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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften XV 1929 Heft 1"



IMAGO 

XV. BAND 



1929 



Reprinted by permission of Sigmund Freud Copyrights Ltd., London 

KRAUS REPRINT 

A Division of 

KRAUS-THOMSON ORGANIZATION LIMITED 

Nendeln/Lieclitenstein 
1969 






Printed in Germain 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER 

PSYCHOANALYSE AUF DIE NATUR- 

UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

SIGM. FREUD 



REDIGIERT VON 

SÄNDOR RADÖ, HANNS SACHS 
A. J. STORFER 



XV. BAND 
(1929) 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 

KRAUS REPRINT 

Nendel n/Liechtenstein 
1969 



INHALTSÜBERSICHT DES XV. BANDES 



Seite 



Siegfried Bernfeld: Der soziale Ort und seine Bedeutung für Neurose, 

Verwahrlosung und Pädagogik 299 

Siegfried Bernfeld und Sergei Feitelberg: Das Prinzip von Le Chatelier 

und der Selbsterhaltungstrieb 289 

Maria Bonaparte: Der Fall Lefebvre 15 

Sergei Feitelberg siehe S. Bernfeld und S. Feitelberg. 
bnre Hermann: Das Ich und das Denken. 

I) Einleitendes 89 

II) Identifizierung und Identität 525 

III) Sinnesmodalitäten und Denkformen 331 

Ma-x Mengeringhausen: Die Entwicklung der Flugtechnik und die 

Mythen vom Fliegen 3 l 3 

Theodor Reik: Zur Psychoanalyse des jüdischen Witzes 63 

— Künstlerisches Schaffen und Witzarbeit 200 

— Warum verließ Goethe Friederike? . . . 4 00 

Hauns Sachs: Kunst und Persönlichkeit 1 

Philipp Sarasin: Goethes Mignon 549 

Alfred Winterstein: Dürers „Melancholie" im Lichte der Psychoanalyse 145 

W. Wulff: Zur Psychologie der Kinderlaunen 263 

Hans Zulliger: Elternbeobachlungen über die Sexualität kleiner Kinder in 



REFERATE 

Barolin: Inspiration und Genialitä' (Hiischmann) 286 

Hoche: Das träumende Ich (Fenichel) 142 

Kunkel: Einführung in die Charakterkunde auf individualpsychologischer Grund- 
lage (Schultz-Hencke) 285 

Nachmannsohn: Die wissenschaftlichen Grundlagen der Psychoanalyse 

Freuds (Müller- Rrnunschweig) 135 

Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik. II. Jg., Heft 11/12 (Fenichel) 286 

Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, III. Jg., Heft 1 (Fenichel) 287 

Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, III. Jg., Heft 2 bis 7 .... (Fenichel) 538 



I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO ANALYSE 
AUF DIE NATUR- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 

XV. Band 1929 Heft l 



Jvunst und x ersönlicnkeit 

Nach einem in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft gehaltenem Vortrag 

Von 

Hanns oacns 

Berlin 

Ich beginne am besten mit dem Anlaß, durch den die Beschäftigung 
mit dem Thema dieser Arbeit in mir aufs entschiedenste angeregt wurde. 
Es war ein Erlebnis alltäglicher Natur, nichts anderes nämlich, als daß 
mich mein Reiseweg von Rom nach Ravenna führte, so daß die Kunst- 
werke der beiden Städte mir unmittelbar nacheinander vor Augen standen. 
Angesichts dieses Kontrastes wurde ein Problem, das Vorhandensein eines 
Widerspruches, mir lebendiger als je zuvor, obgleich es mir, wie jedem, 
der sich mit kunstästhetischen Fragen abgibt, längst bekannt war. 

Wer die „ewige Stadt" zum erstenmal betritt, der sieht das Rom der 
Spätantike und der Hochrenaissance, alles andere tritt zunächst in den 
Hintergrund. So erhält er den Eindruck, daß er an der Stelle stehe, die 
mehr als jede andere der Kampfplatz und die Bühne der entfalteten, bis 
ins Maßlose gesteigerten Persönlichkeit gewesen ist. Aus zahllosen Meister- 
werken sprechen ebenso viele scharf gekennzeichnete Individualitäten, jede 
in ihrer eigenen Zunge. Freilich gipfelt das alles wieder in einem Einzigen, 
der — selbst kein Römer — dieser Stadt trotz all ihres Reichtums noch 
den Stempel seiner Persönlichkeit aufzudrücken vermochte — in Michel- 
angelo. Aber das verstärkt nur das Gefühl, daß Kunst nur denkbar sei als 
Ausdruck einer Persönlichkeit. 

Die Kunstwerke Ravennas entstammen einer anderen Zeit und sind von 
anderer Art. Sie entstanden etwa in dem Jahrhundert von 450 bis 550 n. Chr. 






a Hanns Sadis 

und gehören — obgleich zum Teil unter ostgotischer Herrschaft geschaffen — 
der Frühblüte der byzantinischen Kunst an, deren Denkmäler nirgends 
sonst in ähnlicher Unversehrtheit erhalten sind. Der Innenraum dieser 
Bauten — es sind drei Kirchen: San Vitale, San Apollinaris in Classe und 
San Apollinaris nuovo, ferner das Baptisterium des Domes und das Mausoleum 
der Kaiserin Galla Placidia — wirkt nur durch den Zusammenklang seiner 
Raumgestaltung im einfach-ernsten frühchristlichen Stil mit der verhaltenen 
Glut der Farben, die von den Wandbildern ausgeht. Es sind die berühmten 
Mosaiken, die aber zum Unterschied von den antiken nicht aus kleinen 
Steinen, sondern aus Glasstückchen zusammengesetzt sind, denen sie ihre 
tiefe und doch seltsam gedämpfte Leuchtkraft verdanken. Ich glaube be- 
haupten zu dürfen, daß die ravennatischen Eindrücke für Menschen unserer 
Tage stärker sind, als die irgend eines Renaissancewerkes, aber ihre Wirkungen 
sind weder erschütternd noch aufwühlend. Den Beschauer ergreift eine Stim- 
mung zeitloser Entrücktheit, eine unirdische Seelenstille, ein Gefühl, als ob 
die beiden Zeiger an der Uhr des Lebens, Leidenschaft und Langeweile, hier 
zum Stillstand gekommen wären. 

Es ist nichts in den Darstellungen dieser Mosaiken, was unsere persönliche 
Anteilnahme, unser Gefühl besonders stark erregen könnte. Ein Teil davon 
ist rein ornamental, aber auch der figurale wirkt wie Ornament, nur durch 
die Harmonie der Farben und Flächen. Weder Gesicht, noch Gewand, noch 
Geste zeigen ein Streben nach Charakteristik, es handelt sich nicht darum, 
etwas Irdisches nachzubilden, sondern seelisch dem näher zu kommen, was in 
der Jenseitigkeit himmelischer Verklärung thront. Die Heiligen z. B., die an 
einer Seitenwand von San Apollinaris nuovo nebeneinandergereiht sind, sehen 
alle gleich aus und die weiblichen Heiligen gegenüber genau ebenso — im 
Paradies hört der Unterschied des Geschlechts und der Persönlichkeit auf. 
Gerade diese Einförmigkeit der Reihe erweckt den Eindruck der zur Rechten 
und Linken des Heilandes in Seligkeit Versunkenen, den keine Versammlung 
interessanter Charakterköpfe zu geben imstande wäre. Und ebenso streng 
stilisiert sind die Gewächse im Garten Eden (San Apollinaris in Classe), 
die biblischen Szenen und sogar jene Bilder, die zeitgenössische Persönlich- 
keiten darstellen (San Vitale), weisen nur Andeutungen einer Individuali- 
sierung von Person und Örtlichkeit auf. 1 

Bei Betrachtung dieser Werke liegt der Gedanke an die Person des 
Hervorbringers ganz ferne. Man hat das Gefühl, daß das alles einer festen, 

1) Oskar Wulff: Altchrisiliche und byzantinische Kunst, sowie nach persönlichen 
Mitteilungen von Dr. Fritz Schiff. 



Kunst und Persönlichkeit 



durch die Beziehung zur Liturgie mit hieratischer Weihe und Starrheit 
ausgestatteten Tradition entstammt; was der Einzelne bei solchem Werk 
leistet, dessen Entstehung wie seine Wirkung nach Zeitlosigkeit zu verlangen 
scheint, bleibt ganz im Schatten; stirbt er, so tritt aus der Schar der in An- 
schauung des Himmlischen einander gleichgewordenen Brüder ein anderer 
an seine Stelle. Zufall und Ungunst der Zeit haben es oft dahin gebracht, 
daß der Name eines Meisters vergessen wurde, während sein Werk noch 
weiterlebt. Hier ist nichts dergleichen geschehen, die Namen waren von 
Anfang vergessen, als unwesentlich angesehen worden. Die Schöpfer dieser 
Mosaiken waren Mönche oder mönchisch organisierte Handwerker, deren 
Lebensziel es war, ihre Persönlichkeit auszulöschen. Durch den Mund ihrer 
Tradition spricht die Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen, der Einzelne 
bleibt stumm. 

Ein altes Problem tauchte durch die Wirkung des Kontrastes Bom-Ravenna 
mit neuer Stärke auf. Als das Wesentlichste des Kunstwerks gilt doch, daß 
es der Ausdruck einer Persönlichkeit ist, daß es uns in die Tiefe einer 
Eigenart, einer besonderen Menschennatur sehen läßt, daß einer, der etwas 
bisher Unhörbares erlauscht, etwas Unsichtbares erschaut, etwas Neues, vor- 
her noch nie Durchlebtes empfunden hat, davon zu den Vielen spricht. 
Daneben steht die Tatsache des Volksliedes und Volksepos, der Volkskunst 
und des Volkskunsthandwerks, die Kunst der Primitiven, vielerlei Eindrücke 
aus dem Orient, aus unserem Mittelalter — und vor allem Ravenna. Wie 
paßt das alles zur Gleichsetzung Kunst — Persönlichkeit? „How shall we 
find the concord of this discord?" 

Der Versuch lag nahe, durch Anwendung einer von mir entwickelten 
Theorie' der künstlerischen Wirkung auch diese Frage der Lösung näher 
zu bringen. Um das Wesentlichste dieser Theorie kurz skizziert wieder- 
zugeben : sie geht von der Doppelrolle der Tagträume aus, die einerseits eine 
unentbehrliche Lust durch die Phantasiebefriedignng der von der Realität 
zur Versagung verurteilten Wünsche gewährt, anderseits durch den Zusammen- 
hang mit dem Ödipuskomplex und der infantilen Masturbation den Tagträumer 
stets in die Nähe eines schweren, für minder robuste Gewissen untragbaren 
Schuldgefühls bringt. Gelingt es dem Tagträumer, seine scheu behütete und 
geheimgehaltene Phantasie in solcher Form vorzutragen, daß seine Zuhörer — 
d. h. die Gemeinschaft, die Brüder — bekennen müssen, daß sie die gleichen 
verbotenen Wünsche haben, wie er, so ist für sein Gewissen eine ungeheure 

l) „Geraeinsame Tagträume", Imago-Bücher, Bd. V. 






Hanns baa\s 



Entlastung erreicht; das Verbrechen, als einzelner gewollt zu haben, was nur 
allen miteinander erlaubt ist, wurde damit gesühnt. 

Dieses Eingeständnis von Wünschen, die auf seiten des Mitteilenden 
sowohl wie der Aufnehmenden unbewußt sind, kann freilich kein aus- 
drückliches sein. Wenn aber die Zuhörer die Affekte, die das Werk ent- 
hält, tatsächlich miterleben, wenn sie, von diesen Affekten mitgerissen, 
eine Zeitlang einer Illusion unterliegen — dann liegt darin ein hinreichend 
starkes Zeugnis ihrer mitschuldigen Wünsche und Triebe. 

Der Tagträumer, der auf diesem Wege die Erlösung von seinem Schuld- 
gefühl und die Aussöhnung mit seinem Gewissen sucht, sieht sich also 
vor die Aufgabe gestellt, seine Tagträume so umzuformen, daß sie die bei 
den Zuhörern aufgespeicherten, an gleichartige Phantasien gebundenen 
Affekte zu entfesseln vermögen, ohne doch den schlafenden Löwen der Ver- 
drängung aufzuwecken. 

Dazu ist zweierlei notwendig: Die Tagträume, die, solange sie nur für 
den „Privatgebrauch" bestimmt sind, keine Rücksicht auf die Form nehmen, 
werden nun vom Augenblick ihres Eindringens in das Bewußtsein an durch- 
tränkt von Formelementen, die an und für sich lustvoll sind, wie Wohl- 
klang, Rhythmus und Reim, Klarheit und Symmetrie des Aufbaues, abge- 
stufte Spannung usw. Es vollzieht sich hier der Vorgang, den Freud beim 
Witz untersucht und dargestellt hat und der für ästhetischen Lustgewinn 
ganz allgemeine Bedeutung zu haben scheint, daß die Form eine Fassade 
bildet, die durch Gewährung einer „Vorlustprämie" den Hörer besticht 
und seine Aufmerksamkeit ablenkt, so daß er instand gesetzt wird, den 
unbewußten Inhalt der Sache, den eigentlichen Kern als Endlust, ohne 
Konflikt mit der Zensur-Instanz zu genießen. Je organischer, je weniger 
zufällig die Beziehungen zwischen Fassade und Kern sind, desto stärker 
sind die von dem Werke ausgehenden Wirkungen. 

Die andere, ebenso notwendige Bearbeitung des Tagtraummaterials be- 
steht darin, daß es anonymisiert wird. Held und Hauptperson aller Tag- 
träume ist in allen Fällen der Tagträumer selbst, aber was er über sich 
und seine Großartigkeit erzählt, würde andere nur mäßig interessieren. Er 
muß — scheinbar wenigstens — aus der Geschichte verschwinden, seinen 
Namen, seine individuellen Züge verwischen, an ihre Stelle einen Heros 
setzen, mit dem sich jeder seiner Zuhörer ebenso gut identifizieren kann 
wie er selber. Dies ist aber eine schwere Einschränkung, die für viele 
Menschen gewiß mit einem Verzicht auf die Lust des Tagträumens gleich- 
bedeutend wäre. Für viele — aber nicht für alle ; Einzelne gibt es und hat 



Kunst und Persönlichkeit 



es immer gegeben, die unter dem Druck ihres unbewußten Schuldgefühls 
und beim Vorhandensein gewisser Bedingungen, von denen später noch zu 
handeln sein wird, noch ein weiteres Opfer zu bringen bereit sind, durch 
welches beide Schwierigkeiten mit einem Schlage gelöst werden. Die Neigung, 
das eigene Ich zum Mittelpunkt zu machen, für sich Bewunderung und 
Beifall zu werben, entstammt dem Narzißmus. Das Opfer besteht darin, 
den Narzißmus von dem ursprünglichen Gegenstand, dem Ich, abzulösen 
und auf ein Ersatzobjekt hinzulenken — auf das Werk. Der Tagträumer 
wird zum Künstler, sobald er darauf verzichtet, selbst bewundert und 
ohne Fehl zu sein, wenn nur statt dessen sein Werk so vor ihm und den 
Menschen dasteht. Ob er endgültig hinter seinem Werk verschwindet oder 
durch den Umweg über das Werk die anderen schließlich doch zur Be- 
wunderung für seine Person zwingt, ist eine Frage, die von dem Grade der 
Ablösung und Verschiebung des Narzißmus abhängt, die bald mehr, bald 
weniger vollständig gelingen. 

Überhaupt ergibt diese Auffassung statt eines einheitlichen Künstlertyps 
eine Ergänzungsreihe, an deren einem Ende diejenigen stehen, bei deren 
Schaffen die Möglichkeit des Schwelgens in verbotenen, dem Verdrängten 
bedenklich nahekommenden Phantasien die Hauptsache ist. Es sind dies 
begreiflicherweise zumeist die „Jungen", die Generation der Söhne, deren 
Werke meist durch starken Affektausdruck und großen stofflichen Reich- 
tum („Erfindungskraft") bei einer oft beabsichtigten Vernachlässigung der 
Form — besonders der überlieferten — charakterisiert sind. Ob die Kunst- 
revolutionäre sich „Sturm und Drang" oder „Junges Deutschland", Bomantiker 
oder Realisten nennen, diese Züge sind ihnen allen gemeinsam. Am anderen 
Ende stehen die „Klassiker", bei denen nicht mehr das Austoben der ödipus- 
phantasien, sondern die narzißtische Befriedigung an der „Fassade" obenan 
steht. Der Stoff wird zur Nebensache, der Ausdruck der Affekte ist gedämpft, 
bis zur Blutlosigkeit veredelt, an ihre Stelle tritt die Befriedigung über die 
Vollendung und Untadeligkeit der künstlerischen Form. 

Läßt sich das Problem „Persönliche und Unpersönliche Kunst" in diese 
Ergänzungsreihe einordnen? Auf den ersten Blick will es so scheinen. Es 
ist kein Zweifel, daß die „Jungen" der Persönlichkeitsfrage in vieler Hin- 
sicht anders gegenüberstehen, wie die „Klassiker". Sie haben eine Neigung 
dazu, ihr individuelles Erlebnismaterial in ihren Werken zu verwerten, ohne 
sich große Mühe zu geben, es durch Überarbeitung völlig unkenntlich zu 
machen, und ihre Helden sind oft mehr oder weniger getreue Selbstporträts. 
Durch Ungewöhnlichkeiten in der Form des Werkes, durch neuartige. 



6 Hanns oachs 

exzentrische Art des Vortrages, bis hinunter zu den Nebensächlichkeiten 
der äußeren Aufmachung wird die „persönliche Note", die „Originalität 
gerne betont. Der Künstler ist nicht bereit, sich durch sein Werk dem 
Publikum gegenüber ganz verdecken zu lassen, sondern tritt auch persön- 
lich gern aus der Menge als Einzelerscheinung hervor. Das „Bohemientum , 
das „epater les bourgeois , bedeutet nichts anderes. 

Nach der anderen Seite stimmt es aber ganz und gar nicht. Die „Klassiker , 
die „Alte " sind und wirken durchaus nicht unpersönlich. Es wäre auch 
nicht eim jsehen, warum ein Künstler durch Verstärkung und Sublimierung 
seines Narzißmus unpersönlich werden sollte. Tatsächlich ist in Goethes 
Alterswerken, in Shakespeares letzten Dramen die Persönlichkeit so lebendig 
wie nur je, bei Michelangelo tritt sie im „Moses und im „Jüngsten 
Gericht stärker hervor als im „David . 

Bei genauem Zusehen stimmt die Sache auch bei den „Jungen nicht. 
Das, was wir als stärkere Betonung der Persönlichkeit angesprochen haben, 
ist ja nur ein Beweis, daß der Schmelzprozeß, durch den die menschliche 
Persönlichkeit ganz in die künstlerische und schöpferische überführt werden 
soll, nicht vollständig gelungen ist. Die Unfreiheit dem äußeren Erlebnis 
gegenüber, das Hängen an Äußerlichkeiten und das Sich-Selbst-Interessant- 
Finden sind in Wahrheit Zeichen einer bestimmten Art von Schwäche 
der künstlerischen Persönlichkeit, nämlich daß sie sich dazu bereit finden 
läßt, sich für menschliche Nebenzwecke mißbrauchen zu lassen. 

Außerdem ist unsere Reihe von den „Söhnen" zu den „Klassikern eine 
ausgesprochene Ergänzungsreihe, in der zahlreiche Mischtypen für den Über- 
gang zwischen den beiden Extremen sorgen, während man bei der Gegen- 
überstellung „Persönliche und Unpersönliche Kunst" den Eindruck eines 
Kontrastes hat, bei dem keine „halbpersönliche Kunst" als Mittlerin in Be- 
tracht kommt. 

Mit den bisherigen Aufstellungen sind wir an das Eigentliche des Pro- 
blems nicht herangekommen. Vielleicht haben wir den Fehler begangen, 
den Künstler zu sehr als isolierte Erscheinung zu betrachten, zu wenig vom 
Standpunkt der wechselseitigen Bindung, die zwischen ihm und seinem 
Publikum besteht. Es wird sich verlohnen nachzuforschen, wie weit die 
Untersuchungen Freuds in seiner „Massenpsychologie" auf diese Verhält- 
nisse Anwendung finden. 

Bei dem Publikum, das ein Kunstwerk aufnimmt und sich von ihm 
mitreißen läßt, haben wir eine (vorübergehende, natürliche) Massenbildung 
vor uns. Das ist am deutlichsten bei den Primitiven, wo die Kunst in erster 



Kunst und Persönlichkeit 



Linie aus magischen Tänzen mit Körperbemalung und kultischen Masken 
besteht, die von „Geweihten" dem Stamm vorgeführt werden. Im Theater, 
Konzert, Kino ist diese Massenbildung noch deutlich erhalten. Aber auch 
die Leser eines Buches, die sich als Einzelne der künstlerischen Wirkung, 
die davon ausgeht, hingegeben haben, bilden miteinander eine Masse, so wie 
sich ja auch der religiös Gläubige nicht nur in der Kirche, sondern auch 
beim Gebet im stillen Kämmerlein als Glied einer unsichtbaren Gemeinde 
(der „streitenden Kirche") ansehen darf. 

Diese durch die Einwirkung eines Kunstwerkes erzeugten Massen zeigen 
auch alle diejenigen Eigenschaften, die Freud (nach Le Bon) als für die 
psychischen Reaktionen der Masse charakteristisch hervorhebt: die Herab- 
setzung des intellektuellen Niveaus, besonders der Realitätskritik, Überwiegen 
der Affekte, starke Suggestibilität, die sich in der vom Kunstwerk aus- 
gehenden Illusionswirkung aufs Unzweideutigste manifestiert und zu der — 
für die Masse ebenfalls charakteristischen — gemeinsamen (vorübergehenden) 
Abhängigkeit von einem außerhalb der Masse stehenden Führer, hier dem 
Kunstwerk, führt. Eine „führende Idee" kann nach Ansicht Freuds den 
persönlichen Führer ersetzen, so daß wir hier, auf seiten des Publikums 
das Vorhandensein aller Phänomene einer Massenbildung feststellen können. 

Hingegen unterscheidet sich der Künstler sehr wesentlich von dem Typ 
des Führers einer Masse. Der Künstler ist an die Masse innerlich gebunden, 
er braucht die Massenbildung aus seiner inneren Not heraus, er ist von dem 
Echo, von der Affektwirkung seines Werkes abhängig, denn darin findet er 
die Erleichterung für das unbewußte Schuldgefühl, die Belohnung für die 
Aufopferung einer narzißtischen Befriedigung. Der Führer hingegen ist von 
der Masse völlig unabhängig, er läßt sich von ihr lieben, aber er liebt sie 
nicht wieder. Er braucht sie zwar auch, aber nicht aus Gründen eines 
inneren Bedürfnisses, das er gar nicht kennt, sondern zur Ausführung seiner 
Pläne, zur Erreichung seiner Zwecke. Er denkt auch gar nicht daran, der 
Masse, wie es der Künstler tut, seine tiefsten Geheimnisse zu entdecken, 
sondern sagt ihr nur soviel, als für seine praktischen Absichten notwendig 
ist, und ist dort, wo er es für nützlich hält, auch ohne weiteres bereit, 
seine Anhänger zu belügen. Die großen Führernaturen lassen sich auch 
ohne Skrupel und innere Abwehr anbeten oder göttlich verehren, bald als 
richtiger Gott, bald als Prophet, als „General des Herrn" oder als „Mann 
des Schicksals", wie es Augustus, Mohammed, Crom well und Napoleon 
getan haben. Je vollständiger ihre Führerschaft ist, um so weniger entziehen 
sie sich der Anbetung ihres „numen , um so stärker lassen sie die Scheide- 



8 Hanns Sachs 

linie hervortreten, die sie von den gewöhnlichen Menschen trennt. Caligula, 
die vollkommenste Karikatur des Führertyps, an der in der Verzerrung 
vieles hervortritt, was man am Original nicht so deutlich sieht, zog diese 
Scheidelinie mit den Worten : „aut frugi hominem esse oportere, aut Cae- 
sarem" (Suetonius, Caligula, 37, 1), „Der Mensch muß entweder sparsam 
sein oder Kaiser." Ein solches Verhalten ist nur möglich auf der Grundlage 
eines ungebrochenen Narzißmus, der am eigenen Ich Genüge findet und 
es stützt und steigert. Der Führer will nicht nur das Verbotene tun, er will 
es auch allein tun, ja es hat für ihn erst dadurch Wert, daß er allein sich 
dessen unterfängt und die anderen davon ausschließt. Der Künstler will 
zwar auch — in der Phantasie, in Tagiräumen — das Verbotene genießen, 
aber sein Narzißmus ist zu stark vom Schuldgefühl untergraben, um die 
Isolierung von der Gemeinschaft der anderen, die ein solches Beginnen 
mit sich bringt, zu ertragen. Das Bedürfnis, sie durch ihr Eingehen auf 
die Affektwirkung seines Werkes zu dem unbewußten Geständnis zu be- 
wegen, daß ihre Wünsche dieselben seien wie die seinigen, bildet den 
eigentlichen Ansporn für seine Leistung — mit anderen Worten : durch den 
Schritt vom Tagtraum zum Kunstwerk kehrt er aus der ihm unerträglichen 
Isolierung zurück in die Gemeinschaft. Sein Werk tritt hervor und über- 
nimmt die Führerrolle, die er selbst sich versagen muß. Im Künstler steckt 
ein Führer, aber ein unvollkommen entwickelter, von dem deshalb nicht, 
wie von dem eigentlichen Führer, praktische Wirkungen ausgehen können, 
weil er nicht bis zur Tat — die doch immer ein Allein -Tun, eine dauernde 
Absonderung sein müßte — fortschreiten kann. Am nächsten steht dem 
Führertyp der Schauspieler, bei dem Person und Kunstwerk nicht aus- 
einanderfallen. 

Die Führereigenschaft muß der Fähigkeit, die Eigenpersönlichkeit im 
Werk zum Ausdruck zu bringen, verwandt sein. Wir könnten dann zwei 
Künstlertypen unterscheiden, von denen der eine sich bis nahe an das 
Führertum heran entwickelt, ohne es je voll zu erreichen, während der 
andere diese Annäherung aus irgendeinem Grunde so sehr zu vermeiden 
gezwungen ist, daß er den unmittelbaren Ausdruck seiner Persönlichkeit 
selbst noch auf dem Umweg über sein Werk unterdrückt. Man müßte dann 
annehmen, daß diejenigen Künstler, bei denen die Objektbeziehungen be- 
sonders innig sind, die also infolge ihrer stark libidinösen Objektbesetzung 
in ihrer schöpferischen Phantasie das Ödipusverbrechen sehr nachdrücklich 
wiederholen — daß diese ihren Phantasien gegenüber das stärkste Schuld- 
gefühl haben und demgemäß ihre Persönlichkeit am stärksten „verdrängen". 



^ 



Kunjt und Persönlichkeit 



Leider ist es gerade umgekehrt : Gerade die Künstler, bei denen die Objekt- 
beziehung und die daraus folgenden Affekte sehr hervortreten, deren Werke 
deutlich von der aufgewühlten, wenn auch nicht entfesselten Leidenschaft 
der Urheber Zeugnis ablegen — gerade die sind die starken und ausge- 
prägten Persönlichkeiten, während die „unpersönliche" Kunst der Mosaiken 
von Ravenna ein Abgelöstsein von den Dingen, eine Gleichgültigkeit gegen 
die Realität, eine sanfte Affektlosigkeit verraten, die unmöglich von starkem 
Schuldgefühl begleitet sein kann. 

Trotz dieses Widerspruches stehen wir knapp vor der Lösung. Wir dürfen 
nur nicht vergessen, daß die Gedankengänge der „Massenpsychologie" nicht 
anwendbar sind ohne Berücksichtigung des Über-Ich. 

Der Führer erhebt sich selbst zum gemeinsamen Über-Ich der Massen- 
individuen, die sich auf Grund dieser Gemeinsamkeit miteinander identi- 
fizieren können. Beim Künstler nimmt der Menge gegenüber das Werk die 
Stelle ein, die das Ich des Führers hat, auch die gegenseitige Identifizierung 
erfolgt über das Werk hinweg. Die Rolle, die dem Über-Ich des Künstlers 
seinem eigenen Ich gegenüber zufällt, ist etwas komplizierter. Zweifellos 
greift es — seine Hauptfunktion als Gewissen ausübend — als Zensor in 
den Schaffensprozeß ein und bildet so ein sehr wichtiges, unserer Auf- 
merksamkeit bis jetzt entgangenes Motiv für das Ich, sich seines Narzißmus 
zugunsten des Werkes zu entäußern. Das Über-Ich ist es, von dem das 
Schuldgefühl ausgeht, das den ganzen Vorgang auslöst. Es widersetzt sich 
der Beschäftigung mit einem Teil der Tagträume, die dem Ursprung noch 
zu nahe stehen, fordert ihre Verdrängung und schließt sie dadurch von der 
unmittelbaren künstlerischen Verwendung aus. Andere zwingt es zu Ver- 
kleidungen und Larven und regt dadurch die Phantasietätigkeit zu immer 
neuen Leistungen an. Daß die Tagträume nicht bloß im Bewußtsein ge- 
halten, sondern als etwas besonders Köstliches anderen mitgeteilt werden 
dürfen, ist gewiß an neue schwere Bedingungen, gewissermaßen an eine 
der Publikation vorausgehende Vorzensur des Über-Ich gebunden. Welcher 
Art diese Bedingungen sind, davon wissen wir nicht viel — jedenfalls 
spielt die „Schönheit" des Werkes eine Bolle, da mit ihrer Hilfe das Über- 
Ich bestochen werden soll (während im Traum die Zustimmung durch die 
Herabsetzung der Ansprüche der Zensur während des Schlafzustandes er- 
reicht wird). Es taucht hier das Problem des „Schönen" auf, ein Haupt- 
problem der Ästhetik, mit dem sich die Psychoanalyse noch auseinander- 
setzen müssen wird. Wie dem auch sei, die Zustimmung des Über-Ich kann 
sich bis zur aktivsten Förderung der künstlerischen Produktion steigern, 






XTanns OadiÄ 



so daß diese geradezu als zum Über-Ich gehörig gilt; dadurch kann die 
Harmonie zwischen Ich und Über-Ich wenigstens vorübergehend hergestellt 
werden. Der Beifall der Zuhörer bedeutet also nicht nur eine Entlastung 
des Schuldgefühls, sondern auch eine Bekräftigung der Versöhnung zwischen 
Ich und Über-Ich; der „Erfolg-Rausch", den er auslöst, zeigt deutlich iene 
manischen Züge, die wir nach unseren theoretischen Voraussetzungen er- 
warten dürfen. Umgekehrt geht jede Arbeitshemmung als Folge der Spannung 
zwischen Ich und Über-Ich mit einer Depression einher. 

Wir dürfen also annehmen, daß der Künstler, trotz seines besonders ent- 
wickelten Schuldgefühles, einen ungewöhnlichen, den meisten anderen Menschen 
verschlossenen Weg gefunden hat, um sich mit seinem Über-Ich auszusöhnen. 
Das ergibt eine starke Persönlichkeit, eine prägnante, nicht durch Identi- 
fizierungen verwischte Individualität, die sich natürlich in erster Linie in 
dem Werke selbst auslebt, aber auch zu intensiven Objektbeziehungen (in 
der Realität sowohl wie in der Phantasie) fähig bleibt. Die Bindung des 
Künstlers an das Libido-Objekt verläuft dann allerdings ganz eigenartig, 
weil er sie — freilich auf andere Weise wie den Narzißmus — zur Ver- 
fügung seines Über-Ich halten muß. Von Zeit zu Zeit, wenn es die „künst- 
lerische Inspiration" verlangt, werden diese Objektbeziehungen eingezogen 
und — in narzißtischer Rückverwandlung — dem Über-Ich, das als künst- 
lerische Zielsetzung auftritt, zur Verfügung gestellt. Diese — realen oder 
phantasierten — Objektbeziehungen können damit zu Ende sein oder später 
wiederaufgenommen werden, in jedem Falle unterscheiden sie sich von denen 
anderer, nichtkünstlerischer Menschen, in einem Punkte: ihr Wert liegt 
nicht nur in der mehr oder minder großen Befriedigung, die sie bieten, 
sondern darüber hinaus noch in dem narzißtischen Gewinn, den ihre Ver- 
arbeitung für die vom Über-Ich gebilligten Zwecke der schöpferischen Ge- 
staltung einbringt. So erklärt sich die Befreiung aus Konflikten und Lebens- 
nöten, die das Werk seinem Schöpfer schenkt, und das so häufige Gefühl, 
damit eine Epoche überwunden und hinter sich geworfen zu haben. Sehr 
deutlich ist das bei Goethe, der in seinen Werken nicht nur „Bruchstücke 
einer großen Confession" gegeben, sondern durch sie — vom „ Werther " 
bis zur „Marienbader Elegie" — die Ablösung von einer Objektbesetzung voll- 
zogen und gefeiert hat. Die beiden Gruppen der „Jungen" und der „Klas- 
siker" unterscheiden sich durch den Grad des inneren Widerstandes gegen 
die vom Schaffensakt geforderte Objektablösung, die im Anfang meist nur 
unvollkommen geleistet werden kann; je mehr es aber gelingt, die Leiden- 
schaften trotz ihrer Kraft und Wahrheit in den Dienst der Formung zu 



Kunst und Persönlichkeit 



zwingen, desto meisterhafter wird der künstlerische Stil, desto stärker und 
reifer die Individualität des Künstlers. Die Klage, daß der Künstler zu wenig 
Mensch sei, ist also nicht ganz unberechtigt; die Verarmung des Ich durch 
die übermäßige Ausschickung von Libido an die Objekte kann bei ihm 
niemals von Dauer sein. 

Bei den Künstlern — wenn man sie so nennen kann — die „unpersön- 
liche Kunstwerke hervorbrachten, liegen andere, eigenartige Libidobeziehun- 
gen vor. Was bei dem normalen Schaffensprozeß nur eine der Bedingungen 
ist, nämlich die Billigung des Über-Ich, die Erteilung des Zensurstempels, 
das wird hier zur Hauptsache, zum wesentlichen Antrieb, hinter den die 
anderen Vorgänge zurücktreten. Die eigentliche Absicht ist darauf gerichtet, 
nicht nur die vorübergehende Einwilligung des Über-Ich zu einem sonst 
verbotenen Akt zu erhalten, sondern dauernd in dem durch das versöhnte 
Über-Ich gewährleisteten Seelenfrieden zu existieren. Dazu genügt es natür- 
lich nicht, gelegentlich das Opfer von Objektbeziehungen darzubringen, 
diese müssen vielmehr ganz und gar und ein für allemal aufgegeben werden, 
d. h. mit anderen Worten, das Ich muß weit hinter die phallische Phase 
regredieren, bis in eine Begion, wo es Objektbesetzungen — wenigstens 
in dem verpönten ödipalen Sinne — nicht mehr gibt. Die Voraussetzung 
für diesen Sonderfall ist ein schwaches, früh gedemütigtes Ich und ein 
besonders starres, anspruchsvolles und strenges Über-Ich ; diese Voraussetzun- 
gen treffen für eine größere Anzahl Menschen nur in Epochen der Welt- 
flucht und religiösen Askese zu, wie es jene frühchristliche Zeit war, der 
die ravennatischen Mosaiken entstammen. Für diese, der Welt und ihren 
Freuden abgewandten, nur für das Jenseits lebenden Künstler-Mönche gab 
weder die Befriedigung der unbewußten Phantasien, noch die Entlastung 
durch das Affektecho, noch die Belohnung durch den Erfolg den Ansporn 
zu ihren Werken ab. Das Über-Ich, für die anderen nur Zensur-Instanz, 
trat hier an die Stelle der Zuhörerschaft, es war das einzige Publikum, auf 
dessen Beifall es ankam. Dasselbe Ziel, um dessentwillen zu jener Zeit viele 
Tausende in die Wüste gingen und die schwersten Kasteiungen auf sich 
nahmen, erreichten diese, indem sie durch die Vorlust, durch die „Fassade 
der künstlerischen Form, statt der Umwelt ihr Über-Ich zu gewinnen und 
zu versöhnen wußten. Dieser Friedensschluß ist von unveränderlicher Dauer 
und nicht ruckweise und schwankend, wie beim individuellen Künstler. 

Freilich ist das Über-Ich nicht so leicht zu gewinnen wie der Mitmensch 
und verlangt nicht nur die Verkleidung, sondern die Aufgabe der verbotenen 
Lust, d. h. der Vorgang ist nur dort möglich, wo der Ödipuskomplex nicht 

2 Vol. 15 



la Hanns Sadis 












nur „verdrängt", sondern „untergegangen" ist. Irgendwelche Wunscherfül- 
lungen muß das Kunstwerk aber doch enthalten, und die Frage drängt sich 
auf, welcher Entwicklungsphase diese zur Befriedigung zugelassenen Triebe 
angehören. Jedenfalls einer prägenitalen, und man darf wohl annehmen, 
daß auch diejenigen prägenitalen Phasen, die im Laufe der späteren Ent- 
wicklung intensiv genitalisiert und in den Dienst des Ödipuskomplexes 
gestellt werden, außer Betracht bleiben müssen, so insbesondere die orale, 
die schon durch die enge Beziehung zum Kannibalismus an streng Tabuiertes 
rührt. Mehr darüber auch nur mit einiger Bestimmtheit zu sagen, scheint 
zur Zeit unmöglich, doch sei es gestattet, einer Hypothese Raum zu geben : 
Es dürfte kaum zufällig sein, daß die „unpersönlichen" Kunstwerke der 
bildenden Kunst sämtlich, wie die Ravennatischen, mit Beiseitesetzung alles 
Stofflichen und Realistischen die Wirkung durch Farbe und Raum erstreben. 
Es sind das vielleicht die beiden frühesten lustvollen Eindrücke des Neu- 
geborenen, wenn er den anfänglichen Mangel jeglicher Raumvorstellung» 
und die dadurch bedingte vollständige Hilflosigkeit zu überwinden beginnt. 
Diese ersten Erkenntnisse von Raum und Licht sind und bleiben hinreichend 
fern von der Libidoentwicklung, um auch dem strengsten Über-Ich als un- 
verfänglich zu gelten. 

Wie ist es zu erklären, daß diese Werke, die auf den Beifall der Außen- 
welt verzichten, trotzdem Kunstwerke bleiben, also imstande sind, auf die 
Beschauer eine tiefe Wirkung auszuüben? Erinnern wir uns, daß diese 
Wirkung nicht die gleiche ist, die wir bei anderen — ich möchte sagen, 
bei „weltlichen" — Kunstwerken sehen. Wie die suggestive Wirkung der 
Persönlichkeit, so fehlt auch das Aufrühren der Affekte, die Bereitschaft zur 
Illusion, alle die Dinge, von denen wir gefunden haben, daß sie der Massen- 
bildung und der künstlerischen Wirkung gemeinsam sind. An deren Stelle 

i) Die „pränatalen" Mutterleibsphantasien haben mit dem Werden der Raum- 
vorstellung nichts zu tun. Sie entstehen im Dienste der infantilen Sexualvvünsche 
(innige Vereinigung mit der Mutter, Belauschen des elterlichen Koitus usw.) und 
gründen sich inhaltlich auf die von dem Kind regelmäßig schon früher erworbene 
Erkenntnis, daß die Neugeborenen aus dem Leib der Mutter kommen, weshalb sie 
den Raum mit den bekannten Attributen (Dunkelheit, unterirdische Höhle, Wasser) 
ausstatten. Mit der von Rank behaupteten, aber völlig unbewiesen gelassenen Er- 
innerung an den Mutterleib hat das nichts zu tun. Es wäre auch nicht einzusehen, 
wieso ein Wesen, das weder den Gesichts-, noch den Gehörsraum kennen kann, noch 
den taktilkinetischen durch die Eigenbewegung, sondern Raumempfindungen nur durch 
die Hautoberfläche in einem ringsum gleichartigen Medium zu erwerben Gelegenheit 
hat, wie ein solches Wesen zur Vorstellung eines „engen, dunklen Raumes" kommen 
könnte. 






Kunst und Persönlichkeit 



tritt ein Gefühl des inneren Beruhigt- und Gelöstseins, eine Stimmung, die 
sich nur als die einer gehobenen, bitterkeitslosen Resignation beschreiben 
läßt; die erdenschwere Last der Triebe fällt für eine Weile ab. Die Verlust- 
quellen, die diese Werke bieten, müssen offenbar stark genug sein, um auch 
unser Ich für eine Weile zu entwaffnen, es zur Aufgabe seiner sonstigen 
Objektbesetzungen zu veranlassen, so daß es bereit ist, zu regredieren — 
allerdings nicht um der Regression selbst und der Wiedergewinnung einer 
infantilen, längst verlorenen Lust willen, sondern weil sich aus dem Beispiel 
der Namenlosen herausfühlen läßt, daß dies der Weg ist, die Aussöhnung 
mit der Strenge des Über-Ichs und damit den inneren Frieden zu erwerben. 
So ihr nicht werdet wie dieser Kinder eines . . . ' Das Ich, besonders dort, 
wo es durch den Konflikt mit Es und Über-Ich zermürbt ist, läßt sich 
bereitwillig zum Kinde machen, wenn es dadurch das Himmelreich erwirbt, 
d. h. der Kritik des Über-Ich entgeht. 1 

Schopenhauer sieht bekanntlich im Kunstwerk den Ausdruck einer 
Verneinung des Lebenswillens. Nietzsche hat diese Behauptung als mehr 
dem Schopenhauerschen System als der Psychologie des Kunstwerkes angepaßt 
angegriffen und verspottet. Kunst sei Bejahung der Welt, Triebbejahung, ja 
selbst Schmerzbejahung. Die hier vorgetragene Theorie sieht in der Kunst 
einen Umweg zur Wunscherfüllung, also das Gegenteil einer Verneinung 
des Willens. Trotzdem dürfen wir Schopenhauer Recht geben — wenigstens 
für die besondere Gruppe von Kunstwerken, die wir hier einer Untersuchung 
unterzogen haben. Der „unpersönliche" Eindruck stammt bei diesen Werken 
von dem Bestreben ihrer Urheber, ihr Ich auszulöschen, und ihre Wirkung 
liegt darin, daß die verbietende, triebhemmende, mit dem durch Trieb- 
entmischung frei gewordenen Destruktionstrieb angefüllte Instanz in uns 
vorübergehend zur Alleinherrschaft gelangt. Die „reine, willenlose An- 
schauung", in der Schopenhauer das eigentliche Geheimnis der Kunst 
sieht, wird in diesem Sonderfall — wenigstens soweit es die Libido, den 
eigentlichen Kern des Willens zum Leben, angeht — erreicht. 

Es bleibt noch die Abgrenzung von benachbarten Phänomenen übrig. 3ei 
allen des Stofflichen entkleideten, in der modernen Kunsttheorie „abstrakt" 
genannten Kunstwerken läßt der Anschein des „Objektverlustes", der auf 
eine Abkehr von der Außenwelt und narzißtische Regression deutet, an die 



1) Es ist nicht zu übersehen, daß auch die Technik der Mosaiken, das geduldige 
Zusammensetzen kleiner farbiger Glasstückchen stark an die Spiele kleiner Kinder 
erinnert und nichts von der männlichen Kühnheit und Entschlossenheit hat, die z. B. 
bei der Al-Presko-Technik unerläßlich ist. 



lif SndiJ: Kunst unj Persönlichkeit 

Verwandtschaft mit der Schizophrenie denken. Die intensive Regression ist 
den beiden tatsächlich gemeinsam, aber während in der Schizophrenie das 
Über-Ich abgebaut wird und zusammenstürzt, bleibt es in unserem Falle 
voll erhalten. Nur das Ineinanderaufgehen von Ich und Über-Ich kann 
diesen Anschein vorübergehend erwecken. 

Auf der anderen Seite läßt sich diese Art ästhetischer Wirkung von der 
des Humors abgrenzen, die nach Freud ja auch darauf beruht, daß eine 
Aussöhnung mit dem Über-Ich erreicht wird. Nur der Mechanismus dieser 
Aussöhnung ist verschieden: Beim Humor besteht er in einer plötzlichen 
Nachgiebigkeit des Über-Ich, das sich ausnahmsweise zum Schützer statt 
zum Kritiker des Ich macht; bei unseren Kunstwerken läßt das Über-Ich 
von seiner Strenge nichts nach, im Gegenteil, diese erscheint durch religiöse 
und asketische Zeitströmungen noch gesteigert, aber das Ich weicht dieser 
Strenge durch seine Demut und weitgehende Regression soweit aus, daß die 
Billigung des Über-Ich durch Vermittlung des Werkes erreichbar wird. 

Die letzte Frage ist die nach der Beziehung dieser „unpersönlichen" Kunst 
zu unserer Zeit. Ich glaube, daß sie viel inniger ist als die zur Renais- 
sance — nicht weil wir den Menschen jener Epochen der Askese ähnlicher 
geworden sind als den Renaissancemenschen, — sondern aus einem Gegen- 
satz zu ihnen. In unserer Zeit ist infolge der plötzlichen Fortschritte in der 
Beherrschung der Natur und der damit zusammenhängenden Lockerungen 
der sozialen und religiösen Bindungen eine Erfüllbarkeit der erotischen Objekt- 
beziehungen eingetreten, wie sie in früheren Epochen gewiß nur einer un- 
vergleichlich kleineren Minorität freistand. Hingegen leben wir in einem viel 
stärkeren Konflikt mit unserem Über-Ich als unsere Vorfahren, besonders als die 
Menschen der kirchlich-dogmatisch gerichteten Zeitalter, wie das der Byzantiner 
und das frühe Mittelalter. Dort war der Glaube und die darauf aufgebauten 
Gebote endgültig festgelegt, auf ewig unveränderlich und sicher, dem Zweifel 
entzogen und mit der Persönlichkeit vollkommen eins geworden. Ich und Über- 
Ich lebten in einer sicheren, dauerhaften Verbindung, für alle sittlichen Pro- 
bleme gab es klare und eindeutige Antworten, während wir trotz aller Be- 
friedigung unserer Objektlibido in einer fortwährenden Unsicherheit leben 
und unerwarteten Schwankungen in den Ansprüchen unseres Über-Ich preis- 
gegeben sind. Deshalb muß es für uns unschätzbar sein, wenn wir auf dem 
Wege der unbewußten Identifizierung die Illusion einer festen, unverrückbar 
friedvollen Beziehung zwischen Ich und Über-Ich erhalten. Diese Werke be- 
wundern wir dankbar — aber wir können sie nicht mehr hervorbringen. 



-Der Xail -Lefebvre 

Zur xsychoanalyse einer JM-örderin 

Von 

jS/x. ane ßon aparte 

Parts 
I 

JDer JLatbestano 

Die neuen biographischen Angaben sowie die Einzelheiten, durch die mein 
Bericht über den Kriminalfall Lefebvre von den Darstellungen im Verlaufe 
der gerichtlichen Untersuchung und der Verhandlungen sich unterscheidet, 
verdanke ich Frau Lefebvre selbst. Ich konnte sie in Anwesenheit ihrer 
Verteidiger am 14. Januar 1927 im Gefängnis zu Lille besuchen und mich 
über vier Stunden lang mit ihr unterhalten. Sie wußte nicht, wer ich war; 
man hatte mich als eine Dame vorgestellt, „die sich für Psychologie inter- 
essiere" und die Absicht habe, über sie eine Studie zu schreiben. 

Frau Lefebvre, geborene Marie-Felicite-Elise Lern aire, wurde zuFromelles 
(Departement du Nord) am 13. November 1864 geboren. Sie gehörte einer ehr- 
baren Familie wohlhabender Landwirte an; ihr Vater, Charles-FrangoisLemaire, 
besaß und bewirtschaftete mehrere Grundstücke. Ihre Mutter, Nathalie-Sidonie 
Waymel, stammte aus einer bekannten Familie des Departement du Nord. 
Zwei Jahre nach Marie wurde ihr Bruder Charles- Francois geboren ; weitere 
18 Monate später ihre Schwester Nelly. Eine letzte Schwester, Louise, kam 
im Jahre 1874 zur Welt. 

Die kleine Marie Lemaire wuchs auf dem Lande auf. Ihre erste Erinnerung 
bezieht sich auf ihre Großmutter väterlicherseits. Sie sieht sich als ganz kleines 

1) Aus dem Französischen übersetzt von R. Loewenstein (Paris). 



Marie Bonaparte 



Mädchen — das Alter kann sie nicht genau angeben — neben ihrer Groß- 
mutter gehen, die sie vergöttert hatte. Der Großvater und die Großmutter 
verbrachten die letzten Jahre ihres Lebens im Hause ihres Sohnes Charles, 
des Vaters von Frau Lefebvre. Sie hatten dort eine besondere Wohnung, aber 
die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen. „Und niemals", sagt Frau 
Lefebvre, diesen Punkt betonend, „gab es Streitigkeiten, denn in meiner 
Familie war man unter gut erzogenen Menschen und man wußte, welchen 
Respekt und welche Rücksichten man seinen Eltern schuldig ist. 

Mit sechs Jahren wurde Marie Lemaire ins Kloster von Fournes in Pension 
gegeben. Sie scheint von diesem Kloster eine gute Erinnerung bewahrt zu 
haben. Es gab in diesem Kloster Kinder vom Lande; „die Damen" beschäftigten 
sich viel und individuell mit den Kindern. Frau Lefebvre erinnert sich nicht, 
eine Lehrerin oder eine Kameradin besonders geliebt zu haben. 

Die Sommerferien verbrachte Marie bei ihren Eltern. Sie verlor in den 
Jahren 1869 und 1870 ihre lieben Großeltern. Von da an scheint allein die 
Liebe für ihren Vater ihre Kindheit beherrscht zu haben. Sie preist seine 
Güte, spricht viel weniger von ihrer Mutter. Ihr Vater war streng, aber 
sehr gut. Ihre Mutter hingegen soll noch strenger gewesen sein. „Ließ man , 
wie sich Frau Lefebvre volkstümlich ausdrückt, „einen Furz schief los, so 
hat man es eher dem Vater gesagt, aber niemals der Mutter. Und der Vater 
sagte dann: Erzählt es ja nicht der Mutter!" 

Während der Sommerferien, die die kleine Marie bei ihren Eltern ver- 
brachte, spielte sie oft im Garten mit dem Bruder und der Schwester. Nelly 
hatte eine Puppe besonders gerne. Marie spielte selbst nicht viel mit Puppen, 
sie fertigte aber eifrig Kleider für die Puppen ihrer Schwester an. Die 
Kinder spielten hauptsächlich religiöse Zeremonien. Der kleine Charles war 
der Geistliche und hielt den Gottesdienst ab. Die Mädchen beichteten ihm, 
er las die Messe. Sie veranstalteten Prozessionen im Garten. Sie begruben 
umgekommene Hühnchen in Zigarrenschachteln in einem besonders dazu 
hergerichteten Friedhof, nachdem sie sie feierlich eingesegnet hatten, und 
errichteten auf ihrem Grabe kleine, mit Kränzen aus Gänseblümchen ge- 
schmückte Kreuze. 

Marie liebte es auch, die Bücher der „Bibliotheque Rose" zu lesen, 
besonders „Les Petites Filles Modeies", eine Erzählung, die sie durch die 
Absonderlichkeiten der bösen Mme Fichini, der Stiefmutter Sophies, begeistert 
hatte. Sie stellte mit ihren Geschwistern im Spiele Szenen dar, in denen 
diese Dame vorkam. Eine der Schwestern verkleidete sich, um sie darzu- 
stellen. 



Der Fall Lefetvrc 



Mit zwölf Jahren verließ Marie das Kloster in Fournes und kam zu den 
Bemardinerinnen in Esquermes in Pension. Da gab es mehr Pensionärinnen. 
Obwohl die Kinder einer höheren Gesellschaftsschicht angehörten, befaßte 
man sich weniger individuell mit ihnen. 

Bei der ersten Kommunion äußerte Marie den gewünschten Eifer, denn 
sie war von jeher gläubig gewesen. Sie erinnert sich nicht, eine besondere 
mystische Krise in jener Zeit durchgemacht zu haben. Sie sagt einfach, sie 
hätte das erste Abendmahl „so wie es sich gehört" empfangen, so wie man 
es in einer Familie wie der ihrigen zu tun pflege. 

Kurz bevor sie dreizehneinhalb Jahre alt wurde, zur Zeit ihrer ersten 
Menstruation, begann Maries Gesundheit zu leiden. Sie bekam Diarrhöen, 
die sie unaufhörlich peinigten und die die ganze Zeit bis zum Regelmäßig- 
werden ihrer Menstruation andauerten. Die Überwindung ihrer Menstruations- 
störungen ging schwierig vonstatten und erfolgte erst in ihrem achtzehnten 
Jahre, bis dahin kamen Unregelmäßigkeiten und Ausbleiben der Periode, 
nicht selten fünf bis sechs Monate lang, immer wieder vor. Ihr seelisches 
Gleichgewicht war beträchtlich gestört; das junge Mädchen war ohne sicht- 
baren Grund traurig geworden und hatte aus scheinbar geringfügigen Gründen 
Weinanfälle, z. B. „wegen einer gewöhnlichen Bemerkung, die Mama machte . 

Mit sechzehneinhalb Jahren kehrte Marie aus der Pension zu ihren Eltern 
zurück, die seit zwei bis drei Jahren in Fournes lebten. Sie blieb dort bis 
zu ihrer Heirat. 

Im Jahre 1888 heiratete sie Guillaume Lefebvre, Bierbrauer in der 
Rue de Lannoy in Roubaix. Es soll schon von früher her eine Verwandt- 
schaft durch Heirat zwischen den Familien Lefebvre und Lemaire bestanden 
haben. Durch die Heirat und Vereinigung ihrer Güter kamen Guillaume 
und Marie zu einem gemeinsamen Vermögen von einigen Millionen. Ihre 
Verbindung war also eine von den Eltern in die Wege geleitete Vernunftehe. 

Guillaume Lefebvre, geboren am 31. Juli 1854, war zehn Jahre älter als 
seine Frau. Als Marie heiratete, war sie über die Tatsachen, die das Ehe- 
leben mit sich bringt, gänzlich unaufgeklärt. In der ersten Zeit litt sie sehr, 
als sie der Wirklichkeit der körperlichen Beziehungen gegenüberstand, und 
obwohl sie sich nach und nach an sie gewöhnte, liebte sie nie die ehelichen 
Beziehungen und fügte sich ihnen anfänglich nur aus Pflicht. 

Sie wurde schwanger und litt während ihrer Schwangerschaft stark an 
verschiedenen Beschwerden, hauptsächlich an Schmerzen in den Nieren. 
Sie kam vorzeitig, nach sechseinhalb Monaten, mit einem Mädchen nieder, 
das nicht lebensfähig war; der Verlust des Kindes hat sie geschmerzt. Im 



Marie Bonaparte 



Jahre 1890 (51. August) bekam sie ihren ersten Sohn Andre, dann 189a 
(24. Mai) ihren zweiten, Charles. Sie mußte einen großen Teil ihrer Schwanger- 
schaft auf einem Ruhebett liegend zubringen. Sie nährte ihre beiden Kinder, 
wie sie selbst von ihrer Mutter genährt worden war, während einiger Monate. 
Dann sagte ihr ihre Mutter: „Es ist genug, man soll nicht länger nähren." 
Sie hatte dann keine anderen Kinder mehr, obwohl, wie sie sagt, sie sowie 
ihr Mann gerne bereit gewesen wären, noch andere zu bekommen. 

Sie widmete sich von da an ihren zwei Kindern, die in dem engen Leben 
einer ordentlichen Bürgerin neben der Sorge um den Mann und das Haus 
die erste Stelle einnahmen. 

Das Ehepaar Lefebvre wohnte in Roubaix zehn Jahre lang Rue de Lannoy 
und dann von 1898 bis 1923 Boulevard Gambetta; sie verkehrten nur mit 
wenigen Menschen und lebten ein zurückgezogenes Familienleben. Es war 
bekannt, daß sie äußerst sparsam waren, viele hielten sie sogar für geizig. 
Frau Lefebvre, die sehr religiös war, ging oft schon in der frühesten Stunde 
zur Messe. Als der kleine Charles sechs Jahre alt wurde, erkrankte er an 
einem fieberhaften Leiden, das Atrophien und motorische Störungen hinter- 
ließ (muskuläre Dystrophie, Typus Charcot-Marie, siehe das Zeugnis des 
Dr. Sicard in den Akten). Da widmete sich Frau Lefebvre ganz diesem 
Kinde, pflegte es Tag und Nacht und hing an ihm wie es Mütter Kindern 
gegenüber tun, die mit einem Gebrechen behaftet sind. Allein Andr£ blieb 
gesund, wuchs, studierte Jus und bereitete sich vor, Notar zu werden, dem 
Beispiele seines Onkels Charles Lemaire folgend. 

Zu dieser Zeit, im Jahre 1912, begann Frau Lefebvre zu fühlen, daß 
ihre Gesundheit ernster angegriffen war; sie war jetzt achtundvierzig, stand 
also vor dem Eintreten der Menopause. Sie wurde von verschiedenartigen 
Störungen befallen, litt an Geistesabwesenheit und Nervenkrämpfen und 
wurde insbesondere durch eine hartnäckige Stuhlverstopfung gepeinigt, ein 
Symptom, das ihr das Leben vergiften sollte und das zu der Diarrhöe der 
Pubertät einen eigenartigen Kontrast bildete. Diese Verstopfung war so stark, 
daß sie manchmal vierzehn Tage lang nicht wich. Es beginnen die „Gallen- 
kolik", Magenkrämpfe und alle die schmerzhaften und unbestimmten Sen- 
sationen der Enteroptose, deren Beschreibung von da ab ihre „Tagebücher 
oder Notizhefte ausfüllen, welche „l'Ordonnancier" (das Rezeptheft), „le 
Studieux" und das Heft „de Bon Secours" (Name der Anstalt) hießen (siehe 
die Akten). 

Frau Lefebvre hatte sich jetzt den Ärzten anvertraut, die ihr aber, wie 
den meisten Hypochondern und Psychopathen, nicht viel helfen konnten. 



Der Fall Lefrtvre 1( » 



Die psychische Schale, die den organischen Kern ihrer Krankheit umgab 
und ihre Leiden bedingte, konnte nicht durch Medikamente, wie Brom, 
Baldrian, Phytin u. a. aufgelöst werden, auch nicht durch Bäder und nicht 
durch einige Kuren in Vichy. 

Das Martyrium der Hypochondrie begann. Schlaflosigkeit, Nervenzerren, 
gesenkte Organe — der Arzt aus Vichy oder Chätel-Guyon hatte das Un- 
glück gehabt, eine Nierensenkung zu diagnostizieren; diese Senkung hatte 
sich im Geiste — wenn auch nicht im Körper — der Frau Lefebvre auf 
fast alle Organe ausgedehnt, die einen durch die anderen mitgezogen, wie 
sie sagt — das sind die Ausdrücke, die sich in allen ihren Klagen und 
Aufzeichnungen wiederholen, wie ein lästig und quälend sich aufdrängendes, 
immer wiederkehrendes Motiv. Von nun ab schliefen die Eheleute gesondert. 
Die Freundschaft, diese einzig wahre Grundlage ihrer ehelichen Gemein- 
schaft, blieb zwischen ihnen erhalten. 

Zu Beginn ihres neuen Leidens unterzog sich Frau Lefebvre einer Kur 
im Sanatorium Bon Secours in Belgien. Sie verbrachte dort das Frühjahr 1912, 
fuhr nach Hause, wurde wieder krank und ging dann für den ganzen Herbst 
wieder nach Bon Secours. Als sie schließlich nach Hause zurückkehrte, war 
sie etwas gebessert, aber nicht geheilt. Zu den neurotischen Symptomen 
und der Obstipation, die früher im Vordergrunde standen und den Auf- 
enthalt in Bon Secours veranlaßt hatten, kamen nun die „Gallenkoliken" 
hinzu. Jetzt beginnen ihre unnützen Besuche und Konsultationen bei einem 
Arzt nach dem andern, die Kuren in Vichy und anderwärts. 

1914 machte Frau Lefebvre die deutsche Besetzung mit und erhielt erst 
im Jahre 1917 die Erlaubnis, mit ihrem kranken Sohne Charles das besetzte 
Gebiet zu verlassen; in dieser Zeit kämpfte Andre" tapfer an der Front. Sie 
reiste nach dem Süden Frankreichs und erfuhr dort den Tod ihres vier- 
undachtzigjährigen Vaters, der im Departement du Nord geblieben war. Sie 
empfand es schmerzlich, beim Tode ihres Vaters, den sie so sehr liebte, so 
weit entfernt zu sein. Ihre Mutter lebte damals noch und starb erst mit 
80 Jahren im Jahre 1920 ; 1921 starb ihre jüngste Schwester, Louise, 1922 ihr 
Bruder Charles. 

Frau Lefebvre blieb bis nach Ende des Krieges im Süden und kehrte 
nach Roubaix erst Anfang 1919 zurück. Ihr Gesundheitszustand jedoch blieb 
schlecht. Die Konsultationen und Verschreibungen der Ärzte begannen von 
neuem. Um der Kranken einige Ruhe zu verschaffen, beschlossen endlich, 
die Lefebvres, die Stadt zu verlassen und ein Haus in Hem, Boulevard de 
Roubaix, zu bauen. Die Familie bezog dieses Haus im Jahre 1923. Andr£ 



»o Marie Bonaparte 



Lefebvre ließ in Fournes bauen, nachdem er dort eine Notarstelle gekauft 
hatte, und ließ sich dort allein nieder. 

Im Jahre 1924 machte Andre\ der damals vierunddreißig Jahre alt war, 
durch Freunde die Bekanntschaft von Antoinette Mulle, einem Mädchen von 
etwa dreißig Jahren, Tochter eines Bierbrauers in Lannoy, die sich nach 
dem Tode ihres Vaters mit viel Energie und Sachkenntnis an der Leitung 
der „Gesellschaft Mulle" betätigt hatte, dem gemeinsamen Besitz der Witwe 
Mulle und ihrer Kinder Henri, Joseph und Antoinette. 

Frau Lefebvre widersetzte sich nicht der Heirat ihres Sohnes, obwohl 
sie von ihr nicht begeistert war. Acht Tage vor der Hochzeit entstand die 
erste Szene zwischen der Schwiegermutter und der zukünftigen Schwieger- 
tochter (siehe die Aussagen der Frau Mulle-Mutter). 

Es war in der Kirche. Frau Lefebvre näherte sich Antoinette und machte 
ihr bittere Vorwürfe, das Auto der Familie unaufhörlich in Anspruch zu 
nehmen, um mit ihrem Verlobten spazieren zu fahren. 

Die Heirat fand jedoch statt. Während der Hochzeitsreise, die unter dem 
Vorwand von Sparsamkeit und Geschäften in Fournes auf das Betreiben von 
Frau Lefebvre von sechs auf vier Wochen reduziert wurde, schrieb Andre 
an die Mutter nur Postkarten. Er zog sich dafür von ihr einen Brief zu, 
voll scharfer Vorhaltungen über den „Bespekt, den man seinen Eltern schuldig 
sei 1 g e g en den diese einfachen Postkarten schwer verstoßen. Während der 
Hochzeitsreise hat Frau Lefebvre, wie sie mir sagte, erfahren, daß Antoinette 
Mulle sowie ihr Bruder Henri die Absicht gehabt hätten, nach dem Tode 
ihres Vaters gegen ihre Mutter einen Prozeß anzustrengen. „Wer dringt da 
in unsere Familie ein?" dachte Frau Lefebvre. Und nach der Bückkehr 
von der Hochzeitsreise, beim ersten Besuch, den ihr die Jungvermählten 
abstatteten, sagte sie, sie wünsche keine Kinder „von dieser Basse" (Worte, 
die Frau Lefebvre mir gegenüber gebrauchte), „von dieser Gattung ' (Aus- 
sage der Frau Mulle-Mutter). 

Man kennt die peinlichen Episoden mit der falschen Perlenbrosche und 
den rotseidenen Salonmöbeln. Die Brosche ist als Hochzeitsgeschenk ihres 
Sohnes an ihre Schwiegertochter von Frau Lefebvre ausgesucht worden, die 
aber ihren Sohn nicht davon in Kenntnis gesetzt hatte, daß die Perlen falsch 
waren. Antoinette entdeckte das erst an dem Tage, als sie die Brosche zu 
einem Juwelier brachte, um daran ein Sicherheitsschloß anbringen zu lassen. 

Die Möbel mit roter Seide, die von Frau Lefebvre in der Mitgift Andres 
ziemlich hoch veranschlagt worden sind, waren so abgenützt, daß sie das 
junge Paar im entlegeneren Teil des Hauses unterbringen mußte. Als Frau 



Der Fall Lefebvre 31 



Lefebvre sah, daß die Möbel sich nicht im Salon ihres Sohnes befanden, 
machte sie eine unangenehme Szene. „Dummheiten I" sagt sie heute achsel- 
zuckend, wenn man ihr davon spricht. 

Sie machte auch unaufhörlich Vorhaltungen über die Ausgaben-, ihre 
Schwiegertochter durfte kein Stubenmädchen haben, mußte selbst Kuchen 
backen, mußte rote Tischtücher gebrauchen, um weniger für die Wäsche 
auszugeben, durfte, wenn keine Gäste waren, nur einen Gang zubereiten 
der weißen Sauce kein Ei zusetzen usw. (siehe die Aussagen von Frau Mulle- 
Mutter). 

Frau Lefebvre wurde so unausstehlich, daß ihre Schwiegertochter schon 
Februar 1925, also sechs Monate nach der Heirat beschloß, sie nicht mehr 
zu sehen. Andre' ging allein jede Woche zu seinen Eltern nach Hem Mittag 
essen. 

Zu dieser Zeit, im Monat März, wurde Antoinette schwanger. Andre - 
der instinktiv die Lage zwischen sich und seiner Mutter verstand, soll nur 
seinen Vater davon in Kenntnis gesetzt haben und auch dies erst Ende April 
oder im Mai. Unklarheit herrscht über die Art, wie Frau Lefebvre zum 
erstenmal von der Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter hörte. Es ist aber 
wahrscheinlich, daß ihr schon damals ein Gerücht darüber zu Ohren kam 
obwohl sie es heute leugnet. 

Anfangs Juni, am vierten, schoß ihr zum erstenmal der Gedanke durch 
den Kopf, eine Pistole zu kaufen und sie ging in eine Waffenhandlung in 
Lille, um sich eine zu beschaffen. Sie gab an, von ihrem Manne geschickt 
zu sein, der durch Diebstähle in der Nachbarschaft beunruhigt worden wäre, 
insbesondere, da eine Türe bei ihnen schlecht schließe. Auf Veranlassung des 
Waffenhändlers unterfertigte Frau Lefebvre ein Gesuch an die Präfektur, 
um die Genehmigung zum Kauf der Pistole zu erhalten. Da sie jedoch am 
nächsten Tage nach Vichy reisen sollte, konnte sie die Waffe vor ihrer Ab- 
reise nicht mehr in Empfang nehmen. 

Frau Lefebvre weilte in Vichy in der Villa Paisible vom 5. bis zum 24. Juni. 
Dort erhielt sie die Bestätigung der Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter. 
Nachdem ihre Kur beendet war, „und ihr noch ein Tag zur Verfügung 
stand, bevor sie nach Roubaix zurückkehren mußte, dachte sie darüber nach, 
wie sie diesen Tag ausnutzen sollte". Der Gedanke, nach Lyon zu fahren, 
die Messe anzusehen, den sie einen Augenblick lang gehabt haben soll, 
scheint nachträglich erdichtet zu sein und zu ihrem allerdings sehr dürftigen 
Verteidigungssystem zu gehören. Sie behauptet, daß Mitreisende im Zuge 
ihr geraten hätten, in St. Etienne auszusteigen. Wie dem auch sei, Tatsache 






>3 Alnrie Bon aparte 

ist, daß sie dort ausstieg, die Stadt nicht besichtigte, sondern in die dortige 
Waffenfabrik ging und eine Pistole kaufte, als „Reiseandenken", wie sie in 
der Gerichtsverhandlung angab. 

Mit der Pistole versehen fuhr Frau Lefebvre am nächsten Tage nach Hern 
weiter. Ihr Mann soll von dieser Neuerwerbung nicht sehr entzückt gewesen 
sein. Eines Abends ließ sie sich von ihrem Sohn Andre die Handhabung 
der Pistole zeigen, da ihr Mann das Schießen nicht gerne hatte. Sie schoß 
selbst. 

Jetzt begann Frau Lefebvre „Versöhnungsversuche" bei ihrer Schwieger- 
tochter zu unternehmen. An einem Sonntag, den 16. August, soll ihr die 
Schwiegertochter auf einer Spazierfahrt nach Arras im Auto Worte gesagt 
haben, die mir Frau Lefebvre wiederholt als eine unverzeihliche, eine töd- 
liche Beleidigung anführt: „Sie haben mich halt, nun also müssen 
Sie mit mir rechnen." In diesen nichtssagenden Worten drückte sich 
ihrer Meinung nach in der aufdringlichsten Weise „Respekt- und Rücksichts- 
losigkeit aus, — dies ist die Redewendung, die Frau Lefebvre unaufhörlich 
und eintönig wiederholt, wenn sie von ihrer Schwiegertochter spricht. 

Eine Versöhnung kam an diesem Tage nicht zustande. Der Sohn, der 
das Auto lenkte, mußte seine Frau an seine Seite setzen, um sie der feind- 
seligen Haltung seiner Mutter zu entziehen, die, wer kann es wissen, viel- 
leicht schon von diesem Tage an mit der Pistole bewaffnet war. 

Am nächsten Sonntag, den 23. August, bekam Andre 1 einen Brief von 
seiner Mutter, in dem sie anfragte, ob er am nächsten Mittwoch wie ge- 
wöhnlich nach Lille kommen und ob seine Frau ihn begleiten würde. Er 
vernichtete diesen Brief, der, wie er sagt, Dinge enthielt, die seine Frau 
hätten kränken können, und antwortete nicht. 

Am nächsten Mittwoch, den 26. August 1925, kam er mit seiner Frau 
nach Lille. Nachdem er allein bei seinen Eltern in Hern zu Mittag aß, 
kehrte er mit seinem Vater, der zur Börse gehen wollte, und mit seiner 
Mutter, die dort einen Besuch machen wollte, nach Lille zurück. Während 
dieses Besuches war Frau Lefebvre ruhig — wie gewöhnlich (siehe die Aus- 
sagen von Frau Roger Salembier). Andre" Lefebvre traf seine Mutter, die 
ruhig mit seiner Frau plauderte, an der Place Rihour wieder, wo er sein 
Auto eingestellt hatte. 

Frau Lefebvre sagte da, sie habe jemand außerhalb des Bethunetores 
zu treffen. Sie setzte sich hinter ihren Sohn, links von der Schwiegertochter; 
sie befanden sich also beide auf dem hinteren Sitz, unier dem herabgelassenen 
Verdeck des offenen Fordwagens. 



Der Fall Lefebvre a 3 



Andrö fährt sie zuerst zur Place Ronde, wo er das Auto stehen läßt, 
während seine Frau zu Fuß eine Besorgung macht und er selbst in einer 
Druckerei die Angelegenheit einer Anzeige bespricht. Frau Lefebvre wartet 
allein im Auto. Wahrscheinlich zog sie in diesem Augenblick die Pistole aus 
der Tasche, die sie aus Hern mitgenommen hatte. Dann fuhr das Auto weiter, 
durch das Tor von Böthune in die Straße nach Fournes. Aber Frau Lefebvre 
bat plötzlich ihren Sohn, nach rechts abzuweichen, um über den Chemin 
de la Solitude ins Pfarrhaus von Loos zu gelangen, unter dem Vorwande 
dort „Messen lesen zu lassen für ihren Mann, der sich den Finger verletzt 
hatte, und für die Seelenruhe ihrer Eltern . 

Daraufhin wendet das Auto und begibt sich auf den Chemin de la Solitude. 
Gerade an der zweiten Straßenlaterne, an der Stelle, wo der Weg eine Biegung 
macht, bittet sie, wie sie mir erzählt, 1 ihren Sohn, anzuhalten, unter dem 
Vorwande, ein Bedürfnis zu verrichten. Und wie der Wagen stillsteht, zieht 
sie ihre Pistole, richtet sie gegen die linke Schläfe ihrer Schwiegertochter, 
welche in diesem Augenblick den Kopf abwendet und nach rechts auf die 
Straße blickt, und tötet sie mit unbarmherziger Sicherheit auf der Stelle. 
Die Kugel hatte den Kopf von einer Schläfe zur anderen durchbohrt. 

Der Sohn dreht sich um, sieht seine Frau blutüberströmt. „Mama, was 
hast du getan? Was hast du getan?' — Er nimmt ihr die Pistole weg, 
gibt sie wieder zurück, setzt das Auto in Bewegung und passiert die Stadt- 
grenze, während hinter ihm seine blutbefleckte Frau auf seine Mutter ge- 
sunken ist, die sie stützt, damit sie bei den Stößen des alten Fordwagens 
nicht umfällt. In zehn Minuten erreichte der Wagen das Pavillon Olivier 
und dann, da sich dort kein Arzt befand, das Krankenhaus. Es war sechs 
Uhr abends. 

Die Aussagen des Krankenhauswärters und des Polizeikommissärs Christol 
riefen die tragische Szene wach: die Schwiegermutter, Mörderin, „auf der 
dritten Stufe der Krankenhaustreppe sitzend", empfindungslos, abwesend, 
wie fremd allem, was da geschah, während einige Schritte weit vor ihr auf 
einer Bahre der Körper der Ermordeten lag. 

Die Nacht verbrachte Frau Lefebvre im Gefängnis. 



ll Frau Lefebvre behauptete während des Prozesses, daß sie erst nach dem Schuß 
anzuhalten bat. 



3.4 Marie Bonapartc 



II 

13er irrozeij 

Das Verbrechen der Frau Lefebvre, die auf diese Weise ihre sich im 
sechsten Monat der Schwangerschaft befindliche Schwiegertochter kaltblütig 
durch einen Pistolenschuß getötet hatte, erregte ungeheures Grauen. 

Frau Lefebvre wurde im nächsten Jahr, im Monat Oktober 1926, von 
dem Schwurgerichte von Douai zum Tode verurteilt. 

Während der Verhandlungen des Schwurgerichtes von Douai verlangte 
die Menge laut ein Todesurteil. War denn Frau Lefebvre nicht auch „die 
unsympathischste aller Angeklagten ' ? Seit einem Jahr schon, seit dem tragi- 
schen Abend, verlangte für sie das Volk das Schafott. 

Sie hatte in der Tat ein Verbrechen von antiker Grauenhaftigkeit be- 
gangen. Sie tötete aus Liebe zum Sohne, wie andere es aus Liebe für 
einen Geliebten tun. Die Ahnung von Inzest schwebte um die furchtbare 
Tat. Man flüsterte sogar im Volke, daß sie zu ihrem Sohne körperliche 
Beziehungen unterhalten hatte. Und was das Volk nicht vergibt, sie war 
seit dem Verbrechen von einer merkwürdigen Teilnahmslosigkeit. Sie schien 
durch Gewissensbisse nicht gepeinigt und nicht zusammengebrochen zu sein. 
Sie hatte kein einziges Wort des Mitleids für ihr Opfer gefunden. 

Sie war alt: die Anmut der Jugend sprach nicht für sie. 

Sie war geizig: Gerüchte von angehäuftem Gelde und daneben — 
welcher Kontrast — die kleinlichen Ausgaben, die sie der Schwiegertochter 
vorgeworfen hatte. — Man war empört darüber. 

Sie war reich und es liefen Gerüchte von einer möglichen Bestechung 
des Gerichtes. „Man könnte sie vielleicht für verrückt ausgeben und auf 
diese Weise der verdienten Strafe entziehen. 

Da schloß auch das Gutachten des Gerichtssachverständigen auf volle und ganze 
Verantwortlichkeit. Was sollte man in der Tat mit einer solchen Angeklagten 
tun? Sie unverantwortlich erklären, das hieße ihr die Türen der Irrenanstalt zu 
eröffnen, von wo aus man auf einfache, zwar vom Präfekten begutachtete Ärzte- 
zeugnisse wieder herauskommen und direkt in die Familie zurückkehren kann. 
Das „Gerechtigkeitsgefühl" des Volkes hätte das nicht ertragen. 

Man nahm Anstoß an der Begnadigung, durch welche der Präsident der 
Republik im Dezember ig26 die Todesstrafe für Frau Lefebvre, wie übrigens 
für alle Frauen seit Jahrzehnten, in lebenslängliche Haft verwandelte. 



Der Fall Lefelvrc 



Das Verbrechen der Frau Lefebvre erregte ebensoviel Interesse wie Grauen. 
Die Zeitungen waren voll von der Affäre Lefebvre. Die Zeitung „Le Figaro" 
richtete sogar an Ärzte, Juristen und Psychologen eine Rundfrage nach 
den hauptsächlichen Triebfedern, die den Verbrecher zur Tat bewegen. Es 
ist unnütz, deren Antworten mitzuteilen. Alle waren sie unbestimmt und 
haben „daneben getroffen' . 

Interessanter ist es, das Gutachten der Gerichtssachverständigen zu be- 
trachten. Die offiziellen medizinischen Gerichtssachverständigen, Dr. Raviart, 
Dr. Rogues de Fursac und Dr. Logre, schlössen nach einem eingehenden 
Bericht über die Untersuchung des Geisteszustandes der Angeklagten, einem 
Bericht, der wohl einen anderen Schluß zu verlangen schien, in ihrem 
Gutachten auf volle und ganze Verantwortlichkeit. Eine Geisteskrankheit 
schlössen sie aus und erklärten das Verbrechen der Frau Lefebvre durch 
den „ein wenig eigentümlichen Charakter" derselben. Sie soll nach der 
Meinung der Sachverständigen unter der Herrschaft einer archaischen Auf- 
fassung von der Familie gehandelt haben: des Matriarchats. Hatte nicht 
der „pater familias" in Rom das Recht über Leben und Tod der Seinigen? 
Ebenso Frau Lefebvre. Als sie durch das Eindringen einer angeblich herrsch- 
süchtigen Fremden sich in ihrer bis dahin uneingeschränkten Herrschaft 
über ihre Familie bedroht fühlte, soll sie sich das Recht genommen haben, 
die Eindringende beiseite zu schaffen und soll es, wie der antike pater fami- 
lias, ohne Erregung, ohne Gewissensbisse getan haben. Hatte sie denn 
nicht bei der Untersuchung gesagt: „Ich hatte die Empfindung, meine 
Pflicht zu tun." So soll Frau Lefebvre durch die Verquickung eines „ein 
wenig eigentümlichen Charakters" und einer „archaischen Auffassung von 
der Familie" zur Verbrecherin geworden sein, das, wie die Sachverständigen 
schließen, ihren freien Willen und ihre Verantwortlichkeit uneingeschränkt 
gelassen haben soll. 

Dr. Voivenel in seinem Gutachten und Dr. Maurice de Fleury in seiner 
Berichterstattung, die von der Verteidigung eingeholt wurden, kamen zu 
einem entgegengesetzten Schlüsse. Frau Lefebvre soll ihrer Meinung nach 
eine Paranoikerin vom Typus der „revendicant" sein (entspricht etwa dem 
Querulanten Kraepelins), jener Form der ^folie raisonnante" , welche von 
Serieux und Capgras vom paranoischen Beziehungswahne getrennt worden 
ist. Diese Kranken bewahren in hohem Grade ihr Gedächtnis und die 
Fähigkeit, Vernunftschlüsse zu ziehen, was dem Laien geistige Vollwertig- 
keit vortäuscht. Aber in einem Punkt ist ihre Vernunft gestört: nämlich 
in bezug auf die sogenannte Urteilsfähigkeit. Da ein mit starkem Affekt 



Marie Bonn parte 







beladener, überwertiger Gedanke in ihnen Fuß gefaßt hat und zur Herr- 
schaft gelangt ist, so verliert alles, was mit diesem Gedanken zusammen- 
hängt, seine natürlichen Ausmaße. So ist es auch mit allem, was Frau 
Lefebvre in bezug auf ihre Schwiegertochter sagte. Sie kann keinen ernsten 
Vorwurf gegen diese genau angeben. Harmlose Worte scheinen ihr eines 
Revolverschusses würdige Beleidigungen zu sein. Und die Sicherheit der 
Ausführung, die Erleichterung nach dem Verbrechen, das Fehlen von Ge- 
wissensbissen, alles das sind klinische Zeichen der „psychose de revendica- 
tion", wie sie von den Autoren beschrieben wurde, von Serieux und 
Capgras und anderen, z. B. Dr. Logre selbst, wie es Maurice de Fleury 
hervorhob. 

Aber die Geschwornen, welche nach ihrem „gesunden Menschenverstand" 
urteilen und die Psychiatrie nicht kennen, welche zu derselben Volksmenge 
gehören, die an den Gerichtstüren brüllte, die Geschwornen, welche ihre 
ungeheure Empörung und ihren Abscheu vor einer solchen Mörderin auf die 
Autorität der offiziellen Sachverständigen stützen konnten, mußten für die 
Stimme der Gegensachverständigen taub bleiben und die Schuld ohne 
mildernde Umstände bejahen, eine Entscheidung, die ein Todesurteil zur 
Folge hat. 

III 
JDer jjinn der -Lat 

Dr. Voivenel hat in seinem Vortrag, den er am 13. Januar 1927 im 
„Hotel des Societös Savantes" im „Faubourg" gehalten hat, das Verbrechen 
der Frau Lefebvre ausdrücklicher noch als in seinem Gutachten auf den 
Ödipuskomplex bezogen. 

In seinem Gutachten hatte er in der Tat nur die Tatsache der „folie 
raisonnante hervorgehoben und nicht die psychische Dynamik bei Frau 
Lefebvre. Es war leichter, in einem Vortrag die psychologischen Grundlagen 
der Tat darzustellen. 

Der Ödipuskomplex ist nach Freud — ich brauche ja kaum daran zu 
erinnern — derjenige Zustand der Gefühle, des Triebes beim Kinde, der 
es sexuell zum gegengeschlechtlichen Elternteil treibt und — als logisches 
Gegenstück — Todeswunsch gegen den gleichgeschlechtlichen Elternteil, 
der als Rivale angesehen wird. Dieser Komplex, der in seiner ganzen sexu- 
ellen Realität existiert, in Wünschen nach physischer Berührung und Be- 



Der Fall Lefebvre z? 



friedigung sinnlicher Natur, lebt auch bei den Eltern, aber abgeschwächt, 
durch den langdauernden Zwang der sozialen Zensur abgestumpft. Der Vater 
zieht seine Tochter vor, die Mutter den Knaben. Manchmal stürzen die 
tausendjährigen Dämme der sozialen Zensur und das ödipusverbrechen, — 
Inzest oder Mord, — auf deren Unterdrückung die Zivilisation sich aufge- 
baut hat, wird von neuem verwirklicht. 

Das Ödipusverbrechen der Frau Lefebvre, allerdings das umgekehrte, 
nicht das des ödipus, sondern das der Jokaste, ist so offenkundig, daß es des 
ganzen Abscheus vor dem Inzest bedurfte, damit das Wort „Inzest" in einer 
Rundfrage, wie z. B. die des „Figaro" an Ärzte, Juristen und Psycho- 
logen u. s. w. nicht einmal ausgesprochen werde. 

Das Volk hatte einen richtigen Sinn für die Sache, als es in Douai, in 
Lille und in Paris das furchtbare Geheimnis flüsterte: eine körperliche Liebe 
zwischen Mutter und Sohn. Das Volk irrte, was den Tatbestand betrifft, 
nichts Reelles, Bewußtes fiel zwischen dieser Mutter und diesem Sohn aus 
bürgerlicher Familie vor, wo eine strenge und enge Moral herrschte. Aber 
das Volk hatte dabei doch wie eine Ahnung vom Drama, das sich im Un- 
bewußten dieser Menschen abgespielt hatte und drückte in seiner derben, 
einfachen Art die Wahrheit aus, daß Frau Lefebvre „Jokaste" war, die ge- 
tötet hatte. 

Der ödipuscharakter dieser Tat ist es gerade, der ihr die enorme Be- 
deutung und Wirkung auf Menschen gab. Ohne zu wissen warum, inter- 
essierten sich alle für die Affäre Lefebvre. Hat doch jede Mutter ganz in 
der Tiefe ihres Unbewußten, wenn auch unausgesprochen, etwas von Jokaste 
und Frau Lefebvre. Das furchtbare Drama vom Chemin de la Solitude ist 
eines von jenen, die eine der ewigen Verhaltungsweisen des menschlichen 
Unbewußten offenbaren. 

Wir haben nur ungenau Einblick in die Kindheit der Frau Lefebvre im 
Sinne des Ödipuskomplexes. Aus den Akten erfahren wir fast gar nichts 
und in einem vierstündigen Gespräch läßt sich nicht ein Leben analysieren, 
sein Lauf zurückverfolgen. Aber trotz der wiederholten Behauptungen der 
Frau Lefebvre, daß man in ihrer Familie gewußt habe, welchen Respekt 
und welche Rücksichten man den Eltern schuldig sei, konnte ich doch 
sehen, daß Frau Lefebvre ihren Vater vergötterte, während sie für ihre 
Mutter eine viel zweifelhaftere Zuneigung gehabt hat. Sie spricht von ihr 
in einer kühlen und konventionellen Weise, sagt, daß man der Mutter nicht 
erzählte, wenn man „einen Furz schief losließ", daß man sie fürchtete, daß 
sie nicht bequem war. Während der Voruntersuchung zum Prozeß erfuhr 

3 Vol. 15 



Alai u* ßonapnrte 



man, daß die Mutter an demselben Geiz gelitten habe wie die Tochter — 
wie sie übrigens auch die Gallenkolik der Tochter hatte. Kurz, diese Mutter 
scheint nicht von ihrem Kinde zärtlich geliebt worden zu sein und es ist 
auch wahrscheinlich, daß ein wahrer Haß, der heute von der alten und 
frommen Frau Lefebvre uneingestanden, vergessen ist, in der Seele des kleinen 
Mädchens, dieser Rivalin ihrer Mutter, gelebt hatte. 

Im Alter von zwei Jahren mußte das kleine Mädchen, die bis dahin allein 
im Besitze des elterlichen Interesses und deren Liebe gewesen war, die 
Ankunft eines Neuankömmlings, ihres Rivalen in der elterlichen Gunst, er- 
tragen. Denn damals ist ja ihr einziger Bruder geboren worden und wir 
wissen aus den Analysen, welche Umwälzung in einem Kinde die Geburt 
einer Schwester oder eines Bruders nach sich zieht. Das Kind, welches sich 
bis dahin als Mittelpunkt der Welt empfand, merkt, daß der Neuankömm- 
ling seine Stelle im Herzen und an der Brust der Mutter einnimmt. Und 
was erst, wenn der Neuankömmling ein Bruder ist, der ja selbstverständlich 
von der Mutter bevorzugt wird. Es kann dann sein, daß das ältere Mädchen 
der Mutter diese Untreue nie vergibt. 

Es hat sich zweifellos Frau Lefebvre damals von ihrer Mutter losgelöst 
und hat, der Triebanlage ihres Geschlechtes folgend, die ganze Kraft ihrer 
infantilen Libido auf ihren Vater übertragen. Aber nach und nach, da der 
Neuankömmling selbst ein Knabe war, glitt auf ihn etwas von dieser Libido 
über und der Bruder wurde der gute Freund seiner älteren Schwester. 

Als das kleine Mädchen vier Jahre alt war, kam eine kleine Schwester 
zur Welt, welche also in jedem Sinne ein Eindringling in die Gemeinschaft 
war, die sie mit ihrem kleinen Bruder bildete. Der Anblick der schwan- 
geren Mutter mußte in dem schon beinahe vier Jahre alten Kinde, das den 
Sinn dieser ungewohnten Dickleibigkeit kannte, eine instinktive Feindseligkeit 
erwecken. Analysen von Neurotikern und Gesunden sind voll von solchen 
Erinnerungen : das Kind errät vollkommen den Sinn der Dickleibigkeit der 
schwangeren Mutter und empfindet sie mit Recht als beunruhigend. (Siehe 
die Analyse des kleinen Hans; Freud: Ges. Schriften, Bd. VIII). 

Nach der späteren Reaktion gegen die schwangere Schwiegertochter zu 
urteilen, muß Frau Lefebvre diese zweite Schwangerschaft ihrer Mutter be- 
sonders stark empfunden haben. 

Wir wissen nicht und auch Frau Lefebvre weiß wohl nicht mehr, wie 
sie als Kind auf die Geburt selbst ihrer kleinen Schwester Nelly reagiert 
hat. Aber eine spätere Erinnerung klärt uns über die Gefühle auf, die in 
ihr diese kleine Rivalin erwecken mußte. 



Der call Jjciebvre 



39 



Freud hat eine Kindheitserinnerung Goethes analysiert, die dieser selbst 
in Dichtung und Wahrheit erzählt. (Freud: Ges. Schriften, Bd. X.) Ander 
Stelle, wo Goethe von Kinderkrankheiten und vom Tode des kleinen Bruders 
spricht, erzählt er, wie er eines Tages auf Betreiben von Nachbarn großes 
und kleines Geschirr aus dem Fenster auf die Straße warf, wobei er eine 
ungeheuere Freude empfand, dieses Geschirr in tausend Scherben gehen zu 
sehen. Diese Handlung muß als symbolische Handlung aufgefaßt werden, 
die den Wunsch des kleinen Goethe, der bis dahin der einzige Besitzer des 
mütterlichen Herzens war, ausdrücken mußte, den kleinen Bruder ebenso 
aus dem Fenster zu werfen und ihn loszuwerden. 

Nun finden wir in den Kindheitserinnerungen der Frau Lefebvre eine 
symbolische Handlung von sicherlich derselben Bedeutung. Denn sie be- 
richtete mir zweimal und lachend vor Freude an dieser Erinnerung, daß 
das Lieblingsspiel in ihrer Kindheit das Begraben von Hühnchen, genauer 
gesagt von umgekommenen Küchlein, war. Sie sagt, daß ihr kleiner Bruder, 
der sogar dies Spiel erfunden haben soll, dies mit ihr gespielt habe. Die 
kleine Nelly scheint dabei nur eine geringfügige Rolle gehabt zu haben. 
Dies Spiel folgte einem streng eingehaltenen Zeremoniell: Die Küchlein 
wurden in Zigarrenschachteln gelegt (sie mußten nicht sehr groß sein, um 
dort Platz zu finden), der kleine Charles, der den Priester spielte, sagte dann, 
die Seelenmesse feiernd, Totengebete über dem „Sarge" auf. Dann wurden 
die Zigarrenschachteln samt Inhalt in feierlichem Aufzug im Garten be- 
graben. Man richtete ein Kreuz auf dem Grabe auf und schmückte es mit 
Kränzen aus Gänseblümchen. 

Der Sinn dieses Spiels, analytisch gesehen, erscheint klar genug. Es 
drückte den Todeswunsch gegen die kleine Schwester aus, welche für das 
Unbewußte durch die Küchlein dargestellt war. Man sandte sie in die 
„Schachtel" zurück, aus der sie gekommen war, man schloß sie wieder 
ins Innere der Mutter Erde. Und Gott selbst, der ins Großartige projizierte 
Vater, war, wie das Kind es wünschte, ihr Komplize, wie der kleine Bruder, 
der die Seelenmesse las. 

Dieselbe Reaktion findet sich übrigens später bei Frau Lefebvre, die zur 
Zeit, als sie so viel Verdruß hatte, zu Gott betete, „ihre Schwiegertochter 
zurückzunehmen" (siehe die Prozeßakten) und die im Augenblick des Ver- 
brechens die Gegenwart ihres Sohnes brauchte. 

Wir wissen aus Analysen, wie stark oft bei kleinen Mädchen der Wunsch 
ist, vom Vater ein Kind zu bekommen. Der Wunsch, ihren Vater zu heiraten, 
ist einer jener, die sehr oft von ihnen auch ausgesprochen werden. Sie 



Marie Bonuparte 



möchten in allem die Stelle ihrer Mutter einnehmen, auf die sie eifer- 
süchtig sind. Es ist wahrscheinlich, daß Frau Lefebvre ihre Mutter tödlich 
haßte, als diese mit ihrer kleinen Schwester schwanger war und auch nach 
der Geburt der letzteren. 

Ich spreche hier nicht von der Geburt der jüngsten Schwester, Louise, 
die zur Welt kam, als Marie schon zehn Jahre alt war, d. h. zu spät, um 
in Marie anderes als die Wiederholung einer früheren Urreaktion hervor- 
zurufen . 

Es erübrigt noch, von den Beziehungen von Marie Lemaire zu ihren 
Großeltern zu sprechen. Wir wissen, daß dieselben die letzten Jahre ihres 
Lebens bei ihrem Sohne Charles Lemaire, dem Vater von Frau Lefebvre, 
gewohnt haben. Dies muß entscheidend für die Empfindungsweise Frau 
Lefebvres gewesen sein. 

Denn die früheste Erinnerung Frau Lefebvres ist folgende: Sie sieht 
sich als Kind neben ihrer Großmutter gehend. Diese erste Erinnerung muß 
eine Deckerinnerung sein und muß, wie alle unsere frühesten Erinnerungen, 
einen wichtigen Affektzustand des Kindes darstellen und überdecken. 

Frau Lefebvre spricht von dieser Großmutter, Mutter ihres Vaters, mit 
einer zärtlichen Liebe, die mit der ziemlich trockenen Art, in der sie von 
ihrer Mutter spricht, einen Kontrast bildet. Diese Großmutter scheint in 
ihr die einzige zärtliche Neigung wachgerufen zu haben, die sie je für eine 
Frau zu empfinden imstande war. Sie verlor ihre Großmutter wie den Groß- 
vater im Alter von sechs Jahren, in demselben Jahre, in dem sie selbst 
ins Kloster zu Fournes geschickt wurde. Sie betont heute die Harmonie, 
welche zwischen ihrer Mutter, ihrem Vater und dessen Eltern herrschte, 
sie lächelt, wenn sie an das Familienpararlies denkt, in dem sie aufwuchs, 
das aus ihrem Vater und seinen Eltern, die ihn umgaben, bestand. Die 
Großmutter hatte in den Augen der kleinen Marie vor ihrer Mutter einen 
riesigen Vorzug. Sie beging nicht das Verbrechen, neue Kinder, Brüder und 
Schwestern ins Haus einzuführen, sie wurde nicht schwanger, sie war nicht 
die Frau des Vaters, eine vom Kind begehrte Stellung. Sie war gut und 
führte das Kind an der Hand haltend spazieren. Wenn Marie sich mit ihrer 
Mutter identifizierte als Frau ihres Vaters, — und sogar durch ihren Geiz 
und die Gallenkoliken, — so tat sie es auch mit ihrer Großmutter. Und 
die alte, unauslöschliche Erinnerung an das Familienparadies, in dem die 
Großmutter ihrem Sohne zulächelte, obwohl er verheiratet war, durfte der 
Genese der späteren Anforderungen der Frau Lefebvre, in der Ehe ihres 
Sohnes zu herrschen, nicht fremd sein. 



Der Fall Lefetvre 



Zusammenfassend kann man sagen, Frau Lefebvre, die im Zeichen einer 
äußerst starken Liebe zu ihrem Vater aufwuchs, muß in ihrer Kindheit 
die Eifersucht empfunden haben, die ein sehr wirksamer, wenn auch durch 
den „Eltern schuldigen Respekt und der religiösen Erziehung stark ver- 
drängter Ödipuskomplex mit sich bringt. Sie übertrug ein wenig der Liebe 
zu ihrem Vater auf den kleineren Bruder und einen Teil der Eifersucht 
gegen die Mutter auf ihre kleine Schwester. Sie liebte ihre Großmutter, 
war ihr dankbar, nicht die Frau des Vaters zu sein und nicht jene zu sein, 
die andere Kinder des Vaters auf die Welt bringt. 

Das Motiv der schmerzlich empfundenen Schwangerschaft der Mutter 
mußte in der Kindheit der Marie Lemaire sehr stark gewesen sein. Dieses 
ins Unbewußte verdrängte Motiv, das später, unter dem Einfluß der auf die 
Menopause folgende Regression wieder auftauchte, ist der Anlaß zum Ver- 
brechen geworden. Denn Frau Lefebvre begann erst an die Pistole zu denken, 
als sie die Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter erfuhr. Bis dahin, obwohl 
sie sie haßte und verfolgte, ertrug sie dieselbe. Aber im Mai 1925 hört 
Frau Lefebvre, daß ihre Schwiegertochter schwanger sein könnte. Da geht 
sie zum Waffenhändler in Lille, um eine Pistole zu kaufen. In Anbetracht 
der Zeit, die notwendig ist, um eine Genehmigung der Präfektur zu er- 
halten, kann sie die Waffe vor ihrer Abreise nach Vichy nicht erhalten. 
Doch in Vichy wird ihr die Schwangerschaft der Schwiegertochter bestätigt. 
Da fährt sie, vor ihrer Rückkehr nach Hause, nach St. Etienne, um dort 
eine Pistole zu kaufen. Bis zu welchem Grade hatte Frau Lefebvre, während 
sie im Begriff war, die Pistole zu kaufen, die bewußte Absicht zu töten? 
Niemand wird es jemals wissen, nicht einmal mehr sie selbst. Aber sicher 
ist, daß das Unbewußte der zukünftigen Verbrecherin von dem Augenblick 
an wußte und mit einer unbarmherzigen Logik das Bewußtsein zu jeder 
der Handlungen antrieb, welche die endgültige Ausführung der Mordabsicht 
sichern konnten. Es scheint in der Tat fast sicher zu sein, daß die Träume, 
welche sie den offiziellen Sachverständigen erzählte und die sie, wie sie be- 
hauptete, in den Tagen vor dem Verbrechen geträumt haben soll, Träume, 
in denen sie die Schwiegertochter erwürgt und ertränkt, in Wirklichkeit 
nie „geträumt", sondern nachträglich zum Zwecke der Verteidigung er- 
funden worden sind. Frau Lefebvre, die ich daraufhin ausführlich befragte, 
konnte niemals auch nur einen dieser Träume genauer angeben und blieb 
ganz unbestimmt: „Ich ertränkte sie . . .", sagte sie mit einer ausweichenden 
Bewegung. Sie konnte mir übrigens keinen Traum, aus welchem Zeitab- 
schnitt es auch sei, erzählen, sie, die doch behauptet, in den zwölf bis 



03 Marie Bonaparte 



dreizehn Jahren ihrer Hypochondrie, vom Alter von achtundvierzig bis ein- 
undsechzig Jahren, von den schlimmsten Angstträumen gequält worden zu 
sein. Sie kann nur diese unbestimmten Träume ohne jede Einzelheit wieder- 
holen: „Ich ertränkte sie . . .", dann erwachte sie, erzählt sie und konnte 
erst wieder erleichtert einschlafen, nachdem sie sich bei weit offenem Fenster 
auf den Fußboden gelegt hatte. 

Es ist schwer zu glauben, daß diese Träume wirklich geträumt worden 
sind. Aber wir wissen aus Analysen von literarischen Werken (siehe Der 
Wahn und die Träume in Jensens „Gradiva", Freud: Ges. Schriften, Bd. IX) 
daß ein Traum, ob geträumt oder erfunden, denselben Wert besitzt als 
Ausdruck des Unbewußten jener Person die ihn träumt oder erfindet. Und 
wenn Frau Lefebvre einen wahrscheinlich nachträglich erfundenen Traum 
erzählt, um sich durch eine zwanghafte Idee, die Schwiegertochter zu er- 
tränken, zu rechtfertigen, so gibt sie eine bedeutsame Realität jenes ge- 
bietenden Psychismus kund, ob er sich nun in Träumen geäußert oder 
nicht, der ihr das Verbrechen aufgezwungen hat. 

Im Gespräch mit mir ging sie sogar noch weiter. Sie teilte mir mit, 
was sie den Sachverständigen nicht erzählt hatte. Sie habe eine Nacht vor 
dem Verbrechen alles geträumt, was sich am folgenden Tage abgespielt hatte: 
die Autofahrt, die mitgenommene Pistole, den Schuß an derselben Stelle 
des „Chemin de la Solitude". Die Erfindung ist offensichtlich und doch ent- 
spricht nichts mehr der psychischen Realität, als dieser erfundene Traum, 
der gleichsam besagt: „Mein Verbrechen war im voraus in mir gezeichnet 
und es gab im Grunde meiner Seele wie ein geheimnisvolles, nach innen 
gerichtetes Auge, das nur zu schauen hatte, um treu nachzuahmen, was 
da war. Jedes Moment des Verbrechens war im voraus geordnet und mußte 
ganz genau nachgeahmt werden. 

IV 
Die I orm der Tat 

Man sagt, daß Frau Lefebvre aus Geiz getötet habe, weil sie fand, daß 
ihre Schwiegertochter zu verschwenderisch sei. Sie verteidigte sich heftig 
dagegen und sie hatte nicht unrecht. 

Frau Lefebvre war zwar notorisch geizig. Jedoch war ihr Geiz in ihrem. 
Leben nicht konstant. Sie war, wie überhaupt Geizige es sind, in vielen 
Fällen geizig, aber großzügig in anderen. 



Der Fall LefeWe 33 



Wenn es sich um ihre Gesundheit, um die der Ihrigen, ihres Mannes 
oder ihrer Kinder handelte, so gab sie aus, zauderte nicht, die bekanntesten 
Ärzte zu Rate zu ziehen, kostspielige Kuren durchzumachen. Aber in allem, 
was sich auf ihre Schwiegertochter bezog, war Frau Lefebvre, obwohl sie 
mehrere Millionen besaß, äußerst „schmutzig", so daß viele den Eindruck 
von pathologischem Geiz hatten. 

Sie begann damit, ihrer zukünftigen Schwiegertochter in der Kirche eine 
Szene zu machen wegen des Autos, das diese zu oft mit ihrem Verlobten 
in Anspruch nahm, was zu viele Ausgaben verursachte. Sie veranlaßte die 
Abkürzung der Hochzeitsreise unter dem Vorwand, daß sie sonst zu teuer 
werden würde und die damit verbundene Abwesenheit ihrem Sohne im 
Hause und Bureau Geldverlust verursachen würde. Sie hat angeblich den 
jungen Eheleuten auch vorgeworfen, die Hochzeitsreise erster Klasse gemacht 
zu haben. Sie verfolgte ihre Schwiegertochter, die selbst nicht verschwen- 
derisch war (60.000 Frcs. Ersparnisse auf 1 00.000 Frcs. Einkünfte im ersten 
Jahr der Ehe. Siehe Akten), für die kleinsten Ausgaben: für ein Tischtuch, 
für einen Kuchen, der beim Konditor gekauft wurde, für ein Ei in der 
weißen Sauce. Sie hat verlangt, daß ihre Schwiegertochter ohne Dienstboten 
auskomme. Es ist sicher, daß die geringste Ausgabe ihrer Schwiegertochter 
oder ihres Sohnes für dieselbe, sie tief kränkte und außer sich geraten ließ. 

Das Mißverhältnis zwischen der Heftigkeit der Vorwürfe und der Gering- 
fügigkeit der Ausgaben fiel den Menschen auf und empörte sie. Daher 
die Idee vom „pathologischen Geiz". Aber dieses Mißverhältnis verschwindet 
für denjenigen, der das Gesetz der Affektverschiebung kennt. Wir haben 
hauptsächlich aus Analysen Zwangsneurotischer erfahren, daß ungenügend 
verdrängte Komplexe und Triebe sich dieses Mechanismus bedienen, um die 
Verdrängung zu umgehen und in Form von Symptomen im Bewußtsein 
wieder zu erscheinen. Das Verbot, das ihnen die Zensur auferlegt, wieder 
ans Tageslicht zu kommen, umgehen sie, indem sie nicht mit ihrem wahren 
Gesicht erscheinen, sondern indem sie ein anderes, scheinbar harmloses 
Antlitz entlehnen. Aber was unter der Maske lebt und sich regt, das verrät 
sich durch die Intensität der Erregung, die im Mißverhältnis zur scheinbaren 
Ursache der Erregung steht. Es scheint doch wirklich absurd, daß eine Multi- 
millionärin, wie Frau Lefebvre zum Beispiel ihrer Schwiegertochter Vorhal- 
tungen und Szenen macht wegen „eines Eies in der weißen Sauce" (Aus- 
sagen von Frau Mulle). Aber diese Absurdität verschwindet, wenn man ver- 
standen hat, daß dieses Ei nur ein Symbol für eine andere, weit wichtigere 
Sache ist. Jegliche Geldausgabe ihres Sohnes für seine Frau, sei es nun 



34 Marie Bonaparte 



um einen Kuchen oder ein Ei zu kaufen oder ein Tischtuch waschen zu 
lassen, ist für die Schwiegermutter Grund für eine schwere Kränkung. Denn 
jede Geldausgabe ist ein Geschenk, das in der Sprache der analen Regres- 
sion ein Liebesgeschenk ausdrückt. 

Wir haben durch Freuds und seiner Schüler, besonders Abrahams Arbeiten 
(K. Abraham, Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag, 1924) die Bedeutung der prägenitalen Phasen der 
Libido kennengelernt. Die Analerotik mit ihren zwei Momenten (zuerst die 
Fäzes verlieren, dann sie zurückhalten, was der ersten menschlichen Vor- 
stellung vom „Besitz", vom „Eigentum" entspricht) beherrscht die zweite 
Phase der Libidoentwicklung des Kindes und wird bei gewissen Psychopathen 
unter verschiedenen Einflüssen durch die Regression wieder wachgerufen. 
Nun hat Frau Lefebvre mit einer besonderen Kraft die Regression der Meno- 
pause erlitten, die so häufig bei den Frauen zu dieser Zeit auftritt, in der 
ja die Quelle ihrer wirklichen Genitalität versiegt, indem ihre innere Sekre- 
tion eine tiefgreifende Umstellung erfährt. Ihre Hypochondrie ist ein Zeichen 
dafür, unter der sie seit ihrem achtundvierzigsten Lebensjahre zu leiden hatte. 



Man kann die Bedeutung der Hypochondrie in der Lebensgeschichte der 
Frau Lefebvre gar nicht genügend hervorheben. Die offiziellen Sachverständi- 
gen haben zur Unterstützung ihrer Auffassung versucht, diese Hypochondrie 
auf einfache physische Beschwerden zu reduzieren; jeder Psychiater und 
sogar viele Ärzte wissen, daß die Hypochondrie hauptsächlich aus einem 
riesigen psychischen „Überbau" besteht, der einen verhältnismäßig geringen 
physischen Kern in sich birgt. 

Die Hypochondrie drückt nach Freud (Einführung des Narzißmus, Ges. 
Schriften, Bd. VI) eine Rückkehr der Libido auf die Person selbst aus. Sie 
ist eine „narzißtische Aktualneurose", die sich in organischer Sprache äußert. 
Der Hypochondrische, der unfähig geworden ist, sein Interesse, seine Libido 
äußeren Objekten zuzuwenden, zieht sie auf seine eigenen Organe zurück, 
die von nun an dazu dienen, sein ganzes Triebleben auszudrücken. Die Hypo- 
chondrie soll übrigens oft ein Vorstadium der Paranoia sein und wir werden 
weiter sehen, wie sehr der Fall der Frau Lefebvre diese Ansichten Freuds 
rechtfertigt. 

Diese Regression der Libido auf die eigene Person wird besonders leicht 
zustande kommen, wenn es dem Individuum nicht gelungen ist, im Laufe 
der Entwicklung zum genitalen Stadium zu gelangen. 



Der Fall Lefetvre 35 



Nun hat Frau Lefebvre unter dem Einfluß einer ihre Zwecke über- 
schreitenden religiösen Erziehung, einer exzessiven und frühzeitigen Unter- 
drückung ihrer Triebe zweifellos nie das wahre genitale Stadium erreicht. 
Es kann peinlich sein, in einem Aufsatz vom intimen Leben einer Lebenden 
zu sprechen, aber man kann eine analytische Studie dieser Verbrecherin 
nicht einmal versuchen, ohne die diesbezüglichen Auskünfte anzuführen, die 
einzuholen möglich waren. 

Frau Lefebvre scheint eine psychisch frigide Frau gewesen zu sein, die 
sich den Beziehungen in der aus Vernunftsgründen geschlossenen Ehe nur 
aus Pflichtgefühl unterwarf. Die körperlichen Beziehungen, die ihr als junges 
Mädchen unbekannt waren, waren für sie eine peinliche Überraschung, und 
erst nach und nach „ging es besser". Aber wie es bei psychisch Frigiden 
vorkommt, wenn man sie nach dem genauen Sinn dieser Worte befragt, 
weiß sie nicht, wovon man spricht. Und, wie es ebenfalls bei frigiden 
Frauen vorkommt, sie hat jegliche Erinnerung an die doch so allgemeine 
infantile Onanie verloren. Aber die Analysen psychisch frigider Frauen zeigen 
uns, daß die Unmöglichkeit zur Rückkehr der Funktion so wie die Amnesie 
beide durch denselben Faktor, die Verdrängung, verursacht sind. Übrigens 
sieht man oft im Laufe der Analyse oder des Lebens, daß die Amnesie der 
infantilen Onanie schwindet im Augenblick der Wiederkehr der Genital- 
funktion. 

Das „es ging besser" bezieht sich auf eine Spur von Orgasmus, die 
für den, der diese physiologische Funktion ganz besitzt, schwer vorstellbar 
ist, oder bezeichnet es nur die Vorlust? Sie gibt ja die Erinnerung an eine 
Art von Schauder zu, spricht aber davon wie von einer Sache ohne jede 
Bedeutung, so daß man vermuten kann, die volle Befriedigung, der Orgas- 
mus sei ihr unerreichbar geblieben. Denn sie sagt: „Es gibt Dinge, zu 
denen sie nie Lust hatte, was ihren Mann enttäuschte." 

Frau Lefebvre war dreimal schwanger; die Konzeptionsfähigkeit wird ja 
durch die Frigidität nicht beeinträchtigt. Da ihre Libido keine normale 
Befriedigung in der Ehe gefunden hatte und da ihre Tugend, ihre Beligion 
und ihre Tendenz zur Regression ihr jeglichen Versuch einer außerehelichen 
Liebe versperrten, fixierten sich alle ihre Triebe, alle ihre Gefühle am 
Kinde. Wir werden weiter untersuchen, welche Bedeutung der Sohn für 
die Mutter hat. Wir wollen vor allem bemerken, daß ein langes Leben 
von Gefühlssparsamkeit eine Bedingung des Verbrechens der Frau Lefebvre 
war und daß ihr Verbrechen und ihre Tugend Funktionen derselben Fak- 
toren sind. 



36 Marie B 



ane JJonapartc 



Frau Lefebvre liebte ihre zwei Söhne — die frühgeborene Tochter starb 
sogleich — mit verhaltener und tyrannischer Leidenschaft. Diese von der 
Kirche genehmigte Liebe sollte ihr enges Herz ausfüllen. Als ihr zweiter 
Sohn Charles mit sechs Jahren krank wurde, pflegte sie ihn Tag und Nacht. 
Sie kann nicht an Lobsprüchen auf ihren Sohn Andre genug tun, der so 
gut, so sanft war, daß er sogar seine Frau, die böse Schwiegertochter, er- 
trug, sagt sie mit einem Lächeln, das im Gerichtssaal Grauen erregte, als 
sie diesen Sohn als Zeugen auftreten sah und flüsterte: „Mein armes Kind." 

Frau Lefebvre liebte nur ihre Familie, Geschöpfe, in deren Adern 
ihr eigenes Blut fließt. Auch ihren Mann, da er ihr von ihren Eltern 
gegeben worden ist, von der Kirche, an deren Spitze Gott -Vater steht. Denn 
Frau Lefebvre, die nie zum genitalen Stadium der Entwicklung gelangt ist, 
kann nur in narzißtischer, possesiver Art lieben, die dem sadistisch-analen 
Stadium entspricht, an das sie fixiert geblieben ist und zu welchem bei 
ihr während der Menopause eine intensive Regression stattfand. 

Ich weiß, daß dieser Teil des vorliegenden Versuches der dunkelste ist. 
Man sieht notgedrungen weniger klar, wenn man sich der dunklen Ge- 
biete der prägenitalen Stadien der Libido nähert. Aber gewisse Gebiete, 
wenn sie auch dunkel sind, existieren nichtsdestoweniger und man kann 
versuchen, sich auf einige lichte Stellen stützend, sie zu erforschen. 

Die Dunkelheit, welche in jenen Gebieten des Psychischen herrscht, 
kann nicht besser illustriert werden, als durch Auszüge aus den Heften 
der Frau Lefebvre, jenen Heften, in denen sie seit ihrer Menopause während 
der Anfälle von Hypochondrie ihre peinlichen Empfindungen niederschrieb. 

Ich wähle das vielgenannte Aktenstück 300, das auch von Dr. Voivenel 
in seinem Gutachten angeführt wurde. 

Aktenstück 300. Auf der Bückseite einer Todesanzeige, die an Herrn 
und Frau Guillaume Lefebvre in Hem gerichtet ist (d. h. im oder nach 
dem Jahre 1923, in welchem die Familie nach Hem übersiedelte). 

„Nerven ziehen, knirschen, krümmen sich, sind empfindlich, schmerzen, 
Müdigkeit, niemals Kraft, Nerven ziehen, stoßen, sind entspannt. In Pau zu- 
sammengekrampft, angespannt wie die Feder einer Uhr. Erschlaffung der starren, 
geschwollenen Nerven — Kontraktionen, Krämpfe, kraftlos, Erregung — 
gequälte Nerven, dehnen sich aus wie ein Netz, unempfindlich gereizt, spreche 
allein, oder . . . (unleserliches Wort) dann erschlaffen, keine Kräfte . . . (unleser- 
liches Wort), Magenkrämpfe, Gereiztheit, Empfindlichkeit. Nerven empfind- 
lich, Magen gekrümmt, Krämpfe. Bin gezwungen, nach Mahlzeiten zu ruhen, 
denn nachher ist alles erregt. Neuralgie, Rheumatismus, Leber, Magen, ge- 
sunkene Organe — erschlaffte Muskeln. Was tun, um sie zu kräftigen, schlaffe 



Der Fall Lefebvre »7 



Beine, Muskeln schwinden und geschwächte Nerven. Vapeurs, Schwindel, Schwäche. 
Nackenn'eber, Lenden — bin gezwungen, keine Bewegung mehr zu machen. 
Nach dem Abendessen liegen bleiben, sonst nicht schlafen. Unruhig, kann 
nicht einmal lesen oder arbeiten, schlafe schwierig. Kopf hält nicht mehr auf 
den Schultern, erschlaffte Muskeln und Nerven, gespannte Nerven. Verkrümmter 
Magen, Fieber, Lendenkrämpfe, Depression, Müdigkeit . . . Neurasthenie, Un- 
ruhe, Neurose. Heirat, Kinder. u 

Dr. Voivenel bediente sich dieses Auszuges, um die Hypochondrie her- 
vorzuheben. Wir glauben, daß man weit mehr finden kann — aber wir 
wiederholen es, man kann nur sehr unklar in die Tiefen der prägenitalen 
Regression hineinblicken. 

Andere Auszüge aus Frau Lefebvres Notizen, aus den Heften „De Bon 
Secours", „L'Ordonnancier' und „Le Studieux" zeigen uns die intestinalen 
Beschwerden, das Gespenst der Verstopfung, der Abführmitel, welche das 
Überwiegen der analen Interessen der Hypochondrischen aufweisen. Gewiß, 
die Gallenkoliken, die Enteroptose, die Obstipation der Frau Lefebvre waren 
zweifellos nicht ganz eingebildet. Aber der riesige „Überbau" allein, der 
sich auf dieser Grundlage erhebt, macht aus ihr eine Hypochondrie. 

Im Aktenstück 300 gefällt sich Frau Lefebvre in der ausführlichen 
Schilderung der verkrampften, gespannten und verkrümmten Nerven usw. 
Dieses Motiv kehrt übrigens unaufhörlich in den Heften oder Notizen der 
Frau Lefebvre wieder. Man kann sich fragen, ob nicht diese Empfindungen, 
welche ihr Unbewußtes um organische Störungen häufte, vielleicht das 
Schweregefühl der Schwangerschaft und die Schmerzen der Entbindung 
reproduziert haben? 1 Es sind da sogar Lendenkontraktionen vorhanden. 
Man ist auf die Worte am Schluß aufmerksam geworden, von Heirat und 
Kindern, und man hat sich viel darüber herumgestritten, ob diese Worte 
zusammen gelesen werden und bedeuten müßten: „Heirat der Kinder" oder 
aber „Heirat, Kinder", was sich auf die Heirat der Kinder der Frau 
Lefebvre beziehen sollte oder aber auf ihre eigenen Niederkünfte. 

Freud stellt in seiner „Einführung des Narzißmus" die Hypothese auf, 
daß die Empfindungen und Modifikationen an den Organen Hypochon- 
drischer die körperlichen Veränderungen der in Erektion geratenen Genital- 
organe zum Vorbild hätten und von diesen auf jene verschoben seien. Aber 
auch die Schwangerschaft erzeugt in Frauen innere Empfindungen von 
organischen Veränderungen, „von einem Organ, das wächst, das größer 
wird", und die Entbindung ist von intensiven, genitalen Sensationen be- 

1) Ich verdanke diese Anregung Dr. Laforgue. 



38 Alane Bonnparte 



gleitet. Beide können also im Unbewußten Stoff für die unbewußten und 
hartnäckigen hypochondrischen Empfindungen abgeben. 

Diese Hypothese steht um so mehr im Einklang mit den Freudschen 
Auffassungen, als doch die Analysen zeigen, daß für das Unbewußte Kind 
und Penis gleichbedeutend sind. Das Kind ist, wie wir weiter unten zeigen 
werden, für die Frau ein Ersatz für den fehlenden Penis. Und auf dem 
prägenitalen Gebiete der Analerotik, zu welchem Frau Lefebvre in ihrer 
Hypochondrie regrediert ist, existiert die Äquivalenz von Kot — Geld — 
Penis — Kind (siehe Freud: Charakter und Analerotik. Ges. Schriften, Bd. V). 

Die Äquivalenz ist bei Frau Lefebvre sehr deutlich. Ihre Eifersucht 
äußert sich zuerst in unzweideutig analer Weise: Ihr Sohn soll einer 
anderen Frau kein Geld geben. Das Geld ist hier, nach der Ausdrucks- 
weise des Unbewußten, mit jeder körperlichen Sekretion: Kot = Sperma 
identifiziert. Sie kann es anscheinend nicht ertragen, daß der junge Gatre 
seiner Frau nachts Geschenke macht. Und ihre Eifersucht äußert sich in 
der geizigen, der analen Art. Sie liebt ihren Sohn ebenfalls auf anale, 
possessive Weise (oral-anale Possessivität im Gegensatz zur genitalen Obla- 
tivität von Laforgue, Codet und Pichon). Sie will ihn besitzen, will ihn 
mit derselben Hartnäckigkeit für sich behalten, wie der Säugling seinen 
Kot zurückhält. Es ist interessant, hier daran zu erinnern, daß bei Frau 
Lefebvre, zweifelsohne aus endokrinem Einfluß, Diarrhöe und Verstopfung, 
starke Menstrualblutungen und Amenorrhoe parallel liefen. (Diarrhöen in der 
Pubertät und Obstipation während der Menopause.) 

Die Beziehung, welche für Frauen im allgemeinen ihr Sohn zum in- 
fantilen Kastrationskomplex hat, ist bei Frau Lefebvre augenscheinlich. 

Analysen haben gelehrt, mit welchem Schmerz, welchem Minderwertig- 
keitsgefühl das kleine Mädchen auf die Entdeckung des Unterschiedes der 
Geschlechter reagiert. Sie sieht, daß ihr ein Organ fehlt, daß sie weniger 
hat als die Knaben und sie teilt von da an mit ihnen die Verachtung für 
die Frau und für sich selbst. Eine Zeitlang tröstet sie sich mit dem Ge- 
danken, daß „es eines Tages noch wachsen wird , ein Gedanke, der in 
vielen Volksaussprüchen Spuren hinterlassen hat. (Ich zitiere aus dem Ge- 
dächtnis aus Montaigne die Geschichte von jungen Mädchen, denen das 
männliche Glied wachsen kann, wenn sie über einen sehr breiten Graben 
springen.) Aber wenn sich endlich das Mädchen mit der Evidenz der Wirk- 
lichkeit dauernd abfinden muß, ein kastriertes Wesen zu sein, so ist ihr 
ein Ersatz dafür gegeben. Das kleine Mädchen fühlt in der Tiefe seines 
Wesens, daß „in ihr eines Tages etwas anderes wachsen wird' . Und so er- 



Der Fall Lefebvre 3q 



setzt, wenigstens bei Frauen, die eine richtige weibliche Entwicklung 
durchgemacht haben, der Wunsch nach einem Kind, den Wunsch, einen 
Penis zu besitzen. 

Frau Lefebvre scheint diese Entwicklung durchgemacht zu haben. Das 
Kind scheint ihr Wesen ausgefüllt zu haben, wenngleich sie auch das 
volle genitale Stadium nicht erreicht hat. Wir wollen hier nicht auf die 
Bedeutung eingehen, welche für die endgültige Genitalität der Frau der 
relative Anteil der Urethral- und Analerotik (Klitoris und Vagina) haben. 
Wir werden nur sagen, daß die Frau im Gegensatz zum Manne, zur Er- 
reichung der vollen Genitalität die Analerotik nicht völlig aufgeben darf, 
da ja die Vagina, nach dem Ausdruck von Lou Andreas-Salome, dem 
Anus gleichsam nur „abgemietet ist. 

Trotzdem Frau Lefebvre auf dem Wege zur völligen Genitalität stecken- 
geblieben ist, verstand sie es doch, eine leidenschaftliche Mutter, allerdings 
in anderer Weise, zu sein. Sie liebte ihre Kinder, wie eine ordentliche, 
sparsame Bürgerin und gute Hausfrau, ohne einen Blick nach außen zu 
werfen. Sie liebte ihre Söhne mit jener unbewußten Leidenschaft, die ein 
Abkömmling der ersten Komplexe des kindlichen Lebens ist. Entsprechend 
dem tiefen Gesetze des Unbewußten, waren ihre Söhne für sie der Ersatz 
für den vermißten Penis. 

Sie reagiert auf den Verlust des Sohnes, der ihr von einer anderen weg- 
genommen wurde, mit jener primitiven Grausamkeit, die dem Stadium 
innewohnt, in welchem diese primitiven Komplexe herrschen. Die Unter- 
drückung der ersten Periode der infantilen Sexualität sowie die Drohung 
für jene Sünde mit der beim Mädchen verwirklicht erscheinenden Kastration, 
stammten in der Kindheit der Marie Lemaire zweifellos von einer Frau, 
wahrscheinlich von ihrer Mutter. Die Frau ist für das Kind oft die Kastra- 
torin, diejenige, welche die Sexualität durch eine Kastrationsdrohung unter- 
drückt, und da die Kastration dem kleinen Mädchen verwirklicht erscheint, 
so schreibt sie sie mit Leichtigkeit der Mutter zu. Da mußte das Unbe- 
wußte der Marie Lemaire von früh auf die Mutter als die „Diebin be- 
trachten. Übrigens schob später Frau Lefebvre „Diebstähle" vor, um eine 
Pistole zu kaufen. 

Die Beziehung zwischen dem Verbrechen der Frau Lefebvre und dem 
Kastrationskomplex stützt sich noch auf andere Indizien. Die von ihr ge- 
wählte Tötungsart ist ein Zeugnis dafür. Sie sagt, daß sie an keine andere 
Art, ihre Schwiegertochter zu töten, gedacht hätte, als das Erschießen. Sie 
hatte z. B. nicht einmal den Gedanken gehabt, sie zu vergiften. Wobei ja 






40 IVlarie ijouaparte 



dies weniger bemerkbar hätte geschehen können. Aber die Pistole drängte 
sich ihr auf und wir kennen aus Analysen die symbolische Bedeutung der 
Pistole als Phallus. 

Der Zwang, die ursprüngliche Beteiligung des kleinen Bruders, mit dem 
sie seinerzeit die toten Hühnchen begrub, zu wiederholen, findet sich 
übrigens hier wieder in der Tatsache vor, daß Frau Lefebvre ihren Sohn 
Andre bat, ihr die Handhabung der Waffe zu zeigen, mit welcher sie 
einige Wochen später in seiner Gegenwart seine eigene Frau erschoß. 

Es würde zu weit führen, die verschiedenen Symbole zu suchen, welche 
in dem tragischen Geschehen vom „Chemin de la Solitude" zu finden 
wären. Man könnte das Motiv des Schlüssels erwähnen, welches zweimal 
mit dem der Pistole verbunden war. Frau Lefebvre soll, als sie Vichy ver- 
ließ, um nach St. Etienne zu reisen, beim Halten des Zuges in St. Germain- 
des-Fosse-s bemerkt haben, daß sie einen Schlüssel oder ihre Schlüssel 
verloren hätte. Während des Prozesses behauptete sie, daß sie im Augen- 
blick, als sie Hern am Tage des Verbrechens verließ, die Pistole aus einer 
Lade nahm, in welcher sie einen Schlüssel gesucht hatte. Die Behauptung, 
insbesondere die letztere, scheinen von einer zweifelhaften Wahrheitstreue 
zu sein. Mir sagte Frau Lefebvre, am Tage des Verbrechens Schmuck- 
sachen in der Lade gesucht zu haben, aus welcher sie die Pistole nahm. 
Aber diese zwei verschiedenen Versionen bestätigen eigentlich nur dieselbe 
liefe Bedeutung, deren Äußerung sie sind. Schmuck hat einen ausdrücklich 
analen Sinn, der Schlüssel wie die Pistole sind häufig Genitalsymbole. Die 
Kastration, — verlorene Schlüssel, — durch die gefundene Pistole kompen- 
siert, geschieht auf analer Stufe (Schlüssel — Schmuck). Dabei ist nicht zu 
vergessen, daß der Schlüssel das Zepter der Hausfrau ist, das Symbol ihrer 
Herrschaft über das Haus. 

Es ist auch die Symbolik des Autos hervorzuheben. Die erste Szene, die 
Frau Lefebvre ihrer Schwiegertochter in der Kirche machte, geschah des 
Autos wegen. In demselben Auto erschoß sie sie. Wir kennen aus zahl- 
reichen Analysen und Träumen die Symbolik, daß eine Spazierfahrt mit 
jemandem für das Unbewußte einem Geschlechtsverkehr mit derselben 
Person gleichkommt. Frau Lefebvre war auf ihren Sohn eifersüchtig, daß 
er mit einer fremden Frau im Auto fuhr, wie sie eifersüchtig war, daß 
er für diese Frau Ausgaben machte, und beides hatte dieselbe symbolische 
Bedeutung. 

Noch deutlicher ist die Symbolik des Eies. Frau Lefebvre, die die Milch 
nicht mag, hat aber Eier gern. Nun hat die Milch wahrscheinlich für sie 



Der Fall Lefekvre 



4* 



die symbolische Bedeutung der Mutter, die Eier hingegen die des Vaters 
(Eier = Testikeln im vulgären Sprachgebrauch) und dessen, was aus ihm ent- 
steht: das Ei, welches das vom Vater gegebene Kind enthält. Frau Lefebvre 
wirft ihrer Schwiegertochter das „Ei in der weißen Sauce" heftig vor, 
d. h. das Sperma ihres Sohnes und das daraus entstehende zukünftige 
Kind. 

Vom Standpunkt der Symbolik ist noch folgender Satz der Frau Lefebvre 
interessant, der von Herrn Pollion erzählt wird (siehe Aktenstück 116), 
als er sie drei Tage vor dem Verbrechen am Vormittag traf und ihr sagte: 
„Guten Tag, Madame, nun werden wir auch heute kein schönes Wetter 
haben", soll sie geantwortet haben: „Die Dahlien haben keine Blüten, die 
Mohrrüben sind ganz klein und alles . . . alles . . .", was ihn denken ließ, 
daß die Dame verrückt sei. Vom analytischen Gesichtspunkte aus sind diese 
Worte vollauf gerechtfertigt und können sehr wohl in symbolischer Weise 
die sie damals beherrschenden Gedanken ausdrücken, die Schwiegertochter 
zu verhindern, das Kind auszutragen. Die Dahlien — das Kind, dürfen nicht 
blühen und die Mohrrüben, welche unter der Erde sind, *■ der Fötus im 
Uterus — sind ganz klein . . . Gewiß können wir dies nicht bestimmt 
behaupten, da wir Frau Lefebvre nicht analysiert haben, aber diese Ver- 
mutung, obwohl sie allen denjenigen, welche mit der dem Unbewußten 
eigenen symbolischen Ausdrucksweise nicht vertraut sind, ein Lächeln ent- 
locken wird, ist nicht unwahrscheinlich. 

Ich habe versucht, jenen Gedanken Ausdruck zu geben, die in mir die 
Mitteilungen der Frau Lefebvre angeregt haben. Die Kräfte, welche sie 
zum Verbrechen getrieben haben, der Sinn der Tat rückt mit ziemlicher 
Klarheit hervor. Die Form, in der sich dieser Sinn manifestiert hat, erscheint 
weniger klar, sie verliert sich in den Tiefen der narzißtischen Regression. 

V 

JL)ie .Psychose 

Seitdem Frau Lefebvre im Gefängnis ist, geht es ihr gut, unvergleichlich 
besser, sagt sie, als in den letzten dreizehn Jahren. Sie schläft fast die ganze 
Nacht, die für Gefangene so lange Nacht, auf hartem Strohsack, sie, die 
lange Jahre hindurch, obwohl sie Herrin im Hause war und ein gutes Bett 
hatte, trotz aller Schlafmittel nicht schlafen konnte, nachts unaufhörlich, 
sobald sie zu schlummern begann, von furchtbaren Angstträumen aus dem 



^2 Marie Bonapartc 



Schlaf gerissen wurde und nur wieder einschlafen konnte, wenn sie auf 
dem Fußboden, bei weit offenen Fenstern, ausgestreckt lag. 

Sie genoß diesen wohltuenden Schlaf vom Tage des Verbrechens an, seit 
der ersten Nacht, die sie im Gefängnis verbrachte. Und der Kontrast mit 
den vorhergehenden Nächten erscheint ihr groß, in denen sie, wie sie sagt, 
unter der Herrschaft ihrer immer stärker werdenden furchtbaren Zwangs- 
gedanken und der Kränkungen von sehen ihrer Schwiegertochter, die sie 
seit Monaten peinigten, nicht schlafen konnte. Sofort nach der sie befrei- 
enden Tat kam die Ruhe, welche schon im Krankenhaus, wohin Andre" 
Lefebvre seine tote Frau führte, dem Wächter und dem Polizeikommissar 
auffiel. 

Heute sagt Frau Lefebvre: „ich war niedergeschlagen." Nein, sie war 
befreit. Die psychischen Bedingungen, unter denen sie die Tat beging, be- 
zeugen es. Sie erklärte mir, indem sie das dem Richter schon Gesagte 
wiederholte und aufbauschte: „Es ist merkwürdig, ich hatte die Empfindung, 
meine Pflicht zu tun . . . Ich war wohl nicht ganz bei Sinnen . . . Ich habe 
sie getötet, wie man Unkraut, wie man schlechtes Korn ausreißt, wie man 
ein wildes Tier totschlägt . . ." Und man hat die Empfindung, daß sie in 
ihrem Innern seit jener Zeit ihre Meinung nicht geändert hat. Aber wenn 
man sie fragt, worin eigentlich die Wildheit des Tieres bestand, kann 
sie fast gar nichts sagen. „Sie wollte gegen ihre Mutter einen Prozeß an- 
strengen . . ., denken Sie, sie sagte mir im Auto: ,Sie haben mich. Nun, 
jetzt muß man mit mir rechnen.'" Das ist alles. Frau Lefebvre, die ich in 
den viereinviertel Stunden, die ich bei ihr verbrachte, mehrere Male darüber 
befragte, kann mir nichts anderes sagen. 

Ich habe nicht an meinen Sohn gedacht, erklärt sie mir, sondern nur 
an mich, um meinen Verdruß zu beseitigen, „mes chagrinites 1 , sagte sie 
während der Verhandlungen, und es ist ihr dies gelungen. „Was wollen 
Sie," sagt sie mir, „es ist nicht verwunderlich, daß es mir jetzt gut geht, 
ich habe keinen Verdruß mehr." So äußert sich mit einer seltsamen 
Heiterkeit im Gesicht diese alte Frau, die ihr Leben inmitten ihrer Familie, 
ihres Mannes und ihrer geliebten Söhne hätte beenden können und die zu 
lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt ist. 

Denn in ihrem tiefsten Innern bringt es Frau Lefebvre trotz ihrer Gläu- 
bigkeit nicht dazu, zu empfinden, daß sie selbst Böses getan hat. Gewissens- 
bisse sind ihr gänzlich fremd. Sie bedauert wohl den Kummer und die 
Leiden, die sie ihrer eigenen Familie verursacht hat, aber die Ermordete 
und deren Familie rühren sie nicht im geringsten. Wenn sie jeden Tag 



Der Fall Lefet, 



43 



für die Ermordete betet, so tut sie es auf Geheiß des Gefängnisgeistlichen. 
Und diese Gebete bereiteten ihr in der ersten Zeit so viel Schwierigkeiten, 
sie machten sie so schwitzen, daß sie sie nur in freier Luft, im 
Gefängnishof, aufzusagen vermochte. Denn ihr ganzes Wesen bejaht ihre 
Tat. Nicht umsonst hat ihr ganzes Wesen ein Jahr lang diese Schwieger- 
tochter von fremder Abstammung zurückgewiesen wie einen Eindringling, 
wie einen Fremdkörper, deren Kinder sie nicht haben wollte. 

„Man hat mir so oft wiederholt, daß das, was ich getan, schlecht war," 
sagte mir Frau Lefebvre, „daß ich es nach und nach zu begreifen be- 
ginne. ' Das Eigenartige dabei ist ja eben, daß man es ihr erst sagen mußte. 
Aber so oft man es ihr auch wiederholt hat, man fühlt, daß Frau 
Lefebvre noch nicht empfindet und wahrscheinlich nie empfinden wird, 
daß ihre Tat von den Menschen als „Böses" verurteilt wird. 

Sie hat anscheinend den Eindruck, daß Gott auf ihrer Seite steht. Hat 
sie denn nicht Gebete an ihn gerichtet, damit er sie von ihrer Qual, von 
ihrer Schwiegertochter, befreie? Und jetzt, da sie, um ihren Ausdruck 
während der Untersuchung zu gebrauchen, „sich selbst Gerechtigkeit wider- 
fahren ließ", zur Selbsthilfe gegriffen hat, erklärt sie, schreibt sie, daß „doch 
nichts ohne Gottes Willen geschieht". 

Aber kein Satz erlaubt es, tiefer in die Psyche der Frau Lefebvre zu 
dringen, als dieser: „Ich hatte die Empfindung, meine Pflicht zu 
erfüllen. Es ist nicht nur ein Recht, es ist eine Pflicht, die sie erfüllte, 
indem sie ihre Schwiegertochter „wie ein wildes Tier" niederschoß. 

Gewiß war Frau Lefebvre der Meinung, daß diese ein Verbrechen be- 
gangen, welches Todesstrafe verdiente. Daher ja der Ausdruck „Gerechtigkeit 
widerfahren lassen'. Aber welches Verbrechen? Sind es die im Wagen aus- 
gesprochenen Worte: „man muß mit mir rechnen?" Das scheint nur eine 
Kleinigkeit zu sein, ist es aber nicht. Denn es bedeutet ja: „Ich bin da." 
Und darin liegt das Verbrechen. Eine junge, fremde Frau kam und stahl ihr 
ihren Sohn. Wir werden später die Überdeterminierung dieses Diebstahles 
untersuchen. Untersuchen wir vorerst die merkwürdige Abwesenheit des Schuld- 
gefühles, des moralischen Gewissens bei dieser bigotten Bürgerin. 

Dieser Zug war es vielleicht, der das Volk und die Geschwornen am 
meisten empörte: sie sahen darin eine abscheuliche Selbstbeherrschung. Und 
dabei ist eben dieser Zug, wie wir es später sehen werden — eines der 
Merkzeichen des Pathologischen. 

Es sind anderthalb Jahre, daß Frau Lefebvre im Gefängnis sitzt und sie 
fühlt sich dort auch weiterhin sehr wohl. Die „Genesung durch das Ver- 



4 Vol. 15 



44 Alane Bonapartc 



brechen scheint sich zu festigen. Das einzig Schöne an dieser kleinen Frau, 
mit ihrem gewöhnlichen und abgelebten Gesicht, stumpfen, grauen Augen, 
unregelmäßigen Zähnen und einem mit Barthaaren bedeckten Kinn, sind 
ihre dichten Haare, die trotz ihres Alters noch blond sind. Aber seitdem 
sie in der Haft ist, werden ihre Haare aus einem geheimnisvollen Grunde 
statt grau, dunkler in der Farbe, obwohl man doch Frau Lefebvre, diese 
sittenstrenge Bürgerin, nicht verdächtigen kann, ihre Haare früher gebleicht 
zu haben und auch nicht die Gefängnisverwaltung, einen Friseur einzu- 
führen, um die Haare zu färben. Frau Lefebvre klagt nur noch über ge- 
ringfügige Leberschmerzen, verlangt keine Medikamente, keine Abführmittel 
wie früher. Der hypochondrische „Überbau" ist geschwunden, es bleibt nur 
noch der physische Kern. Und diese Veränderung geht so weit, daß eine 
Brustgeschwulst, die jetzt seit einem Jahr besteht, Frau Lefebvre vollkommen 
gleichgültig läßt. Diese Frau, die dreizehn Jahre hindurch alle Ärzte auf- 
suchte wegen ihrer „verkrampften Nerven , „gesunkenen Organe , wegen 
aller Leiden, die man eingebildet nennt, bekümmert sich nicht um einen 
Brustkrebs (Diagnose der Gerichtssachverständigen: Scirrhus). „Ich habe 
anfangs geglaubt," sagte sie mir, „daß es das Reiben des Strohsackes bedingt 
hat." „Es ist das weit weniger unangenehm, als meine früheren Be- 
schwerden." Und als ihre Rechtsanwälte ihr sagen, sie müsse „das" bei 
ihrer Ankunft in Hagenau den Gefängnisärzten zeigen, scheint sie ihnen 
kaum zuzuhören. 

Frau Lefebvre ist jetzt eben glücklich, glücklich in der Ruhe, die durch 
nichts gestört werden kann und die sie seit langem nicht mehr gekannt 
hat. „Ich habe keinen Verdruß mehr", wiederholt sie, als wäre es eine für 
alle selbstverständliche Sache. Sie scheint wirklich, so wie sie es gehofft hat, 
gleichzeitig mit ihrer Schwiegertochter, ihren Verdruß zum Verschwinden 
gebracht zu haben. 

Vor einer solchen Einstellung hat man den Eindruck des Anormalen. 
Ihr Gedächtnis, ihre Logik können noch so intakt und entwickelt sein, die 
Verkettung der Erinnerungen und der Gedanken sich mit einer noch so be- 
merkenswerten Genauigkeit und Sicherheit vollziehen, man fühlt, daß Frau 
Lefebvre nicht von unserer Art ist. Man denkt an Schillers Wort: „Anders 
als sonst in Menschenköpfen malt sich in diesem Kopf die Welt. 

Das ist es eben, was die Gerichtssachverständigen „einen ziemlich eigen- 
artigen Charakter" und was die Verteidigung „Paranoia" genannt hat. 

Es ist schwer, wenn man sich einen ganzen Nachmittag mit Frau Lefebvre 
unterhalten hat, sich nicht der Meinung der Verteidigungssachverständigen 



. 



Der Fall Lelebvre ^5 



anzuschließen. Frau Lefebvre zeigt nämlich alle Merkmale der yjolie rai- 
sonnante" vom Typus der „revendicatiori 1 (Querulantenwahn Kraepelins), 
wie er von Serieux und Capgras in ihrer schönen Arbeit (Les Folies 
raisonnantes, par les Docteurs Serieux et Capgras, Paris. Alcan 190 g) be- 
schrieben worden ist, in welcher sie diese Psychose als eine besondere Form 
der Paranoia von dem Beziehungs- und Verfolgungswahn unterschieden 
haben. 

„Der ,delire de revendicatiori (Querulan tenwahn)," schreiben Serieux und 
Capgras (1. c. S. 246), „kann als eine chronische, systematisierte Psychose 
definiert werden, die durch eine ausschließliche Vorherrschaft einer fixen 
Idee charakterisiert ist, welche sich dem Geist in zwanghafter Weise auf- 
drängt, die allein die ganze psychische Aktivität in eine manifest pathologi- 
sche Richtung orientiert und sie um so stärker anregt, je größer die auf 
dem Wege gefundenen Hindernisse sind. Dieser Monoideismus von krank- 
hafter Überwertigkeit führt nicht zur Verblödung." 

Die Autoren unterscheiden weiter zwei Abarten des „delire de reven- 
dicatiori 1 : ij die egozentrische und 2) die altruistische Abart. 

Sie fahren dann fort: „In typischen Fällen der ersten Abart findet man 
als Grundlage der Psychose eine bestimmte Tatsache: entweder einen 
reellen Schaden (der reelle Schaden bei Frau Lefebvre ist die Tatsache, 
daß ihr Sohn ihr von einer anderen Frau gestohlen worden ist, obwohl dieser 
Diebstahl vom Bewußten als solcher nicht voll anerkannt wird) oder einen 
unbegründeten Ausspruch (dies ist bei Frau Lefebvre der Respekt, die 
Rücksichten, die sie unaufhörlich von ihrer Schwiegertochter verlangt, 
welche ihr gegenüber aber darin nicht besonders gefehlt zu haben scheint. Wir 
werden später sehen, daß dieser Vorwurf nichts anderes als eine Verschiebung 
des ersten ist: des Diebstahls des Sohnes). Der Kranke ist nur auf die 
Befriedigung seiner egoistischen Wünsche, auf die Wahrung seiner eigenen 
Interessen bedacht (ich habe nicht an meinen Sohn gedacht, sondern nur 
an mich allein, sagte mir Frau Lefebvre). Der Kranke ist im allgemeinen 
der Feind einer bestimmten Persönlichkeit, durch die er sich ge- 
schädigt glaubt, oder aber der Feind der Gesellschaft, welche seinen An- 
sprüchen nicht Rechnung trägt (revendication) '. (Die Prozessierenden, gewisse 
unverstandene Künstler und Literaten, gewisse Hypochondrische oder ver- 
liebte Verfolger usw.) 

Wir werden hier nicht von den altruistischen „revendicateurs* sprechen 
(Erfinder, Reformatoren, Propheten und Wundertäter), denen Frau Lefebvre 
selbstverständlich nicht angereiht werden darf. 



46 Marie B 



arte ßonapnrte 



S^rieux und Capgras fahren fort (S. 251): „Trotz der anscheinenden Ver- 
schiedenheit — die ausschließlich auf die verschiedenen Reaktionsweisen 
zurückzuführen ist — sind alle diese „revendicateurs" identisch, ihre Psychose 
ist durch konstant sich vorfindende Zeichen charakterisiert: Überwertige 
Gedanken, intellektuelle Übererregtheit . . . Jedoch zeigen einige 
bemerkenswerte Begabungen: glänzende Einbildungskraft, sicheres 
Gedächtnis, geschicktes Urteilen. Vielen unter ihnen, insbesondere 
unter den egozentrischen „revendicateurs" fehlt jegliche Unterschei- 
dungsfähigkeit von Gut und Böse: sie begehen Rücksichtslosigkeiten, 
Vertrauensmißbräuche, Betrügereien, wobei sie unaufhörlich Gewissen, Ehr- 
lichkeit und Ehre im Munde führen. Ein Patient Kraepelins empfand die 
Verspätung einer Postkarte als eine außerordentliche Schädigung, während 
er gleichzeitig Inzest und die Veruntreuung einer Geldsumme als Kleinig- 
keiten betrachtete. Gewalttätige unter ihnen pflegen ihre Sanftmut zu preisen, 
einer, der einen Mordversuch verübt hatte, staunt, daß man eine so belanglose 
Begebenheit aus seinem Leben hervorhebt, das von Güte und Barmherzigkeit 
erfüllt war. 

1) Die „revendicateurs 1 sind von zwanghaften Ideen besessen f„des obsede's") l 
Der Kampf um ihr Recht, das ist ihre Devise (ich habe mir selbst 
Gerechtigkeit widerfahren lassen). Die Idee, welche sie beherrscht, läßt 
ihnen keinen Augenblick Ruhe mehr (Frau Lefebvre war Tag und Nacht 
vom „Verdruß" beherrscht, den ihr die Schwiegertochter antat. Ihr Sohn 
Charles sagte ihr eines Tages: „Mama, du wirst davon verrückt werden"). 
Sie wollen „ihre Aufgabe bis zu Ende führen". Zu Beginn scheinen ihre 
Reden und Handlungen nur Leidenschaft zu bezeugen, jedoch sie lassen 
sich nach und nach hinreißen, so daß der Wunsch, ihrer Sache zum Siege 
zu verhelfen, keine Zügel mehr kennt und sie vollends beherrscht. Das 
Krankhafte dabei wird offenbar (Frau Lefebvre, darauf bestehend, von ihrer 
Schwiegertochter den den Eltern schuldigen Respekt zu verlangen). 

„Es handelt sich dabei nicht um einen einfachen, von einer Leiden- 
schaft herrührenden Zustand, nicht um legitime Ansprüche auf unrecht- 
mäßig geschädigte Rechte, sondern eben um einen „krankhaften Haß" 
(Morel), um eine von Tag zu Tag tyrannischer werdende obsedierende Idee 
für deren Durchsetzung der „revendicateur" , der nur an seine Rache denkt, 
nicht nur seinen Beruf und die Wahrung seiner Zukunft und seiner eigent- 
lichen Interessen vernachlässigt, sondern nicht davor zurückschreckt, sein 

il Im Sinne einer „obsedierenden Idee" und nicht einer neurotischen Zwangs- 
vorstellung. 



Der Fall Lefebvre j~ 



Vermögen, seine Familie, seine Freiheit und sogar sein Leben 
zu opfern (Frau Lefebvre, die das Schafott oder die lebenslängliche Zucht- 
hausstrafe riskiert). 

Jeder äußere Widerstand ruft einen manchmal angsterregenden Kampf 
hervor, welcher mit jenem vergleichbar ist, den der „innere" Widerstand 
bei Anfällen von Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen hervorruft. 
So litt eine Kranke drei Monate nach einem Gerichtsurteil, das sie für un- 
gerecht hielt, an obsedierenden Ideen und Angstzuständen, bis sie, um 
sich vom entsetzlichen erstickenden Druck auf der Brust zu befreien", dem 
Richter gegenüber tätlich wurde. Die Autoren erinnern dann an Louvel, 
den Mörder des Herzogs von Berry, „der in seinem engen Geiste einen 
schlecht verstandenen Gedanken herumtrug und darunter litt, bis seine 
verhängnisvolle Tat ihn durch ein Verbrechen vom Druck und Martyrium 
seiner Idee befreite" (Lamartine). 

„Nicht minder charakteristisch, — fahren Serieux und Capgras fort, — 
als die Unwiderstehlichkeit der obsedierenden Idee ist das Gefühl der 
Erleichterung, das der Erfüllung dieser Idee folgt. Der Verfolger, 
welcher zum Mörder wird, empfindet beim Anblick seines erschlagenen 
Opfers ein Gefühl des Triumphes und findet, wenigstens für einige 
Zeit, seine seelische Ruhe wieder (R. Leroy)." Serieux und Capgras sprechen 
dann von der „force maniaque (manische Kraft), welche die „revendicateurs" , 
diese „maniaques raisonnants" zum unwillkürlichen Handeln treibt. 

Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß Frau Lefebvre in auffallender 
Weise die charakteristischen Zeichen des „delire de revendication aufweist, 
wie ihn Serieux und Capgras beschrieben haben. 

Ich weiß nicht, ob der Fall der Frau Lefebvre ebensogut der Definition 
entsprechen würde, die Kraepelin für seine Querulanten gegeben hat. Jeden- 
falls sollte man in Anbetracht der gegenwärtigen Unstimmigkeit in der 
psychiatrischen Klassifizierung, wenn man eine Psychoneurose in eine be- 
stimmte Klasse einreiht, immer dem Terminus den Namen des Autors, der 
diese Psychoneurose beschrieb und benannte, folgen lassen, so wie man es 
für Tiere und Pflanzen in der Zoologie und Botanik tut. 1 

1) Dr. Voivenel sagt in seinem Gutachten, „Frau Lefebvre ist, wie Ödipus in 
seinem Schicksal, in ihrer psychopathischen Konstitution, in der sogenannten .par- 
anoischen Konstitution' eingeschlossen" (S. 25 des Aktenstückes). 

Serieux und Capgras (1. c. S. 8, Note 1) beschränken den Begriff Paranoia auf die 
zwei Formen der „feilte raisonnante" oder „delire partiel", die sie „delire d'interpretation" 
(Verfolgungswahn) und „dilirt de revendication" (Querulantenwahn) nennen. 

Anderseits will Kraepelin (siehe Psychiatrie, Leipzig 1915, Bd. IV, Klin. Psychiatrie, 



4<> Marie Bonapnrte 



Aber wenn man eine Geisteskrankheit in eine Krankheitsgruppe einzu- 
reihen vermocht hat, wenn man sogar teilweise deren psychologische Dynamik 
aufgedeckt hat, wie wir es in den zwei vorhergehenden Kapiteln versucht 
haben, in denen wir von den Motiven und von der Art und Weise handelten, 
in welcher die Kräfte der Libido in Frau Lefebvre gewirkt hatten, so bleibt 
doch ein großes Stück Unbekanntes. 

Denn wir haben ja alle in unserer Kindheit unsere Eltern nach dem 
Odipusmotiv geliebt oder gehaßt und die Überreste dieses allgemeinen Kom- 
plexes, der ja im fünften Lebensjahr überwunden werden muß, bleiben in 
uns allen mehr oder weniger lebendig. Wir sind ja alle auch in unserer 
Kindheit dem Kastrationskomplex unterworfen worden. 

Anderseits gelangen nicht alle, insbesondere nicht alle Frauen, zur vollen 
Genitalität. Also, wenn man die Pistole beiseite läßt, wieviel Frauengeschichten 
erinnern an die der Frau Lefebvre! 

Freud hat uns jedoch einen Anhaltspunkt gegeben, der uns erlaubt, uns 
ein wenig in dieser Dunkelheit zu orientieren. Die Psychosen zeichnen sich, 
wie er uns gezeigt hat (Fall Schreber), durch eine Regression der Libido 
auf das narzißtische Stadium aus. Der Psychotische verliert im Gegen- 
satz zum Neurotischen die Fähigkeit, Objektbeziehungen zu unternehmen, 
seine Libido wendet er auf sich selbst zurück und verliert den Kontakt 
mit der Realität, mit der Außenwelt. Das ist der Zustand des sekun- 
dären Narzißmus, während der eigentliche primäre Narzißmus derjenige 
des ganz kleinen, an der Mutterbrust säugenden Kindes ist. Übrigens ist 
der Narzißmus in keinem Menschen ganz überwunden und der Grad von 
Narzißmus, den der normale Mensch besitzt, ist, seiner Qualität nach, mit 
der sozialen Anpassung vereinbar. Er ist es aber nicht mehr bei jenen, die 



III. Teil, S. 1399, 1533 ff. und S. 1712) den Namen Paranoia von dem „delire de reven- 
dication" sondern und dieser allein den Namen Querulantenwahn geben. 

Andere wieder werden behaupten, die Krankheit der Frau Lefebvre sei nur ein 
„paranoider" Zustand. Und daß es sich nicht einmal um eine Revendikation handle, 
da Kraepelin, Serieux und Capgras rein familiale revendicateurs, deren „revendication" 
den engen Familienkreis nicht überschreite, nicht ausdrücklich als solche benannt 
haben. 

Da von dem „eigentümlichen Charakter" (die offiziellen Sachverständigen) b : .s *u 
einer Psychose „eine ganze Skala von Nuancen" existiert, wird jeder der Frau Lefebvre 
denjenigen Grad von „Verrücktheit" zuschreiben, den er will. 

Ohne in subtile Wortdiskussionen einzugehen, scheint für uns der psychische Zu- 
stand der Frau Lefebvre genug anormal, das Fehlen der sozialen Anpassung, der Ver- 
lust der „fonction du reel" (Janet) zeigen sich vollständig genug, um ihn als einen 
psychotischen Zustand betrachten zu dürfen. 



Der Fall Lefebvre 49 



von einer Psychose befallen sind, so daß bei ihnen die Abkehr von der 
Außenwelt eine mehr oder weniger ständige sein kann. 

Die interpretateurs von Sörieux und Capgras, — Persecutes (Verfolgungs- 
wahnsinnige) vieler anderer Autoren — zeigen alle mehr oder weniger Größen- 
wahn, der ja eine Unterbringungsform des Narzißmus ist. Sie scheinen zu 
glauben und zu empfinden, daß ihnen eine ungeheure Bedeutung im Welt- 
all zukommt. Dieser Wahn ist durch die Rückwendung der Libido auf das 
eigene Ich bedingt. Es kann bei ihnen so weit gehen, daß sie unter dem 
Einfluß einer schweren Psychose (Dementia paranoides von Kraepelin; beim 
Senatspräsidenten Schreber siehe Freud: Ges. Schriften, Bd. VIII) das Weltall 
als untergegangen (Weltuntergangsphantasie von Schreber) und sich selbst als 
die einzig Überlebenden vorzustellen beginnen. Das ist der Grenzfall vom 
Größenwahn. 

Aber kehren wir zu den Verfolgungswahnsinnigen oder zu den „revendicants 
raisonnanis" zurück und da sehen wir, daß der Kontakt mit der Realität weder 
bei diesen noch bei jenen gänzlich verlorengegangen ist. Alles, was abseits des 
Leitmotivs der Psychose steht, bleibt erhalten, die Kranken sind sehr wohl 
zu korrekten Vernunftschlüssen fähig. Ihre Urteilsfähigkeit erscheint nur bei 
Dingen gestört, die im Zusammenhang mit ihrem Wahnsystem stehen. 

Freud hat den Verfolgungswahn mit der homosexuellen Komponente der 
Libido in Beziehung gebracht. Die Regression zum Narzißmus geht bei 
diesen Kranken mit einem Wiederaufleben der homosexuellen Komponente der 
Libido einher, die wir ja alle mehr oder weniger stark seit unserer Kind- 
heit in uns verdrängt herumtragen. Es scheint, daß die Verfolgungswahn- 
sinnigen männlichen Geschlechtes durchweg von Männern verfolgt werden, 
was für sie einer sexuellen Verfolgung gleichkommt. Dagegen ist es noch 
unentschieden, ob es sich bei weiblichen Kranken analog verhält und ob 
sich bei solchen Kranken hinter dem männlichen Verfolger stets doch eine 
weibliche Verfolgerin verbirgt. 

Es scheint, wenn man nach dem Fall der Frau Lefebvre urteilen soll, 
daß der „dtflire de revendication" nicht dieser Regressionsform entspricht. 
Zwar war auch bei Frau Lefebvre die narzißtische Regression sehr intensiv 
und augenfällig: die Hypochondrie der Menopause, wahrscheinlich durch 
endokrine Störungen bedingt, entsprach der Libidobesetzung der Organe der 
alternden Frau. Aber man kann schwerlich behaupten, daß Frau Lefebvre 
in ihre Schwiegertochter verliebt gewesen wäre. 

Es scheint, daß der „delire de revendication 1 , wie Frau Lefebvre ihn 
aufweist, mit einem anderen wesentlichen Moment des narzißtischen Stadiums 



So Alane B 



arie xJonaparte 



in Beziehung zu bringen ist: dem Kastrationskomplex. Inwieweit diese 
Beziehung von „delire de revendication und Kastrationskomplex bei Männern 
und Frauen allgemein ist, können einzig weitere Untersuchungen erweisen. 

Der unbewußte Entschluß zum Verbrechen wurde bei Frau Lefebvre 
durch ein äußerst entscheidendes Geschehen hervorgerufen : die Befruchtung, 
die Schwangerschaft der Schwiegertochter. In den ersten Monaten der Ehe 
wuchs zwar der Haß der Frau Lefebvre, aber sie ertrug die Schwieger- 
tochter; erst als sie die Schwangerschaft vermutet, versucht sie, eine Pistole 
zu kaufen und sobald sie der Schwangerschaft sicher ist, kauft sie sie. Das 
Unbewußte der Frau Lefebvre konnte eben die Schwangerschaft der Schwieger- 
tochter nicht ertragen. Vergleichen wir die Tatsache mit den Formen der 
hypochondrischen Ideen, welche bei Frau Lefebvre mit der Menopause be- 
gonnen haben. In jenem Augenblick, da bei der Kranken durch den end- 
gültigen Stillstand der genitalen Funktion die Empfängnis nicht mehr möglich 
war, erinnern die in ihren Heften und auf Todesanzeigen niedergeschrie- 
benen Beschreibungen ihrer organischen Störungen und Beschwerden, an die 
der Schwangerschaft und an Kontraktionen bei der Niederkunft. 
Frau Lefebvre scheint sich im Augenblick des Verlustes ihrer Weiblichkeit 
verzweifelt an ihre Mutterschaft geklammert zu haben, — hat sich doch 
ihre Fähigkeit als Weib zu lieben nicht wirklich entwickelt, — und zwar 
in der Form von analen Schwangerschaftsphantasien. Beziehen sich doch 
ihre Schweregefühle in den Organen fast ausschließlich auf die eigent- 
lichen Verdauungs- oder deren Nachbarorgane: Darm, Magen, Leber (auch 
Nieren). Man wird nun einwenden, daß dies gerade Organe sind, welche 
der Enteroptose unterworfen sind. Ich versuche nicht, die Größe des in- 
mitten des psychischen Überbaues sich befindlichen Kernes des reellen 
organischen Leidens zu bestimmen: der psychische Überbau war so groß, 
daß der Kern darin fast verschwindet. Übrigens stellen auch die Ärzte- 
zeugnisse jener Zeit die psychischen Störungen in den Vordergrund. Frau 
Lefebvre lebte also zwölf Jahre lang, von achtundvierzig bis sechzig Jahren, 
mit einer auf die eigenen Organe gestauten Libido und im Unbewußten 
hauptsächlich beschäftigt, anale Schwangerschaftsphantasien zu erzeugen. 

Dabei scheint sie niemals aufgehört zu haben, ihren Mann und beson- 
ders ihre Kinder zu lieben. Jetzt noch, im Gefängnis, ist sie unerschöpflich, 
wenn sie von den Dienstmädchen spricht, welche sich um diese in ihrer 
Abwesenheit bekümmern sollen. Aber ihre nach außen gerichtete Libido, 
ihre Objektbesetzungen, die seit jeher von häuslicher Farbe waren, konnten 
immer weniger die Schwelle des Hauses überschreiten. Sie ging immer 



Der Fall Lefetvre 



weniger aus, beschränkte sich auf ihr Haus in Hern. Man kann sagen, ihr 
„familiärer Narzißmus" steigerte sich. Diese narzißtische Objektbesetzung 
dürfte in der Psychopathie Frau Lefebvres der Heilungsversuch sein, den 
Freud in den Psychosen hervorgehoben hat und welcher deren äußere 
Physiognomie ausmacht. Die sonst nach Innen zugewandte Libido sucht 
sich von neuem nach Außen zu richten, kann es aber nur im Sinne der 
prägenitalen Stadien tun, wohin sie inzwischen regrediert war. Der Hei- 
lungsversuch ist, wenn er der Realität gegenübersteht, zum Scheitern ver- 
urteilt. 

Frau Lefebvre liebte damals ihren Mann, ihre Sohne, in possessiver, 
gieriger, übergeiziger Weise. Ihr Mann konnte ihr damals nicht entrissen 
werden, ebensowenig ihr Sohn Charles, der durch seine Krankheit an sie 
gebunden war. Einzig ihr Sohn Andre verläßt 1925 das Haus und läßt 
sich in Fournes als Notar nieder. Das ist die erste Wunde. 1924 heiratete 
er, eine zweite Wunde, eine noch schmerzhaftere, auf welche die Mutter 
mit immer schärfer werdenden Auseinandersetzungen mit ihrer Schwieger- 
tochter reagiert. Der psychopathische Zustand Frau Lefebvres verschlimmert 
sich dadurch noch mehr: der fehlschlagende Heilungsversuch wird fort- 
gesetzt, der infantile Ödipuskomplex wird wieder belebt. Frau Lefebvre 
sehnt sich immer stärker nach dem Sohne, der ihr nicht mehr ganz gehört. 
Sie denkt Tag und Nacht an den „Kummer" (chagrinites) , den ihr die 
Schwiegertochter bereitet, welche sie vom Sohne trennt, so daß ihr Sohn 
Charles ihr sagt, sie würde verrückt werden, wenn sie nicht aufhören würde, 
daran zu denken. Der Zustand bleibt immerhin noch erträglich. 

Aber Antoinette ist schwanger. Da geschieht im Unbewußten der Frau 
Lefebvre etwas, das wir nie erfahren werden und das diese reiche und 
geordnete Bürgersfrau eine Grenze überschreiten läßt, jenseits welcher man 
Verbrecher wird. 

Sie kann die Schwangerschaft der Schwiegertochter nicht ertragen, sie, 
diese alte Frau, welche sich seit zwölf Jahren mit hypochondrischen Schwanger- 
schaftsphantasien begnügen muß. Warum? Wir können davon wohl die 
Dynamik dieses Problems verstehen, ein wenig die Topik, aber gar nicht 
die Ökonomie. 

1) Die Dynamik. Der Kastrationskomplex hat im Unbewußten des 
kleinen Mädchens ein anderes Schicksal als in dem des Knaben. Der Knabe 
zittert um den Phallus, den er besitzt und muß, um ein Mann zu werden, 
sich daran gewöhnen, Gefahren zu laufen und vor Drohungen nicht zurück- 
zuschrecken. Das Mädchen muß sich früh mit dem endgültigen Fehlen des 



Marie Bonanartc 



Phallus abfinden, mit der Tatsache, ein Weib, ein kastriertes Wesen zu 
sein. Aber das Unbewußte kennt keinen Verzicht und die Natur bietet 
dafür dem Weib eine Entschädigung: das Kind an Stelle des Penis. Wenn 
das Mädchen gelernt hat, auf die infantile Hoffnung zu verzichten, daß 
ihr eines Tages ein Penis wachsen wird, weiß sie schon triebhaft, daß ihr 
zur Entschädigung etwas anderes wachsen wird: das Kind, das sie schon im 
voraus in der Puppe liebt. 

Und die ursprüngliche Vorstellung von der phallischen Mutter wird 
dann allmählich durch die Vorstellung der mater genetrix ersetzt, der 
Mutter, die das Kind in sich trägt und auf die man deshalb eifersüchtig ist. 

Frau Lefebvre konnte nicht ertragen, daß ihre Schwiegertochter, und 
dazu noch von ihrem Sohne, das habe, was ihr fehlte: das Kind, diesen 
Penisersatz. Der Abscheu vor der Schwangerschaft anderer Frauen ist übri- 
gens ein tiefgehender Zug bei ihr. Frau Lefebvre, die krank wurde, als 
man einen Bankrott, welcher vom Jahre 1808 oder 1848 stammen sollte, 
eines Mitgliedes ihrer eigenen oder angeheirateten Familie aufdeckte, sie, 
die nicht in das Zentralgefängnis von Rennes gehen wollte, wo sie Frau 
Bessarabo treffen könnte, „diese schreckliche Frau, die ihren Mann getötet 
hat , erklärt mir von zwei Abtreiberinnen, die mit ihr nach Hagenau 
überführt werden sollen, sie seien „sehr anständige, sehr ehrbare Frauen", 
Sie sagte mir, daß ihr Sohn Charles nach der Ansicht eines befreundeten 
Arztes, trotz seiner Muskel dystrophie hätte heiraten können, unter der Be- 
dingung, eine ältere Frau zu heiraten, die keine großen Anforderungen 
gestellt hätte — die wohl steril gewesen wäre. 

Es bleibt ziemlich dunkel, was im Unbewußten der Frau Lefebvre unter 
dem Einfluß der Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter geschehen ist. 
Man kann jedoch ahnen, daß jemand anderer den Penis ihres Sohnes „ge- 
stohlen habe, des Sohnes, den die Mutter unbewußt als ihren eigenen, 
ihr endlich gewachsenen Penis betrachtete. Sie konnte nicht ertragen, daß 
der Penis des Sohnes in der Schwiegertochter zu jenem Fötus geworden 
sei, zu diesem Äquivalent des ursprünglichen Penis der phallischen Mutter. 
Die Verbindung zwischen phallischer und schwangerer Mutter scheint hier 
sehr eng zu sein. 

Der Vorwand, unter dem, wie mir Frau Lefebvre erzählte, sie das Auto 
im Augenblick des Mordes halten ließ, steht in Beziehung zur Urethral - 
erotik, wie auch die Todesart, die sie gewählt hat, die Pistole. Und wenn 
die offiziellen Gerichtssachverständigen bei Frau Lefebvre von Überbleibseln 
des archaischen „Matriarchats sprechen, so haben sie nicht unrecht, da 



Der Fall Lefelvre 53 



im Unbewußten dieser Frau das infantile Ideal von der phallischen Mutter 
weiterlebte, auf dem sich erst später im Unbewußten des kleinen Mädchens 
das Ideal der schwangeren Mutter aufbaut. 

Wenn wir uns jetzt von der Gegenwart abwenden, um einen Rückblick 
auf die Kindheit der Marie Lemaire zu werfen, können wir folgendes ver- 
muten: die Reaktion gegen die schwangere Schwiegertochter, die sich in 
einem Pistolenschuß geäußert hatte, mußte die Reproduktion einer sehr 
alten Reaktion gegen die Mutter gewesen sein, welche zweimal während 
der Kindheit Marie Lemaires schwanger war und zuerst den Bruder Charles 
(als Marie zwei Jahre alt war) und dann die Schwester Nelly (als Marie 
fast vier Jahre alt war) zur Welt brachte. Es muß hauptsächlich diese zweite 
Geburt sein, welche in dem kleinen Mädchen jene typische Reaktion her- 
vorrief, welche sie später in so tragischer Weise reproduziert hat. 

Die Eifersucht gegen die Mutter mußte sehr stark gewesen sein, gegen 
die Mutter, deren Stelle sie unter dem Einfluß ihres in voller Entwicklung 
befindlichen Ödipuskomplexes und des beginnenden Kastrationskomplexes 
einnehmen wollte. Sie mußte gegen die Mutter Todeswünsche gehabt haben. 

Diese Todeswünsche wurden später unter Beihilfe des sicherlich auch 
gegen die kleine Nelly eifersüchtigen Bruders auf diese kleine Schwester über- 
tragen. In dem kleinen Charles fand Marie so einen Komplizen. War nicht er 
es denn, der, wie sie mir erzählte, die religiöse Bestattung der umgekom- 
menen Küken vorgenommen hatte, über die sie noch heute lächelt? Diese 
beiden, in ihren unbewußten Wünschen ein Verbrecherpaar, spielten so die 
Beerdigung des kleinen Eindringlings, ihrer kleinen Schwester. Man wird 
einwenden, daß viele Kinder dasselbe Spiel gespielt haben, ohne später 
Verbrechen zu begehen. Ich habe selbst reizende Kinder gekannt, die heute 
vollkommen normale junge Leute geworden sind, welche sich auch Ver- 
gnügen daraus machten, die Küken ihres Hühnerhofes mit großem Pomp 
zu bestatten. Madame de S^gur erzählt in ihrem Buche „Les petites tilles 
modeles", dem Lieblingsbuche der Frau Lefebvre in ihrer Kindheit, die 
Bestattung der „Mimi", des Rotkehlchens, eine Erzählung, die vielleicht 
dazu beigetragen hatte, jenes Spiel zu erfinden. Aber ich habe, indem ich 
dieses Spiel bei Marie Lemaire hervorhob, nur die Dynamik angezeigt, die 
ihr mit anderen Menschen gemeinsam sein kann. Die Kräfte, welche diese 
so vielen Menschen gemeinsamen Antriebe lahmlegen beziehungsweise akti- 
vieren, bestimmen später je nach ihrer Richtung oder Intensität das äußere 
Verhalten eines Individuums. Bei der Mehrzahl unter uns bleiben glück- 
licherweise diese Antriebe bleibend gelähmt. 



5if Marie Bonaparte 



Alles, was man diesbezüglich bei Frau Lefebvre sehen kann, ist folgendes: 
vom Klimakterium ausgehend auf prägenitale Stadien und die auf dieser 
Basis später aufgebaute „revendication , die sich auf den Kastrationskomplex 
bezieht, genügten nicht, um Frau Lefebvre zu einer Verbrecherin zu machen. 
A ber zu all diesem kommt bei der Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter 
die ungemein starke Wiederbelebung des alten Ödipuskomplexes hinzu, den 
sie in der Kindheit in Gegenwart der vom Vater schwangeren Mutter erlebt 
hatte. Und es ist der Zuschuß zu diesem mächtigen Dynamismus, — den 
wir leider nicht zu dosieren vermögen, — der den primitiven mörderischen 
Trieben der alten Bürgerin zum Siege über alle bis dahin vorhandenen 
Kräfte verholfen hat. 

2) Die Topik. „Ich habe die Empfindung gehabt, sagte mir Frau 
Lefebvre, „meine Pflicht zu erfüllen. ' Das will besagen, daß sich hier bei 
dieser im übrigen bigotten und übergewissenhaften Frau („Ich weiß nicht, 
wie ich so weit kommen konnte", schreibt Frau Lefebvre am 29. Dezember 
1925 ihrem Mann und ihrem Sohn Charles, „ich, die mir bittere Vorwürfe 
machte, wenn es geschah, daß ich, ohne es zu wollen, etwas Schlechtes von 
anderen sagte") das Über-Ich mit dem Es vermengt. Der vom Über-Ich 
diktierte kategorische Imperativ entstammte da in Wirklichkeit dem Es. 
Nachdem die seelische Topographie in dieser Weise verändert war, gab es 
keinen Konflikt mehr, es gab Verbrechen, da das Unbewußte, das Bewußte 
und das Gewissen einig waren. 

Ich werde hier nicht die Frage aufwerfen, welche Veränderungen im 
Uber-Ich eine Begression im Es nach sich zieht. Ich werde mich mit der 
Parallele zwischen dem Verbrechen der Frau Lefebvre und dem Spielen 
des kleinen Mädchens Marie Lefebvre begnügen. 

Ihr kleiner Bruder Charles, der mit ihr die Bestattung der umgekom- 
menen Küchlein spielte, soll, wie sie sagt, die Initiative zu diesem Spiel 
ergriffen haben. Dieser Bruder, der auf der Bruderebene des kleinen Ödipus- 
komplexes den Erben des großen Komplexes von der Vaterebene darstellte, 
war also der Komplize, der Anstifter der symbolischen Tötung. Er erlaubte, 
ja er befahl die symbolische Bestattung der kleinen, durch Küken dargestell- 
ten Schwester. 

Ebenso scheint später Gott, dieser ins Ungeheure projizierte, vergrößerte 
Vater, so wie der Bruder der verkleinerte Vater war, der Frau zu erlauben, 
ja zu befehlen, das Verbrechen zu begehen. Sie hatte die Empfindung, 
indem sie zur Pistole griff, ihre Pflicht zu erfüllen, und sie ist noch nicht 
davon überzeugt, das sieht man, sie nicht erfüllt zu haben. 



Der Fall Lefetvre 55 



An ihren Sohn Andre, dessen Gegenwart im Auto während des Verbrechens 
ihr zweifelsohne ebenfalls durch die Gegenwart des kleinen Charles bei der Be- 
stattung der Küken diktiert worden ist, schrieb Frau Lefebvre, seitdem sie im 
Gefängnis ist, nicht ein einzigesmal mehr, obwohl ihr das Briefschreiben seit 
langem nicht mehr untersagt ist. Auch will sie ihn nicht wiedersehen. Als 
ihr die Rechtsanwälte in meiner Gegenwart sagten, sie könne jetzt seinen 
Besuch empfangen, reagiert sie mit einer Art von Schrecken: „Nein," sagt 
sie, „nein, nicht jetzt. Ich möchte lieber nicht, später, wenn ich dort sein 
werde." Man könnte sagen, daß, seitdem das Verbrechen verwirklicht worden 
ist, ihr derjenige, für den es begangen wurde, unbewußt wie eine Art Komplize 
erscheint (gleich ihrem kleinen Bruder Charles, der die Küken bestattete), ein 
Komplize, dessen Wiedersehen sie fürchtet. Sie scheint jetzt ihre Libido vom 
Sohne zurückgezogen und auf Gott, den Vater, übertragen zu haben. „Ich 
werde meine letzten Tage wie Magdalena am Fuße des Kreuzes verbringen", 
schreibt sie ihrem Mann am 18. März 1926 (Nr. 25s der Akten). 

Im Gegensatz zu den Zeitungsberichten über meinen Besuch bei ihr sieht 
sie ungern einer Wiederverheiratung ihres Sohnes entgegen. Und als die 
Rechtsanwälte und ich sie fragten, ob die diesbezüglichen Gerüchte be- 
gründet seien, antwortete sie mit Entrüstung: „Ah, nein, er hat genug 
davon. Er kann noch ein paar Jahre warten." 1 

Kehren wir zur ersten in diesem Kapitel aufgestellten Frage zurück. 

Warum fühlt sich Frau Lefebvre seit ihrer Tat, seitdem sie im Gefängnis 
ist, wohl? Was hat sie geheilt, das Verbrechen oder die Strafe? Ein schwer 



1) Dr. Loewenstein machte mich darauf aufmerksam, daß die Identifizierung mit 
der Mutter dazu beigetragen habe, bei Frau Lefebvre das Fehlen der Gewissensbisse 
zu determinieren. Ebenso wie das kleine Mädchen sich gern mit der Mme. Fichini 
identifizierte, welche die kleine Sophie schlug, so konnte Frau Lefebvre sich später 
mit der beherrschenden und strafenden Mutter identifizieren. — Auf die Identifi- 
zieruno- mit der Mutter legen bei der Beurteilung des Mordes der Frau Lefebvre 
auch Franz Alexander und Hugo Staub besonderes Gewicht, in deren demnächst 
erscheinendes gemeinsames Buch zur psychoanalytischen Kritik des Strafrechts („Der 
Verbrecher und seine Richter") ich (während des Korrekturlesens dieser deutschen 
Übersetzung meines Aufsatzes) Einblick nehmen konnte. Die genannten Verfasser 
widmen — unter Zugrundelegung der französischen Publikation dieser Abhandlung — 
in ihrem Werk einen Abschnitt der Frau Lefebvre, auf welchen ich hier nachdrück- 
lich verweisen möchte. Sie analysieren insbesondere die Parallele zwischen der einstigen 
Eifersucht der Lefebvre als kleines Mädchen gegen ihre schwangere Mutter und der 
späteren Eifersucht der der Schwangerschaft nicht mehr fähigen alten Frau gegen die 
schwangere Schwiegertochter. So ist der Mord eigentlich ein Muttermord. Die Schwieger- 
tochter ist aber für die Phantasie der Frau Lefebvre auch die Verkörperung ihrer eigenen 
infantilen, verpönten, unbewußten Persönlichkeit und indem sie sie tötet, straft sie sich 
selbst. 



56 Marie Bonapartc 

zu lösendes Problem, da sie, als sie trotz des Wahnes bei klarem Bewußtsein 
tötete, wohl wußte, daß die Strafe folgen würde. Und wir wissen durch 
Neurosenanalysen, wie oft das Über- Ich des Kranken nach Bestrafung ver- 
langt, die ihm bittere aber tiefe Befriedigung verschafft. 

Aber der Fall der Frau Lefebvre ist keine einfache Neurose. Er ist viel- 
mehr unter den Psychosen einzureihen, einem Zustand mit allen den von der 
Begression zum Narzißmus hervorgerufenen Störungen der Seelenökonomie, 
die eine derartige Störung in sich birgt. Das Über-Ich der Frau Lefebvre, 
das in den gewöhnlichen und unbedeutenden Handlungen des Lebens vom 
Es unabhängig geblieben ist, scheint unter dem Einfluß einer übermächtigen 
Anziehung der tiefsten Komplexe dieses Es mit diesem in einem Grade 
verschmolzen zu sein, daß man sie fast nicht mehr voneinander unter- 
scheiden kann. 

Daraus wäre zu schließen, daß die Tat mehr noch als die Strafe Frau 
Lefebvre Erleichterung und Heilung gebracht hatte. Sie befriedigte dadurch 
gleichzeitig die Anforderungen ihrer Triebe (Es) und jene ihres Gottes 
(Über-Ich), zu dessen Füßen sie nach ihrem Ausspruch gern und glücklich 
ihr Leben beschließen will. 

Aber kann man sagen, daß die Befriedigung an der Strafe ihrer Heilung 
ganz fremd sei, wenn man die Genugtuung hört, mit der sie von dem 
harten Strohsack spricht, von der Gefängnissuppe, von dem Draht der 
Begräbniskränze, an denen die Frauen unter ihnen alle Tage arbeiten und 
die sich die Hände schinden, wenn man sie ihre Hände mit einem Lächeln 
ausstrecken sieht, diese fürchterlich zerschundenen und geschwärzten Hände? 

5) Es bleibt das ökonomische Problem. Wir müssen gestehen, Seelen- 
ökonomie, die imstande ist, eine solche geordnete Bürgerin in eine furcht- 
bare Verbrecherin zu verwandeln, bleibt uns fast vollständig unverständlich. 
Wir wissen übrigens recht wenig über die Ökonomie und sogar die Topik 
der Verbrecherpsyche, obwohl uns deren Dynamik ja ziemlich zugänglich ist, 
da ein jeder von uns in seinem Unbewußten ungefähr dieselben Kräfte hat. 

Aber bei uns bleibt das Verbrechen so weit gehemmt, verdrängt, daß 
die meisten unter uns mit Entrüstung diese eben aufgestellte Behauptung 
zurückweisen werden. Während beim Verbrecher gewisse Hemmungen von 
Urtrieben entweder fehlen oder unter schwer zu bestimmenden Bedingungen 
oder Einflüssen, die zudem auf uns eine andere Wirkung gehabt hätten, weg- 
fallen. Dieselben Komplexe, mit denen wir an das soziale Leben uns anzu- 
passen verstehen, werden bei ihnen virulent, wahrscheinlich auf Grund 
einer verschiedenen Disposition. 



Der Fall Lefelvre 5/ 



Das heißt, daß uns der konstitutionelle und ökonomische Faktor, also 
die tiefsten Bedingungen des Verbrechens, fast völlig unverständlich und 
einer Analyse unzugänglich bleiben. 

VI 
Das otralreait und oer JDetermimsmus 

Der § 64 des französischen Strafgesetzbuches hat folgenden Wortlaut: 
„Es besteht weder Verbrechen noch Delikt, wenn sich der Angeklagte im 
Augenblick der Tat im Zustande der Demenz befand oder wenn er unter 
dem Zwange einer Kraft stand, der er nicht widerstehen konnte." Dieser 
Paragraph, der seine Analoga in den meisten Strafgesetzbüchern hat, bezieht 
sich auf die mögliche Unverantwortlichkeit der Verbrecher ; in allen Fällen, 
in welchen er nicht anwendbar ist, ist die Verantwortlichkeit gegeben. 

Die Sachverständigen des Gerichtes von Douai, Dr. Raviart, Dr. Rogues 
de Fursac und Dr. Logre erklärten, — im Gegensatz zu den Sachverständigen 
der Verteidigung, — Frau Lefebvre sei geistig gesund und völlig verant- 
wortlich. Diese vom wissenschaftlichen Standpunkte unhaltbare Feststellung 
ist vom sozialen Standpunkt aus sehr wohl haltbar. 

Unser Strafgesetzbuch, wie übrigens dasjenige aller Länder, ist auf einer 
veralteten, auf religiösen Grundlagen gebildeten Vorstellung von der mensch- 
lichen Willensfreiheit aufgebaut. Nach dem Gesetzbuch gehören deshalb 
vor Gericht und sind strafbar einzig Menschen, die im Besitze ihrer 
Willensfreiheit, ihrer Vernunft sind. Die Geisteskranken unterliegen dem 
Strafrecht nicht, sie gehören ins Irrenhaus, so daß ein für verrückt er- 
klärter Verbrecher sich dem Strafgesetz, dem richterlichen Spruch und den 
Repressalien entzieht und geradewegs ins Irrenhaus geht. 

Was geschieht nun, wenn er einmal dort ist? Das Gesetz vom Jahre 1838, 
welches die Lage der Geisteskranken regelt, bemüht sich, die individuelle 
Freiheit gegen willkürliche Internierungen zu schützen. Zwei Ärztezeug- 
nisse — das eines Arztes und das von selten der Irrenanstalt — sind zu 
der Internierung notwendig. Aber es genügt zur Freilassung ein einziges, 
das des Anstaltsarztes, welches überdies im Falle einer Internierung von 
Amts wegen vom Präfekten genehmigt werden muß. Allerdings holt der 
Präfekt ärztliche Erkundigungen ein. Aber man weiß, wie wenig der 
Präfekt sich widersetzen wird, dem Ärzte, Sachverständige, Leute vom 
Fach erklären würden, daß ein Geisteskranker endlich genesen sei und 
ungebührlicherweise über die Zeit hinaus eingesperrt bleibe. 



58 .Marie Bonaparte 



Das heißt, daß, wenn Frau Lefebvre, wie sie es verdient hätte, geistes- 
krank erklärt worden wäre, es ihrer Familie zweifellos gelungen wäre, sie 
nach mehr oder weniger langer Zeit aus der Anstalt zu befreien. 

So mußten die Gerichtssachverständigen, sowohl unter dem Druck der 
Volksmenge, welche für die reiche Bürgerfrau, die kaltblütige und ab- 
scheuliche Mörderin, ein wenn auch nur symbolisches Schafott sehen 
wollte, als auch unter dem Druck einer geradezu sozialen Notwendigkeit, 
die einer verjährten Gesetzgebung entspringt, in welcher kein Platz für 
Geisteskranke ist, auf volle Verantwortlichkeit schließen. 

Denn verantwortlich oder unverantwortlich hat vom Rechtsstandpunkt 
seinen Sinn verloren. Man müßte vielmehr sagen: einsperrbar oder inter- 
nierbar. Das wäre das einzige Richtige und würde auch den tieferen Ge- 
danken wiedergeben, dem manchmal in ähnlichen Fällen die ärztlichen 
Gerichtssachverständigen folgen. 

Frau Lefebvres Platz ist sicherlich nicht im Gefängnis, er ist in der 
Irrenanstalt. Aber die Irrenanstalt konnte nicht ihre Türen hinter Frau 
Lefebvre schließen, da man sie zu leicht wieder hätte öffnen können. 



Übrigens gehört Frau Lefebvre zu jener Kategorie von „Verrückten*, 
die man allgemein nicht dafür hält, weil sie ihre vollkommene geistige 
Klarheit, das Gedächtnis und ihre Vernunft bewahrt haben. Die „Revendica- 
teurs führen leicht zu Täuschungen und widersprechen der Idee, die sich 
das Volk von Geisteskrankheit macht. Das erlaubte auch den Sachver- 
ständigen die Behauptung der vollen Zurechnungsfähigkeit. Das war es 
auch, das ihren Sohn Andre Lefebvre — der doch ein Interesse daran 
gehabt hätte, daß seine Mutter für verrückt gelte — auf die Fragen der 
Mme. Henri Mulle: „Glaubst du, daß deine Mutter geisteskrank ist? Und 
wenn du deine Antwort beschwören solltest, würdest du es wagen, es zu 
behaupten?" — anworten ließ: „Selbstverständlich nein, ich könnte nicht 
sagen, sie sei geisteskrank." (Aussage der Mme. Mulle, Aktenstück Nr. 98.) 
Und die Anklage bediente sich dieser Aussage, ganz wie wenn Andre Lefebvre 
ein eminenter Psychiater gewesen wäre. 

In der Tat, die Vorstellung, die man sich gemeiniglich von einem 
Verrückten macht, und welche eine Geistesverwirrung beinhaltet, stimmt 
mit dem Eindruck der „Revendicateurs raisonnants" vom Typus der Frau 
Lefebvre nicht überein. Und wer wird den Umfang der Begriffe Demenz 
definieren, im Sinne der Gesetzgebers, wie er sich im § 64 des Strafgesetz- 



Der Fall LefeWe So, 



buches kundgibt, der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts verfaßt wurde, 
zu einer Zeit, wo die Folie raisonnante noch nicht erkannt worden war? 
Es kann in der Interpretierung dieses Gesetzes und in diesbezüglichen 
medizinischen Gutachten nur Willkür herrschen, je nach der Ausdehnung, 
die der jeweilige Sachverständige dem Begriffe Demenz geben wird, und 
die jedenfalls weder dem ursprünglichen rechtlichen, noch dem gegen- 
wärtigen psychiatrischen Begriff entspricht. 

So konnten also die offiziellen Sachverständigen ihren Bericht mit den 
Worten schließen: „Madame Lefebvre war keineswegs im Zustande von 
Demenz zur Zeit der Handlung im Sinne des § 64 des Strafgesetzbuches." 
Denn der Sinn, den der § 64 dem Begriff Demenz gibt, bleibt Sache der 
jeweiligen Beurteilung. 

Bei den Bevendicateurs übrigens ist die Psychose und der Charakter 
im engeren Sinne so sehr vermischt, daß es nicht leicht ist, sie von ein- 
ander zu unterscheiden. 

Während der Verfolgungswahnsinnige leicht seinen Wahn durch die Ab- 
sonderlichkeit, das Absurde seiner Interpretationen verraten kann, macht 
der Revendicateur im allgemeinen nicht einen ausdrücklich wahnhaften 
Eindruck. Er scheint oft einfach übertrieben auf die Lebensenttäuschungen 

zu reagieren. 

„Der Revendicationswahn", schreiben Serieux und Capgras (1. c. S. 258), 
„ist weniger ein ,Wahn\ als die Äußerung einer psychopathischen Per- 
sönlichkeit." Und weiter (S. 262): „Der Revendicationswahn ist ein etat 
morbide continu du caractere [kontinuierlicher krankhafter Charakterzustand]. 

(Arnaud.) 

Diese Eigentümlichkeit des Revendicationswahnes ist es, welche den 
offiziellen Sachverständigen erlaubt hat, die Psychose und den Charakter 
der Frau Lefebvre unter der Etikette „ein wenig eigentümlicher Charakter" 
unterzubringen . 

* 



Die Menschheit hat es nach und nach erkannt, daß in der Natur der 
Determinismus herrscht. Viel langsamer und später ist es erkannt worden, 
daß er bis zu uns reicht. Ebensowenig wie die Geisteskranken für ihren 
Wahn, sind wir, die Normalen, für unseren Charakter verantwortlich, 
und jede unserer Bewegungen, unserer Worte, unserer Gedanken ist eben 
so streng determiniert wie die Bewegungen der Planeten und Sonnen im 
Weltenraum. 



5 VOl. 15 



60 Marie B 



ane Bonaparte 



Die Psychoanalyse hat in überzeugender Weise den Determinismus, der 
in unserem Innern herrscht, aufgezeigt. Es ist unmöglich für den, der sie 
kennt und versteht, noch von „Willensfreiheit" zu sprechen. Aber die mensch- 
liche Gerechtigkeit spricht noch von ihr und verlangt im Namen der mensch- 
lichen Verantwortlichkeit die Bestrafung der Schuldigen. Ist die Gerechtig- 
keit nicht eher Rache der Menschen und wenn die Menschen die Ge- 
rechtigkeit verlangen, verlangen sie da nicht eher die Anwendung des alten 
Talionsgesetzes? Wenn beim gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft, 
in dem Verbrechen vielfach von Unangepaßten vollbracht werden, denen 
der Sinn für die sie umgebende Realität abgeht, und in dem zum Beispiel 
die Todesstrafe von einer sehr zweifelhaften Wirksamkeit ist, das Volk an 
der Todesstrafe noch so sehr hängt, so tut es dies weniger in der Sorge 
um die eigene Sicherheit als vielmehr in der unbewußten Absicht, seine 
letzte „königliche" Prärogative zu wahren, das Recht, auch in Friedens- 
zeiten unbestraft, weil kollektiv, Blut zu vergießen. Und dazu das Blut 
eines Verbrechers, d. h. eines Menschen, den im Grunde der Seele, un- 
bewußt die primitiven verdrängten und unbefriedigten Triebe des Volkes 
beneiden. 

Obzwar es wünschenswert wäre, daß die Justiz weniger triebhaft werde, 
ist es eine Utopie zu glauben, daß die soziale Justiz es werden kann. Denn 
die soziale Justiz, die im Namen des Volkes geübt wird, kann schwerlich 
von den Volksleidenschaften befreit werden, die ihr anhaften. Es ist jedoch 
erlaubt, eine etwas bessere Gesetzgebung herbeizusehnen. Der § 64 des 
Strafgesetzbuches könnte im Lichte der gegenwärtigen wissenschaftlichen 
und deterministischen Ideen das ganze Gesetzbuch doppelt annullieren. Denn 
Demenz muß heute vom rechtlichen Standpunkte in einem sehr weiten 
Sinne verstanden werden. Bei der Ausführung auch der geringsten Hand- 
lung gehorchen wir da nicht alle — und nicht nur die Geisteskranken — 
„dem Zwange von Kräften, denen wir nicht widerstehen können?" Es dürfte 
also kein Verbrechen bestraft werden, wenn man weiterhin für Strafe die 
Verantwortlichkeit fordert. 

Aber da liegt gerade der Irrtum. Je mehr ein Verbrecher „unverant- 
wortlich" im rechtlichen Sinne ist, d. h. je mehr er geisteskrank ist, um so 
gefährlicher ist er — wobei er dem Gesetze nach um so weniger strafbar 
ist. Das Wort Verantwortlichkeit müßte also aus dem Gesetzbuch gestrichen 
werden. Und wenn die Wissenschaft im allgemeinen und die Psychiatrie 
im besonderen nicht so unsicher wären, wäre es richtig, Urteile durch 
Diagnosen zu ersetzen. 



Der Fall Lefebvre 



Die Geschwornen aus dem Volke, welche die Angeklagten von der All- 
macht der gesetzlichen Gewalt befreiten, haben sie den Leidenschaften des 
Volkes unterworfen, welches sie freispricht oder verurteilt, ohne sie zu ver- 
stehen. Ärztliche Geschworne wären vom „idealen Standpunkt" vorzu- 
ziehen, aber praktisch, wegen der Eifersucht und der Uneinigkeit, die in 
diesem Stande herrscht, vielleicht noch schlimmer. Man könnte wenigstens, 
auf Grund eines Gutachtens, geisteskranke Verbrecher nach einem richter- 
lichen Spruch, dessen Modalitäten noch zu bestimmen wären, in Anstalts- 
gefängnissen internieren, deren Benennung selbst ein Kompromiß wäre 
zwischen der Strafe (Gefängnis), die das Volk für den Verbrecher verlangt, 
und einer Anstalt, welche die Wissenschaft für den Geisteskranken fordert. 
Aus dieser Anstalt könnte der Verbrecher auch nur nach einem Urteil befreit 
werden. Diese Reform ist in den letzten Jahren oft gefordert worden. 

Ich bin keine Kennerin der vergleichenden Gesetzgebung der Geistes- 
kranken in den verschiedenen Ländern. Übrigens würde eine Untersuchung 
dieser Frage allein einen dicken Band füllen. Aber ich weiß, daß hin- 
sichtlich dieser Frage kein Stratgesetzbuch mit den gegenwärtigen Ergeb- 
nissen der Wissenschaft im Einklang steht. 

Es ist gewiß, daß gegenwärtig der geisteskranke Verbrecher, was wohl 
kurz dem Verbrecher gleichkommt, nirgends Platz hat. Die repressiven 
Maßnahmen standen und stehen noch unter dem Einfluß der archaischen 
und dem Volke genehmen Idee der Strafe. Deshalb ist bei fast allen gegen- 
wärtigen großen Kriminalprozessen das Volk von der Furcht besessen, daß 
man „dieses Ungeheuer für einen Verrückten ausgeben wird", was in den 
Augen des Volkes einem Unschuldigerklären des Verbrechers gleichkommt. 
Die Internierung für Geisteskranke auf Verbrecher angewandt, scheint dem 
Volke ein ungerechtes Unschuldszeugnis zu sein. 

Die Idee der Bestrafung des Verbrechers ist der Ausdruck des Bedürf- 
nisses nach Grausamkeit, welche das Talionsgesetz erzeugte, ist aber auch 
zu Beginn die Erzeugerin der Moral aus Furcht vor Vergeltung. Aber indem 
diese Moral entstand, wurde die Bestrafungsidee manchmal im Laufe des 
christlichen Zeitalters durch die der Buße ersetzt. Den Verbrecher retten 
ist eine Utopie, die noch heute von Menschen zu erreichen gesucht wird. 

Die Wissenschaft hat die Idee der Bestrafung des Verbrechers immer 
mehr ihres Sinnes beraubt. Ist Frau Lefebvre zum Beispiel wirklich bestraft, 
sie, die im Gefängnis glücklicher ist und besser auf dem Gefängnisstroh 
schläft als in ihrem guten bürgerlichen Bett? Und was die Besserung der 
Verbrecher betrifft, muß man sich über die Komplexe, welche die Menschen 



Bonaparte : Der Fall Lefetvre 



führen und ihren Charakter ausmachen, merkwürdige Illusionen machen, 
um an diese Besserung zu glauben. Es gibt in Wirklichkeit nur eine 
rationelle, am Verbrecher anwendbare Behandlung: sie außerstand setzen, 
zu schaden. Für die weniger schwer geistesgestörten Verbrecher könnte man, 
wenn man will, das Gefängnis beibehalten, nur müßte es weniger schmutzig 
sein als jetzt. Für die anderen sollten Gefangenenirrenanstalten geschaffen 
werden, und die Internierung in solche, ebenso die Entlassung auf Grund 
richterlichen Urteiles erfolgen; die gewöhnliche Irrenanstalt sollte nur die 
nicht kriminellen Geisteskranken aufnehmen. 

Ein Hindernis für diese rationelle Behandlung von Verbrechern bleibt 
das Volk, das weiter Bestrafung der Verbrecher verlangt. Das Ideal wäre 
natürlich eine soziale Prophylaxie: öftere und rechtzeitige Diagnosen und 
Prognosen stellen und eine möglichst große Anzahl von Verbrecherkandidaten 
internieren. Aber welcher Arzt unter all jenen, die sie untersucht haben, 
hätte es gewagt, Frau Lefebvre vor ihrem Verbrechen zu internieren? Man 
hätte geschrien, es sei ein Attentat auf die individuelle Freiheit. 



Zut Psychoanalyse des jüdischen Witzes 



Von 

Theodor Jfcveik 



Berlir 



„I can suck melancholy out of a Song as 
wtasel sucks tggs." 

Shakespeare, As you like it. II. 5. 15. 



I 



Manche Autoren haben versucht, die besonderen Züge des jüdischen 
Witzes hervorzuheben und psychologisch zu erklären. Es gibt sicherlich 
solche Züge, aber es wäre verfehlt, den Witz überhaupt nur den Juden zu- 
zuschreiben. 1 Es ist vielmehr so, daß der allgemein-menschliche Kern des 
Witzes hier in einer jüdischen Einkleidung erscheint oder einzelne charakteri- 
stische Züge des Witzes in einer besonderen Ausprägung und in einem 
speziellen Mischungsverhältnis hervortreten. Man kommt den Merkmalen 
des jüdischen Witzes vielleicht am nächsten, wenn man auf die besonders 
scharfe Selbstkritik hinweist, die sich in den von Juden geschaffenen Witzen 
gegen das eigene Ich oder vielmehr gegen jenes größere Ich, das eigene 
Volk, richtet. In seiner analytischen Untersuchung über den Witz und seine 
Beziehung zum Unbewußten bemerkt Freud, daß die Witze, die von Fremden 
über die Juden gemacht werden, meist brutale Schwanke sind, in denen 
der Jude als komische Figur erscheint. Auch die von Juden gemachten 

1) Wie es z. B. Alexander Moszkowski tut, dem es scheint, „als oh der Begriff 
.Jüdischer Witz' auf einen Pleonasmus hinausläuft, auf eine Tautologie, denn die 
Grundelemente dieses Begriffes sind tatsächlich nicht zu trennen. Was das Wesen des 
Witzes begründet, der Kontrast, das bildet auch das Kennzeichen des Judentums, in 
guter wie in übler, in elegischer wie in launiger Bedeutung. In den Martyrien dieses 
Kontrastes hat sich die brennende Denkweise entwickelt, aus der die Witzfunken in 
Garben emporschlagen". (Der jüdische Witz und seine Philosophie. Berlin 1923. S. 8.) 



64 TLeodor Reik 



Witze geben dies zu, aber sie kennen doch die wirklichen Fehler der Juden 
weit besser, ebenso den unterirdischen Zusammenhang mit ihren Vorzügen. 
Freud gibt dem Zweifel Ausdruck, ob es sonst noch häufig vorkommt, daß 
sich ein Volk in solchem Ausmaße über sein eigenes Wesen lustig macht. 

Hier ist wirklich ein fesselndes, psychologisches Problem. Tatsächlich 
sind die Witze, die von Juden produziert werden, diejenigen, die sich am 
treffendsten gegen jüdische Art und Unart richten und eine besondere 
Schärfe der Verhöhnung aufweisen. Sie zeigen eine Schonungslosigkeit und 
Grausamkeit der Selbstherabsetzung, die in dieser Ausprägung sonst schwer 
anzutreffen ist. Andere Merkmale des jüdischen Witzes sind mit diesem auf- 
fälligen und zentralen Zuge innig verknüpft. Die Juden, welche diese Witze 
schaffen, und die, welche sie wiedererzählen, schämen sich offenbar keines- 
wegs der Mängel und Schwächen, die darin gekennzeichnet und verspottet 
werden. Sie erzählen sie oft und gern und meistens scheint es, als geschehe 
es mit einer Befriedigung, die nicht mehr durch den witzigen Inhalt oder 
die witzige Form allein erklärbar wird, sondern auch daraus quillt, daß 
hier die eigenen Schwächen, Fehler und Unzulänglichkeiten zur Schau 
gestellt werden. Der Eindruck ist häufig folgender: diese Erscheinung stellt 
den Ausdruck einer besonderen Gefühlseinstellung dar, deren Tendenz man 
als erwünschte Selbstdemütigung, als eine Art masochistischen Exhibitionis- 
mus bezeichnen könnte. Dieser Zug beschränkt sich sicherlich nicht auf den 
Witz des Juden; er tritt dort nur besonders auffällig — manchmal möchte 
man sagen : aufdringlich — hervor. Wir erinnern an die Darstellung von Juden 
und jüdischem Leben, wie sie von manchen Schauspielern etwa von Eisen- 
bach, den Brüdern Herrnfeld, der Werbezirk gegeben wird, um diese 
Bloßstellung der eigenen Verächtlichkeit, diese manchmal grandiose Demon- 
stration der eigenen Erbärmlichkeit wiederzufinden. Ja das Gefühl der Be- 
freiung durch die grausame Selbstherabsetzung scheint sich gelegentlich zu 
dem einer seelischen Entlastung zu steigern, die fast ekstatischen Charakter 
annimmt. Es wird den Psychologen auch nachdenklich machen, daß solche 
erbitterte Selbstkritik, wie sie der jüdische Witz zeigt, von keinem ernst- 
haften Bestreben gefolgt ist, jene scharf verhöhnten Charakterzüge abzu- 
legen oder zu korrigieren. 

Wir finden hier eine Reihe von charakteristischen Zügen, die wir psycho- 
logisch schwer verstehen könnten. Eine solche seelische Einstellung zum 
Ich und zum eigenen Volk mutet den Beobachter seltsam an und er sucht, 
vorerst vergeblich, nach Analogien im Leben des Einzelnen und der Nationen. 
Nun, es gibt eine ganz ähnliche psychische Haltung, aber sie erscheint auf 



Zur PsyAoanalyse des jüdischen Witzes 65 

einem so fernabliegenden Gebiet, daß ein Vergleich kaum in dem Betrachter 
auftauchen wird. Sollte dies überraschenderweise doch der Fall sein, so wird 
er sicherlich lebhaftes Sträuben gegen eine solche Zusammenstellung ver- 
spüren. Handelt es sich doch um ein psychisches Phänomen, das nicht nur 
einer völlig verschiedenen Sphäre angehört, sondern auch um ein solches, 
dessen Gefühlsbetonung geradezu einen Gegensatz zu der des Witzes dar- 
stellt. Ist es nicht paradox, die Erscheinungen bei jener Gemütserkrankung, 
die dem Psychiater als Melancholie bekannt ist, zum Vergleich mit den 
seelischen Prozessen der Witzbildung heranzuziehen? 

II 

Tatsächlich wird der erste Eindruck der Erscheinungen jener Erkrankung, 
deren klinisches Bild dem Psychiater besser bekannt ist als ihre Verursachung, 
geradezu derjenige sein, den wir als der Stimmung des Witzigen gegensätzlich 
ansehen würden. Die Melancholie ist eine tief schmerzliche Verstimmung, 
die seelisch ausgezeichnet ist durch Aufhebung des Interesses für die Außen- 
welt, Verlust der Liebesfähigkeit, Hemmung jeder Leistung und schwere Ver- 
sündigungsideen, welche die Kranken eine drohende Strafe erwarten lassen. 
Das Bild des Melancholikers, den wir in den Irrenanstalten und in den 
Sanatorien für psychisch Kranke beobachten, mag in uns jede andere Vor- 
stellung eher hervorrufen als die des Witzigen. Sein Gesicht ist ausdruckslos 
und erstarrt wie eine leere Maske; er blickt scheinbar gedankenlos vor sich 
hin und macht wenig Bewegungen. Dann wieder weint und schluchzt er 
heftig, schlägt sich gegen die Brust, reißt sich am Haar, beißt sich selbst. 
Er verweigert die Nahrungsaufnahme, lehnt jede Zerstreuung ab, ist von 
Schlaflosigkeit gequält und von den schwersten Angst- und Schuldgefühlen 
bedrückt. Selbstmordgedanken gewinnen häufig Gewalt über ihn und werden 
nicht selten in einem unbewachten Augenblick ausgeführt. Wir fühlen tiefes 
Mitleid mit dem Unglücklichen, der von einer rätselhaften Trauer erfüllt zu 
sein scheint und dem das Leben zu einer schweren Last geworden ist, und 
können ihn schwer verstehen, weil uns der Grund seines tiefen Leides un- 
zugänglich ist. Hier ist doch sicherlich nichts, das uns an die seelische Ein- 
stellung des Juden, der so scharfe und demütigende Witze über sein Volk 
macht, erinnern könnte? 

Die Vergleichsmöglichkeit rückt aber näher, wenn wir andere sympto- 
matische Züge an den Melancholikern beobachten. Der Kranke schildert 
uns sein Ich als moralisch besonders verwerflich und erbärmlich, macht 



66 Theodor Reik 



sich schwere Selbstvorwürfe und beschimpft sich selbst auf das Härteste. 
Er erniedrigt sich vor jedem, zeigt ihm die eigenen Fehler und beklagt sich 
und seine Verwandten, die an einen so unaufrichtigen, lügnerischen, egoisti- 
schen und kleinlichen Menschen gebunden sind. Solche niedere Selbst- 
einschätzung und so scharfe Selbstkritik nehmen oft genug den Charakter 
eines moralischen Kleinheitswahnes an. Die Selbstanklagen steigern sich 
manchmal zu wahren Paroxysmen, in denen sich der Kranke unaufhörlich 
herabsetzt, nur Schlechtes über sich auszusagen weiß, sich selbst verwirft 
und verdammt. Es entspricht nun gar nicht unseren Erwartungen, daß der 
Melancholiker sonst keineswegs ein Benehmen an den Tag legt, das in Über- 
einstimmung mit so schweren Selbstanklagen und -vorwürfen gebracht werden 
könnte. Vor allem schämt er sich gar nicht seiner von ihm beklagten Schwächen 
und Charakterfehler. Er zeigt aber auch nichts von der Demut und Nachgiebig- 
keit, die man bei einem so tief Zerknirschten voraussetzen würde. Er er- 
scheint im Gegenteil immer wie verletzt und vernachlässigt und quält die 
Anderen nicht minder wie sich selbst. Es ist für den Beobachter auch un- 
verkennbar, daß der Kranke in keiner Art bemüht ist, seinen von ihm so 
scharf kritisierten Charakter zu verbessern und sein drückendes Schuld- 
gefühl durch Korrektur seiner Fehler zu beschwichtigen. Wir erkennen in 
seinem Benehmen nicht nur keine Spur von Scham, sondern eher eine Art 
aufdringlicher Mitteilsamkeit, welche an der Selbstherabsetzung und Selbst- 
bloßstellung eine seltsame Befriedigung zu finden scheint. Es bleibt kein 
Zweifel daran, daß es sich in diesem Wüten gegen das Ich um die Abfuhr 
starker Gefühle handelt, daß eine seelische Entlastung darin enthalten ist. 
Hier sind nun freilich einige wesentliche Züge, die uns noch in der 
verschiedenen Ausprägung an die Merkmale des jüdischen Witzes erinnern: 
die erbitterte Selbstkritik und Selbstherabwürdigung, der Ausfall des Scham- 
gefühles, die besonderen Reaktionen der Demonstration in der Selbstherab- 
setzung, die damit verbundene Befriedigung und der Mangel korrektiver 
Tendenzen. Sollte es sich nur um eine formale Ähnlichkeit handeln, der 
keine Übereinstimmung im seelischen Inhalt der Phänomene entspricht? 
Neben den aufgezeigten Gemeinsamkeiten gibt es ja so viele auffällige und 
entscheidende Differenzen, daß wir am Werte unseres Vergleiches irre werden. 
Unser Mißtrauen mag berechtigt sein, aber es braucht uns nicht zu ver- 
hindern, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. 



Zur Psydioanaly.se des jüdischen Witzes 6- 

III 

Zumindestens ein Teil unserer Unsicherheiten und Zweifel wird behoben 
durch die überraschenden Aufklärungen, welche die Psychoanalyse über die 
seelischen Vorgänge in der Entstehung und Entwicklung der bisher nur 
wenig verstandenen melancholischen Erkrankung zu geben vermag. Die 
Forschung ist auch heute noch nicht in der Lage, die Faktoren in der 
Entstehung und im Verlauf der melancholischen Affektion restlos zu er- 
fassen, aber das Verständnis jener Melancholien, die man als psychogen 
bezeichnet, ist durch Freud in entscheidender Art gefördert worden. 1 Das 
große Stück Einsicht, das wir durch seine Studien erhalten haben, läßt uns 
die rätselhafte Erkrankung zum ersten Male in ihren wesentlichen Zügen 
verstehen. Die Melancholie stellt sich regelmäßig als die Reaktion auf den 
Verlust einer geliebten Person oder einer Abstraktion, die an deren Stelle 
gerückt ist (Freiheit, Heimat, ein Ideal usw.), dar. Das Objekt ist in den 
meisten Fällen keineswegs gestorben; es ist nur als Liebesobjekt verloren 
gegangen. Der Geliebte erfreut sich etwa der besten Gesundheit, aber er 
hat das Mädchen verlassen und dieses reagiert auf den Verlust durch 
melancholische Erkrankung. Der Verlust des Objektes kann nun verschie- 
denen Charakter haben und muß dem Kranken auch keineswegs bewußt 
sein. Es mag dem Melancholiker auch bekannt sein, daß er ein Objekt in 
dieser Art verloren hat, aber es kann dabei unbewußt bleiben, was er an 
jenem Objekt verloren hat. In anderen Fällen ist der Objektverlust als 
solcher unbewußt geblieben und wir verstehen nicht, was den Melancholiker 
in so tiefe Verstimmung versetzt hat und warum er in so schmerzliche 
Trauer verfallen ist. Einige der rätselhaftesten Züge und Besonderheiten 
der Melancholie haben sich der analytischen Untersuchung als sinnvoll 
erschlossen und konnten von ihr in den großen Zusammenhang seelischer 
Vorgänge eingeordnet werden. Hierher gehören z. B. jene erbitterten Selbst- 
anklagen und -vorwürfe, jener moralische Kleinheitswahn, der so merk- 
würdig anmutet. Die Psychoanalyse behauptet nun allgemein, daß der Kranke 
mit seinen Klagen in allen Fällen psychologisch irgendwie im Rechte sein 
muß, so unglaubwürdig sie uns auch zuerst scheinen mögen. Dieses Stück 
Berechtigung ist aber oft in seinem Ausdrucke verschoben, verallgemeinert, 
entstellt und unverständlich geworden. Es muß demnach auch psychologisch 

1) Die Arbeiten Karl Abrahams und Sdndor Ratlos haben weitere, tiefgehende 
Aufklärungen über die Melancholie gebracht. 



68 Theodor Reilc 



irgendwie berechtigt sein, daß der melancholisch Kranke sich als verwerflich 
und erbärmlich schildert, aber wenn er sich so erbarmungsloser Selbstkritik 
hingibt, so werden wir mit Freud fragen, „warum man erst krank werden 
muß, um solcher Wahrheit zugänglich zu sein . Mag auch ein Stück realer 
Berechtigung in einem Teile seiner Selbstanklagen enthalten sein, ihr Aus- 
maß, ihre Intensität und ihre Dauer können dadurch nicht erklärt werden. 
Die brave Frau und Mutter, die an einer Melancholie erkrankt ist, wird 
sich der schwersten Unterlassungen und Unzulänglichkeiten anklagen, die 
ihr nicht zur Last fallen und trotz ihres untadeligen Lebens von sich selbst 
nicht besser sprechen als von einer Dirne. Mag sich immerhin ein Teil 
ihrer Selbstanklagen, wie wir vermuten können, auf unbewußte Phantasien 
beziehen, der größte Teil ist in dieser Art nicht erklärbar. Der Melan- 
choliker hat also Recht und Unrecht zugleich und wir verstehen nicht, 
warum er seine Selbstachtung so völlig verloren hat und so gegen das Ich 
wütet. Hier ergibt sich nun die erste analytische Aufklärung. Freud hat 
nämlich gezeigt, daß die stärksten unter den mannigfachen Selbstanklagen 
des Melancholikers oft sehr wenig zur eigenen Person passen, aber mit 
geringfügigen Veränderungen anderen Personen anzupassen sind, die der 
Kranke liebt oder geliebt hat. Die Selbstvorwürfe sind also als Vorwürfe 
gegen ein Liebesobjekt erkennbar, die von diesem weg auf die eigene 
Person gewendet wurden. Die Selbstanklagen sind Anklagen, die einem 
Anderen gelten und sich gegen das Ich gekehrt haben. Unter diesen Selbst- 
vorwürfen sind gewiß auch einige echte eingestreut, aber gerade diese sind 
nicht die ausschlaggebenden und sie verdecken eher den wirklichen psychi- 
schen Sachverhalt. Der Psychoanalyse ist es gelungen, diesen Vorgang sowie 
den der Erkrankung zu rekonstruieren. Es hatte eine starke Bindung an ein 
Objekt bestanden. Diese Objektbeziehung war durch den Einfluß einer 
realen Kränkung oder Enttäuschung von seiten der geliebten Person er- 
schüttert worden. Und nun trat nicht das ein, was man normalerweise 
erwarten durfte, daß nämlich die Person ihre Liebe von dem Objekt ab- 
wendet und auf ein neues überträgt. Durch das Zusammenwirken mehrerer 
psychischer Bedingungen kommt vielmehr ein anderer seelischer Prozeß zu- 
stande: das Objekt wurde zwar aufgegeben, aber ins Ich aufgenommen. Dieser 
Prozeß der Aufrichtung eines Objektes im Ich, durch den das Aufgeben 
des Objektes vielleicht erleichtert wurde, ist in der Psychoanalyse als Identi- 
fizierung bekannt und hat auch für andere psychische Situationen eine 
große Bedeutung. In den uns hier interessierenden Fällen psychisch ent- 
standener Melancholie ist also ein Objektverlust durch eine Identifizierung 



Zur Psychoanalyse des jüdischen VV ities 69 

abgelöst worden, durch die das aufgegebene Objekt wieder im Ich auf- 
gerichtet wurde. Das Ich steht nun einem seiner Teile gegenüber, der 
durch Identifizierung verändert ist. Und nun wendet sich eine besondere 
Instanz im Ich, die unsere moralischen Anforderungen verkörpert, das Über- 
ich, gegen diesen Ich teil, den es verwirft und verurteilt, Der Konflikt 
zwischen dem Ich und der geliebten Person in der Außenwelt ist zu einem 
tiefgehenden Zwiespalt zwischen dem Über-Ich und dem durch die Identi- 
fizierung veränderten Ich geworden. Wir verstehen jetzt das merkwürdige 
Verhalten der Melancholiker: der Schatten des Objektes ist auf ihr Ich 
gefallen. Ihre Selbstvorwürfe und Selbstanklagen gelten in Wahrheit dem 
verlorenen Objekt, das ins Ich aufgenommen wurde. Das Mädchen, das 
sich als treulos bezeichnet und über seine eigene Unbeständigkeit klagt, 
klagt eigentlich den ungetreuen Geliebten an, der sie verlassen hat und 
der nun zu einem wesenhaften Teil ihres Ichs geworden ist. Die Kranken 
brauchen sich nicht zu schämen und zu verbergen, weil alle Selbstherab- 
setzung und Selbstkritik unbewußt der Person gilt, die sich ihrer Liebe 
unwürdig erwiesen hat und die durch den Identifizierungsvorgang im Ich 
weiter wirkt. Das Ich wird jetzt von sehen des Über-Ichs so behandelt, 
als ob es das gehaßte (und geliebte) Objekt wäre, das den Kranken beleidigt 
und enttäuscht hat; es wird verachtet und mißhandelt. Aus diesem unbe- 
wußten Vorgang ist nicht nur der Ausfall des Schämens verständlich, son- 
dern auch die besondere Bitterkeit und Härte der Selbstvorwürfe und -an- 
klagen, ihre quälerische Intensität und ihre monotone Wiederholung. Auch 
die Befriedigung an der Selbstherabsetzung wird so verständlich, handelt es 
sich doch dabei um die unbewußte Degradierung des Objektes, wird hier 
doch im Geheimen Bache genommen an der treulosen und unverläßlichen 
geliebten Person. Was als Kleinheitswahn und als schonungslose Selbst- 
erniedrigung erscheint, ist vielmehr ein Versuch, die durch die Enttäuschung 
verminderte Selbsteinschätzung wiederzugewinnen, ist in Wirklichkeit eine 
Bemühung, sich von der Erbärmlichkeit und Gemeinheit des Objektes zu 
überzeugen und die Kränkung oder Enttäuschung seelisch zu bewältigen. 
In so schmerzhafter Form vollzieht sich beim Melancholiker die Ablösung 
von Liebesobjekten. 

IV 

Wenn unsere Erwartungen nicht völlig trügerisch gewesen sind, müßten 
die psychologischen Einsichten, die für die Entstehung und Entwicklung 
dieser seelischen Mechanismen gewonnen wurden, geeignet sein, uns auch 



70 Theodor Reik 



jene Besonderheiten des jüdischen Witzes besser verstehen zu lassen. Wir 
werden gewiß nicht vergessen, daß hier der einzelne Kranke, dort ein Volk 
das Objekt psychologischer Untersuchung ist und daß Forschungsresultate, 
die sich am Individuum ergeben haben, nicht ohne große Vorsicht auf 
kollektive Phänomene übertragen werden dürfen. Auch sind wir darauf 
vorbereitet, daß die Analogie zwischen den beiden Erscheinungen nur eine 
partielle sein kann und wir sie nur ein Stück weit verfolgen können. Von 
dort an verliert sich der Weg wieder in die Dämmerung. 

Was uns unzweifelhaft erscheint, ist die Ähnlichkeit der seelischen Dyna- 
mik und es fällt uns nicht schwer, sie aus den Entstehungsbedingungen 
beider Phänomene abzuleiten. Wenn wir jene besonderen Züge des jüdi- 
schen Witzes untersuchen, die grausame und schamfreie, oft geradezu 
schamlose Selbstherabsetzung, sowie die exhibitionistische Befriedigung an 
der Darstellung der eigenen Schwächen und Fehler, so ergibt sich das 
Bild einer kollektiven Erscheinung, die den Analytiker vermuten läßt, daß 
an ihrem Zustandekommen ähnliche psychische Faktoren zurnindestens mit- 
beteiligt sein müssen wie in der Entstehung der Melancholie. Wir er- 
kennen in der Geschichte des Judentums eine typische seelische Situation, 
welche die Entwicklung einer derartigen psychischen Einstellung durchaus 
begünstigen würde. Eine tiefgehende Kränkung oder Enttäuschung seitens 
der Umwelt, die durch die reale Übermacht der Gegner bedingte Unter- 
drückung der Rachereaktion, die Introjizierung des gehaßten und geliebten 
Objektes ins Ich und das Wüten gegen dasselbe, die Selbstherabsetzung 
und -entwürdigung — man erkennt, es sind hier dieselben seelischen 
Mechanismen wirksam. Die besondere Schärfe und Treffsicherheit des 
Judenwitzes gegen die Juden ist also durch die Unterdrückung der Rache 
mitbedingt, aber diese Rache ist im Geheimen in ihm enthalten. Die Ag- 
gression trifft das Ich, aber sie trifft auch das Objekt im Ich. In der Ver- 
höhnung, welche der jüdische Witz gegen das eigene Volk richtet, werden 
in latenter Art — doch für das Unbewußte erkennbar — die Wirtsvölker 
angeklagt und verspottet. Die besondere Art dieses Witzes zeigt noch in 
der Selbstdemütigung und -herabwürdigung den unterdrückten Aufruhr. 
Was sich so unerbittlich und schonungslos gegen das Ich kehrt, ist die 
ursprünglich gegen die Umwelt gerichtete Aggression, die sich gegen das 
Ich rückgewendet hat. Diese Selbstkarikatur enthält insgeheim die Schil- 
derung derjenigen, welche das mannigfache Elend der Juden verschuldet 
haben. Es ist, wie wenn der Judenwitz, der so erbarmungslos die eigenen 
Schwächen enthüllt, sagen wollte: Seht, so sind wir und ihr! oder: Seht, 



Zur Psydioannlyse des jüdisdien Wities 



zu wie kläglichen, schwachen, verängstigten und frechen, kleinlichen und 
gierigen Kreaturen ihr uns gemacht haht! In dem Spiegel, den dieser Witz 
den Juden vorhält, erblickt man zugleich ein fremdes Gesicht. In der 
Selbstherabsetzung steckt verborgen die Herabsetzung des Anderen. Die 
leidvolle Vergangenheit des Judentums und die Fortdauer der Besonder- 
heiten seiner sozialen Existenz geben den Schlüssel zum Verständnis des 
jüdischen Witzes wie die Einsicht in die seelische Situation des Melancho- 
likers uns sein befremdendes Verhalten besser verstehen läßt. Die durch 
die reale Übermacht bedingte Unmöglichkeit, Rache für die erlittenen 
Beleidigungen und Kränkungen zu nehmen, war die erste und wesent- 
lichste Bedingung für den Vorgang der Identifizierung mit dem Objekt 
und der Wendung der Aggression gegen das Ich gewesen. Zu ihr mögen 
andere Faktoren psychischer Art getreten sein und jene selbstquälerische 
Zersetzung im Witz unterstützt haben. Die durch religiöse Lehre und 
Tradition zur inneren Forderung umgewandelte Hemmung der Angriffslust 
und des Rachedurstes wird das Zustandekommen der Identifizierung in 
besonderer Art begünstigen. 

Der Judenwitz darf schamlos sein, denn er enthüllt unter seiner Fassade 
die Mängel der Anderen. Es dürfen auch unter den rückgewendeten Ver- 
höhnungen dieser Art einige echte mitunterlaufen, verhelfen sie doch dazu, 
den tieferen, latenten Sinn der Selbstherabsetzung zu verbergen. Die Psycho- 
analyse hat gezeigt, daß jene psychischen Mechanismen der Aufnahme des 
Objektes ins Ich und der Wendung der Aggression, in der ein Ichteil 
gegen den Anderen wütet, nicht nur der Melancholie eigen sind, wenn- 
gleich sie in ihr am auffälligsten hervortreten. Sie sind in stärkerem oder 
geringerem Ausmaße auch in anderen Psychoneurosen erkennbar und be- 
sitzen darüber hinaus eine noch nicht völlig gewürdigte Bedeutung für das 
Seelenleben. Hier seien zwei Beispiele nebeneinander gestellt, die zeigen, 
wie gleichartig dieser Mechanismus in der Symptomatologie der Neurosen 
und in der psychischen Genese des jüdischen Witzes wirkt. 

Ein an Zwangsneurose erkrankter Mann wollte einem älteren Verwandten, 
der ihn besuchte, ein neues Kartenspiel zeigen. Während des Spieles er- 
wies sich nun der Schüler höchst ungeschickt und wenig scharfsinnig. 
Mein Patient benahm sich kurz nachher in der Konversation sehr unge- 
wöhnlich, indem er die einfachsten Dinge nicht verstand, manchmal dumm 
vor sich hinstarrte oder lachte und überhaupt wie ein Narr handelte. Die 
Analyse am nächsten Tage konnte den unbewußt gebliebenen Zusammen- 
hang zwischen den beiden Erlebnisreihen leicht aufdecken. Die Unmöglich- 



7* Theodor Reik 



keit, dem älteren Verwandten die in dem Patienten wachgewordenen Ge- 
fühle der Respektlosigkeit und des Hohnes zu zeigen, hatte hier zu einer 
solchen zeitweiligen Objektintrojektion mit Demonstration der eigenen 
Dummheit geführt. Man wird sich erinnern, wie gerne Shakespeare in 
seiner Gestaltung konfliktreicher Situationen dieselben Mechanismen in 
ihrer Wirksamkeit gezeigt hat. Der Prinz Hamlet gebärdet sich so absurd 
in seinen Unterhaltungen mit Rosenkranz und Güldenstern sowie mit 
Polonius, um den Hofleuten ihre eigene Dummheit recht ad oculos zu 
demonstrieren. Man erkennt hier, wieviel Methode in diesem Wahnsinn 
liegt. Es ist auch kein Zufall, sondern psychologisch tief begründet, daß 
Hamlets Stimmung der des Melancholikers so häufig entspricht. 1 Ich hatte 
einigemal Gelegenheit, in der Kinderstube zu beobachten, daß Kinder sich 
so schlimm oder „närrisch" benehmen, um sich in dieser unkenntlich ge- 
wordenen Form über die Großen lustig zu machen. Man bemerkt dann 
wohl, falls das Treiben nicht zu toll wird, mit lächelnder Nachsicht, die 
Kleinen benehmen sich doch recht kindisch und ahnt nicht, wie sehr 
dieses Benehmen das Gehaben der Erwachsenen karikaturistisch darstellt. 2 
Was hier noch vorbewußt geschieht, wird langsam verdrängt werden und 
späterhin manchmal in der Art eines psychischen Automatismus wirken 
können. 3 

Das Beispiel eines jüdischen Witzes, das unserem, der Neurosenpsychologie 
entnommenen Falle analog ist: Moritz ist mit seinem Freunde beim Karten- 
spiel in heftigen Streit geraten und ruft diesem wütend zu: „Was kannst 
du schon sein für ä Mensch, wenn du dich hersetzt, Karten zu spielen mit 
ä Menschen, der sich hersetzt, Karten zu spielen mit ä Menschen wie du!" 
Lassen wir vorläufig die in diesem Satz enthaltene Aggression beiseite, so 
ergibt sich der Gedanke: du spielst mit einem unwürdigen Menschen 
Karten — das klingt eher wie die Äußerung eines Melancholikers als ein 
Witz. Der Witz kommt sozusagen durch Auflösung des für die Melancholie 



1) Wie man weiß, gehört das Drama zu Shakespeares persönlichsten und deut- 
lich genug klingt aus den Worten des Prinzen die tief schmerzliche Verstimmung, 
die um 1601 den Dichter beherrschte. 

2) Von hier aus mag die psychologisch noch nicht erkannte, latente Verbindung j 
die in Shakespeares Dramen zwischen dem Helden und dem Narren besteht, ein 
vertiefteres Verständnis erhalten. — Die Äußerung: „Be Kent unmanncrly, when Lear 
is mad" („Sei Kent nur ohne Sitte, wenn Lear verrückt." Lear I, 1, 147) liefert eine 
schöne Analogie zu dem oben geschilderten, eigenartigen Verhalten von Kindern. 

5) Die Vermutung liegt nahe, daß es sich in diesen seelischen Äußerungen um 
eine archaische Reaktion handelt. 



2!ur Psydiaanalyse des jüdischen \V1tsc5 73 



so kennzeichnenden psychischen Kernes zustande, d. h. dadurch, daß die 
Aggression wieder gegen das Objekt gewendet wird, dabei bleibt aber die 
Herabsetzung des Ichs erhalten. Ja, mehr als das: sie wird zum Mittel zur 
verstärkten Herabwürdigung des Objektes. ' Gerade durch die Rückwendung 
des Angriffes gegen das äußere Objekt und gegen das durch Objektidenti- 
fikation veränderte Ich wird der sonst verborgene psychische Mechanismus 
erkennbar. Der Vorgang ist also folgender: die Aggression gegen das äußere 
Objekt hat eingesetzt („was kannst du schon sein für ä Mensch"), ist dann 
gehemmt worden und hat sich gegen das Ich gekehrt, das nun beschimpft 
und gedemütigt wird, und nun lehnt sich dieses mißhandelte Ich auf und 
geht wieder zum Angriff gegen das Objekt über. Die ursprünglich inten- 
dierte Aggression wird gegen das Ich zurückgewendet, um das Objekt dann 
durch seine Verbindung mit diesem verächtlichen und verachteten Ich um 
so tiefer zu beschimpfen und zu demütigen. Das Ich hat die eigene Herab- 
setzung willig auf sich genommen, um darin das Objekt herabzusetzen wie 
in der Melancholie. Aber dieser Vorgang ist nicht wie in dieser Erkrankung 
dem Bewußtsein entzogen. Gerade dieser Witz stellt sich als glänzendes 
Beispiel der Wirksamkeit jener seelischen Mechanismen dar, die wir in der 
Entstehung des jüdischen Witzes und der Melancholie beobachten konnten. 
Wenn wir uns nicht mit der Witzfassade begnügen wollen, erkennen wir, 
was er sagen will. Die soziale Lage, in der sich die Juden alle befinden, 
die sie isoliert und aufeinander angewiesen sein läßt, verhindert die Ent- 
wicklung gegenseitiger sozialer Achtung und erklärt den Mangel an Respekt, 
den sie im Verkehr untereinander zeigen. 2 Hier aber erscheint für den Psy- 
chologen die latente Anklage gegen die Wirtsvölker, welche das jüdische 
Volk in so unmöglicher sozialer Einstellung festhalten. 3 Wir haben in 



1) Einen Witz, der durch die Wirkung desselben Mechanismus zustande kommt, 
erzählt Heinrich Heine („Briefe aus Berlin"). Er berichtet von den Redouten im 
Opernhause, die mitunter ein sehr gemischtes Publikum aufwiesen. „Je te connais, 
beau masque", rief dort eine als Fledermaus maskierte Dame einem jungen Manne zu. 
m Si tu me connais, ma belle, tu n'es pas grand chose", entgegnete der Angesprochene 
recht ungalant. 

2) Es ist dieselbe seelische Situation, die Nestroy einmal parodistisch auswertet: 
in der Hebbeltravestie „Judith und Holofernes" exerzieren die Juden innerhalb der 
Stadtmauern von Bethulien, das vom Feinde belagert wird. Der Unteroffizier kom- 
mandiert: „Habt acht!" Einer seiner Soldaten aber räsoniert: „Wie heißt: ,Habt 
acht'? Is' er mehr als wir? Is' nicht ein Jud wie der andere?" 

3) Für die Zwecke dieser Untersuchung bleibt es gleichgültig, daß dieses Fest- 
halten auch masochistisch mitgenossen und zur Befriedigung unbewußten Schuld- 
gefühles verwendet wurde. 



74 Tteodor Reik 



diesem Beispiel wie in vielen ähnlichen, das die Sitten der Juden geißelt, 
sozusagen eine Probe aufs Exempel: die Fehler der Juden werden in ihnen 
unbewußt ihren Peinigern zur Last gelegt. 

V 

Ist in dieser Deutung des letzterwähnten Witzes wirklich die Tiefe er- 
reicht? Sollte wirklich sein innerster Kern in der Meinung enthalten sein, 
daß kein Jude sich mehr dünken dürfe als der andere, solange sie an die 
gleiche Galeere geschmiedet sind? Und sollte es nur die Anklage gegen 
die Feinde und der Hohn über sie sein, was auf dem Grunde dieses Witzes 
und ähnlicher verborgen ist? Wer mit jenem „dritten Ohr" am Herzen des 
jüdischen Witzes horcht, der weiß: was hier klagt, anklagt und verstummt, 
gilt einem größeren Gegner. Wir schieben die Erledigung dieser Mahnung, 
die uns hier stört, auf und wenden uns einem dringenderen Einwände zu, 
der jetzt beantwortet werden will. 

Jener Witz zeigt nicht mehr alles von der Eigenheit der Melancholie, 
die den seelischen Konflikt mit dem Objekt im Ich austrägt. Hier ist es 
wieder zu einem Zwiespalt zwischen A und B, dem Ich und dem Objekt, 
gekommen. Aber dieser Unterschied berührt die von uns hervorgehobene 
Gemeinsamkeit, die sich nur auf ein bestimmtes Stück des seelischen Ab- 
laufes bezieht, eigentlich nicht. Es bleibt doch aufrecht, daß die der Me- 
lancholie eigenen seelischen Mechanismen auch in der Entstehung des 
jüdischen Witzes wirksam sind, wenn er auch von einem bestimmten 
Punkte an einen völlig anderen Weg einschlägt. Es wäre sicher unrichtig, 
anzunehmen, daß es in der Entstehung des jüdischen Witzes bei der Aggres- 
sion gegen das ins Ich aufgenommene Objekt bleiben muß. Oft genug 
kommt es von dort aus zum wirklichen, mehr oder minder deutlich aus- 
gesprochenen Angriff gegen den äußeren Feind und Bedränger. Hier zwei 
repräsentative Beispiele dieser Witzart: ein Ghettojude im Kaftan und mit 
Schläfenlocken steht betrachtend vor dem Wiener Denkmal des berühmten 
österreichischen Heerführers Feldmarschall Badetzky. Zwei Offiziere, die 
in der Nähe sind, beginnen, ihn zu verhöhnen, indem sie den jüdischen 
Jargon und die Sprechweise der Ostjuden nachahmen. Der Jude hört eine 
Zeitlang geduldig zu und sagt dann, auf das Standbild des siegreichen Feld- 
herrn zeigend: „Was machen Sie mir nach? Machen Sie dem da nach!" 
Das klingt wie eine Abfuhr und ist wohl ziemlich grobkörniger Art und 
nicht sehr geistreich. Was uns hier interessiert, ist, daß die Abwehr selbst 



Zur Psychoanalyse des jüJiscten Witzes yS 

zum Angriff wird, aber dabei wird noch immer die Erbärmlichkeit des 
Ichs festgehalten, mag auch die des Objektes noch so scharf kritisiert 
werden. Wenn dieser typische Zug hier nicht so stark zutage tritt wie in 
anderen jüdischen Witzen, welche eine so scharfe Selbstverhöhnung zeigen, 
so erklärt sich dies aus der besonderen Situation. Hier heißt es, einem von 
außen kommenden aktuellen Angriffe zu begegnen, eine Roheit abzuweisen; 
in jenen anderen Witzen ist es bereits zur Identifizierung mit dem Objekt 
gekommen. 

Unzweideutiger tritt in dem folgenden Beispiel, das ebenfalls wie die 
Abwehr eines Angriffes erscheint, das sonderbare Nebeneinander von Selbst- 
herabwürdigung und Verhöhnung des Anderen hervor. Ein Richter vernimmt 
einen als Zeugen vorgeladenen Juden: „Sie heißen?" — „Abraham Jontef- 
sohn." — „Wo geboren?" — „In Rzeszow." — „Beruf?" — „Altkleider- 
händler." — „Religion?" — „Ich hab' Ihnen gesagt, ich heiß' Abraham 
Jontefsohn, ich bin aus Rzeszow, ich handle mit alte Kleider — wer ich 
sein e Hussit. 

Hier wird deutlich, daß die Antwort des Juden die Dummheit des 
Richters verspotten will, aber noch in diesem Hohn schwingt die Selbst- 
verhöhnung mit. Die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion wird daraus 
geschlossen, daß der Zeuge einen für den Nichtisraeliten befremdlich oder 
gar komisch klingenden Namen trägt, aus einem elenden galizischen Orte 
stammt und einen sozial niedrig eingeschätzten Beruf hat. Wir würden 
sagen, der Richter war verpflichtet, jene Frage nach der Religion zu stellen, 
aber die sarkastische Antwort zeigt, daß diese Frage dem Zeugen als eine 
überflüssige erscheint, die selbst eine Verhöhnung enthält. Was ich an diesem 
Beispiel deutlich machen will, ist die interessante psychologische Tatsache, 
daß in der Witzbildung die eigene inferiore Situation ausgenützt wurde, 
um aus ihrer Erbärmlichkeit Kapital zu schlagen und daß die eigene 
Unterdrückung die treffendste Waffe für den Triumph über den Gegner 

liefert. 

Ich will die Gelegenheit benützen, um in der Untersuchung gerade dieses 
Beispieles zu zeigen, wie oberflächlich jede Deutung des jüdischen Witzes 
bleiben muß, die sich mit der Betrachtung seiner Fassade zufrieden gibt. 
Alexander Moszkowski, der diesen Witz anführt, weist darauf hin, daß 
die Logik in ihm wie im jüdischen Witz überhaupt eine hervorragende 
Rolle spielt (a. a. O. S. 11). Der Jude verstehe sich meisterhaft auf das 
Gedankenexperiment, kraft dessen konzentrische Gedankenkreise geschlagen 
werden, die sich immer weiter verengern, bis derjenige Begriff, auf den 



6 Vol. 15 



7" Theodor Reik 



es gerade ankommt, logisch fest umschnürt werde und in voller Eindeutig- 
keit herausspringe. An dem eben angeführten Witze werde klar erkennt- 
lich, „wie durch die sukzessive Verengung der logischen Begriffskreise ein 
Zentralbegriff auf das schärfste erfaßt wird". Die logischen Begriffskreise 
lassen sich nach Moszkowskis Ansicht nicht sachlicher und prägnanter ein- 
engen: „Es ist eine konzentrische Einengung, die den Zentralbegriff mit 
mathematischer Sicherheit erzwingt." Dies mag ein Stück Richtigkeit ent- 
halten, aber es erreicht nur den tiefsten Punkt der Oberfläche. Diese Deu- 
tung des Witzes hat sozusagen nur seine Schale beschrieben und seinen 
Kern unberührt gelassen. Denn es ist nicht eine kühle logische Deduktion, 
aus der unser stärkster Lustgewinn beim Hören des Witzes stammt. Diese 
Denklust ist sicherlich auch da, aber sie hat den Charakter der Vorlust, die 
tiefere Quellen der Lustentbindung verdeckt. Vergleichen wir unsere Lust 
an diesem Witze etwa mit dem Vergnügen, das uns die elegante Lösung 
eines schwierigen mathematischen Problems bereitet, so erkennen wir leicht, 
von wie verschiedener Art die Befriedigung ist. Jene „konzentrische Ein- 
kreisung", die „den Zentralbegriff mit mathematischer Sicherheit erzwingt", 
ist auch in den Sätzen der Ethik Spinozas enthalten, aber der Genuß, 
den wir beim Überprüfen jenes Systems von Definitionen, Axiomen, Pro- 
positionen, Demonstrationen, Korollarien und Scholien empfinden, ist doch 
wesentlich verschieden von dem beim Hören dieses Witzes. Es ist klar, daß 
erst die affektiven Voraussetzungen des Witzes jene tiefere Lustentwicklung 
bewirken. Gewiß, es macht uns Vergnügen, zu erkennen, wie der Zeuge 
dem Richter zeigt, daß sich jener Schluß auf die Religionszugehörigkeit 
zwingend aus den bekannten Prämissen ergibt, aber verändern wir die 
Situation nur ein wenig, etwa in der Form: „Ist es wahrscheinlich, daß 
ein Mann, der Abraham Jontefsohn heißt, aus Rzeszow stammt und mit 
alten Kleidern handelt, der hussitischen Sekte angehört?" so ist alle Witz- 
lust verschwunden. Die Antwort des Juden soll gewiß die Dummheit des 
Richters bloßstellen, aber sie soll nicht nur dessen Dummheit bloßstellen. 
Die spezifische Lust dieses Witzes, die durch die Vorlust an dem logischen 
Vorgang verdeckt wird, liegt eben in der Aufhebung jenes Hemmungs- 
aufwandes, der sonst gegenüber der obrigkeitlichen Autorität notwendig ist. 
Wir identifizieren uns mit dem Zeugen, verstehen etwa durch den Ton 
der Frage, daß er darin eine Verhöhnung zu fühlen glaubt, und genießen 
mit ihm — und tiefer noch als er — die Befriedigung, die sich aus der 
eigenen hohnvollen Antwort ergibt. Die imaginierte Folgerung, die er den 
Richter ziehen läßt, ist von so bizarrer Unwahrscheinlichkeit („wer ich sein 



Zur PsyAoanalyse des jüdiidieu W ttses 77 

e Hussit"), daß wir lachen müssen, aber der logische Prozeß ist wahrhaftig 
nicht allein für unser Lachen verantwortlich. Der tiefere psychische Grund 
unseres Lachens ist vielmehr, daß wir im Inhalt und in der Form dieser 
Replik den Ausdruck einer befreienden Feindseligkeit sehen, welche die 
adäquate Rache für einen Angriff darstellt. Einer anderen, nur die logische 
Fassade berücksichtigenden Betrachtungsweise, welche die unbewußten Pro- 
zesse nicht beachtet, entgleitet gerade das tief Wesenhafte des Witzes. Viel- 
leicht ist das folgende Beispiel, das ein kurzes Gespräch wiedergibt, noch 
besser geeignet, an ihm die Betrachtung der logischen Außenseite der psycho- 
logischen Würdigung des Gehaltes gegenüberzustellen: „Sagen Sie, Herr 
Fleckseif, ist das wahr, was man erzählt? Wie Sie gewesen sind vorigen 
Monat in Krotoschin, haben Sie gekriegt auf offener Straße zwei Patsch?" 
Der Befragte achselzuckend: „Spaß — Krotoschin, auch ä Platz!" Wie 
Moszkowski (a. a. O. S. 28) richtig bemerkt, ist hier „die Wichtigkeit eines 
Ereignisses von der örtlichkeit abhängig gemacht, dergestalt, daß die Be- 
stimmungsmerkmale des Vorganges auf die Ortschaft überpflanzt werden". 
Wirklich bewegt sich hier der Gedanke sprunghaft, „um die einzige Asso- 
ziation zu gewinnen, die dem Beteiligten in der Bedrängnis einen Vorteil 
verspricht". Aber erschöpft es die Tiefe dieses Witzes, wenn gesagt wird, die 
ganze Peinlichkeit des Erlebnisses „verschwindet vor der übergeordneten 
Vorstellung, daß der Ort als Geschäftsplatz nicht in Betracht kommt" ? Mir 
scheint, daß damit nur die Vorstufe der Lustwirkung des Witzes umschrieben 
wird. Ist nicht vielmehr die tiefere Lust darin bedingt, daß wir uns unbe- 
wußt mit dem armen Geprügelten, der zu schwach oder zu verängstigt 
war, sich zur Wehr zu setzen, identifizieren und nun mit ihm in der Herab- 
setzung des Ortes und seiner Bewohner Rache nehmen? Ist nicht das Spezi- 
fische der Witzwirkung eher darin zu sehen, daß wir das Typische dieser 
Reaktion bei den Juden vorbewußt erkennen und verstehen, daß die einzige 
Waffe, die ihnen gegenüber der Brutalität einer übermächtigen Umwelt zu 
Gebote stand, deren tiefste Verachtung war, die sie über die Roheiten des 
Mobs trösten konnte? Es ist gewiß zuzugestehen, daß es unter den jüdischen 
Witzen zahlreiche gibt, in deren Inhalt wirklich der Logik eine besondere 
Bedeutung zukommt. Wir erinnern uns etwa jenes langen logischen Um- 
weges, den der Witz einen Rabbi machen läßt, der seine Brille vermißt: 
wie der Verlustträger, der sich eine Reihe von scharfsinnigen Fragen nach 
dem gegenwärtigen Besitzer der Brille vorlegt und sie ebenso scharfsinnig 
beantwortet, immer unter strenger Anwendung des logischen Prinzips des 
ausgeschlossenen Dritten zu der Folgerung gelangt, er müsse die Brille auf 



7^ Theodor Reik 



der Nase haben. 1 Aber auch in diesen und ähnlichen Beispielen kann es 
nicht der Triumph der Logik, nicht der Sieg des Scharfsinnes sein, an dem 
allein die Witzeslust des Hörers hängt, sondern wir lachen vorerst über den 
großen Aufwand intellektueller Art und dann darüber, was er verborgen 
bedeutet. Denken wir an das eben erwähnte Beispiel und fassen wir nur 
diese übermäßige Denkenergie selbst ins Auge, so ergibt sich der Eindruck 
des Komischen. Es würde sich demnach um eine kleine Geschichte handeln, 
deren Komik darin liegt, daß ein großer gedanklicher Aufwand vertan ist, 
um zu einem Resultat zu gelangen, das man durch Wahrnehmung oder 
auf einem viel kürzeren Gedankenwege hätte erreichen können. Es ist nicht 
unmöglich, daß diese Geschichte vom überklugen Rabbi schon nach wenigen 
Generationen wirklich nur mehr einen komischen Eindruck machen wird, 
und doch erklärbar, warum sie uns noch witzig scheint. 2 Wir verstehen, 
daß der Rabbi diese typische Art der Schlußfolgerung, die er beim Suchen 
der Brille verwendet, den Besonderheiten des Talmudstudiums entlehnt hat, 
an die er gewöhnt ist. Wir fühlen, daß hinter der komischen Fassade Ver- 
borgeneres zum Ausdruck drängt: der Spott über die ungeheure gedank- 
liche Verschwendung, die in jenem Talmudstudium, seinen logischen Finessen 
und Spitzfindigkeiten enthalten ist. Die Argumentation beim Suchen der 
Brille unterscheidet sich in ihrer Art nicht von den ausgebreiteten Dis- 
kussionen, ob man ein Ei, das ein Huhn am Samstag gelegt hat, essen, 
einen Span im Hofe aufheben dürfe und von der dialektisch-logischen Be- 



1) Die Kette seiner Schlußfolgerungen lautet (in der Verkürzung) etwa so: „As 
(da) die Brill' is nix da, is se entweder weggela(u)fen oder es hat se aner genommen. 
Lächerlich, wie kann se sein weggela(u)fen, se hat doch keine Fuß'? As se hat aner 
weggenommen, hat se entweder aner weggenommen, der hot e Brill' oder es hat se 
aner weggenommen, der hot ka Brill'. Wenn er scho hot e Brill', nemmt er doch 
ka Brill'? As es is gewesen aner, der hat ka Brill', is es entweder aner gewesen, der 
hot e Brill' und seht (sieht) oder es is aner gewesen, der hot e Brill' und seht nix. 
As er hot ka Brill' und seht, was brauch' er do e Brill'? Es is also aner gewesen, 
der hot ka Brill' und seht nix. As es is gewesen aner, der hot ka Brill' und seht nix, 
kann er doch nix finden die Brill'? As se hot kaner weggenommen, der hot e Brill' 
und seht und es hat se kaner weggenommen, der hot ka Brill' und seht nix, as se 
is nix weggela(u)fen, weil se hot kane Fuß', muß doch die Brill' sein do! Ich seh' 
aber doch, se is nix do! Ich seh'?? Also hab' ich doch e Brill'!!! As ich hob e Brill', 
is se entweder mei' Brill' oder e fremde Brill'! Wie kommt aber e fremde Brill' auf 
mei' Nos! As ich hob ka fremde Brill' is es mei' Brill'! Do is seü!" (Freundliche 
Mitteilung von Dr. Hans Sachs) 

2) Es sei vermerkt, daß die kleine Geschichte manchen Zuhörern auch jetzt nur 
noch komisch erscheint — und manchen nicht einmal komisch. Das subjektive Moment 
spielt hier eine entscheidendere Rolle als anderswo. 



Zur Psychoanalyse de« jüdischen YVitzes 79 

handlung ähnlicher Themen. 1 Jenes Studium, dessen typische Denkmethoden 
der Rabbiner hier anwendet, galt Gegenständen, die für das Judentum, seine 
Religion und Kultur einmal von höchster Bedeutung waren und die für 
uns und die Welt, in der wir leben, zumeist nur von geringer Wichtigkeit 
geworden sind. Auch hier lachen wir also aus erspartem Hemmungsauf- 
wand; wir überwinden den Respekt, den wir sonst für geistige Leistungen 
haben, angesichts der Belanglosigkeit der Gegenstände, zu deren Behand- 
lung sie aufgeboten wurden. Auch hier wird es aber erkennbar, wie in der 
Selbstverhöhnung, welche der jüdische Witz enthält, das ins Ich aufge- 
nommene Objekt verspottet wird. Auch diese witzige Geschichte hat eine 
verborgene Spitze gegen die Fremden, die ihre verständnislosen Angriffe 
gegen die religiöse und gesetzkundliche Literatur und Tradition der Juden 
richten und keine Ahnung davon haben, wie viele und wie tiefe Werte 
in ihr stecken und wie starke Spuren sie im Denken und Fühlen des Volkes 
zurückgelassen hat. Es ist, als wolle das Geschichtchen sagen: Ihr habt viel- 
leicht Recht, dieses ganze Studium ist unzeitgemäß und überflüssig; es 
stellt eine unnütze und lächerliche Gedankenverschwendung dar, aber ver- 
steht ihr auch, welche strenge Schule des Denkens, der sprachlichen und 
logischen Präzision das ist? Die Respektlosigkeit, mit der in dieser witzigen 
Anekdote die talmudische Dialektik behandelt wird, ist nicht unvereinbar 
mit einem großen, verborgenen Stolz auf ihre Trefflichkeit und ihre von 
den Außenstehenden unverstandenen Vorzüge. Wir erkennen auch hier wieder 
jene seelischen Mechanismen, die wir so häufig im Witz der Juden finden. 
Auch hier steckt in der Selbstverhöhnung ein latenter Ausdruck des Spottes 
gegen die anderen. Die Analyse dieser Witze nötigt uns aber dazu, zwei 
Ergänzungen oder Korrekturen an unseren Aufstellungen anzubringen. Die 
erste wird sich darauf beziehen, daß jene Aufnahme des Objekts ins Ich 
und der folgende Angriff gegen das Ich durch eine Gefühlskonstellation 
unterstützt wird, die sich zwischen Haß und Liebe, Achtung und Verachtung 
bewegt und die in der Psychoanalyse als ambivalent bezeichnet wird. 2 Wir 
haben eben gesehen, daß die Juden selbst den dialektischen Methoden des 
Talmudstudiums mit so zwiespältigen Gefühlen, einer mit Stolz vermengten 



1) Über die psychologischen Voraussetzungen, Triebgrundlagen und Motive dieser 
Spekulationen vgl. mein Buch „Dogma und Zwangsidee". Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag, Wien 1937. 

2) Dieses Moment wurde besonders von Sandor Radö in der analytischen Auf- 
klärung der melancholischen Affektion hervorgehoben („Das Problem der Melancholie". 
Internationale Zeilschrift für Psychoanalyse, Bd. XIII, 1927). 



8o Tbeodor ReLk 



Minderschätzung begegnen. Wie so häufig im jüdischen Witz wird auch 
hier die unterirdische Verbindung der eigenen, scharf kritisierten Fehler mit 
den Vorzügen der Juden in unausgesprochener, doch deutlicher Genugtuung 
hergestellt. Die zweite Berichtigung ergibt sich aus der Einsicht, daß in 
Witzen dieser Art nicht mehr der einzelne Jude oder das jüdische Volk in 
seiner Gesamtheit mit allen seinen Eigenheiten als Angriffsobjekt erscheint, 
sondern eine religiöse Institution, wie z. B. hier das heilige Studium der 
Juden. Dieser neue Gesichtspunkt führt uns willkommenermaßen zu einer 
Erörterung zurück, die wir früher aufgeschoben haben. 

VI 

Es wäre nicht richtig, zu behaupten, daß sich jene seelischen Prozesse, 
welche die Psychoanalyse in der Genese der melancholischen Verstimmung 
aufgedeckt hat, regelmäßig auf den Verlust eines realen Objektes zurück- 
führen lassen. Man beobachtet nicht selten Fälle, in denen sich dieselben 
psychischen Reaktionen einstellen, wenn das Ich sich gezwungen fühlt, eine 
abstrakte Idee, man darf oft sagen: ein Ideal aufzugeben. Es besteht für 
die analytische Beobachtung kein Zweifel mehr daran, daß die Menschen 
auch am Verlust eines Ideals, an der Vernichtung einer hochgeschätzten Vor- 
stellung seelisch erkranken können. Es gibt genug Beispiele, — und unsere 
Zeit kennt sie, — die beweisen, daß die Niederlage einer Nation, der Zu- 
sammenbruch von als sakrosankt angesehenen Einrichtungen, der Untergang 
verehrter Institutionen manche Menschen jener tiefen Verstimmung verfallen 
lassen. Derselbe Fall kann sich ergeben, wenn dem Einzelnen eine bedeut- 
same nationale oder religiöse Idee plötzlich zur Gänze entwertet wird und 
ins Wesenlose entgleitet. 

Der jüdische Witz, der den Erscheinungen der Melancholie phänomeno- 
logisch so ferne steht, wird manchmal dieselben seelischen Voraussetzungen 
in seiner Entstehung erkennen lassen. Ich denke an Witze, wie etwa den 
folgenden: der alte Mendel Dalles liegt im Sterben und nimmt Abschied 
von seinen Kindern, die sich um sein Bett versammelt haben: „Kinderlach, 
mei' ganzes Leben hab' ich gedarbt und gespart und hab' mir nicht das 
kleinste Vergnügen gegönnt. Ich hab' mich immer getröstet und mir ge- 
sagt: in jenner Welt drüben werd' ich dafür reine Freude erleben. Lachen 
möcht' ich, wenn drüben auch nix war! 

Ist dies ein Witz, ein Witz nur, ein loses, glänzendes, verrauschendes 
Spiel mit Worten und Gedanken, nichts mehr? Ist nicht, was hier zum 



Zur Psyttoanalyse de* i'v J i • dirn "Witzes 81 



Lachen zwingt, dasselbe Gefühl, das uns, wäre sein Ausdruck nur wenig 
verschieden, im Tiefsten erschüttern und Tränen in unsere Augen treiben 
würde? Was der Arme und immer Darbende hier am Ausgang in das große 
Nichts ausspricht, ist es nur komisch? Nein, es ist eher tragikomisch, da 
es den großen Unbekannten über den Wolken angeklagt, der nur immer 
Opfer, Verzichte, Entbehrungen fordert und dafür nur Versprechungen auf 
ein besseres Jenseits geben kann, deren Einlösung überaus ungewiß ist. Der 
Witz spricht nun, indem er das mannigfache Elend der Juden schildert 
diesen Protest gegen einen überstrengen Gott und gegen die von ihm ge- 
gebenen Moralgebote, die den Lebensgenuß empfindlich einschränken in 
verborgener Art aus. Die Selbstanklagen enthüllen sich als Vorwürfe, die 
hier lachend gegen denselben Himmel gerichtet werden, gegen den sie 
einst schrien. Noch in der Selbstherabsetzung lebt der geheime Aufruhr 
gegen die Mächte, die den Armen ins Leben hineinstoßen und ihn schuldig 
werden lassen. Gott ist hier ins Ich aufgenommen und aller Hohn und 
alle Erbitterung gegen das Ich gilt eigentlich ihm, der sein auserwähltes 
Volk so schwer enttäuscht hat. Hier wird noch im schmerzhaften Lachen 
der Kreatur der Schöpfer vor jenes jüngste Gericht zitiert, vor dem er von 
seinen Geschöpfen angeklagt wird. 1 

Haben wir uns nicht zu weit vorgewagt? Wir haben versucht, eine 
Analogie zwischen der seelischen Situation, aus der die Melancholie erwächst, 
und derjenigen, welche dem Entstehen des jüdischen Witzes zugrunde liegt, 
zu verfolgen, und waren darauf vorbereitet, daß dieser Vergleich uns nur 
ein Stück weit führen kann. Wir haben nicht aus den Augen verloren, daß 
es sich bei einem derartigen Versuch nur um einige gemeinsame Züge handeln 
kann, die zwischen einem pathologischen Phänomen und einer Alltags- 
erscheinung bestehen. Wir haben doch, meine ich, eine Ahnung davon er- 
halten, aus welchen Tiefen sich die Heiterkeit des jüdischen Witzes erhebt 
und aus welchen Abgründen er seine Resonanz erhält. 

Drängender als andere Fragen wird nun die eine: wieso aus der so ge- 
kennzeichneten Stimmung ein Witz entstehen, die Schwermut in jene eigen- 

1) Die fanatische Liebe zu Gott und die tiefe Frömmigkeit der Juden schließt so 
heftige Tendenzen revolutionärer und haßerfüllter Art, welche im Unbewußten wirken, 
nicht aus, sondern ein. Von der Frühzeit dieses „halsstarrigen" Volkes an bis zur 
jüngsten chassidischen Dichtung („Gott. Gott ist bankrott" in L. Perez' „Die Nacht 
auf dem alten Markte") versucht die unterirdische Rebellion immer wieder durchzu- 
brechen. Über diese verborgene Ambivalenz der Juden gegen ihren Gott vgl. meine 
Bücher: „Das Ritual", 2. Aufl., 1928, „Der eigene und der fremde Gott", 1923, und 
„Dogma und Zwangsidee", 1927. 



8» Tbeodor Reik 



artige Heiterkeit umschlagen könne. Man hat uns oft gesagt, es gebe einen 
Humor, der unter Tränen lächle. Hier haben wir es nicht mit dem Humor 
zu tun, der offenbar anderen seelischen Zielen zustrebt, sondern mit dem 
Witz, der einen Spezialfall des Komischen darstellt und eine gesonderte 
Behandlung verdient. Kehren wir wieder zur psychologischen Analyse des 
letzterwähnten Witzes zurück. Wir würden erwarten, daß der Sterbende,' 
dem plötzlich die Einsicht dämmert, daß er sein Leben einer Chimäre 
geopfert hat und der jetzt zu spät erkennt, daß er sich von leeren Hoff- 
nungen hatte narren lassen, einer schweren Depression verfällt. An Stelle 
dieser zu erwartenden Verstimmung erscheint im Witz anscheinend der 
Ausdruck einer gegensätzlichen Stimmung. Haben wir nicht gedacht, er 
müsse nun, da ihm der wahre Sachverhalt erkennbar wird, verzweifeln 
und schluchzen? Er sagt aber: „Lachen möcht' ich, wenn drüben auch 
nix wärl" Versuchen wir zuerst allgemein, die Lustwirkung aus diesem 
Witze psychologisch zu erfassen, so ergibt sich, daß auch sie aus zwei 
Quellen fließt. Sie stammt vorerst aus erspartem Gefühlsaufwand, denn wir 
wollten gerade den Armen bedauern und bemitleiden, wir waren im Be- 
griff, Anteil an seinen tief schmerzlichen Gefühlen zu nehmen, da bewirkt 
der letzie Satz, den er spricht, daß der bereits vorbereitete Gefühlsaufwand 
als überflüssig erkannt wird und erspart werden kann. Aber diese Ersparnis 
verdeckt eine andere; denn auch der Hemmungsaufwand, der zur Aufrecht- 
erhaltung der Ehrfurcht und der Gläubigkeit gegen die Gottheit und die 
von ihr geheiligten Vorstellungen notwendig ist und sie gegen die Aggression 
schützt, wird als überflüssig erspart. Indem in diesem: „Lachen möcht' ich . . . 
das Ich als lächerlich vertrauensselig und leichtgläubig verspottet wird, wird 
auch die Gottheit, die solche nichtige Versprechungen macht, der Lächer- 
lichkeit preisgegeben. Was der Sterbende äußert, klingt wie eine Art Schaden- 
freude über sich selbst und das scheint zuerst paradox, aber wir wissen jetzt 
aus unserer analytischen Erörterung, daß diese Schadenfreude eigentlich dem 
ins Ich aufgenommenen Objekt gilt. 

Vergleichen wir unseren Witz mit jener im wörtlichsten Sinne galgen- 
humoristischen Äußerung des Delinquenten, der am Montag zur Hinrich- 
tung geführt wird: „Na, die Woche fängt gut an", so werden wir leicht 
erkennen, welche Differenz sich aus der psychologischen Würdigung beider 
Äußerungen ergibt. In dem Falle des Verbrechers wird ein Humor ent- 
wickelt, der die seelische Genugtuung auf Kosten des Ichs erringt. Freud 
hat gezeigt, daß der Lustgewinn hier daher stammt, daß die Entbindung 
von Affekten, zu denen sonst die Situation Anlaß geben würde, erspart 



Zur Psychoanalyse des jüdischen Witzes 83 

wird. Das Großartige dieses Humors liegt darin, daß in ihm das Ich über 
alle Bedrohungen der Außenwelt triumphiert. Mehr als dies: alles das, was 
die Außenwelt ihm an schrecklichen, gefährlichen, lebensschädigenden 
Aspekten zeigt, wird ihm nur zum Anlaß zum Lustgewinn. Diese humo- 
ristische Einstellung, welche das Leid entwertet und das Ich als unübei- 
windbar triumphieren läßt, ist sicherlich beiden Äußerungen, der des ster- 
benden Familienvaters und des Verbrechers, gemeinsam. Beide sind also 
humoristisch, aber die des Enttäuschten hat nicht jene großartige Freiheit 
und Unbekümmertheit, welche den Ausspruch des Delinquenten auszeichnet; 
sie ist nicht nur komisch, sondern auch witzig. Freud hat erkannt, daß 
sich die humoristische Person gegen das Ich in der eigenen prekären 
Situation so benimmt wie der Erwachsene gegen das Kind, indem er die 
Interessen und Leiden, die diesem groß erscheinen, in ihrer Nichtigkeit 
erkennt und belächelt.' Auch diese Gemeinsamkeit ist bei beiden Äuße- 
rungen vorhanden, aber das Diktum des Juden enthält etwas mehr oder 
weniger, wenn man will : es spielt ebenfalls mit dem eigenen Ich, löst 
die Wichtigkeit seiner Interessen in wesenlosem Scheine auf, aber es stellt 
den so gewonnenen Lustgewinn in den Dienst der Aggression. Es ist, als 
wolle der Witz sagen: gewiß, ich bin dumm und lächerlich vertrauens- 
selig, daß ich solche Versprechungen über die Kompensation im Jenseits 
geglaubt habe. Aber damit ist nicht die tiefste Schichte des Witzes erreicht, 
eine solche Einstellung wäre nur humoristisch. Das Witzige darin entstammt 
eben dem Angriff gegen die Gottheit, die solchen Glauben beansprucht 
und von ihren Verehrern dafür Opfer und Entbehrungen verlangt. Es ist 
also die Einstellung zum Ich in beiden verwandten Situationen eine ähn- 
liche: aber dieses Ich ist in dem Falle des Verbrechers ein einheitliches, 
fast möchte man sagen harmonisches, in dem des Juden ein durch Identi- 
fizierung mit dem Objekt verändertes, entzweites. 2 Das Spiel mit dem Ich und 
seinen für wichtig gehaltenen Interessen läßt sich ebenfalls bei beiden Fällen 
feststellen ; aber in dem einen Falle hat es eine rein humoristische, im anderen 
eine witzige Wirkung. Der Unterschied rührt daher, daß bei jenem Ver- 
brecher die Freude bei diesem Spiel im Vordergrunde steht, bei dem Juden 



1) Der Humor. Ges. Schriften, Bd. XL 

2) Man vergleiche, um die psychischen Unterschiede zu erkennen, jene galgen- 
humoristische Bemerkung des Delinquenten mit einem jüdischen Sprichwort: „Hab 
ich a Mädel, hab ich ka Bett; hab ich a Bett, hab ich ka Mädel" — ein Ausspruch, 
in dem die Tragikomik der sexuellen Not tiefer erfaßt wird als in den meisten 
psycho logisierenden Romanen und in einer Unzahl von Werken über das Sexual- 
problem. 



84 Theodor Reik 



die Schadenfreude, in der noch die Objektbeziehung ihre volle Stärke ver- 
rät. Das Ich der Beiden verhält sich zur eigenen Vernichtung ähnlich, aber 
die tragische Grundstimmung, aus der die beiden Äußerungen stammen 
und zu deren Überwindung sie dienen, ist doch verschieden in ihren psy- 
chischen Inhalten. In dem einen Falle wird die Aufhebung des Ichs als 
solche willkommen geheißen, im anderen auch deshalb, weil das Objekt 
damit zerstört wird. Der Untergehende schöpft hier Trost aus der Gewiß- 
heit, daß es nun bald mit allem Leid ein Ende hat, dort aus derselben 
Sicherheit, aber auch aus der Befriedigung darüber, daß das Objekt, welches 
für solches Leid verantwortlich zu machen ist, zu gleicher Zeit untergeht. 
Es ist also nicht die ernste Situation, die tragische Grundstimmung, 
welche dem jüdischen Witz seinen besonderen Charakter verleiht. Das Bei- 
spiel jenes Delinquenten und seiner Äußerung zeigt, daß aus so verzweifelter 
Lage auch reine Heiterkeit entspringen kann. Die latente Aggression des 
jüdischen Witzes, die dem melancholischen Wüten gegen das Ich nahe- 
steht, trennt den Galgenhumor, den jener Verurteilte entwickelt, von der 
besonderen seelischen Einstellung, aus der der jüdische Witz stammt. 1 An 
diesem Punkte aber erhebt sich wieder die Frage, ob der Vergleich des 
jüdischen Witzes mit den Phänomenen der melancholischen Verstimmung 
wirklich so fruchtbar war, als er uns zuerst schien. Wir haben am Bei- 
spiele jener komischen Äußerung des Verbrechers erkannt, daß das Ich 
sich aus der düstersten Situation zur Heiterkeit erheben kann, ja sogar aus 
ihr selbst einen Anlaß zur Lustentwicklung finden kann, aber dieser psy- 
chische Prozeß entspricht der Entstehung des Humors, nicht der des Witzes. 
Wenn der Sterbende spricht: „Lachen möcht' ich, wenn drüben auch nix 
war!" so liegt die Frage nahe: ward' je in solcher Laun' ein Witz gemacht? 



VII 

Das Lachen ist als solches keineswegs immer Zeichen einer verspürten 
Lust intellektueller Art. Wir lernen in der Analyse eine Art Lachen kennen, 
das sich einstellt, wenn ein Stück Verdrängtes plötzlich wiedererkannt wird, 
wir wissen von Fällen von Zwangslachen, das viele Nervöse bei Trauerfällen 

1) Hier ein Beispiel, das diesen psychologischen Sachverhalt noch klarer erkennen 
laßt: ein Jude wird in der Schlacht schwer verwundet. Ein bekehrungsfreudiger 
Pfarrer kommt zu dem Sterbenden und hält ihm das Kruzifix entgegen : „Wissen Sie, 
was das bedeutet?" — „Ich hab' a Kugel im Bauch, gibt er mir Rebus auf!" Die 
Lustwirkung ist hier deutlich an den Angriff gegen die christliche Religion geknüpft. 



Zur Psychoanalyse des jüdischen Wiljes 85 

überkommt. Es gibt auch ein Lachen der Verzweiflung, ein bitteres, 
höhnisches, ein schmerzliches Lachen. Nichts berechtigt uns, anzunehmen, 
daß jenes „Lachen möcht' ich . . .", das der Sterbende spricht, einen Ausdruck 
der Heiterkeit bedeuten müsse. Wenn es aber ein solcher Ausdruck wäre, 
so wäre diese Heiterkeit selbst von besonderer, sozusagen schmerzgetränkter 
Art, schwer von einer großen Traurigkeit. 

Es gibt nun innerhalb der melancholischen Erkrankung in vielen Fällen 
eine bestimmte seelische Entwicklungsphase, die uns erlaubt, unsere Ana- 
logie noch um ein kleines Stück weiterzuführen. Es ist vielleicht möglich, 
von dort aus ein vertierteres Verständnis für das Umschlagen von Depression 
in heitere Stimmung zu erhalten. 

Eine große Anzahl der an Melancholie Erkrankten weist einen besonders 
merkwürdigen seelischen Zustand auf, der ebenfalls durch die Psycho- 
analyse seine Aufklärung gefunden hat. Es ist die Umkehrung der melancho- 
lischen Einstellung in den symptomatisch gegensätzlichen Zustand der 
Manie, einer freudigen oder übermütigen, selbstbewußten Erregung. Man 
könnte von einem Wechsel von trauriger und heiterer Verstimmung sprechen. 
Häufig folgen Melancholie und Manie regelmäßig, oft von kurzen Inter- 
vallen des Gesundseins unterbrochen, aufeinander wie im manisch-depressiven 
Irresein; manche Fälle wieder verlaufen in periodischen Rezidiven, die wenig 
manische Phasen unterscheiden lassen, andere weisen das Bild von Misch- 
zuständen auf. Die Stimmungen in der Manie reichen von der Linie einer 
besonders gehobenen, still vergnügten Laune oder behaglicher Heiterkeit bis 
zum Gefühl überströmender Kraft und ausgelassener Lustigkeit. Ist in der 
Melancholie der Gedankenablauf gehemmt, so ist in der Manie das gegen- 
sätzliche Symptom des raschen Wechsels der Bewußtseinsinhalte, der Ideen- 
flucht, konstatierbar. Der Kranke spielt mit seinen Vorstellungen, gleitet 
rasch von der einen zur anderen, ist zu Scherz und Witz gelaunt. Der 
logische Zwang erscheint ebenso aufgehoben wie die Rücksicht auf den 
Wortsinn, der gegenüber dem Wortklang in ähnlicher Art wie im Witz 
zurücktritt. Es war in den meisten Fällen ebensowenig verständlich, warum 
der Patient einer traurigen wie einer heiteren Verstimmung verfiel. Freud 
hat gezeigt, daß die Manie denselben seelischen Inhalt hat wie die Melancholie, 
daß der Kranke in beiden gegensätzlichen Zuständen mit denselben seeli- 
schen Konflikten ringt. In der Melancholie ist das Ich diesem Komplex 
erlegen, in der Manie hat es ihn bewältigt. Die gehobene Stimmung, der 
freudige Affekt, das große Selbstbewußtsein des Manischen bezeugen deutlich 
einen solchen Triumph über das Objekt, eine solche Bewältigung eines über- 



S6 Theodor Reik 



mäßigen seelischen Druckes. Es bleibt auch in der Manie dem Bewußtsein 
des Ichs entzogen, was es überwunden hat, worüber es triumphiert. Der 
Manische zeigt uns also die Befreiung von dem Objekt, an dessen Verlust 
er solange gelitten hat, durch seine Hemmungslosigkeit, seine Bewegungs- 
und Redefreude, seinen libidinösen Heißhunger, der sich neuer Objekte 
bemächtigen will. Eine ökonomische Bedingtheit des Affektablaufes ist in 
diesem Wechsel von Melancholie und Manie unverkennbar: ein großer 
psychischer Aufwand, den das Ich lange unterhalten hat, ist überflüssig 
geworden. Es ergibt sich also eine Ersparung von seelischem Aufwand und 
die bisher unterdrückten Regungen gewinnen wieder Freiheit und Raum. 
Das Ich hat sich lange genug die Tyrannei jenes Über-Ichs gefallen lassen 
und lehnt sich nun gegen die Mißhandlung auf, die es solange getragen 
hat. Das Ich und das Ichideal des Manischen, früher so tief entzweit, sind 
wieder zusammengeflossen. 

Der jüdische Witz zeigt nun in ausgeprägter Form einen ähnlichen 
Vorgang seelischer Art en miniature; er entspringt aus diesem dynamischen 
Wechsel der psychischen Energiebesetzung, aus der Befreiung des Ichs von 
der grausamen Unterdrückung, unter der es lange gestanden hat. In der 
Melancholie kommt es, wie Freud gezeigt hat, zu einer Reihe von seeli- 
schen Einzelkämpfen, die sich zwischen demütiger Unterwerfung und Be- 
freiungsbestrebungen jenem Ichideal gegenüber bewegen. Es ist nun so, daß 
man das Zustandekommen des jüdischen Witzes mit einem Wechsel von 
Melancholie und Manie, der in einem Augenblick vor sich geht, vergleichen 
kann. Für die Dauer von Sekunden hat sich jener psychische Konflikt, der 
sich vom Ich unbemerkt und unverstanden in seinen Tiefen abspielt, zu- 
gunsten des Ichs entschieden und die unterdrückten Regungen brechen 
durch die schweren Hemmungsschichten, 

Ist aber, was hier geschildert wurde, nicht der Boden, aus dem der Witz 
überhaupt entspringt, ist der hier gekennzeichnete Prozeß nicht ein typischer, 
der aller Witzbildung zugrunde liegt?' Gewiß; man kann wirklich sagen, 
die unbewußte Witzarbeit bewege sich in den seelischen Bahnen, die in 
dem Wechsel von Melancholie und Manie am klarsten erkennbar werden. 
Es kann sich also in der Genese des jüdischen Witzes nur um Verstärkungen 
einiger Züge, Hervortreten einiger Besonderheiten innerhalb der allgemeinen, 

1) Daß der Lnstaffekt der Manie sich aus denselben Quellen ableiten läßt wie die 
Witzeslust, hat Karl Abraham zuerst ausgesprochen. (Ansätze zur psychoanalytischen 
Erforschung und Behandlung des manisch-depressiven Irreseins und verwandter Zu- 
stände in „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse" 1921, S. 106 f.) 



Zur Psychoanalyse des jüdischen Witzes 87 

für den Witz geltenden seelischen Prozesse handeln. Es erscheint am an- 
gemessensten, diese Variationen mit den individuellen Verschiedenheiten 
die innerhalb der Breite der melancholischen und manischen Erkrankungen 
Raum haben, zu vergleichen. Es gibt dort auch Mischzustände, die ein 
besonderes Mengungsverhältnis von melancholischen und manischen Ele- 
menten zeigen. Der Fall, daß ein leichter manischer Nachschlag auf eine 
Depression folgt, ist z. B. so häufig, daß die ältere Psychiatrie noch von 
einer „reaktiven Manie gesprochen hat. Ebenso häufig ist der plötzliche 
Wechsel, so daß ein Kranker, der traurig und gehemmt war, durch eine 
blitzschnell auftauchende Vorstellung plötzlich übermütig wird usw. Wie 
es also innerhalb der Melancholie und der Manie ungezählte und auffällige 
Nuancen gibt, so werden sich auch in den Grundstimmungen, aus denen 
sich die Witzbildung ergibt, bemerkenswerte Unterschiede aufzeigen lassen. 
Die besondere soziale Lage der Juden, ihre Geschichte, ihre Beziehung zu 
den Wirtsvölkern, ihre wechselvolle Einstellung zu ihrer Religion und den 
von ihrer Tradition überkommenen Werten werden hier gewiß ihren Ein- 
fiuß ausüben. So werden sich in der besonderen Art des jüdischen Witzes 
Charakterzüge ausprägen, in denen die Anlage und das Schicksal der Juden, 
ihr Leid und ihre Reizbarkeit einen Ausdruck finden, der einem besonderen 
Mengungsverhältnis melancholischer und manischer Elemente entspricht. 1 
Jener Witz „Lachen möcht' ich...", den man als repräsentativ für die 
jüdische Abart ansehen darf, gibt einen guten Einblick in den psychischen 
Vorgang, den wir mit dem Wechsel von Melancholie und Manie verglichen 
haben, da er jene Gefühlsumwandlung sozusagen in statu nascendi zeigt. 
Aus der schweren Trauer über den Verlust des Jenseitsglaubens versucht 

1) In bestimmten Fällen von Manie reagieren die Kranken auf geringe Anlässe 
mit Ausbrüchen impulsiver Heftigkeit und starker Gereiztheit. Es scheint, als würden 
sich auch diese Züge in der Psychogenese des jüdischen Witzes aufzeigen lassen. Es 
ist erwähnenswert, daß die psychiatrische Forschung häufig versucht hat, die ver- 
schiedenen Differenzierungen innerhalb der melancholischen und manischen Erkran- 
kungen aus solchen, der kollektiven Psyche entstammenden Eigenarten zu erkläten. 
So meint Oswald Bumke (Lehrbuch der Geisteskrankheiten 1924, S. 522): „In an- 
deren Fällen hängen diese Nuancen aber vielleicht auch von der Rassenzugehörigkeit 
ab; wenigstens habe ich diese Abart der manischen Grundstimmung bei Juden und 
gelegentlich auch bei Slawen häufiger beobachtet als bei Germanen." Wie die Sta- 
tistik zeigt, stellen die Juden ein besonders hohes Kontingent zu der Gruppe der 
melancholischen und manischen Erkrankungen. — Wie mir scheint, ist auch der tiefe, 
bohrende psychologische Scharfsinn des jüdischen Witzes, dereinen deutlich menschen- 
verächteri sehen Zug tragt („Gott soll mich benschen, ich soll nicht brauchen Men- 
schen"), auf die dargelegten besonderen Relationen zwischen Ich und Über-Ich zurück- 
zuführen. 



88 Reik : Zur Psychoanalyse des jüdischen Witzes 



sich das Ich zu trösten und findet diesen Trost in der Aggression gegen 
jenen Glauben. Noch in diese der Manie vergleichbaren Stimmung aber 
ragen Resterscheinungen der abgelaufenen Phase hinein ; noch in jenem 
Aufruhr gegen den überstrengen Gott klingt ein Nachhall der Trauer über 
die verlorene Illusion. 1 

Unsere Bemühung um ein vertiefteres Verständnis des jüdischen Witzes 
hat nicht den vollen Erfolg gehabt, den wir für wünschenswert hielten. 
Ohne tieferes Studium der Vergangenheit und Gegenwart der Juden wird 
sich ein solches Verständnis immer als unzulänglich erweisen. Dennoch 
konnten wir einige Sonderzüge in ihrer psychischen Herkunft, ihren Be- 
dingtheiten und Zielen dem Verständnis näherbringen. Darüber hinaus 
aber hat sich uns durch den Vergleich mit den melancholischen und mani- 
schen Phänomenen ein Einblick in die psychische Situation der Witzbildung 
überhaupt ergeben. Der jüdische Witz reiht sich in seinem besonderen 
Mengungsverhältnis psychischer Komponenten diesen allgemeineren Phäno- 
menen an bestimmter Stelle ein. Die besondere Art der melancholischen 
und manischen Grundstimmungen, aus deren augenblicklichem Wechsel er 
auftaucht, ihre Voraussetzungen sozialer und religiöser Art bleiben zu unter- 
suchen. 2 



1) Dieser besondere Nachhall der melancholischen Stimmung ist natürlich nicht 
immer innerhalb des jüdischen Witzes aufzeigbar. Die in den Worten „Lachen 
möcht' ich . . ." zum Ausdruck kommende Stimmungslage kann am besten mit der- 
jenigen von manischen Fällen verglichen werden, die sich manchmal in der Folge 
von traurigen Ereignissen (Mißerfolg, Liebesenttäuschung usw.), wo wir in anderen 
Fällen die Entstehung einer Melancholie erwarten würden, einstellen. Das jüdische 
Sprichwort scheint selbst diesen psychologischen Zusammenhang zu kennen, wenn 
es sagt: „Leid macht auch lachen". 

2) Es scheint mir, daß der jüdische Witz in den letzten Dezennien immer mehr 
von seiner Eigenart und Bedeutung verloren hat. Die weitgehenden sozialen Änderun- 
gen, die Emanzipation und das allmähliche Aufgeben der Isolierung, die Loslösung 
von den religiösen Traditionen des Judentums haben gewiß den bestimmendsten Ein- 
fluß auf diese Entwicklung. 



.Das Ich und das J_)enk 



eniten 



Von 

Imre Hermann 

Budapest 

Einleitendes 

Unser Denken, so kann es in erster Annäherung heißen, ist zwischen 
Wahrnehmen und motorischem Handeln ausgespannt. Die Feststellung dieser 
Grenzpunkte läßt jedoch noch unzählige Möglichkeiten des sich zwischen 
ihnen abspielenden Verlaufes offen und kann uns kaum die Erklärung der 
realen Beschränktheit dieser Möglichkeiten, geschweige der Transzendenz 
des Denkens geben. 1 Die Psychoanalyse gibt tatsächlich bezüglich der Span- 
nung des Denkens noch mehr Hilfsbegriffe als die Bestimmung der beiden 
genannten Grenzpunkte; deskriptiv die Unterscheidung von bewußten und 
unbewußten Denkvorgängen, topisch die Systeme PF-BFF, Vbw, Ubw oder, 
nach der neuen Strukturtheorie, die Seelenteile Ich, Es, ÜberTch. Nach 
dem letzten Gesichtspunkte wird das Denken eigentlich zwischen der wahr- 
genommenen Außenwelt, der unbewußten triebhaften Innenwelt und einer 
teils bewußten, teils unbewußten leitenden Instanz (Ich-Überich) ausgespannt. 
Die geschichtliche Bedingtheit des Denkens kann sozusagen deduktiv aus diesen 
Abhängigkeiten des Denkens abgelesen werden. Denn das Ich hat sich ja 
selbst entwickelt, und zwar seinem Kerne, etwas Wahrnehmungshaftem 
gemäß, gerade von den Wahrnehmungen aus; das Es trägt in sich das Ab- 
bild der onto- und phylogenetischen Triebentwicklung, und das ÜberTch 
bildet sich aus einer ganz bestimmten Situation, aus der Überwindung des 

i) Transzendent, im Sinne von Hertz, ein Prozeß, der etwas Neues findet oder 
produziert (Hertz: Über das Denken und seine Beziehung zur Anschauung. 1925V 



9 o 



Imre H« 



Ödipuskonfliktes, kann oder muß deshalb stets Zeichen dieser seiner situations- 
bedingten Abkunft verraten. 

Wollen wir Psychoanalytisches zur Lehre des Denkens beitragen, so ist 
durch dieses mehrgliedrige Abhängigkeitsbild die Art der Betrachtungsweise 
schon bestimmt. Nicht bestimmt erscheint jedoch das Arbeitsfeld, auf dem 
die Gesichtspunkte der Psychoanalyse weiterhelfen sollen. Je verschieden- 
artiger die Gebiete sich gestalten, aus welchem Material geschöpft werden 
kann, desto mehr Aussicht eröffnet sich auf Erfolg, aber auch desto mehr 
Vorsicht muß in der Deutung und Aufarbeitung der Daten geübt werden. 
Diese Forderung bringt wieder die Gefahr mit sich, nur rein formale 
Ausgangspunkte zuzulassen und infolgedessen im Formalen stecken zu bleiben, 
ein Fehler, der in der allgemeineren Denkpsychologie weit verbreitet ist, von 
dem sich aber die Psychoanalyse bisher rühmlich ferngehalten hat. Doch 
gibt es auch wichtige Probleme des Formalen, in der Psychopathologie, sowie 
auch in der allgemeinen Denklehre, und will man etwas darüber sagen, 
so ist ein Streifzug in die Logikwissenschaft unumgänglich. Unser Arbeits- 
gebiet erstreckt sich also von unmittelbaren Beobachtungen an Kranken und 
Kindern, über analytische Deutungen derselben, über Psychophysiologie der 
Wahrnehmungen und über die Geschichte von Auffassungswandlungen bis 
zum Studium der alten und der neueren Logik. 1 

Das Methodologische betreffend soll festgesetzt werden: 

ij Unsere Erklärungen wandeln auf zwei Ebenen, sie können einmal 
historisch, ein anderesmal wieder metapsychologisch sein. Das Ideal 
wäre natürlich, wenn stets beide Arten von Erklärung durchgeführt werden 
könnten. 

2) Dem Umstände zufolge, daß man in der Denklehre die allgemeinen, 
allgemeinst-verbreiteten Gegenstände behandeln muß, kann eine historische 
Ableitung nur sehr vorsichtig in das Schema von „zuerst dies, dann jenes 
eingepreßt werden, meistens muß man sich mit dem Schema der „gegen- 
seitigen Bedingtheit", mit der „Konvergenz" im Sinne W. Sternr 
begnügen. 



1) Man empöre sich nicht über die Einbeziehung der traditionellen Logik in 
psychoanalytische Betrachtungen: Die neueste Logik übt selbst genügend Kritik über 
diese ihre Phase. Die „Selbstrelativierung" des Denkens (der Ausdruck nach K.Mann- 
heim: Das Problem einer Soziologie des Wissens, Arch. f. Sozialwiss. und Sozialpol. 55, 
S. 577 u. ff.), darf auch vor den Toren der Logikwissenschaft nicht haltmachen. 
Das axiomatische Denken in der modernen Logistik kennt auch nichts mehr von 
dem Absoluten der traditionellen Logik. 



Das Ich und das Denken. qi 



Betrachtungen auf dem Gebiete der LogiJcwissenschaft * 

Vielseitig sind die Klagen über Dürre und Fruchtlosigkeit der Logik. 
Ein angesehener Logiker fängt seine „Geschichte der Logik" mit dem 
folgenden Vergleiche an: „Wer sich in die Dialektik vertieft, sagt Ariston 
von Chios, ist einem Menschen zu vergleichen, der gern Krebs ißt: für 
einen Bissen Fleisch verliert er seine Zeit über einem Haufen Schalen. 
Aber W. Hamilton, der uns den Ausspruch berichtet, fügt eine Bemer- 
kung hinzu, die auch in unseren Tagen ihre Bedeutung nicht verloren zu 
haben scheint: Bei uns, sagt er, verliert ein Mensch, der sich mit dem 
Studium der Logik befaßt, seine Zeit, ohne auch nur einen Bissen Fleisch 
zu kosten . ' 2 

Nach Alanus von Lille (1200) ist die symbolische Figur der Logik eine 
äußerst fleißige und strebsame Jungfrau, an derem gebleichten Antlitze 
nur Haut und Knochen zu bemerken sind, so daß man die Folgen der 
im Studium durchwachten Nächte erkenne. Merkwürdig genug, wenn er, 
trotz dieses Symbolbildes, den berühmten Logiker Porphyrius einem 
ödipus vergleicht, der die Bätsei der Sphinx löst. 3 

Külpe meint, es fehle der Logik die Farbe und der Glanz einer sinn- 
lichen Wirklichkeit, der Flug und Schwung der künstlerischen Phantasie.* 
Man muß, heißt es bei Bieffert, dem erstarrten Gebilde der logischen 
Formen das Leben wiedergeben, das in den Methoden des Denkens fließt. 5 
Jerusalem vergleicht den Logiker mit dem Anatomen, da er das Leben 
aus dem lebendigen Urteilsakte entfernt und das Urteil erst dann unter- 
sucht. 6 Auch nach Prantl soll die nacharistotelische Logik dazu verurteilt 
sein, eine zum Schulgebrauche bestimmte Maschine zu ergeben. 7 

Doch trotz dieser Dürre und Unlebendigkeit hat die Psychoanalyse Inter- 
esse daran, einen Einblick in das Werk dieser Wissenschaft zu gewinnen. 

1) Erweiterte Fassung eines Vortrages auf dem X. Internationalen Psychoanalyti- 
schen Kongreß zu Innsbruck, September 1927. 

a) Enriques: Zur Geschichte der Logik. 1927. 

3) Prantl: Geschichte der Logik im Abendlande. II, S. 250 — 260. 

4) Külpe: Vorlesungen über Logik. 1923. S. 2. 

5) Rieffert: Logik, eine Kritik an der Geschichte ihrer Idee. Die Philosophie 
in ihren Einzelgebieten. 1925, S. 290. 

6) Zitiert nach Rieffert, a. a. O. S. 25a. 

7) Prantl, a. a. O., I, S. 534. 

7 Vol. 15 



9a Imre Hermann 



Wir meinen das nicht in dem Sinne, als ob die Analyse in Selbstbesinnung 
über ihre eigene Methode und die Art ihrer Beweisführung auf echt wissen- 
schaftslogische Probleme stoßen könnte, etwa auf die Frage des „Sinn -es, 
der verständlichen Zusammenhänge, des logischen Aufbaues analytischer 
Konstruktionen. Nicht derartige Probleme werden uns in dieser Studie inter- 
essieren. Auch kann die Psychoanalyse der Wissenschaft „Logik" (als Gegen- 
standslogik und Bedeutungslehre) keine Gesichtspunkte schenken, denn diese 
Logik soll autochthon, durch eigene Mittel und Gesichtspunkte aufgebaut 
werden. Doch kann sie der Denklogik 1 dienlich sein, einerseits dadurch, 
daß sie, ein großes Gebiet der „Prälogik" 2 aufdeckend, ein Vergleichsfeld 
dem logischen Denken schafft, anderseits dadurch, daß sie dem tatsächlichen 
Entwicklungsgang der gesamten Logik Wissenschaft verständnisvoll gegenüber- 
zutreten vermag, 3 Die Psychoanalyse, interessiert an Geistesprodukten jed- 
weder Art, soll aber darüber hinaus ganz besonders die in der Logikwissen- 
schaft im Laufe ihrer Entwicklung niedergelegten Gedanken und Arbeits- 
weisen des Denkens, als psychologisches Material sammeln; es muß auch 
bei der Logik ein Weg führen vom manifesten Material zum Verständnis 
der psychischen Hintergründe des logischen Denkens. Selbst die Dürre und 
Maschinenartigkeit, die an der Logik getadelt wurde, muß ihre analytisch 
erfaßbaren Ursachen im Unbewußten der Logiker besitzen, findet doch diese 
Dürre auch Seitenstücke im extremen Formalismus mancher Neurotiker 
und Geisteskranker. Man vergesse niemals: die Logikwissenschaft gehört 
einer Jahrtausende anhaltenden, ernsten menschlichen Bestrebung an; sie ist 
zu verstehen, nicht zu tadeln. 

Man könnte sich verleiten lassen, in der Logikwissenschaft eine Schwester- 
disziplin der Psychoanalyse zu erblicken. Beide haben gewissermaßen ähn- 
liche wissenschaftliche und praktische Ziele. Die Analyse will praktisch 
irrational lebende Kranke heilen, wissenschaftlich das Unbewußte aufdecken, 
dem verborgenen Sinnvollen zu seinem Rechte verhelfen. Die Logikwissen- 
schaft will in ihrer theoretischen Zielsetzung ebenfalls etwas durch das 
Psychische vermitteltes Außerbewußtes bearbeiten, nicht die Wörter, sondern 
den „logos", die immer sinnvollen „Sätze , ferner die nicht ausgesprochenen, 



1) Die drei Gesichtspunkte der Logik klar ausgearbeitet bei Honecker: Logik. 1927. 

2) S. Levy-Brühl: Das Denkender Naturvölker, 1921; und I. Hermann: Psycho- 
analyse und Logik, 1924.. 

3) Unter den neueren Logikern rindet man bei Störring den Standpunkt ver- 
treten, daß die Psychologie der Logik in der Problemlösung, ja sogar Problemauf- 
stellung behilflich sein kann. (Logik, 1916.) 



. 



Das Idi und das Denken 93 



nicht bewußt hingestellten Voraussetzungen der Schlüsse oder ganzer Wissens- 
zweige aufzeigen. Bolzano spricht vom dunklen Gefühl, das zu einem recht 
deutlichen Bewußtsein erhoben werden muß. 1 Überweg gründet die Mög- 
lichkeit der Logik als Wissenschaft auf die vorangehende unbewußte Wirk- 
samkeit der logischen Gesetze. 2 Honecker will einem Notionsgefüge, in 
welchem ein Stammurteil, wenn auch noch so versteckt, implizite gegeben 
ist, den Schlußcharakter nicht absprechen, da es für den Logiker nur maß- 
gebend ist, was an Voraussetzungen zur Gewinnung eines Folgeurteils vor- 
handen sein muß.3 Burkamp läßt das logische Denken ganz und gar aus 
Trieb und unbewußter Reaktion hervorgehen.* Wie in der Psychoanalyse 
einer der wichtigsten Gesichtspunkte derjenige der Übertragung der Gefühle, 
die Verschiebbarkeit der psychischen Werte ist, so will die Logik die Regeln 
der Verschiebbarkeit des Wahrheitscharakters für ihr eigentliches Arbeilsfeld 
betrachten. 5 Daneben verfolgt die Logikwissenschaft auch praktische Ziele, 
wenn sie sich auch scheut, dieselben einzugestehen. Sie möchte zeigen, wie 
man Denkfehler vermeiden kann, ja sogar — so meint der große Logiker 
Bolzano — wie man den ewigen Wahrheitszweifler bekehren könnte und 
sollte. 6 Die Veränderung der skeptisch-sophistischen Gesinnung stand als 
eine der höchsten Zielsetzungen an der Wiege der traditionellen Logik. So- 
gar die Logistik soll ursprünglich ihre Aufgabe darin gesehen haben, „die 
Logik, die traditionelle, herkömmliche Logik, auch in den gewöhnlichsten 
Dingen des Alltags zur Geltung zu bringen und dadurch dem handgreif- 
lichen Leben einen vernunftgemäßen Rückhalt zu geben"/ 

Natürlich ist solch eine Parallelisierung von Logikwissenschaft und Psycho- 
analyse nicht tiefer durchführbar. Die Logikwissenschaft steht im Dienste 
der Abwehr, sie sieht durch das Auge eines objektivierten, idealisierten 
strengen Über-lchs. Sie verkündet eine Denkmoral. 8 Gerade dies ist der 
Hauptzug dieser Wissenschaft. Sie darf ihr Material nur aus den geordneten, 



1) Bolzano: Wissenschaftslehre. 1837, I. S. 36—57. 

2) Überweg: System der Logik. 3. Aufl.. 1868, S. 8, 13. 
5) Honecker, a. a. O. S. 138. 

4) Burkamp: Begriff und Beziehung. 1927, S. 46. 

5) Der Übertragungs- (in analytischer Terminologie: Verschiebungs-) charakter der 
Wahrheit ist besonders ausgearbeitet bei Karinski), zitiert nach Losskij: Hand- 
buch der Logik. 1927, S. 347. 

6) Bolzano, a. a. O. S. 170—189. 

7) Stammler: Begriff Urteil Schluß. 1928, S. 12. 

8) Vgl. mit den Ausführungen in „Psychoanalyse und Logik", sowie in einem 
folgenden Abschnitt über Denkmoral. 



9t lmre Hertnai 



richtigen, der Kritik standhaltenden, möglichst objektivierten Denkabläufen 
(Thesen der Einzelwissenschaften) schöpfen. Schon jetzt können wir ahnen, 
daß die Dürre und Maschinenartigkeit der Logik an eben diesem ihren 
Wesenscharakter hängt. 

Es wäre nun die methodische Frage aufzuwerfen, woher unsere Unter- 
suchungen ihr Material herholen dürfen. Ich unterscheide drei verschiedene 
Arten des Materials, wobei die zwei ersten nicht strenge voneinander zu 
trennen sind. Es sind dies: I) Die möglichst allgemeinen Grundeinstellungen 
der Logiker ihren Problemen gegenüber, die Haupttendenzen ihrer Be- 
strebungen. II) Der geschichtliche Werdegang der Logikwissenschaft als 
Ganzes und ihrer einzelnen Probleme und Thesen. III) Die angeführten, 
meist traditionellen Beispiele als Surrogat des freien Einfalls; der Hinweis 
auf die Verwendbarkeit solchen Materials ist Ferenczi zu verdanken. 1 Zu 
diesem dritten Gebiet sollen auch die Symbole der sogenannten symbolischen 
Logik hinzugenommen werden. 

I) Die Grundeinstellung der Logiker bietet eine mehr weniger durch- 
gehende Abkehr von den Wahrnehmungsdaten, auch von dem Aku- 
stisch-Motorischen der Wörter. 2 Sie bleibt jedoch nicht stehen bei der ein- 
fachen Abkehr. In ihren Thesen sollen nicht die den Sinnen vorgestellten 
Gegenstände unmittelbar getroffen werden, sondern die innere Natur der 
Dinge, ihr den Sinnen verborgenes Wesen. Sie zielen auf etwas Über- 
sinnliches, auf die Welt der „Ideen", wo die gesuchte Wahrheit eigentlich 
haust. „Wir müssen", sagt Bolzano, „uns bereits eine Fertigkeit in der 
Beschäftigung mit abgezogenen Begriffen erworben haben; unsere Aufmerk- 
samkeit von jenen sinnlichen Gegenständen, die uns zunächst umgeben, ab- 
zuziehen und Begriffe festzuhalten vermögen, denen gar nichts Sinnliches 
beigemischt ist." 3 Enriques bestimmt das Logische kurz als die vom An- 
schaulichen entkleidete Relation.* Diese Sinnesabwehr geht mit der morali- 
schen Sinnesabwehr parallel. So hören wir bei Aristoteles, daß die liebende 
Gesinnung des Geliebten wünschenswerter sei als der sinnliche Genuß,5 
ferner daß derjenige, welcher zweifelt, ob man die Götter verehren und 
die Eltern lieben solle oder nicht, nur der Züchtigung bedarf. 6 Die aristoteli- 

1) Ferenczi: Bausteine zur Psychoanalyse, II. Das „zum Beispiel" in der Analyse, 
S- 47— 49- 

2) Hoffmann: Die Sprache und die archaische Logik. 1925. 

3) Bolzano, a. a. 0.. Bd. I, S. 44 — 45. 

4) Eniiques, a. a. O. S. 115, 138 

5) Aristoteles: I. Analytiken, übersetzt von Kirchmann, S. 142. 

6) Aristoteles: Topik, übersetzt von Kirchmann, S. 15. 



Das Idi und das Denken <)5 



sehe Logik soll ja eine Reaktion gegen den moralischen Relativismus gewesen 
sein; 1 dem entspricht unseres Erachtens auch die äußerst wichtige Rolle der 
Nichtumkehrbarkeit in der Logik des Aristoteles. 2 

Eine zweite Besonderheit der logischen Grundeinstellung ist die Ein- 
stellung auf das Kollektive, auf Gattungen, Arten, Systeme, unter Ver- 
nachlässigung des Individuellen. Diese Auffassung gehört auch zum Wesen 
der logischen Grundbetrachtungen, ihr Fehlen kann nur zu einer Logik 
führen, die mehr oder weniger vollständig sich selbst verleugnet. Die beiden 
Grundhaltungen zeigen sich in der Bevorzugung des Begriffsumfanges vor 
seinem Inhalte. Die „echte" Logik soll entstanden sein, als es gelungen ist, 
besonders durch Aristoteles, das Inhaltliche zugunsten des sozusagen über- 
sinnlichen Umfanges zu vernachlässigen. Und diese Tendenz hat sich nicht 
einmal voll ausgewirkt: die Logik soll, wenigstens bis vor nicht langer Zeit, 
eine zunehmende Tendenz gezeigt haben, von einer Lehre des Inhaltes eine 
solche des Umfanges zu werden. 3 Wird das Individuum dennoch in Betracht 
gezogen, so doch nicht als selbständiges Wesen, sondern quasi als „Mitglied 
einer geordneten Gruppe". So war es möglich, die logische Grundtatsache 
in der „fixierten Zuordnung zwischen Zeichen und bezeichneten Gegen- 
ständen", 4 im „Wiederfinden des einen im anderen" 5 zu bestimmen. Wir 
können es so aussprechen : Nicht nur das Sinnliche, sondern auch der 
Charakter der Individualität wird, soweit wie möglich, beiseite geschoben. 
Das Individuum als selbständiges Wesen (ein Etwas, das nicht mehr stell- 
vertretend für ein Verschiedenes sein kann und darf) 6 wird in der Logik- 
wissenschaft nur sehr spät und zögernd zugelassen. 

Nun, die Grundeinstellungen des Übersinnlichen, des Kollek- 
tiven, des zuordnenden Gattungsgesichtspunktes, der stellver- 
tretenden Rolle der Individuen scheinen für uns schon etwas vom 
psychischen Hintergrund zu verraten: Die erste Grundeinstellung weist auf das 
magisch-mystische Weltbild, die anderen auf das Kollektivleben in 
seinen primitiveren Stufen. Es eröffnet sich die Frage, ob hier allertiefst 
nicht auch eine Entwicklungsstufe erblickt werden kann, wo ebenfalls die 
fixierte Zuordnung von Zeichen und Bezeichneten, das Wiederfinden des 



1) Enriques, a. a. O. S. 14.. 

2) Daselbst S. 15. 

3) Schröder: Vorlesungen über die Algebra der Logik. I, 1890, S. 89. 

4) Kiilpe, a. a. O. 

5) Schlick, zitiert nach Cassirer: Erkenntnistheorie nebst den Grenzfragen der 
Logik und Denkpsychologie. Jahrbuch der Philosophie, III, 1927. 

6) Burkamp, a. a. O. S. 75. 



96 Imre II 



ermann 



einen im anderen die Grundtatsache bildet, wo das Einzelne (mit gewissen 
Ausnahmen) auch nur als Repräsentant der Gattung Bedeutung hat, wo die 
Einteilung in Klassen und Systeme ein Hauptproblem darstellt. Wir meinen 
die spezielle Art des Kollektivlebens, wie sie sich in der totemistischen 
Institution vorfinden läßt. Daß die Logik, besonders in der Form der 
Dialektik eine Funktion des Kollektivlebens sei, wird von verschiedener 
Seite, ganz ausdrücklich auch von Piaget, 1 behauptet. Hier wollen wir 
eine viel merkwürdigere und speziellere Vermutung wagen, nach welcher 
die Logikwissenschaft eine späte, sozusagen sublimierte Auswirkung der 
magisch-mystischen und totemistischen Denkweisen wäre. Nicht von der Ab- 
hängigkeit der Ideen von sozialem Bedingtsein (z. B. Mannheim, a. a. O.) 
reden wir also, sondern von der (gegenseitigen) Abhängigkeit der in der 
Logik Wissenschaft objektivierten Denkformen (oder vorsichtiger: ihrer An- 
wendung und Begründung) und der sozial-familiären Institutionen, insoweit 
sie Triebschicksale verbergen; und wir reden von der Bedingtheit nicht 
nur durch die gegenwärtige, sondern auch durch die überwundene Lage. 
Hier sei die kurze Charakteristik beider Gebiete noch einmal gegenüber- 
gestellt : 

Die Logik betrachtet nie einen ein- Der Totem Charakter haftet nicht an 

zelnen individuellen Satz, sondern gleich einem Einzeltier oder Einzelwesen, son- 
eine ganze Gattung von Sätzen. 3 dem an jedem Repräsentanten der gleichen 

Spezies.* 

Der Totem unterscheidet sich vom 
Fetisch darin, daß er nie ein Einzelding ist, 
wie dieser, sondern immer eine Gattung.* 
Die Logik sucht nach dem Wesen der Durch seinen Totem wird der Primi- 

Dinge, um durch die diese betreffende tive in enge Berührung mit der Natur 
Wahrheit mit der wirklichen Natur in Be- gebracht, er wird „Natur" durch seinen 
rührung zu kommen. Totem. 

Natürlich sind das zunächst nur Ähnlichkeiten, Hinweise, aber keine 
Beweise für tiefere Zugeordnetheit. Der Satz, den wir mit der Verpflichtung 
des Beweisens vorlegen wollen, lautet, daß zwischen den Grundauffassungen 
der Logikwissenschaft und der totemistischen Institution eine mehr als ana- 
logiemäßige Beziehung besteht. Welche grundwesentliche Beziehung aber hier 
auffindbar ist, ob also entweder im Totemismus eine der ersten praktisch-vor- 

1) Piaget: Etudes sur la logique de l'enfant. 1926. 

2) Bolzano, a. a. O., I, S. 48. 

3) Freud: Totem und Tabu, Ges. Schriften X, S. 130, nach der Darstellung von 
Wundt. 

4) Daselbst, S. 126, nach der Darstellung von Frazer. 



Das Li und Jas Denken 97 



logischen Versuche der Menschheit zur systematischen Regelung der Inzest- 
abwehr vorliegt oder aber ob in der Logik eine intellektuelle Fortsetzung, quasi 
eine real angepaßte Sublimierung der toternistischen, systematisch regelnden 
Denkweise zu erblicken sei, bleibe einstweilen unbeantwortet. Die letztere 
Möglichkeit entspräche natürlich eher unserer bisherigen, aus klinischen 
Beobachtungen abgeleiteten Auffassung der Logikwissenschaft als objekti- 
vierter Über-Ich-Funktion, aber beide Möglichkeiten ließen den Schluß 
zu, die Menschheit dürfte das logisch-systematische Denken (individualistisch) 
an der Überwindung des Ödipuskonfliktes, (kollektivistisch) auf dem Umwege 
über die totemistische Institution und seine Überwindungen erlernt haben. 

Um unsere Aufstellungen überhaupt diskutierbar zu machen, müssen wir 
weit mehr Belege aufzeigen und systematischer vorgehen. Wir ordnen das 
gesamte, auch der Gruppe II entnommene Material nach zwei Gesichts- 
punkten : Magisch-Mystisches und Totemistisches in der Logik. 

A) Mystisch kann in erster Linie die logische Lehre Piatons genannt 
werden; in der Fachliteratur ist schon öfter der mystische Einschlag in 
den platonischen Gedanken nachgewiesen worden. 1 Die platonische Auf- 
fassung vom Anteilhaben unserer Wahrnehmungen am objektiv Realen tritt 
in gemilderter Form z. B. in der „intuitionistischen" Logik von Losskij 
wieder auf. Aristoteles, der systematische Überwinder vieler Schritte des 
Primitivdenkens, setzte den „Begriff" an Stelle der platonischen mystischen 
„Idee". Der „Begriff" enthält jedoch als „schöpferischer" den aristotelischen 
Grundsatz der „Entwicklung", d. h. des Überganges vom Potentiellen zum 
Aktuellen, 2 wobei das Mystische wieder hervorbricht. Russell hält es auch noch 
heute für nötig, „ein Ideal des Wissens, die Vorstellung von der mystischen 
Einheit des Erkennenden und Erkannten" zurückzuweisen. 3 

Magisch erscheinen gewissermaßen die Formelsammlungen der Logik; 
auch Enriques spricht von der magisch-schöpferischen oder heuristischen 
Kraft der logischen Symbole.* Die Logik eines Raimundus Lullus soll 
alchimistisch ausgedacht sein, 5 und in Bacona logischen Gedanken sind 
auch breite Spuren von mystisch-alchimistischen Versuchen vorhanden. 



1) Eine Auseinandersetzung mit dieser Auffassung siehe bei Hoff mann, a. a. O. 
S. 58-67. 

al Prantl, a. a. O., I, S. 104. 

5) Russell: Analyse des Geistes. 1927, S. 398. 

4) Enriques, a. a. O. S. 144. 

5) Daselbst S. 96. 

6) Frost: Bacon und die Naturphilosophie. 1927. 



98 Imre Hei 



ei mann 



Die leichte Verschiebbarkeit der Kräfte in der magischen Auffassung 
wird in der Logik soweit überwunden, daß „einer willkürlichen Über- 
tragung eines Namens (wenn man z. B. ein Pferd und einen Menschen 
mit dem gleichen Namen bezeichnet)" entgegengetreten wird. 1 Doch im 
Gattungsnamen kehrt die Übertragbarkeit wieder zurück; ja er ist, wie die 
magische Kraft, unerschöpfbar : „Es geht nichts, kein Teil von ihm (vom 
Gattungsnamen) verloren und behält ihn immer noch ganz übrig, um ihn 
ebenso auch einem zweiten, dritten usw. Individuum zuzuteilen. Die vor- 
liegende ist sonach eine eigentümliche Art von , Verteilung', welche sich 
etwa der Ausbreitung einer ansteckenden Krankheit vergleichen ließe: Werden 
hundert Personen von einem Scharlachkranken infiziert, so wird eine jede 
derselben nicht etwa bloß des hundertsten Teiles, sondern der ganzen Krank- 
heit, schlechtweg des Scharlachfiebers, teilhaftig (auch verliert derjenige, von 
welchem der Krankheitskeim sich auf die anderen überträgt, die Krankheit 
dadurch nicht)." 2 Nach einer neueren Urteilstheorie vollziehen wir im Urteile 
eine Gliederung und Formung der vorgestellten Vorgänge, indem wir das 
gegebene Objekt als Kraftzentrum fassen, das jetzt in bestimmter Weise 
tätig ist. 3 

Mit der „Allmacht der Gedanken" der Magie hat es in der Logik eine 
besondere Bewandtnis. Die Logik beschränkt doch eben die Allmacht, bindet 
die Schritte des richtigen Denkens an die Einhaltung scharf bestimmter 
Bedingungen. Und doch ist sie noch wirksam. Bei Freud heißt es: „In 
der wissenschaftlichen Weltanschauung" — und diese soll doch durch die 
Logikwissenschaft fundiert werden — „ist kein Baum für die Allmacht des 
Menschen, er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich resigniert dem 
Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen. Aber in dem Ver- 
trauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den Gesetzen der Wirk- 
lichkeit rechnet, lebt ein Stück des primitiven Allmachtsglaubens weiter."* In 
der modernsten Logik läßt sich diese Allmacht als „die stolze These von der 
Allmacht der rationalen Wissenschaft", neben der „bescheidenen Einsicht in 
bezug auf ihre Bedeutung für das praktische Leben" hören: Wenn sich eine 
Frage überhaupt stellen läßt, so kann sie auch beantwortet werden. 5 



1) Frantl, a. a. O. S. 14.0, das Zitat nach Aristoteles. 

2) Schröder, a. a. O-, I, S. 67. 

3) Nach Rieffert, a. a. O. S. 252, 253. 

4) Freud: Totem und Tabu. Ges. Schriften, Bd. X, S. 108—109. 

5) Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus. 1922, zitiert nach Carnap: 
Der logische Aufbau der Welt. 1928, S. 261. 



Das Ich und das -Denken gg 



Dem magisch-mystischen Gedankenkreis kann das Verhältnis der Logik zur 
Zeit zugerechnet werden; die Wahrheitsnormen sollen bei den Scholastikern 
und vielen Modernen ewig sein. 1 Das erkennende Subjekt soll sich im logik- 
mäßigen Denken eine Überzeitlichkeit erringen. 2 Nicht die „Zeitlosigkeit" 
des Unbewußten, die Unbekiimmertheit in betreff der Zeitrelation, wird — 
streng genommen — behauptet, sondern die Zeitlosigkeit als Überwindung 
der Zeit, wie sie gefühlsmäßig in mystischen Erlebnissen eingewoben ist. 
Bolzano lehrt, der „Satz an sich" ist nichts Existierendes, es wäre ebenso un- 
gereimt zu sagen, ein Satz habe ewiges Dasein, als, er sei in einem gewissen 
Augenblicke entstanden und habe in einem anderen wieder aufgehört. 3 

Das Maschinenmäßig-Formale, also sozusagen das Manifeste in der Logik- 
wissenschaft, scheint dem magisch-mystischen Denken nicht zu entsprechen, 
ja die zwei Denkarten scheinen sogar Gegenpole zu sein. Es soll jedoch, 
mit Hinweis auf klinisches Material, im Kapitel über das formale Denken, 
die dennoch bestehende enge Verwandtschaft beider aufgezeigt werden.* 
Besonders günstig wäre für unsere Ansicht, nach welcher das Logische und 
die totemistische Institution gegenseitige Abhängigkeit aufweisen, wenn es 
uns gelänge, in der Überwindungsphase des Ödipuskonfliktes Auslösungs- 
grundlagen des formal-systematisierenden Denkens aufzuzeigen. 

Die obigen Zusammenstellungen veranschaulichen die Zusammenhänge der 
Logikwissenschaft mit der magisch-mystischen Weltauffassung. Es wäre ein 
ständiger Prozeß herauszuschälen, welcher die alten Positionen stets heraus- 
drängen möchte, sie aber immer nur entstellen kann; die typische Grund- 
haltung bleibt. 

B) Soll nun auch der Behauptung, welche die logische Grundeinstellung 
mit der totemistischen — wohlverstanden im Sinne der Konvergenz — zu- 
sammenbringt, Beweismaterial zugeführt werden, dann müssen wir unseren 
Ausgangspunkt vom Wesen des Totemismus nehmen. Böheim gibt als die 
beiden ständigen Hauptzüge des Totemismus (vom väterlichen Typ) einer- 
seits die Einheit mit dem Totem, als die endopsychische Wahrnehmung 
der Lebenseinheit des Menschen mit der Umgebung, an, anderseits die 
Projektion der Vater-Imago in ein Tier. 5 Das erste Merkmal verknüpft die 



1) Geyser: Auf dem Kampffelde der Logik, 1926, S. 86 — 89. 

2) Loßkij, a. a. O. S. 101. 

3) Bolzano, a. a. O. S. 78. 

4,) Vgl. Hermann: Qualitative Unterschiede des Denkens und die Intelligenz. 
Psychologie und Medizin. II, S. 206 — 207. 

5) Rohe im: Australian Totemism. 1925, S. 7a. 



II 



ermann 



totemistische Institution mit der magisch-animistischen Weltanschauung, 
über deren Beziehung zur Logikwissenschaft wir schon gesprochen haben; 
zur Ergänzung sei noch die folgende Stelle eines jüngst erschienenen Werkes 
herangezogen: „Dieser innere Zusammenhang des Menschen durch den Logos 
mit der ganzen Natur und den anderen Geschöpfen ist ganz sinnlich und 
naturhaft gedacht. * Im zweiten Merkmal wird der Totemismus mit dem 
Ödipuskomplex (a), mit Fragen der Abstammung (b) und mit dem Ver- 
hältnis zu Tieren (c) in Beziehung gebracht. 

Ad a) Inwiefern die Logikwissenschaft in ihrer Grundhaltung mit dem 
Ödipuskomplex und seiner Überwindung verwoben ist, wurde in einem 
anderen Zusammenhange schon aufgedeckt 2 und soll uns noch bei der 
Frage der „Denkmoral und bei einigen Beispielen beschäftigen. 

Der Totemismus sucht den Ödipuskonflikt in der Institution der Exoga- 
mie zu überwinden. Gibt es in der Logik Analoga zur Exogamie? In der 
Begriffslehre taucht die Frage nach der „Verträglichkeit", in der Schlußlehre 
die nach Duldung oder Nichtduldung gewisser Abkömmlinge auf. Auch findet 
man in der Logikwissenschaft eine Lehre ausgebildet, die vielleicht als Über- 
windung des Exogamiegedankens erscheinen könnte: Aristoteles hält es für 
äußerst wichtig, daß man beim Beweise stets „innerhalb der Gattung" 
bleibe. 3 Diese Regel will eine verpönte Art des Beweises überwinden, den 
Beweis durch Analogie, der aus dem „Kreis der Gattung heraustritt". Beim 
mystischer gesinnten Bacon sehen wir die Analogie, als Mittel der Induk- 
tion, doch wieder emportauchen. Es ließe sich wenigstens denken, daß die 
Mystik gewissermaßen die Analogie (außer ihrer magischen Bedeutung halber) 
als einen im Denken nachgebildeten Weg zur Durchführung der Exogamie 
ebenso überschätzte, als der realistisch, aber verdrängerisch gesinnte Aristo- 
teles sie unterschätzte. 

Ad b) Mehr und Überzeugenderes als über den Zusammenhang mit der 
„Exogamie" können wir von der Rolle der Abstammungsfrage überhaupt 
in der Logikwissenschaft aufzeigen.* Der Begriff der Species war früher 
nicht nur in den Naturwissenschaften auf Grund der Zeugung gedacht. 5 



1) Leisegang: Denkformen. 1928, S. 79. Hier ist auch, mit Hinweis auf Piaton 
und Philon, ein Vergleich des Logos mit einem Tier vorzufinden. S. 213, 254,. 

2) Psychoanalyse und Logik. 

5) Aristoteles, II. Analytiken, S. 7 — 9. 

4) Vgl. auch über Hume und die Ähnlichkeitsrelation im Aufsatze „Wie die Evi- 
deni wissenschaftlicher Thesen entsteht". Imago IX, 1925. 

5) Überweg, a. a. O. S. 127 — 128. 



Das Id» "nd das Denken 101 



Die Lehre des logos spermaticos müßte hier aufgefüllt werden, als eine Lehre 
von der Erhaltung der Species vermittels der Zeugung. 1 Nach Ahelard 
entsteht die Art aus der Gattung durch eine „creatio" ohne zeitlichen Ab- 
stand. 2 Die Abstammungsfrage gelangt zu ihrer vollsten Ausprägung gerade 
dort, wo die Berührung mit dem Totemismus am innigsten sein kann, 
nämlich im Streit über die „Universalien", wo es entschieden werden sollte, 
ob die Universalien bloße Namen oder reale Gebilde seien. Im letzteren 
Falle, also vom Standpunkte des Realismus, wäre das Universale für die 
Individuen einer Gattung ein totemartiges Gebilde. Man kann hier auch 
der Theorien des Totemismus gedenken, unter welchen sich ebenfalls 
„nominalistische" vorfinden. 5 Bei den Nominalisten, die also den Univer- 
salien keine reale Existenz zuerkennen, lautet die wichtige Frage, ob der 
Mensch ein Tier genannt werden kann. 4 Eine gemilderte Art des realisti- 
schen Standpunktes soll die folgende sein: „Weil die menschliche Natur 
nur im einzelnen Individuum existiert, kann sie auch für sich allein weder 
gezeugt werden, noch zeugen, obwohl das Zeugen und Gezeugtwerden nicht 
sowohl auf Grund der Individuen als vielmehr auf Grund der menschlichen 
Natur geschieht. Beides fand ja statt, bevor es einen Sokrates gab und findet 
statt neben und nach Sokrates, unabhängig von ihm, aber nicht unabhängig 
von der menschlichen Natur." 5 Hier wird sozusagen die Rolle des Totems 
durch die „menschliche Natur" übernommen. In der Lehre von den Schlüssen 
gab es eine ganze Technik der Art und Weise, wie eine Schlußfigur aus 
einer früheren abgeleitet werden kann, und die Abstammungsregel wurde 
zur Namengebung gewählt, d. h. die Benennungen der einzelnen Schlußweisen 
wurden so gewählt, daß die logische Abstammung und der Weg der Her- 
leitung aus dem Namen unmittelbar ersichtlich geworden ist. (Die Namen 
Barbara, Camestras usw.) 

Ad c) Das Verhältnis zu den Tieren, welches sich im Totemismus kund- 
gibt, berührten wir schon bei Erwähnung des Universalienstreites. Daß die 
essentia humanitatis in ihrem materiellen Anteil aus animaler Materie be- 
steht, wird in der mittelalterlichen Logik vielfach diskutiert. Auf die Tier- 
beispiele der traditionellen Logik kommen wir noch zurück. Die Kritik 
unseres zu beweisenden Satzes möge also noch aufgeschoben werden. 



1) Prantl, a. a. O., I, S. 431. 

2) Daselbst, II, S. 176—177. 

5) Freud: Totem und Tabu. Ges. Schriften Bd. X, S. 155. 

4) Prantl, a. a. O., II, S. 124. 

5) Minges: Der angebliche exzessive Realismus des Duns Scotus. 1908, S. 59. 



H 



ermann 



II) Als zweites Untersuchungsmaterial nannte ich den geschichtlichen 
Werdegang der Logikwissenschaft und ihrer Probleme. Alles Sinnliche 
mußte von dem Gegenstande der Logik abgestreift werden, das Wortmaterial, 
das Psychische, bis etwas ganz Wahrnehmungsfremdes zurückblieb. Auch 
mußte von der strengen Logik vieles an das Unbewußte Mahnende fernge- 
halten werden, das Magische der Wörter, die Schritte des Unbewußten, 
wie die Verschiebung, die Verdichtung, die Darstellung des Ganzen durch 
seinen Teil. Aber nun das Merkwürdige: auch hier gab es ein Ringen wie 
in der Einzelseele. Eine ständige Gegnerschaft will im Sinnlichen verbleiben, 
perhorresziert die klassische Logik, will den Dual- und Umkehrschritten, 
die ihre Gefühlsgeltung gewissen Erscheinungsformen des Ödipuskomplexes 
verdanken, 1 volle Rechte zuerkannt wissen. (Man denke an die romantische 
Logik, z. B. Hegel.) Und die strenge Logik kann sich nicht immer ver- 
teidigen, die Umkehrung wird geliebt und geschätzt, in ihr der wahre 
Schlüssel der Syllogistik gesucht. Man begegnet also auch im Gebiete der 
Logik der Erscheinung der Wiederkehr des Verdrängten. Sogar das ver- 
pönte Sinnliche erscheint auf höherer Stufe in der intellektuellen Schau, 
im Intuitionismus wieder. 

Als kurzes Beispiel einer inneren Wandlung der Logik in der Richtung, 
wie sie eben dargestellt war, kann das Gebiet der Syllogistik dienen. Aristo- 
teles unterschied, wie bekannt, drei Schlußfiguren. Erst viel später, tradi- 
tionell an den Namen von Galenus geknüpft, wurde eine vierte Figur 
aufgestellt. Es bildet nicht unsere Aufgabe, den noch heute währenden 
Kampf um diese galenische Figur zu entscheiden, aber die auffallende Tat- 
sache ist zu erwähnen, daß gerade an dieser Figur eine Verwandtschaft mit 
primitiven Denkweisen festzustellen ist. 2 Loßkij vermutet, daß die vierte 
Figur in der „unterbewußten Sphäre unseres Seelenlebens" zu wertvollen 
Schlüssen in den Erfindungs- oder Entdeckungsprozessen führt; die Besonder- 
heit der nur in ihr erhaltenen Modi ist die Gleichsetzung der Folge einer 
Folge mit der Folge des Grundes, was zu Mehrdeutigkeiten führen kann. 
Vergleichen wir nun die vier Figuren 

M — P P — M M—P P—M 

S — M S — M M — S M—S 



S—P S-P S—P S—P 

so sehen wir sofort, daß nur die vierte Figur mit Denkformen der freien 
Assoziation etwas Ähnlichkeit aufweist. Jeder neue Satz fängt an, wo der 

1) Psychoanalyse und Logik. 

2) Loßkij, a. a. O. S. 269, 292—206. 



Das Ich. und das Denken i 3 



frühere endet, und nur das letzte Glied überspringt rückläufig mehrere 
Glieder. Der Kampf gegen die galenische Figur scheint sich also gegen die 
vorbewußte freie Denkweise zu richten. 

Interessanter und wichtiger ist der Kampf, der um die neu entstandene 
Disziplin der sogenannten Mengenlehre entbrannte. Einer der hervor- 
ragendsten Mathematiker des vorigen Jahrhunderts stellte sich die Aufgabe, 
eine Mathematik, unabhängig von jeder Anschauung und jeder anschau- 
lichen Erfahrung, zu erbauen. So entstand seine Mengenlehre mit der 
klassischen Logik paradox und unglaubwürdig anmutender Thesen. In dieser 
Cantorschen Lehre kann der Teil mit dem Ganzen gleichwertig ange- 
nommen werden, hier liegt eine Domäne des Wiederholungszwanges, der 
ewigen Wiederkunft des Gleichen (in der unendlich großen Reihe), 1 hier soll 
der Satz des ausgeschlossenen Dritten nicht gelten, 2 hier werden Paarungen, 
Randerscheinungen, 3 gegenseitige Vertretbarkeit von endlich Ungleichem be- 
sonders hervorgehoben. Ziehen charakterisiert diese Cantorsche Mengen- 
lehre kurz mit den Worten: „Der Teil empört sich gegen das Ganze" 
und ist sehr bemüht, die ganze Lehre abzuweisen. Am Beispiel der Mengen- 
lehre, die übrigens schon beginnt ihre Paradoxien abzustreifen, tritt die 
innere Gefahr der Logik klar zu Tage: Sie muß sich von den Anschauungen 
entfernen; tut sie das aber mit strenger Konsequenz, so kommt sie mit dem 
anschauungsblinden Unbewußten in innigste Berührung. Der innere Zwie- 
spalt, die Abstoßung von und die Rückkehr zur Anschauung, die stets 
drohende Wiederkehr des Verdrängten, ist mit ihrem Ursprung kausal ver- 
knüpft. Auch dagegen scheint der starre Formalismus einen Abwehrversuch 
darzustellen. Oder aber sollte das „reine" Denken tatsächlich nichts anderes 
sein als das den Wahrnehmungen nicht ausgesetzte tiefst Unbewußte? 

Um die Frage, ob das negative Urteil primär oder sekundär sei, ent- 
spann sich ebenfalls ein heute noch kaum entschiedener Kampf. Das Un- 
bewußte kennt, wie bekannt, kein Negativum. Der Streit der Logiker hängt 
gewiß mit diesem psychologischen Faktum zusammen. 

III) Die dritte Art unseres Materials wird von den Beispielen der Logik- 
schriften geliefert. Was uns dieses Material bieten kann, soll zuerst an einer 
Beispielsreihe von Sigwart demonstriert werden. Als er den Unterschied 
des Urteils von verwandten Gebilden, besonders von sogenannten „unbe- 
wußlen Verschmelzungen" darzustellen bestrebt ist und die Herbartsche 

1) Ziehen: Das Verhältnis der Logik zur Mengenlehre. 1917. 

2) Fraenkel: Zehn Vorlesungen über die Grundlegung der Mengenlehre. 1927 

3) Daselbst, S. 17. (Wohlgeordnete Reihe.) 



lo4 Imrc H 



mrc Xlermuiin 



Idee auseinandersetzt, wonach ein Urteil nur möglich ist, wenn solche Ver- 
schmelzungen abgewehrt werden, gibt er zur Illustration nacheinander die 
Sätze: „Dies ist Sokrates" — „Dies ist Schnee" — „Dies ist Blut" und 
unmittelbar anknüpfend die „abgekürzten Rufe" : „Feuer!" — „Her Storch l" * 
Wenn man in Sokrates den Vaterrepräsentanten sieht, wozu uns die Logik- 
wissenschaft die Berechtigung gibt, statt Schnee aber das unbefleckte Weib 
einsetzt, so ergibt sich, welche Phantasien hier, bei der Lehre vom Urteil, 
vom Autor unbewußt abgewehrt und verurteilt werden müssen. — Ein 
zweites Paradigma dieser Gruppe soll aus einem modernen, tiefdurchdachten 
Werk genommen werden. Wie entsteht eine Ordnungswissenschaft? lautet 
die aufgeworfene Frage. Zur Erläuterung wird ein Beispiel beigefügt: Es 
sei eine sehr vage Verwandtschaftsordnung gegeben; nach der angegebenen 
Einschränkung der Erzeugungsrelation ist es jedoch „noch nicht ausgeschlossen, 
daß die Cheruskerfürstin Thusnelda und ich die Erzeuger von Cäsar sind". a 
Das benötigt keine Interpretation. — Einem anderen modernen Logiker 
mißfallen schon die Logikbeispiele: Er will zum Thema Begriff keine Bei- 
spiele, wie „Sokrates oder Pferd oder Staat oder Schwefel" geben. 3 Die 
drei ersten dieser Beispiele sind recht gut verständlich: Sokrates — Vater, 
Pferd — ebenfalls Vater (Projektion auf ein Tier), Staat — Kollektivmodell 
zum Begriff. 

Die Beispiele der Logikwissenschaft können nun auf mehrere Gruppen 
verteilt werden. Es gibt typisch traditionelle und gelegentliche. Neben selbst- 
verständlich wichtigen Angelegenheiten des Lebens werden auch auffallend 
triviale behandelt. Daß die Beispiele überhaupt etwas Merkwürdiges an sich 
tragen, ist schon aufgefallen; so sagt ein neuer Übersetzer von Aristoteles, 
Rolfes, in einer Anmerkung zu den „Sophistischen Widerlegungen", die 
Beispiele seien nur ausnahmsweise von großen Problemen genommen; das 
Beispiel soll nämlich eine Sache verdeutlichen und muß darum sehr ver- 
ständlich sein. „Man darf deshalb an der Schlichtheit der aristotelischen 
Beispiele keinen Anstoß nehmen." 4 

Eine wichtige Beispielgruppe will die Sterblichkeit des Menschen — da- 
neben auch die Geburt und das Leben — ins Gedächtnis rufen. Dies ist 
verständlich in Gedankengängen, wo das Problem das Wesen der Wahrheit 
ist. Muß man denn wirklich sterben? Das wahrnehmungsblinde Echt-Un- 

1) Sigwart: Logik. I. Bd., z. Aufl., 1889, S. 64. 

2) Burkamp, a. a. O. S. 245. 

3) Stammler: a. a. O. 1928, S. XII. 

4) Bd. 13 der Philosophischen Bibliothek, S. 77. 



Das Ich und das Denken io5 



bewußte weiß nichts davon, das Über- Ich fordert trotzdem die Anerkennung 
der Objektivität des Todes und seiner Äquivalente. Hier liegt ein ewiger 
Zweifel: Wie man unfähig ist, den Vorgang des Einschlafens in seiner 
Ganzheit zu beobachten, so wird man sich auch nie der Tatsächlichkeit 
des eigenen Todes anschaulich versichern können; trotzdem soll daran 
evident geglaubt werden. Wunschtendenzen finden einen Ausweg im be- 
wußten Unsterblichkeitsglauben der Seele — und des großen Logikers, 
Bolzanos „Athanasia oder Gründe für die Unsterblichkeit der Seele"' zeugt 
von der Zugänglichkeit der Logiker für diesen Glauben (oder wird, um- 
gekehrt, der Gläubige zum Logiker?). Die Logik, als Wissenschaft der Beweis- 
führung, möchte, ihrer Anschauungsblindheit folgend, am liebsten die Un- 
sterblichkeit beweisen. Da sie das nicht kann, führt sie als entschädigende 
Verschiebung den Beweis für die ewige Wahrheit, und auch der Pragmatist 
William James erklärt sich für eine Art Unsterblichkeit des Menschen. 2 
Eine besondere Note enthalten natürlich die Beispiele, wo die Sterblichkeit 
des Kaisers bewiesen wird. Die Gedanken, daß man gerade dann und nicht 
ein anderesmal sterben muß, aber auch, daß man gerade von diesen und 
nicht von anderen Eltern abstammt, können anscheinend Gefühlswurzeln 
zu den logischen Zufalls- und Wahrscheinlichkeitsgedanken abgeben. — 
Beispiele, wie das bekannte Schulbeispiel, ob Caius oder der Kaiser sterb- 
lich sei, ferner, ob Tag oder Nacht sei, 3 dann aber auch in der hypotheti- 
schen Gruppe das traditionell gewordene Beispiel: „Wenn sie Milch hat, 
hat sie geboren,"* gehören hierher. 

Eine weitere traditionelle Gruppe gibt der Erde, der Sonne, dem Monde 
Prädikate. Neben selbstverständlichen Beispielen gibt es hier auch besonders 
auffällige: Wenn die Erde fliegt, hat die Erde Flügel. Wenn die Erde fliegt, 
existiert die Erde. 5 Ich weiß nicht, ob Groddeck Kenntnis von den traditio- 
nellen Beispielen hatte, als er folgendes schrieb: „Es ist auch nicht wahr, 
daß die Erde sich dreht, denn dann fielen wir alle in den Abgrund. Und 
eine Mutter dreht sich nicht um sich selbst, sie steht fest zu ihren Kindern ; 
um die Sonne mag sie sich drehen, um den Vater, aber nicht um sich 
selbst." 6 Damit hat Groddeck auch die Deutung dieser Beispiele vorweg- 
genommen. 

i ) „Ein Buch rür jeden Gebildeten, der hierüber zur Beruhigung gelangen will". 1838. 

2) James: Unsterblichkeit. 1926. 

3) Prantl, a. a. 0., I, S. 454, 521, 524. 

4) Daselbst, I, S. 458. 

5) Daselbst, I, S. 458. 

6) Arche, II. Jg. 



to6 Imre H 



ermann 



Ich legte Kindern die Frage vor, was sie für ganz sicher halten, und 
worüber sie ganz unsicher sind. Die durch diese Fragen erzielten Antworten 
stimmen — wie wir es noch bei der Frage des Sicherheitsgefühls sehen 
werden — in den behandelten Gegenständen mit den traditionellen Logik- 
beispielen auffallend überein; daneben werden aber auch, offener wie in 
diesen, die Liebe der Eltern, ihr Leben und Tod behandelt. 

Nach unseren bisherigen Ausführungen werden die vielen Tierbeispiele 
nicht mehr Staunen erregen. Da wären als Beispiele etwa die folgenden 
Fangschlüsse zu verwenden: 

„Was zu Athen gehört, ist Besitztum Athens, und 

ebenso bei allem übrigen. 
Der Mensch aber gehört zu den Tieren. 
Also ist der Mensch Besitztum der Tiere. l 

Oder: „Dieser Hund hat Junge 

Also ist er Vater 
Er ist aber Dein 
Also ist er Dein Vater . . . 

Oder: »Tier ist, was Seele hat . . . 

Meine Götter sind die väterlich angestammten Götter 
Die Götter haben Seelen, sind also Tiere . . " 2 

Bei Aristoteles treffen sich viele gegenständlich ähnliche Beispiele: „Der 
Mensch ist statthafterweise kein Pferd . . ., wenn es statthaft ist, daß das 
Pferd in keinem Menschen enthalten ist, so ist auch der Mensch in keinem 
Pferde statthafterweise enthalten." 3 „Geschöpf, Pferd, Mensch", „Geschöpf, 
Mensch, Raubtier", „Rabe, das Denkende, Mensch", „Geschöpf, Weiß, 
Mensch" bilden dann Grundlagen mit verschiedenen Modifikationen für 
viele weitere Beispiele. 4 

Es wird gefragt, „ob ein Gemeinsames für den Menschen, das Pferd 
und den Hund vorhanden ist 5 , es wird die Behauptung einer größeren 
Ähnlichheit zwischen Affe und Mensch als zwischen Pferd und Mensch als 
„lächerlich" hingestellt, das Pferd sei vorzüglicher als der Affe, obgleich 
dem Menschen nicht ähnlich. Ist dann „z. B. der Mensch überhaupt besser 
als das Pferd, so ist auch der beste Mensch besser als das beste Pferd". 6 

1) Prantl, a. a. O., I, S. 4,4. 

2) Daselbst, S, 24., 25. 
5 I. Anal. S. 5. 

4' Daselbst, viele Stellen. 

5) Top.k, S. 24. 

6) Daselbst, S. 55. 



Das I di und das Denken 107 



Natürlich bleibt die Ansicht von Aristoteles stets die, daß „dasselbe Geschöpf 
nicht das einemal Mensch sein und das anderemal Nicht-Mensch sein kann". 1 
Es wird aber mit dieser Möglichkeit sozusagen gespielt: „. . . Z. B. wenn 
von dem Menschen in bezug auf das Pferd als Eigentümlichkeit behauptet 
wird, daß er zweifüßig sei; denn man könnte da den Angriff entweder 
dahin richten, daß der Mensch nicht zweifüßig sei, oder daß das Pferd 
zweifüßig sei, und auf jede dieser Arten würde das Eigentümliche wider- 
legt sein." 2 In einem anderen Zusammenhange spricht Aristoteles auch da- 
von, was logisch daraus folgen würde, wenn man z. B. ein Pferd und einen 
Menschen mit dem gleichen Worte bezeichnete. 3 

Weitere Pferdebeispiele aus der traditionellen Logik: „Quod homo est, 
non est equus; homo autem animal est; equus igitur animal non est."* „Qui 
equus est, hinnibile est, quod kinnibile est, equus est. 5 Es werde z. B. „ver- 
nünftig" von Mensch an und für sich prädiziert, von „Pferd" aber nur 
mittelbar verneint, nämlich vermittels des Begriffes „unvernünftig"; nun 
liege dieses vermittelnde Merkmal näher an dem gemeinsamen Gattungs- 
begriffe „animalisches Wesen", und darum sei dann „Pferd der natürliche 
Oberbegriff. 6 Avicenna soll gelehrt haben: „tu scis, quod animalitas sola 
est (nach Prantl ein Schreibfehler, zu lesen: non est) significativa esse 
hominis et equi uniuscuiusque per se." 7 

Hund und Pferd sind nicht nur bei Kindern und phobisch oder zwangs- 
neurotisch Erkrankten 8 beliebte Vaterersatzfiguren. Wir finden sie als Material 
der Logikbeispiele nicht nur in der aristotelisch-abendländischen Logik, 
sondern in den von diesen weit unabhängigen logischen Schriften der 
Chinesen. 

Aus dem Chinesischen: „Ein Hündchen ist ein Hund, aber wenn man 
ein Hündchen tötet, so kann man nicht sagen, daß man einen Hund ge- 
tötet habe." „Wer ein Hündchen kennt und erklärt, einen Hund nicht zu 

Daselbst, S. 82. 

2) Daselbst. S. gi; dasselbe Motiv nochmals S. 92. 

3I Prantl, I, S. 141. 

4) Daselbst, S. 527. 

5 Daselbst, S. 581 (Apuleius, ein stehendes Beispiel). 

6) Herrains, nach Prantl, I, S. 556. 

7) Prantl, II, S. 329. 

8) Siymanski bringt in seiner Studie über das Erkennen Geisteskranker einige 
Traumbeispiele von Paranoikern mehrere Paranoiakranke träumen von Pferden und 
lesen Zeichen aus diesen Träumen ab; einer sieht auch auf der Gasse ein steigendes 
Pferd und sieht darin ein gutes Zeichen für die Zukunft. (Gefühl und Erkennen. 
1926, S. 85—88.) 

B Vol. 15 



io8 Inire H 



nire xicrninmi 



kennen, geht zu weit . . ."' „An einer anderen Stelle wird der Nachweis 
zu führen gesucht, daß ein Räuber (Art) kein Mensch (Gattung) ist und 
daß, wer einen Räuber tötet, keinen Menschen tötet, also keinen Mord auf 
dem Gewissen hat." Ebenso könnte man aber beweisen, daß der den Vater 
oder das Kind tötet, keinen Mord begeht. Durch lange Reden wird auch 
bewiesen, daß ein weißes Pferd kein Pferd sei, in einer Gegenschrift wieder, 
„daß ein weißes Pferd doch ein Pferd sei und daß, wer ein weißes Pferd 
reite, ein Pferd reite . . . Das weiße Pferd muß ein beliebtes Schulthema 
gewesen sein, bei dessen Diskussion die Geister aufeinanderprallten". 2 

Reschränken wir uns nicht auf bestimmte Tiere, so vermehrt sich unsere 
Reispielsgruppe sehr stark. In der indischen Logik herrschen eher Beispiele 
mit Vögeln vor (Krähe, Ente, Pfau). 5 Doch auch das Pferd wird nicht ver- 
gessen : „Da es Hörner hat, ist es ein Pferd , wird als Beispiel eines falschen 
Schlusses gebracht.* 

Als Übergang von den Beispielen, wo der Mensch als Tier benannt wird, 
dient die respektlose Gruppe, wo gewisse Menschen als Esel bezeichnet 
werden: „Socrates est non albus asinus."* (Von Albertus Magnus soll gesagt 
worden sein: Ex asino philosophus f actus et ex p/älosopho asinus.) Das Prä- 
dikat Esel wird versuchsweise auch auf das Subjekt „Gott" angewendet. 7 
Andere Beispiele von der Gruppe ohne Respekt: „Socrates habet undecim 
digitos praeter unum" s haben schon einen witzartigen Charakter, wobei die 
Anspielung nicht sehr verhüllt ist. Beispiel eines falschen Schlusses: „Omnis 
deus est pater, omnis Jilius est deus, ergo omnis filius est pater. 9 

Die Tierbeispiele stützen den aufgestellten Satz von den totemistischen 
Beziehungen der Logikwissenschaft. 

Den Beispielsgruppen als Untersuchungsmaterial sollen nun noch die 
Symbole der symbolischen Logik zugefügt werden. Vor allem sind hier 
die Zeichen der Negation anzuführen. Schon in der Idee, die Verneinung 
mit Zeichen zu belegen, offenbart sich die Urambivalenz, die übrigens auch 

1) Sehr ähnlich dem griechischen Sophisma „der Verschleierte", wo man den 
eigenen Vater nicht kennen soll. 

2j Forke: Die Gedankenwelt des chinesischen Kulturkreises. 1927, S. 19 — 2«. 

3) Keith: Indian Logic and Atomism. 1921, S. 88, 90. 

4) Daselbst, S. 153. 

5} Abelard, zitiert nach Prantl, II, S. 191, ähnlich IV, S. 51, 84. 

6) Prantl, III. S. 89. 

7) Daselbst, IV, S. 55. 

8) W. v. Shyreswood, bei Prantl, III, S. 21. 

9) Prantl, IV, S. 76. 



Das iii> und das Denket! j g 



den Logikern, besonders J. Kries, 1 nicht verborgen blieb. Die Bezeichnung 
also, das ausdrückliche Sichtbarmachen der Verneinung, erinnert an das 
Verhalten des kleinen Kindes, das beim Versteckspiel aus seinem Versteck 
herauskommend meldet, daß man es schon suchen könne, oder die Forde- 
rung aufstellt, ihm zu zeigen, daß etwas nicht da sei. Auch die Verneinung 
will auf etwas Nichtvorhandenes hinweisen, und dabei bekommt sie das 
Zeichen der negativen Zahl, die etwas Vorhandenes, nur Richtungverschie- 
denes bedeutet. Noch sprechender sind aber die ambivalent quf die Kastra- 
tion hinweisenden Zeichen der Verneinung, wie das Apostroph (Mally), 2 
der Vertikalstrich oder Durchstrich (Schröder, 3 Külpe,* Behn 5 ), der nicht 
realisierte, nur empfohlene rote Überstrich, ambivalent auf Tod und Erotik 
gerichtet (Behn). 6 Der vertikale Strich über das zu Verneinende kann als 
Limitation (eine Art der Verneinung) gedeutet werden. Im Kapitel über Nega- 
tion soll dies alles noch gründlicher untersucht werden. 

Eine andere Gruppe von Symbolen sind die Gebietssymbole. Ein Kreis 
soll z. B. den Umfang eines Begriffes umschließen. In einem Kreis sind also 
„alle" umschlossen. Wir möchten die Wurzeln dieses Symbols hier wieder 
in der Kollektivität suchen; das „alle bedeute „pan , das ganze Volk des 
Erdgebietes. Ähnliches gilt für die „1" als Symbol von „alle : das im 
Kollektiv verband lebende Volk bildet eine Einheit. 

Hier brechen wir ab und fragen, welche Erfolge unsere bisherigen Be- 
mühungen vom Standpunkte der Denklogik brachten. Es fällt außer der Be- 
trachtungsweise der Logikwissenschaft, daß es sich etwa bei der Frage der Evidenz, 
bei der Wahrheit, ja bei der Handhabung der wissenschaftlichen Methoden 
immer um Liebe, Identifizierung, Übertragung auf den Meister und von 
Widerständen seitens des Objektes und des Erkennenden handelt, daß unser 
logisches Denken eine Funktion des Ich-Überich -Verhältnisses ist und daß 
dieses Verhältnis in gewissen Fällen auch objektivierbar ist. Die Entobjekti- 
vierungen, die wir mit Hilfe der Psychoanalyse im Gebiete der Logik vor- 
nehmen konnten, wollen und können der Objektivierung die Berechtigung 
nicht nehmen. Die Objektivierung bildet ein Korrelat zur Anerkennung 
der Realität. Was unsere EntObjektivierungen bezwecken, ist lediglich eine 
Klarstellung der unbewußten Motive der Objektivierungen. 

1) Kries: Logik. 1916, S. 275fr. 

2) Mally: Grundgesetze des Sollens. 1926. 

3) Schröder, a. a. O. 

4) Külpe, a. a. 0. 

5} Behn: Romantische oder klassische Logik? 1925. 
6) Daselbst. 



Hermann: Das Idi und das Denken 



Früher sahen wir, daß die Denkprinzipien durch die Forderungen des 
Über-Ichs, also durch Entwicklungsstadien der Überwindung des Ödipus- 
konfliktes, das geworden sind, was sie sind. Jetzt leuchtet uns ein, daß 
auch Bausteine des logischen Denkens, was ihre Form betrifft („Begriff", 
„Alles") durch die Konstellation des gesellschaftlichen Lebens, letzten Endes 
durch die Institution des Totemismus, gestaltet worden sind. 



(Ein zweiter Artikel folgt im näauten Heft) 



rJ.ternbeo baditungen 
über die oexualität kleiner Kinoer 

Nad' einem in der Saiweizevischen Gesellschaft für Psychoanalyse gehaltenen Vortrage* 

Von 

Hans bulliger 

Ittigen, Bern 

Die vorliegenden Aufzeichnungen eines Elternpaares sind geeignet, als 
Belege für Freuds Feststellungen über die Sexualität kleiner Kinder 2 zu 
gelten. Sie handeln über einen Knaben Hans, der heute siebeneinviertel 
Jahre alt ist und von seinen zwei Schwesterchen Lisa und Anna im Alter 
von fünf und zweieinhalb Jahren. 

Über den ältesten der Geschwister, Hans, berichten die Eltern gemein- 
sam. Die Aufzeichnungen sind teilweise aus der Erinnerung aufgeschrieben 
worden. Das mag der Grund sein, daß sie weniger plastisch und unmittel- 
bar klingen, als die Berichte über die beiden Mädchen. 

Die Eltern berichten über den Buben: 

Hansi erhielt neun Monate lang die Brust. Eine Zeitlang liebte er es, mit 
den Füßchen zu spielen und an den großen Zehen zu lutschen. Zur Zeit, als 
die Zähne kamen, kauften wir ihm eine Veilchenwurzel, daran lutschte und 
kaute er einige Zeit intensiv, dann verlor er die Wurzel. 

1) Anmerkung der Redaktion: Das Manuskript ist bei der Redaktion bereits 
vor fünf Jahren eingegangen und wir bedauern es, daß Raummangel uns bisher stets 
zwang, die Veröffentlichung hinauszuschieben. Da es sich um protokollartige Mit- 
teilung von Beobachtungen ohne Deutung und ohne Schlußfolgerungen handelt, be- 
stand jedenfalls keine Gefahr, daß irgendwelche Ausführungen angesichts des sonstigen 
Fortschrittes der psychoanalytischen und der kinderpsychologisch-pädagogischen For- 
schung veralten könnten. Es lag daher begreiflicherweise auch für den Autor kein 
Anlaß vor, an der vor fünf Jahren erfolgten Niederschrift dieser Beobachtungen irgend 
etwas zu ändern. 

2) Freud: „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (Ges. Schriften, Bd. V). 



»12 Hans bulliger 



Eine Eigentümlichkeit, die er bis zu sechs Jahren hatte, war folgendes: 
Er konnte schon als ganz kleiner Bub nur dann einschlafen, wenn er einen 
weichen Lappen vor der Nase hatte. Als er größer geworden war, benutzte 
er dazu ein Nastuch. Wenn er im Bette war, so rief er oft die Mutter noch 
einmal zu sich, damit sie ihm ein Nastuch gebe. Es kam eine Zeitlang auch 
vor, daß er mitten in der Nacht erwachte und schrie: „Naselümpi!" Später, 
wenn er heulte und man ihn aufforderte zu schweigen, holte er ein Schnupf- 
tuch, ging in eine Ruhbettecke, steckte die Nase ins Tuch, und dann beruhigte 
er sich. Ob das Tuch ihm eine Erinnerung an die weiche und warme Mutter- 
brust bedeutete, an der er einst immer einschlief? 

Als Dreivierteljähriger rutschte er mit Vorliebe auf dem rechten Füßchen 
sitzend. Mit einem Jahre konnte er gehen, hatte jedoch häufig Rückfälle ins 
Rutschen auf dem Fuß. Möglicherweise reizte ihn diese Art des Rutschens an 
der Afterzone. 

Zur Zeit, als Hansi ein Jahr alt war, wollte er alles fressen, ein jedes Ding 
trachtete er in den Mund zu nehmen, einst heulte er, weil er den Mond nicht 
packen und in den Mund nehmen konnte. Diese Periode der kindlichen Ent- 
wicklung haben wir auch bei den anderen unserer Kinder gesehen, sie ist je- 
doch bei Kindern so allgemein, daß ihr keine Eltern besondere Bedeutung 
beimessen. 

Mit zwei Jahren erhielt Hansi das erste Schwesterchen. Er kam in die 
Stube, besah das kleine Ding im Korbe und sagte dann kalt: „Menti adee!", 
was heißen sollte: „Bringt das Mädchen wieder weg!" 

Dann kam für ihn eine schwere Zeit. Er hatte Rückfälle ins Schmieren 
und Bettnässen. Einmal trafen wir ihn nackt liegend an, wie er im Schlafe 
sein Gliedchen in der Hand hielt, es war wie erigiert, und dann näßte er 
(er lag nackt und Hebte es, sein Hemdchen abzuziehen). Gegen den Durchfall 
gaben wir ihm Schokolade, weif wir uns dachten, Hans mache wegen des 
Durchfalles ins Bett. Der Durchfall besserte sich nur wenig und hielt bis zum 
vierten Jahre an. Es entwickelte sich ein starkes Süßigkeitsbedürfnis in dem 
Knaben, das bis heute andauert. Hans wollte eine Zeitlang nur dann einschlafen, 
wenn ihm die Mutter vorher ein „Bettmümpfeli", eine Süßigkeit, brachte. Es 
ist sehr wahrscheinlich, daß Hans mit dem Bettnässen, Schmieren gegen die 
Schwester demonstrierte, die einen Teil der Elternliebe von ihm ablöste, und 
daß er die Süßigkeit als Liebesersatz von seiner Mutter begehrte. 

Als Hans zweieinhalb bis drei Jahre alt war und seine ersten Hosen trug, 
ließ er oft den Hosenladen offen. Hausbewohner, ein älteres, kinderloses Ehe- 
paar, drohten ihm, man schneide ihm das Genitale ab. Daraus entwickelte sich 
eine Sucht in dem Buben, alle Messer zu stehlen und zu verbergen. Das dauerte 

Ian bis in das Alter, da er deutlich zwischen Mein und Dein unterscheiden 
konnte. Es wurde uns oft ganz Angst um den Buben. Er ließ nicht nur unsere 
Sack- und Tischmesser verschwinden. Wo er irgendwo ein Messer sah, ließ er es 
mitlaufen und verbarg es unter dem Ruhebett oder Bett, in der Kohlenkammer. 
Die Frau, die ihm einst mit der Kastration gedroht hatte, gilt ihm heute als 
Respektsperson mehr als seine Eltern; er hat sie auch, wie es scheint, sehr lieb. 



Elternbeobaditungen über die Sexualität kleiner Kinder n3 

Einmal ging Hans in die Waschküche. Dort war der Mann, der ihm einst 
mit Abschneiden des Penis gedroht hatte, damit beschäftigt, ein Kaninchen zu 
töten und zu metzgen. Der Bub stand starr, als der Mann dem Tiere hinter 
die Ohren hieb, er sah zu, wie das Kaninchen aus der Nase blutete, wie ihm 
das Fell weggezogen und der Leib geöffnet wurde. Dann brach er aus in mark- 
erschütterndes Geschrei. Der Mann lachte zuerst. Seine Frau und wir liefen 
herbei, der Mann erklärte, was der Bub habe. Die Frau tadelte ihren Mann, 
der einzusehen schien, daß er einen schlimmen Fehler begangen hatte. 

Die unmittelbare Folge davon war, daß sich Hans vor der Dunkelheit außer- 
halb unserer Wohnung zu fürchten anfing. Er konnte nicht mehr ohne Be- 
gleitung auf den Abort. Denn auf dem Abort der Familie X., auf dem er etwa 
gewesen war, hingen Kaninchenfelle auf. 

Dann weigerte er sich, Fleisch zu essen. Als man ihn als Sechsjährigen zu 
Botengängen in Läden schon gut gebrauchen konnte, wollte er nicht in Metzgereien 
gehen. Er aß nur noch Wurst, diese zwar mit Vorliebe und Unersättlichkeit wie 
die Süßigkeiten. Heute geht Hans in Metzgereien, er ißt auch hie und da 
Fleisch, doch hat er dafür keine Vorliebe, wie es sonst bei Kindern üblich ist. 

Die Sucht nach Süßigkeiten ist immer noch da, doch weniger stark aus- 
geprägt als früher. Dafür liebt Hans die Breie, die er ohne Maß verschlingt. 
Er brachte es mehr als einmal so weit, daß er sich nach dem Breiessen erbrechen 
mußte. Mit dem Aufhören des Durchfalles ist auch die stark betonte allge- 
meine Eßlust verschwunden. 

Als Hans zweieinhalb bis drei Jahre alt war, hatte er eine ganz eigentümliche 
Art des Widerstandes gegen Befehle; er hustete. Anstatt zu weinen, hustete er. 

Schon sehr früh zeigte Hans eine mehr negative Einstellung zum Vater. 
Dieser machte während des Weltkrieges die Grenzbesetzung mit und war oft 
Vierteljahre lange abwesend. Hansi machte nun in den Nächten so lange Lärm, 
näßte das Bett oder hatte Hustenanfälle, bis ihn die Mutter ins Schlafzimmer 
der Eltern nahm. Es kam auch vor, daß er sich nicht beruhigte, bis er neben 
der Mutter im Bette lag. Kam dann der Vater heim, so machte er Augen wie 
ein Bestrafter, wenn dieser ihn wieder vertrieb und er ins andere Zimmer ins 
Exil mußte. Gegen die Mutter war Hans immer sehr zärtlich. Er ahmte sie 
in ihren Eigenschaften nach. Sie nahm keinen Rahm, er auch nicht. Sie aß 
zeitweise keinen Salat, besonders dann, wenn sie ein Kleines zu nähren hatte. 
Hansi nahm lange Zeit auch keinen Salat. Weil die Mutter Fleisch ißt, so 
kam er trotz seines Abscheues vor Fleisch endlich wieder dazu, es zu essen. 

Als Hans etwas über vier Jahre alt war, beobachteten wir ein Gespräch 
von ihm, das einer infantilen Zeugungs- und Geburtstheorie nahekommt. Er 
und Lisa, die damals etwa zweieinhalb Jahre alt war, aßen Kirschen. Das 
Mädel verschluckte dabei die Steine, während er sie sorgfältig wieder ausspie. 

„AU", sagte er und riß die Augen auf, als er Lisa die Steine verschlucken 
sah, „die ißt die Steine! Und wenn dann in dir ein Kirschbaum wächst! 
Dann mußt du ersticken, oder man muß dir den Baum aus dem Bauche schneiden! 

Die Kinder liebten es, gemeinsam zu defäzieren. Das geschah nicht immer 
nur auf dem Ahort, sondern auch etwa im nahen Walde. Dabei wurde nach- 



Il4 H;m.s Zsuluffer 

gesehen, wer am meisten defäzieren könne, und wie der Kot aus dem Anus 
austrete. Hansi war stolz darauf, wenn seine Leistung die größte war. Mit 
der Überschreitung des fünften Lebensjahres protestierte Hansi dagegen, wenn 
Lisa derartige Betrachtungen weiterführen wollte. Er klagte, was sie für „ein 
Schwein sei. Dabei schien er vergessen zu haben, daß er vor gar nicht langer 
Zeit das gleiche war. 

Als Hansi bald fünf Jahre alt war, kam das kleinste Geschwister, zu dem 
er sofort eine sehr ritterliche Stellung einnahm, es betreute, auf die Arme 
nehmen und ihm zu essen geben wollte, als es einmal essen konnte. Einige 
Zeit nach der Geburt suchte er um sexuelle Aufklärung nach. Die Mutter 
war noch im Bette, da kam er an einem Nachmittag zum Vater: „Du, Papa, 
woher kommen eigentlich die kleinen Kinder?" 

„Wieso fragst du denn?" 

„Die Frau X. hat gesagt, du hättest Anna im Mannenberg hervorgelocht, 
weißt du, dort unter dem großen Stein, und die Frau Y. hat gesagt, die 
Fräulein Z. habe es gebracht (Hebamme) und Frau A. sagte mir, der Storch 
bringe die kleinen Kinder!" 

„Da bist du halt ein dummer Bub, wenn du andere Leute fragst, anstatt 
mich oder die Mutter; komm, wir wollen jetzt hingehn und Mama fragen!" 
Die Mutter gab der Kleinsten gerade die Brust. Der Bub staunte eine Weile. 
„Was macht es?" fragte er dann. „Es trinkt Milch." — „Ja, hat denn die 
Mama auch Milch?" — „Gewiß!" Sie zeigte ihm, daß bei den Brustwarzen 
Milch hervorkommt. „Habe ich auch Milch in der Brust?" — „Nein, das hat 
nur die Mama, weil das kleine Ännchen sonst noch gar nichts essen kann!" — 
„Und der Papa auch nicht?" — „Nein, nur die Mama!" — „Sag' mal, hat 
denn die Lisa auch dort getrunken?" — „Gewiß!" — „Und ich, habe ich auch 
einmal dort getrunken?" — „Ja, als du noch ein ganz kleines Bübchen warst 
und noch keine Zähne hattest." — „Und der Papa, hat der auch dort getrunken?" 
„Nein, der hat bei seiner Mama getrunken, bei der Großmama in B." 

Das machte ihm Freude. Er dachte eine Weile nach. Dann fragte er noch- 
mals nach der Herkunft der kleinsten Schwester. Der Vater teilte der Mutter 
mit, was die verschiedenen Frauen dem Knaben gesagt hatten. 

Nun mußte Hans einmal hören, wie das Herz der Mutter schlug. „Sieh 
darunter ist Anna gelegen, und jetzt ist es hervorgekommen!" 

Nun wiederholte er die Fragen, die er in bezug auf das Stillen geäußert 
hatte, auch auf die Geburt: Ob Lisa, ob er selber, ob der Vater auch dort 
geschlafen habe. Damit gab er sich zufrieden. 

Zwei Monate später hatte er im Nachbarhause im Stalle der Geburt eines 
Kälbchens beigewohnt. Die Bauernknechte haben die größte Freude, wenn sie 
ein Kind in solche Vorgänge einweihen können. Als Hansi heimkam, war die 
Mutter gerade am Kochen. „Du, Mammi, im Stall drüben haben sie ein frisches 
Kälbchen bekommen, gar ein schönes, willst du schauen kommen?" — „Ich 
kann jetzt nicht weg, du siehst, ich koche; sonst brennt mir alles an!" 

Er harrte eine Weile, dann sagte er nachdenklich: „Mammi, ist unser Anneli 
auch so blutig gewesen, als es hervorkam ? Weißt du, ich sah zu, wie die Kuh 



)'- Itci t, beobaditun gen über die Deiualität kleiner Kinder n5 

auseinanderfiel und wie das Kälbchen hervorkam, und es war ganz blutig, und die 
Kuh hat auch geblutet! — „Ja, dann hat man das Blut abgewaschen, das 
Blut macht nichts!" — „Sie haben das Kälbchen mit Stroh abgewischt, dann 
war es sauber!" 

Wiederum eine Weile später meinte er dann: „Gelt, Mammi, darum hast 
du noch eine Zeitlang im Bett bleiben müssen, weil du ein Loch hattest, wo 
das Anneli hervorkam!" — „Ja, deshalb lag ich im Bette, aber es war bald 
vorüber!" — „Hat dir das sehr weh getan?" — „Nicht so sehr! Wenn du 
am Nachmittag hinübergehst in den Stall, so wirst du sehen, die Kuh ist 
schon wieder aufgestanden und hat Freude, daß sie ein Kälbchen hat!" 

Dann hat Hansi nie mehr etwas über Geburt und Herkunft der kleinen 
Kinder gefragt. Als er sechsjährig war, nahm er prompt die Storchentheorie 
wiederum auf. Er hatte in einem Buche ein Bild gesehen, wie der Storch die 
Kleinen aus einem Teiche herausholt. Darauf stützte er sich, und wir gaben 
uns keine Mühe, ihn eines anderen zu belehren. Die Storchengeschichte ver- 
trat er bei Kameraden. Er durchbrach sie erst dann, als er vor der Lisa und 
der Mutter beweisen wollte, er wisse die Sache besser, er sei dem Wissen des 
Mädchens überlegen. 

Die Kinder wurden einst von den Masern befallen. Der Arzt war gekommen 
und hatte sie untersucht. Hansi spielte nun an Sonntagmorgen, wenn er länger 
im Bette blieb als an Werktagen, mit den Geschwistern oft Doktor. Die 
Hemden wurden ausgezogen und die Brüstchen abgeklopft, gehorcht usw. Die 
Untersuchungen beschränkten sich dann nicht nur auf die Brust; Genitalien 
und der Anus spielten eine ebenso wichtige Rolle, und schließlich gab es dann 
Kitzeleien und Schlägereien. Bei Hans trat besonders ein sadistischer Zug in 
den Vordergrund, den er nicht nur seiner ersten Schwester gegenüber äußerte, 
sondern auch gegenüber seinen anderen Spielkameradinnen. Er überfiel sie von 
der Rückenseite her und riß sie zu Boden. Dabei kam es ihm nicht darauf 
an, sie an den Haaren zu packen, und laute Freude zu bezeugen, wenn sie schrien. 

Mit sieben Jahren näßte Hans plötzlich nochmals das Bett. Zur Rede ge- 
stellt darüber, sagte er zuerst aus: „Als ich beim Onkel in O. in den Ferien 
war, näßte der große Bub, der schon das vierte Jahr zur Schule geht (elf- 
jährig), das Bett auch immer. Ich bin kleiner als der." 

Später erzählte er einen Traum: „Es kam ein ganz kleines Kätzlein und 
kletterte auf die Telegraphenstange vor B.s (des Nachbarn) Haus. Dann kam 
die alte Katze und sagte rauh: Miau, miau! Die Kleine gab Antwort mit ganz 
feiner Stimme: Miau, miau! und dann kam sie -wieder herunter. Da packten 
B.s Buben vor dem Hause eine neue Jauchepumpe aus. Sie war in einer Kiste 
im Stroh. Dann pumpten sie, und es kam Jauche heraus. Ich fragte: ,Darf ich 
auch? 1 Sie sagten ja, und wie ich pumpte, erwachte ich und hatte ins Bett gepißt." 

Vor ein paar Tagen (Hansi sieben Jahre und vier Monate alt) entwickelte 
sich folgendes Gespräch zwischen ihm und der Mutter: 

Hansi: „Mama, warum darf man keine Verwandten heiraten? 

Mutter: „Du darfst schon Verwandte heiraten — wen wolltest du denn 
heiraten?" 



Hans Zulliger 



Hansi: „Weißt du, du bist mir zu groß, aber Lisa wollte ich!" 

Lisa: „Hmm, dich wollte ich allweg, ich will den Papa! Du kannst meinet- 
wegen die Anna haben! 

Lisa und Hans nahmen mir einen Katalog der Hodler-Ausstellung, worin 
Reproduktionen einer Anzahl von Bildern des Künstlers sind. Die Rückseiten 
überzeichneten sie. Aber auch auf einigen Bildern fanden sich Überzeichnungen. 
Ein Damenbildnis wies einen Schnurrbart und eine Tabakspfeife auf. Beim Bilde 
„Der Tag" hatten die fünf weiblichen Akte die Brüste mit Kreisen eingerahmt, 
die Figur in der Mitte auch die Genitalien. Bei einem Herrenbildnis mit Bart 
und Brille waren die Augen verkritzelt. Nun wurden die Kinder gefragt, wer 
die Zeichnungen gemacht habe. 

Lisa hatte das Damenbildnis und die weiblichen Akte, Hans das Herren- 
porträt „behandelt . Das Mädchen stattete die Dame mit Dingen aus, die den 
Männern gehören, während der Knabe seinen Abneigungsgefühlen gegen den 
Mann, den Vater, Ausdruck gibt. 

Es folgen nun die Aufzeichnungen über das erste Schwesterchen. Berieht 
des Katers, Lisa dreieinhalb Jahre alt: 

Lisa treibt nun schon seit einiger Zeit eine Unart, sie entblößt sich ungescheut, 
sei es in der Wohnung, auf der Laube draußen oder drunten auf der Straße. 
Sie hebt die Röcke hoch, nachdem sie die Höschen abgezogen hat und „walzt 
mit langen Schritten, den Bauch vorstreckend, herum und gröhlt. Wenn meine 
Frau oder ich sie auffordern, sich zu schämen, dann lacht sie uns einfach aus 
und macht mit dem Bauche wackelnde Bewegungen. 

Lisa geht in der Regel nur im Verein mit ihrem Bruder auf den Abort. 
Nun ließen die Kinder meist die Türe offen, so daß Leute, die ins obere Stock- 
werk und über die Laube gingen, sie sahen. Der Bub schämt sich für die 
Unart des Mädchens und hat ihm gedroht, wenn es noch mehr die Röcke auf- 
hebe, so komme er nicht mehr mit ihm auf den Abort. Denn letzthin hat Lisa 
sich nach einer Sitzung auf dem Abort entblößt, während der Knabe noch saß, 
und ein herunterkommender Hausbewohner hat gelacht und gespottet. Der Spott 
machte bei Lisa nicht den geringsten, dafür jedoch bei dem Bruder um so mehr 
Eindruck. 

Ihm ist es gelungen, das Mädel ein wenig zu „erziehen". 

Aufzeichnung des Vaters, einen Monat später: 

Jetzt ist der Unsinn geschehen: Lisa hatte sich wiederum einmal draußen 
im Hof vor der Straße entblößt. Da kam ein Hausbewohner, ein vierzigjähriger 
Mann und sagte ihm: 

„Paß auf, es kommt ein Hund und beißt dich in die Hinterbacken, er schnellt 
sie dir grad ab, decke du lieber zu!" 

Und der Hans, der Bruder, der rief zustimmend: „Au ja, wenn jetzt ein 
Hund käme! 

Nun ist Lisa von der Entblößerei „geheilt". Die Heilung ist so gründlich, 
daß sie nur noch in Begleitung der Mutter oder des Vaters auf den Abort will. 



Elternbeohaditungcn über die Sexualität kleiner Kinder 117 

Am liebsten würde sie ihre Verrichtungen im Hausgange auf dem Topfe be- 
sorgen. Doch das wollen wir nicht. 

Sie entwickelt eine große Angst vor den Hunden. Im Nachbarhause, etwa 
eine Minute von uns weg, ist ein Hund, ein gutmütiges Tier, mit dem die 
Lisa sonst oft gespielt und ihn Hebkost hat. Sogar vor dem hat sie nun Angst 
und macht einen Umweg, wenn sie vor seinem Häuschen vorbei muß. Ist sie 
vorüber und streckt er ein wenig die Schnauze aus dem Häuschen, so beginnt 
sie mit lautem Geheul zu laufen, sie glaubt, er könnte ihr nachkommen und 
sie beißen. 

Aufzeichnung des Vaters, Lisa viereinhalb Jahre alt: 

In der letzten Zeit entwickelt die Lisa starke sexuelle Neugierde. Sie be- 
trachtete anfänglich ihre eigenen Geschlechtsteile, meist am Morgen nach dem 
Erwachen, dann verglich sie sie mit denjenigen ihres Bruders. Kamen die Eltern 
ins Kinderzimmer, so wurden die getriebenen Spiele als Geheimnis behandelt. 
Die Betrachtung beschränkte sich nämlich nicht bloß auf eine mit den Augen. 
Einzig einigen Überraschungen verdanke ich meine Beobachtungen. Das Spiel 
ist dann oft in eine Schlägerei ausgeartet, oder die Kinder klemmten sich, bis 
eines schrie und es Händel gab. 

Aufzeichnung des Vaters, Lisa vierdreiviertel Jahre alt: 

Die morgendlichen Spiele der Kinder werden interessant. Sie machen aus 
den Federdecken Häuschen und schlüpfen hinein. Dann rühmen sie sich, wie 
schön und warm es in den Häuschen sei. Eines sucht das andere Geschwister 
lüstern zu machen, in sein Häuschen zu kommen. Sind dann beide beieinander, 
so kitzeln sie sich ; das dauert eine Weile, und dann wirft das eine das andere 
hinaus und es gibt Streit. Ich habe die Vermutung, daß die Kinder da Mutter- 
leibsphantasien ausleben. 

Aufzeichnung des Vaters, Lisa vierdreivierteljährig : 

Wenn ich auf den Abort gehe, so will Lisa auch immer mitkommen. Ich 
duldete es bis anhin, weil ich wußte, sie fürchtet sich allein zu gehen. Heute 
nun kam sie auch mit. Allein sie wollte nicht auf den Topf. Sie verlangte 
zuzusehen, wie ich Harn ließ. 

„Zeige, was hast du für ein Genitale!" forderte sie. 

„Das zeigt man doch nicht!" sagte ich tadelnd und schob die Gwundrige 
weg. Sie schmollte in einem Winkel und meinte schließlich: „Mir könntest 
du es schon zeigen, ich bin ja dein Kind! 

Aufzeichnung des Vaters, später: 

Ich ging mit Lisa und Anna in den nahen Wald, es war an einem schönen 
Februartage und an hüben Stellen blühten schon die Geißenblümchen, woran 
die Kinder große Freude hatten. 

Während sie Blümchen zusammenlasen, stand ich an einer Tanne, um Harn 
tu lassen. Lisa bemerkte es, erhob sich, nahm die Kleinste bei der Hand und 
trat zögernd näher. Dann blieb sie stehn und sagte: „Schau, Nini (Kosename 
für Anna), wieviel der Papa pissen kann! Gelt, wenn wir auch so könnten!" 



Hans Zulliger 



Einige Tage später ging ich mit Lisa allein in den Wald, wir lasen Reisig zu- 
sammen. Da meldete sie mir plötzlich, sie müsse pissen. „Geh' ein wenig hinauf, 
hinter die Büsche! befahl ich ihr. Sie ging einige Schritte höher und dann 
rief sie mir. Sie kauerte vor den Büschen und preßte nun, wie ich hinschaute, 
den Harn weit nach vorn, daß er einige Meter weit hinabspritzte. 

„Ei, du Schweinchen!" tadelte ich; aber sie rief glücklich: „Gelt, ich mag 
sehr weit! 

Aufzeichnung der Mutter, Lisa fünfjährig: 

Wir, Lisa und ich, machten einen Botengang. Auf dem Heimwege kamen 
wir beim Vernachten an einem Bauernhofe vorbei, und der Hund kam bellend 
in die Hofstatt gelaufen. Das Mädel ging sofort auf die dem Hunde abgewendete 
Seite. Es drückte sich enge und schutzsuchend an meine Beine. 

„Uh, wenn jetzt der Hund käme!" sagte sie zaghaft. „Du brauchst keine Angst 
zu haben, der kommt nicht! — „Ja, gelt", sagte sie alsdann erleichtert, „und wenn 
er käme, so sähe er dich zuerst, und dann fräße er dich, und dann hätte er genug, 
du bist ja so groß. Und bis er dich gefressen hätte, liefe ich rasch heim! 

Aufzeichnung des Vaters, Lisa fünfjährig : 

Lisa hat eine sehr gute Einstellung zu mir. Allerdings, wenn ich dergleichen 
tue, ich wolle mit der Mutter streiten, so nimmt sie, wie alle anderen meiner 
Sprößlinge, sofort der Mutter Partei an. Als Spezialität, sich zu wehren, beißt 
sie mich in die Hinterbacken und hat dann eine gewaltige Freude, wenn ich 
schreie, abwehre oder flüchte. 

Heute Mittag sagte Lisa bei Tische unvermittelt: „Mammi, wann willst du 
eigentlich sterben?" — „Noch lange nicht!" — „Doch, du mußt bald sterben!" 
— „Ja, warum soll ich denn sterben, es gefällt mir noch lange hier!" — 
„Du bist doch fangs alt! — „Ja, wenn ich stürbe, dann hätte der Papa ja 
keine Mama mehr!" — „Das macht doch nichts, ich wäre dann seine Fraul" — 
„Ja, und denn der Hansi — willst du denn nicht Hansis Frau werden?" — 
„Nein!" sagt sie gereizt, und nach einer Weile Nachdenken lacht sie: „Du, 
der Hans, der kann doch die Nini zur Frau haben!" 

Früher, wenn sich meine Frau und ich küßten und umarmten, so drängte 
Lisa genau in der Art zwischen uns, wie es jetzt die Kleinste tut. Lisa macht 
das nun nicht mehr. Sie lacht uns nur aus, spottet, und sie sagt etwa: „Uh, 
die tun blööd!" 

Aufzewhnung des Vaters, Lisa etwas über fünf Jahre alt: 

Lisa macht nun häufig folgendes Spiel: sie kriecht unter das Ruhebett oder 
in der Küche in die Holzkiste. Dann knurrt und bellt sie wie ein Hund. Dann 
kommt sie hervor und beißt einen, am liebsten mich. Sie droht mir auch ge- 
legentlich: „Wenn du mir nicht gehorchst, so beiße ich dich in den Hintern!" 

Offensichtlich ist sie in ihrem Verhalten den Hunden gegenüber in ein neues 
Stadium gerückt. Sie geht nun allein auf den Abort und scheut sich vor den 
Hunden weniger. Denn sie identifiziert sich mit ihnen. So überwindet sie die 
Angst. Die Überwindung hat damit begonnen, daß sie dem Hunde im Nachbar- 



Ejtcrnbeobuditungen über die Sexualität kleiner Kinder uq 



hause Knochen brachte (Opfer). Am Mittag, wenn wir mit dem Essen fertig waren, 
suchte Lisa die Knochen zusammen und brachte sie dem „Bari", der sie mit 
artigem Wedeln empfängt, wenn er sie kommen sieht. 

Nun, wie sie sich selber als ein Hund vorkommt, braucht sie sich doch 
nicht mehr vor Hunden zu fürchten. Aber sie hat auch den Brauch des Knochen- 
überbringens wieder vergessen. Es scheint, sie habe also auch keine Opfer mehr 
nötig, um das gefährliche Tier zu versöhnen und es sich günstig zu stimmen. 

Aufzeichnung der Mutter, Lisa fünf Jahre und ein Monat alt: 
Lisa verlangte von mir, ich sollte ihr meine Geschlechtsteile zeigen. Als 
Grund gab sie mir an, sie wolle wissen, ob ich gleiche habe wie sie. Sie habe 
gesehen, daß der Bruder andere Genitalien habe. Ich gab ihr Aufklärung, daß 
6ie einmal eine Frau werde, und daß alle Frauen Genitalien hätten wie sie. 
Der Hans, der werde ein Mann, die Männer hätten andere Geschlechtsteile. 

Aufzeichnung des Vaters, gleiche Zeit: 

Wir sitzen an einem Abend beim Lampenschein beisammen. Lisa zeichnet 
auf ein Stück Packpapier. „Was gibt das?" frage ich. „Das ist mich!" sagt sie 
und lacht. Sie zeichnet den Kopf, Augen, Nase, Mund, Haare und eine große 
„Flugmaschine" (Haarband), indem sie alles bezeichnet, was sie zu Papier bringt. 

„Und das hier ist der Hals — und hier ist der Bauch — hier sind die 
Erbschen = Brustwärzchen — (sie lacht) — weißt du, ich will halt grad baden 
gehn, darum bin ich nackt — und hier ist das Näbelchen — und da sind die 
Beine — und da die Arme — 

Dann betrachtet sie ihr Werk, setzt die Bleistiftspitze zögernd auf den Unter- 
leib und schaut uns unschlüssig an. Dann macht sie einen senkrechten Strich 
zwischen die Beine und sagt: „Ich mache ihm jetzt halt so eines, wie der 
Hansi eines hat, meines sieht man ja nicht!" 

Lisa habe ich auch schon oft angetroffen, daß sie stehend und wie ein 
Knabe pißte. Sie hat dabei schon eine solche Routine, daß sie die Hosen und 
die Schenkel nicht mehr netzt. 

Bis vor nicht lange kam das nämlich vor. Wir wußten zuerst nicht, wieso 
sie wiederum mit dem Nässen der Hosen begann, nachdem sie das längst nicht 
mehr machte. Als Dreieinhalbjährige hatte sie im Brauche, ihren Harn so lange 
zu sparen, daß sie keine Zeit mehr hatte, die Hosen zu öffnen. Mitten im 
Spielen erhob sie sich, strampelte mit den Beinchen und heulte, sie müsse auf 
den Abort, man solle ihr hurtig, hurtig die Hosen auftun. Bis das geschehen 
war, war das Unglück da. Als sie vier Jahre alt war, schämte sie sich besonders 
davor, daß sie der Vater auslache, wenn sie die Hosen näßte. Einmal kam 
sie mit durchnäßten Hosen heim, ging heimlich auf den Abort, zog sich dort 
nackt aus, nahm die Kleider unter den Arm und eilte in ihr Bett. Dann be- 
gann sie zu heulen. Wir eilten hinzu und fanden sie in Tränen schwimmend. 
Was sie habe, wollte sie nicht sagen. Wir untersuchten die Kleidchen und 
errieten den Grund, warum sie ins Bett geschlüpft war, es bedeutete eine 
Selbstbestrafung. (Sie wurde etwa darum tagsüber zu Bett geschickt, wenn sie 
sich als sehr unartig oder gereizt gezeigt hatte.) 



Hans Zulliger 



Zum Abendessen verlangte sie nach anderer Wäsche und kam wieder auf. 
Dann erzählte sie, wie sie auf den Abort geschlichen sei und sich ausgezogen 
habe, und wie der dumme Papa nichts davon gemerkt hatte. Ich hatte sie 
wirklich einmal ausgelacht, als sie nasse Hosen hatte. „Das hätte ich nicht 
gedacht, daß du noch so ein kleines Mädchen bist!" hatte ich ihr gesagt, und 
das hatte sie nicht gerne. 

Aufzeichnung des Vaters, Lisa fünf Jahre und zwei Monate alt: 

Lisa hat sich heute erbrechen müssen. Das machte ihr großen Eindruck. Sie 
blieb lange schweigsam. Dann sagte sie plötzlich wieder lachend: „Uh, wenn 
i sövel chönnt bysle, wie n-i göögget ha!" (Wenn ich so viel pissen könnte, 
wie ich mich erbrochen habe!) 

Das Erbrechen war also nicht allein nur unlustbetont. Die Kleine heftete 
Potenzphantasien daran; nach oben verschobene urethralerotische Phantasien 
mögen auch mit im Spiel gewesen sein. 

[Ob da nicht Zusammenhänge mit der Sauferei und dem Erbrechen der 
Studenten bestehen? Das viele schäumende Bier, das beim Erbrechen zum 
Kopfe herausströmt, und mit dem sich die jungen Leute dann so rühmen — 
ist das nicht oft auch eine „Verschiebung nach oben ?] 

Aufzeichnung der Mutter, Lisa fünfeinviertel Jalire alt : 

Lisa hat sich seit einiger Zeit glühend ein Bübchen gewünscht. Jetzt sind 
Leute ins Haus gezogen, die haben ein Bubi. Nun ist unser Mädel immer bei 
dem Knaben und betrachtet ihn als ihr Kind. Zwar nicht als ihr richtiges, 
denn es müßte kleiner sein. 

Aufzeichnung des Vaters, gleiche Zeit; 

Lisa will ein Bubi haben. Sie „stürmt darüber halbe Tage lang mit der 
Mutter: „Wann bekommen wir ein Bübchen, warum bekommen wir kein 
Bübchen, ich hätte gern ein Bübchen, das ganz meines wäre, weißt du, nur 
so ein ganz kleines wie eine Puppe! Dann kommt sie auch zu mir: „Du, 
Papa, ich bin jetzt bald zornig über dich!" — „Ja, warum denn? — „Weil 
du mir kein Bübchen gibst, ich will einfach eines, nur ein winziges, ich will 
es in den Puppenwagen legen und ihm Kleidchen machen, gelt, du bringst mir 
eines heim!" Meine ausweichenden Antworten lösen bei ihr Zorn, Zwängen, 
Schmeicheleien aus. 

Wenn ich am Mittag auf dem Diwan liege, so kommt Lisa auf mich hinauf, 
reitet auf mir, küßt mich, streichelt mich, bittet mich flüsternd, ich solle ihr 
bald ein Bubi heimbringen. Dann wieder schlägt sie mich mehr oder weniger 
im Spasse und weint vor Zorn. Wenn ich einen Gang in die Stndt mache und 
heim komme, so eilt sie mir im Sturmschritt entgegen und fragt, ob ich ihr 
nichts heimgebracht habe, sie möchte mir die Taschen erlesen. Auch wenn ich 
ihr ein Stück Schokolade oder einen Kram heimbringe, so ist sie nicht recht 
befriedigt, trotzdem sie Süßigkeiten gerne ißt. „Ich habe geglaubt, du hättest 
sonst noch etwas!" sagt sie, wenn alles Heimgebrachte ausgepackt ist. Damit 
meint sie wohl das sehnlichst erwartete Bubi. Ob es ihr bewußt ist, daß sie 



Elternbeobaditungcn über die »Sexualität kleiner Kinder 



das erwartet, weiß ich nicht. Denn ich denke, sie würde es heraussagen. Aber 
wir erleben es doch oft an uns selber, daß wir irgendwie enttäuscht sind und 
wissen nicht warum. So mag es bei der Kleinen auch sein. Sie weiß, wenn 
der Vater etwas, ein Geschenk, heimbringt, so holte er es in der Stadt; sie 
muß also auch annehmen, das Bubi würde aus der Stadt geholt. 

Aufzeichnung des Vaters, Lisa fünfeinhalbjährig : 

Ich habe eine Reise gemacht und war mehrere Tage von zu Hause fort. Als 
ich zurückkam und nachsann, was ich meinen Leutchen für Geschenke heim- 
bringen wolle, kam ich auf den Gedanken, der Lisa eine Puppe, und zwar 
einen Buben zu kaufen. In einem Bazar erstand ich einen hübschen Buben, 
er hatte noch ein Röcklein an und die Figur eines Zweijährigen. 

Und dann kam ich heim, schenkte der Kleinsten einen neuen Teddybären, 
dem Hans geschnitzte Tiere und zu allerletzt der sehr gespannten Lisa ein 
Büblein. Sie empfing die Puppe mit einem Freudengeheul und konnte vor Lust 
nicht mehr stille stehn, sie hüpfte von einem Bein auf das andere. Sie küßte 
die Puppe, bewunderte die Händchen, das Hütchen, die Schühlein. Dann ver- 
suchte sie, ihr die Schürze zu lösen. 

„Gelt, ich darf ihn ausziehn, er will drum schlafen gehn!" sagte sie. Dann 
begann sie das Bübchen auszuziehen. Sie tat es immer hastiger, und zuletzt hob 
sie ihm einfach die Röcklein auf. Nach einer kurzen Betrachtung sagte sie zu 
sich selber: „Er hat Höschen an!" und zog die Puppe weiter aus. Dann stampfte 
sie auf den Boden: „Ich weiß nicht, wie man die Höschen auszieht!" Es gelang 
ihr schließlich. Ich achtete mich sehr genau: ihr Blick fiel der Puppe zwischen 
die Beinchen. Lisa suchte das Geschlechtszeichen des Knaben und war ent- 
täuscht, daß die Puppe keinen Penis vorzuweisen hatte. 

Die Begeisterung für ihr Bübchen flaute sehr rasch ab. Lisa wünschte eher, 
mit dem Bären Annas zu spielen und ihn mit sich ins Bett zu nehmen. Es 
gab oft Streit zwischen den beiden Schwestern. Oft kam es vor, daß Anna 
beide „Kinder", den Bären und das Püppchen, zu sich nehmen wollte. 

Nun sagte ich eines Tages zu Lisa: „Du, Lieschen, mir scheint, du habest 
deinen Hansi (so nannte Lisa in der ersten Begeisterung die Puppe) gar nicht 
mehr gern! 

Sie kletterte auf meine Knie und sagte verlegen und abwehrend: „Jää! — 
„Soll ich ihn etwa zurückbringen und dir einen Bären dafür bringen?" 
„Nein, nicht einen Bären, dafür eine andere Puppe, aber ein Mädchen. Und 
es muß die Augen zutun können und viele lange Haare haben, daß ich sie 
bürsten und kämmen und ihr einen langen Zopf machen kann. Gelt, ein großes 
Mädchen, damit es ganz lange Haare hat und einen schönen Zopf gibt! Die 
Puppe bringst du mir das nächste Mal, wenn du fort gehst, gelt, dann bist 
du ein Lieber! 

Dann schmeichelte sie mir und liebkoste mich. „Weißt du," fuhr sie dann 
fort, »du mußt mir dann noch eine kleine Wiege für mein Mädelchen kaufen, 
damit ich es dreinlegen kann, wenn es schlafen will, und dann tut es die 
Augen zu!" — „Jaa, eine Wiege soll ich dir noch kaufen? Wo meinst du 
denn, daß ich die Puppe hernehme?" — „Ei, die kaufst du auch!" — „Aber 



Hans Zul liger 



das kostet sehr viel Geld!" — „Ei, du kannst doch die Batzen alle haben, 
die ich in meinem Sparhafen drin habe, das ist viel und gibt eine Puppe mit 
ganz langen Haaren!" 

Als Lisa etwa drei Jahre alt war, behandelte sie ihre erste Puppe so, wie 
sie von ihren Eltern behandelt wurde. Wenn Lisa das Bett genäßt hatte, und 
es ging bei ihr lange, bis sie diese Gewohnheit aufgeben wollte, so gab sie 
der Puppe schuld, hielt ihr lange Moralpredigten, gab ihr Schläge, wusch sie. 
Damals schon hatte sie ein mütterliches Verhältnis zu ihrer Puppe, jedoch war 
dieses Verhältnis ganz anderer Art als jetzt. Sie benutzte die Puppe, um sie 
ihre Unarten ausfressen zu lassen, sie identifizierte sich mehr mit der Puppe 
während sie heute die Puppe will, um sich, wie es den Anschein macht, wegen 
ihres Penismangels zu trösten. Nachdem sie von der männlichen Puppe ent- 
täuscht war, will sie eine weibliche mit langen Zöpfen; die Zöpfe sind wahr- 
scheinlich als Ersatz für den Penis gedacht, nachdem sie nun weiß, daß die 
Puppen, auch die männlichen, penislos sind. 

„Soll ich dir nicht ein Mannli heimbringen, das Haare hat, wie ich?" habe 
ich Lisa gefragt. 

„Nein, ich will ein Mädchen, weißt du, du hast ja auch keine Zöpfe, deine 
Haare sind abgehauen!" 

Man könnte vermuten, daß Lisa das Abhauen der Haare bei den Knaben 
und Männern als Kastrationssymbol auffasse, wie es jene wilden Volksstämme 
tun, die während der Pubertätsriten den jungen Volksgenossen Haare ausreißen. 
Vor nicht langer Zeit war ein Onkel bei uns zu Gast, und der hat gegen Lisa 
neuerdings eine Kastrationsdrohung ausgesprochen. Sie saß am Tische und sang 
vor sich hin, indem sie die Zunge hinausstreckte. Der Onkel sagte ihr, sie 
solle die Zunge zurückziehn, worauf sie mit noch lauterem Gegröhle und noch 
weiterem Herausstrecken der Zunge antwortete. Da griff der Onkel in die 
Tasche und tat dergleichen, er suche sein Messer: „Warte," sagte er, „ich 
haue dir die Zunge ab!" Wir beruhigten das erschrockene Mädchen dann sofort 
und machten unseren Verwandten auf die Gefährlichkeit derartiger Drohungen 
bei Kindern aufmerksam. Aber sie war ausgesprochen und der Erfolg unseres 
Beruhigungsversuches war fraglich. 

Aufzeichnung der Mutter, Lisa fünf Jahre und acht Monate alt: 
Heute, als ich in der Stube bei den Kindern handarbeitete, ist Lisa hinter 
den Diwan gekrochen zwischen Mauer und Lehne. Dort steht ein elektrischer 
Ofen, den die Kinder den „Hund" nennen. An dem hat sie gerumpelt und 
Krach gemacht. Da ist die Anna auf den Diwan gestiegen. Sie hatte eine Rolle 
in den Händen, die von einem alten Bette stammte. Sie nannte sie „Hurrlibueb" 
(Lokalausdruck für Kreisel, der mit einer Peitsche angetrieben wird). Das Röll- 
chen der Rolle kann man drehen, als eine Art von Kreisel benutzen. Die Anna 
hat den Hurrlibueb vor das Bäuchlein gehalten und dergleichen getan, sie 
uriniere hinter den Diwan, wo Lisa war. Dazu machte sie die entsprechenden 
Gesten und das entsprechende Geräusch. Die Rolle sah wie ein kleines männ- 
liches Geschlechtsorgan aus. Nun hat Lisa, die sich „der Teufel" nannte, ge- 
rumpelt und ist plötzlich aufgefahren. Anna hat dann geschrien und ist auf- 



EltcriiDCobaclitun^eii über die Sexualität kleiner Ivincler 



gesprungen. Die Größere gab der Kleineren dahin Instruktionen, sie müsse sich 
fürchten, schreien und sich zurückziehn und ducken, wenn der „Teufel" hervor- 
komme. Die Kleinere hat das prompt befolgt. 

Und nun fragte ich: „Wieso soll sich Anna fürchten? 

Lisa: „Weil ich der Teufel bin!" 

Ich: „Warum muß man denn den Teufel fürchten?" 

Lisa: „Weil er schwarz ist!" 

Ich: „Wieso, du bist ja gar nicht schwarz!" 

Lisa: „Aber ich könnte Anna den Hurrlibueb nehmen, wenn ich ihn erwischte, 
und darum muß sie sich fürchten, und darum bin ich der Teufel!" 

Aufzeichnung der Mutter, vierzehn Tage später: 

Lisa spielte mit Hansi in der Stube, nachdem sie vorher auf der Straße 
eine Nachbarin getroffen hatte, die ein ganz kleines Kind auf dem Arme trug. 

Lisa sagte: „So ein schönes, kleines Bubeli sollten wir auch haben. Wo 
sind die eigentlich? Gelt, der Storch bringt sie!" Der Bruder gab zunächst 
keine Antwort und spielte weiter. Lisa wendet sich nach einer Weile an mich : 
„Du, Mama, bekommen wir eigentlich auch noch so ein kleines Bubeli, wie 
die Frau X. eines hat? 

Ich: „Das weiß ich noch nicht!" 

Lisa: „Gelt, die bringt einem der Storch!" 

Hans: „Nein, die wachsen in der Mama, dort unter dem Herzen! 

Lisa: „Das ist nicht wahr, der Storch bringt sie!" 

Es entsteht ein Streit und ein Geschrei, ein jedes will Becht haben. Schließ- 
lich wendet sich die Lisa an mich: „Der Hansi wird schon recht haben!" 
entscheide ich, und damit gab sich das Mädchen zufrieden. 

Aufzeichnung der Mutter über die Lisa: 

In den „Drei Abhandlungen", die ich jüngst wieder gelesen habe, sagt Freud 
etwas vom Beiben ganz kleiner Kinder an den Öhrchen, Brüstchen usw. Da 
ist mir eingefallen, daß Lisa, sobald sie sich recht hat bewegen und mit den 
Händchen hat greifen können, sich immer beim Einschlafen an den Härchen 
über der Stirn gezogen hat. Offenbar empfand sie dabei nicht Schmerz, denn 
sie war bei diesem Spiele immer ganz still, eher krähte sie, wenn sie die 
Härchen nicht erwischen konnte. 

Aufzeichnung des Vaters, Lisa fünf Jahre, achteinhalb Monate alt: 
Wir haben den Abort mit Schwefelsäure gereinigt. Die Abortschüssel trug 
nämlich einen gelben Belag von eingetrockneten Harnüberresten. Nun ist sie 
wiederum weiß geworden. Es handelt sich um eine ländliche Abortanlage ohne 
Spülung. Lisa sah bei der Beinigungsprozedur zu und sprach dann : „Jetzt fürchte 
ich mich gar nicht mehr allein auf den Abort zu gehn, wenn die Schüssel so 
sauber ist! — „Warum denn?" — „Ich meinte immer, der Teufel komme aus 
dem Bohr hervor!" — „Der Teufel, wieso denn?" — „He, der Teufel ist doch 
schwarz — und jetzt ist es weiß!" — Weitere Aufklärung gab sie nicht, sie 
verhielt sich die Nase ob dem beißenden Geruch der Säure und lief davon. 

9 Vol. 15 



i%4 Hans Zulliger 



Drei Tage später kam der Kaminfeger zu uns, den man hierzulande spottender- 
weise den „Chemi-Tüfel" nennt. Man braucht ihn aber auch, um die unartigen 
Kinder zu schrecken. Ein Kinderspiel heißt „Der schwarze Mann". Die Kinder 
stehn in einer Reihe, auf der anderen Platzseite ruft ein einzelnes Kind drohend : 
„Was wollt Ihr machen, wenn der schwarze Mann kommt? Die anderen rufen: 
„Ausweichen!" und laufen an ihm vorüber, er sucht eines zu fangen, indem 
er ihm drei Schläge auf dem Rücken gibt. 

Lisa sagte nun: „Gelt, Mama, man braucht vor dem Kaminteufel nicht Angst 
zu haben, der macht einem nichts!" — »Nein, geh du ihm nur zuschauen 
bei seiner Arbeit!" — Sie ging in die Küche und unterhielt sich mit ihm. 
Zuletzt wurde sie so zutraulich, daß sie ihm ein Spottliedlein sang, das sie in 
einem Nachbarhause gehört hatte. Darin fällt der Kaminfeger mit dem Besen 
in die Mehlsuppe hinunter. Hierauf teilte Lisa dem Manne mit, daß die Abort- 
schüssel „auch" weiß geworden sei, offenbar stellte sie sich vor, der Kamin- 
feger im Liedlein werde in der Mehlsuppe weiß, was soviel wie ungefährlich 
bedeutet. 

Es folgen nun die Aufzeichnungen über die Jüngste. Sie beginnen^ als 
Anna zwei Jahre alt ist. Die Mutter berichtet am 21. April: 

„Heute vormittags ist mein kleinstes Mädelchen zu mir gekommen: „Mammi, 
Bobi zeigen! (Wunde, Narbe.) „Ich habe doch kein Bobi!" gab ich zur Ant- 
wort. „Wohl, Bobi! behauptete sie und zeigte auf mein Knie. 

Ich habe nachgeschaut und wirklich eine winzige Kratzwunde an meinem 
Knie gefunden, die ich zuvor gar nicht bemerkt hatte. Anna muß sie etwa 
am Morgen beim Ankleiden gesehen haben, als sie in unser Schlafzimmer 
herüberkam. Nun betrachtete sie die Wunde und sagte dann: „Gelt, Papi 
gemacht!" — Ich antwortete: „Nein, das Bobi habe ich selber gemacht." — 
„Doch, Papi gemacht! beharrte sie und machte mit dem Finger und mit dein 
Körperchen stoßende Bewegungen, Koitusbewegungen. 

Hat uns das Kind einmal belauscht? Ich habe ihm ausgeredet, daß der 
Vater der Urheber der Wunde sei, indem ich ihm zeigte, wie man die dürre 
Blutschichte auf der alten Wunde abkratzen kann, es war jedoch nicht zu 
überzeugen. Da fällt mir ein, eine wie starke Abneigung das Kind gegen den 
Vater äußert, und zwar seit der Zeit, als es Masern hatte und darum bei uns 
im Schlafzimmer schlief. Damals wurde ihm so recht bewußt, daß der Papa 
bei der Mama schläft. Dazu die merkwürdige Einstellung gegen den Vater: 
es freut sich, wenn ich im Spasse meinen Mann plage oder zause, es hilft 
dabei gerne mit, indem es meine Partei annimmt. Sobald jedoch mein Mann 
nur die Hand aufhebt, als wolle er mich bei den Haaren nehmen oder mir 
einen Schlag zurückgeben, so heult es laut und angstvoll auf. 

Da fällt mir gerade noch etwas anderes ein: als ich vor einem Halbjahr 
aus einem Kurort zurückkam, war Anna häufig rot zwischen den Beinen. 
Ich habe sie gewaschen und gepudert, und sie ließ es ohne weiteres geschehen. 
Heute ist sie auf dem Töpfchen gesessen und hat gesagt: „Mama, Bobi ganz 
rot! u und zeigte zwischen die Beine. Ich schaute nach und stellte fest, daß 



Elternbeobnditurigen über die Sexualität kleiner Kinder ia5 

nichts Rotes da war. „Wo hast du Bobi?" fragte ich. Da hat sie auf üire 
Geschlechtsteile gezeigt. Sie waren wirklich rot, doch nicht durch Reiben der 
Höschen oder des Hemdes, sondern durch das Pressen auf dem Töpfchen war 
Blut hineingeströmt. Das Rote ist nachher gleich verschwunden. Ich bin er- 
schrocken und habe gedacht: „Jetzt hat der kleine Fratz schon die Auffassung 
von einer Wunde — am Morgen hat es ja auch an mir ein Bobi entdeckt, 
das ich gar nicht bemerkt hatte. Wie das Mädchen sie entdeckte, ist mir un- 
erklärlich, ich meinte zuerst, es habe mir eine Wunde nur anphantasiert. 
Vielleicht forschte es, als es die Behauptung aufstellte, ich hätte ein Bobi, 
nach einer anderen Wunde, nach den Geschlechtsteilen. 

Aufzeichnung des Vaters, Ende April: 

Heut saß Ännchen auf dem Töpfchen, als ich auf den Abort ging. Sie hatte 
zwischen den Beiuchen durch mit den Händchen ihre Exkremente herauf- 
geholt und sich arg verschmiert. Als ich die Bescherung sah, verhielt ich mir 
die Nase und machte Zeichen des Abscheus. Sie streckte die Händchen hurtig 
ins Töpfchen hinunter und sagte, mich schuldbewußt von unten herauf an- 
blickend und die Augenlider auf- und zuschlagend: 

r Gelt, Papi, bin nicht Gusi! (ein Schwein). 

Dazu ist zu bemerken, daß Annchen schon seit einem halben Jahre ganz 
reinlich war, sie hat auch schon seit langer Zeit nicht mehr ins Bettchen 
uriniert, auch wenn sie sich in der Nacht weigerte, aufzustehn, um aufs Töpf- 
chen gesetzt zu werden. Sie erwachte um Sechse früh und verlangte dann 
jeweilen, man solle sie aufs Töpfchen setzen. 

Wieso sie dazukam, sich so zu verschmieren, kann ich mir vorläufig nicht 
erklären. Als sie noch kleiner war, kam es etwa vor, daß sie, anstatt am 
Nachmittag zu schlafen, ganz stille ihr Hemdchen abzog, defäzierte und sich 
dann den Leib bemalte. Wenn das fertig war, so jauchzte sie, bis wir auf- 
merksam wurden. 

Aufzeichnung des Vaters, anfangs Mai: 

Heute saß Anna auf dem Töpfchen. Es war nach Mittag, und sie ist gewohnt, 
immer nach dem Essen und vor dem Schlafengehen ihre Verrichtungen zu 
besorgen. Sie saß, als ich hinzutrat, vornübergebeugt und betrachtete auf- 
merksam mit Fingern und Augen ihre Geschlechtsteile, indem sie sie seitwärts 
auseinanderzog und dann ein wenig pißte. Das schien ihr so Freude zu machen, 
daß sie mich erst bemerkte, als ich sie anredete. Dann aber zog sie rasch 
Hemd und Röckchen über die Knie und sagte ablenkend: „Papi wott ou Abe 
ga?" (Will Papa auch auf den Abort gehn?) 

Vielleicht, so dachte ich mir, läßt sich die Schmiererei, über die ich weiter 
vorn schrieb, folgendermaßen erklären: Anna wollte schon damals eigentlich 
ihre Genitalien betrachten und sah dann ihren Kot, der ihr Interesse stärker 
anzog als die Betrachtung der Geschlechtsteile. Das denke ich mir aus folgen- 
den Erwägungen. Anna scheint schon zu wissen, daß sie keinen Penis hat, 
daß ihr also etwas fehlt. Darum betrachtet sie ihre Genitalien. Ihre Kot- 
produktion freut sie so stark, daß sie bei der Betrachtung und beim Spielen 



xlans Guineer 



mit dem Kote vergessen kann, was ihr mangelt, und darum regredierte sie 
auf die Stufe des Analen. Nun haben sich Sexualforschung, exhibitionistische 
und onanistische Tendenzen und Urethralerotik zu einem neuen Spiel ver- 
bunden, zum Spiele mit den Genitalien und dem willensmäßigen Hinterhalten 
und Hervorspritzen des Urins. 

Aufzeichnung des Vaters, anfangs Mai: 

Heute trete ich am Abend in die Wohnstube. Anneli steht nackt auf dem 
Ofentritt, die Mutter ist damit beschäftigt, sie zu waschen. Wie die Kleine 
mich eräugt, schreit sie auf: „Papi weg! Papi nicht schauen!" Dazu dreht sie 
sich gegen die Wand und verbirgt mit beiden Händchen ihre Geschlechtsteile. 
Meine Frau geht mit dem Wasser weg und läßt Anna stehn. Ich nähere mich 
ihr und frage: „Was darf ich nicht sehen, sag mir's!" Die Kleine heult noch 
eine Zeitlang, dann sagt sie: „Hat Hansi Schnäbi (einen Penis); hat Nini kein 
Schnäbi! Darf Papi nicht schauen! Nur Mammi darf schauen!" 

Ich beruhige sie: „Ich schaue nicht, du kannst dich schon umdrehen!" Da 
sitzt sie ab und bedeckt ihren Schoß mit dem Hemdchen. Hierauf spielt sie 
mit den Wärzchen an ihrer Brust und sagt dann vergnügt: „Gäll, han i ou 
Aerbseli!" (Gelt, ich habe auch Erbschen, so nennt sie die Wärzchen.) 

Also schämt man sich ursprünglich dessen, was man nicht besitzt, dachte 
ich. Es nimmt mich wunder, ob bei den wilden Völkern nicht zuerst die weib- 
lichen Geschlechtsgenossen es sind, die Schamschürzen tragen, und ob die Scham- 
schürzen ursprünglich nicht den Zweck haben, zu verbergen, was nicht vor- 
handen ist. Bei den Kulturvölkern ist es doch auch so, daß die Frauen die 
Schamhafteren und Prüderen sind, und dieses Resultat ist vermutlicherweise 
nicht nur in der Erziehung begründet. Denn mit dem Hinweis auf den Busen, 
der doch auch ein Geschlechtsmerkmal ist, sind die Frauen zu allen Zeiten 
nicht so sehr zurückhaltend gewesen. 

Aufzeichnung der Mutter ; 14. Mai: 

Ännchen klagt in letzter Zeit beständig über Bobi. An allen Stellen entdeckt 
sie kleine Schürfwunden und Krätzerchen und kommt sie mir zeigen. 

Aufzeichnung der Mutter, am gleichen Tage: 

Anna hat zu Weihnachten einen Teddybär erhalten. Wir haben den Bären 
beim brennenden Weihnachtsbaum auf das Ruhebett gelegt, sie mußte ihn selber 
finden und nehmen. Heute Morgen, wie sie erwachte, ist sie aus ihrem Bettchen 
zu mir herübergelaufen gekommen und hat zu mir ins Bett wollen. Ich nahm 
sie zu mir. Ihren Bären hatte sie im Arm. Sie nimmt ihn nämlich immer mit 
zum Schlafen. Als sie bei mir im Bette lag, stieß sie den Bären unter der 
Decke weg aus ihrem Arme auf den Leib hinunter und sagte: „Gelt, Papi 
gegeben ! 

Sie ließ sich einfach nicht davon abbringen, daß der Bär nicht vom Vater 
geschenkt worden sei, trotzdem sie früher genau wußte, daß dem nicht so ist. 
Sie betrachtet also den Bären als ein Kind, das sie vom Vater erhalten hat. 
Vielleicht betrachtet sie ihn aber auch als den Vater selbst, und darum hat sie 



EIternl>eobacL'iini>en über die Dexualitat kleiner Kinder 



ihn auf den Leib geschoben. Dies wäre als Anzeichen dazu zu betrachten, daß 
uns Anna einmal beim intimen Verkehre beobachtet hat. 

Ännchen hat in der letzten Zeit sehr Langezeit nach dem Vater, sie fragt 
alle Tage mindestens ein Dutzendmal, ob er nicht bald aus dem Militärdienst 
zurückkomme. Allen Leuten rühmt sie, der Papa komme am Sonntag heim. 

Einst hatte sie eine Schachtel Knöpfe ausgeschüttet und wollte sie, als sie 
mit Spielen fertig war, nicht mehr zusammenlesen. Alle meine sanften und 
strengen Befehle halfen nichts. Da rief ich dem Vater, der ihr auch nach- 
drücklich befahl, Ordnung zu machen. Als alles nichts nützte und sie meinte, 
die ältere Schwester solle die Knöpfe zusammenlesen, gab ihr der Vater einen 
Klaps. Heulend gehorchte sie nun. Dann war es Zeit zum Nachmittagsschlaf. 

Nun hat sie im Brauch, vor dem Schlafengehen den Eltern und Geschwistern 
einen Kuß zu geben. Jetzt machte sie das folgendermaßen: Sie gab zuerst mir, 
dann den Geschwistern den Kuß. Dann lief sie zu ihrem Puppenwagen, worin 
der Bär lag, zog ihn heraus und haute ihn durch. „Bär nüt folget!" (Der Bär 
hat nicht gehorcht!) sagte sie dabei und hielt ihm eine Moralpredigt. Dann 
legte sie ihn wieder in das Wägelchen, lief zum Papa und verküßte ihn stür- 
misch. Die Strafe, die eigentlich dem Papa für den Klaps galt, die Rache für 
die Szene mit den Knöpfen, hatte nun den Bären getroffen. Das Kind identi- 
fizierte gelegentlich den Bären mit dem Vater, zugleich auch mit sich selber. 
Es identifizierte sich aber auch mit dem Vater, der sein ungezogenes Kind 
schlägt. Der Bär ist also auch sein Kind. 

Aufzeichnung der Mutter, l8- Mai: 

Meine Kleinste hat einen neuen Sport, den sie wie unsinnig betreibt. Ich 
habe mir eines Tages die Haare gewaschen und nachher ihr. Sie hat mir ge- 
holfen, als ich die meinen wusch. Als ich die Haare aus dem Wasser zog, gab 
es ein Brünnchen, das Wasser lief in die Cüvette hinunter. Daran hatte die 
Kleine eine Mordsfreude und rief immer: „Mammi, Bruni machen!" und ich 
mußte die Haare immer wieder eintauchen, damit es ein Brünnchen gebe. Als 
nun die Reihe an sie kam, freute sie sich sehr, daß auch bei ihr das Wasser 
herunterlief, besonders wenn es ihr von der Nasenspitze herunterlief, und es 
so ein Brünnchen gab. 

Heute nun hat Anneli den ganzen Tag mit dem Wasserhahn gespielt. Dort 
befindet sich ein Schlauch. Sie hatte die größte Wonne, „ein Bruni" zu machen. 
Als ich den Schlauch wegnahm, wollte sie nicht mehr spielen. Vorher war sie 
auf dem Topfe und zeigte sich ziemlich mißmutig, als ich von ihr verlangte, 
sie solle „ein Bruni machen" (Wasser lassen). 

Aufzeichnung der Mutter, 2S. Mai: 

Etwas zur Bobi-Geschichte: ich zeigte letzthin der Kleinsten das andere Knie, 
dort, wo einst kein Bobi war. Sie hat es sofort weggeschoben, und wollte das 
rechte Knie sehen. Ich willfahrte ihr nicht. 

Nun lehnt sie wieder den Vater stark ab und will von seinen Zärtlichkeiten 
gar nichts mehr wissen. Sie ist sozusagen hysterisch geworden, hat überall Bobi, 
schreit in der Nacht auf, daß man aufstehen muß, will in mein Bett kommen. 



1 aS Il.lilN .^ulljV;<-I 



Aufzeichnung des Vaters, Ende Mai; 

Anfangs Mai ist eine Familie mit einem kleinen zweijährigen Bübchen ins 
Haus eingezogen. Meine beiden Mädels haben die größte Freude an ihm, trotz- 
dem er ziemlich spröde und eigenwillig ist und beim Spielen immer gerade 
das Spielzeug will, das die Mädels in Händen haben. Aber sie gehorchen ihm 
in einer Art Ritterlichkeit oder Mütterlichkeit. Das Bubi pißt immer ins Bett. 
Anfangs machte das auf meine Kleinste einen großen Eindruck. „Ai, Bube 
Betti byset het! (Der Bub hat ins Bettchen gepißt!) meldete sie jedesmal, 
wenn sie dabei war, als man den Knaben aufgenommen hat. „Er ist halt noch 
klein!'' so entschuldigten wir das Bübchen. 

Aber plötzlich fing nun Anna auch wieder an, ins Bett zu pissen. „Nini 
Betti byset, Bube Betti byset!" meldete sie ruhig, als die Mutter hinzutrat. 

„Ei, wie bist du ein kleines Mädelchen, wenn du noch ins Bettchen machst!" 
spottete meine Frau, um den Ehrgeiz des Mädelchens zu schüren. Anna will 
doch sonst groß sein und gerät in Zorn und Tätlichkeiten, wenn man ihr sagt, 
sie sei eine Kleine. Diesmal aber machte ihr der Tadel keinen Eindruck. „Gäll, 
Bube ou chly!" (Gelt, der Bub ist auch ein Kleiner!) quittierte sie die mütter- 
liche Erziehungsabsicht. 

Eines Tages spielten die Kinder, Anna und der Bub, hinter dem Hause im 
Gärtchen. Auf einmal sagte mein Mädelchen: „Nini wott Bysi mache, cha sälber 
Hösi uftue!" (Anna will pissen, kann die Höschen selber öffnen.) Sie tat, wie 
behauptet und ging hinter den Rosenbusch, wo sie niederkauerte. Der Bub ließ 
sein Spielzeug fahren und eilte nach, kauerte auch nieder und schaute dem 
Mädchen unter die Röcke. Dann sagte er, als das Mädel fertig war: „Bube 
ou! (Der Bub kann das auch!), kauerte wie das Mädchen nieder und pißte 
durch die Hosen. 

„Ai, Hösi byset! tadelte Annchen, während ich wegen der Szene herzlich 
lachen mußte. Nun kam die Mutter des Bübchens gelaufen und machte ein 
Gezeter, als sie die durchnäßten Hosen ihres Sprößlings gewahrte. Auch meine 
Erklärung konnte sie nicht beruhigen. 

Anna hat dann gesehen, wie ihr Bruder Hans und wie das Bübchen pissen. 
Nun versucht sie das auch. Sie steht also dazu. Da hat sie nun einige Male 
Schimpfe bekommen, weil sie die Höschen näßte. Nun weiß sie das zu ver- 
meiden, indem sie die Hosen vorher einfach abzieht. 

Sie zeigt in letzter Zeit, wahrscheinlich auch in Anlehnung an die Gewohn- 
heiten des Bübchens, Neigung zum Rutschen, obschon sie gehen und laufen 
kann wie ein Windspiel. Ob da nicht alte Freuden der analerotischen Zeit 
wieder wach geworden sind? 

Aufzeichnung der Mutter, 28. Mai: 

Heute morgen ist die Kleinste zu uns ins Schlafzimmer gekommen. Die 
Sonne schien durch die Läden. Ich erhob die Hand und ließ ihren Schatten 
in einen Kringel fallen. Anna sagte: „Das ist ein Brunnen!' Dann hob sie 
sofort die Röcke auf, stand so, wie ein Knabe zu der Verrichtung steht, und 
sagte: „Wott i Bruni mache!" (Ich will einen Brunnen machen!). 



Ültcrnbeobaditun^en üher die Dexualität kleiner Kinder 



Aufzeichnung des Vaters, anfangs Juni: 

Anna will seit einiger Zeit ein jedesmal, "wenn sie mir den Gutenachtkuß 
gibt, bevor sie ins Bettchen geht, einen zärtlichen Klaps auf den Hintern. Sie 
hebt zu dem Zwecke immer ihr Hemdchen auf und kommandiert: „Brätscheli 
gä, Papi!" (Einen leichten Schlag geben, Papa.) „Warte, ich will dir recht 
hauen!" sagte ich nun heute und zog so recht mit der Hand auf. „Neu" 
schrie die Kleine, „soll nume so fyn höuele!" (Nein, du sollst nur so fein 
hauen — für „hauen" fabriziert sie einen Diminutiv „höuele".) 



Aufzeichnung des Vaters, If. Juni: 

Als ich heute Mittag heimkam, stritt sich Anna mit der Mutter auf ganz 
rabiate Weise. Sie lief ihr um den runden Tisch nach und wollte sie schlagen. 
„Was gibt es?" fragte ich. „Mammi wott Nini nüt folge!" (Mutter will Anna 
nicht gehorchen), kam die zornige Antwort. „Ei, die böse Mama!" sagte ich 
und packte meine Frau, dergleichen tuend, als ob ich Anna helfen und sie 
festhalten und schlagen wollte. Da schrie die Kleine aus vollem Halse und 
kam wütend auf mich los. 

„Böse Papi, soll Mammi la sy!" (Der böse Papa soll Mutter in Ruhe lassen) 
heulte sie und kam mit Fäustchen und Fußtritten auf mich los. Das sind Ambi- 
valenzen! Vor einem Jahre, als meine Frau längere Zeit fort war und zurück- 
kam, wollte die Kleine nichts von ihr wissen, sie begehrte nicht einmal von 
ihr auf die Arme genommen zu werden. Der vielgeliebte Papa bedeutete dem 
Kinde alles. Nun hat sich das Blatt gewendet. Der Papa wird höchstens als 
Rivale bei der Mutter betrachtet. Wenn ich von der Arbeit heimkomme und 
meine Frau in die Arme nehme, um ihr einen Kuß zu geben, so kommen 
die Mädels, wenn sie es merken, sofort gelaufen und drängen sich zwischen 
uns. Die Größere aus Zuneigung zu mir, die Kleinere aus Zuneigung zur Mutter, 
vielleicht auch aus Angst, ich könnte der Mutter etwas antun. Denn sie ruft 
etwa: „Papi soll Mammi la sy!" 

Aufzeichnung der Mutter, 22. Juni: 

Die Kleine hat nun eine Zeitlang eine wahre Versteckwut an den Tag gelegt. 
Sie verbarg, was ihr unter die Hände kam. Ihre und die Sachen der anderen. 
Ihren Spielkameraden stahl sie die Spielsachen, ohne sich etwas daraus zu 
machen und versteckte sie. Man hätte an Kleptomanie denken können. 

Aufzeichnung der Mutter, 2). Juni: 

Am Mittag zog sich mein Mann um. Er hatte nur noch die Hosen an. Da 
kam Ännchen herein, um uns gute Nacht zu sagen. Dann verlangte sie von 
mir, ich solle sie in ihr Bettchen „chräätziburden", d. h. auf dem Rücken 
tragen. Ich antwortete, ich habe keine Zeit, der Vater soll es tun. Ich hebe 
sie auf seinen Rücken. Voller Abscheu und mit lautem Geschrei rutscht sie 
hinunter und deckt sich mit dem hinaufgeschobenen Hemdchen sofort zu. 

Am Abend wiederholte sich die Szene insofern, als Anna sich auch nicht 
vom Vater ins Bettchen tragen lassen wollte, als er den Rock noch anhatte. 



Hans Zulligcr 



Einst sagte das Mädelchen: „Ich habe keines, der Hansi hat eines!" Das 
ging auf den Penis. 

Anna hat eine starke Vorliebe für Brustwarzen. Oft betrachtet sie die ihren. 
Früher hatte sie im Brauche, wenn Frauen sie auf die Arme nahmen, ihnen 
sofort in den Halsausschnitt zu fahren, um die „Ärbsli" zu suchen. Kürzlich 
kam sie an einem Morgen zu mir ins Bett und erklärte, sie wolle meinen 
Brustwarzen einen Kuß geben. Dann verkündete sie mir strahlend, sie habe 
auch Wärzchen und zeigte sie, „aber sie sind noch klein! bemerkte sie. Häufig 
habe ich sie dabei ertappt, daß sie an ihren Wärzchen zog, wie wenn sie sie 
zu vergrößern trachtete. 

Sie prahlt auch oft vor dem Papa mit ihren Erbschen, nicht selten auch 
vor Besuchen. Neben der Hauterotik spielt da sicher die Hoffnung eine Rolle, 
daß Fehlendes an ihrem Körperchen noch nachwachse. Der Vergleich mit den 
Brüsten der Mutter und anderer Frauen deutet darauf hin. 

Aufzeichnung des Vaters, Ende Juni: 

Die Anna kam und wollte meine Brustwar/.en sehen. Dann sagte sie, sie 
seien nur klein. Die ihrigen seien auch nur klein, aber die Mama habe große. 

Sie will beim Spiele mit den Geschwistern nicht mehr wie bisher das Kind 
sein, sie will die Mama sein. Das heißt also, daß sie hofft, wie die Mama 7,u 
werden. Vielleicht ist sie darum so gut auf meine Frau eingestellt. 

Aufzeichnung der Mutter, j. Juli: 

Die Kleinste hat mir an einem Morgen zugeschaut, als ich mich kämmte. 
Dabei sah sie die Haare unter meinen Armen. Sie hob sofort ihre Ärmchen 
in die Höhe und untersuchte, ob auch sie Haare habe. Dann, als sie merkte, 
daß dort keine sind, war sie sehr enttäuscht und klagte. Da habe ich sie ge- 
tröstet, wenn sie groß sei, so bekomme sie auch Haare unter den Armen. 
Nun lief sie auch zum Vater, um nachzusehen, ob er Haare unter den Armen 
habe. Sie berichtete ihm strahlend, sie bekomme dann auch Haare, wenn sie 
groß sei. Das ist ihr wie ein wirklicher Trost. Ich habe sie heute auf den 
Armen gehabt, sie hat wiederum ihre kleinen Brustwärzchen bewundert und 
dann plötzlich freudig gesagt: „Ich bekomme dann auch Haare unter den 
Armen ! u 

Abends, als ich sie vor dem Zubettegehen gewaschen habe, sagte sie auf 
einmal: „Nichts, nichts!" Dazu hat sie ihre kleinen Geschlechtsteile angesehen. 
Was das zu bedeuten hat, das konnte ich mir denken, indem ich ihren Aus- 
spruch in Beziehung brachte mit jenem früher geäußerten: „Hansi hat eines!" 
Meine Versprechung auf das Nachwachsen der Haare wendet die Kleine nun 
sicher auch auf die Genitalien an. 

Aufzeichnung des Vaters, Ende Juli: 

Anna sitzt auf der Terrasse im Blechzuber und badet. Ich lese ein Buch, 
und damit sie ruhig sei, gebe ich ihr ein Handbürstchen, eine Schale und ein 
leeres Medizinfläschchen als Spielzeug. Nach einer Weile schaue ich nach, was 
sie macht, denn sie hält sich verdächtig stille. 



ElterabeobncLtuiigcii über die Sexualität kleiner Km Jer . 



Sie hat Bürstchen und Schale in den Garten hinuntergeworfen. Das Fläschchen 
füllt sie, steht dann auf und leert es über den Zuberrand aus. „Gelt, ich kann 
ein Brünnlein machen!" sagt sie triumphierend. 

Als ich sie aus dem Bade nehme, quittiert sie es mit einem lauten Protest- 
geheul. Diesmal kann es nicht das Kältegefühl sein, was die Kleine so heulen 
macht, denn die Sonne scheint ja so heiß, daß ich den Badezuber unter einen 
Schirm stellen mußte. Ich errate, daß Anna gerne weitergespielt hätte und 
wegen der Störung wütend ist. 

Aufzeichnung des Vaters, Ende September: 

Anna hatte an ihrem Körperchen einen beißenden Ausschlag. Sie schrie 
deswegen halbe Nächte lange und wollte zur Mutter ins Bett. Als ihr nicht 
willfahrtet wurde, verlangte sie, daß man ihr alle zwei Stunden die geröteten 
Stellen mit Borvaseline einsalbe. So recht beruhigte sie sich aber erst, als sie 
aus der Blechtube selber Vaseline ausdrücken und an ihren Leib streichen konnte. 
Diese Beschäftigung dehnte sie sehr lange aus und fand immer wieder neue 
Stellen, die ihr weh taten und die eingeschmiert werden mußten 

Meine Frau brachte am dritten Tage Perubalsam heim. Die Farbe leuchtete 
dem Mädelchen anscheinend sehr ein. Denn, nachdem sie scheckig bemalt war 
wie ein Simmentalerkühlein, meinte sie sehr befriedigt: „Tuet nümme weh, 
nid meh bysse!" (Es schmerzt nicht mehr, beißt mich nicht mehr), und sie 
schlief die ganze Nacht durch. 

Aufzeichnung des Vaters, anfangs Oktober: 

Die Einstellung der Kleinsten zu mir hat sich in der letzten Zeit etwas ver- 
ändert. Heute machte ich der älteren Schwester Annas eine Bemerkung, weil 
sie nicht ordentlich aß. Sie maulte: „Ja, Päpu!" Da reklamierte die Kleine: 
„Nei, seit nie nid Päpu, gäll, seit me Papeli!" (Nein, man sagt nicht Päpu, 
man sagt Papachen.) 

Sie ist überhaupt etwas zärtlicher zu mir geworden. Wenn ich am Abend 
heimkomme, so holt sie mir die Hausschuhe und will mich ähnlich bemuttern, 
wie es Lisa, die ältere, im Brauche hat. 

Aufzeichnung des Vaters , Dezember: 

Wir haben eine Holzplastik, einen stehenden Mädchenakt, bekommen. Die 
Kinder bewundern das „Frauen* . Auf einmal sagt die Kleinste zu meiner Frau : 
„Gelt, Mama, das Fraueli ist nackt. Schau, es hat ja kein Hemdchen an!'* und 
nach einer Weile: „Man muß ihm ein Hemdchen machen, es hat sonst kalt! 

Es fällt mir eine ähnliche Szene mit der Lisa auf, aber auch ihr Unter- 
schied. Lisa hat sich, wie früher berichtet, einmal nackt gezeichnet. Sie be- 
gründete die Nacktheit, äugen scheinlich um sich aus einer Art von Verlegen- 
sein zu befreien mit den Worten, sie gehe baden. Im Verlegensein und in der 
Rationalisierung des Nacktseins können yerdrängungsmomente vermutet werden — 
es war ein Stück Exhibitionismus durchgebrochen, dessen sich Lisa schämte. 

Bei Anna handelt es sich wohl um etwas anderes. Sie identifiziert sich mit 
der nackten Figur und gibt eine Erfahrung bekannt: wenn man kein Hemdchen 



loa Hans Zulliger 



anhat, so empfindet man die Kälte des Schlafzimmers — denn sie hat sich 
vor nicht gar langer Zeit wieder einmal im Bettchen ihres Hemdchens ent- 
ledigt. Anna spielt dem Fraueli gegenüber, das ja wie eine Puppe klein ist, 
die besorgte Mutter. 

Aufzeichnung der Mutter, einige Tage vor Weihnachten: 
Wie ich heute morgens in die Küche trete, singt Anneli ein Liedlein: 
„Mäntig, Samschtig, Zyschtig, Frytig: / „Montag, Samstag, Dienstag, Freitag: 
Un de chunnt ds Wiehnechtschingli, / Und dann kommt das Weihnachts- 
kindchen, 
Un de uberchumen i eis . . ." / Und dann erhalte ich eines ..." 

So immer und immer wieder, bis ich schließlich aufmerksam werde und 
frage: „Was bekommst du denn vom Weihnachtskindlein?" — „He, nesSchnäbi!" 
(ein männliches Genitale). Da lachte die Magd blöde heraus, und die Kleine 
empfand das als Spott. Sie schämte sich. Eine Zeitlang sang sie nicht mehr. 
Dann begann sie wieder, blieb aber nach den ersten zwei Sätzen stecken und 
biß sich auf die Unterlippe, indem sie auf die Magd hinblickte. Als diese nichts 
dergleichen tat, sang sie weiter, aber den Schlußsatz nie mehr. 

Am Tage vor Weihnachten nun erhielt der Hans von einer Nachbarin ein 
Spielzeug, genannt „Der fleißige Müller". An einer Windmühle ist ein Müller 
befestigt. Er hängt zugleich an einer Schnur, die mit der Dachterrasse in Ver- 
bindung steht, und einem Bleigewichte, das inwendig unsichtbar den Müller 
hinaufzieht. Das Spiel besteht nun darin, daß oben auf der Terrasse ein zweites 
Gewicht in Form eines Mehlsäckleins an einem Haken aufgehängt wird. Kommt 
nun der Müller mit Wucht „hinaufgeklettert", so hebt er den Sack vom 
Haken und trägt ihn nach unten, denn er ist schwerer als das andere Gewicht. 
Es ist eine richtige geschmacklose Bazarware, dieses Spielzeug, aber die Kinder 
zeigten große Freude daran, nicht zuletzt auch die Anna. 

Eines Tages war sie mit Spielen beschäftigt, und nun sagte sie zum Vater: 
„Gelt, ich^erhalte keinen Müller!" — „Du hast ja einen!" — „Drum da am 
Bäuchlein!" und sie wies in die Nabelgegend. Sie meinte offenbar einen Penis. 
Sie zeigte an ihrem Leibe die Stelle, wo der Müller durch einen Vorsprung 
mit der Mühle verbunden ist, damit er beim Aufstieg die Führung, eine Rinne 
im Blech der Mühlenwand, nicht verliere. 

„Warum bekommst du keinen Müller?" fragte mein Mann weiter. Die 
Kleine zögerte, dann antwortete sie: „Emma hat gelacht!" (Die Magd.) 

Damit nahm sie Bezug auf den Vorfall mit dem Liedlein. 

Aufzeichnung des Vaters, Dezember: 

Wenn ich glaubte, die Anna kenne den Unterschied der Geschlechter genau, 
— trauert sie doch ganz deutlich darum, daß sie eines Penis ermangelt, — 
so stimmt das nicht. Sie weiß wohl, daß ihr das fehlt, was sie an ihrem 
Bruder und an einem kleinen Buben beobachtet hat. Aber sie ist noch nicht 
imstande, die Beobachtung zu verallgemeinern. Dazu erhielt ich heute einen 
Beweis. 



Eltcrnbeobaditungen über die Sexualität kleiner Kinder i33 

Es war jemand gestorben, die Kinder hatten sich eingehend darüber unter- 
halten, daß die Person jetzt in ein Grab komme. Anna sagte nun, sie wolle 
auch bald sterben. (Sie weiß ja nicht, was das ist.) Dann sagte sie am Tische 
der Mutter, sie solle bald sterben. „Wer soll dann die Mama sein?" fragte 
meine Frau. „Ei, der Papa kann dann die Mama sein!" 

Es macht ihr gar keine Mühe, den Vater an Stelle der Mutter zu setzen. 
So wenig es ihr Mühe macht, sich an Stelle des einen oder des anderen Eltern- 
teiles oder eines Geschwisters zu setzen. Das zeigt sich in den Spielen, wo es 
bald das eine, bald das andere Glied der Familie „ist", und ihre Eigenarten 
nachahmt. 

Aufzeichnung der Mutter, Dezember : 

Wir haben auf dem Eßtisch einen neuen Belag aus Linoleum aufgemacht. 
Nun sagte Anna, die sonst gerne die Milch ausschüttete: „Jetzt ist es so schön, 
da will Anna nicht mehr Milch verschütten! 

Einen ganz ähnlichen Ansporn zur Ordentlichkeit und Reinlichkeit äußerte 
sie, als mein Mann vor einiger Zeit die Abortschlüssel und die Emailnacht- 
töpfe der Kinder mit Salzsäure reinigte. Als Anna sah, wie der Topf nun von 
dem gelblichen Belag, einem Niederschlag vom Harne, gereinigt war, sagte sie: 
„Jetzt darf Anna nicht mehr daneben pissen, gelt?" 



Damit schließen die Berichte der Eltern. 

Die Beobachtungen sind unvollständig und in mancher Beziehung mangel- 
haft und lückenhaft. Sie ergänzen sich jedoch gegenseitig und können ohne 
weiteren Kommentar die mehr theoretischen Ausführungen Freuds unter- 
legen. 

Bei der Lektüre der „Drei Abhandlungen ' erhält man leicht den von 
Freud sicher nicht beabsichtigten Eindruck, als folgten sich die verschie- 
denen Phasen der Entwicklung in abgegrenzter zeitlicher Ordnung aufein- 
ander. Die direkte Beobachtung beweist, daß sie oft nebeneinander her- 
gehen und daß Rückfälle in abgelaufen geglaubte Phasen keine Selten- 
heiten sind. 

Wenn wir das Material überblicken: 

Wir vernahmen Beobachtungen über prägenitale und genitale Organi- 
sationen, es begegnete uns die ganze polymorph-perverse Sexualität der ersten 
Kindheit, wir trafen Übertragungen, Fixierungen und Regressionen an, dazu 
auch die Ambivalenz der Triebpaare, das Zugleich und Nebeneinander der 
Triebkomponenten. Wir sahen, besonders bei den älteren Kindern, auch 
Ansätze zu Triebumsetzungen, Verdrängungen, Sublimierungen und Am- 
nesien auftreten. Von Bedeutung scheint uns, daß schon beim zweijährigen 



l3^ 2uIIiger: Eltcrnbeobachtungeii über oie Oexuulität kleiner IViiider 

Mädchen der Kastrationskomplex und der Penisneid im Vordergrunde des 
Erlebens stehen und daß die Kastrationsangst der Fünfjährigen, auf die 
sich eine Hunde- und Teufelsangst phobieartig aufbaut und schließlich 
wieder überwunden wird, zuletzt deutlich anale Züge vorweist. (Der Teufel 
im Abortrohr.) 

Nun wäre zu zeigen, wie alle diese frühinfantilen Triebregungen und 
Organisationen im „zweiten Pubertätsalter wieder aktiviert werden, wie 
Freud und später auch Jones behaupteten. Es müßte auch ersichtlich 
sein, wie die an sich perversen Triebkomponenten als Vorlustsystem zu- 
sammengefaßt und der Genitalorganisation als Endlustsystem untergeordnet 
werden. Aber so weit führen die uns zur Verfügung gestellten Aufzeich- 
nungen der Eltern nicht. 



. 



REFERATE 

Nachmansonn, Dr. pliil. et med. M..: Die wissenschaftlichen Grund- 
lagen der Psychoanalyse Freuds. Darstellung und Kritik. Verla? 
von S. Karger, Berlin 1928. 

Die Schrift macht dem Psychoanalytiker trotz der in ihr bekundeten Intelligenz 
und formal-kritischen Begabung wenig Vergnügen, denn sie zeigt ihm anderseits 
zu deutlich die oft nicht anders als gehässig zu nennende Ablehnung, mit der 
der Verfasser der Psychoanalyse gegenübersteht, und die sein Bemühen um ge- 
rechte Kritik immer wieder zunichte macht. Dieser affektiven Ablehnung ist es 
wohl auch zuzuschreiben, daß seine Kritik vorwiegend eine rein formale, vom 
Begrifflichen ausgehende ist. Eine solche Kritik ist gegenüber den Ergebnissen 
mühselig empirischer Forschung immer leicht. Der Versuch, ein großes, neues 
Tatsachengebiet theoretisch zu erobern, wird, wenn man nicht von vornherein 
begrifflich konstruktiv vorgehen will, was einer empirischen Wissenschaft nicht 
ziemt, zunächst immer Einzelergebnisse zeitigen, die widerspruchsvoll aussehen. 
Der Hinweis auf die Widersprüche allein ist aber kein Einwand gegen die 
Erkenntnisse und hilft allein auch nicht vorwärts, so sehr er, aber immer nur 
für den empirisch Eingestellten, anspornend wirken mag. Er macht den echten 
Forscher auch bescheiden, während der Verfasser mit seiner Fähigkeit, Wider- 
sprüche aufzuspüren, eine — um nicht schärfere Ausdrücke zu gebrauchen — 
oft unerträgliche Anmaßung und Überheblichkeit verbindet. 

Verfasser behandelt in drei Kapiteln die psychoanalytische Trieblehre, die 
psychoanalytische Psychologie und die psychoanalytische Methodik. Die Neurosen- 
lehre schaltet er aus. Er trennt in jedem Kapitel räumlich die „Darstellung" 
und die „Kritik". In der Darstellung oft genau und wörtlich zutreffend, zeigt die 
darauffolgende Kritik, daß das Dargestellte doch häufig mißverstanden oder schief 
gesehen ist. Am günstigsten beurteilt Verfasser die Lehre von der Verdrängung. 
Die wichtigsten Punkte der Traumlehre, die Trieblehre, die Lehre von der 
infantilen Sexualität, die zentrale Bedeutung der inzestuösen Beziehungen, den 
„Kastrationskomplex' lehnt er ab. 

Wir wollen im folgenden aus der Fülle der streiflichterartig berührten Punkte 
einige, insbesondere diskutable, herausgreifen: 

Im I. Kapitel (Trieblehre) moniert Verfasser, daß Freud den Trieb unter den 
Begriff des Reizes subsumiere. „Der Trieb kann eben nicht unter dem Gesichts- 






l36 Referate 

punkte des Reizes betrachtet werden, sondern nur unter dem der Anlage, die 
auf Reize reagiert, sich entwickelt und dazu dient, den Organismus des Indi- 
viduums und der Art zu erhalten und zu fördern. Verfasser übersieht wohl 
dabei, daß Freud absichtlich an der betreffenden Stelle nur vom Psychologi- 
schen aus und nicht vom Somatologischen aus betrachten wollte, so daß ihm 
hier zugestanden werden muß, den Trieb als einen „Reiz für das Psychische" 
anzusehen. So nur ist auch die Formulierung, der Trieb sei ein Grenzbegriff 
zwischen „Seelischem und Somatischem'" aufzufassen, nur in dem Sinne, daß 
er sowohl vorn Somatologischen als vorn Psychologischen her betrachtet werden 
könne. Daß die Lehre von der Beziehung der Unlustgefühle zur Reizherabsetzung 
und -heraufsetzung noch diskutabel ist, ist dem Verfasser zuzugeben. Freud hat 
in dem Aufsatz über „Das ökonomische Problem des Masochismus , den der 
Verfasser nicht erwähnt, selbst eine über den Aufsatz „Triebe und Trieb- 
schicksale und über die Aufstellungen im „Jenseits des Lustprinzips" hinaus- 
gehende Klärung versucht. Referent stimmt dein Verfasser zu, wenn dieser 
formuliert: „Die Lust- und Unlustgefühle sind ein wichtiger Indikator für die 
Annäherung respektive Entfernung von einem Reizoptimum, nicht aber dafür, 
ob die Reizintensität gesteigert oder vermindert worden ist" (S. 4). 

Das Motiv Freuds für die Aufstellung der „ Todestriebe ", „die herrschende 
Tendenz des Seelenlebens, vielleicht des Nervenlebens überhaupt, das Streben 
nach Herabsetzung, Konstanterhultung, Aufhebung der inneren Reizspannungen u 
erklärt Verfasser als dem Grundsatz aller Logik A = A widersprechend, während 
es uns nur als ein Beispiel der vorsichtig tastenden Art Freuds erscheint, der 
das noch nicht endgültig zu Fassende auch nicht in einen einzigen Begriff zu 
spannen, sondern es lieber durch den Hinweis auf eine Reihe empirisch zu 
beobachtender Tendenzen vorläufig anzudeuten sucht. 

Die Ablehnung, die der Verfasser der Lehre von der infantilen Sexualität 
zuteil werden läßt, scheint weitgehend dadurch bestimmt zu sein, daß er „sexuell" 
mit „genital sexuell' gleichsetzt, wo doch eine immanente Kritik verlangte, die 
Termini im Sinne des Autors zu fassen. Daß Freud die Berechtigung der Ver- 
wendung des Ausdrucks sexuell für die außergenitalen Lustbetätigungen des Kindes 
aus dem Vergleich mit den perversen Betätigungen und neurotischen Symptomen 
nimmt und aus der biologischen und psychologischen Ersetzbarkeit der genitalen 
Zonen durch die außergenitalen, scheint nicht erfaßt. Den Begriff der erogenen 
Zonen hält Verf. für unhaltbar, er will nur „Reizpforten gelten lassen, durch 
die das Individuum Reize empfangen kann, die die immer nur genital-sexuelle 
Erregung auslösen. Mit dem Begriff der „erogenen Zonen" falle auch der der 
„Partialtriebe" dahin. 

Zur Beurteilung der Aufstellung des „Ödipuskomplexes" wählt Verfasser die 
„Phobie des kleinen Hans". In der Darstellung dieser Krankengeschichte ist 
Verfasser von einer besonderen UnSachlichkeit und Befangenheit, die er durch 
ein Sichlustigmachen zu überwinden sucht. In der Kritik bemüht er sich zu 
zeigen, daß dort „der Ödipuskomplex überhaupt nicht beobachtet worden" sei. 

Die Kritik des Verfassers am Begriff der „Sublimierung" ist, so sehr — von 
Freud immer eingestanden — die Untersuchungen noch im Fluß und die bis- 



11 e lernte 



«3? 



herigen theoretischen Vorstellungen diskutabel sind, durchaus abwegig. Verfasser 
sagt: „Die Tatsache, daß der Mathematiker Gauß schon als Vierjähriger bedeutsame 
mathematische Einsichten entwickelte — läßt sich nicht gut auf die Sublimierung 
seiner Sexuallibido, auf deren Plastizität zurückführen" (S. 38). Natürlich nicht in 
dem Sinne, daß Begabungen durch Sublimierung erzeugt werden könnten. 
Freud hat diese in ihrem Eigenwert nie bestritten. Nur die Art der Verwendimg 
der Energie, die, anstatt in Richtung auf sexuelle Ziele, nunmehr in Richtung der 
Begabung erfolgt, bedeutet die Sublimierung. Verfasser meint, die Ansicht, daß 
„beider Sublimierung die libidinöse Energie den verschiedenen Anlagen zuströmt", 
widerspreche „der Auffassung, daß die einzelnen Anlagen ihre Eigenenergie be- 
sitzen, die keineswegs an andere Anlagen abgegeben werden kann" (S. 59). Das 
wäre zu beweisen. Uns scheint im Zusammenhang mit Freuds Auffassung von der 
in „Das Ich und das Es" behandelten verschiebbaren desexualisierten Libido 
eine solche Abgabe und Verschiebung durchaus möglich und den Tatsachen 
gerecht zu werden. 

Bei seiner Kritik der Sublimierung unterläßt der Verfasser vor allem die 
Beachtung der wichtigen empirischen Befunde, die bei der praktischen Analyse 
der Neurotiker gemacht worden sind, so den, daß die Fähigkeit, sich geistigen 
Aufgaben zuzuwenden, in dem Maße wieder erworben werden kann, als es 
gelingt, verdrängte, also u n verwendbare sexuelle Energie wieder flott zu 
machen. Ohne eine Beachtung und theoretische Verarbeitung solcher empirisch 
gefundenen Zusammenhänge läßt sich das Problem der Sublimierung nicht 
weiterbringen. Die Psychoanalyse faßt nicht, wie es ihr der Verfasser unter- 
stellt, das Verhältnis zwischen dem Maß geistiger Leistung und dein Maß der 
Sexualbetätigung rein quantitativ auf, so daß es berechtigt wäre, die Subli- 
mierungstheorie mit der Bemerkung ad absurdum zu führen, „Die Leistung 
Luthers war nach seiner Verheiratung wohl nicht geringer als früher — nach 
seinen Angaben ist das Gegenteil anzunehmen" (S. 59). Vielmehr kann nach 
psychoanalytischer Auffassung gleichzeitig durch Aufhebung von Verdrängungen 
sowohl die primitive Sexualenergie für ihre normalen Ziele verwendbar als 
anderseits ein Quantum für die Sublimierungsvorgänge frei werden, so daß 
also nicht jeder Sublimierungstätigkeit ein Naclüassen sexueller Betätigung zu 
entsprechen braucht, sondern beide gleichzeitig eine Blüte erleben können. 
Niemals wird die quantitative (ökonomische) Betrachtung allein zur Erfassung 
eines Phänomens genügen, sondern es wird die strukturelle und dynamische 
und oft werden außerdem die pathologische und andere Betrachtungsarten 
hinzutreten müssen. 

Häufig erledigt Verfasser eine Position Freuds, anstatt ihr empirisch auf 
den Grund zu gehen, mit einem kühnen theoretischen Federstrich. So dekre- 
tiert er: „Das angenommene proportional umgekehrt proportionale Verhältnis 
zwischen narzißtischer und objekterotischer Libido ist nichts anderes als eine 
tatsachenfremde Konstruktion. Das Selbstgefühl glücklich Liebender ist durch- 
aus erhöht. Sie sind zwar »demütig — aber als Herrscher sozusagen" (S. 48). 
Aber könnte es nicht doch sehr gut mit der Theorie Freuds zusammenpassen, 
daß der Liebende wirklich demütig ist, nämlich soweit er liebt (da entlastet 



l^S lYelerate 

er seinen narzißtischen Vorrat) und sein Selbstgefühl wieder erhöht, soweit 
er wieder geliebt wird (d. i. : seinen Narzißmus wieder auffüllen kann)? 

Verfasser wirft der Psychoanalyse vor, daß sie den feineren Nuancierungen, 
wie sie selbst der naiv-psychologische Betrachter vornehme, nicht gerecht wird. 
Da mißversteht er wohl überhaupt den berechtigten Anspruch der Psycho- 
analyse, eine Art Naturwissenschaft zu sein, die nicht bloß phänomenal die im 
Bewußtsein erlebbaren Differenzierungen beschreiben, sondern das Gesetzliche, 
Gleichbleibende finden will und in der gewonnenen Reduktion des Mannig- 
faltigen einen wissenschaftlichen Wert sieht. Eine solche reduzierende Tätig- 
keit widerspricht durchaus nicht der differenzierenden phänomenalen Beschrei- 
bung, sondern sieht in ihr nur etwas anderes, eine Ergänzung. 

Verfasser erklärt: „Bei der gegenseitigen umgekehrt proportionalen Abhängig- 
keit der narzißtischen Libido von der Objektlibido sollte man glauben, daß 
bei starker Entwicklung der Objekterotik das , narzißtische' Erleben, also auch 
die Liebe zum Ideal-Ich, abnehmen sollte. Gerade das Gegenteil ist aber der 
Fall. Gerade wenn der Mensch liebt, ist er für das ,Edle' und ,Gute' am emp- 
fänglichsten (S. 50). Verfasser nimmt hier wieder die Beziehung der narziß- 
tischen Libido zur Objektlibido rein quantitativ oder rein ökonomisch und 
vernachlässigt den dynamischen und strukturellen Gesichtspunkt. Das „je mehr 
die eine verbraucht, desto mehr verarmt die andere" (Freud: Ges. Schriften, IV, 
S. 81) isfc doch nicht die einzige Beziehung zwischen beiden Momenten. In 
der einzelnen wirklichen Erscheinung überkreuzen sich doch regelmäßig mehrere 
Gesetzlichkeiten. Den Schematismus, den Verfasser Freud vorwirft, trägt Ver- 
fasser erst in die Lehre hinein, indem er ihr unterstellt, die einzelne Erschei- 
nung immer nur durch eine der aufgedeckten Gesetzlichkeiten erklären zu 
wollen. Um das auf das obige Beispiel anzuwenden, so ist freilich das Ideal- 
Ich nach der Theorie auch mit narzißtischer Libido besetzt und kann an 
solcher, z. B. bei Objektbesetzung, verarmen. Das ist z. B. empirisch festzustellen 
im Falle der „Kritiklosigkeit" in Verliebtheitszuständen. Anderseits aber gibt 
der strukturelle Gesichtspunkt wiederum das Verständnis dafür her, daß dem 
Ideal-Ich ebenso wie den anderen Systemen oder Instanzen eine relative Auto- 
nomie, die im einzelnen Falle von verschiedenem Ausmaß ist, zukommt, so 
daß der strukturelle Gesichtspunkt allein schon genügen würde, die Tatsache, 
daß ein Mensch für das Gute und Edle empfänglich ist, auch wenn er liebt, 
nicht als einen Widerspruch zur Theorie ansehen zu brauchen. An weiteren 
Momenten ist auch hier das „Wiedergeliebtwerden" zu beachten. Es macht 
den Liebenden für das Edle empfänglicher, wie umgekehrt der Nichtgeliebte 
zum Bösewicht werden kann. 

Zu der im Beginn des II. Kapitels gegebenen Kritik des Lust-Unlust-Prinzips 
sei auf das Obengesagte verwiesen. Auch für den Referenten werden die psy- 
chischen Vorgänge als Teil der biologischen Vorgänge, als etwas jenseits der 
Lust-Unlust Liegendes, reguliert. Es wäre aber falsch, diese Auffassung als mit 
den Aufstellungen Freuds unvereinbar hinzustellen, im Gegenteil tendiert die 
Entwicklung der Freud sehen Theorie (siehe unter anderem den Wieder- 
holungszwang) durchaus in jener Richtung. So kann man auch, ohne Wider- 



Referate *3<) 

spruch mit der Freud sehen Anschauung, zustimmen, wenn Referent sagt: 
„Der innere Bauplan des Organismus, die Tendenz zur Entwicklung der in 
ihm liegenden Potenzen ist der treibende Motor jedes — also auch des psy- 
chischen Geschehens" (S. 55). Verfasser müßte nur nicht vergessen hinzuzu- 
fügen, daß Freud sich das Zustandekommen der die Entwicklung des Indi- 
viduums bestimmenden inneren Tendenzen phylogenetisch durch die Einwir- 
kung äußerer Mächte entstanden denkt, und daß diese äußeren Mächte 
auch im Einzelleben neben den im Entwicklungsgang des Individuums wir 
kenden inneren Tendenzen eine Rolle spielen. 

Die Verdrängungstheorie macht nach dem Verfasser die Hypnoid- Theorie 
(Möbius, Breuer) und die von der konstitutionellen Schwäche (Janet) nicht 
überflüssig. Der Begriff der Verdrängung ist freilich wertvoll, „doch nicht in 
der Freudschen Fassung. Hier ist er mit verblüffenden Widersprüchen behaftet". 
Diese „Widersprüche" scheinen uns vielmehr teils der Ausdruck der Schwierig- 
keit der Materie zu sein, teils nur terminologischer Natur, sie können jeden- 
falls nicht gelöst werden, wenn man so unfreundlich und so schnell fertig mit 
dem Wort an die Sache herangeht wie der Verfasser. Verfasser meint, nach 
Freud gebe es keine „unbewußten Affekte". Ohne diese sei aber weder die 
Verdrängungstheorie möglich, noch die psychoanalytische Pathologie. Wenn 
Freud „die Möglichkeit einer Unbewußtheit für Empfindungen, Gefühle, 
Affekte völlig entfallen" läßt (Freud: Ges. Schriften, I, S. 507), so meint er 
wohl nicht den quantitativen Affektbetrag, sondern offensichtlich nur die 
wahrnehmbare Affektqualität. Aber auch für diese nimmt er einen „Ansatz 
im Unbewußten an. Die . Besetzungen " stammen nach Freud teils aus den 
Affektbeträgen, teils aus der indifferenten desexualisierten (narzißtischen) Ver- 
schiebungsenergie. 

Der Hinweis des Verfassers auf die Verdrängungstheorie Herbarts ist gewiß 
sehr dankenswert, aber hat es Sinn, durch ihn die wohl zeitlich spätere, aber 
trotzdem historisch ganz unabhängige und an einem ganz anderen empirischen 
Material selbständig aufgebaute und vor viel umfänglichere Aufgaben und 
Schwierigkeiten gestellte Lehre Freuds im Werte herabmindern zu wollen? 

Die Freudsche Lehre von den psychischen Systemen lehnt Verfasser „als 
Seelenmythologie gröbster Art" ab. Die Psychologie des Ubw, die Lehre vom 
Primärvorgang usw. sei eine Folge der „Zimmer- und Grenzentheorie , die 
„für die einzelnen Kammern besondere Eigenschaften ihrer Insassen" (S. 68) 
gefordert habe. Dem ist entgegenzuhalten, daß Freud die „Zimmertheorie", 
die topische, selbst als eine grobe vorläufige Orientierung bezeichnet. Aber 
gerade durch die beschriebenen Charaktere des Ubw.- Widerspruchslosig- 
keit, Beweglichkeit der Besetzung, Zeitlosigkeit und Ersetzung der äußeren 
Realität durch die psychische — Charaktere, die nicht konstruiert sind, sondern 
empirisch, insbesondere aus der Beobachtung der zu den Träumen gebrachten Ein- 
fallsreihen gewonnen sind — werden nach Freud aus den bloß topischen nunmehr 
funktionelle (systematische) Einheiten. Daß die genannten Momente das Ubw 
charakterisieren, bestreitet der Verfasser, ohne auf die Empirie zurückzugreifen. 
Bezeichnend für eine in seiner Arbeit häufig wiederkehrende Art seiner Kritik 

10 Vol. 15 



i^tt Jveternte 

ist seine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Widerspruchslosigkeit im Uhw. 
Er setzt zunächst für Widerspruchslosigkeit „innere Widcrsprochenheit" und 
sagt dann: »Die Eigenschaft der inneren Widcrsprochenheit fehlt dem Bewußt- 
sein keineswegs" (S. 66). Das ist auch von Freud gar nicht behauptet worden, 
vielmehr ist vom Ubw behauptet worden, daß es den Satz des Widerspruchs, 
der das System Vbw-Bw charakterisiert, nicht kennt, daß es durch ein Ver- 
fahren jenseits dieses Satzes gekennzeichnet ist. Das schließt natürlich weder 
aus, daß auch im Vbw-Bw Widerspruch vorkommen kann, als daß sich im 
Ubw etwas gestalten kann, was im Lichte des Vtrw-Bw dem Satz vom Wider- 
spruch standhält. Ahnliches gilt von den Prozessen der Verdichtung und Ver- 
schiebung und von der zeitlichen Ordnung. 

Die Satze Freuds über die „Zeitlosigkeit", denen Verfasser „schwerste Be- 
griffs vermengung", „erschreckenden Mangel an erkenntniskrilischer Besinnung" 
vorwirft, sind wohl diskutierfähig, wenn auch nicht in der Art des Verfassers. 
Der Mangel der zeitlichen Ordnung innerhalb des Ubw ist hier wohl der 
ruhende Punkt. 

Die „Hypothese" der „Deckerinnerungen" hält Verfasser (S. 70) für „ein- 
fach überflüssig". Seine Diskussion des Freudschen Beispiels von den m-n- 
Strichen (Freud, Ges. Schriften IX, S. 59) zeigt, wie achtlos Verfasser den 
empirischen Quellen, nämlich den Einfallsreihen einer analytischen Stunde, gegen- 
übersteht. Er verfährt so, als handle es sich um eine Hypothese, wo es sich 
vielmehr für denjenigen, der sich ausgiebig im Felde der analytischen Empirie 
bewegt hat, um die Beschreibung schließlich nicht übersehbarer Vorgänge handelt. 
So setzt Verfasser denn, um sich die von Freud vorgebrachte Deckerinnerung 
zu erklären, kurzerhand an Stelle der ihm nicht genehmen „Hypothese" Freuds 
eine eigene, die ihm angenehmer ist. Er sagt dann freilich sehr richtig: „Es 
ist müßig fortzufahren, wir wissen nichts Sicheres, jede Hypothesenbildung muß 
zur Farce ausarten deswegen" (S. 70). Schade, daß das nicht als Selbsterkenntnis 
gemeint ist. 

Die kindliche Amnesie möchte Verfasser ungezwungen daraus verstehen, daß 
wir „das am besten behalten, was wir denkerisch in einen Zusammenhang 
bringen können", daß die Anfänge dieser synthetischen Fähigkeit aber erst ins 
zweite bis dritte Lebensjahr fallen. Das mag stimmen, stände aber mit den 
von der Psychoanalyse nachgewiesenen Ursachen in keinem Widerspruche. 

Bezüglich der Traumlehre Freuds äußert Verfasser in seiner Darstellung: 
„Die Bedeutung der Träume erkannt und für die Psychotherapie fruchtbar 
gemacht zu haben, gehört zu den bleibenden Leistungen Freuds. Damit be- 
ginnt in der Psychotherapie eine neue Epoche (S. 71). In der folgenden 
Kritik aber bleibt von der Traumtheorie kaum etwas übrig. „Zur Annahme 
besonderer unbewußter, auch im Traum unbewußter Gedanken in besonderen 
Systemen liegt kein Grund vor" (S. 84). Zu der „Behauptung Freuds, daß 
der Traum der entstellte Ersatz für etwas anderes Unbewußtes ist , „fehlt 
uns die Berechtigung" (S. 83). Es scheint, daß der Verfasser den Unterschied, 
zwischen dem deskriptiv Bewußten und Unbewußten einerseits und der Zu- 
gehörigkeit zu den Systemen Vbw-Bw und Ubw anderseits nicht erfaßt hat. 



Referate 5 J t 

Daß die Tatsache des Vorkommens von Verschiebungen und Verdichtungen im 
bewußten Denken (z. B. im Witz) nicht dagegen spricht, daß sie die Ubw- 
Vorgänge charakterisieren, ist schon erwähnt. Verfasser verwendet aber diese 
Tatsache, um den Unterschied von manifest und latent im Traum aufzuheben. 
Die Beweise Freuds und seiner Schüler für die Auffassung der Symbolik 
als Archaismus sind „blutigste Dilettanten arbeit", die Lehre von der Regression 
ins Infantilleben ist nicht begründet, für die Existenz eines Kastrationskom- 
plexes „hat Freud in den dreißig Jahren seiner Tätigkeit nicht ein einziges 
einwandfreies Beispiel — veröffentlicht. Wir selbst haben in jahrelangem vor- 
urteilsfreiem Forschen nichts dergleichen gefunden — ". Den Ödipuskomplex 
hat Verfasser nur „in der Minderzahl der Fälle angetroffen" (S. 8g). Die Wunsch- 
erfüllungstheorie wird abgelehnt. „Eine Wunscherfüllung kann nicht gut von 
schweren Unlustgefühlen begleitet sein." 

Das III. Kapitel benennt der Verfasser: Die Methodik. Er versteht darunter 
die psychoanalytische therapeutische Technik. Verfasser hält das „Fallenlassen 
der Katharsis in der Entwicklung der psychoanalytischen Technik für „ver- 
hängnisvoll". „Ja, wenn das Erleben, das erschütternde Aufwühlen des Ubiv, 
fehlt, haben wir allen Grund anzunehmen, daß die Konstruktion falsch ist." 
„Damit hat Freud das wichtigste und im Grunde einzige Kriterium für die 
Richtigkeit seiner Deutungen aus der Hand gegeben und sich um das bedeut- 
samste therapeutische Mittel, eben der Katharsis, der inneren Befreiung beraubt." 
Der Verfasser hat offenbar von der über die Katharsis hinausgehenden Entwick- 
lung keinen Eindruck bekommen und weiß nicht, wie eine regelrechte Durch- 
arbeitung des Einfallsmaterials vor sich gellt, und wie man durch eingehendes 
Aufdecken des Verdrängten, durch Verstehen der aktuellen Übertragungssitua 
tionen, durch die historische Arbeit eine Fülle anderer Verifizierungsmöglich- 
keiten hat als die affektiven Reaktionen, die, wie überhaupt die Katharsis, 
natürlich nicht überflüssig -werden können und wie von jeher, so auch weiter 
bewertet und beachtet werden. 

„Werden also die Symptome, die Träume, richtig erfaßt und spricht der 
Arzt das aus, was sich unbewußt im Seelenleben des Patienten abspielt, so 
muß dieser auch die innere Wahrheit der ärztlichen Erkenntnis unter starken 
Emotionen erleben." Das widerspricht der psychoanalytischen Erfahrung durch- 
aus. Der Analytiker kann sehr wohl das Richtige erfaßt haben und dem Patienten 
mitteilen und der Patient bleibt unberührt. Es wird oft eine lange Zeit dazu 
benötigt, daß der Patient bewußt affektiv erfaßt wird. Und auch dann braucht 
keineswegs seine Zustimmung damit verbunden zu sein. Aber Verfasser dekre- 
tiert: die „Affektregungen dürfen in keinem Fall fehlen, denn ohne verdrängte 
Affekte ist ein pathogenes Unbewußtes nicht denkbar". Der Denn-Satz wird 
von der Analyse nicht bestritten, aber es folgt daraus nicht der Hauptsatz. 

Des Verfassers Ausführungen über die Determiniertheit der Einfälle — die 
durchgängige Determinierung im Seelenleben erkennt er theoretisch an — 
zeigen, daß sich des Verfassers Erfahrungen sehr von denen der Schulpsycho- 
analytiker unterscheiden. Während diese einen großen Eindruck von der außer- 
ordentlichen Verzweigtheit und Reichweite der die Einfälle determinierenden 



1^2 Referate 

Elemente haben, scheint sich Verfasser, nach vielen Stellen seiner Arbeit, z. B. 
seiner Kritik der Traumlehre und nach der Mitteilung seiner Traumanalyse 
(S. 104) zu urteilen, nicht weit über die manifesten und bewußten Mitteilungen 
hinaus zu trauen. 

Des Verfassers Kritik einer Wissenschaft und ihrer Methode ist ein Schulbeispiel 
dafür, wie eine Kritik nicht sein soll. Wem es nicht gelungen ist, sich ganz des 
experimentellen Verfahrens — die praktischen Analysen haben die Wertigkeit von 
Experimenten — und der daraus allein zu gewinnenden Erfahrungen zu ver- 
sichern, der sollte entweder mit einer Kritik warten, bis er dies nachgeholt hat 
(die psychoanalytischen Institute geben durch ihre Einrichtungen, insbesondere 
durch die Lehranalysen, dazu ausreichende Gelegenheit) oder er sollte sich anderen 
Zweigen der Wissenschaft zuwenden, für die andersartige, vielleicht angenehmere 
Voraussetzungen gegeben sind. C. Müller-Braunschwcig (Berlin) 

Iloclie, A.: Das träumende Ich. Gustav Fischer, Jena 1927. 

Der alte Gegner der Psychoanalyse, Ho che, schrieb jetzt ein Buch über den 
Traum, der doch nach Freud die „via regia zum Unbewußten bildet. Sein 
Urteil über die Psychoanalyse hat sich aber auch dabei nicht geändert. Die 
psychoanalytische Traumlehre wird erst ganz spät in einem Kapitel „Traum- 
mystik" zusammen mit der Frage nach prophetischen Träumen und den „be- 
kannten, auf schlechtem Papier gedruckten Traumbüchern, die man in den 
Schubladen der Köchinnen findet", (S. 169), abgehandelt: Die Psychoanalyse ist 
keine Wissenschaft, ihre Anerkennung eine Glaubensangelegenheit. Man könne 
kritisch an sie nicht heran, weil der Psychoanalytiker auf jede Kritik nur er- 
widere, man hätte nicht verstanden, oder, das kritisierte Detail gehöre nicht 
zum Wesen der Psychoanalyse. „Es ist so, als wenn in einem Religionsgespräch 
zwischen Katholiken und Protestanten der Calvinist Punkte der Lutherischen 
Lehre preiszugeben bereit ist" (S. 171). Demgegenüber zitiert Ho che richtig 
den wesentlichen Inhalt der Freud sehen Vorlesungen über den Traum, ohne 
aber die Begründung der Freudschen Meinungen mitzuzitieren, um sie dann 
durch den Hinweis auf die Unsicherheit der mitgeteilten Traumtexte oder durch 
Bemerkungen wie die folgenden zu widerlegen: „Da die Erfahrung der besten 
Träumer nichts davon weiß, daß alle Träume eine Wunscherfüllung bedeuten, 
. . . wird der behauptete Wunsch in das Unbewußte verlegt; das ist nützlich 
und bequem; denn man kann dort nicht hin, und man ist infolgedessen nicht 
widerlegbar; wenn man nicht widerlegbar ist, hat man seine These 
bewiesen. Dieser Satz . . . bildet das eigentliche Fundament für die Daseins- 
möglichkeit der ganzen psychoanalytischen Lehre" (S. 175). „Von der Zensur 
merkt zwar kein Träumer jemals etwas; sie ist aber doch vorhanden, weil es 
ohne sie mit der Theorie nichts wäre" (S. 176). Oder nach Behandlung der 
Symbollehre: „Der besonnene Leser wird genug haben an Unwahrscheinlich- 
keiten, Willkürlichkeiten, Schiefheiten; es wird ihm unbehaglich werden, wenn 
er sich überlegt, wie er an dieser Unzahl von Symbolen vorbeiträumen 
soll, wenn er eine weiße Weste behalten will" (S. 1 79). „Verdrängung" gibt 
es zwar, aber bei Psychopathen: „Sie werden nicht krank, weil sie verdrängt 






Referate 1^3 

haben, sondern: weil sie schon krank oder zum Krankwerden bestimmt sind, 
haben sie die Neigung zum Verdrängen 1 * (S. 90). Seelisches ist gleichbedeutend 
mit Bewußtem ; doch gibt es viele Gehirnvorgänge, die Aussicht haben, etwas 
Seelisches zu werden, und das könnte man „Unbewußtes" nennen (S. 76 ff), 
außerdem gibt es noch ein „Unterbewußtsein ", das ist das unklar Bewußte 
(S. 87). 

Was kann jemand, der mit solcher Einstellung an die Traumphänomene 
herangeht, finden? Mit einer Spitze gegen die Psychoanalytiker bemerkt darüber 
Hoche: „Die . . . Nüchternheit meiner Betrachtungsweise paßt, wie ich wohl 
weiß, wenig in das heute vorherrschende wissenschaftliche Klima; ich schreibe 
nicht für diejenigen, deren dogmatische Meinungen vor den Tatsachen und 
unabhängig von ihnen feststehen" (S. 15). Solche „Nüchternheit" kann nicht 
mehr bringen als Angaben über die Phänomenologie des Traumerlebens, Aus- 
sagen über die psychologischen Eigenheiten des manifesten Traumes; dabei 
interessiert sich Hoche besonders für die Zusammenhänge zwischen Traum- 
psychologie und Psychopathologie. 

In dieser Beziehung bestätigt zunächst Hoche vieles, was Freud und die 
im Einleitungskapitel der „Traumdeutung" besprochenen Autoren vor Freud 
auch schon gewußt haben, z. B. die Illusionen und Halluzinationen auf den 
einzelnen Sinnesgebieten, die Körperreizträume, die Möglichkeit von „geistigen 
Leistungen" im Traume (Hoche bringt Beispiele von im Traum geschaffenen 
Gedichten und Musikstücken, S. 104 ff), die Projektion von eigenen Gefühlen 
auf andere Personen, die im Traume auftreten (S. 99), u. dgl. m. Das zentrale 
Phänomen des Träumens überhaupt sieht Hoche in der Ausschaltung eines 
zentralen Ichbewußtseins". Diesem Bekannten fügt er auch einiges interessantes 
Neues hinzu, wie eine gute Phänomenologie des Einschlafens (S. 82 ff), den 
sicher richtigen Hinweis auf die Möglichkeit von „Erinnerungsfäden, die sich, 
mit Ausschluß des wachen Wissens, zwischen Traum und Traum spinnen" 
(S. 65), auch den für vielleicht durch den Begriff der „ Zeitlosigkeit des Un- 
bewußten" irregeführte Psychoanalytiker wertvollen Hinweis, daß die Kate- 
gorie der Zeit im Traume niemals aufgehoben ist (S. 69)- Wenn er allerdings 
weiter meint, daß das für die Kausalität nicht gelte (S. 70), so beruht das 
unseres Erachtens auf einer Verwechslung von allgemeinem und speziellem 
Kausalsatz; jener besteht auch im Traume unvermindert. 

Stellenweise stellt aber Hoche auch auf diesem Gebiete der Traumpsycho- 
logie Behauptungen auf, die einer Kritik keineswegs standhalten können. Die 
Erfahrung des Referenten muß der Behauptung, daß Frauen mehr träumen als 
Männer (S. 12) ebenso entschieden widersprechen wie der Beobachtung, daß 
wir „fast niemals im Traum Bewegungsvorgänge sich vor uns abspielen sehen " 
(S. 46), und der, daß es nicht möglich sei, zu einer bestimmten vorgenommenen 
Zeit zu erwachen (S. 93). Wenn Hoche sagt: „Was wir gut sehen, steht immer 
im Mittelpunkte des Blickfeldes geradeaus vor dem Beschauer, . . . ebenso wie 
ich ... nie (im Traume) Dinge gesehen habe, die hinter mir waren" (S. 44), 
so scheint dem zu widersprechen, daß man sich selbst im Traume sehen kamt ; 
wenn er vom Reden im Traume sagt, „niemals" habe er „Bewegungen der 



*44 Refern tc 

Zunge oder der Lippen gefühlt" (S. 151), so kann diese subjektive Beobachtung 
schon wegen der Tatsache, daß es Menschen gibt, die regelmäßig aus dem 
Traume reden, nicht verallgemeinert werden. Falsch ist auch die Behauptung: 
„Im Traume fehlt die Aufmerksamkeit ebenso wie jede andere Form eines 
planvollen Wollens" (S. 86). Charakteristisch dafür, wie Hoch e zu solchen An- 
schauungen kommt, ist folgende Stelle: „Auch das Gefühl des Erstaunens 
oder der Überraschung gehört nicht zu den Traumerlebnissen; wir nehmen 
die ungeheuerlichsten Dinge gewöhnlich als selbstverständlich hin" (S. 98). Er 
verwechselt also das Erlebnis des Erstaunens mit dessen „begründetem" Auf- 
treten. — Die „Erklärungen" für manche Traumphänomene erscheinen ent- 
weder absolut willkürlich, z. B. daß bei Angstträumen mit Herzklopfen bei 
organisch gesunden Herzen das Herzklopfen „sicher nicht Folge, sondern Ur- 
sache des Traumes" ist (S. 22), oder durch die Psychoanalyse längst widerlegt 
z. B. : „Die Gründe, warum die Traumerlebnisse eine so geringe Nachhaltigkeit 
besitzen, liegen zunächst in der geringen absoluten Stärke des Traumgeschehens" 
(S. 10) oder die Zurückführung der Verdichtungen, die „Amalgamierungen" 
heißen, auf das Fehlen eines ordnenden Ichbewußtseins. 

Das umfangreichste Kapitel des Buches ist der ,, Sprache des Traumes" ge- 
widmet, kommt aber ebenfalls über Äußerlich-Formalstes nicht hinaus. Die 
zahlreichen Beispiele zeigen zum Teil die volle tendenziöse Blindheit von 
Hoche für Sinnzusammenhänge, da sie nach dem Typus der „infantilen Wunsch- 
träume gebaut sind, aber dennoch nicht durchschaut werden, z. B. der folgende 
Traum: „.Wildschwein ist nötig, Arzt ist nicht nötig.' Vormaterial: tags zuvor 
telephonische Ablehnung einer Einladung zur Wildschweinjagd - ' (S. 142). — Aber 
der Versuch, hier einen Sinn zu sehen, hat für Hoche ,ein mir nicht be- 
schiedenes Maß von Leichtgläubigkeit zur Voraussetzung' (S. 137). — Auch 
wütet Hoche gegen die infantile Sexualität, erzählt aber folgende Traum- 
beispiele: „Eine Zervelatwurst stammt ,von einer benachbarten Diarrhoe'" (S. 161) 
und: „Goethe lachte entsetzlich und steckte Lu bar seh den Finger in den 
Popo" (S. 1 59). 

Wir schließen dieses Beferat über das Ho che sehe Traumbuch am besten 
mit der Zitierung eines weiteren Traumes von Hoche: 

„Ich sehe den Titel eines neuen Buches von Moebius: ,Wie sind wir an 
das Traummiserable gelangt?' Vormaterial : Lektüre der Schrift von Moebius 
über ,die Hoffnungslosigkeit aller Psychologie'" (S. 138). Fcnicnel (Berlin)