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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften XII 1926 Heft 2/3 Sigm. Freud zum 70. Geburtstag"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE 
AUF DIE NATUR- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 



XII. Band 



6. Mai 1926 



Heft 2/5 



SIGM. FREUD 



ZUM SIEBZIGSTEN 



G EBURTSTAG 



Imago XII 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Zum 70. Geburtstage Sigm. Freuds 

über Freud als Forscher und Schöpfer, über seine Bedeutung für die 
Ei'kenntnis des Seelenlebens, über seinen Einfluß auf das wissenschaftliche 
Denken überhaupt — über diese Dinge hier zu schreiben, verbieten der 
Anlaß und der Ort. Der Anlaß — weil man einen weltbewegenden 
Menschen nicht feiert, wie einen pflichttreuen Beamten oder Angestellten, 
in dessen Leben nur die Kalenderzahlen wesentliche Marksleine sind, 
während Freud uns durch seine noch im Flusse befindliche, ja fast 
gesteigerte Produktivität bewiesen hat, daß wir uns an keiner Grenzscheide 
seines Wirkens befinden. Der Ort, weil in diesen Blättern jede Zeile von 
der Größe seines Werkes spricht, so daß eine besondere Hervorhebung 
eher eine Abschwächung als eine Erhöhung bedeuten würde. 

Statt dessen sei mir vergönnt, dem Gefühl nachzugeben, daß die Per- 
sönlichkeil Freuds für mich mit dem wesentlichen, ja fast dem einzig 
bedeutsamen Teil meiner eigenen Entwicklung unlösbar verknüpft ist. 
Ich glaube davon im Namen seiner ersten, ihm am nächsten stehenden 
Schüler ohne ungebührliche Betonung des Personlichen sprechen zu dürfen, 
denn viele, und gewiß nicht die schlechtesten unserer Zeitgenossen, haben 
den Abglanz eines solchen Erlebnisses aus den Werken Freuds geschöpft, 
das uns ein seltenes Glück in den Schoß warf. 

Freilich weiß ich kaum, wo ich beginnen soll. Soll ich von der 
Arbeitskraft und Unermüdlichkeit erzählen, die ganz abgesehen von dem 
Werte, auch der Menge nach durch Jahrzehnte hindurch die Arbeit dreier 
Menschen — des Analytikers, des wissenschaftlichen Schöpfers und des 
Organisators — vereinigte? Oder von den vielseitigen Interessen, die neben 
seinem eigenen riesigen Arbeitsgebiet noch Archäologie, Kulturgeschichte, 
Naturwissenschaften, bildende Kunst und Literatur umfaßten? Oder von 
der Urbanität und dem Takt, mit dem er dem Geringsten freundlich ent- 
gegenkam und die Überheblichkeit des Mächtigsten ruhig, aber schonungs- 
los unterdrückte? Von dem unvergleichlich feinen Humor seiner Unter- 



ii6 



/lUin 70. Geburtstage Sigiii. Freuds 



Haltung oder dem im wahrsten Sinne vornehmen Ton, der in seiner Um- 
gebung herrschte? 

Ich glaube, das alles sind Kigenschaften, die auch anderen bedeutenden 
Menschen zukommen, und ich möchte doch gern eine Andeutung der 
Eigenart geben, die mir so deutlich vor Augen stehl. Was mir zuerst an 
ihm auffiel, war, daß er, der doch sicherlich fühlt, daß er „not in the 
roll oj common meti' gehört, eine durchaus ungezwungene iiescheidenheit 
»zeigt. Alles, was um ihn herum von seinen Schülern geltfistel wurde, 
I fördernd und freudig anerkennend, war er immer bemüht, sein Werk als 
(etwas hinzustellen, was gewissermaßen nur zufüllig mit seinen persönlichen 
'Eigenschaften verknüpft sei. Dieser Unernpfindlichkeit gegen Scliineichelei 
und persönlich es^Lob^ entsprach seine Unbeeinflußbarkeil durch fremdes 
Urteil, das sich auf äußere Autorität, auf Tradition, (lefülilsgriinde oder 
Pathos stützte. Seine Linie war der äuÜerste Bekennennut ohne die min- 
deste Rekennerpose. Aus der inneren Tapferkeit, die ilin befähigte , den 
verschleierten Bildern, an denen durch Jahrtausende die Seelen forscher 
scheu vorübergeschlichen waren, ins Angesiclii zu selien, kam ilini die 
Ruhe, die alle Entrüstung und Zurückweisung durch die zeitgenössische 
Wissenschaft als Selbstverständliclikeit, nur mil einem spöltischen l.äclieln 
entgegennahm. Unerbittlich gegen jene, die, durch die harte \:a%\ seiner 
Wahrheit zu früh ermüdet, sich ihrer durch irgendeinen KunsIgrilT wieder 
zu entledigen suchten, war er sonst überall voller Nachsicht gi'gen fremde 
Unzulänglichkeiten. Obgleich er seinem Werke zuliebe die gelieinisten 
Seiten seines Charakters der Öffentlichkeit preisgeben mußte, isi <'s ihm 
doch gelungen, hinter seinem Werk zu verschwinden und persönlich seinem 
Ruhm auszuweichen. Der tiefsten Leidenscliaftlichkeil flihig, aber im Kleinsten 
wie im Größsten beherrscht; ein „guter Hasser", wo er der (iemeinheit 
und Lüge gegenüberstand, aber einer, dem das „pro summa ßdf summus 
amor'^ tief ins Herz geschrieben war — so haben wir ihn erfahren. Um das 
alles und vieles andere, was hier ungesagt bleiben mußte, zusammenzu- 
fassen: So einzigartig, eine Weltenwende in den (Jeisleswissenschaften be- 
deutend sein Werk uns erscheint, vvir waren stets dessen sicher, daß der 
Mann nicht kleiner ist als sein Werk. 

Hanns Sachs 



Zur Naturphilosophie 

Von 

Paul Schilder 

Dr. med. et phil., Professor an der Universität Wien 



Naturphilosophie teilt zunächst die Annahme des naiven Realismus, daß 
eine Welt der Dinge wirklich sei, sie zweifelt nicht an der Existenz des 
Wahrgenommenen. Aber schon der naive Realismus sieht sich genötigt, 
zwischen Sein und Schein zu unterscheiden und das Vorgespiegelte von dem 
Wirklichen zu trennen. Hiebei ergibt sich bald, daß die Ergebnisse des 
Tastsinnes eine besondere Verläßlichkeit zu haben scheinen, während Auge 
und Ohr trügerisch in die Irre führen, wobei wir den Ausdruck Tastsinn 
in einem sehr weiten Sinne nehmen, der Bewegung und Bewegungs- 
wahrnehmung in sich faßt. In diesem Sinne spricht Locke von primären 
und sekundären Qualitäten der Materie. Die Physik hat es in ihrer älteren 
Fassung mit den primären Qualitäten der Materie zu tun, mit Druck und 
Stoß, mit Masse, Kraft und Energie. Optisches, Gehörtes, Gerochenes und 
Geschmecktes wird seiner besonderen Qualität beraubt und erscheint als 
Bewegung von Masseteilchen, Atomen. Solcher Verzicht auf eine Fülle von 
Qualitäten muß jedoch einen psychologischen Sinn haben. Es ist ein Verzicht 
auf die späteren Differenzierungen in der phylogenetischen Entwicklung. 
Aus dem allgemeinen Oberflächen-Sinnesorgan differenzieren sich allmählich 
die spezifischen Sinnesorgane. Es wäre sinnlos, ein Sinnesorgan irgendwelcher 
Art anzunehmen, welches nicht irgendwie in ein Tun einmündete.' Wahr- 
nehmung und Handlung sind einander gesetzmäßig zugeordnet. Eine Wahr- 
nehmung ist stets auch eine Antwort, ist ein aktives Geschehen. Das Haut- 
sinnesorgan, Abkömmling des Ektoplasma, steht zur Handlung, zum Tun 



ii8 



Paul Schilder 



in besonders inniger Beziehung. Die Atomistik ist in diesem Sinne Kegression. 
Aufhebung von Differenzierungen und Rückkehr zu einem pliytogmelisch 
älteren Zustand, daher das Gefühl des Ruhens und der Sicherlu-ii. wenn 
wir das Weltbild auf das Mechanische, auf die Tastiiualitäten reduziert 
haben und damit zu primitiveren Quollen des Handelns zurückpeki'hrl sind. 
Vom Standpunkte des Erkennens aus habiMi. was Kant bcsonih'rs klar 
formuliert hat, die primären Qualitäten vor den sekundären Qualitäten 
nichts voraus. 

11 

Jedes Wahrnehmen und jedes Krleben ist dreigliedrig. Ks setzt voraus 
ein Ich, welches sich einem Gegenstände zukehrt und einen Körper, an 
welchem diese Zuwendung ihre Resonanz findet, die Empfindung. Wir haben 
eJso in der Wahrnehmung zu unterscheiden, das wahrgenommene Objekt, 
das Ich und die Empfindung (den Körper), Wir haben sinnf^einäß liinzu- 
zufügen, daß auf jede Wahrnehmung sofort eine Reaktion (Tfolgl. Wahr- 
genommen werden aber immer nur Situationen, imd Heaklioncn sind immer 
nur Handlungen, welche attf eine bestimmte Situation ^.ielen ; ja sogar in 
Vorstellungen und in Gedanken beziehen wir uns immer nur aul wirkliche 
und mögliche Situationen und wirkliclie und mögliche Handlungen. Die 
Empfindung und auch das Gefühl sind die körperliche Seite dieser Ich- 
Gegenstandsbeziehung. Daraus folgt, daß die Welt nicht Resultat einer Pro- 
jektion von Empfindimgen sein kann, vielmehr ist die hier gegebene Gliederung 
Voraussetzung einer jeden Projektion. Die Projektion kann denitiacli den 
Besitzstand von Korper und Welt entscheidend abändern, sie schafft aber 
nicht die Unterscheidung zwischen Körper und Weil. Wenn ich also im 
vorangehenden darauf hingewiesen habe, daß das atomistischc Weltbild ein 
auf den Tastsinn reduziertes Weltbild sei, so soll das nicht bedeuten, daß 
dieses Weltbild durch Projektion von Tastempfindungen entstanden sei. sondern 
es soll nur jener Anteil des Körperlichen bezeichnet werden, welcher bei 
einem solchen Weltbild empfindimgsmäßig mitschwingt. 



III 

Im Zentrum des atomistischen Weltbildes stehen die BegrllTe Masse, Krafi, 
Energie. Der Begriff der Masse wird aus sehr alltäglichen l-.rfiihrungen ge- 
wonnen. Um Gegenstände gleichen Aussehens zu bewegen, ist bald eine größere, 
bald eine geringere Kraft notwendig. Die Kniftanstrongung erkennen wrir 



Zur Naturphilosophie i i g 



aber durch den Kraftsinn. Wird der Gegenstand geteilt, so setzt jedes der 
Teilstücke einen geringeren Widerstand entgegen als das Ganze. Diesen 
Widerstand bezeichnen wir als Trägheit. Wenn wir einen Körper bewegen, 
so heißt das, daß wir ihm eine Beschleunigung erteilen. Wir können aber 
die Masse eines Körpers auch dadurch bestimmen, daß wir den Körper der 
Schwere entgegen heben. Letzten Endes beruht also der Begriff der Masse 
auf Sinneseindrücken. 

F^riedländer^ hat gezeigt, daß die Objektivierung von Druck- und Kraft- 
empfindungen begründet ist in der Richtung der Aufmerksamkeil auf den 
visuell wahrgenommenen oder vorgestellten Gegenstand, und in der Tatsache, 
daß bereits eine gehäufte Zahl gleichartiger Wahrnehmungen vorhergegangen 
ist. Beide Bedingungen besagen aber nichts anderes, als daß der Eindruck 
der Masse dann entstehen kann, wenn wir eine Handlung an einem Körper 
vorgenommen haben oder vorzunehmen beabsichtigen. 

Es ist aber eine der grundlegenden, wenn auch selten formulierten Er- 
kenntnisse der Psychoanalyse, daß das Individuum nicht handle, weil es 
diese oder jene Empfindung habe, sondern daß es sich plan- und sinn- 
gemäß auf eine Situation einstellt, — um in der Sprache der Phänomenologen 
zu reden, — auf einen Gegenstand zielt. Die lebendige Situation des Üdipus- 
Komplexes ist z. B. eine solche Handlung gebietende Situation. 

Der Begriff der Masse hat nach diesen Ausführungen nur Sinn im engen 
Zusammenhang mit einem triebhaften, willensmäßigen Interesse an Gegen- 
ständen. 

Nach Newton ist der Bewegungszustand einer Masse m durch die Größen 
m und V Qetztere ist die Geschwindigkeit) vollständig bestimmt. Jede Ver- 
änderung von V weist auf das Vorhandensein einer äußeren Kraft hin, 
und wir können die Größe dieser Veränderung zum Maßstab der Kraft- 
intensität benützen. Jene Kraft gilt als die größere, welche der gleichen 
Masse die größere Beschleunigung oder der größeren Masse die gleiche Be- 
schleunigung erteilt. Aus diesen wenigen Bemerkungen geht bereits hervor, 
daß der Kraftbegriff auf den gleichen Sinnesdaten basiert, wie der BegrifT 
der Masse: Kraftsinn und Druckempfindung. Man wird jedoch nicht fehl- 
gehen, wenn man sich zu der Annahme entschließt, daß neben der Wahr- 
nehmung und Empfindung auch das Erlebnis des „Ich will" von Bedeutung 
sei oder mit anderen Worten, daß der Kraftbegrifl' psychologisch die Tal 
zur Voraussetzung habe. 



Die Wahrnehinung der Schwere. Zeitschrift für Psychologie, Band 85, igao. 



120 



Paul Schiliior 



In den physikalischen Erörterungen spiell der Begriff der Knerj^ie eine 
außerordentlich große liolle, er bedeutet das Äquivalent der von einer Kraft in 
einer bestimmten Zeit geleisteten Arbeit, bestehe diese in einer riiumlichfn 
Verschiebung der Massen oder in einer Veründerung d(!S Aggregalzustandcs. 
Sie kann z. B. als mechanische Arbeil gemessen, durcli das PnHliikl A . s 
(Kraft mal Weg), zum Teil als lebendige Krafi '",- in l-.rschcinung Irelcn. 
Bekanntlich kann kinetische Energie in potentielle umgewiinilelt werden 
und mechanische in Wärmeenergie oder in elektrische Knergie, die wir um 
wiederum durch den Ablauf gewisser chemischer Uciiktiüneil verschaffen 
können. Die Physik nimmt eine Wesenseinheil der l-Liiergietoiinen an. 

Man sieht, auch die BegriH'e der Kraft und iMu-rgie verweisen lediglich 
auf Sinneseindrücke, welche dem taktilen und kiniisilieiischen (iebiete an- 
gehören, und ein physikalisches Weltbild, welches sich auf die BegrüTe Kraft, 
Masse und Energie stützt, verzichtet auf viele Difi'pren/.ieruiigeii, bäh «ber 
grundsätzlich an dem Grundschema fest, Anö es Handlungen gebe, welche 
an Gegenständen durchgeführt werden. Man hal wiederholt gesagt, d('r Kraft- 
begriff entstünde aus der Projektion eigener Willensergebnissc in die un- 
belebte Natur. Aber konnte nicht das Willenserlebnis in uns der Krafli-rfassung 
außer uns ebenso zugeordnet sein, wie die Empfindung der Wahrnelimung 
zugeordnet ist? Oder mit anderen Worten, wir haben nicht das Kecht, die 
Möglichkeit abzulehnen, daß es ein unmittelbares Wahrnehmen eines Ixbendig- 
Bewegten außer uns gebe. 

Während das mechanisch-physikalische Wellbild einen Rest von Diffe- 
renzierungen im sinnlichen Material, mit dem es schaltet, festhält, wird 
dieser Rest in der neueren Entwicklung der Physik noch weiter eingeschränkt. 
Die Elektrizität gewinnt in ihr eine immer größere lledeulung. Es ist schwer, 
die sinnliche Basis anzugeben, auf welche sich die Ixhre von der Elektrizität 
stützt. Bemerkenswert, daß sehr Wesentliches an der Bewegung dos Frosch- 
schenkels entdeckt wurde. Man wird nicht felilgeln-n, wenn man vage, primitive 
allgemeine Empfindungen als die bedeutsame sinnliclie (irimdlage der l'.lcklri- 
zitätslehre ansieht. Man wird nicht fehlgehen, wenn man vom psychologischen 
Gesichtspunkt aus ein Weltbild, welches die Elektronen in sein /enlrum stellt, 
als besonders primitiv ansieht. 



IV 
Hier setzt auch eine für den Niiiurphilosopheii besonders bemerkenswerte 
Bewegung in der Physik ein. Sic ist nämlich daran, die Masse auf Energie 
zu reduzieren; alle Masse sei im Grunde nur scheinbure Masse. So zeigen 



Zur Naturphilosophie 121 



z. B. die Kiilhodenstrahlen, welche aus negativ geladenen Elektronen be- 
stehen, eine Änderung der Masse je nach ihrer Geschwindigkeit. Beim Zer- 
fall radioaktiver Substanzen erscheinen negative Elektronen, bestimmte Mengen 
elektrischer Energie. Einsteinsche Rechnungen füliren zu der Annahme, 
daß die träge Masse eines Körpersystems geradezu als Maß für seine Energie 
angesehen werden kann. Hier verschwimmt also Kraft und Masse zugunsten 
eines vagen Wirkenden. Fügen wir hinzu, daß in dem Verschwimmen des 
Subjekts und Objekts, wie wir es bei narzißtischen Zuständen zu sehen 
gewohnt sind, eine ähnliche Haltung zutage tritt. Wir können ihr keine 
bindende erkenntnistheoretische Bedeutung zuschreiben, denn wir haben 
gezeigt, diiß in jedem Erleben die üreigliederung Welt, Körper, Subjekt, 
wenigstens in allgemeinen Umrissen, gegeben ist. Ein Wille ohne einen 
Gegenstand, auf den er sich richtet, eine Handlung ohne Objekt, auf welches 
sie zielt und an welchem sie die Handlung vornimmt, sind schlechthin sinn- 
los. Ein solches Weltbild, welches die Masse eliminiert und an Stelle dieser 
die Energie setzt, mag vielleicht narzißtisch befriedigen, kann aber eben 
deswegen nicht auf volle Gültigkeit Anspruch erheben. Vermerken wir, daß 
nach Preuß die Irokesen mit dem Ausdruck „orenda" die dem Dinge inne- 
wohnende Zauberkraft kennzeichnen; diese Zauberkraft kann aber auch zu 
einer Verwandlung der Objekte führen. Ein Mensch als ganzer Körper kann 
sich z. ß. leibhaftig in einen Werwolf verwandeln, während seine zentrale 
zauberische Substanz nicht zu bestehen aufhört oder auch nur geschmälert 
wird. Wir könnten in abgekürzter Weise die Energie der Physik und die 
zauberische Substanz und die Zauberkraft der Primitiven einander gleich- 
setzen. Damit soll zunächst nur die Befriedigung erklärt werden, welche 
uns ein derartiges Weltbild, das so trostlos zu sein scheint, zu geben im- 
stande ist. Wir werden aber auch zu den Gedanken getrieben, daß sich die 
Triebbedürfnisse des Menschen in seinen Weltanschauungen immer wieder 
durchsetzen. Freilich, welche ungeheuere Bereicherung bringt die Physik 
gegenüber den Anschauungen Primitiver! Aber sollte nicht der dunkle Drang 
doch irgendwie auch Erkenntnisse vermitteln können? Haben wir das Recht, 
anzunehmen, daß ein so mächtiger Teil der Triebhaftigkeit, wie er uns im 
Narzißmus entgegentritt, erkenntnistheoretisch lediglich Belangloses liefere? 
Sollte es nicht doch Zauberkräfte, d. h. ein Wollen in der Natur geben? 
Und sieht hier der Primitive nicht richtiger als der in der physikalischen 
' Weltanschauung Befangene, welcher entgegen den psychologischen Quellen 
seiner Begriffe in der Energie etwas nicht Willensmaßiges sieht? 



122 



Paul Schilder 



Hier muß zunächst 7.wischen der auf pliysikaliscliun KrRC'hnissrii beruhen- 
den Weltanschauung und der Physik als Wissenscliafl unlersthi.Mirn werden. 
Der Physiker ist natürlich nicht gehalten, aus den I-orniulierungen, welche 
er in seiner wissenschaftlichen oder praktischen FälliKkeit anwendet, eine 
Weltanschauung zu machen. Bekanntlich hat Newton aus seinen physikali- 
schen ?:rgebnissen keine wellanschaulichen I-^olgertuigen gezogen; für viele 
Physiker ist die Physik lediglicli eine Sanimhing von l'onni-lu. von Cilnichun- 
gen, welche der Beherrschung der Wirklichkril und der l.ciikuii{j di-r Tiitig- 
keit dienen. Die Gleichungen der l'hysik hätten diinn iihcr die l'Vststellung 
von Handlungsmögiichkeiten hinaus keine weitere Bedeutung. Naturwissen- 
schaftliches Denken wäre so Instrument des Handelns und nicht Insirumenl 
des Erkennens. Für eine derartige Physik werden die BegriHe Kraft und 
Masse ebenso bedeutungslos, wie etwa das Zeil- und Baunu-ilchiiis in den 
Einstein sehen Formeln nicht mehr zu finden isl. Die l'hysik iit /.um 
härtesten Tatsachensinn /.urückgekclirt, sie hat jeglichen Anschauungswert 
verloren. Ihre Atommodelle sind, wie jüngst nocli Bohr betont hat, nicht 
mehr mit den gewöhnlichen Mitteln der Anscliaulichkeit zu fassen. Be- 
merkenswert, daß auch in dieser Entwicklung die Bückkehr zu primitiven 
Erlebnisformen die Vorbedingung für das hochdifferenzierte I landein zu sein 

scheint. 

Aber wird denn wirklich unser Handeln auch nur in wcsenlli<:h.n l'uukten 
durch die physikalische Erkennlnis beslimml? Ist es niclil die l'ülle der 
Qualitäten, die wir wahrnehmen, die unser Tun, unser llanik-ln erwecken? 
Das Farbig-Ubendige der Welt, all das. was reizt und lockt, das Sexual- 
objekt, wirkt nicht als physikalisch faßbarer Körper, snndeni als qualitäten- 
reiches Objekt des Triebes. Man muü sicii darüber klar sein, daß das in 
physikalischen Formeln Faßbare den unwesentlichen technisrh-maschinellen 
Teil unseres Handelns darstellt, nicht aber zu den l'roblenu-n des leben- 
digen Strebens hinführt, welche durch die von I-'reud geacliuffene Psycho- 
analyse durchleuchtet werden. Wir veransclilagcn den l-.rkenulniswert der 
Physik also gering, ohne uns darüber zu täuschen, welche nar7.ißtische Be- 
friedigung physikalische Weltanschauungen geben können. Die Psychoanalyse J 
erscheint also hier als ein Mittel, die Psychologie der Physik hesser zu ver- 
stehen. 



Zur Naturphilosophie 125 



VI 

Fügen wir zur Begründung unserer Annahme von dem geringen Erkenntnis- 
wert der Physik noch folgende Erwägung hinzu: wäre das gesamte Welt- 
geschehen in mathematisch-physikalische Gleichungen eingefangen, wäre im 
Sinne der Laplaceschen Intelligenz alles vorausherechenbar geworden, nie- 
mals könnte ein solches Wissen von der physikalischen Seite her das Belebte 
vom Unbelebten unterscheiden, niemals würde das Zeiterleben auftauchen, 
niemals die Farbe, ja so paradox es klingt, niemals das Erlebnis des Tastens, 
niemals, um es mit einem Worte zu sagen, das Psychische, niemals das 
fließende Zeiterleben; niemals das Ding in seinen Qualitäten ; physikalische 
Betrachtungsweisen sind der Welt und ihren Qualitäten nicht gewachsen. 
Immer wieder kommen wir zu jener jenseits aller Physik stehenden Grund- 
formel zurück, daß sich ein Ich der Welt im üenken, Handeln und luhlen 
zuwendet, einer Welt, welche sich in Objekten und Situationen entfaltet. 
Hier befindet sich die Analyse im Einklang mit der phänomenologischen 
Betrachtungsweise, welche ja gleichfalls die BezieJiung Ich-Akt-Gegenstand 
in das Zentrum stellt. Sehr im Gegensatz zu jenen assoziationspsychologi- 
schen Anschauungen, welche das Handeln von Empfindungen abhängig 
machen, 

VII 

Die Physik kennt im Grunde keine Objekte. Sie verzichtet in ihrer 
heutigen Form auf die Annahme einer actia in distajis. Sie kennt keine 
Fernwirkungen, sie kennt nur Feldwirkungen. Aber darüberhinaus: weder 
Atome noch Elektrone können jemals Objekte des Handelns werden. Der 
Objektbegriff ist sinnlos ohne die Gegenüberstellung eines Subjektes oder 
von Subjekten, welche die Physik nicht kennen kann. Aber wir können 
auf die Gliederung der Welt nicht verzichten. Ich und Gegenstand stehen 
einander gegenüber. Wir können die Struktur des Gegenstandes nur be- 
greifen, wenn wir das Ich zu begreifen suchen, welches in den viel- 
fälligen Erlebnissen doch eine Persönlichkeit bleibt. Auch das Objekt ist 
nur sinnvoll, wenn es in der Fülle der Abschattungen immer wieder das 
eine bleibt. Wir könnten nicht handeln, wäre das Objekt sich nicht selber 
gleich gälte nicht der logische Satz a^a. Wir wissen, daß der logische 
Satz a^a niemals voll realisiert sein kann. Es gibt keinen Gegenstand, 
der sich im wirklichen Sinne selbst gleich wäre. Aber wir brauchen Ein- 



12 + 



Piiul Scliilder 



heilen des Handelns. Wir konnlen weder denken noch handeln, gingen 
wir nicht von der Voraussetzung der lunheit der Objekte aus, ihrer Selbst- 
gleichheit. Auch hier ist die Struktur des Ich und die der Objekte parallel- 
laufend, der Einheil in der Vielfiiltigkeit beim Subjekt enl spricht die 
Einheit in der Vielfältigkeit heim Objekt, welche ihren sirengeii Ausdruck 
in dem Identitätssatze der Logik findet. Nur scheinbar ist die (leltung des 
Identitätssatzes in jenen F'ällen archaischen Uenkens Schizophrener und 
Primitiver gemindert, in denen etwa ein Mann nicht nur ak er üelbst, 
sondern auch als sein Vater und auch als Tier angesproclien wird. Gerade 
in derartigen Fällen wird eine einheitliche „Substanz." gemeint, welche 
in verschiedenen Formen erscheint. Ks handelt sicli utu Teiliinsicliten des- 
selben Gegenstandes. Freilich kann nuch der für den Ueohachler gleiche 
Gegenstand bald als er selbst, bald als ein anderer ersclieinen. doch liondelt 
es sich dann für den Erlebenden um zwei Gegenstände, welche wiederum 
jeder sich selber gleich sind. Das Objekt ist also spiegelbildlich die gleiche 
Einheit, wie das Subjekt, und die Psychoanalyse tut recht daran, wenn sie 
unter Objekten zunächst I.iebesobjekie, beseelte Menschen meint. Auch hier 
reicht sie viel über die Enge physikalisclier Uplriu;lilungsweisen hinaus. 
Handeln wir denn nicht immer gegen beseelte Wesen? Ist es belanglos, daß 
das Kind und der Primitive in der Welt nur immer wieder wollende und 
handelnde Potenzen sieht? So scheint die Psychoanalyse imstande zu sein, 
zwar nicht — wie gelegentlich gemeint wurde — logische Sätze umzu- 
stoßen, wohl aber ihren psychologischen Gelialt erkennen zu lassen. 



VIII 

Der Psychoanalytiker wird sich immer wieder die Frage vorlegen, in- 
wieweit philosophisches Denken und ein Versuch der Klärung zentraler 
Fragen nicht narzißtische Selhstiibersch.itzung sei. Er wird auf diese L'rago 
verwiesen vor allem durch die Tatsache, daß die weltumspannenden Theorien 
in der Schizophrenie so häufig, ja man wäre fast versucht zu sngen in der 
Regel, das Krankheitsbild beherrschen. Jede Zuwendung zu den großen 
Problemen entfernt uns und entfremdet uns von der Wirklichkeil des Tages. 
So fiele der Vorwurf der Abkehr vor der wahren Realität, von der Physik 
auf den physikalischen Laien «urück, der diese /.eilen geschrieben hat. 
Man hüte sich jedoch zu meinen, daß ein Erkennen, dessen psychologische 
Triebfedern erkennbar werden, auf Geltungswert keinen Anspruch habe, 
Jede Erkenntnis muß uns auf psychologischem Wege zufließen. Wir können 



Zur Naturphilosophie 125 



nur triebhaft strebend erkennen. Und sollte denn die so mächtige Fülle 
der Regungen, welche wir unter dem Namen des Narzißmus zusammen- 
fassen, nicht berechtigt sein, ihren Platz im Ganzen des Denkens und 
Anerkennung ihrer Teilhedeutung zu verlangen? Aber sollte es nicht für das 
Erkennen wesentlich sein, daß es neben der qualitätslosen Einheit auch 
die Objekte in ihrer reicheren Entfaltung berücksichtigt? Eine mit Farben, 
Düften, Gerüchen, Tönen geschmückte Welt anzuerkennen, ist Anerkennung 
einer höheren Stufe der Triebentwicklung. Warum sollten wir in der Welt- 
anschauung auf das verzichten, was die Werte des Lebens ausmacht? Nur 
jene Weltanschauung kann Anspruch auf Geltung erheben, welche auf der 
Gesamtheit der architektonisch gegliederten Triebhaftigkeit beruht. 



Die menschlichen Einigungsbestrebun^en 
im Lichte der Psychoanalyse 



(Von Kant zu Freud) 
Von 

Oskar Pfister 

Dr. phil., Pfarrer in Zürich 



Der zeitgeschichtliche Ausgangspunkt 

Noch niemals in der Weltgeschichte kam der Wille zur Einigung in der 
politisch, sozial und religiös jämmerlich zerrissenen Menschheit so wuchtig 
zum Ausdruck, wie in der Gegenwart. Dir rlurcli den Weltkrieg miß- 
handelten Völker wollen sich nicht einfach saminehi, wie eine /.ersiirengte 
Herde oder Flotte, sondern suchen neue Bande ers])ricßliclier ( lemeinscliaft, 
neue Grundlagen des Völkerrechtes und vor aUi-.m der Völker{(erecliligkeit. 
Die historisch gewordenen organischen Zusammenhänge sollen von ihren 
Widersprüchen und Rückstündigkeiten gereinigt und durch eine planmäßige 
Organisation des Menschheitslebens ausgebaut werden. Voran gingen (noch 
vor dem Weltkrieg) die protestantischen Kirchen, die mit der kutholischen 
Christenheit zusammen eine religiös-ethische (ininiUagi; dieser Mensiliheits- 
einigung schaffen wollten. Die große Kirclienkoiircrenv. von Stockholm im 
Sommer 1925 vertrat, da Rom seine Beteiligung ablehnte, mit den Ab- 
geordneten von über dreihundert Millionen Griechiscli-Orlhodoxen und 
Protestanten den weitaus größeren Teil der Christenheit. Die politischen 
Einigungsbestrebungen kristallisierten sich im Völkerbund und im Ständigen 
Internationalen Gerichtshof. 

Das Ideal einer höheren menschliclien Gemeinschall li-uchlet seit Jahr- 
lausenden über unserem Geschlechte, aber nur als lieblicher Sternenglanz. 



Die menschlichen Einigungsbestrebungen im Lichte der Psychoanalyse 127 



Es strahlte aus der großen Seele Echnatons, es erfüllte die Prophetie eines 
Jesaja, es fand seinen tiefsten und erhabensten Ausdruck in Jesu Reich- 
gotteshoffnung, Augustinus in seiner „Civitas Dei", Herder in seinen philo- 
sophischen Ideen zur Geschichte der Menschheit, Schleiermacher mit seinem 
Gedanken der „Annüherung an einen allgemeinen Staatenbund, der die 
gegenseitigen Verhältnisse der einzelnen Staaten ordnen sollte",^ beschenken 
uns mit individuellen Ausgestaltungen jener Gemeinschaftsidee, die sich 
wie ein lebensstarkes Rhizom durch die Geschichte der Jahrhunderte zieht. 

Die ungeheuere Lebensnot der jüngsten Vergangenheit hat dem Wunsch- 
traum Wirklichkeit zu verleihen begonnen. Allein, werden die zarten 
Pflanzen, die in frostigen Frühjahrstagen dem Erdreich anvertraut wurden, 
dem Eishauch des alten, bösen Geistes des Völkeregoismus widerstehen 
können? Werden der Völkerbund und sein geistiges Gegenstück, die ethisch- 
religiösen Einheilsbestrebungen, die Kinderkrankheiten überwinden und zu 
jener titanischen Kraft heranwachsen, die der Machtgier und dem Grimm 
der Großmächte Ketten anlegt und die wilden Bestien gezähmt vor den 
Wagen des friedlich siegenden Rechtes spannt? 

Wir verzichten auf den Mantel des Propheten und nehmen uns nicht 
heraus, auf dem gefährlichen Luftschiff des Wunschdenkens in weite Zukunft 
vorauszufliegen. Dagegen halten wir es für angemessen, auf die Bedingungen 
hinzuweisen, die erfüllt sein müssen, damit dem Ideal der menschlichen 
Gemeinschaft im universellen Sinne die Verwirklichung erblühen könne. 
Und diese Überlegungen führen uns auf Sigmund Freud. Vorerst aber 
wenden wir uns einem anderen Großen zu, 

11 

Immanuel Kant 

Von den großen Philosophen hat keiner so inbrünstig den Jakobskampf um 
die Einigung der Menschheil geführt, wie Kant. Deshalb stellen wir seine 
Gedankengänge voraus. In seinem kurzen Aufsatz „Idee zur allgemeinen 
Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" breitet er folgende Gedanken aus: 
Alle Naturanlagen eines Geschöpfes sind bestimmt, sich einmal vollständig 
und zweckmäßig auszuwickeln. Am Menschen sollten sich diejenigen Natur- 
anlagen die auf den Gebrauch seiner Vernunft abgezielt sind, nur in der 



1) Schleiermacher: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Braun und Bauer, 
Bd. m, 565 f. 






128 



Osl(iir Plistcr 



Gattung, nicht aber im Individuum vollBtaiuliß t-tilwickeln. Dies geschieht 
lediglich durch menschliche Vernunft, die sich vom InstinXt fn-i hält, mit 
Hilfe des Antagonismus zwischen sfinem Hang zur (IcscHigkcil und dem 
entgegengesetzten, sich zu verein/,ehii'n. l.elzlerer äuUert sicli darin, daß er 
alle bloß nach seinem Sinne richten will und daher Widerstand von ihnen 
erwartet; hieraus entspringen Ehrsucht, Herrschsucht imd iinbsuclit. Die 
Kultur bestellt eigentlicli in dem gesellschaflli« heu Wert des Menschen.. 
„Da werden alle Talente nach und nach enlwickell, der Geichniack ge- 
bildet und selbst durch fortgesetzte Aufklärung der Anfing zur Gründung 
einer Denkart gemacht, welche die grobe Naturanlane zur sitllicheu Unter- 
scheidung mit der Zeit in bestimmte praktisclie Prinzipien und so eine 
pathologisch -abgedrungene Zusainmensliniintnig zu einer (iescllschaft 
endlich in ein moralisches Ganze verwandeln kann." Und ein solches ist 
deshalb nötig, weil nur in ihm jener fruchtbare Streit zwischen geselligem 
und ungeselligem Streben allen Einzelnen bestmöglich gewahrt wird. Die 
Freiheit des Einzelnen muß dabei i'iuüercn (Jesetzcn unterstellt werden, die 
eine vollkommen gerechte bürgerliche Verfassung zum Ausdruck bringen. 
„In diesen Zustand des Zwanges einzutreten, zwingt den sonst für unge- 
bundene Freiheit so sehr eingenommenen Menschen die Nnl. Wilde Frei- 
heit wäre unerträglich. Wie die Bäume im Wühl i'hcii dadurcli, daß sie 
einander Luft und Sonne zu nehmen suchen, einander nötigen, beides 
über sich zu suchen und dadurch einen schönen geraden Wuchs bekommen, 
so drängen die Menschen einander zu Kultur, Kunst und schonstrr gesell- 
schaftlicher Ordnung. 

Die Errichtung einer vollkommenen bürgerlichen Verfassung ist aber 
nur möglich bei einem gesetzmäßigen äußeren Slaalcnverhälinis. Die Natur 
treibt durch die Kriege, ihre Vorbereitung durch lUistungon und ilire quälen- 
den Folgen die Völker an, „aus dem gesetzlosen Zustand der Wilden hinaus- 
zugehen und in einen Völkerbund zu treten, wo jeder, auch der klcmste 
Staat seine Sicherheit und Hechte nicht von eigener Miiclii, oder eigener 
rechtlicher Beurteilung, sondern allein von diesem großen Völkerbunde 
(Foedus Amphictyonum), von einer vereinigten Macht und von der Ent- 
scheidung nach Gesetzen der vereinigten Willen erwarten konnte . 

Ob man diese höhere Ordnung vom /.ufull, vom spontanen Gang der 
Natur oder überhaupt nicht erwarte, hängt davon ab, oh es vernünftig sei, 
Zweckmäßigkeit der Natur in ihren Teilen, aber /wecklosigkeit in ihrem 
Ganzen anzunehmen. So lange die Staaten alte ihn- Kriifte auf ihre eiteln 
und gewaltsamen Erweiterungsabsichten verwenden und so dii; langsame 



Die menschlichen Einigungsbestrebungen im Lichte der Psychoanalyse 1 2g 

Bemühung der inneren Bildung und Denkungsart ihrer Bürger unaufhör- 
lich hemmen, kommen wir nur zur Zivilisation, nicht aber zur Kultur; 
denn diese schließt Moralität ein. 

Die Geschichte der Menschengattung kann als die Vollziehung eines 
verborgenen Planes der Natur angesehen werden, eine innerlich, daher 
auch äußerlich vollkommene Staatsverfassung zu erhalten, da sie nur in 
ihr alle Anlagen der Menschheit entwickeln kann. Diese Auffassung ist 
kein schwärmerischer Chiliasmus; sie wird durch sehr nüchterne Über- 
legungen gestützt. „Der Krieg wird selbst allmählich nicht allein ein im 
Ausgang von beiden Seiten so unsicheres, sondern auch durch die Nach- 
welien, die der Staat in einer immer anwachsenden Schuldenlast (einer 
neuen Erfindung) fühlt, deren Tilgung unabsehbar wird, ein so bedenk- 
liches Unternehmen, dabei der Einfluß, den jede Staatserschütterung in 
unserem durch sein Gewerbe so sehr verketteten Weltteil auf alle Staaten 
tut, so merklich, daß sich diese, durch ihre eigene Gefahr gedrungen, ob- 
gleich ohne gesetzliches Ansehen, zu Schiedsrichtern anbieten und so alles 
von weitem zu einem künftigen großen Staatskörper anschicken, wovon die 
Vorwelt kein Beispiel aufzuzeigen hat . . ., und dieses gibt Hoffnung, daß 
nach manchen Revolutionen der Umbildung endlich das, was die Natur 
zur höchsten Absicht hat, ein allgemeiner wehbürgerlicher Zustand 
als der Schoß, worin alle ursprünglichen Anlagen der Menschengattung 
entwickelt werden, dereinst einmal zustande kommen werde. 

Am Schlüsse des geistvollen Aufsatzes betont Kant, daß er mit seiner 
Idee einer Weltgeschichte nicht etwa eine empirisch abgefaßte Historie ver- 
drängen wolle. Der Macht der Erfahrungstatsachen huldigt der Philosoph 
schon durch den wuchtigen Satz, der als geharnischter Flügelmann in der 
Front des Essays schreitet: „Was man sich auch in metaphysischer Absicht 
für einen Begriff von der Freiheit des Willens machen mag: so sind doch 
die Erscheinungen desselben, die menschlichen Handlungen, ebensowohl 
als jede andere Naturbegebenheit nach allgemeinen Naturgesetzen bestimmt." 

Dieser Satz möge den Ausgangspunkt unserer Kritik bilden. Wir ver- 
neigen uns vor dem Seherblick des großen Königsbergers. Ohne Zweifel 
ist er seinem Jahrhundert weit vorausgeeilt. Er verbindet philosophische 
und erfahrangswissenschaftliche Einsichten. Metaphysik und Ethik reichen 
einander die Hände zur Konzeption einer umfassenden Teleologie. Beiden 
zugleich entstammen die Sätze, daß alle Naturanlagen eines Geschöpfes 
sich zweckmäßig auswickeln sollen, und daß die Geschichte auf eine 
auch äußerlich vollkommene Staatsverfassung abgezweckt sei. Psychologie, 

Imago XIL 9 



150 



(.)skiir PlistLT 



also eine erfahrungswissensr.haflliche ßctrachlung, i-nlliall die erwähnten 
Thesen: Die Natur wUl. daß der Mensch alles, was über die mechanische 
Anordnung seines tierischen Daseins geht, durch instinktfreie Vernunft selbst 
her^-orbringe; dabei wahel der Antagonismus zwischen l'.xtra- un.l Introversion 
(viele Analytiker wissen nicht, daß diese Unterscheidung schon in Kants Psycho- 
logie vorherrscht) ; durch fortgesef^te Aufklärung wird die Grundlage v.u einer 
Erhebung des präkulturellen Denkens geschanen; bevor wir /.u einer morali- 
schen Struktur der Menschheit gelangt sind, leben wir in einem pathologi- 
schen Zustand. Das schöne Gleichnis von den Bäumen, die durch gegenseitige 
Hemmung das Aufwärtsstreben bewirken, schildert die Subliniierung. Krweite- 
rungspoHtik ermöglicht nur Zivilisation, nicht aber Kultur. Auf l'sychologie 
gestützt ist endlich auch das prophetische Urteil, die Völker werden durch 
die schlimmen Wirkungen des Krieges zur Bildung von Schiedsgericlitcn über- 
zugehen bewogen werden und einen Völkerbund schaffeu. 

Die Kritik wird sich vor allem den psychologischen Ansichten Kants in 
den Weg stellen. Ist der Dualismus zwischen Instinkt und Vernunft haltbar, 
oder liegen in den Instinkten Säkularerinnerungen, die selbst Vernunit- 
tätigkeit einschließen? Kann Aufklärung im Sinne Kanls, als Darbietung 
theoretischer Kenntnisse, jenen „pathologischen" Zustand iiberwinilen, der 
in der Völkerzerklüftung vorliegt? Waren nicht sciion liiiigsl die Wirkungen 
des Krieges häufig so verheerend, daß die Vernunft zu Schiedsgericliten 
übergegangen wäre, wenn sie auf diesem Lebensgebiel den Ausschlag gäbe? 
Die schönsten Verträge, die großartigsten rechtlirhen Kinrichiuugen, die 
herrlichsten Menschheitsideale werden erfahrungsgemäß in die l.ufi ge- 
wirbelt, wenn Fortuna nach einer anderen Richtung lockt, oder wenn der 
Sturm der Völkerleidenschaft ausbricht.' 

Kant läßt uns den Parnassus schauen; aber der von ihm zur Besteigung 
angegebene Pfad verliert sich in trügerische Schrofen und grifflose Fels- 
mauern, die nimmermehr zum Ziele führen. 



i) Spinoia sagt in seiner „Thcologiscb-poIiUsclicn Ablinndlunp" : „Niemand 
schließt einen Vertrag und braucht denselben 711 h..Il.^i>. «\* i» llo(TnuiiK «■uics Gute» 
oder in Sorge eines Übel». Fällt diese GnindluRff fori, so fallt nucli lirr Vertrag fort, 
wie dif^ Erfahrung lehrt. Denn weim auch mehrere Sluulen übt-Tciiikommt-n, einnnder 
nicht zu verletzen, so suchen sie doch nach Möglichkeit das AnwnchlC» der Macht 
des anderen lu hindern und trauen den Worten nicht, wenn der Xw.*ik imd Nutzen 
des Vertrages für beide nicht klar eräichllich ist . , . Nimmt man di>l>ri auf l-rommig- 
keit und Religion Rücksicht, »o sieht man überdem. dnD kein Inhaber der Staats- 
gewalt zum Schaden des Stnntes das Vorsprechen halten darf, ohne ein Verbrechen 
zu begehen" '.Spinoza, Werke, il, aij [Kirchmann]). 



Die menschlichen Einigungsbestrebungen im Lichte der Psychoanalyse 151 

in 
Freuds Beiträge zur Psychologie der Zerklüftung 

Freud ist weder Metaphysiker, noch Ethiker, noch Prophet. Sein Reich 
sind die gegebenen Tatsachen und ihre wissenschaftliche Bearbeitung, so- 
weit sie zur Erfüllung seiner ärztlichen Aufgabe und zur Abklärung seiner 
empirischen Begriffswelt erforderlich ist. Mehr als Positivist will er als 
Psychoanalj'tiker und Gelehrter nicht sein. Wer ihm menschlich näher- 
treten durfte, weii3, daß ihm Kants Einigungsbestrebungen aus der Seele 
gesprochen sind. Daß er während des ganzen Weltkrieges in der von ihm 
herausgegebenen „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" Angehörige 
der Zentralmächte und ihrer politischen Feinde als Redakteure und ständige 
Mitarbeiter zeichnen ließ, läßt tief in seine Denkweise schauen. Die von 
ihm vertretene wissenschaftliche Richtung bewahrte dank seiner Führung 
jene über allen Chauvinismus hoch erhabene Haltung, die allein dem 
Wesen wahrer Wissenschaft entspricht, und braucht sich nicht zu schämen, 
daß ihr wissenschaftliches Organ in dieser Hinsicht eine Ausnahmestellung 
innerhalb der Weltliteratur einnahm. Ganz im Geiste Kants klagt Freud über 
den Krieg: „Es will uns scheinen, als hätte noch niemals ein Ereignis 
soviel kostbares Gemeingut der Menschheit zerstört, so viele der klarsten 
Intelligenzen verwirrt, so gründlich das Hohe erniedrigt."' Der Sehnsucht 
nach Aufhören des Krieges gibt er beredten Ausdruck. Er erinnert daran, 
daß in jeder führenden Nation „hohe sittliche Normen für den Ein- 
zelnen aufgestellt worden waren, nach denen er seine Lebensführung ein- 
zurichten habe, wenn er an der Kulturgemeinschaft teilnehmen wollte , 
daß aber die Kulturstaaten untereinander diese Normen nicht respektierten. 
Er bespricht die Enttäuschung über die Mißachtung des Völkerrechtes 
im großen Kriege, über die gesteigerte Verlogenheit und Machtgier, „die 
Lockerung aller sittlichen Beziehungen zwischen den Großindividuen der 
Menschheit". 

Allein nun tritt Freud durchaus nur als Psychologe an das Problem 
des Krieges heran. Genauer könnte man sagen: Er legt das Fundament 
zu einer Psychopathologie der Sozietät. Ihm ist der Krieg Atavismus 
und Regression (Rückbildung). Dem unzulänglichen Rationalismus Kants, der 
alles Heil von der Aufklärung erwartet, stellt er den Voluntarismus entgegen, 



1) Freud; Zeitgemäßes über Krieg und Tod. Imago IV (1915), S. 1. CGesammelte 
Schriften, Bd. X.) 



^5^ 



Osluir l'list.T 



der den Intellekt nur als Instrument des Willens gelten laßt, so daß 
auch der Scharfsinnigste sich plötzlich einsichtslos wie fin Schwachsinniger 
benimmt, sobald die verlangte Einsicht hei ihm auf <>i.u-n (i.fülilsw.der- 
stand stößt. Die Großindividuen (Staaten und Volker) sdneben Inter- 
essen vor, indem sie Krieg erklären; in Wirklichkeil gehen sie darauf aus, 
ihre Leidenschaften auszuwirken. In jedem Einzelnen steckt ebenso wie 
im Menschen der Urzeit ein Stück Feindseligkeit oder sogar Monllust, das 
selbst in den innigsten Uebesbeziehungen nachwirkt. 

Diese knappen Andeutungen enthalten Ideen, dt-ren Trngweite noch 
nicht abzusehen ist. Die Psychoanalyse dringt in den Hrn-ich d« Groß- 
individuums ein. Erst damit wird eine biologische I'sydu.logie der ver- 
schiedenen menschlichen Gemeinschaften (Völker, Klassen, Kirchen, wissen- 
schaftlichen Schulen usw.) möglich. 

IV 

Freud als Hygienihcr der mmsrhlichcn Kiniffimgs- 

hcstrcbiingen 

Die verdientesten Körderer der Menschheit wollen niemiils /iel sein. 
Sie führen über sich selbst hinaus. Sie entdecken wie Moses ein gelobtes 
Land und blicken leuchtenden Auges hinein; aber wenn sie es auch nicht 
selbst betreten, so rechnen sie zu den preiswürdigsten Knlschailigungen für 
ausgestandene Mühsal die Gewißheit, daß andere jenes Kanaan einnehmen 

werden. , 

Auch für das erhabene Problem der Me..schheltseinigung will l'reud 
nur einen Anfang psychoanalytischer Untersuchung darstellen. Er steckt 
ein paar Wcgpfähle auf; seinen Nachfolgern überläßt vr es. den von .hm 
begonnenen Weg auszubauen. Dem Einzelnen ist kaum vergönnt, mehr als 
ein Stück dieser Völkerstraße zu verwirklichen. Vollends in der vorliegen- 
den Skizze sind nur ein paar dürftige Andeutungen möglich. 

Die Psychoanalyse, auf die Groüindividucn angewandt, vcrm.ltelt uns 
in erster Linie eine tiefere Wesensschau in die Tatsachen menschlicher 
Zerklüftung und Gemelnschafl. Wir haben eine Soziologie, die sich mehr 
mit den materiellen Erscheinungen b.-fußt. aber allerdings auch die psycho- 
logischen Determinanten mitberücksichligt.' Was wir aber mindestens ebenso 



I) Siehe meine Schrift „Der .eeli.cho Aufbau dei kUMi.cb.n K«piulii.nu.i und 
des Geldgeisles." Bircher, Bern. 



Die inenschliclien Einigungsbestrebungen im Lichte der Psychoanalyse 155 



notwendig hätten, wäre eine Biologie des Zusammenlebens, eine Sozial- 
biologie und Kulturbiologie, wobei der Nachdruck auf die geistigen Ursäch- 
lichkeiten zu liegen kommen müßte. Ohne Tiefenpsychologie war ein 
solches Unternehmen undurchführbar. Freud hat freie Bahn gebrochen. 

Die Analyse verschafft uns den erforderlichen Einblick in die Struktur 
der menschlichen Zerwürfnisse und Spaltungen. Sie lehrt uns im 
Gegensatz zur Oberflächenpsychologie das Irrationale und Alogische 
dieser Prozesse verstehen und überwindet damit den seichten Rationalismus, 
an dem die bisherigen Versuche zerschellen mußten. Aber diese irrationalen 
und alogischen Machtfaktoren stellen sich nicht als etwas Magisches und 
Mirakulöses heraus, wie es naive theologische Supranaturalisten so gerne 
haben möchten, um ihren Wünschen ein wohlgehegtes Feld zu erschließen: 
vielmehr erkennt die Analyse, um es möglichst scharf zu formulieren, das 
Rationale im angeblich rein Irrationalen, das Irrationale im vermeintlich 
rein Rationalen. Die Verdrangungs- und Manifestationstheorie löst das Rätsel 
in einer wundervoll klaren und durchsichtigen Weise. 

Ebenso gewährt Freuds Forschung Einblicke in den Zwangscharakter 
so vieler menschlicher Spannungen, die sich der Einigung widersetzen. 
Das Wort „Zwang" gilt dabei nicht im üblichen Sinne, nach welchem dem 
Subjekte eine unwiderstehliche innere Macht gegenübersteht. Von solchen 
„Obsessionen" unterscheide ich die „Insessionen", die nach genau denselben 
Gesetzen zustande kommen, nur daß der Widerstand des Subjektes gänzlich 
überwunden ist, so daß der Schein der freien Willensentscheidung entsteht. 
Solche Insessionen, die die Menschen auseinanderreißen, wirken oft nach 
Art einer posthypnotischen Suggestion, in welcher der Fremdursprung der 
abgenötigten Handlung vergessen ist- 

Damit ist bereits der unterschwellige Regierungsbezirk angedeutet, 

als dessen Vollzug die menschlichen Absperrungen und Feindseligkeiten sich 
für die tiefenbiologische Betrachtung ergeben. Um ihn wissenschaftlich 
erfassen zu können, muß eine kausale Untersuchung einsetzen, die wieder- 
um erst seit Freud möglich ist. 

Bei dieser entwicklungsgeschichtlichen Arbeit erkundigt sich der 
Analytiker nach den Wurzeln der menschlichen Zersplitterung und gelangt 
dabei zu einem ungeheuer verwickelten Netz. Als besonders wichtig findet 
er immer und immer wieder die Ödipus-Bindung, den Narzißmus, Sadis- 
mus und Masochismus, ferner eine Unmasse von sekundären Determinanten, 
wie Kastrationsdrohung und andere sexuelle Traumen, lieblose Behandlung, 
Kränkungen des Selbstgefühls hinsichtlich des körperlichen, geistigen oder 



134 



Oskar Ffister 



sozialen Wertes, Beeinlrächtigungen des Streben« nach frciim Entwick- 
lungen usw. 

Eine analytisch belehrte Biologie der Großindividncn hätte sodann die 
genetischen Prozesse mit ihren Kausal verhältniBsen «uslindig zu 
machen. Sie müßte zu diesem '/.wecke gleichzcitif! gcisics- und nüturwissen- 
schaftlich orientiert sein. Sie hÜtte die Entwicklung der menschlichen 
Sozietäts formen aufzudecken, und da ihr an der l-eslstclhing der Ursächlich- 
keiten besonders viel liegt, müßte sie den Gcsetzt-n des menschlichen Zu- 
sammen- und Auseinandergehens sorgfältigste Aufmerksamkeil schenken. 
Außer den spezifischen allgemeinen Formen, die bei diesen Prozessen her- 
vortreten, müßte sie den im gesamten übrigen fieislcsleben /.utüge treten- 
den Gesetzen nachgehen, der Verdrängung, Fixation. Introversion, lU-gression 
(der ontogenetischen und phylogenetischen) usw. Sie hatte sich zu befassen 
mit den Gesetzen der Symbolisalion, der Affoktveriinan/.ung, der Biaktions- 
bildung u. dgl. Sie hätte Umschau zu halten nacli dem latenten Sinn der 
Zerklüftung, nach der Bekämpfung des Vaters und der Gleichsetzung mit 
ihm und unzähligen anderen konstanten Formen, in denen die mensch- 
liche Dissoziation sich vollzieht. 

Auf Grund dieser W'esensschau wird es erst möglich, die Heilung von 
Haß, Feindseligkeit, kalter Ablehnung, verständnisloser Einstellung unter 
den verschiedensten politischen, sozialen, religiösen und anderen Groß- 
individuen planmäßig ins Auge zu fassen. Eine Sozialhygiene betritt den 
Plan. Es ist im höchsten Maße bemerkenswert, wie dilettantisch und naiv 
bis auf den heutigen Tag die Vülkerbeziehungen beliand.-Ii wurden. Mit 
unvernünftigen, ja beinahe verbrecherischen Methoden beirieb man die 
Völkerlenkung, schleppte die Blüte der Männerweh vor die Schlachtbank, 
vernichtete die kräftigsten Stützen des Volkswohles, unterband die wichtigsten 
Blutadern eines gesunden Menschheitslebeiis. also auch Gemeinschaftslebens 
und beging Verrat an den zentralen Interessen, indem man mit jämmer- 
lichem Krämergeist die obernächlichcn Kleinintcressen förderte. Im l^ben 
der Einzelnen gewährt man dem Arzt ein gewichtiges Wort: Der Sports- 
mann, der Fabrikdirektor, der Lohnarbeiter lassen sich von ihm beraten, 
wenn das Leben auf dem Spiele sieht. Für die IleurteiKing der großindivi- 
duellen Lebensinteressen aber fehlte der Antt. Jeder Staatsmann ließ sich 
von seinen Kalkulationen leiten, und die volkerhygicnischen UÜcksichten 
blieben außer acht. Angesichts solchen Wahnsinns darf man sich über die 
Greuel des Weltkrieges und die Torheiten des sogenannten Weltfriedens 
nicht wundern. 



Die menschlichen Einigungsbestrebungen im Lichte der Psychoanalyse 155 



Freud zeigt uns die hygienischen Grundsätze der Völkergemeinschaft. 
Er lehrt uns die allein wirksame Behandlung jener dissoziativen Störungen 
des menschlichen Gemeinschaftslebens, die schon Kant als kr^L^khaft er- 
kannte. Er lehrt uns, daß wir allen Ernstes auch die groß individuellen 
Neurosen, als welche wir Krieg, fanatischen Haß, Unterdrückung u. dgl. 
sehr oft (nicht immer) betrachten müssen, nach psychoanalytischen Prin- 
zipien behandeln müssen. Er hilft so zur Überwindung der pathogenen 
Tiefenmächte und zur Reintegration der Liebe. Was Aufklärung und über- 
lieferte Diplomatenkunst aus leicht verständlichen Gründen nicht erzielen 
konnten, das rückt nun dank der analytisch vertieften Sozialhygiene im 
weitesten Sinne in den Bereich des Ausführbaren. 

Und so entfacht Freud die zündende Fackel, die den erhabenen Geistern 
des Friedens und der Liebe ihren segensreichen Einzug in die Großindivi- 
duen der Menschheit erleichtern wird. 



Kann das Unbewußte er/.o^en werden? 

rortrag, gehalten in der „Montessori Society" '« London am }I. Dezember 1^2$ 

Von 

M. D. Edcr 

London 



An euch, ihr I^ehrer, ergehl der Ruf, die Menschheit zu retlen. Her ge- 
gliederte Teil der Menschen fülilt sich geradi; in der liculigen /,eii bi-sonders 
elend und traurig und wendet sicli. nachdem er sein IK-il auf versclliedene 
Weise gesucht hat, an euch, in der Hoflnung, daß ihr einen Weg aus dem 
Sumpf finden werdet. Das erscheint auf den ersten llllck ah eine vernünftige 
Hoffnung, denn selbst wenn ihr mit I* Play darin übereinstimmt, daß mit 
jeder neuen Generation eine Horde von kleinen Wihien in die Well einbricht, 
fällt ja euch Lehrern die Aufgabe zu, diese Wilden 7.u /.ivilisieren ; und da 
der Ruf nach mehr und immer mehr Kr/jeliiing allgemein ist, muß man 
wohl annehmen, daß wir recht zufrieden mit der Art sind, wie ihr eure 
Aufgabe erfüllt — nur würden wir wünschen, daß ihr eine noch hüliere 

Stufe erreicht. 

„Was taugt ein Mensch ohne Unterweisung?" fragt Mr. lüob IIiiQ in „Tlie 
Undying Fire" von H. C,. Wells. „Kr wird geboren wie das Vieh, unersättliche 
Selbstsucht, Gier, die nicht locker laßt, ein Ktwas. bestehend aus Gelüst und 
Angst. Kr sieht alles nur in liexiehung zu sicIi selbst. Sogar seine Liebe ist 
ein Geschäft; und seine äußerste Anstrengung ist nichtig, denn er muß ja 
doch sterben. Und wir I^hrer allein sind es, die ihn au» dieser Selbst- 
befangenheit emporheben können — wir Lehrer. Und BD entgeht <'r durch 
uns und nur durch uns dem Tode und der Nichtigkeit. Kin ungelelirter 
Mensch ist ein vereinsamtes Wesen, so verlassen in seinem /.ielen inul semem 
Schicksal wie nur irgendein Tier. Der unterrichtete Mensch aber ist dem engen 
Gefängnis seines Selbst entronnen zur Teilnahme an einem uichtsterblichen 



Kann das Unbewußte erzogen werden? 157 

Leben, das begann, wir wissen nicht wann, und das sich ausbreitet bis über 
die Weite der Gestirne." 

Aber da Erziehung doch nicht ausschließlich eine Errungenschaft des 
zwanzigsten Jahrhunderts ist, mag wohl die Frage am Platze sein: Gibt 
es eine Rechtfertigung und welche dafür, daß wir die Erfüllung so aus- 
schweifender Hoffnungen von der Erziehung erwarten. Dabei wollen wir 
für einen Augenblick annehmen, daß das vollendeteste System, das man sich 
nur wünschen kann, sagen wir das der Montessori, allgemeine Anwendung 
fände. 

Wenn der unterrichtete Mensch sich wirklich so unendlich hoch über 
das ausschließliche Interesse am eigenen Selbst emporheben würde, wenn 
er wirklich ein um so viel edleres, so viel lebendigeres Leben führt, dann 
brauchte ich keine Fragen zu stellen, keiner Angst für die Zukunft Ausdruck 
zu geben. Denn sicherlich besitzt auch die dümmste und unwissendste Person 
in diesem Raum, ich selbst, mehr Wissen, als der Wissendste des Altertums 
hatte, ebenso wie unsere Urenkel einen größeren Vorrat an Wissen haben 
werden, als irgendeiner von uns hier beanspruchen kann. Aber so angenehm 
und erfreulich es auch sein mag, über die wachsenden Quellen des Wissens 
nachzudenken, die heute überall sprudeln, obgleich ich mich rühmen kann, 
mehr zu wissen, als Piaton wußte, so lehrten uns doch die Weltgeschichte 
und Weltliteratur, daß größeres Wissen nicht gleichbedeutend ist mit größerer 
Weisheit. Wir bleiben noch immer, wie Shaw sagt, die kecken, launenhaften 
Affen, die wir in der Dämmerzeit der Geschichte waren; betroffen sehen wir, 
wie bei den Helden und in den Heldenzeiten der Vergangenheit ebenso wie 
heute, Kämpfe, Zweifel, Streben nach einem besseren Zustand auf dieser Erde, 
nach Frieden unter den Menschen, nach dem Ende des Hasses und der Er- 
bittertheit ebenso zwischen den Individuen wie zwischen den Völkern hart 
neben Unterdrückung, Gier und Grausamkeit erscheinen, und zwar nicht 
nur in ein und derselben Geschichtsepoche, nicht nur in verschiedenen 
Lebensperioden desselben Individuums, sondern fast in ein und demselben 
A.ugenbUck. Ja noch mehr, jene Anthropologen, die sich in den letzten Jahren 
der Erforschung der Psyche solcher Völker widmeten, die eine Kultur haben, 
aber eine von der unsern verschiedene, eine Erziehung, aber kein solches 
System des Unterrichts, wie Hieb Huß es erträumt, finden die genauesten 
Parallelen zwischen den grundlegenden Ideen und Affekten der Wilden und 
unseren eigenen. Das Unbewußte ist überall gleich und ich glaube, wir 
können die Hypothese aufstellen, daß es gleich geblieben ist, seitdem die 
Menschen Menschen sind. 



13» 



M. I). ImI.t 



Nur als Stütze unseres Gedächtnisses will ich im Umriü Freuds Ansicht 
über die Eigenart des Unbewußten wiederg.^ben : Da» Unbewußte besteht 
aus Triebvertretungen, die Wunschimpulse siiul. Im Unbewiißlen gibt es 
kein Nein, keine Unsicherheit; entgegengesotvte Wünsche existieren neben- 
einander, ohne einander auszulöschen; es herrscht die huüerslo Beweghch- 
keit, so daß durch Verschiebung und Verdichtung eine Vorstellung voll- 
kommen verdeckt werden kann; das Unbewußte ist zeitlos, d. h. seine 
Prozesse unterliegen keinerlei Veränderungen durch 'die Zeit; die Prozewe 
des Unbewußten haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sie sind dem 
Lustprinzip unterworfen, d. h. sie ersetzen äußere Wirklichkeit durch 

psychische. 

Ich habe bei meinem heutigen Vortrag diese Auffassung als gebilligt 
angenommen, da ich weiß, daß Ihre Vereinigung schon andere Vorträge 
über das Unbewußte angehürt hat; es wäre zu lästig, wenn wir bei jeder 
Auseinandersetzung erst einen gemeinsamen Ausgangspunkt suchen müßten. 
Ich bemühe mich, von einem streng wissenschaftlichen Standpunkt aus zu 
sprechen, d. h. in die Kette von deschelmissrn kein äußeres Moment sich 
einschieben zu lassen. Es ist der Standpunkt, den der gewölinliclie Mensch 
im täglichen Leben einnimmt. Wenn Sie den Wasserhahn drelicn und kein 
Wasser herauskommt, so werden Sie nach dem Installiileiir senden; Sie 
werden nicht bei Sekten Hilfe suchen und nicht so handeln, als glaubten 
Sie an die Einwirkung eines bÜsen Geistes. 

Nehmen wir als bewiesen an, daß das Unbewußte durch die ganze 
Menschheitsgeschiclite unverändert blieb, wie könne» wir dann die Ver- 
änderungen in den menschlichen Verhältnissen erklaren. Veränderungen, 
die ich gerne als Fortschritt ansehen will. Wir müssen auch daran denken, 
daß die meisten dieser bedeutsamen Wandlungen relativ jung smd; ist 
doch die wunderbarste aller Kulluränderungen, der Ackerban. Keine sieben- 
tausend Jahre, zählt also vielleicht weniger Generationen als dieser Raum 

Menschen. 

Vor allem ist die Annahme unrichtig, daß eine Mural — ich spreche 
vom menschliclien Standpunkt aus — den lieren unbekannt ist. Sonderbarer 
erscheint es, daß gewisse menschliche GharHkleriügc, z. B. Grausamkeit 
ohne Nutzen als Zweck, nicht ium Wesen der anderen Tiere gehören, 
während das, was uns als ein Beispiel von Liebe und GÜle erscheint, sich 
durch das ganze Tierreich findet. Auf den großen Steppen von Sil.lamerika 
war ich oft Zeuge folgender Szene: Dutzende v..n Geiern schweben über 
einem sterbenden Kalb, das die Mutter, bereit zu einem Verleidigungskampf, 



Kann das Unbewußte erzogen werden? 159 

bewachte; sie verscheucht jeden Vogel, der scheinbar herankommen will; 
keiner wagt es, ihrem sterbenden Jungen zu nahe zu kommen. Damit Sie 
Ihre Sympathie bei diesem Beispiel von Elterninstinkt nicht übermannt, 
will ich hinzufügen, daß sich die Geier in dem Moment, in dem das 
Kalb tot ist, auf die Leiche stürzen, während die Mutter ruhig wieder zu 
grasen beginnt. In Wahrheit ist das Verhalten der Kuh so vernünftig, wie 
es das einer menschlichen Mutter unter ähnlichen Umständen wäre; für 
die Betätigung des Mutterinstinktes besteht hier kein Anlaß, da die Geier 
nichts Lebendes anrühren; sie fressen nur Aas und töten ihre Beute nicht. 

Die Kuh zeigt sich hier ebenso unvernünftig wie die Mutter aus Steier- 
mark, die ihr Kind vor den Gefahren des Zahnens dadurch schützt, daß 
sie einer lebendigen Maus den Kopf abbeißt und ihn an einem Seidenfaden 
um den Hals des Kindes hangt. 

Wenn wir nun die Antwort auf die Frage finden können, warum die 
Mütter in London diesen Brauch nicht üben, dann dürften wir auf dem 
Wege sein, auch die Frage zu beantworten, die den Titel dieses Vortrages 
bildet. 

Wir können ruhig annehmen, daß die steirischen Mütter mit ihren 
Schutzmitteln dieselben Resultate erzielt haben, wie andere ohne diese. 
Zweifellos hat sich das Zahnen des Kindes unter Begleitung des Maus- 
kopfes recht häufig ohne jede Schwierigkeit vollzogen, während das Kind 
in anderen Fällen, ungeachtet der Opferung der armen Maus, ziemlich 
viel zu leiden hatte. Ich erinnere mich noch aus der Zeit des Beginnes 
meiner medizinischen Laufbahn, daß der Arzt damals oft Einschnitte in 
das Zahnfleisch des Kindes machte. In Südamerika wieder wurde, wie ich 
erfuhr, das Zahnfleisch mit dem Manna eingerieben. Heute wissen alle, 
die beruflich mit zahnenden Kindern zu tun haben, daß keine große Gefahr 
damit verbunden ist und daß weder eine Maus noch das Zahnfleisch des 
Kindes dabei geopfert werden muß. 

Der lächerliche und vielleicht auch abstoßende Brauch in Steiermark 
hat aber doch eine Bedeutung. Eine vollständige Erklärung kann ich Ihnen 
nicht geben, weil ich keine weiß; ich kenne die Geschichte dieses Ritus 
nicht und auf alle Fälle würde uns das zu weit von unserem Thema abführen. 
Aber zugrunde liegt, wie bei vielen ähnlichen Zeremonien, eine gewisse 
feindliche Einstellung gegen das Kind. Die steirische Mutter empfindet wie 
andere Mütter große Freude und großen Stolz darüber, ein Kind zu haben, 
es ist der Gegenstand unendlicher Liebe, Hingebung, Sorgfalt. Aber es ist 
auch eine Hemmung für die Befriedigung der egoistischen mütterlichen 



£:> 



i4< 



M. i). Edur 



Neigungen; das Kind stört die Nachtrulie u. s. w. In anderen Gemeinschaften 
fanden solche feindliclie Gefühle iliren Ausdruck in derTütung des Kindes; in 
Steiermark in der Opferung einer Maus und in unserem duldsamen l^ndon 
vielleicht einfach in dem Ausruf der Hnnne: „Hol' der Kuckuck das Kind'" 
Wir entdecken also, daß das unbewußte FeindschaftSf^efiüil gegen das 
Kind geblieben ist; nur seine Äußerungen sind einer unauniürlichen Wandlung 
unterworfen — von der Tötung des Kindes bis zu einem Ausruf der Un- 
geduld . — alles vollzieht sich in den meisten Fällen unbewußt und findet 
unter Umständen keinen direkteren Ausdruck als den der Un7,ufriedenheit 
der Mutter mit der Art, wie die IJonne dfin Kind das Häubchen aufgesetzt 
hat — also in einer Verschiebung des ursprünglichen Alfektrs. 

Man könnte die Frage aufwerfen, ob der Alle kt in unserem zivilisierten 
Gemeinschaftsleben eben so stark ist wie unter Wilden oder wie er bei 
den Menschen der Urzeit war. Ich bin außerstande, diese Frage zu beant- 
worten, denn wir haben unglücklicherweise keinen verläßlichen Maßstab 
für Gefühle. Aber meine Beobachtungen legen mir die Vermutung nahe, 
daß im ganzen die mütterlichen Gefühle, zärtliche wie feindliche, unter 
den Wilden ebenso ausgeprägt sind wie unter hochkullivicrten Völkern. 
In einem Kannibalenstamm in Südamerika, bei dem ich mich eine Zeit- 
lang aufhielt, entsprach die liebevolle Hingabc dieser nrien sehen fressenden 
Mütter und Vater für ihre Kinder durchaus den Forderungen irgendeines 
englischen belehrenden Buches über Mutlerschnfl. 

Im übrigen können wir von der Frage der Starke, die allerdings für das em- 
zelne Individuum wie für jede besondere Rasse ungeheure Wichtigkeit besitzt, 
die nach der Art dieses Gefühls trennen. Nachdem ich die virsprüngliche 
Einheit dieser primitiven Impulse durch die ganze Geschichte vertreten 
habe, muß ich zunächst ihr weiteres Schicksal skizzieren, soweit mit den 
Wandlungen, denen sie unterworfen waren, die Erziehung etwas zu tun hat. 
Unter normalen Umständen besteht der erzieherisch wichtigste Prozc3 in 
dem Ersatz des ursprünglichen Objekts durcli ein anderes, das dem sozialen 
Leben des Individuums besser angepaßt ist. In viiden Fällen ist die Umwand- 
lung des Objekts begleitet von einer F.inschränkxing oder Aufhebung des 
ursprünglichen Zieles. Ist die Umwandlung in zufriedenstellender Weise 
durchgeführt, dann muß das ursprüngliche Ziel die Fuhigkeil verlieren, 
den Impuls in Tätigkeit zu setzen. Auf solchen erfolgreichen Umwand- 
lungen beruht die Zivilisation; die Erziehung kiinn unmittelbar verhähnis- 
mäßig wenig dazu tun, die Wandhmgen selbst hervorzubringen, aber sie 
kann sie auf verschiedenste Art beeinflussen. 



Kann tlas Unbewußte erzogen werdeu? 141 



Die erste ist zwar negativ, aber von grundlegender Bedeutung für das 
Wachstum des Individuums. Sie hat zur Voraussetzung die Erkenntnis, daß 
die Erziehung zur Kultur bei der Geburt beginnt und daß die ersten sechs 
Lebensjahre ausschlaggebend sind; sie wird daher alle psychologischen 
Hemmungen für die geistige Entwicklung beseitigen und Bedingungen für 
die freie Entwicklung des Kindes zu sichern trachten. Solche Bedingungen 
anerkennt ja auch die Montessori- Gesellschaft als wünschenswert, wenn auch 
erst in einem späteren Stadium. 

Neue Erkenntnisse in der Psychologie des Unbewußten ermöglichen uns 
ein besseres Verständnis der Rolle, die der Lehrer bei diesem Prozeß spielen 
kann. Neben dem Ich, das aus triebhaften Wünschen besteht, wachst Im 
Kinde ein anderes Ich, das sich zunächst nach jenen Menschen formt, die in 
unmittelbare gefühlsbetonte Berührung mit dem Kind kommen, im Normal- 
fall also nach den Eltern. In diesem Identifizierungsprozeß nimmt das Kind 
die Eigenheiten des einen oder anderen Elternteiles an; unter gewöhnlichen 
Verhältnissen identifiziert sich der Knabe mit dem Vater, das Mädchen mit der 
Mutter. Es handelt sich dabei nicht, daran müssen wir festhalten, um eine 
bewußte Nachahmung, sondern um ein Streben, die erwachsene Person zu 
sein, ein Streben, von dem das Kind selbst nichts weiß. Diesem zweiten 
Ich, diesem Über-Ich, wie Freud es genannt hat, verdanken wir das 
Erwachen des Gewissens. Nun kann aber, wie ich schon gesagt habe, das 
Objekt eines instinktiven Impulses wechseln. Wenn das Kind in das schul- 
pflichtige Alter kommt, wird statt der Eltern der Lehrer zum Objekt der 
Identifizierungsbestrebungen. Solch eine Identifizierung kann vollständig oder 
nur teilweise stattfinden, aber von diesem Prozeß hauptsächlich wird der 
Erfolg des Lehrers abhängen, d. h. ob er seine Schüler instand setzen kann, 
ihre primitiven Impulse in Einklang mit der Kultur ihrer Generation zu 
bringen. 

Wenn meine Skizzierung der Methoden zur Zähmung der unbewußten Im- 
pulse richtig ist, so werden Sie wohl zu der Ansicht kommen, daß die Er- 
ziehung zwar die ganze schwere Aufgabe auf sich nehmen muß, jede Generation 
aus kleinen Wilden" — vom Standpunkt des Erwachsenen aus, denn von 
psychologischen aus muß man sagen, daß das Kind amoralisch ist und nur 
zu bald ein Gewissen und sogar eine Supermoralität entwickelt — zu 
Menschen mit den hohen ethischen Forderungen meiner Zuhörer zu machen, 
daß aber ihre Aussichten recht ungünstig sind. Tatsächlich gibt ein öster- 
reichischer Pädagog (Dr. Bernfeld) seinem letzten Buch über Erziehung den 
Titel „Sisj-phos", weil der Erziehungsprozeß für jede Generation von Anfang 



142 



M. D- Eder 



an wiederholt werden muß. Nun gut. wenn das der Fall ist, brauchen wir 
darüber nicht mehr Tränen zu vergießen als über die Tnlsaclif, daß jedes 
Individuum sein Leben als Parasit beginnt, daß es crsl nach i-iiu-r Reihe von 
mißglückten Versuchen aufrecht stehen lernt, daß es seine Milcliziilinc nur 
bekommt, um sie wieder zu verlieren, wenn die zwcilen durchbrechen, Ohne 
den Satz vom Sündenfall zu unterschreiben, kann man doch an der Voraus- 
setzung festhalten, daß vom Standpunkte der Krwachsenen aus die Natur 
des Menschen böse ist oder doch ihre engen (Jrenzen hat und daß er seine 
temerkenswerlen Leistungen nur kraft heroischer Zucht vollbringen konnte} 
und jede Erziehung trägt diesen Charakter. 

Bevor ich mich mit anderen Möglichkeiten befasse, muß ich kurz die 
Verhältnisse ins Auge fassen, die die Mügliclikeit einer Erzieliung in mensch- 
lichen Angelegenheiten gebracht haben mögen. Die Instrumente, durch welche 
der Mensch instand gesetzt wurde, sein Wissen von Generation zu Gene- 
ration zu erweitern, sind die Sprache und ilire Tochter, die Schrift. Prof. 
Elliot Smith bemerkt: „Im Augenblick, wo man es mit nK'iiscliIichcn Wesen 
zu tun hatte, die dank der Erwerbung der Sprache einander Mitteilungen zu- 
kommen lassen und die Früchte ihrer Erkenntnis koninienden Generationen 
übermitteln können, hat sich ein neuer Zustund der Dinge herausgebildet, 
für den wir nirgends anders eine genaue I'arallcle linden," Die in münd- 
licher und schriftlicher Tradition übermittelten Früclite der Erfahrung sind, 
wie Sie aus der Natur der Sachlage erkennen, nur von einem gewissen 
Alter an für das Kind verwertbar. Sie können kt-ineswegs die Neigungen 
ändern, die es bei der Geburt auf die Well mitbringt. 

Nun, da wir das Instrument kennen, gibt es irgendeine wissenschaftliche 
Erklärung dafür, wie es zur Kulturentwicklung kam? Soweit ich die Dinge 
überblicke, läßt es sich nicht bestreiten, daß die Menschheit insgesamt eine 
Tendenz zur Änderung zeigt (nennen wir es Fortschritt) ; dieselbe Erscheinung 
sehen wir auch täglich rings um uns im organischen I^ben und die Physiker 
haben uns gelehrt, sie auch in der iinorganischen Welt zu linden. 

Soweit es uns Menschen betrifft, können wir uns wolil vorstellen, daß 
unter dem Druck des Daseinskampfes das Gebäude der Zivilisation durch 
Opfer in bezug auf die Art der Befriedigung primitiver Impulse errichtet 
wurde und daß er immer von neuem geschalTen werden muß, denn der 
Reihe nach wird jedes einzelne Individuum, wenn es am Gemeinschafts- 
leben Anteil gewinnt, gezwungen, um des Gemeinwohles willen das Opfer 
seiner instinktiven Wünsche zu wiederholen. Diese AufTassiing macht die 
Annahme von ererbten Dispositionen, und von der Übermittlung von ei^ 



Kann das Unbewußte erzogen werden? 145 



worbenen Eigenschaften überflüssig. Das Inein anderwirken von Geistigem 
und Physischem, das hiehergehören würde, ist ein zu weitläufiges Thema, 
um es hier zu berühren. Ich will nur betonen, daß „geistig" und „physisch" 
nicht als Ausdrücke für verschiedene Wirkungskreise gebraucht werden 
dürfen. Es sind nur zwei verschiedene Arten, die „an sich" nicht bekannten 
Vorgänge zu erfassen. 

Meine bisherige Antwort auf die Frage, ob irgendein Erziehungsprozeß 
eine Wandlung des innersten Wesens hervorbringen kann, war also so weit 
negativ, wurde aber modifiziert durch meinen Versuch zu zeigen, daß 
Änderungen in den Objekten und Zielen unserer primitiven Impulse erreicht 
werden können, um sie mit den Erfordernissen unserer Kultur besser in Ein- 
klang zu bringen. Das ist keine wirkliche Änderung, zeigt aber die äußeren 
Merkmale einer solchen. Der Unterschied ist nur, daß wir immer wachsam 
sein müssen. Es besteht für uns immer die Möglichkeit des Zurückgleitens 
— manche werden es wünschenswert nennen — in eine leichtere und 
weniger anstrengende Art von Gemeinschaftsleben. 

Gibt es irgendwelche Verhältnisse, die die Erziehungsaufgabe weniger 
schwierig machen konnten? Ein Resultat der Psychoanalyse, das man wohl 
nicht voraussehen konnte, ist der Nachweis, daß Neigungen, Charakterzüge, 
die bisher der Erbanlage zugeschrieben wurden, in Wirklichkeit auf die 
Einwirkungen des Miliens zurückzuführen sind; genauer gesagt, daß die 
ersten Lebensjahre den Charakter und das Schicksal des Individuums be- 
stimmen können; daß viele Züge, die man als ererbt ansah, in Wirklichkeit 
durch den psychologischen Prozeß der Identifikation erworben wurden. 
Damit soll natürlich die Erblichkeit nicht bestritten werden, aber wir sehen, 
daß die Bedeutung der Milieus stark unterschätzt wurde, sowohl von den 
Sozialreformern, die alles Gewicht auf die Naturanlage legten, als auch von 
denen, die die Ernährungsfunktionen als das einzig Wichtige erklärten. 

Im ganzen und großen können wir sagen, daß jedes Kind in Europa 
erlogen wird, um dem herrschenden religiösen, sozialen und ökonomischen 
Regime angepaßt zu werden. Es macht sehr wenig aus, ob man es mit 
den Kindern der Armen oder der Reichen zu tun hat, ob mit dem Sohn 
der Rebellen oder der Konsen'ativen, des Prinzen, Aristokraten oder Bauern. 
Es ist ein Freihandelssystem, wo man auf dem Markt für den letzten Preis 
alle seine Güter verkaufen kann; Muskelkraft oder Frechheit, ßier oder 
Gehirn. Ich will nicht andere Systeme in Betracht ziehen, ich will nur ver- 
sichern daß sie möglich wären und daß die Wirkung einer solchen Ver- 
änderung der Umwelt auf das Kind unermeßlich wäre. Einige unserer 



144 



M. 1), iMlcr 



Schriftsteller, z. B. Morris in „News from Nowhere" und )hKlson in „The 
Crystal Age" haben es gewagt, die möglichen Vpriinderungen ausv.uma!en. 
Keine dieser Utopien braucht wahr zu sein; wahr aber ist, daß die psycho- 
logische Veränderung ungeheuer und die Sisyphusarbeit des Lebens vielleicht 

wesentlich leichter wäre. 

Wandlungen dieser Art hängen mit größeren und geringeren Verände- 
rungen in der Umgebung des liittlviiluums /.usammcn. Vom sozialen 
Standpunkt aus beruht jede Verbesserung für Individuum und Gesellschaft 
auf der Erziehung, selbst wenn wir, als Hypothese, annehmen wollten, daß 
mit dem Verschwinden der Hindernisse, Verbole und llomnningeii, Wachs- 
tum und Anpassung leichter vor sich gingen. Letzlere ergibt sich im all- 
gemeinen aus der MogUchkeit, das Über-Icli und das Ich in besseren 
Einklang miteinander zu bringen und so die intra-psychischrn Konflikte 
zu verringern. 

Wir müssen nim noch die Möglichkeit in Uctrarht ziehen, daß das Un- 
bewußte selbst sich ändert. Die Grenzen meines 'l'liemos verbieten es mir 
glücklicherweise, mich lange bei Methoden auf/.uhaltcn, die heute gleichsam 
in der Luft liegen, wie Zuchtwahl oder angewandte Eugenik. Ich will 
mich auf das psychologische Gebiet beschränken und untersuclien, oh die 
Änderungen, die sich unter dem Druck der äußeren Verhältnisse vollziehen, 
jemals eine so untrennbare Verbindung mit unserem gciBtigen Wesen ein- 
gehen, daß sie zu einem festen Bestandloii unserer Psyche werden; und ob 
die Schwierigkeiten der Anpassung nn einen vorgeschrittenen so/.iaIen Zu- 
stand von innen überwunden werden, so wie der Siiugliiig <iie Abhängigkeit 
von der Mutter dadurch überwindet, daß er Zähne bekommt, oder wie 
Hand, Auge und Mund des Kindes sich zu gegenseitiger Übereinstimmung 

entwickeln. 

Wenn wir einen Rückblick auf die wirre Menschheitsgeschichte werfen, 
so müssen wir, da uns nur dürftige Ueste erhalten sind, einen großen 
Teil der frühen Geschichte uns von unserer l'hanlasie ausmulen lassen. 
Wir begreifen, daß gewisse Entdeckungen ~ und über die größten 
haben wir keine Nachrichten ~ den Gesichtskreis dei Menschen von 
Grund aus verändert haben müssen. Zu den wichtigsten dieser Errungen- 
schaften müssen wir den Ackerbau und die /älimung der 'I'iere rechnen. 
Die Sprache, aus der ich die ganze Bezieliurigsmögliclikeit als etwas dem 
Menschen Eigentümliches herzuleiten wagic. stellt ein weseulliches Charak- 
teristikum dar und eine fiiittung von Lebewesen, die diese Möglichkeit, 
sich untereinander zu verständigen, nicht besitzt, wäre, auch wenn sie in 



SIC 



Kann das Unbewußte erzogen werden? 1,^.5 

jeder anderen Hinsicht den Menschen gliche, ihnen nicht zuzurechnen. 
Ackerbau bedeutet, daß der Mensch, um sein Leben zu fristen, nicht länger 
auf das Sammeln der zufällig wachsenden Früchte oder Beeren angewiesen 
ist, sondern die Zauberkraft besitzt, aus einem vieles zu machen; es kann 
also von nun ab mit ein paar Samen, die den Hunger eines Menschen für 
ein paar Tage stillen würden, der Unterhalt eines ganzen Stammes be- 
schafft werden. Diese Tiere, die der Mensch in einer Zeit zähmte, aus der 
keine Nachrichten stammen, sind die einzigen, deren Zähmung ihm je 
gelungen ist. 

Diese grundlegenden Errungenschaften müssen, sollte man glauben, die 
aggressiven Impulse des Ich verändert und die ersten erfolgreichen Ver- 
suche zu einer höheren Organisation als der der Horde begründet haben. 

Wenn Sie mir nun gestatten wollen, meine Phantasie spielen zu lassen, 
so möchte ich nur für einen Moment die Möglichkeiten ausmalen, die sich 
infolge der Entdeckung des Unbewußten eröffnen. Ich beschäftige mich 
hier nicht mit den metaphysischen Spekulationen so vieler großer Philo- 
sophen von Spinoza bis E. v. Hartmann, sondern mit der genauen Kenntnis 
der Wirkung des Unbewußten in uns allen, die wir der Psychoanalyse 
verdanken. Ihr Resultat wird ganz verschieden sein von dem Wissen, welches 
über die äußere Welt gesammelt wird, gleichgühig ob von der Physik oder 
von der Physiologie, Wissenschaften die sich täglich leicht beherrschbare 
Vorstellungskreise unterwerfen. Diese Art der Psychologie handelt von den 
treibenden Kräften unseres geistigen Seins; sie entdeckt die geheimen 
Quellen unseres Strebens, unseres Tuns und unseres Versagens. Sie erforscht 
ein Geheimnis, dessen Enthüllung der Mensch tatsächlich mit all seinen 
Kräften zu verhüten trachtete. Wir finden, nicht daß wir alle Sünder sind, 
aber ganz genau, in welcher Art wir sündigen; wir finden, daß wir Zeit- 
genossen der nackten Wilden vergangener Jahrtausende sind. Wie bei so 
vielen schlimmen Nachrichten, die wir uns mitzuteilen fürchten, finden 
wir, daß wir diese Eröffnungen leichter ertragen können als wir dachten. 
Nun ist es, denke ich, offenbar, daß nur wenige Menschen — wenige der 
geistig kranken — die Psychoanalyse brauchen werden, um ganz zu gesunden ; 
daß vielleicht nur wenige, die Wißbegierde und Mut in hohem Grad be- 
sitzen, sich entschließen werden, diese Wissenschaft gründlich zu studieren, 
auf die einzige Art, in der heute Wissenschaften studiert werden müssen, nicht 
aus Büchern, sondern im Laboratorium. Trotzdem bin ich so kühn zu glauben, 
daß das Verständnis des Unbewußten sich verbreiten und einen Teil des 
geistigen Rüstzeugs der Menschen überhaupt bilden wird. Das Unbewußte 

Imago XII. 10 



1^6 



Eder; Rann das IJiihewulJto cr/ofieii ■wcr-icn? 



ist zeitlos und ich will ihm folgen, indem ich für meine Prophezeiung 
keine zeitliche Grenze angebe. Wenn einmal einige der dynamischen Fak- 
toren des Unbewußten, die der libidiiiösen Strömungen, des unbewußten 
Egoismus, des unbewußten Schuldgefühls denn der Mensch verbirgt 

sonderbarerweise auch vieles von seiner Moral vor sich selbst - nicht 
mehr eine Sache des erlernten Wissens, sondern des Wirklichkeitserfassens 
sind, dann wird, denke ich. das Unbewußte über die Erxiehbarkeit hinaus- 
gewachsen sein, wenigstens teilweise, aber es wird dann von selbst in die 
Kanäle strömen, die die Männer und l'Vauen der /ukimfl für die wünschens- 
wertesten halten. Durch Wissenschaft Meislcr der Außenwell, Mclsler ihrer 
selbst, wenn in ihnen für die mächtigen Kräfte der Liebe das Verständnis 
erwacht ist, gewachsen dem Hasse auf seinen uns verkrüppelnden Wegen 
und seiner Schwester, der Angst, die bisher verkleidet sich einschleicht. 
dann wird des Sehers Gesicht sich erfüllen, wir werden unsere Schwerter 
in Pflugscharen verwandeln, ohne Holch ein künstliches (Jebilde wie es 
z. B. der Völkerbund ist, aber nie, ohne die Hilfe eines Werkes, wie es 
das Montessorische ist. 



Experimentelle Beiträge zur Dynamik und 
Ökonomie des Triebkonflikts 

(Biologische Parallelen zu Freuds Trieblehre) 

Von 

R. Brun 

Privatdozent an der Universität Zürich 

I 

Wenn wir versuchen wollten, das imposante Lebenswerk Sigm. Freuds 
vom Standpunkte des Biologen mit zwei Worten zu charakterisieren, so 
könnten wir wohl kaum eine zutreffendere Aussage darüber machen, als 
die, daß es von Anfang an von einer eminent biologischen Einstel- 
lung des B'orschers getragen und befruchtet war. Zu einer Zeit, da die 
alte „Schulpsychologie" die Psyche fast gänzlich in eine seelenlose Mechanik 
von Sinnes- „Erlebnissen" aufgelöst hatte (indem sie fortgesetzt das Instru- 
ment der Seele — den c er ebro spinalen Wahrnehmungs- und Reaktions- 
apparat — mit dieser selbst verwechselte), entdeckte Freud die primäre 
Triebbedingtheit alles seelischen Geschehens und schuf so die erste auch 
praktisch — am Krankenbett — brauchbare, weil von biologischen Gesichts- 
punkten getragene Psychologie. Trotzdem — oder besser, gerade weil diese 
neue Psychologie zunächst rein praktischen Zwecken — der Heilung seelen- 
kranker Menschen diente und daher fern von voreiliger Spekulation auf 
jahrzehntelanger mühevoller und streng induktiver Detail forschung auf- 
gebaut war, konnte Freud auf diesem sicheren Fundament schließlich 
jenes stolze, in sich geschlossene und, fast möchte man sagen, weltum- 
fassende wissenschaftliche Lehrgebäude errichten, das die Psychoanalyse in 
ihrer heutigen Gestalt darstellt. 

Ein wesentliches Merkmal der psychoanalytischen Lehre wurde von 
jeher darin erblickt, daß sie, im Gegensatz zur alten Bewußtsein spsycho- 

iO' 



148 



R. Brun 



logie, in erster Linie eine Triebpsychologie sei. In der Tat kennzeichnet 
nichts so sehr die biologische Grundeinstellung Freuds, als die Tatsache, 
daß dieser tiefe Denker von seiner allgemeinen Neurosenlehre, die 
ja zunächst auf einer Unsumme rein klinischer Einzelergebnisse auf- 
gebaut war, schließlich mit einer Folgerichtigkeit ohnegleichen zu einer 
allgemeinen Trieblehre gelangte, Damit war zum erstenmal der An- 
schluß der Psychologie an die allgemeine Biologie gewonnen und die 
Grundlage einer biologischen Psychologie geschaffen. 

Ihren Ausgangspunkt nahmen diese metapsychologischen (sive psycho- 
biologischen) Studien Freuds bekanntlich von der Einsicht, daß die Neurose 
letzten Endes auf einem Triebkonflikt beruhe, nämlich auf einer 
Kollision zwischen phylo- und ontogenetisch alten Urtriebcn — wir wollen 
sie im folgenden biologisch unpräjudizierlich als „Primordialtriebe 
bezeichnen — und phylo- beziehungsweise ontogenetisch jüngeren, ent- 
fernten Abkömmlingen jener — die wir daher füglich als „Sekundär- 
t ri eb e" bezeichnen können. Die Symptome der Neurose erkannte 
Freud als die Äußerungen, Manifestationen dieses Triebkonflikts, und 
zwar letzten Endes als das Ergebnis eines mißlungenen Kompromisses 
zwischen den beiden miteinander in Konflikt geratenen, unvereinbaren 
(„inkompatiblen ) Triebansprüchen. 

Zu den Primordialtrieben rechne ich die primitiven Stufen des Selbst- 
erhaltungstriebes („Ich-Triebes" von Freud) und die Sexualtriebe. Sie ver- 
treten die Augenblicksinteressen des Individuums, d. b sie sind im Prinzip 
stets auf SDfort%e Befriedigung in der Gegenwart gerichtet. (Bezüglich der 
Sexualtriebe mag diese Aussage auf den ersten Blick befremden, da doch der 
Sexualtrieb in engsten Zusammenhang mit der Fortpflanzung, also mit 
einer übermdividuellen Funktion, nämlich mit der Erlialtung der Art bis in 
die fernste Zukunft, gebracht wird. Allem die wissenschaftliche Biologie kennt 
keine „Zwecke", — der Zweckbegriff ist vielmehr eine reine Fiktion des 
menschlichen Denkens, und in der Tat lelirt schon eine flüchtige Untersuchung 
der verschiedenen sexuellen PartialtrieBe, daß die Mehrzahl derselben keines- 
wegs die Fortpflanzung zum Ziel hat: Ihr unmittelbares Ziel ist vielmehr, 
wie Freud zuerst nachdrücklich hervorgehoben hat, kein anderes als die 
Luslbefriedigung an einer erogenen Zone). — Im Gegensatz zu den Primordial- 
trieben vertreten die Sekundärtriebe die Zukunftsinteressen des Ich 
und der sozialen Gemeinschaft: Es handelt sich da um hochkomplexe 
Synthesen (Trieb verscbränkungen) zwischen Abkömmlingen der Ich- und der 
Sexualtriebe (unter mannigfachen sekundären Affekt- und Objektverschiebungen), 
die, phylo- und ontogenetisch jungen Datums, nur bei sozial organisierten 
Lebewesen vorkommen und daher auch als „Sozialtriebe" bezeichnet worden 
sind. Ihre Objektrepräsentanzen sind (beun Menschen) vorwiegend mnemische, 



Experimentelle Beiträge zur Dpiamik und Ökonomie des Triebkonflikts 149 

d. h. nicht — oder nicht mehr — notwendig als sinnliche Eirregungs komplexe 
gegeben: die kulturellen, sozialen, ethischen und religiösen Anforderungen des 
„Ich-Ideals" von Freud. Ihre Gefiihlsrepräsentanz im Kollisionsfalle mit den 
Primordialtrieben ist das Gewissen, daher v. Monakow (17)^ das Gewissen 
meines Erachtens biologisch zutreffend, wenn auch wohl noch nicht erschöpfend 
definiert als eben die Instanz, die im Kollisions falle „die Interessen der Zu- 
kunft des Individuums und der Rasse", also die Interessen der Sekundärtriebe 
■vertrete. (Erschöpfend ist diese Definition meines Erachtens deshalb nicht, weil 
sie die Pathologie des Gewissens, wie wir sie beispielsweise bei der Zwangs- 
neurose beobachten, nicht berücksichtigt.) 

Für den der Neurose zugrunde liegenden Trieb konflikt kommen seitens der 
Piimordialtriebe fast ausschHeßhch sexuelle Strebungen, vor allem solche, die 
der sogenannten prägenitalen Sexual Organisation von Freud angehören, in 
Betracht. Der Grund dieses Verhaltens, an dem bekanntlich die Gegner der 
Psychoanalyse immer wieder Anstoß nehmen, ist unschwer zu verstehen: Zu 
neurotischen SjTnptombildungen kann es bekanntlich nur dann kommen, wenn 
die Repräsentanz der einen der beiden in Kollision geratenen Triebregungen 
verdrängt wurde. Der dem verdrängten Trieb zugehörige Energiebetrag muß 
dann entweder in anderer, inadäquater Form, z. B. in Form von Angst, seine 
Abfuhr erzwingen, oder sich an eine ihm ursprünglich fremde Objektreprä- 
sentanz heften (Verschiebungsersatz, respektive Konversion; — letzterer FaU 
tritt dann ein, wenn ein Kompromiß mit der verdrängenden Triebinstanz 
zustande kam). Die Ansprüche der primitiven Selbsterhaltungstriebe verhalten 
sich nun aber gegen die Verdrängung schon wegen ihrer Dringlichkeit 
meist refraktär: sie sind lebensnotwendig und müssen daher stets in ab- 
sehbarer Zeit befriedigt werden. Aus dem gleichen Grunde sind sie aber auch 
einer Affektverschiebung oder einer Konversion auf die Dauer nicht zugänglich : 
man kann z. B. den Hunger mit dem besten Willen nicht symbolisch befrie- 
digen oder, wenn man in Lebensgefahr schwebt, sich hinsetzen und etwa als 
Ersatz für die unmögliclie Rettung zu Mittag speisen! 

Es ist vielleicht nicht überflüssig, hier auch die biologischen Grund- 
lagen oder besser: Voraussetzungen des neurotischen Triebkonflikts 
noch ganz kurz zu erörtern. Ich bediene mich dabei der neutralen biologi- 
schen Terminologie von Semon (18) und verweise im übrigen auf eine meiner 
früheren Arbeiten (6), in welcher ich die betreffenden Verhältnisse ausführ- 
licher dargelegt habe. 

Der Laie denkt sich gewöhnlich, der Neugeborene sei gewissermaßen ein 
unbeschriebenes Blatt und stellt sich vor, daß dieses leere Blatt erst durch 
die nach und nach herbeiströmenden individuellen Erlebnisse allmählich be- 
schrieben werde. In Wirkhchkeit sind jedoch im Zentralnervensystem jedes 
Geschöpfes auch die Erfahrungen seiner Ahnen in Gestalt primärer Instinkt- 
oder Trieb dispositionen als fester, angeborener Erbbesitz niedergelegt. Diese 



1) Die eingeklammerten Zalüen hinter den Automamen beziehen sich auf die 
Nummern des Literaturverzeichnisses am Scldusse dieser Arbeit. 




igo R- Brun 

hereditären Engra minkomplexe der Urinstinkte, wio Hunger, Durst, Sc)mt7,, 
Verteidigung, Sexualerregung usw. kommen vorgängig jeder sp cm fischen 
Sinneserfahrung durch allgemeine Veränderungen der inneren energetischen 
Situation in erster Linie durch innersekretorische (Horman-) Kei/.e 7.ur Aus- 
lösung {Ekphorie). Die dergestalt aktivierte hereditar-mnemische (Instinkt-) 
Erregung bezeichnen wir als Trieb, sein subjektives Korrelat nach v. Monakow 
als Urgefühl. Der Trieb ist also zunächst objektlos; doch settt die 
betreffende hereditar-mnemische Erregung nun ihrerseits sofort den cerebro- 
spinalen Orientierungsapparat in Betrieb, d. h. der im Zustande der Trieb- 
erregung befindliche Organismus sucht nun erst in der Außenwelt Reiz- 
komplexe (Objektrepräsentanzen Freud) auf, die geeignet sind, den Trieb v.u befrie- 
digen — ein Vorgang, den ich als „primäre Reizsuche" bezeichnet habe. Bei 
niederen Tieren, wie beispielsweise noch bei den meisten Insekten, ist in der 
Begel auch die Objektrepräsentanz des Triebes, das sogenannte Triebobjekt, 
noch im Erbgedächtnis als hereditärer Engram rakoinp lex vertreten -— daher die 
Starrheit der meisten Instinkte dieser Organismen, ihre festgefügte Reaktions- 
struktur. Indessen hat die neuere Forschung gezeigt, daß selbst schon bei den 
Insekten die Verknüpfung zwischen Trieb und Objekt keineswegs eine so feste 
ist, wie man sich dies früher vorstellte, und vollends trifft dies, wie Freud 
richtig betonte, für die höheren Tiere und gar für den Mensclien zu, indem 
hier je nach Umstanden die mannigfachsten A f f e ktverschiebungen be- 
ziehungsweise Übertragungen auf biologisch inadäquate Objekte experi- 
mentell emelbar sind (cf. auch Hattingberg (lö). 

War nun die Reizsuche erfolgreich, entspricht die in der Auüenwelt 
angetroffene (äuÜere) energetische Situation der in der Erbraneme niedergelegten 
hereditär-mnemischen Situation (oder anders gesagt: entspricht der durch das 
Realobjekt erzeugte aktuelle Erregungskomplex dem hereditären Engramm- 
komplex der Urrepräsentanz des Triebes), so werden die betreffenden Sinnes- 
objekte sofort mit einer positiven, lustbetonten Gefühlsqualität ausgestattet; 
es entsteht ein heftiges, hinneigendes Begehren nach diesen für den Instinkt 
wertvollen Objekten. („Klisis", v. Monakow); — im anderen Falle wird das 
Objekt von Anbeginn mit einem negativen Gefühlston qualifiziert, die 
Situation wird unlustbetont („Ekklisis", v. Monakow). Mit anderen Worten, die 
positive oder negative Gefühlszensur, die wir allen Objekten unserer Erfahrungs- 
welt beilegen, stammt ursprünglich nicht von außen, sondern liegt in unseren 
primären, hereditären Trieb dispositionen begründet; sie hängt davon ab, ob die 
jeweilige äußere energetische Situation mit der jeweiligen hereditär-mnemischen 
Instinkterregung „homophon" zusammenklingt odernicht, also vom Erregungs- 
differential zwischen der hereditär-mnemischen und der aktuellen 
(Sinnes-) Erregung. 

AUe dergestalt bereits in statu nascendi, d. h. schon bei der Engraphie 
(Reizaufnahme) mit bestimmten Gefühlswerten beladenen Erlebniskomplexe 
treten nun bei jeder Wiederkehr einer der frülieren ahnlichen Situation ihrer- 
seits wieder in Homophonie, beziehungsweise Dysphonie mit der aktuellen 
energetischen Situation einerseits, der diesmal gerade vorlierrschenden „Trieb- 



Experimentelle Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Trieb konflikts 151 



läge" (also der aktuellen inneren energetischen Situation) anderseits, und 
erzeugen so sekundäre, psychische, d. h. bereits mit einer Erfahrungs- 
komponente ausgestattete Gefühle, die ich — im Gegensatz zu den Urgefühlen — 
als Affekte bezeichne. Affekte sind somit Gefühle, die schon an eine 
Obiektrepräsentanü, gebunden sind. Wird ein Affekt nicht durch eine 
orimnäre Sinneserregung, sondern als rein mnemische Erregung ausgelöst, so 
bezeichne ich ihn als Emotion. 

Auf diese Weise wird allmählich der gesamte Erfahrungsschatz, in Form 
von immer höheren Gefühlsintegrationen affektiv gegliedert und nach den 
Interessen der angeborenen Trieb dispositionen gesichtet. Und zwar ergibt sich 
aus dem oben Gesagten, daß diese affektive Gliederung unseres Erlebens keines- 
wegs eine zufällige ist, sondern in einer durch das Erbgedächtnis weit- *i 
gehend vorherbestimmten Richtung erfolgt, indem, wie wir sahen, die 
Art, wie wir primär von den Dingen affiziert werden, letzten Endes von den 
Triebdispositionen, die wir als Erbgut mit auf die Welt bringen, also von 
unserer angeborenen Triebkonstitution abhängt. So bleibt beispielsweise 
der Frosch von einem Flintenschuß vollkommen unbewegt, da dieses Ereignis 
nicht in „seinen biologischen Bereich" fällt, in seiner Trieb konstitution nicht 
vorgesehen ist, während er auf das leise Quaken des Weibchens sofort sehr 
lebhaft reagiert, sofern er dasselbe während der Brunstzeit wahrnimmt. Dieses 
Geräusch bedeutet eben für seine Instinkte einen biologisch sehr wichtigen Reizl 

Wir sehen also, daß die Listiiikte forlgeset-tt eine weitgehende elektive 
Wirkung auf die Welt der Erfahrung — und letzten Endes sogar auf 
die Erkenntnis — ausüben: diejenigen Erlebnisse, die in der Richtung unserer 
angeborenen Triebdispositionen liegen, deren Verwirklichung ermöglichen, w^erden 
von der Reizsuche gegenüber den negativen oder indifferenten nach dem 
Lustprinzip (Freud) bevoraugt und, indem sich die Orientierung mehr oder 
weniger einseitig ihnen zuwendet, immer wieder von neuem aufgesucht und 
weiter ausgebaut. 

Nach dem Gesagten läßt sich nun leicht ermessen, daß und warum wesentliche 
Anomalien der angeborenen Triebkonstitution (die den Rem dessen 
bilden, was wir als „erbliche Dispositionen" zur Neurose bezeichnen), für das 
spätere Schicksal der damit Behafteten unter Umständen von weittragender 
Bedeutung werden können. Solche Anomalien können beispielsweise darin 
bestehen, daß einzelne Komponenten der Triebkonstitution, einzelne Partial- 
triebe, wie wir mit Freud sagen, primär in abnormer Stärke angelegt sind. 
Und zwar vrird diese konstitutionelle Verstärkung, nach einem für die Ver- 
erbung derartiger Konstitutionsanom allen allgemein gültigen Gesetz, in erster Linie 
die onto- und phylogenetisch alten, atavistischen, d, h. einer früheren Periode 
der Mensch heitsentwicklung angehörigen Urtriebe betreffen — also vor allem 
die frühinfantilen Partialtriebe. Physiologisch wird sich die konstitutionelle 
Verstärkung eines solchen Partialtriebes als gesteigerte Erregbarkeit der 
betreffenden erogenen Zone äußern. Die nächste Folge einer solchen 
primär gesteigerten Erregbarkeit einer bestimmten erogenen Zone wird dann 
die sein daß das Kind die von dieser Zone ausgehenden Lustreize bei der 



152 R- Bruii 

Reizsuche vor allen anderen bevorzugen, sie von vornherein mit einer beson- 
ders starken Gefühlsv alenz ausstatten wird. Infolge dieser primären Über- 
■wertung werden sich dann entsprechend intensive, abnorm fest in urtüm- 
lichen Gefühlen des Kindes verankerte psychische Fixierungen an den betreffenden 
Partialtrieb ausbilden — Affektfixierungen, von denen dann das Kind 
später nur sehr schwer wieder loskommen kann, an denen es, auf Kosten des 
späteren kulturellen Neuerwerbes der Sekundär tri ehe, mit zäher Energie fest- 
halten wird, weit über die Entwicklungsphase hinaus, in der die betreibenden 
Parüaltriebe ihre „berechtigte und natürliche (physiologische) Rolle zu spielen 
berufen sind. Infolge dieser Fixierungen wird es dann auch hei jeder späteren 
Versagung, sei sie äußerer oder innerer Natur (d. h. durch Objektverlust 
oder durch Gegenstrebungen der Sekundärtriebe bedingt) die Neigung haben, 
wieder zu den betreffenden Fixierungspunkten zurückzukehren (Regression). 

Damit es aber zu solchen dauernden Fixierungen der Libido an früh- 
infantile Triebregungen kommen kann, sind in der Regel noch entsprecliende 
individuelle Erlebnisse notwendig, welche die schlummernde Disposition 
wecken, dieselbe gleichsam mit einem positiven Inhalt, d. h. mit entsprechenden 
Objektrepräsentanzen erfüllen, und so die Libido des Kindes immer mehr in 
die betreffende Riclitung hineindrängen. Je intensiver aber die angeborene Ver- 
stärkung der Triebkonstitution ist, um so geringfügiger und seltener brauchen 
die betreffenden Erlebnisse zu sein, um entsprechende Fixierungen zu erzeugen, 
und umgekehrt. Denn die traumatische Wirkung eines Erlebnisses ist ja, wie 
wir gesehen haben, nur ein Spezialfall der affektiven Elektion, welche die 
angeborene Triebkonstitution fortgesetzt auf die Welt der Erfahrungen ausübt. 
Mit anderen Worten: Die angeborene und die erworbene Disposition zur 
Neurose bilden, viäe Freud treffend sagt, eine sogenannte „Ergänzungs- 
reihe : Denjenigen Individuen, welche die betreffenden „Traumen", die ja 
jedes Kind irgend einmal erlebt, schadlos ertrugen, fehlte eben das primäre 
Entgegenkommen der angeborenen Trieb konstitution. So erleben wir im Grunde 
nur das wirklich, was unsere Triebkonstitution erleben will. 

Im Verlaufe seiner Untersuchungen über das Wesen, die Entstehungs- 
bedingungen, den Ablauf und die entfernten Folgen des neurotischen Trieb- 
konfliktes führte nun Freud {ii- — -14) zwei weitere biologische Gesichts- 1 
punkte in die Betrachtung psychischer Vorgänge ein, die sich in der Folge I 
als äußerst fruchtbar und für den weiteren Ausbau einer biologisch begründeten i 
Trieblehre von der größten prinzipiellen Bedeutung erwiesen: den dyna- , 
mischen und ökonomischen Gesichtspunkt. (Ein dritter Gesichtspunkt, i 
der topische, fällt für die Biologie außer Betracht, weil er speziell die t 
Frage der menschlichen introspektiven Psychologie betrifft, innerhalb ; 
welcher psychischen Systeme; Uhu\ Fbw, Bw ein Vorgang sich abspielt.) 
Der dynamische Gesichtspunkt läuft im Grunde auf nichts geringeres ' 
als auf ein psychisches Energiegesetz hinaus: er besagt nämlich im 



ExperimenteUe Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Trieb kontlikts 153 

wesentlichen, daß, wenn eine bestimmte Triebregung infolge ihrer Unver- 
einbarkeit mit den Anforderungen der Sekundärtriebe eine Verdrängung 
ihrer Repräsentanz erleidet, der ihr zukommende Energie- (Libido-) 
betrag in unvermindertem Umfang erhalten bleibt, daß, mit anderen 
Worten, die einer Triebregung zugehörige Erregungsgröße durch die 
äußeren Schicksale ihrer Repräsentanz nicht berührt wird, sondern unter 
allen Umständen konstant bleibt: Sie wird, da ihr der Weg zur ursprüng- 
lichen Repräsentanz gesperrt ist, sich entweder momentan in ein qualitativ 
anders beschaffenes Urgefühl — am häufigsten in Angst — umsetzen müssen 
und dann in dieser Form zur direkten Abfuhr gelangen (in diesem Falle 
ist die Angst objektlos oder „frei flottierend"), oder sie wird sich, falls ihr 
Anspruch weniger dringlich ist, an ein anderes Objekt binden können, 
das nunmehr zu ihrer sekundären Repräsentanz wird (Verschiebungsersatz) : 
immer aber wird ihre absolute Erregungsgröße quantitativ voll erhalten 
bleiben. (Eine quantitative Änderung der Libido kann nur auf physio- 
logischem, hormonalem Weg erfolgen). — Demgegenüber verfolgt der öko- 
nomische Gesichtspunkt „die speziellen Schicksale der Erregungs- 
größen der verdrängten Triebregungen", oder, kurz gesagt: die „Trieb- 
schicksale in der Verdrängung. 

n 

Falls nun die soeben in gedrängter Kürze skizzierten Anschauungen Freuds 
über Wesen, Dynamik und Ökonomie des neurotischen Triebkonfliktes 
richtig sind, d. h. wenn sie mehr als geistreiche „metapsycbologische" 
Spekulationen bedeuten, so müßten sie sich, theoretisch gesprochen, auch 
in allen sonstigen Fällen, wo immer wir in der Biologie einen Triebkonflikt 
beobachten, bestätigen — gleichgültig, ob es sich nun um menschliche Wesen 
oder um Tiere handle, selbst um solche Tiere, deren physische und psy- 
chische Organisation von der unsrigen in so hohem Maße abweicht, wie 
dies beispielsweise bei den Insekten der Fall ist. Denn diese Gesichtspunkte, 
wenn auch Freud sie zunächst nur auf die Verhältnisse bei der Neurose 
angewandt hat, betreffen so allgemeine und grundlegende Probleme des 
Trieblebens überhaupt, daß sie nicht wohl nur für die menschliche Trieb- 
psychologie Geltung haben könnten, sondern im Falle ihrer Richtigkeit 
Anspruch auf biologische Allgemeingültigkeit erheben dürften. 
Es wäre daher ungemein reizvoll, wenn wir in der Lage wären, diese 
Gesichtspunkte an einem biologischen Material im engeren Sinne, d. h. 
in der Tierpsychologie — und womöglich experimentell! — nachzu- 




154 



R. Brun 



prüfen. Einer solchen Möglichkeit scheint aber zunächst der Umstand im 
Wege zu stehen, daß Neurosen, an welchen ja die Gesetze des Triebkon- 
fliktes bisher fast ausschließlich studiert wurden, bei Tieren iiiclit vor- 
kommen, oder, wo etwas Ähnliches vorzuliegen scheint, die betreffenden 
Manifestationen derart undurchsichtig sind, daß die bloße objektive Beob- 
achtung des Verhaltens hier zu nichts führen kann. Der Grund lieg:t 
offenbar darin, daß die Verdrängung, die ja die notwendige Voraussetzung 
der neurotischen Symptombildung ist, beim Tier nicht nachweisbar ist. Allein 
bei näherer Überlegung fällt diese Schwierigkeit einer biologischen Nach- 
prüfung der psychoanalytischen Trieblehre so ziemlich, wenn auch nicht 
restlos, dahin, indem wir uns nämlich sagen dürfen, daß ja die Neurose 
nur ein (pathologischer) Spezialfall der verschiedenen möglichen Ausgänge 
eines Triebkonfliktes ist; die triebbiologischen Gesichtspunkte Freuds sind 
aber so allgemeiner Natur, daß sie, wie eben betont wurde, nicht nur den 
neurotischen Triebkonflikt umfassen, sondern jeden möglichen Trieb- 
konflikt überhaupt. Wenn schon wir somit bei Tieren allerdings keine 
Neurosen sehen, so können wir doch auch bei ihnen gelegentlich schon 
spontane Triebkonflikte beobachten; ja, gerade bei verhältnismäßig niederen 
Tieren, wie Insekten, haben wir es sogar jederzeit in der Hand, Trieb- 
konflikte direkt experimentell herbeizuführen und ihre Folgen 
auf Grund der beobachteten Änderungen des Verhaltens („Behavior") aufs 
genaueste zu analysieren. Ich selbst habe mich seit Jahren insbesondere 
mit der experimentellen Erforschung der Psychobiologie der Ameisen 
befaßt, deren Methodik ja in der Hauptsache geradezu darauf beruht, die 
normalen Instinkte der Tiere in Konfliktsituationen zu bringen, um so das 
Maximum an Plastizität (Anpassungsfähigkeit), deren sie allenfalls fähig 
sind, aus ihnen herauszuholen. Es braucht auch kaum gesagt zu werden, daß 
die Ameisen für unsere Zwecke besonders günstige Versuchs- beziehungs- 
weise Vergleichsobjekte sind, weil sie als soziale Tiere besonders mannig- 
faltige und hochentwickelte Instinkte besitzen, Instinkte, die zudem zahl- 
reiche Analogien mit den Verhältnissen des menschlichen Trieblebens 
erkennen lassen. Insbesondere ist es hier ein leichtes, auf experimentellem 
Wege Kollisionen zwischen den Selbsterhaltungs- und den Sozialtrieben, 
sowie zwischen verschiedenen phylogenetischen Stufen der letzteren unter 
sich, zu erzeugen. Die Beweiskraft der Beobachtungen, die ich im folgen- 
den — neben anderen biologischen uns physiologischen Parallelen — in 
erster Linie heranziehen werde, wird jedenfalls dadurch nicht gemindert, 
da ich zur Zeit ihrer Ausführung (1907 — 1913) ihre Tragweite für die Auf- 



Experimentelle Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Triebkonflikts 155 

klärung allgemeiner biologischer Gesetzmäßigkeiten des Trieblebens noch 
nicht erkannte, dieselben vielmehr lediglich zum Zwecke der Erforschung 
gewisser spezieller Verhältnisse der Ameisenbiologie vornahm, und daß mir 
damals die Psychoanalyse noch so gut wie unbekannt war. 

* 



1 .; 



i"; 

'■;' 



Doch lassen wir nun die Tatsachen sprechen und fragen wir uns zu- '0 

nächst : i ^, 

j4) Welche Triebe bleiten im Kollisionsfalle im allgemeinen 
manifest, siegreich,- und welche werden rezessiv, „verdrängt"? — 
Darüber geben folgende Beispiele Auskunft: 

1) Kollision zwischen Freß trieb und sozialem Kampf trieb (also 
zwischen einer primitiven Stufe des Selbsterhaltungstriebes und einer primitiven 
Stufe der sozialen Triebreihe); Forel (9) versuchte einmal, eine spontan zwischen 
zwei Staaten der Waldameise (Formica rufa) entbrannte Schlacht dadurch zu 
unterbrechen, daß er den vom Nest auf den Kampfplatz eilenden Hilfstruppen 
der einen Partei große Tropfen Honig auf iliren Weg träufelte. Die Ameisen sind 
bekanntlich ungemein auf Honig erpicht. In diesem Falle aber hielten sich die 
meisten Ameisen, die unterwegs auf die Süßigkeit stießen, überhaupt nicht, 
oder kaum einige Sekunden beim Honig auf, indem sie höchstens flüchtig daran 
nippten, um dann sogleich weiter zu eilen und sich in das Kampfgetümmel 
zu stürzen! — Der Nahrungstrieb der Tierchen wurde somit durch den für 
die Zukunft des Gemeinwesens momentan wichtigeren sozialen 
Trieb fast vollständig unterdrückt. 

2) Kollision zwischen Kampftrieb und Brutpflegetrieb, also zwischen 
einer primitiveren, phylogenetisch älteren und einer phylogenetisch jüngeren 
Äußerungsforra der sozialen Instinkte: Ich (2 — 5) und mein Bruder Edgar Brun(i) 
konnten in zahlreichen Experimenten immer wieder übereinstimmend folgendes 
feststellen: Wenn man neben einem Nest von Formica rufa einen Sack voll 
Ameisen der gleichen Art, aber fremder StaaUangehörigkeit, ausleert, so ent- 
brennt sofort ein erbitterter Kampf, der in der Regel mit der völligen Ver- 
nichtung der einen Partei endet. Gibt man aber den Neuankömmlingen eine 
reichliche „Mitgift" an Brut (Larven oder Puppen) mit, so ist der Kampf 
von vornherein schwächer und endet schließlich in der Mehrzahl der Fälle — 
oft schon nach fünfzehn bis dreißig Minuten — mit einer Allianz zwischen 
den beiden Parteien, da die meisten Ameisen, anstatt zu kämpfen, sich eifrig 
damit beschäftigen, die Brut in Sicherheit zu bringen. Ausnahmslos wird 
dieser günstige Ausgang dann beobachtet, wenn beide Parteien in Säcken an 
einen dritten Ort transportiert und daselbst nebeneinander ausgeleert werden, — 
ja, wenn die beiden Stämme zusammen in den gleichen Sack gesteckt wurden, 
so kann man (unter den obigen Bedingungen, d. h. bei Anwesenheit zahlreicher 
Brut) sogar ohne w^eiteres Alüanzen zwischen verschiedenen Arten erzeugen, 
die sich sonst in der Natur stets mit tödlichem Haß bekämpfen! 




156 R. Brun 

Wir ersehen aus diesen Beispielen, die sich beliebig vermehren ließen, 
daß in solchen Kollisionsfällen zunächst nichts von einem Kompromiß 
zwischen den "beiden inkompatiblen Trieben zu bemerken ist, daß viel- 
mehr der eine der beiden miteinander in Konflikt geratenen 
Triebe den anderen restlos zu unterdrücken (zu hemmen) sclieint, 
und zwar scheint in der Regel der phylo- und ontogenetisch ältere 
(Primordial-) Trieb gegenüber dem phylogenetisch jüngeren, 
die Zukunftsinteressen der Art, beziehungsweise der sozialen 
Gemeinschaft vertretenden Sekundärtrieb zu unterliegen. Wir 
können diese Regel geradezu als das „Gesetz des Primats der phylo- 
genetisch jüngeren Triebe" bezeichnen, da sie sich ganz allgemein, 
d. h. durchwegs in der Biologie, zu bestätigen scheint: 

So berichtet Greppin (15), daß bei den sonst so scheuen Vögeln der 
Sicher ungs trieb, also eine Funktion des primitiven Selbsterhaltungstriebes, 
während der Brunst und ganz besonders während der Bebriitunffszeit regelmäßig 
eine beträchtliche Abschwächung erleidet. Genau das nämlidie beobachten wir 
auch bei den Säugetieren, bis zum Menschen hinauf, wo ja ebenfalls häufig 
genug um die Befriedigung des mächtig drängenden Sexualtriebes oder um 
die Rettung der Jungen vor Gefaliren, oder — ■ beim Menschen — um ein soziales 
Ideal bis zur Selbstaufopferung gekämpft wird. 

Die Ergebnisse der Biologie stehen somit in bestem Einklang mit 
der allgemeinen Erfahrung der Psychoanalyse, nach welcher auch 
beim neurotischen Triebkonflikt es regelmäßig die primordialen 
sexuellen Triebregungen sind, welche gegenüber den Anforderungen 
der kulturellen Sekundärtriebe zunächst unterliegen und der Verdrängung 
verfallen. 

Die Ursache dieses Verhaltens ist uns vorläufig noch gänzlich dunkel, — 
ja, dasselbe könnte biologisch auf den ersten Blick geradezu paradox erscheinen, 
indem ja die phylogenetisch alten Urtriebc ijn Erbgedächtnis viel fester ein- 
geschlüTen sind und daher a priori eher zu erwarten wäre, daß sie im 
KoUisionsfalle den Sieg über die labileren sekundären Trieb dispositionen davon- 
tragen würden. Der Hinweis auf die höhere biologische Zweckmäßigkeit der 
Sekundär triebe im Interesse der Erhaltung von Basse und Gemeinschaft muß 
jedenfalls als biologisches Erklärungsprinzip ausscheiden, da die Setzung von 
Zwecken niemals eine kausale Erklärung, sondern lediglich eine petitio principii 
ist. Wenn ich hier eine vage Vermutung äußern darf, so wäre es die, daß 
die phylo- und ontogenetisch jüngeren Triebe im Kollisionsfalle mit Primordial- 
trieben in der Regel deshalb obsiegen, weil sie infolge ihrer reichlicheren 
Verknüpfung mit rezenten, d. h. embiontisch erworbenen Engrammen eine 
gesteigerte Vividität bei der Ekphorie erlangt haben. 



ExperimeiiteUe Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Triebkonllikts ig/ 

Ein ähnliches Verhallen sehen wir übrigens schon bei der Kollision 
inkompalibler Reflexe: So wird bekanntlich der phjlo- und ontogenetisch 
alte spinale Babinski- Reflex normalerweise, d. h. bei intaktem Großhirn, 
regelmäßig durch den kortikalen Plantarreflex gehemmt. 

Sherrington (19), der geniale englische Physiologe, hat die Vorgänge bei 
der Kollision unvereinbarer (inkompatibler) Reflexe in erschöpfender Weise 
experimentell studiert. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen sind meines Er- 
achtens auch für das Verständnis der entsprechenden Vorgänge im Triebleben 
von der größten Wichtigkeit, — finden "wir doch bei niederen Tieren noch 
alle Übergänge von den komplizierten Serienreflexen des Rückenmarks bis zu 
den Instinkthandlungen, die ja, soweit es sich dabei um bis ins einzelne im 
Erbgedächtnis fixierte Realisationsmechanismen handelt, zwanglos als eine Serie 
von ineinander greifenden Kettenre Hexen aufgefaßt werden können. Die Ver- 
suche Sherringtons beziehen sich auf die Verhältnisse beim sogenannten 
„Rückenmarkstier , d. h. bei einem Tier (Hund oder Katze), dem das 
obere Dorsalmark durchtrennt worden ist. Dann zeigen die kaudal von der 
Verletzungsstelle gelegenen Körperabschnitte lediglich noch die Eigenreflexe 
des Rückenmarks, das, vom Groß hi mein flu ß befreit, nunmehr autonom geworden 
ist (spinale Automatic). Sherrington fand nun, daß von den zahlreichen, 
oft sehr komplizierten Reflex au tomatismen, die ein derart autonomes Rücken- 
mark zeigt, die einen sich bei gleichzeitiger Auslösung (durch entsprechende 
Reizung der bezüglichen reflexogenen Zonen) gegenseitig nicht stören, sondern 
im Gegenteil sich summieren oder miteinander alliieren; andere dagegen sind 
miteinander unvereinbar und schließen sich gegenseitig aus. Und zwar ist das 
letztere immer dann der Fall, wenn die beiden Reflexe bei ihrer Realisation 
auf die gleiche motorische Endbahn angewiesen sind. Es kommt dann zwischen 
den beiden inkompatiblen Reflexen zu einem Wettstreit ( „competition" ) um 
die Benutzung der gemeinsamen Bahn, und zwar siegt in diesem Wettstreit 
in der Regel (d. h. bei mittlerer Reizstarke) der Reflex, der die Gesamt- 
interessen des Organismus vertritt, also eine höhere Integrations- 
stufe repräsentiert, und daher (bei Intakter Verbindung zwischen Hirn und 
Rückenmark) stärker affektbetont erscheint, über denjenigen Reflex, der 
einer niedrigeren Integrations stufe entspricht, indem er etwa lediglich nur der 
lokalen Befriedigung einer reflexogenen Zone dient und demgemäß vom Stand- 
punkte des Gesamtorganismus betrachtet, einer geringeren Affektspannung ent- 
sprechen würde. Es sind daher vor allem die nociceptiven, d. h. der Flucht 
vor einem Schmerz, vor einer Schädigung des Gesamtorganismus dienenden 
Reflexe, die sich bei KoUision mit relativ „harmloseren" Reflexen als „präpotent" 
erweisen und die letzteren hemmen. Ein Beispiel: Beim „Rückenmarkshund 
läßt sich durch Krauen oder Kitzeln einer sattelförmigen Zone des Rumpfes 
mühelos der sogenannte Kratzreflex von Goltz auslösen, d. h. es erfolgen 
die bekannten raschen rhythmischen klonischen Flexionszuckungen des gleich- 
seitigen Hinterbeines zur Beseitigung des Juckreizes. Lädiert man nun, während 
der Kratzreflex im vollen Gange ist, die betreifende Hinterpfote durch einen 



158 R. Brun 

kräftigen Nadelstich, so erfolgt alsbald eine Hemmung des Kratzrefiexes und 
es tritt an seiner Stelle der Fluchtreflex des Beines in Erscheinung, d. h. 
eine maximale tonische Flexion des Hinterbeines. Dieser „nociccptive" Flexions- 
reflex erweist sich somit im Kollisions falle gegenüber dem weniger dringlichen 
Kratzreflex (der der libJdinösen Befriedigung einer erogcncn Zone vergleichbar 
wäre) in der Regel als präpotent. Ebenso wird der Kratz.rellex sofort gehemmt, 
wenn am anderen Bein der Streckreflex ausgelöst wird (weil derselbe, infolge 
spinaler hiduktion, im kratzenden Bein automatisch den antagonistischen, tonischen 
Flexionsreflex bedingt). 

Erreicht dagegen der an sich weniger dringliche Kratzreflex durch Applikation 
maximaler Reixe eine besonders starke Erregungsintensität, so kann er um- 
gekehrt den vorgängig zur Auslösung gebrachten kontralateralen Streckreflex 
und selbst den hochnociceptiven Flexionsreflex hemmen, d. h. die Erregung 
der betreffenden reflexogenen Zone erreicht in diesem Falle eine derartige 
Dringlichkeit, daß sie sich auch durch Reflexe höherer Integrations- 
stufe nicht mehr unterdrücken läßt, sondern siegreich durchdringt. 
Besonders deutlich wird dies beim sexuellen Umklanimeruiigsreflex des 
durch Sexualhormone erotisierten Ruckenmarks des männlichen Frosches (während 
der Brunsty.eit), der eine so hohe „spinale Potenz" besitzt, daß er sich selbst 
durch sehr schädliclie interkurrente Reize nicht hemmen läßt. Wir können hier 
bereits zwanglos von einem Riickentnarksinstinkt sprechen. 

Wir ersehen hieraus, daß die phylo- und ontogenetisch jüngeren Reflex- 
und Triebformen ihr Primat über die primordialen Triebe (respektive Re- 
flexe) mit Zuverlässigkeit nur solange aufrecht zu erhalten vermögen, als 
die letzteren nicht besonders dringlich zur Auslosung gelangen; ist 
nämlich letzteres der Fall, befindet sich der Organismus beispielsweise in 
unmittelbarer Lebensgefahr, so unterliegen auch beim Menschen die Sekundär- 
triebe nicht selten, kommen jedenfalls unvergleichlich schwerer gegen den 
mächtig drängenden Anspruch des bedrohten Primordialtriebes auf. Ein 
typisches Beispiel dieses Verhaltens aus der menschlichen Psychologie ist 
die Massenpanik bei einem Theaterbrand oder einer anderen Katastrophe, 
wobei es ja ebenfalls zu einem vollständigen Abbau der Gesittung kommt. 
Ebenso bleibt, um wieder auf die Reflexologie zurückzukommen, der Sexual- 
instinkt des Froschrückenmarkes gegenüber den Schmerzinstinkten (die in 
diesem Falle die Gesamtinteressen des Rückenmarkes und nicht nur 
diejenigen eines einzelnen Segmentes desselben, vertreten) siegreich. Wir 
finden dieses Verhallen wiederum in völliger Übereinstimmung mit den 
Ergebnissen der psychoanalytischen Trieblehre, welche zeigt, daß ein sexueller 
Triebanspruch, wenn er besonders dringlich und seine Erregung daher 
übermächtig angewachsen ist, sich gleichfalls durch die kulturellen Sekundär- 
triebe nicht mehr ohne weiteres abweisen läßt, ja, unter diesen Umständen 



i' 



Experimentelle Beitrage zur Dynamik und Ökonomie des Triefakonftikts 15g 

sich selbst gegen nociceptive Erregungen der Ich-Triebe siegreich erweist. 
Seine Befriedigung wird dann, in Mißachtung jeder Gefahr, unter allen 
Umständen erstrebt, oder, falls dies — beispielsweise infolge Krankheit oder 
körperlicher Schwäche — nicht möglich ist, tritt Konversion der Erregung 
in Angst ein. Daher die so häufige Auslösung der Angstneurose in der 
Rekonvaleszenz nach schwerer Krankheit (Freud, 10). Ebenso weigert sich 
die Libido bei besonderer Dringlichkeit, unter dem Einflüsse der Verdrängung 
sich einer anderen Repräsentanz, einem Verschiebungsersatz zuzuwenden, 
sondern setzt sich in solchen Fällen gleichfalls unmittelbar in freie (objekt- 
lose) Angst um. 

Zur Regel wird dagegen das „Primat der Primordialtriebe" wohl 
nur bei schwerem, pathologischem Abbau der „Hierarchie" des Trieb- 
lebens, wie z. B. bei der progressiven I^aralyse oder bei der Katatonie, wo 
bekanntlich nicht selten direkte, d. h. unverhüllte und komplette Regressionen 
der gesamten Persönlichkeit bis in die Säuglingszeit stattfinden. 

5J Gehen wir nun zur Dynamik und Ökonomie des Triebkonfliktes 
über, wie sie sich am biologischen und physiologischen Material (in der tl:. 

Reflexologie) äußert, und stellen wir zunächst die dynamische Frage: H 

Wo bleibt die Energie (Erregungsmenge) des gehemmten, unter- 
drückten (verdrängten) Reflexes oder Triebes? Verschwindet sie, oder 
läßt sich der Nachweis erbringen, daß sie trotz der Hemmung ihrer Abfuhr 
persistiert? Auch auf diese Frage geben schon die eben erwähnten Experimente 
Sherringtons über das Verhalten inkompatibler Reflexe eindeutige Auskunft: 

Wir haben gesehen, daß beim Rückenmarkshund der KratzreHex in der 
Regel durch den einige Sekunden später ausgelösten, biologisch hoch- 
wertigeren Fluchtreflex gehemmt wird. Diese Hemmung dauert an, bis 
der Fluchtreflex abgelaufen ist; dann aber erscheint der Kratzreflex 
spontan wieder in Gestalt einer Nachentladung („After-Discharge"), 
in welcher die gehemmte Erregung, so weit sie noch nicht er- 
ledigt wurde, hinsichtlich Dauer und Amplitude quantitativ 
restlos wieder erscheint und zur Abfuhr gelangt.' Die Erregung 
des gehemmten Reflexes erhscht somit nicht, sondern bleibt in unvermin- 
derter Stärke erhalten, d. h. sie überdauert die Hemmung und wirkt 
sich einfach später aus. In Analogie zum Geschehen bei der Kollision 
inkompatibler Triebregungen würden wir dieses d3Tiamische Gesetz etwa 



1) Neuerdings hat Minkowski (20) dieses Experiment bei einer Katze mit dem 
gleichen Ergebnisse wiederholt. 




j6o R, Brun 

so umschreiben können, daß wir sagen, der vorübergehend gehemmte Trieb 
habe keineswegs auf seine Befriedigung verzichtet, sondern sie lediglich 
— unter dem Drucke der Not — auf eine gelegenere Zeit vertagt und 
hole sie nach, sobald die Umstände dies erlauben. Diese Losung dürfte 
unter primitiven Lebensbedingungen, beispielsweise bei niederen Tieren, 
die normale Erledigung jeder spontan in Erscheinung tretenden Trieb- 
kollision sein. 

Diese Lösung ist gewissermaßen physiologisch vorgebildet durch den nor- 
malen zyklischen Rhythmus des Auftretens und des Ablaufes der verschiedenen 
Instinkterregungen: Bei Organismen mit primitiverem „biologischen Bereich 
■werden ja die verschiedenen Instinktformen in einer durcli die „Gesamthorme 
der Art (v, Monakow^, 17), durch das erblich fixierte latente „ Lebensprogramm 
genau vorgezeichneten Reihenfolge, also sukzessiv ekplioriert, so daß sie sich 
unter normalen Bedingungen bei der Realisation gegenseitig nicht stören. Der 
ganze Lebenslauf solcher Geschöpfe erscheint mehr oder weniger als eine fort- 
laufende Kette an einandergekopp elter komplizierter SerienrelleKe (Instinkthand- 
lungen), also streng erblich determiniert. Dabei treten manche Instinkte nur 
einmal im Leben des Individuums auf, um nach ihrer Abwicklung wieder für 
immer in die Latenz der Erbmneme untery.utauchen ; andere wieder, wie der 
Nahrungstrieb, wiederholen sich periodisch -zyklisch, eventuell mit anderen 
periodisch auftretenden Instinkterregungen in mehr oder weniger regelmäßiger 
Folge alternierend. Noch andere endlich, wie der Selbsterhaltungstrieb in seiner 
primitivsten Form, begleiten das Individuum als mehr oder minder stabile 
latente Dauererregung sein ganzes Leben lang oder erscheinen wenigstens immer 
in Bereitschaft, gleichsam auf Pikett gestellt. 

Erst auf höherer Organisationsstufe und namentlich mit zunehmender Er- 
weiterung des biologischen Bereiches, wie sie insbesondere durch das Ein- 
greifen des Individualgedächtnisses (der embiontischen, erworbenen Mneme) 
ermöglicht wird, kann es sich dann immer häufiger ereignen, daß gelegenthch 
zwei miteinander unvereinbare Triebregungen gleichzeitig zur Auslösung ge- 
langen (infolge simultaner Ekphorie ihrer durch die Individualmneme gewonnenen 
sekundären Objektrepräsentanzen) und somit in eine Interessen koUision geraten. 
Ebenso wird dieser Fall eintreten, wenn zur Zeit, wo eine Instinkt- oder 
Trieberregung B einsetzt, die heredilär-m nomische (hormonale) oder individuell- 
mnemische (dem Erinnerungsbild des durch die Boizsuche gewonnenen Trieb- 
objektes entsprechende) Erregung des Triebreizes A noch nicht abgeklungen 
ist. Dann wird derjenige Trieb, welcher nach der Ausdrucksweise Sherring- 
tons „minderpotent" ist, genötigt sein, auf kürzere oder längere Frist im 
Hemmungs zustande zu verharren. 

C) Stellen wir nun, nach dem Vorgehen Freuds, auch vom Stand- 
punkte des Biologen und Physiologen die zweite, ökonomische Frage, 
die Frage nämlich nach den Schicksalen solcher dauernd gehemmter 
(rezessiver) Triebregungen. Auch hier wollen vor zunächst von den 



Experimentelle Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Triebkonflikts 161 

einfachsten Verhältnissen, nämlich wiederum vom Falle der Kollision in- 
kompatibler Reflexe, ausgehen. Durchgeht man nun die zahlreichen, sorg- 
fältigen Versnchsprotokolle Sherringtons mit Rücksicht auf diese Frage, 
so kann man ohne weiteres feststellen, daß auch das Gesetz der Öko- 
nomie, wie es Freud von den äußerst verwickelten Verhältnissen beim 
neurotischen Triebkonflikt abgeleitet hat, schon durch die experimentelle 
Physiologie in vollem Umfange bestätigt wird. 

Bei dem eingangs geschilderten Experiment hatte Sherrington den Kitzel- 
reiz des Kratzreflexes bald nach dem Einsetzen des interferierenden nocicep- 
tiven Reizes, welcher den hemmenden Flexions- oder kontralateralen Extensions- 
reflex auslöste, ausfallen lassen. Die Folge war, wie wir sahen, die nach- 
trägliche Entladung (Oi/ier-DwcÄarg-eJ desjenigen Erregungsquantums des Kratz- 
reflexes, das im Momente der Hemmimg noch nicht zur Abfuhr gelangt war. 
Bei den meisten übrigen Experimenten ließ Sherrington jedoch den adäquaten 
Heiz des Kratzrellexes auch während und nach der Zeit seiner Hemmung 
durch den nociceptiven Reflex fortwirken. Bei dieser Versuchsanordnung, die 
also durchaus den dynamischen Verhältnissen beim neurotischen Triebkonflikt 
entspricht, wäre somit zu erwarten, daß es zu einer Stauung der fortgesetzt 
weiter erzeugten Erregung des gehemmten Reflexes komme, einer Stauung, 
die sich entweder schon während der Hemmung oder nach ihrem Aufhören 
irgendwie manifestieren müßte. Das ist auch tatsächlich der Fallt Ich 
zitiere aus den betreffenden VersuchsprotokoUen Sherringtons wörtlich: 

Versuch 55 A, S. 191. „Kratzreflex durch einen kurzdauernden Flexions- 
reflex unterbrochen. Der Kratzreflex kehrt nach der Unterbrechung mit ver- 
mehrter Intensität wieder." 

Versuch 52, S. 189. „Die Verdrängung des Streckreflexes durch den Kratz- 
reflex. Der Kratzreflex, nach einer beträchtlichen Latenzzeit, verdrängt (displaces) 
den Streckreflex. Der gekreuzte Streckreflex erscheint nachher nur 
in modifizierter und unvollkommener Form wieder (von mit gesperrt), 
obwohl sein Stimulus unverändert während annähernd sieben Sekunden nach 
dem Aufhören des Rei?.es für den Kratzreflex fortgesetzt wurde." 

Hier haben wir somit den bemerkenswerten Fall, daß die verdrängende 
Instanz die vorübergehend verdrängte auch qualitativ verändert 
hat — eine merkwürdige physiologische Parallele für das, was wir bei der Ver- 
drängung menschlicher Triebregungen beobachten; W^iederkehr des Ver- 
drängten nur in modifizierter, z. B. symbolischer Form. ^ 

Versuch 59, S. 2 1 o. „TaktschlagreRex, gehemmt durch Reizung des Schwanzes. ' 

Die Hemmung ist, nach Aufhören des hemmenden Reizes, von einer ver- 
mehrten Amplitude und deutlicher Beschleunigung der pendelnden 
Beinbewegung gefolgt." 

Versuch 60, S. 211. (Kontrollversuch) : „Unterbrechung des Taktschlag- 
reflexes lediglich durch Aufhebung des auslösenden Reizes (also nicht, wie 
im Versuch 59, durch einen zweiten interferierenden, inkompatiblen Reflex) : 

Imago XII. »1 



,1- 'X, 



i62 R- Brun 

Sobald das Bein wieder hängen gelassen wird, beginnt der Reflex aufs neue, 
aber ohne stärkere Amphtude wie im vorhergehenden Versudi." (Weil eben 
diesmal keine Energiestauung stattgefunden hatte.) 

Sherrington beschreibt ferner auch „kompensatorische Reflexe ; die- 
selben treten dann ein, „wenn der Reflex eine Rückkehr zu einem Zustande 
von Redexgleichgewicht ist, welches durch einen interkurrenten Reflex gestört 
worden war ; der Kompensationsreflex stellt den Antagonisten dieses interkurrenten 
Reflexes dar". 

Beispiel: Wenn bei bestehender Mittellnm- (Streck-) Starre der Extremitäten 
an einem Bein durch intensive Reizung der l'lexionsreflex ausgelöst wurde, so 
erfolgt nachher eine „aktive Rückkehr zu der früheren StcUiing, indem nun 
die Streckstellung des betreffenden Beines ausgesprochener ist, als sie es vor 
dem interkurrenten Fiexionsreflex war. Der störende Reiy. rief somit 
nicht nur den Flexionsreflex hervor, sondern außerdem auch noch 
einen sekundären, antagonistischen Reflex" (von mir gesperrt). 

Ich meine, wir dürfen in dieser Kompensation bereits die einfachste physio- 
logische Grundlage dessen erblicken, was uns auf höchster Stufe, bei der 
Neurose, als sogenannte Reaktionsbildung entgegentritt: Ebenso, wie der 
störende Fiexionsreflex einen antagonistischen Kompünsationsreilcx a^ur Folge 
hat, so sehen wir auch bei der Neurose, insbesondere bei der Zwangsneurose, 
das Auftauchen einer störenden, peinlichen sexuellen Hegung alsbald von einer 
reaktiven Überbetonung der entgegengesetzten moralischen Regung auf dem 
Fuße gefolgt. 

Gehen wir nun zur Untersuchung der Ökonomischen Verhältnisse bei 
der Hemmung oder Unterdrückung von Trieb reg ungen bei Tieren, 
besonders bei Insekten, über. Das einfachste Millel, um bei einem Tier 
eine bereits zur Ekphorie gelangte und in der Realisation begriffene Instinkt- 
handlung künstlich (experimentell) zu hemmen, besteht darin, daß man 
ihm denjenigen sinnlichen Reizkomplex (die ObjektreprÜsentanz des Triebes), 
an welchem sich die entsprechende Instinklliandlung betüiigte, oder kurz 
gesagt, das betreffende Instinktohjekt plötzlich entzieht, lis entsteht 
dann eine Situation, welche derjenigen der Versagung (genauer: der 
äußeren Versagung) vollkommen homolog ist. Nehmen wir beispiels- 
weise einer in der Koloniegründung begriffenen jungen Ameisenkönigin 
ihre soeben gelegten Eier weg, so beobachten wir regelmäßig, daß das 
Tier In eine hochgradige ängstliche Unruhe gerät: Es lauft rastlos 
im Brutkessel umher und sucht ganz offensichtlich das verloren gegangene 
Triebobjekt. Ich habe dieses Phänomen (im Gegensalz zu der primären Reiz- 
suche, die nach der primären, zunächst noch objektlosen Ekphorie eines 
Instinktes durch Hormonreize entsteht), als „sekundäre fieizsuche 
bezeichnet. 



Experimentelle Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Trieb konllikts 1 6 s 



3 



Typische Beispiele einer solchen sekundären Reizsuche sind auch die jedem 
Imker bekannte „Weiselunruhe" der Bienen, die regelmäßig dann auftritt, 
wenn der Stock der Königin verlustig gegangen ist, und die hochgradige 
Unruhe, in welche eine Arbeiterameise gerät, wenn wir sie längere Zeit in 
einem Behälter völlig von ihren Kameraden isolieren. 

Diese typische, in allen ähnlichen Fällen auftretende ängstliche Unruhe 
nach Objcktverlust während der Realisationsphase des Triebes stellt meines 
Erachtens ein vollkommenes Analogen des nervösen Angstanfalles 
dar, nur daß die neurotische Angst hauptsächlich durch innere Versagung 
ausgelöst wird. 

Eine ganz ähnliche Angstentladung findet ja übrigens auch in Gestalt der 
sogenannten Realangst statt, wenn die Befriedigung der Selbsterhaltungs- 
triebe ^ bei plötzlicher Lebensgefahr — in Frage gestellt ist. Der ganze, 
ungeheure latente Libidobetrag, welcher an das Ich gebunden ist, findet dann 
plötzlich keine Abfuhr mehr und entlädt sich ebenfalls in der inadäquaten 
Form eines akuten Angstanfalles. Und das nämliche sehen wir auch auf dem 
Gebiete der Sozialtriebe: So äußert sich ja auch die plötzliche Hemmung 
dringlicher sozialer und ethischer Triebansprüche (bei temporärem Durchbmch 
primitiver Instinkte) regelmäßig in Form einer eigentümhchen ängstlichen Er- 
regung, die wir als Gewissensangst bezeichnen und die sich bezüglich ihrer 
seelischen (subjektiven) und körperlichen (objektiven) Symptome in nichts von 
der Real- und der Sexualangst unterscheidet. Es scheint somit, daß Angst als 
allgemeines Symptom jedesmal dann eintritt, wenn eine bereits in ReaBsatlon 
begriffene {also nicht mehr aufschiebbare] Trieberregung plötzlich in ihrem 
Ablauf abgebremst wird, indem sich dann die betreffende Triebenergie jedes- 
mal in Angst umsetzt. 

Die Ursache dieser allgemeinen Unruhe nach Objektverlust liegt auf 
der Hand: Der Objektentzug traf eben nur die äußeren Erregungsquellen 
des ekphorierten Instinktkomplexes; seine inneren Erregungsquellen 
aber, die Hormonreize und die mnemischen Erregungen (die here- 
ditären sowohl als auch die individuellen Engramme, die während der im 
Gange gewesenen Realisation des Triebes bereits gewonnen wurden) wirken 
ja in unverminderter Stärke fort! So erklärt sich der allen Geschöpfen 
innewohnende unwiderstehliche, blinde Drang, eine einmal begonnene 
Instinkt-, beziehungsweise Triebhandlung unter allen Umständen bis zur 
Endlust der Befriedigung zu führen. Einmal zur Ekphorie gelangt, erheischt 
jeder Instinkt unbedingt Befriedigung. 

Fehlt das adäquate Objekt eines zur Ekphorie gelangten Instinktes nun 
dauernd, so kann daher auch dann auf die Befriedigung desselben nicht 
ohneweiters verzichtet werden: Der Instinkt sucht sich trotz allen Rinder- 



164 ^- ^rmi 

nissen unter allen Umständen durchzusetzen; doch gestallet sich sein 
weiterer Ablauf nun mehr oder weniger abnorm, d. h. derTrieb 
wird in abnorme Bahnen abgelenkt. Von solchen Anomalien des 
Instinktablaufes nach dauerndem Entzug des normalen (adäquaten) Objektes 
können bei Insekten im wesentlichen folgende tyiiischc Formen beob- 
achtet werden: 

1) Im einfachsten Falle wird der auf Hindernisse gestoßene Ablauf einfach 
wieder von vorn angefangen, repetiert — ein Vorgang, den wir als 
„retrograden Instinktanachronismus" oder als Regression, d. h. 
als ein Zurückgreifen, einen Rückfall des Instinktes in eine bereits 
früher einmal durchlaufene Phase, beschreiben können. Und zwar scheint 
dieser Fall namentlich dann einzutreten, wenn das entzogene Inslinktobjekt 
nicht primär in der Umwelt des Tieres gegeben war, sondern erst im 
Verlaufe der Realisation seiner verschiedenen sukzessiven Phasen, also 
durch die Betätigung des Instinktes selbst erzeugt worden war und daher 
durch die Wiederholung der gesamten Kette von Handlungen, die zu 
seiner Erwerbung führten, auch wiedergewonnen werden kann. 

Beispiele: Eine Raupe, die aus ihrem Kokon hernusgcnoinmen wird, ist 
ohneweiters imstande, sich wieder ein neues Kokon zu spinnen, indem sie die 
ganze Kette der dazu erforderlichen komplizierten Reilexbewegungen in der 
nämlichen Reihenfolge repetiert. Ebenso ist eine Ameisenkönigin (Stammutter 
einer Kolonie), der man sämtliche Arbeiterinnen und die gesamte Brut weg- 
genommen hat, nach Jan et (7) unter Umständen imstande, den Staat aus 
eigener Kraft zu regenerieren, indem sie die bei der Koloniegründung einst 
aktiv ausgeübten Mutterinstinkte sukzessive in der damahgen Reihenfolge wieder 
ekphoriert. Sie wird also an ihren frisch gelegten Eiern die Brutpflege, die 
sie seit mehreren Jahren ihren Arbeiterinnen überlassen hatte, nun wieder 
selbst ausüben und sich so neue Arbeiterinnen heranziehen. 

Die Versagung hat also in diesen Fällen einen Rückfall; eine Regression 
der Libido auf eine ontogenetisch frühere, bereits aufgegebene Phase 
der Instinktbetätigung bewirkt. 

Ein weiterer Spezialfall der Instinktregression nach Objektentzug, der 
indessen im allgemeinen wohl nur bei verhältnismäßig niederen Tieren 
beobachtet wird, ist der Rückschlag in eine phylogenetisch ältere, obsolet 
gewordene Bahn; wir sprechen dann von einem Instinktatavismus. 

So beginnen im Bienenstocke nach dem Ableben der Königin zahlreiche 
Bienen nach Ablauf der Weiselunruhe Drohnen zelten zu bauen und mit 
parthenogenetischen Eiern zu belegen: Sie werden, vrie der Imker sagt, 
„drohnenblütig". Die Arbeitsbienen benehmen sich also in diesem Falle wie 



Experimentelle Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Trieb konflikts 16^ 

ihre vorsozialen Ahnen, bei denen noch keine Differenzierung in Königin- und 
Arbeiterkaste stattgefunden hat, wo vielmehr noch jede weibliche Biene ein 
vollwertiges, geschlechtstüchtiges Weibchen war. — Andere Bienen des weisellos 
gewordenen Staates regredieren in ihren Instinkten auf eine noch primitivere 
vorsoziale Stufe, indem sie sich, wie ihre Urahnen, leidenschaftlich einer zügel- 
losenRäuberei ergeben, d, h. anstatt Honig einzutragen und die noch vorhandene 
Brut zu pflegen, die Honigvorräte des eigenen oder fremder Stocke plündern. 
Es findet hier somit eine komplette Regression des Instinktlebens auf eine 
asoziale Stufe statt, wobei die nunmehr betätigten Triebregungen überhaupt 
nicht mehr dem nändichen Instinktkreis angehören. — Ähnliche Instinkt- 
atavismen nach Objektverlust sind uns auch vom Ameisenstaat bekannt. 

Das Gemeinsame an diesen Fällen liegt darin, daß an Stelle des verun- 
möglichten Fortganges der aktuellen, normalen Instinktbetätigung ein 
Komplex ganz andersartiger Instinkthandlungen ekphoriert wird, der sich 
bei näherer Untersuchung als einem früheren Zeitalter der Stammesgeschichte 
des Tieres angehörig erweist. Mit anderen Worten: Die durch den Verlust 
des adäquaten Instinktobjcktes in Frage gestellte normale Instinkthetätigung 
wird in diesen Fällen tatsächlicli aufgegeben; doch geht der ihr zukommende 
Energiebetrag, die bezügliche mnemische Erregung auch hier keineswegs 
verloren, sondern wird auf einen anderen (dem nämlichen oder einem 
anderen Instinktkreis angehörenden) Komplex von Instinkthandlungen über- 
tragen. In beiden Fällen — sowohl im einfacheren Falle der Regression 
auf eine ontogenetisch frühere Phase des Trieblebens als beim Instinkt- 
atavismus — haben wir es mit einer Ersatzleistung zu tun. Wir können 
somit ganz allgemein sagen: Eine in ihrem Ablauf durch Objekt- 
entzug (äußere Versagung) gehemmte Instinkterregung kann sich 
in Form einer Ersatzleistung durchsetzen (manifestieren), indem 
sie auf eine onto- oder phylogenetisch alte Bahn regrediert. 

2) Ein seltenes Gegenstück zur Instinktregression ist der „anterograde 
oder antizipierende Instinktanachronismus", wie ich die betreffenden 
Phänomene genannt habe. Von einem solchen dürfen wir in den selten beob- 
achteten Fällen sprechen, wo nach Entzug des adäquaten Instinktobjektes die 
nicht reali-iierbare Phase des Instinktes einfach übersprungen und ohne 
Rücksicht auf das Endergebnis einfach die nächstfolgende Phase von Instinkt- 
handlungen ekphoriert wird. Die Folge eines solchen Uberspringens wird 
dann allerdings meist eine mehr oder minder hochgradige Verstümmelung des 
Instinktwerkes sein. Ein dahin gehörendes Beispiel beobachtete Fahre (8) 
bei der Mörtelbiene (Chalicodoma). Diese nicht soziale Biene baut zierliche 
Einzelzellen, die sie nach erfolgter Füllung mit Nahrungsbrei mit einem Ei 
versieht, und sodann sorgfältig mit einem unmittelbar vor der Eiablage her- 
gestellten Deckel verschließt. Fahre spielte nun einer solchen Mörtelbiene einmal 



i66 R- Brun 

einen bösen Streich, indem er den unteren Teil einer soeben fertiggestellten 
und nur noch der Eiablage und der Bedeckelung liarrenden Zelle zerslürte, 
so daß durch die breite Bresche aller Honigbrei auslief. Die mit dem fertigen 
Deckel ankommende Chalicodoma bemerkt den Schaden sofort und gerät in 
große Aufregung. Fahre erwartete nichts anderes, als daI3 die Biene den 
Schaden reparieren -würde. Es geschah aber nichts dergleichen, vielmehr be- 
ruhigt sich das Tier endlieh, klettert auf den oberen Rand der demolierten 
Zelle senkt den Hinterleib in dieselbe ein, legt ilir Ei, das in die untergehaltene 
Hand Fabres fallt, und krönt sodann ihr, nun natürlich gänzlich nutzlos 
gewordenes "Werk mit dem Deckeil — Aus der Psychopathologie des mensch- 
lichen Trieblebens ist ein ähnliches Beispiel nicht bekannt; solche anterograden 
Instinktanachronismen sind natürlich nur bei niederen Tieren mit gänzlich 
erstarrten Instinktautomatismen und Fehlen jeder Plastizität möglich. 

5) Viel häufiger ist demgegenüber auch bei Insekten der Mechanismus, 
daß an die Stelle des fehlenden homophonen oder adäquaten Reizkom- 
plexes (Instinkt Objektes) ein mehr oder minder ähnliches Ersatzobjekt 
als Surrogat tritt. Wir sprechen dann von einer Ersatzbefriedigung. 
Im Gegensatz zu dem suh 1) erörterten Mechanismus der Ersatzleistung 
bleibt hier die Art und Weise der Triebbeliitigung dieselbe; es findet 
lediglich eine Übertragung der Triebenergie auf ein anderes Objekt, 
ein Verschiebungsersatz, statt. 

Beispiele: So adoptieren beispielsweise Ameisen nach dem Tode ihrer 
Stammutter nicht selten eine artfremde Königin als Ersatz.. Es wurden femer 
von mir und anderen wiederholt Fidle beschrieben, wo eine sklavenhaltende 
Ameisenart in Ermanglung ihrer normalen Sklaven Raubzüge gegen Nester 
einer ganz anderen Art unternahm. Ein sehr hubscher, von mir (5) beob- 
achteter Fall eines solchen Verschiebungsersatzes ist ferner folgender : Ich hielt 
eine Königin der Ameisenart Camponotiis ligniperdus, die im Begriffe war, 
eine neue Kolonie zu gründen, in einem künstlichen Brutkesscl. Nach einigen 
Tagen nahm ich ihr ihre frisch gelegten Eier weg und beobachtete darauf 
jene hochgradige ängstliche Unruhe, die ich oben als „Reizsuche" beschrieben 
habe. Nach einigen Tagen gab ich dem Tier Puppen von Lasius fuliginosus, 
also einer ganz anderen, viel kleineren Art. Das Tier beruhigle sicli sofort 
und pflegte nun diese heterogenen Wesen mehrere Tage lang, als ob es ihre 
eigenen Kinder wären, bis dieselben schheßlich /.ugrunde gingen. — Neuer- 
dings hat Wheeler (21) gezeigt, daß sich auch die phylogenetische Ent- 
wicklung gewisser komplizierter Instinkte bei manchen Insektengattungen 
zwanglos in eine Reihe von Phasen zerlegen läßt, die durch je eine Art der 
betreifenden Gattung vertreten sind, und die jcwciUn dadurch cliarakterisiert 
sind, daß das ursprüngliche In stinktob) ekt, von welchem die Entwicklung ihren 
Ausgang nahm, immer wieder durch ein neues Surrogat ersetzt 
wurde. Die Endphase der Entwicklung des betreffenden Gattungsinstinktes 
ist dann schließlich durch ein Objekt vertreten, das sich zum ursprünglichen 



Experimentelle Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Triebkonflikts 167 



Instinktobjekt der Gattungsahnen ungefähr so verhält, wie die Urrepräsentanz 
einer menschlichen Sexual strebung zu deren Symbol, an welchem der 
Neurotiker die betreffende Triebregung „befriedigt". Wir können hier somit 
geradezu von einem phylogenetischen Verschiebungsersatz sprechen. 

Diese Fälle unterscheiden sich, ökonomisch gesprochen, in nichts von 
den bekannten Beispielen von Ersatzbefriedigung im menschlichen Trieb- 
leben, wo z.B. die alte Jungfer an Stelle der ihr versagt gebliebenen Kinder 
Katzen oder Schoßhündchen mit mütterlicher Liebe betreut. Besonders 
interessant ist dieser Mechanismus des Verschiebungsersatzes vom biologi- 
schen Standpunkte deshalb, weil er wie nichts anderes das gänzlich dys- 
teleologische Walten der Natur beweist, denn es braucht kaum gesagt 
zu werden, daß die Objekt Verschiebung im Grunde gänzlich zwecklos ist, 
da sie ja nur eine Scheinbefriedigung des Instinktes ermöglicht, der 
sein normales biologisches Ziel nicht erreicht. 

4) Ein weiterer Spezialfall aus der Ökonomie des menschlichen Trieb- 
lehens, nämlich die direkte Abfuhr der gebremsten Libido in Form von 
Angst, läßt sich natürlich am biologischen Material nicht nachweisen, 
da wir ja die Tiere nicht fragen können, was in ihnen vorgeht. Doch 
habe ich oben bereits hervorgehoben, daß die eigentümliche ängstliche Un- 
ruhe der „sekundären Reizsuche", wie sie auch bei Insekten regel- 
mäßig unmittelbar nach erfolgtem Objektverlust, also in der akuten 
Situation der äußeren Versagung auftritt, dynamisch gesprochen eine un- 
verkennbare Ähnlichkeit mit dem nervösen Angstanfall aufweist. 

5) Bekanntlich kommt aber beim Menschen noch eine andere wesentlich 
zweckmäßigere Form von Übertragung der freien Energie dauernd gehemmter 
Triebregungen vor: Ist nämlich die Befriedigung des verdrängten Trieb- 
anspruches weniger dringlich, so kann die mnemische Erregung desselben 
sich nicht allein von ihrer ursprünglichen Objektbesetzung, sondern auch 
von ihrem spezifischen Ziele loslösen, ihren frei gewordenen Energiebetrag 
teilweise oder ganz an den unterdrückenden Trieb abgeben imd so zur 
Verstärkung des letzteren beitragen. Es findet dann mit der Affektverschie- 
bung zugleich auch ein Wechsel des Vorzeichens, also eine Affektkon- 
version statt. 

Bekannte Beispiele dieses Vorganges sind die Trieb Umsetzungen der ver- 
drängten Analerotik. Auch aus der Insektenbiologie ist ein ähnlicher Mecha- 
nismus bekannt: So kämpften jene Ameisen Foreis, deren INahrungstrieh 
durch den sozialen Kampftrieb eine völlige Hemmung erfahren hatte, mit 
verdoppelter Wut: Der Energiebetrag des gehemmten Nahrungstriebes hatte 
sich auf den Kampftrieb verschoben und zur Verstärkung desselben beige- 



i68 H. Briiii 

tragen. Eine Parallele dieses Vorganges haben wir ja sogar in der Reflexologie 
in Gestalt des Kompensationsrefiexes von Sherriiigton (ig) kennen gelernt; 
dieser Fall wäre etwa mit der unter dem Einfluß der v er d rundenden Gegen- 
triebe erfolgten Konversion ins Gegenteil zu vergleichen, welche die 
Libido der prägenitalen Partial triebe regelmäßig erleidet. (Konversion der 
Libido in Scham, Ekel, Empörung u. dgl.) 

Auf höchster kultureller Stufe findet zudem oft nocli eine Kompromiß- 
bildung mit der verdrängenden Instanz statt, die es dem verdriingten 
Triebe ermöglicht, im Rahmen des verdrängten Gegentriebes seine auf 
diesen übergegangene Energie (Libido) in einer der ursprünglichen Befrie- 
digungsart irgendwie symbolisch verwandten Form zu betätigen. 
Wir sprechen in diesem günstigsten und biologisch wertvollsten Falle von 
Sublimierung im engeren Sinne. Als biologische Parnllele dieses Vor- 
ganges wäre etwa die Entstehung der Arbeiterkaste bei den sozialen Insekten 
zu erwähnen, die wir als das großartigste bis jetzt bekannte Beispiel einer 
phylogenetischen Triebsublimierung auffassen können, insofern als 
ja die Arbeiterkaste dauernd und vollständig auf jede direkte Sexualbefrie- 
digung verzichtet und die dadurch frei gewordenen ungelieurcn Libido- 
beträge restlos in den Dienst sozialer Sekundärtriebe gestellt hat. 



Fassen wir zum Schlüsse die Ergebnisse der vorstehenden Untersuchung 
mit wenigen Worten zusammen, so können wir sagen, daß die von Freud 
aus der Neurosenpsychologie gewonnenen melapsychologischen 
Gesichtspunkte von der Biologie auf der ganzen Linie bestätigt 
werden. Insbesondere kommt den von Freud in die Triebpsyciiologie ein- 
geführten dynamischen und ökonomischen Prinzipien die Dignität 
allgemeinster biologischer Gesetze zu, die dem Triebkonflikt, wo immer 
und in welcher Form immer er beobachtet wird, eignen. Aber noch mehr: 
Die Analyse experimentell erzeugter Triebkonflikle bezieliungsweise Trieb- 
hemmungen bei Tieren ( — ■ selbst bei Organismen, welche unserer physischen 
und psychischen Organisation so fern stehen wie die Insekten — ), ja selbst 
die Untersuchung der Vorgänge bei der Kollision inkompaliblei' Reflexe, 
ergibt die überraschende Tatsache, daß auch die spezifischen, ökonomi- 
schen Trieb Schicksale, welche gehemmte respeklivc verdrängte 
Triebe nach Freud erfahren, sich am biologischen Maleriale 
(mit alleiniger Ausnahme der Konversion) ebenfalls restlos nachweisen 
lassen: Konnten wir doch unter diesen Umständen selbst bei Insekten ohne- 
weiters alle spezifischen Mechanismen der direkten Abfuhr gestauter Libido 



ExperimentfUe Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Triebkonflikts 169 

(in Gestalt der ängstlichen Unruhe der Reizsuche), die Regression (als 
ontogenetische und phylogenetische Regression sive Atavismus), den Ver- 
schiebungsersatz (Ersatzbefriedigung), die Reaktionsbildung, ja selbst die 
Sublimierung wiederfinden, 

Die metapsychologische Trieblehre von Freud verdient somit 
in vollem Umfange die Bezeichnung einer biologischen Psycho- 
logie par excellence, indem ihre Gesichtspunkte sich nicht nur 
für die menschliche Triebpsychologie, sondern für den feineren 
Ausbau der Biologie des Trieblebens überhaupt als äußerst frucht- 
bar, ja grundlegend erweisen. Es ist denn auch kein Zufall, sondern ein 
Zeichen der Zeit, daß neuerdings ein Biologe von Range W. M. Wheelers (21), 
einer der führenden Insektenforscher der Gegenwart, von sich aus zu dem 
nämlichen Ergebnis gekommen ist und der Psychoanalyse kürzlich dieses 
hohe Lob gesprochen hat. 

Benützte Literatur 

1) Brun, E.: Beobachtungen im Kemptaler Ameisengebiete. Biolog. Zentralbl. 

>9i5- 33- 
a) Brun, R. : Zur Biologie und Psychologie von Formica nifa. Bioloj. Zentralbl. 

igio. 30. 

g) — Zur KoloniegTÜndung der Ameisen. Biolog'. Zentralbl. 1912. 52. 

4) — Zur Psycholog-ie der künstlichen Allianzkolonien bei den Ameisen. Ebenda. 

5) — Über die Ursachen der künstlichen Allianzen bei den Ameisen. Joum. für 
Psychol. und Neurol. 1915. 20. 

6) Das Instinklproblem im Lichte der modernen Biologie. Schw. Arch. f. Neurol. 
1920, 6. 

7) Janet, C: Poudalion d'une colonie par une f^melle isol^e. Bull. Soc. Zool. 
France 1895. 

8) Fahre, H. : Souvenirs enthomologiques. 1886. 2- 

9) Forel, A.; Fouriuis de la Suisse. Zürich 1874. 

10) Freud, S. : Über die Berechtigung von der Neurasthenie einen bestimmten 

Symptomenkomplex als Angstneurose abiutrennen. Sammlung Kleiner Schriften 

Eiu- Neurosenlehre I, 1911- (Ges. Schriften, Bd. I.) 
,i\ __ Triebe und Triebschicksale. Sammlung Kleiner Schriften zur Neurosenlehre IV, 

1918. (Ges. Schriften, Bd. V.) 
laj — Die Verdrangimg. Ebenda, 
ij) — Das Unbewußte. Ebenda. 
i,\ Vorlesungen zur Einfiihnmg in die Psychoanalyse. 2. Aiifl. 1918. (Ges. 

Schriften, Bd. VII.) 
15) Greppin, L. : Zur Kenntnis der geistigen Fähigkeiten unserer Vögel. Mitt. 

naturf. Ges. Solothurn III, igo6. 



170 Brun: Experimentelle Beiträge zur Dynamik und Ökonomie tles Triebkoiillikts 

16) Hattingberg: Übertragung und Objektwahl. Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse VII, 1921. 

17) V. Monakow, C: Biologie und Psychiatrie. Schw. Arch. f. Nciirol. IV, 1918 

und 1919. 

18) Semon, R.: Die Mneme. München 1904. 

19) Slierrington, Ch, : Tlie iiitegrative Action of the nervoiia System. London 1911. 

20) Minkowski, M.: Beitrag lur Physiologie des Rückenmarkes. Schw. Arch. f. 
Neurol. V, 1919. 

21) Wheeler, W. M, r On instincts. The Journal of abnormal Psycho], 1930/31, XV. 



Umrisse einer Bioanalyse der 
organischen Pathologie 

Von 

S. Pfeifer 

Budapest 

Das Wenige, was hier gegeben wird, ist nicht mehr als eine Arbeits- 
hypothese oder vielmehr ein Arbeitsprogramm. Diese Umgrenzung soll 
gleichzeitig eine Entschuldigung sein für die vielen Mängel, die bei einer 
solchen ersten Annäherung auch bei besserer Ausrüstung als der mir zur 
Verfügung stehenden Kenntnis der Biologie unvermeidlich sind. 

Der Wegweiser war auch hier Freud. Nicht nur in seinem ganzen 
Lebenswerk, das uns ein vorher ungeahntes Eindringen in das Wesen der 
seelischen Erkrankungen gestattete und den Wunsch nach einem ähnlichen 
Einblick in das Rätsel der organischen Erkrankungen noch intensiver 
empfinden ließ. Gleichzeitig wurde — bei aller Tendenz Freuds, die 
psychoanalytischen Ergebnisse behutsam auf das Gebiet der Psychoneurosen 
zu beschränken — die Hoffnung rege, daß die gewonnenen Einsichten 
einmal auch zum Verständnis der organischen Krankheiten beitragen 
werden, eine Erwartung, die in den Arbeiten von Ferenczi^ neuerdings 
Unterstützung fand. Eine Bemerkung Freuds über die Regression in den 
Psychoneurosen rechnet schon andeutungsweise mit der Möglichkeit, daß 
die Regression, die er von jeher auch als etwas Physiologisches erfaßte,'' 
auch für die Entstehung organischer Krankheiten von Bedeutung sein 

könnte. 

Es würde verfehlt sein, mit der Erwartung an das Problem heranzu- 
treten daß wir das psychische Schema der Neurosenentstehung auf die 



i) Versuch einer Genitaltheorie (Internat. Psychoanalytische Bibliothek XV) 1924,. 
2) Freud: Vorlesiuigen ^Ges. Schriften, Bd. VII, S. 555). 



4 



172 S. Pfeifer 



organischen Erkrankungen geradewegs anwenden können. Im Gegenteil, 
wir werden es freundlich begrüßen, wenn wir an der Hand bestehender 
Analogien Stützpunkte für die weitere Forschung und Leitfaden zu einer 
bioanal3'tischen Orientierung gewinnen. 

Ob eine Ähnlichkeit zwischen den Verursachungen der neurotischen und 
organischen Erkrankungen besteht, sei an einem Heispicle der letzteren 
gezeigt. Wir finden z, B. bei den Entzündungen, entsprecliend der „Ver- 
sagung* bei den Neurosen, eine Schädigung des Soma, verursacht durch 
Agentia, welche eine kontinuierliche Reihe bilden von der traumatischen 
Einwirkung bis zu den gewöhnlichen Reizen des alhiiglicJien [.ebens, die 
unter Umständen ebenfalls traumatisch wirken. 

Was dann folgt, ist als ein Kampf beschrieben worden, eine Beschrei- 
bung, die vieles für sich hat, ohne den Vorgang vollends zu erklären. Auch 
beim neurotischen Symptome wird vom Verdrängungskanipf gesprochen, 
der in einfachen Fällen gegen die traumatische Einwirkung, meistens aber 
gegen die in Bewegung gesetzte fremdartige Libido losbricht. Metschni- 
koff ist ein charakteristisclier Zug, meines lüachtcns der am meisten 
charakteristische, dieses Kampfes bei der Entzündung nicht entgangen (wie 
2. B. Virchow, der in der Entzündung kaum mehr als eine Ernährungs- 
störung erblicken wollte), nämlich, daß dieser Kampf in seinen Mauplzügen 
ein archaischer ist, So finden wir in der organischen l-^krankung einen von 
der Neurosenbildung aus bekannten Zug wieder, den der Regression. Freud 
hat in einer Bemerkung in seinen „Vorlesungen" diese Bedeutung der 
Regression für die organische i*athologie vorausgeahnt und Ferenczi sie 
neuerdings („Versuch einer Genitaltheorie") in den Vordergrund gestellt. 
Wählen wir in den folgenden Erörterungen diesen Zug zum Leitfaden, um 
die organische Pathologie 2u durchstreifen. 

Die Tatsache des archaischen Rückschlages war den Pathologen auch 
unabhängig von der Psychoanalyse bei gewissen krank liiiften Prozessen 
nicht entgangen. Bei den Tumoren behauptete die Theorie Cohn- 
heims, daß die Geschwulstzellen aus embryonalen Zellen hervorgehen 
und den embryonalen Charakter auch in ihrem Wachstum und in ihrem 
Verhältnis zu den Körpergeweben behalten. Wir könnten Cohnheims 
Theorie damit ergänzen, daß wahrscheinlich keine verstreuten und embryonal 
gebliebenen Keime als Grundlagen der Blastombildung dienen, sondern 
daß eine Regression an der über den embryonalen Organisationsgrad 
entwickelten Zelle zufolge traumatisch wirkender äußerer Reize den Aus- 
gangspunkt zu dem pathologischen Wachstum liefert. Dieses kann auch 



n 



Umrisse einer Bioanalyse der organischen Pathologie 175 

auf einen Einwand gegen die Cohnheimsche Theorie entgegnet werden, 
daß nämlich Geschwulstbildungen oft aus der ununterbrochenen Reihen- 
folge gleichmäßig organisierter Gewebszellen sich entwickeln. Die Fähigkeit, 
zur Regression — allerdings in wechselndem Maße und unter entsprechenden 
Bedingungen — müssen wir allem Lebenden, somit auch der einzelnen 
Zelle zuschreiben, welche infolge ihrer Entwicklung und einer wachsen- 
den Organisation entstanden ist. Unserer Auffassung scheint noch die 
Annahme E. Albrechts am nächsten zu stehen, daß in den Blastomzellen 
embryonale Eigenschaften erhalten geblieben sind. Direkt von einer 
Regression ist die Rede bei dem Biologen R. Ilertwig, der von einer 
Rückkehr der 'Zellen vom organotj-pischen zum zytotypischen Wachstums- 
modus spricht.' Diese Auffassung braucht auch durch die Entdeckung an- 
geblich organisierter Krebserreger durch Gye und Barnard nicht geändert 
zu werden. 

Erscheinungen des pathologischen Wachstums mit Regressionserscheinungen 
sind auch bei der Regeneration, Wundheilung, Metaplasie usw. aufzufinden 
und für die Pathologen längst bekannt. Bei einer Gruppe der Konstitu- 
tionskrankheiten, der Elutkrankheiten, haben P, Ehrlich und andere auf 
Grund morphologischer Untersuchungen behauptet, daß dabei Zellverände- 
rungen in regressivem Sinne vorhanden sind. Für die Blutkrankheiten 
haben Ehrlich und Naegeli angenommen, daß die pathologischen Blut- 
zellen die embryonalen Formen derselben sind, was meines Erachtens eine 
Regression in den blutbildenden Organen voraussetzen läßt. Zum Beispiel bei 
der myeloiden Leukämie treten derartige pathologischen Veränderungen auch 
in der Leber und der Milz auf, von denen die erstere nur im embryonalen 
Leben Blutzellen hervorbringt. Strümpell hält sie für eine Erkrankung, 
welche auf embryonale Abweichungen zurückzuführen ist, wir würden sie 
eine Regression blutbildender Organe in dem embryonalen Zustand nennen. 

Ebenso werden Anzeichen einer Regression zum embryonalen Zustand 
bei den anderen Blutkrankheiten gefunden. So schreiben z. B. Erich 
Mayer und A. Heineke von der Anaemia perniciosa: „Sehr interessant 
ist, daß sich oft auch in anderen Organen (Leber, Milz, Lymphdrüsen) 
Zeichen einer erneuten blutbildenden Tätigkeit finden, also wiederum 
eine Rückkehr in embryonale Verhältnisse. ^ Sie finden auch bemerkens- 
wert, daß die Blutkörperchen selbst in den Organen zugrunde gehen, wo 



1) L. AscHoff: Pathologische Anatomie. I, S. 510; M. Borst; Echte Geschwülste, 
ü) Zitiert nach A. Strümpell: Lehrbuch der speziellen Pathologie und Therapie 
der inneren Kranhheitcn. 1917- 



174 '^- Pfi^ifc^ 



sie gebildet werden. Dieser Umstand ist für uns um so mehr von Bedeu- 
tung, da er zeigt, daß der Organismus unter Umständen seine eigenen 
regredierten Zellen so wie sonst artfremde Eindringlinge behandelt, oder 
aber, was eigentlich dasselbe bedeutet, die IJlutzellen kehren zu einer 
anderen, weniger spezifisch gefestigten Organisation zurück. Ks ist anzu- 
nehmen, daß die Regression bei der Perniciosa auf dieses Stadium erfolgt. 
Dieser Umstand erlaubt uns zwei weitere wichtige Annahmen. Die eine 
ist eine historische und hat große Wahrscheinlichkeit für uns, daß näm- 
lich am entwicklungsgeschichtlichen Anfange der IJlutgewebsbildung die 
vom übrigen Körper abgetrennten und in die SaftkanUle geschwemmten 
Zellen in großer Zahl und systematisch vernichtet wurden oder zugrunde 
gegangen sind, bevor der heulige Symbiose nzustand sich festigte. Die andere 
ist eine theoretische Verallgemeinerung, daß, wenn die partielle Regression 
eine gewisse Tiefe überschritten hat, die regredierten Elemente von den 
nicht regredierten als feindliche Elemente, so wie artfremde bekämpft 
werden, aber auch umgekehrt, wie bei den bösartigen Geschwülsten gerade 
die regredierten Elemente die übrigen angreifen und vernichten. Eine 
gewisse Ähnlichkeit, wenn nicht Wescnsgleichheit dieses Vorganges — 
Vernichtimg der regredierten Pormen und Kampf gegen die Regressions- 
tendenzen — mit der „Verdrängung" Freuds ist unverkennbar.' 

Ein dritter Gedankengang findet hier auch Anknüpfung. Wenn wir 
den Begriff der „Regression" in ihrem eigenen Sinn nehmen, so bedeutet 
es immer einen Zug zur Wiederherstellung älterer, durchgelaufener, aber 
verlassener oder überwundener Entwicklungsstadien. Das Ziel der erfolgten 
Regression ist also immer die Herstellung einmal wirklich dagewesener, 
existenzfähiger Lebensformen, welche aber heute im Gefüge eines weiter- 
entwickelten und angepaßten Organismus, wie oben erwähnt wurde, zu 
lebensbedrohendem oder vernichtendem Konflikt führen. 

i) Zur niustrierung solcher Verdraiig-ung, aber auch der Wendung des (Aggres- 
sions-, Todes-) Triebes gegen einen Teil des eigenen Ich könnte das Beispiel der 
Haemoglobinuria paroxjsmalia dienen. Morphologische und chemische Kennzeichen 
für eine Regressionsspannung zwischen Körper und roten Blulkfirporclien stehen noch 
aus, werden sich aber meines Erachtens einmn! vielleicht linden lusstm. Vergleiche 
die oten vermutete Feindlicldteit zwischen Kiirper und unfertigen, embryonalen Blut- 
lellen bei der Perniziosa. Ähnliche» siehe aueh bei Verbrennungen. 

Die Erfahrung lehrt uns, daß die oben erwühnten Bhiterkraiikitngcii mit Vorliebe 
bei Wende- (und damit Pixierungs-} Pimklen der individuellen Entwicklung auftreten, 
so z. B. in der Pubertät, während der Seh wnu gerschaft, ein Beweis mehr für ihren 
Regressionscharakter. (Allerdings auch dafür, daÜ die großen Belastungen, eventuell 
Versagungen der Libido sie auslösen köimen.) 



Umrisse einer liioanalyse der organischen Patholof^e 17.5 

Nach alledem steht die Forderung im Vordergrund, daß zum Verständ- 
nis des „Sinnes" einer organischen Erkrankung außer dem Einhlick in 
die auslösenden Motnente' noch die Kenntnis des Regressionsgrades un- 
erläßlich ist, bis zu welchem der Organismus in Ganze oder teilweise vor 
einem traumatisch wirkenden Agens ausweicht. Dieses regressive Ausweichen 
kann aber auch nach dem bisher Gesagten auf zwei Linien aufgefunden 
werden, auf der ontogenetischen und der phylogenetischen, die sich in 
einem Punkte treffen müssen. Allerdings werden wir uns besonders im 
Anfange begnügen, die eine oder die andere Art der Regression bestimmen 
zu können, in der Erwartung, daß die Vermehrung unseres biologischen 
und entwicklungsgeschichtlicheu Wissens diese Ergänzung ermöglichen 
wird, und daß die Bestimmung des Fixierungspunkles uns auch den Sinn 
und die Tendenzen der Erkrankung unserem Verständnis näherbringen wird. 

Die beiden Arten der Regression scheinen für die organischen Krank- 
heiten nicht gleichwertig zu sein. Während bei den Neurosen zunächst 
die ontogenetischen Regressionen in die psychoanalytische Forschung ein- 
bezogen wurden, scheinen bei den organischen Krankheiten die phylo- 
genetischen Regressionen in den Vordergrund zu treten. Ontogenetische 
Fixierungen scheinen zu dominieren in der Teratologie (unter den Miß- 
bildungen); diese sind aber offensichtlich klare Entwicklungshemmungen, 
aber keine Folgen einer Regression. Darauf ist es zurückzuführen, daß 
diese auf uns nicht den Eindruck der Krankheit, sondern eben den einer 
Mißbildung machen. In den Begriff der Krankheit scheint eben die Re- 
gression hineinzugeboren und für ihn ausschlaggebend zu sein. 

Was ist aber der Sinn der organischen Regression? Nach unserer finalen 
Auffassung kann es nichts anderes sein, als ein Sich-Zurückziehen vor einem 
Trauma aus äußeren oder auch vielleicht aus inneren Ursachen auf eine Stufe 
der Organisation, auf welcher die Vorfahren des betreffenden Individuums 
noch unter ähnlichen traumatischen Einwirkungen sich behaupten konnten, — 
die Pathologie von heute war einmal wirklich Physiologie — oder aus welcher 
sie eben durch die heute pathogenen ähnlichen Traumata hin ausgeschleudert 

w^urden.^ 

So wenig aber die Entwicklungshemmung allein eine Krankheit ergibt, 
ebensowenig macht die Regression das Wesen der Krankheit aus. Krankheit 
entwickelt sich erst, wenn gegenüber den der Regression unterworfenen Teilen 



1) Welche nach der Behauptung einiger auch von der psychischen Seite ausgehen 
und auch, von dort aus betrachtet, sinnvoll sein können. 

2) Auch der biologische Sinn der Libidoregression kann kein anderer sein. 



176 S. Pfeifer 

oder Systemen des Organismus von den hoher organisierten, unveränderten 
Teilen her der Verdrängungskampf losbricht, welchen ich mir in erster 
Linie in Analogie mit den aus der Immunologie bekannten Abwehrreaktionen 
gegenüber parenteral eingeführten artfremden Körpern vorstelle.' 

So sind wir wieder zum pathogencn Kampf und dessen Prototyp, zur 
Entzündung, zurückgekehrt. Eine gute Gelegenheil, um zu demonstrieren, 
mit welcher Überdeterminiertheit der Probleme bei einer Anwendung der 
Gesichtspunkte der biologischen Tendenzen auf die Pathologie zu rechnen 
sei. Ob hier nicht die Analogien mit den Neurosen weiterzuführen sind? 
Wie die Rolle der Regression bei den Entzündungen bestimmt werden kann, 
worin sie besteht, wie weit sie führt, was entspricht dabei der Scheidung 
von Ich und Libido, was ist die Rolle der Gewebsscliadigung, eventuell der 
Bakterien, der Entzündungszellen usw.? Um auf sie, wenn auch nur teil- 
weise, antworten zu können, müssen wir für die Darstellung einen etwas 
weiteren Rahmen wählen. 

Von dem dualen Gesichtspunkte der Lebens- und der Todestriebe aus be- 
trachtet, zeigt die akute Entzündung einen typischen Ablauf und einen Spezial- 
fall der Triebentmischung. Die typische Folge der Gewebsaltcration (Nekrose), 
die dadurch hervorgerufenen produktiven, d. i. exsudativ-proliferativen Ver- 
änderungen auf der Höhe derEntzündungserscheinnngen, wieder gefolgt durch 
Rückbildungs- und Regenerationserscheinungon (Narbenbildung) sind die 
Grunderscheinungen der Entzündung, welche, wenigstens in Spuren, überall 
aufzufinden sind. Der Prozeß beginnt also mit der Wirkung des Todeslriebes, 
worauf eine mächtige Fluxion von Vermelirungstenden'/.(;ii folgt, deren libidi- 
nöser Charakter unschwer zu erkennen ist. Wenn man z. B. die Celsus- 
schen Kardinalsymptome der Entzündung, den Ruber, Calor, Dolor und 
Tumor betrachtet, findet man sie wieder bei der Erektion und bei jeder 
Genital isierung findet man auch die Functio laesa. Allerdings ist bei der 
Erektion der Schmerz durch die erotische Spannung vertrelen, welche aber 
bei großer Intensität ebenfalls schmerzhaft wirken kann. Gestützt auf einige 
interessante psychoanalytische Funde habe ich Grund anzunehmen, daß die 
Entzündung nicht nur einer „Phallisation", sondern auch einer Hyslerisation 

1} Selbstverständlich können auch andere Abwehrrcnklioiirii -m Worte kommen. 
Entstellung von organischen KrankhcttsBYiniitomen durcli l\enktioiisbil(liiiig ist auch 
wohl denkhar etwa nach der Auffassmip A. Adlers, iler cinfioitig und deshalb auch 
falsch in der Überkompensiening der durch Entwicklungshemmungen gesellten 
Minderwertigkeit der Organe den Grund sowohl der psychischen, wie der organischen 
Erkrankungen erblickt. 



Umrisse einer Bioanalyse der organischen Pathologie 177 

des Gewebes gleichkommt. Diese Phase der Entzündung ist das somatische 
Ebenbild der uns wohlbekannten Libidoanhäufungen (Erektion und Genitali- 
sierung). Darauf folgt wieder eine Vermischungsphase beider Triebarten in 
der Regeneration zum normalen Leben oder eine Verdrängungsphase r Heilung 
mit Narbenbildung (partieller Gewebstod).' Auch andere Zeichen sprechen 
dafür, welche von Ferenczi früher schon betont wurden,^ wie z. B., daß 
die Tiere ihre Wunden lecken, und wir haben auch in dem Verhalten der 
Mütter, die in starker Identifikation mit ihren Kindern die schmerzenden 
Stellen derselben mit Zärtlichkeiten und Küssen überhäufen, sowie in dem 
angenehmen Jucken der abheilenden Entzündungen eine gute Stütze für 
diese Auffassung. 

Auf die Frage, welche Art der Libido in der entzündlichen Fluxion 
tätig ist, können wir vermuten, daß sie anfangs wohl eine narzißtische sein 
dürfte, ausgedrückt in den Erscheinungen der lokalen Turgeszenz, und erst 
später genitalen Charakter annähme, gekennzeichnet durch die Autotomie- 
tendenzen (Abstoßung, Jucken), eventuell durch die sadistischen Tendenzen 
vermittelt (Phagozytose). 

Die Rolle der Regression in diesen Vorgängen ist schwer zu umgrenzen, 
doch sehr augenfällig. Wir begegneten ihr schon in der Metschnikoff sehen 
Auffassung der Entzündung als eine Art Phagozytose. Sie zeigt allerdings 
die Regressionstendenzen der grundlegenden Veränderungen an, welchen die 
Entziindungszellen, nicht nur die amöboiden weißen Blutkörperchen, sondern 
auch die fixen Gewebszellen, unterworfen sind' und deren embryonaler Cha- 
rakter von den Pathologen allgemein anerkannt wird. Ob die Leukozyten 
einen Regressionsprozeß erleiden, ist fraglich, da sie schon an und für sich 
regressive Elemente des Organismus darstellen und durch ihre Einwanderung 
gleichsam die Zusammensetzung der entzündlichen Gewebe in der Regressions- 
richlung verändern. Sie vertreten jenes Stadium der Artentwicklung, in 
welchem dem pathologischen Entzündungsprozeß ähnliche Vorgänge, z. B. 
Aufnahme von Bakterien, Vernichtung derselben oder Teilung der Zelle 



1) Eine Revue der instruktiveren und mit den neurotischen Symptomen mehr ver- 
gleichharen chronischen Entzündungen muß für eine eingehendere Untersuchung auf- 
gespart bleiben. 

a) Perencai: Hysterie und Patlioneurosen, S. 15. 1919. „Über Pathoneurosen." 
Hysterische Materialisationsphänomene. 

3) Letztere können wieder Beweglichkeit und eine große Vermehrungsföhigkeit 
erreichen. Man vergleiche noch die Loebschen Versuche mit den Seeigeleiem über 
die Kausalfolge: Scli[idigung — Vermehrung. 

ImsE» XII. ,3 



1^8 S. Pfeifer 



unter Einwirkung äußerer Reize, auch normalerweise vorkommen, also den 
Anfang des organischen Lebens (Proto7X)en Stadium). 

Eine andere Veränderung bei der Entzündung, welche als Systemregression 
gedeutet werden kann, ist die der Blutzirkulation. Die Blutgefäße geben 
ihre physiologische Rolle auf, die Blulzirkuhilion 7u kanalisieren, werden 
gelähmt, oder jedenfalls maximal gefüllt, ihre Wandungen außerordentlich 
durchlässig, und so entsteht im entzündlichen Gewebe ein ödem. All dies 
entspricht gleichfalls dem Zustand, bevor die Blutzirkulation sich ausbildete, 
also dem freien Safterguß in die Gewebsspalten. Uaß hierin eine Regression 
vorliegt 7,u hl utgefäß losen Organisationsfonnen, dafür scheint die Behauptung 
Metschnikoffs zu sprechen,' daß die seröse Kntzündung spateren Ursprunges 
sei, als die rein zelluläre (leukozytärc) der niedrigeren Organismen. Bei 
den Avertebraten (meistens Wassertiere) zeige sich keine Spur eines serösen 
Exsudats, nicht einmal bei den Amphibien, erst ausnalimsweise bei deren 
Larven. Diese Erscheinung dürfte einem „thalassalen Regressionszug nach 
Ferenczi entsprechen, zu dem Zwecke, den regredierten, zeitigen Kiementen 
ein entsprechendes Milieu zu verschaffen. (Vgl. die vorhin erwähnte Hysteri- 
sation des entzündeten Gewebes.) 

Auch die lileilungs- und Regenerations Vorgänge bei der Entzündung ent- 
halten, wie nach der vorausgegangenen Regression zu erwarten, viele Teil- 
stadien der Embryogenese, welche auch in den pathologischen Lehrbüchern 
nachzuschlagen sind. 

Entzündungserreger. Im Gegensatz zu der chemisch -physikalischen 
Forschung erhoffen wir tiefere Aufschlüsse über ilire Rolle in der Ent- 
zündung zu gewinnen, wenn wir das Verhalten lebender Organismen ana- 
lysieren. — In der Hervorrufung der Entzündung fällt den Mikroorganismen 
eine charakteristische Rolle zu. Wenn wir davon den feinsten Resonator 
aller Lebenserscheinungen, das Unbewußte befragen, z. R. wenn wir die 
Gelegenheit haben, Leute mit entzündlichen lokalen, oder allgemeinen Er- 
krankungen in der Psychoanalyse zu haben, so kiinnen wir darauf gefaßt 
sein, daß fast regelmäßig Schwangcrschaftsphantasien den Ablauf des ent- 
zündlichen Prozesses bei dem Kranken begleiten. Wenn wir diese Aufklä- 
rung vom Unbewußten annehmen, so können wir nicht umhin, in der 
Infektion eine Art — - sozusagen mißlungener — Befruchtung zu erblicken, 
wie auch die Infektion selbst ein typisches Symbol für Befruchtung ist. 
Wir werden diese Spur hier nicht lange verfolgen, nur bemerken, daß die 

i) Metscbnikoff: „L'inflammatioji", S. 213. 



Umrisse einer Bioanalyse der organischen Pathologie 17g 

auffallende Zellvermehrung' im Beginne und auch beim weiteren Verlauf 
einer Infektion für die obige Behauptung spricht. 

Dem widerspricht auch nicht, daß auch aseptische Gewebsschädigungen 
ähnliche Erscheinungen hervorrufen können. Man vergleiche z.B. die Jacques 
Loebschen Züchtungsversuche mit unbefruchteten Seeigeleiern, welche 
durch irgendeine mäßige Schädigung zur Weiterentwicklung gebracht werden 
konnten. Das führt zu tiefgreifenden Problemen, aufweiche vielleicht einmal 
gründlichere Untersuchungen über dieEntmischungen der Todes- (Aggressions-) 
und Lebens- (Sexual-) Triebe größeres Licht werfen werden. 

Hier müssen wir dieses Kapitel abbrechen und viele Fragen und Probleme 
auf spätere Behandlung verschieben. So die infektive Rolle der Bakterien, 
ihre morphologische Analyse, ihr Verhältnis zu den Lebens- und Todes- 
trieben, ihre pathologischen Symbiosen bei den Infektionskrankheiten, die 
durch sie vertretenen Tendenzen, die historische Bedeutung dieser Symbiosen, 
den vermutlichen entwicklungs- oder artgeschichtlichen Zeitpunkt, waim sie 
für die einzelnen Gattungen pathogen wurden, und andere Probleme mehr, 
von welchen die meisten heute noch im Stadium der aufgeworfenen Fragen 
auf ihre Lösung warten. Diese führen schon in ein anderes Kapitel hinüber, 
in die Bioanaiyse der speziellen Pathologie, die, aus Mangel an Raum, 
ein anderes Mal behandelt werden soil. Die bisherigen, mehr aphoristischen 
Bemerkungen wollen nur die Möglichkeit der bioanalytischen Behandlung 
der allgemeinen Pathologie demonstrieren. 



Um die Vielfältigkeit der möglichen Wege bei der bioanalytischen Be- 
handlung der speziellen Pathologie und besonders bei der Verfolgung des 
Regressionsmomentes als vielleicht des bedeutsamsten Teilproblems derselben 
zu zeigen, möchte ich noch auf eine morphologische Deutungsmöglichkeit 
hinweisen, welche im Falle der Brauchbarkeit für die organische Patho- 
logie von eminenter Bedeutung werden kann. Das ist eben die rein morpho- 
logische Betrachtung der Organe als Wiederholungen von bestimmten Ge- 
staltungstendenzen, welche vor Zeiten zur Entwicklung bestimmter Organi- 
sationen des Tierkörpers geführt haben. Anders ausgedrückt, wenn wir eine 
Anschauungsweise anwenden, welche zunächst von den Daten der Histologie 
und Embryogenie absieht und sich nur an die äußeren Formen der ein- 

1) Es fehlt nicht an Beobachtungen, nach welchen Paramaccien, welche zu viele 
Bakterien verschlungen haben, sich zu teilen beginnen, um nach der Ansicht Metscluii- 
koffs sich dadurch ilu-er Reiiwirkimg lu entziehen. 

tu* 



i8o S. Pfeifer 



zelnen Organe hält, so werden wir in diesen bekannte Formen primitiver 
Tierarten erkennen. Darin wurde ich bestätigt durch die Behauptung 
Abrahams, der im vorderen Abschnitt der Verdauungsröhre (bis ein- 
schließlich des Magens) die Organisation sfonnen und auch die Funktions- 
weise der Coelenteraten erblickte.' 

Das ergänzt wohl die Annahme, daß im anderen Teil des Darmtraktes 
unverkennbar die Organisationsformen der Würmer ersclieinen, gekenn- 
zeichnet in erster Linie durch die segmentarische Ordnung der Bewegungs- 
elemente, durch die typische Bewegung und nicht zuletzt durch die Form 
des Organs, (Die Reste des spezifischen Nervensystems wurden abgetrennt und 
mit dem späteren Rückenmark in Bezielmng gebracht und sind in der Gan- 
gUenkette des Sympathikus anzutreffen.) Rs wird uns nach dem Gesagten 
nicht wundern, wenn wir in den Funktion selcmcnlcn des Darmes, in den 
Lieberkühnschen Krypten noch primitivere Organisalionsformen, die der 
einfachsten Hohltiere, der Hydroidpolypen. erblicken wollen, mit der sack- 
artigen EinhÖhlung eines einschichtigen Endoihels und den tentakelartigen 
Papillen. Allerdings ist aus der intrazellulären Verdauung der Hydroidpolypen 
eine extrazelluläre geworden, indem einige Zellen (Hecherzcllen) ihren Inhalt 
in Schleim verwandeln und in den Darm ergießen.* Bei pathologischen 
Prozessen (Darmkatarrh) tritt dieser Zug verstärkt in den Vordergrund und 
wird für die Krankheit geradezu charakteristisch. 

Die Wurmorganisation des Darmes spielt in den verschiedensten patho- 
logischen Fällen die regressive Basis des Prozesses. Aus der Fülle der Er- 
scheinungen wollen wir nur zwei Krankheitsgruppen herausgreifen, eine 
aus der inneren Medizin, eine aus der Chirurgie. 

Durch eine Gleichheit der Tendenzen und der Organisation wird es 
verständKch, daß der Darm der Lieblingsort des überwiegend größeren 
Teiles der unzähligen schmarotzenden Würmer geworden ist, unter welchen 
manche eine erstaunliche Anpassung zu dieser eigentümlichen Symbiose 
zeigen. Die Gleichheit der Tendenzen bei Wurm und Darm wird uns noch 
beschäftigen, z. B. die entwicklungsgeschichtlich neue Art der Vorwärts- 



i) Abraham: „Versuch einer Entwickhmgsgescliichte der Libido," — Dr. Fodern 
macht mich auf eine Stelle hei Driesch: „Philüsophi.- dc-s Organischen". 8.284, 
aufmerksam, wo bereits diese Behauptung ausgedriU^kt wurde: „Di<- Ontogenic hefert 
uns ein Endding mit Organen. Können wir im Rahnu-n der Pliylogenie etwas mit 
Organen vergleichen? Jede Spezies ist ein Organ, würde muri sngcn. Dann würde 
jedes Organ aus seinesgleichen im Wege der Phylogciiic entstellen," 

2) Die Verdauung außer dem Körper ist bei den Wirbellosen ein hSiU'iger und 
noch bei den Cephalopoden ein typischer Vorgang, 



Umrisse einer Bioanalyse der organischen Pathologie i8i 

bewegung, die damit verbundenen aggressiven Tendenzen, die Neigung in 
Spalten, in Höhlen hineinzudringen usw. (Daher auch die große Invasions- 
neigung der vielen anderen schmarotzenden Würmer.) Letztere spielt eine 
große Rolle bei manchen chirurgischen Erkrankungen, wie z. B. bei den 
verschiedenen Hernien, welche gar nicht so einfach mechanisch entstehen, 
wie die chirurgischen Lehrbücher es vorführen, also durch Änderungen in 
der Widerstandsfähigkeit der Bauchwand und durch den erhöhten Druck 
der ßauchpresse, sondern die Gedärme tragen durch die eigene Bewegung 
auch aktiv dazu bei, um in die präformierten Höhlen hineinzugelangen, 
sogar in die Brusthöhle, wie sie durch diese Bewegungen auch imstande 
sind, das Netz auf eine entzündete Stelle zu bringen. Die ähnliche Tendenz 
der Gedärme mag wohl bei den Darmprolapsen {bei Kindern häufig) und 
bei den Intussuszeptionen und Invaginationen eine Rolle spielen, wo der 
Darm gleichsam in sich selbst hineinkriechen kann. 

Um auf das vorhin erwähnte Prinzip zurückzukommen, lassen wir auch 
einige der übrigen Organe eine Revue passieren, soweit sie sich dieser 
Betrachtungsweise unterwerfen, und auch dann, wenn sich die Folgen für 
die Pathologie vorläufig nicht überall klar zeichnen. Die einfachen Darm- 
drüsen haben wir nach ihrer Gestalt mit den Hohltieren in Beziehung 
gebracht (Hydroidpolypen), und die Wachstums- und Form Verhältnisse auch 
der anderen Röhrendrüsen scheinen den Vermehrungsmodus dieser Tiere 
— die Vermehrung durch Knospenbildung — nachzuahmen. (Pathologische 
Auswirkung vielleicht bei der Bildung gewisser Papillomen.) Aus dem Ur- 
sprung dieser Drüsen aus röhrenartigen Bildungen folgt, daß sie ihre Ent- 
stehung einer teihveisen Regression von der Wurmgestalt zu der der Hydroid- 
polypen, mit Beibehaltung einiger Eigenschaften der ersteren, verdanken. So 
könnte man zwischen der Form des Herzens mit den Anfangsteilen der großen 
Arterien Beziehungen zu einer relativ hoch entwickelten Tierform, zu den 
Cephalopoden, entdecken, gestützt nicht nur auf die auffallende Ähnlichkeit 
der Gestalt (Beutelform, kopfarmartige Anordnung der großen Ader, Reiz- 
leitungssystem), sondern auch auf die rückstoßartige Bewegung, bei den 
Tieren des Körpers, beim Herzen der Flüssigkeit. Zu diesem letzteren Organi- 
sationstyp könnte man noch das Auge rechnen. 

In den Aufbau der Adern spielt dann wieder die wurmartige Organisation 
hinein bis zu den Kapillaren, die wieder nach dem Sprossensystem gebaut 
sind (vgl. die Gefaflknospen bei der Wundheilung und in chronischen, ent- 
zündlichen Wucherungen). Bei gewissen Erkrankungen werden sie für das 
Blutserum durchlässig, dann stehen wir vor einer Regression vom System 



iSa S. Pfeifer 



der geschlossenen zu dem mit offener Saftzirkulation. (Der Schritt z. B. von 
den Weichtieren oder tieferen Würmern — Piattwürmern — zu den höheren 
Würmern.) Überhaupt ist das Blutgefäßsystem der hauptsächliche, oder viel- 
leicht (ausgenommen solche durch Wachstum) der einzige Träger aller Ten- 
denzen zur Turgeszenz geworden, solange diese nicht im Kegressionsfalle, 
wie bei den Ödemen wieder auf die Gesamtheit des Körpers zurückgelien. 
Übrigens ist es von großer pathologischer Bedeutung, daß die „Genitali- 
sierung" wahrscheinlich immer von vasomotorischen Veränderungen begleitet, 
eventuell durch sie besorgt wird, und was ebenfalls vielfach behauptet wurde 
und wohl als erwiesen betrachtet werden kann, ilaQ lüuzündungen auf 
genitalisierten Körperteilen viel leichlor und fast regelmäßig entstehen. Man 
denke z. B. an den Fluor Albus der Onanisten, der keineswegs nur auf die 
mechanische Reizung zurückzuführen sei, an viele Ekzeme usvv. 

Ich wäre geneigt, in den eigentümlichen, sinusariigen Erweiterungen 
der Kapillarvenen der Milz ebenfalls eine Annäherung zu der Weichtier- 
organisation mit ihrer freien Saftzirkulation zu erblicken. Ob dabei die 
große äußere Ähnlichkeit der Milz mit manchen Muscheltieren ein reiner 
Zufall ist, das können wir vorläufig duhingosleill lassen. Übrigens kommen 
milzartige Gebilde erst von den Mollusken angefangen im Tierreich vor. 
Hier ist es Zeit einem Vorwurf zu begegnen, der diesen Aufstellungen 
schon lange gedroht hat. Wir sprachen oben von Gestaltsanalogien der 
Organe mit tierischen Organismen, welche nicht alle im Wege der Ent- 
wicklung unseres Körpers liegen, wie z. B. von der Cepha!o]»odrnähnlichkeit 
beim Herzen, um nur die schreiendste zu erwähnen. Uie wird noch unter- 
strichen, wenn wir wissen, daß das Verte braten herz während der Embryogenie 
I durch Zusammenlegen und Verschmelzen einer rohrrörmigen Ader gebildet 

wird. Wir müssen dann annehmen, daß unausgenützle Entwicklungsmöglich- 
keiten ein langes Stück des Entwicklungsweges mitgebracht werden können, 
bis im Körper selbst solche Änderungen und Notwendigkeiten eintreten, 
weiche diese Entwicklungstendenzen sich auswirki'u lassen, Vielleicht werden 
I durch diese Möglichkeiten einmal viele Überdeckungen der Embryogenie 

verständlich. (Man denke z. B. an die Erscheinungen der Heterogonie.) 
Übrigens haben die Cephalopoden in bestimmten Holiltieren, in den Anthozoen 
ein einfacheres Organisationsvorbild, ebenfalls mit starker Kontraktilität, 
mit Vormagen und Magen, mit ein- und ausslröiiiendem Wasser, Tentakeln, 
welche Tiere aber den Coelenteraten angehören, also einer niilier stehenden 
Tiergattung. Dies würde dann den Widerspruch aufheben. Selbstverständlich 
darf man den Körper nicht als ein Aquarium oder eine enlwicklungs- 



Umrisse einer Bioaiialyse der organischen Pathologie 185 



geschichtliche Sammlung von nebeneinandergefiigten Tierformen betrachten. 
Allerdings gibt es Tiergattungen, bei welchen die einzelnen Organe durch 
besondere Individuen vertreten sind, wie z. B. bei gewissen Tierstaaten 
{Syphonop hören usw.). Auch manche Symbiosen dürften unter diesem Ge- 
sichtspunkt erwähnt werden. 

Wieder ein Punkt, um abzubrechen, bevor die Bedeutung dieser Betrach- 
tungsweise der rückgreifenden Entwicklung — Entwicklung über mor- 
phologische Regressionen hindurch — für die Biologie und die biologische 
Analyse der Pathologie an den Beispielen auch der übrigen Organe demon- 
striert werden konnte. Auch sind wir etwas weit in ferne — und man wird 
mir mit Recht vorwerfen: phantastische — Gebiete der Phylogenie verirrt. 
Aber es ist mir diesmal hauptsächlich nur daran gelegen, neben den fester 
fundierten Bauten auf dem Gebiete der Bioanalyse auch einige der von 
diesen ausgehenden Wege zu zeigen, welche vielleicht vorläufig in dem 
Urwald der biologischen Vorgeschichte des Menschen leicht irreführen. 
Doch muß solches noch" so gewagtes Vordringen, ermöglicht durch die 
immense Erweiterung des wissenschaftlichen Blickfeldes durch die Anwen- 
dung der psychoanalytischen Ergebnisse auf andere Wissensgebiete, früher 
oder später mit der Erforschung und Urbarmachung auch dieses Neulandes 
der Bioanalyse enden. 



über die Anwendbarkeit der Energielehre 

in der Psychologie 

Von 

Emil Simonson 

Berlin-Halensee 

Die Schwierigkeit beginnt bereits hei der Begriffsbeslimraung. Ist Energie 

etwas Reales? Philosophen und philosophisch sich betäligende Biologen haben 

es bestritten. Frilz Mauthner(i)' setzt die Energie dem Kausalitätsbegriff 

Kants gleich, der im Gegensatz zu dem von Huine nicht bloß die Ursache, 

sondern die beiden korrelativen Begriffe Ursache und Wirkung umfaßt. Das 

ist im Grunde dasselbe, worüber vor zwanzig Jahren der russische Physiker 

Chwolson in seiner Schrift „Hegel, Haeckel, Kossuth und das zwölfte 

Gebot (2) so scharf geurteilt hat, wenn nämlich der Philosoph Kossuth sagt: 

„Das Gesetz von der Erhaltung der Energie ist nichts weiter, als der Satz: 

,Die Ursache ist gleich der Wirkung.'" Ähnlich deduziert Spengler (3). 

Verworn (4) stellt die Realität vom Standpunkt seines Psychomonismus in 

Abrede. Dagegen gelangt der holländische Philosoph IJeymans (5) in 

Groningen, auf dessen Versuch über die Anwendbarkeil des Energiebegriffes 

in der Psychologie wir später noch eingehen müssen, als Vertreter des 

psychischen Monismus zu einem nicht so eindeutigen Ergebnis. Für Eduard 

von Hartmann (6) ist die Energie in genau demselben Sinne wie die Materie 

eine objektiv-reale Erscheinung. Ludwig Stein (7) endlich vertritt einen 

unvermeidbaren Agnostizismus ; „Der psychologische Zirkel ist unentrinnbar. 

Der Prozeß menschlicher Verdoppelung ist unaufliebhar. Wir müssen unsere 

Eigenschaften in das All hineindeuten. Ein gröberer oder feinerer Anthropo- 

morphismus ist das seelische Fatum des Menschengeschlechtes. Dabei kommt 



1) Ziffern in Klammem, siehe Literatur auf S. 1 



94" 



Knergielehre in der Psychologie 1815 

wenig darauf an, ob man dieses Hineindeuten menschlicher Merkmale oder 
Stammeseigenschaflen in den geforderten Einheitsträger des Weltganzen mit 
den Griechen ,Anthropomorphismus', mit Franz Bacon ,i(lola iribus', mit 
Avenarius .inlrojizieren', mit Petzold ,einlegen', oder endlich mit Lipps 
,eiDfühlen' nennt. Ob wir das oberste Einheits- oder Ordnungszentmra ,Natur' 
oder ,Gott' betiteln: es ist und bleibt doch nur eine hinausprojizierte Ver- 
doppelung unserer eigenen Ich-Einheit. Wird der Leib verdoppelnd hinaus- 
projiziert, so entsteht der Materialismus; wird die Seele in das Weltbild 
introjizicrt, so entsteht Idealismus; werden einzelne Empfindungen oder Er- 
lebnisse , eingelegt', so bildet sich der Phänomenalismus heraus; wird endlich 
die Muskeltätigkeit, die Kraft oder der Wille in das Weltganze , eingeführt', 
so entsteht das Weltbild, das Wundt mit Schopenhauer Voluntarismus, Ostwald 
mit Robert Mayer und Leibniz Energetik nennen." 

Immerhin ist dieser Standpunkt nicht mit dem schrankenlosen Psycho- 
monismus identisch, für den überhaupt ein „Ding an sich" nicht vorhanden 
ist. Planck (8) gibt auf die Frage, ob der rein kausalen Denkweise an irgend- 
einem Punkte eine feste Grenze gesetzt sein könnte, die sie nicht über- 
schreiten kann, eine sehr interessante Antwort ; „In der Tat: es gibt einen 
Punkt, einen einzigen Punkt in der weiten, unermeßlichen Natur- und 
Geistesweh, welcher jeder Wissenschaft und daher auch jeder kausalen Be- 
trachtung nicht nur praktisch, sondern auch logisch genommen unzugänglich 
ist und für immer unzugänglich bleiben w^ird: dieser Punkt ist das eigene 
Ich. — Ein winziger Punkt, wie ich sagte, im Weltenbereich, und doch 
wiederum eine ganze Welt, die Welt, die unser gesamtes Fühlen, Wollen 
und Denken umfaßt, die Welt, die neben dem tiefsten Leid die höchste 
Glückseligkeit in sich birgt, das einzige Besitztum, das uns keine Schicksals- 
macht entreißen kann, und das wir nur mit unserem Leben selber dereinst 
preisgeben. Nicht als ob die eigene Innenwelt der kausalen Betrachtung 
überhaupt entzogen wäre. Grundsätzlich steht durchaus nichts im Wege, 
daß wir auch jedwedes eigene Erlebnis restlos in seiner streng kausalen 
Notwendigkeit begreifen. Aber dazu ist eine schwerwiegende Bedingung un- 
erläßlich: wir müssen seit jenem Erlebnis ungeheuer viel klüger geworden 
sein; so klug, daß wir gegenüber unserem damaligen Zustande uns als 
mikroskopischer Beobachter, als ein Laplacescher Geist fühlen können. Denn 
nur dann ist jener Abstand, jenes Mindestmaß von Distanz zwischen dem 
erkennenden Subjekt und dem zu erforschenden Objekt gewahrt, das wir 
als unumgängliche Voraussetzung für die Durchführbarkeit der kausalen 
Betrachtung oben ausdrücklich festgestellt haben." (Nebenbei: eine schöne 



i86 Emil Simonson 



Rechtfertigung der Forderung, daß der Psyclioanalytiker selbst analysiert 
sein muß.) Was hier vom Einzelindividuum ausgesagt wird, müßte sinn- 
gemäß auch auf den menschlichen Verstand im allgemeinen da angewendet 
werden können, wo es sich um die großen, uralten, nie gelösten, erkenntnis- 
kritischen Fragen des KausaUtälsbedürfnisses der Menschheit handelt. Auch 
die Menschheit steht ja diesen Fragen gegenüber wie ein Münchhausen, 
der sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen soll. — Ostwald (9) 
hat schon vor längerer Zeit die Vermutung ausgesprochen, die Materie sei 
nichts als verdichtete Energie. Dieser intuitive (Jedanke hat durch Einsteins 
Entdeckung, daß jeder Körper, der Energie aussendet, gleichzeitig an Masse 
verliert, eine exakte Fundierung erhalten, denn dadurch lag es naJie. das 
Wesen der Materie überhaupt in Energieanhäufung zu sehen. — Nernst (10) 
hat die Hypothese aufgestellt und begründet, daß auch beim absoluten Null- 
punkt die Bewegung nicht aufhört, daß der Äther vielmehr von tmgeheuren 
Mengen von „Nullpunktsenergie" erfüllt ist. Wenn Planck (1 1) im Gegen- 
satz hiezu annimmt, daß die Energie des elektromagnetisch-neutralen Feldes 
gleich Null ist, so hat er doch auf dem abweicliendcii Wege dasselbe Ziel 
im Auge, die Auffassung der Energie als etwas Absolutes zu begründen. 
Ebenso hat die Energie eines ruhenden Körpers, wie sicli aus der speziellen 
Relativitätstheorie ergibt, einen hestimniten Absolutwert, der gleich ist dem 
Produkt seiner Masse und dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit. Planck 
bemerkt dazu: „Es muß ein merkwürdiges /.usammenlrelfen genannt werden, 
daß gerade eine Theorie der Relativität zur Bestimmung des Absolutwertes 
der Energie eines physikalischen Gebildes geluiul hat", und er führt das 
an späterer Stelle weiter aus: „So ist auch in der vielfach mißverstandenen 
Relativitätstheorie das Absolute nicht aufgehoben, sondern es ist im Gegen- 
teil durch sie nur noch schärfer zum Ausdruck gekommen, daß und in- 
wiefern sich die Physik allenthalben auf ein in der Außenwelt liegendes 
Absolutes gründet. Denn wenn das Absolute, wie manche lukenntnistheoretiker 
annehmen, nur im eigenen Erleben zu finden wäre, so müßte es grundsätzlich 
ebenso viele Arten von Physik geben, wie es IMiysiker gibt, und wir würden 
der Tatsache völlig verständnislos gegenüberstehen, daß es wenigstens bis 
zum heutigen Tage möglich ist, eine physikalische Wissenschaft aufzubauen 
und zu pflegen, deren Inhalt für alle forsclienden Intelligenzen, bei aller 
Verschiedenheit ihrer Rinzelerlebnisse, sich als der näniliclie erweist. Daß 
nicht wir uns aus Zweckniäßigkeitsgründen die Außenwelt scliuflen, sondern 
daß umgekehrt sich uns die Außenwelt mit elementarer Gewalt aufzwingt, 
ist ein Punkt, welcher in unserer stark von posilivististhen Strümungen 



4 



Energielehre in der Psychologie 187 



durchsetzten Zeit nicht als selbstverständlich unausgesprochen bleiben darf." 
So wird denn der dem Realen zugewandte Naturwissenschaftler 
nicht umhin können, gerade in der Energie das einzig Reale zu 
sehen. Wenn somit überall, wo etwas geschieht, Energie im Spiele ist, 
dann muß das auch bei allem seelischen Geschehen der Fall sein. 

Freud, der schon sehr früh die Notwendigkeit erkannt hat, alle seelischen 
und geistigen Vorgänge dynamisch aufzufassen, konnte es natürlich nicht 
entgehen, daß man in gerader Folge auf die energetische Auffassung kommen 
muß, weil ja die Energetik als DjTiamik der Elektronen oder sonstigen kleinsten 
Elemente angesehen werden muß. Allerdings hat er die derzeitige Schwierig- 
keit, vielleicht Unmöglichkeit, sehr bald erkannt, heute schon vom dynamischen 
zum energetischen Schema überzugehen. In „Das Ich und das Es (12) zum 
Beispiel fragt er: „Wie aber ist es mit jenen inneren Vorgängen, die wir 
etwa — roh und ungenau — als Denkvorgänge zusammenfassen können? 
Kommen sie, die sich irgendwo im Innern des Apparates als Verschiebungen 
seelischer Energie auf dem Wege zur Handlung vollziehen, an die Ober- 
fläche, die das Bewußtsein entstehen läßt, heran? Oder kommt das Bewußt- 
sein zu ihnen? Wir merken, das ist eine von den Schwierigkeilen, die sich 
ergeben, wenn man mit der räumlichen, topischen Vorstellung des seelischen 
Geschehens ernst machen will." Wir werden im folgenden sehen, wie weit 
Heymans mit seinem Versuch einer energetischen Dynamik der psychischen 
Lebens Vorgänge kommt, können aber schon im voraus die Notwendigkeit 
betonen, daß noch jahrzehntelange Vorarbeiten nötig sein werden. Der Physiker 
Felix Auerbach (15) sagt am Schlüsse seiner Besprechung meines Buches 
„Der Organismus als kalorische Maschine und der zweite Hauptsatz": „Muß 
nicht zuerst die Frage der Gültigkeit des Entropiesatzes für den lebenden 
Organismus ernsthaft in Angriff genommen, d. h. bis auf die elementaren 
Prozesse in der Zelle zurückverfolgt werden, bis auf Prozesse, die sich dem 
Grenzfalle umkehrbarer Prozesse, für die allein doch die Entropie eine 
quantitativ bestimmte Größe ist, am meisten nähern? Und zugleich auch 
Prozesse, die von jener Feinheit der zugrunde liegenden Konfiguration und 
ihrer Änderungen sind, daß, wie schon Helmholtz vermutete, der Satz 
von der Unmöglichkeit, Wärme zu Arbeit zu steigern, ungeordnete Bewegung 
in geordnete überzuführen, hinfällig wird?" — Ostwald nimmt als eine 
der Erscheinungsformen der Energie eine besondere psychische Energie an. 
Verwarn wendet dagegen ein, daß dadurch nichts gew^onnen sei; denn sie 
bleibe immer eine Energieform sui generis, die mit den anderen Energie- 
formen nichts Wesentliches gemein habe. Alle anderen Energieformen seien 



i88 Emil Simunson 



nur objektiv, d, h. sinnlich wahrnehmbar. Subjektiv, d. li. ohne Vermittlung 
unserer Sinnesorgane, wären sie uns völlig unbekannl. Dagegen sei umgekehrt 
die psychische Energie Ostwalds objektiv nirgends nachweisbar und uns 
nur durch subjektive Erfahrung bekannt. Diese Energieform sei demnach 
in ihren Grundeigenschaften ganzlicli von der Gesamlhcil der uns bekannten 
Arbeitsleistungen in der Natur verschieden. Diese Verschiedenheit sei aber 
nichts anderes als die alte Kluft, welche die energetische Anschauung gerade 
überbrücken wollte, die Klufi, die eben zwischen der Heihe der psychischen 
und der Reihe der körperlichen Vorgänge bestehe. 

Wir werden vorläufig mit einem bescheideneren Ziele als dem von 
Auerbach gesteckten, zufrieden sein müssen, nämlich zunächst mit dem 
Streben nach Feststellung, ob der Ablauf psychischer Vorgange von Energie- 
umsetzungen entsprechend den beiden Hauptsätzen begleitet sind. Ein Weg, 
diesem Ziele näherzukommen, ist die Untersuchung der „finitiven", d. h. 
jeder für sich zu einem Abschluß fülirenden Vorgänge, wie sie besonders 
H. Zwaardemaker (14) In Utrecht vielfach durchgeführt hat. Von finitiven 
Prozessen darf man selbstverständlich nur in Anniihening sprechen. Stärcke 
hat mir in einem Foyer- Gespräch beim Berliner Psychoanalytischen Kongreß 
gegen die Anwendbarkeit des Entropiesatzes den Einwand gemacht, das wäre 
nur in einem geschlossenen System möglich. Der Einwand ist tlieoretisch 
richtig, aber bei konsequenter ])urchführung würde kein Wärmetheoretiker 
die Energiewandlungen und Umsetzungen in einer Dampfmascliine berechnen 
können. Auch Zwaardemaker hebt gleich im Beginn seiner Darlegungen 
hervor, daß die Systeme keinesfalls im strengen Sinne des Wortes als ge- 
schlossen gelten könnten. Finitive Vorgänge seien Kreisprozesse, d. h. Vor- 
gänge, bei denen Anfangs- und Endzustand gleich sind. Die finitiven Prozesse 
in einzelnen Organen könnten demnach als Kreisprozesse geschildert werden, 
obgleich sie sich im offenen System abspielten, wenigstens wahrend des 
Schlafes und im wachen Zustande, falls ausschließlich ganz kurze Zeilräume 
ins Auge gefaßt werden. Er erkennt auch, daß die im Körper vorkommen- 
den Kreisprozesse bei isotherm sich vollziehendem Chemismus einem Carnot- 
sehen Kreisprozeß nur entfernt ahnlich sein werden. In diesem Sinne seien 
zwei gleiche, in entgegengesetzter Richtung geführte Reaklionen ein Kreis- 
prozeß. — Diese in der Physiologie oft vorkommende Auffassung ist nur 
ziemlich äußerlich richtig. Man könnte elier das isotherme Resultat mit 
einem Interferenzvorgange vergleichen. Auch sonst ist hier Vorsicht geboten. 
Ich habe aus einzelnen Vorgängen die Erfahrung geschöpft, daß in der 
Physiologie anscheinend gar nicht selten eine Verwechslung von umkehr- 



Energielehre in der Psychologie 189 



baren und adiabatischen Prozessen stattfindet, die beide nur den isothermen 
Ablauf gemeinsam haben. Umkehrbar sind aber adiabatische Prozesse nicht. 

Unter diesen Vorbehalten können wir uns jetzt den bisherigen Ergebnissen 
zuwenden. Für die Energetik am günstigsten liegen nach Zwaardemaker 
die Verhältnisse im peripheren Teile des Nervensystems, weil die „umkehr- 
baren" Kreisprozesse hier besonders in den Vordergrund treten, ja, in den 
peripheren Nerven nahezu alles Bekannte umfassen. „Irreversible Prozesse 
sind in den peripheren Nerven, in welchen gar kein Stoffwechsel wahr- 
nehmbar ist. und es überdies nicht zu einer Wärmeproduktion kommt, 
kaum angedeutet. Hingegen finden sich die deutlichen Kennzeichen umkehr- 
barer Vorgänge vor." Diese reversiblen Vorgänge sollen sich überdies in einem 
geschlossenen materiellen System abspielen, da in intaktem Zustande weder 
stoffliche Änderungen, noch ein Zu- und Abfluß der Energie walirnehmbar 
seien. Ähnliche Betrachtungen wie für die peripheren Nerven könne man 
auch für das Zentralnervensystem anstellen, doch mache sich hiebei ein viel 
bedeutenderer nichtkompensierter Anteil geltend. 

Als objektiv nachweisbare Kennzeichen der sich abspielenden Erregungs- 
vorgänge hat man die Wärmeproduktion und die elektrische Energieentwick- 
lung als maßgebend benützt. Im Rahmen dieser Arbeit kann nur auf einige' 
Ergebnisse hingewiesen werden, zumal es hier nur darauf ankommt, von 
den Forschungswegen und -zielen einen Begriff zu geben. Hans Berger 
(zitiert nach Zwaardemaker) hat gezeigt: Eine Temperaturerhöhung der 
Rinde um 002 Grad, welche innerhalb einer halben Minute nach der kräf- 
tigen Einwirkung eines Schalls auf das Ohr beobachtet wurde, wird mit 
der Intensität des Reizes verglichen, mit dem Ergebnis, daß das Verhältnis 
zwischen Sinnesreiz und kalorischem Effekt sich wie 1 : 700 verhält. Die 
Energieproduktion, welche im Exzitationsstadium extra stattfindet, schätzt 
er auf drei Kilogrammeter per Minute. ^ Zwaardemaker hat berechnet, 
daß bei drei Millimeter Pupillenweite und einer Lichtstärke von 1000 Meter- 
terzen die ins Auge eintretende Lichtmenge 600 Erg. per Sekunde beträgt. 
An einem tropischen Tag von zwölf Stunden beziffert sich das alles zu- 
sammen auf o'5 Grammkalorien. Der von uns unter gewöhnlichen Umständen 
unbeachtete Teil des Tageslärms beträgt ungefähr 7X10-3 Erg. per Sekunde, 
in 24. Stunden sind das zirka 400 Erg. — Bei der Stimme eines anderen 
kommen 6'6 Erg. per Sekunde auf beide Trommelfelle, bei der eigenen 
Stimme o'oooi4 Erg. per Sekunde. Die in den genannten Beispielen berück- 
sichtigten Energiemengen beziehen sich auf die den Sinnesflächen mitge- 
teilten Quantitäten. Was hiervon den sich anschließenden Teilen des Nerven- 



jgo Emil Siniunson 



Systems übertragen wird, ist nocli sehr unsicher. Am Ipichlesien lassen sich 
die Verhältnisse beim Lichtsinn übersehen, ungefähr zwei Proxent des auf- 
genommenen Lichtes wird von den spezifischen Sinneselementen absorbiert. 
Zwaardemaker bemerkt zu diesen Ergebnissen, ungeaclitet der Kleinheit 
der in Form von Sinnesreizen auf unseren Körper übergehenden Energie 
bekomme sie doch eine außerordcnllicli wichtige Hcdeulung im Haushalt 
des Organismus, weil sie fast im ganzen Nervensystem und infolgedessen 
sekundär in damit zusammenhängenden Systemen eine ziemlich lebliafte 
und nahezu kontinuierliche Erregung unierhäll. 

Diese Beispiele mögen für die Kennzeichnung der nocli in den Anfängen 
befindlichen Forschungen genügen. — Aber das kausale Ilcdürfnis liiÜt sich 
nicht hindern, durch logisclie l)berlegungen dem Sc li necke ntemjio der ex- 
perimentellen Forschung vorauszueilen und versuchsweise die Energiesätze 
im allgemeinen Sinne auf allerlei Probleme anzuwenden. Es folgt damit 
den Wegen der modernen Physik. So drängt sich z. B. die Anwendung des 
zweiten Hauptsatzes auf die Probleme der Zeugung, der Entwicklungs- 
mechanik, des Sterbens auf und kann zu fordernden Arheilshypothescn führen. 
Franz Alexander (ig) hat den Entropiesatz mit dem von Frvud erkannten 
Todestrieb in Beziehung gesetzt und der Beziehung folgende Formulierung 
gegeben: „Der von Freud erkannte Todestrieb ist also der sich in der Psyche 
widerspiegelnde Ausdruck dieses allgemeinsten Naturgesetzes, des Entropie- 
gesetzes, indem er von dem labileren Zustand zu dem stabileren des Todes 
drängt." Diese Anwendung ist logisch und wird nicht nur für das Sterben, 
sondern auch für das Leben Bedeutung behauen, worauf liier nicht ein- 
gegangen werden kann. Aber bisher mußte nach der SchluBfolgemng Lord 
Kelvins aus dem Entropiesatz auch für den Gesamtkosmos gewissermaßen 
ein Todestrieb angenommen werden. Seit Hejmhollz haben viele Physiker 
diesen „Wärmetod" als unvermeidbar angeselien. Andere haben sich ver- 
gebens bemüht, einen Ausweg zu finden. Erst durch lUnsteius Berechnung, 
daß der Kosmos unbegrenzt, aber nicht imendlich ist, und infolge der .An- 
nahme von Nernst, daß der Äther von „Nullpunklseuirgic" erfüllt ist, 
konnte dieser Forscher uns wirksam die Sclilußfolgerung Lord Kelvins als 
intermediäre Erkenntnis zeigen. Der Todestrieb hat also nicht unbe- 
dingt die Alleinherrschaft, sondern der Kosmos als Ganzes ist 
ein idealer Kreisprozeß, ein Mobile perpcluum zweiter Art und 
ein in aller Vergangenheit und Zukunft stationäres Gebilde. W'elt- 
körper gehen, neue kommen, hier Überwindel der Todestrieb nicht 
den Zeugungstrieb. Das hat scheinbar mit unserem Thema nichts zu tim, 



Knernielehre in der Psychologie ]gi 

aber die uns durch Nernsts Versuch übermittelte Einsicht muß 
auf das Seelenleben des Einzelnen und der Gesamtheit einen nach- 
haltigen und gestaltenden Einfluß üben. Kein drohender Wärme- 
lod läßt die Welt zwecklos erscheinen, die Aussicht unabsehbarer 
Entwicklung überwindet den Pessimismus der Weltanschauungen. 
Auch im Organischen und Psychischen ist der Tod nicht end- 
gültig der „wahrscheinlichere", oder, wie es Alexander ausdrückt, 
der „stabilere" Zustand, der Zeugungstrieb behält in dem ant- 
agonistischen Spiel zwischen ihm und dem Todestrieb in alle 
Ewigkeit seinen Platz. 

Ein systematisches und umfassendes energetisches Schema des psychischen 
Geschehens einschließlich des Unbewußten versucht auf demselben Wege 
Heymans in seiner bereits genannten Schrift. Die Arbeit umfaßt mehr 
als das Thema aussagt, nämlich nicht nur die Anwendbarkeit des Energie- 
begriffes, sondern auch der beiden energetischen Hauptsätze, soweit man 
sehen kann, in enger Anlehnung an die Auffassung Ostwalds. Sie bedeutet 
iedenfalls einen zu begrüßenden und berechtigten Versuch auch dann, wenn 
wir ihn, sei es in einzelnen Teilen oder im ganzen, nicht als geglückt 
sollten ansehen müssen. — Heymans beginnt mit einer Grenzziehung 
zwischen seinem Unternehmen und den bisherigen Arbeiten über psychische 
Energie, psychische Arbeit usw. Ein Teil dieser Untersuchungen fasse nur 
die physische Gehimenergie ins Auge und frage nicht, welche psychischen 
Energieverhältnisse, sondern nur, welche psychischen Erscheinungen den 
Energieverhältnissen im Gehirn entsprechen, und also als Zeichen für die- 
selben aufgefaßt werden können. Ein anderer Teil richte die Untersuchungen 
zwar auf die Frage, wo und ob innerhalb des Psychischen etwas vorkommt, 
was wir als Energie, Arbeit usw. bezeichnen können; es werde aber statt 
der Wirkungsfähigkeit und Wirksamkeit der einzelnen Bewußtseinsinhalte 
nur oder vorwiegend die der gesamten Psyche ins Äuge gefaßt, was 
die Parallelsetzung mit den physikalischen Begriffen von vornherein aus- 
schließe. — Eine dritte Gruppe endlich wende die Aufmerksamkeit zwar den 
einzelnen Inhalten zu, suche aber für die Beantwortung der Frage, ob diese 
Energie besitzen oder nicht, das Kriterium mehr oder weniger klar bewußt 
in den Gefühlen der Anstrengung oder der Ermüdung, welche sich 
bei, beziehungsweise nach gewissen psychischen Vorgängen im Bewußtsein 
bemerklich machen. Im Gegensatz zu allen diesen Fragestellungen richtet sich 
Heymans' Untersuchung ausschließlich auf die psychische Kausalität, 
sie faßt die einzelnen Bewußtseinsinhalte ins Auge und fragt nach der 



ig2 Einil äimonson 



Wirkungsfahigkeit, welche denselben anderen Bewußtseinsinhalten gegenüber 
zukommt, also nach ihrer Fähigkeit, diese anderen Inhalte hervorzurufen 
oder zurückzudrängen, zu verstärken oder abzuschwächen, kurz, irgend- 
welche Veränderungen im Bewußtsein zustande zu bringen. Und 
in bezug auf diese Wirkungsfahigkeit fragt sie weiter, ob Gründe vorliegen 
zur Annahme, daß sie sich erhält, sich überträgt und sicli zerstreut, nach 
gleichen Gesetzen wie die, welche für die physische Energie festgesetzt 
worden sind. 

In der Tat, ein treffliches und umfassendes Programm, in seiner Formu- 
lierung selbst schon ein Verdienst, auch wenn das Ziel noch nicht erreicht 
wird. Sein Gelingen würde, wie schon oben gesapt, nichts weniger bedeuten, 
als die Ersetzung des Freudschen dynamischen Schcnuis durch ein Schema 
der konsequenten energetischen Dynamik der psyclnsciu-n Vorgänge, zumal 
er annimmt, daß auch die unterhalb der Bewußtseinsschwelle gelegenen 
Bewußtseinsinhalte nach den Gesetzen des bewußten Seelenlebens entstehen 
und vergehen, sich verstärken und abschwächen, wirken und Wirkungen 
erleiden, mit einem Worte, daß die psychische Kausalität sich auch 
auf die Gebiete unterhalb der Schwelle des Bewußtseins erstreckt. 
Daher müßten bei Untersucliungen über psychische l-.tuTgie die psycliischen 
Inhalte von allen möglichen ßewußtseinsgraden, von der klar bewußten 
Wahrnehmung oder dem intensiven Gefühl an bis zur völlig unbewußten, 
vielleicht überhaupt nicht mehr reproduzierbaren i''rinnerungsvorstellung 
samtlich in Betracht gezogen werden. — Im Bahnien des zur Verfügung 
stehenden Raumes kann hier nur die von II oy maus seihst formulierte 
Zusammenfassung seiner Ergebnisse wiedergegeben werden: 

tJ Jedem psychischen Inhalt kommt eine größere oder geringere Kraft 
zu, welche denselben befähigt, sich auf das Zentrum der Aufmerksamkeit 
hin zu bewegen (seinen BewuQtseinsgrad zu erhöhen), Das Produkt aus dieser 
Kraft und dem noch zu durchlaufenden Weg bildet seine Distanzenergie. 

2j Wenn ein Inhalt sich dem '/entrum annäluTt und also seine Dlslanz- 
energie ganz oder zum Teil verliert, werden andere Iiilialle vom Zentrum 
zurückgedrängt, und wird also die Distanzenergie derselben erhöht. Zugleich 
gewinnt der sich dem Zentrum annähernde Inluilt nielir oder weniger 
Niveauenergie, welche die in ihm bereit liegenden potentiellen Assozi- 
ations-. Denk-, Gefühls- und Willensenergien zur Auslosimg zu 
bringen vermag, 

jt^ Die ausgelosten Assoziations-, Denk-, C}efühls- und Willensenergien 
veranlassen zum Teil körperliche Erscheinungen, rufen zu einem anderen 



Energielehre in der Psychologie icjg 

Teil sonstige psychische Inhalte hervor, und fließen zum dritten Teil auf 
gleichartige oder gleichzeitige Inhalte ah. 

^J Vielleicht tritt beim Ühergang der Distanzenergie in Niveauenergie 
noch eine weitere, als psychische Bewegungsenergie zu bezeichnende 
Energieform auf. 

j) Die Sätze i — 4 berechtigen uns, unter dem Vorbehalte quantitativer 
Prüfung, die Hypothese von der Erhaltung der psychischen Energie 
aufzustellen. 

6J Alle psychische Energie zeigt die Tendenz, sich in psychische Distanz- 
energie umzusetzen; während diese Distanzenergie in größeren und kleineren, 
mehr oder weniger abgeschlossenen psychischen Systemen die Tendenz be- 
kundet sich auszugleichen. 

yj Bei Veränderungen in psychischen Komplexen, welclie dieser Aus- 
gieichstendenz zuwiderlaufen, läßt sich stets eine von außen geleistete Arbeit 
feststellen, welche entweder von der als körperlich erscheinenden Außenwelt, 
oder von anderen Bewußtseinskomplexen, oder von latenten Energien inner- 
halb des betreffenden Bewußtseinskomplexes selbst herrühren kann. 

8J Nach den Sätzen 6 und 7 haben wir Grund, auch dem Entropie- 
gesetz Gültigkeit für die psychische Welt zuzuschreiben. 

Heymans schränkt die Aufgabe seiner Schrift selbst dahin ein, daß sie 
nur eine erste Anleitung für kommende empirische Untersuchungen sein 
wolle. „Wir dürfen nicht fragen, ob in der Welt, sondern ntir, ob in den 
individuellen ßewußtseinen, nicht in abgeschlossenen psychischen Systemen, 
sondern nur, ob in solchen, wo sich Aufnahme und Abgabe von Energie 
ungefähr die Wage halten, nicht endlich, ob nach genauen Messungen, 
sondern nur, ob nach gewissenhaften, aber rohen Schätzungen im Bewußt- 
seinsleben Verhältnisse vorliegen, welche sich als die psychische Kehrseite 
(oder sogar als den eigentlichen Gegenstand) der einschlägigen physikalischen 
Bestimmungen betrachten lassen. — Wenn wir aber diese bescheideneren 
Fragen beantworten können, dürfen wir hoffen, damit späteren exakten Unter- 
suchungen den Weg zu zeigen, und somit besser fundierte Antworten wenig- 
stens vorzubereiten." 

Die Terminologie schließt sich, wie schon aus der oben wiedergegebenen 
Zusammenfassung ersichtlich, eng an Ostwalds Auffassung und Termino- 
logie an. Eine solche Übertragung schließt immer die Gefahr eines allzu 
summarischen Schematismus ein. So wird man noch zweifeln dürfen, ob 
die „psychische Distanzenergie" geeignet ist, nach allen Richtungen die 
Rolle der Wärme unter den Verhältnissen des Entropiesatzes zu übernehmen. 

Imago Xll. IS 



[Q,y Kiiiil SiiiiDiison 



Die hier durchgeführte Analogie hat doch etwas stark ÄuÜerliches. Vollends 
wird man nicht gezwungen sein, dem Autor darin 711 folgen, wie er als ein 
Ergebnis seiner Betrachtungen das Problem des Würmdodes der Welt mit 
einer wahren Eisenhartkur im Sinne seines Psychomonismus lösen will. 
Wenn die stoffliche Welt keine selbstiindige Wirklichkeit besitzt, dann kann 
sie natürlich auch nicht zum Stillstand kommen. Unzulänglich ist auch sein 
Beweisgrund, daß, weil der Gesamtbetrag der Wellenergic ein endlicher ist, 
die von ihm zu leistende Arbeit in endlicher Zeit erscböpfbar sein müsse. 
Nicht nur die Weltenergie ist endlich groß, sondern auch die Welt selbst, 
wie Einstein rechnerisch unausweichbar bewiesen hat. In einem endlichen 
Kosmos kann aber keine Energie unendlicher IJissipalion unterliegen. Wie 
oben bei der kurzen Erwähnung der Nernstschen I^hre von der Möglich- 
keit einer kosmischen Umkehrung der Kniropie schon gesiigi ist, kann der 
Kosmos als ein idealer Kreisprozeß und ein siiuioniires Gebilde angesehen 
werden. — Wie bereits gesagt, ist der Versucli lleymans' ein verdienst- 
liches Unternehmen, schon allein als eine programmatisrhe /.usamnu'nfassung 
für künftige Einzelforschungen. Aber den Sperling in der Hand, den Freuds 
dynamisches Schema für uns bedeutet, werden wir in den nächsten Gene- 
rationen vorsichtigerweise noch nicht fliegen lassen, 

Ungeachtet der bisherigen spärlichen Ergebnisse können wir schon heule 
behaupten: Auch alles psycliische Geschehen wird vom Energlehegrifl" und 
den Energiesätzen beherrscht, und da/.n mag es mir gesüHtel sein, mit einer 
rein deduktiven Überlegung zu schließen: die Geltung der energetischen 
Hauptsätze bei irgendwelchen Vorgängen oder Erscheinungen 
leugnen, heißt die Notwendigkeit des wissenschaftlichen Heier- 
minismus in Abrede stellen. Vielleicht gibt es in irgendeiner 
Wissenschaft noch Vertreter, die den Determi nismus verwerfen, 
aber daß ein Freud- Schüler derartig den Ast absägen kün nte, 
auf dem er sitzt, läßt sich schwer varslellen. 

LITERATU K 

1) Fnt2 Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Lcipzif; igiu. 

2) O. D. Chwolson: Hegel, Haeckel, Kossutli iinil dnü y.wniric flchnt. Braun* 
schweig' igo6. ■ 

5) Spengler: Der Untergang des Abendlaiidi<K. Bd. 1. 

+) Max Verwora: NaturwissenacUaft und Wi'ltBnicIiaiuuig. Nene flundschnii, tga^,, 
Heft VI. 

5) G. Heymans; Über die Anwendbarkeit du» I^nergiebegritTes iii der Psycho- 
logie. Leipzig 1921. 



m 



Energielehre in rier Psychologie iqc 



6) E. V. Hartmann: Die Weltanschauung der modenien Physik. Bad Sachsa igog. 

7) Ludwig Stein: Die Weltanschauung der Energetiker. Die Ziikunft 1908, Heft ^8. 

8) Max Planck: Kausalgesetz und Willensfreiheit, Berlin 1925. 
g) W. Ostwald: Die Energie. Leipzig 1908. 

10) W. Nernst: Das Weltgebäude im Lichte der neueren Forschung. Berlin 1921. 

11) M. Planck: Vom Relativen zum Absoluten. Leipzig 1925. 

12) Sigmund Freud: Das Ich und das Es. Wien 1925. 

15) Felix Auerbach: Die Naturwissenschaften. Berlin 1913, Heft IX. 

14) H. Z waar demaker: Die Energetik der finitiven Prozesse. Wiesbaden 1912, als 
Sonderabdruck aus „Ergebnisse der Physiologie", Jahrgang 12. 

15) Franz Alexander: Metapsychologische Betrachtungen. Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse. 192J, Bd. VII, Heft g. 



tt 



JJ 



Die Psychogenese organischer Krankheiten 

und das Weltbild 

Von 

Margarete Stegmanii 

Dresden 

Die Möglichkeit, seelische Vorgänge, seelische Knerfiii^verschiebungen in 
körperliche SjTnptome zu konverlieren und zu verschieben, ist durch Freud 
grundsätzlich und durch ihn und seine Schule in zahlreichen l'.iri/.iiriiUen 
auch praktisch dargetan. Für funktionelle Körpersymptonic zunüchsl. Wie 
verschiedenen Weltanschauungen auch die Psyclioannlytikcr angehören mögen, 
diese Auswirkung des geistigen Prinzips iiri flebiet*' des Körperlichen ist für 
sie alle Axiom. 

Groddeck unternahm den Vorsioli, die organischen Krankheiten ihrer 
Sonderstellung zu entreißen, und auch für sie eine psychische Beeinflufl- 
barkeit, wo nicht eine gänzlich seelisclie Genese zu posiulii-ren. Sämtliche 
Psychoanalytiker werden damals den Groddeckschen Vorstoß als sehr kühn 
empfunden haben; die Nichtanalytiker hielten ihn /.weifcUos für verrückt. 

Heute sind wir so weit, daü viele Chirurgen und Kliniker zugeben, daß 
die organischen Krankheiten und ihr Verlauf in einer großen Anzahl von 
Fällen vom Seelischen abhängen. Der Chefarzt einer großen Volksheilstätte 
sprach von fünfzig Prozent Anteil der Psyche in den meisten seiner Fälle. 

Aber es ist ein Entweder-Oder. Knlweder ist der {»eist das Primäre und 
baut den Körper; dann muß man in allen körperliclien Erscheinungen ihn 
als das Agens suchen und anerkennen. Oder der Stoff ist das Seiende und 
Geist nur seine Funktion; dann handelt es sich bei Krankheiten nur darum, 
die Gesetze des Körpers zu kennen. Oder es gibt die drilK- Mögliclikeit. 
daß von vornherein der Dualismus: Geist uiul Materie (Körper) existiert, 
auch wenn das Rätsel, wie sie aufeinander wirken können, ungelöst bleibt. 



Die Psychogenese organischer Krankheiten und das Weltbild 197 

Die Psychoanalyse hat die Determiniertheit aller Erscheinungen des 
Geisteslebens durch das Unbewußte dargetan. Philosophische Systeme, 
die „Evidenz wissenschaftlicher Thesen , religiöse Dogmen, Kunstwerke, 
politische Ereignisse, viele Erscheinungen also, die das ÖlTentliche Leben 
nicht nur der Einzelnen, sondern der Volker, der Menschheit durchaus be- 
stimmten, manche, die den letzten Grad von materieller Wirklichkeit und Tat- 
sächlichkeit erreichten, waren erwiesen als sozusagen „Kategorien" des Unbe- 
wußten ihrer Urheber, Notwendigkeiten, entspringend aus einer seelischen Ver- 
anlagung, aus Komplexen. 

Die Frage, ob die metaphysische Realität Kants und die unbewußte 
Realität Freuds identisch seien, steht hier nicht zur Diskussion, doch bekenne 
ich mich durchaus zu der Auffassung, dieFenichel in seiner sehr schönen 
Untersuchung über „Psychoanalyse und Metaphysik" (Imago IX, 5) aus- 
gesprochen hat. Auch für mich steht es außer Zweifel, daß das Unbewußte 
der Empirie angehört. Auch das mag hier ununtersucht bleiben, ob in diesem 
empirischen Unbewußten sich, wie Freud einmal bemerkte, eine Stelle 
befindet, von der aus jedes Individuum mit einer Nabelschnur dem Keich 
des Wesenhaften, des An-sich-Seienden, verbunden ist. 

Es sei nur festgestellt, daß die Psychoanalyse das Unbewußte als die 
alles beherrschende Instanz ansieht. Wenigstens in dem, was als Handlung 
irgendwelcher Art, geistige Tat oder andere, nach außen tritt als normale 
oder neurotische Funktion. Und dann sei die Frage erhoben, ob hier die 
letzte Konsequenz gezogen ist? Ist anzunehmen, daß die Realisierbarkeit 
in der Materie außer uns etwas grundsätzlich anderes und leichter ist, als 
die Realisierbarkeit hinein in die Materie in uns, in unseren Körper? Ist 
der Weltkrieg, rein materiell gesehen, von allen geistigen Komplexen, die 
dazu gehören, abstrahiert, weniger ein materielles Phänomen am Weltmassen- 
körper, als etwa eine Körpergeschwulst, eine Eiterbeule am Einzelkörper? 
Verlangt eine hysterische Brandblase, oder eine hysterische Gravidität 
weniger körperliche Reaktion als ein Carcinom? 

Mit anderen Worten: es liegt in der Konsequenz der Psychoanalyse, Seele 
(Geist) als primär anzusehen; das ist ein Weltbild. Und in der Konsequenz 
dieses Weltbildes liegt es, mit Klages zu sagen: die Seele ist der Sinn des 
Körpers; der Körper ist der Ausdruck der Seele. 

Das bedeutet auch die seelische Bestimmtheit der organischen Krank- 
heiten. Sie gehören zum .,Ausdruck der Seele", sie spiegeln die kranke 
Seele. Wir haben nicht nötig, manifesten und latenten Sinn, Unbewußtes 
und Bewußtes auseinanderzuhalten bei dieser grundsätzlichen Feststellung; 



igS Margiiri'ti' Stcf^nianii 



Seele im Sinne von Klages ist die /usntiimcnfiissiin(r von (Um- und Rw. 
Aber der Unterschied zwischen fuiiküoncllcni und ur^aiiisclicm Symptom ist 
sehr groß, wenn auch nur graduell. Vermag die Hysterie keine organischen 
Krankheiten zu machen, so schafft sie vielleicht Anfüiige, Vorbedingungen 
dafür. Vermag jemand mit absoluter Sicherheit 7.u behaupten, daß eine Herz- 
neurose bei Fortwirken der Lirsachen nicht /.u einer llcr/.muskelschwäche, 
oder zu einer organischen Störung im Dherleitungshiindel führen kann ? 
Wenn jemand in einer unleidlichen Situation daran denkt, daU er sicher 
eine Ohnmacht bekommen werde, so spürt er /.unachsl nur ein körper- 
liches Unbehagen und von da an durchlauft er alle Stadien des Übetseins 
bis zu einer wirklichen Ohnmacht. 

In einer Traumanalyse „Darstellung epileptischer Anfälle im Traum" 
habe ich vor Jahren die Vermulung ausgesprochen, dnli die Epilepsie sich 
aus ursprünglich nur hysterisclien AnHillen entwickeln könne; an einer 
Stelle entgleitet dem Ubw der /iigel des Geschehens; der Körper folgt von 
da an der eigenen Sachlogik; er halt die vom ^/Am; geschaffene lunktionelle 
Änderung fest und übersetzt sie ins Organisclie. Ob der Einfluß des ubw 
Willens dann ganz verloren geht, oder ob er nur von einer tieferen, schwerer 
erreichbaren Schicht des Uhw weiter zu wirken vermag, wiire /.u untersuchen. 
Die klinische Erfahrung spricht für die letztere Annahme. 

Die Hysterie ist aber bekannt dafür, daß sie ihre Symptome so zu wählen 
versteht, daß ihr etwas ganz Ernsthaftes, ganz Gefährliches niclit wohl ge- 
schehen kann. Es wäre demnach ein Ernsternehnien der Vernichtungs- oder 
Bestrafungsien denz, die den aus seelischen Ursaclien organisch Erkrankten 
vom Überiragungs- und vom narzißtischen Neurotiker untersclieick-t. Er muß 
ein Mensch sein, bei dem das Kealitätspriiizip das Lustprinzip schon über- 
wiegt. Doch unterscheiden wir vom Neurotiker, der durch seine Symptome 
in irgendeinem Ausmaß seine l_,ebenstüchtigkeit, seine KealisierungsHihigkeit 
beschränkt, den neurotischen Charakter Üci ihm isl das Umgekehrte der 
Fall; indem er versucht, seine psychische Keahtät als objektive Realität 
zur Geltung zu bringen, wird er durch seine Komjilexwünsclie hiüiFig zu 
erhöhter Wirksamkeit gesteigert. (Verbrecher. Abenleurer, Hoclisliipler, auf- 
regende Menschen.) Solche Typen können die (iesellschuft verblüffen und 
zeitweise große Erfolge haben, weil die nach Heroen begierige Menschheit 
sie für Heroen nimmt. In der Tat haben sie einige Verwandlscliaft mit 
ihnen; die, daß sie mit oft unerhörtem Willen eine (li'dankenrealität, 
um nicht den Ausdruck „eine (dee" zu miübr;uic!ien. vervvirklithen wollen. 
Von einem wirklich (iroßen, einem wahren Heros sind sie in dem Maüe 



Die Psychogenese. organischer Krankheiten und das Weltbild igg 

unterschieden, wie das von ihnen Erstrebte weniger wesenhaft ist, weniger 
überzeitliche und überpersönliche Allgenieingültigkeit hat. Diese Typen 
gehören zu den extravertierten; der Stoff, in den sie realisieren wollen, 
liegt außerhalb von ihnen. Von den „Normalen und ihrem Realisieren 
sind sie unterschieden durch eine Maßlosigkeit, eine Irrationalität, die ihre 
Ursache in der Komplexhaftigkeit ihrer Motive hat. 

Die psychogen eli seh organisch Kranken nun waren im Gegensatz zu 
diesen introvertiert; der Stoft' ihrer Realisierung liegt in ilmen, ist ihr 
eigener Körper. Daß so viele „normale Menschen, die Übertragiings- und 
Realisierungsfähigkeit bewiesen haben, aus seelischen Ursachen organisch 
erkranken, ist kein Widerspruch. Äußere und innere Ursachen können 
Übertragungs- und Realisierungsfähigkeit gebrochen haben. Die von den 
äußeren Objekten, der Arbeit, dem Ziel zurückgezogene Libido schlägt nun 
nach innen und wirkt, unter Führung einer Organminderwertigkeits- 
b ereitschaft, zerstörend. Ja, es kann selbstverständlich neben jedem Maß von 
Wirksamkeit eines Individuums nach außen, ein Libidobetrag stets introvertiert 
sein und etwa ein anderer im labilen Gleichgewicht existieren, also stets 
bereit, nach innen zu schlagen. Sicher eignet auch jedem Menschen ein indivi- 
duelles Maß an Möglichkeit, mit introvertierter Libido „fertig"" zu werden; 
solange dies Maß nicht überschritten wird, bleibt er gesund oder, genauer 
gesagt, was man so nennt. Ganz gesund kann eigentlich nur der öku- 
menische, der vollkommene Mensch sein, bei dem Außen und Innen 
eine Harmonie bilden. 

Nach dem Klagesschen Satz: „Der Körper Ausdruck der Seele" müßte maji 
also in einem Krankheitsbild des Körpers wie in einem Spiegel den Krank- 
heitszustand der Seele erkennen, ganz im allgemeinen, ohne Auflösung in 
Komplexe, die der Spezialbehandlung angehört. Nehmen wir die Erscheinung 
des Carcinoms. Kürperlich ist es eine Lebensäußerung, mit dem Ziel, das 
Leben zu vernichten. Es ist eine Wucherung, die von einem Organ ausgeht, 
organische Bildung wiederholt, aber atypisch, durchsetzt und vermischt mit 
allen möglichen Elementen aus anderen Organbestandteilen, wahllos, chaotisch, 
vom Organ aus gesehen zwecklos. Eine Verdrehung des Gesunden ins Kranke, 
Giftige, Seelisch dürfen wir bei einem Krebskranken einen Todeswunsch 
voraussetzen, dem der Lebenswille wirkungs- und wahllos alles entgegen- 
wirft, was er erraffen kann. Wahrscheinlich ist nicht die Lebensenergie ver- 
braucht dem widerspricht die Wucherung; aber der Sinn des Lebens ist 
verloren gegangen. Tätigkeit ohne Sinn muß sich selbst zerstören. Der Sinn 
steckt in der zurückgeschlagenen Libido. Konnte diese entfaltet werden, so 



( 



-t>o Margart'tL" Stüguiuiin 



blieb gesund, was jetzt in sinnloser Nachahmung des Geiunden giftig wird. 
Die Mischung der Wucherung aus vielen Zellarlen kann /Wänglos als Dar- 
stellung dafür angesehen werden, daß dor Kranke nicht mehr gradlinig von 
sich aus nur die eigenen Gedanken denkt, sondern auch die anderer; daß 
er in einem Netz von Identifizierungen gefangen isi. 

Gewiß ist es kein /ufall, daß Carcinoni eiiu^ Krankheit des Alters ist, in 
dem die hoffnungsvollen Phasen der vielen Möglichkeiten abgeschlossen sind, 
wo entweder wirkliches Altern eintriti oder ein kindlich neuer Mensch 
aus dem alten geboren werden muß, wie der Schmetterling aus der Pyppe. 

Es liegt nahe, anzunehmen, daß Ctticinomkninke besonders große Anforde- 
rungen an sich und an das Leben stellten, und daß hei ihnen ein starkes 
Streben nach Realisierung der seelischen Kcaliliiren mit einem ebenso 
starken Wirklichkeitssinn im Kampfe lag, Je cdlrr der Realisierungswille, 
um so größer und unvermeidlicher die Enttäuschungen, die fortlaufend zu 
verarbeiten sind, bis zu der einen, die das Maß voll machl, 

Napoleon, gewiß einer der gewaltigsten 'r.nm.-nschen, bek«m Ki-ebs, 
als er auf seinem einsamen luland jeder Mögliclikeil, dem Maße seiner 
Libido entsprechende Auswirkung wieder/,u finden, verlustig ging. 

Wir vergessen nicht die Rolle der ererbton Disposition bei den 
organischen Krankheiten^ wir haben sie ja bei den Neurost^n ebenfalls in 
Rechnung zu stellen. Sie spricht nicht gegen eine Psychogenese; umgekehrt 
werden wir auch für sie eine Psychogenese aniiehme]i, aber eine, die vor 
dem individuellen Leben, irgendwo in der Aszendent wirksam war. 

Die Organwahl wird von bestimmten Komplexen iihhangen; bt-kommt 
eine kinderlose, sehr mütterlich veranlagte Krau Mammacarcinom, so darf 
man es ansprechen als eine anschauliche Darstellung ihres Vorwurfes an 
die „Welt , daß sie ihr „die Milch der frommen Denkungsart in gärend 
Drachengift verwandelt". Das auslösende seelische Traiiinii wird in vielen 
Fällen ein Erlebnis sein, das sie an der Sublim icrung ihrer natürlichen 
Mütterlichkeit in geistige Mutterschaft hindert, oder diese besonders bitter 
macht. Es ist eine Entscheidung im Kampf zwischen „Weiblichkeit" (Natur) 
und „Männlichkeit" (Geist), die sich in der Organwahl ausspricht. Z,ur Rettung 
des Lebens wird die Mamma, das Attribut der Weiblichkeit, geopfert, 

Erkrankt ein junger Mann an Spondylitis, so dürfen wir im seelischen 
Spiegelbild einen Zweifel in die Grundlage aller Dinge vermuten, eine 
Skepsis, deren philosophischer Ausdruck eine weltanschauliche Ilalllosigkeit 
ist. Was fest sein sollte, ist unzuverlässig; er kann nicht stehen, muß wie 
ein hilfloses Kind im Bett liegen bleiben. (Man denkt an Sibel in Gounods 



Die Psychogenese organischer Krankheiten und das Weltbild 20t 

Faust, dem jede Blume, die er zum Strauße pflücken -will, welk in die 
Hand fällt. Grundlage aller Dinge im Leben des Individuums sind in einem 
Sinn die Eltern; wir dürfen als Ursprung der Krankheitserscheinungen daher 
einen schwer löslichen Elternkomplex vermuten. Der Zusammenhang mit 
einem Kastralionswunsch ist augenscheinlich.) 

Die Psychogenese organischer Krankheiten zugegeben, erhebt sich die 
wichtige Frage, was die Psychotherapie, vor allem die Psychoanalyse gegen 
diese Krankheiten vermag. Hier wird die Erfahrung zu Worte kommen müssen ; 
aber es isl selbstverständlich, daß kein Arzt versäumen wird, das zu tun, 
was nach der eigenen Sachlogik des kranken Organs geschehen muß. Bei 
Carcinum z. ß. wird noch immer der Chirurg an erster Stelle zu stehen haben, 
denn für die Reversierbarkeit des seelisch-organischen Prozesses haben wir 
einstweilen keine Beweise. Allerdings fehlen psychische Anamnesen und 
jede Untersuchung des seelischen Tatbestandes. Hat aber der Chirurg, 
beziehungsweise der Organarzt getan, was er konnte, so wird er stets nur 
das Symptom beseitigt haben. Zur Heilung der seelischen Krankheits- 
ursachen sind nur seelisch-geistige Mittel fähig. 

Die Anhänger der Lehre: Krankheit ist Sünde (Christian Science, Anthro- 
posophen und andere Sekten) behaupten immer wieder, organische Krank- 
heiten mit ihren seelischen Mitteln, Gebet usw. geheilt zu haben. Trotz 
der Evidenz, daß viele organische Kranke unter ihrer Behandlung zugrunde 
gegangen sind, wird man doch die Möglichkeit zugeben müssen, daß solche 
Heilungen stattfinden konnten. Erfordernis ist die Extra vertierung der 
in tra vertierten Libido, Wiederherstellung des Sinnes des Lebens. Es ist 
ersichtHch, daß Realitäten des Lebens hiezu manchmal besser geeignet sind, 
als der Arzt. 

Der „Sinn des Lebens" ist für jedes Individuum ein subjektiver Begriff. 
Sein Sinn ist da oder ist verloren. Daß Napoleon auf Sankt Helena sein 
Memoirenwerk schrieb, war für die Menschheit genügend sinnvoll, nicht 
aber für ihn, für seine Realisierungsnotwendigkeiten. 

In allen sehr schwierigen, sehr chaotischen Zeiten der Menschheits- 
geschichte gab es Menschen, die als Heiland aufraten; ihnen allen werden 
Krankenheilungen nachgerühmt. Gewiß nicht ohne Grund. Sofern es Menschen 
sind, die eine Ganzheit des Daseins lebendig umfassen und geistig durch- 
dringen und beherrschen, die einen Sinn des Lebens, wie ihn die meisten 
Menschen instinktiv suchen, objektiv darstellen oder darzustellen scheinen. 
Dann fliegt ihnen die Libido zu, die Menschen fühlen sich durch sie „erlöst". 
Sie sind erlöst vom Druck der intravertierten Libido. 



■20 2 Stegniann: Die Psychogcnests organischer Knuikltfilfii und das WKltbild 

In Deutschland gibt es. entsprechend den 7.urück.liegenden und noch 
herrschenden schweren Zeiten eine Anzahl „Heilande". Ich darf erwähnen, 
daß einer von ihnen einen jungen Mann, der von einer AnKiilil namhafter 
Psychiater als Dementia praecox erklärt worden war, gesund, d. h, über- 
tragungsfähig gemacht hal. Es mag eine direkte Wirkung seiner eigenen, 
gänzlich extravertierten Persünlichkeit sein, die hei dem Jüngling so tief 
zu dringen vermochte, daß die unfruchtbaren l.ibiddfixicrungen vom Ich 
sich lösten und öffneten, und sich nun /uniichsl auf die für den Kranken 
wunderbare Erscheinung des „llciUindes" überlrugcn, der ilini (-ine glaub- 
hafte Garantie für eine schöne, liebenswerte Wirklichkeit außerhalb der 
eigenen wurde. Die Inanspruchnahme der F.rkliirungen ;ms dem Vater- und 
Mutter-Komplex genügt in diesem i'alle nichl. wenn sie niilurücli auch 
die Voraussetzung einer Erklärung ist. (SelbstverslUndlicli handelt es sich 
um einen Fall, wo noch kein tiefgreifender Person liclikeilszer fall vorlianden 
war.) 

Freud spricht an einer Stelle historisch von zur Gesundheit gewordener 
Hysterie. Vielleicht gibt es in unserer umgeiickertcn Zeit solche Typen, 
die Hysterie 2ur Gesundheit machon. Die Möglichkeit eines solchen Ge- 
schehens muß jedenfalls zugegeben werden; im l*ben entscheidet ja nicht 
die ärztliche Diagnose, sondern die Vitalität. 



• r t 



Das System Bw 

Von 

Imre Hermann 

Budapest 

Mit der Aufteilung der seelisclien Vorgänge auf Systeme, d. h. durch 
die Einführung des topischen Gesichtspunktes, war es notwendig ge- 
worden, auch dem Symptom „bewußt'' einen Platz zu sichern. Freud 
erkennt diese Aufgabe bereits in der „Traumdeutung" und umschreibt ein 
System Bw, welches „in seinen mechanischen Charakteren ähnlich wie die 
Wahrnehmungssysteme /T'', also erregbar durch Qualitäten, und unfähig, 
die Spur von Änderungen zu bewahren» also ohne Gedächtnis zu denken 
sei. Es wird somit eine Analogie zwischen dem Sm'- und den ^-Systemen 
gedacht; überhaupt soll dem iJjiJ-Systeni die Rolle eines Sinnesorgans zur 
Wahrnehmung psychischer Qualitäten zukommen. Dieser Auffassung nach 
wäre das System Bw ein Überbau, den /1^-Systemen überordnet, aber auch 
dem Binnenseelischen (System Vbw), so daß es von zwei Quellen aus Ma- 
terial erhält, von den ^-Systemen, deren „durch Qualitäten bedingte 
Erregung wahrscheinlich eine neue Verarbeitung durchmacht, bis sie zur 
bewußten Empfindung wird, und aus dem Innern des Apparates selbst, 
dessen quantitative Vorgänge als Qualitätenreihe der Lust-Unlust empfunden 
werden, wenn sie bei gewissen Veränderungen angelangt sind . Eine be- 
sondere Rolle käme den Wortresten zu, welche die an sich qualitätslosen 
Denkvorgänge außer der begleitenden Lust-Unlust-Reihe mit Bewußtseins- 
qualitäten versehen.' 

In den metapsychologischen Aufsätzen i'reuds wird dann diese System - 
Zuweisung noch nälier umschrieben. Zu allererst wird das strenge Ver- 
hältnis von Symptom „bewußt" und dem System Bw gelöst. Auch das 
ohne besonderen Widerstand Bewußtseinsfähige, das Vorbewußte könne dem 



i) Freud: Gesammelte Schriften, Bd. II (Die Traumdeutung), S. 552 — 534. 



204 Imre Hennfliin 



System Bw zugerechnet werden. „Sollte es sich hernusstellen, daß aiich das 
Bewußtwerden des Vorbewußten durch eine gewisse Zensur niilbestimmt 
wird, so werden wir die Systeme f^hw und ßir slrtMigcr voneinander son- 
dern. Vorlaufig genüge es festzuhalten, daß dus SysliMn f'ht/j die Eigen- 
schaften des Systems Sw teilt, und d;iß die strenpe Zensur am Übergang 
vom Ubw zum Fbw (oder Biv) ihres Amtes waltet."" Weili-rs werden in der- 
selben Studie dann doch Gründe gefunden, um anzunehmen, es herrsche 
auch zwischen den Systemen Bw und ^bu< eine Zensur, daß wir also hier 
mit zwei gewissermaßen isoHerten Systemen rechnen müssen. Das Bitwußt- 
sein habe weder zu den Systemen, noch zur Verdriingiing ein einfaches 
Verhältnis. Die Existenz einer Zensur /.wischen A7w und Biv mahnt uns 
auch, „das ßewußtwerden sei kein bloßer Wahmehmungsakt, sondern 
wahrscheinlich auch eine Überbesetzung, ein weiterer Fortschritt der 
psychischen Organisation".* Es sei nebenbei auch daran erinnert, daß in 
derselben Studie die Arbeitsweise des Systems ^bw darin erblirki wird, 
daß die Sachvorstelluugen durch die Verknüpfung mit den ihnen ent- 
sprechenden Wortvorstellungen überbesetzt werden. Das Henken gehe 
also wahrscheinlich ,,in Systemen vor sich, die von den ursprünglichen 
Wahrnehmungsresten so weil entfernt sind, daß sie von deren Qualität 
nichts mehr erhalten haben und zum Bewußtwerden einer Verstärkung 
durch neue Qualitäten bedürfen".' 

Dadurch ist aber wieder die Frage der Wahrnehmungen und ihr Zu- 
sammenhang mit dem System Bw aufgeworfen. In einer nÜthslen Studie 
wird es dann auch, ausgehend von der I'atsaclu- der halliizinalorischen 
Wunschbefriedigung im Traume, in der akuten hnllui-.inntnrisclien Ver- 
worrenheit (Amentia nach Meynert) und in der halhi/inatorischen 
Phase der Schizophrenie, erklart, die Systeme /f und Hir seien nicht ein- 
fach analog, sie decken sich.* Im Schlaf/.ustande werde das System Bw 
und auch die übrigen Systeme gleichmiißig uuhesetzl pelassen, bei der 
Amentia besonders die Besetzung des Systems Bif zurückgezogen.^ 

Dieses Bild der psychischen Systeme U', Bi/\ F/w ist schon dasjenige, 
welches im „Jenseits des Luslprinzips" und im Buche „Das Ich und das 



i) Freiid: GeBammeUe Schriften. Bd. V (I)na lJ..brwiii:!lc). S. .|,88. 
2) Daselbst. S. 506—508. 
5) Daselbst, S. 516. 517. 

4) Freud; Gesammelte Sthrifton. Bd. V tMetopsyt-liolopisehfl lirganiung «ur 
Traum lehre,!, S. 528 — 551. 

5) Daselbst, S. 55+. 



Das System Bw 205 



Es" zur Grundlage des weiteren dient, und vielleicht nur durch die starke 
Betonung der Ich-Zugehörigteit ergänzt wird. Die Wahrnehmungen sollen 
dahei eine ebensolche Rolle im Ich spielen, wie die Triebe im Es. Als 
Kern des Ich soll das System ff^-Bw anzuerkennen sein.' 

Wirkt diese Platzzuweisung des Systems Bw im seelischen Ap])aral noch 
so aufklärend, eine Schwierigkeit kann nicht übersehen werden. Diese 
Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß im topischen Schema nur das 
Anschaulich-Bewußte einbezogen wird, das Unanschaulich-Bewußte 
jedoch unberücksichtigt bleibt. Wenn Freud den Denkvorgängen ihre 
Bewußtheits-Qualitat durch die Wortreste zukommen läßt, und demzufolge 
der Salz: „von vornherein hw sind alle Wahrnehmungen, die von außen 
herankommen (Sinneswahrnehmungen), und von innen her, was wir Emp- 
findung und Gefühle heißen ,'^ nicht erweitert wird, so sind — wenig- 
stens dem ersten Anscheine nach — die un anschaulichen Denk- 
prozesse zu kurz gekommen. 

Es gehört zur Lehre der heutigen Walirnehmungs- und Denk- 
psychologie, daß in beiden Gebieten auch Unanschaulich-Bewußtes (7.. B. 
Verhältniswahrnehmung, Bezogensein auf einen Gegenstand, „Intention ) 
mitenlhallen ist. Gedanken werden also nicht einzig durch das anschau- 
liche Material bewußt, sondern auch durch die gleichzeitig anwesenden 
Bewußtseinslagen (z.B. des Zweifeins, des Zögerns, der Sicherheit, der 
Zustimmung, der Erwartung — Marbe), durch die Bewußtheiten 
{„Gegenwärtigsein eines unanschaulich gegebenen Wissens" — Ach), durch 
Relationsbewußtsein („der Beziehungsgedanke ... ist ein wahrer Be- 
wußtseinsinhalt" — Lindworsky),^ oder wie sonst diese Gruppe seelischer 
Erscheinungen heißen soll. 

Auch die „Orientierungen" des Ichs, diese Einstellungs und Rich- 
tungsfunktionen* gehen sehr oft bewußt vor sich. Jede Orientierung 
enthäh aber einen wesentlichen Bestandteil, der unanschaulich und doch 



1) Freud: Gesammelte Schriften, Bd. VI {Das Ich und das Es), S. 568, 569, 57z. 

2) Daselbst, S. 362. 

5) Vgl- S. J. Fröbes: Lelirbuch der experimentellen Psychologie, Bd. I (1. Aufl., 
jQi-7), S. 404; J. Liiidworsky, Experimentelle Psychologie, Bd. V der Philosophi- 
schen Handbibliothek, 1921, S. 117. 

4) Die Orientierungen bildeten den Gegenstand meines Kongreß Vortrag es Zu 
Homburg, 1925. — Die UrspTÜnglichkeit der Richtungs Orientierung siehe bei Fr, Hart- 
mann: Die Orientierung, 1902. Er meint unter Orientierung im allgemein -biologischen 
Sinne die Stellungnahme des Organismus zu den auf denselben einwirkenden Reizen 
(S. 16). 



2o6 Imre Httrtnunn 



bewußt sein kann, ein Be/.ogensein, ein Ricliliiiipsb(;\vußl5i.'in. (»erade im. 
Anschluß an die Erörterungen über diis Bw System linden wir darüber 
auch bei Freud einige Hinweise. Er meint, „außen" und „innen" unter- 
scheidet der noch hilflose Organismus niich der [tev/iebung zur Muskel- 
aktion mittels seinen Wahrnehmungen. „Diese Leistung der Orientierung 
in der Welt durch Unterscheidung von innen und außen müssen wir nun 
nach einer eingehenden 7,ergliederung des seelischen A|i[mrates dem System 
3w (fV) allein zuschreiben."' 

Es soll bemerkt werden, daß diese relative Vprnarhliissigung der unan- 
schaulich-bewußten Prozesse, welche aber, wie aus dein obigen Ueispiel ersicht- 
lich, auch die Aufmerksamkeit Freuds auf sich zogen, die Möglichkeit 
ergab, die Annahme unbewußter Prozesse damil abzuscliiagen, daß mit ihnen 
eigentlich die bewuflt-unanschaulichen gemeini witren (Bumke).^ Diese 
Kritik berücksichtigt die djiiamischen Verhältnisse der Zensur und der 
Verdrängung, die topischen l'unktionsunterschiede der verschiedenen Systeme 
nicht, muß in ihrer F.rkiärung somit fehlschlagen. Berechligl ist aber die 
Kritik insofern, als in den Systemen Bw'Vhu> den unanschaulichen Pro- 
zessen ein breiterer Raum gesichert werden sollte. 

Ich schlage nun vor, ein Teilsystem Bw zu statuieren, welches sich — ■ 
in der ersten Annäherung — mit keinem der ^-Systeme deckt, ein hw 
Bezugs-System. Dieses System soll, der Annulinie nach, die r\\ (')rien- 
tierungen, zur Wahrnelnnung und zum Denken geliijri{;en unanscliaulich- 
bewußten Denkbeslandteile enthalten, respeklive zu lli-wußisein erlieben. 
Die Feststellung der „Trauzndeulung", dem manifest bewtißton Traume 
fehle die Urteilsleistung des Denkens und die Denkrelationen WÜren in 
ihm nur anschaulich (durcli Darstellung) cntliallen, zeigt, daß dieses Bezugs- 
System seine Besetzung isoliert entbehren kann und iliiii seine llesetzung 
noch ermangelt, wenn die //'-Systeme von innen gut gunghar sind. Die 
Existenz eines Beziehungswahnes, noch eher die stark f(»rinale Natur des 
schizophrenen Denkens, gibt einen Fingerzeig in der Biclitung, es sei auch 
eine Überbesetzung dieses Systems von innen her möglich, ebenso, wie der 
halluzinatorische Zustand auf eine innere Beselzung der ^'-Systeme oder 
die sprachlichen Eigentünilichkeilen der Scliizophienie auf eine — sekun- 
däre — Uberbesetzung des A'ÄM.i-Systems hindeuten, Und vielleicht noch 



1) Freud: Getammclte Schriften, Bd. V (Metn|)iycliolngisclin j-irgütizuiig zur 
Traumlelire), S. 551. 

2) O. Bumke: In mehreren Aufiützrn, i. B. Nniierp Mcthniliui 111 tlor Psycholog^ie. 
(In: Die Psychologie und ihre BL-dentmig für dio Äntliehn Proxii, igsi.S. 185—1550 



Das System Bw 207 



weiter. Die Verwirrtheit der halluzinatorischen Amentia wäre gerade durch 
lluktuierenile Besetzungsentziehung nicht nur der lif-Systeme, sondern 
auch des ßezugs-Systems begründet, mit Überflutungsversuchen von innen 
her. Auch bei gewissen Begabungsarten wäre daran zu denken, es handle 
sich um eine stärkere Besetzung und weitere Ausbildung (höhere Organi- 
sation) des Bezugs-Systems (logische, mathematische Begabung). Dem ent- 
spräche die Erfahrung von Wälder, nach welclier bei einem Schizoiden 
in der narzißtischen Tnteressebesetzung der Mathematik ein Restitutions- 
mechanismtis wirksam war,' 

Es drängt sich uns aber noch eine zweite Annalirae auf. Wir sagen, 
im Schlafe wird die Besetzung des in Frage stehenden Bezugs -Systems 
entschiedener als diejenige der übrigen Systeme zurückgezogen; begonnen 
wird aber die Durchführung des Schlafwunsches — seltene Fälle aus- 
genommen — mit einer Lagerungs-Sicherung (mindestens des Kopfes), um 
keine I-agerungs-Konlrolle ausüben zu müssen. Die adäquaten Reize der 
Lagerung, besonders des Kopfes, gehen aber durch den Vestibularapparat. 
Wir sollen also vielleicht unsere Aufmerksamkeit den Verrichtungen dieses 
Apparates zuwenden. Nun weiter: Das schizophrene, logische, mathematische 
Denken ist ein f o r m a 1 e s, Relationen in den Vordergrund stellendes 
„funktionales" Denken, und der Vestibularapparat ergibt eben Daten der 
relativen Lagerung, formale, ^funktionale" (Richtungs- und Ein stell ungs-) 
Weisungen (ein Unterschied, den man den übrigen Sinnesapparaten 
gegenüber statuieren kann). Die Verwirrtheit stört die Orientierung in 
analoger Weise, wie es die gestörte Funktion des Vestibularapparates 
tut (subj ektiv in der Schwindelempfindung sich kundgebend) . Diese 
Verhältnisse führen uns zur Annahme, das Bezugs-System, dieses Teil- 
system des Bw, wäre vestibulären Ursprungs, oder anders ausgedrückt, 
die Bewußtheit verdanke es den Daten des Vestibularapparates, womit 
unsere Ableitung wieder bei der Freudschen Konstruktion, die Systeme W 
decken sich mit dem System Bw — wenigstens dem Sinne nach — gemündet 
hat. Bei der Schizophrenie war bisher von einer Restitutions-Uberbesetzung 
des J^iv akustischen Ursprungs die Rede; dem Obigen zufolge soll aber 
auch mit einer Restitutions-Uberbesetzung des Bezugs-Systems vestibulären 



1) R. Wälder: Über Mechanismen und Beeinflussungsmögliclikeiten der Psychose, 
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. X, H. 4, 1924. ~ Die Losungen von 
Orientierungstests sollen überhaupt besonders kennieichnend für eine allgemeine 
Intelligeni sein. (O. Lewis, H, Gordon — nach Ballard: Group tests of intelli- 
gence, 1923, S- "is) 



J 



2o8 liniT Hfniiiiriii 



Ursprungs gerechnet werden. Das zeige aul eine Korrelation dieser 
beiden Systeme, ebenso wurde aber schon bisher die akusliscb-inusikalische 
oder auch sprachliche Begabung in Korrelation mit der mathematischen 
gebracht.^ 

Der Vestibularapparat zeigt einige psychologische Besonderheiten. Er 
arbeitet ■ — gegenüber den übrigen Sinnesappnrnlen — gröÜtenteils stumm, 
nicht „lebendig", nicht „leuchtend". Seine Siuminheit löst sich nur bei 
zwei Gelegenheiten, Einmal wenn eine überslurke Heizung oder eine Furcht 
vor Desorientiertheit, also eine Störung des norniiilon Arbeitsganges eiri- 
tritt. Dann erscheint die (quasi leuclilend-anschauliciic) lebendige Schwlndel- 
empfindung.^ Zweitens wird der Apparat „lelicndig'", wenn er in eine 
gewisse Dauerreizung kommt, wie man es in Kindcrsjjicleii angedeutet, im 
Tanze offener sehen kann; es kommt ein rauschartiger Zustand, ein 
Delirium zustande, eine „Trunkenheit aus Vergnügen";' aber in diesem 
zweiten Falle ist nur die „Lebendigkeit" in Krscheinung getreten, nicht 
aber die „leuchtende Sinnesqualitiii. 

Der Apparat kann also Symptome der „Lebendigkeit" und des „Leuch- 
tens annehmen, was hindert ilm dann daran, es ständig zu tun? Da 
möchten wir uns auf die Ansichten von Joliannes Müller berufen, 
welche in der neuesten Zeit unter dem Sclilngwori „Kidetik" (E. R. Jaensch) 

i) Das wäre also eig-eiilUch eine lenlnilc Korn-liilioii niif Grund peripherG« 
Nebeneinanders. Wenn Cyon dip Zahl vom CortiHclicn (Jrfi;«» iitisliiiiuncii läßt, so 
meint er damit sicherlich nicht die fimktionule Deiiktvi-iie der Mutlieiiinlik. Es ist 
ja gerade Cyon, der „die Orientieruiig nnsciea (ioiiloa bei den bcwiiüten Denk- 
operationen" mit den Leiatutijien der Jlogi'iipiiiijji- in i'iiiiillrlc (ji-sti-llt liut. (E. von 
Cyon: Das Ohrlabyrinl)i als Organ di-r malhemntiitlien Sinne für Huiini und Zeit, 
S. 4J1, 416.) 

a) Leichtere plbtzHche Rei7.nn{t<>n t-rfteheii ein« I-'.m]ifindunfr „ScIi w ininien". Es 
nnterliegt .,keinem Zweifel, dalt die i^m]ifiiiduiig im Kojifc, wenn wir ihn schnell 
nach einer Seite wenden oder mit der Drehung tinfcinncn. von Anfnng an dem 
Schwimmen ähnlich nnd schwach Bchwindlig ist, i(i daß der Schwindel iils ihre 
natürliche Qualität bei hoher Intensilül er»cheint". (Ti l chenor- K h-nim; Lehrbuch 
der Psychologie, 1926, 2. Antl, S. i.\.\.) Niicli l'.bh i ngluiim ■ Bühler ist nlier der 
Schwindel keine Empfindung hesondon-r Qniilitiil; ula solrlii- i«t mir die „tili Kopf 
lokalisierte Drehempfindung" in betrachten. [Gnindttigr der Psychologie, LBd., 
igig, 4. Aufl., S. 429, 450.) — Dem Schwindel begegnel man itl« pawag^rem Symptom 
auch im Laufe der Analysen; er bietet «ich diir, wie es J''ereiiczi beschreibt, um 
verborgene Gedanken in symbolischer Art %u Hewnülscin m erbeben, aber luich um 
der Desorientiertheit des Kranken, der zwischen iler ObertrngungBlirbe niul den An- 
forderungen des realen Lebens scliwiiiikl und sich plötilicli nirbt luifkennt, Ansdnick 
lu verleihen. (S. Ferencxi: SchwindelempfiiKlungi'u iinn Schluisc der Analyscnstunde, 
Internationale Zeitschrift für PsycliounalyRe, Ud. II, I<}14') 

5I Vgl. K. Groo»; Die Spiele der Tiere, 1907, a, Aufl., S. lai. 



4 



Das System Bw 



ihr Auferstehen feiern. Johannes Müller fand, daß durch die Zurück- 
ziehung der Ich-Besetzung vom Muskel- und Wahrnehmungssystem bei 
sonst behaltenem Bewußtsein die Phantasmen von innen her „leuchtend", 
lebendig werden. Das möchten wir so auslegen, daß die Ich-Besetzungen 
der anschaulichen Ausprägung (des Leuchtens) der Sinnes qua] itäten hemmend 
entgegenwirken. Daraus ergebe sich, daß die Ich-Besetzung des Bezugs- 
Systems (vestibulären Ursprungs) so stark sei, daß sie die genetisch even- 
tuell zugehörige anschauliche Sinnes qualität und auch die Lebendigkeit 
vollständig in den Hintergrund gestellt, quasi auf deren Kosten sich 
eingenistet hat. Nur durch die Aufgabe der starken Ich-Position im Bezugs- 
System, bei Behalten des Bewußtseins, wären anschauliche Qualitäten und 
Lebendigkeit des Vestibular-Apparates wieder erreichbar. 

Wir möchten auch den Umstand namhaft machen, daß der Vestibular- 
apparat eine starke Ich-Zugehörigkeit zeigt, indem er über das Gleich- 
gewicht des Körpers wacht. Er ist auch gewissermaßen den übrigen Sinnen, 
ja sogar dem Muskelsystem, tatsächlich übergeordnet, diese erhalten einen 
mächtigen Zuschuß ihrer Richtungsdaten vom Veslibularapparat her; parallel 
damit kann tatsächlich von einer Überordnung des Bezugs-Systems über die 
übrigen fiurSysteme gesprochen werden (wie in der ältesten Konzeption von 
Freud das System Bw tatsächlich den Charakter der Übergeordnetheit er- 
hielt).' 

Man bedenke aber auch den Umstand, daß ein „Gerichtetsein", ein Objekl- 
bezogensein eigentlich den Trieben als wichtiges Charaktermerkmal , daß 
dem Es eine Orientierungstätigkeit zukommt und auch das Es mit Ein- 
stellungen arbeilen muß. Es wäre verlockend dem Gedanken nachzugehen, 
der Vestibularapparat isoliere und systematisiere nur diesen trieb- 
haften Teilprozeß und so gebe er dem Bewußtsein nur weiter, was er 
den Trieben (dem Es, dem Ubm) entnommen hat. Ist dem so oder nicht, 
jedenfalls ergeben sich die entwicklungspsychologisch höher stehen- 
den, höher organisierten Beziehungsfunktionen des Bewußtseins. 
Das Bezugs-System habe auch eine Fortsetzung in das P^bu^ und müsse mit 
den Wortdaten innig zusammenarbeiten. Dem wäre auch die Bemerkung 
anzuschließen, daß die Wirkung des Über-Ichs auf das Ich sich auch in 
teilweise bewußten, teilweise unbewußten Einstellungs- und Bichtungs- 



i) Man spricht in der Psychologie vom „sozialen Raum" (O. Albrecht: Der 
anetliische Symptomenkomplex, 1921), voin „psychologischen Raum" überhaupt (Paul 
Plaut: Der psychologische Raum, ein Beitrag zur Bezielmngslebre, 1924)- 

Imago XII. '4 



2 10 Hermunii; IJas Systuin liw 



angaben auslebt. Das Bezugs-System muß also nahe llezieliungen zum Über- 
ich entwickeln, es ist vielleicht das (eine) Sprachorgiin des Über-lchs. 

Die topische Annahme eines Be/iigs- Systems kann thirch vinr iikonomisch- 
dynamische ergänzt werden. Wir finden eiiiersi-its die Ilfwuülseinsdaten 
des Bezugs-Systems am wenigsten leuchtend, am wenigsten lebendig im 
ganzen Sw/iT- System ; anderseits ist die Angabe der Kinstellung, Beziehung 
selbst schon etwas Formal-Unlebendiges, eine Form an gäbe, weniger eine 
Inhaltsangabe (soll sie eventuell noch so anschiuilich vonstalten gehen). Stellen 
wir nun noch neben diese Feststellungen die bcrciis früher geäußerte Ansicht, 
das Hervortreten des Formalen im Denken gehe dynamisch auf ein stärkeres 
Auftreten des Todestriebes (unter Mitarbeiterschafl der erotisch-sadistischen 
Hand) zurück', dann ergibt sich der Schliiü. vs linde im Suj-System eine 
Triebentmischung statt; die /F-Systeme, wohin also kein vestibuläres System 
mehr gehört, arbeiten mit größerem Einsetzen der Lehenslriebe, dadurch 
ihre „Lebendigkeit"; das llczugs-Systeni, wohin das urs]iiiingU(hf vestibuläre 
/F-System einfließt, arbeitet mit größerem lünsetzen dos TodcstriL-bcs, daher 
seine „Geistigkeit .^ Je stärker die Vorherrschufl dis Todcsiriehes im Bezugs- 
system (und im Über-Ich?), desto schärfer komnuMi die formalen Schritte 
überhaupt und die spezifischen Kiclilungsschrilte des Todestriebes: die Ver- 
neinung, die Vergleichung und der Senkungsschritt im besonderen 
zum Vorschein 5 und auch die stellungnehmende Funktion des Ichs ist desto 
versteinerter, anpassungsun fälliger. 



1) In der Studie über Gustav Theodor Fechncr, Inuifjo, Bd. XI, 1935. 

2) Die Unterscheidung Lebendigkeit — Gei«li(rl(0't maclit M. l'aUgyi, Naturphilo- 
sophische Vorlesungen, 2. Aufl., 11)24. 

3) Psychoanalyse und Logik. Imago-Bücher VII. ic(a4, S. 86—89, 97, 98. - Weitere» 
über die Verneinung siehe Freud: Die Vorneiiumg. Imugo, Bd. XI, 1915- 




Die Gruppenmethode in der Psychoanalyse 

Von 

Trigant Burrow 

Dr. med. et phü., Baltimore 
(Aia dem englischen Manuskript übersetzt von Dr. H. C. Sy^) 

Eine Arbeit, die mit einem paradoxen Titel beginnt, kann kaum er- 
warten, Zutrauen zu erwecken, es sei denn, daß es gelänge, mit dem 
anfänglichen Widersprucli ins Reine zu kommen. Die Vorbedingung jeder 
Analyse scheint selbstverständlich die Isolierung eines Teiles oder Elementes 
zu sein, das dabei die Struktur eines Systems, einer Kombination oder einer 
Gruppe repräsentieren mag. Eine Gruppe stellt biologisch etwas Zusammen- 
hängendes dar, das nicht als Ganzes einer Analyse zugänglich ist, Eine 
Gruppenmethode in der Analyse steht daher ihrer Natur nach in Wider- 
spruch mit sich selbst. Man könnte mit ebenso gutem Recht von einer 
synthetischen wie von einer Gruppenmethode der Analyse sprechen. Den- 
noch ist aber tatsächlich das Gruppen material vorhanden, das zur Untersuchung 
herausfordert und dem, soviel ich sehe, nur die analytische Methode gerecht 
werden kann. Um daher Begriffe, die zueinander so deutlich in Wider- 
spruch stehen, wie Gruppe oder SjTithese und Individuum oder Analyse, 
miteinander auszusöhnen, ist eine angemessene Erklärung nötig. 

Ich glaube, wir vergegenwärtigen uns kaum, in welchem Maße wir 
den Ausdruck „Gruppe oder Gesellschaft (Kombination) in einem künst- 
lichen und konventionellen Sinne anwenden. Der Landschaftsgärtner 
arrangiert eine Gruppe von Bäumen, der Historiker eine Gruppe histo- 
rischer Begebenheiten. Der Erzieher bildet eine Gruppe von Schülern, 
der Soziologe eine Gruppe von Fürsorgern; wir sprechen von Gruppen 
von Wissenschaftlern, Eisenarbeitern oder Künstlern. Solche Gruppierungen 
richten sich aber nach ganz äußerlichen und willkürlichen Merkmalen; 
keine organisch innewohnenden Qualitäten vereinigen die verschiedenen. 



14- 



212 



Trigant Burrow 



die Gruppe zusammensetzenden Elemente. Im Gegenteil, wo Klemcnte in dieser 
Art versammelt sind, da ist wirklich nur eine Kollektion oder /Aisammen- 
stellung von Elementen vorhanden. Wenn wir aber von einer Gruppenbildung 
sprechen, wie sie z. B. in einer Ameisenkolonie gegeben ist oder in einer 
Büffelherde oder in einem primitiven Volksstamni, so Iiiiben wir eine Ver- 
bindung von Kiementen vor uns, in der die verschiedenen Teile vermöge 
eines ihnen gemeinsam innewohnenden, organisclien Handes zu einem zu- 
sammengehörigen Ganzen zusammengeschlossen werden. In dieser Art organi- 
scher Gruppen formation, wie sie die Elemente einer Galtung vereinigt, ist 
das Bindeglied zwischen den einzelnen Teilen von durcliaus wesentlicher und 
instinktiver Natur. Es ist nicht so beschaffen, daß es durcli willkürliche Vor- 
kehrungen oder äußerliche Anordnungen aufgelöst werden kiinnle. 

Das Leben des heuligen Menschen enthalt mitten in seiner komplexen 
Zivilisation die organischen Bande einer instinktiven Einlieit der Rasse. 
Das Wesentliche in der Biologie der Rasse hat sich seit den Zeiten primi- 
tiver Menschenverbände nicht im geringsten verändert; organische Prin- 
zipien wechseln nicht mit dem Wechsel äußerer Verhiiltnisse; Rnssen- 
instinkte nutzen sich im Laufe der Zeit nicht ab. l'.& hat sicli allerdings 
unbewußterweise etwas Fremdartiges in das Gruppenleben des Menschen 
eingeschlichen. Unähnlich dem Leben der Gruppen oder Kolonien niedri- 
gerer Ordnungen ist das instinktiv vereinte, sozieiale Leben' durch diesen 
unbewußten Faktor gewaltmäßig gestört worden ; es wurde dem Menschen 
unmöglich gemacht, sich den natürlichen I'ordervmgen seiner primären 
Gemeinschaftsinstinkte entsprechend in Gruppen und Kolonien zusammen- 
zufinden. Die Menschen haben sich vielmelir in verscliiedenartigen Grup- 
pierungen und Gliederungen — sozialen, polilisclien, ökonomischen, reli- 
giösen — angesammelt und verteilt, in Grujjpenbihhmgcn, die ganz ober- 
flächlich und ihrem Wesen nach einem instinktiven Gruppenleben äußerst 
fremd sind. Man muß daher die vereinigende (syntlietische) und instinktive 
Gruppengestaltung des primitiven Menschen selir besliinnit von dt'in bloßen 
Nebeneinander der kollektiven oder l'seudogruppen-i'ormal innen unter- 
scheiden, in die der Mensch -- unter dem Bann sozialer Tradition und 
konventioneller Autorität — eingetreten ist. 

In einer Gruppe, die in einer willkürlichen Ansammlung von Individuen 
besteht, kann natürlich das einzelne Element ohne Beeinträchtigung des 



i) Das englische societal wird hier im Gegpiisati 711 social vcrwpiidcl: nrstprps für 
primitive, organisch bedingte, letzteres für kulturell eiiUtarid.?ni> Verbände; den gleichen 
Gegensati drücken „Gruppe" und „Pseudogriipp«" aus. (Die Redaliiion.l 



Die Gruppenmethode in der Psychoanalyse 215 

organischen Instinktes abgesondert und einem Prozeß der Isolierung 
und Untersuchung unterzogen werden ■ — einem Prozeß, den wir als 
Analyse kennen. Die Abtrennung eines Individuums oder eines Gliedes 
einer solchen konventionellen Ansammlung von Elementen bedeutet keinen 
organisclien Bruch — nicht mehr als dies bei der Störung eines künst- 
lichen Baumarrangements durch den Gärtner oder bei der Verteilung der 
Schüler durch den Lehrer der Fall wäre. • Die Blätter einer Blume vom 
Stengel zu trennen, um sie zu analysieren, ist aber notwendigerweise ein 
Vorgang, der für den untersuchten Teil die funktionelle Kontinuität mit 
dem zugehörigen organischen Ganzen unterbricht. Die Kontinuität des 
Organismus als eines Ganzen wird sofort zerstört. Das gilt für Ameisen, 
die von ihrer Kolonie entfernt werden, oder für den Büffel, der von seiner 
Herde getrennt wird. Die Bedeutung der Gesetze organischer Gruppenbildung 
im Leben der Herdentiere ist nicht nur von biologischen Forschern beob- 
achtet worden; sie werden vielmehr praktisch von jedermann berücksich- 
tigt, der mit wilden Tieren zu tun hat. Hagenbeck war mit diesem orga- 
nischen Prinzip, das die einzelnen Glieder einer Gattung zusammenbindet, 
nicht weniger vertraut als Darwin oder Kropotkin.' Während wir aber 
alle stillschweigend annehmen, daß sich ein solcher Stammes- oder Rassen- 
instinkt über alle Elemente einer Gattung erstreckt und die Einzelindividuen 
vereinigt, steht die Aufgabe noch vor uns, diese Tatsache in uns selbst als 
ein organisches Prinzip des Bewußtseins anzuerkennen. Wir müssen 
erkennen, daß dieses instinktive sozietale Prinzip, das im Hordenleben 
und in den spontanen Menschenverbänden der Primitiven beobachtet werden 
kann, heutzutage im Leben der zivilisierten Gemeinschaften von gleich 
weittragender instinktiver und biologischer Bedeutung ist. 

Von solchen Überlegungen ausgehend, hat sich mein Ausblick in der 
analytischen Arbeit geändert. Ich bin zu der Auffassung gekommen, daß 
eine Analyse, die das Einzelindividuum isoliert und getrennt von seinen 
Kassenzugehorigen untersucht, den weiteren sozietalen Organismus, von 
dem die Einzelglieder Teile sind und ohne den sie in ihrem Gemeinschafts- 
leben nicht fort existieren können, außer Betracht läßt. Ein solch isolierter 
Prozeß der Analyse, auf das Einzelindividuum der Gattung Mensch ange- 
wandt zerstört die organische Integrität des Gruppen- oder Rassenorganismus 
geradeso, wie wir die Integrität des Organismus einer Blume zerstören, 
wenn wir deren Blätter abtrennen, um sie, losgelöst von der strukturellen 



1) P. Kropotkin: „Gegenseitige Hilfe.« 



214 



Trigant Burrow 



Kontinuität mit dem Ganzen, zu untersuchen. Das organische l'rinzip, das 
eine Gruppe oder ein sozietales Gemeinwesen verbindet, bedeutet funk- 
tionelle Solidarität; das Element in seiner Isolicrlhi-it bedeutet deren Zer- 
spaltung. Die Analyse des einzelnen Elemenies ist also der Erliahung des 
Ganzen entgegengesetzt; die Kontinuität der (iruppe und die Isolierung 
des Individuums sind ihrem Wesen nach slcli gegenseitig ausschließende 

Prozesse. ' 

Um diesen unerbittlichen Zwiespalt, der dem System unserer psycho- 
analytischen Methode innewohnt, auszugleichen, Iiabe icli, /.usiinmien mit 
einer Gruppe von Mitarbeitern und Schülern, in den letzten Jahren durch 
langsam fortschreitendes und mühevolles i'lxperi montieren eine Methode 
der Analyse ausgebildet, die auch den Reaktionf-n Kechnung trügt, welche 
der Gattung als Ganzes angehören. Diese weiter iiiisgrcilendc Form der 
Analyse hat den Vorteil, das Material, welches dem sozietalen und instink- 
tiven Gruppenleben angehört, intakt zu lassen und zu gleicher Zeit, von 
dieser Grundlage aus, die sozialen wie auch die persünUchen Ürsaizbildungen 
und Verdrängungen psychoanalytisch zu untersuclien, welche individuell 
oder als Ausdruck der kollektiven, bloß willkürlinli gpbildclen Pseudo- 
gruppe in ein und demselben sozielalcn Orgiinisuius vorlianden sind. 

Um der analytischen Grundlage dieser Gruppvnicchnik mit wissenschaft- 
licher Sympathie zu begegnen, ist es erforderlich, daß wir als Analytiker 
wenigstens versuchsweise gewisse persönliche und l*seudogruppen-Uber/,eu- 
gungen aufgeben — Überzeugungen, die eher auf einer Art künsllich ent- 
standenen Übereinkommens zwischen Minzelindividuen als bloße Äußerung 
ihrer nur kollektiven Vereinigung beruhen, als auf den organischen Ban- 
den, welche dem biologisch Wesentlichen einer nalurgcniiißen Gruppe 
entspringen. Wjr haben uns von der Meinung loszulösen, daß der Neurotiker 
krank ist, während wir gesund sind. Wir müssen zu einem freieren, 80- 
zietalen Standpunkt kommen, der es uns erninglichl, ohne l'rolest anzu- 
nehmen, daß das neurotische Individuum an keiner schwereren Krankheit 
leidet, als wir selbst. Gewöhnlich verlieren wir niinilich den Umstand ganz 
aus dem Auge, daß es der Neurotiker in seinen privati-n Krsatzbildungen 
und Verschiebungen unterlassen hat, sich in die kollektive Konföderation 
von Verschiebungen und Ersatzleistungen hineinzufinden, die wir der 

Leser sowohl als ich — zum Zwecke des Selbstschutzes geschickt genug 
waren, zu unterschreiben — rationalisiert durcli die Syni|nome der will- 
kürlich entstandenen Pseudogruppen, welchen wir »ngchöron. I'^s wird mir 
immer klarer, daß wir nur von solcher, uns selbst in die Beobuchlung 



Die Gruppenmethode in der Psychoanalyse 2 1 5 



einschließender Anschauung aus fähig sein werden, gewissen Faktoren Rech- 
nung zu tragen, die uns sonst als sozial eingestellten und stets an ihren 
sozialen Selbstschutz denkenden Individuen verschlossen bleihen müssen. 

Wenn wir unparteiisch unsere psychoanalytische Arbeit auf Grund der 
gegenwärtigen Technik des personlichen Anvertrauens überblicken, — einer 
Technik, die sich nur mit dem isolierten Element oder Individuum be- 
schäftigt, — so ergibt sich, glaubeich, daß, wissenschaftlich betrachtet, unser 
Vorgehen recht rückständig sei. Die esoterische Methode, einen Patienten in 
einem privaten IConsuhationszimmer einzuschließen, um eine Geschichte 
der Unzulänglichkeiten, Mängel und Fehlanpassungen anzuhören, welche 
verursacht sind von Störungen, die der ganzen Rasse, also auch uns selbst, 
innewohnen - - diese Praxis hat, soviel ich sehe, auf keinem Gebiete wissen- 
schaftlicher Untersuchung ihresgleichen. Wir machen kein Geheimnis aus den 
verschiedenen körperlichen Anomalien, denen der Mensch unterworfen ist. 
Herz- und Darmkrankheiten werden willig einer medizinischen Untersuchung 
unterworfen; ebenso empfangen wir pathologische Zustände infolge von Miß- 
brauch unseres Organismus, wie z. B. Überessen, alkoholische Exzesse oder 
auch Geschlechtskrankheiten, ganz offen in Klinik und Laboratorium. Der 
Grund hiefür ist naheliegend: das Individuum hält sich für diese Zustände 
nicht mehr moralisch verantwortlich; wir sehen heutzutage darin keine von 
der Vorsehung geschickte Heimsuchungen mehr; die persönliche Integrität 
wird durch solche Krankheitszustände in keiner Weise gefährdet. Und trotz 
alledem behandeln wir die ebenso tatsächlichen Störungen, wie sie in affektiven 
und sexuellen Unzulänglichkeiten und Krankheitserscheinungen zutage treten, 
in einer halb-religiösen und ganz von Moral diktierten Art. Einer solch rück- 
ständigen Stellungnahme entsprechend, laden wir unsere Patienten zu geheimen 
Konferenzen, die doch gar nicht der medizinischen und wissenschaftlichen 
Bedeutung der Situation entsprechen. 

Hätten wir Tatsachen zu beobachten, wie sie sich im chemischen oder 
biologischen Laboratorium darbieten, so würde sicherlich niemand daran 
denken, solche Prozesse anders als durch eine gemeinsam beobachtende 
{konsensuelle) wissenschaftliche Methodik in Angriff zu nehmen.' Konsen- 
suelle Beobachtung ist gleichbedeutend mit wissenschaftlicher Genauigkeit 
der Methode. Die Feststellung unmittelbarer Tatsachen unter Beobachtungs- 

1) Psychiatry as an Objective Science", veröffentlicht in British Journal of 
Psychology, Vol. V, part. 4, und „ Psycho anal ytic Improvisations and the Personal 
Equatioii", 15- Jahresversammlung der American Psjchoanalytic Association, Kich- 
mond, Va, la. Mai 1925- 



2l6 



Trigant ßuirow 



Verhältnissen, die eine Übereinstimmung der verscliicdenen Beobachter er- 
möglichen, sind die anerkannten Vorbedingungen des l-nboraioriumsver- 

fahrens. 

In der Gruppenmethode kommen sexuelle Phantasien, Knniilienkonflikte, 
Unstimmigkeiten und Selbsttäuschungen, welche für viele unserer sozialen 
oder Pseudogruppenbeziehungen charakteristisch sind, zur Ueobaclitung tmd 
Analyse. Abgeschmacktheilen und liiizulHnglichkeiten, über die «ich im all- 
gemeinen nicht nur der Moralist und Prediger, sondern auch der I^ie er- 
haben fühlt und die sich der Psychoanalytiker nur hinter verschlossenen 
Türen berichten läßt, werden von uns offen vorgelegt und in Versammlungen 
von bis zwanzig Personen beobachtet, Der Ihiuplpunkt schließlich, den wir 
Psychoanalytiker übersehen haben, weil wir unhewuüt vorziehen, ihn zu über- 
sehen, ist nicht der Umstand, daß ein Individuum von sexuellen Konflikten 
heimgesucht wird, sondern daß unter unserem gegenwärtigen sozialen System 
von Verdrängung alle Individuen gleicherweise sexuellen Konflikten unter- 
worfen sind. Der firund, warum der Nervenkranke ein so tiefes Geheimnis 
aus den Störungen seines Geschlechtslebens ■/.» machen wünscht, liegt nicht 
in der Annahme, daß diese Unzulänglichkeiten wirklich seine persönliche 
Angelegenheit sind, sondern darin, daß die Gesellschaft zu ihm sagt: „Hüte 
dich, dir einzubilden, daß diese Uinge nicht deine persönliche Angelegenheit 
sind. Und wir Psychoanaljtiker nehmen unbewußt an dieser in unserer 
Gesellschaft herrschenden Haltung teil, welche den sogenannten Neurotiker 
blindlings in eine unangreifbare Stellung von Geheiinlucrci und Isolierung 
hineintreibt. Wir fordern ihn zu einer solch absunlni li;iltung von Inircht- 
samkeit und Isolierung dem sozialen System gegenüber auf, weil unsere eigene 
soziale Haltung geradeso ängstlich und isoliert ist. 

Der Leser wird leicht verstehen, wie viel grüruliichcr und wirksamer die 
Resultate einer Analyse sein müssen, die nicht nur die persönliche Stellung- 
nahme des Patienten von Grund auf aufrührt, sundern nncli alte Pseudo- 
gruppenbeziehungen, an denen er teihiimnil, also niclit nur die Komplexe 
der individuellen Neurosen aufdeckt, sondern auch die Komplexe, die in 
sozialer Form unter dem Deckmantel heimlicher Familienbindungen aufrecht 
erhalten werden. Immer wieder wurde die Erfahrung gemacht, <laß auf diese 
Weise der in intrauteriner Lethargie verharrende Schizoide viel leichter aus 
seiner tatenlosen Traumwelt aufgestört wird und in die objektive Unmittel- 
barkeit der ihn umgebenden Wirklichkeit eintritt; der Hysteriker energischer 
aus seinen egozentrischen Phantasien aufgeweckt wird und sich rascher den 
konstruktiven Anforderungen des Tage» widmet, und daß der Cyclothyme 



Die Gruppeniuethode in der Psychoanalyse 217 

eher dazu gebracht wird, seinen Stimmungswechsel zugunsten einer aus- 
geglichenen, einheitlichen Anstrengung aufzugeben. Das Ergebnis dieses 
weiter ausgreifenden Programmes war ein rasches Heilungsverfahren für 
unsere neurotischen Patienten und ihr Freiwerden nicht nur von ihren 
individuellen, sondern auch von den MassenreaJttionen, die als solche der 
Familie oder anderer unbewußter Verbände zutage treten: 

Die wichtigsten Resultate unserer Gruppenmethode sind, kurz gefaßt, 
folgende : 

1) Die unmittelbare Aufdeckung der unbewußten Suggestion als ge- 
meinsamer (sozialer) Vorgang. Ihr individueller Ausdruck wurde wissen- 
schaftlich zuerst von Freud als „Übertragung" erkannt. 

2) Daß phylogenetisch die Mutter-Kind-Beziehung als polares Prinzip 
der sozialen Hypnose, die in jedem Individuum zutage tritt, zugrunde liegt. 

5) Daß es bestimmte, unbewußte, soziale Reaktionen sind, welche im 
Knzel Individuum von den individuellen Sublimierungen vertreten werden. 
Außerdem wurden die folgenden Mechanismen in ihrem sozialen Milieu 
von uns erkannt und untersucht: 

1) Die Doppelrolle der Mutter-Kind-Imago, die in der Persönlichkeit 
jedes Individuums in beiden Richtungen in Sackgassen (Impasse) führt. 

3) Die Ausdehnung dieser universellen Imagines auf die Gesellschalt, 
in der sie unbewußt zur Substituierung des Realen durch soziale Ima- 
gines führt — „Gott", „Liebe", „Tugend", zusammen mit „Ehe", 
„Familie , aufgefaßt als soziale Institutionen. 

5) Der soziale Mechanismus der Projektion als Ailgemeinerscheinung, 
welche Schritt für Schritt bis in ihre ontogenetische Wurzel verfolgt 
■werden konnte. 

4) Die ambivalente Unvereinbarkeit der Affektreaktionen im „nor- 
malen" wie auch im neurotischen Individuum mit ihren zwanghaft alter- 
nierenden Phasen von Gut und Böse, Liebe und Haß, Loh und Tadel 
und die Wechselwirkung dieser Affektphasen im sozialen Milieu. 

5) Die psychologische Identität der pseudo-sexuellen Imagines, die 
' gegenwärtig allgemein in homo- und heterosexuelle getrennt werden, 

und die vollständige Entfernung dieser beiden Komponenten im Gesell- 
schaftsleben von dem sozietalen, organischen Geschlechtsinstinkt. 

6) Die sozialen Formen der krankhaften Zustände, wie Paranoia, Homo- 
sexualität, Hysterie und andere Zustände, die bisher gewöhnlich nur, 
klinisch isoliert, als dem neurotischen Individuum eigentümliche Krank- 
heitseinheiten betrachtet worden sind. 



2 lÖ 



Trigant ßurrüw 



7) Der experimentelle Beweis für die Theorie der primären Identi- 
fikation des Individuums mit der Mutter und der Nachweis einer phylo- 
genetisch und sozietal bedeutsamen unbewußten Pliase, welche mit der 
primären, subjektiven Phase der kindlichen Psyche, wie sie bisher als 
ontogenetische Basis postuliert wordeji ist, in Parallele zu setzen ist.' 
Die Analyse beginnt mit persönlichen Besprecliungen und es steht jedem 
Patienten frei, zu diesen zurückzukehren, wenn es die linislände verlangen. 
Das Charakteristische solcher Besprechungen ist es aber iillerdings, daÜ sie 
nicht die Anschauungen einer willkürlich gcbildctL-n Pseudogruppe zur 
Grundlage haben, welche die Neurose ausschließlich im I'atienten voraussetzen, 
während der Ar/.t bloß als Zuschauer danebenslcht. Vom i'atienten wird 
von Anfang an erwartet, daß er seinen eigenen krankhal'teti '/.ustand zugleich 
auch als einen Teil einer Neurose auffaßt, die ganz allgemein von einem 
sozialen Gemeinwesen getragen wird, von welchem der Arzt und er gleicherweise 
wesentliche Bestandteile sind. Von dieser organischen (iruppenbasis aus, die zu- 
erst nur aus zwei Personen besteht, kommt der Patient spater zu Besprechungen 
mit drei oder vier Individuen und nach und nach in größere (Truppen- 
konferenzen von etwa acht bis zwölf Personen. Kine wichtige Seite dieser 
Gruppensitzungen ist, daß der Patient von Anfang au sowohl Beobachter 
als auch Beobachteter ist; er wird dadurch zum verantwortungsvollen 
LJntersucher gemeinsamer menschlicher Probleme, persönlicher wie auch 
sozialer. Weitere Vorteile unserer Methode bestehen darin, daß dem Patienten 
in der Verbindung mit einer Gruppe — gleichviel, ob mit Klnzelindividuen 
oder deren Gesamtlieit - - ganz abgesehen von den analytischen Sitzungen 
Gelegenheit geboten wird, Glied eines sozialen Verbundes zu werden mit 
Leuten, die mit ihm ein gemeinsames Interesse verfolgen, üs wird ihm 
möglich, eine solche biologische Verschmelzung bcibehallend, in soziale Be- 
ziehung mit reiferen, erfahreneren Teilnehmern zu treten, 10 daß ohne Unter- 
brechung im täglichen Leben das beiderseitige analytische Ziel vorhält. So 
kommt es, daß hysterische und paranoide Typen (Jelegenlieit haben, soziale 
Beziehungen einzugehen, ohne in die unrichtigen, nur zum Schein sozialen 
Anpassungsformen sozial isolierter Pseudogruppcn hineingezwungen zu werden ; 
psychasthenische und schizoide Persönlichkeiten gelangen in Gruppenbezie- 
hungen, welche ihnen, ohne alle Kritik ilirer introvertierten Anpassungs- 
gewohnheiten, dennoch nicht erlauben, in die Abgeschlossenheit ihrer Intro- 
version zurückzufallen. 



\) „Genesis and Meaning of Homoaexuality." Piychoanntylic RnviBw, IV, g, July 1917. 



Die Gruppenmethode in der Psychoanalyse 219 

In der persönlichen Analyse beruht das Verfahren von Anfang an auf 
der Übertragung. Keine Übertragung, keine Psychoanalyse. Sie muß 
zustande gebracht werden und bis zu ihrer Ablösung erhalten bleiben. Bei 
unserer Gruppenmethode wird diesem Zustand der Abhängigkeit des Patienten 
vom Arzt von Anfang an entgegengearbeitet, Wir wissen sehr wohl, daß das 
Wesentliche derNeurose in der Mutter-KindBeziehung liegt, daß hier gleichsam 
die „Sackgasse" im Unbewußten des Neurotikers liegt, daß ihn immer nach 
neuer Unterbringung derselben verlangt. In der Gruppe aber wird die Mutter- 
Kind-Beziehung sofort konsensueller Beobachtung und Erforschung unter- 
worfen und keinem Surrogat dieser Beziehung wird es gestattet, — wie es 
bei der üblichen analytischen Technik der Kall ist, — sich unbewußt ein- 
zuschleichen und so die eigentliche Absicht der Psyclioanalyse zu vereiteln. 
Ich meine auch nicht einen Augenblick, daß nicht in jedem Patienten die 
Tendenz zu solch einer Fixierung und Übertragung auch in der Gruppen- 
situation vorhanden ist; wir finden sie immer. Unter den Bedingungen der 
Gruppenmethodik ist aber die Gelegenheit für ihre heimliche Verschanzung 
und Verstärkung naturgemäß weniger günstig als in der Einzelanalyse, wo 
der Kontakt monatelang auf einen einzelnen Analytiker beschränkt bleibt. 
Was in der individuellen Analyse als persönliche Übertragung erscheint, 
wird durch die Teilnahme mehrerer Individuen in ihrer gemeinsamen Analyse 
neutralisiert. 

Es liegt ferner im Wesen der Gruppen an alyse, daß jedem Teilnehmer 
die Gelegenheit gegeben ist, als Unparteiischer die Elemente seiner eigenen 
Neurose in der Neurose eines anderen gespiegelt zu sehen. Bei einem 
solchen Verfahren wird es immer wieder dargetan, daß die seelischen 
Reaktionen in anderen Individuen identisch mit den eigenen sind. Dieser 
Umstand ist von größter Bedeutung durch seinen Einfluß auf den zentralen 
Faktor des Widerstandes. Ich erinnere mich gut an Worte, die Freud am 
Zweiten Internationalen Psychoanalytischen Kongreß 1911 in Nürnberg 
äußerte. In Antwort auf eine Bemerkung Jungs sagte er, die Aufgabe der 
Psychoanalyse liege nicht in dem Auffinden von Komplexen, sondern in 
der Auflösung von Widerständen. Gerade hier scheint mir die Gruppen- 
technik von besonderem Vorteil zu sein. Denn ein Wesentliches am Wider- 
stand ist doch sicherlich das Gefühl, in den eigenen Konflikten isoliert 
dazustehen. Wo es die Umstände dem Individuum erlauben, die soziale 
Natur seiner eigenen Konflikte zu empfinden, da wird natürlich das Gefühl 
der Isolierung allmählich aufgelöst und damit schwinden auch die Wider- 
stände, die das Rückgrat seiner Neurose bilden. 



2ZO 



Trigant llurrow 



Ich erinnere, daß unsere Gruppen arbt-il noch in ihren ersten Anfiingen 
steht. Im ganzen können wir auf nicht mehr als vier Jalire eigentlicher 
Gruppenanalyse zurückblicken. Zwei vorangehende Jahre waren Versuchen 
der Abänderung der ursprünglichen analytisclicn Arbeit und der probeweisen 
Anwendung gewidmet. Unsere Arbeit konzrntrierle sich anfangs mit be- 
sonderem Interesse darauf, die gewöhnlich vernacliliissigien, instinktiven 
Grundlagen der sozietalen oder wesensgemäßen üruppenhildung zu er- 
forschen und zugleich die allgemein anerkannten l'scudogruppcnbeziehungen 
in Frage zu stellen. Ein sorgfältiges analylisclies Studium der manifesten 
Inhalte unseres sogenannten sozialen Bewußtseins liat dahinter das Vorhanden- 
sein latenter Elemente erwiesen, die ihnen ebensosehr widersprechen, wie 
das zuerst von Freud durchleuchtete Traumleben des Kinzelpalienten seiner 
aktuellen Anpassung an das wache Leben widerspricht. 

Ich möchte nicht so verstanden werden, als ob ich unsere konventionellen 
Formen sozialer Beziehungen verwerfen wollte. Es haben diese unzweifelhaft 
in dem Entwicklungsprozeß des menschlichen Bewußtseins ihren Platz, 
geradeso wie die primitiven Menschenverbiinde ihren l'lulv. in der Struktur 
unserer Entwicklung hatten. Ich möclite nur die Ersatzbildungen zurück- 
weisen, welche oberflächliche soziale Grup|iierungen an Stelle der organischen 
Gefühle und Instinkte setzten, welche die Menschen zu einer einheitlichen 
Kolonie, Gattung und Rasse zusammenbinden. 

Manche, die mit unserer Gruppenanalysc bekanntgeworden sind, wollen 
in ihr eine Neuerung auf psychoanalytischem Gebiet sehen. Es scheint 
ihnen, daß meine Methode eine Abweichung von den ursprünglichen 
Freudschen Prinzipien bedeutet. Das hieße aber, h'reud von ganz ober- 
flächlichen und zufälligen Gesichtspunkten aus beurteilen und die tiefere 
Bedeutung seiner ursprünglichen Forscluingsriclitung aus dem Auge ver- 
lieren. Nach meiner Auffassung ist die Gruppenniethode nur eine Aus- 
dehnung der von Freud zuerst auf ontogenetischem Gebiete angewandten 
persönlichen Analyse auf das phylogenetische (Jebiel,' In gerechter Würdigung 
von Freuds Werk darf man es nicht unterlassen, anzuerkennen, daß das 
von ihm eingeführte Verfahren im wesentlichen die Anwendung einer 
exakten Laboratoriumsmelhode auf die Erforschung der psychischen Er- 
scheinungen war. Von Anfang an ersetzte Freud das persönliche Vorurteil 
durch die wissenschaftliche Beobachtung. Er studierte, was er im menschlichen 



i) „The Laboratory Method in Psychoannlyjii." Vnrtrnf[. (rdinllrn nm <). KfliigTftD 
der Intern ation&leu Fsychoanalytiachen Vereinigung, Bad Homburg, September 1935. 



Die Gruppenmethode in der Psychoanalyse 221 

Bewußtsein seih, nicht nur in dem seiner Patienten, sondern auch in seinem 
eigenen, und er hat gewissenhaft mitgeteilt, was er fand. So wurde auf 
dem Gebiet der Bewußtseinsprozesse eine ebenso exakte Laboratoriumstechnik 
ermöglicht, wie sie bisher für die wissenschaftliche Beobachtung in den übrigen 
Gebieten der Biologie tjpisch gewesen war. Kurz gesagt, Freud hob die 
Erforschung der Bewußtseinsprozesse in die Reihe der biologischen Wissen- 
schaft. Damit war allerdings eine Verletzung sozialer Empfindlichkeiten 
verbunden. Das soziale Bewußtsein wehrte sich mit dem vollen Gewicht 
unbewußter sozialer Überlieferung so entschieden gegen die Freudsche 
Laboratoriumsmethode, daß ihre Erweiterung und Ausdehnung auf den 
sozialen Organismus prompt unterbunden wurde. 

Anstatt sich der Unterstützung einer konsensuellen Gruppe von Mit- 
arbeitern zu erfreuen, wurde Freud mit einem unbewußten Widerstand, 
der sozialer Natur und seinem Wesen nach den Pseudogruppenreaklionen 
zugehörig war, empfangen. Freud war in seiner Stellung allein und daher 
außerstande, dieser Gegenreaktion in ihrer un koordinierten sozialen Form 
direkt entgegenzutreten. Diese Situation war unvermeidlich; mangels einer 
konsensuellen s oz i e t a 1 e n Gruppe von Mitarbeitern konnte Freuds Forschung 
unmöglich die Tatsachen des generischen, sozialen Unbewußten mitein- 
begreifen. Obschon es recht eigentlich in der Natur der Freudschen Ent- 
deckung lag, daß eine exakte Untersuchung von Bewußtseinsphänomenen 
nur durch das Prinzip konsensueller Laboratoriumsbeobachtung ermöglicht 
wird, ist doch der soziale Widerstand, der Freud von Anfang an gegenüber- 
trat, in unseren psychoanalytischen Reihen unerkannt und ungelöst ge- 
blieben. Von unserem Gruppenstandpunkt aus vertreten wir die Ansicht, 
daß die Vorurteile der Pseudogruppen, welche die unbewußte Basis unseres 
sozialen Widerstandes bilden, nicht aufgelöst werden können, bevor wir 
erkannt haben, daß sie ebenso unbewußte Manifestationen von Seiten der 
sozialen Psyche sind wie die persönlichen Widerstände, denen man in der 
Einzelanalyse begegnet. Auf Grund unserer Gruppenbeobachtungen möchten 
wir den Umstand besonders betonen, daß diese Widerstände in der sozialen 
Psyche ohne soziale Analyse geradeso wenig aufgelöst werden können, 
wie es möglich wäre, ohne Analyse die persönlichen Widerstände des 
einzelnen Patienten aufzuheben.' Wenn wir einen anderen Weg einschlagen, 



1) Geradeso wie niemand die Bedeutung der individuellen Analyse wirklich je 

verstanden hat, olane an einer Analyse selbst teilgenonmien zu haben, wird man 
auch das Verfalireii der Gruppenanalyse nur auf Grund eigener Erfahrung-, d, h. 
persönlicher Teibialime verstehen können. Freud betonte von Anfang an die Nutz- 



222 



Burrow: Die Üruppenmethodu in ilcr l'yychuaii'ilysc 



können wir zu Nachfolgern Freuds werden nur im Sinns von Gliedern einer 
kollektiven Pseudogmppe, und der Geist des Kmdeckers und seiner Labora- 
toriumsmelhode versinkt unter dem Massengewicht eines bloÜ nncbalimenden, 
mit in Konkurrenz tretenden, sozialen Unbewußten. 

Wir fassen unsere Befunde zusammen: l'ür den Psycliopalliulogcn isl der 
Mensch nicht Individuum, sondern ein 'Icü eines sozietaleii Organismus. 
Unsere Analysen einer Person, basierend auf Unterscheidungen, die uns und 
anderen Beobachtern wissenschaftlich vollberechtigt schienen, beruhen in 
Wirklichkeit auf recht vorübergehenden sozialen Ariefakten; sie stützen 
sich nicht auf eine wirklich biologische Basis. Die Analyse des Menschen 
als Element bedeutet seine Isolierung als Klemenl, Und diese Isolierung 
ist ein wesentlicher Verstoß gegen ein voiliandunes organisches Gruppen- 
prinzip im Bewußtsein 



losigkeit eines Wissens über oder in Bciiehimg auf PsychonniilyBe. Die Kenntnis 
der Psychoanalyse ist nicht nur von intellektuellen Funktiotirn nbliänRig; die Wider- 
stände, die eine Barriere gegen das Vcrstchfii di-r Ps^rliounalyet- I.iU!.'«. liegen nicht 
im Intellekt. Nur in dem MftDe, als wir lius eifriMic — persönliche wie soiiale — 
Gefühl dem Prozeß der Analyse unterwerfen, kiinneu wir m einem Virstiiiidnis der 
Psychoanalyse im wirklichen Sinne des Worles „Verstehen" koiiuneii — niimlich lU 
einer innern Annahme der Bedeutung von Freuds Werk. 



Erfahren, Verstehen, Deuten 
in der Psychoanalyse 

Von 

Ludwig Binswanger 

Kreuzlingen 

Goethe spricht einmal aus, daß dem Einzelnen zwar die Freiheit bleiben 
solle, sich mit dem zu beschäftigen, was ihn anzieht, was ihm Freude macht, 
was ihm nützlich deucht, daß aber das eigentliche Studium der Menschheit 
der Mensch sei. Suchen wir nach einer näheren Bestimmung dieses Studiums, 
so bietet sich uns dafür ein Ausdruck dar, der gerade seit Goethe, wenn 
auch nicht durch ihn, in der deutschen Geistesgeschichte heimisch geworden 
ist. Philosophen wie Schleiermacher, Dilthey, Simmel, Rickert, 
Philologen wie Böckh, Historiker wieDroysen, Soziologen wie Max Weber 
haben das mit diesem Ausdruck Gemeinte von den verschiedensten Seiten, 
zu den verschiedensten Zwecken und mit den verschiedensten Methoden 
untersucht. Sie alle sprechen vom „Verstehen" als einem Grundproblem 
des Studiums des Menschen und seiner Werke. Erst spät ist dieser Aus- 
druck und sein Problemgehalt in diejenige Wissenschaft eingedrungen, die, 
so sollte man meinen, sich seiner zuerst hätte bemächtigen müssen, in die 
Psychologie. Auch heute noch untersuchen die Wenigsten das Verstehen 
rein im Hinblick auf die empirische Psychologie; jedoch haben nach dem 
ersten epochemachenden Anstoß von Dilthey Forscher wie Spranger, 
Jaspers, Scheler, Edith Stein, Häberlin und ich selbst sich darum 
bemüht die Rolle des Verstehens in der Psychologie näher zu bestimmen, 
ohne jedoch zu übereinstimmenden Meinungen und Resultaten zu gelangen. 

Es ist nicht nur das „Medium" der Wissenschaft, in welchem „der 
Mensch" verstanden werden kann, ja es ist noch eine offene Frage, ob 
sich auf dem Verstehen Wissenschaft, zumal Erfahrungswissenschaft, über- 



2 24 



l.uiKvi^ lliiisw.mf'rr 



haupt aufbauen kann oder oh das Verstehen letztHcli immer nur Sache 
des Einzelnen bleibt, der es jeweils volkieht. Kmpirisrlu- Wissenschaft 
wenigstens hätte dann nur das „Material" licrbeiznscl.i.fTrn und zu bearbeiten 
(Heuristik, Droysen). das die psychologischen {wir reden nur noch von 
diesen) Grundlagen des Verstehcns zu erweitern, vorliefen und systematisch 
zu ordnen erlaubt. Psychologie al. Krfalirung9wissensch»ft hatte es dann 
nur mit den realen Bedingungen des Versleliens 7.u tun. Jedenfalls war 
es bisher nicht die wissenschaftliche Geislt-shaltung. auf derun Boden das 
psychologische Verstehen Triumphe gefeiert liat. sondrrn eine Heihe ganz 
anderer geistiger „Medien": Ich erinnere nur an Augiistins und Kierke- 
gaards leidenschaftlich-religiöses Pathos, an Shakesp.-ares geniale „dichte- 
rische Einbildungskraft", an Nietzsches philosopliiscln-s Proplietentum. aber 
auch an die skeptische, nüchtern beobachtende und rrzlihlende „Seelenstim- 
mung" eines Montaigne, vieler seiner antiken Vorbilder und seiner Nach- 
folger. Kein Zweifel: religiöses Ringen mit Gott. pliili)s<iiihis<;lu- Wertung und 
Umwertung, künstlerischer tlestaltungswille und cinfaclie Beobachter- und Er 
Zahlerfreude hatten die Menschheit in ihrem „eigentlichen Studium" bis vor 
kurzem mehr gerordert als die Wissenschaft. Aber als vor- und außerwissen- 
schaflHchen Geisteshaltungen fehlte ihnen doch noch gerade das, was Wissen- 
/ Schaft allein xu leisten vermag: die Ausurhi-ilimg, Vcnnilllung und Ver- 
breitung der wissenschaftlichen Methode, die Gliederung und Ordnung der 
gewonnenen Erkenntnisse in einem tlieordisclu-n Hrdeuuingszusaniinen- 
hang und, damit verbunden, die Reilexion auf d;is I'lrlienn t nisvcrfahren. 
Bestimmte soziale, individuelle und gfisUsgesthichlhclii- l'aklort'n mußten 
zusammenwirken, um das Studium des Menschen im Sinne des Verslehens 
in die Bahn der empirischen Wissenschaft zu leiten. Zu den ersten gehört 
das soziale Verhältnis zwischen Arzt und l'iiticnt. wie es sich mit der Ent- 
stehung der medizinischen Psychotherapie überhaupt hcrausgehildet hat, zu 
den zweiten die Persönlichkeit Freuds, zu den drillen der niichhcgeliaui- 
sche Naturalismus, Evolutionismus und Positivismus. Allen drei so ver- 
schiedenartigen Faktoren zusammen ist es zu verdanken, daß jenes Studium 
des Menschen auf den Boden der wissenschafllichcn Erfulirung gestellt 
werden konnte. Demgemäß haften ihm jel/t auch ganz 8|iezihschc soziale, 
individuelle und geistesgesthichtliche Kinicliriinkungcn und Eigenurten an, 
die in einer „allgemeinen" Lehre vom „Studium des Menschen" noch zu 
überwinden wären; aber das ändert nichls iui dem historischeu Faktum, 
daß die Psychoanalyse Freuds das „eigentliche Studiu m der Mensc hheit 
erstmals systematisch auf Erfahrung gegründet hat. _ 



Erfahren, Verstehen, Deuten in der Psychoanalyse -221^ 

Diese Tatsache wird auch von ernsten „Kritikern" der Psychologie Freuds 
in der Regel übersehen oder nicht ins richtige Licht gestellt. Entsprechend 
der Neuheit seines Verfahrens innerhalb der medizinischen Wissenschaft 
blickte man vor allem auf das, was Freud Deuten nannte, nicht ahnend oder 
vergessend, daß sich dieses Deuten, eben als „Deuten", schon in den ver- 
schiedensten Wissenschaften einen Namen verschafft und ein Heimatsrecht 
erworben hatte. Unter dem Namen der Hermeneutik oder des hermeneuti- 
schen Verfahrens im Sinne einer „Kunst der Auslegung" und der Aufweisung 
der Regeln dieser Kunst finden wir das Deuten in der Rhetorik und Philologie 
von den Griechen bis auf die neueste Zeit, in der Theologie der Kirchen- 
väter (Augustin, Origines) und der Nachreformation (Flaccius), in der 
ganzen neueren Geschichte, zum mindesten seit Schleiermacher aber 
auch im Hinblick auf die Psychologie näher untersucht und zum wissen- 
schaftlichen Bewußtsein gebracht. Insofern als der spezielle Inhalt und' der 
spezielle Zweck eines wissenschaftlichen Verfahrens nichts mit diesem Ver- 
fahren als solchem zu tun haben, gelänge es leicht, Freuds Deutungs- 
verfahren als einen Spezialfall der Hermeneutik der Geisteswissenschaften 
(Philologie, Theologie, Geschichte in allen ihren Zweigen) aufzuweisen, 
und zwar im Sinne einer speziellen empirischen Ausgestaltung und Ver- 
tiefung derselben nach ihrer psychologischen oder individuellen (Böckh) 
Seite hin. Und so gilt auch hier wie beim Verstehen der Satz, daß Freud 
die Hermeneutik erstmals auf Erfahrung (im Sinne der Erfahrungs Wissen- 
schaft) gegründet hat. 

So drängt denn alles darauf hin, näher zu bestimmen, in welchem Ver- 
hältnis bei Freud gerade die Erfahrung zum Verstehen sowohl als zum 
Deuten steht. 

Es handelt sich hier also um ein Stück „Reflexion auf das Erkenntnis- 
verfahren" der Psychoanalyse, das auf dem zu Gebote siehenden Raum aber 
nur äußerst skizzenhaft umrissen werden kann, da seine gründliche, viele 
Beispiele erfordernde Behandhmg ein ganzes Buch beanspruchen wurde. Da 
ferner die in Betracht kommenden Termini mit vielfachen und sehr ge- 
fährlichen Äquivokationen behaftet sind, die nur höchst unvollständig zur 
Sprache gebracht werden können, mögen die folgenden Ausführungen mehr 1 
als ein Programm, denn als eine Abhandlung betrachtet werden. ' 

I 

Wie auf naturwissenschaftlichem Gebiet, so baut sich auch auf psycho- 
logischem dieErfahrtmg zunächst auf auf Akten der Wahrnehmung. Infolge 

Imago XII. '5 



220 



Ludwig ümswarigiT 



einer verhängnisvollen theoretischen Überbclaslunf; des Problems der Fremd- 
wahrnehmung (Analogieschluß-, KinfühUmgsÜieorie) herrschte hier aber 
lange Zeit eine allzu prinzipiell einschneidende Trennung zwischen Akten 
der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Dank, genauer phiinomcnologischer 
Untersuchungen (Scheler u, a.) wissen wir lieiite, daß es znm mindesten 
eine der psychologischen Selbst- und Freindwalirnehmung gcnu-iiisanie Akt- 
richtung gibt, die sich wesensmäßig von den Akten äußerer Wahrnehmung 
I unterscheidet und in der wir nicht nur eigenes, sondern auch fremdes 
Seelenleben (d. h. nicht auf dem Umweg über die körperliche Wahrnehmung 
ials solche) erfassen.' Und zwar erfassen wir das Ictz-tcre am „Du", an der 
anschaulichen psychophysiach-neulralen ]'',inheit der fremden Person, an 
ihrem gesamten Verhalten oder Benelimen, softirn es sich uns als ihre 
Ausdruckssphäre darbietet, an ihrer Gestalt und Mimik, an ihren Gesten 
und Gebärden und an ihren sprachlichen „Ausdrücken**. Die letzteren führen 
nun aber zu einer zweiten Art psycliologischer Krfalirung hinüber. Zwar 
können wir auch auf Grund des spraclilichen {iesiimlausdrucks Seelisches 
unmittelbar wahrnehmen (so z. 11. auf (Jrund des TonfiiUs und Tempos 
des Sprechens die Trauer oder Angst), aber außerdem erfahren wir auf 
Grund des sprachlichen Ausdrucks auch indirekt etwas vom Seelenleben 
der fremden Person, nämlich auf dem Umweg über die (rationalen) Wort- 
und Satzbedeutungen, d. h. über das, was die Perion uns in ihren sprach- 
lichen Äußerungen über sich kundgibt. Auch hier sprechen wir von einem 
Verstehen, aber das Verstehen der sprachlichen Ausdrücke als solches hat 
mit dem psychologischen Verstehen noch nichts /.u tun, da wir hier zunächst 
nur verstehen, was gesprochen wird, aber keineswegs uucli den Sprecher als 
Person ins Auge fassen müssen, worauf schon Simniel aufmerksam gemacht 
hat. Auf dem Umweg über das Gesprochene küniu-n wir dann iwar auch 
sehr viel von der Person erfahren, aber keineswegs handelt es sich hier 
noch um wahrnehmende, präsentierende oder unmittelbar crfissenile Akte, 
vielmehr um ein aus der Kundnahme erwacliseiides riitioiiales Wissen. 
Dieses Wissen steht hinter dem Wahrnehmen insofern zurück, als es niemals 
ein direktes Erfassen von fremden Erlebnissen darstellt, indem es entweder 
ein bloßes unanschauliches Wissen von ihrem Vorluindeniein bleibt oder 
sich zwar sekundär in Anschauung umsetzt, dabei aber nur repräsentierende. 



i) Ob man von Stufen der Fremdwahmchmung rftdm kann, von d«nni die eine 
einer Art „Einfiihhiiig" gleichkommt, wie Edith Steines will, und itiwiereni p» sich 
hier um „originär gebende" Aktp im Sinne Husserli hundrlii kmni (vgl. mich Bttitcn- 
dijk und Plessner), bleibe hier offen. 




V» iX*^ «^^ «<64oyW*, 1^ -«v*X.(X y ^^*vt*^ , ..l^iAft^A». "^ ^ „ {JS.*,^*^,. 



Erfahren, Verstehen, Deuten in der Psychoanalyse 227 

vergegenwärtigende oder iinagiiiierende Akte ermöglicht. Hingegen ragt 
dieses Wissen üher die direkte Wahrnehmung insofern wiederum hinaus, 
als es uns nicht nur von dem Vorhandensein von Erlebnissen, ihrem Hier 
und Jetzt und eventuell der Art ihres Erlebtwerdens Kunde gibt, sondern 
aucb von ihrem Sinn oder Gehalt, der prinzipiell nicht wahrnehmbar, 
sondern nur sprachlich ausdrückbar oder sonstwie bekundbar ist. Daß beide * 
Erfahrungsarten verschieden sind, geht auch daraus hervor, daß auf dem) i- 
Gebiet der psychologischen Wahrnehmung, sowohl der Selbst- als der Fremd- 
wahrnehmung, eigentliche Täuschungen vorkommen können, auf dem der 1"^^ 
Feststellung vermittels der Kundgabe oder Mitteilung aber Irrtümer. 

Während nun sonst die wissenschaftliche Psychologie, insbesondere aber 
die experimentelle, sich auf die zweite Art der psychologischen Erfahrung 
stützt, abzielend auf eine möglichst genaue und eindeutige sprachliche 
Fixierung des Erlebten und seines Gehalts von Seiten der Versuchsperson! 
zeigt die psychoanalytische Verfahrungsweise schon hier sehr deutlich ihre 
Eigenart insofern, als sie entschieden die erstere Art bevorzugt. Nicht als 
ob sie die sprachliche Verständigung gering achtete, — man denke nur 
an die sprachliche Wiedergabe der Träume und der Lebensgeschichte, — 
jedoch nimmt die direkte Wahrnehmung in der Rangordnung beider Er- ] 
fahrungsarten insofern den ersten Platz ein, als sie die sprachlich-rationale ' ^ 
Verständigung stets begleitet und, was das wichtigste ist, bei einer In- | 
kongruenz der beiderseitigen Erfahrungsresultate den Ausschlag gibt. 

Auch bei der Kenntnisnahme vom Inhalt eines Traumes oder eines 
Stückes Lebensgeschichte achten wir in der Psychoanalyse ja nicht nur 
auf den rationalen Bedeutungsgehalt des Gesprochenen, sondern immer auch 
auf den psychologischen Ausdrucksgehalt des Sprechenden. Und wenn wir l 
dann Traum- und Leidensgeschichte hermeneutisch auslegen, leitet uns I 
das, was wir an der Person während des Berichtes direkt wahrnehmen, in 
erster und letzter Linie; denn nur die direkte Wahrnehmung ermöglicht ^^ ^^^ ,4^ 
uns zu erkennen, welche von den hermeneutisch möglichen Auslegungen r*^ t*\^ — **^s 
im vorliegenden Falle wirklich zutreffen. Schon insofern können wir von ^'t-A^rU^ '>■ 
einer, weiter unten näher auszuführenden, hermeneutisch en Erfahrung 
sprechen. Traumdeutung lediglich auf Grund eines Traumprotokolles oder 
seines rein rationalen Bedeutungsgehaltes bleibt immer nur Mutmaßung, so 
Virtuosenhaft sie auch geübt sein mag. Erst die Auslegung am lebendigen 
Objekt stützt sich auf Erfahrung, im Gegensatz zur Auslegung in den 
Geisteswissenschaften, die zwar ein ungeheures Wissen voraussetzt, aber 
nicht im empirischen Sinne sich betätigen und bekräftigen kann. — Unter 



228 



Ludwig Binswanger 



den Arbeiten Freuds gibt es eine, an der die Hc-di-atmig der direkten 
Wahrnehmung direkt demonstriert werden kann, da es sich liier um die 
Auslegung eines jedermann zugänglichen Kunstwerkes handelt, nümlich die 
Arbeit über den Moses des Michelangelo. 

Die direkte Wahrnehmung seelischen Rrlebens bl<-ibt nun aber nicht 
auf den gleichsam ruhenden Erlebnisbestand bescliriinkt. vielmehr nehmen 
wir auch das Hinübergehen eines Erlebnisses in das andere auf Grund 
vielfacher Nuancen der Ausdrucksgestalten wahr. Und indem Freud die 
Wahrnehmung der Erlebnisse über weite Strecken hinaus melhodiscli geübt, 
in stundenlang anhaltendem optischem oder akustischem „Uinslarren auf 
die Nuancierung, den Ablauf und die Vcrllechtiuig der Ausdrncksgestalten 
der Person, hat er die Krfahrungsßrundlnt^e g('st:h;ilTi'n für ein System 
theoretischer Überzeugungen, das, mag es noch so sehr über Krlahrung 
hinausgehen, niemals sein Herauswachsen aus jener Krfahrungsgrundlage 
Terleugnet. Wenn es auch ein weiter Weg ist, etwa von der Ausdrucks- 
gestalt des „Stockens der Rede" bis zur Theorie des Widersliuides, so liegt 
doch dieser Weg offen vor uns, für jeden gangbar und prüfhar. 

Auf Grund der „Ausdrucksgrammatik" (Scheler) gewinnen wir so einen 
tiefen Einblick in das Seelenleben der fremden Person, in die allgemeine 
Art, das Tempo, den Rhythmus, die Intensität ihres Kriebcns, in ihre Helierrscht- 
beit oder Unbeherrschtheit, ihre mehr zentral-geistige oder exzentrisch-lrieb- 
hafte Stellung im und Einstellung zum Leben (Haberlin), in ihre mehr 
naive oder mehr „bewußte", in ihre echte oder unechte lülebnisweise, dann 
aber auch in ihre Gesinnungen, Ciefühle, Leidenschiifti-n usw. Mim liat auch 
diese Wahrnehmung von Seelischem Verstehen {jeniinnl, verstehendes Wahr- 
nehmen (Haberlin), einfühlendes oder naclierlebendes Verstehen (Dilthey, 
Jaspers u. v. a.), Ausdrucksverstehen u. ii., jedoch darf man nicht deswegen, 
weil Wahrnehmung und Nacherleben von Seelischem und Verstehen sehr 
häufig zusammen vorkommen, beide Akte miteinander verquicken oder gar 

verwechseln. 

II 

Man kajin nämlich sehr viel an einer Person wahrgenommen und auf 

Grund sprachlicher Kundgabe „nacherlebend" oder „vergegenwärtigend 

über sie festgestellt haben, man kann also mit anderen Worten ein großes 

Erfahrungsmaterial von ihr besitzen und braucht [irinzipiell doch noch 

nichts an ihr psychologisch verstanden zu haben. Umgekehrt bereichert 

unser psychologisches Verständnis keineswegs unsere Erfahrung von der 

Person, sie läßt uns vieiraehr das Erfahrungsmaterial in einem besonderen 



Erfahren, Verstehen, Deuten in der Psychoanalyse 22g 



Licht erscheinen, hebt es in eine besondere Sphäre, nämlich in die geistige 
Sphäre der „psychologischen" Verständlichkeit. Oder anders ausgedrückt: 
Der Akt des (psychologischen) Verstehens hat zum Gegenstand nicht ein 
reales Sein, wenn er auch auf Erfassensakte von solchem fundiert sein 
kann (und, soweit empirische Psychologie in Frage kommt, fundiert sein 
muß), sondern sein Korrelat ist ein Sinn oder Öinnzusammenhang, und 
zwar in Gestalt eines „verständlichen" Motivationszusammenhanges. 
Denn nicht jeder Motivationszusammenhang ist, wenn auch prinzipiell 
verstehbar, so tatsächlich mit seiner Erfassung oder Feststellung zugleich 
auch verstanden. Verstanden ist er erst dann, wenn mir seine „Ver- 
ständnisqualität" aufblitzt, seine a priori einsichtige Evidenz oder Bündigkeit. 
Eine solche apriorische Evidenz gibt es natürlich innerhalb der Erfahrung 
nicht, sie kann daher auch nicht induktiv gewonnen werden; sie gibt es 
nur auf dem Boden einer gewissen Sinn- oder Vernunftgesetzlichkeit. Auch 
die Motivationszusammenhänge sind von einer solchen Sinngesetzlichkeit 
„beherrscht", insofern, als der Gehalt der Erlebnisse von sich aus apriori- 
gültige oder evidente Anweisung gibt auf ihr Verbundensein mit anderen 
Erlebnisgehalten (Simmel). Man sieht also, daß es sich hier nicht uni_ 
einen realen Zusammenhang seelisch-realer Erlebnisse, also überhaupt nicht 
um das Erlebtwerden oder die Verwirklichung von Erlebnissen handelt, 
sondern nur um den Sinnzusammenhang, in welchem die (intentionalen) 
Erlebnisse auf Grund ihres (intentionalen) Gehaltes stehen. Auf dieser Trennung 
baut sich die ganze moderne Personpsychologie auf und sie ist auch grund- 
legend für die Darstellung und das wissenschaftliche Verständnis des Erkenntnis- 
Verfahrens in der Psychoanalyse. Jedoch darf man, wie aus dem Gesagten her- 
vorgeht, auf Grund der großen aktmäßigen und intentionalen Verschiedenheit, 
welche zwischen den kategorial-anschaulichen Akten des Verstehens und 
den „sinnlich "-anschaulichen des unmittelbaren Erfassens oder Vergegen- 
wärtigens seelischer Erlebnisse besteht, nicht schließen, daß das psycho- 
logische Verstehen nun nicht an die Erfahrung heranreiche, nur Typen 
(Spranger), Idealtypen (Jaspers) zum Gegenstand haben könne, und daß 
infolgedessen alles Verstehen wirklicher Vorgänge ein mehr oder weniger 
unvollständiges Deuten bleibe (Jaspers). Ohne natürlich die Möglichkeit 
des Verstehens von Typ^"^ ""'^ dessen große theoretische und praktische 
Rolle zu bestreiten, muß doch entschieden betont werden, daß es ein Ver- 
stehen gibt, das sich gerade an wirklichen Erlebnissen wirklicher, 
individueller Personen vollzieht, und dies ohne auf einem Typen- 
verstehen zu beruhen und ohne ein solches zum Kriterium seiner Ver- 



250 



Ludwig liiiis wanger 



ständliclikeit zu machen. (Ich beziehe mich hier auf «ine deninüchsl im 
Druck, erscheinende, bedeutsame Arbeit ülier da» Verstehen von Heinz 
Graumann, dem ich auch für sonstige mündliche und schriftliche An- 
regungen zu Dank verpflichtet bin.) 

Hieraus geht schon hervor, was über d:is Vcrliailnis von Verstehen und 
Erfahren in der Psychoanalyse zu sagen ist. l*rinii|)iell ist e» natürlich 
dasselbe wie im Alltagsleben und in der Psychologie; denn es handelt sich 
hier ja um wesensniäßige Beziehungen, die, wo immer Verstehen und 
Erfahrung zueinander treten oder wo das erstere sich auf das letztere «auf- 
baut", in Erscheinung treten müssen. Wenn wir dnher die Überzeugung 
hegen, daß Freud das „eigentüciie Studium der Mfinschlieil" im Sinne 
des VerStehens des Menschen gewaltig gefördert hat, so heißt das nicht, 
daß er „eine neue Art des Verstehens" oder irgend etwas Neues am Ver- 
stehen selbst eingeführt hätte, denn dieses bleibt immer dasselbe, ob ein 
Shakespeare oder Montaigne oder Freud verstellt. Achten wir aber 
darauf, daß wir dort von einem „genialen", „intuitiven" oder „divinatori- 
schen" (Schleiermacher), und von einem unsystematischen «der zufalligen 
Verstehen zu sprechen gewohnt sind, dem wir ii'reuds wissenschiiftlich- 
systematisches oder -empirisches Verstehen gegenüberstellen, so brauchen 
wir nur die Lässigkeit des Sprachgebrauches zu durclischauen, um zu 
wissen, daß nicht das Verstehen als solches mehr oder weniger genial oder 
intuitiv oder divinatorisch iit — geniale Versteher sind alle die Genannten, 
und was das heißt, das wäre nocli besonders zu untersuchen, — sondern 
daß die erfahrungsmäßigen Grundlagen des Versteliens mehr oder weniger 
systematisch oder wissenschaftlich angelegt sind. Das kann also niemals 
heißen, daß Freud das Verstehen auf Erfahrung ,,zurüt;kgefülirl" liätte, 
was, wie wir sahen, unmöglich ist, da uns purer, noch so sehr gehäufter 
Erfahrung nicht ein Verstehen wird; es kann nur heißen, daß Freud die 
Erfahrungsgrundlagen des Verstehens statt durch sporadisclie durch 
systematische Beobachtung in ungeaiinter Weise erweitert und geordnet 
hatj so daß uns heute ein Verstehen des Mensclien noch möglich ist „in 
Tiefen", in die früher keine Erfahrung, zum mindesten keine wissenschaft- 
liche Erfahrung, geleuchtet hat. 

Inwieweit diese Erfahrung wieder gefordert worden ist durch seine 
theoretischen Überzeugungen, die ihm gestaltet haben, dai Erfahrungs- 
material zu ordnen, zu ergänzen und einem llmorctisrhen Redeutungs- 
Zusammenhang unterzuordnen, steht hier, wo es sich nicht um die Sphäre 
des wissenschaftlich-theoretischen Erkläreni haudeli, nicht zur Diskussion. 



Erfahren, Verstehen, Deuten in der Psychoanalyse 251 



Infolge der innigen Beziehungen jedoch, die zwischen der sinnhaften Gegen- 
standswelt des psychologischen Verstehens und der realen des psychologi- 
schen Erklärens herrschen, hat Freud aher auch durch seine Theorien- 
welt indirekt das Verstehen gefördert. Denn da seine Psychologie keinen 

zufälligen Zusammenhang „geistreicher Apergus", keine zufällige Häufung 
besonders interessanter oder abnormer Einzelheiten darstellt, sondern einen 
theoretischen Bedeutungszusammenhang, der die Totalität der Person in 
Vergangenheit und Gegenwart zu umfassen beansprucht, ist hier auch das 
Erfahrungsmaterial schon so geformt und geordnet, daß das Verstehen 
nun bereits ein System von Stützpunkten vorfindet, wie es vordem nicht 
bestand. — Wir kommen darauf zurück. 

III 

Was man von Buffon sagt, daß er nämlich aus den zerstreuten Elementen 
einer bisher esoterischen Wissenschaft ein System der Erde, eine Theorie 
der Natur, ein Kunstwerk der Epoche zu gestalten vermochte, daß er den 
Wert und die Überlegenheit des schöpferischen Genies auch in den Wissen- 
schaften bewies, seine große Beredsamkeit auf einen Gegenstand übertrug, 
dem sie bisher ganz fremd geblieben war, das Talent besaß, anderen seinen 
Enthusiasmus einzuflößen, und daß er die Naturgeschichte zur populärsten 
Wissenschaft von ganz Europa machte {Cuvier, Condorcet, Justi), das 
kann man mutatis mutandis auch von Freud und seiner Lehre sagen. Das 
Instrument aber, mit dem er diese Lehre schuf, und das er selbst erst 
erschaffen mußte, ist semDeutungsverfahren, dem wir uns nun zum 
Schlüsse zuwenden. 

Während die Geschichtswissenschaft schon längst eine besondere Methodik 
des historischen Forschens besitzt, die man etwa mit Droysen in Heuristik, 
Kritik und Interpretation (Auslegung) einteilen kann, und ebenso die Philo- 
logie ihre Methodik des philologischen Forschens (vgl. etwa Böckhs Theorie 
der Hermeneutik in seiner Enzyklopädie und Methodologie), so wartet die 
Personpsychologie noch auf eine derartige Besinnung auf ihre Methode, ja 
noch auf deren Ausarbeitung im einzelnen. Was wir davon besitzen, ver- 
danken wir größtenteils Freud. Und zwar ist es die psychologische Heuristik i^-^^£*^^g>^'(^ 
und Interpretation oder Hermeneutik im engeren Sinne, die er, gerade 
mit seinem Deutungs verfahren, am meisten gefördert hat, jedoch besitzen 
wir von ihm auch Ansätze zur Kritik. Die Heuristik schafft die Materialien 
herbei, sie ist die „Arbeit unter der Erde" (Niebuhr), die „Bergmanns- 
kunst, zu finden und ans Licht zu holen" (Droysen), die Herbeischaffung 



Ludwig Binswnnger 



(^) 



V 



des um Traum oder Krankheilssyiuploni grupiiicrten Krlebnismatcrinls (Tages- 
reste, Lebensgeschichte, Phantasien. Traumen, Freud). Die Interpretation 
oder hermeneutische Auslegung ist aucli in der Psydiolofjie niclit lediglich 
eine psychologische Auslegung, ein Deuten der „Motive luid Absichten", 
vielmehr gibt es auch hier eine sachliclie und pragmatische (Droysen), 
grammatische und genetische (ßöckh) Seite der Hermeneutik; man denke 
nur etwa an das Studium der Traumsprache als solcher, an das Aufzeigen 
der physiologischen und psychologisch-kausalen normalen und pathologisclien 
Bedingungen und Grundlagen des Krlebens. an die Ihitersucliuug der g(;isligen 
Strömungen der Nation und Familie, in der die Person steht, um zu er- 
kennen, wieviel Nichtpersonpsychologisches auch hier im berücksichtigen ist, 
wenn die Deutung wissenschaftlichen Ansprüchen genügen soll. 

Was Freud nun Deuten nennt, enthalt Bestandteile sowohl aus Er- 
fahrungsakten, als aus Akten rationalen Sthließens, als auch 
endlich aus eigentlichen Akten des psychologischen Verstehens. 
Zu den ersteren gehört alles, was wir durch Krfahnnig im bislier geschil- 
derten Sinn, also durch direkte Wahrnehmung und s])nicliUclie Kundnalime 
und deren Kritik über das Erleben der Person feststellen oder wissen. 
Hieran schließt sich nun aber eine bisher noch nicht erwähnte Art der 
Erfahrung an, die man als die psychoanalytische Heurisiik bezeichnen kann, 
und die zwar auch auf sprachlicher Kundgabe und Kiindnalime beruht, 
sich jedoch wesentlich von der sonstigen psychologisclieii l'>fahrung unter- 
scheidet. Es handelt sich jetzt um die „Einfülle" der Person, in denen 
dieselbe wohl etwas ausdrückt, nämlich den (ralionnlen) Sinn iider die 
Bedeutung von Worten oder auch Sätzen, mil deren Bedeutung sie aber 
nichts über sich selbst, über ihr eigenes Erleben, kundgibt oder, wenn ja, 
so doch außer sinnvollem Zusammenhang mil dem Ausgungserlebnis, im 
Anschluß an welches der Einfall erfolgt ist, Wir meinen die sogenannten 
„freien Assoziationen", von deren praktischer Bedeutung jedocli der Niclit- 

analjtiker sich in der Regel eine überlriebone Vorstellung macht, da sie 

fast immer von eigentlichen sprachlichen Kundgaben durc hbrochen u nd 
abgelöst werden. 

So gehen also bei der psychoanalytischen Heuristik im weiteren Sinn 
„gewöhnliche" psychologische l'"rfalirnngsakte mit solchen der spezifisclien 
psychoanalytischen Heuristik Hand in Hand, Alle zusiunnjen alior liefern 
uns das noch „gleichsam unparteiische'" (l'reudj Material, das zwar schon 
Hinweise für die Deutung enthält, und in das sich schon Akte des 
Deutens eingeschlichen haben mögen (weswegen es nocli (-iner besonderen 



Erfahren, Verstehen, Deuten in der Psychoanalyse 255 



Kritik zu unterwerfen ist), das aber doch erst die Grundlage für die 
psychologisch-hermeneutische Deutung, Auslegung oder Interpretation 

abgibt. 

Selbstverständlich bauen sich nun auch bei dem psychoanalytischen Vor- 
gehen schon auf den gewöhnlichen Erfahrungsaltten Akte des psychologi- 
schen Verstehens auf, und wird unter Umstanden auch auf Grund der 
spezifisch-psychoanalytischen Erfahrung und im Zusammenhang mit der 
gewöhnlichen einmal ein neues Verstehen aufblitzen, die Regel aber ist, 
daß jenes gesamte Erfahrungsmaterial erst gedeutet werden muß, um 
verstanden werden zu können. 
Q j Damit gelangen wir zu den zweiten Bestandteilen (vgl. oben S. 253) des 

^ Freudschen Deu tun gs Verfahrens, nämlich zu den „rationalen" oder „theo-_ 
retischen" Akten des Deutens oder Auslegens. 

Das Deuten oder Auslegen beginnt bereits mit der wissenschaftlich- 
systematischen Ordnung und Gruppierung des Erfahrungsmaterials nach 
rationalen Themen oder Sinnzusammenhängen (nach Traumthemen, Symptom- 
gehalten, objektiven Bedeutungsgehalten einer Handlung usw.), einer Ord- 
nung, welche die Person zum Teil schon selbst begonnen hat, zum Teil 
aber dem Ausleger überlassen muß; das letztere gilt insbesondere hinsicht- 
lich des spezifisch-psychoanalytisch-heuristischen Materials, nämlich den 
Einfällen. Diese Vorstufe der Deutung ist noch keine eigentlich psycho- 
logische Betätigung oder muß wenigstens keine sein, da sie (vorwiegend) 
mit rationalen Sinn- oder Bedeutungszusammenhängen zu tun hat. Die 
psychologische Auslegung beginnt erst da, wo wir in das so geordnete 
Material (seelisches) Leben hineinbringen, es nach seelischen (d. h. 
hier so viel wie nacherlebbaren) Möglichkeiten gruppieren. Zu dieser 
Gruppierung genügt aber das Erfahrungsmaterial allein nicht, wir bedürfen Qi^) 
jetzt einer „Ergänzung der Erfahrung" (aber immer unter weiterer 
Fortsetzung der Erfahrung mittels direkter Beobachtung der Person) durch 
Schlüsse, auf Grund von Analogien, Vergleichen, hj'pothetischen Ver- 
mutungen und eigentlichen Theorien, auf Grund also eines durch andere 
Erfahrungen gewonnenen Wissens und von Theorien über dieses Wissen. 
So entsteht der Freud zu Unrecht vorgeworfene, weil jeder Auslegung 
als solcher innewohnende „hermeneutische Zirkel", d. h. wir deuten, 
ganz allgemein gesprochen, das einzelne auf Grund eines schon voraus- /"cj 
gesetzten Ganzen, welch letzteres wir wieder aus einzelnem erst gewinnen, 
(Dahe^ die Wechselbeziehungen zwischen Analyse und Synthese und zwischen 
Induktion und Deduktion bei jeder Deutung oder Auslegung.) Doch hievon 



23 + 



Luilwip IJinswanf^er 



i! 



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sei jetzt nicht die Rede. Auf Grund des vorliegenden Krfahrungsniflterials 
und all jenes Wissens vermuten oder schließen wir nun, was etwa „zwisclien" 
oder „hinter" jenem Erfahrungsmiitrriiil vorgegiinf^en sein mag, wie es 
„zustande kam", was alles noch uiner näheren ])arl('giing hediirfte. Wir 
befinden uns hier in der Phase des „sekundiiren Deutens" im Sinne Hüber- 
lins, d. h. der sekundären wissenschaftlichen llearbeilung psychologischen 
Forschungsmaterials,' An das festgestellte nachcrlclibare und /.um Teil auch 
schon verstandene Erfahrungsmaterial reihen wir so schließend oder deutend 
neues Wissensmaterial, das wir in Akten imagjnierender oder ])hantasieren- 
der Vergegenwärligung wiederum in „konkretes" seeUsches Krlebcn einer 
konkreten Person „umsetzen". So tritt i. B. ein Stück des manifesten 
Trauminhaltes in Relation zu Themen des wachen Krlebens, der Gehalt 
einer Sj-mptomgruppe zu Inhalten der Lebensgeschichle, und zwischen 
beide Pole der Relation wird so ein Drittes eingeschoben, ein möglicher 
„unbewußter" Gedankengang. So erschließen oder deuten wir zwischen 
dem manifesten Inhalt von Freuds Traum von Irmas Injeklion einerseits, 
dem darum gruppierten Material der Tagcsresle andersLrits einen „unbe- 
wußten Gedankengang", etwa im Sinne eines „Plädoyers", erschließen 
oder deuten wir zwischen den Personen des Traums, ihren Reden und 
Situationen und denjenigen der sachlich „lugehürigen" Tagesreste seelische 
Regungen im Sinne von Racheimpulsen, Selbstverteidigungen, Sorgen und 
Wünschen, erschließen oder deuten wir zwischen der Angsl meiner Patientin 
Gerda (Jahrbuch III) vor dem Abreißen des Absatzes t'inerseils und den 
zeitlich und sachlich damit zusammenhängenden Stücken ihrer Ix;bens- 
geschichte anderseits auf das Fortbestehen einer (unbewußten) Angst, von 
der Mutter losgerissen zu werden, auf eine Angst vor dem Geboren werden, 
Gebären usw. Nun mögen auch hier schon Akte des Verstehens mitgespielt 
haben — es handeh sich für uns ja nicht um I'ragon des psy biologi- 
schen Prius oder Posterius realer Erlebnisse des Auslegers, sondern um 
Fragen des phänomenologischen WesenszusammenhangCB inienlionaler 
Akte, — das eigentliche psychologische Verständnis aber, das dem ganzen 
liermeneutischen Verfahren oder der hermeneutischen Operation (Schleier- 



i) Den (früheren) Spracbgcbraiicli Hüberliiii von einer primürcn Deutung (im 
Sinne der psychologischen Erfahrung-) inid dogftleichnn den SpruchRchroiich von 
Elsenhans und Spraiiger (Erkennung und \Vii!iifrgiibp (.■inr» Ciristigen aus sinnlich 
gegebenen Zeichen), welche dabei an Dilthey anknüpfen (l'.rkonnung rines Inneren 
aus Zeichen, die von außen gegeben »ind). diesen ganzen Si)rni^bgübrauch leimen wir 
US saclüichcn und tenniiiolugischcn Gründen ab. 



Erfahren, Verslehen, Deuten in der Psychoanalyse 



= 35 



macher) die Krone aufsetzt, und um dessentwillen der ganze Apparat in 
Bewegung gesetzt worden ist, tritt erst da auf, wo ein „sinn voller^ Moti- 
vationszusammenhang'" hergestellt ist, wo das eine Glied der Relation 
der Gehalt des Traumstückes oder Symptoms nach einer apriorischen 
Vernunftgesetzlichkeit, d. h. eben sinnvoll, als hervorgehend aus 
dem Gehalt des anderen Gliedes, also etwa eines Racheimpulses, Wunsches, 
angstvollen Erlebens o. dgl. erfaßt wird. Dabei dürfen wir aber nie ver- 
gessen, daß es sich hier keineswegs um gleichsam isolierte oder für sich 
bestehende „verständliche Zusammenhänge" im Sinne von Jaspers handelt, [ 
die ja nur Hilfskonstruktionen darstellen, sondern wesensmäßig immer auch 
um die Intention auf ein Ich, das, um mit Pfänder zu reden, die von 
dem motivierenden Erlebnisgehalt ausgehende „Forderung ' vernimmt oder 
„sich einverleibt", sich auf diese Forderung stützt und den geforderten 
Akt in Übereinstimmung mit der ideellen Forderung tatsächlich vollzieht. 
Wir sehen, das Verstehen als Verstehen ist durchaus kein anderes, ob es 
sich nur auf reine Erfahrungsakte oder auf ein „Gemisch von Erfahrungs- 
und Deutungsakten oder eventuell auch auf reine Deutungsakte (was 
praktisch aber kaum vorkommt) aufbaut oder von ihnen fundiert ist. Grau- 
mann, der einzige, der das Verstehen phänomenologisch genau untersucht 
hat, hat meines Erachtens einwandfrei nachgewiesen, was ja auch bei 
streng phänomenologischer Einstellung a priori einsichtig ist, daß sich am 
Akt des Verstehens nichts ändert, von welchen Akten es auch immer 
fundiert sein mag. Das psychologische Verstehen kann sich also, muß sich 
aber nicht an tatsächlich erfahrenem, „realem", seelischem Material voll- 
ziehen, es sagt aber^uch dann nichts aus über die Wirklichkeit seelischen 
Geschehens oder Erlebens, sondern, wie wir sahen, über den ideellen Sinn, 
in welchem die Gehalte der von einer Person vollzogenen seelischen Er- 
lebnisse zueinander stehen. Ist das Material, auf dem sich das Verstehen 
aufbaut, nicht erfahren, sondern nur gedeutet, ja auch nur phantasiert, so 






1) Was Freud sinnvoll („Sinn", „Bedeutung") nennt, bezieht sich zunächst nur 
auf nacherlebbare Motivationszusammenhänge. Ein psychisches Erlebnis ist für ihn 
to ipso d. h. ex deßnitione, sinnvoll; sein Sinn ist erfaßt, wenn sein Motivations- 
zusammenhane iiacherlebbar erfahren oder gedeutet ist. Den Unterschied zwischen 
Nacherleben und Verstehen und den damit zusammenhängenden zwischen realem 
Erlebnisiusammenhang uaid ideellem Sinniusammenhang kennt Freud nicht. Was 
wir hier Sin» nennen, muß streng geschieden werden von jedem teleologischen 
oder finalen Simi, d. h, von jedem, sei es von der Person seihst, sei es von dem 
Ausleger , eingelegten" Zweck, und somit von jeder „prospektiven Tendenz", „Leit- 
linie" usw. 1 



X 



256 



Ijudwig llinswan^cr 






bleibt auch hier das Versiehen immer ein Versieben in dem eben er- 
wähnten streng präzisierten Sinne. 

Damit ist das Verhältnis zwischen Erfahren, Deuten und Verstehen in 
der Psychoanalyse klargeworden. Ks zeigt sirh dah^i, diiß es, streng ge- 
nommen, nicht richtig ist, das ganze hernieneulisclie Verfalircn als Deutung 
zu bezeichnen, da es Akte des Erfahrens, Deutens und Verstehens enthält; 
aber noch weniger richtig scheint es uns zu sein, das liciiiieiieutische Ver- 
fahren als solches ein Verstehen zu nennen, wie e> Schleiermacher, 
Böckh, Dilthey getan haben (die hier aber auch oft von einem Deuten 
sprechen), und wie es heute noch Spranger tul, dessen „Verstehen" ein- 
zelne Denkakte uud Schlüsse „enliiäU" I ' Wir sehen ferner, daß es nach 
unserer Auffassung nicht richtig ist, das Deuten als ein unvollständiges 
Verstehen zu bezeichnen (Jaspers) und versK-hen vollends nicht, wenn 
wir neuerdings hören, Deuten heiße, „die im Akte dps Verstehens erfaßten 
Zusammenhänge in die Sprache des Begriffes kleiden" (AJIers). Gerade 
dieses Beispiel zeigt, wie wichtig, ja unerläßlich, es lieule ist, bei solchen 
Untersuchungen stets den phänomenologischen 'i'athesifind im Auge zu 
behalten." 

Zum Schlüsse müssen wir uns nur noch einige lleziehungen klarmachen, 
wie sie zwischen den Gegensiandswelteti des Krfahrcns, Dcutpiis und Ver- 

( Stehens bestehen. Die Krönung des ganzen Verfahrens ist, so sahen wir, 
das Auftreten des psychologischen Verstehens, also die Krfiissung der ideellen 
I Sinnbeziehungen zwischen den dehallen realer ])6yrhis( her l'LrU'biiisse einer 
i diese Erlebnisse vollziehenden realen l'erson, Dieses Verstehen kann, ebenso 
wenig wie durch Erfahrung begründet, in Erfahrung umgesetzt werden 
oder sich durch Erfahrung bestätigen ; denn ideclh? Siiin/.nsainnienhünge 
^existieren" im Reiche des Geistes und sonst nirgends. Hingegen kann das 
Resultat der Deutung in Erfahrung umgesetzt werden und wird es in 
jeder praktischen psychoanalytischen Dperalinn mehr oder weniger um- 
gesetzt (vgl, auch jenes „Das habe ich immer gewulii" unserer Kranken). 
Jedoch existieren auch hier Grenzen. Wiihrend aber v,wi8i:hen der Welt 



1) Nur bei Droysen finde ich di« Trciiiiim^ nvi«clii'ii hinein Vrrsleht'n als 
^logischem Mechanismug", womit er die lieniipiipiitiiicln' (>|)i-rntinii uU Giiiura meint, 
und einem Verstehen als Vemliindnisakt: „Uiplrr nrfolpt nntrr doti ilnr^clcgtcii Bc- 
din^ngen als unmittelbare Intuition, nls tiiiiclii- sicli .Si-i'lc in Seele, stiuipfcrisch 
wie das Empfängnis in der Begattung." (Ilistorik, ]'itriigni|ili 11.) 

3) Es ist aber zugegeben, daO dieier Tatbesland, gerade in weit «r den Akt des 
Deutens überhaupt imd dt-a Uentens der PemoiipuYrliologip im S|ieiiRllcn betrifft, 
noch wenig aufgehellt ist. Die betten Hinweise linden sich wiodvi'uiii bei Gruiiniaiiu. 



Erfahren, Verstehen, Deuten in der Psychoanalyse 357 



des Verstehens und derjenigen der Erfahrung (im Sinne der Erfahrungs- 
wissenschaft) prinzipielle, im Wesen der betreffenden Akte gründende 
Grenzen herrschen, sind die Grenzen zwischen den Gegenständen der 
Deutung und denjenigen der Erfahrung verschieblich. Das „psychologische" 
Deuten, im Gegensatz zum naturmythologischen, religiösen usw., meint ja 
einen faktisch möglichen Erfahrungsinhalt, richtet sich ja auf etwas als 
Inhalt einer möglichen Erfahrung, es hat also eine positive Beziehung zum 
möglichen Erfahren. Die Grenzen liegen hier nicht im apriorischen Gebiete 
der Aktgesetze, sondern in dem empirischen der realen Sachwelt, die in den 
Akten aufgefaßt werden soll. Der reale psychologische Sachverhalt, „reale" 
psychologische Gesetzmäßigkeiten sind es, die hier Schranken setzen. Diese 
Schranken sind vom Deuten zum Erfahren hin verschieblich und es hängt 
von der jeweiligen wissenschaftlichen Persönlichkeit des Forschers ab, wie weit 
er die Grenzen der Deutung über die mögliche Erfahrung hinaus verschieben 
will. „Aber gerade auf diesem Gebiete gilt", um mit Schleiermacher zu 
reden, „das sonst ziemlich paradoxe Wort . . ., daß Behaupten weit mehr 
ist als Beweisen", womit gesagt sein soll, daß das „divinatorische" Verfahren 
hier nicht zu sehr zugunsten des „demonstrativen" eingeschränkt werden 
darf. Jedenfalls begreifen wir jetzt sehr gut, wie man das Deuten in der 
Psychoanalyse als ein „Als-ob-Erfahren" (Graumann) bezeichnen kann, 
vielleicht auch als ein „Noch-zu-Erfahren", wir sehen aber deutlich, daß 
man es auf Grund unserer Auffassung nicht bezeichnen kann als ein 

Als-ob- Verstehen" (Jaspers). 

* 

Bedenken wir, daß Erfahren, Deuten, Verstehen nur die personpsycho- 
logische Seite der Forschungen Freuds betreffen, also nur dasjenige Studium 
des Menschen, dessen Endziel es ist, ihn zu verstehen, und dessen Methode, 
die Wege zu diesem Verstehen aufzuweisen, und bedenken wir, daß wir 
alles ausgeschlossen haben, was sich auf das naturwissenschaftliche, also 
dynamische, psychologisch-genetische, physiologische, biologische und ent- 
wicklungsgeschichtliche Erklären in seinem Lebenswerk bezieht, so be- 
wundern wir den Mut, der so Großes gewollt, den Geist, der es gedacht, 
die Kraft des Willens, die es ausgeführt. 



Zur psychoanalytischen Auffassung 
der Intelhgenz 

Von 

Raymond de Saussure 

Genf 

Wir haben nicht die Absicht, in dorn engen Rahmen di.ses Artikels 
eine Theorie der Intelligenz zu geben und sie durch alle da/u notwendigen 
Argumente zu stützen. Wir moch.en nur üh.r den hritrag Hechenschaft 
geben, den die Psychoanalyse zu dem so scliwit-rig.n Probl.-ni der Jnlelligenz 
gehe ert hat. und möchten zeigen, welche, neue Licht «ie noch auf dieses 
dunkle Gebiet werfen kann. 

Von allen Verdiensten, die die Psychologen de. zwanzigsten Jahrhunderts 
Freud zuerkennen werden müssen, wird eines der grüßten gewiß jenes 
sein, daß er die inteJIeklualistische Psychologie, die in den letzten zwei 
Jahrhunderten Überwogen halte, endgüllip stürzte. Die Psychoanalyse hat 
uns nicht nur gelehrt, daß Gefühle nicht aus dem Intrllekl m erklaren sind. 
sondern auch, daß man hinter jeder intellektuellen Krschr'inung determinie- 
rende affektive Ursachen zu suchen hat. Ungeheuer ist der Dienst, den 
Freud der Wissenschaft durch diesen allgonu-inen Nnthweii erwiesen hat. 
auch wenn er nicht dazu gelangt ist, eine spezidliulVcliüIogie der Intelli- 
genz aufzustellen. Wenn aber auch Freud das uns hier interessierende Problem 
nie in seiner Gesamtheit direkt angegriffen hat. so hat er es durcli sein 
bewunderungswürdiges Werk für uns urbar gemacht, indem ..r sein Genie 
auf eme Menge der Intelligenz verwandter Krscheinungen gerichtet hatte. 
Überblicken wir seine und seiner Schüler Arbeilen, um uns besser von 
dem schon durchlaufenen Wege Rechenschaft abzulegen. 

Em erster Punkt, den zu betonen wir für wichtig halten, ist. dnß die 
Intelligenz etappenweise zum objektiven Denken schreitet. Im 



Zur psychoanalytischen Auffassung der Intelligenz 239 



Jahre igao hat Freud in seiner grandiosen „Traumdeutung" zuerst gezeigt, 
daß die Intelligenz sich durch eine Reihe von miteinander diu-ch affektive 
Kausalität verbundenen Symbolen äußern kann, im Gegensatz zu ihrer Arbeits- 
weise auf der Ebene der äußeren Realität, wo sie kontrete Erscheinungen 
durch konstante und logische Beziehungen zu verbinden sucht. Diese Unter- 
scheidung zwischen einem logischen und einem affektiven Denken mußte Freud 
zu der Beobachtung führen, daß in allen hysterischen und psych asthenischen 
Symptomen sowie in den Fehlleistungen und dem Witz die Affektivität 
ohne Wissen des Individuums in sein Urteil einzudringen versucht. Da- 
durch hat er in einer augenscheinlichen Weise die Rolle des Gefühls in 
unserem logischen Denken betont. Diese grundlegende Beobachtung hat 
Bleuler und seinen Schülern ein neues Licht auf die Pathologie der Schizo- 
phrenie zu werfen und Piaget mit Hilfe von sinnreichen Tests die ver- 
schiedenen Etappen der Intelligenzentwicklung des Kindes zu studieren 
erlaubt. Piaget beobachtet, daß das Kind, bevor es eine soziable und an 
die Realität angepaßte Sprache besitzt, von der Außenwelt nur jene Elemente 
aufnimmt, die seinem Egozentrismus und Autismus dienen. Bleuler stellt 
fest, daß der von der Umwelt in seinen Gefühlen gekränkte Geisteskranke 
sich von der äußeren Realität abschließt, um sich in das autistische und infantile 
Denken zurückzuziehen. Freud und Abraham heben hervor, daß die Ein- 
stellung zur Außenwelt letzten Grundes mit den Erscheinungen der Sexualität 
verbunden ist. Das Individuum wendet sein Interesse in dem Augenblick der 
Außenwelt zu, als die Libido von der narzißtischen zur Objektstufe aufsteigt. 
Verletzt die Außenwelt das Individuum, so wirft sie es in das narzißtische 
Stadium und in den Autismus zurück. Das ganze Problem der Intelligenz 
scheint somit durch die normale Entwicklung der Triebe, und insbesondere 
des Sexualtriebes, bedingt zu sein. 

Es folgt daraus, daß verschiedene Fähigkeiten des Individuums von der 
Art abhängig sind, in der es seine Konflikte zu lösen gewohnt ist. Ein 
von Kind auf introvertiertes Individuum wird der Außenwelt gegenüber 
gleichgültig bleiben, wird sie skotomisiert haben. Der Affektive hingegen, 
der seine Libido auf sich zurückgezogen hat, wird eine Fähigkeit zur In- 
troiektion entwickeln können, die ihm sehr nützlich sein wird, wenn es 
ihm gelingt, seinen Konflikt zu objektivieren. 

Ein Individuum, das diametral entgegengesetzt reagiert hat, das seinem 
Konflikt durch Beobachtung der Außenwelt zu entweichen versucht, wird 
immer die Tendenz haben, sein Innenleben, seine psychologische Reaktion 
zu skotomisieren. Es wird gar keine Begabungen zu introjektiven Wissen- 



2 4<* 



Rayiiuiiul de Siiussurt? 



Schäften aufweisen. Sein Geist wird sicli mit Vorliebe konkreten Tatsachen 
zuwenden, an die es sich heften kann, um vor sich selbst zu fliehen. 

Man sieht aus diesen Beispielen, die man beliebig vermehren könnte, 
daß das Interessenspiel und folglich auch die Hichlung der Intelligenz 
in konstanter Abhängigkeit von der Hichlung ist, in der die Libido des 
Individuums sich entwickelt hat. Das ist in sehr interessanter Weise schon 
von Melanie Klein bezüglich der intellektuellen Entwicklung eines kleinen 
Kindes gezeigt worden.' 

Wenn die Psychoanalyse nur die Interessensphären eines Individuums 
erklärt, so erschöpft sie damit noch nicht alle Quellen seiner Intelligenz. 
Man muß außerdem mit ebenso großer Aul'merksauikeit die verschiedenen 
Formen des Gedächtnisses, dieses für das gute Funktionieren der Intelli- 
genz so wichtigen Instrumentes, studieren. Die Psychoanalyse lehrt uns, 
daß das Gedächtnis nicht nur in hohem Grade von unserer Affektivität 
abhängig ist und nur behält, was uns vom vitalen Standpunkt interessiert, 
sondern auch, daß unsere Gedächtnisfähigkeil von der I''instiniung abhängig ist, 
die wir unseren Mitmenschen gegenüber einnehmen. Kin vom Minderwertig- 
keitskomplex beherrschter Gelehrter wird alle gegen seine Theorien gemachten 
Einwände behalten, im Gegensatz zu einem Forscher, der mit seiner Auf- 
fassung durchdringen will, und die Tendenz hat, die Gedankengange seiner 
Kollegen zu skotomlsieren. Er wird unwillkürlicli alle Kinschrankungen seitens 
der Kollegen gegen seine Theorie, sogar die berechtigtsten, vergessen. Aus 
diesem Mangel an Objeklivität unseres Gedäclitnisses folgt ein ebensolcher 
in unseren wissenschaftlichen Anschauungen. Man sieht daraus wieder, bis 
zu welchem Grade unsere Intelligenz von unserer Adektivität abhängig ist. 

Erinnern wir uns auch der Arbeiten von Rodö^ und Hormanii,^ die 
den Einfluß unserer Gefühle sogar auf die normativen und logischen Formen 
unseres wissenschaftlichen Denkens aufgezeigt haben. 

Ich kann diesen kurzen Überblick niclit abschließen, ohne die Gedanken- 
gänge des leider verstorbenen J, Varendonck au/.ulührcn. Kr war es sicher- 
lich, der die vollständigste psychoanalytische Untersuchung der Intelligenz 
versucht hat. Man kann sich aber ihm gegenüber nicht des Vorwurfes er- 
wehren, daß er die Begriffe des Intellektualismus bchallen hat, um sie an 
Hand der Freudschen Lehren zu analysieren, slali, was nützlicher gewesen 



i) Melanie Klein: Eine Kinderentwicklung. Imago, Bd. VII, S. 351 ff. igai. 
z) Rad6; Die Wege der Natiirforschung im Lichte der Piychoanalyse. Imago, 
Ed. VIII, S. 401 ff. 

3) Hermann; Psych oanalyio und Logik. (Imago-Büclior VII.) 



Zur psychoanalytischen Auffassung der InteUigenz 241 

wäre, vollkommen mit der Vergangenheit zu brechen und eine mehr um- 
fassende, durchgehende Analyse der Intelligenz zu geben.^ 

Hermann,^ einer der wenigen Psychoanalytiker, die die Gesamtheit des 
Intelligenzproblems angegangen haben, bemerkt, daß das Individuum in der 
Gefühlswelt in unangepaßter Weise reagieren kann {z. B. durch Introversion 
infolge eines Liebeskummers), ohne dabei aufzuhören, ein intelligenter Mensch 
zu sein. Er möchte aus diesem Grunde das Streben, unsere Triebe den An- 
forderungen der Außenwelt anzupassen, vom Komplex der Intelligenz trennen. 
Dieses Problem würde sich hauptsächlich auf den „tiefen Gedanken be- 
ziehen und seine einzige Wirkung auf die Intelligenz wate, unsere Interessen- 
sphären, folglich das Feld, auf dem unsere Intelligenz sich geltend macht, 
zu beschränken. Dieser Standpunkt kann gewiß vertreten werden, ist aber 
von der Definition abhängig, die man dieser Funktion gibt. Man kann jedoch 
Hermann darauf hinweisen, daß unsere Objektivität auf dem ganzen Ge- 
biete der Psychologie und unserer praktischen Aktivität um so größer ist, 
je besser wir unsere Triebe der äußeren Realität anzupassen wissen. Es 
folgt aus dieser Tatsache, daß wir gar keine Schwierigkeit darin sehen, 
die Sternsche Definition beizubehalten, nämlich daß „die Intelligenz jene 
allgemeine Fähigkeit des Individuums ist, seinen bewußten Gedanken auf 
neue Aufgaben zu richten; säe ist jene allgemeine Fähigkeit, uns neuen 
Lebensbedingungen und Problemen anzupassen " .3 Im übrigen ist diese 
Definition der von Claparede sehr ähnlich: 1) „Die Intelligenz ist die 
Fähigkeit, durch das Denken neue Probleme zu lösen";* 3) „Die Intelligenz 
ist ein durch mangelhafte Anpassung hervorgerufener geistiger Prozeß, der 
dazu bestimmt ist, das Individuum wieder anzupassen, indem er die neue 
Lage, vor der das Individuum sich befindet, löst. 5 

Man sieht, daß für Claparfede die Intelligenz nur eine vikariierende 
Tendenz ist, die nur dann an der Reibe ist, wenn ein Hindernis auftritt. 
Seine zweite, ganz allgemeine Definition ist vollkommen geeignet, für die 
Anpassung der Triebe verwendet zu werden. Ich, für meinen Teil, würde 
dieser Definition noch hinzufügen: „. . . durch eine den Anforderungen 
der Außenwelt adäquate Lösung." 



j\ Vffl. Varendonck; L'Evolution des Facultes conscientes. Alcaii, Paris 1921. 

a) Hermann: Intelligenz und tiefer Gedanke. Internationale Zeitschrift für Psjcho- 
analyse, Bd. VI, S. 193. 1920- 

5) Stern: Die psychologischen Methoden der Intellige^^prüfung. S. 3. Leipzig igiz, 

4) Claparfede: Psychologie de rintelligence. „Scientia", p. 555. 1917. 

g) Claparfede: De diverses cat^gories de tests mentaux. Arch. Suisses de Neuro- 
logie et de Psychiatrie, p. 102. 1917. 

Imago XII. 16 



242 



Raymoml da Siuissurc 



Das Problem, das dann auftaucht, ist, ob die Intelligen?. eine automatisch 
sich ergebende Resultierende, eine Art von Epiphiinomen ist, das durch den 
Antrieb unserer Triebe und die Anforderungen der kuüeren Uealität bedingt 
ist, oder ob sie im Gegenteil eine besondere Aktivität sui generis ist, die 
uns erlaubt, Probleme vorauszusehen. 

Schon die Tatsache, daß wir manchmal zweifeln oder daß wir fähig 
sind, uns ein Problem auDerbnlb jeder vitalen Notwendigkeil zu denken, 
bringt uns zur Annahme, daß die Intelligenz als eine unabhängige Aktivität 
erscheint, deren Natur und ßetaligungsweisen wir bestimmen müssen. 

Claparede betrachtet im ersten der oben angeführten Aufsätze die 
Intelligenz als eine triebhafte Aktivität in dem Sinne, daß sie wie ein 
automatischer Auslöser einer ganzen U(-ilie von realen und geistigen Tast- 
versuchen wirkt, die solange fortgesetzt werden, bis das Individuum sich 
wieder angepaßt fühlt. 

Von der Definition, die man dem Triebe gibt, hängt es natürlich ab, 
ob man das Recht hat. die Intelligenz auf eine triebliafle Aktivität zu be- 
schränken. Jeder weiß, welche furchtbare Verwirrung bezüglich dieses Be- 
griffes besteht; ich habe andernorts gesagt,' warum ich midi iin die folgende 
Definition Freuds halte: „Der Trieb ist ein periodischer innerer 
Reiz, der auf eine adäquate Reaktion hin. eine spezifische Lust 
erzeugt". Ist diese Definition mit der eben b(;schriebenen Auffassung von 
der Intelligenz zu vereinbaren? Das ist das Problem, das wir untersuchen 
möchten. 

Entspricht die Intelligenz einem periodischen Wv'vi.} Halten wir uns an 
die Definition Claparides, so konstatieren wir, daß die Inielligenz jedes- 
mal dann auftritt, wenn der Organismus oder das Denken unbefriedigt ist, 
d. h. wenn es sich unangepaßt fühlt, Ist dies also ihre Aktionswreise, SO 
muß sie durch jeden Trieb ausgelost werden können. Die Triebe erscheinen 
also als Kräfte, die das Individuum erregen und eine intellektuelle Betäti- 
gung auslösen, um eine Befriedigung zu erzielen. Wenn niini nälier zusieht, 
bemerkt man, daß der Trieb manchmal Automatismen, manchmal dit- Intelli- 
genz in Bewegung setzt. Je höher ein Individuum in der Tierreihe steht, um 
so eher wird der Trieb die höheren Fähigkeiten in Bewegung setzen. 

Es ist hier der Ort, die Bemerkung einzuschalten, daß der Trieb nicht 
immer von innen, durch die Drüsenwirkung, geweckt wird, sondern daß 



i) Siebe R. de Saussurei Evolution siir In notioii d'initiiict (crschBint im II. Band 
der „Evolution psychiatique«. Poyot, Paris igaß). 



Zur psyclioanalytischen Auffassung der Intelligenz 243 

er durch einen äußeren Reiz in Bewegung gesetzt werden kann. So wird 
ein Hühnchen den hingestreuten Sand aufpicken, weil es daran gewöhnt 
ist, daß ihm Getreidekörner hingeschmissen werden. Der Automatismus 
wird sogar durch einen inadäquaten Reiz geweckt. Der hungrige Mensch 
hingegen wird nicht den ersten besten Gegenstand essen, sein Appetit wird 
seine intellektuellen Kräfte in Aktion setzen, die ihn über die beste Art, 
sein Bedürfnis zu stillen, belehren werden. Wir sehen also, daß es beim 
Menschen wie bei vielen höheren Tieren zwischen dem Reiz und der Be- 
friedigung des Triebes eine Reihe von Schritten der Intelligenz gibt, wäh- 
rend das niedere Tier nur eine Aufeinanderfolge von Automatismen besitzt. 
Der Irrtum vieler französischer und englischer Gelehrten, die in ihrer 
Sprache nicht — wie im Deutschen — „Trieb" und „Instinkt" unter- 
scheiden, war, den Trieb als Reiz und die vom Individuum zur Befriedi- 
gung des Reizes unternommenen Schritte immer als ein einziges Problem 
behandelt zu haben. Es folgte daraus eine Menge von Diskussionen über 
den vererbten Automatismus und die Intelligenz, die im Grunde dem 
wahren Problem des Triebes fern liegen. 

Es folgt aus dem obigen, daß die Intelligenz sowohl durch Triebreize, 
als auch durch äußere Wahrnehmungen ausgelöst werden kann. Im ersten 
Fall hat sie die Aufgabe, in der Außenwelt eine Befriedigung zu suchen, 
im zweiten, die Wahrnehmung für die Befriedigung des Organismus zu 
verwenden. Sie hat also keinen spezifischen Reiz. Sie wird durch alle Reize 
des Organismus oder der Außenwelt in Bewegung gesetzt. Sie bietet auch 
keine spezifische Befriedigung, da sie allen Trieben dient. Ihre Rolle ist 
jedoch nicht auf die einer Magd beschränkt. In gewisser Hinsicht ist sie 
Herrin. An unsere Intelligenz wird jeden Augenblick von vielfachen Reizen 
appelliert, Sie kann nicht gleichzeitig auf alle Rufe antworten, oder besser 
gesagt, sie kann nicht diese Menge von Empfindungen beschwichtigen, indem 
sie sie sofort und alle gleichzeitig in Bewegung verwandelt. Da sie nicht im 
Dienste eines einzelnen, sondern der Gesamtheit unserer Triebe stellt, muß sie 
die Handlung verzögern, unseren Organismus disziplinieren, um gleichzeitige 
Reaktionen durch aufeinanderfolgende zu ersetzen. Sie ist eine höhere 
Instanz, die unsere Empfindungen und Reaktionen organisiert, diszipliniert 
und den Anforderungen der Außenwelt anpaßt. Diese komplizierte Aufgabe 
ist es, die ihr ein so verschiedenes Gepräge gibt, und welche ein einheit- 
liches Bild über ihre Natur so schwierig macht. 

Da die Intelligenz eine so komplizierte Funktion ist, kann sie auf eine 
gewisse Anzahl elementarer Funktionen zurückgeführt werden. Diese müssen 

i6' 



2 44 



Raymond de Suussuro 



nach physiologischen Funktionen des Gehirnes bestimmt werden und nicht, 
wie man es tat, nach Eigenschaften, welche die intelleklualistische Psycho- 
logie der vorigen Jahrhunderte aufgestellt halte. Küliron wir uns diese 
Funktionen vor Augen. 

I) Die M^ahrnchniung 

Jeder unserer Sinne wirkt wie ein Trieb, indem er eine besondere Empfin- 
dung weckt, die ihrerseits eine Neugierde bedingt und uns dazu treibt, sich 
ihr anzupassen, d. h. sich Rechenschaft abzugi-ben, woher sie stammt, was 
sie bedeutet und auf welche Weise wir ihr gegenüber zu reagieren haben. 

Die Wahrnehmung unterscheidet sich jedoch darin vom Triebe, daß der 
sie erregende Reiz nicht von innen, sondtrrn von außen kommt. Nichts- 
destoweniger bleibt bestehen, daß wir nicht umhin können zu sehen und zu 
hören und daß wir nur dann befriedigt sind, wenn wir uns diesem Gesichts- 
eindruck oder diesem Ton angepaßt haben, d. h. wenn wir ihre Bedeutung 
verstanden haben. Wenn wir einen Gegenstand undeutlich im Schatten 
sich bewegen sehen, wird der Gesichtssinn erst in dem Augenblick wirklich 
befriedigt sein, wenn wir begriffen haben werden, weither Gegenstand es 
war. Der unbestimmte Eindruck hat eine An Neugierde geweckt, eine 
Art von Walirnehmungsbedürfnis, das seine Hefricdigung mit ebensolcher 
Macht verlangt, wie andere Elementarbcdürfnisse unseres Organismus. Auch 
hier löst ein physiologischer Reiz, je nach dem, einen Automatismus oder 
eine intellektuelle Arbeit aus. um von dem groben Eindruck (scmaüorO 
zur Erkennung (recognition) überaugehen. Es ist verslandlich. daß ein Indi- 
viduum um so mehr seine Intelligenz entwickeln wird, je anspruchsvoller es 
in »einen Wahrnehmungen sein wird. 

II) Die Halluzination und das Gedächtnis 
Wir behandeln diese zwei Erscheinungen im selben Kapitel, weil wir 
von ihrer nahen Verwandtschaft über/,eugl sind. Das Kind beginnt, wie 
Freud gesagt hat, damit, seine Erinnerungen zu halluzinieren, und es 
gelingt ihm erst später, einen BegrilT vom afiektiven Schlamm seiner per- 
sönlichen Erinnerungen abzulösen. 

Bühler' führt die Definition eines Wagens an. die ihm ein fünfjähriges 
Kind gegeben hat: „Ein Wagen ist, wo Menschen hercinsteigen, man schlägt 
das Pferd mit der Peitsche, dann läuft es." Das Kind wiedererlebt bezüglich 



Bühler, Die geistige Entwicklung de» Kinde*, a. Aufl., S. 406- '9" 



Zur psychoanalytischen Auffassung der Intelligen?. 245 



eines jeden Bestandteiles eine Erinnerung. Aber noch andere Tatsachen 
sprechen für die Verwandtschaft von Gedächtnis und Halluänation. 

Varendonck' unterschied zwei Arten von Gedächtnis: ein synthetisches 
und ein automatisches oder dublierendes. Das Gedächtnis der zweiten Art 
funktioniert im allgemeinen ohne unser Wissen, es enthält die vollständige 
Erinnerung unserer Gedanken und Gefühle. Es ist in dem Sinne mit einer 
Halluzination zu vergleichen, als es sich durch eine Reihe von Bildern 
kundtut, die für Wirklichkeit genommen werden, sobald wir zerstreut sind. 
Das synthetische Gedächtnis scheint nur eine Weiterentwicklung dieses 
primitiven Gedächtnisses zu sein. Diese Funktion könnte noch insofern die 
der Automatisierung genannt werden, als die Intelligenz sich ihrer bedient, 
um dem Gesetze des geringsten Aufwandes zu entsprechen. Statt eine neue 
Anpassungsarbeit zu leisten, erzeugt sie eine alte Erinnerung. Es ist das 
eine Äufwandersparnis, die oft aber auch Neuerwerbungen verhindert. Wir 
versuchen instinktiv unsere Reaktionen zu automatisieren. Wenn ein Kind 
eine neue Bewegung kennen lernt, so wiederholt es sie unaufhörlich. Ähnlich 
können wir uns dabei ertappen, wie wir in einem fremdsprachigen Land 
gewisse uns neue Worte unwillkürlich fortwährend wiederholen. Jede innere 
oder äußere Wahrnehmung weckt eine gewisse Anzahl neuer Automatismen. 
Die intellektuelle Arbeit besteht darin, einerseits die unnützen zu hemmen, 
anderseits diejenigen Automatismen zu wählen, welche eine normale und 
nützliche Ableitung jener Empfindung darstellt. Diese triu also immer als 
eine Energie auf, der man einen Kraftaufwand entgegenbringen muß, damit 
sie ihren Reizcharakter verliert. 

III) Die Hemmung 
Man weiß, daß ein Teil des Gehirnes der Hemmung der Rückenmarks- 
reflexe dient. Ebenso dient die Intelligenz zum Aufschieben einer Menge 
von automatisch durch Empfindungen ausgelösten Handlungen. Ihre Auf- 
gabe ist, Probleme zu ordnen und diejenigen in den Hintergrund zu rücken, 
denen sie eine sofortige Lösung nicht geben will. Man kennt die riesige 
Rationalisierungsarbeit, die durch Verdrängung der Triebe ausgelöst wird. 
Um gegen den Ansturm der Libido einen kräftigeren Damm zu errichten, 
ersinnt die Intelligenz große moralische und metaphysische Systeme. Freud 
nimmt an, daß die Verdrängung von unserem Über-Ich ausgeht, einem 
Überrest der Phase der Identifizierung mit den Eltern. Diese Unterscheidung 

1) Loc. cit 



246 



Raymond de Öaussure 



eines Ich, eines Über-Ich und eines Rs, diese ithilosophiscli anmutende Ter- 
minologie scheint mir ersetzbar durch die psycliologische ]''()rmu]icrung. daß 
die Gefühle der Identifizierung mit den Ehern eine Beschränkung der 
Triebe auslösen und die Intelligenz in der Weise anregt, daß sie die 
Hemmungsautomatismen vervielfacht, diese durch moralische, religiöse und 
philosophische Lehren systematisiert. Mit anderen Worten, die Intelligenz 
ist verpflichtet, um sich gegen Automatismen zu wehren, die der Druck 
der Triebe auslöst, ein Netz von entgegengesetzt gerichteten Aulomatismen 
zu schaffen, die sie vor dem Ansturm der Libido schützen. Außer di>r Holle 
der elterlichen Autorität ntuß auch der Wunsch, an das soziale Milieu an- 
gepaßt zu sein, in Rechnung gezogen werden. 

IF) Die Anpassung 

Die vierte Funktion der Intelligenz scheint uns die Anpassung zu sein. 
Wir verstehen darunter, einerseits einen ständigen Aufwand, um Wahr- 
nehmungen und Erinnerungen zur Befriedigung der Triebe zu verwenden, 
anderseits ein ununterbrochenes Betreiben, das Drangen des Triebes den 
Möglichkeiten und Anforderungen der Außenwelt entsprechend zu ordnen. 
Man wird uns vielleicht vorwerfen, daß wir dem Wissensdrang niclit ge- 
nügend Rechnung tragen, wir meinen aber, daß or sicli gleiclizeitig durch 
die Funktion der Wahrnehmung und die der Anpassung erklären läßt. Es 
genügt zu bemerken, daß die Intelligenz sich von unmillelbaren Trieb- 
bedürfnissen abwenden kann, um sich einer niclit dem persönlichen Interesse 
dienenden Aktivität zu widmen. Die Kompliziertheit des Intclligenzproblems 
liegt unter anderem darin, daß alle vier angeführten Funktionen im Spiele 
sind, sobald die Intelligenz in Aktion tritt. Will sie eine neue Aufgabe 
erfüllen, so muß sie genau die Anforderungen des Problems wahrnehmen, 
Erinnerungen wachrufen, die mit dem Problem vcrbumlen sein können, 
sie muß Lösungen erfinden und jene hemmen, die unvorteilhalt sind, die 
den Anforderungen der Realität nicht entsprechen. 

Es sei noch eine Bemerkung hinzugefügt: die Mehrzahl der Definitionen 
der Intelligenz legen Nachdruck darauf, daß »ie nur bei neuen I'roblemen 
im Spiele ist. In allen anderen Fällen sollen Automatismen wirken. Die 
Tatsache ist richtig, wir möchten abi-r hervorheben, daß die Intelligenz 
manchmal bewußt, manchmal aber unbewußt wirkt. Sie besorgt die Konti- 
nuität unseres Wesens, ohne daß ihre Tiiligkeit immer bewußt wird. 

Die Intelligenz kann der Definition, die Ij^reud den Trieben gegeben hat, 
nicht subsumiert werden, sie ist eine viel kompliziertere Funktion. Jedoch, um 



Zur psychoanalytischen Auffassung der Intelligenz 247 



ihre genaue Stellung innerhalb der psychoanalytisen festzulegen, scheint es 
uns wichtig zu sein, ihre Beziehungen zum Ich zu untersuchen. 

Für Freud ist das Ich nicht, wie für die Mehrzahl der Philosophen 
und Psychologen, die Gesamtheit der bewußten und unbewußten Persön- 
lichkeit. Es ist einfach das System Bewußtes und Vorhewußtes. Freud 
erkennt jedoch an, daß seine Wurzeln bis in die Tiefen des unbewußten, 
unpersönlichen und namenlosen Teües unseres Wesens reichen, den er 
das „Es" nennt. Das Ich ist dem Realitätsprinzip unterworfen, im Gegen- 
satz zum Es, das nur das Lustprinzip kennt. Das Ich soll nach Freud 
auch noch den Zweck haben, den Triebausspruch (das Es) der Außenwelt 
anzupassen, indem es gleichzeitig den Anforderungen des Über-Ichs Genüge 
leistet. Ist das nicht die Aufgabe, welche die Psychologen der Intelligenz 
zuschreiben? Sollte man daraus schließen, daß das, was Freud Ich und 
das, was man Intelligenz nennt, identisch ist? 

Ich glaube, daß sich hier eine Unterscheidung aufdrängt: das Ich, wie 
es vom Begründer der Psychoanalyse definiert wird, entspricht dem Teil 
der Intelligenz, den Hermann den „tiefen Gedanken" genannt hat, d.h. 
es entspricht jener vorbewußten Aktivität, die automatisch und unaufhör- 
lich ein Gleichgewicht zwischen dem Es, dem Über-Ich und der äußeren 
Realität sucht, es entspricht aber nicht jenem Teil der Intelligenz, 
der bewußt ist, der überlegt und jedesmal in Bewegung gesetzt wird. 
wenn ein Konflikt von Tendenzen oder ein Hindernis in der Umwelt 
besteht. In diesem letzteren Falle objektiviert sich das Ich, d. h. es 
wird sich selbst bewußt, streift von sich den affektiven Schlamm ab und 
schneidet aus seiner kontinuierlichen Realität umgrenzte Teile aus. in 
denen es wie in der äußeren Realität wirken wird. Dieses objektivierte 
Ich ergreift dann für oder gegen das kontinuierliche Ich, für oder gegen 
die Realität Partei, und je nach dem, ob es geneigt ist, durch die Um- 
stände geforderte Opfer zu bringen, oder oh es im GegenteU für seine 
Befriedigung die Wirklichkeit opfert, wird es sein kontinuierliches Ich 
wiederanpassen oder in eine Neurose stürzen. 

In den ersten Lebenssiadien objektiviert das Kind nicht sein Ich, es identi- 
fiziert dasselbe mit dem Ich der Eltern, bei denen es Schutz sucht. Laforgue 
hat in seiner Schizonoiatheorie gezeigt, wie durch diese infantile Reaktion, 
wenn sie fortgesetzt wird, kaptative Tendenzen gegenüber oblativen überwiegen 
und das Individuum in eine vollständige Introversion gebracht wird. 

Wenn Psychoanalytiker bisher das Intelligenzproblem von verschiedenen 
Gesichtspunkten aus behandelt haben, dabei aber der Bezeichnung „Intelligenz" 



248 



Saussure: Zur psychoanalytischen Auffassunfj der IntelHgeny. 



^'i 



ausgewichen sind, so geschah das wohl, weil dieser Begriff 7.u sehr an die Ver- 
irrungeader vergangenen Jahrhunderte erinnert. Dennoch glauben wir, daß 
es nützlich ist, dieses Wort — ihm nunmehr seine genaue Stellung anweisend — 
in den Sprachschatz der Psychoanalyse wiedereinzuführen. ' 

Man wird uns vielleicht vorwerfen, die Intelligenz nur im Zusammen- 
hang mit Problemen des Ich behandelt zu haben und nicht von der Rolle 
gesprochen zu haben, die sie gegenüber Problemen der physikalischen 
Welt spielt. Aber sie sind nicht so selir voneinander verschieden ; die 
Wissenschaft, die eine objektive Definition des Lichtes, des Tones, der 
Wärme, der Farben und aller Naturerscheinungen geben will, sucht eigentlich 
nur unsere Empfindungen, d. h. unser Ich zu objektivieren. 

Hermann hat darauf hingewiesen, daß inlellektuelle i'ersönlichkeiten 
meistens an einem affektiven Konflikt scheitern. Es ist darin nichts Ver- 
wunderliches. Bevor ein solcher Mensch die Heiililiit skotomisiert, versucht 
er sich ihr gegenüber zu objektivieren, kämpft, bevor er unterliegt, ver- 
sucht es, sein Ich von dem affektiven Schlamm zu befreien. All diese 
Bemühungen haben seine Intelligenz angespornt. 

Welchen Schluß sollen wir aus imserer Studie ziehen? Die Intelligenz 
ist eine Funktion, die den Trieben nicht eingoreilit werden kann. Sie er- 
scheint uns in j-wei Formen: erstens als eine vorbfwußte Funktion, 
die automatisch unsere Reaktionen beherrscht und fortwahrend 
einen Gleichgewichtszustand zwischen dem Ks, dem Über-Ich 
und der Außenwelt sucht. Das ist das, was Hermann den „tiefen 
Gedanken nennt. Zweitens ist sie eine Funktion, durcli welche unser 
Ich sich zu objektivieren, sich bewußt zu werden sucht und sich 
ausschließlich als ein Objekt der Realität betrachtet, indem es seine 
Affektivität opfert. Diese Objektivaiion erlaubt dem Ich, sich anzu- 
passen, indem es dem auf ihm lastenden affektiven Zwang Trotz bietet. 
Jeder, der sein affektives Ich auf Kosten seines objektiven Iclis entwickeln 
läßt, neigt zur Neurose. Das Wesentliche der hier dargelegten Gedanken 
ist schon von Freud, als er seine Gedanken über das l-usl- und das 
Realitätsprinzip dargestellt halte, ausgesprochen worden, tmd von Lafor- 
gue, der die kaptativen und oblativen Tendenzen hervorhob. Es schien 
uns aber notwendig, angesichts des Mangels einer allgemeinen Theorie 
der Intelligenz, dieses Problem hier zusammenhängend ins Auge zu fassen. 



über Identifikation 

Von 

Ernst Schneider 

Professor an der Universität Riga 

Als ich vor etwa fünfzehn Jahren mit der Psychoanalyse bekannt wurde, 
erhohe ich mich gerade von der Enttäuschung, die mir die experimentelle 
Psychologie bereitet hatte. Aus den ersten mir zugänglichen psychoanalyti- 
schen Arbeiten gewann ich den Eindruck, daß hier für den Psychologen 
und Pädagogen mehr zu holen sei, weil sie entgegen der mechanistisch- 
atomistischen experimentellen Psychologie eine rein psychologische Einstellung, 
eine dynamische Auffassung des Seelischen und damit eine organische Psycho- 
logie versprachen, die dem pädagogischen Denken und Handeln angepaßter 
ist. Ich Bah mich in der Folge nicht enttäuscht. Im Gegenteil, meine Er- 
wartungen wurden durch die seitherigen Forschungen Freuds und seiner 
Schüler weit übertroffen. Die Entwicklung der Psychoanalyse in dieser Zeit 
kann einem Wandern in einer Gebirgslandschaft verglichen werden, wo auf- 
steigend neue und weitere Horizonte sichtbar werden. Es liegt dies ganz 
im Wesen des systematischen wissenschaftlichen Arbeitens, daß versucht 
wird, eine gewonnene Kenntnis in einen allgemeinen, letzthin universellen 
Zusammenhang einzuordnen und in einer solchen Ordnung zu verstehen. 

Im folgenden möchte ich eine solche Wanderung im kleinen unter- 
nehmen und nicht davor zurückschrecken, die Fahrt „ins altromantische 
Land" auszudehnen. Ich wähle hiezu den Begriff der Identifikation. 
Er tritt uns in der psychoanalytischen Literatur häufig entgegen, so daß 
anzunehmen ist, daß er eine bedeutungsvolle psychologische Tatsache meint. 
Auf den ersten Blick scheint dieses Unterfangen hoffnungslos zu sein, denn 
wir werden gewahr, daß unter Identifikation anscheinend Verschiedenes 
gemeint wird. Ist es der gleiche Vorgang, wenn ich sage: „er identifiziert 
sich mit seinem Vater", oder: „er identifiziert sein Liebesobjekt mit der 



250 



Ernst Schneider 



Muner", oder: „die unbewußte Identifizierung probsexueller Funktionen 
mit denen der Mundzone"? (Ferenczi.) Das tli«;mi;tisclie Interesse an der 
Begriffsbestimmung sucht hier eine Klärung. Die lolgeiulcn Überlegungen 
gehen in erster Linie von Erfahrungen aus der kindlichen Spielzeil aus. 
Hier kann der Vorgang der Identifikation am besten beobaclitet werden. 



Ein Beispiel 

Eine Mutter, deren Kindererziehung icli wiedirrholt beraten habe, legte 
mir vor, daß ihr fünfeinhalbjähriges Miidchen in letzter Zeit sich beim 
Baden nicht auskleiden wollte, daß es überhuupt sehr prüde geworden sei 
und sich vor Hunden, besonders vor einem bestimmlen sclivwarzen, der 
letzthin am Badestrand aufgetaucht sei, stark fürchle. (leslern entdeckte die 
Kleine, daß ein Schneidezahn wacklig geworden sei. Dur drohende Verlust 
wurde stundenlang untröstlich bewciiil. Ich bespracli inil der Mutter den 
Kastrationskomplex und machte ihn für das Verhalten ihres Kindes ver- 
antwortlich. Ich riet ihr, bei erster sich bietender Gelegenheit, die Kleine 
darüber aufzuklären, daß die beiden Geschlechter als solche -zur Welt ge- 
kommen seien usw. — Eines Tages künimlu das Müdchi-u vor dem Spiegel 
seine Haare und fragte: Mammi, hatte ich diimah, als ich noch ein Junge 
war, auch blonde Haare?' Jetzt erfolgte die Aufklärung. Am andern Tage, 
kaum am See angelangt, entklcidoti: sich die Kleine und sprang übermütig 
nackt am Strande herum und ins Wasser. Auch dii> übrige Prüderie war 
verschwunden. Die Hundeangsi war insofern gemildert, als sie nur noch 
an dem genannten schwarzen Tier haften blit-h, Als das Kind ungefähr 
zwei Jahre alt war, zog es einen ähnlichen Hund am Schwanz. Das Tier 
kehrte sich um, warf die Kleine zu Boden und schniii)plc nncli ihr. wobei 
die Nase leicht geritzt wurde, Aufnillig ist diis Bcnehmtii der Kh*inen dem 
Hundebesilzer gegenüber. Man merkt, sie möchte sich ihm gerne nähern, 
springt aber rasch weg, wenn er sie ruft. Ähnlich, wenn auch weniger 
auffallend, benimmt sie sich dem Vater gegenüber. Nocli bemerken muß 
ich, daß die Mutter damals, als sie sich zum erstenmal von mir beraten 
ließ, das Kind zärtlich an sich band. Sie wollte sich ilim gegenüber dankbar 
erweisen, weil es ihr während der llolschewisienzeit in Bigii {1919) das Leben 
gerettet hatte. Weil sie einen Säugling stillle, entging sie einer Verliaftung. 
Ich machte auf die Folgen einer starken Mullerl>indnng aufmerksam. Die 



1) Die Mutter hat blonde, der Vater duiiklo Hiiuri'. 



über Identifikation 251 



Mutter änderte ihr Verhalten. Es scheint, daß die "besprochenen Vorfälle in 
eine Zeit des Schwankens zwischen den beiden Üdipus-Situationen fielen. 
Von hier aus werden die nach der Beseitigung der Prüderie gemachten 
Anstrengungen des Mädchens, die Hundeangst zu überwinden, verständlich. 
Hier interessiert uns diejenige, die zum Erfolge führte: Die Kleine spielte 
Hund. Sie legte sich den Namen des schwarzen Köters bei, kroch auf allen 
Vieren, bellte, biß usw. Das dauerte einige Tage. Nachher war jede Spur 
von Hundcangst verschwunden. Wie das Verhältnis zum schwarzen Hunde, 
so änderte sich auch das zu seinem Besitzer. Dessen Zärtlichkeiten wurden 
gesucht. 

Der Fall ist analytisch durchsichtig. Ich möchte nun die verschiedenen 
Identifikationsformen hervorzuheben suchen. 

Verstehen und Angleichen, Bedeutungs- und Leistungsidentifikation 

Der Begriff der Identifikation ist in erster Linie an solchen Erscheinungen 
gewonnen worden, wie wir sie beim Hundespielen beobachten konnten. 
Wir sehen hier eine weitgehende Veränderung des eigenen Wesens in der 
Richtung eines andern. (Veränderung = Ver-ander-ung.) Das spielende Kind 
bringt solche Veränderungen allem gegenüber fertig. Es kann alle Erwachsenen 
spielen, sich in Tiere, Pflanzen, Lokomotiven, rollende Fässer verwandeln, 
Rotkäppchen im Bauche des Wolfes sein, wie jener dreijährige Bube, der 
unbeweglich in seinem Bettchen lag und auf Befragen erklärte, er sei Rot- 
käppchen im Bauche des Wolfes. Es hängt mit der „Verwandtschaft" zu- 
sammen, daß Identifikationen mit Personen besser gelingen als solche mit 
Sachen. Wenn wir Identifikation als Veränderung der Person in der Richtung 
,des Andern" bestimmen, wo liegt dann die Grenze den verschiedenen Ein- 
wirkungen gegenüber, die, wie z. B. die Wahrnehmung, auch eine Ver- 
änderung der Person in der Richtung des Einwirkenden, des Andern, be- 
deuten? Ob das Kind den Hund wahrnimmt oder ihn spielt, in beiden 
Fällen ist es in der Richtung Hund anders geworden. Der Unterschied ist 
bloß ein quantitativer. Im Schauspielhause identifizieren sich Schauspieler 
und Zuhörer mit den Personen der Dichtung. Die einen stellen dar, die 
andern nehmen seelisch und körperlich Anteil" und verstehen, — Wenn 
ein Vortragender den bekannten Kontakt mit seinen Hörern hat, dann 
finden wechselseitig Identifikationsprozesse statt. Der Hörer versteht die 
Gedanken des Vortragenden, und wenn er sie akzeptiert, so findet eine 
weitergehende Identifikation mit ihm statt. 



21^2 



i'.riist SchiicndiT 



Einer feineren Untersuchung würde es gelingen, hier eine Reihe von 
Identifikationsabstufungen herauszuarbeiten vom einfachen Wahrnehmen zum 
„verstehenden Einfühlen", „mit den Augen verBcliIingcn", Nachahmen, 
zu der Verliebtheit und dem Verschlingen. Hier niüchtcn wir nur zwei 
Hauptgruppen hervorheben, die aus dem Gesagten ohneweiters verstiindlich 
sind: Das Verstehen und das Angleichen. Die erste Form bezeichnen 
wir als Bedeutungsidentifikation, die andere alt Leistungsidenti- 
fikation: Das Andere bedeutet für mich etwas, und ich mache mich 
ihm gleich. Da es sich hinsichtlich des Ideniinkationsviirgnn^es um quanti- 
tative Abstufungen handelt, so ist es versliindlitli, wenn ilic Leistungsidenti- 
fikation auch eine Bedeulungsideniifikation und die Hedeutungsidentifikation 
eine Leistungsidentifikation ist, denn auch die kleinste Veränderung ist 
Leistung (Funktion) der Person. 



Gleichsetzujfg 

Unser Beispiel weist noch andere Formen der Identifikation auf. Die 
Angst vor dem schwarzen Hund und die Prüderie wurden besonders stark, 
nachdem eines Tages der Hund mit seinem Besitzer am Badestrand auf- 
getaucht war. Zur Htindeangst führen iwei Komponenten. Eine statiimt 
aus der Vater-, die andere aus der Mutter-Idenlifikation. Beide sind schon 
im Hundeerlebnis mit dem zweiten Jahre vorgebildet: Das Spielen mit 
dem Schwanz und das In-dieNase-Beiüen (Kastrnlionsknmplex und Onanie, 
die beobachtet wurde) und dann das Umwerfen und A\ifspringen. Die 
Mutter gibt an, daß die Kleine einmal im Sclilafzimmer bei intimen Be- 
ziehungen der Ehern aufgewacht war. In der Angst erhält der Hund 
Vater-Bedeutung. Von ihm wird diese auf dessen Besitzer verschoben, so daß 
eine Gleichsetzung von Vater - Hund -^ Mann entsteht. Dies ist eine Be- 
deutungsidentifikation, hinter der wir einen weiteren Vorgang finden, eben 
diese Gleichsetzung, die eine Identifikation des Andern, eine von der 
Person zum Andern gerichtete ist. Der Hund bedeutet etwas und diese 
Bedeutung ist identisch mit der von etwas andcrm. Ich verstehe etwas und 
verstehe darunter etwas. Die Idenlifikaiioii wird ins Andere verlängert, in- 
dem die Person sich bedeutungshaft mit dem Andern vcriindert. Wir 
wollen diese „Verlängerung" als A usw irk ungsidentifik;nion bezeichnen 
und die früher besprochene Form als Ki n w i rk un gsidenlifikation. Im 
Hundespiel kommt diese IdeiitirikationsverlLingcmng als Leistungsidentifi- 
kation zur Verwertung. Im Hund ist die Kleine Vater und Mann. Nach- 



über Identifikation 25g 



her erfolgt Auflösung. Der Hund wird zum Tier. Tiere liebt das Kind. 
Der Vater und der Mann werden zu Personen der Übertragung. Die Kleine 
beginnt lebhaft mit Puppen zu spielen. Die Mutter-Identifikation hat gesiegt. 
Die seitherige Entwicklung des Kindes war eine sehr befriedigende. 

Die Gleich Setzung (Bedeutungsauswirkungsidenlifikation) ist unter ver- 
schiedenen Namen bekannt : Verschiebung, Personifikation, Symbolisierung usw. 
Auch hier ließen sich weiter Abstufungen abgrenzen. Die Auswirkungs- 
identifikation dürfte klarer werden, wenn wir zu der Bedeutungsidentifikation 
die entsprechende -Leistungsidentifikation gesetzt haben. 



Angliederung 

Ein kleiner Knabe ist ungehalten darüber, daß die Vögel, die doch be- 
deutend kleiner sind als er, fliegen können, er aber nicht. Vom Stuhl 
herunter„fliegen", das kann er, aber nicht aufs Dach oder auf die Bäume. 
Was tut er? Unter seinen Spielsachen befindet sich ein Vogel. Den läßt 
er überall herumfliegen, auch auf Häuser, Türme, Berge, die er mit Sand 
und Bausteinen aufgebaut hat. Was ist hier psychologisch vor sich gegangen? 
Der Kleine will sich mit dem Vogel identifizieren, aber die entsprechende 
Leistung gelingt nicht. Da setzt er den Spielvogel an dessen Stelle, imd 
gleichzeitig wird das Spielzeug der eigenen Person gleichgesetzt. Jetzt fliegt 
das Kind „als" oder „im" oder „mit dem" Spielvogel. Hier sei an Freuds 
Analyse eines Kinderspiels erinnert. Vom Identifikationsproblem aus gesehen, 
ging dort folgendes vor: Das Spielzeug bedeutet eine Gleichsetzung mit 
der verschwundenen Mutter und ebenso eine solche mit dem Kinde. Kind 
und Mutter werden miteinander zum Verschwinden gebracht, wodurch die 
Trennung der beiden aufgehoben wird. Das Wegwerfen des Spielzeugs in 
eine Zimmerecke, unter ein Bett, ins eigene Bettchen, realisiert offenbar 
den Wunsch nach ungetrübtem Verbundensein mit der Mutter in Form 
einer Identifikationsleistung in der Richtung auf einen früheren Zustand 

(Mutterleib). 

Von zwei verschiedenen Seiten stammende Eedeutungsidentifikationen 
treffen sich in einem dazu geeigneten Gegenstand und schaffen ein Werkzeug 
zu einer Leistungsidentifikation und erreichen so eine unbeschränkte Er- 
weiterung und Verlängerung der Person und ihrer Organe durch Angliederung 
neuer Organe. Wir wollen diese Auswirknngsleistungsidentifikation 
^ Angliederung nennen. 



254 



Kriiüt Schneider 



GedankfnvcrdingUchimf^ und /'/lantasteren 

Wir versuchten die Identifiliationsfürmen im üorciche der „iiußern Hand- 
lung" aufzufinden. Nocli ein Blick in die „innere Hanrnunf;"! Fritx wimmert 
laut ui-ui-ui. Erschrocken eilt die Mutter hfrliei. Der ȟbe hatte eine 
Brücke gebaut und darüber einen Eisenbahnzug gcfiilirt, l)je Ilrücke stürzt 
ein, und man vernimmt das Wehgesclirei der verunglücklen Zugsinsassen. 
Fritz ist als Kollektivperson im Zuge mitgefahren. Im Sclireien identifiziert 
er sich mit dieser, also mit sich selber. Er hat die Vorstelhing seiner 
Person verdinglicht, wie es die Buben tun, wenn sie den Drachen fliegen 
lassen oder auf Siebenmeilensticfeln in die Wi^ll wandern: 

Da guckt ich dem Storch in d;is Slorthi'iiiicut dort: 
Guten Morgen, Frau Storchen, peht die Reise bald fort? 
Ich blickt in die Häuser zum Scliornstein hinein; 
Papachen, Mamachen, wie seid ihr so klein! 
Tief unter mir sah' ich Fluß, Iliig<d und l'al ■ — 
ach, wer doch das könnte, nur ein cin/.iges Midi 

(Viktor Blülhgon.) 

Durch die von außen und innen erfolgenden Bedeutungsidentifikationen 
werden auch die Gedanken zu Spielzeugen. Sie erhalten Dingcharakler. Mit 
ihnen wird gespielt (phantasiert) und die eigene Person ins Kinderuniversum 
verlängert, 

Z usanim enfassu iig 

Im ausgebildeten Kinderspiel vereinigen sich alle bisher gefundenen 
Identifikationsformen. Stelleu wir sie übersichtlich zusammen: 



Identifikation 



Innere Handlung: 
Äußere Handlung: 

Einwirkung : 
Aulwirkung : 



IJcd (.'11 1 uiig 
Gedanken verdinglichen 

Verstellten 
Gleichsetzen 



Lf) sliiiig 
Phantasieren 

Aiigl«ich«n 

Anglifldftm 



Begri/ndtififf 
Unsere Arbeit war bisher eine besclireibende. Wir vervollständigen sie 
durch eine begründende. Die Psychoanalyse als psycliologische Forsclmngs- 
methode hat eine begründende Psychologie möglich gcrniicht. nachdem in 
dieser Hinsicht eine physiologische Psychologie und eine experimentell- 
atomistische Bewußtseinspsychologie versagt haben. 



über Identifikation 255 



Ganzheitskausalität — Ganzheitsidentifikation 

Wir tehren zu unserem Ausgangsbeispiel zurück und stellen die Frage: 
Warum identifiziert sich das Kind, wai-um mit dem Hund, warum im 
Spiel? Die Beobachtung ergibt als Antwort: Es will die Angst los werden. 
Das beweisen die vorausgegangenen Versuche, eine „Ursache" zu suchen, 
der als „Wirkung" Angstlosigkeit folgt. Daß in der Identifikation diese 
Ursache gefunden wurde, beweist die Wirkung, der Erfolg. Wir haben hier 
also einen kausalen Zusammenhang: Angst- — Identifikation — Angstlosigkeit. 
Die Ursache der Angst liegt in einer „Trennung" von Vater und Mutter, 
die mit den beiden gegenseitig sich hemmenden Ödipus-Einstellungen zu- 
sammenhängt (Vater-Identifikation — Penisverlust, Mutter-Identifikation — 
gesperrte Vater-Übertragung). Im Hundespiel identifiziert sich das Kind mit 
dem Vater und tobt den durch die Aufklärung verarbeiteten und über- 
flüssig gewordenen Peniswunsch „ein letztes Mal" aus, verzichtet, identi- 
fiziert sich mit der Mutler und überträgt auf den Vater. Die ruhige und 
sachliche Besprechung der Mutter hat offenbar auch die entsprechenden 
Schuldgefühle beseitigt. Der Einzelfall bietet dem Analytiker nichts Neues. 
Was wir hier anstreben, ist der Versuch, ihn von einer allgemeinen psycho- 
logischen Grundlage aus zu verstehen. 

Die Idenlifikation ist die Wirkung der Angst und die Ursache der Angst- 
losigkeit. Die Angst bedeutet eine seelische „Spannung" und die Identi- 
fikation bringt die „Lösung". Der stetige Ablauf von Spannung — Lösung ist 
der Lebensprozeß überhaupt. Psychologisch verstehen wir ihn als Handlungs- 
ablauf. Er baut sich aus elementaren Spannungs-Losungsvorgängen (Ele- 
mentarhandlungen) auf und ist gegliedert in zusammengesetzte Spannungs- 
Lösungsvorgänge: Reflex, Instinkt, Bewußtseinshandlung, Stufenhandlung 
(Ablauf einer Entwicklungsstufe), Personal- (ontogenetische) Handlung, 
phylogenetische Handlung usw. Jede Spannung — Lösung ist Veränderung, 
Werden, das polar gerichtet ist, wie Wollen und Nichtwollen, wobei das 
Wollen der einen Seile das Nichtwollen der andern ist. Die Spannung — 
Lösung = Handlung hat oder ist in ihren Elementarformen wie in den 
zusammengesetzten stets dreieinig: Richtung, Richtungsänderung und 
Richtungsbedeutung („Inhalt"). Bewußt haben wir die Richtung als Gefühl 
(Lust und Unlust), die Richtungsänderung als Wollen und die Richtungs- 
bedeutung als Empfindung, Wahrnehmung, Vorstellung, Gedanke usw. 
Da bei der Handlung Bedeutung, Wollen und Gefühl polar gerichtet sind, 
so schreiben wir sie einem Differenzierungsvorgang zu, der gleichzeitig 



356 



Kriisl Scliin'idirr 



nach einer Integration strebt. Von Differenzierung reden wir, wo sich ein 
Ganzes (absolut oder relativ gedacht) teilt. Die Teile streben wieder zum 
Ganzen. Allgemein gesprochen wäre so die Handlung ein universaler Diffe- 
renzierungs-Integrationsprozeß, wobei das Universum als das Ganze gedacht 
ist, dessen Differenziertsein in der Spannung und dessen Inlegraliunsstreben 
in der Lösung erlebt wird. Die Idenlüjkalion haben wir im Dienste der 
Lösung stehend gefunden. Sie erweist sich SO als Mittel der Integration. 
Weil jede Losung als Integrationsleistung eine Annälierung an die Ganzheit 
bedeutet, so liegt hier eine Identifikation mil dem All, eine Ganzheits- 
idenlifikation vor. Damit haben wir die allgemeine „Grundlage" ge- 
schaffen, von der aus wir das Einzt-Ine verstehen. 

Wir nennen diese begründende Betrachtungsweise mit Driesch eine 
ganzheitskausale. Das Universum als Ganzes ist Seins- und Werdegrund 
(Ursache) für jedes psychische Sein und Werden. In der Ganzheitskausalität 
sehen wir einen Oberbegriff, geeignet, die „dynamische, topische und Ökono- 
mische Betrachtungsweise" des Seelischen auf einen gemeinsamen Nenner 
zu bringen. 

Identifikationen der Entwicklung 

Wir treten nun der Frage, wieso eine Idenlifikatiou in der Form des 
Spiels eine Integrationsleistung herbeiführen konnte, niiher. Das Spiel ist 
einer bestimmten Entwicklungsstufe eigenlümllcli. Warum spielt das Kind? 
Diese Frage müssen wir im Zusammenhang mit der lietraclitung der Spiel- 
stufe beantworten. Diese ist wiederum ein Teil der Jugend, jenes Handlungs- 
ablaufes, der von der befruchteten Kizelle bis zum lirwachsensein geht. 
Die Zelle wollen wir das Anfangsganze und den Krwaclisenen das lindganze 
dieser Entwicklung nennen. Als Entwicklungsstufe bezeichnen wir einen 
Prozeß, der etwas prinzipiell Neues und Kerliges im Hinblick auf das Kndganze 
schafft, also eine weitere Stufe der Differenzierung und der Integration er- 
reicht. Stufenmaßig gleicht sicli die befruchtete Ki/.elle in ihrem Werden 
denjenigen an, von denen die Gencrationszellcn stammen. Wir sehen uns 
berechtigt, hier von einer Identifikation der Zelle zu sprechen. Ihre Richtung 
können wir oft bis ins einzelne hinein beslinimen: „Er gleicht dem Vater , 
„der Mutter", „das hat er von. . ." Das Kndganze der Jugendcntwicklung 
identifiziert sich dann umgekehrt in der Produktion von Generationszellen mit 
dem Ausgangszustand seiner Entwicklung. Wir unterscheiden hier eme pro- 
gressive und eine regressive Identifikation. Diese beiden Tendenzen 
liegen dem ganzen Entwicklungsprozeß zugrunde und lassen das in Er- 



über Identifikation 



^57 



scheinung treten, was wir das Tempo der Entwicklung bezeichnen mit den 
Tendenzen zum Verharren, Vorwärts- und Rückwärtsschreiten. Wir ziehen 
Erfahrungen der experimentellen Biologie, besonders die grundlegenden 
Untersuchungen von Hans Driesch, dem wir auch in den Begründungen 
folgen, herbei. Was wir Identifikation nennen, das bezeichnet er als pro- 
spektive Bedeutung und prospektive Potenz der Zellen. Er nennt die Zelle 
ein harmonisch-äquipotentielles System. Jedes Teilchen der Zelle sei fähig, 
das Ganze zu bilden. Die Potenz zum Ganzen weist über sie hinaus in der 
phylogenetischen Entwicklung, sie identifiziert sich mit dem Universum, 
sie ist ein Mikrokosmus, Die Progressividentifikation mit dem Ganzen er- 
hält die Zelle, wenn sie befruchtet ist. Die Befruchtung ist ein Integrations- 
prozeß, dem eine Differenzierung vorausgegangen sein muß. Wir sehen sie 
in der universalen sexuellen Differenzierung. Der personale und überper- 
sonale Entwicklungsprozeß schafft Integrationsformen zu dieser Differen- 
zierung. Sie sind auf Überwindung dieser Differenzierung, auf Ganzheit 
gerichtet. (Vgl. dazu die Platonische Fabel, die hier auch ins Universale 
zu deuten ist.) Wir haben hier den Eros, die libidinöse Seite des personalen 
und übcrpersonalen Lebens vor uns. Die Bezeichnung Arterhaltung deckt den 
Sachverhalt nicht. Alle die besprochenen Identifikationsformen ließen sich 
daher unter den Begriff der erotischen Identifikation zusammenfassen. 

Die nichtbefruchtete Generationszeile kann diesen Identifikationsprozeß 
mit dem universalen Eros nicht mitmachen. Sie zerfallt in die Atome. 
Vor der sexuellen Differenzierung muß noch eine andere universale ange- 
nommen werden, für die die Zelle ein Integrationsprodukt bedeutet. Welches 
sind ihre Teile? Wir sehen sie im Soma und in der von Driesch postu- 
lierten Ganzheitstendenz, die im entwickelten Organismus als Leib und 
Seele da sind. Die Organismen sprechen wir an als Teilintegrationen einer 
Urdifferenzierung in Materie und Geist. Sie tragen aber die Tendenz zum 
All in sich, dessen Abbilder sie sind, Mikrokosmen, Leib und Seele sind 
die Polaritäten einer Universalhandlung. 

Die neue Atomforschung hat auch in den Atomen polare Strukturen 
festgestellt. Es sollen Planetarien im kleinen sein. Ist etwa das Atom eine 
Integrationsform erster Stufe und die Zelle eine solche zweiter Stufe (wobei 
die Zelle die Atome integriert), Integrationselemente jener Urdifferenzierung 
Materie-Geist? Identifiziert sich also auch das Atom mit dem Universum 
in seinem Sein und Verändern? 

Nun aber wieder zu weniger spekulativen Dingen! Nehmen wir die 
Aufgabe wieder auf, das Spiel in die Jugendhandlung einzuordnen I 

Imago XII. tf 



25* 



Üriisl SchneiilcT 



Die Stufenidentifikation 

Nach unserem gegebenen Entwicklungsbegriff untersclieiden wir vier 
Stufen der Jugendhandlung: Embryo. Säugling. Spieler, Arbeiter. Die embryo- 
nale Entwicklung schafft fertig die Knrperfonn des lüidganzen. Die weiteren 
Stufen zeigen in dieser Hinsicht keine Entwicklung mehr, bloß Wachstum. 
Die Körperbildung weist Stadien auf. die deutlich das Zusammenarbeiten 
der regressiven und progressiven personalen und überporsonalen Identifika- 
tion erkennen lassen. Das ist auch bei allen übrigen Entwicklungsstufen 
der Fall. Den Identifikationsfaktor, der die Körperform dem lüidganzen 
angleicht, nennt Driesch Entelechie. Sie dürfte die ersle Stufe des „l'^s" sein. 
Das „Trauma der Geburt" bedeutet eine DifTcrenxierung. die der Ent- 
wicklung eine neue Richtung gibt. Der Sanglingsslufe kommt die ent- 
sprechende Integration zu. Sie erreicht diese durch eine Identifikation der 
Organtätigkeit mit denjenigen des Endganzcn. Die Organe werden fertig 
zu Organwerkzeugen ausgebildet; Mund (Essen), Hände (Greifen), Beine 
(Gehen), Sprechwerkzeuge (Lautbildung), Sinnesorgane (Wahrnehmen). Den 
Faktor, der die Organleistungsidentifikation besorgt, nennt üriesch l^sychoid. 
Es fand eine Differenzierung im „Es" statt. Das neue Seelenorgan rückt 
in den Mittelpunkt der Integration. Die entclechial -psychoidale Seele ist 
die Instinktseele, wenn wir den Instinkt als ganzheitüchc Fähigkeit be- 
zeichnen, Organe zu schaffen und organgemäß tätig zu »ein. (Organwerk- 
zeuge). Auch beim Säugling beobachten wir das /usammenwirkrn regressiver 
und progressiver Identifikationen: Wachen-Schlafen, Lallen- Schreien und 
Saugen usw. 

Das „Trawna des Bewußtseins'^ 

Die Entwicklung der Organ Werkzeuge führt zuletzt einen Konflikt mit 
der Außenwelt herbei. Das Kind stößt mit ihr zusammen, erleidet sie. sie 
trennt sich von ihm ab. Es kommt zu einer Dirferenzieriing vom Eigenen 
und Fremden. Das Versagen der nach außen gerichteten Organwerkzeuge 
schafft innen eine verstärkte Spannung mit einem entsprechenden Lösungs- 
streben, das dahin gehen muß. das Abgetrennte wieder zu gewinnen, zu 
integrieren. Diese Spannung— Lösung, die außerordentlich sein muß, ist 
das Bewußtsein, eine neue Handlungsform. Die Seele dinerenziert sich 
in ein Nichtbewußtes und in ein Wissensorgan. Das ISewußtscin als Handlung 
ist selbst wieder differenziert, und di.- Teile sind integriert. Es sind dies 
Ich und Gegenstand mit dem Spannungs-Lösungscrlebnis Wissen, bewußt 




über Identifikation 259 



Haben, bewußt Sein. Die Organhaftigkeit des Bewußtseins erhellt aus der 
Tatsache, daß es dreieinig ist: Ich — habe bewußt — Etwas, 

Die Aufgabe der neuen Entwicklungsstufe muß darin bestehen, das „Ab- 
gefallene", „Entfremdete" wieder zu gewinnen, und zwar restlos. Auch das 
Bewußtsein arbeitet ganzheitlich, wie das „Es , Es setzen nun Bestrebungen 
ein, die unzulänglichen Organwerkzeuge zu ergänzen, durch solche, die 
fähig sind, die Außenwelt zu integrieren. Es kommt zum „Werkzeugdenken", 
als dessen Ergebnis das Spielzeug erscheint. Wir haben es früher besprochen 
und gesehen, wie dabei von Außen und von Innen Bedeutungsidentifika- 
lionen in einem geeigneten Objekt zusammentreffen und das Spielzeug als 
Angliederung entsteht. Wir verstehen jetzt auch die Verdinglichung der 
Gedanken, die Gedanken als Spielzeuge. Die Sinneseindrücke werden be- 
deutungshaft. Dazu verhilft die Sprache. Diese macht die Entwicklung vom 
Organwerkzeug zum Werkzeug mit. Es ist auffallend, wie stark das Be- 
streben des Kindes wird, die Benennungen aller Dinge zu erfahren, die 
in seinen Gesichtskreis kommen. Das verlorene „Unbekannte" wird dadurch 
„bekannt", integriert. Wort und Sache treffen sich in der Wahrnehmung 
nach dem gleichen Vorgang der Spielzeugbildung, so daß das Entstandene, 
die Gedanken, ebenfalls als solche Verwendung finden können. Von hier 
aus ist die „Allmacht der Gedanken zu verstehen. Durch die Gedanken- 
verdinglich ung, die, regressiv gesehen, eine Angleichung an das „Halluzinieren 
sein dürfte, schafft sich das Kind im Spielzeug unbeschränkte Möglichkeiten 
zur Gahzheitsidentifikation und kaan auf diese Weise die durch das „Trauma 
des Bewußtseins" erlebte „Unganzhelt" wieder aufheben. Auch hier werden 
wieder deutlich die Identifikationen mit früheren Zuständen (Höhlenbauen, 
Sand-, Wasserspiele usw.) und die Identifikationen mit dem Endganzen, mit 
den Erwachsenen, die Allmachtsbedeutung erhalten, sichtbar. Daß auch die 
Spielstufe im „Werkzeugdenken" Fertiges leistet, sei an der Sprache gezeigt. 
Am Ende der Spielzeit verfügt sie über den vollen grammatikalischen Be- 
stand derjenigen der Erwachsenen. Was später kommt, ist in dieser Hin- 
sicht nur Verbesserung. 

Real- und Ideal- Identifikation 

Jede Stufe bringt die Ursache hervor, durch die sie überwunden wird. 
Ein neues „Trauma" bereitet sich vor. Wir können sagen, die Grundlage 
aller Traumen sei „Unganzheit'". Sie wird dabei intensiv erlebt. Die AU- 
machtsbedeutung der Erwachsenen geht beim Kinde in die Brüche, bei 



2ßo Ernst Schneider 



seinen Spielen wird es immerfort von der ganzen Umwelt (Personen und 
Dinge) in seine „Schranken" zurückgewiesen. Diese Schranken hängen mit 
dem „Nur-Individuum Sein" zusammen. „Das Andere" erzwingt sich An- 
erkennung als Reales. Die erreichte Gimzheit erweist sich als eine bloß 
relative, der die Tendenz zur absoluten gegenübersteht. Den so entstandenen 
Zwiespalt kann man als Trauma der Realität oder der Relativität bezeichnen. 
Er eröffnet jene Stufe, die langsam ansteigend das Kind ZAim Endganzen 
der Jugendhandlung führt. Die Integration, die Lösung jenes Zwiespaltes, 
geschieht in der Weise, daß die Realität, die Relativität anerkannt, die 
Ganzheitstendenz als Ideal aufgerichtet wird und die entgegenstellenden 
Ganzheilsidentifikationen verdrängt werden. Es bildet sich das Unbewußte 
als Verdringungsorgan in starkem Maße aus. Im Verdrängten sehen wir 
polare Spannungen, die durch entgegengesetzt gerichtete an der Auswirkung 
gehemmt sind. Es sind Ganzheitstendenzen, die mit der übrigen in Wider- 
streit geraten sind. So finden wir nun zwei sich widersprechende Ganzheits- 
identifikationen vor. Die eine geht von Enlelechie und Psychoid, dem „Es , 
über die spielerische Ganzheitseinstellung zum Persönlichkriisideal. Die andere 
wirkt sich als Unbewußtes aus. Da die Seele immer als Ganzes tätig ist, 
so lassen sich die beiden nicht rein beobachten. Wir wollen sie immerhin 

für sich zu besprechen suchen. 

Wie der Spielzeugvogel oder der Drache dem Flugscliiff weichen mußten, 
so entwickelt sich das spielerische Werkzeugdenken zum arbeitsgerechten. 
Die arbeitsgerechten Werkzeuge entstehen in gleicher Weise wie das Spiel- 
zeug. Zwei Bedeutungsidentifikationen treffen zusammen, eine vom Realen 
tind die andere vom Idealen, überwinden so den Zwiespalt dieser Stufe 
und schaffen Möglichkeiten einer neuen Integralion mit neuen Ganzheits- 
identifikationen. So entstehen Begriffe als Werkzeuge der Wissenschaft, die, 
am Realen gebildet, die Forderung der ganzhoitlichen Eindeutigkeit erfüllen 
müssen, wenn sie dem Ideal der Wissenschaft, der ganzheitlichen Wissens- 
ordnung, entsprechen sollen. Wie Begriffe, so werden Kunstwerke, soziale 
und religiöse Lebensformen zu arbeitsgerechten Werkzeugen für die Inte- 
gration mit Mitteln der Ganzheilsidentifikation, insofern sie das Reale im 
Sinne des Schönheilsideals (Formganzlieit), des Tugendideals (ganzheitliche 
Lebensordnung), des religiösen Ideals (das Ganze, das Absolute, Gott) um- 
gestalten. 

Bei der arbeitsgerechten Integration wiederholen sich im Prinzip die 
Vorgänge bei der entelechialen Formbildung. Die einzelnen Teile der Zelle 
verzichten auf ihren Ganzheitsanspruch (prospektive Potenz), um sich einem 



über Identifikation aß] 



höher organisierten Ganzen einzubauen, sich der „prospektiven Bedeutung" 
gemäß zu integrieren. Die „Instinktseele schafft in den Organwerkzeugen 
Gebilde zur Instinkthandlung, d. h. zu solchen, die bei ihrem ersten Auf- 
treten realativ vollkommen, also ganzheitlich sind. Mit dem Auftreten des 
Bewußtseins wird die Integrationsmöglichkeit bedeutend erweitert, aber „es 
irrt der Mensch, so lang er strebt", weil er eben infolge seines Differen- 
ziertseins das Ganzheitsideal nicht erreichen kann. Oder ist der Irrtum 
gegenüber den Instinkthandlungen, wo es eigentlich keinen Irrtum gibt, 
bei den menschlichen Handlungen so groß, weil das Unbewußte mit seinen 
anders gerichteten Tendenzen als Störenfried eingreift? Weil dieses zum 
„dereierenden, autistischen Denken" (Bleuler), zum Verfälschen der ganz- 
heitlichen Kunst-, Lebens- und religiösen Ideale führt? Jedenfalls stellen 
sich die unbewußten Tendenzen in Gegensatz zu den übrigen seelischen 
und erzeugen Gebilde, wie sie von der Psychoanalyse weitgehend studiert 
worden sind bei Psychosen, Neurosen, Normalen, in Wissenschaft, Kunst, 
Religion, sozialem Leben, Recht usw. Es erübrigt, darauf näher einzugehen. 
Der Analytiker findet alle meine angeführten Identifikationsformen vom 
Unbewußten, d. h. vom Verdrängten ausgehend, wieder, und wir stellen 
diese als „neurotische", „dereierende" oder „affektive" den anderen, „sach- 
lichen" gegenüber. 

Die Polarität der Ganzheitsidentifikation 

Mit der absteigenden LebenslJnie des Menschen wird die Regressiv- 
identifikation stärker als die Progressividentifikation, und zuletzt erfolgt der 
Tod. Hier noch ein Wort über die universale Bedeutung der beiden Identi- 
fikationsformen. Wir sehen in der regressiven das Bestreben, den differen- 
zierten Teil dem Ganzen wieder zurückzugeben und in der progressiven 
die Tendenz, dem Teil das Andere anzugliedern, ihn zum Ganzen aus- 
wachsen zu lassen. Sie gleichen zwei Punkten eines Kreises, die neben- 
einander liegen und sich in entgegengesetzter Richtung auf der Peripherie 
bewegen und die auf der anderen Seite zusammenkommen. Die Regressiv- 
tendenz will zur ewigen Ruhe zurück und die Progressivtendenz zum 
ewigen Leben vorwärts. Beide erstreben die Aufhebung des Differenziert- 
seins also des Lebens. Das Leben ist eingespannt in den polaren 
Gegensatz der beiden Tendenzen. Sie erzeugen den Lebensrhythmus und 
schaffen die Lebensformen, indem sie sich in den Identifikationen durch- 
dringen. 



262 Schneider: tJber Idonlifikntion 



Schluß 

Als Ergebnis unserer Untersucliung fassen wir zusammen: Die Identi- 
fikation bedeutet eine Verändemng (Handlung) der Person, die einer Diffe- 
renzierung im Lebensablauf folgt, um der Integralion als Mittel zu dienen. 
Ihre Ursache liegt in der Differenziertheit der Person, letzten Endes des 
Universums, ihre Form wird bestimmt durcli die jeweilige Integration, 
letzten Endes durch die Integralion ins Ganze (Universum). Da jedes 
psychische Geschehen entsprechend dem Wesen des Seelischen ganzheitlich 
bestimmt (determiniert, verursacht) wird, war es nötig, ein ganzheitskausales 
Begriffssystem zu gewinnen, um das besondere einzubaui;n und es aus der 
Ordnung des Ganzen verstehen zu können. Das strebt eine begründende 
Psychologie an. So habe ich mir auch ein Schema erstellt, um die reichen 
Tatsachen, die uns die psychoanalytische Forschung geliefert hat, einordnen 
zu können. Das Bekenntnis zu diesen empirischen Talsachen mochte ich 
als Geburtstagsgruß für Freud erneuern. 



Gefühlstheoretisches 
auf psychoanalytischer Grundlage 

Von 

F. P. Muller 

Leiden 

Die Psychoanalyse stellt den Gefühlstheoretiker vor eine schwierige 
Frage, die nach dem Verhältnis zwischen Trieb und Gefühl. Sie 
hat uns gelehrt, das Seelenleben auf Triebe zurückzuführen, hat uns aber 
auch gezeigt, daß es unter der Herrschaft des Lustprinzips steht. Man 
strebt nach etwas, weil es einem Trieb entspricht, und man strebt nach 
Lust; wenn jedoch die Befriedigung eines Triebes von Lust begleitet ist, 
darf man noch nicht sagen, man erstrebe diese Befriedigung, weil sie 
lustvoll ist. Sonst hätte man, wenn die Befriedigung eines Triebes un- 
möglich wäre, sich einfach nach einer anderen, wohl erreichbaren Lust- 
quelle umzusehen. Wer Hunger hätte, aber kein Essen bekommen könnte, 
wäre vielleicht wohl im Stande, einen sexuellen Genuß zu erlangen oder 
schöne Musik zu machen. Vielleicht meint man, hier sei Lust unmöglich, 
weil das Unbefriedigtsein — der Hunger bleibt ja ungestillt — zu unlust- 
voll sei. Wir kommen auf diesen Einwurf noch zurück; wichtiger ist jedoch, 
daß eine Handlung das eine Mal lustvoll ist, das andere Mal nicht, daß 
die Lust vom Zustande des Organismus abhängt, davon namentlich, ob 
aus diesem Zustande ein Drang zur Handlung hervorgeht oder nicht, mit 
anderen Worten: ob ein Trieb erwacht ist oder nicht. Daraus könnte man 
schließen, daß allerdings das Lustprinzip das psychische Geschehen be- 
herrscht, die Triebe jedoch die Lustmöglichkeiten jedesmal beschränken. 

Tatsächlich gibt es zu allererst einen Streit zwischen Trieben. So lehrt es 
auch die Traumtheorie: der Traum ist ein Kompromiß zwischen dem Be- 
dürfnis zu schlafen und anderen Bedürfnissen, er ist also das Ergebnis 



264 F. !'■ Mi'lK-r 



eines Kampfes zwischen Trieben. Der augenblicklich mächtigste Trieb be- 
herrscht jedesmal unsere Wahl, z. B. ob wir essen gehen oder spazieren, 
und erst nachher bestimmt dann noch vielleicht die Lustbegierde, was 
wir essen werden oder wohin wir spazieren werden. Im letzten Falle 
handelt es sich aber nicht nur um Lust aus Befriedigung, sondern über- 
dies um Lust an angenehmen Empimdungen. 

Das bewußte Suchen nach angenehmen Empfindungen isl etwas, das 
neben dem Getriebenwerden durch beslimmte Neigungen, was wohl 
großenteils unbewußt bleibt, beim Kulturmenschen eine bedeutende Rolle 
spielt. Je mehr er durch seinen Zivilisationsxustand in der IJefriedigung 
seiner Triebe beschränkt wird, um so mehr anscheinend sucht er einen 
Ersatz darin, daß er sich der Einwirkung angenehmer Heize aussetzt. Die 
Tiere befriedigen ihre Triebe oder sie gehen im Kampfe um die Be- 
friedigung zugrunde; sie kennen wohl weniger jenen Ersatz als ihren 
Gegensatz: das Meiden unangenehmer Empfindungen. Auch der Mensch 
sucht schon dem Schmerz zu entgehen, wenn er noch lernen muß, die Lust 
an sich zu suchen; aus Furcht vor Schmerz bezwingt er schon früh seine 
Neigungen. 

Die Psychoanalyse hat jedoch gelehrt, daß man die üedculung dieser 
Furcht für die Erziehung dennoch überschiitzi hat; niclii nur hat sie ge- 
zeigt, wie sehr man es lieben kann, Sclimerz zu empfinden, sondern sie 
hat auch klargestellt, daß es talsächlich ein Trieb isl, welcher die Er- 
ziehung ermöglicht. Ohne gewisse Formen und Meciianismen des Ge- 
schlechtstriebes, wie Übertragung, Identifikation, Ich-Ideal und Narzißmus, 
mißlänge wohl jede Erziehung; es käme jedenfalls nicht weiier als zu 
einer gewissen Zähmung. 

Wir stoßen also auf Triebe, wo man vorher bloß ein Lustprinzip fand, 
und wir sehen, wie das Lustprinzip immer wieder von Trieben abhängig 
ist. Die Frage bleibt aber noch zu beantworten, in welchem Maße um- 
gekehrt die Triebe vom Lustprinzip abhängig sind. Ein erster Versuch, 
einen Trieb zu befriedigen, kann nicht aus einem Streben nach Lust 
entsprießen, denn es mangelt noch an der Erfahrung, daß die Befriedigung 
lustvoll ist. Wenn die ersten Versuche mißlingen und nur Unlust herbei- 
führen, hören dennoch die Versuche nicht auf iind dann wird es erst recht 
klar, wie wenig der Trieb sich durch das Lusislreben beeinflussen läßt. 
Sonst hinge es auch großenteils vom Zufall ab, ob ein Trieb wirksam 
bliebe oder nicht; hätte ein erster Versuch Lust zur Folge, so käme es zu 
weiteren Versuchen, wäre jedoch das Gegenteil der Fall, so würden die 



Gefühlstheoretisches auf psychoanalytischer Grundlage 365 



Versuche eingestellt. Tatsächlich werden die Versuche nur hie und da etwas 
modifiziert, um der Unlust soviel als möglich zu entgehen. 

Der Einwurf, das Unbefriedigtsein zwinge zu neuen Versuchen, es käme 
darauf an, eine steigende Unlust los zu werden, kann die Behauptung der 
relativen Unabhängigkeit der Triebe vom Lustprinzip nicht entkräften; 
vielmehr geht aus den Erscheinungen, welche das Unbefriedigtsein eines 
Triebes verraten, hervor, daß hier etwas zu geschehen hat, was der augen- 
blickliche Zustand des psychophysischen Organismus gebietet, ein Über- 
gang in einen bestimmten anderen Zustand. Nicht vom Lustprinzip, sondern 
von gewissen Zuständen des Organismus hängen die Triebe ab. Die Wirk- 
samkeit der Triebe liegt insofern „jenseits des Lustprinzips und man 
könnte vielleicht von einem ,, Triebprinzip reden, welches besagt, daß man 
ursprünglich seinen Trieben blindlings gehorcht ; das Realitätsprinzip be- 
deutete dann, daß man seine Triebe bezähmte, um später sie desto besser 
befriedigen zu können. 

Die Unabhängigkeit vieler Vorgänge im Seelenleben vom Lustprinzip 
führt Freud' auf den allgemeinen Charakter der Triebe zurück, daß sie 
einen früheren Zustand wiederherstellen wollen. Er kommt zu dem Er- 
gebnis, daß das Luststreben sich schon zu Anfang des seelischen Lebens 
äußert und sogar weit intensiver als später; er sagt jedoch vom Luslprinzip, 
daß es eine Tendenz ist, die im Dienste einer Funktion steht, der es zu- 
fällt, den seelischen Apparat überhaupt erregungslos zu machen, oder den 
Betrag der Erregung in ihm konstant oder möglichst niedrig zu erhalten. 
Auf anderen Wegen ist Freud also tatsächlich auch zu dem Ergebnis ge- 
kommen, daß das Lustprinzip vielmehr von den Trieben abhängig ist, als 
die Triebe vom Lustprinzip. Freud hat weiter auf die Empfindung einer 
eigentümlichen Spannung gewiesen, die eine lustvolle oder unluslvolle sein 
kann. Nicht nur die Befriedigung ist also von Lust begleitet, sondern auch 
die Spannung, welche im Zustande des Unbefriedigtsein sich entwickelt. 
Damit stehen wir nun vor der Frage, ob das Lustprinzip nicht ebenso in 
Dienst der Erhaltung einer Spannung treten kann, wie in den Dienst der 
Befriedigung. Und ich meine, daß es tatsächlich so ist. 

Hattingberg- nennt die Triebe Richtungen, worin von einem typischön 
Anfangszustand des Organismus (Bedürfnis) ein Ablauf zu einem typischen 
Endzusland vor sich geht. Nun ist während der Realisation eines Triebes, 
des Überganges von einem Zustand in einen anderen, der Organismus 

1) Jenseits des Lustprimips (Ges. Schriften, Bd. VI, S. 255f.). 

2) Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, 77. Bd., S. 605. 



266 l''- ■'■ Mi'll*"" 



lätig, um beim Eintreten der Befriedigung in einen Ruliezustand über- 
zugehen. Es ist jedocli nur scheinbar trin Huhcxustand, denn die Befrie- 
digung wird gefolgt von neuer Tätigkeit, nur anderer Art, die nach kürzerer 
oder längerer Zeit das beseitigte Bedürfnis wiederlierslelll. Instabilität ist 
nun einmal ein Kennzeichen des Lebens und so wechseln die Zustände 
von Unbefriedigtsein und Befriedigung immer ab. Vielleicht darf man an- 
nehmen, daß immer die Gegensätze miteinander abwecliseln, so daß z. B. 
die Befriedigung des Sexualtriebes von einem Unbefriediglsein des Ich-Triebes 
gefolgt wird und die Befriedigung des Schlafbedürfnisses von einem Tätig- 
keitsbedürfnis. Aus dem Kreislauf, worin sich die Vorgänge im Organismus 
bewegen, geht möglicherweise die Notwendigkeit liervyr, daß die Triebe 
immer in Gegensätzen auftreten. 

Die Lust, welche die Befriedigung begleitet, kann sehr intensiv sein, 
aber sie dauert manchmal nur ganz kurz, und bisweilen tritt ein mehr 
oder weniger starkes Unlustgefühl schon bald an ihre Stelle („omne animal 
post coitum triste. f"). Nun wird das Fortschreiten nach der Befriedigung 
auch von Lustgefühlen begleitet und, was nocli bedeutsamer ist, das Kmp- 
finden von Hindernissen bei der Triebrealisation verstärkt manchmal diese 
Gefühle statt sie zu verringern oder Unlustgefülile an ihre Stelle hervor- 
zurufen. Man findet nicht nur eine „Vörliist", sondern auch die Spannung, 
der Kampf und Derartiges sind lustvoll. Das braucht uns nicht zu befremden, 
denn die Lust erscheint vielfach gebunden an intensive Leben sprozesse. 

Die hier genannten Lustquellen müssen viel bedeutsamer werden, sobald 
das Seelenleben unter den EinfluLi des Rcalilälsprinzips kommt. Dann wird 
manche Befriedigung aufgeschoben und das Individuum hat sich zu fugen 
in Zustände von Unbefriedigtsein. Viel mehr all zuvor lernt es, daß es aus 
diesen Zuständen Lust zu schöpfen vermag, wenn es nur unterläßt, sich 
zuviel aufzuregen. Während beim Tier und auch noch beim Säugling das 
Unbefriedigtsein schließlich auf Unlust hinausläuft, muÜ das beim Kultur- 
menschen nicht mehr unbedingt eintreten. Gleicliwic vr für die Lust aus 
Befriedigung einen Ersatz findet in ein Sichübergeben an die Einwirkung 
angenehmer Reize, so findet er auch einen Ersatz in angenehmen Spannungs- 
zuständen u. dgl. Solches gilt besonders vom sexuellen Gebiet, wo wohl 
am meisten die Befriedigung ausbleiben muß (Ödipus-Komplexl). Die Be- 
friedigung tritt somit als Lustquelle in den Hintergrund und statt ihrer 
verursacht der sexuelle Aufregungszustand, in welchem das Individuum 
verharrt, angenehme Gefühle, bisweilen jedoch, namentlich wenn er zu 
stark wird, auch unangenehme, speziell Angstgefühle. 



Gefühlstheoretisches auf psychoanalytischer Grundlage 267 

Es gibt noch besondere Mechanismen, welche diese Änderung im Seelen- 
leben begünstigen. Beim Lutschen, wobei das Verschlucken von Nahrung 
ausbleibt, beim Halten der Kotsäule statt zu defäzieren, gleichwie im Auf- 
halten von Urin und in der Erektion ohne Ejakulation, entdeckt der 
Mensch Mittel, sich eine Lust von längerer Dauer zu verschaffen. All- 
mählich kann er nun lernen, überhaupt das Eintreten der Endzustände 
der Triebrealisationen zu verzögern. Es gibt Menschen, welche im allgemeinen 
die Befriedigung fürchten, weil damit die Lust ihr Ende nimmt. Wenn 
sie sich z, B. auch manchmal verlieben, so weichen sie doch immer der 
endgültigen Eroberung des geliebten Objektes aus. Die erzählende Literatur 
liefert auch viele treffende Illustrationen dafür, wie man sich den Besitz 
einer fortwährenden Lustquelle sichern kann, indem die Wunsch er füll ung 
immer wieder aufgeschoben wird. Die Romane demonstrieren, was die 
Phantasie vermag, in der Wirklichkeit läßt sich das Eintreten der Befrie- 
digung nicht immer hemmen; es gibt dort zu viele Faktoren, die man nicht 
beherrscht. In der Introversion sind die Verhältnisse anders. 

Abraham' meint, daß die Introversion im Sinne Jungs großenteils 
mit dem infantilen Festhalten an der Retentionslust zusammenfällt. Das 
klingt sehr plausibel. Mittels der Phantasie wird man erst recht in den 
Stand gesetzt, den Ablauf der Lustform zu protrahieren. Die Wirklichkeit 
zwingt manchmal zu einem Entschluß ; in der Phantasie kann man das 
entscheidende Moment immer ausbleiben lassen. Es gibt Leute, welche 
gewöhnlich von Ereignissen träumen, die kein Ende genommen haben; sie 
erzählen, gerade vor dem erwarteten Abschluß aufgewacht zu sein. 

Wir müssen jetzt die merkwürdige Folgerung ziehen, daß man nicht 
nur aus Unbefriedigtsein in die Phantasie flüchtet, also um die 
ausgebliebene Befriedigung doch noch zu finden, sondern auch umgekehrt, 
damit man das Unbefriediglsein behält. Für den einen hat also die 
Introversion eine ganz andere Bedeutung als für den anderen. Besonders 
die Zwangsneurotiker zeigen uns, wie die Phantasie sich dazu eignet, einen 
fortwährenden Spannungszustand zu erhalten, und, insofern dieser Spannungs- 
zustand als Lustquelle gelten darf, finden wir auch hier, daß das Lust- 
prinzip in den Dienst der Erhaltung einer Spannung getreten ist. 



1) Psychoanalytische Studien lur Charakterbildung (Internationale Psychoanalytische 
Bibliothek Nr. XVI, 1925), S. 19 und 20, Fußnote. 



über Tanzen, Schlagen, Küssen usw, 

(Der Anteil des Zerstörungsbedürfnisses an einigen Handlungen) 

Von 
A. Stärcke 

den Dolder, Holland 

Die Psychoanalyse ist bekanntlich zu dem Ergebnis gelangt, daß unsere 
Bewegungen und Handlungen in erster Linie nicht den Zwecken dienen, 
die wir ihnen zuschreiben, sondern primär nur die Entladung einer un- 
lustvollen Spannung bezwecken. 

Diese Spannung wird durch Reize vermehrl; die Bewegung ist die 
Reaktion auf einen Reiz und zielt darauf hin, den ursprünglichen Zustand 
wieder herzustellen. 

Der Vorgang wäre auch so zu beschreiben: ein Reiz, uns von einem 
Sinnesorgane übermittelt, stürt die ursprüngliche solipsistische Ruhe; er 
verursacht die Entfremdung von Teilen des Ichs, die dann durch einen 
eigentümlichen Vorgang, den der Projektion, eine Umwelt zusammen- 
setzen. Zugleich verspüren wir eine Tendenz, von dieser Umwelt wieder 
Besitz zu ergreifen, das Ich zu rekonstruieren (Ich-Trieb). 

In dem Vorgange — physiologisch der Reflex — ist der sensorische 
Teil, das Anfühlen und in höheren Entwicklungsstufen das Wiihrnehmen 
einer Umwelt, gar nicht von dem motorischen Teile zu trennen, und wir 
dürfen ruhig voraussetzen, daß das Anfühlen oder Wahrnehmen der Um- 
welt die innerliche Empfindung der kleinsten Bewegungen („Phantasie") ist, 
welche schon den Zweck haben, diese Umwelt wieder aufzuheben und ins 
Ich zurückzuführen. Nur verschwindend wird die Umwelt uns bewußt. 

Wir haben somit in der Entwicklung der sensorischen Funktion dieselbe 
Stufenreihe anzunehmen wie bei der Entwicklung der motorischen Funktion: 
I) eine oder mehrere tonische Stufen, II) Tonus mit Unterbrechung; 



über Tanzen, Schlagen, Küssen usw. 269 



a) epileptische, b) rhythmische, c) reaktive, d) aufgeschobene Wiederholung. 
In der Tat liefert direkte Beobachtung die Beweise dafür, daß Empfindungen, 
die für unser Bewußtsein einmalig zu sein scheinen, in Wirklichkeit rhyth- 
misch oder epileptisch vor sich gehen, das heißt die Form einer einfachen 
oder einer gedämpften Sinusoide haben (z. ß. die taktilen Nachbilder). 
Auch die mittels Registrierung gewonnenen Bilder eines Sehnenreflexes 
zeigen die Form einer gedämpften Sinusoide. Der Sehnenreflex ist nicht 
eine einfache Muskelzuckung, sondern ein lokal epileptoider Vorgang. 
Über die Art der Empfindungen, welche diese Reflexe der niederen Stufen 
begleiten, sind wir nur bruchstückweise orientiert; aus der Symphonie von 
Empfindungen der höheren Stufen sind die Reste von den früheren nur 
mühsam herauszuhören. 

Die Umwelt, welche man sich mittels dieser primitiven Empfindungen 
schafft, und welcher alle Sinnes qualitäten noch fehlen, ist für uns nicht 
vorstellbar. Man hat dafür den Namen: „Gott". 

Jedenfalls ist aber auf den niedrigsten Stufen der Prozeß der Empfindung- 
Handlung zu einem Vorgange reduziert, welcher physiologisch eine tonische 
oder epileptische Reflexbewegung, psychologisch eine tonische (vegetative) 
oder epileptische Halluzination einer Umwelt ist. Dieser genügt schon 
an sich, um von der Umwelt Besitz zu ergreifen, das heißt, sie zu zerstören, 
denn diese beiden Begriffe sind identisch. 

In dem Arbeitsplane, nach welchem die Umwelt vernichtet wird, — unser 
Lebenszweck — vollzieht sich eine Evolution, welche durch zunehmendes 
Aufschieben gekennzeichnet wird. Die direkt erlösende Gott- Empfindung 
muß immer größere Reste hinterlassen, welche zusammen die „Realität" 
darstellen, die schließlich, bei immer zunehmender Hemmung, zur mächtigen 
Dauerempfindung anschwillt, die wir als Wahrnehmungswelt kennen. Die 
„Realität" entspricht der Empfindung-Bewegung auf den Stufen der reaktiven 
und aufgeschobenen Wiederholung. Um von dieser „realen" Umwelt wieder 
Besitz zu ergreifen, sind die gröberen Bewegungen da;' es bleibt aber Spannung 
vorhanden. Die „Handlung" erlöst nie ganz. Nie ganz aufhörende Spannung, 
nie vollkommene Befriedigung charakterisiert die höhexen Stufen. Die Rest- 
verarbeitung vollzieht sich dann in einem Rhythmus sekundärer Ordnung 
als religiöses, sportliches oder sonstig magisches Zeremoniell und — Empfinden. 

Die Tötung oder Einverleibung des Gottes ist darin oft auffallend. 

1} Es ist eine Schattenseite des Realitätspriniips, daß unter seiner Herrschaft auch 
die Zersörung der Umweh immer reeller wird, während sie unter dem Lust- 
priozip fast nur magisch vor sich geht 



270 A. Stärcke 



Kommt man, die Schicksale der Libido verfolgend, zum Ergebnis, das 
religiöse Zeremoniell sei eine Abspiegelung der wichtigsten Ereignisse der 
Urfamilie, so kommt man, dem Schicksal des Ich-Triebes (Hemmung) 
folgend, auf andere Weise zur Erklärung dieses Mordes. Da „Gott" die 
Ur-Umwelt ist, muß Er zur Erlösung getötet werden, denn das Ich ertragt 
nichts außer sich. 

Eine der ersten gröberen Tätigkeiten (also nach dem Atmen, Schreien, 
Zappeln, Saugen usw.), welche die Umwelt vernichten sollen, ist der Tanz. 
Beim Säugling von fünf Monaten kann man einen, z.B. auf zwitscherndes 
Pfeifen hin erfolgenden Tanz beobachten. Das Kind lacht sich Gruben in die 
Wangen, bewegt den Kopf energisch ruckweise und rhythmisch drehend 
nach links und rechts und hebt den Bauch ein oder mehrere Male auf. 
Dieser magische Bauchtanz entspricht mit einem der Geologie entnommenen 
Ausdrucke, der lumbalen Facies von der rhythmischen Stufe der sensu- 
motorischen Besitzergreifung. Deren brachiale Facies ist das Schlagen, 
die digitale Facies das Kratzen. 

Zu einer mehr gehemmten Stufe erhoben, wird aus dem rhythmischen 
Kratzen das einmalige Greifen. Ganz abgesehen von dem sekundären 
„realen . Erfolge des Greifens, ist das Greifen in seinem Kerne eine ma- 
gische Besitzergreifung, vom Kratzen herstammend, zu welcher Form es 
bei der Frau bisweilen wieder herabsinkt. 

Der lumbale Tanz, der die Zurückeroberung der Umwelt (des „Gottes") 
bezweckte, wird in seinem einmaligen Reste zur Verbeugung, der als 
magisches Zeremoniell bei Begrüßung eines l'Vcmden aucli seine magische 
Vernichtung als „Fremdes", seine Einverleibung, Zurückführung ins Ich 
bezweckt. 

Das Schlagen tritt als magische Besitzergreifung bei gewissen sadisti- 
schen Handlungen und bei der Bestrafung derjenigen, die durch unerlaubte 
Handlungen wieder zu „Fremden" geworden sind, rein hervor, Sein Zweck 
ist nicht in erster Linie das Zufügen von Schmerz, sondern die Erlösung 
des Schlagenden dadurch, daß er das (den) Geschlagene(n) wieder in sein 
Ich zurückführt. 

Seine Reste sind in den spateren Stufen vertreten durch die magischen 
Zeremonielle : 

Winken, Schwenken und Zeigen. Dem letzteren kann auch die 
bestrafende Tendenz des Schiagens noch etwas anhaften. 

Die glosso-labiale Facies der rhythmischen Besitzergreifung, das Saugen, 
wird auf der Stufe der reaktiven Wiederholung zum Kusse. 



über Tanzen, Schlagen, Küssen usw. 271 



Bei der Paarung gestaltet sich der Vorgang dadurch komplizierter, daß 
das männliche Organ sich seinen Segmentalwillen reserviert. Infolgedessen 
wird es im Augenblick seiner nicht supra-kaudal gewollten Bewegungen 
zu etwas Ich-Fremdem, zu einem Stücke Umwelt. Die tonische Vorlust ist 
die kompensierende Wiederbesitzergreifung. Es scheint aber auch die Tendenz 
zu bestehen, sich dieses Stück Umwelt reell zu zerstören. Die seltsame 
Neigung zur Selbstbestrafung durch Kastration, welche wir so oft als Hinter- 
grund pathologischer Neigungen und Handlungen annehmen müssen, findet 
ihre Quelle wenigstens zum Teile in der dem. Ich-Triebe zuzuschreibenden 
Tendenz, keine Sinnesreize fühlen zu wollen, welche sich nicht aufheben 
lassen. Als ihre Ursache ist eine gestörte Vorlust anzunehmen. Längs 
diesem Wege fallt auch etwas Licht auf eine andere befremdende Trieb- 
handlung, den Selbstmord. Jeder Selbstmörder ist wohl in außerordent- 
lichem, Maße Narzißt. Der Narzißmus aber kennzeichnet sich dadurch, daß 
nicht nur das Genitale, sondern der ganze Körper zum Objekte, zur Um- 
welt, werden kann. Weniger genau sagt man, es werde bei der Frau der 
ganze Körper zum Genitale; das ist aber keine Eigenschaft ihrer Weiblich- 
keit, sondern ihres Narzißmus, und trifft für den männlichen Narzißten ebenso 
gut zu. Der Selbstmörder schreitet zur realen Zerstörung seines Körpers, 
als Akt der Besitzergreifung, sobald ihm dessen magische Zurückeroberung 
nicht mehr gelingt. (Magische Bewegungen dieser Natur und der rhythmischen 
Stufe sind z. B. die bekannten „Angst"bewegungen: Kratzen, Sichgreifen, 
i, e. Händeringen, Haarraufen, Aufundafagehen, Stöhnen, dann das Sich- 
greifen bei der Gebetsstellung.) 

In der Verliebtheit regrediert die Umwelt zu den ersten Stufen, das 
Geliebte schluckt den Rest der Umwelt und einen Teil der Ichs auf, wird 
zu „Vater" oder „Mutter", schließlich zu „Gott" herabgedrückt ^ wie 
wir entwicfclungsgeschichtlich sagen müssen. 

Die beiden Wörtchen schließen 
Die ganze Welt mir ein. 

Dieser Gott wird dann mittels der Paarung — kaudale Sensu-Motilität der 
epileptischen, supra-kaudale der rhythmischen Stufe — zerstört. Zerstört, denn 
er ist im Ich aufgenommen worden, das Ich ist bereichert, die Umwelt verarmt. 

Darum schläft man danach: es besteht keine Umwelt mehr. 

Magische Bewegungen können einander vertreten (Symbolik). Ich mächte 
nun zwei Gesetze der Symbolik formulieren — von der Seite des Ich- 
Triebes gesehen — zu deren Nachprüfung ich die Kollegen auffordere. 



272 Stärck-e: Über Tanzen, Sclilagi-ti, l^üssen lUW. 

i) Magische Bewegungen desselbeuKörpersegmentes können einander 
vertreten, 

b) Magische Bewegungen derselben Entwicklungsstufe können schon 
dadurch einander Symbol werden. Zum Beispiel kann jede epileptoide Be- 
wegung bei ihrer Hemmung von einer anderen epileptoiden Bewegung 
vertreten werden. 

Ich fasse zusammen : 

Jede Bewegung ist in erster Linie magisch. Das bedeutet, daß sie an 
sich, von ihrem „realen" Nutzen abgesehen, eine Befriedigung unserer 
beiden postulierten Grundtriebe, der Libido und des Icli-Triebes bezweckt. 
Die Libido kennt nur eine Befriedigung: den Tod. Die Libido-Bcfriedigung 
in der Aktion ist also in dem Stoff- und Energieverbrauche zu suchen, 
der durch die Aktion der Umwelt zugeführt wird: Die Ich -Triebbo friedigung 
liegt in der magischen oder realen Aufnahme der Umwelt (oder eines 
Teiles davon) in das Ich.' 



i) Obenstehende all zu lapidare Aiideutungen sind ein Weitcrspiiinen von Gedanken- 
reihen aus den für die Ich -Trieblehre so grundleg-endeii Arheiten von Sandor Ferencai: 
„Introjektion und Übertragung" und „Die Entwicklungsstufen des Wirkliclilieitssinnes". 



.J.A... 



Die Völkerpsychologie 
und die Psychologie der Völker 

Von 

G6za Röheim 

Budapest 

1 

Unter Ethnologie versteht man in Deutschland oder verstand man bis 
zum Auftreten Gräbners eine Wissenschaft, die den Urformen allgemein- 
menschlicher Erscheinungen nachgeht und dabei auf die Abgrenzung 
völkisch-bedingter Züge weniger Gewicht legt. Die Fragen der Rassen- 
verwandtschaft hingegen bilden das eigentliche Problem der Anthropologie. 
In England verhält es sich gerade umgekehrt, „ethnology" ist die Lehre von 
den Rassen, von der Urheimat und Wanderung der Völker und Bräuche, und 
„antJiropology" , oder genauer „social anthropology" , wäre die Wissenschaft 
des Allgemein-Menschlichen. Mit dem deutschen Worte Völkerpsychologie 
sind wir in einer noch mißlicheren Lage. Bald soll die Völkerpsychologie 
eine Psychologie kollektiver Erscheinungen im Sinne Wundts, etwa eine 
Psychologie des Völkerlebens sein, bald aber eine Psychologie der Völker. 
Der erste Typus gehört in die Kategorie der ernsten wissenschaftlichen 
Literatur, bei dem zweiten ist dies nur teilweise der Fall. Es handelt sich 
immer um den Versuch, möglichst einschneidende Unterschiede in der 
Charakterologie der Völker festzustellen. Dabei geht es etwa nach dem 
Schema der Bakairi zu. „Bei den Bakairi heißt kurd iwir', ,wir alle', 
,unser' und gleichzeitig .gute' (, unsere Leute'), Kurdpa = ,mcht wir", 
,nicht unser' und gleichzeitig .schlecht, geizig, ungesund'. Alles Übel 
kommt von Fremden, nicht zum wenigsten Krankheit und Tod, die von 
Zauberern draußen geschickt werden. ' In seinem geistreichen Kongreß- 

i) Karl von den Steinen: Unter den Naturvölkern Zentral -Brasiliens. 189^. 287. 
Imugo XII. 18 



274 



Gexa Rtiheini 



vonrag' hat Th. Keik zwei Typen von Psycliologie unlerschieden, eine 
Verdrängungspsychologie, die, vom Über-lch ausgehend, nichts Eigentliches 
erfassen will, und eine aus dem Geständniszwang entstehende Äufdeckungs- 
psychologie. Als dritte Abart wäre vielleicht die eben erwäiinle völker- 
psychologische Literatur zu nennen. Sie ist sicts damit beschäftigt, die 
Sünden anderer zu bekennen oder vielmehr das eigene Verdrängte dem 
Volksfremden zuzuschreiben. Sie ist eine Projektion spsychologie. 

B 
Damit soll nun aber keineswegs behauptet werden, daß nicht gewisse, 
relativ wichtige Unterschiede zwischen den einzelnen Völkerindividuen 
wahrzunehmen sind. Niemand wird einen Scliweden änßerlicli mit einem 
Bantu verwechseln, wenn wir auch wissen, daß sie einander in den wirk- 
lich grundlegenden Funktionen des Körpers ganz nalie stehen. Es liegt 
kein Grund zur Annahme vor, daß die seelische Gestalt der Menschheit 
nicht dieselben Variationsbreiten aufweist, die in dein Körperbau unzwei- 
deutig in Erscheinung treten. 

3 

Gerade von psychoanalytischer Seite liegt nun aber eine Einwendung 
nahe. Wir haben Religionen, Sitten, Sagen durchforscht und überall die- 
selben Deutungen gefunden. Den Wünschen der Mensclien wird von 
Schottland bis Neuseeland dieselbe Allmacht zugeschriebeji und vom Harz 
bis Hellas kehrt König üdipus immer wieder. Aber auch die Untersuchung 
des Einzelindividuums führt überall auf dieselben Grundiaisachen, und 
doch gibt es eine Neurosenwahl, verschiedene Mögliclikeiten in der Aus- 
prägung des Urstoffes. Die Verschiedenheiten liegen hauptsächlich auf dem 
Gebiete der LibidoÖkonomie und sind teilweise durch Heredität, d. h. An- 
lage, teilweise durch die individuell verscliicdenen Schicksale des Einzelnen 
begründet. Da aber die Anlage wiederum als Niederschlag der Erlebnisse 
der Ahnen zu betrachten ist, brauchen wir uns als Völkerpsychologen vor- 
läufig um diesen individuell so wichtigen Unterschied nicht zu kümmern. 
Wir werden einfach sagen: das Allgemein-Menschliche liegt in der gemein- 
samen Urgeschichte der Menschheit, das Spezifische in den Sonderschick- 
salen einzelner Rassen oder Völker begründet. (Freud: lUssencharakter — 
Niederschlag der Rassengeschichte.) 



I) „Der Ursprung der Psychologie." [Vortrag auf dem IX. Internationalen Psycho- 
analytischen Kongreß, Bad Homhijrg, Sept. igzs). 



Die Völkerpsychologie und die Psychologie der Völker 275 

4 
Nun ist aber hei dem Feststellen solcher Unterschiede Vorsicht geboten. 
Denn uns steht ja nicht die intensive Beobachtungsart des Analytikers zu 
Gebote. Zwar erzählen uns auch die Völker wie die einzelnen Kranken 
ihre Lebensschicksale in ihren Einrichtungen, Gewohnheiten usw., aber in 
einer Schrift, die schwer lesbar ist, weil sie nur in Bruchstücken überliefert 
wird. Auch wissen wir eigentlich nicht, inwieweit die Reisebeschreibungen 
den Tatsachen entsprechen oder diese individuell-komplexbetont fälschen, es 
wäre da eine Analyse nicht nur der Völker, sondern auch der Bericht- 
erstatter notwendig. Es gibt aber doch eine Möglichkeit, um einigermaßen 
wahrscheinliche Ergebnisse zu gewinnen. In der Analyse ist das Ko-Variieren 
gewisser Charakterzüge, ihr Zusammenhang mit der Libidobesetzung ein- 
zelner erogenen Zonen, dann aber auch mit den Mechanismen der sekun- 
dären Bearbeitung nachgewiesen worden. Wenn wir solche Gruppen auf- 
fallender Einzelzüge nachweisen und auch ihre libidinösen Grundlagen 
wahrscheinlich machen können, so haben wir vielleicht den ersten Schritt 
zu einer differenti eilen Völkerpsychologie der Zukunft getan. 

5 

Versuchen wir es wieder mit den Bakairi. Da erfahren wir, daß sich 
bei ihnen die Vorstellung von Gut und Böse in erster Reihe auf die Gast- 
freundschaft bezieht. y,Kura" (gut) sein, hieß es beim Empfang an Beijus 
und Püserego, den Fladen und den besten Kleistertrank aus Mandioka 
nicht fehlen lassen.' „Gut ist also derjenige, der zu Essen gibt, böse aber, 
wer das Essen verweigert". Der Wichtigkeit der oralen Funktion entsprechend 
finden wir bei diesen Völkern eine lebhafte Schamreaktion der Nahrungs- 
aufnahme. Karl von den Sieinens Beschreibung gehört zu den vielzitierten 
und bestbekannten Stellen der ethnologischen Literatur. „Als Paleko mir 
den Topf mit kleinen Fischen brachte, waren wir beide allein im FlÖten- 
haus, er kehrte mir den Rücken zu und sprach kein Wort während der 
langen Zeit, daß ich mit den Gräten kämpfte. Ich gab Tumayaua von 
unserem Bohnengericht; er nahm die Portion und ging bis zu seinem 
Hause, wo er sich hinsetzte, aß, und zwischendurch, aber ohne den Kopf 
zu wenden, herüberrufend sich auch an imserer Unterhaltung beteiligte."^ 

Ein Volk, dessen moralische Begriffe vorwiegend oral orientiert sind 
und das bei dem Essen eine ähnliche Schamreaktion wie wir beim Ge- 



)) Karl von den Steinen, 1. c. 71. 
2) Karl von den Steinen, 1. c. 69. 



»P 



276 G<^/.a Köheim 



schlechtsverkehr empfindet,' darf füglich als klassisches Beispiel der Oral- 
erotik gelten. Mit Recht erklärt Karl von den Sieinen die Sitte des Allein- 
essens damit, daß man sich dem neidischen Blick der Zuschauer entziehen 
will, da die Regel sich auf die begehrteren Speisenarten in verschärftem 
Maß bezieht. Der Neid ist uns aber aus den Untersuchungen Abrahams 
als ein hervorstechender Zug des oralen Charakters bekannt.^ 

6 

Jener idyllische Zustand des allgemeinen Allruismus, der uns so oft in 
den Reisebeschreibungen dieses oder jenes Naturvolkes begegnet, dürfte teil- 
weise als Reaktionsbildung auf den oralen Neid zu deuten sein. „Bei den 
Choroti und Aschluslaydörfern herrscht kein KlasseiiuiUerscliied, noch gibt 
es Reiche oder Arme. Ist der Magen voll, so ist man reicli, ist der Magen 
leer, so ist man arm. Wir sind alle Brüder (vgl. auf den Neid folgende Liebe 
der Brüder als Konkurrenten um die Mutterbrust), dies ist der Grundgedanke 
im Gesellschaftsbau dieser Menschen. Sie leben in einem beinahe voll- 
ständigen Kommunismus. Bekommt ein Indianer Brot, so teilt er es in 
kleine Stücke, damit es für alle reicht. Ich vergesse niemals einen kleinen 
Aschluslayknaben, dem ich /ucker gab. Kr biß ein Stückchen ab und aß 
es anscheinend mit Wohlgefallen auf, dann sog er ein bißchen an dem 
Rest und nahm ihn aus dem Munde, damit die Mutler und die Geschwister 
auch kosten sollen. "3 In Südostaustralien wird die Jagdbeute nach festen 
Regeln in solcher Weise an alle mögliclicn Verwandten verteilt, daß dem 
Jäger selbst dabei nur verhältnismäßig wenig übrig bleibt.* 

7 

Heiter, sorglos, optimistisch wie das Kind, welches die Mutterbrust ge- 
nossen und von derselben Quelle stets wieder Befriedigung seiner Wünsche 
erhofft, erscheinen viele Naturvölker den Augen europäischer Beobachter. 
So schreibt z. B. Hagen: 

»Als ich den Leuten dann aber in die treuherzig blickenden Augen und 
das trotz aller scheußlicher Bemalung und trotz alles barbarischen Schmuckes 
gutmütige, in freundliche Falten gelegte Gesicht sah, da war mein zweiter 

1) Vgl, E. Crawley: Tlie Mystic Rose. 1902. 

a) K. Abraham: Psychoanalytiseho Studien zur CliarakliTbildiiiig. 1935, 40. 

5) E. Nordenski öld: Indian erleben. igi2- 34, 35' 

4) A. W. Howitt: Native Tribes ot South East Auslrttlia. 1304, 756. 



Die Völkerpsychologie und die Psychologie der Völker 377 

ebenso intensiver Gedanke: Das sind gute Menschen,"^ Oder denken wir 
an die „Bakairi-Idylle in dem oben angeführten Werke Steinens und wir 
erhalten denselben Eindruck. 



Daß dem Essen bei den Naturvölkern eine intensivere Lust und Angst- 
besetzung zukommt als bei uns, beweisen mannigfaltige Sitten und Vor- 
stellungen. Wir erwähnen nur (da andernorts schon besprochen) den Kan- 
nibalismus, die Phobie, von Zauberern aufgegessen zu werden, die magische 
Bedeutung des Speichels und des Atems, die Vorstellungen von der be- 
fruchtenden Speise usw.^ Daß es sich aber tatsächlich im Vergleich zu den 
Kulturvölkern um einen stärker betonten Zug und nicht etwa um eine 
gleichmäßig menschliche Erscheinung handelt, beweist die Geschichte der 
Speiseverbote. Ihre Bedeutung nimmt mit dem Fortschritt der Kultur ab 
und in gleichem Maße wächst die gesellschaftliche Rolle des Geldes, d. h. 
der Kulturfortschritt hängt eng mit dem Verwandeln oraler in anale Libido- 
quantitäten zusammen. Daß Analerotik und Zwangsneurose hervorstechende 
Merkmale unserer Kultur sind, ist z. B. vonStärcke energisch betont worden.^ 
Allgemein pflegt man zu sagen, daß die Konservierung der Nahrungsmittel 
und die Sorge für den kommenden Tag den Kulturmenschen von dem 
Naturmenschen unterscheiden. Das wäre aber gerade der Übergang von der 
oralen zur zweiten analen Stufe Abrahams mit den Zügen des Behalten- 
woUens und des Pessimismus. Vielleicht hängt auch die Tatsache, daß der 
Kulturmensch seine impulsiven Gefühlsausbrüche besser beherrscht* als der 
Naturmensch, mit dem Erstarken der Sphinkterfunktion zusammen. 

9 
Die vorausgesetzte Verwandlung oraler in anale Charakterzüge bedeutet 
eine ökonomische Veränderung,^ zugleich aber einen Stufenunterschied; 

1) B. Hagen: Unter den Papuas. 1899. 248. 

2) Vgl. meine Arbeiten: „Das Selbst". Imago VII. „Nach dem Tode des Urvaters". 
Imago IX. „Heiliges Geld in Melanesien". Internationale Zeitschrift fiir Psychoanalyse IX, 
und „Australian Totemism". 1925. 

3) A. Stärcke: Psychoanalyse und Psychiatrie. 1921. 27, 28, ga. 

4) Vgl. Vierkandt: Naturvölker und Kulturvölker, 1896. Vgl, auch die Theorie 
der analen Entstehung der Kochkunst (A, Bälint: Die mexikanische Kriegshieroglyphe 
atl-tlachinolli. Imago IX. S. 425), als der Konservierung der Speise. 

5) Es bleibt einem anderen Zusammenhang vorbehalten, auf die Ökonomischen 
Unterschiede in der Verteilung der Genital-Libido zwischen Natur- und Kulturvölkern 
einzugehen. 



^ 



278 Geza Rüheim 



das phylogenetische Vorbild eines in der Ontogenese wohlbekannten Vor- 
ganges. Solche Stufenunterschiede werden wohl noch üfler den psychi- 
schen Typus einer Völkergruppe bestimmen. Ob sie grundsätzlich von den 
historisch bedingten Abweichungen zu untersclieiden sind, möge dahin- 
gestellt bleiben. Wir glauben es nicht, denn die phylogenetische Evolution ist 
ja auch nur durch traumalisch oder ständig wirkende Einflüsse der Außen- 
welt aufgezwungen. 

Den Wurzeln unserer eigenen Rassenentwicklung stehen die Ureinwohner 
Australiens nahe. Dementsprechend linden wir auch in Zentralaustralien 
eine Kultur, deren religiöse und soziale OrganisiUion sich um die berühmte 
Frage dreht, woher kommen die Kinder? und diese gan?. unseren infantilen 
Sexualtheorien entsprechend beantwortet.' 

Wir steigen einige Stufen höher mit den Rothäuten Nordamerikas. Die 
meisten von uns waren ja Indianer in ihrer Kindheit oder trachteten 
wenigstens, der Jugendliteratur folgend, sich in die palhelisch-großspreche- 
xische Art eines Indianerhäuptlings einzuleben. Daß die Romane Coopers, 
Karl Mays usw. für diese Spiele verantwortlicli sind, ist eine oberflächliche 
Erklärung. Warum hat sich keine ähnliclie Romantik etwa um die Hotten- 
totten oder Ainu gesponnen? Die Antwort ist naheliegend. Weil diese 
Indianerstämme des Nordostens in dem Zustand, in dem sie sich zur Zeit 
der ersten Kämpfe mit den Weißen befanden, in typischer Weise die 
Pubertät des Individuums oder das heroische Zeitalter vertreten. Die heroische 
Lüge, sagt Rank, besteht darin, daß einer behauptet, die große Tat allein 
vollbracht zu haben, die in der Wirklichkeit nur den vereinten Kräften 
der Bruderhorde gelingen konnte.^ Jene Tat der Urzeit wird bekanntlich 
in den Pubertätsriten aller Völker in der Umkelirungsform wiederholt. Die 
Brüder, die den Vater töten wollten, werden zur Strafe von den Vätern 
(symbolisch) getötet, dann aber auch wiederbelebt, Es handelt sich um 
einen Ritus, um Handlungen, die in der Gruppe ausgeführt werden; die 
einzige Ausnahme von dieser Regel bilden die Indianer Nordamerikas. Wie 
der Held der Sage, geht der Jüngling eines nordamerikauischen Stammes 
allein daran, die Heldentat zu vollbringen. Audi geschi.Mit hier keine Rück- 
wendung des Urereigiiisses; der Held erleidet keine Strafe, wird nicht ge- 
tötet, sondern er tötet lege artis den Vater, beziehungsweise sein Symbol, 
das Totemtier. Dieses Ereignis wird durch einen Traum oder eine Vision 



1) Cf. Australian Totemism. 1925. 

2I Freud: Massenpsychologie und rch-Aiialyse. ^Ges. Schriften VI, S. 34.0.) 



Die Völkerpsychologie und die Psychologie der Völker 279 

eingeleitet und tJurch ihren überwiegend halluzinatorischen, der Realität 
entrückten Ablauf steht es auch der Heldensage sehr nahe/ 

Denn vergessen wir nicht, der Jüngling und sein verklärtes Ebenbild, 
der Held, leidet und läßt andere leiden, er ist sadomasochistisch eingestellt, 
auf der prägenitalen Stufe der Sexualentwicklung. Bei den Martern, denen 
die Kriegsgefangenen der Nordamerikaner unterworfen werden, trachten die 
letzteren die Pfeile stets lächelnd zu empfangen und den Peinigern keine 
Zeichen von Schwäche zu zeigen.^ Was es aber für eine Bewandtnis mit 
dieser typischen Szene des an den Marterpfahl gebundenen und mit Pfeilen 
beschossenen Gefangenen hat, zeigt uns der Umstand, daß in Mexiko der 
Repräsentant des Gottes in der Kulthandlung, welche „Erschießen mit 
Pfeilen" genannt wird, in der Koitusstellung der Frau an ein Gerüst ge- 
bunden wurde.3 

10 

Die Geschichte der Menschheit kann auch als ein Wechselspiel zwischen 
der Verdrängung und dem Verdrängten betrachtet werden. Bei der Unter- 
suchung der australischen Urvölker hat sich ein weitgehendes Ko-Variieren 
gewisser Erscheinungen herausgestellt, deren Zusammenhang auf dieser 
Grundlage verständlich wird. Bei den Stämmen des Südostens finden wir 
einen Totemismus, der sich hauptsächlich in Verboten erschöpft. Das Zahn- 
ausschlagen, also eine im Vergleich zur Beschneidung verhülltere Milde- 
rungsfomi der Kastration, erscheint als Höhepunkt der Männerweih eriten, 
während bei den Zentral- und Nordstämmen die Beschneidung mit einem 
totem istischen Fruchtbarkeitskult mit Überlebsel der Brunstzeit und mit 
der Erzeugerrolle des Totemtieres als gemeinschaftlichen Ich-Ideals einher- 
geht. Ferner erwähne ich noch, daß die Religion der Stämme vom Ver- 
drängungstypus von dem übermächtigen Vertreter des getöteten Urvaters 
von Mungan ngaua und ähnlichen „Vätern im Himmel" beherrscht wird, 
während bei den Zentralstämmen alle Einrichtungen auf Horden wandernder 
zauberkräftiger Ahnen, also auf die Brüderhorde zurückgeführt werden. Dies 
alles bietet ein gutes Beispiel für die Wichtigkeit der infantilen Traumata 
im Völkerleben. Bei den Stämmen des Südostens endete der Urhordenkampf 
mit dem Sieg der Väter oder eigentlich mit dem Sieg einer Generation 



1) Vgl. Röheim: Das Selbst. Imago VII. 492. 

s) Handbook of American Indians. II. 146. • 

3) J, LÖwenthalL Die Religion der Ostalgonkin, 1913. 198. Ed. Seier: Comm. 
mm Codex Borgia. I. 171 — 174. Ed. Seier: Gesammelte Abhandlungen zur Amerika- 
nischen Sprach- und Altertum skimde. II. 1904. 1075; TII. 517. 



280 G^za Rdhoini 



von Söhnen, bei denen die Vergeltungsfurclit eine größere Rolle spielte 
als der Inzestwunsch. Sie schufen also die Grundlagen der Gesellschaft in 
der Vatereinslellung mit dem Kult des Allvaters und der Verdrängung. Bei 
den Zeniralstämmen siegt die Bruderhorde und von 7-,eit zu Zeit werden 
die beiden Grundverbote des Totemismus (Inzest und Totemessen) feierlich 
durchbrochen. Und nun kommt das Merkwürdigste. Die ursprüngliche 
Gesellschaftsform der Verdrangungsslämme ist ein Zweiklassensysiem mit 
Mutterfolge. Das heißt: wenn wir die beiden Hälflen des Slammes von- 
einander als A und B unterscheiden und mit m die Männer, mit f die 
Frauen bezeichnen, so sind bei einer Ehe von Am mit Ä/ die Kinder Sm/". 
Sie gehören zur selben Heiratsklasse wie die Mutter, also darf der Sohn Bm 
keinen Geschlechtsverkehr mit der Mutter und auch nicht mit seinen 
Schwestern, die alle Bf sind, pflegen. Wohl aber wäre ein Inzest zwischen 
dem Vater Am und seinen Töchtern Bf möglich. Die matrilineare Ein- 
richtung der Südslämme entspricht also vollkommen unseren Erwartungen, 
sie ist vom Standpunkt der Väter leicht verständlich. Umgekehrt liegen 
die Verhältnisse im Norden. 

Wenn ich nämlich richtig erschlossen habe, daß die Heiratsklassen dieser 
Stämme auf einem Zweiklassensystem mit Vaterfolge beruhen, so wären 
bei einer Ehe von Am mit Bf die Kinder Amf. Eine Ehe des Sohnes 
demnach sowohl mit der Multer, als auch mit den Schwestern wäre ge- 
stattet, während der Vater hier durch die Kegel der Exogamie von der 
Tochter getrennt ist.' Hie Urvater, hie Bruderhorde I Und talsächlich herrscht 
die Vaterfolge, dem Geist der Bruderrevolution entsprungen, noch immer 
bei den fortschrittlichen, die der Mutterfolge bei den rücksländigen Hassen 
der Menschheit.^ 

11 

Eine andere psychologische Einteilung der Völker ist auf Grundlage ihres 
Verhaltens zur Außenwelt möglich und auch oft versucht worden. Man 
spricht etwa von intro- und exiraveriierten oder, psychoanaljtisch ausgedrückt, 
von narzißtischen und objekl-erotischen Völkern. „Das alte, spekulative Indien 
mit den mystischen Systemen der Philosophie und der Religion, die wir 

1) Ich ergreife die Gelegenheit, iim das kryptomiiestischc Verschon, welches ich 
mir in Tneiiiem Buch zuschulden kommen ließ, riditigmslcllpn. Die Bemerkmigen 
über Vater- und Mutterfolge gehen auf Freud: Totem und Tabu, 1915, Anm. i, m- 
rück, beliehen sich aber dort auf Totemverbiinde. Eigentücli handelt es sich hier 
aber um die Phratrie. 

2') Vgl. Röheim: AuGtralian Totemism. 1925. 426, 451, 45a, 434. 



Die Völkerpsychologie und die Psychologie der Völker 281 

Brahmanisrnus nennen, war zweifelsohne introvertiert", sagt Professor Selig- 
man.' Jedenfalls scheint das für die Heimat des Buddhismus zu stimmen, 
da ja das Endziel der buddhistischen Versenkung als Regression zum 
Intrauterin] eben nicht zu verkennen ist." 

Bei einer näheren Untersuchung der Mythenstoffe, insbesondere der 
Sage von der wilden Jagd, stellt sich aber heraus, daß diese intrauterine 
Einstellung keineswegs als primär, sondern als Regressionserscheinung zu 
betrachten ist. 

Die Entstehung des Buddhismus hängt ja eingestandenermaßen mit einer 
Flucht vor dem ewigen Wiederholungszwang der Wiedergeburten zusammen. 
In der Wiedergeburtsphantasie erkennt Freud ^eine Milderung, sozusagen ein 
Euphemismus für die Phantasie des inzestuösen Verkehrs mit der Mutter" ,5 und 
es ist auch mit Hilfe der vergleichenden Mythen forschung nachweisbar, daß 
die indogermanische Urzeit jener ewigen Wiederholung des Kampfes um das 
Inzestobjekl noch relativ angstlos, lustvoll und bejahend gegenüberstand.* 

Und tatsächlich läßt sich die Analogie zwischen der naiv lebensfrohen 
Weltbejahung des vedischen und des europäischen Heldenzeitallers nicht 
verkennen.5 Beiden ist das Leben eine ewige, aber dennoch nicht ermüdende 
Jagd nach den Freuden dieser Welt. Das Gegenspiel libidinöser Strebungen 
(Hetero- und Homosexualität, genital und prägenital) hält die Spannung 
auf gleicher Höhe und ermöglicht kulturelle Ersatzbildungen. Dann setzen 
Verfallserscheinungen, die man historisch als „Mittelalter" zu bezeichnen 
pflegt, hüben wie drüben ein. Zuerst das Zwangsneurotische in der Scho- 
lastik und üpanishadenlehre, dann in Indien die von Alexander gekenn- 
zeichnete weitergellende Regression von der Melancholie zur Schizophrenie. 
Indien hat ein Mittelalter von zwei Jahrtausenden hinter sich,^ dement- 
sprechend hat die Flucht vor der Mutter-Natur hier tiefere Spuren hinter- 
lassen, während Europa den Pubertätshexoismus des Heldenzeitalters in dem 
Geist der Aufklärung und den Naturwissenschaften wiederholt/ 

1) Selig man: Anthropology and Psychology. Journal R. A. J, 1924. 30, Vgl. auch 
C ohen-Portheim: Asien als Eriieher. 1930. 

2) Alexander: Der biologische Sinn psychischer Vorgänge. Imago IX. 45. 

5) Freud: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. Ges. Schriften, Bd. VIII, 

S. 546. 

4) Vgl. die demnächst erscheinende Arbeit „Die wilde Jagd", 

5) Vgl. L. v. Schroeder: Indiens Literatur und Kultur in historischer Ent- 
wicklung. 1887, 584. 

6) Schroeder, l. c. 256. 

j-) Vgl, S, Radö: Die Wege der Naturforschung im Lichte der Psychoanalyse. 
Imago VIII. 401. 



r \ — ; — 

382 G^za Röheini 



Die Verschiedenaitigkeit der Entwicklung zu erklüren scheint aber vor- 
läufig noch nicht möglich. Auch können wir 7war behaupten, daß die 
Reihenbildung mit der Kulturentwicklung, das Verneinen der Lust in der 
Reihe mit dem Verfall zusammenhängt; wir wären aber einigermaßen in 
Verlegenheit, wenn man uns fragen würde, warum dieses Volk zur Reihen- 
bildung mehr neigt als das andere, und welche weiteren Faktoren noch 
hinzukommen müssen, damit aus der Reihenbildung eine Kultur in unserem 
Sinne entstehe, 

12 

Von der Reihenhildung ausgehend, läßt sich aber der Versuch machen, 
die Einwirkung psychischer Faktoren auf die Gescliiclite zu untersuchen. 
Bekanntlich hat die Psychoanalyse den Keisetrieb als b'lucht vor der Mutter 
oder vor dem Vater gedeutet.' Die der Mutter entzogene Libido wird zur 
Besetzung immer neuer Gegenden verwendet, wobei dann die Inzestverdrän- 
gung die Besetzung immer wieder losliist und eine räumliche Reihenbildung 
ein verhältnismäßig rasches Nacheinander der „Krd-lVIülter" entstehen läßt. 

Es scheint, daß diese Züge sich auch bei den Polynesiern, den Wikingern 
der Südsee, nachweisen lassen. Da hätten wir die Sage von der Entstehung 
der fünften Ordnung der Wesen durch Taaroa und Hina. Hina {das Weib, 
„kat exochen, die Mondgottin") fragt den Taaroa (den üiiiimelsgott), „wie 
soll der Mensch gemacht werden". Und Taaroa antwortet: „Gehe ans Land 
und suche deinen Bruder." „Ich war dort und fand ihn nicht." „Suche 
ihn im Meer." Als sie weggegangen war, verwandelte sich Taaroa in Tii 
(der erste Mensch). Hina trifft ihn und sie leben zusammen als Geschwister 
und zugleich als Ehegatten. Ihr Sohn war Tai, der erste Mensch. Sie hatten 
auch eine Tochter, die sich wiederum mit dem Vater vermählte und eben- 
falls Hina hieß. Ihr Sohn war Taata (Mensch), mit dem sich nun wiederum 
Hina, also seine Großmutter, vermäiiite, nachdem sie sich in eine junge 
Frau verwandelt hatte. ^ 

In dieser Sage finden wir also eine Wandening zu See und Land nach 
dem Objekt des inzestuösen Begehrens, welclie iuicli mit einer Reihen- 
bildung einhergeht. Denn es sind ja alle Göttinnen, die auf dem Schau- 
platz der Handlung erscheinen, nur Wiederholungen der Urmutter Hina 
und alle ihre männlichen Partner Wiederholungen des Urvaters Tangaroa. 
Bezeichnenderweise bemerkt die Sage sowohl bei Tii, wie auch bei seinem 

1) Winterstein: Zur Psychoanalyse des Reisens. Jmago 1, S. 489 ff. 
3) Domeiiy de Rienii: Üieaiiieii. II. 1B39. 4<ii. 



Die Völkerpsycholo^e und die Psychologie der Völker 285 

Sohn Tai und dann wieder bei der nächsten Generation „dies war der 
erste Mensch". Jene Rolle gebührt aber auch dem Tane, von dem die 
Sage berichtet, wie er, eigentlich seine Mutter Hina suchend, sich nach- 
einander mit der „Hina" der Wälder, Bäche, Felsen usw. vermählt und 
mit ihnen verscliiedene Wesen zeugt.' Es ist auch lehrreich, im Wörter- 
buch eine kleine Nachlese zu halten. Da erfahren wir, daß Tane eigentlich 
den Gatten bedeutet, whaka-mne ^ „to become a man; virile". In Samoa, 
Hawaii, Tahiti und Karotonga bedeutet Tane den Gatten, das Männliche, 
und in Tonga bedeutet „taane^ ein Hochzeitsfest feiern.* Er ist eben der 
Mann, der Penis, die Libido, die ewig die Mutter suchend, auf ihrem 
Wanderweg eine Reihe von Ersatzobjekten entstehen läßt.^ Der Wander- 
held der Torresstraße heißt Sida. Er kommt von Neuguinea, fliegt in 
der Gestalt eines Fregatten vogels nach Gebar und sagt dort: „Ich wünsche 
eine Frau." Diese Episode wiederholt sich auf verschiedenen Inseln, überall 
bekommt er ein altes Weib und schenkt der Insel dafür Kokosnüsse und andere 
Nutzpflanzen. Zuletzt kommt er nach Murray Island, hier schenkt man ihm 
ein junges Mädchen und eine reiche Vegetation entsteht als unmittelbare Folge 
des Koitus. Sidas Wanderungsweg ist aber auch der Wanderungsweg der Ahnen 
dieser Völker oder wenigstens einer tatsächlichen Einwanderung von Neu- 
guinea auf diese Inseln.* Somit wäre der Zusammenhang zwischen Völker- 
wanderung und erotischer Reihenbildung einwandfrei erwiesen. Als Symptom 
der psychischen Bedingtheit des Wandertriebes werden wir demgemäß eine 
polytheistische Mythologie erwarten, deren Götter und Göttinnen recht deutlich 
als Abspaltungen eines Urtypus zu erweisen sind. 

Am Anfang der Maori-Mythologie steht die Sage von Rangi (Uranos) und 
Papa (Gaia). Sie hatten fünf Söhne und lange zauderten diese, bis sie sich 
entschließen konnten, ihre Eltern, die, wie in der griechischen Sage, in 
steter Umarmung lebten, auseinanderzureißen, beziehungsweise zu töten. 
Endlich wird die Tat von Tane, d. h. dem Penis, vollbracht.^ Einer der 



1) Shortland: Maori Religion imd Mythology. 1882. 11. 

2) Tregearii: Maori Polynesian Gomparative Dictioiiary. 4S0. 

5) „Tane ('s the FeHilizer of Maori Myth. He proäuces trees and has a doxen names each 
of wMch indicates some phast of his activity."' Eisdon Best; The Maori. Meinoirs of 
the Polynesian Society. Vol. V. 1924. 99. 

4) Vgl. A. C. Haddon: Cambridge Expedition to Torres Straits. V. 28. VI. 29. 
Über Sida in Neuguinea. W. N. Beaver: Unexplored New Guinea. 1920. 176, 502- 
Siehe auch Ri^heim: Australian Totemism. 1925- 314 — 524. 

5) Die aufrechtstehenden (phallischen) Steine in Hawaii heißen pohaku a kam. 
Fornander: Collection of Hawaiian Aiitiqiiities and Folk Lore. Memoirs of the 
Polynesian Society. VI. 547. 



284 Gev.a Röhcim 



Brüder heißt Tangaroa, der Gott des Meeres.' Denselben finden wir als 
Himmelsvater in Samoa, wo er durch seine Tochter Turi die Erde schafft.'* 
In Tonga scheint er zwar nur als Gott der Zimmerleutc und Handwerker, 
aber seine Rolle in der Schöpfungssage, sowie der ethnologisch enge Zu- 
sammenhang zwischen Tonga und Samoa legen die Vermutung nahe, daJB 
wir es auch hier mit einem herabgesunkenen SchÜpfergott zu tun haben.5 
In Hawaii und auf den Marquesasinseln ist er der Böse, der Führer des 
Aufstandes gegen die göttliche Weltordnung, der Herr des Westens und der 
Unterwelt, der Tod.* Hier erscheint er auch als Genosse Tanes, beide in 
der Gestalt von Jünglingen und in der Rolle von FruchtbarkeilsgÖltern.s 
Die Ansätze zu einer Reihenbildung Hegen demnach schon in den Gegen- 
satzpaaren Gut und Böse oder Vater und Sohn, die jeweilig verschieden 
kombiniert werden können. Wenn er dann in Mangaia als Erstgeborener 
des Urelternpaares,^ in Melanesien als eine Brüderscliar erscheint/ in Neu- 
seeland die Urtat in nahe antliropomorpher Form wiederholt und dann auch 
erleidet,^ überall aber als Gott der Meere^ und der SchilTe. d. h. der 
Wanderungen der Urpolynesier auftritt, so liegt es nahe, zwischen Reihen- 
bildung im Polytheismus, Wanderung und dem Ausgang des Urhorden- 
kampfes einen Zusammenhang anzunehmen. Die Analyse der polytheischen 
Mythologie würde nämlich zweifelsohne das lUsultat ergeben, daß alle 
Götter sowie alle Göttinnen durch fortgesetzte Abspaltung je einer, bezie- 
hungsweise je zweier Urgesialten entstanden sind, je nachdem wir Vater- 
Sohn, Mutter-Tochter^" als Anfang der Reihe ansetz-en. Eine solche durch 
Spaltung entstandene Reihenbildung laßt sich auch in der Paranoia beob- 

1) G. Grey; Polynesian Mythology. VI. 547, 

a) G. Turnerr Samoa a hundred years npo. 1884. 7. Stair: Old Samoa. 1897. aia, 

5) Vgl. W. H. R. llivers: The History of Melniipsinn Society. 1914. 11- 599; und 

auch W. Mariner: An Account of the Natives of the Tong« Islands. 1827. I. 108, 11g. 

4) Tregear: Maori Polynesian Comparalive Dictionary. 464. G. Thrum: Hawaiian 
Folk Tales. 1907. j8. 

5) Ad. Bastiaa: Heilige Sage der Polynesier. 1881. 152, i^fj. 

6) W. W. Gill; Myths and Songs from Ihe Soiilh Pacific. 187C. 10. 

7) R. Codrington: The Melanesians. 1891, 156. 

8) Vgl. History and Traditjons of Rarotonga. Joiiriial of ihe Polyncsinn Society, 
VIII, 67. White: Ancient History of the Maori. I. aa, 25. Moni ebenfalls ein Wander- 
held, Sohn und Abspaltung Tangaroas, hebt mit seinem Vater Ku den Himmel empor, 
wonach er dann den Vater tötet. Westerwrit; Legends of Ma-iii. 1910. 57, 58. 

9) Selbst im melanesischen Randgebiet ist Tangaroa Urheber des Meeres. Codring- 
ton, 1. c. 370. 

10) Eine Reihe von Hina-Gestalten ! Siehe Percy Smilh: Nive and its People. 
J. P. S. Xri. 92. 



Die Völkerpsychologie und die Psychologie der Völker 285 

achten, sie ist nach psychoanalytischer Annahme durch die übergroße 
Intensität der Vater-Iinago bedingt und stellt einen Versuch zur Bewältigung 
dieser Spannung dar. Anderseits bedeuten aber die vielen Verfolger, die an 
Stelle des Einen, Großen treten, wiederum die Bruderhorde. Vielleicht läßt 
sich diese funktionelle und historische Bedeutung der Reihenbildung in 
der Annahme vereinigen, der Einzelne in der Urmasse hätte sich den 
Brüdern zugewendet, nachdem er mit dem Vater nicht fertig werden konnte, 
d. h. es waren die von der Herde abgetriebenen Männchen, die sich gegen- 
seitig zum Objekt nahmen und somit zu einer Reihe von flüchtigen Libido- 
besetzungen gelangten.' Die Brüder waren aber nur unvollkommene Ersatz- 
bildungen der Mutter, daher die Bedeutung der Homosexualität in der 
erotischen Reihenbildung (Don Juan) und darum ist der Sohnesgott Tamniuz 
mit der Mutter identisch.^ In jener Periode des Abgetriebenwerdens dürfte 
auch die Wiederholung der vermutlich zuerst iiacli der Geburt erfolgten 
Besetzung der Umgebung (Erde) mit mütterlichen Libidoquantitäten erfolgt 
sein, da die Symbolbildung erst jetzt in der Abwesenheit der begehrten 
Mutter zur wirklichen Notwendigkeit wurde. 

Bedenken wir aber, daß sowohl nach den Theorien der Ethnologen wie 
nach den Sagen selbst als Helden der Urwanderungen stets eine Gruppe 
von Männern ohne Frauen auftreten,^ dann liegt die Annahme nahe, daß 
der Mangel an Weibern eben die Ursache der Wanderung ist. Denn nicht 
immer mag der Urhordenkampf den gleichen Ausgang genommen haben. 
Vielleicht kam es auch nacli etlichen Generationen gelungener Revolutionen 
zu einer endgüUigen Niederlage, zum Vertreiben der jungen Männchen von 
der Herde. Diese Horde der vertriebenen Brüder auf der Suche nach dem 
Weibe führt dann zur Entstehung der Exogamie, während ihre Flucht 
aus der Urhorde die richtige „fluchtartige Entziehung der Besetzungen" 
und somit eine Urform der Verdrängung bilden würde. Solche Völker 
würden dann dazu neigen, die Urflucht stets wiederholend und stets nach 
neuen Ersatzobjekten der Mutter sowohl in anderen Frauen wie in der 

1) Vgl. Freud: Massenpsychologie (Ges. Schriften VI, S. 327). Über Paranoia 
und Bruderliorde vgl. Böheiin: Das Völkerpsychologische in Freuds Massenpsycho- 
logie. Int. Zschr. f. PsA. VIII, 1922, 209. 

2} S. Langdon: Tamniua and Ishtar. 1914- iS. 

5) „It ii probably a vtty general character oj kmnan migrations diffirentiating them from 
those of other aniinals, that women are abscnt or but few in number as compared witk the 
mm." W. H. R. Rivers: The History ot Melanesian Society. 1914. II. 295. Vgl. die 
„Transformer", Wanderhelden der Nord westainer itaner. F. Boas: Indianische Sagen 
der Nordpazifischeri Küste Amerikas. 1895. 



286 (j('/,ii Uiün'iiJi 



Natur suchend, zu Wiindervölkern zu werden und in ihrer Götlerwelt die 
Spaltung und Reihenbildung 7Ai wiederholen. Hie Hi-ilas,' hie Mangaial 
Odysseus, der Wanderer, sucht die Kalypso-l'enelope, Mani' die Hine-nui- 
te-po und in Griechenland und Polynesien ist die „liohe Mythologie" zu 
Hause. Dem wäre noch hinzuzufügen, daß jene Niederlage der Brüder mit 
dem darauf folgenden Sieg gegen einen fremden „Urvater" eine gewisse 
Tendenz seitens der Brüder einen auf Inzestflucht beruhenden unvoll- 
kommenen Siegeswunsch voraussetzt, der wiederum dem nichterreichten 
Genitalprimat der genitofugalen Libidostrümung entsprechen würde. 
Die Libido genitofugal, das Volk zentrifugal. Genitofugal, d. h. auf 
dem Rückweg von dem Genitalorgan den eigenen Körper oder andere 
Objekte genitalisierend, sind aber Hysterie und Kunst . . ., man denke an 
griechische Kunst, aber auch an die polynesische ! 

»3 

Haben wir im letzten Abschnitt die Einwirkung jisychisclier Faktoren 
auf die Geschichte der Völker untersucht, so blieb doch unser Ausgangs- 
punkt die Annahme, daß diese psychischen Faktoren wiederum historisch, 
nämlich aus der Urgeschichte der Menschheit v.u deulen sind. Wie sich 
Urgeschichte in Geschichte fortsetzt, wie die Urereignisse, eine ununter- 
hrochene Kette bildend, in unsere Tage hineinreiciien, soll jetzt untersucht 
werden. Die moderne Ethnologie legt großes Gewicht auf Wanderung und 
Entlehnung, auf die Einwirkungen der Nachbarvölker aufeinander. Nicht 
mit Unrecht, denn mit dem Auftreten des anderen Stammes hört die Vor- 
geschichte, die Kinderstube auf, und die Geschichte einer Meiischengruppe 
nimmt ihren Anfang. In früheren Arbeiti-n versuchte ich insbesondere 
Krieg und Kopfjagd als Wiederholungsformen des Urkampfes, den Feind 
oder Stammesfremden somit als „unheimlichen" Wirdergiinger des getöteten 
Urvaters zu erweisen. Nun wollen wir überlegen, inwiefern jene Deutung 
zur Erklärung der Entlehnungen, eventuell sogar zur Erklärung der An- 
nahme einer fremden Kultur, eines fremden Volkscharaklers zu verwerten 
ist. Es ist bekannt, daß viele kUrinere afrikanisclic Stämme die kriegs- 
berühmten Massai in Tracht und Arl nachahmen {„Massaiaffen"), um den 

i) Vgl. die Bemerkung von Freud: Imtigo. I, 491. Dritte PuPuote. — Über 
Wanderwngssagen und Abspahiing bczli-huiigsweiBe Doppelung in Griechenland vgl.: 
Eitrem: Beiträge lur griechischen Religionsgp schichte. III. Kup, 7. 1920. 

2) Zur Bedeutung des Muni, Mou — Uff, alive, to live. Mauri, mouri — life, life prin- 
ciple. Eisdon Best: The Magri. Memoirs of the Polynesian Society. V. 1924. 140, 



Die Völkerpsychologie und die Psychologie der Völker 28- 



anderen als echte Massai zu imponieren.' Theophylactus Simocatta erzählt, 
wie ein „Var Chuni" genannter Stamm sich so gebärdete, als ob sie die 
berühmten, mächtigen Awaren wären. Die kleinen Stämme der Umgebung 
wurden getäuscht, sie glaubten, das seien die Awaren selbst und unterwarfen 
sich den Ankömmlingen. Sie sehen nun, daß ihre List geglijckt ist und 
nannten sich jetzt wirklich Awaren, obwohl sie nur Pseudoawaren waren.* 
Wenn das fremde Volk, besonders aber ein irgendwie, sei es kriegerisch 
oder kulturell, überlegenes als VYiedergänger der toten Väter erscheint, wird 
auch der bisher psychologisch unaufgeklärte Vorgang der Übernahme fremder 
Sitten und Kulturen verständlich. „Der kleine Knabe legt ein besonderes 
Interesse für seinen Vater an den Tag, er möchte so werden und so sein 
wie er. in allen Stücken an seine Stelle treten. Sagen wir ruhig: er nimmt 
den Vater zu seinem Ideal." ^ Als Schulbeispiel des vorausgesetzten Vor- 
ganges seien aber die Ansichten der Australier über die weißen Eroberer 
angeführt. Die Eingeborenen der Koburg-Halbinsel sehen in jedem Fremden, 
sowohl in den Europäern wie in den Farbigen, einen ihrer auferstandenen 
Toten.* Die Kamilaroi glaubten, daß sich ihre Seelen nach dem Tode in 
Weiße verwandeln. 5 Als die Weißen auf ihren Schiffen an die Westküste 
Australiens kamen, glaubten die Whajook in ihnen die Ahnen des Stammes 
zu erkennen.*' Wenn wir demnach voraussetzen, daß ein Volk dem anderen 
als Neubelebung des Vaterideals zum Lehrmeister in der Kultur werden 
kann, gewinnt auch jene Deutung der Ethnologen einen gewissen Sinn, 
die in den Sagen von himmlischen Kulturheroen die Spuren kultureller 
Beeinflussung seitens höherstehender Völker erblicken w^ollen.^ Diese Sagen- 
gestalten sind nämlich anderseits vom psychoanaljtischen Standpunkt Ver- 
treter der Vater-Imagü, Ahnen; sie können aber beides sein, indem der 
Vater für das Kind der eigentliche Kulturträger ist, und der Fremde nur 
als Vater zum Kulturträger werden konnte. 

So können im Laufe der Geschichte verschiedene mehr minder ich- 
fremde Idealbildungen einem Volke aufgepropft werden. Ja, auch die 

1) Buschan: Illustrierte Völkerkunde I. 1922. 566.. 

a) Theophylactus. VII. 8. 

5) Preud; Massenpsychologie und Ich-Analyse. (Ges. Sehr. VI, 505). 

4) G, Windsor Earl: On the Aborigina! Triebes of the Northern Coast of 
Anstralia. Jonm. Geogr. Soc. XVI. 1896, 240. 

5) W. Ridley: Austrolian Languages and Traditions. Joum. of the Royal Anthr. 
Inst. VII. 242. 

6) E. M. Curr: The Australian Race. 18S6. T. 559. 

7) W. I. Perry: The Children of the Sun. 1925. 



288 G^7,a Köh.-iMi 



Wanderung einzelner Gebräuche kann modifizierend auf die unbewußte 
Einstellung eines Volkes einwirken. Ich denke an jene Mitteilungen über 
gewisse Formen der aktiven Therapie, die unlängst von Dr. Ferenczi in 
einer Sitzung der Ungarischen Psyclioanalylischen Vereinigung gemacht 
wurden. Er liat nämlich bei gewissen Patienten eine angslfreiere Einstellung. 
eine Annäherung zur erotischen und zur sonstigen Realität erzielt, indem 
er sie aufforderte, die Vorhaut zurückzustülpen und damit die Dauer- 
invaginierung der Eichel aufzugeben. Dasselbe erreichen aber die Primitiven 
in der Männerweihe durch die Beschneidnng. Wenn man nun bei diesen 
Riten nicht nur den unbewußten Sinn, sondern auch die Verbreitung be- 
rücksichtigt, muß man annehmen, daß die Sitte niclit überall, wo sie heute 
existiert, autochthon entstanden ist, sondern sich aus einigen Verbreitungs- 
zentren von Volk zu Volk fortpflanzte. F.s wäre anzunehmen, daß eine 
solche Übernahme der Beschneidung nicht ohne Wirkung auf den Gesamt- 
habitus eines Volkes bleiben kann. In Australien scheint sich die Sache 
nun ethnologisch so zu verhalten, daß die Släninic mil /ulinausschlagen 
als Initiationsritus von den Stämmen, welche die liesclnieidung ausüben, 
abgedrängt worden sind, und jene spätere Völkerwelle betrachtet sich, wie 
auch sonst Beschnittene den Unbeschnittenen gegenüber, als die über- 
legene.' ' 

14 
Das Ergebnis dieser Untersuchungen wäre demnach, daß die psychischen 
Variationen des ewig Menschiiclien sich auch unter den Völkerindividuen 
feststellen und psychoanalytiscli deuten lassen. Diese Unlerschiedc sind auch 
verschieden bedingt. Vor allem haben wir die Dnterscliicde der Libido- 
Ökonomie der Verteilung einer als koiislunt aufzufassenden Libidoquantität. 
Am auffallendsten tritt dies beim Übergang von den Natur- zu den Kultur- 
völkern zutage. Erst durch die Entstehung der psychisclien Sphinkter- 
funktion durch den Übergang vom Oralen zum Analcharakler wird auch 
die Entstehung unserer Kultur erklärlich. Nicht nur, daß die Sorge um 
die Zukunft die Anhäufung der Nahrung erst durch eine rückläufige Ver- 
schiebung der Sphinkterfunklion vom Analen auf das Orale ermöglicht 
wird. Es stellen sicli auch andere Überlegungen ein; namentlich der Zu- 
sammenhang mit der Entstellung dos sozialen Genitalprimates. In einer 

1) „The Bidtu look upon Üuinselvts ai bting iuperior in racr lo tht Banapas." Howitt: 
Native Tribes of Soitth F.ast Aiistraliu. igu.!- Ii.y\- niiins, ili« snwnlil bcschiiitteii wie 
subinzidiert sind, Banapas, Raiidvölker zwischvn iÜl-sl-h und der altere» Schichte. 



Die Völkerpsychologie und die Psychologe der Völker 289 

Untersuchung, deren Ergebnisse in Buchform veröffentlicht werden, glaube 
ich bewiesen zu haben, daß der Gott-König der altorientalischen Kultur den 
Phallos der Gesellschaft darstellt. Es ist anzunehmen, daß die durch die 
Sphinkterbeherrschung bedingte Spannungserhöhung wesentlich zur Errei- 
chung dieses Genitalprimates beigetragen haben mag (Ferenczi). 

Als Bestätigung dieser Auffassung will ich noch erwähnen, daß das 
Orale bei den Primitiven eine viel geringere Rolle im Liebesleben (Küssen, 
beinahe unbekannt), dafür aber eine entsprechend größere in sozialen Bil- 
dungen spielt. Mit dem Abbau des oralen und Aufbau des analen Charakters 
scheinen auch gewisse früher im Ich verarbeitete orale Libidoquantitäten 
wieder freigeworden und an ihre ursprüngliche Stelle zurückgeströmt zu 
sein. Da wir ferner wissen, daß der Coitus a tergo bei den Primitiven mehr 
verbreitet ist wie bei den Kulturvölkern, dürfen wir vielleicht auch hier 
annehmen, daß sich anallibidinöse Slrcbungen in Züge des Anal Charakters 
verwandelt haben. Auch jene Unterschiede, die wir auf die relative Stärke 
der Verdrängung und auf die Wiederkehr des Verdrängten zurückgeführt 
haben, lassen sich als Unterschiede der Libidoökonomie auffassen, indem 
die Verdrängung durch die Entziehung der Libido von der Mutter und 
durch die Besetzung der väterlichen Leiche mit dieser Libido (Ausgangs- 
punkt des Über-Ich) aufrechterhalten wird, und drittens handelt es sich 
beim Oszillieren zwischen Objektliebe und Narzißmus ebenfalls um eine 
Frage der Libidoökonomie. Von einem historischen Standpunkt ausgehend 
und die ontogenetische Parallele heranziehend, kann man diese Unter- 
schiede der Libidoökonomie auch als Stufen unterschiede deuten, während 
diese Stufen selbst wohl als Reaktionserscheinungen auf noch unbekannte 
Traumata der Urzeit entstanden sind. In dem wechselnden Verhältnis 
des Verdrängten zur Verdrängung spiegelt sich aber auch eine nähere 
urmenschliche Vergangenheit. Wie die Schicksale der Einzelneu ihre indi- 
viduelle Urzeit wiederholen, so wird es auch bei den Völkerindividuen 
^•ig^gä"g^" sein. Wir vermuten hier gewisse Unterschiede im Ausgang des 
Urh Ordenkampfes. Bei einer großen Völkergruppe wird die Stabilisierung 
im Sinne der Väter zustande gekommen sein. Sie entwickelten ein Zwei- 
klassensystem mit Multerfolge mit dem obersten Gebot: kein Geschlechts- 
verkehr zwischen Mutter und Sohn. Diese Völker sind von der Vater- 
Imago beherrscht, konservativ, rückständig geblieben. Eine zweite große 
Gruppe hat die Stabilisierung wohl etwas später vorgenommen und eine 
Gesellschaftsform hervorgebracht, die einer Legalisierung der SohnesrevQ- 
lution gleichkommt. Ein Zweiklassensystem mit Vaterfolge; die Söhne 
Iiliap> XII. j„ 



200 GiV/.a Külu^iiii 



dürfen die Mutter, nicht aber die Väter ihre Töchter heiraten. Trotzdem 
nun eine solche Gesellschaftsform sich nicht halten ließ und durch das Ver- 
schwinden des Zwei klassensy Sterns später in dem einfachen patrilinearen 
System die Vateridee wieder stärker hervortrat, blieb diesen Menschengruppen 
von der Urzeit die fortschrittliche, revolulionäre Kinslellung, und sie bilden 
heute die führenden Mitglieder der Völkergesellscliaft. Eine dritte Lösung 
der Urhorden Situation bestand in einem Sieg der Väter, aber ohne Unter- 
werfung der Söhne. 

Es kam zu den Wanderungen der abgetriebenen Männchen, deren Lebens- 
schicksale sich in der psychischen Linsteilung (Reilienbildung, Polytheismus) 
gewisser Völker spiegeln. Um aber zu erklären, warum die IJisuug der Ur- 
hordensituation in dieser oder jener Weise erfolgte, müssen wir wieder zu 
der Annahme gewisser Tendenzen, zu dem genilofugalen Zug der Libido 
greifen. Hier haben wir es wahrscheinlich mit den Urlatsachen des I.^bens 
zu tun. Wahrscheinlich sind sowohl Regression (Inzest) wie Lxogamie als die 
durch die Spaltung hervorgerufene Flucht vor dem Urobjekt schon lange 
vorgebildet, ehe sie sicli in der Urhorde eine (iosellscliaftsfürm schaffen. 
Alle diese Unterschiede, mögen sie nun gesclüchllich bedingt sein, in der 
Verteilung der Libidoquantitäten, in der topischen Lagerung der Urtendenzen 
oder in den Mechanismen der sekundären Bearbeitung liegen, können in 
Verbindung mit verschiedenen Stufen iu der Ich-Entwicklung der Völker 
auftreten. Eine Idealbildung überlagert die andere, Kulturen werden nach- 
geahmt und den Urtendenzen entsprechend bearbeitet. Nachdem wir somit 
die Grenzen einer zukünftigen Wissenschaft angedeutet haben, merken wir 
erst recht, wie weit die Völkerpsychologie hinter der individuellen Analyse 
zurückgeblieben ist. Denn die bisherige analytische Ethnologie kann doch 
nur beanspruchen, eine Symptomanalyse zu sein, wahrend die klinische 
Analyse schon längst zu einer Analyse der Gesamtpersönlichkeit geworden 
ist. Doch ich zweifle nicht daran, daß eine Zeit kommen wird, in der, 
wie Rivers es wünschte, die Einheit der Ethnologie hergestellt sein 
wird." In dieser Synthese der verschiedenen Wissenszweige (Archäologie, 
Anthropologie, Sprachforschung, Ethnographie, Soziologie, Religionswissen- 
schaft) wird aber der Psychoanalyse die zentrale Rolle zukommen. Ohne 
sie fehlte „das geistige Band" und die nocli so sauber herauspräparjerten 
Bestandteile ließen sich nie zu einer lebendigen Einheit zusammenfassen. 



W, H. R. Rivers: The Unity of Aiithropology. Journal of thc Royal Anthr 
Inst. 1922. LH. 



Die Völkerpsychologie und die Psychologie der Völker 291 

Die Zukunft wird die Fragen lösen, jedem Volk seine besondere Alters- 
stufe oder spezifische Neurosenform zuweisen und die Wissenschaft der 
Völkerpsychologie von der prägenitalen Haß- und Projektionsstufe auf die 
Stufe einer objektsangepaßten und objektiven Psychologie der Völker empor- 
heben. 



19" 




Der Familienvater 

Von 

Alice Balint 

Builajiest 

Envachsensein, d. h. die Erledigung des Ödipus-Koinplexes und die volle 
Entwicklung des Realitätssinnes sowohl auf der IchSeite wie auf der libidinösen 
Seite (erotischer Realitätssinn)/ ist eine Aufgabe, an der wir unser Lehen 
lang arbeiten. Im Lehen der Völker spielt dieses Problem eine ebenso 
große Rolle, wie im Leben des Einzelnen. Es gibt infantile Volker genau 
so wie infantile Menschen und in den sozialen bjurichlungen der verschiedenen 
Nationen spiegeln sich alle Entwicklungsstufen und Regressionsmöglichkeiten, 
die wir im Seelenleben des Individuums auffinden kiinncn. Innerhalb des 
infantilsten Volkes gibt es natürlich erwachsene Menschen, doch die Ein- 
stellung der anderen zu diesen und der Platz der iiinen zugewiesen wird, 
sind charakteristisch für die Entwicklungsstufe, die die Kultur eines Volkes 
im allgemeinen erreicht hat. Besonders au fscliluß reich ist in dieser Beziehung 
das Studium des Häuptlingswesens und der politischen Organisation, da 
unter primitiven Verliiiltnissen eben die Ilaupllinge und führenden Männer 
die „erwachsenen" Mitglieder des Slammes sind. Die aii.ilylische Erfahrung 
hat uns gelehrt, daß jede Auloriiäl ein Abkünimling der elterlichen Autorität 
ist. Die Einstellung zur Autorität im allgemeinen zeigt uns daher am besten, 
auf welche Weise und bis zu welchem Grade die Erledigung des ödipus- 
Konfliktes gelungen ist. 

Das Studium der Prärie-Indianer Nordamerikas bot mir Gelegen- 
heit, eine besondere Form des Häuptlingsideals und den entsprechenden 
Lösungsversuch des Ödipus-Komplexes/.u analysieren. Ich nannte dieses Häupt- 
lingsideal den „Familienvater", da sein Charakter dem, was wir heute 

i) Perencii; Versuch einer Geriitalllicorie. tliitcrnatioiialo Psychoanalytische 
Bibliothek, Bd. XV.) 



Der Familienvater 295 



einen Familienvater nennen, in wesentlichen Punkten gleicht. Bei dem 
Indianerhäuptling finden wir diese Züge in einer Vergrüßerung und Sche- 
matisierung, die uns zum besseren Verständnis der kulturhistorischen 
Bedeutung der Entwicklung der Vaterfigur, vom Urvater zum 
Familienvater, verhilft. 

Der ideale Indianerhäuptling ist ein wohlwollender, weiser und 
friedliebender Mann, der seine Stellung in erster Reihe seiner außer- 
ordentlichen Freigebigkeit verdankt. Diese Freigebigkeit äußert sich 
im besonderen in der Veranstaltung großer Schmausereien, bei denen groß 
und klein geladen ist. Dabei hat der Häuptling als solcher keine besonderen 
Einnahmen, noch wird er etwa bei der Verteilung der Jagdbeute irgendwie 
bevorzugt.' Daher kann sich nur ein reicher Mann um die Häuptlings- 
würde bewerben, der außerdem noch über den Beistand einer ausgedehnten 
Verwandtschaft verfügt. Und wenn er sein Ziel erreicht hat, ist er oft der 
ärniste Mann des Stammes, da er alle seine Habe verschenkt hat,* 

Bei der unbestreitbar älteren Form des erblichen Häuptlingstums tritt 
die tiefere Bedeutung der im Vordergrund stehenden Forderung der Frei- 
gebigkeit weit klarer zutage, da bei dem Wahlhäupllingstum die Verdeckung 
der eigentlichen Motive durch Rationalisierung (auch von selten der Forschungs- 
reisenden) viel leichter gelingt- Bei den Sioux-Stämmen der Dheghiha- 
Gruppe und den Iowa, war die Häuptlings würde in jenen Gentes bzw. 
Subgentes erblich, deren Totem die Hauptnahrung des Stammes bildete, 
oder die die Riten zur Vermehrung und Erhaltung dieser wichtigsten Lebens- 
mittel besaßen.' Die Beziehung des Häuptlingstums zu der Hauptnahrung 
des Stammes ist so fest, daß nach dem Übergang der meisten Sioux-Stämme 
vom Ackerbau zur Büffeljagd, die Büffelgentes die führende Rolle an Stelle 
der Maisgentes übernahmen, oder, daß letztere neben den alten Ackerbau- 
riten auch Jagdriten entwickelten und so allmählich zu Büffelgentes wurden.* 

In dem Schema der Stammesorganisation, in der jeder Gens eine be- 
stimmte Funktion zugeteilt ist, vertritt die Gens, deren Riten für die Nahrung 



i) P.Radiii:TheWiiinebagoIiid. s/th A.Nep.Bur. Am.Ethn., p.290. — C.Wissler; 
Soc. Life of theBlackfoal Ind. A.Pap. Am. Mus. Nat.Hist. v-VII.,p.2a. — A.Skinner: 
Pol. Org. Cuhs a. Gereiii. of the Plains-Ojibway a. Plains-Cree. v. XI, p. 482. — 
Fletcher-La FUache: The Omaha Tribe, 27^^ A. Rep. Eur. Am. Etlm., p. 212. 

3) Wissler, a. a. O. Skinner, a. a. 0. 

5) Fletcher-La Fies che, a. a. O. p. 147. — Skinner : Iowa Societies A. Pap. Am. 
Mus. Nat. Hist. v. XI, p. 685—686. 

4) Skinner: Iowa, Vgl. auch die Inke^ahe Gens der Omaha. — Fletcher- 
La Flasche, a. a, 0. p. 147. 



2g4 Alice ll^iliiit 



sorgen, den Häuptling. Der Platz, den diese Gens im Lager einnimmt, ent- 
spricht dem Platz des Vaters im Zelt der einzelnen Familie. Und zwar 
gilt dies nicht nur im ideellen Sinne, sondern auch rein formal, da das 
Lager selbst ein großes Zelt darstellt, in dem der Stamm wie eine Familie 
haust." Jene Gens, die bei den Omaha diesen I'lalz einnimmt, heißt Honga, 
d. i. „Führer", „Erster" oder „Urahn". Das Vprliiillnis dieser Gens zu 
den übrigen ist das des Vaters zu seinen Kindern. Diese Gens besitzt die 
wichtigsten Riten in Verbindung mit dem Nahrungserwerb." 

Eine gan2e Reihe von Einzelheiten bestärkt noch den Eindruck von 
der engen Beziehung, die zwischen der Nahrung und dem Häuptling besteht. 
Es sei hier einiges erwähnt: Das allgemein verbreitete „Hing- und Speer"- 
spiel, dessen Koitussymbolik auch den Indianern bekannt ist, wurde in alter 
Zeit nur von den Häuptlingen gespielt und diente als ein magisches Mittel 
zur Vermehrung der Büffelherden.' 

Die Omaha geben eine interessante Erklärung der Tracht, die im ganzen 
Präriegebiet von den Häuptlingen und Priestern getragen wurde. Diese 
Tracht bestand aus einer vollständigen Uüffelhaut, welche mit den Haaren 
nach außen um den Leib gewickelt wurde. „Die Häuptlinge, die in dieses 
Fell gewickelt saßen, zeigten einige Ähnlichkeit mit einer Gruppe von Büffeln.'* 
Dieser Brauch wurde von den Indianern erkliirt „. . . als eine Form der An- 
erkennung der Tatsache, daß durch den BülTcl das Leben auf den Menschen 
übertragen werde, damit dieser lebe."* 

Unter den Männergesellschaften dieser Stämme ist die BüiTelgesellschaft 
oft zugleich die Gesellschaft der Häuptlinge, oder doch der alten und an- 
gesehenen Männer, was ebenfalls auf einen Zusammenhang zwischen dem 
Nahrungstier und den Häuptlingen hinweist.' 

Der Häuptling ist also in erster Reihe der Ernährer. Diese Ernähier- 
rolle erscheint als das Wichtigste an ihm. Man könnte fast behaupten, dciß 
der Häuptling in einigen besonders ausgeprägten Fällen geradezu mit der 
Nahrung identifiziert wird. Der Häuptling gehurt ja bei einigen Stämmen 
zu der Gens, deren Totem die Nahrung des Stammes bildet, ist selbst ein 



i) Fletcher-La Fldschc, a. o. O. p. ij^ä, 14U, 14.1. 

a) Pletcher-La Fli^sche, a. a. O. p. 153, 154. 

5) Pletcher-La Flösche, a. a. O. p. 148. 

4} Fletcher-La PHsche, b. b. O. p. 258. Bas „Leben" bedeutet hier die 
Nahrung;. 

5) Vgl. die Angaben in R. H. Lowie: Pkins Ind. Age Societies, Historical a. Com- 
parative Siunmary. A. Pap. Am Mus. Nat. Hisl. v. XI., pt. Xlll. 



Der Familienvater 295 



Maismann oder Büffclmann, für den die Nahrung, die er durch die Riten 
seiner Gens den übrigen verschafft, Tabu ist.' 

Die für die Massenbildung so wesentliche Fiktion, daß alle Mitglieder 
der Masse vom Führer in gleicher Weise geliebt werden (Freud, Massen- 
psychologie) treffen wir auch in unserem Falle am Werk. Ist doch der 
Häuptling bei all diesen Stämmen der Vater, der nach der Aussage eines 
Winnebago-Indianers alle Stammesgenossen, die Alten wie die ganz Jungen, 
wie seine Kinder liebt. Auffallend ist jedoch bei den indianischen Massen- 
bildungen ihr demokratischer Charakter. Hier gibt es keine Tabus und 
Zeremonien, durch die der Häuptling von den übrigen Stamm esmilgliedern 
abgesondert und ferngehalten wird- In der Sprache des Ödipus-Komplexes 
ausgedrückt, scheint vollkommener Friede zwischen dem Vater und der 
Sohnesschar zu herrschen. Dem Häuptling fehlt überhaupt jeder aggressive 
Zug. Er ist der allgemeine Friedensstifter des Stammes und das Zeichen 
seiner Würde, die Pfeife ist immer eine Friedenspfeife. Mit Hilfe dieser 
Pfeife vermittelt er den Frieden unter seinen Stammesgenossen.* Jene Gens 
der Osage, aus denen die Häuptlinge gewählt werden, tragen den Beinamen 
„washtage^, d. h. Friedensstifter. Das Zelt des Häuptlings ist ein Asyl für 
alle Fliehenden, selbst für den zu opfernden Hund. Bei den Osage wurden 
die Kriegsgefangenen in der Regel von dem Tsizhubauptling adoptiert, 
deshalb trägt diese Gens den Beinamen „Lebensspender" .5 

Mit Kriegsangelegenheiten hat ein Häuptling überhaupt nichts zu 
tun, nur wenn die Existenz des Stammes von außen bedroht wird, wenn 
es sich also um die Verteidigung des Heims und der Familie handelt, 
nimmt der Häuptling teil an dem Gefecht und kann eventuell selbst An- 
führer des Verteidigungskampfes sein.+ 

Im allgemeinen ist der Krieg bei allen Indianerstämmen eine Privat- 
angelegenheit der jungen Männer, die durch Kriegstaten zu Ruhm und 
Ansehen gelangen wollen. Einen Kriegshäuptling gibt es nicht, doch finden 
wir Kriegsriten und Zeremonien, deren Priester einigen Einfluß auf das 



1) Pletcher-La Flesche, a. a. O. p. 147. ^ Skliiner: Iowa. Die Ähnlichkeit mit 
den australischen Inticliiumarilen springt in die Augen. Vermutlich ist diese Form 
des indianischen Häuptlingswesens eine Fortbildung älinlicher Zeremonien. 

3) J. O. Dorsey : Omaha Sociology. 15^^ A. Nep. Bur. Am, Ethn., p. ai8. — Fletcher- 
La Flasche, a. a. 0. p. 205, 206, 215, 187. 

5) La FUsche: The Osage Tribe. 56Ü1 A. Nep. Bur. Am. Ethn,, p. 67—71. 

4) J. O. Dorseyr Siouan Sociology gd A. Nep. Bur. Am. Ethn., p. 222 — 224, (Assi- 
niboin). — Fletcher-La FHsche, a. a. Q. p. 211. 



396 AJice Biilint 



Kriegswesen ausüben.' Bei den Omaha, wo die Zentralisation der Kriegs- 
macht etwas weiter fortgeschritten ist, müssen die Krieger, bevor sie etw^as 
unternehmen, die Zustimmung der l'riesler des heiligen Kriegszeltes er- 
halten. Die Gens, die das Kriegsheiliglum besitzt, heiüt IVhezhinshte, d. i. 
„durch die der Stamm zornig wird". Aus dieser Gens werden gerade, weil 
sie eine kriegerische Gens ist, keine Häuptlinge gewählt.' 

Der Krieg erscheint also bei diesen Indianern nur in ganz geringem 
Grade als ein politisches Mittel und ist fast ausschließlich eine Form der 
Abreagierung der sadistischen und feindseligen Gelüste, die der 
Jungmaunschaft des Stammes erlaubt, ja sogar geboten ist. Den Häupt- 
lingen jedoch wird das Ausleben dieser Gelüste geradezu verboten. Berühmte 
Krieger, die ihre Lust zur Gewalttätigkeit auf dem Kriegspfade bekundet 
haben, werden zwar als Helden verelirt, doch, besonders in älterer Zeit, 
niemals zu Häuptlingen gewühlt, ' 

Zur Vervollständigung des Bildes, das wir somit von dem indianischen 
Häuptling erhalten, sei noch erwähnt, daß dum Häuptling auch die Macht 
und das Recht zu strafen fehlt. Im Gegenteil ist er es, der selbst das Leben 
des Mörders beschützt und mit der Kraft seiner Friedenspfeife die Blutrache 
von ihm abzuwenden sucht.* 

Zur Zeit der allsommerlichen gemeinsamen Büffeljagd, wo ein strenges 
Begiment von lebenswichtiger Bedeutung ist, wird in der Hegel ein be- 
sonderer Jagdführer gewühlt, dem auch die Häuptlinge Gehorsam schulden. 
Die Ablehnung jeder machtvollen Autorität ist jedoch so stark, daß in 
einigen Fällen selbst der Jagdführer seine Stellung nicht für die ganze 
Dauer der Jagd behält, sondern täglich von einem anderen ersetzt wird.5 

Dieser letzte Umstand macht uns bereits diiiauf aufmerksam, daß der 
Friede zwischen dem Iläuptüng-Valer und der Sohnesschar nur ein schein- 
barer ist. Die Wichtigkeit des Valers für das Wohlsein der Kinder wird 
zwar voll anerkannt, doch alle Macht wird ilim g{;nr)mmen. Daß wir es 
hier mit einem Verdrängungsprodukt zu tun haben, zeigt sich besonders 

i) Fletcher-La F16Bche, a. a. O. p. 405 — 408. — Skiiincr: Kuiisa Organisntioas. . 
A. Pap. Am. Mus. Nat. Hist. v. XI. p. 747, 748. 

2) Fletcher-La Flasche, a. a. O. p. noi. 

3) G. A. Dorsey: Soc. Organis, of tlie Skidi Pawnco. Proc. Congr. Am. v. XV. — 
J- O. Dorsey: Omaha, p. aiS. — Skiiuior: Kansa, p. 74(1. 

4) Fletcher-La Fliache, a. a.O.p. 205 — aoS. — La Flasche, ii, u. O. p.67 — 71. — 
P. Radin: Winnebago. 

5) Skiiiner: Iowa, p. 68g. Hdb. of Am. Ind. Art. „Telon". — La Flische: Osage, 
p. 67, 68. 



Der Familienvater 2.07 



darin, daß die Macht schlechthin das Böse, besser gesagt, die Macht zum 
Bösen bedeutet. Deshalb dürfen Krieger keine Häuptlinge werden. Besonders 
deutlich kommt dieser Gedanke in der Hako- oder Pfeifentanz- Zeremonie 
zum Ausdruck. In dieser Zeremonie spielen zwei Pfeifenrohre die Haupt- 
rolle, die einen weiblichen und männlichen Adler darstellen. Der weibliche 
Adler ist der Häuptling oder Führer (als Führer tritt in dieser Zeremonie 
auch die Mais-Mutter auf). Der männliche Adler ist der Vater und Soldat. 
Das weibliche Rohr wird immer in der Mitte der Prozession getragen, denn 
es symbolisiert die Mutter, deren Platz unter den Kindern ist, die sie füttert 
und hegt. Das männliche Rohr hingegen trägt man stets etwas abseits, damit 
die in ihm verkörperte Kriegswut sich gegen die Fremden und Feinde, und 
nicht etwa gegen die eigenen Kinder richte.' 

Wir erkennen in den zwei Adlern unschwer den Häuptling und die 
Krieger des Stammes. Der gute Vater (Häuptling) also, der jeglicher Aggression 
entkleidet ist, der alles seinen Kindern schenkt (Freigebigkeit), sie füttert 
und für ihr Gedeihen sorgt, wird eigentlich als eine Mutter betrachtet. 
Die Winnebago-In dianer sagen selbst von ihrem Häuptling, daß er am 
„Fest des Häuptlings" den Stamm füttert „wie eine Vogelmutter ihre Jungen" .^ 

Wie ist nun dieses mütterliche Häuptlingsideal entstanden? Wir 
vermuten, daß der Vermütterlich ung des Häuptlings die Spaltung der ur- 
sprünglichen Vater-Imago in einen guten und einen bösen Vater voranging. 
Hinweise darauf finden sich bei mehreren der in Betracht kommenden 
Stämme. 

Als charakteristisches Beispiel nenne ich die zwei heiligen Pfähle 
der Omaha. Das ältere Stammesheiligtum war der dem Donnergott ge- 
weihte Zedernpfahl, der im heiligen Kriegszelte der Whezhinshte Gens 
gehütet wurde. Der andere „heilige Pfahl" wurde nach der Sage später 
von den alten und weisen Mäjinern des Stammes eingeführt, „um die 
Einheit des Stammes zu sichern". Dieser Pfahl wird in der Honga Gens 
gehütet, die auch die Mais- und Jagdriten besitzt. 

Durch den Zedernpfahl des Kriegsgottes wurden die Ehrenabzeichen an 
die Krieger ausgeteilt. Durch den „heiligen Pfahl der Honga Gens hingegen 
werden diejenigen Männer ausgezeichnet, die sich durch Taten des Friedens 
Verdienste erworben haben. Als solche Taten kamen in erster Reihe Geschenke 
an die Gesamtheil in Betracht, also eben jene Leistungen, durch die man 

1) Pletchcr: The Hako: A Pawnee Geremony, 22^ A. Rep. Bur. Am. Ethii. pt. 2. 
p. 42, 21, 59, 192, 288, ßSoff. — Hdb. of Amer. Ind. Art. „Calumet". 

2) F. Radin: Wiiinebago, p. 290. 



29S 



Alice Bälint 



Häuptling werden konnle.' Dieser Pfahl spielt die zentrale Rolle in der 
Danksagungszeremonie am Ende der großen gemeinsamen üüffeljagd. Bei 
dieser Gelegenheit wird vor dem Pfahl eine I'igur in den Sand gezeichnet,' 
die „das Verlangen" des Kindes symbolisiert, das alles üuie von seinen Eltern 



erwartet.^ 



Der Zedernpfalil repräsentiert den aggressiven, bösen Vater. 

Der heilige Pfahl der Danksagungsxerenionie, den lebensjjendenden, guten 
Vater.3 

Ein anderes Beispiel bietet die Spaltung der Winnebago Donnergens in 
die „guten" oder „großen" Donner und die „büscn" Donner oder Krieger. 
Der Häuptling mußte aus einer „guten" Doiinergens gewühlt werden.* 

Die führende Rolle der Donnerleute zieht sich wie ein roter Faden durch 
die Geschichte all dieser Stämme. Auch die beiden heiligen Pfähle der 
Omaha sind dem Donner geweiht.^ Der Donnergott selbst kann uns als 
der Prototyp der Vater-Imago vor der Spaltung in einen guten und bösen 
Vater dienen. Dieser Gott ist nämlich gleichzeilig der furchtbare Gott der 
Stürme und Kriege und der wohlwollende Golt der l'ruchtharkeit. Zur 
Zeit, als der alte Zedernpfahl das aHeinige Stammeslu'iligtum der Omaha 
war, wurden vermutlich sowohl die Kriegsriten wie die Kruchtbarkeits- und 
Danksagungszeremonien ihm zu Khren gefeiert.^ 

Die Spaltung der Vater-Imago setzt also die volle Anerkennung der Rolle 
des Vaters bei der Zeugung voraus. Der „gute" Vater ist eben der Leben- 
spender. Es liegt jedoch im Wesen des Ödipus-Komplexes, daß der Penis 
des Vaters unbedingt die Ambivalenz des Kindes herausforderl. Die Spaltung 
allein genügt also nicht zur Festigung des Kriedens, und so wird das Bild 
des „guten" Vaters immer mehr dem Bilde der Mutter angenähert, d. h. 
die Rolle des Erzeugers wird durch die Rolle der stillenden Mutter ersetzt. 
Der gute Penis, der das Leben gibt, wird zur Mutterbrust. Besonders klar 
kommt dies in der doppelten Symbolik der Pfeife zum Ausdruck. Die Pfeife 
ist einerseits Symbol des Schöpfers, also ein IVnissymbol. Als Friedenspfeife 



1) A. Fletclier:EmblematicuseoflhcTree in tlie Dnkota Group. Science, v. IV. — 
Fletcher-La Flasche, a. a. O. p. 221), 457- 45**. 119— >"'■ 

2) Fletcher-La Flasche, a. a. O. p. 254, 241- 

3) Beide Pfahle stellen übrigens einen alten Mann dar. 

4) P. Kadin: Winnebago. 

5) Fletcher: Emblem. u»e of the Trcc . . . p. 481. - Fletcber-La FUsche, 
a. a. O. p. 329. 

6) Fletcher-La FUsche, a. a. O. p. 317, 458. 



Der Familienvater 299 



und Abzeichen des Häuptlings ist es anderseits ein Symbol der Mutterbrust. 
(Verbrüderung durch gemeinsames Rauchen.)' 

Nun dürfen wir aber nicht übersehen, dai3 im Falle unserer Indianer 
die Spaltung der Vater-Imago zugleich Kastrierung des Vaters bedeutet. Der 
gute Vater, der Häuptling besitzt keine Macht. Er darf wohl geben, aber 
nichts versagen, er wird zur Mutter gemacht. Der böse, aggressive Vater, 
der durch die Gesamtheit der Krieger des Stammes repräsentiert wird, ist 
ebenfalls kastriert. Denn die Krieger können nicht Häuptlinge, d. i. gute 
Väter, Lebenspender, werden. 

Die bedeutsamste Folge dieser Art der Beseitigung des Vaters ist 
die Regression von der genitalen Stufe auf die orale. Der Vater- 
Häuptling, der für das Gedeihen des Stammes sorgt, ihm zu essen gibt, 
wird der stillenden Mutter gleichgestellt. Die Söhne, die wohl den Penis 
an sich rissen, doch die Macht, die er verkörpert, keinem unter sich un- 
geteilt überlassen, erwerben nicht die Mutter, sondern bloß die Mutter- 
brust. 

Diese Erledigungsform des Ödipus-Komplexes bedeutet also letzten Endes 
die Umgehung des Kampfes mit dem Vater. Die „böse" Seite des 
Vaters, die die Versagung der Mutter und die Anforderungen der Realität 
verkörpert, wird verdrängt und es erfolgt die Regression auf Jena Stufe, 
wo eine erotische Beziehung zu der Mutter von dem Vater gestattet war, 
dies ist eben die Zeit des Gesäugtwerdens. Der Preis dieses Friedens ist 
also ein ewiges Kindbleiben. 

Die Infantilität und Realitätsfremdheit, man könnte auch sagen Un- 
fruchtbarkeit des indianischen Kriegertums, ist die direkte Folge 
dieser Tatsache, daher kann es uns zur Illustrierung des bisher Gesagten 

dienen . 

Das eigentliche Hauptmotiv, das den Indianer in den Krieg führt, ist 
die Erreichung persönlichen Ruhmes durch VoUbringung eines Bravour- 
stücks.^ Das Bravourstück, der „Coup", wie es allgemein genannt wird. 



1) In der Kriegspfeifc ist beides enthalten. Es verbrüdert die Krieger durch ge- 
meinsaines Rauchen und repräsentiert den aggressiven Penis gegenüber den Feinden. 
Hdb. of Amer. Ind Art. „Smoking". — Skinner: Iowa. p. 728 (Origin. Myth). — 
Kroeber: Gros Venire. Mytlis a. Tales. A. Pap. Mus. Nat. Hist. v. I. — G. A. Dorsey- 
Kroeber: Trad. of the Arapaho. Publ. Field Col. Mus. v. V. — J. Mooney: The 
GhoBt Dance Religion. 14111 A. Rep. Bur. Am. Ethn. p. 959, 960 (Arapaho). 

2) Daß die Rüstung eines Kriegszuges ein privates Unternehmen ist, wurde bereits 
erwähnt. 



500 



Alici; Ki'iliiU 



charakterisiert die Männlichkeit der indianischen Krieger. Die Frucht ihrer 
Tat ernten sie zu Hause im Lager, wo sie im Kreise ihrer Genossen, vor 
den Häuptlingen und angesehenen Miinnern, und nicht zuletzt vor den 
anwesenden Frauen ihre „Coups" aufziihlen. indem sirt jedesmal mit einem 
Stock auf einen aufgerichteten l'falil schlagen (Counling Coup).' 

Diese Krieger sind keine Froherer und Liindergründer, sondern Kinder, 
'^ die sich mit ihrer Männlichkeit brüsten. Wohl ist die Bravour und der 
Exhibitionismus für jedes Soldatentuni cliarakterlstisch, doch die Ausschließ- 
lichkcit, mit der es hier auftritt und das ganzliclie Zurücktreten aller 
anderen Motive ist immerhin bcmerkenswerl. Uns Ziel des Kampfes ist 
rein narzißtisch, und zwar individuell nar/.iülisch. Wiihrond 2. B. im Falle 
eines Eroberungszuges oder der Finnalime einer Stadt bereits die objekt- 
libidinöse Stufe erreicht wird und das Unternelimcn für das Unbewußte 
die Bedeutung eines Koitus (der Eroberung der Mutter) erhält." 

Die Kriegführung der Indianer verhalt sich etwa zu den Kriegen eines 
Eroberervolkes, wie die Pubertiitsonanie zu dem Koitus des Erwachsenen. 
Die Kriege dieser Indianer sind unfruclitbar, haben keine eigentlichen 
„Folgen". {Ländererwerb, Tribut usw.) Sie gelangen wohl dazu, sich mit dem 
Vater-Feind zu messen, doch sie sind unfähig, einen Gewinn daraus zu 
ziehen. Darin erkennen wir die Wirkung der Angst vor dem Vater und 
des aus dem Ödipus-Komplex stammenden Schuldgefülils. Unter dem Druck 
dieser psychischen Einstellung bleiben diese Völker trofi ihrer ewigen 
Kriege und ihrer heldenhaften Tapferkeit immer dasselbe: heimatlose, 
unstete Jägernomaden .' 

Wenn wir die Entwicklungshöhe unserer Indianer durch eine bestimmte 
Periode des individuellen Lebens veranschaulichen wollten, so ließe sich 
am besten die Pubertätszeit, und zwar der Anfang dieser Periode, zum 
Vergleich heranziehen. Die Auflehnung gegen die Anlorilät, die paradierende 
Männlichkeit und dabei das Fehlen der inneren Selbständigkeit (was sich 

i) Hdh. of Amer. Ind. Art. „Wnrfiirc*', „Coup". — Znhlroiclie Angaben sind in 
allen Beschreibungen dieser Stamme zu finden. — Dev wertvollste Coup besteht darin, 
daD man mit der bloßen Hand auf den lebenden Feind scliliigt. Diese lollkiihne, doch 
vollkommen zwecklose Handlung, wird mit der i-rKtklussigen Ausieiclimiiig beloKnt. 
Das Töten des Feindes kommt erst an dritter oder vierter Stelle. Dies leigt gleich- 
falls die Realitätsfremdheit der indiaiiiäilieii Kriegsjjiebriiiiclio. 

2) Rank: Um Städte werben, hiternul. /.Isclir. f. I'sA 1, S. 50 — 58. 

5) Als Äußerungen des SchnldbewiiOtselns küjinen wir niieli die weit verbreiteten, 
geradem selbstmürderisdien Kriegspebrjiiiclio der Krlegerverbiiiide betrnchten. Stehe 
die iiüilroichen Angaben in Anthr. Pap, of the Anier. Mu». of NaI. Hist. v. XI. 



Der Familienvater soi 



hier in der geringen Entwicklung der politischen Einsicht und dem Fehlen 
echt politischer Ziele kundgibt), sind alles Merliniale dieser Entwicklungs- 
periode. ^ 

Wollen wir diese Betrachtungsweise auch auf die Beziehung des Stammes 
zu den Häuptlingen anwenden, so kann der Stamm mit jenen sexuell reifen, 
doch wirtschaftlich unselbständigen Jünglingen verglichen werden, die das 
Geld (hier Nahrung) von ihren Vätern erhalten. Das Geld, mit dem. man 
alles erwerben kann, bedeutet die Potenz des Vaters, die dieser „gute" 
Vater sozusagen den Söhnen schenkt. Doch die Minderwertigkeit dieser 
geschenkten Poten2 erhellt daraus, daß diese Sohne keine (Familien-) Väter 
werden" können. In dem individuellen Falle sind sicher dieselben Regressions- 
mechanismen am Werk, die wir im Falte unserer Indianer angenommen 
haben. 

Die Frage, wodurch jene Entwickhing in Gang gesetzt wurde, die zu 
der Spaltung der Vater-Imago und der Vermütterlichung des 
Häuptlingsideals geführt hat, ist, da uns die Überlieferungen fehlen, 
schwer zu beantworten. Wir vermuten aber, daß der Übergang vom Acker- 
hau zum Jagdleben und die damit verbundene Wanderung aus der alten 
waldigen Heimat in die offene Prärie dabei eine große Rolle gespielt haben 
mag. Wir wissen, daß die Bodenbewirtschaftung bei all diesen Völkern 
auf der Stufe des Hackbaues steht und von den Frauen betrieben wird. 
Wo also die wirtschaftliche Bedeutung des Hackbaues an erster Stelle steht, 
sind wirklich die Frauen die nährenden Mütter des Stammes. Ihr Sinn- 
bild ist die Mutter Erde, aus der die Nahrung gewonnen wurde und in 
deren Schoß sie ihre Dörfer gebaut hatten. Mit dem mehr oder minder 
vollständigen Übergang zum Nomadenleben haben diese Völker in gewissem 
Sinne die Mutter verloren.^ Etwas anderes trat jedoch an ihre Stelle: das 
war der Vater, der seine Kinder ernährt. Bis dahin war die wirtschaftliche 
Rolle des Mannes gering neben der der Frau. Nun wurde aber seine Be- 

i) Auch sonstige Anzeichen lassen sich finden, so die homosexuelle Einstellung 
der Männer (Männergesellschaften, lu denen von den Knaben bis zu den Greisen 
alle Männer des Stammes gehören) und die geringe GefüMsbildung an die Frau (Ver- 
schenken, Verspielen der Ehefrau; sportmäßig betriehener gegenseitiger Weiherraub, 
wobei dem geraubten Weibe nicht nachgetrauert werden darf und der Räuber selbst 
die Frau nicht für sich behalt, sondern sie ihren Eltern zurückgibt). Siehe ebenfalls 
A. Pap. Am. Mus. Nat. Hist. v. XL 

2) Das hier Gesagte gilt streng genommen nur für die Stämme des Ostens und 
Südens. Dies sind aber zugleich auch jene Stämme, die das hier besprochene Häupt- 
lingsideal am reinsten entwickelt haben. 



302 



Alice Balint 



deutung in ungeheurem Maße erhöht.' Dadurch wurde der Vater daiu 
gedrängt, in gewisser Beziehung auch Mutter seiner Kinder zu sein, denn 
sie ernähren, hieß ihnen gegenüber mütterlich fühlen. Durch die Umstände 
selbst wurde also der Weg zur Entwicklung der mütterlichen Vater-Imago 
vorgezeichnet. Diese Wandlung im Inneren mit7,umachen mochte der Mehr- 
zahl Schwierigkeiten bereitet haben, was die Spaltung der Valer-Imago zur 
Folge hatte. Die psychische Ursache dieser Spaltung ist also die Unfähig- 
keit zur Identifizierung mit dem neuen Vater-Ideal.* 

Diese Schwierigkeit kommt sehr schön in dem bekannten Cherokee- 
märchen von Kanati und Selu zum Ausdruck. In dieser Erzählung bringt 
der Vater-Jäger jeden Tag ein erlegtes Wild nach Hause. Eines Tages wird 
er von den Kindern bei der Jagd belauscht und diese sehen, wie er das 
Wild aus einem Berge herausholt. Die Kinder machen ihm das Kunststück 
nach und lassen dabei alle Tiere aus dem Berge heraus, die sich sogleich 
im Walde zerstreuen. Seilher ist es nicht mehr so leicht, für jeden Tag 
das nötige Wild herbeizuschaffen.' 

Das Freilassen der Tiere bedeutet, daß die Möglichkeit des Koitierens 
nunmehr allen offen steht (RAlicim). Das nachträgliche Bedauern deutet 
jedoch auf die Schwierigkeit, mit dem Koitieren auch die psychische Rolle 
des Ernährers zu übernehmen. Denn derjenige, der diese Kolle zu über- 
nehmen vermag, ist selbst nicht mehr an die Multerbrust fixiert, hat die 
infantile, orale Bindung an die Mutter gelöst, und die Furcht vor dem 
Vater überwunden, die ihn in dieser Hindung beharren ließ. 

Im Bedauern ist also bereits die Spaltung der Vater-Imago enthalten. 
Die Spaltung selbst bedeutet aber letzten Endes die Flucht vor der neuen 
Aufgabe und die Regression zu der Mutier, also das Kindbleiben, 

Versuchen wir nun zum Abschluß an Hand der Ergebnisse, die wir 
durch die Analyse des Häupllingswcsens dieser Indianer erhalten haben, 
die Entstehungsgeschichte des Typus „Familienvater" zu rekonstruieren. 

Aus dem bisher Gesagten ist es bereits klar, daß der Familienvater 
aus dem rein narzißtischen Urvater, auf dem Wege der Identi- 
fizierung mit der Mutter entstanden ist. Die erste Phase dieser Ent- 

i) Den Prariestammen sind in dieser Bexiehiing nur die Eskimo an die Seite zu 
stellen. 

2) Es ist klar, daO den führenden Männern der Mnispentcs diese Identifizierung 
leichter fallen mußte. Diese Münner genossen ja eine Vorerzichung dnrcli die Riten 
ihrer Gens, durch die sie ihren eif^cnen Totem den übrijtien zur Nahrung schenkten. 
So wurden sie die ersten Vertreter des neuen Hiiiipllingsidcals. 

3) Mooney: Myths o£ the Cher, ig''» A. IVcp. Bur. Am. Elhn. 



Der Familienvater 505 



Wicklung wurde zuerst von Röheim in seinem Berliner Kongreßvortrag 
(igza)^ beschrieben, wo er darauf hinwies, daß die Leiche des getöteten 
Urvaters dadurch, daß er verspeist wird, mütterliche Qualitäten erhält. 
Als Leiche speiste nämlich der Vater zuerst seine Kinder, wie es bis dahin 
nur die Mutter tat.- Dieser Vater, den man nicht mehr bloß bewundern, 
sondern bereits lieben konnte, wurde zu dem neuen Vater-Ideal. Wie das 
Streben nach diesem weniger lustvollen Ideal aufrecht erhalten wurde, kann 
ich nicht sagen. Das Schuldbewußtsein gegenüber dem getöteten Vater und 
die Vergeltungsangst, die sich im Wunsch nach Liebe und Versöhnung mit 
den Kindern äußerte, hat dabei sicher die Hauptrolle gespielt. (Freud, Totem 
und Tabu.) Zuerst erhielt wohl die altruistische Komponente des Koitus 
eine Verstärkung. Während der Beischlaf bis dahin bloß die Reizabfuhr 
bedeutete, wurde er nun mehr ein „Geben" : Kinderschenken an die Frau, 
Lebenschenken an die Kinder. Diese neue Bedeutung des Koitus wird dann 
auf die männlichen Arten der Nahrungsgewinnung (Jagd, Fischfang), die 
alle Koitusbedeutung haben, übertragen.^ 

Die Folge dieses Bedeutungswandels war, daß die Männer, die früher 
ihre Jagdbeute allein verzehrten oder unter sich verteilten, einen Teil des 
erlegten Wildes nunmehr nach Hause brachten. 

Der geregelte Nahrungserwerb der Männer hat sich übrigens wahrscheinlich 
viel später entwickelt, als der der Frau. Die Jagd gewann ihre wirtschaft- 
liche Bedeutung wohl erst für die vertriebenen Söhne, für die auch die 
Koitussymbolik des Jagens eine erhöhte Wichtigkeit besaß. Der Vater der 
Horde mußte sich nicht selbst versorgen, denn er wurde (wie auch die 
kleinen Kinder) von den pflanzen- und würmersammelnden Frauen ernährt. 
Zu der Nahrung, die der Urvater von den Frauen erhielt, gehörten, wie 
mehrfach angenommen wurde, auch die Kinder, die seine Frauen geboren 
hatten. (Er gab ihnen also nicht einmal das Leben.) Der Vater hatte also 
in der Urzeit deshalb zu essen, weil er sich die Frauen, die zu essen 
gaben, erwarb. Die Sohne hingegen, für die keine Frau sorgte, introji- 
zierten sich die Mutter, sie wurden ihre eigenen Mütter und ernährten 

1) Nach dem Tode des Urvaters. Imago IX (1925). Rank betrachtet als Grund- 
lage der Identifiiierung des Vaters mit der Mutter, die Angst vor der Mutter, die 
sekundär auf den Vater übertragen wird. S. „Trauma der Geburt", p. 86, 87, 89. 

2) Vgl, damit die Indianerhäuptlinge, die sich mit den Büffeln, also dem Nahrungs- 
tier identiiiiieren. 

5) Auf diese Weise erhielten wohl auch die Intichiuniariten, deren Koitus- 
bedeutimg von Röheim (Australian Totemisra) festgestellt wurde, sekundär die Be- 
deutung eines Geschenkes an die Stammesgenossen. 



504 



ll.ilidt; Der Familie rivaler 



sich selbst. Das war der erste Schritt zur I^ösung der oralen Fixierung an 
die Mutter. Nach der Festigung des neuen Vater-Ideals identifizierte sich 
der zum Vater gewordene Sohn mit der Mutter und wurde selbst zu einem 
Gebenden. Sein erstes Geschenk an die Kinder, naclidom er erlaubte, daß 
sie am Leben blieben, war, daß er sie saugen ließ: er schenkte ihnen die 
Mutterbrust. 

Alles, was der Vater sonst dem Sohne gibt, ist symbolisch gleich der 
Mutterbrusl. Das Versorgtwerden durch den Vater ist gleich dem Gesäugt- 
werden durch die Mutter. Die lirust ist derjenigt- Teil der Mutter, der allein, 
vom Vater dem Sohne geschenkt wird. Wenn dieser jedoch mehr verlangt 
und nach dem Genitale der Mutter traclitet, so ist der, durch die Über- 
lassung der lirust geschlossene Friede zwischen Vater und Sohn wieder 
gebrochen. 

Die kulturelle Bedeutung des „Familienvaters" liegt also 
darin, daß mit Hilfe dieser Umwandlung des Vater-Ideals der 
Frieden zwischen Vater und Sohn ermtiglichl wurde. Liebe und 
Haß halten sich nunmehr die Wage und mit Hilfe der Verdrängung 
kommt sogar nur mehr die Liebe zur Geltung. Welche Gefahr 
diese Lösung selbst für ganze Völker in sich birgt, haben wir im Falle 
einiger Indianerstämme gezeigt. Die Psychoanalyse weist uns einen neuen 
Weg, den der gegenseitigen Verstiin{ligung durch üewußtinachung der 
Schwierigkeiten. Dieser Weg konnte aber nur betreten werden, nachdem 
die Menschheit bereits den anderen gegangen war, denn jene Entwicklung 
vom ursprünglichen Narzißmus zur übiektliebc,dic der Umgestaltung 
der Valer-lmago zugrunde liegt, ist sicher eine notwendige Grundlage 
jeder psychologischen Forschung. 



■ f 



Farbensymbolik 

Von 

Hans Christoffel 

Basel 

Die Psychoanalyse hat den Sinn mancher Symbole verstehen gelehrt; sie hat 
uns vor allem die sexuelle Symbolbedeutung erschlossen, wobei es vorläufig eine 
offene Frage bleibt, ob es überhaupt eine nichtsexuelle Symbolik gibt. 

Symbolik ist eine Teilerscheinung anthropomorpher, anthropozentrischer 
Betrachtungsweise. Man könnte deshalb von Erlebnis statt bloß von Be- 
trachtungsweise sprechen, weil Subjekt und Objekt sich im Symbol 
verschmelzen, Subjekt im Objekt sich weniger betrachtet, spiegelt, als sich 
erlebt. Symbol heißt Sinnbild. Es ist klar, daß die Verbildlichung unser 
selbst nur dann einen Zweck erfüllt, wenn der direkten Selbstwahrnahme 
Widerstände entgegenstehen, Das Symbol setzt also die Projektion von 
Verdrängtem voraus, eine unbewußte Identität zwischen Subjekt und Ob- 
jekt, eine komplexhafte Verbundenheit zwischen Eigentlichem und Ge- 
meintem. Je weniger diese Voraussetzungen erfüllt sind, desto mehr wird 
das Symbol zur Allegorie, das Sinnbild zur Anspielung. 

Da in der Symbolik das Objekt nicht zu seinem vollen Rechte kommt, 
sondern bloß bildhaften Wert hat, seine Bedeutung sich in der Darstellung 
des Subjekts und in der Verbindung dieses mit dem Objekte erschöpft, 
muß alle Symbolik triebhaft fundiert sein. Es darf angenommen werden, 
daß, wenn, wie die Psychoanalyse sicher erwiesen hat, die Sexualtriebe 
im Symbol ihren Ausdruck finden, die Todestriebe darin ebenfalls 
Geltung haben, Eros und Thanatos sich im Symbole finden. Auf diese 
mögliche und sogar wahrscheinliche Verbindung, auf eine eventuelle 
Trieb undifferenziertheit und Trie b am al garnier ung kann hier nicht näher 
eingegangen werden, sondern es soll ein Stück Symbolik vor allem nach 
seiner sexuellen Seite untersucht werden. 



5o6 Hans Chrisloffcl 



Neben Bewegung, Zahl und ]''orm spielt in der psychoanalytischen 
Symbolik eine auflerordentlich geringe und bisher kaum gewürdigte Rolle 
die Farbe. Und doch gibt es ohne Zweifel auch eine Farbensymbolik. 
Ihr Alter zählt wohl nach Jahrtausenden. Sie hat sich in der Psyche der 
Gesamtheit bald mehr, bald weniger erliallen, in iiildnerei und Dichtung 
Form gefunden und in Wissenschaft Ausdruck und Enträtselung gesucht. 
„Man hat ein Mehr und Weniger, ein Wirken ein Widerstreben, ein. 
Tun ein Leiden, ein Vordringendes ein Zurückhaltendes, ein Heftiges ein 
Mäßiges, ein Abstoßen und Anziehen, ein Männliches ein Weibliches* 
überall bemerkt und genannt; und so entsieht eine Sprache, eine Sym- 
bolik,' die man auf ähnliche I^'älle als Gleichnis, als nahverwandten 
Ausdruck, als unmittelbar passendes Wort anwenden und benutzen mag."* 

Wenn nun auch der Farbensymbolik in den Arbeilen der psychoana- 
lytischen Schule wenig Beachtung geschenkt worden ist, so findet sich 
doch in dem von Freud und seinen Schülern beigebrachten und untei^ 
suchten Materiale manches v e r merkt, was bloß b c merkt werden muß, 
um in seiner Bedeutung erkannt zu werden. 

Vor drei Jahren habe ich in einer kleinen Arbeit unter anderem auf 
die merkwürdig konstanten Beziehungen zwischen Schwan und 
Männlich, und Weiß und Weiblich hingewiesen, und an dem Mate- 
rial, das mir aus meinen Analysen zur Verfügung stand, kurz erläutert.' 
Herr Henry Flournoy stellte mir darauflün eine mir vorher imbekannte 
Arbeit zu, die von völkerpsychologischer Seite das von mir bei ärztlicher 
Tätigkeit Gefundene einleuchtender, schlagender bestätigte, als ich es 
selber vorerst hatte erweisen können,* wie ja auch Freud darauf auf- 
merksam macht, daß uns die Symbolik im unbewußten Vorstellen des 
Volkes deutlicher entgegentritt, als vorerst im Traume. ^ Flournoy hatte 
auf einer Ostasienreise verschiedenen Götterdarstellungen sein psycholo- 
gisches Interesse geschenkt und berichtet nun unter anderem vom soge- 
nannten Linga {Phallus, der sich immer zugleich mit seiner weiblichen 
Ergänzung, dem YonJ dargeslelh findet). Linga und Yoni zusammen re- 
präsentieren die Zeugungskraft des Gottes (Jiwa. Der männliche Anteil 

i) Hervorhebungen vom Verfiissur. 

a) Goeth e über seine Fnrbciilehre,5iit. nach Wessely: „Goellies und Sdiopenhauers 
Stellung in der Geschichte der Lehre von den Gcsichtsempfindiingen." Berlin 192a. 

5) Christoffel: „Affektivitiit nnd Farben, speziell Angst und Ilelldiiiiltelcr scheinun- 
gen." Zeilschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatric. Bd. 8a, S. 46. »925, 

4) Plournoy: „Qiva Androgync." Arc]iiv<'S do Psychologie. Bd. 18, p. 355. 1932. 

5) Freud: „Die Traumdeutung." Ges. Schritten, ijd. 111, S. 67. 



Farbensymbolik ^07 




des Symbols pflegt schwarz, der weib- 
liche weiß dargestellt zu werden. ^Oest 
bien le noir qui represente l'element masculin, 
et le blanc le feminin." (Schriftliche Mitteilung 
Flournoys vom 17. Juni 1925.) Abbildung 1 
seiner Arbeit bekräftigt diese Farben Verteilung. 
Ich zitiere die betreffende Stelle in Übersetzung: 

„Es gibt Lingas von allen Großen; sie sind dreißig und mehr Zentimeter hoch; 
meistens bestehen sie aus schwarzem oder weißem Marmor." Über Ciwa selbst be- 
merkt Plouriioy, daß er sowohl Gott der zerstörenden wie der ZeugungskräEte sei. 
Bei Beschreibung des göttlichen Symbols dagegen findet in Plournoys Beschreibung 
das zerstörende Moment keinen Ausdruck. „Was das Linga anbetrifft, so stellt es 
nichts anderes dar als den göttlichen Phallus, Das Emblem setzt sich zusammen aus 
dem eigentlichen Linga, einer zylindrischen, konischen oder ovoiden Säule, welche 
senkrecht in der Mitte einer Steinschüssel von der Form eines Tennisschlägers 
{raqueite) steht. Diese letztere, Yoni genannt, liegt horizontal und trägt in ihrer Mitte 
eine Öffnung zur Aufiiahme des Linga. Peripher laufen am Yoni ringsherum Rinnen 
und vereinigen sich an dessen Auslauf, gewissermaßen dem Stiel des Rackets. Das 
Toni stellt die weibUchen Organe dar, den Uterus und die Vulva. Das vollständige 
Linga ist also ein bisexuelles Symbol." 

Nach O. Eckstein' spielt in den Anschauungen der altchinesischen 
Medizin ein helles weibliches und ein dunkles männliches Prinzip 
eine wesentliche Rolle: „Alles Leben beruht auf der Gegenwirkung eines 
vreiblichen und eines männlichen Prinzips. Diese Prinzipien des Yang 

und Yin, des Hellen und Dunkeln , die ja in aller chinesischen 

Philosophie, Literatur und Kunst wiederkehren, sind gleich stark, und 
Gesundheit des Körpers hängt von ihrem genauen Gleichgewicht ab." 

Daß solche symbolische Auffassungen intuitiv richtig sein können und sich teil- 
weise mit dem Experiment erhärten lassen, möge folgendes zeigen. (Münchner Medi- 
zinische Wochensclirift. Nr. 51, S. azig. 1925, M. Hart mann: „Über relative Sexualität 
und ihre Bedeutung für das Befruchtungssystem." Sitzung der Berliner Medizinischen 
Gesellschaft vom 9. Dezember 1925,) 

„Am bedeutungsvollsten ist die ältereBefruchtungshypothese von Bütschli, welche 
gewissermaßen erst wieder von neuem entdeckt werden mußte, die Sexualitätshypothcse. 
Der Neuentdecker war 1905 Schaudinn, der, von ganz anderen Gesichtspunkten aus- 
gehend, wieder auf sie kam. Nach dieser Hypothese ist jede Geschlechtszelle, aber 
nicht nur diese, sondern überhaupt jede Zelle des Organismus doppelt geschlechtlich 
(bisexuell). Es prävalieren die Potenzen eines Geschlechts, indem die des andern ge- 
hemmt werden, imd die vorhandenen Spannungen zwischen den Zellen führen durch 

1) Über alt chinesische Medizin. Schweiz. Med. Wochenschr. S. 522. 1925. 



5o8- Hans Christoffel 



Befruchtung zum Ausgleich ... Die Beweise für diese Hypothese können natürlich 
nur durch experimentelle Arbeiten beigebracht werden, \ind Hartniann bringt ein 
außerordentlich umfangreiches und überzeugendes Material bei. Er weist 2. E. nach, 
dai3 bei Protozoen aus einer einzigen Zelle sich männliche und weibliche Gameten 
entwlckehi können und daß beide dann wieder aufs neue männliche und weibliche 
Gameten ers engen können. 

Außenbedingungen sind es, oder bei den höheren Tieren V er erbungs Vorgänge, 
wenn die mit innewohnenden Anlagen des andern Geschlechts nicht zur Entwicklung 

kommen. 

Weiter zeigt der Vortragende, wie bei einzelnen Pilzen zwei weihliche Zellen 
miteinander verschmelzen, also kopulieren können, und erweist hieraus, daß bei 
niederen Formen von Lebewesen die Sexualität der Zellen nicht zweipolig, also 
absolut entgegengesetit, sondern relativ ist. Bei einer Algenform (Spirogyra) konnte 
er beobachten, wie die gleichgeschlechtlichen Zellen einer Zellschicht einmal männ- 
lich, einmal weiblich kopulierten. Gegen diesen Befund sind noch Einwendungen 
möglich, darum sind die umfangreichen Versuche an Braunalgen und Grünalgen, die 
im Meere vorkommen, von grundlegender Bedeutung. Jedes Individmun erzeugt nur 
Zellen eines Geschlechts, und obwohl sie morphologisch sich vollkommen gleichen, 
geht aus ihrem Verhalten beim Befruchtungsvorgang doch hervor, daß es sich um 
Zellen von ausgesprochenem Sexualchar akter handelt, und hier kann man nun fest- 
stellen, daß die einzelnen Zellen sich in ihrer Kopulationsenergie verschieden ver- 
halten und daß es Zellen mit stark-männlichen und schwach-männlichen Eigenschaften 
gibt, und ebenso verhält es sich bei den weiblichen Geschlechtszellen. Und nun kommt 
das Erstaunlichste; es zeigt sich, daß die Zellen mit scliwach-mäimlichen Eigenschaften 
sich beim Zusammenbringen mit Zellen mit stark -männlichen Eigenschaften wie weib- 
liche verhallen, daß also die stark -männlichen Zellen mit den schwach- männlichen 
Zellen durch Kopulation zusammentreten. Hiemit ist der Beweis erbracht, daß es in 
Geschlechtszellen eine relative Sexualität gibt. 

Die an Braunalgen erhaltenen Resultate sind von Jollos in Neapel an Grünalgen 
völlig bestätigt worden. Ja, darüber hinaus fand Jollos, daß Behandhing mit Extrakten 
die Eigenschaften der Zellen verändern kann, daß man also durch Extrakte schwach- 
weibliche Zellen zu solchen mit stark- weiblichen Potenzen machen kann. Es gibt 
also außer der Konstitution noch andere sexuelle Affinitäten und die hiedurch sich 
eröffnenden Perspektiven sind einfach unbegrenzt." 

Nach diesem Exkurs sei wiederum auf die Schwarzweiß Symbolik 
zurückgegriffen. Ein vierzigjähriger Mann mit beginnender paranoider 
Schizophrenie hatte schweren Verdacht, daß nachts Unbekannte in sein 
Haus einstiegen, ihn bedrohten und bei der Frau schliefen; insofern er 
überhaupt noch schlafen konnte, schrak er oft auf, glaubte im ersten 
Moment Licht im Hause, das dann im Moment seines Erwachens ver- 
löschte, einen schwarzen Verfolger neben seinem Bett, der im Moment, 
wo Patient mit dem Messer auf ihn einstach, mit einem leisen Zischen 
zu Nichts wurde. Daß der Teufel eine Vater-Imago ist, braucht hier 



Farben symb olik 509 



nicht mehr erwiesen zu werden; die Gleichsetzung von „der Teufel" 
und „der Schwarze", seine Ankündigung oder Begleitung durch einen 
schwarzen Hund, seine Verehrung in sogenannten schwarzen Messen,' bei 
denen unter anderem ein schwarzer Kater verkiißt wurde, das alles sind 
ganz bekannte Dinge. Desgleichen ist, wie ich mich in meiner früheren 
Arbeit ausdrückte, der schwarze Mann, der die Hysterika verfolgt, ein 
alter Bekannter jedes Psychiaters, während wir bei einer Paraphrenen eher 
helle, weibliche Feinde als Halluzination erwarten werden. Daß eine stark 
mutteridentifizierte Angsthysterika einen Vater und Sohn zu kleinen Tieren, 
welche bekanntlich Kinder bedeuten, macht, sie gewissermaßen beide ver- 
tindlicht und als schwarze Käfer träumt, wird nicht verwundern. Bei 
Gräber^ finden wir in Hugos Phantasien den Vater als Verfolger und 
Verfolgten, Todbringenden und Totgewünschten durch ein kon- 
stantes Schwarz ausgedrückt. 

Wie wir in der Symbolbedeutung von Schwarz als männlich oft feind- 
liche Züge treffen und vielleicht deshalb Schwarz vielfach als männlich- 
sadistisch deuten dürfen, so gilt diese Verquickung von Liebe und Tod 
anscheinend auch für die Weiblichkeitsbedeutung von Weiß.^ 

1) Löwenstein, R.: „Zur Psychoanalyse der schwarzen Messen." Imago, Bd. IX, 

S. 73. 1925. 

2) „Ambivalenz des Kindes." Imago-Bücher VI, S. 66. 1924,. 

5) Kaum ausg'eprägt ist das Todeselement in der Phantasie von Kühnen („Psycho- 
analyse und Baukunst", Imago, Bd. X, 8.375. 1924), wo er seine Mutter-Imago als 
im Tale liegende, von silbrigem abendlichen Hauche übers ch leierte Stadt erschaut, 
in welche eine Brücke — auf deren phallische Bedeutung nicht hingewiesen zu werden 
braucht — hineinführt. — Dagegen sagt ZuUiger von einem diu-ch zwei Mädchen 
nächtlich halluzinierten weißen Dämon, einem „Toggeli", daß er die „personifizierte 
Strafe für die Todeswünsche der Töchter gegen die Mutter" bedeuten konnte. (Zulligei-: 
„Zur Psychologie der Trauer- und B es tatlungs gebrauche." Imago, Bd. X, S. 195 und 194. 
1924.) Folgender Traum ist, auch aus dem Zusammenhange der Dichtung gelöst be- 
trachtet, leicht verständlich. (Romain Rolland: „L'Ame enchant^e." OllendorfE, Paris, 
p. 280 et 281.) 

Annette wendet sich enttäuscht von ihrem Geliebten ab; wohl ist ihre Sinnlichkeit 
durch ilm gereiit worden; sonst aber fühlt sie sich durch ihn auf sich selber zurück- 
geworfen. In der Erregung und Verwirrung des Abschieds gibt sie sich ihm körper- 
lich hin. 

Im folgenden Traum nun ist das Finden ihrer selbst in ähnliche Situation ver- 
woben, in denen sie ihrem Geliebten den Abschied gegeben. Der Traum lautet in 
Übersetzung: 

„Eines Nachts im Traum sah sich Annate im knospenden Wald, Einsam eilte sie durch 
das Dickzehr. Bawnäsie verfingen sich in ihr Gewand, Jeuchtes Gebüsch streifte sie. Sie wand 
sich, riß sich los. Nun sah sie sich fast entblößt und bückte sich, votier Scham, um mit den 
Fetzen ihres Gewandes sich zu bedtckcn. Da erblickte sie unmittelbar vor sich auf dem Boden 
einem ovalen. Korb, einen Haufen sonnenbeschienener Blätter — nicht gelb und goldiger — 



iio Hiins Christoffel 



Betrachten wir in diesem Zusammenhange den Traum von den 
weißen Wölfen in Freuds „Geschichte einer infantilen Neurose",' so 
erweist sich das Weiß, das Freud aus individuellen Erlebnissen des 

sondern silbcrwtißcr Blätter, weiß wie leuchtende Birkenrinde, weiß wie feinstes 
Linnen. Bewegt schaut sie, kauert nieder; und das Linnen beginnt sich zu regen. Pochenden 
Herzens, ihre Hand hinstreckend, erwacht sie . . . Ihre Rührung hielt an . . . Sie begriff noch 
nichts . . . Doch es kam ein Tag — und sie begriff . . . Sie war nicht mehr allein ... Zu ihr 
wuchs Leben, ein neues Leben . . . Und die Wochen vergingen, während sie ihr verborgenes All 
zur Entwicklung kommen ließ . . ." 

Es mag noch ein Hinweis erlaubt sein auf den Narzißmus der Träumerin, um es 
verständlicher zu machen, daß sie in ihrem Kind ihr Ebenbild, sich selbst liebt. 
Folgendes Zwiegespräch führt sie mit dem Kind im Leibe: „Liebe, bist du es wirk- 
lich? Liehe, die du mich flohst, waun immer ich dich zu erfassen glaubte, bist du 
in mich gedrungen? Ich halte dich, halte dich fest; nimmer wirst du mir entfliehen, 
kleiner Gefangener, festgebannt in meinem Leib! Rache dich! Priö mich! Nag' ihn 
dm-ch, meinen Leib, kleiner Nager! Trink mein Blut! Du bist ich! Du bist mein 
Traum! Da ich dich in der Welt nicht finden konnte, hah' ich dich aus meinem 
Fleisch geschaffen . . - Und nun Liebe, habe ich dich! Ich bin die, welche ich 
liebe! Je suis celui que j'aime." 

Der folgende Traum aus J. Wassermanns Roman: „Faber oder die verlorenen 
Jahre« (Fischer, Berlin 1925) enthült eine Kastrationsverwahrung gegenüber 
der Frau durch das Symbol der silberweißen Eidechse gewissermaßen 
doppelt ausgedrückt. (Über die symbolische Bedeutung der Eidechse siehe Freuds 
Traumdeutung. Ges. Schriften, Bd, III, S. 74,,) 

Paber hat in jahrelanger, durch den Krieg erzwungener Abwesenheit von seiner 
Gattm dieser trotz sexueller Entbehrungen die Treue gehalten. Zurückgekehrt, findet 
er sie herzlich, aber frigid, ganz in sozialem Dienste unter einer mütterlichen Prau 
aufgehend. Er träumt vor dem Koitus, der ihm die Frigidität bestätigt, folgendes 
(S. 85 und 86): 

„Ich saß in einer Matrosenkneipe in einer Hafenstadt. Um mich herum lauter verkommene, 
verluderte Subjekte, Mihmer und Weiber. Niemand kümmerte sich um mich, aber ich wiißte, 
wenn ich die geringste Bewegung mache oder nur eine Silbe rede, fallen sie alle über mich her. 
Weshalb aber war ich da in dieser Kneipe, in der alles so verrucht und traurig war? Weil ich 
keruntergesunken war, wie in tiefes Wasser, und ich hatte bloß den einen Gedanken: nie mehr 
wirst du an die Oberfläche kommen, alles Süße hast du verloren. Komischerweise war es be- 
sonders dieses Wort: das Süße; das Siyje hast du verloren, schrie es in mir; du kannst es dir 
nicht vorstellen, mit welcher Gewalt. Nie habe ich so einen Ausdruck gedacht; aifßer in diesem 
Traum ist mir nie so etwas eingefallen. Und das Süße war etwas ganz Bestimmtes, mußt du 
wissen, es schwebte mir vor als eine silberweiße Eidechse. Ich war so erfüllt von dem 
Verlangen danach, daß ich mich platt auf den Boden warf, das Gesicht auf die schmutxigm 
Dielen preßte, und unter dem tobenden Gelächter des ganzen unflätigen Haufens blieb ich liegen, 
uiiihrend ich die Fingernägel ins Holz grub und die Lippen blutig schürfte. Da niiherle sich 
mir eines von den Frauenzimmern, das scheußliclute und lasterhafteste von allen; hohnisck 
entblößte sie ihren Busen, und da, zwischen dtn Brüsten glitzerte die silberne Eidechse, 
genau, wie ich sie in meinem schrecklichen Verlangen gesehen hatte. Wie ick nun aufspringen 
will, ergreift sie das Eidechschen und hält es mit den Armen in die Höhe. Ich knie vor ihr, 
da grinst sie mich hexenhaft an und schreitet mit dem erhobenen Tier nach rückwärts; und ich, 
in der Angst und Verzweiflung, ich könnte das silberweiße Gehild nicht erreichen und bis 
an die Haut bedrängt von all den Menschen in dem engen Raum, krieche ihr auf allen Vieren 
nach, selber wie ein Tier, und das Johlen und Gröhlen wird immer ärger und reißt mich endlieh 
am dem Schlaf.'' 

1) Ges. Schriften, Bd. VIII, S. 437 ff. 



Farbensyoxbolik 511 



Träumers erklärt, als überindividuell, typisch, symbolhaft. Mit vollkom- 
menster Subtilität zeigt Freud die mannlich-kastrierende Bedeutung des 
Traumbildes; aber obschon er die Bedrohung des kleinen Träumers von 
weiblicher Seite mit gleicher Peinlichkeit vÖlHg klarstellt, scheint er doch 
nicht geneigt, im weißen Wolfe das zu sehen, was er meiner Überzeugung 
nach ist, ein bisexuelles, weib-männliches Symbol mit kastrierender 
Bedeutung- Merkwürdig ist es ja auch, wie im Grimmschen Märchen 
vom Wolf und den sieben jungen Geißlein der Wolf an Stelle der Mutter 
tritt und ihre Angleichung an sie durch Weiß, d. h. durch Kreide, die 
er verschluckt, und durch Mehl, das er sich an seine Pfoten kleben läßt, 
vollzieht. Es wäre eine Arbeit für sich, diese hier bloß angedeuteten Dinge 
herauszuarbeiten und in Vergleich zu setzen zur bisexuellen, mann- 
weiblichen Symbolhaftigkeit der „schwarzen Spinne .' „Obschon 
. . . auch die Spinne als männliches Sexualsymbol bekannt ist, so ist sie 
doch von jeher fast ausschließlich als ein Symbol des Weibes dargestellt 
worden, und zwar des teuflischen Mannweibes, das auf Vernichtung der 
Männer sinnt, um deren Stelle einnehmen zu können."^ 

Nur in Kürze sei hier darauf hingewiesen, daß Weiß und Schwarz 
keineswegs die einzigen Farbensymbolisierungen von Weiblich und Männ- 
lich sind. Vielmehr kann Weiblich auch in Blau und Gelb, Männlich 
in, Rot und vielleicht Grün seinen Ausdruck finden- Dabei ist es so, daß 
in Blau und Grün Passivität, in Gelb und Rot Aktivität vorherrschen, 
mithin als ausgesprochen männliche Farbe Rot, als weibliche Blau 
zu gelten hat. ■ ■ 

Beispielsweise sei auf Flournoysä Darstellung des ostasiatischen, Taikih 
genannten, kreisförmigen, durch liegende S-Linie geteilten Symbols ver- 
wiesen: „Die beiden Scheibenhälften repräsentieren, eng aneinander- 
gefügt, das männliche und das weibliche Element; das obere ist rot (der 
purpurne Himmel), das andere blau (das Meer)." Das Taikih wird auch 
Yn-Yang benannt.* Es stellt also die Vereinigung der beiden oben er- 
wähnten Prinzipien dar, des dunkeln, männlichen Yn und des hellen, 
weiblichen Yan. Das Beispiel zeigt somit, wie Männlich sowohl 



1) Vgl. K. Abraham; „Die Spinne als Traumsymbol." Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse, VIIL, S. 470. 1922, und insbesondere G. H. Graber: „Die schwarze 
Spinne." Image, Bd. XI, Heft 3. 1925. 

2) Graber, a. a, 0. S. 296. 
5) A. a. O. S. 355. 

4) Regnault: „Mödecine et pharmacie chei les Cbinois et chez les Aiuiamites." 
Paris 1902, p. 28 et 29. . . v^ - . ■ , 



3^3 Hans Christoffcl 



durch Schwarz als Rot,' Weiblich sowohl durch Weiß als Blau 
symbolisiert werden kann. 

Wir kennen Mantel und Hut als typisch männliche Symbole; sie sind 
als Attribute des als ehrsamen Bürgersmannes erscheinenden Teufels rot 
(der Mantel) und schwarz (der Hut) in der von Freud geschilderten 
Teufelsneurose aus dem siebzehnten Jahrhundert.- Ganz besonders frappant 
aber tritt die Gleichbedeutung von Schwarz und Rot als männlicher 
Farben aus den Teufelsbeschreibungen von Jeremias Gotthelf hervor.^ 

Ein Masochist träumt, ein Kamerad sei ins Zimmer gekommen und habe 
ihn masturbiert. Daraufhin habe er diesen verklagt, daß er ihn schwarz mastur- 
biert habe. Der Träumer assoziiert „Schwarz onanieren — Blut onemieren 
— bei der ,ersten' Pollution mit sechzehn bis zwanzig Jahren hatte ich 
nächtlicherweise die Idee, Blut zu verlieren". Ein Zwangsneurotiker mit 
schwerem Kastrationskomplex chargierte während Jahren seine Männlich- 
keit, trug Tag für Tag einen schwarzen Cutaway und ließ seine 
Zimmer ausschließlich rot tapezieren. Zur Zeit der Lösung der anal- 
sadistischen Fixierung, jedoch als diese Entwicklung noch in statu nascendi 
und noch nicht vollendete Tatsache war, begann er die übliche Herren- 
kleidung zu tragen, und schlug seine Vorliebe für Rot in eine solche für 
Gelb und Blau um. Verschiedene Fehlhandlungen passierten ihm damals, 
Beispielsweise versah er das Rot von sogenannten Judenkirschen in Gelb, 
und wandelte sich in seiner Erinnerung der rote Mantel der Kalypso auf 
dem bekannten Gemälde von Arnold Böcklin in Blau. Es braucht kaum 
erwähnt zu werden, daß in diesem Stadium der Analyse, wo die weib- 
lichen Farben an Stelle der männlichen bevorzugt wurden, auch ein Um- 
schwung von einer homo- zur heterosexuellen Objektbesetzung sich zeigte.* 

i) Daß^ Schwarz und Rot phänomenologisch zusammengehören, scheinen auch die 
HalluzinaLionen des Epileptikers zu zeigen. Die Einleitung eines epileptischen Angst- 
lustandes „bildet vielfach eine ganz bestimmte, sich regelmäßig wiederholende Sinnes- 
täuschung; namentlich bemerkenswert ist der schwarze Mann und das Sehen 
von roten Gegenständen." (Krapelin; „Psychiatrie." IIL Bd., S. 1061. 1913.) 

2) Ges. Schriften. Bd. X, S. 409. 

3I Vgl. Graber: „Schwarze Spinne", a. a, O. S. 287: Die spätere Höllendienerin 
Christine bleibt vor dem Bösen „stehen wie gebannt, mußte schauen die rote Feder am 
Barett, und wie das rote Bärtchen Instig auf- und niederging im schwarzen Gesicht." 

4) Zwei kurze Beispiele aus Graber (a. a. O.) mögen nochmals die weibliche 
Bedeutung von Weiß und Blau illustrieren; eines K.ommentars bedürfen sie sonst 
nicht (S. 285): „In Hirschhorn (Hessen^ wurde ein junger Mann jede Nacht vom 
Alp geijuält. Schließlich fing die Mutler letzteren in ein Tuch, sperrte ihn in eine 
Kommode und ließ den Schlüssel stecken. Der Sohn war erlöst. In Erlenbach aher 
starb zur selben Stunde ein Mädchen. Als man es eben begraben wollte, zog der 



Farbensymbolik ^j« 



Anna Martin hat 1921 Untersuchungen über „Die Gefühl sbetonung 
von Farben und Farbenkombinationen bei Kindern" im Alter von vier bis 
sechzehn Jahren angestellt' und gefunden, daß Rot „das größte assoziative 
Moment für beide Geschlechter hat. Sie konstatierte ferner: „Die Mäd- 
chen ziehen im allgemeinen das Rot dem Blau, die Knaben das Blau dem 
Rot vor. Gelb neigt anscheinend zu einer starken, aber schwankenden 
Gefühlsbetonung (S. 45) ; Grün wird weder positiv noch negativ stark 
gefühlsbetont. Es ist unmöglich, aus dieser Arbeit Genaueres zu unserem 
Thema zu entnehmen, da sie im wesentlichen statistisch ist, und keine 
genaueren VersuchsprotokoUe vorliegen. Interessant mag immerhin er- 
scheinen, daß in der Bewertung der Farben eine Geschlechts- 
differenz besteht und bei dieser das von uns als männliches Symbol 
angenommene Rot von den Mädchen bevorzugt wird, während die Knaben 
das weibliche Blau höher schätzen. 

Zum Grün als atypisch-männlicher, als passiver Farbe führt 
uns „der Traum vom doppelten Ich und der Traum vom Weinen" aus 
dem Roman „Oberlins drei Stufen" von Jakob Wassermann (Fischer, 
Berlin 1922). Offenbar haben wir in der Symbolbedeutung des Grün eine 
nahe Beziehung zum weiblichen Blau; ohne daß wir das hier des Nähern 
ausführen könnten, ist Grün die Farbe des noch in der Mutteridentifikation 
befindlichen Sohnes, des weibischen Mannes. 

Diese „Stufe" und den Übergang zum reifen Manne schildert Wassermann bei 
seinem Helden zur Zeit, als folgender Traum sich, einstellte. Oberlin bekommt in. 
Erwartung seiner Geliebten Hanna eine Herineurose; er mißtraut ihr, ohne daß er 
weiß, daß sie die Mörderin seiner eigentlichen Geliebten, ihrer Zwillings seh wester 
ist; er liebt diese in ihr; die körperliche Vereinigimg mit Hanna und die Liehe einer 
einzigen Nacht bringt Klarheit; Hanna sühnt ihr Verbrechen mit dem freiwilligen 
Tode. Er selber sucht im Schmerze seinen früheren Lehrer und Führer und merkt, 
daß er ihm entwachsen, daß er frei imd für die Welt offen ist. Dieser Entwicklung 
gibt nun der Traum Ausdruck; noch mehr aber dem Sträuben vor den drohenden 
Auseinandersetzungen, der Lähmung des noch in der Ödipus-Bindung befindlichen 
Muttersohnes, 

j,Er ging durch ein vierbagigei Rundtor, das aussah wie tint Rifsenhandj die mit den 
Fingerspitzen gegen die Erde gesetzt ist. Keine Stimme redete, aber er wußte, daß es entscheidend 

junge Mann in Hirschhorn den Schlüssel der Kommode weg, ein weißes Mäuschen 
schlüpft heraus und fährt bald darauf in den Mund der Toten, die wieder erwacht," 
(S. 282.) „Eine andere Sage berichtet von einem Jüngling, der mit Hilfe der wunder- 
tätigen Kraft einer blauen Blume schließlich den Drachen (Vater) erlegt und die 
dadurch erlöste Jungfrau heiratet. Die blttue Blume aber fliegt fort und ruft: „Ich 
bin die Seele deiner verstorbenen Mutter." 

1) Pädagogisches Magazin, Heft 831. Beyer, Langensalza. 



s ] ^ Hans Christoffel 



für ihn sein würde, durch wtlchen der vier Bogen er ging. Das Tor war grms aus grünem 

Stein. Ohne sich langt zu besinnen, ging er geradeaus; und mit dem Augenblick, wo er dm 
Bogen durchschritten hatte, kam eint herzTerrtjßeiide Furcht über ihn; denn ihm dunkle, er sei 
auf einmal außerhalb der ff'elt. Die Landschaft, die sich vor ihm dehnte, war so grün wit 
jenes Tor; es war nicht das Grün, lüiV es die Blätter haben, nicht das Grün des Mooses, nicla 
das Grün von alten Kupfergefdßen ; es war ein Grün, das er noch nie gesehen, ein ßnsteres, böses, 
totenhaftes Grün. Darw'er wölbte sich etwas wie ein Himmel; aber es war kein Himmel, es war 
eine weißliche Blase, aus deren unteren Rändern weißliches Licht strömte. Weit und breit 
keine Seele, die vollkommenste Verlassenheit. Von Furcht bis in die Knochen geschüttelt, dachte er: 
ietu werde ich endlich wissen, woran ich bin. Zu rasten war ihm nicht erlaubt, er mi^ßte gehen, 
beständig vorwärts gehen. Er wollte sich beschweren, daß er müde sei, aber das Wort müde 
fiel ihm nicht ein, er dachte statt dessen bloß grün." 

Es folgt der Kampf mit einem schwarzen Riesen, der aus dem Grünen wächst. Oberlm 
erwacht, nachdem er vergeblich einen Stein gegen das Ungetüm geschleudert, der 
Stein gegen ihn selber abgeprallt ist. Mer nun schläft er wieder ein und beginnt nun in 
den Himmel su ßiegen, der sich aus der „weißlichen Blase" in „azurne Höhe" gewandelt 
hat findet Gottvater, auf einer Schart ach wölke sitzend, sucht und findet endlich seinen Blick 
und sinkt nun selig befreit, weinend zur Erde nieder. 

Vergleicht man diese Farbensymbolik mit derjenigen des Taikih, so fällt vielleicht 
auf, wie der Traum anfanglich die Geschlechter verkclirt, das Weibliche oben, das 
Männliche imten ist, jenes fahl weiß, dieses totengrün imd schwarz; und wie dann 
aber, ganz wie im Taikih das Männliche, Gottvater auf der Scharlachwolke, im 
Weihlichen, das nunmehr zur azurblauen Hohe geworden ist, thront. — Daß Blau 
übrigens beim freien Assoziieren als Farbe des Madonnenkults, als das lockende, ver- 
söhnende und triDstende Moment des Katholizismus ungemein häufig bewertet wird, 
verdient hier auch noch Erwähnung. 

Noch ein kurzer Rückblick auf Grabers schon mehrfach erwähnte 
Arbeit.' Wie der Teufel erstmals in der Gotthelfschen Erzählung er- 
scheint, kommt Graber aus analytischen Erwägungen, die Farbensymbo- 
lisches außer Spiel lassen, dazu, ihn als Repräsentanten des „weiblichen 
und mütterlichen Prinzips" zu nehmen und in Zusammenhang zu bringen 
mit der „Fiktion der hoch gesteigerten Identifikation mit der Mutter. 
Dementsprechend ist der Teufel nicht, wie später, wo er als 
Vater-Imago erscheint, schwarz und rot, sondern als — sit venia 
verbo — Zwitter zwischen Mutter- und Vater-Imago grün, ein 
„grüner Jägersmann".^ 



i) „Schwarze Spinne", a. a. O. S. 277 f. 

2) Von Gelb sagt F. Kluge in seinem etymologischen Wörterbuch der deutschen 
Sprache, daß es als Wort verwandt sei mit dem lateinischen helvus = graugelh, dem 
griechischen chloros — grün, gelb, cUoe = grün, sowie den Wörtern Galle, Gold und 
glühen. Das lateinische flavus = blond, gelb, sei mit dem deutschen blau eines 
Stammes. — Solche Bedeutungsänderung stammgleicher Worte sei häufig. Gombaz 
(„Dans les Temples imp^riaujc de la Chine", Bruxelles igia) bestätigt das mit Bei- 
spielen von verschiedenen Völkerstämmen Asiens und Amerikas. So werde z. B. Blau 
und Grün „verwechselt" oder mit einem einzigen Wort bezeichnet; desgleichen Blau 
und Schwarz. Das lateinische coeruleus bedeute je nachdem schwarz, grün, hinunel- 



» 



Farbensymbolik 315 



Bei Untersuchung der Symbolbedeutung von Gelb wird mehr als bei 
den andern Farben auf die Nuancen zu achten sein. Insbesondere wird sowohl 
das, was kurz als Golden bezeichnet wird, wie auch ein Gelb mit mehr 
oder weniger schwärzlicher Beimischung, also das Braun, in den Kreis 
unserer Betrachtung zu ziehen sein, 

„Eine Sängerin trat auf in Gold und Braun^ , träumt eine Analysandin 
von ihrer Freundin, die sich gegen den Willen des Vaters ihrer Kunst 
zugewandt und sich trotzig durchgesetzt hat, fortan in Fehde mit dem 
Vater. Die gleiche Analysandin steht in unbewußt stärkster Ablehnung 
ihrem Gatten gegenüber; stark libidinös wehrt sie doch jeden Koitusversuch 
durch Scheidenkrampf ab; ihre genitale Erregung beschränkt sich auf die 
Klitoris; vor allem aber sind die Brüste erogene Zonen, und, verdrängt, der 
Mund; sie kann die Zunge niemals herausstrecken, sondern verschließt 
krampfhaft den Mund; auch litt sie an derartiger Anorexie und Magen- 
krämpfen, daß sie eine Probelaparatomie provozierte, wie sie überhaupt 
während Jahren von einem Juror operativus befallen war und operativ 
sowohl defloriert wie vaginal dilatiert und halbseitig kastriert worden ist. 

oder meerblau. — So begegnen wir auch beim früher erwäluiten Symbol des Taikib 
einem Grün an Stelle des Blau sowie gelegentlich einer völligen Vertauscbmig der 
Symbolqualitäten, £0 daß alles, was sonst dem Yan angeschrieben wird, dem Yn 
zukommt. 

Zur Symbolbedeutung des Gelb mag folgendes aus Goethes „Entwurf einer 
Farbenlehre" (6. Abteilung, siimlich- sittliche Wirkung der Farbe) zitiert werden: „Gelb 
besitzt eine heitere, muntere, sanft reizende Eigenschaft . . . Wenn nun diese Farbe, 
in ihrer Reinheit und hellem Zustande angenehm und erfreulich, in ihrer ganzen 
Kraft aber etwas Heiteres und Edles hat, SO ist sie dagegen äußerst empfindlich und 
macht eine sehr unangenehme Wirkung, wenn sie beschmutzt oder einigermaßen ins 
Minus gezogen wird. So hat die Farbe des Schwefels, die ins Grüne fällt, etwas Un- 
angenehmes. Wenn die gelbe Farbe unreinen und unedlen Oberflächen mitgeteilt 
wird, wie dem gemeinen Tuch, dem Fils und dergleichen, worauf sie nicht mit ganzer 
Energie erscheint, entsteht eine solche unangenehme Wirkung. Durch eine geringe 
und unmerkliche Bewegung wird der schöne Eindruck des Feuers und Goldes in die 
Empfindung des Kotigen verwandelt und die Farbe der Ehre und Wonne zur Farbe 
der Schande, des Absehens und Mißbehagens umgekehrt. Daher mögen die gelben 
Hüte der Bankerottierer, die gelben Ringe auf den Mänteln der Juden entstanden sein; 
ia die sogenannte Hahnreifarbe ist eigentlich nur ein schmutziges Gelb." Goethes 
Äußenmgen entsprechen der von Martin experimentell bei Kindern gefundenen, 
bereits erwähnten, starken, aber labilen Gefühls Betonung, welche Gelb gegenüber 
besteht. „Gelb ist die typisch irdische Farbe", sagt Kandinsky („Über das Geistige 
in der Kunst". 3. Aufl., S. S+. München 1912). „Gelb kann nicht weit in die Tiefe 
getrieben werden. Bei Abkühlung durch Blau bekommt es . . . einen kränklichen Ton. 
Verglichen mit dem Gemütszustand des Menschen könnte es als farbige Darstellung 
des Wahnsinns wirken, aber nicht der Melancholie, Hypochondrie, sondern eines 
Wutanfalles, der blinden Tollheit, Tobsucht. Der Kranke überfallt die Menschen, 



516 Hans Cliristoffel 



Ihrem Manne wirft sie mangelnde Aggressivität vor, mangelnde Potenz, 
so daß ihre eigene Erregung immer wieder nach ebenso heftigem wie kurzem 
Aufflackern verfliege. Im Traume gibt sie dem so Ausdruck, daß sie gelbe 
Blumen pflückt; aber der Mann läuft ihr davon und sie bleibt weinend 
zurück. Sie symbolisiert ihr Genitale als eine Reihe gel her Messin gpfan neu 
mit Metallstielen ; Reitknecht und Zahnarzt kommen in diesem Traume 
und den Einfallen dazu als männliche Partner. Sie projiziert sich selbst in 
den Mann, zeichnet ihm eine gelbe Mütze in Form einer Glans und 
blaue Hosen usw. Eine andere Analysandin ist durch „Gold von ihrem 
Gatten getrennt und findet sich erst mit ihm vereint, wie sie sich selber 
mit ihrer ganzen Umgebung in goldiges Licht getaucht sieht. Ihrem Ab- 
scheu vor dem Gliede des Mannes gibt sie so Ausdruck, daß sie ihn mit 
goldenen Zähnen träumt; sie versucht vergeblich dieses scheußliche Gold 
vsregzuküssen. Erst wie sie sich überwunden hat und sich ilim gibt, ist die 
ekelhafte Vergoldung weg. „Dann wache ich halb auf in seinen Armen." 
Den Analytiker träumt sie in einem kurzen Stadium des Widerstandes 
als Mann im weißen Mantel und mit goldenen Zähnen, ihre ungeborenen 

scblägt alles zugrunde und schleudert seine physischen Kräfte nach allen Seiten, 
verbraucht sie plan- und grenienlos, bis er sie vollsländig veriehrt hat. Es ist auch 
wie die tolle Verschwendung der letzten Sommerkräfte im grellen Herbstlaub . . ," — 
Man vergleiche zu diesen Ausführungen „Die psychologische Entwicklung Vincent 
van Goghs" von Westerman Holstijn (Imago, Bd. X, 1924). Der Autor deutet 
das alles beherrschende Gelb bei van Goghs Bildern als „symbolisierte Libido", „die 
Allmacht der Liebe", „Gelb und Blauviolett komplementierten einander, wie das 
männliche und das weibliche Prinzip einander komplementieren." An dieser Deutung 
darf stutiig machen, daß das von W. H. als weiblich gedeutete Blau ein niännliches 
Rot beigemischt hat, violett ist. Und da es sich bei diesem Gelb und Blauviolett um 
ein „inaringe dts compUmtntairei" , ein „amour de deux amoureux" handelt, so mÜBsen wir 
annehmen, daß das dem weihlichen Prinzip sugemischte männliche Element dem 
Gelb abgeht, somit dieses nicht rein männlich ist. Eine P ar b eng eschlecbts- Symbolik, 
wie sie hei van Gogh vorliegt, läßt an eine nicht ausdifferenaierte Sexualität denken, 
-wottt uns ja auch sonstige Anhnllspimkte lur Verfiigimg stehen, Lehrreich in dieser 
Beziehung ist Alice BAlints Arbeit: „Die mesikanische Kriegsliieraglyphe atl- 
tlachinoUi" (Imago 1925, Heft 4). Daß das Parbenpaar Blau und Gelb symbolisch 
v/eniger in die Richtung einer vollentwickelten Genitalitiit weist, sondern vielmehr 
auf Urethral- und Analerotik deutet, geht aus Bälints Untersuchungen mit Wahr- 
scheinlichkeit hervor: Wasser, Urin wird blau verbildlicht, Feuer und Kot gelb oder 
braun. — Wir haben oben Goethe zitiert, der ein schmutziges Gelb als wohl mittel- 
alterliche Kennzeichnung der zu Geldmanipulntioneu Gezwungenen und deswegen 
wieder Verachteten, d. h, der Juden und Wuclierer erwähnte. Somit wieder ein Hin- 
weis auf Anales, Gelb sei aber auch die Farbe der Hahnreie, sagt Goethe, wozu 
beigefügt werden mag, daß Halmrot Kapaun bedeutet und sich lum Sinne sowohl 
des betrogenen und deswegen verhöhnten Ehemannes wie auch des Ehebrechers aus- 
gewachsen hat. (Kluge, a. a. O.J 



I 



Farbensymbolik 217 



Kinder als „kleine, leuchtende Punkte", „wie Leuchtkäferchen". Bei 
einer Dame, in deren ersten Analysenträunaen der Mann ohne Kopf eine 
Rolle spielte (Salome-Motiv, Johannes, Hans = Vorname des Analytikers), 
äußerte sich die Übertragung einesteils so, daß sie ihm „goldene Kin- 
deraugen" andichtete, andernteils so, daß sie ihn wegen seiner Gold- 
zahnkronen haßte. Urethralerotik spielte noch in den ersten Schul- 
jahren eine starke Rolle: wiederholte Bemühungen, stehend, wie ein Junge, 
zu urinieren, kam während der Analyse in einem Konversionssymptom, 
vor allem aber als Ehrgeiz und in dem öfteren Vorwurfe der Unverschämt- 
heit des Analytikers zum Ausdruck. 

Auf weiteres kann ich hier nicht hinweisen. Ich hebe bloß einige für die Gelb- 
symbolik wesentliche Stellen aus einem Briefe der Analysandin an den Analytiker 
hervor. Es ist erst von Dingen die Rede, die nicht für die Augen des Analytikers 
bestimmt seien. „A propos — Ihre Augen, — bilden Sie sich ja nicht ein, daß diese 
noch goldig für mich sind. Seit Wochen haben Sie für mich gani undefinierbare 
Augen — schwärzlich oder grau oder braun, oder ich weiß nicht was. Ich wollte, 
ich könnte die ,Goldigen* wieder einmal sehen! Aber da sind nur die goldigen 

Zähne." „Einmal bin ich mit einem Schrei aufgewacht, bin im Bett aufgefahren, 

ich sah eine rosarote Helle vor mir, ich starrte immerfort draufhin. So nach und nach 
merkte ich, daß es nur das Fenster war und daß dahinter der Morgen dämmerte. 
Ich legte mich wieder hin, da verspürte ich furchtbare Zahnschmerzen, und zwar in 
allen Zähnen oben imd unten. Ich befühlte sie, einige Zähne waren so empfindlich, 
daß ich sie kaum berühren konnte. Es dauerte ziemlich lange, bis die Schmerzen 
nachließen und ich wieder einschlafen kannte. Heute Morgen sind meine Zähne wieder 
ganz gesiujd und ich spüre nicht mehr das Leiseste. Aber es ist mir sonst nicht gerade 
wohl — ich merke, daß die Periode bald kommt." . . . Analysanditi leugnet dann 
hom.osexuene Bindungen, die sich kürzlich der Bearbeitung immer stärker lugänglich 
erwiesen hatten, und fährt fort, das sei eine unerhörte Frechheit von seilen des Analytikers ; 
„er wolle sie homosexuell machen", um sie los zu werden. Das sei ein rafSnierter Betrug. 
„Natürlich haben Sie es auf eine Weise getan, daß Sie sich jederzeit herausbeißen 
konnten — mit Ihren goldigen Zähnen." Sie kauft sich Romain Rollands Roman: 
„Anette etSylvie!" Legt ihn erst mißvergnügt wieder weg und findet ihn dann herrlich. 
Zwischenhinein erzählt sie folgende Episode von ihrem Zweitältesten Töchterchen. 
„Was ich jetzt schreibe, ist schrecklich — unglaublich. Es ist wegen X. Das Kind 
ist mir furchtbar — ich kann kaum an mich halten — imd dabei ist es rein ver- 
sessen auf mich, lehnt sich an mich, küßt mich imzählige Male. Schickt man sie ins 
Bett, so ist sie kaum fortzubringen. Heute hat sie mich wieder mit ihrer ewigen Bitte, 
einmal in Abwesenheit von Papa bei mir, in meines Mannes Bett, schlafen au dürfen, 
ge(juält. Dabei liebe ich diese einsamen Nächte so sehr, wo ich mit meinen Selbst- 
gesprächen lebe. Nein, das andere Bett bleibt leer, das lasse ich mir nicht nehmen." 
Nun liest sie Rollands Roman von den zwei Freundinnen, „verschlingt" ihn, ist ent- 
zückt. „Ich hatte keine sehr ruhige Nacht, hatte wieder dieses komische Zahnweh, 
nur viel schwächer als letzte Nacht. Ich träumte von zwei Vögeln, die miteinander zankten 



5i8 Hans Christoffel 



mtd sich fast zu Tode pickten; sie waren beide in einem goldenen K&ßg eingeschlossen. Es tat 
mir furchtbar weh, diesem Kampfe zuzuschauen — ich spürte fönnlick selbst die Schnahelhiehe. 
Ich lag darauf lange wach und zerbrach mir den Kopf, wie man wohl eine Seele 
fassen könne? Wie man sie spüren könne? Ob sie wohl hei den einen groß, hei den 
andern klein sei? Oh man sie auch ganz vernichten könne? Adi, es war ein schmerz- 
liches Sinnen und ich wurde nicht froh davon . . ." 

Zu Braun bloß eine Reihe freier Assoziationen einer jungen Frau: 

„Holz — unser sogenannter HeriÜItasten — ,Holz vor dem Haus' — von Soldaten 
als Zeppelin bezeichneter erigierter Pferdepenis — ■ gestern oder vorgestern in den 
See abgestüriter Flieger — gestrige Lokomotiventgleisung an Strecke, die wir selber 
ohne Unfall durchfahren haben — braun := fruchtbar — Kinderausspruch: Papa hat 
braune Haare und weiße sogar — braun hat etwas Warmes — ich hatte einen ein- 
zigen Fliegertraiim, wobei ich nicht einmal selber ilog, sondern einen Flieger in 
seinem Apparat herrlich kreisen sah — eitler Schmetterling mit prachtvoller Unter- 
flache, die er immer im See spiegelt; sie verlieren dann diese schöne Untorfläche — 
geiwungene Deutungen solcher Dinge — Neid auf Frauen mit richtigen Flug träumen." 

Es sei nochmals auf Freuds „Geschiclite einer infantilen Neurose* 
zurückgegriffen und darauf hingewiesen, wie an den Angsttraum des 
Vierjährigen von den weißen WöUen sich unmittelbar eine Phobie vor 
gelbgestreiftem Schmetterling anschließt. Freud bringt diese Phobie 
und die Schreckwirkung des Gelb in ätiologisch unzweideutigen Zusammen- 
hang mit Kastrationsbedrohung des Jungen, welche er von Seiten 
einer Frau anläi31ich urethralerotischer Betätigung erfahren.' 

Daß Gelb und Weiß sich hier gegenseitig vertreten, scheint mir un- 
zweifelhaft. Auch widerspricht es individueller Motivierung dieser Farben 
keineswegs, daß sie auch überindividuell sein könnten, zieht doch auch 

i) Die Analogie zwischen Angstlraiim und Phobie ist Sehr weitgehend. Traum: 

„, . . ich sehe mit großem Schrecken, daß auf dem großen Nußbaum vor dem Fenster ein paar 
weiße Wölfe sitzen.'^ Auf einer Blume sitzt der gelbe Schmetterling, vor dem den Jungen, 
welcher ihn vorher gejagt, plötilich Angst ergreift. Dazu kommt noch, daß der gezeichnete 
kahle Banm mit seinen spitzen Ästen durchaus Schmetlerlingsform hat („große Flügel in 
spitze Fortsätze auslaufend"). Fügen wir dem noch folgenden Passus bei : „Die Beziehung 
der Gruschaszene zur Kastrationsdrohimg bestätigte er durch einen besonders sinn- 
reichen Traum, den er auch seihst zu übersetzen verstand. Er sagte: Ich habe geträumt, 
ein Mann reißt einer Espe die Flügel aus. — Espe? mußte ich fragen, was meinen Sie 
damit? — Nun, das Insekt mit den gelben Streifen am Leib, das stechen kann. Es 
muß eine Anspielung an die Gruscha, die gelbge streifte Birne sein. — Wespe, meinen 
Sie also, konnte ich korrigieren. — Heißt es Wespe? Ich habe wirklich geglaubt, es 
heißt Espe. (Er bediente sich wie so viele seiner Fremdsprachigkeit zur Deckung von 
Symptomhandlungen.) Aber Espe, das bin ja ich, S, P. (die Initialen seines Namens). 
Die Espe ist natürlich eine verstümmelte Wespe, Der Traum sagt klar, er räche sich 
an der Gruscha für ihre Kastrationsdrohung," 



Farbensymbolik 51g 



Freud selber' eine Analogie zwischen unbewußtem Wissen seines kind- 
lichen Neurotikers und dem Instinkt: „Dieses Instinktive wäre der Kern 
des Unbewußten. . ." Glaube ich also in Weiß und Gelb weibliche 
Schreckfarben vermuten zu müssen, so gibt mir hiezu noch besonderen 
Anlaß der deutliche Gegensatz des erwähnten Traumes und der Phobie 
zu der Traumbedrohung, wie sie der Kleine von männlicher Seite durch 
einen aufrechten Wolf, einen aufrechten Löwen erfährt. Während wir 
aber hier immer noch, wenn auch vorwiegend männliche, so doch einiger- 
maßen bisexuelle Symbole vermuten können, so findet in einem dritten 
Traum die Zerlegung in Männlich und Weiblich statt und es tritt nun 
hier als unzweideutig männliche Farbe das Schwarz auf: „In 
diesem früheren Traum sah er den Teufel im schwarzen Gewand und in 
der aufrechten Stellung, die ihn seinerzeit am Wolf und am Löwen so 
erschreckt hatte. Mit dem ausgestreckten Finger wies er auf eine riesige 
Schnecke hin. Er hatte bald erraten, daß dieser Teufel der Dämon aus 
einer bekannten Dichtung, der Traum selbst die Umarbeitung eines sehr 
verbreiteten Bildes sei, das den Dämon in einer Liebesszene mit einem 
Mädchen darstellte. Die Schnecke war an der Stelle des Weibes als exquisit 

weibliches Sexualsymbol."'' 

* 

Einleitend habe ich angedeutet, daß Symbol und Begriffsich gegensätzlich 
verhalten. Während dieser abgegrenzt ist und selber trennt, verbindet jenes 
und schillert in seiner Bedeutung. Aber Sjonbol und Begriff sind doch nicht 
durchaus getrennte psychische Wesenheiten ; es vermag ein Symbol mit 
zunehmender Bewußtheit ebensowohl begrifflich zu werden, wie ein Begriff 
seine Schärfe verlieren und zum Symbol sich wandeln kann. 

Wie allem Unbewußten steht auch der Symboldeutung ein mehr oder 
weniger starker Widerstand entgegen. Was speziell die Farben anbetrifft, 
so lautet ein Spruch: „de gustibus et coloribus non est disputandum" . „Es 
hatte von jeher etwas Gefährliches, von der Farbe zu handeln" — sagt 
Goethe (Entwurf einer Farbenlehre. Cottasche Jubiläumsausgate, Bd. 40, 
S. 72) — „dergestalt, daß einer unserer Vorgänger gelegentlich gar zu 
äußern wagt: Hält man dem Stier ein rotes Tuch vor, so wird er wütend; 
aber der Philosoph, wenn man nur überhaupt von Farbe spricht, fängt 
an, zu rasen. 

i) Ges. Schriften, Bd. VIII, 5. 566. 
2) Freud, a. a. O. VIII, S. 511. 



520 Christoffel: Farbensymbolik 

Das Symbol gilt als mehr oder weniger „stummes" Traumelement/ 
d. h. als Traumteil, zu dessen Auflosung die Einfälle des Träumers nicht 
genügen, sondern dessen Deutung nur oder vorwiegend mit Hilfe des 
Folklore möglich ist.^ Symbolische, d. h. typische und individuelle 
Motivierung solcher Traumelemente schließen sich aber, wie 
wiederholt betont, keineswegs aus. „Somit nötigen uns die im 
Trauminhalt vorhandenen, symbolisch aufzufassenden Elemente zu einer 
kombinierten Technik, welche sich einerseits auf die Assoziationen des 
Träumers stützt, anderseits das Fehlende aus dem Symbolverständnis des 
Deuters einsetzt." ^ Symbolkenntnis ist für den Deuter unerläßlich. Dem 
Analysanden gegenüber aber empfiehlt sich sparsamster Gebrauch bloßer 
Symboldeutungen. Sie haben in der Hauptsache bloß vorläufigen Wert 
in der analytischen Therapie; werden sie nicht durch individuelle Lö- 
sungen ergänzt und ersetzt, so ist die Arbeit bloß zum Teil geleistet, 
C. G, C aru s * schrieb einst : „daß, obwohl Bewußtes und Unbewußtes 
in Wahrheit nur die beiden Pole eines und desselben Wesens sind, doch 
zwischen beiden eine ewige Grenze gezogen ist, ja, daß sie sich in dieser 
Beziehung gewissermaßen verhalten wie Quadrat und Zirkel, wo zwar der 
Kreis von dem geradlinigen Maße bis auf einen gewissen Punkt allerdings 
gemessen werden kann, niemals jedoch in demselben ganz aufgeht." So 
ist Symboldeutung bloße Quadratur des Zirkels. Und wenn auch das Un- 
bewußte des einzelnen starken Anteil hat am Unbewußten der gleich- 
zeitigen und phylogenetischen Kollektivität, so können doch seine Produkte 
zwar mit Hilfe der Symbolik annähernd erfaßt werden, ihre restlose 
Deutung aber nur aus dem Individuum selbst erfahren. 



1) Freud, VorleEungen. Ges. Schriften, Bd. VII, S. 151. 

2) Freud, a. a. O. S. 160. 

5) Preud, Traum deutimg. Ges. Scliriften, Ed. III, S, 69. 

4) „Über Lebensixiagnetismm und über die magischen Wirkungen überhaupt." 1857. 



Das Erbe des Fortunatus 

Von 

Vilma Kovacs 

Budapest 

Das Problem der vollwertigen Männlichkeit ist ein Hauptproblem der 
Neurose und wurde bereits in der psychoanalytischen Literatur von den 
verschiedensten Seiten beleuchtet,' In einer ganzen Reihe von Fällen hatte 
ich Gelegenheit, eine bisher weniger beachtete Seite dieser Frage zu unter- 
suchen, und zwar die psychologische Rolle des Skrotum bei der Entwicklung 
zur Genital ität.=^ Diese Falle gaben mir Gelegenheit, die mit dem Skrotum 
verbundenen unbewußten Phantasien aufzudecken, die wahrscheinlich auch 
im normalen Seelenleben eine Rolle spielen. Auf diese letztere Vermutung 
brachte mich das uralte Volksmärchen von Fortunatus und seinem Säcke], 
in welchem der ganze Skrot umkomplex in geradezu vollkommener Weise 
aufgearbeitet ist.3 

Fortunatus erhält von seinem Vater folgendes zum Erbe: einen Hut, mit 
dem man dort ist, wo man sein will, und einen Säckel, der nie ver- 
siegt. Er mahnt ihn, die zwei Dinge nicht voneinander zu trennen, da 
dies Unglück über ihn bringt. Fortunatus nimmt sein Erbe, geht zu Hofe, 
■wo er mit großem Reiclitum auffallen will, um damit die Prinzessin zu 
erobern. Die Prinzessin ist vom Glänze betört, doch liebt sie ihn nicht und 
will nur sein Geld. Sie belauscht ihn, woher sein Reichtum stammt, und 
schneidet ihm im Schlaf den Säckel ab. Fortunatus sieht sich in Armut, 
fliegt mit dem Hut auf eine Lisel, wo Zauberfriichte wachsen. Er nimmt 

i) Perencsi, Rank, Reich. 

a) Ich muß hier bemerken, daß ich Skrotum promiscue auch auf den wertvolleren 
Teil, den Inhalt des Säckchens anwende, so wie es in den Traumen imd Phantasien 
der Neurotiker lum Ausdruck kommt. 

3) Vgl. Antti A a rn c : Märchenforschimg. Die hier veröffentlichten lahlreichen 
Varianten enthalten alle wesentlichen Merkmale, die bei der Deutung eine Rolle spielen, 

Imago XII 31 



ga; 



Vilma Roviics 



von zwei Bäumen Äpfel, und kehrt zum Hofe zurück. Verkleidet, verkauft er 
der Prinzessin von den Früchten, die davon ißt und Hörner auf der Stime 
bekommt. Nun große Verzweiflung im Lande, die Krankheit der Prinzessin 
will nicht weichen. Fortunatus erbarmt sich ihrer, will ihr helfen, wenn 
sie ihm den Säckel zurückgibt. Als sie dies tut, gibt er ihr von den guten 
Früchten, die Hörner fallen ab, sie ist geheilt. Nun heiratet Fortunatus 
die Prinzessin und sie leben zusammen in Glück und Freuden. 

Für den Psychoanaljtiker ist es nicht schwer, die Sprache des Unbewußten 
in dieser Märchensymbolik zu erkennen. 




Aus dem Fortunatus -Zyklus von Moritz v. Schwind. 

Der Hut, mit dem man dort sein kann, wo man sein möchte, und der 
nie versiegende Säckel, die beiden Dinge, die nicht voneinander zu trennen 
sind, können wir als Symbole für Penis und Skrotum mit seinen Einschlüssen 
erkennen. Beide zusammen machen die vollwertige Männlichkeit aus. 
Wenn Fortunatus die Prinzessin mit seinem Reichtum erobern will, so 
begeht er das Unrecht, Penis und Skrotum voneinander zu trennen. Dies 
bedeutet die libidinöse Betonung der analen Sexualität, die ihn hindert, 
auf die wahre Objektliebe überzugehen. Er wagt nicht die männliche 



* 



Das Erbe des Fortunatus 



525 



Erobererrolle, sondern entsagt dem Penis und versucht nur mit analen 
Fähigkeiten zu imponieren. Diese infantile Einstellung des Mannes drängt 
auch das Weib auf die anal-sadistische Stufe zurück. Sie erblickt ebenfalls 
im Geldverdienst die Männlichkeit (Verschiebung der Libido von Penis 
auf Skrotum) und glaubt durch Reichtum ohne Mann fertig zu werden. 
Zu diesem Zwecke nimmt sie vom Manne die unversiegbare Quelle seines 
Reichtums, das Skrotum samt Hoden fort, d. h. sie kastriert ihn,' und 
umgürtet sich selbst mit dem Säckel. Wir sehen hier also die Anfange 
der Neurose der Frau, ihre Identifizierung mit dem Manne, die aber in 




Aus dem Fortunatus -Zyklus von Moritz v. Schwind 

der Realität nur durch Geldverdienst gelingen kann {Feministin), denn 
sie kastriert, um selbst Mann sein zu können (Angst vor dem Penis). Nun 
wird dem Mann seine Impotenz bewußt, er ist genötigt, seine Zuflucht zum 
Penis zu nehmen, um die Prinzessin zu bezwingen; er versucht die anale 

1) Gegenüber der bisher in der analytischen Literatur diskutierten Penisabschneidung 
ist diese Operation die eigentliche biologische Kastration. Die Wegnahme des Penis 
bedeutet den Verlust des wichtigsten Lustorganes, der Verlust der Hoden dagegen 
Sterilität, also Versiegen des Reichtums. 



524 



Vilma Kovacs 



Fixierung zu lösen, um den Übergang zur Genitalitkt zu ermöglichen 
(Heilungsversuch). Es erfolgt ein mißlungener Koitusversuch (schlechte 
Früchte), wodurch die Neurose der Prinzessin vollständig ausbricht. Die 
Hörner, die der Prinzessin wachsen, diese Üherkompensierung des fehlenden 
Penis,' erklären deutlich den Zusammenhang der Neurose der Prinzessin 
mit der Impotenz des Fortunatus. Die Impotenz des Mannes verursacht die 
virile Einstellung der Frau und ihre Regression zum Analen. Nur die Liebe 
kann sie heilen, die Objektliebe, zu der Fortunatus durch Mitleid mit der 
kranken Prinzessin gelangt, die ihn Fähig macht, ihr die guten Früchte 
zu geben, durch deren Genuß die Hörner, ihre Männlichkeit, abfallen. 
Beide werden gesund, Fortunatus erlangt durch diese Vereinigung „der 
zärtlichen und sinnlichen Strömung (Freud) die vollwertige Mäjinlichkeit; 
bei der Prinzessin geht der Wunsch nach dem Skrotum (Penis) in den Wunsch 
nach dem Kinde über (gute Früchte — Schwangerschaft). Nun kann sie auch 
Ernährerin sein, das Kind säugen. 

Das Märchen mutet uns an wie ein Lehrgedicht, in dem die jungen 
Männer vor der Gefahr gewarnt werden, die aus der Trennung von Skrotum 
und Penis entspringt. Diese Gefahr besteht, wie uns das Märchen lehrt, in 
der Regression auf die anale Stufe. Aber auch die Frauen werden durch 
das Märchen gemahnt, den Penisneid aufzugehen, da die mißlungene Identi- 
fizierung mit dem Mann (in diesem Fall mit Hilfe der Gleichung Skrotum ^= 
Säckel ^= Vagina) auch sie auf die anale Stufe zurückdrängt." Die Analyse 
von Neurotikern brachte ähnliche Phantasien, die nicht nur obige Deutung 
des Märchens bestätigten, sondern auch tiefere Determinierungen zutage 
forderten. Als Hauptursache der Trennung von Penis und Skrotum wurde 
der Kastrationskomplex erkannt, der hei Vorhandensein einer starken analen 
Fixierung diese Fehlentwicklung zustande brachte. 

Die größte Schwierigkeit bietet für den heranreifenden Jüngling, die 
bei der ersten Pollution mit großem Schreck gemachte Erfahrung, daß die 
bisher ohne Folgen betriebene Onanie mit etwas von seinem Ich bezahlt 
werden muß. Der Penis, das Lustorgan, brachte bis dahin kostenlose Lust, 
jetzt muß schon das Skrotum (Testikel) die Rechnung dafür bezahlen. Die 
Abneigung gegen diese Bezahlung der Lust hat zwar verschiedene Quellen, 
doch will ich hier vorerst auf eine, die wichtigste, aufmerksam machen. 



i) Nach einer mündlichen Mitteilung von Dr. Ferencii. 

2) Eine Patientin phantasiert, daß sie die Gebärmutter aus der Vagina heraus- 
hängend hat, wie ein Säckchen. 



Das Erbe des Fortunatus 23c 



Zum Hergeben des Sperma, welches für das Unbewußte Lebenskraft be- 
deutet, wird ein großer Aufwand von Objektliebe benötigt, eine Hingabe, 
die das Ertragen des Verlustes möglich machen soll. Diese vollwertige Objekt- 
liebe ist weder bei der bewußten noch bei der unbewußten Onanie vor- 
handen. Auch bei der psychischen Impotenz können wir beobachten, daß 
eben diese Hingabe, das Hinzutreten von Unlust zur Lust, und das Ertragen 
derselben unmöglich ist, wie es überhaupt die allerschwerste Aufgabe der 
Analyse ist, die Liebesfahigkeit des Patienten so zu heben, daß er imstande 
ist, sich einer Liebe hinzugeben, die für ihn auch die Qualen des Entsagen- 
müssens bereitet. Das ist die Übertragungsliebe. Die bewußte Annahme 
dessen, daß Lieben nicht nur nehmen, sondern auch geben bedeutet, daß 
ein großer Unterschied zwischen „sich lieben lassen" und „selbst lieben" 
besteht, macht die vollwertige Liebesfähigkeit aus. Im Körperlichen bedeutet 
dies die willige Hergabe des Sperma bei dem Manne und das Gebärenwollen 
beim Weibe, Hier fängt das Rechnen mit der Realität, den Folgen an. 
Mit dem Zauberraittel der Onanie kann man fliegen, wohin man will; der 
Eintritt der Ejakulation bringt Angst, Selbstvorwürfe, Schwächegefühl mit 
sich, mit einem Worte ein schlimmes Erwachen zur Wirklichkeit.' 

In einigen Fällen wird als Verursacher all dieser unangenehmen Erfahrung 
das Skrotum erkannt und es besteht die Tendenz, den Zusammenhang zwischen 
Penis und Skrotum zu verleugnen. In einigen von mir behandelten Fällen 
konnte ich erfahren, daß die Onanie beim Eintritt der ersten Ejakulation 
aufgegeben wurde. Die Spaltung des Genitale in Penis und Skrotum könnte 
mit Hilfe analerotischer Triebregungen vor sich gehen. Eine tiefer liegende 
Ursache dieser Spaltung wäre die Angst vor dem Penis, die in der Abziehung 
der Libido vom Penis und der stärkeren Besetzung des Skrotum zum Ausdruck 
kommt (Abraham). Das Skrotum, welches auch psychisch eine Brücke 
zwischen anal und genital zu sein scheint, ist sehr geeignet, eine Regression 
zum Analen zu ermöglichen.^ 

In vielen Fällen konnte ich beobachten, daß die Kastrationsangst vom 
Penis auf die Hoden verlegt wurde; der Verlust des Skrotum ist schon 

1) Ferencii: Erotischer Realitätssinn (Versuch einer G cnitaltheorie). 

2) Ein Patient, der sich materiell geschädigt fühlte, — er verlor eine kleine 
Summe, — bekommt ein unangenehmes Jucken am Skrotum. Er wirft sich in der 
Analysenstunde auf dem Diwan herum, greift endlich wütend in die Tasche — und 
reißt mit dem Ausruf „ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich das Skrotum placieren 
soll, damit es mich nicht stört" — sein Portemonnaie heraus und wirft es auf den 
"Diwan. Er Öffnet dann das altmodische Ledertäschchen und aeigt mir, daß es ganz 
leer ist. 




ga6 Vilnia Kovacs 



durch die anale Bewertung weniger unlustvoll. Auch Sexualtheorien, die 
eine Wesen sgleicliheit von Vagina und Skrotum zum Inhalt haben, sind 
nicht selten. (Aufgeschnittenes Skrotum, msammengenähte Vagina.) Diese 
Theorien beruhen möglicherweise auf einem unbewußten Wissen von der 
entwicklungsgcschichtlichen Gleichwertigkeit dieser äußeren Gebilde. 

Die psychische Einstellung zum männlichen Genitale würde nach meinen 
Erfahrungen das folgende Bild ergeben: 

Skrotum (Testikel) Penis ' 

I I 

anal-mütterlich urethral-männlich 

GeWverdienen Ambition 

Erlialten Schöpferkraft 

Vollwertäge Männlichkeit 

Auch das neurotische Weib sieht im Manne nur den Ernährer (Skrotura- 
besitzer = Mutter). Die Angst vor dem Penis, dem Sexualakt und dem Ge- 
bären halten sie in dieser infantilen Einstellung zurück. Nur durch die 
Identifizierung mit der Mutter, indem sie den Penis und die Schmerzen, 
die er mit sich bringt, zu ertragen und zu lieben bereit ist, wird sie zmn 
reifen und gesunden Weibe. 

Wir sehen also, daß das Skrotum seine gesonderte Bedeutung durch die 
enge Verknüpfung mit analerotischen Phantasien erhält. Daß das Skrotum- 
Problem bisher theoretisch weniger Beachtung fand, könnten wir damit ™ 

erklären, daß mit der Analyse des analen Charakters auch dieses spezielle 
Problem in der Regel unbemerkt mitgelöst wurde. 

Eine wichtige Beziehung besteht auch zwischen Skrotalphantasien und 
Oralerotik durch die Ähnlichtelt mit der Mutterbrust, nach welcher die 
Sehnsucht ewig besteht und deren Verlust als höchst unlustvoll verdrängt 
wird.' Dies wäre auch eine Bestätigung der Auffassung, daß das Skrotum 
den weiblichen, nährenden Teil des Mannes bedeutet und eben deshalb für 
die Frau die Identifizierung mit dem Manne erleichtert. Deshalb wird 
in so vielen Fällen von Neurose das Interesse vom Penis auf das Skrotum 
verschoben, um so das Gefühl der Unzulänglichkeit in bezug auf das Zeugen 

i) Eine Patientin meint, daß beim Koitus das ganze Genitale in die Vagina ein- 
geht oder daß das Skrotmn gerade den Platz an der Vagina einnimmt. Dies gibt ein 
Gefiild der Vollkommenheit, „dann fehlt gar niclits". Skrotum unä Penis bedeuten 
für sie Mamma und Mamilla. 



Das Erbe des Fortunatus 327 



(Schöpfer), auf das Geldverdienen überzuleiten. So wie die Anal- und Urethral- 
Erotik in sublimierter Form im Charakter aufgearbeitet werden, drückt sich 
auch das Interesse für das Skrotum und seine Einschlüsse im Charakter 
des Individuums aus. Es macht den Mann fähig, mütterlich zu fühlen (im 
Ausstoßen des Sperma zu gebären) und erleichtert dem Weihe die Identi- 
fizierung mit dem Sexualpartner. 



Zur Psychologie der Komödie 

Von 

Ludwig Jekels 



Wien 



Wir verdanken der Psychoanalyse reiche Einsichten in die Psychologie 
der Tragödie. 

Nicht allein, daß wir durch sie erfahren haben, daß die von der Ästhetik 
postulierte „tragische Schuld" des Helden eigentlich von den verdrängten 
Ödipus -Wünschen des Dichters abzuleiten sei, hat sie uns überdies auf 
die seelische Wechselbeziehung zwischen Dichter und Zuhörer, d. h. auf die 
Gemeinsamkeit der Schuld als auf das enischeldende psychologische Moment 
aufmerksam gemacht, welches es dem Dichter überhaupt erst ermöglicht, 
sein Werk zu schaffen und anderseits dem Zuhörer die Aristotelische „Reini- 
gung der Leidenschaften" bringt. Vor allem hat ja Freud' in der antiken 
Tragödie die psychologischen Anklänge an das Urverbrechen festgestellt; an 
dieser Spur festhaltend, hat Winterstein= vor kurzem die Anfänge der 
Tragödie zum Gegenstand eingehenden Studiums gemacht und dieselben 
gründlichst durchleuchtet. 

Und all dem gegenüber, wie wenig hat sich die Psychoanalyse um die Ko- 
mödie gekümmerti Ein Aschenbrödel neben ihrer so pompös ein herschreitenden 
Schwester war sie bis nun kaum Gegenstand eines nennenswerteren Inter- 
esses und wurde höchstens in das Souterrain der Forschung, in die „Fuß- 
noten verwiesen, und dort mit wenigen Worten abgetan. 

Und dennoch erscheint mir das komische Drama durchaus einer ernsten 
und eingehenderen Untersuchung würdig. Nicht etwa allein deshalb, weil 
darm auch das Problem des Komischen gelegen ist, bekanntlich eines der 

i) Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X.) 

2) Alfred Winterstein: Der Ursprung der Tragödie. Imago-Eücher VITI. 



Zur Psychologie der Komödie ^r^q 



schwierigsten und verwickeltsten der Psychologie, an das sogar ein Freud' 
„nicht ohne Bangen herangetreten ist, allerdings um dann dasselbe weitest- 
gehend zu beleuchten. Denn auch sonst ergibt, wie die vorliegende flüchtige 
Skizze er\veisen mag, die psychoanalytische Untersuchung der Komödie 
mancherlei, was unser volles Interesse beanspruchen darf. 

Die von mir vorgenommene Analyse einiger sogenannter höheren Komödien 
ergab nämlich das überraschende Resultat, daß in denselben ein Mechanis- 
mus der Umkehrung vorwaltet; d. h. das in der Tragödie auf dem 
Sohn lastende Schuldgefühl erscheint in dem komischen Drama 
auf den Vater verschoben, der Vater ist schuldig. 

Dieser Sachverhalt dürfte ja schon Diderot aufgefallen sein, zugleich 
aber, wie es den Anschein hat, auch seinen affektiven Widerspruch erweckt 
haben, denn er meint in seinem „Discours sur la po^sie dramatique" ; '' 
^Terenz scheint mir einmal in diesen Fehler gefallen zu sein. Sein Heauton- 
timorumerws (der Selbstquäler) ist ein Vater, der sich über den gewaltsamen 
Entschluß grämt, zu dem er seinen Sohn durch übermäßige Strenge gebracht 
hat und der sich deswegen nun selbst bestraft, indem er sich in Kleidung 
und Speise kümmerlich hält, allen Umgang flieht, sein Gesinde abschafft 
und das Feld mit eigenen Händen baut. Man kann gar wohl sagen, daß 
es so einen Vater nicht gibt. Die größte Stadt würde kaum in einem 
Jahrhundert ein Beispiel einer so seltsamen Betrübnis aufzuweisen haben." 

Nun wollen wir es versuchen, die Richtigkeit unserer These an anderen 
Beispielen, wenn auch nur skizzenhaft, nachzuweisen; die bunte Durch- 
einandermischung von Werken ganz verschiedener Kulturkreise und oft Jahr- 
tausende auseinanderliegender Epochen mag darin ihre Erklärung finden, 
daß wir, bloß von dem einen Gesichtspunkt geleitet und um seinen Erweis 
bekümmert, alle anderen geflissentlich zurückstellen. 

Der „Kaufmann von Venedig" galt der Shakespeare-Forschung vor noch 
nicht langer Zeit wohl als eines der umstrittensten Werke des Dichters, 
nicht allein betreffs der Grundidee, sondern auch in bezug auf seine Zu- 
gehörigkeit zu einer bestimmten Dramengattung. Auf Grund unserer Auf- 
fassung, daß in der Komödie die Vatergestalt als schuldbeladen zur Dar- 
stellung gelangt, müssen auch wir indessen diese Schöpfung für ein komi- 
sches Drama erklären, wo doch hier nahezu expressis verbis auf die Schuld 



i) Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. (Ges. Schriften, 

Bd. rx.) 

2) Zitiert nach Lessings „Hamhurgische Dramaturgie". 87. Stück. 



550 Ludwig Jekels 



des Vaters hingewiesen wird. Denn der von Shylock so arg bedrohte Antonio 
ist zweifellos eine Vatergestalt; diese psychoanalytische Annahme ist gut fun- 
diert durch den Umstand, daß er ja aus dem Messer Ansaldo der Vorlage 
(Fiorentinos Pecorone) geformt wurde, welcher in dieser Novelle als „väter- 
licher Freund", voll Liebe, unerschöpflicher Geduld und OpferwilligReit 
für den angenommenen Sohn, figuriert. Antonio läßt aber der Dichter schon 
in der ersten Szene schuldig werden: 

„Geh, sieh zu, 

Was in Venedig mein Kredit vermag: 

Den spann ich an bis auf das Äußerste , 

und alsbald dem Shylock die Schuldverschreibung geben. 

Es dürfte wohl kaum Befremden erregen, daß wir hiebei die Geldschuld 
als eine bloße Substitution der moralischen Schuld auffassen. Die überaus 
enge Beziehung beider Begriffe, auf die meines Wissens unter den Ana- 
lytikern Müller-Braun schweigt bereits hingewiesen hat, hat schon 
Nietzsche in seiner „Genealogie der Moral"^ hervorgehoben. Die enge Zu- 
sammengehörigkeit dieser beiden Vorstellungskreise, sowie ihr Ersatzverhältnis, 
steht ja ganz außer Zweifel. Die uralte Institution der Geldbuße im Straf- 
recht ist hiefür ein ebenso beredter Beleg, wie der Umstand, daß nicht allein 
die deutsche, sondern auch viele andere Sprachen (z. B. französisch, pol- 
nisch usw.) sich des nämlichen Ausdruckes für die materielle wie für die 
moralische Schuld bedienen. Und zuletzt, wenn auch nicht an letzter Stelle: 
Für den Analytiker, der dies ErsatzverhäUnis sowohl in den Träumen der 
Patienten als auch im Widerstand recht häufig zu beobachten Gelegenheit 
bat, birgt dies Eintreten der Geldschuldvorstellung für die der moralischen 
kaum etwas Überraschendes in sich. 

Dasselbe Ausdrucksmittel für das nämliche Motiv findet sich aber auch 
im feinsten deutschen Lustspiel, Lessings „Minna von Barnhelm in 
Anwendung gebracht. 

Der Ausgangspunkt der Verwicklungen des Stückes liegt ja, wie erinnerlich, 
in seiner Vorgeschichte. Major von Tellheim, mit Eintreibung der Kon- 
tribution bei den feindlichen Ständen betraut, hat, um äußerste Strenge 
zu vermeiden, den Betrag gegen einen Wechsel der Stände dem König aus 



1) Dr. Karl Müller-Braujisch weig: Psycho analytische Gesichtspunkte zur 
Psychogenese der Moral, insbesondere des m oral i sehen Akle,-!. Imago VII, 1921. 

2) Kap. 4: Daß jener moralische Hniiptbegriff „Schuld" seine Herkunft aus dem 
sehr materiellen „Schulden" genommen hat?" 



I 



Zur Psychologie der Komüdie 52 1 

eigenem vorgeschossen. Seine nach Friedensschluß erhobene Forderung nach 
Begleichung der ihm zukommenden Summe wird abgelehnt, er überdies 
unter dem Verdachte, vom Feinde ein Geldgeschenk empfangen zu haben, 
in Untersuchung gezogen. Dies empfindet er nicht bloß als eine schwere 
Ehrenkränkung, sondern auch als unüberwindliches Hindernis für seine 
Ehe mit der ihn liebenden und von ihm geliebten Minna. 

Wir können kaum anders, als diesen mit so logischer und reicher Fassade 
geschmückten Sachverhalt doch bloß wieder auf die dürftige Formel; der 
Vater (König) ist schuld, zu reduzieren. Und dafür spricht nicht nur, daß 
die Verwicklung durch ein Eingreifen des Königs selbst und Tilgung seiner 
Schuld gelöst wird, auch in seinen episodischen Szenen, wie z. B. mit dem 
Diener Just und mit Werner, ist ja das Lustspiel förmlich durchzogen von 
der Weigerung Tellheims: „Ich will dein Schuldner nicht sein." Bei all 
der vortrefflichen Rationalisierung hören wir in dieser beständigen Weigerung 
doch kaum anderes heraus, als daß der Sohn hier die Schuld völlig ablehnt, 
um sie um so nachdrücklicher und ausschließlicher beim Vater zu betonen. 

Wir sind aber bei der Deutung auch unvermittelt auf den Inhalt der 
dem Vater vorgehaltenen Schuld gestoßen: Der König hindert ja die Liebe 
und Ehe Tellheims I • 

Daß dies tatsächlich die latente Grundtendenz des Stückes ist, erhellt 
aus nachstehendem Umstand: Ich habe bereits in meiner Macbeth- Studie' 
hervorgehoben, daß in den dramatischen Schöpfungen das Grundmotiv der- 
selben in einer doppelten Darstellung, nämlich sowohl in einer dem 
Bewußtsein näheren als auch ferneren, sohin in einer direkteren als auch 
verhüllten Form zum Ausdruck gebracht erscheint. Und zwar ist dies Phä- 
nomen so regelmäßig festzustellen, daß auch die umgekehrte Fassung: alles, 
was in einem Drama doppelt dargestellt erscheint, ist sein Grundmotiv, 
mir heute, nach reichlicher Nachprüfung, ganz verläßlich erscheint. 

Nun ist aber in „Minna von Barnhelm" solch ein zweiter, ungleich 
weniger verhüllter Hinweis auf den Vater als Hindernis der Liebe tatsäch- 
lich vorhanden. Es ist dies die Stelle, wo Minna dem sich ihr verweigernden 
Teilheim mystifizierend mitteilt, ihr Oheim und Vormund Graf Bruchsall 
verfolge sie und habe sie enterbt, weil sie keinen Mann aus seiner Hand 
annehmen wolle. Kaum aber, daß der Graf (V/5) Tellheim kennen gelernt 
hat, wird er schon von diesem mit „mein Vater" angesprochen und apo- 
strophiert Tellheim als „Sohn . . . 



1) Dr. Ludwig Jekels: „Versuch über Macbeth." Imago, Ed. V, 1917/ig. 



55^ Ludwig Jekels 



Der Vorwurf: „Vater — Störer der Liebe" als seine Schuld statuiert — 
das ist der latente Inhalt der meisten Komödien der erwähnten Gattung. 

Überdeutlich, weil weder die Vater-Sohnesbeziehung noch auch die sexuelle 
Rivalität beider irgendwie verhüllend, bringt dieses MotivMoliöres „L'Avare" 
zum Ausdruck — wo Ilarpagon zwisclien seinen Sohn und dessen Braut 
tritt, da er sie selbst ehelichen will. 

Dasselbe Motiv aber auch im „T a r t u f f e" , sofern man den Schein- 
heiligen als bloße Abspaltung des Vaters Orgon auffaßt, wodurch er zum 
Rivalen des Sohnes bei der Mutter wird, 

Ähnlich wie hier wird aber auch im „Phormio" des Terenz — einem 
der schönsten Lustspiele der Antike — der sich der Liebeswahl des Sohnes 
widersetzende Vater durch die Entlarvung seiner sexuellen Verfehlung dem 
Willen des Sohnes (Phädria) gefügig gemacht. Mit den Worten des Vaters: 
„Allein wo ist der Phädria, mein Richter", schließt bezeichnenderweise 
die Handlung. 

Die nachfolgenden Lustspiele verraten in ihrem manifesten Inhalt zwar 
nichts mehr von jenen „familiären" Beziehungen, die in den zuletzt be- 
sprochenen so überdeutlich zutage traten; nichtsdestoweniger ist in ihnen 
die psychische Grundsituation die nämliche. 

So in dem mit Recht so berühmten „Miles gloriosus" von Plaut us. 
Der bramarbasierende eitle Narr Pyrgopolinikes ist hier in doppelte Relation 
gebracht: sls Vater dem jungen Athener Pleusikles gegenüber, dessen Ge- 
liebte er entführt, und als Sohn gegenüber dem jovialen Epheser Peri- 
plekomenos, dem er, der gesponnenen Intrige zufolge, die vermeintliche 
Gattin abwendig machen will. 

Die Reihe von Beispielen wollen wir nun mit dem Hinweis auf den 
für unsere Behauptung nicht minder illustrativen „Zerbrochenen Krug" 
von Kleist schließen, dessen Inhalt die Untersuchung bildet, ob der Vater 
(Richter |Adam) oder der Sohn (Ruprecht) die Schuld am nächtlichen 
Einbruch und am „Zerbrechen des Kruges bei Eva" (!) trage. 

Ganz im Sinne unserer These fällt auch hier das „schuldig" auf das 

Haupt des Vaters. 

* 

Die Bedeutsamkeit dieser Feststellung erhellt wohl aus den hier folgenden 
Ausführungen von Bergson.' Seine Ansicht geht ja dahin, daß das Wesen 
des Komischen in der Mechanisierung des Lebens besteht, welcher Effekt 



i) Henri Bergson: „Le rire," Paris 1913. 



Zur Psychologie der Komödie 



333 



außer durch zwei andere (repetilion, interference des series) auch durch 
den Vorgang der Umkehrung (l'inversion) erzielt werde. Und da meint er 
nun in wörtlicher Übersetzung (Seite gÖff.): „Denken Sie sich gewisse 
Personen in einer gewissen Situation; Sie erhalten eine komische Szene, 
wenn Sie es bewirken, daß sich die Situation umkehrt und die Rollen 
vertauscht werden . . . Aber es ist nicht einmal notwendig, daß die beiden 
symmetrischen Szenen vor unseren Augen gespielt werden; man braucht 
uns bloß eine derselben vorzuführen und mag dabei sicher sein, daß wir 
an die andere denken. Der Verfolger als Opfer seiner Verfolgung, der be- 
trogene Betrüger — das ist das Zutiefstliegende bei vielen Lustspielen 
ebenso wie in den Schwänken aus alten Zeiten , . , Die moderne Literatur 
hat noch viele Variationen des Motivs vom bestohlenen Dieb (voleur vole). 
Letzten Endes handelt es sich immer um eine Verkehrung der Rollen und 
um eine Situation, die sich gegen denjenigen kehrt, der sie geschaffen 
hat ... — Es dürfte sich hier ein Gesetz bestätigen, das wir bereits öfters 
angewendet gefunden haben. Wenn eine Szene oft reproduziert worden ist, 
wird sie zur .Kategorie' oder zum Vorbild. Sie wird unterhaltend durch 
sich selbst, unabhängig von den Ursachen, die es bewirken, daß sie uns 
belustigt. Und derart können neue Szenen, die an sich nicht komisch sind, 
uns tatsächlich unterhalten, wenn sie jener ähnlich sind. Sie werden in 
unserem Geiste mehr oder weniger undeutlich ein Bild hervorrufen, welches 
wir als drollig bereits kennen. Sie werden sich in eine Gattung einordnen, 
in der ein offiziell anerkannter komischer Typus figuriert. Die Szene vom 
bestohlenen Dieb ist wohl von dieser Art. Das Komische, das ihr inne- 
wohnt, strahlt sie aus auf eine Menge anderer Szenen. Und dies soweit, 
daß sie iedes Mißgeschick, das man sich durch eigene Schuld zugezogen 
hat . . ., ja, was sage ich, jede Anspielung auf dieses Mißgeschick, jedes 
Wort, das an dasselbe gemahnt — komisch erscheinen läßtl" 

Es erübrigt sich wohl hervorzuheben, daß wir diese zentrale Stellung der 
Modellszene für das von uns hervorgehobene Element in Anspruch nehmen. 



Mit diesen seinen Ausführungen hat ja der scharfsinnige Philosoph sich 
zwar unserer Ansicht außerordentlich genähert, hat auch das Geltungs- 
gebiet des von uns aufgefundenen Elementes im Reiche der Komödie und 
Ihrer mannigfachen Spielarten ;über das von uns angenommene Ausmaß 
erweitert; für die Klärung des Rätsels, das die Komödie darstellt, ist jedoch 
dadurch kaum etwas gewonnen worden. 



554 Ludwig Jekels 



Denn fürwahr, recht rätselhaft muß uns das komische Drama erscheinen. 

Es kann ja kaum anders sein, als daß der Komödiendichter dieselben 
Schöpfungsantriebe besitzt und den nämlichen psychologischen Gesetzen 
unterworfen ist, wie sie uns als für den tragischen Dichter in Geltung 
stehend schon längst — besonders durch die schone Arbeit von Sachs' — 
bekannt sind; vor allem der imperative Drang, seinen verdrängten Kom- 
plexen Abfuhr zu verschaffen, dem der Dichter gleichsam durch die Ver- 
teilung seines Schuldgefühles auf all die Vielen, Folge zu geben vermag. 

Anderseits aber lassen die oben mitgeteilten, wenn auch noch so flüch- 
tigen Komödienanalysen uns kaum im Zweifel darüber, daß das hier zur 
Verarbeitung gelangende Material gleichfalls ganz das nämliche wie beim 
tragischen Dichter ist, d. h. hier wie dort dem Üdipus-Komplex zugehört. 

An dieser Identität des Materials bei den beiden Dramengattungen mag 
es ja gelegen sein, daß bei so zahlreichen dramatischen Dichtungen der 
Charakter derselben recht weit in die Verwicklung hinein ein ganz unent- 
schiedener ist, so daß bis dahin fuglich ebenso eine Komödie wie eine 
Tragödie resultieren könnte, und erst eine späte und jähe Wendung über 
die Zugehörigkeit entscheidet. 

Wieso kommt es aber und wie mag es da zugehen, daß sich aus so iden- 
tischen psychologischen Voraussetzungen so vollends verschiedene, ja diametral 
entgegengesetzte Effekte ergeben, und daß aus dem gleichen Boden wir in 
dem einen Falle die tragische Schuld und die Sühne, im anderen aber 
schäumenden Übermut und Triumph entsprossen sehen? 

In dem unseren Analysen entnommenen Element der Schuldverschiebung 
vermeinen wir den Schlüssel zu besitzen, um das Rätsel dieser Sphinx 2« 
lösen. 

Letzten Endes ist ja diese infantile Phantasie vom Vater als Störer der Liebe 
nichts anderes als eine Projektion des eigenen schuldbeladenen Wunsches des 
Sohnes, die Liebe der Eltern zu stören. Durch ihre Verschiebung auf den 
Vater, seine Ausstattung mit einer so spezifischen Sohnesattitüde, 
wird uns kund, daß hier der Vater seiner Vaterattribute entkleidet, 
somit als Vater beseitigt und zum Sohne erniedrigt wurde. 

Dieser Verschiebung wohnt demnach die nämliche Psychologie inne, wie 
der im Lustspiele überhaupt und auch unter unseren Beispielen so häufig 
verwendeten Entlarvung (TartufTe. Zerbrochener Krug, Phormio) ; diese 
Psychologie faßt Freud in die Formel: „Du bist auch nur ein Mensch 

il Manns Sacks: Gemeinsame Tagträume. Imngo-Eücher, V. 



Zur Psychologie der Komödie gge 

wie ich." Genau so wie die Entlarvung wird auch diese Phantasie in der 
Komödie dazu verwendet, um den Vater herabzusetzen, und zwar herabzu- 
setzen zum Sohne, auf das dem Sohne sonst zukommende Niveau. — • Und 
dies: Den-Vater-zum-Sohne-Machen, diese verkehrte Welt, „le monde renverse" , 
wie Bergson meint, das ist der eigentlichste Kern seiner „inversion^ , die 
innerste Tendenz der Schuldverschiebung. 

Und nur die Tatsache, daß der Vater bloß als Sohn dimensioniert wird, macht 
es uns verständlich, warum im Lustspiel (von der antiken bis zur modernen 
Ehebruchskomödie) meist der Vater der im Wettkampfe unterliegende Teil 
ist. Aus demselben Grunde muß, um auf unsere Beispiele zurückzukommen, 
Harpagon die Partie und damit das Liebesobjekt verlieren, und der König in 
„Minna von Barnhelm nicht nur die Hindernisse wegräumen, sondern sogar 
weit über das beanspruchte Maß von Genugtuung hinausgehen. 

Lediglich diese Reduktion des Vaters zum Sohne läßt es uns verstehen, 
daß es dem Komödiendichter möglich wird, ein so reiches Ausmaß von 
Aggression (Hohn, Spott usw.) gegen den Vater zu entfesseln, und beispiels- 
weise einen Antonio im „Kaufmann" und noch deutlicher den bei seinen 
Liebes Werbungen überraschten Bramarbas in direkt ausgesprochener Ent- 
mannungsgefahr schweben zu lassen. Bloß im Sinne dieser Reduktion ver- 
stehen wir den Zuruf an den Pardonnierten: „Wird's wohl fertig sein mit 

deiner Vaterschaft \ 

* 

Die Amovierung des Vaters, seine Auflösung im Sohne, die Einziehung 
des Über-Ichs, sein Zusammenfließen mit dem Ich, welch volle psycho- 
logische Übereinstimmung mit der Manie. 

Wie hier so auch dort das Ich, nachdem es sich vom Tyi-annen befreit, 
im Freiheitsrausche, in der Hemmungslosigkeit Humor, Witz und allerlei 
Komik entbindend! 

Wir widerstehen der Versuchung, die nunmehr uns so nahegelegte psycho- 
logische Verwandtschaft der Tragödie mit der melancholischen Depression 
zu erörtern, welchen Zusammenhang übrigens schon die Worte des Byzan- 
tiners Suidas verraten: ,S\ Xpi) Tgayt^S^'i'^ ^rctvia^ 11 HEXctTXoXctv",' und wollen 
uns mit der Feststellimg bescheiden, daß die Komödie ein ästhetisches 
Korrelat der Manie ist. 



i) Auf diesen Ausspruch wurde ich durch Winterstein aufmerksam gemacht. 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 

Von 

Eduard Hitschmann 

(Wien) 

Ex ungue Uonem 

Einleitung 

Seit vielen Jahren lese ich mit gespanntem Interesse und ästhetischem 
Genuß die Werke des bewunderungs werten Dicliters Knut Hamsun. Aber 
neben dieser höchsten Bewunderung seiner Kunstmittel, seines satirischen 
Humors, seiner Liebes- und Natur-Dithyramben, seiner Gesellschaftskritik 
in den früheren und der epischen Größe in den späteren Werken, neben 
dieser Bewunderung vertiefte sich eine Verwunderung über die stereotype 
Wiederkehr bestimmter Situationen, analoger Motive, gleicher Liebesgebärden 
und identischer psychologischer Grundzüge seiner Helden. Dieses Bewundern 
und Verwundern drängte zur Anwendung psychoanalytischer Erfahrungen, 
und als ich mich im Besitze eines wichtigen Schlüssels wußte, sah ich mich 
nach Auskünften über das Leben dieses großen Dichters der Gegenwart 
tun, die jedoch trotz freundlicher, hier nochmals bedankler Bemühungen der V 

Herren John Landquist (Stockholm) und Professor Harald K. Schjelderup 
(Oslo) sehr spärliche sind. h 

Knut Pedersen Hamsun ist am 4. August 1859 in L^m in Gud- 
brandsdalen (Norwegen) geboren. Als der Knabe vier Jahre alt war, siedelten 
die unbemittelten bäuerlichen Eltern nach Lofoten in Nordland über. Mit 
siebzehn Jahren kam Hamsun in die Lehre zu einem Schuster und arbeitete 
gleichzeitig in aller Stille literarisch. Mit achtzehn Jahren veröffentlichte er 
neben Gedichten seine erste Erzählung „Björger".' Der Schusterei wurde 
er bald müde und führte dann durch etwa zehn Jahre ein sehr wechsel- 

i) Vgl. John Landquist: „Knut Hamsun. En Studie Över en nordisk romantisk 
diktare." Albert Bonniers Förlag, Stockliolm 1917. — Die Eriälilimg war mir nicht 

zugänglich. 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 557 

volles Leben. Er war Kohlen arbeiter, Schullehrer, Polizeibediensteter, Stein- 
hauer, Straßenarbeiter in Norwegen; ging dann nach Amerika, war Straß en- 
bahnscbaffner in Chikago, Fischer in Neufundland, Bodenarbeiter auf den 
Prärien des Westens, hielt literarische Vorträge usw. Mit seinem ersten 
Roman „Hunger" wurde Hamsun, etwa achtundzwanzigj ährig heimgekehrt, 
mit einem Schlage berühmt. Vor fünfzehn Jahren kaufte er einen Bauernhof 
und ist als Landwirt tätig, soweit ihm seine literarische Arbeit Zeit läßt. 
Er lebt zurückgezogen mit Frau und Kindern und erhielt bekanntlich den 
Nobelpreis für Literatur. 

Eine Kindheitserinnerung Hamsuns 

Meine Bemühungen, Ausführlicheres über das Leben Hamsuns zu er- 
fahren, blieben also erfolglos; auch in Norwegen weiß die Öffentlichkeit 
nicht viel darüber, denn der Dichter ist Auskünften abhold. Hamsun hat 
aber 1898 im „Norsk Familie-Journal" eine Skizze „Ein Gespenst" ver- 
öffentlicht, welche auch in seine übersetzten Werke aufgenommen wurde, 
und die als eine bedeutsame Kindheitserinnerung zu werten ist, um so mehr, 
als ausdrücklich gesagt wird: „Was ich jetzt erzähle, ist wörtlich wahr." 
Sie sei mit unwesentlichen Weglassungen hier wiedergegeben : 

„Mehrere Jahre meiner Kindheit verbrachte ich bei meinem Onkel auf 
dem Pfarrhof. Es war eine harte Zeit für mich, viel Arbeit, viele Prügel und 
selten oder niemals eine Stunde zu Spiel und Vergnügen. Da mein Onkel mich 
so streng hielt, bestand allmähhch meine einzige Freude darin, mich zu ver- 
stecken und allein zu sein; hatte ich ausnahmsweise einmal eine freie Stunde, 
so begab ich mich in den Wald oder ich ging auf den Kirchhof und w^anderte 
zwischen Kreuzen und Grabsteinen umher, träumte, dachte und unterhielt mich 
laut mit mir selber'. , . . Ich fand oft Knochen und Haarbüschel von Leichen 
auf den Gräbern, die ich dann wieder in die Erde eingrub, wie es der Toten- 
gräber mich gelehrt hatte. Ich war so hieran gewöhnt, daß ich kein Grausen 
empfand, wenn ich auf diese Menschenreste stieß. Im Leichenkeller saß ich 
gar manches Mal, spielte mit den Knochen und bildete aus dem zerbröckelten 
Gebein F'iguren auf dem Boden. 

Eines Tages aber fand ich einen Zahn auf dem Kirchhof. Es war ein Vorder- 
zahn, schimmernd weiß und stark. Ohne mir weiter Rechenschaft davon ab- 
zidegen, steckte ich den Zahn zu mir. Ich wollte ihn zu etwas gebrauchen, 
irgendeine Figur daraus zurecht feilen. Ich nahm den Zahn mit nach Hause . . . 



1) Zum Tagträumen der (späteren) epischen Dichter vgl. Freud: „Der Dichter 
und das Phantasieren" [Ges. Schriften, Bd. X); Hitschmann: „Gottfried Keller" 
(Internationale Psychoanalytische Bibliotliek, Bd. VII), sowie die Arbeiten über Wasser- 
mann und Dautheiidey (Imago, Ed. I, IV und IX), 

Imago XII ' 32 



558 Edunrcl liitschnianii 



In der Gesindestube war kein Licht und ich war ganz, allein. Ich wagte 
nicht ohneweiters die Lampe anzu^.ünden, ehe die Knechte hereinkamen; aber 
mir genügte das Licht, das durch die Ofenklappe fiel, wenn ich tüchtig Feuer 
anmachte. Ich ging deshalb in den Schuppen hinaus, um H0I7. zu holen. Als 
ich mich im Dunkel nach dem Holx vorwärts tastete, fülilte ich einen leichten 
Schlag -me von einem einzelnen Finger auf dem Kopfe. Ich wandte mich Hastig 
um, sah aber niemand. Ich schlug mit den Armen um mich, fühlte aber nie- 
mand. Ich fragte, ob jemand da sei, erhielt aber keine Antwort. Ich war bar- 
häuptig, ich griff nach der berührten Stelle meines Kopfes und fühlte etwas 
Eiskaltes in meiner Hand, das ich sofort wieder loslieU . . . Ich griff wieder 
nach dem Haar hinauf — da war das Kalte weg. Ich dachte: Was mag das 
wohl Kaltes gewesen sein, das von der Decke herunterfiel und mich auf den 
Kopf traf? Ich nahm einen Arm voll Holz und ging wieder in die Gesinde- 
stube, heizte ein und wartete, bis ein Lichtschein durch die Ofenklappe fiel. 
Dann holte ich den Zahn und die Feile hervor. 

Da klopfte es ans Fenster. Ich sah auf. Vor dem Fenster, das Gesicht fest an die 
Scheibe gedrückt, stand ein Mann. Er war mir ein Fremder, ich kannte ihn nicht, 
und ich kannte doch das ganze Kirchspiel. Er hatte einen roten Vollbart, eine 
rote, wollene Binde um den Hals und einen Südwester auf dem Kopfe. Ich sah 
das Gesicht mit erschreckender Deutlichkeit, es war bleich, beinahe weiß, und 
seine Augen starrten mich gerade an. Es vergeht eine Minute. Da fängt der Mann 
an zu lachen ... In der ungeheuren Mundhohle des lachenden Gesichtes ent- 
deckte ich plötzlich ein schwarzes Loch in der Zahnreihe — es fehlte ein Zahn . . . 
Das Gesicht fing an Farbe anzunehmen, es wurde stark, grün, dann wurde es 
stark rot. Das Lachen aber blieb ... Da senkte der Mann den Kopf herab, 
immer weiter . . ., als glitte er in die Erde liincin. Ich sah ilin nicht mehr. 

Meine Angst war entsetzlich . . ., ich suchte auf dem FuHboden nach dem 
Zahn , . . Als ich den Zahn gefunden hatte, wollte ich ilin gleich wieder nach 
dem Friedhof bringen, hatte aber nicht den Mut dazu . . . Auf den Hof hinaus- 
gekommen, war ich indes kühner geworden und ich beschlo)3, allein nach dem 
Friedhof hinaufzugehen; dadurch würde ich es auch vermeiden, mich jemand 
anzuvertrauen und dann später in des Onkels Klauen zu geraten. Den Zahn 
trug ich in meinem Taschentuch. An der Kirchhofspforte sinke ich plötzlich 
glatt auf die Knie. Ein Stück jenseits der Pforte stand mein Mann mit dem 
Südwester. Er zeigte vorwärts, nach dem Kirchhof hinauf. Ich sah dies als 
Befehl an, wagte aber nicht zu gehen; ich flehte ihn an und er stand unbe- 
weglich und still da. Dann erhob ich mich, trat durch die Pforte, der Mann 
glitt über die Gräber hin . . . Mit zitternder Hand nahm ich den weißen Zahn 
und warf ihn mit aller Macht auf den Kirchhof und stürzte nach Hause. Das 
Alter des rotbärtigen Mannes kann ich nicht einmal ungefähr angeben. Er 
konnte zwanzig Jahre alt sein, er konnte auch vierzig sein. 

Manchen Abend und manche Nacht kam der Mann wieder . . . Meine 
haarsträubende Angst vor ihm nahm ab, aber er machte mein Leben unglück- 
lich bis zum Übermaß. — Den nächsten Winter stellte er sich wieder ein, 
nur einmal; dann blieb er lange Zeit fern. Als ich nach drei Jahren in das 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 359 



Kordland zurückkehrte, konfirmiert und groß, wohnte ich nun nicht mehr bei 
meinem Onkel auf dem Pfarrhof, sondern daheim bei Vater und Mutter. 

Eines Abends zur Herbstzeit, als ich gerade schlafen gegangen war, legte 
sich eine kalte Hand auf meine Stirn. Ich schlug die Augen auf und erblickte 
den Mann vor mir. Er saß auf meinem Bett und sah mich an . . . Als ich 
den kalten Druck gegen meine Stime fühlte, schlug ich mit der Hand um 
mich und sagte:, Nein, geh' weg! Meine Geschwister fragten aus ihren Betten, 
mit w^eni ich spräche. 

Als der Mann eine Weile still gesessen hatte, fing er an, sich mit dem 
Oberkörper hin und her zu wiegen. Dabei nahm er mehr und mehr an Größe 
zu, schließlich stieß er beinahe an die Decke und da er offenbar nicht weiter 
kommen konnte, entfernte er sich mit lautlosen Schritten von meinem Bett, 
durch das Zimmer, nach dem Ofen, wo er verschwand ... Er war mir noch 
nie so nahe gewesen wie diesmal; sein Blick war leer und erloschen, er sah 
zu mir hin, aber gleichsam an mir vorüber, quer durch mich hindurch, w^eit 
in eine andere Welt hinein . . . Einige Monate später, als es Winter gew^orden 
und ich wieder von zu Hause gereist war, hielt ich mich eine Zeitlang bei 
einem Kaufmann W. auf. Hier sollte ich meinem Mann zum letztenmal be- 
gegnen. 

Ich gehe eines Abends auf mein Zimmer hinauf, zünde die Lampe an und 
entkleide mich. Ich will wie gewöhnlich meine Schuhe hinausstellen, da steht 
er auf dem Gang, dicht vor mir, der rotbärtige Mann. 

Ich weiß, daß Leute im Nebenzimmer sind, daher bin ich nicht bange. 
Ich murmele: Bist du nun schon wieder da. Gleich darauf öffnet der Mann 
seinen großen Mund wieder und fangt an zu lachen. Dies machte keinen er- 
schreckenden Eindruck mehr auf mich; aber diesmal wurde ich aufmerksamer: 
Der fehlende Zahn war wieder da! 

Er war vielleicht von irgend jemand in die Erde hineingesteckt worden. 
Oder er war in diesen Jahren zerbröckelt, hatte sich in Staub aufgelöst und 
mit dem übrigen Staub vereint, von dem er getrennt gewesen war. Gott allein 

weiß das! 

Der Mann schloß seinen Mund wieder, ging die Treppe hinab, wo er tief 

unten verschwand. 

Seither habe ich ihn nie wieder gesehen, 

Dieser Mann, dieser rotbärtige Bote aus dem Lande des Todes, hat mir 
durch das unbeschreibHche Grausen, das er in mein Kinderleben gebracht, 

viel Böses getan. 

Ich habe seither mehr als eine Vision gehabt, mehr als einen seltsamen 
Zusammenstoß mit Unerklärbarem — nichts aber hat mich so tief ergriffen 
wie dies. 

Und doch hat er mir vielleicht nicht ausschließlich Schaden zugefügt, dieser 
Gedanke ist mir oft gekommen. Ich könnte mir vorstellen, daß er eine der 
ersten Ursachen gewesen ist, durch die ich lernte, die Zähne zusammenzu- 
beißen xmd mich hart zu machen. In meinem späteren Leben habe ich hin 
und wieder Verwendung dafür gehabt. 



540 Eduard llitsclimanii 



Psychoanalytische Deutung des Gespenstes 

Diese wahrheitstreue Geschichte Hamsuns vom Gespenst seiner Jugend 
liegt nun zur Deutung vor, und Abergläubische, die an die Wiederkehr 
Toter glauben, mögen sich damit begnügen, daß hier die materialisierte 
Seele oder der Astralleib eines Verstorbenen solange mahnend wiederkehrt, 
bis die arme Seele nach Jahren, durch Wiedererlangung des seinerzeit vom 
Friedhof geraubten Zahnes ihre Ruhe hat. Daß das Gespenst ans Fenster 
kJopft, kalt berührt, lacht und lockt, sich aufs IJelt setzt und bis zur Decke 
heranwächst — „Boten des Todes können alles! Es ist eben ein ,jSpuk , 
freilich nicht ganz an einen Ort gebunden und nur dem Schuldlragenden 
wahrnehmbar. Hamsun selbst entscheidet sich nicht, ob er es eine Vision 
oder einen Zusammenstoß mit dem Unerklärlichen nennen soll. 

Ich habe schon einmal mj'stische Erlebnisse eines Dichters, dem sich 
der herannahende und eingetretene Tod seines Vaters aus der fernen, 
deutschen Vaterstadt bis nach Paris hin durch seltsame Wahr/eichen verriet, 
analysieren und wissenschaftlich nüchtern deuten können." Ich mußte dem 
Dichter Dauthendey eine gesteigerte halluzinatorische Fähigkeit zusprechen, 
und muß sie auch für Hamsun in Anspruch nehmen. Der Uoman „My- 
sterien" bringt zahlreiche Beweise dafür. Im übrigen komme ich ohne jede 
Annahme mystischer Kräfte nicht nur zu einer plausiblen Deutung, sondern 
indirekt in Besitz des Schlüssels, der den Zugang zum Verständnis der wich- 
tigsten Motive der Werke Hamsuns, ihrer Eigenheiten und Dunkelheiten 
eröffnet, so wie zur Kenntnis der Triebgrundlagen seiner Persönlichkeit. 

Obwohl der Knabe von Friedhof und Totengräber, umherliegenden 
Leichenteilen, sowie dem Aufenthall im Leichenkeller durch Gewohnheit 
gar nicht mehr sonderlich berührt wurde, bewirkte das Wegnehmen jenes 
großen Zahnes vom Friedhof — wie wir später sehen werden, auf bereit- 
liegende Angst- und Schuldgefühle stoßend — jene aufregende gespenstische 
Erscheinung. Der tote Verlusllräger erscheint wahrhaftig, lockt auf den 
Friedhof hinaus, lachend seine Zahnlücke vorweisend. Jahrelang kommt das 
Gespenst wieder, um eines Tages, wieder im Besitze des verlorenen Zahnes, 
für immer zu verschwinden, 

Ej-st wenn wir die ärztliche Erfahrung über gar nicht seltene Angst- 
zustände hei Knaben ähnlichen Alters heranziehen, welche namentlich 
abends und nachts beängstigende Mnnnergestalten in Halluzinationen vor- 

i) »Ein Dichter und sein Vater", Imago, IV. Bd., und „Telepalhio und Psycho- 
analyse", Imago, IX. Bd. 



X- 



--*-—- 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 5^3 



führen, sind wir imstande, das Gespenst des kleinen Haxosun zu entwerten. 
Diese halluzinatorischen Angstznstände sind durch Freuds Forschungen 
gedeutet worden : Sie sind Ausdruck von Schuld- und Angstgefühlen, welche 
dem Entmannungskomplex (Kastrationskomplex) entspringen, der 
hier nun mit einigen Worten charakterisiert werden soll. 

Es handelt sich, wie bei dem jedem allgemein Gebildeten nunmehr ge- 
läufigen Ödipus-Komplex, auch hier um einen dem Bewußtsein fernliegenden, 
daher zunächst Unglauben und Ablehnung hervorrufenden Komplex von Ge- 
danken, Gefühlen, Annahmen usw., der aus der Kindheit stammt und wohl 
auch einen phylogenetischen Anteil hat. ^ 

Der anatomische Unterschied des äußeren Geschlechtsorganes bei Knaben 
und Mädchen kann den meisten Kindern nicht lange verborgen bleiben 
und erregt ihre Phantasie sehr. Das Fehlen beim weiblichen Wesen — 
welches „dort nichts hat , — erscheint als Minderwertigkeit und wird 
vom Kinde oft durch Verletzung, Weggeschnitten sein, Abgefaultsein u. dgl. 
gedeutet. Schuldgefühle, aus dort verbotenen Selbstberührungen und feind- 
seligen Gefühlen {Ödipus-Komplex) abgeleitet, durch elterliche oder er- 
zieherische Kastrationsdrohungen gefördert, — lassen diesen Verlust als 
Strafe ausgelegt werden. Und da dem Knaben direkte Ahnungen der großen 
Bedeutung dieses Organs vorschweben, als wüßte er um dessen Bedeutung 
für die Erhaltung der Art, tritt eine Angst um dieses Organ hervor, die 
hohe Grade annehmen kann. Kastration, Verlust, Austauschbarkeit, Nach- 
wachsen des Gliedes sind im Unbewußten, in Traum und Neurose häufige 
„Tatsachen". Im Konnex mit dem Ödipus-Komplex ist es der Vater zumeist, 
der das Glied zu bedrohen scheint, und die eifersüchtige Feindschaft des 
Sohnes phantasiert aus Revanche die Kastrierung des bösen Vaters. Un- 
bewußt bleibende oder alsbald verdrängte grausame Phantasien, die gegen 
den, natürlich auch geliebten, Vater gerichtet sind, bedrücken das Gewissen 
und bringen neuerlich Angst, ebendort bestraft zu werden, hervor. Straf- 
angst und Entmannungsangst erfahren innige Verlötnng, die Entmannung 
ist im Unbewußten das Urbild aller Verwundung, aller Operation, jedes körper- 
lichen Defektes, jeder diminutio capitis, jeder Erkrankung, des Sterbens — 
sie ist auch ein Ersatz des Tötens, — des Alterns usw. Da der Schautrieb 
es war, der den Geschlechtsunterschied entlax\'te, ist Betasten, Beschauen, 
Kastrieren — eine Reihe. Da aber die Entmannung weiblich macht, be- 
stehen innige Beziehungen zum Thema der Gleichgeschlechtlichkeit. Und in 
Stimmungen und Phantasien, in denen der kleine Knabe geneigt ist, dem 
Vater die Mutter zu ersetzen, ihm sich nach Auflehnung nun weiblich 



34= 



Eduard Uilschmann 



zu fügen, finden wir den Wunsch nach Kastration, statt der Angst davor. 
Eine Anzahl von Mädchen kann sich mit dem „Dort-nichls-Haben" nicht 
versöhnen. Sie früh vom Besitz und Wert ihres inneren, docli so wertvollen 
Geschlechtsorganes zu überzeugen, ist unmöglich: ein unüberwindliches 
Hindernis vollständigerer sexueller Aufklärung. Das benachteiligte kleine 
Mädchen entwickelt daher oft Neid und Gioh gegenüber den Knaben, 
„den Männlichkeitskomplex" des weiblichen Geschlechtes. Männlich sein 
wollen, sich emanzipieren, dem Manne nacheifern, ihn bekämpfen, ent- 
täuschen, kastrieren wollen, ist in extremeren Fällen daa seelische Resultat; 
geschlechtliche Kälte, kranipfliafl unwillkürliches Verhindern der Defloration 
die pathologische Folge. Die. soviel häufiger als der Mann, frigide impotente 
Frau hat es dann leicht, sich gegenüber der regelmäßig wiederkehrenden 
sexuellen Forderung des Mannes zu verweigern. In der Sprache des Un- 
bewußten, in Mythos, Voifcswitz, Traum und Neurose finden wir das Objekt 
der Entmannung, — wie sie hier gemeint ist: Verlust des männlichen 
Gliedes — verhüllt in verschiedensten Symbolen wieder: als Auge, Finger, 
Zehe, Nagel, Fuß, Hand, Extremität, Nase. Ohr, oberen Schneidezahn, Kopf, 
Haare u. a. Statt des Kastrationsaktes erscheint Abschneiden, blutiges Köpfen, 
Verwunden, Verlieren, Ab- und Hinunierfallen, /alinausfallen, Vermodern, 
Wundsein u. v. a. Der Amputierte, Hinkende, Geköpfte, Verletzte, Erblindete 
— ist der Entmannte. — Wir müssen uns die Beschränkung auferlegen, 
die grundlegenden psychologischen Folgen des Enlmannungskomplexes für 
Kränkung der SelbstUehe (Narzißmus), für Minderwertigkeitsgefühle sowie 
Schuldgefühle hier wegzulassen. Die Beziehung v.wisclien Sohn und Vater oder 
Vater-Imagines behält leicht fürs ganze Leben Empfindlichkeit und Ambivalenz. 
Der die Kastration an sich Anerkennende ist feminin, fühlt sich nament- 
lich dem Weibe gegenüber minderwertig; von der Vorstellung des über- 
legenen Liebeskonkurrenten kommt er nicht los. Liebeshemmung, Eifer- 
sucht, Unsicherheit, Empfindlichkeit machen Lieben und Gcliebtwerden 
zum selig-unseligen Problem. 

Gehen wir jetzt an die Deutung des gesjjenstigen Erlebnisses des Knabens, 
so sei vorher noch auf seine berechtigte Realangsi vor dem strengen, 
gewalttätigen Ziehvater hingewiesen. Unter Anwendung der Freudschen 
Traumdeutungstechnik ist der gespenstige Mann als dieser Ziehvater 
(offenbar zusammengeflossen mit dem eigenen Vater) zu erkennen: die 
speziell hervorgehobene Fremdheit des Hothaarigen und die Vcrwischtheit 
seines Alters lassen ihn zwingend als verhüllenden Ersatz des Allernächsten 
deuten. 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 345 



Die Berührungen des Kopfes sind aJs solche des Genitales auszulegen 
(Kopf — ein Genital Symbol). Daß die Gestalt am Bett des Knaben sitzt und 
ins Übergroße wächst, zeigt das Gespenst als Mann mit Erektion dem 
feminin empfindenden Knaben gegenüber. Daß der Konflikt zwischen Sohn 
und Vater (Ziehvater) sich um das Wegnehmen des Zahnes schürzt, bedeutet 
nichts anderes, als Angst des Sohnes vor Kastration (Sterbenmüssen), als 
Strafe für den Zahnraub (= Kastration) am Vater (Ziehvater). Die Hervor- 
hebung der ungeheuren Mundhöhle, des schwarzen Loches in der Zahnreihe, 
entsprechen regressiver Verschiebung des Entmannungsortes und -objektes 
auf den Mund {orale Kastration). Man beachte auch den vorletzten Satz der 
Kindheitserinnerung, der vom „Zähne zusammenbeißen und sich hart machen 
handelt, also noch außerhalb der Hall uzinations Schilderung die Zähne und 
das Beißen als Symbole der Kraft behandelt. 

Die halluzinierende Angst des künftigen Dichters entspricht in voller Ana- 
logie ähnlicher Angstzustände bei Knaben — oft ist ein Tier das Angst- 
obiekt — der Angst vor der Kastration durch den Vater, aus 
Schuldgefühl über Haß gegen den zu liebenden, auch geliebten Vater, 
entspringend aus der feindseligen Ödipus-Einstellung, entladen als Weg- 
nahme des Zahnes, d. i. eines tj^ischen Symboles für das männliche 
Organ. Genauer genommen handelt es sich um die Angst, vom Vater gefressen 
zu werden, eine Vorstellung, die auch „der regressiv erniedrigte Ausdruck 
für eine passive zärtliche Regung ist, die vom Vater als Objekt im Sinne 
der Genitalerotik geliebt zu werden begehrt. Die genitale Regung verrät 
freilich nichts mehr von ihrer zärtlichen Absicht, wenn sie in der Sprache 
der überwundenen Übergangsphase von der oralen zur sadistischen Libido- 
organisation ausgedrückt wird."' Außer der feindseligen Regung gegen den 
Vater ist auch verdrängt die zärtlich passive Regung für den Vater, 
die bereits das Niveau der genitalen (phallischen) Libidoorganisation erreicht hat. 
Die Deutung des entsetzlichen Grausens vor dem Gespenst und der 
schüttelnden Todesangst des Knaben Hamsun setzt unbewußte Schuldgefühle 
im Sinne des Entmannungskomplexes voraus und gerade der Zahn, als ein 
typisches Symbol für das kastrierte männliche Organ, macht diese Annahme 
noch zwingender. Die weiteren Beweise aber für diese gewagt erscheinende 
Behauptung erbringe ich im folgenden aus den Werken Hamsuns. 

Die Annahme, daß der Knabe, aus dem später der große Dichter werden 
sollte, auf den Zahnraub hin an jenen Angsthalluzinationen erkrankte, — 



1) Freud; „Hemmung, Symptom und Angst", 1926. 



544 iLduard Hitschiiiann 



freilich selbst seine Vorstellungen als Wahrnehmungen auslegte — 
setzt voraus, daß er um jene Zeit die eigene Kastration, etwa durch den 
strengen Onkel an Vater SiatI fürclitete, weiters von Phantasien einer 
Kastration an jenem erfüllt war. Es ist der Erwartung Riium zu geben, daß 
die Werke Hamsuns das Thema der Entmannung, insbesondere aber sein 
dichtendes Unbewußtes die Symbolik von Kastration und Kasirationsobjekt in 
auffcdlendem Umfange aufweisen ; daß der Schneidezahn hier nicht fehlen 
darf, ist klar. Feindselige Kinsielhmg gegen die Väter der Dichtung, in 
ihrer Form wieder auf Entmannung liindeutend, ist gleichfalls zu er- 
warten. Als Voraussetzung aber eines miichligen Krhbthabens des Ent- 
mannungskomplexes müssen wir die Zeichen einer starken Liebesfixierung 
an die Mutter erwarten, ferner Wiederkeliren des eifersuchlserfüllten Üdipus- 
Dreiecks u. dgl. Ferner wkre eine Voraussetzung eines besonders intensiven 
Entmannungskomplexes: Veranlagung zu Grausamkeit und Leidensfreudig- 
keit. Endlich erfordert unsere Annahme besonderer halluzinatorischer Fähig- 
keit des Knaben Hamsun den Nachweis, daÜ er dem visuellen Typus zu- 
gehört, sein Schautrieb besonders ausgebildet war. 

Kastration und Kastrationssymbolik in Hamsuns 

PVerhen 

Hamsuns Roman „Die Weiber am lirunncn" macht einen durch 
einen Unfall entmannten und zugleich hinkend gewordenen Matrosen zu 
seinem Mittelpunkt. Der Roman, eine Salire auf den trotzdem kinderreichen, 
also oft betrogenen Ehemann, eine meisterhafte Schilderung des Verfalls 
eines Kastraten an Charakter und Knergie — scliließl charakteristisch genug 
mit folgendem in dreifachem Bilde symbolischen Salz: „Kleines und 
Großes geschieht, ein Zahn fällt aus einem Munde, ein Mann 
aus den Reihen heraus, ein Sperling auf die Erde herunter." 

In „Hunger" verliert der leidende Held seinen Appetit beim Anblick 
einer Frau, die nur einen ganz vorn sitzenden Zahn hat; „der lange, gelbe 
Zahn sah aus wie ein kleiner Finger, der aus dem Kiefer ragte." 

In „Letztes Kapitel" verletzt sicJi die Heldin das Kinn, einer von ihren 
Zähnen ist abgebrochen. Der Frau des Magnus stehen ein Paar Schneide- 
zähne schief, der eine etwas vor dem anderen. 

I" «Mysterien" berichtet der psycliopathische Johann Nagel von einer 
dem Gespenst in Hamsuns Kindheitserinncrungen ähnlichen abendlichen 



^ 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns ^45 

Männercrscheinnng, bleich und rotbärtig. Da die Uhr zwölf schlägt, steht 
das Gespenst neuerlich wieder greifbar da und lacht: „Zwei Vorderzähne 
fehlten ihm."' 

Zahnverlust und Zahndefekt sind bekannte Entinann-ungss3'mbole.^ Bei 
gewissen primitiven Völkern werden an Stelle der Beschneidung des Gliedes 
die mittleren oberen Schneidezähne ausgebrochen (Pubertätsriten). Ich füge 
aus Erfahrung aus Psychoanalysen Kranker als neu hinzu, daß auch die 
sogenannte Hasenscharte, gleichfalls ein medianer Munddefekt, zur Kastra- 
tionssymbolik geeignet ist. In „Segen der Erde" spielt die Hasenscharte als 
besonders beschämende Entstellung mehrfach eine große Rolle. 

Überwältigend ist das S)Tiibolikmaterial für Kastration, ausgedrückt durch 
Verletzung von Finger, Hand, Fuß oder Bein (Hinken). In der Erzählung 
j,Zachäus verliert die Titelfigur zwei Glieder eines Fingers durch die 
Mähmaschine und konserviert sie in Öl. Der ihm gehässige Koch stiehlt 
die Flasche und setzt dem Zachäus, mit Tunke zubereitet, den eigenen 
Finger als Mittagessen vor. Dieser erkennt denselben erst, nachdem er eine 
Seite abgenagt hat und tötet den Koch aus Rache. In „Hunger" beißt der 
Hungernde in den eigenen Finger, bis er blutet; eine breit ausgeschmückte 
Begegnung mit einem Hinkenden spielt ebenfalls hier eine Rolle. In „Fan" 
schießt sich Glahn in seinen Fuß, aus Eifersucht auf einen hinkenden Be- 
werber um das gleiche Mädchen (Selbstverstümmlung). In der Novelle „Weih- 
nachtsschmaus" stürzt der von der Bäuerin geliebte Knecht — trunken 
gemacht, weil er sie verleugnet — vom Dach und bricht ein Bein. In 
„Mysterien" hinkt der arme Minute, gleichfalls nach einem Knochenbruch. 
In der Skizze „Auf der Prärie" werden einem Irlander beide Beine durch 
Überfahren abgetrennt. Absichtliche und unabsichtliche Fuß-, Hand-, 
Finger- und Fingernagel Verletzungen finden wir gehäuft in „Letzte Freude" 
und „Letztes Kapitel". Die verliebten Damen betrachten mit lüsterner 
Freude den verletzten Finger oder geben ihm einen neuen Verband. In 



i) Hier hat der Dichter sein Kindheitsgespenst wenig verändert im Roman auf- 
treten lassen. Wesentlich entstellt ist das Thema der beraubten Leiche auf dem Fried- 
hof in „Herbststeme" literarisch verwendet. Knut Pedersen hat dort einen Daumen- 
nagel vom Friedhof weggetragen, um ihn auf eine kunstvolle Tabakspfeife als Schmuck 
ZU setzen, ihn übrigens wieder weggeworfen. Im Traum erscheint ihm eine Frauen- 
leiche und leigt ihren Daumen mit fehlendem Nagel. Er erwacht voll Angst in 
Schweiß gebadet \ind sieht die Leiche ganz langsam verschwinden. Seinen warnenden 
Arbeits- und Bettgenossen verlacht Pederseii-Hamsun wegen seines Aberglaubens: 
„sein Standpunkt sei von der Wissenschaft aufgegeben worden." 

2) Vgl. Freud: „Traumdeutung" (Ges. Schriften, Bd. II u. III) und Sugdr: „Die 
Rolle des Zahnreiimotivs hei Psychosen" (Int. Ztschr. f. PsA. XII, 1926, H. i.) 



2^6 Eduard Hitscliinnnii 



„Letztes Kapitel" laboriert ein Aussälziger besonders an seinem nicht heilen 
wollenden Finger, Sind Finger und Hand Symbole für das verlierbare Glied, 
so werden sie anderseits auch zum Fetisch. Die Hände können eine Phy- 
siognomie tragen. ,.Daß der Ausdruck der Hände etwas mit dem Geschlecht 
zu tun hat, daß er Keuschheit, IndilTerenz oder Trieb erkennen läßt" („Letzte 
Freude"), gehört daher indirekt auch zum Entmannungskomplex. In „Pan" 
hat Edvardas Daumen „einen keuschen Mädclienausdruck" und wirkt zärtlich, 
„Die paar Falten auf dem Gelenk waren voll Freundlichkeit. Tatsächlich 
ergibt die Krankenanalyse, daß der Fußfetisclimus z. B. mit dem Kastira- 
tiönskomplex im engsten Zusammenhang sieht („Penis der Frau ). 

Wir finden in Hamsuns Werken ferner häufig als symbolischen Ersatz 
der Entmannung — das Köpfen. Soluni köpft, offen grausam genießend, 
die zu schlachtenden Hühner („Letzte Freude"), und in krassester Weise 
erscheint die bildliche Kastration in der Novelle „Frauensieg . Die treu- 
lose Gattin läßt durch den bestochenen Fahrer der Straßenbahn — neben 
diesem sitzend — ■ dem Gatten, der eben, seiner verratenen Absicht ent- 
sprechend, aus einer Versenkung den Kopf heraussteckt, denselben abreißen I 

Die Skizzen des zwangsneurotischen Dichters üjen („Neue Erde") be- 
handeln mit Vorliebe das Köpfen. In „Viktoria" heißt es: „Die Liebe ver- 
dunkelt den Verstand der Prinzessin. Sic wirft den Kopf des Königs auf 
den Weg und läßt ihn dabei schamlose Worte vor sich hinfliistern und 
lachen und die Zunge herausstrecken." In einem Traum Johannes' kommt 
neben einer blutenden Orgel, blinden und toten tanzenden (ireisen und einem 
großen hellenden Fisch ein auf dem Wege da hin roll ender Kopf vor, der 
tage- und nächtelang vor ihm herrollt, in die Erde schlüpft und sich ver- 
steckt. Als letztes Symbol für Kastration wählen wir das Auge und erinnern, 
daß in „Viktoria" der eifersüchtige Bräutigam dem Jugendgeliebten ins 
Auge schlägt, das sich lebhaft rötet. In einer kleinen Vorgeschichte in „Ge- 
dämpftes Saitenspiel" wird dem sechzigjährigen „Herrn", der ein Mädchen 
mißbraucht hat, von dessen eifersüchtigem Liebsten ein Auge aus-, dann der 
Schädel eingeschlagen. 

Die»e ermüdende Aufzahlung von Kastrationssymbolen macht keinen An- 
spruch auf Vollständigkeit; sie muß wenig.slrns noch ergänzt werden durch 
Hinweis auf die breit behandelte Erfindung einer primitiven Sägemaschine 
in „Unter Herbststernen". Aus Krankenbeobachtungen ergibt sich mir 
nämlich, daß solches spielendes, immer verbesserndes Erfinden, namentlich 
dtirch Unbefugte, dem Entmannungskoniplex entspringt, wie ja auch in 
der Traumsymbolik die Maschine das männliche Glied bedeutet. Charakte- 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 547 



ristisch schließt dieser Roman eines Alternden resigniert: „In meinem 
Zimmer liegt die Maschine, ich kann sie nicht mehr aufstellen . . . Meinet- 
wegen, meine Liebe zu dieser Maschine ist abgestumpft." 

Zum Schlüsse sei darauf verwiesen, wie der Dichter, wo er sich 
als Fünfziger narzißtisch darstellt („Saitenspiel", „Letzte Freude"), sein Er- 
grauen und Altern elegisch betrauert. „An mir", heißt es, „hat die Zeit 
gezehrt, ich bin dumm geworden und verblüht und gleichgültig, jetzt seh* 
ich eine Frau an wie Literatur. Das ist das Ende. Was dann? Alles muß 
ein Ende haben. Zu Anfang dieses Zustandes hatte ich das Gefühl, als 
habe ich etwas verloren, es war, als sei ich von einem Taschendieb 
bestohlen worden." Ein unzählbar oft wiederkehrendes Motiv in Hamsims 
Werk ist das (frühe) Ergrauen, auf Leiden beruhend. Dem aus dem 
früher Ausgeführten sich ergebende Motiv des Korperdefektes wäre ferner 
hinzuzufügen ein reichlich zu belegendes Motiv der defekten Kleidung. 

Die Entmannung der Väter 
(Altern und Verarmen) 

Als Typus der Vaterfiguren' Hamsuns mag uns zunächst der Kauf- 
mEinn Mack auf Sirilund Modell stehen. Wie bei vielen anderen Gestalten 
wird auch sein Schicksal durch mehrere Romane verfolgt; in „Pan", „Benoni" 
und „Rosa" ist er sozusagen der Mittelpunkt. Angesehen, reich, mächtig, 
herrscht er über die anderen, lenkt ihr Schicksal. Er ist Witwer mit 
einer Tochter und findet die Befriedigung seiner Geschlechtlichkeit bei seinen 
Mägden u. dgl-, zu denen seine heimlichen Wege führen.^ Analog finden der 
alte, getrennt lebende Holmengraa in „Stadt Segelfoß", der Konsul Johnsen 
in Weiber am Brunnen" die Abfuhr ihrer Lüsternheit. Leutnant Holmsen 
in „Kinder ihrer Zeit", mit der sich ihm verweigernden Gattin zerfallen, 
spielt paschaartig mit seinen auserwählt hübschen Hausmädchen, doch kommt 
es bei diesem stolzen Mann nie so weit, daß er sich vergißt. 

Grotesk sind Macks Bäder, in denen er auf Daunenkissen liegend, von 
der bevorzugten Magd bedient wird. Bei bestimmten Festgelegenheiten 



1) Die Pfarrergestalten kommen in Hamsuns Werken meist schlecht weg. Hat es 
der Onkel Pfarrer verschuldet? Im Drama „Munken Vendt" erhebt sich ein früherer 
Priesterknndidat gegen Gott, der Freude daran habe, in Not au bringen. 

2) Bei dieser Gelegenheit mag das in Skandinavien weitverbreitete Gerücht er- 
wähnt werden, Hamsun sei der imeheliche Sohn einer Magd und eines der berühm- 
testen Dichters Norwegens. Nach eingeholter verläßlicher Auskimft erweist es sich 
fils haltlos. 



54^ Eduard lliBcliniann 



läßt er es arrangieren, daß er die Mägde auf gestohlene Löffel gründlich 
untersuchen kann. Uaß er über diese Madchen verfügt, sie verheiratet, um 
alles zuzudecken, charakterisiert diese üinnipolonie, sadistische Sexualität 
von Hamsuns Vatergestalten. 

„Kaufmann Mack war mächtig genug, mit einem Menschen etwas 
Gutes oder etwas Böses zu beginnen, ganz wie er wollte, Und seine Seele 
war sowohl schwarz wie weiß ... Er ist der glatte Aal in jeglichem 
Handel und Wandel," Haar und Hart sind gefärbt, ein Symbol für seine 
Falschheit. Sein polygamisches Bett ist so berühmt wie sein Polsterbad, vier 
silberne Engel schmücken es. 

Mit derselben Bewunderung übe^r iliro 'J'üchligkeit und Sclilaulieit sind 
der Väter Geschäfte, mit derselben belauschenden, vojicrendcn Spürsucht 
sind ihre sexuellen Abwege nacbgeiogen; sie lieben nicht, sondern sie be- 
nützen die Frauen. Aber dann läßt sie der Dichter, oft wie zur Strafe für 
Gier und Unzucht — altern und verarmen. Weniger bei Mack, der 
nur die Hälfte seines Besitzes an Heiinni verliert, — ist dieser vollständige 
Abstieg geschildert, regelmäßig bei anderen Vätern. Di-r Kammerherr in 
„Viktoria" verbrennt sich selbst mit dem feuerversicherten Schloß, um, 
total verarmt, für seine Erben zu sorgen. Leutnant Holmsen kämpft er- * 

folglos den Kampf seiner Rangierung; er verfalll nacli dem Selbstmord 
seiner Gallin, lebt in ärmlichst^unwürdigem Zustand, verschämt und stolz 
dennoch, gräbt erst zum Schluß einen vergrabenen Schatz, seinem Solin Reich- 
tum verschaffend. Holmengraa, erst glänzend aufgestiegen, geht, gleichfalls 
ergraut und verfallen, noch heimlich seine näclitiiclien Seitenwege trollend, — 
wie für diese Schuld bestraft, — - zugrunde. Seine Arbeiter duzen ihn ver- * 

ächtlicli. Der greise Paal („Letzte I''reude") wirtschaftet ab, trinkt und verfällt. 

In der Erzählung „Kleinstadllebcii" hat der Konsul mit der Gattin eines 
Abwesenden ein Verhältnis, das Folgen hat. Kr findet einen dunklen Ehren- 
mann, der ihn deckt, aber verliert durch das strafende Schicksal sein Ver- 
mögen und wird bankrott: „Der Konsul bankrott — wer stand da noch fest 
auf den Füßen? Er war der vornehmste in der Stadt und ihr Grundpfeiler." 

Der verheiratete und doch stets weiborbedürftige Konsul Johnsen wird 
durch den Untergang seines Schiffes arm, er altert und erst sein Sohn 
Scheldrup rettet, heimkommend, die Ehre der Firma, setzt die Familien- 
mitglieder wieder auf ihren rechten I'hitz, „stillt die Krämpfe der Stadt". 
Des Vaters Haar war gelichtet, seine Augen ohne Glanz, seine Tage ohne 
Frieden, die Nächte ohne Freude. „Die Lüste hatten ihn verlassen." („Weiber 
am Brunnen.") 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns jao 

Grausame Schilderung gelähmter, verfallener Greise, ihrer Matratzen gruft 
ist Hamsun genehmer Stoff. Der alte, sich gegen den Tod und den Sohn 
aufbäumende Per wird so gezeigt, in krassester Weise aber das Pfründner- 
paar Mensa und Mons, verblödet und stinkend. Mons' Augen sehen wie 
zwei Geschwüre aus; sein Tod wird daran erkannt, daß er, ein Stückchen 
Brot in der Hand, es tagelang noch nicht gegessen hat. Mensa „plärrt 
hündische Idiotien''. {„Rosa. ) 

Und wie beginnt der letzte Roman des nunmehr fünfundsechzigj ährigen 
Dichters? Daniels Vater ist Witwer geworden und hat in Saus und Braus 
lebend, seinen Besitz verpraßt; der verarmte Erbe muß neu anfangen. 

Wie der Dichter einerseits mit Vorliebe jene ursprünglich mächtigen, 
stark triebhaften Väter regelmäßig ihr materielles und sexuelles Vermögen 
verlieren läßt und grausam das Sterben der Greise abmalt, so führt er 
anderseits die Söhne herauf, die tüchtigen, und läßt sie ohne Scheu die 
Väter absetzen („Stadt Segelfoß") oder doch ersetzen. Hamsun ist ein 
Schätzer von Kraft und Jugend, und beklagt elegisch das eigene Altwerden. ' 
So heißt es z. B. in „Letzte Freude" : „Ich war einmal ein ganz anderer 
Draufgänger. Die Welle hat ihren Federbusch, den hatte ich, der Wein hat 
seine Glut, die besaß ich . . , Ein einarmiger Mann kann noch gehen, ein 
einbeiniger noch liegen . . . Doch weist er nicht jene zitternde Angst vor 
der Jugend auf, wie etwa Ibsens Baumeister Solneß. Hamsun hielt einmal 
in Oslo einen aufsehenerregenden Vortrag „Ehret den Jungen". Und in 
„Letzte Freude" heißt es: „Das Alter soll nicht um seiner selbst willen 
geehrt werden; es hemmt und hindert nur den Schritt der Menschheit; 
auch die Naturvölker verachten das Alter und befreien sich ohneweiters 
von ihm und seiner Hemmung." Ähnlich spricht Kareno („An des Reiches 
Pforten"). 

Das Motiv der Kifersucht und 
des geschädigten Dritten 

Setzen wir voraus, daß Entmannuiigsangst und Entmannungsrache sich 
über dem Ödipus-Liebesdreieck aufbauen, so wird es uns nicht wundern 
wahrzunehmen, daß bei Hamsun überhaupt nur die Freundin, Braut, Frau 
oder Geliebte eines andern geliebt, umworben wird. Meist tritt sie mit 

i) Vgl. als charakteristisch auch die Titel: „Unter Herb st Sternen"; „der Wanderer 
mit der Sordine" (in der Übersetzung: „Gedämpftes Saitenspiel"); „Letzte 
Freude" und „Das letzte Kapitel". 



550 Eduard liiuchiiinnii 



ihm auf oder sie gedenkt alsbald seiner Person. Durch diese Tatsache entsteht 
das obligate eifersüchtige Kämpfen; durch die Eifersucht wird alles Lieben 
zum Leiden, zur Leidenslust: „Die Liebe ist hart." Immer herrscht 
Kriegszustand. „Daß man die nie bekommt, die man liebt und eigentlich 
haben sollte", ist ein oft variierter Schmcr/.ensruf. Mord aus Eifersucht 
ist an der Tagesordnung. (Solem in „Letzte l-'rcudi;", Mack. in „Pan", der 
Mexikaner in „Herbststerne".) In der Novelle „Auf der Blaamandsinsel" 
stößt der Eifersüchtige das Weib ins Meer, in „IJjürger" wird die Untreue 
zu Tode gequält. Viktoria stirbt in eifersüchtiger Enttüuschung lungenkrank, 
Glahn läßt sich erschießen. Auch die Frauen sind immer eifersüchtig, 
Eifersucht entflammt die Liebe. Edvarda bringt aus F/ifersuclit auf Benoni 
und Rosa in deren Heim — Ungeziefer. Charakterislisclierwcise sind diese 
geliebten Mädchen oft mutterlos, leben mit dem verwitweten Vater; zum 
mindesten bleibt die Mutter farblos im Hintergrund. Der Nebenbuhler ist 
erhöht, sozusagen mächtiger, angesehener, väterlicher im psjxhoanalylischen 
Sinn: Kapitän, Seeoffizier, Sladtherr, Baron, Doktor u. dgl. So kommt eia 
Dreieck zustande, an das üdipusDreieck gemahnend. Nur in „Viktoria'* 
finden wir ein Vorspiel aus der Jünglingszeit, Johannes ist da vierzehn Jahre 
alt; seine spätere Angebetete bringt schon zur ersten Begegnung Otto aus 
der Stadt mit; ein zweitesmal trifft er sie in Gesellschaft Ditlefs. 

Immer ist hier in der Liebes-Vision des Anbeters, Bewerbers — neben 
der Angebetenen ^- schon einer mit älteren Rechten. Ks handelt sich immer 
um ein Lieben mit Schädigung eines Dritten, was J'Veud als typisch 
für das Lieben des an die Mutter Fixierten erkannt hat. Alle angebeteten 
weiblichen Wesen bei Hamsun sind in folgendem Sinne Mütter: Man muß 
sie einem Mann wegnehmen, um sie zu besitzen. Eine zweite Eigenart 
seiner Liehenden ist die, daß das weibliche Wesen oft stolz und zunächst 
unnahbar ist und lange auf seine Entscheidung warten laßt. Sie demütigt 
dadurch, ist sie doch auch sozial höher, Pfarrers- oder Großkaufmanns- 
tochter; demütigt auch durch die 'l'atsaclic, diiü sie schon liebt oder Verrat 
übt. Sie wird in Liebesworten „Prinzessin" oder „Königin" genannt. Meist 
bekommt nun der Mann durch seine Tüchtigkeit, seine Leistung (Johannes, 
Rolandsen, Benoni, Hoibro) die Oberhand, oder das Mädchen ist unterdes 
ins Unglück gekommen: nun kann er der Stolze sein, sie zurückweisen, 
jedenfalls aber, sich rächend, die Treulose demütigen. Hiiufig ist nun 
Gelegenheit, die Geliebte eifersüchtig /.u machen; ein schmerzhaft zwang- 
haftes, auch niu: zum Sciiein Eifersüchtigmachen wird geübt; man liebt 
und quält. 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 551 

Jedes weibliche Wesen neigt zur Untreue, wird durch Dirnenphantasie 
herabgesetzt; unter jeder Liebe leidet der Mann. 

Allgemein sagt einmal Johannes: „Man sagt von gewissen Frauen, daß 
sie ein Ziel für ihr Mitleid suchen. Geht es dem Mann gut, so hassen sie 
ihn und fühlen sich überflüssig; geht es ihm schlecht, muß er den Nacken 
beugen, so brüsten sie sich und sagen: hier bin ich!" 

Sehr lehrreich für den Kampf in der Ehe ist das Buch „Kinder ihrer 
Zeit". Die Gattin hat dem Mann den Eintritt ins Schlafzimmer und den 
Liebesakt verweigert, sie kokettiert mit anderen. Der stolze, eifersüchtige 
Gatte rächt sich durch starre Kälte, bleibt fest gegen ihre demütigen Ver- 
söhnungsbitten, drängt sie fort und sie tötet sich. Ebenso handelt der 
betrogene Kapitän Falkenberg gegen seine vom Liebhaber geschwängerte 
Frau. Die beleidigte Liebe haßt tödlich. 

Eifersucht ist der Anlaß zur Umwandlung der Liebe in Haß. Stammt 
die Eifersucht zum Teil aus dem Triebleben, so geht der Haß zweifellos 
auch auf die Quelle der Icherhaltungstriebe zurück. Über Umwandlung 
von Liebe in Haß hat sich Freud mehrfach geäußert.' Eine künftige aus- 
führlichere Ddrstellung wird sich mit diesem Wandel der Neigung bei den 
Liebenden Hamsuns genauer befassen. 

Grausajnkeit und Leidensfreudigkeit 
Belauschen und Zuschauen 

Wir können die Heftigkeit des obligaten Liebeskampfes der Eifersucht 
in Hamsuns Werken und auch die Intensität seines Entmannungskomplexes 
nur verstehen, wenn wir seinem ausgesprochenen Sadomasochismus ge- 
recht werden. 

Finden wir blutige Grausamkeit schon in der früher gegebenen Schilderung 
der Kastrationsmotive und der Kastration ssj-mbolik reich vertreten, so er- 
gänze ich aus Hamsuns Kindheit jene gräßlichen breitgeschilderten Quälereien 
an einer zu tötenden Katze, das hingezogene Töten eines weiblichen Renn- 
tieres {„Unter Tieren"). Und weiter heißt es dort: „Wir waren oft herzlich 
grausam gegen die Hühner. So waren wir die reinen Künstler, wenn es 
galt, sie mit Steinen und Holzscheiten zu treffen, so daß sie knapp mit 
dem Leben davonkamen und laut schrien. 



1) Vgl. Freud: „Triebe und Triebschicksale". Ges. Schriften, Bd. V, und „Das 
Ich und das Es" (ebendort, Bd. VI). 



352 



Eduard lÜtschinann 



Überaus eindrucksvoll wird von blutrünstigen Fischern in der Schilderung 
„Auf den Bänken von Neurundland" wie folgt berichtet: 

„Die Fischer hatten manchmal eine ganz unnatürliche Freude daran, die 
Fische zu mißhandeln ... Sie packten die großen Fische beim Kopf, drückten 
die Finger in die weichen Augen hinein und hielten sie so in die Höhe, 
indem sie geü in sich hineinlachlen und sie ansahen . . . Eines Tages biß 
einer von den zwei Russen in einen rohen l'iscli hinein, grub die Zähne 
tief in ihn hinein und hielt ihn so etwa zwei Minuten fest, indem er die 
Augen dabei schloß. 

Hier handelt es sich, wie bei „Zaciiäus" und dem In-den-Finger-Beißen 
des Hungernden, um grausames Beißen, dessen früliesle Äußerung beim Kinde 
das Beißen in die säugende Brust ist (oraler HrsprYing des Sadismus).' 

Es fällt auf, daß in „Hunger", dessen leidrndi^r Held einen ganzen 
Band hindurch „nichts zu beißen" hat, der Geliebten Brüste entblößt 
werden, worauf sie den Wunsch äußert, dort geküßt 7.u weiden. Ist „Hunger 
vieBeicht das Epos „oraler Enttäuschung"!?* 

Sehr charakteristisch sind jene gewalligen rächenden Meisterhiebe, knock 
outs, die Hamsun so gern schildert („Scliwiirmcr, Sailenspiel, Segelfoß, Letzte 
Freude"): Ein starker Mann fällt um, wie vom Blitz getroffen. In „Benoni" 
wird das Schweineabstechen, in „Letzte Freude" das der Hühner mit sicht- 
licher Lust am Grausamen beschrieben. Wer k;uin die rohen Scherze mit 
dem armen Zeitungsjungen bei einem anderen Dichter finden 1? Einmal 
wird ihm („Neue Erde") ein zu tliescin Zweck glüliend gemachtes Geld- 
Stück zugeworfen, um seine Qualen latliend beobachten zu können. An 
anderem Orte („Auf der Straße", Tagebuchblatt) wirft Hamsun selbst größere 
Münzen unter einen Eisenrost, der festgefroren ist, und mit Schadenfreude 
schildert er des Knaben kränklichen dünnen Arm und, wie derselbe ihn 
durchzwängt, sich blutig verwundet, an den Knöcheln die Haut abreißt, 
und will ihn noch weiter quälen. 

i) Vgl. Karl Abraham: „Psyc-hnuiialytisclie Stuilicn mr Cluiruhlrrbildiiiig" tlnter- 
nationale Paychoanalj tische BibüolliC'k, Bd. XVI). Duiinch ist es der ProieD der 
Zahnbildung, der die Liist am Sniigeii lu einem erheblichen Teil durch die Lust am 
Beißen ersetzt. In die nämliche Periode der Eiilwiekhnig rdlll die HersteUiing ambi- 
valenter Beziehungen des Kindes zu ObjeUtt-n der Anüeiiwi-lt. Ainliivaleni — Liebe 
und Haß in einer Tasche — ist für gewisse Gestalten Hamsuns »ehr charakteristisch. 
AU Satiriker ist er „bissig" genug. 

2) Eine amerikanische Arbeit „A Psy chopalhologi cal Study oi Knut Ham- 
suns' .Hunger"' von Gregory Strugncll weist ausführlich tiuf den Masochismus 
des Helden hin und legt das »ich In-den-Finger-Beißen als Kastration aus. ^The 
Psychoanalytic Review 1922.) 



# 



#■ 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 555 

Je genauer man zusieht, desto stärker wird der Eindruck, dem Dichter 
ist der eifersüchtige Liebeskarapf wichtiger, als das Ziel desselben.^ 
Er erfüllt, mit feinster Kunst in wechselvollem Spiel dargestellt, die Seelen 
der Liebenden in „Viktoria, Pan, Schwärmer, Herbststeraen, Saitenspiel", 
auch in „Kinder ihrer Zeit, ßenoni und Rosa, Redakteur Lynge" u. a. Nur 
zu leicht und zu rasch erkaltet das Herz des Liebenden, fühlt sich ent- 
täuscht oder betrogen ■ — Haß erfüllt dann den Mann. Rasch schlägt 
der größte Teil früherer Liebe zu grausamer Härte um. Die gefallene Frau 
wird zu Tode gehetzt, „in Liebe getötet , so Frau Holmscn, so Frau 
Falkenberg. Mack arrangiert es, daß die treulose Schmiedin vom gesprengten 
Felsblock erreicht wird; und wirklich liegt sie dann da „zermalmt, zer- 
schmettert, von einem Schlag zersprengt, an der Seite tmd über den Leib 
herunter, bis zur Lfnkenntlichkeit aufgerissen". 

So wie demütiges und demütigendes Liehen einander folgen können, 
wird es auch zu gleicher Zeit an verschiedenen Frauen erlebt. Nagel liebt 
die stolze Dagny und die demütige Martha, Glahn Edvarda und Eva, 
Johannes Viktoria und Kamilla. 

Wiederholt schildert Hamsun Zwangssymptome, die bekanntlich mit 
sadistischer Triebanlage in Zusammenhang stehen. Öjen („Neue Erde") 
zählt alle Fenster; kann nur noch gerade Ziffern zählen, zwei, vier, sechs; 
und leidet an zwanghafter Angst, einen Gegenstand zu verlieren (Knöpfe, 
Zwicker). Er wettet mit sich selbst um gewaltige Summen: Geht er eine 
unbekannte Treppe hinauf, so hat er gewonnen, wenn es sechzehn, ver- 
loren, wenn es achtzehn Stufen sind. Der „Selbstmörder" („Letztes Kapitel"), 
der immer die Ausführung verzögert, entpuppt sich als Gedankenmörder 
seiner treulosen Frau und des Liebhahers. Kaum ein anderer Dichter weist 
den Todes- (Destrukiions) Trieb in solchem Grade auf. Im letzten Roman 
„Das letzte Kapitel" werden die Besucher eines Sanatoriums gleichsam 
zum Schießstand einer Treibjagd versammelt, satirisch abgemalt und 
dann zumeist sterben gelassen, das Sanatorium verbrennt wie Sodom und 
Gomorra. 

Schmerzlust und Leidensfreudigkeit, der gegen sich selbst gerichtete 
Sadismus, blüht bei Hamsun gleichfalls; das Material ist überfließend! 



1) Es handelt sich hior vielfach weniger um die Sexualbefriedigimg, als um das 
Geliebtwerden nls Ich-Ziel: das Vollgen ommen werden als Überwindung dunklen 
Minderwertigkeitsgefühls (der Kastriertheit) ; dalier auch die übergroße Empfindlich- 
keit des Liebenden. 

Iiaago XU. 35 



554 Etiuard Uitschmaiiii 



„Hunger" ist eine Leidensdarstellung durch einen ganzen Band.' Selbst- 
mord ist häufig genug; Glalin und Soleni und der Hungernde verwunden 
sich selbst, Rolandsen („Schwiirmer") verleumdet und verbannt sich selbst. 
Minute ist ein exquisiter Dulder, der zum Schluß sich an Martlia in bösen 
Instinkten vergeht.Wenn die Geliebte als Keiterinerscheinl(„Viktoria". „Rosa"), 
wirkt sie dauernd. Der sausende Hieb der Peitsche einer Dame macht dem 
Gezüchtigten einen blutroten Streif im Gesicht; „Sie haben mich geschlagen," 
sagte er, „aber das tut nichts. Wiederholen Sie es, es ist mir jedesmal eine 
Freude" („Der Eroberer", Novelle). Am klassischsten zeigt sich Masocliismus 
des Mannes in der „Königin von Saba" : Unvergeßlich bleibt dem Reisenden, 
der mit kläglich zerrissenenSchuhen einlangt, die Tochter aus dem Herrenhof, 
die er, wie sie auf dem Bock eines unbespannteii Wagens steht und mit 
der Peitsche knallt, kennen lernt. Es kommt ihm der Gedanke „sich als 
Pferd vorzuspannen und den Wagen zu ziehen". Sie zerschmettert ihn mit 
den Augen. Noch vier Jahre später wirkt ihr Anblick faszinierend; er 
verfolgt sie zwangshaft, — - eine Odyssee — bis ihm klar gemacht wird, daß 
sie mit einem anderen verheiratet ist. — Der Telegraphist Baardsen („Segel- 
foß") läßt sich im Spiel von Klara den verstellbaren Dolch in die Brust 
stoßen und geht später daran zugrunde. „Wenn ich sie bekäme, sagt ein 
Liebender, „würde ich ihr unermüdlicher dienen, als irgendeiner, wenn 
ihr einfiele, das Unmögliche von mir zu verlangen, ich würde alles tun. 
Ich hielte inne, legte mich auf die Knie und leckte vor Demut und Hoffnung 
einige Grashalme am Wege." So legen sich Nagel und Benoni wirklich 

auf die Erde. 

In origineller Form begegnen wir der Lcidensfreude, da der Dichter selbst 
in armseligen Kleidern als einfacher Wanderarbeiter auf die Walz geht und 
schwere, niedrige Arbeiten verrichtet, angeblich nur um Überkultur und 
Stadt zu überwinden, tatsächlich um als Knecht und Kutscher demütig 
dienen, bescheiden belauschen zu können. Nur Brocken von herablassender 
Neigung fallen ihm von der angebeteten Herrin zu : aber eben dies ist ihm 
masochistischer Genuß.^ {„Herbststerne", „Sailenspiel".) 



1) „Die meisten Helden HnniBUiis sind Miirtyrer im Ertraf^eii, hüben enien diu'ch 
und durch passiven Heroismus" (Carl M orbiirRer „Kniil Himisiiii", Xemcn-Verlag, 
Leipiig igio). Man wird nicht vergessen künii^ii, d»U *'iii Toü si-ini-r Schmerilust 
in den Knaben Hamsun vom Onkel hiiifingepriij*ell wurde. 

2) Hamsun regrediert damit auf seine eigetieii realen lehn Jugendwanderjahre, in 
denen er die verschiedensten niedrigen Herufe daheim und über See ausübte, bittere 
Not und gemeine Üenosseiisclmft durchmachte (Kohlen- und StrnDcnurbeiler, Straßen- 
bahnschaffncr, Steinhauer, Fischer uaw.). 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns 3cc 

Hier weise ich auch auf medizinische Beobachtungen hin,' nach denen 
masochistisch Veranlagte sich um sexueller Erregung willen zuzeiten wie 
zwangshaft als Arbeiter in elender Kleidung verdingen. 

Vom dichterisch-technischen Standpunkt ist dieses Sich-zum-intimen -Beob- 
achter-Machen, indem man als Gastarbeiter oder als Hausdiener im Bunde 
mit der Kammerjungfer das Leben der Herrschaft, Freud und Leid der 
ehebrecherischen Hausfrau belauscht („Saitenspiel"), lehrreich; als Arbeiter 
wird der erzählende Beobachter immer dorthin versetzt, wo tfie Heldin zu 
finden ist. Der Dichter ist hier nicht selbst Held des Tagtraumes, sondern 
steht als „exzentrischer" Zuschauer und Schilderer außerhalb.^ Diese Lust 
am Zusehen ist gerade beim Sadomasochisten gewöhnlich, der sich oft 
begnügt, zusehend sich mit dem Aktiven oder Passiven zu idemifizieren, 
statt selbst einzugreifen. 

„Es war qualvoll und schön, aufreibend, voll Unruhe, er lauschte an 
der Wand, hielt den Atem an und lauschte", heißt es vom betrogenen 
Hjoibro in „Redakteur Lynge". 

Die malerisch halluzinierende Kindheitserinnerung, die den Ausgangs- 
punkt unserer Betrachtung gab, beweist schon die visuelle Veranlagung 
Hamsuns,^ 

So ist er wirklich der Dichter nicht nur des Belauschens, sondern auch 
des Voyierens. Und da ist es ihm hauptsächlich um sexuelle Szenen zu 
tun. So werden, wie erwähnt, namentlich die Vater-Figuren auf ihren 
sexuellen Wegen ertappt. Es wundert uns dann nicht, daß gerade dem 
Sexualakt eines tierischen Lappens zugesehen wird, und wir werden er- 
innert, daß Kinder oft eine sadistische Phantasie vom belauschten Eltern- 
liebesakt erwerben. 

In „Pan" grüßen Lappe und Lappin sich: ^Eines Tages sah ich, wie 
zwei Lappen einander begegneten . . . Anfangs benahmen sie sich, wie 
Menschen tun. Boris 1 sagten sie zueinander und lächelten. Aber gleich 
darauf fielen sie in den Schnee und blieben eine gute Weile für mich 
unsichtbar. Du mußt nach ihnen sehen, dachte ich, als eine Viertelstunde 
vergangen war, sie könnten im Schnee ersticken. Da standen sie auf und 
gingen fort. Jedes in seiner Richtung. Gewaltig verläuft die Szene, wo 
die einst so stolze Edvarda sich — ohne zu wissen, daß sie beobachtet 

i) A. KirschLaiim; „Über iwei \mgeiv ähnliche Fälle von Paraaexualitiit." Zeit- 
schrift für gesamte Neurologie und Psychologie, 6^. Bd. 

a) Vgl, Freud; „Der Dichter und das Phantasieren." (Ges. Schriften, Bd, X.) 
5) Hamsun war in der Jugend kurisiclitig. (Vgl. „Im Märchenland", Keisebilder.) 

33* 



556 



Eduard Hitscliinaiiii 



ist — dem Lappen im Walde hingibt: „Kr kmirrl, faÜl sie plötzlich an der 
Kehle und überwältigt sie. Oh, nun sind sie beide wild, sie beben anein- 
ander, sie verschmelzen mit Armen und Beinen, es ist unsagbar, was sie 

tun" („Rosa"). 

Die Häufigkeit, mit der der Sexualakt beschrieben und belauscht wird, 
kann nicht übersehen werden; in ein C.arlenhaus, in eine Scheune kommen 
abwechselnd die l'aare. Neben jenen platnnisclien Kifersuchtskampfen um 
die Edle. Angebetete, Jungfräuliche, finden wir auch die Sichhingebende, 
die triebhaft Sinnliche, die „Dirne", die von selbst kommt und sich anbietet' 
( Pan"). Diese Spaltung der weiblichen 1-iebesobjekte in seelisch (Jeliebte und 
sinnlich Gebrauchte findet sich bekanntlich am ausgebildelsten wieder bei 
dem. der als Knabe intensiv an die Mutter Fixiert war, die lüfersucht auf den 
Vater stark erlebte und oft aucli wie Hamsun den lüitmannungskomplex. 
Die Erscheinung der Polygamie des Mannes, die Belauschung des Liebes- 
aktes durch denselben, die Motive des immer nahen Dritten und der Eifer- 
sucht legen nahe, auch das Thema der unbewußten Gleichgeschlecht- 
lichkeit hier zu bearbeiten, was aber einer ausführlicheren Arbeit vor- 
behalten bleiben muß. Das männliche flesiienst. oder richtiger die Angst 
vor jenem halluzinierten Mann, die etwa vom neunten bis zum fünfzehnten 
Lebensjahre Hamsun anfallsweise erschüttert, beweisen gleichfalls feminine 
Einstellung des Heranwachsenden. In „Saitenspiel" finden wir folgende 
ablehnende allgemeine Charakteristik der Frauen: „Die Frau ist . . ., wie 
alle Weisen schon immer wußten: unendlich arm an Begabung, reich 
aber an Unverantwortlichkeit, an lutelkeil, an Leichtfertigkeit. Sie hat viel 
vom Kinde, aber nichts von dessen Unschuld." Auch des Dichters Pessimismus 
gegenüber der Treue der Frauenliebe gemahnt an Strindberg. 

Hamsuns Ideale 

Bedenken wir, daß biographische Einzelheiten über unseren Dichter, 
einen der größten und echtesten unserer /eil, nicht /.ur Verfügung stehen, 
80 müssen wir für jene Kindlieitserinncrung dankbar sein, die für uns der 
Ausgangspunkt war, um wesentliche Auf kliirungen über seine Phantasien, 
eine Reihe seiner bedeutsamsten Motive und auch über sein Trlebleben zu 
gewinnen. Noch einmal führt uns Erinnerung genußrei cher Lektüre durch 

1) In der Skiize „Stimme de* Lcl.ena" holt sich die junge Wilwc eines nach langer 
Krankheit dreiundfünfiigjnhrig verstorbenen Gatten nhbuld einen Mniin von der Straße, 
dem sie sich in der Nacht nach jenes Tod hingilil. Die Leiche hegt noch im Neben- 
zimmer. 



Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuus ^57 

seine vielgestaltigen Werke. Wir wenden uns zum Schlüsse der sittlichen 
Persönlichkeit des Dichters zu, die hinter all den komplizierten erotischen 
Verwicklungen und Herzenskämpfen, aher auch hinter den wertvollen 
gesellschaftskritischen Romanen und den großen epischen Konzeptionen in 
Größe und Reinheit steht. Die strenge Erziehung des Oheims Pfarrer (und 
des Vaters?) hat gute Früchte getragen.' Hamsuns Persönlichkeit ist von 
den Idealen der Ehrlichkeit und der reinen Hände, des Mitleids und der 
Arbeitsamkeit erfüllt. Die Helden seiner Jugendwerke sind unpraktische 
Idealisten ; selbst der traurige Held in „Hunger" kommt nur materiell 
herunter, nicht moralisch. Einfache Leute, wie Falkenbergs Dienerschaft, 
werden zu Kritikern der sittenlosen Herrenleute. Treibt das Phantasieleben 
des Dichters die sonderbarsten Blüten von Grausamkeit und Sinnlichkeit: 
diese gleichen Ausscheidungsprodukten ; er selbst erscheint als der Vor- 
kämpfer edelster Liebe, verzeihender Güte, verzichtender Treue, ernsten 
Leistens und Aufbauens. Wir müssen annehmen, jene Kindheitserinnerung 
repräsentiere den Bruch mit ursprünglichen grausamen Regungen, die 
Abwendung von verbotener Liebe, denn sie verrät das Schuldgefühl und 
Strafbedürfnis des leidenschaftlich veranlagten, träumerischen Knaben. Er 
nimmt die sittliche Persönlichkeit des Ziehvaters {und Vaters) sowie der 
gütigen Mutter durch Identifizierung in sich auf. Aus dem frühen Sadismus 
und Tierquälen ist reaktiv Güte und Mitleid geworden. Aus dem ver- 
lorenen Taglräumer wurde ein Kämpfer und Dichter. Seine narzißtischen 
Ebenbilder sind der Hungernde, Nagel und Glahn, der Dichter Johannes, 
der durch Leiden groß geworden ist, Musiker und Studenten und die be- 
gabten, trinkfreudigen Telegraphisten mit dem „zu gi-oßen Herzen". In Be- 
wunderung seiner Werke müssen wir dem großen Dichter recht geben, wenn 
er über sich selbst sagt: „Ich habe eine eigenartige Schreibarbeit betrieben 
und eine bessere als die Mehrzahl; das weiß ich wohl. Aber das ist nicht 
so sehr mein Verdienst, denn ich wurde mit den Fähigkeiten dazu 
geboren. 

Einen Mangel freilich scheint das Werk dieses modernen Romanciers 
aufzuweisen, wir finden zunächst keine edle Muttergestalt darin. 

Wir fänden sie nicht, lehrte uns nicht die Ps3xhoanal3'-se, daß das hohe 
Bild der Mutter, das Heimat und Sehnsucht ist — zur Mutter Erde, Mutter 

1) Von der nachsichtigen Güte seiner Mutter leugt übrigens ein selbstbiographischer 
Satz an versteckter Stelle („Unter Tieren"): „Wir hatten eine sonderbare Mutter, 
die oft wieder umkelirte \md tat, als habe sie etwas vergessen, wenn sie ims in der 
Vorratskammer ertappte." 



558 Eduard Hitschmunii 



Natur sublimiert wird. Zu ilir flüclitet Hamsun aus Seelen kämpfen und 
Lebenssorgen, sie gibt heilenden Frieden. Gern wohnt er als Romanheld 
i m Wald oder am Strand in einer warmen Erdhöhle, einsam und in 
Autarkie mit einfacher, mitgenommener Nahrung. Seine Schilderung der 
Natur verrät deutlich ihr Mütterliches. ,,Dieser Ort", heißt es in „Letzte 
Freude", „ist ja eigentlich kein Bergabhang, sondern ein Busen, ein Schoß, 
so weich ist er . . ., ein großer Hang, so voll von Zärtlichkeit und Hilf- 
losigkeit, wie eine Mutter läßt er alles mit sich geschehen." Als Land- 
schaft, in der man schon einmal gewesen ist; als dt'jä vu; mit Gefühlen 
der Wiedergeburt erscheint die Natur dem zu ihr Flüchtenden: „Viele 
Jahre sind vergangen, seit ich solchen Frieden um mich fühlte, vielleicht 
zwanzig oder dreißig Jahre, vielleicht war es in einem früheren Leben. 
Und doch muß ich schon einmal diesen Frieden verspürt haben, da ich 
nun hier umhergehe . . . und mich um jeden Stein und jeden Halm 
kümmere, und diese wieder sich um mich zu kümmern scheinen. Wir 
kennen uns . . . ich ging durch den Wald, wurde zu Tränen gerührt und 
war hingerissen und sagte immerfort: GoU im Himmel, daß icli wieder 
hieherkommen sollte! Als sei ich schon einmal früher da- 
gewesen." 

Die vielgerühmten sentimentalen Naturschilderungen Hamsuns ergeben 
sich aus dieser seiner Sehnsucht nach der schuldlosen, vorgespenstigen, 
paradiesischen Kindheit. 

Mit fünfzig Jahren verläßt er die entmannende Stadt, lebt nun als Land- 
wirt in der Natur und schreibt jene große episcJie Vision „Segen der Erde 
von der Urbarmachung abgeschiedenen Landes nieder. An die Stelle der 
kämpfenden romantischen Liebe ist längst die eheliche getreten. Hat sich 
der fünfzigjährige Dichter schon in „Gedämpftes Saitenspiel" und „Letzte 
Freude irrtümlich als kraftlos und müde dargestellt, so lebt er in Wirk- 
lichkeit erfreulicherweise in unveränderter genialer Schaffenskraft weiter. 

Psychoanalytisches bei Knut Hamsun 

Symptomhandlungen 

Witder der Mädchenname. Herr Tiedcinttnd, der niitanselieii muß, daß 

seine Prau trotz zweier Kinder sich innerlich (•am. von ihm loslöat, konstatiert: „In 

* letzter Zeit nennt sie sich auch wieder Lange, Hunka Lunge-Tiedemand, gerade als 

beiße sie immer noch Lang'e", und an anderer Stelle: „Sic betrachtet sich immer 



Ein Gespenst aus der Kindlieit Knut Hamsuns 55g 

noch als nicht verheiratet, sie schreibt sich auch noch mit ihrem Mädchennamen 
Lange." („Neue Erde.") 

A uf t rennen der Handarbeit. Hjoibro, der schwerfallige, aber ernst- 
charaktervolle Verehrer Charlottens antwortet auf eine Frage, wie seine Braut sein 
solle: „Sie soll jnng imd unschuldig sein," Charlotte, die sich dem leichtsinnigen, 
gewandteren Eoudesen hingegeben hat, wird darauf flammend, rot, die Handarbeit 
littert in ihren Händen, und sie verrät ihre Reue, als wollte sie ihren Fall rück- 
gängig machen: ..Sie trennte ihre Arbeit Stich für Stich wieder auf imd halte doch 
vielleicht gar nicht falsch genäht. Gott weiß, vielleicht halte sie sogar die ganze 
Zeit richtig genäht, und trotzdem trennte sie auf." („Redakteur Lynge.") 

Vtr i chi eb un g des Eherings, Leutnant Holmsen wechselt oft und oft die 
Hand, an der er seinen Ring trägt. Dieser gehört eigentlich an die rechte Hand, 
aber wie zwangshaft wird er anläßlich gewisser Vorkommnisse an die linke gesteckt. 
„Daß er den Ring von einer Hand auf die andere setzte, sollte bedeuten, daß er viel 
dachte und sich an das eine oder andere von Wichtigkeit erimiern wollte. Es geschali 
jedesmal so still und unbemerkt, niemand wußte, weshalb er es tat, aber er selbst 
wußte es vielleicht," Links trägt den Ring bekanntlich der Witwer, und es ist offen- 
bar diese Phantasie, Witwer zu werden — wird doch die Frau verstoßen! — un- 
bewußt mitbestimmend am Ortswechsel des Ringes, der etwa zehnmal im Roman 
vorkommt. („Kinder ihrer Zeit.") 

Tendenziiises Mißverstehen und Vergessen 

Dundas sagt: „Heute nachts Schlag eins!" Worauf er verschwindet. 

Sie meint, er würde heute nachts Schlag eins auf die Reise gehen. 

Da geschah es, daß sie vergaß, ihre Tür zu verriegeln. 

Schlag eins tritt er bei ihr ein! („Pan.") 

Über den Traum 
„Man träumt nicht mehr schon, wenn man erwachsen ist." („Mysterien.") 

Strafbedürfnis 

In der Novelle „Geheimes Weh" wird ein seltsamer Mann geschildert, dem der 
Dichter viermal begegnet ist. und der sich jedesmal halb verrückt benahm: einmal 
den Dichter würgte und bedrohte, ein iweitesmal im Eisenbahn Waggon Dietriche 
und Einbruch Werkzeuge offen zeigte u. dgl. Hamsun erklärt es sich damit, daß jener 
Verwirrte durchaus bei der Polizei angezeigt werden wollte und vielleicht darunter 
litt, daß ein Geheimnis, das ihn ins Verderben bringen konnte, niemals offenbar 
wird. 

Diese Erkenntnis über Strafbedürfnis kam Hamsun durch eine Dame, die ihm 
von sich erzählte und sich analog erwies: Da sie nämlich wegen eines Vergehens, 
das ihr eine Gefängnisstrafe von einigen Tagen eingebracht hatte, nie gefaßt wurde, 
ließ sie ans Schul tägefülil und Strafbedürfnis nichts imversucht, um die Leute auf 
die richtige Spur zu lenken. Aber es fiel niemand ein, sie anzuzeigen. 



360 Hitschmann: Ein Gespenst aus der Kindheit KiiiiL ILiinsims 

Selbstmord = Ersatz des Mordes 
Eine tragikomische Gestalt ist Leonhard Magnus, der immer vorgibt Selbst- 
mord begehen m wollen und ihn nie ausführt. Grund dazu ist, daQ seine Frau mit 
einem anderen lebt und sich betrinkt: offenbar heg-t er gegen beide Mordgedanken, 
hat aber daiu weder Mut noch Haß genug. So wendet der „Todestrieb" sich gegen 
ihn selbst, Zweifel und Unentschlossen he it zeigen seine Ambivalenz. Die Frau kehrt 
zurück, er verzeiht, sperrt sie — um sie zu schonen — im Hoteliinuner ein, wo sie 
unrettbar verbrennt. (»Das letzte Kapitel.«) 



.^ 



Psychoanalyse und Rinderheilkunde 

Von 

Josef K. Friedjung 

Dozent an der Universität Wien 

Vor nun reichlich sechzehn Jahren war es mir gestattet, vor Pro- 
fessor Freud und seinen Schülern an der zu historischer Berühmtheit 
gelangten ersten Stätte ihrer regelmäßigen Zusammenkünfte einen Antritts- 
vortrag zu halten. Meine Ausführungen galten der Frage: „Was kann die 
Kinderheilkunde von der psychoanalytischen Forschung erwarten?" Es war 
der Niederschlag zahlreicher schmerzlicher Erfahrungen, wenn ich von der 
Unzulänglichkeit des pädiatrischen Unterrichtes, von unserer Hilflosigkeit 
vor vielen Kindern und ihren krankhaften Erscheinungen sprach; und es 
war ein Stück starker Zuversicht, daß ich gerade von der psychoanalytischen 
Forschung hier Hilfe erhoffte. Gab sie mir doch das Rüstzeug zum Ver- 
ständnis so vieler Klippen und Schwierigkeiten, zur Lösung so vieler Rätsel. 
Und es ist ein berechtigter Wunsch, sich nun, nach so vielen Jahren. 
Rechenschaft zu geben über das Ausmaß, in dem meine Erwartungen 
eingetroffen sind. So schwer auch die Kinderärzte für die Grundlagen der 
Lehren Freuds zu gewinnen sind, — es darf doch festgestellt werden, daß 
das Lehrgebäude der Kinderheilkunde, wenn auch mit zögernder Zustimmung, 
einen wichtigen Zubau erfahren hat, daß viele vorher unbekannte oder 
dunkle Tatbestände, die erst die Psychoanalyse verständlich machte, in das 
allgemeine Bewußtsein der Kinderärzte eingegangen sind. 

Schon die Stellung des Kindes innerhalb der Familie und Gesellschaft 
haben wir mit neuen Augen schauen gelernt: Die traditionelle Vorstellung 
von der Familienidylle ist klareren Einsichten gewichen, die triebhaft 
bestimmten und gefärbten Beziehungen von Eltern, Kindern. Geschwistern 
und anderen Hausgenossen haben uns vieles begreifen, aber auch verhüten 
gelehrt. Mit anderen Ohren hören wir jetzt die Anamnese, mit klarerem 



'^m 



;62 Josef K. Fneiljim^ 



Verständnis achten wir auf Einzelheiten, die uns ehedem unbeträchtlicher 
Zufall schienen. IJnd wenn wir dann zur Untcrsucliung des Kindes schreiten, 
so ist die erforderliche Technik aus einer mehr oder weniger erfolgreichen 
Routine zu bewußter — Kunst geworden. Bewegungen, Tonfall, die Worte 
des Untersuchers, — alles ist bewußt und belicrrsclii uiid damit auch 
gleichzeitig eine wertvolle, beispielgebende Schulung für die erwachsene 
Umgebung des Kindes. All das erfließt aus einer vertieften Kenntnis des 
kindlichen Wesens und ihr müssen auch alle A nordnungen des Arztes i^ 

angepaßt sein. War früher die Untersuchung kranker Kinder oft ein be- 
schämender Kampf eines verständnislosen neurotischen Erwachsenen mit 
neurotisch-ängstlichen kleinen Kranken, so gestaltet sie sich jetzt zumeist 
zu einem heiteren Spiele. Und ebenso muß die Behandlung aufhören, — 
Brutalisierung zu sein. 

Gehörte es früher zu den vornehmlichen Aufgaben des Kinderarztes, die 
körperliche Entwicklung seiner Schützlinge als l'rophyhiktiker zu über- 
wachen, so hat er es im letzten Jahrzehnt gelernt, daß er auch ihrer 
Erziehung im engeren Sinne, ihrer seelischen Entfaltung seine Aufmerksamkeit 
schenken müsse. Körperliches Gedeihen hangt, wie wir nun wissen, so 
eng mit psychischem Wohlbefinden zusammen, daß selbst die Klinik alten 
Stils in dieser Frage ihr Verhahen ändern muß. Der moderne Kinderarzt 
hat es aber nunmehr gelernt, sich für das Gosamtschicksal des Kindes in 
der Zukunft mitverantwortlich zu fühlen und wird immer wieder Anlaß 
haben, bei der Behandlung einer Angina etwa auch von Fragen der Er- 
ziehung zu sprechen. Schon beim Säugling setzt er damit zielbewußt ein. 
Die Ordnung und Ruhe, auf der er hier bestehen muß, wird er oft erst 
durchsetzen können, wenn er den Erwachsenen ihre unbewußten seelischen 
Tendenzen klargemacht hat. Den Stillwillen der Mutler, der für das 
Gedeihen des Neugeborenen so entscheidend ist, wird der psychoanalytisch 
orientierte Kinderarzt mit klareren Augen abmessen und beeinflussen. Und 
nun die für den Kundigen so bedeutsame Entfaltung des kindlichen Trieb- 
lebens, seine erzieherische Überwachung und behutsame Beeinflussung, die 
Vermeidung übertriebener Zärtlichkeit und Strenge, die vorbeugende Be- 
sprechung kommender Konflikte und unausweichlicher Traumen, die, um 
ein Beispiel zu nennen, etwa bei der Geburt eines zweiten Kindes dem 
ersten drohen, die Einstellung der Erwachsenen zu geschlechtlichen 
Äußerungen der Kleinen, zum Sexualprobleni überhaupt, die Schwierig- 
keiten der Schulzeit, die Konflikte der Jugendlichen, — alles das ist zu 
einer Domäne des Kinderarztes geworden, früher von ihm kaum beachtet, 



Psychoanalyse und Kinderheilkunde 563 

wenn er nicht etwa als Vater selbst auf Schwierigkeiten auf diesen Ge- 
bieten stieß. 

Besondere Bedeutsamkeit erlangte aber die Einsicht, daß gewisse typische 
ungünstige Familienkonstellationen überaus häufig zu krankhafter Ent- 
wicklung oder Veränderung des Kindes Anlaß geben. So konnte der Typus 
des einzigen und des Lieblingskindes, der des ungeliebten und 
umkämpften, des entthronten und mittleren Kindes herausgehoben 
und beschrieben werden, Tj-pen, die unter dem Namen der „Milieukinder" 
sich die allgemeine Beachtung der Kinderärzte erworben haben. Das Ver- 
ständnis für ihre Entstehung weist der Prophylaxe und Therapie klare 
Wege, deren Gangbarkeit freilich nicht nur vom Arzte, sondern noch mehr 
von den schuldigen Erwachsenen, die selbst oft neurotisch sind, und von 
äußeren Verhältnissen abhängt. Von großer Wichtigkeit ist es, daß an solchen 
Milieukindern" nicht selten körperliche Beschwerden zur Entwicklung 
kommen, die dem diagnostischen Können des Arztes früher nicht erkannte 
Fallen stellten, daß ferner geläufige Krankheitsbilder an solchen Kindern 
Veränderungen, meist im Sinne der Erschwerung, erfahren, deren klare 
Beurteilung uns wieder erst mit dem psychoanalytisch geschärften Blicke 
möglich geworden ist. 

Eine häufige Frage: „Ist das Kind bloß schlimm oder ist es krank?" 
die früher ntu" bei schweren Prozessen, wie Hirntumor, Dementia praecox 
eine richtige Antwort zu finden pflegte, ist uns Kinderärzten nunmehr 
viel mehr zur Gewissensfrage geworden, da wir uns auch um die Neurosen 
des Kindes zu kümmern begonnen haben. Die von Freud aufgedeckten 
seelischen Mechanismen werden nun endlich auch dem Kinde zugebilligt, 
akute und chronische Wesensänderungen auch im jugendlichen Alter der 
Analyse wert gehalten. Die Behandlung an die Stelle der von der Tradition 
geheiligten Mißhandlung gesetzt zu haben, das scheint mir einer unserer 
schönsten Forlschritte zu sein. Dabei liegen ähnlich dem kindlichen Traume 
auch die kindlichen Neurosen und Psychoneurosen oft so einfach, ihre 
Entstehung ist so durchsichtig, daß der Therapie erfreulich kurze Wege 
zur Verfügung stehen. 

Während bisher nur die Rede war von der Anwendung der an er- 
wachsenen Neurotikern psychoanalytisch gewonnenen Erfahrmigen an dem 
Kinde, die allerdings durch zahllose Beobachtungen an Kindern selbst 
gerechtfertigt worden waren, erhebt sich endlich die Frage, wie weit die 
psychoanalytische Behandlungsmethode im klassischen Sinne bei Kindern 
ihre Berechtigung und Möglichkeiten habe. Die Erfahrung lehrt, daß wir 



564 Friedjun^: Psychoanalyse und Kinderheilkunde 

ihrer zumeist entraten können, daß es meistens genügt, gestützt auf unsere 
psychoanalytischen Einsichten, unsere Ratschläge zu erteilen. Die Erziehung 
der Erzieher und der zweckmäßig gewählte Milieuwechsel spielen da die 
größte Rolle, ferner die Nacherziehung des Kindes mit „psychoanalytischem 
Einschlag". Es wird aber dann immer noch eine Anzahl von Kranken übrig 
bleiben, deren Erkrankung entweder so schwer oder so veraltet ist, daß 
eine lege artis durchgeführte Analyse nicht umgangen werden kann, wie 
etwa bei manchen Fällen von Enuresis, von Asthma bronchiale, von 
Zwangsneurose. 

Diese gedrängte Darstellung erweist ohne Zweifel, in welch reichem 
Maße sich die großartige Leistung Ereuds aucli an der Kinderheilkunde 
ausgewirkt hat. Sie ist nicht mehr aus ihr wegzudenken, und unser Wirken 
vor dieser Befruchtung erscheint mir heute fast stümperhaft und geistlos. 
Und doch stehen wir erst am Anfange einer vielverheißenden Entwicklung. 



# 



Die psychologischen Grundlagen 
/ der Frühanalyse 

Von 

Melanie Klein 

Berlin 

Ich beabsichtige in den folgenden Ausführungen auf einige zwischen dem 
frühkindlichen Seelenleben und dem des Erwachsenen bestehende 
Unterschiede näher einzugehen. Sie machen eine der frühkindlichen Psyche 
angepaßte Technik nötig und es soll versucht werden, den Nachweis zu er- 
bringen, daß eine von bestimmten hier näher zu besprechenden Gesichts- 
punkten ausgehende analytische Spieltechnik diese Aufgabe erfüllt. 

Das Kind stellt, wie wir wissen, Beziehungen zur Außenwelt her, indem 
es Libido, die ursprünglich ausschließlich dem eigenen Ich gilt, den lust- 
spendenden Objekten zuwendet. Sein Verhältnis zu diesen — und zwar so- 
wohl zu den lebenden wie den leblosen — ist zunächst ein rein narziß- 
tisches. Auf diesem Wege gewinnt aber auch das Kind seine Beziehungen 
zur Realität. Ich will dieses frühkimlliche Verhältnis zur Realität mit einem 

Beispiel belegen. 

Die dreieinvierteljährige Tmde ging nach einer einzigen Analysen stunde 
mit ihrer Mutter auf Reisen. Ein halbes Jahr später wurde die Analyse fort- 
gesetzt. Von allem inzwischen Erlebtem sprach sie erst nach längerer Zeit 
einmal anläßlich eines Traumes, den sie mir berichtete. Sie war mit ihrer 
Mutter wieder in Italien in dem ihr bekannten Restaurant. Die 
Kellnerin gab ihr keinen Himbeersaft, weil keiner mehr dawar. 
Die Deutung ergab luiter anderem den nicht verwundenen Schmerz des 
Kindes um die Entziehung der Mutterbrust und den Neid auf die kleine 
Schwester. Während mir Trude sonst allerlei anscheinend Nebensächliches 
berichtete, auch wiederholt Details der ersten, ein halbes Jahr zurückliegen- 




5^6 Melanie Klein 



den Analysenst linde erwähnte, hatte nur die Beziehung zur erlittenen Ver- 
sagung den Anlaß gegeben, ihrer Reise zu gedenken, die sonst für sie kein 
Interesse besaß. 

Das Kind lernt schon in sehr frühem Alter die Realität durch die Ver- 
sagungen kennen, die sie ihm auferlegt. Es erwehrt sich der Realität, indem 
es sie ablehnt. Grundlegend aber und der Prüfstein für alle fernere An- 
passungsfähigkeit an die Realität, ist die größere oder geringere Fähig- 
keit, die aus der Ödipus-Situation resulliercnden Versugungen zu er- 
tragen. Auch beim kleinen Kinde ist deshalb die zu starke Ablehnung der 
Realität (die häufig durch eine scheinbare Anpassung und „Folgsamkeit" 
verdeckt wird) ein Kennzeichen der Neurose — nur durch ihre Äußerungs- 
formen unterscheidet sie sich von der RealitÜlsfluchl des erwachsenen Neu- 
rotikers. Darum hat auch schon in der Frühanalyse eines der Endergebnisse 
die gelungene Anpassung an die Realität zu sein. Sie drückt sich beim 
Kinde unter anderem im Schwinden von Eraiehungsschwierigkeiten aus — 
es ist eben fähig geworden, reale Versagungen zu ertragen. 

Die Beobachtung zeigt häufig bei Kindern zu Beginn dos zweiten Lebens- 
jahres schon eine ausgesprochene Bevorzugung des andersgeschlechtlichen 
Elternteiles und sonstige Anzeichen der einsetzenden Odipus- Strebungen. 
Wann die sich daraus ergebenden Kontlikte beginnen, wann also eigentlich 
das Kind unter die Herrschaft des Ödipus-Komplexes gerät, ist weniger 
deutlich, denn wir schließen ja auf sein Vorhandensein erst aus gewissen 
Veränderungen, die wir beim Kinde bemerken. 

Ich habe aus der Analyse eines zweidreiviertel jährigen, eines dreiein- 
viertel] ährigen, sowie mehrerer ungefähr vierjähriger Kinder festgestellt, 
daß der Odipus-Komplex bei itinen schon im zweiten Lebensjahr inten- 
siven Einfluß ausübte.' Als Beispiel führe ich die Entwicklung einer kleinen 

i) Mit dieser Feststellung sieht eine aridej-e, aiiT die ich hier nur aiideutvings- 
weise eingehen kann, !ii innigstem Ziisarniiienhung. 

Es ergab sich mir in einer Reihe von Kinderunalyseii, doß die Wahl des Vaters als 
Liebesobjekt seitens des Mädchen s durch die F.ntwoliniing von der Mullerbnist einge- 
leitet wird. Durch diese Versagung, der sich diy vom Kinde als neuerlicher schwerer 
Liebesentiiig gewertete Reinlichkeitsgcwölimiiig aiischlicüt, wird die Bindung an die 
Mutter gelockert und die gegengesclilechtliche Anziehung knun (iintcralütat durch die 
Liebkosungen des Vaters, die mm als Verführung empfunden werden) in Wirksamkeit 
treten. Der Vater als Liebesobjekt soll auch zunächst der ornlcii Befriedigung dienen. Ich 
habe in meinem Kongreßrefernt (Saliburg, April 1924) an Beispielen nachgewiesen, daß 
der Koitus vom Kinde zunächst als oraler Akt aufgofaöl und ersehnt wird. 

Die Wirkung dieser Versagiingen auf die Ödipus- Entwicklung des Knaben 
scheint mir eine hemmende und fordernde zugleich. Die hemmende Wirkung dieser 



Die psychologischen Grundlagen der Frühanalyse 567 

Analysandin an. Rita bevorzugte bis zu Beginn des zweiten Lebensjahres die 
Mutter, dann in auffallender Weise den Vater. So verlangte sie z. B. wieder- 
holt im Alter von fünfzehn Monaten allein mit ihm im Zimmer zu bleiben 
und auf seinem Schöße sitzend, mit ihm in Büchern zu blättern. Mit acht- 
zehn Monaten aber veränderte sich neuerlich die Einstellung des Kindes und 
sie zog wieder die Mutter vor. Zugleich setzte Pavor noctumus und Angst 
vor Tieren ein. Es kam zu einer überstarken Fixierung an die Mutler und 
zu einer sehr ausgesprochenen Vateridentifizierung. Mit Beginn des dritten 
Jahres wurde die Kleine immer ambivalenter und in der Erziehung schwie- 
riger, so daß sie mit zweidreiviertel Jahren in Analyse gegeben wurde. Zu 
dieser Zeit bestand in vollem Ausmaße eine Monate zurückreichende Spiel- 
hemmung, Unfähigkeit, Versagungen zu ertragen, tibermäßige Wehleidigkeit, 
starke Stimmungsschwankungen usw. Zu dieser Entwicklung hatten folgende 
Erlebnisse beigetragen: Rita hatte bis zum Alter von nicht ganz zwei Jahren 
das Schlafzimmer der Eltern geleilt und die Wirkungen der Urszene wurden 
in der Analyse deutlich. Den Ausbruch der Neurose aber hatte die Geburt 
des Brüderchens herbeigeführt. Bald nachher traten größere Schwierigkeiten 
zutage und nahmen mehr und mehr zu. Daß ein enger Zusammenhang 
zwischen so intensiven frühen Wirkungen des Ödipus-Komplexes und der 
Neurose besteht, ist zweifellos. Ob es die neurotischen Kinder sind, bei denen 
der ödi2Jus-KompIex schon so bald mit solcher Intensität wirkt oder ob solche 
Kinder neurotisch werden, bei denen das so früh der Fall ist, kann ich 
nicht entscheiden. Sicher aber ist. daß Erlebnisse, wie die hier besprochenen, 
den Konflikt verstärken und deshalb die Neurose vergrößern, beziehungs- 
weise auslösen. 

Ich greife nun aus diesem Fall heraus, was sich mir in den Analysen 
von Kindern verschiedenen Alters, am direktesten in denen kleiner Kinder, 
als typisch erwiesen hat. In mehreren Fällen, in denen ich Angstanfälle so 
kleiner Kinder analysierte, ergaben sich diese als Wiederholung eines Pavor 
nocturnus, der in der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres und zu Beginn 



Traumen läßt sich auch aus dem Umstände erkennen, daß sie es sind, die der Knabe 

später auf jeder Flucht vor der Mutler bin düng (so auch zur Verslärlimig seiner in- 
vertierten Ödipiis-Eijistellung) heraniieht. Der Umstand, daß diese Traumen — die 
den Kastrationskomplex vorbereiten — von der Mutter ausgehen, hat sich mir auch 
als Ursache erwiesen, daß bei beiden Geschlechtem in den tiefsten Schichten gerade 
die Mutter als Kastratorin besonders gefürchtet ist. 

Anderseits aber scheint der orale und anale Liebesentzug auf die Ödipus-Ent- 
wicklung des Knabens auch wieder fördernd lu wirken, indem er ihn nötigt, die 
Libidoposition lu wechseln und die Mutter als genitales Liebesohjekt zu begehren. 



g68 Melanie Klein 



des dritten eingesetzt hatte. Er war schon eine Wirkung und neurotische 
Verarbeitung des Ödipus-Komplexes. Es gibt zahlreiche solcher Verarbeitungen, 
und wir können aus ihnen schon sichere Rückschlüsse auf die Wirkungen 
des Ödipus-Komplexes ziehen.' Zu solchen Verarbeitungen, bei denen der 
Zusammenhang mit der Ödipus-Situation ganz deutlich wurde, gehört auch 
häufiges Fallen und Sichbeschlidigen, Wehleidigkeit, Unfähigkeit Versagungen 
zu ertragen, Spielhemmung, eine sehr ambivalente Einstellung zu Festen 
und Geschenken und Erziehungsscliwierigkeiten verscliiedener Art, Erschei- 
nungen, die wir schon in einem überraschend frühen Alter oft einsetzen 
sehen. Als Ursache aber dieser so häufigeu Erscheinungen erwies sich mir 
ein sehr starkes Schuldgefühl, auf dessen Entwicklung ich nun näher 
eingehen will. 

Wie sehr schon beim Pawor noc(u/-nus auch Schuldgefühle mitwirk- 
sam sind, will ich an einem Beispiel zeigen. Uie viereinvierteljährige Trude 
spielte wiederholt in der Analysenstunde, daß es Nacht sei. Wir sollten beide 
schlafen. Dann kam sie aus der anderen, von ihr als ihr Zimmer bezeich- 
neten Fxke leise auf mich zu und bedrohte mich verschiedentlich. Sie wollte 
mich in die Kehle stechen, in den Hof werfen, verbrennen, zur Polizei 
bringen. Sie versuchte meine Hände und Füße zu fesseln, hob die Decke 
der Chaiselongue auf und erklärte, sie mache „Po-Kacki-Kucki' . Es ergab 
sich, daß sie im Popo der Mutter nach den für sie Kinder darstellenden 
Kackis suchen wollte. Ein andermal wollte sie mich auf den Bauch schlagen 
und behauptete, sie nehme die A-As (Stuhl) heraus und mache mich arm. 
Sie riß dann die (wiederholt als Kinder bezeichneten) Kissen herunter und ver- 
steckte sich mit diesen in die Sophanische, wo sie sich unter Icbliaflen Angst- 
äußerungen zusammenkauerte, zudeckte, lutschte und naßmachte. Diese 
ganze Situation folgte immer wieder den Angriffen auf mich. Sie war aber 
derjenigen gleich, welche sie schon im Alter von noch nicht zwei Jahren im 
Bette eingenommen hatte, als sehr starker Pavor nocturnus bei ihr einsetzte. 
Auch damals lief sie in der Nacht immer wieder ins Schlafzimmer der 
Eltern, ohne aber angeben zu können, was sie wollte. Sie war, als die 
Schwester geboren wurde, zwei Jalire alt, und die Analyse konnte die da- 
malige Situation und auch die Ursachen der Angst, wie des Nässens und 
Schmierens klarlegen und diese Symptome auch beheben. Sie hatte schon 
damals der schwangeren Mutter die Kinder rauben, die Mutter töten und 

i) Auf ihren innigen Zusammeuliang mit der Angst Iiubo ich in meiner Arbeit 
„Zur Prühanalyse" (Imago 1923, Bd. IX) hingewiesen, in der ich die Beziehung zwischen 
Angst luid Hemmung behandele haie. 



Die psychologischen Grundlagen der Frühanalyse g6q 

ihre Stelle beim Koitus mit dem Vater einnehmen wollen. Diese Haß- und 
Aggressionstendenzen waren die Ursache der im Alter von zwei Jahren be- 
sonders stark werdenden Fixierung an die Mutter, und die ihrer Angst- und 
Schuldgefühle. Zur Zeit, als bei Trude diese Erscheinungen in der Analyse 
so deutlich hervortraten, brachte sie sich vor fast jeder Analysenstunde eine 
Beschädigung bei. Es ergab sich, daß die Gegenstände, an denen sie sich 
beschädigte: Tisch, Schrank, Ofen usw. der primitiven kindlichen Identi- 
fizierung entsprechend für sie die Mutter, mitunter den Vater bedeuteten, 
die sie bestrafen. Im allgemeinen erwies sich mir die, besonders beim 
kleineren Kinde, so häufige Wehleidigkeit, das Fallen und Sichbeschädigen 
in innigen Zusammen hang stehend mit Kastrationskomplex undSchuldgefÜhlen. 
Besondere Aufschlüsse über das frühe Schuldgefühl gewinnen wir aus 
dem Kinderspiel. Rita war schon in ihrem zweiten Lebensjahre der Um- 
gebung durch die Reue nach jedem noch so kleinen Vergehen und die 
Überempfind]ichkeit jedem Tadel gegenüber aufgefallen. So brach das Kind 
z. B. in Tränen aus, als der Vater dem Bären im Bilderbuch scherzhaft 
drohte. Dabei zeigte sich als bestimmend für ihre Identifizierung mit dem 
Bären noch die Angst vor dem Tadel des realen Vaters. Auch ihre Spiel- 
hemmung ging vom Schuldgefühl aus: Schon mit zweieinviertel Jahren 
erklärte sie wiederholt beim Puppenspiel, — das ihr auch wenig Freude 
machte — sie sei nicht die Mutter des Puppenkindes. Die Analyse erwies, 
daß sie nicht Mutler spielen durfte, weil das Puppenkind ihr unter 
anderem das Brüderchen bedeutete, das sie der Mutter schon während 
deren Schwangerschaft rauben wollte. Das Verbot des Kindeswimsches ging 
aber nicht mehr von der realen Mutter aus, sondern von einer intro- 
jizierten, die sie mir im Bollenspiel vielfach zur Darstellung brachte, und 
die strenger und grausamer in ihr wirkte, als es jemals von selten der 
realen Mutter geschehen war. Ein zwangsneurotisches Symptom, das Rita 
auch vom Alter von zwei Jahren an entwickelte, war ein zeitraubendes 
Schlafzeremoniell. Sein Kern bestand darin, daß sie sich in die Bettdecke 
fest verpacken ließ, sonst würde „eine Maus oder ein Butzen, der durch 
das Fenster käme, ihren Butzen wegbeißen".' Andere Determinierungen 
erwies ihr Spiel. Auch die Puppe wurde immer in gleicher Weise ver- 
packt und einmal ein Elefant neben das Puppenbett gestellt. Er sollte 

i) Ritas Kastrations komplex zeigte sich in einer Reihe von neurotischen Symptomen 
und in ihrer Charakterenlwicklung. Auch ihre Spiele erwiesen deutlich iJu-e sehr 
starke Vateridentifizierung und ihre vom Kastrationskomplex stammende Angst, in 
der männlichen Kolle zu versagen. 

Imago XII. 34 



~yo ML'lanu' Klein 



das Puppenkind am Aufstehen verhindern, denn sonst würde es leise in 
das Schlafzimmer der Eltern gehen und diesen etwas tun oder wegnehmen. 
Der Elefant (eine Vater-Imago) sollte die hindernde Rolle übernehmen, 
die der introjizierle Vater schon in ihr spielte, seitdem sie im Alter zwi- 
schen eineinviertel und zwei Jaliren die Stelle der Mutter beim Vater 
einnehmen, der schwangeren Mutter das Kind rauben und die Eltern be- 
schädigen und kastrieren wollte. Die Wut- und Angstreaktionen, die im 
Verlauf solcher Spiele einer Bestrafung des Kindes folgten, bewiesen auch, 
daß Rita innerlich beide Rollen spielte; die der richtenden Autoritäten 
und die des bestraften Kindes. 

Ein grundlegender allgemeiner Mechanismus des Rollenspieles 
dient dem Zwecke, die verschiedenen im Kinde wirksamen Identifizierungen, 
die etwas Einheitliches werden sollen, wieder zu zerlegen: Den Vater und 
die Mutter, die es in Verarbeitung des Ödipus-Komplcxes in sich aufge- 
nommen hat, und die es nun in ihm durch Strenge quälen, entfernt es 
durch diese Rollenverteilung wieder aus sich und empfindet dadurch eine 
Erleichterung, die zum Lustgefühl durch das Spiel wesentlich beiträgt. 
Wenn dieses Rollenspiel oft eindeutig aussieht und nur primäre Identifi- 
zierungen zur Darstellung zu bringen scheint, so zeigt es dabei nur seine 
Fassade. Seine Durchforschung hat in der Kinderanalyse eine sehr große 
Bedeutung; sie ist. aber nur dann eine vollkommene und therapeutisch 
wirksame, wenn man alle zugrunde liegenden Identifizierungen und Deter- 
minierungen bloßgelegt und vor allem, wenn man den Weg zu dem dabei 
wirksamen Schuldgefühl gefunden hat. 

Die hemmende Wirkimg der Schuldgefühle war in den Fällen, die ich 
analysiert habe, schon in einem sehr frühen Alter deutlich. Was uns da ent- 
gegentritt, entspricht dem, was wir beim Erwachsenen als Über-Ich kennen. 
Daß wir den Höhepunkt des Ödipus-Komplexes um das vierte I^bensjahr 
annehmen und die Entwicklung des Über-Ich als sein Endergebnis kennen, 
scheint mir zu diesen Beobachtungen nicht in Widersprucli /.u stehen. Die 
gewissen typischen Erscheinungen, die wir in deutlichster Ausbildung fest- 
stellen können, wenn der Ödipus-Komplex seinen Höhepunkt erreicht hat, 
und die seinem Abklingen vorangehen, sind nur der Endabschluß einer 
Entwicklung, die sich auf Jahre erstreckt. Die Frühanalyse zeigt, daß mit 
dem Einsetzen des Ödipus-Komplexes das Kind auch schon mit seiner 
Verarbeitung und so auch mit der Ausbildung des Über-Ich beginnt. 
Die Wirkungen dieses kindlichen Über-lcli auf das Kind sind analoge 
wie beim Erwachsenen, belasten aber weit mehr das schwächere kindliche 



Dip psychologischen Grundlagen der Frühanalyse 571 

Ich. Wir stärken dieses Ich, wie die Friihanalyse erweist, indem wir die 
übermäßigen Forderungen des Über-Ich durch die Analyse herabsetzen. 
Das frühkindliche Ich unterscheidet sich zweifellos von dem des reiferen 
Kindes oder des Erwachsenen. Aber dieses frühkindliche Ich zeigt sich den 
noch nicht so gewichtigen realen Forderungen, die an es herantreten, 
durchaus gewachsen, wenn wir es von der Neurose befreit haben.^ 

Entsprechend den Unterschieden der frühkindlichen Psyche von der 
reiferen, sind auch die Reaktionen des Kindes auf die Psychoanalyse anders 
als später. Vielfach überrascht die Leichtigkeit, mit der Deutungen zeit- 
weise aufgenommen werden; das Kind zeigt sogar mitunter ausgesprochene 
Lust dabei. Für diesen von der Erwachsenenanalyse abweichenden Vorgang 
ist die Erklärung darin zu finden, daß beim Kinde in gewissen Schichten 
die Kommunikation zwischen Bw und Ubw noch eine viel leichtere, der 
Rückweg daher viel einfacher herzustellen ist. Deshalb kann die Deutung, 
die allerdings immer nur auf Grund eines genügenden Materials gegeben wird, 
welches aber das Kind oft überraschend schnell und mannigfaltig produziert, 
auch eine so schnelle Wirkung üben. Diese ist häufig eine überraschende, 
auch wenn das Kind die Deutung mitunter gar nicht zur Kenntnis zu 
nehmen scheint. Das Spiel, welches infolge des eingetretenen Widerstandes 
abgebrochen worden war, wird wieder aufgenommen; das Spiel verändert 
sich, breitet sich aus, bringt tiefere Schichten zur Darstellung, der ana- 
lytische Kontakt hat sich wieder befestigt. Die Lust am Spiel, die nach 
einer Deutung sichtlich einsetzt, hat ihre Ursache auch darin, daß der zu 
einer Verdrängung nötige Kraftaufwand durch die Deutung in Wegfall 
kommen kann. Wir stoßen dann aber wieder zeitweise auf Widerstände, 
für die diese Leichtigkeit keineswegs gilt, sondern wo wir mit den größten 
Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Das ist besonders dort der Fall, wo 
wir auf das Schuldgefühl treffen. 

Das Kind bringt durch das Spiel Phantasien, Wünsche, Erlebnisse in 
symbolischer Weise zur Darstellung. Es bedient sich dabei der gleichen 
Sprache, der archaischen, phylogenetisch erworbenen Ausdrucksweise, die 



i) Das Kind vermag nicht — wie das beim Erwachsenen nach Beendigimg der 
Analyse oft der Fall ist — Veraiidenmgen in seinen Lebensverhältnissen vorzunehmen. 
Aber wir haben ihm sehr weitgehend geholfen, wenn wir ihm die Möglichkeit geben, 
sich zufolge der Analyse in den bestehenden Verhältnissen wohler zu fühlen und 
besser zu entwickeln. Übrigens setzt häufig die Behebung der Neurose des Kindes 
auch die Schwierigkeiten des Milieus herab. Ich konnte z. B. wiederholt feststellen, 
daß die Mutter viel weniger neurotisch reagierte, sobald beim analysierten Kinde 
günstige Veränderungen eingetreten waren. 

84' 



572 



Melanie Klein 



wir aus dem Traume kennen. Wir können sie nur voll verstehen, wenn 
wir uns ihr in der Weise nähern, die uns Freud für das Erkennen des 
Traumes gelehrt hat. Die Symbolik ist nur ein Teil davon; wir müssen, 
wenn wir das Spiel im Zusammenhang mit dem ganzen Geliaben des 
Kindes in der Analysenstunde richtig erfassen wollen, nicht nur die oft 
im Spiel so deutlich hervortretende Symbolik, sondern alle Darstellungs- 
mittel und Mechanismen der Traumarbeit beachten und der Erforschung 
der ganzen Zusammenhänge eingedenk bleiben.' IJci Anwendung dieser 
Technik finden wir bald, daß uns das Kind nicht weniger Assoziationen 
zu den einzelnen Spielstücken bringt als der Krwachsene zu den Traum- 
stücken. Ute Details des Spieles zeigen dem aufmerksamen Beobachter den 
Weg; dazwischen erzählt das Kind noch allerlei, was voll als Assoziation 
zu werten ist. 

Das Kind bedient sich nicht nur dieser archaischen Darstell ungsform, 
sondern auch eines anderen primitiven Mechanismus. Es bringt nämlich 
die Handlungen, die ja ursprünglich an Stelle der Gedanken standen — 
anstatt der Worte, d. h. das Agieren spielt bei ihm eine überragende Rolle. 

In der „Geschichte einer infantilen Neurose" sagt Freud:^ ),Die Analyse, 
die man am neurotischen Kinde selbst vollzieht, wird von vornherein ver- 
trauenswürdiger erscheinen, aber sie kann nicht sehr inhaltsreich sein; 
man muß dem Kinde zu viel Worte und Gedanken leihen und wird viel- 
leicht doch die tiefsten Schichten undurchdringlich für das Bewußtsein 
finden." 

Wenn wir uns dem Kinde mit der Technik der Erwachsenenanalyse 
nähern, so werden wir sicherlich nicht zu den tiefsten Schichten vordringen 

i) Wie vieldeutig- z. B. die beim Puppenspiel beiiütite Piipi»? sein kann, wie sie 
mitunter Penisbedeiitiing, die Bedeutung des der Mutter geniubtL-n Kindes, dann 
wieder des Kindes selbst usw. hat. und wie mir EingL-hen auf die klcinslcn Einzel- 
lieilen des Spieles und deren Deutung die /.iisammenhiiiige klarlegen liann, damit 
aber erst die volle Wirksamkeit eriiclt, kann ich in meinen Analysen immer wieder 
feststellen. Was uns das Kind in einer Annlyseiistunde xeigt, wobei es vom Spielen 
mit dem Spielzeug lur Darslellung durch die eigene Person übergeht, dann wieder 
zum Spielen mit Wasser, zum Ausschneiden von Papier, zum Zeichnen — wie es 
das tut, und warum der Wechsel einsetzt und welche Mittel es zur Darstellung 
wählt, dieses bimte, oft wirr und sinnlos scliL'inende Durcheinander zeigt sich als 
wohlgeordnet und verrat uns die ihm zugrunde liegenden Quellen und Gedanken, 
wenn wir es gleich dem Traume deuten. Sehr hiiufig .itelll übrigens das Kind im 
Spiel das gleiche dar, wie in einem vorher berichteten Traum und bringt oft 
Assoziationen zu einem Traum durch das unschlicQetide Spiel, das ja seine wichtigste 
Ausdrucksweise ist. 

2) Ges. Scliriften, Bd. VIII, S. 44,0. 



Die psyckologischen Grundlagen der Friihanalyse cys 

können. Gerade diese sind es aber, die für den Wert und für den Erfolg 
einer Analyse bedeutungsvoll sind. Wenn wir aber auf die beim Kinde 
im Vergleich zum Erwachsenen vorhandenen psychologischen Unterschiede 
Bedacht nehmen, die Tatsache, daß wir Ubw noch neben Bw, die primi- 
tivsten Strebungen neben kompliziertesten Entwicklungen, wie wir sie im 
Über- Ich kennen, wirksam finden; wenn wir also die Ausdrucksweise des 
Kindes richtig verstehen, so kommen alle diese Bedenken und Nachteile 
in Fortfall. Wir finden dann, daß die Forderungen, die wir an Tiefe und 
Umfang der Analyse stellen dürfen, nicht hinter denen der Erwachsenen- 
analyse zurückstehen. Im Gegenteil, wir können in ihr bis zu Erlebnissen 
und Fixierungen zurückgehen, die in der Erwachsenenanalyse häufig nur 
rekonstruierbar sind, die uns das Kind aber unmittelbar darstellt:^ 
Die vierein viertel jährige Ruth z.B., die als Säugling längere Zeit hungerte, 
da die Mutter wenig Milch hatte, nennt beim Spiel am Waschbecken den 
Wasserhahn einen Milchhahn. Sie erklärt, daß die Milch in die Münder 
{Abflußlöcher) läuft, daß sie aber nur ganz wenig fließt. Dieses ungestillte 
orale Verlangen tritt in zahlreichen Spielen und Darstellungen hervor und 
zeigt sich in ihrer ganzen Einstellung. (Sie behauptete z. E. arm zu sein, 
nur einen Mantel zu besitzen, wenig zu essen zu bekommen, was der 
Realität keineswegs entsprach.) 

Die sechsjährige zwangsneurolische Erna, für deren Neurose die Eindrücke 
der Reinlichkeitsgewöhnung^ grundlegend waren, führt mir diese bis in die 



i) Teil liatiB in Sakbtirg (Vm. rntern. PsA. Kongreß, Ostern 192+) ansgefiihrt, daß 
die jeder Spieltätigkeit zngrraideliegende als fortgesetzter Spielantrieb (Wieder- 
hol imgszwang) wirkende Abfuhr der Mastiirbationsphaiitasien ein fundamentaler 
Mechanismus des Kinderspieles und aller weiteren Siiblimieningen ist — die Spiel- 
lind Lemheinmung auf der übermäßigen Verdrängung dieser Phantasien (nnd damit 
der Phantasie) beruht. Mit den Masturbation sphantasien sind die Sexualerlehnisse 
verknüpft und gelangen mit diesen im Spiel zur Darstellung und Abreaktion. Unter 
diesen Erlebnissen spielen die Darstellungen der Urszene eine überragende Rolle; 
sie stehen auch regelmäßig in den Prühanalysen im Vordergrunde. Erst nach einem 
größeren Stück Analyse, das die Urszene und die genitalen Entwicklungen teilweise 
klargelegt hat, gelangt man meist zu den Darstellungen der prägenitalen Erlebnisse 
und Phantasien. 

2) Die ReinliclikeitsgewÖhnung, die für Ernas Empfinden die schwerste Ver- 
gewaltigung war, wurde in der Realität ohne jede Strenge und mit solcher 
Leichtigkeit erreicht, da6 das Kind im Alter von einem Jalu-e völlig sauber 
war. Als Motor wirkte dabei der ungewöhnlich frühe Ehrgeiz Ernas, der sie aber 
auch alle Erziehungsmaßnahmen von den früliesten angefangen als Gewalttat emp- 
finden ließ. Dieser frühe Ehrgeiz wurde die Grundbedingung für die Empfindlich- 
keit gegen Tadel und die überschnelle nnd starke Entwicklung ihrer Schuld- 



^1 



-74 Melanie Mein 



kleinsten Einzelheiten vor. Einmal setzt sie ein Püppchen auf einen Bau- 
stein, läßt es defäzieren und stellt rings herum Pü[>pchen auf, die es be- 
wundern. Nach dieser Darstellung bringt Erna wieder das gleiche Material 
im Rollenspiel: Ich habe ein sich beschmutzendes Wickelkind darzustellen, 
sie ist die Mutter. Das Wickelkind wird verwöhnt und bewundert. Dann 
folgt eine Wutreaktion bei Erna, und sie spielt eine strenge Lehrerin, die 
das Kind mißhandelt. Erna hat mir so eines ihrer ersten Traumen vor- 
agiert: Die schwere Kränkung ihres Narzißmus, da sie die übergroße Liebe, 
die ihr als Säugling dargebracht wurde, zu verlieren glaubte, als Erziehungs- 

niaßregeln einsetzten. 

Die Bedeutung des Agierens und P}i.intasierens im Dienste des Wieder- 
holungszwanges kann überhaupt in der Kinderanalyse nicht hoch genug 
eingeschätzt werden. Das kleine Kind agierl natürlich in weit größerem 
Maße, aber auch das ältere greift, besonders, wenn die Analyse einen Teil 
der Verdrängungen aufgehoben hat, immer wieder zu diesem primitiven 
Mechanismus. Der damit für das Kind verbundene Lustgewinn, der aber 
immer nur Mittel zum Zwecke bleiben darf, ist für die Fortführung der 
Analyse unentbehrlich. Hierin zeigt sich eben das Überwiegen des Lust- 
prinzips über das Realitätsprinzip. Wir können im frühen Alter nicht an 
den Realitätssinn des Patienten appellieren wie im späteren Alter. 

Ebenso wie sich die Ausdrucksmittel des Kindes von denen des Erwach- 
senen unterscheiden, so trägt auch die analyiische Situation in der Kinder- 
analyse ein durchaus abweichendes Gepräge. Sie ist aber doch in beiden 
Fällen wesensgleich. Die konsequente Deutung, die schrittweise Auflosung 
der Widerstände, das stete Zurückführen der Übertragung auf frühere 
Situationen, führt auch beim Kinde zur vollen Herstellung der richtigen 
analytischen Situation, 

Ich habe von der in der Frühanalyse immer wieder festzustellenden 
schnellen Wirkung von Deutungen berichtet. Es ist auffallend, daß wir 
diese Wirkungen an zahlreichen Anzeichen feststellen können: An der Ent- 
wicklung des Spieles, der Befestigung der Übertragung, der Verminderung 
der Angst usw., daß trotzdem aber längere Zeit das Kind die Deutungen 
nicht bewußt verarbeitet. Ich konnte feststellen, daß diese Verarbeitung später 
doch einsetzt. Das Kind beginnt dann z.B. zwischen der gespielten und 
und der wirklichen Mutter oder dem hölzernen und dem lebenden 

gefühle. Mail sieht aber im allgemeiiieii diese Schuldgefühle schon sehr Stark bei 
der Reinlichkeitsge Wohnung beteiligt und kann da die ersten Ansätie des „Über-Ich" 
erkennen. 



Die psychologischen Grundlagen der Frühanalyse 575 



Brüderchen zu. unlerscheiden und beharrt fest darauf, dies und jenes habe 
es nur dem hölzernen Brüderchen antun wollen — das wirkliche habe es 
doch lieb. Nur nach Überwindung sehr starker längerer Widerstände nimmt 
es dann zur Kenntnis, daß seine Aggression den wirklichen Objekten gilt. 
Damit ist aber auch gewöhnlich — auch bei den ganz Kleinen ■ — ein sehr 
bedeutender Fortschritt in der Reaütätsanpassung erfolgt. Ich habe den Ein- 
druck, daß die Aufnahme der Deutung zuerst nur ubw erfolgt und die Bezie- 
hung zur Realität erst nach und nach eintritt. Analog vollzieht sich auch 
der Vorgang der Aufklarung. Die Analj'se fördert längere Zeit nur Material 
für Sexual theorien und Geburtsphantasien zutage und deutet dieses Material. 
So erfolgt die Aufklärung schrittweise mit dem Beheben der gegen sie 
wirkenden ubw Widerstände. 

Zuerst bessert sich also durch die Psychoanalyse das Verhältnis zu den 
Eltern gefühlsmäßig, dann erst kommt die Erkenntnis nach. Sie ist schon 
ein Diktat des Über-Ich, dessen durch die; Analyse gemilderte Forderungen 
das nunmehr weniger bedrängte und darum stärkere Ich ertragen und be- 
folgen kann. Das Kind wird also nicht auf einmal vor die Situation gestellt, 
Erkenntnisse in bezug auf sein Verhältnis zu den Eltern zu revidieren oder 
Überhaupt Erkenntnisse aufnehmen zu müssen, die es belasten. Ich habe 
als Wirkung dieser stufenweise verarbeiteten Erkenntnisse immer nur eine 
Erleichterung für das Kind festststellen können, ein wesentlich günstigeres 
Verhältnis zu den Eltern und damit auch eine erhöhte soziale Anpassungs- 
fähigkeit. 

Das Kind vermag dann auch sehr wohl die Verurteilung zum Teil an 
Stelle der Verdrängung zu setzen. Dies tritt auch darin hervor, daß die 
Kinder in einem späteren Stadium der Analyse zu einzelnen, in einem 
früheren Stadium noch so wirksamen anal-sadistischen oder kannibalistischen 
Begierden eine solche Distanz gewonnen haben, daß sie sie nun gelegentlich 
mit Humor beurteilen. Ich höre dann, auch von ganz kleinen Kindern, 
einen Scherz darüber, daß sie z. B. früher wirklich die Mutti ganz fressen 
oder zerschneiden wollten. Die mit diesen Veränderungen verbundene Ver- 
minderung der Schuldgefühle ermöglicht aber zugleich auch die Subli- 
niierung der früher ganz verdrängten Wünsche. Diese äußert sich praktisch 
in dem Aufhören der Spielhemmung und in dem Einsetzen von zahlreichen 
Interessen und Betätigungen. 

Ich fasse meine Ausführungen dahin zusammen: Die besonderen primi- 
tiven psychischen Eigentümlichkeiten des kindlichen Seelenlebens machen 
eine ihnen angepaßte andersartige Technik nötig, die in der Spielanalyse 



1 



576 Klein: Die psychologischen Grundlagen der Frühanalypi- 

gegeben ist. Mit dieser Technik können wir aber zu den tiefsten verdrängten 
Erlebnissen und Fixierungen gelangen und damit die Entwicklung des 
Kindes von Grund aus beeinflussen. 

Es handelt sich dabei nur um einen Unterschied der Technik, nicht 
des Behandlungsprinzips. Denn die von Freud aufgestellten Kriterien 
des psychoanalytischen Verfahrens: Das Ausgehen von den Tatsachen der 
Übertragung und des Widerstandes, die Berücksichtigung der infantilen 
Triebe, der Verdrängung und ihrer Wirkungen, der Amnesie, des Wieder- 
holungszwanges, femer die in der „Geschichte einer infantilen Neurose" 
erhobene Forderung des Aufdeckens der Urszene, — alle diese Kriterien 
sind in der Spieltechnik im vollen Maße aufrecht erhalten. Das Spiel verfahren 
führt unter Wahrung aller Prinzipien der Psychoanalyse zu den gleichen 
Wirkungen wie die klassische Technik. Nur in den technischen Maßregeln 
paßt es sich der kindlichen Seele an. 



Die Bedeutung des Brustsaugens und 

Fingerlutschens für die psychische 

Entwicklung des Kindes' 

Von 

Wera Sclimidt 

Moskau 

Seit Professor Freud die infantile Sexualität und ihre Komponenten 
entdeckt hat, haben Abraham und andere Psychoanalytiker die Äußerungen 
der Oralerotik behandelt. Doch fehlte es an systematischen Beobachtungen 
darüber bei Kindern, Es lag nicht in meiner Absicht, in diesem Artikel 
die Entwicklung der Oraleroiik vollständig darzustellen. Dieser Frage wird 
eine besondere Arbeit gewidmet sein. Hier lag mir vor allem daran, tat- 
sächliches Material zu dieser Frage zu bringen. Ich wollte nur, auf Grund 
eigener Beobachtungen über die Entwicklung eines Knaben, zeigen, wie 
die allmähliche Differenzierung der Gefühlserscheinungen des Hungers und 
der Libido erfolgt, die zwar in ein und demselben äußeren Akt — dem 
Saugen — verknüpft sind, sich aber gänzlich verschieden beim Kinde 
äußern und es zu völlig verschiedenen flandlungen treiben. Ferner, hoffe 
ich, wird meine Arbeit zeigen, welche große Bedeutung das Saugen für 
die Verstandesentwicklung des Kindes hat und welche Möglichkeiten ihm 
durch das Saugen für die Verbindung mit der Realität eröffnet werden. 

Zuerst mögen die wichtigsten Mitteilungen über das Kind folgen: Die 
Geburt erfolgte reclitzeitig und normal, keine Asphyxie, Gewicht 5600 Gramm. 
Am dritten Tage wurde es von einem guten Kinderarzt untersucht und für 
ein völlig gesundes, sehr kräftiges Kind befunden. Vater und Mutter sind 
völlig gesund, in beiden Familien sind keine schweren vererbten Er- 
krankungen vorhanden. Die ersten sechs Monate erfolgte Brustnahrung 

1) Dieser Aufsatz ist einem Vortrag entnommen, der am 27. November 1924, in der 
Russischen Psychoanalytischen Vereinigung gehalten wurde. Die Form des Vortrages 
ist beibehalten worden. 



57* 



Wera Scliiiiitlt 



durch die iMutter. Spater wurde allmiihlich mit Beiniihrung begonnen. 
Völlig von der Brust entwöhnt war das Kind mit einem Jahr. Die Zähne 
kamen rechtzeitig, ohne irgendwelclio Krankheitserscheinungen. Mit seiner 
Erziehung wurde bereits am ersten Tag begonnen. Sie bestand erstens in 
der Gewöhnung an ein bestimmtes Regime und zweitens in der Gewährung 
voller Bewegungsfreiheit. Die Hände waren frei. Die Füße leicht in Windel 
eingehüllt. Die Entwicklung verlief völlig normal, durch nichts eingeengt, 
aber auch nicht forciert. Das Kind hatle kein Kindermadclien; während der 
ersten eineinhalb Jahre seines Lebens oblag die ganze Wartung der Mutter. 
Später kam es in das Kinderheim des Psychoanalytischen Instituts, wo es 
bis zu viereinhalb Jahren lebte. 




Aus dem Tagebuche 



BRUSTSAUGEN 

2lin, 1920 (l. Tag)' 

„Ungefähr um secha Ulir abends legte 
man Alik mm erstenmal im die Brust, 
obgleich ich noch keine Milch hatte. Er 
ergriff die Brustwarze sehr fest mit den 
Kiefern und begann iii saugen, Er unter- 
brach sich einigemal, aber man hielt ihn 
von neuem zum Saugen an. Das dauerte 
ungefähr eine Vierlelslunde." 

Jim (2. Tilg) 

„Alik will essen, öffnet immerzu den 
Mund, wie ein Junges, dreht den Kopf 
nach der Seite, als ob er danach sucht, 
was er greifen könnte. Im Schlaf macht 
er Saugbewegimgen mit den Lippen und 
schmatzt sogar. Die Brust crgrifT er heute 
mit außerordentlicher Stärke. Er warf sich 
auf mich uiid saugte sich mit den Kiefern 
so fest, wie mit einer Zange, an." 

4ini (}. Tag) 

„Zum Essen legt Alik den Kopf zurück 
und wirft sich dann buchstäblich auf mich, 
trinkt aus der Brust und hält die Brust- 
warze wie mit Zangen fest. Nachdem er 
ein wenig gesaugt hat, schlummert er ein. 
Ich wecke ihn. Er legt sich wiederim» 
zurück und stürzt sich wieder auf die 
Warze." 



FINGESLUTSCHEN 



ijm (2. Tag) 
„Zufiillig geriet der Zeigefinger in den 
Mund und er begann zu lutschen." 



4im (J. Tag) 
„Heute früh, nach dem Essen, bewegte 
er sehr lange die Finger um den Mund 
herum. Wenn einer von ihnen in den 
Mund geriet, begann Alik ihn mit Lust* 
zu lutschen, aber oft drünglen die be- 
unchbartfu Finger durch ihre Bewegung 
ihn niis den Mund . . - Alik äußerte seine 
Unlust hierüber in zornigem Schnaufen 
und Keuchen." 



1) Geboren um sieben Uhr morgens. 

2) Die Bezeichnungen „Lust" und „Unlust" geben hier di« periönlichen Eindrucke 
der Mutter wieder. 



% 



Die Bedeutung des Brustsau^ens imd Fin^erlutschens usw. gjig 

BRUSTSAUGEN FING ER LUTSCHEN 

Jim (4. Tag) Jim (4. Tag) 

Zum Saugen wirft er sich nicht mehr „Immer öfter und Öfter gerät eines 

auf die Warze, sondern fuhrt die Lippen der Fiiigerchen (und zuweilen auch alle 
nach rechts und links, bis er sie packt." zehn auf einmal) in den Mund und bleiben 

dort manchmal eine geraume Zeit." 

yllll (6. Tag) 

„Alik saugt jetzt ^vieder anders; er 
packt selir fest auf einmal die Brustwarze 
und laßt sie für keine Sekunde aus. Die 
ersten fünf Minuten saugt er sehr intensiv 
und rhythmisch wie eine Piunpe, dann 
schläft er ein. Ich wecke ihn, er beginnt 
zu saugen, wobei er zuweilen anhält und 
sich unterbricht, bis er wieder einschläft." 

Wir sehen, daß Alik der Mutterbrust gegenüber höchst aggressiv ist. Sein 
Saugen ist eher ein Ergreifen mit den Kiefern, d. h. ein Beißen. Und 
erst in der weiteren Entwicklung werden wir sehen, wie er zum richtigen 
Saugen übergeht, wobei auch die damit verbundenen Lustgefühle allmählich 
zum Vorschein kommen. Parallel und anfänglich vollständig zufällig machte 
Alik sich mit den Gefühlen bekannt, die aus dem Lutschen der in den 
Mund geratenen Finger entstehen. 

In der zweiten Woche sind keine neuen Beobachtungen über das Brust- 
saugen verzeichnet, das Kind hat bereits einige Erfahrung darin erlangt 
und gibt sich ruhig der Sättigung hin. Die Finger geraten infolge des 
Unvermögens, die Bewegung zu koordinieren, bald in den Mund, bald 
wieder von dort heraus und stören so die Buhe des Kindes. Das ruft 
bei ihm eine Reaktion der Unlust hervor und wahrscheinlich ein unklares 
Streben, das angenehme Gefühl, das beim Lutschen der Finger entsteht, 
zu verlängern. (Wären diese Gefühle nicht vorhanden, so würde das Kind 
nicht zornig sein, wenn die Finger aus dem Mund herausfallen.) Soweit 
gehen die Notizen hierüber von der zweiten Woche. 

(^jin (8. Tag). „Die Hände Aliks bewegten sich längs des Mundes nach rechts 
und links. Wenn die Faust die geöffneten Lippen berülirte, begann Alik mit Be- 
friedigung daran zu lutschen, aber nach einigen Sekunden bewegte sich die Faust 
weiter nnd glitt aus dem Munde heraus. Darauf reagierte Alik mit einem zornigen 
Gequietsche und sein Gesicht nahm einen ganz bestimmten zornigen Ausdruck an. 
Solange die Hände sich neben dem Mund bewegten, war er fortwährend halb geöffnet. 
Wenn der Ärmel des Leibchens die Lippen berührte, machte Alik Bewegungen mit 
den Lippen, als ob er tasten wollte, die Augen waren während dieser Zeit nach der 
Decke gerichtet und unbeweglich. Kaum näherte sich die Faust den Lippen, so begann 
Alik sofort zu lutschen und blinzelte vor Lust mit den Augen." 

Jjßll (14- Tag). „Nach der Mahlzeit steckte er den Pinger in den Mund und 
hielt ihn dort, ohne ihn herauszunehmen über fünf Minuten. Beim Lutschen des 
Fingers gibt er heute zum erstenmal undeutliche Täne,iV{'iif?i, niom' oder ,gj],^' von sich." 



jSo Wera Scliiiiidt 



Aus diesen Notizen 'kann man den Schluß ziehen, daß das Kind während 
dieser Woche, wenn auch noch nicht vollslandig, es gelernt hat, den 
Finger neben dem Mund zu hallen, So drängt das Streben nach Ver- 
längerung der angenehmen Gefühle das Kind zu neuen Errungenschaften, 
im gegebenen Falle — zum Anfang der Koordination der Bewegungen. 

Im Laufe der dritten Woche befestigen sich nicht nur die Gewohn- 
heiten, die Hand länger in der Nähe des Mundes zu halten, sondern es 
ist noch ein Schritt vorwärts gemacht worden; es ist das Streben auf- 
getreten, die Finger in den Mund zu stecken. 

12/111 (tp. Tag). „Die Finger bewegen sich direkt zum Mund. Wenn es Alik nicht 
gelingt, so stößt er zornige Schreie aus und weint sogar . . . Heute hat er selir 
lange am Daumen der linken Hand gelutscht und ist sogar dabei eingeschlafen." 

Außerdem hat das Kind in dieser Woche zum erstenmal zwei ganz 
verschiedene Prozesse vereinigt, das Saugen und die Uefäkalion. 

„Jedesmal bei der S tuhl entlehr ung lutscht Alik die Faust sehr hartnäckig, gierig 
und mit einem besonderen , Grunzen'," 

Aber ist das nicht ein neuer Schritt in der Entwicklung des Kindes? 
Das Lutschen der Faust während des Defäknlinnsaktes, Kcigt es uns denn 
nicht, daß in dem primitiven Denken des Kindes sicli diese beiden Prozesse 
infolge der gleich intensiven Lust, die sie verursachen, vereinigt haben? 
Mit diesem Vorrat von Gewohnheiten und primitiven Assoziationen, die 
mit dem Saugen verknüpft sind, tritt das Kind in die vierte Woche seines 
Lebens. 

2S;ni (27. Tag). „Gestern und heute begann Alik die Brust wiederum anders xu 
saugen. Er packt nicht mehr mit den Kiefern wie früher, sondern mit den Lippen 
und der Zunge. Letztere spielt jetzt im SaugproieQ eine wichtige Rolle.' Naclideni 
Alik fünf bis acht Minuten gesaugt hat, beginnt er einfach die Brustwarze zu kauen. 
Man merkt, daß er bereits satt ist, Milch nicht mehr saugt, trotzdem diese noch 
reichlich vorhanden ist, sondern sicii einrach ein Vergnügen bereitet. Er schlaft nicht, 
liegt mit offenen Augen und macht leichte Saiigbewi-gLuigen mit den Lippen." 

Im folgenden bringt das Tagebuch eine Zusammenfassung über den 
Erwerb an Fähigkeiten des Kindes im ersten Monat. 

„In der vierten Woche bat das Saugen an der Brust sich aus einem ausschließlichen 
Sättigungsakt in einen lustspendenden Vorgang verwandeil. Alik stiugt rasch und gierig. 



1) Unter den von mir beobachteten Kindern hat keines in den ersten Lebenstagen 
sich in demselben Maße aggressiv gezeigt (die kannibalischen Triebe offenbart), wie 
Alik. Im Gegenteil, ich konnte ein Mädchen in den ersten Tagen seines Lebens 
beobachten, die nicht saugte, sondern die Brust leckte und die Mutter mußte nicht 
wenig Anstrengungen machen, um es zum Saugen zu bringen. Hier entsteht ein neues 
und sehr interessantes Problem darüber, wie die Mädchen und die Knaben zu saugen 
beginnen und ob hier nicht Unterschiode vorlianden sind, die für jedes Geschlecht 
typisch sind. Aber das gehiirt nicht mehr zur Aufgabe des vorliegenden Aufsaties. 



Die Bedeutung des Brustsaugens und Fingerlutschens usw. ^81 

bis er satt ist, dann beginnt er ganz anders zu saugen, die Brustwarze mit deu Lippen 
allein zu drücken oder zu kauen, und dabei läßt er genau dasselbe „Grunzen" Ter- 
nehmen, wie beim Lutschen der Paust während der Defakation. Wenn man die 
Brustwarze wegnimmt, bevor er satt ist, so begimit er gierig mit den Lippen zu 
suchen. Wird sie aber weggenommen, während er kaut, so liebt er ein verzweifeltes, 
gekränktes ^Veinen an, aber er versucht nicht, sie zu suchen oder mit den Lippen 
zu packen." 

So sehen wir in der vierten Woche, d. h. am Ende des ersten Monates, 
bereits eine Differenzierung zweier Momente, der Sättignng und des Lust- 
gewinns.' Das Kind verhält sich, wie wir gesehen haben, verschieden, wenn 
es ißt, und wenn es einfach sich angenehmen Gefühlen hingibt. Es reagiert 
auch verschieden auf Entbehrungen. 

Die Berichte der sechsten Woche zeigen deutlich, daß das Kind sich 
ganz verschieden verhält, wenn es die Finger aus Hunger oder zum Ver- 
gnügen lutscht. 

iijIV (41. Tag). „Gestern und heute vor der Mahlzeit (während ich die Brust 
reinigte) saugt Alik die Finger mit ungewöhnlicher Gier. Dabei läßt er undefinier- 
bare Töne so ähnlich wie ,nga, nga' vernehmen, wendet sich fortwährend umher, dreht 
den Kopf, schreit von Zeit zu Zeit auf, läßt manchmal zornige Töne hören, dann 
saugt er wiederum. Die Finger rutschen immer aus dem Munde, bald lutscht er am 
Finger, bald an der Faust usw." 

la/IF (43. Tag). „Morgens nach dem Essen lag Alik ruhig und lutschte eifrig 
am Zeigefinger der linken Hand, und ließ das charakteristische ,Grunzen' vernehmen. 
Die Augen waren weit offen und fast unbeweglich. Überhaupt waren Unbeweglichkeit 
und Konzentriertheit die besonderen Züge seines heutigen Lutschens. Es genügt zu 
sagen, daß er fast eine Stunde ein und denselben Finger gelutscht hat." 

Hier tritt der Unterschied in dem Benehmen des Kindes so kraß hervor, 
daß er für sich selbst spricht. Es folgt nun ein Bericht darüber, wie das 
Kind sich verhält, wenn es hungrig ist, ißt und sich gesättigt hat und — 
wenn es sich nur Lust verschafft. 

l/^ (Aus den Ergebnis s<:jt des 2. Monats). „Der Hunger kommt bei Alik in lautem Schreien 
und in einer ganzen Reihe zweckmäßiger Bewegmigen zum Ausdruck, die darauf ge- 
richtet sind — die .Beute' zu erfassen. Mit den Händen macht er ganz bestimmte, 
greifende Bewegungen, indem er die Fäustchen zusammendrückt niid aufmacht. Den 
Kopf bewegt er seitwärts und sogar nach unten, wie um mit den Lippen etwas Unsicht- 
bares zu erfassen, was auf dem Polster liegt. Wenn man ihn aiif den Händen hält, hebt 
er den oberen Teil des Körpers und sucht mit den Lippen in der Luft. Dabei läßt er 
kurze, abgerissene Töne hören und manchmal weint er laut . . . Der Ausdruck der Atigen 
ist suchend, gierig . . . Nehme ich ihn auf die Hand, um ihn zu stillen, so wird er 
ganz umgewandelt. Das Schreien hört auf, auf dem Gesicht erscheint ein ganz besonderer 
Ausdruck — eine Mischung von Gier und Erwartung. Er atmet angestrengt, greift aber 
nicht melir mit dem Mund, sondern schaut nur auf die Brust. Die Brustwarze packt 
er nicht niu- gierig, sondern mit einem noch viel stärkeren Gefühl, wofür mir kein 
Ausdruck einfallt!" 



1) Vgl. Bernfeld, Psychologie des Säuglings, 1925, S. 63 ff. 



-82 Wem Scliniiiit 



„ , . . Nun hat er sich gesättigt, er liegt ruhig, langsam den Blick von einem Gegen- 
stand lum anderen lenkend, auf den Lippen — ein unbestimmtes, glückliches Lächeln, 
die Händchen bewegen sich faul, selten lassen sich leichte Tiine wie Seufzer ver- 
nehmen. Das ist die Inkarnation der Zufriedenheit und der Ruhe." 

Und nun einen Bericht darüber, wie Alik die Finger zu seinem Ver- 
gnügen lutscht. 

7/r. „Beim Pingerlutschen hat Alik ein ungewöhnlich gespanntes Aussehen. Sein 
Blick ist nach innen gerichtet. Er sieht und hört nichts. Seine Stellung ist vollkommen 
unheweglich. Die ganae Zeit gibt er die charakteristischen ,grun2enden' Tonn von sich." 

Dieser ganze äußere Anblick des Kindes und seine ganze Führung zeigt 
uns deutlich, daß wir in ein und demselben Akt zwei völlig voneinander 
verschiedene Dinge haben: Sättigung und mit der Sättigung verbundene 
Befriedigung, und eine Befriedigung völlig anderer Ordnung, die mit der 
Außenwelt nicht verknüpft ist. 

Beim Fingerlutschen ist das Kind in sich versunken und der Außenwelt 
vollkommen entrückt. 

Aber da es nicht ständig am Finger lutschen kann, — bald wird es 
gewickelt, bald genährt, oder es schläft, und die Finger fallen ihm aus 
dem Munde heraus, — so muß es jedesmal von neuem die Wiederherstellung 
der angenehmen Empfindungen anstreben. Dies führt, worauf ich schon 
oben hingewiesen habe, zu den ersten Versuchen koordinierter Bewegung 
der Hand. 

In der neunten Woche beherrscht das Kind dies alles schon in be- 
deutendem Maße, und versteht bereits die Finger zum Munde zu führen, 
wann es will. 

In derselben neunten Woche trat noch ein Ereignis ein: 

^JV (6j. Tag). „Alik ergriff mit beiden Händen den Rand seines Kleides und steckte 
es in den Mund." 

Ein neuer Schritt in der Entwicklung des Kindes. Von diesem Moment 
an beginnt es mit der Außenwelt in Berührung zu treten und sie zunächst 
durch seine bevorzugte erogene Zone kennen zu lernen. 

Der Bericht der zehnten Woche sagt hierüber folgendes: 

//f (6;. Tag). „Gestern und heute verfolgt Alik sehr aufmerksam die Bewegung 
der linken Hand. Er bewegt sie nach vorn und nQc}i hinten, nach rechts xmd nach 
links, die Augen folgen ununterbrochen ihren Bewegungen. Der Gesichtsausdruck ist 
sehr ernst, die Lippen leicht geöffnet, die Brauen germiiclt." 

Das Kind macht seine Beobachtungen, indem es seine Aufmerksamkeit 
einem bestimmten Gegenstand zuwendet {der linken Hand). Der Bericht 
fährt fort: 

„Einmal versuchte er die linke Hand mit der rechten zw ergreifen, aber er machte 
die Faust zu früh, Trotidem begaim er die linke Hand mit der rechten in den Mund 



Die Bedeutunn des Brustsaugens und Fingerlutschens usw. "85 

zu schieben. Der Mund öffnete sich, so, als ob er darauf gewartet hätte, aber er 
brachte die Hand nur ungefähr bis zum Kinn und begann daim von neuem mit beiden 
Händen von vom auszuholen." 

17. Wacht: 16/V (76. Tag). „Die Beobachtung seiner Hände geht immer weiter 
voran. Er wendet bereits seine Blicke von der einen Hand auf die andere, so, als ob 
er sie miteinander vergliche. Dabei sind die Hände ständig zu Fäusten geballt. Gestern 
und heute lutschte er abwechselnd bald an der linken, bald an der rechten Paust. 

12. Woche: 241V (S4. Tag). Bereits seit drei Tagen greift Alik mit der einen Hand 
die andere. Er schaut sehr eifrig auf seine sich bewegenden Hände, dann beginnt er sie 
langsam einander lu näbeni. Eine ergreift die andere luid führt sie zum Munde hinein." 

An demselben Tage : 

„Er greift jetzt bereits verschiedene Gegenstände (Windel, das Kleidchen, das 
Hemd oder das TuchJ und steckt es in den Mund . . . Heute spielte er mit dem 
Pinger des Vaters und steckte ihn ebenfalls in den Mund." 

So beginnt das Kind also langsam und allmählich sich mit der Außenwelt 
bekannt zu machen. Die Lust verknüpft sich jetzt mit neuen Momenten — 
den Erkenntnisakten. Es schaut auf seine Hand und zieht sie in den Mund. 
Hiebei zieht es sie mit der anderen Hand, obgleich es bereits sehr gut 
die Hand zum Munde führen kann, wenn es lutschen will. Wir werden 
sehen, wie das Fingerlutschen ihm nach einer gewissen Zeit ermöglicht, 
zwei Empfindungen zu verknüpfen, die es gleichsam aus zwei verschiedenen 
Gegenständen her erhalten hat, — dem Anblick der Hand, welche es mittels 
der anderen Hand in den Mund steckt, und derselben Hand (aber unsichtbar), 
wenn es den Finger lutscht. Dasselbe Fingerlutschen verhilft ihm die Hand 
(vorläufig nur diese) von anderen Gegenständen, die nicht seinem Körper 
angehören, zu unterscheiden. Der Beginn dieses Erkennens — seines Körpers 
und der Welt — ist auch in dem eben angeführten Bericht enthalten. 

Was geht nun in diesen* Monat beim Brustsaugen vor sich? In den 
„Fortschritten des dritten Monats" findet sich darüber folgender Bericht: 

ijVI. „Wenn Alik vor dem Essen in Windeln gelegt wird, so lächelt er fröhlich; 
wenn er eingewickelt ist, so schaut er auf mich, während ich das StiUen vorbereite. 
Dann, wenn ich ihn auf den Arm nehme, macht er immer eine und dieselbe Bewegung 
mit dem Munde: Er züngelt und schmatzt mit den Lippen, wobei er mit gierigen 
Augen auf die offene Brust schaut. Wenn ich irgendwie mich verzögere, beginnt er 
heftig zu weinen. Während des Saugens geht seine Hand teilweise zur Brust, teil- 
weise auf mich, und zuweilen greift er das Kleid oder nach meinem Finger, Alik 
saugt gierig, aber nur so lange die Milch von selber fließt; hört sie auf, so beginnt er 
sich au ärgern und verlangt, an die andere Brust gelegt zu werden. Wenn er getnmken 
hat, läßt er die Brustwarze los und das erste, was er tut ist, daß er mich anlächelt. 
Dann fangt er zu sprechen an, und setzt dieses auch noch im Bett fort . . . Die Stellung 
während des Saugens ist charakteristisch. Sein Rumpf ist leicht gebogen und mir zu- 
gewandt. Der Kopf liegt weit zurück, die Hand ist ebenfalls nach hinten gelegt, die 
Augen halb geschlossen. Die Wangen sind gerötet. Seine Stellung und seine ganze kleine 
Figur ist von einer außergewöhnlichen Wollust erfüllt." 



384 



Wcra Schmidt 



Aus diesem Bericht geht hervor, daß die Lust, die mit dem Brustsaugen 
verknüpft ist, noch immer am stärksten ist, aber nach meiner Ansicht 
beginnt hier bereits noch ein anderes Moment in den Vordergrund zu 
treten — die Lust aus der Nähe der Mutter. Darauf deutet das Verhalten 
seiner Hände während des Trinkens und auch sein Anschmiegen mit dem 
ganzen Körper. Endlich mag noch als Beweis das Lächeln dienen, mit 
dem er sich unmittelbar nach Beendigung der Mahlzeit an die Mutter wendet. 

Auf diese Weise hat Alik im dritten Monat die Bezieliung zur Außenwelt 
hergestellt: das Saugen an der Brust niihert ihn der Muitcr, das Finger- 
lutschen lehrt ihn die Teile seines Körpers von fremden Gegenständen zu 
unterscheiden. 

Im vierten Monat ändert sich das Benelunen des Kindes vollständig. 

Seine ganze Tätigkeit und sein ganzes Jnlercssc konzentrieren sich auf die 

Bewegungen der Hände, der Füße und des Körpers. Er lernt Gegenstände, 

und sogar sich bewegende Gegenstände {seine Beinchen) ergreifen, sich nach 

allen Seiten drehen, und interessiert sich für iiMcs, was um ihn herum vor 

sich geht. 

V\'as geschieht aber nun mit dem Fingersaugen? 

ij. JVixht: 14/yi (10;. Tag). „Alik hitscht jetit seine Finger nur vor dem Schlaf 
und im Schlaf. Das Lutschen beginnt für ihn ein Schlofmittel lu werden." 

Wenn wir uns an die früheren Berichle erinnern, wo davon gesprochen 
wird, wie das Kind andauernd bemülit ist, den Lustgewinn aus dem Lutschen 
zu verlängern und stundenlang ununterbrochen die beiden Finger der linken 
Hajid saugen kann, so sehen wir, daß der lüitwickhnigs[ir07.eß des Kindes weit 
vorgeschritten ist, Das Fingerlutsclien verlor seine frühere Starke als Genuß, 
es würde jetzt das Kind nur noch in seinen Bevvegungs- und Forschungs- 
versuchen stören. Die Muskelerotik trat entschieden an die erste Stelle, und 
dem Fingerlutschen verblieb seine Bedeutung: das Kiiul von der Außenwelt 
zu trennen (die Versenkung des Kindes in sich selbst). Das Kind lutscht die 
Finger jetzt vor dem Einschlafen und während des Schlafens. Hierin können 
wir ein gutes Beispiel dafür sehen, daß das Kind, das sich normal olme 
Hemmungen entwickelt hat, seine Triebe niclil auf das ^'ingerlutschen fixiert; 
es hat dafür sehr viele andere überaus interessante MögHclikeiten. 

Gleichzeitig mit der Kniwicklung der Muskclläligkeil zeigt sich beim 
Kinde auch eine mit der oralen Zone verknüpfli; aggressive Tendenz {Be- 
rn ächtigungstrieb). Tn dieser Zeit beschüfligic sicli Alik sehr wenig damit, 
an Gegenständen zu lutschen, sondern bemühte sich mehr, sie mit dem 
Mund zu ergreifen, sie durch den Mund sich zuzui-ignen.' 



1) Wahrscheiidich haben wir hier ein Obi'rblcibscl der sogenannten „kannibali- 
schen Phase der Entwicklung" des Menschen. 



Die Bedeutung des Brustsaugens und Fingerlutsch ens usw. 585 

Hierüber folgendes: 

r/. ^oche: 9/r/ (100. Tag). „Aliks Aufmerksamkeit war heute durch meinen Plaid 
angezogen. Er wandte sich auf seine Seite und langte mit den Händen, mit dem 
offenen Munde danach. Seine ganie Stellung zeigte eine aggressive Absicht, aber be- 
sonders charakteristisch war sein weit geöffneter Mund." 

!■/. Woche: 141VI {loj. Tag). „Ich setzte mich an seine linke Seite und legte mir 
eine farbige Stickerei auf die Brust. Sowie Alik sie sah, begann er sich auf sie zu 
bewegen. In seine Augen kam ein gieriger Glanz, der Mund öffnete sich, die Lippen 
wurden vorgeschoben, der Atem kam stol3weise. Er wandte sich mit dem oberen 
Teil des Körpers zu mir und streckte die Arme aus. Eine Zeitlang versuchte Alik 
die Stickerei zu ergreifen, aber ohne Resultat. Darauf legte er sich auf den Rücken, 
sah die Stickerei gierig an, wobei er seine Faust lutschte." 

Im vierten und fünften Monat sind fast gar keine Aufzeichnungen über 
das Lutschen. Dies erklärt sich vor allen Dingen daraus, daß Alik in 
dieser Zeit sehr stark von allen möglichen Bewegungen in Anspruch ge- 
nommen war. Keine Minute war er ruhig. Als einen großen Erfolg dieser 
Periode können wir den Umstand betrachten, daß er in dieser Zeit allmählich 
lernte, an seinen Zehen zu saugen, d. h. eine neue Bewegung, die mit dem 
Lutschen verknüpft war und ein bestimmtes Ziel verfolgte, zu beherrschen 
begann. 

In der zwanzigsten Woche wurde mit Alik ein kleines Experiment angestellt, 
um festzustellen, ob das Saugen allein oder auch die Anwesenheit der 
Mutter während des Essens notwendig und wichtig ist. Die Familie Aliks 
lebte damals auf dem Lande zusammen mit der Familie G. Alik kannte 
Frau G. sehr gut, sah sie ständig, liebte sie sehr und hielt sie durchaus 
für eine der seinigen. Die Mutter bat Frau G., sie bei einer Mahlzeit zu 
ersetzen . 

ly/FII (ijS. Tag). „Heute machten wir mit Frau G, folgenden Versuch: Als die 
Essenszeit herangekommen war, nahm sie Alik, setzte sich auf meinen gewöhnlichen 
Platz und legte ihn an die Brust Auf dem Gesicht Aliks zeigte sich ein starkes 
Nicht verstehen. Er ergriff nicht die Brustwarze, wie gewöhnlich, sondern blieb mit 
offenem Munde und schaute ununterbrochen auf Frau G. Dann drehte er den Kopf . 
und begann mit den Augen im Zimmer herum zu suchen, erblickte mich und begann 
mich anzulächeln. Wie sehr auch Frau G. versuchte, ihm die Brustwarze in den 
Mund lu legen, so nahm er sie doch nicht. Jedoch, sowie ich ihn an die Brust legte, 
lächelte er fröhlich und begann sofort zu saugen." 

Der sechste Monat bringt wiederum viele Berichte und Beobachtungen über 
die weitere Entwicklung des Saugens. Es muß bemerkt werden, daß dieser 
Monat in vielen Beziehungen ein Wendepunkt im Leben Aliks war. Erstens 
konnte er vollständig seinen Körper nach allen Seiten drehn, am Ende 
dieses Monats {der 25. und 26. Woche), begann er selbständig zu sitzen 
und sich am Rande des Wägelchens festhaltend selbständig zn stehen. 
Ferner erhielt er zum Schluß des Monats zum erstenmal Mannagrütze 

Imago XII. 25 



-86 Wera Schmidt 



statt der reinen Brustnahrung. Und zur selben Zeit gibt er, wie wir aus 
den unten angeführten Aufzeichnungen sehen werden, fast vollständig den 
Lustgewinn beim Brustsaugen auf. 

Beginnen wir mit den Berichten, die sich auf das Erkennen seiner 
Umwelt und seines Körpers durch das Saugen beziehen. 

2j. IVocht: ylVlU (1S9. Tag). „Alik liebte es sehr, mit dem Bauch nach unten zu 
liegen, die Ellbogen aufgestützt und ebenso die Knie. In dieser Stellung schaut er 
auf seine Hände, lutscht sie und schaut dann wieder nuf sie." 

34. Woche: 16IVIH (16S. Tag). „Alik erhielt heute ein neues Spiclieug. Als ich es 
ihm gab, ergriff er es mit beiden Händen, schaiilc es an und steckte es plötzlich in 
den Mund. Er lutschte etwas daran, nahm es dann heraus, lutschte an seiner Hand 
unterhalb der Handwuriel, begann dann wiederum an dem Spieheug lu lutschen, 
dann wiederum an der Hand, und dann begann er das Spielieug aniuschauen und 
ließ es schließlich fallen." 

26. Woche: 2SIVIII (180. Tag). „Beim Lutschen scheint Alik ein Wissen um seine 
eigene Hand zu haben. Früher geschah es sehr liiiurig, daß er irgendeinen Gegen- 
stand ergriff, aber lufiillig nicht ihn, sondern seine Hand in den Mund bekam und 
daran lutschte, ohne die Täuschung lu merken. Heute aber ergriff er meinen Finger 
und steckte ihn in den Mund. Ich drehte meinen Finger vorsichtig so, daG seine 
Hand in den Mund kam imd mein Pingor unten blieb, (Ich lialLe dies schon früher 
mehreremal mit Erfolg getan.) Aber jetzt wandte Alik, nachdem er mit dem Munde 
seine Hand ergriffen hatte, sofort den Kopf und schrie heftig, um, dann von neuem 
meinen Finger hineiniustecken." 

So sehen wir, daß das Kind durch das Lutschen am Finger und an 
Gegenständen die Glieder seines Körpers von fremden Gegenständen zu 
unterscheiden gelernt hat. Wenn dies auch nocli jetzt nur durch den Mund 
geschieht, so gelingt es doch bereits leichter; weil das Seilen, das Tasten, 
der Schmerz ihm helfen das Begonnene zu vollenden. Der Mund und das 
Saugen mit dem Munde stellen jedoch vorläufig noch immer im Zentrum 
seiner Bemühungen, die ihn umgebenden Dinge zu erkennen. Nachdem Alik 
gelernt hatte, sich auf dem Bauch herumzudrehen, begann er die Gegenstände 
direkt durch den Mund, ohne Zuhilfeniilime der Ilande, zu untersuchen. 
Solche Aufzeichnungen gibt es sehr viele: er schnappt mit dem Munde und 
er greift mit dem Munde. Ich werde nicht alle anführen, sondern beschränke 
mich nur auf eine eng mit dem Lutschen verknüpfte Aufzeichnung. 

26. Woche: 28/FIII (iSo. Tag). „Alik erhielt ein großes, rotes Holzei geschenkt. Er 
spielt mit ihm sehr gern, meistens legt er sich auf den Bauch, beginnt mit dem, 
Mund am Ei lu lutschen, wobei er es vorwärts bewegt, da das Ei sich dreht." 

Nun noch ein neues Moment, das vielleicht bei der Sublimierung der 
Oralerotik eine Rolle spielt: das Ansaugen an die Mutter, wahrscheinlich 
die erste Form des Kusses. 

2J. Woche: jjnu [i S9- "^"g)- .Jch nahm Alik auf den Arm, um mit ihm spazieren 
zu gehen. Während wir gingen, drehte Alik seinen Kopf zu mir und plütalich warf 



Die Bedeutung des Brustsaugens und Fingerlutschens usw. 287 

er sich auf mich und saugte an meiner Wange. Ich war so erstaunt, daß ich mich 
nicht gleich wegbog, so daß er mit dem Mund einen Teil meiner Wange festhalten 
konnte. Später wiederholte sich dies noch einmal, ebenso sclmeil imd unerwartet, 
und das drittemal saugte er an meinem Arm in der Schultergegend." 

Solche Berichte werden wir später noch mehrfach finden. Alik saugte 
sich nicht nur an mich, sondern auch am Vater an. Das Ansaugen geschah, 
wenn man mit ihm spielte, er in guter Stimmung war und keine An- 
zeichen von Hunger zeigte. 

Wir gehen jetzt zum eigentlichen Brustsaugen über und wollen sehen, 
oh hier eine Veränderung in den letzten drei Monaten erfolgt ist. Beim 
letztenmal, am Ende des dritten Monats, sagten wir, wie stark noch der 
Lustgewinn vom Brustsaugen war. Sehen wir nun zu, was die Berichte 
der vierundzwanzigsten Woche sagen. 

i6jVin (168. Tag). „Wenn der stärkste Hunger beim Stillen schon beseitigt ist, 
wird Alik von dem kleinsten Geräusch, aber auch ohne jeden äußeren Grund, vom 
Essen abgelenkt. Plötzlich stoßt er mit beschäftigtem Blick die Brustwarze fort und 
schaut im ganzen Zimmer herum. Gleichsam als ob er sich überzeugt hätte, daß 
alles an seinem Platz ist, beginnt er wiederum geschäftig zu sangen." 

Hier sehen wir Bereits nicht mehr das völlige Insichselbstversunkensein. 
In seinem Empfinden und Leben herrscht nicht mehr jene „Wollustpose", 
von der wir oben gesprochen haben. Das Kind saugt mit „geschäftiger" 
Miene, 

Das heißt, daß die Sexualbefriedigung, die mit diesem Akt verbunden 
ist, entweder gänzlich auf irgend etwas anderes übertragen wurde oder nur 
noch in sehr kleinen Dosen vorhanden ist. 

In den „Ergebnissen des sechslen Monats" wird darüber schon ganz 
bestimmt ausgesagt, 

j/IX, „Das Brnstsaugen ist schwächer geworden und an die iweite Stelle gerückt. 
Zuerst saugt er gierig, solange er noch Hunger hat, später beginnt er zu spielen, 
dreht sich beinahe auf den Bauch, schlägt mit den Händen, lallt, hält aber die 
Warze im Munde. Dies weist darauf hin, daß die sexuellen Erscheinungen fehlen, 
die bisher sich in der Konzentriertheit, Unbeweglichkeit usw. geäußert haben. Was 
ersetzt ihm aber diese Lust? . . . Ich wollte schon lange Sagen, daß ich anfange, für 
ihn ein Objekt zu werden, das an"die Stelle des Saugens tritt, und daß im gegebenen 
Moment für ihn die vielleicht nin: rein physische Empfindmig meiner Nähe notwendig ist." 

So wird also am Ende des sechsten Monats die überaus starke und kräftige 
Saugelust allmählich unbedeutender. Teilweise behält sie noch ihre Bedeu- 
tung beim Fingerlutschen, teilweise geht sie in einen Lustgewinn, sozu- 
sagen taktilen Charakters über, der mit der physischen Nähe der Mutter 
überhaupt und nicht der Mntterbrust allein verknüpft ist. Und daher 
verhält sich Alik auch, als er zum erstenmal MEinnagrütze statt der Brust 
erhält, dieser Talsache gegenüber völlig ruhig. 

25* 



,g8 Wera Sfliiiiidt 

J 



26 Wocht- jiirni (18]. Tag). „Heute erhielt Alik «um erstoiimal GrÜUe. Er aß 
sie direkt aus dem Löffel und mit groDem Appetit. (I.i den heißen Tagen des Sommera 
hatte ich ihm oft mit einem Löifelchen zu Irinken gegehe», so daß er schon daran 
gewohnt war.)" 

Im siebenten und achten Monat lernt das Kind allmählich aus dem 
Löffel essen. Anfänglich war es über die Unterbrechung aufgeregt und 
verlangt, daß das Essen ununterbrochen in den Mund fließe, so daß man 
versuchte, es mit der Flasche zu ernähren, aber es lehnte dies ab und fand 
selbst einen Ausweg aus der Lage. 

j2. IToche: sIX (ai8. Tag). „Während des Esaens crgritf Alik wie immer den Löffel 
mit der rechten Hand nnd führte ihn lum Munde, ahcr die beiden Finger der linken 
Hand lutschte er in den Zwischenrüumen, während ich die Milch nahm, und gab 
erst die Finger aus dem Mund, wenn ich ihm den Löffel nähorte." 

So gelang es Alik, die neue Essensmethode mit dem früheren Lust- 
gewinn zu kombinieren. Als er schon an die Unterbrechung im Essen 
gewöhnt war, lutschte er nur noch beim Milclinehmen an den Fingern, 
bei aller anderen Nahrung dagegen nicht, sondern aß normal. Offensichtlich 
■wollte er den Lustgewinn beim Milchtrinken noch nicht aufgeben. (Damals 
erhielt er nur zwei Zusatzmahlzeiten und dreimal die Brust.) 

Das Verlangen nach körperlicher Niihe der Mutter entwickelt sich eben- 
falls im Zusammenhang mit den früheren Formen der Erzielung von 
Lustgewinn. 

a;. Woche: 6JIX (jS?. Tag). „Wenn ich Alik auf den Arm nehme, so legt er un- 
verzüglich die Finger in den Mund und beginnt eifrig zu lutschen. Dasselbe geschieht, 
wenn er dicht bei mir ist." 

2&. IVocht: jjIX (190. Tag). „Ich nahm Alik auf den Arm. Er lutschte sofort an 
den Fingern und war still, fch üLergab ihn den. Vater. Alik begann sofort zu lachen 
und mit dem Vater zu spielen. Dann nahm ich ihn wieder, sofort steckte er wieder 
die Finger in den Mund und hatte dabei eine naclidenkliche Miene." 

Aus den Ergebnissen des siebenten Monats: 

„In der emotionellen Sphäre tritt jetit an die erste Stelle die Verbundenheit mit mir. 
Sie äußert sich in einem unbeschränkten Bedürfnis nach meiner Nähe. Wenn der Knabe 
mich sieht, wird er gajiz verändert. Er streckt die Arme nacli mir aus, schmiegt sein 
Gesicht und seinen ganzen Körper an mich an, saugt an mir, betastet mich usw.« 

Es ist jetzt klar, daß ein bedeutender Teil der Libido, welche mit dem 
Saugakt verknüpft war, auf ein neues Gleis überführt ist, und nur noch 
unbedeutende Überbleibsel in Form des Fingerlutscliens vor dem Schlaf und 
beim Essen übriggeblieben sind. In den Ergebnissen des achten Monats ist 
sogar vermerkt, daß Alik das ßrustsaugen unterbricht , um am Finger zu lutschen, 
und dann von neuem die Brust nimmt. Der achte Monat ist noch dadurch 
interessant, daß in ihm allmählich der Übergang von der Untersuchung 
der Gegenstände mit dem Mund zur Untersuchung durcli Tasten, Beschauen 



Die Bedeutung des Brustsaugens und Fingerlutschens usw. 589 

und durch das Gehör erfolgt ist und schließlich den Charakter einer stän- 
digen Erscheinung angenommen hat. Im vorangegangenen Monat war es 
nur vereinzelt, daß Alik einen Gegenstand untersuchte, ohne ihn in den 
Mund zu nehmen. 

IJXX. „Als Forschimgsiiistrument dient ihm jetzt Öfters Auge und Hand, der Mund 
ist an die zweite Stelle getreten. Wenn er jetzt irgend etwas lutscht, so häufig als 
Spiel oder um den Geschmack zu erproben. (Brotkrümel, Zucker, Watte.^ Gewöhnlich 
schaut er den neuen Gegenstand an, betastet ihn, beklopft ihn und steckt ihn dann 
zuweilen in den Mund, aber nicht auf lange." 

So verliert der Mund allmählich seine ursprünglichen zahlreichen Funk- 
tionen und nähert sich im Laufe der Entwicklung des Kindes immer 
mehr und mehr der Aufgabe bei dem normalen erwachsenen Menschen. 

Im neunten Monat begannen die ersten Onanieversuche. Alik unter- 
suchte sich, lastete bald hier, bald dort an seinem Körper und betastete 
dabei einmal sein Glied. Zuerst wollte er es einfach nach oben ziehen, 
um es zu betrachten. Er erhielt wahrscheinlich eine bestimmte Empfin- 
dung und begann zu lachen. Später erneuerte er natürlich öfter das neu- 
erschlossene Lustgefühl. Im folgenden wird darüber berichtet: 

jp. Woche: zyjXI (2yi. Tag). „Gestern und heute griff Alik viele Male an sein 
Geschlechtsorgan, Er liegt auf dem Rücken, während er mit der Hand umhertastet, 
bis er danach greift. Wenn er sitit, so neigt er den Kopf und schaut darauf und 
später streckt er die Hand danach aus. Sein Verhalten ist hiehei ganz anders, als 
beim Fingerhitschen. Dort war er eifrig und vertieft, und hier nur auffällig heiter. 
Er lacht und spricht laut dabei." 

Sehr viel Lust zog Alik in dieser Zeit aus dem Essensakt selber. Aus 
den Ergebnissen des elften Monats: 

^Der Atem wird schneller, die Wangen röten sich, der Blick geht nach innen, 
die Pupillen sind erweitert." 

Als Alik ein Jahr alt wurde, wurde er endgültig von der Brust entwöhnt. 
Äußerlich hat er darauf gar nicht reagiert. Der Bericht hierüber sagt folgendes: 

2JIU jpzi. „Anläßlich seines Geburtstages wurde Alik heute von der Brust ent- 
wöhnt. Er bemerkte dies überhaupt nicht, sondern trank mit Vergnügen ein Glas Milcli." 

Im weiteren werden uns noch Rezidiven begegnen, von denen z. B. 
folgender Bericht Zeugnis ablegt. 

6j. Woche: 13JV, j<f2i (I Jahr 2 Monate). „In den letzten Tagen unterbricht sich 
Alik während des Essens, um an mir zu saugen. Er bevorzugt dabei eine ganz be- 
stimmte Stelle — den Teil der Brust, der von dem Halsausschnitt freigelassen ist. Er 
saugt daran, um dann mit dem Essen fortzufahren, so als ob nichts geschehen wäre." 

Als Alik ein Jahr fünf Monate alt wurde, kam er in das Kinderheim, 
■wo ihm volle Freiheit in bezug auf das Fingerlutschen gelassen wurde. Er 
fuhr auch dort mit dem Lutschen fort, jedoch nur vor dem Schlafen, 



Wcra Scliiiiidl 



zuweilen auch bei Verdruß und bei Verlemiiig. Hiebei lutschte er nicht 
die verletzte Stelle, sondern dieselben beiden Finger der linken Hand. 
Spielzeug und andere Gegenstände steckte Alik nicht mehr in den Mund, 
er aß normal. Süßigkeiten lutschte er nicht, sondern nagte daran. Sein 
Appetit war stets, auch wenn er krank war, ausgezeichnet. Er ißt alles 
und ohne Launen. Seine Lieblingsspeise war in diesem Alter neben Fruchten 
und Süßigkeiten Milch. Mannagrütze und Buchweizengrütze, Kartoffeln und 
rote Grütze. Mit eineinhalb Jahren konnte Alik selbständig und genügend 
schnell mit dem Löffel essen. Er küßt leicht, saugt sich nicht mehr an, 
sondern drückt nur die Lippen auf. 

Mit zwei Jahren neun Monaten erkrankte Alik an Scharlach und wurde 
in die Klinik gebracht. Der Arzt empfahl, ihm das Fingerlutschen abzu- 
gewöhnen, da das Lutschen Komplikationen im Munde hervorrufen könnte. 
ifiXII, 1922 (a -fahre und 9 Monate). „Wie soll man Alik vom Pingerliit scheu ent- 
wöhnen? Nichts kann ich dam ausdenken. Ich würde ihn gevne bitten, es nicht au 
tun oder es ihm nicht erlauhen, aber das Weinen ist in der Klinik nicht erlaubt, 
und ohne Tränen geht es natürlich nicht. Ich w«i3 nicht, was lu tun. Vorläufig 
wasche ich ihm nur die Finger vor dem Schlaf mit heiOem Wasser." 

i?IXII, ip22 (2 Jahre und 9 Monaie). „Am Abend fnigl Alik mich ganz unerwartet: 
.Und der Doktor erlaubt mir nicht um Finger zu lutschen? — ,Ja.' — .Ich werde 
nicht mehr lutschen.' Und tatsächlich hörte er auf xu lutschen, dafür aber fängt er 
sehr stark lu onanieren an, wurde gercirl, wnrf sich horniu. hrummelte vor sich hin 
und lachte immeriu. Schließlich beschloß ich ihm die Finger lu waschen und ihm 
das Lutschen lu erlauhen. Darauf schlief er sofort ein.** 

32/Jnj, 7922 (2 Jähre und 9 Monate). „Die Angelegenheit des Fingerlutschens ist 
unerwartet gut geworden. Einige Tage lang wusch ich sin ihm, bis er mich von 
neuem fragte: ,Mama, der Doktor erlaubt nicht, au lutschen?' Ich bestätigte. ,Wird 
mein Mund dann krank werden?' - ,Ja.* - ,Nim, da werde ich nicht mehr lutschen.'« 

Und seit dieser Zeit nimmt er nicht melir die Finger in den Mund, 
weder am Tage noch in der Naclit. 

Aus diesem Bericht geht hervor, daß wir Erwachsene erstens häufig 
das Bewußtsein des Kindes unterschätzen und eher bereit sind, zu den 
äußersten Gewaltmaßregeln zu schreiten, statt dem Kinde selbst zu gestatten, 
seiner Triebe Herr zu werden. Zweitens sehen wir, daß Alik nicht auf 
einmal seine Triebe beherrschen kann. Kr entsagt dem lüngerlutschen. er 
ersetzt diesen Lustgewinn durch andere noch stärkere Lust. Aber seine 
Aufregung bei dem Onanieren (gewöhnlich onanierte er sehr ruhig) be- 
weist, daß der Fall nicht so ganz einfach ist. Nachdem er wiederum die 
Möglichkeit hatte zu lutschen, kehrt Alik aus eigener Initiative zu dem 
schon gestellten Thema zurück, stellt neue analoge Fragen und läßt endlich 
entschieden vom Fingerlutschen ab. Wahrend seiner Krankheit ersetzt 
er diesen Lustgewinn am meisten durch Onanie, aber olme jede Aufregung. 
Umgekehrt, als Alik zufällig beim Fallen sein Genitale verletzt hatte und 



Die Bedeutung des Brustsaugens und Fingerlutschens usw. 591 

einige Tage nicht onanieren konnte, kehrte er von neuem für diese Zeit 
zum Fingerlutschen zurück. Der folgende Bericht sagt hierüber näheres: 

12//, Tt/sj (2 Jahre und 10 Monate). „Alik schläft die ganze Nacht sehr gut, die 
Hände lagen die ganie Zeit auf der Brust oder in KopfhÖlie. Er schlief mit dem 
Pinger im Munde ein und steckte, wenn er aufwachte, die Finger in den Mund." 

Nach diesem kurzen Rückfall in frühere Lustgewinnungs formen hörte 
Alik vollständig auf am Finger zu lutschen. Auch das Onanieren hörte 
nach der Genesung auf. Meistens schlummerte er ein, während er sich 
Bauch und Brust streichelte. Zwei Monate später finden wir über das Finger- 
lutschen folgenden Bericht: 

iSlIII, 192 j (j Jahre). „Alik wirft sich lange hin imd her, er bittet: ,Gih mir die 
Hand', ich gebe sie ihm. Er beginnt die Hand und die Finger lu küssen und sagt 
dabei: ,Ich küsse dir die Finger, diesen und noch diesen' usw. Dann plötzlich ,Maina, 
ich möchte den Finger luischen'. — ,Nun lutsch.' — ,Wasch mir die Finger, dann 
werde ich lutschen' (Erinnerung an die Klinik). Ich wusch ihm die Finger, wobei 
er die rechte Hand gab; nicht die linke, die er EriUier immer genommen hatte. Er 
fingt 2U lutschen an, hört aber bald damit auf. .Warum lutschst du nicht?' — 
,Es gefallt mir nicht, es schmeckt mir nicht'." 

Dieses „Es schmeckt nicht" beweist, daß Alik beim Fingerlutschen 
keinen Lustgewinn mehr hat und er deshalb nicht mehr darauf zurück- 
kommt. Seine Libido bewegt sich auf einem neuen Geleise, andere Lust 
hat das Saugen, diese erste und wichtigste Lustform des Kindes, ersetzt. 
Und dies geschah ohne die geringste Anstrengung von selten der Erwach- 
senen. Das Kind erhielt durch das Saugen und Lutschen alles für seine 
Entwicklung Notwendige, es erhielt ein Maximum von Lust und konnte 
deshalb dieses ruhig aufgeben, als es notwendig wurde. Eines der Stadien 
der psycliosexuellen Entwicklung ist offensichtlich völlig normal und natür- 
lich beendet. 



Welche Schlüsse und Probleme ergeben sich auf Grund des eben Dar- 
gelegten? 

/) Das Fingerlutschen ist keine „dumme Angewohnheit". Es ist biolo- 
gisch normal und eine gesetzmäßige Erscheinung beim Kinde in einer 
bestimmten Entwicklungsphase. 

2j Das Lutschen am Finger und an Gegenständen trägt zu der Verstandes- 
entwicklung des Kindes in den ersten Monaten seines Lebens bei, es lernt so 
seine Umgebung und seinen Körper kennen. 

^J Damit das Saugen stets in den Grenzen des Normalen bleibe, muß 
bereits von den ersten Tagen an eine richtige pädagogische Umgebung ge- 
schaffen werden, damit sich das Kind in jeder Beziehung normal und 
richtig entwickeln kann. 



592 Schmidt: Die Bedeutung des Brustsaup ens und Kingerlutscliens usw. 

Das pädagogische Verhalten zur Oralerolik besteht in folgenden drei 

Momenten : 

a) Gewährung von freier Lustbetätigung. 

b) Erleichterung der SublimierungsmögUcbkeit durch Herstellung einer 
pädagogisch richtigen Umgebung. 

c) Pädagogische Hilfe, wenn der noch nicht sublimierie Teil der Libido 
in der betreffenden Entwicklungsstufe zu verweilen droht. 



Zur Metapsychologie des »dt^jä vu«' 

Von 

Otto Pötzl 

Professor an der Deutschen Universität Prag 

Wer die Empfindung des dejä vu häufig an sich selbst erlebt hat, wird 
aus eigener Erfahrung zwei Eigentümlichkeilen dieses Erlebnisses kennen, 
die sehr häufig sind, wenn sie auch nicht immer gleich stark ausgeprägt 
erscheinen. Übrigens sind diese beiden Eigentümlichkeiten schon längst 
und vielfach beschrieben worden : Die erste ist ein eigenartiges, schwer 
zu beschreibendes Gefühl einer Entrücktheit, einer Trance, die sehr eng 
verwandt ist mit den inneren Erlebnissen von sogenannter Depersonali- 
sation; die zweite Besonderheit bezieht sich auf die Situation, von der 
man das unmittelbare Gefühl hat, sie in der Vergangenheit schon ganz 
getreu erlebt zu haben ; stellt sich die Sensation z. B. in einem Augen- 
blick ein, in dem eine andere Person gerade in einer Rede begriffen ist, 
so lautet die Impression des dejä entendu, in Worte gefaßt, etwa so: Alles 
das, was er jetzt sprechen wird, zu sprechen im Begriffe ist, hat er 
damals auch schon getreu Wort für Wort gesprochen. Es ist also in solchen 
Fällen eigentlich etwas der nächsten Zukunft Angehörendes, eben im Ent- 
stehen Begriffenes, das von der Empfindung erfaßt und als erlebt in die 
Vergangenheit zurückgerissen wird. 

Gerade diese beiden Eigentümlichkeiten sind geeignet, dem Erlebnis 
des dejä vu jenen traumhaften Charakter zu geben, den es vielfach hat 
und der von dem Erlebenden selbst bald mehr lustbetont, bald mehr un- 
lustvoll, immer aber als eine Art von Schauer empfunden wird. Wenn 
von einigen Autoren im Anschluß an die Erklärung Grasset's das dejä vu 
als Erinnerung an vergessenes Geträumtes betrachtet wird, so wird 



i) Aus der Prager Deuuchen Psychiatrischen Klinik Prof. O. Pötil, Prag. 



594 Otto Potzl 



diese Erklärung gern aufgenommen werden von dem, der das dejä vu in 
der hier angedeuteten Weise zu erleben gewohnt isl. Eine Selbstbeob- 
achtung scheint übrigens dem Verfasser zu zeigen, daß diese Auffassung für 
einzelne Beispiele zutrifit ; docli soll sie nicht hier gesetzt werden, da die 
Führung eines objektiven Beweises für dieses Beispiel nicht restlos gelingen 
könnte. 

Jedenfalls wissen wir durch eine grundlegende Analyse Freuds, daß 
das Phänomen in vielen wichtigen Beziehungen einer Deckerinnerung 
analog ist und daß dort, wo es gelingt, ein friÜiercs, der Situation des 
dejä vu ähnliches Erlebnis nachzuweisen, dieses l'-rlebnis unter einer sehr 
starken Verdrängung steht. Im ersten analytisclien Beispiel Freuds war 
es eine bewußtseinsunfähige Phantasie, ein Todeswunsch für den Bruder, 
deren Wirkung es mit sich brachte, daß die Analogie der gegenwärtigen 
und der vergangenen Situation nicht bewußt werden konnte und daß sich 
„die Identität von dem Gemeinsamen der Situationen auf die Lokalität 
verschob". 

An dem zitierten Beispiel Freuds ist auch auffallend, daß die zweite 
erlebte Situation — also diejenige, die das dejä vu ausgelöst hat — den- 
selben Inhalt in einer volleren, realeren, man könnte sagen, entwickelteren 
Form enthält, der bei der ersten, durch das dSjä vu verhüllten Situation 
jene bevvufltseinsunfähige Phantasie gebildet hat; denn in der zweiten 
Situation ist in einer Familie, die das damals zwölfjährige Kind besucht 
hat, ein Bruder wirklich dem Tode verfallen; einige Monate vorher war 
der eigene Bruder des Kindes in der Gefahr gewesen, zu sterben; allein 
sein Schicksal hatte sich nicht erfüllt. So ist die erste Situation nicht nur 
die Trägerin des Bewußtseinsunfähigen; sie verhält sich auch in einem 
gewissen Sinn zur zweiten Situation wie eine Verheißung zu einer Erfüllung. 

Viel deutlicher noch ist dieses Verhältnis zwischen erster und zweiter 
Situation an den Beis[jielen von Fausse recoiinaissance, die Freud unter 
dem Namen dejä racante beschrieben hal; während einer Psychoanalyse 
halle der Analysierte bereits die Absiclil, eine Mitteilung zu machen; diese 
Mitteilung unterblieb; sie wird später der Gegenstand für ein Irrtüm- 
liches: „Das habe ich Ihnen aber schon erzälilt". Das Beispiel Freuds 
enthält die vorbereitende Äußerung, die der Analysierte wirklich ein oder 
mehrere Male getan hatte; er ist durch den Widerstand abgehalten worden, 
seine Absicht auszuführen ; so wird beim d^jä raconlc- nach Freud die 
Erinnerung an die Intention mit der Erinnerung an die Ausführung der- 
selben verwechselt. 



Zur Metapsychologie des „dejä vu** gg5 

Verfasser selbst hat, wie jeder, der sich mit Psychoanalyse beschäftigt, 
die Erscheinung des dejä raconte bei seinen Analysierten häufig beobachten 
können; daß die Erscheinung ihrem Typus nach wirkHch dem dcjä vu, 
deja entendu, dejä eprouve, dejä senti anzugUedern ist (im Sinne von Freud), 
wird wohl kaum von jemand bezweifelt werden. Wenn in den Beispielen, 
die Verfasser selbst vermerkt hat, ein Unterschied in der Erscheinungsweise 
bestanden hat zwischen dem spontan auftretenden dejä vu und dem dejä 
raconte im Verlauf einer Analyse, so lag er darin, daß bei diesem: ^Das 
habe ich Ihnen aber schon erzählt", jenes Gefühl der Trance, von dem 
eingangs die Rede war, nicht eingetreten zu sein schien; die zweite er- 
wähnte Eigentümlichkeit, das Erlebthaben dessen, das eben erst in der 
Umwelt sich gestalten will, fallt ohnehin für die große Mehrzahl der Beispiele 
eines dejä raconte weg. Verfasser glaubt übrigens nicht, daß dieser Unter- 
schied ein allgemein gültiger oder durchgreifender sei; doch scheint ihm, 
daß jene Trance um so stärker sich entwickle, je mehr die zweite Sensation, 
das Erlebthaben des noch nicht Erlebten, in den Vordergrund tritt. Daraus 
würde sich vielleicht die Möglichkeit ergeben, daß diese beiden Momente 
irgend etwas Zusammengehöriges entlialten, wenn dies auch nicht bewiesen 
werden kann. 

Natürlich gibt es aber auch viele Beispiele von spontanem dejä vu, bei 
denen jenes „Entstehen", ']eneT Status nascendi des anscheinend schon Erlebten, 
nicht enthalten zu sein scheint. Ein Beispiel dieser Art, das der eigenen 
inneren Erfahrung des Verfassers entstammt, soll hier erwähnt werden, da 
Verfasser es häufig in seinen Vorlesungen verwertet hat und dabei regel- 
mäßig die Reaktion des vollen Verständnisses und des Miterlebthabens an 
einer Anzahl von Zuhörenden zu bemerken in der Lage war. Verfasser hat 
im Alter von nicht ganz fünfzehn Jahren zum erstenmal Venedig gesehen 
und den zu erwartenden mächtigen Eindruck davon gehabt; es ist selbst- 
verständlich, daß er vorher als Kind eine sehr große Anzahl von Bildern 
aller Art aus Venedig gesehen hatte und daß sie ihm gezeigt und erläutert 
worden sind; wenn er nun stundenlang hei den ersten Gondelfahrten die 
unmittelbare Gewißheit empfand, alles, was ihn hier umgab, schon einmal 
genau so gesehen zu haben, so verband sich bei ihm dieses Gefühl mit derebenso 
lebhaft sich aufdrängenden Gewißheit, daß alles dies ganz anders, grund- 
verschieden von dem aussehe, was er bisher an Bildern von Venedig zu 
Gesicht bekommen hatte ; dieses innere Erleben, das Gefühl des gänzlich Neuen 
und doch schon einmal ganz genau so Gesehenen, war in eine stark traum- 
hafte, einer Depersonalisation vollkommen gleichende Stimmung getaucht. 



gg6 <Htü l'iiUl 



Dieses Beispiel wiederliolf nur Allbekannles, das sich oft und vielfach 
in der Literatur über die Fausse reconnaissance findet. Aber eine Besonder- 
heit an ihm darf vielleicht doch beiiclitet werden. Sie liegt in dem sich 
aufdrängenden Gefühl, daß die früher gesehenen Bilder dem Eindruck der 
Wirklichkeit nicht entsprochen haben. Freud hat uns ja gelehrt und wir 
sind es in der Analyse gewohnt aufzuliorchen, wenn jemand sagt: „Das 
gehört nicht dazu"; es ist das ein untrügliches Zeichen in der Analyse, 
daß das, was angeblich nicht dazu gehört, den wesentlichen Einfall enthält 
(Freud). 

So könnte es also auch mit den Bildern sein, die hier während des 
dejä vu einfallen und die übrigens, wie sich Verfasser auch heute noch 
deutlich zu erinnern meint, damals niclit sinnlich lebhaft vorschwebten, 
sondern nur wie ein Gedanke einfielen, keineswegs wie ein Bild. Sie könnten 
also irgend etwas enthalten, das trotz der gegenteiligen Aussage — oder 
vielmehr wegen ihr — mit bewußtseinsunfähigen ersten Situationen zu- 
sammenhängt, die diesem dejä vu zugrunde liegen mochten. Selbstver- 
ständlich muß dies eine bloße Vermutung bleiben. 

Als Verfasser sich zwanzig Jahre später mit der experimentellen Unter- 
suchung der Tagesresie von Träumen zu befassen begann, fiel ihm auf, 
daß nicht selten Anteile der visuellen Traumbilder eindeutig zurückgeführt 
werden konnten auf Gemälde, Ansichtskarten usw. Insbesondere war dies 
häufig mit Farben und Farbenslimmungen der Fall, die in den Traum- 
bildern vorkamen. Auch dies ist im wesentlichen schon durch Freud 
gezeigt worden: in den Analysen Freuds finden sich auch Beispiele, die 
zeigen, daß jene Bildelemente im Erleben des Traumes oft nicht mehr 
den Größendimensionen entsprechen, die sie auf dem Bild und auf der 
Ansichtskarte hatten, sondern daß sie oftmals vergrößert erschienen sind 
bis zur Dimension der Wirklichkeit. Die Traumarbeit leistet also in solchen 
Beispielen etwas Ähnliches, wie es Andersen in seinem bekannten Traum- 
märchen vom Ole Augenschließer dargestellt hat. da der kleine Hjalmar 
sich in das Bild gehoben fühlt, das über seinem Bette hängt und das eine 
Landschaft darstellt; er steigt in einen Nachen und das Schiff gleitet einen 
wirklichen Fluß entlang; wirkliche Bäume rauschen am Ufer und wirk- 
liche Vögel singen dazu. Man kann diesen Teil des Andersenschen 
Märchens mit der sekundären Bearbeitung eines Traumes vergleichen, der 
visuelle, aus Gemälden geholte Elemente enthält, die aber von der Traum- 
arbeit vergrößert worden sind, ähnlich wie ein Photograph das kleine Bild 
im Visitkartenformat zu einem lebensgroßen Portrat zu vergrößern versteht. 



Zur Metapsychologie des „dejä vu" ^g^ 

Die weiteren, durch lange Zeit fortgesetzten Untersuchungen, die Ver- 
fasser über die Herkunft der visuellen Elemente im Traum anstellte, zeigten 
denn auch an Beispielen, daß alle möglichen Zwischenstufen vorkamen 
auf dem Wege dieser, wenn man so sagen darf, angestrebten Verwand.- 
lung eines gesehenen Bildes in Wirklichkeit. So hat Verfasser beispiels- 
weise bei einer männlichen Versuchsperson im tachistoskopisch provozierten 
Traum das lebensgroße, aber doch flächenhaft und schwarzweiß wie eine 
Zeichnung imponierende, nur bis zur Hüfte entwickelte Bild einer alt- 
ägyptischen Prinzessin vermerken können, das sich später aus einer Jugend- 
schrift, einem Lieblingsbuch aus der Kindheit der Versuchsperson, im 
Original demonstrieren ließ; dieses Original verhielt sich zu dem Traum- 
bild tatsächlich so, wie eine Photographie im kleinsten Format zu ihrer 
Vergrößerung. Auch dieses Beispiel ist nur ein Sonderfall jenes zuerst von 
Freud an einem eigenen Traum festgestellten Mechanismus, der eine volle 
Formentreue der auftauchenden Kindheitssituationen im Traume zur 
Folge hat; es enthält aber außerdem die Tendenz, ein Bild in Wirklich- 
keit zu verwandeln; in diesem Fall war es eine Image des infantilen 
Liebestriebes, die in diesem Traum eines neununddreißigj ährigen Mannes 
zu einer den Kinderwunsch erfüllenden, aber nicht vollkommenen Belebung 
gelangt, eine verspätete Galathea des Bildhauers Pygmalion. 

Verfasser wäre geneigt, in solchen bildverwirklichenden Leistungen der 
Traumarbeit etwas zu sehen, das sich auf Zwischenstufen eines Weges 
vollzieht, der im Unbewußten von der Impression vorbewußt gesehener 
Bilderanteile aus weiterwirkt und das Bild an die Wirklichkeit anzunähern 
trachtet, ähnlich wie sich nach Freud die Symptome der Neurose in ihrer 
weiteren zeitlichen Entwicklung einem Ziel zu nähern streben. Dann wäre 
aber vielleicht das früher erwähnte dejä vu beim ersten Anblick von Venedig 
eine Art von ßewußtwerden dieser sonst unbewußt bleibenden Wegstrecke 
zwischen Bild und Wirklichkeit; die noch ungeschaute Wirklichkeit wäre 
in den Bildern von Venedig enthalten gewesen, wie eine voller ausgereifte 
Situation in ihrem ersten Keim beim Freudschen dejä raconte enthalten 
ist. Ein gesehenes Bild dieser Art hätte gewirkt, wie wenn eine Intention 
unterbrochen gewesen wäre, die dahin zielte, das Bild so zu erblicken, als 
ob es nicht ein Bild wäre, sondern die wirkliche Stadt; die imterbrochene Ein- 
stellung erfüHt sich und die Identität verschiebt sich von dem Gemeinsamen 
auf das Neuerlebte, das ein virtueller Zielpunkt jener einst unterbrochenen 
Intention ist; so pro)iziert sie sich dabei in die Vergangenheit, auf einen 
fernen verflossenen Augenblick, dessen Erlebnis sich jetzt erst vollendet. 



598 Ouo P6t/,1 



Daß der Augenblick einer unterbrochenen Intention sehr häufig den 
Vorkeim eines Traumes in sich enlhäh und die Auswahl der Tagesreste 
mitbestimmt, hat Verfasser in den zitierten Versuchen zeigen können; auch 
von dieser Seite her erscheint es als plausibel, daß Traum und dejä vu 
sehr häufig der gleichen Quelle entstammen; vielleicht ist aber dann das 
dejä vu nicht so sehr die Erinnerung an vergessenes Getraumtes, als es 
zusammen mit einer Anzahl vergessener Traumbilder in denselben Komplex 
gehört, in eine Gruppe von psychischen Erscheinungen, die von einem 
gemeinsamen Ausgangspunkt her entstanden sind. 

Verfasser war darauf vorbereitet, hei den zitierten Versuchen auch Bei- 
spiele von d^/ä I'« zu finden und sie mit Trauniiniuilten in Verbindung 1 
bringen zu können; er ist aber in dieser Beziehung von seinen damaligen | 
Versuchen enttäuscht worden. Eine einzige Versuchsperson, ein verwundeter ' ] 
Offizier mit traumatischer Hysterie, zeigte bei der Exposition selbst eine 
Sensation, die einem dc/A vu mindestens nahekam j sie hat sich aber nicht 
als traumhildend erwiesen. Der Versuch, der bisher unveröffentlicht geblieben 
ist, kann hier nicht vollständig mitgeteilt werden; nur einige Bruchslücke 
daraus sollen wiedergegeben werden, soweit sie den hier verfolgten Zu- 
sammenhang betreffen. 

Exponiert (in einer Hundertstel-Sekunde) wurde ein farbiges Diapositiv, 
einen Hofraum in einer orientalischen Stadt darstellend; im Hintergrund 
war eine hohe Mauer; über sie hinaus ragte die Kuppel einer Moschee; 
ein schimmerndes Morgenlicht erfüllt das Ilild. Die Versuchsperson zeigt 
im Gesicht eine gewisse Ergriffenheit und sagt: „Das fJan/.e ist selbst wie 
ein Traum." Später vergleicht Versuchsperson noch mehrmals den Eindruck 
mit einer Erinnerung: „Ich habe eher die Erinnerung, als ich sagen 
kann, was es wirklich ist." Nach einigen Zwisclienäußerungen: „Es fängt 
schon an, zu arbeiten; wo kann ich das gesehen haben? Wo habe ich das 
früher gesehen?" Noch später: „Die ganze Sache ist wie ein Traum, an 
den ich mich nicht gut erinnern kann und in der Friili zerbrech' ich 
mir den Kopf, was hab' ich eigentlich geträumt!' Ich bin mir natürlich 
klar darüber, daß es ein Bild war; aber es löst diesen Eindruck in 



mir aus." 



Dann aber entwickelt Versuchsperson in einer Reilie von Einfällen und 
in einer Zeichnung so ziemlich das ganze Bild; nur im Vordergrund nahe 
der unteren Bildfläche blieb der Eindruck verschwommen. Es fällt ihr nur ein, 
daß sich dort etwas bewegt hat, in der Richtung von links nach rechts; 
was das aber war, was sich bewegt habe, sei „ganz ungewiß . 



Zur Metapsychologie des „dejä vu" tqq 



Am andern Morgen kommt die Versuchsperson sichtlich enttäuscht und be- 
richtet gleich, daß die Nacht fast Traumlos verlaufen ist. Sie habe „merk- 
würdig traumlos und ruhig geschlafen . Im Einschlafen habe sie einen 
ganz kurzen Traum gehabt, dessen Erzählung nur einen Tagesrest aus dem 
Milieu ihrer gewohnten Beschäftigung bringt. Dann hatte sie noch im 
Erwachen einen ganz kurzen Traum. 

Sie sei „in der Vorstellung erwacht, eine Herde zu sehen; das Läuten 
der Herdenglocken zu hören; ein rasselndes Glockengeläute". Sie sei erwacht 
und der Wecker, der sie täglich weckt, habe weiter gerasselt. 

Der Traum von der Herde, dessen Einzelheiten noch weiter entwickelt 
werden, ergänzt das exponierte Bild in der gewöhnlichen geometrisch getreuen 
Weise zur vollen Ganzheit. Trotz der Einstellung eines Erwartens, die 
Versuchsperson für die folgende Nacht vom Versuch her mitgebracht hatte, 
konnte vom Bild im Traum nicht mehr erscheinen als dieses Stückchen, 
da alles andere schon im Wachbewußtsein entwickelt gewesen war; dejävti 
und Traumproduktion scheinen deshalb der Versuchsperson selbst in einem 
gewissen Gegensatz zueinander zu stehen. Für den hier verfolgten Zusammen- 
hang bringt der Versuch nur das eine, daß der Vorgang der tachistoskopischen 
Exposition hier die Intention, das Bild zu erfassen, tatsächlich unterbrochen 
hat. Im vorigen ist die Vermutung geäußert worden, daß Gemälde Im- 
pressionen setzen können, die im Unbewußten wirken wie unterbrochene 
Intentionen zu einer Verwirklichung des Bildes. Hier hat eine unterbrochene 
Intention zum Erblicken eines Bildes tatsächlich jene Trance gebracht, die 
sonst das spontane dejä vu so oft begleitet. 

Der Versuch enthält aber noch etwas, das eine gewisse Verwandtschaft zu den 
hier besprochenen Fragen hat. Der Traum der Versuchsperson, der das am 
Vortage exponiert gewesene Bild ergänzt, ist ein Weck träum; wenn auch sein 
Inhalt dürftig ist und wie in einem Bild erlebt worden zu sein scheint, so 
enthält die Erzählung der Versuchsperson doch jenes Nacheinander, wie man 
es bei den komplizierter gestalteten Weckträumen viel deutlicher findet. Das 
Nacheinander dieser Traumerzählung lautet: Die sichtbare Herde; das gehörte 
Läuten der Herdenglocken ; das rasselnde Glockengeläute ; das Weiterrasseln des 
Weckers nach dem Erwachen. Ein analoges Nacheinander führt in anderen 
Träumen erst über eine Flut von romanhaften Begebenheiten zum Endziel des 
Eindruckes, der den Wecktraum veranlaßt und schließlich wirklich erweckt; 
so ist es in dem berühmten Guillotinentraum von Maury, den Freud zitiert''. 



i) Traumdeutung, Ges, Schrifteiij Bd. II, S. 29—51. 



LOO 



Otto PoUl 



sowie in den Wecktraumbeispielen von Hildebrandt, an denen Freud das 
Verhältnis zwischen zugeführlem Reiz und Traummaterial erörtert. Derartige 
inhaltsreiche und komplizierte Wecktrimme sind es. ja auch, die von alters 
her das Rätsel des Zeitsinnes im Traume so sehr in den Vordergrund gerückt 
haben; die geträumten Begebenlieiten scheinen wnen langen Zeitraum zu 
füllen und sind doch wohl in der minimalen Spanne Zeit erlebt worden, in 
der der Weckreiz nach seinem Einsetzen für das Wachbewußtsein unter- 
schwellig geblieben war. Das Rätsel des Zeitsinnes im Traum soll hier nicht 
herausgegriffen werden, sondern nur die Talsache, daß die Hegebenheiten des 
Wecktraumes auch dann, wenn sie sehr inhaltsreich sind, auf den Weckreiz 
hin abzielen. In diesem bekannten Befund liegt etwas, das man die 
Entelechie des Wecktiaumes nennen kann, da es eine unverkennbare 
Ähnlichkeit aufweist mit der Zielstrebigkeit in der Entwicklung eines 
Organismus, die auch auf mancherlei Umwegen ein von vornherein wie 
gegeben erscheinendes Ziel zu erreichen trachtet. Man kann sich in Analogie 
mit einer Idee Ferenczis daran erinnern, daß das Licht der Sonne für 
die Organismenwelt schon eine lange Zeit vor seiner Wahrnehmung gegeben 
war, wie der Weckreiz schon eine gewisse, wenn auch noch so kurze Zeit 
angedauert hat, bevor er zur waclibewuflten Wahrnehmung kam; dann 
wird man z. B. die Identität der Art, wie die Fische die Helligkeits- 
verteilung im Spektrum sehen, mit der Ilelligkeitsverteilung für das extrem 
dunkel adaptierte Menschenauge (C. Heß) und die Entwicklung des Apparates 
für das Helligkeitssehen bei den Landtieren (Johannes von Kries) zusammen- 
stellen dürfen mit der Stufenfolge eines manifesten Trauminhahes bei einem 
komplizierten Wecktraum. 

Diese Entelechie des Wecktvaums läßt das Bewußtsein des Schlafenden 
in einer ganz kurzen Spanne Zeit so vieles durchlaufen, daß damit lange 
Zeiträume ausgefüllt werden können; das Durchlaufen dieser Erlebnisse, 
wenn es auch vielleicht nur einem einzigen Augenblick entspricht, hat, 
bezogen auf den Weckreiz, die Richtung von der Vergangenheit gegen 
die Zukunft hin. Der Tatbestand, der im früheren aus den Erlebnissen 
beim dejä vu herausgegriflen worden ist, gleicht der Entelechie in der 
Entwicklung der Organismenwelt nicht weniger, als die Gesamtheit der 
manifesten Inhalte eines Wecktraumes; es war eine erste Situation in einem 
bewußtseinsunfähigen Zustand gegeben; ihr ist nach — anscheinend be- 
liebig — langen Zeiträumen eine zweite Situation gefolgt, die eine Voll- 
endung unterbrochener Intentionen aus der Zeit der ersten Situation ent- 
halten hat. So gleicht die Entelechie des d^jä vu der Art, wie in einer 



Zur Metapsychologie des „dejä vu" 401 

Keimzelle oder im Laufe früherer Stadien einer embryonalen Entwicklung die 
Organe des zukünftigen gereiften Organismus enthalten sind. Im Erleben des 
dejä vu kommt scheinbar nur dieses Enthaltensein der späteren Situation in der 
früheren zu Bewußtsein ; so kann man in einem gewissen Sinne sagen, daß sich 
im Erleben des dejä vu das Bewußtsein eine Art von Sinnesorgan für diese 
Entelechie auf einen kurzen Augenblick geschaffen hat. 

Üxküll hat in einem wundervollen Kapitel über die Amöbe gezeigt, daß die 
Amöbe sich Organe bildet im Augenblick, wo sie ihrer bedarf und die Organe 
wieder verschwinden läßt, wenn die Situation sie nicht mehr erfordert. Wohl 
niemand, der dieses Kapitel gelesen hat, wird sich der Analogie erwehrt haben, 
daß das Protoplasma hier Organe entstehen und verschwinden läßt, wie das 
Unbewußte psychische Gebilde ins Feld des Bewußtseins entsendet und aus 
ihm wieder versinken läßt. So erschwert es den hier gezogenen Vergleich 
nicht, wenn jenes Sinnesorgan für die Entelechie im dejä vu nur für einen 
kurzen, traumhaft flüchtigen Augenblick fähig geblieben zu sein scheint zu 
bestehen. Ebensowenig stört es den Vergleich, daß es nur eine psychische 
Struktur ist, die ihm entspricht, nicht aber eine faßbare, körperlich geformte. 
Wir können trotzdem an dieser psychischen Struktur einiges von der Art er- 
kennen, wie dieses flüchtig bestehende Sinnesorgan des Bewußtseins in einem 
kurzen Augenblick tätig zu sein vermochte. 

Die Richtung der Entwicklungen im Wecktraum schien von der Vergangen- 
heit der frühen Kindheitserinnerungen bis zur unmittelbaren Gegenwart des er- 
weckenden Sinneseindruckes zu gehen; die Richtung der wahrgenommenen 
Entelechie des dejä vu führt den umgekehrten Weg vom gegenwärtig gegebenen 
Moment in die Vergangenheit. Es ist, wie wenn ein Projektionsapparat ein 
Bild auf die Wand entworfen hätte und die Wahrnehmung die Strahlen- 
richtung entlang rückläufig gegen den Brennpunkt hin bewegt werden würde. 
Im vorigen ist mit dem dejä vu eine verflossene Intention in Verbindung 
gebracht worden, die dahin gestrebt hatte, ein Bild in Wirklichkeit zu ver- 
wandeln ; man kann diese Intention der Leistung des Malers gegenüberstellen, 
die eine Wirklichkeit in dieses Bild verwandelt hat; dann wäre jene unbewußt 
weiterwirkende Intention, die das Bild zu realisieren strebte, gewissermaßen 
entgegengesetzt gerichtet der Intention, die die Wirklichkeit in ein Bild ver- 
wandelt hat. Es würde sich ein ähnlicher Gegensatz ergeben, wie zwischen 
der Traumarbeit und der Deutungsarbeit im Sinne von Freud, die sich gegen- 
seitig zu neutralisieren trachten. 

Soweit diese Analogien eine Transformation zwischen Bild und Wirklich- 
keit enthalten, ist in ihnen leicht zu erkennen, daß der Wahrnehmungs- 

Imago XII. 26 



^o2 Piil/,1: Zur Mctapsychologie des „<16jä vu" 



Vorgang im Bewußtsein, der mit dem drjä vu in Verbindung gebracht 
werden kann, mit nichts so einfach und leicht vergleichbar ist, als mit 
einer Inversion von Blickrichtungen. Vielleicht ist es also eine Inversion 
von Blickrichtungen des Bewrußtseins, die in jenem flüchtigen Augenblick 
des deja vu vorliegt. 

Freud hat — in dieser Beziehung ähnlich wie Wundt — immer hervor- 
gehoben, wie sehr ihm die Natur des Bewußtseins der Tätigkeit eines 
Sinnesorganes vergleichbar erscheint. In diese Anschauung fügt sich die 
hier gegebene Betrachtung von selbst ein; sie konnte im vorigen nur 
flüchtig skizziert werden; Verfasser könnte sie aber leicht an einem größeren 
Material physiologischer und pathologischer üeispiele von dejä vu weiter 
ausführen. Hier soll indessen nur noch eine Kleinigkeit aus der Pathologie 
flüchtig berührt werden. Bekannt ist die Häufigkeit des d^jä vu in der 
epileptischen Aura und in epileptischen Dämmerzuständen. Bekannt ist 
auch, wie häufig Epileptiker ihre Anfälle kupieren können, wenn sie, wie 
es ihnen erscheint, mit der letzten äußersten Anstrengung des Willens 
intentionell eine Bewegung ausführen, die der ersten anfänglichen Krampf- 
bewegung des beginnenden Anfalles antagonistisch ist. Intentionelle Be- 
wegung und Krampfbewegung verhallen sich auch in diesem geläufigen 
Beispiel zueinander wie eine Inversion; es ist nur eine Analogie zu diesem 
Tatbestand, wenn man bei einer Erscheinung der psychischen Aura eine 
Inversion von Blickbewegungen des Bewußtseins als Grundlage für ein 
dejä vu annimmt. 

Daß in den Eigenschaften des dejä vu, die hier flüchtig besprochen 
worden sind, manches anklingt, das an die ursprüngliche, metaphysische 
Deutung der Erscheinung als Erinnerung an eine Präexistenz gemahnt, 
ergibt sich von selbst; das dejä vu erscheint als Erinnerung an jene Prä- 
existenz, die in der Entelechie einer Entwicklungsrethe enthalten ist. So 
erscheint die ursprüngliche, magische Deutung hier in einer Weise wieder, 
die einer biologischen Auffassung des Phänomens angenähert ist. Freud 
selbst zitiert nur jene metaphysische Deutung, die dem Pythagoras zu- 
geschrieben wird; das Okkultistische, das sicli an sie etwa anschließen 
ließe, kann in der Lehre vom dejä vu ebensowenig der Gegenstand einer 
analytischen Betrachtung sein, wie in der Lehre vom Traum. Die Entelechie 
des dejä vu verhält sich zur Idee einer Präexistenz ähnlich, wie die Wunsch- 
erfüllung des Traumes sich nach Freud zu der Weissagung durch Träume 
verhält. 



Libido-Mneme, Mystizismus 
und Hellsichtigkeit bei einem Kinde 

Von 

Prof. M. Levi Bianchini 

Direktor der Irrenanstalt von Teramo (Italien) 

I .. 

Ich werde einige autobiographische Fragmente eines als psychisch normal 
geltenden Menschen mitteilen, der sich in guter sozialer Stellung befindet 
und ein reifes Alter erreicht hat. Ich kenne ihn seit vielen Jahren näher: 
ich habe daher keinen triftigen Grund, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. 
Man hat immer und allgemein den meisten Berichten in den Autobio- 
graphien bedeutender Persönlichkeiten Glauben geschenkt; Ich wüßte nicht, 
warum man autobiographischen Berichten anderer Menschen, nur weil sie 
nicht berühmt sind, den Glauben verweigern sollte. Immerhin mag sich 
der Leser nach seinen persönlichen Eindrücken richten. 

Der Erzähler der infantilen autobiographischen Erinnerungen, von denen 
hier die Rede sein wird, ist ein achtundvierzigj ähriger, verheirateter Mann, 
mit Kindern; er ist von pyknischer Konstitution und gehört psycho-physio- 
logisch ausgesprochen zum visuell auditiven Typus mit ausgeprägter Neigung 
zur Musik, zur Dichtkunst und zum Mystizismus. 

ii 
Autobiographische Fragmente 

l) Alter von zwölf bis dreizehn Monaten. Stillung 

„Meine Geburt hat in normaler Weise stattgefunden. Nach Örtlichem Brauche 
jener Zeit wurde ich auf dem Lande von einer Amme gestillt, und zwar bei 
einem von unseren Bauern, dessen Frau mich durch volle zwölf Monate säugte. 

a6- 



m 



A0± Prof. M. Levi ßiünchini 



Als ich -wieder meiner Mutter übergeben wurde, welche einen anderen Sohn 
geboren hatte, wurde ich von ihr noch wenige Tage gestillt und dann 

entwöhnt. 

Als ich älter wurde, besuchte ich die Elementarschule, eine von Mönchen 
geleitete Anstalt, die Militärschule und wurde mit zwanzig Jahren Offizier. 
Von da an durchlief ich die militärische Laufbahn, erlangte einen höheren 
Rang und xog mich nach dem grolien Kriege in den Ruhestand zurück. 

Von meiner Stillung durch die Amme habe ich in meinem Ge- 
dächtnisse nichts behalten, während ich mich noch heute ganz 
genau und lebhaft an die mütterliche Stillung, die ich nur wenige 
Tage, von meinem zwölften bis zum dreizehnten Lebensmonate 
genossen habe, erinnern kann. 

Ich erinnere mich deutlich an das Bild des Familienhauses, des Gartens, der 
Zimmer, der damaligen Hausgeräte: aber am allcrdeutlichsten habe ich 
das Bild meiner Mutter zu eben jener Zeit vor Augen, wie sie 
sich das Mieder aufschnürte und mir die Brust zum Saugen reichte. 

2) Alter von achtzehn bis vierundzwanzig Monaten. Libido-Mneme 

Bereits entwöhnt, im Alter von kaum achtzehn Monaten (dieses Alter wurde 
ganz genau von meinem Vater berechnet, als ich ihm zwanzig Jahre später 
die Episode, über die ich jetzt berichten werde, erwähnte, an welche er sich, 
wi« an viele andere Vorfälle des alltäglichen Lebens, nicht mehr erinnern 
konnte), wurde ich in Begleitung meiner Hrüder von meinem Kinder- 
mädchen, namens R., im Arme zu einer Zirkusvorstellung getragen; dieses 
Mädchen verblieb noch viele .lahre in unserem Hause. Ich erinnere mich, daß 
im Laufe der Vorstellung eine Gauklerin mit stark ausgeschnittenem 
Korsette auftrat, welche einen vollen, fast entblößten Busen hatte imd 
bei der Vorführung verschiedener Kunststücke (Spiele mit einem großen Holzfasse) 
sich in recht unverschämter Art bewegte. Ich fülilte das Verlangen, mich an 
ihre Brust zu heften und daran zu saugen. Ein solches Verlangen blieb 
so fest in meinem psychischen und allgemein körperHchen Vorstellungsempfinden 
fixiert, daß ich, seitdem ich frülizeitig, ungefähr im Alter von dreizehn Jahren, 
von meinem eigenen Kindermädchen in die göttlichen Geheimnisse der Venus 
eingeweiht wurde, mit Voriiebe während des Verkehrs die Brüste der Ge- 
Uebten betastete, wie um einem ursprünghchen und stärkeren erotischen Reize 
zu gehorchen; und ich rief mir überhaupt in meinen erotischen Schwärmereien 
beständig die Zirkusepisode ins Gedächtnis zurück und färbte sie dabei mit 
einer bestimmten sexuellen Bedeutung. 

Einmal erzählte ich im Familienkreise meinem Vater und meinen erstaunten 
Brüdern — ich war schon Kavallerieleulnant und vierundzwanzig Jahre alt — 
eine Menge Erlebnisse aus unserer ersUni Kindheit, die sie bereits vergessen 
hatten, aber ungezwungen als vollkommen wahr anerkannten. 

Unter anderem erzählte ich, wie ich zum erstenmal zum Mittagstisch mit 
meinen Brüdern zugelassen wurde; ich erinnerte mich an die Mutter, wie sie 



Libido -Mneme, Mystizismus und Hellsichtigkeit bei einem Kinde 405 



die Speisen austeilte, wie sie bekleidet war, an ihre Ungeduldgesten, an ihre 
Verweise an die Kinder, und zwar mit erstaunlichen Details. Ich war damals 
kaum zwanzig Monate alt; wenige Jahre später verlor ich die Mutter. 

Als ich zwei Jahre alt war, befand ich mich eines Tages im Garten, 
im Arme meines Kindermädchens, während mein Vater den Besuch eines ihm 
befreundeten Generals erhielt. Das Knäblein gefiel diesem Herrn so sehr wegen 
des Lichtes, das ihm in den Augen glänzte, daß er es am folgenden und noch 
an den anderen folgenden Tagen zu sich ins Haus einlud, damit es mit seinem 
eigenen, gleichaltrigen Töchterchen spiele. Ich erinnere mich, eine eigen- 
tümliche Gemütsbewegung empfunden zu haben, als ich mit dem 
Mädchen zusammentraf: als Beweis dafür gelte die Tatsache, daß ich jedes- 
mal, wenn ich mein Haus verließ, um zu ihr zu gehen, das mächtige Be- 
dürfnis verspürte, Blumen im Garten zu pflücken und sie ihr zu 
bringen. Übrigens erw^achte in mir sehr frühzeitig die Liebe zu den Blumen 
(amatores amant ß,ores) : so zwar, daß ich ganz spontan im Garten Blumen 
pflückte, um sie den Damen und Mädchen, die in unserem Hause verkehrten, 
darzubieten. Diese meine Neigung zeigte sich besonders lebhaft von meinem 
achten bis zum fünfzehnten Lebensjahre. 

^) Alter von vier bis zehn Jakren. Mystizismus und Hellsichtigkeit. Ansätze 

von präpuberaler Sexualität 

Als ich mich eines Tages, im A Iter von vier Jahren, in einer von Blumen 
und Laub bedeckten Rotunde befand und nicht Im entferntesten über die wirt- 
schaftliche Lage meiner Familie (die damals günstig war, aber sich vierzehn 
Jahre später jäh verschlechterte) unterrichtet war, fühlte ich mich durch 
eine innere Macht, durch eine aus der Tiefe meiner Seele kommenden 
Eingebung bewogen, laut zu dem Höchsten zu beten, daß er sich 
mit Güte meiner Familie annähme an dem Tage, da alle Reichtümer 
verschwunden sein würden (und das tat ich auch und wurde von 
den Eltern gehört, die verwundert herbeikamen). 

So auch, im Alter von kaimi acht bis zehn Jahren, fühlte ich mich durch 
eine intuitive Betrachtung der leiblichen und geistigen Eigenschaften meiner 
Brüder, mit innerem Schmerz dazu gedrängt, mir seihst ihre Zukunft voraus- 
zusagen: indem ich jedem einzelnen jenes Schicksal prognostizierte, das sich 
dann auch im wirklichen Leben einstellte- Schon in jenem Alter war ich 
körperlich vorzeitig entwickelt; hochgewachsen, stark und kräftig in den Spielen 
und war vergnügt wegen des Wohlstandes der Familie ; dennoch fühlte ich einen 
Zwiespalt zwischen meinem physischen Leibe und meiner geistigen Tätigkeit, 
wodurch es in mir zu einem Zustande schmerzlicher Erwägungen und Un- 
sicherheit kam. 

Im Alter von sieben Jahren, als ich in der Turnhalle Stangenklettern 
übte und bis zu einer gewissen Höhe gelangt war, war ich gezwungen, herab- 
zusteigen, weil ich beim Aufstieg in einen so lebhaften Orgasmus versetzt wurde, 
daß ich ihn nicht ertragen konnte. Obwohl dieser Orgasmus schmerzvoU war, 



Ao6 Prof. M. Levi Biaiit-hiiii 



bereitete er mir gleichzeitig eine Lustempfindung von unzweifelhaft sexueller 
Natur, gegen welche sich der geistige Teil meines Wesens auflehnte. Unter- 
dessen war ich im Hause aufgewachsen und erzogen wordenj damals wurde 
ich in die von Mönchen geleitete Anstalt geschickt. Hier (ich war gerade 
acht Jahre alt geworden) lernte ich die religiösen Übungen und damit auch 
die Beichte kennen. Der Beichtvater der Anstalt ist noch am Leben und ist 
gesund. Erfragte mich öfters bei der Beichte: „ob ich mich berührte", aiif 
welche Frage ich, oft mißgelaunt, walirheitsgemüli mit „Nein" antwortete, um 
so mehr, als ich nicht genau deren Sinn verstand. Eines Tages vertraute ich einem 
älteren Kameraden — auch dieser lebt und ist gesund — die merkwürdige Frage 
an. Dieser antwortete mir: „Wie, kannst du es nicht machen? und führte 
mich an einen einsamen Ort, wo er mir die Missetat von Onan zeigte, die natürlich 
nicht begangen wurde. In dieser ganzen Zeit und auch später entwickelte sich in 
mir, wie gesagt, in stärkerem Maße die Liebe zu den Blumen und das Be- 
gehren, sie einem Weibe zu verehren; dieser Wunsch war noch 
lebhafter als das verborgene und gebieterische Verlangen, das Weib 
zu berühren und zu küssen, als Vorbereitung zu ihrer Eroberung. 

4) Alter von dreizehn Jahren. Zeit der Geschlechtsreife und der Sublimierung 

Mit zwölf Jahren, sicher vor Beendigung meines dreizehnten Lebensjahres, 
war ich physisch bereits so stark entwickelt, daß mein Alter allgemein auf 
sechzehn Jahre geschätzt wurde: ich war kräftig herangewachsen, herkulisch 
gebaut, geschlechtsreif. Ich verspürte damals fast bewußt die Herrschaft der 
Sexualität bis in meine innersten Fasern: die männhche Potenz hatte sich mir 
im höchsten Grade enthüllt, ich fühlte mich zielbewußt zur Eroberung und 
zum Sexualakte hingetrieben. In meiner Seele entwickelten sich vollkommen 
jene unzähligen neuro -psychischen Allgemeingefühle des Vorspieles der Liebe, 
welche bis dahin unbestimmt waren: und zwar das Erzittern und der Blut- 
andrang, die Wallungen und die Zuckungen, die Herzbeklemmung und die auf- 
dämmernden Entbebrungsgefühle : während in der höchsten Lust der 
Sublimierung der stets reine und mystische Geist die fleischliche 
Versuchung von sicli wies und bei den grünen Pflanzen Erquickung, 
in der symbolischen Reinheit der unschuldigen Blumen Zuflucht 
suchte. 

Aber die Macht der Natur triumphierte rasch über die Widerstände des 
frühreifen, unschuldigen Jünglings, Eines Abends, nachdem ich in meinem 
Zimmer in das große Bett, wo ich mit meinem jüngeren Bruder zu schlafen 
pflegte, mich niederlegte, wartete ich, bis dieser fest eingeschlafen wäre. Da 
glitt ich still und verstohlen vom Bette herunter, durchquerte zwei Zimmer, 
deren Stille nur durch mein stürmisches Herzklopfen hätte unterbrochen werden 
können, erreichte das Bett des schlafenden Kindermädchens, das mich schon 
seit langem liebte: ich weckte es zitternd . auf und besaß es dann ganz, in 
ungestümer Art, in vollkommenem Beischlafe. Seit dieser Zeit fuhr ich fort, 
den mir erschlossenen göttlichen Liebesakt zu pflegen, jedesmal, wenn sich mir 
dazu Gelegenheit bot, was oft der Fall war. 



Libido-Mneme, Mystizismus und Hellsichtigkeit bei einem Kinde 407 



Im Alter von dreizehneinhalb Jahren erkrankte ich an Bauchtyphus 
mit hohem Fieber und DeHiien. Unter dem Einflüsse einer Fieberakme, während 
ich mich allein mit dem Kindermädchen befand, das bei mir wachte, fülirte 
ich den Beischlaf aus — den letzten mit ihm. Ich genas vom Typhus voll- 
kommen. Mit fünfzehn Jahren trat ich in das Militärkolleg ein, mit siebzehn 
Jahren in die Militärschule. Vom letzten Beischlafe mit dem Kinder- 
mädchen bis zu meiner Ernennung zum Unterleutnant habe ich 
mich keinem Weihe genähert; als Offizier nahm ich den Sexualverkehr 
feurig wieder auf; mit sechsundawanzig Jahren verheiratete ich mich und 
hatte Kinder. Nichts anderes, außer ein stets wachsender Mystizismus, kenn- 
zeichnet die fast banale Regelmäßigkeit meines übrigen individuellen und sozialen 
Lebens bis zum heutigen Tage. 

III 

In der Literatur findet man nicht selten Fälle von morphologischer 
Frühreife der Geschlechtsorgane; hingegen scheinen die Fälle von psycho- 
sexueller Frühreife viel seltener zu sein: aber meines Erachtens hängt dies 
damit zusammen, daß die morphologische Inspektion durch das Auge xmd 
der Forschung viel zugänglicher ist als die psychoanalytische Untersuchung. 

Zu den augenfälligsten Fällen von frühreifer Männlichkeit muß jener 
von Visöky (1)' gerechnet werden; es handelt sich um ein Kind, das mit 
drei Jahren bereits ein Körpergewicht von 37 Kilogramm und eine Körper- 
höhe von 137 Zentimeter erreicht hatte; der Penis (porth penduhiris) war 
9 — 10 Zentimeter lang; das Volumen seiner Testikel betrug 4X2 Zenti- 
meter; der TJtons pubis war behaart, seine Stimme hatte eine männliche 
Klangfarbe. Es bestanden aber weder Ejakulation, noch Onanie, noch 
sexuelle Aggressivität. Die Radiographie ergab keine sichtbaren Verände- 
rungen des Türkensattels (sella Uircica). Visöky denkt an eine pluriglandu- 
läre Entstehung dieser Erscheinungen (Zirbeldrüse, Nebenniere). Dieser 
Fall ist jenen Fällen von frühreifer Makrogenitosomie analog, die zuerst von 
Pellizzi (2) und später von vielen anderen Autoren beschrieben wurden: 
Bernhardt, Ziehen, Hudovernig und Popovich, Ongle, Oestreich 
und Slowyk, Frankl-Hochwart und Gutzeit usw., welche von 
Bandettini di Poggio zitiert werden (3) ; Zondek (4), Leroboullet (5), 
Nob^CDurt (6), Pende(7), Sezary (8) und jenen anderen, viel selteneren, 
primär testikulären und ovarialen Ursprunges (die Fälle von Sacchi, 
Riedel, Guibal, Sampson, Cushing, von Pende zitiert). 

Im allgemeinen jedoch, wie stark auch bei solchen Individuen die pri- 
mären und sekundären Geschlechtscharaktere morphologisch entwickelt sein 

1) Ziffern in Klammem siehe Literaturverzeichnis am Schlüsse dieses Artikels. 



4o8 Prof. M. Levi Biaiichini 



mögen, und damit auch der übrige Körper, so bleibt in der Regel die 
geistige Entwicklung und die psychosexuelle weit hinter der somatischen 
zurück. Deshalb behalten diese Individuen angesichts ilires frühreifen 
physischen Alters, ihr normales, d. h. infantiles psychische Alter: welches 
in vereinzelten Fällen „wenn unter gewissen Bedingungen die Libido sexwxlis 
auftritt, groteske und ungeschickte Posen annimmt" (Zondek). Es scheint 
überdies nachgewiesen zu sein, daß die frühzeitige sexuelle Erregung mehr 
zu jener frühreifen Pubertät in Beziehung steht, deren Auftreten an die 
Funktion der Nebennierenrinde gebunden ist und, wie es bekannt ist, das 
weibliche Geschlecht bevorzugt. In anderen Fällen kann es wiederum in. 
einem bestimmten Alter, bei solchen Makrosomikern, zu einem Stillstande 
der gesamten morphologischen (Linser, Haller, Klein, von Pende zitiert) 
und psychischen Entwicklung kommen (rmhezillitäl, Idiotie: Fälle von 
Moreau, Wood, Hofaker, von Pende zitiert). Wohlbekannt ist ebenfalls 
der von Wilsung (19) berichtete Fall, von einer gewissen Anna Nummen- 
thaler, in Trachselwald bei Bern im Jahre 1751 geboren, welclie mit zwei 
Jahren die Menstruation hatte, mit acht Jahren schwanger wurde und mit 
neun Jahren, nach Ablauf des normalen Termins, ein Mädchen gebar. 
Aber ohne auf die Suche nach Abarten und Sonderheiten zu gehen, kann 
ich berichten, mit eigenen Augen bei primitiven, noch heute lebenden 
Rassen von Zentralafrika, während meines Aufenthaltes nuf dem Kassai 
und dem Sankuru, im Jahre 1901, achtjährige syphilitische Mädchen und 
zehnjährige Mütter gesehen zu haben: und daß im allgemeinen die Puber- 
tätsreife des Weibes in diesen peritropikalcn Gegenden um drei bis fünf 
Jahre und auch mehr der Pubertätsreife der Zivilvölker vorangeht. 

Es scheint indes sicherer nachgewiesen zu sein, daß das „Sexualempfinden", 
um einen Ausdruck von Havelock-EIlis (9) zu gebrauchen, unabhängig 
von der Genitalreife und außer dieser bestehen kann; es kann bei fehlenden 
oder verkümmerten Geschlechtsorganen (oder Teilen derselben) auftreten, 
es kann vor deren Reife vorhanden sein und nach deren chirurgischer 
Entfernung oder nach dem Erlöschen ihrer spezifischen physiologischen 
Funktion (hereditäre Fixierung) fortbestehen. 

Die psychoanalytischen Untersuchungen von Freud (10) haben auf die 
Bildung und Entwicklung der präpuberalen Psychosexualilät neues Licht 
geworfen und die von mir gesammellen autobiographischen Fragmente 
bieten, möchte ich sagen, einen weiteren, bescheidenen, bestätigenden 
Beitrag. 



Libido-Mneme, Mystizismus und Hellsichtigkeit bei einem Kinde 409 

TV 

Das Saugen an der Brust (erogene Zone par excellence) ist sowohl im 
unmittelbaren, als auch im teleologischen Sinne „die Befriedigung eines 
Triebes" und folglich eine „Verwirklichung von Lust". Ich selbst habe 
wiederholt auf die Identität von „Lust und „archaischem Triebe" hingewiesen 
(Levj Bianchini, n, 15) und folglich auch auf die Zweckmäßigkeit, die 
„Libido" auch in dem allgemeineren Sinne von Besetzungsenergie („bio- 
logische Lust", Jung, 12) aufzufassen. Wenn es einerseits unleugbar 
ist, daß die „Lust" nicht nur „sexuell ist, so ist es ebenso wahr, daß in 
einer unendlichen Reihe von „Lustempfindungen" die bewußten, aber vor 
allem die unbewußten Zusammenhänge der Lust mit der Sexualität, d. h. 
der „biologischen Libido mit der „Sexuallibido", sehr alt und tiefgehend 
sind. Eine der breitesten und naheliegendsten Bestätigungen dafür finden wir 
in den Spielen (Groos, 14, 15), d. h. in Turnieren, in Wettspielen und 
Wettkämpfen (Bovet, 16), welche der primitive und moderne Mensch, 
in den mannigfaltigsten Arten (in Geschicklichkeiten, Turnen, Olym- 
piaden, Sport, Fechten), aber mit eindeutigerem Ziele, in genau der- 
selben Weise wie die Tiere, vereint mit Tanz und Gesang (Havelock- 
ElJis) zu sexuellen Zwecken pflegte, als Abkömmlinge der ersten „Psy- 
choiden" in der Richtung der Sexualität selbst. (Ich gebrauche den Aus- 
druck von Driesch, der von Bleuler (17) in die Psychiatrie eingeführt 
wurde, um die unklare psychologische Projektion der Funktionen der 
organischen Systeme auf die dynamische Tätigkeit der Zerebration 2u 
bezeichnen.) 

Vom kritischen und doktrinären Gesichtspunkte also, wie auch von dem 
der psychoanalytischen Praxis, ist eine frühreife Libido-Mneme nichts Neues: 
wie denn auch die „Fixierung" an die Mutterbrust, als erogene Zone, 
nichts Neues ist, was beim Kinde einen sexuellen Partialtrieb bewirkt: 
ebenso deren Überdeterminierung und Überschätzung, als Element, 
das im Pubertätsalter und beim Erwachsenen die sexuelle Vorlust, sei 
sie vollkommen oder nicht, auslöst. 

Die Libido-Mneme ist das Resultat von erotischen und sexuellen Ein- 
drücken, sei es, daß sie vom somatischen (aktives oder passives: sadistische 
oder masochistische Orientierung usw.), oder vom visuellen Erleben des 
Subjektes (Schauspielen, welchen er beigewohnt hat; Schaulust usw.) 
herrühren. Ein von Freud (18) analysierter Patient, ein junger Neurotiker, 
mit schwerer erblicher Belastimg (der Vater litt an periodischer Melan- 
cholie, ein Onkel väterlicherseits an Zwangsneurose, eine Schwester beging 



tio r'rnf. M. Levi Bianchini 



Selbstmord infolge Dementia praecox?) berichtete in der psychoanalytischen 
Behandlung über einen Angsttraum, den er im Alter von vier Jahren hatte 
und an den er eine klare Erinnerung bewahrt hatte. Aus der Analyse ging 
hervor, daß er im Alter von eineinhalb Jahren (streng nachgewiesen) Zeuge 
einer vollständigen Sexualszene zwischen seinen Ehern (coitus more ferarum) 
war, als er an einem Sommernachmittage im ehelichen Schlafzimmer 
schlafen gelegt wurde. Diese Urszene (siehe Ges. Schriften, Bd. VIII, S. 475) 
übte eine so nachhaltige Wirkung auf seine (natürlich unbewußte) Orien- 
tierung der Sexuallibido, daß er. nach Erreichung der Phase des Primates 
der Genitalzone (Piibertätsreife) den Sexualakt unter einer Bedingung (dessen 
Triebfeder dem Bewußtsein unbekannt war) ausüben mußte, die erst 
während der psychoanalytischen Behandlung bewußt gemacht und von ihm 
vollkommen angenommen wurde. Diese Bedingung war eben folgende: 
Die Reproduktion der Koitusstellung, die er zum ersten Male 
(Urszene) gesehen hatte. „Das Weib (sagt wörtlich Freud, S. 478) 
mußte jene Stellung einnehmen, die die Mutter in der Urszene einge- 
nommen hatte. Schon vom Pubertäts alter an, bildeten große, vorspringende 
Nates für ihn den stärksten Reiz zum Begehren eines Weibes: ein, in 
anderer Weise als more ferarum ausgeübter Koitus, bereitete ihm fast gar 
keine Lust. Wir dürfen annehmen, daß eine solche sexuelle Bevorzugung 
der hinteren Teile ein allgemeiner Charakter der zur Zwangsneurose 
disponierter Subjekte sei, und nicht nur das Derivat eines bestimmten in- 
fantilen Eindruckes: man könnte in der Tat annehmen, daß diese zur 
anal-erotischen Veranlagung und zu jenen archaischen Zügen, die 
sie kennzeichnen, gehöre. Es wäre auch die Annahme am Platze, daß die 
Stellung a posteriori, more ferarum, die phylogenetisch altere Form des 
Mechanismus der Koitusstellung gewesen sei." 

Und wenn übrigens die Vermutung logisch ist, daß in einem sehr früh- 
reifen Alter die Fähigkeit des Gedächtnisses, Erinnerungen festzuhalten, 
sehr beschränkt ist (wiewohl dies nur zum Teil richtig' ist, Stern, aa), 
daß das Engramm einer sexuellen Szene vom „Bewußtsein" verschwinden, 
daß der Sinn der Szene nicht verstanden sein kann, so ist es ebenso durch 
die Technik und durch die Erfahrung der Psychoanalyse nachgewiesen, 
daß die Affektbesetzung an einem Vorstellungskomplex x gebunden 
ist tind auch im zartesten Aller sich in das Unbewußte zurückziehen kann 
(charakteristisch dafür ist eben die höchste Empfindlichkeit und die Affekt- 
erregbarkeit: Delgado, 21), daß die Affektbesetzung lebhaft und dauernd auf 
die Traumarbeit, auf die Reaktivierung von affeklbesetzten Situationen, 



Libido-Mneme, Mystizisnius und Hellsiohtigkeit bei einem Kinde 411 

auf die Regression, auf die Gestaltung der Entwicklungsetappen der prä- 
genitalen Sexualität und auf die Endgestaltung der Pubertätssexualität Ein- 
fluß nehmen kann. 

In dieser Beziehung ist die Analyse eines von Schilder (52) berichteten Falles 
von Schizophrenie recht instruktiv, bei welcher im Grunde des autistischen 
Denkens des Subjektes, ein infantiler, bis zum Säuglingsalter regredierter 
Sadismus stand, der sich in der Folge auf die Elemente der schizophren 
gewordenen Zerebration verschoben hatte (Mutterbrust, Saugen und 
deren phantastische Entstellungen). O^it diesem Gegenstande haben 
sich noch Stärcke, Federn, Abraham befaßt.) 

So wie also die an die Urszene gebundene Affektbesetzung in dem 
von Freud berichteten Falle derart im Unbewußten verankert blieb, daß 
sie in der Folge, durch das ganze Leben das Engramm der physischen 
Situation, an die sie gebunden war, wiedererweckte und sie im Deter- 
minismus der postpuberalen psychosexuellen Mechanik aufdrängte, ebenso 
a fortiori, blieb dieselbe Besetzung, die an eine analoge Urszene gebunden, 
aber „psychologischer" war (Stillung an der Brust der Mutter und der Gauklerin), 
im Unbewußten unseres Subjektes fixiert. Mit dem Unterschiede jedoch (zu 
seinen Gunsten und zugunsten der Endgestaltung des Genitalprimates), daß 
die Urszene einen biologischen Grundakt vorstellte, das Saugen an der Brust. 
Dieser Akt ist übrigens auch beim Erwachsenen sehr allgemein fixiert: sowohl 
als verschobene Reaktivierung der archaischen Libido im aktiven Sinne, 
d. h. vom Standpunkte des Mannes (Verschiebung nach oben), als auch 
als Sexualanspruch von selten des Weibes, welches schon in der prägenitalen 
Periode, später in der peripuberalen Periode (Entwicklung der Brüste) die 
Bedeutung dieser erstklassigen erogenen Zone kennen lernt (Mechanische 
Reibung in der Kindheit, Bäder, Streicheln, Kleidungsstücke, Menstrualturgor 
der Brüste und Erektion der Brustwarzen mit der entsprechenden starken 
Libido; halb unbewußte pseudohomosexuelle Praktiken mit gleichaltrigen 
Mädchen zur Zeit der Endgestaltung der Geschlechtsorgane usw.). 

In einem anderen , von Freud (26) berichteten Falle, erzählte eine 
Patientin folgende infantile Erinnerungen: 

Alter von sechs bis neun Monaten. Ich im Kinderwagen. Zu meiner 
Rechten zwei Pferde : eines von diesen ist braunfeUig, es kommt mir sehr 
groß und stark vor. Es macht auf mich einen großen Eindruck und er- 
weckt in mir die Empfindung, als ob es ein Mann wäre. 

Alter von einem Jahre. Papa und ich im Volksgarten. Ein Auf- 
seher reicht mir in die Hand einen kleinen Vogel. Seine Augen sind 



412 Prof. M. Levi Bianchini 



SO SÜß, daß ich fast das Gefühl habe, daß er ein menschliches Wesen wie 

ich sei. 

Alter voti vier Jahren. Wenn man ein Schwein schlachtet, so schreie 
ich um Hilfe und sage, man töte einen Mann. Ich weigere mich seit 
damals. Fleisch zu genießen: jedesmal, wenn ich Schweinefleisch sehe, 
muß ich erbrechen. 

Alter von fünf Jahren. Die Mutter gebiert und ich höre sie schreien. 
Ich habe den Eindruck, als ob ein Tier und ein menschliches Wesen sich 
in Todesgefahr befänden: und dieser Eindruck war der gleiche wie der, 
den ich hatte, als man das Schwein schlachtete. 

V ^ 

Was den Mystizismus unseres Erzählers anlangt, der in einem Alter, 
in dem er nicht zu erwarten wäre, auftrat, so wissen wir auch, daß er 
in der Form von Pietismus, Mitleid, Religiosität, auch bei nicht mysti- 
schen, aber einfach neurotischen Individuen vorkommt. Auch der Kranke 
von Freud (l. c. S. 450) gerade im Alter von vier Jahren, im Alter 
unseres Patienten also, „wurde eine Zeillang sehr fromm (nachdem 
er an starken Tierphobien gelitten hatte und sich bei ihm, aus seiner 
ambivalenten Einstellung zum Vater heraus, deutliche zwangsneurotische 
Symptome gebildet hatten). Vor dem Einschlafen mußte er lange Zeit beten 
und sich unzählige Male die Brust bekreuzigen. Andere Male wiederum 
nahm er einen Sessel, stieg auf diesen und ging vor allen Heiligenbildern, 
die an den Wänden hingen, im Kreise herum und küßte andachtsvoll 
jedes einzelne von diesen . . . Andere Male wiederum mußte er ein merk- 
würdiges Zeremoniell ausüben, wenn er Bettlern, Krüppeln und alten 
Leuten, die bei ihm großes Mitleid erweckten, auf der Straße begegnete. Er 
mußte dann , geräuschvoll atmen', um nicht wie diese zu werden; oder, 
unter anderen Umständen, mußte er mit Gewalt den Atem anhalten . . . 

Noch häufiger finden wir einen frühreifen Mystizismus bei Kindern, 
die in der Folge in der Tat Bigotte, Fanatiker, große Mystiker, Heilige 
werden. Ein Beispiel dafür (neben vielen anderen) die heilige Katharina, 
die heilige Maria Maddalena de Pazzi (51) und vor allem das Leben der 
heiligen Teresa (20), deren Autobiographie eine unerschöpfliche Fund- 
grube von derartigen Beobachtungen ist (Levi Bianchini, 23). „Mit einem 
gleichalterigen Bruder (erzählt die Heilige im ersten Kapitel von ,Su Vida', 
auf ihr Alter zwischen sechs und zehn Jahren Beziehung nehmend) vertiefte 
ich mich in die Lektüre des Lebens der Heiligen . . ., ich wünschte in 



LiLidu-Mneinc, Mystizismus und Heils ichtigkeit bei einem Kinde 4.1z 

derselben Weise wie diese zu sterben . . . Wir gingen auf die Suche nach 
Mitteln, die uns die Erfüllung unserer Gelübde verschaffen könnten und 
machten Pläne, wie wir zu den Mauren hinübergehen und aus Gefällig;keit 
und um der göttlichen Barmherzigkeit willen flehen könnten, daß man uns 
köpfe . . ., es schien mir, daß mir der Herr, trotz meines zarten Alters, 
dazu den Mut geben würde . . ." (x pareceme que nas daba al Senor dnimo 
en tan tierna eddd . . J ' 

VI 

Von ihren eigenen Voraussetzungen ausgehend (Sondierung des Unbe- 
wußten), hat die Psychoanalyse versucht, auch die Erscheinungen von Hell- 
sichtigkeit sich zu erklären (Freud, 26, Hitschmann, 27, Stekel, 29), und 
zwar mit Hilfe viel einfacherer und mehr psychologischer Mechanismen, 
als es die geistreichen, aber immer unhaltbaren Hypothesen der Metapsychik 
sind. Die vorsichtigsten Forscher, wie z. B. Riebet (24) beschränken sich 
in der Tat auf die Annahme, daß die Hellsichtigkeit zur ersten jener 
Gruppen metapsychischen Erscheinungen gehöre (Kryptästhesie, Telekinesie, 
Ektoplasmie), deren Existenz nunmehr unbestritten und deren Beweis- 
führung unbestreitbar zu sein scheint, wie sehr auch Riebet selbst, dem 
wir in dieser Beziehtmg die sicherlich unparteiischeste und strengste Arbeit 
verdanken, sich weigere, eine stichhaltige Erklärung dafür zu geben oder 
zu suchen. Der hervorragende Metapsychist schließt seine zwei ersten, 
der Kryptästhesie gewidmeten Bücher seines Werkes mit folgendem trostlosen 
Bekenntnis: 

„II existe des faits averes, indiscutables, de premonidon. L'expUcation 
viendra (ou 7ie viendra pas) plus tard. Les faits n'en sont pas moins lä, 
authentiques, irrecusabtes. II y a des premonitions. Sont'elles dues a la 
force seule de V intelligeiice humaine, ou ä d'autres forces intelligentes agis- 
sant sur notre intelligence meme? II est impossible actuellement d'en decider. 
Contentojis nous d'abord de rapporter exactement les faits . . . 

Die Psychoanalyse ist nicht so pessimistisch: sie wogt es, einen Schritt 
weiter zu gehen und sucht die ideo-affektive Entstehung einiger 
erfolgten Weissagungen, welche unter der eigenen Beobachtung 
vorgefallen sind, in der dynamischen Tätigkeit des Unbewußten. 
Sie erhebt keinerlei Anspruch auf Verallgemeinerung, aber bietet, aus den 



1) Über die enge Verwandtschaft zwischen Mystmsmusimd Neurose haben schließlich 
viele Autoren melir oder weniger den Gegenstand betreffend geschrieben (Murisier, 25, 
Leuba, aS) imd ich selbst habe in der oben zitierten Arbeit über die heilige Teresa (25) 
darauf hingewiesen. 



^.1^ Proi. M. Levi Biancliini 



eigenen persönlichen Deutungen der allgemeinen Erfahrung die Elemente, 
wie bescheiden diese auch sein mögen, und ladet in offener Weise ein, diese 
zu kontrollieren und darüber zu diskutieren. 

Hitschmann (26) berichtet z. ß. über eine eigenartige Episode von 
Hellsichtigkeit, welche er selber hatte, gelegentlich eines Ballon auf stieges 
zweier Brüder, die einen selbstkonstruierten, lenkbaren Luftballon be- 
dienten. Es war an einem Sonntagnachmittag. Hitschmann, der den 
lebhaften Wunsch hatte, dem öffentlichen, seit einigen Tagen angekündigten 
Schauspiele beizuwohnen, befand sich in einem seelischen Zustande von 
einer gewissen Unzufriedenheit, weil eine höhere Macht sich der Erfüllung » 

seines Wunsches widersetzte: diese höhere Macht bestand darin, daß sowohl ■* 

er selbst, wie auch sein Bruder sich verpflichtet salien, zu Hause zu bleiben 
und der alten Mutter Gesellschaft zu leisten — was an Feiertagen fast immer 
der Fall war. Also, bei Tische sitzend, und gerade um die Zeit, als der 
Aufstieg stattfand, bei welchem sich der Unglücksfall ereignete, wovon Bf 

Hitschmann bald darauf auf der Straße die Bestätigung erhielt, hatte er 
den bestimmten Gedanken, „daß einer der Piloten aus dem Ballon heraus- 
geschleudert werde : welches Ereignis tatsiichlich in derselben Stunde, in 
welcher Hitschmann den Gedanken gehabt hatte, vorgefallen war. Unter 
Ausschluß jedweder metapsychischer Hypothese gelangte Hitschmann, 
mittels der Autopsychoanalyse, zu einer Erklärung der hellseherischen 
Wahrnehmung, in einer sehr überzeugenden Art. Die Analyse wies, auf 
Grund des bewußten und wachen Gedankens nach, daß es sich um einen 
unbewußten Identifi/.ierungsprozeß (brüderliche Eifersucht) und um den 
bewußten Wunsch, die eigene Unzufriedenheit im Schaden des Nächsten 
verwirklicht zu sehen, handelte. 

Hitschmann berichtet ferner über eine Ankündigung vom Tode des 
Vaters, worüber der Dichter Dauthendcy in seiner Autobiographie erzählt, 
und Endet deren unbewußte Entstehung in einem deutlichen ödipus- 
Komplex (ambivalente Einstellung zum Vater). 

Durch Freuds (26) Mitteilung über die Beziehungen zwischen Traum 
und Hellsichtigkeit wird ein „psychodynamischer" Weg (d. h. einfach psycho- 
logisch im biologischen Sinne des Wortes), welcher die Deutung der Krypt- 
ästhesie {wohlgemerkt ist auch das Unbewußte kryptoplastisch, d.h. es 
wirkt ohne das Wissen des Bewußtseins) eröffnet, der den sogenannten meta- 
psychischen Deutungen ohne Zögern vorgezogen werden müßte. Deutungen, 
die eigentlich metaphysisch, oder, wie ich sagen möchte, ana-physisch, 
d. h. vollkommen beziehungslos zu den bisher bekannten energetischen 



LiLido-Mneine, Mystizismus und Hellsichtigkeit bei einem Kinde 415 

Gesetzen sind. Mit vollem Recht sagt Freud, daß wir in den Deutungs- 
versuchen der Weissagung mittels der Dynamik des Unbewußten, nur ver- 
ständliche Möglichkeiten an die Stelle des Unbekannten und Unverständ- 
lichen setzen. Und wenn auch die Telepathie nichts mit dem Wesen des 
Traumes zu tun hat, noch in keiner Weise unser analytisches Verständnis 
des Traumes selbst vertiefen kann, die Psychoanalj'se kann dagegen einen 
neuen Antrieb zur Erforschung der Telepathie geben, indem^ sie einige 
unverständliche Elemente der telepathischen Erscheinungen, dank ihrer 
Deutungen, unserem Verständnisse näher bringt. 

Auch bei den Fällen von Freud (26) handelt es sich um Weissagungen 
im Traume und im Wachzustande. Ein wiederverheirateter Witwer hat 
eine einzige, in Berlin verheiratete Tochter erster Ehe, welche ihrer baldigen 
Niederkunft entgegensieht. Er träumt eines Nachts, daß seine zweite Frau 
ihm Zwillinge gebiert. Tatsächlich, zwei Tage spater, brachte ihm ein 
Telegramm seiner Tochter die Nachricht, daß sie Zwillinge geboren hatte, 
und zwar drei Wochen vor dem von der Familie (falsch?) berechneten 
Termin. Ein anderes Mal, fünfundzwanzig Jahre früher, er befand sich im 
jugendlichen Alter, wurde ihm eigenhändig vom Briefträger eine Postkarte 
überreicht und, ohne auf die Handschrift des Absenders zu schauen, hatte 
er ausgerufen: „Es ist die Anzeige vom Tode meines Bruders": und das 
war tatsächlich der Fall gewesen. Der psychoanalytischen Erfahrung gelingt 
es nicht schwer, im ersten Falle die so allgemeine Gefühlsbindung des 
Ödipus-Romplexes zwischen Vater und Tochter, und den unbewußten 
Komplex: „Meine Tochter hätte meine zweite Frau werden sollen" aufzu- 
decken; so wie in der zweiten Weissagung das Element „brüderliche Eifer- 
sucht" des Familienromans hervortritt analog dem von der Weissagung 
Hitschmanns. 

Der zweite Fall von Freud betrifft eine sehr intelligente, siebenund- 
dreißigj ährige, neurotische Patientin, die älteste von zwölf Geschwistern, 
welche von einem Traume, der mit unbedeutenden Variationen in seinen 
Einzelheiten, aber im Kerne identisch, sich öfters wiederholte, seit mehr 
als zwanzig Jahren geplagt wurde (d. h. seit ihrem Pubertätsalter). Es ist 
ein sehr bekannter Geburtstraum: Land, Wasser, Baumstamm, ein Mann 
im Wasser, Rettung: d. h. Beischlaf, Schwangerschaft, Geburt, Auch dieser 
Traum stand im engen Zusammenhange mit dem Ödipus-Komplex 
(Vaterfixierung und Identifizierung mit der Mutter). Diese Frau hatte einen 
Bruder Im Felde. Am 23. August des Jahres 1914, um 10 Uhr vormittags, 
hört sie den Bruder „Mutter, Mutter" rufen. Auch die Mutter, welche 



j_i6 Prof. M. Levi Bianchini 



sie zwei Tage später sieht, ist stark beunruhigt, weil sie dieselben Worte im 
selben Moment gehört hatte. Einige Wochen später kommt die Nachricht, 
daß der Bruder, respektive der Sohn, tatsächlich in der Zeit der bewußten 
Halluzinationen der Schwester und der Mutter im Felde gefallen ist. 

Bei einer anderen Gelegenheit, während ihres Aufenthaltes in einem 
Sanatorium, hörte sie einige Schlage am Bette einer Leidensgefährtin, welche 
deren Tod ankündigten. Sie hatte im gewöhnlichen Leben eine Freundin, 
welche ihr besonders lieb war, die an einen Witwer mit fünf Kindern 
verheiratet war. „Jedesmal, wenn sie zu ihr ins Haus kam, um sie zu 
besuchen, sah sie eine Frau im Zimmer erscheinen nnd wiederum ver- 
schwinden" (die erste Frau des Witwers). 

In beiden Fällen ist es leicht, die Elemente des Familienkomplexes 
aufzudecken. Im ersten Falle vertritt die Patientin ihre Mutter, ist aber 
gleichzeitig die Rivalin des Bruders. Im zweiten Falle identifiziert sie sich 
mit der wiederverheiratelen Freundin, mit dem Typ Gattin, also mit der 
Mutter (Gattin des Witwers, Gattin des Vaters). 

Es resultiert also, daß alle analytisch gedeuteten Weissagungen einen 
engen Zusammenhang mit dem Ödipus-Komplex aufweisen, der, wie 
bekannt ist, der Zentralkern der psychosexuellen Entwicklung des Kindes 
bildet und der historische und archaische Orientierer der psychischen primi- 
tiven (individuellen und sozialen) Konstitution ist. (Totem und Tabu in den 
Clans der Stamme; Pubertäts-, Buße- und Eheriten.) 

VII 
Da ich die Person, die mir die autobiographischen Fragmente geliefert 
hat, nicht analysiert habe, kann ich natürlich keine psychoanalytisch doku- 
mentierte Erklärung ihres Mystizismus und ihrer llellsichtigkeit geben. 
Dem unvoreingenommenen Leser wird es jedoch nicht schwer fallen, aus 
den Vergleichen der Fälle von Freud, Hitschmann und des meinigen 
lehrreiche Sclilüsse zu ziehen. 

Literaturverzeichnis 

)) Visöky: Evolutio virilis praecox. Casopic Lekaruv ceskyc 1921, p. 48. 

2) Pellizzi: La sindronie epifisaria macrogenitosomia prccoce. Riv. ital. di neurop. 

ecc. igio, p. 193. 
5) Bandettini di Foggio: Rapporti fra sistema nervoso e ghiandole a secrezione 

interna. Tip. Gioveiitii, Geiiova igai. 
4) Zondek: Krankheiten der endokrinen Drüsen. Springer, Berlin 1925. 



Levi Bianchini: Libido-Mneme, Mysti^mus und Hellsichtigkeit 4,17 

5) Lereboiillet ecc. Syrapatliique et glandes endocrines. Maloine, Paris 1921, 

6) Nob^court: Les Syndromes endocriniens dans I'enfaiice et la jeunesse. Flam- 
marion, Paris 1923. 

7) Pende: Endocrinologia. a/a ed. Vallardi, Milano, 

8) Sezary: Pathologie de la glande pineale in Nouveau Traite de M^d. Vol. VIII, 
Massen, Paris 1925. 

9) Havelock-EUis: Das Geschleclitsgefühl. 5. Aiifl. Kaiitisch, Leipiig igsa, 

10) Freud: Tre contributi alla teoria sessuale. Trad. Levi Bianchini, Bibl, Psico- 
analitica Ital. Idelson, Napoli 1921. 

11) Levi Bianchini: La dinamica dei psichismi secondo la psicoanalisi. Archivio 
generale di Neiirologia, Psichiatria e Psicoanalisi 1922, p. 41. 

la) Jung: Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie, Deuticke, 

Wien 1923- 
15) Levi Bianchini: Gli istinti nel sistema dei psichismi umani. Ibid. i^z^jz^, 

p. 109. 

14) Groos: Die Spiele der Tiere. Jena 1896. 

15) — Die Spiele des Menschen. Jena 1899. 

16) Eovet: L'instinct combatif. Delachauit et NiestU, Neufchäftel 1917. 

17) Bleuler: Psychisches in den Körperfunktionen und in der Entwicklung der 
Arten. Orell Füssli, Zürich 1924. 

18) Freud: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. Ges. Schriften, Bd. VTII, S. 457 
IQ) Wilsung: Das Schicksal der Sohne der minderjährigen Mütter. Deutsche Medizini- 
sche Wochenschrift 54, 1924. 

20) Santa Teresa: Ohras Escogidas. Lihro de 8u Vida, Nelson, Londres loiz. 

ai) Delgado: Algunos aspectos de la psicologia dei niiio. Linia 192a. 

22) Stern: Erinnerung, Aussage und Lüge in der ersten Kindheit. Barth, Leipzig 
1922. Die Kind er spräche. Ebenda 1922. Die Intelligenz der Kinder und Jugend- 
lichen. Ebenda 1920. 

25) Levi Bianchini: La simbolistica sessuale nel sogno mistico e profano. Archivio 
generale di Keurologia, Psichiatria e Psicoanalisi, Vol. VI. 1925, p. 5. 

34) Riebet: Traitö de M6tapsychique. 20 Ed. Alcan, Paris 1925. 

25) Muriser: Les maladies du sentiment religieux. Alcan, Paris 190g, 

26) Freud: Traum und Telepatliie. Imago VIII, 1922. (Ges. Schriften, Bd. III.) 

27) Hitschmann: Telepatia e Psicoanalisi, Archivio generale di Neurologia, 
Psichiatria e Psicoanalisi 1925. 

28) Leuba: L'erotomanie des mystiques Chrötiens. Revue Philsophiqne, oct. 1905, 

29) Stekel: Der telepatliische Traum. Berlin (cit. nach Freud, Trauin und Telepathie). 

30) — Die Sprache des Traiimes. Bergmann, München 1922. 

51) Vaussard: Sainte Marie Madeleine de Pazzi. Lecoffre, Paris 1925. 
32) Schilder: Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage. Inter- 
nationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 1925. 



Imago XII. 97 



Okkulte Vorgänge 
während der Psychoanalyse 

Von 

Helene Deutsch 

Wien 

^Wenn das telepathische Phänamen aber nur eint 

Wahniehiming des Unbewußten ist, Üann liegt ja kein 
neues Problem vor. Die Anwendung der Gesetze des unbe- 
wußten Seelenlebens verstünde sich dann für die Tele- 
pathie von selbst.'' (Freud, Ccs. Schriften, III, 304.) 

Die moderne Wissenschaft bestreitet zwar nicht a priori die Tatsache 
der Existenz sogenannter „okkulter" Phänomene, aber sie begegnet denselben 
mit berechtigter Skepsis und verlangt Beweise und Erklärungen. 

Der Hang zum Okkuhen ist eine der Erscheinungsformen jener ewigen 
Sehnsucht des Menschen, die Grenze zwischen Icli und Welt zu sprengen, 
seine eigenen Gefühlserlebnisse in eine Einlieit mit der Außenwelt zu 
bringen. Dies soll auf doppeltem Wege erreicht werden: einerseits werden 
die seelischen Gewallen nach außen projiziert, um in der Außenwelt als 
„überirdische" Kräfte zu erscheinen, anderseits wird durch die Beherrschung 
dieser überirdischen Mächte dem menschlichen Kiinnen selber ein mystisches, 
göttliches Vermögen zuerkannt. 

So wird das Urgewaltige im Menschen, das außerhalb seines banalen 
Wissens und über seinem alltäglichen seelischen Vermögen Liegende geleugnet 
und als etwas überirdisch Göttliches bezeichnet. Dann wird es wiederum 
als das Übermenschliche im Menschen agnosziert. Durch Anerkennung 
überirdischer Kräfte in ihm selbst wird der Sterbliche auf Umwegen zu 
jener Gottheit, die er nach seinem Rhenbilde gescliaffen hat. 

Die Psychoanalyse, welche die große Macht des Unbewußten im see- 
lischen Geschehen entdeckt hat, erforschte auch die Wege, auf denen der 



Okkulte Vorgänge während der Psychoanalyse ^ig 

Mensch allem, was aus seinem dunklen Innern kommt, auszuweichen ver- 
sucht. So fand sie z. B., daß er sich dort, wo das Drängen der abgewehrten 
Mächte zu stark wird, ihrer durch Projektionen zu entlasten versucht. In 
diesen Abvvehrvorgängen schafft der Mensch den Geisterglauben, bekennt 
sich zu animistischen Anschauungen, die er dann in „spiritistischen Er- 
kenntnissen", „okkulten Phänomenen usw. auffrischt. 

Die Psychoanalyse dagegen verlegt alle rätselhaften Geschehnisse im 
Menschen in die seelische Urheimat seines Unbewußten, in jenen „mysti- 
schen" Ort, aus dem sie kommen. Sie verfolgt das individuelle Erlebnis in 
jenen Fallen, in denen es sich durch das bewußte Wollen nicht erklären 
läßt, solange, bis es ihr gelingt, im inneren Geschehen die Ursprungsstätte 
und somit die Lösung des Rätselhaften zu finden. 

Eine psychologische Erscheinung zu erfassen und zu deuten, bedeutet 
für den Psychoanaljliker sie einer Zergliederung mittels der feinen ana- 
lytischen Technik zu unterziehen. Somit wird nur ein geringer Anteil der 
„okkulten Phänomene'" der direkten analytischen Beobachtung zugänglich 
sein. Besonders geeignet wird sich das „telepathische Phänomen" erweisen, 
wie es Freud definiert hat: j,die Aufnahme eines seelischen Vorganges 
in einer Person durch eine andere auf anderem Wege als dem der Sinnes- 
Wahrnehmung." ^ Der psychische Kontakt zwischen dem Analytiker und 
dem Analysierten während der Psychoanalyse ist ein so inniger, die sich 
hier abspielenden seelischen Vorgänge so mannigfaltig, daß man erwarten 
müßte, hier Bedingungen vorzufinden, die das Zustandekommen solcher 
Phänomene besonders begünstigen. Es könnte dann bei besonders genauer 
Beobachtung gelingen, einen vor unseren Augen entstehenden psychischen 
Vorgang als „telepathischen" zu erkennen und ihn mittels der anal3rtischen 
Technik in der methodologisch ihr eigenen Weise aufzuklären. Der Wert 
so gewonnener Erkenntnisse wird vor allem darin zu suchen sein, daß es 
sich hier nicht um zusammenhanglose Vorgänge handeln wird, sondern um 
seelische Ereignisse, die in einen fortlaufenden Prozeß eingeschaltet waren 
und nur im Zusammenhang mit demselben vollinhaltlich verstanden werden 
können. Dieselben Ereignisse, aus der Ganzheit des Vorganges losgerissen, 
würden für den Außenstehenden den tj'-pisch „okkulten" Charakter tragen 
und durch die Unmöglichkeit ihrer Deutung auch den okkulten Charakter 
dieser Phänomene wahren. Erst die Möglichkeit der Einfügung in eine Konti- 
nuität beraubt, wie es scheint, das „Okkulte" seines mystischen Charakters. 

i) Die okkulte Bedeutung des Traumes. Ges. Schriften, Bd. III. 

27* 



430 Helene Deutsch 



Aus derartigen analytischen Erfahrungen konnte man dann weiter schließen, 
daß die „Entlarvung'' okkulter Phänomene, d. h. die Zurückführung von 
Geheimnisvoll- Unverständlichem zum 1<' in fach- Klaren auch außerhalb der 
analytischen Situation in derselben Weise erreicht werden kann: in der An- 
gUederung an eine irgendwo unterbrochene Ereignisketle, in der Ausfüllung 
von Lücken, die im Ablauf der seelischen Vorgänge entstanden sind. 

In der schon erwähnten kleinen Studie über „Die okkulte Bedeutung 
des Traumes" sagt Freud: „Ich habe auch bei Versuchen im intimen 
Kreise wiederholt den Eindruck gewonnen, daß die Übertragung von stark. 
affektiv betonten Erinnerungen unschwer gelingt. Getraut man sich, die 
Einfälle der Person, auf welche übertragen werden soll, einer analytischen 
Bearbeitung zu unterziehen, so kommen oft Übereinstimmungen zum Vor- 
schein, die sonst unkenntlich geblieben wären. Aus manchen Erfahrungen 
bin ich geneigt, den Schluß zu ziehen, daß solche Übertragungen besonders 
gut in dem Momente zustande kommen, da eine Vorstellung aus dem Un- 
bewußten auftaucht, theoretisch ausgedrückt, sobald sie aus dem , Primär- 
vorgang' in den .Sekundärvorgang' übergeht," 

Nun ist die psychoanalytische Situation mit ihrer Technik der freien 
Assoziationen par excellence jene, in der die „affektiv betonten Erinnerungen" 
sich stets in statu nascendi befinden, d. h. „aus dem Primärvoi'gang in den 
Sekundär Vorgang übergehen". Die Bedingungen, unter denen die zweite 
Person (auf die übertragen wird), den affektiven, aus dem Ubw hervor- 
drängenden Vorstellungskoniplex in sich aufnimmt, werden von Freud 
nicht weiter besprochen. Das oben Gesagte läßt vermuten, daß es sich bei 
diesem Vorgang um eine Reaktion im Ubw handelt, die sich erst durch 
freie Assoziationen verrät und ihren Inhalt und ihre Übereinstimmung mit 
dem Vorstellungsinhalte der Person, von der die Anregung ausgeht, erst 
bei der analj'tischen Bearbeitung kundgibt. Unter Voraussetzungen, die uns 
nicht klar geworden sind, die aber alier Wahrscheinlichkeit nach mit dem 
Prozeß der Übertragung — im psychoanalyiisclien Sinne — zusammenhängen, 
setzt sich sichtlich der reaktive Vorgang bei der Überlragungsperson ins 
Bewußtsein durch und wird zum Walirnehinungsinhahe. Da die Sinnes- 
wahrnehmung, die sonst diesem Vorgang vorangeht, gefehlt hat, bekommt 
derselbe einen „okkulten" Charakter. Man kann leicht vermuten, daß die 
Bedingung dieser Übertragung „affektivbetonter Erinnerungen in einer ge- 
wissen unbewußten Bereitschaft zur Aufnalmie derselben liegt und daß erst 
die Erfüllung dieser Bedingung die betreffende Person als „Empfangsstation" 
befähigt. Diese aus dem Ubw auftauchenden affektiv besetzten Vorstellungs- 



Okkulte Vorgänge während der Psychoanalyse 421 

inhalte müssen im Uhw des andern analoge gleichsinnige Inhalte mobi- 
lisieren, die sich dann als innere Wahrnehmung ins Bewußtsein durchsetzen. 
Nachträglich wird die Identität der Inhalte agnosziert und dadurch bekommt 
die innere Wahrnehmung den Charakter einer äußeren. 

Die nähere Betrachtung der Vorgänge während einer Psychoanalyse läßt 
uns erkennen, daß die oben angenommenen Voraussetzungen zur Entstehung 
eines okkulten Phänomens in ihr weitgehend gegeben sind. Die folgenden 
Überlegungen sollen uns verständlich machen, an welcher Stelle der ana- 
lytischen Arbeit das Auftreten des okkulten Phänomens verhindert wird. 

Wir wissen, daß die Tätigkeit des Analytikers nach zwei Richtungen 
vor sich geht. Eine seiner Aufgaben — vielleicht die- wichtigere — besteht 
darin, das Material, das ihm vom Patienten in seinem dunklen Selbst- 
verrat und im Übertragungserlebnis geboten wird, passiv aufzunehmen. Die 
zweite Aufgabe ist die voll bewußte Erkenntnis des Empfangenen und die 
inteJlektuelle Verarbeitung des Materials. 

In seinen technischen „Ratschlägen" sagt Freud: „Man halte alle be- 
wußten Einwirkungen von seiner Merkfähigkeit ferne und überlasse sich 
völlig seinem unbewußten Gedächtnisse."' Der Analj^iker „soll dem geben- 
den Unbewußten des Kranken sein eigenes Unbewußtes als empfangendes 
Organ zuwenden, sich auf den Analysierten einstellen, wie der Receiver des 
Telephons zum Teller eingestellt ist. Wie der Receiver die von Schallwellen 
angeregten elektrischen Schwankungen der Leitung wieder in Schallwellen 
verwandelt, so ist das Unbewußte des Arztes befähigt, aus den mitgeteilten 
Abkömmlingen des Unbewußten dieses Unbewußte, wenn es die Einfälle 
des Kranken determiniert hat, wieder herzustellen .^ 

Dieser Vorgang im Analjtiker, auf den wir im weiteren etwas näher 
eingehen wollen, stellt eben zwischen ihm und dem Analysierten den 
Kontakt außerhalb des Bewußtseinsapparates her, wenn auch die Anregung 
des Vorganges durch motorisch-sprachliche Entladung einerseits und Aufnahme 
durch das Hörorgan anderseits vor sich ging. Was aber zwischen dem ersten 
Sinnesanreiz und der nachträglichen intellektuellen Verarbeitung vor sich 
geht, ist ein „okkulter", außerhalb des Bewußtseins liegender Vorgang. 
Wir können von einer „unbewußten Wahrnehmung durch den Analytiker 
sprechen, und die Fähigkeit, dieselbe zu entfalten und zu verwerten, scheint 
sich mit dem Begriff der „analytischen Intuition" zu decken. Diese „intuitive 



1) Ratscliläge für dea Arit bei der psyclioanalyti sehen Behandlung, Ges. Schriften, 
Bd. VI, S. SS. 

2) A, a 0, S, 69, 



42^ 



Helen« Deutsch 



Einfühlung" in den Patienten ist beim Analytiker ein Wissen, das über 
das eigene Bewußtsein hinausragt und aus unbewußten Quellen strömt: 
erst nachträglich bändigt das bewußte Wissen die intuitiven Kräfte und 
macht sie zielhaft, verkettet das Empfangene in harmonisch gebundene 
Gedanken reihen, bemeistert das „Tnspirative", indem es dasselbe in die 
nüchterne Form der banalen Erkenntnis umsetzt. Durch diesen Prozeß 
verliert der Vorgang seinen okkullen Charakter. Der Begriff „unbewußte 
(bezvv. analytische) Wahrnehmung" bekommt hier, wie wir sehen werden, 
dieselbe psychologische Bedeutung wie die „innere Wahrnehmung". Der 
affektive, aus dem Ubw kommende psychische Inhalt des Patienten wird 
nämlich zum Inncnerlebnis des Analytikers und wird erst in der nach- 
träglichen Gedankenarbeit als dem Patienten (also der Außenwelt) zugehörig 
erkannt. Die Analogie zum telepathisclien Phänomen würde sich aus der 
Verarbeitung einer vom Objekte kominenden Botschaft /.um eigenen Innen- 
erlebnis und aus der Rückprojektion dieses Erlebnisses zur reizspendenden 
Ursprungsstelle ergeben. In der analytischen Arbeit geschieht diese „Rück- 
projektion" auf dem Wege einer nachträglich bewußten, alle Lücken des 
Erlebnisses ausfüllenden, intellektuellen Tätigkeit; im okkulten Phänomen 
vollzieht sich die Rückprojektion unbewußt in dunklen, affektiven Vor- 
gängen. 

Daß das am Patienten unbewußt Wahrgenommene, zum eigenen Erlebnis 
des Analytikers geworden, dann als innere Wahrnehmung dem Bewußtsein 
mitgeteilt wird, ist nicht spezifisch für die „intuitive Einstellung' des 
Analytikers in der Phase der „gleichschwebenden Aufmerksamkeit ,' sondern 
scheint das Wesen der Intuition überhaupt zu sein. Das intuitive Einfühlen 
ist ja die Gabe, das Objekt auf dem Wege der Identifizierung in sich selbst 
zu erleben, und zwar in jenen Anteilen des eigenen Ichs, an denen der 
Identifizierungsvorgang zustande gekommen ist. Diese intuitive Einstellung, 
d. h. der Identifizierungsvorgang in der Analyse, ist durch die Tatsache 
ermöglicht, daß die Seelenstruktur des Analytikers ein Produkt analoger 
Entwicklungswege ist, wie die des Patienten, Sein Ubw enthält ja dieselben 
infantilen Wunschregungen und das intuitive Aufnehmen stellt so eine Auf- 
frischung von Erinnerungsspuren dar, die jene einmal überwundenen Ten- 
denzen zurückgelassen haben. Dieser Prozeß der Wiederbelebung von Erinne- 
rungsspuren eigener seelischer Inhalte gestaltet das Erlebnis am Patienten 
zur inneren Wahrnehmung des Analytikers. 



i) Freud, a. a. 0. 



Okkulte Vorgänge während der Psychoanalyse 425 



Somit wäre der psychische Vorgang der intuitiven Vorarbeit in der Analyse 
beim Analytiker und beim Analysierten in gewissem Sinne analog. Bei 
beiden kommt es zur Wiederbelebung gleichsinniger infantiler Strebungen: 
beim Analysierten durch die Übertragung, beim Analytiker durch Identi- 
fizierung. Diese unbewußte Beziehung des Analytikers zum Patienten können 
wir mit Recht „Gegen Übertragung" nennen. Diese enthält jedoch nicht nur 
die Identifizierung mit bestimmten Anteilen des infantil besetzten Ichs des 
Patienten, sondern sie geht auch noch mit anderweitigen itbw Einstellungen 
einher, die ich ^ Komplementäreinstellungen" nennen möchte. Wir wissen 
doch, daß der Analysierte seine unbefriedigten infantiMibidinösen Wünsche 
dem Analytiker zuwendet. Als Objekt dieser Wünsche wird er mit jenen 
Objekten identifiziert, auf die sich einst dieselben bezogen haben. Die Auf- 
gabe des Analytikers beruht nun auch darin, in der ubw Einstellung seine 
reale Persiinlichkeit aufzugeben und gleichsinnig zu den Übertragungs- 
pbantasien des Patienten seine Identifizierung mit den Imagines desselben 
vorzunehmen. Ich nenne diesen Vorgang „Komplementäreinstellung" zum 
Unterschied von der Identifizierung mit dem infantilen Ich des Patienten. 
Beide zusammen bilden erst das Wesen der ubw „Gegenübertragung und 
die Verwendung derselben und ihre zweckentsprechende Bewältigung gehören 
zu den wichtigsten Aufgaben des Anal>1ikers. Diese ubw Gegenübertragung 
ist nicht zu verwechseln mit der grobaffektiven bewußten Beziehung zum 

Patienten. 

Der Unterschied zwischen dem Analytiker und dem Analysierten liegt vor 
allem in der beim Analytiker geforderten Bewegungsfreiheit seiner ubw 
Regungen, während dieselben beim Patienten unter Verdrängungs wider stand 
stehen. Während der Patient in der Übertragung seine uhw Tendenzen zum 
wunscherfüllenden Agieren bringt, schiebt sich beim Analytiker zwischen das 
Wünschen und Handeln die suhlimierende intellektuelle Verarbeitung ein. 
Der Patient strebt in der Psychoanalyse an, für seine ubw Wünsche eine Be- 
friedigungssituation zu schaffen, — der Analytiker verzichtet zielbewußt auf 
jede Befriedigungsart am Patienten mit Ausnahme jener der sublimierenden 
Erkenntnis. Wir wissen, daß wenn eine ubw Strömung beim Analytiker 
unter einen Verdrängungs widerstand fällt, seine intuitive Leistung (also nach 
dem oben Gesagten seine ubw Identifizierung) an dieser Stelle verhindert 
wird. Ebenso entsteht ein psychischer Kurzschluß im Analytiker, wenn er 
kraft seiner ubw Tendenzen eine hergestellte Identifizierung nicht aufzu- 
geben vermag. Besonders häufig entstehen solche störende Einflüsse im 
Analytiker durch die nicht genügende Bewältigung der Komplementär- 



4^4 Helene Deutsch 



einstellung. Entweder will er seine bereits in der Realität — vielleicht mit 
einem großen Aufwand — erreichte Rolle zugunsten der Situation der Über- 
tragung, auch im Ubw nicht aufgeben, — oder die Identifizierung mit 
einem bestimmten infantilen Objekte des Patienten behagt seinen uhw 
Wünschen so sehr, daß er die einmal angenommene Position nicht mehr 
verlassen will und dadurch die freie Beweglichkeit der Überlragungs welle 
stört.' Wissen wir doch, wie schon eine stärkere Inanspruchnahme des 
Analjlikers durch eigene affektive aktuelle Erlebnisse den Fortschritt der 
Analyse erschwert. Um so mehr können wir annehmen, daß die ubw Ver- 
ankerungen der freien Beweglichkeit der Libido (des Analytikers) in stören- 
den Einflüssen zum Ausdruck kommen werden. 

Dieser kurze Einblick in die psychoanalj^ische Situation sollte die oben 
vertretene Anschauung, diese Situation weise zum Teil einen okkulten Vor- 
gang auf, rechtfertigen. Jeder, der sich einer Analyse unterzogen hat, wird 
sich an Momente erinnern, in denen er den Eindruck hatte, der Analytiker 
sei „ein Gedankenleser"; der Analytiker selbst weiß, daß ihm innerhalb 
seiner analytischen Tätigkeit keine Bewußtseinsquaütät zur Verfügung stehe, 
die ihm die Leistung seiner ubw Aufnahmsfähigkeit ersetzen könnte. 



Wenn es uns gelungen ist, zwischen der analytischen Intuition und 
einem telepathischen Vorgang eine Wesensverwandtschaft zu finden, so 
wird es uns leicht sein anzunehmen, daß diese Leistung der Intuition an 
Intensität die Grenzen, die der analytischen Verwendung gesetzt sind, zu- 
weilen übersteigen kann. Unterliegt diese Leistung nicht der kritischen 
Verarbeitung des Intellektes wie in der Psychoanalyse, son-dern bricht sie 
eruptiv aus tieferen Schichten in die Wahrnehmungssphäre durch, so be- 
kommt sie dann den Charakter des „okkulten Phänomens". Das okkultistische 
Medmm erlebt dann hellseherisch das, was der Analytiker in langsam vor- 
sichtiger Deutungskunst des „okkulten" Sinnes beraubt hat. 

Diese Vorgänge sind mir besonders klar geworden in den Kontrollstunden bei 
Schülern des Lehrinstituts. Häufig Jiiirt man da von weibliclieu Analytikern die Mit- 
teilung, Patienl habe eine Vaterübertragung hergestellt, aus der er nicht herauskomme, 
oder auch umgekehrt, der männliche Analytiker erlebt auffallend hiüifig und liart- 
näckig seme Multeridentifiiiernng in der Überlrugung seiner Palienten. Es stellt sich 
dann heraus, daß der nicht vollkomniLo überwundene Männlichkeitskomplex auf Seiten 
der Analytikerin, beziehungsweise die eigene passiv-reminine Strömung auf Seiten des 
Analytikers die Schwierigkeit ergeben haben. 



Okkulte Vorgänge während der Psychoanalyse ^25 



Wir haben bis jetzt die Reaktionen des Ubw des Analytikers auf die 
uhw Vorgänge des Patienten besprochen. Die umgekehrten Auswirkungen 
vom Analytiker auf den Patienten haben wir in gewissen störenden Ein- 
flüssen erkannt, wobei aber auch diese sich mehr im Analytiker selbst als 
im Patienten gellend machen, indem sie seine intuitive Leistung paralysieren 
und hemmen. Alle andern Einflüsse seines Ubw auf den Patienten entziehen 
sich der direkten Beobachtung des A nal jiiikers. Würde es sich ermitteln 
lassen, daß ein Bewußtseinsinhalt des Analytikers — also etwas, was von 
ihm selbst kontrollierbar ist ■ — im Ablauf der assoziativen Tätigkeit des 
Patienten zur Auswirkung gelangt, so würde somit der Beweis einer Über- 
tragung im telepathischen Sinne erbracht sein, unter der Voraussetzung, daß 
ein Sinneseindruck des Patienten einwandfrei ausgeschlossen werden konnte. 

Daß das Interesse des Analytikers für ein bestimmtes Problem plötzlich 
bei seinen Patienten das gesuchte Material erscheinen läßt, oder, daß seine 
innere, wie er meint, wohl verhüllte Ungeduld z. B. als Folge anderweitiger 
Inanspruchnahme — ein Stocken in der Analyse bei sämtlichen Patienten 
zur Folge hat usw., kann auf die Erwartungsvorstellungen des Analytikers 
im ersten Fall, auf die verschärfte Beobachtungsgabe der Patienten im 
zweiten Fall zurückzuführen sein. Ähnliche Beispiele ließen sich in Fülle 
aufzählen; man begnügt sich mit ihrer Zurückführung auf eine besondere 
Einstellung des Wahrnehmungsapparates. 

In 2wei Fällen habe ich nun Gelegenheit gehabt, das Zustandekommen 
eines Kontaktes zwischen meinem Bewußtseinsinhalte und dem Ubw des 
Patienten mit Umgehung der Sinnesorgane während der Psychoanalyse zu 
beobachten. Die analjlische Verarbeitung des merkwürdigen psychologischen 
Phänomens hat ein Ergebnis gebracht, das mir charakteristisch tmd somit 
einer Mitteilung wert zu sein erscheint. 

Während einer Psychoanalyse, die sich bereits auf mehrere Monate 
erstreckte, bringt mir ein Patient in seinem Bericht über die Ereignisse 
des letzten Tages die Nachricht, eine im Ausland lebende Bekannte von 
ihm habe sich verlobt. Dieses für den Patienten gleichgültige Ereignis 
hatte jedoch eine starke affektive Reaktion in mir selbst hervorgerufen. 
Der männliche Partner dieser Verlobung spielte nämlich im Schicksal 
einer mir nahestehenden Person eine wichtige Rolle. Mein Interesse hatte 
sich infolgedessen — unerlaubterweise — vom Patienten auf jene An- 
gelegenheit verschoben ; doch hatte ich selbstverständlich den Patienten 
darüber in keiner Weise in Kenntnis gesetzt. Jedenfalls gelang es mir voll- 
kommen, einen diesbezüglichen Eindruck vom Bewußtsein des Patienten 



426 Helenii Deutsch 



fernzuhalten. Sonderbarerweise machte aber aiicli der Patient jene An- 
gelegenheit meinem persönlichen Interesse entsprechend zum Zentrum 
seiner Analyse. Täglich erwartete ich gespannt diesbezügliche Nachrichten, 
täglich brachte mir der Patient das Gewünschte. Ich betone nochmals, daß 
die Bekannte meines Patienten weder vnrher noch nacliher irgend eine 
Rolle in seinem Leben gespielt hatte und daß der Verlobte ilim völlig 
unbekannt war. Wie als Resultat einer Aufforderung von mir entstand 
zwischen dem Patienten und jener Dame eine intensive Korrespondenz, in 
der er sich bald zu ihrem Vertrauten machte und so Kenntnis aller Details 
ihrer Liebesbeziehung erlangte. Die Analyse drolitc zu scheitern; es blieb 
mir zu ihrer Rettung nichts anderes übrig, als meine Neugierde zu unter- 
drücken und den durch mich provozierten Stand der Analyse in gewohnter 
Weise anzugehen. Die Analyse ergab, daß der Patient jenes — ihm vorher 
noch gleichgültige — Mädchen zum Objekte seiner Liebesphantasien machte, 
daß er in heftiger Eifersucht den Rivalen liaßte und daß sein Interesse 
aus seiner Einstellung des „geschädigten Dritten" stammte. Diese sonderbare 
Entstehung einer Liebe war selbstverständlich in engster Verbindung mit 
der Übertragung, wie übrigens jede wä}irend der Analyse entstehende „Ver- 
liebtheit". Das Mädchen wurde mit mir identifiziert, somit auch ihr Ver- 
lobter in eine erotische Beziehung 7.u mir gebracht. Der Patient brachte 
bald Erinnerungen an Infantile Vorbilder dieser Situation. In seiner Kindheit 
hatte er jeden Mann, für den sich die Mutter in irgend einer Welse 
interessierte, für ihren ihm verhaßten Geliebten gehalten ; auch jetzt über- 
setzte er mein Interesse in ein erotisches und versuchte — wie in jener 
Zeit die Mutter — jetzt meine Stellvertreterin (das Mädchen) für sich 
zu gewinnen. 

Der erste Anlaß zu diesem, das Infantile wiederholendem y\gieren ist 
dem Patienten vollkommen unbekannt geblieben. Für mich war es klar, 
daß mein eigenes intensives Interesse sich seinem lauernden Ubw mitteilte, 
dort durch eine Verknüpfung mit dem infantilen Materia! einer sekundären 
Bearbeitung unterlag und dann in das motorische Agieren im Sinne meiner 
Wünsche überging. Zwischen dem „telepathisch" entstandeneu Prozeß: 
Wunsch auf meiner Seite — Erfüllung auf Seite des Patienten — war 
eine mühsame endopsychische Leistung des Patienten eingeschaltet, die das 
tragende Motiv des Phänomens darstellte und ntir analytisch entwirrt werden 
konnte. Dieses Motiv lag in der analytischen Übertragung und in der 
Affinität meines bewußten Wunsclies zu den ubw Erinnerungs spuren im 
Seelenleben des Patienten. 



Okkulte Vorgänge während der Psychoanalyse ^37 



Der zweite Fall gestaltete sich folgendermaßen: Am Vortage meines 
achten Hochzeitstages beschäftigte mich intensiv der Gedanke an den be- 
vorstehenden Anlaß. Ich dachte daran, daß wir diesen Tag irgendwie festlich 
begehen würden und stellte dabei fest, daß die ganztägige berufliche Inan- 
spruchnahme erst in dieser letzten Arbeitsstunde die Erinnerung an meine 
persönliche Angelegenheit auftauchen ließ. Nach der analytischen Stunde 
hatte ich den Eindruck, daß diese Gedankengänge meine analytische Auf- 
merksamkeit sehr gestört hatten und war darauf vorbereitet, daß die auf 
jede derartige Benacliteiligung sehr empfindliche Patientin mir am nächsten 
Tage den verdienten Vorwurf der Zerstreutheit nicht ersparen würde. Ich 
muß zunächst ausdrücklich betonen, daß in meinem Hause keinerlei be- 
sondere feierliche Stimmung den Gedenktag verriet, daß niemand in der 
Umgebung von der Bedeutung des Tages etwas wußte, und daß außerdem 
die Patientin, eine Ausländerin, keine gemeinsamen Bekannten mit mir 
hatte. Am nächsten Tage beginnt die Patientin ihre Stunde mit der Wieder- 
gabe eines Traumes der letzten Nacht. Derselbe lautete: In eine}- Familie 
wird der achte Hochzeitstag gefeiert. An einem runden Tische sitzt das 
Ehepaar; „sie" ist sehr traurig, der Mann böse und gereizt. Die Patientin 
weiß im Traume, daß die Traurigkeit der Frau mit ihrer Kinderlosigkeit 
zusammenhängt; die Frau sei schon acht Jahre i'erheiratet und habe noch 
immer kein Kind, nun weiß sie, daß sie endgültig verzichten muß. Die 
Analyse ergibt, daß das räumliche Milieu des Traumes einer Verdichtung 
zwischen meinem Arbeitszimmer und dem Wohnzimmer der Ehern der 
Patientin entsprach. Die Jubilarin des Traumes erweist sich in den Asso- 
ziationen als ein Prudukt einer Identifizierungsreihe zwischen der Patientin 
selbst, ihrer Mutter und mir. Patientin ist drei Jahre verheiratet und sieht 
sich durch habituelles Abortieren in ihrem starken Kindeswunsch betrogen. 
Auch zur Zeit der Analyse hatte sie einmal abortiert und wir wußten 
bereits, daß die rein psychogen determinierte Kinderlosigkeit mit den Schick- 
salen ihres Ödipus-Komplexes zusammenhing. Sie war die Älteste von sechs 
Geschwistern, die in regelmäßiger Reihenfolge geboren wurden. Im achten 
Jahre ihrer Ehe hatte die Mutter der Patientin, von reicher Kinderschar 
umgeben, ihre Gebärtaligkeit beendigt. Die Kinderlosigkeit der Patientin 
entstand als eine neurotische Reaktion auf jene Schwangerschaften und 
Entbindungen der Mutter und die im Traum vollzogene Identifizierung 
zwischen ihr und der Mutter entsprach zwei Wunschregungen: die Mutter 
sollte vom Vater keine Kinder bekommen, sie selbst aber wollte sich in 
dieser Funktion an die Stelle der Mutter setzen. Daß ich in die Identifi- 



L28 Helene Deutsch 



zierungsreihe einbezogen wurde, ergab sich aus der typischen Konstellation 
der Übertragungssituation. Der Traum war organisch in dieselbe eingeordnet. 
Ist es aber ein Zufall, daß sie ihn gerade an meinem achten Hochzeitstage 
träumte? Und daß mein Bewußtseinsinhalt in der dem Traum voraus- 
gehenden anal3-tischen Stunde sich im manifesten Trauminhalt kundgab? 
Ich habe den Eindruck, daß unter ähnlichen Bedingungen der analytischen 
Übertragung und der Identifizierung wie im ersten Fall auch hier eine 
Relation zwischen meinen bewußten Gedanken und dem Ubjv der Patientin W 

hergestellt war. Auch hier verhielt sich das ühiv wie ein empfindsamer 
Resonanzboden für jene seelische Inhalte des anderen, die in engster Be- 
ziehung zu stark affektiven ubw Regungen des Aufnehmenden standen. 
Diese durch etwas Bestimmtes determinierte Bereitschaft des Seelenapparates 
bedingt auch hier die Fähigkeil derselben, Eindrücke auf anderem Wege 
als durch Vermittlung der bewußten Wahrnehmung zu empfangen. 



Es scheint sich aus diesen direkt beobachteten Vorgängen zu ergeben, 
daß es Erregungen gibt, die keine Sinnesempfindungen hervorrufen und 
doch im Psychischen eine solche Reaktion erzeugen, als würden sie physisch- 
körperlich gewirkt haben. Dem analytisch Erfahrenen ist es klar, daß ein 
bewußt aufgenommener Eindruck in obigen zwei Fällen dieselben Aus- 
wirkungen im Ubw gehabt hätte wie hier beim Fehlen dieser Voraussetzung. 
Wissen wir doch, wie jede Geste des Analytikers gierig durch die ubw 
Ühertragungstendenzen aufgenommen wird und in charakteristischer Weise 
genau wie hier — in Phantasien und Traumen verarbeitet erscheint. 
In beiden Fällen war das Resultat so, als ob das System Bw durchsichtig 
geworden wärp und der Vorgang in der Außenwelt, der durch den Wahr- 
nehmungsapparat nicht aufgenommen werden konnte, sich unmittelbar den 
tieferen Schichten mitgeteilt hätte. In beiden Fällen konnten wir in der 
psychischen Reaktion infantil affektive Momente nachweisen, die durch 
»etwas Aktuelles, dem Bw nicht Zugängliches mobilisiert und in einer 
ganz bestimmten Weise verarbeitet wurden. Im ersten Fall handelt es sich 
um die Erweckung einer infantilen Eifersucht in der Übertragung, im 
zweiten um die Versagung eines infantilen Wunsches. Diese Vorgänge 
wurden von außen durch provozierende Momente, die erst in den tieferen 
das' r "^R ^'^^'^"^^''^^^ zur Auswirkung gelangten, mobilisiert. Erst als 
as ur.bewußt Wahrgenommene durch die Verknüpfung mit ubw Wunsch- 



i 



Okkulte Vorgänge während der Psychoanalyse ^29 

xegungen die entsprechende Intensität erreicht hatte, konnte es sich ins Bw 
durchsetzen. Der Zusammenhang mit der Einwirkung von außen mußte 
verloren gehen, weil die Voraussetzung des Sinneseindruckes fehlte. 

Wir haben schon oft gesehen, wie Sinneseindrücke nicht direkt zur biv 
Wahrnehmung wurden, aher dann, in Phantasien und Träumen wieder- 
gekehrt, so ihre Wirkung bewiesen.' Es ist bekannt, daß wir unter der 
Herrschaft der Affekte die im Bw wurzelnden Fähigkeiten verstärken oder 
verlieren können. Ja, wir können aus einer affektiven Einstellung etwas 
unserer Wahrnehmung voll Zugängliches negieren (negative Halluzination), 
aber unser Ubiv, beziehungsweise l^bw kann es akzeptieren und mit Um- 
gehung des Bw im geeigneten Momente verwerten, Dabei handelt es sich 
jedoch immer um Eindrücke, die an sich die Fähigkeit haben, bw aufge- 
nommen zu werden. In unseren zwei Fällen hatte der von mir auf die 
Patienten übertragene Inhalt die Möglichkeit einer Wirkung auf die Sinnes- 
organe nicht besessen. Wenn wir annehmen, daß sich mein Bewußtseins- 
inhalt doch in irgend eine motorische Erregung umsetzte — und diese 
Annahme scheint mir berechtigt — so war die Intensität derselben so gering, 
daß sie für menschliche Sinnesqualitäten als Reiz nicht ausreichen konnte. 
Sicher hatte der psychische Vorgang in mir den Wert einer Aktion be- 
kommen, aber der Charakter dieser Aktion war ein derartiger, daß dieselbe 
der SinneswaJirnehmung unzugänglich blieb. 

Erst wenn diese von der Außenwelt kommende Botschaft in einer tieferen 
Schichte des Seelenapparates auf Strebungen stößt, zu denen sie in einer 
verwandtschaftlichen Beziehung im Sinne der Wunsch er Füllung oder anderer 
emotioneller Motive steht, kommt es zu einer assoziativen Verbindung und 
Verstärkung beider Einflüsse. Sie setzen sich dann {wie im Traum und in 
anderweitigen uns bekannten Vorgängen) als Bewußtseinsinhalt durch, und 
der analytischen Assoziationstechnik gelingt es, das Bindeglied zwischen dem 
Anlaß und der Reaktion herzustellen. Dieses Bindeglied ist wie in unseren 
Fällen in einem komplizierten endops3'Chischen Vorgang zu suchen. In 
demselben kommt es zu einer Assimilation der Wahrnehmung mit eigenen 
seelischen Elementen und die Empfangsfähigkeit dieser Elemente bedingt 
die Möglichkeit einer „ubw Wahrnehmung", indem etwas, was dem Wahr- 
nehmungsapparat nicht zugänglich erscheint, doch in das psychische Gefüge 
aufgenommen werden kann. Die äußere Wahrnehmung konnte nicht zustande 

1) Potzl: Experimentell erregte Traumbüder in ihren Beziehungen zum indirekten 
Sehen. (Zeitschr. f. d. Ges. Neur. u. Psych. Bd. 37, 1917.) 



^1 



j^^o Helene Deutscli 



kommen, die Einwirkung von außen hatte sich aber unter den oben be- 
schriebenen Bedingungen zu einer „inneren Wahrnehmung" gestaltet, und 
als solche dem wahrnelimenden Ich mitgeteilt. Diese Umwandlung einer 
von außen kommenden Botschaft in innere Wahrnehmung erfolgt auf dem 
Wege der Identität seelischer Inhalte zwischen Subjekt und Objekt. In der 
Beschreibung der analytischen Situation haben wir dieselbe in den Anteilen 
des Ubw beim Analytiker und des Ubw des Patienten gefunden und diese 
Identität „analytische Intuition" genannt. In den beobachteten zwei Fällen 
hatte sich die Identifizierung zwischen meinem Bw und der z/i;z^ Einstellung 
der Patienten hergestellt. Auch hier wird die Umwandlung in „innere 
Wahrnehmung einem intuitiven Vorgang entsprochen haben. 

Der bewußte, vom Patienten mitgeteilte Inhalt ist in beiden Fällen 
bereits einer sekundären Bearbeitung unterlegen und seine ursprüngliche 
Herkunft von der Außenwelt kann somit nicht mehr agnoszierl werden. 
Das „Telepathische" des Vorganges konnte sich nur mir verraten. 

Wir können uns vorstellen, daß unter Umständen die Herstellung der 
Identitäten, beziehungsweise die Umwandlung der äußeren Botschaft in 
„innere" Wahrnehmung ohne weitergehende inlialtliclie Veränderung vor 
sich gehen kann, so daß das ßw die Nachricht zwar von tieferen Schichten 
des Seelischen empfängt, ihr Inhalt aber vollkommen mit dem der reiz- 
spendenden Außenwelt gleich ist. 

Wird diese Gleichheit durch den Wahrnehmungsapparat agnosziert, und 
zwar dadurch, daß die von innen kommende Wahrnehmung wieder in die 
Außenwelt projiziertwird, so bekommt der Vorgang den Charakter des „okkulten 
Phänomens '. Er unterscheidet sich von dem Projektionsvorgang in der Halluzi- 
nation schlechtweg dadurch, daß sein Inhalt sich mit der im Projektions- 
feld befindlichen Realität deckt. Das aufnehmende Medium weiß nichts 
von den komplizierten inneren Vorgängen, die vorausgegangen sind, es glaubt 
an den Realitätswert seiner Projektion wie der Psychotische an den seiner 
Halluzination. Der Unterschied liegt darin, daß ilim auch die umgebende 
Außenwelt diesen Wert zuerkennt. Fallen doch die Bealität und der durch 
sie konstellierte Inhalt des Projizierten aufeinander. 

Diese letzte Vermutung müßte erst durch die analytische Erfahrung be- 
stätigt w^erden. Was die letztere uns jedoch bereits klar aufzudecken scheint, 
ist die Tatsache, daß die „okkulten Phänomene den Ausdruck einer besonders 
verstärkten Intuition darstellen, die ilirerseits auf einem uhiv affektiven Identi- 
fizierungsvorgang beruht. 

* 



Okkulte Vorgänge während der Psychoanalyse 



Haben die beiden obigen Fälle uns den Weg gezeigt, auf dem ein 
„Phänomen" entstehen kann, so trägt ein anderer von mir beobachteter 
Fall einen mehr imponierenden „okkulten" Charakter. 

Durch Freiwerden libidinöser Kräfte verliebt sich während der analyti- 
schen Behandlung eine bis dahin gehemmte Patientin sehr intensiv in ein 
sichtlich ungeeignetes Objekt. Die starke, an der Liebesunfähigkeit des 
Partners scheiternde leidenschaftliche Beziehung wird durch die kontinuier- 
lichen Versagungen in einen Identifizierungs Vorgang zurückgedrängt. Ich 
konnte beobachten, wie Patientin ihre affektive und intellektuelle Persön- 
lichkeit immer mehr zugunsten dieser Identifizierung aufgab. Man kann 
direkt behaupten, daß sie die Gedanken ihres Objektes dachte, seine Gefühle 
empfand und sich so zum Teil für die mangelnde Erwiderung i}irer Gefühle 
entschädigte. Im Momente des plötzlich erfolgten Abbruches der Beziehungen 
— von seilen des Objektes - — verstärkte sich dieser Identifizierungsvorgang 
außerordentlich. Sie mobilisierte nun alle ihre seelischen Kräfte, um das 
Objekt, wenn nicht real, so doch durch Identifizierung in sich zu behalten. 
Das ermöglichte ihr eine Art Zusammenbleibens mit dem Verlorenen, und 
sie ergänzte den Inlrojektionsvorgang durch eine reale Brücke, die sie 
zwischen sich und jenem Manne aufbaute. Sie blieb nämlich durch ein 
diskretes, aber konsequentes Aushorchen aller Ereignisse seines Lebens immer 
über dieselben orientiert, sie verfolgte ihn in solcher Weise auf Schritt 
und Tritt, jedoch ohne sich ihm aufzudrängen. Sie entwickelte direkt eine 
Virtuosität in der Ergänzung von vernommenen Einzelheiten über das Leben 
des Betreffenden zu einer kontinuierlichen Ganzheit. Daß eine bis dahin 
nicht sexuelle Beziehung des Betreffenden zu einer anderen einen erotischen 
Charakter anzunehmen begann, wußte sie — wie mir scheint — früher als 
er selbst. Wurde doch jede Geste von ihm in ihr selbst über sein eigenes 
Empfindungsvermögen hinaus „nachgefühlt . 

Eines Abends saß sie in einem Zustande unendlicher Verzweiflung, von 
der Welt abgeschlossen, von einem einzigen Gefühle gänzlich beherrscht, 
zu Hause. Die letzten erspähten Spuren führten nämlich zu einer geplanten 
Begegnung des Herrn X. mit seiner Bekannten. Patientin verfolgte ihn 
gedanklich, ließ ihn in ihrer Phantasie unter einem Vorwande die 
Mutter der betreffenden Dame vom Hause wegschicken und malte sich 
aus, welche Art der Werbung seinem sexuellen Angriffe vorausgehen 
werde. Zu einer bestimmten Stunde, die sie genau angeben konnte, er- 
lebte sie halluzinatorisch die Liebessituation der beiden. Der sukzessive 
Aufbau der ganzen Situation bis zum Kulminationspunkt vollzog sich halb- 



432 Helene Deutscli 



bewußt und wurde uns erst in der nachfolgenden analytischen Stunde 
ganz klar. 

Durch die Angaben der Patientin fasziniert, versuchte ich der Sache 
nachzugehen. Die Bekanntschaft mit der Rivalin meiner Patientin ermög- 
lichte mir die nachträgliche Bestätigung der vollen Übereinstimmung der 
realen Begebenheilen mit den inneren Erlebnissen der Patientin. Die ganze 
kombinierende vbw Gedankenkette stellte sich als richtig heraus, das hallu- 
zinierte Ereignis hatte tatsächlich in der von der Patientin angegebenen 
Stunde vollkommen identisch stattgefunden. Patientin wußte selbst, daß die 
Halluzination ihrem inneren, herausprojizierten Wissen entsprach. Dieses 
„Wissen" war hier im Gegensatz zu sonstigen Halluzinationen kein ubiv 
Vorgang, sondern eine das Normale übersteigende, von libidinösen Kräften 
gespeiste kombinatorische Leistung der Patientin, die ihre „übersinnliche" 
Gabe aus dem restlos auch die bewußten Denkvorgänge beherrschenden 
Identifizierungsvorgang schöpfte. 

Auch was diesem „telepathischen" Erlebnis folgte, erweist sich für unser 
Thema beachtenswert. Von diesem Tage an gab Patientin die Verfolgung 
des Herrn X. auf. Hatte sie doch die telepathische Beziehung in sich ent- 
deckt und meinte sich mit dem Objekte verbunden zu wissen. Sie brachte 
jetzt eine ganze Reihe telepalliischer Träume, die ihr die Ereignisse des 
Lebens des Herrn X. mitteilten, in die Analyse. Meine Erkundigungen 
konnten feststellen, daß ihr telepathisches Wissen hier versagte. Aber 
die Analj'se ergab, daß die auf das aktuelle Objekt bezogenen Begeben- 
heiten in allen Einzelheiten ihre infantilen Erfahrungen am Bruder dar- 
stellten, daß das telepathisch im Traum Wahrgenommene wohl einer 
Realität entsprach, aber einer in den Erinnerungsresten des Ubw auf- 
gehobenen und jetzt mobilisierten Realität. Die letzte Enttäuschung am 
Geliebten hatte die regressiven Vorgänge hervorgerufen und ließ am 
aktuellen Objekte das erleben, was sich am infantilen abgespielt hatte. 
Die zeitliche Verlegung von der Vergangenheit in die Gegenwart, ebenso 
wie die vom alten Objekt auf das neue gab den Traumen den telepathi- 
schen Charakter. 

Wenn wir an die Kontinuität und Kausalität im psychischen Leben 
glauben und dem Wiederholungszwange in uns die ihm gebührende Macht 
zusprechen, so werden wir auch die seelische „Vovbestimmung akzeptieren 
müssen und in der konstruierenden Kraft derselben auch eine der Quellen 
prophetischer Eingebungen erblicken. Ich glaube, daß aucli die letzte 
Patientin selbst ihre Liebesenttäuschung durch die Wahl des Objektes pro- 



iäf 



Okkulte Vorgänge während der Psychoanalyse isg 

vozierte und so das am Bruder Erfahrene auch in ihrem „okkulten Wissen" 
ubw in Verwendung brachte. 

Jedenfalls scheinen die analytischen Erfahrungen zu bestätigen, daß die 
„okkuhen ' Mächte in der Tiefe des Seelischen zu suchen sind und daß 
es auch hier der Psychoanalyse bestimmt ist, KJarung zu schaffen, wie sie 
es bei anderweitigen „geheimnisvollen" Vorgängen der menschlichen Seele 
bereits getan hat. 



Iinago XII. aS 



Zur Psychoanalyse des Spuks' 

Von 

Alfred Winterstein 

Wien 

„Eben diese Unwisstnheii macht auch, daß ich mich 
nicht unurstebcj so gnnzlich alle Wahrheit an den 
mancherlei Gtisterertählungcn absuUtignen, doch mit 
dem gewöhnlichen, obgleich wunderlichen Vorbehalt, 
eine jede einzelne derselben in Zweifel zu ziehen, allen 
zusammengenommen aber einigen Glauben beizumessen." 

Kant. 

Persönliche Erfahrungen und angeborene Neigung, 7,wischen gegen- 
sätzlichen geistigen Betätigungen regelmäßig abzuwechseln, haben mich auch 
zur Beschäftigung mit dem wissenschaftlich noch kaum fundierten Okkul- 
tismus^ geführt. Immer schwebte mir hiebei aber als letztes Ziel eine höhere, 
einheitliche Auffassung vor, in die sich diese Gegensätze eines Tages 
völlig auflösen würden. Mochte eine solche Zielvorstellung vielleicht auch 
nur eine subjektive Wunschphantasie sein, so war sie als methodisches 
Prinzip zweifellos berechtigt. 

1) Was bisher von Vertretern der Psychoanalyse über ^okkulte"- Erscheinungen veröffentlicht 
worden ist, beschränkte sieh darauf, konkrete Fälle dadurch unserem heuligen wissenschaftlichen 
Veritändnis zuganglich zu machen, daß unbewußte Elemente auf selten der die Erscheinung 
beobachtenden und berichtenden Personen zur Deutung der Phänomene aufgedeckt wurden. Die 
Frage der Wirklichkeit der Phänomene wurde dabei nicht prinzipiell behandelt, die Möglichkeit 
ihrer Existenz weder bejalit noch verneint. Die folgende Abhandlung, die die Psychoanalyse zur 
Motivierung eiTier Ab/trt okkulter Erscheinungen heranzieht, gibt nur die wissenschaftliche Über- 
zeugung des Verfassers wieder, nicht etwa ein sicheres Ergebnis der Psychoanalyse. Wir betonen 
dies nur deshalb, weil in dem heute oft mit vielem Affekt geführten Streite die Gefahr nahe- 
liegt, daß die Parteien sich irrtümlich auf die Psychoanalyse berufen und sie in den Kampf 
um eine Frage, mit der sie nichts zu tun hat, hineinziehen könnten. Die Redaktion. 

2) Ich kenne die Einwände gegen diese Beieichmiiig, die anch keinerlei historische 
Berechtigung besitzt, will aber mil ihr nur auf einen geläufigen Vorstetlungskomplex 
hinweisen. 



Zur Psychoanalyse des Spuks ^[.gg 

Unter den Erscheinungen des Okkultismus hat mich in letzter Zeit 
namentlich das Tatsach engebiet des Spuks^ gefesselt, das von der Forschung 
bisher auffallend vernachlässigt wurde, obwohl sich gerade hier bedeutsame 
Ausblicke ins Unbetretene eröffnen dürften. Wer vollends von der Be- 
schäftigung mit der Psychoanalyse herkam, w^ar von gewissen Beobachtungen 
überrascht, die den Gedanken nahelegten, psychoanalytische Erkenntnisse 
versuchsweise auf die Phänomenologie des Spuks zu übertragen, „nur aus 
wissenschaftlicher Neugierde, oder wenn man will, als advocatus diaboli, 
der sich darum doch nicht dem Teufel selbst verschreibt".^ Soll man es 
Zufall nennen, daß mir kürzlich ein Buch^ in die Hände fiel, das, 
wiewohl von einem Nicht-Psychoanalytiker verfaßt, eine psychoanalytische 
Entdeckung Freuds in geistreicher Weise für die Erklärung der Spuk- 
kundgebungen nutzbar zu machen sucht? Diese Arbeit gab mir den Mut, 
den psychoanalytischen Gedankengang weiter zu verfolgen. Doch bevor ich 
Näheres darüber mitteile, möchte ich, um dem Leser statt einer trockenen 
Definition eine lebendige Anschauung des Spuks zu vermitteln, einige Spuk- 
fälle berichten.* Ich schicke noch voraus, daß man einen „medialen"' 
(durch Medien verursachten) und einen „ortsgebundenen " Spuk unter- 
scheidet. Da das Vorhandensein eines Mediums (eventuell eines entfernten) 
auch in Fällen von „ortsgebundenem Spuk nicht immer gänzlich aus- 
geschlossen werden kann, läßt sich natürlich eine strenge Scheidung zwischen 
beiden Arten praktisch nicht aufrechterhalten. 



i) Ich spreche im folgenden bloß von Verstorbenenspiik, obwohl Spukerscheinungen 
auch bei der Telepathie iwischen Lebenden auftreten. 

2) Freud: Jenseits des Lustprinzips. Ges. Schriften, Bd. VT, S. 251, 

g) Johannes lUig: Ewiges Schweigen? Union Deutsche Verl agsge Seilschaft. Stutt- 
gart 1925. 

4) Reiches Material bei E. Boziano: Les Ph^nom^nes de Hantise, (Traduit de 
l'italien par C. de Vesme.) Paris 1920, Das Buch von Dr. Max Kemmerich: Ge- 
spenster und Spuk, Ludwigshafen 1921, entnimmt dem Werk von Bozzano viele 
Beispiele, Bozzano unterscheidet einen Spuk im engeren Sinne vom „Poltergeist". 
Bei jenem handelt es sich \un elektive und kollektive veredike Gesichts- und Gehors- 
halluzinationen (immaterieller Spuk), es kommen aber auch objektive Erscheinungen 
vor. Der Gespenster- und Gehörspuk dauert in der Regel viele Jahre, ja manchmal 
Jahrhunderte und ist fast stets an Örtlichkeiten gebunden. Beim „Poltergeist" (ma- 
terieller Spuk) handelt es sich hingegen um physikalische und meditimistische Phä- 
nomene, die stets objektiv sind und in der Regel nur sehr kurz dauern. Sie unter- 
scheiden sich auch noch vom Spuk im engeren Sinne dadurch, daß oft ein Medium 
vorhanden ist, Phantome fast nie erscheinen und ein Todesfall den Phänomenen nur 
selten vorhergeht. Der konkrete Fall weist meistens subjektive und objektive Ele- 
mente auf. 

2B* 



456 Alfred Wiiiterstein 



Fall I 

Der amerikanische Diplomat Robert Dale Owen er/,ählt in seinem Buch 
„The Debatable Land" (p. 226, zitiert nach liozxano, p. 1540 folgendes und 
bemerkt, daß er den Fall im Winter 1869/70 von einer der beteiligten Personen 

erfahren habe: 

„Eine junge, gebildete Dame meiner Bekanntschaft, die einer der ältesten 
Familien New Yorks angehört und die ich Miß V.. nennen werde, hatte vor 
einigen Jahren vierzehn Tage bei einer Tante verbracht, die Eigentümerin 
eines sehr großen und alten Hauses an den Ufern des Hudson war. Dieses 
Haus stand wie viele europäische Schlosser im Rufe, daß es dort spuke. Man 
sprach davon in der Familie so wenig als möglich, das betreffende Zimmer 
wurde aber nur in Ausnahmsf allen benützt. Während des Aufenthaltes der 
Miß V.. kamen so viele Gäste, daß kein Fremdenzimmer mehr xur Verfügung 
stand und die Tante ihre Nichte fragte, ob sie sich getraue, für zwei, drei 
Tage ihr eigenes Zimmer mit dem Spukziinmer 7.11 vertauschen, auf die Gefahr 
hin, von einem Gespenst besucht zu werden. Miß V.. stimmte ohne weiteres 
zu und bemerkte, daß Besuche aus dem Jenseits sie nicht sehr beunruhigten. 
Miß V,. legte sich also nachts in dem Spukzimmer zu Bett und schlief 
ohne die geringste Befangenlieit ein. Sie erwachte um Mitternacht und erbUckte 
die Gestalt einer schon ältlichen Frau, die im Zimmer !iin und her ging, als 
Kammerzofe gekleidet, sehr sauher, aber ein wenig altmodisch. Anfangs er- 
schrak sie durchaus nicht, da sie glaubte, es sei eine Dienerin des Hauses, die 
gekommen sei, etwas zu suchen; als sie jedoch nachdachte, erinnerte sie sich, 
daß sie die Türe mit dem Schlüssel zugesperrt hatte. Dieser Gedanke ließ sie 
zusammenschaudern, aber ihr Entsetzen wuchs noch, als sie sali, wie die Gestalt 
auf das Bett zukam und sich über sie beugte, vergeblich bemüht zu sprechen. 
Von Grauen gepackt, verbarg MißV.. ihr Gesiclit in den Leintüchern. Als 
sie einen Augenblick später wieder hinblickte, war das Phantom verschwunden. 
Nun sprang sie aus dem Bett und lief zur Türe: sie fand sie verscWossen, 
der Schlüssel steckte innen. — 

Einige Monate später war sie bei einer Freundin zu Besuch, die sich 
spiritistischen Versuchen hingab und zahlreiche mediumistische Mitteilungen 
erhielt. Miß V.., die vom Spiritismus reden hörte, ohne je etwas gesehen zu 
haben, nahm aus Neugier an den Sitzungen teil. Da manifestierte sich eines 
Abends eine angebliche mediumistisclie Persorilielikeil mit der Behauptung, sie 
sei eine gewisse Sarah Clarke, em Name, den die zwei Damen nicht kannten. 
Diese PersöiUichkeit erzahlte, sie sei vor Jaliren Kammerfrau bei der Tante 
der Miß V. . gewesen; sie habe, als Miß V. . bei der Tante zu Besuch weilte, 
vergeblich versucht, mit ihr zu sprechen, in der Absicht, Diebstälile zum 
Schaden der Tante zu beichten' und deren Verzeiliung zu erbitten. Sie 
fügte hinzu, daß der Wunsch, ihren Fehltritt zu gestchen, so stark in 
ihr sei, daß er sie gegen ihren Willen xwinge, in dem Zimmer zu 
spuken, das sie bei Lebzeiten bewohnt habe.' Hierauf setzte sie aus- 

i) Von mir gesperrt. 



Zur Psychoanalyse des Spuks in- 



einander, daß sie zu ihren Lebzeiten sich hatte verleiten lassen, eine silberne 
Zuckerdose und andere Gegenstände, die sie aufzählte, zu entwenden. Zuletzt 
sagte sie, daß sie Miß V.. ewig dankbar wäre, wenn sie ihre Botschaft der 
Tante mit dem Ausdruck ihrer tiefen Reue und der Bitte um Verzeihunff 
übermitteln wollte. 

Bei der nächsten Gelegenheit fragte Miß V. . ihre Tante, oh sie nicht 
zufällig eine gewisse Sarah Clarke gekannt habe. , Gewiß,' antwortete sie 
,das war eine Kammerfrau, die wir vor dreißig oder vierzig Jahren hatten.' 
,Welchen Charakter hatte sie?' ,Sie war gut, fleißig und treu.' ,Hast du 
während sie bei euch in Stellung \var, niemals das Fehlen von sihemem Tafel- 
gerät festgestellt?' Nach kurzem Nachdenken rief die alte Dame aus: ,Ja 
ich erinnere mich jetzt; damals verschwanden auf geheimnisvolle Weise eine 
silberne Zuckerdose und andere Gegenstände dieser Art. Warum?' ,Ist dein 
Verdacht niemals auf die Kammerfrau Sarah Clarke gefallen?' ,Niemals. Es 
ist wahr, daß sie freien Zugang zu den verschwundenen Gegenständen hatte; 
aber wir kannten sie alle als sehr anstandig und über jeden Verdacht erhaben.' 
Jetzt entschloß sich Miß V.., ilirer Tante die mediumistische Botschaft mit- 
zuteilen, und man stellte nun fest, daß die Liste der gestolilenen Gegenstände, 
wie sie von dem angeblichen Geist der Sarah Clarke mitgeteilt worden war, mit den 
tatsächlich im Hause der Tante verschwundenen übereinstimmte. Als die alte Dame 
dies erfuhr, beschränkte sie sich darauf zu sagen : ,Wenn Sarah Clarke wirklich 
die Gegenstände gestohlen hat, so verzeihe ich ihr aus ganzem Hery-en.' 

Der bemerkenswerteste Umstand bei dieser Geschichte ist, daß seit jenem 
Tage die Kundgebungen im Spukzimmer aufhörten und Sarah Clarke 
niemand mehr erschien.' Ich wiederhole, daß ich für die Wahrheit des 
Berichtes bürge, da ich die zwei Zeuginnen personlich kenne." 

Fall 2 

Der folgende Fall wird in dem obenerwähnten Werke von lUig {S. 314 f.) 
berichtet. 

„Im Frühjahr 19)2 starb ein Bauer R. in R. Er hatte die Gewohnheit, 
Geld zu verstecken, um ohne Kenntnis seiner Familie über Geld zu verfügen. 
Es kam darüber öfters zur Aussprache zwischen ihm und seiner Frau. Noch 
auf dem Sterbebette fragte ihn seine Frau nach verstecktem Geld. Er ver- 
weigerte aber die Auskunft. AJs sie ihn beim Herannahen des Todes nochmals 
fragte, konnte er keine Antwort mehr geben. Nach ungefähr sechs Wochen 
war die Witwe des Verstorbenen einmal bis in die Abenddämmerung hinein 
im Feld. Da horte sie einen Laut, wie wenn jemand gew^orfen hätte, und 
gleich darauf Tritte. Sie sah aber niclits. Zur gleichen Zeit war eine Tochter 
im Stall beschäftigt und hatte plötzlich die Empfindung, wie wenn etwas um 
sie wäre. Sie bekam einen Schauder, sah und horte aber nichts. Von dieser 
Zeit an entstand eine lebhafte Spukerei im Haus, die über ein Jahr anhielt. 
Eine auswärts wohnende Tochter schlief einmal, als sie auf Besuch nach Haus 

1) Von mir gesperrt. 



43 



-8 Alfred Winlersteiii 



gekommen war, in dem Sterbezimmer des Vaters, Da liörte sie in der Nacht 
stundenlang Tritte im Zimmer, ganz, ähnlich denen ihres Vaters. Dazwischen 
hinein vernahm sie ein Stöhnen und Klagen, wie das ihres Vaters zur Zeit 
seiner Krankheit. Sie fürchtete sich infolge dieser Vorgänge, daß sie nicht mehr 
im elterlichen Hause zu halten war und abreiste. Auch die Mutter hörte oftmals 
diese Tritte im Haus. Einmal wurde sie sogar gekniffen, wie es ihr Mann 
bei Lebzeiten in Gewohnheit hatte.' Das Öffnen und Schließen von 
Türen gehörte zu den AlUäghclikeiten. Eine zweite Tochter war einst an einem 
Kirchweihtag auf Besuch gekommen und beteiligte sich an einer geselUgen 
Unterhaltung in einem Gasthaus. Als sie nach Mitternacht nach Hause kam, 
woUte sie sich von dem auf dem Tisch stehenden Kuclien noch ein Stück 
abschneiden. Wie sie das Messer m die Hand nahm, erfolgte von unsichtbarer 
Hand ein so heftiger Schlag auf den Tisch, daß der Kuchen in die Höhe 
flog. Dieser Vorgang ereignete sich bei heller Beleuchtung. Die im Weben- 
zimmer wachende Mutter horte den Schlag auch. Ein Bruder hörte sehr oft 
die Türen auf- und zugehen, sowie laute Getöse, wie wenn ein voller Sack 
oder ein ähnlicher schwerer Gegenstand auf den Boden gefallen wäre. Da er 
keine Ursache dieses Lärmes zu entdecken vermochte, begann er oftmals zu 
fluchen. Aber je mehr er fluchte, desto größer wurde der Lärm.* 
Nach Verfluß eines Jahres fand die Mutter in einem Loch in der Zimmer- 
decke einen Geldbetrag, den der Verstorbene versteckt hatte. Nach 
dieser Zeit trat Ruhe ein.' 

Mehrere Jahre hernach stürzte ihr vorhin erwähnter Sohn von eüver ä 

Leiter ab und fand dabei den Tod. Bald nach dieser Zeit fing der Spuk von * 

neuem an, diesmal aber weit schlimmer als nach dem Tod des Vaters. Auch 
■war er insofern von dem bereiu erloschenen Spuk gänzlich verschieden, als 
er den verstorbenen Sohn in jeder Weise nachahmte." Es polterte, _^ 

pochte und klapperte zuweilen im Haus und namentlich in der Werkstatt, daß man ff 

meinte, der Tote wäre noch am Leben und mitten in seiner Arbeit — er war 
Zimmermann. Man glaubte zuweilen sogar die Art der einzelnen Beschäftigung zu 
erkennen. Besonders auffäUig war das, wenn im Spuk Bretter geworfen oder 

bearbeitet wurden. 

Fall ; 

Enthalten in Cesare Lombrosos „Hy|inotischen und spiritistischen For- 
schungen" (Verlag Julius Hoffmann, Stuttgart, S-516)-. 

„In der Kirche S. Giovanni in Modica erschien der Geist einer Wäscherin, dip im 
Streit eine Bekannte tödlich verwundet hatte. Die Wäscherin starb ganz plötzlich 
bei der Arbeit. Ilir Geist begibt sicli jede Nacht an den Ort, wo sie starb. Dort 
fängt sie zu waschen an.' Am Morgen verschwindet sie beim ersten Hahnen- 
schrei über dem Kirchdach." 

Fall 4 

Auch bei Lombroso (S. 330), der ihn der Zeitschrift „Luce e Omhra" - ■ 

(November 1905) entnimmt: ^ 

1) Von mir gesperrt. 



Zur Psychoanalyse des Spuks ^sg 

„. . , In einer Sitzung mit einem anderen Medium erklärte die Mutter {des 
Berichterstatters, des Grafen Galateri), daß sie an der Türe des Spukhauses 
in Annecy eine Militärperson mit einem Holzbein sähe. Dieser Soldat habe ihr 
anvertraut, daß er in den Napoleonischen Schlachten Tote geplündert habe, 
auf diese Weise reich geworden sei und mit dem so erworbenen Gelde dieses 
Landhaus gekauft habe. Der Rest des Schatzes liege im Keller versteckt. Jetzt 
bereue er seine Taten und wolle die Gräfin durch die Geräusche 
veranlassen, das Geld hervorzuholen und an Arme zu verteilen.' 

Zwei Jahre danach erfuhr die Gräfin, als sie in die Nähe ihres alten Land- 
sitzes zurückkehrte, daß die neuen Besitzer wegen der andauernden Geräusche 
das Haus zu jedem Preis veräußern wollten. Denn auch die Beschwörungs- 
formeln eines Priesters hatten nichts geholfen. Sie bat, sich nur zwei Tage 
in dem Haus aufhalten zu dürfen, grub im Keller nach und fand dort ein 
Gefäß mit mehreren Tausend Francs in Gold. Sie verteilte dieses Geld 
unter die Armen und seit jener Zeit hörten die spiritistischen 
Phänomene auf. ' 

Fall J 

Das folgende Bruchstück stammt aus einem längeren Bericht über Spuk- 
vorgänge, die seit dem Frühjahr 1916 von einem Bekannten lUigs beob- 
achtet -wurden (a. a. O. S. 228): 

„Heute, im Frühjahr 1924, ist in dem Hause noch keine Änderung ein- 
getreten. Die spukhaften Erscheinungen setzen zuweilen aus und zeigen sich 
dann wieder um so stärker. Fast alles, was man wahrnimmt, erinnert 
an die verstorbene Frau.' Besonders auffällig sind die Beobachtungen an 
ihrem einstigen Schreibtisch. Hier vernimmt man selbst am Tag zuweilen 
Geräusche, wie wenn daran gearbeitet würde. Man hört mit Papier und 
Feder hantieren, Bücher und andere Gegenstände hinwerfen, den Stuhl 
rücken und was dergleichen mehr ist . . . Die zweite Frau hörte sehr häufig 
in einem Schrank ein metallenes Klingen und Klappern, wie wenn drinnen 
Geld gezählt würde, und es w^ar doch gar kein Geld drinnen. Da fragte sie 
ihren Mann: ,Du, sag' einmal, habt ihr denn früher in diesem Schrank euer 
Geld authewalirt?' Dieser bejahte es und fügte hinzu, daß das Aufbewahren 
des Geldes zu den Obhegenheiten seiner Frau gehört habe." 

Fall 6 

Berichtet in den „Blättern aus Prevorst", Vierte Sammlung vom Jahre 1835 
(bei Illig, S. 157): 

„Ein epileptischer Hausknecht namens Bengt, der stolz darauf war, von 
seinem Herrn niemals gescliolten worden zu sein, bekam von diesem einmal 
eine Ohrfeige^ er ging auf die Bühne^ und erhängte sich. Bald darauf hörte 
man nachts oben poltern, wie es polterte, wenn Bengt seinen 

1) Von mir gesperrt. 

2) Kaum luiter dem Dach. 



^^o Airred Wititerstein 



Anfall halte und dabei die Treppen herunterkollerte.' In der ersten 
Zeit entsprachen die Zwischenräume zwischen dem Poltern der 
Zeit zwischen seinen Anfällen.' Später wurde das Poltern seltener, und 
nach \ingefähr sieben' Jahren hörte es auf. 

Fall 7 

Wurde Illig im Jahre 1922 von einer intelligenten Frau aus einer württem- 
bergischen Landgemeinde berichtet (S. 157): 

„Die Berichtersutterin hatte eine Base in N. Bei dieser im gleichen Haus 
wohnte eine nahe Verwandte, eine etwa fünfzig Jahre alte Frau F., welche 
infolge eines Schlaganfalls mnfiel und die Treppe hinuiiterkollerte. Sie blieb 
tot auf der Stelle liegen, ohne zuvor das Bewußtsein wiedererlangt 7.u haben. 
Einige Tage darauf hörten nun die Hausbewohner ein heftiges Poltern, das 
sich längere Zeit wiederholte. Daneben gewahrten sie auf der Treppe, über 
welche die Frau hinuntergekollert war, öfters eine Kugel in der Größe einer 
Billardkugel- Sie schwebte über die Treppe herunter und platzte auf 
dem Boden mit einem lauten Knall,' worauf nichts mehr zu sehen war. 
Auch Fratzengesichter und Hände zeigten sich an den Wänden. Entsprechend 
ihrem Glauben ließen die Verwandten für die Verstorbene mehrere Messen 
lesen, worauf der Spuk verschwand." 

Ich rate nun dem Leser, vorläufig alle Einwände gegen die Realität der 
erzählten Spukfälle zurückzustellen und mit mir die charakteristischen 
Züge der einzelnen Beispiele zu betrachten. Ks ist wohl überflüssig zu 
bemerken, daß nur der Raummangel mir verbietet, zahlreiche Beispiele 
dieser Art zu bringen, die durch ihre Häufung mit besserem Erfolg um 
Glauben werben würden als die wenigen von mir berichteten Fälle. 

Im ersten Fall sehen wir, wie der Wunsch der verstorbenen Kammer- 
zofe, ihren Fehltritt zu gestehen, so stark in ihr war, daß er sie gegen 
ihren Willen zwang, in dem Zimmer zu spuken. Die Gegenprobe für die 
Triebkraft dieses Wunsches dürfen wir in der Tatsache erblicken, daß der 
Spuk, nachdem die Kammerfrau den Diebstahl gebeichtet und die Verzeihung 
ihrer früheren Herrin erlangt hatte, sofort aufhörte. Vielleicht ist es auch 
gestattet, darauf hinzuweisen, daß das geschäftige Hin- und Hergehen des 
Phantoms im Zimmer eine Lebensgewohnheit des verstorbenen Kammer- 
mädchens zu wiederholen scheint, ein Zug, der in anderen Beispielen noch 
bedeutsamer hervortritt und auf den wir zurückkommen werden. 

Fall 2 erinnert in manchem an den eben bcsjirochcnen. Auch hier 
handeh es sich um ein Geheimnis, das ins Grab mitgenommen wird und 
den Verstorbenen nötigt, sich so lange spukhaft zu äußern, bis das Ge- 



1) Von mir gesperrt. 



Zur Psychoanalyse des Spuks 441 

heimnis entdeckt ist. Da die Frau wußte, daß ihr Mann Geld versteckt 
hatte, wxu-de der Spuk nach volkstümlichem Glauben von der Familie mit 
dieser Tatsache in ursächlichen Zusammenhang gebracht. Daß die Ange- 
hörigen mit dieser Annahme nicht fehlgingen, wird durch das Aufhören 
des Spuks, nachdem der Geldbetrag gefunden wurde, bestätigt. Ich glaube, 
man darf also auch vom Spuk wie von einer psychogenen Erkrankung 
sagen: Was sein Erfolg ist, ist seine Absicht. Man gewinnt beim 
Studium des Spuks nämlich immer wieder den Eindruck, als ob er eine 
Absicht mit freilich unzulänglichen Mitteln^ verfolgte; dies würde eher 
dafür sprechen, daß eine Art von Intelligenz die Kundgebungen bewirkt 
und es sich nicht um bloße Automatismen handelt. Auch der im Fall 2 
erwähnte Zug, daß der Spuklärm immer größer wurde, je mehr der Sohn 
des Bauern fluchte, deutet in dieselbe Richtung. Ist in dem an den Tod 
des Bauern anschließenden Spuk eine Nachahmung seiner Lebensgewohn- 
heiten nur schattenhaft zu erkennen, so ist es für den Spuk nach dem 
gewaltsamen Tode des Sohnes geradezu charakteristisch, daß er dessen 
Tätigkeit bei Lebzeiten mit allen ihren Eigentümlichkeiten nachäfft.^ Auch 
im Fall 5, der nur kurz wiedergegeben wird und an einen Zusammen- 
hang zwischen der Gewalttat der Wäscherin und dem späteren Spuk denken 
läßt, wiederholt dieser die Lebensgewohnheiten der verstorbenen Person. 
Fall 4 erinnert wieder an Fall 2. Der tote Soldat fühlt noch immer sein 
Gewissen durch den Besitz des unrechtmäßig erworbenen Geldes bedrückt 
und spukt in der ausgesprochenen Absicht, die Bewohner des Hauses zu 
veranlassen, daß sie das Geld hervorholen und an die Armen verteilen. 
Auch hier hört mit der Erfüllung des Wunsches des Verstorbenen der 
Spuk auf. Im Fall g kopieren die Spukerscheinungen die Lebensgewohn- 
heiten der verstorbenen Frau (ähnlich wie Fall 2 und Fall 3); im Fall 6 
wird der epileptische Anfall und im Fall 7 die Todeskatastrophe spukhaft 
wiederholt.3 



1) So wird fast nie im Rahmen der Spukkundgebungen das Motiv direkt ange- 
geben. Im Fall i (vermutlich auch im Fall 4) erfolgt die Mitteilung bei einer 
mediumistischen Sitiung. Es tritt also offenbar hier ein Ausdriicksmittel (Medium) 
hinzu, das erst eine intelligente Äußerung ermöglicht. 

z) Es hat den Anschein, als ob dieser Wiederholungs zwang von Triebregnngen 
ausginge, die die Wiederherstellung eines durch die Vernichtung des Lebens ge- 
störten Gleichgewichtsznstandes anstreben. Vgl. dagegen Freud: Das Ich und das 
Es. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 585. 

5) Der Stnri der Frau wird im Fall 7 nur symbolisch wiederholt (durch herab- 
schwebende und platzende Kugeln). — Oder handelt es sich um eine Vorstufe der 
Materialisation (das den Okkultisten geläufige sogenannte Kugelphänomen)? Bereits 



^ 



442 



Alfred Winterstein 



Zur Erklärung des scheinbar automatischen Wiederholens spukhafter 
Darstellungen, das den Charakter des Dämonischen, Unheimlichen noch 
verstärkt, hat bereits Illig^ den neurotischen Wiederholungszwang 
herangezogen, dessen Wirksamkeit Freud in seiner Schrift „Jenseits des 
Lustprinzips" nachgewiesen hat. Gewisse Spukfiille zeigen, unter diesem 
Gesichtspunkte betrachtet, eine weitgehende Analogie mit dem Traum- 
leben der traumatischen Neurose, andere wieder mit der neurotischen Re- 
produktion während der Analyse. Um das Verständnis zu erleichtern, kann 
man nun nicht umhin, zur Hypothese zu greifen, daß auch im Sterben 
so wie beim Einschlafen oder bei der Ilerslellung der analytischen Situation 
das verdrängte Unbewußte zur Herrschaft gelangt, nur daß dieses Unbe- 
wußte im Spuk und in den Symptomhandhjngen des neurotischen Patienten 
agiert, zum Unterschiede vom bloß halluzinatorischen Traumleben der 
traumatischen Neurose, das den Kranken immer wieder in die Situation 
seines Unfalles zurückführt.^ Zu der ersten Kategorie von Spukkundgebungen 
gehören jene Fälle, die durch einen gewaltsamen Tod, sei es Ermordung 
oder Selbstmord,' oder durch ein anderes Schreckerlebnis unmittelbar vor 
dem Tode verursacht scheinen. Man könnte hier vielleicht aucii an einen 
Gedanken Freuds anknüpfen, daß jeder Organismus nur auf seine Weise 
sterben will,* und im Spuk eine Reaktion der tiefsten biologischen Mächte 
gegen dieses Trauma des Todes erblicken. Ich verweise auf Fall g (der 
plötzliche Tod des Sohnes), Fall 6 und Fall 7, wobei es zunächst unklar 
bleibt, warum im Spuk einmal die Lebensgewohnheilen der verstorbenen 
Person nachgeahmt werden, ein anderes Mal die Todeskatastrophe selbst 
minrisch wiederholt wird.'' Bei der zweiten Gruppe von Spukfällen ist man 
versucht, an eine Verursachung durch einen vom Ich bei Lebzeiten nicht 
bewältigten psychischen Inhalt oder durch einen unerledigten moralischen 



Plato spricht im Symposion von der Kugelgestalt des geschlechtlich gedoppellen 
Urwesens — man weiß nicht, ob ans Erfahrung oder Intuition. (Hinweis bei lUig, 
a. a. O. S. 186.) 

1) Illig. a. a. O. S. 276 f. 11. passim. 

2) Die Periodizität vieler Spukfiille läßt sich walirschclnlicli durch Fixierung an 
den Moment des „Traumas" erklären. 

5} Dem Volksglauben ist der Zusainmenhung des Spukes mit gewaltsamer Todesart 
geläufig. 

4,) Freud: Jenseits des Lustpriniips. Ges. Schriften, Bd. VT, S. 217. 

5) Besonders interessant ist im Falle 6 die sieben Jalire dauernde Wiederholung 
des epileptischen Anfalls. Violleicht greift das UnbewiiOle gerade zu dieser Äußerung, 
weil sie in der Linie des geringsten Widerstandes liegt. 



Zur Psychoanalyse des Spuks 44g 



Konflikt zu denken,' Der Wiederholungszwang läßt unter gewissen uns 
nicht näher bekannten Bedingungen die verpönten Regungen nach dem 
Tode zu spukhafter Darstellung gelangen; in ihr ist aber immer gleich- 
zeitig auch eine Wirkung des Schuldgefühls (Strafbedürfnisses) zu er- 
kennen, so daß man den Spuk wie das neurotische Symptom als ein Pro- 
dukt des Geständniszwanges^ bezeichnen könnte. Der Spuk hört indem 
Augenblick auf, wo der Inhalt des unbewußten Geständnisses von den 
Lebenden durchschaut wird, also im Fall 2, sobald die Witwe das vom 
Verstorbenen seiner Familie vorenthaltene, versteckte Geld aufgefunden 
hatte. In einzelnen Fällen (i und 4) scheint der Verstorbene mit Hilfe 
eines Mediums sogar imstande zu sein, ein direktes Geständnis (Verwand- 
lung der Wiederholung in Erinnerung) abzulegen; die vollständige Befrie- 
digung des Strafbedürfnisses (Verzeihung seitens der geschädigten Person, 
Verteilung des Geldes unter die Armen) bringt dann den Heilungsprozefl 
zum Abschluß und macht den Spukphänomenen ein Ende. Man darf also 
vielleicht nach dem Gesagten mit aller gebotenen Vorsicht die Vermutung 
aussprechen, daß sich in gewissen, wahrscheinlich sehr seltenen Fällen die 
Tätigkeit der menschlichen Persönlichkeit noch einige Zeit nach dem Auf- 
hören der Lebenserscheinungen fortzusetzen vermag. Die Spukphänomene 
mit ihrer monotonen, automatischen Wiederholung einer und derselben 
Handlung erwecken aber den Eindruck, daß es sich hiebe! nicht um das 
Überleben der ganzen Psyche handelt, sondern nur eines autonom gewor- 
denen Vorstellungskomplexes, einer fixen Idee,^ einer Zwangsvorstellung, 
die zur fortwährenden Abfuhr und Realisierung durch die Spukerschei- 
nungen (bisweilen bloß symbolisch) drängt. Daß in so vielen Berichten 
Geld eine Rolle spielt und die spukende Intelligenz sich häufig auf bos- 
hafte, quälende Weise bis zur hartnäckigen Verfolgung einer bestimmten 
Person manifestiert, ließe sich auf analerotische und sadistische* Regungen 
zurückführen, die ja bekanntlich die prägenitale Organisation der Zwangs- 
neurotiker und die postgenitale alternder Menschen, namentlich Frauen, 
kennzeichnen. Ich getraue mich jedoch nicht zu entscheiden, ob diese 



In sehr vielen Fällen fai.d ich die diircli einen begangenen Mord bewirkte 
seelische Erschütterung als Ursache. . , ti i. 

a) Vgl. Th. Reik: Gestandniszwang und Strafbedürfhis. Internationale Psycho- 
analytische Bibliothek, Bd. XVIIL 

5) Schon du Prel spricht von posthumen Monoideismen. 

l) Über den Sadismus als verschobenen Todestrieb siehe Freudr Jenseits des 
Lustprinuips. Ges. Sclmften, Bd. VI, S. 22j. 



444 Alfred Wintersteiii 



Regression des Sexuallebens mit der (manchmal geradezu vererblichen) 
Fähigkeit zu spukhafter Äußerung nach dem Tode in einem tieferen 
Zusammenhange steht. 

Wir glauben, in der Phänomenologie des Spuks die Auswirkung ganz 
bestimmter der Psychoanalyse geläufiger seelischer Mechanismen aufgezeigt 
zu haben, und wollen nun darlegen, was uns zu der Auffassung berechtigt, 
daß es sich hier um psychisch bedingte, reale Vorgänge handelt, die, so 
rätselhaft sie uns auch heute noch erscheinen mögen, eines Tages sicherlich 
ihren Platz im Gefüge der bioanalylischen Wissenschaft' vom Leben finden 
werden. Daß die Spukphänomene sich so abspielen, als ob ihnen psychische 
Mechanismen zugrunde lägen, wäre an sich vom Standpunkte der Psycho- 
analyse aus natürlich noch kein Grund, ihnen objektive Realität zuzuerkennen 
(mit demselben Rechte müßte man ja dann die Phautasiegestalten der Dichter 
für wirklich Lebende halten), man würde vielmehr Kunächst annehmen, 
daß die Erscheinung durch neurotische Projektion unbewußter Regungen 
des Beobachters entstanden ist, also eine subjektive Halluzination darstellt. 
Diese Deutung empfiehlt sich dort als die wahrscheinlichere, wo nichts 
anderes als das Zeugnis einer einzelnen Person vorliegt. Werden aber der- 
artige Phänomene von verschiedenen Personen unabhängig voneinander 
durch lange Zeiträume wahrgenommen oder geht das Anmelden eines 
Sterbenden in länger dauernden Verstorbenenspuk unmittelbar über," gelangen 
durch die Spukkundgebungen Tatsachen und Ereignisse zur Kenntnis der 
Beobachter, von denen diese unmöglich etwas wissen konnten (eventuell 
nachträgliche Bestätigung durch Dokumente, Kunde u. ä.), entsprechen die 
(materiellen) Spukerscheinungen einer mit einem Toten zu dessen Lebzeiten 
getroffenen Verabredung oder hören die Spukvorgänge nach Erfüllung des 
Wunsches eines Toten auf und stehen sie auch noch mit mediumistischen 
Experimenten in Zusammenliang:^ in allen diesen Fällen scheint mir die 
Projekt ionstheorie völlig zu versagen und die Auffassung des Verstorbenen- 
spuks als eines äußeren , vom Beobachter unabhängigen Vorgangs unab- 
weislich zu sein, Vielleicht würden wir uns gegen diese Annahme weniger 
heftig sträuben, wenn wir nicht, im Banne der Todesfurcht, den Tod als 
nnüberschreitbare Lebensgrenze betrachteten. Ist aber vom wissenschaftlichen 

i) Vgl. S. Ferencai: Versuche einer Genitaltlieorie. Tiitcmatioiiale Psychoanalytische 
Bibliothek, Bd. 15. S. n 1 ff. 

2) Diese — allerdings seltenen — Falle gehören m den überieugeiidsten. Vgl. hieiu 
Rud. Lambert: Spuk, Gespenster- wiid Apportphünomene. Berlin 1925. 

g) Es handelt sich hier nur um eine dcmonstrülive, nicht taxative AufiaWung. 



Zur Psychoanalyse des Spuks 445 

Standpunkte nicht Ferenczis' Anschauung vorzuziehen, „daß es eine voll- 
kommene Entmischung der Lebens- und Todestriebe überhaupt nicht 
gibt, daß es selbst in der sogenannten ,toten' Materie, also im Anorganischen, 
noch Lebenskeime gibt und damit auch Regressionstendenzen zu jener höheren 
Komplikation, aus deren Zerfall sie entstanden sind ? 

Nicht als Beweis für die objektive Realität des Spuks, wohl aber dafür, 
daß schon vor aller Wissenschaft große Dichter intuitiv dessen psychischen 
Mechanismus erkannt haben, möchte ich noch zwei Beispiele aus Shake- 
speare anführen, die den von uns erwähnten beiden Gattungen von Spuk 
entsprechen. Ich brauche wohl nicht neuerlich hervorzuheben, daß mit 
diesen zwei Gattungen nicht alle Arten von Spuk erschöpft sind und daß 
die einzelnen Spukfälle auch nicht immer eindeutig in eine der Kategorien 
eingereiht werden können. Ein Fall von Spuk nach gewaltsamem Tode liegt 
im „Hamlet" vor, wo Hamlets Vater vier Nächte hindurch auf der Terrasse 
des Schlosses in Helsingür und dann noch einmal am hellichten Tag im 
Zimmer der Konigin (dort freilich bezeichnenderweise nur Hamlet sichtbar) 
erscheint. Er läßt selbst erraten, warum er spukt: 

„So ward ich schlafend und durch Bruderhand 
Um Leben, Krone, Weib mit eins beraubt. 
In meiner Sünden Blüte liingerafft, 
Ohne Nachtmahl, ohne Beichte, ohne Ölung; 
Die Rechnung nicht geschlossen, ins Gericht 
Mit aller Schuld auf meinem Haupt gesandt. 

(Akt I, Szene 5.) 

Dadurch, daß der Geist die Sorge um sein Seelenheil in den Vorder- 
grund stellt, nähert sich der Fall mit anderen dieser Art der zweiten Gattung 
von Spukkundgebungen, die durch einen moralischen Konflikt verursacht 
zu sein scheinen. Der Spuk hört auf, nachdem der Geist mit Hamlet in 
Verbindung getreten ist und die Überzeugung erlangt hat, daß dieser ihn 
rächen wird. 

Bei dem zweiten Beispiel, das schon Illig" herangezogen hat, handelt 
es sich eigentlich nicht um einen Verstorbenenspuk,^ aber die Äußerungen 
sind so identisch mit dem Bild eines Spuks, daß man an ihnen, — an dem 
Gehaben der nachtwandlerischen Lady Macbeth, — gerade weil wir hier 



1) Ferenczi, a. a. O. S. 127. 

2) lUig, a. a. O. S. 286 f, 

5) Wie bei der Erscheinung von Banc[uos Geist in „Macbeth". 



.^Q Alfred Wiiitcrstein 



den seelischen Zusammenhang mit Hilfe der Kunst eines großen Dichters 
durchschauen, besser als irgendwo anders den psychischen Mechanismus 
des Spuks studieren können. In der ersten Szene des fünften Aufzuges be- 
obachten der Arzt und die Kammerfrau das seltsame Benehmen der Lady 
Macbeth, das sich nach der Erzählung der Kammerfrau Naclit für Nacht 
wiederhoh: in tiefem Schlafe sieht sie aus ihrem Bette auf, macht sich 
an ihrem Schreibtische' zu schaffen, reibt sich immer wieder die Hände, 
als ob sie sie wüsche, um die Blulspur zu entfernen, seufzt ob der Ergebnis- 
losigkeit ihres Bemühens. Erinnert das Verhalten der Somnambulen nicht 
Zug für Zug, in seiner Zwangsläufigkeit und Monotonie, in seiner Fixierung 
an die Eindrücke der einen Schreckensnacht, an die Berichte über Geister- 
erscheinungen, die jähre- und jahrzehntelang klagend und stöhnend in 
verrufenen Häusern oder Schlössern umgehen und gewisse uns unverständ- 
liche oder sinnlos dünkende Handlungen in öder Gleichförmigkeit wieder- 
holen? Lady Macbeth hat sich mit Blutschuld beladen,'^ aber die Seele 
dieser ehrgeizigen Frau ist der grausen Tat doch nicht gewachsen gewesen, 
ihre gewaltsam ins Unbewußte verdrängte Weiblichkeit beschwürt den Konflikt 
herauf und treibt sie in die psychische Erkrankung, die sich in den geschil- 
derten Zwangssymptomen äußert. Das Reiben der Hände („Alle Wohlgerüche 
Arabiens machen nicht süßduftend diese kleine Hand") ist ja schon öfters 
von psychoanalytischer Seite mit dem Wasch- und Reinlichkeitszwang der 
Zwangsneurotiker verglichen worden. Der Arzt bei Shakespeare weiß genau, 
daß die Kranke nur durch ein Geständnis vor sich und vor anderen geheilt 

werden kann. „ . . „ , -„ . . .,- 

„Die kranke Seele will ins taube Rissen 

Entladen ihr Geheimnis. Sie bed«rf 

Des Beicht'gers mehr noch als des Arztes." 

Und als Macbeth den Arzt fragt, ob er sie nicht mit seinen Mitteln kurieren 
könne, antwortet dieser kopfschüttelnd: „Da muß der Kranke selbst das 
Mittel finden." 

Fassen wir Macbeth und seine Frau, dem Winke Jekels' und Freuds 
folgend, als eine einzige psychische Individualität auf und nehmen wir an. 



i) Vgl. liieiu Fall 5. 

2) Mit Recht hat Jekels in einer unveröffentlichten Studie über den „Kaufmann 
von Venedig" auf eine Eigentümlichkeit des Dramatikers Shakespeare aufmerksam 
gemacht, der häuüg einen Charakter in zwei Per.sonen 'terk-gt; jede von diesen ist 
nur zum Teil begreiflich, solange man sie nicht mit der anderen wiederum lur Ein- 
heit lusammenselit. Dies gilt auch von Mncheth mid der Ludy, (Vgl. auch Preud; 
Charaktertyp en aus der psychoanulytischen Arbeit. Ges. Schriften, Bd. X.l 



Zur Psychoanalyse des Spuks ^^j 



es handelte sich nicht um eine Schöpfung dichterischer Phantasie, sondern 
um einen wirklichen Menschen. Dann ließe sich aus einer psychologischen 
Gesetzmäßigkeit heraus wohl begreifen, wenn dieser Verbrecher nach seinem 
überdies auch noch gewaltsamen^ Tode spukte. Macbeth hat den Schlaf 
gemordet, „den Tod im Leben jedes Tags", darum darf er selbst keine 
Ruhe finden. 

Wollte man mich aber zum Schlüsse fragen, warum es denn nicht viel 
mehr Spukfälle gebe, da ja doch die aufgezählten Voraussetzungen sehr häufig 
anzutreffen seien, so müßte ich erwidern: Ich weiß es nicht, ich bilde mir 
ja nicht ein, alle Ursachen zu kennen. Offenbar gehört noch etwas Weiteres 
dazu, vielleicht erraten wir es, wenn wir von einer (wie lllig meint, bis- 
weilen vererblichen) psychischen Disposition zum Spuk reden. Über das 
Wesen dieses (.konstitutionellen Momentes" werden hoffentlich spätere For- 
schungen, zu denen diese bescheidene Arbeit anregen möchte, Licht ver- 
breiten. 



i) Macbeth wird von Macduff im Zweikampf getötet und von Lady Macbeth heißt 
es: ... der Teufelsfürstin, die, wie man spricht, mit eigner, wilder Hand ihr Leben 
nahm." (V. Akt, 7. Szene.) 



Drei psychoanalytische Notizen 

Von 

Theodor Reik 

Wien 

Die drei kleinen Abschnitte, die hier foljjeji, dürfen — streng- genommen — 
keinen Raum in ausgeführter wissenschaftlicher Arbeit honnspruchen. Allein gelegent- 
lich muß man wohl auch den Mut aufbriiigt-n, anspruchslosere SkiMen statt eines 
fertigen Bildes lu zeigen („das sind die Kleinen von den Meinen") und wird doch 
nicht fürchten müssen, eine allmstrenge Kritik des Beschauers herauszufordern. Der 
Zeichner dieser drei Skizzen wenigstens würde sehr -lufriedeii sein, wenn sie, dem 
freudigen Anlaß des Tages entsprechend, einem vertrauten Antlitz ein flüchtiges 
Lächeln abgewinnen könnten. 

I 

Die Grußverlegenheit 

Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, daß eine Person, die unserem 
Kreise angehört, uns eine analytische Untersuchung über die Psychologie 
des Grußes vorlegen wird. Ich bin nun besorgt, dieser künftige Forscher 
könnte über dem ausgebreiteten etlinologisch und psychologisch gleich 
interessanten Material eine Kleinigkeit übersehen, die doch nicht unwichtig 
ist: die Gruß Verlegenheit. Freud hat bereits auf die Gruß Schwierigkeiten 
der Zwangsneurotiker liingewiesen und dabei insbesondere jene Schwierig- 
keiten hervorgehoben, die sich auf das Mutabnehmen beziehen.^ Die Gruß- 
verlegenheit ist aber eine allgemeinere Erscheinung; sie soll hier jene Ver- 
legenheit bezeichnen, die viele Personen verspüren, wenn sie eine andere 
treffen und begrüßen sollen. Es handelt sich hier nicht nur um die Frage, 
ob sie grüßen sollen, sondern auch um die fast schwieriger zu beantwortende, 
wie dies zu geschehen hat. Bei einem Patienten wurde das Problem, wie 

i) Preud: Eine Beiiehimg xwiachen einem Symbol und einem Symptom, Ges. 
Schriften. Bd. V. 



Drei psychoanalytische Notizen ^^g 

tief der Hut gezogen werden solle und wie eine Verbeugung ausfallen 
solle, olme zu vertraulich oder zu demütig zu sein, zum Gegenstand 
zahlreicher Grübeleien. Eine Unsicherheit im Gruß selbst wird sich 
als Zeichen der Ambivalenz insbesondere beim Zwangsneurotiker be- 
merkbar machen. Derselbe Patient, von dem berichtet wurde, konnte 
lange bei dem üblichen Händedruck meine Hand nicht finden, immer 
wieder griff er daneben, berührte den Ärmel meines Rockes usw. Es 
ergab sich so für die beiderseitigen Hände eine eigenartige Situation: 
sie konnten zusammen nicht kommen. Inhalt und Form des Grußes sind 
mannigfachen, individuellen Schwierigkeiten und Unsicherheiten ausgesetzt, 
auch wenn die Beziehungen zwischen den Personen ■ — oberflächlich be- 
trachtet — durchaus geregelt und in gesicherten Bahnen zu verlaufen 
scheinen. Es ist dann so, als wurden sich die unbewußten Regungen gerade 
auf dieses isolierte Detail des persönlichen Verkehres beschränkt haben, 
wie wenn hier die Einfallspforte des Verdrängten wäre. Einer meiner 
Patienten hatte die Gewohnheit, Leute, die er kannte, und denen er bewußt 
keineswegs grollte, für lange Zeit unbewußt zu übersehen, um sie nachher 
wieder freundlich zu grüßen. Es war, wie wenn sie einige Zeit in Ungnade 
gefallen wären, um sich später wieder seiner Gunst zu erfreuen; erst die 
Analyse konnte diese anscheinend so grundlosen Periodizitäten aufklären. 
Derselbe Patient hatte sich auch ein zweizeitiges Grußzeremoniell zurecht- 
gemacht, das ihn zw^ang, erst an dem zu Grüßenden vorbeizugehen und 
ihn dann, sich umdrehend, zu grüßen, als erkenne er ihn erst jetzt: eine 
Analogie zu einer auch sonst gelegentlich vorkommenden Erscheinung. 
Hatte er jemanden mündlich zu begrüßen, so verspürte er eine gelinde 
Verlegenheit, als müsse er sich irgendwie schämen. Dieses Gefühl kam 
auch im Stottern bei dieser Gelegenheit zum Ausdruck. Es war klar, daß 
er den Gruß regressiv wieder sexualisiert hatte. Es kam vor, daß er einen 
gleichgültigen Bekannten, den er getroffen hatte, ängstlich im Gespräche 
festhielt, nicht weil er den Abschiedsschmerz, weil er die Grußschwierig- 
keiten beim Abschied fürchtete. Alles weist darauf hin, daß uns der Gruß 
unbewußt doch mehr bedeuten muß, als wir wahr haben möchten. Ärgern 
wir uns nicht, wenn uns jemand salopp grüßt, obwohl wir uns doch vor- 
sagen, daß uns Hekuba dagegen eine Staatsaktion bedeutet? Verspüren wir 
nicht ein brennendes Gefühl der Scham, wenn es uns gelegentlich geschieht, 
daß uns eine besonders geachtete, ältere Person zuerst grüßt; so, als hätten wir 
ein unentschuldbares Versäumnis begangen — obwohl wir doch bereit sind, 
zu beschwören, wir haben sie früher nicht bemerkt? Sehen wir nun von patho- 

Imago XII 29 



\ 



^go Theodor Reik 



logischen Vergrößerungen und Vergröberungen ab, so muß man doch sagen, 
daß die Gruß Verlegenheit auch innerhalb der Breite des Normalen in gerin- 
gerem Grade auftritt. Man wird um eine Erklärung nicht verlegen sein. Es 
handelt sich darum, daß sexuelle und aggressive Tendenzen unbewußter Art in 
dieser Verlegenheit störend in die gesellschaftlichen Konventionen eingreifen. 
Die ersteren sind ohneweiters klar, wenn wir uns des Jünglings erinnern, der 
errötend „ihren" Spuren folgt, der in die Lage kommt, die scheu Geliebte 
zu begrüßen, oder des Mädchens, das den Gruß des Anbeters zu erwidern 
hat. Die feindlichen Impulse, die sich in der Gruß Verlegenheit melden, 
führen zu mannigfachen Hemmungen und Abänderungen des Grußes sowie 
zu Fehlhandlungen innerhalb des Grüßens. Schließlich können sie es 
zustande bringen, daß der Gruß selbst unterbleibt. 

Es scheint uns auf den ersten Blick, als ob der Gruß als ein an sich 
unwichtiges Detail des gesellschaftlichen Verkehres für uns unbewußt einen 
Affektwert besitze, den wir ihm bewußt nicht zuschreiben. Aber diese 
Verschiebung auf ein Detail wäre unmöglich, wenn das Detail nicht einmal 
wirklich eine gewisse Bedeutung gehabt hatte. Es erscheint uns dann die 
Funktion des Grußes in verändertem Lichte ; es ist so, als würde er sich aus 
einer ursprünglich undifferenzierten, triebhaften Form der ersten Annäherung, 
in der Feindseligkeit oder Liebesbereitschaft zum Ausdruck kamen, erst 
langsam zu seiner jetzigen freundlicheren Bedeutung entwickelt haben. Er 
hat dann allmählich die Funktion übernommen, eine Art Versicherung 
dafür zu geben, daß man auf die Befriedigung feindlicher Gelüste ver- 
zichtet habe, und ist endlich zu einer konventionellen Gebärde erstarrt. 
Homo homini lupiis — das Vorstadium des Grußes, das etwa Hunde zeigen, 
die sich vorsichtig einander annähern, um sich zu beschnuppern, ist zum 
Teil noch im Nasengruß mancher Völker zu erkennen. Diese Herkunft 
des Grußes aus der Hemmung und Verdrängung feindlicher und sexueller 
Impulse läßt es verständlich erscheinen, daß er in der Regression zum 
Objekt mannigfacher Unsicherheiten und Verlegenheiten werden kann, in 
denen klar wird, daß jene verdrängten Gefühle und Wünsche nicht aus- 
gestorben sind. Sie kehren etwa im kühlen oder hochmütigen Gruß aus 
der Mitte des Verdrängenden wieder. Nestroy läßt eine seiner Personen 
sagen: „Wie schön is das, wenn man jemand die Hand in die Hand 
legen muß, dem man's am liebsten ins G'sicht legen möcht'." 

Die Rolle der unbewußten Feindseligkeil und des Mißtrauens geht noch 
über den Gruß hinaus und beherrscht die anderen Initialzeremonielle des 
gesellschaftlichen Verkehres, als wären diese Abv^ehrmaßregel, Sicherheits- 



Drei psychoanalytische Notizen ^ci 

maßnahmen gegen die von allen Seilen lauernden Gefahren der Feindschaft 
aller gegen alle. Das Vorstellen, das sich als Form des Bekannt Werdens 
in unserer Gesellschaftsschichte eingebürgert hat, ist sicherlich eine solche 
Art unbewußter Garantie, die ja, wie bekannt, nicht immer ausreicht. 
Auch hier werden Verlegenheiten zum Zeichen der Hemmungen und Un- 
sicherheiten, die aus derselben Quelle stammen. 

Die Gesellschaft hat sich diese Abwehrmaßregeln, die den individuellen 
der Zwangsneurotiker analog und psychisch wie diese aufgebaut sind, ge- 
schaffen und bedarf ihrer, weil sie so viele Unsicherheiten beherrschen 
muß. Manchmal zeigt uns ein Vorfall, daß sie noch unsicherer wird, wenn 
sie der gewohnten Zeremonielle entraten muß. Es sieht dann so aus, als 
fühle sie sich, dieser Sicherungen beraubt, für kurze Zeit so angstvoll und 
hilflos wie Zwangsneurotiker, die sich unter dem Drucke einer äußeren 
Notwendigkeit die Einhaltung eines Zeremoniells versagen müssen. Bekannt 
und oft angeführt ist die Situation, in der Livingstone und Stanley 
einander zum erstenmal trafen. Nach Überwindung vieler Schwierigkeiten 
und langem Umherirren hatte Stanley endlich den verloren geglaubten 
Livingstone mitten im Urwald Afrikas gefunden. Als die beiden Engländer 
einander unter so romantischen Umständen ansichtig wurden, blieben sie 
einen Augenblick lang wie festgebannt an der Stelle, Es war ein Augen- 
blick voll Unsicherheit und Verlegenheit. Sie waren einander nicht vor- 
gestellt. 

n 

JDer latente Sijin der elliptischen Entstellung 

Die Auslassungstechnik der Zwangsgedanken sowie des Witzes wurde von 
Freud zum ersten Male klargelegt und in ihren Zielen verständlich gemacht. 
Die Auslassung will den wirklichen Wortlaut der Zwangsidee entstellen 
und so gegen das Verständnis schützen. Als Beispiel sei die Zwangsidee eines 
Patienten angeführt, der sich mit Aufwand großer psychischer Energie gegen 
blasphemische Gedanken zur Wehr setzte: Wenn ich einen Schuhriemen 
einschnüre, verfluche ich Gott. Da sich dieser Gedanke schließlich 
auf alle Schuhriemen verschob, sah er sich genötigt, mit offenen Schuh- 
riemen auf der Straße zu gehen. Die Einsetzung der übersprungenen, in 
der Analyse erschlossenen gedanklichen Zwischenglieder ist zum Verständnis 
der Zwangsidee notwendig. Die Bedeutung des Einschnürens der Schuh- 
riemen in die Ösen als Sexualsymbol für den Geschlechtsverkehr sowie der 

29. 



^^3 Theodor Reik 



Mechanismus der Verschiebung auf ein Kleines liefern die erforderliche 
Aufklärung. Der ergänzte Gedankengang lautet: wenn ich einen Geschlechts- 
verkehr ausführen will, stört mich der Gedanke an den Vater, so daß ich 
ihn verfluchen will und dieser Fluch könnte in Erfüllung gehen. Diese 
Zwangsidee, auf Gott als den Sturer der Sexualität verschoben, gibt das 
Wesentliche der Lösung.' 

Wir stellen dieser Zwangsidee einen Witz /.ur Seite, dessen Technik eben- 
falls die der Auslassung ist. Der Wiener Athlet und Ringkämpfer Jagen- 
dorfer erzählt seinen Freunden beim abendlichen Stainmlisch folgendes 
Erlebnis des Tages: „Denkt's euch, wie ich heut' in mein Kaffeehaus komm* 
und meine Billardpartie spielen will, ist mein Queue nicht da. Ich such' 
überall und find' es nicht. Da seh' ich einen Herrn am anderen Billard- 
tisch spielen und seh', daß er mit meinem Queue spielt. Ich geh' also hin 
und sag' ihm: ,Herr, das ist mein Queue.' Sagt er: ,Nein, das ist meines.' 
Sag ich: .Herr, geben S' das Queue her, wenn ich Ihnen schon sag, es 
ist mein Queue'. Er aber gibt nicht nach und sagt immer wieder, daß es 
seines ist, Wie's ihn dann mit Essig g'wasch'n haben, seh' ich erst, 
daß es wirklich nicht mein Queue war." Ks ist die Frage berechtigt, 
ob hier überhaupt ein Witz vorliegt. Handelt es sich nicht vielmehr um 
eine komische Geschichte? Sehen wir näher zti: der erste Eindruck könnte 
ein komischer sein; wir lachen über den ungeschlachten Riesen, der wegen 
einer solchen Bagatelle einen — noch dazu unschuldigen — Nebenmenschen 
zu Boden schlägt. Wir würden sicher nicht so handeln; es ergibt sich hier 
jener Fall des Komischen, der entsteht, wenn wir den Aufwand — in 
unserem Fall den körperlichen und affektiven — anderer Personen mit 
dem vergleichen, den wir in gleicher Situation zeigen würden. Es wäre 
also der allzugroße Aufwand, der uns lachen macht.^ Es ist so, wie wenn 
wir uns sagen würden : was für ein Tölpel I konnte er nicht sorgsamer 
überprüfen, wessen Billardqueue es war? Wir merken aber bei dieser Er- 
klärung, wie wenig komisch das eigentlich ist; wir müßten eigentlich über 
diesen Mangel an seelischem Gleichmaß und diese Brutalität entrüstet sein. 
Versuchen wir eine andere Fassung der Erzählung etwa: „Wie ich ihm 
dann einen Faustschlag versetzt habe, so daß er ohnmächtig wurde, sehe 



i) Der Vater hatte zur Pubertälsieit des Sohnes die Onanie energisch und uiiter 
starken Drohungen verboten- Gleichzeitig hatten .indere Personen, die ihm nahe 
standen, die Onanie als Sünde und Verbrechen gegen Gott hingestellt. 

a) Freud: Der WitT und seine Beiiehung lum UnbeivuQten. Ges. Schriften. Bd. IX, 

S. 222 f. 



Drei psychoanalytische Notizen ac^ 

ich erst . . .", so bemerken wir, daß vielleicht noch immer ein Stück Komik 
übrigbleibt, aber es ist nichts mehr da, was uns berechtigen würde, hier 
einen Witz zu finden. Wir sehen also: einer der Fälle, in denen das Komische 
dem Witz als Fassade dient. Das Witzige hängt gerade an dem Moment 
der Auslassung dieses Satzes und an der Ausdrucksweise des folgenden, der 
eine Anspielung auf das Ausgelassene enthält. Diese Fortsetzung zeigt ebenso 
wie das Überspringen, daß das Niederschlagen dem Athleten so selbstver- 
ständlich erscheint, daß er es gar nicht erwähnen braucht; sogar das „Mit- 
essigwaschen" erwähnt er nur so nebenbei, als Zeitbestimmung. Wir erkennen 
jetzt, daß es diese Technik war, die auch für das Komische entscheidend 
war: gerade diese Unbekümmertheit und Selbstverständlichkeit der Aggression, 
sowie ihr selbstverständlicher, in unseren Augen übertriebener Erfolg wirken 
zusammen, um unsere Entrüstung über eine solche Brutalität ersparen zu 
helfen und uns lachen zu machen. Daß der Athlet dann seinen Irrtum 
einsieht, hat die verstärkende Wirkung, daß es uns das Übereilte und Un- 
zweckmäßige seiner Aktion zeigt; wir lachen über ihn, wie wir über die 
unzweckmäßigen und übermäßigen Bewegungen von Kindern lachen.' 

Wir haben nicht vergessen, daß das Komische hier den Witz verdeckt. 
Das Komische wirkt sich darin aus, daß wir über den Athleten lachen; 
das Witzige in der Erzählung wird die Wirkung haben, daß wir mit ihm 
lachen. Wir lachen nämlich über seinen Bericht auch, weil er, durch die 
Vorlust verdeckt, liefere, unbewußte Regungen in uns freigemacht hat. Wir 
fühlen: eigentlich sind diese selben gewaltsamen und gewalttätigen Regungen 
in uns allen; auch wir wären fähig, wenn uns nicht die Kulturhemmungen 
hinderten und wenn wir über die Körperkräfte eines Athleten verfügten, 
einen niederzuschlagen, wenn wir überzeugt sind, er wolle uns unser gutes 
Recht streitig machen. Unsere aggressiven und sadistischen Impulse erfahren 
eine plötzliche Aufhebung der Hemmung, wenn wir uns mit dem Athleten 
identifizieren. Wir lachen also aus erspartem Hemmungsaufwand. 

Doch wir wollten uns ja nicht mit der Psychogenese der Witzwirkung, 
sondern mit der speziellen Technik der Auslassung beschäftigen. Die latente 
Bedeutung der Auslassung oder der elliptischen Technik scheint mir nun 
zu sein, daß mit diesem technischen Mittel auch ein spezifischer Inhalt ver- 
bunden ist, der eben auf das Wegschaffen, Aus-dem- Wege-Räumen eines 
Objektes hinzielt. Es ist also so, als ob durch die Auslassung unbewußt eine 
Tendenz zum Ausdruck käme, welche die Person eliminiert, vernichtet oder 



i) Freud: Der Witz usw. Ges. Schriften. Bd. IX, S. 221. 



454 Theodor Reik 



tötet. Die Auslassung als technisches Element entspricht inhaltlich einer 
siegreichen seelischen Strebung zur radikalen Entfernung eines gehaßten 
Objektes (oder einer gehaßten Institution, die durch eine Person verkörpert 
wird). Um diese Beziehung zwischen einer typischen Technik und einem 
latenten Inhalt klarzumachen, müssen wir wohl weiter ausgreifen. Es ist in 
der analj-tischen Literatur noch keineswegs gebührend hervorgehoben worden, 
wie oft und wie erfolgreich die Form eines seelischen Phänomens dazu ver- 
wendet wird, seinen geheimen Inhalt darzustellen. Wie uns Freud gezeigt 
hat, bedient sich der Träumer oft einer ähnlichen Technik, wenn er seinen 
Traum erzählt und ein Stück von dessen latenter Bedeutung in einer Glosse, 
einem Urteil, oder einer Bemerkung darüber unterbringt. Oft ist in einem 
solchen beiläufig bemerkten Formelement gerade das Wesentliche des Traum- 
inhaltes enthalten. In derselben Art dient die Vorslellungsmimik dazu, den 
Inhalt des Vorgestellten darzustellen, wie es Freud in seinen Ausführungen 
über den „Ausdruck des Vorstellungsinhalles" geschildert hat.' 

Wir meinen also, eine unterirdische Beziehung zwischen der elliptischen 
Entstellungstechnik in den Zwangsgedanken und im Wilz und dem spezi- 
fischen Inhalt des Ausgefallenen gefunden zu haben: die Auslassung stellte 
sich als Ausdruck der unterdrückten Tendenz zur völligen Vernichtung, 
Ausrottung des Objektes dar. („Nicht gedacht soll seiner werden.") Wir 
können nicht sagen, ob diese Beziehung eine konstante oder nur in einigen 
Fällen nachweisbare ist. Prüfen wir unsere Hypothese an den uns zunächst 
zur Verfügung stehenden Beispielen: in der elliptischen Zwangsidee meines 
Patienten ist diese Annullierungstendenz ohneweiters klar; das Ziel seiner 
Wünsche ist eben, den Vater völlig auszuschalten. Ebensowenig ist die Ver- 
nichtungsabsicht in der Geschichte von Jagendorfer zu verkennen. Man 
könnte diesen Witz in eine Reihe stellen mit jenen komischen Übertrei- 
bungen und Renommierereien, in denen die Gassenjungen unserer angeblich 
von alter Kultur erfüllten Stadt die gewaltige Wirkung ihrer AfTektäußerungen 
darstellen. Ich hörte einmal, wie ein halbwüchsiger Fleischhauerjunge in 
einem Wortstreite einem anderen zurief: „Wenn ich dich nur anrühr', 
paßt' ja in kein Sarg mehr hinein!" Hier ist also nicht nur eine Beschädi- 
gung von der Kraftäußerung zu erwarten, sondern eine so weitgehende 
Deformation, — noch dazu durch bloße Berührung — daß kein Sarg mehr 
den formlos gewordenen Leichnam des Gegners aufnehmen könnte. Auch 
hier ist eine Auslassung konstatierbar, aber entsprechend dem ungehemmteren 

i) Freud: Der Witz. Ges. Schriften. Bd. IX, S. 220, 



Drei psychoanalytische Notizen 455 



Charakter des Milieu ist der Inhalt des Ausgelassenen als gewaltsame Tötung 
aus dem folgenden Satze leicht erratbar. Wir werden durch die Kontrastie- 
rung dieses Beispieles mit anderen darauf aufmerksam, daß, was hier im 
Nachsatz so unzweideutig hervortritt, anderswo nur angedeutet erscheint, 
daß sich der Inhalt des Ausgelassenen in der folgenden Satzfügung nur als 
Anspielung oder in abgeschwächter Form findet. Wirklich können wir diese 
Spur in dem der Auslassung folgenden Satz unserer Beispiele verfolgen; in 
der Zwangsidee des Patienten lautet dieser: muß ich Gott verfluchen. In 
der Ei-zählung des Athleten tritt die Wirkung des Schlages, also der aggres- 
siven Tendenzen in dem Nebensatz „wie sie ihn dann mit Essig g'wasch'n 
hab'n" hervor. Es ist so, als ob sich das Ausgefallene gleich im folgenden 
Satze eine abgemilderte und abgeschwächte Vertretung, einen Ersatz gesichert 
hätte, der freilich den ursprünglichen krassen Inhalt des Ausgefallenen nur 
ahnen läßt. Wir sind uns der Unzulänglichkeit unserer Worte bewußt, wenn 
wir die psychologische Sachlage folgendermaßen beschreiben: der bewußt- 
seinsfähige (vorbewußte) Inhalt der Auslassung geht soweit, als der Vor- 
stellungsumfang der Ersatzbildung (des folgenden Satzes, der folgenden An- 
spielung) reicht; der unbewußte Inhalt wird durch das Ausmaß der Auslassung 
selbst bestimmt. Die Ersatzbildung oder Anspielung dient so nur als Weg- 
weiser, nicht als zureichende Auskunft. Wir werden etwa durch den folgenden 
Satz darauf aufmerksam, daß das Ausgefallene von aggressivem, feindlichem 
Charakter war, daß es sicli um den Ausdruck von Zorn oder Haß handelt, 
aber die Intensität dieses Hasses, das Ausmaß dieser Wut bleibt unbewußt, 
ebenso das Triebziel, eben die Vernichtung oder Tötung des Objektes. Gerade 
die analytische Erforschung der Zwangsneurose bringt hier die beste Ana- 
logie: wir hören oft von Patienten, sie seien bei einem bestimmten Anlaß 
oder gegenüber einer bestimmten Person ärgerlich oder böse geworden, aber 
die Tiefe ihrer Affekte, der Charakter sinnloser Wut, der zu stärksten Todes- 
wünschen gegen gehaßte Personen führt, blieb ihrem Bewußtsein entzogen. 
Auch die Unbestimmtheit des Nachsatzes der Zwangsidee (als Beispiel das 
bei Freud angeführte:' ^Wenn ich die Dame heirate, geschieht dem Vater 



1) Freiid: Bemerkimgen über einen Fall von Zwangsneurose (Ges. Schriften. 
Bd. VIII). Gerade die Analyse dieses Falles zeigt, daß der Inhalt der elliptischen Ent- 
stellung mihewußle Todeswünsclie gegen den Vater sind, die sich kraft der Allmacht 
der Gedanken verwirklichen konnten. Der von Freud angeführte Witz „Wenn der 
X. das hört, bekommt er wieder eine Ohrfeige" scheint nicht auf solchen Inhalt des 
Ausgefallenen schließen zu lassen. Die Fortsetzung der im Nachsatz angedeuteten 
Aggressionstendeni ins Unbewußte würde aber dieselben Vemichtmigstendenzen gegen 
die verspottete Person zeigen. Freud weist übrigens selbst daraufhin, daß neben 



456 Theodor Keik 



ein Unglück"), die ihr Pendant manchmal in der Anspiplung im Witz 
findet {„wie's ihn dann mit üssig g'wasch'n hab'n''), zeugt von der Be- 
mühung, den wirklichen Inhalt der Zwangsidee, des Witzes — nümlich den 
Tod — der bewußten Vorstellung fernzuhalten. Die Ersatzbildung bringt 
also das Ausgelassene in außerordentlich abgeschwächtem, bewußtseinsfähigeni 
Ausmaße wieder. In einzelnen Beispielen greift sie, wenn kein Zweifel 
mehr am Inhalt des Ausgefallenen bestehen kann, sogar zu heuchlerischen 
oder ironischen Verteidigungen wie in jenem furchtbaren Worte : „Die 
einzige Entschuldigung für Gott ist, daß er nicht existiert." 

Es steht also so, daß die geheime Bedeutung der elliptischen Technik 
der Ausdruck heftiger Vernichtungstendenzen, unbewußter Todeswünsche 
ist, die man nicht laut sagen kann, ohne auf Entrüstung und Ablehnung 
seitens der Umwelt zu stoßen. In jenen Beispielen, in denen das sexuell 
Anstößige ausgelassen wird, brauchen so intensive Destruktionstendenzen, 
unbewußter Art keineswegs zu fehlen; die Triebstrebungen sind dort 
konstitutionell durch sadistische, gegen das Objekt gerichtete Tendenzen 
verstärkt, wie dies manchmal in der Zote zum Ausdruck kommt. 

Wir könnten die Auslassung im Witz imd im Zwangsgedanken jenen Aus- 
drucksvermeidungen gleichsetzen, die selbst zum Ausdruck des unterdrückten 
Inhaltes werden. Die Abmilderungen oder Anspielungen des folgf^nden Satzes, 
die den Charakter der Ersatzbildung haben, wären dann jenen Euphemismen 
zu vergleichen, die wir manchmal anwenden („dahinscheiden", „uns ver- 
lassen usw. für sterben). Der Vergleich geht freilich nicht über eine gewisse 
Grenze hinaus, denn der Ausfall in den Zwangsideen oder im Witz drückt 
wirklich einen unbewußten Todeswunsch aus. Die Auslassimg ist nur eine ver- 
hülltere Form eines Optativs : oh, wäre er weg, möge er sterben, verschwinden ! 



den formellen auch inhaltliche Übereinstiminuiigeti zwischen der Zwangsidee und 
diesem Witz bestehen. 

Wie Freud zeigt, ist auch die Auslassung, die er einer Verdic-hlimg ohne Ersatz- 
ßTldung vergleicht, eine Art der Aiispielinig. „Eigentlich wird bei jeder Anspielung 
etwas ausgelassen, nämlich die zur Anspielung hinfuhrenden Gedunkeuwege. Es kommt 
nur darauf an, ob die Lücke das Augenfälligere ist oder der die Lücke teilweise 
ausfüllende Ersatz in dem Wortlaut der Anspielung. So kämen wir über eine Keihe 
von Beispielen von der krassen Auslassung zur eigentlichen Anspielung zurück." 
(Freud, Der Witz. Ges. Schriften. Bd. IX, S. 85.) 

Um hier der krassen Auslassung einen Witz mit Anspielung gegenüberzustellen, 
sei auf eine Saene in einem Lustspiele von Maurice Donnay verwiesen. Dort flüchtet 
eine Dame vor den Kachstellungen eines Don Juan in die Wolumng eines Freundes 
ihres Mannes. Der Herr beruhigt die Erschreckte mit den Worten: „Si vous eiez chez 
mot, vous n'avex rien a craindre — des autrcs." 



Drei psychoanalytische Notizen x,c^ 



VieJIeicht darf uns das erste Beispiel, das wir gewählt haben, jene 
blasphemische Zwangsidee, den Mut geben, eine Vermutung darüber zu 
äußern, wie es überhaupt zu solcher Auslassungstechnik gekommen ist. In 
den Denkmälern des antiken Orients sowie im Sprachgebrauch bestimmter 
semitischer Völker finden wir Ausdrücke wie: X. Y. (Name) mit dem Zusatz: 
Tanit, Allah usw. vernichte ihn, möge seinen Namen zerstören! Es sind 
also Namen, die von einem Fluch gefolgt sind. Es wäre aus dem Ver- 
dräogungsfortschritt der Jahrhunderte zu verstehen, daß solche Flüche nach 
Erwähnung von Personen unterdrückt worden wären, und sich an deren 
Stelle eine Ersatzbildung eingestellt hätte.' Diese so unterdrückte, schließlich 
verdrängle Regung hätte sich gerade des Ausfalles bedient, um zum Aus- 
druck zu kommen. Es wäre so, wie wenn ein Soldat der eigenen Armee 
zum Feinde überliefe, um gegen die früheren Kameraden zu kämpfen. 
Die Auslassung als Mittel der Unterdrückung wäre schließlich Ausdrucks- 
mittel des Unterdrückten geworden. Die Verdrängung jener gewalttätigen 
Impulse, die auf Tötung und Vernichtung des gehaßten Objektes abzielen, 
ist also die Vorbedingung der Auslassung, die so zu einem psychischen 
Kompromißausdruck der verdrängten und der verdrängenden Regungen 
würde. Sie ist aber auch dafür verantwortlich, daß es zum Kurzschluß des 
Witzes und zu dem anscheinenden Widersinn der Zwangsidee kam. Wie in 
der Psychologie der Traumvorgänge wird hier die Absurdität -zum Zeichen 
des Spottes und Hohnes, des Protestes gegen die verdrängenden Mächte. 

Wir wollen nur noch ein Beispiel elliptischer W^itztechnik anführen : 
der geniale Wiener Schauspieler Girardi antwortete einmal einem Kollegen, 
der ihn um Geld bat, mit den anscheinend ganz unsinnigen Worten: 
„Wissen S' was, lieber Freund? Sei'n wir lieber gleich bös'." 
Das scheint auf den ersten Blick Unsinn, auf den zweiten verrät es die 
besondere Welterfahrung des Schauspielers. Das heißt doch: Wenn ich Ihnen 
jetzt Geld borge, werde ich es sehr widerwillig tun und Ihnen deshalb alles 
Böse w^iinschen. Mein Ärger wird sich noch steigern, wenn Sie mir — wie 
vorauszusehen — das Geld nicht zurückgeben werden. Dieses Gefühl kann 
aber unmöglich nach außenhin spurlos bleiben; es wird sich irgendwie 
ein Ventil verschaffen und wir werden Feinde werden. Man könnte diese 
psychologische Reihe noch nach anderer Richtung hin fortführen: auch der 
Bittsteller ist durch die Demütigung, daß er um Geld bitten jnuß, bereits 



]) Als Übergangs statu um wäre etwa an Formel wie: er, dessen Name niclit ge- 
nannt werden soll, zu denken. 



458 Theodor Reik 



unbewußt feindlich gegen den vom Geschick begÜnstigteren Kollegen ein- 
gestellt und dieses Gefühl wird durch das reaktive Schuldgefühl, wenn er 
das Geld nicht zurückgeben kann, noch vertieft werden.' Also auch von 
seiner Seite ist der Ausgang der Beziehungen nicht zweifelhaft. Der freundliche 
Rat, doch gleich böse zu sein, scheint so nicht nur die Geldausgabe, sondern 
auch eine Reihe peinlicher Zwischenbegebenheiten und Z wischen gefühle 
ersparen xu wollen. 

Hier ist freilich der unbewußte Todeswunsch nicht zum Ausdruck ge- 
kommen — nur die elliptische Form zeugt von seiner Existenz — aber der 
Rat des Schauspielers verrät uns, daß die Zumutung, Geld zu borgen, anf 
dessen Rückzahlung er nicht rechnen konnte, in ihm starke feindselige 
Gefühle gegen den Bittsteller ausgelöst hat. Die unbewußte Bortsetzung dieser 
Affekte aber führt zu Todeswünschen. Und 'wirklich: böse sein, das heißt 
doch: für einander nicht mehr dasein. Sagen wir nicht von einem erbitterten 
Feinde: „Er existiert nicht mehr für mich" oder „Er ist für mich gestorben"? 

So wird in der Technik des Witzes und in der Formulierung der Zwangs- 
ideen klar, daß wir uns noch durch die Auslassung, die es verschweigen 
sollte, unbewußt zu unseren mörderischen Gedanken bekennen. 

m 

Den Gesprächspartner verloren 

Ein Patient, dessen zahlreiche Fehlhandlungen in der Analyse eine Deu- 
tung gefunden hatten, die er selbst, obwohl manchmal widerwillig, aner- 
kennen mußte, erklärte eines Tages, gestern sei ihm etwas passiert, was 
die Analyse sicherlich nicht aufklären könne. Man tut gut daran, sich 
solchen „Aufforderungen zum Tanz" gegenüber recht reserviert zu verhalten. 
Manchmal dienen sie als wohlfeile Vehikel des Widerstandes dazu, den 
Analytiker in die Enge zu treiben, ihn zu „coriwr'' . Im vorliegenden Falle 
aber handelt es sich um eine typische Fehlhandlung, die gewiß schon jedem 
von uns in irgendeiner Form begegnet ist. Mein Patient ging mit einer 
bekannten Dame, in ein Gespräch vertieft, die Straße entlang. Plötzlich 
fand er sich an der Seite einer ihm völlig fremden Dame, die er nie ge- 
sehen hatte und der er eben etwas eifrig erklärte. Es war offenbar, daß er 
seine Dame „verloren" und mit der Fremden das Gespräch so fortgesetzt 

1} Über die Meclianismeii des unbewußten, reaktiven Scliiildgefühls vergleiche mein 
Buch „ Geständnis! wang und Strafliedürfnis" (Internat. PsA. Bibl., Bd. Xyill), 1925. 



Drei psychoaiialy-lische Notizen 459 

hatte, als wäre es die Bekannte gewesen. (Man möchte sich darüber ver- 
wundern, warum dieses keineswegs seltene komische Quiproquo in der 
analytischen Literatur über Fehlleistungen noch keine Erwähnung gefunden 
hat.) Bereits die nächsten Assoziationen brachten die Lösung des Rätsels. 
Der Herr hatte sich mit dem ^lädchen, das wir Sophie nennen wollen, 
während des gemeinsamen Spazierganges über bestimmte Verhältnisse in 
Amerika unterhalten. Dabei war man auf eine gemeinsame Bekannte zu 
sprechen gekommen — Mabel sei hier ihr Name — die, Amerikanerin 
wie Sophie, seitens der Freundin einer erbitterten Kritik unierzogen wurde. 
Der Patient war ungalant genug, dieser Kritik, die sich auf die „superficiality" 
Mabels bezog, eifrig beizustimmen. Gerade in diesem Augenblick fügte es 
sich, daß das Paar getrennt wurde. Es war ein Augenblick der Harmonie 
der Seelen. Dürfen wir in Umkehrung des bekannten Spruches annehmen, 
daß hier Gott getrennt hatte, was die Menschen zusammenfügen wollten? 
Es ist zum Verständnis notwendig zu wissen, daß Sophie dem Patienten in 
letzter Zeit schlecht verheimlichte Zeichen ihrer Zuneigung gegeben hatte, 
während sich Mabel ihm gegenüber demonstrativ abweisend verhalten hatte. 
Mabel ist viel jünger und hübscher als die Freundin, in Wahrheit aber viel 
oberflächlicher und weit koketter als Sophie. (So erwies sich späterhin das 
abweisende Verhalten dem Patienten gegenüber als äußerst geschickter, tak- 
tischer Zug im Dienste der Anziehung.) Erinnern wir uns, daß die Fehl- 
handlung gerade in jenem Augenblicke geschah, als der Herr sich anschickte, 
zusammen mit Sophie Mabel zu kritisieren, so wird ihre Analyse uns nicht 
mehr sehr schwierig erscheinen. Das „Verlieren ist zweifellos ebenso durch 
eine unbewußte Absicht bestimmt wie das AVeitersprechen mit einer fremden 
Dame. Es war, wie wenn der Patient damit sagen wollte: „Ach was, ober- 
flächlich oder nicht, Mabel ist anziehender als Sie und ich würde jetzt 
lieber mit ihr spazieren gehen und mich mit ihr unterhalten als mit Ihnen. 
Die fremde Dame war in diesem Falle eine Steilvertreterin Mabels. Hält 
man an dem psychischen Determinismus fest und setzt man wie bei einer 
gelösten Gleichung Mabel für die fremde Dame ein, so muß man sagen, 
es sei so, wie wenn der Patient — in jener Fortsetzung des Gespräches mit 
der fremden Dame — es vorgezogen hatte, seine Meinung über Mabel dieser 
selbst zu sagen. Tatsächlich hatte sich der Patient einige Tage vorher über 
eine Äußerung Mabels geärgert und sich vorgenommen: „to give her a piece of 
my mind". Trotz solcher kritischen Einstellung konnte er es nicht vor sich 
ableugnen, daß in letzter Zeil seine Gedanken lebhaft mit ihr beschäftigt 
waren und sich dabei überraschenderweise sexuelle Phantasien mit ihr ein- 



460 Theodor Reik 



gestellt hatten. Die sexuelle Anziehung, die der Herr Mabel gegenüber 
empfand, hatte sich gerade in dem Augenblick einen Ausdruck verschafft, 
als er eben im Regriffe war, abfällig über sie zu urteilen. Anderseits hatte 
sich seine Abneigung gegen Sopliie gerade dann durchgesetzt, als er ihr 
rückhaltlos zustimmen wollte, Das „Verlieren" heißt hier wirklich: die Person 
aus den Augen verlieren, sie verschwinden maclien. In mehreren Fällen 
dieser Art, die ich analysieren konnte, verhielt es sich so, daß eine unbe- 
wußte Regung des Ärgers oder des Unwillens, manchmal auch nur der 
Langeweile in solchem Verlieren Ausdruck fand.' Die Komplikation des 
Weiterredens mit einer fremden Person, die man für die bekannte hält, 
welche man weiter an seiner Seite glaubt, läßt nur die Deutung zu: Ich 
habe genug von dir, ich möchte jetzt meine Gesellschaft wechseln, selbst 
eine völlig fremde Person würde ich vorziehen. In einem Falle wurde eine 
Fehlhandlung dieser Art zu einer schönen, nachträglichen Bestätigung. Eine 
Patientin hatte vormittags in der Analysestunde erbittert widersprochen, als 
ich ihr durch die Analyse einiger ihrer Phantasien zu zeigen versuchte, 
daß ihr untadeliges Leben sich sehr wohl mit unbewußten Prostitutions- 
phantasien vertrage. Am nächsten Tage erzälilte sie in der Analysestunde, 
sie habe gestern, als sie mit ihrem Onkel in der Stadt war, den alten Herrn 
plötzlich im Menschengewühl verloren. Sie sei dessen erst gewahr geworden, 
als sie sich ertappte, daß sie ein Gespräch mit einem ihr völlig fremden 
Herrn zu ihrer Linken führe. Sie sei in peinlichster Verlegenheit gewesen ; 
was sich der fremde Herr wohl von ihr gedacht habe? 

Die beiden typischen Beispiele geben gewiß kein angemessenes Bild von 
der Abänderbarkeit der Bedingungen des Vorfalles, der sich häufig ereignet. 
Wir wollen nicht versäumen, darauf liinzuweisen, daß die fremde Dame, 
der fremde Herr in den angeführten Beispielen eine bestimmte „Schicksals- 
roUe" zu spielen haben. Sie, beziehungsweise er, wird wirklich „angesprochen . 
Es ist nicht zu verkennen, daß der Zusammenhang dazu zwingt, in den 
handelnden Personen unseres Beispieles auch unbewußte Gedankenzüge zu 
rekonstruieren, die dem Kulturniveau ihres bewußten Lehens energisch 
widersprechen und die sie als zynisch sicherlich mit Entrüstung zurück- 



1) Ein zwangsneurotischer Patient hatte den starken Eindruck, als wäre der Stuhl, 
auf dem eben eine mit ihm im Gespräch befindliche Person saß, plötzlich leer, die 
Person verschwunden. Sein Sträuben gegen diese „nef^ative Halliiiination", durch die 
er sich der betreffenden Person entledigte, kam dadnrcli ziiiu Ausdruck, daß er weiter 
sprach, obwohl er fühlte, daß er „ius Leere redete". In milderen Fällen sah er an 
Stelle des Gesprächspartners eine „leblose Puppe" (Kritik!), 



Drei psychoanalytische Notizen 461 

weisen würden. Gegenüber der hochentwickelten Differenzierung der Objekt- 
wahl, die unser bewußtes Leben beherrscht, scheint sich in jenen Fehl- 
handlungen eine primitivere Anschauung durchzusetzen, die vom spezifischen 
Liebesobjekt absieht und grob realistisch nur die Triebbefriedigung an sich, 
„ohne Ansehen der Person" gelten läßt.' Es ist so, als wolle sie sagen: 
^Ach was, es ist ja nicht wichtig, mit wem man — redet; es ist die eine 
wie die tUiderel" 



1) Es ist betonenswert, dafl der Herr in unserem erste» Beispiel Sophie bewußt 
große Achtung entgegenbrachte und sich von Mabels Leichtfertigkeit abgestoßen fühlte; 
dennoch bekam er die Übermacht der äußeren Reire Mahels zu verspüren. Ein Herr 
aus dem „Simpbztssimns" weist solche Überbewertung der weiblichen Oberflächen- 
eigenschaften mit heuchlerischer moralischer Entrüstung zurück; „Es kommt bei den 
Frauen nicht so sehr auf das Äußere an; auch die Dessous sind wichtig." 



INHALT DIESES HEFTES 

Seite 

Hanns Sachs: Zum 70. Geburtstage Sigm, Freuds 115 

Paul Schilder (Wien): Zur Naturpliilo Sophie 117 

Oikar Pßster (Zürich): Die menschlichen Einiguiigsbestrebiiiigen im Lichte der 

Psychoanalyse (Von Kant zu Preud) ib6 

M. D. Edir (London): Kann das Unbewußte erzogen werden? 156 

R.Erun (Zürich); Experimentelle Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Trieb- 
konflikts (Biologische Parallelen zu Freuds Tricblehre) 147 

S.Pfeifer (Budapest): Umrisse einer Eioanalyse der organischen Pathologie . . . 171 
Emil SimotLS07i (Berlin^: Über die Anwendbarkeit der Energielehre in der Psychologie 184 
Margarete Stegmann (Dresden): Die Psychogenese organischer Krankheiten und 

das Weltbild 196 

Imre Hermann (Budapest): Das System Bw B05 

Trigant Burrow (Baltimore): Die Gruppenmetbode in der Psychoanalyse .... 211 
Ludwig Bin swanger (KTemlmgen): Erfahren, Verstehen, Deuten in der Psychoanalyse 125 
Raymond de Saussure (Genf): Zur psychoanalytischen Auffassung der Intelligenz . 258 

Ernst Schneidrr (Riga): Über Identifikation 249 

F. P. Muller (Leiden): Gefühlstheoretiscbes auf psychoanalytischer Grundlage . . 265 
ji. Stärcke (den Dolder): Über Tanzen, Schlagen, Küssen usw. (Der Anteil des Zer- 

stöningsbedürfhisses an einigen Handlungen) a68 

Gäo Röheim (Budapest): Die Völkerpsychologie und die Psychologie der Völker . 275 

Alice Bdiini (Budapest): Der Familienvater 292 

HoTis Christofe! (Basel): Farbensymbolik 305 

Vilma Koviici (Budapest): Das Erbe des Fortunalus 521 

Ludwig Jekels (Wien): Zur Psychologie der Komödie 328 

Eduard Hitscbmann (Wien): Ein Gespenst aus der Kindheit Kirnt Hamsuns . . . 556 

Josef K. Friedjung (Wien): Psychoanalyse und Kinderheilkunde 361 

Meltaue Klein (Berlin): Die psychologischen Grmidlageu der Frühanalyse .... 565 
PTera Schmidt {Moskau): Die Bedeutung des Brustsaugens und des Pingerlulschens 

für die psychische Entwicklung des Kindes 577 



Inhalt dieses Heftes ;j.6g 

Seite 

Otto Pötzl (Prag): Zur Metapsychologie des „d^jk vu" aqj 

M, Levi Bianchini (Teramo): Libido- Mneme, Mystizismus und Hellsiclitigkeit bei 

einem Kinde 405 

Helene Deutsch (Wien): Okkulte Vorgänge während der Psychoanalyse ^18 

Alfred Winterstein (Wien): Zur Psychoanalyse des Spuks 454 

Theodor Reik (Wien): Drei psychoanalytische Notizen 448 



Gleichzeitig erscheint zum JO. Geburtstag Sigm. Freuds 

Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 

Bd. XII, Heft ), mit folgendem Inhalte: 

Ferrnczi (Budapest): Zum 70. GeburtstaK Sigm. Freuds. — Fcrcnczi (Budapest); Das Problem der Unlust- 
bejahuiig. — Jones (London); Der Ursprung und Aufbau des Über-lchs. — Federn (Wien): Einige 
Variationen des Ichgefühls. — Oditr (Genf); Voni Über-Ich. — J. Glover (London): Der Begriff des 
Ichs. — G.Jclgcrsma (Leiden); Die Piojektion. — ffäläer (Wien): Schizophrenes und schöpferisch es 
Denken. — Fenichcl (Berlin) : Identifizierung. ~ E. Glover (London) ; Probleme der Charakterologie. — 
Alexander (Berlin): Neurose und Gesamlpci-söiilichkeit. — Ntinberg (Wien): Schuldgefühl und Straf- 
hediiriiiis. — Horncy (Berlin^: Flucht aus der Weiblichkeit. — Miiller-Braunschweig (Berlin): Genese 
des weiblichen Cber-Ichi. — Landauer (Frankfurt) : Kindliche Bewegungsunruhe. — Hoffer ( W^ien) : Die 
männliche Latenz und ihre spezifische Erkrankung. — Blum (Bern): Zur Psychologie vom Studium 
und Examen. — Sadgcr (Wien): Zum Verständnis des Sadomasochismus. — Reich (Wien); Quellen der 
neurotischen Angst. — Curiat (Boston): Ein Typus von anale rotische m Widerstand. — IT^yf (Moskau); 
Widerstand des Ich-Ideals und Realanpasjung. — Jokl (Wien): Die Mobilisierung des Schuldgefühls. — 
Laforguc (Paris): Skotoniisation in der Schizophrenie. — C/ari (New York): Die Phantasiemethode bei# 
der Analyse naniDtischer Neuroten, — Weifi (Triest); Der Vergifiungswahn. — Kielholz (Königsfelden): 
Analyse versuch bei Delirium tremens. — F. Deutsch (Wien); Der gesunde und der kranke Körper. — 
Groddech (ßn den- Baden) : Trauraarbeit und Symplomarbeit des Organischen. — Rickman (London): Ein 
psychologischer Faktor in der Ätiologie von Descensus uteri, Damrabruch tuid Vaginismus. — Jeüiffe 
(New York): Psychoaiiiüysc imd organische Störung, Myopie als Paradigma. — 5'im/nc; (Berlin); Doktor- 
spiel, Kranksein und Arilberuf. — B.adä (Berlin); Über Rauschgifte.