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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften XII 1926 Heft 4"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE 
AUF DIE NATUR- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 



XII. Rand 1926 Heft 4 



Die wilde Jagd 

Von Dr. Geza Röheim (Budapest) 

In der Völkerpsychologie spricht man gern von intro- und extravertierten 
oder - - psychoanalytisch ausgedrückt — von narzißtischen und objekterotischen 
Völkern. Als typisches Beispiel der narzißtischen Einstellung pflegt dabei Indien 
zu gelten und diese Feststellung scheint für den Ursprungsort des Buddhismus 
durchaus zutreffend zu sein. 1 Als Endziel der Lehre wird der Zustand des 
Nirvhana der Intrauterinregression angegeben. Allerdings geht die Regression 
noch eine Stufe weiter. Nach der Auffassung von Professor Joshio Noda ist 
Nirvhana „das Bewußtsein, welches nach der völligen Negierung des Selbst 
entsteht , es ist das Verschwinden des Individuums in dem Absoluten. 2 In dem 
Zustand des Nirvhana gibt es kein abgegrenztes Ich, kein Leben und keinen 
Tod, keine Begierde, kein Leid, keine Angst. 5 Also Aufheben aller Gegensätze, 
„restloses Verschränken der Ichtriebe mit der Libido". 4 Tatsächlich lehrt ja 
die Biologie, daß einzellige Wesen, die auf dem Wege der Entmischung von 
Soma und Keimplasma noch keinen Schritt getan hätten, bei denen es also 
weder Zweiheit noch Zwiespalt gäbe, potentiell unsterblich wären, 5 und der 
Zustand des Nirvhana, obgleich gewissermaßen mit dem Tode identisch, gilt 
ja den Gläubigen auch als die Überwindung des Todes. 

Wie gelangt aber der Buddhismus zu diesem tiefsten aller Regressionzustände? 
Wir stellen uns nicht die Aufgabe, die einzelnen Phasen des Rückbildungs- 
prozesses analytisch zu beleuchten, denn diese Aufgabe ist ja schon von Alexander 
in mustergültiger Weise gelöst worden. Wie ist aber der Buddhismus libido 
geschichtlich zu verstehen? Zunächst als eine Fortsetzung der Upanishaden 

1) Vgl. „Die Völkerpsychologie und die Psychologie der Völker". Imago XII. %8i. 

2) Siehe Alexander: Der biologische Sinn psychischer Vorgänge. Imago IX. 45. 

3) R. F. Johnston: Buddhist. China. 1913. 119. 

4) Alexander, 1. c. 46. 

5) Balint: Das Problem der biologischen Unsterblichkeit (ung.). Pesti IS'aplo 1925. 

Imago XII. 30 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




,66 Dr. Geza Röheim 



lehre. Da haben wir ja dieselben Tendenzen, nur daß die Libido bei der Flucht 
vor den Objekten bei dem Selbst stehen bleibt. 

„AVer ohne Verlangen frei von Verlangen, gestillten Verlangens, selbst sein 
Verlangen ist, dessen Lebensgeister ziehen nicht aus, sondern Brahman ist er 
und in* Brahman geht er auf." 1 Daß es eine Flucht ist, bekennt ja der Bud- 
dhismus auch: Und zwar eine Flucht vor der endlosen Reihe der Wieder- 
geburten. Bedingt ist diese Reihenbildung durch den Karman, d. h. durch die 
Tat. Die gute Tat fordert ihren Lohn, der bösen folgt die Strafe. 2 Da es sich 
aber eben um eine Flucht handelt, werden wir einstweilen voraussetzen, daß 
die Beziehung zu den bösen Taten die wichtigere ist. Durch die Schuld wird 
die Reihe endlos, die ewige Wiederholung ist eine ewige Strafe. 

Hier lassen wir den Faden fallen, um das Problem von einem anderen 
Gesichtspunkte aufzurollen. Als Gegensatz zu den traumversunkenen Mönchen 
des Buddhismus, zu der narzißtischen Ideologie indischer Philosophen, mag der 
kulturschaffende Tatendrang der Germanen oder der europäischen Arier über- 
haupt gelten. 3 Dem Inder bangt es vor dem ewigen Geschehen, doch dem 
Dr. Faust erscheint gerade das Ewig-Unersättliche als das Wesen, der Kern 
seiner Persönlichkeit. 

Werd' ich zum Augenblicke sagen, 

Verweile doch, du bist zu schön, 

Dann magst du mich in Fesseln schlagen, 

Dann will ich gern zugrunde gehn! 

Dann mag die Totenglocke schallen, 

Dann bist du deines Dienstes frei, 

Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen, 

Es sei die Zeit für mich vorbei. 

Dürfen wir der immerhin etwas narzißtisch selbstgefällig gefärbten Literatur 
folgen* und in dem Dr. Johann Faust das Prototyp des europäischen Kultur- 
menschen erblicken? Ich getraue mich, diese Frage zu bejahen, und zwar auf 
mythologischer Grundlage. 

Ich meine die wilde Jagd, Wode mit der Seelen Schar. 

In Schlesien erscheint der Nachtjäger bald als kopfloser Reiter, bald als 
Jägersmann auf einem dreiköpfigen Pferde, bald als Junker, der zur Strafe 
für seine Sonntagsentheiligung bis an den Jüngsten Tag ruhelos jagen muß. 5 
Auch in Mecklenburg dauert die wilde Jagd bis zum Jüngsten Tag. In der 
Nähe von Wismar lebte ein Edelmann, dem die Jagd über alles ging. Er 



i) P. Deussen: Sechzig Upanishads des Veda. 1905. 477. 

2) H. Oldenburg: Buddha. 1920. 52, 55. 

5) Andere würden vielleicht eine anthropologische Unterstheidung (nordische Rasse, 
alpine Rasse usw.) bevorzugen. Damit würden wir uns aber nur die schon schwierige 
Lage verschlimmern. Uns interessiert die psychische Einstellung und die scheint doch 
eher kultm kreisbedingt als biologisch deutbar zu sein. 

4) Vgl. z. B. H. Scholz: Vom Wesen des deutschen Geistes. 1917. 11. 

5) R. Kühnau: Schlesische Sagen. 1911. II« 445 — 5 l °- 



Die wilde Jagd 467 



jagt ewig, denn er wollte ewig jagen. 1 In der Gascogne ist der sagenberühmte 
König Artus zum wilden Jäger geworden. Er kam zu Ostern aus der Kirche 
und erblickte einen Eber. Den Feiertag mißachtend, setzte er nach und so 
wird er jagen müssen, bis zum Jüngsten Tag. 2 Also ist das Jagen erst eine 
Lust, durch das Schuldbewußtsein wird es zur Buße. Allerdings sind diese 
Varianten christlich gefärbt, was aber nicht ausschließen würde, daß der un- 
bewußte Sinn von hier aus zugänglich wäre. Vorläufig wollen wir nur bemerken, 
daß die Vorstellung der Schuld auch den „heidnischen" Varianten nicht abgeht. 
Denn es wird eine Stufe der Sagenentwicklung anzunehmen sein, in der das 
Heer nicht schlechterdings aus allen Toten, sondern aus den Getöteten bestand. 
Vielleicht ist dieser Unterschied so aufzufassen, daß die Schuldigen, zu deren 
Bestrafung der Jäger wiederkehrt, in der Ursage noch die Menschen sind, die 
ihn töteten, während in der späteren Epoche der Sagenentwicklung der Er- 
mordete zum Mörder wurde. Dies würde einem Entlastungs versuch gleichkommen, 
etwa wie der Held, eigentlich das Opfertier des Chores (Bruderhorde), als 
Träger ihrer Schuld erscheint. In Schleswig-Holstein und Dänemark ist der 
wilde Jäger ein König Abel, der von den Dänen ermordet wurde, 3 in der 
Normandie handelt es sich um den „ckasse Com* 1 .* 

Es ist aus den Sagen leicht ersichtlich, — selbst wenn wir die wohlbekannte 
Traumsymbolik des Jagens nicht heranziehen, — welche Tätigkeit sich unter 
der Maske der Jagd verbirgt. „In Mirow wird erzählt, ein schwarzer Jäger 
habe eine Frau gejagt.'' 5 Der Nachtjäger jagt die Holzweibel. 6 Bei Leitzkow 
in Westfalen sowie in Pommern verfolgt Wode die Huren. In Niederösterreich 
verfolgt das wilde Gejaid die Hexen als die Genossinnen und Buhlerinnen des 
Teufels. 7 Die Geschlechtsverhältnisse umkehrend, aber den Zusammenhang 
zwischen dem ewigen Jagen und ungesättigter Libido richtig erkennend, heißt 
es, „Artemis fährt durch die Luft mit den Seelen der bei ihrer Hochzeit ver- 
storbenen Mädchen". 8 

Die ewige Jagd gilt demnach einem Objekt, das ewig unerreicht bleiben 
muß. Wer ist die Waldfrau? Erkenntlich ist sie an den übergroßen Brüsten; 
bei den Finnen heißt sie Mets'dn emdntä, die Hausfrau des Waldes (ernäntä 
= Hausfrau, em'd = Mutter) ; bei den Rumänen Mama padurei, die Mutter des 
Waldes. 9 Die Gejagte wäre die Mutter und der Jäger bekanntlich der Allvater 

1) K. Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. 1879. I. 16. 

2) J. F. Blade: Contes Populaires de la Gascogne. 1886. II. 296. 

5) H. Plischke: Die Sagen vom wilden Heere im deutschen Volke. 1914. 42. 
Müllenhof f: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig-Holstein und 
Lauenburg. 1845. 561. 

4) P. Sehillot: Le Folklore de France. 1904. I. 113. 

5) Bartsch, 1. c. I. 17. 

6) Kühiiau: Schlesische Sagen. II. 458. 

7) Plischke, 1. c. 65. 

8) Dilthey: Rheinisches Museum. XXV. 521. 

9) M. Vardnen: Suomen Kansan Muinaisia Taikoja. I. Metsästys-Taikoja. 1891. 1. 
L. Sainenu: Basmele Romane. 1895. 418. T^glas: Kalotaszegi olah mithoszi em- 
lekek. Ethnographia. 1912. 161. 

3°' 



4 68 



Dr. Geza Röheim 



Odhin. Im fünften Jahrhundert finden wir ihn als höchsten Gott im Sachsen- 
lande als Ahnherrn angelsächsischer Fürsten und Könige. 1 Doch lassen seine 
vielfachen Verknüpfungen mit dem Totcnkult keinen Zweifel an der Deutung 
zu, daß er nicht nur der Urvater, sondern selbst ein Toter, eben der getötete 
Urvater ist. Die Sagen von seiner Verbannung, Opferung und Blendung 2 sind 
als die verschiedenen Milderungs- und Sublimierungsformen jenes Urereignisses 
verständlich. Alle höheren Gaben des Menschen stammen von diesem Gott des 
Galgens, wie ja phylogenetisch die eigentliche Entstehung des Über-Ichs nach 
dem' Tode des Urvaters einsetzt. Der Vater wird von den Brüdern im Totem- 
mahl oral einverleibt und während Odhin der Gott der Seelen ist, sind die Tiere, 
die ihn begleiten, Rabe und Wolf, die Götter der Leichen.3 Es scheint, als ob 
die leichenfressende Tätigkeit der Ur-Totemtiere in Odhin sublimiert weiter- 
leben würde, seine Tiere bekommen die Leichen, ihm gehört die Seele. Während 
der Totemismus als eine Phobie, als Bindungsversuch der Angst nach dem Tode 
des Urvaters entsteht*, tritt uns hier eine Spaltung des Vorganges entgegen, 
indem ein Teil jener Angst zwar wie bei den echt totemistischen Völkern ver- 
arbeitet wird (nicht der Vater, den wir gefressen, frißt die Leichen, sondern 
Wolf und Rabe), ein Teil jedoch in einer Sublimierung des Urvaters Verwen- 
dung findet. Als Überlebsei der Totemmahl/.eit (Essen des Urvaters) wäre es 
zu verstehen, daß dem Mitjagenden oder dem, der seinen Lohn fordert, ge- 
wöhnlich Menschenfleisch zugeschleudert wird. 5 Wie die Sachsen den Wotan, 
verehren die Angeln den ehemals ebergestalteten Freyr als ihren Stammesgott 
und Ahnherrn. 6 Merkwürdigerweise bietet Odhin den Totenseelen, seinen Gästen, 
in Walhall das Fleisch eines Ebers als Speise. „Und niemals ist die Volks- 
menge in Walhall so groß, daß ihr das Fleisch des Ebers nicht genügen möchte, 
der Sährimnir hieß. Jeglichen Tages wird er gesotten und ist am Abend wieder 
heil", Odhin selbst genießt nichts von der Speise, dafür aber Geri und Freki, 
seine beiden Wölfe, die Leichenfresser." Die Vermutung liegt nahe, daß die 
Wölfe mit dem Wolf, der am Jüngsten Tag gegen die Einherier ausrückt, 
identisch sind. Sie fressen Leichen oder Seelen, wie andrerseits die toten Krieger, 
die Bruderhorde, die Leiche des Ebergottes ißt. 

„Häufig kann man im wilden Heere Schweine und Eber sehen. Das Dürsten - 
gejag im Simmental in der Schweiz verursacht einen Lärm, wie wenn ein 



1) E. Mogk: Germanische Mythologie. 1898. 102. 

2) R. M. Meyer: Altgermnnische Rcligionsgeschichte. »910. 167, 270, 475. 

3) „I have given the brave sm of Thormodr 10 Othin Uli kaue offered kirn as a sacrifice 
tothzruleroftlugallows, and hü corpse to the raven." Islendingn 1. 307. H. M. Chadwick: 
The Cult of Othin. 1899. 8 - 

4) R6heim: Australian Totemism. 1925. 384. 

5) Plischke, 1. c. 72. 

6) Löwenthal: Zur Mythologie des jungen Helden und des Feuerbringers. 
Z. f. E. 1918. Über Identifizierung von Freyr und Baldr (Odhins Sohn) vgl. Neckel: 
Die Überlieferung vom Gott Baldr. 1920. 105. F. Kaufmann: Balder, Mythus und 
Sage. 1902. 125. 

7) Gylfag: i. 38. K. Siinrock: Die Edda. 1896. 273. 



Die wilde Jagd >6q 



Schweinetreiber eine Herde Säue vorübertreibe. In Havelland fängt einer eine 
einäugige Sau, die zum wilden Heere gehört. ' In der Form, wahrscheinlich 
nicht unbeeinflußt von der Attis-Sage, 2 finden wir doch in der Sage von 
Hackelberg die zweite Urbedeutung der Jagdszene. Hackelberg war ein Räuber- 
häuptling des sechzehnten Jahrhunderts. In der Sage tritt er aber als Neuauf- 
lage des wilden Jägers auf und „heckelbergisch Geschrei bezieht sich auf das 
Toben der wilden Jagd. Nun träumte einmal dieser große Jäger, ein Eber 
würde ihn auf der Jagd töten. Er ließ deshalb seine Freunde allein auf die 
Jagd ziehen und als sie den erlegten Eber brachten, hob er die Schnauze mit 
den Worten : „Nun kannst du mich nicht mehr töten. Als er aber den Kopf 
des Ebers fallen ließ, riß der Hauer des Tieres Hackelberg in den Fuß und 
er verblutete an der Wunde. 3 Wir brauchen nur daran zu erinnern, daß die 
wilde Jagd schembar sinnlos auch „Hodenjagd" 4 heißt, um die Sage deuten zu 
können. Die Jagd ist doppelt determiniert, sie bedeutet sowohl die Jagd des 
Gatten nach der Wald-Mutter wie auch das Töten des Eber -Vaters. In ver- 
hüllter Form, aber doch der Analyse mühelos zugänglich, finden wir hier den 
ewig wiederholten Durchbruch der beiden Grundverbote des Totemismus und 
ihre Strafe in der „Fußwunde' des „Hoden Jägers". Wenn wir statt einer aus- 
führlichen Begründung uns hier mit der Deutung Freuds begnügen wollen, 
wonach jedes Fest ein gebotener Exzeß sei, können wir auch die Auffassuno- 
des wilden Jägers als Sonntagsschänders verstehen. Wenn nämlich, wie ich an- 
nehmen möchte, alle Feste nur Abspaltungen der vormenschlichen Brunstzeit 
sind, wäre die Sabbatruhe als weitestgehende Reaktionsbildung des Ur-Inhaltes 
zu verstehen. In den Urzeiten versuchten ja die Brüder in der „Festzeit" ihrer 
Brunst 5 den Vater zu töten und die Mütter zu begatten und allmählich wurde 
nicht nur die Urtat, sondern die Tat schlechthin am Sabbat verdrängt. Durch- 
brochen wird diese Verdrängung wiederum mit der Urtat und der wilde Jäger 
mit seiner Urhordenszene erscheint uns als nicht unwürdige Personifikation des 
Starren, des Wiederholungszwanges im Unbewußten. 

Nun müssen wir aber die ganze Erscheinung genauer ins Auge fassen. Die 
wilde Jagd erscheint bei Nacht, häufig wird dabei das Schlafengehen der Zu- 
schauer erwähnt. Sie wähnen sich fortgerissen durch die Lüfte und erwachen 
dann vermutlich in ihrem Bett. Der Ruf des wilden Jägers, den sie hören, 
entspricht dein angstvollen Schreien des erwachenden Träumers. Doch gerade 
diesen Ruf zu wiederholen, bringt Gefahr und es würde dem versteckten Lust- 
gehalt des Alptraumes entsprechen, daß der Träumer das Erwachen doch 
möglichst hintanzuhalten trachtet. Dann wäre es aber auch leicht, den infan- 

1) Plischke, 1. c. 31, 32. 

2) Vgl. G. Neckel: Die Überlieferungen vom Gotte Balder. 1920. 

3) Plischke, 1. c. 44, 45. 

4) Plischke, I.e. 16. G. Schambach und W. Müller: Niedersächsische Märchen 
und Sagen. 1855. 70. 

5) Über Brunstzeit und Fest siehe Röheim: Australian Totemism. 1925. ChapterVI. 
Über das allmähliche Überhandnehmen der Verbote in der Entwicklung des Sabbats: 
H. Meinhold: Sabbat und Sonntag. 1919. 



470 Dr. Geza Röheim 



tilen Ausgangspunkt dieses Angsttraumes zu erraten. Die Sterblichen erblicken 
und belauschen das Göttliche, Verbotene, das Kind sieht, wie sich zwischen 
Vater Odhin und der Waldmutter eine „blutige" Jagdszene abspielt. So geschah 
es einem Schneider in Wärmeland. Als er eines Nachts auf dem Anstand lag, 
flog eine Skogsra an ihm vorbei mit großen, über die Achsel geschlagenen 
Brüsten. Ihr folgte ein Jäger mit zwei pechschwarzen Hunden. Bald kam er 
zurück und hatte das Wildbret erlegt. Die Beine der Skogsra hatte er über 
die Schulter geworfen, ihr Haupt und ihre Brüste schleppten nach auf dem 
Boden und troffen von Blut, das die Hunde begierig aufleckten. 1 Der Mann 
hat also den „Kopf" zwischen den Beinen des Weibes und sie blutet. Dem 
Urhordenkampf der Phylogenese entspricht die Urszene der Ontogenese. Dort 
ist es die verpönte Tat, hier der verpönte Wunsch. Dort wird der Urvater, 
weil er die Mutter besitzt, getötet, hier wünscht ihm der Knabe eben darum 
den Tod. Als Strafe dieser Tat (dieser Regung) erscheint dann die Kastrations- 
drohung an dem Lauschenden vollzogen. Wie Woden selbst nur das eine Auge 
besitzt, so erblindet der Fürwitzige, der ihn bei der ewigen Jagd erblickt. 
„Wer beim Vorbeiziehen des Seelenheeres zum Fenster hinausschaut, dem fährt 
dieses über die Augen, so daß er erblindet." 2 Oder die Kastrationsangst kann 
auch mit Verschiebung nach oben und Überkompensierung zur Darstellung ge- 
langen; der Kopf schwillt dem an, der beim Fenster hinausblickt. 3 Die Art 
des Blindwerdens scheint darauf hinzudeuten, daß in der Kastrationsangst auch 
Lustbefriedigung im Sinne des umgekehrten Ödipus-Komplexes steckt.* Der 
Zuschauer tritt nun an die Stelle der Verfolgten und wird wie diese unmittelbar 
oder mittelbar von der Axt des Vaters verwundet. „Zuweilen wird auch ein 
Holzpflock ins Fenster geschlagen, wodurch dem Neugierigen das Augenlicht 
ausgeht." „Besonders in Süddeutschland . . ., erzählt sich das Volk, daß die wilde 
Jagd den Menschen, die ihr auf ihrem Zuge begegnen, eine Axt oder ein 
Messer in die Schulter, in den Fuß sticht, weil sie glaubt, einen Baumstamm 
vor sich zu haben. Wem dies Unglück zugestoßen ist, der bleibt gelähmt". 5 
Wie verhält sich aber die Szene zur ewigen Wiederholung? Wir gehen von 
der Überlegung aus, daß die indische Philosophie den Wiederholungszwang 
mit vollem Rechte als unabwendliche und grundlegende Eigenschaft der Er- 
scheinungswelt auffaßt. Die Ödipus-Situation schafft fi eine ewige und doch lust- 

1) Mannhardt: Wald und Feldkulte, lyo.j.. I. 137. 

2) Plischke, 1. c. 70. 
5) Plischke, 1. c. 70. 

4) „Das wesentlich Neue, das ihm die Beobachtung des Verkehrs der Eltern 
brachte, war die Überzeugung von der Wirklichkeit der Kastration, deren Möglich- 
keit seine Gedanken schon vorher beschäftigt hatte. Denn jetzt sah er mit eigenen 
Augen die Wunde und verstand, daß ihr Vorhandensein eine Bedingung des Verkehrs 
mit dem Vater war." (Freud: Ans der Geschichte einer infantilen Neurose. Gesammelte 
Schriften VIII, S. 482.) 

5) Plischke, 1. c. 70, 71. 

6) Man kann auch annehmen, daß der Wiederholnngszwang von allem Anfang an 
lustvoll ist und daß die Ödipus-Situation nur eine Ureigenschaft des Stoffes (Unmög- 
lichkeit völliger Entspannung) wiederholt. 



Die wilde Jagd 471 



volle Unerfüllbarkeit des Urwunsches und verwandelt damit den Wiederholungs- 
zwang in einen Wiederholungstrieb. In der Urhorde scheint diese Unmöglich- 
keit restloser Wunschbefriedigung sozial bedmgt zu sein, 1 in der Urszene der 
Ontogenese auch organisch. Denn der jugendliche Erspäher göttlicher Geheim- 
nisse hat ja die genitale Organisationsstufe noch nicht erreicht, er identifiziert 
sich also mit dem „jagenden" Vater auf irgendeiner prägenitalen Stufe der 
Lustbefriedigung. Zunächst fällt ihm wohl die erhöhte Tätigkeit der Atmungs- 
organe beim Geschlechtsverkehr auf. Es ist ein Laufen, ein Jagen, ein Hetzen. 
Cavallius deutet den Namen Skogsnufva (das Holzfräulein, die Gejagte) als „die 
Schnaubende", weil sie Tag und Nacht „snufvar" (schnaubt). 2 Von hier aus 
dürfte der ganze Lärm, das Pusten, Toben und Blasen des himmlischen Heeres, 
teilweise auch die Auffassung des wilden Jägers als Windgeistes zu verstehen 
sein. So steht es in einer Chronik vom Jahre 1555: „Um Bartholomäi hat 
man zu Küstrin eine große Feldschlacht am Himmel gesehen mit jämmerlichem 
Geschrei und großem Getümmel." 3 Vielleicht sind die Spuren der Anthropo- 
phagie in der Sage, Menschenfleisch oder eklige Speise als herabgeschleudertes 
Geschenk des wilden Jägers als Überlebsei einer oralen Identifizierung aufzu- 
fassen. Der Vater „frißt" die Mutter, wer den Mut aufbringt, ihm nachzu- 
ahmen, darf (angstvoll gewendet: „muß") „mitessen . Wer ihm nachruft, dem 
wirft er eine Keule ins Fenster mit dem Ruf: „Da schickt euch der Teufel 
ein Stück Fleisch."* „Die Leute behaupten, -wenn man ihn anrufe, werfe er 
mit Aas oder Teilen menschlicher Leichname. 5 Allerdings haben Wind und 
Gewitter noch eine Bedeutung, welche sowohl an das heftige Atmen als auch 
an die Bedeutung der Speise anknüpft. Denn einerseits fahren die Trolle im 
Wirbelwind einher und werden vom Donner verfolgt, 6 anderseits heißt es aber 
sprichwörtlich „einen Furz dem Donner vergleichen". Die Keule, welche der 
wilde Jäger im Blitz wirft, stinkt 6 so widerlich, daß man sie im Düngerhaufen 
vergräbt. 7 Natürlich identifiziert das Kind die Handlung des Vaters mit seiner 
eigenen vorwiegend analen und urethralen erotischen Betätigung. Beide sind in 



1) Nach der einen der möglichen Deutungen. Es gelingt keinem der Brüder, die 
Stelle des Vaters einzunehmen, die Mutter allein zu besitzen. Nur leidet diese Formel 
an der Darstellungsform; das Zeitalter der Urhorde wird in eine Szene komprimiert. 
Bedenken wir aber, daß hier doch kein Anfang und eigentlich auch kein Ende an- 
zunehmen ist. Die volle Befriedigung des Siegers in der Hordenschi acht wird stets 
durch die Realangst vor den ehemaligen Verbündeten und wohl auch durch jene Ur- 
form der Angst, die im Spaltungsvorgang (Koitus) liegt, gehemmt. 

2) Mannhar dt: Wald und Feldkulte. I. 127. Hylten-Cavallius: „Runa". 1844. 

3) W. Schwartz: Die poetischen Naturanschauungen. 1879. IL 152. 

4) R. Kühnau: Schlesische Sagen. 1911. II. 454. In Zielow war mal einer, der 
stimmte, als Fru Gode über sein Haus fortzog, mit ein in das Gejuh, da flog plötzlich 
zum Fenster ein Bein herein, an dem sogar noch der Strumpf saß und eine Stimme 
rief: „Heste met jucht müste och met freten." Bartsch, 1. c. I. 19. 

5) Kühnau, 1. c. II. 465. 

6) W. Schwartz: Naturanschauungen. II. 124. 

7) Kühnau, 1. c. II. 458. 



47 2 Dr. G&a Röheim 



folgender Variante vertreten. Wod belohnt den Bauer und spricht: „Blut sollst 
du haben und ein Hinterteil dazu." Die Angst erleichterte anfangs die Last, 
doch allmählich wurde es schwerer und schwerer, bis er endlich, vorn Schweiße 
triefend, seine Hütte erreicht. Da hatten sich Fleisch und Blut in Gold und 
Silber verwandelt. 1 In Griechenland zieht der Kallikantsaros wie sonst der wilde 
Jäger zu den Zwölften umher. Diese Kallikantsaren haben Esels- oder Bocks- 
füße, Bocksohren und dicht behaarte Haut, 2 lieben den Tanz und sind lüstern 
nach den Weibern. An ihren Reittieren wird die Kastrationswunde sichtbar, 
denn sie haben alle ein Gebrechen, sie sind lahm, einäugig oder es fehlt ihnen 
irgendein Glied. Dafür haben dann die Kallikantsaren einen großen Kopf, eine 
stets hervorhängende Zunge, eine höckerige Brust und stark hervortretende 
Schamteile. In die Wohnungen kommen sie durch den Schornstein herein, sie 
pissen auf die Asche des Herdes und in alle offenen Gefäße. Auch waschen 
sie sich nach den Vorstellungen der Arachobiten mit dem Wasser, welches sie 
in offenen Gefäßen finden, ihren Körper, besonders die Schamteile und tun 
dies in einer äußerst schamlosen Weise. 3 Das Waschen spielt auch in den Sagen 
von der wilden Jagd eine Rolle + , aber wir haben auch direkte Zeugnisse dafür, 
daß die Wiederholung der Urszene im Alptraum mit der Enuresis nocturna 
verquickt ist. Im Voigtland weiß die Sage zu erzählen, wie einer sich vor den 
vorbeieilenden Hunden der wilden Jagd in einen Graben versteckt, aber jeder 
der vorbeirasenden Hunde hält bei ihm an und hebt das Bein auf, so daß 
seine Kleider noch lange ganz unbrauchbar waren. In einer schwäbischen Sage 
ruft der Bursch dem Jäger den Spottnamen „Hosenilecker" zu. Da erscheint 
der Jäger mit einem Fäßlein, aus dessen Spundloch sich ein feuriges Naß er- 
gießt. 5 Die sexuelle Erregung des Lauschers in der Urszene wird im Traum 
urethral oder anal wiederholt und diese Tätigkeit, die ja einer versuchten 
Identifizierung mit dem Vater gleichkommt, auf einen Repräsentanten des Vaters 
projiziert. In den mitgeteilten Fassungen uriniert nicht der Träumer, sondern 
das übernatürliche Wesen oder sein „Hund", in einer oberhessischen Sage ver- 
langt der wilde Jäger, daß man ihm seine Reithosen, die über und über mit 
Schmutz bedeckt sind, putzt. Der sich dazu entschließt, empfängt zum Lohn 
einen Glückstaler. 6 

Wir erhalten somit eine Reihe von Ursachen, die alle herangezogen werden 
können, um die ewige Wiederholung der Sage zu erklären. Aus dem Wieder- 
holungszwang wird eine Reihenbildung mit spezifischer Determinierung im Sinne 
der Libidotheorie. Immer wird eine solche Reihe auf irgendeine Trübung der 



1) J. Grimm: Deutsche Mythologie. II. 871. (Lisch: Mecklenburg. Jahrbuch V. 
78 — 80.) 

2) Die männliche Körperbehaarung im Gegensatz zur Infantilen. 

3) B. Schmidt: Das Volksleben der Neugriechen. 1871. 14.2 — 149. 

4) Bartsch. 1. c. II. 18. 

5) L. Laistner: Das Rätsel der Sphinx. 1889. II. 232. 

6) Th. Bindewald: Oberhessisches Sagenbuch. 1873. 38. (Reichtum als Sublimie- 
rung der Analerotik.) Aus der Windsbraut erhebt sich drohend eine Hand und man 
ruft ihr zu „Saudreck, thu' d'Händ weg". Roch holz: Aargau. 111. 185. 187. 



Die wilde Jagd «^ 



genitalen, heterosexuellen Entwicklungsstufe zu deuten sein. In der Sage von 
der wilden Jagd handelt es sich darum, daß die genitale Leistung des Vaters 
von dem Kinde nur auf der urethralen oder analen Stufe und auch hier mit 
Inzesthemmung und Kastrationsangst wiederholt wird. Nun besteht aber ein 
wichtiger Unterschied zwischen der Reihenbildung der wilden Jagd und der 
Reinkarnationslehre. In Europa entlastet sich der. Mensch des unheimlichen 
Zwanges, indem er denselben auf ein dämonisches Wesen projiziert; in Indien 
droht jedem einzelnen die ewige Wiederholung, deren er sich nicht anders als 
durch eine radikale Entziehung aller Besetzungen erwehren kann. Daß hier ein 
wichtiger psychologischer Unterschied vorliegt, wird durch die Tatsache bestätigt, 
daß auch die indischen Arier ein Zeitalter mit ganz anderer objekt-erotischer 
Einstellung hinter sich haben und daß sich bei ihnen die Bruchstücke des 
Glaubens an der wilden Jagd noch nachweisen lassen. 

Es handelt sich um die Maruts, aber auch um ihren Vater Rudra. Sie 
werden als eine Schar schöngeschmückter Jünglinge beschrieben, mit funkelnden 
Speeren, Goldschmuck auf der Brust, kommen sie in ihren Wagen herangefahren, 
Stürme, Regengüsse, Blitze umgeben ihren Zug. „Die Winde haben sie als 
Rosse an die Deichsel gespannt, ihren Schweiß haben zu Regen gemacht die 
Rudra- Söhne - 1 

Als Bogenschütze, dessen tödliche Geschosse jeder fürchtet, als Dämon des 
Todes wird der „Rote" (Rudra) verehrt. Oldenburg sagt: „Berge, Wälder 
sind seine Aufenthaltsorte, dort haust der Bogenbewehrte als wilder Jäger." 3 
Einzelne Züge der Sage scheinen die Auffassung zu bezeugen, daß dies mehr 
als ein bloßer Vergleich ist, daß Rudra wirklich ursprünglich mit dem Wode 
der wilden Jagd identisch ist. Seine Söhne werden erwähnt, die fliegend den 
Wald durcheilen, „wie zwei Wölfe nach Beute schnappend". Und wenn uns 
dies schon an Odhins zwei Wölfe erinnert, kann es kaum auf bloßem Zufall 
beruhen, daß, nachdem wir die Erbsünde des Totemismus in unseren Sagen 
als Eberjagd dargestellt fanden, Rudra selbst „des Himmels roter Eber" heißt. 3 
In einem der Rudra-Lieder sagt der Sänger: „Wie das Kind den Vater ehr- 
furchtsvoll begrüßend, so neige ich mich, o Rudra, dir entgegen. u * Er entsteht 
aus allen Göttern, um die Schuld des Weltschöpfers Prajapati — der als Antilopen- 
bock mit seiner Tochter als Antilope Inzest begangen hat — zu strafen. 5 Wir 
hätten hier das Entstehen des Schuldbewußtseins aus dem Ödipus-Komplex, also 
jener psychischen Instanz, durch die das lustvolle Jagen zur ewig dauernden 
Strafe wird. 

Als Bestätigung unserer Deutung der wilden Jagd sei noch darauf hingewiesen, 
daß Rudra „der Rote", „der Bogenschütze" eigentlich der Phallos ist. Er wird 
auch als Lingam verehrt und als solcher vielleicht schon in vedischer Zeit dar- 

1) H. Oldenberg: Die Religion des Weda. 1894. 225. Rigveda V. 587. 

2) Oldenberg, 1 c. 225. 

g) Oldenberg, 1. c. 21g, 216. 

4) Siecke: Der Gott Rudra im Rig-Veda A. R. W. I. 241. (2, 55, 11.) 

g) Oldenberg, 1. c. 217. 



474 Dr. Göza Röheim 



gestellt. 1 „Der Held erweise sich gnädig unseren Rossen, mögen wir uns fort- 
pflanzen, o Rudra, in Kindern." 2 Und wie wir aus gewissen Zügen der wilden 
Jagd die Schlußfolgerung gezogen haben, daß der kindliche Lauscher die Tätigkeit 
des Vaters seiner urethralen Lustform gleichstellt, finden wir Rudra als den 
„harnenden" bezeichnet. 3 

Damit ließ es sich aber nur wahrscheinlich machen, daß die Sage von der 
wilden Jagd auch den arischen Eroberern Indiens bekannt war. Der eigentliche 
Beweis wird aber durch das Vorhandensein dieser Sage in Hinderindien und 
Indonesien geführt, da sich wohl eine unabhängige Entstehung in diesem Falle 
nicht annehmen läßt. Wenn der Malaye in Perak das eigentümliche langgezogene 
Geschrei des Nachtvogels „Baberek" vernimmt, nimmt er eine Platte und trom- 
melt auf der Platte mit einem Messer „Urgroßvater, bring' uns ihre Herzen", 
sagt er dabei. Der Baberek (Caprimulgus) fliegt nämlich in der Gefolgschaft des 
Hantu Pemburu (gespenstischer Jäger) durch die Lüfte. Dieser zieht mit seinen 
Gespensterhunden durch die Wälder Indonesiens. Der Zuruf „Bring' uns ihre 
Herzen", soll den Hantu Pemburu täuschen und ihm glauben machen, daß die 
Rufer mit zu seiner Gefolgschaft gehören und nun ihren Anteil an der Beute 
haben wollen. Sein Erscheinen bedeutet nämlich Krankheit und Tod und der 
Versuch, ihn durch Zurufe zu täuschen, soll wahrscheinlich diese üble Bedeutung 
abwenden. 4 Nun ist hier die Übereinstimmung mit der deutschen Sage so auf- 
fallend, daß dabei die Entfernung zwischen Harz und Hinterindien ganz ver- 
schwindet. Denn der Caprimulgus ist die Habergeiß und diese mit ihrem 
unheimlichen Ruf gehört zur Gefolgschaft des wilden Jägers und bedeutet eine 
Todesbotschaft. 5 Und wie der deutsche Bauer dem wilden Jäger übermütig zu- 
ruft „Bring' mir auch was mit", verlangt der Malaye vom „Großvater einen 
Anteil der Beute. Die Gefahr, selbst zur „Beute" des „jagenden" Vaters zu 
werden, ist durch die Identifikation, durch das „Mitjagen" abgewendet. Die 
eigentliche Sage vom Ursprung des wilden Jägers lautet wie folgt: 

Einst lebte zu Katapang in Sumatra ein Edelmann, der seine Leute sehr 
quälte. Er schlug ihre Fruchtbäume um und hetzte mit seinen Hunden über 
die Äcker und zertrat alles. Da wurde seine Frau schwanger und spürte heftiges 
A^erlangen nach einer ganz besonderen Speise. Sie wollte das Fleisch einer Zwerg- 
hirschkuh haben, und zwar von einer Kuh, die gerade mit einem männlichen 
Kalb trächtig sei. Aber ihr Gemahl, der leidenschaftliche Jäger, wurde das Opfer 
eines seltsamen Mißverständnisses. Er glaubte zu hören, daß sie das Fleisch 
eines mit einem männlichen Kalb trächtigen Hirschbockes haben will, und da 
er geschworen hatte, nicht unverrichteter Sache nach Hause zu kommen, ist er 
zu einem bösen Waldgeist geworden, der ewig dem Unerreichbaren nachjagt. 

1) Bollensen: Z. D. M. G. XXII. 587. E. H. Meyer: Indogermanische Mythen. 
1883. 224. Auch Koma, der Liebesgott, erscheint als Bogenschütze. R. Fröhlich: 
Tamulische Volksreligion. 35. 

2) Rigveda: II. 33. Siecke: Der Gott Rudra im l\ig-Veda. A. R. W. I. 239. 

3) Rigveda: VI. 66. 3. Siecke, 1. c. 224. 

4) W. W. Skeat: Malay Magic. 1900. 112. 

5) Vgl. L. Laistner: Das Rätsel der Sphinx. 188g. II. 219. 



Die wilde Jagd 475 



Wenn die weiße Eide im Walde schreit, dann ist auch der wilde Jäger in der 
Nähe. Nach einer Zeit ist es ihm eingefallen, daß, da er die ganze Erde schon 
durchsucht hat, er jetzt sein Jagdrevier auf den Himmel ausdehnen müsse. Er 
ging aber nicht selber hinauf, sondern er schickte bloß seine beiden Hunde. 
Seitdem geht er mit nach rückwärts gebogenem Kopf und aufwärts gerichtetem 
Blick, die Hunde am Himmel beobachtend. Wie er so nach oben starrte, fiel 
einst ein Blatt des Baumes Si Lamba auf seinen Hals und schlug dort Wurzel. 
Kerzengerade wuchs nun ein Sprößling vor seinem Gesicht hinauf, ja sein ganzer 
Körper wurde allmählich von Orchideen überdeckt. So jagt er noch heute durch 
die Wälder Indonesiens. 1 Damit wäre der Geistjäger auch in die Verwandtschaft 
der Waldwesen gerückt und so dem Wode, der häufig als grüner Jäger durch 
die Wälder braust, vergleichbar. Die Besisi geben an, Hantu si Buru sei zehn 
Fuß hoch, sein Gesicht von üppigem Bartwuchs ganz bedeckt. Er jagt mit zwei 
rötlichen Hunden und einem riesigen Speer, mit dem er die Leute tötet. Man 
kann sich aber auch mit ihm anfreunden, freilich auf eine recht merkwürdige 
Art und Weise. Wenn jemand ihn treffen will, muß er nur irgendeinen halb 
abgebrochenen Ast so zurück biegen, daß der Ast wieder gerade und aufrecht stehe. 
Dann erscheint er und fragt den Betreffenden: „Was willst du?" Und die Antwort 
lautet: „Ich suche meinen Vater." Der wilde Jäger sagt: „Ich werde dir ein Vater 
sein, solltest du krank werden, rufe mich, ich komme und heile dich." 2 

Die Symptomhandlung verrät uns den Sinn der Sage. Das Gebogene, schlaff 
Herabhängende, soll wieder kerzengerade stehen, dann erscheint schon der wilde 
Jäger, der Vater. Der wilde Jäger sitzt unter einem Terentang-Baum (Camjmo- 
sperma auriculata). Terentang heißt, „mit rückwärtsgebogenem Kopf in die Höhe 
starren", denn in dieser Positur stellt man sich den wilden Jäger vor. 3 Mit 
einem Wort, alles am wilden Jäger ist steif, geradestehend und er ist der Vater. 
Damit wäre auch die Schlußfolgerung erlaubt, seine Jagd sei das Jagen des 
Penis erectus nach dem Weibe. Als Ursache wird die Süchtigkeit einer Schwange- 
ren angegeben, welche bekanntlich eine auf die Mundregion verschobene vaginale 
Süchtigkeit ist. Dazu stimmt auch die Überbetontheit des Männlichen; das Fleisch 
eines männlichen Zwerghirsches, welches mit einem männlichen Kalb schwanger 
ist. 4 Die Jagd wäre demnach ein Ersatz des Koitus. Für den Mann ist aber 
diese Ersatzbildung gerade dadurch bedingt, daß es sich um eine Schwangere 
handelt, also um eine Frau, die im Begriffe steht, zu gebären, d. h. kastriert 
zu werden. Das Kalb, nach dem es ihr gelüstet, ist der Penis (ein männlicher 
Zwerghirsch), das eigentliche Objekt der Jagd die schwangere Hirschkuh, die 
tierische Doppelgängerin der Frau. Das Mißverständnis entsteht, indem der Vater, 
der Kastrationsangst weichend, eine Schwangere, eine Frau, eine Kastrierte über- 

1) Vgl. W. Skeat: Malay Magic. 1900. 113, 114. M. Moszkowski: Auf neuen 
Wegen durch Sumatra. 1909. 122. 

2) Skeat and Bladgen: Pagan Races of tlie Malay Peninsula. 1906. II. 303. 

3) Moszkowski, 1. c. 123. 

4) Übrigens scheint der Zwerglnrsch, das kleine Tier, welches viel größere mit 
List sich unterwirft, an sich schon ein Pcnissymbol zu sein. Vgl. W. Skeat: Fahles and 
Folk Tales from an Eastern Forest. 1901. Kläsi: Der malaiische Reineke Fuchs. 1912. 



476 Dr. GeV.a Röheim 



haupt nicht finden will. Er sucht daher das Unmögliche, die Frau mit dem 
Penis, einen männlichen Zwerghirsch, der doch mit einem ebenfalls männlichen 
Zwerghirsch schwanger einhergeht. Diese homosexuelle Objektwahl entsteht 
bekanntlich aus der Kastrationsangst und führt zur Reihenbildung, zur ewigen 
Jagd eines gespensterhaften Don Juans. Und tatsächlich, die Macht des wilden 
Jägers wird gebrochen, wenn man einen Zweig vom Terentang-Baum abschneidet. 1 
Er selbst ist aber der Terentang, „der mit rückwärtsgebogenem Kopf in die Höhe 
Starrende", der mit dem Abschneiden des Zweiges kastriert wird. Dement- 
sprechend finden wir auch hier, daß einer seiner Hunde von der Meute immer 
zurückbleibt. Er ist nämlich lahm, aber da er eben die Kastration darstellt, ist 
sein Biß der eigentlich tödliche. 2 

Nun wird es uns interessieren zu erfahren, daß, nachdem wir die wilde 
Jagd auf die Urszene, d. h. auf ein traumatisches Erlebnis der Kindheit zurück- 
geführt haben, der wilde Jäger der Malayen eigentlich nur den Kindern ge- 
fährlich ist. Diese reagieren nach zwei Grundtypen auf die Urszene, indem 
sie sich mit dein Vater oder mit der Mutter identifizieren. Vom Bellen des 
Hundes erschrocken, verlieren sie völlig das Bewußtsein und verfallen dem 
wilden Jäger. Da sitzen sie nun und blicken gerade wie der wilde Jäger selbst 
mit starrem Halse nach oben.' Oder aber sie kriegen eine Krankheit, die mit 
choleraartigen Symptomen einhergeht. Diese sind Diarrhoe und Erbrechen* 
Mit der Defäkation ahmen sie die anal gewertete Tätigkeit des Vaters nach, 
mit dem Erbrechen spielen sie aber die Mutter, die Schwangere. 

Und wie der wilde Jäger es stark mit dem Wasser zu tun hat, wird auch 
Hantu Seburu bei den Sakai stets dort angetroffen, wo irgendein Wasser sich 
befindet. Diese Urvölker der hinterindischen Wälder betrachten ihn genau 
wie die deutschen Bauern als eine vom Jenseits ausgeschlossene Seele, 5 denn 
das ewige Jagen ist ja eine Ersatzhandlung für ein Eingehen ins Jenseits 
(Uterus). Nun wollen wir aber auch ethnologisch die Kette der Beweisführung 
schließen. Die Malayen hehaupten nämlich, der wilde Jäger sei Bataraguru. 
Bataraguru aber ist der oberste Gott ihrer Mythologie und zugleich der ma- 
layische Name des indischen Shiva.'' Shiva aber („der Gütige"), ursprünglich 
ein Beiname Rudras, ist jene phallische und Todesgottheit des indischen Mittel- 
alters, die sich aus der Gestalt des Bogenschützen Rudra entwickelt hat. 7 Da- 



1) Moszkowski, 1. c. 123. 

2) Skeat: Malay Magic: igoo. 593. Auch in den Sagen von der wilden Jagd bleiben 
Hunde von der Meute zurück. 

3) Moszkowski, 1. c. 123. 

4) Skeat: Malay Magic. 117. 

5) Skeat and ßadgen, 1. c. 245. 

6) Moszkowski, 1. c. 123. Moszkowski scheint eine unabhängige Entstehung 
der hinterindischen Sage anzunehmen, während Skeat den Zusammenhang mit arischer 
Sagenbildung betont. (Skeat: Malay Magic. 118.) 

7) Vgl. L. v. Schroeder: Mysterium und Mimus im Rigveda. 1908. 65. Ders.: 
Indiens Literatur und Kultur. 1887. 341. E. H. Meyer: Indogermanische Mythen. 1883. 
224. Wollheim da Fonseca: Mythologie des alten Indien. O. J. 70. 



Die wilde Jagd 4,77 



mit wäre sowohl das Vorhandensein der volkstümlichen Vorstellung der wilden 
Jagd für die vedische Periode durch indirekte Beweisführung erwiesen, wie auch 
der geschichtliche Zusammenhang der indischen mit der germanischen Sage. 
Im Zusammenhang mit meiner — im vorigen Heft dieser Zeitschrift ver- 
öffentlichten — Arbeit: „Die Völkerpsychologie und die Psychologie der Völker" 
soll die vorliegende Untersuchung den Nachweis erbringen, daß selbst solche 
grundsätzlich erscheinende Gegensätze, wie die zwischen dem Tatendrang des 
Faust und dem Sterbenwollen des Gautama Buddha, auf verschiedene sekundäre 
Bearbeitung der ethnischen sowie individuellen Urzeiteindrücke beruhen. Durch 
die Projektion erobert sich der Mensch zum erstenmal, allerdings nur fiktiv, 
die Natur. Die Ahnen der europäischen Kulturvölker haben den Wiederholungs - 
zwang in Projektionsform zur Darstellung gebracht; nicht der Sterbliche, sondern 
der wilde Jäger muß ewig unbefriedigt jagen. Dadurch blieb ihnen die Angst- 
entfaltung der indischen Wiedergeburtslehre erspart und die Möglichkeit ge- 
geben, sich mit Vater Woden identifizierend die Waldmutter, die Urwälder 
Europas wirklich zu erobern. 



Die Bezeichnungen für Blutsverwandte 

Ein Beitrag zur Wortforschung auf psychoanalytischer Basis 

Von Dr. Otto Marbach (Wien) 

Bei der grundlegenden Bedeutung, die die Psychoanalyse dem Familien- 
komplex beilegt, entsteht — wofern man nur der Ansicht ist, daß die Be- 
zeichnungen dem Bezeichneten entsprechen — die Frage, inwiefern die Wörter 
„Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Bruder, Schwester" in ihrer Etymo- 
logie etwas von den Beziehungen erkennen lassen, in die wir sie auf Grund 
der psychoanalytischen Erkenntnisse zu bringen pflegen. Die Sprache, zu den 
urältesten Erbteilen des Menschengeschlechtes zählend, müßte jene urältesten 
Affekte, die der Familienkomplex umfaßt, bestätigend widerspiegeln. Wenn 
dem so ist, nimmt es nur Wunder, weshalb die Sprachforscher nicht schon 
längst die Erkenntnisse Freuds vorweggenommen haben. Man liest voll ge- 
spanntestem Interesse die Ansichten der Etymologen über die Bedeutung dieser 
Wörter nach und findet — widersprechende Meinungen in bezug auf das 
Linguistisch-grammatikalische, Stimmeneinheit in bezug auf die von Urzeit an 
feststehende „hohe ethische" Bedeutung dieser Wörter, mag diese selbst auch 
von verschiedenen Gelehrten verschieden gedeutet werden. 

Wenn ich im Verlauf dieser Abhandlung zu anderen Resultaten kommen 
sollte, die zu den Ergebnissen der Psychoanalyse besser passen, so ist dies 
keine „Bestätigung der Psychoanalyse durch die Etymologie", sondern eben 
Anwendung der Psychoanalyse auf die Etymologie. Der moderne Etymologe 
wird sich wohl in Hinkunft ernstlich um die Kenntnis der Psychoanalyse be- 
muhen müssen, wenn seine Wortdeutungen nicht weitab von der Wahrheit 
zu liegen kommen sollen. Er wird dies um so mehr dort tun müssen, wo 
seine Forschungen in die Geschichte der Kulturentwicklung, der Ethnologie 
und Anthropologie einmünden. Hier muß er sich von diesen Wissenschaften 
den Weg weisen lassen. Denn die Hinweise, die die Sprache selbst gibt, mögen 
noch so deutlich sein, sie bleiben dem Nicht-Psychoanalytiker infolge des Ver- 
drängungsmechanismus verborgen. 

Ein Beispiel hiefür: Altindisch (ai.) „äara" bedeutet: Spalte, Loch, Eheweib 
und Haus. Der psychoanalytisch Gebildete, dem die Symbolbedeutung von 
„Haus bewußt ist, wird sich über diese Bedeutungsmöglichkeiten des Wortes 



Die Bezeichnungen für Blutsverwandte 479 



„dara" nicht verwundern. Sie stimmen mit seiner Theorie überein und er 
wird als Urbedeutung etwa „vagina" ansetzen. Nicht so der Nicht-Psychoana- 
lytiker. „Dara" in der Bedeutung Riß, Spalte, Loch und „dara" in der Be- 
deutung Eheweib hält er nicht für identisch. Er erklärt: Es gibt zwei Wörter 
„dara". Die Bedeutung Weib und Haus leitet er zwar von demselben Wort 
ab, aber auf welchen Umwegen! Er faßt die Bedeutung „Haus" als die ur- 
sprünglichere und leitet über „Zimmer, die im Zimmer Zusammenseienden, 
Frauenzimmer, weibliches Hauspersonal" glücklich oder vielmehr unglücklich 
genug zu „WeibV Ich babe dieses Beispiel nicht nur um seiner selbst willen 
angeführt, sondern um gleich etwas Prinzipielles daran zu erörtern. Ich glaube 
nämlich, daß auch mit einem Ansetzen „dara-vagina" das Richtige nicht ge- 
troffen wäre. Primitive Pbantasie konzentriert sich nicht mit logischer Schärfe 
auf einen einzigen Begriffsinhalt. Die Bedeutung „vagina" mag der Mittelpunkt 
sein, um den die Phantasievorstellung in den Bedeutungen „Loch, Weib, Haus'* 
assoziierend schwankt. Dies war indes nur möglich, weil in dem Wort oder 
besser im Begriff „dara" die Reihe der Vorstellungen keimhaft beisammen 
lag und sie sich daraus entwickeln konnten. Wir wollen uns diese Annahme 
vor allem bezüglich der Wortstämme, Wortwurzeln und Wurzelwörter merken. 
In ihnen sehen wir die verschiedenen Bedeutungen, die sich später daraus 
entwickelten, noch insgesamt vereint, wie die Blätter innerhalb der Knospe 
oder die Organe im Keim. In diesem Sinne werden wir weiter unten von 
Keimstämmen sprechen. 

Wir verschließen uns nicht der Annahme, daß auch innerhalb der Sprache 
die Verdrängungsgesetze herrschen. Sie müssen gerade bei den Verwandtschafts- 
bezeichnungen frühzeitig zu wirken begonnen haben. Die ursprüngliche Be- 
deutung wurde vergessen, verdeckende Analogieformen gebildet. Vergegenwärtigt 
man sich zu dieser Schwierigkeit, die schon im Sprachmaterial lag, noch die 
psychische Voreingenommenheit der Forscher, so wird man sich über die Fehl- 
deutungen der älteren Gelehrten nicht wundern, noch auch über die Resi- 
gnation der Jüngern, die, angesichts der Ergebnisse der Ethnologie, jene 
„ethische" Deutung nicht zu halten vermochten und daher die Verwandt- 
schaftswörter für „nicht etymologisierbar " 2 erklärten. 

Die sprachwissenschaftliche Literatur über die Etymologie der Verwandt- 
schaftsnamen ist gering. Abgesehen von den Erklärungen, die man bei den 
älteren Indogermanisten findet (F. Bopp: „Vergleichende Grammatik'; A. Fick: 
„Die ehemalige Spracheinheit usw.") existieren von neueren Forschern nur 
einige Aufsätze, die sich von dem oder jenem Gesichtspunkt mit dem einen 
oder andern der fraglichen Wörter beschäftigen und an größeren Abhandlungen 
nur eine oberflächliche Arbeit von W. Deeke: „Die deutschen Verwandt- 
schaftsnamen" und die einzige zusammenfassende wissenschaftlich wertvolle 
Abhandlung von B. Delbrück: „Die indogerm anischen Verwandtschaftsnamen - 3 

1) K. F. Johanns on: „Indische Miszelten." Indogermanische Forschung. III, 224fr. 

2) Brugmann: Indogermanische Forschung. XVII, 483fr. 

3 ) Abhandlungen der Sachs. Gesellsch. der Wissensch., phil.-hist. Klasse, Band XI, 
Nr. 5. Ferner zitiert als: Idg. Vwn. 



480 Dr. Otto Marbach 



Auch in der psychoanalytischen Literatur wurde das Problem bisher 
nicht in seiner Gänze behandelt. Der Versuch einer Analyse wurde mehrfach 
nur an den Wörtern „Vater" und „Mutter" gemacht. Im Falle Mutter wird 
unsere Auffassung von der in der Psychoanalyse erarbeiteten nicht sehr ab- 
weichen, wohl aber bezüglich der Etymologie des Wortes Vater. Die Ansicht, 
die diesbezüglich in den hiehergehörigen psychoanalytischen Arbeiten angedeutet 
wird — bei Röheim, „Nach dem Tode des Urvaters" (Imago IX, 1), Bälint, 
„Der Familienvater" (Imago XII, 2/5) - - und in der ausführlichen Arbeit von 
Spiel rein „Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama (Imago 
VIII, 3) ausgesprochen wird, kann ich nicht teilen, wenngleich sie in ihrem 
Endresultat auch mit der in der offiziellen Sprachwissenschaft üblichen Ansicht 
übereinstimmt. 

Sollte meine Untersuchung zu besseren Resultaten gelangen, so bin ich mir 
doch einer gewissen Unvollständigkeit bewußt, die notwendig in der alleinigen 
Berücksichtigung des indogermanischen Sprachkreises gelegen ist. 

Ich beginne nun mit den Wörtern 

Mutter und Vater 

und gebe zunächst eine Übersicht über die üblichen Deutungen der Sprach- 
forscher. Bopp (a. a. ü. S. 1154) leitet patar — so setzt er den indogermani- 
schen Stamm an von der Wur/,el pa, schützen, ab. Patar bedeutet daher 
Ernährer, Herrscher. Motor von ma, messen, gebären, also die Ermessende, 
die Gebärerin. Fick (a. a. O. S. 267): „Die Benennungen für Vater und Mutter 
sind von hoch sittlichem Geiste erfüllt. Der patar ist der Hüter, Schutzherr 
des Kindes, die matar ist die Ermessende, Bedenkende, Waltende." Dies ist 
die ältere Ansicht, die auch noch durch G. Curtius (Grundzüge der griechi- 
schen Etymologie) vertreten wird. Man abstrahierte aus Wörtern wie lat. pasco, 
panis, pabulum, gr. .-räouuc, germ. födr (Futter) eine Wurzel pa ■, po ' = füttern, 
schützen und der indogermanische patar wurde zum Ernährer und Beschützer. 
Dazu zog man ai. pati, Gatte, Herr, gr. jcöau;, 5e<mÖCT|£, lat. potis, potior usw., 
germ. -faps (got. brup faps, Bräutigam), slaw. gospodi und entnahm daraus die 
Bedeutung: Herr. Die indogermanische Wurzel ma, die matar zugrunde liegt, 
erblickte man im gr. uaiouai (sorgen), lat. mcare, got. mops (Gemüt) usw. Erst 
als man einsah, daß in allen Sprachen eine Menge von Lallwörtern bestünden, 
deren Bedeutung: Vater, Mutter usw. wäre {aha, ata, lata, aba, baba, nana usw.). 
erkannte man auch in pa und ma solche Lallwortwurzeln, zumal die Wörter 
papa und mama in den historischen Sprachen nachzuweisen waren und außer- 
dem aus der „Säuglingssprache" bekannt waren. Trotz dieser Erkenntnis er- 
scheint dem Sprachforscher das Verhältnis des Lallworts zum indogermanischen 
Stamm (pater, materj 2 in etwas eigentümlichem Licht. Denn aus Delbrücks 
Äußerung (Indog. Vwn.), daß „diese beiden Wörter aus Lallwörtern der Kinder- 
sprache in die Spi-ache der Erwachsenen übernommen und den Formen der- 



1) Prellwitz: Etymologisches Wörterbuch der griechischen Sprache. 

2) So angesetzt von Br ugmann-Delhriick: Vergleichende Grammatik II, § 243. 



Die Bezeichnungen für Blutsverwandte 4,81 

seihen angeglichen worden sind" (!), scheint hervorzugehen, daß dieser Gelehrte 
sich vorstellt, eine entwickelte „Sprache der Erwachsenen habe bestanden, 
in der es Wörter für Vater und Mutter nicht gab. Übrigens ist die alte Ansicht: 
indog. pater = Schützer, Hirte noch heute in voller Geltung. So etymologisiert 
Zimmermann': „pa bedeutet Vater und Hirte, da dieses Amt (Nomaden- 
leben) dem Vater oblag. 

Was nun die Lallwörter betrifft, die P. Kretschmer 2 übersichtlich zu- 
sammengestellt hat, ergibt sich die Schwierigkeit, zu erklären, warum die einen 
(ata, tata, papaj nur, oder doch vorwiegend die Bedeutung Vater, die andern 
(baba, nana, mamaj die Bedeutung Mutter gewonnen haben. Dabei ist festzu- 
stellen, daß ursprünglich alle Lallwörter dasselbe bedeuten und alle — Alles, 
was innerhalb der infantilen Situation affektbetont ist. Also: die nährende 
Mutterbrust und die Fäkalien. Die Lallwörter sind das, was ich oben Keim- 
stämme nannte. Baba, mama, aka, kaka usw. bedeuten: Brust, Essen, Mutter, 
Fäkalien, aber auch Triebäußerung, Begehren und alles dies zugleich. Dies 
beweist die Entwicklung dieser Wörter in den historischen Sprachen. Wir finden 
gr. dxxo'i, lat. acca (Weib, Mutter), daneben gr. xctxxäv, xaxög, lat. cacare, deutsch 
(= dt.) kaka (Kindersprache), kacken oder mhd. babe (Mutter, Alte), daneben 
norddt. baba, lat. babae, gr. ßaßai (Ausruf der Verwunderung; ursprünglich 
freudige Verwunderung über die eigenen Fäkalien, dann Entrüstung über Ge- 
meines, Einfluß der Verdrängung, Erziehung). Außerdem zeigt engl, babe, baby, 
daß das Lallwort bereits auch den Ichbegriff in sich birgt. Ebenso finden wir 
lat. ama, amtna (Mutter), amita (Muhme, Schwester der Mutter), dazu als 
Ausdruck des Verlangens (nach der Mutter) amo und eine Reihe hieher zu 
ziehender Wörter wie: amarus (heb und bitter — Gegensinn der Urworte), 
amoenus (aus mamoenus), aemulari, irnago usw. Im Deutschen finden wir Amme. 
Daneben gr. fiduur), |irf£og (Brust), ud^ct (Brot), uaupäv (essen), uala (Mutter, 
Amme). Im Sanskrit (skr.) mayas (Lust), litauisch (lit.) moma, irisch (ir.) mam, 
lat. mamma (Brust, Zitze). Auch im Deutschen eine Reihe von Wörtern, die 
Brust bedeuten. (Vgl. die entsprechenden Artikel bei Grimm, Dt. Wörterbuch.) 
So: Mamme, Memm, Memme (Brust, säugende Mutter, Kinderbrei, seit dem 
sechzehnten Jahrhundert „Feigling"). Daneben Muhme (niederdt. mome), Mutter- 
schwester. Von derselben Wurzel eine Reihe von Wörtern, die Fäkaüen be- 
deuten. So: mum (Dreck, Kot), Mumplatz (Scheißplatz). Daraus die Bedeutung 
des Heimlichen, Schreckhaften: Mummenschanz, vermummen, Mummelmann 
(Popanz), Mummelsee. Auf den Inzestkomplex weist außer skr. mayas, gr. udouou 
(gierig sein, verlangen), lat. amo, das dt. Mumme (Beischläferin), Mummenhaus 
(Hurenhaus). 3 Die Lallwörter, die Mutter bedeuten, erscheinen auch als Namen 
von Göttinnen ('Axxw, Acca Larentia, Anna, Mala, Mona Genita, Matuta, 
Nana). Eine Reihe von Namen sind von diesen Lallwörtern abgeleitet, die 
sämtlich die Bedeutung „Mütterchens Sohn" haben (Abbius, Abienus, Accius, 



1) Etymologisches Wörterbuch der lateinischen Sprache (1915). 

2) Einleitung in die Geschichte der griechischen Sprache, S. 355 ff. 

3) Die Mutter erscheint als Dirne in der Vorstellung des inzestuösen Sohnes. 

Imago XII. 5> 



482 Dr. Otto Marbach 



Acutus, Mamercus, Mamus). Nun finden sich aber auch Namen wie: Atta, 
Appius, Tatius, Totila, die von den Lall Wörtern atta, papa, tata abgeleitet sind 
und analog „Väterchens Sohn" bedeuten müßten — wenn jene Lallwörter 
wirklich „Vater" bedeuten. Oder vielmehr, wenn sie es ursprünglich bedeuten. 
Zwar finden wir in den historischen Sprachen gr. ürra, tcttu, tütci, lat. tata, 
papa, ir. tat, slaw. otiti, got. atta in der Bedeutung Vater, und der Sprach- 
forscher kann nicht umhin, zu erklären, die Lallwörter für Vater seien mit 
t und p, also den harten Konsonanten gebildet, weil sie für den harten Vater 
charakteristisch seien. 1 Obwohl auch ich die Lautsymbolik für ein berechtigtes 
Prinzip halte, bezweifle ich doch sehr, daß das lallende Kind der Urzeit auf 
diese Weise seine Entrüstung über den harten Charakter des Vaters Ausdruck 
verliehen habe. Kretschmer (a. a. O.) meint, die Verteilung der Bedeutung 
sei teilweise rein zufällig geschehen und erklärt rationalistisch, das Kind bilde 
zuerst die Lallwörter mit weichen und liquiden Konsonanten (b, d, m, n), die 
die weibliche Umgebung des Kindes auf sich beziehe und erst später die 
schwierigeren harten Konsonanten (t, p), die nun als das Übriggebliebene, der 
Mann wohl oder übel auf sich beziehen müsse. Doch ist es keineswegs er- 
wiesen, daß die harten Lallwörter wirklich später gebildet werden. Im Gegen- 
teil! Es haben sich gegen dieses Prinzip der geringsten physiologischen An- 
strengung, das von mehreren Forschern (Gutzmann, Franke, Toischer) 
verfochten wird, „wohl berechtigte Bedenken erhoben. Preyer, Sully, Rzes- 
nitzek U. a. anerkennen diese Gesetzmäßigkeit nicht . . . Schließlich weist 
Ament nach, daß in Lallmonologen die schwierigsten Laute k, g, r usw. längst 
gebraucht werden, bevor das Kind das erste Wort der Sprache spricht" (Spiel- 
rein, S. 551). Dazu kommt, daß auch in den historischen Sprachen häufig 
„harte Lallwörter — Mutter bedeuten und umgekehrt. So: ai. atta (Mutter, 
Schwester), got. alpei (Mutter), gr. üy.x<o, lat. acca, durchwegs ,.Mutter", bulgar. 
haha (ältere Schwester). Anderseits got. aba (Ehemann), abba (Vater), lat. abas 
(Vater, Abt), abbo (küssen), italien. babbo (Vater) usw. 

Ich bin durchaus der Meinung Spielreins, daß die Worte papa und mama 
durch den Saugakt vorbereitet werden: „Lippen und Zungenspitze sind die- 
jenigen Teile, die durch das Saugen bereits für die Artikulation vorbereitet 
waren. Daher sind Vater- und Mutternamen fast in allen Sprachen ähnlich, sehr 
oft gleich (Spiel rein, S. 351). Auch mit der Ansetzung eines autistischen, 
magischen und sozialen Sprachstudiums stimme ich überein. Spielrein selbst 
betont, daß das lallende Kind „m'ö-mü-iiiü" wie „pö-pö p<>" in derselben Ab- 
sicht ohne Unterschied gebrauche. Die Schwierigkeit wäre nun die Grundlage 
der Bedeutungstrennung der beiden Lallwörter aufzufinden, die schließlich zu 
so affektbeladener, fundamentaler Unterscheidung gelangen. Spielrein sagt: 
„Das Wort papa bekundet vielfach seine Abstammung vom Saugakte . . . Die 
innigste Gemeinschaft wird durch den Akt des Aufessens symbolisiert. Dieser 
Glaube erscheint uns natürlich, wenn wir daran denken, daß man einst im 
Leben wirklich am Menschen (einem Menschen) gegessen, an einem Menschen, 

1) O. Schrader: Sprachvergleichung und Urgeschichte, Band II, S. 306. 



Die Bezeichnungen für Blutsverwandte d.8z 

der uns das Leben gegeben, mit dem man zu Urzeiten Eins bildete. Daher 
wird die Identifizierung durch den Eßakt symbolisiert (S. 564). Es habe also 
papa ursprünglich Fraßtrieb und -wünsch bedeutet (wie mannt). Dieser habe 
sich am Vater bei der Uropfermahlzeit gesättigt, daher sei das Wort papa zur 
Bezeichnung des aufgefressenen Vaters, als des Sättigers, Ernährers verwendet 
worden. Dieser Ansicht schließen sich sowohl Röheim wie Bälint an. 

Kein Wort gegen ihre wertvollen Ergebnisse! Wohl aber gegen den Versuch, 
die Etymologie des Wortes papa auf Grund dieser Ergebnisse zu deuten. Be- 
sonders aus Röheim s Darstellung des drückenden Schuldgefühls, das auf der 
Brüderhorde lastete, nachdem sie die Ursünde der Patrophagie begangen, 
könnte man schließen, daß alles, was an jene Schuld erinnerte, zu verdrängen 
versucht wurde. Und gerade das Wort papa, das den Wunsch, oder zumindest 
die Erinnerung an das Auffressen enthielt, sollte sich gehalten haben? Mehr 
als das! Einer der Brüder, der am Vatermord und Uropferdienst teilgenommen 
hatte, sollte — selbst Vater geworden — mit dem ominösen Wort sich selbst 
haben bezeichnen lassen, oder gar sich selbst bezeichnet haben? Man könnte 
einwenden, es sei eben (nach dem Gesetz jener Mechanismen, die Bälint klar- 
legt), der urväterlich-böse Sinn des Wortes papa: Ernährer (passiv) zum 
mütterlich gütigen Ernährer (aktiv) verschoben worden. Aber dem widerspricht 
folgende Überlegung. Spielrein selbst versucht festzulegen, wann und warum 
zwischen papa und mama ein Bedeutungsunterschied eintrete: „. . . wenn R. 
zufrieden ist, spricht sie papa, wenn sie unzufrieden ist oder etwas will, heißt 
es mama. Papa als Zeichen der Zufriedenheit und mama als Zeichen der 
Trauer . . . Der Grund scheint mir im folgenden zu liegen: Die verschiedenen 
in Frage kommenden Laute entspringen nicht gleichen Mundstellungen; sie 
entspringen verschiedenen Phasen beim Saugakt. Das Wort mö-mö reproduziert 
das Saugen am getreuesten. Pö-pö, bö-bö und so weiter würden eher dem 
Zeitpunkte entsprechen, wo das gesättigte Kind mit der Brust spielt, sie bald 
auslassend, bald wieder auffangend" (S. 565). 

Es würde also in diesem Fall das Produzieren des Wortes in der Individual- 
und in der Artentwicklung nicht übereinstimmen. Hier kommt das Kind im 
Stadium lustgesättigter Befriedigung zum Wort papa, dort wäre der Primitive 
im Stadium höchster Affektspannung dazugekommen. Und wie wollte man, 
falls man an der Patrophagie-Theorie festhält, erklären, weshalb das Auffressen 
des Vaters just mit papa bezeichnet wurde, da doch mama wie papa zur Be- 
zeichnung des Fressens zu Gebote stand. Der Sprachforscher wird sich schließ- 
lich mit den Findungen des Kinder- oder des Völkerpsychologen nicht zufrieden 
geben. Haben diese papa als Lallwort auf ihre Weise erklärt, so interessiert 
ihn noch ganz besonders der Vorgang, der dieses Ur- und Lallwort zum Wort 
innerhalb historischer Sprachen machte. Wie wurde papa zu pitar, jtart'iQ usw. 
Was bedeutet jenes Suffix ter und wie konnte es sich mit der Wurzel pa ver- 
binden? 

Und schließlich noch eine nicht unwichtige Frage. Wenn die Brüderhorde 
erst beim Fressen des getöteten Vaters eine Bezeichnung für ihn fand, — wie 
war der Vater vor jener Urtat bezeichnet worden? Gar nicht? Die Söhne 

51* 



.j.84 Dr. Otto Marbach 



hätten seine Tyrannei erlitten, ohne irgendeinen Laut zur Bezeichnung des 
Tyrannen zu haben? Die Brüderhorde hätte sich zusammengeschlossen und 
den Plan gefaßt, den Vater gemeinsam zu töten, ohne einander den, den sie 
töten wollten, bezeichnen zu können? 

Die Bedeutung Vater ist bei keinem Lallwort ursprünglich. Auch die Lall- 
wörter atta, papa, tata bedeuten zunächst nichts anderes als mama. Wir 
finden eine Beihe von Wörtern vom indogermanischen Stamm papo (Brust). 
So: lat. papilla (Zitze, Mutterbrust, Brustwarze), lit. papas (Zitze), dann 
überhaupt Schwellkörper, lettisch (lett.) papa (Blatter), skr. pipalla (Beere), 
gr. nouqxx; (Nabel), poln. pepek (Nabel), pqpek (Knospe), lat. papaver (Mohn). 
Außerdem die Bedeutung „essen" in lat. papa (Speise), papo (ich esse), 
panis: und Fäkaüen: lat. papae (Ausruf der Verwunderung und des Abscheus, 
vgl. oben babae), gr. xcvxa.i und dui&tOi. Dazu skr. putau (die beiden Hinter- 
backen), lat. podex, dt. Popo. 

Sowohl mama wie papa bedeuten als Keimstämme dasselbe: Brust, Schwell 
körper usw. Sie bedeuteten es nicht nur dem lallenden Kind. Jene Lallwörter 
blieben das Sprachgut auch der Erwachsenen in jener lallenden Kinderzeit 
der Menschheit. Und so konnte der Penis, so bald er nur seine überragende 
Affektbetonung im Seelenleben erhielt, als harter Schwellkörper lautsymbolisch 
mit pa, papa, tata usw. bezeichnet werden. 1 (Zum Unterschied von der weichen 
Mutterbrust ma, mama usw.) Daß papa so zur Bezeichnung für Vater wurde, 
erklärt sich aus der Bedeutung, die der Penis des Vaters in der Psyche des 
heranwachsenden Knaben einnimmt (Kastrationskomplex, Ambivalenz). 2 

Das Charakteristische an den Verwandtschaftswörtern ist die fast allen ge- 
meinsame Endung: ter. (jum'io, uijrnQ, pater, mater, frat.er, Vater, Mutter, 
Schwester, Tochter.) Diesem Formans „ter* steht die Sprachwissenschaft ratlos 
gegenüber. Man konstatiert es im Ablautsverhältnis ter, tor auch bei den Nomina 
agentis {magister, arator usw.), aber, sagt der Sprachforscher, „mit dem Ver- 
wandtschaftsbegriff an sich hatte dieses Formans sicher von Haus aus nichts 
zu tun. Zufälliger Gebrauch in dem einen oder andern der betreffenden Wörter 
ließ es mit der Funktion Verwandtschaftsnamen zu bilden, schöpfeiisch werden . 3 
Man wird zugeben müssen, daß ein „Zufall", der solche Schöpferkraft besaß, 
der Mühe wert ist, näher untersucht zu werden. 

„Ter" ist die Wurzel mehrerer Worter, die den Sinn „durchdringen" haben. 
So gr. teioco (reibe auf), xeoETpov (Bohrer), lat. tero (reibe), trans, altslaw. trupu 
(membrum), got. pairko (Loch), neuhochdeutsch (nhd.) durch. Prellwitz 
(Etymologisches Wörterbuch der griechischen Sprache) zieht das Suffix tor, ter 
der Nomina agentis als das ursprünglichere hieher und erklärt es im Sinne 
von „Vollender". Mir erscheint der umgekehrte Weg richtig. Die Wurzel ter 

1) Vergleich von Brust und Glied dem Volksbewußtsein durchaus geläufig. 

2) Daß übrigens das anschwellende Glied des Vaters zuerst und dann der Vater 
überhaupt mit demselben Wort bezeichnet wurde, beweisen Wörter von der indo- 
germanischen Wurzel tev-tav-tu (stark sein, schwellen). Zum Beispiel: lit. tevas (Vater), 
altpreuß. taivs (Vater), gr. toüqoc, (Stier). 

3) Brugmann-Delbrück: Vgl. Grammatik 11, § 245 ff. 



Die Bezeichnungen für Blutsverwandte 485 

bedeutet unzweifelhaft coire und gehört somit zu einer zweiten Gruppe von 
Urwörtern, die für den Ursprung der Sprache bedeutsam scheinen. 

Die Wurzel „pa" wurde mit der später formantisch empfundenen Wurzel 
„fer" zusammengefügt. Pater, ein Keimstamm, bedeutet das Glied und seine 
Tätigkeit. Dabei muß die Frage offen bleiben, ob diese Bezeichnung von dem 
mit dem Ödipus-Komplex behafteten Sohn ausging, der damit den Vater als 
mächtigen Besitzer des Gliedes und Ausüber des beneidenswerten Koitus be- 
zeichnete oder vom pater familias selbst, der sich voll Selbstgefühl Herr des 
Gliedes (pa) nannte, dem die unumschränkte Möglichkeit zu Gebote stand, es 
Kinder zeugend zu betätigen (ter) . Von dieser speziellen und besonders affekt- 
betonten Tätigkeit aus wurde die Wurzel ter-tor zur allgemeinen Tätigkeits- 
bezeichnung der nomina agentis. So ergibt sich der indogermanische Stamm 
pater und seine Entsprechungen in den Einzelsprachen: ai. pitar, gr. navl\Q, 
lat. pater, air. athir, germ. fadar. 

Delbrück freilich wäre über diese Etymologie entsetzt und würde mir ent- 
gegenhalten, was er in seiner Abhandlung (Idg. Vwn., S. 68) sagt: „Man dachte 
bei dem Worte pitar nicht an den Vater als Erzeuger . . ., weil janitar (Erzeuger) 
daneben stehen kann" und verweist auf ai. „dyaush pitar janitar" , was er mit 
„der Vater und Erzeuger Himmel" übersetzt. Ich glaube eben dies als Beweis 
für mich in Anspruch nehmen zu dürfen. Man muß ja nicht „pitar janitar" 
als beigeordnet fassen und ein ..und 1 * einfügen, das im Text nicht steht. Man 
übersetze „der Vater, (nämlich) der Erzeuger und man erkennt, daß gerade 
durch das hinzugefügte janitar der Vater in seinem Charakter als Erzeuger 
ganz besonders hervorgehoben wird. Ich hoffe, daß meine Ausführung so be- 
weisend ist, als die Ansicht, aus der Delbrück seine Folgerung zieht, falsch 
ist: „Demnach darf man wohl sagen, daß die Benennung pitar nicht von einem 
beobachtenden Erwachsenen ersonnen, sondern aus der Empfindung der Kinder 
hervorgegangen ist, welche von Erzeugen und Gebären noch nichts wissen! * 
(Idg. Vwn., S. 69.) 

Nun sind aber auch die Wörter für „Mutter" mit dem Suffix ter gebildet. 
Indogermanische Wurzel mater, skr. zend. matar, gr. [U)m)Q, lat. mater, ir. niathir, 
ahd. muotar, altslaw. matt. Hier wie bei allen übrigen Verwandtschaftsnamen, 
die das Suffix ter nach unserer Etymologie sozusagen unberechtigt tragen, liegt 
Analogiebildung vor. Als Wort für „Vater" mag pater schon bestanden haben, 
als man die Mutter noch immer mit den entsprechenden Lallwörtern bezeichnete. 
Nun wurde aber der eigentliche Sinn von pater vergessen. Denn mag das Wort 
auch vom Vater als selbstgefällige Bezeichnung seiner eigenen Person gefunden 
worden sein, wenn der Sohn es anwenden mußte, trug er jenen Sinn hinein, 
der sich für ihn aus dem Ödipus-Komplex ergab, und so wurde allmählich die 
ursprüngliche Bedeutung des Wortes verdrängt. Nun konnte in analoger Weise 
nach pa-ter ein nia-ter gebildet und das Suffix ter überhaupt als das Suffix der 
Verwandtschaftsnamen empfunden werden. Dies wurde vielleicht durch das Un- 
bewußte ermöglicht, in dem das Urwort ter in der Bedeutung „väterliche 
Zeugung" fixiert blieb. (Die Zeugung durch den gleichen Vater als das um- 
fassende Verwandtschaftsband der polygamen Hordenfamilie.) Die Wörter vom 



486 Dr. Otto Marbach 



Stamme mater spiegeln die Stufenleiter der Affektbindungen, die zwischen Kind 
(Sohn) und Mutter bestehen. Zunächst einige, die die Bedeutung uterus als 
charakteristisch hervorheben (Sehnsucht nach dem Fötalzustand), wie got. moprja 
(Gebärmutter, Bauch), althd. muoder (Bauch, Leib); mit Übertragung vom Körper 
auf die Körperhülle (Fetischismus) bedeutet moprja auch Leibbinde, mhd. muoder, 
müeder (Leib, Haut) und mit Hervorhebung der Mutter als Nährerin (Säuglings- 
zeit) Brustbinde, Leibchen, nhd. Mieder. Ebenso altnord. moder (Brustbinde). 
Den sexuellen Geschlechtscharakter betont lit. mote (Ehefrau, Weib) und motera 
(Weib, Frauenzimmer), während Mutter im eigentlichen Sinn lit. motina heißt. 
Wenn preuß. mote, alban. nioire Schwester heißt, werden wir darin nur eine 
Manifestation jenes Mechanismus erkennen, demzufolge der auf die Mutter ge- 
richtete Inzestwunsch auf die Schwester übertragen wird. Dann mag freilich der 
Grund, den G. Meyer (Etymologisches Wörterbuch der albanesischen Sprachen) 
angibt, das Wort habe „jedenfalls m-sprünglich die älteste Schwester bedeutet, 
welche nach dem Tod der Mutter deren Stellung im Haushalt einnahm" mit- 
gewirkt haben, da eine solche Situation die Inzestübertragung förderte. Doch 
zur Erklärung der Bedeutungsübertragung würde sie allein nicht ausreichen. 
Übrigens bedeutet auch lett. masa Schwester und das Lallwort haka im Bul- 
garischen gleichfalls Schwester. Ein ladinisches muta, das Mädchen bedeutet, 
erklärt sich aus einer Verallgemeinerung des Begriffes Schwester (vgl. gr. xöqu 
Mädchen, Schwester) und aus dem Sohneswunsch, die Mutter möge noch 
Mädchen sein. 

Doch damit haben wir schon einige Bezeichnungen für 

Schwester 

kennen gelernt. Der indogermanische Stamm des Wortes ist svesor (Brugmann- 
Delbrück, Vgl. Grammatik II, §358), skr. svasar, gr. Soq, lat. soror, kelt.-ir. siur, 
altslaw. sestra, germ. svistar. Schon Bopp erkannte in dem ersten Bestandteil 
des Wortes (sve) das Possessivpronomen (skr. sva, lat. suus) und in dem zweiten 
skr. stri (Frau). Als Bedeutung für Schwester setzte er: „die angehörige Frau". 
Fick meinte, der erste Bestandteil des Wortes (sva) drücke die „innige Be- 
ziehung zwischen den Geschwistern aus, die sie fast wie das eigene Selbst er- 
scheinen lasse". Delbrück (Idg. Vwn., S. 84) erklärt, die Schwester sei „das 
Weib, das zu den eigenen gehört". Die Etymologie S. Feists (Etymologisches 
Wörterbuch der gotischen Sprache) svesor: „Eigenweib, im Gegensatz zu der 
aus fremder Familie stammenden Gattin" wäre richtig, wenn „Eigenweib" als 
blutsverwandte Gattin im Gegensatz zur fremden, nicht blutsverwandten Gattin 
gefaßt würde. 

Das Wort entstammt der Periode der Geschwisterehe. Die Wurzel sor, ser 
bedeutet Weib mit deutlicher Betonung des Sexuellen, wie das hiezu gehörende 
Verbum, lat. sero („säen", Samen streuen, Samen vergießen und „verbinden", 
vgl. Walde: Etymologisches Wörterbuch der lateinischen Sprache) beweist. Dazu 
kommt gr. öaooc. (vertrautes Zusammensein) und skr. svasara (Nest, Stall, Wohn- 
ort), also wieder die bekannte Syinbolisierung des Weibes durch „Haus". Noch 
deutlicher ein altisländ. sereta (Unzucht treiben). 



Die Bezeichnungen für Blutsverwandte 487 



Die Ansicht, der Stamm svesor weise auf den Geschwisterinzest hin, wird 
durch die Etymologie des Wortes 

Bruder 

bestätigt. Als indogermanischer Stamm wird „bhrdter" angesetzt.' Die Ent- 
sprechungen in den historischen Sprachen: skr. bh ratar, gr. (poarrjo, lat. f rater, 
kelt.-ir. brathir, germ. brofmr, altslaw. bratru. Bopp leitet bhratar von bhar 
ab, was tragen bedeutet. Somit wäre der Bruder „der Erhalter der Mutter, 
Schwester und jüngeren Brüder nach des Vaters Tod". Ebenso Fick: Der 
bhratar ist „der Träger, Erhalter, die Stütze der Geschwister". Delbrück 
verhält sich dieser Ansicht gegenüber skeptischer (a. a. O.). „Bhrater wird ge- 
wöhnlich mit skr. bhar (tragen, hegen, pflegen), gr. cpeoo) usw. zusammengebracht, 
so daß der Bruder als Pfleger und Schützer (seiner Schwester) bezeichnet wäre, 
eine Auffassung, welche so nahe liegt, daß man angesichts der sonstigen Un- 
durchsichtigkeit der Verwandtschaftswörter geneigt sein möchte, an der Richtig- 
keit derselben zu zweifeln. 

Kluges Etymologie (Etymolog. Wörterbuch der deutschen Sprache, 8. Aufl.) 
führt auf die richtige Spur. Er geht von einem vorgerm. bhralo, bhratrlo aus, 
dem lit. brolis, lett. bralis (Bruder) entspricht. Den dazugehörigen Koseworten 
balinsch, balutilis entspricht ahd. Buole (nur als Eigenname überliefert) und 
mhd. buole, was „naher Verwandter" und „Geliebter", „Buhle , bedeutet. 
Mittelniederdeutsch bole, altsächsisch bolo bedeutet Bruder. In Pommern sind 
böle, bbleken, in der Neumark „bilekenhinner" (also eigentlich Buhlkinder) 
Geschwister. Eines deutlicheren Hinweises auf den Geschwisterinzest bedarf es 
wohl kaum. Der Umstellung, die hier zu konstatieren ist (bralis, brolis — 
bole, bttole) entspricht im Sanskrit bhratar (Bruder) — bhartar (Gatte), bharya 
(Gattin). Die Ableitung von bhar (tragen) erlangt ihren guten Sinn, wenn man 
die Wurzel in ihrer ursprünglichen Bedeutung (coire) faßt. So ist der Bruder 
zunächst bhartar (Gatte, Geliebter). Um dieses offene Geständnis zu verdecken, 
kam die umgestellte Form bhratar, in einer Zeit, die den Inzest bereits ver- 
pönte, zustande. Mir scheint hier im Sinne der Verdrängung ein Versprechen 
wirksam gewesen zu sein, das wegen der Verdeckung, die es gewährte, zum 
wirklichen Wort wurde. 

Auf die Rivalität der Brüdergemeinschaft weist ai. bhratroya (Feind, Neben- 
buhler) hin, wörtlich: der andere Bruder, eine Art von Bruder, — schließlich, 
unter dem Einfluß der fortschreitenden Verdrängung: Vetter. Das Griechische hat 
den Ausdruck für Brüdergemeinschaft „qi^aroia" und in diesem Sinne den poli- 
tischen q>0oai)O, (fQaxdiQ bewahrt, aber die eigentliche Verwandtschaftsbedeutung 
wohl wegen des Traumas, das sich an das Wort „cpoat»io" einmal innerhalb der 
ursprünglichen cpoutoia geheftet hatte, verdrängt. 'ASeXyöq sowohl wie ■naaiy^^roq 
weisen auf die Abstammung aus demselben Mutterleib. (AgXcpus: uterus, kuoi^: 
Haus, Schoß.) 



1) Brugmann-Delbrück: Vgl. Grammatik II, § 35S. 



4« 8 Dr. Otto Marbach 



Sohn und Tochter. 

Die stammverwandten Bezeichnungen für Sohn in den historischen Sprachen; 
skr. sunü, urgr. vltiq, germ. got. sunus, lit. sunus, altslaw. sy?iu. Zugrunde liegt 
die Wurzel seuo, su (auspressen, zeugen, gebaren). Dazu skr. su, der Erzeuger, 
der Eber, ir. sutk (Geburt, Frucht), lat. sucus (Saft). 

Unserem „Tochter entspricht skr. duhitar, zend. dughdhar. gr. uuYövrnn, 
ger. got. dauhtar, altslaw. dwlti, lit. dukte. Das indogermanische Stammwort 
dhughater wird abgeleitet von der Wurzel dheug (melken, milchen). Bopp 
etymologisiert Sohn, als „den Geborenen", Tochter, als „Säugling"; A. Kuhn, 1 
Sohn, als den „Gezeugten", Tochter, als „Melkerin '. Fick deutet wieder ethisch: 
„Vater und Mutter erkennen im Sohne, in der Tochter den künftigen Vater 
und Hausherrn, die künftige Mutter und Hausfrau an und so ist sunu und 
dhughtar ein Zeugnis der Achtung und Ehrfurcht, mit der die Kinder von 
den Eltern angesehen und behandelt wurden . . . Dieser sittliche Klang haftet 
dem deutschen Sohn und Tochter noch heute an, wie er einmal in Urzeiten 
hineingebannt worden ist." Delbrück erklärt sunu für „den Geborenen'". Dabei 
ergibt sich aber die sprachliche Schwierigkeit, daß die mit nu gebildeten Sub- 
stantiva^ allgemein einen Vorgang, Zustand bezeichnen. Sunus würde also „das 
Zeugen" oder „das Gebären" bedeuten. Und selbst wenn Brugmanns Erklärung 
„der Geborene" 2 richtig wäre, bleibt immer noch die Frage offen, warum denn 
aus dem Vorgangswort „Gebären" just ein Maskulinum gebildet worden sei. 
Das „Geborene" könnte doch auch eine Tochter sein. Diese Frage wurde nicht 
einmal aufgeworfen. 

Wir würden darin einen Wunsch der Mutter erkennen. Zwar meint auch 
Delbrück, daß „die Etymologie auf die Mutter hinweist", fragt aber skeptisch: 
„läßt sich etwa aus der Etymologie schließen, daß diese lediglich eine Be- 
ziehung des Sohnes zu dem Weib, das ihn gebar, gekannt habe? Nach meiner 
Ansicht wäre ein solcher Schluß unzulässig". 5 Brugmann stützt seine Ansicht 
durch Wörter von anderen Stämmen, die auf dieselbe Weise zu ihrer Bedeutung 
gekommen sein dürften. So gr. Y övo ? , lat. gnatus, fetus, got. baur. Wenn sich 
aus der Wurzel su als Keimstamm von der Bedeutung befruchten, auspressen 
(Samen auspressen: zeugen, die Leibesfrucht auspressen: gebären) ein Stamm 
sunu von der Bedeutung Sohn entwickelte, könnte dies als Mutterwunsch ge- 
deutet werden, mit einem Sohn befruchtet zu sein, einen Sohn zu gebären. 
So erklärt sich lateinisch fetus von feo = befruchte. Auch das lat. filius von 
felo = sauge, also Säugling. 

Dies wären durchwegs Benennungen, die der Psyche der Mutter entstammen. 
Sollte man nicht auch die Stellung des Vaters zum Sohn in irgendeiner Be- 
zeichnung wiedererkennen? Das ai. napat, lat. nepos, althochd. nift scheint mir 
ein solches Wort zu sein. Zwar bedeutet es in den historischen Sprachen 
Enkel, Neffe, aber die ursprüngliche Bedeutung Sohn ist noch an einzelnen 

1) Zur ältesten Geschichte der indogermanischen Völker. 

2) Indogermanische Forschungen XVII, S. 483 ff. 

3) Gegen J. J. Bachofen: Das Mutterrecht. 



Die Bezeichnungen für Blutsverwandte 489 

Stellen des Rigveda erhalten. 1 Schon Bopp erkennt in napat die Bestandteile 
na = nicht und pitar = Vater und erklärt, daß das Wort „im Gegensatz zum 
Vater, den Nichtherrscher oder Untergebenen bedeute". Leumann 2 etymologi- 
siert na-pat als „schutzlos", „Waise" und je nachdem diese im Haus des Oheims 
oder Großvaters versorgt wurde: Neffe oder Enkel. Delbrück (a. a. O. S. 126 ff.) 
nepotes = die Kleinen und je nach der Bedeutung von avus (Oheim oder Groß- 
vater) Neffe oder Enkel. 

Zu Bopps Etymologie zurückehrend, erkenne ich in na-pat die negative 
Wunschpartikel (lat. ne — daß nicht, möge nicht) und die oben besprochene 
Wurzel pa, die in der Bedeutung sexuelle Kraft, Macht habend, im Sanskrit pati, 
gr. Jtoaic, lat. potis usw. vorliegt. „Napat'' als Bezeichnung des Sohnes von 
seiten des Vaters enthält also den Wunsch, der Sohn möge keinen Penis, keine 
sexuelle Kraft haben, möge ihm also nicht gefährlich werden (Kastration). Auch 
dieses Wort erlag der Verdrängung, verlor seinen Verwünschungscharakter und 
wurde, da man es nun einmal auf den Sohn infolge der Verdrängung nicht 
mehr anwandte, auf den Neffen und Enkel übertragen. 

Das Wort für Sohn unterlag überhaupt einer so starken Verdrängung, daß 
im Italischen (gnatus, filius), Albanesischen (bir), Keltischen (macc) Neubildun- 
gen eingeführt wurden. 

An der Tochter wurden durch die Bezeichnung dhughater von dug = melken, 
milchen, die Brüste hervorgehoben, als das durch seine Größe und Beweglichkeit 
auffälligste Geschlechtsmerkmal. So bedeutet lat. femina, gr. uijuevn die Säugende, 
Milchende, Weib. Auch Delbrück läßt skr. duhitar usw. als „weibliches Wesen'". 

Wenn die Tochter als Milchende bezeichnet wurde, so könnte schließlich 
das von der Wurzel su abgeleitete Wort als Parallelbildung die Bedeutung „der 
Samende" angenommen haben. Die Kinder würden dann wie die Tiere als 
„Milchige" und „Sämige" unterschieden worden sein. 

Wenngleich ich nicht glaube, daß ich allen hier einschlägigen Problemen 
gerecht geworden bin, so dürften doch mit Hilfe der Psychoanalyse einige Rätsel 
gelöst worden sein, an denen die gebräuchlichen Sprachforschungsmethoden zu 
scheitern schienen. Diese Ausführungen mögen einen neuerlichen Beweis für die 
Notwendigkeit der Anwendung der Psychoanalyse liefern. 



1) F.Rosen: Zum Rigveda I, 22. 6. 

2) Festgruß an O. v. Böhtlingk. Stuttgart 1888. S. 77. 



Über die Romane Ina Seidels 1 

Von Dr. Heinrich Klüglein (Varel, Oldenburg) 

„Dein Lied ist drehend wie das Siern- 
gewölbe, Anfang und Ende immerfort dasselbe, 
und was die Mitte bringt, ist offenbar das, 
was zu Ende bleibt und anfangs ivar." 

Goethe: „Unbegrenzt." 

Den Gedanken der Seelenwanderung bezeichnet W. Rutz als denjenigen, 
der sich am auffälligsten aus den Motiven der Lyrik und Prosa Ina Seidels 
hervorhebe. Er sei von Elementen umspielt, „die derselben Region des Halb- 
dunkels oder Hell wissens entsteigen: Namen, Träume, Geschehnisse von rea- 
listisch-symbolischer Vorbedeutung, unterbewußte Anziehungskräfte im Nacht- 
wandeln, animistische Vorstellungen vom Hereinleben Gestorbener und von der 
Vertauschung der Seelen beziehungsweise der Verdrängung des eigenen Ich 
durch fremde im Fieber, geheime Wesenszusammenhänge Lebender u. ä." 

Der Psychoanalytiker wird keinen Fehlweg machen, wenn er sich den 
Werken einer Dichterin, in denen dieses Unbewußte das entscheidende Wort 
hat, mit seinen Interessen und Anschauungen nähert. 

i) „Das Haus zum Monde" und „Sterne der Heimkehr" 

Für die, die den ersten Roman nicht kennen, sei dessen Gerippe gegeben: 
Elsabe ist die Tochter Robert ten Maans: sie wird die Frau ihres Oheims 
Daniel ten Maan und bekommt ein Mädchen: Erika. Nach Elsabes Tod heiratet 
Daniel die verwitwete Brigitte von Rungström, welche Detlev und Aage in 
die Ehe bringt und ihrem zweiten Gatten Wolfgang schenkt. 



1) Vorbemerkung: An Romanen schrieb Ina Seidel: i) Das Haus zum Monde. 
Berlin 1919. E. Flcischel. — 2) Sterne der Heimkehr. Eine Junigeschichte, Stutt- 
gart 1925, Deutsche Verlagsanstult. — 3) Das Labyrinth. Ein Lebensroman ans 
dem 18. Jahrhundert, Jena ig22, Eugen Diederichs. — Eine eindringliche Studie über 
die Lyrik und Prosa Ina Seidels gab Wilhelm Rutz (Pädng. Warte, 52. Jahrgang [1925], 
Heft 3 und 15, Verlag Zickfeldt, Osterwieck am Harz). Die vorliegende Arbeit ver- 
dankt ihm manche Anregung. 



Über die Romane Ina Seidels 491 



Elsabe steht noch als Erwachsene stark unter dem Einfluß des infantilen 
Ödipus-Komplexes. Die Gründe liegen in der dauernden Abwesenheit des see- 
fahrenden Vaters, der daher nicht zustande kommenden Einengung des Vater- 
ideals durch Vergleich mit dem tatsächlichen Bild und in der Engherzigkeit 
der Mutter, die das Kind mit asketischer Strenge erzogen hat. Der Weggang 
von der Mutter erfolgt — als verstärkendes Moment wirkt ein, daß gerade 
der Bruder des Vaters, d. h. dessen genaueste Ersetzung, der Werber ist — 
mit königlicher Selbstverständlichkeit. Doch bald bringt die Entdeckung, daß 
die Gleichung Vater Gatte nicht stimme, daß der Vater im Gegensatz zu dem 
stillen, fast körperlosen Gatten ein „wilder, herrlicher Mann" (167) gewesen 
sei, Schwierigkeiten in die Ehe. Das ablehnende Verhältnis zur Mutter erfährt 
keine Änderung, das anfängliche zu Daniel wird nach dem Muster des späteren 
gedeutet. Als Erika zur Welt kommt, stellt Elsabe gleich fest, daß das Kind 
seiner Großmutter ähnlich sei und kann sich deshalb nicht freuen (166); Erika 
bleibt ihr immer fremd (1). Elsabe verneint und tötet schließlich ihren 
Körper, weil er aus dem alternden Leib der ungeliebten Mutter entsprang, sie 
bejaht ihre Seele und drängt sie zur Wiedergeburt in Wolf, weil diese Seele 
die väterliche ist. Da Elsabe selbst ihrer Körperidentität mit der verhaßten 
Mutter wegen den Vater nicht wiedergebären kann, schafft sich ihr Wünschen 
in zahlreichen Tagträumen, deren Inhalt eine Wiedergeburt als Knabe ist, 
illusorische Befriedigung. „Ich bin ja nichts mehr als dieser eine Wille zum 
Vergehen und Entstellen" (167). In Brigittes Körper erkennt Elsabe das Gefäß, 
das der Seele des Vaters besser entspräche als ihr eigener Körper (= der ihrer 
Mutter). Elsabes Testament (165 ff.), in dem sie ihre Seele Brigitte vermacht, 
ist ein Erzeugnis dieser Tagträume, die durch den Ödipus-Komplex Richtung, 
durch Seelenwanderungslehren Fundamentierung und durch die Bekanntschaft 
mit Brigitte Anknüpfung an die Realität gefunden haben. „Ich will wieder- 
kommen . . . Meine Mutter sollst du werden. Brigitte. Du wirst Daniel heiraten, 
und in euerem ersten Kind will ich wiedergeboren werden. Es wird ein Knabe 
sein und ihr sollt ihn Wolfgang heißen" (167 f.). 

Brigitte, wirklich bald Daniels Frau, ist von ihrem Gatten enttäuscht und 
strebt im Unbewußten zur Trennung von ihm (Traum von der Geisteskrank- 
heit ihres Mannes, den sie sich abbittet!). Sie hegt ein Gattenbild, das dem 
Elsabes ähnelt, liest zur Zeit der ersten Empfängnis Elsabes Testament, läßt 
bereitwilligst die Wünsche der Toten auf sich wirken und gebiert Wolfgang, 
den von Elsabe prophezeiten Knaben. 

Wolfgang ist von der Dichterin als Realisierung von Elsabes (und Brigittes) 
Tagträumen und als Wiedergeburt des Vaters gesehen. Schon als kleines Kind 
überschreitet Wolf abenteuernd die Grenzen des Besitztums; er wird „Tatmensch, 
Herrenmensch, Augenmenscb, Entdecker, Eroberer" (Rutz, S. 864). 

Reizvoll ist die Schilderung der Entwicklung der verschiedenen Kinder, 
ihres Verhaltens zueinander und ihrer Lösung beziehungsweise Nicht-Losung 
von infantilen Einstellungen. Hiervon nur ein paar herausgegriffene Einzelzuge! 
Erika zeigt eine starke Abneigung gegen Brigitte, als diese in der Hoffnung 
ist (21). Wolf haßt Erika und deren Großmutter mütterlicherseits — eine 



492 Dr. Heinrich Klüglein 



Spiegelung des Verhältnisses Elsabes zu Mutter und Tochter. Eine der Formen, 
in denen ein Kind seiner Abneignung gegen einen jüngeren Mitbewerber Aus- 
druck gibt und sich selbst Achtung verschaffen will, ist die laut und wieder- 
holt propagierte Feststellung, daß das Brüderlein oder Schwesterlein keine 
Zähne habe, deshalb nicht sprechen könne usw. ' In unserem Roman wird 
Aage von Detlev verachtet, weil er nicht pfeifen kann und Detlev seinerseits 
von Erika bewundert (22). Wie nehmen die Knaben die sexuellen Erkenntnisse 
zu Beginn der Pubertät hin? (Ich folge hier W. Rutz.) Detlev, „das Normal- 
kind im guten Sinne" (Rutz), „turnte wie besessen" (128), Wolf, der Taten- 
mensch, nimmt sie einfach hin, Aage, das zärtlichste von Brigittes Kindern, 
.Träumer, musikalischer Stimmungsmensch, Phantasiemensch, Gestalter der 
Innenwelt, zukünftiger Dichter" (Rutz), „kämmte und wusch sich die Hände 
am Tage sehr sorgfältig" (140). „Er hatte genug Gift geatmet, um tödlich be- 
fangen und unfrei, in tiefster Seele verhetzt, und bange zu sein. Die Straße 
stieg manchmal in weichem Bogen vor ihm auf und nieder, er wußte nicht 
mehr, ob er sich gerade oder in Schlangenlinien fortbewegte, und die fürchter- 
liche Vorstellung, daß alle Leute, die ihm begegneten, ihn traurig und strafend 
ansähen, bewirkte, daß er an den Häuserwänden entlang schlich, wenn er 
allein ging. Waren die Brüder mit ihm, so trachtete er in ihrer Mitte zu 
gehen, redete und lachte unnatürlich laut und blickte den Menschen trium- 
phierend ins Gesicht" (153). Zu dieser Zeit setzen auch die Anfänge von 
Aages Dichtungen ein (153). 

Das Verhältnis zu den Eltern gestaltet sich jetzt völlig um. Wolf und Aage 
haben eine unerlaubte Abenteuerfahrt nach Berlin unternommen. Zur Strafe 
sollen die Knaben nicht hinaus aufs Landgut Lohme zur heißersehnten Mutter, 
sondern in die Stadt zum Vater. „Wenn Brigitte aber dachte, daß Aage und 
Wolf dauernd unter der Entfernung litten, so irrte sie" (203); nach einer 
Woche sind sie schon so gut mit Papa eingelebt, daß sie gar nichts vermissen, 
denn er stört sie nicht durch allzu intensive Beaufsichtigung. Man vergleiche 
den früheren Zustand: „Aage sah dem wegfahrenden Vater mit einem Blick 
nach, in dem viel stille Befriedigung lag, nun war man wieder ein paar 

Stunden mit Mutter und Wolfgang allein" (27). Die erste große Liebe zu 
einer anderen Frau, zu Mathilde Mackens, die viel älter ist als die Kinder 
und deshalb leicht an die Stelle der Mutter treten kann, schiebt diese noch 
mehr in den Hintergrund. „So geschah es zum ersten Male in seinem Leben, 
daß Aage sich nicht auf Lohme freute" (206). Brigitte ist denn auch vom 
Wiedersehen mit ihren Kindern, bei dem diese sich kühl verhalten, ziemlich 
enttäuscht. Mathilde Mackens findet für alles die Deutung: „Ich glaube, jede 
Mutter kann noch nach Jahren den Zeitpunkt sagen, wann bei ihrem Kinde 
der erste Zahn durchbrach; aber wann das Kind anfing, zum Bewußtsein der 
eigenen Persönlichkeit zu erwachen, das entgeht ihnen, dadurch sind die liebe- 
vollsten Mütter später grenzenlos überrascht und beleidigt" (229). 

1) vgl. Freud: „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" (Ges. Scbriften VIII) 
und „Traumdeutung" (Ges. Schriften IF, 254 und III, 45). 



Über die Romane Ina Seidels 493 



„Sterne der Heimkehr 1 * setzen die Schicksale Aages, Wolfgangs und 
Mathilde Mackens' fort. 

Wolf wirft seinen Namen, das Aushängeschild seiner Mutterbindungen, bei- 
seite, nennt sich Pieter Stienbock, versucht, indem er diesen abgestürzten 
Matrosen durch Nachahmung zu einer Art Auferstehung bringt, Eigenpersön- 
lichkeit zu werden und erweist durch diesen Wiedergeburtsversuch — seine 
tiefinnerliche Bindung an Elsabe und Brigitte. Wir hören dann von weiteren 
Bemühungen Wolfs und Aages Individualität zu werden, den Einfluß der 
Mutter abzuschütteln. Beide — Wolf noch unter der starr festgehaltenen Maske 
des Pieter Stienbock — verfallen einer Frau Loulu Binz, die in ihrer Körper- 
lichkeit an Brigitte ten Maan erinnert: „Dasselbe flache Profil mit der zu 
kurzen, breiten Nase, derselbe große Mund mit den vollen feuchten Lippen . . ." 
(202 f.). Streben nach Individualität und Mutterbindung stoßen zusammen. Aage, 
der zarte, wünscht Loulus Tod (515, 325). Pieter sieht bei der Nachricht von 
Loulus Ermordung seine Wunschphantasien erfüllt und stammelt schuldbewußt: 
Ich habe es nicht getan — nein, nicht ich! Und wenn meine Hand es war — 
dann — tat es Elsabe!" Und schließlich: „Ob. ich habe es wohl getan: eine Frau 
getötet, meine Geliebte erschlagen — ich . . . habe meine Mutter getötet" — 
ein Irrtum, soweit die physische Beteiligung an Loulus Tod gemeint ist. 

Nach ihrem Aufbruch „den steigenden Sternen entgegen sehen wir, wie 
Rutz sagt, diesen drei Gestalten — Mathilde zwischen den beiden Brüdern — 
noch lange nach, die Hand über den Augen, mit Fragen auf den Lippen. Die 
unseren werden, was Aage und Wolf betrifft, lauten: Wandern sie nicht — 
wieder der Mutter zu? Sind jene Sterne nicht Sterne der Heimkehr? Hat der 
sich qualvoll von der Mutter lösen wollende Wolf nicht deren Namen wieder? 
Wenden sich nicht ihre Blicke jener Frau zu, an der sie die Mutter zum 
ersten Male verloren und wieder fanden? Ein Irrgarten, dessen Gänge alle 
zur Mutter führen! 

2) Das Labyrinth 

Die Psychoanalyse hat die entscheidende Bedeutung der ersten Jugend 
für das Schicksal eines Menschen wahrgenommen. Die Übereinstimmung der 
intuitiven Erkenntnis Ina Seidels mit dieser wissenschaftlichen zeigt die Tatsache, 
daß „die Einheit des im Labyrinth abrollenden, wie von übermenschlichen 
Schicksalskräften dem frühen Ziele zugepeitschten Lebens George Forsters als 
in dessen erster Jugend liegend dargestellt wird, die Blüte und Frucht keimhaft 
in sich schließt und alle Phasen des späteren Daseins unerbittlich zu Wieder- 
holungen der grundlegenden, formgebenden Lebensstufe schmiedet" (W. Rutz). 

Der Vater naiv-egoistisch, brutaler Tyrann über Weib und Kind, die Mutter 
zart, kränkelnd, sich in die „stumme Ergebenheit des Dienenmüssens" (80) 
schickend, „Leben erleidend" — so steht das Elternpaar vor uns^ 

1) Zu dem Folgenden C. G. Jung, Die Bedeutung des Vaters. Leipzig und Wien 
j 909. Der zweite von Jung beschriebene Fall hat Ähnlichkeit mit dem Forsterschen. — 
Eine Auswahl von Briefen und Tagebucheintragungen Forsters, von Wilhelm Lange- 
wiesche besorgt und durch Text verbunden, erschien 1923 m den „Büchern der Rose". 



494 Di"- Heinricli Klüglein 






George verbringt seine ersten vier Lebensjahre bei der Mutter. Nur ab 
und zu befindet er sich im Studierzimmer des Vaters, wo „Er" dann mit 
großer Stimme über den kleinen Sohn hindröhnt, dessen eigenes Denken sich 
angstvoll im Innern verbirgt. Trotz verzweifelter Gegenwehr drängt sich ihm 
oft die Gleichung Vater ■" Menschenfresser, ich Däumling auf (S. 1 5 f.). George 
lernt lesen ohne fremde Anleitung, von ein paar spielerisch gegebenen Anhalts- 
punkten ausgehend. Gerade diese kindliche Forschertat führt zur Fixierung 
der eben angedeuteten Linien des Odipus-Komplexes. Das noch nicht fünfjährige 
Kind wird der Mutter entrissen und genötigt, der wissenschaftliche Handlanger 
des Vaters zu sein. In des Knaben Seele liegen dumpfe Bewunderung für den 
Vater, Stolz auf die eigene unerhörte Wichtigkeit, Freude über das Nicht- 
mehr-Kind-sein-müssen und Spielen-wollen, Nur-Kind-sein-wollen, tödlicher Haß 
gegen den Tyrannen und sehnsüchtige Liebe zur Mutter. Die Sage von Theseus 
und Minos-Minotauros (also wieder eine Mythologisierung des Ödipus- 
Verhältnisses) liefert das als Gedankenschuld empfundene Gleichnis für die 
Beziehungen zum Vater. „Und wenn er das lange Messer wetzte, so tat er's 
doch immer nur, um ein Huhn oder eine Gans zu zerlegen, aber nie um 
einem kleinen Jungen die Beine abzuschneiden (nebenbei gedacht: war der 
Däumling unverschämt zu dem Menschenfresser, wann hätte George es je ge- 
wagt, dem Vater so zu begegnen?!). Aber nochmals: der Vater glich weder 
einem König Minos noch einem Menschenfresser (nur diese beiden, sie glichen 
nun einmal dein Vater, vertrackt), der Vater fraß keine Menschen und duftete 
außerdem nach Lavendel ..." (16). 

Die Stellung Georges entspricht genau der der Mutter. Überdies liebt er sie 
und identifiziert sich so mit ihr. Auf diese Weise entstehen jene Züge in 
seiner Seele, die zur Folge haben, daß sein späteres Leben eine Kopie ist des 
mütterlichen und eigenen Verhältnisses zum Vater. Durch die Identifizierung mit 
der Mutter ergibt sich die weiblich-gefühlsmäßige Färbung von Georges Charakter, 
seine masochistischen Züge und das starke Überwiegen zentrifugaler Kräfte im 
Ich, Mit wollüstigem Mit-Leiden wühlt der Knabe im Schauer der Scylla und 
Charybdis, in der Blendung Polyphems, in der Tötung Antinous' und Agamemnons, 
m den Irrsalen der Odipus-Sage. Im Leben passiv, Liebe suchend und nur in 
Tagträumen die Reste seines Kind- und Knabentums zu einer wächsernen Blüte 
bringend: dies das Bild des siebenjährigen Forster. Auch seine erste Religiosität 
ist eine Spiegelung des Verhältnisses zum Vaters. Die Gestalten besonders des 
Alten Testaments sind für George Götter, denen man aufs gewissenhafteste 
huldigen muß, da sie, wenn der gewohnte Weihrauch einmal nicht zu ihnen 
emporsteigt, vielleicht mürrisch oder gar zornig würden. „Er versicherte nicht 
nur sich ihres Beistandes, sondern vor allem sie seiner Ergebenheit, — denn 
ich habe auch ja alle so lieb" (24), (eine Äußerung, die das Wollen anzeigt und 
dem Gefühl widerspricht) — also Religion der Angst, des Schuldbewußtseins, 
der Selbstvergewaltigung, Ichverleugnung. 

Die Rußlandreise des Jahres 1 765 prägt diese Eigentümlichkeiten noch schärfer 
aus. Qualen der Seekrankheit lassen George auf die verblaßte Religiosität der 
früheren Jahre zurückgreifen. Das Bild der fernen Mutter wird idealisiert, 



Über die Romane Ina Seidels 



495 



während das des Vaters die erste bewußte Kritik erfährt (27 u., 28 o.). Das 
Ich erduldet neben der Unterdrückung durch das enge Zusammenleben mit 
dem Vater eine weitere durch die Übermasse fremder, nicht aneigenbarer 
Eindrücke. „Kaum hatte George Nassenhuben abgestreift, kaum Danzig ver- 
wunden, kaum lag die See hinter ihm mit ihren heftigen Anforderungen an 
Körper und Gemüt, so kam St. Petersburg wie ein kurzer Fiebertraum und 
schon ging es weiter" (51). Die Wolgaebene tut ihr übriges in ihrer ent- 
in dividualisierenden Weite. Damals stellt sich bei George jene symbolische, im 
Roman immer wieder auftauchende Art des Einschlafens mit der Hand über den 
Augen ein (41). Überaus typisch ist eine Szene, die sich in ihrem Grundgefüge — 
radikale Umkehrung des wirklichen Verhältnisses infolge von Georges Leiden- 
wollen — wiederholt (198, 572): Der alte Forster hat verheimlicht, daß die 
Reise der besseren Zukunftsaussichten wegen nach England gehe und nicht 
nach Hause zur Mutter, zu der es George mit allen seinen Sinnen drängt. 
Als das Kind — erst auf seine Anfrage hin — dies vom Vater erfährt, ant- 
wortet es ihm: „Merci bien, tres eher papa!" (62) 

London bringt neue Demütigungen. Die Mutter, welche später nachkommt, 
„meint in diesem ihrem ersten Kinde ihr eigenes Herz zu erkennen, wie es 
sich in den vierzehn Jahren ihrer Ehe aus kindlichem Lebensvertrauen in die 
stumme Ergebenheit des Dienenmüssens geschickt hat" (80). 

Die Lebensjahre siebzehn bis neunzehn umschließen die letzte große Kata- 
strophe in Georges Entwicklung. Statt der Normalisierung der Beziehungen zu 
den Eltern werden durch die Teilnahme an Cooks zweiter Reise (1772 — 1775) 
die Bindung an die Mutter und die Abneigung gegen den Vater noch einmal 
gefestigt. 

Eine eindrucksvolle Szene zeigt Georges Zwiespältigkeit: „George lehnte mit 
dem Rücken am Hauptmast, keines Gedankens fähig als des einen : ,Lieber Gott, 
errette ihn!' Zugleich aber von einem bohrenden Zwang zur Selbstprüfung 
gepeinigt, — wie, ja, wie wäre ihm eigentlich, wenn er nicht wiederkämen, 
der Vater!" (100) (Todeswünsche im Unbewußten!). Georges ethisches Urteil 
zensuriert die latenten Traumgedanken, in denen das Unbewußte versucht, 
den Vater herabzusetzen, um sich von ihm zu befreien: „George dachte nicht 
gern an diese Sturmnacht zurück, ein verschwommenes Erinnerungsbild, — 
verschwommen, weil er von Anfang an angstvoll bedacht gewesen war, es 
nicht festzuhalten, — wollte ihm dann immer den Vater zeigen, wie er den 
schwächlichen Mr. Hodges beiseite stieß, um selbst in die Nähe des Rettungs- 
bootes zu gelangen" (125). Bei dem Fehlen weiblicher Sexualobjekte findet 
George in Cook und in dem Leichtmatrosen Larry Ziele seiner Liebe und 
zugleich Vaterersetzungen, denen gegenüber er sich wie die Mutter zum Vater 
verhält. Cook nennt George bezeichnenderweise „Lady George" und behandelt 
ihn entsprechend, was George nicht als peinlich empfindet. — Das Schiff Cooks 
hat entschieden weibliche Züge' (95 o. und u.). — Dafür, daß es der Besatzung 



1) Ebenso: „Vor der Ausfahrt . . ." Gedichte, S. 57. Das Schiff ist nach Freud 
weibliches Traumsymbol. 



4.96 Dr. Heinrich Klüglein 



.Enthaltsamkeit auferlegte und sie an sich band wie mit Ketten, dafür rächten 
sie sich in ihrer Art, daß bald kein Fleck auf ihm war, den der giftige Brodem 
unterdrückter Triebe nicht verpestete" (93). Auf Tahiti verdrängt George im 
Gegensatz zum Vater und den meisten anderen die sexuellen Regungen, nach 
der Wiederabfahrt entschließt er sich verzweifelt, ihnen bei nächster Gelegen- 
heit nachzugeben (136) und — bleibt dann unter dem Einflüsse Cooks wieder 
Asket (139). Ein neurotischer Zug an George ist es, 1 daß er ein ungeheures 
Aufgebot von Erinnerungen beherrscht, die er häufig beschwört und an denen 
er affektvoll hängt (132, 186, 215). 

1775 kehrt George im Alter von zwanzigeinhalb Jahren nach Europa zurück. 

Es bleibt uns die Aufgabe, zu zeigen, daß sein späteres Leben eine Variation 
des schicksalsbildenden ersten ist. 

Im Zwischenspiel interessieren besonders Georges Religiosität und — diese 
ablösend — die Anfänge seines Verhältnisses zu Therese Heyne. 

Rosenkreuzertum, Alchimie, Gebetsraserei, Schuldbewußtsein, sittlicher Fana- 
tismus gegenüber dem eigenen Ich — hinter dieser seiner Religiosität stehen 
deutlich erkennbar Forsters seelische Struktur und unbefriedigte Erotik. „Es 
war nicht Frömmelei, die mich zum Retbruder machte. Es war — etwas 
anderes ..." — „Du meinst?" fragte Sömmering ... - „Ach genug! Ich habe 
viel entbehrt, Bruder. Ritterer als andere. Ich weiß es jetzt . . . ,Therese!' 
dachte er in einem plötzlichen Aufruhr des Herzens, — , Therese! " (197.) 

Vom Vater bleibt George, trotz seines Hasses gegen ihn, der Ulm durch 
das Zusammentreffen mit der Somnambule zu klarem Bewußtsein gebracht 
wird, völlig abhängig. „George war pünktlich auf die Minute, er war reinlich, 
sparsam, akkurat bis zum Peniblen gewesen, solange er unter dem Vater arbeitete 
(174). Nun fühlt er sich als „herrenlosen Hund" (176). Seine Arbeit hat etwas 
Spielerisches, Tagtraumartiges an sich. „Diesem Kinde hatte Arbeit das Spiel 
ersetzen müssen; was Wunder, wenn seiner Art zu arbeiten lebenslänglich 
etwas von der Methode des Spielens anhaftete, daß sie einer gewissen Verklärung 
durch die Phantasie bedurfte, um fruchtbar zu sein, . . . daß sie sich selbst 
zuweilen mit ihrem Schatten, mit einer Absicht, mit einem Plan, einem Projekt 
verwechselte" (75). George ist (191 u. f.) glücklich, als er Prizier wie der 
Schüler dem Meister gegenüber stehen darf: „Handreichung tun und gehorchen, 
sich von der Stimmung dieses Raums ... in das selig verantwortungslose Gefühl 
des Zauberlehrlings hineinsteigern zu lassen ..." Die Arbeitszimmer Georges — 
hier möge eine spätere Stelle (262 u. f.) Platz finden — ahmen unbewußt bis 
in alle Einzelheiten die Dalrymples nach. Wo bleibt die eigene Individualität? 

Nach der Rückkehr von der Weltreise waren die Frauen, denen Forster 
näher trat, ihm „angenehme Erfahrungen gewesen, frei von dem Glück sklavischer 
Abhängigkeit, das er unter dem Joch des Vaters empfunden, aber ganz und 
gar ohne die tiefe Magie seelischer Berührung, wie sie seine Begegnungen mit 
Männern hatten ..." (179). Intellektuelle Verurteilungen des Trieblebens (Cooks 



1) Vgl. Freud: Über Psychoanalyse. (Ges. Schriften IV, 358.) 



Über die Romane Ina Seidels 497 

Einfluß!), die George zu dessen Unterdrückung zu Hilfe rufen mußte, tauchen 
triebhaft auf und schaffen Hemmnisse (179 u.). 

So ist es zu verstehen, daß sich George von Karoline Michaelis, der sanften, 
treuen, hingebenden ab- und Therese Heyne zuwendet. Weil Therese sich im 
Gegensatz zu Karoline ihm nicht erschließen will, weil sie ein Schmerz ist, 
auf den George mit einer seltsamen Neugierde wartet! (180) Weil Therese 
nicht schön ist, weil George ihre mangelnde Treue und das Unglück seiner 
Ehe ahnt, weil er weiß, daß sie seine Unterwerfung wird tragen können, 
wie ein Mann, wie der Vater! 

Forster glaubt nun endlich — zweiter Teil des Romanes, Ariadne über- 
schrieben — den Schwerpunkt seines Lebens gefunden zu haben. Er liegt außer- 
halb seiner selbst, es ist „zur stummen Raserei gesteigerte Hingabe an ein anderes 
Leben", an Therese. Immer deutlicher treten an ihrem Bild die Züge hervor, 
die sie als Vaterersetzung kennzeichnen. Während George alles Leid in der 
Tiefe seiner Seele vergräbt, erfährt von Thereses kleineren Leiden das ganze 
Haus; wählend George in Schmerzen wühlt, schläft sie ruhig und gesund (228). 
Georges Hingabewille Therese gegenüber und seine lustvoll erlebte Selbstunter- 
drückung bringen ihn dazu, die Haßgefühle gegen Meyer, den Therese liebt, 
zu unterdrücken und ins Gegenteil zu verkehren: „Ich will ihn lieben, denn 
ich gehöre Therese 1 * (21G). George will leiden, um ihrer würdig zu sein (255). 
Er taglöhnert für sie, die hemmungslos Geld ausgibt, versichert sich dabei, daß 
er nicht Reinhold Forster sei, der sein Weib arbeiten ließe, wie eine Magd 
und merkt nicht, daß Therese jetzt die Stelle des Vaters und er, George, die 
der Mutter einnimmt (219). Er kann nicht mehr an den Vater denken, ohne 
daß Therese dies stattliche Gestirn umkreist (231). Bisweilen flackert noch, 
wenn sie neben ihm schläft, sein Wille zur Selbständigkeit auf, sich wie gegen 
den Vater einst als Haß manifestierend, der als Schuld erlebt wird. Er stellt 
die Häßlichkeit der Schlummernden fest und trägt sich mit sadistisch anmutenden 
Mordwünschen: „Wenn ich nun aufstünde, leise, heimlich, — das kleine Feder- 
messer vorn Tisch holte, das kleine, blanke, liebe, und mit seiner Spitze 
einen sauberen, behutsamen Schnitt durch jenen tanzenden Adamsapfel dort 
zöge ..." (255). 

Das Verhältnis zum Vater bewegt sich weiter in den infantilen Bahnen. 
Vor dem Besuch in Halle glaubt George Therese fortwährend mit der Ver- 
sicherung ermutigen zu müssen, der Alte sei kein Menschenfresser, bis diese 
verwundert zu ihm aufsieht und sagt: „Aber, George, ich fürchte mich doch 
gar nicht." Bei den Tischgesprächen ist George sonderbar bemüht, der Mittel- 
punkt des Kreises zu werden, d. h. den Vater beiseite zu drücken. 

Von Therese geschoben, sich auch um ihretwillen wieder einmal allzuwillig 
Projekten hingebend, verläßt Forster 1787 Wilna. Das Verhältnis Thereses 
zu Meyer und damit Georges Verhängnis nimmt seinen Lauf, von ihm selbst 
in seinem Leidenwollen absichtlich übersehen und sogar noch gefördert. Georges 
Empfindungen sind, als er eines Abends Therese und Meyer überrascht, 
triumphierender Schmerz und peinigende Beschämung für sie. Die Trennung 
dauert nur kurze Zeit. George ist bereit, die Schuld auf sich zu nehmen. 

< 1111;:" XII. 32 



498 Dr. Heinrich Klüglein 



Beim Wiederzusammentreffen empfängt Therese ihn mit den Worten: „Ich 
habe dir verziehen, George." Er kann der Versuchung kaum widerstehen, 
auf seine Knie zu fallen (257 — 261). Wir erinnern uns an das „Merci, mon 
eher pere". — Meyer wird dann durch Huber abgelöst. 

Bei George selbst bildet sich jetzt allmählich jenes aus Schuldgefühl und 
letztem Willen zur Individualität resultierende Eintreten für Erniedrigte und 
Bedrückte aus, das ihn dazu geführt hatte, Huber unter seinen Schutz zu nehmen 
(272, 273). „Dieser da kam, um Halt zu finden . . ., so war er endlich die 
vom Schicksal erflehte Seele, die seiner bedurfte, seiner ganz und gar." Viel- 
leicht dürfen wir auch wieder an Georges Mutter denken. Wie sie einst auf 
Seiten des Kindes gegen den unterdrückenden Vater gestanden hatte, so setzt 
sich jetzt George für das Volk ein gegen Fürsten und Herrn. Äußerlich gedrängt 
durch die Gattin, die den Lästigen los sein will, innerlich längst mit der Re- 
volution einig, schwenkt Forster auf die Seite Frankreichs über. 

In Paris schließt sich der Ring. Georges Kampf um Individualität hat mit 
Niederlagen geendet. Sein Bild ist das der Mutter geworden — die Ausmaße 
freilich sind verschieden: „Der Fremde wußte jedermanns Leid und sagte es 
mit seiner eintönigen Stimme und jedermann hörte sich selbst reden in der 
Sprache seines verborgenen Herzens, die nie ein anderer verstanden hatte" (383). 
Die letzte Krankheit läßt den Wahnsinnsreigen der Erinnerung um sein Haupt 
toben und Tagträume es umflammen. Die Mutter erscheint ihm, nach Therese 
und dem Vater schlägt er zuweilen mit den Händen. In wachen Augenblicken 
indessen findet er, daß die arme Gattin unter seinem skorbutischen Speichel- 
fluß mehr gelitten habe als er selbst. Zuletzt verheißt ihm eine Vision die 
Indienreise, die ihm das Schicksal versagt hatte. „Nach Indien, George, — 
nach Indien ..." 

* 

Die künstlerische Gestaltung des Psychologisch-Schicksalsmäßigen im Leben 
macht eine der Eigentümlichkeiten der Romane Ina Seidels aus. In den beiden 
ersten sind die Menschen anonym, ihr Wirkungskreis beschränkt, ihre Existenz 
nur möglich, im Labyrinth hingegen erleben wir durch die Anknüpfung an 
Historisch-Gegebenes ein Stück Geschichte, gedeutet durch die psychische Struktur 
des hauptbeteiligten Individuums, die sich notwendig aus den Eigentümlichkeiten 
der Entwicklungsjahre und dem Verhältnis der Eltern ergab. Die Psychologie 
ist besonders im Labyrinth kompliziert, da mit Vorliebe ambivalente Gefühls- 
einstellungen behandelt werden. Dem entspricht die Technik durch die Häufigkeit 
von Anspielungen, symbolischen Vorgängen und durch Darstellung einer seelischen 
Regung in der diametral entgegengesetzten Ausdrucksform. So hat vor allem 
das Labyrinth oft etwas Zensuriertes, Traumartiges, Ironisches, Doppelgesichtiges. 
Durch eine Spaltung des Ich ist Forster zugleich Akteur und Beschauer seines 
Schicksals. 1 „Es war eine Pantomime von fürchterlicher Lautlosigkeit. Der- 
gleichen erleben wir in Träumen. Vorgänge alltäglichster Art spielen sich um 



1) Vgl. „Beuchtungswahn" bei Freud: Das Unheimliche. (Ges. Schriften X, 387.) 



Über die Romane Ina Seidels aqq 

uns ab, es lachen Menschen, es trauern Menschen ... — vielleicht pflücken 
Kinder Blumen und gehen im Ringelreihen, vielleicht steht irgendwo in einer 
rätselhaft engen Straße ein Haus in Flammen und aus den Fenstern beugen 
sich in Todesangst Gestalten, die wir lieben und wir stehen gelähmt in der 
Ferne ... Es hat alles eine Beziehung auf uns, eine geheime, wahnwitzige 
Bedeutsamkeit, auch die geringste Gebärde, das Fallen einer Apfelblüte vom 
Baum und das Zerbrechen eines Spielzeugs (319)." 



32' 



Sind seelische Beeinflussungen wissenschaft- 
lich erfaßbar und praktisch verwertbar? 

Von Dr. H. L.Wagner 

Wenngleich diese Skizze nicht Methode und Ergebnis der Psychoanalyse 
auf ein anderes Gebiet anwendet, geschweige denn ein Stück eigentlicher 
psychoanalytisch Arbeit darstellt, unterbreiten wir sie gerne unseren Lesern, 
erwartet doch der Veif asser gerade von der Psychoanalyse bestimmte Ant- 
worten, Forschung in der von ihm — vor allem in ihrer praktischen Trag- 
weite gekennzeichneten — Richtung. Also weniger eine psychoanalytische 
Mitteilung nach außen stellt dieser Aufsatz dar, als einen von außen ge- 
stellten Anspruch an die Psychoanalyse. Daß der Verfasser durch lange 
Jahre in höherem diplomatischen Dienst tätig war, mag hier er- 
wähnt werden, weil es doch nicht nebensächlich erscheint, aus welchem Felde 
menschlicher Beziehungen und Beeinflussungen des Verfassers Interessen und 
Erfahrungen herkommen. Die Redaktion. 

So unersättlich der Wissensdrang des Menschen, so ausgedehnte Wissens- 
gebiete ersieh erobert hat, ein weites Feld ist von streng wissenschaftlicher 
Behandlung bisher fast unberührt geblieben, nämlich die Gesamtheit aller 
psychischen Relationen unter Menschen. 

Daß normale Menschen unter gewissen Voraussetzungen auf bestimmte psychi- 
sche Einwirkungen ziemlich sicher und regelmäßig in bestimmter Richtung 
reagieren, daß also für solche psychische Abläufe Gesetze bestehen und daß 
die Kenntnis dieser Gesetze auch gewisse Wirkungsmöglichkeiten eröffnet, das 
weiß jeder Denkende und Lebenserfahrene. Lehrer, Eltern und Führer aller 
Kategorien trachten bewährte Regeln solcher Art ihren Zwecken dienstbar zu 
machen. Ja, es besteht sogar, in zahlreichen Sprichwörtern roh formuliert, in 
sonstiger mündlicher Tradition und teilweise in literarischer Fassung über- 
liefert, eine Art Kodex möglicher Nutzanwendungen solcher allgemein bekannter 
Erfahrungssätze. Die literarische Fassung findet sich einerseits in den Werken 
der Dichtkunst von den griechischen Dramatikern bis zu den modernen, psycho- 
logisch immer tiefer schürfenden Belletristen. Diese gewiß hervorragenden 
Leistungen sind aber immer rein künstlerische, also lediglich intuitiv erarbeitet, 
und eben darum, so groß ihr Wert auch sein mag, nicht exakt im wissen- 



Sind seelische Beeinflussungen wissenschaftlich erfaßbar usw. 501 



schaftlichen Sinne. Anderseits finden sich in zahlreichen philosophischen und 
einigen juridischen Werken (z. B. Rud. von Iherings) vielfach Feststellungen, die 
psychologische Abläufe betreffen. Aber auch diese sind durch Intuition gewonnen 
und spekulativ behandelt, nicht aber exakt wissenschaftlich im biologischen oder 
gar medizinischen Sinne. Überdies — wenn man von evidenten Suggestiv- 
wirkungen absieht — sind jene psychischen Effekte, die nicht momentan, sondern 
erst im Laufe der Zeit sich zeigen, noch wenig beobachtet worden und schon 
gar nicht jene, die auf bisher wenig beachtete, ja vielleicht noch ganz unbe- 
kannte Ursachen zurückzuführen sind. Daß in dieser Richtung mancherlei Über- 
raschendes gefunden und in ausgiebiger Weise verwertet werden kann, das hat 
auf ihrem Spezialgebiete, besonders an den Wirkungen traumatischer Jugend- 
erlebnisse, die Psychoanalyse gezeigt. Sollte sich ihre Arbeitsmethode nicht 
auf andere, erheblich umfangreichere Gebiete ausdehnen lassen? 

Einigermaßen zielbewußt und systematisch wurden unsere Kenntnisse psycho- 
logischer Abläufe auch zur Erreichung sehr weitgehender Wirkungen aus- 
genützt von einigen großen Organisationen, besonders dem Militär, der Kirche, 
namentlich der katholischen u. a., schon weniger erfolgreich bisher immer noch 
vom Unterrichtswesen, mit recht bescheidenem Resultat von der Strafjustiz. Auf 
vielen anderen Gebieten, wo günstige Erfolge bewußter Anwendung erprobter 
psychischer Gesetze sehr wohl denkbar wären, wie im Familien- und Eheleben, 
bei der häuslichen und bei beruflicher Erziehung, der Hebung der Volksmoral, 
in der Politik, im Erwerbsleben, in den Künsten, ist man noch kaum über tastende 
Versuche der Anwendung unserer bisherigen psychologischen Kenntnisse hinaus- 
gekommen. 

Daß Besseres als das Bisherige denkbar wäre, dürften schon die Beob- 
achtungen und Nutzanwendungen beweisen, die auf ihrem eng begrenzten 
Gebiete die Reklamepsychologie gemacht hat. Ihre systematischen, zum Teil 
sogar experimentellen Untersuchungen haben rasch zu deutlich erkennbaren, 
meist sogar ziffernmäßig nachweisbaren und eminent praktischen Erfolgen ge- 
führt. Psychische Abläufe mit wissenschaftlichen Mitteln zu erforschen, hat ja 
die experimentelle Psychologie auch auf anderen Gebieten unternommen, aber 
auch hier sind die Möglichkeiten der Ausnützung doch nur in beschränktem 
Maße studiert worden und die Versuche praktischer Anwendung der gewonnenen 
Kenntnisse haben sich innerhalb engster Grenzen gehalten. 

Soweit bekannt, ist die Forderung einer wissenschaftlichen Erforschung des 
ganzen hier angedeuteten Bereiches noch kaum je ausgesprochen worden, 
jedenfalls nicht vor der breiteren Öffentlichkeit. Der Grund hiefür könnte sein, 
daß psychische Vorgänge schwer kontrollierbar sind und wohl nie vollkommen 
eindeutig, ungemischt, sozusagen chemisch rein vorkommen und die hier ge- 
stellte Forderung, was immer ihr Wert sein mag, ist vielleicht zu subtil, zu 
vag, zu schwer erfüllbar, als daß sie in der breiteren Öffentlichkeit leicht 
Verständnis finden könnte. Wenn aber jemand für das, was sie Beachtens- 
wertes enthalten möchte, Sinn, über die Grenzen ihrer Ausführbarkeit ein 
kompetentes Urteil, für die zu ihrer Erfüllung etwa einzuschlagenden Wege 
Ideen haben könnte, so ist es der Psychoanalytiker. Er beherrscht das in 



502 Dr. H. L. Wagner 



Betracht kommende Wissensgebiet. Er weiß, daß auch ein Forschungsbezirk, 
der nie vorher mit wissenschaftlichem Rüstzeug betreten wurde, urbar und 
fruchtbar gemacht werden kann. Nur in seinem Kreise dürfte sich der Mann 
finden, der unter der Spreu dieser bescheiden gemeinten und gewiß vielfach 
recht laienhaft anmutenden Ideen einige Weizenkörner entdecken könnte, die 
den Versuch lohnen sollten, sie als eine Saat auszustreuen, aus der einmal 
eine reiche Ernte erwachsen könnte. Mag die hier gestellte Forderung ufer- 
los, ungreifbar, mit wissenschaftlichen Mitteln nicht zu meistern gescholten 
werden — das Feld, das der Psychoanalytiker mit Erfolg bestellt hat, war, ehe 
er es betrat, in seiner bloßen Existenz noch unbekannt, also gewiß noch viel 
unwegsamer als das hier angedeutete. Ein Übergang von jenem Felde auf dieses 
sollte also ein Übergang a maiori ad minorem difficuUatem sein. Wenn nun 
der Psychoanalytiker überdies sogar noch verstanden hat, die Ergebnisse seines 
Forschens für äußerst wertvolle Heilwirkungen zu benutzen, sollte es dann nicht 
möglich sein, normale psychische Beeinflussungen gründlicher zu erforschen, Art 
und Intensität, Bedingungen und Behinderungen ihres Ablaufes zu beobachten, die 
hier herrschenden Gesetze genauer und spezialisierter als bisher festzustellen 
und das Resultat solcher Forschungen zur Feststellung praktisch brauchbarer 
Methoden zu benützen, mit denen psychische Abläufe in Zukunft viel sicherer, 
intensiver, nachhaltiger als bisher, viel häufiger, in viel zahlreicheren Rich- 
tungen hervorgerufen werden könnten? 

So vielfach gemischt psychische Einwirkungen auch in jedem Einzelfalle 
sein mögen, die Kategorien, in die man die wichtigsten und wirksamsten der- 
selben einteilen könnte, sind bekannt und nicht einmal sehr zahlreich. Sie 
dürften sich im wesentlichen etwa auf folgende Grundelemente zurückführen 
lassen : 

I) Psychischer Zwang durch: 

a) Befehlsrecht, 

b) persönliche Überlegenheit infolge: i) Alter, 2) Bildung, 3) Charakterstärke, 
4) Geist, Verstand, f) Autorität aus anderen Gründen; 

c) reine Suggestivkraft. 

II) Erweckung von: 

a) Lustgefühlen: r) Hoffnung, 2) Selbstvertrauen, 3) Betätigungslust, 4) künst- 
lerische Befriedigung (durch Musik, rhetorische Mittel u. a.), $) Liebe, An- 
hänglichkeit; 

b) Unlustgef üblen : 1) Furcht, 2) Haß, Abscheu, 3) Neid; 

c) Begierden aller Art (sehr mannigfaltig wegen Verschiedenheit der Individuen 
und Klassen); 

d) Bestrebungen: 1) Ehrgeiz, 2) Erwerbstrieb, 3) Widerspruch, Rechthaberei; 

e) altruistischen Gefühlen: 1) Sympathie, 2) Teilnahme, 3) Mitleid. 

III) Benützung vorhandener Dispositionen: 
a Nachahmungstrieb ; 
b) Bedürfnis nach Anerkennung (Eitelkeit). 

Diesen Wirkungsformen gegenüber wären natürlich nicht zu vergessen gewisse 
Rückwirkungen vom Beeinflußten und deren Konsequenzen, wie Anhänglich- 



Sind seelische Beeinflussungen wissenschaftlich erfaßbar usw. 503 



keit Hörigkeit, Anregung durch verständnisvolles Aufnehmen und daher pro- 
duktives Mitwirken oder aber Widerstand, Widerspruch, Trotz, Auflehnung. 

Das Zusammenspiel aller dieser Kräfte ist natürlich äußerst mannigfaltig und 
auch unendlich differenziert nach Anlage und Ausbildung der wirkenden und 
der beeinflußten Individuen. Außerdem wirken deren Dispositionen mit ver- 
schiedener Intensität je nach den Dispositionen des Widerparts (Personen z. B., 
die nach außen stark zu wirken vermögen, sind oft auffallend machtlos in der 
eigenen Familie). Zu unterscheiden wäre dabei zwischen beabsichtigten und 
unbeabsichtigten Wirkungen, bewußten und unbewußten, momentan sich ein- 
stellenden und erst später auftretenden, vorübergehenden und nachhaltigen, 
ferner zwischen solchen, die aus natürlichen Anlagen sozusagen von selber 
Hießen, und solchen, die erst auf Grund von Überlegungen und Entschlüssen 
erfolgen. Auch die Arten der Anlagen wären zu ergründen, und hier scheint 
sich ein noch sehr wenig behandeltes Feld zu eröffnen, nämlich die Fähigkeit, 
die man Takt nennt. Daß deren Bedeutung und Wirkungsmöglichkeiten enorme 
sind, braucht kaum bewiesen zu werden. Für den Verkehr von Menschen unter- 
einander bedeutet er Ähnliches, wie das Ol für eine Maschine. Was aber ist 
Takt? Wo wäre diese Frage überhaupt oder gar wissenschaftlich untersucht 
worden? Worin besteht er, wozu ist er nützlich, wozu unerläßlich, was hat 
sein Fehlen zur Folge, ist er angeboren oder kann er anerzogen oder wenigstens 
entwickelt und ausgebildet werden, in welchem Grade, mit welchen Mitteln, 
und, falls dies nicht möglich wäre, wie könnte er ersetzt oder wie könnten 
doch Schäden, die sein Fehlen verursacht, vermieden oder abgeschwächt werden? 
Hat man schon genügend beachtet das Bedürfnis, sich zu begeistern, das sich 
in Heldenverehrung und der Begeisterung für Stars, in patriotischen Manifesta- 
tionen und der Berauschung an fremdem und eigenem Edelmut, am Zauber 
stilistischer Glanzleistungen und jeder Art ganz großer Kunst befriedigt? Wer 
jung genug ist, um den süßen Schauer nocli erleben zu können, der einem 
dabei über den Rücken läuft, und doch erfahren genug, um zu wissen, wieviel 
hiebei bedeutsame Umstände mitspielen, der sollte verstehen, welche Macht- 
mittel hier zu finden sind. Sie zu benützen ist keineswegs eine Entweihung, 
sofern der Zweck, dem damit gedient wird, ein edler ist. 

Sind solche Grundelemente einmal erforscht, so entsteht die Frage nach den 
Verwertungsmöglichkeiten und nach den Mitteln, Wegen und Formen, die 
hiezu dienlich sein könnten. 

Der Frage des eventuellen Wie? geht natürlich aus logischen und praktischen 
Gründen voraus die Frage, ob Derartiges überhaupt möglich wäre und weiter, 
wo und wozu solches dienlich sein könnte. 

Spekulationen, wie die hier vorgebrachten, erwecken gewiß leicht den Ein- 
wand: „Theoretisch sehr schön, aber praktisch nicht durchführbar!" Dem- 
gegenüber sei zunächst an die Lehre der Rhetorik erinnert, dann aber vor 
allem an folgende Tatsachen. Das sogenannte Taylor-System, das bekanntlich 
nach seinen erstaunlichen Erfolgen in Amerika, teilweise modifiziert, unter dem 
Namen Betriebswissenschaft auch in Europa immer zahlreichere Anhanger findet, 
ist im wesentlichen ganz analog vorgegangen, wie hier verlangt wird. Es hat 



504 Dr. H. L. Wagner 



die einfachsten und scheinbar selbstverständlichsten Hantierungen manueller 
Fabriksarbeit ebenso wie deren ganze Organisation einem minutiösen, exakten 
Studium ihrer kleinsten und letzten Elemente unterworfen und das Ergebnis 
dieser Studien zu praktischen Verbesserungen benützt und hat damit, sozusagen 
beim ersten Anlauf, überraschend ausgiebige Steigerungen des Arbeitsergeb- 
nisses erzielt. Gleichzeitig hat es, und das ist sein Hauptverdienst, durch seine 
Methoden den Anstoß zur Entwicklung einer ganz neuen Disziplin gegeben, deren 
ungeheurer praktischer Wert leider noch viel zu wenig bekannt ist und immer 
noch zu wenig gewürdigt wird, zur Eignungspsychologie und der daraus sich 
ergebenden Berufsberatung. Die höchst befriedigenden Resultate, die diese noch 
ganz junge Disziplin gezeitigt hat, sind in der Fachliteratur leicht nachzulesen. 
Hier sei davon nur erwähnt, daß im Weltkrieg in den Vereinigten Staaten sämt- 
liche Rekruten erst nach eignungspsychologischen Prüfungen den verschiedenen 
Truppenkörpern zugewiesen wurden und daß ferner die deutschen Reichs- 
bahnen bei Ergänzung ihres technischen Personals und zahlreiche städtische 
elektrische Bahnen bei Einstellung neuer Motorführer ebenso vorgehen und 
seither einen erheblichen Rückgang der Unglücksfälle und der damit verbun- 
denen Materialverluste feststellen konnten. Zeigen diese Ergebnisse, daß der 
hier eingeschlagene Weg gangbar und fruchtbringend ist, so fragt sich, ob auch 
auf anderen Gebieten analoges Vorgehen möglich und erfolgverheißend wäre. 
Betrachten wir die wichtigsten unter ihnen, so sei wieder unterschieden zwischen 
solchen, wo Ansätze eines methodischen Vorgehens schon vorliegen und solchen, 
wo dies nicht der Fall ist. 

Was auf ersteren damit erreicht wurde, ist sehr beachtenswert, zum Teil 
fast vollkommen zu nennen (Macht und Disziplin der Jesuiten, Typus des 
preußischen Offiziers) und beweist abermals die Möglichkeit und Nützlichkeit 
methodischen Vorgehens. 

Bedenkt man die Größe der psychischen Leistung, die ein Wallenstein, ein 
Napoleon mit der Schaffung des Geistes, der ihre Heere beseelte, vollbracht 
haben, anerkennt man die intuitive Genialität bahnbrechender Pädagogen, wie 
Komenius, Pestalozzi, Fröbel, Montessori, bestaunt man das ungeheure psychi- 
chische Wirkungsfeld der großen Religionen und Kirchen, so könnte sich wohl 
der Gedanke aufdrängen, daß tiefgehende psychische Wirkungen, außer durch 
die Macht von Ideen, hauptsächlich durch die Macht genialer Persönlichkeiten 
bedingt seien. Dies leidet ebensowenig einen Zweifel wie die Tatsache, daß bei 
jeder Betätigung — sei es die eines Staatsmannes oder einer Köchin, eines 
Dichters oder auch nur eines Tieres — entsprechende Begabung Grundbedingung 
des Erfolges ist. Es schließt aber nicht aus, daß einerseits Gleichwertiges auch 
ohne die Genialität einzelner geschaffen werden kann - denken wir z. B. an 
die psychische Leistungsfähigkeit moderner Heere! — und daß andrerseits 
richtige Schulung den Nutzeffekt auch minderer Begabungen erheblich zu 
steigern vermag. Kein Redner, kein Künstler, kein Erzieher, der kein Talent 
dazu hätte. Wenn dieses aber allein genügen würde, wozu gäbe es dann eine 
Lehre der Rhetorik, wozu Kunstakademien, wozu eine pädagogische Wissen- 
schaft und Lehrerseminare? Wären rhetorische Begabung und Macht der 



Sind seelische Beeinflussungen wissenschaftlich erfaßbar usw. 505 



Persönlichkeit allein entscheidend für den Erfolg des Redners, warum hätte 
Demosthenes so strenger Selbstzucht bedurft, um sich auszubilden? Wohl sind 
die ganz großen Erfolge in der Geschichte meist von Menschen errungen 
worden, die geborene Psychologen waren. Könnte aber, wer nicht als Psycho- 
loge geboren wurde, nicht ein psychologisch Gebildeter werden? Könnte es 
neben genialen Künstlern der Psychologie nicht auch gelernte Handwerker oder 
— ein Mittelding — gelernte Kunsthandwerker der Psychologie geben? 

Ist die Rhetorik schon im Altertum bis zur "Vollendung entwickelt worden, 
so ist dafür das andere Gebäude wissenschaftlicher Lehren, das mit psychischen 
Mitteln Effekte erstrebt, die Pädagogik, auch heute noch sehr verbesserungs- 
fähig. Ein Beweis dafür ist einerseits die Tatsache, daß die Pädagogik eines der 
ganz wenigen Gebiete ist, auf denen auch schon von anderer Seite Ähnliches, 
wie die hier vorgebrachten Anregungen, gefordert wurde und andrerseits das 
große Aufsehen, das die sogenannte Montessori-Methode erregt hat, und deren 
Erfolge. Daß diese Methode besonders die sittliche Entwicklung der Zöglinge 
erstaunlich fördert, eröffnet die weitesten und erfreulichsten Perspektiven für 
Möglichkeiten, die sich — durch richtige psychische Beeinflussung im Kindes- 
alter — zur Hebung der Moral in allen Bevölkerungsschichten und zugleich 
für deren Glück und Zufriedenheit (als Folge der dabei gewonnenen Freude 
an erfolgreicher Betätigung) in relativ naher Zukunft verwirklichen lassen 
dürften. In letzterer Richtung hat auf ähnlichen Wegen und innerhalb be- 
stimmter Grenzen dasselbe Ziel die Berufsberatung erreicht, die sich bekannt- 
lich größtenteils auf die wissenschaftlichen Ergebnisse der Eignungspsychologie 
stützt. Wenn gar nichts anderes für die Richtigkeit der hier entwickelten Ideen 
sprechen sollte, die Erfolge der Montessori-Methode und der Berufsberatung 
sollten hinreichen, um zu zeigen, was für unschätzbare Werte durch richtige 
psychologische Beeinflussungen einerseits und andrerseits durch wissenschaft- 
liches, methodisches Arbeiten mit verhältnismäßig geringer Anstrengung ge- 
wonnen werden können. 

Hält man die unleugbare Tendenz, die Pädagogik immer mehr psychologisch 
zu durchdringen, mit den glänzenden Aussichten zusammen, die sich der Berufs- 
bestimmung nach eignungspsychologischen Grundsätzen eröffnet haben, so ergibt 
sich zwingend die Forderung, bei der Auslese von Lehramtskandidaten deren 
psychische Qualifikation zum Lehrer und Erzieher zu fordern und solche 
Qualifikation nach wohl erwogenen eignungspsychologischen Methoden zu kon- 
statieren. Sollte solche Qualifikation sich bei Frauen nicht häufiger finden als 
bei Männern? Solchen Gedanken hier nachzugehen würde zu weit führen. Sie 
dürften auch in breiteren Kreisen um so eher Verständnis finden, als diese 
pädagogischen Problemen immer stärkeres Interesse entgegenbringen. 

Zu den Gebieten, auf denen Wirkungsmöglichkeiten dieser Art noch kaum 
oder gar nicht versucht worden sind, gehört vor allem die Politik, speziell die 
auswärtige. Sind deren Ziele gegeben, so läuft, was zu deren Erreichung getan 
werden kann, fast ganz darauf hinaus, andere psychisch zu beeinflussen oder — 
und damit kommen wir auf eine weitere, sehr wichtige und auch in vielen 
deren Berufen äußerst nützliche Möglichkeit — mit Treffsicherheit voraus- 



an 



506 Dr. H. L. Wagner 



5 



zusehen, was andere unter bestimmten Umständen tun werden. Über die in 
der Politik anzuwendenden Mittel haben bekanntlich einige große Geister, wie 
Plato, Machiavelli, Friedrich der Große, geschrieben, allerdings nicht in exakt 
wissenschaftlichem Sinne, sondern wesentlich spekulativ. Ein Versuch, zu lehren, 
wie das, was diese Schriften an praktisch Wertvollem enthalten, angewendet 
werden könnte, ist nie gemacht worden und die Mehrzahl der Staatsmänner, 
Politiker und Diplomaten hat sich nie veranlaßt gesehen, diese Schriften zu 
lesen. Sie begnügen sich mit ihrer Intuition, Begabung und etwaigen eigenen 
Erfahrungen. Daß schon letztere nach allgemeiner Überzeugung erhebliche Vor- 
teile gewähren, beweist, daß der Satz „honio pnliticus nascitur, non fit" nicht 
ganz zutrifft. Es gibt kaum ein zivilisiertes Land, in dem Kurpfuscherei nicht 
strafbar wäre, ebensowenig aber eines, das versucht hätte, seine Diener psycho- 
logisch zu schulen, wie etwa die Jesuiten es tun. Nach eigener beruflicher Erfahrung 
kann dies ohne Einschränkung behauptet werden, und daß unter Hunderten 
von in- und ausländischen Kollegen auch nur einer Machiavelli gelesen hätte, 
dafür hat ein Berufsleben von zwanzig Jahren nicht einmal einen Anhaltspunkt 
ergeben, ebensowenig wie eine Anregung, dies selber zu tun. Die einfache Tat- 
sache, die schon der gesunde Menschenverstand lehrt, daß, wer von seinen Mit- 
menschen ohne Gewalt oder besondere Autorität etwas erreichen will, ihn in 
gute Laune versetzen, womöglich ihm schmeicheln muß, diese einfache Tat- 
sache wird, vielleicht als allzu selbstverständlich, keinem Kandidaten der Diplomatie 
eingeschärft, kaum je dem Anfänger von Kollegen oder Vorgesetzten in Erinnerung 
gebracht und dies in einem Beruf, der für die Kunst der Behandlung der Menschen 
sprichwörtlich ist! Sprichwörtlich mit Recht für das, was sein sollte, mit Un- 
recht für das, was meistens ist! Ist doch die Staatskunst Deutschlands seitBismarck 
bei allen Eingeweihten berüchtigt dadurch, daß sie nur allzuoft und wie mit 
Absicht, jenes einfache Hausmittel zur Behandlung der andern außer acht ließ, 
und weltbekannt sind die krassesten Fälle dieser Art: Kaiser Wilhelms Depesche 
an Krüger anläßlich des Jameson-Einfalles, sein verhängnisvolles Interview be- 
treffend die Wehrmacht Englands, seine Worte von der gepanzerten Faust, der 
schimmernden Wehr und zahllose andere. Beweisen läßt es sich nicht, wohl 
aber vermuten, daß der Weltkrieg für Deutschland gewonnen oder gar ver- 
mieden hätte werden können, wenn die Deutschen oder wenigstens ihre Staats- 
männer es vermieden hätten, sich die halbe Welt unnötig zu Feinden zu machen. 
Wie leicht hier schon mit einfachsten Mitteln Abhilfe geschaffen werden könnte, 
möge ein Beispiel aus eigener beruflicher Erfahrung illustrieren. Einer unserer 
erfolgreichsten Staatsmänner, den allein die Qualität seiner Leistungen auf den 
Gipfel seiner Laufbahn geführt hat, pflegt seine jüngeren Mitarbeiter mit Vor- 
liebe daran zu erinnern, daß er nie ein Schriftstück hinausgehen lasse, ohne 
sich zu fragen, wie es auf den Empfänger wirken müsse und was der damit 
anfangen könne. Würde dieser so einfache Gedanke nicht verdienen, Schule 
zu machen, wo immer Menschen geistig zusammen arbeiten und würde er nicht 
verdienen, daß darüber und über Analoges auch Schule gehalten würde? 
Wenn der Mangel elementarster psychologischer Vorbildung der Politiker 
unbestreitbar ist, so ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß es damit 



Sind seelische Beeinflussungen wissenschaftlich erfaßbar usw. 507 



aucli in anderen Zweigen menschlicher Betätigung nicht viel besser bestellt ist. 
Für die Strafjustiz scheint es die kaum merkbare Abnahme der Kriminalität 
zu beweisen, für den Handel die meist ganz unsystematische Vorbildung der 
Handelsbeflissenen. Daß im Familienleben und in jedem sozialen Leben durch 
zweckdienliche psychische Mittel viel Ersprießliches erreicht, manche Leiden 
und Schmerzen verhütet werden könnten, wird niemand plausibler erscheinen 
als dem Psychoanalytiker; ebenso, wie ungeheuer erwünscht es wäre, wenn 
jeder irgendwie psychisch Wirkende trachten würde, sich in die Psyche 
des Andern einzufühlen. Schon einige Phantasie genügt, um jedem menschlich 
Fühlenden viel Wertvolles und Naheliegendes einzugeben. Leider nur wird viel 
zu selten daran gedacht. Verständnis für eine so einfache, fast selbstverständliche 
Sache breitesten Kreisen beizubringen, wäre eine Kulturerrungenschaft allerersten 
Ranges. Nicht auf ein positives Wissen von Regeln und Gesetzen, nicht auf 
den Besitz von psychologischen Kenntnissen käme es dabei an, sondern darauf, 
daß auch Menschen, die nicht schon von Geburt Psychologen sind, psychische 
Zusammenhänge im allgemeinen und im Einzelfalle verstehen und berücksichtigen 
lernen, um im Berufe und in der Politik, im sozialen und im Familienleben 
immer weniger durch unbewußte Triebe und immer mehr durch einfühlendes 
Verständnis sich leiten zu lassen. Der Wert solchen Verstehens läge zunächst 
darin, daß es — hierin der psychoanalytischen Heilmethode ähnlich — zur 
Beruhigung und Befriedigung des eigenen Ich verhelfen könnte. Wenn ich in 
Fällen, wo der Andere sich ablehnend, ungefällig, gereizt, hochmütig oder gar 
feindselig zeigt, mir vorzustellen vermag, daß wahrscheinlich Ungewandtheit, 
Verlegenheit, üble Erfahrungen, traumatische Erinnerungen es sind, die seine 
Haltung verursachen, dann wird micli diese Haltung weniger kränken, hemmen 
oder zur Reaktion reizen, als wenn ich sie bloß mit meinen instinktiven Ge- 
fühlen aufnehme und sozusagen verdaue. Verstehe ich, daß es seine Schwäche 
ist, die sich hier manifestiert und nicht meine, dann wird nicht nur meine 
Position ihm gegenüber erheblich gestärkt, sondern es werden auch unsere 
Beziehungen bedeutend reibungsloser ablaufen als sonst. Millionenfach repetiert, 
würde dies viele unnötige Kämpfe und damit sehr vielen materiellen Schaden 
ersparen, ja sogar bedeutenden materiellen Gewinn bringen, von der sittigenden 
Wirkung ganz abgesehen, die dabei herauskommen müßte. Liegt aber in solchen 
Fällen wirkliche Gegnerschaft vor, dann werde ich — mag ich mich defensiv 
verhalten oder eine Gegenoffensive vorziehen, — weit besser daran sein, wenn 
ich die psychologische Stellung meines Gegners überblicke, die Art seiner Rüstung 
kenne, seine Taktik durchschaue. Was sich andrerseits ergeben muß, wenn ich 
den andern nicht mit egoistisch, sondern mit altruistisch emgestelltem Auge 
betrachte, sagt das Sprichwort: „Tout comprendre, c'est tout pardonner." Würden 
Erkenntnisse dieser Art Gemeingut aller, dann müßte unsere ganze Straf Justiz 
auf neue Grundlagen gestellt werden, wozu ja denn auch weitgehende Ansätze 

schon zu sehen sind. 

Kehren wir nun zurück zur Frage des eventuellen Wie? Diese würde natürlich 
der Psychologe viel besser beantworten können als der Laie. Wenn letzterer 
aber sich schon anmaßt, jenem eine Aufgabe zu stellen, dann muß er sie 



508 Dr. H. L. Wagner 



mindestens klar umschreiben und in großen Zügen andeuten, wie er sich deren 
Lösung ungefähr vorstellt. 

Die Frage nach dem Wie ist zunächst dahin zu präzisieren, daß sie eine 
Reihe von Spezialfragen umfaßt, nämlich: 

1) Welches könnte oder sollte das Beobachtungsmaterial sein, an dem die 
Gesetze des Ablaufes psychischer Beeinflussungen studiert werden könnten ? 

2) Wie könnte aus solchem Material die richtige Erkenntnis zuverlässiger 
Gesetze geschöpft werden? 

3) Wie könnten die so gewonnenen Kenntnisse denen, für die sie nützlich 
und wichtig wären, vermittelt werden? 

4) Welche Mittel wären anzuwenden, damit solche Kenntnisse von denen, 
die sie sich erwerben, auch richtig und erfolgreich angewendet werden? 

Der erste Eindruck, den diese Fragen erwecken, dürfte sein, daß, falls deren 
Lösung auch nur teilweise möglich sein sollte, hiezu eine Riesenarbeit geleistet 
werden müßte. Ist dem so, so könnte vielleicht doch einmal versucht werden, 
dieser Lösung zunächst einmal näher zu kommen. An welche Mittel hiebet 
gedacht werden könnte, sei im folgenden angedeutet. 

Bei der Frage 1, an welchen Objekten eine exakte wissenschaftliche Er- 
forschung psychischer Beeinflussungen durchgeführt werden könnte, wären zwei 
Gruppen solcher Objekte zu unterscheiden, schon bekannte Abläufe in der Ver- 
gangenheit und ad hoc unter bestimmten Bedingungen zu veranlassende oder 
von selbst sich ergebende Abläufe in der Zukunft. 

Das Feld für Beobachtungen der ersten Art mag, weil nicht mehr gegen- 
wärtig, vag und schwer zu erfassen sein. Dafür ist es aber von allergrößter 
Ausdehnung, also äußerst ergiebig, und wenn auch nicht systematisch durch- 
forscht, doch schon registriert, also leicht greifbar. Hieher gehören natürlich 
alle historischen Vorgänge, soweit sie psychologischer Natur sind oder Elemente 
dieser Art enthalten und mit hinreichender Genauigkeit festgestellt sind, dann 
ein großer Teil aller strafrechtlichen und wohl auch manche zivilrechtliche 
Akten, die in Unterricht und Erziehungswesen gemachten Beobachtungen, ferner 
die von der Kirche, dem Militär und anderen großen Organisationen gemachten 
Erfahrungen und wohl noch manches andere ähnlicher Art. Hier darf beispiels- 
weise auf die starken psychischen Wirkungen hingewiesen werden, die sich bei 
sportlichen Spielen beobachten lassen und deren erziehlicher Wert außerhalb 
Englands und der Vereinigten Staaten immer noch nicht genug erkannt und 
ausgenützt worden sein dürfte. Dort hat richtiger Volksinstinkt beides in hohem 
Maße getan. Könnte anderen Völkern nicht die Wissenschaft dazu verhelfen? 
Könnte sie nicht darüber hinaus noch entdecken und lehren, daß und wie mit 
gleichartigen Mitteln — um liier ein wenig vorzugreifen — eventuell noch 
auf anderen Betätigungsfeldern wichtige Resultate erzielt werden könnten. Sollte 
es z. B. nicht gelingen können, Solidaritätsgefühl, Opferfreudigkeit, Freude an der 
Leistung um ihrer selbst willen, ehrgeiziges Streben nach Anerkennung solcher bei 
Arbeitsgenossen und bei einem breiteren Publikum viel stärker als bisher überall 
dort systematisch zu erwecken, wo Menschen zusammen wirken? Wie leicht 
solche Effekte bei kleinen Kindern erzielt werden können, hat doch schon die 



Sind seelische Beeinflussungen wissenschaftlich erfaßbar usw. 509 



Montessori-Methode gezeigt. Warum sollte Ähnliches nicht bei Halbwüchsigen 
und Erwachsenen gelingen können? 

Sollte die erste Gruppe von Beobachtungsobjekten sich als unbrauchbar er- 
weisen, weil exakte Studien an ihnen nicht mehr möglich sind, so bliebe noch 
die zweite, die uns erst die Zukunft vorführen kann und die wir bei ihren 
Aktionen und Reaktionen beobachten können. Diese Gruppe umfaßt zwei Unter- 
abteilungen, Objekte, die genommen werden müssen, wie sie sind; hieher ge- 
hören Patienten aller Art, und zweitens Objekte, die gewissen ad hoc geschaffenen 
oder gebotenen Bedingungen ausgesetzt werden könnten. Dies sollte bei Zög- 
lingen von Bildungsanstalten, bei Arbeitnehmern in großen industriellen Unter- 
nehmungen (vgl. Taylor-System!), bei Sträflingen, beim Militär und wohl noch bei 
manchen anderen Gruppen möglich sein, etwa bei Antwortgebem auf öffentlich 
gestellte Rundfragen und Aufgaben. Für die elementarsten psychischen Wirkungen 
ließen sich wohl auch an Tieren noch Beobachtungen mit Nutzen machen. Nicht 
zu vergessen ist endlich die eigene Person, die ja von jeher als das zuverlässigste 
Objekt für psychologische Studien gilt. 

Um aus solchem Material die Kenntnis zuverlässiger Gesetze zu schöpfen 
(Frage 2), wäre in die gemachten Feststellungen zunächst einmal nach wissen- 
schaftlichen Gesichtspunkten Ordnung zu bringen. Mit wissenschaftlich geschultem 
Blick und einiger Intuition sollte es dann wohl gelingen, aus den gewonnenen 
Tatsachen einige Grundgesetze und deren Bedingungen abzulesen, sei es zu- 
nächst auch nur in der Form von Theorien. Phantasie und Kombinationsgabe 
wären dabei natürlich wie überall, wo Neues geschaffen werden soll, unerläßlich. 
Für ein Teilgebiet hat solche Arbeit, fast rein erkennend und konstatierend nur, 
aber gründlich und in mustergültiger Weise erst jüngst Friedrich Wieser in 
seinem epochalen Buche „Das Gesetz der Macht" geleistet. 

Da der praktischen Seite der hier aufgeworfenen Frage erheblich gedient 
wäre, wenn wenigstens unsere schon vorhandenen Kenntnisse planmäßig ver- 
wertet würden, wäre schon die Abfassung eines Lehrbuches wertvoll, in dem 
lediglich unser Besitzstand an Kenntnissen der fraglichen Art zusammengestellt 
und geordnet wäre. Außerdem wäre es dann noch wünschenswert, eine zunächst 
rein spekulative Methodologie für derartige Wirkungen zu entwickeln. Sie 
müßte in gründlicher wissenschaftlicher Arbeit zeigen, was in den weiter oben 
erwähnten, schon bisher praktizierten Methoden psychischer Beeinflussungen das 
Wesentliche ist und für deren Erfolge entscheidend war, und wie dies etwa 
in richtiger Analogie auf anderen Gebieten nachgeahmt werden könnte, um 
Ähnliches zu erzielen. Wie dies gemeint ist, möge die oben angedeutete Frage 
illustrieren, ob die Psychologie sportlicher Spiele nicht in der Montessori- 
Methode teilweise verwertet wurde und ob jene Psychologie und diese Methode 
nicht mit Aussicht auf Erfolg auf anderen Gebieten benützt und angewendet 
werden könnten. Kirchenmusik und Militärmusiken gibt es seit Menschen- 
gedenken, desgleichen Melodien und Lieder, die dem Rhythmus der Arbeit sich 
anschließen. 1 Warum gibt es im Zeitalter des Rundfunks noch keine Kaufhaus- 



1) Vgl. Karl Bücher: Arbeit und Rhythmus. 



51 o Dr. H. L. Wagner 



musik, keine Werkstättenmusik, keine Schulmusik? Weder F. W. Taylor noch 
Henry Ford scheinen daran gedacht zu haben, wohl aber die Utopisten Bellamy 
und H. G. Wells. Utopisten aber waren von jeher in praktischen Fragen 
zuverlässige, eher noch llügellahm zu nennende Propheten, während ihre morali- 
sierenden Träume auch nicht annähernd verwirklicht wurden. Sollte der Grund 
hiefür etwa sein, daß die Menschheit in technischen Dingen immer geschickter 
wird, in ihrem psychischen Wirken aber noch in den Kinderschuhen steckt? 

Antwort auf die Frage, wie psychologische Abläufe beobachtet werden 
könnten, gibt natürlich die experimentelle Psychologie, ja ihre bloße Existenz 
könnte diese Ausführungen wie das Einrennen offener Türen erscheinen lassen, 
wenn sie den einzig möglichen Weg weisen würde, wenn sie, statt auf relativ 
enge Gebiete beschränkt zu bleiben, psychische Abläufe auf allen hier ange- 
deuteten Gebieten zum Gegenstand ihrer Untersuchungen gemacht hätte und 
wenn sie ausgiebiger als bisher gezeigt hätte, wie ihre Feststellungen praktisch 
verwertet werden könnten. Selbst wenn dies geschehen wäre, bliebe immer 
noch die Forderung übrig, daß ihre Entdeckungen ins volle Licht der Öffent- 
lichkeit gerückt, der Aufmerksamkeit aller Denkenden leicht zugänglich gemacht, 
ja zum Gemeingut aller Gebildeten gemacht werde. 

Hier kommen wir zur Frage 5 : Wie könnten die zu gewinnenden oder 
wenigstens die schon vorhandenen psychologischen Kenntnisse denen vermittelt 
werden, für die sie von erheblichem Nutzen wären? Sie ist theoretisch am 
leichtesten zu beantworten, praktisch allerdings so schwer zu lösen, daß dies 
erst in ziemlich ferner Zukunft möglich sein wird. Theoretisch brauchten nur 
die Wege eingeschlagen zu werden, auf denen jedes Wissen übertragen wird, 
praktisch müßte für die Einführung als Unterrichtsgegenstand das Interesse der 
Erhalter der in Frage kommenden Unterrichtsanstalten, Staat, große Gemeinden, 
Korporationen, im Auslande auch private Stifter, für die neue Disziplin ge- 
weckt werden, was natürlich eine intensive und ausdauernde Propaganda voraus- 
setzt. Wie die fraglichen Kenntnisse im Einzelfalle am besten den Interessenten 
beizubringen wären, ist eine pädagogische Frage und fällt daher mit der Päd- 
agogik im allgemeinen in den Wirkungsbereich der erst zu schaffenden oder 
doch auszugestaltenden Wissenschaft. Nur soviel muß noch betont werden, daß, 
wie bei allen Lehren, so auch hier weniger theoretisches Wissen und viel mehr 
in Fleisch und Blut übergegangenes Können anzustreben sein wird. Wertvolle 
Fingerzeige dafür, wie ungefähr Derartiges erreicht werden könnte, geben uns 
die mannigfaltigen Mittel, mit denen neuerdings versucht wird, das Publikum 
zu einer Verkehrsdisziplin zu erziehen und die bildhaften Mahnungen und Ver- 
bote, mit denen die Arbeiterschaft amerikanischer Fabriken zur Verhütung von 
Betriebsunfällen erzogen wird. 

Da jede Sache einen Namen haben muß, wäre auch für diese einer zu 
suchen und vielleicht in dem Worte Psychoenergetik zu finden. 

Außer durch Unterricht könnten ihre Entdeckungen auch noch in anderer 
Weise den Interessenten zugänglich gemacht werden, und hier kommen wir 
zur Frage 4, wie sie in der Praxis richtig angewendet werden könnten. Unserer 
Gesundheit wegen gehen wir zum Arzt, unserer Rechtsgeschäfte wegen, selbst 



Sind seelische Beeinflussungen wissenschaftlich erfaßbar usw. 511 



wenn wir Jura studiert haben, zum Advokaten, unserer Gewissensnöte wegen 
wohl auch gelegentlich zum Beichtvater. Ärzte, Advokaten und Priester gibt 
es seit Jahrtausenden. Wo aber finden wir den Fachmann, der uns aufklären 
und beraten würde, wie wir im Familienleben, bei der Erziehung unserer 
Kinder, bei der Ausbildung unserer Untergebenen, unserer Dienstboten, zum 
Zweck der Beeinflussung unserer politischen Gegner oder Mitarbeiter mit Aus- 
sicht auf Erfolg uns benehmen sollten ? Staat und große Stadtgemeinden lassen 
sich heute fachmännisch beraten, ehe sie Fragen der Volksgesundheit, des Ver- 
kehrswesens oder solche juridischer Natur regeln. Handelt es sich aber um 
Einschränkung der Kriminalität, Hebung der Volksmoral, Beeinflussung des 
Sexuallebens, um sozialpolitische oder gar außenpolitische Fragen, so ist auch 
der Staat auf seine eigene Weisheit und die der öffentlichen Meinung, also 
auf Laien und Dilettanten en masse angewiesen. Wäre es nicht wünschenswert 
und denkbar, daß es auch für die Gesamtheit derartiger Fragen, oder noch 
besser, für die verschiedenen Einzelfragen einmal wissenschaftlich ausgebildete 
und vielleicht auch praktisch erfahrene Fachmänner geben würde, die, was 
heute nur aus eigener Erfahrung und allgemeiner Bildung erlernbar ist, gründ- 
lich studiert, durchdacht, nachgeprüft und zum Teil erprobt hätten und daher 
ein ganz anders zuverlässiges Urteil in solchen Fragen, eine geschultere und 
fruchtbarere Phantasie, ein viel besseres Rüstzeug erprobter Mittel zur Ver- 
fügung stellen könnten? Was sonst noch zur Beantwortung der Frage 4 in 
Betracht kommen könnte, darf füglich als cura posterior angesehen werden, 
und zwar nicht aus Trägheit im Denken oder wegen Versagens der Phantasie, 
sondern einfach deshalb, weil sich, ehe die Beantwortung dieser Frage aktuell 
werden kann, so viele Anhänger der neuen Theorie, so viele Kenner der 
Materie gefunden haben müßten, so viel positive Detailarbeit zu leisten wäre, 
daß sich dabei eine Fülle von Ideen und Anregungen ergeben würde, die 
ebensoviele Quellen für die Lösung der Frage nach den Mitteln richtiger prakti- 
scher Verwertung der Entdeckungen der „Psychoenergetik" wären. 

Gäbe es erst eine genügende Anzahl von Interessenten für derlei Möglich- 
keiten, so wäre es sehr wünschenswert, wenn sie sich in einem Verbände 
irgendwelcher Art zusammenfinden und weitere Diskussion der aufgeworfenen 
Probleme hervorrufen würden. 

Welches der beiden hier vertretenen Ideale, allmähliche Vertiefung unseres 
Wissens von psychologischen Wirkungen, namentlich von beabsichtigten, und 
weitreichende Verbreitung zielbewußten und möglichst geschulten psychologi- 
schen Denkens (besonders unter allen Führenden auf erzieherischen, wirtschaft- 
lichen, sozialen und politischen Gebieten) zuerst sich verwirklichen ließe, ist 
schwer zu sagen. Wechselseitige Anregung und Förderung der bezüglichen Be- 
strebungen in beiden Richtungen dürfte das Beste und Wahrscheinlichste sein. 
Wie ein Wort oft das andere gibt, so gibt auch eine Idee oft die andere. 
Der Taylorismus hat die Eignungspsychologie entwickelt, diese wieder bildet 
die Grundlage der Berufsberatung. So ist ein, ursprünglich wesentlich egoisti- 
sches Streben nach Rentabilitätsverbesserungen zur Quelle eines immer breiter 
werdenden Stromes reichen sozialen Segens geworden. Könnten nicht, wenn an 



5 1 2 Wagner: Sind seelische Beeinflussungen wissenschaftlich erfaßbar usw. 



irgendeiner der hier angedeuteten Stellen der Hebel angesetzt würde, ähnliche 
Entwicklungsreihen entstehen und vielleicht Wirkungsmöglichkeiten sich ergeben, 
an die noch niemand gedacht hat? 

Wieviel von allem hier Gesagten je wird ausgeführt werden können und 
wie groß der dabei erzielte praktische Nutzen sein wird, darüber mögen die 
Ansichten auseinandergehen. Daß die Vorteile, die mit den hier aufgestellten 
Forderungen angestrebt werden, von größter Bedeutung wären, ist wohl kaum 
zu bezweifeln. Jeder Versuch, auch nur einige derselben zu verwirklichen, 
sollte die aufgewendete Mühe reichlich lohnen. Wenn solche Phantasien 
aber zu optimistisch wären, wenn nie etwas von dem Wirklichkeit werden 
sollte, worauf hier hingewiesen ist, dann mögen diese Ausführungen darin ihre 
Rechtfertigung finden, daß „in magnis voluüse sat est" . 



Carl Gustav Carus 

Ein Vorläufer der Psychoanalyse 
Von Dr. Gustav Hans Grab er (Bern) 

Der vielseitigen Persönlichkeit des romantischen Arztes, Psychologen, Natur- 
philosophen und Naturwissenschafters Carl Gustav Carus ist bis heute in der 
psychoanalytischen Literatur wenig Erwähnung getan worden. 

Mit Unrecht, denn das Studium seiner speziell psychologisch orientierten 
Schriften 1 läßt uns erstaunen ob der Fülle, der Gründlichkeit der Behandlung 
und der meist echt tiefenpsychologischen Lösung der Probleme, und man ist 
es Carus und der Wissenschaft schuldig, auf die innigen Zusammenhänge, die 
zwischen den Forschungsergebnissen des besonnenen Spätromantikers und der 
Psychoanalyse bestehen, hinzuweisen. 

Es ist auch deswegen notwendig, zu zeigen, wieviel wir mit Carus gemein 
haben, inwiefern sein Werk als ein Grundriß (aber auch nicht mehr) zum 
Lehrgebäude der Psychoanalyse angesehen werden kann, weil Ludwig Klages 
und sein Kreis, die sich um die Neuausgaben und Interpretierungen Carus- 
scher Werke Verdienste erworben haben, in gelegentlich etwas hochtönenden 
Worten versuchen, Carus, begabt mit „unvergleichlich größerem Gesichtskreis , 
als moderne Seelenforscher ihn besitzen, über diese, die „eine kleinleutemäßige 
Enge des Geistes verraten", hinauszustellen. Wir werden zeigen können, daß 
die Psychoanalyse nicht nur wichtigste Forderungen und Wünsche von Carus, 
die insbesondere den Rapport mit dem Unbewußten und die Therapie betreffen, 
zu realisieren vermochte, sondern den vom Romantiker vorgezeichneten Weg in 
die Tiefe der Seele weiter verfolgte, als seine Phantasie ihn diesbezügüche Möglich- 
keiten erahnen ließ. 

Carl Gustav Carus 

„der strengste und behutsamste unter den romantischen Denkern", wie ihn 
Ricarda Huch in ihrer Romantik nennt, wurde 1789 in Leipzig geboren und 

1) Siehe vor allem: „Symbolik der menschlichen Gestalt" (Kampmann, Celle), 
„Vorlesungen über Psychologie" (1830), „Psyche" (Diederichs, Jena 1926), „Über 
Lebensmagnetismus und über die magischen Wirkungen überhaupt" (Benno Schwabe 
& Co., Basel 1925). 

Imago XII 33 



514 Dr. Gustav Hans Graber 



starb 1869. Er war einziges Kind, was für das Verständnis seines Wesens 
nicht unwichtig ist. Nach einem Studium der Naturwissenschaften und der 
Medizin promovierte er und habilitierte sich bereits 1811. Er hielt Vorlesungen 
über vergleichende Anatomie. 1814 wird er als Professor der Entbindungskunst 
und Direktor des gynäkologischen Instituts nach Dresden berufen. 1827 wird 
er daselbst Leibarzt des königlichen Hauses, welches Amtes er bis zu seinem 
Tode waltete. 

Allgemein wird schon zu seinen Lebzeiten seine große Arbeitskraft und seine 
bedeutende Vielseitigkeit bestaunt. Seine Werke spiegeln Besonnenheit, geistige 
Gesundheit, Konsequenz und außerordentliche Fassungskraft einer Persönlichkeit 
wider, die im Einhalten der Mitte auch das rechte Maß fand. Maß und Mitte 
führten Carus auf den Höhepunkt menschlicher Möglichkeit, führten ihn auf 
jenen „Mysterienpfad , von dem Nietzsche später in diesem Zusammenhange 
sprach, oder es am besten fand, nicht darüber zu sprechen. Auch darin, ganz 
abgesehen von den oft überraschend ähnlichen Gedankengängen, erschien Carus 
mir als ein Vorläufer Freuds. 

Nur ein Mensch, der über eigenes gestaltetes Erleben sich äußert, vermag 
mit solcher Eindrücklichkeit vom Gleichgewicht der Seele, vom echten Gleich- 
mut, der durch die Wechselfälle des Lebens nicht mehr erschüttert werden 
kann, zu zeugen, wie Carus dies in seiner „Psyche" tut. Gerade das Einhalten 
der Mitte brachte ihm auch das Symbol nahe, mit dem er sich eingehender 
beschäftigte und das ja, wie C. G. Jung ausführte, immer eine Mittlerstellung 
einnimmt. 

Größte Anregungen erhielt der junge Carus von Schelling, verlor sich 
allerdings nicht wie dieser in ein logistisches Systematisieren, sondern blieb ein 
Freund des Lebens und der Natur und warf denn auch später seinem Lehrer 
vor, er hätte die Natur als „bloße Tapete des Geistes" angesehen. Carus wandte 
sich mehr und mehr der biologischen Seelenkunde der Romantik zu, die er, 
wie Christoph Bernoulli 1 meint, „systematisiert und vollendet" habe. Sicher 
ist, daß kein Romantiker so vielseitig und zuverlässig über Lebensprobleme 
Auskunft zu geben wußte wie er, und Ricarda Huch versteigt sich sogar zu 
dem Urteil, daß man keinen besseren Führer als Carus wählen könne, um über 
all die Liebhabereien der Romantik Aufschluß zu erhalten. Viel wichtiger aber 
als seine Ausführungen über diese romantischen Liebhabereien, wie Magnetis- 
mus, Rhabdomantie, Sympathie, Magie, Mystik, Symbolik, Pbysiognomik, Phreno- 
logie, Kranioskopie, Landschaftsmalerei, Musik usw. waren und bleiben seine 
Bücher, in denen er als Mediziner, Physiologe, Naturwissenschafter und vor 
allem als Naturphilosoph und Psychologe uns immer wieder in feinem, klassi- 
schem Stile in Tiefen der Probleme und auf Höhen der Lösungen führt, die 
uns den genialen Kopf verraten. Ich will aus der Fülle der wissenschaftlichen 
Veröffentlichungen hier nur die namhaftesten erwähnen : Lehrbuch der Zootomie 
(1818) — Lehrbuch der Gynäkologie (1820) — Von den äußern Lebens- 
bedingungen der warm- und kaltblütigen Tiere (1824) — Erläuterungstafeln 

1) Die Psychologie von Carl Gustav Carus (Diedericlis, Jena 1925I. 



Carl Gustav Carus mc 



zur vergleichenden Anatomie (1826 — 1855) — Über den Blutkreislauf der 
Insekten (1827) — Grundzüge der vergleichenden Anatomie (1828) — Vor- 
lesungen über Psychologie (1831) — System der Physiologie (1838 — 1840) — 
Grundzüge einer neuen und wissenschaftlich begründeten Kranioskopie (1841) — 
Zwölf Briefe über das Erdleben (1841) — Briefe über Goethes Faust (1835) — 
Goethe (1843) — Atlas der Kranioskopie (1843 — 1845) — Über Grund und 
Bedeutung der verschiedenen Formen der Hand bei verschiedenen Personen 
(1846) — Psyche (1846) — Physis, Zur Geschichte des leiblichen Lebens 
(1851) — Symbolik der menschlichen Gestalt (1853) — Proportionenlehre 
der menschlichen Gestalt (1854) — Organon der Erkenntnis der Natur und 
des Geistes (1856) — Über Lebensmagnetismus (1857) — Natur und Idee 
(1861) — Die Lebenskunst nach den Inschriften des Tempels zu Delphi 
(1865) — Vergleichende Psychologie der Geschichte der Seele in der Reihen - 
folge der Tierwelt (1866) usw. 

Wie in der Psychoanalyse, so spielt 

Das Unbewußte bei Carus 

in seinen psychologisch-naturphilosophisch orientierten Schriften ebenfalls die 
Hauptrolle. Ich habe anläßlich der Neuausgabe von Carus': „Über Lebens- 
magnetismus und die magischen Wirkungen überhaupt" (herausgegeben und 
eingeleitet von Ch. Bernoulli, Basel 1925) im „Kleinen Bund" (Bern, Jahr- 
gang 6, Nr. 29) bereits darauf hingewiesen, daß Freudsche Problemstellungen 
und Forschungsergebnisse sich im Keim bei Carus vorfinden und daß seine 
Werke (Oken hat die „Vorlesungen über Psychologie" mit Becht den „Embryo 
der Psychologie" genannt) wie keine anderer Romantiker zum wissenschaftlichen 
Grundstein für das Gebäude moderner Tiefenpsychologie geeignet sind. 

Es bedeutet unzweifelhaft einen Mangel des Buches von J. Levine: „Das 
Unbewußte" (Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig, Wien, Zürich 
1926), wenn der Verfasser im ersten Kapitel „Das Unbewußte vor Freud Carus, 
den von Goethe hochgeschätzten Verfasser des Hauptwerkes der philosophischen 
Romantik, nicht erwähnt, sowie es einen Mangel bedeutet, E. v. Hartmanns 
„Philosophie des Unbewußten" bloß auf Schopenhauer und Schelling 
zurückzuführen, während doch Hartmann in genanntem Werke sich selbst un- 
zweideutig über seinen Lehrer äußert (8. Aufl., S. 12): „In die neuere Natur- 
wissenschaft hat der Begriff des Unbewußten noch wenig Eingang gefunden. 
Eine rühmliche Ausnahme macht der bekannte Physiologe Carus, dessen Werke 
,Psyche' und ,Physis' wesentlich eine Untersuchung des Unbewußten in seinen 
Beziehungen zum leiblichen und geistigen Leben enthalten. Wie weit ihm dieser 
Versuch gelungen ist und wieviel ich bei dem meinigen von ihm entlehnt 
haben könne, überlasse ich dem Urteil des Lesers. Jedoch füge ich hinzu, daß 
der Begriff des Unbewußten hier in seiner Reinheit frei von jedem unendlich 
kleinen Bewußtsein klar hingestellt ist." 

Hartmann hat allerdings die Klarheit des Carus völlig getrübt, so daß Leopold 
Ziegler („Das heilige Reich der Deutschen", Verlag Reichl, Darmstadt 1925) 
wohl besser getan hätte, uns auf Carus, denn auf Hartmann als Vorläufer der 

33' 



516 Dr. Gustav Hans Graber 



Psychoanalyse zu verweisen. Aber diese Mängel sind gewiß verzeihlich, da 
Carus nach seinem Tode in Vergessenheit geriet und eigentlich erst durch 
Ludwig Klages eine Wiedergeburt erlebte. (Immerhin hat Ricarda Huch, die 
feinsinnige Kennerin der Romantik, schon vor einem Jahrzehnt sehr nach- 
drücklich auf Carus verwiesen.) 

Für Carus bildet das Unbewußte unsere „eigenste und wahrhaftigste Natur", 
„das ursprünglichste der Seele". „Der Schlüssel zur Erkenntnis vom Wesen 
des bewußten Seelenlebens liegt in der Region des TJnbewußtseins." 

Mit letzterem Satze leitet Carus sein Buch „Psyche" ein, und er sah deshalb 
auch darin die „erste Aufgabe der Wissenschaft von der Seele, darzulegen, auf 
welche Weise der Geist des Menschen in diese Tiefen hinabzusteigen vermöge' . 

Die Abkehr von der starren Blickrichtung auf die Ergebnisse des bewußten 
Denkens und die Einsicht, daß „das unbewußte Seelenleben die Basis des 
bewußten" bildet, drängten Carus von der deskriptiven, analytischen und teleo- 
logischen Arbeitsweise ab zu einer Art genetischer Methode und ließ ihn sich 
mehr und mehr von den gewordenen Dingen abwenden, um sich mit un- 
ermüdlichem Eifer dem Lebensprozesse selbst, vor allem dem allmählichen 
Erwachen der Seele in onto- und phylogenetischer Geschichte, zuzuwenden. Und 
gerade diese heraklitische Denkweise zeichnete ihn als den Denker höchsten 
Ranges, indem ja doch die Frage nach der Entstehung, vor allem der Ent- 
stehung des Lebens, die Urfrage bleibt. Goethe, selbst durch und durch ein 
Genetiker, verstieg sich sogar zu einer Projektion und Verallgemeinerung (die 
nicht unberechtigt sein düi-fte) und bezeichnete die genetische Denkweise als 
die „spezifisch deutsche", ebenso könnte sie — noch mit größerem Rechte — 
die spezifisch romantische und ganz besonders auch die spezifisch psychoanalyti- 
sche genannt werden. Aus der Urfrage nach der Entstehung löste sich für Carus 
vor allem das Teilproblem der Entstehung des Bewußtseins ab. Anstatt darauf 
einzugehen, will icli versuchen darzustellen, was sich Carus unter dem Begriffe 
des Unbewußten vorstellte. 

Carus ist der Ansicht, daß wir zu jeder Zeit von unendlich vielen Vor- 
stellungen erfüllt sind, von denen aber nur einige wenige bewußt werden 
können. Diese Feststellung zwingt ihn zur Überzeugung, daß „der größte Teil 
des Seelenlebens in die Nacht des Unbewußtseins fällt' . . . daß man . . . „das 
Leben der Seele vergleichen dürfe mit einem unablässig fortkreisenden großen 
Strome, welcher nur an einer einzigen Stelle vom Sonnenlicht — d. i. eben 
vom Bewußtsein — erleuchtet ist'". 

Die Freud sehe Auffassung des Psychischen deckt sich also vollkommen mit 
derjenigen des Carus. Sie bildet die „Grundvoraussetzung der Psychoanalyse" 
(„Das Ich und das Es", S. 9) und steht den Theorien vieler Schulpsychologen 
gegenüber, die auch heute noch trotzig „psychisch" und „bewußt" als identi- 
sche Begriffe auffassen. Auch die Dynamik des Psychischen beschreibt Carus 
fast gleichlautend wie Freud, wenn er sagt, daß „der größte Teil der Ge- 
danken unseres Bewußtseins immer wieder im Unbewußtsein untergeht und 
nur zeitweise und einzeln wieder ins Bewußtsein treten kann" („Psyche , 
S. 1). „Ein ehemals Gewußtes ist also nun ein Unbewußtes und nichts- 



Carl Gustav Carus 517 



destoweniger ist dieses Unbewußte die Basis unseres jetzigen Bewußtseins" (S. 2). 
Es lohnt sich der Mühe, in dieser grundlegenden Frage hier auch die Freud- 
schen Formulierungen gegenüberzustellen: „Die Erfahrung zeigt uns dann, daß 
ein psychisches Element, z. B. eine Vorstellung, gewöhnlich nicht dauernd be- 
wußt ist. Es ist vielmehr charakteristisch, daß der Zustand des Bewußtseins 
rasch vorübergeht; die jetzt bewußte Vorstellung ist es im nächsten Moment 
nicht mehr, allein sie kann es unter gewissen leicht hergestellten Bedingungen 
wieder werden. Inzwischen war sie, wir wissen nicht was; wir können sagen, 
sie sei latent gewesen, und meinen dabei, daß sie jederzeit bewußtseins- 
fähig war. Auch wenn wir sagen, sie sei unbewußt gewesen, haben wir 
eine korrekte Beschreibung gegeben" (Das Ich und das Es, S. 10). Carus stellt 
sich das Seelenleben als einen Kreislauf der Ideenwelt vor, „welche aus dem 
Unbewußtsein bis zum Bewußtsein sich entwickelt und als solches doch wieder 
zuhöchst das Unbewußte sucht und in dem möglichsten Verständnis desselben 
sich erst befriedigt findet" (S. n). 1 Bewußtsein und Unbewußtes sind für 
Carus „Strahlungen einer und derselben Einheit" (S. 12). Zwischen beiden 
aber liegt eine sehr bewegliche Grenze. Und so wie für ihn „das Hinüber- 
greifen aus dem Bewußten ins Unbewußte zur Höhe menschlicher 
Vollendung wahrhaft gehört" (S. 13), Bedingung zum wahrhaften Können 
und Wissen ist, so ist er überzeugt, daß eben darin allein „der Schlüssel 
zu einer wahrhaften Psychologie gefunden werden könne" (S. 12). 

Äußerst interessant ist auch, daß Carus im deskriptiven Sinne, wie Freud, 
zweierlei — oder eigentlich sogar dreierlei — Unbewußtes unterscheidet, 
nämlich das absolut und das relativ Unbewußte. Das absolut Unbewußte 
teilt er weiter ein in ein allgemeines und ein partielles. Das allgemein absolute 
Unbewußte entspricht dem Seelenleben des embryonischen Daseins, ist weder 
verdrängt, noch bewußtseinsfähig und vergleichbar mit dem von Freud in 
struktureller Einsicht ermittelten dritten, nicht verdrängten Unbewußten, „das 
als ein Teil des Ichs angesehen werden muß" (Das Ich und das Es, S. 17). 
Was nun das partiell absolute Unbewußte anbetrifft, so läßt es sich freilich 
mit dem von Freud als das Verdrängte und nicht ohne weiteres als bewußt- 
seinsfähig bezeichnete vergleichen, deckt sich aber nicht damit, da für Carus 
das Unbewußte immer ein partiell absolutes ist, sobald es in direkter Ver- 
bindung mit Bewußtsein steht. Immerhin ist auch für ihn das partiell absolute 
Unbewußte nicht bewußtseinsfähig. Völlig identisch ist nun aber das Unbe- 
wußte, das Carus als relativ bezeichnete, mit dem Vor bewußten Freudscher 
Terminologie, aus dem die latenten Vorstellungen, bewußtseinsfähig, stets wieder 
zum Bewußtsein gelangen können. Carus schildert das relativ Unbewußte 
folgendermaßen: Es ist „jener Bereich eines wirklich schon zum Bewußtsein 
gekommenen Seelenlebens, der für irgendeine Zeit jetzt wieder unbewußt ge- 
worden ist, immer jedoch auch wieder ins Bewußtsein zurückkehrt . . .' (S. 49). 

Dem Kreislauf der Verdrängung und Wiederkehr des Verdrängten schreibt 
Carus eine besondere Ökonomie zu, indem er annimmt, daß die Vorstellung 



1) Zitate aus „Psyche". 



518 Dr. Gustav Hans Graber 



durch die Berührung mit dem Unbewußten verändert wird, wächst, sich enger 
mit dem Allgemeinen verbindet. 

Ein tief intuitives Erkennen ließ in dem regsamen Geiste auch bereits schon 
die Zusammenhänge, die zwischen dem Schlaf, dem erquickenden Versinken ins 
Reich des Unbewußten, und dem Embryonalzustand bestehen, erkennen (siehe vor 
allem auch: Ferenczi: „Versuch einer Genitaltheorie" 1924, S. 102 u. f.). Es 
wiederholt sich nach Carus im Schlaf, was die alte Mythe von Antäus, dem 
Sohn der Erde, berichtet, daß er nämlich durch jede Berührung mit der Mutter 
neue Kräfte gewann. 

Wenden wir uns aber vorerst noch von der periodischen Rückkehr alles 
Bewußtseins ins Unbewußte ab und zurück zum Kreislauf des Versinkens 
(Vergessen) und Emportauchens (Erinnern) einzelner Vorstellungen, um die 
klassischen Formulierungen der Beschreibung dieses Vorganges, wie sie Carus 
gibt, mit der Freudschen Verdrängungslehre eingehender vergleichen zu können. 
Dieser stete Kreislauf ist nach Carus „teils ein vollkommen unwillkürlicher, 
teils ein der WilUtür unterworfener . Für den unwillkürlichen Wechsel glaubt 
er darin eine Erklärung gefunden zu haben, daß er ihn in Zusammenhang 
bringt mit dem rhythmischen Wechsel von Entbinden und Erhalten der 
Spannung der Innervation im Gehirn. Ausschließlich unwillkürlich, also nur 
vom Unbewußten diktiert, ist dabei das Vergessen (es gibt daher keine Kunst 
des Vergessens), während das Erinnern, das willkürliche Wachrufen von Vor- 
stellungen aus dem Unbewußten, möglich ist. Carus sagt: „Vorstellungen von 
Personen, Sachen, Gegenden usw. können uns zuweilen lange entschwunden 
scheinen ebenso wie gewisse eigentümliche Gefühle, und plötzlich erwachen 
sie wieder in ganzer Lebendigkeit und bezeugen dadurch, daß sie eigentlich 
nie verloren waren." 

Über das wie der Existenz einer unbewußt gewordenen Vorstellung ver- 
mag uns auch Carus nichts zu sagen, doch vergleicht er sie mit dem, was 
man in der Physiologie ein latentes Leben zu nennen gewohnt ist, „ein leiser 
Anstoß, und sie stellt sich wieder dar" (S. 125). Ein absolutes Vergessen gibt 
es also nach Carus nicht, „denn oft tauchen Vorstellungen, welche wir für 
völlig vergessen hielten, plötzlich wieder auf, ja wir können sogar" — und 
nun kommt das Entscheidende, was Carus in die vorderste Linie der Vor- 
kämpfer der Psychoanalyse stellt — „bis auf einen gewissen Grad, namentlich 
durch Benützung der Vorstellungsassoziation . . . willkürlich aus 
dem unbewußten Zustande Vorstellungen ins Bewußtsein rufen." 1 

Wie nahe mag Carus in seinen Stunden sehnsüchtigsten Erkenntnisdranges 
am Guckloch, das den weiten, unheimlichen Blick ins Unbewußte gewährt, 
gestanden haben ! Wie klar muß dieser einsame Wanderer im Lande der Seele 
schon das seltsame Verhältnis der Wechselwirkung zwischen Bewußtem und 
Unbewußtem erkannt haben, wenn er sagen konnte, „daß wenn einesteils das 
Unbewußte allerdings erst dadurch seine Höhe erreicht, daß es zum Bewußt- 
sein sich erhebe, andernteils doch auch das Bewußte wieder in gewisser Be- 



1) Von mir gesperrt. 



Carl Gustav Carus 519 



Ziehung zum Unbewußten zurückkehren müsse, um zu seiner Höhe zu gelangen" 
(S. 242). Wir hören die schmetternde Posaune Nietzsches: „Aus dem Tiefsten 
muß das Höchste zu seiner Höhe kommen!" Und wir hören die Lehre Freuds, 
die besagt, daß das, was im einzelnen Seelenleben dem Tiefsten angehört, 
durch die Idealbildung zum Höchsten der Menschenseele im Sinne unserer 
Wertungen wird, um als Höchstes den unvermeidlichen Kreislauf zum Tiefsten 
wieder zu schließen. 

In nicht weniger enger Berührung mit der Psychoanalyse als des Carus 
Theorien über das Unbewußte, stehen seine Ideen über 

Schlaf und Traum, 

über die er sich kurz gefaßt ungefähr folgendermaßen ausläßt: 

Die wechselnden Zustände des Schlafens und Wachens wiederholen nur die 
großen Perioden des Toten und Lebendigen (siehe auch Ferenczi, Genital- 
theorie). Das embryonale Dasein bildet, wie bereits erwähnt, das Vorbild des 
Schlafes. Der Organismus, „befangen immer größtenteils im relativ unbewußten 
Dasein, muß gleichsam einen besonderen Aufschwung nehmen, eine besondere 
Kraft anwenden, um zum Wachsein zu gelangen, und im natürlichen Ver- 
hältnis bedarf er dazu, inwiefern er ein Planetarisches ist, der Empfindung 
einer höheren Einwirkung von dem Solaren, also der Helligkeit des Tageslichts. 
Dieser Anspannung ist er deshalb auch nur in einer gewissen Zeit fähig, und 
im normalen Verhältnis kehrt er beim Entschwinden des Lichts wieder in 
einen dem ursprünglich allgemeinen Unbewußtsein ähnlichen Zustand zurück, 
und dies ist nun der Schlaf. Der Unterschied des Schlafes vom absolut unbe- 
wußten Zustande vor der Geburt liegt darin, daß, gerade wie das Wachsein 
immer noch ein unbewußtes, so er immerfort ein vorhergegangenes Bewußtes 
involviert und eben darum fähig wird, immerfort Ahnungen, Einwirkungen von 
dem in ihm eingeschlossenen Bewußten zu empfangen, wie das Wachen immer- 
fort Ahnungen, Einwirkungen von dem in ihm Hegenden Unbewußten erhält 
(S. 127). Durch dieses Fortziehen der Vorstellungen durch das Unbewußte 
während des Schlafes sind die Träume bedingt. Es beschäftigt Carus die Frage : 
Gibt es einen Schlaf ohne Traum? Entgegen der damals und auch heute noch 
in breiten Schichten herrschenden Meinung verneint er die Frage, indem er 
darauf hinweist, daß die rhythmische Innervationsspannung der Gehirnsub- 
stanz immer wieder die latenten Vorstellungen des Unbewußten anregt und 
sie, je nach der Intensität, bis zum Bewußtsein treibt. Verstand und Phantasie 
sind dabei am Werk, dagegen fehlt die Vernunft. Immerhin ergeben sich auch 
im Traume oft sinnvolle Reihen von Vorstellungen. Diese entstehen „entweder 
durch die inneren Assoziationen, welche die Vorstellungen selbst unter sich 
verbinden . . . oder die Gefühle, die aus unseren äußeren Verhältnissen oder 
aus der Stimmung unseres Innern — d. h. unseres unbewußten Lebens — 
und aus den besonderen Verhältnissen, in welchen die verschiedenen Pro- 
vinzen unseres Organismus gerade zu dieser Zeit sich gegeneinandergestellt 
finden, hervorgehen, ziehen auch gewisse Vorstellungsreihen heran (S. 130). 
Es werden also im Traume diejenigen Vorstellungen erregt und zum Bewußt- 



520 Dr. Gustav Hans Graber 



sein getrieben, die dem vorherrschenden Gefühlskomplex adäquat sind. Diese 
Einsicht erklärt Carus auch die Möglichkeit einer Traumdeutung, ins- 
besondere in bezug auf körperliche Leiden, denn jedes Mißverhältnis im 
System des Organismus, jede „Krankheit", erregt ein besonderes Gefühl, „und 
dieses Gefühl bestimmt nun eine gewisse Reihe, eine gewisse Art von Vor- 
stellungen, deren Bilder dann als poetische Symbole gerade dieser Gefühle 
und somit dieser Mißverhältnisse, dieser krankhaften Zustände betrachtet 
werden können" (S. 131). 

Die Traumsymbole entsprechen Verallgemeinerungen, die durch die Berührung 
mit dem Unbewußten, in dem alle Regungen der Welt sich äußern, Fernes 
und Nahes, Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges darstellen. Bereits bei 
Carus ist das Unbewußte, wie bei Freud, außerraumzeitlich, stellt sich aber in 
Raum und Zeit dar. Carus gibt hier nicht nur deutliche Winke für die Sym- 
bolik und ihre Entstehung im Traum, sondern er erwähnt auch bereits schon 
die Tatsache der Verdichtung und Verschiebung der Vorstellungen. Es macht 
sich für ihn eine gewisse Poesie des Traumes geltend, so „daß zwar manches 
Entfernte in Zeit oder Raum wirklich als das, was es ist, erfaßt wird, während 
anderes nicht unmittelbar, sondern durch Vertauschung mit einer irgendwie 
assoziierten Vorstellung nur in Form eines Symbols angeschaut wird" (S. 132). 

Carus vertritt eine — nun auch von der Psychoanalyse gesuchte und zum 
Teil gefundene — „biozentrische" Erklärung für die Entstehung der Symbole, 
indem er sie ursächlich mit ihnen entsprechenden Gefühlen verbindet, die hin- 
wiederum als Ausdruck besonderer organischer Konstellationen erscheinen. Das 
Symbol stellt sich auch hier, wie in den bekannten Untersuchungen Friedrich 
Schillers, zwischen die bloß sinnlichen Funktionen und die Verstandestätigkeit 
als Brücke hin- und herüber dar. 

Nicht nur liegt für Carus der Schlüssel zur Erkenntnis des bewußten Seelen- 
lebens im Reiche des Unbewußten, sondern von diesem Unbewußten — als 
„unserer eigensten und wahrhaftigsten Natur" — „vor dem der bewußte Geist 
immerwährend mit einem Staunen steht", geht auch alle eigentliche 

Heilung 

von Krankheiten aus. Aber mit der fortschreitenden wissenschaftlichen Erhellung 
des Unbewußten „mindert sich auch mehr und mehr auf der Höhe der Wissen- 
schaft jenes Staunen des Bewußten gegenüber dem Unbewußten, und der er- 
kennende Geist trägt seine Leuchte immer tiefer in Regionen hinein, welche 
sonst über und über dem Wunder anheimfielen" (Lebensmagnetismus, S. 11). 
Carus war Anhänger des Mesmerismus, aber er verlangte, daß man ihn 
nicht blind als Universalmittel preise, sondern ihn nur auf einzelne Fälle, die 
genau diagnostiziert sind, beschränke. Immerhin bedeutete diese Methode für 
ihn das Urheilmittel, weil sie, nach seiner Meinung, am direktesten auf das 
Unbewußte zu wirken imstande war. Der Lebens magnetismus, dem Carus 
ein besonderes Werk widmete, ist nur eine Beschränkung des Mesmerismus 
und äußert sich bloß in der Wirkung von Mensch zu Mensch, statt vom Menschen 
zur gesamten Natur. Ich will nicht ins Einzelne der Beschreibung der Carus- 



Carl Gustav Carus 521 



sehen Heilmethode gehen und mich lediglich darauf beschränken, das hervor- 
zuheben, was sie mit der Psychoanalyse gemein hat oder wo sie Verwandtes 
zeigt. Den Leitsatz habe ich bereits erwähnt: Alle eigentliche Heilung geht vom 
Unbewußten aus. Wie stellt sich Carus diesen Vorgang vor? 

Im Unbewußten besteht bei jedem Leiden eine Tendenz — der „Arzt im 
Menschen"' — den Organismus zur Gesundheit zurückzubilden. Es handelt sich 
nur darum, die Mittel zu finden, diese Tendenz zu unterstützen und die (auch 
im Unbewußten) wuchernden Krankheitstriebe zu wandern. Dies geschieht mittels 
der sympathetischen Einwirkung — in psychoanalytischer Terminologie 
mittels der Übertragung. Der Naturphilosoph Carus begnügt sich natürlich 
nicht nur mit der Untersuchimg des Einflusses des Menschen auf den Men- 
schen. Er sucht auch nach Ergebnissen der sympathetischen Einwirkung der 
Gestirne, des Bodens, der Pflanzen, der Tiere, der Magie, des Klimas usw. auf 
den Menschen. Das größte Reich der Betrachtung eröffnet sich ihm aber doch 
in der Einwirkung des Menschen auf den Menschen. Er untersucht eingehend 
die vier Möglichkeiten der seelischen Wirkung: 1) „Die Beziehung zwischen 
Seelen von Bewußtem zu Bewußtem ; 2) „Die Wirkung des Unbewußten einer 
Seele auf das Unbewußte einer anderen"; 3) „Die Wirkung des Bewußten einer 
Seele auf das Unbewußte der anderen ; 4) „Das Einwirken des Unbewußten 
der einen Seele auf das Bewußte der anderen." 

Schon nur die angeführten Kapitelüberschriften lassen uns ahnen, wie weit 
Carus in das seelische Kräftespiel, das wir heute aus der psychoanalytischen 
Situation kennen lernten, Einblick hatte. Die Sympathie, die für ihn erste Be- 
dingung zur Ermöglichung einer Heilswirkung, d. h. einer Wirkung auf das 
Unbewußte, ist, hat wie die psychoanalytische Übertragung erotischen Charakter. 
Carus sagt darüber: „Es bedarf nämlich nur geringer Überlegung, um sich 
zu überzeugen, daß die höchste und innigste Beziehung des Unbewußten einer 
Seele auf das Unbewußte der andern allemal irgendwie an das Gefühl der Liebe 
geknüpft sein muß. Was nicht durch irgendeinen tieferen sympathetischen Zug 
einander verbunden ist, sei dieser sogar nur rein auf organischen Gegensatz 
gegründet, wird nur schwach als Unbewußtes auf Unbewußtes wirken, dahin- 
gegen allemal die tiefsten Erschütterungen dieser Regionen da hervortreten müssen, 
wo durch ein besonders lebendiges Liebesgefühl Seele an Seele gebunden ist 
(S. 227 und 228). Für Carus ist das tiefere Ergriffensein des Unbewußten Voraus- 
setzung echter Liebe. Überhaupt hat für ihn jedes magnetische Verhältnis (d. h. 
im weitesten Sinne: Jede Beziehung mit Unbewußtem) „etwas mit Geschlechts- 
liebe gemein" (der Psychoanalyse wird diese These immer noch zum Vorwurf 
gemacht!), „welche letztere ebenfalls in ihren höchsten Stimmungen das Be- 
wußte in das Unbewußte eintaucht und versenkt" (S. 135). 

Trotz dieser tiefen Einsichten des romantischen Arztes, greift die heutige, 
vom Klages-Kreis ausgehende Propaganda für seine „Psyche" zu weit, wenn sie 
das Buch als „das Grundwerk für alle Bemühungen unserer Zeit, die Psycho- 
logie ohne Seele' zu überwinden und eine Psychologie des seelenhaften 
Unbewußten aufzubauen, darstellt, denn gerade über die Art und Intensität 
der Wechselwirkung zwischen Bewußtem und Unbewußtem hat doch Carus 



522 Dr. Gustav Hans Graber 



wenig mehr sagen können, als daß er etwa die Möglichkeiten wechselseitiger 
Durchdringung zu erwähnen vermochte. Von einem eigentlich empirisch-wissen- 
schaftlichen Erfassen dieser Dynamik, einem Auffinden ihrer Gesetzmäßigkeit, 
konnte bei ihm keine Rede sein, da er nie auch nur annähernd bis zu einer 
Art Methode der Erforschung des Unbewußten, wie sie Freud entdeckte, voi- 
drang. Er gibt denn auch zu: „Wieweit mit Ausnahme jener Beziehung zwischen 
Mutter und Kind die Möglichkeit gehe einer unmittelbaren Wirkung der 
bewußten Sphäre einer Seele auf das unbewußte Leben einer andern, darüber 
ist schwer im allgemeinen zu entscheiden. Gewiß ist es, daß zwischen sich 
nahe verbundenen, zu gemeinsamem Dasein herangereiften Seelen die Beziehung 
sehr genau werden kann; schwer läßt sich indes hierüber irgend etwas geradezu 
in Form einer psychologischen Tatsache fest hinstellen' (S. 254). 

Immerhin hat Carus auch schon die in der Psychoanalyse bekannte Tat- 
sache der Einwirkung des Unbewußten des einen Menschen auf das Bewußte 
des anderen studiert, hat von mittelbarem und unmittelbarem Überwirken ge- 
sprochen und hat den ersteren Fall, der in der psychoanalytischen Therapie 
häufig und wirksam auftritt, wo nämlich „das Unbewußte als solches dem andern 
Unbewußten sich mitteilt und durch dieses erst auf die Sphäre höheren Bewußt- 
seins wirkt", richtig erkannt und auch in ihrer Wichtigkeit einzuschätzen gewußt. 
Es ist darum nicht verwunderlich, daß Carus, der bereits eine so tiefgehende 
Psychologie des Unbewußten sich erarbeitete, entdeckte, daß nicht nur die Ge- 
nesung von diesem ausgehe, sondern auch die seelische Krankheit ihren 
eigentlichen Sitz dort haben müsse, ja, die Idee der Krankheit nur dort erzeugt 
werden kann, eine eigentümliche allein im bewußten Geiste wurzelnde 
Krankheit unmöglich sei" (S. 260). 

Carus schüeßt daraus, „daß die erste und wesentliche Aufgabe solcher Heilung 
dem Arzte immer sein müsse, in die Mysterien des unbewußten Lebens des 
Kranken möglichst tief einzudringen, sich klar zu machen, in welchen Richtungen 
das eigentümliche dort entwickelte Leben der Krankheit seine gleich einem un- 
heimlichen Gespinst das Gesunde umstrickenden Fäden gezogen hat, und nun 
bemüht zu sein, diese Fäden zu lösen und diesem Fremden auf die geeignete 
Weise entgegenzuwirken" (S. 281). 

Dieser Satz enthält in seiner großartigen Gedankenfülle das gesamte Programm 
der Psychoanalyse. Carus sieht freilich ein, daß es in vielen Fällen unendlich 
schwer ist, „die feinen Fäden aufzufinden, an welche die ersten Krankheits- 
keime sich knüpfen, ja, wenn sie gefunden wären, liegen sie oft in solchen 
Tiefen der Organisation, wohin direkt die Heilwirkungen des Arztes nicht reichen" 
(S. 281 und 282). 

Hier haben die Entdeckungen Freuds den Weg gebahnt. Zum 

Schluß 

dieser vergleichenden Betrachtung über Carus' psychologiegeschichtliche Stellung, 
die z. B. nach dieser Richtung bei Ch. Bernoulli in seinem Buche: „Die 
Psychologie von Carl Gustav Carus" fehlt, möchte ich nur noch darauf ver- 
weisen, daß auch noch viele andere hier unerwähnte Tatsachen des Seelen- 



Carl Gustav Carus 



lebens, die heute gesicherte Ergebnisse der psychoanalytischen Untersuchung sind, 
von Carus bereits erkannt wurden. Wie klar umschreibt er z. B. die Ambi- 
valenz: „Heftige Liebe und heftiger Haß finden sich (daher) nicht selten — 
nur nach verschiedenen Richtungen wirkend — zugleich in der Seele vor; ja, 
es ist merkwürdig, wie in einer und derselben Richtung das eine dieser Ge- 
fühle oft plötzlich in das andere umspringen, wie aus Haß heftige Liebe und 
aus glühender Liebe nicht minder Haß entspringen kann" (S. 197)! 

Auch die Regression des Nervösen auf infantile Stufen ist Carus nicht 
unbekannt, denn er schreibt: „Was wir ferner als krankhafte Abschweifungen 
des Willens aufführen können, dahin gehören nur teils Reaktionen ohne hin- 
reichende Leitung der Erkenntnis, teils Reaktionen, welche zuviel und unmittelbar 
da vom Unbewußten bestimmt sind, wo sie es nur vom Bewußten sein sollten. 
Wir nennen das kindisch und eigenwillig, wenn im gereifteren Menschen Willens- 
regungen hervortreten, die dem Lichte höherer Erkenntnis entfremdet sind, wenn 
z. B. mit Heftigkeit ungeeignete und unzweckmäßige Nahrungsmittel begehrt 
werden, wenn Neigung oder Abneigung sogleich zu heftigen, unangemessenen 
Willensregungen ausschlagen usw., und dies aus keinem anderen Grunde, als 
weil eben im Kinde diese höhere Erkenntnis noch fehlt, und somit immerfort 
Willensbewegungen hervortreten müssen, welche ungeregelt und unangemessen 
wie sie sind, liier zwar nicht anders sein können, aber in gereifterer Erkenntnis 
als krankhaft erscheinen" (S. 219 und 220). 

Für die Fehlhandlungen, Versprechen, Verschreiben, Vergreifen, Ver- 
sehen usw., die Carus ausführlich schildert, findet er die richtige Erklärung, 
indem er sagt, daß da, wo in krankhaftem Zustand das Bewußtsein nach ge- 
sundem Urteil der Erkenntnis eine Handlung auslösen sollte, eine andere, meist 
entgegengesetzt wirkende vom Unbewußten diktiert und ausgeführt wird. 

Obschon ich in meinen Ausführungen über Carus auf psychischem Boden 
blieb und es vermied, der ganzen Morphologie der Organe, aus welcher der 
romantische Physiologe bereits eine ziemlich verständliche Zeichensprache der 
Seele herauslas, nachzugehen, so hoffe ich doch, da oder dort vermehrtes Interesse 
für den großen Arzt und Seelenforscher geweckt zu haben. 



KRITIKEN UND REFERATE 



HANS DRIESCH: Grundprobleme 
Leipzig 1926. 

Für Driesch sind die vier wesentlich- 
sten Kennzeichen der normalen Psycho- 
logie j) die Inaktivität des bewußten 
Ich, 2) Sinn und Bedeutung bereits unter 
den elementaren seelischen Gegenständen, 
3) richtende Agenzien im Dienste der 
Ordnung, als wichtigste dynamische, un- 
bewußte seelische Paktoren, 4) der Ursach- 
verhalt: Ich habe bewußt Etwas als Aus- 
gangspunkt von Allem. Aber Driesch 
steht auf dem Standpunkt, es gebe kein 
kontinuierliches psychisches Erleben: „Ich 
habe jetzt diesen Inhalt und dann jenen 
anderen, aber ich habe nichts zwischen 
diesen und jenen anderen, und was die 
Hauptsache ist, ich erlebe kein Tun, kein 
Machen zwischen ihnen in bewußter Form. 
Ein Geknatter elektrischer Funken würde 
ein besseres Bild für das sein, was die 
zeitliche Erbfolge der bewußten Erleb- 
nisse wirklich ist, als jenes Wort von dem 
Strom.« Er verlegt aber das Band der „dis- 
kreten Erlebnisse" nicht in ein psychisch 
unbewußtes System, sondern in eine Seele, 
in welcher es ein stetiges Werden gebe. 
Seele ist aber für Driesch im Grunde 
ein außerpsychischer Begriff. Das große 
Reich der Erfahrung der Psychoanalyse 
in bezug auf das System Ubw und seiner 
Wirkungsweise verschließt sich ihm so fast 
vollkommen. Seine Einsicht in die dynami- 
schen, unbewußten seelischen Faktoren ist 



der Psychologie. Verlag Reinicke, 

demnach eine ungenügende. „Unterbewußt- 
sein ist nicht dasselbe wie die unbewußte 
Seele mit ihrer ursprünglichen dynami- 
schen Organisation ; es ist ein Bruchstück 
dieser Organisation mit Bezug auf beson- 
dere Inhalte. Freuds und Coues Kom- 
plexe müssen daher unterbewußt heißen, 
aber das, was nach unseren früheren Dar- 
legungen den Charakter und die Fähig- 
keiten eines Menschen bestimmt und sich 
trieb- oder instinkthaft äußert, ist nicht 
unterbewußt, sondern ist die unbewußte 
Seele in ihrer Ganzheit." Gleichwohl ist 
es von Bedeutung, daß Driesch die Be- 
deutung des Unterbewußtseins in seinem 
Sinne vorurteilsloser einschätzt, als das 
sonst unter Psychologen üblich ist. Fol- 
gende Worte Drieschs, sind beherzigens- 
wert: „Hier, wahrlich, kann mehr erklärt 
werden als auf dem Boden einer angeb- 
lich „verstehenden Psychologie und die 
Geschichtsschreibung, welche ja eben, weil 
die Wirkung von Komplexen eine so ganz 
ungeheuere ist, doch nicht eigentlich ver- 
steht." Mag man auch den oben gekenn- 
zeichneten Grundeinwand gegenüber der 
Drieschschen Psychologie zu erheben 
haben, mag man die hohe Einschätzung 
Cou^s nicht billigen, mag man auch be- 
fremdet sein, wie rückhaltlos Driesch 
die Tatsächlichkeit der parapsychologi- 
schen Phänomene anerkennt, so wird man 



Kritiken und Referate 



5 2 5 



doch bewundernd gestehen müssen, daß 
in diesem kleinen Büchlein in klarer und 
verständlicher Weise die Problematik der 



Psychologie von einem reichen und um- 
fassenden Geiste dargestellt wird. 

Schilder (Wien). 



ERNST CASSIRER: Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter 
Teil: Das mythische Denken. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1925. 



Hier wird nicht der „Ursprung des 
Mythos" oder die Zurückführbarkeit des 
einen mythischen Inhaltes auf einen 
anderen mythischen Inhalt zur Frage ge- 
stellt, sondern der Mythos wird als eine 
eigentümliche und ursprüngliche Lebens- 
form erwiesen und es werden die „Bedin- 
gungen seiner Möglichkeit", die „Form" 
des mythischen Bewußtseins, das einheit- 
liche geistige Prinzip des mythischen 
Denkens erforscht. Der Mythos als „Denk- 
form" wird unter dieser Betrachtungsweise 
charakterisiert durch seine jeweilige „Prä- 
senz", durch seine „Zeitlosigkeit", durch 
das Vorherrschen der räumlichen Orien- 
tierung, durch Nicht-Unterscheidung der 
verschiedenen Realitätsstufen, durch seine 
Traumähnlichkeit, durch Unkenntnis des 
Todes, durch Identität von Bild und Sache, 
durch die Dinghaftigkeit des Wortes, durch 
das Fehlen der Kategorie von Ursache 
und Wirkung, so wie es das entwickel- 
tere Denken kennt, statt dessen bestimmt, 
durch das Vorhandensein einer Kategorie 
von Ursache und Wirkung als zeitliches 
oder räumliches Berüliren durch die Ver- 
tretbarkeit zwischen Ganzem und Teil, 
durch die dinglich-substantielle Ansicht 
des Wirkens — also durch Kennzeichen, 
welche Freud für das Unbewußte des 
Kulturmenschen nachgewiesen hat (worauf 
wir aber keine Hinweise finden). Wichtig 
ist vom Standpunkte der Logik aus die 
Feststellung, daß wir im mythischen Den- 
ken nicht andere Kategorien als in der 
empirisch - wissenschaftlichen Erkenntnis 
vorfinden, sondern daß man dieselbe 
Qualität der Kategorie nur mit an- 



derer Modalität vorfindet. Die Modali- 
täten der verschiedenen Kategorien zeigen 
aber alle auf einen bestimmten Typus 
des Denkens, denselben in sich eigentüm- 
lich geschlossenen, spezifischen Typus, den 
auch die Anschauungsform (die räumlich- 
zeitliche Welt und die Welt der Zahlen) 
sowie die Lebensform (Ich, Selbstgefühl, 
Kultus und Opfer) zeigen. Ein Grund- 
gegensatz, nämlich der des „Heiligen" und 
„Profanen" durchwebt alle mythischen 
Anschauungs- und Lebensformen, mit der 
„Ambivalenz" der mythischen Bedeutun- 
gen versehen. Mythische Objektwelt und 
empirische Objektwelt zeigen eine un- 
verkennbare Analogie: „In beiden handelt 
es sich darum, die Isolierung des un- 
mittelbar Gegebenen zu überwinden ; — zu 
begreifen, wie alles Einzelne und Beson- 
dere sich zum Ganzen webt." Hat das 
mythische Bewußtsein spezifische Unter- 
schiede, z. B. in der Raumanschauung 
gesetzt, so soll nicht nur eine mittelbare 
Übertragung auf andere Anschauungs- 
formen stattfinden, sondern das mythische 
Denken erblicke mit anschaulicherEvi- 
denz das eine im anderen. Die magische 
Weltansicht des mythischen Denkens soll 
über die Wirklichkeit eine fast schranken- 
lose Herrschaft ausüben, hier kommen die 
„Allmacht des Gedankens" und die „All- 
macht des Wortes" zur Entfaltung. Die 
Identität im Totemisinus sei keineswegs 
eine bloß erschlossene, sondern „eine 
mythisch geglaubte, weil magisch erlebte 
und gefühlte Identität"; es sei überhaupt 
ein Grundzug der mythischen Denkart, 
daß sie jede beliebige Beziehung zwi- 



526 



Kritiken und Referate 



sehen zwei Gliedern in ein Verhältnis der 
Identität umschlagen läßt. 

Cassirers Buch wird diejenigen, die 
daran glauben, daß es 'nur eine Art Den- 
kens gibt, nämlich die ihrige, die des Ge- 
lehrten, mit Erfolg eines Besseren belehren. 
Schön sind besonders die Kapitel, welche 



die Entwicklung der mythischen Katego- 
rien bis zu den empirisch-wissenschaftli- 
chen verfolgen. Auf Schilder wird einige- 
mal, auf Freuds „Totem und Tabu" nur 
ein einzigesmal (beim Terminus „All- 
macht der Gedanken") verwiesen. 

Hermann (Budapest). 



OWEN BERKELEY-HILL: Hin du -M 

Der hartnäckige und erbitterte Kampf 
zwischen Hindus und indischen Moham- 
medanern kann nicht rational erklärt 
werden und muß seine Determinanten im 
Unbewußten der Kämpfenden haben. Es 
bestehen zwischen ihnen keine rassischen 
oder sprachlichen Differenzen; historisch 
sind zwar die Mohammedaner als Fremd- 
linge und grausame Eroberer ins Land ge- 
kommen, — aber ebenso war es in Ägypten, 
wo Mohammedaner heute friedlich neben 
Kopten und sonstigen Andersgläubigen 
leben. Es muß also ein besonderes Moment 
in der Seele der Hindus dazukommen, um 
ihren fanatischen Haß gegen alles Moham- 
medanische verständlich zu machen. 

Der Autor meint, zwei solche Momente 
zu sehen: Einmal muß — Umliefe wie 
nach Jones der Haß der Iren gegen die 
Engländer darauf beruht, daß sie in Irland 
ihre Mutter, in den Engländern die Ver- 
letzer der mütterlichen Ehre sehen, — 
Indien für die Hindus die Mutter bedeuten, 
deren Unangreifbarkeit sie gegen die ein- 
dringenden Moslim verteidigen: das wird 
wahrscheinlich, wenn man an die zahl- 
reichen in Indien verbreiteten Mutterkulte 
denkt, für die reichlich Belege gegeben 
werden. Das zweite und wesentlichere 
Moment errät der Autor mit Hilfe eines 
Details: Die Hindus machen es den Mo- 
hammedanern besonders zum Vorwurf, 
daß sie rituell Kühe schlachten. Der Vor- 
wurf läßt erkennen, daß dieses Schlachten 
die Verletzung eines das Leben der Kühe 



uslim Unity. Int. Journal of PsA. VI. 5. 

schützenden Tabus bedeutet. Nach den 
Ausführungen von „Totem und Tabu" 
scheint nun die Amiahme berechtigt, daß 
vor langen Zeiten die Kuh in Indien ein 
Totemtier gewesen sei, wovon sich inbrah- 
manischen Zeremonien manche Überreste 
erhalten haben. Daß das Töten des Totem- 
tiers als soziale Gefahr mit allen Mittefei ab- 
gewehrt, beziehungsweise gerächt werden 
muß, ist verständlich. Christen und Juden 
schlachten zwar auch Kühe, aber wenigstens 
nicht in feierlichem Zeremoniell und nicht 
in der deutlichen Absicht, die Hindus da- 
mit zu verletzen, wie die Mohammedaner. 
Phantastisch erscheint — wenigstens 
dem, der die indischen Verhältnisse nicht 
näher kennt, — die praktische Schluß- 
folgerung des Autors: Er meint, es ließe 
sich eine feierliche Zeremonie veranstalten, 
in der Hindus und Mohammedaner ge- 
meinsam Kühe töteten und äßen, um durch 
diese gemeinsame Toteinmahlzeit den lei- 
digen Streit ein- für allemal ans der Welt 
zu schaffen. Eine solche Zeremonie könnte 
so ausgedacht werden, daß allem, was 
man von einem psychologischen Stand- 
punkt aus fordern könnte, Genüge getan 
werde, ja eventuell — indem man den Akt 
nur symbolisch vollzieht — ohne daß ein 
einziges Tier wirklich getötet zu werden 
brauchte, obwohl auch die Opferung einer 
oder mehrerer Kühe als Preis für den an- 
gestrebten Erfolg, die dauernde Versöh- 
nung der beiden Parteien, nicht zu teuer 
bezahlt wäre. Fenichel (Berlin). 



Kritiken und Referate 



527 



ROLF LAGERBORG: Die platonische 

Auf Nachmansohns kurze Untersuchung 
des Platonischen Liebesbegriffes folgte 
meine erheblich ausführlichere im histo- 
rischen Teil des Buches „Die Liebe des 
Kindes und ihre Fehlentwicklungen". 
Die beiden kurzen Darstellungen werden 
weit übertroffen durch das mustergültig, 
sorgfältig und tiefgrabend durchgearbei- 
tete Werk Lagerborgs. Ich bekenne, daß 
ich von der prachtvollen Leistimg entzückt 
bin. Ich weiß nicht, was ich mehr be- 
wundern soll, die gründliche Bearbeitung 
der Texte Piatos, die feinfühlige Psychi- 
logie, die umfassende Belesenheit, die 



Liebe. Verlag F. Meiner, Leipzig 1926. 

überall auf die großen und größten Zu- 
sammenhange dringende Universalität, 
oder die geistreiche Synthetik. Ich wün- 
sche herzlich, daß dieses nicht nur glän- 
zende, sondern geradezu strahlende Werk, 
das dem philosophischen und psycholo- 
gischen Schaffen seines Verfassers eine 
hocherfreuliche Prognose stellt, die wei- 
teste Verbreitung finde. Die psychoanalyti- 
sche Forschung kann sich über diese Dar- 
stellung des großen griechischen Denkers, 
der in so mancher Hinsicht als Freuds 
Vorläufer bezeichnet werden darf, restlos 
freuen. Pfister (Zürich). 



Prof. Dr. ROBERT GAUPP: Psychologie des Kindes. Aus der Sammlung 
„Natur und Geisteswelt". Fünfte, vielfach veränderte Auflage. B. G. Teubner 
Leipzig und Berlin 1925. 



In der Neuauflage des bekannten und 
wertvollen Grundrisses der Kinderpsycho- 
logie werden, neben starker Anleimung 
an die personalistische Darstellung der 
frühen Kindheit von W. Stern, sowie 
an die Gestalt- und Strukturpsychologen 
Dilthey, Spranger, Koffka, Bühler, auch 
die psychoanalytischen Forschungsergeb- 
nisse als „wertvolle Anregung" erwähnt. 
Zu den Methoden der kindespsycholo- 
gischen Forschung äußert sich Gaupp: 
„Die Erfahrungen über Erinnerungstrene 
imd Erinnerungstäuschungen ermahnen 
zur äußersten Vorsicht in der Verwertung 
der Kindheitserinnerungen, einer Vorsicht, 
an der es namentlich die Psychoanalytiker 
haben reichlich fehlen lassen. Ihr (?) wissen- 
schaftlicher Wert ist nicht groß ; allein 
es darf nicht übersehen werden, daß ge- 
rade manche besonders feinen und wert- 
vollen Tatsachen des kindlichen Fühlens 
und Denkens nur auf diesem Wege der 
Kindheitserinnerungen gewonnen werden 
konnten." 



Verfasser wendet sich auch, allerdings 
nicht überzeugend, gegen die Theorie der 
infantilen Sexualität, insofern dieser eine 
allgemeine Anwendung eingeräumt wird. 
Er sagt: „Die Eifersucht ist natürlich (!) 
nicht eigentlich erotisch-sexueller Art, 
sondern entstammt dem naiven (!1 Egois- 
mus des kindlichen Seelenlebens, der die 
Zärtlichkeiten der Mutter für sich allein 
haben will und sich ebenso gegen die 
Geschwister oder andere Kinder richten 



kann wie gegen den Vater" 



„Die 



Tatsache, daß das kleine Kind bei seinen 
Liebesbezeigungen starke körperliche 
Lust empfindet, hat, zusammen mit der 
Überschätzung von Kindheitserinnerungen 
nervöser Menschen, in der psychoanaly- 
tischen Forschungsrichtung zu einer un- 
berechtigten Ausdehnung des aus der 
Sexualforschung stammenden Libidobe- 
griffes auf alle kindlichen Liebes - und 
Zärtlichkeitsempfindungen geführt . . . 
Seltene Ausnahmen früher kindlicher Ero- 
tik sollen jedoch nicht geleugnet werden. 



528 



Kritiken und Referate 



Auch hat man früher die Bedeutung der 
sexuellen Neugier und die aus ihr kom- 
menden Verirrungcn im präpubischen 
Alter sicherlich unterschätzt." 

Gaupp erwähnt auch die Verdrän- 
gung, findet aber, daß sie in der frühen 



Kindheit des normalen Kindes „sicher- 
lich nicht die ihm von dieser Forschungs- 
richtung (Psychoanalyse) zugeschriebene 
Rolle" spiele, sondern „in das Gebiet der 
Psychopathologie des Jugendalters" ge- 
höre. Graber (Bern). 



PAUL HÄBERLIN: Das Ziel der 
C. F. Spittlers Nachfolger. Basel 1925. 

Häberlin fragt nach dem Ziel der 
Erziehung im philosophischen Interesse, 
nicht im psychologischen und historischen. 
Sein „Standpunkt ist der des geistigen 
Idealismus" (17). „Wir reden nur unter 
uns, das heißt zu denen, die an objektive 
Richtigkeit glauben" (21). Wobei Richtig- 
keit nicht etwa empirische, sondern ob- 
jektive, absolute Richtigkeit ist. „Man 
kann die Überzeugung unseres Stand- 
punktes nur eben haben oder nicht haben. 
Von Begründungen kann in diesen tiefsten 
Entscheidungen gar nicht mehr die Rede 
sein und auch nicht von Widerlegungen." 
Demnach ist es für uns, die wir Forschungs- 
interessen folgen, einigermaßen gleich- 
gültig, zu welchen Formulierungen über 
das Ziel Häberlin nach der Besprechung 
des „Sinns der Erziehung" gelangt. Sie 
sind teilweise in neuer Nomenklatur im 
wesentlichen nicht neu gegenüber den 
bekannten Zieldeduktionen der philoso- 
phischen Pädagogik. In Kants Pädagogik 
findet man sie nicht schlechter formuliert. 
Psychoanalytisches Studium wirft seinen 
Schatten auf die Häberlinsche Philosophie, 
indem er die Grenzen, die der Erreichung 
des philosophischen Ziels durch die Fällig- 
keiten des Zöglings gesetzt sind, mehr als 
sonst philosophische Pädagogiker tun, be- 
tont. Auch die Tatsache sozialer Grenzen 
wird — gerade noch — erwähnt, und wird 
durch Formulierungen verschleiert, die 
gefährlich leicht zur Rechtfertigung für 
altertümelnde Bemühungen, dem Er- 



Erziehung. 2. Aufl. Verlag Kober 

ziehungswesen die Gestalt ständischer Ein- 
richtungen zu geben (etwa im Sinne des 
frühen Pestalozzi: der Arme soll zum 
Ertragen seiner Armut erzogen werden) 
dienen können, oder in wirklichkeits- 
fremde Berufsmetaphysik münden. 

Ist eine Begründung „des Standpunkts« 
— wie Häberlin seinen philosophischen 
Standpunkt nennt — auch in sich unmög- 
lich, so ist es doch möglich, nach dem 
Ursprung des Glaubens an eine, und zwar 
eine absolute Richtigkeit zu fragen. „Sinn- 
los wäre diese Frage nur dann, wenn man 
hoffte, durch ihre Beantwortung so etwas 
wie eine Begründung, einen Rechtsnach- 
weis zu erlangen. Denn der Ursprung 
kann niemals etwas für Recht oder Un- 
recht besagen. Mag die Überzeugung her- 
kommen von wo immer es sei: sie trägt 
ja ihren Rechtsgrund in sich selbst, und 
dazu kann ihre Herkunft nichts hinzu- 
fügen, so wenig wie sie davon etwas ab- 
streiten kann" (26). Es ist dies eine psy- 
chologische Frage, die Häberlin dahin 
beantwortet, das „Gemeinsame, für das 
Zustandekommen der Überzeugung Be- 
stimmende" sei „das Gewissenserlebnis" 
(27). Häberlin unterscheidet zwei Ideale, 
das der selbstsüchtigen Besonderheit und 
das der übersubjektiven Einheit. „Das 
Gewissensurteil ist das Selbsturteil eines 
Individuums, welches vom (autoritativen) 
Ideal der übersubjektiven Einheit aus ge- 
fällt wird. Das Gewissenserlebnis hat seinen 
Ursprung in der für die Einheit des Lebens 



Kritiken und Referate 



529 



Partei nehmenden, gegen das Prinzip der 
selbstsüchtigen Besonderheit gerichteten 
Idealbildnng" (36). Man sieht Häberlin 
in seiner psychologischen Konstruktion 
demnach stark beeinflußt vom Über-Ich, 
dem Gegensatz von Narzißmus und Objekt- 
liebe. Zum Beispiel: „Wir wissen, daß es 
zwei vitale Grundinteressen und also zwei 
Grundtriebe gibt . . . den Trieb der Be- 
harrung, . . . Egoismus . . . und denjenigen 
der Selbstveränderung . . . Liebestrieb oder 
Erotik . . ." (10g). Statt eines Hinweises 
auf Freud, als seiner Quelle, begnügt sich 
H. zu behaupten: „An ähnlicher Schwäche 
leiden aber auch jene komplizierten Ab- 
leitungsversuche, wie wir sie in der psycho- 



analytischen Literatur linden; sie lassen 
gerade das Wesentliche unaufgeklärt, näm- 
lich den normativen oder Richtigkeits- 
charakter aller Gewissenserlebnisse, seine 
übersubjektive, schlechthin objektive Ten- 
denz" (50). Ich kann nicht finden, daß 
dieser Fortschritt in der Erkenntnis des 
Wesentlichen über „Ich und Es" hinaus 
in Häberlins Formulierung zu finden sei : 
„Das Einheitsideal hat notwendigerweise 
autoritativen, fordernden Charakter" (54), 
da in ihm „das Individuum grundsätz- 
liche Stellung gegen seine besondere 
Ichheit, also gegen die Subjektivität seiner 
Wünsche nimmt" (53). 

Bernfeld (Berlin). 



HANS HENNING: Die Aufmerksamkeit. (Aus: Abderhalden, Handbuch 
der biologischen Arbeitsmethoden.) Urban & Schwarzenberg. Berlin -Wien 1925. 



Eine sehr dankenswerte Zusammen- 
fassung der Ergebnisse der experimentel- 
len Psychologie unter besonderer Berück- 
sichtigung der Forschungsmethoden. Die 
Ergebnisse und Methoden der Psycho- 
analyse werden gänzlich ignoriert, der 
Verfasser rechtfertigt nicht einmal, daß 
er sie unberücksichtigt läßt. „Die Auf- 
merksamkeit ist keine Erlebnisklasse oder 
einfache Erlebnisart, welche ohne weiteres 
von anderen Klassen, z. B. von Wahr- 
nehmen oder Denken sinnlich abzuheben 
wäre, und kann somit nicht als solche in 
der Selbstbeobachtung ergriffen werden, 
sondern mir als gedachte Bedingung 
oder physiologische Voraussetzung 
bestimmter Erlebnisse gelten." (S. 1). Für 
Henning kann heute nur eine physio- 
logische Erklärung in Betracht kommen. 
(S. 200.) Dieser extreme Standpunkt hin- 
dert ihn aber nicht, mit genügender Aus- 
führlichkeit auch die anderen — außer - 
psychoanalytischen — Anschauungen dar- 
zustellen. Daher hat dieses Buch für uns 
den Wert: zu zeigen, wie bei fleißigster 
Feststellung von Bewußtseinstatsachen die 



experimentelle Psychologie zu keiner 
irgendwie befriedigenden Gesamtansicht 
gelangt ist, die das Phänomen der Auf- 
merksamkeit wirklich aufhellen würde. 
Hennings eigene Beiträge zum Problem, 
selbst seine (physiologische) Sensibili- 
sierungstheorie erfüllen die Funktion der 
Wegbereitung für die psychoanalytischen 
Erkenntnisse und Theorien, indem sie 
einen Fortschritt der Zersetzung der alten 
psychologischen Grundanschauungen dar- 
stellen. Der Akzent der Deutungen wird 
von den festen Empfindungen auf die 
dynamischen Prozesse der Aufmerksamkeit 
verlegt, die Empfindung und Wahrneh- 
mung beeinflussen, beinahe überhaupt erst 
„schaffen". Von Hennings Sensibilisierung 
ist zwar noch ein weiter Weg, um die 
Bewußtseinspsychologie an Freuds Trieb- 
und Energielehre anzuschließen, aber es 
ist immerhin ein Weg. Freilich sollten 
wir nicht warten, bis die Experimental- 
psychologen ihn finden. Es wäre durchaus 
nötig, daß wir selbst ihn deutlicher als 
bisher üblich war, zeigten. 

Bernfeld (Berlin). 



Imngo XII. 



54 



55° 



Kritiken und Referate 



FRIEDRICH ALVERDES: Tiersoziologie. (Band 1 der Forschungen zur 
Völkerpsychologie. Verlag Hirschfeld, Leipzig 1925.) 

Im Rahmen einiger theoretischer Leit- 
sätze bekommen wir hier eine fleißige, 
wenn auch nicht so breit angelegte Ver- 



arbeitung der einschlägigen Literatur, wie 
sie in Deegeners „Vergesellschaftung im 
Tierreiche 1918" vorliegt. Auch die neue- 
sten Beschreibungen sind berücksichtigt, 
Köhler, Schjelderup-Ebbe kommen 
ZU Worte, doch Brun nicht. In der Syste- 
matisierung wird zwischen Assoziationen 
und Sozietäten unterschieden, letztere 
werden aber anders als bei Deegener be- 
stimmt: bei Deegener wird eine An- 
sammlung als Sozietät, also als echte Ver- 
gesellschaftung anerkannt, wenn aus der 
Ansammlung ein gewisser Nutzen für die 
einzelnen Mitglieder nachweisbar ist, bei 
Alverdes ist ein nachweisbarer sozialer 
Instinkt ausschlaggebend. Zur weiteren 
Aufteilung dienen dann die Gesichts- 
punkte: Alle normalen Individuen werden 
fortpflanzungsfähig — oder nicht (In- 
sektenstaaten), im ersten Falle: Die Fort- 
pflanzung (Beziehungen zum anderen Ge- 
schlecht, zur Nachkommenschaft, Ver- 
halten der von der Fortpflanzung Aus- 
geschlossenen), Verhalten der saisonal 
paarungsfähigen Arten außerhalb der 
Fortpflanzungszeit. Ein Abschnitt „All- 
gemeine Tiersoziologie" behandelt unter 
anderem die gegenseitige Hilfe und Schä- 
digung, die Kollektivpsyche, Tanz, Spiel, 
Eigentum, Verständigung, Nachahmung. 
Ein wichtiger theoretischer Grundsatz 
des Verfassers lautet, daß jede Tätig- 



keit aus einem konstanten und einem 
variablen Faktor zusammengesetzt sei, 
bei der Instinkthandlung sei nun die 
Konstante, bei der Intelligenzhandlung die 
Variable im Übergewicht, mit ständigem 
Vorhandensein des anderen Faktors. 

Mit Bedauern vermissen wir in der 
Arbeit psychoanalytische Gesichtspunkte; 
der manchenorts auftauchende Ausdruck 
„Ödipus-Komplex" bleibt ja nur ein Aus- 
druck. Es ist auch der Ödipus-Komplex 
nicht geeignet, in einer allgemeinen 
Tiersoziologie analytische Gesichtspunkte 
zu vertreten, vielmehr drängt sich liier die 
Trieblehre, speziell die Sexualtheorie und 
die Lehre der Übertragung auf. Wenn 
z. B. beobachtet wird, daß Männchen 
einerseits und Weibchen anderseits sich 
zu besonderen Verbänden zusammen- 
schließen, so ist der nicht-sexuelle Cha- 
rakter dieser Ansammlungen nicht ohne 
weiteres, wie es Alverdes will, sicher- 
gestellt, da homosexuelle Neigungen und 
Handlungen auch beim Tiere bekannt 
sind. Hier liegen Aufgaben für die 
Forschung und Beobachtung, ebenso 
wie in der richtigen Forderung des Ver- 
fassers, man sollte an den sogenannten 
Instinkthandlungen mehr als bisher das 
wirklich Instinktive vom Traditionellen 
sondern lernen. Wichtig ist auch die 
Bemerkung des Verfassers, daß auch dem 
Sexualleben des Tieres Hemmungen ent- 
gegengesetzt sind. 

Hermann (Budapest). 






FR. W. FÖRSTER: Religion und Charakterbildung. Psychologische und 
pädagogische Vorschläge. Rotapfel-Verlag, Zürich und Leipzig. 

Von „hoher Warte" aus rechnet Förster Seine eisige Unduldsamkeit, in die er ge- 
ab mit all dem, was nicht nach religiös- raten, hat ihm viele Freunde entzogen, 
christlichen Grundsätzen orientiert ist. Die ständige Winkelbetrachtung nach 



Kritiken und Referate 



55 ] 



„oben hin", nach „unten hin", von „oben 
her", von „unten her", wie Förster sie 
übt, hat etwas Diabolisches an sich, ver- 
rät aber gleichzeitig auch eine Unsicher- 
heit. Förster predigt bald von entschlosse- 
ner Scheidung in „kalt oder warm", im 
Gegensatz dazu von „jeder ehrlichen Syn- 
these entgegengesetzter Interessen",predigt 
ferner von der Notwendigkeit eines starken 
Willens und von der Machtlosigkeit unseres 
Willens, der sich einem höheren zu unter- 
stellen habe, predigt bald von der Über- 
windung des Ichs, bald von der Festigung 
des Ichs. 

Es fehlt Förster an minimaler Achtung 
vor allen menschlichen, insbesondere er- 
zieherischen Bestrebungen, die sich nicht 
auf christliche Gläubigkeit stützen. Die 
Moralpädagogik, die „morale la'ique", die 
Aussage-, Freiheits-, Sexual- und Willens- 
pädagogik gehören ins Kapitel des Abfalls. 
„Unten" wird auch die Psychoanalyse, 
der Förster ein größeres Kapitel widmet 
(freilich ohne sie ausreichend zu kennen), 
klassifiziert. Sie will den Tiermenschen 
und nicht den Gottmenschen. Sie ist „einer 
der gefährlichsten und am meisten irre- 
führenden modernen Versuche, die reli- 
giöse Seelenführung zu ersetzen", ander- 
seits aber „ist diese Psychoanalyse in einem 
gewissen Sinne sogar ein bestätigendes 
Zeugnis für alles, was die christliche 
Religion bisher in der Behandlung der 
Seelen geleistet hat". „Der Psychoana- 
lytiker hat keine universelle (!) Kenntnis 
der menschlichen Seele." „Wer z. B. die 
Kraft Gottes in der Seele nicht erkennt, 
sondern alles nur von unten her deutet, 
der wird immer ein gemeingefährlicher 
Stümper in Diagnose und Therapie 
bleiben." Was als das „Widerwärtigste" 
bezeichnet wird, ist die Zurückführung 
„gewisser Entfremdungen und Gereizt- 
heiten von Kindern gegenüber Vater oder 
Mutter auf den ,Ödipus-Komplex'" . . ., 



„als ob hier nicht die tiefere physio- 
logische Verknüpfung des Kindes mit der 
Mutter" . . . „völlig zureichend alles er- 
klärte!« 

Es kann „im Beginn der Jünglings- 
jahre bisweilen eine Knabenliebe" geben . . ., 
„die nicht das leiseste Sexuelle oder Per- 
verse an sich hat, sondern ganz rein ist, 
ganz vom ,himmlischen Eros' kommt" . . ., 
hier ist man „dem klaffenden Unterschied 
von Normalem und Abnormem nicht im 
entferntesten gerecht geworden". 

Die Traumanalysen und die „erotischen 
Interpretationen des Kindesalters" sind „das 
unglaublichste" .Vom pädagogischen Stand- 
punktam ungeheuerlichsten ist wohlFreuds 
„Analyse der Phobie eines fünfjährigen 
Knaben" . . . „Dieses bedauernswerte Kind 
wird nun durch den eigenen Vater ana- 
lysiert, d. h. tagelang mit den ekelerregend- 
sten (!) Fragestellungen gequält" . . . „Die 
ganze Behandlung, in der jeder feinere 
seelische Appell fehlt, ist geradezu ein 
Widerspiel aller Pädagogik." „Behaupten 
läßt sich alles," sagt Förster, „und wer 
über etwas Phantasie verfügt, der kann 
leicht genug alles und jedes zu seinen 
Gunsten umdeuten." Eine Kunst, die Förster 
ziemlich gut versteht. Dabei unterlaufen 
ihm allerdings starke Irrtümer. So behaup- 
tet er, daß die Psychoanalytiker „bei der 
Hysterie bisher nur die Symptome, nicht 
aber die Krankheit" geheilt hätten. Wir 
begreifen allerdings diesen Irrtum, wenn 
wir hören, daß Förster „bis jetzt noch 
kein einziger Fall wirklich befreiender 
und dauerhafter Heilung durch Psycho- 
analyse bekannt geworden" ist! 

Hören wir, was Förster über den reli- 
giösen Menschen uns zu sagen weiß : „Der 
wahrhaft religiöse Mensch hat in der 
Regel, von besonderen erblichen Be- 
lastungen abgesehen, keine ungeordneten 
Komplexe im Unterbewußtsein." Er lebt 
in der „ehernen Gewißheit, daß es noch 



3+' 



55 2 



Kritiken und Referate 



eine andere Welt gibt, als die der ,Libido', 
und daß es wichtiger ist, sich in diese 
Welt ... zu vertiefen, als ohne solches 
Licht in den dunkelsten Abgründen des 
Unterbewußtseins herumzutappen. Ohne 
solche Hinwendung zu jener oberen Welt 
kann es auf die Dauer auch keine Heilung 
von seelischen und nervösen Krankheits- 
zuständen geben . . ., nur durch das Gött- 
liche kann das Dämonische beruhigt und 
überwunden werden". 

Die Psychoanalyse mag sich trösten. 
Wie ihr, so ergeht es der Wissenschaft 



überhaupt. Förster ist unduldsam. Aber 
man hilft der Menschheit nicht nur da- 
durch, daß man gleich in allem den Abfall 
sieht, dem man, gemäß seiner „Sendung", 
glaubt das göttlich Erhabene gegenüber- 
stellen zu müssen. Damit erzeugt man 
auch Zwiespalt und tötet. Erziehen heißt 
vor allem auch lösen, was gebunden, 
heißt Kräfte befreien, Wachstumsmöglich- 
keiten schaffen, und dazu gehört wahrlich, 
was Förster gelegentlich selber verlangt, 
und auch so bezeichnet . . . eine „Wurzel- 
behandlung". Grab er (Bern). 



P. EDELBERT KURZ, O. F. M.: Chr 

geschlechtlichen Erziehung. Josef Kösel 

Im Einverständnis mit dem Münchener 
erzbischöflichen Ordinariate hat hier ein 
katholischer Priester und Erzieher eine 
kleine Schrift veröffentlicht, die einen Bruch 
mit der bisher beobachteten Stellung des 
offiziellen Katholizismus bedeutet. Galt 
in diesen Kreisen bisher alles Geschlecht- 
liche für unrein, mit dem Makel der 
Erbsünde belastet, war bisher selbst die 
vom Priester gesegnete Ehe bloß ein — 
Milderungsgrund, die geschlechtliche As- 
kese aber gottgefällig, auch bei Eheleuten 
die Vereinigung nur zum Zwecke der 
Kindererzeugung zulässig, zur bloßen Lust 
aber sündhaft, geschah also der ganze 
Kampf für größere Offenheit in geschlecht- 
lichen Dingen in der Erziehung gegen 
den erbitterten Widerstand gerade des 
katholischen Klerus, — so erleben wir hier 
eine geradezu erstaunliche Wendung: „Das 
Büchlein will eine grundsätzliche Besin- 
nung auf die gottgewollte Stellung des 
Geschlechtlichen in der Welt geben. Gott 
hat es geschaffen — darin liegt alles." 
Und mit erfreulicher Folgerichtigkeit führt 
der Verfasser seine Absicht durch, „gibt 
Worte und Namen für alles, auch für das 



istlich denken! Ein Hilfsbüchlein zur 
& Friedrich Pustet, München 1925. 

Letzte". Mit einer kühnen Wendung be- 
zeichnet er das bisher Verpönte als 
heilig: er spricht vom heiligen Mutter- 
leib, der heiligen Scheide, der heiligen 
Mutteröffnung. Nicht die Geschlechts- 
organe und ihre natürlichen Funktionen 
sind „unkeusch", sondern nur ihr Miß- 
brauch; auch Unwissenheit gehört zur 
Keuschheit nicht, denn „das heiligste 
und unschuldigste Mädchen Maria ist 
nicht unwissend in diesen Dingen". — 
„Die Eheleute dürfen auch der Lust 
sich freuen, weil sie ja von Gott ge- 
geben ist." 

Aus diesen Voraussetzungen ergibt sich 
die unabweisbare Notwendigkeit einer 
geschlechtlichen Erziehung, nicht etwa 
einer seelenlosen Aufklärung. Der Ver- 
fasser ist offensichtlich ein guter Kenner 
der psychoanalytisch-pädagogischen Lite- 
ratur und verwertet sie ganz verständig. 
Im ganzen darf man sich der mutigen 
Schrift freuen als eines Sieges unserer 
Arbeit. Wenn die Kirchen uns nicht mehr 
entgegentreten, sondern auf ihre Art helfen, 
können die Menschen dabei nur gewinnen. 
Friedjung (Wien). 



Kritiken und Referate 



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ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOLOGIE (I. Abteilung der Zeitschrift für Psycho- 
logie und Physiologie der Sinnesorgane). Bd. 94. 1924. 

E. R. Jaensch: Über Gegen warts- dauernde Reize in längere Serien von 
aufgaben der Jugendpsychologie. 
S. 58 — 53. Wichtigkeit der Jugendfor- 
schung in unserer, mit Sehnsucht nach 
Wiedergeburt erfüllten Zeit. Ein zentraler 
Weg der Erforschung der jugendlichen 
Seele, des Aufbaues seiner Welt wurde — 
meint Jaensch — durch die Untersuchimg 
der Anschauungsbilder angebahnt. 

AntoninPrandtl.DieKo Ordination 
der Gehirn- und B ewußtseins Vor- 
gänge. S. 54 — 100. Wechselwirkungs- und 
Parallelitätslehre sind untauglich, die 
psychophysiologischen Erscheinungen zu 
erklären. In Anknüpfung an Avenarius- 
Mach wird eine Identitätslehre ent- 
wickelt, welche keine kausalen Verknüpfun- 
gen kennt, sondern Schlüsse vom Voraus- 
gehenden auf das Nachfolgende nur auf 
Grund der Gleichförmigkeit des Ge- 
schehens zuläßt. Der Begriff eines Unbe- 
wußten, sowie die psychische Determi- 
nation alles psychischen Geschehens wird 
verworfen. — Man vermißt hier eine Aus- 
einandersetzung mit vom Triebleben aus- 
gehenden Auffassungen, man hört stets nur 
von „Wahrnehmungen", „Gedanken". 

RupprechtMatthaei:DieErregung 
des Neurons als physiologische 
Grundlage psychischer Vorgänge 
(S. 113 — 153). Wesentliche Prinzipien der 
Ausführungen sind folgende: Es gibt ab- 
gestufte Reaktionsfähigkeit und Reaktion 
nach dem Alles-oder-Nichts-Gesetz; 
erste Reaktionsart gehört zu den zentralen 
Eigenschaften, deren Träger die Ganglien- 
zelle ist. Das periphere Element (Neurit, 
Nervenfaser) folgt dem Alles-oder-Nichts- 
Gesetz. Die Beziehung zwischen Reizstärke 
und Erregungsgröße wird durch eine log- 
arithmische Funktion ausgedrückt („Rela- 
tivitätssatz"). Die Neurone können kurz- 



rhythmischen Erregungen umwandeln. 
Für den geordneten Ablauf der Erregungs- 
prozesse hat das Prinzip der reziproken 
Innervation die größte Bedeutung (Ver- 
worn: Ein Reiz erregt ein zentrales Ge- 
biet und hemmt gleichzeitig die Tätigkeit 
eines anderen). „In der Interferenz von 
Erregungen hat man in der Tat eine 
wesentliche Bedeutung der nervösen Hem- 
mungen nachweisen köimen. "Arbeitshyper- 
trophie und Dauererregung (also letzten 
Endes Ergebnisse des Einflusses der Außen- 
welt) bilden die Grundlage von Gedächtnis, 
gewohnheitsmäßigen psychischen Äuße- 
rungen und stereotypen Gedankengängen. 
Die „Leitungslehre" (v. Kries) kann auch 
die Gestaltungseigenschaften des Psychi- 
schen erklären. 

Alfred Storch: Erlebnisanalyse 
und Sprach wissen schaft. (S. 146 — 152.) 
Einige Fälle von Schizophrenie werden 
vorgeführt, um zu zeigen, daß die durch 
E. R. Jaensch postulierte Denkweise der 
„Eidetiker" bei dieser Geisteskrankheit 
wieder auftaucht. „Wirken und Erleiden 
sind die Grundkategorien dieses ver- 
änderten Wahrnehmungserlebens." 

Oskar Feyerabend: Der innere 
Farbensinn der Jugendlichen und 
seine Beziehung zu der angenäher- 
ten Farbenkonstanz der Sehdinge. 
(S. 209 — 247.) In der „Farbentransfor- 
mation" abnorm beleuchteter Objekte ist 
ein „sensorischer Reflex" wirksam, der 
aus einem frühen Stadium des Farben- 
sehens fixiert wurde. In diesem frühen 
Stadium entwickeln sich negative An- 
schauungsbilder. 

Hans Henning: Das Urbild. 
(S. 273 — 277.) Bei Geruchserlebnissen 
kommen oft anschauliche Bilder zu- 



534 



Kritiken und Referate 



stände, welche weder Wahrnehmungen, 
noch Nachwirkungen, eidetische Bilder, 
Erinnerungen, Vorstellungen, Phantasie- 
bilder sind, sondern eben „Urbilder". 
Im optischen Felde sind solche Ur- 
bilder eidetisch als primäre optische 
Anschauungsbilder anzunehmen. 

Hans Henning: Experimente an 
einem teleki netischen Mediu m. 



(S. 278—286.) Mit Hinweis auf ein ent- 
larvtes russisches Medium werden an- 
deutungsweise die Tricks und die variablen 
und improvisierten Geräte der Medien auf- 
gezählt. Doch viel wichtiger als diese Dinge 
seien einerseits die Technik, die gaukle- 
rische Kunst, und anderseits die psychi- 
sche Beeinflussung der Zuschauer. 
Hermann (Budapest). 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOLOGIE (I. Abteilung der Zeitschrift für Psycho- 
logie und Physiologie der Sinnesorgane). Bd. 95. 1924. 



Karl Groos: Über wissenschaft- 
liche Einfälle. S. J — 26. Selbstbeobach- 
tungen mit rückschauender Reproduktion. 
Groos findet bei sich, als Determinanten 
der Einfälle, früher vorgefallene Gedanken- 
gänge, an welche der momentane Vorstel- 
lungsverlauf assoziativ anknüpft. Die Ein- 
fälle waren stets von sinnerfiillten Wort- 
vorstellungen und nicht von Anschau- 
ungsbildern getragen. Bei anderen haben 
aber auch visuelle Bilder, die trans- 
formiert werden, eine entscheidende 
Bedeutung. — Die Analysen des Autors 
verlaufen nicht mit Ausschluß der kriti- 
schen Instanz, deshalb bleiben die wirk- 
lichen Motive unaufgeklärt. So bei einem 
Einfall, der vom Psychologen Jerusalem 
(„Kraftäußerung« in der Urteilsthcorie) 
zum Religionspsychologen Söderblom 
führt („Mana"- Glauben), bleibt die ober- 
flächliche Wortbedeutung „Jerusalem" als 
Assoziationsglied zum Religionsthema un- 
erkannt. Eine unvoreingenommene Analyse 
hätte wahrscheinlich gerade hier Auf- 
klärung finden können. 

Antonin Prandtl: Versuche über 
die Perseveration von Vorstellun- 
gen. S. 249 — 275. Hartnäckig sich wieder- 
holende Perseverationen erscheinen mit 
entschiedener Unlust verbunden. Man 



kann in den Perseverationen eine Ten- 
denz zur rückläufigen Reproduktion des 
primär gegebenen Vorstellungskomplexes, 
eine Tendenz zur periodischen Wieder- 
holung derselben Vorstellung und eine 
Tendenz zur Vervollständigung unter- 
scheiden. Letztere Tendenz bedeutet das 
Streben, jedes Glied des primären Kom- 
plexes zu Gehör zu bringen. 

Es sei noch erlaubt, wortwörtlich ein 
Referat (eines Psychologen!) über Freuds 
„Das Ich und das Es" hier wieder abzu- 
drucken (S. 243) : „Es ist unmöglich, diese 
Arbeit Freuds zu referieren und noch un- 
möglicher, sie zu kritisieren. Diese auf 
dem Ödipus-Komplex und der Libidolehre 
aufgebaute ,höhere Ethik' spricht, in Aus- 
drücken und Phantasien, die dem gewöhn- 
lichen Sterblichen unverständlich sind, von 
dem, was das Wort: ,zwei Seelen fühl' ich, 
ach, in meiner Brust' oder das Bibel- 
wort : ,das Gute, das ich will, tue ich 
nicht, ober das Böse' usw., viel ein- 
facher, klarer und schöner sagen. Einer 
Lösung des Zwiespalts kommt Freud 
auch in keiner Weise nahe. — Psycho- 
logie ist das nicht, Philosophie ebenso- 
wenig; es gehört beneidenswertes Selbst- 
gefühl dazu, solche Phantasien drucken 
zu lassen." Hermann (Budapest). 



BÜCHEREINLAUF 

ERNST BICKEL: Homerischer Seelenglaube. Geschichtliche Grundzüge mensch- 
licher Seelenvorstellungen. Schriften der Königsberger Gelehrten Gesellschaft, 
Geisteswissenschaftliche Klasse. 1. Jahr, Heft 7. Deutsche Verlagsgesellschaft 
für Politik und Geschichte, Berlin 1926. 

Dr. F. BUTTERSACK: Wider die Minderwertigkeit. Die Vorbedingung für 
Deutschlands Gesundung. Skizzen zur Völkerpathologie. Verlag Curt Kabitzsch, 
Leipzig 1926. 

HANS CORNELIUS: Grundlagen der Erkenntnistheorie. Transcendentale 
Systematik. 2. Auflage. Verlag Ernst Reinhardt, München 1926. 

Prof. Dr. WALTER DEL-NEGRO: Der Sinn des Erkennens. Prolegomena zu 
einer neokritizistischen Lösung des Erkenntnisproblems. Verlag Ernst Reinhardt, 
München 1926. 

LENA VOSS: Der Mensch und seine Götter. Ein Buch über die astrologischen 
Einflüsse auf Gestalt und Werdegang des Menschen. Verlag für Kultur und 
Menschenkunde, Berlin-Lichterfelde. 

Individualpsychologie und Pädagogik. (Beiträge von H. FRANCKE, 
B. KLOPFER, F. KUNKEL, R. KUNKEL, A. SIMON, E. WEIGL). „Schule 
und Leben", Heft 10. Verlag E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1927. 

Partei und Klasse im Lebensprozeß der Gesellschaft (Beiträge vonROFFEN- 
STEIN, GIOVANOLI, CORNELISSEN, KOBATSCH, BOHN). Forschungen 
zur Völkerpsychologie und Soziologie, Band II. Verlag C. L. Hirschfeld, 
Leipzig 1926. 



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REDAKTIONELLE MITTEILUNG 



Dr. Otto Rank, einer der beiden Gründer dieser Zeitschrift und Angehöriger 
ihrer Redaktion seit Beginn, hat seinen Wohnsitz von Wien verlegt und ist bei 
diesem Anlasse aus der Redaktion ausgetreten. An seiner statt tritt mit Beginn 
des nächsten Jahrganges Dr. Sandor Radci in die Redaktion der „Imago" ein.