbenen Gatten! 

N. erlebte also durch diese Frau neben der plötzlichen Versetzung in 
günstige soziale und finanzielle Verhältnisse eine restlose Erfüllung aller 
seiner dem Ödipus-Komplex entstammenden Kindheitswünsche. Als ich ihm 
einen Hinweis auf die offenbare Mutterbedeutung seiner Frau gab, er- 
widerte N. : „Sie haben sicher recht. Ich habe sehr bald nach dem Beginn 
unserer Bekanntschaft zu meiner jetzigen Frau .Mütterchen' gesagt und 
bringe es heute noch nicht fertig, sie anders zu nennen." Bei dieser Ge- 
legenheit zeigte sich besonders eine lebhafte Gefühlsreaktion im Sinne von 
Sympathie und Dankbarkeit. Sie ließ erkennen, daß bei N. jetzt mehr 
vorlag als eine bloße Befriedigung des narzißtischen Begehrens nach Liebes- 
beweisen. Ich gewann den Eindruck, daß N. an einer Ersatzperson spat 
geglückt war, was in der Kindheit nicht stattfinden konnte: die Libido- 
Übertragung auf die Mutter. Damit soll natürlich nicht eine voll aus- 
gebildete Objektliebe, eine volle Überwindung des Narzißmus behauptet 
werden, sondern lediglich irgendein nicht näher zu bestimmender Grad 
der Progression seiner Libido von der narzißtischen Gebundenheit in der 
Richtung zur Objektliebe. Genaueres ließe sich nur auf Grund einer durch- 
geführten Psychoanalyse aussagen. 

Weiter muß hervorgehoben werden, daß die Gesamtheit der erwähnten 
Wunscherfüllungen nicht von Schuldgefühlen begleitet ist. Da ist 
kein Vater zu beseitigen — er ist schon vor langem gestorben. Da ist kein 
Angriff auf die Mutter nötig; sie kommt ja dem Sohne sowohl im mütter- 
lich-zärtlichen wie im erotischen Sinne entgegen, und dies aus eigenem 
Antrieb. Da sind keine Geschwister zu bekämpfen ; seine besondere Stellung 
in der neuen Familie wird in vollem Maße anerkannt. So genießt N. zum 
ersten Male in seinem Leben eine Situation ausschließlicher und — wie 
wir hinzusetzen müssen — vorwurfsfreier Lust. 

Die vollkommene Gewährung aller mütterlich-fürsorglichen wie eroti- 
schen Gefühle von seiten einer Mutter -Vertreterin hat den in der Kindheit 



568 Dr. Karl Abraham 



unbefriedigt gebliebenen Ödipus -Wünschen eine späte Erfüllung gebracht, 
hat aber zugleich N.s Libido aus ihrer narzißtischen Gebundenheit hervor- 
gelockt. Und so gelang ihm zum ersten Male ein gewisses Maß von Über- 
tragung seiner Libido auf ein Objekt. 

Die im psychologischen Sinne vollkommene Erfüllung einer infantilen 
Wunschsituation, wie wir sie im vorliegenden Falle geschehen sahen, dürfen 
wir als ein exzeptionelles Vorkommnis bezeichnen. Niemand konnte mit 
dem Eintritt dessen rechnen, was hier einmal, wie durch ein Wunder, 
zum Ereignis wurde. Die pessimistische Voraussage des Gutachtens behält 
ihre allgemeine Berechtigung, wenngleich sie sich in diesem Einzelfall als 
irrig erwiesen hat. Und noch in einem anderen Sinne behält sie ihre 
Berechtigung. 

Als N. mich zum letzten Male besuchte, hob er selbst hervor, wie gut 
es ihm in jeder Hinsicht ergehe. Aber gemäß seiner scharfen Intelligenz 
sprach er ein Bedenken aus. Er fühle, und er gestehe es sich und mir zu, 
daß die Dauer des gegenwärtigen Zustandes abhängig sei von seinem (N.s) 
Verhältnis zu seiner Frau. Würde dieses jemals erschüttert werden, so würden 
sicher die alten Neigungen wieder aus ihm hervorbrechen, denn zutiefst 
fühle er, daß die alte triebhafte Unruhe noch in ihm sei. 1 

Es läge nahe, mit Bezug auf den geschilderten Fall von einer „Heilung 
durch Liebe" zu sprechen — wenn wir nur sicher sein dürften, daß 
eine wirkliche Heilung, eine dauernde Veränderung zum Guten vorliegt. 
Wie dem aber auch sei, der Umschwung im sozialen Verhalten eines 
Menschen mit einem Vorleben, wie es geschildert wurde, bleibt ein merk- 
würdiges Phänomen, das nur von der psychoanalytischen Libido -Theorie zu 
erfassen ist, das im übrigen aber auch aus praktischen Gründen unsere 
volle Aufmerksamkeit verdient. 

In eindruckvollster Weise zeigt der vorliegende Fall, daß wir die heredi- 
täre Belastung, die „Degeneration" in ihrer Bedeutung für das Entstehen 
dissozialer und krimineller Antriebe nicht überschätzen sollen. Was die 
Schulmeinung noch immer mit einseitiger Vorliebe als mit dem Menschen 
geboren und daher unabänderlich betrachtet, das müssen wir zu einem 
guten Teil als früh erworben erkennen, d. h. auf die Wirkung frühester 
psychosexueller Eindrücke zurückführen. Dies aber bedeutet nicht nur die 

1) Hier sei das Ergebnis des zweiten Gutachtens (1925) erwähnt. Die letzten un- 
erlaubten Handlungen fielen zeitlich unmittelbar vor den großen Umschwung, waren 
also in gleicher Weise wie alle früheren zu bewerten, d. h. als Äußerungen eines 
aus unbewußten Quellen stammenden unwiderstehlichen Dranges. 



Geschichte eines Hochstaplers im Lichte psychoanalytischer Erkenntnis "6q 

Korrektur einer irrigen Meinung, sondern gibt uns neue Handhaben neue 
Möglichkeilen und Angriffspunkte für die Behandlung der Dissozialen 
besonders im jugendlichen Alter. Ich muß mit Genugtuung feststellen daß 
ich mich in dieser Hinsicht mit einem so vortrefflichen Kenner dieser 
Menschengruppe wie Aichhorn in voller Übereinstimmung befinde. 

Aichhorns 1 Mitteilungen lassen uns erkennen, welche Bedeutung der posi- 
tiven Übertragung des Zöglings auf den Erzieher gerade in den Besserungs- 
anstalten zukommt. Er hat mit vollem Recht die Herstellung der Über- 
tragung und ihre Erhaltung zum Angelpunkt der Fürsorgeerziehung gemacht. 

Erinnern wir uns der zauberhaften Wirkung der ersten geglückten Über- 
tragung im Falle N., d. h. bei einem bereits erwachsenen Manne, so ver- 
mögen wir zu ahnen, welche Ergebnisse eine erfolgreich hergestellte und 
in richtige Bahnen gelenkte Übertragung bei jugendlichen Individuen er- 
zielen kann. N. hatte freilich das Glück, als Fürsorgezögling einen humanen 
und verständnisvollen Erzieher zu finden. Was aber diesem Manne trotz 
ernster Anteilnahme an N.s Schicksal nicht gelang, das war die Herstellung 
einer nachhaltigen Übertragung: das Fehlen einer festen Bindung des Ge- 
fühls ließ N. immer wieder rückfällig werden und dauerhafte Trieb-Subli- 
mierungen nicht zustande kommen. Solche vollzogen sich erst, als N.s 
Libido sich zum ersten Male nachhaltig auf eine Person übertragen hatte. 

Gerade wir Praktiker der Psychoanalyse haben oft beklagt, daß unser 
therapeutisches Wirken sich stets nur auf einen verhältnismäßig kleinen 
Kreis von Personen erstrecke, daß es wohl in die Tiefe des Einzelfalles, 
aber nicht genügend in die Breite der menschlichen Gesellschaft dringe. 
Wenn Aichhorns Auffassung zutrifft, daß im allgemeinen durch die 
Herstellung der Übertragung eine ausreichende Grundlage für die Beein- 
flussung der dissozialen Jugendlichen gegeben sei, während nur die mit 
neurotischen Störungen komplizierten Fälle eine regelrechte psychoanalytische 
Behandlung erfordern, so läge hier ein Gebiet vor uns, auf welchem die 
an Neurotikern gewonnenen Ergebnisse der psychoanalytischen Forschung 
und Praxis zu umfassender Auswirkung gelangen könnten. Was Aichhorn 
uns vorführt, ist ein vielversprechender pädagogischer Vorstoß, zu welchem 
Freuds Psychologie ihm das Rüstzeug geliefert hat. Der warmherzige 
Eifer, mit welchem er dieses Erziehungswerk auszugestalten versucht, ver- 
dient bewundernde Anerkennung. 

1) „Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung." Internationale 
Psychoanalytische Bibliothek, Bd. XIX, 1925. 



Dr. Karl Abraham 



Werfen wir noch einen Rückblick auf die Schicksale unseres Hoch- 
staplers! In den Psychoanalysen Neurotischer stoßen wir oft auf die Folgen 
früher Verzärtelung, durch welche die Liebesansprüche des Kindes in 
unzweckmäßiger Weise hochgezüchtet wurden. Unter den „Dissozialen" 
wird uns vielleicht häufiger ein anderes Schicksal der Libido im frühen 
Alter begegnen. Es ist die Entbehrung an Liebe, welche, einer seelischen 
Unterernährung vergleichbar, die erste Vorbedingung für die Entstehung 
dissozialer Züge schafft. Es bildet sich ein Übermaß von Haß und Wut, 
das ursprünglich gegen einen engen Personenkreis gerichtet, später der 
sozialen Gesamtheit gilt. Wo solche Vorbedingungen gegeben sind, da wird 
eine der sozialen Anpassung günstige Entwicklung des Charakters spontan 
nicht Zustandekommen können. Der narzißtischen Regression der Libido, 
wie wir sie im Falle N. annehmen mußten, wird auch eine Hemmung 
der Charakterbildung, ein Stehenbleiben auf niederer Stufe entsprechen. 

Es wird nicht ausbleiben können, daß diesen Ergebnissen der Psycho- 
analyse allmählich auch von kriminalistischer Seite die ihnen gebührende 
Beachtung zuteil werden wird. In neuester Zeit hat Reik in seinem Buch 
über „Geständniszwang und Strafbedürfnis" umfassende Untersuchungen 
über das Schuldgefühl angestellt und damit eine wichtige Verbindung 
zwischen der psychoanalytischen Neurosenforschung und der Kriminalistik 
angebahnt. Nach zwei Richtungen hin kann die Wissenschaft vom Ver- 
brecher und Verbrechen aus den psychoanalytischen Lehren Nutzen ziehen. 
Die Psychoanalyse liefert der Kriminalistik neue psychologische Gesichts- 
punkte für das Verständnis der sie beschäftigenden Personen. Außerdem 
aber erscheint die Behandlung jugendlicher Dissozialer mit Hilfe der Psycho- 
analyse oder im Geiste der Psychoanalyse als ein aussichtsvoller Weg zur 
Verhütung krimineller Handlungen. 

Zur Herstellung dieser Brücke zwischen Psychoanalyse und Kriminalistik 
möchte auch die vorliegende Mitteilung einen Baustein beigetragen haben. 



Gustav Theodor Fechner 

Fortrag in der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung, 1924 

Von Dr. Imre Hermann (Budapest) 

So ist der Mensch Fremdling in seinem Geiste und irrt darin 
lierum, dem Zufall folgend oder mühsam am Faden des Schlusses 
seinen Weg suchend, und vergißt oft seine besten Schätze, die abseits 
von der leuchtenden Spur des Gedankens versenkt liegen im Dunhel, 
was des Geistes weites Gefilde deckt. Aber im Augenblicke des Todes, 
wo eine ewige Nacht das Auge seines Körpers überzieht, wird es zu 
tagen beginnen in seinem Geiste . . . 

(Fechner, Das Büchlein vom Leben nach dem Tode. 1856.) 

Schwarzer Vogel, ivas willst Du auf dem Baum? 
Schwarzer Vogel, was willst Du in meinem Traum? 
Bis in mein Herz, das kranke, das kranke, 
Kommst Du und nistest, ein schwarzer Gedanke; 
Ach Jugend, ach Lenz! so grün, so grün! 
Da, wo er nistet, will nichts mehr blühxu . 

(Dr. Mises [= Fechner], Gedichte, 18+1, „Der schwarze Vogel". 

A 
Biographisches 

Die schwere Krankheit in den Jahren 1840 — 184) 

Fechner s Name ist dem Physiker, dem Philosophen, dem Ästhetiker, 
dem Theosophen, dem Psychologen und auch dem Psychoanalytiker wohl 
bekannt. Auch schönliterarisch war dieser Gelehrte vom besten Schlage 
tätig. Daß der Name Fechner dort, wo man sich auf andere Namen be- 
ruft [z. B. auf Nietzsche: Wiederkehr des Alten; Entwicklung der Erde aus 
einer organischen (kosmorganischen) Ursubstanz], dennoch meistens un- 
genannt bleibt, ist die Folge eines Charakterzuges, der auch vom Biographen 
(Fechners Neffe, J. E. Kuntze) 1 in der Einleitung vorangestellt wird: die 
Stille und Kindlichkeit seines Lebens. 



1) Kuntze: Gustav Theodor Fechner (Dr. Mises). 1892. 






Imago XI. 25 



z-F2 Dr. Imre Hermann 



Zuallererst seien einige biographische Daten vorangeschickt. Fechner 
wurde am 19. April 1801 geboren, er hatte einen anderthalb Jahre älteren 
Bruder und drei jüngere Schwestern. Er war nicht ganz fünf Jahre alt, 
als der mütterliche Großvater und nicht viel mehr als fünf Jahre, als der 
Vater starb. Vater Fechner empfing den Keim seines frühen Todes angeb- 
lich durch Überanstrengung beim Aufheben eines schweren Kommoden- 
kastens. Er lag zwei Jahre lang (also etwa vom dritten Lebensjahre des 
Sohnes an) auf dem Siechbett, versah trotzdem mit der größten Anstrengung 
sein Pfarramt, „einmal bestieg er noch vom Bett aus die Kanzel, um als- 
bald von da wieder sich zu legen". Die jüngste Tochter, Clementine, wurde 
einige Tage vor seinem Tode geboren, er taufte sie noch vom Kranken- 
bett aus. Der analytische Spürgeist wird schon hier stutzig. Welche Folgen 
könnte wohl dies Ereignis — der Vater liegt krank, dann wird ein Kind 
auf die Welt gebracht, dann stirbt der Vater — vermutlich gerade zur Zeit 
der Überwindung des Ödipus-Konfliktes (mit fünf Jahren) gehabt haben. 
Stand dieses Ereignis nicht der späteren normalen Libidoentwicklung 
hemmend entgegen, und wird das empfindsame Kind dadurch nicht mit einem 
Übermaß von Schuldgefühl beladen? Vielleicht - wenn er ein Kind war, 
wie die übrigen es sind, so ist diese Bemerkung wohl überflüssig - wollte 
er selber ein Kind haben und die Stelle des Vaters für sich beanspruchen. 
Und da kam ein Kind (vom Vater?), aber der Vater starb, verließ die 
Familie. 

Des Schulbesuchs wegen kam Fechner ein halbes Jahr nach dem Tode 
des Vaters zu seinem Onkel, verließ also die Mutter, die er erst vom Jahre 
1814 an wöchentlich einmal besuchen konnte. Erst im Jahre 1815 ver- 
einigte sich die vaterlose Familie wieder, doch nur auf zwei Jahre; in der 
Zeit von 1817-1824 lebte er wieder fern von der Mutter. Da entschloß 
sich die Mutter, mit den noch ledigen zwei Töchtern zum Sohne nach 
Leipzig zu übersiedeln, um ihn dem Einfluß einiger zweifelhafter Freunde 
zu entziehen. Und das ist das zweite, was uns stutzig machen muß. Was 
waren das für Freundschaften? Über einen „unheimlichen" Freund — 
namens Schultze — erfahren wir, er habe eine dämonische Wirkung, einen 
faszinierenden Einfluß auf Fechner ausgeübt. Und ein anderer Freund 
schreibt ihm einen Brief (schon aus dem Jahre 1825) mit folgendem In- 
at = „...Du willst glauben, daß Du mir etwas sein könntestl Lieber 
Bruder, Du kannst mir nicht etwas sein, Du bist mir es ja schon und 
warst es immer, wenn auch nicht etwas, doch viel. Sonderbar ist es, Müller 
ist im Ganzen offener gegen mich, als gegen Dich . . ., aber ich habe eine 



Gustav Theodor Fechner .77 z 



andere Liebe für ihn, als für Dich, letztere möchte ich bloß mit dem 
unwiderstehlichen Gefühle vergleichen, das das Weib zum Manne zieht. Es 
ist mir, als müsse ich mich an Deiner Kraft und an Deinem Wesen stützen 
um den Haltpunkt nicht zu verlieren . . . Sei des versichert, daß kein 
Schulze, Nauwerk, Weisse Dich so lieben kann, als ich, selbst Müller und 
Spielberg nicht. Sieh, mich fesseln ja tausend Bande an Dich, und das 
zarteste, das Bruderband, da wir ja Eine Mutter mit gleicher Kindesliebe 
umfassen, da Deine Schwestern auch meine Schwestern sind." 1 Ist das 
nicht die offene Erklärung einer homosexuellen Bruderliebe? Als letztes 
Argument wird auch noch an die Liebe zur Mutter erinnert. Wenn wir 
die bloßen Daten der Biographie überblicken, so sehen wir, was diese 
Liebe zur Mutter bei Fechner bedeutete. Im selben Jahre, aus dem der 
obige Brief stammt, erschien Fechner s kleine „Skizze" über die „Ver- 
gleichende Anatomie der Engel" (unter dem Pseudonym Dr. Mises 2 ), und 
darin heißt es: 

„Es wäre freilich gut gewesen, wenn der Mensch sowohl Hände als Flügel 
erhalten hätte. Allein das ging nicht . . . Die Fabel stellt dies so dar: Die 
Erde sprach zum Dämon oder schöpferischen Geiste, der herrschend durch 
die Natur schreitet: laß mir meine Kinder, die ich gezeugt, die ich nähre 
und pflege; warum willst du sie von mir nehmen? 

Nein, sagte dieser, wenn sie bei dir bleiben, so wird nichts aus ihnen, das 
Kind muß von der Mutter, seine Bildung zu vollenden. Er wies nach der 
Sonne : dorthin bring' ich deine Kinder. Die Erde aber wollte ihre Kinder 
nicht von sich lassen. 

Und der Dämon sprach zum Stein: du kannst bei deiner Mutter bleiben 
und ihre blinde Zärtlichkeit sättigen, aus dir wird ohnehin kein Engel; aber 
zur Pflanze : komm heraus aus deiner Mutter Schoß ; die Sonne schickt dir 
ihre Boten und ruft dich zu sich in ihr warmes, buntes Reich. Die Pflanze 
folgte der Lockung und suchte sich der Mutter Schoß mit Gewalt zu ent- 
winden, die ihr immer rief: Kind, bleib bei mir, die Sonne lockt dich wohl 
mit glänzenden Verheißungen, aber sie nährt und pflegt dich nicht wie ich. 
Und sie betaute die von ihr Strebende mit ihren Tränen und hielt sie ge- 
waltsam an der Wurzel fest; denn sie dachte: lasse ich mein Kind fort, so 
verschmachtet es mir ja in der Sonne. 



1) Kuntze, S. 56. 

2) Was kann dieses Pseudonym bedeuten? Als Pseudonym überhaupt ist es ein 
Ausfluß der Dual -Einstellung (s. Abschnitt D); gerade dieses Pseudonym erinnert 
an den Familiennamen der Mutter (Fischer) und durch die Vokale an die Namen 
der Schwestern (Emilie, Mathilde, Clementine — der Bruder hieß Eduard). Auch 
der Konsonant M ist ein gemeinsamer Bestandteil der drei Mädchennamen. Inhaltlich 
will es vielleicht der gedrückten Stimmung Ausdruck verschaffen. 



25" 



-mt Dr. Iinrc Hermann 
o74 



Da trat der Dämon abermals zur Erde und sagte: das Kind ist reif zu 
einer höheren Schule; nun halt es nicht länger! Sie ließ es nicht, da riß er's 
ihr gewaltsam aus dem Schöße. Aber die Mutter haschte danach und ergriff 
es noch an den Füßen. Wie das menschliche Weib ihr Kind im Arme, noch 
an den Füßen hält, wenn es gleich fortstrebt und ihre Liebe verachtet, so 
hielt sie ihr Geschöpf, das sich dem Rufe zu folgen sehnte, noch fest und 
reichte ihm den allernährenden Busen, es an sich zu fesseln. 

Wiederum trat der Dämon zur Erde und sagte: Jetzt gib mir dein Kind, 
denn es ist Zeit, daß ich es ins Reich des Lichtes bringe, wo es zum Engel 
werde. Ach, sagte die Erde, was hilft mir's, wenn's ein Engel geworden ist 
und ich's nicht mehr an meinen Busen drücken kann. Er aber war taub gegen 
ihr Flehen, faßte das Kind, ihr's zu entziehen und entriß ihr noch zwei Füße 
gewaltsam. Da aber ward die Mutterliebe mächtiger als des Dämons Gewalt, 
und er vermochte nicht, ihr die übrigen zu entziehen. 

Wohl sagte er, unvernünftige Mutter, behalte dein Kind, und laß es in 
deinem Schöße ein unentwickelter Krüppel bleiben. Aber trage -zugleich die 
Strafe deiner Affenliebe; und er faßte die beiden Füße, die er in seine Ge- 
walt bekommen hatte, und machte die Flügel des Vogels daraus . . . 

Da ward der Dämon sehr zornig, und faßte die Flügel und machte Hände 
daraus, und sagte zum Kinde: schlage deine Mutter, weil sie dich nicht von 
sich lassen will, und zwinge sie damit, dir die Nahrung zu reichen, die sie 
dir vorher nur aus eigennütziger Liebe reichte, daß ihr auch der letzte un- 
verdiente Trost verloren gehe. Hätte sie dich von sich gelassen, so brauchtest 
du ihre grobe Nahrung nicht mehr; sondern wohntest dort im Lichte, und 
wärst ein schöner Engel. 

Der Mensch erfüllt mit seinen Händen den Fluch, den der Dämon gegen 
seine Mutter aussprach." 1 

Diese Worte enthalten ja eigentlich eine Anklage gegen die „Affen- 
liebe" der Mutter und sind ein Ausdruck der Sehnsucht nach Licht, nach 
der Sonne — nach dem Vater. Die Mutterliebe ist hier als eine passive 
Liebe, als ein Geliebtwerden durch die Mutter dargestellt. Doch ist die 
Zeit nicht fern, wo sich diese progressive Richtung zum Licht in eine 
regressive umkehrt! 

Im Jahre 1830 verlobte sich Fechner, nach drei Jahren heiratete er. 
Zu dieser Zeit fühlte sich der junge Professor schon ziemlich elend, er 
„schleppte" sich aber einige Jahre noch fort, bis endlich im Jahre 1840 
seine merkwürdige Krankheit mit voller Kraft ausbrach und bis zur im 
Jahre 1845 eingetretenen noch merkwürdigeren Genesung dauerte. Fechner 
selbst berichtet über diese Krisis seines Lebens in einer aus dem Jahre 
1845 stammenden Krankheitsgeschichte. 2 Be vor wir uns aber mit den Daten 

1) G. Th. Fechner (Mises): Kleine Schriften, S. 149—151. 

2) Kuntxe, S. 105—125. 



Gustav Theodor Fechner s?7*i 



dieser Selbstbiographie beschäftigen, wollen wir einen Blick in eine im 
Jahre 1846 herausgegebene Schrift des Dr. Mises „Vier Paradoxa", und 
hier in den Aufsatz „Der Raum hat vier Dimensionen" werfen. Dort 
heißt es: 

„Zunächst mache ich darauf aufmerksam, daß fast alle Bewegungen in der 
Natur hin und her gehend sind. Das Pendel schwingt hin und wieder die 
Saite schwingt hin und wieder, der Äther im Licht schwingt hin und wieder; 
der Mensch läuft auch hin und wieder; ja jedes Bein für sich schwingt dabei 
hin und wieder. Es erscheint also von vornherein mehr als wahrscheinlich, 
daß auch die Bewegung der Welt von einer gewissen Zeit an wieder rück- 
läufig werden wird, so daß alles, was schon geschehen ist, noch einmal in um- 
gekehrter Richtung geschehen wird; da zumal man sonst der Natur den Vorwurf 
zu machen hätte, daß sie nur eine einseitige Richtung verfolge, während ihr 
doch zwei zu Gebote stehen. Jedes Rad, was vorwärts rollt, kann doch auch 
rückwärts rollen, und es ist wunderlich, da man stets vom Rad der Zeit ge- 
sprochen, daß man nie an diese Rückwärtsbewegung gedacht hatte. 

Gesetzt nun, eine solche begönne von einem gewissen Zeitpunkte an ein- 
zutreten, so leuchtet ein, daß alle Gräber sich auftun und alle Menschen, 
die je gestorben sind, wieder auferstehen werden, und wenn jemandes Knochen 
noch so weit zerstreut liegen, sie werden sich wieder zu einem lebendigen Leibe 
zusammenfinden; jeder wird von Tag zu Tag jünger werden; es wird gar 
kein Altern mehr geben, sondern das ganze Leben in Verjüngung bestehen; 
endlich wird jeder in seinen Mutterleib zurückkehren, mit der Mutter wird 
es desgleichen gehen, und so wird immer weiter zurück jedes Elternpaar 
seine Kinder und Enkel wieder einsammeln, die Juden also auch alle richtig 
wieder in Abrahams Schoß gelangen, bis endlich die ganze Aussaat der Mensch- 
heit sich in Adam und Eva wie in zwei Säcken wieder beisammenfinden 
und ins Paradies wieder zurückgebracht sein wird, worauf auch Eva wieder 
in Adam einkriechen und sich in eine Rippe Adams verwandeln, Adam aber 
von Gott ergriffen und zu einem Erdenkloß zusammengeballt werden wird; 
wonach dann Gott noch die ganze Erde und Meer, und Sonne und Sterne 
in seine Einheit aufnehmen wird." ' 

Derselbe Gedanke erscheint aber schon in einer Schrift aus dem uns 
bereits bekannten Jahr 1824, unter dem Sammeltitel „Stapelia mixta , wo 
Dr. Mises sich mit dem Gedanken einer „verkehrten Welt" herumspielt. 
In einer solchen Welt bestünde die Geburt darin, daß Würmer und Pflanzen 
Stoffe von sich geben, aus denen ein Greis zusammengebacken wird, der 
jünger, zuletzt kindisch wird, in den Windeln schreit und sein Leben 
beendet, indem er in den Leib eines Weibes hineintritt, der Zeugungsakt 
endlich wird zum Tode selbst. In dieser verkehrten Welt würde „regressiv 

1) Kleine Schriften, S. 184, 185. 



57^ Dr. Inire Hermann 



die Welt in Gott übergehen". Und alles das sei verständlich, denn „jedes 
Wort, das sich vorwärts aussprechen läßt, läßt sich auch rückwärts aus- 
sprechen." 1 

Was sagt nun aber die „Krankheitsgeschichte"? Sie fängt mit dem 
Geständnisse an, daß Fechner sich schon frühzeitig zu Grübeleien in 
der Philosophie angetrieben fühlte; den Studentenjahren kaum entwachsen, 
glaubte er schon „am Wege zu sein, das Geheimnis der Welt und ihrer 
Schöpfung zu entdecken". Er glaubte stets am richtigen Wege zu sein 
und gelangte doch nie zu einem sicheren Ziele. Er zerbrach sich den Kopf 
vom Morgen bis Abend und auch in manchen Nächten, um festen Fuß 
zu gewinnen, war aber nie mit seinen Resultaten zufrieden. — Nur eine 
kleine Anmerkung mag hier, als Unterbrechung, gestattet werden: das 
Geheimnis der Welt und ihrer Schöpfung ist ja eben das frühkindliche 
Geheimnis von der Erzeugung der Kinder, das bei Fechner eine so merk- 
würdige, mit Schuldgefühl beladene Scheinlösung fand. Das Schuldgefühl 
verlor auch jetzt nicht seine Wirkung: er fing bald an, einige Nachteile 
dieser geistigen Anstrengung zu spüren, es entstand ein regelrechtes Zwangs- 
denken, er konnte seinen Gedanken nicht mehr willkürlich Einhalt tun, 
„immer und unter jeder Umgebung kehrte er zu denselben Gegenständen 
zurück, und weder Spaziergänge, noch Gesellschaften, noch sonst andere 
Arten der Zerstreuung gewährten mir eine Erholung." 

Dann wurden diese Anstrengungen durch Anstrengungen, genügend 
Geld zu verdienen, abgelöst. Er studierte auch privatim weiter und zer- 
brach sich über mathematische Ableitungen den Kopf wieder oft so sehr, 
daß er Kopfschmerzen bekam, doch, trotz aller Anstrengung und alles 
Fleißes kam er verhältnismäßig nur langsam vorwärts. Da ereignete es 
sich, daß ein Professor der Physik in Leipzig starb und sich ihm dadurch 
die Aussicht auf diese Stellung eröffnete. Nun „war der Zustand meines 
Kopfes schon so schlimm, daß ich lange Bedenken trug, mich um diese 
Stelle zu bewerben, und selbst, nachdem ich schon dazu ernannt worden, 
nur durch einen besonderen Umstand verhindert wurde, sie wieder aufzu- 
geben". — Wir werden hier unwillkürlich an den Vater erinnert, dessen 
Tod dem Sohne die Erfüllung seiner Ödipus-Wünsche näher rückte. Und 
diese Annahme wird noch dadurch gestützt, daß wir erfahren, daß der 
Antritt der Professur auf Oktober 1854 fällt, und eine Ursache der Annahme 
dieser Stellung die dadurch ermöglichte Verheiratung war. Fechner 

1) Kleine Schriften, S. 227 — 229. 



Gustav Theodor Fechner ,„ 



verlobte sich nämlich Ende des Jahres 1830; der Ehebund wurde dann 
am 18. April 1833 — einen Tag vor seinem Geburtstag — geschlossen. 
Die Ehe schadete aber seiner Gesundheit, sein Zustand verschlechterte sich 
er wurde schlaflos, es traten Anfälle gänzlicher Abspannung und völligen 
Lebensüberdrusses auf. So schleppte er sich einige Jahre fort, und man 
kann sich dem Eindruck nicht verschließen, wie wenn es gerade die Ehe 
gewesen wäre, die ihn „gänzlich unfähig, es zu froher Stimmung zu 
bringen," machte und in ihm „ein Gefühl völlig mangelnder Lebenskraft" 
hervorrief. 

Bei so einem Schicksal sind wir gewöhnt, eine unbefriedigte Libido- 
regung vorzufinden. War Fechner unbefriedigt? Wir können in die ver- 
borgensten Winkel dieser menschlichen Seele nicht hineinblicken. Eines ist 
sicher: Fechner sagt, seine „Ehe war und ist, abgesehen von der Kinder- 
losigkeit, eine sehr glückliche". 1 Er äußert sich aber auch in dem Sinne, 
daß er „von Glück in seinem Leben nicht viel sagen kann, und der größere 
Teil desselben war mehr trübe als heiter". 2 Wir wollen von der Kinder- 
losigkeit nicht absehen und fragen, warum denn die Kinderlosigkeit 
eine so nachhaltige Wirkung gehabt hatte? Er war von Verwandten und 
Bekannten umgeben, die sich eines großen Kindersegens rühmen konnten; 
sein väterlicher Großvater hatte elf, sein mütterlicher Großvater vier Kinder, 
seine Frau war das mittlere unter sieben Kindern, die Schwester Emilie 
wurde mit sechs Kindern Witwe — aber sein Bruder Eduard blieb un- 
verheiratet, ebenso wie die beiden Onkel Fechner. Es kam dazu, daß mit 
dem Tode „unseres Fechner dieser Name für uns auf den Aussterbeetat 
gesetzt war", 3 d. h. aber, daß es seine Pflicht gewesen wäre, für Nach- 
folger zu sorgen ; doch das verhinderten vielleicht die Umstände, sicher aber 
sträubten sich die inneren Schuldgefühle dagegen. 

In der Krankheitsgeschichte entrollt sich uns ein Bild, das seinem 
ambivalenten Wunsch mit immer kräftigeren Worten Ausdruck verleiht, 
ein Kind zu bekommen. 

Der erste „neue schwere Schlag", der ihn traf, bestand darin, daß die 
Kraft seines Auges rapid zu sinken anfing. Er hatte von Jugend an sehr 

1) Kuntze, S. 351. 

2) Kuntze, S. 350. 

3) Kuntze, S. 309. — Man vergleiche dieses Krankheitsmotiv und die Krank- 
heitssyraptome mit dem Fall Schreber, auf welchen wir hier generell verweisen 
wollen. (Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia [Dementia paranoides]. i 9 n. Gesammelte Schriften 
Band VIII.) Besonders mache ich auf das Gleichnis Sonne = Vater aufmerksam 



_ 7 8 Dr. Imre Hermann 



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gute Augen gehabt, doch sein Nervenleiden brachte auch hier eine Änderung. 
Anfangs sah er die Gegenstände mit einem Saum umgeben, dann schwächte 
er sich selbst die Augen durch Versuche über subjektive Farbenerscheinungen, 
die er mit großer Ausdauer fortsetzte und wobei er oft Veranlassung hatte, 
durch gefärbte Gläser in die Sonne zu sehen. (Die Arbeit darüber erschien 
im Jahre 1858.) Diese Versuche brach er zur Schonung der Augen ab, 
begann andere Versuche, wo er jedoch durch ein enges Diopterloch durch- 
blicken mußte, und zwar tagelang fast ununterbrochen, öfters bis in die 
Dämmerung dauerten diese Experimente. „Hiedurch erhielt die Kraft meines 
Auges den letzten Stoß. Es war im Jahre 1840." — Die Augen vertrugen 
also den Anblick des ersehnten Vaters nicht — sie wurden schwach, auch 
als Symbol der Zeugungsunfähigkeit. Nun wurde er ein Kind, und zwar 
eines, das das Licht — den Vater — fürchtet. ' „Lichtscheu und Unfähig- 
keit, das Auge zum Lesen und Schreiben zu gebrauchen, trat ein. Anfangs 
war diese Lichtscheu müßig; durch nicht hinreichende Vorsicht gegen das 
Licht aber stieg sie immer mehr; ich mußte mich immer mehr auf das 
Zimmer beschränken ; der Gebrauch blauer Brillen wurde nicht vertragen ; 
bald konnte ich nur noch mit einer Binde vor den Augen ausgehen ..." 
Er selbst fand sich (nachträglich) geistig unbeholfen in dieser Zeit. Seine 
Kopfschwäche nahm stets noch zu. Solange die Lichtscheu es gestattete, 
ging er bei trübem Wetter und später abends oder mit verbundenen Augen 
auch bei Tag sehr viel spazieren und unterhielt sich während dieser Zeit 
damit, daß er lyrische Gedichte machte. Der größere Teil seiner Gedicht- 
sammlung entstand in dieser Zeit. 2 Er hatte verschiedene Kuren, auch eine 
hypnotische (tierischer Magnetismus), doch alles ohne Erfolg versucht. 

Ende des Jahres 1841 schloß sich dann noch eine andere Unfähigkeit 
den schon vorhandenen an. Seine Verdauung war schon seit Jahren 
„schwach", so daß er im Jahre 1835 nach Gastein, im Jahre 1859 nach 
Ilmenau fuhr, um die Kur zu gebrauchen. Von dem Ilmenauer Aufenthalt 
hat Fechner folgende interessante Erinnerung nach Hause gebracht: 

Der Rittergutsbesitzer Siegfried und sein Schwager, ein Oberlandesgerichts- 
rat, ein paar ältliche, sehr gesetzte Männer, von denen der erstere wegen 

1) Im Traumleben war er immer ein solches! „Auch träumte ich nie in Farben, 
sondern alle meine Erlebnisse im Traume erscheinen mir wie in einer Art Dämmerung; 
oder Nacht vorgehend." Die Erinnerungsbilder traten ebenfalls meistens farblos auf, 
Ausnahme 1. B. „durchschnittene Eier auf Spinat". Erinnerungsbilder traten bei ge- 
schlossenen Augen sehr undeutlich auf. (Elemente der Psychophysik, II, S. 464, 465.) 

2) Vgl. diesen Betätigungswandel mit derjenigen von Benvenuto Gellini. 
Imago X, Heft 4. 



Gustav Theodor Fechner "^Q 



Schwerhörigkeit, letzterer wegen Blindheit die Wasserkur brauchten, erzählten 
folgendes: Eine alte Frau in ihrer Heimat kurierte Wahnsinnige und andere 
Kranke durch folgendes Mittel. Zur Zeit des abnehmenden Mondes spaltete 
sie eine junge Eiche, band die getrennten Teile oben zusammen und hielt sie 
dann (in gebogener Form) auseinander. Durch die so entstandene Öffnung 
zwischen den getrennten Hälften mußte der Kranke zweimal von derselben 
Seite her durchspringen, dies nach vier Wochen wiederholen und nach aber- 
mals vier Wochen nochmals. Jedesmal folgte noch Händeauflegen und Ge- 
murmel. Beide versicherten ganz ernsthaft, daß auch sie diese Kur versucht 
hätten. Es kam mir unglaublich komisch vor, mir diese gesetzten Männer 
durch die von dem alten Weibe auseinandergehaltene Eiche so gläubig durch- 
springend zu denken. Sie versicherten, das Mittel habe bei Verrückten oft ge- 
geholfen. Ihr Übel aber war nicht kuriert worden. 1 Fechner wußte noch 
nicht, daß er dieselbe Kur — dem Sinne nach - — auch versuchen werde und 
daß sie ihm helfen würde. 

Wie schon erwähnt, kam im Dezember des Jahres 1841 die seit Jahren 
schon schwache Verdauung gänzlich zum Stillstand. Er konnte nichts mehr 
zu sich nehmen, „nichts mehr genießen", weil er nichts mehr verdaute. 
Alles schien sich in Blähungen aufzulösen. Ohne Speise und ohne Trank 
soll er so mehrere Wochen zugebracht haben, ging dabei anfangs noch 
herum, so daß er wie ein Skelett abmagerte und sich vor Schwäche 
schließlich niederlegen mußte; er hielt sich für einen Totgeweihten. — 
Es ist nicht schwer, in diesen Symptomen einerseits eine Identifizierung 
mit dem kranken Vater, der sich überanstrengte, das Bett hüten mußte, 
doch dabei seine Agenden mit aller Anstrengung verrichtete, ein Kind zur 
Welt brachte und dann starb, anderseits eine anale Verkörperung des 
Kindeswunsches mit darauf folgendem Schuldbewußtsein und Selbst- 
bestrafung zu erblicken. 

Er aß damals nur etwas säuerliches Obst, saure Gurken, eingemachte 
Kirschen. Natürlich waren diese — bei schwangeren Frauen oft beliebte — 
Speisen nicht genügend, um die Bedürfnisse des Körpers zu decken. Da 
kam eine ziemlich wunderbare Rettung: Eine Bekannte träumte von der 
Zubereitung eines Gerichtes, — stark gewürzter, roher Schinken, mit etwas 
Rheinwein und Zitronensaft — das ihm zusagen würde. Und so geschah 
es auch. Durch längere Zeit war das seine Nahrung, dann lernte er auch 
andere stark reizende und gewürzte Fleischsachen und säuerliche Getränke 
vertragen. Seine körperlichen Kräfte nahmen zu, und sein Geist befand 
sich in einer Art heiterer Aufregung, wie er sie sonst niemals gekannt 



Kuntze, S. 86, 87. 



580 Dr. Imre Hermann 



hatte. Doch allmählich kam wieder alles in das alte Geleise zurück. — Es 
war so, wie wenn er — eine kurze Zeit lang — über eine glückliche 
Geburt gejubelt hätte, wie wenn er im Wochenbette gelegen wäre! 

Im Sommer 1842 besserten sich auch die Augen etwas, doch der 
Kopf wollte nicht arbeiten. Im November 1842 nahm die Schwäche seines 
Kopfes so zu, daß er weder richtig nachdenken, noch den Gedanken anderer 
folgen konnte, ohne lästige Gefühle im oder am Kopfe mitzufühlen, die 
ihn vor weiterer Fortsetzung warnten. „Auch mit mir selbst durfte ich 
mich nicht unterhalten wollen. Jedes Besinnen auf etwas Vergangenes, jedes 
willkürliche Verfolgen eines Gedankenganges brachten ebenfalls lästige Ge- 
fühle hervor, die mir die gänzliche Zerstörung meiner geistigen Kraft zu 
drohen schienen, doch merkwürdigerweise (wahrscheinlich wegen einer Art 
Reflex nach außen) mehr äußerlich als innerlich ihren Sitz zu haben 
schienen." Wir möchten in dieser Erscheinung mehr als einen bloßen Reflex 
sehen, ist sie nicht das Gefühl des umhüllenden mütterlichen Körpers? 1 — 
ist der Kinderwunsch nicht auf eine noch tiefere Schichte regrediert, wo 
bereits er das Kind in der Mutter wäre? 

Hören wir die Krankheitsgeschichte weiter an: Dieser lästige Zustand 
nötigte ihn zur „gänzlichen Absperrung von allem Umgange mit anderen 
Menschen. Selbst die Gespräche mit der Frau wurden sehr eingeschränkt. 
Meine Mutter und Schwestern besuchten mich wohl zuweilen, aber das 
Gespräch mit ihnen mußte sich fast ganz auf Erkundigungen nach dem 
wechselseitigen Befinden beschränken". Die Lichtscheu nahm wieder zu, 
„so daß es fast finster in der Stube sein mußte; mitunter stellten sich in 
Augen und Zähnen Schmerzen ein", auch die Verdauung nahm wieder 
ab, Sorgen für die Subsistenz verdrossen die Stimmung, Zwangsgedanken 
marterten ihn. „Es waren oft die unbedeutendsten Dinge, die mich auf 
solche Weise packten und es kostete mich oft stunden-, ja tagelange Arbeit, 
dieselben aus den Gedanken zu bringen." Sein Inneres war gewissermaßen 
in zwei Teile, in sein „Ich und die Gedanken" geteilt. „Ich kam mir 
dabei manchmal vor wie ein Reiter, der ein wildgewordenes Roß, das mit 



1) Auch auf Anstrengungen des Kopfes beruht die Empfindung, wie wenn der 
Kopf ein Hindernis wegschaffen wollte. Es heißt in den „Elementen der Psycho- 
physik , II, S. 484: „Bei einem früheren krankhaften Zustande, wo ich nicht das ge- 
ringste, anhaltende Nachdenken vertrug und noch gar keine Theorie mich bestimmen 
konnte, nahmen die deutlich in der Kopfhaut, namentlich des Hinterkopfes, gespürten 
Muskelgefühle bei jedem V ersuche des Nuchdenkens einen krankhaften Charakter an." — 
Vgl. O. Rank: Das Trauma der Geburt, 1924, S. 51, auf das wir hier auch generell 
verweisen. 



I 



Gustav Theodor Fechner 



381 



ihm durchgegangen, wieder zu bändigen versucht, oder wie ein Prinz, 
gegen den sich sein Volk empört, und der allmählich Kräfte und Leute 
zu sammeln sucht, sein Reich wieder zu erobern." Zur Erleichterung ver- 
suchte er mechanische Beschäftigungen, „drehte Schnürchen, zupfte Fleck- 
chen, schnitt Späne, schnitt Bücher auf, wickelte Garn und half bei den Küchen- 
vorbereitungen mit Linsenlesen, Semmelreiben, Zuckerstoßen, Schneiden von 
Möhren und Rüben u. dgl., teils zu Hause, teils bei der Mutter", wo er 
gegen Abend einige Stunden zubrachte. Dann machte er auch Finger- 
übungen am Klavier. Der religiöse Vorsatz, sein Leiden zu tragen, so lange 
ihm die Kräfte reichen, blieb durch seinen ganzen Leidenszustand unver- 
ändert bestehen. Er wünschte sich tausendmal den Tod, dachte aber auch 
daran, sein „jetziger abgeschiedener Zustand sei nur ein Puppen- 
zustand, aus dem er verjüngt und mit neuen Kräften noch in 
diesem Leben hervorgehen könnte", doch fühlte er auch das Ver- 
gebliche dieser Hoffnung. Im Jänner 1843 wurde er durch eine kurz- 
dauernde Besserung getäuscht. 

Um Johanni (Ende Juni, Sonnenwende!) mußte Fechner in sein altes 
Häuschen, in seine frühere Wohnung (!), zurück. „Jetzt stand mir 
die härteste Zeit meines Lebens bevor. Die Lichtscheu meiner Augen wuchs 
so sehr, daß ich merklich gar kein Licht mehr vertrug; verschlossene Läden, 
Rouleaux und doppelte Vorhänge reichten kaum hin, das Dunkel am Tage 
in meiner Stube so herzustellen, daß ich mich darin aufhalten konnte, da 
jedes Ritzchen schon zu viel Licht durchließ, nur durch Herumtappen 
konnte ich mich finden." Sein Zustand soll noch schlimmer gewesen sein 
als der eines wirklich Blinden. Den Druck der Binde vor den Augen ver- 
trug er nicht, daher ließ er sich allerhand Masken aus Zeug, von Blech 
machen, doch war auch deren Gebrauch peinlich. In seiner finsteren Stube 
konnte er zwar die Augen frei öffnen, doch war ihm auch das grauenhaft. 
Er hatte den Wunsch, die Augen zu töten und wollte dazu Sonnenlicht 
benützen. Von seiner Frau war er fast ganz geschieden. Sie saßen bei Tische, 
oft fast stumm, zusammen, er mit der Maske vor dem Gesicht, und was 
er verlangte, das tat er oft mehr durch Zeichen als durch Worte. Im Monate 
August hatte er die Vorahnung von langem, schmerzlichem Leiden und 
träumte z. B. von einem Folterknechte, der die Marterinstrumente für 
ihn vorbereitete. — Wie wenn die Geburt sich durch Kastrationsgedanken 
vorbereiten wollte! 

„Eine neue Epoche aber begann mit dem Oktober. Es war am 1. Oktober 
als ich infolge einer Alteration einmal rasch und rücksichtslos auf die in 



-8 2 Dr. Imre Hermann 



meinem Kopfe sonst immer beim Sprechen sich geltend machenden üblen 
Empfindungen rasch und lebhaft zu sprechen anfing. Aber diese üblen 
Empfindungen traten diesmal nicht ein . . . Ich maß diesen Umstand der 
stattfindenden Aufregung bei, ward indes dadurch ermutigt, auch wieder- 
holt mit einer gewissen desperaten Schonungslosigkeit gegen meinen Kopf 
zu sprechen, und fand, daß es ging, wenn ich nur immer Pausen dazwischen 
machte. Die Geburtswehen sind also — so deuten wir — im Gange! 
„Ich fand, daß, wenn ich furchtsam sprach, der Kopf litt, sprach ich aber 
sozusagen darauf los, ohne es zu übertreiben, so litt er nicht. Ich fand 
infolgedessen, daß es sich mit Besinnen und Nachdenken ebenso verhielt." 
Es sind etwa zehn Monate seit der „Abscheidimg aus der Welt" (No- 
vember 1842) verflossen, also die Zeit einer etwas verzögerten intrauterinen 
Entwicklung. Er hat von ärztlicher Seite schon früher den Rat erhalten, 
die Augen dem Lichte zu öffnen, tat das aber aus Furcht vor Schmerzen 
nicht, er fürchtete sich, durch Verschlechterung der Augen „in seiner 
finsteren Stube wahrhaft lebendig begraben" zu werden. Jetzt ließ er aber 
den Augen Licht zukommen, anfangs schüchtern, „am 5. Oktober indes, 
nach einer übel zugebrachten Nacht, morgens noch im Bette", fing er 
an, die Versuche energischer anzustellen, und siehe, die Augen blieben 
auch bei Licht offen. „Ich rief meine Frau herbei, und es läßt sich denken, 
mit welchen Empfindungen wir beide diese Besserung begrüßten." Das 
Kind kam also wirklich zur Welt! 

Wieso kam es, fragt sich Fechner, daß er jetzt das Licht vertragen 
konnte? Die Antwort lautet, früher habe er die Augen passiv dem Lichte 
ausgesetzt und da überwältigte der Lichtreiz das furchtsame Organ, jetzt 
aber trat das Auge „mit einer gewissen Desperation, die alle Lebenskraft 
dahin trieb, dem Lichte entgegen, mit Energie und Spannung". Dann 
bemerkte er auch bald „Anschwellung, Härte, ein Gefühl von Druck und 
Völle in demselben'* — das sind aber Anzeichen der Erektion, der männ- 
lichen Potenz. Er wurde also gleichzeitig ein Mann, er kam als voll- 
wertiger Mann zur Welt. Die Aufregung, in welche ihn seine Besserung 
versetzte, ließ ihn weder essen noch trinken, er lebte nur „für die Augen 
und mit den Augen''. Jetzt kommt ein Geständnis in der Niederschrift 
der Krankheitsgeschichte an die Reihe: Es ist gewiß, daß die Kühnheit, 
mit welcher er die Augen gebrauchte, einen Hauptanteil an der Genesung 
hatte, doch war das nicht alles; er spürte schon mehrere Wochen vorher 
von morgens bis nachmittags einen ungewöhnlich schnellen Puls. Dieser 
schnelle Puls verlor sich nach dem Wendepunkt der Krankheit, und zwar 



Gustav Theodor Fechner 585 



nur allmählich. — War das nicht der schnelle Puls des Fötus und des 
Neugeborenen? 

Es trat bald wieder die frühere Schwäche ein, doch nach einigen Tagen 
nahm er einen neuen Anlauf mit dem früheren Erfolge (quasi eine noch- 
malige, zweite Geburt). Parallel mit der Besserung der Augen ging die 
Genesung des Kopfes. Während der ersten Tage der Besserung genoß er 
nichts als Milch, allmählich fügte er etwas Semmel hinzu. „Mein ganzes 
Aussehen und meine Körperkräfte verjüngten sich hiemit, ich ward, während 
ich früher sehr mager war, von sehr völligem Aussehen. Er verlor sogar 
die Erinnerung an den überspannten Seelenzustand der ersten Monate der 
Besserung, er weiß aber, er fühlte in sich außerordentliche physische und 
psychische Kräfte, die ganze Welt schien ihm in einem anderen Lichte 
als früher und später, die Rätsel der Welt schienen sich zu offenbaren: 
«mein früheres Dasein geradezu erloschen und die jetzige Krisis 
eine neue Geburt zu sein schien'' (von mir gesperrt). 

Als Beweis dafür, daß wir hier keine voreiligen Deutungen gemacht 
haben, sollen jetzt einige Beobachtungen des Biographen, der ein Augen- 
zeuge des damaligen Lebens der Familie Fechner war, folgen. Er findet 
die Schilderung seines Onkels wahrheitsgetreu, soweit er sie zu kontrollieren 
vermag. Von ihm erfahren wir, daß Fechner in Leipzig während der 
Krankheit für erblindet, für geisteskrank gehalten wurde. Die Krisis der 
Krankheit soll nach dem Neffen eine doppelte gewesen sein, die eine brachte 
den Kranken dem Verhungern nahe, und die zweite war eine, in der er 
dem Abgrund einer Geisteskrankheit nahe stand". Von dieser zweiten Krisis 
sagt der Neffe: „Die Gattin, der Neffe, die Mutter Fechner, die ihre täglichen 
Besuche nie unterließ, wechselten ab. Fechner saß dabei entweder hinter 
einem schwarzen undurchdringlichen Schirm oder mit verbundenen Augen, 
dann als der Schirm nicht mehr hinreichenden Schutz gab, ward eine 
trichterartige Öffnung in der Stubentür angebracht, und Mutter 
Fechner saß im Nebenzimmer" (von mir gesperrt) „an der Öffnung vor- 
lesend mit erhobener Stimme. Dieses Bild neben anderen ähnlichen steht 
noch lebhaft vor meiner Seele." Fechner wurde — und davon schweigt 
die „Krankheitsgeschichte", dadurch sehr deprimiert, daß er am 7. Mai 1843 
seinen Trauring verlor oder zuerst vermißte. Daß so ein Geschehnis eine 
unbewußte Bedeutung hat, müssen wir nicht weitläufig erklären. — Anfangs 
August (1843) erschien bei geschlossenen Augen stets die Zahl 77 wie ein 
Bild vor ihm. Frau Fechner deutete das darauf, daß noch 77 Tage dem 
Manne bevorstehen, er würde entweder seinem Leiden erliegen oder sein 



384 Dr. Irnre Hermann 



Augenlicht nach dieser Frist gänzlich verlieren. „Nun war es aber der 
77. Tag, an welchem seine Augenkrankheit eine so günstige Wendung 
nahm. (Wie wenn die Tage bis zur bevorstehenden Geburt gezäblt worden 
wären.) Von der zweiten Besserung der zweiten Krisis, also von der Zeit 
nach dem 15. Oktober steht im Tagebuch des Neffen: „Ein paar Tage 
aß er vor Aufregung gar nicht. Dann stellte sich Hunger ein, und wie 
ein neugeborenes Kind fing er mit Milch an, von der er eine ziemliche 
Quantität zu sich nahm. Es schien in seinem Geiste wie in seinem Körper 
eine mächtige Revolution, eine Wiedergeburt vor sich gegangen zu sein." 
Nun noch eine Ergänzung: Die Mutter Fechner war selbst kränklich, 
„oft ward sie von Krankheit heimgesucht, in früheren Jahren von Nerven- 
fieber, einmal auch von Gehirnentzündung, in späteren Jahren mehrmals 
vom kalten Fieber, und die Rose war eine fast ständig zu allen Zeiten 
wiederkehrende Krankheit, die ihr viel Schmerzen bereitete". 1 In den schweren, 
den Kopf angreifenden Krankheitssymptomen" des Sohnes sehen wir dem- 
nach auch — neben Identifizierung mit dem nach einer Überanstrengung 
tödlich erkrankten, ein Kind noch zur Welt bringenden Vater und der 
Regression in die Intrauterinsituation — Identifizierung mit der Mutter. 2 

B 
Die Idee der Psychophysik 

Fechner will mit der Psychophysik eine „exakte Lehre von den Be- 
ziehungen zwischen Leib und Seele"5 entwickeln. In diesem Bestreben 
erblicken wir schon das typisch Duale, das stets nach zwei zusammen- 
gehörigen Dingen forscht, wo ein anderer auch mit einem Dinge auskommt 
und das letzten Endes auf das Mutter-Kind-Verhähnis zurückgeht, bei 
Fechner also durch den mächtigen, die Krankheit verursachenden Wunsch 
nach einem Kinde — eine pathologische Fixierung im Kindesalter durch 
den Tod des kindererzeugenden Vaters vorfindend — außerordentlich ver- 



1) Kuntze, S. 245 und 246. Es sei bemerkt, daß dus Augenleiden wiederholt 
Rückfälle zeigte (In Sachen der Psph., Vorwort, IV.), doch, bis zum grauen Star 
des alten Fechner, stets ohne augenärztlichen Befund. 

2) Über die Krankheit Fechners liegt eine neurologische Studie von Möbius 
vor: er hält die Krankheit für „akinesia algera«, (P. J. Möbius, G. Th. Fechners 
Krankheitsgeschichte, Neurologische Beiträge, Heft 2, 1894.) 

3) Elemente der Psychophysik (kurz Psph.), I, Vorwort. 



Gustav Theodor Fechner 



385 



größert war. 1 Das Duale von Leib und Seele bekam bei Fechner da- 
durch ein besonderes Gepräge, daß Leib eigentlich dasselbe sei als Seele 
nur seien hier eben zwei Betrachtungsweisen tätig, eine innere und eine 
äußere (eine physische und eine psychische). In dieser Wendung des 
Dualismus-Problems finden wir einen anderen, bei Fechner intraindividuell 
weit verbreiteten Denkschrht, den Umkehrschritt. 2 Hiedurch kommt eine 
Lösung des Leib-Seele-Problems mittels eines zusammenhängenden Dual- 
Umkehrschrittes zustande. 

Als Experimentalphysiker möchte Fechner mit den seelischen Gegeben- 
heiten geradeso umgehen, wie es die Physik für physische Gegenstände 
lehrt, er möchte die „mathematische Verknüpfung erfahrungsmäßiger Tat- 
sachen" auch die Seele betreffend durchführen, was dann „ein Maß des 
von der Erfahrung Gebotenen fordert". 3 Nun, die Idee der mathematischen 
Verknüpfung der zwei (wesensverschiedenen?) Dinge zeigt wieder ganz ein- 
dringlich das Walten des Dualschrittes, den Glauben an die Zusammen- 
gehörigkeit zweier Dinge. Fechner wollte in einer Formel die beiden 
Erscheinungsgebiete von Leib und Seele irgendwie einfangen und gelangte 
auch zu einer Formel, welche diese Dualeinheit zustande brachte. Diese 
Formel lautet: 

„Die Größe der Empfindung (y) steht im Verhältnisse nicht zu der abso- 
luten Größe des Reizes (ß), sondern zu dem Logarithmus der Größe des 
Reizes, wenn dieser auf seinen Schwellenwert (b), d. i. diejenige Größe als 
Einheit bezogen wird, bei welcher die Empfindung entsteht und verschwindet, 
oder kurz, sie ist proportional dem Logarithmus des fundamentalen Reizwertes."* 
Oder mathematisch ausgedrückt, ergibt sich die Maßformel: 

ß 
Y = klog-^-. 

Die Idee der Psychophysik und dieser Zusammenhänge ist bei Fechner 
nicht plötzlich, nicht als eine momentane Eingebung entstanden, er ist 
„im langen Laufe dieser Untersuchungen bei festgehaltenen und sich immer 
fester stellenden allgemeinen Prinzipien durch so viele Irrwege und Un- 
klarheiten im einzelnen gegangen — lag doch das ganze Gebiet vorher in 
Unklarheiten begraben , 5 — „und schwerlich wird man es den meisten 



1) Vgl. Psychoanalyse und Logik. Imago-Bücher VII, 1924. Abschnitt B, „Der Dual- 
schritt". 

2) Vgl. Psychoanalyse und Logik. Abschnitt C : „Der Umkehrschritt". 
5) Psph., I, Vorwort. 

4) Psph., II, S. 15. 

5) Psph., I, Vorwort. 



_g(j Dr. Imre Hermann 

3 . 



Kapiteln dieser Schrift ansehen, wie viele Mühe und Umarbeitung es . . . 
gekostet hat." 1 Doch sind wir in der glücklichen Lage, die Entstehungs- 
geschichte dieser Maßformel, also eigentlich des Grundprinzipes alles Wei- 
teren, wenn auch nur im groben, verfolgen za können. Im vorletzten 
Abschnitte des II. Bandes der Psychophysik gibt Fechner selbst einen 
historischen Überblick über die Entwicklung seiner Ideen. Natürlich werden 
wir die hier gegebenen Phasen der Entwicklung nur soweit beachten, als 
sie von der immer stärker werdenden „sekundären Bearbeitung' , von der 
Anpassung an die Realität noch nicht vollständig überwuchert sind. 

Gleich am Anfange der historischen Darstellung seiner Gedanken werden 
wir durch Fechner aufmerksam gemacht, daß er zu seinem Resultate 
eigentlich auf viel kürzerem Wege hätte gelangen können. „Doch darf ich 
den Weg, den ich dazu zurückgelegt, nicht bedauern ; denn dieser Weg 
hat mich die ganze Tragweite des Maßprinzipes erkennen lassen, was der 
kurze Weg vom Weberschen Gesetz und der Eulerschen Formel 2 zum 
allgemeinen psychischen Maßprinzip nicht vermocht hätte. Soweit ich danach 
rückwärts gehen mußte, soweit führt es vorwärts." 5 Selbstverständlich konnte 
die Evidenz seiner Gedanken nicht von fremden Daten oder Formeln her- 
kommen, sie mußte von irgendwoher aus der Tiefe emporsteigen, um zur 
— nicht nur literarischen, sondern auch experimentellen! — Riesenarbeit 
der Psychophysik anspornen zu können. Er geht vom erwähnten Dual- 
gedanken aus: 

„Von jeher der Ansieht von einem durchgreifenden Zusammenhange zwischen 
Leib und Seele zugetan und diesen in der Form einer doppelten Erscheinungs- 
weise desselben Grundwesens vorstellend, wie ich im ersten Kapitel dieser 
Schrift kurz dargelegt habe, stellte sicli mir im Laufe der Abfassung einer Schrift 
(Zend-Avesta), + welche auf dieser Ansicht fußt, die Aufgabe dar, ein funktio- 
nelles Verhältnis zwischen beiden Erscheinungsweisen zu finden, oder mit 
anderen Worten, in entsprechender Weise als die Physik das Abhängigkeits- 
verhältnis der Farbe und der Intensität des Lichtes, der Tonhöhe und Ton- 
stärke von äußeren physischen Verhältnissen festgestellt hat, so dasselbe von 
den inneren physischen Vehältnissen festzustellen, an welche sich die Empfindung 
unmittelbar knüpft." 

1) Psph., II, S. 550. 

2) (Anm. von mir.) Euler hatte die Empfindung der Tonhöhen und die betreffenden 
Schwingungszahlen in dasselbe logarithmische Abhängigkeitsverhältnis gebracht. Das 
Webersche Gesetz und die Eulersche Formel waren, wenn auch nur vor einem kleinen 
Kreise, in den Jahren der Entstehung der Psychophysik bereits bekannt. 

3) Psph., JJ, S. 544. — Man beachte im letzten Satze den Dual-Umkebrschritt. 

4) (Anm. von mir.) Erschienen im Jahre 1851. 



Gustav Theodor Fechner 



387 



„Zunächst die Aufmerksamkeit auf die quantitativen Verhältnisse richtend 
sofern auch die Physik alle Qualitäten von quantitativen Verhältnissen ab- 
hängig macht, und ohne noch eine klare Vorstellung vom Maße psychischer 
Größen zu haben, dachte ich zuerst daran, die Intensität der geistigen Tätigkeit 
könne wohl der Änderung der Stärke der ihr unterliegenden körperlichen 
Tätigkeit, die ich durch ihre lebendige Kraft als gemessen ansah, proportional 
gehen. Diese Idee trug ich lange mit mir herum; aber sie führte zu nichts 
und ließ sie endlich liegen." 

Das heißt, das einfache Dualverhältnis [Y = k (ßj — ß )] war unfrucht- 
bar! Nun kommt er zu einer anderen Art von dualen Verhältnissen. 

„Später kam ich darauf, gewisse Grundverhältnisse zwischen Leib und Seele 
und zwischen niederem und höherem Geistigen durch das Verhältnis zwischen 
arithmetischen Reihen niederer und höherer Ordnung schematisch zu erläutern 
(vgl. Zend-Avesta, II, S. 554); zu demselben Zwecke boten sich in mancher 
Beziehung noch passender geometrische Reihen dar. 1 Die Idee, statt einer 
bloß schematischen, gewisse Verhältnisse wohl erläuternden, aber nicht exakt 
treffenden Darstellung den Ausdruck für das wirkliche Abhängigkeitsverhältnis 
zwischen Seele und Körper zu gewinnen, drängte sich mir hiebei von neuem 
auf; aber das Schema der geometrischen Reihen führte mich nun (22. Oktober 1850 
morgens im Bette) durch einen etwas unbestimmten Gedankengang darauf, den 

verhältnismäßigen Zuwachs der körperlichen lebendigen Kraft oder —5-, 

wenn ß die lebendige Kraft bedeutet, zum Maße des Zuwachses der zu- 
gehörigen geistigen Intensität zu machen." 

Man beachte die pünktliche Zeitangabe, sie lautet fast wie die oben 
angegebene Stelle der Krankheitsgeschichte: „Am 5. Oktober indes, nach 
einer übel zugebrachten Nacht, morgens noch im Bette . . . ließ ich in die 
Kammer ein mäßiges Dämmerlicht", oder wie die Beobachtung des Neffen 
die zweite „Geburt" im Monate Oktober (15. Oktober) betreffend: „Schon 
früh hatten seine Augen, während er noch im Bette lag, etwas mehr Licht 
verlangt ..." Sieben Jahre verflossen seit diesen Neuauflagen der Geburt, 
wie wenn jetzt, wie damals nach siebenundsiebzig Tagen, eine Geburt 
anderer Art stattgefunden hätte. 2 Die jetzt errungene Formel lautete, es 



1) (Anm. von mir.) Es sei — mit Rücksicht auf eine bevorstehende Untersuchung über 
Darwin — erwähnt, daß die berühmte, von Darwin und Wallace als Auslösungs- 
grund ihrer Entwicklungstheorien angegebene Malthussche Regel ebenfalls die 
geometrische und arithmetische Reihe verknüpfen will (Vermehrung der Menschen 
in geometrischer, Vermehrung der Erhaltungsmittel in arithmetischer Reihe). 

2) Diese Geburt brachte die ganze Psychophysik zur Welt. Pechner nahm an- 
scheinend die Rolle der Mutter dieser neuen Lehre an, als „Vater der Psycho- 
physik" will er nämlich E. H. Weber genannt wissen. (Psph. I, Vorwort.) 

Imago XI. _ 



„88 Dr. Imre Hermann 



soll der Zuwachs der Intensitäten, nicht die Intensität selbst in Betracht 
gezogen werden, so wie bereits die arithmetischen und geometrischen Reihen 
dem Zuwachs eine besondere Rolle zuschreiben; das heißt dann aber, die 
Aufmerksamkeit solle sich vor allem dem Zuwachs, dem neuen kleinen 
Wesen, dem Neugeborenen, zuwenden. Ungefähr so, wie wenn der 
Geist stets neue Wesen zur Welt bringen würde, die sich aber von der 
geistigen „Mutter" nicht trennen müßten! 1 Der Bericht geht aber weiter: 

„Hiezu fiel mir ein, daß, wenn die lebendige Kraft des Körpers durch 
Summation ihrer absoluten Zuwüchse von einem bestimmten Anfangswerte an 
entstanden gedacht werden kann, auch wohl die Seele das den verhältnis- 
mäßigen Zuwüchsen der körperlichen Bewegung in ihr Zugehörige summieren 
werde, die psychische Intensität also als Integral absoluter psychischer Zu- 
wüchse angesehen werden könne, welche den verhältnismäßigen Zuwüchsen 
auf körperlicher Seite angehören." 

Ja, man vergesse nicht, daß Zuwüchse auf zweierlei einfache Arten 
mathematisch angegeben werden können, nämlich als absolute und als 
relative Zuwüchse. Man soll also im Dualgebiet des Psychophysischen 
beide Arten gleichzeitig vorlinden. „Tliemit war die Fundamentalform 2 
und als Integral derselben die Maßformel sofort gegeben. Als erste Bestätigung 
fiel mir gleich ein, daß die Verstärkung der hichtempl'indung nach all- 
täglicher Erfahrung hinter der Verstärkung des physischen Lichtreizes 
zurückbleibt und überhaupt gegebene Zuwüchse zu Reizen um so schwächer 
empfunden werden, zu je stärkeren Reizen sie entstehen, ohne daß ich noch 
den genauen Ausdruck dieser Tatsache im Weber sehen Gesetze kannte, 
womit erst eine scharfe Bewährung der Formel möglich wird." 

Der erste Einfall beschäftigte sich also mit den Lichtempfindungen, 
mit denjenigen Empfindungen, welche das extrauterine Leben dem intra- 
uterinen gegenüber am meisten kennzeichnen, die auch bei der krankhaften 
Wiedergeburt die Hauptrolle spielten. Nun blieb aber die neue Erkenntnis 
nicht bei diesem Symbol des Erwachens zu einem neuen Leben, sie klammerte 
sich an eine dem Forscher dunkel vorschwebende allgemeine Gesetzmäßig- 
keit jedes lebendigen Wachstums (man denke an die Gesetzmäßigkeit 
des Längenwachstums des menschlichen Embryos, des Längenwachstums 
und der Gewichtszunahme des Neugeborenen, wenn man diese Gesetz- 

i) Im „Büchlein vom Leben nach dem Tode" (1836) wird von der Lust der 
Gedankenzeugnng gesprochen (S. 10), oder vom Hincingcbäreii der Gedanken in die 
mit dem Menschen verbündeten Geister. (S. si.) j { <j ß 

2) (Anm. von mir.) Fundamentalformel wird die Gleichung dy= -j- genannt. 



Gustav Theodor Fechner „8 q 



mäßigkeiten in Zahlen faßt). Es heißt ja weiter: „Doch schien sich mir 
mit dieser ersten noch sehr im allgemeinen sich haltenden Bestätigung 
auf einmal, ich gestehe es, eine ungeheure Perspektive zu eröffnen- und 
noch heute sehe ich diese Perspektive vor mir, nachdem mit dieser Schrift 
erst ein kleiner Schritt in das Gebiet getan ist, das sie eröffnet." Nun 
diese „ungeheure Perspektive" kam vermutlich eben daher, daß Fechner 
verspürte, er habe hier ein allgemeineres Gesetz erfaßt, als er es sich 
einzugestehen getraute, eigentlich ein stark vereinfachtes und idealisiertes 
Schema einer Gesetzmäßigkeit des lebendigen Wachstums im allgemeinen. 1 
Anderswo habe ich einmal schon hervorgehoben, 2 daß in der aufgefundenen 
Gesetzmäßigkeit eigentlich das Schicksal des Lebenstriebes, welcher sich 
einem stets stärker werdenden Todestriebe gegenüber findet, mathematisch 
formuliert ist. 3 Es fehlt aber zur Analogie vom individuellen Wachstum 
und geistiger Intensitätserhöhung noch ein wesentlicher Punkt, die Unter- 
scheidung eines (quasi) intrauterinen Lebens von einem (quasi) extrauterinen 
Leben und die, beide trennende, Geburt. 

„Anfangs machte mir der Umstand zu schaffen, daß nach der Maßformel 
die Empfindung y schon eher verschwindet als die lebendige Kraft ß, wovon 
sie abhängt, bis ich in den Phänomenen des Schlafes und der unbewußten 
Empfindungen diesen Umstand repräsentiert und hiemit eine neue auffallende 
Bestätigung der Formel fand, welche meine Überzeugung von der Triftigkeit 
und Fruchtbarkeit derselben erhehlich verstärkte. " * 

Durch die Berufung auf den Schlaf wird unsere Ableitung einigermaßen 
bekräftigt. Der Schlaf ist doch der nacht-nächtlich angenommene, dem 
intrauterinen Leben teilweise analoge Zustand (Freud), aus welchem durch 
eine Geburtsreproduktion, dem Erwachen, das Leben wieder eröffnet wird. 
Der Nullpunkt der Fe chn ersehen Formel entspräche also tatsächlich einer 
Geburt und diese Gleichsetzung gibt sich auch im Namengeben kund: der- 

i) Über die Allgemeingültigkeit des in der Fechnerschen Formel verborgenen 
Relativitätssatzes siehe R. Pauli: Über psychische Gesetzmäßigkeit, insbesondere 
über das Webersche Gesetz, 1920. Er formuliert diesen Satz folgendervveise: „Die 
subjektive Größe ändert sich mit der variablen, von der sie abhängt, derart, "daß 
sie anfangs schneller, später erheblich langsamer einem Grenzwerte zustrebt.« Das 
Webersche Gesetz sei aber nur das subjektive Spiegelbild einer physio- 
logischen Gesetzmäßigkeit. (S. 33, 36.) 

2) Psychoanalyse und Logik, S. 99. 

3) Ein Kritiker Pechners (Bernstein), hatte die „Empfindung vielmehr vom Ver- 
schwinden als dem Dasein lebendiger Kraft abhängig zu machen" versucht Bern 
stein und nach ihm Fechner haben den Widerstand gegen die Änderungen 

emer Lage als Erklärungsbegriff eingeführt. (In Sachen der Psychophvsik S 20 77 ,n„ 1 

4) Die bisherigen Zitate aus Psph. II, S. 544—546. ' "' 4 " J 

26« 



_„ n Dr. Imre Hermann 
39° .. 



jenige Reizwert, bei dem seine Merklichkeit eben beginnt (und schwindet), 
erhält von Fechner den Namen „Schwelle". 1 In Psph. wird von der 
Tatsache der Schwelle gesprochen, was später, als weniger passend, auf 
„Schwellengesetz" ausgebessert wurde. 2 

Über diesen Punkt - - er ist eigentlich das Hauptargument unserer Ab- 
leitung, -- äußert sich Fechner noch an anderer Stelle: „In der Tat, Schlaf 
und Wachen sind nach vorstehenden Erörterungen mit negativen und positiven 
Werten auf psychischem Gebiete einzuführen ; die Grenze zwischen beiden 
tritt nicht bei einem Nullwerte, sondern endlichem Werte der unterliegenden 
körperlichen Tätigkeit ein . . . Wirklich suchte ich, bevor mir die Er- 
fahrungsdaten des Weber sehen Gesetzes zu Gebote standen, in den so 
gefaßten Phänomenen von Schlaf und Wachen eine Hauptunterlage der 
Formel, die sich, wie ich im historischen Kapitel erzähle, überhaupt zuerst 
bei mir auf Gesichtspunkte der inneren Psychophysik begründet hat. Aber 
die strengere Begründung wird allerdings nur durch das Weber sehe Gesetz 
mit Hinzunahme der Tatsache eines endlichen Schwellenwertes des Reizes 
möglich sein." 3 Und schon früher, bei Erörterung des Schwellenbegriffes: 
„Insofern endlich außer Empfindungen auch andere, allgemeinere und höhere 
Bewußtseinsphänomene, z. B. das Gesamtbewußtsein des Menschen je nach 
Schlaf und Wachen, das Bewußtsein einzelner Gedanken, die Aufmerksamkeit 
in gegebener Richtung einen Punkt des Erlöschens und Entstehens haben, 
werden wir den Begriff und Ausdruck der Schwelle auch hiefür verall- 
gemeinern können. + 

Auch das kann zur Bekräftigung unserer Auffassung dienen, daß Fechner 
selbst eine gewisse Interpretation des logarithmischen Verhältnisses von 
Reiz und Empfindung „das Wachstumsgesetz der Empfindung" nennt: 
„. . . hienach nimmt zwar beim ersten Übersteigen der Schwelle die 
Empfindung in viel rascherem Verhältnisse als der sie auslösende Reiz zu, 
aber von einem gewissen Punkte des Ansteigens (dem Kardinalpunkte) an 
in schwächerem Verhältnisse, was in Kürze das Wachstumsgesetz der 
Empfindung heißen mag." 5 Das Schwellengesetz soll jedenfalls für die Aus- 



1) Psph., I, S. 258. — Man vergleiche diese Namengcbung mit der bekannten 
„Schwellensymbolik" (Silberer), mit Röheims Ausführungen „Die Bedeutung des 
Überschreitens". Siehe auch Rank: Das Trauma der Geburt, 1924, S. 74. 

2) In Sachen der Psychophysik, S. 7. 

3) Psph., II, S. 4+i, 442. 

4) Psph., I, S. 238. 

5) Vorschule der Ästhetik, I, S. 53- - Rei * und Empfindung sollen überhaupt aus 
„elementaren Zuwüchsen erwachsen" angesehen werden können. (Psph., I. S. 58.) 



Gustav Theodor Fechner 



39 1 



gestaltung der Psychophysik eine viel wichtigere Rolle spielen als das 
Webersche Gesetz. 1 

Unserer Auffassung nach gibt die Maßformel eine Gesetzmäßigkeit 
des Wachstums wieder, mit besonderer Berücksichtigung des intra- 
uterinen („negativen") Lebens und der Geburt (Schwelle). Dem- 
nach werden aber in der Grundidee der Psychophysik dieselben Gedanken 
wiedergegeben, welche uns bei der Besprechung von Sinn und Motiv der 
Krankheit so eingehend beschäftigt haben. Auch finden wir in dieser Grund- 
idee die Gleichstellung von Geburt und Tod verkörpert (Schwelle 
gleich dem Reizwert, wo die Empfindung beginnt oder verschwindet) ; doch 
soll dies ausführlicher erst im nächsten Kapitel besprochen werden. 

c 

Die Idee der „Tagesarisicht" 

Die „Tagesansicht" bedeutet die Weltansicht Fechners. Er meint damit 
die individuelle Allbeseelung der Welt, die Ansicht, daß die Gegenstände 
um den Menschen sichtbar sind, weil es wirklich hell um ihn ist, daß 
„die Sonne nicht erst hinter seinem Auge zu leuchten anfängt, daß die 
Blumen, Schmetterlinge so bunt sind, als sie ihm erscheinen, die Flöten, 
Geigen ihren Ton ihm schenken, nicht umgekehrt von ihm empfangen, 
kurz, daß es ein Leuchten und Tönen durch die Welt über ihn hinaus 
und von draußen in ihn hinein gibt". 2 Alles das wäre keine Illusion, 
wie es die Nachtansicht der Wissenschaft und der herrschenden Welt- 
anschauung lehrt, sondern gerade diese wissenschaftliche Anschauung sei 
eine Illusion. Der erste Schritt zur Begründung dieser Tagesansicht setzt 
mit den im Werke „Nanna" niedergelegten Gedanken ein, und den An- 
stoß zu diesem Schritte findet Fechner selbst in den Umständen seiner 
eigenen Genesung. Dieser Schritt führte zur Annahme, die Pflanzen seien 
beseelte Wesen. 

Auch was diese — nicht originelle, sondern originell begründete und 
als äußerst wichtig geschätzte — Idee betrifft, sind wir in der Lage, den 
historischen Werdegang der bewußten Gedankenreihe nach den Angaben 
des Autors verfolgen zu können. Vielleicht entsprechen die diesbezüglichen 
Aufzeichnungen Fechners nicht der strengen historischen Wahrheit und 



1) In Sachen, S. 71. 

2) Tagesansicht, S. 4. 



3g2 Dr. Imre Hermann 



beanspruchen eher eine ästhetische Beurteilung, aber auch dann dürfen wir 
auf die unbewußten Tendenzen dieser Idee Folgerungen ziehen. 

Wir erfahren folgendes: „Gar wohl erinnere ich mich noch, welchen Ein- 
druck es auf mich machte, als ich nach mehrjähriger Augenkrankheit zum 
ersten Male wieder aus dem dunklen Zimmer, ohne Binde vor den Augen, 
in den blühenden Garten trat. Das schien mir ein Anblick, schön über das 
Menschliche hinaus, jede Blume leuchtete mir entgegen hl eigentümlicher Klarheit, 
als wenn sie ins äußere Licht etwas vom eigenen Licht würfe. Der ganze Garten 
schien mir selber wie verklärt, als wenn nicht ich, sondern die Natur neu 
entstanden wäre; und ich dachte, so gilt es also nur, die Augen frisch zu 
öffnen, um die altgewordene Natur wieder jung werden zu lassen. Ja, man 
glaubt es nicht, wie neu und lebendig die Natur dem entgegentritt, der ihr 
selbst mit neuem Aug' entgegentritt." . . . „Stelle dir einmal vor, du hättest 
eine halbjahrlange Nacht am Nordpol zugebracht, . . . und würdest plötzlich 
in einen von mildem Licht beschienenen blühenden Garten versetzt und ständest 
etwa, wie ich, zuerst vor einer Zeile hoher Georginen, würdest du sie nicht 
auch wunderbar leuchten finden und ahnen, hinter diesem Schmuck, diesem 
Glanz, dieser Freude sei etwas mehr als gemeiner Bast und Wasser?" 1 

Fechner beschreibt also hier eine Projektion der eigenen Gefühle auf 
die Außenwelt, auf den blühenden Garten, auf die Georginen. Wie er als 
Neugeborener in die Welt blickte, so schauten ihn die Blumen neubeseelt, 
ihn freudig begrüßend an. Wie er für tot, für seelenlos, geistesabwesend 
gehalten werden konnte, als er seine Krise durchlebte, er aber doch auch 
damals, also in seinem, das intrauterine Leben darstellenden Zustande 
Empfindungen hatte, eine Seele besaß, so werden auch die Pflanzen irr- 
tümlich für seelenlos gehalten. Besaß aber er eine Seele in diesem Zustande, 
so müssen auch Pflanzen beseelt sein! 

Nun hören wir weiter: 

„Jenes helle Bild verblaßte, wie so manches, was in jener ersten Zeit mein 
äußeres und inneres Auge mit einer Art Schauern rührte, die in den vom 
täglichen Genuß des Lichtes abgestumpften Sinn nicht mehr fallen; die Pflanzen 
wurden, wie sich mein Auge gewöhnte, wieder zu den gewöhnlichen, irdischen, 
nichtssagenden, vergeblichen Wesen, die sie für alle sind, bis in dem träumenden 
Bück auf die Wasserlilie sich die Blumenseele von neuem lebendig vor mich 
stellte und mich des Geschäftes bestimmter mahnte, das ich nun erfüllt. Gewiß 
aber war ein Nachhall aus jener ersten Zeit dabei; und so glaube ich, wäre 
dies Buch schwerlich geschrieben worden, wenn nicht mein Auge dereinst 
in Nacht gelegt und dann so plötzlich wieder dem Lichte zurückgegeben 
worden. 



1) Nanna, S. 294, 295. 



Gustav Theodor Fechne.r 



593 



Wie verhält sich nun die Sache mit der Wasserlilie? Darüber erfahren 
wir folgendes: 

„Ich stand einst an einem heißen Sommertage an einem Teiche und be- 
trachtete eine Wasserlilie, die ihre Blätter glatt über das Wasser gebreitet 
hatte und mit offener Blüte sich im Lichte sonnte. Wie ausnehmend wohl 
müßte es dieser Blume sein, dachte ich, die oben in die Sonne, unten in das 
Wasser taucht [gleichzeitiges extra- und intrauterines Leben], wenn sie von 
der Sonne und dem Bade etwas empfände. Und warum, fragte ich mich, sollte 
sie nicht? . . . viel mehr mutete mich der Gedanke an, sie (die Natur) habe 
die Wasserlilie deshalb so gebaut, um die vollste Lust, die sich aus dem Bade 
im Nassen und Lichten zugleich schöpfen läßt, auch einem Geschöpfe in 
vollstem Maße zugute kommen, von ihm recht rein durchempfinden zulassen." 
Wie lieblich erscheint unter solcher Voraussetzung das ganze Leben dieser 
Blume. Hat sie tagsüber die offene Blüte über das Wasser gehoben (zuweilen 
bis zu mehreren Zollen Höhe), so schließt sie dieselbe nachts, wenn sie nichts 
mehr im Lichte zu suchen hat, neigt sie nieder, und ist es richtig, was ich 
gelesen, geht sie gar damit unter das Wasser zurück, um morgens wieder aus 
dem feuchten Bette aufzutauchen. 

Also ein Schlaf mit maximaler Uterusregression. 

Ist das aber keine unwissenschaftliche Methode, von der wir hier Gebrauch 
machen; wollen wir nicht mit Gewalt einem Forscher Ideengänge impu- 
tieren, die, wenn er sie vielleicht auch gehabt hat, doch nicht in solchem 
Zusammenhange aufgetreten sind? 

Vielleicht ist es besser, den Forscher selbst anzuhören. Er sagt: 

.Am meisten Ähnlichkeit mit dem Pflanzenwachstum dürfte noch das 
Wachstum des Fötus im Mutterleibe haben; sofern derselbe wie die Pflanze 
seine Organe sich von Anfang an selber baut. Diese Ähnlichkeit, oberflächlich 
aufgefaßt, hat nun freilich sogleich wieder zu einem ebenso oberflächlichen 
Einwurf gegen die Empfindung der Pflanzen geführt. Fötusleben gleich Pflanzen- 
leben, also Pflanzenleben gleich Fötusleben. Der Fötus empfindet nicht; also 
auch die Pflanze nicht. So ist man schnell fertig. Als wenn es nicht bei jeder 
Analogie außer der Seite der Ähnlichkeit auch eine Seite der Verschiedenheit 
z.u beobachten gäbe . . . Also statt der Pflanze nach Analogie ihres Wachs- 
tums mit dem Fötus Empfindung abzusprechen, sollte man vielmehr von vorn- 
herein eine solche Analogie gar nicht annehmen. „Um so weniger triftig 
kann der Vergleich des Pflanzenlebens im allgemeinen mit dem Fötusleben 
sein, als ein besonderer Teil des Pflanzenlebens mit viel größerem Bechte 
diese Vergleichbarkeit in Anspruch nimmt; ich meine das Leben des Pflanz - 
chens im Samen, während er noch von der Mutterpflanze getragen wird." 2 



1) Nanna, S. 58, 59. 

2) Nanna, S. 99. 



594 



Dr. Imre Hermann 



Doch ist Fechner mit dieser Ableitung nicht recht zufrieden. „ . . . gerade 
ebensogut könnte man umgekehrt auf selbständige Empfindung des Fötus 
daraus schließen. Die Voraussetzung, daß der Fötus keine selbständige 
Empfindung habe, ist ja selbst eben nichts als Voraussetzung, die, so wahr- 
scheinlich sie uns erscheinen mag, doch, als noch ganz unbewiesen, nicht 
dienen kann, anderes zu beweisen oder zu widerlegen. Man sagt, die Erfahrung 
liefert uns den Beweis; wir erinnern uns doch keiner Empfindung mehr aus 
dem Fötuszustande. Aber welcher Mensch erinnert sich auch nur dessen, was 
er in den ersten Wochen nach der Geburt empfunden hat? Hat er deshalb nichts 
empfunden? Um so weniger können wir erwarten, daß der Mensch sich dessen 
noch erinnere, was er etwa vor der Geburt empfunden; aber auch um so weniger 
einen Beweis aus dem Mangel der Erinnerung an diese Empfindung gegen 
das Statthaben derselben ziehen. Das Erinnerungsvermögen selbst bildet sich 
eben erst mit der Geburt aus; und sofern wir der Pflanze ebenfalls kein 
eigentliches Erinnerungsvermögen beimessen werden, wie später zu erörtern, 
so stände sie in der Tat hierin mit dem Fötus ganz auf derselben Stufe; die 
Pflanze führte das Seelenleben des Fötus und der Fötus das der Pflanze. ' 
„Ich bin jedoch weit entfernt, auf die Behauptung eines wirklichen selb- 
ständigen Empfindungslebens im Fötus etwas bauen zu wollen. 1 

Die Analogie, daß die Pflanzen dem Fötus ähnliche Gebilde seien, wird 
also teilweise angenommen, teilweise zurückgezogen, doch dann wieder, 
schüchtern fast ganz angenommen, und wahrhaftig, es müssen ja noch 
andere Analogien zu finden sein. Hören wir an, welche! Nun, die Pflanzen 
müssen bald mit Kindern, bald mit Frauen verglichen werden. Das sind 
eigentlich nicht verschiedene Vergleiche, sagt Fechner, da die Frauen 
selbst noch Kinder dem Manne gegenüber sind. Kinder sind die Pflanzen 
deswegen, weil sie die Erde, ihre gemeinschaftliche Mutter nicht verlassen, 
an ihr hängen, aus ihr Nahrung saugen. 2 „Die Pflanze bleibt, sozusagen, 
immer an die Mutter brüst geheftet. 3 Wir fügen dem noch die Bemerkung 
hinzu, daß die Wurzel der Pflanzen im Fechnerschen Sinne tatsächlich 
ein intrauterines Leben führen, sie leben ja ständig in der Muttererde. 
Deshalb kann die Pflanze als Embryo und als Kind aufgefaßt werden, also 
als ein Kind, welches mit einem Teile ständig das intrauterine Leben 
weiterlebt. Die Pflanzen repräsentieren also das Leben, das Fechner in 
seiner Krankheit lebte, und da er beseelt - nicht geistesabwesend — war, 
sind es auch die Pflanzen. Sie zeigen, daß beseelte Wesen, also Wesen mit 
Empfindung und Trieb, die Mutter nicht verlassen müssen. 

1) Nanna, S. 100. 

2) Nanna, S. 260. 
5) Nanna, S. 237. 



Gustav Theodor Fechner 595 



Auch waren die Pflanzen deswegen Kinder der Familie Fechner, weil 
die Gattin „ihre Blumen und Gewächse in dem davon erfüllten grünen 
Zimmer wie ihre Kinder hegte und pflegte". 1 

Ich muß gestehen, daß diese Ableitung eher diejenige Frage beant- 
wortet, weshalb Fechner seine Aufmerksamkeit auf die Pflanzen- 
welt richtete, nicht voll befriedigend aber diejenige speziellere, weshalb die 
Pflanzen als beseelt vorgestellt werden müssen. Die Beseelung der Pflanzen- 
welt hat denn auch wirklich noch andere Wurzeln, einmal die animistische 
Auffassungsweise, die dem „kindlichen" Gemüt Fechners — besonders 
in der „Kleinkinderzeit" nach der Genesung (Wiedergeburt) — am ehesten 
entsprach und die ihm ein Paradoxon über den „lebendigen Schatten" 
schreiben ließ (im Jahre 1846); dann die Auffassung der Welt, als Inbe- 
griff vieler unter-, neben- und übergeordneter Geister. Im fol- 
genden wollen wir versuchen, die Wurzeln dieser Auffassung zu finden. 

Diese Theorie der Bepflanzung der Welt mit individuellen Geistern geht 
auf Gedanken vor seiner großen Krankheit zurück und erhielt ihre erste 
literarische Gestaltung im „Büchlein vom Leben nach dem Tode" (1836). 
Dies Büchlein beginnt folgendermaßen: 

„Der Mensch lebt auf der Erde nicht einmal, sondern dreimal. Seine erste 
Lebensstufe ist ein steter Schlaf, die zweite eine Abwechslung zwischen Schlaf 
und Wachen, die dritte ein ewiges Wachen." „Auf der ersten Stufe lebt der 
Mensch einsam im Dunkel, auf der zweiten lebt er gesellig, aber gesondert 
neben und zwischen anderen in einem Lichte, das ihm die Oberfläche ab 
spiegelt, auf der dritten verflicht sich sein Leben mit dem von anderen Geistern 
zu einem höheren Leben in dem höchsten Geiste, und schaut er in das Wesen 
der endlichen Dinge." „Der Übergang von der ersten zur zweiten Lebensstufe 
heißt Geburt, der Übergang von der zweiten zur dritten heißt Tod/ „Der 
eine führt zum äußeren, der andere zum inneren Schauen der Welt. Wie 
nun die Geburt des Kindes „aus dem warmen Mutterleibe ihm hart ankommt 
und es schmerzt, und wie es einen Augenblick in der Geburt gibt, wo es 
die Zerstörung seines früheren Daseins als Tod fühlt", so halten wir auch 
den „engen dunklen Gang", der uns zur dritten Stufe führt, für einen blinden 
Sack. Aber der Tod ist eine zweite Geburt" zu einem freiem Sein, wobei 
der Geist seine enge Hülle sprengt und liegen und verfaulen läßt, wie das 
Kind die seine bei der ersten Geburt." 2 Der Tod ist somit eine „große Stufen- 
krankheit" 3 [man vergleiche das mit dem „ Schwellen "ausdruck in der Psycho- 
physik]. 

1) Kuntic, S. 6. 

2) Büchlein, S. 9, 10. 

3) Büchlein, S. 16. 



596 Dr. Imre Hermann 



Die Geister der Verstorbenen leben also nach dem Tode weiter, und 
zwar leben sie in den Lebenden weiter, auf die sie in ihrem Leben ge- 
wirkt haben oder in denen sie durch ihre Arbeiten, Werke weiterwirken. 
Denkt ein Lebender an einen Verstorbenen, so ist der Verstorbene auch 
schon bei ihm, so schließt „jeder menschliche Geist eine Gemeinschaft 
sehr verschiedener fremder Geister in sich." Dadurch entstehen innere 
Zwiespalte und innere Harmonien im Lebenden. „Die Seele guter Men- 
schen wird eine reine himmlische Wohnung für selige darin beieinander 
wohnende Geister.'* l 

Fechner führt die „erste Anregung zu der in dieser Schrift ausgeführten 
Idee, daß die Geister der Gestorbenen als Individuen in den Lebenden fort- 
existieren", auf eine Unterredung mit seinem Freunde Prof. Billroth zurück, 
da „diese Idee in eine Reihe verwandter Vorstellungen bei ihm teils ein- 
griff, teils solche erweckte". 2 Was aber war der innere Anlaß zur ernsten 
Beschäftigung mit solchen Ideen, woher kam die innere Evidenz dieser 
Anschauungen? Durch die Biographie werden wir belehrt, daß der Schluß 
des Büchleins im August 1835, also zwei Jahre nach der Verheiratung 
Fechners, niedergeschrieben wurde.3 In dieser Zeit mußte aber die Vater- 
identifikation ihr Wiederaufblühen feiern, in dieser Zeit mußte ja schon 
die Frage der Gravidität aufgeworfen worden sein, in dieser Zeit machte 
sich ja schon die geistige Anstrengung, Abspannung, der Lebensüberdruß 
geltend. Man muß also daran denken, daß der Verstorbene, der weiterlebt, 
eigentlich der Vater ist, und der Lebende, in dem der Verstorbene weiter- 
lebt, er selbst — er muß sich tugendhaft benehmen, um dem Vater eine 
himmlische Wohnung sichern zu können, er muß sich aber auch tugend- 
haft benehmen, weil sein Gewissen gerade dem Vater gegenüber nicht rein 
ist. Der Vater starb ja, wie er es wünschte, und diese Schuld muß irgend- 
wie gutgemacht werden, sonst würde das Schuldbewußtsein ihn selbst in 
den Tod mitreißen. Diese Schuld läßt, so kann er unbewußt gedacht haben, 
nicht zu, daß er selbst Vater werde. Wie wäre aber diese Sünde leichter 
gutzumachen als durch die Wendung, daß der Tod eigentlich kein Tod, 
sondern ein Erwachen zu neuem Leben sei. Diese Wendung ist dann durch 
kindliche Vorkommnisse real vorgebildet. Erstens wissen wir, daß der Tod 
des Vaters tatsächlich auf eine Geburt folgte (zeitliche, dem Kinde als 
ursächlich erscheinende Folge). Zweitens hat die Mutter im Sinne der 



1) Büchlein, S. 18—30. 

2) Büchlein, Nachschrift zur zweiten Auflage. 
5) Kuntze, S. 145. 



Gustav Theodor Fechner 597 



Idee des noch nach dem Tode lebenden Vaters sich selbt geäußert: „Mutter 
Fechner hing durch ihren langen Witwenstand (1806—1859) mit treuester 
Liebe an dem entrissenen Gatten, und sie war, wie ich aus ihrer Erzählung 
weiß, fest überzeugt, nach seinem Tode einmal, als sie sich mit besonderer 
Lebendigkeit der sehnsüchtigen Erinnerung an ihn hingab, ein Zeichen 
seiner persönlichen Nähe und Zustimmung empfangen zu haben. Sie habe 
still im Lehnstuhl gesessen und gedacht: Ach, wenn ich doch ein Zeichen 
von ihm empfinge! Es sei gegen Abend gewesen. Da sei plötzlich ein 
heller Schein über die gegenüber befindliche Wand hingestrichen - - ohne 
daß dies etwa der Schein eines Lichtes aus der Nachbarschaft hätte sein 
können, — und sie habe den Eindruck der Erfüllung ihres Wunsches, 
die Empfindung freundlichen Trostes dankbar gespürt. 

Man findet somit beide Gedankengänge des Büchleins — der Tod sei 
eine Geburt und der Geist des Verstorbenen lebe weiter und erscheine dem 
ihm Gedenkenden — durch kindliche Ereignisse und Gedanken- 
läufe motiviert und hervorgelockt durch die neue Situation der kinder- 
losen Ehe, in ihren wesentlichen Zügen von Wunschphantasien diktiert. 

Wichtig für uns ist, daß das Büchlein noch von keiner Allbeseelung 
spricht, es kennt ja nur die Geister der Menschen und Gott. Die All- 
beseelung fängt, wie wir sahen, mit „Nanna" an und kehrt dann im 
Buche Zend-Avesta zu den im Büchlein berührten Themata zurück, jedoch 
jetzt schon vielfach verstärkt mit dem Motive, welches eine Regression 
in den Mutterleib als Lösung der Konflikte verlangte. „Zend-Avesta" will 
beweisen, daß „das Gebiet der individuellen Beseelung weiter und namentlich 
höher hinauf reicht, als man zumeist glaubt". 2 Diese Schrift will sodann 
nicht etwas Neues, als eher die Wiedergeburt des Uralten.3 „Der ganz ent- 
wickelte Vogel legt dasselbe Ei nieder, aus dem er erst erwachsen ist." + 

Das große Ei, aus welchem die lebendigen Geschöpfe auf Erden heraus- 
kommen und in welches sie wieder zurückkehren, ist die Erde. Die Erde 
selbst, unsere Königin", 5 ist als ein lebendiges Urtier 6 zu betrachten, als ein 
beseeltes Wesen, als ein Engel. Di e £ r d e (was wir gemeinhin so nennen, ist nur 
der Leib) zeigt Ähnlichkeiten mit unserem Leibe, sie hat Sinneswerkzeuge 



j) Kuntze, S. 21. 

,) Zend-Avesta, Vorrede MII. 



3 Zend-Avesta, Vorrede VII 

4) Zend-Avesta, Vorrede XVIU. 

c) Zend-Avesta, I, S. 64- 

6) Zend-Avesta, I, S. 3 6 ' mit Berufung auf Kepler. 



598 Dr. Imre Hermann 



(mit Hilfe der Tiere), sie bewegt sich auch insofern, „als sie (nach den 
jetzigen kosmogonischen Vorstellungen) zu einer gewissen Zeit aus einer 
größeren materiellen Sphäre, deren Teil sie früher war, herausgeboren 
worden ist, sich durch innere Kräfte selbst gestaltet." 1 Die Erde sei dann 
das größte Vorbild und zugleich Mutterstelle aller organischen Zellen. 2 
Nach einer interessanten — vielleicht von Humboldt stammenden — „Vor- 
stellung kann man die ganze Erde aus zwei hohen Bergen zusammengesetzt 
denken, die mit der Basis im Äquator zusammengefügt sind". 3 (Dual- 
schritt — zwei Brüste?) In diese Erdenmutter, aus der er geboren, sinkt 
dann der Verstorbene nach dem Tode zurück. * „Obwohl die Erde eigentlich 
unsere Mutter nicht in gemeinem menschlichen Sinne heißen kann, kann 
sie es doch immer noch in einem höheren, wie Gott, der uns durch ihre 
Vermittlung erzeugt, nicht in gemeinem menschlichen Sinne unser Vater 
heißen kann, aber in einem höheren. Der gemeine menschliche Vater, die 
gemeine menschliche Mutter lassen uns von sich, der höhere himmlische 
Vater, die höhere himmlische Mutter behalten uns immerdar in sich. Ein 
neues Zeugen ist nur hinein in sich selber, was uns in ihnen den Ursprung 
gibt, denn was aus Gott kommt, das bleibt auch in Gott und was die Erde 
trägt, verläßt sie nicht. Dein gemeiner Vater und deine gemeine Mutter, 
zu denen du in einem äußerlichen Verhältnis stehst, sind nur die für dich 
äußerlichen, für sie aber innerlichen Werkzeuge dieser Werkzeuge." 5 — 
So ist aber sogar eine Begression in den Urvater erreicht! 6 Jede Rück- 
kehr hat jedoch nur dann einen Sinn, wenn man in der Tagesansicht, 
nicht in der Nachtansicht denkt; eine leblose Mutter kann keine 
lebendigen Kinder gebären, so heißt es an einer Stelle der Zend- 
Avesta, das heißt aber in der Umkehrung: zur Bück kehr in den Mutter- 
leib ist eine lebendige Mutter erforderlich, zur Bückkehr in den 
Vater ein lebendiger Vater. Die Bückkehr ist dann von dem Leibe, was 
der ursprünglichen Wunschphantasie entspräche, auch auf den Geist aus- 
gedehnt. 

1) Zend-Avesta, I, S. 30. 

2) Zrend-Avesta, I, S, 60. 

3) Zend-Avesta. I, S. 67. 

4) Zend-Avesta, I, S. 109. 

5) Zend-Avesta, I, S. 143. 

6) Dem gibt schon das „Büchlein" symbolisch Ausdruck : „Oh nicht endlich doch 
die ganze Erde, allmählich immer engere Kreise ziehend, nach Äonen von Jahren 
in den Schoß der Sonne zurückkehren wird, der sie einst entronnen, und von da ein 
Sonnenleben aller irdischen Geschöpfe beginnen wird, wer weiß es...?" (S. 42.) 



Gustav Theodor Fechner 



599 



D 

Das Formale im Denken Fechner s 

Im Laufe der bisherigen Ableitungen haben wir uns bereits auf das 
Vorkommen des Dualschrittes im Fechner sehen Denken berufen müssen. 
Wir haben auch in der Biographie Daten gefunden, welche die Verbreitung 
dieses Schrittes bei Fechner verständlich machen, nämlich: die Fixierung 
an den Kinderwunsch, das Aufwachsen in zwei Familien, das Teilenmüssen 
seiner kindlich-männlichen Ansprüche mit einem Bruder, die Fixierung 
der ödipus- Konstellation in der These der Gleichsetzung von Mutter und 
Vater — welch letztere Ursache neben der Gleichsetzung des eigenen Selbst 
mit dem kindererzeugenden Vater auch Ursache der Evidenzforderung des 
Dualschrittes ist. Auch der Kastrationskomplex wurde — in Berührung mit 
der phantasierten Wiedergeburt — aufgezeigt, also derjenige Komplex, welcher 
durch seine Überkompensation den Dualschritt am unmittelbarsten fixiert. 
Als Unterstützung der Auffassung, daß der Kastrationskomplex das Unbewußte 
Fechner s stark beeinflußte, seien hier einige Daten aufgezählt: Noch mit 
dreiundsiebzig Jahren beschäftigt ihn die Frage: „Warum wird die Wurst schief 
durchschnitten?" und er schreibt darüber eine kleine Humoreske. Ein Gedicht 
„Möpschen und Äffchen" (1841) endet mit folgenden Strophen: 

Möpslein war auch schlimm von Gemüt 

Und biß, eh's Äffchen sich's versieht, 

Sein Schwänzchen ihm ab in einem Nu; 

Papa hebt's auf, wie er kommt dazu, 

Gibt beiden damit erst tüchtige Prügel, 

Und steckt das Schwänzchen dann hinter den Spiegel. 

Was wird aus dem Äffchen nun ohne Schwanz? 

Ei, das ist ja mein kleiner Hans! 

Und was aus dem Schwänzchen? die Rute, hoho! 

Die immer zurück will zum kleinen Popo; 

Und wenn recht schreit und zankt mein Hänschen, 

Gleich hinter dem Spiegel merkt's das Schwänzchen. 

Dann bringt er die phantastische Idee, der vollkommenste Körper wäre 
ein ganz glatter, kugelförmiger: so sind die Engel beschaffen. Männlich 
und weiblich werden die Engel dadurch, daß sie mit verschiedenen gas- 
artigen Stoffen gefüllt sind. 1 



1) Vergleichende Anatomie der Engel. 1825. 



400 Dr. Imre Hermann 



Das wären also die Grundlagen der intra-individuellen Verbreitung und 
der Evidenzforderung des Dualschrittes; nun muß man diese Verbreitung 
auch tatsächlich nachweisen. Wir wollen beweisen und zeigen, auf wie 
vielen Gebieten Fechner die tatsächlich vorhandene Dualität in seine 
Interessensphäre einbezog, und auf wie vielen Gebieten er selbst Dualitäten 
schuf. Wenn unser Beweis langweilig und in die Breite gezogen erscheinen 
wird, so denke man daran, daß Beweise niemals der Monotonie entbehren 
können, man denke an die nicht überflüssigen Protokolle der experimen- 
tellen Wissenschaften. Wir wollen eben zeigen, daß wir keine Behauptung 
aufstellten, sondern eine Wahrheit, die beweisbar ist. Dabei werden wir 
aber nur die hervorragenderen Daten herausgreifen. 

Dualschritte zeigen sich in der Wahl des Arbeitsgebietes: In der 
Psychophysik handelt es sich um Vergleich von zwei Reizwirkungen. Man 
muß gewisse Versuche auf- und absteigend, die Raum- und Zeitlagen stets 
vertauschend durchführen. Man erhält eigentlich zwei Schwellenwerte: 
Grenze von oben und von unten kommend. — Ein Artikel handelt vom 
Sehen mit zwei Augen; ein Artikel vom Hören mit zwei Ohren. Ein Artikel 
spricht über die Verknüpfung der Farad ay sehen Induktionserscheinungen 
mit den Ampereschen elektro-dynamischen Erscheinungen. Einmal teilt 
Fechner Beobachtungen mit, „welche zu beweisen scheinen, daß durch 
die Übung der Glieder der einen Seite die der anderen mitgeübt werden". 
Ein großer Teil seines ästhetischen Interesses wurde durch die Frage der 
beiden Holbeinschen Madonnenbilder gefesselt, mehrere Aufsätze be- 
schäftigen sich mit diesen. Das Christkind des Dresdner Bildes soll eine 
Doppelrolle haben: es sei das kranke Kind einer gewissen Familie und 
das Christkind. In der Echtheitsfrage entschied sich Fechner weder für 
noch gegen die beiden rivalisierenden Madonnenbilder Holbeins (zu 
Dresden und zu Darmstadt); er vermutet, beide seien echte Exemplare, 
das eine ein Vorbild für die Kirche, das andere ein Familienbild für das 
Haus. „. . . Beides hängt in derselben Idee zusammen, und da der Künstler 
nicht beides zugleich in demselben Bilde darstellen konnte, ließ er beide 
Bilder sich dazu ergänzen." 1 

Schon aus dem letzteren Beispiele ist ersichtlich, wie der Dualschritt 
zur Lösung von Fragen herangezogen werden kann. Hauptsächlich soll 
dies durch die folgenden Beispiele erläutert werden : 



1) Kuntze, S. 258 — 264. — Aus Fechners „Echtheitsfrage der Holbeinschen 
Madonna". 



Gustav Theodor Fechner 4 01 



Aus den „Kleinen Schriften": „Der Schatten ist lebendig" (S. 165 — 17 1 )- 
Der Schatten ist Zwillingsbruder des Menschen, er lebt in zwei Dimensionen; 
unser Leib dient zugleich einem Geiste, der in ihm, und einem, der neben 
ihm ist. 

Aus ., Einige Ideen zur Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte der 
Organismen" : „Ich meine, daß von Anfang herein sich das kosmorganische 
Reich gleich in ein molekular-organisches und unorganisches differenzierte, in- 
dem der frühere einheitliche Bestand jenes Reiches sich in den Zusammen- 
bestand beider sich zur Ergänzung fordernden, wie eine solche bietenden, 
Reiche auflöste; daß dann weiter das molekular-organische Reich sich in ein 
Tierreich und Pflanzenreich differenzierte und innerhalb beider Reiche noch 
speziellere Differenzierungen, darunter die der beiden Geschlechter, eintraten." 
(Nach Kuntze, S. 281, 282.) 

Aus den „Elementen der Psychophysik", Bd. I: „Die ganze Welt besteht 
aus solchen Beispielen, die uns beweisen, daß das, was in der Sache Ems ist, 
von zweierlei Standpunkten als zweierlei erscheint ... (S. 5), Bd. II: 

Da man zwei Arten von Empfindungsunterschieden (in die Empfindung 
aufgehende und besonders aufgefaßte Empfmdungsunterschiede) statuieren kann, 
soll man dies auch auf die Empfindungen selbst übertragen, da doch jede 
Empfindung auch als Empfindungsunterschied von .Null ^ und umgekehrt be- 
trachtet werden kann. (S. 86.) Sehr interessant ist folgendes Beispiel, Nun ist 
das Prinzip, beide betreffende Maße einfach durch Addition zu verbinden, um 
die psychLhe Gesamtleistung von Summen- und -J-f^SS Z ' 

an sich nicht so evident, daß nicht eine ^J^^J^^^!« 6 
angenommen werden könnte, falls solche der Erfahrung besser genügte; aber 
angenommen weraen k , fernliegende Voraussetzungen in dieser 

wir werden nicht notig >»**"* "„.beilegende Voraussetzung hin- 
^fV mM? t't£r^i«n' der Erfahrung herzustellen; nämlich, 
reicht die ^«^a^SS^Sii Aschen beiden Reizen, sondern her- 
daß die Kontrastwirkung n cht e W ach < ^ herüber 

über und hinüber zu berechnen ist £ ^.^ 

besteht sich also für W**?»™^ die Anmerkung, daß man bei der 
setzt als die Summenwirkung. Und i verfahren liat . (S. i 57 .) Diesen 

Berechnung de ^Gravitationswirkung ^ beu^ ^^ „^^ 

letzteren Gedanken hat *« ft " ei m verschiedenem Sinne quantitativ 

In der Empfindung findet Zehner* ^ ß ^^ ^ ^.^ ^ 

bestimmbare Dimensionen ""**? op ' h ysisc hen Geschehens zerfällt analytisch 
(S. 162.) Die Totalwelle des V^Vj^ ^ UnterweUe (S . 449/) 

für jedes Geschehen »J^J^Z rechte und die linke Hälfte sind so v er - 
Die zwei Hälften des Mensche , beider Hälften üb die Sch 

bunden, daß das P*<*f^ m L die zwei Hälften, d. h schiebt man 
des Bewußtseins gelangt, wen» ^ fischen sie, „so zerfallen sie auch 
einen unterschwelligen Teü _ ! de Wesen- Mit beiden Gehirnhälften denken 
wieder in zwei für sich empfinden ^ Tat igkeit nur einfach, ebenso ^ e 
wir wegen dieser «jJJ™*, Netzhäute nur einfach sehen. Ab^^ 
mit den identischen öteue« 



■ o2 Dr. Imre Hermann 



Hälften der teilbaren Tiere können die fehlende Hälfte vollständig reprodu- 
zieren. Mit den beiden Hemisphären verhält es sich so, wie mit zwei Pferden, 
die vor einen und denselben Wagen gespannt sind . . . Könnten beide Hälften 
eines in der Längsmittellinie geteilten Menschen überhaupt noch fortleben, 
d. h. die psychophysischen Tätigkeiten noch in beiden Hälften über die 
Schwelle fortbestehen, so würden wir unstreitig ebensogut Verdopplungen 
einer Menschen- als Tierseele durch die Trennung der sich seitlich ent- 
sprechenden und vertretenden Hälften erzielen können, als wir sie bei Tieren 
durch Trennung der hintereinander liegenden, sich entsprechenden Segmente 
zu erzielen imstande sind. 1 " (S. 517 — 528.) Die Geburt selbst hat eine Ver- 
dopplung der Seelen zur Folge. (S. 52g.) Bewußtes und Bewußtloses in der 
Welt sind nur zwei Fälle derselben Formel. (S. 558.) 

Aus „Zend Avesta": Es soll bewiesen werden, daß man einseitig urteilt, 
wenn man entweder teleologisch oder kausal, entweder deterministisch oder 
indeterministisch, entweder materialistisch oder spiritualistisch denkt: stets sind 
beide Richtungen nebeneinander zu verfolgen. (Vorwort; II, S. 117, 134.) 
Auch sind theoretische Folgerungen stets mit praktischen Forderungen zu ver- 
söhnen (Vorwort). Die Zweckmäßigkeit birgt in sich ein „Zweies aus einem 1 " 
(Grabefuß des Maidwurfs und das lockere Erdreich, beide der Erde angehörend) 
und ein „Zweies in einem" (da sie nur für einander etwas sind). (I, S. 86.) 
Unser Körper läßt eine doppelte Betrachtungsweise zu, nämlich die Teilung 
nach Systemen und nach Organen; wenn auch eine scharfe Trennung beider 
Gesichtspunkte nicht durchführbar ist. Eine ebensolche doppelte Betrachtungs- 
weise ließe sich dann auf die ganze Natur ausdehnen. (I, S. 203.) „Setzt man 
die Erde wirklich im ganzen als Auge, so sieht man, daß dieses Auge im 
Grunde zwei Abteilungen hat, von denen die eine vorzugsweise bestimmt ist, 
dem Blick nach dem Himmel, die andere dem Blick nach der Erde zu dienen." 
(II, S. 79.) „Wohl wird der Tod als zweite Geburt in ein neues Leben zu 
fassen sein . . . Der Tod ist eine zweite Geburt, indes die Geburt eine erste." 
(II, S. 199, 200.) „Alle Menschen führen schon ein zweites Leben, durch ein 
gewaltsames Ereignis aus einem früheren niedrigem, unvollkommenem hervor- 
gegangen. Eine einmalige Umwälzung, anstatt einer zweiten zu widersprechen, 
verspricht aber vielmehr eine solche." (II, S. 326.) „. . . So vermögen zwei an 
sich zweifelhafte und dunkle Gebiete doch wechselseitig etwas zu ihrer Unter- 
stützung und Erläuterung beizutragen, wie zwei schief stehende Balken sich 
durch ihr Lehnen gegeneinander halten." (II, S. 325.) 

Aus der „Vorschule der Ästhetik : Fechner versucht dem assoziativen 
Faktor und dem direkten gerecht zu werden, ebenso der idealistischen und 
der realistischen Richtung, wie auch dem Prinzip der Schönheit und der 
Charakteristik. Der Streit zwischen den Formästhetikern und Gehaltsästhetikern 
beruhe ebenfalls nur auf Einseitigkeiten. „Eine auf das einzelne eines Kunst- 
werkes eingehende Analyse und Kritik hat zwei Seiten." (S. 17.) „Die Einheit 
der Person kann in doppelter Weise verletzt werden, so daß dieselbe Person 
auf demselben Bilde zwei- oder mehrmals in verschiedenen Handlungen vor- 
gestellt wird, was meist mit der vorigen Verletzung der Baum- und Zeiteinheit 



Gustav Theodor Fechner 405 



Hand in Hand geht, oder so, daß in derselben Figur zwei Personen zugleich 
vorgestellt werden ..." und dazu die Anmerkung: „Nicht unwahrscheinlich 
kommen sogar in dem berühmten Holbeinschen Madonnenbilde beide Arten 
der Verletzung zugleich vor, indem man in dem oberen nackten Kinde das 
Christkind und ein krankes Kind der Stifterfamilie in eins vertreten, in dem 
unteren dasselbe Kind als gesund, was oben krank (mit kranken Ärmchen) 
dargestellt ist, sehen kann. Doch ist der Streit über diese Deutungsverhältnisse 
bisher noch nicht angefochten. " (H, S. 69, 70.) Der Vorteil eines guten Stils 
hat zwei Seiten, beide haben sich zum größtmöglichen Vorteil zu vereinigen. 
(II, S. 85.) Auch der Gegensatz der Kolonisten und Komponisten verdeckt Ein- 
seitigkeiten. (II, S. 102.) Es wird ein Prinzip der Beharrung und des Wechsels 
in der Art der Beschäftigung aufgestellt. (II, S. 246 u. ff.) „Das hindert nicht, 
daß Quantitätsverhältnisse hiebei mit ins Spiel kommen, und zwar in doppelter 
Weise." (n, S. 266.) 

Aus dem Buche „Über das höchste Gut" ; Es gibt nicht nur einen, sondern 
zwei sich ergänzende Maßstäbe der Lust". (S. 50.) 

Aus: „Professor Schieiden und der Mond": „. . .Die Uhr des Organismus 
ist offenbar vom Anfange an nach der Weltuhr gestellt; aber die Weltuhr 
hat nicht bloß eine, sondern zwei Hauptzeiger . . . Was dabei die Möglichkeit 
unserer Erklärung übersteigt, trifft die Sonnenperiodizität ganz ebenso wie die 
Mondperiodizität; müssen wir aber das Faktum der ersten einmal anerkennen, 
so zieht dasselbe die Wahrscheinlichkeit der zweiten aus allgemeinen 
Gründen nach sich." (S. 550, 551.) 

Aus „Nanna": Es entstanden die Pflanzen- und Tierwelt am wahrschein- 
lichsten gleichzeitig. „Die niedrigsten Pflanzen bildeten mit den niedrigsten 
Tieren den gemeinschaftlichen Ausgangspunkt der organischen Schöpfung, und 
von da erhob sich dieselbe in beiden Reichen zugleich." (S. 18g.) „Ähnlich 
nämlich, wie unter den Menschen ein Gegensatz zwischen blonder und brünetter 
Haar-, Haut- und Augenfarbe waltet, wonach sie sich gewissermaßen in zwei 
Klassen sondern, kehrt unter den Blumen ein analoger Gegensatz zwischen 
gelben und blauen Blütenfarben wieder." (S. 284.) 

Aus „Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht" : Die Tagesansicht vereint 
in sich zwei geschichtliche Weltansichten, die christliche und die heidnische. 

Ein anderer auffallend verbreiteter Denkschritt ist bei Fechner der 
Umkehrschritt. Seine Äußerungen waren bereits im Zusammenhange mit 
dem Dualschritte öfters zu beobachten (z. B. Dual von innen -außen, sub- 
jektiv-objektiv). Als Grundlage dieses formalen Schrittes finden wir, den 
Erfahrungen in anderen Fällen analog, eine stärkere Fixierung an der 
Analerotik, 1 an homosexueller Richtung der Libido, an kindlichem Narziß- 

1) Dies wurde bereits von J on es und Abraham erkannt. J ones : Über analerotische 
Charakterzüge. Int. Ztschr. f. PsA, 1919, Jahrg. V, S. 79. Abraham: Ergänzungen zur 
Lehre vom Analcharakter. Int. Ztschr. f. PsA, 1923, Jahrg. IX, S. 45, 46. 

Imago XI. a? 



<04 Dr. Imre Hermann 



mus, und den Ödipus- Konflikt betreffend Vertauschung der Vater-Mutter- 
Rollen, sowie die Vertauschung des Vater-Kind-Verhältnisses, insofern, als 
der Vater krank das Bett hüten mußte, wie ein Säugling, während er, der 
Sohn, an Kräften stets zunahm. Im letzteren Umstände vermuten wir auch 
die Evidenzforderung des Umkehrschrittes aufgefunden zu haben, diese 
Forderung scheint aber hier, wegen dem mit ihr zusammenhängenden, auf 
den Vater gerichteten Todeswunsche und dem tatsächlichen Todesfalle, viel 
größere Widerstände vorgefunden zu haben, als beim Dualschritt. 

Interessant ist, daß die Umkehrschritte gerade in der im Laufe der 
biographischen Skizze berührten homosexuellen Periode die Dualschritte 
an Verbreitung überragten, so daß die älteren humoristischen 1 Schriften 
voll von Umkehrschritten sind : 

Die Jodine vermag zwei gerade entgegengesetzte Wirkungen zu leisten. (Kleine 
Schriften, S. 4.) „. . . nur daß ich hier den Schluß umdrehe, womit ich zum voraus 
ein Beispiel der Methode gebe, die man im folgenden so glücklich angewendet 
findet." (S. 5, 6.) „Man ist endlich glücklich dahinter gekommen, daß das Ver- 
fahren, was die realen Wissenschaften einschlagen, gerade umzukehren ist. (S. 7.) 
„Aber sehen wir doch näher zu, welches der oberste oder im vorigen Sinne 
unterste Grundsatz war, mittels dessen die logische Chemie oder chemische Logik 
die Scheidung, um die es uns hier zu tun, verrichtet hat, und versuchen dann, 
ob wir ihn nicht noch fruchtbarer machen können. Wohlan : die Ärzte hatten 
die Bemerkung gemacht, daß die Jodine die Kröpfe heilt; was war also natür- 
licher als der Schluß: Die Jodine heilt Kröpfe, ergo ein Mittel, was den 
Kropf heilt, enthält Jodine. (S. 7, 8 usw.) 

„Ebenso ist es bekannt, daß das Opium sonst immer nur Verstopfung 
erregte; aber seit H ahnemann fängt es an zu laxieren. (S. 9.) Jetzt heilt 
jedes Mittel alle Krankheiten und umgekehrt läßt sich jede Krankheit durch 
alle Mittel heilen. (S. 19.) Dadurch wird erreicht, daß die Lehrbücher an 
Umfang nicht zunehmen, sondern abnehmen müssen (S. 32, 35.) Da das Auge 
seiner Funktion gemäß gebaut ist, so kann man daraus folgern, daß „ein 
Geschöpf, dem Licht das Element ist, umgekehrt den Bau des Auges haben 
wird . (S. 158.) „Mein Schatten kann mich ebenso für seinen Schatten halten 
als ich ihn für meinen Schatten halten." (S. 168.) „Die Art, wie ich dem 
Räume zu einer vierten Dimension zu verhelfen suchen will, ist allerdings 
eigen; nämlich dadurch, daß ich ihm anfangs von seinen dreien eine nehme." 
(S. 176.) Wenn man einen Bing stets nach rechts dreht, wenn etwas Glück- 
liches eintraf, so hat man später nichts anderes zu tun, als den Ring nach 
rechts zu drehen, um dadurch etwas Glückliches hervorzurufen. (S. 205.) Daß 
die Welt nicht durch ein ursprünglich schaffendes, sondern zer- 



1) Der größere Widerstand läßt den Schritt als humoristischen Schritt leichter 
durch. 



Gustav Theodor Fechner i r 



störendes Prinzip entstanden ist, wird in einem besonderen Paradoxon" 
weitläufig erläutert. (S. 208 — 215.) Dann befaßt sich ein kürzerer Aufsatz 
mit dem Bilde einer „verkehrten Welt". (S. 227 — 229.) 

Mancher Leser wird mir hier vielleicht lächelnd Unrecht geben wollen : 
das sind ja eben keine ernst gemeinten Gedanken. Nun, erstens sind es 
überhaupt seine Gedanken, zweitens kehren die hier humoristisch um- 
kleideten Ideen öfters in ernsten Gedankengängen wieder, drittens gehörte 
es zu dem — neben der Kindlichkeit — auffälligsten Charakterzuge 
Fechners, daß er stets opponierte und disputierte, so „daß diese Neigung 
im Umgange mit Freunden und Bekannten geradezu sprichwörtlich geworden 
war". (Kuntze, S. 2, 3.) Es hat nicht leicht ein Gelehrter so viel gestritten, 
wie Fechner, was der Biograph teilweise aus seiner Ergötzung an dem 
Reize scharfer Kontraste erklärt. 

Als Ergänzung des schon Bekannten sollen noch folgende Beispiele von 
ernsten Umkehrschritten unseren Standpunkt beweisen: 

„Die vierte Hypothese, die ich aufstelle, widerspricht den gewöhnlichen 
Annahmen gewissermaßen im umgekehrten Sinne als die zweite. Nach der 
zweiten liest sich jede Akustikusfaser aus einem zusammengesetzten objektiven 
Tongemische ihre besondere Schwingungszahl heraus, nach unserer jetzigen 
vollzieht umgekehrt jede Optikusfaser unter dem Einilusse selbst des einfachsten 
Farbenreizes eine Zusammensetzung von Schwingungen ..." (Psph., II, S. 2g8.) 
Es ist ebenso möglich, „durch Bewegung unwägbarer Agentien das Wägbare 
als durch Bewegung wägbarer Agentien das Unwägbare in Bewegung zu setzen." 
(Psph., II, S. 557.) In der „Ästhetik 1 * kehrt er die Richtung „von oben" um, 
und begründet eine Ästhetik „von unten". (I, S. 1.) Es „können nur wahre 
Erkenntnisse zu guten praktischen Erfolgen führen, so daß sich selbst umge- 
kehrt nach einem sehr allgemeinen Prinzip die Wahrheit einer Erkenntnis 
aus ihrer Güte folgern läßt". (I, S. 52.) Möchte man ein Kind von klein auf 
immer anlächeln, während man es schlägt, und furchtbar anblicken, während 
man es liebkost, so würde sich die Bedeutung dieser Ausdrücke geradezu ver- 
kehren. (I, S. 155.) Es wird ein „Prinzip des ästhetischen Kontrastes" auf- 
gestellt: „Der Gegensatz wirkt mit der Kraft eines eigentümlichen Reizes, 
wodurch der Reiz in einer Weise beschäftigt wird, wie es durch keinen ein- 
zelnen Reiz geschehen kann". (II, S. 251 u. ff.) Die Reize haben, ihren Lust- 
Unlust-Charakter betreffend, auch mehrere Umschlagspunkte. (II, S. 245.) 

Daß in den „Ideen zur Schöpfungsgeschichte usw. ein Umkehrschritt ernst 
durchgeführt ist, wurde bereits erwähnt. 

Im „Zend-Avesta" fragt er sich: „Hast du nicht früher, dich selbst par- 
odierend, bewiesen, daß auch der Schatten lebendig ist; ist nicht umgekehrt 
die Lebendigkeit, die du jetzt beweisest, ein Schattenspiel?" (Vorwort.) Es ist 
ein „scheinbar alles verkehrender Schritt", den Seelenschwerpunkt des Irdischen 
nicht mehr in uns, sondern in der Erde zu suchen. (I, S. 129.) Man hat auch 



27" 



, Q Dr. Imre Hermann 



darin unrecht, wenn man einseitig im Unbewußtsein die Urmutter des Bewußt- 
seins sucht. „Eher ist es umgekehrt." (I, S. 282.) „Die Erde ist solchergestalt 
wie ein Schädel, der, statt seine Konkavitäten anzuwenden, um das Gehirn 
ganz, die Hauptsinne halb darin zu verstecken, umgekehrt seine Konvexität 
benützt, das Gehirn mit den Sinnen allseitig frei in den Himmel hinauszu- 
halten." (II, S. 9.) „Die verschiedensten Sinnesempfindungen, Sehen, Hören, 
Riechen, Schmecken, Fühlen, in uns erfolgen mittels scheinbar sehr ähnlich 
eingerichteter Nerven. Nun sieht man nicht ein, warum das Umgekehrte 
minder möglich sein sollte: dieselbe Empfindung mittels scheinbar sehr ver- 
schieden eingerichteter Apparate. Denn das hängt logisch zusammen. (II, S. 69.) 
„So gut man sich nämlich stets auf inneren, und so gut man sich stets auf 
äußeren Standpunkt gegen die Dinge stellen kann, so gut kann man auch 
mit dem Standpunkt der Betrachtung wechseln, in Betrachtung der Ursache 
sich auf den inneren Standpunkt stellen, in Betrachtung der Folge auf den 
äußeren, wie umgekehrt. (H, S. 156.) „Freilich, die Blume verwelkt zuletzt, 
der Schmetterling stirbt doch zuletzt. Sollen wir nach unserem künftigen 
Leben auch endlich doch verwelken, sterben? — Aber kehren wir die 
Betrachtung lieber um. Sollte jenes Welken, Sterben nicht für die Seelen von 
Pflanze und Tier so scheinbar sein, wie unseres für uns? (II, S. 551, 552.) 

In „Nanna" soll die Behauptung, die Wasserlilie wäre für das Wasser da, 
„umgekehrt", und gesagt werden, das Wasser ist ganz für die Wasserlilie da. (S. 59.) 
Der Leib des Tieres ist wie ein Sack, umgewendete Säcke sind die Pflanzen. 
(S. 249.) „Man kann bemerken, daß überhaupt die Natur eingestülpten Formen 
ausgestülpte Formen von teils paralleler, teils sich ergänzender Bedeutung 
gegenüberzustellen liebt; wie z. B. Lungen und Kiemen, genitalia masculina 
und feminina. Hier nun haben wir diesen Gegensatz im ganzen und großen 
zwischen zwei Beichen (seil. Pflanzen und Tieren) durchgeführt." (S. 272.) Die 
Gestalt der Tiere ähnelt am meisten einer Ellipse, mit den zwei Brennpunkten 
von Herz und Hirn, die Gestalt der Pflanzen hingegen, wegen ihrer doppelten 
und entgegengesetzten Divergenz nach oben und unten, mehr der Hyperbel. 
Die Hyperbel entsteht aber aus der Ellipse, wenn man eine Hauptgröße darin 
in der Richtung verkehrt genommen denkt. (S. 276, 277.) 

Sehr auffallend sind einige Umkehrschritte in der „Tagesansicht ' : „Die 
Bibel prägt dem Menschen ein : liebe Gott über alles und deinen Nächsten 
wie dich selbst; die Tagesansicht aber führt ihm auch die Umkehrung davon 
zu Gemüte: die Liebe Gottes geht über alles und er liebt alle, wie sich 
selbst." (S. 24.) „. . . was im Sinne der Tagesansicht selbstverständlich ist, 
erscheint im Sinne der Nachtansicht absurd, weil so vieles Absurde in ihr 
selbstverständlich scheint." (S. 29.) „Das Zukünftige hängt im Sinne des 
Kausalgesetzes funktionell von der Vergangenheit ab. Was aber hindert, im 
Sinne des Mathematikers, die funktionelle Betrachtung umzukehren, also die 
vergangenen Zustände nach einem umgekehrten Verfolg der Richtung des 
Geschehens ... als Funktion der Zustände, zu denen sie führen, zu betrachten. 
Für ein zeitlos ewiges . . . Wesen . . . möchte diese doppelte Betrachtungs- 
weise sogar fast selbstverständlich sein. — Damit hängt folgende Betrachtungs- 



Gustav Theodor Fechner 4,07 



weise zusammen: Im Räume findet stets zur Wirkung von einem Punkte a 
auf den Punkt b eine Gegenwirkung vom Punkte b auf den Punkt a statt. 
Warum soll nicht ebenso zur Wirkung von einem Zeitpunkt a auf einen 
andern b eine umgekehrte Wirkung von b auf a stattfinden." (S. 124 12*;.) 

Auch als Arbeitsfeld wählte sich Fechner öfters Erscheinungen, die als 
Umkehrschritte beschreibbar sind : subjektive Komplementärfarben, Kontrast- 
empfindungen, „Umkehrungen der Polarität in der einfachen Kette, 1828." 

Ich möchte nur flüchtig erwähnen, daß der Schritt des Sinkens — 
in welchen der formalisierte Schritt der Geburt eingeht — und seine Um- 
kehrung im Schritt des Erhebens bei Fechner ebenfalls oft zu finden 
sind; man denke an seine Grundauffassung der organischen Entwicklung, 
der ästhetischen Methode. Beispiele sind in dem Obigen schon mitenthalten. 
Sehr viel Formales enthält natürlich das „Rätselbüchlein" (in Verse ge- 
faßte Silbenrätsel).' 

E 

Die Begabungsgrundlagen 

Es sei hier eine kurze Übersicht der von mir entwickelten Begabungs- 
theorie gegeben. In dieser Theorie heißt es nicht, die Grundlagen der 
„Begabung überhaupt" zu bestimmen, wie solch eine Grundlage z. B. der 
erhöhte Narzißmus wäre. Auch die Charaktereigenschaften des „Künstlers" 
könnten höchstens als Grundlagen einer „künstlerischen Betätigung über- 
haupt" dienen. Unsere Absicht ist aber, die speziellen Formen der 
Begabungen zu erklären, d. h. diejenigen fakultogenen Faktoren aufzu- 
finden, welche die Entwicklung des Könnens und des Interesses in der 
speziellen Richtung verständlich machen ; dabei soll die Theorie das Neu- 
auftreten, wie die Vererbung der Begabung erklärbar machen, sodann aber 
auch den im Laufe der individuellen Entwicklung oft eintretenden Über- 
gang der einen Begabungsart in eine andere, und ferner das Nebeneinander- 
vorkommen von verschiedenen Begabungsarten bei einem Individuum, und 
bei Individuen derselben Familie. Der - Weg zur Auffindung solcher 
fakultogenen Faktoren war der, daß wir solche auffallende und bei Begabten 
derselben Art stets vorhandene Symptome herausarbeiteten, welche in sinn- 
vollem Zusammenhange mit der speziellen Betätigungsart der Begabung 
sind, und zeitlich früher als die Begabungsäußerungen vorhanden waren. 

1) Siehe Beispiele bei Freud: Der Witz und seine Beziehungen zum Unbewußten. 
(Gesammelte Schriften, IX. Bd., S. 71, 72.) 



4,08 Dr. Imre Hermann 



Natürlich bewegen sich unsere Untersuchungen vorläufig ganz 
im groben; wir können nur einige Begabungsarten auf solche fakultogene 
Faktoren zurückführen und auch bei diesen glauben wir, diese Faktoren 
nicht mit der genügenden Schärfe in Worte gefaßt zu haben und wären 
auch nicht erstaunt, wenn neben den bekannten Faktoren sich noch andere, 
unbekannte auffinden ließen. Man möge auch nicht aus den Augen ver- 
lieren, daß die hier zu entwickelnde Theorie sich aus Krankenanalysen 
ergab. 

Klar liegt die Sachlage bei der zeichnerischen Begabung. Der eine 
Faktor ist hier die starke Erogen eität der Hände. Als eine Art 
Sublimierung dieser Libidomenge fassen wir dann die zeichnerische 
Begabung auf. Und zwar denken wir uns die Sache so, daß, während bei 
einer geringeren Rrogeneität der Hände die ursprünglich primären Peripher- 
prozesse (Gestaltbildungen) ' der Hand im Laufe der gesetzmäßigen Ent- 
wicklung bald durch zentrale — intellektuelle — Prozesse abgelöst werden, 
bei erhöhtem Libidotonus eine Sublimierung in dem Sinne stattfinden 
kann, daß die Libidomenge zu peripheren Gestaltbildungen benützt wird 
und so die Peripherprozesse weiter, höher entwickelt werden. 

Der andere Faktor, der den erhöhten Libidotonus zwingt, gerade diese 
Bichtung der Gestaltbildung zu wählen, ist sodann die eigene Körper- 
schönheit bei heterosexuellen Männern; bei stark homosexuellen Männern 
kann die eigene ausgesprochene Körperhäßlichkeit dasselbe bewirken. Nun 
kann diese Körperschönheit auf einer organischen Basis beruhen (der Ent- 
wicklungsfaktor, der die Ausgestaltung des Körpers gerade in diese Geleise 
schob) und als Folge einer speziellen Libidoqualität aufgefaßt werden, sie 
kann aber auch als eine eingebildete, eine nur seelisch-inhaltlich existierende, 
vorhanden sein. Mindestens diese zwei Faktoren arbeiten nun so zusammen, 
daß sie die spezielle Begabungsart des Zeichnenkönnens, also des Produzierens 
von schönen Formen mit der Hand, hervorlocken; kein Faktor für sich 
ist dazu fähig. 

Bei der dichterisch-schriftstellerischen Begabung fanden wir als 
fakultogene Faktoren : 1) die höhere Erogeneität der Mundzone — die 
Materie dieser Begabung, die Sprache, wird von dieser Zone (im weiteren 

1) Siehe ausführlicher: Die Randbevorzugung als Primärvorgang, Intern. Zeitschr. 
f. PsA, IX, 1923 und in einem mit A. Hermann-Cziner gemeinschaftlich aus- 
gearbeiteten (experimentellen) Aufsatze: Zur Entwiclihmgspsychologie des Umgehens 
mit Gegenständen, Zeitschr. f. angew. Psychol., Bd. XXII, 1925. — Über das System 
Mund-Hand sprach ich in einer Sitzung der Ung. PsA. Vereinigung (März 1924). 



Gustav Theodor Fechner 40g 



Sinne) erzeugt; 2) eine seelische Einstellung, die wir Seherkomplex 
nannten, und die darin besteht, daß man von der eigenen prophetischen 
Natur überzeugt ist und im Leben Beispiele dieser Fähigkeit liefert; 3) eine 
libidinöse Einstellung, die wir den Totenkomplex nannten, und die 
sich darin äußert, daß der Betreffende mit Vorliebe Tote oder Schein- 
tote liebt und sich als Toter (Scheintoter) lieben lassen will. Der Seher- 
komplex gibt sich in den im voraus bestimmbaren Wiederholungen der 
Form (Reim, Rhythmus) kund, der Totenkomplex offenbart sich im Lieben 
der flüchtigen, kaum geborenen, schon verschwundenen Laute der Sprache. 
Der Seherkomplex kann organisch durch einen besonderen Libidotonus 
der Augen und Umgebung (Stirn) repräsentiert werden, der Totenkomplex 
durch besondere Schicksale (besondere Qualität?) des Todestriebes. 

Die Begabung desDenkers ist begründet durch einen temporär erhöhten 
Libidotonus des Gehirns, der so zustande kommt, daß gewisse schmerz- 
hafte Ereignisse aufgesucht, das Gefühl des Schmerzes aber aufgehoben wird, 
indem man während der schmerzlichen Szene bestrebt ist, über etwas nach- 
zudenken, um dem Schmerz jede Aufmerksamkeit zu entziehen. Durch 
den Schmerz geschaffene narzißtische Libido wird somit zu intellektuellen 
Gestaltbildungen, zu Vertiefungen 1 verwendet. Ich nannte das „über- 
gangsmasoch istische Schmerzgrundlage" des Denkers. 2 In Anbetracht der 
schriftstellerischen Tätigkeit des Forschers sollen auch die eben genannten 
drei Faktoren vorhanden sein, vielleicht mit geringerem Hervortreten des 
Totenkomplexes und der Erogeneität der Mundzone und auffallenderer 
Mitwirkung einer Art Seherkomplexes (Wissen = Vorauswissen). 5 

Die Einführung der erogenen Handzone hat unsere Aufmerksamkeit, 
auf verschiedene Verhältnisse dieser Zone gelenkt. Wir fanden die primäre 
adäquate Betätigungsart dieser Zone im Anklammern an die Mutter (wie 
bei gewissen Säugetieren und auch den Menschenaffen), 4 also in einem 
beim menschlichen Säugling — in der kulturellen Stufe — nicht mehr 



1) Siehe Intelligenz und tiefer Gedanke. Intern. Zeitschr. f. PsA, VI, 1920. 

2) Winterstein will unter den Philosophen zwischen den mystischen Masochisten 
und amystischen Sadisten unterscheiden (Psychoanalytische Anmerkungen zur Ge- 
schichte der Philosophie, Imago, Jahrg. II, 1915, S. 250). Wir haben im obigen den 
Mechanismus des Wirkens dieser Charakterzüge angegeben. 

3) Diesen letzten Zusammenhang zwischen Dichter und Denker sieht auch Winter- 
stein (a. a. O. S. 206): „Vielleicht sind eigentliche ,Weltanschauungen' bloß die 
Schöpfungen dieses visuellen Typus (des .Schauers' — Chamberlain), dem der Typus 
des Dichters so nahe steht." 

4) Vgl.: Zur Psychologie der Schimpansen. Intern. Zeitschr. f. PsA, IX, 1923. 



• io Dr. Imre Hermann 



befriedigten Betätigungswunsche. Bei den Säuglingen kultureller Menschen ist 
die (adäquate) Befriedigung der Handzone hauptsächlich auf die Zeit der 
einzelnen Nahrungsaufnahmen an der Brust beschränkt. 1 Da zeigt sie also 
schon eine Verknüpfung mit der Mundzone. 2 Und es kann theoretisch 
abgeleitet werden, daß diese Verknüpfung eigentlich schon phylogenetisch vor- 
handen und das eigentlich Primäre ist. Man kann die Theorie aufstellen, daß 
die Mundzone mit der Handzone ein einheitliches erogenes System 
bildet, das Mund-Hand-System, welches quasi als ein kommunizierendes 
Gefäß aufzufassen ist, mit zwei empfindlichen Enden, mit ständigem Ver- 
kehr zwischen diesen Enden, so daß die Libidospannung hier und dort 
zugleich wachsen oder sinken kann; gewisse Ereignisse können aber auch 
asymmetrische Wirkungen — das Vollaufen eines Endes mit Leerwerden 
des anderen, also gleichsam auf Kosten des anderen Endes — ausüben. 5 
Diese Theorie läßt dann verstehen, wieso dichterische und zeichnerische Be- 
gabung oft isoliert, oft aber auch in einer Person vereinigt vorkommt; wenn 
man ferner noch annimmt, daß die Begabungen durch ihre organisch fakulto- 
genen Grundlagen vererbt werden und daß dieses einheitliche System von 
Mund-Hand in der Vererbung ebenfalls als Einheit fungiert, so werden die Be- 
gabungswandlungen innerhalb mehrerer Generationen, aber auch das Fest- 
halten an derselben Begabung — für die genannten Arten der Begabung — 
dem Verständnisse näher gebracht. 

Fechner war Dichter, Schriftsteller, Denker und Forscher. Welche 
Grundlagen dieser Begabungen finden wir nun bei ihm vor? Was wissen 
wir von der Entwicklung des Mund-Hand-Systems bei ihm? Hier muß man 
sich eben mit indirekten Beweisen begnügen und versuchen, ob denn durch 
die Annahme, dieses System sei bei Fechner stärker erogenisiert gewesen 
und diese Erotik sei zur — teilweisen — Sublimierung gelangt, die Daten 
einheitlich zusammengefaßt werden können. 



1) Direkte Beobachtungen an Säuglingen haben mich belehrt, daß die Anklammerungs- 
lust des Säuglings eine eminent große ist; sie gibt sich in speziellen Formen des 
Woimesaugcns an den Fingern und in Schlafstellungen kund. 

2) Direkte Beobachtungen bei einigen Säuglingen zeigten, daß die Finger — bis zu 
einem gewissen Alter — wahrend der Nahrungsaufnahme erektions artige Haltung 
und Spannung einnehmen. 

5) Dieses einheitliche Zusammensein einer Qualität in einem System ist nicht 
zu verwechseln mit der Amphimixis von Ferenczi (Versuch einer Genitaltheorie, 
1924). Letzteres Sckicksal der Erotismen kann ein Ergebnis in einem zwei Quali- 
täten vereinheitlichendem, zusammengesetztem System werden und soll eine Misch- 
qualität hervorrufen können (eine organisch-libidinöse Gestalt höherer Ordnung). 



Gustav Theodor Fechner 



411 



Betrachten wir zuerst die Familientafel mit den nachweisbaren Fähigkeits- 
äußerungen. Wir werden dann auch diese Fähigkeiten in die uns jetzt 
interessierende Sprache übersetzen. (Die Zahlen bedeuten die entsprechenden 
Seitenzahlen aus dem Kuntzeschen Buche.) 



(j* Großvater 

Schriftstellerische 
Freude (5+7), 
gute Diskantstimme, 
die er in der Kind- 
heit zum Broterwerb 
benützte (14) 

Mund 



Großvater tf 

Schriftstellerische 
Freude (547), Pastor 

Mund 



ol_ 

Vater 

Schriftstellerische 
Freude (347), Pastor 

Mund 



cT 

Eduard 

Maler 

frühe Neigung zu 
techn. Handfertig- 
keiten und künst- 
lerischer Plastik (2+) 

Hand 



G. Theodor 



Mutter 

Poetische Ader (30) 
Mund 



9 9 9 

Emilie Clementine Mathilde 

Ein Sohn ist der Zwei Töchter Kla- Ein Sohn Bildhauer 

Biograph viervirtuosen (248) (248) 

(auch deren Vater) (auch dessen Vater) 

Hand? Hand? 



Mund ? 



Man sieht demnach die Munderotik als ßegabungsgrundlage neben der 
Handerotik abwechselnd auftauchen. Der Bruder Eduard soll ein ziemlich 
begabter Maler gewesen sein, verdiente damit sein Brot in Paris. Wir 
möchten aber doch auch etwas Direkteres erfahren. 

Fechners Sprachfertigkeit und Begabung in Sprachen trat schon 
früh hervor (S. 22, 25) und er tat darin seinem Bruder zuvor. Hierin 
erblicken wir aber schon eine unmittelbare Äußerung der Sublimierung der 
Munderotik. 1 Im Gegensatze konnte er es in Handfertigkeiten kaum zu 
etwas bringen, er hatte geringes Zeichentalent. (S. 25, 27). Es werden seine 
lebhaften und charakteristischen Händebewegungen" während 
des Redens, Vortragens hervorgehoben, was für uns die Unterordnung der 
Hand unter die Führung des Mundes bedeutet. Er bringt öfters Beispiele 
von schönen Körperteilen. Im „Büchlein vom Leben nach dem Tode" heißt 
es; Ein schönes Auge, ein schöner Mund sind ihm (seil, dem Kind im Mutter- 
leibe) bloß schöne Gegenstände, die es geschaffen." (S. 11.) In der „Ästhetik" 



1) Sein Äußeres betreffend, hebt der Biograph zweierlei hervor: Die schon in 
jungen Jahren mächtig entwickelte Stirn und den freundlichen Mund. (S. 2.) 



4iz 



Dr. Imre Hermann 



verweilt er besonders bei dem Beispiele der Schönheit eines menschlichen 
Fußes, die er eher am beschuhten Fuß, nicht am nackten, findet, und der 
Arme. Kaum findet man irgendwo wärmere Worte in der ganzen Ästhetik, 
wie gerade an dieser Stelle: „Eine Blinde, welche sich der Formen nur durch 
den Tastsinn bemächtigen konnte, wurde gefragt, weshalb ihr der Arm einer 
gewissen Person so wohl gefiele. Man ratet etwa : Sie antwortete, weil sie den 
sanften Zug, die schöne Fülle, die elastische Schwellung der Formen des 
Armes fühle. Nichts von alle dem, sondern weil sie fühle, daß der Arm gesund, 
rege und leicht sei. Das konnte sie aber nicht unmittelbar fühlen, sondern 
nur an das Gefühlte assoziieren. Nun glaube ich nicht, daß der direkte Ein- 
druck, in dem man den alleinigen Grund des Wohlgefallens sehen möchte, 
ohne Anteil daran war; aber man sieht doch, daß der assoziierte Eindruck 
ihr noch lebendiger zum Bewußtsein kam. Bei uns Sehenden ist es um- 
gekehrt. Wir meinen, einem schönen Arme seine Schönheit gleichsam ab- 
zusehen, ohne zu ahnen, daß wir das Meiste davon hineinsehen. ' (I, S. gi). 

Statt „Absehen*' hätte Fechner hier auch „mit den Augen abtasten" 
sagen können — es scheint ja, bei ihm wurde die erotisch-abtastende Bolle 
der Hand durch die Augen übernommen. Damit wären wir bei der organischen 
Grundlage des Seherkomplexes angelangt. Nicht nur in der Kranken- 
geschichte dominiert das Auge; auch in gewissen Phantasien: die Engel 
sollen augenartige Geschöpfe sein, das Auge sei der vollkommenst gebaute 
Teil des menschlichen Körpers. „Mein Geschöpf war mir wieder lieb, es 
war ein wunderschönes Auge geworden." (Kleine Schriften, S. 157.) „Die 
Augensprache der Liebe ist eine Vorbedeutung der Sprache der Engel, die 
ja selbst nur vollkommene Augen sind." (S. 146.) 

Ich vermute aber, die Handerotik ging nicht nur in die Munderotik 
über, um da eine sprachliche Sublimierung durchzumachen, sie gab nicht 
nur den Augen Kräfte ab (im erotischen Abtasten schon im vorhinein), 
sie gab nicht nur Kräfte dem regressiven Wunsche, sich an der Mutter 
anzuklammern, ab, es ist noch etwas vorhanden, das nach meinen bisherigen 
Erfahrungen mit der Handerotik in Zusammenhang gebracht werden kann, und, 
das wäre der Hang zum formalen Denken. Wie die Hand immer nur die 
äußeren Formen beherrschen kann, die innere nur, indem sie sie zur äußeren 
macht, so gehen die formalen Schritte nur immer dem Äußeren entgegen, 
das Innere, das Sinnhaltige aber wird von ihnen gemieden. Man kann sich 
die Sachlage etwa so vorstellen, daß es in der Entwicklung der Hand- 
funktionen vom Peripheren zum Zentralen folgende Möglichkeiten geben kann. 
1 . Die Handerotik verläßt die Hand zugunsten des zentralen — sprachlichen — 



Gustav Theodor Fechner 412 



Denkens. 2. Die Handerotik zwingt die Hand zu einer etwas höheren Betäti- 
gungsart und verläßt die Hand zugunsten des zentralen Denkens, doch führt 
darin das formale Denken weiterhin noch ein selbständiges und mächtiges 
Leben. 5. Die Handerotik zwingt die Hand zu einer noch höheren Betätigungs- 
art und zieht Gestaltungskräfte des Denkens an die Hand. Schematisch etwa: 

Peripherprozesse Ze/irrale Denkprozesse 

der Hand 




Selbstverständlich denken wir nicht daran, daß am formalen Denken 
einzig diese Transponierung schuld sei, auch hier muß etwas noch als 
Wegweiser dazukommen, um gerade diese Art der Handfunktion zu trans- 
ponieren. Und jetzt möchten wir wieder einen Zusammenhang konstruieren, 
der leichter hinzustellen, als zu beweisen ist: Was ist denn das Formale 
in seinen stärksten Ausprägungen? Ist es denn nicht etwas Erstarrtes, etwas 
Kaltes, etwas Totes ? Mit Zulassung des Formalen wird eigentlich die lebendige 
Gestaltung getötet! Jeder formale Zug, jeder formale Schritt ist ein Spiel 
mit dem Totsein, ein Versteckspiel. Und war denn nicht das Sterben des 
Vaters eines der mächtigsten Erlebnisse Fechners? Und wurde er denn 
nicht jahrelang, fern von der mütterlichen Pflege, erzogen, um dann ein 
wahres Versl eckspiel mit der Mutter zu spielen (wöchentliche Besuche usw.)? 
Beschäftigte sich seine Philosophie — sowie viele anderen Philosophien — 
nicht mit dem Tode als Kernfrage? Den Zusammenhang von Zwangsneurose 
und Tod haben schon Hitschmann und Winterstein, als sie die Charakte- 
ristik der Philosophen angeben wollten, eben wegen der Ähnlichkeit von 
Zwangsdenken und philosophischem Denken hervorgehoben. Daß aber 
Fechner an einer Art Zwangsdenken litt, wissen wir schon von früher her. 
Hitschmann 1 beruft sich auch auf Abrahams Studie über „Giovanni 
Segantini", wo der frühe Tod der Mutter in der Entwicklung der Per- 

1) Zum Werden des Romandichters. Image-, I, 1912. S. 55. 



414 Dr. Imre Hermann 



sönlichkeit dieses Malers eingehend gewürdigt wird.' — In der Ver- 
breitung der formalen Schritte, im Hange zum Formalismus des Denkens 
sehen wir somit die Handerotik und den Todesgedanken (Todeswunsch, 
Todesfurcht, Todestrieb?) mitwirken. Da, um zu unserem jetzigen Haupt- 
thema zurückzukehren, im formalen Denken ein gewisser Typus der Denker 
heimisch sein muß, soll wenigstens vermutungsweise auch die fakultogene 
Wirkung des Todesgedankens (Todestriebes) ausgesprochen werden. 2 

Wir haben die Augen schon, als fakultogenes Organ, herangezogen. 
Nicht nur im Zusammenhange von Schaulust und Forschung, wie es 
Winterstein statuiert (a. a. O. S. 185, 186). Das Auge und seine ero- 
genisierte Umgebung, die „hohe Stirne" (siehe S. 411) ergibt, wenn auch 
nur die organische, Grundlage für die Überzeugung des Voraussehens. 
Als eine psychische Grundlage sind möglicherweise die rasch folgenden 
Geburten der drei Geschwister anzusehen. Fechner war dieser Über- 
zeugung sehr nahe. „Die Menschen haben von jeher bedeutungsvolle 
Träume und Ahnungen gehabt." (Kleine Schriften, S. 186.) „Gern hörte 
er abenteuerliche Szenen, Gespenstergeschichten, Visionen, Halluzinationen, 
Ahnungen und Geistererscheinungen erzählen und war immer bereit, darüber 
zu disputieren, aber er nahm bald Partei, bald Gegenpartei . . ." (Kuntze, 
S. 276). Er will den Geist eines jeden vergrößert wissen, denn je mächtiger 
der Geist, „eine desto weiter greifende Folge dessen was geschehen wird 
und geschehen soll, vermag er vorauszusehen und vorauszubestimmen". 
(Zend-Avesta, II, S. 245.) Wenn uns mehr Rückerinnerungen von unseren 
Träumen blieben, so würden wir öfters vorbedeutenden Träumen begegnen. 
(Zend-Avesta, II, 517.) Man vergleiche dazu den vorbedeutenden Traum 
der Dame, die ihm während der Krankheit den Appetit wiedergab, und den 
vorbedeutenden Sinn der Zahl 77 in der letzten Phase der Krankheit. 

„Die Rätsel unseres jetzigen Geisteslebens", so heißt es im „Rüch- 
lein", „der Durst nach Erforschung der Wahrheit, die uns zum Teil hier 
nichts frommt, . . . gehen aus ahnenden Vorgefühlen hervor, was uns alles 

1) Die Hand, welche in den Gestaltungen im reinsten Dienste des Lebens- 
triebes steht, wird auch ein reiner Diener des — nach auswärts gewendeten — 
Todestriebes. In der Menschwerdung, mit der Angewöhnung der aufrechten Haltung, 
wird die Hand und der Arm zur Lebenserhaltung, mm Kampfe stets im wachsenden 
Grade, der Mund aber in abnehmendem Maße benutzt (Darwin, Die Abstammung 
des Menschen, II). 

2) Der Todesgedanke, das Erlebnis des Todes (des Fernseins) gibt auch dem Ideali- 
sie r en einen mächtigen Antrieb (Ideal *» eidolon m Seele eines Toten. R 6 h e i m : Nach dem 
Tode des Urvaters. Imago, IX, 1923). Krankenanalysen besagen auch dasselbe. 



Gustav Theodor Fechner 415 



dies in jener Welt eintragen wird." (S. 15.) Im Buche „Über das höchste 
Gut" wird dann weitläufig erklärt, daß das Gewissen ein Nachgefühl, 
aber auch ein Vorgefühl der Lust ist (S. 53 — 53) und das Lustprinzip 
(sie!) steht überhaupt im Dienste der Zukunft. Als Grundlage dieser Ein- 
stellung muß natürlich auch der animistischen, allesbelebenden 
Denkweise gedacht werden, deren Wirkung gerade auf die Worte und 
die Teile der Wörter im Rätselbüchlein 1 zu finden ist, welches mit 
dem vielen Formalen und vielen belebenden Gleichnissen, Symbolen eine 
Welt von merkwürdigem Scheinleben eröffnet. 2 

Den Totenkomplex finden wir in seiner Krankheit, wo er doch nach 
seinen eigenen Worten lebendig begraben war, also in der Vateridentifikation, 
und in den während dieser Zeit geschaffenen Dichtungen ausgeprägt. Schon 
das erste Gedicht (Der gute Schmied) ist im Sinne dieses Komplexes gestaltet: 
Der Schmied sieht vor seinem Tode die früh verschiedene Braxit vor sich: 

Sie rührt ihn an, der Hammer fiel, 
Um Haupt und Herze wehn ihm kühl 
Zwei lichte Engelsflügel ; 
Aus Nacht zum Licht da steigen sie: 
Grabscheit und Schaufel warfen früh 
Ins Land den grünen Hügel. 

Im zweiten Gedichte sieht der König seine frühere Gespielin am 
Himmel, als silbernes Lämmlein. Im dritten Gedichte trifft die Botschaft 
vom Bräutigam die Braut tot, im nächsten Verse schickt der tote Bräutigam 
vom Meeresstrande eine „Wellenbotschaft" der Braut. Dann wird die Ge- 
schichte von „Elisabeth und Essex" erzählt; die Königin leidet und stirbt, denn 

Der, den sie hatte geliebt so sehr, 
Den hat sie selber erschlagen. 

Die Übertragung dieses Komplexes auf die Tätigkeit des Schreibers 
findet in folgenden Zeilen Ausdruck: „Mit fünfundzwanzig toten Buch- 



1) Entstehungsgeschichte: „Zuerst geselliges Spiel, dann die Muse einer langen 
Krankheit, noch jüngst der Ausschluß ernsterer Beschäftigung nach zwei erlittenen 
Augenoperationen, endlich eine Art Gewöhnung haben den Stoff zu diesem Büchlein 
erwachsen lassen." (Vorwort der vierten Auflage, 1876.) — Die erwähnten Operationen 
waren Staroperationen in den Jahren 1873 und 1874 und haben mit der Reizbarkeit 
der Augen nichts zu tun. (Kuntze, S. 284, 286.) 

2) Die Rätsel zeigen gewissermaßen eine Umkehrung des Voraussehens 
(für den Leser): Es ist ja alles gegeben, um eine Lösung finden zu können, und 
die Lösung stellt sich doch nicht ein. Der die Lösung findet, erlebt eine Entdecker- 
freude. Ein Rätsel ist auch ein Versteckspiel. Der die Rätsel macht, verschleiert 
einen einfachen Tatbestand. (Das Rätsel der Geburt der Kinder bei Pechner!) 



4' 6 Dr. Imre Hermann 



staben auf totem Papier sind alle Werke der Dichter und Philosophen 
draußen geschrieben." (Zend-Avesta, II, S. 131.) 

Jetzt wollen wir noch, nach diesem, den sadistisch-masochistischen 
Trieb berührenden Komplex einige Ergänzungen zur übergangsmaso- 
chistischen Schmerzgrundlage hinzufügen. Ein gewisser Zug des Aushaltens 
von Schmerz gab sich schon in der Kindheit kund. Eine der ganz wenigen 
Daten aus der Kindheit lautet nämlich : Als die beiden Brüder zu Hause bei 
der Mutter waren, wollte der ältere dem jüngeren einen „Schabernack" 
spielen „und er raunte der Tante, welche von dem kleinen Brüderpaar 
begleitet zur Rolle ging, zu, der Theodor würde sehr gern auf der mit 
großen kantigen Steinen beschwerten Rolle sitzen, um auf ihr hin und 
her gefahren zu werden. Die Tante hieß diesen, um ihm die Freude zu 
machen, sich an die bewußte Stelle setzen, und, gutmütig, den Zusammen- 
hang nicht ahnend, behauptete der Knabe, um der Tante dienstwillig zu 
sein, den Platz trotz der Unbequemlichkeit der Lage, bis er endlich still 
zu seufzen anfing und der mutwillig geschürzte Knoten offenbar ward. Ich 
habe diese Geschichte aus dem Munde der Mutter Fechners". 1 Man über- 
denke dann — darauf habe ich mich bereits an einer anderen Stelle be- 
rufen 2 — den Abschluß der Krankengeschichte, wo das mutige Denken den 
Schmerz nicht aufkommen ließ und man hat diese Erscheinung in schönster 
Ausprägung vor sich. Eine besondere Verzweigung dieser Erscheinung war 
die Flucht vor der Langweile in die Arbeit; er hatte sich geäußert, 
wenn er nicht arbeite, halte er es vor grausamer Langweile nicht aus. 
„Dieses Gefühl der Langweile muß in seiner Seele eine ganz besondere 
Rolle gespielt haben ; wenn er sie nannte, machte es den Eindruck, als 
habe sie etwas Peinvolles für ihn, er floh sie wie einen Schmerz." „Wie 
ein tiefer Schatten lagerte sich ihm hart an die Schwelle des Vergnügens 
das peinigende Gefühl der Langweile. 3 Sein Arbeiten ging auch nicht 
leicht, fließend, mit Arbeitsfreude vor sich, es war stets mit hoher An- 
strengung verbunden. 4 

Ob darin nicht auch der (anale) Zeitgeiz mit im Spiele war, wie 
wir es bei Darwin 5 finden werden? Sicher ist, daß die Anstrengung 



1) Kuntze, S. 4. 

2) Organlibido und Begabung. Intern. Zeitschr. f. PsA, IX, 1925. 
5) Kuntze, S. 312, 518. 

4) Kuntze, S. 514. 

5) Siehe die demnächst in dieser Zeitschrift erscheinende Arbeit des Verfassers 
über Darwin. 



Gustav Theodor Fechner a X -~ 



selbst bei ihm den tiefen Sinn der Vater-Identifikation, und was alles 
damit zusammenhängt, an sich zog. Daß dann, vielleicht sekundär das 
Zeitmoment des Sicheilens, und dadurch das Zeitmoment selbst zur 
Sprache kam, kann vermutet werden: in der Psychophysik wird dem zeit- 
lichen Faktor (Zeitfehler) eine hohe Rolle zugestanden, als vierte Di- 
mension der vierdimensionalen Mannigfaltigkeit wird eben die Zeit beschlag- 
nahmt, und die zeitlichen Perioden beschäftigen Fechner eingehend. 

Anhang 
Fechner als Vorläufer psychoanalytischer 

Erkenntnisse 

Die bisherige Einstellung, in der Fechner hier dem Leser vorgeführt 
wurde, könnte die irrige Meinung auftauchen lassen, Fechner sei ein 
Phantast, der Verfasser der „vier Paradoxa", der „Stapelia mixta und des 
„Rätselbüchleins", aber kein exakter Forscher gewesen. Wir wenden uns 
entschieden gegen eine solche Auffassung. Er war — oft bewußt — auch ein 
Phantast, besaß aber stets die genügende Kritikfähigkeit, um Forschungs- 
ergebnisse und Phantasiebildungen nicht zu verwechseln. Seine physikalischen 
Forschungen gehören zum Inventar der Fachwissenschaft, seine Ideen über 
Atomistik, über die Zeit alsvierteRaum-Zeit-Koordinate, über gewisse 
einfache Relativitätssätze (zeitliche Umkehr der Kausalität), über eine Art 
„Schwelle" als allgemeine Naturerscheinung (in der sogenannten Quanten- 
theorie) gehören schon zu den allerneu esten Wendungen der exakten 
Forschung. Die Psychophysik erschloß dann ein ganz neues Tatsachen- 
gebiet, mit neuer und mit staunenswertem Wissen durchgearbeiteter 
Methodik. Wir wenden uns also nicht einem Phantasten zu, sondern 
einem Naturforscher erster Klasse, wenn wir in seinen Ideen psychoana- 
lytische Gedankenspuren nachweisen. Wir? Nein, Freud war es, der bei 
Fechner die erste Ausgestaltung einer Metapsychologie auffand. (Siehe 
Freuds „Traumdeutung".) 

Nur zur Auffrischung der Erinnerung berufe ich mich auf die Stelle der 
„Traumdeutung , wo der topische Gedanke auf den Gedanken Fechners 
über die verschiedenen Schauplätze von Wachbewußtsein und Traum zurück- 
geführt wird. „In der Tat — so wird es in der , Revision der Haupt- 
punkte der Psychophysik' ausgeführt — „hat es an sich nichts Unwahr- 
scheinliches, daß die zeitliche Oszillation der psychophysischen Tätigkeit 



4_i 8 Dr. lmre Hermann 



unseres Organismus von Wachen zu Schlaf mit einer räumlichen Oszillation 
oder Kreislaufbewegung in ähnlicher Weise zusammenhängt, als wir es 
auch sonst in und außer dem Organismus zu finden gewohnt sind. So 
beim Pulse, so bei Wechsel von Tag und Nacht an jedem Orte. Also mag 
von Schlaf zu Wachen und von Wachen zu Schlaf das Spiel der gesamten 
psychophysischen Tätigkeit des Menschen den Schauplatz wechseln, in der 
Art, daß während des Wachens der Schauplatz der Träume ganz unter der 
Schwelle bleibt, indes der Schauplatz des wachen Vorstellungslebens irgendwo 
und irgendwie darüber ist, wogegen im Schlafe der Schauplatz des wachen 
Vorstellungslebens ganz unter die Schwelle sinkt, indes der Schauplatz der 
Träume sich relativ gegen den ganz herabgesunkenen Schauplatz der 
wachen Vorstellungen erhöht, und bei Eintreten wirklichen Traums sogar 
bis über die Schwelle des Bewußtseins erhebt." („Revision", 286, 287.) 
Dann steht Fechner auf Grund einer energetisch gedachten psycho- 
physischen Tätigkeit, welche durch ein Minimumgesetz („Prinzip der 
Stabilität" — vgl. Freuds „Jenseits des Lustprinzips") reguliert wird; die 
Aufmerksamkeitswandlungen seien Bewegungen dieser psychophysischen 
Energie. In der Unterscheidung von Oberwelle und Unterwelle kann auch 
ein Keim der dynamischen Auffassung erkannt werden. Triebe werden 
von Fechner als Grundelemente des Seelenlebens stets nachdrücklich hervor- 
gehoben. Beherrscher des Seelenlebens sei das „Lustprinzip", das sich mehr 
weniger den Umständen, den praktischen Forderungen anpaßt. 

Speziell die Psychologie der Träume betreffend, sei noch die Auf- 
fassung Fechners erwähnt, wonach das Gehirn während des Traumes mit 
demjenigen eines Narren, „noch triftiger mit dem Gehirne eines Kindes oder 
Wilden" zu vergleichen sei. „Wenn das Traumleben ein relativ zusammen- 
hangloseres, nicht so vernünftig geordnetes ist, als das wache Leben, hat 
es doch seinen Zusammenhang eigentümlicher Art." „Der Träumende ist 
ein Dichter, der seiner Phantasie die Zügel ganz und gar schießen läßt, 
und ganz in eine innere Welt versunken und verloren ist, so daß ihm die 
Erscheinung Wahrheit wird." 1 

Er spricht von den „Konflikten" im Seelenleben, über den „unmittel- 
baren Lustgewinn", den der Ausdruck der Gefühle mitbringt. Daß die 
Realität des Unbewußten einen entschiedenen Kämpfer in Fechner für 
sich eroberte, wurde schon dargelegt. Es bleibe aber nicht unerwähnt, daß 
Fechner zwischen Bewußtsein und Unbewußtsein eine Zwischenart, das 



1) Psph., II, S. 511 u. ff. 



Gustav Theodor Fechner 4 1 9 



„Halbbewußte" einschaltete und in den verschiedenen Verhältnissen der 
Rückerinnerung das unterscheidende Moment fand. „Die Schwelle des 
Vollbewußtseins liegt also da, wo die Möglichkeit der Erinnerung erwacht." 1 
Dabei wird aber hervorgehoben, daß die Erinnerungsfähigkeit unter gewissen 
Umständen (Traum, bei Sterbenden, in somnambulen Zuständen) sich auf 
alles Erlebte erstreckt. 2 

Verzeichnis der Schriften Fechfiers, die in der vorliegenden Studie 

herangezogen wurden 

1821. (Dr. Mises) Beweis, daß der Mond aus Jodine bestehe. („Kleine Schriften". 
2. Aufl., S. 1 — 14.) 3 

1822. (Dr. Mises) Panegyrikus der jetzigen Medizin. („Kleine Schriften , 2. Aufl., 
S. 15 — 46.) 

1824. (Dr. Mises) Stapelia mixta. („Kleine Schriften", 2. Aufl., S. 217 — 280.) 

1825. (Dr. Mises) Vergleichende Anatomie der Engel. („Kleine Schriften", 2. Aufl., 
S. 151 — 162.) 

♦1828. Über Umkehrungen der Polarität in der einfachen Kette. Journal für 
Chemie und Physik. 
1832. (Dr. Mises) Schutzmittel für die Cholera. („Kleine Schriften", 2. Aufl., 

S. 47 — 130.) 
1836. Das Büchlein vom Leben nach dem Tode. (Insel-Bücherei, Nr. 187.) 
*i 838. Über die subjektiven Complementärfarben. Poggend. Ann. d. Phys. u. Chem. 
♦1840. Über die subjektiven Nachbilder und Nebenbilder. Ibidem. 
1841. (Dr. Mises) Gedichte. 
1846. Über das höchste Gut. 

1846. (Dr. Mises) Vier Paradoxa. („Kleine Schriften", S. 163 — 216.) 
1848. Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen. (4. Aufl.) 
1848. Über das Lustprinzip des Handelns. Fichtes Zeitschrift für Philosophie. 
Neue Folge, XIX. 

1850. (Dr. Mises) Rätselbüchlein. (4. Aufl.) 

1851. Zend-Avesta oder über die Dinge des Himmels und des Jenseits. Vom 
Standpunkt der Naturbetrachtung. (5- Auf-, in zwei Bänden.) 

1854. Über die Atomistik. Fichtes Zeitschrift für Philosophie. Neue Folge, XXV. 

1856. Professor Schieiden und der Mond. 
♦1858. Beobachtungen, welche zu beweisen scheinen, daß durch die Übung der 
Glieder der einen Seite die der anderen mitgeübt werden. Berichte der 
kgl. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften. S. 70 — 76. 

1860. Elemente der Psychophysik. (5. Aufl., in zwei Bänden.) 



1) Psph., II, S. 86. 

2) Revision, S. 297. 

5) In Klammern wird die von mir benützte Ausgabe angegeben. 

*) Nur dem Titel nach herangezogen. 

Imago XI. 28 



4,20 Dr. Imre Hermann: Gustav Theodor Fechner 

*i86o. Über die Contrastempfindungen. Berichte der kgl. sächs. Gesellschaft der 
Wissenschaften. S 71 — 145. 

*i86o. Über einige Verhältnisse des binocularen Sehens. Abhandlungen der- 
selben Gesellschaft, Bd. V, S. 557 — 564. 

*i86i. Über das Sehen mit zwei Augen. Westermanns Monatshefte, IX. 

♦1861. Über das Hören mit zwei Ohren. Ibidem X. 

*i866 — 1872. Verschiedene Abhandlungen über die Holbeinsche Madonna. (Ins- 
gesamt zehn.) 

1875. Einige Ideen zur Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte der Organismen. 

1876. Vorschule der Ästhetik. (2. Aufl., in zwei Bänden.) 

1877. In Sachen der Psychophysik. 

1879. Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht. (2. Aufl.) 
1882. Revision der Hauptpunkte der Psychophysik. 



Der Kotillon 

s 

Ein Beitrag zur Sexualsymbolik 

Von Dr. Alfred Robitsek (Wien) 

Die gesellschaftliche Sitte ist das Produkt einer langen Kulturentwicklung 
im Sinne der Trieb Verdrängung; die Formen, die den gesellschaftlichen 
Verkehr zwischen den Geschlechtern bestimmen, sind Resultat der Sexual- 
verdrängung. Man kann diesen Prozeß demjenigen vergleichen, welcher 
der Zwangsneurose und ihrem Zeremoniell zugrunde liegt: diese entsteht 
durch die Verschiebung des Affektes von einem Wesentlichen auf ein 
Nebensächliches, das durch diesen Vorgang seine Bedeutung und den Zwangs- 
charakter erhält, während das Wesentliche affektentkleidet und vergessen 
wird. Ähnlich können wir uns die Entstehung des gesellschaftlichen Zere- 
moniells vorstellen : ein langer Kulturprozeß verschiebt einen Teil des Affektes 
vom Wesentlichen, das jedes Verhältnis zwischen den Geschlechtern bestimmt, 
der Sexualität, auf ein Nebensächliches, das erst geschaffen wird, das Zere- 
moniell, die Sitte, deren strenge Einhaltung von der Gesellschaft erzwungen 
wird. Die „Amnesie" besteht bei diesem gesellschaftspsychologischen Prozeß 
darin, daß sich der gesellschaftliche Verkehr offiziell so abspielt, als gäbe 
es keine Sexualität. Es scheint, als hätte diese Verdrängung ihren Tief- 
stand erreicht und wäre im Zurückgehen begriffen. Der Verkehr der Jugend 
ist ein freierer, natürlicherer geworden, doch offiziell verpönt die Sitte jede 
Anspielung auf die geschlechtlichen Beziehungen. Eine strenge Zensur 
herrscht, ein jeder ist Zensor. Wie die Inzestverdrängung die Familie er- 
möglicht, ein Vorgang, der, wie die Psychoanalysen zeigen, noch immer 
fluktuierend ist, so beruht die gesellschaftliche Sitte auf der Sexualverdrän- 
gung. Im Kampf zwischen Trieb und Verdrängung, Lebensnotwendigkeiten 
und Forderungen der Sitte bilden sich Kompromisse, Gelegenheiten bei 
denen die Zensur nachläßt, öffentlich ein sexueller Kontakt erlaubt ist dem 

28' 



, 2 2 Dr. Alfred Robitsek 



Triebe — unter den strengen Augen der Gesellschaft und unter strengem 
Zeremoniell — eine „motorische Abfuhr" ermöglicht wird: wir meinen 
den Tanz. Es wäre Gemeinplatz, den sexuellen Charakter des Tanzes und 
besonders seiner heutigen Formen erst betonen zu wollen, er ist ein künst- 
lerisches, ein Sublimierungsprodukt der Verdrängung der Sexualität durch 
die Kultur, doch bemerken wir an ihm, den wir als sexuelles Äquivalent, 
als Ersatzhandlung auffassen, Ähnlichkeiten, Beziehungen zu dem ersetzten 
Sexualakt, ganz wie bei sonstigen Verschiebungen im Psychischen : die oft 
starke Erregung vor dem Balle, das festliche sich Schmücken der Frau 
(eine vorbereitende Handlung, die viel Affekt an sich zieht, oft den gesamten, 
so daß sie „das einzige Vergnügen des Balles", Selbstzweck wird und so ganz 
den Charakter der Perversion erhält), die Werbung des Mannes um den 
Tanz, die Gewährung der Frau, die enge körperliche Umschlingung und 
besonders die rhythmische Bewegung. 1 Der Gesichtsausdruck der leiden- 
schaftlichen Tänzerin ist der des sexuellen Orgasmus. Auch sonst hat die 
Lust an rhythmischer Bewegung, wie Wiegen, Schaukeln, Beiten, ihre sexuelle 
Komponente. 2 Der tiefste Grund dieser Lust am Rhythmus dürfte sein, daß 
dieser ein wesentlicher Charakter des Lebens ist. Als Rhythmus bezeichnen 
wir eine mit den Sinnen wahrnehmbare, regelmäßig unterbrochene Bewe- 
gung oder einen Ausdruck für diese. In der anorganischen, leblosen Welt 
finden wir keinen Rhythmus; die großen Rhythmen der Weltkörper- 
bewegungen und die kleinen der Luft- und Ätherschwingungen sind mit 
unseren Sinnen nicht wahrnehmbar. Ein wirklicher Rhythmus tritt erst 
mit dem organischen Leben in die Natur: der Herzschlag, die rhythmische 
Blutzirkulation, der Atem und die Periodizität sind sein Ausdruck, rhythmische 
Erscheinungen sind auch das Gehen und Fliegen. Für unser Thema am 
bedeutungsvollsten sind die rhythmischen Erscheinungen des Sexualaktes. 
Die Lust am Rhythmus des Tanzes ist Lust am Leben, Sexuallust. In der 
historischen Entwicklung des Tanzes können wir ein Nachlassen der Ver- 
drängung, ein dem symbolisierten Sexualakt immer Ähnlicherwerden be- 
obachten. Die Zeit des mittelalterlichen Reigens ist die der Beherrschung 
des menschlichen Lebens durch die Kirche, die der gewaltigste Ausdruck 
der Sexualverdrängung ist. Auf den Reigen folgten die Rundtänze. Wie 
anstößig der uns heute so selbstverständliche Walzer einst wirkte, mag ein 

1) Die Sprache identifiziert Tanz und Sexualleben, indem sie z. B. das Schicksal 
der alten Jungfer und des „Mauerblümchens" mit demselben Wort „Sitzenbleiben" 
bezeichnet. 

2) Vgl. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualthcorie, S. 98. 



Der Kotillon , 2 - 



Gedicht des Dichters von Rohr aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts 
(zitiert nach der Frankfurter Zeitung vom 26. Juli 1910), illustrieren: 

Was erblick ich? Dieses wilde Schwingen, 
Wo sich Mann und Mädchen dicht umschlingen, 
Das, das wäre deutscher, deutscher Tanz? 
Deutsches Volk! Gewöhnt an Edeltaten, 
Groß im Kriege, groß in Lanzensaaten, 
Deutsches Volk! oh, dich verkenn' ich ganz. 

Grazie und Anmut in dem Schritte, 

Leichte Wendungen in jedem Tritte 

Sind des Tänzers schönes Ideal. 

Oh! Wie können denn in deutschen Tänzen 

Wilde, wüste Schwingungen noch glänzen 

Die ihr Schöpfer von Mänaden stahl. 

Ja! Die Weiberschaar, die einst beim Sänge 
Rauher Lieder, horchend nicht dem Klange 
Sanfter Töne, Orpheus' Herz zerschnitt; 
Sie, sie drehten sich in solchen Kreisen, 
Und, beistimmend ihren wilden Weisen. 
Tanzten Tiger da und Löwen mit! 

Aber deutscher Mädchen sanfte Herzen, 

Hoch sonst klopfend aus der Unschuld Scherzen, 

Wie? Sie beben nicht mit scheuem Blick 

Vor der wilden Walzer dichten Reihen, 

Die des Tanzes Grazie entweihen, 

Vor den wüsten Orgien zurück! — 

Ach! Des Tanzes Muse steht von ferne, 
Sie, die muntrer Tänzer Reih'n so gerne, 
Gerne holde Tänzerinnen sieht; 
Schweigend steht sie und in düstern Blicken 
Trüben Mißmut kehret sie den Rücken 
Diesen wilden Tänzen, und — entflieht. 

Möchte sie doch bald uns wiederkehren, 

Möchten wir auf ihre Stimme hören, 

Die, indem sie flieht, uns noch ertönt: 

„Dann erst, wenn bei sanften Reihentänzen 

Euch die Grazien mit Rosen kränzen, | 

Dann erst ist Terpsichore versöhnt!" 

In den Tänzen, die der Anfang dieses Jahrhunderts gebracht hat, tritt 
der sexuelle Charakter kaum verhüllt zutage ; ein Beispiel für das allgemeine 



4 2.}. Dr. Alfred Robitsek 



Gesetz, daß bei langer Dauer eines Ersatzsymptoms dieses die Charaktere 
des Ersetzten annnimmt. In der Verdrängung tritt das ursprünglich Ver- 
drängte wieder hervor (Freud). 

Heutzutage hat der Tanz viel von seiner Bedeutung, seinem Affekt ein- 
gebüßt. Hören wir, was ein gewiß nicht der Philistrosität verdächtiger 
Zeuge, Marcel Prevost, sagt: „In früherer Zeit traf sich die Jugend 
beiderlei Geschlechts nur im Ballsaal. Auf der Straße erlaubte man ihnen 
kaum, miteinander zu reden; beim Tanze warf man dann das Mädchen 
in die Arme des Tänzers. Heute verbringt die Jugend einen großen Teil 
ihrer Zeit gemeinsam; alle ihre Bewegungsspiele nähern sie einander usw. 1 
Tatsächlich hat der Sport die Sitten völlig verändert. Jene seelische Spannung, 
welche die Stimmung vor dem Balle charakterisierte, kann kaum mehr 
zustande kommen. Immerhin gilt das strenge Zeremoniell noch für breite 

Schichten. 

Wir haben bisher versucht, die Beziehung von gesellschaftlichem Zere- 
moniell und Tanz zur Sexualverdrängung nachzuweisen; eine weitere Be- 
ziehung finden wir in einer gewissen Ähnlichkeit des Tanzes mit dem 
Traum, und zwar finden wir sie in der „Herabsetzung der Zensur". Der Traum, 
„die verkleidete Erfüllung eines verdrängten Wunsches", wird durch Herab- 
setzung der endopsychischen Zensur im Schlafzustande ermöglicht. 2 Betrachten 
wir die Vorgänge des Tanzes im Vergleich zur sonstigen Sitte : Sonst streng 
Verhülltes wird entblößt, der Tänzer darf seine Tänzerin öffentlich eng 
umschlingen, Tänzer und Tänzerin fliegen aus einem Arm in den anderen; 
es gibt Tänze, die dies direkt symbolisieren (Sir Roger). Auch die „Damen- 
wahl", die der Tänzerin die erotische Initiative gestattet, ist ein Sym- 
ptom der herabgesetzten Zensur. Es gibt aber einen Tanz, bei dem wir 
noch viel weiter gehende Ähnlichkeiten mit dem Traum finden; dies ist 
der Kotillon. Er besteht aus einer Reihe von „Tänzen", die mit großer 
Phantasie und Vielfältigkeit darstellen, — daß jeder Hans seine Grete 
bekommt und die immer mit einem Rundtanz enden, der symbolisch die 
Vereinigung darstellt. In tausend Formen, Spielen, Verkleidungen werden 
Werbung, Hindernisse, Gewährung, Zurückweisung, kurz Erotik dargestellt. 
Der Kotillon war lange Zeit hindurch der Höhepunkt eines jeden Balles, 
erst in der letzten Zeit, der natürlicherer Umgangsformen der Geschlechter, 
kommt er aus der Mode; er erscheint wie ein Überbleibsel des Vormärz, 



i) Frankfurter Zeitung vom 24. Juli 1910. 
2) Freud: Traumdeutung, 2. Aufl., S. 525. 



Der Kotillon .25 



dem erst das moderne Leben den Garaus macht; doch steht er in konser- 
vativen Gesellschaftsschichten noch in Ehren. Die Herstellung der mannig- 
fachen beim Kotillon verwendeten Gegenstände beschäftigt eine ganze In- 
dustrie, die besonders in Deutschland blüht. Die meisten „Touren" machen 
einen kindischen Eindruck, doch müssen wir sie als Produkte der mensch- 
lichen Phantasie so ernst nehmen, wie die Träume, denen wir sie ver- 
gleichen wollen. Wir fanden, daß eine herabgesetzte Zensur dem unter- 
drückten Triebleben im Traum wie im Tanz einen symbolischen Ausdruck 
gestattet. Der Phantasie gestattet die Zensur, dort das Traumbild, hier die 
Kotillonfigur zu schaffen, deren Ähnlichkeit mit dem Traum wir in der 
unbewußten Sexualsymbolik und in den psychologischen Mechanismen 
nachweisen wollen. Man wird einwenden, daß die Figuren ja nicht von 
der Phantasie der Tänzer im Ballsaal improvisiert, sondern im nüchternen 
Alltag erfunden werden, doch braucht die Phantasie die wirkliche Situation 
gar nicht, sondern stellt die notwendigen psychischen Bedingungen durch 
Identifizierung her. Das erotische Motiv, das zahlreichen Träumen zugrunde 
liegt, ist hier das ausschließliche; wir werden sehen, daß zahlreiche schein- 
bar ganz harmlose Touren dem psychoanalytisch Geschulten eine geheime 
erotische Symbolik zeigen. Wesentlich ist, daß diese ein Produkt des 
Unbewußten ist, wie die Traumsymbolik, mit der sie identisch ist. Auch 
bei anderen Produkten der Phantasie, den Märchen und Mythen, dem Witz, 
dem Folklore, dem Couplet, begegnen wir einer ähnlichen erotischen Symbolik. 
Das Gemeinsame ist, daß die Zensur der Phantasie gestattet, das Sexuelle 
anzudeuten, aber nicht auszusprechen. Dieser Kompromiß, der Trieb und 
Verdrängung befriedigt, stellt für einen Augenblick ein Gleichgewicht her, 
das wir als Lust empfinden. 

Es steht zu erwarten, daß die folgenden Analysen beim Leser alle Grade 
der Unlust vom Zweifel bis zur Entrüstung hervorrufen werden. Solche 
Unlustgefühle können als Beweis für die Richtigkeit der Deutungen be- 
trachtet werden. Der Reiz des Kotillons besteht darin, in symbolischer, 
nur für das Unbewußte verständlicher Form darzustellen, was die strenge 
Sitte auszusprechen verbietet. Wird nun dieses Unbewußte durch die Ana- 
lyse bewußt gemacht, so rächt es sich durch Entbindung von Unlust. Der 
Autor fühlte dies bei der Analyse gerade der Figuren mit der gelungensten 
Symbolik, bis er begriff, woher die Unlust kam. Sein Unbewußtes verstand' 
die Symbolik sogleich und bei der Analyse wurde sie dann wie ein Pro- 
dukt der eigenen Phantasie empfunden. 

Bemerkenswert ist der Charakter der Absurdität vieler dieser Touren. 



L2Ö 



Dr. Alfred Robitsek 




3> 



Auch dies dürfte als Ähnlichkeit mit dem Traume anzusehen sein. Es 
sind eben Phantasieprodukte, die unter schwierigen Bedingungen entstehen; 
die Absurdität entspricht dem Kompromiß zwischen der Tendenz, Sexuelles 
darzustellen und der Entstellung durch die Zensur. Man darf hier also 
keinen anderen ästhetischen Maßstab anlegen, als an den Traum. 

Wir wollen nun zunächst die Symbolik der Figuren deuten, dann ihre 
traumähnlichen Mechanismen zeigen, hierauf die allgemeinen psycholo- 
gischen Motive und Charaktere hervorheben. Die Symbolik ist mehr oder 

minder deutlich, je nach dem Grade 
der Sexual Verdrängung — wie in den 
Träumen. Die folgenden Figuren sind 
eine kleine Auswahl aus einem viel 
größeren Material; sie sind nach der 
Ähnlichkeit der Symbole geordnet, 
stammen aber von ganz verschiedenen 
„Autoren" ; ihre Ähnlichkeit zeigt die 
Determiniertheit der menschlichen 
Phantasie. Einige Originalabbildungen 
aus den Katalogen illustrieren die Sym- 
■Abb. i bolik in besonders deutlicher Weise. 1 

ij Die Tänzer tragen Degen, die Tänzerinnen mit Papier überzogene 
Reifen. Sie werfen ihre Reifen den Tänzern zu, die sie mit den Degen auf- 
fangen und durchbohren (Abb. 1). 

Der Degen als männliches Symbol ist aus den Träumen bekannt. Diese 
Phantasie symbolisiert die Defloration; den Tänzerinnen ist zum Zweck 
der Verschleierung der Symbolik die aktive Rolle zugeteilt. 

2) „Diskuswerfen." Die Tänzerinnen führen Lanzen. Ein Tänzer tritt mit 
dem Diskus — einem mit Papier überspannten Reifen — an und rollt ihn 
der Damenreihe entlang; diese werfen mit ihren Lanzen nach dem Diskus; 
wer ihn durchbohrt, wird die Tänzerin des Diskuswerfers (Abb. 2). 

Eine ähnliche Deflorationssymbolik, wie in Beispiel 1. Da die Symbolik 
schon sehr deutlich ist, werden die Rollen zum Zwecke der EntsteUung 
(wie beim Traum) vertauscht. Die Frau führt die männliche, der Mann 
die weibliche Rolle durch. 




1) Die Touren und Abbildungen sind den Katalogen der Firmen: J. C. Schmidt 
in Erfurt; N. L. Chrestensen in Erfurt und G. Danner in Mühlhausen entnommen. 



Der Kotillon 



427 





}) Die Tänzerinnen tragen große Papierscheiben als „Schmetterlingnetze" 

und werfen sie den Tänzern, die Schraetterlingsflügel tragen, über den Kopf; 

4) sie führen große Spinnennetze aus Papier und fangen damit ihre Tänzer. 

Hier wird nebst der Defloration das Einfangen des Mannes angedeutet; 
die Überdeterminierung, mehrfache Bedeutung von Symbolen ist aus den 
Traumanalysen bekannt. Der Mann 
als Schmetterling, als Fliege wird uns 
noch öfter begegnen. 

jj Die Tänzer verbergen das Gesicht 
hinter Papierscheiben, die sie dann mit 
dem Kopfe durchreißen (Abb. 3). 

Hier wie auch schon an Beispiel 3 
und 4 beobachten wir die in der Traum- 
symbolik bekannte „Verlegung nach 
oben" : Der Kopf spielt eine phalli- 
sche Rolle. Im folgenden Beispiel erhält 
die ganze männliche Gestalt diese Be- 
deutung : 




Abb. j 



6) Hinter einem mit Papier bespannten Reif steht die Tänzerin ; der Tänzer 
muß, um zu ihr zu gelangen, durch den Reif springen. 

Die folgenden Beispiele zeigen die Verwendung von Kinderspielen zur 
Sexualsymbolik, ein Motiv, das uns noch beschäftigen wird. 

j) „Croquet u : Die Tänzer versuchen, Bälle durch einen Bogen zuschlagen. 
Der Sieger darf sich eine Tänzerin wählen. 

8) Die Tänzer führen Stäbe, mit denen sie Ringe auffangen, die ihnen die 
Tänzerinnen zuwerfen. 



428 Dr. Alfred Robitsek 



<)) „ Ringstechen " : Eine hohe Stange trägt Bänder, an deren Enden sich 
Ringe befinden. Die Tänzerinnen halten die Ringe; die Tänzer suchen diese 
mit ihren Degen zu durchbohren. 

Alle bisher angeführten Figuren deuten Koitus oder Defloration an ; das 
Gemeinsame ist das Eindringen und Zerreißen. Zahllose andere Figuren, 
bei denen eine Wand, eine Hülle usw. zerrissen wird, enthalten nebst 
anderen Bedeutungen die Defloratioiissymbolik in entstellterer Form, z. B. 

10) „Sonnenaufgang." Eine blaue Papierwand mit runden Ausschnitten 
stellt den Himmel dar; die Tänzer mit einem Strahlenkranz erscheinen als 
Sonnen in den Ausschnitten und zerreißen dann die Wand. 

Eine „kosmische" Symbolik, wie sie auch sonst vom Unbewußten z. B. 
in der Neurose 1 produziert wird. 

11) „Der Tag." Die Tänzer verbergen sich in Hüllen, die ein Kalender- 
blatt tragen. Jede Tänzerin wählt einen Tag und reißt das Kalenderblatt ab, 
hinter dem der Tänzer erscheint. 

Gemeint ist der Hochzeitstag, die „verhüllte Zukunft". 

12) Die Tänzer stecken in Hüllen, welche zielende Soldaten vorstellen. Atjf 
das Kommando „Feuer" zerreißen sie die Hüllen und ergreifen die Tänzerinnen. 

Auf die Symbolik des Schießens kommen wir noch zurück. 

Iß) Die Tänzerinnen ziehen Ballons an Bändern nach sich. Die Tänzer 
verfolgen sie und suchen die Ballons zu zertreten. 

Eine Deflorationssymbolik, die den Charakter des Gewallsamen deutlich 
zeigt. 

In den folgenden Figuren finden wir eine Menge sexueller Symbole, 
die uns aus den Träumen, den Redensarten, Volksgebräuchen, dem Märchen, 
dem Witz usw. bekannt sind. 

Schuh und Pantoffel sind weibliche Symbole, die uns auch in der 
Psychopathologie (Schuhfetischismus), der Traumsymbolik 2 usw. begegnen. 
Die Symbolik kommt durch eine „Verlegung nach unten zur erogenen 
Fußzone zustande: 



1) Vgl. Rank, Ein Traum der sich selbst deutet (Jahrb. f. psa. Forschungen II, S. 534.) 

2) Vgl. Stekel: Die Sprache des Traumes, S. 146. Auch die orientalische Traum- 
deutung kennt den Pantoffel als weibliches Symbol (bin Sirine). Vgl. auch Aigremont: 
Fuß- und Schuhsymbolik; ferner Kleinpaul: Das Leben der Sprache I, S. 50S. 
Seligmann (Der böse Blick, Berlin 1910) führt den Schuh als Amulett gegen den 
bösen Blick an. II, S. 227. 



Der Kotülon 



4*9 



14) Tänzer und Tänzerinnen tragen kleine Damenschuhe in gleichen Farben. 

Ij) Die Tänzerin trägt eine Tüte mit einem Pantoffel und einem Körb- 
chen; den Pantoffel erhält der Erwählte, den Korb der Zurückgewiesene. 

16) Die Tänzer erscheinen mit großen 
Pantoffeln, die Kopf und Oberleib bedecken. 1 
(Abb. 4.) 

Hier wie auch in Beispiel 6 hat der 
ganze Mann phallische Bedeutung. 

Ij) Die Tänzer tragen Schuhe, aus denen 
die große Zehe hervorsieht, auf dem Kopfe : 
die Tänzerinnen kleine Pantoffel. 

Traumhaft absurd! Ejne Variation ins 
Männliche. Die große Zehe als Phallus- 
symbol erscheint auch in Träumen. 1 — 
Auch im Märchen scheint der Pantoffel 
Sexualsymbol zu sein, z. B. im „ Aschenbrödel -i 
einer Kotillonfigur liefert, indem 




Abb. 4 
das auch das Thema zu 



18) Die Tänzer die Prinzen darstellen und den Tänzerinnen kleine Pantoffel 
überreichen. 

Ein sehr populäres Symbol der Jung- 
fräulichkeit, den Schleier finden wir 
auch hier. 2 

Ip) Die Tänzerinnen tragen Kronen mit 
Schleiern und Blumennamen. Wenn der 
Tänzer mit der passenden Blume erscheint, 
entschleiern sie sich. 

20) Tänzer und Tänzerin tragen Blumen : 
letztere verschleierte Blumen, die sie dann 
enthüllen. 

2 1) Die Tänzerinnen stellen verschleierte 
Dornröschen dar, die von den Tänzern als 
Prinzen entschleiert werden. 




Abb. j 



Im Märchen vom Dornröschen kommt der Schleier gar nicht vor. 



1) Vgl. Stekel: Die Sprache des Traumes, S. 292. 

2) Vgl. Kleinpaul, 1. c. III, S. 582, der viel Kulturhistorisches zur Schleiersymbolik 
bringt. — »Den Schleier nehmen" bedeutet, das Gelübde der Jungfräulichkeit ablegen. 
Im Französischen heißt devoiler direkt entjungfern. — Vgl. auch: „Das Symbol des 
Schleiers" von A. J. Storfer. Frankfurter Zeitung 1911. 



43° 



Dr. Alfred Robitsek 



22) Die Tänzerinnen tragen Kronen mit Schleiern; die Tänzer Blumen- 
zepter als Zeichen ihrer Macht. (Abb. 5.) 

Hier ist der deutlich phallische Charakter des Zepters im Gegensatz zum 
weiblichen Schleier hervorzuheben. 19, 20 und 21 symbolisieren die De- 
floration. 

Die Schürze finden wir auch in der Sprache als weibliches Symbol, 
z.B. in dem Ausdruck „Schürzenjäger"; metaphorisch, das Verhüllende für 
das Verhüllte. Ebenso im Traum. 1 

2}) Die Tänzerinnen tragen Schürzen, die Tänzer Perücken mit Zöpfen, 
oder 

24) Die Tänzerinnen tragen als Bäuerinnen Schürzen, ihre Tänzer Tabaks- 
pfeifen. 

2jJ „Rotkäppchen und der Wolf." Die Tänzerinnen tragen rote Hauben 
und Schürzen; die Tänzer stellen den Wolf dar. 

Eine Sexualisierung des Märchens. — Die 
männlichen Attribute in diesen Figuren, Pfeife, 
Zopf, werden uns noch beschäftigen. 

Sehr populäre, weibliche Symbole sind 
Tasche, Beutel, Kästchen, Dose u. dgl., 
z. B. im Sprachgebrauch „alte Schachtel, Dös- 
chen, (rheinisch) Büchse' ; 2 auch in den Träu- 
men 3 und anderen Gebilden des Unbewußten 
und im Mythus.* 

26) Die Tänzerinnen tragen Hauben und 
Pompadours (Beutel), die Tänzer Zylinder und 
Regenschirme (siehe links). (Abb. 6.) 

2j) Die Tänzerinnen tragen Zigarrentaschen, 
die Tänzer erscheinen als Zigarren. 

28) Die Tänzer überreichen ihren Tänze- 
rinnen kleine Körbe, die eine „Glücksschwalbe'* 
enthalten. 




1) Vgl. Stekel: Die Sprache des Traumes, S. 70; ferner Rank: Jahrbuch für 
psychoanalytische Forschungen, S. 53 2 - 

2) Vgl. Kleinpaul, 1. c. III, S. 167. 

5) Vgl. den Traum und die Symptomhandlung von Freuds Patientin Dora; 
„Bruchstück einer Hysterieanalyse" in der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre" II, S. 60 bezw. 68 [Ges. Schriften, Bd. VIII, S. 71, bezw. 79]; ferner Freud: 
Traumdeutung, 2. Aufl., S. 110, 132, oder Stekel: „Nervöse Angstzustände", S. 150. 

4) Z. B. das Kästchen, Körbchen, in dem das Kind ausgesetzt wird. Vgl. Rank: 
„Der Mythus von der Geburt des Helden«, S. 70. 



Der Kotillon 



451 




Abb. 7 



2Q) Die Tänzerinnen tragen Dosen, die für die Tänzer Zigaretten enthalten, 
aus denen sich beim Anzünden eine Schlange herauswindet. 

ßoj Die Tänzer tragen als Chinesen Zöpfe und überreichen ihren Tänze- 
rinnen chinesische Dosen. 

Zylinder, Regenschirm, Zigarre, Vogel, Schlange, Zopf, lauter phallische 
Traumsymbole, auf die wir noch zurückkommen. 

Das erotische Symbol par excellence ist wohl das „Herz"*. Zahllos sind 
die Bilder und Ausdrücke, welche die Sprache mit diesem Symbol geschaffen 
hat, zahllos seine Darstellungen in erotischem 
Sinne. Wir finden es auch in den neurotischen 
Herzsymptomen und -phantasien, die alle sym- 
bolische Bedeutung haben, Produkt der Verschie- 
bung vom Sexuellen her sind. Der tiefere Sinn 
dieses Symbols ist: das für das Leben des Indi- 
viduums wichtigste Organ, das Herz, symbolisiert 
das für das Leben der Art wichtigste. 

Natürlich sind die Kotillonfiguren, die dieses Symbol verwenden, sehr 
zahlreich. Zum Beispiel: 

ßlj Die Tänzer erhalten „gebrochene Herzen", die Tänzerinnen die ergän- 
zenden Stücke. (Abb. 7.) 

32) Die Tänzerinnen tragen Herzen mit herzförmigen Ausschnitten, die 
Tänzer kleinere Herzen, welche in die Damenherzen hineinpassen. (Abb. 8.) 

})) Die Tänzerinnen tragen Rosen, die sich öffnen lassen und kleine Herzen 
enthalten. 

Die letzte Figur, eine „Verdichtung" zweier Symbole, führt uns zu der 
Blumen- und Pflanzensymbolik, die 
im Sprachgebrauch, 1 im Märchen, 2 im 
Traum 3 eine große Rolle spielt. Wir be- 
obachteten diese Symbolik schon bei den 
Beispielen ig, 20 und 22, die auch die 
phallische Bedeutung der Blumen Symbolik 
illustrieren. Der innere Zusammenhang 
des Symbols mit dem Symbolisierten ist 
hier besonders tief: die Blumen, die Sexual- 
organe der Pflanzen, symbolisieren die des 




Abb. 8 



1) Vgl. Kleinpaul, 1. c. I, S. 28. 

2) Vgl. Riklin: Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. Wien 1908. S. 67, 73, 84. 

3) Vgl. Freud: Traumdeutung, 2. Aufl., S. 24.9; Stekel: Spr. d. Tr., S. 148 ff. 



45 2 Dr. Alfred Robitsek 



Vienschen. Im Griechischen bedeutet „()65ov", die Rose, auch das weibliche 
Organ. 1 Auch das Wort „Defloration" enthält diese Symbolik. 

34) Die Tänzerinnen tragen Rosen, in denen ein Röhrchen mit Parfüm 
verborgen ist, mit dem sie ihre Tänzer bespritzen. 

3$) Die Tänzerin hält eine Scheibe hoch, hinter der eine Rose verborgen 
ist. Die Tänzer schießen mit einer Pistole. Erwählt ihn die Tänzerin, so läßt 
sie die Rose erscheinen. 

36) Die Tänzerinnen tragen Rosen, deren Stiel aus einem Röhrchen besteht 
und in deren Kelch eine kleine Kugel liegt; diese blasen sie durch den Stiel 
den Tänzern zu; wer die Kugel fängt, wird der Tänzer. 

Ganz wie der Konzeptionstraum einer biologisch gebildeten Dame. 34 ent- 
hält mit Anwendung des Rollentausches eine sehr deutliche sexuelle Sym- 
bolik, 35 eine Verdichtung der weiblichen Blumensymbolik mit der männ- 
lichen des Schießens. 

3jJ Die Tänzerinnen tragen Blumenkränze, die Tänzer Blumen, die sie 
einander überreichen. 

38) Die Tänzerinnen tragen Blumentöpfchen mit kleinen Pflanzen, die 
Tänzer die dazu passenden Blumen. 

Diese Figuren zeigen wieder die Bisexualität der Symbolik. Bei vielen 
Touren tragen die Tänzerinnen Blumen, die Tänzer Blumenzweige. Der 
Zweig hat im Traum, 2 im Märchen 3 oft phallische Bedeutung. 

3<)) Die Tänzerinnen werfen den Tänzern rosenverzierte Reifen zu; die 
Tänzer fangen sie mit goldenen Stäben (vgl. Beispiel 8). 

40) Die Tänzerinnen tragen künstliche Apfel, in denen eine Rose verborgen 
ist, die sie erscheinen lassen. 

Hier erscheint neben der Böse ein anderes bekanntes weibliches Symbol, 
der Apfel. 4 Eine ganz traumähnliche „Verdichtung". Der Apfel erscheint 
schon im biblischen Paradies in seiner sexuellen Bedeutung. 

1) Vgl. Kleinpaul, 1. c. I, S. 28. 

2) Vgl. Freud: Traumdeutung, 2. Aufl., S. 249; St ekel: Spr. d. Tr., S. 159. 

5) Vgl. Riklin, 1. c. S. 47; dieser Autor gibt sogar dem Lilienstengel auf Dar- 
stellungen der Verkündigung sexuelle Bedeutung, 1. c. S. 67, 75. Die Entwicklung 
des Lilienmotivs bis zu seiner Stilisierung zur bekannten heraldischen Lilie und die 
Deutung dieser durch verschiedene Autoren scheint ihm recht zu geben: So Inman 
in „Ancient Pagan and Modern Christian Symbolism", New York 1869, S. 68: „The 
fleur de lys symbolises the male triad whilst the ring around it rcpresents the fcmale" oder 
Hargrave Jennings in „The Rosicrucians", London 1879, S. 45. „On the ßgure of 
the ßeur de lys the following may be remarkcd. On its sublime, abstract side it is the Symbol 
of tlie mighiy self-producing, sclj-bcgetting Generative Power deified in many inyths." Die 
heraldische Lilie wird in Italien als Amulett getragen. (Seligmann, 1. c. II, S. 76.) 

4) Kleinpaul, 1. c. III, S. 187 f., bringt reiches Materiul zur sexuellen Apfelsymbolik. 



Der Kotillon 



433 



Ein altes weibliches Symbol, die Muschel — concha Veneris finden 

wir auch hier: 

41J Die Tänzer erscheinen als Taucher, die Tänzerinnen tragen Muscheln. 

4.2) Die Tänzer ziehen einen Kahn herbei und überreichen ihren Tänze- 
rinnen Muscheln. 

4 )J Auf den Boden des Ballsaales werden verschiedenfarbige Muscheln gelegt, 
die von den Tänzern als Tauchern gesucht werden. 

Wir finden die Muschel als weibliches Symbol im Traum 1 wie im 
antiken Kult. So schreibt R. P. K night: 2 „The female organs of generation 
ivere revered as symbols of the generative powers of natiire or matter, as 
the male were of the generative power of God. They are usually represented 
emblematically by the shell, 
or concha Veneris, which was 
therefore worn by devout 
persons of antiquity, as it 
still continues t.o he by pil- 
grims and many of the 
common women of Italy. 

Die folgenden Figuren 
zeigen den Hut als sexu- 
elles Symbol, und zwar so- 
wohl als männliches wie 
als weibliches. Diese Symbolik kommt auch in den Träumen vor. 3 Zylinder 
und chapeau claque — dieser wegen seiner „Erektionsfälligkeit" — sind 
besonders häufig. 

44) Die Tänzer verbergen sich in einem großen Hut, den sie dann durch- 
reißen. 

Wieder eine Deflorationsymbolik. 

4jJ Die Tänzer tragen Schmetterlingsflügel, die Tänzerinnen fangen sie, 
indem sie ihnen Hüte über den Kopf werfen. 

1) Vgl. den Traum bei Stekel: Spr. d. Tr., S. 16; ferner Aigremont: Muschel 
und Schnecke als Symbole der Vulva im VI. Buch der von Dr. Priedr. Krauß 
herausgegebenen „Anthropophyteia". Auch Kleinpaul (1. c. III, S. 164) führt die 
Muschel als weibliches Symbol an. „Im Altertum trug man gewisse Muscheln, die 
eine Ähnlichkeit mit der weiblichen Scham hatten, zur Abwehr gegen den bösen 
Blick" (Seligmann, 1. c. II, S. 126; vgl. f. S. 204). 

2) Zitiert nach Hargrave Jennings. Phallicism. London 1884, S. 267. 

5) Vgl. Freud: Traumdeutung, 3. Aufl., S. 215; ferner Stekel: Die Sprache des 
Traumes, S. 165, 289. 




Abb. 9 



454 



Dr. Alfred Robitsek 



In diesen beiden Touren ist das Symbol weiblich; in der nächsten 
finden wir es in seiner phallischen Bedeutung. 

46J Die Tänzer tragen Zylinder von verschiedenen Dimensionen, vom ganz 
großen bis zum ganz kleinen. (Abb. 9.) 

4"]) Eine Tänzerin verteilt an die Tänzer große Zylinder, die ihnen über 
die Augen fallen, dem Erwählten überreicht sie einen chapeau claque. 

Hier haben wir die weibliche und männliche Symbolik nebeneinander. — 
Wir finden hier auch wieder die schon erwähnte „Verlegung nach oben". 

Ein weiteres weibliches Symbol ist der Ofen. Sowohl im Traum, 1 im 
Märchen, 2 wie in der Volkssprache: z. B. sagt in Schönherrs „Glaube und 
Heimat" derEnglbauer zum Bader: „Hast gestern die Meinige ang'schaut und 
ausg'fragt; bis wann kommt sie ins Kindbett?" Bader: „Wird nimmer lang 
aus sein; zwei, drei Tag; kann auch schon morgen sein, daß der Ofen 
einbricht" (I. Akt). Auch die Symbolik von Backofen und Brot ist häufig. 2 

48) Die Tänzerinnen stehen hinter einer Wand, die einen großen Ofen 
darstellt, die Tänzer vor der Wand. Die Tänzerinnen lassen nun kleine Mäuse 
hervorlaufen, welche die Tänzer fangen müssen. 3 

Die Maus, auch ein weibliches (bisexuelles) Symbol, wird uns noch bei 
der Tiersymbolik beschäftigen. 




H 't \ v 




Abb. io 



49) Die Tänzer tragen einen kleinen Papierofen über dem Kopf, die Tänze- 
rinnen sind mit verschiedenem Heizmaterial versehen; sie öffnen die Ofen- 
türen, um zu sehen, welches Heizmaterial dort bezeichnet ist. (Abb. 1 o.) 



1) Vgl. Freud: Traumdeutung, 2. Aufl., S. 200; ferner Riklin, 1. c. S. 36; hier 
kommt eine Schlange aus dem Ofen, wie in unserem Beispiel die Maus. 

2) Vgl. Stekel: Die Spr. d. Tr., S. 278. 

3) „Mäuse fangen" für den Geschlechtsverkehr, Anlhropophyteia III, S. 52. 



Der Kotillon .-*,- 



Hier sind die Symbole zum Zweck der Verschleierung wieder vertauscht. 
Latent ist die Vorstellung des „Einheizens", „In-Glut-Bringens" in eroti- 
schem Sinn. 

Bekannt ist die Symbolik von Schiff und Mast. „In den Augen der 
Seeleute ist das Schiff ein Weib, das auf dem Rücken schwimmt" ' es 
zieht mit dem Mastbaum wie mit einem Phallus über das Weltmeer". 2 
Der Traum kennt dieselbe Symbolik, 3 ebenso die Antike; 4 der einzige Gegen- 
stand, der im Englischen weibliches Geschlecht hat, ist das Schiff. 

joj Die Tänzerinnen tragen kleine Segelschiffe als Abzeichen, die Tänzer 
Kapitänsmützen. 

JlJ Eine Wand stellt einen Dampfer vor; die Tänzerinnen winken aus 
den Luken; die Tänzer „stürzen sich ins Wasser und ziehen sie heraus. 

Man vergleiche diese Phantasie mit folgendem Traum: 5 „Ich stehe in 
der Kajüte eines Schiffes und kann nicht heraus. Draußen brüllt die See. 
Ich schreie: ,Stewart!' Endlich erscheint er und zieht mich mit beiden 
Händen heraus." 

Häufige Traumsymbole sind Haus, Türe und Fenster: 

J2) „Villa Amor" heißt eine Tour bezeichnender Weise: Eine Wand stellt 
ein Haus mit Fenstern dar. Die Tänzerinnen befinden sich hinter diesen. Die 
Tänzer fassen ihre Hände und ziehen sie heraus, wobei die Wand zerreißt. 

Eine Deflorationssymbolik, bei der die Zensur den Vorgang umgekehrt 
hat, um die Symbolik undeutlicher, unverfänglicher zu machen. Durch die 
Umkehrung erscheint der Vorgang traumhaft absurd; ein Eindringen der 
Tänzer ins Haus würde natürlicher, aber auch deutlicher sein. 

jßj Die Tänzerinnen tragen Abbilder eines berühmten Baixwerkes einer 
Hauptstadt, die Tänzer Landkarten. 

Das „schöne Gebäude" ist im Traum häufig Symbol für die Frau. Das 
Tänzerattribut ist hier natürlich nicht symbolisch, sondern gleichsam sekun- 
däre Bearbeitung des Themas. 

J4) Vor einem verschlossenen Fenster 7 bringen die Tänzer ein Ständchen; 

1) Kleinpaul: Die Lebendigen und die Toten, S. 196. 
a) Klcinpaul: Das Leben der Sprache, II, S. 491. 

3) Vgl. Stekel, 1. c. S. 281, 299. 

4) So führt Newton (bei Inman, 1. c. S. 115) Schiff und Mast als männliches 
und weibliches Symbol in antiken Kulten an. 

5) Stekel (1. c. S. 281) faßt diesen Traum als Geburtstraum auf. 

6) Vgl. Freud: Traumdeutung, 2. Aufl., S. 197; Stekel: Spr. d. Tr., S. 281. 

7) Über die Symbolik von Fenster und Türe vgl. Stekel: Nervöse Angstzustände. 
Wien 1908. S. 125, 130, 211. 

Imago XI. 2g 



43 6 Dr. Alfred Robitsek 



die Tänzerin öffnet es für den Erwählten. Deutliche Darstellung der Werbung 
und Gewährung. 

JjJ „Feuer in der Mädchenschule": Eine Wand stellt ein brennendes 
Haus vor; die Tänzerinnen strecken die Hände aus den Fenstern und flehen 
um Rettung. Die Tänzer als Feuerwehrmänner ziehen sie heraus, wobei die 
Wand zerreißt. 

Deflorationssymbolik mit Umkehrung wie im Beispiel 52; das Feuer 
als Symbol des Liebesfeuers ist populär. Der erotischen Rettungs- und Er- 
lösungsphantasie werden wir noch begegnen. 1 

Die Feuerwehrsymbolik finden wir auch in folgender Tour: 

j6) Die Tänzer tragen Feuerwehrhehne und Beile, die Tänzerinnen Leitern 
und Signalhörner. 

Die Symbolik ist hier elliptisch, die Tänzer mit den Beilen stellen 
Feuerwehrmänner dar, die mit ihren Werkzeugen gewaltsam in ein Haus 
eindringen (Defloration). Die Tänzerinnen deuten mit den Leitern das Haus 
nur an; übrigens ist die Leiter, Stiege ein Koitussymbol 2 im Traum, und 
zwar ist das tertium comparationis der Rhythmus. Die latente Vorstellung, 
die sich hinter den andeutenden Symbolen verbirgt, ist die des Feuers, das 
durch den Wasserstrahl gelöscht wird. 3 

Feuer- und Türsymbolik enthält auch folgende Figur: 

$l) Eine Wand stellt das Höllenfeuer mit verschiedenen Toren vor, in 
welche die Tänzer von den Tänzerinnen hineingezogen werden. 

j8) Die Tänzer stellen arme Sünder in» Fegefeuer vor, die von den Tänze- 
rinnen erlöst werden. 

Hier haben wir wieder die Rettungsphantasie. 4 

Häufig ist die Verwendung von glückbringenden Symbolen; der größte 
Teil von ihnen hat eine ursprünglich sexuelle Bedeutung. Der primitive 

1) Vgl. den Traum der Dora bei Freud: Neurosenlehre, II, 55, und den Rettungs- 
traum bei Stekel: Spr. d. Tr., S. 201. 

2) Nach Freud: Traumdeutung, 5. Aufl., S. 210, 215 f. Seligmann erwähnt die 
Leiter als Amulett gegen den bösen Blick (1. c. II, S. 204, 296). Nach O. Jahn ist sie 
ein Symbol der Aphrodite und als solches geeignet, den bösen Blick abzuwehren. 
Wi Hingen erklärt sie sogar für die Kteis. Sie findet sich häufig auf Vasen bei 
Liebes- und Begräbnisszenen in den Händen von Frauen und Jünglingen (zitiert nach 
Seligmann). — Der „Schlager" einer populär gewordenen Operette war, daß ein Paar 
eine Stiege hinauf tanzte: eine Art Verdichtung des Tanzes mit einem Koitussymbol, 
ein Deutlicherwerden seiner erotischen Bedeutung. 

5) Vgl. Die Feuer- und Feuerwehrträume bei Riklin, 1. c. S. 37, und Stekel: 
Spr. d. Tr., S. 268. Vgl. auch Ferenczi: Jahrbuch, III, S. 116. 

4) Zur sexualpsychologischen Deutung der Rctlimgsphnutasie vgl. Freud: Jahr- 
buch, II, S. 596 f. 



Der Kotülon ,-_ 



Mensch trug zur Abwendung des Todes Abbilder jener Organe, die das 
Leben zeugten, indem er die Wirkung ihrer Kraft auf ihre Symbole über- 
trug.' Die glückbringende Bedeutung der Symbole hat sich durch die 
Zeiten erhalten, wenn auch ihre Form manche Wandlung durchgemacht 
hat. So finden wir z. B. Figuren, bei denen die Tänzerinnen Hufeisen, 
die Tänzer Anker tragen. Das Hufeisen ist nichts wie ein mißverstandenes 
antikes weibliches Symbol, dessen glückbringende Bedeutung sich durch 
Kontinuität erhalten hat. 2 

Auch den Halbmond 3 , der als Symbol weiblicher Gottheiten denselben 
Ursprung hat, finden wir häufig als Abzeichen der Tänzerinnen in allen 
möglichen Varianten. Ja, es möchte vielleicht dem hufeisenförmigen Magnet, 
der häufig verwendet wird, neben seiner naheliegenden Symbolik (l'aimant) 
eine infolge seiner Form dem Unbewußten verständliche Bedeutung zu- 
zusprechen sein. 

/oj Die Tänzerinnen halten Magnete, an welchen Goldfische hängen. Die 
Tänzer suchen diese loszureißen. 

Der Fisch als phallisches Symbol wird uns noch beschäftigen. Die Figur 
zeigt die „Darstellung durchs Gegenteil" (Freud): losreißen anstatt anziehen. 

Auch der Anker ist ein antikes Symbol, 4 dessen Bedeutung durch die 
Kirche völlig verändert wurde; es ist merkwürdig, es hier in seiner ur- 
sprünglichen, freilich ganz latenten Bedeutung wiederzufinden. 

j) Vgl. Riklin, 1. c. S. 34. 

2) Payne Knight: Le culte de Priape, Bruxelles 1885. S. 110. „C'e'tait une habitude 
generale chez les Arabes d'elever au dessus ' de la porte de leur logis, ou de clouer sur une 
planche dans d'autres endroits, les organes sexuels aVune vache, d'une jwnent comme un talisman 
contre le mauvais oeil. ISimage de l'organe feminin est bien plus susceptible d 'alter ations que 
celle du male, surtout si on pense h la difficultc qu'il devait y avoir pour les artistes grossiers 
de cette c'poque d'en faire les lineaments assez purs pour ctre intelligibles. D'oü les formes 
par ä peu pris, qui sont prises pour le Symbol, quoique intentioncllement elles fussent la forme 
reelle; par exemple, Vimage de Vorgane feminin a pu successivement devenir celle d'unfer ächeval et 
quand on eut. oublie la signißcation originelle on ne tarda pas ä la prendre pour le fer de cheval 
lui meine et ä le clouer aux murs comme un prescrvativ contre les mäuvaises influences. u 

Inman, 1. c. S. 78. „The horse-shoe indicates the yoni, tke last, taken from some cow, 
mare or donkey, being used in eastern parts, where we now use their shoes, to keep off the 
evtl eye. h is remarkable, that some nations should use the female organ or an effigy ihereof 
as a charm against ill luck whilst others adapt the male symbol. u 

Das Hufeisen als Symbol der vulva und Amulett gegen den bösen Blick bei 
Seligmann, 1. c. II, S. 204 etc. 

3) Vgl. Inman, 1. c. S. 11, 77. „Hufeisen und Halbmond sind als Zaubermittel beide 
sehr beliebt und gehen in ihrer Form leicht ineinander über." Seligmann, 1. c. II S. 12. 

4) Inman, 1. C. S. 55. „The anchor, as a Symbol, is of great antiquity. It represents 
the crescent moon, the yoni, ark or boat, in this is placed the mast, round which the serpent, 

29- 



45 



-8 Hr. Alfred Robitsek 



Ein anderes Glücksymbol ist der Pilz, der Glückspilz; er ist auch aus 
Träumen als phallisches Symbol bekannt.' 

60) Tänzer und Tänzerinnen tragen Abzeichen mit Glückspilzen und vier- 
blättrigem Klee. 2 

61) Die Tänzer tragen Pilze auf dem Kopf (Verlegung nach oben), die 
Tänzerinnen als Schirme. 

Die Beteilung beider Geschlechter mit denselben Symbolen ist eine 
Methode, die Symbolik zu verschleiern, die in den Figuren häufig ver- 
wendet wird; doch wäre auch an die bisexuelle Bedeutung vieler Symbole 
zu denken. Ein Symbol, das uns bei mancherlei Aberglauben wie auch 
in den Phantasien Hysterischer^ begegnet, ist der Schornsteinfeger. 

62) Tänzer und Tänzerinnen stellen Kaminfeger vor. Die Tänzer tragen 
zusammengedrückte Zylinder und Besen, die Tänzerinnen Leitern. 

Mit der Leiter, die wir als Koitussymbol schon kennen gelernt haben, 
sind wieder elliptisch Haus und Kamin angedeutet. Der „vertepschte" Hut 
ist nach Stekel (Spr. d. Tr., S. 241) Traumsymbol für die ruinierte Potenz; 
hier eine witzige Anspielung auf den anstrengenden, symbolisierten Beruf 
des Kaminfegers. 

6j) Eine Wand stellt Schornsteine vor, in welchen die Tänzer als Schorn- 
steinfeger erscheinen. 

Diese Symbolik führt uns zu der von Pinsel und Besen; diesen führt 
Stekel (Spr. d. Tr., S. 73) als bisexuelles Traumsymbol an. Die Phantasie 
vom Hexenritt auf dem Besen — ein typischer sexueller Flugtraum* — 
beruht auf derselben phallischen Symbolik. Der Weihwedel des Kultus geht 
auf ein antikes phallisches Symbol zurück, das z. B. im Isiskult und in 
den Mithrasmysterien gebraucht wurde. 5 Pinsel penicillus — ist das 

Diminutiv von penis.' 



the emblem of lift entwines itself. The cross-beam completts the mystic four, Symbole alike 
of the sun and of androgencity. The whole is a covert emblem of that umon, which results 
in feeundity." 

1) Vgl. Stekel: Angstzustände, S. 157. — Seligmann, 1. c. II, S. 80, führt den 
Pilz als phallisches Symbol und modenies Amulett gegen die Jettntura in Italien an. 

2) Der vierblättrige Klee scheint ein weibliches Symbol zu sein; so führt Klein- 
paul, 1. c. I, S. 28, eine ähnliche Blattsymbolik an. Der dreiblättrige Klee ist als 
phallisches Symbol bekannt. Als solches nennt ihn Inraan, 1. c. S. 45. 

5) Vgl. Mae der, Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift, X. 

4) Vgl. Freud: Traumdeutung, 2. Aufl., S. 196; Stekel: Spr. d. Tr., S. 232. 

5) Malvert: Science et Religion. Paris 1899. S. 150. 

6) Kleinpaul, 1. c. S. 129; vgl. auch den Traum bei Stekel: Spr. d. Tr., S. 188. 



Der Kotillon 



459 



64) Die Tänzer tragen Künstlerhüte und große Pinsel, die Tänzerinnen 
kleine Pinsel und Farbtöpfe. (Abb. 11.) 

Verschleierung der Symbolik durch Beteilung von Mann und Weib. Die 
Gefäßsymbolik wird uns noch mehrfach begegnen. 

65) Die Tänzerinnen tragen große Besen; die Tänzer Kopfbedeckungen mit 
kleinen Besen. 

Verlegung nach oben. „Besen" ist ein populäres Wort für Mädchen, 
■/.. B. im Studenten] argon. 















Mb. n 

Lanze, Säbel, Pfeil u. dgl., häufige phallische Traumsymbole, ' sind 
uns schon begegnet. (Beispiel 1, 2.) Von den zahlreichen Figuren, die diese 
Symbolik benützen, sei nur eine erwähnt: 

66) Auf einer Wand sind Soldaten abgebildet; die Tänzer nehmen hinter 
ihr Aufstellung und stecken Säbel durch Öffnungen für die Hände. Die Tänze- 
rinnen kommandieren „die Waffen nieder", worauf die Säbel gesenkt werden 
und die Wand fällt. 

Eine „Darstellung durchs Gegenteil." 

Bei einer der Figuren tragen die Tänzer als Wassernixe den Dreizack, 
auch ein phallisches Symbol der Antike 2 (67). Die „Drei" i st auch im Traume 



l} Vgl. Stekel: Spr. d. Tr ; , S. 64, 9 6, ig; Riklin, 1. c. S. 3 8 ; ferner Jung: üb 
K. Psychologie der Dementia praecox. Halle i 9 o 7 . S . 166; «k„ M. JLß . 



er 
als 



die Psychologie der Dementia praecox, «aue , ^ ^ ^ ^ 

phallisches Symbol m der Ant.ke Klexnpaul 1 c . j s . Dje £ 

L»«er und Scheide m Volksgebrauchen, II, 5. 492. — In man 1 ,. yttt j 

ETiS dart, banering ra,n, spade, ships pro W , anfing £ß ?' *=* »" T* 



„,hinf eise was emuicmatw uj •■••<■ "«« . — " o ««, 1. c . TT c „,.. . 

Tutt ein Spieß als Symbol des männlichen Geschlechtes ''"''" 

S ° 2) Vgl. TnmaTi. 1. c. S. 55- «5- 



v or dem bösen Blick." 



44° 



Dr. Alfred Robitsek 



charakteristisch als männliches Symbol und deutet die Dreiteilung des männ- 
lichen Organes an. 1 In man führt zahlreiche Kultsymbole an, welche die 
„maletriad or trinity" darstellen. 2 Auch im Aberglauben, in gewissen Zwangs- 
handlungen finden wir dieselbe Symbolik. So mußte z. B. der Schauspieler 
Davison auf der Bühne immer drei Kastanien bei sich tragen. Die drei Schwur- 
finger haben dieselbe Bedeutung. 3 Auch die heraldische Lilie und das Klee- 
blatt gehören hieher. Die „Mistgabel", mit der der Teufel dargestellt wird, 
stammt direkt von Plutons und Neptuns Dreizack ab; dieser Bedeutungs- 
wandel illustriert den Sexualverdrängungsprozeß des Christentums. Bei einer 
..Walpurgisnacht" benannten Kotillonphantasie (6S), die also die schrankenlose 
Sexualität andeutet, reiten Tänzer und Tänzerinnen auf Hexengabeln und Besen. 

Das Feuer als Symbol für die weibliche Sexualität haben wir bereits 
erwähnt; wie viele Symbole ist es bisexuell und hat auch männliche Be- 
deutung. 4 Als phallisches Kultsymbol auf antiken Darstellungen nennt es 
Inman. 5 So faßt es auch Jennings auf, der die monolithischen Denk- 
male, die Pyramiden usw. auf das Feuer zurückführt. 6 Auch das Vestafeuer 
wird im phallischen Sinn aufgefaßt. 

In der Mythologie verwandelt sich Zeus bei einem Liebesabenteuer in 
eine Flamme. 

69) Die Tänzer stellen Lampen-' dar, die beim Erscheinen der Tänzerinnen 
entschleiert werden. 

yoj Die Tänzer tragen Fackeln. 8 

Jl) Die Tänzer tragen brennende Leuchttürme, die Tänzerinnen Bojen, mit 
denen sie auf die Leuchttürme zusteuern. (Abb. 12.) 

Eine Kombination eines anderen phallischen Traumsyniboles, des Turmes,'-" 
mit der Flamme. Das weibliche Attribut ist wieder eine recht gezwungene 
„sekundäre Bearbeitung" des Themas. 

1) Vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 411; diesbezügliche Träume S. 25, 152, 142, 295. 

2) 1. c. 4, 5, 9, 16, 64, 101. 

3) Vgl. Inman, 1. c. S. 6. 

4) So im Traum. Vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 268. 

5) 1. c. S. 9, 115. 

6) The Rosicrucians, S. 60 : „The pyramidal or triangulär form, which fire assumes in 
iti ascent to heaven, is in the monolithic typology used to signifjr the great generative power." 

7) Als Traumsymbol vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 73; in der Neurosensymbolik 
Wulff, Zentralblatt für Psychoanalyse, I, S. 537. 

8) Die Fackel als phallisches Symbol, Inman, 1. c. S. 115. 

9) So bei Scherner, Das Leben des Traumes, S. 197; Stekel: Spr. d. Tr., S. 73, 
165; Jennings, The Rosicrucians, S. 207: „The architectural genealogy of the Tower is 
closely connected witk the stör}- of the phallus." — In Italien heißen manche Türme 
y maschi u — Männer. Kleinpaul, 1. c. II, S. 491. 



Der Kotillon 



441 



Haben wir bisher eine Symbolik kennen gelernt, die zum großen Teil 
uralt ist, - — das Unbewußte findet und erfindet die Symbole immer wieder 
von neuem — so sehen wir an den folgenden Beispielen, wie ihm jedes 
Material recht ist, um sich auszudrücken. — Als ein bisexuelles Symbol 
dürften auch der Kohlkopf und ähnliche Pflanzen anzusehen sein. So 
führt St ekel „Karfiol'* als häufiges Phallussymbol an; 1 „mon choux" ist 
ein sehr gebräuchlicher Kosenamen im Französischen (wie überhaupt alle 
erotischen Kosenamen Sexualsymbolik zeigen). Anderseits erzählt man in 




Abb. ij 

Frankreich den Kindern „qu'on les trouve dans un choux ; hier ist die 
Bisexualität deutlich. 

72) Die Tänzer erscheinen mit Krautköpfen und ähnlichen Gewächsen über 
dem Kopf. 

Wieder die „Verlegung nach oben." 

"]}) Die Tänzer sitzen als Verkäufer am Markt und verkaufen Salat, Erd- 
äpfel, Häringe usw. (bei einer ähnlichen Tour „allerlei Gemüse 1 *). Die Tänze- 
rinnen kommen mit ihren Markttaschen einkaufen. (Abb. 15). 

74) Die Tänzer verkaufen als Fleischer Wurst, als Bäcker lange Brote, 2 Trauben. 

Diese Marktsymbolik: Der Mann verkauft etwas, die Käuferin steckt 
es in ihre Tasche, finden wir ganz ähnlich in Träumen, z. B.: 



1) Stekel: Angstz., S. 150. 

2) Zahlreiche Brot- und Gebäckformen zeigen männliche und weibliche Sexual- 
symbolik. Vgl. Höfler: Gebildbrote. Ztschr. für österr. Volkskunde, XIV, XV. 



442 Dr. Alfred Robitsek 



„Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin, die den Korb trägt. Der Fleisch- 
hauer sagt ihr, nachdem sie etwas verlangt hat: ,Das ist nicht mehr zu haben' 
und will ihr etwas anderes geben mit der Bemerkung, das sei auch gut. Sie lehnt ab 
und geht zur Gemüsefrau. Die will ihr ein eigentümliches Gemüse verkaufen" l oder 

„Sie geht in die Fleischbank Einkäufe machen, findet sie offen, wählt eine 
Wurst, die sie in die Tasche steckt" 2 oder 

„Uns vis-a-vis wohnt eine Kräutlerin. Ich ging zu ihr Karfiol kaufen. "5 

Die Wurst spielt in den Träumen,* wie in der Psychopathologie 5 eine 
phallische Rolle. 

7j) Ein Fleischer erscheint mit dem Würstelofen und verteilt Würste. 

Auch die folgenden Reispiele zeigen, wie die Phantasie modernes und 
allermodernstes Material für ihre Zwecke verwendet. 

q6) Die Tänzer erscheinen als Zuckerhüte. 

Zucker ist nach Stekel ein sexuelles Traumsymbol, 6 wie überhaupt 
„Süßigkeiten". Es ist hier kombiniert mit einem uralten, vielleicht dem 
ältesten phallischen Symbol, dem Konus, der in antiken Kulten eine große 
Rolle spielte, 7 ein Beispiel, wie die Determinierung der symbolisierenden 
Assoziationen des Unbewußten durch alle Zeiten gleich bleibt. 

Zigarre und Zigarette sind uns als maskuline Symbole bereits begegnet 
(Beispiel 27, 29), ebenso die Tabakspfeife (24), die auch in Redensarten des 
Volkes diese Bedeutung zeigt („seine Pfeife ausklopfen"). Dieselbe Symbolik 
kennt der Traum und die Psychopathologie; 8 sie zeigt wieder die „Verlegung 
nach oben" (erogene Mundzone). 

1) Freud: Traumdeutung, 2. Aufl., S. 129. 

2) Stekel: Spr. d. Tr., S. 15. 
5) Stekel: Angstz., S. 150. 

4) Stekel: Spr. d. Tr., S. 15 (siehe oben), 140; Angstz., S. 152. 

5) Vgl. Jung, 1. c. S. 162; Stekel: Angstz., S. 51; Riklin: Zentralblatt f. Psycho- 
analyse, I, S. 197. 

6) Spr. d. Tr., S. 90: Angstz., S. 149. 

7) Newton bei Inman, 1. c. S. 152: Jet us next examint, how the cone came to be 
used as a masculine emblem. — The ,glans' ivas particularly honoured as the head of the 
phallus; it was also the pari dedicated to God by effusion of blood in the rite of circumeision. 
This acorn is conical and thus — a part being taken for the whole — the cone or pyramid 
was used as a conventional symbol of the male creator." — Auch das „Goldene Kalb" dürfte 
als ein solcher Konus aufzufassen sein : „the exaet shape and make of the Image sei up 
by Aaron to be worshipped in the wilderness has been greatly squabbled over. The best Hebraist 
hold the translation ,calß untenable. The most tenable view philologically is, that something 
round or orbicular, possibly a cone like that syinbolising Venus is intended by the original 
word employed u (Hargrave Jennings: Phallicisme, S. 261). 

8) Vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 72, 77, 157; Riklin: Zentralbl. f. PsA, 1, S. 197; 
femer Schrötter: Experimentelle Träume. Zentralbl. f. PsA, II, S. 642. 



Der Kotillon 



445 




yjj Die Tänzerinnen werden mm Kaufmann geschickt, Zigarren holen. 
Diese werden von den Tänzern (in zigarrenförmigen Hüllen) dargestellt. (Abb u) 

Ein phallisches Traumsymbol ist auch der Regenschirm- das Auf- 
spannen entspricht der Erektion, 1 vgl. Beispiel 26. 

Man beachte die Ähnlichkeit des folgenden Traumes (Stekel: Spr. d. Tr. 
S. 403) und der Kotillon- 
figur. 

„Ein Schirm wurde le- 
bendig, machte sich auf und 
kam ihr näher.'* 

78J Die Tänzer verbergen 
sich hinter aufgespannten 
Regenschirmen und gehen 
so auf die Tänzerinnen los. 
(Abb. 15.) 

Auch Luftschiff und 
Flugapparat werden vom 
Traum zur sexuellen Sym- 
bolik benutzt. Nach Freud 2 
hat der Flugtraum meist 
sinnliche Bedeutung. Ste- 
kel führt in diesem Sinn verschiedene Träume an. 5 Beim Luftschiff dürften 
auch die Form und das „Steigen" zu dieser Symbolik führen. 4 Zahlreich 
sind auch die Witze und Couplets, die sie benützen. In unseren Figuren 
erscheinen die Tänzer entweder mit solchen Luftschiffen auf dem Kopf oder 
in Hüllen, die Luftschiffe vorstellen. 

Die Verwendung der Eisenbahn, des Fahrens überhaupt, zur Sexual- 
symbolik ist aus den Träumen 5 bekannt. 

J%) Die Tänzer tragen rote Flügelmützen und Signalstangen, die Tänze- 
rinnen Schaffnertaschen und ähnliche Mützen; sobald letztere erscheinen, 
ziehen die Tänzer die Signalstangen hoch. 

Die Symbolik ist hier wieder elliptisch und ganz traumähnlich kompli- 
ziert. Die in die Höhe gehenden, das Einfahrtszeichen gebenden Signale 

1) Freud: Traumdeutung, 2. Aufl., S. 200; Stekel: Spr. d. Tr., S. 24; Angstz. 
S. 152, 204, 214. 

2) Traumdeutung, S. 196. 

5) Spr. d. Tr., S. 166, 255 f., Angstz., S. 221. 

4) Vgl. Traumdeutung, 5. Aufl., S. eil. 

5) Stekel: Spr. d. Tr., S. 522; vgl. auch Freud: Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie. S. 48. 



Abb. 14 



444 



Dr. Alfred Robitsek 



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Abb. 16 



S)Tnbolisieren die Erektion, die Schaffnertaschen (weibliches Symbol) deuten 
den Zug an. Die Vorstellung des in den Bahnhof einfahrenden Zuges bleibt 
latent 1 (Rollentausch); zu beachten sind auch die Flu gel mutzen. (Ver- 
dichtung mit der Fliegesymbolik.) 

8o) Die Tänzer stellen einen Eisenbahnzug vor, jeder einen Waggon; die 
Tänzerinnen steigen ein, indem sie sich in ihre Tänzer einhängen. 

„Einsteigen!", „aussteigen! — im Volk gebräuchliche Redensarten für 
den Sexualverkehr. Auch hier sind die Rollen infolge der Einwirkung der 
Zensur vertauscht. 

Die bekannte Symbolik von Reiter und Pferd 2 finden wir in folgendem: 

SlJ Die Tänzer tragen Jockeimützen, die Tänzerinnen Pferde als Abzeichen 
(siehe Abb. i6.) 

Das Fahrrad vereinigt die Vorstellungen von gehen, fahren und reiten 
und wird so zur Symbolik sehr geeignet. Auch der Rhythmus dürfte eine 
Rolle spielen. 3 

82) Die Tänzer tragen Radlermützen, die Tänzerinnen kleine Fahrräder 
als Abzeichen. 

Pfeil, Bogen und Scheibe sind schon in der Antike Sexualsymbole 
gewesen ;* in Beispiel 1 2 und 55 haben wir das Gewehr und die Pistole 

1) Die Symbolik des Bahnhofs im Traum der Dora; Freud: Neurosenlehre, II, S. 88. 

2) Vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 583; Angstz., S. 207. 

3) Das Fahrrad als Frau im Traum vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 81. 

4) Vgl. Inman, 1. c. S. 86, 101, 115. 



Der Kotillon . , , 
445 



in diesem Sinne bereits gesehen; ebenso finden wir es in den Träumen 1 
und in der Symbolik der Geisteskranken. 2 

Sß) Die Tänzer schießen aus Pistolen Blumen auf die Tänzerinnen- diese 
schmücken die Schützen mit ihnen. 

Die Blume erst männliches, dann weibliches Symbol. 
Schlüssel und Schloß sind eine populäre erotische Symbolik. 3 

84) Die Tänzerinnen tragen herzförmige Schlösser, die Tänzer die dazu 
passenden Schlüssel. 

8j) Die Tänzer stellen Papageno vor, mit goldenen Schlössern vor dem 
Munde; die Tänzerinnen erlösen sie mit goldenen Schlüsseln. 

Verlegung nach oben und Rollentausch, sowie Verwendung einer 
„fertigen Phantasie* 4 zur Sexualsymbolik. 

86) Die Tänzer tragen Handfesseln mit Schlössern, die Tänzerinnen befreien 
sie mit den Schlüsseln. 

Wir finden hier wieder das Erlösungsthema. 

8j) Bei einer der Touren stellen die Tänzer große Pakete, Säcke usw. 
vor, bei einer anderen Gewichte. Dieselbe Symbolik findet sich im Traum. 4 

Eine deutliche und ganz traumähnliche Symbolik zeigt folgendes Beispiel : 

88) Die Tänzer stellen Betrunkene mit eingedrückten Zylindern vor (vgl. 
Beispiel 62) und werden von den Tänzerinnen, die Nachtwächter versteller, 
ins Loch gesteckt. 

Eine besondere Symbolik ist die, den Phallus durch den Mann dar- 
zustellen, wie in den Beispielen 6 und 16. Eine ähnliche ist in den Träumen 
häufig, in welchen „der Kleine", das Kind als männliches Symbol erscheint. 5 

8p) Die Tänzerinnen stellen Ammen vor, die Tänzer Wickelkinder. 

90) Die Tänzer erscheinen als Aminen mit Säuglingen. 6 

<?l) Die Tänzer stellen Liliputaner vor; sie tragen lange Klagen und Zylinder 

und bücken sicli in die Knie. „Die Tänzerinnen ziehen den kleinen Liebling 

zu sich empor." 

1) Vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 147. 

2) Vgl. Riklin, 1. c. S. 49; Jung. 1. c. S. 166. 

3) Vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 125. Traumdeutung, 5. Aldi., S. 210; diese Symbolik 
erwähnen auch In in an, 1. c. S. 70; Jennings: Phallicism, S. 45; Kleinpaul, 1. c. II, 
S. 491; Seligmann, 1. c. II, S. 10 führt den Schlüssel als Amulett gegen die Jettatura 
an; als solches endet er manchmal in die memo fica, ein bekanntes Koitussymbol. 

4) Vgl. Stekel, Spr. d. Tr., S. 112, 282, 293. 

5) Vgl. Freud: Traumdeutung, 2. Aldi., S. 200; Stekel: Spr. d. Tr., S. 57, 166; 
Angstzustände, S. 148, 214. 

6) Stekel führt einen Traum an, in welchem Amme und Kind den Mann symbo- 
lisieren (Angstzustände, S. 142). 



446 Dr. Alfred Robitsek 



Eine deutliche Symbolisierung der Erektion. 

Auch die Gnomen und Zwerge, welche von den Tänzern dargestellt 
werden, dürften eine Form dieser Symbolik sein, ebenso der kleine Clown 1 , 
Wurstel, Hampelmann, der häufig verwendet wird. 

9 V Die Tänzer tragen Mützen mit Quasten; die Tänzerinnen ziehen daran 
und ein Hampelmann erscheint. 

9ßJ Ein Tänzer trägt eine Mütze, von der kleine Clowns herunterhängen, 
welche die Tänzerinnen abzureißen trachten. 

Das eine Beispiel deutet die Erektion an, das andere ist eine „Kastrations- 
phantasie". 

Eine Form der Symbolik ist die, Mann und Weib als Gefäße auf- 
zufassen; sie ist deutlich und daher in den Träumen, die zum Vergleich 
zur Verfügung standen und die zum größten Teil von neurotischen Personen 
stammen, verhältnismäßig selten." Die Symbolik dieser Träume ist infolge 
der starken Verdrängung und der durch sie bedingten größeren Traum- 
entstellung eine verschleierte. In man führt amphora und kratera als männ- 
liches und weibliches antikes Symbol an. 3 

94) Die Tänzer erscheinen als Bierfässer, die Tänzerinnen tragen kleine Bierkrüge. 

9jJ Die Tänzer tragen Champagnerflaschen als Kopfbedeckungen oder stellen 
selbst Champagnerflaschen vor, die Tänzerinnen tragen Champagnergläser. 

96) Die Tänzerinnen tragen große Trichter, die Tänzer kleine, mit Konfekt 
gefüllte, die sie austauschen. 

9jJ Ein Tänzer stellt einen Brunnen vor, zu dem die Tänzerinnen mit 
Eimern kommen.* 

98) Bei einer der Figuren werden Verlobungskarten verteilt mit der An- 
zeige, und den Bildern folgender Verlobungen: Pfeife mit Tabaksbeutel, Topf 
mit Deckel, 5 Tasse mit Kaffeekanne, leere Börse mit Geldsack. 

Selbst das Geld scheint Sexualsymbol zu sein.' Man denke z. B. an Jupiter, 
der Danae als Goldregen erscheint. 

1) Der französische Name für den Hanswurst „guignol" ist auch der von vielen 
in Frankreich verehrten Heiligen, wie St. Guignolet, Guignole, Gunols. Diese Namen 
stammen von „gignere", zeugen, und die Heiligen gehen auf antike phallischc Gott- 
heiten zurück (Malvert, 1. c. S. 211). Vielleicht ulso auch der Hanswurst, von dem. 
überdies die konische Kopfbedeckung zu beachten wäre. 

In Italien gilt der Harlekin als Amulett gegen den bösen Blick (vgl. Seligmann, 
1. c. II, S. 308). 

2) Vgl. St ekel: Spr. d. Tr., S. 133, 164., 293; ferner Schrötter: Experimentelle. 
Träume. Zentralbl. f. Psychoanalyse, II, S. 642. 

3) 1- c. S. 115. 

4) Der Brunnen ist häufiger weibliches Symbol, vgl. z. B. Jung, 1. c. S. 162. 

5) Vgl. Kleinpaul. 1. c. II, S. 492. 

6) Vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 52. 



Der Kotillon . ,,- 



Eine große Rolle spielt im Traum, im antiken Kult, in Mythus und 
Märchen, wie in der Psychopathologie die Tiersymbolik; sie hat sehr häufig 
sexuellen Sinn. Diese Symbolik ist sowohl eine äußerliche, nach Ähnlich- 
keiten zwischen Dargestelltem und Darstellendem, als auch eine tiefere 
indem das Sexuelle so als „das Tierische" dargestellt wird, was dem Charakter 
der Verdrängung besonders entspricht. Die Maus haben wir als weibliches 
Symbol 1 bereits in einer unserer Figuren gefunden. Die folgenden ent- 
halten sie als männliches 2 und als bisexuelles 3 Symbol. 

00^ In einem Korb sind Mäuse verborgen, an denen sich Schlingen be- 
finden. Die Tänzer befestigen diese an den Fingern der Tänzerinnen und 
ziehen dann den Korb weg. 

100J Die Tänzer überreichen ihren Damen Zündholzschachteln, aus welchen 
beim Offnen eine Maus springt. 

101) Ein Tänzer erscheint als Rattenfänger mit Mäusen für Tänzer und 
Tänzerinnen. 

102) In einer Mausefalle befinden sich verschiedenfarbige Mäuse für Tänzer 
und Tänzerinnen. 

Die Schlange ist eines der bekanntesten phallischen Symbole; zahllose 
antike Darstellungen enthalten es, 4 so beschläft Z. B. Zeus Demeter und 
Persephone als Schlange. 5 Ihre Bedeutung im Märchen, 6 im Traum 7, wie 
in der Psychopathologie 8 ist dieselbe. Wir haben das Symbol bereits in 
Beispiel 29 gefunden. 

10)) Tänzer und Tänzerinnen fassen die Enden eines Knäuels von Schlangen, 
der sich dann löst, worauf jedes Paar durch eine Schlange verbunden ist. 

IOj.) Die Tänzer verbergen sich in einer Riesenschlange und erscheinen so 
im Saal, die Windungen der Schlange nachahmend. 

Der Vogel als phallisches Symbol ist der symbolische Ausdruck jener 
unbewußten Beziehungen zwischen dem Sexuellen und dem Fliegen, die 
wir bereits erwähnt haben. Der Flugtraum, das Fliegen oder Vogel sein, 
ist nach Freud 9 die Verhüllung eines anderen, sexuellen Wunsches. In 

1) Als solches führt es auch Kleinpaul an, 1. c. III, S. 164. 

2) Vgl. den Traum bei St ekel: Spr. d. Tr., S. 156; das Symbol im Märchen, 
Mae der, 1. c. 

3) Vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 75. 

4) Vgl. I 11 111 a 11. 1. C. S. 9, 10, 14. 

5) Creuzer: Symbolik und Mythologie der alten Völker, 2. Aufl., III, S. 305. 

6) Vgl. Riklin, 1. c. S. 41 f. 

1) Vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 65, 133; Angstz., S. 104. 

8) Vgl. Jung, 1. c. S. 162; Maeder: Jahrbuch II, S. 192; Abraham: Traum und 
Mythus, S. 20. 

9) „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci." Deuticke, Wien 1910. S. 59. 



44 8 



Dr. Alfred Robitsek 



der Antike wurde der Phallus oft geflügelt dargestellt. Kaulbachs Bild 
„Wer kauft Liebesgötter" verwendet nocb dieselbe Symbolik. Zeus erscheint 
der Leda als Schwan; der Heilige Geist bei der Verkündigung als Taube; 1 
das „Kreuzluftvöglein" Zinzendorfs faßt Pfister 2 ausdrücklich sexual- 
symbolisch auf. Auch im Märchen, 3 wie in den Träumen* ist diese Sym- 
bolik deutlich. 

lOj) Die Tänzerinnen halten Becher, die Tanzer werfen ihnen Bälle zu, 
auf denen kleine Vögel sitzen. 

106) Die Tänzer erscheinen als Brieftauben. 

IOjJ Tänzer und Tänzerin stellen Papageno und Papagena dar. 




Mb. ly 

Papageno und Papagena, die Vogelmenschen, symbolisieren das Trieb- 
leben im Gegensatz zum geistigen, welches Tamino und Famina darstellen. 

10SJ Die Tänzer stecken in großen Eiern, aus denen sie auskriechen. 

Hier ist die Vorstellung des kleinen Vogels latent. 

109) Aus einem Taubenschlag lassen die Tänzer ihren Damen Tauben zu- 
fliegen. 

Iioj Eine Wand stellt ein Vogelhaus vor, aus dem die Tänzer mit Vogel- 
köpfen ausfliegen. (Abb. 17.) 



1) Vgl. Riklin, 1. c. S. 75; ferner S. 50, 82. 

2) „Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf." üeuticke, Wien 1910. 
S. 50, 65; es wird auch als Lerchelein, Taubchen, Wundenschwänelein variiert. 

3) Vgl. Riklin, 1. c. S. 73; ferner S. 50, 82. 

4) Vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 67, 132, 149, 179; Angsti., S. 159. 



Der Kotillon 



449 



IIlJ Die Tänzer stellen verzauberte Raben vor, die von den Tänzerinnen 
erlöst werden. 

Das Motiv des unheimlichen Tieres, das erlöst wird und sich in einen 
Mann, Prinzen, verwandelt, ist im Märchen häufig. (Oda und die Schlange, 
der Froschkönig, vgl. Riklin, 1. c.) 

II 2) Die Tänzer stellen Gänse vor, die auf dem Markt verkauft werden- 1 
die Tänzerinnen kommen mit ihren Körben. 2 

IlßJ Die Tänzer erscheinen als Hähne; auch der Hahnenkampf wird als 
Figur verwendet. 

II 4) Vogelbauer mit Vogel als Geschenk für die Tänzerin. 3 




Abb. iS 

Auch Beispiel 28 zeigt diese Symbolik. 

Ein weiteres Symbol ist der Fisch; er scheint es in bisexuellem Sinne 
zu sein, so faßt ihn in antiken Darstellungen In man 4 auf. Viele Gebräuche 
enthalten diese Symbolik ;5 so wird in Japan nach Geburt eines Knaben ein 
Papierfisch vor das Haus gehängt. Dieselbe Bedeutung im Märchen 6 und im 
Traum. 7 Auch an das „Blutvvundenfischlein" Zinzendorfs 8 sei erinnert. 

i) Vgl. die Marktfiguren und — Träume oben. 

2) Der Korb als weibliches Traumsymbol. Vgl. St ekel: Spr. d. Tr., S. 112. 

3) Dieselbe Symbolik im Traum: Spr. d. Tr., S. 152. 

4) 1. c. S. lf., 68, 115. 

5) Vgl. Maeder, 1. c. 

6) Vgl. Riklin, LJc. S. 63 f. 

7) Vgl. Spr. d. Tr.," S. 158. 

8) Pfister, 1. c. S. 55. 



45° 



Dr. Alfred Robitsek 



IlfJ Die Tänzer tragen geflügelte Fische auf dem Kopf. 1 

Eine Verdichtung von zwei Symbolen gleicher Bedeutung, Vogel und 

Fisch; Verlegung nach oben. 

II 6) Die Tänzer erscheinen als Fische verkleidet. (Abb. 18.) 
II j) Ein Netz enthält Goldfische für die Tänzerinnen, Silberfische für die 
Tänzer. 

Wie eine Andeutung der Bisexualität des Symbols. 

1 1 8) Die Tänzer angeln nach kleinen Fischen, die z. B. als Goldfisch, 
Backfisch, Stockfisch bezeichnet sind. 

Hier erscheint das Symbol in seiner weiblichen Bedeutung; die sprach- 
lichen Bezeichnungen beruhen selbst auf dieser Symbolik. 

IiyJ Tänzer und Tänzerinnen erhalten Silber- und Goldfische, denen sie 
die Köpfe abreißen (um Nummern zu suchen). 

Man vergleiche folgenden Traum eines Mädchens (Spr. d. Tr., S. 158): 

„Ich bekomme einen eigenen, sehr schönen Fisch; ich spiele mit ihm. — 
Ich habe Lust, den Kopf abzubeißen." 

Stekel faßt diesen Traum als Kastrationsphantasie auf. — Auch Bei- 
spiel 59 zeigt die Fischsymbolik. — Im Märchen, z. B. im „Froschkönig", 
„Dornröschen", wie in der Psychopathologie 2 spielt der Frosch eine Rolle 
als „männliches Sexualtier". Stekel führt ihn als bisexuelles Symbol an 
(Spr. d. Tr., S. 73). 

120) „Froschkönig." Die Tänzer tragen Froschköpfe mit einer Krone. 
Dieses Beispiel zeigt, wie der latente sexuelle Sinn des Märchens un- 
bewußt verstanden wird. 

121) Die Tänzer tragen Froschköpfe und stellen Frösche im Teich vor; 
die Tänzerinnen angeln sie sich heraus. 

Eine Metapher; aus dem Teich kommen bekanntlich die Kinder. 

Die nächsten Beispiele zeigen den Hund als männliches Sexualtier; als 
solches erscheint er auch im Märchen. 3 Riklin weist ferner darauf hin, 
daß er im Traum und in den traumähnlichen Erlebnissen der Geistes- 
kranken eines der häufigsten Sexualtiere ist.* 

122) Die Tänzerinnen führen ihre Tänzer, die Hundeköpfe tragen, an der 
Leine. 



1) Vgl. den goldgeflügelten Hecht im Märchen. Riklin, 1. C. S. 63. 

s) 1. c. S. 45 f., 70. 

5) 1- o. S. 55. 

4.) Solche Träume bei Stekel: Spr. d. Tr.. S. 150, 156, 142. 



Der Kotillon ac i 



12)) Die Tänzer erscheinen als Schoßhündchen; ein andermal als Dackel ' 
Möpse. ~ 

Aus einer großen Anzahl von Beispielen mit Tiersymbolik seien noch 
einige angeführt: 

I2ä) Die Tänzer erscheinen als Ziegenböcke. 

Ein ganz populäres Symbol der männlichen Sexualität. 3 

/ 2 j) Tänzer und Tänzerinnen tragen Glücksch weinchen, die Tänzer solche 
in aufrechter Stellung. 

Das Beispiel zeigt den bisexuellen Charakter des uralten Symbols. 4 

/ 2 6) Die Tänzer tragen Tierköpfe, die Tänzerinnen stellen Tierbändigerinnen vor. 

I2j) Die Tänzerinnen erscheinen als Katzen. 5 

128) Die Tänzer müssen kleine, die Tänzerinnen große Fledermäuse 
fangen, die sie im Saale umherfliegen lassen. 

I2<}) Die Tänzer als große Fliegen. 6 

1)0) Die Tänzer tragen Schmetterlinge 7 , die Tänzerinnen Blumen. 
Die letzten Beispiele zeigen wieder die Beziehung zum Fliegen. 

Ißl) Die Tänzerinnen werden von den Tänzern als Heuschrecken verfolgt. 

Auch als Elefanten, Tanzbären, Riesenkrebse erscheinen die Tänzer. 

Häufig erscheinen die Tänzer als Schwarze, als Indianer, Chinesen usw. 
Dieser Maskierung liegt zunächst der erotische Reiz des Fremdartigen, die 
größere Polarität zwischen fremden Rassen zugrunde, anderseits wird so 
die unverdrängte Sexualität symbolisiert. Der Chinese hat noch einen be- 
sonderen Charakter (vgl. weiter unten), Der „schwarze Mann", der 
Neger sind als phallisches Traumsymbol 9 bekannt. Auch als „schwarze 
Schutztruppe" oder als „Negergrenadiere" erscheinen die Tänzer; hier wird 
der erotische Reiz des Exotischen mit dem des Soldaten verdichtet. 



1) Vgl. Spr. d. Tr., S. 135, 142. 

2) Spr. d. Tr., S. 69. 

3) Vgl. Kleinpaul, III, S. 164. 

4) Vgl. Kleinpaul, 1. c. I, 27; im Traum. Spr. d. Tr., S. 187. 

5) Dieselbe Symbolik im Traum. Spr. d. Tr., S. 157. 

6) Vgl. Spr. d. Tr., S. 143; es sei auch an Jupiter als Fliege in Offenbachs Operette 
erinnert. 

7) Vgl. Beispiel 5, 45. 

8) Die Heuschrecke war in der Antike ein phallisches Symbol. 

„The locust was emplcyed as a mediane for certain qffections of the genitals. — To explain 
the selcction of this insect for such a purpose, it must be mentioned, that the Greeks saw in 
its cylindrical, cambercd, annulated bodjr an analogy to the phallus" (King, The Gnostic and 
their remains; rit. nach Jennings: Phallicism, S. 272). 

9) Vg 1 - s P r - d - Tr -' S - >57' 4°3- 

Imago XI. 3 o 



452 Dr. Alfred Robitsek 



In den folgenden Beispielen werden verschiedene sexuelle Vorgänge 
symbolisiert : 

l}2) Der Anführer einer Polonaise trägt einen Hahnenkopf (Vogel!) und 
einen Tarabourstab ; beim Rundgang verlängert sich dieser ums Doppelte und 
Dreifache. 

Eine allzudeutliche Anspielung auf die Erektion und ein Beweis für 
den phallischen Charakter ähnlicher Symbole. 

I}}) Die Tänzerinnen ziehen ihre Tänzer aus einem Brunnen. 

Eine Symbolisierung der Geburt. 1 

Die herabgesetzte Zensur gestattet, wie der Sexualität im allgemeinen, 
auch ihren Partialtrieben einen symbolischen Ausdruck, z. B. dem sadisti- 
schen; nur ein Beispiel von vielen: 

1)4) Die Tänzer stellen Pferde vor, die Tänzerinnen Postillone. 

Andere Beispiele lassen ein latentes homosexuelles Moment erkennen; so, 
wenn die Tänzerinnen als Grenadiere, Husaren, Kürassiere erscheinen, gewöhn- 
lich mit den charakteristischen Waffen, also männlichen Sexualsymbolen, oder 
als Studenten mit dem Schläger, als Advokaten im Talar 2 ; oder wenn die 
Tänzer Stubenmädchen, Ammen, selbst Ballettmädchen vorstellen. In den 
Träumen spielen die homosexuellen Verkleidungen eine häufige Rolle. 2 

Durch die angeführten Beispiele dürfte die Identität unserer Symbolik 
mit der des Traumes und ähnlicher Phantasiegebilde erwiesen sein ; merk- 
würdig ist, daß hier diese Symbolik in der Wirklichkeit durchgeführt, 
konkret ist. — Im folgenden sollen einige gemeinsame psychologische 
Charaktere hervorgehoben werden. 

Es ist der Hauptcharakter des Symbols anzudeuten, nicht auszusprechen ; 
so ist es dem manifesten Traum zu vergleichen, hinter welchem sich der wesent- 
liche, latente Trauminhalt verbirgt. Besonders deutlich ist dies in jenen Figuren, 
deren Symbolik elliptisch ist. (Vgl. Beispiel 56, 62.) Wir finden diese Methode 
der Verschleierung der Symbolik auch in den folgenden Beispielen: 

1)5) Die Tänzer mit Mütze und Grubenlampe stellen Bergmänner vor, 
die Tänzerinnen tragen Mineralien, wie Gold, Kohle, Blei als Abzeichen. 

Sie stellen also das Bergwerk, den Schacht vor, in welchen die Berg- 
männer eindringen. Der Schacht ist, wie der Brunnen u. dg]., ein weib- 
liches Traumsymbol. 3 



1) Vgl. Die Geburtsträume. Spr. d. Tr., S. 275. 

2) Der Mann im langen Kleid, ein bisexuelles Symbol. Vgl. Spr. d. Tr., S. 72. 

3) Vgl. Traumdeutung, 2. Aufl., S. 198; Spr. d. Tr., S. 275. 



Der Kotillon ._- 

, 45o 



Inman (1. c. S. 101) sagt mit Beziehung auf die antike Symbolik: 
„a hole in the ground, a crevice in the rock, a deep cave — we re symbolic 
of woman." — Eine ähnliche Andeutung ist es, wenn 

1)6) die Tänzer als Gnomen erscheinen, die Tänzerinnen kleine Laternen 
tragen und so die Höhle andeuten. 

1 ll) Tänzer und Tänzerin tragen Glöckchen mit alpinen Emblemen um 
den Hals. 

Tiersymbolik; Stier und Kuh werden angedeutet, Häufig werden Dinge 
als Symbole verwendet, deren Gebrauch ein bestimmter Rhythmus charak- 
terisiert; dieser bildet das tertium comparationis mit dem Koitus; eine weit- 
gehende „Traumentstellung u . Ein solches Symbol ist die Leiter (vgl. Bei- 
spiel 36, 62). 

Iß 8) Die Tänzer tragen einen Amboß auf dem Kopf, auf welchen die 
Tänzerinnen mit Schmiedehämmern losschlagen. 

Die manifeste Vorstellung ist natürlich die des gequälten Ehemanns ; 
diese dient zur Rationalisierung des Symboltausches. 1 

1)9) Die Tänzer tragen Ruder. 

140) Die Tänzerinnen tragen Abzeichen mit Namen von Flüssen; sie 
schießen pfeilartige Ruder auf die Tänzer ab, welche dieselben Namen tragen. 

Das Ruder ist das männliche, durch den Rhythmus des Ruderns charak- 
terisierte, der Fluß das weibliche Symbol. In Beispiel 140 ist diese Sym- 
bolik mit der uns schon bekannten des Pfeils traumähnlich verdichtet. Der 
Rollentausch sucht sie zu verschleiern. 2 

141) Die Tänzer tragen als Tambourmajor Tambourstöcke. Eine deut- 
liche Anspielung auf den Rhythmus. (Vgl. Beispiel 132.) 

I42J An die Tänzer werden Haushaltgegenstände verteilt, z. B. Butterfaß, 5 
Bügeleisen, Reibeisen. 

Auch hier ist der Rhythmus, der den Gebrauch der Gegenstände charak- 
terisiert, das Latente. 

Den Mechanismus der „Verdichtung"* haben wir wiederholt beobachtet. 
(Beispiel 32, 40, 83, 84, 100, 115.) Die Charaktere mehrerer Symbole werden 



1) Inman, 1. c. S. 86, nennt „le marteau, qui frappe Fendiline tt Jorge les enfants." 
Kleinpaul, 1. c. II, S. 314, erwähnt, „daß die Gebärden und Werkzeuge der Liebe 
oft „Veneris mallei et incudes u genannt worden sind. 

2) Inman, 1. c. S. 86, führt das Steuerruder als antikes männliches Symbol an. — 
Wasser war weibliches Symbol und wurde mit dem weiblichen V im Gegensatz zum 
phallischcn Feuer £± dargestellt. Vgl. Inman, S. 32, 38. 

5 ) Vgl. Kleinpaul, 1. c. in, S. 169. 
4) Vgl. Traumdeutung, 2. Aufl., S. 204 f. 

30- 



454 



Dr. Alfred Robitsek 



in eines zusammengezogen; das Resultat sind ganz traumhaft unwirkliche, 
absurde Dinge. Diesen Charakter der Absurdität, der so vielen Träumen 
anhaftet, finden wir in vielen unserer Figuren, und zwar in so ähnlicher 
Weise, daß man sie für Traumtexte halten könnte, z. B.s 

I43J Die Tänzer schießen aus Pistolen, die mit einer Mundharmonika ver- 
sehen sind, Blumen auf die Tänzerinnen, diese fangen sie auf und schmücken 
damit die Schützen, welche sie auf der Pistole musizierend empfangen. 

144) Die Tänzerinnen blasen in Bierkrüge, die ein Mundstück tragen, wobei 
unter quietschendem Ton ein langer Rüssel hervorschnellt. 

I4JJ Die Tänzer schleichen sich in ein Haus; eine Tänzerin reißt den 
Klingelzug ab; in diesem Moment stecken die Tänzer ihre weißen Clown- 
köpfe zu den Dachfenstern heraus. Die Tänzerinnen fliehen erschreckt. Da 
setzt sich das Haus in Bewegung und folgt den Flüchtigen nach. 
Trotz der Absurdität ist die Symbolik ziemlich deutlich. 
Die Benützung von Märchen- und Opernmotiven wie von Aktualitäten 
(Beispiel 18, 21, 85, 101, 107, 120) wäre der Rolle der fertigen Phantasien 1 
im Traume zu vergleichen. 

Die „Verlegung nach oben" spielt im Traum, in der Märchen- 
symbolik, 3 wie bei den neurotischen Symptomen 5 eine große Rolle; sie 
besteht darin, daß die Bedeutung der Genitalzone auf eine andere, z. B. 
den Mund, verschoben wird. 

Vor allem sind es der Kopf oder die Kopfbedeckung, die so zum 

Symbol werden (Beispiel 3, 
4, 5, 44—47, 61, 65, 72). 
Einen ganz besonderen 
Charakter zeigt das folgende 
Beispiel: 

I46J „Die Kopflosen". „Die 
Tänzer haben ihren Kopf ver- 
loren und kommen nun kopf- 
los in den Ballsaal, um nach 
ihren Köpfen zu suchen. Die 
Tänzerinnen suchen vergebens 
Abb. 19 mit. Man rät ihnen, nachzu- 

sehen, ob die Köpfe vielleicht 
nur in den Brustkasten hinuntergerutscht seien, und richtig, die Tänzerinnen 
öffnen die Klappen und die Köpfe gucken heraus." (Abb. 19.) 




1) Vgl. Traumdeutung, 2. Aufl., S. 504 f. 

2) Vgl. Riklin, 1. c. S. 61. 

3) v g l - Freud: Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, II, S. 25. 



Der Kotillon 



455 




Abb. 2 



Der Kompromiß zwischen der Genitalzone und der Verlegung nach oben 
wirkt komisch. 

Zahlreiche Traumanalysen' und andere Beobachtungen zeigen, daß die 
Nase häufig phallisches Symbol ist; dies ist von alters her populär. 

„Noscitur ex naso, qualis sit hasta viri. 2 
Übrigens besteht zwischen beiden Organen 
ein tieferer biologischer Zusammenhang. 5 — 
Auch diese Symbolik benützt die Verlegung 
nach oben. Ein Beispiel von vielen: 

147) Die Tänzer tragen Nasen von ver- 
schiedenen Dimensionen, die sich aufblasen 
und einziehen lassen. (Abb. 20.) 

Darstellung der Erektion durch das Sym- 
bol. Auch der Zopf ist ein phallisches 
Symbol im Unbewußten 4 und ein Beispiel für die Verlegung nach oben. 
Dies erklärt die Symbolik des Chinesen. 5 

14SJ Die Tänzer erscheinen mit chinesischen Mützen und Zöpfen von ver- 
schiedener Länge. 

I49J Die Tänzer stellen Chinesen vor; die Tänzerinnen reißen ihre Zöpfe ab. 

Eine Kastrationsphantasie, wie in den Beispielen 93 und 119. 

Auch die Biesenschnurrbärte, 6 Biesenkrawatten, 7 mit welchen 
die Tänzer erscheinen, sind Sexualsymbole, hier wie im Traum, und Bei- 
spiele für die Verlegung nach oben. Der Bart wird als sekundärer Sexual- 
charakter Symbol des primären, die Krawatte als charakteristischer Teil der 
männlichen Kleidung. 

Ganz traumähnlich ist die Art, wie die Sprachsymbolik wörtlich genommen 
und konkret dargestellt wird; auch hier werden, wie durch die Traum- 
regression Vorstellungen in das sinnliche Bild rückverwandelt, aus dem 



1) Vgl. Spr. d. Tr., S. 182. 

2) Kleiiipaul, 1. c. I, S. 108. 

3) Vgl. Fließ: Über den ursächlichen Zusammenhang von Nase u. Geschlechtsorgan. 

4) Dies ist die Psychologie des Zopfabschneiders, bei welchem die infantile Vor- 
stellung von der Frau mit dem Penis wirksam ist und der so „am weiblichen Geni- 
tale den Akt der Kastration ausführt". Freud: Eine Kindheitserinnerung des Leo- 
nardo da Vinci, S. 52. 

5) Der Chinese wird im Traum bisexuell aufgefaßt. Vgl. Stekel: Spr. d. Tr. S. 72' 
Rank: Jahrbuch II, S. 513. 

6) Vgl. Stekel: Spr. d. Tr., S. 494. 

7) Vgl. Freud: Traumdeutung, 3. Aufl., S. 211. 



4 5 6 Dr. Alfred Robitsek 



sie irgend einmal hervorgegangen sind (Traumdeutung, S. 335). So werden 
symbolische Wendungen, wie „unter dem Pantoffel" (Beispiel 16), „ge- 
brochene Herzen" (31), „vereinte Herzen" (32), „Liebe macht blind" (47), 
„Der Schlüssel zum Herzen" (86), „sicli einen Mann (Frau) angeln," „Gold- 
fisch (118), „auf dem Mann herumhämmern'* (138), „kopflos" (146), wört- 
lich genommen und dargestellt. Ganz ähnlich verfährt der Traum. 1 

Eine weitere Beziehung zum Traum ist der infantile Zug, 2 der Cha- 
rakter des kindlichen Spieles, den alle diese Figuren haben; in manchen 
werden direkt Kinderspiele verwendet (Beispiel 7, 8, 9). Dieses Sichaus- 
schalten, Aufgeben eines Niveaus, diese Rückkehr ins Kinderland, in das 
„verlorene Paradies" ist an und für sich, sowie durch den Kontrast mit der 
gegenwärtigen Reife lustbetont. Ein anderer, unbewußter Faktor dieser Lust 
ist, daß das Kinderspiel bei einer erotischen Situation, dem Tanz, zur Dar- 
stellung von Sexuellem verwendet wird. Umgekehrt wird die erotische 
Symbolik durch die kindliche Einkleidung verschleiert, harmlos gemacht. 

Wir haben den Tanz 5 als erotische Ersatzhandlung aufgefaßt, als sym- 
bolische Erfüllung eines erotischen Wunsches. Dieser Wunschcharakter 
kommt auch in vielen einzelnen Zügen der Symbolik zum Ausdruck: so 
bedeuten die zahlreichen Phantasien, in denen der Tänzer erst verhüllt, 
versteckt ist, sich dann enthüllt, das Moment der erotischen Erwartung, 
Spannung, Lösung der Ungewißheit über die erotische Zukunft und die 
Erfüllung; aber auch mit Anwendung jenes psychologischen Mechanismus, 
den Silberer „funktionales Phänomen" genannt hat,* die unterdrückte 
und dann befreite Sexualität. Wunschcharakter hat ferner, daß die erotische 
Erwartung und endliche Befriedigung, die im wirklichen Leben lange Zeit 
ausfüllt, hier in spielerischer Weise rasch erregt und gelöst wird, ferner, daß 
dies öfter wiederholt wird; hier kommt der polygame Wunsch zum Aus- 
druck, welchen die Kultur besonders in der Frau unterdrückt. Dann hat 
die Verkleidung, Maskierung überhaupt Wunschcharakter; der Wunsch, das 
eigene „Ich" mit seinen Forderungen auszuschalten, der nach dem Unge- 
wöhnlichen, Exotischen, ist da erfüllt. Wie die Zensur im Traume den 
verdrängten Komplexen gestattet, als Personen, als „Masken aufzutreten, 



1) Vgl. Traumdeutung, 2. Aufl., S. 24.6, 251. 

2) Vgl. Traumdeutung, 2. Aufl., S. 152 F. 

5) Bei vielen dramatischen Tanzen werden erotische Symbole benutzt, z. B. bei 
den Waffen-, Fackel-, Schleier-, Schlangentänzen. Die letztangeführten machen ganz 
den Eindruck einer symbolischen Phallusnnbetung. 

4) Silberer: Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen, I, S. 517. 



Der Kotillon „*- 



so erlaubt die Sitte auf den Maskenbällen, Redouten, der sonst unterdrückten 
Sexualität freieren Ausdruck. 

Hervorzuheben ist die häufige Wunscherfüllung durch Kontrast- 
so, wenn Tänzer und Tänzerin Soldat und Magd, Bauer und Bäuerin u. del 
vorstellen. Damit wird die eigene Vornehmheit lustvoll empfunden und 
zugleich symbolisch ein Kulturniveau dargestellt, das einen freieren Aus- 
druck der Sexualität ermöglicht. Das ist der Sinn und der Reiz aller 
„Bauern- , „Lumpen-'' und „Gesindebälle . Oder es werden Kostüme von 
„Anno dazumal benützt und mit diesen Großelternrequisiten der lustvolle 
Kontrast zur eigenen Jugend hergestellt; das Gegenstück dazu ist die Ver- 
kleidung der Paare als Schulkinder, Babys usw., durch welche die eigene 
aktuelle Reife hervorgehoben wird. Wenn die Tänzer mit grotesken Köpfen, 
Glatzen, unförmlichen Nasen, schielenden Augen erscheinen, wird dadurch 
die eigene Schönheit umso stärker empfunden. — Häufigerscheinen die Tänzer 
als Teufel, die Tänzerinnen als Engel. Der Teufel und ähnliche Gestalten 
sind Symbole für das unterdrückte Triebleben, 1 im Traum und in der 
Volkssprache auch direkt phallisches Symbol,* der Engel symbolisiert die 
Jungfräulichkeit. Auch hier ist die Wunschtendenz deutlich: das Ideal der 
Frau ist der erotische Mann, der „Teufelskerl", das des Mannes der „Engel". 

Wir hatten angenommen, daß die sondexbaren Phantasieprodukte, mit 
denen wir uns hier beschäftigt haben, unter ähnlichen psychischen Kon- 
stellationen entstehen wie die Träume, und erwartet, daß ihre Symbolik 
wie ihre psychologischen Mechanismen ähnlich sein würden. Dieser Beweis 
dürfte gelungen sein. 5 Wir konnten ferner in zahlreichen Fällen die 

1) Vgl. Silber er: Jahrbuch, II, S. 512; Freud: Neurosenlehre, II, S. 136. 

2) Vgl. Stekel: Angstz. S. 104; Kleinpaul, III, S. 164. 

3) Es seien gegen den naheliegenden Einwand, daß hier in harmlose Dinge 
sexuelle Symbolik hineingeheimnißt wurde, noch einige Argumente vorgebracht. 
Zunächst sei bemerkt, daß die angeführten Beispiele leicht hätten verdoppelt werden 
können, doch dürfte die Zahl von über 150 genügen, um zu zeigen, daß wir es 
nicht mit einem zufälligen Zusammentreffen von Ähnlichkeiten mit- den anderen 
Reihen von Symbolen zu tun haben. Anderseits sei bemerkt, daß eine ganze Anzahl 
von Figuren keine deutliche Symbolik zeigt. Die Ursache hievon ist, daß sie genetisch 
eben doch nicht auf ein Niveau mit den Träumen und anderen Produkten des 
Unbewußten zu stellen sind, da der bewußte Zweck — geschäftlichen Zwecken 
zu dienen — den weit größeren Anteil an ihrer Entstehung hat, als das Unbewußte. 
Sie sind — sozusagen — exoterisch: doch zeigt die große Anzahl von symbolischen Figuren 
mit ihren schlagenden Identitäten, wie sich das Unbewußte manifestiert, wo ihm 
passendes Material geboten wird. — Während wir bei der Traumanalyse von der 
Deutung des Symbols auf den latenten sexuellen Sinn, bei der Analyse neurotischer 
Erscheinungen vom Symptom auf die sexuelle Wurzel schließen, durch welche Methode 



+5 « Dr. Alfred Robitsek 



Identität mit der Symbolik der Psychopathologie, der Sprache, der Märchen 
und Mythen, sowie der antiken Kulte zeigen. Das gleiche Phänomen auf 
so verschiedenen Gebieten läßt uns das gleiche wirksame Prinzip erwarten. 
Wir finden es in der Sexualverdrängung und in der psychischen Zensur, 
die das Sexuelle nur symbolisch zum Ausdruck kommen läßt.' Gerade diese 

der sinnlose Traum sich als sinnreich, das unverständliche Symptom als verständlich 
erweisen, — wissen wir bei unseren Figuren a priori, daß es sich um eine aus- 
schließlich sexuelle Situation handelt. Schon dieser Umstand gibt der Richtigkeit 
unserer Deutungen hohe Wahrscheinlichkeit: zur Gewißheit wird sie durch die 
Beobachtung, daß verschiedene Forscher auf ganz verschiedenen Gebieten von den 
verschiedensten Voraussetzungen ausgehend wesentlich zu denselben Symbolen gelangen. 

Inman steht auf dem Boden des Glaubens, und seine Forschungen haben den 
Zweck, die Religion von den „heidnischen" sexuellen Symbolen zu reinigen; Har- 
grave Jennings betrachtet die Phallusverehrung als den ältesten Kult und behandelt 
die Symbolik objektiv, aber beide, wie andere Forscher auf diesem und ähnlichen 
Gebieten, kommen zu einer Reihe von Symbolen, die in zahlreichen Fällen mit den 
unseren identisch sind. 

Eine zweite Reihe finden wir als Resultat der Sprachforschung (Kleinpaul) der 
Folkloreforschung ( Anthropophyteia usw.) sowie in den Witzen, Couplets u. dgl. 
Auch hier sind die Übereinstimmungen zahlreich. 

Eine dritte Reihe liefern uns die Traumanalysen, die Neurosenpsychologie, sowie 
die mit dieser zusammenhängende Mythen- und Märchenforschung der Freudschen 
Schule. Wir konnten in dem bisher publizierten, immerhin beschränkten Material 
fast alle unsere Symbole wiederfinden, ja ganz parallele Phantasien (Schiff, Markt, 
Rettung) und ungewöhnliche Details (nackte Zehe, Chapeau claque, verdrückter Hut, 
aufgespannter Schirm, abgerissener Fischkopf). Wir konnten hier aber auch die 
Tdentität der psychologischen Mechanismen zeigen. Auch die Art, wie in zahlreichen 
Figuren die Symbolik verschleiert wird (Rollentausch, Beteilung beider Geschlechter 
mit einem Symbol, Umkehrung), sobald sie (nach unserer Annahme) zu deutlich 
wird, ist für den sexuellen Charakter beweisend. 

Die vierte Reihe von Symbolen ist die in unseren Beispielen gefundene. 

In der Chemie gelten zwei aufeinander und auf eine theoretisch angenommene 
Formel stimmende Analysen als beweisend — hier haben wir vier Resultate, die 
aufeinander und auf die Theorie stimmen. 

1) Das mystische Symbol wie das mystische Zeremoniell sind gleichfalls Ausdruck 
des Prozesses der Triebverdrängung, als dessen Produkte wir die Religionen und 
Kulte ansehen. In Zeiten primitiver Kultur, d. i. unverdröngter Sexualität, wurden 
die Organe, die das Wunder, das Leben schufen, ' in ihrer wirklichen Gestalt verehrt; 
ein Teil der ältesten Kulte war die Phallus- und Ktei'sverehrung. Die fortschreitende 
Kultur, die ja eben in der Triebverdrängung und Sublimierung bestand, setzte an 
Stelle der Zeugungsorgane Symbole, Bilder für diese, poetische Umschreibungen, 
die dem Charakter der Verdrängung, Heiligung entsprachen (z. B. das Feuer, die 
Schlange — das Wasser, den „heiligen Hain"). Vielleicht war einer der bei diesem 
Prozeß wirksamen Faktoren der Ahnenkult, die Pietät gegen die „Erzeuger", ein 
anderer vielleicht das Schamgefühl. Während sich der menschliche Körper von der 
Tierähnlichkeit zur Schönheit entwickelt hat, haben die Genitalien diese Entwicklung 
nicht mitgemacht, sind tierähnlich geblieben. Nie hat sie ein Künstler in ihren 
wirklichen Dimensionen, mit ihrer Behaarung dargestellt. Der Mensch fühlt sich 



- - _. . 



Der Kotillon ,rq 



Unterdrückung bewirkt, daß die Sexualität jedes Material benützt, um sich 
zu manifestieren. ,,/ Cannot help regarding the sexual dement as the key, 
which opens almost every lock of symbolism" , meint In man, 1 und Klein- 
paul sagt: 

„Der Mensch sexualisiert die Welt." 



Diese Arbeit wurde bereits 
1911 geschrieben; es fehlen 
daher Hinweise auf spätere 
psychoanalytische Veröffentli- 
chungen, durch die die einzel- 
nen sexualsymbolischen Deu- 
tungen durch Parallelen aus 
Neurosenlehre und Völker- 
psychologie noch weiter belegt 
werden könnten. 



durch sie in seinen Gottähnlichkeitsträumen gestört. „Nur unser Unterleib hindert 
uns, uns als Halbgötter zu fühlen" (Nietzsche). — Entspricht die Symbolbildung 
der Sexualverdrängung der Neurose, so finden wir auch den der Sexualüber- 
schätzung in den alten Kulten. Phallus und Ktei's erhalten eine übersinnliche, 
metaphysische Bedeutung, sie werden Symbole für ein männliches und weibliches 
kosmisches Prinzip, ihre Vereinigung stellt symbolisch die Weltschöpfung dar 
(Lingjoni). — Führt die Triebverdrängung einerseits zum Symbol, so bildet sie 
anderseits mit dem Stück Affekt, das sie von seinem ursprünglichen Objekt, dem 
Trieb, abgetrennt hat, das Kultzeremoniell aus (vgl. Zwangshandlungen und Religions- 
übungen; Freud: Neurosenlehre, II. Teil). Von dem Prozeß der Verdrängung, 
Unterdrückung bleibt das Gefühl des Verborgenen, des Geheimnisses im Bewußtsein 
zurück; dieses wird auf das Symbol, wie auf das Zeremoniell übertragen. So ent- 
stehen mystisches Symbol, mystischer Sinn von Phallus und Ktei's und mystisches 
Zeremoniell. Der „esoterische" Sinn vieler religiöser Symbole und Zeremonien ist 
ein sexueller. — Das Interesse so vieler Neurotischen an allen Formen der Mystik 
beruht darauf, daß sie in dieser etwas fühlen, das einem ähnlichen Prozeß seine 
Entstehung verdankt, wie ihre eigenen symbolischen Symptome und Zeremonielle. 
1) Inman, 1. c. S. 101. 



KRITIKEN UND REFERATE 



DEUTUNG DER PSYCHOANALYSE AUS DER 
PERSÖNLICHKEIT FREUDS 

Dr. EDGAR MICHAELIS, Nervenarzt in Berlin: Die Menschheitsproble- 
matik der Freudschen Psychoanalyse. Urbild und Maske. Eine grund- 
sätzliche Untersuchung zur neueren Seelenforschung. Verlag Johann Ambrosius 
Barth, Leipzig 1925. 



Die völlige Ablehnung der Psycho- 
analyse, führt der Verfasser aus, sei heute 
wissenschaftlich nicht mehr möglich, in 
diesem Sinne sei der „Kampf um die 
Psychoanalyse" bereits entschieden. Aber 
an Lücken und Widersprüchen leide die 
Psychoanalyse. Im Grunde genommen nur 
eine Triebanalyse, beansprucht sie zu 
Unrecht eine eigentliche Seelenkunde 
schlechthin zu sein. Freud habe in der 
Leonardo-Studie eingeräumt, das spezifi- 
sche Wesen künstlerischer Leistung sei ihm 
psychologisch unzugänglich und habe für 
die Bestimmung der Verdrängungsneigung 
und der Sublimierungsfähigkeit der Bio- 
logie den Platz überlassen, Es sei höchst 
sonderbar, daß gerade die höheren Stre- 
bungen auf die organischen Grundlagen 
des Charakters zurückgeführt werden 
sollen, könnte man doch eher meinen, 
daß vielmehr die primitiven animalischen 
Triebe biologisch — und nicht psycho- 
analytisch — erfaßbar seien. Die Grund- 
lage der Freudschen Neurosenlehre sieht 
Michaelis in der Lehre von den Kon- 



flikten bei Nichtbefriedigung triebhafter 
Wünsche ; alle Problematik des Menschen 
scheint also in der Frage der sexuellen Frei- 
heit und Befriedigung zu wurzeln; rück- 
sichtslose Befriedigung scheint das Zeichen 
des Vollmenschen zu sein. („Das allzu 
häufige Mißverständnis vom ,Immoralis- 
mns', das Nietzsche in ganz anderem 
Sinne prägte, findet hier Nahrung.") Ge- 
wissen sei nachFrexid ein von außen auf- 
erlegter Zwang, die Verkörperung zunächst 
der elterlichen Kritik, in weiterer Folge 
der Kritik der Gesellschaft. Seine Durch- 
brechung zur Erfüllung der Triebbcfriedi- 
gung scheint durch die Psychoanalyse nicht 
nur entschuldigt, sondern geradezu ge- 
fordert. Und dennoch: wenn man tiefer 
in die Arbeiten Freuds eindringt, finde 
man, daß dies nicht seine Absicht ist. 
Vielmehr sollen die Triebe gebändigt, sub- 
limiert werden. „Aber gerade das Wesen 
dieser Sublimierung bleibt ja im Dunkel, 
und überdies hat Freud mehr als einmal 
direkt Einspruch erhoben, daß etwa .Ideale 
dem Patienten aufgedrängt werden-, um 



Kritiken und Referate 



461 



ihn zu ,veredeln'." Der innere Zwiespalt 
in der Freudschen Lehre sei zum Teil 
zeitlich bedingt. Der frühe Freud lehre, 
daß Konflikte entstehen, wenn die Realität 
die Befriedigung triebhafter Wünsche 
versagt, beim späteren Freud ist von der 
ichgerechten und idealen Befriedi- 
gung die Rede. Daß die ichgerechte Be- 
friedigung — führt der Verfasser aus — auch 
für Freud nicht nur theoretische Abstrak- 
tionen sind, sondern daß eine lebendige 
Anschauung dahintersteht, werde ersicht- 
lich, wenn man die „Beiträge zur Psycho- 
logie des Liebeslebens" heranzieht. An der 
Spaltung von Sinnlichkeit und Zärtlichkeit 
kranke die Gesellschaft. „Nicht so sehr 
die Sexualfreiheit als solche, nicht die Be- 
friedigung sinnlicher Wünsche und Trieb- 
neigungen wird versagt, sondern das Liebes- 
leben ist erniedrigt, weil die seelische 
Entfaltung und Erfüllung Schaden leidet." 
Nicht auf Seiten der Sexualität, sondern 
auf der des Ich liege alle Problematik 
des Menschen. Nur wo und weil ein Streben 
nach Höherem, eine Sehnsucht nach „ich- 
gerechter" Befriedigung da ist, könne eine 
Erniedrigung, eine Entweihung empfunden 
werden. „Die seelische Analyse jeder sol- 
chen Entzweiung aber muß notgedrungen 
dies innere Streben sichtbar machen, muß 
gerade die höheren Strebungen erkennen 
lassen, aus denen doch die Spaltung er- 
wächst." Diese höheren Strebungen seien 
für den tieferen Blick in den Darstellungen 
Freuds enthalten, so daß man sich fragen 
müsse, wie es möglich sei, daß trotzdem 
wieder ihre Kenntnis geleugnet werde, daß 
das Ich solange entweder versteckt oder 
entwertet wird, daß Freud immer wieder 
rückkehrend „unfaßbare, nnhemmbare", 
also triebhafte Wünsche als den Kern des 
menschlichen Wesens erkennen will. 

„All dies Widerspruchsvolle der Freud- 
schen Lehre, diese ganze wechselnde Hal- 
tung zu den Problemen des Ich, die offizielle 



Anerkenntnis der tatsächlichen Lücke der 
Forschung und die unbekümmerte Ent- 
wertung ihrer Bedeutung mit allen nega- 
tiven Aussagen über das tiefste Wesen des 
Menschen als animalisch, triebhaft und 
böse, denen das immer wieder durch- 
brechende Wissen um Idealität entgegen- 
steht, ist tiefer begründet . . . Affektive 
Momente stehen dahinter. Nicht weil er 
die Probleme des Ich und des Ideals nicht 
sah, sondern weil er sie aus inneren 
Gründen nicht sehen wollte, weil 
er sie gleichsam ,verdrängen' mußte, hat 
Freud sie aus seiner Lehre verbannt." Das 
Motto der Traumdeutung verrate, daß die 
scheinbar so freie und objektive Haltung 
des „Aufenthaltes in der Unterwelt" nicht 
von Anfang an freiwillig ist: „Weil ich 
die Himmlischen nicht rühren, weil ich 
das Ideal nicht verwirklichen kann, will 
ich die Unterwelt in Bewegung setzen." 
Die Möglichkeit, diesen inneren tragischen 
Konflikt Freuds nachzuweisen, — führt 
der Verfasser aus, — verdankt er den per- 
sönlichen Aufzeichnungen und Bekennt- 
nissen Freuds in der „Traumdeutung" und 
in einzelnen Beispielen der „Psychopatho- 
logie des Alltagslebens". „Es werden seeli- 
sche Strömungen sichtbar, die tiefen Ein- 
blick in das Ringen dieses außergewöhn- 
lichen Mannes geben. In ihnen offenbart 
sich, daß Freud selbst von innerem Streben 
nach dem Ideal erfüllt war, daß aber gerade 
diese innerste Sehnsucht, von früh an ver- 
wundet . . ." usw. Von der Analyse der 
Persönlichkeit ihres Schöpfers erwartet 
Michaelis ein besseres Verständnis der 
psychoanalytischen Lehre selbst. Man dürfe 
nicht ganz allgemein nur die „manifesten" 
Äußerungen der Lehre ins Auge fassen. 
„Indem die affektive Bedingtheit gerade 
all der oft kritisierten Verzerrungen, wegen 
derer die Psychoanalyse mit Recht soviel 
Widerspruch erfuhr, nicht nur nachge- 
wiesen wird, sondern in ihren Motiven 



l62 



Kritiken und Referate 



verständlich wird, werden diese Verzer- 
rungen selbst gleichsam von innen durch- 
leuchtet und des dogmatischen Anspruches 
beraubt." Diese Untersuchung habe noch 
größeren Wert dadurch, daß das Negative 
sich wirklich positiv „umwerten" läßt. 
Freud sei, wie Strindberg es war, ein 
„Hasser aus Liebe". Der Leugner der 
inneren Idealität und des Triebes zur Ver- 
vollkommnung sei beseelt vom inneren 
Ideal, und wenn er „den Haß als die ur- 
sprüngliche Gefühlsbeziehung zwischen 
den Menschen" hinstellt, so stehe dahinter 
die Enttäuschung eines Sehnsüchtigen, am 
Menschen Leidenden. „Man wird gewahr, 
wie ein großer Ringender in die Fesseln 
seiner Entwicklung und seiner Zeit ver- 
strickt wird, die er bekämpft."(Nietzsche 
wird zitiert: „Jeder ist sich selbst der 
Fernste.") 

Die Tatsache einer Maskierung seines 
Innersten verbinde Freud mit anderen 
großen Schaffenden der Epoche. Die 
„Maske" nehmen, um sich zu verbergen, 
das ist der Gegensatz zu der Haltung 
des „Schauspielers", den Nietzsche immer 
wieder als den herrschenden Typus der 
Zeit bekämpft. Der „Schauspieler" in dem 
hier gemeinten Sinne täusche etwas vor 
durch die Maske, besser durch die Larve, 
die er annimmt. Er will mehr scheinen, 
als er ist, eine Rolle spielen, die die Auf- 
merksamkeit auf sich zieht. Der wahrhafte, 
echte Mensch dagegen werde gerade aus 
diesem Gegensatz in einer innerlich frem- 
den Umgebung gezwungen, sich hinter der 
Maske zu verstecken. Er hat nach Nietzsche 
„Verkleidung nötig, um sich vor der Be- 
rührung mit zudringlichen und mitleidigen 
Händen zu schützen". Was Michaelis 
über die „großen Zwiespältigen" (Nietz- 
sche, Strindberg, Flaubert, Wede- 
kind) ausführt, bleibt — auch für den 
Psychoanalytiker- außerordentlich gehall- 
volle lind anregende Lektüre, ohne daß man 



die Parallele mit der Persönlichkeit Freuds 
anerkennen muß. Wie schon erwähnt, wird 
die durch die Entdeckung und Entwick- 
lung der psychoanalytischen Lehrsätze ver- 
hüllte „wahre Persönlichkeit" Freuds, seine 
„ganze Innerlichkeit und Empfindungs- 
tiefe" besonders an Hand von Einzelheiten 
der Traumdeutung zu belegen versucht. 
Zum Beispiel wird jener Fall herange- 
zogen, wo von der Stimmung nach einer 
Vorlesung über Hysterie die Rede ist. 
„. . . Ohne Spur von Vergnügen an meiner 
schweren Arbeit sehnte ich mich weg 
von diesem Wühlen im menschli- 
chen Schmutze, nach meinen Kin- 
dern und dann nach denSchönheiten 
Italiens . . . usw. Während ich meinen 
Kaffee trank und an meinem Kipfel 
würgte . . . usw. . . . Ich kämpfte mit 
dem Ekel, ging früher heim . . . usw." 
Nach Wiedergabe dieser Schilderung fährt 
der Verfasser fort: „Man erinnere sich 
daran, wie Freud in der Analyse der Dora 
unter Hinwegsetzungen über alle tieferen 
seelischen Empfindungen Kritik an dem 
Verhalten des Mädchens übt, weil sie bei 
der überrumpelnden sinnlichen Umarmung 
durch den älteren, wenn auch befreun- 
deten, ja verehrten Mann statt einer deut- 
lichen Empfindung der Erregtheit' ,einen 
heftigen Ekel empfand, infolgedessen sie 
sich losriß und flüchtete', ein Benehmen, 
das Freud hier als ,ganz und voll hyste- 
risch' bezeichnet." Freud: „Anstatt der 
Genitalsensation, die bei einem gesunden 
Mädchen unter solchen Umständen ge- 
wiß nicht gefehlt hätte, stellt sich bei ihr 
die Unlustempfindung ein, welche dem 
Schleimhauttrakt des Eingangs in den Ver- 
dauungskanal zugehört, — der Ekel." 
Michaelis: „Jetzt zeigt sich, wie hinter 
dieser sarkastisch-kritischen Haltung eine 
tiefere Menschlichkeit verborgen liegt. Der 
scheinbar unerbittliche Zergliederer und 
Menschenbeobachter wird selbst heim- 



Kritiken und Referate 



4 Ö 5 



gesucht von dieser Unlustempfindung, die 
dem Schleimhauttrakt des Verdauungs- 
kanals zugehört, er kämpft selbst mit dem 
Ekel." Hier enthülle sich das wahrhaft 
Schöpferische dieses Schöpfers: „Sehn- 
sucht nach Befreiung und Entfal- 
tung, nach Freude und Schönheit 
wohnt auf dem Grunde seines Wesens, 
ist der verborgene Quell seines Wesens, 
die wahre Mitte seines Forschens." 

Auch das aus der Traumdeutung wohl 
erinnerliche Beispiel von der Phantasie 
über Hannibals Schwur wird herangezogen. 
(„Eine unbeugsame Natur kündet sich an, 
,die niemandem Untertan', den Kampf 
aufnehmen wird gegen alle äußere Unter- 
drückung.") Aber mit der kämpferischen 
Haltung seien auch Gefühlswärme und Ge- 
fühlsintensität gepaart. Für wahres Emp- 
finden zeuge es, wenn Freud berichtet, 
wie er als Gymnasiast, als einer seiner 
Altersgenossen semen Vater verlor, diesem 
tief erschüttert seine Freundschaft antrug. 
„Und obwohl er hier eine schmerzliche 
Enttäuschung erlebte, bleibt die innere 
Impulsivität des Gefühls dennoch er- 
halten." (Dem Detail von jenem zynischen 
Altergenossen, der Erzählung von der Stuhl- 
entleerung der Leiche stellt Michaelis 
das Detail vom Verwesungsgeruch nach 
dem Tode des heiligen Einsiedlermönches 
in Dostojewskis „Brüder Karamasoff - ' 
gegenüber.) 

So reiht nun Michaelis mehrere 
Beispiele aneinander, die alle hinter der 
scheinbarenGefühlskälte des Forschers eine 
außerordentliche seelische Empfindlich- 
keit und Erregbarkeit des Gefühls zeigen 
sollen. Und wenn Freud später davor 
warnt, als Analytiker etwa „aus der Fülle 
seines hilfsbereiten Herzens dem Kranken 
alles zu spenden, was ein Mensch vom 
anderen erhoffen kann", so spreche sich 
in dieser Warnung die gleiche Notwen- 
digkeit einer Beherrschung des eigenen 



Fühlens aus, wie in Nietzsches Ablehnung 
der von Schopenhauer verkündeten (bei 
diesem dennoch mehr theoretischen) Lehre 
vom Mitleid. Michaelis faßt nun das 
Charakterbild Freuds zusammen: Ein 
hohes Streben, ein urtümlicher starker 
Drang nach ideeller Entfaltung, ursprüng- 
liche Wärme und Impulsivität des Ge- 
fühls, des Herzens, paaren sich mit tiefer 
Empfänglichkeit für die hohen und niede- 
ren Eindrücke des Lebens. Eine solche 
Veranlagung muß überall, wo heimliche 
Schäden liegen, Anstoß nehmen. Sie ist 
den Widersprüchen des Lebens tiefer aus- 
gesetzt als der robuste Durchschnitts- 
mensch. Der Zwiespalt zwischen einer 
innerlich ersehnten und geahnten Mensch- 
lichkeit und den Einschränkungen der Welt 
wird für diese Naturen tiefstes Erlebnis, 
innerstes Erleiden." Die Aufdeckung der 
inneren Nöte, die aus solchem Erleben 
erwachse, die Aufzeigung der Zerrissen- 
heit hinter der scheinbar glatten Ober- 
fläche gesellschaftlichen Lebens sei das 
unvergängliche Verdienst Freuds, der da- 
mit bis dahin nur den Dichtern zugäng- 
liche Abgründe menschlichen Seins ent- 
hüllt habe. Aber jener, unsere ganze Epoche 
kennzeichnende Zwiespalt gehe auch durch 
die Psychoanalyse selbst. Wie Nietzsche, 
der selbst die reaktiven Verbildungen, die 
Erscheinungen des Ressentiments, dessen 
grundlegende Bedeutung für die Psycho- 
logie der menschlichen Gesellschaft auf- 
gezeigt hatte, selbst trotz aller Größe und 
Hoheit dieser Verbildung unterlag, so trage 
dieEnthüllerin der Entzweiung, die Psycho- 
analyse, den Stempel der Entzweiung ihres 
Schöpfers und verbinde darum Wesent- 
liches mit Verzerrtem. 

Michaelis betont bereits in seiner 
Einleitung, daß mit seinem Versuch, 
Freuds Persönlichkeit herauszuschälen, 
nur eine Vertiefung, nie eine Herab- 
setzung dieser Persönlichkeit verbunden 



4 6 4 



Kritiken und Referate 



sei. „Ein ringender Mensch wird sichtbar, 
dessen Konflikte und Nöte nicht nur pri- 
vater, sondern überpersönlicher Natur sind. 
. . . Man versteht, daß Freud nicht zufällig 
diesen Vers aus Konrad Ferdinand Meyers 
.Huttens letzte Tage' zitiert hat: ,Fürwahr, 
ich bin kein ausgeklügelt Buch, — ich bin 
ein Mensch mit seinem Widerspruch'." 

Wenn es Freuds Absicht war, — führt 
der Verfasser abschließend aus, — die Ge- 
müter in Aufruhr zu bringen, so ist ihm 
dies aufs vollste gelungen. WieNietzsche 
könnte er heute sagen: „IchbinDynami t." 
Den ungeheueren Verdiensten der Psycho- 
analyse stehe nur ein — aus persönlicher 
Situation und Entwicklung bedingtes — 
verwirrendes Moment gegenüber: aus der 
Erschütterung und Verdrängung, die die 
innere Idealität bei Freud erleide, ent- 
springe alle perspektivische Entstellung 
der Resultate der Lehre, „Skepsis, fatali- 
stischer Determinismus, Relativierung der 
Werte und zuletzt pessimistische Ver- 
neinung des Lebens, dessen .eigentliches 
Resultat und insofern Zweck der Tod ist' 
'Jenseits des Lustprinzips'), das sind die 
weltanschaulichen Spiegelungen der seeli- 
schen Zerrissenheit, während Ironisierung, 
.Hohn und Spott 1 , nur Versuche der Be- 
täubung und der Entspannung von dieser 
tragischen Grundstellung darstellen." Die 
Psychoanalyse habe neben ihren großen 
Verdiensten den Nachteil, daß sie den 
Weg der Stärkung und Bildung der „ur- 
sprünglichen, spontanen, strebenden Ich- 
kräfte als Ausdruck des Eigentümlichen 
am Ich, des eigentlichen Selbst, das in 
ihnen seine Erfüllung findet", systematisch 



verschließt. Diesen Weg frei zu machen, 
besonders durch den Nachweis dieser spon- 
tanen urtümlichen Kräfte auf dem Grunde 
der Seele Freuds, des Schöpfers der 
Psychoanalyse selbst, das sei — nach den 
eigenen Worten — die Hauptaufgabe des 
Michaelis sehen Buches gewesen. Selbst- 
bestimmung (Kant: „Bestimme dich aus 
dir selbst") nach dem eingeborenen 
inneren Gesetz, das sei das anzustrebende 
Ziel, das auch die Psychoanalyse nicht 
länger verbergen könne. 

Wie so oft in letzter Zeit, liegt hier 
wieder eine gegnerische Arbeit vor, die 
von Methode und Ergebnissen der Psycho- 
analyse, von ihrer Dynamik und ihrem 
Interesse für die Tiefendimensioii immer- 
hin so viel profitiert hat, daß sie gerade 
für den Psychoanalytiker, der die Be- 
rührungspunkte von Annäherung und 
Widerstand vorzugsweise ins Auge fassen 
muß, instruktive Lektüre darstellt. Im vor- 
liegenden Falle bürgt zudem ein gewisser 
Charme der Darstellung für Kurzweil in 
höherem Sinne: mit lebhafter innerer 
Anteilnahme Geschriebenes ist hier mit 
durchaus anhaltendem Interesse lesbar. 
Diesem Versuch, die Psychoanalyse unter 
Anklage zu stellen und sie gleichsam 
durch die Analyse ihrer selbst zu salvie- 
ren, allerdings in der Voraussetzung der 
Hoffnung auf „Besserung", muß hier wohl 
nicht mit kritischen Auseinandersetzungen 
begegnet werden. Vielmehr wollten wir 
ihm dadurch weitgehend gerecht werden, 
daß wir von seinem Gedankengange mög- 
lichst viel und genau im Auszug wieder- 
gegeben haben. A. J. Storfer. 



PSYCHOANALYSE IM STRAF PROZESS 

anziehung psychoanalytischer Sach- 
verständiger zur Klärung der Motive 
dieser monströsen Verbrechen laut werden 
lassen. In diesem Zusammenhang ist ge- 
legentlich auch die prinzipielle Frage auf- 



Eine Reihe größerer Mordprozesse in 
Deutschland (insbesondere die gegen die 
Massenmörder Haarmann, Angerstein 
und Denke) hat in der deutschen Tages- 
presse wiederholt die Forderung nach Her- 



Kritiken und Referate 



465 



geworfen worden, inwiefern der Psycho- 
analyse überhaupt eine kriminalpolitische 
Bedeutung beigemessen werden könne. 
Über drei Einsendungen im „Berliner 
Börsen-Courier" z. B. sei hier auf Grund 
ihrer Wiedergabe im „Archiv für Krimino- 
logie" (1925, Bd. 77, H. 4) kurz berichtet. 
Dr. med. et phil. Hans Lungwitz 
(Berlin) weist eingangs darauf hin, daß 
mehrere Kriminalfälle der jüngsten Zeit in- 
sofern ganz besonders auffielen, als für die 
Straftaten hinreichende Motive nicht ge- 
funden werden konnten. Im Falle Najork 
führt eine Generalstochter mit ihrem Bruder 
und ihrem einer angesehenen Kaufmanns- 
familie entstammenden Manne, alle wohl- 
habend, einen Raubmord an einem Kunst- 
händler aus. Mit Recht sagte das Urteil: 
„Es liegt kein Motiv für die Handlung 
vor." Das eigentliche Motiv, führt Dr. Lung- 
witz aus, liegt außerhalb der juristischen 
Sphäre. „Es ist den Tätern selbst ver- 
borgen, sie könnten beim besten Willen 
weder sich noch anderen aus ihrem Be- 
wußtsein heraus Auskunft geben, wie sie 
zu dieser rohen, abgründig gemeinen und 
noch dazu sinnlosen Handlung kommen 
konnten, die in einem kaum faßbaren 
Gegensatz steht zu der in ihrem sonstigen 
bürgerlichen Leben getätigten Gesinnung. 
Nur der Psychoanalyse ist das 
letzte Motiv zugänglich. Einige 
Details aus den Kinderjahren, wie z. B. das 
Verhältnis zwischen Bruder und Schwester, 
geben gewisse Hinweise, und die psycho- 
analytische Durchleuchtung des Seelen- 
lebens würde nach den vorliegenden Er- 
fahrungen den Nachweis erbringen, daß 
Plan und Ausführung des Verbrechens 
eine Auswirkung unbewußter infantiler 
Komplexe sind, deren Triebspannung 
eine andere Entladung nicht finden konnte." 
Ebenso könne nur die Psychoanalyse das 
letzte Motiv ermitteln im Falle Dick- 
mann. (Lydia Dickmann, Gattin eines 



holländischen Großkaufmannes, immens 
reich, insbesondere auch an Schmuck, 
stiehlt systematisch Brillanten. Frau Dick- 
mann erklärt im Prozeß, sie empfinde ein 
Vergnügen, wenn sie sähe, wenn die be- 
stohlenen — ihr nahestehenden — Frauen 

sich den Kopfzerbrechen; auf ihren eigenen 
Schmuck legt sie keinen besonderen Wert.) 
Unmotiviert erscheint auch der Raub- 
mord von Vaduz. (Die Tat wurde ver- 
übt von dem Sohn eines sehr reichen Mannes 
in hoher Beamtenstellung.) ,.Schon die 
wenigen Daten aus der Lebensgeschichte, 
die in der Verhandlung vorkamen, lassen 
die Einstellung des Sohnes zum Vater in 
einem besonderen Lichte erscheinen und 
rechtfertigen die Annahme, daß hier des 
Rätsels Lösung liegt . . . Nicht der Über- 
fallene Schlächter ist das gemeinte Objekt, 
sondern Ersatzziel, und nicht der Geld- 
wert der Beute konnte zum Verbrechen 
reizen, sondern die Tat war eine — ver- 
hüllte — Abrechnung zwischen Sohn 
und Vater um den einzigen Besitz, der 
seit Urbeginn den Männerkampf entfacht." 
Die psychoanalytische Bloßlegung der 
letzten, unbewußten Motive des Ver- 
brechers, setzt L. auseinander, könne 
nicht Straffreiheit mit sich bringen. „Wohl 
aber — und dies ist einer der unschätz- 
baren Werte, die dieser Methode inne- 
wohnen — ist es möglich, Verbrechen 
zu verhüten. Die Erkenntnis der Motive, 
aus denen ein Verbrechen entspringen 
kann, läßt diese Verbrechen nicht ge- 
schehen. Ein psychoanalysierter Mensch 
hat mit seiner Umwelt und ihrer Ord- 
nung Frieden geschlossen und trägt als 
Mitglied der Gemeinschaft das allgemeine 
Schicksal. Die Psychoanalyse lehrt die Auf- 
lehnung gegen die gegebene Situation — 
und jedes Verbrechen bedeutet eine solche 
Auflehnung — als infantile Einstellung er- 
kennen, die ihre Gültigkeit durch über- 
mäßige Triebbesetzung zu erweisen trach- 



4 66 



Kritiken und Referate 



tet." Der kriminalpolitische Wert der 
Psychoanalyse bestehe in der Vorbeu- 
gung von Verbrechen durch die Bewußt- 
machung verdrängter infantiler Trieb- 
strömungen. 

Johannes Nohl geht von Freuds 
„Traumdeutung" aus, der man die Kenntnis 
verdrängter krimineller Wunschregungen 
in der menschlichen Seele verdanke. „Die 
Anerkennung der latenten Kriminalität, 
die sich nicht nur im Traum, sondern auch 
in zahlreichen Symptomhandlungen und 
Fehlleistungen des Wachlebens verrät, ist 
die Voraussetzung jeder praktischen wert- 
vollen Kriminalpsychologie." Das Ver- 
ständnis für den Verbrecher hat die Kinder- 
psychologie zur Voraussetzung. Das Kind 
ist nicht nur polymorph-pervers, sondern 
auch universell-kriminell. Die Voraus- 
setzung zum Verbrechen sei gegeben, wo 
die Verdrängung aggressiver Instinkte 
infolge mangelhafter Erziehung, schäd- 
licher Milieuwirkungen oder krimino- 
gener Sexualerlebnisse mißlang, oder wo 
eine frühzeitig vorgefallene Hyperverdrän- 
gung die Spaltung der Persönlichkeit be- 
wirkte und den aggressiven und sexuellen 
Triebkräften den Weg zur Sublimierung 
versperrte. Das Verbrechen der Jugend- 
lichen bedeute eine Entwicklungshem- 
mung, das Verbrechen der Erwachsenen 
stelle sich als eine durch Versagen der Hem- 
mungsmechanismen ermöglichte Rück- 
kehr ins Infantile dar. Man dürfe als das 
therapeutische Ziel der Psychoanalyse die 
Aufhebung aller schädlichen Verdrän- 
gungen und die Sublimierung der von der 
Verdrängung befreiten Triebkräfte be- 
zeichnen. „Es wäre eine Unterlassungs- 
sünde, wenn wir die erprobten Segnungen 
dieser neuen Heilmethode länger den in 
Zuchthaus und in Gefängnissen Ver- 
derbenden vorenthalten wollten." „Man 
mache den Anfang und beginne mit der 
dankbarsten Aufgabe, mit der psychoana- 



lytischen Behandlung der jugendlichen 
Verbrecher." Die Psychoanalyse — wird 
abschließend ausgeführt — wird sich nicht 
anheischig machen, das Verbrechen über- 
haupt aus der Welt zu schaffen, kann sie 
doch die pathogene Einstellung der Ge- 
sellschaft auf das Individuum nicht aus- 
schalten. „Durch die psychoanalytische 
Behandlung des rechtbrechenden Men- 
schen würde aber der auf Selbstunkimde 
beruhende Vorhaß gegen die Verunglückten 
schwinden und der wiedergewonnene 
Glaube an die ewige Erneuerungsfähig- 
keit der menschlichen Seele würde zur 
Folge haben, daß der zynische und dauernd 
gegen die Menschheit verbitterte Verbre- 
cher nicht mehr möglich wäre." 

In einem späteren Beitrag ergreift 
Dr. Lungwitz nochmals das Wort zur 
Frage, ob die Anwendung der Psycho- 
analyse im Bereiche der Kriminalistik über- 
haupt technisch möglich ist, und meint, 
die Psychoanalyse in der von Freud streng 
vorgeschriebenen Form eigne sich — vor 
allem wegen ihrer Dauer — nicht für 
soziale Zwecke. L. führt schließlich aus, 
daß die von ihm geschaffene neue Disziplin, 
die „Psychobiologie" unter anderem auch 
die Möglichkeit biete, die Psychoanalyse 
für allgemeine Zwecke verfügbar zu 
machen. „Die Auffindung der Tatsachen, 
daß die menschlichen Lebensformen schon 
in der embryonalen Entwicklung bestimmt 
werden, daß die Eindrücke der Geburt, 
so mächtig sie sein mögen, und der fol- 
genden Jahre nur Fortsetzungen, nicht 
Neuerungen, nur Formwandlungen, nicht 
Inhaltsänderungen sind, gestattet eine 
wesentliche Abkürzung der Analyse." 
* 
Anläßlich eines Breslauer Doppel- 
mordes (Ermordung des Universitäts- 
professors Dr. Rosen und seines Haus- 
meisters) veröffentlicht Prof. Dr. Richard 
Herb er tz (Bern) in einer Hamburger 



Kritiken und Referate 



467 



Tageszeitung ein Feuilleton unter dem 
Titel: „Tabu-Durchbruch". Man könne 
beim Menschen neben seinem individuellen 
Gedächtnis in sinnvoller Weise auch von 
einem Gattungsgedächtnis sprechen, 
in dem gleichsam stammesgeschichtliche 
Erinnerungen aufgespart sind, die bis in 
die frühesten Zustände des Menschen- 
geschlechtes bis zum sogenannten Primi- 
tiven zurückreichen. Wenn eine Tat — 
dem Einzelnen unbewußt — in solchem 
stammesgeschichtlichen Gattungserinne- 



rungsmotiv verwurzelt ist, so ist sie eben 
eine besondere Form der von der Psycho- 
analyse entdeckten und beschriebenen R e- 
gression. „Ich bin überzeugt, daß manche 
Verbrechen — namentlich diejenigen, die 

dem reinen B ewußtseinspsychologen, eben- 
so wie dem Laien als ,sinnlos' erscheinen 

als Regressionen auf den primitiven 
Tabudurchbruch zu deuten sind." So 
ein Durchbruch der Tabuschranke scheine 
auch bei der Breslauer Mörderin vorzu- 
liegen. A. J. Storfer. 



THEODOR REIK: Geständniszwang und Strafbedürfnis. Probleme der 
Psychoanalyse und der Kriminologie. (Internationale Psychoanalytische Bibliothek, 
Bd. XVIII.) Internationaler Psychoanalytischer Verlag. Leipzig, Wien, Zürich 1925. 



Das vorliegende Buch des bekannten 
Autors bedeutet einen wichtigen Punkt in 
der Entwicklung der analytischen Ich- 
psychologie. Man wird sich eingehend 
damit beschäftigen müssen. Die Dar- 
stellungskunst und der Stil des Autors 
verdienen es, gleich eingangs besonders 
hervorgehoben zu werden. Sie gestalten 
die Lektüre des schwierigen Themas in 
hohem Grade anregend und interessant. 
In Anlehnnng an die Ausführungen 
Freuds über die Bedeutung des Über- 
Ichs und des Strafbedürfnisses (unbewußten 
Schuldgefühls) ist es R ei k gelungen, einer 
bisher nicht gewürdigten imbewußten 
Tendenz auf die Spur zu kommen, die er 
„Geständniszwang" heißt und der er all- 
gemeine Bedeutung im menschlichen 
Seelenleben zuschreibt. Die ersten vier 
Kapitel des Buches entwickeln die Theorie 
des Geständniszwanges, seine Beziehungen 
zum Straf bedürfnis und zu den psychischen 
Systemen, seine Dynamik und therapeu- 
tische Bedeutung. Zwei weitere Kapitel 
sind dem „Geständniszwang in der Krimi- 
nologie" und „der psychoanalytischen 



Strafrechtstheorie", ein Kapitel der „Rolle 
des Geständniszwanges in Religion, My- 
thos, Kunst und Sprache" gewidmet. Drei 
weitere, lose angefügte Abschnitte bringen 
Beiträge „zur Entstehung des Gewissens", 
„zur Kinderpsychologie und Pädagogik" 
und „zum sozialen Geständniszwang". 
Schon aus dieser Übersicht geht hervor, 
daß die wichtigsten Gebiete menschlichen 
Geistes mit dem Maßstab des Geständnis- 
zwanges und des Strafbedürfnisses ge- 
messen werden. 

Eingangs verspricht der Autor „in der 
Hypothese des unbewußten Geständnis- 
zwanges und ihrer psychologischen Folge- 
rungen eine neue Auffassimg des Tat- 
sachenmaterials" und die „Zusammen- 
stellung des alten Stoffs unter neuen Ge- 
sichtspunkten" ; „es werden die Ihnen be- 
kannten Tatsachen sein, von einer anderen 
Seite gesehen". An Hand von einigen Bei- 
spielen (Fehlhandlungen, Versprechen) 
wird nachgewiesen, daß es einen unbe- 
wußten, von Schuldgefühl diktierten 
Drang gibt, Böses einzugestehen. Dieser 
Geständniszwang weist drei Eigentümlich- 



Imago XI. 



31 



4 68 



Kritiken und Referate 



keiten auf: i) Der Patient teilt etwas mit 
und weiß nicht, was er damit sagt; 2) Ge- 
rade das, was er gesagt hat, wollte er 
nicht sagen: jj Er sagt es einer Person, 
für die es nicht bestimmt ist. Das, was 
gestanden wird, ist gewöhnlich eine ver- 
pönte Triebregung. Und nun kommt der 
Autor zum plausiblen Schluß, „daß der 
allgemeine Äußerungsdrang des unbe- 
wußten Materials manchmal den Cha- 
rakter eines Geständnisses annimmt." 
(S. 18.) Wie bekommt er aber diesen 
Charakter? Eine klare Ableitung belehrt 
uns nun darüber, daß das „unbewußte 
Geständnis eine infolge Triebunter- 
driickung modifizierte Triebäußerung" ist. 
Die großen Triebbedürfnisse, deren Aus- 
druck ursprünglich der Abfuhr und Mit- 
teilung diente, können sich unter dem 
Drucke gegensätzlicher abwehrender Re- 
gungen nur mehr als Geständnisse mani- 
festieren. Die Unterdrückung ist die 
Voraussetzung für die Umwandlung einer 
Triebäußerung in ein Geständnis; dieses 
stellt somit ein Kompromiß dar zwischen 
Trieb und Verbot, genau so wie das neu- 
rotische Symptom. Hier wird zum ersten 
Male der Regriff des Geständnisses ge- 
dehnt. Indem sich nämlich das Symptom 
ebenfalls aus Trieb und abwehrender 
Regung konstituiert und eine unter Zensur 
stehende Triebäußerung ist, muß es — 
meint Reik — ein „Geständnis" ge- 
nannt werden. Ein Geständnis kann man, 
wie der Autor selbst ausführt, nur „eine 
Aussage über eine Triebregung nennen, 
die als verboten gefühlt oder erkannt 
wird". Der Autor bleibt uns den Nach- 
weis dieses Tatbestandes für jedesSymptom 
schuldig. Daß es ebenso wie ein Geständnis 
zustande kommt, beweist noch nicht, daß 
es demselben Zwecke dient. 

Die Energie des Geständniszwanges 
leitet sich aus drei Quellen ab: aus dem 
Drang der verpönten Triebregung selbst, 



aus der zwanghaften Abwehr gegen die 
Triebregung und aus der Intensivierung 
der Triebregung durch die Verdrängung. 
Da sich solchermaßen die Triebäußerung 
unter dem Drucke innerer und äußerer 
Faktoren zum Geständnis gewandelt hat, 
hat dieses auch Sinn und Funktion der 
Triebäußerung zum Teil übernommen. 
Das Geständnis entspricht somit einer 
„abgeschwächten Wiederholung der Tat". 
Dennoch ist es dynamisch verschieden 
vom Agieren. Reik tritt dafür ein, daß in 
der Therapie das Geständnis und die Er- 
innerung das Agieren ersetze. „Die aktive 
Technik . . . würde in ihren Übertreibungen 
die Rückverwandlung des Geständnis- 
zwanges in den elementaren Außerungs- 
drang begünstigen und in der Wieder- 
holung zu neuen Konflikten zwischen 
Triebandrang und Straf bedürfnis führen." 
Die therapeutische Wirksamkeit des ana- 
lytischen Geständnisses hat mehrere 
Gründe: 1) Das Geständnis wirkt befreiend 
durch partielle Befriedigung des Triebes, ist 
es doch eine Wiederholung der Tat. Doch 
scheint uns Reik die Wirksamkeit dieser 
„außerordentlich eingeschränkten, auf das 
Phantasieleben begrenzten, auf kleinste 
Quanten dosierten Triebbefriedigung" 
ein wenig zu überschätzen und die An- 
sprüche auf reale Befriedigung nicht ge- 
nügend zu würdigen. 2) Jede aus der Ver- 
drängung kommende Triebäußerung ist 
für das Ich unlustvoll; im Gewände des 
Geständnisses bringt sie Lust; die Angst 
wird überwunden und in masochistische 
Lust verwandelt; das Strafbedürfnis wird 
befriedigt. Der Ausdruck „masochistische 
Lust" scheint uns hier nicht am Platze. 
Er sollte doch für die Befriedigung des 
erogenen Masochismus reserviert bleiben. 
Dem Kliniker steigt hier ein weiteres Be- 
denken auf: Es ist zwar richtig, daß mit 
fortschreitender Analyse Angst, genauer 
Kastrationsangst, überwunden wird. Wenn 



Kritiken und Referate 



469 



aber, wie Reik annimmt, durch das Ge- 
ständnis immer das Strafbedürfiiis befrie- 
digt würde, müßte sich der moralische 
Masochismus immer mehr steigern, was 
unseren Absichten widerspräche. Die Er- 
fahrung widerspricht der Reik sehen An- 
nahme und läßt eher vermuten, daß die 
analytischen Geständnisse vor allem durch 
die Entlastung vom Verdrängungsaufwand 
heilend wirken. Das wird zwar vom Autor 
nicht übersehen, aber hinter die Befriedi- 
gung des Strafbedürfnisses zurückgestellt. 
Sehr richtig bemerkt Reik, daß sich die 
Geständnisangst zur Strafangst so ver- 
halte wie die Vorlust zur Endlust („Vor- 
angst" — „Endangst") und daß in der 
Analyse die Strafangst in Geständnisangst 
verwandelt werde. Das Strafbedürfnis sei 
ein Trieb, der Spannung erzeuge, die ver- 
schoben werden müsse. 3) Das Geständnis 
dient ferner der Tendenz, Verzeihimg 
zu erlangen, um wieder geliebt zu werden. 
Wir erfahren dann über das Geständ- 
nis weiter, daß es wie die Verdrängung 
ein Mittelding zwischen Flucht und Ver- 
urteilung darstellt, der letzteren aber 
näher steht und sich dadurch von der 
Verdrängung unterscheidet. Das Geständ- 
nis ist „der direkte Gegenvorgang der 
Verdrängung", indem es unbewußte Re- 
gungen wieder vorbewußt machen will. 
Die Bedeutung der Verwandlung einer 
Triebäußerung in ein Geständnis für den 
psychischen Haushalt liegt darin, daß an 
Stelle der ursprünglichen Unlust des Ich 
die lustvolle Befriedigung seines Straf- 
bedürfnisses tritt. Das Ausmaß dieser Ver- 
wandlung hängt von der Toleranz des 
Über-Ichs ab. Das Geständnis — so nennt 
Reik auch die „endopsychische Wahr- 
nehmung von Triebansprüchen von Seiten 
des Über-Ichs" — hat die wichtige Auf- 
gabe, die Einheit der Persönlichkeit zu 
erhalten, kommt es doch durch ein Kom- 
promiß zwischen Ich und Es im Auf- 



trage des Über-Ichs zustande (S. 51). Ist 
das Über-Ich überstreng, so bleibt die 
Nachricht des Es an das Ich das Ge- 
ständnis — aus, „das Über-Ich schweigt", 
die Vorgänge im Es bleiben dem Ich 
völlig unbekannt. Die Triebäußerung darf 
nicht einmal als Triebgeständnis vor dein 
Ich erscheinen. Diese Formulierung trifft 
wohl am besten gewisse Fälle depressiv- 
gehemmter Zwangscharaktere. Während 
mm dort, wo der Konflikt sich vorwiegend 
zwischen Ich und Es abspielt, das Ge- 
ständnis eine Erleichterung, eine Ver- 
söhnung bedeutet, wird es bei den nar- 
zißtischen Psychoneurosen im Kampfe 
zwischen Ich und Über-Ich als Anklage 
verwendet (Melancholie). 

Reik legt besonderes Gewicht auf 
die Feststellung, daß das Strafbedürfnis 
einen Triebanspruch beträchtlich verstär- 
ken könne. Davon dürften aber trieb- 
gehemmte Depressive eine Ausnahme 
machen. Man hätte gerne erfahren, warum 
in dem einen Falle ein strenges Über-Ich 
zur Verstärkung der Triebmanifestation, 
in dem anderen zu totaler Triebhemmung 
führt. Fraglich scheint aber, was Reik 
über die Beziehungen zwischen Trieb- 
befriedigung und Strafbedürfnis sagt (S.92): 
„Dort, wo das Symptom den verdrängten 
Triebregungen das größte Ausmaß von 
Befriedigung gewährt, wird auch dem 
Strafbedürfnis am stärksten Genüge ge- 
leistet." Das trifft doch nur für die Be- 
friedigung des Masochismus zu. Sonst 
bilden Selbstbestrafung und Triebbefrie- 
digung eher eine Ergänzungsreihe. Denken 
wir bloß an die Symptome larvierter Ona- 
nie, wo von einer Selbstbestrafung kaum 
etwas nachzuweisen ist. 

Einige wichtige therapeutische 
Hinweise seien hier hervorgehoben. Reik 
macht uns auf eine wichtige Wurzel des 
hartnäckigen Schweigens aufmerksam : Ein 
tiefes unbewußtes Schuldgefühl hemmt 

3'* 



47° 



Kritiken und Referate 



das Geständnis. Besondere Beachtung ver- 
dient die Ansicht Reiks, daß an den 
Schwierigkeiten, die sich der Lösung der 
Übertragung entgegenstellen, nicht nur 
die positive Bindung, sondern auch das 
Schuldgefühl beteiligt sein kann, das über- 
tragene Haßstrebungen in masochisti- 
sche Liebe verwandelt. Reik ist ferner 
der Ansicht, daß Termine nur im Ein- 
verständnis mit dem Patienten gesetzt 
werden sollten. Jede Art der aktiven The- 
rapie wird mit der Begründung abgelehnt, 
daß das Verbot zur Tat reize und neue 
Schuldgefühle setze. 

Man darf gegen die Reikschen Aus- 
führungen einwenden, daß sie, im Kern 
richtig und bedeutsam, soweit sie verall- 
gemeinern, auf zwei falschen Voraus- 
setzungen ruhn : i) auf der Annahme, daß 
jede unter Verdrängungsdruck stehende 
Triebäußerung ein Geständnis genannt 
werden dürfe, und 2) auf der konsequenten 
Gleichsetzung von Strafangst und 
Strafbedürfnis. 

Ad j). Zum Begriff des Geständnisses 
gehört zweifellos, daß wenigstens ein 
Stück der Persönlichkeit einer anderen 
etwas eingestehen wolle. Reik zitiert den 
Satz Freuds, der Selbstvcrrat dringe 
den Menschen aus allen Poren. Aber 
Selbstverrat ist noch nicht einmal un- 
bewußtes Geständnis. Es muß doch 
unterschieden werden, ob sich objektiv 
dem geschulten Beobachter etwas verrät 
oder ob subjektiv der Drang besteht, 
etwas zu gestehen. Was und wem gesteht 
der an ejaculatio praecox Erkrankte? Wem 
gesteht die Frau mit Einbrecherangst, daß 
sie vergewaltigt werden will, wenn sie 
allein ist? Hier wird der Autor meinen, 
es sei „ein Geständnis des Es an das Ich 
durch Vermittlung des Über-Ichs". Man 
sollte aber mit der Personifikation der 
seelischen Instanzen vorsichtiger umgehen 
und ihre gegenseitigen Beziehungen nicht 



ohne weiteres mit den Relationen des 
Individuums zur Außenwelt gleichsetzen. 

Die Begriffsüberdehnung führt schließ- 
lich zur völligen Gleichsetzung von Trieb- 
äußernng und Geständnis. Nur so konnte 
der Autor zu dem Schlüsse kommen, daß 
der Geständniszwang als „eine der stärk- 
sten Kräfte, welche die Wiederkehr des 
Verdrängten bedingen, angesehen werden 
darf". Die Symptombildung wird schließ- 
lich auf den Antagonismus zwischen Ver- 
drängung und Geständniszwang reduziert: 
„Wir können sie mit Bootsleuten ver- 
gleichen, die dasselbe psychische Material 
von einem Ufer zum anderen bringen. 
Während aber der eine Fährmann, die 
Verdrängung, die Überfahrt vom Vor- 
bewußten zum Unbewußten besorgt, bringt 
der andere, der Geständniszwang, die- 
selbe Fracht vom Unbewußten zum Vor- 
bewußten zurück . . . Die Verdrängung 
geht vom Ich aus und das Geständnis 
kehrt zum Ich zurück." 

Eine der gesichertsten Urthesen Freuds 
besagt, daß der verdrängte Trieb andauernd 
gegen die verdrängenden Kräfte ankämpfe, 
bis es ihm gelinge, sich in irgendeiner 
verstellten Form durchzusetzen (Symptom) 
und zu einer — wenn auch qualitativ 
und quantitativ inadäquaten — Befriedi- 
gung zu gelangen. Am hysterischen Er- 
brechen kommt die abwehrende Tendenz 
des Ichs besonders deutlich zum Ausdruck. 
Was hat hier die Wiederkehr des Ver- 
drängten bedingt? Doch zweifellos das 
Weiterwirken des verdrängten oralero- 
tischen Triebanspruchs. An dieser Situa- 
tion ist kaum noch etwas Problematisches 
zu finden. Eine neue Erklärungshypo- 
these ist überflüssig, wenn sie bereits Er- 
klärtes nur noch komplizierter angreift. 
Der Drang zum Geständnis geht doch 
vom unbewußten Anteile des Ichs aus, 
demselben, der die Verdrängung leistet 
und aufrecht erhält. Es sollte nun — 



Kritiken und Referate 



471 



meint Reik — möglich sein, daß ein und 
dieselbe Instanz, der unbewußte Anteil 
des Ichs sowohl die Verdrängung leistet, 
als auch sie im Geständnis wieder auf- 
hebt. Die Berechtigung dieser kritischen 
Einwände sei an einem Beispiel kurz er- 
wiesen : Eine Patientin hat den Zwangs- 
gedanken, ihre Kinder zu ermorden. Bald 
stellt sich der Zwang ein, ihren Impuls 
allen Menschen mitzuteilen — wohl die 
Reinkultur des Geständniszwanges. Be- 
wußt lehnt die Patientin das Geständnis 
aber ab. Um sich davor zu schützen, ent- 
wickelt sie einen Mutismus aus Angst 
vor Strafe. Der Zwang, ihren Impuls 
zu gestehen, stand offenbar im Dienste 
ihres Straibedürfhisses, doch siegte schließ- 
lich die Angst vor Strafe und setzte 
die Überwindung des Geständniszwanges 
durch. Wir können, ohne die Tatsachen 
zu vergewaltigen, den Mutismus nur durch 
eine Strafangst, nicht durch einen Ge- 
ständniszwang erklären. Reik wird hier, 
was aus analogen Deutungen zu schließen 
ist, annehmen, daß sie sich eben durch 
den Verzicht auf ein Geständnis empfind- 
lich strafte. Die Analyse wies aber nach, 
daß ihr primitiver Narzißmus sich gegen 
die Strafe auflehnte, die Strafe fürchtete. 
Ad 2). Der aus diesem Beispiel klar 
hervorgehende Antagonismus zwischen 
Strafwunsch und Strafangst leitet die 
Diskussion der zweiten Schwierigkeit an 
den Ausführungen Reiks ein: die Unter- 
schätzung der Angst vor Strafe, beziehungs- 
weise die Gleichsetzung von Strafangst 
und Strafwunsch. „Die aktuelle Trieb- 
befriedigung kann zu gleicher Zeit das 
Strafbedürfnis befriedigen, wie wir dies 
bei der Onanie, die unbewußt auch 
den Charakter derSelbstkastration 
hat, 1 beobachten zu können." Dieser Be- 
hauptung widerspricht die Beobachtung: 

1) Vom Referenten gesperr!. 



Die Onanie ist wohl in einer Reihe von 
Fällen schuldgefühlfrei, in der Mehrzahl 
der Fälle mit Kastrations a n g s t verknüpft, 
aber nur bei einer bestimmten Form ex- 
zessiver Onanie steht der Wunsch, sich 
durch die Onanie zu ruinieren und zu 
kastrieren, im Vordergrunde. Um es noch 
einmal zu betonen : Gewiß gelingt es 
hinter jedem Phänomen sämtliche Stre- 
bungen irgendwie, mehr oder weniger 
stark betont, aufzufinden. Aber man be- 
gibt sich jeder Möglichkeit zu einer 
differenzierenden Betrachtung, wenn man 
auf diesem gefährlichen Wörtchen „auch" 
eine Theorie aufbaut und bei theoreti- 
scher Ausnützung der Überdeterminierung 
vergißt, daß — und das ist das Ent- 
scheidende — die einzelnen Determinie- 
rungen eine verschiedene dynamische 
Wertigkeit haben. 

Die Ausschaltung der Hände bei ge- 
wissen Formen der Onanie wird — meint 
Reik — „zum Zeichen der Selbstbestra- 
fimg, zur unbewußten Darstellung der 
Kastration". Das mag in einigen Fällen 
zutreffen. Aber diese Annahme ist weder 
zwingend, noch trifft sie allgemein zu. 
Die Analyse ergibt, daß die Hände aus 
Angst vor Kastration die vom Genitale 
her verschoben wurde, nicht benützt wer- 
den. Da aber einerseits die Dominanz der 
Kastrationsangst nicht zu übersehen ist 
und anderseits der Autor an der allge- 
meinen Bedeutung des Strafbedürfhisses 
festhalten will, kommt er zu der Auf- 
fassung (S. 156): „Ein gewisses Ausmaß 
eines unbewußten Strafvollzuges läßt sich 
bei allen Kranken feststellen, aher bei 
vielen nimmt die Angst vor der Strafe 
selbst Strafcharakter an. Die Angst hat 
dann nicht nur die Natur einer Schutz- 
maßregel vor der drohenden Selbstbestra- 
fung, sie übernimmt vielmehr alle Funk- 
tionen derselben, wie wir dies deutlich 
in der psychischen Dynamik der Phobien 



4 72 



Kritiken und Referate 



bemerken, die eine so erhebliche Ein- 
schränkung des Patienten bedingen. Auch 
die ausgedeluitenZ wangshandlungen, durch 
die sich der Neurotiker vor dem ver- 
botenen Tun schützt, gewinnen Straf- 
charakter: Sie zwingen ihn, Zeit und Ener- 
gie auf jene kleinen Aktionen zu verwen- 
den und sich durch Einbußen an psychi- 
scher Bewegungsfreiheit zu strafen. Wir 
werden den Anteil der Ersatzbefriedigun- 
gen an denSymptomennichtunterschätzen, 
aber mit dem Stärkerwerden der Ver- 
suchung wächst auch die in Straf form 1 
umgesetzte Abwehr." Daß jede Angst auch 
Strafe sei, d. b. daß jeder Patient die 
Tendenz habe, die Abwehr seiner ver- 
pönten Wünsche immer im Sinne einer 
Selbstbestrafung auszunutzen, ist eine un- 
bewiesene Verallgemeinerung. Es ist zwar 
richtig, daß die Schutzmaßregeln den 
Phobiker beträchtlich einschränken, aber 
das besagt noch nicht, daß er seine Schutz- 
maßregeln nicht nur zum Zwecke der 
Abwehr verpönter Regungen ergreift, son- 
dern auch, um sich zu bestrafen. Die sub- 
jektive Tendenz zum Geständnis, die Reik 
anscheinend einzig und allein aus dem 
objektiv sichtbaren Leiden ableitet, hätte 
an analytischem Material nachgewiesen 
werden müssen. Dasselbe gilt für die Be- 
hauptung, daß die Angst vor Strafe selbst 
schon „Strafcharakter", d. h. den Sinn 
der Selbstbestrafung, habe. Als „gutes 
Beispiel des Strafcharakters der Angst" 
führt Reik folgenden Fall an: „Der 
Patient litt an der blasphemischen Idee, 
daß er Gott eine Ohrfeige geben muß. 
Wenn die Idee auftauchte, sah er ge- 
wohnlich das Gesicht eines alten Mannes, 
das er mit dem Gottes verglich, am Plafond, 
und eine Hand, die sich diesem schlagend 
näherte, visionär vor sich. Viel später . . . 
kam er auf ein Gefühl zu sprechen, . . . 



eine Art Zwangsbefürchtung, 1 die sich 
schwer beruhigen ließ und den Charakter 
panischer Angst annahm ... Es war die 
Angst, der Plafond könne einstürzen und 
ihn unter sich begraben. Der Zusammen- 
hang der Angst mit der Zwangsidee war 
unbewußt geblieben." Dieses alltägliche 
Beispiel besagt nichts anderes, als daß 
einer sadistischen, gegen den Vater gerich- 
teten Tendenz, die Angst vor Strafe folgte. 
Warum hier der Autor eine Tendenz, 
sich zu bestrafen, annimmt, wie die Angst 
selbst die supponierte Selbstbestrafimg 
darstellen soll, ist: unergründlich. Straf- 
angst und Strafwunsch sind nicht nur 
ihrem Wesen nach, sondern auch ihrer 
Herkunft nach Gegensätze : jene entstammt 
dem Lust-Ich, dieser dem moralischen 
Über-Ich. Es gibt tatsächlich Fälle, — sie 
machen gewiß nicht die Mehrzahl aus — 
die ihre Angst masochistisch übertreiben 
und ausbeuten. Hier wird das Strafbedürf- 
nis in der Angst befriedigt, doch lehrt 
die eingehende Analyse auch den tieferen 
Sinn dieses Vorganges: In der Phantasie 
wird das Geschlagenwerden erlebt, was 
wieder nur Befriedigung des erogenen 
Masochismus bedeutet: Die Moral wurde 
sexualisiert (Freud: Regression von der 
Moral zum Ödipus-Komplex). Faßt man 
schließlich die Selbstbestrafungstendenz 
bei verschiedenen Fällen selbst ins Auge, 
so wird man von der eigentlichen Selbst- 
bestrafung die unterscheiden müssen, die 
nicht eigentlich dem Subjekt, sondern 
einem introjizierten Objekt gilt, und einem 
entlehnten Schuldgefühl (Freud) ent- 
springt. 

Bei solcher Überdehnung der Begriffe 
des Strafbedürfnisses und des Geständnis- 
zwanges ist es nur konsequent, wenn der 
Autor zu einigen knappen Formulierungen 
über die Neurose und die Therapie ge- 



l) Vom Referenten gesperrt. 



Kritiken und Referate 



473 



langt, die man nicht für ungefährlich 
halten kann. „Die Neurose, die im wesent- 
lichen auf einem Konflikt zwischen Trieb- 
anspruch und Strafbedürfnis aufgebaut 
ist . . ." Dieser Satz ist mit dem Freud- 
schen, die Neurose beruhe auf einem 
Konflikt zwischen drängendem Trieb- 
anspruch und abwehrendem Gewissen, 
unvereinbar. Was verdrängt, ist nie das 
Strafbedürfnis, sondern immer nur die 
Straf angst im engeren und weiteren 
Sinne (Kastrationsangst, Gewissensangst). 
Nur daß der Autor Strafbedürfnis mit 
Strafangst zusammenfallen ließ, ermög- 
lichte diese Formulierung. Strafbedürfnis 
und Geständniszwang sind erst unter den 
Bedingungen eines bereits bestehen- 
den neurotischen Konfliktes denkbar, sie 
sind Folgen, nicht Ursachen der Neurosen. 
Sie verschärfen und komplizieren den Kon- 
flikt sekundär. Das Ich kann erst gestehen 
und sich bestrafen wollen, nachdem es 
gegen drängende Triebregungen ergebnis- 
los oder nur mit halbem Erfolg (Symptom) 
angekämpft hat. Wir meinen, es wäre rich- 
tiger zu sagen, daß erst die endopsychische 
Wahrnehmung der verstellten Triebbefrie- 
digung im Symptom zur Selbstbestrafung 
imd zum Geständnis dränge. — Oder: 
„Ich meine, es wäre nicht zu gewagt, den 
Widerstand in der Analyse als die der 
Herstellung entgegengestellte Kraft des 
Strafbedürfnisses zu beschreiben." Eine 
klinisch vollkommen ungerechtfertigte 
Verallgemeinerung, die andere Wider- 
stände von gleicher Bedeutung nicht an- 
erkennt (Widerstände zum Zwecke der 
Unlustersparnis, aus Liebesenttäuschung, 
aus positiver Übertragung, aus Haß gegen 
den Arzt [Vater], aus Abneigung gegen 
Verzicht auf einmal genossene Befriedi- 
gung usw. usw.!). — Man kann auch mit 
der Formulierung der therapetitischen 
Aufgabe, die Reik gibt, nicht einver- 
stunden sein: „Ich würde mich getrauen, 



ausdrücklich zu behaupten: Sie werden 
das wesentliche Ziel Ihrer analytischen 
Bemühungen bei Ihrem Patienten erreicht 
haben, wenn es Ihnen gelungen ist den 
Frieden zwischen dem Ich und dem Über- 
ich, das in der Analyse toleranter geworden 
ist, wieder herzustellen" (S. 60), denn sie 
umfaßt nur die eine Hälfte der analyti- 
schen Arbeit und nicht einmal die wesent- 
lichere. Der hauptsächliche Konflikt der 
Übertragungsneurose ist der zwischen 
Ich plus Über-Ich einerseits, dem ver- 
drängten Anteile des Es anderseits. 
Das Ich steht doch im Dienste des Über- 
Ichs im Kampfe gegen die Sexualität 
und den Destruktionstrieb, was ja der 
Autor an anderer Stelle selbst sagt. Warum 
dann diese Formulierung, die eher für 
die narzißtischen Affektionen (Freud) 
und die ihnen verwandten triebhaften 
Charaktere (Referent) gilt. Ganz allgemein 
müssen Formulierungen, die neurotische 
Mechanismen oder therapeutische Prozesse 
der Psychoanalyse zu erfassen trachten, 
abgelehnt werden, wenn in ihnen der 
Sexualkonflikt nicht wörtlich hervor- 
gehoben ist. Man hat es erwarten dürfen, 
daß ein Buch, das sich mit so vielen 
Problemen der analytischen Therapie 
auseinandersetzt, die Notwendigkeit realer 
Triebbefriedigung wenigstens andeutet. 
* 
Auch zur Psychologie des Verbrechers 
weiß der Autor viel Neues überzeugend 
zu sagen. Es wird öfters nachdrücklichst 
betont, daß die Kriminologie ohne Zu- 
hilfenahme der analytischen Psychologie 
keine Aussicht hat, der Probleme Herr 
zu werden. Der Autor geht von der merk- 
würdigen Tatsache aus, daß so häufig 
raffiniertest ausgedachte und durchgeführte 
Verbrechen durch eine geringfügige Un- 
vorsichtigkeit verraten werden. Hinter 
allen diesen Unvorsichtigkeiten muß sich 
der Geständniszwang verbergen. Das frei- 



474 



Kritiken und Referate 



willige Geständnis des Verbrechers wirkt 
regelmäßig zu seinem Schaden und blieb 
für die Oberflächenpsychologie ein Rätsel. 
Nun läßt sich erkennen, daß derV erbrecher 
nur seinem Gewissen und Strafbedürfnis 
folgt, wenn er gesteht. Die sogenannten „fal- 
schen Geständnisse" dürften sich auf ent- 
lehntes Schuldgefühl zurückführen lassen. 
Bei den sogenannten „trotzigen Geständ- 
nissen" brauchen neben Rachsucht, Prah- 
lerei usw. Tendenzen aus dem Slraf- 
bedürfnis nicht zu fehlen. 

Bei dem seinerzeit von Freud formu- 
lierten Gegensatz zwischen Neurotiker 
und Verbrecher, jener verheimliche etwas 
vor sich selbst, dieser nur vor dem Rich- 
ter, kommt das unbewußte Straf bedürfnis 
nicht zu seinem Rechte. Sehr häufig ar- 
beitet der Verbrecher unbewußt mit dem 
Richter gegen sein ganzes Ich. „Der Ver- 
brecher weiß sehr wohl, daß er die Tat 
ausgeführt hat, aber er weiß nicht be- 
wußt, warum er es getan hat und was 
sie psychisch für ihn bedeutet", wenn er 
auch weiß, daß es ein Mord oder ein Dieb- 
stahl war. Der Verbrecher kann, auch wenn 
er völlig wahrheitsgetreu antwortet, das 
Wesentliche nicht sagen. Er kennt die 
eigentlichen Motive seiner Tat nicht. 
Im Geständnis wird nun die Tat wieder- 
holt, erst jetzt setzt die „aktive psychische 
Bewältigung dieses traumatischen Ereig- 
nisses, der Tat, ein. Erst im Geständnis 
beginnt das Ich", das nur das Vollzugs- 
organ des Es war, „die Tat zur Kenntnis 
zu nehmen". Viele Verbrecher haben nichts 
zu sagen, weil sie auch vor sich ein Ge- 
heimnis verbergen. Der Verbrecher kennt 
seine Tat intellektuell, hat aber nicht das 
„emotionelle Erkennen und Wissen". 

„Die seelischen Vorgänge, die zwischen 
der vollbrachten Tat und dem abgelegten 
Geständnis liegen", faßt der Autor als 
„Geständnisarbeit" zusammen. „Die 
Zeit der Geständnisarbeit selbst ist erfüllt 



von dem Konflikt zwischen dem Bemühen, 
vor sich selbst das Verbrechen zu verheim- 
lichen, und der entgegengesetzten Ten- 
denz, es sich einzugestehen und sich dar- 
über klar zu werden." . . . Die Geständ- 
nisarbeit ist also „jener psychische Pro- 
zeß, der im Vorbewußtwerden der sozialen 
und psychischen Bedeutung des Verbre- 
chens und im Überwinden aller jener 
psychischen Faktoren, die sich dem Ge- 
ständniszwang widersetzen, besteht". In 
der Geständnisarbeit wird die Vorangst 
überwunden, sie ermöglicht es, „daß das 
Über-Ich dem Ich die Wohltat des Ge- 
ständnisses erlaubt". Sie ist eine Tortur 
und dient der Befriedigung des Straf- 
bedürfnisses. Nach dem Geständnis sieht, 
wie der Autor annimmt, der Verbrecher 
der Strafe mit geringerer Angst entgegen. 
Beim verstockten Verbrecher spielt neben 
Trotz, Angst vor Strafe usw. das Straf- 
bedürfnis eine große Rolle. Auch das 
herausfordernd freche Benehmen des Ver- 
brechers kann durch das Strafbedürfnis 
erklärt werden: Reik verweist auf die 
Tatsache, daß sich manche Menschen 
gerade dem von ihnen Beleidigten gegen- 
über frech und feindselig betragen. Sie 
werden „aus Reaktion gegen das Schuld- 
gefühl ins andere Extrem geworfen". 
Reik bemerkt sehr richtig, daß der De- 
mütige zu Aggressionen aus Schuldgefühl 
reize. Zur Frage, warum die Gesellschaft 
es sich so angelegen sein lasse, vom Ver- 
brecher ein Geständnis zu erzielen, meint 
der Autor, der Wert des Geständnisses 
als Beweismittel rechtfertige „gewiß 
nicht" so große Anstrengungen (S. 130;. 
Das Geständnis allein könne nicht als 
Beweismittel dienen, In vielen Fällen 
reichen die Indizienbeweise aus, trotzdem 
sucht man auch dann ein Geständnis zu 
erzielen. Der Autor schließt, das Geständ- 
nis sei eine Anklage gegen die Gesellschaft, 
die auf diese Art ihr Straf bedürfnis befrie- 



Kritiken und Referate 



475 



digen wolle. Aber ist es nicht vielmehr 
die Unsicherheit der Rechtssprechung und 
die Unzulänglichkeit der Untersuchungs- 
methoden, die dem Indizienbeweise nicht 
trauen und Geständnis fordern läßt? 
„Die Gesellschaft erweist sich dankbar 
für das Geständnis, mit dem sie der Ver- 
brecher vom eigenen unbewußten Schuld- 
gefühl entlastet, indem sie darauf mit einer 
Milderung ihres Urteils über seine Tat 
reagiert." Es ist sowohl psychologisch 
als soziologisch völlig unvorstellbar, wie 
das Geständnis eines Verbrechers die 
Gesellschaft vom Schuldgefühl entlasten 
könnte. Es kann ihr Schuldgefühl immer 
nur verstärken. Ist die Milderung des 
Urteils, die das Gesetz gelegentlich dem 
Geständigen gewährt, nicht gerade ein 
Beweis dafür, daß durch das Geständnis 
das Schuldgefühl der Gesellschaft eher 
verstärkt wird? Wie der psychoanalytische 
Pädagoge die Ursachen für das Schlimm- 
sein des Kindes auch im Verhalten der 
Eltern nachweist, müßte auch eine psycho- 
analytische Kriminologie die durch die 
Struktur der Gesellschaft bedingten Mo- 
tive des Verbrechens bloßlegen. Es liegt 
eine feine, ungewollte Ironie in dem Satze, 
„die Strafe befriedige auch das Straf- 
bedürfnis der Gesellschaft durch deren 
unbewußte Identifizierung mit dem Ver- 
brecher". Gewiß eine bequeme Art, die 
soziale Schuld abzutragen! 

Wiewohl der Autor (S. 111) betont, 
„daß die folgenden Bemerkungen sich 
nur auf solche Verbrecher beziehen, 
welche überhaupt über ein Schuldgefühl 
verfügen", kommt er auf S. 151 zu fol- 
gender „psychoanalytischen Strafrechts- 
theorie" : „Es besteht für uns kein Zweifel 
mehr, daß bei den Verbrechern, für welche 
die Strafgesetzgebung eigentlich bestimmt 
ist (also so gut wie bei allen Verbrechern, 
d. Ref.\ ein mächtiges, unbewußtes Schuld- 
gefühl bereits vor der Tat bestand. Dieses 



Schuldgefühl ist also nicht Folge der Tat; 
es ist vielmehr deren Motiv: seine Ver- 
stärkung läßt den Menschen eigentlich 
erst zum Verbrecher werden . . . Die 
Tat dient der Unterbringimg dieses über- 
groß gewordenen Schuldgefühls." „Aus 
diesen Forschungsergebnissen Freuds er- 
gibt sich eine psychologische Fundierune- 
der Strafrechtstheorie. Die Strafe dient 
der Befriedigung des unbewußten Straf - 
bedürfnisses, das zu einer verbotenen Tat 
trieb." Es wird also trotz der vorange- 
gangenen gegenteiligen Behauptung im- 
plicite gesagt, daß es keine anderen Ver- 
brechen als solche aus Schuldgefühl gibt. 
Das Schuldgefühl allein kann ein Ver- 
brechen wahrscheinlich nur unter beson- 
deren Bedingungen hervorrufen. Daß das 
die Regel sein sollte, — und man trägt 
bei der Lektüre durchaus den Eindruck 
davon, daß der Autor dieser Ansicht ist — 
ist eine völlig unhaltbare Verallgemei- 
nerung. Das Schuldgefühl ist für das 
Verbrechen nicht spezifisch. Das haupt- 
sächliche Problem ist ja doch die Frage 
nach den Bedingungen der Gehemmtheit 
und Hemmungslosigkeit. Der Autor unter- 
schätzt zweifellos den Unterschied zwi- 
schen phantasierter und wirklicher Tat. 
Sie bedeuten zwar psychisch dasselbe, 
aber ihre Genese muß wohl spezifisch 
verschieden sein. Es ist sicher, daß nicht 
das Schuldgefühl und auch nicht dessen 
Stärke den ätiologischen Unterschied aus- 
macht. Der Ausdruck „praexistentes 
Schuldgefühl", den der Autor sehr häufig 
gebraucht, ist unklar und trägt daher zur 
Klärung dieser Frage wenig bei. Er führt 
überdies leicht irre: Die erste Tat geht 
immer dem Schuldgefühl voraus. Man 
gewinnt den Eindruck, als hätte Reik 
an das hemmungslose, lustgierig- egoisti- 
sche Trieb-Ich, das das Verbrechen auf 
Grund tiefster, im Unbewußten wurzelnder 
Tendenzen und in der Hoffnung begeht. 



476 



Kritiken und Referate 



die Tat werde unentdeckt bleiben, gar 
nicht gedacht. 

Der Autor führt weiter aus, daß die 
Entwicklung der Strafrechtstheorie eben- 
falls unter dem Einfluß der Tendenz zur 
„Verlegung von außen nach innen" steht. 
Ursprünglich gab es noch kein Geständnis, 
die Strafe folgte dem Verbrechen auf dem 
Fuße. Später trat das Geständnis durch 
äußeren Zwang hinzu. Dann fiel auch der 
äußere Zwang, die Folter, weg. Der Autor 
nimmt an, daß wir einem Stadium ent- 
gegengehen, in dem das Geständnis völlig 
an die Stelle der Strafe treten wird. 
* 

Die Religion ist eine der großen 
Institutionen, in denen das Geständnis 
zu seinem eigentlichen Rechte gelangt. 
Religionsübung, Ritual, Kult sind voll 
von Geständnissen der Sünden. Das Pro- 
totyp des Geständnisses ist die Beichte, 
die wie das Verbrechergeständnis dem 
Zwecke dient, Verzeihung zu erlangen. 
In Form der Buße und Sühne bekennt 
sich die Menschheit zu ihren sündhaften 
Wünschen. Die Geständnisangst kehrt 
bei vielen Gläubigen als Angst vor der 
Beichte wieder. Wie in der Strafgesetz- 
gebung verschob sich auch hier der Ak- 
zent von der Strafe aufs Geständnis, von 
der Buße auf die Sühne. 

Während die Religion die Domäne 
des Geständniszwanges ist, steht der 
Mythos weniger in seinem Zeichen. 
Seine ältesten Gestaltungen sind völlig 
frei davon, da sie in eine Zeit fallen, in 
der die Verdrängung der Triebregungen 
und das Strafbedürfnis noch in den An- 
fängen standen. Allmählich gerät aber 
auch der Mythos unter die Herrschaft 
des Ober-Ichs. 

Die Sprache diente ursprünglich dem 
Ausdrucke von Triebbedürfnissen. Sie ent- 
wickelte sich unter dem Drucke der sä- 
kularen Verdrängung allmählich zu einem 



Kompromiß zwischen Ausdrücken und 
Verbergen. „Aber noch wenn wir schwei- 
gen und nichts sagen wollen, zwingen 
uns unbekannte Mächte zu unbewußten 
Geständnissen. Noch unser Schweigen ist 
beredt und wird zur Klage und Selbst- 
anklage. Es ist so, als protestierte etwas 
in uns gegen den Zwang, der uns ver- 
bietet, unsere stärksten Regungen auszu- 
sprechen, und als ob dieser Zwang eben 
jenen Gegenzwang, der zum unbewußten 
Geständnis drängt, erstehen lasse." 

Zur Entstehung des Gewissens hat der 
kleine Sohn des Autors einen schönen 
Beitrag geliefert. Er beschreibt naiv und 
klar die Verinnerlichung eines gehörten 
Verbots: „Jetzt: weiß ich aber, was die 
innere Stimme ist! Es ist ein Gefühl 
von sich selbst und die Sprache 
von einem andern. Was du zuerst 
geredet hast." 

In einem ausführlichen kasuistischen 
Beitrag zur Entstehung kindlicher Misse- 
taten und Ungezogenheiten gelangt der 
Autor zu denselben Schlüssen wie in der 
Abhandlung über das Verbrechen. Hervor- 
zuheben ist der Fund, daß zwischen Ge- 
ständniszwang und Defäkationsdrang, zwi- 
schen Geständnistrotz und Analtrotz Zu- 
sammenhänge bestehen. Hier werden, 
meint der Autor, auch die letzten Wurzeln 
des zwanghaften Charakters des Geständ- 
nisses zu suchen sein. Im Anschluß an die 
Tatsache, daß die Geständnisse des Kindes 
von dem Zeitpunkte an sistierten, als es 
seine Freundin zur Mitwisserin ihrer 
Diebstähle machte, wird die referierte 
Auffassung des Verbrechens dahin ergänzt, 
„daß das Strafbedürfnis durch das Banden- 
wesen sehr abgeschwächt wird: die Ge- 
meinschaft hebt das Schuldgefühl auf, da 
sie das Verbrechen sogar befiehlt". Bei 
Verbrechern, deren Eltern selbst Ver- 
brecher waren, hat sich ein „negatives 
Über-Ich" gebildet. 



Kritiken und Referate 



477 



Am Schlüsse sei noch eines der inter- 
essantesten und lesenswertesten Kapitel, das 
über „den sozialen Geständniszwang ;l , be- 
sonders hervorgehoben. Dieselben Trieb- 
kräfte, die vom Autor als für die Neurose 
und das Verbrechen bedeutsam erkannt 
wurden, sind auch bei der Entwicklung 
der Menschheit entscheidend beteiligt. 
„Was einst durch Machtmittel von außen 
aufgezwungen worden war, wurde im 
Laufe der Jahrhunderttausende 
innerer Erwerb. Die äußeren Strafen haben 
sich gemildert, aber das innere Straf- 
bedürfnis ist gewachsen und durch säku- 
lare Verdrängung strenger und inten- 
siver geworden . . . Wenn wir die drei 
Denksysteme, welche die Menschheit im 
Laufe der Zeiten hervorgebracht hat, be- 
trachten, so erkennen wir, daß in der 
animistischen Periode noch die elementare 
Äußerungstendenz der Triebe herrscht. 
Aber in ihren späteren Stadien treten 
bereits Schuldgefühl und Strafbedürfnis 
auf und bereiten so die folgende Ent- 
wicklung zur Religion vor . . . Die Reli- 
gion ist selbst ein unbewußtes Geständnis 
der starken Impulse, zu deren Abwehr 
sie entstanden ist . . . Wir haben in 
Sündenbekenntnis und Beichte einResultat 
der Wirkung eines unbewußten Geständ- 
niszwanges zu erblicken." Auf die reli- 
giösen Geständnisse folgen die wissen- 
schaftlichen: die unbewußten Triebströ- 
mungen und das unbewußte Gewissen 
werden selbst zum Forschungsobjekt. Die 
Psychoanalyse ist das erste bewußte Ge- 
ständnis, sie unterwirft sich „zum ersten 
Male bewußt dem verborgenen Geständ- 
niszwange der Menschheit. Sie wissen 
bereits, welches affektive Hindernis sicli 
dem Durchsetzen des Geständniszwanges 
beim Einzelnen entgegenstellt: ein über- 
starkes Strafbedürfnis, welches sich nicht 
an dem bisher gefühlten Leide genug 
sein läßt. Dies ist aber auch der stärkste (?) 



Widerstand, den die Analyse als kollek- 
tives Geständnis in der Welt gefunden 
hat. Freud hätte mit Recht sagen können, 
daß die Psychoanalyse am übergroßen 
Strafbedürfnis der Menschheit gerührt 
habe, das sich die Entlastung durch das 
Geständnis noch nicht erlauben will." 
Ob die Welt die Theorie vom Unbe- 
wußten nicht glatt akzeptiert hätte, wenn 
ihr Schöpfer mit der Lehre von der un- 
bewußten Moral zuerst hervorgetreten 
wäre? Das Bewußtsein, nicht nur bewußt, 
sondern auch unbewußt moralisch zu sein, 
hätte nur geschmeichelt. 
* 
Abschließend darf man sagen, daß das 
Buch Reiks einen kühnen und fruchtbaren 
Schritt vorwärts auf dem Gebiet der Ich- 
psychologie bedeutet. Es ist unstreitig 
Reiks Verdienst mit der glücklichen 
Formulierung des Geständniszwanges, 
wichtige, bisher wenig beachtete Tat- 
sachen in helles Licht gerückt zu haben. 
Die Lektüre dieses gedanken- und pro- 
blemreichen Werkes dürfte nicht unter- 
lassen werden. Auch wo man anderer 
Ansicht ist, gibt es viel Anregung und 
Stoff zum Nachdenken. Und gerade die 
Wichtigkeit des behandelten Gebietes er- 
fordert es, daß die Psychoanalyse sich 
dessen bewußt werde, wohin der neue 
Weg führt. Freud hat in „das Ich und 
das Es" einen Überbau geschaffen, der 
uns in großen Zügen die Struktur der 
Persönlichkeit verstehen lehrt. Die 
detaillierte Fundierung der Ich- 
psychologie durch die Sexualtheorie steht 
noch aus. Dem aufmerksamen Beobachter 
kann nun eine Tendenz, die sich seit „das 
Ich und das Es" innerhalb der Psycho- 
analyse breit macht, die Sexualtheorie in 
die Sprache der Ichpsychologie zu über- 
setzen, nicht entgehen. Man darf sich 
über die möglichen Gründe dieser Vor- 
liebe für die Ichpsychologie Rechenschaft 



47* 



Kritiken und Referate 



ablegen. Sollte sie nicht ein Ausdruck 
des ständigen Verdrängungsdruckes sein, 
der ja auch auf dem Psychoanalytiker 
lastet? Wir wagen es nicht, das zu ent- 
scheiden. Der letzte Passus des Werkes, 
das die Ichpsychologie eigentlich be- 
gründete, lautet: „aber wir besorgen, da- 



bei doch die Rolle des Eros zu unter- 
schätzen." Ob das nicht eine Mahnung 
zur Vorsicht war ? Und eine Aufforderung, 
nicht zu vergessen, daß das Neue an der 
Psychoanalyse — auch an ihrer Ichpsycho- 
logie — die Sexualtheorie ist? 

W. Reich (Wien}. 



GEORG GRODDECK: Das Buch vom Es, Psychoanalytische Briefe an eine 
Freundin. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig, Wien, Zürich 1925. 



Im Grunde hat der Verherrlicher des 
„Es" nur eine literarische und wissen- 
schaftliche Verpflichtung — die zur Le- 
bendigkeit, und da G. diese Pflicht voll 
erfüllt, wäre es sinnlos, mit ihm in Neben- 
punkten rechten zu wollen. Stilistische 
Kraft, Schlagfertigkeit, Geist, Witz und 
Phantasie, sie alle sind in dem Buch zu 
finden, aber sie alle würden es kaum ver- 
hindern, daß das Interesse des Lesers 
erlahme, noch ehe er bis zur Hälfte des 
Buches gekommen ist. Der Verfasser ver- 
zichtet nämlich auf jeden Aufbau, auf 
jede Entwicklung, auf alles, was irgend- 
wie als Spannungsmoment, als „Endlust" 
gewertet werden könnte. Man kann das 
Buch an jeder beliebigen Stelle auf- 
schlagen und weiterlesen, ja streng ge- 
nommen steht auf jeder Seite dasselbe. 



Wenn man die 500 Seiten trotzdem ohne 
Ermüdung, ja eher mit steigendem als 
schwindendem Vergnügen lesen kann, so 
ist der Grund eben nur in jener einen, 
entscheidenden Tugend zu sehen : Das 
Buch ist wie das Leben selbst, interessant, 
auch dort, wo es sich zu wiederholen 
scheint, vieldeutig schillernd, schwer im 
Einzelnen zu fassen und noch schwerer 
als Ganzes zu übersehen. 

Man darf es der Psychoanalyse als 
Verdienst anrechnen, daß gerade sie es 
ist, die diese unmittelbare Lebensemp- 
findung sich als passendstes Gefäß und 
Ausdrucksform wählen mußte. Daß diese 
„Selbstdarstellung des Unbewußten" mit 
einer Wissenschaft restlos verschmelze, 
wäre ein unbilliges Verlangen. 

Hanns Sachs (Berlin). 



Zweiter Kongreß für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, 
Berlin, 16. — 18. Oktober 1924. Bericht, herausgegeben vom Arbeitsausschuß. 
(Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft. XIX. Band.) Verlag 
Ferdinand Enke, Stuttgart 1925. 



Der soeben in einem erschienene ganze 
Jahrgang 1925 der von Max Dessoir heraus- 
gegebenen „Zeitschrift für Ästhetik" wird 
allein durch den Bericht über den Zweiten 
Kongreß für Ästhetik und Allgemeine Kunst- 
wissenschaft ausgefüllt. Vom reichen Pro- 
gramm dieses Kongresses sind für die Leser 
dieser Zeitschrift besonders der Vortrag 
von Hans Prinzhorn über „den künst- 
lerischen Gestaltungsvorgang in 
psychiatrischer Beleuchtung" und 



die daran anschließenden Korreferate von 
Interesse. Prinzhorn beschäftigt sich 
auch eingehend mit der psychoanalyti- 
schen Theorie der künstlerischen Gestal- 
tung. Ranks Arbeit über den Künstler 
erörternd, stellt Prinzhorn die Frage: 
„Worauf zielt eigentlich die ganze Unter- 
suchung?" und fährt fort : „Man fühlt eine 
geheime Tendenz überall durch, doch erst 
die Schlußsätze reden eine deutliche 
Sprache. Sie enthalten in der Tat die 



Kritiken und Referate 



479 



Grundgesinnung der meisten analytischen 
Bemühungen: zu entlarven, was als Wert 
gilt, den wuchernden Reichtum des Lebens 
weiter in das helle Licht des Bewußtseins 
zu rücken, ihn durchaus zu rationalisieren, 
und auf die zweckmäßigen Faktoren zu 
beschränken." Wohl sieht Prinzhorn in 
der psychoanalytischen Theorie des künst- 
lerischen Schaffens die wertvollste und kon- 
sequenteste psychopathologische Theorie, 
aber sie beschränke sich auf einen Teil 
des Gestaltungsvorganges und überschätze 
leicht ihre Tragweite. „Es fehlt ihr die 
positive Beziehung zum Kunstwerk, die 
Instinktbejahimg, sie geht sogar auf die 
Vernichtung der künstlerischen Lebens- 
sphäre, ihre Auflösung in Wissen auf." 
(St ekel hingegen unterstreiche mit rheto- 
rischem Schwung eben die lebendigen 
Werke der Kunst und stelle sich als ver- 
stehender Arzt und dilettierender Kunst- 
freund etwas gönnerhaft auf die Seite des 
neurotisch Schaffenden.) 

Abschließend führt Prinzhorn aus, 
daß psychopathologische Maßstäbe als 
solche niemals wesentliche tmd verbind- 
liche Kenntnisse über den Wert des künst- 
lerischen Schaffens liefern können. Was 
der Psychiater heute zum Problem des Ge- 
staltungsvorganges als sicheren Erkenn tnis- 
besitz anbieten kann, ist vorwiegend ne- 
gativ. Immerhin „können wir auf Grund 
der neueren besonnenen psychopathologi- 
schen Studien in absehbarer Zeit einige 
wichtige Erkenntnisse sicherstellen : so die 
unbefangene Auffassung des Gestaltens als 
eines sonst zweckfreien schöpferischen 
Lebensvorganges, der jedem Menschen 
potentiell eignet. Ferner lernen wir grund- 
sätzlich zu trennen, jene formale und stoff- 



liche Bindung, die durch Zeit, Kulturkreis, 
Bildungsstufe usf. bedingt ist, von dem 
Kern eines fast allgemein gültigen Aus- 
drucksdranges und seiner einfachsten Ent- 
ladung in Bewegung und Laut und ge- 
formtem Werk". 

Von den Korreferenten sei hier Hanns 
Sachs genannt, der vom Standpunkt des 
Psychoanalytikers sprach. Die Psychoana- 
lyse sei in Hinsicht auf ihre Kunstfeind- 
lichkeit bei weitem nicht so schwarz, wie 
sie von Prinzhorn gemalt wurde. Sachs 
erörtert dann im besonderen das Pro- 
blem der Paradoxie in der künstlerischen 
Wirkung oder der Umkehrung ins Gegen- 
teil, die die Kunst zuwege bringt. Wenn 
wir geliebte oder sympathische Menschen 
leiden sehen sollen, suchen wir uns ab- 
zuwenden. Wenn uns der Tragödiendichter 
dasselbe zeigt, so laufen wir unwidersteh- 
lich angezogen hinzu. Das läßt sich nicht 
durch den Abstand von Illusion und Wirk- 
lichkeit erklären, denn die Affekte, obgleich 
durch Illusion erzeugt, sind echt und wirk- 
lich, wie unsere Tränen bezeugen. Das Zu- 
standekommen dieser Umkehrung, dieser 
seltsamen Anziehungskraft des sonst Ab- 
stoßenden läßt sich nicht verstehen ohne 
Anerkennung eines über die Individual- 
schranke hinausragenden Moments im 
Menschen, des Unbewußten. Das Un- 
bewußte enthält den Niederschlag der 
Menschheitsgeschichte und kann Lust 
empfinden bei Dingen, die unserer be- 
wußten Persönlichkeit längst unlustvoll 
geworden sind. Die große Tat des Künst- 
lers ist, daß er unser psychisches Erbgut 
berücksichtigt und dem Unbewußten Be- 
friedigung und Befreiung bietet. 

A. J. Storfer. 



A. E. BRJNCKMANN: Spätwerke großer Meister. Frankfurter Verlags- 
anstalt A.-G., Frankfurt a. M. 1925. 

Ein gehaltvoller und anregender Essay, lesenswert wäre, wenn der Verfasser eine 
der dem Psychoanalytiker auch dann gewisse Abhängigkeit seiner Anschauungs- 



4 8o 



Kritiken und Referate 



weise von der Psychoanalyse nicht be- 
wußt hervorheben würde. Gewissermaßen 
als psychologische Basis wird der Freud- 
sche Satz zitiert: „Das Ich wird auf jeder 
Stufe seiner Entwicklung bestrebt sein, 
mit seiner derzeitigen Sexualorganisation 
in Einklang zu bleiben und sie sich ein- 
zuordnen." Drei Phasen unterscheidet 
Brinckmann im Leben des Künstlers. 
Kindheit und Jugend faßt er als eine 
erste Phase zusammen. („Nach den Unter- 
suchungen Freuds erscheinen die Puber- 
tätsjahre nicht mehr als ein Bruch, sie 
bekräftigen einzig eine Entwicklungsrich- 
tung.") Triebhaft, wenn auch oft mit 
katastrophalen Zwischenfällen psychischer 
und physischer Art entfalte sich die erste 
Phase geistiger Entwicklung bis zur Mitte 
der Dreißigerjahre. Der Standpunkt in 
dieser Phase sei oft schwankend, der Ein- 
fluß anderer Meister entscheidend, es be- 
stimme der Instinkt, nicht die wertende 
Urteilskraft. Um das fünfunddreißigste 
Lebensjahr vollziehe sich die Wandlung 
zur zweitenPhase. „Nel inezzo del cammin 
di nostra vita", so beginnt der fünfund- 
dreißigjährige Dante die Göttliche Ko- 
mödie. Mit siebenunddreißig Jahren geht 
Goethe nach Italien. Dieser Abschnitt 
sei entscheidend. Statt des Schwankens 
und des Reichtums der Gesichte nun 
überall in den Handlungen geistige Stetig- 
keit, Einsicht und Erkenntnis der Bezie- 
hungen. Alle Keime geistiger Entfaltung 
scheinen in der ersten Phase weit bis in 
die Kinderjahre hinein zu liegen. Jetzt 
aber erst bekommen sie ihren bestimmten 
Platz und ihren bestimmten Wert inner- 
halb des individuellen geistigen Kom- 
plexes, sie wachsen sich auf eine Gesamt- 
relation hinaus. Um das sechzigste 
Lebensjahr tritt der Künstler in die letzte, 
dritte Phase ein. Diese Phaseneinteilung 
ergibt sich dem Verfasser aus der Ana- 
lyse der künstlerischen Entwicklungen. 



Er sieht sie — unter Hinweis auf die 
Psychoanalyse — auch biologisch ver- 
ankert. In der zweiten Phase läßt sich 
an Stelle mannigfaltiger erotischer Ob- 
jektwahl die Festlegung auf einen be- 
stimmten Typ beobachten. Um die Sechzig 
jedoch macht sich ein Nachlassen im 
Suchen erotischer Beziehung bemerkbar. 
(„Der Psychologe spricht von einem Zu- 
rückgehen der Triebimpulse. Das Ich be- 
ginnt sich in sich selbst zu runden, oft 
in einer ausschließlichen Einstellung auf 
geistige Inhalte.") Die zweite Wandlung 
nenne man schlechthin das beginnende 
Greisenalter, etwas Seniles, Verbrauchtes 
scheine ihm anzuhaften, doch sei diese 
Vorstellung gegenüber geistig Nicht- 
erschöpften unrichtig. „Alle monotheisti- 
schen Religionen stellen Gott als Greis 
dar, der nach kurzer Schöpferlust über 
den Dingen steht. Gewiß, auch in den 
Spätwerken großer Meister beobachtet 
man das Aufgeben eines Spannungszu- 
standes, — aber noch etwas ganz Neues: 
geradezu eine Umformung einstiger 
Geistigkeit, die ehrfurchtgebietend und 
erschütternd ist. Die Schöpferkraft des 
Menschen neigt sich zur Ruhe, doch sie 
tut es in einem letzten weiten Blick im 
Angesicht der Ewigkeit." Unausdenkliche 
Verluste seien der geistigen Kultur der 
westeuropäischen Menschen dadurch ent- 
standen, daß Künstler wie Rubens und 
Velasquez, Grunewald und Raffa- 
ello diese dritte Lebensphase nicht er- 
reicht haben. Aber die Spätwerke eines 
Tiziano, eines Tintoretto, eines 
Michelangelo, eines Bernini, eines 
Greco, eines Renoir sind da, um mit 
den Jugendwerken dieser Meister ver- 
glichen, auf die Frage nach der letzten 
Phase des künstlerischen Genius Antwort 
zu geben. Und aus der — hier nicht 
weiter verfolgbaren — durch Bildbeigaben 
gestützten Analyse der Frühwerke und 



Kritiken und Referate 



481 



der Spät werke kommt ßrinckmann zur 
Antithese, daß das Verhalten der zweiten 
Lehensphase als Relation zur Umwelt 
bezeichnet werden kann, das der dritten 
Phase als Verschmolzenheit. Ver- 
schmolzenheit heißt für ihn „Teilhaftig- 
werden ohne Reflexion" und dies eine 
Umschreibung für „das Rücktreten der 
Triebimpulse in ihrer Differenzierung", 
für das „Entgleiten unendlich vieler Funk- 
tionen in einen Zustand der Funktions- 
losigkeit, wo völlig in sich ausbalancierte 
Kräfte als Harmonie empfunden werden". 
Bei den Begriffen Relation und Ver- 
schmolzenheit handelt es sich bei Brinck- 
mann nicht um Versuche, einen Stil- 
wandel logisch zu fassen, sondern seine 
antithetischen Begriffe wollen eine indi- 
viduelle Wandlung innerhalb der Lebens- 
form des ästhetischen Menschen be- 
zeichnen, die psychologisch verankerbar 
sei, wobei Relation und Verschmolzenheit 
den psychologischen Gegensätzen Dynamik 
und Introversion oder äußere Interessen- 
beziehung und Zurückbiegung in sich 
entsprechen sollen. 

Dieser Phasenwandel, meint der Ver- 
fasser, sei auch in anderen künstlerischen, 
überhaupt menschlichen Leistungen nach- 
weisbar. Als Beispiele aus der Literatur 
werden Dante, Goethe, Gottfried 
Keller, Spitteler herangezogen. Den 
geistigen Phasenwandel in seiner Aus- 
wirkung auf die Komposition des bilden- 
den Künstlers in den Bindungen von 
Mensch mit Mensch, von Mensch mit 
Raum und Natur wird an einigen ein- 
gehender erörterten Beispielen verdeut- 
licht: das Bild der Familie van Beresteyn 
vom neunundvierzigjährigen Franz Hals 
und die Regentinnen des Haarlemer Alt- 
frauenhauses mit der Dienerin, die der- 
selbe Künstler als Vierundachtzigjähriger 
malte; die Schilderung seines Verhält- 
nisses zur Gattin Saskia durch den jungen 



Rem br an dt und sein ganz spätes Amster- 
damer Bild „Boas und Ruth«. „Das Ver- 
hältnis zum Erotischen bleibt dem 
ästhetischen Menschen innerhalb der ge- 
samten Lebensbeziehungen eines der wich- 
tigsten . . . Auch hier führt der geistige 
Phasenwandel von dynamischer Relation 
zum Zurückbiegen in sich selbst." 

Die letzte Frage, die der Essay auf- 
wirft: „Wie ist die Wirkung später 
Werke? Welchen Einfluß haben sie auf 
die allgemeine Entwicklung der Kunst?" 
Man könnte glauben, daß sie wie Offen- 
barungen letzter Erkenntnis wirken, denen 
wir alle uns schließlich zuwenden. Aber 
Wirkung, Einfluß sind im Sinne des Ver- 
fassers dynamische Beziehungen, denen 
das Alter seinem Wesen nach abgeneigt 
ist. Fast ausnahmslos in der mittleren 
Phase könne der große Künstler Haupt 
und Leiter einer Schule sein. „Der Alte", 
sagt Goethe, „verliert eines der größten 
Menschenrechte: er wird nicht mehr von 
seinesgleichen beurteilt." Er ist aus jenem 
großen Wechselspiel der Relationen her- 
ausgetreten ; wohl übersieht er das Feld, 
doch auf das Spiel hat er keine Einwir- 
kung mehr. Daß einzelne Künstler wie 
Bernini, Rubens doch mit ihren Spät- 
werken die Entwicklung der Kmist beein- 
flußt haben, erklärt sich durch den Zwie- 
spalt von reiner Geistigkeit und künstleri- 
scher Formsinnigkeit. Im Gegensatz zur 
persönlichen Geistigkeit Michelange- 
los, Rembrandts (deren späte Form 
den jüngeren Künstlern ihrer Zeit etwas 
Fremdes, ja Unfaßliches sein müßte), seien 
Bernini und Rubens als persönliche 
Bekenner von geringem Wert gewesen. 
Fast banal sei ihr Denken, nur Spiegel 
der allgemeinen Geistigkeit ihrer Zeit. 
Ihre Triumphe im Reich der Anschauung 
gewannen sie zunächst, weil ihre Formen- 
sprache mit höchster Formsinnigkeit und 
Schaubarkeit gesättigt war. 



L82 



Kritiken und Referate 



Von der Untersuchung geistiger Struk- 
turveränderungen der schöpferischen Per- 
sönlichkeit erwartet Brinckmann be- 
sonderes Anschauungsmaterial für die 
Auflösung allgemein psychologischer Pro- 
bleme. Seinen Beitrag hiezu leitet er 
mit einer persönlichen Andeutung ein: 



„Nur wer den Wandel eigener Geistig- 
keit erlebte, wird das geheime Wesen 
geistiger Veränderung erkennen. Der Ein- 
tritt ins fünfte Lebensjahrzehnt war not- 
wendig, um lauggehegten Gedanken die 
Bestimmtheit des Wortes zu geben." 

A, J. Storfer. 



Dr. R. ALLENDY: Der Symbolismus des Traumes und die Psycho- 
analyse. Der Querschnitt. V. Jahrg., Heft 7. Berlin 1925. 

Kurze gemeinverständliche Schilderung knapper Traumbeispiele. Abschließend 
der Mechanismen und der Symbolik des Hinweis auf die Bedeutung der Traum- 
Traumes, belegt durch die ausführlichere forschnng für die Psychologie überhaupt. 
Analyse eines Traumes und einer Reihe St. 

LEONHARD ADAM: Das Rätsel des Toteinismus. Der Querschnitt. 
V. Jahrg., Heft 7. Berlin 1925. 



Freuds Theorie über Totem und Tabu 
befriedigt den Verfasser nicht. Sie sei eine 
unerwiesene Phantasie. „Aber ich lege 
Wert darauf, nicht mißverstanden zu 
werden. Ich habe alle Hochachtung vor 
der Genialität des Gründers der psycho- 
analytischen Forschung . . . Im Gegensatz 
zu anderen Ethnologen bin ich ferner der 
Ansicht, daß auch ethnologischen Pro- 



blemen gegenüber sehr wohl die psycho- 
analytische Methode eingeschlagen werden 
kann." Im besonderen warnt der Ver- 
fasser auch davor, überall Toteinismus zu 
wittern, wo in Zeremonien, in Mythos 
und Dichtung oder in der bildenden Kunst 
Tiere wie Menschen redend und handelnd 
auftreten oder umgekehrt Menschen als 
Tiere erscheinen. A, J. St. 



Dr. theol. et phil. J. P. STEFFENS: Eduard von Hartmanns Religions- 
philosophie des Unbewußten. Ohlinger, Mergentheim. 



Das monumentale Werk will eine Aus- 
einandersetzung zwischen theistischer und 
monistischer Weltanschauung darbieten. 
Die Ausführungen über Hartmanns Reli- 
gionspsychologie enthalten interessante 
Einzelheiten (451 ff.). Wer aber Aufschlüsse 
über die Entstehung und Fortbildung un- 
bewußter religiöser Vorstellungen, Gefühle 
und Strebungen erwartet, erlebt schwere 
Enttäuschungen. Hartmann war Metaphy- 
siker, und zur Untersuchung individueller 
Entwicklungen fehlte ihm jede Begabung, 
wie auch zur Auffindung psychologisch- 
biologischer Gesetze. Doch anerkennt er 
wenigstens die unterschwelligen Gestal- 
tungsprozesse, aus denen das religiöse 



Erlebnis hervorgeht (457 ff.). Sein „unbe- 
wußter religiöser Trieb", ohne den es 
nie zur Religion käme (463), bleibt jedoch, 
wie so vieles bei Hnrtiniimi, ein myste- 
riöses X, und wo die Untersuchung ein- 
setzen sollte, ist sie bereits geschlossen. 
Die gründliche Kritik, die Steffens an 
Ed. v. H. H im. um übt, könnte denjenigen 
gute Dienste leisten, die in Hartmanns 
Nachfolge das Unbewußte im Menschen 
zu einem hellseherischen Erlöser und 
„Christus" (Macder) erhoben und in 
mythologischem Struhlcngnnz leuchten 
lassen. Anhänger Freuds aber haben die 
Warnung vor solchen Doktrinen nicht 
nötig. Pfister (Zürich). 



Kritiken und Referate 



48; 



Dr. O. PFISTER: Der seelische Aufbau des klassischen Kapitalismus 
und des Geldgeistes. (Heft VII der Schriften zur Seelenkunde und Er- 
ziehungskunst.) Verlag Bircher, Bern. 

In der Einleitung finden wir die über- 
raschende Mitteilung, daß ein National- 
ökonom, nämlich Prof. Dr. Max Weber 
(Heidelberg), wiederholt erklärte, nicht 
von der heutigen Psychologie, sondern 
nur von exakten Forschungen auf dem 
Gebiete der Hysterie verspreche er sich 
eventuell neue, für das Problem des Kapi- 
talismus wertvolle Einsichten. Auch Werner 
Sombart kam wie Weber beim Studium 
des mittelalterlichen Kapitalismus zur 
Ansicht, daß Religionssysteme und Kirchen 
den kapitalistischen Geist und das ihm 
entsprechende Wirtschaftsleben teils för- 
derten, teils in seiner Entfaltung auf- 
hielten. In der nachreformatorischen Zeit 
hat nach Weber und E. Troeltsch 
namentlich die kalvinische Berufsidee den 
kapitalistischen Geist mächtig gefördert. 
(Der Beruf ist ein Mittel, um die Welt 
immer mehr zur Ehre Gottes zu gestalten. 
Daher Forderung einer intensiven Arbeit 
und Askese.) 

Pf ister findet mit Sombart und Weber, 
daß der klassische Kapitalismus charak- 
terisiert ist durch die Verknüpfung von 
Geldsucht und christlicher Ge- 
sinnung; aber er meint, diese Autoren 
irren sich, wenn sie glauben, es handle 
sich bei der Entstehung des Kapitalismus 
um die Auffassung und Ausbildung ge- 
wisser Lehren und Moralvorschriften, 
denn Lehren sind selbst nur der Ausdruck 
liefer liegender Seelenmächte. Wie es 
möglich war, daß sich Mammon auch 
im spätscholastischen Zeitalter durchzu- 
setzen vermochte, wo doch das religiöse 
Ideal damals in einer ganz anderen Rich- 
tung lag, und warum gerade der düstere, 
asketische puritanische Geist dem Geld- 
hunger Tür und Tor öffnete, vermögen 



die genannten Autoren nicht befriedigend 
zu erklären. 

Am Beispiel eines „frommen" Kapi- 
talisten großen Stils, der an angsthysteri- 
schen und zwangsneurotischen Erschei- 
nungen litt, zeigt Pfister, daß bei diesem 
Mann eine ungeheure Liebesstauung xmd 
damit eine Lebensverriegelung entstanden 
war, aus welcher nur die fanatische Geld- 
beschaffung einen Ausweg bot. Durch 
andere entsprechende Beobachtungen 
kommt Pfister zum Schluß, der klassische 
kapitalistische Geist sei Überkompen- 
sation des durch Askese bewirkten, angst- 
besetzten Unwürdigkeitsgefühls, eine 
zwangsbehaftete Auferstehung der zer- 
tretenen Selbstliebe. Aus dieser Einsicht 
heraus wird es verständlich, warum nicht 
Luther und Zwingli, sondern der finstere 
Kalvin, und nicht der in der Praxis mildere 
Katholizismus, sondern der strenge Puri- 
tanismus die Fahne des Geldgeistes zum 
Siege führten. 

Verliert das Geld seine Bedeutung 
als Anweisung auf Wirklichkeitsgüter zu- 
gunsten der Gemeinschaft und zu Ehren 
Gottes, d. h. wird es zum Symbol und 
Selbstzweck (Privatprofit) des Einzelnen, 
dann schlägt der kapitalistische Geist um 
in Geldgeist, d. h. in leidenschaftliche 
Gier nach Geld. An Hand neuer Beispiele 
wird der profane Geldgeist als krankhafte 
Zwangserscheinung entlarvt. Die Bedeu- 
timg der Analerotik wird bei der Beweis- 
führung nur gestreift, wohl aus Rücksicht 
auf das Verständnis des fachunkundigen 
Leserkreises, für den das Büchlein haupt- 
sächlich bestimmt ist. 

Die psychoanalytische Untersuchung 
zwingt den Autor zur Schlußfolgerung, 
daß eine Befreiung der Menschheit von 



Iniiigo XI. 



52 



der Geißel des Geldgeistes nur durch eine neue Sozialpathologie, wie sie 
eine tiefere Gesellschaftsbiologie einzig die Tiefenpsychologie geben kann, 
angebahnt werden könne. Er tritt ein für Fnrrcr (Zürich). 

Lic. Dr. G. DIETTRICH: Seelsorgerliche Ratschlage zur Heilung see- 
lisch bedingter Nervosität. 2. Aufl. Gütersloh 1921. 



Ein der Psychoanalyse überaus wohlge- 
sinntes, mutiges Büchlein, das zwar keine 
genauere Kenntnis der Freudschen Me- 
thode vermittelt, wohl aber in recht ge- 
schickter Weise auf die Notwendigkeit der 
Kooperation von Arzt und Pfarrer hindeutet. 



AlsersteOricntierung wird die Schrift man- 
chem sehr gute Dienste leisten. Nur be- 
fürchte ich, daß viele Leser keinen zurei- 
chenden Eindruck von den grollen Schwie- 
rigkeiten gründlicher seelsorgerlicher Ana- 
lyse erhalten werden. I'fister (Zürich). 



ED. KÖNIG: Sexuelle und verwandte modernste- Bibeldeutungen. 
(F.Manns Pädagogisches Magazin. Heft 892.) Langensalza 1922. 



Eine breite Kluft liegt zwischen den 
geisteswissenschaftlichen Arbeiten psycho- 
analytischer Richtung und den meisten 
Fachwissenschaften. Letztere verschließen 
sich hartnäckig vor einer sachlichen Nach- 
prüfung der analytischen Hypothesen und 
Theorien und verschaffen sich durch ihre 
Unwissenheit den Vorteil, den Analytikern 
willkürliche Hirngespinste nachsagen zu 
können, ähnlich jenen Astronomen, die 
sich weigerten, durch Galileis Fernrohre 
zu blicken, um ihn als Ketzer und Phan- 
tasten abtun zu können. Die Psychoana- 
lytiker aber betraten in ihrer Entdecker- 
freude mitunter Gebiete, die sie nicht 
genügend beherrschten und erhöhten da- 
durch nicht eben das Ansehen der von 
ihnen vertretenen Sache. 



König weiß von der Psychoanalyse 
wenig. Wo der Erfahrene hundertfach 
beobachtete Talsachen als Basis analyti- 
scher Argumentation kennt, fällt König 
in das Entsetzen des Neulings, der mit 
Ausrufs- und Fragezeichen aufrückt, wo 
er Gründe liefern sollte. Damit setzt er 
sich der Gefahr aus, von den Gegnern 
nicht ernst genommen zu werden. Ich 
bin jedoch der Ansicht, daß gerade Ana- 
lytiker, die «ich mit dem Alten Testa- 
mente befassen, sein Büchlein sorgfältig 
prüfen sollten. In der Exegese mancher 
Stellen bietet er bemerkenswerte Ein- 
wände dar, wenn er auch das Gesamt- 
bild psychoanalytischer Bihelhearbeitung 
nicht wesentlich beeinflussen kann. 

Pfister (Zürich). 



JULIUS BESSMER S. .!.: Die Wunder des Evangeliums und die Psycho- 
therapie. („Stimmen der Zeit", Katholische Monatschrift für das Geistesleben 
der Gegenwart, 48. Jahrg.) Freiburg i. Br. 

In zwei Gruppen teilt der Verfasser den Lähmungen organische Vcriinde- 
die Heilwunder der Evangelien: I. Ein- rungen zugrunde lagen. Es gebe zwar auch 
fache Krankenheilungen, 2. Befreiung von hysterische Lähmungen, doch diese 
Besessenen. In die erste gehören vor allem seien überhaupt »ehr selten. Die Annahme, 
die Heilungen von Gichtbrüchigen und daß die Gelähmten der Evangelien alle 
Lahmen. Die Schilderungen der Evange- oder größtenteils Hysteriker gewesen 
Hen, fuhrt der Verfasser aus, zeigen, daß seien, entbehre jeder Wahrscheinlichkeit. 



Kritiken und Referate 



485 



(Der Preibnrger Mediziner Dr. Knur 
wird zitiert: „Ein bis zum Sterben 
hysterischer Offiziersbursche" — 
der Knecht des Hauptmanns von Kaper- 
nanm — „man muß zugeben, das klingt 
höchst unwahrscheinlich".) 

Die Besessenheit sei unmöglich mit 
„Krankheit" einfach zu identifizieren. Sie 
gehöre nicht in das ärztliche Fach. Wo 
Jesus heilt, handle es sich nicht um Be- 
sessenheitswahn, sondern um Menschen, 
die wahrhaftig von einem bösen Feind 
gequält, besessen sind. 

Was vermag die Psychotherapie gegen- 
über solchen verschiedenen Zuständen? 
fragt der in der psychiatrischen Literatur 
interessierte Jesuitenpater. Die Psycho- 
therapie könne Zerstörungen eines Organs 
nicht heilen; Hypnose und Suggestion 
können höchstens Hemmungen, die dem 
besseren Gebrauch der Organe entgegen- 
standen, wegschaffen. Die evangelischen 

HUGO DAFFNER: Zur Psychopath 
(Archiv für Psychiatrie, Bd. 67, Heft 2 

Unter den zahlreichen Sektenbildungen, 
die wir in protestantischen Ländern kennen, 
ist die der sogenannten Königsberger 
Mucker im ersten Drittel des vorigen 
Jahrhunderts eine der bekanntesten ge- 
worden. Der Autor gibt in dieser Dar- 
stellung des Prozesses, der wegen öffent- 
lichen Skandales von Staats wegen gegen 
die Häupter der Sekte geführt wurde, 
eine sachliche Schilderung vom psychiatri- 
schen Standpunkt aus, und wird auch 



Heilungen zeigen aber den Heiland nir- 
gends als Psychotherapeuten oder gar 
Hypnotiseur. Er nimmt sich keine Zeit 
zu wochen- oder monatelang wiederholten 
Sitzungen, berechnet nicht seine Aus- 
sprache auf die einzelnen Kranken, heilt 
mit dem Wort sogar in die Ferne. Seine 
Heilungen sind vollständig, keine Schein- 
heilungen, denn sonst hätten ja die mit 
Luchsaugen spähenden Synhedristen sicher 
Rückfälle entdeckt. Die Wunder Jesu 
mit Psychotherapie oder sonstige natür- 
liche Hilfsfaktoren erklären zu wollen, 
beruhe auf Irrgängen : Überschätzung des 
natürlichen seelischen Einflusses undLeug- 
nung der Möglichkeit eines Wunders. 

Der mit Zitaten aus deutschen und 
französischen Psychiatern gewappnete 
Autor erwähnt an einer Stelle beiläufig 
(als Übersetzer der Bernheimschen „Neuen 
Studien") — auch Freund (sie!). 

A. J. Storfer. 

ologie der Königsberger Mucker 

u. 5.) 1925. 

dem starken sexuellen Einschlag einiger- 
maßen gerecht, dem wir in solchen reli- 
giösen Konventikeln regelmäßig begegnen. 
Es handelte sich auch hier um die typi- 
sche Erscheinung religiöser Sektenbildung, 
die von zwei Paranoikern ausgehend, auf 
psychische Schwächlinge und Psycho- 
pathen eine starke Seelische Infektion 
ausübte und sie im Lauf eines Menschen- 
alters in Konflikt mit Staat und Gesell- 
schaft brachte. Hitschmann (.Wien). 



ARTUR SZIRTES: Zur Psychologie 
psychologische Forschungen, Bd. 1) M. 

Der Verfasser stellt sich den Werde- 
gang der Demokratie als eine allmähliche 
Annäherung an die universelle kollektive 
Bewußtheit vor. Unter deren Herrschaft 
„wurzelt die öffentliche Meinung im 
Einzelmenschen". Eine Psychologie der 



der öffentlichen Meinung. (Sozial - 
Perles, Wien und Leipzig 1920. 
Berufe wäre noch auszuarbeiten. Die In- 
dividualität ist durch die Umgebung ge- 
staltet und für sie gilt der ethische Im- 
perativ: „Lerne die Gesellschaft, keimen." 
Die Individuen müssen zur Verantwort- 
lichkeit erzogen werden. Szirtes verficht 



3** 



t 86 



Kritiken und Referate 



den „materiellen Idealismus", die „kul- 
tursoziale Weltanschauung"; „sozialinduk- 
tive Denkungsart" und „sozialalrruistische 
Handlungsart" gipfeln für ihn im „sozial- 
ethischen Individualismus". Die Erlan- 
gung der Wahrheit wird durch die „gleiche 
sinnliche Veranlagung" der Menschen ge- 
währleistet. 

HEINZ WERNER: Die Ursprünge 
München 1924. 

Dieses Buch ist doppelt interessant 
wegen seiner Methode und wegen seines 
Gegenstandes. Es ist aus dem Gedanken- 
kreis der Entwicklungspsychologie heraus 
entstanden. Die Entwicklungspsychologie 
ist eine wichtige und vielversprechende 
Arbeitsrichtnng, deren Programm von dem 
Leipziger Psychologen F. Krueger ent- 
wickelt wurde. Sie will zunächst die 
Stufenfolge von seelischen Erscheinungen 
sein, deskriptiv feststellen, im allgemeinen 
das Charakteristische der psychischen 
Welt von Tier, Kind, Primitiven ver- 
gleichend erforschen, aber auch einzelne 
Gebiete, etwa die Entwickhing des Zeit- 
bewußtseins, die Struktur der Wahrneh- 
mungen u. a. m., auf die Veränderungen 
hin, die sie im Laufe der zeitlichen Ent- 
wicklung erfahren, untersuchen. 

Dabei sind zwei wichtige Voraus- 
setzungen zu beachten. Zuerst, daß Ent- 
wicklung kein Wertbegriff ist, sondern 
daß sie lediglich die Feststellung einer 
Veränderung im Laufe der Zeit bezeichnet. 
Es wird nicht mehr die falsche Einstellung 
zur Grundlage der Betrachtung gemacht, 
daß die Psychologie des Menschen zu- 
sammenfällt mit der Psychologie der heu- 
tigen, erwachsenen Kulturmenschen und 
der Primitive oder das Kind nur unvoll- 
kommenere Vertreter dieses Typus sind, 
sondern gerade das abweichend für eine 
besondere Entwicklungsstufe Typische soll 
aufgezeigt werden. Dabei zeigt es sich, daß 



Wie ersichtlich, können diese Ideen mit 
den psychoanalytischen Anschauungen in 
Einklang gebracht werden. „Aus der sozial- 
psychologischen Verzweigung der moder- 
nen psychoanalytischen Literatur sei hier 
Federns Abhandlung . . . und Kolnais 
Schrift . . . erwähnt" — lesen wir in den An- 
merkungen. Anrel Kolnai (Wien). 

der Lyrik. Verlag Ernst. Reinhardt. 

der Primitive oder das Kind in seinem 
psychischen Habitus wesentlich anders sind 
als der erwachsene Kulturmensch, aber 
nicht, sozusagen, „mißlungene" Exemplare 
seiner Gattung, sondern selbständige, in 
ihrer Eigenart geschlossene Wesen. 

Zweitens wissen wir heute, daß eine Ent- 
wicklungsstufe nicht auf eine bestimmte 
Zeitstelle lokalisiert zu sein braucht; es gibt 
auch Veränderungen, organischer oder psy- 
chischer Natur, die eine frühere Stufe akti- 
vieren und hervortreten lassen. Nicht nur 
die psychoanalytische Theorie von der Re- 
gression, auch die nichtanalytische Psych- 
iatrie hat sich diesen Gedanken zu eigen 
gemacht und versucht insbesondere die 
Schizophrenie durch Vergleich mit den see- 
lischen Strukturen der Primitiven zu ver- 
stehen. (S.Storch:Das archaisch-primitive 
Erleben und Denken des Schizophrenen.) 

Die Psychoanalyse hat schon eine 
Theorie von den Stufen der sexuellen Ent- 
wicklung geschaffen und Ferenczi hat 
diese Betrachtungsweise in den „Entwick- 
lungsstufen des Wirklichkeitssinnes" auch 
auf den Aufbau der Ichwelt angewendet. 
Es ist zu erwarten, daß die Forschungen 
der Entwicklnngspsychologie uns Material 
liefern werden, um auch andere Gebiete 
der Psyche in ihrer zeitlichen Verände- 
rung zu begreifen, wobei die Überein- 
stimmungen oder Abweichungen von den 
bisher bekannten Tatsachen hervortreten 
werden. Vielleicht werden sich diese For- 



Kritiken und Referate 



487 



schungen einmal zu einer allgemeinen 
Theorie der Entwicklungsgesetze des 
Seelenlebens vereinigen lassen. Das Buch 
von Werner will den Entwicklungsgang 
untersuchen, wie die primitive Poesie aus 
ihren Anfangen, wo sie noch gar nicht die 
Immanenz der ästhetischen Sphäre besitzt, 
zu der Lyrik im eigentlichenSinne aufsteigt, 
welche] formale Stufen dabei durchlaufen 
werden, was für psychische Motoren diese 
Entwicklung treiben. Wie kommt diese 
geistige Einheit, die Harmonie zwischen 
spezifisch lyrischer Form und poetischem 
Sinn zustande, die das Wesen der Lyrik 
eben ausmacht. An Material bringt der 
Autor eine reiche Sammlung primitiver 
Dichtkunst. Dabei ergibt sich eine Reihe 
auch für den Psychoanalytiker beachtens- 
werter Resultate. 

Wir erfahren, daß das erste Motiv 
dichterischer Objektivation die Seimsucht 
ist. Lustvolle affektive Zustände drängen 
nach Abfuhr, in der Form von bedeu- 
tungslosen Silben, Lauten. Trauer, Ver- 
lust. Furcht, Zorn führen zum Ausdruck. 
Die primitive Klage bezweckt eine Auf- 
hebung des Unlustaffektes, und zwar durch 
ein naturalistisches Mittel. Die genaue 
Gegenstandsbestimmung (die erste Phase 
kennt noch keine Metapher, kein Symbol, 
sie ist rein konstatierend, benennend) soll 
dazu dienen, einen Ersatz für das Objekt 
zu schaffen, die Objektivation des Gefühls 
will durch Darstellung des ersehnten 
Gegenstandes eine Wunscherfüllung er- 
reichen. Inhaltlich ist der Gehalt primi- 
tiver Lyrik der Wunsch nach Nahrung, 
nach sexueller Befriedigung, erst später 
taucht die Totenklage auf. Spott und Zorn- 
gesang entwickeln sich aus dem Unlust- 
gefühl, das durch das Vorhandensein eines 
Ärgernis erregenden Gegenstandes aus- 
gelöst wurde. Die Stufenfolge der Ent- 
wicklung führt von der prämagischen 
Stufe, in der die Lyrik einen Wirklich- 



keitsersatz geben will, durch die magische, 
die in der Dichtkunst ein „Behelf zur 
Erlangung der ersehnten Wirklichkeit" 
sieht, zu der eigentlich ästhetischen Stufe, 
auf der sich eine immanente poetische 
Wirklichkeit ausbildet. Werner sagt: Die 
Funktion der primitiven Lyrik ist die 
Aufhebung des Affektes, in der real ge- 
meinten oder real wirksamen Welt der 
lyrisch dargestellten Gegenstände; die 
Funktion der höheren Lyrik ist die Um- 
wertung des Affektes . . ." (S. 28.) Bei der 
Entwicklung des formalen Moments ist 
es interessant zu erfahren, welche über- 
ragende Bedeutung dem Tabu bei der 
Ausbildung des Gleichnisses zukommt. 
Die Metapher, die sprachliche Darstellung 
des „Gleichwie-seins" ist ja die wichtigste 
formale Voraussetzung jedes dichterischen 
Symbolisierens, jeder lyrischen Veran- 
schaulichung. Und gerade diese Umfor- 
mung, Verarbeitung der Sprache wurde 
von dem Tabu herbeigeführt. Es gibt eine 
rein negative Stufe des Tabu, die seiner 
sprachlich-produktiven Wirkung voran- 
geht: das Schweigen, das Vermeiden von 
Worten, die das Tabu bezeichnen, oder 
die Ersetzung des Wortes durch Gebärde. 
Bald folgt aber die Phase des Umschrei- 
bens, die bereits zwei charakteristische 
Merkmale besitzt: die Verhüllung und 
die Offenbarung. Ihre Entstehung dankt 
sie zwei Tendenzen: die Furcht vor dem 
Tabu wird schwächer, aber seine Kraft 
genügt noch immer, um das direkte 
Nennen des verbotenen Gegenstandes zu 
verhüten, einen Umweg, eine Kompromiß- 
lösung zwischen Verschweigen und Offen- 
baren zu schaffen. So äußert sich das 
Totentabu in den Klageliedern: der Name 
von Dingen, die mit dem des Toten gleich- 
lauten, müssen umgeändert werden. Das 
Sexual- und Pubertätstabu schafft bekannte 
Metaphern. Die Gefahr des sexuellen Ver- 
kehrs wird mit dem Gleichnis des „Beißens' : 



l88 



Kritiken und Referate 



veranschaulicht. Aber auch die symbolische 
Umschreibung des Aktes als Überwältigt- 
sein ist geläufig. (Das Fressen und Ge- 
fressenwerden.) In melanesischen Liebes- 
liedern werden Metaphern wie : „wir wollen 
Speer bereiten", „in Spielkraut (weibliche 
Scham) hinein Pfeil bohren", für den Ge- 
schlechtsverkehr angewendet. Das Tabu der 
sexuellen Dinge führt während der Puber- 
tätszeit nicht bloß zur körperlichen, son- 
dern auch zur sprachlichen Verhüllung der 
Schamteile. Eine andere, biologisch sehr 
wichtige, und sprachforaiende, zur Um- 
schreibung drängende Funktion des Tabu 
tritt auf, wenn es sich darum handelt, Äuße- 
rungen gleichzeitig zu hemmen und doch 
erkennen zu lassen. Also etwa bei der Mit- 
teilung von traurigen Nachrichten, beiWar- 
nung und Drohung, bei Spott und Ironie. 
Hier gilt es, den stürmischen, spontanen 
Ausbruch von Affekten zu unterbinden, die 



Reaktion behutsam vorzubereiten, die Un- 
lust zu mäßigen. Das geschieht mit der 
Hilfe der Metapher, mit Hilfe derjenigen 
Sprachbildung, die zugleich verheimlicht 
und aufdeckt. In dieser Form bereitet das 
Sprachtabu, indem es den Willen zur Um- 
schreibung schafft, den Weg für das poeti- 
sche Gleichnis. 

Ausführungen über die dichterische 
Wiederholung (deren mehrfache Motive 
aufgedeckt werden), der Ellipse, psycho- 
logisch ungemein treffende Gedanken über 
den Rhythmus, über die Entwicklung des 
Reimes, vervollständigen das Buch, dem 
strenge Geschlossenheit des Gedanken- 
ganges und sichere Linienführung in der 
Darstellung nachzurühmen ist. 

Die Psychoanalyse wird nicht erwähnt, 
obwohl mehrfach sachliche Übereinstim- 
mungen mit ihr vorhanden sind. 

Gero (Budapest). 



J. ZOLLER: Sinaischrift und Griechisch-Lateinisches Alphabet. 
Ursprung und Ideologie. Selbstverlag, Trieste 1925. 



Die Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Geisteswissenschaften wird von man- 
chem Gegner der Psychoanalyse durch 
den Einwand zu entwerten versucht, daß 
man dabei von psychoanalytischen Auf- 
stellungen, als gegeben, ausgehe und das 
zu untersuchende Material in mehr oder 
weniger geschickter Art in Deutungswei- 
sen hineinzwänge, welche diesen Auffas- 
sungen Recht geben sollen. Hier ist nicht 
der Ort, diesen Einwand zu widerlegen, 
weil er vorliegende Arbeit nicht im ge- 
ringsten treffen kann. Wie der Autor in 
seinem Vorworte zur deutschen Ausgabe 
erklärt, war er über die Psychoanalyse gar 
nicht unterrichtet gewesen und hatte nie 
eine psychoanalytische Schrift in Händen 
gehabt, als seine Arbeit bereits druckreif 
war. Erst als Autor eines Tages mit dem 
Referenten auf seine Forschungen zu spre- 
chen kam, machte ihn dieser auf die voll- 



ständige Übereinstimmung seiner Ergeb- 
nisse mit der Aufstellung der psychoana- 
lytischen Symbole aufmerksam. Deshalb 
ist also diese Arbeit für uns Psychoana- 
lytiker von großem Werte, weil der Ver- 
fasser, der nicht nur der Psychoanalyse fern- 
stand, sondern von deren Existenz über- 
haupt nichts wußte, ganz unabhängig von 
ihr zur Aufdeckung ganz derselben Sym- 
bole gelangte, wie sie uns Freud lehrte. 
Hieroglyphische Zeichen haben bei 
der Entstellung der griechisch-römischen 
Schriftzeichen mit eingewirkt. Zuerst hatte 
jedoch die allmähliche Metamorphose der 
Hieroglyphen zur sinaitischen und zu den 
semitischen Schriften im allgemeinen ge- 
führt. Die Aufgabe, die sich Autor gestellt 
hat, war nun, die hebräischen Schriftzei- 
chen über das Altsinaitische zu ihren ur- 
sprünglichen Ausgangsformen zurückzu- 
verfolgen. Dies gelang ihm, außer durch 



J 



Kritiken unrl Referate 



489 



die morphologische Ableitung der einzelnen 
Zeichen, auch namentlich durch die Be- 
rücksichtigung der Bezeichnungen, wel- 
che die hebräischen Schriftzeichen führten, 
sowie der Laute, welchen sie entsprachen. 
Es zeigte sich dabei, daß das Alphabet 
aus einer Reihe von Hieroglyphen (oder 
hieratischen Formen derselben) entstanden 
ist, wovon ein geringer Teil Sexualorganen 
entsprach. Was alle übrigen Hieroglyphen 
darstellte, hatte einen doppelten Sinn, 
welcher vom Autor nicht etwa heraus- 
gedeutet, sondern philologisch nachgewie- 
sen wird. Die zweite, und zwar sexuelle 
Bedeutung des Wortes findet in den alt- 
orientalischen Sprachen eine ganz offen- 
kundige Anwendung. Durch Einschaltung 
dieser zweiten Bedeutung gewinnt die 
ganze Serie des alphabetischen Signariums 
einen sonst vermißten Zusammenhang. 
Eine erste Gruppe des Alphabetes stellt 
nach Autor die Liebesansprüche, eine 
zweite die Mutterschaft und eine dritte 

NUMA PRÄTORIUS: Das Liebesl 
(Abhandlungen aus dem Gebiete der 
Der Verfasser versichert zwar, daß es 
ihm mehr auf Peststellung der im Seelen- 
leben Ludwigs XIII. herrschenden Sexual- 
tendenz, als auf die einzelnen Pakten 
homosexuellen Verkehrs ankomme, er 
verfährt aber durchaus mehr nach Art 
eines Untersuchungsrichters als eines Psy- 
chologen. Dazu gesellt sich ein erbärm- 
liches Aktendeutsch, das sich ohne Not 
in unendlich langen Schachtelsätzen er- 
geht (so auf Seite 7 ein Absatz von 15 Zei- 
len, der aus einem, noch dazu ziemlich 
inhaltslosen Satz besteht) und gelegent- 
lich die wunderlichsten Stilblüten hervor- 
bringt, z. B. S. 17: „Die ganze sexuell 
geschwängerte Atmosphäre, in der er 
uuf wuchs: dies schon dem Kind offen- 
barte Beispiel des weibertollen Vaters 
(mit ähnlichen schmückenden Beiworten 



und letzte Gruppe das Stillen und die 
Schöpfung des neuen Geschlechtes dar. 

Wir bewundern den Scharfsinn und die 
umfangreiche Bildung des Autors; was wir 
aber besonders anerkennen wollen, ist sein 
Mut, vor dem Sexuellen nicht zurück- 
geschreckt zu sein, und, im Gegensatze zu 
seinen Vorgängern, sich den Weg zur Er- 
kenntnis, daß wir in sexuellen Symbolen 
schreiben, nicht verschlossen zu haben. 

Es sei nur nebenbei bemerkt, daß der 
Autor, bei der Besprechung des „Gegen- 
sinnes der Urworte", uns darauf aufmerk- 
sam macht, daß schon vor Abel, den 
Freud in diesem Zusammenhange zitiert, 
Martin Schultze im Jahre 1876 auf 
diese Tatsache hingewiesen hat. Gelegent- 
lich weist der Autor auf eine sonst wenig 
bekannte, aber sicher bedeutungsvolle 
Schrift hin: E. Landau: Die gegensin- 
nigen Wörter im Alt- und Neuhebräischen. 
(Verlag Calvary, Berlin 1895.) 

E. Weiss (Trieste). 

eben Ludwigs XIII. von Frankreich. 

Sexualforschung, Bd. 2, Heft 6.) 

versieht der Autor bei jeder Gelegenheit 
den genialen Herrscher und Beileger des 
Religionszwistes, Heinrich IV.), der aus 
seinen Liebschaften und unehelichen Kin- 
dern dem legitimen kleinen Sproß kein 
Hehl machte, die frühzeitige, wenig zart- 
fühlende Art der Aufklärung über die 
sexuellen Geheimnisse, der fortwährende, 
ans Zynische grenzende Hinweis der 
Dienerschaft auf Beischlaf und Buhlschaft, 
die Ausmalung der Reize der zukünftigen 
Gattin und die Beschreibung des Ehe- 
bundes mit allen geschlechtlichen Reali- 
täten, dieses ganze in sexnalibus derbe 
Milieu und diese den Satz „naturalia non 
sunt turpia" in oft recht wenig dezenter 
Weise demonstrierende Erziehung . . ." 
Wie demonstriert man diesen Satz in sehr 
dezenter Weise? H. Sachs (Berlin). 



49° 



Kritiken und Referate 



R. POLLAK-RUDIN: Magie als Naturwissenschaft. — R. POLLAK- 
RUDIN und F. SCHULHOF: Grundlagen der experimentellen Magie. 
Franz Deuticke, Leipzig und Wien 1921. 



In diesen lebhaft geschriebenen Heften, 
die aus einer Reihe von Versuchen, Vor- 
trägen und öffentlichen Demonstrationen 
hervorgegangen sind, findet das psycho- 
analytische Auge zwei Momente, die es 
interessieren. Vorerst die Umkehrung 
der Anklage der Unwissenschaft- 
lichkeit: dieses Gebrechen bestehe nicht 
darin, bisher ungeordneten Beobachtungen 
Aufmerksamkeit zu schenken, sondern viel- 
mehr darin, sich jeder neuen Erkenntnis, 
die noch ohne statistische Tabellen und 
gedrechselte Erklärungen an uns heran- 
tritt, hartnäckig zu verschließen. Die 
Autoren verlangen also die Beseitigung 
einer intellektuellen Verdrängung, die 
gewiß keine rein vernunftbedingte ist. 
Ob sie hingegen in ihrem Glauben nicht 

ERICH W. J. MEYER: Zum Sinn un 
Friedrich Cohen, Bonn 1925. 

Ein Schüler Max Schelers, knüpft der 
Verfasser an die Schelerschen Versuche 
zu einer Metaphysik der Geschlechter an. 
Meyer gelangt ungefähr zu folgenden 
Ergebnissen: Alles Organisch-Lebendige 
(ungewiß, ob auch das Anorganische?) ist 
geteilt in männlich und weiblich, d. h. 
ist im letzten Grunde männlich oder 
weiblich — trotz großer Mannigfaltigkeit 
aller möglichen Zwischen- und Übergangs- 
formen. Männlich und weiblich sind 
apriorische, absolute Seinsformen, die 
prinzipiell unabhängig von Besitz oder Exi- 
stenz eines Leibes oder eines Körpers, wie 
auch aller Stofflichkeit sind. Männlich 
und weiblich als Prinzipien sind nur eine 
Ausprägung jenes Grunddualismus, der 
den ganzen Kosmos durchspaltet. Der 
Sexus ist nur eine, wenn auch wichtige, 
Ausdruckstechnik des Eros. Die Adäqua- 



zu weit gehen, steht noch aus. Den öffent- 
lichen Versuchen wohnte Sclireiber dieser 
Zeilen zum großen Teil bei und gewann 
trotz alles Wohlwollens keinen eindeutig 
überzeugenden Eindruck. Sodaiui begegnen 
wir gelegentlich der Versuche insbesondere 
dem Problem (dem einfachsten unter den 
„magischen") der Ubertragting psy- 
chischer Energie von einer Person 
auf die andere ohne Vermittlung der 
Sinnesorgane. Die Autoren fassen dieses 
Problem anscheinend noch allzu formal 
und technisch auf. Es wäre zu untersuchen, 
ob vielleicht die sexuelle Libido, die ja ge- 
wissermaßen außerhalb des streng ge- 
nommen Physischen sowie Psychischen 
steht, auch hier eine Rolle spielt. 

A. Kolnai. 

d Wesen der Geschlechter. Verlag 

tion der Trennung in Geschlechter steigt 
vom Biophysischen über das Psychische 
zum Geistigen hinan. In der Wirklichkeit 
braucht nicht notwendig das psychische 
Quäle der physischen Geschlechtlichkeit 
parallel zu gehn. 

Die Psychoanalyse wird von Meyer 
des öftern gestreift. Wenn auch anerkannt 
wird, daß Freud „viel Richtiges gesehen 
und gezeigt hat", „reiche Anregungen in 
vieler Beziehung gegeben hat", daß man 
seine Forschungen und Beobachtungen 
und die seiner Schule „nicht leicht zu 
hoch einzuschätzen hat", daß es ein Ver- 
dienst Freuds ist, durch die Erweiterung 
des Begriffes des Sexuellen „mit Miß- 
verständnissen gründlich aufgeräumt zu 
haben", so muß Meyer doch eine Reihe 
von psychoanalytischen Grundgedanken — 
als unvereinbar mit seinen Thesen — ab- 






Kritiken und Referate 



49i 



lehnen. Die Lehre von der polymorph- 
p erver sen Anlage ist für Meyer un- 
annehmbar : gerade die Tatsache der 
Perversion bezeige deutlich, daß eine 
merkbare Tendenz zur Verteilung der Ge- 
schlechtsqnalitäten in allen Fällen mit- 
gegeben ist. Polemisch wird auch die 
Freudsche Erklärung der Scham be- 
handelt: sie gehe nicht auf eine Ver- 
drängung der Schaulust zurück, sondern 
bestehe „in einer das Schöne und heim- 
lich als positiv-wertig Gewußte ästheti- 
schen Verhüllung, so daß eben diese Schön- 
heit noch als eine gewußte unter der 
bergenden Hülle leise und zauberhaft her- 
vorleuchtet". (Scheler:, .Offenbarung der 
Schönheit [und zwar der körper-leiblichen 
ebensowohl wie der seelisch-geistigen] in 
der Geste ihres Selbstverbergens.") Die 
scharfe Trennung der Begriffe Sexus und 



Eros („unbeschadet ihrer notwendigen 
und oft realisierten Deckungseinheit") hält 
der Verfasser für notwendig allen wie 
immer gearteten und gefärbten natura- 
listischen Liebestheorien gegenüber zu- 
mal auch „gegenüber der ,monistischen' 
Ontogenie des um Freud gruppierten 
psychoanalytischen Kreises, dem sich ja 
etwa das, was wir streng in das Ge- 
biet des Eros verweisen müssen, ledig- 
lich als eine Sublimierung der Libido 
darstellt". 

In besonderen Exkursen beschäftigt 
sich der Verfasser unter anderem mit 
Schelers Typologie (Mutter an sich. 
Nonne, Hetäre, biblische Martha) mit der 
Fließsclien Periodenlehre, mit der Eros- 
idee Piatos, mit der Frage der Mono- 
gamie, der Bedeutung der Mode usw. 

A. J. Storfer. 



Dr. H. G. STOKER, Seniorlektor an dem Universitätskollegium zu Potchefstroom, 
Transvaal (Südafrika) :DasGewissen. Erscheinungsformen und Theorien. (Schriften 
zur Philosophie und Soziologie, herausgegeben von Prof. Max Scheler. Bd. II.) 
Verlag Friedrich Cohen, Bonn 1925. 



Max Scheler, des Verfassers Lehrer, 
hat eine Vorrede zu dieser umfangreichen 
Studie geschrieben und charakterisiert sie 
darin wie folgt: „. . . stellt das Problem 
in die Geschichte der großen ethischen 
Systeme und der Philosophie selbst . . . und 
sucht aus den kühnen und einseitigen Deu- 
tungen, die das .Gewissen', die ,Schuld', die 
.Reue' usw. bei Fr. Nietzsche und S. Freud 
gefunden haben, ferner aus den großen dich- 
terischen Verkörperungen der Gewissens- 
konflikte bei Shakespeare, Dostojewski, 
Tolstoj usw. das Beste für seine Aufgabe 
herauszuholen." In einem besonderen 
Exkurs setzt sich Stoker mit den bis- 
herigen Gewissenstheorien auseinander. 
Die mittelalterliche Scholastik hat 
den Gewissensbegriff in „Synteresis" und 
„Conscientia" gespalten. Durch den Versuch 



in ihrer Gewissenslehre sowohl „das ewige, 
unfehlbare, absolute Moment" zu be- 
wahren und zugleich „das empirische, 
irrende, relative Moment" völlig anzu- 
erkennen, habe die Scholastik eine durch- 
aus künstliche Gewissenstheorie aufgebaut. 
Bei Josef Butler ist das Gewissen das 
Prinzip der Reflektion, es hat eine Ober- 
hoheit, eine Autorität über die anderen 
Ziele unserer Natur, wodurch wir unsere 
Natur als ein System oder eine Konsti- 
tution erfassen. Bei Kant ist das Gewissen 
nicht etwas Erwerbliches, und es gibt 
keine Pflicht sich eines anzuschaffen, son- 
dern jeder Mensch, als sittliches Wesen, 
hat ein Gewisses ursprünglich in sich. 
Gewissenlosigkeit ist nicht Mangel des 
Gewissens, sondern Hang, sich an dessen 
Urteil nicht zu kehren. Das Gewissen ist 






49 2 



Kritiken und Referate 



nach Kant von der Vernunft zu unter- 
scheiden. Ob eine Handlung überhaupt 
recht oder unrecht ist, darüber urteilt der 
Verstand, nicht das Gewissen, das Ge- 
wissen isteinBewußtsein.dasfür sich selbst 
Pflicht ist. Für Schopenhauer ist das 
Gewissen die aus dem Tun dem Menschen 
erwachsene Selbsterkenntnis seines indi- 
viduellen Willens. „Außer dem mit der 
Bosheit aus einer Wurzel, dem sehr hefti- 
gen Willen, entsprossenen und dalier von 
ihr unabtrennlichen Leiden, ist ihr nun 
aber noch eine davon ganz verschiedene 
und besondere Pein beigesellt, welche bei 
jeder bösen Handlung fühlbar wird und 
nach der Länge ihrer Dauer Gewissens- 
biß oder Gewissensangst heißt." Es regt 
sich im Innersten des Bewußtseins die 
geheime Ahnung, daß der Quäler mit 
dem Gequälten identisch ist, daß 
es der gleiche Wille zum Leben ist, der 
in allen erscheint, und es verschwindet so 
im Mitleiden die große Kluft zwischen 
dem Individuum und den anderen. Nach 
Nietzsche ist der Begriff des Gewissens 
entstanden, indem man Schwächen zu 
Verdiensten umgelogen hat. Auf grausame 
Weise ist dem Menschentier das Gewissen 
eingeprägt worden, mit Peinigung und 
Blut, Martern und Opfern und den un- 
erbittlichen Ritualformen aller Kulte und 
harten Strafgesetzen. Das schlechte Ge- 
wissen ist für Nietzsche eine Krankheit, 
entstanden aus dem Verhältnis des Schuld- 
ners zum Gläubiger, aus dem Schuld- 
gefühl der lebenden Generationen gegen- 
über ihren Vorfahren, und da diese Schuld 
an die Ahnen von Geschlecht zu Geschlecht 
wächst, hat das schlechte Gewissen seinen 
Ursprung in der Furcht vor dem Ahn- 
herrn und seiner »Macht, bis schließlich 
der Ahnherr durch die Phantasie der 
wachsenden Furcht in das Dunkel einer 
Unheimlichkeit und Unvorstellbarkeit zu- 
zückgeschoben, zu Gott transfiguriert wird. 



Die Reihe der von Stoker wieder- 
gegebenen und analysierten Gewissens- 
theorie schließt mit der Darstellung der 
Freudschcn Auffassung des Gewissens. 
An Hand Freuds letzten Arbeiten zur 
Ichpsychologie werden die Grundgedanken 
der Psychoanalyse über das Über-Ich und 
über die Abhängigkeit der Angst vom 
Ödipus- Komplex, beziehungsweise von 
der Kastrationsangst wiedergegeben. Sie 
werden als außerordentlich „befrem- 
dend" bezeichnet. „Müssen wir Freud 
ernst nehmen, in dem, was er hier so 
visionär uns vorphantasiert? Hätte die 
Psychoanalytik uns nicht solch ausgezeich- 
nete und vertiefte Einsichten in das 
Sexualleben gegeben, und würden wir die 
Entwicklung Freuds, seine wissenschaft- 
liche Arbeit und seine Herkunft aus der 
medizinischen Sphäre außer acht lassen, 
dann konnten wir geneigt sein, diese 
typisch ultra-modern- europäische 
Theorie als eine nicht ernst zu nehmende 
Anschauung beiseite zu lassen." Sehr 
merkwürdig sei auch Freuds Auffassung 
über das soziale Gewissen; der Gemein- 
geist in der Gesellschaft soll aus Neid 
entstanden sein, allen soll gleich viel ver- 
sagt werden. (Rathenau: „Alle Gerechtig- 
keit stammt aus dem Neide.") 

Stoker selbst legt vor allem Gewicht 
darauf, daß die Gewissensphänomenc ge- 
gliedert werden. Er liebt vor allem die 
echten Gewissensphänomene hervor, 
d. h. solche moralische und religiöse 
Phänomene, wo ein „personales Verhältnis 
zum eignen Bösen reell erlebt wird." Das 
echte Gewissen ist die reelle innere Kund- 
gebung des Personalhiisen. Das Personal- 
böse kann verwirklicht empfunden werden 
(„böses Gewissen") oder als zur Verwirk- 
lichung drängend („warnendes Gewissen") 
oder als prinzipiell möglich, aber reell ver- 
neint („gutes Gewissen"). In einem wei- 
teren Sinne des Gewissensbegriffes könne 



Kritiken und Referate 



495 



man auch die als „echte" Gewissens- 
phiinomene abgelehnten Bedeutungen als 
Erkenntnis des personal Guten und Bösen 
und als Drang nach dem Guten, Reali- 
sierungstendenz des Guten mit dem echten 
Gewissensphänomen zusammenfassen und 
die Einheit dieses zusammengestellten 
Begriffes suchen in einer individuellen 
Ükonomisierungsform der sittlichen 
Erkenntnis dessen und Einsicht in das, was 
„Für mich" das an sich Gute und Böse ist. 
Das Schlußkapitel ist der Frage der 
„Geltbarkeit, Pehlbarkeit, Vertraubarkeit 
und Erziehbarkeit des Gewissens" gewid- 
met und gelangt zu folgendem Ergebnis : 
Das echte Gewissen, die reelle innere 
Kundgebung des personal Bösen, ist ab- 
solut vertraubar und unfehlbar, das 
Gewissen im weiteren Sinne, als Nieder- 
schlag aus eigener Lebenserfahrung 
sprießender Einsichten, ist relativ vertrau- 
bar und fehlbar. In der Betonung der 
absoluten Unfehlbarkeit des eigentlichen 
Gewissens zeigt sich die kalvinistische 
Provenienz der ganzen Untersuchung. Das 
Gewissen ist für die Kalvinsche Auffas- 
sung ein Gefühl, welches zusieht, daß der 



Mensch nichts Böses in sich verbirgt und 
zudeckt, „sondern ihn verfolgt und 
zwingt, bis er seine Schuld be- 
kennt". Max Scheler spielt denn auch 
in seiner Vorrede auf das „ebenso herbe 
und souveräne . . . fast ausschließlich 
gottgebundene Lebens- und Weltgefühl" 
an und findet Stoker besonders prädis- 
poniert „für die Untersuchung einer inne- 
ren und individuellen Lebensmacht, die 
kaum je in der Welt in solcher Rein- 
heit, Strenge, Kraft und Tiefe emp- 
funden worden ist als in den beiden 
Teilen jenes religiös-christlichen Herois- 
mus, den die Religionsgeschichte an den 
Namen Kalvins knüpft". Beiläufig sei 
hier auch bemerkt, daß Stoker in seinen 
gelegentlichen Abschweifungen zu psycho- 
analytischen Problemen auch den Pfister- 
schen Versuch einer Psychogenese des 
klassischen Kapitalismus und Geldgeistes 
erwähnt, und zwar mit einer gewissen 
Empörung über die „Verwirrung des 
Blickes" und über die „grotesken Thesen", 
die Kalvins finsteren Gottesbegriff aus 
einem unbewußten Vaterhaß ableiten 
wollen. A. J. Storfer. 



Dr. phil. et med. BRUNO HARMS: Die Ursachen des Sitzenbleibens 
von Schulkindern. Beiträge zur Kinderforschung und Heilerziehung. Heraus- 
gegeben von J. Trüper. Heft 185. H. Beyer & Söhne, Langensalza. 



Harms betont ausdrücklich, daß seine 
Arbeit nicht Anspruch auf Vollständig- 
keit erhebt, weil eben nur die augen- 
fälligen Ursachen des Nichtmitkommens 
im Lernen beobachtet werden können, 
während „sich die feineren Einflüsse, die 
bei den Schulleistungen mitsprechen und 
die in das innerste Seelenleben des Schülers 
hineinführen, durch keine noch so ein- 
gehende Untersuchung aufgeklärt werden 
können". 

Sind wohl der psychoanalytischen 
Forschung auch tiefere Schichten des 



seelischen Geschehens zugänglich, so 
bleibt sicher immer noch ein gut Teil 
der Beurteilung entrückt, weil bei der- 
artigen Massenuntersuchungen nicht leicht 
eine psychoanalytische Vertiefung durch- 
zuführen ist. 

Hätte aber der Autor dem Einflüsse 
der sexuellen Konstitution auf die intellek- 
tuelle Entwicklung des Jtindes sein Augen- 
merk zugewendet, so wäre er zu einer 
Erklärung manches plötzlichen Versagens 
älterer Schüler im Lernen gekommen. 
Auch von der Bedeutung der kindlichen 



494 



Kritiken und Referate 



Onanie auf die geistige Leistungsfällig- 
keit spricht die Arbeit nicht. Hier liegen 
gewiß Erklärungsgründe für das Nicht- 



mitkommen einer großen Zahl Kinder in 
der Schule. 

Dr. Hermine Hug-Hcllmuth (+). 



Dr. JULIUS WAGNER, Studienrat in Frankfurt a. M.: Die Schulstrafe 
im Urteil des Schülers. (Friedr. Manns Pädagog. Mag. Heft 837.) H. Beyer 
& Söhne, Langensalza 1921. 



Bei experimentellen Prüfungen, die 
sich so ausschließlich auf Erscheinungen 
des Gefühlslebens beziehen, wie dies beim 
Urteil des Schülers über die Schulstrafe 
der Fall ist, wäre meines Erachtens die 
weitgehendste Kenntnis und Berücksich- 
tigung des Milieus, in dem das Kind auf- 
wächst, notwendig. Die Einstellung des 
Elternhauses zur Schule, die Art der häus- 
lichen Erziehung, die Strafformen im vor- 
schulpflichtigen Alter und in der Gegen- 
wart daheim bilden sozusagen die Grund- 
lage, auf der rein gefühlsmäßig das Ur- 
teil des Kindes über die Schulstrafe zu- 
stande kommt. 

Es wäre wichtig zu wissen, ob die 
jugendliche Versuchsperson ein einziges 
Kind ist oder im Kreise von Geschwistern 
aufwächst, ob die Eltern in Einigkeit 
leben und die Erziehung in Überein- 



stimmung durchführen, ob die Führung 
des Kindes Fremden überlassen ist und 
noch viele Fragen, die für das rein Per- 
sönliche einer Entwicklung entscheidend 
sind. So wird beispielsweise ein Kind, 
das zu Hause häufig gezüchtigt wird, auf 
diese Strafart ganz anders reagieren als 
ein Kind, das daheim nicht geschlagen 
wird. 

Solche Untersuchungen scheinen mir 
nur dann von Wert, wenn alle äußeren 
und inneren Faktoren, wie sie sich im 
Leben des Kindes geltend machen, Be- 
rücksichtigung finden. Sonst liefern die 
Ergebnisse doch immer nur ein Bild der 
Oberfläche, anstatt uns das tiefste, durch 
das Familienleben im stärksten Maße 
beeinflußte seelische Leben des Kindes 
zu enthüllen. 

Dr. Hermine Hug-Hellmuth (f). 



PAUL und MARIA KRISCHE. Vom weidenden Leben. Wie es Kindern 
und Jugendlichen zu erklären ist. 2. Aufl. A. Hoffmanns Verlag, Berlin 1921. 



So treffliche Gedanken diese Bro- 
schüre enthält, so haftet ihr doch ein 
Mangel an. Die „Aufklärung" kommt, wie 
übrigens zumeist auch in der Praxis, zu 
spät. 

Im Vorwort bezeichnen die Verfasser 
als Zweck ihrer Ausfüllrungen, Schülern 
der Volksschule beim Verlassen der 
Schule und vor dem Eintritt in das öffent- 
liche Leben eine, Aufklärung zu geben, 
die sie fähig mache, das Problem des 
werdenden Lebens ernst und verantwor- 
tungsbewußt anzufassen. Die Absicht, in 
der Seele des jungen Menschen neben 



der Erkenntnis der Natürlichkeit und 
Schönheit alles Werdens ein starkes Ver- 
antwortungsgefühl in sexuellen Dingen 
zu wecken, ist sicher nur zu billigen. 
Aber ich weiß nicht, ob der Weg der 
richtige ist. Bis das Kind die intellektu- 
elle Leistungsfähigkeit und das Alter er- 
reicht hat, zu dem Krisches ihm die 
Lösung des sexuellen Geheimnisses zu 
geben beabsichtigen, hat es sich längst 
schon in primitiver Weise mit dem Pro- 
blem beschäftigt. Diese vorwissenschaft- 
liche Zeit ist für die sexuelle Erziehung 
ebenso wichtig als die der beginnenden 



Kritiken und Referate 



495 



Reife. Denn in dieser frühen Forschungs- 
epoche legt sich das Kind selbst zurecht, 
worauf es vom Erwachsenen keine oder 
eine unbefriedigende Antwort bekommt. 
Es ist also von größtem Werte, die kind- 
lichen Sexualtheorien zu kennen, damit 
die richtige Anknüpfung zu einer biolo- 
gischen, ethischen, ästhetischen Erörte- 
rung gefunden werde. 

Im ersten Teil ihrer Ausführungen 
wenden sich die Verfasser an Kinder von 
zehn bis dreizehn Jahren („Mütterlich- 
keit"), im zweiten Teil („Befruchtung") 
an Dreizehn- bis Fünfzehnjährige, im 
dritten Teil („Verantwortlichkeit") an 
Jugendliche ab 16 Jahre. Aber es fehlen 
— vielleicht nur in der gedruckten Dar- 
stellung — die Bindeglieder zwischen 
diesen Etappen. Ja eine Stelle der zweiten 
Abhandlung läßt den Zweifel keimen, ob 
in der Zwischenzeit nicht ein stetiges 
Erweitern des Wissens vermieden wird. 
Sie lautet: „Als ich vor einiger Zeit mit 
dir über das Wesen der Mütterlichkeit 
sprach, habe ich dir erzählt, usw. Damit 
ist noch nicht alles erklärt, was mit dem 
werdenden Leben zusammenhängt. D u 
fragtest später einmal, wie denn im 
Mutterleibe das Ei vom Samen des Vaters 
befruchtet wird. Hiervon sollst du heute 
hören, usw." Damals wurde also das Kind 



auf später vertröstet. Glauben die Ver- 
fasser, daß der Forschungstrieb des Kindes 
gewartet hat, bis die Eltern den Zeit- 
punkt für eine weitere Erklärung für ge- 
kommen hielten? 

Ob man immer auf ein wirkliches 
Interesse stößt, wenn man die brennende 
Frage, die sich beim Kinde in erster Linie 
auf den Menschen bezieht, regelmäßig 
auf dem Umweg über Pflanze und Tier 
(letzterer wird sich eher begehen lassen) 
beantwortet, lasse ich dahingestellt. 

Mir scheint, man sollte in der Aus- 
sprache über die sexuellen Erscheinungen 
nicht zu viel Vorschriften machen, nicht 
zu viel schematisieren, sondern die Frage 
rein individuell nach Veranlagung, Um- 
welt und Erlebnissen des Kindes lösen. 
Nicht wieviel man dem Kinde sagt, son- 
dern wie man die Erklärungen seinem 
Verständnis und seinem Gefühlsleben 
anpaßt, darin liegt die Kunst und die 
Schwierigkeit. 

Immerhin ist das Büchlein ein Be- 
weis, daß ernste, tief sittlich fühlende 
Menschen diesem Problem nicht mehr 
prüde aus dem Wege gehen, sondern mit 
Gründlichkeit die Form erwägen, durch 
die es besser gelöst wird, als es bisher 
geschah. 

Dr. Hermine Hug- Hellmuth (f). 






Prof. J. ZAPPERT: Über Neurosen 
75. Bd., S. 108.) 

Aus einem Fortbildungsvortrage ist 
hier eine überaus bedeutsame Arbeit er- 
wachsen. Sie knüpft an die Kritik der 
bis jetzt festgehaltenen Einteilung der 
kindlichen Neurosen in Neuropathie, 
Neurasthenie und Hysterie den ge- 
lungenen Versuch, das System mit unseren 
derzeitigen Kenntnissen in Einklang zu 
bringen. Unter vorsichtiger Verwertung 
der modernen Reflexlchre, der Kenntnisse 



im Kindesalter. (Arch. f. Kinderheilk. 



von den inneren Sekretionen und der 
Arbeiten Freuds und seiner Schule 
kommt Zappert zu dem Vorschlage 
des folgenden vorläufigen Schemas : 
il Neuropathie. 2) Psychopathie. 3) Ge- 
wohnheitsneurosen a) auf Grund patho- 
logischer Bedingungsreflexe, b) auf Grund 
eines gesuchten Lusterwerbes. 4) Imitations- 
neurose (Induktionsneurose). 5) Angst- 
neurose, 6) Zwangsneurose. 7) Hysterie. 



496 



Kritiken und Referate 



Ein Literaturverzeichnis erhöht den Wert Maße sich der angesehene Autor die 

der anregenden Studie, angesichts deren Ergebnisse der psychoanalytischen For- 

es als ein erfreuliches Zeichen der Zeit schung zu eigen gemacht, 
gewertet werden kann, in welch hohem Dr. J. K. Friedjung (Wien). 



NEUE ZEITSCHRIFTEN 

ZEITSCHRIFT FÜR VÖLKERPSYCHOLOGIE UND SOZIOLOGIE. In Ver- 
bindung mit Alverdes, Bolte usw. herausgegeben von Dr. Richard Thurnwald. 
Verlag C. L. Hirschfeld, Leipzig (I. Jahrg., 1. Heft. März 1925). 

PHILOSOPHISCHER ANZEIGER. Zeitschrift für die Zusammenarbeit von 
Philosophie und Einzelwissenschaft. In Verbindung mit Baumgarten, Buijtendijk, 
Curtius usw. herausgegeben von Helmuth Plessner. Verlag von Friedrich 
Cohen, Bonn (I. Jahrg., 1. Halbband 1925). 

PSYCHOLOGIE UND MEDIZIN. Vierteljahrsschrift für Forschung und An- 
wendung auf ihren Grenzgebieten. Unter Mitwirkung von Sommer, Moll, 
Wirth usw. herausgegeben von Dr. R. W. Schulte. Verlag Ferdinand Enke, 
Stuttgart (1. Heft, Oktober 1925). 

ZEITSCHRIFT FÜR KRITISCHEN OKKULTISMUS UND GRENZFRAGEN 
DES SEELENLEBENS. Mit Unterstützung von Bohn, Hellwig, Klinckowstroem 
und Tischner herausgegeben von Dr. R. Baerwald. Verlag Ferdinand Enke, 
Stuttgart (1. Heft, Herbst 1925). 

VERERBUNG UND GESCHLECHTSLEBEN. Vierteljahrsschrift mit be 
sonderer Berücksichtigung des Sexualrechts und der Sexualpädagogik. Heraus- 
geber Dr. August Forel und Dr. Fritz Dehnow. Fackelreiter Verlag, Hamburg. 
Die Ereignisse des Krieges, heißt es im Die neue Zeitschrift stellt sich die Auf- 



Prospekt der neuen „Zeitschrift für 
Völkerpsy chologi e", haben allen Völ- 
kern die besondere Warnung zugerufen, auf 
das Leben der Gemeinschaften wie auf 
ein gefährliches Feuer z\i achten. Es 
wird die Forderung ausgesprochen : Auch 
die Beeinflussung der Lebensvorgänge in 
den verschiedenen Gemeinschaften sollte 
mehr unter den Einfluß psychologischer 
Erkenntnisse kommen; einseitige ratio- 
nalistische Systeme berücksichtigen nichl 
die Bedingtheiten und das komplizierte 
Ineinandergreifen der seelischen Kräfte. 



gäbe, die Erscheinungen in allen Gemein- 
schaften, in Nationen und Staaten, in 
Wirtschafts- und Berufsverbänden, in 
Religionsgenossenschaften und in Vereinen 
jeder Art, auf die Vorgänge in den le- 
bendigen Menschen zurückzuführen, 
aus denen die einzelnen Gruppen zu- 
sammengesetzt sind. Das erste Heft wird 
von einer programmatischen Studie des 
Herausgebers über „Probleme der Völker- 
psychologie und Soziologie" eingeleitet. 
Ihr folgt eine Abhandlung von Alverdes, 
in der die Möglichkeit einer „verglei- 



Kritiken und Referate 



497 



chcnden Soziologie" erörtert wird, die die 
Gesellimgsformen der Menschen und der 
Tiere vergleichend zu untersuchen hat. 
Professor Delbrück behandelt das Al- 
koholverbot in Amerika, Malinowski 
(den Lesern des „Imago" auch durch seinen 
Beitrag im vorigen Bande bekannt) ver- 
öffentlicht „Forschungen in einer mutter- 
rechtlichen Gemeinschaft". Aus dem Inhalt 
des bereits erschienenen 2. und 5. Heftes 
erwähnen wir noch Arbeiten von Kantor 
über „Sozialpsychologie als Naturwissen- 
schaft", von Preuß über „Die Erd- und 
Mondgöttin der alten Mexikaner im heu- 
tigen Mythus der mexikanischen Indianer", 
von Robert Michels „Zur Soziologie von 
Paris", von Gebsattel über „Ehe und 
Liebe". 

Der „Philosophische Anzeiger" 
strebt an, im Zeitalter der Spezialisierung 
der "Wissenschaften und der Schulen inner- 
halb der Philosophie ein Organ zu sein, das 
„den Interessen der gegenwärtigen Philo- 
sophie und den neu sich bildenden Fragen 
zugewandt ist, das zugleich diese Arbeit 
nur im engsten Kontakt mit den einzelnen 
Wissenschaften übernimmt". Der „Anzei- 
ger" soll eine philosophische Zeitschrift 
sein, aber nicht nur für Philosophen, soll 
„die kritisch anknüpfende, positiv weiter- 
führende Arbeit der Aussprache fördern". 
Aus dem Inhalt des ersten Halbbandes er- 
wähnen wir: Heimsoeth: Der Kampf 
um den Raum in der Metaphysik der 
Neuzeit; Pos: Vom vortheoretischen 
Sprachbewußtsein; Buijtendijk und 
PI essner: Die Deutung des mimischen 
Ausdrucks. 

Die Vierteljahrsschrift „Psychologie 
und Medizin" ist das Organ der Psy- 
chologischen Gesellschaft in Berlin und 
der Arbeitsgemeinschaft für praktische 
Psychologie, ebendort; sie ist gewisser- 
maßen die Fortsetzung der früher von 
Moll herausgegebenen, jetzt nicht mehr 



erscheinenden „Zeitschrift für medizinische 
Psychologie und Psychotherapie". Das erste 
Heft enthält unter anderem Arbeiten von 
M o 1 1 über „Okkultismus und Psychologie", 
J. H. Schultz „Zur Psychologie der Ho- 
mosexualität", Giese „Zum Begriff der 
Kulturpathologie", Ro emer „Atmung und 
musikalisches Erleben" usw. 

Die „Zeitschrift für kritischen 
Okkultismus" will — im Gegensatz zu 
den propagandatreibenden okkultistischen 
Blättern — die „okkultistischen Probleme 
zum Gegenstand voraussetzungsloser und 
leidenschaftsloser Untersuchung" machen. 
„Den Grundsatz der Parteilosigkeit ver- 
suchte sie dadurch besonders deutlich 
zum Ausdruck zu bringen, daß sie be- 
strebt war, unter den Personen, die ihr 
als Berater und Helfer zur Seite stehen 
sollten, möglichst für jede der rivali- 
sierenden Richtungen wenigstens einen 
Vertreter zu gewinnen." Bisher — heißt 
es in den einführenden Zeilen — sei jeder 
Versuch zu sachlicher, haßfreier Diskus- 
sion an der Fülle persönlicher Differenzen 
gescheitert. Es werden daher alle Mit- 
arbeiter gebeten, „sie möchten, wie sie 
auch sonst im Leben einander gegenüber- 
stehen, doch im Rahmen unserer Zeit- 
schrift etwas wie einen Gottesfrieden 
aufrecht erhalten und den theoretischen 
Gegner mit ritterlicher Sachlichkeit be- 
kämpfen". Das erste Heft enthält unter 
anderem folgende Arbeiten: Dessoir, 
Hellsehen durch telepathische Einfühlung, 
Bohn, Zur Geschichte der Apporte, 
Tischner, Zur Methodologie des Ok- 
kultismus, Hellwig, Zum Berliner Ok- 
kultistenprozeß. 

Das erste Heft der neuen (sich „an das 
gesunde Bildungsbedürfnis weiterer Kreise 
wendende") Zeitschrift „Vererbung und 
Geschlechtsleben" enthält unter an- 
derem: „Gedanken über Zuchtwahl" von 
Prof. Forel, „Geschlechtliche Verlegen- 



498 Kritiken und Referate 



heiten der Jugend" von Otto Meißner, Zeitschriften wird wohl in dieser Zeit- 

„Das erotische Schicksal im Wandel der schrift (beziehungsweise in der „Interna- 

Dichtung" von H. v. Beaulien. tionalen Zeitschrift für Psychoanalyse"^ 

Über die eine oder andere Veröffent- gelegentlich noch besonders referiert 

Hebung in den oben angezeigten neuen werden. A. J. Storfer. 



BUCHEREINLAUF 

Dr. LUDWIG BERGFELD: Seliges Verstehen. Das Erkenntnisproblem des Jung- 
mädchens. Verlag Der Syndikalist, Fritz Kater, Berlin. 

Dr. OTTO BUNNEMANN: Über die Organfiktion. Eine von pathologischen 
Zuständen ausgehende biologische Studie. Verlag Felix Meiner, Leipzig 1925. 

CLAIRE GOLL: Der Neger Jupiter raubt Europa. Roman. Im Rhein-Verlag, 
Basel/Zürich/Leipzig/Paris/Straßburg. 

A. A. GRÜNBAUM: Herrschen und Lieben als Grundmotive der philo- 
sophischen Weltanschauungen. Verlag Friedrich Cohen, Bonn 1925. 

PAUL HÄBERLIN: Das Gute. Verlag Kober C. F. Spittlers Nachfolger, Basel 1926. 

ERNST MARCUS: Aus den Tiefen des Erkennens. Kants Lehre von der Apper- 
zeption (dem Selbstbewußtsein), der Kategorialverbiiulung und den Verstandcs- 
grundsätzen in neuer verständlicher Darstellung. Verlag Ernst Reinhardt, 
München. 

ANNA MARTENS: Die Verwirklichung des Friedensreiches auf Erden 
durch bewußte Zeugung und vorgeburtliche Erziehung. Ein Führer 
für angehende Eltern zur Veredlung kommender Geschlechter. Verlag Emil 
Pahl, Dresden. 

Dr. ERNST MÜLLER: Cäsarenporträts. II. Teil. A. Marcus und E. Webers 
Verlag, Bonn 1924. 

Prof. A. W. NEMILOW: Die biologische Tragödie der Frau. Deutsch von 
Alexandra Ramm und Dr. F. Boenheim. Oskar Engel Verlag, Berlin 1925. 

Prof. ANTONIN PRANDTL: Das Problem der Wirklichkeit. Verlag Ernst 
Reinhardt, München 1926. 

J. GOODFREY RAUPERT: Der Spiritismus im Lichte der vollen Wahrheit. 
Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck/Wien/München. 

Dr. FELIX SERNAU: Das Fiasko der Monogamie. Beiträge zum Sexualproblem, 
Heft II. Herausgegeben von Dr. Felix A. Theilhaber. Verlag Der Syndikalist, 
Fritz Kater, Berlin 1925. 

Dr. FELIX A. THEILHABER: Die menschliche Liebe. Beiträge zum Sexual- 
problem. Herausgegeben von Dr. Felix A. Theilhaber. Heft 1. Verlag Der 
Syndikalist, Fritz Kater, Berlin 1925. 

EMIL UTITZ: Der Künstler. Vier Vorträge. Verlag Ferdinand Enke, Stuttgart 1925 

VERHANDLUNGEN des 6. Deutschen Jugendgerichtstages, Heidelberg 17. — 
19. September 1924. Verlag Julius Springer, Berlin 1925.