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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften XII 1926 Heft 1"

I M A G O 

XII. BAN D 
1926 



IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG 

DER PSYCHOANALYSE AUF DIE 

GEISTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

SIGM. FREUD 



REDIGIERT VON 

OTTO RANK, HANNS SACHS 
A. J. STORFER 



XII. BAND 

(1926) 



INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 
LEIPZIG / WT E N / ZÜRICH 



Alle Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 

* 

Copyright 1926 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Ges. m. b. H.", Wien 



Druck : Christoph Reisser's Söhne, Wien V 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



INHALTSÜBERSICHT DES XII. BANDES 

Seite 

Alice Bälint: Der Familienvater 29 2 

Ludwig Binswanger: Erfahren, Verstehen, Deuten in der Psychoanalyse 223 
R. Brun: Experimentelle Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Trieb- 
konflikts (Biologische Parallelen zu Freuds Trieblehre) »47 

Trigant Burrow: Die Gruppenmethode in der Psychoanalyse 211 

Dr. A. van der Chijs: Über das Unisono in der Komposition 25 

Hans Christoffel: Farbensymbolik 3°5 

Helene Deutsch: Okkulte Vorgänge während der Psychoanalyse 418 

/ M. D. Eder: Kann das Unbewußte erzogen werden? 15 6 

Josef K. Friedjung: Der Ödipus-Komplex im Fieberdelirium eines neun- 
jährigen Mädchens 9 2 

— Psychoanalyse und Kinderheilkunde 3^' 

G. H. Graber: C. G. Carus 5»5 

Imre Hermann: Modelle zu den Ödipus- und Kastrationskomplexen bei 

Affen 59 

— Das System Bw 2 °3 

Eduard Hitschmann: Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns... 336 

Ludwig Jekels: Zur Psychologie der Komödie 328 

Franziska Juer und Otto Marbach: Eine südslawische Märchenparallele 

zum Urtypus der Roland-Sage 32 

Melanie Klein: Die psychologischen Grundlagen der Frühanalyse 365 

Heinrich Klüglein: Über die Romane Ina Seidels 49 o 

Vilma Koväcs: Das Erbe des Fortunatus 32I 

M. Levi Bianchini: Libido-Mneme, Mystizismus und Hellsichtigkeit bei 

einem Kinde 4°3 

F. Lowtzky: Eine okkultistische Bestätigung der Psychoanalyse 7° 

Otto Marbach: Die Bezeichnungen für Blutsverwandte 47 8 

Carl Müller-Braunschweig: Beiträge zur Metapsychologie > 

F. P. Muller: Gefühlstheoretisches auf psychoanalytischer Grundlage 263 



VI Inhaltsübersicht des XII. Bandes 

S. it.- 

S. Pfeifer: Umrisse einer Bioanalyse der organischen Pathologie 171 

Oskar Pf ister: Die menschlichen Einigungsbestrebungen im Lichte der 

Psychoanalyse (Von Kant 7.u Freud) 126 

Otto Pötzl: Zur Metapsychologie des „dcjä vu" 595 

Theodor Reik: Drei psychoanalytische Notizen 448 

Geza Rohe im: Die Völkerpsychologie und die Psychologie der Völker.,. 273 

— Die wilde Jagd 465 

Hanns Sachs: Zum 70. Geburtstag Sigm. Freuds 115 

Raymond de Saussure: Zur psychoanalytischen Auffassung der Intelligen'/. 258 

Paul Schilder: Zur Naturphilosophie 117 

Vera Schmidt: Die Bedeutung des Brustsaugens und des Fingerlutschens 

für die psychische Entwicklung des Kindes 577 

Ernst Schneider: Über Identifikation 24,9 

Emil Simonson: Über die Anwendbarkeit der Energielehre in der Psychologie 184 
A. St'drcke: Über Tanzen, Schlagen, Küssen usw. (Der Anteil des Zerstürungs- 

bedürfnisses an einigen Handlungen) 268 

Margarete Stegmann: Die Psychogenese organischer Krankheiten und das 

Weltbild »96 

H. L. Wagner: Sind seelische Beeinflussungen wissenschaftlich erfaßbar und 

praktisch verwertbar 500 

Alfred Winterstein: Zur Psychoanalyse des Spuks 454 

Nelly Wolf f heim: Zur Psychologie des modernen Erziehers 88 

REFERATE 

Aichhorn: Verwahrloste Jugend (Schaxcl) 94 

Alverdes: Tiersoziologie (Htrmann) 530 

Berkeley-Hill: Hindu-Muslim Unity (Fenichel) 526 

Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen (Hermann) 525 

Chadwick: The Inter-Relations of Education nnd Neurosis (Bernfeld) 105 

Chesser: Health and Psychology of the Child (Chadwick) 99 

Brun: Psychologische Forschungen an Ameisen (Hermann) 107 

Dahl: Vergleichende Psychologie (Hermann) 106 

Driesch: Grundprobleme der Psychologie (Schilder) 524 

Zum Seelenleben des einzigen Kindes, von einem Einzigen (Friedjung) 104 

Förster: Religion und Charakterbildung (Graber) 530 

Frisch: Methoden sinnesphysiologischer und psychologischer Untersuchungen 527 

an Bienen . .(Hermann) 107 

Gaupp: Psychologie des Kindes (Graber) 528 

Giese: Theorie der Psychoteclunk (Hermann) 108 

H ab er 1 in: Das Ziel der Erziehung (liernfeld) 529 



Inhaltsübersicht des XII . Bandes VII 

Seite 

Henning: Psychologie der Gegenwart (Graber) 105 

— Die Aufmerksamkeit ■ • ■ (Bernfeld) 529 

Kainz: Das Steigerungsphänomen als künstlerisches Gestaltungsprinzip (Hermann) 108 

Kaufmann: Die Bewußtseinsvorgänge bei Suggestion und Hypnose (Hitschmann) 110 

Kurz: Christlich denken (Friedjung) 532 

Lagerborg: Platonische Liebe (Pfister) 527 

McDougall: Professor Freuds Group Psychology and his Theory of 

Suggestion (Rigall) 98 

Marcus: Theorie einer natürlichen Magie (Hermann) 107 

Mosse: Über Suggestion und Suggestionstherapie im Kindesalter... (Friedjung) 104 

Pagenstecher: Außersinnliche Wahrnehmung (Hitschmann) 110 

Peter: Erscheinungen der Toten (Hitschmann) 109 

Zeitschrift für Psychologie, Bd. 94 und 95 (Hermann) 533 

Ro wland: A Pedagogues Commonplace Book (Chadwick) 101 

Schmidt: Die okkulten Phänomene im Lichte der Wissenschaft. . .(Hitschmann) 109 

Sommer: Tierpsychologie (Hermann) 105 

Strohmayer: Die Psychopathologie des Kindesalters (Friedjung) 103 

Zulliger: Aus dem unbewußten Seelenleben unserer Schuljugend (Furrer) 105 

Büchereinlauf 535 

Redaktionelle Mitteilung 53 1 * 



I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE 
AUF DIE NATUR- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 



XII. Band 192 6 Heft 1 

Beiträge zur Metapsychologie 

Über Desexualisierung und Identifizierung — Über Verliebtheit, 
Hypnose und Schlaf — Über den Begriff der Richtung 

Nach einem Vortrag auf dem IX. Internat. Psychoanalytischen Kongreß, Homburg, September 192/ 

Von Carl Müller-Brauns chweig (Berlin) 

I 

In seinem Buche: „Das Ich und das Es" beschreibt Freud Vorgänge, 
bei denen das Ich durch Identifizierung mit einem Objekt die sexuelle 
Objektlibido an die durch die Identifizierung entstandene Ichveränderung 
bindet, wodurch die sexuelle Objektlibido zu narzißtischer, d. h. nicht- 
sexueller Libido wird. Eine solche Desexualisierung, sagt Freud, könne 
auch Sublimierung genannt werden, und man könne vermuten, daß alle 
Sublimierung auf solche Weise, durch Vermittlung des Ichs, zustande 
komme. 

Es ist nun wahrscheinlich zu machen, daß nicht nur Objektlibido, 
sondern auch autoerotische Libido durch eben solche Identifizierungsvor- 
gänge desexualisiert werden kann. Die Identifizierung wäre dann nicht 
eine Identifizierung mit einem alloerotischen Objekt, sondern eine Identi- 
fizierung mit den autoerotischen Gegenständen, mit den erogenen Zonen, 
Organen und Erregungsvorgängen des eigenen Körpers. Wir kennen diese 
Identifizierungen alle in pathologischer Form in der Hysterie und den 
Psychosen. In unseren jetzigen Überlegungen soll es sich aber um Identi- 
fizierungen handeln, die normaler- und regelmäßigerweise vor sich gehen 
und autoerotische Libido in nicht-sexuelle, narzißtische Libido verwandeln. 

Imago XII 1 



Carl Müller-Braunschwci» 



Wir unterscheiden den Narzißmus vom Autoerotismus. Wir wissen, daß 
man von einem eigentlichen Narzißmus erst sprechen kann, wenn so etwas 
wie ein Ich vorhanden oder im Entstehen begriffen ist. Vor diesem Stadium 
gibt es nur die diffuse autoerotische Libido, die von einzelnen Zonen und 
Organen des Körpers ausgeht und diese Zonen und Organe zu ihrem Ziel 
und Objekt hat. Es ist nun nicht abzuweisen, daß mit der Bildung des 
Ichs die im Ich wirksame und auf das Ich gerichtete Libido nicht nur 
auf dem Umwege über die Objekte der Außenwelt aus der sexuellen 
Libido entwickelt wird, sondern daß sie sich auch direkt aus der auto- 
erotischen Libido entwickelt. 

Der Charakter dieser Prozesse würde ein fortschreitendes Sich-Identifi- 
zieren-Lernen mit den vordem noch nicht zu einem einheitlichen Ich 
gerechneten Zonen, Organen und Erregungsvorgängen sein. Es ist wohl 
auch kein Widerspruch darin zu sehen, daß solche Identifizicrungsvorgänge 
schon ein Ich voraussetzen, das sich identifizieren lernt, während anderseits 
durch die Identifizierungsvorgänge erst ein Ich und eine narzißtische Li- 
bido ausgebaut werden, denn alle Entwicklungen des werdenden Indivi- 
duums, selbst diejenigen, die starker exogener Antriebe bedürfen, sind ja 
doch erblich vorgezeichnet, in Ansatz-Elementen von Anfang an vorhanden. 
Ichentwicklung, Identifizierungsmechanismus, Ausbau narzißtischer Libido 
werden so zu einem biologisch vorgezeichneten Komplex gehören. 

Es wird wesentlich für die nicht-normale oder normale Ichentwicklung 
sein, wie weit dem Kinde diese frühesten Identifizierungen mit seinen 
eigenen Zonen, Organen und Erregungsvorgängen nur mit Beimischung 
pathogener Prozesse wie dem der (mißglückenden) Verdrängung gelingen 
oder wie weit sie ohne solche vor sich gehen. Vor allen, die Identifizierung 
mit dem eigenen Genitale und dessen Erregungen. Der Prozeß der Ver- 
drängung wird etwa bei der Identifizierung des Knaben mit seinem I eins 
die verfügbare Menge desexualisierbarer Penislibido verringern und die 
Entwicklung gewisser Charaktereigenschaften, die genetisch mit ihr zu- 
sammenzuhängen scheinen, wie Stolz, Mut, Selbstbewußtsein, beeinträchtigen. 
Die hier beschriebenen frühinfantilen Identifizierungsvorgänge, durch die 
autoerotische Libido zu narzißtischer desexualisiert wird, betreffen, wie 
gesagt, nicht-pathologische Identifizierungen. Solche nicht-patholog.sche 
Identifizierungen durchziehen mannigfaltig das ganze spätere Leben. Sie 
können in allen Systemen angreifen, dürfen nur nicht mit den Bedingungen 
der Fixierung, der Regression und anderen, insbesondere aber der Ver- 
drängung zusammentreffen, um normal zu heißen. Sie können bewußt 



Beiträge zur Metapsychologie 



oder unbewußt vor sich gehen, können Identifizierungen mit Objekten und 
Vorgängen der Außenwelt oder mit solchen des eigenen Körpers sein. 

Es wäre nicht ausgeschlossen, daß die Verwandlung von sexueller Ob- 
jektlibido in narzißtische als ständiges, aber normalerweise nicht bemerk- 
bares Zwischenstadium eine Verwandlung von Objektlibido in autoerotische 
zur Bedingung hätte. Wenigstens könnte man das schließen aus gewissen 
Fällen pathologischer Identifizierung, die uns anmuten wie der mißlungene 
Versuch einer Desexualisierung von Objektlibido, der in diesem Zwischen- 
stadium gleichsam steckengeblieben ist, und erst durch Prozesse, wie sie 
die Psychoanalyse durch Aufhebung der Verdrängung auslöst, zu Ende 
gebracht werden können. 

Betrachten wir z. B. den Fall der hysterischen Stuhlverstopfung eines 
jungen Mädchens, das mit dieser eine partielle Identifizierung mit dem 
Vater (dem väterlichen Penis) darstellt. Unter der Bedingung von Ver- 
drängung und Regression ist hier der Versuch gemacht worden, die vom 
Ich abgewiesene sexuelle Strömung zu desexualisieren. Dieser Versuch ist 
mißlungen. Der Prozeß ist nur bis zur Verwandlung der sexuellen Objekt- 
libido in autoerotische gediehen (daneben auch sexuelle Objektlibido in 
Bindung an die Vaterimago durch Verdrängung weiterer Verarbeitung 
entzogen), erst durch die Aufhebung der Verdrängung, die Verwandlung 
der verdrängt unbewußten Identifizierung in eine bewußte ist die auto- 
erotische Libido und die in ihr steckende sexuelle Objektlibido desexuali- 
sierbar geworden. Man darf die Frage aufwerfen, ob wohl solche Libido, 
die nicht, wie bei den Identifizierungen, an die dadurch entstandene Ich- 
veränderung, sondern, wie bei der Introversion, an Imagines gebunden ist, 
ebenfalls in narzißtische verwandelt oder desexualisiert werden kann. Viel- 
leicht, daß das der Fall ist, sobald nur die Verdrängungswiderstände ge- 
fallen sind, welche diese wie jene Gebilde vom übrigen Ich abgespalten 
und dadurch vor dessen verarbeitendem Angriffe bewahrt haben. 

Wir dürfen bei dieser Gelegenheit äußern, daß wir den Vorgang, den 
wir bisher, nach Freud, als Aufhebung der Verdrängungen, Bewußt- 
machung des Unbewußten oder auch als Versöhnung des Ichs mit dem 
Verdrängten bezeichnet haben, auch mit Hilfe des Vorgangs der Identifi- 
zierung beschreiben könnten. Wir könnten sagen, daß das Individuum 
dahin zu bringen ist. daß es sich mit dem Verdrängten zu identifizieren 
vermag, daß es eine bewußte, oder, besser gesagt: eine bewußtseinsfähige 
Identifizierung mit dem Verdrängten zustande bringen kann. Diese Identi- 
fizierung wäre das notwendige Vorstadium der nun erst möglichen Ent- 



Carl Müller-Braunschweie 



Scheidung im Sinne einer Anerkennung oder Verurteilung des Verdrängten. 
Das Individuum muß lernen, sich mit der verdrängten Regung ZU identi- 
fizieren in dem Sinne, daß es sie zu seinem Ich hinzurechnet, daß es zu 
einer theoretischen Anerkennung des Verdrängten als eines zu seinem 
Ich Gehörigen gelangt, gleichviel, oh es von da aus auch zu einer prak- 
tischen Anerkennung oder zu einer praktischen Verurteilung (d. h. einer 
motorischen Hemmung der aus dem ehemals Verdrängten folgenden Im- 
pulse) fortschreitet. 

Wir sagten, es sei besser, von einer bewußtseinsfähigen Identifizierung als 
von einer bewußten zu sprechen. In der Tat zeigen unsere Analysen, daß 
Verdrängungen aufgehoben und die ehemals durch sie gehemmten Abläufe 
mobilisiert, neue Libidoverteilungen erzielt werden können, auch wenn das 
Verdrängte nicht voll bewußt geworden ist. Augenscheinlich hängt der Er- 
folg nicht an dem Bewußtwerden im deskriptiven und topischen Sinne, 
sondern an dynamischen und ökonomischen Verhältnissen. Es handelt sich 
um etwas, das bewußt werden könnte, und zwar nicht nur im Sinne des 
Vorbewußten, sondern auch im Sinne des, allerdings unverdrängten, Un- 
bewußten. Die Identifizierung, welche die Verdrängungen aufhebt, kann 
unbewußt sein, es kommt darauf an, ob diejenigen Verhältnisse geschaffen 
worden sind, durch welche dem bisher durch die Verdrängungsschranken 
an der Verarbeitung verhinderten Ich eine Angriffsfläche gegeben wird. 
Wenn wir den Heilungsvorgang unter die Formel: Bewußtmachung des 
Unbewußten bringen wollen, dürfen wir das Bewußte nicht deskriptiv und 
topisch, sondern dürfen es nur dynamisch verstehen, es ist dasjenige, was 
bewußt werden könnte, aber nicht immer bewußt zu werden braucht, ja 
selbst unbewußt sein kann. Dieses potentielle Bewußtwerden deckt sich 
nicht mit dem Vorbewußten, eher mit dem Begriff des Ichgerechten, wenn 
man darunter die Fähigkeit, vom verarbeitenden Ich erreichbar, angreifbar 
zu sein, versteht. Wir könnten sagen, das Verdrängte müsse „ichverarbei- 
tungsfähig" werden, damit es seine eventuelle pathogene Wirkung verliert. 
Wir wollen jedoch zu unserem Ausgangsproblem zurückkehren und uns 
fragen, was wir getan haben, wenn wir die Desexualisierung auf bestimmte 
Identifizierungsvorgänge zurückführten. Wir können damit nicht behauptet 
haben, daß wir den ausschließlichen Entstehungsgrund nicht-sexueller Li- 
bido dargestellt hätten, sondern müssen es offen lassen, wie immer die 
Herkunft narzißtischer Libido sein mag. Und weiterhin müssen wir uns 
vor Augen halten, daß die Identifizierungsvorgänge, die wir in bestimmten 
Fällen bei der Entstehung narzißtischer Libido beteiligt linden, uns zwar 



Beiträge zur Metapsychologie 



in ihren mannigfaltigen Erscheinungsformen bekannt und praktisch ge- 
läufig, ihrem Wesen nach aber durchaus unbekannt sind. Wir können von 
ihrem Wesen nur ein „als ob aussagen. Sie sind so, als ob sie Abkömm- 
linge der oralen Libidoorganisation wären, als ob sich in ihnen das Ich 
benähme wie ein Körper, der sich ein Objekt oral einverleibt. 

Wir dürfen also nicht beanspruchen, daß wir den Vorgang der De- 
sexualisierung aufgeklärt hätten, sondern müssen uns dahin bescheiden, 
daß wir einige Vorgänge, in deren Verlauf sich sexuelle in nicht-sexuelle 
Libido verwandelt, mit den uns praktisch vertrauten Identifizierungsvorgängen 
in Verbindung bringen konnten. 

Vielleicht verheißt uns ein anderer Weg eine Lösung des Desexualisierungs- 
problems? Wie ist es möglich, daß sexuelle Libido ihren sexuellen Charakter 
verlieren, eine ganz andere Qualität, die der nicht-sexuellen Libido, an- 
nehmen kann? Freud hat die narzißtische Libido qualitativ indifferent 
genannt. Sicherlich hat er damit u. a. bezeichnen wollen, daß die narziß- 
tische sich als etwas deutlich anderes abhebt von jeder Art sexueller Libido, 
heiße sie nun oral, anal, genital, oder werde sie sonst mit einem Organ 
oder einer Zone des Körpers als ihrer Quelle oder ihrem Angriffspunkte 
in Verbindung gebracht. Ob die Bezeichnung der narzißtischen Libido als 
„qualitätslos" treffend oder nur möglich ist (kann man überhaupt etwas 
als qualitätslos bezeichnen?), möchte ich dahingestellt sein lassen, jedenfalls 
mag sie gegenüber den eben genannten Libidoformen als von relativer 
qiialitativer Indifferenz bezeichnet werden. Man wird nicht verlegen zu 
sein brauchen, wenn man auch ihr ein „Organ zuordnen möchte, und 
wird es im nervösen System sehen. Durch die „qualitativ indifferente" 
narzißtische Libido werden nach Freud die mannigfachen Verschiebungen 
und Umwandlungen der sexuellen Libido ermöglicht. Sie kann sich zu den 
verschiedensten Regungen hinzugesellen und sie verstärken. 

Im Grunde ist hier überall das Problem der Verwandlung von nicht- 
sexueller in sexuelle und sexueller in nicht-sexuelle Libido wiederzufinden. 

Wir können dieses Problem, wenn auch nicht lösen, so doch vorstell- 
barer machen, wenn wir uns zu der Annahme verstehen, daß nicht-sexuelle 
(narzißtische) Libido und sexuelle (genitale, anale, orale usw.) Libido 
entwicklungsgeschichtlich eine gemeinsame Wurzel haben. Die libidinöse 
Energieform, die wir als solche gemeinsame Wurzel beider Libidoarten 
anzusprechen hätten, würde in der Richtung auf älteste Formen, etwa in 
Richtung auf die von Freud postulierte Zell-Libido hin, zu suchen sein. 
Von dieser Wurzel aus hätte sich ein Zweig in zunehmender Differenzierung 



Carl Müller-Braunschweig 



zu oraler, analer, genitaler Libido entwickeil, während sich der andere 
Zweig zu narzißtischer entwickelte, wobei er vielleicht, trotz aller Ver- 
feinerung, gewisse Ursprünglichkeiten ältester Phasen beibehalten hätte. 

Die Annahme einer entwicklungsgeschichtlichen Verwandtschaft beider 
Formen würde es vorstellbarer machen, daß sich sexuelle Libido in nicht- 
sexuelle verwandeln könnte. In dieser Verwandlung würde dann ein Teil 
Regression stecken. Also auch die Sublimierung hätte eine regressive Kom- 
ponente, ein freilich kaum paradoxes Ergebnis, wenn man bedenkt, daß 
wohl alle progressiven Prozesse mit Hilfe von Regressionen vor sich gehen. 
Vielleicht liegen die Dinge aber noch ganz anders und findet so etwas wie 
eine eigentliche Desexualisierung, also eine richtige Verwandlung sexueller 
in nicht-sexuelle Libido überhaupt nicht oder doch nur in geringem Maße 
und nur unter der Voraussetzung größerer Zeitmaße statt, und ist das, was 
uns für gewöhnlich als eine Verwandlung imponiert, also auch die an- 
scheinende Desexualisierung bei den Identifizierungsvorgängen, nur einem 
mehr minder komplizierten Vorgang von Transport, von Verschiebung und 
Verteilung, Mischung und Entmischung, Hemmung oder Auslösung von 
Libidoquantitäten zuzuschreiben, an dem allerdings die narzißtische Libido 
als eigentlicher und unentbehrlicher Träger dieser Funktion tätig wäre? 

Wir wollen diese Erwägungen hier nicht fortsetzen, sondern die Frage 
des Verhältnisses der nicht-sexuellen zur sexuellen Libido erst wieder auf- 
greifen, nachdem wir uns eine Strecke weit in die Metapsychologie der 
Identifizierungsvorgänge hineinbegeben haben. 

II 

i) Wir sagten, über die Natur der Identifizierungsvorgänge sei nichts 
auszusagen, als daß sie sich wie Abkömmlinge der oralen Organisations- 
stufe benähmen. Wenn wir nun auch das „Wesen" der Identifizierung 
nicht ergründen können, so können wir dafür um so mehr die mannig- 
faltigen empirischen Erscheinungsformen schildern, in denen wir ihr be- 
gegnen, besonders, wenn wir uns der drei metapsychologischen Gesichts- 
punkte Freuds, des topischen, dynamischen und ökonomischen bedienen. 

Topisch gesehen, können die Identifizierungen in allen Schichten und 
Instanzen des psychischen Organismus angreifen, im Bewußten, im Vor- 
bewußten, im verdrängten und nichtverdrängten Unbewußten; im uber- 
Ich, im Ich und im Es. 

Es geht den Identifizierungen wie allen seelischen Vorgängen, die über- 
wiegende Zahl verläuft unbewußt {vbw und ubw), und die unbewußten 






Beiträge zur Metapsychologie 



Identifizierungen sind nur dann als Teil eines pathologischen Vorganges 
anzusehen, wenn sie unter die aus der Xeurosenätiologie bekannten Bedin- 
gungen geraten, von denen die Verdrängung die conditio sine qua non ist. 
Unser stundstündliches Denken durchzieht eine unzählige Menge von mehr 
weniger flüchtigen Identifizierungsvorgängen, unser Konnex mit den Mit- 
menschen ist auf eben diesen aufgebaut, die wir alle in das Vbw-Bw und 
Ubw verlegen müssen. Demgegenüber gehört der hysterische Husten des 
Mädchens, das sich mit seinem Symptom unter der Einwirkung des 
Schuldbewußtseins mit seiner Mutter identifiziert, in das verdrängte Ubw. 
Betrachten wir weiter eine Reihe normaler wie nichtnormaler Erschei- 
nungen, zu denen Identifizierungsvorgänge gehören, um den topischen oder 
strukturellen Angriffspunkt festzustellen: In der Beziehung des Schülers 
zum Lehrer, des Masseneinzelnen zum Führer, des Liebenden zum Geliebten, 
des Hypnotisierten zum Hypnotiseur greift die Identifizierung im Uber- 
Ich an, in der Identifizierung des Kindes mit seinem Geschwister, des 
Masseneinzelnen mit dem Genossen: im Ich. Betrachten wir die uns als 
eine der möglichen Bedingungen männlicher Homosexualität bekannte 
Identifizierung des Jünglings mit der Mutter, von der Freud sagt, daß sie 
eine ganz besondere, umfassende Ichveränderung erzeugt, indem sie das 
Individuum „im Sexual-Charakter" verändert, so können wir diese 
Identifizierung nur ins Es verlegen. 1 Fragen wir uns, wo die epochalen 
frühinfantilen Identifizierungen, durch die die Phase der ödipuskonstellation 
und ihr Abschluß charakterisiert sind, strukturell angreifen, so scheint sich 
zunächst eine Schwierigkeit darin zu bieten, daß wir diese Identifizierungen 
(wie etwa die des Schülers mit dem Lehrer) ins Über-Ich verlegen möchten, 
während das Über-Ich anderseits erst aus jenen Identifizierungen entstanden 
zu sein scheint. Der Widerspruch löst sich, wenn man bedenkt, daß, so 
sehr jene Identifizierungen dem Über-Ich erst seine bedeutsamste Gestalt 
verleihen mögen, dieses oder doch ein Ansatz von ihm bereits als phylo- 
genetische Bildung vorhanden sein muß. Anderseits hat das Über-Ich, nach 
Freud, außer der sozialen Wurzel (von der die Elternidentifizierung die 
erste Grundlage bildet) auch eine individuelle Wurzel, eben jenes Unge- 



1) Diese Toniken sind natürlich nur im theoretischen und schematischen Sinne 
richtig in Wirklichkeit gibt es, wie überall, alle möglichen Mischfälle. So kann 
z B die Identifizierung mit dem Geschwister außer im Ich, gleichzeitig auch, so- 
weit das Geschwister zum Ideal wird, im Über-Ich angreifen und so greift die 
Identifizierung der Verliebtheit bei deren Umwandlung in ein langdauerndes Liebes- 
verhältnis vom Über-Ich auf das Ich und Es über. 



Carl Müller- lir.nnisrhwri» 



nügen am eigenen Ich, das zur Rettung des ursprünglichen Narzißmus 
treibt und zu diesem Zwecke das Ideal-Ich schafft. Aus diesem Ideal-Ich 
und aus dem phylogenetischen Ansatz des Über-Ichs besteht jenes infantile 
Über-Ich, an dem die Elternidentifizierungen angreifen. 

2) Übergehen wir von dieser kurzen dynamischen und topischen zur 
ökonomischen Betrachtung der Identifizierung, so werden wir gut tun, 
diese im Zusammenhange mit der Untersuchung von Erscheinungen wie 
der der Verliebtheit, der Bindung an den Führer, der Hypnose und des 
Schlafes vorzunehmen, wobei sich freilich der Schwerpunkt der Unter- 
suchung von der Identifizierung auf diese Erscheinungen verschieben muß. 
Wir wollen dabei von einem Gedankenzuge ausgehen, den wir in 
Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse linden und der bei Freud 
dem Ziele zustrebt, einen Unterschied zwischen der Bindung des Massen- 
einzelnen an den Führer und der Bindung der Einzelnen untereinander 
festzustellen, und der seinen Ausgang nimmt von dem Versuche, einen 
Unterschied zwischen Verliebtheit und Identifizierung (s. 1. der Massen- 
einzelnen untereinander) zu finden. Freud sieht diesen Unterschied zu- 
nächst darin, daß bei der Verliebtheit das Ich „verarmt", 1 bei der Idenii 
fizierung aber sich durch die Introjektion des Objektes bereichert. Er ver- 
wirft diese Unterscheidung mit dem Gedanken, Verarmung und Bereiche- 
rung können nicht ökonomisch aufgefaßt werden, man könne auch die 
Verliebtheil als eine Bereicherung, eine Introjektion auffassen. Die weitere 
Überlegung, der Unterschied könne darin liegen, daß bei der Verliebtheit 
das Objekt beibehalten, bei der Identifizierung aber aufgegeben werde, 
verwirft er durch den Hinweis, daß es auch Identifizierung bei nicht aufge- 
gebenem Objekt gäbe. Er findet dann die Unterscheidung in der Formel: 
Bei der Identifizierung (d. h. der Massenein/elii.n miteinander) wird das 
Objekt an die Stelle des Ichs, bei der Verliebtheit an die Stelle des Ich- 
Ideals gesetzt. 

Wir haben an diese Stelle in Freuds Massenpsychologie und Ich -Analyse 
erinnert, um an den ersten Gedanken dieser Überlegung anzuknüpfen. 
Freud verwirft hier die ökonomische Auffassung der „Verarmung" bei 
der Verliebtheit augenscheinlich und mit Recht deswegen, weil sowohl 
eine Verminderung des vorhandenen Quantums narzißtischer Libido wie 
ein wirkliches „Überfließen" narzißtischer Libido aufs Objekt schwer vor- 

1) Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, Kap. VIII: „Wir erkennen, daß 
... in der Verliebtheit ein größeres Maß narzißtischer Libido auf das Objekt 
überfließt". 



Beiträge zur Metapsychologie 



stellbar sind. Mit der Verwerfung dieser Auffassung der Verliebtheits- 
„ Verarmung" als einer ökonomischen ist aber die Frage gestellt: Wenn 
die verworfene es nicht vermag, welche Auffassung ist es dann, die den 
ökonomischen Gesichtspunkt in der Darstellung der Verliebtheit befriedigt. 
Denn der ökonomische Gesichtspunkt muß ja hier wie überall angreifen 
können. Und er wird in der Tat auch in unserem Falle fruchtbar, wenn 
wir annehmen, daß im Zustande der Verliebtheit zwar nicht das Quantum 
überhaupt vorhandener narzißtischer Libido verringert wird, aber wohl 
das Quantum der frei beweglichen und zur Verfügung des Ichs stehenden 
narzißtischen Libido. Es entspricht ganz dem empirischen Bilde, das die 
Verliebtheit darbietet, wenn man sich diesen Zustand so vorstellt, daß 
einer großen Reihe von psychischen Vorgängen und Teilen aller Systeme 
bis dahin frei verfügbare narzißtische Libido entzogen und an alle jene 
Vorgänge und Systemteile gebunden wird, die durch die Richtung auf 
das geliebte Objekt fixiert worden sind. Es müssen das Vorgänge in allen 
Systemen sein. Zunächst ist es das VVahrnehmungs-^/ 7 -) System, durch 
das der Liebende in Konnex mit dem Objekt steht. Der Verliebte sieht 
und hört nichts als das geliebte Objekt. Den andern möglichen Wahr- 
nehmungen wird mehr oder weniger Besetzung zugunsten derjenigen ent- 
zogen, die durch die Richtung auf den Geliebten bestimmt sind. Die 
Vorstellungen vom Objekt, die wir in das Erinnerungs- (Er-) System (in 
das Vbw und das nichtverdrängte Ubw) verlegen, lassen andere Vorstellungen 
„verblassen", entziehen ihnen die Besetzung. Die Wünsche und motorischen 
Impulse, durch Wahrnehmung und Vorstellung des Objektes ausgelöst (im 
Vbw, Ubw, im Es), ziehen gleichfalls ständig Besetzung narzißtischer 
Libido an sich. So werden alle Systeme von freier, bisher der Verfügung 
des Ichs zugänglicher narzißtischer Libido zugunsten aller jener in Ab- 
hängigkeit von der Einwirkung des geliebten Objektes befindlicher Vor- 
gänge und Systemteile mehr oder weniger entblößt. Wir erinnern uns 
nun weiter, daß im Zustand der Verliebtheit auch ein Identifizierungs- 
prozeß eine Rolle spielt, in dem der Verliebte sich in seinem Über-Ich mit 
dem Geliebten identifiziert. Diesen Vorgang können wir in unsere ökono- 
mische Betrachtung zwanglos einfügen. Durch die Identifizierung mit dem 
Geliebten wird, indem der Verliebte sich das geliebte Objekt, besser: 
dessen Charakterzüge, Reaktionsweisen, seine Gesten, Ansichten, Wertungen 
introjiziert, im Verliebten eine Über-Ich-Veränderung erzeugt. Dieses Gebilde 
entzieht mehr oder weniger dem bis dahin funktionierenden individuellen 
Über-Ich des Liebenden narzißtische Libido und zieht sie auf sich. Diese 



10 Carl Midier- Braunschweig 



ökonomische Betrachtung erleichtert das Verständnis des Verarmungsgeiuh s. 
der Demut des Verliebten und für den extremen lall, wo die Ober-lch- 
Veränderung zu einer vollen Über-Ich-Ersetzung geworden ist, das Ver- 
ständnis der von Freud beschriebenen Fälle von 1 lörigkeit und Auigabe 
des eigenen Gewissens, in denen der Verliebte zum Verbrecher werden kann. 
Wir haben vorhin von einer Introjektion vun Charakterzügen gesprochen 
und haben sie im Über-Ich des Verliebten stall rinden lassen. Wir müssen 
uns deswegen, ehe wir weitergehen, gegen den Einwand rechtfertigen, daß 
Charakterzüge doch eher auf einer Veränderung des Ichs beruhen. Aber m 
unserem Falle der für die Verliebtheit bezeichnenden Über-lch-Veränderung 
handelt es sich noch nicht um so lang einwirkende Identifizierungen, als daß 
sie zu dauernden Ich Veränderungen in der Art von Charakier/.ügen führen 
könnten. Nichtsdestoweniger aber werden Charaklerzüge des Geliebten ins 
Über-Ich des Verliebten introjiziert, wirken dort allerdings nicht im Sinne 
eigentlicher, also dauernder und resistenter Charakterzüge (das könnten sie 
nur bei Einverleibung ins Ich tun), aber wohl in .lern Sinne dirigierender 
Anforderungen und Wertungen, wie sie das Wesen des Über-Ichs bezeichnen, 
in Zuständen von Verliebtheit unter anderem mehr weniger vorübergehend 
verändert werden und dem eigentlichen Ich oft nur flüchtig aufgesetzt 

sein können. 

5) Betrachten wir unter demselben Gesichtspunkte die mit der Verliebtheit 
verwandten Erscheinungen der Bindung an den Führer, der Hypnose, des 
Schlafes, so werden wir erwarten dürfen, daß die Metapsycholog.e d.eser 
Erscheinungen in ähnlicher Weise aufgehellt wird. In allen den genannten 
Erscheinungen handelt es sich um strukturelle und ökonomische Änderungen 
der Libidobesetzung. Von gewissen Vorgängen und Systemteilen w,rd Libido 
abgezogen, um anderen zugeführt zu werden. Was wir für die Verliebtheit 
beschrieben haben, gilt mit einigen Abänderungen auch für die Bindung 
an den Führer und für die Hypnose. Der Unterschied liegt in Umfang 
und Art der vom Objekt abhängigen Elemente. Während bei einer regel- 
rechten Verliebtheit z. B. jede Äußerung des geliebten ()h]ektes, )edes 
Wort, jede Miene, Geste, jeder Zug seines Wesens die Aufmerksamkeit 
des Liebenden auf sich ziehen kann, und zugunsten dieser Wahrnehmungen 
alle anderen verstummen können, liegt die Wirkung eines Fuhrers in der 
Vorherrschaft eines umschriebenen Momentes, nämlich irgendeiner poli- 
tischen oder wissenschaftlichen Theorie, einer künstlerischen oder ethischen 
Idee. Während der Liebende den Geliebten im extremen Pelle „mit allem, 
was er ist, und jedem Kleinsten seines Wesens" im Herzen trügt, identi- 



Beiträge zur Metapsychologie 



fixiert sich der Masseneinzelne mit dem Führer nur wegen seiner Idee und 
kann ihn dabei durchaus in Anderem ablehnen. Wir wissen, daß es freilich 
in Wirklichkeit jedes Mischungsverhältnis zwischen Verliebtheit und Bindung 
an den Führer gibt, die reine Darstellung dieser Typen nichtsdestoweniger 

richtig ist. ■ 

Obgleich nun sozusagen dasjenige, was bei der Bindung an den Führer 
introjiziert ist, gemessen an dem Introjektionsgebilde der Verliebtheit, weniger 
mannigfaltig, weniger auf Umfassung des ganzen Objektes gerichtet, sondern 
umrissen ist, braucht es darum das Individuum in nicht geringerem Maße 
zu beherrschen, sein eigenes privates Ich-Ideal nicht weniger einzuschränken 
oder beiseite zu rücken, ihn nicht weniger kritiklos zu machen und es zu 
lähmen, als das bei der Verliebtheit der Fall ist. 1 

Der Unterschied beider Zustände mit dem der Hypnose ist zunächst auch 
in Art und Umfang und dann in der zeitlichen Dauer des Introjektions- 
gebildes zu sehen. Bei der Bindung an den Führer und bei der Verliebtheit 
handelt es sich mehr weniger um zeitlich ausgedehnte, sich akkumulierende 
und ausbauende Zustände, während sich der hypnotische Zustand, sensu 
strictiori, in einem zeitlich beschränkten Akte erschöpft, der den Charakter 
einer akuten experimentellen Halluzinose trägt. Im einzelnen hypnotischen 
Akt identifiziert sich der Hypnotisierte nicht wie der Verliebte mit einem 
möglichst großen Komplex von Elementen des Objektes, auch nicht wie 
bei der Bindung an den Führer mit einem umrissenen, ausgebauten und 
dauernd wirksamen Geistesprodukt, sondern der Hypnotisierte identifiziert 
sich mit einzelnen akuten Worten des Hypnotiseurs, die die Bedeutung 
von Geboten haben. 2 

Ökonomisch gesehen, handelt es sich also bei allen drei Zuständen einmal 
um Veränderung der frei beweglichen narzißtischen Libido und Bindung 
der entzogenen Mengen an die in Abhängigkeit vom Objekt befindlichen 
Vorgänge und Systemteile und ein andermal um Entziehung von Besetzung 
des eigenen privaten Ich-Ideals zugunsten der durch Introjektion von Objekt- 



iv Auf die, an sich auch in eine ökonomische Betrachtung einbeziehbare Bedeutung 
der onto- wie phylogenetischen Vater- (Eltern-') Imago für die Erscheinung von Bindung 
an den Führer, Hypnose u. a. gehe ich hier absichtlich nicht ein und werde sie auch 

später nur streifen. 

2) Fälle, in denen ein Individuum sich in einer dauernden „hypnotischen Ab- 
hängigkeit" von einem Objekt befindet, eignen sich nicht zum Studium des hypnotischen 
Zustandes weil sie ihn nicht rein darstellen, sondern Mischfälle sind von verliebter 
Hörigkeit und hypnotischer Beeinflussung. Zum Studium eignet sich nur der isolierte 
hypnotische Akt. 



i2 Carl Müller- Braunschweig 



elementen entstandenen Ich- Ideal-Veränderung. Allgemein betrachtet, ist es 
bei allen drei Zuständen derselbe ökonomische Vorgang. Der Unterschied 
liegt in der Besonderheit der Vorgänge und Systemteile, die in Abhängig- 
keit vom Objekt geraten und der Besonderheit der Ich- Ideal-Veränderung. 
Während bei der Verliebtheit das ^-System an freier Energie verarmt 
zugunsten aller nur möglichen durch das geliebte Objekt bestimmten 
Wahrnehmungen, verarmt es bei der Bindung an den Führer zu Gunsten 
der umrissenen Wahrnehmung einer, wie immer, vorgetragenen Idee und 
schweigt es in der Hypnose zugunsten des einzelnen vom Hypnotiseur 
gesprochenen Wortes oder Satzes völlig. Es ist nicht der Hypnotiseur, der 
etwa wie ein Geliebter mit Haut und Haar introjiziert wird, sondern es 
ist das isolierte Wort, mit dem sich der Hypnotisierte identifiziert, das er 
in sein Über-Ich introjiziert, dem er dort allein Besetzung zukommen läßt. 
Beim Verliebten ist das Wahrnehmungssystem stark auf den Geliebten 
konzentriert, er „hat nur Auge und Ohr für den Geliebten", für die übrige 
Wahrnehmungswelt ist das Interesse mindestens stark herabgesetzt. Es kann 
freilich für bestimmte Gebiete und Aufgaben, gerade im Gegensatz zum 
Gesagten, stärker als je belebt werden, dann geschieht das aber, um dem 
Geliebten durch besondere Leistungen zu gefallen (führt also auf diese Weise 
wiederum zur Beziehung zum Geliebten zurück) und geschieht es zweitens 
aus der Wiederauffüllung des Quantums frei verfügbarer Libido durch du 
Wiedergeliebtwerden. 

Bei der Hypnose ist die Absperrung von der gesamten übrigen Wahr- 
nehmungswelt gründlicher als bei der Verliebtheit, diese Absperrung unter- 
scheidet sich anderseits von der des Schlafes darin, daß sie in einer einzigen 
Beziehung, eben in dem Rapport mit dem Hypnotiseur, durchbrochen ist. 
ökonomisch gesagt, werden in der Verliebtheit alle übrigen Objekte 
besetzungen, soweit sie Bedingung der Wahrnehmung sind, zugunsten der 
auf das geliebte Objekt gerichteten herabgesetzt, werden in der Hyptu.se 
alle solche Objektbesetzungen zugunsten der auf den Hypnotiseur gerichteten, 
richtiger zugunsten derjenigen, die die Wahrnehmung seiner Worte ermög- 
lichen, 1 nicht bloß herabgesetzt, sondern völlig eingezogen, und werden im 
Schlafe alle Besetzungen, die die Wahrnehmung der Außenwelt möglich 
machen würden, eingezogen. Wohlgemerkt, ich habe hier nur von den 
Besetzungen gesprochen, die das Ich ausschickt, wenn es Wahrnehmungen, 

i) Vom Verliebten sagt man: „Er ist nur Auge und Ohr für den Geliebten", vom 
Hypnotisierten kann man sagen: „Er ist nur Ohr." 



Beiträge zur Metapsychologie 



und zwar solche der Außenwelt, haben will, oder die es anderseits ein- 
zieht, wenn es keine Wahrnehmungen haben will. Ich habe nur vom 
W- System und dem Verhältnis des Ichs zu ihm gesprochen. Die Energie- 
verschiebungen bei Vorstellungen und Sexualregungen, im Er-System, 
im verdrängten und nichtverdrängten Unbewußten, im Es müssen einer 
besonderen Untersuchung vorbehalten bleiben. 

4) Der Unterschied zwischen dem hypnotischen und dem normalen Schlaf 
läßt sich strukturell weiter verfolgen, wenn man fragt, welches bei diesen 
beiden Zuständen der agent provocateur ist, auf dessen Geheiß hin sie ent- 
stehen. Bei der Hypnose ist es zunächst ein Objekt der Außenwelt, besser: 
ein von außen kommendes Wort, beim Schlaf der dem Ich, dessen be- 
wußten und unbewußten Teil (dem Es) angehörende Schlafwunsch. Man 
darf auch sagen, den Anstoß zur Hervorrufung der beiden Zustände gibt 
in dem einen Falle die durch die Identifizierung mit dem Wort des 
Hypnotiseurs gegebene Über-Ich-Veränderung, in dem andern Falle die durch 
die Identifizierung mit dem Schlafwunsch des Es gegebene Ichveränderung. 
In einem Falle unterwerfen sich Ich und Es dem (durch Identifizierung 
veränderten) Über-Ich, im andern unterwerfen sich Ich und Über-Ich 1 dem 
(ebenfalls durch Identifizierung) veränderten Es. Der Schlafwunsch hat eine 
physiologische Basis, die periodischen Ermüdungs- und Regenerationstendenzen 
des Organismus. Es paßt ganz zu dem Charakter des Ichs als der aus- 
gleichenden und erhaltenden Instanz, daß es sich dieser Tendenzen annimmt 
und in seinem unbewußten Teil den Schlafwunsch als die psychische Re- 
präsentanz dieser Tendenzen produziert. Der Unterschied zwischen Schlaf 
und Hypnose wäre danach auch so zu bezeichnen, daß beim Schlaf das Ich 
sich mit einer seinen eigenen Interessen gemäßen Tendenz identihziert und 
zu deren Behufe die Einziehung der den Rapport mit der Außenwelt 
tragenden Besetzungen veranlaßt, während es sich bei der Hypnose einer 
Instanz unterordnet, mit der es in einer phylogenetisch und ontogenetisch 
weit zurückreichenden und bedeutsamen Spannung lebt, dem Hypnotiseur 
(hinter dem der unbewußten Bedeutung nach in letzter Linie der Horden- 
vater steht) oder dem Über-Ich, besser: dem Worte (Gebote) des Hypnotiseurs 
oder des Über-Ichs (der Über-Ich-Veränderung). 

Die Tatsache, daß es eine Autohypnose gibt, weist uns darauf hin, daß 
an die Stelle des realen Objektes der Außenwelt und der realen Wahr- 



1) Bis auf die durch die „Metapsychologische Ergänzung zur Traumlcjire" be- 
kannten durch die Widerstände dem Verkehr entzogenen Regungen im verdrängten 
Ubw des Es und Über-Ich. (Gesammelte Schriften, Bd. V.) 



Carl Müller-Braunschweig 



nehmung seines Wortes das eigene Über-Ich und sein Befehl treten kann. 
Auch in diesem Falle ist es nicht das Über-Ich schlechthin, von dem der 
Befehl ausgeht, sondern eine Über-lch-Veränderung, die durch die Identi- 
fizierung, dieses Mal nicht mit dem realen Gebote eines Objektes der Außen- 
welt, sondern mit einem bloß vorgestellten Gebote vor sich geht. 

Hinter diesem, bloß vorstellungsmäßigen Gebote, kann ontogenetisch und 
phylogenetisch nur die Imago eines väterlichen (oder elterlichen) Wortes 
stehen. Die Autohypnose stellte uns also vor die Annahme eines Vorganges, 
den wir als eine im Über-Ich angreifende, eine Über-lch-Veränderung erzeugende 
Identifizierung mit einer Imago (einer Wort-Imago) beschreiben müßten. 
Wir hätten in diesem Vorgang wohl auch das für die Wirkung ent- 
scheidende Moment der Fremdhypnose zu sehen, bei der die reale Person 
des Hypnotiseurs nur die Rolle eines nicht unwillkommenen, aber nicht 
unentbehrlichen Statisten spielt. 

Ein Wort sei hier noch eingefügt über die eigentümliche Resistenz, die 
der Hypnotisierte zumeist unmoralischen oder verbrecherischen Suggestionen 
des Hypnotiseurs entgegensetzt. Sie ist vielleicht ähnlich zu verstehen, wie 
die Resistenz der verdrängten Regungen gegenüber dem normalen Schlaf- 
wunsch. Es könnte so sein, daß die Libidoverschiebung, die infolge der 
Introjektion der Worte des Hypnotiseurs das bisherige Über-Ich des Hypno- 
tisierten zugunsten dieser Worte an Besetzung verarmen läßt, vor den 
Forderungen des Gewissens haltmachen muß, soweit diese zufolge ihres 
Ursprungs aus dem Ödipuskonflikt mit dem Verdrängten zusammenhängen. 
Soweit das Über-Ich als eine Reaktionsbildung gegen die zu verdrängenden 
inzestuösen Regungen (d. i. das Prototyp der verbrecherischen Regung) 
anzusehen ist, hängt es sicher eng mit dem verdrängten Ubw zusammen 
und mag sich, soweit dies der Fall ist, gegenüber der Besetzungsent/.iehung 
resistent verhalten, während es sich in anderen Elementen, die von jenen 
Zusammenhängen frei oder freier sind, zugunsten der hypnotischen Sug- 
gestion Energie mag entziehen lassen. 

5) Wir haben uns bisher der Aufgabe entzogen, über die Bedeutung zu 
sprechen, die in unseren Erscheinungen die direkten Sexualregungen be- 
sitzen. Freud hat in „Massenpsychologie und Ich-Analyse" darauf hin- 
gewiesen, daß sich die Bindung an den Führer und die Hypnose durch 
den Wegfall dieser Strebungen auszeichnen, während die Verliebtheit sie 
in geringerem oder größerem Ausmaße einschließen kann. Wollten wir 
diese Tätsachen in unsere ökonomische Betrachtung einbeziehen, so könnten 
wir die Vermutung haben, daß in dem gleichen Sinne, wie durch die 



Beiträge zur Metapsychologie 15 



Bindung bisher freier narzißtischer Libido an bestimmte Vorgänge und 
Systemteile anderen Vorgängen und Systemteilen narzißtische Libido entzogen 
wird, der Wegfall direkter Sexualstrebungen dadurch entstanden sein könnte, 
daß diesen Strebungen Energie entzogen wird, die sie benötigen, um aktiv 
zu sein. Wenn wir, was schwierig vorzustellen wäre, nicht annehmen wollen, 
daß es sich bei einem solchen passageren Wegfall um eine wirkliche De- 
sexualisierung, also um eine Umwandlung sexueller in nichtsexuelle Energie 
handelt, so können wir uns doch denken, daß die Energieentziehung, welche 
die Sexualstrebungen inaktiv macht, auch hier nichts anderes als eine Ent- 
ziehung narzißtischer Libido ist. Das würde voraussetzen, daß eine Sexual- 
regung, um aktiv zu werden (und nicht nur in dem Sinne, daß sie als 
Sexualbedürfnis bewußt wird, sondern vermutlich weitergehend auch in 
dem Sinne, daß sie überhaupt zum motorischen Antrieb fähig wird), durch- 
gängig einer Besetzung mit narzißtischer Libido bedarf. Das würde nicht 
im Widerspruch damit stehen, daß so und so oft (Freud, das Ich und das 
Es) das Ich nichts besseres tun kann, als schleunigst einer Sexualregung 
nachzugeben, denn eine solche Besetzung mit narzißtischer Libido ist sicher 
nicht in allen Fällen in das Belieben des Ichs gestellt, sondern kann ihm 
so und so oft abgezwungen werden. 

Wir hätten uns also vorzustellen, daß die narzißtische Libido im Verhältnis 
zur sexuellen die Rolle eines unumgänglichen Transporteurs zu spielen hätte, 
daß es anderseits dem Ich gelingen kann, der sexuellen Regung die narzißti- 
sche Libidobesetzung zu entziehen und dadurch eine direkte Regung ebenso 
zum Schweigen zu bringen als irgendeinen anderen Vorgang, sei es ein 
Affekt oder eine Vorstellung oder ein beliebiger motorischer Antrieb. 

So würde sich das Schweigen der direkten Sexualregungen bei der Hypnose 
der sonstigen motorischen Lähmung anschließen. Die Entziehung von Be- 
setzung, die diese Festlegung hervorbrächte, wäre aber nur ein Teil des 
ökonomischen Vorganges, der überhaupt allen möglichen Vorgängen und 
Systemteilen die Besetzung entzieht, um sie anderswo zu konzentrieren. 
Dieser Wegfall der direkten Sexualstrebungen ist gerade auch in vielen 
Fällen von Verliebtheit in gleichem Maße vorhanden wie bei der Bindung 
an den Führer und bei der Hypnose, eine Tatsache, die die Verliebtheit 
den anderen Zuständen noch verwandter erscheinen läßt, aber durch die 
Beziehung auf unsere ökonomische Betrachtung eine Merkwürdigkeit ver- 
lieren läßt, die sie auf den ersten Blick zu haben scheint. Denn man sollte 
zunächst meinen, daß die Verliebtheit ohne irgendeine wesentliche Wirk- 
samkeit direkter Sexualstrebungen schwer vorstellbar wäre. Hält man sich 



g Carl Müller-Braunscliwt dg 



aber vor, daß Verliebtheit auf zweierlei Weise ausgelöst werden kann, nämlich 
einmal dadurch, daß primär eine direkte Sexualstrebung vorhanden ist, die 
sich sekundär auch zu narzißtischer (zärtlicher) Besetzung ausbaut, ein andermal 
dadurch, daß zunächst ein narzißtisches (zärtliches) Interesse vorwaltet, das 
sekundär die direkte Sexualstrebung auslöst, so kann man sich durch den 
ökonomischen Vorgang der Entziehung narzißtischer Libido vorstellen, daß 
sie im letzteren Falle die Sexualregung überhaupt erst gar nicht aufkommen 
lassen, im ersteren nachträglich zum Schweigen bringen kann. 

In die Fälle der Ausschaltung direkter Sexualstrebungen durch Entziehung 
narzißtischer Besetzung ist auch der Schlaf einzuordnen. Doch liegen hier 
die Verhältnisse besonders. Die unzweideutigen Äußerungen direkter sexueller 
Strebung und Abfuhr im Schlaf (Pollutionen u.dgl.) geschehen trotz der 
vom Schlafwunsch des Es und Ich ausgehenden Besetzungsent/.iehung. Sie 
werden ermöglicht dadurch, daß sie an den dem Ich nicht erreichbaren 
verdrängten Strebungen haften, denen also auch das zu ihnen gehörende, 
in die Verdrängung mitgerissene Quantum transportierender narzißtischer 
Libido nicht entzogen werden kann, die aber anderseits durch die Herab- 
setzung der Gegenbesetzung mitsamt jener transportierenden Energie eine 
erhöhte Aktivität erworben haben. 

III 

i) Ich möchte mich in einem vorletzten Teile mit einem Sprung zu 
der Betrachtung eines metapsychologischen Gesichtspunktes wenden, dem 
ich das Recht auf eine selbständige Geltung neben dem topischen, dyna- 
mischen und ökonomischen zuspreche, so sehr er dem topischen angeglie- 
dert werden mag. Der Gesichtspunkt ist von jeher und imphcitc ange- 
wandt worden; man kann ihn nicht erfinden, man brauch, ihn nur heraus- 
zuheben und zu beschreiben. Ich meine den Gesichtspunkt der Richtung* 
Sprachlich ist er in vielen psychoanalytischen Terminis enthalten, in den 
Wendungen „aufs Objekt gerichtet", oder „aufs eigene Ich gerichtet', in 
den Worten: Introversion, Introjektion, Projektion, Verschiebung oder auch 
Inversion und in anderen. Seine Unterscheidung vom Topischen läßt sich 
vielleicht am ehesten durch einen Hinweis darauf '/eigen, daß wir den 
Begriff der narzißtischen Libido in zweierlei Bedeutung zu gebrauchen 
pflegen, einmal im Sinne einer „im Ich wirksamen", dann im Sinne einer 
„aufs Ich gerichteten Libido". Im ersten Falle meinen wir, daß die nar- 
zißtische Libido, topisch, diejenige sei, welche im Ich (dem Gesamtlch), 
und zwar in allen Systemen desselben, im Übcr-Ich, Ich und l'.s, wirkt. 



Beiträge zur Metapsychologie i >r 

im zweiten Falle, daß sie durch eine Richtung charakterisiert sei, die 
Richtung auf die Instanz des Ich. Der Begriff der Richtung schließt die 
Vorstellung ein, daß Libido, oder überhaupt psychische Energie von einem 
Ausgangspunkte, einem Subjektgcbilde, ausgehe und zu einem Endpunkte, 
einem Objektgebilde, hinstrebe. Illustrieren wir das an der Betrachtung 
des Satzes: Ich liebe mich. Hier richtet sich die Libido entweder vom 
Es auf das Ich 1 oder vom Ich auf das Über-Ich (im Sinne des Ideal- 
Ichs) das Ich liebt sein Ideal, das Bild seiner, wie es sein möchte — 
oder drittens vom Über-Ich auf das Ich. Das letztere ist der Fall, wo 
(als erotisches Gegenstück des destruktiven Wütens der Melancholie) das 
Uber-Ich, die kritische Instanz, sich wohlwollend und freundlich gegen 
das Ich verhält. Wie gesagt, gilt der Begriff der Richtung nicht nur von 
den libidinösen, sondern von allen psychischen Energien, also auch den 
destruktiven. Wichtig und ausschlaggebend ist der Begriff der Richtung 
bei der Unterscheidung von Gebilden wie den Introversionsprodukten (den 
Imagines) einerseits und den Introjektions-(Identifizierungs-)Produkten ander- 
seits. Die Imagines sind Objektgebilde, zu ihnen strebt die Libido hin, die 
Identifizierungsprodukte sind Subjektgebilde, von ihnen geht sie aus. 3 

Die Betrachtung von Verdrängung und Widerstand unter dem Gesichts- 
punkt der Richtung würde ergeben, daß die Energien der verdrängten 
Tendenz zum verarbeitenden Ich hinstreben, die Energien des Widerstandes 
von eben diesem Ich ausgehen. Durch die letzteren werden Energiequanten 
der ersteren durch Bindung entzogen. Die Betrachtung der „Verdrängungs"- 
prozesse in Traum, Psychose und gewissen Fehlwahrnehmungen und Wahr- 
nehmungsausfällen des Alltags unter Zuhilfenahme des Gesichtspunktes der 
Richtung wollen wir uns für eine spätere Untersuchung aufsparen. 

2) Wenden wir uns zum Schluß noch einmal den Identifizierungsvorgängen 
und zwar deren Umfang zu. Es werden nicht nur Objekte oder Teile von 
Objekten introjiziert, sondern ganze Vorgänge (Beziehungen zwischen Ich 
und Außenwelt und zwischen Objekten der Außenwelt), sozusagen ganze 



1) Freud, Das Ich und das Es. Kap. III: „Wenn das Ich die Züge des Objekts 
annimmt, drängt es sich sozusagen selbst dem Es als Liebesobjekt auf — ". (Ges. 
Schriften, Bd. VI, S. 374.) 

2) Vgl. Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, Kap. VII, wo allerdings nicht 
von der Richtung der Libido auf eine Imago, sondern auf ein wirkliches Objekt die 
Rede ist: „Es ist leicht, den Unterschied einer solchen Vater-Identifizierung von einer 
Vater-Objektwahl in einer Formel auszusprechen. Im ersten Fall ist der Vater das, was 
man sein, im zweiten das, was man haben möchte. Es ist also der Unterschied, ob 
die Bindung am Subjekt oder am Objekt des Ichs angreift." (Ges. Schriften, Bd. VI, S.304^ 

Imago XII. 2 



Tß Carl Müller-Braunschweig 



Dramen. Das wichtigste dieser introjizierten Dramen ist, auf eine kur/.e 
Formel gebracht, der Koitus der Eltern. Diese Introjektion finden wir bei 
der Aufgabe, die Ödipus-Konstellation zu überwinden, mit der lib.dinosen 
und sonstigen (destruktiven) Objektbeziehung und mehr minder starker, 
daraus hervorgegangener Tntroversion der auf Vater und Mutter gerichtet« 
Libido verknüpft. Es ist nun von entscheidender Bedeutung, welchen Aus- 
gang diese Introjektion unter dem Gesichtspunkte der Richtung der Libido 
nimmt. Sehen wir von der weiteren Komplikation ab, die die Betrachtung 
der destruktiven Anteile der Energien ergeben würde, so käme (beim 
männlichen Kind) für einen normalen Ausgang alles darauf an, daß die- 
jenigen Libidoquanten, die von dem durch die Identifizierung mit dem 
Vater entstandenen Subjektgebilde ausgehen und auf das durch die Objrkt- 
beziehung zur Mutter und durch Introversion entstandene Objcktgcb» de 
(die Mutter-Imago) gerichtet sind, über diejenigen überwiegen, die umgekehrt 
von dem durch die Identifizierung mit der Mutter entstand«.,«.., Subjekt- 
gebilde ausgehen und auf das Objektgebilde der Vater-Image gerichtet sind, 

IV 

Im folgenden wollen wir an Stelle von Noten, die den Text zu sehr 
überlasten und vielleicht unübersichtlich machen würden, e.n.ge Ergän- 
zungen an das Gesagte anschließen: 

i) Das Wiedergeliebtwerden: Im Anschluß an die Schilderung der 
ökonomischen Verhältnisse bei der Verliebtheit kann auch eine Aufklarung 
der Erscheinung versucht werden, die im Liebenden Stattfindet, wenn er 
wiedergeliebt wird, und die in einer Aufhebung des Gefühles der Demut, 
einer Wiederkehr des Selbstgefühls, ja, in dem Erwachen eines Hochgefühls 
besteht. Wir haben die für die Verliebtheit beschriebenen Vorgan,, um- 
zukehren, um diese Erscheinung zu verstehen. Während durch das Verl.ebt- 
sein bisher freie narzißtische Libido an alle objektbezogenen Vorgänge und 
Systemteile, einschließlich der durch die Identifizierung entstandenen Uber- 
Ich-Veränderung gebunden wird, fließt durch das Wiedergeliebtwerden nar- 
zißtische Libido auf die verlassenen Positionen zurück. 1 

hm deutlichsten wird das zunächst bei der Hetrarhlung der L.b.do- 
verschiebungen im Über-Ich. Der Geliebte liebt ja, wenn es sich um eine 
volle Gegenliebe handelt, am Liebenden den ganzen Men schen, also auch 

j) Vgl. Freud, Zur Einführung des Narzißmus, Kap. 111. (Ges. Schriften, Bd. VI, 

S. 182 f.) 



Beiträge zur Metapsychologie ig 

dessen charakteristische Wertungen, wie sie neben anderem in dessen Über- 
ich lokalisiert sind. Der Liebende läßt einfach sein Interesse durch das 
des Geliebten, der ihn wiederliebt, lenken, wenn er nunmehr beginnt, 
auch sein durch die Verliebtheit verlassenes individuelles Über-Ich wieder 
zu lieben, libido-ökonomisch ausgedrückt, dem privaten Über-Ich, dem er 
zugunsten der durch die Introjektion des Objektes entstandenen ÜberTch- 
Veränderung Libido entzogen hatte, diese wieder zuzuführen. Den gleichen 
Mechanismus (des Sich-Führen-Lassens durch die Richtung der Libido des 
wiederliebenden Geliebten) haben wir anzunehmen, wenn sich der Liebende 
den anderen verlassenen Positionen und Interessen wieder zuwendet. Er 
wird ja wiedergeliebt nicht nur wegen seines Über-Ichs, sondern wegen 
aller seiner Äußerungen und Tendenzen, denen er sich nun wieder zu- 
wenden kann. 

Wir haben anzunehmen, daß es so zu einer regen Wechselwirkung 
zwischen Über- Ich -Veränderung und dem bisherigen Über-Ich kommt, 
ebenso zu einer solchen zwischen allen einerseits objekt-, anderseits subjekt- 
bezogenen Vorgängen, auf welchen Wechselbeziehungen sowohl die belebende 
Wirkung einer glücklichen gegenseitigen Liebe beruht, wie durch sie die 
häufige Erscheinung der fortschreitenden, auf das Ich übergreifenden Assi- 
milation zu verstehen sein mag, die man bei den Partnern dauernder und 
glücklicher Liebes- und Ehebündnisse vorzufinden pflegt. 

Man könnte die Frage der Vorgänge beim Wiedergeliebtwerden auch 
anders darstellen und damit zugleich ergänzen: Der Verliebte erhöht sein 
Liebesobjekt, in der Vorstellung (Freuds „Sexual -Überschätzung"), in 
gleicher Weise, wie das infantile Ich seinerzeit, sich selber nicht mehr 
genügend, sich idealisierte und damit die auch weiterhin wirksame Seite 
des Über-Ichs schuf, die Freud das Ideal-Ich genannt hat. Das Liebesobjekt, 
indem es wiederliebt, idealisiert damit wiederum den Liebenden. Wenn 
sich nun der Liebende mit seinem Liebesobjekt identifiziert, identifiziert 
er sich auch mit dessen den Liebenden erhöhenden idealisierenden Ten- 
denzen und gewinnt dadurch eine Wiederbelebung der vordem durch 
Libidoentziehung geschwächten, auf sein eigenes Ideal-Ich gerichteten 
Energien. Er darf sich, d. h. sein Ideal-Ich, in dem gleichen, ja in er- 
höhtem Maße wiederlieben, als das vor seiner Verliebtheit der Fall war. 
Diese Betrachtung zwingt uns, die Auffassung, daß der Verliebte sich nur 
in seinem Über-Ich mit dem Liebesobjekt identifiziere, anders gesagt, 
das Liebesobjekt nur in sein Über-Ich introjiziere, dahin zu ergänzen, daß 
er sich auch partiell in seinem Ich mit dem Liebesobjekt identifiziert. 

2« 



Carl Müller-Braunschweig 

2 — 



Dazu zwingt uns nicht die Tatsache, daß die narzißtische Besetzung durch 
die das Liebesobjekt die Idealisierung seiner Vorstellung von, Liebenden 
vornimmt, als nur vom Ich des Liebesobjektes ausgehend angesehen wer- 
den muß, denn wir sahen vorhin, daß auch dem Ich angehor.g< , Momen 
wie Charakterzüge, durch Introjektion in ein fremdes über- Ich dort als 
dirigierende Elemente wiederkehren können, aber wohl der Umstand, daß 
der Liebende als Erfolg seiner Identifizierung mit der Idealisierung, die 
das Liebesobjekt mit ihm vornimmt, sich selber wieder idealisieren kann 
was doch nur als von seinem Ich ausgehend und als auf sem Uber-lch 
(Ideal-Ich) gerichtet vorgestellt zu werden vermag. Andersens behalt aber 
neben diesem Vorgang eine Introjektion ins Über-Ich ihre Geltung. Denn 
die Idealisierung, die Überschätzung, die das Liebesobjekt mit dem Lie- 
benden vornimmt, ist anderseits eine Wertung, geht also wie alle Wertungen 
auch vom Über-Ich aus. Soweit das der Fall ist, wird sie auch beun 
Liebenden gleichzeitig als Wertung, also in dessen Über-Ich, auftauchen: 
Der Liebende wertet sich, liebt sich, sein Ich, nun auch von seinem Uber- 
lch aus so, wie sein Liebesobjekt ihn wertet. 

Die Identifizierung des Verliebten mit dem Liebesobjekt, soweit dieses 
wiederliebt, wird also zwei Folgen haben. Soweit diese ldcntilmerung «m 
Ich des Verliebten angreift, wird die vom Ich auf das Uber-lch ge- 
richtete, die Liebe zum eigenen Ich-Ideal ermöglichende Besetzung wieder- 
hergestellt. Soweit sie im Über-Ich angreift, wird die vom Ober-Ich 
auf das Ich gerichtete Besetzung, die die positive wohlwollende Kntik 

dem eigenen Ich gegenüber ermöglicht, wiederhergestellt. 

2 )NarzißtischeLibidoundzärtliche(zielgehemmte)Strebungen: 

Wir haben in Kap. II, 5 narzißtische und zärtliche Strebungen einander 
gleichgesetzt. Darin liegt eine Ungenauigkeit. 

Unter zärtlichen oder zielgehemmten Strebungen verstehen wir 
zwei Arten von Strebungen, deren eine in reinster Form sich von den 
direkten Sexualstrebungen nur dadurch unterscheide«, daß sie vom genitalen 
Ziel ganz, von den anderen sexuellen Zielen nur mehr oder weniger ab- 
gelenkt ist. Je mehr extragenitale sexuelle Ziele ihr beigesellt bleiben, ,e 
mehr fällt sie mit den Vorluststrebungen zusammen. Wir bezeichnen 
z B. Küsse und Berührungen als „Zärtlichkeiten . 

Die reinste Form der zweiten, auch zärtlich genannten S.rehungen ent- 
behrt im Gegensatze zu der ersten ganz der sexuellen Komponente. Man 
könnte sie „seelische Zärtlichkeit" nennen. Sie geht vom Gefühl, von der 
Vorstellung und zum Teil von jener Art der hlenülizierung aus, die wir 



Beiträge zur Metapsychologie 21 



Einfühlung nennen. Diese Alt der Objektbesetzung ist auch eine narziß- 
tische zu nennen, denn sie ist eine Besetzung des Objektes mit desexuali- 

sierter Libido. 

Wir haben mit diesen beiden Formen der Zärtlichkeit die Endglieder 
einer Reihe beschrieben, in deren Verlaufe wir uns jeden Grad von Mischung 
zwischen der Zärtlichkeit aus Besetzung mit desexualisierter (narzißtischer) 
Libido und der aus zielgehemmter sexueller Besetzung denken können. 

3) Das Verhältnis der narzißtischen zur sexuellen Libido: Daß 
die sexuelle Libido ohne die narzißtische nichts vermag (Kap. II, 5), paßt 
durchaus zu der uns durch Freud längst vertraut gemachten Vorstellung, 
daß die im narzißtischen Reservoir des Es befindlichen Sexualregungen 
zunächst objektlos sind. Erst das Ich (und wir müssen ergänzen, vermittels 
seiner Verfügung über die narzißtische Libido) und seine durch das ^"-System 
und die Beziehung zur Motilität gegebene Verbindung mit der Außenwelt, 
kann die Sexualregungen mit den Wahrnehmungen und Vorstellungen und 
den motorischen Impulsen verknüpfen, die sie befähigen, sich mit einem 
realen sexuellen Objekt in Verbindung zu bringen. 

Wir fassen also die Bedeutung der transportierenden Funktion der narzißti- 
schen Libido so auf, daß durch Entziehung narzißtischer Libido sexuelle 
Regungen zum Schweigen gebracht, durch Hinzufügung aktiviert werden 
können, und daß es außerdem die narzißtische Libido ist, die die Ver- 
knüpfung der im Es (entsprechend dem Charakter des Primärsystems) objekt-, 
ziel- und wahllos herumirrenden Sexualregungen mit Elementen (Wahr- 
nehmungen, Vorstellungen, Wünschen, motorischen Impulsen) besorgt, die 
ihnen erst die reale Beziehung zu einem Objekte der Außenwelt ermöglicht. 

4) Absinken und Wiederaufsteigen des Narzißmus vor und 
nach Befriedigung des Sexualbedürfnisses: In diesem Zusammen- 
hange wird auch die Erscheinung verständlicher, daß bei Richtung sexueller 
Wünsche auf ein Objekt, solange diese Wünsche unbefriedigt bleiben, der 
Narzißmus des Begehrenden eine Herabsetzung erfährt, die erst nach der 
Befriedigung wieder aufgehoben wird. Diese Erscheinung müssen wir nach 
dem bisher Gesagten auf die bei sexueller Objektbesetzung unumgängliche 
Mitbeteiligung der narzißtischen Libido zurückführen. Wir müssen uns 
vorstellen, daß, wie zuerst die sexuellen Strebungen das Ich zwangen, die 
zur Findun» des Objektes unentbehrliche transportierende narzißtische Libido 
zu mobilisieren, hinterher diese narzißtische Libido ihrerseits, von der 
sexuellen Libido mitgerissen und an die nunmehr auf das Objekt bezogenen 
Sexualregungen und andere objektbezogenen Vorgänge geheftet, in eben 



22 



Carl Müller-Braunschweig: Beiträge zur Metapsychologie 



dem Maße dem Ich, wie wir es beschrieben haben, entzogen wird. Durch 
diese Entziehung narzißtischer Libido erklärte sich uns die Herabsetzung 
des Selbstgefühls. Umgekehrt, nach Befriedigung des Sexualbedürfnisses, 
löst sich nicht nur die sexuelle Libido aus ihrer Bindung an die sie mit 
dem Objekt verknüpfenden Elemente, sondern mit ihr gleichzeitig auch die 
narzißtische, so daß die verwendbare narzißtische Libido wieder zur alten 
Höhe steigt. 






Über das Unisono in der Komposition 

Beitrag zur Psychoanalyse der Musik 

Vortrag in der „Nederlandsche Vereeniging voor Psycho- Analyse« am 2. Dezember 1922 

Von Dr. A. van der Chijs (Amsterdam) 

Die verdienstvollen Forschungen von Bardas, Graf, Hitschmann, 
Lach, Pfeifer, Rank, Revesz, Teller, die sich mehr oder weniger 
psychoanalytisch mit Musikproblemen beschäftigen, beschränken sich auf 
die Kompositionen selbst, ohne jedenfalls den lebenden Komponisten per- 
sönlich zu vernehmen. So spricht Pfeifer in seiner gründlichen Abhand- 
lung über Robert Lachs Studien zur Entwicklungsgeschichte der ornamen- 
talen Melopöie 1 hauptsächlich über die reproduzierende Musik, über den 
Ursprung der Töne, des Gesanges usw. Lach betont den Zusammenhang 
zwischen Gesang und Libido, beweist auf Grund von Darwins Theorie, daß 
Gesang und Sexualleben der Völker miteinander in engstem Zusammen- 
hang stehen, sowie daß die Gipfelpunkte des Gesanges und des Sexual- 
lebens der Vögel meist im Frühjahr zusammenfallen. Weiter betont er die 
Sublimierungstendenz der Musik und ihre Bedeutung als Kraft — Affekt — 
Entladung. Die Ursache dieser phänomenalen Modifikation des Sexualtriebes 
liegt in der Verdrängung. Max Graf behandelt in seinem ausgezeichneten 
Buche „Die innere Werkstatt des Musikers" auch die Kompositionen. Er 
weist unter anderem auf das Suchen nach Ausdruck für alle Affekte in der 
Musik hin. Er zergliedert manche Schöpfung großer Meister in bezug auf 
Aufbau, Melodie, Rhythmik usw. Graf findet keine direkte Umformung 
von krankhaften Neigungen in Töne. Er treibt aber keine pathologische 
Anatomie der Musik, und das ist gerade das, was ich anstreben wollte. 

Einen der besten Anhaltspunkte für die Musikanalyse findet man in der 
symphonischen Dichtung oder in der sogenannten Programmusik. 
Man kommt aber ohne unmittelbare Analyse des Komponisten meistens 

1) Imago, Bd. VII, S. 505 ff- 



2 . Dr. A. van der Chijs 



nicht weiter als zur Erkennung von mehr allgemeinen Begriffen, oder 
es gibt der Tondichter selbst sein „Programm", das man mehr oder weniger 
deutlich in der Musik manifest wiederfindet. Die Verdrängung aber wird 
auf diese Weise gewöhnlich nicht gelöst werden. 

Und dennoch muß es möglich sein, in der Musik wie im Traum den 
latenten seelischen Gehalt, die Konflikte der Seele aufzufinden und sie 
zu lösen. + 

Ein Komponist brachte mir ein Lied mit Klavierbegleitung. Wir 
unternahmen versuchsweise die Analyse. 

Beim ersten Anblick bot es nichts besonderes. Bei näherem Eingehen 
aber fiel mir eine Passage auf, welche durch ein an dieser Stelle nickt 
schön klingendes Unisono auffällig war. Im Text war von der unglück- 
lichen, todbringenden Liebe zwischen einem jungen Mädchen und einem 
Jüngling die Rede. 

Die Einfälle des Komponisten ergaben, daß bei ihm, nachdem ihm ein 
Freund von seiner unglücklichen Liebe für ein Mädchen erzählt hntte, 
die Anregung zu dieser Komposition entstanden war. Nennen wir diesen 
Freund X. Erfühlt sich mit X. ganz einig und verwandt. Die Singstimme 
im Lied ist die Stimme des von seiner Liebe für das Mädchen erzählenden 
Freundes, er die Begleitung. So ist auch in Wirklichkeit das Verhältnis 
zwischen beiden. Das oben genannte Unisono ist hier nicht nur ein In- 
Oktaven-Zusammengehen. Es ist so beschaffen, daß gerade die Singstimme 
genau dieselben Noten wie die Begleitung bringt. Diese immerhin 
auffällige Art des Unisonos darf wohl Anlaß sein, hier eine tiefere Be- 
deutung zu suchen, um so mehr, als der Komponist dieses Unisono gar 
nicht bewußt niedergeschrieben hat. Der Patient teilt mit, daß ihn schon 
früher einmal ein Musiker auf solch ein Unisono in einer Komposition 
aufmerksam gemacht hat. Er erkennt es selbst als etwas Infantiles an, „so 
wie ein Kind mit zwei Händen eine Melodie unisono spielt". Es weist bei 
ihm auf ein gewisses Zurückbleiben in der Entwicklung hin. 

Deutlicher wird dies, wenn wir erfahren, daß er zu X. in einer unzweifel- 
haft homosexuellen Bindung steht. Seine Entwicklung ist noch nicht 
genügend von der homosexuellen Einstellung befreit. Er ist mit X. ganz 
und gar „unisono"; die unglückliche Mcbe von X. zun. Mii.h hon muß 
sterben. Er und X. müssen ganz vereint weiter zusammengehen. Sie 
singen beide nur eine Melodie und mit derselben Stimme. 









Über das Unisono in der Komposition 25 

Es ergibt sich jetzt die Frage: „Ist dieses Unisono etwa pathogno- 
monisch für den Ausdruck der Homosexualität in der Musik? 

Ich maße mir nicht an, zu antworten und berichte lieber über einen 
zweiten Komponisten, der kurz nachher in meine Behandlung kam. Genau 
vor dem Ausbruch seiner Neurose hatte er ein Klavierstück komponiert. 
Ich forderte ihn auf, bei den verschiedenen Motiven seine Einfälle mit- 
zuteilen und ich will diese hier im besonderen soweit berücksichtigen, als 
sie mit Unisonostellen in Beziehung stehen. (Der Patient selbst wußte 
übrigens nicht, daß ich diesen Stellen besondere Aufmerksamkeit entgegen- 
brachte.) 

Das Hauptmotiv I, Andante, drückt ruhige Zufriedenheit aus. Er 
hat zwar die Freundschaft von zwei Freunden verloren, aber anderseits 
einen neuen Freund gefunden. Der ruhige Charakter erinnert ihn an diesen 
Freund. Er wollte damit sagen, daß diese Freundschaft für ihn das größte 
Glück war. 

Die Freude wird jetzt lebhafter, es entsteht Motiv II: Allegretto, wo 
die Begleitung der linken Hand etwas trocken, öde gehalten ist, um zu 
beweisen, daß eben alles Glück nur vergänglich ist, schließlich doch zur 
Melancholie führt. 

Es kommt hier nicht zu einem Unisono, nur zu einem Zusammengehen 
der beiden Stimmen, besser gesagt: Hände, in Terzen. Warum? Die Ein- 
heitlichkeit der Liebesfreude war eben gerade nicht vollkommen (alles Glück 
ist doch vergänglich, wie er zuvor betont hat), kann daher kein unberührtes 
Unisono bilden. Er genießt die schönen Augenblicke nicht, verdüstert die- 
selben durch Wehmut und schafft sich selbst Leiden. Die Gedanken an die 
öde Vergangenheit bändigen seine Freude. Er hat doch durch den Verlust 
der beiden ersten Freunde die Unbeständigkeit der Freundschaft erfahren! 

Er verarbeitet Motiv II weiter zu einem Walzerthema* und endet in 
Motiv III, das er schon längere Zeit vorher gefunden hatte. Er las damals 
in den Äneis von Vergil, wie Dido, von Äneas verlassen, sich ihrer Ver- 
zweiflung überläßt. Patient beschreibt hier diese Verzweiflung, abwechselnd 
drohend und flehend, während der Rhythmus, wie er sagt, an das Wogen 
des heftig atmenden Frauenbusens erinnert. 

Die melancholische Stimmung wird nun vertrieben durch ein naives 
Motiv IV, um zu sagen, daß wahrhaftiges Glück nur im kindlich Ein- 
fachen zu finden, während das Ganze mit Motiv I endet, wobei die linke 
Hand fast fortwährend in Oktaven geschrieben ist. Hier haben wir also das 
erwartete richtige Unisono, obwohl nur noch allein in der linken Hand. 



~7 Dr. A. van der Chijs 



Das Glücksmotiv der Freundschaft ha. gesiegt, aber noch nicht auf 

allen Linien. _ . . , i • 

Was finden wir nun, wenn wir rekapitulieren? Er leidet an p.ychi- 
schem Infantilismus, hat außerdem noch die stete Neigung .ur Re- 
gression (Vergangenheit) und Melancholie. Er sucht das Gluck ta«. 
es wo er es gefunden, ohne Mißklang nicht gemeflen. Er bereitet sich 
selbst Weh, ist Sado-Masochist, freut sich kindlich über das Finden eines 
neuen Freundes, nachdem er zwei andere verloren hat, wobei er sich so 
fühlt wie die verlassene Dido, also als Weib. Das richtig, Inisono linden 
wir in der Durcharbeitung des Freundesmotivs am Schluß angedeutet, 

nicht lege artis angewandt. 

Würde das vielleicht einen prophezeienden, prospektiven Wert haben, 
wie das Unbeschlossene in der Komposition erwarten läßt? Wir werden 
es später erfahren. + 

Seine zweite Komposition ist ebenfalls für Klavier. Sie ist nur kurz 
und könnte wohl „Melancholie" benannt werden. Patient sagt anfänglich , 
daß das Ganze die Umgestaltung seines traurigen ZuStandes malt, ohne 
daß er dabei an etwas Bestimmtes denkt. Wir linden im Mittelsatt ein 
Hauptmotiv, das für beide Hände eine getragene Melodie unisono 

wiedergibt. , ... - 

Er hat hiebei die folgenden Assoziationen: „Ich komponierte es wahrend 
ich sehr krank war. Ich hatte viel über Mythologie gelesen und besoners 
hatten die keltischen und brahmanischen Sagen auf mich Eindruck gemacht. 
Sie enthalten eine starke Symbolik, und es war mir immer ,.n Genuß 
die Motive nach ihrem Ursprung zu zerlegen. Sie zeigten mir immer das 
Nutzlose des Seins. Auf die alten keltischen Mythen führe ich auch d« 
Personifikation der Naturkräfte zurück." Weiter denkt er an 1 r.ester- 
versammlungen in einem heiligen Walde, an König* Matt, die Krieg 
führen wollte, den Prototypus des Mannweibes, an I leiden verelmmg. 
speziell an den Helden Cuchulin. dessen Bild, stehend au( einem Streit- 
wagen, er lange betrachtete. 

In diesen Mythen, sagt er, wird der Gedanke von selbst auf die Manner- 
figuren gelenkt, da das weichere, weibliche Element fast ganz fehlt. 
Die Frauen haben dabei oft männliche Charaktere oder sind pervers. 
Im allgemeinen tritt in diesen Mythen eine bis ,ur Perversität durch- 
gebildete Libido sexualis hervor. Diese Einfälle entwickeln sich weiter zur 
Parsifal-Sage. Der Mann wird Weib, das Weib wird Mann, wie Königin 



Über das Unisono in der Komposition 



Maeb. Er bewundert die beiden, das Weib aber hauptsächlich in ihrer 
Männlichkeit, nicht als Frau an sich. In seiner Identifizierung mit der 
Dido zeigt er inzwischen sowohl sein Sich- selb st -als- Weib -Fühlen als seinen 
Narzißmus. 

In der Gralszene von Parsifal erinnerten ihn die langen weißen Gewänder 
der Ritter an die Frauenkleidung. Während seiner Krankheit ging er selbst 
auch am liebsten in langen weißen Kleidern herum. Ja, später noch ließ 
er immer seine Röcke länger machen, als der Herrenschneider es für wünschens- 
wert hielt. Sein während dem Komponieren des letztgenannten Stückes ge- 
fundener Freund sollte jetzt eine ernsthafte venerische Krankheit akquiriert 
und ihm versprochen haben, niemals mehr mit Frauen zu verkehren. Diese 
Tatsache hat selbstverständlich seinen Widerwillen gegen die Frauen 
stark vermehrt. Längere Zeit vorher, wenn er fast zwangsmäßig immer 
seinen Freunden gegenüber über die keltischen Mythen redete, sagte ein 
Freund zu ihm: ,.Laß doch ab von diesen ewigen Geschichten, du gleichst 
wohl selbst einem Myth." Er erschrak fürchterlich über dieses häßliche 
Wortspiel, das ihm nie mehr aus der Erinnerung fortkam, und einen stark 
suggestiven Einfluß auf ihn hatte. Um dies zu verstehen, muß ich Ihnen 
mitteilen, daß das Diminutiv von Myth, im Holländischen Mythje (Verkürzung 
von Sodomit), ein Schimpfwort für Urning ist. 

Die ganze Komposition nun ist eine gewisse Selbstanklage, die Flucht 
vor der Realität, vor dem Menschlichen in die Ewigkeit. Sie spricht von 
der Bewunderung für das Mannweib und den Mann, vom Vertreiben der 
Frauen aus der Männergesellschaft, von der homosexuellen Freundschaft, 
der begeisterten Verehrung des starken Helden, von seiner Identifizierung 
mit der Frau in der Gestalt der Dido, von der Einheit der in weißen langen 
Gewändern umhergehenden, ohne Frauen lebenden Priester, von seinem 
Studentenverein, der auch den Namen „Dido" trägt, und unter dessen Mit- 
gliedern mehrere Homosexuelle sein sollen. 

Im Unisono nun ist diese nach der schwachen und jetzt wirklich als 
Prophezeiung aufzufassenden Andeutung in der ersten Komposition erwartete 
Homosexualität jetzt deutlich kundgegeben. Außerdem zwingt sie ihn 
zur Erkenntnis, daß er selbst schon diese Homosexualität vermutet und 
gefürchtet, aber es nie auszusprechen gewagt, also verdrängt hatte. Endlich 
beichtet er, was er ebenfalls noch verschwiegen hatte, daß er gerade am 
Abend bevor er diese Komposition angefangen hatte, einen homosexuellen 
Akt beging. Es zeigt sich, daß er heiß verliebt ist in seinen neuen Freund, 
den er küssen und umarmen wollte. 



7« Dr. A. van der Chijs 



Bei weiterer tieferer Analyse fanden wir, daß seine Homosexualität be- 
gründet war in Inzestgedanken der Mutter und Schwester gegenüber, 
aber auch in einem psychischen Infantilismus. 

Die inneren Konflikte waren die treibenden Kräfte zur Kompos.t.on, sie 
strebten nach Erlösung. Wir finden hier aufs neue bestätigt, daß das be- 
deutende in der Kunst seinen Ursprung im verdrängten Inzestwunsch hat 

und im Infantilismus. 

Graf sagt, daß die Künstler Stunden der Melancholie und Verdusterung 
kennen in denen die Erregungen des Unbewußten wie eine trübe Flut 
sich stauen an den Dämmen, die Bewußtes und Unbewußtes sche.den. 
Immer sind es Suchende und was sie suchen, sagt Graf, ist ihre K.nd- 
heit. Alles künstlerische Schaffen stammt von der Spiel freu de und 
Phantasielust des Kindes. 

Wir kommen also von verschiedenen Seiten zur selben Ansicht. 



# 



Die dritte, kurz nach dieser Analyse entstandene Komposition soll im 
allgemeinen den Sieg des Guten über das Böse vorstellen. Die breiten 
Akkorde am Anfang des ersten Satzes sind Introduktion. Sie enden im 
D-moll-Dominant-Septim-Akkord, also ohne Lösung der gestellten Aulgabe, 
und bedeuten eine Frage. Die Antwort gibt er in der weiteren Motiv- 
verarbeitung. Das erste Motiv malt die Einsamkeit. Eine dann angewandte 
Triolenfigur fällt auf und ist begleitet von traurig klingenden Bässen. Das 
Ganze erinnert ihn an die unzugänglichen Felsen der norwegischen Küsten 
im Winter. Seine Melancholie tritt hervor, alles ist trostlos, fast unln.rbar 
schluchzend erreicht ihn da das Einsamkeitsmotiv, das allmählich abklingt. 
Da kommt mit harten Schmiedehammerschlägen das Felsenmotiv. Er 
sieht sich auf dem Meere und sehnt sich nach der Küste. Wahrend der 
Analyse hat er einmal ein Wikingerschiff gezeichnet. Das galt einem 
früher gehabten Traum vom Fahren nach einem fremden Lande und soll 
der Grund für diese Komposition gewesen sein. Wir stoßen hier auf seine 
narzißtische Identifizierung mit Lohengrin und Parsifal, aber gleich- 
zeitig auf den Begriff der Homosexualität, wie es sich schon oben zeigte. 
Das Felsenmotiv nun enthält, wie. das Einsamkeitsmotiv, ebenfalls nn, 
Triolenfigur; beide Motive zeigen eine Verwandtschaft. Auch diel Ul weder 
unisono geschrieben und entwickelt sich in schnell in die Hohe 
strebenden Oktav-, also Unisonopassagen, die Wellen des Meeres, 
die um ihn herum an der Felsenwand auseinanderspritzen, unter brausender 
Gewalt in Schaum sich lösend. 



I 



Über das Unisono in der Komposition 



29 



Jetzt folgt ein prophezeiendes Motiv, nur rhythmisch bedeutend, aber 
auch wieder mit einer Triolenfigur. Es ist das Symbol einer Kraft, außer 
und über ihm, das ihm ermahnend zuruft: „Verzweifle nie, alles wird 
sich ändern, es sind Dinge im Werden, welche du nicht, ich aber wohl 
sehen kann". Fortwährend tritt dieses Motiv in der Komposition hervor 
und hat eine beschwörende Kraft. Dann treffen wir eine neue Melodie, 
das Singmotiv, eine Stimme, die, hinter den Felsen, fern im Lande (denken 
wir an die Gralserzählung von Lohengrin „in fernem Land usw."), mit 
lieblichem Klang, lockend ruft. Seine Antwort ist ein Motiv des Flehens, 
ein demütiges Bitten, in das neue Land eingelassen zu werden. 

Ein Hei den kämpf fängt an. Immer zurückgeschlagen in Sturm und 
Wind, verdoppelt er seine Anstrengungen, indem der lockende Gesang 
immer widerhallt. 

Fast völlig niedergeschlagen, tönt auf einmal wieder das Prophezeiungs- 
motiv und kündigt die Erlösung an. Plötzlich erscheint das neue Licht, 
ein noch nicht gehörtes Lenzmotiv, den Sieg des Weiblichen über 
das Männliche vorstellend, als eine majestätische Göttin sich fort- 
bewegend, ganz ohne irgendwelche Andeutung von Unisono. 

Die Komposition endet mit einem strahlenden D-dur-Akkord, die frohe 
Stimme vom herrlichen, neuen Leben. 

Die tiefere Analyse lehrt uns folgendes: 

Im Einsamkeitsmotiv gibt Patient sein eigenes Ich, den melancho- 
lischen Sucher. Sein neu gefundener Freund erwidert seine Liebe nicht 
so, wie er es sich erträumt hat. Der Freund ist wie ein Felsen, hart wie 
Stein, zurückweisend. 

Im Felsenmotiv trafen wir, wie schon gesagt, dieselbe Triolenfigur 
wie im Einsamkeitsmotiv, das heißt: seine Identifizierung mit 
dem Freunde, aber außerdem das jetzt bekannte Unisono, die Vor- 
stellung seiner mit dem Freunde sich als ein Wesen fühlenden Liebe. 

Anfänglich sucht er sich dem Felsen, also seinem Freund, zu nähern. 
Er fleht um seine Liebe, er will sich hingeben, aber gleichfalls erobern, 
herrschen und unterwerfen, er manifestiert seinen Sado-Masochismus. 

Der immer höher steigende Unisono-Oktavengang, die Wellen, der 
Sturm, der Schaum, der dann um ihn umherspritzt, wir erkennen leicht 
die Symbolik des Kontraktions- und Detumeszenztriebes, die 
Ausmalung des oben erwähnten homosexuellen Aktes. Das Prophezeiungs- 
motiv ist die Stimme des Arztes (auch hier treffen wir die Triolen- 
figur als Ausdruck der Übertragung), aber gleichzeitig das Symbol des 



Dr. A. van der Chija 



norma 



„alen Naturtriebes, durch den Am sozusagen heraufbeschworen. 

Er sucht und bekämpft im gleichen Moment seine homosexuelle 
Liebe. Nach heftigem Ringen siegt er endlich und erobert den Felsen, 
seinen Freund. Aber er muß weiter. Dies darf nicht sein Endziel bleiben. 
Über den Felsen, über seine Homosexualilät hinaus, kann er erst das ge- 
lobte Land erreichen. 

Fern im Lande lockt ihn die Göttin der Liebe, der Lenz, die Frau. 
Jetzt sucht er seine Elsa. Die Stürme legen sich, das Lenzmotiv malt» 
mit dem D-dur-Akkord als Erlösung, den Sieg des Weibes. 

Die Unisonos bleiben ganz weg, nachdem der Streit beendet ist. 



* 



Ich wiederhole jetzt meine Frage: 

„Ist das in dieser Form vorkommende Unisono wirklich pathognomo- 
nisch für homosexuelle Regungen?" 

Wohl schrecke ich vor der Bejahung zurück, wenn ich überlege, wie 
oft wir das Unisono in den Schöpfungen eines Mozart, Beethoven, 
Wagner, Brahms antreffen. Ich glaube es denn auch kaum, um so mehr, 
da es an sich keine abweichende Konstruktion ist. Es strebt nach der 
vollkommensten Harmonie, und das ist, kurz gesagt ■ - die Liebe, 
und der Inhalt der Liebe wieder ist, qua talis, immer .lerselbe. nur ist 

die Objektwahl eine andere. 

Ich bringe hier in Erinnerung, daß das Unisono nur an den Stellen 
hervortrat, wo wirklich von Liebe die Rede war, und komme also 

zu folgender Hypothese. . 

„Das Unisono in der musikalischen Komposition ist anschei- 
nend geeignet, als Symbol der Einheit in der Liebe, vielleicht 
speziell für die homosexuel 1 e oder pieudo- homosexuel le Liebe, 

auftreten zu können. 

Für den Fall, daß die homosexuellen Komponenten bei d,esen beiden 
Patienten nur eine zufällige Koinzidenz darstellen sollten, müssen wir 
doch jedenfalls daran denken, daß, wenn es unbewußt angewandt wurde 
das Unisono eine Verdrängung von Liebesgefühlen sein kann, und 
dadurch, regressiv oder als Entwicklungshemmung wirkend, eine 
mehr infantile Form wählen kann. Umgekehrt kann der Infant.hsnius an 
sich die Ursache der unbeholfenen Unisono-Liebeserklärung sein. 

Weitere Untersuchungen über das hier angeregte Problem können viel- 
leicht später eine Entscheidung bringen. 






Über das Unisono in der Komposition 



Abschließend sei noch erwähnt, daß jene letzte Analyse für den Patienten 
von großer Bedeutung war, denn, was er anfangs zufolge unbewußten und 
bewußten Widerstandes verschwieg, ist durch die Analyse seiner Kompo- 
sitionen zur Aussprache und Deutung gekommen. So verschwand denn 
auch während der Analyse allmählich seine homosexuelle Neigung, 
die Liebe zwischen den beiden Freunden ging ganz zu Ende, und nun 
liebte unser Komponist (zuerst psychisch, später auch physisch) ein Mäd- 
chen, eine „Elsa", seine Lenzgöttin mit ihrer lockenden Stimme (seine 
Geliebte ist öffentlich auftretende Sängerin). Seine Homosexualität war 
eine Pseudohomosexualität, eine Psychoneurose, und stellte meines Er- 
achtens auch nur das infantile, noch nicht differenzierte, oder schon bis zur 
Bisexualität ausgewachsene Stadium seiner Entwicklung dar, die Folge einer 
durch ungünstige Verhältnisse (Inzestmotiv, allgemeinen psychischen Infantilis- 
mus usw.) entstandenen Verdrängung und verlängerten Pubertät. 

Der Fall dieses Patienten bestätigt schließlich die diesbezüglichen An- 
sichten von Ferenczi und er wäre dann den Objekt-Homoerotikern 
zuzuzählen. 






Eine südslawische Märchenparallele 
zum Urtypus der Roland-Sage 

Von Dr. Franziska Juer (Wien) und 
Dr. Otto Marbach (Wien) 

Die entscheidende Tatsache, daß gleiche und ähnliche Märchenmotive tiefe 

bei den verschiedensten Völkern finden, wurde zuerst von dm »rudern Griinn» 
erkannt. Damals begann die Märchenforschung, deren Hauptaugenmerk sieh auf 
das Sammeln und Zusammenstellen von Motiven riehtete. ».,1.1 versuchte man 
auch, mit mehr oder weniger Erfolg, den „Sinn' dieter eigenartigen künst- 
lerischen Produkte zu fassen. 

Die psychoanalytische Methode mit ihre... tiefen Eindringen in die Isyche 
des Kranken, des Kindes und des Volkes hat auch ein ganz, neues Lieht auf 
diese Probleme geworfen. Mythen- und Märchenforschung ist bereit, en, eigenes 
Teilgebiet dieser Wissenschaft geworden. Abgesehen von der neuen AK. der» 
„Sinn Z deuten", sind diese Arbeiten in ihrer Zusammenstellung den Iruherert 
ähnlich; denn entweder werden größere Märchengruppen unter einen, besUmnUen 
Gesichtspunkt betrachtet, oder man verfolgt ein Motiv durch eine An,«hl 

Erzählungen. . ..,. , »• - . 

Innige Zusammenhänge bestehen zwischen Traum und Man-h.-,, das ist 

seit Freuds „Traumdeutung" unabweisbar klar. 

Wir haben nun in vorliegender Arbeit versucht ,h, M.thod. <>"'»"- 
deutung konsequent auf die Märchendeutung zu übertragen d. h. wu habe« 
Stück für Stück des Märchentextes herausgegriffen und analysiert, als ob n» 
Traum vorläge. Dabei erwiesen sich auch die kleinsten, bisher noch unbeachtet,-,» 
Details als sinnvoll und psychisch determiniert. 

Das analysierte Märchen ist der Sammlung von 1'. S. Krau II ...Sagen umi 
Märchen der Südslaven" (Leipzig 1884, bei W. Friedrich), entnonuuen. Ls beißt 
„Der Sohn der Königstochter" (1. Bd., Nr. 4.) und uurd, w-gr,, seiner »e- 
ziehung zur Rolands-Sage, wie wegen des in Ihm enthaltenen ..Heck MO«*», 
eines Teilmotivs des Inzestproblems gewühlt. 

Vor die eigentliche Deutung stellen wir eine gedrängt.- Inhaltsangabe de,- 

Erzählung. 



Eine südslawische Märchenparallele zum Urtypus der Roland-Sage 53 

„Es war einmal ein König, der hatte eine wunderschöne Tochter, die er viel mehr 
lichte als seine Gemahlin. So kam's, daß er seine Gemahlin wie einen Dienstboten, 
die Tochter aber wie seine Frau behandelte." Deshalb kränkt sich die Königin sehr 
und klagt einst einem vorbeiziehenden Wanderer ihr Leid — und der weiß wirklich 
Rat. Er gibt ihr einen Zauber an, der bewirken solle, daß die Tochter schwanger 
werde. Dies geschieht tatsächlich. Der König — um nicht ins Gerede zu kommen — 
sieht sich daher gezwungen, die Tochter verschwinden zu lassen. Zu diesem Zweck 
läßt er eine Art von Arche bauen, verlockt die Tochter, sich hineinzubegeben und setzt 
sie auf diese Weise aus. — Während ihrer Meeresfahrt gebiert die Königstochter 
einen buntgefleckten Knaben, der von allem Anfang an außergewöhnliche Vorzüge 
an sich erkennen läßt. Denn er kann sofort laufen und sprechen. Nach einiger Zeit 
vollbringt er bereits unerhörte Kraftleistungen. Vom Meer aus erblickt die Mutter 
den König in seiner Kutsche, wie er gerade seinen Mähern das Essen bringt. Da springt 
der Knabe über das Meer bis ans Land, zieht das Schiff ans Ufer, läuft der Kutsche nach 
und nimmt dem König alle Speisen weg. Dann fahren sie wieder eine Weile auf dem 
Meer und gelangen zu einem großen, verwunschenen Schloß. In jedem der zwölf 
Schloßzimmer ist ein Teufel. Der Knabe springt wieder ans Land, findet einen zehn 
Zentner schweren Bleiknüttel und begibt sich, damit bewaffnet, ins Schloß. Die Teufel 
wollen ihn nicht einlassen. Er aber zertrümmert eine Tür nach der anderen, ver- 
prügelt jeden Teufel und schickt danach alle die Besiegten ans Gestade zur Mutter. 
Der zwölfte Teufel behauptet, ihn nicht einlassen zu können, weil er festgeschmiedet 
sei. Da schlägt der Knabe die Türe durch, daß das Schloß erdröhnt und der Teufel 
mit der Kraftanstrengung der höchsten Angst die Fesseln zerreißt. Darauf nimmt 
er allen zwölf Teufeln den Eid ab, nicht mehr ins Schloß zurückzukehren. Ein Teufel 
sucht zu entfliehen, aber die Bleikeule trifft ihn zu Tode. — Danach wohnten der 
Knabe und seine Mutter im Schloß, wo es zwar viele Schätze, aber keine Speisen 
gab. Deshalb schickte die Mutter den Knaben um Lebensmittel auf den Markt. — 
Er läßt sich dort ein großes Tuch mit Brot füllen, wirft das Bündel über die Schulter — 
und zahlt nicht. Da die entrüsteten Verkäuferinnen Bezahlung verlangen, droht er mit 
dem Bleikolben zu bezahlen. Ebenso spielt er einem Fleischhauer mit, dem er einen 
ganzen Ochsen davonträgt, wofür er gleichfalls nur in Prügeln zahlen will. Da sich 
die Mutter verwundert, daß er das ganze Geld zurückbringt, antwortet er: „Du hast 
mir nur gesagt, ich soll Brot und Fleisch nach Haus bringen, vom Zahlen hast du 
mir nicht gesprochen." — Als der Vorrat verzehrt ist, schickt ihn die Mutter wieder 
zur Stadt und er treibt es wie das erstemal. Man führt dalier beim König über ihn 
Klage. Der König läßt sich ein Gerüst erbauen und beobachtet von dort aus den 
Knaben. Beim drittenmal ladet ihn der König, als der Knabe bei seinem Gerüst 
vorüberkommt, für den folgenden Tag zum Essen. Er geht mit einem großen Korb 
versehen in die königliche Burg, läßt die Herrschaften, die an der Tafel versammelt 
sind, aus seinem Teller Suppe essen, verzehrt aber dann ganz allein die ganze Suppe, 
sowie alle aufgetragenen Speisen und trinkt den ganzen Wein aus. Dann füllt er noch 
den Korb für seine Mutter an. Inzwischen hatte man ein Regiment Soldaten kommen 
lassen, die auf ihn zu schießen begannen. Er aber fordert sie nur auf, ihn nicht an- 
zuspucken, und als sie das Schießen nicht einstellen, liest er alle Kugeln auf, erschlägt 
damit die Soldaten und zertrümmert überdies mit seinem Bleikolben die halbe Burg. 
Daraufhin unterhandelt der entsetzte König mit ihm und forscht schließlich nach des 
Knaben Mutter, die er, trotz der Versicherung, sie sei häßlich, aufs Schloß bringen 
heißt. Am nächsten Tag bringt der Junge seine Mutter, der König sieht, daß sie 
schön ist und heiratet sie. Nach dem Hochzeitsfest geht der Knabe mit dem König 
in einen Wald. Dort sind in einem hohlen Baum viele verrostete Säbel. Der Junge 

Iraago XII. 5 






T> Franziska Juer und Dr. Ott o Marbach 

54 . 1- 

, a tra • r «irli einen zu wühlen und ihm damit den Kopf abzuschlagen, 

fordert den **"€?*!££££, dront , or werde es den, König Um, wenn nicht 
Der Kon.g will nicht, ab« ^d« Kj Augenblicke verwandelte s.ch 

SSLiS^iÄÄi wunderscUen Jüngling von blendend weiUer Farbe.« 
Diese kurze und skizzenhafte Inhaltsangabe läßt eines bereits erkennen: Die 
SnrunthafüXit und Undeutlichst der Märchenzusammenhiinge. * u-der .erden 
Sprunghaft gkmtun ( , eutlicherer Parallelen, «He den ursprünglichen hin» 

rveXängTr bew hrt haben, weiterkommen und «hUoßllch wieder erkennen 
müsse wie das scheinbar Zerrissene, förmlich Zerklüftete des vorliegenden 
Volk märchens, das anmutet wie eine willkürliche Vereinigung, ein Konglomerat 
Lzua^nenhängender Motive, seine innerliche Berechtigung t.e.erc „unde 
Tes notwendigen Zusammenhanges hat. Ein in sich geschlossenes Ganze. 
I "berechtigter und notwendiger Zusammenhang, der freilich nur dem 1- .„scher 
^r wird der mit psychoanalytischen Methoden an die Auflösung des scheinbar 
Verworrenen und Unzusammenhängenden geht. Ein Beweis für die unumgang^ 
liehe Notwendigkeit der Kenntnis und Handhabung der psychoanalytischen Muhode 
für den Ethnologen und Folkloristen, Mythen- und Märchenforscher. Denn was 
Ze - ohne die Kenntnis dieser Methode - näher, als das infolge der eigenen 
Unkenntnis Undenkbare und scheinbar Unerklärliche der ^<""* h ff°*> 
Gedankenlosigkeit oder Inkonsequenz der Volksphantasie aufzubürden. Indessen 
doch dem simpelsten „Schnadahüpfl« mehr Sinn und ..üjetuche Konsequenz 
innewohnt, als gewissen Herren vom Fach persönlich zur Verfügung .tehtL - 
Doch wenden wir uns nun der Analyse unseres Märchens zu. Sein Anfang 
freilich läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: 

„E, war «pönal ein König, der hatte eine wunderschöne Tochter, die er viel ,nehr UeHe 
als seine Gemahlin." 

Es liegt also das Griseldis-Motiv in aller nur möglichen Offenheit vor.' Vor 
dieFra^gestellt, von wessen Psyche aus das Märchen in diesem 1- all schaffe» 
Z*ESZ w-' nicht umhin, der Tochter einen bedeuten en An ed an der 
Entstehung dieses Motivs zugestehen zu müssen /.war I.. -haun« n . .de 

phantastischen Ersatzbildungen des Vater Tochter Komplex, g .... mc , «u 
Ln ex analogia erwarten sollte, auch vom l-g,, Kmd « roc t,r au., 
sondern erscheinen zum größten Teil vom Standpunkt des \ t s g « tr 
(In/estmotiv S *68.) Uns erscheint jedoch zumindest ein Motiv, na.nlun cia 
t^SeuiS der Tochter, die von der bösen Mutter erzwungen wird, 
unzweifelhaft der Tochterpsyche entsprungen. (Dieses , Moüv ersch-m. am lcut 
lichsten in den Aschenbr ödel-Märchen, K. H. M-, Nr. 2 t und Parallelen bei 

Zahlreich. Parallelen bei Bolte-Polivka, Anm. >U Kind«- ™*H» U ™f *J 

(=K.H.M.) Nr. 3 . („Das Mädchen ohne Hände«) und Nr. 5 ,Alle,l ■ r. „10. > 

psychoanalytischer 'Sei: wurde das Motiv ausführlich b,^ro,h,n von U. k. D 
Sinn der Griseldafabel«, Imago I (März , 9 ,.), und vor allen, ,. >. »« >> 
nichtune und Sage, XI, Die Beziehungen zwischen Vater und 1 o. •, AuB.rtm 
L. p Bet^ „Die Griseldis-Sage in Diäh* und Tonkunst.« (Neue Zürcher Zeitung 

j 9 03, Nr. 64.) 






Eine südslawische Märchenparallele zum Urtypus der Roland-Sage 35 

Bolte-Polivka. Die Heldin muß der bösen Mutter und den bösen [älteren] 
Schwestern Magddienste leisten. Dieses Motiv ist zu spezifisch weiblich, als 
daß man dafür den Vater als Erfinder in Anspruch nehmen dürfte.) Durch 
derartige Märchenzüge sind die beiden Möglichkeiten der primitiven Stellung 
des Weibes zu erkennen. Das Weib war eben (noch der homerische Kultur- 
kreis weist darauf hin) entweder Sklavin (5oü?.n) oder Beischläferin, Lagergenossin 
(uta>xoc). Die Mutter, um die Inzestgefühle zwischen ihrem Gatten und der 
Tochter wissend und bestrebt, die jüngere Rivalin unschädlich zu machen, 
sucht dies durch entstellende Magddienste zu erreichen, zu denen sie die Tochter 
anhält. Wunsch der Tochter muß nun eine Umkehrung der Verhältnisse sein, 
so daß sie Lagergenossin des geliebten Vaters wird, die Mutter aber zu ent- 
würdigenden und entstellenden Magddiensten verdammt wird. Und dieser Wunsch 
wird eindeutig und klar formuliert: 

„So kam's, daß er seine Gemahlin wie einen Dienstboten, die Tochter aber wie seine Frau 
behandelte. Die Gemahlin des Königs weinte immer bitterlich, daß sie gemeint Arbeiten wie ein 
Dienstbote verrichten und in der Küche schlafen mußte." 

Wir sehen, wie sich hier das „Griseldis-Motiv mit dem Motiv von der 
„wahren Königin als Magd" verbindet. 1 Die Deutung der meisten dieser 
Motivgestaltungen ergibt, daß es sich um die durch die Mutter verdrängt 
fühlende Tochter handelt. (So Grimm, K. H. M., Nr. 8g: „Die Gänsemagd', 
ebenso in der Berta-Sage; siehe die Anm.) Die böse Mutter ist es gewöhnlich, 
die die Stelle, die die Phantasiegestaltung der Tochter für sich in Anspruch 
nimmt, mit List und Tücke usurpiert und die eigentliche, rechtmäßige Gattin 
(die zu sein sich die Wunschphantasie der Tochter dünkt) zum „Aschenputtel" 
(K. H. M., Nr. 21) erniedrigt. In unserem Zusammenhang setzt die Tochter 
offener, unverdrängter ihren Wunsch durch. In den übrigen Märchengestaltungen 
pflegt die Tochter erst Erniedrigung, Schmach und Elend zu leiden (voraus- 
genommene Bestrafung), dann aber ihren Wunsch doch durchzusetzen. Sie 
wird rechtmäßige Gattin und die Mutter-Imago (Stiefmutter, Stiefschwester, 
böse Dienerin, Amme usw.) wird bestraft — zumeist sogar auf grausamste 
Weise getötet. (Vgl. K. H. M., Nr. 21, 53, 8g.) Hier jedoch wird die sonst 
überall verdrängte Ursache des Leidens eingestanden: Der Inzestwunsch der 

1) Man vergleiche K. H. M., Nr. 11, Nr. 89 — beide dem Märchenkreise von der 
untergeschobenen Braut" angehörend und die bei Bolte-Polivka hiezu angeführten 
Parallelen. Ausführlich über „das Motiv von der untergeschobenen Braut": Arfert 
(Rostocker Diss. 1897), wo auch die Sage von Berta, der Mutter Karls des Großen, 
behandelt wird. (S. 59 ff.) Da wir im folgenden Gelegeidieit haben werden, auf den 
karolingischen Sagenkreis zurückzukommen, wollen wir darauf hinweisen, daß sich 
also auch dieses Motiv der Karls-Sage hier findet. Nach den deutschen Fassungen 
(Weihenstephaner Chronik, Ulrich Füeterer, Heinrich Wolters Chronica Bremensis) 
wird Prinzessin Berta, die Braut König Pipins, auf der Reise vom ungetreuen Hof- 
marschall mit dem Tode bedroht, einsam im Walde zurückgelassen und statt ihrer 
des Hofmarschalls Tochter dem betrogenen König untergeschoben. Die romanischen 
Quellen („Reali di Francia", VI, „Berte aus grans pies" etc.) lassen den Brauttausch 
viel raffinierter in der Hochzeitsnacht selbst stattfinden. 

3* 



56 



Dr. Franziska Juer und Dr. Otto Marbach 



Tochter. Der Wunsch, die Mutter solle in der Küche schlafen müssen, be- 
deutet die Verbannung aus dem ehelichen Schlafgemach. 

Nun traf es sich einmal, daß ein Wanderer des Weges einherkam, die weinende Königin 
sah\„d sie anredete: finädige Frau, was fehlt Euch, daß Ihr so bitterlich £«? -S*. 
klagte ihm offen und frei ihr ganzes Leid und er gab ,hr .folgende,, Rat: ,Onad,ge 1 rau, 
verfügt Euch am Karfreitag auf den Friedhof, grabt dort ein Grab auj,neh,n, an Totenban, 
scLbt das Bein ab und gebt das Abgeschabte am nächsten Morgen hurer l achter m den Kaffee 
und sie wird augenblicklich in gesegnete Umstände kommen.' - - Die Königin befolgte genau 
des Wanderers Worte, und wirklich, die Tochter wurde schwanger." 

Wir wollen bei dieser Stelle, die in mannigfachster Hinsieht der Deutung 
bedarf, zunächst wieder an das soeben Gesagte anknüpfen. Der von der Mutter 
vollführte Zauber — ist Tochterwunsch in zweifacher Hinsicht. Denn erstens 
reinigt sie sich dadurch von dem Verdacht, als wünscht«- sie den Inzest mit 
dem Vater, — wird sie doch, sozusagen unschuldig, durch den Zauber der 
bösen Mutter dazu gezwungen. Zweitens erreicht sie dadurch die Charakteristik 
der Mutter, als der „bösen Mutter", der „Zauberin". — Hier liegt das Motiv 
noch unverdeckt vor, das in seiner weitergellenden Verarbeitung und Ver- 
deckung aus der „bösen Mutter" die „böse Stiefmutter" gemacht hat. — Zum 
Totenzauber selbst ist zu sagen, daß das Totenbein, wie der Knochen überhaupt, 
allenthalben in Märchen und Mythos als Symbol des Phallus (eines göttlichen 
oder väterlichen Phallus) — begegnet. Das „Abgeschabte im Kaffee ' hier (sonst 
häufig auch das „Spülwasser"), enthüllt sich der Analyse als Sperma Symbol. 
Die Befruchtung durch den Genuß von Speise oder Trank, oder überhaupt 
irgendwie durch den Mund (coneeptio oralis), gehört in den Kreis der infantilen 
Sexualtheorien und findet sich demgemäß sehr häufig im Märchen. Die 
„wunderbare Befruchtung" geschieht gewöhnlich durch ein Pems-Symb.,1. So 
z. B. bei Grimm, K. H. ML, Nr. 85 („Die Goldkinder ), durch einen £»«") 
Fisch oder in den verschiedenen Versionen, die das Brüderiuarchcn (K.H.M 
Nr 60 Die zwei Brüder") einleiten (siehe Bolte-Polivka, An.... zu Nr. 60), 
durch 'einen Wasserstrahl. 3 Die coneeptio oralis und die damit verbundene 



Noch ohne symbolische Verdcckung wird in der Os.m-Snge «las Glied dos 
Gottes selbst verschluckt, worauf Rank (huestmotiv, 5H ) hingewesen hat: „Auf .U» 
typische infantile Sexualtheorie weist es auch hin, wenn die zerstückelten Gl, der, 
wie in der Osiris-Sage der Phallus, verschlungen werden, da nach infantiler V or ellung 
die Befruchtung durch Essen erfolgt; meist von Früchten, welche die PruchtBtt*«t 
symbolisieren, in der Osiris-Sage durch Verschlucken des eigentliche» 1 efruchtungs- 
organs selbst.« Und ferner Anm.: „Hier verbinden sich die Befruchtung symbolisierenden 
Verschlingungsmythen (. . . verschluckt . . . und wieder uusgesp.cn . . .) mit dem Am- 
setzungsmythus, wo auch ein im Kästchen Verschlossener auf dem Wasser schwmimt 
und dann befreit wird.« Diese Verbindung ist in unserem Märchen besonder« deutlich. 
2 ) Bolte-Polivka, Anm. zu Nr. 60, S. 529. teilen folgende Version mit: „Ein 
König hatte eine Tochter, welche die Mäuse verfolgen," [!] — (Pcnisangst, d. h. 
verdrängter und ins Gegenteil umgeschlagener Wunsch der Tochter; so erklärt sich 
wohl auch die hysterische Mäuse- und Ruttenungst vieler Frauen) — „so daü er sie 
nicht anders zu retten weiß, als daß er einen Turm mitten in einem großen Iluü 



Eine südslawische Märchenparallele zum Urtypus der Roland-Sage 557 

„wunderbare Befruchtung" ist „typische Abwehr des Inzests mit dem Vater". 
(Rank, Inzestmotiv, 566.) Das an der zitierten Stelle von Rank besprochene 
kyprische Märchen ist für uns ganz besonders interessant, weil das Grundschema 
des doppelten Inzestes (Vater-Tochter, Sohn-Mutter) hier wie dort dasselbe ist. 
Wir wollen nur darauf hinweisen, daß im kyprischen Märchen die Tochter 
durch den Genuß eines Apfels schwanger wird, den sie — ■ ahnungslos — von 
einem Baum gepflückt hat, der dem Grabe des toten Vaters entwächst. Auch 
an das Motiv von der wunderbaren Befruchtung durch den toten Vater sei 
erinnert, wozu sich mehrere Märchen, in denen der Tote deutliche Vater- 
Imago ist, als Bestätigung ergeben. 1 Dies beweist uns wieder die richtige 
Deutung der Symbolik des Totenbeines als väterlichen Phallus. Der gesamte 
Märchen- wie Traummechanismus ist im Grunde immer Wunscherfüllung. 
Der Wunsch der Tochter im vorliegenden Fall ist es, vom Vater geschwängert 
zu werden. Was also aussieht wie eine böse Intrige der Mutter, ist nur 
Deckung für den eigenen Wunsch. Das hier angeschlagene Thema von der 
„wunderbaren Empfängnis zwingt uns wegen seiner Bedeutsamkeit noch ein 
wenig dabei zu verweilen. Bekanntlich pflegt ältester und neuerer Mythus 
seine Helden und Religionsstifter aus „wunderbarer Empfängnis" entstehen 
zu lassen. — Der „Mythus von der wunderbaren Empfängnis" geht nun 
freilich, wie auch Rank meint, aus der schroffen und absoluten Ablehnung des 
Vaters von Seiten des Helden hervor (auch in unserem Zusammenhang liegt 
diese Ursache vor), doch können wir nicht umhin, die Frage aufzuwerfen, ob 
die „wunderbare Empfängnis" nicht auch als verdrängter Inzestwunsch der 
Tochter determiniert ist? Im Märchen liegt gewöhnlich verdeckter Vater- 
Tochter-Inzest vor, wenn das Motiv der wunderbaren Empfängnis verwendet 
wird. (Vgl. das oben Gesagte und Anm. 2 auf S. 36.) Die Sage ist deutlicher. Man 
denke nur an die verschiedenen Stammsagen, an die Sagen von der Geburt 
der Stammesheroen! Dort erscheint die wunderbare Befruchtung noch als 
Befruchtung durch einen Gott. Der Gott ist aber die bedeutsamste Vater-Imago. 
(Vgl. Rank: „Mythus von der Geburt des Helden".) So erscheint z. B. Mars 
als Vater des Romulus usw. Eine Stufe weiter in der Verdeckung — und 
die Befruchtung geschieht nicht mehr durch den (Vater-) Gott in Person, sondern 
durch ein symbolisches Medium. (Zeus befruchtet Danae als goldener Regen.) 
In der ausgebildeten Jesus-Mythe geschieht die wunderbare Befruchtung ebenfalls 
durch den Gott- Vater, aber nicht in Person, sondern durch das Medium des 
Heiligen Geistes, der in Gestalt einer Taube (Vogel = Penissymbol) erscheint. 



bauen und sie dorthin bringen läßt. Sie hat eine Dienerin bei sich und einmal, als 
sie zusammen in dem Turm sitzen, springt ein Wasserstrahl zum Fenster herein. 
Sie heißt die Dienerin ein Gefäß hinsetzen, welches sich füllt, worauf der Strahl 
aufhört. Beide trinken von dem Wasser und gebären danach zwei Söhne . . ." 

1) So F. S. Krauß: „Sagen und Märchen der Südslaven", Nr. 34 („Stahlpascha": 
der tote Kaiser erscheint wieder als Gespenst, um sich seine Töchter zur Ehe zu 
holen) ; Nr. 70 („Die Spinnerin und der Tote" : Der Tote stellt dem Mädchen ununter- 
brochen nach und raubt es schließlich dem Gatten; ähnlich „Der Vampir", ebendort.) 



5» 



Dr. Franziska Juer und Dr. Otto Murbach 



„Nach einigen Monaten merkten wohl die Leute des Fräuleins gesegnete Umstände und 
munkelten, der König sei der Vater des Kindes." 

Das Munkeln" will der manifeste Märchentext glauben machen, sei 

böswillige Verleumdung. Der latente Sinn des Märchens, als eines Erzeugnisses 
des wirkenden Volksgeistes, 'der nicht, wie man wohl zu sagen pflegt, das 
Gesamtbewußtsein, sondern vielmehr das Gesamtunbewuüte darstellt, verrät 
die Berechtigung dieses „Munkeins". Vox populi, VOX dci! 

Der König schämte sich nicht wenig, daß sich ein solches Gerücht unter den Leuten ver- 
breitete und ließ auf einem Schiffe am Meere ein kleines Häuschen erbauen, das auf dem 
Meere schwimmen konnte.^ 

Diese Schilderung ist besonders interessant, weil wir Schuldbewußtsein und 
Verdrängung förmlich an der psychischen Arbeit sehen. Der Ausdruck „Ge- 
rücht", wie oben „Munkeln", entspringt der Verdrängung. Dadurch soll die 
Unschuld des Königs betont werden. Seine Handlungsweise entspringt dem 
Schuldbewußtsein und bezeugt daher seine Schuld. 

Das schwimmende Häuschen auf dem Meer gehört zu den bekannten 
Mutterleibssymbolen, denen wir in den Aussetzungsmythen regelmäßig begegnen, 1 
ebenso die große Flut oder das Meer als Symbol für das Gelnirtswasser. 
Hiemit ist die Vorgeschichte beendet. Wir erkennen das Schema. Es ist die 
typische Vorgeschichte von der wunderbaren Geburt eines Helden. Die typische 
Aussetzung, die in der Mehrzahl der Fälle erst unmittelbar nach der Geburt 
vorgenommen zu werden pflegt, geschieht hier schon vor dieser. Der noch 
ungeborene Held wird gemeinsam mit der Mutter, also noch im Multeilcibe. 
ausgesetzt. Der manifeste Grund hier ist also: dem Gemunkel zu entgehen. 
Der latente : die Furcht vor dem — noch ungeborenen - Sohn. 3 



1) Vgl. die Arche, das Kästchen in dem Moses, das Körbchen in dem Komulus 
ausgesetzt wird. Vgl. hiezu und zum Folgenden, Rank: „Mythus von der Geburt 
des Helden«, 2. Aufl., S. 70: „Die Aussetzung im Wasser symbolisiert die Geburt . . . 
bezeichnet den Geburts Vorgang, allerdings in der Darstellung durch sein Gegenteil." 

2) Die gemeinsame Aussetzung mit der Mutter findet sich auch in der Telephos- 
Sage. Vgl. Rank: „Mythus von der Geburt des Helden", S. 2a, Anm.: „Bei Knripides, 
von dem die Tragödien ,Auge l und ,Telcphos' existieren, ließ Aleos Mutter und 
Kind in einem Kasten ins Meer werfen." — Auch die Perseus-Sage gehört in diesen 
Kreis. (Vgl. Rank: Mythus, S. 22 f.) Danae, Tochter des Akrisios, gebiert den l'crscus 
von Zeus. Beachtenswert ist, duß Pindur und andere behaupten, Danae sei nicht von 
Zeus, sondern vom Bruder ihres Vaters (!) geschwängert worden. Der König laut 
Mutter und Kind in einem Kasten ins Meer werfen. Perseti» wird aber 
gerettet und tötet später — zufällig — seinen (Groß-) Vater Akrisios. — Der Sym- 
bolik der Aussetzung (Entbindung eines Kindes aus dem Fruchtwasser wird mittels 
der Umkehrung, als Eintritt des Kindes ins Wasser dargestellt) liegt der Wunsch 
zugrunde, das — wie in unserem und den parallelen Füllen — einem Inzest 
entstammende Kind solle lieber nicht geboren werden. Zurück ins Wasser bedeutet 
soviel, wie zurück in den Mutterleib. Vgl. Rank: Inzestmotiv, S. 58K : „Die Aus- 
setzung erfolgt, als der unbewußt vollzogene Inzest entdeckt wird, oder die Kinder 
aus dem bewußten Inzest beseitigt werden sollen. — So wird Rhoio, die 



Eine südslawische Märchenparallele zum Urtypus der Roland-Sage 59 

Im folgenden Text, der erzählt, wie die Tochter das Häuschen auf dem 
Meer bemerkt, sogleich hineingehen will (sexuelle Neugier!), und der Vater 
sie, mit den nötigen Speisen versehen, einsperrt, ist nur die Schilderung der 
Gemütsverfassung der Getrennten interessant: 

„Wo er ging und stand, weinte er und grämte sich um die Tochter ab. Die Tochter konnte 
sich auch nicht trösten und war stets traurig. a 

Dies ist — im Sinne des künstlerischen Aufbaues — wichtig: Am Ende der 
Vorgeschichte, eine Wiederaufnahme des Liebesmotivs. Vater und Tochter 
benebmen sich wie ein getrenntes Liebespaar. — Wh - kommen nun zum 
zweiten Abschnitt: Zur Geschichte von Mutter und Sohn. Zunächst, der 
wunderbaren Befruchtung entsprechend, eine wunderbare Geburt: 

„A T achdem sie längere Zeit in ihrem Häuschen auf dem Meere herumgeirrt, gebar sie einen 
ganz bunt gefleckten Knaben, der, kaum aus dem Mutterleibe draußen, herumzulaufen anfing.^ 

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit vorerst dem eigentümlichen Attribut 
zu, das dem Knaben beigelegt ist. „Bunt gefleckt." Nicht nur an dieser Stelle, 
sondern auch in Fassungen, wo etwa ein Tier gefleckt erscheint, vermutet 
und sucht der Psychologe mit Recht einen tieferen Sinn. Was hat nun dieses 
„bunt gefleckt' zu bedeuten? Die Frage wird sich klären, wenn wir Bei- 
spiele anführen, bei denen wir solche oder ähnliche Merkmale vorfinden. 
Es bandelt sich hier überall um die nicht einheitliche Körperhülle. Die Volks- 
sprache würde unseren bunt gefleckten Knaben wahrscheinlich ,;scheckig" 
nennen. Sprach historische Betrachtung lehrt ferner, daß den Wörtern „gefleckt 
und ,.geflickt" dieselbe Bedeutung zugrunde liegt. Für den später erfolgenden 
Hinweis auf die Rolands-Sage ist diese Tatsache von besonders großer Be- 
deutung. Aber auch psychologisch sind die beiden Begriffe identisch, d. h. sie 
haben denselben latenten Inhalt. Bei Grimm, K. H. M. II, Nr. 165 („Der 
gläserne Sarg"), ergibt die Deutung ein inzestuöses Bruder Schwester- Verhältnis. 
Der Bruder erscheint in zweifacher Gestalt, als Hirsch und als Männchen, 
„das ein von buntfarbigen Lappen zusammengesetztes Kleid anhat. 1 Auch das viel- 
fältig zusammengeflickte Haarkleid Allerleirauhs (K. H. M. I, 65) gehört in diesen 
Zusammenhang. „ Allerleirauh " ist bekanntlich eines von jenen Märchen, die 
einer verhältnismäßig geringen „Zensur unterlagen und daher das Inzest- 
Mutter des Aino, von ihrem Vater schwanger, in einen Kasten gesteckt und ins Wasser 
geworfen." — Um noch einen Grund zur Analyse der Aussetzung beizubringen, ver- 
weisen wir auf das Zitat eines Traumes bei Rank (Mythus, S. 96), zu dessen Deutung 
gesagt wird: „Dazu kommt die gleichfalls typische Auffassung der Gravidität als 
infektiöse Krankheit." — Schwerkranke — bei denen Ansteckungsgefahr besteht, 
werden von den übrigen Menschen abgesondert, — ausgesetzt. (Vgl. die Wörter Aussatz, 
Aussätziger usw.) — Auch dieser Grund mag in primitiven Zeiten für die Aussetzung 
einer Schwangeren ausschlaggebend gewesen sein. 

1) Auch im Märchen von „Brüderchen und Schwesterchen", Grimm, K.H.M. I, 11, 
handelt es sich um Geschwisterinzest. Das Brüderchen wird dort in ein Reh ver- 
wandelt. In den zahlreichen Parallelfassungen bei Bolte-Polivka I, Nr. 11, S. 86 ff., 
wird der Bruder deutlicher in ein Sexualtier umgewandelt: Vogel, Ziegenbock, 
Hirsch, Stier. 



4 o 



Dr. Franziska Juer und Dr. Otto Marbarh 



Verhältnis (Vater-Tochter-Inzest) ziemlich unverdrängt zur Schau trägt. — Auch 
der Mythus kennt das Motiv des „Geneckten". 1 Die Völsunga-Saga läßt Odin 
einmal von geflecktem Mantel umwallt erscheinen, und zwar in einer 
Situation, deren tiefere Deutung wieder den latenten Vater-Tochter-Inzest er- 
kennen läßt. 2 Ein Zug, der um so auffallender ist, als die Sage Odin gewöhnlich 
einen einfarbig dunklen Mantel tragen läßt. Warum also just hier dieses Ab- 
weichen von der Tradition? Wir meinen aus den angeführten Beispielen - die 
sich aus dem Gesamtmaterial der Mythen und Märchen der Weltliteratur 
natürlich noch entsprechend vermehren ließen — bereits erkannt zu haben, was 
das Symbol des Scheckigen, Gefleckten, Geflickten usw. bedeute. Es weist 
immer auf einen Inzest hin. Es ist das optisches Symbol für den Inzestwunsch 
dessen, der als scheckig, gefleckt usw. erscheint, oder das Kennzeichen einer 
Inzestfrucht — wie in unserem Fall. Eine Abschwächung des Motivs ist es 
bereits, wenn sich die Bedeckung nicht über den ganzen Körper erstreckt, 
sondern nur auf einzelne Teile (gewöhnlich Genitalsymbole: Hand, Finger; 
oder symbolische Gegenstände: Ei, Schlüssel usw.). Diese Befleckung wurde 
bereits zur symbolischen Strafe und ist als solche mit Angstaffekten behaftet. (Blut- 
flecken, die man nicht mehr entfernen kann! Grimm, K. H. M. I, 5 [Marien- 
kind], I, 46 [Fitchers Vogel], Perrault „La barbe bleue", Lady Macbeth usw.) 
Diesen Teil des Motivs hat O. Rank bereits in seinem Werk „Das Inzestmotiv 
in Dichtung und Sage" (S. 262, Anmerkung) besprochen und als Onanieangst 
gedeutet. 

Da aber Onanieangst, wie Kastrationsangst aus dem Inzestkomplex abzu- 
leiten sind, können wir endgültig folgende Wurzeln für das Motiv des Gefleckt- 
seins oder der Befleckung anführen: i) Inzestwunsch: 2) symbolische Mani- 
festation des vollzogenen Inzests; a) an der Frucht, b) am eigenen Leib. In 
letzterem Fall bedeutet die Befleckung (gewöhnlich mit Blut) nicht nur Mani- 
festation, sondern zugleich auch: }) Inzeststrafe (Kastration). 

Hier wollen wir einen sprachpsychologischen Versuch einschalten, zumal 
das Auszuführende nur eine notwendige Ergänzung des angeschlagenen Themas 
ist. Wir werden die Doppelbedeutung des Verbums „beflecken und der 
übrigen Worte vom selben Stamm einer historisch - psychologischen Unter- 
suchung unterziehen und hoffen daraus die Aufklärung zu gewinnen, wie das 
selbe Symptom des Geflecktseins sowohl als Symbol für einen — moralisch 
nicht gewerteten — Inzestwunsch, als auch als Symbol für die Inzeststrafe 
stehen kann. Mit anderen Worten wie kommen die Wörter vom Stamme 

„piek" zu ihrer übertragenen, moralischen Bedeutung? Ein Bedeutungswandel, 
der nicht auf das Deutsche beschränkt ist, sondern allenthalben im lndo 



1) Der ägyptische Apis, Stier mit gefleckter Stirn, Tier-Gott der sexuellen 
Erregung. 

2) Vgl. „Bibliothek der ältesten deutschen Literaturdenkmäler", Bd. 9. „Die 
prosaische Edda", herausgegeben von E. Wilken, S. 155, Völsiinga-vSngii, 111. Kap.: 

. . . maär tinn gekk in i hollina; sa maSr er mnnnwn ökunnr at syn; sja mndr . . . heßr 
heklu flekkota yfir ser . . ." 



Eine südslawische Märchenparallele zum Urtypus der Roland-Sage 41 

I 

germanischen nachzuweisen ist. Die zugrunde liegende indogermanische Wurzel, 
in ihrem Ablautsverhältnis ist: piek — plök. — Die Grundbedeutung der zu 
diesem Stamm gehörigen Wörter ist durchwegs eine sexuelle, mit starker 
Betonung des sadistischen Elementes. Es ist ein Beweis für den „Gegensinn 
der Urworte , für die ursprüngliche Einheit von Liebe und Haß, wenn wir, 
als zum selben Stamm gehörig, einerseits griechisch: jiXi\aoin (schlagen), nht\y{[, 
lateinisch plaga (plango) ansetzen müssen, ferner eine germanische Wurzel: 
jlek (abreißen, Haut abziehen), altnordisch : ßetta (entkleiden), littauisch : pleszti 
(reißen, zausen), woraus man noch die sadistische Urbedeutung entnehmen kann, 
zumal wenn anderseits ergänzend ein griechisches nAC-yua, rcAßj (Spreizen der 
Beine), nXlftdG (interfemininum) hinzutritt. Sexuelle Bedeutung besitzt gleichfalls 
der verwandte Stamm: plo, plquo (Körperhaar — ursprünglich Schamhaar), 
hiezu griechisch miXivvEg, (lateinisch pilus). Die Grundbedeutung coire liegt wohl 
in dem germanischen plagian (sich schnell bewegen, spielen, tanzen; englisch 
play) vor. Dazu faltan (schlagen, stoßen), Falz, Balz (Begattung der Waldvögel). 
Zu den Verben jtX-f\o<SWt, plagian (an deren Grundbedeutung als Ausdruck für 
die sadistisch-sexuelle Tätigkeit wir festhalten wollen), stellen wir zwei Reihen 
von Substantiven, von denen wir annehmen, daß sie ursprünglich das männ- 
liche und weibliche Genitale bedeuteten. Denn einerseits wäre hier ein ger- 
manischer Stamm: plehto (keilförmiges Stück) anzuführen, wozu plegga, pluggit 
(Pflock, Nagel usw.) und schließlich auch plogu (Pflug — ursprünglich: Keil) 
gehört. Zumal in letzterem Fall ist die phallische Bedeutung (des Pfluges) bis 
in späte Kulturzeiten bewahrt worden. Einem germanischen plagila entspricht 
das deutsche „Flegel , das das Grimmsche Wörterbuch in der Bedeutung von 
penis zitiert. 1 

Das Wort Flegel hat übrigens die ursprüngliche Doppelbedeutung behalten, 
da es sowohl penis, als auch — und zwar in seiner gewöhnlicheren Bedeutung — 
einen „groben Flegel" bedeutet, was noch das sadistische Element durch- 
schimmern läßt. Ebenso sprechen wir von „Flegel jähren als den rohen 
Pubertätsjahren. — Anderseits gehört zur Bedeutung von rcXVjoosiV (breit schlagen) 
das Substantiv .-tXu£ (das Breitgeschlagene, die Fläche), und entsprechend alt- 
nordisch: ßekkr; althochdeutsch: flecco, ßech; mittelhochdeutsch: vlec(e) ; neu- 
hochdeutsch : Fl-eck. — Halten wir dazu altnordisch : ßaka (sich öffnen), flak 
(Scheibe), ßikja (gähnen, klaffen, sich öffnen), ßik (Zipfel), ßikkia (Speckseite), 
ßaiki (eigentlich: abgeschlitztes Stück, Fleischlappen, Fleisch), lettisch: plade 
(Mutterkuchen, placenta), so erhellt daraus die ursprüngliche Bedeutung: weib- 
liches Genitale. Eine Verschiebung liegt vor, wenn nun als „Fleck" dialektisch 
die Schürze der Frau bezeichnet wird. Die Bedeutung: „Fetzen, Fleisch" ist 
erhalten in „Kuttelfleck". „Flecken" in der Bedeutung „Aufschneiden, Prahlen" 



l) J, und W. Grimm: Deutsches Wörterbuch, Artikel „Flegel". „. . . und kan 
ich nit Ireschen mit dem flegel so sol man mich besehenden vor allen frauen." 
„mein flegel sol nit in deiner Scheunen treschen". Zu den zitierten Wortstämmen 
vergleiche die entsprechenden Artikel bei A. Fick: „Vergleichendes Wörterbuch der 
indogermanischen Sprachen." 



4 2 



Dr. Franziska Juer und Dr. Otto Marbach 



ist in dieser Bedeutung nur zu erklären, wenn man als Grundbedeutung coire 
annimmt, mit dem Nebensinn des kraftvollen Selbstbewußtseins. Die ältere 
Sprache verwendet, wie man aus dem Grimmschen Wörterbuch ersehen kann: 
beflecken = flicken (etwa: einen Schuh beflecken). Wir müssen also für die 
Verba flecken, beflecken, flicken, als Grundbedeutung: coire annehmen, zumal 
das Sadistische in der Redensart: „einem die Haut, das Fell, den Hintern 
flicken, am Zeuge flicken" noch durchschimmert, wahrend bayrisch-öster- 
reichisch: „einen flicken" soviel bedeutet wie „mit einem Kameradschaft, Um- 
gang haben". Außerdem gehört zu unserer Wurzelgruppe noch die Wurzel: 
„pluk", die unserem „Fliegen' zugrunde liegt (gotisch: fli«(>trii\ dessen sexual 
symbolische Bedeutung bekannt ist. „Flicken ist überdies verwandt mit 
„Ficken (vom Stamme: ßh, dazu griechisch: jioix&oi;, bunt gefleckt); ger- 
manisch: fehjan (bunt machen, beflecken). Wir halten demnach die sexuelle 
Urbedeutung von „flicken, beflecken" (= coire) und „Fleck, Flick" (Genitale!) 
für erwiesen. Diese reale Urbedeutung unterlag der Verdrängung und ver 
flüchtigte sich zum Symbol. Seine Herkunft verrät dieses Symbol noch in der 
Geschichte von den gefleckten Schafen Jakobs (I, Mos. 50, 28 IT.). Das Gefleckte 
erscheint als Zeichen besonderer Geilheit, sexueller Überkrafl und schließlich 
physischer Kraft überhaupt. Außerdem ist dort das Gefleckte ein Symbol 
wunderbarer Befruchtung. (Die Schafe werden an geschälten [gefleckten | Stäben 
brünstig. I, 50, 37—59.) Das gefleckte Tier betont also die Sexualkraft des 
Tieres, die sexuelle Übergewalt gegenüber dem Menschen. Wenn man sich 
die Tierzeichnungen der Primitiven ansieht, wird es auffallen, wie sehr das 
Scheckige, Gefleckte betont wird. 1 

Aber nicht nur die größere Sexualkraft hat das Tier vor dem Menschen 
voraus — es genießt außerdem den heiß beneideten Vorzug, keine Inzest- 
schranke anerkennen zu müssen. So linden die latenten In/estwünschc ihren 
Ausweg im symbolischen Ausdruck der Identifizierung mit «lern Tier. — 
Allerleirauh z. B. bezeugt durch ihr tierisches Fellkleid den Wunsch, ihrem 
inzestuösen Drang nachgeben zu dürfen — wie die Tiere des Waldes, denen 
sie sich angleicht. 2 

Wir glauben die Symbolisierimg des Inzestwunsches durch das Scheckige, 
Fleckige usw. bereits ausreichend erklärt zu haben und wenden uns der \ul 
deckung jenes psychischen Mechanismus zu, der aus dem Fleck, dem /.eichen 
sexuellerÜberkraft,also etwas Auszeichnendem, jedenfalls nichts 1 lerahsetzendem - 
den Schandfleck machte. Auch diesen Vorgang deuten wir am besten an 



1) Siehe Reinhard Piper: Das Tier in der Kunst. München 1923. Abb. 6: Rinder- 
raub — Buschmann-Zeichnung. Von dreizehn Rindern sind nur zwei ungedeckt. 
Abb. 41 : (Zwei Pferde; chinesisch.) Naturulistische Darstellung ist gewiü nicht der 
einzige Grund. 

2) Zu der von Rank (Inzestmotiv, S. 394) ausgesprochenen Meinung: „. . . in 
diesem Märchen wird der . . . Inzest . . . ermöglicht, indem die Tochter ihr Gesicht 
entstellt, so daß sie vom Vater nicht erkannt wird . . ." »teilt unsere Ansicht nur 
eine Überdeterminierung dar. 



Eine südslawische Märchenparallele zum Urtypus der Roland-Sage 45 

Hand der biblischen Erzählung vom ersten Schandfleck: dem Kainszeichen. 
Daß die eigentliche Sünde Kains der Inzestwunsch ist und der Brudermord 
nur dessen Folge, ist freilich aus dem manifesten Bibeltext, dem Resultat 
strenger Verdrängungsarbeit, nicht mehr zu ersehen. Aber es ist kein Zufall, 
daß fast jede höher zu wertende dichterische Gestaltung des Stoffes (Byron, 
Wildgans) als tiefste Triebkraft in Kain die latente Inzestgier hinstellt. Auch 
läßt sich die ursprüngliche Wahrheit indirekt aus der Bibel selbst rekonstru- 
ieren. Der Paradiesesmythus ist schon als dem Inzestkomplex entwachsen ge- 
deutet worden. Kain handelt nun an Adam, wie jener einst gegen Gott-Vater. 
Auch daß Kain ein Ackerbauer ist (also: „die mütterliche Erde* — unrpcpav 
ÜQOvQax fÖdip. Tyr. 1256 f.] bebaut), hat symbolische Bedeutung. Das Zeichen, 
das Gott Kain aufdrückt, wird freilich rationell erklärt und soll Gottes Milde 
anzeigen. (I, 4—15 „Und der Ewige setzte Kam ein Zeichen, daß ihn nicht 
erschlage, wer ihn fände.") Aber fortan ist Kain durch das Mal allen Men- 
schen gekennzeichnet. Dieses Mal — gemäß der Überlieferung: ein Fleck auf 
der Stirne — fordert unsere Aufmerksamkeit. Durch den Fleck ist der inzestuöse 
Kain als der Sünder gekennzeichnet, der sich wider das Gebot des sexuellen 
Tabu vergeht. Der Fleck verrät den Sünder auf dem Gebiet des Sexuellen, 
d. h. denjenigen, der die Ursünde begeht, sich gegen das Urverbot der Inzest- 
schranke aufzulehnen. Was das Ziel seiner frevelhaften Wünsche ist, das mütter- 
liche Genitale, was sein Begehren und Vorstellen innerlich erfüllt, wird — 
zur Strafe — symbolisch nach außen projiziert. Diese schmachvolle Kenn- 
zeichnung durcli den Fleck wird infolge der immer strenger werdenden Inzest- 
verbote und der immer mächtiger werdenden Verdrängung mit den moralischen 
Gefühlen des Abscheus und der Verachtung belegt — und wir haben den 
psyschischen Ursprung des „Schandflecks*' gefunden. Wie schon erwähnt, kennt 
das Märchen dasselbe Symbol: Blutfleck, der nicht mehr abzuwaschen (rein- 
zuwaschen), gleichzeitig Verbrechen und Strafe anzeigend. Von hier geht der 
Weg zum Verständnis des weitverbreiteten Motivs der Tierverwandlung oder 
des Geflecktseins, Schwarzseins (K. H. M. II, 121, 157) als Strafe und Ver- 
wünschung. Hiezu war aber bereits eine lange, zeitliche Entwicklung not- 
wendig. Eine Zeit, die schon so viel moralische Kultur entwickelt hat, das 
Inzestverbot als oberstes Gesetz aufrechtzuhalten, fühlt sich durch diese Moral 
über das Tier erhaben; zugleich ist ihr der Mensch schon so sehr das Maß 
aller Dinge geworden, daß sie, wie moralisch nun auch ästhetisch wertend 
das (einst verehrte und beneidete) Tier im Vergleich zum Menschen häßlich 
findet. Daher wird die Tierverwandlung oder auch nur die Annäherung an 
eine solche — zur Strafe. 

Wir weisen gleich hier auf diejenige Parallele zu unserem Märchen hin, 
deren Wichtigkeit uns hauptsächlich bestimmte, dieses Märchen, in dem wir 
eine Vorstufe der Parallelgestaltung erkannten, zu besprechen. In dieser kom- 
plizierteren Parallelgestaltung sind die angeborenen Flecken freilich bereits zu 
Flicken der Kleidung geworden. — Wir meinen den Sagenkreis, der sich um 
Roland gebildet hat. Uhland (der Forscher romanischer Sagenkreise) hat in 
zwei seiner bekanntesten Balladen („Klein Roland" und „Roland Schildträger") 



44 



Dr. Franziska Juer und Dr. Otto Marl). ich 



den Roland-Stoff behandelt. Unlands Quelle sind die spanischen „Noches de 
Jnuierno" (Winternächte) des Antonio de Esclava (1609), die ihm in einer 
deutschen Übersetzung des Mathias Drummer von Papenbach (Nürnberg 1715) 
vorlagen. Diese „Noches" stimmen mit der literarischen Hauptquelle, die die 
Roland-Sage im Zusammenhang behandelt, nämlich den „Reali de Francia" 
überein. — Wir zitieren nun diejenigen Stellen der Uhlandschen Ballade 
„Klein Roland", die von den Flicken des Gewandes sprechen, Klicken die, 
wie wir behaupteten, der Verdrängungsrest angeborener Flecken (Inzestzeichen) 

Slnd: V. 56 f. „Des Knaben Kleid ist wunderbar, 

Vierfarb zusammengestückt ..." 

V. 85 ff. „Wie Regenbogen anzuscliaim, 
Mit Farben mancherlei." 

„Ich hab bezwungen der Knaben acht 
Von jedem Viertel der Stadt, 
Die haben mir als Zins gebracht 
Vielfältig Tuch zur Wat." 

Man beachte, daß Roland hier den Spott wegen des vielfach geflickten 
Gewandes zum Triumphzeichen seiner Stärke zu wenden weiß. Wenn in 

der Roland-Sage eine Parallelgestaltung zu unserem Märchen vorliegt, wäre 
es interessant aufzuzeigen, daß auch Roland, wie der ,, Solin der Königstochter ' 
einem Vater- Tochter- Inzest entstammt. Man muß freilich bedenken, daß die 
Sage verhältnismäßig spät entstanden ist und daher die ursprünglichen Motive 
nur mehr sehr verdeckt erkennen lassen wird. Nach den „Renli de Francia 
ist Bertha die Schwester Karls des Großen und wird von Milon von Anglante 
verführt. Der erzürnte König verurteilt Bertha zum Tode. Sie entflieht aber 
mit dem Verführer nach Italien und gebiert in einer wüsten Felssclvjucht bei 
Siena einen Sohn — Roland. Nun erscheint aber Karl der Große noch ein 
andermal in derselben Rolle — und wir halten dieses andere Mal, da es einer 
älteren Sage zugrunde liegt, für ursprünglicher. Eine schon im frühen Mittel- 
alter verbreitete Sage war die von der Liebe Emmas, der Tochter Karls des 
Großen, zu dessen gelehrtem Geschichtsschreiber Eginhard. (Siehe: Dahl, 
„Über Eginhard und Emma." Darmstadt 1817.) Auch dort erscheint Karl 
als der zürnende, dann aber verzeihende König — und Vater! Aber es ist 
gar nicht nötig anzunehmen, daß diese Fassung auf die Hertha Milon-Geschichte 
erst übertragen werden mußte. Als König erscheint Karl Bertha gegenüber 
ohnehin in Vaterrolle. Wir hätten also die typische Sagenfassung des Königs, 
der seine Tochter eifersüchtig bewacht und keinem Bewerber gönnt, auch in 
der Karl-Bertha-Sage zu sehen. Dies ist indes noch kein Inzest, und Roland 
ist nach der Sage: Milons, nicht Karls Sohn. Freilich, wenn man sich der 
bevorzugten Stellung erinnert, die Roland unter den Helden der Tafelrunde 
König Karls einnimmt, der väterlichen Sorgfalt und Liebe, die Karl seinem 
Neffen Roland angedeihen läßt — so könnte man doch wieder vermuten, daß 
hier ein Vater-Sohn-Verhältnis vorliegt. Wir werden im folgenden noch einige, 
nicht unbedeutsame Beweise für die Richtigkeit dieser Ansicht erbringen. 



Eine südslawische Märchenparallele zum Urtypus der Roland-Sage 45 

„Sie war nun wieder sehr traurig, weil sie für ihren Sohn keinen Paten hatte. Der Knabe 
aber sagte zu ihr, als er sie fortwährend so niedergeschlagen sah : ,Lieb Mütterchen, ich brauche 
keinen Paten; ich habe genug Paten an diesen Flecken am ganzen Körper.' Sprach die Mutter: 
,Auch gut, wenn nur dir's recht ist. ca 

Die Trauer der Mutter hat ihren wahren Grund in der illegitimen Heim- 
lichkeit, der inzestuösen Abstammung ihres Sohnes. Der „Pate' ist hier um- 
schreibendes Symbol für den „Pater". Der Vater ist nicht hier, um sein 
Kind anzuerkennen! — Das ist der wahre Grund ihrer Trauer. Daß „Pate" 
hier wirklich „Vater" bedeutet, wird man um so eher einsehen, wenn man 
sich der Bedeutung der geistigen Verwandtschaft erinnert, die die Kirche der 
Patenschaft zuschrieb. Aus dieser Verwandtschaft erklären sich auch die Be- 
zeichnungen der Paten in der Kirchensprache als propaires, compatres — was 
am besten als „Vaterersatz' zu übersetzen ist, womit man auch die tiefste 
Bedeutung der Patenschaft aufgedeckt hat. Die Kirche selbst hat in konsequenter 
Durchführung dieser Patenschaft als Vaterersatz das Patenverhältnis zum Ehe- 
hindernis gemacht. Erst die Welle der Reformation beseitigte dieses Verbot. 
Dementsprechend wird die a priori vorhandene Haßeinstellung des Knaben 
gegen den fiktiven „Paten" klar. Es ist die typische, radikale Vaterablehnung 
des Helden. Er wurde, mit Ausschaltung des Vaters — auf wunderbare Weise 
gezeugt (Totenknochen) — er kommt vollkommen selbständig zur Welt, er 
kann sofort herumlaufen und sprechen. — Welcher Zusammenhang besteht 
aber zwischen dem „Paten" und den „Flecken am ganzen Körper"? — Rank 
meint (Mythus von der Geburt des Helden, S. 144), daß die Körperfehler 
gewisser Helden (Ödipus, Hephaistos) vom Helden selbst als Schuld des Vaters 
dargestellt werden, um eine Rechtfertigung für ihre feindliche Einstellung zu 
haben. 1 — Auch in unserem Fall werden die „Flecken als Schuld des Vaters 
empfunden, denn sie sind — nach den Ergebnissen unserer Analyse — die 
brandmarkenden Kennzeichen der Inzestfrucht. Der Vater hat also die Schuld 
an den entstellenden Körperfehlern und darum haßt der Knabe diesen Vater 
von allem Anfang an. „Ich habe genug Paten an diesen Flecken", heißt also 
aus der Traum-Märchensprache in die Sprache des Bewußtseins übertragen: 
„Ich habe schon genug von dem Vater, der mich so schimpflich gefleckt = 
befleckt hat. Ich brauche ihn nicht." Wir sehen uns damit wieder bei dem 
Thema von der „Beflecktheit" angelangt und müssen noch eine letzte Ergän- 
zung dazustellen. Wir haben oben behauptet, die „Geflecktheit bedeute 
sowohl Brandmarkung der Inzestfrucht, als auch Kennzeichen der Inzestlüstern- 
heit. Im Falle des Helden unserer Erzählung trifft beides zu — denn wie 
gewöhnlich in jenen Erzählungen, die den Inzest mehrerer Generationen an- 
einanderreihen, ist auch hier der Inzestgezeugte selbst ein Inzestlüsterner. 2 — 

1) Sehr sublimiert ist das Motiv auch in Ibsens „Klein Eyolf" zu erkennen. 
Deutlicher in den „Gespenstern". — Das Motiv vom vielfarb geflickten Kleid, als 
brandmarkende Schmach, liegt dem bunten Narrenkleid zugrunde. (Vgl. auch den 
„Judenfleck«.) 

2) Rank: Inzestmotiv, 357 „. . . Die Sucht nach Verstärkung der sündhaften 
Greuel läßt den ersten Inzest zwischen Vater und Tochter geschehen, so daß die 



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Dr. Franziska Juer und Dr. Otto Marbach 



Wir haben die Ansicht Ranks, derxufolge die Berußung (Aschenbrödel), Ent- 
stellung (Grimms Deutsche Sagen, Nr. 181, Sage vom Hiilfonberg usw.), 1 
Tierbehaarung (Allerleirauh) die geeignete Verstellung sei, um mit Umgehung 
der Inzestscheu den abgelehnten Inzest dennoch durchzusetzen, nur dahin zu 
erweitern, daß diese Motive - besonders das Motiv der Befleckung - zugleich 
auch die Selbstbestrafung anzeigen, da sie als Brandmarkung aufzufassen sind. 
Diese Entstellungen dienen dem — oder meist der — Inzestlüsternen angeblich : 
um dem Inzest zu entgehen — wirklich: um ihn durclr/.usel/.ii - aber zugleich 
auch als Rennzeichnung der begangenen Sünde. Die Kennzeichnung kann - 

wie in unserem Fall — auf die Inzestfrucht übertragen werden. 8 

Nachdem sie lange Zeit auf dem Meere geschifft, bekamen sie Land in Sicht. Der Knabe 

sah zum Fenster hinaus und erblickte jemand, der in weiter Ferne in einer Kutsche fuhr. 

Mütterchen!' rief er aus, schau mal, es führen Leute auf einem I-Vagen einen Hühner schlag! 1 
Das ist ja kein Hühnerschlag,' erwiderte die Mutter, ,Sondern eine Kutsche, in welcher der 

König den Mähern das Essen bringt.' . . . Der Knabe beschließt, durchs Fenster hinausziischlüpfen 

und dem König die Speisen wegzunehmen — obwohl sie sich auf dem Meer befinden. Kr springt 

ans Ufer, läuft der Kutsche nach, ,raffte alles Eßwerk zusammen und kehrte tum Schiff ans 

Gestade zurück'." 

Dieses Verwechseln der Kutsche mit einem Hühnerschlag sieht aus wie eine 
lächerliche Dummheit. Im Grunde ist es aber eine gehässige Degradierimg, 
eine Beschimpfung des Vaters — unter der Maske naiver Dummheit. Wir 
berühren damit das große Gebiet des Dummsteilens der Märchen- und 
Sagenhelden (Brutus, Hamlet, Parzifal). Rank hat bereits (Inzestmotiv, 261) 
das Dummstellen, erwachsen aus dem Forschungsverbot gegen die kindliche 
Sexualneugierde dargestellt: „... das spezifische Merkmal dieser Dummheit, 

Mutter zugleich die Schwester ist, also ein doppelter Inzest mit ein und derselben 
Person verübt wird." (Zum Beispiel Historia Albani mnrtyris, Hauptinonatsbericht 
der Akademie zu Berlin 1860, S. 141 ff., und Legende von Sanctus Julianus Hospitator 
in „Gesta Romanorum" [häufiges Motiv der Dichtung: Lope de Vogn, l'laubcrt].) 

1) Eine ganz ähnliche Legende findet sich auf einem der vielen alten Vollbilder 
der Wiltener Pfarrkirche (bei Innsbruck). Ein König will seine Tochter zur Heirat 
zwingen. Sie aber hat sich dem Heiland gelobt. In ihrer Bedrängnis ruft sie zu Gott 
und der Heiland verändert ihr schönes Gesicht, indem er ihre Züge vollkommen 
seinen eigenen angleicht, während doch der übrige Körper mädchenhaft bleibt. (Das 
Bild stellt ein Mädchen mit Christusgesicht dar.) Der erzürnte Vater läßt die un- 
gehorsame Tochter, wie Christus, kreuzigen. 

2) Das „mißgestaltete Kind" ist ein eigenes Kapitel der Märchcnforschung. 
(Vgl. Grimm, K. H. M., Nr. 108, „Hans, mein Igel".) Häufig erscheint dns Neugeborene 
in Träumen weiblicher Personen als Tier dargestellt. (Siehe Rank: „Mythus von 
der Geburt des Helden", III, S. goff., Zitat nach Abraham (Traum und Mythus, 
S. 22 ff., „Ich hebe also eine Klappe im Fußboden auf, sogleich erscheint ein in einem 
bräunlichen Pelz gekleidetes Geschöpf ... Es wirft den Pelz ob und entpuppt sich 
als mein Bruder . . .") Die Häßlichkeit des unmittelbar Neugeborenen hat wohl diese 
Tierassoziation hervorgerufen. — Übrigens wäre im vorliegenden Pill auch die Mög- 
lichkeit unbewußter Inzestwünsche zu erwägen: „Bruder . . ., dem die Träumerin 
mütterliche Gefühle entgegenbrachte . . ." 



Eine südslawische Märchenparallele zum Urtypus der Roland-Sage 47 

die sexuelle Unwissenheit des Kindes . . . wozu auch die Verstellung am besten 
paßt; denn das Kind stellt sich eigentlich immer dumm, es weiß viel mehr, 
als man ihm gewöhnlich zutraut. Zugleich ist der besprochene Fall ein Bei- 
spiel, wie die Dummheit als notwendige Larve dient, unter deren Schutz die 
Auflehnung gegen den Vater, die durch das Forschungsverbot nur immer neue 
Nahrung erhält, in Beschimpfungen des Vaters entladen werden kann. (Künst- 
lerische Verwertung dieses Motivs im Shakespeareschen Hamlet.) 

Das Motiv vom weggenommenen Essen gehört nun wieder in den Kreis 
der Roland-Sage. Wir werden sehen, wie sich das Motiv bis zur Wegnahme 
der Speisen von des Königs Tisch steigert. Die gewöhnliche Märchenfassung, 
wo es sich um „Hungernlassen handelt, ist die, daß der Vater oder Vater- 
Imago (etwa Wirt) dem Helden keine Speise vergönnt. Die hier vorhegende 
Komposition erklärt sich aus der Vergeltungslust, denn hier nimmt eben der 
Sohn dem Vater das „Essen" weg. Zugleich vollführt er diese Heldentat für 
die Mutter — und gegen den Vater. Er ist also Rächer der Mutter am treu- 
losen Vater, und zugleich maßt er sich als Ernährer, Erhalter der Mutter, 
selbst die Vaterrolle an. — Vergleichen wir die Situation mit der Roland- 
Sage: Dort wird erzählt, daß Milon, der zunächst die Seinen von seiner Hände 
Arbeit ernährt, eines Tages in einem Bach versinkt, worauf der vierjährige 
Roland fortab Ernährer und Erhalter seiner Mutter wird. 

„Nachdem sie wieder eine Weile auf dem Meere gefahren, erblichte der Knabe ein großes 
Schloß und sprach zur Mutter: ,Schau, Mutter, dort die ungeheuer große Hühnersteige.' — 
,Das ist, mein Kind, keine Hühnersteige, 1 antwortete sie, ,sondern ein verwunschenes Schloß 
mit zwölf Zimmern und in jedem Zimmer ist ein Teufel. iU 

Man beachte, daß der Märchenheld, obwohl er bereits an Land gegangen 
war, doch wieder auf das Meer zurückkehrt. Auch die Mutter — obwohl das 
Schiff schon am Gestade lag — betritt das Ufer nicht. Es liegt hier eben 
wieder der Wunsch zugrunde, die Zeit des „Schwimmens auf dem Meer", 
des Vereintseins mit der Mutter — die Zeit des Fötalzustandes möge nicht zu 
rasch beendet sein. — Die Verwechslung von Schloß und Hühnersteige ge- 
schieht wieder der Tendenz des Dummheitsmotivs zulieb. — Zur Deutung 
des Motivs vom verwunschenen Schloß nur soviel: Schloß (wie Haus) ist 
Weib-, Muttersymbol. Das „verwunschene Schloß" befindet sich in der Macht 
eines Unholdes (Vater- Imago ; meist Doublierung). Der Held besiegt, vertreibt 
den Unhold und erlöst das Schloß, wobei überdies als zweite Mutter-Imago 
meist die zugleich mit dem Schloß erlöste, verwunschene Prinzessin erscheint — 
die er in Erfüllung seines Inzestwunsches — heiratet. Hier ist der Sohn 
ohnehin mit der Mutter vereint — also fehlt das Motiv der verwunschenen 
Prinzessin. — Der Wunsch des Helden geht nach Unabhängigkeit; er wünscht 
den Vater aus dem Haus zu treiben und allein mit der Mutter zu wohnen. 

„Sprach der Knabe: ,Mütterc)un, iveißt du was? Ich gehe hin, vertreibe die Teufel und 
wir bewohnen dann das Schloß selbst.' Erwiderte die Mutter: ,Was fällt dir nicht ein? Wie 
willst du die Teufel allein vertreiben, das könnte ja nicht einmal ein ganzes Regiment Soldaten.' 
Aber der Knabe springt doch ans Ufer, zieht das Schiff ans Land und findet einen zehn 
Zentner schweren Knüttel aus Blei (Phallussymbol, wie alle berühmten Götter- und Helden- 



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Dr. Franziska Juer und Dr. Otto Marbach 



waffeny Er geht ins Schloß, pocht an die erste Tür, der leufel frag,: ,11er da.» Der 
Knabe erzählte ihn, wer er sei, doch der Teufel wollte ihm keinen l-.mhß Mähren. Da er- 
grimmte der Knabe, schlug mit seinem Bleiknüttel auf die 'Kr los, daß s,e ,n Stucke zerfiel 
und fand den Teufel damit bescliäftigt, das '/Ammer auszukehren. 1 " 

Wir erkennen das Motiv von der verbotenen Tür, das Rank (Inzestmotiv, 
261) auf das Verbot nachzuforschen, d.h. nach dem sexuellen Gebeimnis zu 
fragen, zurückführt. (Vgl. auch Freud: „Traumdeutung", VI, S. 24..) Die oben 
zitierte Stelle ist diesbezüglich äußerst instruktiv: Der Teufel (Vater-Imago) 
fraert wer draußen sei. Die Antwort, aller Symbolik und Verdrängung der 
Märchenarbeit entkleidet, müßte lauten: dein Sohn! - - Natürlich wird er nicht 
eingelassen und empfindet dieses Verbot, seine sexuelle Neugier zu befriedigen, 
als grausame Tyrannei, gegen die er sich mit Gewalt aufleimt. Wir müssen 
daran wieder erkennen, wie konsequent das Märchen in der Komposition 
seiner Motive ist. Dem Motiv der Sexualneugier entsprach bereits das Dumm- 
stellen und nun — gleichsam als Beweis - das „Zertrümmern der verbotenen 
Tür", das „Eindringen in das verbotene Zimmer." — Und was geschieh« 
hinter der verschlossenen Tür? Der Teufel fegt das Zimmer aus. Dies wäre — 
wörtlich genommen, lächerlich in seinem grotesken Unverhältnis zwischen 
gespanntester Erwartung und banalster Tatsache. Doch dieses „Zimmer Ausfegen" 
wird uns zum Beweis, wenn wir uns der obszön-symbolischen Bedeutung der 
Redensart entsinnen. „Fegen", „Kehren", „Auskehren" sind ebenso Symbole 
für „coire", als der „Besen" Penissymbol ist. (Die Hexen reiten auf Böcken 
und Besen. Beides Phallussymbole. — Der Aberglaube schreibt dem Kamin- 
feger [bayrisch-österreichisch: „Rauchfengkehrer"] glückbringende Macht zu 
daher gleichfalls Phallussymbol.) Der Märchenheld findet sich also m seiner 
Erwartung nicht getäuscht — im Gegenteil: sein Verdacht wird bestätigt, seine 
Neugier befriedigt. Aber die Lust der befriedigt« Neugier wird aufgewogen von 
der Unlust der Erkenntnis, daß die Eifersucht auf den Vater nur allzu 
begründet sei - von der Unlust der geschauten Wahrheit. (Dies das 
Motiv, das dem „Verschleierten Bild zu Sais" zugrunde hegt.) Und dem- 

entsprechend sein Verhalten: 



1) Hieher gehören 1. 15. Jupiters Donnerkeile, Donars Hammer, Odins Speer, 
Herakles' Keule, Simsons Eselskinnbacke.., Siegfrieds Schwert. In der nord.sch- 




„Biterolf"), - Hildegrin, Dietrichs Helm usw. Die Waffe ward w.e c... Glied 4ea 
eigenen Körpers behandelt und mit Liebe umgeben, — wie eben nur - da» Glied, 
auf primitiv auto-erotischem Stundpunkt. (Kinderoi.anic, zärtliche Namen für den 
Penis.) In der Waffe- wie im Glied- liegt des Helden Kraft. Nicht 
bedeutende Rudimente dieser psychischen Einstellung begegnen w.r auch noch m 
modernster Zeit — auch heute. Eine Art übertriebener Kult gew.sscr Personen, 
meist Virtuosen oder Sportsleute, mit „ihrer" Geige - „ihrem" Kacket usw. ... 
Das Gemeinsame zwischen Symbol und Symbolisiertem ist dai, worin oder womit 
man stark, unübertroffen ist — oder sein will. 



Eine südslawische Märchen parallele zum Urtypus der Roland-Sage 49 

„Er züchtigte ihn und schickte ihn ans Gestade zur Mutter, nachdem er ihn eingeschärft, 
sich beileibe nicht an ihr zu vergreifen." (!) 

So rächt sich der Held an dem Vater-Nebenbuhler. Er züchtigt ihn, weil 
er ihn „in flagranti" darüber ertappte, wie er sich an der Mutter „vergriff" 
(sadistische Auffassung des Koitus) und verbietet es für die Zukunft. Zugleich — 
um mit seiner Kraft zu prahlen — schickt er den überwundenen und ge- 
demütigten „Teufel zur Mutter. D. h. er zeigt ihr an, daß er stärker sei als 
der Vater, daß er diesen Tyrannen, der ihn quäle und sich an ihr „vergreife", 
zum gehorsamen Sklaven gemacht habe. 

„Ebenso machte er's auch vor den anderen zehn Türen. Als er an der zwölften anklopfte, 
meldete sich von drinnen der Teufel: ,Wer da? 1 Antwortete der Knabe: ,lch bin der und der. 1 
Doch der Teufel entgegnete: ,Jch kann dir nicht öffnen; denn ich bin mit einer Kette fest- 
gescluniedct.'- — Da schlug der Knabe mit seiner Keule die Tür durch, daß das ganze Schloß 
erdröhnte und der Teufel voll Entsetzen mit dem äußersten Aufgebot seiner Kräfte die Fesseln 
sprengte, mit welchen er festgeschmiedet war. Nun scliickte er auch diesen zwölften Teufel 
zur Mutter." 

Wir begegnen hier dem — in slawischen und orientalischen Märchen be- 
sonders häufigen Motiv vom „gefesselten Unhold". (Vgl. etwa „Der Geist in 
der Flasche" aus 1 00 1 Nacht und das Märchen vom „Stahlpascha" bei F. S. 
Krauß: „Sagen und Märchen der Südslawen", I, Nr. 54.) 1 — Zur Deutung 
dieses Motivs erinnern wir uns der Unabhängigkeitssucht des Sohnes. Er will 
dem Vater nichts zu danken haben . . . „und muß es doch immer wieder 
empfinden, daß er ihm eigentlich alles zu verdanken habe, da er ihm das 
Leben verdankt. Diese Schuld ist nur abzutragen, wenn der Sohn dem Vater 
Gleiches mit Gleichem vergilt, wenn er ihm das Leben rettet, als Gegen- 
geschenk für seine eigene Geburt." (Rank: Inzestmotiv, 104 f.) Den symboli- 

1) Inhalt des Stahlpascha ist, in aller Kürze, folgender: Ein Kaiser hat drei 
Söhne und drei Töchter. Als er stirbt, befiehlt er seinen Söhnen, sie möchten die 
Schwestern dem ersten, der da kommt, verheiraten (!) Der Kaiser stirbt und bald 
darauf erscheinen dreimal hintereinander mächtige Flammengestalten, die jedesmal 
nach einer der Schwestern verlangen. Die beiden älteren Brüder wollen sie ver- 
weigern, der jüngste gibt die Schwestern an die unbekannten Gewalten. Schließlich 
bedrücken die Brüder Zweifel wegen des Schicksals der Schwestern und sie be- 
schließen, sie aufzusuchen. Auf der Wanderschaft erlegt jeder der drei einen Drachen, 
der sich nachts aus dem See, an dem sie immer rasten, erhebt. Jeder schneidet dein 
Untier die Ohren üb (Vater-Kastration). Außerdem besteht der Jüngste, während die 
Brüder schlafen, ein Abenteuer, indem er eine Menge menschenfressender Hünen 
tötet und so eine von den Unholden schon fast ganz entvölkerte Stadt erlöst. Als er 
die Stadt durchwandert, gelangt er in einen Turm, wo eine schöne Prinzessin 
schlummert. Gerade will eine Schlange sie beißen (!), er aber durchbohrt das Tier 
mit seinem Schwert, heftet es an die Wand und wünscht, daß niemand außer ihm, 
das Schwert wieder herausziehen könne. Der Kaiser der Stadt freut sich über die 
Erlösung und verspricht dem Helden großen Lohn. Um den unbekannten Befreier 
zu finden, laßt er in allen Wirtshausern nachforschen. Die Brüder kehren in einem 
Wirtshaus ein, der Wirt erfährt, daß der Held unter ihnen sei und meldet es dem 

Imugo XII 1 



5° 



Dr. Franziska Juer und Dr. Otto Marbach 



sehen Ausdruck dieses Gedankens gibt •/.. B. das Märchen vom ..Stahlpascha". 
(Siehe die Anmerkung.) Dort haben wir es mit einer der in Traum und 
Märchen so beliebten „Umkehrungen" zu tun. Die schreckliche Lage der ge- 
fesselten Vater-Imago ist die — Fötalsituation. (Vgl. Rank: „Das Trauma der 
Geburt.") Der Sohn schenkt dem Vater-Imago-Fötus das Leben, indem er ihn 
mit Lebenswasser beschüttet. Drei Leben schenkt ihm die Vater-Imago (Häu- 
fung) die er sofort durch drei Belebungen vergilt. Wie der Vater dem 

Sohn so schenkt der Sohn dem Vater: Leben — und schuldet ihm fortan 

nichts mehr. Aber der Vater raubt das Weib. Der Vater steht daher in Schuld 
er tut dem Sohn, der ihm nichts mehr schuldet — Unrecht an. Dies der 

Sinn des Motivs vom „gefesselten Unhold . In unserem Märchen ist das Motiv 
freilich abgeblaßt und mehr angedeutet als konsequent durchgeführt. 

^Hierauf begab er sich selbst dorthin und sagte: ,Jetzt schwört mir, daj.l ihr nimmermehr 
in dieses Schloß wiederkommen wollt!' — Alle Teufel schwören, ,nur einer nahm Reißaus und 
suchte xu entfliehen 1 . Er schleudert ihm die Keule nach, der Teufel verendet und wird ins 
Aleer geworfen. Die anderen Teufel entfernen sich für immer. Der Knabe wohnt fortan mit 
seiner Mutter im Schloß." 

Der „eine Teufel ist natürlich (in Anwendung des über das Motiv vom 
„gefesselten Unhold'' Ausgeführten) der zwölfte Teufel, also Vater-Imago. Der 
unbestimmte „eine Teufel** entspringt der Verdrängung, denn hier liegt sym- 
bolisch das Motiv der Vatertötung vor. Man beachte, wie der Held in vier- 
stufigem Aufbau von bloßer Vaterablehnung zum Vatermord gelangt. 

i) Ablehnung („Brauche keinen Paten!") und Beschimpfung („Hiihnersteige"). 

2) Wegnahme des Essens. 

3) Überwindung der Teufel (Vater-Doubletten). 

4) Tötung des zwölften Teufels (Vater-Imago). 



Kaiser. Der Jüngste bekommt tatsächlich die Tochter des Kaisers, die beiden älteren 
Brüder kehren heim. Obwohl verheiratet, „verzehrt sich der Jüngste in Sehnsucht 
nach seinen Schwestern" (!) Einst läßt der Kaiser seinen Eidam allein und übergibt 
ihm neun Schlüssel. Acht Türen dürfe er offnen — die neunte nicht . . . „sonst 
würde es ihm schlimm ergehen". — In der verbotenen Kammer „befindet sich ein 
Mensch, die Füße bis zu den Knien, die Arme bis zu den Ellenbogen in Eisen 
festgeschmiedet, dann standen auf vier Seiten vier Pflöcke fest eingerammt, an 
welchen schwere, eiserne Ketten befestigt waren, deren Ende jenem Manne um den 
Hals sich wanden und ihn so stark schraubten, daß er nicht die geringste Bewegung 
machen konnte". Er fleht den Prinzen um Wasser. Der gibt ihm zwei Krüge zu 
trinken und erhält dafür zwei Leben geschenkt. Einen dritten Krug schüttet er, 
auf inständiges Bitten des Gefesselten, ihm über das Haupt; sogleich fallen die 
Fesseln ab, Stahlpascha breitet seine Fittiche aus. raubt die Kaiserstocliter, das Weil 
seines Erlösers, und entflieht mit ihr. Der Kaiser kehrt heim, macht dem Un- 
gehorsamen Vorwürfe, sucht ihn aber von seinem Vorhaben, die Verlorene wieder 
zu suchen, abzubringen (!) Auf seiner Reise findet der Prinz zunächst die drei 
Schwestern als Gemahlinnen des Drachenkaisers, des Falkenkaiscrs, des Adln Kaisers. 
Alle drei Schwäger versprechen Hilfe und schenken eine Feder. Nach drei mißglückten 
Versuchen gewinnt er auch mit ihrer Hilfe sein Weih wieder. 



Eine südslawische Märchenparallele zum Urtypus der Roland-Sage 51 

Hiemit wäre der erste Teil des Märchens beendet. Die Wiederholung des 
Motivs vom geraubten Essen bildet den Übergang. Der zweite Teil baut sich 
in derselben Stufenleiter aus denselben Motiven auf. Übergangsmotiv : Wieder- 
holung: Speisenraub an den Marktleuten. Schema des Aufbaus im zweiten Teil: 

1) Beschimpfung des Königs („Wildschwein"). 

2) Wegnahme des Essens von der königlichen Tafel. 
)) Überwindung der Soldaten (Vater-Doubletten). 

4) Motiv vom Kopfabschlagen (Selbstbestrafung). 

Wie in den Träumen, so herrscht auch hier, je weiter das Märchen fort- 
schreitet, größere Deutlichkeit. 

„Jetlt ging der Knabe mit seiner Mutter ins Schloß, um dort zu wohnen. Sie fanden dort 
Geld und Schätze im Überfluß, nur nichts zu essen. Da sie Hunger bekamen, sagte die Mutter 
zum Sohne: ,Geh auf den Marktplatz und bring Lebensmittel nach Haus.' Der Knabe begab 
sich mit einem großen Tuche und seiner Bleikeule auf den Markt und sagte dort zu den 
Weibern: ,Fiillt mir das Tuch mit Brot und bindet mir's zu! 1 — Die Weiber füllten sogleich 
das Tuch mit Brot und banden es zu, der Knabe warf es aber auf die Schulter und ging 
weiter. Verblüfft sahen ihn im ersten Augenblick die Hökerinnen nach, dann erhoben sie aber 
ein furchtbares Geschrei: Jtlllst du uns denn nicht zahlen? 1 ,So kommt her,' rief er ihnen 
zurück, ,ich zahle euch mit diesem Bleikolben heim!- 

. . . Ebenso macht er es mit einem Fleischhauer, dem er einen Ochsen wegnimmt, ohne zu 
zahlen. Das Brot über der einen Schulter, den Ochsen über der andern, kehrt er heim . . 
Da sprach die Mutter: ,Du bringst ja das ganze Geld zurück, warum hast du nicht gleich 
bezaltlt? 1 Antwortete der Knabe: ,Du hast mir nur gesagt, ich solle Brot und Fleisch nach 
Haus bringen, vom Zahlen hast du mir nicht gesprochen. 1 Nachdem sie den ganzen Vorrat 
verzehrt, selückte ihn die Mutter wieder in die Stadt und er machte es wieder, wie das erstemal." 

Er wird also auf diese Weise wieder der Ernährer und Erhalter der Mutter. 
Der seltsame „Einkauf" ist eine ausgesprochene Eulenspiegelei. 1 Er hat auch 
das Charakteristische der Eulenspiegeleien — nämlich die allzu wörtliche Er- 
füllung eines Gebotes. Hier verdeckt ein förmlich sklavischer Gehorsam gegen 
die Mutter (sie hat nichts vom Bezahlen gesagt, daher bezahlt er nicht) nur 
den Trieb, das allgemein gültige Gesetz über den Haufen zu stoßen. Das Gesetz, 
das er verletzt, ist die Macht des Königs, — da der König die reale Verkörperung 
des Gesetzes ist. Der Sohn, der sich gegen den Vater-König und sein Eigentums- 
gesetz (Bezahlen!) vergeht, ist eben der Revolutionär. 

„Die Leute waren über diese Raubzüge sehr erbittert und gingen zum König, ihn zu verklagen. 
Der König ließ nun ein großes Gerüst erbauen, um von dort aus den Knaben zu beobachten . . ." 

Der König hätte also die Verpflichtung, die Übertretung seines Gesetzes an 
dem aufrührerischen Sohn-Helden zu rächen. Aber er beobachtet ihn von einem 
Gerüst aus. Er ist also — ganz wörtlich — über ihn erhaben. So wie die 
Vorstellung von einem allwissenden Gott, der vom Himmel aus alles sieht und 
beobachtet. Außerdem ist der König durch die Höhe des Gerüstes vor etwaigen 
Gewalttaten des Aufrührers geschützt — wie der erwachsene „große Vater" 
vor der ohnmächtigen Wut des unerwachsenen, kleinen Sohnes. 

1) Vgl. Volksbuch vom Till Eulenspiegel, VI, Historie. 



52 



Dr. Franziska Juer und Dr. Otto Marbach 



„Ein drittesmal raubt er wieder alles auf dem Markt, muß aber beim Heimweg am Gerüst 
des Königs vorbei ...Der König rief ihn zu sich, klopfte ihm auf die Schulter und sprach: 
,Komm morgen zu mir zwn Essen.' - fiut, ich komme', antwortete der Knabe. Zu Hau« 
erzählte er seiner Mutter: ,Ein Wildschwein hat mich zum Essen «„geladen.' - Antwortete 
die Mutter: ,0 weh, warum hast du zu kommen zugesagt; sie werden dich ja umbringen 
lassen." — ,0 Mutter', beruhigte er sie, Jürchte dich nicht um mich, ich bewältige sie alle.' 

Man beachte die Art der Einladung! Das „Auf -die Schulter-Klopfen" sieht 
freundlich aus, dennoch plant der König -Vater natürlich wie mich der weitere 
Verlauf des Märchens beweist - die Vernichtung des Sohnes. Der Held könnte - 
will das Märchen mit den Gedanken des Königs sagen - nur durch 1 -ist unschädlich 
gemacht werden — denn an Stärke ist er dem König überlegen. Aber eben auch 

an List! Unter der Larve der Dummheit ermöglicht er sich die Beschimpfung der 

Vater-Imago. („Wildschwein!") Übrigens übersehe man nicht die Gleiclisct/.ung des 
Vaters mit einem phallischen Tier! (Totem.) Beweis, daß hier eine Beschimpfung 
vorliegt — eine Beschimpfung des Vaters, der den Sohn tatsächlich umzubringen 
gedenkt, ist der Ausspruch der Mutter, die die Situation in jeder Hinsicht durch- 
schaut. Sie weiß, wer mit dem Wildschwein gemeint ist. sie weiß auch, daß „sie , 
d. h. die Gewalt des Vaters, den Sohn „umbringen" wollen. 

„Am nächsten Tage nahm er einen großen Korb und begab sich in die königliche Burg. 
Dort stellte er den Korb vor die Tür und schärfte den Leuten ein, denselben um keinen Preis 
anzurühren. Die Herrschaften insgesamt standen hei seinem Eintritt auf. Da wurde die Suppe 
aufgetragen und der Knabe forderte die Herren auf, sie mögen jeder einen Löffel voll Suppe 
aus seinem Teller nehmen. Sie taten' s, worauf er allen die Suppe austrank, sich über alle auf- 
getragenen Speisen machte und alles rein wegputzte. Ebenso trank er allein den ganzen IVein aus." 

Also wieder das Motiv vom geraubten Essen. Wir sehen die dreistufige 
Steigerung dieses Motivs, l) Diebstahl des Essens aus der Kutsche des König«. 
2) (In die Mitte des Märchens gestelltes Überleitungsmotiv.) Raub der Speisen 
auf dem Markt. 5) Raub der Speisen von der Tafel des Königs. Die Betonung 
dieses höchst markanten Motivs erinnert uns wieder an die Unland Sage. 
Unlands Quelle berichtet die entsprechende Geschichte folgendermaßen: Als 
Karl der Große von seiner Romfahrt heimkehrt, verteilt er in Siena an alle 
Armen Almosen. Dies geschieht mehrere Tage hindurch und der klein«- Roland 
ist immer unter den Beteilten. Einmal aber kommt er v.u spät. Er geht nun 
unbedenklich in das kaiserliche Gemach und nimmt von der Tafel eine silberne 
Speiseschüssel, die er sogleich zu seiner Mutter trägt. Ebenso am nächsten lag 
einen goldenen Becher. Der Kaiser schreit ihn wütend an, er aber erschrickt 
nicht, sondern faßt Karl am Bart und sagt: „Eines Kaisers Stimme ist nicht 
stark genug, um mich -/.u erschrecken." Und in Unlands Ballade: 

„Herein zum Saal klein Roland tritt 
Als wär's sein eigen Haus. 
Er hebt eine Schüssel von Tisches Mitt 
Und trägt sie stumm hinaus. 

Der König denkt: ,Was muß ich sehn? 
Das ist ein sondrer Brauch.' 
Doch weil er's ruhig bißt gescheht!, 
So lassen's die andern auch. 



Eine südslawische Märchenparallele zum Urtypus der Roland-Sage 55 

Es stund nur an eine kleine Weil', 
Klein Roland kehrt in den Saal. 
Er tritt zum König hin mit Eil' 
Und faßt seinen Goldpokal. 

,Heida! halt an, du kecker Wicht!' 
Der König ruft es laut. 
Klein Roland läßt den Becher nicht. 
Zum König auf er schaut." . . . (usw.) 

Wir erkennen zunächst eindeutig, daß es sich bei unserem Märchen und 
der Roland-Sage psychisch um dieselbe Geschichte handelt. Das Motiv ist das 
vom armen Kind, dem Bettlerjungen, der eigentlich der Sohn des Kaisers ist und 
sich daher auch, als er eines Tages in des Kaisers Saal erscheint, mit Fug und 
Recht benimmt „wie zu Hause '. (Familienroman.) Um das Problem ganz zu 
erfassen, zitieren wir zunächst den folgenden Text unseres Märchens: 

„Im ersten Augenblick war man darüber vor Erstaunen ganz verblüfft. Dann aber ließen 
die Herren an allen Türen Wächter aufstellen und ein ganzes Regiment Soldaten in die Burg 
kommen. Nachdem sich der Knabe satt gegessen, ging er hinaus, holte seinen Korb und füllte 
ihn mit dem Rest der Speisen an, um sie seiner Mutter nach Haus zu bringen. Wie er aber 
hinaustrat, fingen die Soldaten an, auf ihn zu schießen." 

Hier tritt also die tückische Mordabsicht des Vaters klar zutage. Obzwar 
es unausgesprochen bleibt (beginnende Verdrängung !), weiß der „König" natürlich, 
daß er den „Sohn", den Aufrührer und Gegner vor sich hat und will ihn — 
weil er dies weiß — töten. — In der Sage und in der Dichtung Uhlands 
ist die Verdrängung soweit vorgeschritten, daß die Beschimpfung, die der König 
dort Roland und dessen Mutter zufügt, nur aus Unkenntnis der Verwandtschaft 

erklärt wird. j-j er König ruft mit einemmal: 

,Hilf Himmel! seh ich recht? 
Ich hab' verspottet im offnen Saal 
Mein eigenes Geschlecht.' 

Wie zumeist in der Kunstdichtung ist eben auch hier ethische Umgestaltung 
eines alten Motivs eingetreten. 

„Die Kugeln prallten von ihm ab und er rief aus: ,HSrt doch auf, mich anzuspucken, denn, 
fang' ich zu spucken an, ist's um euch gar bald getan.' Doch die Soldaten stellten das Geknatter 
nicht ein, darüber wurde er böse, las die Kugeln auf und erschlug mit ihnen alle Soldaten. 
Zum Schluß holte er mit seinem Blcikolben aus und schlug mit einem Schlag die halbe Burg 
in Trümmer." 

Der Held ist also — wie die meisten Helden von wunderbarer Geburt — 
unverwundbar. Der Ausdruck „anspucken" für „anschießen" entspricht wieder 
jener herabsetzenden Ironie, die er in der Bezeichnung „Hühnersteige" für 
„Königsschloß", „Wildschwein" für „König" schon früher — unter der Maske 
der Dummheit — hatte spielen lassen. Es ist dies eigentlich die Ironie des 
Übermächtigen, mit der er auf die ohnmächtige Kraftanstrengung des Schwächeren 
herabsieht. Psychische Wurzel ist wohl die dem Kind übermächtig erscheinende 
Kraft des Vaters. Man entsinne sich nur gewisser Scherzspiele, bei denen der 
Vater sich von dem kleinen Söhnchen „schlagen" oder sonstiges „Leid" zu- 



54 



Dr. Franziska .Iiht und Dr. Otto Marharh 



fügen läßt, jedoch für dessen äußerste Kraftanstrengung nur ein spottende« 
Lachen übrig hat. Wer je beobachtete, mit welchen. Ingrimm die kleinen 
Fäustchen dann immer wütender zustoßen oder dir große Hand det Vaters 
oder dessen Finger „umzudrehen" versuchen, oder an 1 laaren, Ohren und Nase 
zupfen, wird verstehen, daß der Vater, der über all diese hVmnhungcn nur 
lacht, der kindlichen Psyche als unverwundbar und übermächtig erscheinen 
muß.' (Man beachte — als Beweis dessen -- das fröhliche Triumphgekräh, wenn 
der Vater oder überhaupt die erwachsene Person, die sich zu diesem Spiel hergibt, 
Schmerzempfindung fingiert!) In Märchen und Mythus entspringt dieser psychischen 
Wurzel das Motiv vom Riesen, dem in keiner Weise bcizukominen ist. (I lieher 
gehört z. B. der nordische Mythus von Thors Fahrt zu Utgardaloki.) ' Durch den 
Mechanismus der Umkehrung - die dein Wunsch der kindlichen Psyche ent- 
spricht ergibt sich der häufige Märchentypus vom kleinen Menschleiii, der den 

dummen Riesen durch seine angeblichen Kraftleistungen ungemein imponiert. (Zum 
Beispiel Grimm, K. H .M., Nr. 20: „Das tapfere Schneiderlcin". Mit zahlreichen 
Parallelen bei Bolte-Polivka.) Hier ist die Märehengestaltung soweit Wunsch- 
erfüllung, daß die sonst nur angemaßte Überkraft des Meinen tatsachlich bestellt. 
Ebenso — als Wunscherfüllung — sind die Kraftleistungen mancher I leiden 
(Herakles) von göttlicher oder wunderbarer Abstammung aufzuhissen, die schon 
in der Wiege Heldentaten vollführen. (Schlangen erdrosseln!) 

„Der König entsetzte sich, ließ ihn vor sich auf sein '/.immer ruß-n und sprach zu ihm : 
,Schau, was für einen großen Schaden du mir angerichtet hast . . .' Der Knabt antwortete 
ihm: ,Warum? Mußten mich die Soldaten anspucken? Habe mich dafür gerächt. 1 — ,Hasl du 
eine Mutter und ist sie schön? 1 — Der Knabe: freilich habe ich eine Muttter, aber die ist 
noch häßlicher als ich 1 , und der König versetzte: ,So bring sie morgen zu mir /irr. 4 " 

Diese Stelle ist wohl die interessanteste des ganzen Märchens. Zwischen den 
Gegnern — Vater und Sohn — kommt es hier zu einem Paktieren, wie es 
eben der Kompromißtendenz des Märchens überhaupt entspricht. Zwar hat 
der Sohn die Soldaten getötet, die Burg zertrümmert, d. h. seine Macht be- 
wiesen, die ihn befähigen würde, auch iU-n Vater zu töten (wie er dadurch 
symbolisch andeutet), nun aber kommt es '/wischen ihm und dem Vater zur 
Aussprache. Daß der Vater gezwungen ist, ihn als übergeordnete Macht anzu- 
erkennen, ist für ihn Teilbefriedigung seines Hasses. Die Frage des Königs: 
„Hast du eine Mutter . . . usw., die, wenn man das Märchen nicht einer 
analytischen Deutung unterzöge, recht unvermittelt und unzusammenhängend 
erscheinen könnte, ist im Gegenteil außerordentlich logisch und richtig psycho- 
logisch an das Vorhergehende gereiht. Hier ist die Situation die. daß der 



1) (Gylfaginning, cap. 44—47.) Thor schlagt dem IphUftndm Kiesen Skrymir 
(der Utgardaloki ist) dreimal den Hammer auf den Kopf. Aber der Riese frngl nur: 
„Ist ein Laubblatt gefallen?" — „fiel eine Eichel?" — „hoben die Vögel auf «lein 
Baum etwas fallen lassen?" — Im weiteren Verlauf vermag Thor, der Kroftgott, 
nicht einmal ein Trinkhorn leer zu trinken, nicht einmal eine graue Kutzc zu heben, 
nicht einmal die alte Amme Utgordnlokis im Ringkampf zu besiegen. iV'gl. I'r. v. d. 
Leyen: „Das Märchen in den Göttersagen der Kdda", Berlin iH,,<>, p, 40 ff.) 



Eine südslawische Märchenparallele zum Urtypus der Roland-Sage 55 

Kampf um die Mutter sich bis zur vereitelten Mordabsicht des Vaters gesteigert 
hatte, die in ihrer Darstellung zugleich dem Sohn Gelegenheit gegeben hatte, 
seine Vatermordgelüste symbolisch (durch die Tötung der Soldaten, Zertrüm- 
merung der Burg) auszuleben. Der Sohn ist also dem Vater zu stark, er sucht 
sich daher mit ihm zu vertragen. Er straft ihn nicht für den „angerichteten 
Schaden", (die Mordabsicht) verlangt aber dafür — als Gegendienst — die 
Abtretung des Weibes. (Vgl. hiezu Rank: Inzestmotiv. „Das Motiv der Braut- 
abnahmo", S. 81 f.) In all dem ist der Sohneswunsch deutlich, der Vater 
möge ihn als anerkannten und mächtigen Rivalen bitten, ihm nicht mehr 
im Wege zu sein. — Wieder ein wichtiger Unterschied zwischen Mythen- 
und Märchenheld. Im Heldenmythus geht der Kampf um das Mutter-Weib 
unerbittlich bis zum tragischen Ende, im Märchen realisiert sich entweder die 
vollkommenste Befriedigung der Wunschphantasie oder — es kommt sogar 
unter dem Einfluß der allmählich größer gewordenen Moralverdrängung zu 
einer Art Friedensschluß zwischen den beiden Urgegnern: Vater und Sohn. — 
Allerdings setzt sich der ursprüngliche Trieb trotz der Hemmungen durch, wenn 
z. B. der Sohn sagt: „Sie ist noch häßlicher als ich"; — er will List an- 
wenden, um sie doch behalten zu können. Aber es ist kein entschiedenes 
Nein und der König -Vater durchschaut diese List. 

„Der Junge ging nach Haus und brachte am nächsten Tag seine Mutter vor den König. Als der 
König sah, daß sie gar so schön sei, heiratete er sie auf der Stelle und ließ ein großes Fest 
veranstalten." 

Wir erkennen also in unserem Märchen eine Geschichte von jenem Typus, 
in dem der Sohn als Wiedervereiniger der Eltern auftritt. (Vgl. Rank: Inzest- 
motiv, V, S. 169 ff. [Sage von Milun].) Diese Rolle spielt auch Roland in der 
Sage, da er Bertha und Kaiser Karl wieder vereinigt. Wir folgen in der Nach- 
erzählung der Sage wieder der Darstellung von Unlands Quelle: . . . Der Kaiser 
schickt vier Truchsessen dem kühnen Knaben nach und sie finden Bertha in 
ihrer Höhle. Drei kehren zurück, um für sie um Gnade zu flehen. Nun schickt 
Karl Frauen und Jungfrauen, die Bertha vor ihn geleiten. Aber bei ihrem 
Anblick übermannt ihn derart der Zorn, daß er sie mit einem Fußtritt zur 
Erde stößt (!). Roland hätte deshalb den Kaiser fast getötet (!). Nun sieht Karl 
seine Übereilung ein und begnadigt die Schwester. — Auch Milon, der bis 
jetzt durch einen Zauber ferngehalten war, findet sich wieder ein ('.). — Man 
beachte besonders diesen letzten Zug der Sage, daß der verschwundene (weg- 
gewünschte) Vater im Moment der Wiedervereinigung Karls mit Bertha wieder 
erscheint, da er eben nur eine Abspaltung Karls ist. Die Heirat selbst stellt 
die Erfüllung des inzestuösen Wunsches des Märchenbeginnes dar — der Vater- 
Tochter-Inzest wird offen durchgesetzt. Dabei ist zu beachten, daß — da in 
den Märchen vom Sohn als Wiedervereiner der Eltern, wie Rank nachweist 
(Inzestmotiv, V, S. 168, 171), eine Identifizierung mit dem Vater vorliegt — 
der Sohn auch hier auf diese Weise seine Inzestphantasie durchzusetzen vermag. 

„Nach der Festlicliheit sagte der Knabe zum König, dessen Stiefsohn er nun war: ,Komm 
mit mir, wir wollen uns eine Weile ergehen} Der König ging mit ihm, und als sie in einen 



56 Dr. Franziska Juer und Dr. Otto Marbach 

großen Wald kamen, fanden sie in einem hohlen Baum eine Menge verrosteter Säbel. Sprach 
der Sohn zum Fat er: ,Such dir einen Säbel aus! 1 — Der Vater suchte sich einen passenden 
aus und fragte: ,Was soll ich denn mit diesem Säbel anfangen? 4 — Antwortete der Sohn: 
,Schlag mir den Kopf ab! 1 — Das wollte der König nicht, doch der Sohn sagte: ,Wenn du's 
nicht gleich mir tust, tu icVs dir! iU 

Bevor wir auf die Deutung dieser gleichfalls höchst interessanten Stelle 
eingehen, sei auf das Einschiebsel: „dessen Stiefsohn" xisw. hingewiesen. — 
Der Märchendichter fürchtet ZU deutlich geworden ZU sein, fürchtet seine Inzest- 
phantasie verraten zu haben und will dies nun durch den Ausdruck „Stief- 
sohn" verdecken. Er will vorgeben, es handle sich um einen anderen König — 
aber es gelingt ihm nicht, die Täuschung durchzuführen. Gleich darauf spricht 
er wieder von „Sohn" und „Vater", so daß jetzt auch die Verdeckung, die 
früher den Sohn hinter dem „Knaben" und den Vater hinter dem „König" 
barg, aufgedeckt wird. — Zur Deutung ist es am besten, von «lern „Wenn 
du's nichtgleich mir tust, tu ich's dir!" auszugehen. — Zugrunde liegt «1er Todes- 
wunsch gegen den Vater. Doch wird die Mordabsiclit verdrängt und statt seiner 
selbst vereint er den Vater mit der Mutter (Ambivalenz). Nichtsdestoweniger 
ist er sich wold bewußt, gesündigt zu haben. Zur Symbolisierung der Region, 
in der er sündigte, erscheint der „hohle Baum" und die „Säbel" (beides Phallus- 
symbole). Er weiß, daß er die Tötung-Kastration („schlag mir den Kopf ab") 
verdient, denn er sinnt das gleiche gegen den Vater („Wenn du's nicht . . . 
tu ich's dir). — Dem Todeswunsch gegen den Vater entspringt also ein Schuld- 
gefühl, das nach dem primitiv-starren Gebot der Vergeltung von Gleichem mit 
Gleichem, sich zum masochistischen Wunsch steigert: der Vater solle töten. 
(Strafbedürfnis.) — Wir erkennen hier den psychischen Mechanismus des Ver- 
folgungswahnes, bei dem eben der so entstandene Wunsch, vom Vater getötet 
zu werden, auf die verschiedensten Vater-Imagines übertragen wird und der 
Wunsch, getötet zu werden, als Angst, getötet zu werden erscheint. Das 

Märchen zeigt hier also die Wurzel und den Beginn einer Neurose, die aber — 
wie alle Märchenkonflikte — sofort gelöst (analysiert) wird. (Wenn du's nicht . . . 
tu ich's dir!) Die sofortige Lösung, id est Analyse jedes Märchenkoullikts ist 
ein wichtiger Grund für die Gesundheitskraft, die jedem Märchen innewohnt. 

„Da holte der König aus und streifte mit dem Säbel den Sohn leicht über den Kopf. Im 
selben Augenblick verwandelte sich der buntgefleckte Knabe in einen wunderschönen Jüngling von 
blendend weißer Farbe. Sie kehrten nun heim . . ., der Vater gewann den Sohn gar viel lieb, ließ 
eine große Festbarkeit veranstalten . . ., erzählte die ganze Geschichte. Bei diesem Gastmahl war 
ich auch zugegen, trank aus rotem Becher roten Wein und horte die Geschichte mit an. u 

Die ursprüngliche Kastration ist hier also bereits zum Symbol von rituellem 
Charakter abgeschwächt. (Pubertätsriten der IMmitiven, Ritterschlag.) Der 
Märchenschluß vom „Kopfabhauen" erscheint noch häufig dort, wo es der 
Märchenheld gewöhnlich an dem „hilfreichen Tier" vollzieht. ' (Zum Beispiel 

1) Wo es sich um das „hilfreiche Tier" handelt, kommt es tutsächlich mm 
„Kopfabschlagen". Ursprünglich jedenfalls auch hier so gewesen. Die vorliegende 
Fassung (leicht über den Kopf streifen) stellt die Verdrimgiingsarbeit dar. 



Eine südslawische Märchenparallele /.um Urtypus der Roland-Sage 57 

Grimm, K. H. M., I, 57.) In manchen Märchen schimmert die ursprüngliche 
Vaterkastration noch durch das Symbol, z. B. in der von Grimm angeführten 
Parallele zu I, 57 (III, 57): „Einmal wird auch erzählt, daß der Fuchs, nachdem 
er den Schuß zuletzt empfangen, ganz verschwindet und nicht zu einem Menschen 
wird." — Meist aber ist der Fall, daß das geköpfte „hilfreiche Tier" (das 
immer um die Köpfung selbst bittet) dadurch erlöst erscheint, entzaubert, als 
schöner Prinz usw. — Dadurch soll natürlich die Schuld verdeckt, zugleich 
aber eine Identifizierung mit der Vater-Imago durchgeführt werden. Denn der 
Jugendliche selbst, an dem in primitiveren Kulturkreisen jene Pubertätsriten 
vorgenommen wurden, hat jene wunderbare Verwandlung erlebt. Nun ist auch 
er berechtigt, ein Weib zu besitzen und Vater (König) zu werden. — Zuvor 
unbefriedigten Trieben preisgegeben und inzestlüstern (Symbolisierung durch 
die Tiergestalt, Haarkleid, Geflecktheit, Buntheit), wird er durch den Schlag 
(Kastrationssymbol) entsühnt. 1 — In unserem Fall hat aber die Verwandlung 
noch tieferen Sinn. „Der Sohn der Königstochter" war durch seine Flecken 
als Inzestfrucht gebrandmarkt, als Kind einer heimlichen, verbotenen, illegitimen 
Verbindung. Dieser Inzest wird aber nun — nachträglich — legitim gemacht, 
die früher verbotene Verbindung doch durchgesetzt. Daher wird nun auch der 
Sohn der „Vermählten" ein eheliches, „schönes" Kind, es verschwinden „die 
Flecken der Geburt". — Die heitere Schlußwendung entspringt den Hemmungen 
des Märchendichters — Erzählers. Er will nicht zugeben, daß diese Geschichte 
seiner Phantasie entsprungen sei, sondern sie wurde ihm vom König erzählt. 
Dadurch erreicht er dreierlei, i) Bei ganz primitiven Gemütern verstärkte Glaub- 
haftigkeit seiner Erzählung. 2) Bei ungläubigeren eine Vernichtung eventuellen 
Verdachtes (denn das Ganze ist ja ohnehin nicht wahr, so wenig der allen 
bekannte Märchenerzähler je Gast des Märchenkönigs war). }) Auf jeden Fall 
ist er für den Inhalt unverantwortlich. 

Im Verlauf der Deutung unseres Märchens haben sich häufig so auffallende 
Parallelen zur Roland-Sage ergeben, daß wir vermuten, es müsse diese Sage 
nach dem Grundschema unseres Märchens gebaut gewesen sein. 
Obwohl sie in ihrer Gänze nicht mehr besteht, sondern sich nur einzelne 
Bruchstücke dieses Sagenganzen bei verschiedenen Nationen und zu verschie- 
denen Zeiten finden, wollen wir versuchen, aus diesen Bruchstücken ein Schema 
zusammenzustellen, das dem unseres Märchens entsprechen müßte. 

I) Der Vater-Tochter-Inzest 

Diesbezüglich verweisen wir auf die Fußnote auf S. 35. Das Motiv der „unter- 
geschobenen Braut entspringt der Inzestphantasie der Tochter. Man beachte, 
daß die betrogene und mißhandelte Braut dieser Erzählung gleichfalls Bertha 
heißt. Wahrscheinlich liegt hier der Typus einer Wiederholung derselben 
Ereignisse innerhalb zweier aufeinanderfolgender Generationen (Pipin — Karl) 



1) Man beachte dabei die zauberahwehrende, verwünschungslöscnde Macht des 
Säbels oder Schwertes, mit dem der Schlag geschieht (Phallussymbol). Dies besonders 
beim Ritterschlag. 



58 Dr. Juer und Dr. Marbach : Eine südslawische Märchenparalh-h» usw. 



vor. — Daß Karl gegenüber Bertha in Vaterrolle auftritt, beweist seine Wut 
der angeblichen Mesalliance wegen. (Typus: Vater, der die Tochter eifersüchtig 

bewacht.) , _ . . 

II) Verstoßung der schwangeren Tochter 

(Verdeckung des Inzestgeheimnisses) 

Milo ist eine Abspaltung Karls. ■ Er selbst vereint sich mit Bertha 
als Milo und wütet ebendeshalb als Hüter der öffentlichen Moral. - Verstoßung 
der schwangeren Tochter. Er unterwirft sich der Moral und trennt sich von 
der Verführten — daher verschwindet auch seine Abspaltung: Milo. 

IIIJ Aussetzung von Mutter und Solin 
Geburt des Heldensohnes Roland in der Einöde (Höhle (I) bei Siena). Mutter- 
Sohn-Gemeinschaft. Sohneswunsch, die Mutter zu ernähren. Identifizierung mit 

dem Vater. 

IV) Der Sohn als Rächer der Mutter 

Der Sohn will für die Mutter am Vater, der sie grausam und treulos (ver- 

lassen) verstoßen, Rache nehmen. Faßt ihn am Bart, beschimpft ihn („Eines 

Kaisers Stimme ist nicht stark genug usw.), nimmt (»eschirr und Speisen von der 

Tafel -- ja, will ihn schließlich sogar töten. (Sogar nach der Wiedervereinigung. 

Wie das „Kopfabschlagen" in unserem Märchen |... tu ich's dir|. Beides beweist 

ein Bereuen der Versöhnung und eine letzte aufflackernde Regung von Sohnes 

trotz.) 

V) Der Sohn vereint die getrennten Eltern wieder 

Durch Roland versöhnt sich Karl mit Bertha. (Identifizierung mit dem Vater.) Milo 

taucht wieder auf. 

VI) Des Helden Tod 

Die Roland Sage ist eine Heldensage — kein Märchen. Daher kann der 
Kompromiß nicht aufrecht erhalten werden. Der Held muH sterben. - Spal 
tung des Vaters in eine gütige Vater-lmago (Karl) und eine böse, den „Stiel 
vater" Ganelon.' — Rolands Tod im Tal n Ronceval durch Ganelons Verrat. 
(Vernichtung des Sohnes.) 



1) Dies ist der Hauptinhalt des französischen Chansons, das wahrscheinlich selbst 
auf Pseudo-Turpins lateinische Chronik zurückgehend, Vorlage für das mittelhoch- 
deutsche „Ruolandes-liet" des Pfaffen Konrad war. (Ausgabe TOB W. Grimm [1838], 
Bartsch [1874]; — über das Verhältnis zur Quelle: Golther: „Das Uolai.d-Lied des 
Pfaffen Konrad" [1886]): „Karl der GroDc hat fast das ganze sarazenische Spanien 
unterworfen, nur Saragossa mit König Marsilio leistet Widerstand. Auf Rolands Hat 
schickt Karl Ganelon (den Bertha nach Milons Tod geheiratet 1 als Gesandten an den 
Sarazenenkönig. Ganelon vermutet hinter Rolands, seines Stiefsohnes, Rat — schlimme 
Absicht (die psychisch ja tatsächlich vorhanden war. — Furcht vor Wiedcrvcrgelttmg). 
Daher beschließt er, sich zu rächen. Auf seinen Rat heucheln die Heiden Unterwerfung, 
er überredet den Kaiser abzuziehen und Roland als Statthalter zurückzulassen. Dies 
geschieht — und Roland mit der Nachhut wird im Tal Ronceval verräterisch über- 
fallen und getötet. 



Modelle zu den Ödipus- und Kastrations- 
komplexen bei Affen 1 

Von Dr. Imre Hermann (Budapest) 

Einem psychoanalytisch orientierten vergleichend-tierpsychologischen Auf- 
satze muß stets eine Warnung vorangestellt werden, eine Warnung gegen 
jede leichtfertige Übertragung von der Menschenpsychologie auf die 
vor uns mehr verborgene Psychologie der Tiere. Die Erfahrungsdaten der 
Tierpsychologie sollen aus sich selbst, für sich selbst sprechen; aus der 
Psychoanalyse dürfen nur die Gesichtspunkte, nicht aber die Resultate 
geschöpft werden. Es muß ganz allgemein gelten, was Freud in Hinsicht 
auf die Systeme Bw, Ubw, ebenfalls als Warnungsruf, fordert: „Wir be- 
schreiben die Verhältnisse, wie sie sich beim reifen Menschen zeigen, bei 
dem das System Ubw streng genommen nur als Vorstufe der höheren 
Organisation funktioniert. Welchen Inhalt und welche Beziehungen dies 
System während der individuellen Entwicklung hat, und welche Bedeutung 
ihm beim Tiere zukommt, das soll nicht aus unserer Beschreibung ab- 
geleitet, sondern selbständig erforscht werden. 

Eine andere Warnung könnte lauten: man verlasse das in der Psycho- 
analyse so sehr bewährte Kontinuitätsprinzip nicht. Wir glauben am 
wenigsten ins Irre gehen zu müssen, wenn wir den Weg „von oben", 
und nicht den Weg „von unten" einschlagend die menschenähnlichsten 
Tiere, die Affen, einer psychoanalytisch orientierten Betrachtung unterziehen. 
Die Affen leben ja in dauernden Verbänden von kleinerer und größerer 
Mitgliederzahl, in diesen Verbänden drängt sich meistens ein Individuum 

i) Vgl. des Verfassers frühere Mitteilung zur vergleichenden Psychologie der 
Menschen und der Affen: „Zur Psychologie der Schimpansen." Internationale Zeit- 
schrift für Psychoanalyse IX (1925), S. Soff. 

2) S. Freud: Das Unbewußte. Gesammelte Schriften, Bd. V, S. 504. 



6o 



Dr. Imre Hermann 



als Führer auf, so daß in sozialer Hinsicht eine gewisse Übereinstimmung 
zwischen Affe und Mensch, wenigstens in der ersten Annäherung, klar 
liegt; auch ist von einer wichtigen biologischen Übereinstimmung zu 
sprechen, insofern, als mehrere Affenarten die Hand als ausführenden 
Apparat des Intellektes gebrauchen, ferner statt einer Brunstzeit beim 
Weibchen eine regelmäßige Menstruation, beim Männchen eine von der 
Jahreszeit im großen unabhängige Lust zum Geschlechtsakte vorhanden sind.' 
Dabei wäre jedoch nichts methodologisch unrichtiger, als die sozialen 
Verbände der Affen, deren Form übrigens auch unter den verschiedenen 
Arten variiert, mit derjenigen der Menschen kultureller oder nnkultiireller 
Stufe gleichzusetzen; nichts wäre ärger, als einfach von einem „Ödipus- 
Komplex" der Affen zu sprechen aus dem Grunde, weil bei ihnen ein 
Kampf zwischen älteren und jüngeren Männchen stattfinden kann. Der 
(männliche) Ödipus-Komplex hat seinen guten Sinn nur unter menschlichen 
Verhältnissen, zwischen Vater und Sohn, bei menschlichem Willens- und 
Gefühlsleben, menschlicher Einsicht, menschlichen Trieben, ganz ebenso, 
wie der Kastrationskomplex nicht eine „Verstümmelung überhaupt' , nicht 
eine Leibesloslösung beliebiger Art zu bedeuten hat, sondern die Ver- 
stümmelung, welche infolge der Beschädigung der männlichen Genitalien, 
in hervorragendem Maße des Phallus zustande kommt. 8 

Dieser methodologischen Überlegung entsprechend werden wir in Situa- 
tionen, Szenen, Verhaltungsweisen, welche den typischen Komplex nicht 
darstellen, aber gedanklich durch eine einfache psychische Denkoperation 
(Verschiebung, Personenvertauschung, Symbolisierung \i. s. w.) in die typi- 
schen Komplexsituationen, Szenen, Verhaltungsweisen überführt werden 

1) „Bei den erwähnten Affen" (Cercopithecus, Puviun, Brüllaffe) „scheint eine 
Brnnstperiode mit jährlicher Wiederkehr nicht in existieren. Die Männchen sind 
wohl ständig, die Weibchen jedenfalls abhängig von der Menstruation (in monatlichen 
Perioden?) brünstig." P. Deegener: Die Formen der Vergesellschaftung im Tier- 
reich«, 1918, S. 281. — Eine Menstruation, und zwnr eine regelmäßig stattfindende, 
ist durch mehrere Beobachter für den Schimpansen festgestellt. „Dieser Vorgang 
dürfte wohl auch bei den übrigen Formen nicht ausbleiben." lt. Hart mann: Die 
menschenähnlichen Affen und ihre Organisation im Vergleich zur Menschlichkeit, 
1885. Internationale Wissenschaftliche Bibliothek, Bd. 60, S. 179. 

2) So lehrt es Freud: „Es ist mit Recht darauf hingewiesen worden, doD das 
Kind die Vorstellung einer narzißtischen Schädigung durch Kmpervcrlust aus dem 
Verlieren der Mutterbrust nach dem Saugen, aus der täglichen Abgabe der Fäzes, 
ja schon aus der Trennung vom Mutterleib bei der Geburt gewinnt. Von einen» 
Kastrationskomplex sollte man aber doch erst sprechen, wenn sich diose Vorstellung 
eines Verlustes mit dem männlichen Genitale verknüpft hat." Die infam de (ienital- 
organisation. Gesammelte Schriften, Bd. V, S. 255. 



Modelle zu den Ödipus- und Kastrationskomplexen bei Affen 61 

können, Modelle zu diesen bestimmten Komplexsituationen, Szenen, Ver- 
haltungsweisen erblicken, wobei wir nur ein Beschreiben, nicht ein 
kausales Erklären als Ziel vor Augen halten. Wir nennen also demgemäß 
z. B. die in der Freudschen Anmerkung beschriebenen Situationen und 
Szenen Modelle zum Kastrationskomplex. 1 

Gaben wir im obigen eigentlich nur Warnungen, methodologische Ein- 
schränkungen an, so sind wir auch in der Lage, eine mögliche und leicht 
auftauchende Warnung aus dem Weg zu schaffen, die Warnung nämlich, 
wir dürften, um der Forderung des Kontinuitätsprinzips Genüge zu tun, 
uns vorerst nur mit den Menschenaffen abgeben, die übrigen Affenarten 
sollten wir aber unberücksichtigt lassen. Dieser Standpunkt ist falsch, aus 
mehreren Gründen : es ist doch nicht so, der Mensch stamme vom Gorilla, 
Schimpanse oder Orang ab. Diese jetzt lebenden Affenarten sind auf Ur- 
formen zurückzuführen, ebenso wie die Abstammung des Menschen auf 
eine Urform zurückgeht. Wirklich nahe Beziehungen waren aber nur bei 
den Urformen vorhanden. Es kann sodann auch nicht behauptet werden, 
dem heutigen Menschen stünden die Menschenaffen psychisch am nächsten, 
denn erstens bieten diese Affenarten auch unter sich verschiedene seelische 
Strukturen dar, zweitens gibt es Charakterzüge, in welchen z. B. der Schim- 
panse dem nicht anthropoiden Pavian näher steht als dem Orang. 3 Auch 
anatomisch-physiologisch gilt dasselbe, ganz besonders, was die Genitalien 
anbelangt. Nach der Beschreibung Hartmanns sollen die männlichen 
Geschlechtsteile der Anthropoiden im großen und ganzen der menschlichen 
Gestalt und Anordnung folgen, doch sei es auffallend, daß „die Rute des 
schweinschwänzigen Pavians und anderer Hundsaffen einen noch weit 
menschlicheren Eindruck als diejenige der Anthropoiden (mit Ausnahme 
des Gorilla)" hervorruft.5 Demzufolge müssen wir lernen, das ganze Reich 
der Affen vorurteilslos in Betracht zu ziehen, wenn wir auch nur in dem 



1) Vgl. Psychoanalyse und Logik. Imago-Bücher VII, 1924, S. 37— 58. 

2) „Fahriges, unstetes Gebaren, welches man als charakteristisch für Affen ansieht, 
ist den afrikanischen Anthropoiden nicht entfernt in dem Maße eigentümlich, wie 
niederen Primaten des afrikanischen Kontinents. Hievon abgesehen, wirken manche 
Paviane in einer Reihe von Eigentümlichkeiten des sozusagen alltäglichen Gebarens, 
Bewegungsart (besonders im Affekt), Lautgebung u. dgl. dem Schimpansen äußerst 
ähnlich. In eben solchen Dingen des fortwährenden Verhaltens besteht ein ganz 
gewaltiger Unterschied, fast eine Art Unvergleichbarkeit der Typen Schimpanse und 
Orang (also auch zwischen Pavian und Orang)." W. Köhler: Die Methoden der 
psychologischen Forschung an Affen, S. -5. Aus Abderhalden: Handbuch der bio- 
logischen Arbeitsmethoden, Abt. VI, Teil D. 

3) Hartmann, a. a. O. S. 179. 



62 



Dr. lmre Hermann 



Falle befriedigt werden können, wenn eine Beobachtung als eine möglich« 
allgemeine Erscheinung anthropoide und ihnen wenigstens naher siehende 
Affenarten gleichmäßig betrifft. 

Nach diesen allgemeineren Erörterungen wäre jetzt unsere Aufgabe, die 
Psychologie der Affen einer speziellen Musterung zu unterwerfen, inwiefern 
sie Modelle zu den ödipus- beziehungsweise Ka st rat ionskom- 
plexen liefert. Es wird sich auch lohnen, den kompliziert gestalteten, 
durch gewisse Situationen hervorgelockten, durch gewisse Szenen in Er- 
scheinung tretenden und durch gewisse Verhaltungsweisen lieh kundgeben- 
den Ödipus-Komplex aufzuteilen und uns zu einer partiellen Betrachtung 
Zutritt zu verschaffen. Dabei werden wir darauf gefaßt sein, solche Modelle 
und partielle Modelle aufzufinden, welche man als symbolische Darstellung 
der typischen Komplexe auch von der menschlichen Psychologie aus kennt. 
da doch unser Modellbegriff einen einfachen Denkzusammenhang fordert, 
was in der symbolischen Darstellungsweise der menschlichen Seele eben- 
falls oft durchführbar ist 1 (z. ß. Abreisen, Aus-den-Augen-Kommen des 
Vaters als Darstellung des Tötungsgedankens, vgl. mit sechstem partiellem 
Modell zum Ödipus-Komplex, S. 65—67). Während aber die symbolische Dar- 
stellung die Anwesenheit des Komplexes (im übw\ in der Psychologie der 
Affen laut der früheren Anmerkung eine gellinderte Äußerung) fordert, ist 
mit der Konstatierung eines Modells keine solche (oder eine umgekehrte-: 
Abhängigkeit ausgesagt. 

A) Partielle Modelle zum ödipus -Komplex 

1) Situationen des strengen Vaters. Modell«-: lirehm beschreibt den 
Leitaffen als einen äußerst strengen Herrscher. „Wer sich nicht gutwillig 
unterordnen will, wird durch Bisse und Püffe gemaßn-gelt. bis er Vernunft 
annimmt. Dem Starken gebührt die Krone: in seinen Zahnen liegt seine 
Weisheit. Der Leitaffe verlangt und genießt unbedingten Cchorsam, und 
zwar in jeder Hinsicht. Ritterlich» Artigkeit gegen «las schwächere Ge- 
schlecht übt er nicht: im Sturme erringt er der Minne Sold . . . Im übrigen 
übt der Leitaffe sein Amt mit Würde aus. Schon die Achtung, welche er 
genießt, verleiht ihm Sicherheit und Selbständigkeit, wrlc.hr seinen Uutei- 



1) Es soll hier bemerkt werden, daß in der Psychologie der Affen d« Begriff 
„symbolisch" für „gerichtete AlTektiiuUeriinfien" bei gehind.-. In adäquater Handlung!» 
weise reserviert werden könnte (z.B. Werfen in der Kirhtuiiß «l«-s Schnsuchtsolijektoi . 
Auf die gerichteten Affektüußerungeii macht Kühler mil'inerhsiiin ■ Intelligcnz- 
prüfungen usw., S. 64—65, Zur Psychologie <les Scliiinpuiiion, S. y,). 



Modelle zu den Ödipus- und Kastrationskomplexen bei Affen 65 

gebenen fehlt; auch wird ihm von diesen in jeder Weise geschmeichelt."' 
Man werfe mir nicht vor, ich zitiere einen nicht vollständig verläßlichen, 
nach Volkstümlichkeit strebenden Autor! Die übrigen, neueren, ganz ver- 
läßlichen Beschreibungen stimmen mit dieser Beschreibung überein. Nach 
Köhler ist der Leitaffe Sultan ein Egoist par excellence. 2 In der Dar- 
stellung von Knottnerus-Meyer heißt es: „Alle beherrschend steht das 
stärkste Männchen da wie ein Despot, nicht belastet mit konstitutionellen 
Einrichtungen irgendwelcher Art." Nach seiner Beobachtung haben sich 
dem Capo, der Vorherrschaft des Stärksten alle bedingungslos zu unterwerfen. 
Er sei ein Despot orientalischer Art. „Hat er sich einmal, was oft recht 
schnell geht, zur Alleinherrschaft durchgebissen, dann braucht er seinen 
Launen und Begierden nicht mehr im geringsten die Zügel anzulegen, und — 
er tut es wahrhaftig nicht. Die Würde seines Auftretens, die Stöße, die er 
ihn nicht beachtenden, im Wege sitzenden Käfiggenossen versetzt, der ver- 
ächtliche Blick, mit dem er seine Untertanen mustert, und deren scheues 
Zurückweichen zeigen, daß der Bandenchef sich seiner Würde bewußt ist 
und als solcher anerkannt wird." „So lebt denn die große Masse der Streber 
und Denunzianten, die jeden Abend wieder sich freuen, wenn sie am Tage 
das Fell gerettet haben, in ständiger Furcht des Herrn." 3 

Sokolowsky gibt ebenfalls eigene Beobachtungen bei den Rhesusaffen 
folgend wieder: Es warf sich der stärkste und älteste männliche Affe zum 
Führer auf und ging bei etwaigen Anlässen rücksichtslos gegen seine Art- 
genossen vor. „Am Tage, wenn alles durcheinanderlief, führte er unbedingt das 
Kommando, strafte Ruhestörer, trennte Streitende und genoß in geschlecht- 
licher Hinsicht unbedingtes Vorrecht . . . Die von ihm begehrten weiblichen 
Exemplare ergaben sich ihm unbedingt zum geschlechtlichen Genuß ohne viel 
Widerstreben; oft setzte es hiebei stürmische Szenen ab, indem er sich sein 
Mannesrecht durch gewalttätigen Einspruch erkaufte.'* Auch von den Pavianen 
und Meerkatzen erzählt er, daß in ihren, nicht selten aus sehr vielen Individuen 
bestehenden Banden besonders große, starke und ältere Männchen als Führer 
fungieren. Diese Leitaffen sollen häufig äußerst rabiate, unleidliche Wesen 
sein, die mit den Genossen grob und rücksichtslos verfahren. 4 

1) Brehms Tierleben, 2. Aufl. 1876, I. Bd., S. 48. 
3) W. Kohl er: Intelligenzprüfungen usw. S. 5. 

3) Th. Knottnerus-Meyer: Tiere im Zoo. Beobachtungen eines Tierfreundes, 
1924, S. 21, 52, 55. Viele der hier niedergelegten Beobachtungen stammen aus dem 
„Affenparadies" des Tiergartens, wo die Affen ein möglichst freies Leben führten. 

4) A. Sokolowsky: Affe und Mensch in ihrer biologischen Eigenart, 1911, S. 67, 68. 



6 4 



Dr. lmre Hermann 



2) Verhaltungsweise des strengen Vaters, der den Sohn im ge- 
schlechtlichen Verkehr mit der Mutter hindert. Modelle (statt Vater: 
Bandenführer, statt Sohn: männliche Mitglieder der Hände, statt Mutter: 
weibliche Mitglieder der Bande). Man «führt, daß alle alteren zeugungs- 
fähigen Weibchen, sei ihre Zahl noch so groß, ausschließlich dem Herrscher 
gehören, und daß gerade die stärksten Männchen von ihm am schärfsten 
überwacht werden. 1 

)) Verhaltungsweise des Sohnes, der den geschlechtlichen Ver- 
kehr mit der Mutter begehrt. Modelle: Die vom Führer zurückgesetzten 
Männchen bleiben trotzdem keine Junggesellen, der Führer muH stets auf 
der Hut sein, um seine geschlechtlichen Hechte zu bewahren; er muß die 
Konkurrenten energisch fernhalten,- es herrschen doch ständig Kifersüchtcleien 
und Nebenbuhlerschaften unter den Affen. 3 

4) Szene des Kampfes zwischen Vater und Sohn mit Tötung 
des Vaters. Modell: Es liegen ältere Angaben vor (Winwood Beade, an- 
geblich verläßlich;* Huxleys Berichterstatter 5 ), nach welchen bei den Gorillas 
in jeder Gruppe nur ein erwachsenes Männchen geduldet wird; beim 
Heranwachsen der jungen Männchen beginne nämlich ein Kampf und der 
stärkste soll nach Tötung oder Forttreiben der übrigen sich als Oberhaupt 
auftun. (Im Modell statt loten auch Vertreiben! — ob Vater oder Sohn 
getötet wird, ist nicht bestimmt, verlauschbar.) Audi ein Modell des Bruder- 
kampfes ist hierin mitangegeben. 

j) Szene der Empörung gegen den strengen Vater. Modelle: l.s 
ist sehr auffallend, daß der Führer, ist er auch als „orientalischer 1 [errachar 
beschrieben, doch nicht vollständig konstitutionslos regiert. Seine Hürksichts- 
losigkeit darf scheinbar eine gewisse Grenze nicht überschreiten. Dei seihe 
Leitaffe, bei dem Sokolowsky die gewaltsamsten Akte zur Bewahrung 
seiner Bechte sah, gestattete ab und zu auch jüngeren männlichen M'lcn 
die Ausübung des sexuellen Verkehrs, ohne einzuschreiten.' 1 Weshalb? Die 
Antwort kann aus der Erfahrung von Knottnerus-Mey er geholt werden. 

1) Knottnerus-Meyer, a. a. O. S. 5s, 53. 

2) Sokolowsky, a. a. O. S. 68. 

3) Knottnerus-Meyer, a. a. O. S. 32. 

4) Brehm, a. a. O. S. 66. 

5) Hartmann, a. a. O. S. 215. 

6) Sokolowsky, a.a.O. S. 6?. Ob dus »oben der früher erwähnte» Erfahrung, 
daß nämlich gerade die stärksten Männchen vom Führer besonder* überwacht werden, 
keine Beziehung zur Latenzperiode, zur zweizeiligen Entwicklung der Sexualität 
beim Menschen hat? 



Modelle zu den Ödipus- und Kastrationskomplexen bei Affen 65 

nach welcher aus verschiedenen Anlässen Palastrevolutionen vorzukommen 
pflegen. Eine solche Empörung entstand, als nach der Herrschaft eines 
brutalen „Capo", der wegen seiner bösen Art von der Direktion des zoo- 
logischen Gartens zum Tode verurteilt wurde, seine Witwe die Herrschaft 
auf eine Weile an sich zog, 1 ein anderes Mal entstand eine Empörung, als 
ein neuer starker Rhesus-Affe, nach dem Tode des Hauptes, die Herrschaft 
an sich riß. Er „kannte nicht die Familienbezüge seiner Untertanen, wußte 
nicht, daß einige kleine Affen im Dorfe geboren waren und darum den 
Schutz aller genossen. Brutal, wie er war, mißhandelte er einige von ihnen, 
und als er dann auch noch die dazwischentretenden Mütter, zwei prächtige 
Äffinnen ohrfeigte, kam es zum Aufstand. Alles fiel über den , Risiko' 
her, und zum Schluß warf man ihn ins Wasser. An dem Rande des Wasser- 
beckens blieben drei junge Männchen als Wache zurück und sobald der 
, Risiko' Miene machte, das recht kühle Bad zu verlassen, riefen sie durch 
Alarmschreie die Bande herbei"*. 3 Auch ein Affenführer „Martino" war sehr 
brutal. Er war längere Zeit Herrscher einer größeren Hamadryasbande. Er 
war äußerst eifersüchtig; fressen ließ er aber seine Bevorzugten noch 
weniger als die übrigen. „Eines Tages kam es zu einer Art Hungerrevolte. 
Drei jüngere Männchen gingen gegen Martino vor, er mußte flüchten, 
und — sein ganzer Harem schloß sich pünktlichst den neuen Machthabern 
zu . . . sein jüngerer Bruder wurde sein Nachfolger." 3 

6) Szene, in welcher der Sohn nach Tötung des Vaters mit der 
Mutter geschlechtlich verkehrt. Modelle: Als Fortsetzung der oben an 
erster Stelle berichteten Palastrevolution wird erzählt, daß, als man den 
getöteten Capo forttrug, „sah ihm seine Witwe hoch vom Baume aus nach, 
solange sie ihn sehen konnte. Weniger aber aus Schmerz als aus Freude, 
daß dieser brutale Gatte nicht mehr war, denn während der Wärter den 
Toten forttrug, vereinigte sie sich schon in luftiger Höhe mit dem neuen 
Gatten, der bisher im Trupp keine beneidenswerte Bolle gespielt hatte". + 

Ein ganz spezielles hieher gehöriges Modell wird verständlich, wenn man 
beachtet, was unser Begriff „Tod" bei den Affen bedeuten soll. „Aus den 
Augen — aus dem Sinn" sollte in der Affensprache heißen: Aus den 
Augen — gestorben, tot! Köhler stellt fest, daß die in der Gruppe ver- 
bliebenen Affen (Schimpansen) ein isoliertes Tier nur dann bemerken, 

1) Knottnerus-Meyer, a. a. O. S. 50. 

2) Daselbst, S. 51. 
5) Daselbst, S. 42. 
4) Daselbst, S. 30. 

ImnRO. XII g 



66 



Dr. Imre Eiermann 



wenn letzteres Lärm schlägt; es fällt, ebenso wie ein nicht schreiender 
kranker oder sterbender Affe, wenn er nicht gerade vor ilm-n \ugen liegt, 
ganz aus ihrem Interessenkreise. 1 Die Existenzfrage scheint Ihm ihnen nur 
durch Sinneseindrücke fundiert zu sein. Rhesus-Äffinnen sollen ihre toten 
Kleinen noch tagelang mit sich herumschleppen, ihnen das I .11 durchsuchen, 
und sie an sich drücken, und sollen sie erst nach langen 'lagen im Stich 
lassen, wenn sich nämlich die Verwesung all/ustark bemerkbar macht; 
dann beachten sie die Leiche aber gar nicht mehr.' Ks ist allerdings dem- 
gegenüber auch möglich, daß ein totes Tier starke Wirkung auf den ihn 
Liebenden ausübt,* doch auch in diesem Falle ist es nicht das Tolseiu. 
sondern der Augenblick des Fortnehmens der Leiche, des Scheiden», 
welcher die niederschlagende Wirkung hervorruft, in welcher dann das 
allein gebliebene Tier eventuell verbleiben kann, „hin Beispiel zärtliche* 
Gattenliebe zeigte ein brauner Pavian. Als diesem sein Weibchen gestorben 
war, schien er zunächst von ihrem Tode keine Notiz zu nehmen. Kr hielt 
es für schlafend und folgte bereitwillig, als er abgelassen werden sollte, in 
dem Glauben, sein Weibchen komme nach. Als er sich aber gel, ihm In sah 
und man das tote Tier aus dem Käfig nahm, raste er vor Wul und Schmer», 
Tagelang saß er ganz apathisch da, ohne zu fressen. 4 4 

In der Umkehrung dieser Verhältnisse linden wir dann auch hei den 
Affen das Sichtotstellen als zweckmäßige Handlung vor (»ich Ducken 
und Totstellen, bis die böse Laune des Gatten, eines llamadryas, wich;» 
um ihre Opfer zu täuschen). r ' 

Von dieser foppenden Weise führt dann nur ein Schritt zmu Selbst - 
foppen, in der Form des Nichtbeachtens eines Feindet. So beachtete 
eine Schimpansin den im Nachbarkäfig wohnenden anderen S« hinmansen 
gar nicht, wahrscheinlich aus tiefer Eifersucht, da sie so sehr an ihrem 
Wärter hing. „Ein Zusammentreffen im gleichen kaiige würde wohl zu 
einem Kampfe auf Leben und Tod geführt heben, Räumlich getrennt 

beachtete man sich nicht. Ähnliche Beobachtungen kann man ja auch an 



i) W. Köhler: Zur Psychologie des Schimpansen, S. 13. 

2) Knottnerus-Meyer, a. a. O. S. 44. 

3) Die Trennung von der Gruppe verursacht im isoliert verbleibenden Tier. 
besonders bei den jüngeren, Angst. 

4) Knottnerus-Meyer, a. a. O. S. 23. 

5) Daselbst, S. 41. 

6) Romanes: Die geistige Entwicklung im Tierreiche. 1885, S. 545 — 545, durah 
zwei Beobachter, unabhängig voneinander, geschon. 



Modelle zu den Ödipus- und Kastrationskom plexen bei Affen 67 

Hunden machen. 1 Auch ihre ehemaligen Herren wollen die dem Tiergarten 
übergebenen Affen nicht erkennen. „Es liegt bewußte Nichtachtung vor", 
sie wollen vom unzuverlässigen Herrn nichts mehr wissen. 2 Es könnte' 
heißen: ich sehe dich ja nicht, also du bist „tot". 

So wäre also das Nichtbemerken, Nichtvordenaugenhaben ein 
Modell des Todeswunsches. Dann aber können wir ein sehr wichtiges 
Modell der letztangegebenen Ödipus-Szene hier anreihen: das Stelldichein 
der Affen und Äffinnen im Graben, in einer Grotte, nachdem sie scheinbar 
ungezwungen nach dem Häuptling sich umsahen und ihn nicht aufmerksam 
fanden. 5 

B) Modelle zum Kastrationskomplex 

i) Es wäre eigentlich schon von einem „biologischen Modell" zu 
sprechen. Die meisten Nicht- Anthropoiden besitzen einen Schwanz, den 
Menschenaffen fehlt ein solcher gänzlich. 4 Aber auch ein Charakteristikum 
altweltlicher Affen, die Gesäßschwielen, fehlen (mit Ausnahme des 
Gibbons, bei dem sie rudimentär nachzuweisen sind) den Anthropoiden. 5 
Es ist weiterhin auffallend, was beschrieben wird : „Alte Individuen (Orang) 
verlieren nicht allein sehr häufig die Nägel ihrer großen Zehen, sondern 
zuweilen sogar noch die Nagelglieder derselben. Es ist dies nicht bloß ein 
Effekt jener Krankheit gefangener Individuen, jenes gar nicht selten an 
Meerkatzen, Hyänen usw. zu beobachtende Abfallen von Schwanz- und 
Nagelgliedern, sondern es kommt auch bei freilebenden Orangaffen vor." 6 

2) Modell, als Reißen, Abreißen am fremden Körper. Von ver- 
schiedenen Beobachtern ist beschrieben worden, wie die Affen langschwänzige 
Affen oder andere Tiere am Schwänze ziehen, einige Schimpansen Ab- 
neigung gegen Affen mit langen Schwänzen haben; 7 ein Siamang ergriff, 
sobald er nur konnte, einen seiner mitgefangenen Affen und „trieb mit 
dem Schwänze wahren Unfug". 8 Von einigen Pavianen schreibt Brehm, 

1) Knottnerus-Meyer, a. a. O. S. 10. 

2) Daselbst, S. 43. 

3) Daselbst, S. 55. Die relative Realangepaßtheit dieser Handlungsart soll einen 
nicht beirren. 

4) Siehe z. B. Brehm, a. a. O. S. 55. 

5) Hartmann. a. a. O. S. 41. Sokolowsky, a. a. O. S. 56. Daß Gesäßschwielen 
zum Genitalapparat gehören, zeigt ihre Schwellung und Rötung während der Men- 
struation. (Horlmann, a. a. O. S. 179.) 

6) Hartmann, daselbst, S. 38. 

7) Knottnerus-Meyer, a. a. O. S. 10. 

S\ Groos: Die Spiele der Tiere, 2. Aufl., 1007, S. 143. 



68 



Dr. Iiiirc Hermann 



sie hätten ihre Gesellen, einige Budengs maulschelltiert, „gaben ihnen Rippen- 
stöße, zogen sie an dem Schwänze und machten sich ein besonder« Vergnügen 
daraus, ihre innige Vereinigung zu stören". 1 Ein weiblicher Pavian ergriff 
wieder beim Schlafe den Schwanz eines Hundes und erweckte den Schlafenden 
durch einen plötzlichen Riß am Schwänze; nach Heug^.TslhM.huhtnng/.erren 

die Affen Hunde und Katzen beim Schwänze, Hühnern und Knien reißen sie 
Federn aus. 2 Über Federausrupfen am ganzen Körper des Vogels berichtet 
Romanes sehr anschaulich („der Affe nahm die Krähe bedächtig zwischen 
seinen Knien und fing an mit dem größten Ernste zu rupfen" in einem 

Falle; in einem anderen wurde sogar beobachtet, wie der Alte dabei den Saft 
aus dem Ende der großen Federn zu saugen pflegte 3 — man vergleiche das mit 
dem Lausen!) Nach Rothmann undTeuber sollen die Schimp.uiseii gelegent- 
lich Eidechsen fangen und besondere Freude daran haben, diese an dem 
Schwänze zu zupfen. 4 Auch über Zerren an den Haaren wird berichtet, 5 und 
da wir anderseits wissen, daß Kopfhaare in der Wut emporgesl raubt werden, 6 
ebenso wie eine Erektion in der Wut entstehen kann, 7 ist es fraglich, ob nicht 
diese Körperveränderungen besondere Anlässe zum Reißen abgeben können. 
3) Modell, als „Verletzungen hervorrufen". Aus den Köhler- 
schen Beschreibungen ist bekannt, daß es Schimpansen viele Freude macht, 
einen spitzen Stock beim Heranschleichen mitzunehmen und dem ahnungs- 
losen Opfer damit plötzlich an die Reine, in den leih zu rennen. 8 
Fremdkörper herausheben und Furunkel ausdrücken am anderen Tiere*» 
kann eine realangepaßte Anwendung dieser beiden Modell« sein. 



1) Groos: Die Spiele der Tiere, 2. Aufl., S. 144. 

2) Daselbst, S. 144. 

3) Romanes, a. a. O. S. 343—345- , . . _ .„ 

4) M. Rothmann und E. Teuber; Aus der Anthropo,d.-nM».,»n auf lorn-riffa, 
1915. - Fr. Alverdes berichtet über ganz ahnliche Beobachtung.-,, (T.er.ot.olog.e, 
1925, S. 92), meint aber, das waren Folge», der B.. S rhnT.igu..gslos,gke,. ... der (,<- 
fangenschaft. Es sei nun hervorgehoben, - und dies bezieht s.ch auf das ganze h.er 
vorgeführte Tatsachenmaterial - dnG auch aus Iiesrhnfligm.gslo.ugk«..! nicht* «ur 
Erscheinung gelangen kann, was nicht seine vorgezeichnel.-n Bahnen l.ai, -'»•nso, wie 
die Affen nur das nachahmen, was in ihrer eigenen Natur hegt. {Vgl. über das 
letztere besonders Köhler: Intelligenzprüfungen usw., S. 48, 49.) 

5) Knottnerus-Meyer, a. a. O. S. 36. 

6) Bei Orang und Gorilla, Hartmann, a. a. O. S. 24 und 14»; "' 'i»gslheh,. r 
Erregung beim Schimpansen Sträuben aller Haare weitab vom Körper, Köhler, /.ur 
Psychologie des Schimpansen, S. 15. 

■7) Köhler, Intelligenzprüfungen usw. S. 35. 

8) Daselbst, S. 60. 

9) Köhler: Zur Psychologie des Schimpansen, S. 50. 



Modelle zu den Ödipus- und Kastrationskomplexen bei Affen 69 

4) Modell, welches im „Lausen" mitgegeben ist. Es wurde das 
Lausen bereits durch die Wiederherstellung des Mutter-Kind-Verhältnisses, 
also als die temporäre Überwindung eines Modells zum Kastrationskomplex, 
der Lostrennung von der Mutter, erklärt. 1 Es soll auch hervorgehoben 
werden, daß „das Herumsuchen unter dem Fell, auf der Haut, am 
Anus usw." stattfindet, Anus und Genitalien aber einer sehr engen Region 
angehören und die Genitalien nach hinten verschoben sind. 2 

j) Modell, welches im angstvollen Fernhalten des Vaters vom 
Säugling mitgegeben ist. (Vgl. die ubw Gleichung Penis-Kind.) Es 
wird vielfach berichtet, daß die Mutter den Vater (auch die übrigen 
Genossen) von den Jungen ängstlich fernhält. 3 



i1 Hermann: Zur Psychologie der Schimpansen, a. a. O. S. 85, 86. 

2) Köhler: Intelligenzprüfungen, S. 69. 

3) Alverdes, a. a. O. S. 42; Knottnerus-Meyer, a. a. O. S. 23. — Zum even- 
tuellen Kastrutionskomplex des Weibchens: Während beim Gorilla-Männchen der 
äußere Geschlechtsapparat von einer faltigen Bauchhaut überdeckt wird, so daß er 
im Zustande der Ruhe nur wenig hervortritt, zeigt sich der weibliche deutlich, mit 
sehr großen Nymphen und großer Klitoris. (Hartmann, a. a. O. S. 18.) 



Eine okkultistische Bestätigung der 
Psychoanalyse 

Von Dr. F. Lowtzky (Berlin) 

Die Theorie Freuds vom unbewußten psychischen Sinn neurotischer 
Symptome findet eine bemerkenswerte Bestätigung in den von E. Magnin 
in Paris veröffentlichten Fällen der Frau H., der Frau G. und der Frau M. 1 

Frau H. litt an einer schweren Zwangsneurose. Sieben Jahre hindurch 
hatte sie sich ohne Erfolg von den hervorragendsten Anteil behandeln bissen; 
sie wurde Herrn Magnin von ihrem Nervenarzt zur psychoanalytischen Be 
Handlung empfohlen. Dieser nahm aber keine Psychoanalyse vor, da sich — 
ihm selber unerwartet — die Möglichkeit bot, mit Hilfe eines Mediums in das 
unbewußte Erleben der Patientin vorzudringen, ihr die eigentliche Bedeutung 
der pathologischen Symptome ihrer Krankheit zu erklären und sie im Verlauf 
einer Sitzung vollständig zu heilen. 

Das Vorhandensein telepathischer Fähigkeiten bei einigen Somnambulen 
wird von niemand, der sich mit dieser frage befaßt hat. bezweifelt Darum 
ist es auch nicht erstaunlich, daß es Magnins „Hellseherin" gelang, in die 
geheimsten, ihr selber unbekannten Tiefen iler Seele der Patientin einzudringen. 

Das Verfahren, Nervenkrankheiten durch ein Medium zu heilen, ist Langt) 
bekannt. Bereits -zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wurde dieses Heilverfahren 
von Dr. Despine, der weit über die Grenzen seiner Heimatstadt hinauf den 
Ruf eines erfahrenen Ar/.tes hatte, auf das wärmste empfohlen. 9 Die Heilung 
von Nervenerkrankungen durch mediuniistischc Einflüsse ist natürlich zu un- 
sicher, als daß sie als methodisches Heilverfahren in Betracht käme, da Som- 
nambule, die über telepathische Fähigkeiten verfügen, eine Seltenheit sind, 
noch seltener aber in der erforderlichen Stimmung sind, ihre seltene Begabung 
auch anzuwenden. Der von Magnin beschriebene Fall ist nicht wegen des 
neuen Heilverfahrens, wie er meint, bemerkenswert, sondern wegen der An- 



1) Magnin: Obsession — Fersecution ä allure spirito'ide, gnrrie par entento nvec 
la personnalite 1 obs6dante. Revue Mötapsychiqur, Nov. Dec. 1911, N. 8, p. 436 — 4p. 
Magnin: Dcvant le mystfcre de la neVrosc. Pari» 1930, p. 54 — 60. 

2) A. Despine: „Observation de medecinc pratüpie", 1858, p. 19, so, 174. 



Eine okkultistische Bestätigung der Psychoanalyse 



schaulichkeit, mit welcher der Fall der Frau H., dank diesem Verfahren, die 
Richtigkeit der Grundlagen der Freudschen Theorie bestätigt. 

Frau H.s Krankheit bestand „in der Furcht zu fallen", sie war vom 
Gedanken besessen, daß sie „fallen müsse". Sie wurde ständig von diesem 
Gedanken verfolgt, auch dann, wenn sie sich in voller Ruhe befand. Bei jedem 
Gehversuch fiel sie. Die Fälle, daß sie hinstürzte, mehrten sich täglich — 
von fünfundzwangzig- bis zu vierzigmal. Die Kranke behauptete hartnäckig, 
daß sie nicht hinfiele, sondern daß sie „zu Boden geworfen würde". 

Eines Tages saß Frau H. im Wartezimmer Magnins mit einigen anderen 
Damen und wartete, bis die Reihe an sie käme. Eine der Damen hatte 
mediumistische Fähigkeiten. Obwohl das Medium kein Wort mit Frau H. 
gewechselt hatte, obwohl sie einander gar nicht kennen konnten, da sie in 
verschiedenen Städten Frankreichs lebten, sah das Medium an der Seite von 
Frau H. „ein böses, gewalttätiges, grobes, rachsüchtiges Wesen — einen sehr 
bösen Geist", was sie Magnin mitteilte. Genau mit denselben Wendungen hatte 
die Patientin Magnin ihren Vater geschildert. Die Mitteilung erregte sein 
Interesse. Er veranstaltete eine Begegnung der beiden Damen in seinem Arbeits- 
zimmer, verschwieg aber beiden gegenüber sorgfältig, was er vom Leben der 
einen und der andern wußte. 

Die „Hellseherin" verfiel gleich nach ihrer Ankunft in Trance. Ihr Gesicht 
verzerrte sich und nahm einen brutalen Ausdruck an. „Meine Tochter, meine 
arme Tochter," sagte sie, „die Füße schmerzen mich . . . Ich wollte nichts Böses 
tun . . ." „Wem?" fragte Magnin. ..Meiner Tochter." „Wie heißt sie?" 
„Jeanne." Das Medium fuhr fort zu klagen, stöhnte, bewegte die Arme. 
Plötzlich ergriff es die Hand der Kranken und sagte: „Luise, meine arme 
Luise (sie hieß in der Tat so), ich habe dir viele Qualen bereitet . . . Warum 
hast du mir aber auch immer verboten auszugehen, warum hast du jeden 
meiner Schritte bewacht? Weißt du noch . . . Dieser Paletot?" 

Hierauf erzählte der Geist ausführlich seine Lebensgeschichte, wie er viele 
Jahre vor seinem Tode zu kränkeln begann; die Tochter wäre stets besorgt 
um ihn gewesen, voller Liebe und Aufmerksamkeit; dieses Verhalten habe er 
aber als eine Vergewaltigung seines Willens empfunden, als Zwang, dem er 
sich nicht habe fügen wollen. „Sterbend hatte ich den Gedanken, daß 
meine Tochter, meine Luise, mir das Leben verbittert, mich meiner Unab- 
hängigkeit beraubt, mir nicht erlaubt hatte auszugehen, mich frei zu bewegen, 
und ich heftete mich an sie, damit sie ihren Felller einsehe. Sie muß mir 
deswegen nicht böse sein . . . Ich habe niemandem Böses getan . . . Sie haben 
mir die Augen geöffnet, ich danke Ihnen für alles, was Sie für sie tun: Sie 
geben mir moralische Erleichterung, indem Sie ihr physische Erleichterung 

schaffen. 

Alles, was das Medium sagte, entsprach den Tatsachen. In der Tat war 
der Vater der Frau H. eine despotische, aufbrausende, unduldsame Natur; 
er duldete nicht den geringsten Widerspruch. Wegen des Mantels hatte er 
einmal mit seiner Tochter Streit gehabt — trotz Winterkälte und trotz seines 
hohen Alters hatte er ihn nicht anziehen wollen. Die Besorgtheit der Tochter 



72 Dr. I'. Lowtzk\ 



um ihn konnte ihn rasend machen. In einem solchen Wu tan fall war er 
gestorben. 

Man kann sich leicht vorstellen, was für einen erschütternden Eindruck 
dieser Tod auf die Tochter machen mußte. Sic, die ihrer Xatur nach „sehr 
nervös und ängstlich Veranlagte", war ihrem Vater zärtlich zugetan. Natur- 
gemäß mußte der Tod des Vaters eine furchtbare Seeionerschütterung zur 
Folge haben, da er ja in einem Wutanfall gegen sie gestorben war mit dem 
Gedanken, „daß sie ihm das Leben vergällt habe". Es ist verständlich, daß 
dieser Gedanke sich in ihr festsetzen mußte. Sie erwähnt ihn aber nicht, hat 
keine Erinnerung an ihn, und hieraus folgt, daß es ihr gelungen war, ihn 
zu verdrängen; die ins Hereich des Unbewußten vertriebene Idee blieb aber 
nach wie vor lebendig, „heftete sich an sie und offenbarte sich in Form 
eines Krankheitssymptoms, welches die Verwirklichung ihres unbewußten 
Wunsches — für ihre Schuld am Vater gestraft zu werden — symbolisch zum 
Ausdruck brachte. Sie „muß fallen , und dieses Fallen erfolgte darum mit 
solcher Vehemenz, — hatte es doch mitunter Verwundungen und sogar Knochen 
brüche zur Folge weil es die Verwirklichung des Wunsches der Kranken, 

bestraft zu werden, darstellte. 

„Die Furcht zu fallen , der Gedanke, daß sie „fallen müsse", i]^^ sie „zu 
Boden geworfen werde', diese Ideen, von welchen die Kranke besessen ist, 
das Fallen selbst, das Verletzungen und Knochenbrüche zur Folge hatte, sind 
mehrfach determiniert. 

Die Kranke hat „Angst zu fallen''. Jede Angst ist die Äußerung einer 
verdrängten sexuellen Regung. Das Medium, welches das Unbewußte von 
Frau H. getreu widerspiegelt, behauptet, der Vater „hafte" an der Tochter, „er 
zwinge sie zum Fallen". 

Jeder Kranke hat, nach Freud, in seinen Behauptungen irgendwie recht, 
wenn er es auch nicht wisse, wieso und warum. Jede Phantasie (in diesem 
Falle die Behauptung der Frau II.) ist eine VVuiischerfülluug,. welche so wie 
der Traum oft mit dem Gegenteil arbeitet. Es ist die To< hier, die an den 
Vater gebunden ist, die sich von dem Vater nicht loslösen kenn, sie ist et, 
die an ihm „haftet"* und nicht er an ihr; es ist ihre Itimlung an den Vater, 
die sie zum „Fallen" bringt. Ja, sie fällt tatsächlich und dieses Fallen ist eine 
symbolische Darstellung der Erfüllung ihres Infantilen Wunsches („sie wird 
zu Boden geworfen"). Ihre inzestuösen Gefühle kommen klar zum Vorschein 
in ihrer ambivalenten Einstellung zum Vater. Die iiber/.ärtlirhc Liebe und 
Sorge um den Vater, die ihm sein Lehen unerträglich machten und ihn 
schließlich zum Tode führten. Sterbend hat er den Gedanken gehabt, daß 
seine Tochter ihm das Leben verbittert, ihn seiner Unabhängigkeit berauht 
hat, ihm nicht erlaubt hat auszugehen und sich frei zu bewegen Er ist mit 
der Tochter unzufrieden: in einem YVulaufallc gegen sie ist er auch gestorben. 
Entgegengesetzt der zärtlichen Neigung der Tochter sind die Gefühle des 
Vaters zu ihr feindselig: er fühlt eine Verbitterung gegen sie. Diese Versagung 
der Liebe ist es wahrscheinlich, die die feindseligen Gefühle der Tochter ver- 
ursacht hat, es ist die unbewußte Bache für die unerwiderte Liebe. 



Eine okkultistische Bestätigung der Psychoanalyse 75 

Die Verletzungen beim „Fallen" sind die Strafe für das moralische Fallen 
für das infantile Begehren des Vaters von Seiten der Tochter; sie sind aber 
auch die Strafe für ihre feindseligen Regungen gegen denselben. Frau H. 
weiß nicht, was sie dazu veranlaßt, immer dasselbe zu wünschen und dieselbe 
Handlung zu wiederholen, weil die Ursachen, welche die Idee, von der sie 
verfolgt wird, hervorrufen und sie zu bestimmter Handlungsweise veranlassen, 
unter der Schwelle ihres Bewußtseins, im Willensbereich ihres Unbewußten 
liegen — und diesen Willen nun empfindet sie als eine fremde, in ihr wir- 
kende Kraft; daher „fühlt" sie auch, daß sie nicht selber fällt, sondern daß 
sie „zu Boden geworfen wird . 

Das Medium behauptet, daß Frau H. von dem Vater „zum Fallen ge- 
zwungen werde. Außer des Hinausprojizierens der eigenen Gefühle auf den 
Vater, hat diese Behauptung noch einen anderen Sinn: Es handelt sicli um 
eine Introjektion des Vaters, um die Identifizierung mit ihm, um Bildung des 
Über-Ichs (des Ich-Ideals), das gegen das arme verschuldete Ich wütet und es 
durch Verletzungen und Knochenbrüche für seine inzestuösen und feindseligen 
Gefühle gegen den Vater straft. „Ich hefte mich an sie," sagt der Vater, 
„damit sie ihren Fehler einsieht . . . Sie muß mir deswegen nicht böse sein." 
Die Kranke identifiziert sich also mit ihrem Vater, von dem sie zu Boden 
geworfen und auf diese Weise bestraft wird. Freud berichtet in seinen „Vor- 
lesungen zur Einführung in die Psychoanalyse ' ' einen außergewöhnlich inter- 
essanten Fall einer solchen Identifizierung. 

Die Fähigkeit der Identifizierung zeigt sich auch bei Medien. Bei der 
Begegnung der „Hellseherin" mit Frau H. in Magnins Arbeitszimmer verfiel 
sie erst in Trance, d. h. in einen hypnotischen Zustand. Äußerungen mediumisti- 
scher Ekstase müssen nach James als Folge hypnotischer Beeinflussung betrachtet 
werden. Das Medium findet sich in seine Rolle, weil das von den Anwesenden 
erwartet wird. 

Spiritistischer Lehre zufolge können die Geister Verstorbener durch Medien 
mit lebenden Menschen verkehren. Magnin selber bekennt sich als „überzeugter 
Adept zu dieser Lehre". Die Somnambule teilte augenscheinlich diese Überzeugung, 
sonst hätte sie jenen alten Mann, den sie in Magnins Wartezimmer gesehen hatte, 
nicht einen „bösen Geist" genannt. Es liegt in der Natur der Dinge, daß ein 
in Trance befindliches Medium die Rolle spielt, die die Anwesenden und die 
es selber von sich erwartet. Es „verkörpert" den verstorbenen Vater der Frau H., 
d. h. es identifiziert sich mit ihm, es spielt seine Rolle. 

Diese Fähigkeit zur „Verkörperung", zur Personifizierung ist eine der grund- 
legenden Eigenschaften des Unbewußten. Wird einem im Zustande der Hypnose 
befindlichen Menschen irgendeine Idee suggeriert, die er zu personifizieren 
habe, so geht er diese Verkörperung ein. Man kann ihm beispielsweise suggerieren, 
er wäre ein Vogel, ein Kind, ein König — und er wird sich einbilden, er wäre 
es, wobei er seine Rolle häufig meisterlich, geradezu mit erstaunlicher Voll- 
endung spielt. Diese Fähigkeit der Somnambulen zu personifizieren, wird von 



1) Ges. Schriften, Bd. VII, S. 268—270. 



j. Dr. F. Lowtzky 



Morton Prince durch das den Menschen eigentümlich!- Streben erklärt, ihren 
geistigen Gehalt als Person zu gestalten. Dieses Strehen des subliminalen „Ich" 
nach Personifizierung, nach dem bildlich«! Ausdruck für die von ihm durch- 
lebten Empfindungen ist recht eigentlich die ihm eigentümliche Ausdrucksart, 
seine eigene Sprache, die die Stelle der artikulierten Sprache des Bewußtseins 
vertritt. Die moralische Kränkung, die von der Kranken ah „Schlag ins Gesicht 
empfunden wurde, wird vom Unbewußten auf symbolische Weise in Gestalt 
von Gesichtsneuralgien zum Ausdruck gebracht. Auch in Träumen linden wir 
die symbolische Sprache des Unbewußten wieder. Die Personifizierung, -das 
Bestreben den geistigen Gehalt als Person zu gestalten", ist eben dieselbe Art 
des Ausdrucks von inneren Erlebnissen des subliminalen „Ich", das seinen 
geistigen Gehalt zu Personen und Handlungen umprägt. Das Medium wird zur 
Verkörperung des verstorbenen Vaters der Krau II., es spielt seine Rolle, d. h. 
es identifiziert sich selber mit ihm, wie die junge Krau in dem oben angeführten 
Freudschen Falle sich mit ihrem Manne identifizierte und dessen Holle spielte. 
Der Unterschied zwischen ihnen besteht nur darin, daß die junge Frau in dem 
von ihr verkörperten Bilde den Gehalt der eigenen unbewußten \ orgänge wieder 
gibt, während Magnins „Hellseherin" wie ein Spiegel das, was sich unter der 
Schwelle des Bewußtseins der Frau H. ereignete, widerspiegelte. 

Die Möglichkeit einer Gedankenübertragung ohne Beteiligung der Sinnes 
organe wird von hervorragenden gelehrten Autoritäten anerkannt. Kr. Myers, 
der die Grundlagen zur Erforschung des Sublhninalen geschaffen und diesen 
Untersuchungen fast seine ganze Lebensarbeit gewidmet hat, gibt zu, obwohl 
er leidenschaftlicher Anhänger des Spiritismus ist, daß die vom Medium ver- 
körperten Gebilde aus dem auf telepathischem Wege übertragenen, bewußten 
oder unbewußten Gedankengehalt der Anwesenden entstehen können. 1 Zum 
selben Ergebnis gelangte auch der bekannte Schweizer Psychologe Th. 1 loumoy, 
der sich jahrelang mit mediumistischen K.rscheiuungen belaßt hat. Kr tollt mit, 
das Medium könne in Trance mit so außerordentlicher Uarstelhmgsl.ralt einen 
Verstorbenen, den es nie gekannt habe, verkörpern, daß es den Anwesenden 
die unumstößliche Überzeugung von der Echtheit des „Geistes" vermittelt. 
Sie ahnen nicht einmal, daß das Medium sich der Erinnerungen eines der 
Anwesenden bedient, die in ihm das Bild des Verstorbenen erstehen lassen, 
der sich dann wie in einem Spiegel im Unbewußten des Mediums wider- 
spiegelt. Mit verblüffender Ähnlichkeit reproduziert das Medium (\m Verstorbenen 
in Worten und Handlungen, aber der Verstorbene hat zu diesem Bilde nicht 
die geringste Beziehung. 3 

Das Medium verkörperte nicht nur das aufs Medium übertragene Bild des 
Greises, es hat diesen auch vor sich gesehen. 

Die Fähigkeit der Somnambulen, in „Bildern zu denken" und ihre Gedanken 
in Halluzinationen zu verwandeln, wird von allen Beobachtern, die lieh mit 

1) F. W. Myers: La personnnlite humaine. »905, p. 558, 559. 
a) Tb. Flournoy: Esprits et im-diums. p. 481. 



Eine okkultistische Bestätigung der Psychoanalyse fc 

der Erforschung dieser Frage befassen, festgestellt. „Ihr (der Somnambulen) 
Denken", sagt Jan et, -ist farbig und lebendig, es ist Bild und . . . fast immer 
Halluzination'". 1 Als P. Janet eine Somnambule fragte, wieviel Uhr es sei, 
antwortete sie ihm zuerst: „Warten Sie, ich sehe es nicht", und fügte dann 
hinzu: „Jetzt weiß ich es. Sie sah das Zifferblatt mit den Zeigern vor sich, 
die die Stunden angaben." Halluzinationen lassen sich bei Somnambulen durch 
Suggestion künstlich hervorrufen. Die Fähigkeit einer solchen Objektivierung 
seiner Gedanken besitzt nicht nur das Bewußtsein, sondern auch das unbewußte 
„Ich", wobei der Gedankeninhalt des Unbewußten zum Gegenstand von 
Halluzinationen des Bewußtseins werden kann. Deshalb ist dem Menschen, 
der sie im normalen Zustande erlebt, die Entstehung von Halluzinationen dieser 
Art völlig unverständlich. 

Das erstemal sieht die „Hellsichtige" das Bild des verstorbenen Greises 
im Wartezimmer Magnins. Die von der Tochter ihrem Unbewußten tele- 
pathisch vermittelte Vorstellung von ihm wird zum Gegenstand einer Halluzina- 
tion ihres Bewußtseins, dem der Greis völlig unbekannt war, und das natürlich 
sein Erscheinen als etwas Jenseitiges erklärt. Das zweitemal sieht sie ihn im 
Sprechzimmer Magnins, und zwar in eben jenem Überzieher, der Ursache 
des Streites zwischen ihm und seiner Tochter gewesen war, und der sieb 
deshalb ihrem Gedächtnis besonders deutlich hatte einprägen müssen. 

Die Somnambule gab eine ungemein exakte, sehr treue und detaillierte 
Beschreibung des Greises, ganz als ob sie ihn leibhaftig vor sich sähe. Diese 
außerordentliche Lebendigkeit der Halluzination, die ihre Wahrnehmung 
wirklichen Empfindungen ähnlich macht, wird auch von P. Janet* und 
anderen hervorragenden Psychologen festgestellt. Dem bekannten französischen 
Gelehrten A. Binet s gelang es, die Ursache einer solchen Realität der Hallu- 
zination auf experimentellem Wege festzustellen. Die „Gedankenbilder", wie er 
sie nennt, wurden von ihm auf einer Leinwand fixiert und einer genauen 
Untersuchung unterzogen, welche ergab, daß die Wahrnehmung dieser Bilder 
einer sonstigen Empfindung gleich ist. Bei der Fortsetzung dieser Untersuchungen 
konstatierten die italienischen Gelehrten Lombroso und Ottolenghi, daß 
diese Bilder den optischen Gesetzen unterliegen, als wären sie reale, außerhalb 
des Subjektes befindliche Gegenstände. Ihre Beobachtungen wurden rlurch 
experimentelle Untersuchungen bestätigt. Auf Grund ihrer zahlreichen Versuche 
kamen diese Gelehrten zum Schluß, daß die Vorstellungen nach außen projiziert, 
exterriorisiert werden, in den Baum hinaustreten und darauf wieder wahr- 
genommen werden können, als wären sie wirkliche, außerhalb des Menschen 



1) P. Janet: L'automatisme psychologique. Paris, F. Alcan, 1905, p. 206. 

2) Op. cit., p. 206. 

5) Op. cit., p. 453- 454- 

4) Op. cit., p. 147- 

5) A. Binet: La vision mentale. Rev. philos. T. 27, 1889, p. 346, 347, 354, 555, 357. 

6) Lombroso et Ottolenghi: L'image psychique et l'acuit£ visuelle dans 
rhypnotisme. Rev. philos., 1890, T. 29, p. 73. 



76 



Dr. F. Lowtzky 



existierende Bilder. Der menschliche Gedanke kann sich objektivieren, die 
Form realer Wirklichkeit annehmen, weshalh die Wahrnehmung solcher 
optischer Phänomene mit Empfindungen identisch ist. 



Ein anderer nicht weniger charakteristischer Fall einer wunderbaren Heilung' 
ist die Heilung der Frau G., einer jungen Frau von uH Jahren. Die Kranke 
litt jahrelang an starken nervösen Kopfschmerzen, denen sieh dann zuletzt 
auch ein Selbstmordzwang zugesellte. Sie hatte viele Ärzte konsultiert, doch 
brachten ihr die Kuren nicht die geringste Erleichterung. Einer der Arzte 
hatte sie an Magnin empfohlen. Organische Mangel lagen nicht vor, doch ließ 
das Psychische zu wünschen übrig. Sie war leicht erregbar, eigensinnig und 
launisch, und Suggestionen ungemein zugänglich. Ihre Krankheit bestand darin, 
daß sie „wahnsinniges Weh" (angoisse ajfolante) im Nacken und eine gleichsam 
physische Last auf den Schultern spürte, die so drückend war, daß sie mitunter 
die kaum zu überwindende Neigung halte, ihrem Leben ein Ende zu machen. 

Auf Befragen wurde festgestellt, daß die Kranke vor ihrer 1 [eiral einen ausländi- 
schen Offizier geliebt hatte. Er erwiderte ihre Neigung, doch weigerten sich dia 
Eltern, die Heirat zu gestatten. Fr meldete sich als Freiwilliger bei der Fremden- 
legion und starb. Gerüchtweise verlautete, er habe sich das Leben genommen. Ilald 
nach seinem Tode wurde Frau G. von dem Selbstmord/wang befallen. Magnin 
war es klar, daß die Krankheitsursache bei der jungen Frau in ihrer Liebe zu 
jenem Offizier zu suchen wäre. Er versuchte es mit verschiedenen Heilverfahren: 
Analyse des Unbewußten der Patientin, Psychotherapie und Hypnose — aber 
nichts wollte helfen. Der Zustand der Kranken war sehr gefährlich. Ihr 
Untergang schien gewiß, so lebhaft wünschte sie, ihrem Leben ein Fndo zu 
machen. Magnin entschloß sich, eine ..Hellseherin" heranzuziehen. Ohne Vor- 
wissen der Patientin, doch mit Wissen ihres Mannes, veranstaltete er eine 
Begegnung zwischen ihr und dem Medium. Das Medium kannte sie nicht, 
wußte auch nichts von ihrem Leben und von ihrer Krankheit. Als die 
„Hellseherin" das Zimmer betrat, schlief die Kranke bereits. Da Magnin vom 
Medium nur das erfahren wollte, was es selber sah, nahm er von allen Fragen 

Abstand. 

Kaum befand sich das Medium in der Nähe der in tiefem Schlafe liegenden 
jungen Frau, als es ein Wesen erblickte, welches sieh au ihren Rücken klammert« 
(agrippe). Die Beschreibung dieses Wesens, die das Medium gab. entsprach 
genau dem Aussehen des Offiziers, den Frau G. vor ihrer Heirat gelübt hatte. 
Mit der einen Hand drückte es ihren Nacken zusammen, mit der anderen 
verdeckte es die eigene Stirn oder wies darauf hin. Dieses Ihl.l bringt symbolisch 
den Inhalt der unter der Bewußtseinsschwelle liegenden Erlebnisse der Frau G. 
zum Ausdruck. Ein junger Mann preßte mit seiner Hand den Nacken der 
Kranken zusammen, d. h, er hat sie in seiner Gewalt, oder richtiger — sie 
ist mit ihrem Gefühlsleben an ihn gekettet. Darin liegt die eigentliche „Be- 
deutung" ihres Krankheitssymntoms, nämlich - eines dauernden Empfindens 
eines „unsäglichen Wehs" im Nacken („angoissv aJ]'olante u ) t — die Kranke bestand 



Eine okkultistische Bestätigung der Psychoanalyse 77 

auf diesem Ausdruck, — das Wort „affolante" bezeichnet im Französischen aber 
noch etwas anderes, „affolement heißt nämlich Abweichung (z. B. von der 
Magnetnadel gesagt). Symbolisch kommt dieser Gedanke noch in einem anderen 
Krankheitssymptom zum Ausdruck — im physischen Empfinden, eine Last auf 
den Schultern zu haben. Es handelt sich hier um eine moralische Last, durch 
Gewissensbisse hervorgerufen, als Folgeerscheinung des Gefühlskonl'likts ihrer 
Neigung zum Offizier einerseits und der Pflichten ihrem Manne gegenüber 
anderseits. Sie vermag diese Last nicht zu ertragen, sie treibt sie zur Ver- 
zweiflung, bringt sie um den Verstand und führt zu dem fast unüberwindbaren 
Verlangen, Selbstmord zu begehen. Die Haltung des jungen Menschen, der 
sich an ihren Rücken klammert (agrippej, ist bildlicher Ausdruck für die Ver- 
wirklichung des geheimen Wunsches der Kranken. Das Medium, das der Kranken 
unbewußte Erlebnisse wie in einem Spiegel wiedergibt, formuliert diesen 
Wunsch klar in den folgenden Worten, atemlos vor Erregung ruft es: „II 
s'est suicide et ü veut qu'elle le rejoigne." (Er hat Selbstmord begangen und 
will, daß sie ihm folgt.) Sie identifiziert sich mit dem Offizier, wie Frau H. 
sich mit ihrem Mann identifizierte, und das war nicht er, sondern sie, die 
Selbstmord begangen hatte. Und tatsächlich war ihr Leben kein Leben mehr; 
es war zu einer einzigen Qual geworden, seit sie dem einen ihre Neigung 
geschenkt hatte, während sie gezwungenermaßen mit dem anderen zusammen- 
lebte. Und darum sucht sie sich wieder mit ihm zu vereinigen — „ü veut 
qu'eüe le rejoigne". In diesem sexuellen Trieb zum jungen Offizier, in der 
gedanklichen Zugehörigkeit zu ihm einerseits und in dem Gefühl der Pflicht 
ihrem Manne gegenüber anderseits, liegt das Tragische ihrer Lage beschlossen, 
die Krankheitsursache, die in den Krankheitssymptomen klar zum Aus- 
druck kommt. 

Magnin glaubt ebenfalls, wie oben bereits gesagt wurde, daß die Liebe 
der jungen Frau zum Offizier die eigentliche Krankheitsursache ist. Einge- 
zogenen Erkundigungen zufolge hatte er Grund zu glauben, daß diese Neigung 
keine platonische gewesen war; Frau G. hatte ihm das aber niemals 
eingestanden. Zwischen den jungen Leuten sollte ein plötzlicher Bruch 
herbeigeführt werden. Die Notwendigkeit der unerwarteten Trennung einer- 
seits, und das Gefühl der Pflichtverletzung ihrem Manne gegenüber anderseits, 
mußte naturgemäß die Nerven der Frau G. furchtbar erschüttern und den 
inneren Kampf herbeiführen, der damit endete, daß sie ihre unerlaubte 
Neigung niederzwang. Wie sehr diese aber in der Tiefe ihres unbewußten 
Ich" wurzelte, geht daraus hervor, daß weder umständliche Unterredungen, 
noch die „sorgfältigste" Analyse ihres Seelenzustandes Magnin die Möglichkeit 
gab, sie an den Tag zu bringen. Was Magnin aber nicht gelingen wollte, 
erreichte das Medium mit Leichtigkeit. Dank seiner außerordentlichen Fähig- 
keiten drang es ins Unbewußte der Frau G. ein und enthüllte die eigentliche 
Bedeutung der Krankheitssymptome. Zwischen der „Hellseherin" und dem 
„Geist" des Offiziers kommt es zu einer lebhaften Auseinandersetzung, an 
welcher auch Herr Magnin aktiv teilnimmt. Das Medium diente als Ver- 
mittlerin, gab die Fragen weiter und teilte die Antworten mit. Dieses Gespräch 



:" 



Dr. F. 



vvt/.ky 



wurde bald sehr erregt. Magnin war bemüht, seinen unsichtbaren (Jespcchs- 
partner zu veranlassen, sein Opfer freizugeben, während dieser durchaus nicht 
nachgeben wollte und den Streit mit all der Hartnäckigkeit und Leidenschaft 
führte, wie sie ihm bei Lebzeiten eignete. Emilich gelang es Magnin mit 
"rößter Mühe, ihn dazu zu bestimmen, sicli seiner Forderung unterzuordnen, 
Erst zwei Stunden nach Fortgang der „Hellseherin" weckte Magnin die 
Patientin, der er aber nichts vom Geschehenen mit leihe. 

Nach dieser Sitzung wurde Frau G. wieder vollkommen gesund. Sie war 
nicht wiederzuerkennen — heiter, zufrieden und vollkommen glücklich. Alle 
Symptome ihrer Krankheit verschwanden, und sie empfand nie wieder — 
weder „Weh im Genick", noch den Druck der Fast auf t\i'\i Schultern, noch 
endlich den Wunsch, Selbstmord zu begehen. Sp.il.er erlulii I du, daß sie 
gesunde Zwillinge zur Welt gebracht hatte. 

Das Medium erlebt einerseits in sich den jungen Offizier und gibt mit 
ungemeiner Kunstfertigkeit seinen Charakter wieder, anderseits aber sah ihn 
das Medium vor sich, wie im falle der Krau II. die „Hellseherin deren 
Vater vor sich steilen sah. Die Krankheit der Frau G. bestand in ihrem 
Empfinden für den Offizier, das sie zwar unterdrückt hatte, das aber dennoch 
aucli weiterhin in ihrem Unbewußten wirksam war und von diesem in dar 
Form eines Krankheitssymptoms, nämlich des Gefühls einer „aiif;uisse ajfolanU 
im Nacken, zum Ausdruck gebracht wurde. Die „Hellseherin" bringt In ihrer 
symbolischen Redeweise denselben Gedanken in Gestalt des Offiziers nun 
Ausdruck, der sich an die junge Frau „geheftet" habe. Die Bedeutung des 
Krankheitssymptoms ist Magnin klar geworden, .Iahe, redet er dem jungen 
Mann mit solcher Hartnäckigkeit zu, er möge von seinem Opfer ablassen; er 
weiß, daß hievon die Genesung der Patientin iihhnugl, doch muH die ihm 
persönlich klar gewordene Bedeutung des KrankheitSSymptoms auch in das 
Bewußtsein der Kranken eindringen, sie muß sie sieh zu i-i».-n machen und nur 
dann gelangt die Psychoanalyse zu positiven Ergebnissen, I ml dämm brauchte 
Magnin auch so viel Zeit, bis seine Bemüh u n g en von Erfolg gekrönt waren. 
Magnin teilt noch folgenden, sehr interessanten Fall einer wunderbaren 

Heilung mit: 

Die Kranke, Frau M., eine junge Dam.- von siebenuud/.wan/.ig Jahren, ist 
physisch gesund, stammt aus einer psyrhiseh normalen Familie und hat eine 
gute „moralische und religiöse" Erziehung genossen. 

Ihre Krankheit bestand darin, daß sie kein Wort, das sich auf Religion 
oder auf religiöse Handlungen bezog, ertragen konnte. Die Krankheit nahm 
damit ihren Anfang, daß Frau M. beim Anblick eines ihr langst bekannten 
Abbes in unbeschreibliches Entsetzen geriet. Das geschah /.wei Wochen nach 
ihrer Hochzeit, als sie ihr junges Glück in vollen Zügen genoll. Das Angst- 
gefühl, das sich ihrer bemächtigte, war so groll, daß sie außerstande war, 
es zu bekämpfen. Von dieser Zeit an hörte sie auf, die Kirche zu besuchen 
und fühlte sich unfähig, ihren religiösen Pflichten zu genügen Sie konnte kein 
Wort sprechen, überhaupt nichts tun, was, wenn auch nur indirekt, auf 
Religion oder religiöse Handlungen Bezug hatte; sie selber war hie/.u nußer 



Eine okkultistische Bestätigung der Psychoanalyse 79 



stände und verbot es auch ihrem Mann, sich mit diesen Dingen abzugeben- 
das Leben der beiden wurde zu einer wahren Folter, da ihre Phantasie in 
dieser Hinsicht geradezu unerschöpflich war. Die Worte Altar, Kirche, Abbe, 
Priester machten sie erbleichen und brachten sie außer sich. Sie konnte keinen 
Wein trinken und kein Brot essen, weil Wein und Brot sie an das Abend- 
mahl erinnerten. Sie ließ sich nur dazu bewegen, etwas Kognak zu sich -zu 
nehmen, aber nicht aus Flaschen, welche die Etikette Benediktiner oder 
Chartreuse trugen, deren Anblick allein genügte, um sie zittern zu machen. 
Sie konnte das Wort „weiß" nicht ertragen, da es sich ihr mit der Vorstellung 
von der Hostie assoziierte. Ehe sie sich dazu entschließen konnte, ihre Wäsche 
anzuziehen, pflegte sie sie stundenlang mit der Bürste zu reiben, damit sie 
aufhörte weiß zu sein. Sie selber wusch sich unzähligeraal am Tage die Hände 
und nötigte auch ihren Mann dazu. Sie konnte weder selber Pfirsiche essen, 
noch duldete sie, daß ihr Mann es tat, weil sie das Wort Pfirsich (pe'chej an 
das Wort piche — das französische Wort für Sünde — erinnerte. Wurden 
ihre Wünsche nicht erfüllt, so hatte dies fürchterliche Szenen im Gefolge: 
die Kranke wurde sehr aggressiv. Der Mann erfüllte alle ihre Forderungen, 
er weigerte sich nur strikte, ein Medaillon abzulegen, das ihm seine Mutter 
zur ersten Kommunion geschenkt hatte. 

In ihrer Heimat. Pointe-ä-Petre, versuchte man es, die Kranke mit physi- 
schen Methoden zu heilen, allein ohne jeden Erfolg. Die Ärzte versuchten es, 
psychisch auf sie einzuwirken, doch weder Zureden, noch freundliche Worte, 
weder Forderungen, noch Drohungen hatten die gewünschte Wirkung. Sie 
mußte in einer Anstalt untergebracht werden. Da entschloß sich der Mann 
dazu, mit ihr nach Europa zu reisen. 

Die französischen Ärzte verordneten ihr verschiedene gesundheitfördernde 
Mittel, die allerdings ihr physisches Ergehen hoben, während ihr psychischer 
Zustand nach wie vor unverändert blieb. 

Magnin versuchte, die Kranke im Zustande des Wachens durch Suggestion 
zu behandeln, erreichte aber nichts damit; da entschloß er sich dazu, dasselbe 
Verfahren in Anwendung zu bringen, während sie sich in einem „passiven' 
Zustande befand, d. h. in einem Zustand, welcher dem ersten Schlaf in der 
Hypnose analog ist. Dieses Verfahren erwies sich als erfolgreich. Die Kranke 
begann nun wieder Brot zu essen; sie trank Wein, war bereit, an Kirchen 
vorbeizugehen, sprach, wenn auch mit Mühe, Worte aus, welche auf die 
Religion Bezug nahmen, beispielsweise Maria, der Heilige Geist. Hostie (dieses 
letztere Wort sagte sie nur einmal), sie öffnete wieder die Türen und trug 
Wäsche. Magnin glaubte schon, auf eine vollständige Heilung rechnen zu 
können, als dann die mit so großer Mühe erreichten Heilerfolge durch das 
inzwischen eintretende Osterfest vollkommen in Frage gestellt wurden. Wieder 
begann Frau M. der Gedanke zu quälen, sie könne vielleicht, ohne es zu 
bemerken, in die Nähe einer Kirche kommen, Worte hören, welche auf 
Religion oder auf religiös-kultische Handlungen Bezug nehmen. Um sich dem 
nicht auszusetzen, beschloß sie, nur mit der Untergrundbahn zu fahren. Auf der 
Straße überkam sie Furcht; ihr schien, daß ihr Hostienkrümchen in den 



8o 



Dr. F. Lowtzky 



Mund kämen; darum pflegte sie den Mund fest zu schließen und ihn eist zu 
öffnen, wenn sie wieder zu Hause war. Zu Haus«- angelangt, begann sie zu 
spucken und sich den Mund sorgfältig zu spülen. Dann hurte sie auf, den 
Speichel herunterzuschlucken und wurde ganz, stumm. 

Magnin hatte den Eindruck, die Kranke wäre von irgendeiner Kraft be- 
sessen, daher beschloß er, ihr Vorleben genauer zu erforschen. Auf Befragen 
erfuhr er von dem Mann, daß dieser kurz vor seiner lliii.it Erpressung«- 
versuchen einer Negerin ausgesetzt gewesen war, die als Bediente im Hause 
seiner Familie angestellt war. Sie hatte ihm, als sie von der bevorstehenden 
Hochzeit hörte, erklärt: „Wenn Sie heiraten, werden Sie keinen ruhigen Augen- 
blick haben." Er hatte die Drohung gar nicht beachtet, und auch zu keinen) 
davon gesprochen. Wie schon oben bemerkt, war Frau M. zwei Wochen nach 
der Hochzeit ohne jeden äußeren sichtbaren (Jrund gerade in der Blüte ihres 
jungen Glückes plötzlich erkrankt. 

Als Herr M. sah, daß die Behandlung der Arzte seiner Frau keim- Hilfe brachten, 
und daß gar keine Hoffnung auf ihre Genesung vorhanden war, beschloß er, 
sich an einen Wahrsager am Ort au wenden, <\i-r im Bufe stand, ein außer- 
gewöhnlicher Heilkünstler zu sein. Weder er selber, noch seine Frau kannten 
ihn. hatten ihn auch nie früher gesehen, der Wahrsager dagegen kannte sie 
recht wohl, wie sich später herausstellte; er hatte die beiden zusammen in 
der Kirche kurz vor ihrer Trauung gesehen. Dieser Umstand seinen Herrn M. 
verdächtig zu sein: ihm kam der Gedanke, ob der Wahrsager nicht in irgend- 
einem Verhältnis zur Krankheit seiner Frau stünde; er beschloß daher, ihn 
aufmerksam zu beobachten. 

Herr M. forderte den Wahrsager auf, bei ihm im Hause zu wohnen. Ob- 
wohl er nie allein mit Frau M. zusammen war, und auch nie ein Wort mit 
ihr gewechselt hatte, vermochte er doch schon nach einigen Tagen sie pur 
distance dazu zu bringen, alles zu tun, was er wünschte: sie- aß oder sie hörte 
auf zu essen, sie kleidete sich an oder blieb vollständig unangek leidet, sie 
verließ das Zimmer nicht, sie legte sich krank zu Bett, sie war gesund und 
ging aus. Alles hing davon ab, wieviel Geld er dafür erhielt. Nachrichten 
zufolge, die Herrn M. zugegangen waren, erwies es sieb, daß der Wahrsager 
während seines Aufenthaltes in dem Haus.- in Beziehungen zu der Nageria 
stand, die Herrn M. gedroht hatte, er würde keim- Buhe linden, falls er 
heirate. Herr M. setzte ihn alsbald vor die Tür. 

Als Magnin dies hörte, wurde ihm klar, daß die Kranke lieh unter einem 
bösen Einfluß befände. Um festzustellen, was in der Kranken vorging, beschloß 
Magnin, ein ihm bekanntes Medium. Fräulein B., hinzuzuziehen, die Frau M. 
nie zuvor gesehen, auch nichts von ihr gehört hatte. Als die Kranke zur 
Sitzung kam, befand sich das Medium schon in Trance. 

Magnin führt wörtlich Fräulein B.s \\ orte an, wie er sie niedergeschrieben hat: 

„Die junge Dame", sagte sie, „hat einen ganz eigentümlichen, unabhängigen, 
herrischen Charakter . . ., sie ist grenzenlos in ihren Forderungen, In ihren 
Wünschen, nicht eigenbrötlerisch, aber grenzenlos in ihren Wünschen; sie ist 
nicht glücklich: sie versteht es nicht, ihr Leben einzurichten, immer wird sie 



Eine okkultistische Bestätigung der Psychoanalyse 81 



durch irgend etwas gestört; sie vermag nicht die erforderlichen Anstrengungen 
zu machen, um die Hindernisse zu beseitigen 5 sie faßt wohl Entschlüsse, führt 
sie aber niemals aus ... Sie steht unter einem verderblichen Einfluß, von 
dem sie nicht freizukommen vermag . . . Das ist eine alte Frau ... Ich weiß 
nicht, was das für eine alte Frau ist . . ., nein, sie ist nicht so alt . . ., gar 
nicht alt . . ., nur das Gesicht ist alt, so ein Gesicht wie wir es haben 
graue Haut . . ., nicht gepudert . . ., grau . . ., eine Negerin! Sie ist böse und 
zänkisch, eifersüchtig und rachsüchtig, sie ist unzufrieden mit ihrem Schicksal; 
sie will Dame sein, will nicht Dienstmagd sein, will zart und aufmerksam 
behandelt werden wie diese kleine Dame. Wie ist sie doch böse! Sie wollte 
dem Mann der kleinen Dame Böses zufügen, sie hat es nicht gekonnt, nun 
rächt sie sich an der kleinen Dame . . ., sie gibt ihr Gedanken ein, die jene 
zittern machen, sie hat sich in sie hereinversetzt, sie hat sie verzaubert, und 
jene vermag sich nicht vor ihr zu schützen ... Um die kleine Dame von 
ihr zu befreien, muß die kleine Dame selber und ihre ganze Umgebung an 
den Kampf mit der bösen Macht denken, und dieser Kampf darf nicht auf- 
geschoben werden, weil diese Kraft wächst, je weniger man gegen sie ankämpft. 
Man muß der bösen Macht befehlen, die kleine Dame zu verlassen man muß 
sie vertreiben, mit lauter, befehlender Stimme muß man ihr befehlen darf 
aber nicht mit ihr wie mit einem vernünftigen Wesen reden auch die kleine 
Dame muß selber befehlen, und zwar nicht nur mit Worten sondern auch 
durch Bewegungen muß sie diese Kraft vertreiben. Sie wird fühlen daß diese 
Kraft von ihr selber ausgeht. Dies ist durchaus möglich und geht nicht über 
die Grenzen des Möglichen hinaus, das ist ganz einfach eine moralische Ope- 
ration . . ., und die kleine Dame muß sie noch vor ihrer Abreise vollziehen . . ., 
sie reist sehr weit . . ., oh, weit, weit, weit . . ., lange auf dem Wasser, auf 
dem Wasser . . ., oh, wie ist es heiß . . ., der Äquator . . ., ich sehe eine 
Insel, Guadeloupe . . ., eine Stadt, ein komplizierter Name . . ., Pointe, ich sehe 
einen Bindestrich . . ., ich sehe nichts mehr . . ., sie wird sich viel besser fühlen 
nach der Abreise von hier." 

Während Fräulein R. diese Worte sprach, verharrten die Anwesenden in 
vollkommenem Schweigen, welches nur einmal von Magnin unterbrochen 
wurde, der sie nach dem Namen der Stadt und der Insel fragte. 

Magnin erklärt diese Worte des Mediums nicht etwa durch dessen tele- 
pathische Fähigkeiten, weil das Faktum der Gedankenübertragung von der 
Wissenschaft nicht anerkannt wird, obwohl er in eben demselben Buch in 
einem anderen Falle wunderbarer Heilung zu berichten weiß, die Kranke 
habe seine Gedanken „gelesen* 4 , und außerdem teilt er selber mit, daß der 
Wahrsager, der im Hause der Frau M. wohnte, sie auf Entfernungen hin 
zwang, das zu tun, was er wollte, d. h. mit anderen Worten, daß ihr dessen 
Gedanken übertragen wurden. Er zieht es vor, zur Erklärung der Worte des 
Mediums sich an eine andere, von der Wissenschaft ebenso nicht aner- 
kannte, ihm aber sympathischere Hypothese zu halten: daß die Kranke nämlich 
tatsächlich von einer bösen Macht besessen wäre, und daß das Medium dies 
gesehen habe. Da er zu dieser Schlußfolgerung gelangte, beschloß er, sie un- 

Imago XII. , 



82 



Dr. F. Lowtzky 



bedingt von dieser Macht zu befreien, und zu diesem Zweck das Heilverfahren 
des englischen Arztes Korbes Winslow anzuwenden; dieses Verfahren besteht 
in der Übertragung „der bösen Macht" von. Patienten auf einen gesunden 
Menschen. Ein anderes Medium, das Magnin kannte, ein Fräulein Georgette 
Abel, erklärte sich liebenswürdigerweise bereit, sich ihm lur diesen Versuch 
zur Verfügung zu stellen. Nachdem Magnin das Medium hypnotisiert hatte, 
verband er dessen Hand mit der Hand der Kranken. Alsbald nah. n dal Gericht 
Fräulein Abels einen sehr bekümmerten Ausdruck an, und sie begann leise zu 
klagen. In genauer Befolgung der Angaben des ersten Mediums begann Magnin 
der „bösen Macht" mit lauter Stimme zu befehlen, Frau M m verlassen. 
Von dem Wunsche beseelt, der jungen Frau zu helfen, wiinsi hte er aus aller 
Kraft, daß die „böse Macht" sie verließe, und er legte in seine Worte zur 
Erreichung seines Zieles so viel leidenschaftliches Wünschen hinein, daß es 
den Anschein hatte, als risse er diese Macht aus ihr heraus, und seine Stimme 
wurde immer befehlender. 

Plötzlich fühlte Frau M. eine ungemeine Erleichterung, während Fräulein 
Abel gleichzeitig zu Boden stürzte, heisere Schreie ausstieß und sieh wand; 
dann preßte sie den Mund fest zusammen, wie dies früher der Kranken häufig 
widerfahren war, und verstummte vollständig, wobei sie verschiedene unregel 
mäßige Bewegungen vollführte. Je mehr die Erregung des Mediums sich 
steigerte, desto ruhiger wurde die Kranke. Der Ausdruck ihres Gesichts war 
vollkommen ruhig geworden. Sie ergriff Magnins Hand und sagte ihm, daß 
sie sich befreit fühlte. Auf seine Bitte hin, sagte sie lach. -In. I und ganz unge- 
zwungen alle Worte, die sie früher mit solcher Angst erfüllt hatten, wie bei 
spielsweise Kirche, Altar, Heiliger Geist, Abbe, Priester, Hostie, Segen usw. 
Im Gegensatz zu Frau M. ging es Fräulein Abel immer schlechter und 
schlechter. Sie wand sich auf dem Fußboden in furchtbaren Krämpfen und 
schlug mit dem Kopf gegen die Wand. Die Kranke nahm aus der Hand ihres 
Mannes das Medaillon, das sie früher nicht ohne Entsetzen hatte sehen können, 
und betrachtete es ganz ruhig. Als Fräulein Abel dies sah, sprang sie auf und 
wollte fliehen. Frau M. sprach laut ein kurzes Gebet, was sie seit dem Aus 
bruch ihrer Krankheit nicht hatte tun können. Damit brachte sie das Medium 
in völlige Verzweiflung. 

Frau M. versprach, am nächstfolgenden Tage in die Kirche zu gehen, um 
Gott für ihre Rettung zu danken und ihn um seine,, S,- A ,-n Im die junge Frau 
zu bitten, die sich in so rührender Weise hir sie /um Opfer dargebracht hatte. 
Diese Worte versetzten das Medium in unbeschreibliche Wttt 

Nachdem sich Frau M. entfernt hatte, suggerierte Magnin Fräulein Abel, 
alles zu vergessen, was ihr im Verlaufe der Sitzung widerfahren w.n und sich 
wieder gesund zu fühlen, was sie denn auch, nachdem sie wieder erwacht war, 
genau erfüllte. 

Auf diese Weise war es Magnin in zwei Sitzung« gelungen, die Krank,- 
zu heilen, die im Verlaufe von sieben .labreu hervorragende Neuropatholognn 
und Psychiater vergebens zu heilen versm bt hatten. Naturgemall ergibt sich 
die Frage, wie diese Erscheinung zu erklären ist? 



Eine okkultistische Bestätigung der Psychoanalyse 8- 

Wie bereits oben bemerkt, kann das Vorhandensein der Telepathie für jeden, 
der mit der Literatur über diese Frage vertraut ist, gar keinem Zweifel unter- 
liegen. Magnins Medium gibt den Inhalt der Seele der Kranken wie in einem 
Spiegel wieder; das Seelenleben der Kranken ist erfüllt mit der Negerin und 
mit deren Liebe zu ihrem Mann. Die Negerin will nicht mehr Dienstbote 
sein; sie will Dame sein, will genau wie Frau M. von der zarten Liebe ihres 
Mannes umgeben sein. Die ganze Aufmerksamkeit der Kranken ist auf diese 
Frau konzentriert, die von ihr „Besitz ergriffen", „sie bezaubert" hat; „sie 
flößt ihr Gedanken ein, die sie in Entsetzen bringen 4 *, und ihr fehlt die Kraft, 
sich ihrer zu erwehren, von ihr fortzugehen, sich von dem Gedanken an die 
Untreue ihres Mannes loszureißen. Dieses Ereignis erfüllt ihre Seele ganz; sie 
ist gleichsam daran geschmiedet. Es ist ihr Trauma. Obwohl nun dieses Er- 
eignis für die Kranke von so gewaltiger Bedeutung war, hatte sie nie zu Magnin 
darüber gesprochen, der sie doch sechs Monate behandelt hatte; er erfuhr es 
erst durch ihren Mann. Der Schluß liegt nahe, daß Frau M. die Geschichte 
mit der Negerin verdrängt und vergessen hatte. Das Medium teilt gleich in 
der ersten Sitzung das unbewußte Erleben der Kranken mit. Dank seiner un- 
gewöhnlichen Fähigkeiten gelingt es ihm, den Prozeß der Übertragung des 
Inhaltes des Unbewußten ins Vorbewußte, wozu der Psychoanalytiker vielleicht 
Monate gebraucht .haben würde, in einer Sitzung vorzunehmen. 

Zieht man Frau M.s Charakter in Betracht, ihre Herrschsucht, die Maß- 
losigkeit ihrer Forderungen, ihre Liebe zur Unabhängigkeit, so konnte, vom 
rein psychologischen Standpunkte aus gesehen, der Gedanke an die Untreue 
ihres Mannes, oder richtiger gesagt, seiner Liebe zu einer anderen nur einen 
großen Eindruck auf die junge Frau machen, eine nervöse Erschütterung hervor- 
rufen; damit dieses Ereignis aber zu einem traumatischen würde, mußte bei 
der jungen Frau die Bereitschaft dazu vorhanden sein. Erblich war sie nicht 
belastet, folglich mußte bei ihr eine andere Veranlagung zu einer nervösen 
Erkrankung eine Rolle spielen. Nach P. Janets Meinung, die er gelegentüch 
einer Unterredung mit dem Verfasser dieses Aufsatzes äußerte, kann die Un- 
treue eines geliebten Menschen, selbst die des eigenen Vaters oder der Mutter, 
nicht die Ursache für eine Nervenkrankheit abgeben; er hatte sehr häufig Ge- 
legenheit, solche Fälle der Untreue der Eltern zu beobachten, hatte aber keine 
pathologischen Folgen feststellen können. Hätte Jan et Freuds überaus wichtige 
Entdeckungen betreffs der Bereitschaft, die als eine Folge der Hemmungen in 
der Entwicklung der Libido und der Fixierung derselben, anzusehen ist, be- 
rücksichtigt, so wäre er natürlich zu einer anderen Schlußfolgerung gekommen 
und hätte sich ohne weiteres davon überzeugen können, daß bei Menschen 
mit einer derartigen Disposition Erlebnisse, wie sie Frau M. bei der Mitteilung 
über die Geschichte der Negerin mit ihrem Mann erduldet hatte, unbedingt 
zu einer Neurose führen müssen. 

Die Geschichte des Mannes der Frau M. mit der Negerin mußte, um zu 
einer Nervenstörung zu führen, an irgendein anderes, analoges Erlebnis, das 
sie in ihrer Kindheit gehabt hatte, welches mit dem Ödipuskomplex verbunden 
war, anknüpfen, nämlich an das Gefühl der Zugehörigkeit zu ihrem Vater und 

6- 



8+ 



Dr. !•'. Lowt/.ky 



an das Schuldgefülil für ihre inzestuöse Bindung an ihn. Der Sitzung mit dem 
ersten Medium ist, wie oben bemerkt, zu entnehm en, dal.l alle ihre Gedanken 
an die Negerin geheftet sind; sie hat sie „verzaubert", sie hat „Besitz von ihr 
ergriffen"; mit ihr sind die Gedanken verbunden, die sie „in Entsetzen bringen", 
von ihnen vermag sie sich nicht zu befreien, kann sich Ihrer nichl erwehren. 
Offenbar identifiziert sie die Kranke mit irgendeiner anderen. ..Ks ist eine 
alte Frau, ich weiß nicht, was das für eine alte Krau ist . . .", sagt das Medium. 
„Nein, sie ist nicht so alt . . ., sie ist gar nicht so alt, nur das Gesicht ist alt . . ., 
ein Gesicht, wie auch wir es haben..., gram- Haut, nicht gepudert..., eine 
Negerin!" Diese alte Frau, die sich hinter der jungen Frau mit der grauen 
Haut verbirgt, ist eben jene Person, mit der Krau M. die Negerin identifiziert — 
es ist ihre Mutter. Nun wird auch begreiflich, warum die Gedanken, die ihr 
die Negerin suggeriert, sie in Entsetzen bringen und eine so „verheerende 
Bedeutung für sie haben. Indem sie die Negerin mit der Mutter identifiziert, 
identifiziert sie nach Analogie der Situation der Mutter /.um Vater — ihren 
Mann mit dem Vater. Wie in der Kindheit sah sie, dali ihr Vater eine andere 
(die Mutter) liebte, einer anderen angehörte, und dasselbe erfahrt sie nun auch 
von ihrem Mann, nur mit dem Unterschiede, dall sie es zu einem Zeitpunkt 
erfährt, da sie ihm schon angehört (zwei Wochen nach der Hochzeit), folglich 
hat sie mit dem Manu (dem Vater) eine furchtbare Sünde begangen, ein un- 
verzeihliches Verbrechen. Sie kann Pfirsiche (pr'chc) nicht essen und erlaubt 
es auch ihrem Manne nicht, sie zu essen, weil das Wort fttrhr .u\ «las Wort 
peche erinnert, welches im Französischen Sünde bedeutet ; sie wäscht nicht 
nur sich selber, sondern zwingt auch ihren Mann, sich un/aldigemal am Tage 
die Hände zu waschen, d. h. sie bemüht sich, ihn und sich von der Begehung 
einer Sünde abzuhalten und ist bestrebt, sich selber und ihn davon zu reinigen. 
Alle Symptome ihrer Krankheit stellen sich entweder als ein Bestreben zur 
Befriedigung ihrer infantilen Wünsche in bezog auf den Vater und ihres Kampfes 
mit diesen Wünschen dar, oder aber als Koinproinillbildung dieser beiden gegen- 
einander ankämpfenden Kräfte. Ihre Krankheit begann damit, daß sie In un- 
beschreibliches Entsetzen geriet, dessen sie nicht Herr zu werden vermocht«, 
wenn sie den ihr seit langem bekannten Abbe kommen sah. Der Vbbe er- 
scheint als Lehrer und l.ebensführer der Menschen, welche, wie Frau M., eine 
gute „moralische und religiöse Bildung" genossen haben, als geistliche Autorität; 
so ist es denn natürlich, daß die Kranke ihn mit ihrem Vater identifiziert 
Wenn sie ihn sieht, verwandelt sich das sexuelle Begehren des Vaters in Angst, 
und die Kranke ergreift die Flucht. Von diesem 'Zeitpunkt an vermag sie nicht 
mehr in die Kirche zu gehen und ihren religiösen Pflichten tu genügen. Sie 
kann die Worte Abbe, Kirche, Kommunion nicht aussprechen, sie kann kein 
Brot essen, sie kann keinen Wein trinken. Den Wein geniellt der Priester 
während der Kommunion, das Brot die Hostie aber legt er den Kommuni 

kanten in den Mund. Der Ritus der Kommunion hat für die Kranke die Be- 
deutung eines Koitus mit ihrem Vater, darum Hiebt sie alles, was in irgend 
welcher Verbindung zu diesem Ritus steht. Sie kämpft gegen Ihre Gefühle an 
und weigert sich, aus einer Flasche zu trinken, auf deren Etikette „Benedik- 



Eine okkultistische Bestätigung der Psychoanalyse 85 

tiner" oder „Chartreuse" zu lesen steht, ist aber bereit, ein wenig Kognak zu 
sich zu nehmen aus einer Flasche, welche diese Aufschriften nicht hat, d. h. 
sie gibt ihren Gefühlen nach. Begreiflich ist auch, warum die Weigerung des 
Mannes, das Medaillon abzunehmen, sie in Verzweiflung bringt. Dieses Medaillon 
hatte er zu seiner ersten Kommunion erhalten, und es war ihm eine Erinnerung 
an seine Mutter. Es mußte in ihrem Unbewußten eine Erinnerung an ihre 
Mutter und an das Abendmahl wachrufen, welches für sie eine symbolische 
Bedeutung hatte, d. h. ihre und ihres Mannes Sündhaftigkeit. Da sie fürchtete, 
daß ihr auf der Straße Hostienkrümchen in den Mund gekommen seien, preßt 
sie die Lippen zusammen und öffnet den Mund nicht, ehe sie nach Hause 
kommt, sie läßt eben dieselben Hostienkrümchen nicht aus dem Munde heraus, 
von denen sie so sehr fürchtete, sie könnten ihr in den Mund kommen. Zu 
Hause spuckt sie, spült sich sorgfältig den Mund, schluckt dann nicht mehr den 
Speichel herunter und verstummt, d. h. wiederum bewahrt sie das, wovor sie 
sich so fürchtete, daß es ihr in den Mund kommen könne eben dadurch, daß 
sie den Speichel nicht herunterschluckt und den Mund nicht öffnet. Sie kann 
nichts Weißes tragen, weil die weiße Farbe sie an die Kommunion erinnert, 
an die Hostie. Weiß symbolisiert aber auch gleichzeitig die Unschuld, und das 
vermag sie nicht zu ertragen; stundenlang reibt sie ihre Wäsche, bis sie aufhört, 
weiß zu sein, und erst dann ist sie bereit, sie anzuziehen, wiederum gibt sie 
ihrem Inzestempfinden nach, gegen welches sie anfangs ankämpfte. Sie fürchtet 
sich, die Kirche zu besuchen. Die Kirche ist ein Mutterleibssymbol. Sie hat 
Angst vor dieser Phantasie, vor der Verwirklichung ihrer geheimen Wünsche. 
Um nicht zufällig in die Nähe einer Kirche zu gelangen, um dieser Versuchung 
aus dem Wege zu gehen, beschließt sie, in Paris nur die Untergrundbahn als 
Beförderungsmittel zu benutzen, doch ist die Untergrundbahn ihrer Lage nach 
und in bezug auf die Menschenmenge, endlich auch wegen ihrer rhythmischen 
Bewegung dieselbe Mutterleibsphantasie, d. h. die Verwirklichung eben des- 
selben Wunsches, gegen welchen die Kranke ankämpft, wenn sie sich fürchtet, 
die Kirche zu besuchen. In der ersten Sitzung überführt das Medium dank 
seiner außergewöhnlichen Befähigung die unbewußten Gedanken in das Be- 
wußtsein der Kranken; es kommt dadurch zur Erinnerung der Kranken an 
das Verdrängte. 

Nicht nur Frau M.s, sondern auch Magnins Gedanken werden auf das Medium 
übertragen. Er dachte, die junge Frau stünde unter dem Einfluß einer bösen 
Macht, von der man sie befreien müsse. Die Drohungen der Negerin, noch 
mehr aber die Geschichte mit dem Wahrsager bestärkten ihn in diesem Ge- 
danken. Darum redet er auch ständig von einer bösen Macht und von der 
Notwendigkeit, sie zu vertreiben. Die Übertragung von Gedanken etlicher an 
der Sitzung beteiligter Personen auf das Medium läßt sich häufig während der 
Versuche mit Subjekten beobachten, deren telepathische Fähigkeiten festgestellt 
werden sollen. O. Lodge teilt beispielsweise mit, er habe während einer Sitzung 
eine Teekanne gezeichnet, auf welche einige Personen ihre Aufmerksamkeit 
gerichtet hatten. Eine hinter einem Schirm befindliche Person sollte nun den 
auf diese Weise gedachten Gegenstand auf Papier reproduzieren. Als man die 



86 



Dr. K. Lowtzky 



Person fragte, welcher Gegenstand gedacht sei, erwiderte sie ein Vogel, 

doch als man seine Zeichnung mit der Teekanne, die 0. Lodge gezeichnet 
hatte, verglich, erwies es sich, daß beide Zeichnungen völlig ident.sch waren. 
Es stellte sich heraus, daß einer der Anwesenden, während er auf die Tee- 
kanne blickte, als der Gegenstand fixiert werden sollte, gedacht hatte, daß sie 
einem Vogel gleiche, und auf diese Weise hatte sich auf die Person O. Lodges 
ursprünglicher Gedanke und dessen falsch.- Deutung «Iure!» .In- an «Irr Mtzung be- 
teiligte Persönlichkeit übertragen. Dasselbe ereignete sich mit dem Medium 
gelegentlich der Sitzung, an der I'rauM. teilnahm; deren wirkliche Gedanken 
und°deren falsche Deutung durch Magnin wurden auf dal Medium übertragen. 
Während der zweiten Sitzung gibt das Medium die Erlebnisse der Krau M. 
wieder, und zwar als Dan .11. mg wieder. Es schreit, röchelt, windet lieh, gerat 
außer sich, schlägt mit dem Kopf an die Wand usw. Zum Erinnern gesellt 
sich in dieser Sitzung das Agieren der Kranken, das Wiedererleben der 
Konflikte, nur mit dein Unterschied, daß das Erleben dieser Konflikte sich 
nunmehr unter der Leitung eines Arztes vollzieht, der nicht luläßt, daß die 
Kranke sie wieder in sieb unterdrückt. Magnin befiehlt ..der bösen Macht , 
die Kranke zu verlassen, er gibt sich sogar den Anschein, all vertriebe er sie 
aus ihr; sein ganzer Willensimpuls ist darauf gerichtet, die jung« Frau TOB 
ihren Konflikten zu befreien, nicht zu dulden, daß die Kranke sie unterdrückt 
Je mehr die Kranke alles, was sich früher mit ihr ereignete, aufs neue durch- 
lebt, desto freier wird sie und desto ruhiger, während das Medium umgekehrt, 
die Erlebnisse der Krauken in sich sammelt, in immer großen- Krregung gerat 
da es sich von diesen 
ermächtigt worden 
nehmen. 

So hat denn Magnin dank der außergewöhnlichen Fähigkeit der Medien, 
ohne es selber zu wissen, Frau M. einer Psychoanalyse unterzogen, indem er 
zunächst in ihrem Bewußtsein die unterdrückten und vergessenen Erlebnis* 
wieder erstehen ließ und auf diese Weise deren eigentlichen Sinn klarstellte, 

dann dadurch, daß er die Führung über diese Erlebnisse übernahm und nicht 
erlaubte, daß die Kranke sie aufs neue in sich unterdrückte; eben lnedurch 
befreite er sie und führte sie ihrer völligen Genesung entgegen 

Diese ganz außerordentlichen Fülle wunderbarer Heilung lassen sieh sonn. 
durch die Fähigkeit des unbewußten „Ich" den Geball de. Vorgänge im 

Unbewußten des Kranken widerzuspiegeln und sie in Bildern und Handlung« 
zu verkörpern — auf natürliche Weise erklären. Indem «las 1 ..bewußte des 
Mediums den Gehalt der „jenseitigen" psychischen Prozesse des Sulnekts w.eder 
gibt, Wärt das Unbewußte des Mediums die dem Subjekt selber völlig rat 
schlossenen Ursachen für seine Erkrankung auf, nimmt sozusagen eine \n.dysi. 
seines unbewußten psychischen Tuns vor, d. h. M bringt, ohne darum EU wissen, 
die Freudsche Heilmethode in Anwendung, nur mit dem I uie.seh.ede, daß 
seine außergewöhnlichen Fähigkeiten es ihm möglich machen, eist in die Kegion 
des Unbewußten des Kranken vorzudringen und dann die K.-deiitung der Sym 
ptome seiner Erkrankung klar zu legen, wahrend die Psychoanalyse /«machst 



iesen solange nicht zu befreien vermag, bis es hie/u von Magnin 
»n ist, der ihm auch suggerierte, diese Erlebnisse auf sich zu 



Eine okkultistische Bestätigung der Psychoanalyse 



8 7 



darauf ausgeht, die symbolische Sprache des Unbewußten zu dechiffrieren und 
dann erst in die jenseits der Schwelle liegende Region vordringt und Sinn und 
Bedeutung der Symptome feststellt. Daher sind auch die angeführten Fälle der 
Frau PL, Frau G. und Frau M. ein ganz augenfälliger Beweis für die Richtigkeit 
der psychoanalytischen Methode. 


















Zur Psychologie des modernen Erziehers 

Von Nelly Wolffheim 

Die Stellung des modernen Erziehers zum Kinde hat sich von Grund auf 
geändert. Bei der alten Erziehung — die ja heute noch die vielfach anerkannte 
ist — ist der Erzieher der Beherrscher des Kindes. Er befiehlt, es hat zu 
folgen. Er führt, es soll sich führen lassen. Der Erzieher nimmt dabei rlas Kind 
als „kleinen Erwachsenen", den man allmählich den Maßen des wirklich Er- 
wachsenen angleichen müsse. Nicht etwa das Kind gleicht sich an, aus sich heraus, 
aus selbstverständlichem Werden, sondern es wird angeglichen, geformt — 
erzogen. 

Der moderne Erzieher setzt vor allem Zweifel vor die Krage, ob das Kind 
überhaupt erziehbar, d. h. durch direkte, bewußt ausgeführte Erziehungsmaß- 
nahmen beeinflußbar sei. Die Achtung vor der Persönlichkeit steht neben diesem 
Zweifel; sie verhindert, daß der Erzieher in die Entwicklung des Kindes ein- 
greift und es hemmt, wo keine wesentlichen Notwendigkeiten dafür vorliegen. 
Nicht Führer will der moderne Erzieher sein, sondern Schützer und Berater — 
doch auch hiebei ist er zurückhaltend, und nach Möglichkeit sucht er seine 
Aktivität dem Kinde gegenüber zurückzudrängen. 

Aus der veränderten Einstellung des Erziehers zum Kinde ergeben sich für 
ihn selbst seelische Schwierigkeiten, die nicht unbeachtet bleiben dürfen. Bei 
der Berufswahl schon sollte man das Augenmerk auf sie richten. 

Die Liebe zu Kindern ist es, die in den meisten Fällen zu einer Beschäfti- 
gung mit ihnen drängt. Was aber steht hinter der bewußten Liebe im Un- 
bewußten der Persönlichkeit? Sicherlich entspringt die Liebe zu Kindern immer 
einer Identifizierung mit ihnen. Nur, wer sich — wenn auch unbewußt — an 
Stelle des Kindes setzt, wird ihm wirkliche Zuneigung entgegenbringen, (h-danken 
an eigene Kindheit, oft an eigene Leiden, bilden die Grundlage zu einem Helfen- 
wollen-, man will es als Erzieher den Kindern eben besser gestalten, als man 
selbst es einst hatte. Häufig wird bei der Wahl des Erzicherberufes eine Gegner- 
schaft gegen die eigenen Eltern und Erzieher mitsprechen, obgleich in den 
seltensten Fällen dieser Gedanke aus dem Unbewußten hervor ins Bewußtsein 
dringt. Entspringt doch zumeist ein Reformierenwollen unbewußten Antrieben, 
die im Verhältnis zu einem Elternteil ihre Wurzeln haben. Daß diese Motive 
wo sie den Hintergrund zur Berufswahl bildeten — den Pädagogen zu einer 



1 



Zur Psychologie des modernen Erziehers 89 

Aktivität führen möchten, die er bewußt nicht gutheißt, steht außer Zweifel, 
und Konflikte erwachsen ihm sicherlich daher. Noch vielmehr dort, wo etwa 
sozialpolitische Einstellung, der Wunsch, Ideen zu verbreiten, Richtungen anzu- 
bahnen, den Ausgangspunkt für erzieherisches Wirken bilden. Hier liegt auch 
die Gefahr nahe, — und sie spielt bei der alten Erziehung sicherlich eine 
Rolle — daß man das Kind als Objekt behandelt und selbst bei bewußter 
Ablehnung der Autorität, unbewußt zu seinem Führer werden will. 

Die Mitwirkung unbewußter Komponenten bei mancherlei Schwierig- 
keiten des Pädagogen kann nicht scharf genug in das Blickfeld gerückt werden. 
Mancher Erzieher leidet unter gelegentlichen Disziplinschwierigkeiten. Das 
Versagen eines Kindes, der Widerstand einer Klasse beleidigt, oft auch bei 
bewußt freier Einstellung des Erziehers, seinen Narzißmus; er nimmt solche 
Reaktionen als eine Folge eigener Fehler, faßt sie als Bloßstellung auf und 
läßt sie dadurch als Kränkung auf sich wirken. Ehrgeizige Erwachsene ertragen 
es nur schlecht, wenn sie die Kinder nicht den ihnen vorschwebenden Weg 
gehen sehen. Und hier zeigt es sich, wieviel schwerer es der moderne Er- 
zieher hat: Ein Erzieher alten Schlages will regieren, der moderne Erzieher 
lehnt dieses Wollen ab, doch spielt sein Unbewußtes ihm oft einen unangenehmen 
Streich, indem es seine Auswirkungen eine zu deutliche Sprache sprechen läßt. 

Auch den modernen Erzieher kann gelegentlich ein vom Unbewußten ge- 
leiteter Trieb überkommen, ein Kind zu quälen. Gibt es Pädagogen, die nie 
Fehlgriffe taten, nie — trotz bewußter Ablehnung derartiger Handlungen — 
ihren Willen dem des Kindes aufzwingen wollten? Machtgier, Sadismus und 
noch manches andere kann da mitschwingen. Vielleicht waren es gerade solche 
Triebe, die den Erzieher seinen Beruf wählen ließen, unbewußt freilich und 
nach außen hin durch einleuchtende und bestechende Gründe verschleiert. Man 
denke daran, daß Übergüte oft Grausamkeit kompensiert, daß Weichheit, auch 
in der Pädagogik, häufig sadistische Antriebe verdeckt. 

Welche Rolle die — zumeist unbewußten — Schuldgefühle bei der Erzieher- 
tätigkeit spielen, sei hervorgehoben. Wo der Erzieher selbst seine schwache 
Stelle spürt oder auch nur dunkel ahnt, wird er unduldsam dem Kinde gegen- 
über. Er will — und wohl gerade bei einem sehr geliebten Kinde — nicht 
gleiche Fehler sich entwickeln lassen. Vielleicht will er auch unbewußt an den 
Kindern heimzahlen, was ihn selbst quälte oder noch quält. Die Auswirkungen 
des Unbewußten sind dem bloßen Auge nicht erkennbar und nur mit Hilfe 
der psychoanalytischen Brille gelingt es, sie zu durchschauen. 

Schwierigkeiten, die dem modern gerichteten Erzieher erwachsen, erhalten 
starke Antriebe aus seiner eigenen Kindheit. Nicht nur die bewußten Erinne- 
rungen kommen hier in Betracht, sondern Bindungen, die im geheimen mit- 
sprechen. Auch oft dort, wo der Erzieher im Gegensatz zur eigenen Erziehung 
steht, ihre Fehler kennt, sie zu umgehen sucht und vielleicht, wie oben erwähnt, 
dadurch zu seiner Berufswahl kam, gerade dort klammert sich vielleicht sein 
Unbewußtes an eigene Eraehungseindrücke, heißt sie gut, weil der geliebte 
Elternteil sie vermittelte. Auch an Einflüsse seiner Ausbildung und Studien ist 
der Pädagoge gebunden, und selbst wenn er mit voller Anerkennung zu neuen 



9 o Kelly Wolffhcim 



Prinzipien und Einsichten übergegangen ist, wird besonders der nicht mehr 
ganz junge Erzieher durch früher Aufgenommenes und Anerkanntes gebunden, 
ja, vielfach in seinem Schaffen behindert sein. Niemand vermag über seinen 
Werdegang hinwegzukommen. 1 

Die alte Erziehung ist weniger konflikterfüllt als die modern.': Sie stützt 
sich auf den festen Glauben an ihre Allmacht. Ihr steht ihre Aulgabe und ihr 
Ziel und das Bewußtsein ihres Einflusses fest; moderne Erziehung — wohl 
weil sie noch nichts fest Umrissenes ist — entbehrt dieses sicheren Gerüstes. 
Kommen dem Pädagogen die oben erwähnten Zweifel, dann verliert er leicht 
den Boden unter den Füßen und fragt sich, ob es überhaupt einen lieferen 
Sinn habe, Berufserzieher zu sein. Moderne Erziehung laßt pädagogische 
Wirksamkeit geringer erscheinen, soweit sie sich in Maßnahmen und Methoden 
dartut, doch weiter, wenn sie sich als höheres Menschentum auswirkt. Will 
man aus erzieherischem Tun einen Lebensberuf machen, gilt es, lieh ein Ideal 
zu gestalten, eine Formel für seine Aufgaben zu finden. Der Narzißmus des 
Menschen würde es nicht vertragen, auf die Dauer nur die passive Holle zu 
spielen, die der moderne Erzieher sich zuweist. Freilich, wenn sich sein Wirken 
auf den Einfluß von Mensch zu Mensch — der Übertragung im psycho- 
analytischen Sinne — aufbaut, wenn es ihm gelingt, Rinder und junge Men- 
schen auch ohne bewußte Aktivität mitzuziehen, dann wird er sieh nicht in 
die unbefriedigende Rolle des nur gelegentlich eingreifenden Beraters versetz! 
fühlen. Aber man vergesse nicht: Durchaus nicht jeder, der Kinder lieht und 
für sie leben will, nicht jeder, der Erzieher sein möchte, hat die Eignung, in 
einem größeren Kreise eine gute Bindung herzustellen. Und wo der Einfluß 
der mit den Kindern lebenden Persönlichkeit versagt, wird auch sein W irken 
ohne Widerhall bleiben und ihn selbst daher unbefriedigt lassen. Die alte 
Erziehung hat positive Stützen in ihren Maßnahmen, Vorschriften, Strafen. 
Moderne Erziehung setzt alles auf die Persönlichkeit und das durch sie ge- 
schaffene Milieu. 

Wer heute „Erzieher" werden will (bis für die umgestaltet,' Wirksamkeit 
ein zutreffenderes Wort gefunden wird, sei diese Bezeichnung gewählt), muß 
seine Stellung zum Kinde und zu seiner Aufgabe gut überschauen: er sollte 
versuchen, sich klar zu werden, welche Vorgänge in seinem Unbewußten ihn 
zum Kinde, zum Erzieherheruf führen. Es wäre daher wünschenswert, - - wenn 
auch fürs erste praktisch noch nicht möglich — t\M sich jeder angehende 



1) Nach Beendigung dieser Arbeit fand ich in der Zeitschrift „Tbc U0W l'.ni" einen 
Bericht über die von Tagore in Indien begründete Schule „SanlinikHim". ich möchte 
in diesem Zusammenhange eine Stelle daraus wiedergeben. Nachdem der Bericht- 
erstatter auf Schwierigkeiten hinwies, die die Durchführung des von Tagore befür- 
worteten freiheitlichen Systems gelegentlich den Lehren bereitet, fahrt er fort! 
„PracticaUy every one of us teachers has been to soine r.itent inoculatrtl with ihr poison of ihr 
old Systems . . . The ,old Adam' is strong in all of us, and it in sumriimrs hari for us not 
to impose lipon the children over whom we have control some of ihr to-calltd ,diseipliiic' •>) ihr 
older methods of education." 



Zur Psychologie des modernen Erziehers 



')' 



Erzieher einer Psychoanalyse unterzöge. Es läge dies in seinem Interesse, 
um Enttäuschungen und Fehlschläge einzuschränken, doch auch im Interesse 
der Kinder, denen ein analysierter Erzieher einsichtsvoller und verständnis- 
reicher gegenübertritt. 

Eingegangen im Sommer 192J. 















' 



Der Ödipus-Komplex im Fieberdelirium 
eines neunjährigen Mädchens 

Von Dozent Dr. Josef K. Fried jung (Wien) 

Während man seit Jung vielfach mit Erfolg den Versucli machte, die 
psychischen Produkte Geisteskranker mit den Mitteln der Psychoanalyse zu 
deuten und zu verstehen, ist meines Wissens diese Methode auf die flüchtigen 
Gebilde akuter Intoxikationspsychosen, im besonderen der im Kindesalter so 
häufigen Fieberdelirien, noch nicht angewendet worden. In der letzten Morbillen- 
epidemie Wiens vom Frühjahre 1925 konnte ich die folgende Beobachtung 
festhalten, die auch ohne ausführliche Analyse wegen ihrer Durchsichtigkeit 
die Annahme zuläßt, daß ein akutes Intoxikationsdelir den gleichen Gesetzen 
folgen kann, wie die Traumbildung. 

Die neunjährige N. L., das erste Kind gesunder Wiener jüdischer Eltern, 
ist von blühender Gesundheit, intelligent, gutmütig, leicht erziehbar. Die vier- 
jährige Schwester zeigt neuropathische Züge. N. hat seit Jahren ihr eigenes 
Schlafzimmer, doch soll es in früheren Jahren in der Ferienzeit vorgekommen 
sein, daß sie das Schlafzimmer der Eltern manchmal teilte. Kür/lieh gestand 
sie der Mutter ohne stärkeren Affekt im Gespräche, sie habe ein Geheimnis, 
Ohne viel Widerstand erzählte sie, vor etwa einem Jahre habe sie, da sie an 
den Storch nicht mehr glaubte, die Mutter nach der Herkunft der Kinder 
gefragt. Die Antwort sei ihr verweigert worden, aber einige Monate später 
habe sie es von einem anderen Mädchen erfahren. Der Mutter ober habe sie 
das verschwiegen. Während der Krankheit liegt sie in einem der Ehebetten 
neben der Mutter. 

Dieses Kind erkrankte an Morbillen. Heim Exanthemnusbruch mißt sie 
58*8° in axilla. Dabei spielen sich im Delir folgende Szenen ab: Ki.: „Mama, 
du darfst nicht bös sein!" — Mu. sucht sie zu beruhigen: „Du bist doch ein 
braves Kind. Warum sollte ich denn böse sein?" Ki.: „Weil ich geheiratet habe." 
Ein Weilchen der Beruhigung. Dann: „Sagst du es dem Papa?" — Mu.: „Was 
soll ich denn dem Papa sagen?" — Ki.: „Mit ihm hab ich doch geheiratet." 
Mu. beruhigt sie wieder; das mache doch nichts, sie solle jetzt nur schlafen. 
Ki.: „Ich kann doch nicht schlafen, der Papa macht doch so einen l..nm! 
Dabei hat sie die Mutter schmerzhaft fest an der Hand gefaßt, so daß man 
noch am Morgen die Spuren ihrer Fingernägel sieht. 



Der Ödipus-Komplex im Fieberdelirium eines neunjährigen Mädchens 95 

Bei meinem Kommen am Vormittag finde ich sie schon ziemlich munter. 
Ich frage nach dem Traume, und es entwickelt sich folgendes Gespräch: 

Ki.: „Wir haben in keinem Tempel und in keiner Kirche geheiratet. — 
Ich: „Ja, wo denn?" — Ki.: „Im Wald. (Nach einer Pause.) Und das schönste 
war, daß wir im Nachthemd waren, ich und der Papa. — Ich: „Nun, und 
was habt ihr dann gemacht? — Ki.: „Dann sind wir nach Hause gegangen 
und schlafen gegangen. — Ich: „Nun, hast du gut geschlafen? — Ki.: „Aber 
ich habe nicht schlafen können; der Papa hat einen solchen Lärm gemacht. — 

Auf dem Kästchen neben ihrem Bette steht ein Blumenstrauß. Ich: „Von 
wem hast du denn die Blumen?" — Ki. (lächelnd): „Vom Papa! Das ist das 
Hochzeitsbukett." — Dann erzählt sie noch (und das hat sich wirklich ab- 
gespielt): „Heute habe ich mit dem Papa telephoniert und habe ihn gefragt, 
wann wir auf die Hochzeitsreise gehen. Und er hat nicht gewußt, was ich 
will." — Ich: „Hast du denn deinen Papa so lieb?" — Ki. {ernst): „Ja, 

sehr! 

Die ganzen Aufzeichnungen beruhen auf einem Stenogramm, so daß ich ihre 
Verläßlichkeit verbürgen kann. Einer Deutung bedarf das kleine Protokoll 
wohl nicht. Wohl aber wäre es interessant, kindliche Fieberdelirien öfters zu 
fixieren, um ihren Inhalt kennen zu lernen. 



KRITIKEN UND REFERATE 



AUGUST AICHHORN: Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der 
Fürsorgeerziehung. Zehn Vorträge zur ersten Einführung. Mit einem Geleit- 
wort von Prof. Dr. Sigm. Freud. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 
Leipzig, Wien, Zürich 1925. 



Aichhom hat lange Jahre als Leiter 
staatlicher Erziehungsanstalten und als 
Erzieher in Erziehungsberatungsstellen 
gewirkt. Er ist ein Praktiker und sein 
Buch wendet sich an die praktisch in der 
Erziehung Tätigen. Er hat sich ein Teil- 
problom der Erziehung, die Fürsorge-Er- 
ziehung, zur eigentlichen Domäne gewählt. 
Sein Buch ist nicht für Analytiker ge- 
schrieben. Der Analytiker kann daraus 
bloß entnehmen, inwiefern es für die 
Fürsorgeerziehung und für die Erziehung 
im allgemeinen ein Fortschritt ist, wenn 
sie sich von der Psychoanalyse Rüstzeug 
holt. „Erziehungsarbeit ist etwas sui generis, 
das nicht mit psychoanalytischer Beein- 
flussung; verwechselt und nicht durch sie 
ersetzt werden kann. Die Psychoanalyse 
des Kindes kann von der Erziehung als 
Hilfsmittel herangezogen werden. Aber 
sie ist nicht dazu geeignet, an ihre Stelle 
zu treten", sagt Freud in seinem Geleit- 
wort. 

Erziehung ist eine zielgerichtete Tätig- 
keit. Der Erzieher ist Funktionär der Ge- 
sellschaft. „Wir sind Fürsorgeerzieher", 
sagt Aichhom, „und haben die soziolo- 
gischen Zusammenhänge zu erkennen. 
Wir können uns für unsere Person zu 
irgendwelcher Ordnung bekennen, haben 



aber einen streng vorgezeichneten Weg 
vor uns: die heutige dissoziale Jugend 
zur sozialen Einordnung zu führen." Der 
Begriff „verwahrlost'' umschließt ein sozio- 
logisches Werturteil, daraus folgt, daß er 
sich mit der wechselnden Gcscllschafts- 
struktur ändert und sicli dem jeweils har- 
schenden Gesellschaftsideal anpaßt. Aich- 
hom setzt die gesetzlichen Grundlagen 
der Fürsorgeerziehung auseinander und 
zeigt dabei, wie enge Grenzen das Ge>etz 
und unsere heutige Auffassung von der 
elterlichen Erziehungsgewalt dem aint- 
lichen Kr/.iehcr : lecken. \ m heugeiide I '.r- 
ziehungsfürsorge ist in fast allen Füllen 
unmöglich, es hleilil meist nur die viel 
schwerere Aufgabe, Schäden wieder gut 
zu machen. Der Autor schildert seine 
Tätigkeit in der Anstalt und in der offenen 
Jugendfürsorge. In der offenen Fürsorge, 
in der Frziehungsberalung muH das I'.in- 
greifen des Beraters rasch zu praktischen 
Resultaten führen. Der Erzieher muß 
trachten, möglichst schnell einen Über- 
blick zu bekommen, um die g. 'eigneten 
Maßnuhmen vorschlagen zu können, Die 
Zeit, so oft die Heilerin des Analytikers, 
ist die Feindin des l'.rzichungsberatprs. 
Aichhom, der ohne Zweifel ein un- 
gewöhnliches Muß von Intuition und 



Kritiken und Referate 



95 



Finfiihlungsgabe besitzt, kennt die psy- 
chische Situation eines Zöglings, der nach 
mannigfachen Reibungen mit der Um- 
gebung nur gezwungen zu ihm kommt. 
Er trägt seinem Mißtrauen Rechnung und 
weiß die Übertragung herzustellen. Der 
Erfassung des psychischen Sachverhaltes 
dient die Exploration, die Aichhom 
unter der Bezeichnung einer Symptom- 
analyse schildert. Ich halte diese Bezeich- 
nung nicht für sehr glücklich gewählt 
— denn mit Analyse oder analytischer 
Technik hat diese Art der Ausforschung 
nichts zu tun. Selbstverständlich haben 
schon vor Aichhom alle Erziehungs- 
berater solche Ausforschungen versucht. 
Aber ihre Bemühungen mit oder ohne 
wissenschaftliche Apparatur mußten alle 
mehr oder weniger im rein Intellektuellen 
und Formalen stecken bleiben, weil ihre 
Denkrichtung und Beobachtungsschulung 
ihnen die affektive Seite des Problems zu 
wenig enthüllte. Aichhom hat hingegen 
bewußt und theoretisch wohl fundiert die 
Ergebnisse dynamischer psychoanalyti- 
scher Psychologie auf die Erziehiuig ange- 
wandt. 

Er erzeugt die Affektsituationen, wie 
er sie für seine Zwecke braucht, experi- 
mentell. Dem Hochstapler, dessen korrekte 
Glätte eine unüberwindliche Waffe ist, 
entwindet er diese, indem er den Zögling 
durch ein suggestives Gespräch zum Durch- 
brennen veranlaßt. Der zurückgekehrte 
Flüchtling bietet ihm dann die psychische 
Situation, die er braucht. Der Dieb an 
der Tabakskasse, dem er auf der Höhe 
der Affekte das Abreagieren verwehrt, um 
die Katharsis wirksam vorzubereiten, ist 
ein zweites Beispiel für die Art und Durch- 
führung solcher Experimente. Welche 
große Bedeutung Aichhom der Affekt- 
situation beimißt, beweist auch der Um- 
stand, daß er dem Erzieherpersonal durch 
gemeinsame Aussprachen und Unterredun- 



gen unter vier Augen die Möglichkeit zu 
Affektentladungen bot. 

Aichhorn stellt die Übertragung in 
den Mittelpunkt der Erziehung, Sie ist 
ihm Ausgangspunkt, und wie es scheint, 
einziges Erziehungsmittel. Was eine ge- 
schickt gehandhabte Übertragung zu leisten 
imstande ist, zeigen seine Erfahrungen 
an den Aggressiven. Solche Zöglinge 
machen die größten Führungsschwierig- 
keiten und man zog, allzu sehr beein- 
druckt durch die praktischen Erwägungen 
den Schluß, daß diese Fälle auch erzie- 
herisch die hoffnungslosesten und un- 
günstigsten sein müßten. Aichhorn gab 
diesen Burschen in der Person der weib- 
lichen Erzieherinnen das Objekt, an das 
sich ihre durch Nachlassen der Aggres- 
sionen freiwerdende Libido am leichtesten 
anhängen konnte, und erreichte dadurch 
Objektbesetzung und Erziehbarkeit. Für 
den Analytiker sind solche Erfahrungen 
eine hübsche Bestätigung seiner theo- 
retischen Annahmen, für die Erziehungs- 
praktiker sind es neuartige Tatsachen auf 
Grund neuartiger Überlegungen. Wie er 
in der offenen Fürsorge, in der Erziehungs- 
beratung, die Übertragung handhabt, 
schildert er an zahlreichen Beispielen. Er 
redet mit den Burschen vom Fußball und 
vom Kino; mit den Mädchen von der 
Haarschleife oder vom Bubikopf. 

Der Autor unterscheidet eine latente 
und eine manifeste Verwahrlosung. „Unter 
Verwahrlosung versteht man den Zustand, 
bei dem die Mechanismen, die das soziale 
Handeln bestimmen, nicht normal ablaufen. 
Unter Anlaß, Auslösung der Verwahrlosung, 
versteht er alles das, was man bisher als 
die Ursache der Verwahrlosung ansah : die 
Gesellschaft, die Lektüre, das Kino usw. 
Den Verwahrlosungsäußerungen kommt 
nur symptomatische und soziologische Be- 
deutung zu. Allgemeinste Ursache der 
Verwahrlosung ist immer ein Zuwenig 



Kritiken und Referate 



oder Zuviel. Ein Zuviel an geforderter 
Triebeinschränkung und Zuwenig an ge- 
währter Triebbefriedigung, oder ein Zu- 
viel an gewährter Triebbefriedigung und 
ein Zuwenig an verlangter Triebeinschrän- 
kung. Diese Ergebnisse beweisen auch, 
wie oberflächlich die modernen Erzie- 
hungsbestrebungen das Problem treffen, 
die Erziehen mit Gewährenlassen gleich- 
setzen. Sicher wurde durch allzu harte 
Zucht an den Erziehungsobjekten viel 
verdorben, aber das andere Extrem ist 
ebenso undurchführbar und kann zu den 
gleichen Schädigungen führen. Er gibt 
absichtlich keine Definition der Verwahr- 
losung und keine Theorie. Er schildert 
seine praktischen Erfahrungen und greift 
einige Typen heraus, die ihm mit Hilfe 
seiner psychoanalytischen Schulung durch- 
sichtiger waren, wie den Erziehern ohne 
eine solche Vorbildung. Er versucht die 
Aufhellung des Problems vom Einzel- 
individuum aus. Man hat bis jetzt meist 
versucht, das Problem von außen anzu- 
gehen, von der Gesellschaft aus, und die 
Wirkungen auf die Gesellschaft waren es 
vorwiegend, die die Aufmerksamkeit der 
Bearbeiter auf sich zogen. Aichhorn fragt 
sich, unter welchen Umständen wir ein 
Kind als normal bezeichnen. Als normal 
vom Standpunkte der Erziehung aus ge- 
sehen, bezeichnen wir ein Kind, das sich 
den von der Umwelt geforderten Trieb- 
einschränkungen unterwirft, die Wege 
und Ziele seiner Triebbefriedigung im 
Sinne der kulturellen Forderungen formt. 
Setzt es dem auf seine Triebbefriedigung 
geübten Druck einen erfolgreichen Wider- 
stand entgegen, so muß es sich, da es 
keine Vernichtung von Trieben gibt, ab- 
norm entwickeln. Er gibt einige Beispiele, 
die zeigen, unter welchen Umständen 
solche fehlerhafte Entwicklungen zustande 
kommen. Er führt Fälle an, bei denen das 
unbewältigbare psychische Trauma solche 



Folgen zeitigt. Ein andere* Mul zeitigt 
eine unbewußte inzestuöse Bindung das 
gleiche unerwünschte Endergebnis. El 
wären noch viele Voraussetzungen denk- 
bar, die gleiche Wirkungen haben können. 
Auch der Verbrecher aus Schuldgefühl 
gehört in diesen Zusammenhang. Aich- 
horn erwähnt ausdrücklich, daß nicht 
jeder Verwahrloste ein neurotisches Pro- 
blem biete. Wenn er trotzdem so viele 
Beispiele gerade ans Gruppen bringt, die 
alle große Ähnlichkeiten ">•' Neurotikern 
oder Psychotikern aufweisen, so liegt das 
an der Auswahl des Materials. Di. -sc Fälle 
waren natürlich dem analytisch Geschulten 
am durchsichtigsten. Gerade an diesen 
Fällen kann er die Leistungsfähigkeit 
seiner Betrachtungsweise am treffendsten 
beweisen. 

Um den Piidagogon seine theoretischen 
Folgerungen klarzulegen, stellt sich Aich- 
horn absichtlich auf einen einseitigen 
Standpunkt, auch um zu zeigen, wie weit 
diese Betrachtungsweise führt. Zuerst 
macht er das Lust- und Rcalilätsprinzip 
zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen 
und untersucht das Problem der Ver- 
wahrlosung in seinrr .Stellung zum Lust- 
und Realitätsprinzip. Er schildert das 
Kind, absichtlich schematisierend und 
vereinfachend, als das primitive Lust- 
Ich. Er geht weiter und zeigt, wie 
die allereinfachsten Anforderungen des 
Lebens die Alleinherrschaft des Lust- 
prinzips brechen und dem Renlitiitspriuzip 
Geltung verschaffen. Das Kealitätsprinzip 
wird so weit dominierend, dal) die Selbst- 
behauptung, die Befriedigung der ein- 
fachsten vitalen Interessen gewährleistet 
wird. Das soziale Handeln wird dadurch 
noch keineswegs garantiert — das soziale 
Handeln ist das Resultat der gelungenen 
Unterordnung unter die hemmenden, 
triebbeschränkenden Mächte. Diese Ein- 
stellung macht auch die Tatsache ver- 



Kritiken und Referate 



9? 



Ständlich, daß Dissoziale, die in den Äuße- 
rungen ihrer Verwahrlosung so wirklich- 
keitsfremd und triebhaft blind vorgehen, 
sich oft dem taglichen Leben und dem Beruf 
glänzend anpassen. Die Äußerungen der 
Sexualität sind bei den Dissozialen nicht 
unter einheitliche Gesichtspunkte zu ord- 
nen. Es gibt unter ihnen solche, die sich 
auf sexuellem Gebiet scheinbar völlig 
normal verhalten; Frühentwickelte und 
Spätentwickelte, Potente oder wenig 
Potente und auch Impotente. 

Im letzten Vortrag untersucht Aich- 
hom sein Problem von strukturellen 
Gesichtspunkten aus. Das soziale Handeln 
setzt einen normalen Kontakt zwischen 
Ich und Über-Ich voraus, und ein Ich- 
Ideal, das die Gesellschaftsnormen als 
bindend anerkennt und bei von diesen 
Normen abweichendem Verhalten das nor- 
male, bewußte Schuldgefühl auslöst. Auch 
hier zeigt Aichhorn an einigen Typen 
Konstellationen, die eine solche Entwick- 
lung erschweren oder unmöglich machen. 
Angehörige von Verbrecherplatten z. B. 
verhallen sich innerhalb ihrer Lebens- 
gemeinschaft oft völlig sozial. Aber ihr 
Ich-Ideal steht im Gegensatz zu den all- 
gemein herrschenden Gesellschaftsnormen, 
und so muß es zu Reibungen, zu irgend- 
welchen, von der Gesellschaft als asozial 
empfundenen Äußerungen kommen. Ein 
uneheliches Kind, das wie ein überall 
störender Gegenstand von Ecke zu Ecke 
gestoßen wird und von Pflegestelle zu 
Pflegestelle wandert, hat niemals Zeit und 
Ruhe genug, um dauerhafte Objektbe- 
setzungen einzugehen, es wird nie dazu 
kommen, durch Introjektion einen Über- 
ich-Kern zu bilden. In einem anderen 
Falle entlehnt das Kind eines Säufers dem 
unbrauchbaren Vorbild unbrauchbare Züge 
für eine Über-Ich-Bildung. Die Roheits- 
delikte solcher Kinder lassen sich auf 
dieser Basis ohne die Annahme einer 



hereditären Belastung erklären. Es ist auch 
anzunehmen, daß es Kinder gibt, wo bereits 
durch Anlage die Faktoren, die die Mecha- 
nismen der Objektbesetzung und Intro- 
jektion auslösen, nicht funktionieren; auch 
in diesen Fällen, die freilich meist der 
Psychose sehr nahe stehen werden, kann 
es zu Verwahrlosung kommen. Ein eben- 
so mangelhaftes Endresultat wird sich 
ergeben, wenn die Eltern unvereinbare 
Gegensätze sind und dadurch die Identi- 
fizierung erschweren, wenn Identifizie- 
rung und Objektbesetzung gegeneinander 
spielen. 

Damit ein Dissozialer sozial wird, muß 
er das fehlende Stück Entwicklung nach- 
holen. Er muß über die Mechanismen 
der Objektbesetzung, Identifizierung und 
Introjektion zu einem für diese Ge- 
sellschaftsordnung passenden Ich - Ideal 
kommen, dessen Forderungen sich das 
Ich fügt. Der Erzieher des Dissozialen 
muß die Situation kennen und wissen, 
welche psychische Prozesse in seinem 
Erziehungsobjekt ablaufen müssen. Ein 
analysierter Erzieher, der die Übertra- 
gungs- und Widerstandszeichen an seinen 
Zöglingen bemerkt und ihnen mitbewußter 
Überlegung begegnen kann, wird sichrere 
und häufigere Erfolge haben, wie ein 
anderer, den Unkenntnis des eigenen und 
fremden Seelenlebens immer wieder um 
die Früchte seines Wirkens bringen. Der 
Persönlichkeit des Erziehers fällt eine 
wichtige Rolle zu im Erziehungswerk. 
Den Verwahrlosten muß die Übertra- 
gung das fehlende Stück Entwicklung 
nachholen lassen. Der Erzieher arbeitet 
im Gegensatz zum Analytiker nur mit 
der positiven Übertragung; sie ist ihm 
Helferin und Wegbereiterin. Aber die 
Objektbesetzung, die Übertragung ist auch 
hier bloß der erste Schritt — und wenn 
Aichhorn von „Ausheilung" in der Über- 
tragung spricht, so meint er damit kein 



Imnßo XII. 



9« 



Kritiken und Referate 



Analogem zu dem, was wir in der Ana- 
lyse einen Übertragimgserfolg nennen. 
Die Dynamik einer erzieherischen Aus- 
heilung ist eine etwas andere wie die 
einer analytischen Ausheilung. Ob die 
Persönlichkeitsstruktur des Zöglings es 
erlaubt, sich mit der Erzieherperson zu 
identifizieren imd sie zu introjizieren, ist 
das ausschlaggebende Moment. Ein Stück 
Über-Ich muß nach dem Erziehervorbild 
sich formen. Dafür ist natürlich die 
Struktur und Genese des Über-Ichs wichtig, 
weil ja, wie Freud im Ich und Es aus- 
führt, .,der Charakter des Ichs ein Nieder- 
schlag der aufgegebenen Objektbesetzun- 
gen ist und die Geschichte dieser Objekt- 
wahlen enthält". Dort, wo das vorhandene 
Über-Ich den Anforderungen des Erziehers 
konträr ist, wird die Erziehung ebenso 
scheitern wie dort, wo ein überstarker 
Narzißmus die Objektwahl verhindert. 
Die Frage der Erziehbarkeit fällt zu- 
sammen mit der Frage der Übertragungs- 
fähigkeit. 

Aichhorns Buch, von einem Päd- 
agogen für Pädagogen geschrieben, ent- 
hält vieles, was dem Analytiker selbst- 

WILLIAM McDOUGALL: Professo 
his Theory of Suggestion. British 
Bd. V, p. 14. 

In dieser Arbeit, die ein Beitrag zu 
einer Festschrift für Morton Prince 
(Morton Prince Commemoration Volume) 
ist, schreibt McDougall eine Kritik zur 
Freudschen Auffassung der Massen- 
psychologie. Er beginnt in sarkastischem 
Ton und macht Freud den Vorwurf von 
Widersprüchen bei Anwendung der Worte 
grausam, brutal und destruktiv in be- 
zug auf die Instinkte. Freud anerkennt 
McDougalls grundlegende Theorie der 
Massenpsychologie, daß, trotz Herab- 
setzung des individuellen Niveaus in der 



verständlich erscheint und viele* nicht, 
was der Analytiker vom l'iidiigngen gerne 
wissen möchte. Für das Publikum dieses 
Pädagogen, mit seinem Mißtrauen gegen 
die Analyse und seinem Sexual widerstand] 
sind die außerordentlich zurückhallenden 
Formulierungen anul\ 1 ische- Tatbestände 
bestimmt. Für dieses Publikum ist auch 
die Sprache, die alle in der l'.rzicliim;.: 
üblichen Fachausdrucke so verwendet, 
wie es die pädagogische Literatur tu!. 
Für den Analytiker, der unter manifest, 
latent oder Regression ganz bestimmte 
in seiner Disziplin scharf umschrie- 
ben« Begriff« keimt. Est dieser Um- 
stand manchmal irreführend. Aichhorns 
Buch will werben und interessieren, der 
Analyse neue Kreise erschließen und 
Sympathien gewinnen. Kr will tatsächlich, 
wie der Titel sagt, eine erste Kiiilührung 
geben, und zeigen, wie alte Probleme 
durch eine neueDUtiplin, eben die Psycho- 
analyse, ihrer Beantwortimg näher ge- 
bracht werden. Ich glaube, daß das Buch 
die Aufgabe, die sich sein Autor gestellt 
hat, in mustergültiger Weise erfüllt. 

Hedwig SehaXfl] (Wien). 

r Freud*! Group Psychology and 

Journal of Mi-dical Psychology, 1025, 

Masse, die Menschheit sieh nur durch das 
Lehen in der Gemeinschaft über das Tier 
erhebt. McDougall beklagt sich darüber, 
daß trotz dieser Anerkennung Freud 
seine Auffassung der Organisation verwirft 
und bloß das Problem von neuem auf- 
stellt, ohne eine andere Losung vorzu- 
schlagen. Weiter wendet er ein, daß Freud 
seine Theorie der gesteigerten AlTektivitüt 
der Masse mißversteht, indem er von ihm 
(McDougall) behauptet, daß er das Phä- 
nomen „durch die uns bereits bekannte 
Gefühlsanslcckung" erklare. McDougall 



Kritiken und Referate 



99 



versichert uns, daß er gar keine Erklärung 
gegeben hat und versucht ziemlich aus- 
führlich zu beweisen, daß Le Bon zwar 
diese Gefühlsansteckung als eine Sug- 
gestionswirkung hinstellt, er aber darin 
ein ganz anderes Grundphänomen erblickt. 
In seinen „Introductions to Social Psycho- 
logy" erklärt der Autor, daß er diese 
Punkte deutlich unterscheide, und stellt 
auch eine e inde utige Theorie der Sug- 
gestion auf, die Freud anscheinend über- 
sehen hat. Er argumentiert, daß man bei 
Herdentieren einen ausgesprochenen spe- 
zifischen Unterwerfungstrieb findet, welcher 
als wichtigster Triebfaktor bei der echten 
Suggestion am Werk ist. Freud hat nach 
Behauptung des Autors keine Definition 
der Ich -Triebe zu geben versucht, wäre 
aber, wenn er es getan hätte, zu dem 
Ergebnis gekommen, diese den Selbst- 
erhaltungs- und Unterwerfungstrieben 
gleichzusetzen. McDougall beginnt dann 
eine Polemik gegen Freuds Aufstellung 
der libidinösen Bindungen einerseits an 
den Führer, anderseits an die anderen 
Mitglieder der Masse. Er will uns nahe- 
legen, daß das Vorhandensein solcher Bin- 
dungen von Freud behauptet worden sei, 
um die Massenpsychologie bloß zu einem 
Anhang seines psychologischen Systems 
zu stempeln. Weiters untersucht der Autor 
Freuds Unterscheidung zwischen der 
echten Panik und der bloßen Massenangst, 
wobei erstere durch den Tod des Führers 
gekennzeichnet ist. Er findet, daß diese 



Theorie durch Anführung authentischer 
Fälle im letzten Kriege hätte unterstützt 
werden müssen. Nach McDougall ist 
die Panik Funktion eines in der unorgani- 
sierten Masse wirkenden Triebes und 
nicht, wie Freud angibt, „eine Leistung 
des ,group mind iu . In einer späteren Be- 
hauptung verrät der Autor seine Unfähig- 
keit, Freuds umfassende Libidotheorie 
zu verstehen; er meint, es wäre viel ein- 
facher, die Elternliebe ganz gesondert vom 
Sexualtrieb anzusehen. Seine Neigung zu 
dieser Annahme eines unabhängigen Eltern- 
triebes unterstützt er durch den Hinweis, 
daß bei den meisten Tieren die beiden 
Triebe ganz unabhängig arbeiten. Gegen 
die Auffassung der Masse als Wiederauf- 
leben der Urhorde wendet er ein, daß es 
weniger ausgefallene Erklärungsmöglich- 
keiten gibt, daß dabei die führerlose 
Masse nicht in Betracht gezogen ist, daß 
sie nichts zum Verständnis der gegen- 
seitigen Suggestibilität unter den Mit- 
gliedern einer Masse beiträgt, schließ- 
lich stellt diese Auffassung das ganze 
Gemeinschaftsleben als archaische Re- 
gression hin und sieht in Neid und sexu- 
eller Eifersucht die Wurzeln höherer Lei- 
stungen, wobei die Wurzeln selbst un- 
erklärtbleiben. McDougall schließt mit 
den Worten: „unbewiesen und höchst un- 
wahrscheinlich". Er für seine Person will 
von der geheimnisvollen Macht des Ur- 
vaters unberührt bleiben. 

Robert M. Rigall. 



Health and Psychology of the Child. — Herausgegeben von Elizabeth 
Sloan Chesser MD. Verlag W. Heinemann Ltd. 



Die vielen Besprechungen, die über 
das Buch bereits erschienen sind, ließen 
uns erwarten, darin viel Neues für Eltern 
und Lehrer zu finden. Dies ist aber nicht 
der Fall. Die Tatsachen und die Art, wie 
sie dargestellt sind, bewegen sich auf aus- 



gefahrenen Bahnen, und während die ver- 
schiedenen Autoren häufig von der unge- 
heueren Bedeutung der Kinderpsychologie 
sprechen, müssen wir uns oft erstaunt 
fragen, wie weit die tiefere Psychologie 
des Kindes wirkliche Berücksichtigung 



lOO 



Kritiken und Referate 



gefunden hat; dasselbe gilt von seinen 
Strebungen und Triebäußerungen und 
deren — normalen oder pathologischen — 
Umbildungen im Laufe der Entwicklung. 
Auf die Ursache vieler, nur allzu bekannter 
Schwierigkeiten im Leben des Kindes 
wird nicht näher eingegangen und immer 
wieder die Mutter als geeignetste Person 
zur Behebung aller Cbelstände gepriesen. 
Und doch weiß jeder, der dieses Thema 
im Lichte der neuesten psychologischen 
Funde untersucht hat, daß die innigen 
Bande zwischen Eltern und Kind, die 
Tatsache, daß jene in ihrem Verhalten 
von der unbewußten Einstellung zu 
ihren Kindern bestimmt werden, was 
eigentlich bei allen Fällen die Ursache 
des Übels ist, nicht dazu angetan sind, 
die Eltern zum Arzt einer Krankheit zu 
machen, die sie selbst verschuldet haben. 
Wir sind überrascht, von Autoren, die 
Einzeluntersuchungen an Kindern und 
über kindliche Probleme angestellt haben, 
etwa folgende Bemerkungen zu hören, 
um einige besonders krasse Beispiele her- 
auszugreifen: „Wenn jedoch ein Ver- 
halten tatsächlich Schmerz oder Unbe- 
hagen zur Folge hat, werden selbst sehr 
kleine Kinder es nicht wiederholen wollen 
und einen anderen Weg der Reaktion 
wählen. Die frühe Erwerbung guter und 
die Vermeidung schlechter Gewohnheiten 
ist eine der ersten Stufen der psycho- 
logischen Erziehung des kleinen Kindes, 
eines der Hauptziele einer guten Mutter. 
Daraus erklärt sich die Berechtigung kor- 
rektiver Strafen auch schon bei ganz 
kleinen Kindern." Nach diesen Ausfüh- 
rungen könnte man schließen, daß Dr. Eric 
Pritchard die Anwendung schmerz- 
hafter, korrektiver Strafen schon bei „ganz 
kleinen Kindern" empfiehlt. Eine der- 
artige Ansicht überrascht uns in einem 
Buch, das die Psychologie des Kindes be- 
handelt, da wir mit anderen modernen 



Autoren zu glauben geneigt sind, daß 
solche Methoden nni hgew iescnermaßen 
häufig von schlimmsten folgen begleitet 
waren und den Grundstein zu Neurosen 
oder störenden Charnkterziigcn im Leben 
des Erwachsenen gelebt haben, weshalb 
sie gewöhnlich nicht für ratsam gelten. 
Es klingt — tun es milde auszudrücken — 
wie Rachsucht von Seiten des Erwach- 
senen, daß er wünschen sollte, einem 
Säugling eine schmerzhafte, korrektive 
Strafe zuzufügen. An andercrStelle schreibt 
derselbe Autor: „Die Suggestion bildet 
während der ersten Lebensjahre eine so 
mächtige Quelle der llceinl'lussung, daß 
man oft Gefahr läuft, ihre Macht zu miß- 
brauchen . . . unter diesen Umständen 
kann die kleinste Gebärde, der leiseste 
Wechsel im Ausdruck genügen, um unter- 
würfigen Gehorsam zu erreichen. Obwohl 
für eine günstige Charakterbildung unbe- 
dingter Gehorsam zu jeder '/.rit durchaus 
notwendig ist, wird trotzdem die kluge 
Mutter eine solche Autorität so selten 
wie möglich in Anwendung bringen und, 
soweit es die Umstände erlauben, den 
Geist der Selbständigkeit und Unabhängig- 
keit im Kinde fördern. Das Kind, das 
man beständig mit Ermahnungen quält, 
dies zu tun, jenes zu unterlassen, wird 
bald neurotisch und gehemmt." Diesem 
abschließenden Salz müssen wir aus 
ganzem Herzen beipflichten, aber zweifel- 
los widerspricht sich der Autor im Laufe 
dieses Abschnittes; ist es doch schwer 
einzusehen, wie der „jederzeit unbedingte 
Gehorsam" eines Kindes ohne die Wir- 
kung sehr starker Vcrdrängungsmaß- 
nahmen erzielt werden kann; diese werden 
gleichzeitig die Entwicklung des „selb- 
ständigen, unabhängigen Geistes" hemmen 
und unweigerlich zu „Hemmungen und 
Neurose" führen. Man muß sich wohl 
für den einen oder linderen Weg ent- 
scheiden. 



Kritiken und Referate 



101 



Dr. Camer on gibt ebenfalls über- 
raschende Ratschläge in seiner „Treat- 
ment" überschriebenen Arbeit, wo er das 
von ihm als „Nahrungsverweigerung aus 
Negativismus" (Refusal of Food caused hy 
,Negativisrri) bezeichnete Thema behandelt. 
Er meint, das Symptom sei nicht schwer 
zu bekämpfen, und empfiehlt den Eltern, 
systematisch ihre Handlungsweise der des 
Kindes anzupassen, d. h. von ihm tatsäch- 
lich das genaue Gegenteil des Gewünschten 
zu verlangen, in der Hoffnung, das Kind 
werde in seinem Negativismus fortfahren. 
Aber Kinder sind nicht ganz so einfältig, 
wie Dr. Camcron annimmt. Schon sehr 
kleine Kinder würden eine so durchsichtige 
List bald durchschaut haben und ihre 

EDITH ROWLAND: A. Pedagog 

& Sons S. T. D. 

Wenn wir auch nicht wissen, welche 
Motive die Autorin dazu bestimmt haben, 
die Erkenntnisse pädagogischer Fachleute 
des sechzehnten und siebzehnten Jahrhun- 
derts auszuwählen, um sie in einem kleinen 
Band zusammenzufassen, sind wir ihr für 
dus Resultat zu höchstemDank verpflichtet. 
Wir haben es bisher für das Verdienst 
unseres aufgeklärten Zeitalters gehalten, 
daß wir uns mit dem wichtigen Thema 
derKleinkindererziehung beschäftigen und 
unsere Aufgabe darin sehen, die Wir- 
kungen der einzelnen Methoden zu er- 
forschen, uns über die schlimmen Folgen 
begangener Erziehungsfehler klar zu wer- 
den und zu versuchen, den angerichteten 
Schaden wieder gut zu machen oder 
wenigstens theoretisch einen Ausweg zu 
finden. Aus der Lektüre dieses Buches 
sehen wir, daß wir keineswegs Pioniere 
der Forschung auf .diesem Gebiete waren. 

Wir neigen vielfach zu der Amiahme, 
daß die Erziehungsmethoden früherer 
Zeiten streng waren und als einziges 
Mittel, größeren Fleiß im Lernen zu er- 



Eltern dementsprechend beurteilen. Wenn 
Eltern nach eigenem Gutdünken in dieser 
Weise vorgehen, erkennen sie früher oder 
später, welch schweren Fehler sie be- 
gangen haben, wenn es entweder zu 
spät oder schwer ist, ihn wieder gut zu 
machen. Ist es da nicht unnötig, Eltern 
noch den verderblichen Rat zu geben, 
gerade das zu tun, was sie bessern wollen, 
indem sie ihren Kindern ein Beispiel 
von Unaufrichtigkeit und unehrlicher Ab- 
sicht geben, und dabei von diesen zu 
erwarten, daß sie zu rechtlichen Men- 
schen heranwachsen und nicht ihre Eltern 
bei jeder Gelegenheit zu hintergehen 
trachten werden. 

Mary Chadwick (London). 

ues Commonplace Book. Dent 

zwingen, die Rute angewendet wurde. 
Von Roger Ascham hören wir jedoch 
das Gegenteil: „Kleine Kinder", schreibt 
er, „sollte man lieber durch Freundlich- 
keit und Liebe zum Lernen verführen, 
statt sie durch Schläge und Gewalt dazu 
zu zwingen." An einer anderen Stelle 
heißt es : „Wo Liebe herrscht, fehlt Arbeit 
selten." Von mehr als einem dieser wür- 
digen Männer hören wir die Ansicht ver- 
treten, daß durch Schläge das eigensinnige 
Kind leicht noch trotziger wird und daß 
die Schule, in der zu strenge Zucht herrscht, 
aus dem Knaben einen Rebell und Aus- 
reißer macht, was , eine nur „schwer zu 
behebende" Schädigung seines Charakters 
bedeutet. Erfahrene Psychoanalytiker haben 
dasselbe Thema behandelt und teilen diese 
Ansichten, wenn auch ihre Sprache im 
einzelnen und in der Terminologie ab- 
weichen mag. 

Hezekiah Woodward, ein Pionier 
der Pädagogik im Anfang des siebzehnten 
Jahrhunderts, mit tieferem psychologischen 
Verständnis für diese Probleme als manche 



102 



Kritiken und Referate 



seiner Zeitgenossen besaßen, versichert 
nicht nur, beobachtet zu haben, daß „das 
Kind unter einer strengen Hand frecher 
wird", und daß „Gewalt und Heftigkeit 
das Herz verhärten, während liebevolle 
und freundliche Überredung es gewinnen, 
auftauen und schmelzen", sondern meint 
auch, daß Charakterzüge der Eltern sich 
in den Kindern widerspiegeln. So macht 
er Eltern, die in Zorn und Härte ihre 
Kinder strafen, darauf aufmerksam, daß 
sie ihr eigenes Bild mißhandeln: „Es ist 
eine sichere Wahrheit, daß ein Vater sein 
eigenes aufrührerisches und trotziges 
Herz nirgends lebenswahrer wiederfindet, 
als bei seinem trotzigen Kind; dort kann 
er es so klar sehen, wie das Spiegelbild 
im Wasser das wahre Gesicht wiedergibt; 
dies ist eine schwerwiegende Wahrheit, 
wenn man sie beherzigt." Freud ist 
in seinem letzten Buch „Das Ich und das 
Es" zum Ergebnis gekommen, daß der 
Knabe die männlichen Eigenschaften seines 
Vaters oder einer väterlichen F.rsatzperson 
in die Bildung seines Ich-Ideals aufnehmen 
muß. Diese Erscheinung, wenn auch 
nicht die Unterscheidung von Identifi- 
kation und Nachahmung, war im sech- 
zehnten Jahrhundert bekannt, zumindest 
empfiehlt Sir Thomas Elyot: „Ich 
halte es für ratsam, daß ein Kind 
von seinem siebenten Lebensjahre der 
weiblichen Obhut entzogen wird . . ., daß 
man ihm einen Hofmeister hält . . ., wo- 
möglich einen, durch dessen Nachahmung 
das Kind sich zum Besten entwickelt", 
ferner ist er der Ansicht, daß man bei 
der Wahl eines Lehrers nicht bloß seine 
didaktischen Fähigkeiten in Betracht 
ziehen soll; es sei auch zu überlegen, ob 
er „seiner Anlage nach enthaltsam und 
tugendhaft sei, besonders keusch in der 
Lebensführung, sehr freundlich und ge- 
duldig, auf daß durch keinerlei unreines 
Vorbild die zarte Seele des Kindes ver- 



giftet würde, wovon sie nachher nur 
schwer genesen konnte ". 

Richard M ulcaster verdanken wir 
in so früher Zeil die l'.i Kenntnis, daß das 
Ziel der Pädagogik dahingehe, „das Kind 
nicht zu einem Leben für sich, sondern 
unter anderen Menschen zu erziehen". 
Den Wahrheitsgehalt dieses Gedankens 
zu erkennen, hat der Psychoanalytiker 
vielleicht mehr Gelegenheit als siele an- 
dere; zeigt sich ihm doch das Vertagen 
von Erziehung und Beeinflussung durch 
die Umgebung — in jenem /.arten Aller 
die H&uptfaktoren der Erziehung — selten 
mit solcher Klarheit, wie in der Analyse; 
dort treten ihm die Kämpfe des Neuroti- 
kers, mit anderen Menschen zusammen« 
zulehen, unmittelbar vor Augen, er sieht 
dessen völlige Unfähigkeit, es sei denn 
unter schwersten Schädigungen seiner 
Person — dies zustande EU bringen. 

Erst bei dem Kapitel über Mädchen- 
erziehung merken wir einen hedeiilenden 
Unterschied zwischen dem pädagogischen 

Standpunkt von damals und jetzt. Wollen 

wir heute einen Widerhall oder richtiger 

ein Weiterleben j r Ideen linden, müßten 

wir das 1,'nhewußte lies modernen Mannes 
untersuchen; denn dort finden sich seine 
Anschauungen und Wunsche fast unbe- 
rührt vom Lauf der Jahrhunderte. Die 
meisten, an anderer Stelle des Buches 
bereits angeführten Autoren vertreten die 
Ansicht, daß Mädchen auch unterrichtet 
werden sollten, aber nicht zuviel, da es 
für sie nicht notwendig sei. Der Beruf 
der Frau geht nicht dahin, geistig ZU 
arbeiten, sondern dem Mann EU dienen 
und Lust zu bereiten; denn ..nach ihm 
und für ihn ist sie geschaffen worden". 
Daher bruuehen sie nicht mehr Bildung 
und Kenntnisse, als für die Besorgung 
seines Haushaltes, die Pflege seiner 
Kinder und die Bewirtung seiner Gäste 
nötig ist. 



Kritiken und Referate 



105 



Dieses Buch wird jeder mit Vorteil 
lesen, der sich für das reichhaltige Thema 
der Kinderpsychologie und Erziehung 
interessiert; deiui hier sieht man wirklich, 
wie ein Zeitalter mit Eifer an die Neu- 

MARY CHADWICK: The Inter-Rel 
The New Era. V. No. 18. 1924. 

Dieser kleine Aufsatz verdient Beach- 
tung. Weniger seiner Ergebnisse wegen, 
diese sind nicht zahlreich und nicht er- 
staunlich, sondern wegen der Betrachtungs- 
weise. Er begnügt sich nicht mit der be- 
haglichen immer wieder feststellenden 
Freude, daß in den letzten Jahren ein 
lebhaftes psychologisches Interesse unter 
den Pädagogen entstanden ist und immer 
weiter um sich greift. Vielmehr wird ver- 
sucht, diesem Interesse gegenüber die Frage 
nach seinen psychischen Motivationen zu 
stellen, und von hier aus einige Schritte 
zur Psychologie des Erziehers (und ins- 
besondere der Erzieherin) zu tun. Es ge- 
schieht das auf dem Boden der Psycho- 
analyse. Die Psychoanalyse hat sich bisher 



entdeckung von Erkenntnissen und Theo- 
rien geht, die aus früheren Bemühungen 
hervorgegangen, aber inzwischen in Ver- 
gessenheit geraten waren. 

Mary Chadwick (London). 

ations of Education and Neurosis. 

damit begnügt, unter voller Akzeptierung 
des Umrisses und der Ziele der Päd- 
agogik, ihre Erkenntnisse über die seeli- 
schen Erscheinungen beim Kinde und 
Jugendlichen in den Dienst dieser Päd- 
agogik zu stellen. Als erfreuliches Symptom 
dafür, daß die Möglichkeit und Notwendig- 
keit des nächsten wichtigen Schrittes in 
unserem Kreise gesehen wird, darf man 
diesen Aufsatz buchen. Die Pädagogik 
selbst und das Verhalten der Erzieher 
psychoanalytisch zu verstehen, ist die 
bevorstehende Phase in der Anwendung 
der Psychoanalyse auf die Pädagogik. 
So ist wenigstens die Ansicht des Refe- 
renten, und, wie es scheint, auch der Autorin. 
Bernfeld (Wien). 



Dr. W. STROHMAYER, Professor an der Universität Jena : Die Psychopatho- 
logie des Kindesalters. Vorlesungen für Mediziner und Pädagogen. 2., neu- 
bearbeitete Auflage. J. F. Bergmann, München 1925. 



Das Buch, bereits in seiner ersten 
Auflage wegen seines reichen Inhalts, der 
vorurteilsfreien Darstellung, leicht fließen- 
den Sprache höchsten Lobes wert, hat 
in seiner neuen Fassung noch gewonnen, 
überall spricht vertiefte Erfahrung, 93 
klug ausgewählte, oft sehr ausführliche 
Krankengeschichten beleben und veran- 
schaulichen den Text auf das glücklichste. 
Die Absicht, „ein Buch schlichter, prak- 
tischer Belehrung und nicht prunkender 
Gelehrsamkeit" zu bieten, kann als gut 
gelungen bezeichnet werden. Der Verfasser 
ist bemüht, der Leistung Freuds und 
seiner Schule ziemlich gerecht zu werden, 



ohne ihr jedoch in der Therapie einen 
Platz anzuweisen. Aber auch in der Pro- 
phylaxe, der ein breiterer Raum gegönnt 
ist, vermissen wir ihre Verwertung an 
mancher Stelle. 

Die zwölf Vorlesungen behandeln das 
Verhältnis der Psychiatrie zur Pädagogik, 
die allgemeine Ätiologie und Prophylaxe 
kindlicher Nervosität, die psychopathischen 
Konstitutionen des Kindesalters, Neur- 
asthenie und Chorea beim Kinde, die Hy- 
sterie im Kindesalter, die Epilepsie, die 
Ursachen, Symptomatologie und Behand- 
lung des angeborenen Schwachsinns, die 
wichtigsten akuten Geisteskrankheiten des 



io 4 



Kritiken und Referate 



Kindesalters. Ein reiches Literaturver- 
zeichnis erhöht den Wert des Buches. 
In manchen Einzelheiten kann, in 
anderen muß man dem Verfasser wider- 
sprechen. Seine grundsätzliche Anerken- 
nung der kindlichen Sexualität sollte 
auch im Einzelfalle immer zur Deutung 
der Erscheinungen bereitgestellt werden. 
Bei seiner Kasuistik vermißt man öfters 
diese Folgerichtigkeit. Daß die Mastur- 
bation bei Säuglingen selten ist, trifft 
nicht zu. — Allzu oft scheint mir die 
Rachitis bei der Ätiologie hervorgehoben 
zu sein. Eine Krankheit, der unsere ganze 
Kinderwelt mit geringen Ausnahmen ver- 



fällt, wie die Kachitis, wird sich in der 
Anamnese fast jedes Kindes, also mich 
des ncuropntliisclien, epileptischen, geistes- 
kranken nachweisen lassen. Den vagen 
Begiil'ldrr ..Skrophulosc" allen Stils sollte 
der Verfasser fallen lassen. 1 la; > ;eii scheint 
er in der Diagnose der hereditären Syphilis 
zu vorsichtig. Naeli der Schilderung scheint 
mancher seiner Uachitiker eher ein 1 leredo- 
syphilitiker zu sein. Die Fortschritte der 
klinischen Diagnostik der Erbsyphilis (nicht 
bloß der Laboratoriumsdiagnostik) in den 
letzten Jahren harren noch ihrer Verwer- 
tung in dem sonst so empfehlenswerten 
Buche. Friedjung (Wien). 



KARL MOSSE: Über Suggestion und Suggestionstherapie im Kindes- 
alter. Reiträge zur Kinderforschung und Ileiler/.iehung. lieft iH.j.. Langensalza 
1922. Hermann Reyer & Söhne. 



Mittels einfacher Versuche wird an 
einem kleinen Materiale ermittelt, daß 
Kinder schon mit drei Jahren suggestibel 
sind. Gesunde, normale Schulkinder sind 
der Suggestion im hohen Maße (etwa 
8o' l / ) zugänglich, die jüngeren mehr als 
die älteren. Bei Neuropalhcn und Hyste- 
rikern nimmt umgekehrt die Suggestibi- 
lität mit dem Alter zu. Schwachsinnige 

Zum Seelenleben des einzigen Ki 
zur Kinderforschung und Heiler/.iehung. 
Reyer & Söhne. 

Der ungenannte Verfasser unterzieht 
die bekannte Arbeit Neters „Das einzige 
Kind und seine Erziehung" (Zeitschr. f. 
Kinderforschung, 1916, Heft 9) einer kri- 
tischen Besprechung und mißt ihre Er- 
gebnisse an dem eigenen Charakter: er 
ist ein „Einziger". Der Versuch des offen- 
bar feingebildeten Mannes ist sehr lesens- 
wert, doch kann er Neters Befunde nicht 
entkräften. Denn diese sind eben an einem 
Kreise von mindestens bescheidenemWohl- 
stande in der Stadt gewonnen und haben 



Kinder sind weniger suggestibel als nor- 
male (etwa 50%). Im Gerichtsverfahren 
muß die große Suggestibilitiit des Kindes 
wohl beachtet werden. — In der Therapie 
können allerlei Mittel der Suggestion heim 
Kinde Erfolg haben. Die Persönlichkeit 
des Suggerierenden ist. dabei von ent- 
scheidender Bedeutung. - Literatur. 
I'riedjn n g W ien). 

ndes. Von einem „Einzigen . Beitrag« 

Heft 173. Langensalza i().M. Hermann 

vornehmlich für ihn Geltung. Der „Ein- 
zige" eines ärmlichen Arbeiterpaares in 
ländlichen Verhältnissen wächst doch 
unter anderen Bedingungen auf. Immer- 
hin muß der Verfasser auch für sich 
einräumen, (lall Nclcr in vielen Stücken 
recht hat. Im übrigen kann ich mich 
nicht entschließen, die freimütige Art 
des Kritikers mit einer lieblosen Argu- 
mentation an der Hand seiner Selbst- 
bekenntnisse zu vergelten. 

Fried jung (Wien). 



Kritiken und Referate 



105 



HANS ZULLIGER: Aus dem unbewußten Seelenleben unserer Schul- 
jugend. (IX. Heft der „Schriften zur Seelenkunde und Erziehungskunst".) 
Verlag Bircher, Bern. 



Ein ganz vorzügliches Büchlein! Es 
liest sich wie Dichtung, wie gute Novellen, 
und doch stehen lauter wirkliche Ge- 
schichten aus dem Schulleben drin. Zul- 
ligers neues Werk gehört zu denjenigen, 
von denen man gerade das Wesentliche 
in einer Besprechung nicht wiedergeben 
kann. Es will selber gelesen sein. 

Sein Inhalt beweist am besten, wie 
recht der Verfasser hat, wenn er sagt: 
„Der Pädagoge, der die psychoanalytischen 
Errungenschaften kennt, wird seine Zög- 
linge besser verstehen, anders beurteilen, 
anders behandeln und vor allem solche 
erzieherische Hilfen vermeiden, die einen 
Fehler nur noch verschlimmern." Zulliger 
betont aber, daß nur der durch einen 
tüchtigen Analytiker analysierte Lehrer, 
der überdies die psychoanalytische Lite- 
ratur gründlich studiert habe und der 
beständig mit einem Arzt in Verbindung 
bleibe, es verantworten dürfe, die Psycho- 
analyse praktisch auszuüben. Der Lehrer 



wird in der Regel bei eigenen Schülern 
keine „Durchanalysen" machen. Er tut nur, 
was unbedingt notwendig ist, um zu helfen 
(kleinere Gelegenheitsanalysen). Der Er- 
zieher verwendet auch die suggestive 
Beeinflussung, die aber gerichtet und de- 
terminiert ist von der vorhergehenden 
psychoanalytischen Arbeit. 

In außerordentlich feiner Weise schil- 
dert uns Zulliger Fälle von Selbstbestra- 
fungs-, Sühne- und Opferhandlungen, die er 
in seiner Schule beobachtete. Die Analyse 
eines „Wahrheitsfanatikers" darf als Mei- 
sterstück bezeichnet werden. Es wird darin 
gezeigt, wie eine schwere Lebenslüge, die 
größtenteils unbewußt geblieben ist, den 
krampfhaften Wahrheitsdrang entstehen 
ließ. Es geht aber auch aus diesem Büch- 
lein hervor, daß Zulliger durch das Studium 
der psychoanalytischen Literatur seine ana- 
lytische Bildung bedeutend vertieft hat und 
daß er die Technik meisterlich handhabt. 
Furrer (Zürich). 



Dr. HANS HENNING: Psychologie der Gegenwart. (Sammlung „Leben- 
dige Wissenschaft", Bd. II.) Mauritius -Verlag, Berlin 1925. 

geführt: „Drei Viertel sämtlicher Träume 
sind unangenehmer Natur"; einige Seiten 
später findet sich folgender Passus : „Unter 
dem Eindruck beängstigender Kriegs- 
träume suggerierte ich mir 1914 in festem 
Entschluß, nie wieder vom Krieg und nie 
wieder unangenehm zu träumen ; in den ver- 
flossenen zehn Jahren hatte ich nur ange- 
nehme Träume meist von humoristischer 
Färbung: ein Vorsatz änderte also meinen 
gesamten Typus." Graber (Bern). 



Die gut disponierte Schrift orientiert 
über die modernen Strömungen in der 
Psychologie. Leider wird der Verfasser 
(Professor an der Universität Danzig) nicht 
jeder Richtung objektiv-kritisch gerecht. 
Die Psychoanalyse, der er ein längeres 
Kapitel widmet, lehnt er trotz Freuds 
„außerordentlicher Verdienste" in ihrem 
Wesentlichsten ab, verwickelt sich aber 
dabei in Widersprüche. Als Beweis gegen 
die Wunsclicrfüllung im Traum wird an- 



ROBERT SOMMER: Tierpsychologie. Quelle & Meyer, Leipzig 1925. 

Sommers Buch scheint dem Refe- neuesten Tierpsychologien zu sein. Es 

renten das sympathischeste unter den spricht hier ein erfahrener Psychiater von 



io6 



Kritiken und Referate 



der Tierseele, von eigenen und fremden 
Tierbeobachtungen. Physiologie, verglei- 
chende Anatomie, Psychologie und Psycho- 
pathologie werden dem ausgesprochenen 
Programm gemäß miteinander verbunden, 
um eine vergleichende Tierpsycho- 
logie schaffen zu können. Dabei wird 
auch ein Blick, obgleich nur in einer 
methodologischen Bemerkung im Kapitel 
über die Gewohnheiten, auf die Psycho- 
analyse geworfen. 

Wir lernen hier durch Beispiele, daß 
die Tierpsychologie nur nach genauem 
Studium der Morphologie und der äußeren 
Lebensverhältnisse zu Worte kommen 
darf. Ein ganz besonderer Wert wird auf 
die Motorik und Sinneserlcbnisse gelegt; 
durch periphere Leistungen sollen viele 
sonst unverständliche Vorkommnisse der 
Tiere erklärbar werden (z. B. die Gedächt- 
nisleistungen der Pferde auf Grund der 
optisch-motorischen Daten, der Hunde 
auf Grund des Genichssystems.) Der ent- 
wicklungspsychologische Gesichts- 
punkt ist wo möglich durchgeführt und 
dabei ein Prinzip der Entwicklung, die 
Gleichwertigkeit (Äquivalenz) ver- 
schiedener Systeme im Laufe der Ent- 
wicklung herausgearbeitet (z. B. Aufmerk- 
samkeitseinstellung bei den Pferden mittels 



derOhrmuskulaliir. beim Menschen mittels 
der Gesichtsmuskiilatur. besonders der 
Stirn). Für die Psychologie des Kaunies 
und der Zeit ist es bedeutsam, daß diese 
keine koordinierte Begriffe sein sollen, 
wie cs die Philosophie wünscht, sondern 
Begriffe mit verschiedenem l'.ntwicklungs- 
niveau, indem die Baumvorstclliing zum 
Althirn, die Zcitvorstcllung zu dem Neu- 
bau gehört. 

Der Instinkt ist etwas stii-t nnit li-r- 
lich behandelt. Instinkte sollen auf uralten. 
angeborenen Beiz- Bewegnngs- Systemen 

beruhen. Milien aller auch vorgetäuscht 

werden können, da die geistigen Fähig- 
keiten vieler Tiere in vielen Beziehungen 
als „genial" dem Menschen gegenüber 
bezeichnet werden können. 

Die Se \ u ■ 1 ps v cholog ie kommt kaum 
zu Worte. Die Säugctiitigkeit soll kein 
sexualpsychologisches Moment enthalten. 

Die Titel der größeren Kapitel heißen 
.Psychologische Grundbegriffe 1 , ,Aui der 
speziellen Tierpsychologie', Vergleichende 
Psychopathologie hei Menschen und Tie- 
ren'; in diesem letzteren wird z. B. die 
Katatonie mit ursprünglich bei tiefer 
stellenden Tieren vorhandenen Bewegung»- 
mechanismen in Parallele gestellt. 

Hermann Budapest). 



Prof. Dr. FRIEDRICH DAHL: Vergleichende Psychologie oder Die 
Lehre von dem Seelenleben des Menschen u n d der Tiere. Jena igaa, 
Gustav Fischer. 



Als erste Orientierung im Tatsachen- 
gebiet der Tierpsychologie wird dies 
Büchlein willkommen sein, aber nur was 
die Tatsachen, nicht, was die Theorien 
anbelangt. Daß z. B. im Tierreiche in 
den weitaus meisten Fällen das Männchen 
bald nach der Paarung zugrunde geht, 
daß „die Natur zuerst bei der geschlecht- 
lichen Fortpflanzung der Bewußtseinsvor- 
gänge bedurfte", muß jeden Psychoana- 



lytiker zum weiteren Nachdenken an- 
regen. Von einem tiefen Stand der heuti- 
gen Tierpsychologie (auch (i. Kafkas 

neu ersi hieneiu' „Tierp: ) ' hologie" tuet 
gerechnet zeigt aber die durchgehende 
Identifizierung von Bewußt »eins Vorgängen 
mit psychischen Abläufen Überhaupt ^Ver- 
fasser findet sinnvolle Leistungen vor 
und spricht von Anwesenheit bewußter 

Prozesse , die V ergleii billig dei tiel i-.clieu 



Kritiken und Referate 



107 



Leistungen mit den Leistungen eines auf 
der Stufe der Sekundärvorgänge stehenden 
Menschen (Kinder inbegriffen). Das vom 
Verfasser verwendete Prinzip der Spar- 
samkeit kann unseres Erachtens in der 
Frage des Inerscheinungtretens des Be- 
wußtseins nicht verwendet werden, da es 



doch nicht von vornherein klar ist, daß das 
„Bewußtsein" nicht zum Wesen der bio- 
logischen Vorgänge gehöre; dieses Prinzip 
hat aber auch keinen Sinn im eigenen 
System des Verfassers, der die Bewußt- 
seinsvorgänge als anenergetische be- 
trachten will. Hermann (Budapest). 



K. von FRISCH: Methoden sinnesphysiologischer und psychologi- 
scher Untersuchungen an Bienen. — RUDOLF BRUN: Psychologische 
Forschungen an Ameisen. (Bienen- und Ameisenpsychologie aus: Abder- 
haldens Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden, Abt. VI, Teil D, Heft 2, 
S. 121 — 252. 1922. Urban & Schwarzenberg.) 

Es interessieren uns hier weniger die viduen einer und derselben Ameisenkolonie 
sorgsam ausgearbeiteten experimentellen 
Methoden, als einige Ergebnisse: So sollen 
Bienen imstande sein „Erfahrungen" zu ver- 
werten, doch verrate sich die „hohe Intelli- 
genz" nur in den natürlichen Umständen 
ähnlichen Anordnungen (z. B. Blütengestalt 
gegenüber geometrischer Gestalt, wie Drei- 
eck, Viereck). — Die Grundtatsache des 
Ameisenstaates, daß nämlich „alle Indi- 



ERNST MARCUS: Theorie einer 
Kants Weltlehre. München 1924. E. 

Der Ausdruck „natürliche Magie" soll 
die verborgene, doch praktisch verwertbare 
Willenswirkung des Ichs auf sich selbst 
bezeichnen. Jede Willenswirkung sei auf 
den ersten Blick etwas Wunderbares, 
Übernatürliches, sie werde aber verständ- 
lich, wenn man die Kontinuität zwischen 
den organischen Wachstums- und Re- 
organisationsprozessen einerseits, den be- 
wußten Willensprozessen anderseits, theo- 
retisch herstellt. Im organischen Geschehen 
soll das „Ich" sich ebenfalls nach der Weg- 
weisung von Denkprozessen (durch das 
organische Denken, was an die Stelle 
des Unterbewußten anderer Autoren zu 
stellen sei) auswirken. 

Die Kontinuität der bewußten und or- 
ganischen Denkprozesse soll sodann er- 



unter sich .befreundet' seien, während Indi- 
viduen verschiedener Kolonien siel» bei Be- 
gegnung meist zu bekämpfen pflegen, und 
zwar auch dann, wenn sie der gleichen 
Spezies angehören sollten", beruhe wesent- 
lich auf psych i sehen Phänomenen. — Bie- 
nen und Ameisen besitzen nachgewiesener- 
maßen die Fähigkeit, einander Mitteilungen 
zu machen. Hermann (Budapest). 

natürlichen Magie, gegründet auf 
Reinhardt. 

möglichen, daß vom Bewußtsein aus das 
organische Geschehen beeinflußt werde, 
und zwar bieten sich dazu zwei Wege 
auf: 1) die intendierte Ablösung der Ge- 
fühlswirkung von der Vorstellung, durch 
die Bildung einer (organischen) „Isolier- 
schichte" und 2) die Unterdrückung der 
Vorstellung, Empfindung durch das willens- 
mäßige Auflassen der fundierten Begriffs- 
bildung und infolgedessen durch das Ver- 
hindern der neuen Organisation des Ge- 
hirns. Beide Vorsätze sollen nur dann 
gelingen können, wenn sie „nicht heftig, 
gewaltsam, plötzlich, sondern stetig, bald 
nachlassend, bald energisch nachdrängend, 
aber ohne Unterbrechung" wirken. Ein 
allgemeiner Gesundungswille und ein 
unbedingtes Ablegen der Todesfurcht 



io< 



Kritiken und Referate 



sollten als ideale Motive die Seele stets 
erfüllen. 

Ein Hinweis auf Kants Schrift „Von 
der Macht des Gemüts, durch den bloßen 
Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister 
zn sein" erweckt das Interesse des Ana- 
lytikers für die Persönlichkeit Kants, eines 
Denkers, der über seine Schmerzen ebenso, 



wie viele andere Denker, Herr werden 
konnte. 

Die Psychoanalyse wird, als eine even- 
tuell auch die bösen Geister des dunklen 
Bewußtseins heraufbeschwörende Methode, 
in zwei Fußnoten abgetan. Was geschieht 
aber mit den willeiiskranken "\enrotikcrn? 
Herrn nun (Budapest). 



FRITZ GIESE: Theorie der Psychotechnik, ürinul/.iige der praktischen 
Psychologie I. — „Die Wissenschaft", Rd. 75. Braunschweig 1925. Vicweg & Sohn. 



G i e s e hat hier durch methodologische 
und wissenschaftsgeschichtliche, verglei- 
chende Auseinandersetzungen ein lehr- 
reiches Bild des heutigen psychologischen 
Arbeitsfeldes entworfen. Er versucht stets 
der Psychoanalyse die ihr zukommende 
Rolle zu sichern und dadurch unterscheidet 
sich diese Darstellung von sämtlichen 
übrigen, mir bekanntgewordenen, die 
Psychoanalyse höchstens hie und da er- 
wähnenden Arbeiten. Wenn auch die 



psychoanalytischen Tatsachen oft schwei- 
gen, so läßt sich doch wenigstens der 
psychoanalytische (icist stets erblicken, 
z. B. in den zwei wichtigen 'Diesen, daß 
das Experiment der Psychotechnik mir 
Schaffung von B 00 bii C li tu ngsge- 
lcgcnheitcn zu Zwecken der psycho- 
logischen Analyse sein soll und daß, .letzten 
Endes die Einfühlung ins Psychische das 
Wesen der Psychotechnik sein muß". 
Hermann (Budapest). 



FRIEDRICH KAINZ: Das Steigerungsphänomen als künstlerische« 

Gestaltungsprinzip. Eine literarpsychologische Untersuchung. Beiheft -, •- der 
Zeitschr. f. angew. Psychol. Leipzig 1924. Joh. Anibr. Barth 

die Freude an der geisl i;:eii I'i'imI ii k t i im, 

der elementare Trieb nach Expansion, 
nach N c ti e m, B c d e u 1 11 11 g s v o 1 1 r in, nach 



Das Steigerungsphänomen sei ein 
seelisches, meistens schon aus dem „Unter- 
bewußten" triebhaft wirkendes, allge- 
meines, nicht nur in den Kunstwerken, 
sondern in jeder Phantasietätigkeit, ja 
sogar in der schlichten Wahrnehmung 
und Erinnerung aufzeigbares formales 
Urprinzip. Unter dieses Phänomen soll 
„jede während eines geistigen Prodtiktions- 
vorganges sich vollziehende Umänderung, 
die bewußt oder unbewußt teleologisch 
orientiert, eine Erhöhung, eine Inten- 
sivierung der erstrebten Wirkung zum 
Ziele hat", eingereiht werden. Die psy- 
chologischen Wurzeln der Steigerung 
seien: Das Bedürfnis nach erhöhter Ab- 
reaktionsmöglichkeit, das Bedürfnis und 



Wunsch wahrhei I, endlich das Ver- 
langen nach Wirkung. Jeder Mensch 
soll diese Bedürfnisse in sieh tragen und 
dem Lustkorrelate gemäß nach ihrer Be- 
friedigung streben, doch sei heim Künstler 
dieses Streben in höherem Maße vor- 
handen. Ein reiches Material aus der 
Literat Urgeschichte und Kunstgeschichte 
verfolgt diese Behauptungen ins Einzelne. 
Wir vermissen jeden Hinweis auf die 
analytische Literatur, obxwar ständig 
analytische Behauptungen gestreift werden 
(Wunscherfiillung in der Phantasie, das 
Wirken mibe wüßt -primitiver Mechanismen 



Kritiken und Referate 



1 09 



beim Künstler, Lustprämie der Produktion, 
das Unbewußte als ein vergrößerndes, 
die Extreme suchendes Agens). Meiner 
Auffassung nach bildet das Steigerung*- 



phänomen einen speziellen Fall der Rand- 
bevonugung, deren Wirkungsbereich 
weiterreicht als derjenige der Steigerung. 
Hermann (Budapest). 



Dr. K. H. SCHMIDT: Die okkulten Phänomene im Lichte der Wissen- 
schaft. (Sammlung Göschen 1923.) 



Eine kurze klare Darstellung der ein- 
schlägigen Beobachtungen, Hypothesen 
und Einwände. Der Traum wird mit Be- 
nützung der psychoanalytischen Literatur 
und in deren Sinn abgehandelt. Die Hy- 
pothese einer besonderen Lebenskraft, 
eines zielstrebigen Lebenswillens, einer 
Entelechie leiste für das Gebiet des Ma- 
gischen ■ — nahezu alles. Teleplastie, Tele- 
kinesie und Telästhesie erklären sich durch 
die Annahme, daß die den Körper auf- 

JOSEF PETER: Erscheinungen der 
Pfullingen. Johannes Baum Verlag. 

Angeblich sind neben legendären auch 
Fälle von Erscheinungen Verstorbener be- 
kannt, welche auf einwandfrei gut beob- 
achteten Tatsachen beruhen. Die englische 
Gesellschaft für psychische Forsclmng hat 
in dem sogenannten „Census" eine große 
Anzahl solcher Falle nach eingehender 
Untersuchung als bewiesen festgestellt. 
Einwandfreie Fälle — wo also subjektive 
Halluzination auszuschließen ist — haben 
folgende Bedingungen zu erfüllen: 1) Die 
Erscheinung eines dem Perzipienten be- 
kannt gewesenen Toten weist Kennzeichen 
auf (z. B. Narben, besondere Kleidung 
usw.), welche der Erschienene ohne 
Kenntnis des Perzipienten im Leben be- 
sessen hat. 2) Der Erschienene ist eine 
dem Perzipienten unbekannte Person, kann 
aber durch seine Beschreibung genau 
identifiziert werden. 5) Die Erscheinung 
gibt eine richtige Nachricht, oder be- 
richtet eine Tatsache, welche dem Per- 
zipienten unbekannt ist. 4) Das Phantom 



bauende und erhaltende Kraft bei den 
magisch Begabten imstande sei, auch 
außerhalb der Haut zu wirken. Telepath 
und Hellseher erwiesen ihre Begabung 
in erweitertem psychischem Können im 
Wissens- und Willenskreis. Um aber das 
Hellsehen in Vergangenheit und Zukunft 
zu erklären, müssen wir ein Überbewußt- 
sein annehmen, ein Alleswissen einer Über- 
seele, in der die Einzelseele verwurzelt ist. 
Hitschmann (Wien). 

Toten. (Die okkulte Welt. Nr. 41/42.) 

wird photographiert. 5) Mehrere Zeugen 
sind gleichzeitig von der Manifestation 
betroffen. 6) Tiere und Menschen haben 
die Erscheinung zusammen (kollektiv) ge- 
sehen. 

Nach Aufzählung einer Reihe von Fäl- 
len von solchen Erscheinungen eben oder 
längere Zeit Verstorbener, von Geister- 
spuk in Gebäuden n. dgl. wird zur Er- 
klärung die Telepathie herangezogen. 
Auch sind die Ansichten der auf diesem 
Gebiete führenden Forscher der Neuzeit 
angeführt, von F. W. H. Myers, James 
Hyslop und Oliver Lodge. 

Mag sich der Psychoanalytiker gegen- 
über der Tatsächlichkeit der Telepathie 
auch objektiv zuwartend verhalten, so 
wird er doch in Fällen der angeblichen 
Erscheinung eines Toten den Wahrnehmer 
analysieren, sein psychisches Verhältnis 
zum Toten kennen wollen. Der Ausnahms- 
zustand, in den unbewußt tiefst Fixierte 
durch den Tod des Liebesobjektes geraten; 



1 io 



Kritiken und Referate 



die Wunscherfüllung im Wiedererwecken; 
die Bedeutung der unbewußten Homo- 
sexualität bei Erscheinungen des gleichen 
Geschlechtes (vgl. im Traum); die durch 
den Tod entstandenen oder verschärften 
Schuldgefühle; die psychische Einstellung 
durch hellen Mondschein im Schlafzimmer; 
die Identifizierung als Ursache kollektiver 
Halluzination; die Einstellung des Perzi- 



pienten zum Thema Tod und Jenseits. 
sein Bedürfnis nach der Existenz mysti- 
scher Phänomene und nach der Hebung 
seines Selbstgefühls durch ihm zuzuspre- 
chende übernatürliche Fähigkeiten — all 
dies scheint in bisherigen Beobachtungen 
unterschätzt. Mehr Skepsis, mehr Psycho- 
analyse! Qui vivra, verra. 

II i t s chm nun (Wien). 



San.-Rat Dr. GUSTAV PAGENSTECHER: Außersinn liehe Wahrnehmung. 
Experimentelle Studie über den sogenannten Trancezustand. Halle a. S. 1924. 
Carl Marhold. 



Wieder ein „parapsychischer" Fall, in 
Amerika seit Jahren bekannt, nun in 
deutscher Sprache berichtet. Der Arzt 
wurde anläßlich einer hypnotischen Heil- 
behandlung auf hellseherische Fähigkeiten 
seiner Patientin aufmerksam ; aber die 
Kontrolle ist selbst nach Ansicht von 
Wasiliewski, der das Vorwort schrieb, 
unbefriedigend. Auch Pagenstechers 
spiritistische Erklärung des Hauptfallcs 
(psychometrische Prüfung der Flaschen- 
post eines untergegangenen Dampfers) 
ist phantastisch genug. Folgendem Vorfall 
verdankte der Arzt das Interesse für 
Okkultismus: Während er — wie gewöhn- 
lich — hypnotisierte, erriet die Patientin 
und blieb hartnäckig dabei, daß ihre 
älteste Tochter hinter der Tür stehe und 
durchs Schlüsselloch sehe; sie sagte so- 
gar: „Ich sehe meine Tochter ganz deut- 



lich durch die Tür hindurch." Dali ein 
solches Bnateu, Fürchten, visuell Wahr- 
nehmen — dem Arzt uls eine () ff enharung 
imponierte, zeigt von seiner Naivität und 
Übersehen der erotischen Atmosphäre der 
Hypnose, die der Mutter Schuldgefühl und 
Angst und halluzinierende Wahrnehmung 
begünstigte. Referent hätte sich zunächst 
die fragen vorgelegt: 1) Wodurch ist 
Patientin schlaflos? s) Wie ist ihre Be- 
ziehung zu (intte und Kind? Die Hörig- 
keit der Patientin ist offensichtlich: 
Ncimundsicbzig Hypnosen wurden in zirka 
elf Monaten zu Studienzwecken gemacht! 
Wie schwer ist es gewesen, hier in Wien 
untersuchte Medien zu entlarven; Ver- 
suche von „da hinten, wo der Pfeffer 
wächst" — uns Mexiko — können uns 
daher ernstes Interesse nicht leicht abge- 
winnen. Hitschmann [Wien). 



Prof. MAX KAUFMANN: Die Bewußtseinsvorgiingi- bei Suggestion 
und Hypnose. Halle a. S. 1922, Carl Marhold. 



Die wichtigsten Ergebnisse dieser mit 
graphischen Darstellungen versehenen Ar- 
beit lauten, da es derzeit (1922) in Deutsch- 
land nicht Mode ist, ein Unbewußtes zuzu- 
geben oder zu nennen, folgendermaßen: 

Ob man das Nichtbe wußte als psy- 
chisch oder nur als latente, rein materielle 
geistige Tätigkeit auffaßt — Tatsache ist. 



dnß sowohl Suggestion wie Hypnose sich 
in einem Bcwußtscinsziislande abspielen, 
der dem gewöhnlichen Wachzustand 
nicht ent spricht. 

Außer unserem Wnrhhe wußtscin ver- 
fügen wir nämlich noch Über ein« innen- 
seele, die uns zwar n i c h t klar bewußt, 
der Selbstbeobachtung nicht olmeweitcrs 



Kritiken und Referate 



lii 



zugänglich, aber trotzdem von großer Bewußtsein. Damit treten die Wach- 

Bedeutung ist für normales lind beson- hemmungen zurück und das Triebartige, 

ders für krankhaftes Denken, Fühlen und der Kurzschluß mit der Körperlichkeit, 

Wollen. das sinnliche Moment, herrscht vor. So 

Vielleicht beruht des ganze Geheimnis erlangen die suggerierten Vorstellungs- 

der Suggestion und Hypnose auf der schon und Gefühlsgruppen (Affekte) eine den 

erwähnten Tatsache, daß sie sich nicht originalen Reizen gleichwertige, ja oft 

im hellsten Bewußtsein abspielen, überlegene geistige Energie, 
sondern in mehr oder weniger tiefen Gra- (Das gesperrt Gedruckte vom Refe- 

den der Bewußtseinsverdunkelung renten hervorgehoben.) 
oder, wie ich sagen möchte, im inneren Hitschmann (Wien'.