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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften XVI 1930 Heft 2"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE 
AUF DIE NATUR- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 

XVI. Band 193o Heft a 



Jean Jacques Xvousseau 

Vortrag in der „Groupe iPitudtt philosophiques et scientifiques pour l'eiamen des tendances 

nouvelles" am 19. Mai 1927 

Von 

Rene Laforgue 

Pari» 

Meine Damen und Herren, ich gestehe Ihnen, daß der Gegenstand 
meines Vortrages mich fast ein wenig in Verlegenheit setzt. Seine Dar- 
stellung scheint mir mit Schwierigkeiten verbunden zu sein. Wenn es sich 
nur um eine gewöhnliche psychologische Studie über Jean Jacques Rousseaus 
Leben handelte, würde ich keinen Augenblick zögern. Eine psychoanalytische 
Untersuchung ist aber nicht dasselbe. 

Es bedarf einer besonderen Einstellung, um vor den nackten Tatsachen 
objektiv zu bleiben. Nun wissen Sie aber ebensogut wie ich, daß es in 
unserer Kultur zur Überlieferung gehört, die Wahrheit zu verschleiern, um 
die Vergangenheit ehrwürdiger zu gestalten, ihr einen Schein von Heilig- 
keit und Keuschheit zu verleihen. So riskiert man, einen Philosophen, so 
groß auch sein Genie sein mag, aus der Nähe mit allen seinen Schwächen 
zeichnend, ihn in den Augen vieler Personen lächerlich zu machen. Um 
sich davon zu überzeugen, ist es nicht notwendig, Bergsons „Lachen 
gelesen zu haben. Wir aber haben nicht die Absicht, Rousseau zu verkleinern, 
sondern ihn in seiner vollen Menschlichkeit zu verstehen. 

Eine psychoanalytische Studie muß sich auf Fakten aus dem intimen 
Leben eines Menschen stützen, die jeden, der nicht mit der psychoanalytischen 
Methode vertraut ist, abstoßen könnten. Man kann darauf erwidern, daß 
gerade Jean Jacques über nicht allzu viele Skrupel Zeugnis ablegte, als es sich 
darum handelte, gewisse Wahrheiten, die ihm zum Nachteil gereichen konnten, 

10 
ImagoXVI. 



,46 Ren«? Laforguc 



einzugestehen. Es ist allerdings zu sagen, meine Damen und Herren, daß 
die Psychoanalyse in ihrer Freilegung der Komplexe sich als viel unbarm- 
herziger erweist als Rousseau selber. Viele Rechtfertigungen und Ratio- 
nalisierungen, die Rousseau erfunden hat, um sich selber gegenüber den 
Schein seiner Superiorität zu wahren, müssen dabei fortfallen. Es bleibt 
davon nichts übrig als eine geschickte Gedankenspielerei eines Autors, dem 
es noch mehr am Herzen lag, sich selber zu täuschen als andere zu hinter- 
gehen. Solange es sich um Tatsachen handelt, welche Rousseau objektiv 
kontrollieren konnte, darf man ihm sein Vertrauen schenken. Sobald es 
aber gilt, sie zu deuten, scheint Rousseaus Denken auf ein einziges Ziel 
gerichtet zu sein: sich vor seinem erdrückenden Schuldbewußtsein zu er- 
retten. 

Nun möchten wir aber nicht, daß der wirkliche Rousseau, so wie er 
uns in seinen Werken entgegentritt (insbesondere in seinen Bekenntnissen), 
Ihr Mitleid und Ihre Bewunderung weniger verdiente als derjenige, für 
den Jean Jacques gehalten werden wollte. Trotzdem fürchte ich, daß er 
Gefahr läuft, ein wenig von der Sympathie zu verlieren, die Sie für den 
Verfasser der Neuen Heloise, für den Apostel der Revolution haben könnten. 
Um ihn vor dieser Gefahr zu schützen, möchte ich Ihnen in Erinnerung 
rufen, daß jeder von uns im Lichtkegel der Psychoanalyse gesehen ein 
ganz anderes Bild bieten würde als unter gewöhnlichen Umständen. Er 
würde wie Rousseau riskieren müssen, an Ansehen einzubüßen, das er dank 
dem traditionellen Respekte für die Fassade, die Uniform und das Bändchen 
genießt, und das wir dem Nächsten je nach seinem Grade in der sozialen 
Hierarchie zu zollen die Gewohnheit haben. 

Ich möchte nun endlich gerne mit dem eigentlichen Gegenstand des 
Vortrages beginnen. Ich sehe mich aber gezwungen, zuerst noch einen kleinen 
Umweg zu machen. Diesmal nicht, um Jean Jacques Ihrer besonderen Nach- 
sicht zu empfehlen, sondern meine eigene Person. Es wird in meinen 
Ausführungen sehr viel von Sexualität die Rede sein, erstens weil unser 
Verfasser sehr oft davon spricht, und zweitens, weil die Untersuchung der 
Sexualität allein uns in den Stand setzt, die künstlerische oder neurotische 
Schöpfung, um nicht zu sagen jede Schöpfung eines jeden Lebens, in ihrem 
Werden zu verstehen. 

Bei Rousseau ist der Sachverhalt ziemlich deutlich. Es ist Ihnen gewiß 
bekannt, daß Rousseau ein Neurotiker war und sein Zustand sich mit der 
Zeit zum Wahnsinn steigerte. (Denken Sie an seinen Verfolgungswahn, wie 
er klar aus den „Träumereien eines einsamen Wanderers" hervorgeht.) Dieser 



Jean Jacques Rousseau x An 



Tatsache gemäß weist seine Sexualität einige Besonderheiten auf, wie dies 
bei jeder Neurose oder Psychose der Fall ist. Jean Jacques kommt das Ver- 
dienst zu, sich darüber öffentlich ausgelassen zu haben. Wenn alle Neu- 
rotiker wie er gehandelt hätten, so würde die Medizin seit langem begriffen 
haben, daß auf diesem Gebiete vielfach der Irre recht behält und die 
Wissenschaft im Unrechte ist. Aber wir möchten nicht länger dabei ver- 
weilen. Unter diesen Besonderheiten von Bousseaus Sexualität findet sich 
eine, der eine besonders große Bedeutung zuzumessen ist. Wir geben dem 
Verfasser der Bekenntnisse selber das Wort: 

„Da Fräulein Lambercier uns mit der Liebe einer Mutter zugetan war, nahm sie 
auch deren Gewalt über uns in Anspruch und trieb dieselbe mitunter so weit, daß sie 
uns auch, wenn wir es verdient hatten, wie eine Mutter ihr Kind züchtigte. Ziemlich 
lange ließ sie es bei der Drohung bewenden, und diese Androhung einer mir ganz 
neuen Strafe versetzte mich in großen Schrecken; aber nach ihrer Erduldung fand 
ich sie weniger schrecklich, als ich sie mir in der Erwartung vorgestellt hatte, ja, 
was noch eigentümlicher ist, diese Züchtigung flößte mir noch größere Zuneigimg 
zu der ein, die sie mir erteilt hatte. Es gehörte sogar die ganze Aufrichtigkeit dieser 
Zuneigung und meine natürliche Folgsamkeit dazu, um mich davon zurückzuhalten, 
absichtlich eine Unart zu begehen, die in gleicher Weise hätte geahndet werden müssen; 
denn der Schmerz und selbst die Scham war mit einem Gefühle von Sinnlichkeit ver- 
bunden gewesen, das in mir eher das Verlangen, es von derselben Hand von neuem 
erregt zu sehen, als die Furcht davor zurückgelassen hatte. Da dies ohne Zweifel von 
einer vorzeitigen Regung des Geschlechtstriebes herrührte, würde ich allerdings in 
der nämlichen Züchtigung von der Hand ihres Bruders nichts Angenehmes gefunden 
haben. Allein bei seinem Charakter brauchte ich nicht lange zu befürchten, daß er 
bei Erteilung der Strafe seine Schwester vertreten würde, und wenn ich es trotzdem 
vermied, eine Züchtigung zu verdienen, so geschah es lediglich aus Besorgnis, Fräulein 
Lambercier zu erzürnen; denn so große Gewalt übt die Zuneigung, selbst wenn sie 
nur ein Ausfluß der Sinnlichkeit ist, auf mich aus, daß sie letztere stets in Schranken 
hält . . . 

. . . Wer sollte glauben, daß diese in einem Alter von acht Jahren von der Hand 
eines Mädchens von dreißig Jahren empfangene Züchtigung über meine Neigungen, 
meine Begierden, meine Leidenschaften, über mich selbst für meine ganze übrige 
Lebenszeit entschieden hat und noch dazu in einer Weise, daß gerade das Gegenteil 
der von ihr erwarteten Folgen hervorgerufen wurde? Von dem Augenblicke des Er- 
wachens meiner Sinnlichkeit an verirrten sich meine Begierden dergestalt, daß sie, 
da sie sich auf das, was ich empfunden hatte, beschränkten, nie den Antrieb fühlten, 
etwas anderes zu suchen. Trotz meines fast von meiner Geburt an sinnlich erhitzten 
Blutes hielt ich mich bis zu dem Alter, in dem sich auch die kältesten und am lang- 
samsten heranreifenden Naturen entwickeln, von jeder Befleckung rein. Lange ge- 
peinigt, ohne zu wissen wovon, verschlang ich mit brennenden Augen schöne Mädchen- 
erscheinungen ; unaufhörlich stellte meine Einbildungskraft mir ihr Bild wieder vor 
die Seele, einzig und allein, um sie mir in der Ausübung des Strafaktes zu zeigen, 
und eben so viele Fräulein Lambercier aus ihnen zu machen. 

Selbst nach erreichter Mannbarkeit hat mir dieser eigentümliche und verdorbene, 
ja an Verrücktheit streifende Geschmack, der sich nie verloren hat, die Sittenreinheit 
bewahrt, die er mir den Anschein nach hätte rauben müssen. Wenn je eine Erziehung 

io« 



, vg Rend Laforgi. 



keusch und züchtig war, so war es sicherlich die, welche ich erhalten habe. Meine 
drei Tanten waren nicht allein von musterhafter Sittsamkeit, sondern auch von einer 
Zurückhaltung, welche die Frauen schon seit langem nicht mehr kennen. Mein Vater, 
der sehr lebenslustig war, aber bei seinen Galanterien noch der alten Mode huldigte, 
hat in Gegenwart der Frauen, die er am meisten liebte, nie ein Wort über die Lippen 
gebracht, welches dem jungfräulichsten Wesen hätte Schamröte auf die Wangen treiben 
können, und wohl nirgends hat man die Rücksicht, die man den Kindern schuldig 
ist, weiter getrieben als in meiner Familie und meiner Gegenwart. Bei Herrn Lam- 
bei-cier fand ich in dieser Hinsicht die gleiche Vorsicht, und hier wurde eine sonst 
sehr gute Magd, um eines etwas schlüpfrigen Wortes willen, das ihr uns gegenüber 
entschlüpft war, entlassen. Nicht allein hatte ich bis zum Jünglingsalter keine klare 
Vorstellung von der Vereinigung der Geschlechter, sondern die verworrene Vorstellung 
davon stellte sich mir auch nur unter einem ekelhaften und widrigen Bilde dar. Öffent- 
liche Dirnen flößten mir einen Abscheu ein, der mir bis zu dieser Stunde treu ge- 
blieben ist; einen Wüstling konnte ich nicht ohne Verachtung, ja nicht ohne Schrecken 
sehen. Bis zu diesem Grade hatte sich mein Widerwille gegen jede Ausschweifung 
gesteigert, seitdem ich einmal in Klein-Sacconnex auf einem Gange durch einen Hohl- 
weg auf beiden Seiten desselben Gruben gesehen, in denen, wie mau mir sagte, der- 
artige Leute ihre Orgien feierten. So oft ich daran dachte, fiel mir unwillkürlich das 
Gebaren der Hunde in der Brunstzeit ein, und schon bei der bloßen Vorstellung da- 
von empörte sich mein Herz. 

Diese mir durch die Erziehung eingeimpfte Vorstellung, an sich schon geeignet, 
die ersten Ausbrüche eines leicht entzündlichen Temperamentes aufzuhalten, wurde, 
wie gesagt, durch die Wendung unterstützt, welche das erste Erwachen der Sinn- 
lichkeit in mir nahm. Mit meinen Gedanken nur immer bei dem weilend, was ich 
empfunden hatte, wußte ich trotz der oft sehr lästigen Wallungen des Blutes meine 
Begierden nur auf die Art der Wollust zu lenken, die mir bekannt war, ohne mich 
je derjenigen zuzuwenden, die man mir verhaßt gemacht hatte, und die doch, ohne 
daß ich es im geringsten ahnte, mit der andern im engsten Zusammenhange stand. 
In meinen törichten Einbildungen, in meinen erotischen Tollheiten, in den über- 
spannten Handlungen, zu denen mich dieselben nicht selten trieben, mußte mir in 
der Einbildung das andere Geschlecht seine Hilfe leihen, ohne daß ich je auf den 
Gedanken geriet, daß es zu einer andern Dienstleistung geeignet sei, als zu der, zu 
welcher ich es heranzuziehen brannte. 

Auf diese Weise habe ich nicht allein trotz eines sehr feurigen, sehr wollüstigen, 
sehr früh entwickelten Temperamentes dennoch das Alter der Mannbarkeit erreicht, 
ohne andere sinnliche Genüsse zu verlangen oder zu kennen als die, von denen Fräulein 
Lambercier sehr unschuldigerweise eine Vorstellung in mir erweckt hatte, sondern 
es mußte mir auch, als ich im Laufe der Jahre zum Manne herangereift war, das, 
was mich hätte verderben müssen, zu meinem Schutz dienen. Mein alter, kindlicher 
Geschmack verlor sich nicht etwa, sondern verschmolz im Gegenteil dergestalt mit 
dem andern, daß ich ihn nie aus meinen sinnlichen Begierden entfernen konnte; und 
diese Narrheit hat mich in Verbindung mit meiner angeborenen Schüchternheit bei 
den Frauen stets sehr wenig unternehmend gemacht, weil ich weder alles zu sagen 
wagte, noch alles zu tun vermochte, indem die Art von Genuß, wovon der andere 
in meinen Augen nur als das letzte Ziel galt, von dem, welcher ihn ersehnte, nicht 
verlangt, noch von derjenigen, von der die Erfüllung abhing, erraten werden konnte. 
So habe ich mein Leben lang trotz aller Gelüste den Personen gegenüber, die ich 
am meisten liebte, geschwiegen. Unfähig, meinen Geschmack einzugestehen, befrie- 
digte ich ihn durch den Umgang mit Persönlichkeiten, die ihn in mir wach erhielten. 



Jcnn Jacques Rousseau nfcj 



Vor einer herrischen Geliebten auf den Knien liegen, ihrem leisesten Winke nach- 
zukommen, sie um Verzeihung anflehen, das waren für mich selige Genüsse, und je 
mehr meine lebhafte Einbildungskraft mir das Blut erhitzte, desto mehr hatte ich 
das Aussehen eines blöden Liebhabers. Eine derartige Liebeswerbung erzielt begreif- 
licherweise keine schnellen Erfolge und ist der Tugend der Frauen, denen man seine 
Huldigungen darbringt, nicht sehr gefährlich. Ich habe deshalb wenig besessen, allein 
dessen ungeachtet auf meine Weise, d. h. in der Einbildung viele Genüsse gehabt. 
So hat mir gerade meine Sinnlichkeit, die meinem schüchternen Wesen und meinem 
schwärmerischen Geiste entsprach, die Unschuld meiner Gefühle und die Reinheit 
meiner Sitten bewahrt, und gerade mit Hilfe desselben Geschmacks, der mich, wenn 
ich ein wenig frecher aufgetreten wäre, vielleicht in die gemeinsten Wollüste hinein- 
gezogen hätte." l 

Glauben Sie nicht, daß Rousseaus besonders geartete Sexualität sich, wie 
er vorgibt, mit imaginären Befriedigungen begnügt hat. Sie hat sich ohne 
sein Wissen wirkliche Befriedigungen zu verschaffen gewußt. Rousseau er- 
zählt uns weiter unten in seinen Bekenntnissen, wie er eines Tages in Turin 
einem unwiderstehlichen Drange, zu exhibieren, nachgegeben hat. Hören 
Sie ihn selber: 

„Meine Aufregung wuchs bis zu dem Grade, daß ich, da ich mein Verlangen 
nicht befriedigen konnte, es durch die wunderlichsten Kunstgriffe noch immer mehr 
anreizte. Ich suchte dunkle Alleen, abgelegene Orte auf, wo ich mich von weitem 
den Personen weiblichen Geschlechtes in dem Zustande zeigen könnte, in dem ich 
hätte bei ihnen sein mögen. Was sie zu sehen bekamen, war kein unzüchtiger An- 
blick, — daran dachte ich nicht einmal, — sondern ein lächerlicher. Das einfältige 
Vergnügen, das ich empfand, ihn ihren Augen darzubieten, läßt sich nicht beschreiben. 
Es bedurfte nur noch eines einzigen Schrittes darüber hinaus, um der ersehnten Be- 
handlung teilhaftig zu werden, und ich zweifle nicht, daß mir irgendeine Ent- 
schlossene beim Vorübergehen dieses Vergnügen verschafft hätte, wenn ich die Kühn- 
heit gehabt, es abzuwarten." 

Ferner haben Sie vor Ihnen die literarischen Werke Rousseaus (vor allem 
die „Bekenntnisse"), die zum großen Teil nichts anders sind als die ab- 
stoßende, schmutzige Seite von Rousseaus psychischer Persönlichkeit, die vor 
den Augen der Welt zur Schau zu stellen er sich gedrängt gefühlt hat. Die 
Folgen sind Thnen bekannt. Die Welt hat sich in eine unzählige Menge von 
Fräulein Lambercier gewandelt und Jean Jacques hat sich wahrscheinlich 
nicht Rechenschaft darüber gegeben, daß die zahlreichen Schläge, welche er 
im Leben erhalten hatte und gegen die er sich aufs tiefste empörte, nur 
das waren, was er so inbrünstig von der Hand von Fräulein Lambercier zu 
erhalten gewünscht hatte. Sie wissen ohne Zweifel, daß es Rousseau erreicht 
hat, sich von seinen Landesgenossen steinigen zu lassen, indem er sich unter 

1) Rousseau: Bekenntnisse. Übersetzt von H. Denhardt. Reclams Universal- 
Bibliothek. 



!5o Rend Lnforguc 



ihnen als Armenier verkleidet zeigte. Sicherlich verstand er den Sinn seiner 
Maskerade nicht, welcher darin bestand, die Aufmerksamkeit der Mitmenschen 
auf sich zu lenken, um sich ihren Züchtigungen auszusetzen, was ihm in 
diesem Falle ausgezeichnet gelungen ist. 

Sie haben weiter die Krankheit Rousseaus: seine Verfolgungsideen, die ihn 
dazu bringen, sich als die Zielscheibe der Spötteleien Holbachs und Grimms 
zu fühlen. Was sage ich, Spötteleien? In dem Maß, als sich die Krankheit 
verschlimmerte, nahm sie die charakteristischen Züge des systematisierten 
Verfolgungswahnes an. Jean Jacques fühlte sich bedroht durch die machia- 
vellischen Ränke seiner Feinde, wie er in den „Träumereien eines einsamen 
Wanderers schildert. Gestatten Sie mir, eine der besonders typischen Stellen 
zu lesen: 

„So bin ich denn allein auf der Erde, ohne Bruder, ohne Nahestehende, ohne 
Freund, mit mir allein. Der gesellschaftlichste und liebenswürdigste aller Menschen 
ist einstimmiglich aus ihrer Gesellschaft ausgeschlossen worden. Sic haben gesucht, 
welche Pein unter den Raffiniertheiten ihres Hasses meiner gefühlvollen Seele die 
grausamste sein könnte. Alle Bande, die mich an sie fesselten, haben sie schonungslos 
gesprengt. Ich hätte es fertig gebracht, die Menschen ihren Machenschaften zum 
Trotz zu lieben. Nur weil sie aufhörten Menschen zu sein, haben sie sich meiner 
Liebe entziehen können. So wie sie es gewollt haben, sind sie für mich zu Fremd- 
lingen, zu Unbekannten, zu einem Nichts geworden. Aber ich, der ich nun von ihnen 
und allem losgelöst bin, was bin ich selber? Dies zu erforschen, bleibt mir noch 
übrig. Leider muß dieser Erforschung ein Überblick über meine Lage vorausgeschickt 
werden. Daran komme ich notwendigerweise nicht vorbei, wenn ich von ihnen aus 
bei mir anlangen will. 

Seit fünfzehn Jahren oder länger, daß ich in dieser seltsamen Lage bin, scheint 
mir dieselbe noch ein Traum. Ich stelle mir immer vor, daß ich an einer Magen- 
störung leide, daß ich schlecht schlafe und ich mich beim Aufwachen meiner Not 
enthoben und inmitten meiner Freunde finden werde. Ja, ich habe wohl, ohne mir 
dessen bewußt zu sein, einen Sprung aus dem wachen Zustand in den Schlaf tun 
müssen oder vielmehr aus dem Leben in den Tod. Aus der Ordnung der Dinge 
gedrängt, ich weiß nicht einmal wie, sah ich mich in ein unverständliches Chaos 
gestürzt, wo ich nichts wahrnehme; je mehr ich an meine jetzige Lage denke, um 
so weniger kann ich verstehen, wo ich bin. 

Und wie hätte ich das Schicksal, das meiner wartete, voraussehen können? Wie 
soll ich es noch heute, da ich ihm ausgeliefert bin, begreifen? Konnte ich mit 
meinem gesunden Menschenverstand voraussetzen, daß derselbe Mensch, der ich war, 
der ich heute noch bin, eines Tages für ein Scheusal, einen Giftmischer, einen Mörder, 
denn darüber besteht nicht der geringste Zweifel, gehalten würde; daß ich für das 
menschliche Geschlecht zu einem Greuel würde, das Spielzeug der Kanaille; daß 
alles, was die Vorübergehenden mir zu bereiten wüßten, darin bestände, nach mir 
zu spucken; daß eine ganze Generation sich einmütig damit belustigen würde, mich 
bei lebendigem Leibe zu begraben? Als sich diese seltsame Umwälzung in mir voll- 
zog, wurde ich, unvorbereitet wie ich war, davon furchtbar mitgenommen. Meine 
Gemütsbewegung, meine Entrüstung versenkten mich in ein Delirium, das zehn 
Jahre gebraucht hat, um sich zu beruhigen, und während dieser Zeit bin ich von 



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Irrtum zu Irrtum geglitten, von Fehler zu Fehler, von Torheit zu Torheit. Alle 
meine Unvorsichtigkeiten wurden den Leitern meines Geschickes zu ebenso vielen 
Instrumenten, die sie aufs beste ausgenützt haben, um jenes für immer zu fixieren." 

Diese drei Tatsachen, Exhibitionismus, Bekenntnis, Delirium, illustrieren 
die Evolution im Zustande Rousseaus.Der Exhibitionismus erhält ihm noch 
bis zu einem gewissen Grade den Kontakt mit der Umwelt, einen Kontakt, 
der schmerzenreich, aber deswegen nicht minder reell ist. Dann wird die 
Perversion ersetzt durch die dichterische Schöpfung, wo die Phantasie an 
Stelle der Außenwelt tritt. Die Phantasie läßt sich leichter lenken und ist 
nach Rousseau weniger gefährlich. Die Literatur substituiert sich das De- 
lirium, der Traum, wie Jean Jacques sagt, mit den raffinierten, geschickt 
graduierten Qualen, wie sie in den letzten Werken des Dichters geschildert 
sind. In dem Maße, als sich diese Substitution vollzieht, verliert das lite- 
rarische Werk Rousseaus an Seele und verblaßt. Jean Jacques räsoniert mehr 
als er fühlt und bewegt sich innerhalb stereotyper Gedanken, die immer 
wiederkehren und den Träumereien eines einsamen Wanderers das an- 
ämische Aussehen eines Körpers verleihen, von dem sich alles Leben zurück- 
gezogen hat. 

Was hat Rousseau von der Perversion zur Literatur, von der Literatur 
in den Wahnsinn getrieben? Warum sind die erotischen Befriedigungen für 
das Bewußtsein Jean Jacques zum häßlichen Bilde einer machiavellischen 
Machenschaft seiner Gegner geworden, gegen die er sich sein ganzes Leben 
lang aufgelehnt und gewehrt hat? Warum dieser ewige Gegensatz zwischen 
Bewußtsein und Unbewußtsein in ein und demselben Wesen? Warum dieses 
Sehnen des Bewußtseins nach den höchsten Tugenden der menschlichen 
Seele und dieser Drang des Unbewußten nach den niedrigsten Demütigungen, 
die zu erfinden selbst ein teuflischer Geist nicht fertig brächte? 

Die psychoanalytische Erfahrung zeigt, daß das Thema Mademoiselle 
Lambercier-Exhibitionismus viel häufiger ist als man gemeinhin annehmen 
könnte, und zwar vor allem bei Homosexuellen, die sich ihrer Gleich- 
geschlechtlichkeit nicht bewußt sind. Wir haben schon erwähnt, daß die Ent- 
wicklung von Rousseaus Leiden mit der Ersetzung der Realität durch die 
Phantasie Schritt hielt. 

Sie werden wohl ahnen, was für eine Rolle die Selbstbefriedigungen 
in einer Entwicklung spielen, wo die Phantasie die einzige Abfuhrmöglichkeit 
für die Energie einer so außergewöhnlich mächtigen Persönlichkeit wie die 
Rousseaus geworden ist. Um Sie davon zu überzeugen, braucht man nur 
die Stellen der „Bekenntnisse" nachzulesen, die sich auf ein anderes Thema 



iü2 Rene" Lnforguc 



beziehen, und das für die Richtung, welche die Sinne Rousseaus eingeschlagen 
haben, ebenso, wenn nicht bezeichnender ist, als das Thema Lambercier. 

„Ich stellte mir die Liebe und die Freundschaft, diese beiden Idole meines Herzens, 
unter den entzückendsten Bildern vor. Ich gefiel mir darin, sie mit allen Reizen des 
Geschlechtes, das ich stets angebetet hatte, zu schmücken. Ich dachte mir lieber 
zwei Freundinnen als zwei Freunde, weil das Beispiel solcher Freundschaft, wenn 
auch seltener, doch zugleich liebenswürdiger ist. Ich stattete sie mit zwei verwandten, 
aber doch verschiedenen Charakteren, mit zwei zwar nicht vollendet schönen, aber 
mir gefallenden Gesichtern aus, die von entgegenkommender Freundlichkeit und 
Güte belebt wurden. Die eine dachte ich mir braun und die andare blond, die eine 
lebhaft und die andere sanft, die eine sittig und die andere schwach, aber von einer 
so rührenden Schwäche, daß die Tugend dabei zu gewinnen schien. Der einen von 
beiden teilte ich einen Geliebten zu, dem die andere eine zärtliche Freundin und 
selbst noch etwas mehr war. Aber ich ließ weder Nebenbuhlerschaft, noch Zänkerei, 
noch Eifersucht zu, weil es mir schwer fällt, mir unangenehme Gefühle vorzustellen, 
und ich dieses lachende Bild durch nichts beflecken wollte, was die Natur herab- 
setzen könnte. Bezaubert von meinen beiden reizenden Idealen, identifizierte ich 
mich, soviel mir möglich war, mit dem Liebhaber und dem Freunde; aber ich dachte 
ihn mir liebenswürdig und jung, indem ich ihm noch dazu die Tugenden und die 
Mängel verlieh, die ich an mir wahrnahm. 

Um eine für meine Phantome geeignete Stätte aufzufinden, ließ ich die schönsten 
Gegenden, die ich auf meinen Reisen gesehen hatte, im Geist vor mir vorüberziehen. 
Aber ich fand keinen Hain mir kühl und schattig genug, keine Landschaft mir 
rührend genug. Thessaliens Thäler würden, wenn ich sie gesehen hätte, mich nicht 
haben befriedigen können; aber meine vom ewigen Erfinden ermüdete Seele begehrte 
eine wirkliche Stätte, die ihr als Anhaltspunkt dienen und mir das wirkliche Vor- 
handensein der Bewohner, die ich in sie versetzen wollte, vorspiegeln konnte. Lange 
dachte ich an die boromeischen Inseln, deren entzückender Anblick mich begeistert 
hatte, doch fand ich dort für meine Gebilde zu viel Schmuck und Kunst. Indessen 
bedurfte ich eines Sees, und wählte endlich den, an dem mein Herz nie umher- 
zuirren aufgehört hat. Ich entschloß mich für den Teil der Ufer dieses Sees, auf 
welchem meine Wünsche in dem erträumten Glücke, auf das das Schicksal mich 
beschränkt hat, schon seit lange meinen Wohnsitz aufgeschlagen haben. Der Geburts- 
ort meiner armen Mama hatte außerdem noch einen hervorragenden Reiz für mich. 
Die Kontraste der Örtlichkeit, der Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Land- 
schaft, die Pracht und Majestät der ganzen Natur, die die Sinne entzückt, das Herz 
bewegt, die Seele erhebt, bestimmten mich vollends, und ich gab meinen jungen 
Lieblingen ein Asyl in Vevay. Das war das erste Ergebnis meiner Phantasie; das 
übrige wurde erst in der Folge hinzugefügt." 

Dieses Thema: Zwei Freundinnen, mit anderen Worten die Ehe zu dritt, 
ist noch bezeichnender als das Lambercier-Motiv. Es ist die Abfolge des 
Konfliktes der Kindheit, welcher über das Leben Rousseaus entschieden hat. 
Dieses Thema windet sich wie ein Leitmotiv durch das Leben des Dichters. 
Sie finden es umgekehrt in „Julie": zwei Freunde und eine Frau zwischen 
den beiden Männern. Sie stirbt und vertraut ihre Kinder Saint-Preux an, 
mit dem sich Rousseau identifiziert. Sie begegnen ihm weiterhin, wenn es 



f 



Jean Jacques Rousseau j53 



sich um Rousseau, Claude Anet und Madame de Warens, um Rousseau, 
Grimm und Madame d'Espinay, um Rousseau, Saint-Lambert und Madame 
d'Houdetot handelt; ferner, wenn auch weniger charakteristisch, im Falle 
Rousseau -Therese Le Vasseur. Hier ist Theresens Mutter die Konkurrentin 
Rousseaus. Der gleiche Konflikt wiederholt sich somit vor uns in immer 
wieder anderen Situationen. Es ist der Grundkonflikt im Leben Rousseaus, 
den er nie zu lösen vermocht hat: Konflikt des Vaters, des Sohnes und 
der Mutter. 

Um ihn verstehen zu können, müssen wir die Kindheit Jean Jacques 
etwas näher untersuchen. Sein Dasein beginnt mit dem großen Verbrechen, 
das sein Unbewußtes nie verschmerzen konnte und das er um jeden Preis 
hätte gutmachen wollen. Seine Geburt hat seiner Mutter das Leben ge- 
kostet und diese Tatsache gibt uns über vieles Aufschluß. 

Berücksichtigen Sie weiter die Rolle des Vaters. Wie oft hat er mit dem 
kleinen Jean Jacques die Bände verschlungen, welche er mit seiner Frau 
gelesen hatte. Wie sehr hat er im Geiste seines Kindes die Erinnerung an 
eine in jeder Beziehung vollkommene Mutter beständig wachgehalten. Un- 
bewußt hat sich der Vater für die Härte seines Schicksals gerächt, indem 
er ins Herz seines Sohnes den Keim des Leidens legte, dem dieser später 
zum Opfer fallen sollte. Es ist interessant in den „Bekenntnissen" die Stellen 
nachzulesen, wo Jean Jacques von seinem Vater spricht, dessen unbewußte 
Feindseligkeit er herausgefühlt hat, ohne daß es ihm je gelungen wäre, 
sie völlig zu verstehen. Die Stellen sind Ihnen sicherlich bekannt, Sie 
werden mich entschuldigen, wenn ich sie trotzdem hier wiedergebe. Ich 
erlaube es mir, weil Jean Jacques mit einem außerordentlichen Scharfsinn 
die Konflikte geschildert hat, über die ich mich heute Abend mit Ihnen 
auseinandersetze. Er hat dies nicht mit seiner Intelligenz fertig gebracht, 
— sie weigerte sich, sein eigenes Drama zu begreifen, — sondern mit dem 
Herzen, das ihm mit seinem Blute geschriebene Worte diktiert hat, Worte, 
deren geringste Nuance von höchster Bedeutung ist. Hören Sie, was er sagt : 

„Ich bin im Jahre 1712 iu Genf von der Bürgerin Susanne Bernard, Ehefrau des 
Bürgers Isaak Rousseau geboren. Da der dem letzteren zugefallene Anteil an dem 
sehr mäßigen Vermögen seiner Eltern, in welches sich fünfzehn Geschwister zu teilen 
hatten, sich fast auf nichts belief, so sah sich mein Vater zur Erwerbung seines 
Lebensunterhaltes lediglich auf das Uhrmacherhandwerk angewiesen, in welchem er 
große Geschicklichkeit besaß. Meine Mutter, Tochter des Predigers Bernard, war 
reicher, denn sie zeichnete sich durch Klugheit und Schönheit aus. Nicht ohne Mühe 
hatte mein Vater deshalb ihre Hand erhalten. Ihre Liebe zueinander hatte fast mit 
ihrem Leben begonnen; schon im Alter von acht bis neun Jahren lustwandelten sie 
alle Abende zusammen in den Weingärten; mit zehn Jahren konnten sie nicht mehr 



a 54 Rene" Lnforgtie 



ohne einander leben. Seelenverwandtschaft und Übereinstimmung der Charaktere 
befestigte dann noch in ihnen das Gefühl, welches die Gewohnheit erzeugt hatte. 
Beide, gefühlvoll und liebebedürftig, warteten nur auf den Augenblick, in einem 
andern die nämliche Anlage zu finden, oder dieser Augenblick wartete vielmehr auf 
sie selbst, und jedes von ihnen verschenkte sein Herz an das erste, welches bereit 
war, es anzunehmen. Das Schicksal, welches sich ihrer Leidenschaft entgegenzustellen 
schien, gab derselben nur neue Nahrung. Der junge Mann, der nicht in den Besitz 
seiner Geliebten gelangen konnte, verzehrte sich vor Schmerz; sie überredete ihn, 
einige Zeit das Vaterland zu verlassen, um sie zu vergessen. Er ging auf die Wander- 
schaft, aber vergebens und kehrte verliebter als je zurück. Auch sie, an der sein 
Herz hing, hatte ihm Liebe und Treue bewahrt. Nachdem sie diese Probe bestanden 
hatten, blieb ihnen nichts anderes übrig als sich ewig zu lieben. Sie schworen es 
sich, und der Himmel segnete ihren Schwur. 

Gabriel Bernard, der Bruder meiner Mutter, verliebte sich in eine der Schwestern 
meines Vaters, aber sie gab ihm ihr Jawort nur unter der Bedingung, daß ihr Bruder 
die Hand seiner Schwester erhielte. Die Liebe brachte alles in Ordnung, und die 
beiden Hochzeitsfeste wurden an demselben Tage gefeiert. So wurde mein Onkel 
der Gatte meiner Tante, und ihre Kinder wurden in doppelter Beziehung meine 
Geschwisterkinder. In jeder der beiden Familien wurde gegen Ende des Jahres ein 
Kind geboren. Dann trat noch einmal eine Trennung ein. 

Mein Onkel Bernard war Ingenieur: er ließ sich anwerben und diente unter dem 
Prinzen Eugen im Reiche und in Ungarn. Bei der Belagerung und in der Schlacht 
von Belgrad zeichnete er sich aus. Mein Vater reiste dagegen nach der Geburt 
meines einzigen Bruders nach Konstantinopel, wohin er als Uhrmacher des Serails 
berufen war. Während seiner Abwesenheit wurden der Schönheit, dem Geiste und 
den Talenten' meiner Mutter vielfache Huldigungen dargebracht. Am eifrigsten 
machte ihr Herr de la Closure, der französische Resident, den Hof. Seine Leiden- 
schaft muß in der Tat groß gewesen sein, da er noch dreißig Jahre später von 
Rührung ergriffen wurde, als er mir von ihr erzählte. Um sich aber dieser Um- 
Werbungen zu erwehren, hatte meine Mutter noch eine größere Stütze als ihre 
Tugend allein: sie liebte ihren Gatten zärtlich, und drängte ihn, zurückzukehren. 
Er ließ alles im Stich und kehrte heim. Ich wurde die traurige Frucht dieser Rück- 
kehr. Zehn Monate später wurde ich als ein schwächliches und kränkliches Kind 
geboren. Ich kostete meiner Mutter das Leben und meine Geburt war mein erstes 
Unglück. 

Ich habe nicht erfahren, wie mein Vater diesen Verlust ertrug, so viel aber weiß 
ich, daß er sich nie darüber tröstete. Er glaubte, sie in mir wieder zu sehen, ohne 

1) Für ihren Stand besaß sie eigentlich zu glänzende, da ihr der Prediger, ihr 
Vater, welcher sie anbetete, eine höchst sorgfältige Erziehung gegeben hatte. Sie 
zeichnete, sang und begleitete sich auf der Laute; sie war ziemlich belesen und 
machte ganz leidliche Verse. Die unten angeführten dichtete sie während der Ab- 
wesenheit ihres Bruders und Mannes sofort aus dem Stegreife auf einem Spazier- 
gange, den sie mit ihrer Schwägerin und den Kinder der Entfernten machte, da jemand 
sie wegen der langen Trennung bedauerte: 

Die beiden Herrn, die fern jetzt weilen, 
Sind lieb und wert uns immerdar, 
Denn Liebe rechnet nicht nach Meilen. 
Die Gatten sind uns Brüder zwar, 
Doch auch ein edles Vaterpaar. 



Jean Jacques Rousseau i55 



deswegen vergessen zu können, daß ich sie ihm geraubt hatte. So oft er mich um- 
armte, merkte ich an seinen Seufzern, wie an seiner krankhaften Umschlingung, daß 
sich ein bitterer Kummer seinen Liebkosungen, die dadurch nur um so zärtlicher 
wurden, beigesellte. Wenn er zu mir sagte : „Jean Jacques, laß uns von deiner Mutter 
reden", so antwortete ich ihm: „Du hast also Lust zu weinen, Vater", und dieses 
Wort allein entlockte ihm schon Tränen. „Ach", sagte er dann seufzend, „gib sie 
mir wieder, tröste mich über sie, fülle die Lücke aus, die sie in meinem Herzen 
gelassen hat! Würde ich dich so lieben, wenn du nur mein Sohn wärest?" — Vierzig 
Jahre nach ihrem Verluste ist er in den Armen einer zweiten Frau gestorben, aber 
mit dem Namen der ersten auf den Lippen und mit ihrem Bilde auf dem Grunde 
seines Herzens. 

So waren die Urheber meiner Tage. Von allen Gaben, mit denen der Himmel 
sie ausgestattet hatte, ist ein gefühlvolles Herz die einzige, welche sie mir hinter- 
ließen; während es aber für sie die Quelle des Glückes gewesen war, wurde es für 
mich die Quelle des Unglücks während meines ganzen Lebens. 

Bei meiner Geburt war ich kaum lebensfähig; man hatte wenig Hoffnung, mich 
zu erhalten. Ich brachte den Keim eines Leidens mit auf die Welt, welches die Jahre 
entwickelt haben und das mir jetzt nur hin und wieder eine kurze Ruhe gönnt, um sich 
mir dafür auf andere Weise um so grausamer fühlbar zu machen. Eine Schwester meines 
Vaters, ein liebenswürdiges und kluges Mädchen, pflegte mich mit so großer Sorgfalt, 
daß ihr meine Rettung gelang. In dem Augenblicke, da ich dieses schreibe, ist sie noch 
am Leben, im Alter von achtzig Jahren einen Mann pflegend, der jünger als sie, aber 
durch die Trunksucht heruntergekommen und geschwächt ist. Liebe Tante, ich ver- 
zeihe dir, mich am Leben erhalten zu haben, und bedaure, dir am Ende deiner Tage 
nicht die zärtliche Sorge vergelten zu können, die du am Beginn der meinigen an 
mich verschwendet hast. Auch meine Wärterin, Jacqueline, ist noch am Leben, gesund 
und kräftig. Die Hände, welche mir die Augen bei meiner Geburt öffneten, werden 
sie mir bei meinem Tode zudrücken können. 

Ich fühlte, ehe ich dachte; das ist das gemeinsame Schicksal der Menschheit. 
Ich erfuhr es in einem höheren Grade als andere. Ich erinnere mich nicht, was ich 
bis zu einem Alter von fünf bis sechs Jahren tat. Ich weiß nicht, wie ich lesen lernte; 
ich entsinne mich nur noch meiner ersten Lektüre und wie sie auf mich wirkte; 
von dieser Zeit an beginnt mein ununterbrochenes Selbstbewußtsein. Meine Mutter 
hatte Romane hinterlassen. Wir, mein Vater und ich, fingen an, sie nach dem Abend- 
essen zu lesen. Zuerst handelte es sich nur darum, mich durch unterhaltende Bücher 
im Lesen zu üben; aber bald wurde das Interesse so lebhaft, daß wir abwechselnd 
unaufhörlich lasen und selbst die Nächte bei dieser Beschäftigung zubrachten. Wir 
konnten uns nicht überwinden, vor Beendigung eines Bandes aufzuhören. Mitunter 
sagte mein Vater, wenn er gegen den Morgen die Schwalben schon zwitschern hörte, 
ganz beschämt: „Laß uns zu Bette gehen, ich bin noch mehr Kind als du." 

Auf diesem gefährlichen Wege eignete ich mir nicht allein in kurzer Zeit außer- 
ordentliche Gewandtheit im Lesen und Auffassen an, sondern auch ein für mein 
Alter ungewöhnliches Verständnis der Leidenschaften. Während es mir noch an jedem 
Begriffe von den wirklichen Verhältnissen fehlte, hatte ich bereits einen Einblick in 
die Welt der Gefühle genommen. Ich hatte nichts begriffen, aber alles gefühlt. Die 
unklaren Vorstellungen, die ich nacheinander in mich aufnahm, konnten der Vernunft, 
die ich noch nicht hatte, zwar nicht schädlich sein, aber sie waren doch die Ursache, 
daß die meinige ganz eigenartig wurde, und brachten mir über das menschliche 
Leben höchst wunderliche und schwärmerische Begriffe bei, von denen mich Er- 
fahrung und Nachdenken nie haben vollkommen heilen können." 



56 Ren«? Luforgue 



Wir begreifen jetzt, daß die verstorbene Julie nur die Mutter Kousseaus 
sein kann, daß das ewige Bemühen Rousseaus, sich mit seinen Rivalen zu 
verständigen, nichts anderes bedeutet als den Versuch, den Reistand des 
Vaters wieder zu erlangen, mit ihm Frieden zu schließen, die Schuld des 
Verbrechens von sich zu werfen, dessen stummen Vorwurf er immer auf 
sich lasten fühlte. Es ist der Versuch, dem Vater zurückzugeben, was dieser 
im Sohne sucht: die entschwundene Gattin und Mutter. 

Dies erklärt auch, warum Madame de Warens zur „Mama" wird und 
warum Rousseau jedesmal gezwungen war, seine Mutter zu verlieren, um 
sie einem Rivalen abzutreten. Er verliert Madame de Warens, Madame 
d'Espinay, Madame d'Houdetot. Um das Verbrechen seines Lebens wieder 
gutzumachen, will er dem Vater zurückgeben, was diesem gehört. Dieser 
Konflikt der Kindheit ist Rousseau zum Gefängnis geworden, gegen dessen 
Wände er sich sein ganzes Leben lang wundstieß, ohne je ihm entkommen 
zu können. Dem Wunsche des Vaters entgegenkommend, hat Jean Jacques 
ihm verzweifelnd die Frau ersetzen wollen, deren Tod er unfreiwillig ver- 
ursacht hatte. Nie hat er sich der unmöglichen Aufgabe gewachsen gefühlt. 
Unter dem beständigem Einflüsse eines unausgedrückten Vorwurfes ist er 
groß geworden; dieser Vorwurf nahm mit der Zeit die Form einer Ver- 
folgungsidee an und erweckte im kleinen Jean Jacques den Eindruck, als 
schuldig angeklagt zu werden. Und in diesem armen Kinderherzen keimte 
die Reaktion, die sein Leben zu einem Inferno macht : zur Frau zu werden 
und ihr gleichzukommen, um sie beim Vater zu ersetzen, sich zugunsten 
des Vaters kastrieren, ihm alles opfern, zur Reinheit, zur Keuschheit selbst 
werden, so werden, wie sich das Kind die Mutter im Himmel vorstellt. 

Aber es liegt in der Natur der Dinge, daß jeder Knabe bis zu einem 
gewissen Maße zum Rivalen seines Vaters wird. Die Mythologie hat das 
unzweideutig ausgedrückt. Zeus kastriert seinen Vater Kronos, der ebenfalls 
seinen Vater Uranus umgebracht hat. Nicht nur die Bäume treiben auf den 
Leichen ihrer Ahnen. Wir alle sind diesem Gesetz unterstellt. Wir zehren 
alle vom Gute der uns vorausgegangenen Generationen und wir selber sind 
dazu bestimmt, zum Erbe unserer Kinder zu werden. 

Rousseaus Konflikt nun hat ihn dazu getrieben, dem Schicksal in den Arm 
fallen zu wollen. Der Wunsch, dem Vater und später dem Freund eine Frau 
ersetzen zu wollen, bedeutet, sich zu opfern, dem Vater, dem Freunde gerade 
das zu geben, was man ihnen bei normaler Einstellung streitig machen sollte. 

Diese, Rousseau durch sein Unbewußtes wie eine Strafe auferlegte 
Kastration macht es uns begreiflich, warum Rousseau sich dazu getrieben 



Jean Jacques Rousseau ^7 



fühlte, in Turin den Mädchen das Gesäß zu zeigen, die bekannte Erregungs- 
zone femininer Männer. Rousseaus Exhibitionismus bedeutet ein Kompromi(3 
zwischen seinem normalen Sexualtrieb, der ihn dazu drängte, mit Mädchen 
in Kontakt zu kommen und der widersprechenden Regung, sich für diesen 
Wunsch zu strafen und die Rolle der Frau zu übernehmen, da es ihm nicht 
erlaubt war, sich seiner Männlichkeit zu bedienen. Wenn er eine Frau 
erobern will, muß er sich lächerlich machen. Rousseau ist auf Grund 
seines Konfliktes gezwungen, den Narren zu spielen, um nicht ein bezeich- 
nenderes Wort zu gebrauchen. Er hat nicht das Recht, Mann zu sein, denn 
so sein, wie der Vater ist, bedeutet Konkurrent des Vaters werden. Er war 
gezwungen, sich zu „kastrieren", was einmal in moralischer Hinsicht geschah, 
dann aber auch mit schweren Symptomen in phantastisch-physischer Weise. 

I) Die moralische Kastration. Er schildert sie in den „Bekennt- 
nissen" folgendermaßen: 

„Zwei sonst fast unvereinbare Dinge verbinden sich in mir in einer mir unbe- 
greiflichen Weise : ein sehr feuriges Temperament, lebhafte, heftige Leidenschaften 
und eine langsame Entwicklung der Gedanken, die sich unklar und nie im richtigen 
Augenblicke einstellen. Man sollte meinen, daß mein Herz und mein Geist nicht 
einem und demselben Wesen angehörten. Schneller als der Blitz erfüllt das Gefühl 
meine Seele, aber anstatt mir Klarheit zu verschaffen, entflammt und blendet es mich. 
Ich fühle alles und begreife nichts. Ich bin leidenschaftlich erregt, aber albern; zum 
Denken habe ich kaltes Blut nötig. Erstaunlich ist dabei, daß ich dennoch ziemlich 
sichern Takt, Scharfsinn, sogar Schlauheit habe, gönnt man mir nur Zeit; wenn ich 
mich vorbereiten darf, mache ich ganz vortreffliche Gedichte, aber auf der Stelle 
habe ich nie eines fertig gebracht oder etwas getagt, was einigen Wert hätte. Brief- 
lich würde ich eine ganz witzige Unterhaltung führen, wie auch die Spanier in 
gleicher Weise Schach spielen sollen. Als ich von einem Herzoge von Savoyen die 
Anekdote las, er hätte sich auf einer Reise umgewendet, um zu rufen: „Mögest du 
dir den Hals brechen, Pariser Krämer!" sagte ich zu mir: „Gerade so wie ich selbst!" 

Diese Langsamkeit des Denkens im Verein mit dieser Lebhaftigkeit des Gefühls 
macht sich bei mir nicht nur in der Unterhaltung geltend, sondern auch wenn ich 
allein bin und bei der Arbeit. Mit der unglaublichsten Schwierigkeit ordnen sich 
meine Gedanken im Kopfe. Sie laufen in ihm planlos umher und fangen an zu 
gähnen, bis ich in Aufregung gerate, mich erhitze und Herzklopfen bekomme, und 
inmitten dieser Erregung sehe ich nichts deutlich, wäre ich unfähig ein einziges 
Wort zu schreiben, ich muß warten. Allmählich läßt diese große Erregung nach, 
das Chaos entwirrt sich, jedes Ding beginnt seine richtige Stelle einzunehmen, aber 
langsam und nach einer langen und verlegenen Unruhe. Habt ihr nicht hm und 
wieder in Italien die Oper besucht? Bei dem Szenenwechsel herrscht auf diesen 
großen Bühnen eine unangenehme und ziemlich lange anhaltende Verwirrung; alle 
Dekorationen liegen bunt durcheinander, man gewahrt auf allen Seiten ein peinlich 
berührendes Hin- und Herziehen; man glaubt, alles müßte zusammenstürzen; allein 
nach und nach ordnet sich alles, nichts fehlt, und man ist ganz erstaunt, wenn man 
auf diesen langen Wirrwar ein hinreißendes Schauspiel folgen sieht. Ungefähr ein 
ähnlicher Vorgang findet in meinem Kopf statt, sobald ich schreiben will. Wäre ich 
imstande gewesen, erst zu warten und die Dinge dann in der Schönheit wieder- 



,58 Rcntf Laforgue 



zugeben, in der sie sich mir dargestellt haben, dann würden mich wenige Schrift- 
steller übertroffen haben. 

Daraus entspringt die ungemeine Schwierigkeit für mich zu schreiben. Meine 
durchstrichenen, hingesudelten, mit vielen Einschaltungen versehenen, kaum lesbaren 
Schreibereien bezeugen die Mühe, die sie mir gekostet haben. Es ist nicht eine 
einzige unter ihnen, die ich nicht hätte vier- oder fünfmal abschreiben müssen, ehe 
ich sie zum Druck befördern konnte. Ich habe mit der Feder in der Hand, mein 
Papier auf dem Tische vor mir, nie etwas aufzusetzen vermocht. Auf Spaziergängen, 
zwischen Felsen und in Wäldern, nachts, wenn ich schlaflos im Bette liege, da 
schreibe ich im Kopfe, man kann sich vorstellen mit welcher Langsamkeit, zumal 
bei einem Menschen, dem es an allem Wortgedächtnisse gebricht und der in seinem 
ganzen Leben nicht sechs Verse hat auswendig behalten können. Es gibt Perioden 
in meinen Schriften, die ich fünf oder sechs Nächte lang in meinem Kopfe hin und 
her gewendet habe, ehe sie so gefeilt waren, daß sie zu Papier gebracht werden 
konnten. Daher kommt es auch, daß mir Werke, die Arbeit verlangen, besser ge- 
lingen als solche, die mit einer gewissen Leichtigkeit, ähnlich wie Briefe, abgefaßt 
werden wollen, eine Gattung, deren Ton ich nie habe treffen können und die mir 
deshalb Qual bereitet, so oft ich mich mit ihr beschäftigen muß. Auch über die 
geringfügigsten Angelegenheiten schreibe ich keine Briefe, die mir nicht stunden- 
lange Anstrengungen kosten, und wenn ich sofort niederschreiben will, was mir vor- 
kommt, so weiß ich weder Anfang noch Ende; mein Brief wird dann ein langer 
und verworrener Wortschwall; man versteht mich kaum, wenn man ihn liest. 

Es wird mir nicht allein sauer, die Gedanken wiederzugeben, es wird mir sogar 
sauer, sie zu fassen. Ich habe die Menschen studiert und halte mich für einen ziemlich 
guten Beobachter; allein ich bin unfähig, von dem, was ich sehe, etwas einzusehen, 
ich sehe nur das ein, dessen ich mich erinnere, und nur in meinen Erinnerungen 
bin ich klug. Von allem, was man in meiner Gegenwart sagt, in meiner Gegenwart 
tut, in meiner Gegenwart sich ereignet, merke ich nichts, durchschaue ich nichts. 
Nur das rein Äußerliche tritt vor mein Auge. Aber später fällt mir alles wieder ein; 
ich entsinne mich des Ortes, der Zeit, des Tones, der Blicke, der Gebärde, kurz 
jedes Umstandes; nichts entgeht mir. Und aus dem, was man getan oder gesagt, 
finde ich dann heraus, was man dabei gedacht hat, und ich täusche mich darin selten. 

Wenn ich nun allein mit mir selbst so wenig Herr meiner Geisteskräfte bin, so 
möge man sich vorstellen, was ich in der Unterhaltung sein muß, wo man, tun 
schlagfertig zu reden, gleichzeitig und auf der Stelle an tausend Dinge denken muß. 
Der bloße Gedanke an die vielen Rücksichten, die ich zu nehmen habe und von 
denen ich wenigstens eine außer acht zu lassen sicher bin, genügt, um mich ein- 
zuschüchtern. Ich begreife nicht einmal, wie man den Mut haben kann, in einer 
Gesellschaft zu reden, denn bei jedem Worte müßte man alle Anwesende im Auge 
haben, müßte man den Charakter und die Lebensgeschichte jedes einzelnen kennen, 
um sicher zu sein, daß man nichts sagt, wodurch man einen von ihnen verletzen 
könnte. Hierin haben die, welche in der Welt leben, einen großen Vorteil; da sie 
besser wissen, worüber man schweigen muß, sind sie dessen, was sie sagen, sicherer, 
und nichtsdestoweniger entschlüpfen auch ihnen nicht selten Dummheiten. Was wird 
nun der erst für Unheil stiften, der in einen solchen Kreis wie aus den Wolken 
hineinfällt! Es ist ihm fast unmöglich, auch nur eine Minute ungestraft zu reden. 
Ein Gespräch unter vier Augen ist mit einem anderen Übelstande verbunden, der 
mir noch schlimmer vorkommt, nämlich mit der Notwendigkeit, fortwährend au 
reden. Wenn man mit euch spricht, müßt ihr antworten, und wenn man verstummt, 
müßt ihr die Unterhaltung wieder aufnehmen. Dieser unerträgliche Zwang wäre 



Jean Jacques Roujscau i5q 



allein hinreichend gewesen, mir das Gesellschaftsleben völlig zu verleiden. Ich finde 
keinen Zwang schrecklicher als die Verpflichtung, augenblicklich und fortwährend 
zu reden. Ich weiß nicht, ob dies mit einem tödlichen Widerwillen gegen jede Ab- 
hängigkeit zusammenhängt, aber die Notwendigkeit, unter allen Umständen zu reden, 
genügt vollkommen, um mir unfehlbar eine Dummheit zu entlocken. 

Noch unseliger ist es, daß trotz des richtigen Gefühls, mich schweigend ver- 
halten zu müssen, wenn ich nichts zu sagen habe, mich förmlich die Wut zu sprechen 
überfallt, um meine Schuld dadurch gleichsam schneller abzutragen. Ich stottere in 
größter Hast einige gedankenlose Worte hervor, mit denen sich im glücklichsten 
Falle gar kein Sinn verbinden läßt. Durch mein Bestreben, meine Albernheit zu be- 
siegen oder zu verdecken, bringe ich sie gewöhnlich erst recht zutage." 

Man hat sich sehr oft über die Sexualität Rousseaus ausgelassen. Man 
hat ihn der schlimmsten Perversionen beschuldigt. Wir glauben mit Un- 
recht. Wir sind nicht der Meinung, daß Rousseau nicht einige Abenteuer 
zu verzeichnen hat, aber der wesentliche Charakter seiner Sexualität ist 
seine Hemmung, im Zusammensein mit einem Manne oder einer Frau 
ein Gespräch zu führen. Die Wahrheit ist, daß Rousseau in seiner Ent- 
wicklung auf einer infantilen Stufe stehen geblieben und infolge des in 
ihm wirkenden Verbotes Mann zu werden, nicht zur normalen Sexual- 
befriedigung kommen konnte. Es genügt, die Stellen der „Bekenntnisse 
nachzulesen, die seine Beziehungen mit der hübschen Zulietta aus Venedig 
oder mit Madame de Warens zum Gegenstande haben, um sich davon 
überzeugen zu lassen: 

„Die Padoana, zu der wir gingen, hatte ein ziemlich hübsches, sogar schönes 
Äußere, aber sie war keine Schönheit, wie sie mir gefiel. Dominico ließ mich bei 
ihr. Ich ließ Sorbet kommen, ließ sie etwas vorsingen und wollte mich nach einer 
halben Stunde entfernen, wobei ich einen Dukaten auf den Tisch legte; aber sie 
hatte die sonderbare Bedenklichkeit, ein Geschenk anzunehmen, das sie nicht ver- 
dient hatte, und ich die sonderbare Torheit, ihre Bedenklichkeit zu heben. Ich kehrte 
nach dem Palast zurück, überzeugt, daß ich übel angekommen wäre, daß ich sofort 
nach meiner Heimkunft den Wundarzt holen ließ, um ihn um Tisanen zu bitten. 
Nichts kann der unbehaglichen Stimmung gleichkommen, in der ich mich drei 
Wochen lang befand; ohne daß irgendein wirkliches Unwohlsein, irgendein sicht- 
liches Zeichen sie rechtfertigte. Ich konnte nicht begreifen, daß man ungestraft aus 
den Armen der Padoana kommen könnte. Sogar der Wundarzt hatte alle erdenk- 
liche Mühe, mich wieder zu beruhigen. Er konnte nur dadurch zum Ziele gelangen, 
daß er mir einredete, ich hätte eine so eigentümliche Natur, daß ich nicht leicht 
angesteckt werden könnte, und obgleich ich mich vielleicht weniger als irgendein 
anderer Mann dazu hergegeben habe, die Wahrheit seiner Behauptung zu erproben, 
so sehe ich sie doch deshalb für erwiesen an, weil meine Gesundheit in dieser Be- 
ziehung nie gelitten hat. Dieser Wahn hat mich indessen nie verwegen gemacht, und 
wenn mir die Natur diesen Vorzug in der Tat verliehen hat, so kann ich sagen, daß 
ich ihn nicht mißbraucht habe. 

Mein anderes Abenteuer, obgleich ebenfalls mit einer Kurtisane, war sehr ver- 
schiedener Art sowohl hinsichtlich der Veranlassung als auch der Folgen. Wie ich 



160 Rem? Laforgue 

bereits mitgeteilt, hatte mir der Kapitän Olivet an Bord seines Schiffes ein Mahl 
gegeben, wozu ich den Sekretär der spanischen Gesandtschaft mitgenommen hatte. 
Ich rechnete darauf, mit Kanonenschüssen salutiert zu werden. Die Mannschaft bildete 
zu unserem Empfange Spalier, aber kein Schuß wurde abgefeuert. Um Carrios willen, 
der sich sichtlich ein wenig verletzt fühlte, war mir dies demütigend, um so mehr, 
da man auf den Kauffahrteischiffen den Kanonensalut Leuten zugestand, welche mit 
uns sicherlich nicht auf gleicher Rangstufe standen; überdies glaubte ich, von dem 
Kapitän eine Auszeichnung wohl verdient zu haben. Ich konnte mich nicht verstellen, 
weil es mir stets unmöglich ist, und obgleich das Mahl sehr gut war und Olivet 
einen sehr vortrefflichen Wirt machte, war ich bei Tische anfangs mißgestimmt, aß 
wenig und sprach noch weniger. 

Bei der ersten Gesundheit erwartete ich wenigstens eine Salve: nichts. Carrio, der 
in meiner Seele las, lachte, als er mich wie ein Kind schmollen sah. Bald nach 
Beginn des Mahles nehme ich wahr, daß eine Gondel naht. „Fürwahr, mein Herr", 
sagte der Kapitän zu mir; „seien Sie auf Ihrer Hut, der Feind rückt an". Ich frage 
ihn, was er damit sagen wolle; er antwortet mit einem Scherzworte. Die Gondel 
legt an, und ich sehe eine blendend schöne, junge Person in höchst koketter Kleidung 
sehr schnell aussteigen, die in drei Sprüngen mitten im Eßsalon steht. Sie saß an 
meiner Seite, ehe ich noch bemerkt hatte, daß man dort ein Kuvert für sie hin- 
gestellt. Sie war ebenso reizend wie lebhaft, eine Brünette von höchstens zwanzig 
Jahren. Sie sprach nur italienisch; ihr Ton allein hätte hingereicht, mir den Kopf 
zu verdrehen. Mitten im Essen, mitten im Plaudern sieht sie mich an, betrachtet 
mich einen Augenblick scharf und mit dem Rufe: „O heilige Jungfrau, mein teurer 
Bremond. wie lange ich dich nicht gesehen habe!" wirft sie sich mir dann in die 
Arme, drückt ihren Mund auf den meinen und preßt mich an sich, als wollte sie 
mich ersticken. Ihre großen, schwarzen, orientalischen Augen schleuderten förmlich 
Feuerstrahlen in mein Herz, und obgleich die Überraschung mich zuerst etwas aus 
der Fassung brachte, so loderte meine Sinnlichkeit doch bald auf, und zwar bis zu 
dem Grade, daß trotz der Zuschauer mich die Schöne bald selbst im Zaume halten 
mußte, denn ich war berauscht oder vielmehr rasend. Als sie mich auf dem Punkte 
sah, auf dem sie mich haben wollte, beobachtete sie in ihren Liebkosungen mehr 
Maß, aber nicht in ihrer Lebhaftigkeit, und als sie sich herbeiließ, uns die wahre 
oder nur ersonnene Ursache dieser unbändigen Leidenschaftlichkeit zu erklären, sagte 
sie, daß ich einem Herrn von Bremond, dem toskonischen Zolldirektor, täuschend 
gliche; sie wäre ganz vernarrt in ihn gewesen und liebe ihn noch immer; sie hätte 
ihn verlassen, weil sie eine Närrin wäre; sie nähme mich an seiner Stelle und wollte 
mich lieben, weil es ihr so gefiele, deshalb müßte ich sie auch lieben, so lange es 
ihr anstände, und wenn sie sich von mir wieder abwenden würde, sollte ich mich 
in Geduld fassen, wie ihr treuer Bremond getan hätte. Und wie gesagt, so getan. 
Sie nahm Besitz von mir, als wäre ich ihr Leibeigener, gab mir ihre Handschuhe, 
ihren Fächer, ihren Hut zu verwahren, befahl mir, hierhin oder dorthin zu gehen, 
dieses oder jenes zu tun, und ich gehorchte. Sie forderte mich auf, ihre Gondel 
zurückzuschicken, da sie sich der meinigen bedienen wollte, und ich tat es. Sie ver- 
langte, ich sollte Carrio meinen Platz einräumen, weil sie mit ihm zu reden hätte, 
und ich war folgsam. Sie plauderten sehr lange und ganz leise zusammen, und ich 
ließ sie gewähren. Sie rief mir und ich kam zurück. „Hör', Zanetto", sagte sie zu 
mir, „ich will nicht auf französische Weise geliebt werden, schon das würde gleich 
kein gutes Ende nehmen, im ersten Augenblick der Langeweile geh' deiner Wege; 
aber bleibe nicht auf halbem Wege stehen, das rate ich dir". Nach dem Mahle 
gingen wir, uns die Glashütte in Murano anzusehen. Sie kaufte eine Menge kleine 



Jean Jacques Rousseau 



Nippsaclien, die sie uns ohne Umstände bezahlen ließ, aber überall gab sie Trink- 
gelder, die sich höher beliefen als alle unsere sonstigen Ausgaben. Aus der Gleich- 
gültigkeit, mit der sie ihr Geld fortwarf und uns das unserige fortwerfen ließ, konnte 
man ersehen, daß es keinen Wert für sie hatte. Wenn sie sich bezahlen ließ, geschah 
es, wie ich glaube, mehr aus Eitelkeit als aus Habsucht: den Preis, den man für 
ihre Gunst gab, legte sie sich zum Ruhme aus. 

Am Abend brachten wir sie nach Hause zurück. Während ich mit ihr plauderte, 
bemerkte ich zwei Pistolen auf ihrer Toilette. „Ei", sagte ich, eine ergreifend, „das 
ist ja ein Schönpflasterkästchen neuer Art; dürfte man wissen, wozu es dient? Ich 
kenne doch andere Waffen an Ihnen, die besser Feuer geben, als diese hier." Nach 
einigen Scherzen in demselben Tone sagte sie in einem natürlichen Stolze, der sie 
noch reizender machte, zu uns: „Wenn ich Leuten, die ich nicht liebe, meine Gunst 
erweise, so lasse ich sie die Langeweile, welche sie mir bereiten, bezahlen; nichts 
ist billiger; aber wenn ich mich auch ihren Zärtlichkeiten geduldig überlasse, so 
will ich doch ihre Gewalttätigkeit nicht geduldig ertragen, und ich werde den ersten, 
der gegen mich fehlt, nicht verfehlen." 

Beim Scheiden hatte ich ihre Empfangsstunde am nächsten Tage von ihr erfahren. 
Ich ließ sie nicht warten. Ich fand sie in vestito di confidenza, in einem mehr als 
galanten Nachl kleide, wie man es nur in den südlichen Ländern kennt, und mit 
dessen Beschreibung ich keine Zeit verlieren will, obgleich ich mich desselben nur 
zu gut erinnere. Ich begnüge mich damit, anzugeben, daß ihre Manschetten und 
Busenkrausen mit einem Seidenstreifen eingefaßt waren, der einen reichen Besatz 
von rosafarbenen Schleifen hatte. Das scheint mir ein gutes Mittel, eine schöne 
Haut noch mehr zu heben. Später gewahrte ich, daß es in Venedig Mode war, und 
es bringt einen so reizenden Eindruck hervor, daß es mich wunder nimmt, diese 
Mode noch nicht in Frankreich eingeführt zu sehen. Ich hatte keine Vorstellung vom 
Sinnengenusse, der meiner wartete. In dem Entzücken, welches die Erinnerung an 
Frau von Larnage noch bisweilen in mir erweckt, habe ich ihrer erwähnt; aber wie 
alt und häßlich und kalt war sie gegen meine Zulietta! Man würde sich vergeblich 
bemühen, sich eine Vorstellung von den Reizen und der Anmut dieses bezaubernden 
Mädchens zu machen, stets würde man von der Wahrheit weit entfernt bleiben; die 
jugendlichsten Klosterjungfrauen sind weniger frisch, die Schönheiten des Serails 
weniger lebhaft, die Houris des Paradieses weniger verführerisch. Nie bot sich dem 
Herzen und den Sinnen eines Sterblichen ein süßerer Genuß dar. Ach, wenn ich 
nur wenigstens verstanden hätte, ihn einen einzigen Augenblick voll und ganz aus- 
zukosten! . . . Ich kostete ihn, aber ohne Reiz; alle seine Wonne stumpfte ich ab und 
ertötete sie, als ob ich Freude daran fände. Nein, die Natur hat mich nicht zum 
Genüsse geschaffen. Während sie in mein Herz das Verlangen nach einem solchen 
unaussprechlichen Glücke gelegt, hat sie gleichzeitig in meinen armen Kopf das 
Gift geträufelt, es mir zu vergällen. 

Wenn es in meinem Leben einen Umstand gibt, der als ein treues Bild meines 
Charakters dienen kann, so ist es der, welchen ich zu erzählen im Begriffe stehe. 
Die Klarheit, mit der ich mir in diesem Augenblicke den Zweck meines Buches 
vergegenwärtige, wird mich hier über alles falsche Schicklichkeitsgefühl hinweg- 
setzen, das mich von der Erfüllung desselben zurückhalten könnte. Wer ihr auch 
sein möget, die ihr einen Menschen vollkommen kennenlernen wollt, leset dreist 
die folgenden zwei oder drei Seiten; ihr werdet einen genauen Einblick in Jean 
Jacques Rousseaus Charakter gewinnen. 

Ich trat in das Zimmer einer Kurtisane wie in das Heiligtum der Liebe und der 
Schönheit; ich glaubte, deren Gottheit in ihrer Person zu erblicken. Nie hätte ich 

ImagoXVI. 11 






Ren«? Loforjjue 



geglaubt, daß man ohne Erfurcht und Achtung solche Empfindungen, wie sie mir 
einflößte, haben könnte. Kaum hatte ich bei den ersten Vertraulichkeiten den Wert 
ihrer Reize und Liebkosungen erkannt, als ich mich aus Furcht, ihre Frucht schon 
vorher zu verlieren, beeilen wollte, sie zu pflücken. Aber anstatt der Flammen, die 
mich verzehrten, fühle ich plötzlich eine tödliche Kälte durch meine Adern fließen, 
meine Beine beginnen zu zittern, und, krankhaft erregt, setze ich mich nieder und 
weine wie ein Kind. 

Wer würde wohl die Ursache meiner Tränen und das, was mir in diesem Augen- 
blick durch den Kopf ging, erraten können? Ich sagte mir: dieses Mädchen, das 
sich mir willenlos hingibt, ist das Meisterwerk der Natur und der Liebe; Geist, 
Körper, alles in ihm ist vollendet; es ist ebenso gut und edelmütig, wie es liebens- 
würdig und schön ist; die Großen, die Fürsten, müßten seine Sklaven sein; die 
Zepter müßten zu seinen Füßen liegen. Und trotzdem ist es eine elende, liederliche 
Dirne, für jeden käuflich; der Kapitän eines Kauffahrteischiffes verfügt über dasselbe; 
es wirft sich mir an den Kopf, mir, der, wie es weiß, nichts besitzt, mir, dessen 
Wert, den es nicht zu erkennen vermag, in seinen Augen nichtig sein muß. Es liegt 
darin etwas Unbegreifliches. Entweder täuscht mich mein Herz, bezaubert meine 
Sinne und überliefert mich den Fallstricken einer unwürdigen Vettel, oder irgendein 
geheimer, mir unbekannter Fehler muß die Wirkung der Reize des Mädchens zer- 
stören und diejenigen mit Widerwillen gegen dasselbe erfüllen, welche es sich streitig 
machen müßten. Mit einer merkwürdigen Anstrengung des Geistes begann ich nun 
diesen Fehler zu suchen, und es kam mir nicht einmal in den Sinn, daß er in einer 
venerischen Krankheit liegen könnte. Die Frische ihrer Haut, der rosige Anhauch 
ihrer Gesichtsfarbe, das blendende Weiß ihrer Zähne, die Reinheit ihres Odems, die 
über ihre ganze Person gebreitete Sauberkeit hielten mir diesen Gedanken so fern, 
daß ich, seit der Padoana noch immer im Zweifel über meinen Gesundheitszustand, 
eher darüber unruhig war, ob auch ich für sie gesund genug wäre; und icli bin völlig 
überzeugt, daß mich mein Vertrauen in dieser Hinsicht nicht täuschte. 

Diese so rechtzeitig angebrachten Überlegungen regten mich dergestalt auf, daß 
mir die Tränen aus den Augen strömten. Zulietta, welcher dies sicherlich ein in 
dieser Lage ganz neues Schauspiel war, wurde einen Augenblick betreten. Aber nach- 
dem sie einmal einen Gang durch das Zimmer gemacht und dabei an ihrem Spiegel 
vorübergeschritten war, begriff sie, und meine Augen bestätigten es ihr, daß Wider- 
wille an dieser Grille keinen Anteil hätte. Es wurde ihr nicht schwer, dieselbe zu 
verscheuchen und diese kleine Beschämung zu vergessen; aber als ich eben in Begriff 
stand, ermattet auf diesen Busen zu sinken, der zum ersten Male den Mund und die 
Hand eines Mannes zu dulden schien, gewahrte ich, daß ihre eine Brust keine Warze 
hatte. Ich erschrecke, sehe genau hin und glaube zu bemerken, daß diese Brust nicht 
wie die andere gebildet ist. Sofort sinne ich nach, wie man eine Brust ohne Warze 
haben könne, und überzeugt, daß es von irgendeinem bedeutenden Naturfehler her- 
rühren müßte, hänge ich diesem Gedanken so lange nach, bis es mir klar wie der 
Tag wird, daß ich in der reizendsten Person, die ich mir vorzustellen vermochte, nur 
eine Art Ungeheuer in meinen Armen hielt, den Abschaum der Natur, der Menschen 
und der Liebe. Ich trieb die Dummheit so weit, von dieser warzenlosen Brust mit 
ihr zu reden. Anfangs nahm sie die Sache scherzhaft auf, und in ihrer mutwilligen 
Laune sagte und tat sie Dinge, daß die Liebe mich hätte töten müssen; da aber 
immer noch ein Rest von Unruhe in mir zurückgeblieben war, den ich ihr nicht ver- 
heimlichen konnte, sah ich, wie sie endlich errötete, ihre Kleider wieder in Ordnung 
brachte, sich erhob und sich, ohne ein einziges Wort zu sagen, an das Fenster setzte. 
Ich wollte mich an ihre Seite setzen, sie entfernte sich, ließ sich auf einem Ruhe- 



Jean Jacques Rousseau jß3 

bette nieder, stand schon den nächsten Augenblick wieder auf, und indem sie sich 
Luft zufächelnd im Zimmer auf und ab ging, sagte sie zu mir mit kaltem und ver- 
ächtlichem Tone : ,Zanetto, lascia le donnc, et studio la mattmatica. 1 ' 

Ehe ich sie verließ, bat ich sie um eine Zusammenkunft am nächsten Tage, die 
sie auf den dritten Tag verschob, indem sie mit einem ironischen Lächeln hinzu- 
fügte, Ruhe müßte mir ja ein Bedürfnis sein. Ich verbrachte diese Zeit in großer 
Unruhe, das Herz voll von ihren Reizen und ihrer Anmut. Ich war mir meiner Albern- 
heit bewußt und machte sie mir zum Vorwurfe, bedauerte die so übel angewandten 
Augenblicke, die ich zu den süßesten meines Lebens hätte machen können und sehnte 
mit lebhaftester Ungeduld die Stunde herbei, wo ich das Verlorene wieder gut machen 
könnte, und nichtsdestoweniger noch immer unruhig, wie sich die unvergleichlichen 
Eigenschaften dieses anbetungswürdigen Mädchens mit der Unwürdigkeit ihres Ge- 
werbes in Einklang bringen ließen. Ich lief, ich flog zu der verabredeten Stunde zu 
ihr. Ich weiß nicht, ob ihr feuriges Temperament mit diesem Besuche zufrieden 
gewesen wäre, ihr Stolz wäre es wenigstens gewesen, und ich fand schon im voraus 
einen köstlichen Genuß darin, ihr auf alle mögliche Weise zu zeigen, wie ich mein 
Unrecht wieder gut zu machen wüßte. Sie ersparte mir diesen Beweis. Der Gondolier, 
den ich nach der Landung zu ihr hinaufschickte, berichtete mir, sie wäre schon den 
Tag vorher nach Florenz zurückgereist. Wenn ich meine ganze Liebe zu ihr nicht 
bei ihrem Besitz empfunden hatte, so fühlte ich sie gar schmerzlich jetzt bei ihrem 
Verluste. Mein unverständiges Bedauern hat mich nie verlassen. So liebenswürdig und 
reizend sie in meinen Augen auch war. konnte ich mich über ihren Verlust zwar 
trösten; worüber ich mich indessen nicht beruhigen konnte, das ist, wie ich gestehe, 
das quälende Gefühl, daß sie nur eine verächtliche Erinnerung meiner mit fort- 
genommen hat." 

2) Die phantastisch-physische Kastration. 

Sie kam insbesondere zum Ausdruck nach dem Tode von Claude Anet. 
Sie kennen die Geschichte. Bevor Madame de Warens zur Mutter Jean 
Jacques wurde, hatte sie einen Mann zum Freunde, dem Rousseau immer 
die höchste Achtung gezollt hat, obwohl er bei Madame de Warens nur 
den Dienst eines Kammerdieners zu versehen schien. Dieser Mann, dessen 
Charakter außergewöhnlich edel gewesen sein muß, war für Madame de 
Warens Freund und Vertrauensperson geworden. In Wirklichkeit lag die 
Leitung ihrer Geschäfte, ihres Vermögens in seinen Händen und er leistete 
ihr die größten Dienste. Nachdem er sich entschlossen hatte, sich irgend- 
einem Studium hinzugeben und von einem gelehrten Professor dazu auf- 
gemuntert worden war, begann er leidenschaftlich Botanik zu treiben. Auf 
einem seiner Forschungsausflüge erkältete er sich und starb bald darauf. 
Madame de Warens und Jean Jacques standen sich allein gegenüber. 

Solange Claude Anet am Leben war, fühlte sich Rousseau in seinen 
Beziehungen mit Madame de Warens nicht zu sehr gehemmt: alles geschah 
mit der diskreten Zustimmung Claudes. Jean Jacques schildert die ziemlich 
heikle Lage der drei Freunde mit folgenden Worten: 



y^j Read Laforguc 



„Auf diese Weise entspann sich unter uns dreien ein geselliges Verhältnis, wie es 
vielleicht ohne Beispiel auf Erden dasteht. Alle unsere Wünsche, unsere Sorgen, unsere 
Herzensregungen waren gemeinschaftlich; nichts davon ging über unseren kleinen 
Kreis hinaus. Die Gewohnheit des Zusammenlebens, und zwar des ausschließlichen 
Zusammenlebens wurde so stark, daß, wenn bei unseren Mahlzeiten einer von uns 
dreien fehlte oder ein Vierter hinzukam, alles gestört war, und uns trotz unserer be- 
sonderen Liebesverhältnisse unsere Zusammenkünfte unter vier Augen weniger süß 
waren als unser aller Zusammensein. Was unter uns jeden Zwang verhütete, war ein 
großes gegenseitiges Vertrauen, und was jede Langweile verhütete, war unsere un- 
unterbrochene Beschäftigung." 

Aber mit dem Tode Anets änderte sich alles. Rousseau ging auf Reisen, 
wobei das bescheidene Vermögen von Madame de Warens vergeudet wurde. 
Als Entschuldigung schob er vor, das Geld würde sonst Gaunern in die 
Hände gefallen sein. Gleichzeitig taucht bei Jean Jacques ein seltsames 
Symptom auf. Er verschwendet nicht bloß das Geld seiner Mama für zweck- 
lose Reisen, sondern er stiehlt es ihr sogar und versteckt es, womit er un- 
zweideutig beweist, daß es das Geld und nichts anderes ist, was ihn bei 
Madame de Warens interessiert. Als er dann auf diese Weise das, was ihm 
Anet hinterlassen hatte, sich zu Nutzen machte, empfand er, mit sich un- 
zufrieden, Gewissensbisse, „von den Sachen seines Freundes profitiert zu 
haben", und wurde von einer eigentümlichen Krankheit befallen: Hören 
Sie Rousseau selber und achten Sie auf die Mitteilung einer äußerst sym 
bolischen und bezeichnenden Tatsache, welche er der Schilderung des Leidens 
vorausschickt : 

„Ich kaufe ein Schachbrett, kaufe die Figuren, schließe mich in mein Zimmer ein, 
bringe Tage und Nächte damit zu, alle Züge auswendig zu lernen, sie wohl oder 
übel meinem Kopfe einzutrichtern und fort und fort allein zu spielen. Nach zwei 
oder drei Monaten dieser allerliebsten Arbeit und ganz undenkbarer Anstrengungen 
gehe ich abgemagert, gelb und fast stumpfsinnig nach dem Kaffeehause. Ich mache 
einen neuen Versuch und spiele wieder mit Herrn Bagueret; er besiegt mich einmal, 
zweimal, zwanzigmal; in meinem Kopfe hatten sich die vielen Berechnungen der- 
gestalt verwirrt und meine Einbildungskraft, war so erloschen, daß ich nur noch eine 
Wolke vor mir sah. So oft ich mich nach den Büchern Philiodors oder Stammas 
auf einzelne Züge habe einüben wollen, ist es mir in gleicher Weise ergangen; von 
Ermüdung erschöpft, fühlte ich mich schwächer als vorher. Ob ich übrigens das 
Schach eine Zeit lang ruhen ließ oder es mit Leidenschaft spielte, so bin ich doch 
seit dieser ersten Sitzung nie einen Schritt weiter gekommen, und ich habe mich 
stets auf demselben Punkte befunden, auf dem ich stand, als ich sie beendete. Und 
wenn ich mich Tausende von Jahrhunderten übte, würde ich es doch nie weiter 
bringen, als Bagueret einen Turm vorgeben zu können. Das ist eine herrliche An- 
wendung der Zeit, wird man sagen. Und dazu habe ich nicht wenig darauf verwendet. 
Ich endete diesen ersten Versuch erst, als ich nicht mehr die Kraft besaß, ihn fort- 
zusetzen. Als ich wieder aus meinem Zimmer unter die Menschen kam, hatte ich das 
Aussehen eines Ausgegrabenen, und hätte ich es so fortgetrieben, wäre ich nicht lange 



Jean Jacques Rousseau a ß5 



als ein Ausgegrabener umhergewandelt. Es ist, wie man zugeben wird, schwer, und 
zumal in der Zeit der vollsten Jugendkraft schwer, daß ein solcher Charakter den 
Körper stets in gesundem Zustande läßt. 

Die Abnahme meiner Gesundheit wirkte auf meine Laune und mäßigte die Glut 
meiner Hirngespinste. Da ich mich schwächer fühlte, wurde ich ruhiger und verlor 
ein wenig meine Reisewut. Häuslicher geworden, wurde ich nicht von Langeweile, 
sondern von Schwermut erfaßt. Krankhafte Launen folgten auf die Leidenschaften; 
meine Abgespanntheit ging in Trübsinn über; ich weinte und stöhnte über nichts; 
ich fühlte mein Leben dahinschwinden, ohne es genossen zu haben; ich seufzte über 
den Zustand, in dem ich meine arme Mama lassen würde, über den, in welchen ich 
sie im Begriffe sah zu versinken: mein einziger Kummer war, wie ich dreist be- 
haupten kann, sie in dem Augenblicke verlassen zu müssen, wo sie am beklagens- 
wertesten war. Endlich wurde ich ernstlich krank. Sie pflegte mich, wie nie eine 
Mutter ihr Kind gepflegt hat. und das war für sie selbst gut, da sie dadurch von 
ihren Entwürfen abgelenkt und von den Projektenmachern ferngehalten wurde. Welch 
ein süßer Tod, wäre er damals eingetreten! Hatte ich wenig von den Gütern des 
Lebens genossen, so hatte ich doch auch wenig von Übeln, die es mit sich bringt, 
erduldet. Meine friedliche Seele konnte ruhig heimgehen ohne alle Bitterkeit über 
die Ungerechtigkeit der Menschen, die das Leben und den Tod vergiftet. Ich hatte 
den Trost, mich in der besseren Hälfte meines Selbst zu überleben; das hieß kaum 
sterben. Ohne die Unruhe, die mir ihr Schicksal einflößte, wäre mein Tod ein ruhiges 
Hinüberschlummern gewesen, und selbst diese Unruhe hatte einen rührenden und 
zärtlichen Gegenstand, der ihre Bitterkeit milderte. Ich sagte zu ihr: ,Mein ganzes 
Sein lege ich in deine Hand: handle so, daß es glücklich ist!' Zwei- oder dreimal, 
als ich mich am schlimmsten befand, litt es mich nicht länger im Bette, ich erhob 
mich des Nachts und schleppte mich in ihre Kammer, um ihr Ratschläge über ihre 
Handlungsweise zu geben, die, wie ich wohl sagen darf, richtig und vernünftig waren, 
und denen sich der Anteil, den ich an ihrem Schicksale nahm, deutlicher zeigte als 
alles andere. Als wären die Tränen meine Nahrung und mein Heilmittel gewesen, 
gewann ich Kraft durch die, welche ich, auf ihrem Bette sitzend und ihre Hände in 
den meinigen haltend, bei ihr und mit ihr weinte. Die Stunden flogen in diesen 
nächtlichen Unterredungen dahin, und ich kehrte in besserem Befinden als ich ge- 
kommen war, von ihnen zurück. Zufrieden und durch ihre Versprechungen wie durch 
die Hoffnungen, die sie in mir erweckt, beruhigt, schlief ich mit Frieden im Herzen 
und voll Ergebung in die Vorsehung. Wolle Gott, daß nach so vielen Ursachen das 
Leben zu hassen, nach so vielen Stürmen, die das meinige bewegt und es mir zur 
Last gemacht haben, der Tod, der ihm ein Ende machen wird, mir ein ebenso wenig 
grausamer sei, als er es mir in jenen Augenblicken gewesen wäre . . . 

. . . Die Landluft gab mir indessen meine Gesundheit nicht wieder. Ich siechte 
nur immer mehr dahin. Ich konnte die Milch nicht vertragen und mußte ihrem 
Genüsse entsagen. Damals war die Wasserkur in die Mode gekommen; ich warf mich 
also auf das Wasser und in so unbesonnener Weise, daß mit meinen Leiden auch 
beinahe noch mein Leben ein Ende genommen hätte. Jeden Morgen, nachdem ich 
aufgestanden war, ging ich mit einem Becher zur Quelle und trank, dahei umher- 
wandelnd, nach und nach gewiß zwei ganze Flaschen. Dem Tischwein entsagte ich 
ganz und gar. Das Wasser, welches ich trank, war wie die meisten Gebirgswässer, 
hart und schwer verdaulich. Kurz, ich stellte es so gut an, daß ich mir in weniger 
als zwei Monaten den Magen vollständig verdarb, der bis dahin sehr gut gewesen 
war. Da ich nichts mehr verdauen konnte, sah ich ein, daß ich auf Heilung nicht 
länger rechnen durfte. In der nämlichen Zeit traf bei mir eine Erscheinung ein, die 



,££ Rend Laforgue 



an und für sich wie durch die Folgen, die nur mit meinem Tode aufhören werden, 
höchst sonderbar war. 

Eines Morgens, als ich mich nicht unwohler als gewöhnlich befand, und eben eine 
kleine Tischplatte auf ihr Fußgestell legte, fühlte ich in meinem ganzen Körper eine 
plötzliche und fast unbegreifliche Veränderung. Ich kann sie nicht besser als mit 
einer Art Sturm vergleichen, der sich in meinem Blute erhob und sich in einem 
Augenblick über alle meine Glieder verbreitete. Meine Adern begannen mit einer 
solchen Gewalt zu schlagen, daß ich ihr Pochen nicht allein fühlte, sondern auch 
hörte, und namentlich das Klopfen in den Kopfarterien. Dazu gesellte sich ein starkes 
Ohrensausen, und in ihm ließ sich etwas Dreifaches oder Vierfaches unterscheiden, 
nämlich ein tiefes und dumpfes Brausen, ein Murmeln, heller wie von rieselndem 
Wasser, ein sehr scharfes Pfeifen und das eben erwähnte Herzklopfen, dessen Schläge 
ich leicht zählen konnte, ohne erst meinen Puls in fühlen oder meinen Körper mit 
den Händen zu berühren. Dieser lärmende Aufruhr in meinem Innern war so ge- 
waltig, daß er mir die frühere Feinheit des Gehörs raubte und mich zwar nicht taub, 
aber doch harthörig machte, wie ich es seitdem geblieben bin. 

Man kann sich meine Überraschung und meinen Schrecken vorstellen, ich hielt 
mich für dem Tode nah und legte mich zu Bette; der Arzt wurde geholt, ich er- 
zählte ihm zitternd mein Leiden, das mir unheilbar schien. Ich glaube, er teilte meine 
Ansicht, aber er tat, was sein Beruf mit sich brachte. Er hielt mir lange Vorträge, 
von denen ich keine Silbe verstand, darauf begann er zufolge seiner erhabenen Theorie 
die Experimentalkur in anima vili, die es ihm an mir zu versuchen einfiel. Sie war 
so schmerzhaft, so widerlich und hatte so wenig Erfolg, daß ich ihrer bald müde 
wurde, und als ich nach Verlauf einiger Wochen bemerkte, daß ich mich nicht besser 
und nicht schlechter befand, verließ ich das Bett und nahm meine gewöhnliche Lebens- 
weise trotz dem Schlagen meiner Arterien und meines Ohrensausens wieder auf, das 
mich von da an, das heißt seit dreißig Jahren, nicht eine Minute verlassen hat. 

Bis dahin war ich ein großer Schläfer gewesen. Die vollkommene Schlaflosigkeit, 
welche alle diese Krankheitserscheinungen begleitete und sie bis jetzt beständig be- 
gleitet hat, bestärkte mich vollends in der Überzeugung, daß mir nur noch wenig 
Zeit zu leben blieb. Diese Überzeugung beruhigte mich auf einige Zeit über die 
Sorge für meine Genesung. Da ich mein Leben nicht verlängern konnte, beschloß 
ich, die kurze Lebenszeit, die mir noch vergönnt war, bestmöglich auszukaufen, und 
das ermöglichte mir eine besondere Begünstigung der Natur, die mich in einem so 
traurigen Zustande mit den Schmerzen verschonte, die er dem Anscheine nach hätte 
hervorrufen müssen. Ich war von dem ewigen Sausen belästigt, litt aber nicht dar- 
unter; es war mit keiner anderen bleibenden Unbequemlichkeit verbunden als des 
Nachts mit Schlaflosigkeit und mit einem stets kurzen Atem, der aber nicht bis zum 
Asthma ausartete und sich nur fühlbar machte, wenn ich laufen oder eine angestrengte 
Arbeit verrichten wollte. 

Das Leiden, das meinem Körper hätte tödlich werden müssen, tötete nur meine 
Leidenschaften,' und wegen der glücklichen Wirkungen, die es auf meine Seele aus- 
übte, segne ich den Himmel jeden Tag dafür. Ich kann wohl sagen, daß ich erst zu 
leben anfing, als ich mich als einen toten Mann betrachtete. Indem ich den Dingen, 
von denen ich scheiden sollte, ihren wahren Wert zuerkannte, begann ich mich mit 
edleren Pflichten zu beschäftigen, mich gleichsam schon im voraus denen überlassend, 
die ich nun bald zu erfüllen haben würde, und die ich bis dahin arg vernachlässigt 
hatte. Ich hatte mir die Religion oft nach meiner Weise ausgelegt, war aber nie ganz 
ohne Religion gewesen. Deshalb fiel es mir weniger schwer, auf diesen, für so viele 
Leute abstoßenden, Gegenstand zurückzukommen, der aber für alle, denen er eine 



Jean Jacques Rousseau , (J~ 



Quelle des Trostes und der Hoffnung bildet, so süß ist. Bei dieser Gelegenheit war 
mir Mama weit: nützlicher, als es mir alle Theologen gewesen wären." 

Sie sehen, wie Rousseau durch diese Reaktion dazu gekommen ist, seine 
Leidenschaften zu ersticken, sich zu kastrieren, weil er von den zurück- 
gelassenen Dingen Anets (sein Rivale, sein Vater) hatte profitieren wollen. 
Diese Krankheit hat ihn sein ganzes Leben lang gemartert. In einer ge- 
wissen Phase seines Lebens war er daran, von seiner Krankheit geheilt zu 
werden, nämlich zur Zeit, als er sich nach Montpellier begab, um sich 
dort behandeln zu lassen und auf dem Wege dorthin Madame de Larnage 
begegnete, die sich seiner annehmen wollte und mit der sich, dank der 
Initiative der Dame, alles aufs beste wendete. In seiner Begeisterung ver- 
gißt er sowohl seine Krankheit als Madame de Warens. Er gibt sich dar- 
über selber Rechenschaft und ahnt, daß Madame de Larnage oder eine 
andere Frau ihn weit besser heilen würde als alle Ärzte, die Männer. Er 
begibt sich trotzdem nach Montpellier, wo man ihn als einen eingebildeten 
Kranken behandelt, und nachdem er einmal den Kontakt mit Madame 
de Larnage verloren hat, fällt er wieder in seinen früheren Zustand zurück 
und beklagt sich über einen Polypen am Herzen, den man entfernen 
sollte. Er drückt so symbolisch den Wunsch aus, sich kastriert, der Männ- 
lichkeit, seines Geschlechtes, befreit zu sehen. 

Rousseau ist ein Impotenter gewesen; bewußt hätte er wohl ein Mann 
sein wollen, — er hat alles getan, um es zu scheinen, — aber er brachte 
es nicht fertig. Er litt in jeder Hinsicht an einer Verhaltung der Gefühle. 
Im unmittelbaren Kontakte mit den Dingen entbehrte er jeglicher Spon- 
taneität. Die Harnverhaltung, die ihm so viel Sorgen gemacht hat, ist 
analogen Ursprungs, sowie auch seine Ängstlichkeit und seine Neigung, 
sich beständig von einer Anzahl Ärzte sondieren zu lassen. Keiner von 
ihnen verstand übrigens den Grund seines Leidens, das heißt, warum er 
sondiert werden wollte. 

Jean Jacques ist infolge dieses Verzichtes auf die Männlichkeit not- 
wendigerweise ein affektiv Zurückgebliebener, ein Kind geblieben. Deshalb 
bedurfte er einer barmherzigen Mutter, die sich mit ihm abgab. Ohne 
ihren Reistand blieb ihm nichts übrig als sich dahinsiechen zu lassen. So 
betrachtet, verstehen wir auch sein egoistisches Betragen seinen Adoptiv- 
müttern gegenüber. Alles hat er von ihnen angenommen, ohne ihnen je 
etwas zurückzugeben. Sogar seine seltsame Handlungsweise in Geldsachen 
wird uns so verständlich, denn vom Standpunkte der Affektivität aus be- 
deutet das Geld für den Erwachsenen, was die Mutter dem Kinde galt. 



L 



168 Ren<? Ljiforgne 



Wir wollen nicht auf die Einzelheiten dieses Verhaltens eingehen, da es 
uns heute zu weit führen würde, obwohl wir von hier aus in die Lage 
kämen, die Betteleien und Diebstähle Rousseaus zu verstehen. Begnügen 
wir uns, darauf hinzuweisen, daß ein Mann, der nicht das Recht besitzt, 
den Kampf mit dem Leben aufzunehmen, sein Brot nicht verdienen kann 
und auf die Barmherzigkeit anderer angewiesen ist. Wir möchten ferner 
bemerken, daß er es nicht fertig bringt, seine Frau und Kinder unter 
seinen Schutz zu nehmen und ihnen seine Liebe zu schenken. Therese 
war die Dienstmagd Rousseaus; seine Kinder hat er dem Fürsorgeamt über- 
geben, dazu ist nicht einmal bewiesen, daß es die seinigen waren. Wir 
müssen hier die Geschichte mit Marion erwähnen und bei dieser Gelegenheit 
Rousseau gegen sich selbst in Schutz nehmen. Er wirft sich dieses Erlebnis 
als eine der größten Gemeinheiten seines Lebens vor und doch werden 
Sie nach allem, was Sie gehört haben, begreifen, daß ihm seine „Tugend" 
untersagte, anders als auf diese widerliche Art zu handeln. Gestatten Sie 
mir, ihm wieder das Wort zu geben : 

„Ach, daß ich mit allem, was ich von meinem Aufenthalte hei Frau von Verccllis 
zu erzählen hatte, doch hiemit zu Ende wäre! Aber wenn mein Seclenzustand auch 
anscheinend unverändert blieb, so verließ ich ihr Haus doch nicht, wie ich in das- 
selbe eingetreten war. Ich nahm ans ihm die unauslöschliche Erinnerung an ein Ver- 
brechen und das unerträgliche Gewicht der Reue mit fort, die noch immer am Ende 
von vierzig Jahren auf meinem Gewissen lastet und deren Bitterkeit, statt abzunehmen, 
sich mit dem zunehmenden Alter unaufhörlich steigert. Wer sollte meinen, daß der 
Fehler eines Kindes so gransame Folgen haben könnte! Und gerade über diese mehr 
als wahrscheinlichen Folgen wird mein Herz sich nie zu trösten imstande sein. Ich 
bin vielleicht die Ursache gewesen, daß ein liebenswürdiges, sittsames, achtbares 
Mädchen, das sicherlich viel mehr wert war als ich, in Schande und Elend unter- 
gegangen ist. 

Die Auflösung eines Haushaltes wird immer mit einiger Verwirrung und dem 
Verluste mancher Sachen verbunden sein. Gleichwohl war die Treue der Dienstleute 
und die Wachsamkeit des Herrn und der Frau Lorenzi so groß, daß von dem In- 
ventarium nichts fortkam. Jungfer Pontal allein verlor ein kleines, schon altes, rosa- 
und silberfarbiges Band. Viel andere, bessere Sachen waren mir zugänglich; dieses 
Band allein reizte mich, ich stahl es, und da ich es nicht sorgfältig verbarg, fand 
man es bald. Man wollte wissen, wo ich es genommen hatte. Ich werde verlegen, 
stottere und sage endlich errötend, Marion habe es mir gegeben. Marion war ein 
junges, aus Maurienne stammendes Mädchen, das Frau von Vercellis zu ihrer Köchin 
erhoben hatte, als sie auf Verzicht auf alle Tafelfreuden ihre bisherige entließ, da 
sie mehr guter Suppen als feiner Ragouts bedurfte. Marion war nicht allein hübsch, 
sondern hatte auch eine Frische der Gesichtsfarbe, wie man sie nur im Gebirge 
findet, und besonders etwas so Sittsames und Sanftes, daß man sie nicht sehen konnte, 
ohne sie lieb zu gewinnen. Überdies war sie ein gutes, bescheidenes Mädchen und 
von erprobter Treue. Deshalb überraschte es, als ich sie angab. Da man mir nicht 
weniger Vertrauen schenkte als ihr, hielt man es für wichtig, festzustellen, wer von 



Fenn Jacques Rousseau 169 



uns beiden der Dieb wäre. Man ließ sie kommen; die Versammlung war zahlreich, 
selbst der Graf della Rocca war zugegen. Sie erscheint, man zeigt ihr das Band; mit 
Frechheit klage ich sie an; sie wird betreten, schweigt und wirft mir einen Blick 
zu, der die Teufel würde entwaffnet haben, aber auf mein unmenschliches Herz ohne 
Eindruck bleibt. Sie leugnet endlich mit Festigkeit, aber ohne leidenschaftliche Festig- 
keit, wendet sich an mich, ermahnt mich, in mich zu gehen, ein unschuldiges Mädchen, 
das mir nie etwas zuleide getan hat, nicht zu entehren, und ich, ich bestätige mit 
einer wahrhaft höllischen Schamlosigkeit meine Erklärung und behaupte ihr ins Gesicht, 
sie habe mir das Band gegeben. Das arme Mädchen brach in Tränen aus und sagte 
zu mir nur: ,Ach, Rousseau, ich hielt dich für einen guten Menschen. Du machst 
mich sehr unglücklich, aber ich möchte nicht an deiner Stelle sein.' Dies war alles. 
Sie fuhr fort, sich mit eben so großer Einfachheit wie Festigkeit zu verteidigen, aber 
ohne sich die geringste Schmähung gegen mich zu erlauben. Diese Mäßigung meinem 
bestimmten Tone gegenüber gab ihr Unrecht. Es schien gegen die Natur zu streiten, 
daß man auf der einen Seite eine so teuflische Unverschämtheit und auf der anderen 
eine so englische Sanftmut annehmen sollte. Man schien nicht zur völligen Ent- 
scheidung zu kommen, aber das Vorurteil war für mich. In der Unruhe, in der man 
sich damals befand, nahm man sich nicht die Zeit, die Sache gründlich zu unter- 
suchen, und der Graf della Rocca beschränkte sich darauf, uns beide zu entlassen 
und zu sagen, daß das Gewissen des Schuldigen den Unschuldigen hinreichend rächen 
würde. Seine Voraussagung war nicht grundlos; sie erfüllt sich einen Tag wie den 

anderen an mir . . . 

. . . Bei dem eben abgelegten habe ich die Wahrheit rund herausgesagt, und man 
wird sicherlich nicht finden, daß ich hiebei die Schwärze meiner Schandtat beschönigt 
habe. Allein ich würde den Zweck dieses Buches nicht erfüllen, wenn ich nicht zu- 
gleich meine innere Gesinnung erklärte, und wenn ich Scheu trüge, mich bei dem 
zu entschuldigen, was die volle Wahrheit ist. Nie war ich von einer wirklich bos- 
haften Gesinnung freier als in jenem grausamen Augenblick, und so sonderbar es 
auch klingt, so ist es doch wahr, daß, als ich dieses unglückliche Mädchen anklagte, 
die Schuld in meiner Freundschaft für dasselbe lag. Meine Gedanken weilten bei 
ihm; ich schob die Schuld auf den ersten Gegenstand, der mir vorschwebte. Ich 
klagte es an, das, was ich tun wollte, getan und mir das Band gegeben zu haben, 
weil meine Absicht war, es ihm zu geben." 

Die Erklärungen Rousseaus gehen an der Wahrheit vorbei. Für jeden, 
der mit seinem Konflikt vertraut ist, liegt es auf der Hand, daß sich Jean 
Jacques einer Frau wegen (Marion), in die er verliebt war, nicht mit dem 
Meister (Vater) entzweien konnte und seine krankhafte Moralität ihn dazu 
trieb, eher die Frau zu verlieren (Marion, Julie, die Mutter) als sich mit 
dem Vater zu überwerfen. So hat er sich unbewußt von Marion mit der- 
selben grausamen Unbarmherzigkeit losgerissen wie von seiner Sexualität, 
gemäß seines Schicksals, welches ihn dazu verurteilte, die natürliche Ordnung 

der Dinge zu stören. 

In seinem Traume allein, in den unbedingten Weiten der Phantasie, 
konnte Rousseau zum Manne werden und seine Dichtung zeugt von der 
vollen Macht seiner potentialen Männlichkeit. 



i^o Rcnd Laforgue 



Sein „Discours sur l'inegalite" hat ihm Gelegenheit gegeben, seiner 
Auflehnung gegen die Menschheit, die Unterdrücker, Ausdruck zu geben, 
Auflehnung, welche durch jenen Teil seines Unbewußten bedingt war, 
welcher ihn zwang, sein Haupt zu beugen. Sein „Emile' sollte ihm er- 
lauben, den Versuch einer Selbstheilung zu unternehmen, seine Kindheit 
zu reproduzieren, um zu untersuchen, wie er hätte glücklich werden können. 

Denn Rousseau war sich seiner Krankheit bewußt — wenigstens in 
gewissen Augenblicken seines Lebens — und jedes Mal, wenn er seinen 
Konflikt in der Dichtung oder im Leben reproduzierte, war es, um einen 
Ausweg zu finden. So hat die Untersuchung, welche er über seinen eigenen 
Fall gemacht hat, ihn in verschiedener Hinsicht zum Vorläufer der Psycho- 
analyse gemacht. Er hatte sogar die Idee zu einem Arbeitsplane gefaßt, 
der einem ganz speziellen Zwecke dienen sollte. Geben wir ihm das Wort: 1 

„Ich dachte an ein drittes Buch, zu welchem mir an mir seihst gemachte Beob- 
achtungen die Hauptidee geliefert hatten, und ich verspürte um so größeren Mut, 
mich daran zu machen, als ich zur Annahme berechtigt war, damit ein der Mensch- 
heit wirklich nützliches Buch zu schreiben, ja sogar eines der nützlichsten, das man 
ihr schenken konnte, insofern die Ausführung des Planes würdig war, den ich mir 
vorgezeichnet hatte. Man hat die Beobachtung machen können, daß die meisten 
Menschen oft im Leben sich selber unähnlich sind und sich in ganz verschiedene 
Menschen umzuwandeln scheinen. Das Buch sollte nicht geschrieben werden, um 
etwas Bekanntes festzusetzen. Ich hatte einen neueren und wichtigeren Gegenstand: 
die Ursachen dieser Wandlungen zu suchen und mich an die von uns Abhängigen zu 
halten, um zu zeigen, wie sie von uns geleitet werden können, um uns besser und 
sicherer zu machen. Denn es besteht kein Zweifel, daß es dem ehrbaren Manne 
schwer fällt, schon völlig ausgebildeten Begierden, die er beherrschen soll, zu wider- 
stehen, als diesen selben Begierden schon im Anfangsstadium vorzubeugen, sie zu 
wandeln oder zu modifizieren, insofern es ihm möglich ist, sie bis dorthin zurück- 
zuverfolgen. Ein in Versuchung fallender Mann widersteht einmal, weil er stark ist; 
er erliegt ihr ein andermal, weil er schwach ist. Würde er derselbe geblieben sein 
wie vorher, so wäre er nicht unterlegen. 

Indem ich mich selber sondierte und bei den anderen erforschte, welches der 
Grund für diese verschiedenen Handlungsweisen ist, fand ich, daß sie zum großen 
Teil vom früheren Eindruck äußerer Objekte abhängig sind, und da diese letzteren 
beständig durch unsere Sinne und Organe modifiziert werden, wir, ohne es zu be- 
merken, die Wirkungen dieser Wandlungen in unserem Denken, in unseren Gefühlen, 
ja selbst in unseren Handlungen tragen. Die erstaunenswerten und zahlreichen Beob- 
achtungen, die ich gesammelt hatte, standen über aller Kritik; infolge ihrer physi- 
schen Prinzipien schienen sie mir zur Schaffung eines äußeren Regimes geeignet, 
welches bei Anpassimg an die Umstände die Seele in den der Tugend günstigsten 
Zustand versetzen könnte oder sie darin behalten dürfte. Wie viele Seitensprünge 
würde man für die Vernunft gewinnen, wie viele Laster würde man verhindern auf- 
zukeimen, wenn man es fertig brächte, die animalische Ökonomie zu zwingen, die 



i) Siehe „Emile". 



Jean Jacques Rousseau 



sittliche Ordnung zu begünstigen, auf welche jene so oft störend wirkt. Die Klimata, 
die Jahreszeiten, die Töne, die Farben, die Dunkelheiten, das Licht, die Elemente, 
die Speisen, der Lärm, das Schweigen, die Bewegung, die Ruhe, alles wirkt auf 
unsere Maschine und infolgedessen auf unsere Seele; überall finden wir tausende 
fast gesicherte Gelegenheiten, die Gefühle, von denen wir uns beherrschen lassen, 
in ihrem Anfangsstadium zu leiten. Dies war die Fundamentalidee, von der ich schon 
eine Skizze aufs Papier geworfen hatte, und von der ich eine um so sichere Wirkung 
auf die ehrbaren Leute erwartete, die aufrichtig der Tugend nachstreben und ihrer 
Schwäche mißtrauen, als es mir leicht schien, darüber ein Buch zu schreiben, das 
ebenso angenehm zu lesen sein würde wie es angenehm zu verfassen war. Ich habe 
indessen wenig an diesem Werke gearbeitet. Sein Titel war: ,Die sensitive Moral 
oder der Materialismus der Weisen.-" 

Die Triebe und Konflikte des Menschen in ihrem Anfangsstadium zu 
modifizieren, wenn es dem Menschen offen stände bis dorthin zurück- 
zugreifen: diesem Wunsche gab Rousseau im „Emile" Ausdruck, dies ist 
aber auch das Ziel der Psychoanalyse, wenn sie innerhalb des Rahmens 
einer Behandlung den infantilen Konflikt reproduziert, der zu einer Ver- 
biegung der Triebentwicklung Anlaß gegeben hat. Diese Reproduzierung 
muß die Gelegenheit schaffen, den unbewußt gebliebenen Konflikt ver- 
ständlich zu machen. Ist dieser Konflikt einmal bewußt geworden, so kann 
er auf normale Weise erledigt werden. 

Rousseau verspürte das Bedürfnis, von seinem Zustande befreit zu werden, 
denn er fühlte nur zu gut, daß es ihm nicht möglich war, seine volle, 
wirkliche Kraft auszunutzen. Sein Kontakt mit den Ärzten hat ihm aber 
nicht erlaubt, für sie eine große Achtung zu gewinnen. Wir begreifen 
dies sehr leicht, denn es ist noch nicht lange her, seit man diese eigen- 
artigen Zustände zu verstehen beginnt, welche einem Manne ein normales 
Leben zur Unmöglichkeit machen. 

Zusammenfassend können wir also sagen, daß der Zustand Rousseaus 
sich dadurch kennzeichnete, daß es sich um einen Fall von latenter Homo- 
sexualität mit Zwangshandlungen und hysterieartigen Reaktionen handelte, 
und dies bei einem Manne, dessen Bewußtes sich gegen die Behandlung, 
welche ein Teil seiner Persönlichkeit ihm auferlegte, beständig auflehnte. 
Diese Auflehnung wird zur Empörung des Verfolgten gegen die Verfolger, 
die nichts anderes sind als der Vater, mit dem Rousseau erfolglos den 
Konflikt seiner Kindheit zu lösen versucht hat. So ist er im Verfolgungs- 
wahne untergegangen, nachdem er kein Mittel unversucht gelassen hatte, 

ihm zu entgehen. 

Die Dichtung hat es ihm ermöglicht, ihn besser zu ertragen. Das Ver- 
ständnis seines Konfliktes ist die beste Voraussetzung, um dem literarischen 



i*»3 Rene' Laforgue: Jean Jac<|ues Rousseai 



Werke Rousseaus gerecht zu werden. Auch für seinen politischen Standpunkt 
ist der Konflikt von einer außerordentlichen Tragweite. Er hat ihn zum 
Wortführer aller Unterdrückten gemacht, zum Wortführer derer, die es 
nicht fertig bringen, sich ihrer Tyrannen zu entledigen und die Heilung 
ihrer Leiden im Rousseauschen Kommunismus suchen (Ehe zu dritt). Es 
war zu erwarten, daß diese Lösung, welche für Rousseau nur eine un- 
vollkommene und erfolglose Bemühung der Neurose bedeutete, weder in 
individueller noch in sozialer Hinsicht angemessen war. 

Vom psychoanalytischen Standpunkte aus ist es wahrscheinlich, daß 
man Rousseau von seiner Neurose hätte heilen können; in diesem Falle 
würde seine freigelegte Energie eine andere Richtung eingeschlagen haben. 

Wir mußten uns damit begnügen, unser Thema nur in großen Linien 
darzustellen. 



ü ber die 1 emperaturdilierenz zwiscnen 
trenirn und Ivörper 

Line liDiaoinetrisclie U ntersudiung 
Von 

Siegfried Bernlela unJ Sergei Feitelberg 

Berlin Berlin 

In der theoretischen Arbeit über die Meßbarkeit der Libido [2] hatten 
wir versucht, die Libido als die freie Energie des Systems Person zu ver- 
stehen. Wir machten uns dabei von der Beschreibung der freien Energie 
als des thermodynamischen Potentials eines Systems frei, indem wir 
an Boltzmanns Formulierung des Entropiegesetzes anknüpfend, die Libido 
als durch die Intensitätsdifferenz der beliebigen Energien im Systemdual 
(„Zentralapparat und „Zellen = „Körper") bestimmt ansahen. Es sollte 
damit ein Präjudiz über die energetische Natur der Libido, vor allem ihre 
Gleichsetzung mit Wärme einerseits, mit „psychischer" Energie anderseits 
vermieden werden. Wir schlugen daher auch den unvorgreiflichen allge- 
meinen Ausdruck „Potential" für die freie Energie des Systems Person 
vor. Theoretisch wäre, wie wir ausführten, die Libido grundsätzlich meß- 
bar, falls sie das Gefälle irgendwelcher Energien zwischen zwei kon- 
kreten Systemen wäre. Unser Ansatz zu einer Libidomaßformel beruht auf 
einer Einheitsfestsetzung vermittels der Bewußtseinsvorgänge, die durch 
Libidoänderungen hervorgerufen werden. 

Da eine praktische Auswertung dieses Ansatzes derzeit noch unabsehbare 
Schwierigkeiten hindern, entsteht das Bedürfnis, auf dem physiologischen 
Wege zu einer Sicherung der Arbeitshypothese vom Potential zu gelangen 
und womöglich das Verhalten eines Faktors dieses Potentials zu bestimmen. 
Es käme darauf an, festzustellen, welche Arten von Intensitätsdifferenzen 



1^4 Siegfried Bernfcld und Sergci Feitelberg 

zwischen Zentralapparat und Körper bestehen und welche Beziehung sie 
zur freien Energie haben. 

An sich wäre es gleichgültig, mit welcher Energieform die Untersuchung 
der Potentialfaktoren begonnen wird. Es liegt aber unserem Gedanken- 
gange, der von einem thermodynamischen Modell des Systems Person aus- 
gegangen ist, die Bevorzugung der Wärme nahe. Wir werden darin durch 
eine physiologische Überlegung bestärkt: „Bei dem großen Umfange, den 
gerade die Oxydationsprozesse in dem Nervensystem einnehmen, muß, zu- 
mal die Erzeugung anderer Energieformen fast gänzlich fehlt, die Bildung 
beträchtlicher Wärmemengen geradezu als Postulat erscheinen.' [ Winter- 
stein 10, S. 604.] 

Unsere Fragestellung hat die Physiologen bisher nicht beschäftigt. Doch 
findet sich in den vorliegenden Untersuchungen über die Gehirntemperatur, 
die mit genügend ausführlichen Tabellen und Kurven versehen sind, für 
unsere Zwecke vorläufig ausreichendes Material. 

Die vorhandenen Untersuchungen 1 gehen darauf aus, die Gehirn- 
temperatur mit der Temperatur der anderen Kürperorgane zu vergleichen 
und die Änderungen der Gehirntemperatur in bestimmten Zuständen 
(Wachen, Schlaf, Narkose) und unter der Wirkung verschiedenartiger Reize 
zu beobachten. 

Im allgemeinen ist nach den vorliegenden Experimenten die Temperatur 
des Gehirns niedriger als die der verglichenen Organe. Die Differenz 
zwischen der Temperatur des Gehirns und des Rektums wird z. B. von 
Mosso [S, S. 11] bei Hunden mit 0^41 8° für den Winter und o"o35° im 
Frühling (auf den Mastdarm bezogen) angegeben. Diese Tatsache ist bereits 
Davy [j] aufgefallen, der als erster den Versuch gemacht hat, Messungen 
der Gehirntemperatur (an Schafen) vorzunehmen. Doch gibt es eine be- 
achtliche Zahl von Fällen, wo die Temperatur des Gehirns die des Rektums 
und seltener auch die des arteriellen Blutes übertrifft. Eine Aufklärung 
dieser Verhältnisse steht noch aus. Herlitzka [6] fand, daß die Temperatur 
des Rückenmarks stets (mit einer einzigen Ausnahme) kleiner als die 
Temperatur der Peritonealhöhle ist. Aus Criles [)] Arbeit ergibt sich gleich- 
falls im allgemeinen höhere Temperatur, und zwar der Leber; auch hier 
mit einigen Ausnahmen. Für unsere Frage ist das Vorzeichen der Differenz 
ohne Belang, denn für unsere Fragestellung ist nicht das Vorzeichen, 
sondern das Verhalten der Differenz entscheidend. Wir betonen dies, da in 

1) Eine Übersicht der Literatur über die Temperatur des Nervensystems findet 
sich bei Soury [8, S. 1261], Mannino [7] und Winterstein [10]. 



Über die Temper«turdilTeren= zwischen Gehirn und Körper 170 

unserem Modell [2, Fig. 1. S. 82] die Kugel, die dem Zentralapparat ent- 
spricht, tatsächlich eine geringere Temperatur haben muß als der Zylinder, 
der den übrigen Körper repräsentiert. Das Potential aber des Systems Person, 
das in unserem Modell durch die Temperatur bestimmt ist, braucht mit 
der Temperaturdifferenz von Gehirn und Körper keineswegs identisch zu 
sein. Im Modell mußte die Kugel kälter als der Zylinder angenommen 
werden, weil der Energietransport als Wärmeleitung gedacht war. Für 
den lebenden Organismus aber gilt diese Einschränkung nicht, denn hier 
kann durch verschiedenartigste Einrichtungen ein Energietransport auch 
vom kälteren Systemteil in den wärmeren bewerkstelligt werden. Übrigens 
ist die Rektaltemperatur, die in den für uns verwertbaren Untersuchungen 
allein gemessen wurde, nicht der Körpertemperatur überhaupt gleichzusetzen; 
der Körper bildet bekanntlich kein homogenes Wärmeganzes, wobei das 
Rektum jedenfalls nicht die Stelle höchster Temperatur ist. Uns dient die 
Rektaltemperatur bloß als Anzeichen der Änderungen der durchschnittlichen 
Körpertemperatur; hiefür ist ihre Brauchbarkeit durch die medizinische 
Klinik bewiesen. 

Irgendeine Abhängigkeitsbeziehung zwischen Gehirn- und Körper- 
temperatur ist bisher nicht erkannt worden. Im Gegenteil formuliert 
Berger [/], daß die Gehirntemperatur unabhängig von der Rektaltemperatur 
sich ändere, und zwar erhöht sich die Gehirntemperatur im allgemeinen 
bei Arbeitsleistungen und Wahrnehmungen. Eine Beziehung zwischen den 
Änderungen der Rektal- und Gehirntemperatur ist gelegentlich von Mosso 
bei Schlafuntersuchungen beobachtet worden. „Wenn man die Kurven des 
Gehirns und des Mastdarmes vergleicht, dann sieht man, daß sie unter- 
einander divergieren" [cV, S. 132]. In neuerer Zeit stellte Herlitzka [6] fest, 
daß bei tetanischen und epileptischen Anfallen, die experimentell erzeugt 
werden, die Temperatur des Rückenmarks schneller als die der Peritoneal- 
höhle steigt. So stieg die Temperatur des Rückenmarks bei Strychnin- 
krämpfen im Verlaufe von zehn Minuten von 37"42° auf 38'g2°, während 
die der Peritonealhöhle sich von 38*46° nur auf 39*29° erhöhte. 

Da Mosso und Berger in ihren Publikationen die nötigen Angaben so- 
wohl für die Rektal- als auch für die Gehirntemperatur bringen, so ist 
es möglich, aus ihren Experimenten die Temperaturdifferenz zu berechnen 
und zu studieren. 

Für unsere Aufgabe der Feststellung des thermodynamischen Potentials 
des Systems Person ist das Temperaturgefälle vom Körper zum Gehirn 
maßgebend. Wir hätten also die Temperaturdifferenz 



~~ 



17t 



Siegfried Bemfeld und Scrgei Feitelberg 



AT—T,— T 2 

wobei T, die Körpertemperatur, T 3 die Gehirntemperatur bedeute, fest- 
zustellen, d. h. die Differenz zwischen den beobachteten Temperaturen des 
Rektums und des Gehirns in den einzelnen Zeitpunkten zu berechnen. 
Wo das Temperaturgefälle umgekehrt verlauft, ergeben sich in unserer 
Berechnung negative Werte. Wie wir oben bemerkten, ist für die vor- 
liegende Arbeit das Vorzeichen der Differenz ohne Belang, da es ausschließ- 
lich auf das Verhalten der Temperaturdifferenz in Abhängigkeit vom Ver- 
halten der Person ankommt. 

Diese Berechnungen haben wir an sämtlichen Tabellen von Berger 
durchgeführt und haben aus der älteren Arbeit von Mosso die fünf Kurven 
der Delphina Parodi als Stichprobe herangezogen. Diese Bevorzugung der 
Untersuchungen von Berger schien deshalb angezeigt, weil er die Thermo- 
meter stets in die Gehirnsubstanz selbst einführte, dabei aber keine schweren 
Läsionen setzte, während Mosso bei der Parodi das Thermometer nur an 
die Hirnrinde (nach Einführung in den Subduralraum) anlehnte, wobei 
unentscheidbar ist, ob das Thermometer auch in den Subarachnoidalraum 
eindrang, oder ob die Arachnoidea neben der Pia mater noch den Bulbus 
von der Hirnrinde trennte. 

Das Ergebnis unserer Berechnungen läßt sich in folgender Weise zu- 
sammenfassen: 

DieTemperaturdifferenz zwischen Zentralapparat und übrigem 
Körper steigt im Ruhezustand des Systems Person und sinkt bei dessen 
Arbeitsleistung en. 

Während sich bemerkenswerterweise weder die Körper- noch die Gehirn- 
temperatur in einer deutlichen Abhängigkeit zum Verhalten der Person 
entwickelt und sich die Erwartungsvorstellungen, mit denen die Gehirn- 
temperaturmessungen unternommen wurden, gar nicht oder nur sehr ein- 
geschränkt erfüllten, ist, soweit aus unserer Untersuchung geschlossen werden 
kann, die Abhängigkeit der Temperaturdifferenz vom Verhalten der Person 
einfach und eindeutig: 

Die Temperaturdifferenz benimmt sich genau so, wie sich die freie 
Energie des Systems Person benehmen müßte. Die freie Energie als Maß 
der Arbeitsfähigkeit des Systems Person muß bei Arbeitsleistungen sich 
verringern und im Ruhezustand anwachsen. 1 

1) Das Anwachsen der freien Energie im Ruhezustand tritt natürlich in keinem 
nhysikalischen abgeschlossenen System ein. Es ist aber eine wichtige Eigenschaft 



Ulier die Tcmperoturdifferen; iwisdien Gehirn und Körper 177 

Dieses Verhalten stützt unsere Auffassungen vom Systemdual, von der 
Libido als der freien Energie dieses Systemduals so sehr, gibt der auf diese 
Annahmen gebauten Möglichkeit einer Libidometrie einen so konkreten 
Inhalt, daß sich wohl eine spezielle Diskussion des empirischen Materials 
trotz seines physiologischen Charakters in einer psychoanalytischen Zeit- 
schrift rechtfertigt. 

Das Material, auf dem die Untersuchung beruht, wird am einfachsten 
in folgende fünf Gruppen zusammengefaßt: I) Experimente an Tieren 
(Schimpansen und Hunden) im Normalzustand; II) An Menschen im Normal- 
zustand; III) Im Schlaf; IV) In Narkose; V) Unter Wirkung von Drogen 
(Morphium, Hyascin, Curare). Die Versuche wurden sowohl von Mosso wie 
von Berger in der Weise durchgeführt, daß die Temperatur mit Queck- 
silberthermometern in trepanierten, beziehungsweise durch Wunden ge- 
öffneten Schädeln gemessen wurde. Bei Bergers Versuchen an Schimpansen 
wurden mehrere Trepanationen vorgenommen, um das Verhalten der Tem- 
peratur in den verschiedenen Hirnzentren zu vergleichen. Aus jeder der 
fünf Gruppen (I — V) bringen wir im folgenden eine Kurve als Beispiel 
mit spezieller Diskussion. 1 

I) Fig. 1. Das Thermometer befindet sich im Gyrus frontalis medialis 
des Schimpansen [Berger, I, S. 16]. An den Punkten der Kurve, die durch 
die Pfeile /, 2 und 4 gekennzeichnet sind, notiert der Beobachter Arbeits- 
leistungen. Die Kurve zeigt Verringerung der Temperaturdifferenz. Bei 
/ und 2 handelt es sich um heftige Bewegungen des Tieres, bei 4 um 
Schreien des ruhig liegenden Tieres. Bei 4 zeigt sich die Abnahme der 
Temperaturdifferenz als Verringerung des Anstieges, der bei 4 Uhr 39 Mi- 



des Systems Person, denn ihm ist die stete Wiederproduktion der freien Energie — 
der Libido — eine Lebensbedingung. Vgl. [2, Abschnitt III und V.] 

Um einer anderen mißverständlichen Auffassung zu begegnen, sei im Anschluß 
an jene Untersuchung angemerkt, daß hier mit den energetischen Änderungen im 
System Person nicht die Abnahme jener freien Energien gemeint ist, die in den 
Muskeln (System Zelle) gespeichert wurde und deren Abnahme bei Arbeitsleistungen 
(nach Helmholtz' klassischen Untersuchungen) eine Selbstverständlichkeit ist, sondern 
die Abnahme jener freien Energie, die als Potential des Systems Person (eines 
Systemduals) seine Tätigkeiten koordinierend lenkt. 

1) Die Kurven sind ursprünglich auf Millimeterpapier gezeichnet, doch ist die 
Ausziehung der Millimeterlinien bei der Herstellung der Klischiervorlage unterlassen 
worden, um die Deutlichkeit der Kurven nicht zu beeinträchtigen. Die Kurven nach 
Berger wurden aus seinen Tabellen berechnet. Jeder so bestimmte Punkt ist als • 
gekennzeichnet. Die Kurven nach Mosso wurden nach dessen Kurven graphisch er- 
miltelt, da er keine Tabellen angegeben hat. 

Imsgo XVI. 12 



i 7 8 



Siegfried Bcrnfcld und Scrgei Fcitclbcrg 



nuten eingesetzt hatte. Die quantitativen Unterschiede, die zwischen /, 2 
und 4 so auffällig sind, seien nicht diskutiert, so sehr sich der Gedanke 
aufdrängt, daß das bloße Schreien einen geringeren Energieaufwand dar- 
stellt als die Körperbewegungen. Da aber die Stelle, an der die Messungen 




vorgenommen wurden, natürlich nicht immer zusammentraf mit den für 
die zufällig beobachteten Aktionen belangvollen Zentren, so läßt sich eine 
quantitative Beziehung zwischen der Temperaturdifferenz und der Größe 
der Arbeitsleistung nicht erwarten. Wir werden daher im folgenden den 
quantitativen Verhältnissen keine Aufmerksamkeit schenken, sondern bloß 
die Richtung der Änderungen berücksichtigen. Bei ) notiert Berger Ruhe, 
dementsprechend steigt die Temperaturdifferenz. 

In diese Gruppe / gehören zwei Kurven von Berger ' und die Anfänge 
von drei Kurven von Berger. 3 Im ganzen hat Berger in diesen Kurven 
neun Aktions- und drei Buhebeobachtungen notiert; von denen nur eine, 
und zwar eine Aktionsbeobachtung unserer Verhaltensregel nicht entspricht. 
Bei dieser Abweichung handelt es sich um ein en Befreiungsversuch des 

1) Die Kurven 1 und 3 auf S. 16 und 20 in [/]. 

2) Die Kurven 2, 4 und 5 auf S. 18, 23, 25 in [;]. 



über die I cmperaturdiffereii; zwischen Genirn und Kö 



orpe 



179 



Tieres. Möglicherweise ist hier die Auswirkung der Aktion auf die Tem- 
peraturdifferenz durch begleitende Angst oder andere Affekte getrübt. In 
einem Fall, den wir mit den richtigen verrechnet haben, beginnt der Ruhe- 
anstieg der Kurve erst eine Minute nach der Ruhenotierung. 



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20 iS 30 M H> ri iO S! J J 10 IS W Zi 30 3S W 

Fig. 2 



II) Fig. 2 stellt die Änderungen der Temperaturdifferenz bei dem 
Mädchen Delphina Parodi nach den Reobachtungen von Mosso dar [8, 
S. 128]. Nach dessen Ansicht war das Thermometer im Sulcus Sylvii ge- 
legen. Bei den Punkten / bis 9 vermerkt Mosso Leistungen des Mädchens: 
Sprechen, Händedrücken, Zählen usw. Bei jeder Beobachtung ist Abnahme 
der Temperatur festzustellen, mit Ausnahme von 2, wobei Mosso Hand- 
pressen vermerkt. Es handelt sich offenbar um schwache Bewegung, denn 
gewöhnlich, so bei /, spricht Mosso ausdrücklich von „starkem Hand- 
pressen'. Bei J ist die Abnahme deutlich 1 . 

In die Gruppe // gehören eine Kurve von Berger 2 und Mossos Versuche 
an der Delphina Parodi vom 25. Juni und 26. Juni 1893 [8, S. 125 und 
128]. Es handelt sich um siebzehn Notierungen von Aktionen, von denen 
fünfzehn Abnahme zeigen und um zwei Ruhenotierungen, die beide Zu- 
nahmen zeigen. Die zwei Fehlpunkte sind Händedrücken und Kiefern- 
zusammenpressen. 

III) Fig. 5. Delphina Parodi, nach der Beobachtung Mossos vom 4. Juli 
J 893 [8, S. 175], zeigt die Änderungen der Temperaturdifferenz im Schlaf. 
Das Kind ist bei / „anscheinend** eingeschlafen und wird bei p geweckt. 
Deutlich im Gegensatz zu dem Kurvenstück vor dem Einschlafen und 

1) In Fig. 2, Punkt 4, j", 7 und 9 ergeben sich kleine Zeitdifferenzen, diese Laben 
wir bei Verschiebungen bis zu 1 Minute zu den richtigen, bei größeren zu den falschen 
Fällen gerechnet. Es handelt sich hiebei um Ungenauigkeiten, die vom Fehlen der 
Tabellen zu den Kurven von Mosso herrühren. Siehe S. 177, Anmerkung 2. 

2) I, die Kurve 15 auf S. 66. 



12- 



iSo 



Siegfried Bern fehl und Scrgei FcitclUerg 



nach dem Erwachen zeigt die Kurve bis 4 allgemeinen Anstieg, der nach 
11 Uhr 15 Minuten wieder beginnt. Die Zeit von 4 bis 11 Uhr 10 Mi- 
nuten ist offenbar ein Schlaftal: bei 4 notiert Mosso spontane Arm- 
bewegungen, bei /: „spricht im Schlaf einige Worte, bewegt die Arme, 
kratzt sich." Noch deutlicher kommt die Tendenz zum Anstieg der Tem- 




fso 'ys~ *j »j iö SS fQ* s *» IS 10 IS 30 st *c *s 30 




' W SC 4J 11" S IS 10 25 JO SS *0 Ü SO SS 1p 3 



peraturdifferenz bei ungestörtem Schlaf zum Ausdruck, wenn die Abfall- 
stellen 2, 3, 7 und 8 zusammenfallen mit den Beobachtungen: „Schnar- 
chen" (2), „Berührung der Hand zur Pulskontrolle reaktives Zurückziehen 
der Hand" (j), „Sprechen im Schlaf" (7 und 8). Bei allen diesen Aktionen 
findet Verringerung des Anstieges, beziehungsweise Abfall statt. Bemerkens- 
wert ist, daß bei 8 Mosso an den Gehirn- und Rektaltemperaturen keine 
Veränderung bemerkt, die erst in der Temperaturendifferenz deutlich zum 
Ausdruck kommt. 

In diese Gruppe /// gehören zwei Kurven (nach Mosso an Delphina 
Parodi vom 27. Juni und 4. Juli 1893 [8, S. 131 und 145]) mit zehn 
Aktionsangaben, bei denen ausnahmslos deutlicher Abfall, ganz wie bei 
den entsprechenden Punkten der Fig. 3 stattfindet. 



über die Temperaturdiffereni zwischen Gehirn und Körper 181 

IV) Fig. 4 (nach Kurve 2 bei Berger [/, S. 18]). 1 Um 4 Uhr 58 Minuten 
beginnt bei / die Chloroformierung des Schimpansen. Sie setzt ein mit 
dem üblichen Exzitationsstadium mit ent- 
sprechendem Abfall, der nach einer Mi- 
nute in Anstieg übergeht. 

In Kurve 5 (nach Berger 11 [i, S. 50]) 2 
wird bei / die Maske abgenommen, bei 
2 besteht noch tiefer Schlaf, bei ) treten 
Brechbewegungen ein und der Corneal- 
reflex wird nachweisbar; es findet also 
das Erwachen statt. Bei 6 wird die Maske 
wieder aufgesetzt, bei 7 erlischt der Cor- 

nealreflex, bei 8 ist wieder tiefe Narkose eingetreten. Alle Narkosekurven 
zeigen übereinstimmend, wie die Schlafkurven, deutlichen Anstieg während 



-005° 



- Ö.10' 





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V 



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Fig. 4 



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der Bewußtlosigkeit (von 4 Uhr 59 Minuten an). Es entspricht dies völlig der 
Verhaltensregel, die bei Buhe des Systems das Anwachsen der Temperatur- 

1) Thermometer im Sulcus Rolandi, in der Höhe des Gyrus frontalis medius. 

2) Thermometer in der Mitte des Gyrus frontalis medius. 



Siegfried BcrnfcU und Scrgei Fcitellierg 



differenz, die Ansammlung eines Vorrates freier Energie, ergibt. Beim Er- 
wachen verhalten sich alle Narkosekurven wie bei Arbeitsleistungen. Sie 
zeigen die Tendenz zur Abnahme (Fig. 5, Punkt 2 — 6). Dies Verhalten 
läßt sich im Zusammenhang mit einer Diskussion des energetischen Schlaf- 
mechanismus aufklären, für die hier nicht der Ort ist.' Unsere Verhaltens- 
regel wird aber dadurch nicht tangiert, da sie niebt sagen will, daß jede 
Abnahme der Temperaturdifferenz nur von Arbeitsleistungen bedingt ist. 
Es sei angemerkt, daß auch nicht jede Zunahme nur auf Ruhe zurück- 
zuführen ist, vielmehr läßt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit vermuten, 
daß hiebei auch Affekte (Angst) eine Rolle spielen. So würden sich ge- 
legentlich in den Kurven vorkommende Anstiege auf Angst deuten lassen, 

wofür Fig. 6 ein Beispiel sei. a 

Bei / bringt Berger eine Natter in 
das Operationszimmer, ohne sie dem 
Affen zu zeigen; nach einer Minute 
beginnt ein steiler Anstieg der Kurve; 
den wir geneigt wären, als Angst vor 
der gewitterten Schlange zu deuten. Bei 
2 wird die Natter dem Affen gezeigt; 
er beißt nach ihr; durch diese Aktion 
und Angstbewältigung mag das Auf- 
hören des Anstieges verursacht sein. 
Bei den fünf Beobachtungen über 
den Beginn der Narkose ist ausnahms- 
los ein Anstieg zu erkennen (in den 
Kurven 2, 7, 8 und 1 1 von Berger 
und nach der MossoKurve an der 
Parodi vom 19. Juli 1863 [/, S. 18, 
50, 54 und jo, beziehungsweise S, 
S. 154])- Unter zwanzig Aktionsbeobachtungen zeigen zwei Anstieg, unter 
neun Ruhebeobachtungen drei Abstieg. Die größere Quote der Fehler in 
diesen Fällen ist wohl den noch unbekannten Einzelheiten des Narkose- 
zustandes, der das normale Verhalten der Person stark beeinträchtigt, zu- 




zuschreiben. 



1) Es mag jedoch an unsere Auffassung- der Wahrnehmungsproiesse erinnert 
werden (2, Abschnitt II), wonach bei der Wahrnehmung eine Herabsetzung der per- 
sonierten Energie (= freie Energie oder Libido) eintritt. 

2) Nach Berger 5 [i, S. 20]. Thermometer im Labus parietalis superior. 









über die Tcmperaturdifleren: zwisdien Gehirn und Körper 



V) In den drei Kurven von Berger [/, die Kurven 4, 5 und 6 auf 
S. 23, 25 und 27], die unter der Wirkung von Hyascin und Morphium 
aufgenommen sind, ergeben sich unter vierzehn Aktionsbeobachtungen vier 
Fehler, unter 8 Ruhebeobachtungen zwei Fehler. Diese nicht mehr un- 
beträchtliche Fehlerzahl hat uns nicht gehindert, unsere Verhaltensregel 
oben allgemein zu formulieren, da unter der Wirkung dieser Drogen ein 
normales Verhalten des Systems noch weniger als unter der Nachwirkung 
der Narkose zu erwarten ist. Die immerhin nicht geringe Zahl der be- 
stätigenden Fälle fällt dabei um so entscheidender ins Gewicht, als an der 
Morphiumkurve die beiden Ruheabweichungen sich als nur scheinbar er- 
weisen, wenn die wahrscheinliche Wirkung des Morphiums in Rechnung 
gestellt wird. 



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Fig. 7 zeigt einen Ausschnitt aus der Morphiumkurve (nach Bergers 
Kurve 6, Schimpanse). 1 Bei / wird eine Injektion von 0*04 g morphinum 
muriaticum verabreicht (subkutan unter die Haut der Bauchdecken). Bei 2 
scheint die Injektionsmasse resorbiert zu sein, denn Berger notiert auf- 
fallende Ruhe. Bei ) und 4 ist Ruhe angemerkt. Bei / „schläft das Tier 
nicht". 2 und ß widersprechen offensichtlich der Regel, und sind vermut- 
lich spezifische Morphiumwirkungen. Bekanntlich ist die psychophysische 
Wirkung des Morphiums die (lustvolle) Herstellung einer Ruhesituation. 
Aus früheren Erörterungen gewinnen wir einen Anhaltspunkt für das 



1) [1, S. 27]. Thermometer im unteren Ende des Gyrus centralis posterior. 



i84 Siegfried BernfeU und Sergej Fcitclluirg 

libidometrische Verständnis eines solchen Vorganges. Wir haben zu zeigen 
versucht, daß bei Libidoabnahme Ruhezustände auftreten, die oft in den 
Schlaf übergehen. Es liegt also die Annahme nahe, die beruhigende Wirkung 
des Morphiums darauf zurückzuführen, daß es die Libido verringert, was 
der psychoanalytischen Erfahrung entspricht und durch die Kurve anschau- 
lich bestätigt wird. In der Zeit vom Beginn der Morphiumwirkung (laut 
Beobachtung des Verhaltens des Versuchstieres) um 5 Uhr 30 Minuten bis 
5 Uhr 36 Minuten, zeigt die Kurve einen geradlinigen Abfall an vier Be- 
obachtungspunkten . 

Das Zutrauen zur Temperaturdifferenz als Indikator für Libidoänderungen 
wird stark vermehrt, wenn bei äußerlich gleichartigen Ruhezuständen, wie 
bei Schlaf und Morphiumruhe, die psychologisch so sehr verschiedene 
Struktur haben, auch die Kurven sich verschiedenartig verhalten. 

Versuchen wir nun einen Überblick über die Zahl der richtigen und 
falschen Fälle zu gewinnen. In allen fünf Gruppen zusammen haben wir 
zweiundneunzig Beobachtungen, von denen achtundsiebzig der Regel ent- 
sprechen, vierzehn ihr widersprechen, von diesen Fehlern sind zwei in 
Gruppe 77, einer in Gruppe I aus den Versuchsbedingungen deutbar. Was 
eine noch sehr vorsichtige Berechnung von einundachtzig richtigen und 
elf falschen Fällen unter zweiundneunzig ergibt. Von diesen elf falschen 
Fällen kommen auf Gruppe IV (Narkose) und V (Drogen) neun. Für die 
Normalgruppen (I—IIT) allein ergibt sich also das durchaus befriedigende 
Ergebnis von drei Fehlern auf einundvierzig Beobachtungen. 

Das Ergebnis der Untersuchung, das noch durch die Experimente 
Herlitzkas [6] und Criles [)] bestätigt wird, scheint uns nachdrücklich darauf 
hinzuweisen, daß die Wärme im Libidohaushalt eine bedeutsame Rolle 
spielt; daß die Temperaturdifferenz zwischen dem Zentralapparat und dem 
übrigen Körper einen wichtigen Faktor des Potentials des Systems Person dar- 
stellt, die freie Energie durch sie daher vorläufig meßbar wird. Die Rolle der 
Wärme im Libidohaushalt entspricht der Bedeutung, die der Wärme für 
die Entstehung und die Funktionen des Organischen zukommt. Merk- 
würdigerweise zeigt die Wärme, wie es scheint, unter den Maschinen- 
bedingungen des Organismus dasjenige Verhalten, das von der freien Energie 
des Systems (der Libido) zu erwarten war. Das gibt den schon oft bemerkten 
Ähnlichkeiten zwischen Wärme und Psychischem (Entropie, Irreversibilität) 
einen experimentell faßbaren Inhalt. 

Diese Befunde gewinnen beträchtlich an theoretischer Bedeutung durch 
die Tatsache, daß nach vorliegenden Experimenten auch die elektrische 



Uuer die Tempernturdincreni zwismeu (jeliini und Körper i85 

Potentialdifferenz im System Person das gleiche Verhalten zeigt, wie die 
Temperaturdifferenz. Crile [4] hat durch umfangreiche Experimente das 
Verhalten der elektrischen Potentialdifferenz zwischen Gehirn, Fascien und 
Leber untersucht (Kaninchen). Er gelangt auf Grund seiner Experimente 
zu folgendem Ergebnis: 

„Erregung und Reizung, die durch physische Verletzungen, Medikamente 
oder andere Einflüsse erzeugt werden, verursachen einen sofortigen Abfall 
der Potentialdifferenz. 

Anästhetica, Narcotica, Blutungen, Erstickung verringern fortschreitend 
die Potentialdifferenz; falls sie den Nullpunkt erreicht, tritt der Tod ein. 

Bewußtsein und Tätigkeit werden anscheinend auf Kosten der Potential- 
differenz aufrechterhalten. 

Schlaf ist anscheinend notwendig, um eine ständige Potentialdifferenz 
im Gehirn zu unterhalten, da verlängerte Schlaflosigkeit die Potential- 
differenz zwischen Gehirn und der Fascie fortschreitend verringert. 

Das Leben eines Organismus besteht nur so lange, als Potentialdifferenzen 
innerhalb des Organismus unterhalten werden." ' 

Die von Crile gemessene elektrische Potentialdifferenz besteht demnach 
zwischen dem Zentralapparat und dem System Zelle des Systems Person 
(unserer Nomenklatur), sie steigt im Ruhezustande und sinkt bei Arbeits- 
leistungen, bei Wahrnehmungen und unter Wirkung von Narkotika. Die 
Postulierung eines Potentials der Person (Libido), die Unterscheidung 
von dessen Faktoren, deren einer die Wärme, ein anderer offenbar die 
Elektrizität ist, scheint demnach experimentell begründbar. 



Li 



teratur 



1) Hans Berger: Untersuchungen über die Temperatur des Gehirns. Jena 1910. 

2) Siegfried Bernfeld und Sergei Feitelberg: Über psychische Energie, Libido 
und deren Meßbarkeit. Imago, 1950, Bd. XVI, Heft 1. 

*) Georg W. Crile, Amy F. Rowland and S. W. Wallace: Bio-physical studies 
of the effects of various drogs upon the temperature of the brain and the liver. 
Journal of pharmacology and experimental therapeutics. 1923. Bd. XXI, S. 429. 

4) Georg W. Crile, Amy F. Rowland and Maria Telkes: An Interpretation of 
excitation, exhaustion and death in terms of physical constants. Proceedings of the 
national Academy of sciences of U. S. A. 1928. Bd. XIV, S. 532. 

5) J. Davy: An account of some experiments on animal heat. Philosophical 
transactions. 1814. S. 590. 

1) 4, S. 538. Von uns aus dem Englischen übersetzt. 



i8o Bernleid u. feitelnercr: über die Tempernturdillercnz zwi.sdien Czclurii und Körper 

6) Amedo Herlitzka: Sulla temperatura del midolo spinale durante la sua 
attivita. Nota prelim. Arch. di Sei. biol. 1928. Bd. XII, S. 595. 

7) Lorenzo Mannino: Sulla temperatura del cervello. Aimali di clinica medica 
e di medicina sperimentale. 1926. Neue Serie, Bd. XVI, S. 361. 

8) Angelo Mosso: Die Temperatur des Gehirns. Leipzig 1894. 

9) Jules Soury: Systeme nerveux central. Structure et fonetion. Paris 1899. 

10) Hans Winterstein: Stoffwechsel des Zentralnervensystems. In Band IX des 
Handbuches der normalen und pathologischen Physiologie: Allgemeine Physiologie 
der Nerven und des Zentralnervensystems. Berlin 1929, S. 604. 






Der Entropiesatz und der lodestrieb 



Siegfried Bernfeld und Sergei Jeitelberg 

Berlin Berlin 

In der psychoanalytischen Trieblehre nimmt der Todestrieb eine eigen- ~\ 
artige Stellung ein. Während ein Teil der Psychoanalytiker meint, ihn völlig 
entbehren zu können, operieren andere mit ihm, wie mit einem Stück Theorie, 
das auf gesicherter klinischer Erfahrung aufgebaut ist. Freud betont immer 
wieder den spekulativen Charakter des Todestriebes 1 und will die Einführung 
von Todestrieb und Erostrieb durchaus anders bewertet wissen, als seine 
übrigen Aufstellungen zur Libidotheorie. Die Libidotheorie erhält nach Freuds 
Meinung durch den Todestrieb ein spekulatives Moment, weil Freud hier 
über die Grenzen der psychologisch-psychoanalytischen Methode hinausgeht, 
indem Todestrieb und Eros biologische Tatbestände, ja allgemeines Natur- 
verhalten (Stabilitätsprinzip) erfassen wollen. Manche Unsicherheiten, Ver- 
wirrungen und Irrtümer rühren daher, daß die verschiedenen Bedeutungen, 
die so das gleiche Wort Trieb erhält, nicht immer genügend auseinander- 
gehalten werden [/]. 

Psychologisch, das heißt als konkrete Kräfte innerhalb der Person (Es, 
Ich und Über-Ich) unterscheidet Freud bekanntlich „Sexualtrieb und 
Destruktionstrieb". Diesen stehen „spekulativ" -biologisch „Eros und Todes- 
trieb" gegenüber, die nicht Kräfte in der Person meinen, sondern das all- 
gemeinste Verhalten der lebenden Substanz charakterisieren wollen. Sie sind 
Prinzipe, oder, wenn man will, Naturgewalten, aber nicht Triebe im engeren 
Sinn des Wortes. „Todestrieb" bezeichnet die Tatsache, daß alles Lebende 



i) Nicht nur in „Jenseits des Lustprinzips" [lt% sondern auch %. B. 12, S. 385 
und S. 387; r 3 , S. 170; 14, S. 222; r/, S. 91. 



i88 Siegfried Bernfeld und Sergei Feitel lierg 

von begrenzter Dauer ist, Anfang und Ende hat, und stellt den Lebenslauf 
als Wiederherstellung des leblosen Zustandes, aus dem das heben hervor- 
gegangen ist, dar. „Eros" bezeichnet die stete Verlängerung des Lebens durch 
die Tatsache der Fortpflanzung und die Zusammenballung immer größerer 
organischer Massen zu immer komplizierteren Einheiten. 

Diese klare, von Freud oft hervorgehobene Unterscheidung des „spekula- 
tiven" (biologischen) und des psychologischen Gesichtspunktes, konnte den- 
noch zu Mißverständnissen führen, weil Freud bemüht ist, diese Scheidung 
durch einen grundlegenden Gedanken wieder aufzuheben. Freud sucht die 
Verbindung zwischen den beiden Trieben (Sexualtrieb und Destruktionstrieb) 
und den außerpsychischen Naturgewalten Eros und Todestrieb. Er sucht die 
Entsprechungen für diese beiden im Ich, und findet den Sexualtrieb als den 
im Ich wirkenden Eros und den Destruktionstrieb als den im Ich wirken- 
den Todestrieb. Tatsächlich ist dieser Gedanke der eigentlich theoretische und 
er ist es auch, der einerseits Verwerfung als leere Spekulation erfährt, der 
anderesreits unkritisch wie ein bewiesenes Faktum verwendet wird. 

Der Entscheid, ob Freud eine nichts besagende Analogie spekulativ miß- 
braucht, oder ob er eine neue naturwissenschaftliche Theorie in Biologie 
und Psychologie eingeführt hat, ist um so dringender, als Freud die psycho- 
analytischen Grenzen nicht nur in die Biologie hin, sondern auch in die 
Physik überschritten hat, 1 indem er nachdrücklich betont, daß er den Todes- 
trieb mit dem allgemeinen Stabilitätsprinzip in der Natur identifiziere [//]. 
Für unsere theoretisch-psychologischen Bemühungen um Energie und Trieb 
wird dieser Entscheid insbesondere wichtig. Wir möchten ein Kriterium hier- 
für aus der naturwissenschaftlichen Methodologie übernehmen und meinen : 
Ähnlichkeiten zwischen physikalischen, biologischen, psychischen Prozessen 
dürfen als mehr denn bloße Analogie gewertet werden, wenn sie sich als 
spezielle Fälle eines umfassenderen Naturgesetzes erweisen lassen. 

Freud versteht den Todestrieb ausdrücklich als speziellen, biologischen 
Fall des Stabilitätsprinzipes [//]. Das Lustprinzip, das im Dienste des Todes- 
triebes steht, wäre der psychologische spezielle Fall des Stabilitätsprinzips. 
Die Gegner von Freuds Todestrieblehre, die Mystik und Religion in der 
Schrift „Jenseits des Lustprinzips" wittern, haben dies völlig übersehen. 
Die Verbindung physikalischer, biologischer, physiologischer und psycho- 
logischer Fakten und Gesetzmäßigkeiten ist weder unzulässig noch „unwissen- 
schaftlich , noch gar sinnlos. Es kommt ganz und gar darauf an, ob der 

1) Neuesten* auch nach der Kulturwissenschaft hin [//]. 



Der Entropiesat: und der lodestneb xgo 

Nachweis eines bisher unbekannten speziellen Falls für ein allgemeineres 
Gesetz konkret glückt. Aber Bemühungen, die diese Richtung einhalten, 
verdienen keineswegs Entwertung als spekulativ oder als a priori metho- 
dologisch unzulässig. 

Wie sehr die Freudsche Konzeption von bloßer physikalisch-psycho- 
logischer Analogisierung entfernt ist, zeigt eben das bedeutsame Stück 
der Freudschen Todestrieblehre, das das Lustprinzip als Spezialfall des 
Todestriebes hinstellt, als den Todestrieb auf der Systemhöhe Person er- 
kennt, würden wir sagen. Das Außerordentliche dieser Aufstellung ist ja 
gerade, daß sie augenscheinliche Gegensätze, nicht Analoga, unifiziert. 
Selbstbeobachtung, naive Auffassung und Wertung vermögen Tod und 
Lust nur als unversöhnliche Gegensätze zu sehen. Freud behauptet einen 
verborgenen Funktionszusammenhang der beiden anscheinend völlig hetero- 
nomen Sphären. 

Daß Freud den Nachweis dafür erbracht hätte, kann freilich nicht be- 
hauptet werden. Aber es ist auch keineswegs Freuds Absicht, die para- 
doxe und befremdliche Theorie bloß dogmatisch zu verkünden, sondern 
er entwickelt sie als echte Arbeitshypothese mit den Sätzen: „Das Lust- 
prinzip scheint geradezu im Dienste der Todestriebe zu stehen . . . hieran 
knüpfen sich ungezählte andere Fragen, deren Beantwortung jetzt nicht 
möglich ist. Man muß geduldig sein und auf weitere Mittel und Anlässe 
zu Forschung warten" [//, S. 257]. 

Es sei versucht zu prüfen, ob die Vorstellungen vom Systemdual und 
seinen Energien, die wir entwickelten [j, 4, y], ein geeignetes Mittel 
sind, die Freudschen Gedanken in einigen Punkten zu belegen. 

Das Stabilitätsprinzip, von dem Freud ausgeht, scheint uns aber keine 
genügend präzise und konkrete Formulierung der Tatbestände zu sein, die 
es meint. In der modernsten Fassung, der Petzoldschen, lautet dieses 
Prinzip: „Jedes sich selbst überlassene. in Entwicklung begriffene System, 
mündet schließlich in einen mehr oder weniger vollkommenen Dauer- 
zustand aus, oder doch in einen Zustand, der in sich selbst entweder 
überhaupt keine Bedingungen für eine weitere Änderung mehr trägt 
oder solche wenigstens eine geraume Zeil hindurch nur noch in gering- 
fügigem Maße enthält" [16, S. 241]. Ob man nun diese oder die sehr 
ähnliche Fechnersche oder Spencersche Formulierung zugrunde legt [6] 
— das Stabilitätsprinzip sagt eigentlich nicht mehr, als daß alle Bewe- 
gung oder auch alle Änderung von begrenzter Dauer ist; womit, unbe- 
schadet eines vielleicht vorhandenen philosophischen Gehalts, kaum ein 






i<)o SiegfrieJ BernfclJ und Sergej Feitclbcrg 

belangvoller Fortschritt über das naive Wissen hinaus gegeben ist. Es 
wird auch nichts gewonnen, wenn der Ruhezustand als Tod analogisiert 
wird und das Prinzip dann lautet, alles Bewegte führe zum Tod. Noch 
mehr verringert den Wert des Prinzips die Überlegung, daß Bewegung 
und Ruhe, Leben und Tod Begriffe von relativer Bedeutung sind, die 
immer nur mit Bezug auf ein bestimmtes System im Vergleich zu anderen 
Systemen oder für eine bestimmte Systemhöhe faßbar sind. So bedeutet 
die „makrokosmische" Ruhe eines eben zur Erde gefallenen Steines inten- 
sivierte Bewegungen „mikrokosmischer" Natur (Wärmebewegung der Mole- 
küle), so bedeutet der Ruhezustand des schlafenden Menschen Ruhe im 
System Person, aber intensivierte Tätigkeit (Wachstum) der integrierten 
Systeme Zelle. Ruhe und Bewegung, Leben und Tod können überhaupt 
nur durcheinander definiert werden, d. h. sie sind dialektische Gegensätze. 
Solange wir allgemeinste Verhaltensweisen aus ihnen deduzieren, ver- 
bleiben wir auf dem Boden der Philosophie. 

Prägnant und konkret sind die vom Stabilitätsprinzip gemeinten Tat- 
sachen in der Energielehre formuliert. Ob die Energietheorie den Inhalt 
des Stabilitätsprinzips physikalisch erschöpft, bleibe unerörtert. Wir be- 
schränken uns auf die Energielehre, weil sie theoretisch weit genug 
gediehen ist und weil sie für unsere psychoanalytische Fragestellung zu 
allererst in Betracht kommt. Die Energielehre erfaßt Quantität und Rich- 
tung jener Veränderungen, von denen das Stabilitätsprinzip spricht, und 
formuliert eindeutig jenen Zustand, der in der Sprache des Stabilitäts- 
prinzips unbestimmt Ruhe oder Tod heißt. Der zweite Hauptsatz der 
Energielehre besagt, daß die Gesamtheit physikalischer Vorgänge in einem 
abgeschlossenen System eine bestimmte Richtung innehält, nämlich auf 
Ausgleich der Intensitätsdifferenzen der Energien des Systems; es wird ein 
Zustand angestrebt, in dem keine Intensitätsdifferenzen mehr bestehen, in- 
dem also auch keine Bewegung mehr durch endosysteme Faktoren allein 
bewirkt werden kann. Da nur bei dem Ausgleich von Temperaturdiffe- 
renzen solche endgültige Entwertung eintritt (bei dem Ausgleich mechani- 
scher Intensitätsdifferenzen treten Schwingungen auf, die im Prozeß des 
Ausgleiches neue Intensitätsdifferenzen schaffen), bedeutet die Aussage des 
zweiten Hauptsatzes, daß dieser maximale Buhezustand nur eintreten kann, 
wenn alle Energien sich in Wärme verwandelt haben. 

Dieser Zustand, zu dem jedes geschlossene System (also vielleicht das 
ganze Universum) tendiert, enthält maximale Dauerhaftigkeit, denn er 
muß so lange währen, als die Abgeschlossenheit des Systems (des Univer- 



Der Entropiesais und der I odestrieb jgi 



sums) währt. Von einem absoluten Ruhezustand wäre aber auch dabei 
keine Rede, denn die „mikrokosmischen Wärmeschwingungen der Mole- 
küle bleiben bestehen. Wegen der makrokosmischen dauernden Starre des 
Systems in seinem „Endzustand" hat man ihn mit dem Tod analogisiert 
und „Wärmetod" genannt. Ein präziserer Ausdruck ist „der wahrschein- 
lichere Zustand" (Boltzmann), dessen Maß Entropie heißt. Wir wollen in 
der Folge diesen zweiten Hauptsatz der Energielehre nicht völlig genau, 
aber kurz Entropiesatz nennen und von der Entropiegesetzlichkeit oder 
dem Entropiestreben sprechen. 

An den „Wärmetod" haben interessante philosophische Diskussionen 
angeknüpft mit dem Bemühen, seine Vermeidbarkeit zu erweisen, oder 
wenigstens die Möglichkeit offen zu lassen, daß der Wärmetod nicht auch 
den Tod des Lebenden zur Folge habe. In geistreicher Weise hat Stern 
[ip, ao] hiefür das Fechnersche Gesetz herangezogen, das die denkbar 
günstigste Einrichtung für Organismen sei, die sich trotz stetig abnehmender 
Intensitätsdifferenzen in ihrer Umwelt erhalten wollen. Durch die Fechner- 
sche Gesetzlichkeit werden die Organismen nicht von der absoluten, sondern 
von der relativen Größe der Intensitätsdifferenzen abhängig; ihre Existenz 
bleibt also bis an den Nullpunkt möglich. Den wichtigsten Versuch neuerer 
Zeit, das Problem anzugreifen, hat Nernst [iS] unternommen, indem er 
mit Hilfe neuer physikalischer Erkenntnisse die Anwendung des Entropie- 
gesetzes auf das Universum als unstatthaft zu erweisen sucht. Für uns er- 
übrigt sich diese Diskussion, da wir es ausschließlich mit Systemen zu tun 
haben, die zeitlich und räumlich endlich sind. Für diese aber gilt der dritte 
Hauptsatz der Thermodynamik, das Nernstsche Theorem, nach dem es nicht 
möglich ist, in endlichen Systemen den Nullpunkt zu erreichen; zwar kann 
in einem konkreten System alle Energieintensitätsdifferenz ausgeglichen 
werden, so daß in ihm nur mehr Wärmeenergie vorhanden ist, aber es ist 
durch keinen exosystemen Einfluß möglich, diese Energie dem System 
gänzlich zu entziehen, also seine Temperatur auf den absoluten Nullpunkt 
zu bringen: „makrokosmisch" ist demnach „absolute" Ruhe erreichbar, aber 
mit ihr ist eine entsprechende Erhöhung „mikrokosmischer" (molekularer) 
Bewegung verbunden, und diese kann nie völlig vernichtet werden. Ab- 
solute Ruhe ist unerreichbar. 

Die Diskussion des Todestriebes geht statt vom Stabilitätsprinzip frucht- 
barer vom Entropiesatz aus. Es wäre zunächst zu fragen, ob der Todes- 
trieb als spezieller Fall des Entropiesatzes im Bereiche des or- 
ganischen Geschehens aufgefaßt werden kann. 






192 Siegfried Bernfeld und Serge! Fcitclbcrg 

Daß Freuds Gedankengänge in diese Richtung gehen, braucht an dieser 
Stelle nicht belegt zu werden; es will aber betont sein, daß selbst ein 
Nachweis der Identität von Entropiesatz und Todestrieb, von Tod und 
„Wahrscheinlichem Zustand" die Freudschen Gedankengänge nicht er- 
schöpfte. Denn eine bedeutsame Rolle spielt der historische Charakter 
aller Triebe auch für den Todestrieb, den Freud geradezu als Streben des 
Organischen zum früheren Zustand des Leblosen zurückzukehren, deutet. 
Von diesem historischen Moment muß bei der energetischen Betrachtung 
abgesehen werden. Die neuerliche ausdrückliche Betonung dieser Selbst- 
verständlichkeit möchte uns vor der Verwechslung mit Ostwaldscher oder 
ähnlicher Naturphilosophie und vor dem Vorwurf schützen, wir ersetzten 
Psychologie durch Physik. 

Den geforderten Nachweis können wir freilich auch in diesen Grenzen 
nicht erbringen, weil die heutige Biologie und Physiologie über die ersten 
Ansätze einer Energetik des Lebensprozesses noch nicht hinaus sind. Immer- 
hin steht fest, daß die Lebensvorgänge stationäre Prozesse sind. Für solche 
ist bezeichnend, daß bestimmte Bedingungen innerhalb des Systems einen 
Kreislauf der Energieverwandlung erzwingen, so daß die Ausgangsphase 
immer wieder erreicht wird. Solange die exosysteme Energiezufuhr gesichert 
ist, und solange die Bedingungen im System, die den Kreislauf verursachen, 
unverändert bleiben, dauert das stationäre System. Der „Tod" ereignet sich 
nur als Betriebsunfall. Tatsächlich geht die Auffassung vieler Biologen in diese 
Richtung. Durch die Lebensprozesse selbst (abgesehen von traumatischen 
Schäden) wird eine fortschreitende Verschlechterung der „Maschine" be- 
wirkt, die beim Anwachsen der sogenannten nekrobiotischen Prozesse zu 
einer gewissen Höhe, die endgültige Schädigung der Kreislauf bedingungen, den 
Tod, zur Folge hat. „Der Tod entwickelt sich aus dem Leben" [Verworn, 
20, S. 160]. Der Tod wäre gewissermaßen ein Betriebsunfall, der von Geburt 
an langer Hand durch die Unzulänglichkeiten des Betriebes vorbereitet 
wird. Er ist unvermeidlich, weil die Kreislauf bedingungen sehr kompliziert 
sind, die Rationalität der Maschine recht schlecht ist; er wäre aber prin- 
zipiell bloß Unfall, Unzulänglichkeit. 

Der „Tod als Ereignis", wie Ehrenberg [8, S. 29] sagt, der einmalige Vor- 
gang des Sterbens des Individuums geschähe demnach nicht im Dienste der 
Entropie. „Der Tod ist so wenig wie die Unterbrechung eines elektrischen 
Stromes ein energieliefernder Vorgang." [S, S. 29 f.] Man muß dagegen 
darauf hinweisen, daß die Folge des Todes der Zerfall des Systems ist, d. h. 
daß beträchtliche Intensitätsdifferenzen zwischen System und Umwelt ent- 



Der Eutropiesat: und der Todestiiet 



195 



stehen, die während des Lebens, eben durch das Leben, kompensiert wurden 
Allerdings hat der Zerfall nach einer gewissen Zeit den endlichen Ausgleich 
dieser während des Lebens kompensierten Differenzen zur Folge, den das 
Leben verhinderte. Diese Widersprüche klären sich bei der Verwendung 
unseres Begriffs von der Person als Systemdual. Wir unterscheiden die Vor- 
gänge in den Zellen von den Vorgängen im System Person. Der Tod ist 
ein Ereignis, das das System Person betrifft. Der Tod zerstört die regulierende 
Funktion des Systems Person, an die die Existenz der Zellen unzertrennlich 
gebunden ist, die nun zerfallen. Dadurch wird freilich die Erreichung des 
Gleichgewichts in dem System Zellen selbst beschleunigt, die aus den Lebens- 
Gesetzmäßigkeiten in die physikalischen übergehen. Für das System Zelle 
bedeutet der Tod seines übergeordneten Systems beschleunigten Ausgleich; 
der Tod des Systems Person steht, könnte man vorläufig sagen, „im Dienste 
der Entropie" der Zellen. Für die Entropie des Systems Person (für die Größe 
seines Potentials = Intensitätsdifferenz zwischen Zentralapparat und Körper) 
kann dem Tod aus dem Grunde keine konkrete Bedeutung beigemessen 
werden, weil durch den Tod gerade die Beziehung zwischen den Teilen 
des Systemduals aufgehoben worden ist. 1 Das System Person führt die ge- 
meinsame Energierechnung für die Zellen, und ist bemüht, seine „Energie- 
bilanz" im Gleichgewicht zu halten. Im Augenblick des Todes des Systems 
wird die Frage gegenstandslos, ob seine Buchführung stimmt, denn es gibt 
keine mehr. Die Zellen reißen die Barbestände an sich und jede führt 
ihr eigenes Buch, das der Physiker nun auf seine Energiebilanz prüfen 
kann. Die Frage kann also nicht sein, ob der Tod des Systems Person eine 
Entropievergrößerung des Systems Person bedeutet, 2 sondern ob das Leben 
des Systems Person diese Entropie vergrößernde Funktion hat. 

Soll der Todestrieb als Trieb nach dem Ereignis „Tod eines Individuums" 
aufgefaßt werden, so wäre er nicht als spezieller organischer Fall des Entropie- 
Satzes zu verstehen, sondern ist, was übrigens auch Freuds Meinung ist, 
historisch, wie jeder echte Trieb, determiniert. 

Dennoch läßt sich für das lebende Organische der Satz „Ziel alles Lebens 
ist der Tod bei entsprechender Definition der Begriffe, energetisch sehr 
wohl rechtfertigen. Erfreulicherweise kann hier ein Biologe referiert werden: 

1) Dasselbe scheint übrigens auch für das lebende System Zelle zu gelten, das ja 
gleichfalls ein Systemdual (von Plasma und Kern) niedrigerer Ordnung ist, dessen 
Tod durch die Kariolyse einsetzt. 

2) Eine Beobachtung Criles [4,8.556] scheint sogar auf das Gegenteil hinzudeuten, 
indem nach dem Tode die elektrische Potentialdifferenz zwischen Gehirn und KörDer 
die bei dem Ereignis den Wert O hatte, postmortal wieder ansteigt. 

Iraago XVI. 



,g4 Siegfried BernfelJ und Serge« Fcitelberg 



Auf dem Gedanken der Irreversibilität der elementaren Lebensvorgänge 
baut Ehrenberg eine theoretische Biologie auf. Das Leben besteht in 
dem kontinuierlichen Prozeß der Strukturierung, des Wachstums von Sub- 
stanz auf Kosten der Flüssigkeit, besteht im Verbrauch von Energieinten- 
sitäten zum Aufbau von Substanz, aus der keine Arbeit mehr gewonnen 
werden kann, die teils auf dem Körper ausgeschieden, teils in ihm, als 
Zellkernstruktur, als Apparatstruktur, niedergeschlagen wird. Die Struktur- 
substanz (der Kern der Zelle z. B.) bestimmt Geschwindigkeit, Intensität usw. 
der weiteren Lebensabläufe. Leben ist dieser Umsatz, dieses Substanz- 
Schaffen, dies Tod-Werden. Was wir das Leben eines Individuums nennen, 
ist die Integration zahlloser elementarer Lebensvorgänge (Biorrheusen) zu 
einer durch die Strukturen, die die Lebens Vorgänge schaffen, bestimmten 
Einheit. Jeder einzelne elementare Lebensvorgang führt zur irreversiblen 
Bindung der Energien in Struktur, zum „Tod". Das Leben des Individuums 
tendiert auf die Erfüllung seines „Vitalraumes mit Struktur; es ist in seiner 
Intensität und Dauer vom Gefälle zwischen dem „Vitalraum" und dessen 
Strukturerfülltheit bestimmt. An beliebiger Stelle vor dem — wohl nie 
erreichbaren — Ende kann das „Ereignis Tod" den Prozeß Leben-Tod 
zum Stillstand bringen [6]. 

Wenn Freud dem Organischen die Tendenz zuschreibt, nach stabilen 
Zuständen zu streben, dauernde Ruhezustände zu erreichen, und den Exekutor 
dieser Tendenz Todestrieb nennt, so scheint die Erwartung nicht unberechtigt, 
daß die fortschreitende Biologie und Physiologie den strengen Beweis erbringen 
wird, daß diese Tendenz der spezielle Fall des Entropiesatzes für organische 
Systeme ist. Der Todestrieb (in dieser seiner biologisch-theoretischen Bedeu- 
tung) ist, vom historischen Moment abgesehen, energietheoretisch als wissen- 
schaftliche und nicht bloß spekulative Aufstellung rechtfertigbar. Das Wort 
Tod freilich ebenso wie das Wort Trieb drängen gerade die historischen 
Momente am Systemverhalten in den Vordergrund und eröffnen leicht 
Möglichkeiten zu Mißverständnissen. Es würde sich darum empfehlen, dieser 
Deutung des Todestriebes, durchaus im Sinne Freuds, den Namen Nirwana- 
prinzip zu reservieren [io, S. 575]. 

Auch der Versuch, nun das Lustprinzip als den psychologischen 
Spezialfall des Entropiesatzes zu verstehen, muß vorläufig bei einem 
ersten theoretischen Ansatz stehen bleiben. Allerdings ist diese Frage grund- 
sätzlich innerhalb der psychoanalytischen Psychologie zum exakten Beweis 
zu bringen, falls es gelänge, Methoden zur Messung der Libido bis zur 
genügenden Brauchbarkeit zu entwickeln. Freud hat immer wieder gezeigt, 



Der Entropicsnt: und der fodestriet lf ,5 

daß die Fragen des Lustprinzips quantitative sind und hat sie als eigenen 
ökonomischen Gesichtspunkt gewürdigt. Freud stellt die ökonomische Hypo- 
these auf, Lust sei das Erlebnis der Abnahme von Erregungsgrößen inner- 
halb des Psychischen, Unlust das Erlebnis ihrer Zunahme. Freud läßt nicht 
unberücksichtigt, daß hierbei nicht die absoluten Quantitäten entscheiden und 
möglicherweise auch Qualitäten der Spannung wirksam sind [12, S. 375]. 
Wenn sich diese Erregungs- und Spannungsgrößen experimentell als Energie- 
größen erwiesen, wäre der Beweis möglich, daß die Regulierung des ent- 
scheidenden Anteils alles Verhaltens der Person im Sinne des Entropiesatzes 
geschieht. 

Unser erster Versuch zur experimentell fundierten libidometrischen Be- 
rechnung [j] spricht entschieden für die Freudsche Lusttheorie, falls man 
sich bei der Diskussion vor vagen Analogien hütet. Unser Befund besagt, 
daß im Ruhezustand (Schlaf) das Potential der Person wächst. Die Ruhe ist 
demnach keine Entropievermehrung, sondern im Gegenteil steigen die 
Intensitätsdifferenzen nicht unbeträchtlich. Wollte man Ruhe mit „Entropie" 
analogisieren, so ergäbe sich ein für die psychoanalytische Trieblehre ungünstiges 
Resultat. Aber der Ruhezustand des Systems Person darf nicht wegen des 
Phänomens Ruhe als ein physikalischer Ausgleichszustand aufgefaßt werden. 
Im Schlaf ist offenbar das System Person zu beträchtlichem Teil ausgeschaltet. 
Mit dem Erwachen und bei motorischen Aktionen, die vom System Person 
reguliert werden, verringert sich das Potential augenblicklich. Unter Fest- 
haltung des Gedankens, daß die Person ein übergeordnetes System ist, darf 
man formulieren, daß die Funktion des Systems Person die Verringe- 
rung und Niedrigerhaltung des Potentials ist, das ansteigt, sowie die 
Person ausgeschaltet ist. Die Ausschaltung des Systems Person (Ruhezustand) 
schafft eine Energiesituation, die dem Entropiesatz entgegen ist, die Funktion 
des Systems steht also im „Dienste der Entropie". 

In einer der Schlafkurven nach Mosso [/, S. 180] zeigt sich bei unruhigem 
Schlaf, beim Sprechen im Schlaf usw. je Abnahme der Temperaturdifferenz 
(nach unserer Auffassung eines Faktors des Potentials). Die Vermutung ist 
nicht ganz von der Hand zu weisen, daß der Potentialabnahme während des 
Ruhezustandes das Träumen entspricht. Der Traum ist eine teilweise Wieder- 
einschaltung des Systems Person mit der Funktion, den Schlaf zu hüten. 
Ohne künftigen Experimenten vorzugreifen, könnte hierin eine weitere 
Bestätigung für die entropievergrößernde Wirksamkeit des Systems Person 
liegen. Wir gelangen so zu der Vorstellung, die mit den Ergebnissen der 
Schlafbiologie und -physiologie, wenn auch nicht mit deren Theorien, gut 

13* 



j<}6 Siegfried Bernfeld und Serge! Feilcllieig 



übereinstimmt, daß aus dem lebhaften Stoffwechsel der Zellen während des 
Schlafes sich ein ansehnliches Maß von Potentialdifferenz ansammelt, das 
nach Herabsetzung drängt. Die Person erwacht, die Energien werden personiert 
[4] und durch die psychischen Arbeitsleistungen während des Wachseins 
verringert. Das spontane Erwachen geschähe geradezu, weil das Potential 
zu groß geworden ist. 

In der Tat zeigen die Schlafkurven und Narkosekurven [/, S 181], daß 
mit dem Erwachen das Potential abzunehmen beginnt. Das teilweise Er- 
wachen, das Träumen mit seiner Erniedrigung des Potentials wäre auch 
von hier aus als „Hüter des Schlafes" zu verstehen. 

Das wache, ausgeruhte System besitzt einen großen Vorrat an Potential, 
das erschöpfte System ein Minimum. Die offenbare Aufzehrung des Poten- 
tials durch die Leistungen des Systems Person scheint auf den ersten Blick 
eine energetisch fast selbstverständliche Sache zu sein. Denn Arbeitsleistungen 
verbrauchen Energie. Wenn wir uns aber vergegenwärtigen, daß während des 
Wachseins eine ständige Energiezufuhr in das System Person statt hat, z. B. 
durch die Wahrnehmung, wenn wir daran erinnern, daß eine Anzahl Überle- 
gungen uns genötigt haben, die Muskelleistungen nicht einfach als Verbrauch 
der Energien des Systems Person aufzufassen (vielmehr steigt gleichzeitig ein 
Anteil der Energien im System Person durch die Muskelarbeit) {4, S. 112], 
dann erhebt sich die Frage, in welcher Weise die potentialverringernde 
Funktion des Systems Person sich durchsetzt. Das wache, ausgeruhte Indi- 
viduum zeigt lebhafte Zuwendung zu den Reizen und Objekten der Um- 
welt, wird von Reizhunger getrieben, dessen Befriedigung Lust birgt. Ein 
Verhalten, das insbesondere für die Sexualtriebe als Objektzugewandtheit, 
als Bindung an Objekte charakteristisch ist, das aber auch im Bereich des 
Destruktionstriebs nachweisbar ist. Die Zuwendung zu den Objekten hat 
zur Folge, daß Energiezufuhren in das System stattfinden, die um so wider- 
sinniger zu sein scheinen, als eben das ausgeruhte System ein sehr hohes 
Potential besitzt, während das schläfrige mit niedrigem Potential sich den 
Reizen verschließt. Zunächst scheint dies Faktum des Beizhungers einer 
Tendenz des Systems Person, die „Erregungssumme" möglichst niedrig 
zu erhalten, strikt zu widersprechen. Wir stoßen hier in psychologischer 
Fassung auf dasselbe Problem, das die Lebenstriebe dem Nirwanaprinzip 
bieten. 1 

1) Der Versuch, das Problem des Reizhungers und der Reizlust in Übereinstimmung 
mit dem Nirwanaprinzip zu lösen, den Bernfeld [7] unternommen hat, erfährt durch 
die folgenden Ausführungen eine präzisierende Modifikation. 



Der lLntropiC5ats und der 1 odestrieb 107 

Liegt hier wirklich ein Widerspruch zum Entropiesatz vor, so muß er 
aus den Maschinenbedingungen des Systems Person verständlich und als 
letztlich bloß scheinbarer auflösbar sein. Im thermodynamisch-osmotischen 
Modell des Systemduals Person [4, S. 82] entsteht die Potentialdifferenz 
zwischen Kugel (Zentralapparat) und Zylinder (System Zelle gleich „Körper") 
dadurch, daß die Kugel eine niedrigere Ausgangstemperatur hat als der 
Zylinder. Der autonome Temperaturausgleich ist durch die Bedingung ver- 
hindert, daß die Temperatur des Zylinders stets konstant erhalten werde. 
Die anscheinend einfachste Möglichkeit ein Minimum des Potentials — 
der Temperaturdifferenz — am Modell zu sichern, wäre die Verhinderung 
neuer Energiezufuhr in den Zylinder von außen her. Dies entspricht der 
naheliegenden psychologischen Vorstellung, daß durch die Vermeidung von 
Reizen, durch narzißtische Abschließung, das „Erregungsniveau" niedrig 
gehalten wird. Durch die Abschließung kann aber nur im Modell, jedoch 
nicht im lebenden Organismus das Potential erhalten werden, denn im 
lebenden Organismus wird das Potential endosystem erhöht. Potentialverrin- 
gerung kann an dem Modell nur durch Zufuhr neuer Energie in den Zylinder 
geschehen, die nach den Maschinenbedingungen an die Kugel abgeführt 
werden muß, so deren Temperatur erhöht und damit die Temperatur- 
differenz zwischen Zylinder und Kugel — das Potential — verringert. 
Diese Funktionsweise des Modells entspricht genau dem anscheinend so 
paradoxen Verhalten des Systems Person. Nur durch Zufuhr von Energie 
in das System kann sein Potential verringert werden. Die Zufuhr geschieht 
durch wache psychische Leistungen und ist durch das psychische Phänomen 
des Reizhungers gewährleistet. Die der Außenwelt zugewendete Libido, alle 
Aktionen der Selbsterhaltung und ein guter Teil der Handlungen des Destruk- 
tionstriebes, erfüllen energetisch die Funktion des Abbaus der Intensitäts- 
differenz im System Person, der Herabsetzung seines Potentials; also die 
Funktion des Entropiewachstums des Systems Person. Für die energetische 
Betrachtung trifft Freuds Auffassung, daß die Lebenstriebe die Todesbahn 
sichern, genauestens zu. Das Lustprinzip ist der allgemeinste, bewußte 
Regulator des Verhaltens der Person. In seiner Funktion, Unlust zu ver- 
meiden, Lust aufzusuchen, in seiner modifizierten Entwicklungsform als 
Realitätsprinzip, vollzieht es die Herabminderung des Potentials im Sinne 
des Entropiesatzes. Das Lustprinzip erhöht zu Werten, zu Lustwerten, zu 
Lebenswerten jene Objekte, Handlungen und Affekte, die energetisch Ab- 
läufe in der Richtung der Entropiesteigerung des Systems Person sind. 
Ist die optimale Entropiegröße erreicht, nach Erfüllung seiner Aufgabe. 



ig8 Siegfried Bernfcld und Scrgci leilelberg 

„geht das System beruhigt schlafen", seine Funktion setzt aus. Ohne seine 
energieentwertende Arbeit steigt aber das Potential bald wieder zu einer 
Größe an, die das System Person zu neuer Arbeit weckt. 

Wenn so die Lusterlebnisse an Herabminderung des Potentials gebunden 
sind und wenn diese sich, man möchte sagen, als physikalische Gewalt 
durchsetzt, so erhebt sich eigentlich die Frage, wie es überhaupt zu Un- 
lusterlebnissen kommt oder zu anderen als ganz kurzen initialen Unlust- 
spannungen, die alsbald lustvoll abgeglichen werden? 

Es liegt, nach Fechner- Freud, nahe, den Unlusterlebnissen Vorgänge im 
System Person zuzuordnen, die den Lustbedingungen entgegengesetzt sind, 
also anzunehmen, Unlust trete dann auf, wenn das Potential des Systems 
Person zunimmt. Welches sind die Bedingungen im Systemdual, unter 
denen solche andauernde Zunahme des Potentials, entgegen der „natür- 
lichen Richtung" der Naturvorgänge, eintreten kann? 

Bei der Besprechung der Wahrnehmung haben wir zu zeigen versucht 
[4, S. 80 und S. 88 f.], wie durch die Wirkung der Intensitäten der Umwelt, 
Energien dem System Person zugeführt werden, und wie durch Personierung 
dieser Energie das Potential verringert wird. Die zugeführte Energie ge- 
langt durch die Sinnesorgane in den Zentralapparat. Durch diese Abgabe 
der Energie an den Zentralapparat, durch ihre Personierung, d. h. durch 
die Erhöhung des Energieniveaus an dem einen Teil des Systemduals, wird 
die Abnahme des Potentials erreicht. Andererseits ist diese Abgabe an das 
Bestehen einer Intensitätsdifferenz zwischen den Zellen und dem Zentral- 
apparat, also an das Vorhandensein des Potentials gebunden. Bei einer 
weitgehenden Verminderung muß die Bewältigung der Energien, die dem 
System von der Außenwelt durch die Reize zugeführt werden, auf Schwierig- 
keiten stoßen. Die zugeführte Energie wird in den Sinnesorganen, im 
Systemteil Zelle — am Modell: im Zylinder — verbleiben müssen, dessen 
Intensität erhöhen, also ein Steigen des Potentials herbeiführen. So zeigt 
sich, daß die Vorstellung vom Systemdual auch eine energetische Deutung 
der Unlust ermöglicht. Diese ist an Zustände mit geringem Potential ge- 
bunden, wie sie bei der Ermüdung, vor dem Einschlafen, angenommen 
seien: was auch mit der Empirie übereinstimmt, denn diese Zustände sind 
dadurch ausgezeichnet, daß Reize als unlustvoll erlebt werden, ihre Ursachen 

die Objekte — gemieden und ausgeschaltet werden. 

Ist das Verhalten der Person bei hohem Potential durch eine Zuwendung 
zu den Objekten, durch ein libidinöses Begehren nach ihnen ausgezeichnet, 
so könnte man den Zustand mit minimalem Potential (im Modell Gleichheit 



Der Entropiesut: und der Todestriel» 11)9 



der Temperatur des Zylinders und der Kugel), in dem Reize und Objekte 
gemieden werden, als Objektflucht, als narzißtisch beschreiben. Reizhunger 
und Objektflucht wären als zwei wohlunterscheidbare Verhaltensweisen 
des Systems Person energetisch wohl zu begreifen. Beide streben durch 
personale Regulation Entropie an, aber unter je verschiedenen Maschinen- 
bedingungen. Die Diskussion des Energiehaushaltes im Systemdual bei ge- 
ringem Potential gibt Auskunft auf die Frage, die am Schluß unserer 
zweiten Arbeit [4] offen gelassen werden mußte: Unlustvolle Bewußtseins- 
vorgänge treten dann auf, wenn die Intensitätsvermehrung im Zentralapparat, 
der Transport der Energien der Zellen zum Zentralapparat, erschwert ist. 

Daß also trotz des Lustprinzips und dem physikalischen Entropiestreben, 
dessen Wächter es ist, das menschliche Leben unter so viel Unlust ver- 
läuft, findet seinen Grund in den Bedingungen des Systemduals, die bei 
gewissem Zustand der Energieverteilung zu vorübergehender Dysfunktion 
führen. Daß diese Möglichkeit in der Tat so überaus reichlich realisiert 
wird, hat seinen Grund in all den sozialen und psychologischen Bedingungen 
und Komplizierungen des natürlichen Geschehensablaufs, über die die 
Psychoanalyse zureichende Auskunft zu geben vermag. Es sind historische 
Einwirkungen (ontogenetische, phylogenetische und durch die historisch 
gewordenen Bedingungen des sozialen Ortes, an dem das Individuum lebt, 
erzwungene Umwege), die der Person eine große Anzahl jener Handlungen 
verbieten, welche zu einer lustvollen Abgleichung der Spannungen führen 
würden. Mit einem Wort, die Triebeinschränkungen, die Realität und Über- 
Ich dem System Person auferlegen, sind die Quelle der überaus häufigen 
und der andauernden Unlustzustände. 

Sehr wahrscheinlich ist, daß konstitutionelle Faktoren, also ungewöhnliche 
Maschinenbedingungen, physiologische Erschwernisse für den Ausgleich der 
Potentialdifferenz (demnach Chance zu übermäßiger Unlustentwicklung) 
stiften; oder die Potentialdifferenz dauernd sehr niedrig erhalten, und so 
das betroffene Individuum reizflüchtig, reizüberempfindlich, apathisch und 
narzißtisch abgeschlossen machen. Es wäre vor allem zu erwarten, daß hier- 
bei pathologische Struktur des Zentralapparats bedeutsam beteiligt ist (wo- 
bei unter Struktur die Energiekapazität in beiden Bedeutungen des Wortes 
verstanden sei [4, S. 88 ff.J). 

Es scheint uns, soweit hierüber vor experimentell psychoanalytischer 
Arbeit eine Aussage möglich ist, sehr wohl denkbar, das Lustprinzip als 
speziellen Fall des Entropiesatzes auf der Systemhöhe der Person zu er- 
weisen. 



Siegfried Bernleid und Sergej Feitelbers 



Die Aufgabe, die dieser Arbeit gesetzt ist, kann aber damit noch nicht 
erledigt sein, denn der Gedankengang Freuds, den wir bisher ausschließ- 
lich verfolgten, hat in der psychoanalytischen Diskussion wenig Beachtung 
gefunden. Wenn vom Todestrieb geredet wird, stehen eine ganze Reihe 
anderer Elemente der Freudschen Konstruktion im Vordergrund. Vor allem 
das Sterben als Ereignis. Man kann gelegentlich bei psychoanalytischen 
Autoren die Auffassung finden, als wäre das frühe Hinsterben von Kindern 
oder auch von Erwachsenen eine Äußerung ihres Todestriebes (z. B. 
Ferenczi, 9). Wobei der Natur der Sache nach diese Meinung klinisch 
nicht belegbar ist, da es ja zum Wesen des Todestriebes gehört, unauf- 
fällig oder völlig unauffindbar zu sein. Vom energetisch -ökonomischen 
Gesichtspunkt aus kann die Berechtigung dieser Hypothese nicht ent- 
schieden werden. Hingegen sei darauf hingewiesen, daß jedenfalls das 
Sterben, wie wir oben ausführten, kein energetisch faßbarer Begriff ist, 
und biologisch wohl als Triebziel im eigentlichen Sinn des Wortes nicht 
aufgestellt werden kann. Daß Sterben und Tod auch kein Triebziel des 
Es sein können, hat Freud wiederholt betont. Es könnte sich also nur um 
ein Ich-Ziel oder um eine Über-Ich-Forderung handeln. Jedoch sei gerne 
zugegeben, daß anhaltend fehlendes Geliebtwerden, dauernde Unbefriedigung 
und Unlust für die Funktionskraft des Systems Person schädlich sein können. 
Beim Selbstmord scheint man allerdings geradezu vor einer Äußerung des 
„Todestriebes" zu stehen. Die Analyse zeigt freilich immer wieder nichts 
anderes, als komplizierte libidinöse Situationen, unerbittliche Über- Ich- 
Ansprüche, Identifizierungen und schließlich Haß gegen das eigene Ich 
oder den eigenen Körper, dessen Ursprung an Objekten nachweisbar zu 
sein pflegt. Was am Selbstmord rätselhaft bleibt, die Intensität des Hasses 
oder andere schwerfaßbare qualitative Eigentümlichkeiten, haben vielleicht 
mit dem Resultat, der Selbstzerstörung, wenig zu tun. Sie werden, wie 
der entsprechende Anteil des Sadismus, eher dem Destruktionstrieb als dem 
Todestrieb (Nirwanaprinzip) zuzuschreiben sein. 

Die eigentliche Schwierigkeit bildet in der psychoanalytischen Diskussion 
aber dieser Destruktionstrieb selbst. Wenn Freud in „Jenseits des Lustprinzips" 
den biologisch-spekulativen Todestrieb im Ich als Lustprinzip wiederfindet 
(worüber wir bisher ausschließlich gesprochen haben), so hat Freud seit- 
dem immer deutlicher eine Identifizierung des Todestriebes mit dem 
Destruktionstrieb vorgenommen; er verwendet beide Termini füreinander: 
„Todes- oder Destruktionstrieb." Und die Frage wäre, ob diese Identifi- 
zierung auch vom energetisch-ökonomischen Gesichtspunkt aus zu recht- 



Her X*ntropiesatr und «er lodestneb 



fertigen ist. Die folgende Erörterung zeigt, daß dies nicht möglich ist, 
wenn der Todestrieb, den Freud mit dem Destruktionstrieb identifiziert 
nicht selbst bereits einen anderen Sinn bekommen hat als jener Todes- 
trieb, der in „Jenseits des Lustprinzips" als Spezialfall des Stabilitätsprinzips 
aufgefaßt wurde. Aus Freuds Schriften der letzten Jahre ist darüber bündiger 
Entscheid nicht zu gewinnen. Aber es fällt doch auf, daß Freud den Todes- 
oder Destruktionstrieb ohne biologisch-theoretische Charakterisierung, schon 
gar nicht in Verbindung mit dem Stabilitätsprinzip, sondern immer nur 
als psychologische (als dynamische, nicht mehr als ökonomische) Gegeben- 
heit, als Gegenstück zum Sexualtrieb, nicht aber in Beziehung zum Lust- 
prinzip betrachtet. So heißt es z. ß. .- „Es ist zuzugestehen, daß wir letzteren 
(den Todestrieb) um so viel schwerer erfassen, gewissermaßen nur als Rück- 
stand hinter dem Eros erraten, und daß er uns sich entzieht, wo er nicht 
durch die Legierung mit dem Eros verraten wird." [ij, S. 96.] 

Destruktionstrieb und Sexualtrieb sind zwei wohlunterscheidbare Ver- 
haltensweisen der Person gegenüber ihrer Umwelt; sie sind zweifellos als 
zwei verschiedene Triebe verstehbar. Trieb ist der Drang nach Wieder- 
herstellung einer verlorengegangenen Befriedigungssituation [//]. Wenn 
auch nicht deutlich eine bestimmte Befriedigungssituation angebbar ist, die 
je einem dieser beiden Triebe ausschließlich zukäme, so ist doch im ganzen 
die Richtung des Destruktionstriebes die Wiederherstellung der Befriedi- 
gungssituation durch Vernichtung der Umwelt und wohl auch durch Ab- 
schluß von den Objekten; die Bichtung des Sexualtriebes: durch Zuwendung 
zur Umwelt, durch Festhaltung der Objekte, also durch deren Erhaltung, 
die Befriedigung zu erreichen. Liebe bezeichnet den einen, Haß bezeichnet 
den anderen Trieb. Diese beiden Triebe sind gewiß biologischer Natur, 
aber nicht wie der Todestrieb bloß biologisch-theoretisch, sondern diese 
beiden wohlunterscheidbaren Verhalten sind auch in der Tierwelt bis zu 
den Protozoen als konkrete Fakta nachweisbar. Wenn Freud die Bemer- 
kung macht, daß es der Psychoanalyse so merkwürdig schwer wurde, den 
Destruktionstrieb anzuerkennen [//, S. 94], so ist dem Biologen gerade 
das Destruktionsverhalten, das unbestreitbar gegebene, während Handlungen 
der Liebe, die nicht mit einem destruktiv gefärbten Sexualtrieb verbunden 
wären, schwieriger aufzufinden sind. Auch beim Studium der frühesten 
Kindheit zeigt sich deutlich, daß ursprünglich, in den ersten Lebenswochen, 
jenes Verhalten, das die Beize der Umwelt ablehnt, sich vor ihnen ver- 
schließt, sie „haßt", vorherrschend ist [Bernfeld, i). Wenn allmählich die 
Umwelt interessant und reizvoll zu werden beginnt, so richtet sich zu- 



SiegfrieJ BernfelJ und Sergci FeitelbiTjj 



nächst der Trieb des Säuglings darauf, sich ihrer zu bemächtigen, um sie 
oral zu vernichten oder wegzuwerfen; schließlich mündet dieser Bemächti- 
gungsdrang in eine aktive, aggressive, destruktive Phase, die der prägeni- 
talen Entwicklung des Kindes einen deutlich sadistischen Charakter gibt. 
In der „Psychologie des Säuglings" [/] werden alle diese Fakten nach 
ihrem ursprünglichsten Ziel: die durch die Störungswerte der Umwelt und 
durch die Hungerreize unterbrochene Schlafruhe wiederherzustellen, als 
„Ruhetrieb" unifiziert. „Destruktionstrieb bezeichnet aber die spätere Ent- 
wicklung sehr viel klarer. Er ist der exquisit konservative Trieb, der die 
Erhaltung des Schlafzustandes, der narzißtischen Ruhe, intendiert, die Welt 
als Störung erlebt und behandelt, sich ihr entzieht oder sie vernichtet. 
Ontogenetisch ist der Destruktionstrieb als Schlafhüter, als Hunger, als 
Bemächtigungsdrang der ursprünglichere. In Anlehnung an seine Befriedi- 
gung erfährt der Säugling die Lust der erogenen Zonen und entwickelt 
durch Milderung, Einschränkung und Verwandlung der Destruktionstrieb- 
handlungen Zärtlichkeitsäußerungen, libidinöse Objektzugewandtheit. 1 

Beim Studium des Sexualtriebes und des Destruktionslriebes (auch bei 
der Ausdehnung dieses Studiums auf die Lebewesen überhaupt), bei der 
Aufzeigung ihrer Unterschiede, ihrer Entstehung, ihrer gegenseitigen Be- 
dingtheiten, der Geschichte ihrer Triebziele, der individuellen und säku- 
laren Entwicklung der Befriedigungsmittel bleiben wir im Reiche des 
Qualitativen. Es sind Fragestellungen, die Freuds dynamischem Gesichts- 
punkt zugehören. Wenn auch die Triebe allgemein charakterisierbar sind 
als auf Befriedigung gerichtet und wenn die Befriedigung auch tatsächlich 
die Herstellung eines Ruhe- oder Gleichgewichtszustandes ist, und selbst 

1) Die sehr enge Beziehung zwischen Narzißmus und Destruktionstrieb, die hier 
vertreten wird, und die von Bernfeld [i] ausführlich dargestellt wird, kann hier nicht 
näher begründet werden. In der Arbeit über Fascination [2] ist gezeigt worden, wie 
die Vorstufen libidinöser Identifizierung an die Bedingung der Unterdrückung der 
motorischen Aktion (Bemächtigung) gebunden sind. — Vielleicht liegt in dieser Rich- 
tung die Möglichkeit, zu konkreteren Vorstellungen über die Energie des Todes- oder 
Destruktionstriebes im Gegensatz zur Libido [ij, S. 95] zu gelangen. — In der fol- 
genden Bemerkung scheint Freud auf die Verwandtschaft zwischen NarziDmus und 
Destruktionstrieb und den Prozeß der Verbindung mit der Libido hinzuweisen: „Aber 
auch wo er ohne sexuelle Absicht auftritt, noch in der blindesten Zerstörungswut 
läßt sich nicht verkennen, daß seine Befriedigung mit einem außerordentlichen hohen 
narzißtischen Genuß verknüpft ist, indem sie dem Ich die Erfüllung einer alten All- 
macht zeigt. Gemäßigt und gebändigt, gleichsam zielgehemmt muß der Destruktions- 
trieb, auf die Objekte gerichtet, dem Ich die Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse 
und die Herrschaft über die Natur verschaffen" [//, S. 96]. Hierher ist vielleicht auch 
die Wendung zu rechnen, die Todestriebe wollten Ruhe haben und den Störenfried 
Eros . . . zur Ruhe bringen [6, S. 405]. 



Der Entropiesal; und der Todestrieb 



wenn dieser Gleichgewichtszustand der „Entspannung * identifizierbar wäre 
mit einem physikalischen Gleichgewichtszustand, so handelt es sich dabei 
doch nur um eine ganz allgemeine Aufstellung, die zur Charakterisierung 
eines Triebes, zur Unterscheidung von anderen Trieben nicht ausreicht. 
Die erstrebte Befriedigung (und wäre sie auch physikalisch Entropie Vermeh- 
rung des Systems) ist allemal eine historisch gewordene außerenergetisch 
mitbedingte, qualitativ bestimmte Situation. Energietheoretisch ist nur ihr 
quantitativer Aspekt sinnvoll betrachtbar. Das Qualitative und Historische 
gehört anderen Gesichtspunkten zu. Es wird freilich auch für den ener- 
getisch-ökonomischen Standpunkt erfaßbar, soweit es in die Maschinen- 
bedingungen des Systems oder der integrierten Untersysteme eingeht. Dies 
für den Fall Destruktionstrieb und Sexualtrieb zu prüfen, muß künftigen 
Forschungen überlassen bleiben. 

Doch sei eine Andeutung gewagt. Haben wir doch bei der Ableitung 
der Unlust aus den Maschinenbedingungen des Systemduals einen Zustand 
kennengelernt, bei dem durch die energetische Intensitätsverteilung, um 
das Minimum von Potential zu sichern, die Ausschaltung, Vernichtung der 
Reizquellen, also der Objekte, notwendig wird. Dies entspräche vielleicht 
der psychischen Situation, in der Außenweltreize als Störungswerte erlebt 
werden, die vernichtet werden müssen, wenn sie nicht ignoriert werden 
können, also dem Destruktionstrieb. 

Faßte man alle Aussagen, die Freud über den Todestrieb im Laufe der 
Zeit, von verschiedenen Gesichtspunkten ausgehend, bei verschiedenen An- 
lässen machte, als eine Einheit zusammen, weil sie mit demselben Wort 
Todestrieb bezeichnet sind, so gelangte man zu einem energetisch wider- 
spruchsvollen Gebilde, indes Freud mit Betrachtungen vom dynamischen 
und ökonomischen Gesichtspunkt aus wechselt. Für den Destruktionstrieb 
ist „Todestrieb " ein Synonym, hat als Partner den Sexualtrieb und ist ein 
dynamischer Begriff der Trieblehre, somit auch zugleich ein historischer, 
der qualitative Elemente entscheidend mitenthält. Er ist im Ich auffindbar, 
wie der Sexualtrieb, er erscheint natürlich meistens mit ihm gemischt und 
bietet vielleicht mehr, aber keine andersartigen, Forschungsprobleme als 
der Sexualtrieb. Bei seiner Ubiquität hat er biologische Geltung. Als psycho- 
physischer Grenzbegriff, wie der Sexualtrieb, ist er auch physiologischer 
Betrachtung zugänglich, nicht aber der energetischen. 

Etwas „anderes" als Destruktionstrieb ist der Todestrieb nur dann, wenn 
er als der biopsychische Spezialfall des Stabilitätsprinzips gemeint wird. 
Physikalisch prägnanter: wenn mit dem Wort Todestrieb das allgemeine 



3oA Siegfried Bemleld und Sergci Fcitcllicrg 

Entropiestreben aller Systeme in der Natur bezeichnet werden soll. Es würde 
sich empfehlen, solch allgemeines Systemverhalten nicht als Trieb zu be- 
zeichnen ; denn diese Terminologie verdunkelt das Problem : welche Funktion 
die Triebe (Destruktionstrieb und Sexualtrieb) für das allgemeine System- 
verhalten, den Ausgleich der Intensitätsdifferenzen haben. 

Sollten diese Betrachtungen einen richtigen Kern enthalten, so würde 
allerdings die Freudsche Konstruktion des Todestriebes die philosophische 
Schönheit verlieren, die sie so anziehend, aber auch so umstritten macht. 
Den Gegensätzen Destruktionstrieb und Sexualtrieb stellt nämlich Freud 
den Gegensatz von Todestrieb und Eros entgegen. In der biologisch-physi- 
kalischen Fassung des Todestriebes ist nun für den Eros kein Raum. Die 
Energielehre kennt keinen Partner, Gegenspieler und Gegenkämpfer gegen 
die Entropiegesetzlichkeit, wenigstens keinen anderen als die „Maschinen- 
bedingungen , welche gegebenenfalls den Weg zur Entropie verlängern 
und Umwege erzwingen. Auch die Zusammenfassung immer größerer Sub- 
stanzmengen zu Einheiten ist nicht die Richtung des physikalischen Geschehens, 
das vielmehr nicht nur die Zerstreuung der Energie, sondern auch die Zer- 
streuung der Substanz intendiert. Die philosophisch befriedigende Idee von 
„Antitodeskräften ist physikalisch kaum, energietheoretisch gewiß nicht 
sinnvoll. Der Todestrieb als Systemverhalten hat keinen Eros zur Seite. 
Eros ist kein allgemeines Systemverhalten, sondern für die organischen 
Systeme spezifisch. Ebenso wie die Tendenz zur Destruktion kein physi- 
kalisches Verhalten der Systeme ist, sondern gleichfalls für die organischen 
Systeme spezifisch ist. Diese beiden Verhaltensweisen haben im engsten 
Sinn des Wortes die Dignität des Triebes, der das Verhalten organischer 
Systeme von den anderen unterscheidet. 

Vielleicht hat man den Eindruck, daß diese Gedanken zu einem Monismus 
tendieren, der dem von Freud streng festgehaltenen Triebdualismus wider- 
spricht. Insbesondere mag sich bei unserer Gleichsetzung von Libido mit 
freier Energie (Potential der Person) [4, S. 104] eine Ähnlichkeit zu dem 
psychoenergetischen Monismus Jungs, seiner Gleichsetzung von Libido und 
Energie (Urlibido) aufdrängen. Eine Auseinandersetzung mit Jung sei an 
dieser Stelle vermieden. Was er Energetik nennt [77], hat mit dem physi- 
kalischen Begriff der Energie kaum das Wort gemeinsam. Gerade im Inter- 
esse der Durchführung des Triebdualismus muß die Einheitlichkeit der 
Energie und ihre Abgrenzung gegen die Mannigfaltigkeit (Dualismus) der 
Triebe scharf betont werden. Energie ist eine Maßgröße für die Fähig- 
keit, Arbeit zu leisten. Es ist also „dieselbe" Energie, die als Libido und 



Der Entropiesatr und der Todestrieb 206 



die als Triebkraft des Destruktionstriebs wirkt. Die freie Energie des Systems 
Person, sein Potential, kann nur, „monistisch berechnet, gemessen werden. 
Das Potential hat auch nur eine Richtung, wie alle Energiebewegung in 
der Natur, die auf Verringerung. Es liegt an den spezifisch organischen System- 
bedingungen, daß die Organismen diese eine Richtung auf zwei qualitativ 
so verschiedenen, phänomenal so entgegengesetzten und bewußt als so in- 
kommensurabel erlebten Wegen verfolgen müssen; psychoanalytisch: als 
Äußerungen des Destruktions- und Sexualtriebes. 

Wir haben versucht, über diese spezifischen Systembedingungen etwas 
zu erraten: Wenn energetische Prozesse in einem Systemdual unter den 
Maschinenbedingungen der Osmose so ablaufen, daß eine einheitliche Poten- 
tialdifferenz zwischen seinen beiden Systemteilen (Zentralapparat [Gehirn 
plus Nervensystem] und Zellen [Körper]) entsteht, so drängt die Entropie- 
gesetzlichkeit auf Herabminderung des Potentials. Dies kann, solange das 
Potential einen gewissen Minimumwert nicht überschreitet, durch Abschluß 
des Systems von Energiezufuhren aus der Außenwelt erreicht werden. Andern- 
falls aber nur, indem neue Energiemengen in das System zugeführt werden. 
Unser physikalisches Modell kann also auf zwei einander entgegengesetzten 
Wegen zur Erreichung seiner Entropie gelangen. Diese beiden Wege ent- 
sprechen dem narzißtisch-destruktiven und dem objektlibidinösen Verhalten. 
Genauer gesagt, diese beiden Triebverhalten sind in ihrem energetischen 
Anteil mit den beiden Modellverhalten identisch. So daß bei voller Auf- 
rechterhaltung des Triebdualismus, die Einheitlichkeit der Richtung des 
physikalischen Geschehens im System besteht. Ja, diese „Zurückführung" 
der beiden Triebe auf das sie beide umfassende einheitliche energetische 
Geschehen, sichert die Freudsche These, daß die beiden Triebsgruppen dyna- 
misch wesensverschieden sind. 

Das allgemeine Systemverhalten, das unter dem Namen des Le Chate- 
lierschen Prinzips bekannt ist [}] und das besagt, jedes System setze den 
Einflüssen der Außenwelt Widerstand entgegen, tendiere also auf „Selbst- 
erhaltung", ist eine spezielle Formulierung des umfassenderen Entropie- 
satzes. Es gilt für Systeme im stabilen Gleichgewicht. Das System Person 
kann sich nicht einfach im Sinne des Prinzips von Le Chatelier verhalten, 
weil es nur in besonderen Grenzzuständen ein stabiles Gleichgewicht (wenig- 
stens über kurze Zeiträume hin, z. B. im Schlaf) besitzt. In diesen Zu- 
ständen besteht das Systemverhalten auch tatsächlich nur in den einfachsten 
Handlungen des Widerstandes oder der Folgsamkeit, des „Ruhetriebes" (des 
Destruktionstriebes). Im allgemeinen aber hat es nicht nur die Aufgabe der 






206 Siegfried Bernfeld und Sergei Feitelnerg : Der EntropicsnU und der ToJejtrieb 

Außenwelt gegenüber zum Energieausgleich zu kommen, der bald zu einem 
stabilen Zustand führen würde, sondern hat die in seinem Innern ent- 
stehenden Energiedifferenzen zu bewältigen und hat daher den komplizier- 
teren Mechanismus des Reizhungers, des libidinösen Verhaltens, der Sexual- 
triebe, nötig. 

Es ergibt sich aus der Hypothese des Systemduals, daß die Dignität des 
Triebes, als des spezifischen Verhaltens lebender Systeme (osmotischer System- 
duale), bloß dem Sexual- und dem Destruktionstrieb zukommt, während der 
Todestrieb, im Sinne des Nirwanaprinzips, allgemeines Systemverhalten in 
der Natur ist, (somit auch der sogenannte „Selbsterhaltungstrieb [j]), das 
auf der Systemhöhe Person unter ihren historisch gewordenen Maschinen- 
bedingungen nur durch das Wirken von Destruktions- und Sexualtrieben 
gesichert wird. 

.Literatur ve rze icii n is 

1) Siegfried Bernfeld: Psychologie des Säuglings. Wien 1925. 

2) Siegfried Bernfeld: Faszination. Imago, 1928, Bd. XIV, S. 76. 

3) Siegfried Bernfeld und Sergei Peitelberg: Das Prinzip von Le Chatelier 
und der Selbsterhaltungstrieb. Imago, 1929, Bd. XV, S. 289. 

4) Siegfried Bernfeld und Sergei Feitelberg: Über psychische Energie, Libido 
nnd deren Meßbarkeit: Imago, 1930, Bd. XVI, S. 66. 

5) Siegfried Bernfeld und Sergei Feitelberg: Über die Temperatur di ff er enz. 
zwischen Gehirn und Körper. Imago, 1930, Bd. XVI, S. 173. 

6) Cohen-Kysper: Die mechanistischen Grundgesetze des Lebens. Leipzig 1914. 

7) Crile, Rowland und Telkes: An Interpretation of Excitation, Exhaustion 
and Death in Terms of Physical Constants. Proceedings of the National Academy 
of Sciences of U. S. A. 1928, Bd. XIV, S. 532. 

8) Rudolf Ehrenberg: Theoretische Biologie vom Standpunkte der Irreversibilität 
des elementaren Lebensablaufs. Berlin 1923. 

9") S. Ferenczi: Das unwillkommene Kind und sein Todestrieb. Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse. 1929, Bd. XV, S. 149. 

10J Freud: Das ökonomische Problem des Masochismus. Ges. Schriften, Bd. V, 
S. 374. 

11) Freud: Jenseits des Lustprinzips. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 189. 

12) Freud: Das Ich und das Es. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 353. 
13^ Freud: Selbstdarstellung. Ges. Schriften, Bd. XI, S. 118. 

14) Freud: Psychoanalyse und Libidotheorie. Ges. Schriften, Bd. XI, S. 201. 

15) Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Wien 1930. 

16) A. Herzberg: Das Stabilitätsprinzip in der modernen Psychologie. Annalen 
der Philosophie und philosophischen Kritik. 1929, Bd. VIII, S. 238. 

17) C. G. Jung: Über die Energetik der Seele. Zürich 1928. 

18) Nernst: Das Weltgebäude im Lichte der neueren Forschung. Berlin 1921. 
19} L. W. Stern: Der zweite Hauptsatz der Energetik und das Lebensproblem 

Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. 1903, Bd. CXXI, S. 175. 
20) Max Verworn: Allgemeine Physiologie. 6. AufInge. Jena 1915. 



1 endenden des loten, lodestnebe und 
1 riebe zum löten 



v 



IUI 



A. J. Westerman Holstijn 

Amsterdam 

Die im Jahre 1920 von Freud aufgestellte „Spekulation über die Todes- 
triebe hat Zustimmung und Bekämpfung erfahren. Obschon Freud selbst 
nur von Spekulation sprach, beruht diese Theorie auf vielen Tatsachen und 
Beobachtungen. „Jenseits des Lustprinzips" enthält viele verschiedene neue Ein- 
sichten, Auffassungen und Anregungen zum Weiterdenken. Die dialektische 
Weise, in welcher Freud den Stoff behandelte, und bald die Antithese zu 
den eben ponierten Thesen beleuchtete, hat es nicht leicht gemacht, nur 
in Betracht gezogene Möglichkeiten und die bleibenden Ansichten Freuds 
voneinander zu unterscheiden. Über ein paar der aufgeworfenen Fragen, 
bezüglich deren bis jetzt noch keine endgültige Übereinstimmung herrscht, 
möchte ich hier weiter denken. 

Erstens hat die Weise, auf welche die Ich-Triebe da behandelt wurden, 
manchen Widerspruch und manches Mißverständnis hervorgerufen. Daß die 
Selbsterhaltungstriebe, die man im allgemeinen als die Lebenstriebe par 
excellence aufzufassen gewohnt ist, als „Todestriebe" bezeichnet werden 
könnten, mit der Begründung, „daß der Organismus nur auf seine Weise 
sterben will" und darum sein Leben verteidigt, diese Auffassung macht, 
wie so manches Paradoxon, obwohl aus tiefem philosophischem Schauen 
oder biologischen Erwägungen entsprungen, einen kontradiktorischen, selbst 
humoristischen Eindruck, besonders wenn man beim empirisch Gegebenen 
bleiben möchte. Bekanntlich bekämpft Freud selbst diese Nomenklatur dann 
bald darauf auch wieder. 



3o8 A. .7. Wcstcrmiiu Holjtiji 



Vorausgeschickt sei, daß sich hier nur die Nomenklatur bekämpfen läßt, 
nicht die Abtrennung der Selbsterhaltungstriebe von den Sexualtrieben, die 
eine fundamentale Betrachtungsweise der Psychoanalyse ausmacht. Und auch 
die spätere, bei der Ich- Analyse deutlich gewordene Erkennung von narziß- 
tischen Selbsterhaltungs- (Ich-) Trieben neben den sonstigen Ich-Trieben 
ist ein Erwerb, der von jedem Psychoanalytiker anerkannt wird. Die Frage 
steht noch offen, was diese „sonstigen Ich-Triebe" sind. Die — vielleicht 
damit identische — Frage ist weiter: Wo denn die Todestriebe sind, wenn 
die Sexualität nicht so bezeichnet werden darf. 

Es ist das Bestehen dieser narzißtischen, also libidinösen Selbsterhaltungs- 
triebe, das Freud, wenn ich die bezüglichen Stellen richtig verstehe, dazu 
brachte, diese Triebe doch weiter zu den Lebenstrieben zu rechnen, weil 
er Sexualität und Lebenstriebe identifiziert (obschon er auch in den sexuellen 
Trieben doch wieder ein Todesstreben erkennt). 

Aber ich meine, selbst wenn es diese narzißtischen Ich-Triebe nicht 
gegeben hätte, wäre die Bezeichnung der Selbsterhaltungstriebe als Todes- 
triebe eine unerwünschte, eben weil die Empirie nur lehrt, daß es ein 
Streben gibt, den Tod so lange wie möglich hinauszuschieben, welches 
wir gewohnt sind „Selbsterhaltungstrieb" oder „Lebenstrieb" zu nennen. 
Und unsere empirisch psychologische Nomenklatur wollen wir nicht ohne 
zwingende Notwendigkeit ändern. Und wenn wir dann gezwungen sind, 
die Sexualität auch als Lebenstrieb zu bezeichnen, so würden wir uns auch 
nicht fürchten, damit in vitalistischen oder Jungschen Bahnen zu versanden. 
Denn unerschüttert bliebe unser rigoroses Gegenüberstellen von Ich-Trieben 
und Sexualtrieben, blieben die Tatsachen ihrer ganz anderen Organisation, 
ihrer verschiedener Ziele und Objekte, ihres gegenseitigen Kampfes. Wenn 
wir gezwungen sein würden, Ich-Triebe und Sexualität als Differenzierungen 
der vitalen Funktion zu sehen und in ihnen nichts anderes als dieselbe 
Energie des vitalen Geschehens, der Libido, oder wie man es nennen will, 
sehen könnten, die sich nur in ganz verschiedenen Bahnen differenziert 
hat, so wären wir damit noch keine „Vitalisten" oder „Monisten" geworden. 1 
Denn von den Vitalisten trennt uns erstens immer die Tatsache, daß unsere 
Libido nie mit einem „Elan vital" oder halb-substantiell gedachten mystischen 
Zauberkräften gleichgestellt werden darf, auch dann bliebe unsere „Libido" 

1) Freud selbst, obwohl er immer den „Dualismus" hochhält, „schaltet" in das 
Ich und das Es, S. 54, so: „als giibe es im Seelenleben eine verschiebbare Energie, 
die, an sich indifferent, zu einer <jualitativ differenzierten erotischen oder destruktiven 
Regung hinzutreten kann". 



Tendenien des Toten, Todestriebe und Triebe zum Töten aoq 



nur ein dynamischer Terminus, mit dem wir das Verhalten der Individuen 
kennzeichnen. Und psychologische oder biologische „Monisten" sind wir auch 
noch nicht, weil wir praktisch an erster Stelle bei dem beobachteten Dua- 
lismus verbleiben, der nicht aufgehoben wird durch die Tatsache, daß viel- 
leicht auch die Gegensätze einen gemeinsamen Ursprung haben, und daß 
das Gemeinsame an diesen Verschiedenheiten sich leicht nachweisen läßt. 1 

Aber vor dieser meines Erachtens also zu Unrecht gefürchteten Scylla 
der ursprünglichen Identität von Selbsterhaltungs- und Sexualtrieben sind 
wir befreit durch unsere Unterscheidung von narzißtischen und nicht narziß- 
tischen Ich-Trieben. Die narzißtischen Selbsterhaltungstriebe gehören zu 
den Lebenstrieben, die sonstigen Ich-Triebe können ganz anderer Natur sein, 
könnten Todestriebe sein. Doch da droht schon die Gharybdis (meines Er- 
achtens also ebensowenig gefährlich, wenn man den Sachverhalt richtig 
versteht). „Wenn auch die Selbsterhaltungstriebe libidinöser Natur sind", 
sagt Freud, 2 „dann haben wir vielleicht überhaupt keine anderen Triebe 
als libidinöse. Es sind wenigstens keine anderen zu sehen. Dann muß man 
aber doch den Kritikern Recht geben, die von Anfang an geahnt haben, 
die Psychoanalyse erkläre alles aus der Sexualität, oder den Neuerern, wie 
Jung, die, kurz entschlossen, Libido für .Triebkraft' überhaupt gebraucht 
haben." Aber es gibt doch Todestriebe und die retten uns aus der Charybdis: 
„Wir vermuten, daß im Ich noch andere als die libidinösen Selbsterhaltungs- 
triebe tätig sind, wir sollten nur imstande sein, sie aufzuzeigen." 

Wo sind also die Todestriebe? Daß sie überhaupt bestehen müssen, 
darüber sind die meisten von uns sich wohl einig, das zeigen die Über- 
legungen Freuds über die Tendenzen zur Ablebung von Vitaldifferenzen 
mit zwingender Deutlichkeit. Doch nun kommt wieder eine Schwierigkeit: 
Freud sieht sie an erster Stelle im Sadismus beziehungsweise im Destruk- 

i) „Unsere Auffassung war von Anfang an eine dualistische", sagt Freud, „und sie 
ist es heute schärfer denn zuvor, seitdem wir die Gegensätze nicht mehr Ich- und 
Sexualtriebe, sondern Lebens- und Todestriebe benennen. Jungs Libidotheorie ist 
dagegen eine monistische; daß er seine einzige Triebkraft Libido geheißen hat, mußte 
Verwirrung stiften". Ich glaube, auch ohne die Unterscheidung von Lebens- und Todes- 
trieben würde unsere Auffassung eine dualistische bleiben, wenn wir nur die Tat- 
sachen, die uns zu der dualistischen Auffassung nötigten, festhalten. Die monistische 
Auffassung Jungs dagegen hat große Verwirrung gestiftet durch ihre Verwischung 
dieser Grenzen und die tatsächliche — wenn auch theoretisch später von ihm bestrittene 
— Identifizierung der „Libido" mit vitalistischen „Lebenskräften", „Elan vital", usw. 
Wir müssen uns in der Psychologie beziehungsweise Biologie vor jeder Metaphysik hüten, müssen 
dem aprioristischen und endgültigen Dualismus ebenso fern bleiben als dem Monismus. Nur die 
Tatsachen sollen sprechen. 

2) Jenseits des Lustprinzips. Ges. Schriften, Bd. VI. S. 244. 

Imago XVI. n 



A. J. WcjUtiiijiii Holalijn 






tionstrieb. Nun gibt es unter den Psychoanalytikern viele, die hierin Freud 
nicht folgen können. Es ist sehr schwierig, in einer so typisch sexuellen, 
und scheinbar restlos sexuellen, Äußerung etwas Nichtsexuelles zu erkennen. 
Auch daß der „Todestrieb" sich in einer Tendenz zu töten äußern sollte, 
ist nicht sofort einleuchtend, kann aber erst eingehend diskutiert werden, 
wenn wir eine genaue Abgrenzung des Begriffes „Todestrieb" haben. Auch 
wird Schilders Auffassung viel Zustimmung finden, der schreibt:' „Schließ- 
lich muß es als fraglich bezeichnet werden, ob die sadistische Komponente 
des Sexuallebens einen Zusatz von Ich-Trieben zur Sexualität bedeute, oder 
ob sich nicht in der sadistischen Komponente des Sexuallebens die dem 
Sexualtrieb und dem Ich-Trieb gemeinsame Komponente des Fassens, Haltens, 
Sich-Bemächtigens zeige, welche auf den gemeinsamen Trieburgrund ver- 
weist, dem beide entspringen. 

Wir haben in der Annahme Freuds, daß die in allen Zellen tatsäch- 
lich bestehende Tendenz zur Ablebung von Vitaldifferenzen nach außen 
abgewendet werden kann, und sich dann als Tendenz, ein Objekt zu 
destruieren, äußern kann, wieder eine Spekulation zu sehen, die sehr ernst 
zu nehmen ist. Wir kennen ja bei der Libido einen ähnlichen Prozeß. 
Ich komme am Schlüsse dieses Artikels auf diese Auffassung zurück, will 
aber hier zunächst annehmen, daß dieser Zusammenhang noch in Frage 
steht, daß die Möglichkeit besteht, die Tendenz zu töten, zu destruieren, 
einfach wie früher als erotischen Partialtrieb, unabhängig vom „Todes- 
trieb", aufzufassen. Wir wollen also vorläufig bei der empirischen Auf- 
fassung bleiben, die nur einen Unterschied, zwischen dem Trieb zu destruieren 
und der Tendenz alles Lebens, auf den eigenen Tod hin gerichtet zu sein, sieht. 
Haben wir in der Wiederholungstendenz einen Todestrieb vor uns? 
Freud hat uns gezeigt, daß die Wiederholungstendenzen mit einem Streben 
nach Reizschutz in Verbindung stehen. Dieses Reizschutzsystem darf man 
„jenseits des Lustprinzips" gelagert denken — doch wird man auch hier 
wieder am ersten geneigt sein, es zunächst nur mit dem Selbsterhaltungs- 
trieb — also vorläufig Lebenstrieb — verbunden zu denken. 

„Mir will es scheinen, es sei fraglich, ob es denn überhaupt einen 
Todestrieb gebe, und ob nicht der Trieb nach dem Tode eine Verkleidung 
erotischer Strebungen sei, der Wunsch nach Wiedergeburt", sagt Schilder, 
(a. a. O.) und in vielen Fällen läßt sich gewiß zeigen, daß dies so ist, in den 
anderen wird man geneigt sein, es zu glauben. Wieder müssen wir fragen: 

Wo sind doch die Todestriebe? ^ 

1) Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage, S. 15. 



Tendenzen des Toten, Todestriebe und Triebe zum Töten 



Und doch müssen sie bestehen. Wer Freuds Gedankengängen in „Jenseits 
des Lustprinzips nur einigermaßen gefolgt ist, muß einsehen, daß in 
allem, was lebt (und nicht lebt), eine Tendenz nach Ausgleich von Span- 
nungen nach der Ruhe des Todes herrscht und daß diese Tendenz sich 
unbedingt in den psychischen vitalen Erscheinungen, im Verhalten der 
Lebewesen äußern muß. 

Jetzt muß ich zu Freud zurückkehren: „Die Tatsachen, die uns ver- 
anlaßt haben, an die Herrschaft des Lustprinzips im Seelenleben zu glauben, 
finden auch ihren Ausdruck in der Annahme, daß es ein Bestreben des 
seelischen Apparates sei, die in ihm vorhandene Quantität von Erregung 
möglichst niedrig oder wenigstens konstant zu erhalten." Ich glaube, wir 
sollten diese beiden Begriffe „möglichst niedrig' und „konstant noch von- 
einander trennen, denn das ist noch nicht dasselbe. Möglichst niedrig 
tendiert schließlich nach völliger Erregungslosigkeit. Konstanz will im Gegen- 
teil eine gewisse Erregung erhalten. Die Tendenz nach völliger Erregungs- 
losigkeit finden wir in der leblosen Natur überall. Da herrscht über die 
an die Materie gebundene Energie das Entropiegesetz, wodurch die Energie 
ausgeglichen, zerstreut wird, alles in unveränderliches Gleichgewicht ge- 
gebracht wird. Mit Recht machte Alexander 1 im Jahre 1921 die Be- 
merkung: „Der von Freud erkannte Todestrieb ist der in der Psyche 
widerspiegelnde Ausdruck dieses allgemeinsten Naturgesetzes, des Entropie- 
satzes, indem er von dem labileren Lebenszustand zu dem stabileren des 
Todes drängt." Diese Tendenz ist aber die typische Tendenz des Leblosen, 
nicht die des Lebens. Bei jeder lebenden Substanz imponiert zunächst das 
Gegenteil: „Der während des Lebensvorganges sich periodisch wiederholende 
Aufbau des komplizierten lebenden Moleküls aus einfachen leblosen Be- 
standteilen ist ein endothermer chemischer Vorgang, welcher von Verbin- 
dungen mit niedrigerer innerer Energie zu Verbindungen mit höherer innerer 
Energie führt, und als solcher die Aufnahme von äußerer Wärme oder 
von einer anderen Energieart braucht. z Diese an jedem lebenden Proto- 
plasma zu konstatierende Tendenz, kann man auch als Tendenz nach 
Ektropie bezeichnen. Wie nun diese Ektropietendenz entstanden ist, wird 
uns jetzt nicht interessieren, nur muß das tatsächliche Vorkommen dieser 
beiden Tendenzen im Psychischen (d. h. im Verhalten der lebenden In- 
dividuen) ausdrücklich festgestellt und ihr Wirken voneinander abgegrenzt 
werden . 



1) Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse. Bd. VII, S. 283. 

2) Alexander a. a. O., S. 282. 



■ 4' 



A. J. Wcsterman Holstijn 



Während wir die Entropietendenz, die Tendenz des Leblosen, im Streben 
nach „möglichst niedriger" Erregung wiederzuerkennen glaubten, scheint 
es mir, daß wir die Tendenz nach einer konstanten Erregung mit dem 
vitalen Geschehen verbunden denken müssen. Dieses ist nicht sofort ein- 
leuchtend und vielleicht auch nur mit einer Korrektur wahr. Tut nicht 
der sexuelle Trieb, den wir als Lebenstrieb par excellence betrachten, alles 
eher als nach Konstanz streben? Sehen wir da nicht einen fortwährenden 
Erregungswechsel, ein Anschwellen von Spannungen und einen raschen 
Abfall der Erregung? Gewiß, aber wir verfahren meines Erachtens ent- 
schieden falsch, wenn wir den kleinsten Spannungszustand — nach dem 
Orgasmus z. B. — als Erregungslosigkeit bezeichnen würden. Wo Leben 
ist, selbst im Schlaf, um so mehr im Nicht-Schlaf, ist immer eine gewisse 
innere Spannung und Erregung, ist ein für jedes Individuum vielleicht 
verschiedener vitaler Tonus, ist ein, wenn auch eventuell minimaler Kata- 
bolismus und Anabolismus, kurz, bleibt eine gewisse Ektropie bestehen. 
Hier muß ich erst wieder bei Freud Anschluß suchen. Wir lesen in 
„Jenseits des Lustprinzips": „Wir haben es als eine der frühesten und 
wichtigsten Funktionen des seelischen Apparates erkannt, die anlangenden 
Triebregungen zu .binden', den in ihnen herrschenden Primärvorgang 
durch den Sekundärvorgang zu ersetzen, ihre frei bewegliche Besetzungs- 
energie in vorwiegend ruhende (tonische) Besetzung umzuwandeln." Freud 
wirft dann die Frage auf, ob die Lust- und Unlustempfindungen von den 
gebundenen wie von den ungebundenen Erregungsvorgängen in gleicher 
Weise erzeugt werden können. „Da erscheint es dann ganz unzweifelhaft, 
daß die ungebundenen, die Primärvorgänge, weit intensivere Empfindungen 
nach beiden Bichtungen ergeben als die gebundenen, die des Sekundär- 
vorganges." — Ich glaube, die gebundene, tonische Energie gibt die Kon- 
stanz der Erregung, eine bewegliche Energie dagegen wird immer neu 
gebildet und wieder abgeführt, muß also die typische Inkonstanz erklären. 
So ist denn das Leben von der Erotik nicht zu trennen, die Erotik aber 
unterhält ununterbrochen eine bestimmte Spannung, die zwischen den von 
der an- und abfließenden beweglichen Energie gebildeten Polen: Bedürfnis 
und Befriedigung, hin und her pendelt. Hier könnte ein Beispiel erklärend 
wirken. Es gibt Leute, bei denen die Primärvorgänge das Verhalten mehr 
beherrschen, besonders Kinder und infantile Menschen, andere, bei denen 
die Sekundärvorgänge mehr in den Vordergrund treten. (Die Heymans- 
schen „primär" und „sekundär reagierenden Typen" korrespondieren zum 
Teil damit.) Der „Primäre" empfindet z. B. beim Sexualakt intensivste 



Tendenzen des loten, Todestriebe und Triebe zum Töten 



Lust beim Orgasmus, um nachher zu Lustlosigkeit abzusinken, wie die 
anschwellende Spannung vorher ihm auch ziemlich unlustvoll war. Der 
Koitus ist ihm ein Abreagieren von Spannungen. Ganzanders der „Sekundäre", 
dessen gebundene Energie konstant gebunden bleiben will, der die Liebe, 
die bleiben muß, meistens mehr sucht als die „Leidenschaft", die fliehen 
muß, — und die Liebe (die tonische Energie) verschwindet auch nach dem 
Koitus nicht, wie die freie Energie, die Leidenschaft, es wohl tut. Der 
„Sekundäre" findet fast ebenso große, oft größere Lust beim Anschwellen 
der freien Erregung wie beim Orgasmus und nachher. Niemand ist ganz 
„primär", niemand ganz „sekundär". Die gebundene Energie unterhält bei 
beiden eine (größere oder geringere) konstante Spannung, die aber zwischen 
den von der an- und abfließenden freien Energie gebildeten Polen Bedürfnis 
und Befriedigung (stärker oder weniger) hin und her pendelt. Kurz gesagt: 
Das Leben, die Erotik, strebt nach zwischen Bedürfnis und Befriedigung 
polarisierter Spannung von relativer Konstanz. 

Da wir nun das Bestreben des seelischen Apparates, die in ihm vor- 
handene Quantität von Erregung konstant zu erhalten, als ein typisch 
vitales Bestreben erkannten, stehen wir nun wieder vor der Frage, wo 
nun die Todestriebe sind, oder besser: wie doch die Entropietendenz aller 
Materie sich im lebenden Individuum äußert. Man könnte geneigt sein, 
das periodische Abfließen der freien Energie damit in Verbindung zu 
bringen. Aber wir sind doch gewohnt, gebundene und freie Energie als 
einander sehr verwandt zu betrachten, und wollen jedenfalls erst fragen, 
ob sich etwas genauer angeben läßt, womit die Todestriebe in einem Ab- 
hängigkeitsverhältnis stünden und wann, wo und wie die Entropietendenzen 
sich äußern mögen. 

Zuerst die Abhängigkeitsfrage. Wenn die Entropietendenz an die leb- 
lose Materie gebunden ist, muß jede Zunahme leblosen Stoffes im Organis- 
mus die Entropietendenz vermehren. Wenn wir einen Unterschied machen 
zwischen dem aktivsten, wenigst strukturierten Teil des Protoplasmas und 
zwischen allem, was im Protoplasma abgelagert wird, Exoplasma, Fibrillen, 
Knochen Substanz, Körnchen, Flüssigkeiten, Fett usw., dann sind solche Ab- 
lagerungen die am meisten „entlebten" Substanzen, nähern sich am meisten 
der anorganischen Substanz. Jede Zunahme von festen Stoffen in den Zellen 
des Organismus, jede Zunahme von chemischen Bestandteilen in Blut und 
Gewebflüssigkeiten, die einen gewissen, tolerierten Grad übersteigt, und an 
erster Stelle jede Zunahme ungewohnter Bestandteile in den Hirnzellen, 
muß die Entropietendenz steigern. Alles, was das Verhältnis zwischen 



2t4 A. J. Westermnn Holstijn 



unstrukturiertem Protoplasma und anorganischen oder organischen struktu- 
rierten Gebilden zugunsten der letzteren verschiebt, muß eine Verschiebung 
des Verhältnisses der Lebens- und Todestriebe zugunsten der letzteren zur 
Folge haben. Das muß also bei Ermüdungszuständen, wo die „Ermüdungs- 
stoffe" im Blut kreisen, zur Schlafenszeit, wenn die Dissimulationsprodukte 
in den Geweben ihren Höhepunkt erreichen, bei Krankheit und chronischen 
Intoxikationen' und vor allem beim Altern, wo wir die bekannten Alters- 
erscheinungen in den Zellen konstatieren, und bei den Intoxikations- 
psychosen (worunter wir mit Jelgersma nicht nur die exogenen Intoxi- 
kationen rechnen, sondern auch die endogenen Intoxikationspsychosen, wie 
Schizophrenie und genuine Epilepsie), wo wir öfters bestimmte Änderungen 
in den Gehirnzellen finden und eine noch nicht bekannte chemische Zu- 
sammensetzung des Blutes annehmen, der Fall sein. In diesen Fällen 
erwarten wir ein relatives Überwiegen der Todestriebe. 

Wie äußert sich nun der Todestrieb, der also von diesen organischen 
Veränderungen abhängig ist? 2 Wir müssen dazu die genannten Zustände, 
Ermüdung, Schlaf und Altern betrachten — und beim letzteren wird der 
Name „Todestrieb" am wenigsten bestritten werden können, denn die 
Folge der Altersveränderungen ist der Tod. Altern, Sterben und Tod müssen 
wohl als das widerspruchsloseste Beispiel der Existenz eines Todestriebes 
gelten. Daß das Individuum bewußt diesen Tod vielleicht gar nicht wünscht, 
sagt ebensowenig gegen die Existenz des Todestriebes als die Tatsache, daß 
viele den Tod wünschen, etwas für das Bestehen eines „Todestriebes" bei 
solchen Leuten besagt (denn meistens ist hier nur ein larvierter erotischer 
Trieb wirksam). Die Introspektion hat doch für den Psychoanalytiker nicht 
den geringsten Wahrheitswert. Wir rechnen nur mit dem tatsächlichen 
objektiven Verhalten und Tatsache ist, daß jeder Mensch stirbt, daß er 
dem Drange zu sterben ausnahmsloser Folge leistet als irgendeinem Drange 
sonst. Und ebenso unbestreitbar ist, daß dieser so effektive Todestrieb hervor- 

i) Die akuten Intoxikationen können durch Enthemmung oder Reizung von Nerven- 
zentren die Entropietendenz überdecken. 

2) Es läßt sich fragen, ob man in diesen Fällen nicht besser nicht von „Trieb" 
spräche, sondern nur von Entropietendenz. Hiebei handelt es sich ja um Tendenzen 
der toten Stoffe und vielleicht ist es besser, den Terminus „Trieb" für die Aktivität 
des lebendigen Protoplasmas zu reservieren. Aber die Entropietendenz (gemeinlich sagt 
man in diesem Zusammenhang „Giftwirkung") des Leblosen äußert sich hier doch im 
Verhalten des lebendigen Individuums, und was wir direkt studieren, sind nur Reaktionen 
der lebenden Individuen, die wir doch auf ihre Triebe zurückzuführen suchen. Auf 
den Ausdruck kommt es schließlich nicht so sehr an, wenn man nur die Begriffe 
auseinanderhält. 



Tendenzen lies Toten, Todestriebe und Triebe :um Töten 



geht aus einer relativen Atrophie des lebenden Protoplasmas, besonders der 
Hirnzellen, mit Zunahme von Zerfallsprodukten in den alternden Zellen. 

Das nächste Beispiel eines Todestriebes sind die Ermüdungszustände. 
Die Bewegungen und alles Handeln werden schwieriger, ein Streben nach 
Ruhe zeigt sich, die Lebenstriebe können sich nur in beschränktem Maße 
äußern. Seit Ranke durch Auswaschen aus dem ermüdeten Muskel „Er- 
müdungsstoffe" entfernen und mit dem Extrakt andere Muskeln ermüden 
konnte, wissen wir, daß es chemische Abbaustoffe sind, die das Verlangen 
nach Ruhe verursachen. Auch die normale Faulheit und Trägheit läßt sich 
hypothetisch auf ein Überwiegen der desorganisierten Substanzen zurück- 
führen, also auch auf das Konto des Todestriebes schreiben. Wir würden 
hier aber auf die Temperament- und Konstitutionsfrage stoßen und wollen 
hier jetzt nicht weitergehen. 

Ein drittes Beispiel gibt der Schlaf, der mit Recht Bruder des Todes 
genannt wird. Dieser Fall ist besonders lehrreich wegen der Vermischung 
von Todestrieben und Erotik, die dabei auftritt. Denn einerseits haben 
wir hier gewiß eine Anhäufung von Dissimilationsprodukten, die die 
Nervenzentren beeinflussen' und die Lebenstriebe teilweise lahm legen, 
andererseits aber wissen wir durch die Psychoanalyse, daß erotische Stre- 
bungen hier ihren Einfluß ausüben, besonders der Narzißmus und die 
Tendenz, die intrauterine Situation zu reproduzieren. Während diese Stre- 
bungen über Tag latent, nicht libidinös besetzt sind, tritt beim Einschlafen 
eine Regression der Libido, die tagsüber anders verteilt war, auf. Die 
Ursache dieser Regression haben wir doch wohl zumeist in den veränderten 
chemischen Verhältnissen zu suchen. 2 Wir kennen auch einen Schlaf aus rein 
libidinösen Gründen, — es gibt Neurotiker, die ungeheuer viel schlafen, nur 
um ihren psychischen Konflikten zu entkommen, — dieser Schlaf ist einer 
Flucht in die Krankheit gleichzusetzen, ist aber wohl zu unterscheiden 
von einem Schlaf aus Hemmung der vitalen Funktion und intoxikatorisch 
verursachter Libidoregression. 

Den für uns wichtigsten Fall haben wir aber bei den Intoxikations- 
psychosen. Wie beim Schlaf könne n wir bei der Verursachung der Psychosen 

i) Man denke an die Versuche von Pieron, der Blutserum von Hunden, die 
tagelang am Schlafen gehindert worden waren, ausgeschlafen«« Hunden in,merte, 
was promptes Einschlafen herbeiführte. 

2) Das sehr verwickelte Schlafproblem ist hier natürlich nur sehr oberflächlich 
gestreift Ich habe die wichtigen, möglich spontanen, Änderungen der Libidopositionen 
übergangen, es kam mir nur darauf an, den tatsächlich bestehenden Emfluß des Leb- 
losen zu erwähnen. 



A. J. VVestiTinnii ! ml : ii 



auch zwei Ursachengruppen unterscheiden: a) psychische Konflikte und 
b) Intoxikationen. Daß beide Ursachen oft zusammen auftreten und ein- 
ander beeinflussen, werden wir hier übersichtlichkeitshalber vernachlässigen. 
Über a) brauche ich hier nichts zu sagen; wir wissen alle, wie in der 
Jugend entstandene psychische Komplexe später durch größere oder kleinere 
Anlässe und Konflikte aufgefrischt werden und Regression und Introversion 
verursachen können. Über b) liest man in klinisch psychiatrischen Studien 
mehr als in psychoanalytischen. Das hängt natürlich damit zusammen, daß 
die physisch-chemischen Reaktionen an sich sinnlos sind und nicht ins 
Forschungsgebiet der Psychoanalyse fallen. Psychoanalysieren kann man nur 
das vitale (= psychische) Verhalten der Organismen, das im Wesen sinn- 
erfüllt ist. Doch ist jedermann (der auf der Empirie fußt und sich nicht 
in spiritualistische Metaphysik verlieren will) überzeugt, daß sinnlose, 
a-psychische, physisch-chemische Stoffverhältnisse auch das vitale Geschehen 
beeinflussen. (Der Leser sei besonders darauf hingewiesen, daß ich hier 
gar nicht über die „Abhängigkeit" einer „Seele" von einem „Körper" 
rede, welche Frage den Empiriker nicht im geringsten zu interessieren 
braucht, sondern über die Beeinflussung von Leistungen des lebenden 
Protoplasmas durch nicht lebende Agentien.) Bei meinen Studien an mehreren 
Fällen von verschiedenen Psychosen, > fiel mir die (von mir noch gar nicht 
generalisierte) Tatsache auf, daß da, wo aus verständlichem Anlaß eine Psychose 
entstand, die regredierten Positionen von Libido- und Ich-Trieben nach ein- 
maligem Zurückgehen zu einem bestimmten Stadium, ohne Anlaß nicht 
nennenswert weiter regredierten, während in Fällen von Demenz- (also 
Intoxikations-) Psychosen („echte" Dementia praecox) öfters eine fortwährend 
und scheinbar ohne Ursache regellos zunehmende Ich- und Libidoregression 
sich manifestierte. Daß wir hierin die Wirkung eines nie verständlichen 
inadäquaten Agens vor uns haben, scheint mir einleuchtend. 2 Hier wird 
etwas vernichtet, eventuell getötet. 5 Diese „Todestendenz" des Leblosen 



1) Streven en Waarneming bij Paranoide Psychosen, II, 1929. Amsterdam, 
de Bussy. 

2) Diese Wirkung- bleibt gleich sinnlos, ob es chemische Stoffe sind, die die leben- 
dige Substanz beeinflussen oder vernichten, oder lebende (also selbst sinnerfüllte) Or- 
ganismen, die eine physische Beschädigung hervorrufen. Die dadurch bewirkten Aus- 
fallerscheinungen sind sinnlos, — sinnvoll sind dann wieder die Rekonstruktionsversuche. 

3) Man denke hier nur an die schönen Untersuchungen K. H. Boumans, der 
bei Fällen von „echter" Dementia praecox Zellzerfall in onto- und phylogenetisch 
jüngsten Rindenschichten (5 und 7) fand, und auf den Zusammenhang dieses Zerfalls 
mit der Regression hinwies. („Die pathologische Anatomie des Zentralnervensystems 
bei Schizophrenie", Psychiatrische en Neurologische Bladen 1928, S. 536.) 



Tendenzen des Toten, loJcstriebc und Triebe zum Töten 



äußert sich hier im Lebenden durch zunehmende Regression und Abbruch 
der Ich -Ideale, die aus „verständlichen Ursachen sich nicht oder un- 
genügend erklären läßt. 

Doch auch in den spezielleren Symptomen finden wir diesen „Trieb" oder 
„Zug" des Toten wieder. Die offizielle Psychiatrie, die dasUneinfühlbare, Unver- 
ständliche von vielen schizophrenen Symptomen erkannte, war auf gutem Wege, 
hierin den Einfluß des inadäquaten Giftes auf die Funktion des lebendigen 
Protoplasmas zu erkennen, wie das für die Ausfallerscheinungen der Dementia 
senilis und Dementia paralytica allgemein erkannt war. Aber da kam die Psycho- 
analyse und zeigte, daß es gar keine uneinfühlbaren Symptome gibt. Die wunder- 
lichsten, verschrobensten, verwirrtesten Äußerungen können wir nun ver- 
stehen und einfühlen. Nun, ich glaube, wir brauchen die Versöhnung dieser 
beiden Erfahrungsreihen, der oberflächlicheren und der tieferen, nicht in 
der Ausrede zu finden: „Sie sind etwas weniger verständlich, nur ein biß- 
chen verständlich." Denn wir können das Unverständliche deutlich nach- 
weisen: Die Regression der Ich-Ideale, des Wirklichkeitssinnes und der 
Libido können die wunderlichsten Bilder ergeben und diese Symptome 
sind vom regredierten Standpunkt aus restlos verständlich, aber das Zu- 
standekommen der Regression selber ist nicht immer (wenn auch manch- 
mal) verständlich. Der Unterschied gegenüber der alten Auffassung über 
die Uneinfühlbarkeit, Unverständlichkeit gewisser Symptome ist also der, 
daß wir alle Symptome restlos aus den gewöhnlichen Trieben verstehen 
können, daß die Intoxikation oder der Einfluß des Physischen die Kon- 
stellation der Triebe dermaßen beeinflussen kann, daß die nicht ohne Ana- 
lyse verständlichen Symptome entstehen. Aus der Weise, in welcher die 
Regression auftritt und verläuft, läßt sich ableiten, ob eine zu organischer 
Demenz führende Psychose oder eine Psychose ohne Demenz oder endlich 
eine mit „Pseudodemenz" besteht, ob ein Konflikt der Lebenstriebe unter- 
einander oder ein Konflikt zwischen Libido und Entropietendenz, zwischen 
der Energie des Vitalen 1 und der Energie des Toten besteht. 

Einen Unterschied zwischen meiner Auffassung und derjenigen von 
Jung muß ich noch betonen. Auch Jung sagt: 2 Die sogenannte „affek- 



1) Ich sage nicht „vitale Energie", wie es der Vitalismus sagen würde, sondern 
Energie des Vitalen, unentschieden lassend, ob diese Energie vielleicht einmal auf 
physikalisch-chemische Energie wird zurückgeführt werden könne. Aber da das 
Lebendige sich anders benimmt als das Leblose, dürfen wir jedenfalls vorläufig seine 
Energie gesondert bezeichnen. 

2) Über die Energetik der Seele. 1928. S. 45. 



al 3 A. J. Wcstcrman Holstijn 



tive Verblödung" der Dementia praecox oder Schizophrenie ist wohl als 
Entropiephänomen anzusprechen. Für ihn ist die Psyche ein relativ ge- 
schlossenes System, worin die psychische Energie dem Entropieprinzip unter- 
liegt. „Je stärker die Abschließung des psychologischen Systems ist, desto 
eher gelangt auch das Phänomen der Entropie zur Geltung. Wir sehen 
das besonders bei denjenigen Geistesstörungen, die durch intensive Ab- 
sperrung der Umwelt charakterisiert sind." Das scheint mir eine theoretisch 
konstruierte Auffassung. Denn erstens sind stark von der Umwelt Abgesperrte 
nicht immer affektiv verblödet, da sie innerhalb ihres Kreises, ihres „ab- 
geschlossenen Systems", die stärksten Affektstürme durchleben, die ganz 
normal einfühlbar sind, wenn man nur zum Verständnis ihres Denkens 
durchgedrungen ist. Zweitens, wenn auch eine Kon/.entrierung auf einen 
beschränkten Vorstellungskreis einen ungenügenden Rapport mit der Umwelt 
ergeben kann, den man vielleicht als „affektive Verblödung" bezeichnen 
möchte, dann ist das noch kein Entropiephänomen, sondern eine direkte 
Folge aus der Voraussetzung. Jedenfalls haben wir noch eine Pseudodemenz 
von einer echten Demenz in Ursprung und Erscheinungsform zu unter- 
scheiden. Nur die echte Demenz aber ist wohl aus dem Entropieprinzip 
in der von uns angegebenen Weise abzuleiten. 

Als letzter Fall muß der problematischste von allen besprochen werden. 
Daß typische Entropietendenzen im Leblosen bestehen und das Lebendige 
beeinflussen, ist unbestreitbar; dem Satze, daß das Lebendige seine eigen- 
tümliche Tendenz nach einer bestimmten, zwischen Bedürfnis und Be- 
friedigung polarisierten Erregung habe, wird sich nicht jeder wahrscheinlich 
sofort anschließen, doch wird die Tatsache, daß das Lebendige typische, 
der Entropie entgegengesetzte Linien aufweist, nicht bestritten. Aber ist in 
der lebendigen, unstrukturierten, protoplasmatischen Substanz die Entropie 
denn ganz aufgehoben? Das scheint mir nicht möglich, — aber inwiefern sie 
aufgehoben, durch die Libido beeinflußt oder vielleicht zu Libido umgestellt 
ist, das ist doch eigentlich das „Rätsel des Lebens". Darauf möchte ich 
mich also nicht einlassen, sondern mich nur in Beziehung zu dem Vor- 
angehenden fragen, ob diese Todestendenz sich vielleicht auch in der periodisch 
zur Entspannung kommenden beweglichen Energie äußert. Und damit wären 
wir wieder zu Freuds Erwägungen in „Jenseits des Lustprinzips zurück- 
gekehrt, der in der beweglichen Energie, die nach Wiederholung eines 
früheren Zustandes strebt, die typische „Triebenergie sieht und zu dem 
Schlüsse kommt: „Ein Trieb wäre ein dem belebten Organischen inne- 
wohnender Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes, welchen 



Tendenzen dej Toten, Todestriebe und Triebe zum Töten 319 



dies Belebte unter dem Einflüsse äußerer Störungskräfte aufgeben mußte, 
eine Art von organischer Elastizität, oder wenn man will, die Äußerung 
der Trägheit im organischen Leben". 1 Diese organische Elastizität wird 
sich von der Entropietendenz wohl nur schwer unterscheiden lassen; hier- 
auf weiter bauend, kann Freud denn auch sagen: „Wenn wir es als aus- 
nahmslose Erfahrung annehmen dürfen, daß alles Lebende aus inneren 
Gründen stirbt, ins Anorganische zurückkehrt, so können wir nur sagen: 
Das Ziel alles Lebens ist der Tod." Das wäre verbindlich, wenn es nicht 
die gebundene, tonische Energie gäbe und nicht so viele Lebensphänomene 
da wären, die ich nicht erst zu beschreiben brauche, da auch Freud sie genug 
bespricht, die in entgegengesetzter Richtung zu streben scheinen. Wie das 
entstanden ist, ist zunächst für die Empirie Nebensache; Tatsache ist, daß 
alles Lebendige auch nach neuen Spannungen strebt, daß die Spannungs- 
vergrößerung oft besonders lustvoll ist, und daß eine Tendenz nach Or- 
ganisierung zu einer tonischen Ganzheit besteht, im Gegensatz zum Todes- 
trieb, der Tendenz alles Leblosen nach Spannungsausgleich, nach Des- 
organisierung und Zerfall. So können wir doch am Verhalten der lebenden 
Organismen, d. h. an ihrer „Psyche", Lebenstriebe und Todestriebe, wenn 
man diese Worte benutzen will, in entgegengesetzte Richtungen wirkend 
beobachten und in diesen „Todestrieben'' das Gebiet sehen, wo das Leblose 
die Lebensfunktion beeinträchtigt. 

Für die Psychoanalyse ist es besonders wichtig, die Grenzen festzustellen, 
wo und inwiefern das sinnerfüllte Leben vom sinnlosen Leblosen beeinträchtigt 
wird. Daß dieser Einfluß da ist, hat sie nie geleugnet; ihrer Einstellung auf 
das Psychische entspricht es aber, sich darum relativ wenig zu kümmern. 

Wenn Alexander 2 recht hätte, der meint, daß das Überführen der 
beweglichen psychischen Vorgänge in tonische Vorgänge eine Ersparnis an 
aktiver Energieleistung wäre, und wir dabei seine Erwägung gelten ließen: 
Dieselbe Tendenz, die frei bewegliche psychische Energievorgänge ins Tonische 
überführt, beherrscht auch die physikalischen Naturvorgänge und kommt 
in jener Formulierung des Entropiegesetzes zum Ausdruck, welche die stetige 
Abnahme der freien Energie im geschlossenen physikalischen Systeme be- 
hauptet, dann würden wir auch geneigt sein, die „Tonisierung" der beweg- 
lichen Systeme als Entropieerscheinung aufzufassen. Der Vergleich mit einem 
zur Ruhe kommenden, geschlossenen physikalischen System trifft auch hier 



1) „Jenseits des Lustprinzips". 

2) Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit. S. 34. 



A. J. Wcstcrninn Holslijn 



wie bei den eben zitierten Jungschen Auffassungen nicht ganz zu, weil 
eben die gebundene Energie wohl als ruhend gekennzeichnet werden darf 
im Verhältnis zu der beweglichen, aber immer gewisse Bewegungen, Span- 
nungen, Taten, Lebenserscheinungen hervorruft und prinzipielle Unterschiede 
mit physikalischen Phänomenen zeigt. Eine noch genauere Umgrenzung 
dessen, was wir unter tonischer Erregung verstehen wollen, ist für eine 
weitere Diskussion wohl unerläßlich. Möglicherweise ist es richtig, daß eine 
Überführung von beweglicher in tonische Erregung mit Entropietendenzen 
zusammenhängt, wir müssen dabei aber wohl bedenken, daß das zunächst 
nur eine Analogie ist. Denn die Entropietendenz kennen wir nur empirisch 
als der physischen Energie zukommend. Ms ich im Vorhergehenden über 
Entropie sprach, beabsichtigte ich auch nur einen Einfluß des Leblosen im 
Verhalten des lebenden Menschen genauer zu zeigen. Da es eine spezifische 
Eigenschaft des Lebens (des Psychischen) ist, nach dem Gegenteil von Entropie, 
nach neuen Spannungen, neuen Gefällen, neuen Organisationen, neuem 
Leben zu streben, müssen wir uns hüten, einer hypothetischen „vitalen 
Energie" ohne weiterers die entropische Qualität und deren Gegenteil zuzu- 
schreiben. Hier ist es besser, sich vor „Monismus" zu hüten und lieber 
dualistisch die Erscheinungen an den lebenden Organismen einzuteilen in 
solche, die direkt aus den bekannten Eigenschaften der physischen Materie 
folgen, die als Tendenzen des Toten in den Todestrieben des Lebenden ans 
Tageslicht treten, und in solche, die ihre eigene Gesetzmäßigkeit zeigen, 
vorläufig von physikalisch-chemischen Reaktionen verschieden scheinen und 
als erotische Triebe gekennzeichnet werden können. 

Hier ist ein kleiner Exkurs über die Auffassungen Ehrenbergs 1 ange- 
zeigt, die denjenigen Freuds in einigen Punkten verwandt sind. Ehren- 
berg sieht alles Leben nur als einen Ablauf zum Tode und sieht das Gesetz, 
daß alles Lebendige dem Tode verfallen ist, als ein biologisches Analogon 
des Entropiesatzes an. Zur Verdeutlichung wähle ich am liebsten seine eigenen 
Worte: „Wenn das Wasser vom Berge strömt, so kommt kein Mensch auf 
die Idee, ihm eine eigenbegründete Aktivität zuzuschreiben, und die Tiefe, 
die es aufnimmt und den Strom zu Ende bringt, nur als Negation seiner 
eigentümlichen Aktivität aufzufassen . . . 

Wie sich das Gravitationsgesetz zum Strömen des Wassers verhält, so 
verhält sich unser Gesetz von der Notwendigkeit des Todes zum , Strom' 



i) Theoretische Biologie vom Standpunkt der Irreversibilität des elementaren 
Lebensvorganges. Springer, 1923. 



Tenelcnsen des Toten, Toaestricbe und Triebe zum Töten 



des Lebens. Anders ausgedrückt also: alles Leben durch den ganzen Bereich 
ist ein Ablauf, und das Bewegende, die .ziehende Kraft' ist eben der Tod . . . 

Lebend ist alles, was noch in der Assimilation begriffen ist. Tod, aktuell 
tot ist alles Assimilationsendprodukt, das ohne Veränderung innerhalb der 
betrachteten biologischen Einheit (Zellen, Organ, Organismus) verharrt . . . 

Der oberflächlichste Vergleich des jungen und des alten Individuums 
ergibt als auffälligsten Unterschied den Grad an ausgeprägter Gestaltung, 
und zwar geht die mit dem Alter zunehmende Formausprägung in der 
Bichtung der individuellen Züge. Das Alte ist immer das Strukturreichere, 
Durchformtere gegenüber dem Jungen. Im Laufe des Lebens nimmt die 
in festem, ungelöstem Zustand befindliche Masse absolut und relativ zu, 
oder umgekehrt ausgedrückt, der Wassergehalt der Gewebe und Zellen 
nimmt ab . . . 

-•. . . durch dieses Maximumstreben der Strukturmasse kommt Bichtung 
in das gesamte Lebensgeschehen, wird das Leben ein Ablauf, ein Strom 
und es erscheint wohl begründet, das Bichtungsbedingende als dem Leben 
wesentlich, den Tod als notwendig für das Leben anzusehen. 

Ehrenberg kommt zu einer Anschauung, die nicht in einer Abnutzung 
im Sinne des Defektwerdens, sondern in einem Ersticken in den eigenen 
Stoffwechselprodukten den Grund der Lebenshemmung sieht und zu der 
Auffassung, daß hemmende Substanzen bei dem Lebensprozesse entstehen 
und daß, je differenzierter, strukturierter die Lebensgebilde werden, um so 
mehr die Möglichkeit schwindet, daß sie sich dieser Substanzen absolut 
oder relativ noch wieder entledigen können. 

Für Ehrenberg ist also alles Leben Todestrieb. Ein Individuum ist 
nicht noch so und so lebendig, sondern schon so und so „tot". 

Der Unterschied zwischen der Theorie Ehrenbergs und der „Schlacken- 
theorie", die auch besagt, daß das Individuum in seinen Abfallsprodukten 
stirbt, ist, daß das Formen dieser Produkte für Ehrenberg das einzige 
Ziel des Lebens ist. 

Wenn die festen Stoffe ausgeschieden werden können oder wenn ange- 
führtes Assimilationsmaterial verbrannt werden kann, kann das Gefälle 
bestehen bleiben; kann es nicht mehr abgeführt werden, dann muß der 
Lebensstrom zum Stillstand kommen. Es gibt Organe, die wenig oder 
keine Exkretion haben: die Drüsen mit innerer Sekretion und das Ge- 
hirn. Wenn diese Stapelorgane vollgelaufen sind, muß das Leben enden. 
Das Gehirn ist das „Vollauforgan" par excellence, dementsprechend sein 
frühzeitiges Zeilvermehrungsende, sein früher Altersbeginn, — aber es 



A. .7. Weslermnii Holstijn 



läuft außerordentlich langsam voll, weil es als das differenzierteste Organ 
nur einen sehr geringen Bruchteil des allgemein-strukturfähigen Materials 
assimiliert. Um trotzdem seinen Assimilationsablauf, d. h. sein Leben dauernd 
in Gang zu erhalten, muß es die nicht assimilierten Reuktionsprodukte ver- 
brennen. H. Winterstein hat den erstaunlich hohen Stoffwechsel des 
Frosch-Zentralnervensystems festgestellt, man denke auch an die reiche Blut- 
versorgung des Menschenhirns und an dessen große Abhängigkeit davon. 

In diesem Sinne würden wir also auch mit Ribbeit das Gehirn als 
das hauptsächlichste Organ des Alters bezeichnen, aber eben so, daß es 
durch sein Altern das Altern des Körperganzen verlangsamt, und erst wenn 
es sich selbst dem Hemmungsmaximum, dem „Vollgelaufensein nähert, setzt 
das rapidere Altern der übrigen Organe und Gewebe ein". 

Nicht weil die Teile im Organismus „so fein aufeinandergepaßt sind", 
dauert das Leben so lange, sondern gerade weil sie auseinanderstreben, 
weil „jeder seinen eigenen Tod sucht" und in seinen Unterteilen hinaus- 
stirbt (zelluläre Exkretion), verzögert sich die Erreichung des Zieles und 
bleibt zugleich die Gesamtrichtung des ganzen Ablaufs gewahrt (harmonisches 
Altern). Wie die auseinanderstrebenden Rosse in der Quadriga sich gegen- 
seitig hindern vom Wege zu weichen, aber damit zugleich auch das Ziel 
später erreichen als es der Summe der aufgewendeten Kräfte entspricht. 

Die histologisch nachweisbaren Alterserscheinungen in den Zellen müssen 
nach Ehrenberg nicht als Abnutzungserscheinungen aufgefaßt werden, 
sondern als Ausdruck der Funktion. Die Funktion des Protoplasmas ist 
Strukturbildung im weitesten Sinne. Struktur ist: alle Substanz, die ohne 
radikalen Eingriff irreversibel aus dem flüssigen und gelösten in den festen 
unlöslichen Zustand übergegangen ist. Die so aufgefaßte Struktur nimmt 
während des ganzen Lebens dauernd zu, der relative Wassergehalt der 
Gewebe nimmt dauernd ab. 

„Der Strukturbildungsvorgang hat eine extensive und eine intensive 
Komponente, erstere führt zur Volumzunahme und Zellvermehrung, letztere 
zur stärkeren Differenzierung und Verdichtung . . . 

Je differenzierter, strukturierter die Lebensgebilde selbst sind, um so 
mehr schwindet die Möglichkeit, daß sie sich der geformten Substanzen 
wieder entledigen können." 

Strukturbildung ist also das Leben, gebildete Struktur ist sowohl das 
Resultat des Lebens als auch schließlich der Tod. 

Doch durch intensive „Durchformung" der Strukturen kann das Ab- 
laufgefälle länger bestehen bleiben, befreit der Lebens- oder Todesstrom 



1 cndcn;cn des Toten, Todcstncbc und I nebe zum Toten 22S 

sich vorläufig von hemmenden Produkten, — um schließlich doch „voll- 
zulaufen . 

Wer das Assimilationsmaterial zur Bildung von intensiv durcharbeiteten 
maschinellen Strukturen benutzt, wird sich am längsten von hemmenden 
Substanzen befreien. So befreien das produktive Denken die ausgereiften, 
verdichteten Ideen den Menschen von gestautem Material. Ehrenberg 
meint, daß bei der Theorie der Psychoanalyse an diese Enthemmung zu 
denken wäre. 

„Wem die innere Intensität nicht ausreicht oder im Lebensschicksal 
zerging, der schont damit nicht etwa sein Leben, verlängert nicht etwa 
individuelles Leben, sondern er verkürzt es, er nützt das ihm zugemessene 
Lebensganze nicht dem Gehalte und damit auch nicht dem Umfange 
nach aus. 

Wenn aber die Intensität des Gehirnablaufes den übrigen Körper ent- 
lastet, wenn sie zugleich langsam von einer Schicht zur anderen verlegt 
wird, jede maximal durchformt, so bleibt der Reserveraum länger bewahrt, 
die Ablaufintensität länger auf der Höhe erhalten als im gegenteiligen 
Falle. Es sind wahrlich nicht die intensivsten Gehirnmenschen, die früh- 
zeitig vergreisen. 

Doch wie lange wir uns auch „dekrementarm" halten können, schließlich 
laufen wir doch alle voll. 

Ich will mich nicht auf eine ausführliche Kritik dieser Auffassung ein- 
lassen. Auch Ehrenberg erklärt meines Erachtens nicht genügend, wie 
der „Ablauf" zu solchen Ablauf verlangsamenden Momenten, wie Exkretion, 
intensive „Maschinisierung" der Strukturschicht, zu solchen krassen Mitteln, 
wie Abwerfen eines ganzen Körpers (wie die Geschlechtszellen das tun 1 ) 
kommt. Ich glaube, wir kommen doch ohne die Annahme gewisser 
„Lebenseigentümlichkeiten" (um wieder nicht von vitaler Energie zu sprechen) 

nicht aus. 

Wichtig aber ist in diesem Zusammenhang die deutliche Hervorhebung 
des Todestriebes als die in allen Lebenserscheinungen sich äußernde Kraft- 
quelle. Ich müßte das ganze Buch zitieren, wenn ich alle Besonderheiten, 
worin Ehrenberg diesen Ablauf sieht, nennen wollte. Ehrenberg be- 
spricht auch ausführlich die Analogie (nicht Identität) dieses „Todestriebes" 
mit dem Entropiegesetz; auch die Beeinflussung der Funktion durch die 



1) Vom Standpunkt des sich fortwährend erhaltenden Lebens aus gesehen wirft 
nicht der Körper die Geschlechtszellen ab, sondern diese lösen den Körper von sich ab. 



224 A. J. Westcrman Holstijn 



leblose Substanz, über die ich im Vorhergehenden ausführlicher sprach, 
wird hier im speziellen besprochen. Prinzipiell neu scheint mir die Auf- 
fassung, daß wir in der Strukturbildung eben die spezifische Funktion des 
ablaufenden Organismus vor uns haben, wobei wir dann noch unterscheiden 
müssen zwischen extensiv geformten Dekrementen und intensiv „durch- 
geformter", maschineller Struktur, welch letztere, wenn sie aus relativ 
weniger organisierten Produkten entsteht, eine teilweise Erweiterung der 
Ablaufsmöglichkeit ergibt. 

Die Strukturierung des Protoplasmas wird sich auch im Verhalten zeigen, 
und wir wissen ja, wie vorteilhaft eine gewisse Strukturierung, Mechani- 
sierung sein kann, wie das reiche Kulturleben ohne diese Mechanismen 
unmöglich wäre. Wir können aber nicht die Grenze angeben, wo sie das 
Leben zu behindern beginnen. Auch gibt Ehrenberg keine genauen 
Merkmale an, woran wir mikroskopisch an den Zellen hemmende und 
raumgebende Gebilde voneinander unterscheiden könnten. Wohl haben 
wir da etwas Handgreiflicheres in den Alters- und Intoxikationserschei- 
nungen, in Pigment, Schutt usw., aber inwiefern beim normalen Leben 
bei größerer Mechanisierung des Verhaltens nichtpathologische eventuell 
reversible Veränderungen normaler Struktur sichtbar würden, darüber wissen 
wir nichts. In beiden Hinsichten, anatomisch wie psychologisch, brauchen 
wir hier nähere Untersuchungen und Differenzierungsmerkmale. Doch ist 
es wichtig, daß wir die Hauptlinie, daß Struktur teils Vorteil, doch schließlich 
Nachteil bringt, deutlich sehen. 

Die Freudsche Unterscheidung zwischen Todestrieben und Erotik kann 
aber besser mit den — unbekannten — Momenten, die die neue Spannung 
bewirkt haben und wieder bewirken, in Verbindung gebracht werden; die 
Ehrenbergsche reine Ablauftheorie wird den beschriebenen Tatsachen 
nicht voll gerecht. 

Wenn wir nun dabei bleiben wollen, die Erotik als Lebenstrieb zu be- 
zeichnen, weil sie nun einmal typischerweise neue Spannungen auslöst, 
neue Gefälle herstellt, neues Leben produziert, weil sie die tonischen vitalen 
Spannungen erzeugt, die wir als „gebundene Energie", und die, welche 
wir nach Freud als „desexualisierte Libido" in den Organisationen des 
Ichs antreffen, so behalten wir hiemit vor allem eine auf der Empirie 
basierte Nomenklatur bei. 

Dann müssen wir die Möglichkeit anerkennen, daß auch diese Libido 
noch wohl genetisch mit einer Todessehnsucht oder einem Todesstreben 
verwandt gedacht werden kann, doch brauchen wir darüber für die Psycho- 



I cmiensen des Toten, Fodestriebe und Triebe sunt Töte 



analyse sensu strictiori keine definitive Entscheidung zu treffen. Wohl aber 
scheint es mir notwendig zu bedenken, daß es Erscheinungen im Verhalten 
der lebenden Organismen gibt, die eine aparte Gesetzmäßigkeit zeigen 
und die sich auf Gesetzmäßigkeit der toten Substanz zurückführen lassen. 
Nach dem oben Gesagten muß man diesbezüglich unterscheiden: 

a) Das Immer-wieder-abgefiihrt-Werden der beweglichen Energie, wenn diese 
durch irgendwelche Ursache sich angehäuft hat. Dies muß meines Erachtens 
damit in Zusammenhang stehen, daß die vitalen Erscheinungen sich immer 
an der Materie abspielen, daß das Protoplasma aus an sich leblosen Mole- 
külen aufgebaut ist und daß die Entropietendenzen dieser Moleküle doch 
nicht spurlos verschwinden können. Daß erst eine gewisse Kumulation 
der Erregung die Entladung erzwingt und diese nicht sofort in Erscheinung 
tritt, läßt sich nur als eine Eigentümlichkeit feststellen, aber noch nicht 
genügend erklären; 

b) Die Behinderung der vitalen Funktion durch „geformte Stoffe, 1 sei 
es ganz leblose Materie, sei es gebildete Struktur, die noch mehr oder weniger 
vitale Eigenschaften zeigt. Wir haben hierbei meines Erachtens an erster 
Stelle zu denken an die besprochenen Phänomene: Tod, Schlaf, Ermüdung, 
Trägheit, Intoxikationszustände, Intoxikationspsychosen. Direkte Behinderung 
durch „Endprodukte" ist noch zu unterscheiden von der im geformten 
Stoffe wirkenden energetischen Tendenz zur Steigerung der Entropie, die 
damit zugleich die vitale Funktion behindert. 

Die Erscheinungen, die man bei Schizophrenie aus einer Abnahme der 
psychischen Energie erklären möchte, würden sich in manchen Fällen auch 
hieraus erklären lassen, wenn man dabei nur bedenkt, 1) daß auch ein 
Übermaß von Libido in gewissen psychischen Systemen, die die Aktivität 
anderer Systeme hemmen, solche Erscheinungen — wie das die Psycho- 
analyse gezeigt hat — verursachen kann und 2) daß wir es hier vielfach 
nicht so sehr mit einer regelmäßig verringerten Aktivität oder einem 
allgemeinen Mangel an Libido zu tun haben, sondern oft nur mit einer 
partiellen, in psychischen Systemen oder Hirnregionen lokalisierten Behinderung 
des Eros, die durch den anders gerichteten Todestrieb verursacht wird. Während 
der vielleicht überstarke Eros treibt, zieht das Tote. Auch Erregungszustände 
können Ausfluß von verringerter vitaler Spannung sein, da auch Intoxikationen 
Enthemmung, Ausschaltung oder Vernichtung der hemmenden psychischen 

1) Ob wir diese Stoff- und Strukturbildung selbst nun auch restlos als „Todes- 
trieb" erklären wollen oder als eine Äußerung der typisch vitalen Funktion, kann 
hier außer acht gelassen werden. 

Imago XVI. 15 



A. J. Westermnn Holstijn 



Instanzen bewirken können. Ob die Endprodukte die ektropische Tendenz 
mehr oder weniger behindern als die zu weiterem Zerfall tendierende Materie, 
wie und wann eine „intensive" Strukturierung die Aktivität des Protoplasmas 
unterstützt, und welche physiologischen Stoffe dabei in Frage kommen, darüber 
wird uns die Physiologie irgendeinmal hoffentlich noch genauer aufklären. 

Beide Fälle, a) und b), darf man also auf das Konto der „Todestriebe" 
schreiben. Wünscht man einen anderen Namen als „Todestrieb", so muß 
man doch jedenfalls die prinzipielle Unterscheidung beider Fälle einerseits 
von den Lebenstrieben aufrechterhalten. 

Jedenfalls sind diese „Todestriebe oder wie man sie sonst zu nennen 
wünscht, Faktoren, die zum Verständnis des psychischen Verhaltens nicht 
vernachlässigt werden dürfen, jedenfalls sind es Faktoren, die ohne Wider- 
spruch „jenseits des Lustprinzips liegen, wie Freud das für die nicht- 
erotischen Triebe forderte. Wenn man konsequent hedonistisch argumentieren 
will, läßt sich noch wohl verteidigen, daß Versuche, Reizschutz zu erlangen, 
Wiederholungsstrebungen und ein Trieb zu töten, zu dcstruieren, stets mit 
Lust einhergehen müssen, wenn sie Erfolg, Befriedigung erreichen. ' Aber Lust 
kann man jedenfalls nur mit lebendigem Geschehen verbunden denken, 
— bei physikalischen und chemischen Reaktionen kann man nicht von Lust- 
streben reden. Wir haben uns bei unserer empirischen Psychologie ängst- 
lich vor aller metaphysischen Aprioristik über Zusammenhang von „Leib" 
und „Seele" zu hüten oder vor Vorurteilen in der Frage, ob die „psychische 
Energie" aus physikalisch-chemischer sich endgültig aufbauen läßt oder 
nicht. Aber die Tatsache, daß Lebendiges vom Leblosen beeinflußt wird, 
daß die Kräfte des Leblosen das Leben, die „Seele", die spezifisch vitalen 
Reaktionen mehr oder weniger beeinflussen, dürfen wir nicht übersehen. 
Während die vitalen Reaktionen vielleicht alle unter der Herrschaft des 
Lustprinzips stehen, sind diese Reaktionen des Leblosen zweifellos immer 
jenseits des Lustprinzips. 

Bei der Frage der Stoff- und Strukturbildung als vitaler Funktion haben 
wir noch einer Auffassung von Schilder zu gedenken. Er schreibt, über 
die Automatisierung sprechend: 2 „Ähnliches spielt in unserem Seelenleben 
eine bedeutsame Rolle, ich erinnere an das Schreiben. Einzelne Teilakte, 
die vorher klar bewußt waren, sind jetzt auf einer niedrigeren Bewußt- 
seinsstufe, andere scheinen überhaupt ausgefallen zu sein. Kretschmer 

1) Wie 2. B. Karl Bühler das für die Wiederholungstendenzen verteidigt in „Die 
Krise der Psychologie". 1927. 

2) Medizinische Psychologie. 1924. S. 226. 



1 endenden des 1 oten, louestncbc und triebe zum X"öten 227 

spricht treffend von einem Gesetz der formelhaften Verkürzung. Was ist 
aus diesen ausgefallenen Teilstücken geworden, sofern sie nicht doch auf 
niedrigerer Bewußtseinsstufe erhalten bleiben? Sie sind offenbar ins Körper- 
liche abgestiegen, sie sind Form geworden. Der Bizeps des Athleten wird 
mächtiger. Wir haben guten Grund anzunehmen, daß nicht nur der Bizeps, 
sondern auch der Hirnapparat solche dauernde Umgestaltung erfährt. Aber 
was im Verlaufe einer formelhaften Verkürzung zum Organischen wird, 
ist außerpsychisch geworden und scheint auch nicht mehr ein psychisches 
Beversibel zu sein." Wenn ich vorausschicke, daß ich mich Schilders 
Auffassungen über das Psychische nicht ganz anschließen kann, wodurch 
ich Gefahr laufe, seine Gedanken anders zu verarbeiten als er selbst es tun 
würde, so muß ich doch sagen, daß mir dieses Zitat ganz in den Rahmen 
der hier ausgeführten Betrachtungen zu passen scheint. „Psychische Akte 
können ins Körperliche absteigen", Form werden. Das kann doch wohl 
nichts anderes besagen, als daß eine Änderung, und zwar eine Struktur, 
im Protoplasma entsteht. Aus dem „Seelischen" entsteht so etwas „Körper- 
liches". Während ich nun selbst diese Unterscheidung von „Seele und 
„Körper" als vermeidbare Metaphysik betrachte, und lieber „behaviouri- 
stisch" nur das Verhalten des lebenden Organismus Mensch objektiv be- 
trachte, 1 — wobei ich glaube, am besten mit der objektiven Betrachtungs- 
methode der Psychoanalyse im Einklang bleiben zu können, 2 — hat dieser 
Ausdruck von etwas „Seelischem , das „ins Körperliche sinkt , in diesem 
Zusammenhange etwas ungemein Bestechendes. Die Tatsache, daß das 
plastische Protoplasma sich mehr oder weniger strukturieren kann, scheint 
mir hiedurch treffend gekennzeichnet. Je differenzierter, je mechanisierter 
das Leben wird, desto mehr tritt das Verhältnis des Protoplasmas zugunsten 
der aus ihm geformten Elemente zurück. Die „Automatisierung" muß 
auch wohl mit Strukturbildung im Protoplasma zusammengehen. Die ge- 
bildete Struktur ermöglicht dem Menschen erst das Leben. Aber eine zu 
große Mechanisierung kann dem Verhalten des Menschen schließlich ver- 
hängnisvoll werden, wie auch die Zelle, die zu viel Form abscheidet, voll 
läuft. Daß etwas „Seelisches" zu etwas „Körperlichem", also kategorisch 
Verschiedenem wird, hat auch Schilder dabei wohl nicht gemeint, wohl 



1) Sind wir nicht vielleicht am allernaivsten, fragt Ehrenberg a. a. O., S. 336, wenn 
wir Körperleben und Seelenleben voneinander scheiden und uns dann die philo- 
sophischen Köpfe über ihre doch unleugbaren Beziehungen zerbrechen? 

2) Wenn man nur nicht alle Einseitigkeiten Watsons mit der behaviouristischen 
Einstellung verknüpft. 



15* 



A. J. Wi'jlerman Holstijn 



eher hat man dabei zu denken, daß das „Seelische" dem „Körperlichen" 
eine Form aufstempeln kann und selbst gewissermaßen verschwinden; doch 
kommt man auch ohne diese Terminologie aus, wenn man bedenkt, daß 
das Seelische, d. h. das Lebendige 1 allmählich zu Totem wird, daß das 
lebendige Protoplasma Differenzierungen annimmt, geformte Bestandteile 
ausscheidet, altert und schließlich — (wenn keine Struktureinschmelzung 
und -abfuhr stattfinden kann) — stirbt. Je strukturierter die ausgeschiedenen 
Stoffe sind, je mehr „Seelisches ins Körperliche" hinabgestiegen ist, desto 
besser kann sich das Leben darauf entfalten, je ungestalteter, schuttartiger 
sie aber sind, desto stärker wird das Leben nach dem Tode gezogen. Doch 
ein Übermaß an Struktur beansprucht die vitale Kapazität übermäßig; je 
mehr das Leben organisiert, mechanisiert, amerikanisiert wird, je mehr, 
wie man wohl sagt, „die Seele daraus schwindet", um so mehr wird ein 
Zug in Todesrichtung darauf ausgeübt, um so mehr trocknet es zu einem 
seelenlosen, halblebendigen Systemwirbel ein. 

Alexander sagt im Anschluß an seine oben besprochenen Auffassungen 
über das Entropiegesetz: 2 „In der Biologie kommt diese Gesetzmäßigkeit in 
der Bildung des Körpers zum Ausdruck, in dem ehemalige psychische Vor- 
gänge, die einen Sinn und Zweck gehabt haben, zu Reflexen und Auto- 
matismen erstarren. So erhält das ewige Rätsel der Biologie, der sinnvolle 
Aufbau des Körpers mit allen seinen anatomischen und physiologischen 
Einrichtungen, die den Eindruck machen, als ob der Körper von einem 
verständigen Geist erschaffen wäre, seine zwanglose Auflösung: der Körper 
wurde tatsächlich von einem verständigen Geist erschaffen, nur nicht von 
einem Geist, der außer ihm, sondern der in ihm lebt und immer in ihm 
gelebt hat. Der Körper mit allen seinen Einrichtungen ist das Erstarrungs- 
produkt ehemaliger seelischer Einzelleistungen im Anpassungskampfe. Im 
Laufe der biologischen Entwicklung wird Körper aus der Psyche." Nach 
dem oben Gesagten brauche ich nicht nochmals auseinanderzusetzen, mit 
welcher Einschränkung ich dieses für richtig halte. Allein Alexander 
scheint zu meinen, daß das hier Beschriebene mit der Überführung von 
freier in tonische Energie zusammenfällt. Und da wird es um so deutlicher, 
daß eine genauere Definierung des Begriffes „tonische Erregung" nötig ist. 
Denn wenn man den Körper als ein „Erstarrungsprodukt" der Seele auf- 
taut, dann ist er damit zu einem Apparate geworden, der funktioniert, 

1) Seele ist Leben. Es ist hier nicht die Stelle, diese klassische Auffassung des 
Seelischen, die auch wieder die moderne ist, zu verteidigen. 

2) a. a. O., S. 35. 



! enden reu des loten, lodestricne und .triebe zum loten 229 

wenn aus dem noch plastischen, nicht erstarrten Teilen (aus dem Psychischen) 
neue Erregung ausgeht, die den Apparat benutzt. Aber der Apparat selbst 
tut nichts mehr; er ist erstarrt. Jedoch ein System mit tonischer Libido 
strebt noch fortwährend aus sich selbst in konstanter Weise. 

Ist die Strukturbildung nun aber als Entropiephänomen, als Todesstreben 
zu betrachten? Sie bringt doch schließlich Tod mit sich. Ist es eine Trieb- 
äußerung, die nach Wiederherstellung eines früheren Zustandes strebt? 
Struktur war doch uranfänglich gewiß nicht da. Es ist die „Funktion" des 
Lebens, Struktur zu bilden, sagte Ehrenberg. Aber mit dem Tode wird 
auch diese Struktur wieder zerstört, zu Schutt gemacht. Wir haben in der 
Strukturbildung, wenn etwas Seelisches ins Körperliche sinkt, also wohl 
eine Mischung zu sehen aus dem Organisation bringenden Lebenstrieb 
und der Erstarrung bringenden Todestendenz. Halb sinkt das Seelische, 
durch eigenen Lebenstrieb dazu gezwungen, in die Struktur, halb zieht 
der Todestrieb es dahin. 

In der Psychoanalyse, wo wir mittels Aufhebung der Widerstände in 
der Übertragung neurotische Mechanisierungen auflösen, zerstören wir die 
zu unrechter Zeit gebildeten Strukturen. Wir sehen dann, wie die Plasti- 
zität des lebendigen Lebens sich wieder neu entfalten kann; wir entreißen 
also den Todestrieben dieser Klassifikation Material. Warum diese Loslösung 
bei den Schizophrenien im allgemeinen nicht gelingt, müssen wir zum 
Teil wohl aus dem, was man gemeinlich „die Intoxikation" nennt, er- 
klären, oder wahrscheinlich besser aus der Tatsache, daß durch die Intoxi- 
kation in vielen Fällen das Protoplasma der Ganglienzellen in dekrement- 
artigen, oft amorphen Substanzen auseinandergefallen ist. (Die „echte 
Dementia praecox, die Dementia praecox „type Morel" von Claude. Das- 
selbe sehen wir bei Dementia paralytica und anderen Intoxikationspsychosen.) 
Hier ist irreversibles Wirken des Todestriebes. Aber es gibt auch Fälle von 
Schizophrenie, die von Laforgue nach Claude sogenannte „Schizomanie , 
die nach dem Urteil mancher Autoren psychoanalytischer Behandlung zu- 
gänglich sind. 1 Der Zug des Toten äußert sich hier im Verhalten des 
Lebendigen weniger stark, die Lebenstriebe sind hier weniger von Todes- 
trieben beeinflußt. Die Differentialdiagnose zwischen diesen Formen muß 
noch näher studiert werden und wird vom höchsten therapeutischen Inter- 
esse sein. 



1) R. Laforgue: Schizophrenie, Schizomanie und Schizonoia. Zeitschrift für die 
s. Neur. u. Psych. Bd. 105. S. 451. 



A. J. Westermnii Hol.stijn 



Und jetzt wollen wir zu der von uns vernachlässigten Freudschen 
Spekulation über die Umwandlung des in allem Protoplasma bestehenden 
Strebens nach der Ruhe des Todes — zum Trieb, gewisse Objekte zu 
destruieren, zurückkehren, zur Frage der Umwandlung des Todestriebes in 
einen Destruktionstrieb. Wenn dieses geschehen kann, haben wir hierbei 
zwei Dinge zu bedenken. 1) Die Tendenz nach Ablebung von Vitaldiffe- 
renzen findet ihre Quelle in allen Körperzellen. Ehe sich diese über den 
ganzen Körper zerstreuten Kräfte zu einer einheitlichen Tendenz des Ich 
oder der Gesamtpersönlichkeit zusammenschließen und sich so integrieren, 
daß sie sich auf ein bestimmtes Objekt richten, statt in der Dispersion zu 
verharren, wo jedes Molekül nur versucht, Ruhe für sich zu bekommen, 
muß meines Erachtens etwas dazukommen, was prinzipiell verschiedener 
Natur ist. Denn wir kennen die Tendenz zu organisieren, das Organische 
zu immer größeren Einheiten zu integrieren, als typische Eigentümlichkeit 
der Erotik, und wenn die lebendige Materie dieses Verhalten zeigt, werden 
wir das doch an erster Stelle auf Konto der Erotik schreiben. Es scheint 
mir also jedenfalls notwendig, die Organisation der Todestendenzen, die 
Zusammenfassung der zerstreuten zellulären Todestriebe zu der umfassenden 
Einheit eines Destruktionstriebes auf eine primäre Mischung dieser Tendenz 
mit erotischen Qualitäten zurückzuführen; vielleicht könnte man in anderer 
Terminologie auch sagen: eine Reseelung, Relebung des Leblosen. 

2) Nicht alle Energie des nach Entropie strebenden Organischen kann 
in einem Destruktionstrieb nach außen gewendet werden und sich sado- 
masochistisch an Objekten betätigen. Denn wenn aller Todestrieb nach 
außen gewendet werden könnte, dann brauchten wir eigentlich gar nicht 
zu sterben! Ein Teil der Destruktionstendenzen bleibt aber in den Zellen 
zerstreut, um periodisch wieder anzuschwellen und am Ende des Lebens ein 
Übergewicht über die Erotik zu bekommen, wodurch Tod statt Leben, 
Zerfall statt Bindung, Schutt statt Protoplasma entsteht. 



Zusammenfassung. 

Die Tendenz nach Ausgleich von Spannungen ist die typische Tendenz 
des Leblosen. 

Die Tendenz nach einer konstanten zu fortwährender Betätigung führen- 
den Erregung ist dem Lebendigen inhärent. 

Der typische Lebenstrieb, die Erotik, strebt nach zwischen Bedürfnis 
und Befriedigung polarisierter Spannung von relativer Konstanz. 



Tendenzen des Toten, Todestriebe und Triebe =um Töten a3i 



Insofern Lebloses das Lebendige mehr oder weniger beeinflußt, beein- 
flussen auch die Tendenzen des Leblosen das Verhalten des Lebendigen 
mehr oder weniger und lassen sich als Todestriebe daran aufzeigen. Wir 
erkannten sie in: Sterben, Altern, Schlaf, Trägheit, Ermüdung in gewissen 
Erscheinungen bei Intoxikationspsychosen und Intoxikationen, in dem stets 
wieder zur-Entspannung-Kommen der freien Energie und möglicherweise 
auch in dem Überführen der beweglichen Vorgänge in tonische Vorgänge. 
Auch in der Strukturbildung haben wir einen Einfluß einer Erstarrungs- 
tendenz vor uns. 

Wenn diese Todestriebe sich nach außen wenden und zu einem Trieb, 
zu töten, zu destruieren, werden können, wird eine Organisationstendenz 
(die wir gewohnt sind mit der Erotik in Zusammenhang zu bringen) sich 
ihnen beimischen müssen. Ein großer Teil der Todestendenzen läßt sich 
aber nie nach außen abführen. 

Eingegangen im Dezember 1928. 



Zu Freuds Kulturbetrachtung 

(«Das Unbehagen in der Kultur«) 



Von 
llieodor Reik 

Berlin 



Die letzten Schriften Freuds sind auch für viele, die sich seine Anhänger 
nennen, eine Quelle ernster, manchmal peinlicher Verlegenheit geworden. 
Ihre Einreihung bereitete gewisse Schwierigkeiten, ihre Etikettierung inner- 
halb der wissenschaftlichen Literatur vollzog sich nicht so glatt als es 
wünschenswert gewesen wäre. Sie hatten wenig mit den Problemen der Neu- 
rosenlehre in jenem engeren Sinne zu tun. Sie waren eher eine besondere 
Art Erörterung und Kritik der abendländischen Kultur, ein Versuch der 
Kulturbetrachtung — doch unternommen unter denselben Gesichtspunkten, 
die früher die psychologische Durchdringung der Psychoneurosen bestimmt 
hatten. Der entwaffnenden Naivität einiger Kritiker scheint es nun, als sei 
der Bogen, der von der einen Gruppe der Freudschen Arbeiten zur anderen 
führt, die Identität der Person. Er ist eher die einer Persönlichkeit, die 
gewohnt ist, ihre Gedankenwege bis ans Ende zu gehen. 

Nicht nur der Inhalt dieser Probleme, auch die Art ihrer Behandlung 
mußte ernstes Befremden hervorrufen. Es ist nämlich nicht mehr zu ver- 
kennen, daß sich Freud in diesen letzten Schriften subjektiver gibt als 
in den früheren, daß er etwas von seiner persönlichen Stellung zu den 
großen Fragen der Zeit und der Zeiten verrät. Gegenüber der nur dem 
Forschungsobjekt zugewandten, unpersönlichen Haltung früherer Jahre ge- 
traut er sich nun der Äußerung eigener Ansichten, die von der Tradition 
erheblich abweichen. Die Wissenschaft wird gewiß emphatisch erklären. 



Zu Freuds KulturLctraclitung 2j3 



daß sie mit all dem nichts zu tun hat und daß es wissenschaftlich nicht 
zu verantworten sei, eigene Ansichten über die Beziehungen von Glück 
und Kultur zu äußern. Ist nicht „Die Zukunft einer Illusion" gewisser- 
maßen das Credo eines Glaubenslosen, enthält nicht „Das Unbehagen in 
der Kultur" ein Stück Weltanschauung eines Beobachters, der sich von 
Weltanschauungsfragen sorgfältig ferne hielt? Man erinnert sich noch der 
strengen Zurechtweisung, die Freud nach der „Zukunft einer Illusion" von 
Abderhalden und anderen Klinikern erfuhr. Sie wird sich jetzt verschärft 
wiederholen. Kultur und Glück --so spricht man nicht zu Internisten. 

Freuds Subjektivität hat freilich ihren besonderen Charakter: noch im Per- 
sönlichen tritt das Überpersönliche hervor. Es sind noch immer Beob- 
achtungen vom anderen Ufer. Anders ausgedrückt: der Eindruck persönlicher 
Anteilnahme an den Problemen schließt den anderen nicht aus, daß diese 
Probleme dennoch schon aus einer großen Distanz gesehen sind. Als der Kern 
dieses Subjektivismus erscheint die stillschweigende Voraussetzung, die Tradi- 
tion als Argument nicht gelten zu lassen. Der als selbstverständlich gefühlte 
Vorsatz, die allgemeine Meinung zu überprüfen, auch wenn sie jahrhunderte- 
lang allgemein war. Er hat uns Schüler durch sein Vorbild und seine Kritik 
gelehrt, die Hochschätzung jeder ernsten Forscherarbeit mit einer gewissen 
Respektlosigkeit gegenüber dem konservativen Geist der Wissenschaft zu ver- 
binden. 

Auch in anderer Richtung ist der Charakter dieser letzten Schriften von 
dem der früheren unterschieden. Die Andacht vor dem Kleinen ist noch 
immer da, aber die großen Zusammenhänge treten daneben hervor. Das 
Mikroskop wird oft beiseitegelegt und das Fernrohr herangerückt. Eine 
Mahnung aus den Makamen des Hariri bezeugt die Berechtigung, ja Not- 
wendigkeit eines solchen Wechsels des Standpunkts: 

„Zu nah den Augen ist nicht besser als zu fern — 

Dich selbst durchschaust du nicht und nicht den Weltenstern." 

Noch immer ist Klarheit das Ziel der Arbeit, aber manchmal tritt nun 
Abeeklärtheit in den Vordergrund. Noch immer ist der Beobachter in Freud 
übermächtig, aber daneben erscheint der Betrachter. Noch immer ist es 
das Wissen, dem sein bestes Streben gilt, aber manchmal wird es von dem 
nach Weisheit abgelöst. 

Ein Einwand sagt: dieser Eindruck ergebe sich einfach daraus, daß die 
letzten Schriften Freuds Themen behandeln, die sich so sehr von den 
früheren unterscheiden. Man könne doch den Kampf zweier Urtendenzen 



ic>4 I lioodor Reik 



der Entwicklung, das Ringen um die Kultur nicht in demselben Geiste, 
nicht mit derselben unpersönlichen Objektivität behandeln wie etwa die 
Darstellung eines Falles von Hysterie oder Zwangsneurose? Hier trete ein- 
fach jene Eigenschaft hervor, die sich der Akkomodation des Auges vergleichen 
lasse, eine Fähigkeit, sich für größere und kleinere Entfernungen einzu- 
stellen. Das läßt sich hören — wenn es auch manchmal etwas zu sonor, zu 
volltönig vorgebracht wird. Immerhin erklärt es nicht, warum Freud in den 
letzten Jahren immer wieder gerade diese Probleme in das so akkommo- 
dationsfähige Auge faßt — nachdem er so lange immer nur das Kleine, 
ja Kleinste aufmerksam betrachtete. Zugegeben, daß das zu Betrachtende 
eine Änderung der Betrachtungsweise bedingt, aber erklärt dies den Wechsel 
der zu betrachtenden Gegenstände? 

Was hier an Gedanken und Erwägungen, Einfällen und kritischen Über- 
prüfungen zutage tritt, scheint fertig und gerüstet, so wie Pallas Athene 
aus dem Haupte des Zeus hervortritt. Diese Erkenntnisse, die so über- 
raschend anmuten, scheinen nicht erarbeitet, sondern selbst irgendwie ge- 
heimnisvoll aufgetaucht. Sie sind auch nicht erarbeitet im Sinne bürgerlichen 
Gelehrtenfleißes und mühseligen Nachdenkens, sie sind Funde. Dennoch 
ist jener Eindruck unrichtig. Die Freudschen Entdeckungen sind so lange 
und so langsam im Stillen gereift, daß sie gewissermaßen fertig an ihren 
Entdecker herantraten. Diese vollen Eimer kühlen, klaren Getränkes kommen 
aus tiefem Brunnen; sie haben lange gebraucht, bis sie an deren Rand 
gelangten. 

Die Lektüre jedes Freudschen Buches hinterläßt den Eindruck: dieser 
Forscher sieht die Dinge so, wie wenn er sie zum erstenmal sehe. Der 
Eindruck entsteht dadurch, daß Freud die Dinge so oft und so lange be- 
trachtet hat, bis er sie gleichsam wieder zum erstenmal sieht, das heißt: 
zum erstenmal etwas Neues in ihnen sieht. 

Auch die Überlegungen in „Das Unbehagen in der Kultur" scheinen 
eben jetzt geboren, dem Tage ihrer Niederschrift anzugehören. Sie sind 
doch nicht von heute und nicht von gestern. Sie stammen von viel früher 
und sind nur gestern und heute wieder überprüft worden. 

II 

Nach der Lektüre der „Zukunft einer Illusion" wurde hier die Vermutung 
ausgesprochen, der Autor habe ursprünglich die Absicht gehabt, die Kultur- 
bedingungen allgemein zu diskutieren, die Illusionen, welche die Kultur- 



Zu Freuds lVulturbetraclitung 2 35 



entwicklung begleiten, einzeln aufzuzeigen. Hat Freud diese Absicht in 
dem neuen Buche ausgeführt? Nein, aber er gab etwas Ähnliches: eine 
Fuge über das Thema Kultur und Menschenglück in einem Allegro, das 
am Ende maestoso genannt werden müßte. 

Die Einleitung des Buches steht jenem ursprünglichen Plane noch am 
nächsten. Sie scheint mir der schwächste Teil der Schrift, scheint mir nur 
halb gelungen, verglichen mit den Einleitungen anderer Bücher Freuds, 
das will sagen : gemessen am höchsten Maßstab. Ist der Abschnitt von 
allem Anfang an als einleitender dieser Schrift geschrieben worden? Ist 
er nicht etwa erst später an diese Stelle gerückt worden? Wie dem auch 
sei, er würde seine Bedeutung auch außerhalb dieses Buches behalten. Die 
Verbindung des Abschnittes mit dem Hauptteil des Buches ist sehr lose — 
wenn man nicht die äußeren Bindeglieder, sondern das wesentliche innere 
Band beachtet. Was hier vorausgeschickt wurde, läßt das Folgende nicht 
im geringsten ahnen. Es ist eher ein Prolog, der mit dem folgenden Drama 
wenig zu tun hat, als ein Vorspiel, das die Handlung vorbereitet. 

Eine Vermutung drängt sich hier auf: vielleicht ist der Ausgangspunkt 
der Einleitung für diesen Charakter des Detachierten, der ihm anhaftet, 
verantwortlich zu machen. Der Abschnitt wird nämlich von den Äußerungen 
zweier Freunde des Autors eingerahmt. Die erste — hier hebt das Thema 
dieses Abschnittes an — behauptet, die eigentliche Quelle der Religiosität 
sei ein Gefühl wie von etwas Ewigem, gleichsam „Ozeanischem . Dieses 
Gefühl habe er, jener Freund, in sich und vielen anderen gefunden. Der 
andere Freund versichert, er könne in den Yogapraktiken etwa durch be- 
sondere Atmungsweisen neue Empfindungen und Allgemeingefühle in sich 
erwecken und in der Ekstase zu vielem, bisher verschüttetem Wissen vor- 
dringen. Sind diese Äußerungen würdig, als Karyatiden des Gebäudes zu er- 
scheinen ? Sie überraschen durch ihren besonderen Mangel an Neuheit. Ihr Inhalt 
ist um einiges öfter gehört worden als der anderer alter Weisheiten. Er füllt 
die Bücher der Frommen und Weisen nur seit einigen Jahrhunderten. 
Freud steht diesen Äußerungen seiner Freunde wahrhaftig nicht kritiklos 
gegenüber; aber er benützt sie als Sprungbretter und hätte so viel bessere 
wählen können. Er widmet ihnen ein Interesse, das durch die Freundschaft 
erklärlicher ist als durch ihren Inhalt. Er findet sich „durchaus bereit" 
anzuerkennen, es gebe bei vielen Menschen ein ozeanisches Gefühl jener 
Art. „I am rather sceptical." Ich hege den Verdacht, es handle sich bei 
jenem Freunde, nun, eher um ein Sentiment als um ein Gefühl. Wie soll 
man es möglichst schonend ausdrücken? Es besteht ein krasses Mißverhältnis 



l36 I lu-oilor Rcik 



zwischen diesen Äußerungen der beiden Freunde und den folgenden Äuße- 
rungen des dritten, der sie anführt. 

Der Abschnitt gipfelt nicht in der Diskussion der ozeanischen Empfindung 
und der Zurückführung dieser ziemlich fragwürdigen Erscheinung auf die 
Entwicklung des Ich-Gefühles. Ein Seitenweg, der bedeutsamer wird als der 
zuerst eingeschlagene, eröffnet das Problem der Erhaltung des Psychischen. 
Freud gibt auch hier eher Andeutendes als Ausgeführtes, eher Hinweise auf 
eine Lösung als diese Lösung selbst, eher fruchtbringende Zweifel als inhalts- 
leere Gewißheiten. Der Bildungspöbel aller Länder schätzt solche Versuche 
nicht: er liebt an der Wissenschaft die Sicherheiten. In der Wissenschaft 
wie auf allen Gebieten des Lebens gilt ihm die Losung: zuerst Sicher- 
heit. Der Zweifel ist ein Feind der göttlichen und menschlichen Ordnung. 

Der Höhepunkt dieser Einleitung liegt auf jenem Spaziergang auf dem 
Seitenwege: in einem Vergleich der Eigentümlichkeiten seelischer Vorgänge 
mit den Besonderheiten eines wechselnden Stadtbildes. Freud hat sich 
bereits des öfteren — z. B. in der Notiz über den Wunderblock und in 
verstreuten Bemerkungen — bemüht, jenen Dauer im Wechsel, jenen 
Wechsel in der Dauer der psychischen Prozesse darzustellen. Der hier vor- 
liegende Vergleich kommt der so schwer beschreibbaren Sachlage am 
nächsten — wenngleich nicht nahe genug. Er ist besonders anschaulich 
und endigt doch im Unanschaulichen. Es ist, als wolle man in der hohlen 
Hand fließendes Wasser ballen. Es ist zuviel und doch nicht genug. Die 
einander ablösenden und doch nebeneinander bestehenden Gestalten der 
„ewigen Stadt" sich zu gleicher Zeit vorzustellen ist unmöglich und den- 
noch würde nur eine solche Vorstellung - - vergleichsweise gesprochen — 
ein Verständnis für die Eigenart des psychischen Geschehens ergeben. Es 
ist ein Versuch, was wir besitzen, wie im Weiten zu sehen und, was ver- 
schwand, zu Wirklichkeiten werden zu lassen — in einem anderen Sinne 
als jene Zeilen Goethes, doch in einer ähnlichen Sinnesart. Nur wer ver- 
sucht hat, die Besonderheiten des Psychischen in ähnlichen Bildern — etwa 
in dem bei den Analytikern beliebten Vergleich mit einem Palimpsest — 
festzuhalten, wird den Freudschen Vergleich völlig würdigen können. Sollte 
mich übrigens mein Gefühl irreführen, wenn ich zu erkennen glaube, daß 
dieser Vergleich durch die unbewußte Erinnerung an einige Reden Giacomo 
Bonis und Nicole Langeliers in Anatole Frances „Sur la pierre blanche" 
angeregt wurde? 

Immerhin führt auch diese Diskussion eher vom llauptthema der Unter- 
suchung weg als zu ihm hin. Freud scheint dies selbst anzudeuten, wenn 



■•' 



Zu Freuds Kulturbetrnclitung 2Z7 



er sagt, das Thema sei so reizvoll und bedeutsam, daß wir ihm auch „bei 
unzureichendem Anlaß 4 * Aufmerksamkeit schenken dürfen. Innerhalb der 
strengen und großen Linien des Freudschen Werkes ist diese Einleitung mit 
allem Bedeutenden und Anregenden ein Stück von lässigerer Architektur. 

III 

In großen, reinen Linien bewegt sich die folgende Untersuchung über 
die Möglichkeiten des Glückes innerhalb der Kultur — bis sich diese Linien 
vereinigen, verschlingen und das Ganze vielgestaltig und höchst mannig- 
faltig erscheint, um sich endlich in zwei große Gegensätze zu sondern. 
Was zuerst gezeigt wird, ist die Fadenscheinigkeit der Glücksfetzen, die 
sich der Mensch mühsam erkämpft, ist die Bedrohung und Beeinträchtigung 
der Glücksmöglichkeiten durch die Kultur. Das Glück ist im strengsten 
Sinne kein irgendwie dauerhafter Zustand; es „entspringt der eher plötz- 
lichen Befriedigung hoch aufgestauter Bedürfnisse und ist seiner Natur 
nach nur als episodisches Phänomen möglich". Die nach vielen Bichtungen 
auseinanderstrebende Untersuchung — man könnte sie einer Bhapsodie 
vergleichen — schließt sich doch von allen Seiten wieder zu dem Besultat 
zusammen, daß die Wege zum Glück verschieden seien und ihre Gemein- 
samkeit nur darin liegt, daß sie alle ihre Ziel nicht erreichen. Keiner der 
Wege führt völlig bis dorthin. Dennoch bleibt das Glück ein uns gestelltes 
Problem der Libidoökonomie, dessen Lösung jeder nach seiner Art ver- 
suchen muß. 

Die großen Wege des Glücksstrebens oder der Leidabwehr werden mit 
ihren psychologischen Besonderheiten dargestellt. Dreierlei sind diese Mittel, 
das Leid zu mildern: Ablenkungen, die uns unser Leben gering schätzen 
lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für 
dasselbe unempfindlich machen: („Dreifach haben sie mir gezeigt, wenn 
das Leben uns nachtet, wie man's vertrinkt, verspielt, vergeigt und es 

dreifach verachtet.") 

An keiner Stelle dieser Ausführungen geht der Ton des Forschers oder Be- 
obachters in den eines Führers zum Lebensglück oder eines philosophischen 
Ratgebers über. Er bleibt sachlich, ruhig, wo Schmerzlichstes behandelt 
wird. Er scheint manchmal geradezu absichtsvoll kühl, wo für jeden Emp- 
findlichstes besprochen wird. In einem einzigen Satze klingt so etwas wie 
ein lehrhafter Unterton an: „Wie der vorsichtige Kaufmann es vermeidet, 
sein ganzes Kapital an einer Stelle festzulegen, so wird vielleicht die 



258 I neodor Rem 



Lebensweisheit raten, nicht alle Befriedigung von einer einzigen Strebung 
zu erwarten" (S. 37). Solche Mahnung, der griechischen Anschauung von 
der Sophrosyne verwandt, hat ihre Berechtigung in sich, aber Freud weiß 
gewiß, wie vergeblich sie bleiben muß. Es scheint, als müsse jede Jugend 
ihre Illusionen hegen und in Schutt versinken sehen, als könne wirklich 
keiner keinem ein Erbe hier sein. Aller Wandel der Menschen scheint 
immer derselbe zu sein und keine Generation von der früheren viel zu 
lernen. Was an Einsichten übernommen wird, versinkt rasch vor der Er- 
regung des Tages. Der Lebenssatte kann den Lebenshungrigen nicht ver- 
stehen — ein Spezialfall des gegenseitigen Nichtverstehens, das die dauernde 
Grundlage der Gesellschaft ist. 

Auch die geschlechtliche Liebe wird nach ihrem Glückswert gewürdigt; 
daneben das Leid, das sie verspricht und hält. Fraglos hat die Beziehung 
zwischen Mann und Frau einen bedeutsamen Anteil an der Kulturentwicklung 
der Menschheit, aber ebenso unzweideutig äußert sich die Entzweiung zwischen 
der Kultur und der Liebe, die im Gegensatz der Frauen zur Kulturströmung 
und in der Aufgabe immer ausgebreiteterer Triebsublimierung der Männer 
begründet ist. („Souvent la femme nous inspire les grandes choses" ', sagt 
Dumas Sohn mit tiefer Verbeugung, aber er fügt, sich aufrichtend, hinzu: 
„qu'elte nous empechera d'accomplir"). Jene andere flüchtige Reisebekannt- 
schaft des I.ebens, die Freundschaft genannt wird, wird hier nur gestreift. 
Auch das Wort des Weisen, es sei niemand vor dem Tode glücklich zu 
schätzen, ist nirgends angeführt und bekräftigt. Es scheint, als schätze 
Freud das Glück, das nach dem Empfange der heiligen Sterbesakramente 
gefühlt wird, nicht gebührend hoch ein. 

Die merkwürdige Untersuchung verengt sich nun zur näheren Be- 
trachtung und psychologischen Einschätzung jener I^eidquelle, die wir ge- 
meinhin Kultur nennen. Es eröffnet sich hier eine merkwürdige, anti- 
nomische Situation. Die Kultur, der wir doch alle Waffen entlehnen, die 
wir im Kampf gegen das Leid besetzen, bereitet uns auch Leiden. Sie ist 
Heilmittel und Gift zugleich. Freud gibt hier eine Art Kulturgeschichte 
in gedrängtester Form, die Geschichte der Kulturerwerbungen und der 
Verluste durch die Kultur. Diesem Panorama der Kulturentwicklung kann 
nur in Freuds Werk Ähnliches zur Seite gestellt werden. Was hier auf 
einigen Seiten dargestellt wird, gibt Anregungen für die Arbeit einer 
Generation von Forschern, greift in die Vergangenheit zurück, umfaßt das 
Heute und sucht das Morgen zu erkennen. Nur auf einige, wenige Aspekte 
sei hier verwiesen. 



Zu Freuds Kulturljetraclitung 3 3<j 

IV 

Freuds Ausführungen lassen erkennen, daß seiner Ansicht nach die 
Kulturentwicklung zur Einschränkung der Sexualität drängt. Diese Ein- 
schränkung wird dadurch nötig, daß die Beherrschung der Aggressions- 
neigungen des Menschen so viele lebendige Kraft bindet. An dieser Stelle 
fallen einige Worte über das Programm jener Bewegung, die meint, das 
gesamte Unglück der Kulturmenschheit werde nur durch die Einrichtung 
des privaten Eigentums verursacht und die von dessen Aufhebung das irdische 
Glück erwartet. 

Freud erkennt natürlich an, daß man mit der Aufhebung des Privat- 
eigentums der menschlichen Aggressionslust eines ihrer Werkzeuge ent- 
zieht, „gewiß ein starkes und gewiß nicht das stärkste". Er gibt sich doch 
nicht dem rosenroten Optimismus der Anschauung hin, die alles Übel des 
Einzellebens und des Daseins der Gemeinschaften aus diesem einen Punkte 
zu kurieren sich vermißt. Wer viele Menschen Schicksale sich abrollen ge- 
sehen hat, kann jenen flachen Glauben an diese alleinseligmachende Welt- 
ordnung nicht teilen. Es scheint, als seien Organisationen zur Einrichtung 
des Menschenglückes überhaupt wenig aussichtsreich, während die organi- 
sierten Bestrebungen, Menschen unglücklich zu machen, sich großer und 
ausgebreiteter Erfolge rühmen können. Der Mensch gleicht jenem Bäum- 
chen, das immer andere Blätter hat gewollt, und ich zweifle nicht daran, 
daß es auch dann andere Blätter wollen wird, wenn sein Laub durch und 
durch rot sein wird. 

Wenn Freud hier die psychologische Voraussetzung des Kommunismus 
als „haltlose Illusion" charakterisiert, so hat er sich damit sicherlich die 
Sympathien vieler Menschen — und darunter vieler wertvoller — ver- 
scherzt. Es scheint indessen sein Schicksal zu sein, sich in einem besonderen 
Zeitpunkt mit seinen Anschauungen in Widerspruch zu allgemein und 
gerne geglaubten Anschauungen zu setzen. Schon begann die Lehre von 
der Verdrängung in der Wissenschaft durchzudringen, schon sah man eine 
nahe Zeit voraus, da die Theorie der sexuellen Ätiologie der Neurosen 
sogar den Ärzten einleuchten würde, da erschütterte Freud das allgemeine 
Vertrauen, das sich ihm langsam zuwendete, durch die Behauptung, daß 
die Religion von der Art einer Illusion sei. Namentlich die Geister, die 
naturwissenschaftlich erzogen waren, haben ihm die Enttäuschung, die er 
ihnen so bereitete, noch nicht verziehen. Die meisten freien Geister sind 
heute nämlich im tiefsten gläubig. Es ist das Kennzeichen eines wahren 



?Äa Theodor R.eik 



Naturforschers, daß er sich strenge auf sein Beobachtungsmaterial beschränkt, 
die Bildung jeder Hypothese, die über die Empirie hinausführt, energisch 
zurückweist und im übrigen unerschütterlich an das Absolute glaubt. Nur 
auf dieser Grundlage ist freie, voraussetzungslose Wissenschaft möglich. 

Die Entrüstung, die sich nach dem Erscheinen der „Zukunft einer Illusion" 
namentlich in Ärztekreisen erhob, war groß. Die Priester der verschiedenen 
Religionen verhielten sich verhältnismäßig tolerant, aber einige unserer 
ärztlichen Kapazitäten erklärten, daß Freud das Heiligste in den Staub 
zerre. Man behauptet, es gebe eine große Anzahl ungläubiger Priester, 
aber man wird, wenn man jene Äußerungen über Freuds Buch verfolgt, 
an der Glaubensstärke mancher Psychiater und Nervenärzte keinen Zweifel 
mehr hegen. 

Die Kommunisten, welche mit tiefer Befriedigung Freuds Ausführungen 
über die Überflüssigkeit der Religion für unsere Gesellschaftsordnung zur 
Kenntnis genommen hatten, sahen in Freud bereits einen der ihren, da 
erklärt er nun, er sehe in der Aufhebung des Privateigentums allein nicht 
die Morgenröte allgemeinen Menschheitsglückes. Er wird bald die Äußerungen 
des Unwillens dieser Partei zu hören bekommen. Es scheint das Schicksal 
seiner Ansichten zu sein, Anstoß zu erregen. A. France behauptet: „II 
est dans la nature des vraies sages de fächer le reste des hommes." 

Freud ist nicht unbedingt; er ist nicht „unentwegt", wie man es jetzt 
gerne nennt. Er zieht es vor, aufrichtig zu sein. In einer privaten Diskussion, 
welche politische Themen streifte, bemerkte er einmal, er erkenne es nicht 
an, daß man „rot" oder „schwarz" sein müsse. Es genüge, daß man fleisch- 
farben (d. h. ein Mensch in jenem besten Sinne) sei. 



Es wird den Menschen offenbar nicht leicht, auf ihre Aggressionsneigung 
zu verzichten. Freud weist auf den Vorteil eines kleineren Kulturkreises 
hin, welcher der Aggressionsneigung in der Befeindung der Außenstehenden 
einen Ausweg, sozusagen einen Notausgang bietet. Allein ein solcher Kultur- 
kreis wird auch Objekt der Aggressionsneigung der umgebenden Mächte 
und seine eigene Kultur ist zum Untergehen, beziehungsweise Aufgehen 
verurteilt. Gelangt sie aber zur Macht, so wird sie ihre Aggressionsimpulse 
durchführen können und die Vernichtung der Außenstehenden wird eine 
ihrer hervorragendsten Kulturleistungen sein. Die Weltgeschichte zeigt, daß 
jede Nation, welche ein gewisses Kulturniveau erreicht hat, von einer 



Zu Freuds Kulturbetraditung 2^1 



anderen unterworfen, versklavt, gedemütigt wird, um auf diesem Wege 
der fragwürdigen Segnungen einer höheren Kultur teilhaftig zu werden. 

Es gibt gewiß auch andere Möglichkeiten einer Domestizierung der 
Aggressionsstrebungen der Menschheit, andere Auswege, die wir vielleicht 
noch nicht genug gewürdigt haben. Auch hier wird von der Gesellschaft 
eine zu hohe ethische Forderung präsentiert; sie muß unerfüllbar bleiben. 
Ein Stück der menschlichen Aggressionsneigungen hat offenbar Anspruch 
auf Befriedigung. Der mildeste der Menschen, der von ihnen als Heiland 
verehrt wird, hat harte Ausdrücke nicht vermieden und die Wechsler mit 
Hieben aus dem Tempel verjagt — was will man da von uns gewöhn- 
lichen Sterblichen erwarten? Man wird eher daran denken müssen, die 
gewaltigen Aggressionskräfte der Menschen zu kanalisieren als sie zu unter- 
drücken, da sie sich nicht ausschalten lassen. Eine wirklichkeitsfremde und 
-ferne Phantasterei erwartet, die Menschen sollten einander lieben. Es ist 
sehr zweifelhaft, ob die maßvollere Mahnung: „Hasset einander weniger!" 
irgendeinen Widerklang finden würde, der über ein theoretisches Interesse 
hinausginge. 

Wie mir scheint, besteht ein intimer Zusammenhang zwischen dem 
Schicksal der Sexualität und der Aggressionsstrebung innerhalb der Kultur- 
entwicklung. Auch die Aggressionsneigungen werden mit dem Alter einer 
Kultur schwächer — mögen wir immerhin in Ausnahmssituationen an ihre 
alte elementare Kraft und ihre archaische Formen gemahnt werden. Das 
Alter einer Kultur schafft den Angriffsstrebungen zum mindestens eine 
veränderte, humanere Ausdrucksweise. Es entsteht sozusagen eine durch 
Urbanität gemilderte Form der Aggression. 

Mit dem Anwachsen und Ausbreiten der Kultur entsteht außer der 
wachsenden Triebeinschränkung eine andere Gefahr, die Freud „das psycho- 
logische Elend der Masse" nennt. Dieser Kulturschaden werde dort am 
stärksten hervortreten, wo die gesellschaftliche Bindung hauptsächlich durch 
Identifizierung der Teilnehmer untereinander hergestellt wird, während 
Führerindividualitäten fehlen oder nicht die gebührende Bedeutung er- 
halten. Es ist vielleicht nicht überflüssig zu betonen, daß solche Einschätzung 
der Persönlichkeit gegenüber den Massen nichts mit dem banalen Gegen- 
satz von Egoismus und Altruismus zu tun hat. Gerade das Beispiel Amerikas, 
dessen gegenwärtigen Kulturzustand Freud unter den Schatten jener Kultur- 
gefahr sieht, zeigt, wie irrig eine solche Gleichsetzung wäre. Dieses Land, 
dessen Slang die Bezeichnung „Number One" für „ich" gebraucht, zeigt 
ein erschreckendes Beispiel von Verarmung großer Individualitäten. Die 

Image XVI. 16 



2ju Theodor Reit 



Kultur hat hier die Menschen „standardized" , aber auch die Anschauungen 
dieser Menschen. 

Es ist gewiß leidvoll, einsam zu sein, aber es bleibt fraglich, ob die 
Gemeinsamkeit immer Glück bedeutet. Auch ist es möglich, gesellig und 
doch isoliert zu sein, so wie es andererseits möglich sein muß, allein zu 
sein und doch an der Gesellschaft teilzunehmen. Die Neurose hat die 
Tendenz, die Menschen aus der Sozietät zu ziehen, aber vielleicht ist solche 
Vereinsamung auch eine der Voraussetzungen jeder größeren Kulturleistung? 
Die Kultur will den Zusammenschluß zu größeren Einheiten. Vielleicht 
ist aber Kultur — in ihrem tiefsten Sinne — nicht möglich ohne jenen 
Wechsel von Einsamkeit und Gemeinsamkeit? Es scheint mir auch eine 
Kulturforderung, daß der Mensch die Einsamkeit verträgt, daß er allein 
zu sein vermag, daß er nicht gezwungen ist, sich als Massenbestandteil 
zu fühlen. Vielleicht wird eine künftige Zeit zwischen einer Kultur des 
Einzelnen und der Masse unterscheiden. 



VI 

Die Anerkennung eines besonderen, selbständigen Aggressionstriebes gibt 
Gelegenheit, noch einmal die Entwicklung der analytischen Trieblehre 
Revue passieren zu lassen. Freud verfolgt sie bis zur Aufstellung des Gegen- 
satzes von Lebens- und Destruktionstrieben. Hier eröffnen sich Aussichten 
auf die schwierigsten Probleme des Trieblebens in ihrer Beziehung zur 
menschlichen Kultur. Freud erblickt den Sinn der Kulturentwicklung — 
sollte man nicht vorsichtiger von ihrem Gesetz sprechen? — in dem Kampf 
zwischen Eros und Tod, Lebensantrieb und Destruktionsimpuls, wie er sich 
an der Menschenart vollzieht. Die Diskussion der Mittel, deren sich die 
Kultur bedient, um die ihr entgegenstehende Aggression zu hemmen, führt 
wieder zum Problem des Schuldgefühls zurück, das so oft von den 
Analytikern diskutiert, noch immer so viel von seinen Dunkelheiten be- 
halten hat. Diese Diskussion zeigt wieder den ganzen Reichtum an Ge- 
danken in der Verfolgung der Prozesse der Verinnerlichung der Aggression, 
ihrer Wendung gegen das Ich, in der psychologischen Darstellung der 
Funktionen des Über-Ichs, in der Differenzierung von Schuldgefühl und 
Reue. Freud beansprucht keineswegs, alle Probleme dieser Art beantwortet 
zu haben — auch nicht, alle gestellt zu haben. Er hat es ja immer ab- 
gelehnt, die Lücken unserer Erkenntnis durch einen Systemüberwurf ver- 
decken zu wollen. Die Verzeihung des Über-Ichs in ihrer Bedeutung für 



Zu Freuds Kulturbctraditung 3^3 



die Neurose und für das Schicksal des Einzelnen, die unterirdische Ver- 
bindung von Trotz und Schuldgefühl, die von narzißtischer Besetzung und 
von Toleranz gegenüber dem eigenen Triebleben sind Probleme solcher Art. 
Man erhält einen starken Eindruck von der fortwirkenden, von der unentrinn- 
baren Verbindung von Kultur und Schuldgefühl, von der unvermeidbaren 
Steigerung des Schuldgefühls mit dem Kulturfortschritt, einen Eindruck, 
der im Vergleich an die tiefe Lehre von der Erbsünde denken läßt. Hier 
gibt es noch so vieles, was des Fragens wert, so vieles, was fragwürdig ist. 
Nicht alles, was Freud gerade hier gibt, will sich uns widerspruchslos dar- 
stellen. Aber dort auch, wo wir meinen, Grund zum Zweifel, zu Bedenken 
zu haben, werden wir von der inneren Logik und der Aufrichtigkeit der 
Freudschen Gedanken aufs tiefste angesprochen. 

Das Bild, das sich an dieser Stelle bietet, ist folgendes: ein sich steigernder 
Druck des Schuldgefühls drängt den Einzelnen zur Gemeinschaft, läßt im 
Zusammenleben mit den Menschen wieder neue Konflikte entstehen, ver- 
stärkt die Aggressionslust und das Schuldgefühl — es ist ein circulus vitiosus. 
Es ist vielmehr eine Spiralenentwicklung, die auf höherem Niveau wiederholt, 
was an ihrem Anfang stand. Ihr Ende (oder ihr neuer Anfang) wird ver- 
mutlich durch den Zusammenbruch einer Kultur gekennzeichnet. Der Preis 
für den menschlichen Kulturfortschritt ist also die Glückseinbuße durch 
Vertiefung des Schuldgefühles. Das Wenige, das dem Kulturmenschen am 
Ende an Glückswert verbleibt, ist vielleicht das Gefühl (die Illusion?), als 
Einzelner Vielen geholfen zu haben, das Glück der Persönlichkeit im Dienst 
der Gemeinschaft. Das bleibt wohl der Weisheit letzter Schluß. Es ist freilich 
eine recht beschränkte, recht schwache und schwächliche Weisheit, kurz, 
eine Menschenweisheit, aber wir verfügen über keine bessere. 

Ein Zweifel bleibt. Mephisto spricht ihn aus: 

„Was soll uns denn das ew'ge Schaffen! 

Geschaffenes zu Nichts hinwegzuraffen! 

,Das ist vorbei , was ist daran zu lesen ? 

Es ist so gut, als war es nicht gewesen. 

Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre! 

Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere." 

Der Ausklang des Buches klingt hoffnungsvoll — mit Vorbehalt. Die 
gegenwärtige Zeit scheint nach des Autors Ansicht einer Entscheidung zu- 
zutreiben. Die Beherrschung der Naturkräfte würde es den Menschen jetzt 
leicht machen, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Es bleibt zu er- 
warten, daß nun der ewige Eros eine Anstrengung machen wird, „um sich 

16' 



%44 .Theodor Kcik 



im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten". Zu 
behaupten? Doch wohl nur für eine kürzere oder längere Zeit? Es wäre 
ein Provisorium, bis der Destruktionstrieb wieder Herr wird und das alte 
Spiel wieder beginnt, bis am Ende auch die Schöpfungen des Eros — auch 
er ein Teil des Teils, der anfangs alles war — wieder zurücksinken in die 
Nacht und in die Kälte, welche die Zukunft unseres Planeten kennzeichnen. 
Dieses Ende liegt indessen noch in weiter Ferne und Freuds hoffnungsvoller 
Ausblick gilt der nächsten Zukunft, gilt Unserer Kinder Land. Mit Recht 
meint er, im Grunde verlangen wir alle, die wildesten Revolutionäre nicht 
weniger leidenschaftlich als die bravsten Frommgläubigen, Trost, den er ihnen 
nicht zu bieten vermag. Sie lieben nämlich alle das Leben und noch da, wo 
sie seine Werte schmähen und verschmähen, geschieht es aus depit. amoureux! 
Freud lehnt es ab, den Propheten zu spielen, aber das Ende seines Ruches 
ist von der Natur eines freundlichen Zweifels, einer sanften Hoffnung: In 
dubio mitius. 

VII 

Der Stil Freuds ist derselbe geblieben, auch hier, wo er beschleunigter, 
man möchte sagen, bei aller Ruhe persönlich beteiligter klingt. Noch immer 
herrscht die strengste Ordnung in der gedanklichen Fülle. Noch immer 
bewundert man jene Einfachheit und Sparsamkeit des Stils, den sich nur 
die Reichsten gestatten können. Nicht auf Einzelheiten des Ausdrucks kommt 
es hier an, — so vermag ich die Bewunderung vieler für die Bezeichnung 
„Prothesengott" nicht zu teilen, — sondern auf die bindende und lösende 
Gewalt dieser Sprache. Sie reicht von der zartesten Andeutung bis zu 
einem Klang, als ob alle Glocken läuteten. Ihre persönliche Prägung ist 
in der langen, schweren Periode ebenso stark wie im epigrammatischen 
Satz. Auch in diesem Buche findet sich — neben manchem lässig Gesagten, 
Halbgelungenem — Unvergeßbares. Die Kulturentwicklung wird als der 
Kampf zwichen Eros und Todestrieb, als der Lebenskampf der Menschenart 
gekennzeichnet. Es folgt der Satz: „Und diesen Streit der Giganten wollen 
unsere Kinderfrauen beschwichtigen mit dem .Eiapopeia' vom Himmel!" 
Man kann den Gegensatz nicht treffsicherer, nicht packender darstellen. 
Der Versuch, eine neue kommunistische Kultur in Rußland findet in der 
Verfolgung der Bourgeois eine psychologische Unterstützung: „Man fragt sich 
nur besorgt, was die Sowjets anfangen werden, nachdem sie ihre Bourgeois 
ausgerottet haben." Das ist die Sigmund-Freud -Weise. Man kann sie nicht 
verwechseln. Wir wollen auch den mephistophelischen Ton, der gelegent- 
lich in dieses faustische Ringen dringt, nicht missen. 



Zu Freuds Kulturbetraditung s jß 

Auch eine andere Eigentümlichkeit der Freudschen Arbeiten ist erhalten 
geblieben : der dialogische Charakter, in dem die Untersuchung vorschreitet. 
Auch in diesem Buche erscheint er in Frage und Antwort, Problem und 
Lösungsversuch, Behauptung und Einwand. Zahlreiche Wendungen bezeugen 
diese Eigenart („Ich kann wenigstens ohne Entrüstung den Kritiker an- 
hören, der meint . . .", „Ich verstünde es sehr wohl, wenn jemand den zwangs- 
läufigen Charakter der menschlichen Natur hervorheben und zum Beispiel 
sagen würde . . .", „Ich kenne auch die Einwendung dagegen, daß . . ."). 
Es ist sozusagen ein verdeckter Dialog. Inmitten dieses Chores gegensätzlicher 
Stimmen und daneben, darüber schwingt eine Stimme von unvergeßlicher, 
ruhiger Eindringlichkeit: „Vivos voco" . 

Gewiß, dieses Werk will keine prinzipiell neuen Ideen bringen, es greift 
auf alte, oft gedachte, oft überprüfte Annahmen zurück. Die Nachlese, aus 
der es stammt, ist doch so viel reicher als die Ernte zahlreicher Forscher. 
Dankbar und bewundernd fühlen wir auch bei der Lektüre dieses Buches 
die tiefe und nachhaltige Anziehung der Freudschen Gedankenwelt im 
Sinne jener Inschrift auf dem Ringe der Frangipani: „Mit Willen zu 
Eigen". 



Die Entwicklung des \ViI3tr1ebes 
bei einem JVinae 

Von 
Wera Schmidt 

Mojknu 
Aus dem russisdien Manuskript übersetzt von Klisalietn Naef 

„Der Wißtrieb kann weder zu den elementaren Triebkomponenten 
gerechnet, noch ausschließlich der Sexualität untergeordnet werden. Sein 
Tun entspricht einerseits einer sublimierten Weise der Bemächtigung, 
anderseits arbeitet er mit der Energie der Schaulust. Seine Beziehungen 
zum Sexualleben sind aber besonders bedeutsame, denn wir haben aus 
der Psychoanalyse erfahren, daß der Wißtrieb der Kinder unvermutet 
früh und in unerwartet intensiver Weise von den sexuellen Problemen 
angezogen, ja vielleicht erst durch sie geweckt wird." 

Froud: „Drei Abhandlungen zur Scxmiltlicorii-." (Jos. Schriften, Bd. V, S. 69. 

Der Wißtrieb tritt nicht bei allen Kindern mit der gleichen Intensität 
auf. Unter den vielen Kindern, die zu beobachten ich Gelegenheit hatte, 
befindet sich ein Kind mit stark ausgebildetem Wissensdrang, der es zu allen 
möglichen Forschungen, Versuchen und Fragen veranlaßte. Dank diesem Um- 
stände gelang es, die Entwicklung des Wißtriebes vom Beginn seiner ersten 
Äußerungen ununterbrochen bis zum sechsten Lebensjahre des Kindes, d. h. 
bis zur Latenzperiode zu beobachten. 

Die Erziehung des Kindes, um das es sich hier handelt, wurde grund- 
sätzlich so gehandhabt, daß ihm die größtmögliche Freiheit bei seinen Ver- 
suchen, die Umwelt kennenzulernen, gewährt wurde. Auch die Äußerungen 
des Sexuallebens des Kindes wurden durch nichts eingeengt, weder gerügt, 
noch sonstwie durchkreuzt. In dem Maße, als es größer wurde, wurde ihm 
einerseits das Material zur Sublimierung seines Triebes gegeben, anderseits 



Die Entwicklung des VV iljtrienes bei einem Kinde 3^7 



gingen alle Bestrebungen der Erzieher dahin, das Kind zu veranlassen, selbst 
mit seinen primitiven Trieben fertig zu werden, selbst am Kampf mit ihnen 
Anteil zu nehmen. Infolgedessen entstand bei dem Kinde eine wünschens- 
werte Beziehung zu den sexuellen Erscheinungen, — es sieht sie als gesetz- 
mäßige und wesentliche Teile seines Lebens an und spricht von ihnen ebenso 
ruhig, einfach und offen wie auch von seinen übrigen Erlebnissen und Inter- 
essen. Daher kam es, daß, als sich sein Interesse der Frage der Kinder- 
entstehung zuwandte, es ebenso gerade und offen darüber sprach wie über 
jede andere Erscheinung. 

Was seine Schaulust anbetrifft, so hatte dieses Kind auch in dieser Be- 
ziehung die Möglichkeit, sein Interesse unter völlig natürlichen Umständen 
zu befriedigen. Mit einem Jahr und fünf Monaten kam es in das „Kinder- 
heimlaboratorium" des psychoanalytischen Instituts, wo es drei Jahre unter 
gleichaltrigen Kindern verlebte. Die Kinder schliefen zusammen, hatten im 
Sommer zusammen ihre Luft- und Sonnenbäder, badeten zusammen im 
Fluß. Es konnte beobachten und fragen, was es wollte. Auch Körperbau 
und Sexualorgane der Erwachsenen lernte das Kind, während es im Sommer 
mit ihnen badete, unter ganz natürlichen Bedingungen kennen, wobei die 
Umgebung seiner Aufmerksamkeit durch Sonne, Sand, Wasser, das Baden 
selbst und manches andere Ablenkung bot. 

Nun noch einige Worte über das Kind selbst. Seine körperliche Ent- 
wicklung ist vollkommen normal; es befindet sich bis jetzt in regelmäßiger 
Beobachtung eines Kinderarztes, der seine Entwicklung als von der Norm 
in keiner Weise abweichend bezeichnet. Was sein seelisches Leben betrifft, 
so läßt sich hier ein deutliches Überwiegen der Verstandesfunktionen über 
alle anderen feststellen. Künstlerische Fähigkeiten kommen bei ihm vor- 
läufig nicht zum Ausdruck, obwohl es viel zeichnet, malt, ausschneidet, 
knetet, singt usw. 

Im Kinderheim, wo alle Kinder die gleichen Möglichkeiten hatten, die 
Umwelt kennenzulernen, ihre Fragen in gleich genauer und aufrichtiger 
Weise beantwortet wurden, unterschied sich dieses Kind von allen anderen 
eben durch seinen ausgeprägten Forschungsdrang, welcher es gleichzeitig 
am besten mit der Realität verband. Unser Beobachtungsobjekt ist also ein 
körperlich gesundes Kind, ohne manifeste neurotische Symptome, das in 
einer mehr oder weniger normalen Umgebung aufwächst. Infolgedessen 
können die an ihm gemachten Beobachtungen als Material für die Erfor- 
schung bestimmter seelischer Entwicklungsvorgänge dienen. Das Beob- 
achtungsmaterial über die Äußerungen seines Wißtriebes — Auszüge aus 



2^8 Wem Schmidt 



„Tagebüchern 4 " — ist derartig umfangreich, daß hier kaum der zehnte Teil 
desselben als Beleg und Beispiel Platz finden kann. Ich möchte in der 
vorliegenden Arbeit an Hand von Auszügen aus den Tagebüchern über 
das Kind ein Bild von der Entwicklung des Wißtriebes geben, um dann, 
gestützt auf dieses Material, zu einigen allgemeinen Folgerungen zu ge- 
langen. 

Ich greife im Interesse der Darstellung etwas vor, indem ich folgendes 
Schema für die Entwicklung des Wißtriebes, wie es sich mir auf Grund 
der Verarbeitung meines Materials ergeben hat, anführe. 

Die erste Periode umfaßt ungefähr das erste und zweite Lebensjahr 
des Kindes: Erste Orientierung in der unmittelbaren Umgebung des Kindes. 

Die zweite Periode — Ende des zweiten und das dritte Jahr — bringt 
neben der Erforschung der Umgebung das Auftreten zahlreicher Interessen, 
die speziell mit den Partialtrieben zusammenhängen, das Interesse am Urinieren, 
Defäzieren, das Interesse am eigenen Körper, den Sexualorganen u. a. m. 1 

Die dritte Periode, die etwa das Ende des dritten, das vierte und das 
fünfte Lebensjahr des Kindes umfaßt, könnte man mit dem Ausdruck „Ich 
und die Welt" charakterisieren. Für das Kind entstehen zwei Grundprobleme: 
Geburt und Tod. In dieser Periode entsteht der Wunsch nach der Kenntnis 
des eigenen Körperbaues und desjenigen der anderen. 

Die vierte Periode, die ungefähr mit dem Ende des fünften Jahres 
beginnt, zeichnet sich durch großes Interesse für das öffentliche Leben 
und soziale Fragen aus. In dieser Zeit treten zum erstenmal Fragen nach 
Gott auf. 

Indem ich mich an dieses Schema halte, das ich, wie gesagt, auf Grund 
der Verarbeitung des Gesamtmaterials über dieses Kind gewonnen habe, 
werde ich eine Anzahl Aufzeichnungen bringen, die die Äußerungen des Wiß- 
triebes aus den verschiedenen Entwicklungsperioden des Kindes illustrieren. 

Ürste .Periode 

Die Beobachtung der ersten Anzeichen für den erwachenden Wunsch des 
Kindes, seine Umgebung kennenzulernen, ist außerordentlich schwierig. 
Zuerst, unmerkbar, geschieht die Erfassung der Umwelt mit Hilfe der ein- 
zelnen erogenen Zentren, Mund, Augen, Ohren, Händen. Gleichzeitig dient 

i) Das heißt natürlich nicht, daß das Kind in der vorangegangenen Periode sich 
gar nicht für diese Dinge interessiert hahe, sondern daß sie jetzt erst eine dominierende 
Bedeutung gewonnen haben. 



Die Entwidmung des Yv iljtnebes bei einem Kinde 2^9 

das so Aufgenommene auch zur Befriedigung dieser Zonen selbst, durch 
Saugen, Sehen, Hören, zufällige Berührungen. Mein Material enthält zahl- 
reiche Beobachtungen darüber, doch werde ich sie hier nicht anführen, 
da Bernfeld in seiner „Psychologie des Säuglings" eine ausführliche Be- 
schreibung aller dieser Momente mit Berücksichtigung der sonstigen in 
Betracht kommenden Publikationen gibt. 

Ich beginne mit der Entwicklung des Bemächtigungstriebs. 1 

1) Ende der /. Woche. 

„Wenn Alik (russischer Knabenname) hungrig ist, fängt er nicht nur 
an, etwas Unsichtbares mit dem Munde zu suchen, sondern greift mit den 
Händen um sich, besonders vor sich." — Der Hunger ruft beim Kinde eine 
bestimmte Beaktion hervor — die Beute zu packen, um sie aufzuessen. 

2) 22. Juli I<?20. — 0,4, 14). Tag. 2 

„Ich habe über Aliks Bett meinen weißen, schwarz bestickten Schal ge- 
hängt. Als Alik das von ihm geliebte Muster erblickte, versuchte er, auf 
dem Bücken liegend, sich danach zu recken. Er streckte die Händchen 
danach aus, strampelte mit den Füßchen, wälzte sich im Bett, atmete an- 
gestrengt, — aber am interessantesten war sein Gesichtsausdruck: sein offener 
Mund machte fortwährend Greifbewegungen, die Augen sind mit gierigem 
Ausdruck nach oben gerichtet . . . Eine außerordentlich deutliche Äußerung 
des Wunsches zu besitzen, zu packen in primitivster Form." 

Hier ist es nicht mehr der Hunger, sondern das Streben nach dem 
Besitz eines ihn interessierenden Gegenstandes, das ihn zu einer ganzen 
Beihe aggressiver Betätigungen veranlaßt, das letzten Endes zum gleichen 
Ziel führt, den Gegenstand zu packen und aufzuessen, d. h. sich seiner zu 
bemächtigen im einfachsten und primitivsten Sinne des Wortes. Schon nach 
zwei Monaten aber können wir zahlreiche Beobachtungen ganz anderer Art 
machen. Ich lasse hier eine solche folgen: 

)) 14. September I<)20. — O, 6, 197. Tag. 
Ich gab Alik ein Stück Barchent ... Er steckte ihn nicht etwa sofort 
in den Mund, sondern knüllte ihn in den Händen zusammen. Dann warf 
er den Barchentlappen weg, packte sein Lätzchen, das ebenfalls aus Barchent, 

1) Ausführliches über den Bemächtigungstrieb in Bernfelds „Psychologie des 
Säuglings". 

2) Die Altersangabe des Kindes geschieht nach Stern, d. h. die Zahl der bereits 
vollendeten Monate oder Jahre wird genannt. Bei Tagen ist der laufende Tag gemeint. 



i5o Wen SAiindt 



aber aus weniger feinem war, betastete und zerknüllte es, faßte daraufhin 
nach den Enden seines Barchentjäckchens, zog sie auseinander, betrachtete 
sie aufmerksam und hob dann wieder das Barchentläppchen auf und zer- 
drückte es nochmals." 

Schon diese eine Beobachtung zeigt, welche erhebliche Entwicklung das 
Kind in diesen zwei Monaten durchgemacht hat. Sie bis in jede Einzelheit 
genau zu beobachten ist absolut unmöglich. Aber eines kann man mit 
Sicherheit sagen: Der Mund hat seine dominierende und ausschließliche 
Bedeutung in der Beziehung des Kindes zur Außenwelt verloren. Neben 
ihm kommen schon Hände und Augen als Werkzeuge für die Orientierung 
in der Umwelt in Betracht. Außerdem besteht nicht mehr die unmittel- 
bare Reaktion, einen Gegenstand zu packen, um ihn aufzuessen, sondern 
das Kind versucht, den Gegenstand zu erforschen, gewissermaßen seiner 
dadurch habhaft zu werden, daß es ihn untersucht, mit anderen, bereits 
bekannten Dingen vergleicht. 

Ich möchte zur Illustrierung dieser Frage noch einige Beispiele aus dem 
gleichen Lebensalter anführen: 

4) 22- September l<)20. — 0, 6, 20 f. Tag. 

„Alik lag quer auf meinem Bette, mit dem Kopf zur Wand, ohne daß 
er sie sehen konnte, und spielte dabei mit einem Pilz aus Holz. Zufällig 
stieß er dabei mit dem Holzpilz an die Wand hinter seinem Kopf. Das 
Klopfgeräusch erregte seine Aufmerksamkeit. Er besah sich den Pilz und 
schlug damit wieder an die Wand, daraufhin besah er sich den Pilz noch- 
mals. Das wiederholte er vier- bis fünfmal, wobei er jedesmal den Pilz 
mit großem Interesse betrachtete. Dann gelang es ihm, seine Lage zu ändern, 
den Kopf zu wenden, um sich nun die Wand anzusehen und mit der Hand 
zu befühlen. Plötzlich erblickte er den Knopf der elektrischen Klingel und 
strebte nach ihm hin." 

f) Am gleichen Tage, einige Stunden später: 

„In seinem Bettchen spielend, versuchte Alik mit seinem Holzpilz ans 
Netz zu klopfen und war höchst erstaunt, kein Geräusch zu hören. Er 
betrachtete den Pilz, maun/.te ein wenig, schlug wieder an das Netz und 
besah von neuem ganz erstaunt den Pilz." 

o) 27. September l<)20. — O, 6, 210. Tag. 

„Ich beobachtete, wie Alik versuchte, mit seiner Windel an den Rand 
seines Wagens zu klopfen. Er hob sie hoch auf und ließ sie mit voller 



Die Entwicklung des Wiktriclea bei einem Kinde 



Kraft auf den Wagen niedersausen. Nach einem jeden solchen Versuch hielt 
er mit einem Laut des Erstaunens inne und — fing wieder von vorn an." 

Die Beobachtung dieses beharrlichen Strebens des Kindes, sich in seiner 
Umwelt zu orientieren, drängt einem die Vermutung auf, daß ein unwider- 
stehlicher Trieb es zwingt, sich seiner Umwelt durch Erforschung zu be- 
mächtigen. Ich besitze mehr als hundert ähnliche Beobachtungen, die 
deutlich zeigen, wie das Kind die Außenwelt allmählich beherrschen lernt, 
indem es Gegenstände und Erscheinungen erforscht und geistig ver- 
arbeitet. 

Neben dieser ins einzelne gehenden Erforschung der Außenwelt be- 
schäftigt sich Alik seit seinen ersten Lebensmonaten mit dem Studium 
seiner selbst und stellt Vergleiche mit anderen an. 

•j) 2j. September I<?20. — 0,6, 208. Tag. 

„. . . ich sitze neben Alik, so daß er mit meinen Haaren «pielen kann. 
Das ist wohl sein Lieblingsspiel. Er war außer sich vor Vergnügen, lachte, 
streichelte und schlug mich auf den Kopf, packte Haarsträhnen, ließ sie 
los und griff wieder nach ihnen. Plötzlich unterbrach er sein Spiel, wurde 
ganz still, während sein rechtes Händchen auf meinem Kopf liegen blieb. 
Erstaunt durch sein plötzliches Verstummen hob ich den Kopf und sah, 
wie er mit gespanntem Blick sein linkes Händchen über seinen Kopf gleiten 
läßt und versucht, seine Haare zu fassen. Nach einigen Sekunden beginnt 
er wieder das Spiel mit meinen Haaren und dann wiederholt sich das 
selbe: Schweigen und aufmerksames Betasten des eigenen Kopfes. 

An diesem Beispiel kann man die Mechanismen des kindlichen Forschungs- 
triebes verfolgen — zuerst ist es der reine Bemächtigungstrieb : Er greift 
nach einem Ding, reißt es an sich usw., dann tritt eine vollkommene 
Begungslosigkeit ein, wie es scheint als Folge einer inneren Hemmung, 
und schließlich eine Untersuchung und ein Vergleichen des Gegenstandes. 

8) 16. November 1920. — 0, 8, 260. Tag. 

Beim baden zwickte Alik sich fest in Brust und Bauch, dann knüllte 
und zwickte er die Unterlage, auf der er lag. 

9) 2). November 1920. — 0,8, 267. Tag. 

Wenn ich Alik über den Topf halte, beugt er sich vornüber und be- 
trachtet mit großer Aufmerksamkeit seine Genitalien." 1 

1) Zur gleichen Zeit traten die ersten Onanieversuche auf. 



YVcra iSdimidl 



10) 14. Februar 1921. — 0,11, 3J°- Tag. 

„Vor dem Schlafengehen zog ich Alik aus ... Er betrachtete aufmerk- 
sam seine Ärmchen . . ., betastete sie abwechselnd, klatschte mit der Innen- 
fläche der Hand auf sie. Nachdem ich ihm sein Jäckchen angezogen hatte, 
bewegte er lange das Ärmchen im Ärmel hin und her und versuchte schließ- 
lich den Ärmel auszuziehen. 

11) 9. März 1921. — 1,0. 

„Wenn Alik vom Töpfchen aufsteht, dreht er sich jedesmal um und 
besieht sich sehr neugierig und sehr interessiert seine Exkremente. Wenn 
er aber aufsteht ohne etwas gemacht zu haben, dann dreht er sich nicht 
um und widmet dem Topf keine Aufmerksamkeit." 

Wie wir gesehen haben ist der erste Abschnitt der Entwicklung des 
Wißtriebes durch das Streben des Kindes gekennzeichnet, sich in der Um- 
welt zu orientieren ohne Bevorzugung bestimmter Dinge und Erscheinungen. 
Seine Aufmerksamkeit und sein Streben zu erforschen, i. e. zu besitzen, 
verteilt sich fast gleichmäßig nach allen möglichen Richtungen. 

Zweite Periode 

Der zweite Abschnitt beginnt, wie gesagt, während des dritten Lebens- 
jahres. Dieses Jahr zeichnet sich durch eine verstärkte Sprachentwicklung 
aus, durch die das Kind befähigt wird, Fragen zu stellen. Die Fragen selbst 
machen verschiedene Entwicklungsstadien durch, die ich mir erlauben werde 
hier in Beispielen anzuführen. 

*I2) 31. Oktober 1921. — 1,7} 

„Alik sah dem fallenden Schnee zu, zeigte mit der Hand danach und 
sah mich fragend an. Ich sagte: ,Es schneit.'" 

Im dritten Jahr fing er an zu fragen: „Was ist das?" Dabei fragte er 
zuerst sich selbst und gab sich auch selbst die Antwort, die oft falsch war. 
Dann fing er an, die gleiche Frage an die Erwachsenen zu richten, ant- 
wortete sich aber oft selbst, ohne die Antwort abzuwarten. Zum Beispiel: 

*Ij) 31. Juli 1922. — 2,4. 

„Die Fabrikpfeife ertönt. Lika (russischer Mädchenname) und Alik be- 
merken es. ,Wer pfeift?', fragt Alik und sagt sofort, ohne die Antwort ab- 

1) Die mit einem Sternchen (*) bezeichneten Beispiele sind dem Tagebuch des 
Kinderheims entnommen, wo die Eintragungen von verschiedenen Erzieherinnen ge- 
macht wurden. Die ohne Stern sind außerhalb des Kinderheims von der Mutter gemacht. 



Die Entwicklung des Wiijtriebe* bei einem Kinde 253 

zuwarten: ,Ein Vögelchen pfeift.' Lika (2 Jahre, 6 Monate) : ,Nein, das ist 
kein Vögelchen, das ist der Onkel, der singt.' Darauf versetzt Alik autori- 
tativ: ,Nein, das ist nicht der Onkel, das ist ein Pferdchen, das singt.' Auf 
diese Lösung einigten sie sich. 

Ende des dritten Jahres traten „ Warum u fragen auf. Zum Beispiel: 

14J 29. Dezember I<}22. — 2,9. 

„Man brachte Alik das Essen in einem irdenen Töpfchen. ' Ich stellte 
es auf den Tisch. Plötzlich fragt er: ,Mama, warum steht das gelbe Töpfchen 
auf dem Tisch und das blaue (das Nachttöpfchen) auf dem Boden?'" 

Im folgenden kommt die Frage „warum" immer öfter vor und betrifft 
immer weitere Bereiche des Lebens. Ungefähr in der gleichen Zeit treten 
Fragen auf, wer diesen oder jenen Gegenstand gemacht hat. Aber die Blüte- 
zeit dieser Art Fragen tritt in einer späteren Periode auf als die „Warum" - 
fragen. In großer Zahl in der zweiten Hälfte des vierten Jahres auftretend, 
gehen sie denjenigen Fragen direkt voran, die man dem Sinne nach in 
eine Gruppe zusammenfassen kann: „Und wer hat mich gemacht?" Beispiel: 

If) 6. Januar 192). — 2,10. 

„Man brachte Alik ein Tännchen in die Klinik. Er betrachtete es sofort 
aufmerksam und sagte: .Viele, viele Äste und Zweige.' Dann sah er nochmals 
hin und wandte sich zu mir: ,Mama, wer hat aus diesen Zweigen das 
Tännchen gemacht?' Ich antwortete, daß das Tännchen niemand gemacht 
habe, daß es so im Wald gewachsen sei. Aber Alik war mit dieser Ant- 
wort nicht zufrieden. Er ließ mich mit der Frage ,wer hat das Tännchen 
gemacht' nicht in Buhe. 

Schließlich kommen die Fragen, woraus und wie etwas gemacht sei, 
noch später, im gegebenen Falle nach dem vierten Jahr, zu der Zeit, als 
das Kind anfängt sich dafür zu interessieren, wie und woraus es selbst ent- 
standen sei. Mit dieser Art Fragen werden wir uns in der folgenden Periode 
zu beschäftigen haben. 

Nachdem ich mir diese Abschweifung erlaubt habe, um einen gedrängten 
Überblick über die allmähliche Entwicklung der Fragen des Kindes zu 
geben, da sie auf das engste mit der allgemeinen Entwicklung des Wiß- 
triebes verbunden sind, kehre ich jetzt zu meinem Grundthema, der Äuße- 
rungen des Wißtriebes in der zweiten Periode seiner Entwicklung, zurück. 
Diese Periode ist, wie schon gesagt, charakterisiert durch das Auftreten von 



1) Alik hatte damals Scharlach und lag in der Klinik. 



2 54 Wem iSAmiJt 



Interessen, die mit den Partialtrieben zusammenhängen. Gleichzeitig wird 
die — jetzt viel eingehendere und kompliziertere — Erforschung der Um- 
welt fortgesetzt. Ich lasse Beispiele folgen: 

*l6) 26. Mai 1922. — 2,2. 

„Alik steht mit sehr ernstem Gesicht vor dem Spiegel und macht aller- 
hand Bewegungen mit den Händen. Er beobachtet und vergleicht die Be- 
wegungen, die er macht, mit denen, die er im Spiegel sieht. Sein Gesicht 
hat einen gespannten Ausdruck, es drückt ernste Geistesarbeit aus." 

*Ij) II. Juni 1922. — 2, }. 

„Alik ist in das Automobil hineingeklettert, das auf dem Hofe stand. 
Kein Schräubchen, kein Hebel entging seiner Aufmerksamkeit. Mit einem 
Gesichtsausdruck, der deutlich eine intensive geistige Arbeit verriet, tastete 
er an allem herum, bewegte es, zupfte und zog daran herum usw." 

Während dieser Periode ist das Interesse des Kindes nicht so sehr ein- 
zelnen Personen zugewendet als bestimmten Organen und ihren Funktionen 
bei sich selbst, bei anderen Kindern, bei den Eltern und bei Tieren. Alik 
hatte volle Freiheit seine Triebe zu äußern — im gegebenen Falle seine 
Schaulust — und sie in normaler Weise zu sublimieren. Er konnte beliebig 
viele Beobachtungen machen, beliebige Fragen ohne Einschränkung stellen 
und ohne Angst, falsche Auskunft zu bekommen oder abgewiesen zu werden. 
Diesem Umstand darf man es vielleicht zuschreiben, daß in seinen Unter- 
suchungen nicht so sehr das erotische Moment vorherrscht als das eigent- 
liche Streben nach Erkenntnis. Der Schautrieb äußerte sich bei ihm voll- 
kommen offen und wahrscheinlich deshalb in etwas abgeschwächtem Maße. 
Ich nehme an, daß dies von der Art seiner Erziehung abhängt und nicht 
von seiner libidinösen Konstitution, aber beweisen kann ich das natürlich 
nicht. Im Kinderheim konnte Alik ungehindert den Körperbau der anderen 
Kinder und ihre physiologischen Betätigungen beobachten. Zum Beispiel: 

*i8) 9. Mai 1922. — 2,2. 

„Alik äußerte großes Interesse dafür, wie die Kinder urinieren. Wenn 
wir im Garten spazieren gingen, pflegte ich nötigenfalls ein Kind abzu- 
halten, und zwar so wie einen Säugling, indem ich es in den Armen haltend 
seine Beinchen mit den Händen auseinanderhielt. Alik kam regelmäßig 
herangelaufen, stellte sich in einiger Entfernung auf die Fußspitzen, reckte 
den Hals und folgte mit gespannter Aufmerksamkeit dem Vorgang. Der 



Die Entwicklung des Wifjtriebej bei einem Kinde 255 

Gesichtsausdruck war sehr ernst, sehr wißbegierig wie bei allen seinen 
Betrachtungen." 

1$) 2 j. Dezember IJ22. — 2,9. 

„Als Borris stehend urinierte, beobachtete Alik ihn mit Neugierde und 
außergewöhnlichem Interesse. 

Im folgenden werden wir ähnlichen Notizen aus seinem vierten Lebens- 
jahre begegnen. 

*20) 27. Juni 192}. — ;,j. 

„Auf dem Spaziergang begegneten wir einer großen Ziege, die gerade 
defäzierte. Alle Kinder sahen mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Dann sagte 
Alik: ,Bei ihr fällt das Kaka aus dem Popo.'" 

*2l) 16. Oktober 192). — 3,7. 

Das Gespräch findet morgens statt, nachdem die Kinder eben aufgewacht sind. 

„Alik: ,Marinotschka (russischer Mädchenname), wo ist deine Pipischka? 
Wie machst du Pipi?' Marina zeigt: ,Da, siehst du, ist meine Pipischka.' 
Als Marina sich auf den Topf setzt, setzt sich Alik neben sie und sieht 
aufmerksam hinein. Beide lachen. Alik: ,Und ich habe so eine Pipischka', 
zieht dabei sein Glied vor und zeigt es ihr." 

Dank seiner Beobachtungen mußte Alik den Unterschied der Genitalien 
von Knaben und Mädchen bemerken, aber er stellte keine Fragen darüber. 
Er begnügte sich mit der Feststellung der Tatsache. Die folgenden Notizen 
illustrieren seine Vorstellung darüber. 

*22) 21. Juli 1923. — 3,4- 

„Mischa (ein Knabe): ,Alik, was hast du für eine Pipischka?' Alik: ,Eine 
ebensolche wie du und Schura (Knabe).'" 

Die Erzieherin, die wissen wollte, wie es um die Kenntnisse des Kindes 
bestellt ist, fragte deshalb: „Und hat Lika (Mädchen) auch eine solche?" 
Darauf Alik überlegend: „Ich weiß nicht, was sie für eine Pipischka hat , 
denkt weiter nach und sagt dann erfreut: „Sie hat überhaupt keine Pipischka, 
sie hat nur einen Popo. 

Eine volle und genaue Kenntnis der Verschiedenheit der männlichen und 
weiblichen Genitalien gewinnt er erst gegen Ende des fünften Lebensjahres. 

23) Februar 192J. — 4, II- 

„Alik denkt daran, daß er eine Zeit lang meine Tochter sein wollte. 
Ich frage ihn: ,Wie hätte man denn das machen können?' Er: ,Man müßte 



a 5(j Wern Schmidt 



ein Kleid anziehen . . . und ein Tuch auf den Kopf . . . (nach einigem 
Nachdenken) — und man müßte eine andere Pipischka haben.'" 

Also hat das Kind das Problem des Unterschiedes der Geschlechter selb- 
ständig gelöst. 

Das Interesse Aliks für die Organe der Erwachsenen fing in seinem 
dritten Lebensjahr an. Den Anstoß dazu bot der Umstand, daß er für einige 
Zeit aus dem Kinderheim nach Hause überführt wurde, wo er Gelegenheit 
hatte, Erwachsene sich an- und auskleiden zu sehen. Dabei ist zu betonen, 
daß alle Mitglieder der Familie in dieser Beziehung sehr vorsichtig waren, 
bemüht, seine Aufmerksamkeit und sein Interesse nicht darauf zu lenken. 
Und doch war es unvermeidlich, daß dieses Interesse entstand. Ich lasse 
eine Notiz darüber folgen. 

24) 20. März 1^22. — 2, 0. 

„Alik zeigt großes Interesse für die mütterliche Brust, besonders für die 
Brustwarze. Das erstemal berührte er sie und sagte: ,Ein Knopf, aber 
scheinbar befriedigte ihn diese Erklärung nicht, denn zwei Tage später 
zeigte er auf die Brustwarze und sagte: ,Mama hat Weh -Weh, arme Mama, 
Weh -Weh, ei-ei-ei, Mama, Weh -Weh.' Und schließlich zupfte er mit sehr 
ernstem und konzentriertem Gesichtsausdruck an der Warze ein wenig herum 
und fragte dann erstaunt: ,Mama, Pipi?' Zupfte daraufhin an seinem Glied, 
besah es sich und sagte schon bestimmter, aber doch noch nicht ganz sicher: 
,Pipi, Mama.'" 

Auch sind Notizen darüber vorhanden, daß Alik ins Klosett eindringen 
wollte, um zuzusehen, wenn sich dort ein Erwachsener aufhielt. Dieser 
Wunsch wurde nicht befriedigt. Nach einiger Zeit traten Fragen darüber 
auf, ob Erwachsene urinieren, ob sie Stuhlgang haben, ob sie dieselben 
Organe haben wie er und seine Kameraden und ähnliches mehr. Diese 
Fragen wurden vollkommen wahrheitsgemäß beantwortet und er war, wie 
es scheint, damit zufrieden. 

Ehe ich den Zeitabschnitt, in den die Entwicklung der Partialtriebe fällt, 
abschließe, möchte ich noch eine Notiz bringen, wie Alik sich selbst unter- 
sucht. 

2$) 9. April 1922. — 2,1. 

„Gestern und heute zeigte Alik beim Wechseln des Ilemdchens lebhaftes 
Interesse für seinen Körper. Er lachte fröhlich, streichelte sich selbst, wandte 
seine Aufmerksamkeit den kaum bemerkbaren Brustwarzen zu und fing an, 
an ihnen herumzuzupfen, dann befühlte und untersuchte er seinen Nabel, 



Die Entwicklung des WiJjtrieoe« bei einem Kin de 257 

besah sich von allen Seiten seine Genitalien, dann bückte er sich und 
während er ,Popo! Popo!' rief, versuchte er, sich von unten her zu betrachten. 
Daraufhin stellte er sich auf alle Viere und versuchte beharrlich von unten 
her seine Rückseite zu sehen." ' 

Wir sehen also auf Grund des Tatsachenmaterials deutlich, daß der Inter- 
essen- und Forschungskreis des Kindes sich im dritten Jahr bedeutend er- 
weitert und daß er hauptsächlich den Bestrebungen, die physiologischen 
Funktionen und die dazugehörigen Organe kennenzulernen, umfaßt. 

Dritte Periode 

Zu Beginn des vierten Jahres ungefähr verändern sich die Interessen 
und Fragen des Kindes nach Wesen und Richtung. Im Gegensatz zu seinem 
früheren Verhalten, wo es sich einfach mit der Erforschung der Umwelt 
befaßte und Fragen stellte, die ihn zufällig interessierende Erscheinungen 
in ihm auslösten, ist er in der jetzt zu erforschenden Periode bereits im- 
stande, sich selbst Probleme zu stellen und beharrlich ihrer Lösung nach- 
zugehen. Das weist darauf hin, daß neben den libidinösen Quellen des Wiß- 
triebes bereits bewußte geistige Arbeit auftritt. Was beschäftigt das Kind 
nun hauptsächlich in dieser Entwicklungsperiode? Seine Interessen und 
Fragen beziehen sich durchweg auf die eigene Persönlichkeit. Man kann 
sie im wesentlichen in Gruppen einteilen : 

i) Woher bin ich gekommen? 

2) Wie bin ich gebaut? 

ß) Wie ist es möglich, daß ich sterbe? 

Am stärksten zieht der erste Fragenkomplex die Aufmerksamkeit des 
Kindes an. In bezug auf Alik ist diese Tatsache um so interessanter, als keinerlei 
äußere Ereignisse sein Denken nach dieser Richtung lenken. Weder hatte 
er selbst Geschwister, noch wurde in seinem Verwandten- und Bekannten- 
kreis während dieser Periode ein Kind geboren, bis auf einen Fall, über 
den ich später berichten werde und der ihn bestimmt nicht auf die Frage 
nach der Geburt und Entstehung der Kinder gebracht hat. 

Fragen über die Geburt 
*26J 27. Juni 192). — 3,3- 

„Alik interessiert die Frage nach dem Samen sehr. Er betrachtet jede 
Blume genau und fragt: ,und hier wachsen nachher die Samenkörner?'" 

1) Ungefähr um diese Zeit fängt er an von sich in der ersten Person zu sprechen. 
Imago XVI. 17 



a 5S Wer» Sdimi.lt 



* 2j) 22. Juli 1<)2}. — 3,4. 

„Alik: ,Mama,' du warst auch einmal klein?' Lika, mir zuvorkommend: 
,Oh Alik, was denkst du! Was denkst du! Mama ist ganz groß.' Ich 
erzählte ihnen, daß ich früher einmal auch klein war und dann gewachsen 
bin und groß wurde. Sie hörten aufs äußerste gespannt zu, stellten aber 
keine weiteren Fragen." 

*28) 24. Juli 192). — 3,4. 

„Viele Male am Tag bittet Alik mich: , Erzähl' von mir, wie ich klein 
war' und hört interessiert den Erzählungen über sich zu." 

•29) 13. August 192). — },S- 

„,Mama, bei der Henne kommt das Ei aus dem Popo, ja?' — ,Ja.' — 
,Und tut es ihr nicht weh, wenn das Ei herauskommt?' — .Nein, es tut 
ihr nicht weh.' 

Darüber hat eine der Erzieherinnen mit den Kindern gesprochen, als sie 
Likas Frage, woher die Eier kommen, beantwortete. 

*}0) 16. Januar 1924. — 3, 10. 

„Alik fragt: ,Und warum macht man Kaka?' — ,Und warum wohl, 
denkst du?' Alik wurde ärgerlich: ,Ich weiß es nicht; ich frage dich doch, 
weil ich es nicht weiß; und du, warum fragst du mich?' Ich antwortete 
ihm, so gut ich konnte. Er erwiderte nichts darauf, stellte aber auch keinerlei 
Fragen mehr." 

* 3 1) IJ. Januar 1924. — 3, 10. 

„Einmal, als Alik urinierte, hörte ich ihn flüstern. Ich horchte hin: 
,Das, woraus das nasse Pipi kommt, heißt Pipischka und das, woraus das 
schmutzige Kaka kommt, heißt Popo." 

32) 20. Januar 1924. — 3, 10. 2 

„Als ich mit Alik auf die Treppe ging, sah er plötzlich nach der oberen 
Etage hinauf und sagte: ,Bei uns oben wird bald ein neuer Junge sein.' 
Ich fragte, wer ihm etwas darüber gesagt habe, bekam aber keine Antwort." 

33) 22. Januar 1924. — 3, 10. 

„Alik kommt fröhlich auf mich zugesprungen: »Olga, bei uns oben ist 
der neue Junge schon da.' Ich frage Marie: ,Ist bei uns oben ein Knabe 

1) Im Kinderheime wurde eine der Erzieherinnen „Mninn" genannt. 

2) Diese und die nächstfolgende Notiz sind außerhalb des Kinderheimes von seiner 
Tante gemacht worden. 



Die Entwicklung des VViIjlricbeä bei einem Kinde 25q 

geboren worden?' was sie verneint. Worauf Alik etwas aufgeregt erwidert: 
,Doch ist er geboren worden; doch, doch!' — ,Und wer hat es dir gesagt?' — 
Wir haben ihn selber gemacht, diesen neuen Knaben.'" 

)4) 22. Januar 1924. — }, 10. 

„Abends bat Alik, ihm zu erzählen, wie es war, als er klein war. 
Meistens bat er zu erzählen, wie er gespielt habe und heute sagte er plötzlich : 
,Erzähle mir, wie ich geboren wurde.' Ich wußte nicht, was er unter diesem 
Wort versteht und mochte ihn nicht vor dem Schlaf ausfragen. Deshalb 
erzählte ich folgendermaßen: , Als du geboren warst, hast du laut geschrien. 
Man hat dich gebadet, in eine warme Windel gewickelt und ins Bettchen 
gelegt. Da hast du ein Weilchen gelegen und bist dann eingeschlafen." 

3j) 2 S- Januar 1924. — ß, 10. 

„Heute vor dem Einschlafen fragte Alik mich: ,Mama, und du bist auch 
geboren worden?' — ,Ja.' — ,Und du wurdest geboren, um klein zu 
sein?' — ,Ja, wie ich geboren wurde, war ich ganz klein.' — ,Und dann 
bist du gewachsen und groß geworden?' — ,Ja.' — ,Und ich bin auch 
gewachsen und werde noch mehr wachsen und werde ganz, ganz groß 
werden — größer als Papa.'" 

* 36) 12. Februar 1924. — 3, TT. 

„,Und wer hat uns gekauft?' fragte Alik. Marina wiederholte seine Frage: 
,Und wer hat uns gekauft?' — , Niemand hat euch gekauft', antwortete 
ich. ,Uns hat Papa gekauft', antwortete Alik selbst auf seine Frage. Und 
Marina wiederholte lachend die Frage: ,Und wer hat uns gekauft?' Alik 
erwidert ihr lachend: , Unsere Mamas.' — Marina: ,Man hat uns zer- 
brochen und dann wieder ganz gemacht.' — Alik gefiel das und er 
wiederholte es. 

*}■]) I). Februar 1924. — }, II. 
Die Kinder aßen zum Tee Brötchen mit Honig. Plötzlich fragt Alik: 
,Und wer macht den Honig?' Ich erzählte von den Bienen und wie sie 
den Honig sammeln. Mischa und Alik bezeigten großes Interesse dafür und 
ließen es sich einigemal hintereinander erzählen." 

*)8) 20. Februar 1924. — }, II. 

„,Mama, Pipi ist so flüssig wie Wasser, ja?' — ,Ja.' — ,Und wenn ich 
Wasser trinke, dann wird nachher daraus Pipi?' — ,Ja.' — ,Und wenn 
ich Tee, Milch, Kakao, Kaffee trinke?' — ,Auch dann.' — ,Und wenn ich 

17* 



360 Wem Daunidt 



Kartoffeln, Makkaroni, Koteletts, Brei, rote Grütze esse, dann wird daraus 
Kaka?' — Ja.'" 

}<)) 16. März 1924. — 4, 0. 

„Ich bin mit Alik zu einer Bekannten gegangen, um ihr drei Monate 
altes Söhnchen zu besichtigen. Unterwegs sagte Alik zu mir: ,Mama, als 
wir früher Sonja besuchten, war dort gar kein Kindchen.' — Ja, da gab's 
dort keines.' — ,Und jetzt gibt's dort eines?' — ,Ja, jetzt ist eins da.'" 

40) j- April 1924. — 4, I. 

„Alik betrachtet einen botanischen Atlas und sieht darin irgendwelche 
runde Früchte. Daraufhin singt er: ,Da wachsen Eierchen, Eierchen, 
Eierchen. Sie sind noch klein und werden groß werden.' Er fragt: ,Mama, 
Eierchen macht man nicht (künstlich)?' — ,Nein.' — ,Sie wachsen?' — 
Ja.' — ,Und wer bringt sie uns?' — ,Die Henne legt sie.' — ,Wie legt 
sie sie denn?' — ,Die Eier wachsen in ihrem Bauch und kommen dann 
durch's Löchelchen heraus.' — .Aus dem Popo?' — ,Ja.' — Während ich 
ihm erzählte, daß die Eier im Bauch der Henne wachsen, hatte Alik einen 
äußerst ernsten, aufmerksamen und gespannten Gesichtsausdruck, die Augen 
waren weit geöffnet." 

Die Zwischenzeit zwischen den drei letzten Aufzeichnungen beträgt jeweils 
fast einen Monat. 

Nachdem sowohl das bewußte wie das unbewußte Interesse des Kindes 
sich um das Problem der Geburt konzentriert hat, sehen wir plötzlich einen 
Stillstand, quasi eine Beruhigung. Das Kind stellt kaum mehr Fragen und 
ist ruhig mit anderen Interessen beschäftigt. 

Die folgende Aufzeichnung wird diesen erstaunlichen Vorgang aufklären. 

41) 7. April 1924. — 4, 1. 

„Es kam eine Bekannte, die Alik zum erstenmal sah und fragte ihn 
unter anderem: ,Was hat deine Mutter mit dir gemacht, als du geboren 
warst, daß du so kräftig und gesund geworden bist?' Alik lachte und sagt 
ihr dann ruhig und einfach: ,Und ich bin aus Mamas Bäuchlein geboren.' 
Sie: ,Nun ja, selbstverständlich.' Ich: ,Aber wer hat dir das erzählt, du 
hast mich doch nie danach gefragt?' Alik: ,Emma.' (Das ist ein Mädchen 
aus einer älteren Gruppe, die durch eine Erzieherin bereits vor ihm darüber 
erfahren hatte.)" 

So sehen wir, daß er, als er von der Mutter auf seine einfache Auf- 
forderung .erzähle wie ich geboren wurde' keine Antwort bekam, seine 



Die Entwidmung des Wi^trietes Lei einem Kinde 



Frage nicht wiederholte, sondern sich anderwärts nach Aufklärung umsah 
und — was charakteristisch ist — er wandte sich nicht an einen Erwach- 
senen, sondern an ein Kind. Nachdem er erfahren hatte, was er brauchte 
beruhigte er sich für einige Zeit, aber schon die Aufzeichnungen vom 
5. April zeigen, daß ihm neue Fragen darüber kommen, ob das Kind im 
Bauch der Mutter wächst und auf welchem Wege es dann geboren wird. 
Die gewöhnliche kindliche Theorie der analen Geburt findet ihre Bestätigung 
durch seine Fragen in der Unterhaltung über die Henne. Die folgende 
Notiz zeigt, daß das Kind mit der Vorstellung von der analen Geburt nicht 
zufrieden ist: 

42) II. April 1924. — 4, I. 

„Alik sitzt auf dem Topf . . . Plötzlich teilt er mir hocherfreut mit: 
,Mama, das Kaka ist aus der Pipischka herausgesprungen, es wollte nicht 
aus dem Popo. Mama, das Pipi hat das Kaka mitgenommen, dann ist das 
Pipi aus dem Löchelchen herausgeflossen und das Kaka herausgesprungen. — 
Das habe ich ihm so gesagt: ,Pipi, bring' das Kaka mit' und er hat es auch 
mitgebracht." 

43) 20. April 1924. — 4, I. 

„Alik legt sich schlafen. Dabei dreht er sich hin und her, springt auf, 
seufzt, es ist so, als ob ihn etwas nicht einschlafen ließe. — , Warum schläfst 
du nicht ein, Alinka, was stört dich?' — ,PamtscliUi (ein von ihm selbst er- 
fundenes Wort). — ,Was heißt das?' Alik zerrt das Hemdchen hinauf und 
zeigt auf den Nabel: ,Das ist der Pamtschik.' Er fängt an auf seinem Bauch 
herumzuschlagen, bohrt mit dem Finger im Nabel, lacht erotisch erregt 
und wiederholt: ,Pamtschik, Pamtschik. 1 Darauf sagt er etwas erregt zu 
mir: , Schau in den Pamtschik hinein; sieht man, was in meinem Bauch 
ist?' — ,Nein, man sieht es nicht.' — ,Nun, dann sieh in den Mund, sieht 
man es dann?' — ,Nein.' — , Warum nicht? dort muß man es sehen.' 
Dabei ist seine Art zu sprechen eindringlich und fordernd, erregt und etwas 
beleidigt, so als ob ich ihm etwas nicht sagen will. Daraufhin schlage ich 
ihm vor, in meinen Mund zu sehen. Er setzt sich mit einer sehr heftigen 
Bewegung auf, in seinen weitgeöffneten Augen spiegelt sich Neugierde und 
gespannteste Erwartung. Er sieht mir lange in den Mund und wirft sich 
dann aufgeregt lachend in sein Kissen zurück. — ,Nun, was hast du denn 
bei mir gesehen?' Alik, keck und eigensinnig: ,Ich habe gesehen, was bei 
dir im Bauch ist.' Dabei lacht er erregt. ,Was ist denn in meinem Bauch?' — 
,Eine Katze', er lacht erotisch: ,Bei dir und bei mir ist eine Katze.' — 



262 W^ern SdiiiuJt 



,Wie ist sie denn dahingekommen?' — ,Sie kam angelaufen und ist lebendig 
in den Kochtopf gesprungen. Dann hat Marie sie gekocht und ich habe sie 
aufgegessen. Jetzt ist sie in meinem Bauch und kommt dann durch den Popo 
heraus.' 1 Er lacht wieder erotisch. ,Aber sie wird sauber sein, sie wird nicht 
schmutzig werden, weil sie bei mir im Bauch gewaschen wird.' — ,Also, 
das heißt, daß du sie gebären wirst?' — .Nein, ich werde sie machen und 
dann wird sie durch den Popo herauskommen'; — erotisches Lachen — 
,sie wird abscheulich sein, pfui, abscheulich!' 

Er ist sehr erregt, lacht, springt auf, dreht und wendet sich hin und 
her; an schlafen ist nicht zu denken. Seine Augen glänzen, er ist puterrot, 
hat rasche, abgehackte Bewegungen. Dann setzt er sich hin, sieht mich 
etwas herausfordernd an und fragt: ,Mama, bin ich auch abscheulich ge- 
boren?' — .Nein, du bist gut geboren.' — ,Nein, nicht gut, nicht gut!' Die 
Erregung erreicht ihren Höhepunkt. Er dreht sich hin und her, lacht, 
schreit. Da sage ich ihm: .Willst du, dann erzähle ich dir, wie du ge- 
boren bist.' Alik beruhigt sich augenblicklich, wird sehr still und ernst, 
legt sich auf sein Kissen und sagt mit bewegter Stimme: .Nun erzähle.' — 
.Emma hat dir gesagt, daß du aus meinem Bauch gekommen bist?' — 
,Ja, aber wie wurde ich geboren? Wo bin ich herausgekommen?' — ,Du 
bist in meinem Bauch gewachsen, bis du so groß wurdest, daß es dir 
dort zu eng wurde.' — ,Und du hast gehört, wie ich gesprochen habe?' 
fragte Alik interessiert. ,Nein, das habe ich nicht gehört, aber wie du dich 
bewegt hast, habe ich gefühlt.' — ,Hab' ich die Händchen und Beinchen 
bewegt?' — ,Ja.' Alik lacht vergnügt: .Und dann?' — .Und dann wurdest 
du geboren, bist durch ein Löchelchen herausgekommen.' — .Aus dem Popo? 
Pfui, ich bin nicht gut geboren, ich bin schmutzig geboren!' (Lacht.) — 
.Nein, nicht aus dem Popo.' Alik wird augenblicklich ernst und fragt inter- 
essiert: ,Aus der Pipischka? — .Nein, es gibt noch ein Löchelchen, durch 
das nur die Kinder geboren werden.' Aliks Gesicht drückt Erstaunen und 
lebhaftestes Interesse aus, seine weit geöffneten Augen scheinen jedes meiner 
Worte aufzusaugen. ,Und wo ist dieses Löchelchen?' — , Zwischen den 
Beinen.' — .Zwischen dem Popo und der Pipischka?' — .Ja.' Alik fühlt bei 
sich swischen den Beinen nach, auf seinem Gesicht malt sich Enttäuschung. 
.Aber wo ist es denn bei mir? Bei mir ist es dort nicht.' — ,Ja, du hast 
keines.' — ,Und wie habe ich denn Pimidan (seine liebste Puppe) geboren? 
Und noch ein Pimidan wird bald geboren? Wie denn?' — .Weißt du. 

1) Vgl. Freud: „Über infantile Sexualthcorien." Ges. Schriften, Bd. V. 



Die Entwicklung des Witjtriebc* bei einem Kinde 263 



wenn ein zweiter Pimidan geboren wird, wollen wir zuschauen, wie er 
geboren wird, willst du?' — Ja, aber du zeige mir dein Löchelchen, durch 
welches ich geboren wurde.' — ,Es ist nicht zu sehen. — ,Aber wenn du 
ausgezogen bist?' — ,Auch dann ist es nicht zu sehen.' Eine Pause tritt 
ein. ,Also bin ich auf eine gute Art geboren?' — ,Auf eine sehr gute Art! 
Und Papa und ich haben uns sehr gefreut. Wir haben schon so auf ein 
Söhnchen gewartet.' Alik zärtlich: ,Ihr habt mich erwartet, ja? Ihr wolltet, 
daß ich geboren werde?' Er lacht freudig; sein Lachen ist kindlich, er- 
leichtert ihn, löst die Spannung. Dann legt er sich auf die Seite, nimmt 
meine Hand, preßt sie fest an sich und schläft so ein.' 

44) 21. April 1924. — 4, I- 

, Alik ist munter und fröhlich aufgewacht. Er hat sich rasch angekleidet, 
war sehr zärtlich zu mir, war sehr aktiv und selbständig. 

Diese Aufzeichungen zeigen uns anschaulich, wie ein Kind, das nicht 
imstande ist, selbständig die Fragen, die sich auf die Geburt beziehen, 
zu lösen, in einen Erregungszustand gerät, ebenso wie bei der Nicht- 
befriedigung irgendeines andern Triebes. Und umgekehrt führt die Lösung 
der ihn quälenden Frage zu einer affektiven Entspannung, zu einer völligen 
Beruhigung; das Kind schläft rasch ein, — es ist, als ob das Kind eine ihm 
notwendige sexuelle Befriedigung bekommen hätte. Sein Verhalten am 
folgenden Morgen spricht deutlich für ein völliges inneres Gleichgewicht, 
d. h. der Affektzustand, der sich nicht nur während des Gesprächs über 
die Geburt, sondern schon während mehrerer Tage zuvor so stark geäußert 
hatte, ist vorüber. Zum Vergleich bringe ich die Aufzeichnung über Aliks 
Verhalten am Morgen des Tages, an dem wir das Gespräch hatten. 

45) 20. April 1924. — 4, l. 

„Morgens wachte Alik schlecht gelaunt auf. Lange wollte er sich nicht 
anziehen; dann verlangte er, von mir angezogen zu werden; auf die Auf- 
forderung hin, sich — wie immer — allein anzuziehen, war er sehr be- 
leidigt, zog eine Schnute, stieß mich weg . . . ,ich mag dich nicht, 
geh weg' . . . Seinen Tee trank er widerwillig, verschüttete ihn und sah 
mich dabei herausfordernd an. Ich hatte den Eindruck, daß er nach einem 
Grund suchte, um beleidigt sein zu können, und deshalb schwieg ich." 

Augenscheinlich konnte er sich nicht entschließen, sich mit seiner 
Frage an die Mutter zu wenden, nachdem er auf seine erste Frage nach 
der Geburt keine Antwort bekommen hatte. Daher stammt auch sein Wider- 



264 Wer« Schmidt 



stand gegen sie. Das alles verschwindet wie mit einem Schlage, nachdem 
das Kind alle ihm nötigen Aufklärungen bekommen hatte und er gewinnt 
daraufhin ein unerschütterliches Zutrauen. Die folgenden weiteren Aus- 
führungen desselben Problems wurden in ganz ruhiger Stimmung ohne 
seelische Erregung erörtert, da das Kind sich ohne Hemmungen an die 
Mutter um Aufklärungen wandte. Die folgenden Aufzeichnungen lassen 
erkennen, daß das Kind fortfährt, sich für die Fragen der Schwangerschaft 
und der Geburt zu interessieren und, wie es scheint, bestrebt ist, sich 
diesen Vorgang in allen seinen Einzelheiten vorzustellen. 

46) 21. April 1924. — 4, I. 

„Alik fragt mich: ,Mama, wie groß war ich, als ich geboren wurde? So 
groß?' Ich zeigte ihm seine ungefähre Größe bei der Geburt. ,Und wie 
ich in deinem Bäuchlein war, war- ich so groß? So groß? So groß?' (er 
gibt die Größenverhältnisse an, indem er, bei einem Zentimeter beginnend, 
immer etwas zugibt). Als ich so groß wurde (er gibt die Größe eines Neu- 
gebornen an), wurde es mir zu eng im Bäuchlein. Ich sagte: Ich mag's 
nicht so eng haben, stieß mit den Füßchen und kam zur Welt.'" 

4 7 ) 2. Juni 1924. — 4,}. 

„Alik fragt: ,Mama, wenn du Pipi gemacht hast, bin ich nicht hinaus- 
gesprungen aus deinem Bäuchlein?' — .Nein.' — ,Und wenn du Kaka 
gemacht hast?' — ,Auch nicht.' — ,Und wieso nicht? Ist denn Pipi und 
Kaka nicht im Bäuchlein?' — ,Sie sind wohl im Bäuchlein, aber an ver- 
schiedenen Stellen. An einer ist das Pipi, an der andern das Kaka und an 
der dritten das Kindchen.' — ,Und alle kommen aus verschiedenen Löchelchen 
heraus?' — ,Ja.' — .Und kommen im Bäuchlein nicht durcheinander?' — 
,Nein.'" 

48) f. August 1924. — 4,j. 

„Alik spielte folgendermaßen: Er steckte in die Öffnungen einer gebogenen 
Diwanlehne ein Stock und sagte: .Dieses Löchelchen ist die Mama, und 
dieses Löchelchen ist die Mama, und dieses . . . usw. Alle Löchelchen sind 
Mamas! Jedes Löchelchen ist eine Mama!'" 

49) IJ- August 1924. — 4, f. 

„,Mama, als ich in deinem Bäuchlein war, hab' ich da was ge- 
sehen? Und hab' ich nicht durch das Löchelchen rausgeguckt, durch das 
ich nachher geboren wurde?' — .Nein.'" 



Die Entwicklung des Wiijtnebes bei einem Kinde 265 



jo) Arn gleichen Tage. 

„.Mama, und wie bin ich aus dem Löchelchen rausgekommen ? Auf 
einmal?' — , Zuerst ist das Köpfchen rausgekommen und dann die Füße.' Alik 
lacht erfreut. ,Und was habe ich gemacht, wie ich geboren war?' — ,Du 
hast ganz laut geschrien.' — ,Und warum habe ich geschrien? Bin ich 
erschrocken?' — , Wahrscheinlich bist du erschrocken.' — Wahrscheinlich 
habe ich gefroren und hab' drum geschrien.' Es entsteht eine Pause. 
Darauf: ,Ich kann mich nicht erinnern, wie ich geboren wurde. Und du, 
kannst du dich erinnern?' — ,Nein, ich kann mich nicht erinnern, wie ich 
geboren wurde.' — ,Kann sich niemand erinnern?' — ,Nein, niemand."* 

jl) 20. August 1924. — 4, J. 

„Gestern, nachdem er schlafen gegangen war. fragte er mich: ,Mama, 
ist da das Löchelchen aus dem die Kinder geboren werden?', dabei zeigt 
er auf den Rücken in der Gegend des Kreuzes und kichert. — ,Nein, 
nicht hier.' — ,Und wo denn?' — ,Du weißt doch wo.' — ,Es ist doch 
hier, es ist doch hier!' Alik schüttelt sich aus vor Lachen. Ich schweige. 
,Mama, hier?' — .Nein.' — ,YY'o denn?' — .Zwischen den Beinen.' Darauf 
wird Alik ernst und sagt: ,Aber dort ist sehr wenig Platz. Dort kann nur 
ein kleines Löchelchen sein, und ich will nicht, daß man's eng hat bei 
der Geburt!' Dabei spricht er mit erhobener und weinerlicher Stimme." 

Damit könnte man den Fragenkomplex, der sich auf die Geburt bezieht, 
schließen, da im Folgenden das Interesse des Kindes sich bereits dem 
nächsten Problem, und zwar dem der Zeugung zuwendet, die seltenen 
Fragen, die er noch in bezug auf die Geburt stellt, betreffen entweder 
kleine Einzelheiten oder wiederholen bereits Bekanntes in einem anderen 
Zusammenhang. Zur Vollständigkeit führe ich noch zwei Mutterleibsphanta- 
sien an : Die eine schildert seine Vorstellung vom inneren Bau des mensch- 
lichen Körpers, die andere ist eine Zusammenstellung aus allen möglichen 
angenehmen Situationen seines jetzigen Lebens. 

J2) 10. September 1924. — 4, 6. 

„Alik beim Essen. Nach jedem Bissen macht er halt und horcht schein- 
bar danach, was in seinem Innern vorgeht. Dann lacht er fröhlich und 
sagt: ,Es ist schon die Treppe ins Bäuchlein hinuntergelaufen.' — ,Aber 
was für eine Treppe denn?' — ,Ich habe eine Treppe da drin.' Dabei 
zeigt er den Weg vom Hals nach dem Magen. , Alles, was ich esse, läuft 
dann die Treppe ins Bäuchlein hinunter. Und dann gibt es noch mehr 



166 Wem Sdunidl 



Treppen in den Ärmchen und in den Beinchen und in dem Popo — 
überall geht das hin, was ich esse.' 

Ich zweifelte, ob er sich das selbst ausgedacht hatte und fragte: ,Wer 
hat dir das erzählt?' — ,Das hat mir niemand erzählt, das habe ich selbst 
gesehen', antwortet Alik voller Überzeugung. — , Wo hast du denn das gesehen?' 
— ,Als ich bei dir im Bäuchelchen war, habe ich gesehen, was du für 
Treppen in dir hast, also habe ich auch solche.' 

fß) 2}. Oktober 192 /. — S*7> 

„,Zwischen dem Bücken und dem Bauch ist ein Zaun mit einem Pförtchen. 
Und das Pförtchen ist ganz klein (er lacht). Und auch ein Kämmerchen 
gibt es da, darin wohnt der Onkel.' — ,Was für ein Onkel'? — ,Der 
Onkel, der alles innen drin macht: das „I'ipi" ausschüttet, das „Kaka" 
rauswirft . . . nun eben alles, was nötig ist. Ich habe ihn besucht, war bei 
ihm zum Tee, . . . dann habe ich dort im Gärtchen gespielt . . . dort gibt 
es auch ein kleines Gärtchen mit Sand drin . . . und ein kleines Wägel- 
chen . . . ich habe dort mit den Kindern gespielt und bin im Wägelchen 
gefahren.' — ,Und woher gibt es denn dort Kinder?' — ,Die hat der 
Onkel gekriegt. Viele, viele Kinder . . . Und auch Bonbons verkauft man 
dort . . . Drei Tanten gibt's dort ... so ganz winzige . . .' — ,Und du 
hast bei ihnen gewohnt?' — ,lch habe den Onkel besucht. Und als es 
Zeit war, geboren zu werden, habe ich ihm die Hand zum Abschied ge- 
geben und bin zum Löchelchen rausgekommen.'" 

Fragen, die die Zeugung und den Geschlechtsakt betreffen: 

* 54) 10. Mai 1924. — 4, 2. 

„Während die Kinder im Kinderheim zum Nachmittagsschlaf ins Bett 
gebracht wurden, stellte mir Alik eine neue Frage: ,Und wer hat uns in 
Mamas Bäuchlein gelegt, damit wir geboren werden?'"' 

Ich fühlte mich durch den raschen Gedankengang des Kindes vor eine 
schwierige Aufgabe gestellt, so daß ich die Gelegenheil, daß Mischa mich 
gerade in diesem Moment zu sich rief, benützte, um Alik zu verlassen, 
ohne ihm eine Antwort zu geben. 

Sj) Juni 1924. — 4,). 

„Während des ganzen Monats Juni verlang! Alik, nach der Fabrik ge- 
führt zu werden, fragt, was für Sachen dort gemacht werden und wie sie 

1) Das Gespräch über die Geburt fand am 20. April 1924, d. h. 5 Wochen vor 
dieser Frage statt. 



Die Entwicklung desW iljtnebes bei einem Kinde 267 



gemacht werden. Er erklärt, daß er zusehen will, wie man die Sachen 
macht. 

j6) 6. August 1924. — 4, f. 

„,Mama. und als es dich noch nicht gab, wer hat dich geboren?' — 
,Meine Mutter.* — ,Und wer hat deine Mutter geboren ?' — ,Ihre Mutter.' — 
,Und ihre Mutter?' — ,Wieder deren Mutter.' — ,Und jene Mama?' — 
,Auch ihre Mama.' — .Alle Mamas werden von ihren Mamas geboren?' — 
,Ja. 4 Alik lacht fröhlich." 

fj) 10. August 1924. — 4,;. 

„.Mama, das heißt also, daß alle Leute von ihren Mamas geboren 
werden?' — Ja.' — .Alle, alle?' — Ja.' — ,Die in der Stadt wohnen, 
und die, die auf dem Lande wohnen und die, die in der Fabrik arbeiten?' 

— Ja.'" 

;8) IJ. August 1924. — 4,J. 

„,Mama, und als es noch gar keine Menschen gab, niemand, niemand 

— von wem wurde da die erste Mama geboren?' Diese Frage verdutzte 
mich, ich wußte nicht, was ich antworten sollte und sagte: ,Alinka, wir 
wissen nicht, was vor so langer Zeit war, als es noch niemanden gab. Und 
als es schon Menschen gab, da wurden sie alle von ihren Müttern geboren.' 
Alik dachte nach und sagte: .Sie waren sicher alle ganz klein, wie ich, als 
sie geboren wurden. Und dann wuchsen sie und dann wurden sie Mamas. 

;9J 20. August 1924. — 4, J. 

„Heute, auf dem Spaziergang, fragt er mich : .Mama, wer hat den Papa 
geboren? Auch seine Mama?' — Ja.' — .Ist das die, deren Photographie 
wir haben?' — Ja.' 

60) 28. Februar 192J. — 4> !I - 

„Alik ißt Fisch und findet den Rogen. — .Was ist das?' — .Das ist 
der Rogen, das sind die Eierchen des Fisches, aus ihnen wären kleine 
Fischchen entstanden.' — .Aus jedem solchen Kügelchen wird ein Fisch- 
chen?' — Ja.' Alik denkt nach. Nach einer Pause: ,Mama, und war es 
einmal so, daß der Fluß floß und keine Fische darin waren?' — Ja, so 
war es .' _ ,Und wie wurde denn der erste Fisch geboren?' — ,Das kann 
ich dir jetzt schwer erklären. Wenn du in die Schule kommst, wird man 
dir das alles erzählen.' 



t« 



iGS Wer« Schmidt 



61) 20. April I92J. — /, 1. 

„,Und wer hat das erste Haus gebaut? Das allerallererste — wer hat es 
gebaut?' — , Menschen.' — , Wieso denn Menschen? Die Menschen werden 
doch in den Häusern geboren. Und wo wurden denn die Menschen ge- 
boren, die das erste Haus gebaut haben?' — .Früher einmal konnten die 
Menschen keine Häuser bauen und wohnten auf Bäumen oder in Höhlen. 
Und dann haben sie es gelernt und haben Häuser gebaut.' Alik hörte auf- 
merksam zu. Während ich sprach hellte sich sein Gesichtchen immer mehr 
auf. Als ich aufhörte, rief er glückselig aus: Jetzt verstehe ich es erst und 
bisher habe ich immer gedacht: Wer mag wohl das erste Haus gebaut 
haben?'" 

62) 10. Juni I92J. — J, 1- 

„, . . . und warum glänzt das Silber? Wer hat es glänzend gemacht?' — 
,Niemand.' — , Niemand hat es glänzend gemacht? Wieso glänzt es dann?' — 
,Es war schon immer so glänzend.' — ,Und wo findet man es?' — ,1m 
Innern der Berge.' — ,Und wer hat es dort hineingelegt? Wer hat es ge- 
macht und dort hineingelegt?' — .Niemand; es war immer dort.' — ,Und 
das Eisen?' — ,Und das Eisen auch.' Alik lief unbefriedigt von mir weg." 

6)) 26. Juli 192;. — ;,j. 

„Gerade während Alik Abendbrot aß, kam ein kleines Mädchen aus der 
Nachbarschaft zu uns. Ich nahm sie an die Hand und ging mit ihr, um 
ihr die Spielsachen zu zeigen ... Als ich mit ihr auf die Terrasse zurück- 
kam, erzählte man mir, daß Alik gesagt habe, daß er sich solch ein Schwester- 
chen wünsche. Ich antwortete lachend: ,Gut.' Die Anwesenden lachten 
auch und damit war die Angelegenheit erledigt. Während Alik sich auszog, 
fragte er mich: ,Mama, wie kann man denn ein Kind gebären?' — ,Ich 
verstehe nicht ganz, mein Lieber, was du mich eigentlich fragen willst.' — 
,Nun, zum Beispiel: Viktor (sein Onkel) gab es nicht und mit einem Mal 
wurde er geboren. Woher wurde er geboren?' — ,Du weißt doch, woher 
die Kinder kommen.' — ,Nein, aber woher werden sie zuerst geboren?' — 
,Sie werden von der Mutter geboren.' — ,Das weiß ich, aber woher bist 
du geboren?' — .Von meiner Mutter.' — ,Und Viktor?' — ,Auch von 
meiner Mutter. Wir haben beide die gleiche Mutter.' — ,Ich weiß. Mein 
Papa und Olga haben auch die gleiche Mama.' — Ja.' — ,Und wenn ich 
ein Schwesterchen haben werde, wirst du auch ihre Mama sein. Nicht 
wahr?' — Ja.' — ,Und woher wird es bei dir geboren werden?' — .Das 
weißt du doch, mein Junge, ich habe es dir doch schon längst erzählt.' — 






Die Entwicklung de« Wi!) triebe« bei einem Kinde 269 

,Nein, das hast du mir nicht erzählt.' — ,Sie wird bei mir im Bauche 
wachsen und wird dann durch das Löchlein herauskommen, durch das 
die Kinder geboren werden.' — ,Das weiß ich, aber wie wird sie geboren?' — 
,Sie kommt durch das Löchlein heraus; das heißt eben, daß sie geboren 
wird.' — ,Und was ist mit dem Kind, bevor es geboren wird?' — ,Es 
wächst bei der Mutter im Bauche.' — ,Aber woraus wächst es?' — ,Aus 
einem kleinen Eierchen. Als man der Henne den Bauch aufschnitt, hast 
du da die kleinen, gelben Eierchen gesehen?' — ,Die habe ich gesehen.' — 
,Nun, siehst du; jede Frau hat in ihrem Bauch auch kleine Eierchen. Dann 
fangt das Eichen zu wachsen an und in ihm wächst das Kind. Wenn 
das Kind so groß wird, daß es ihm zu eng wird, dann wird es geboren.' 
— ,Mama, wie geht denn das zu? Erst gab es gar kein Kindchen im Eichen 
und plötzlich fängt es an zu wachsen. Woher kommt es denn?" 

„Jetzt endlich begriff ich, was seine dringlichen Fragen, woher das Kind 
geboren wird, bedeuteten; kannte er doch nicht den Begriff der Befruch- 
tung. — .Dazu ist es nötig, daß in das Eichen ein Samenkörnchen 
kommt . . .' — ,Und das Samenkörnchen ist auch in Mamas Bäuchlein?' — 
,Nein, das Samenkörnchen entsteht beim Papa, beim Manne.' — ,Wo ent- 
steht es denn beim Manne? Und bei mir auch?' — ,Du wirst es auch 
haben, wenn du groß wirst.' — ,Aber wo entsteht es?' — ,In dem Säck- 
chen, das neben der Pipischka ist, weißt du?' Alik erfreut: ,Ja! Also dort 
wachsen die Samenkörnchen! Und ich habe das nicht gewußt! . . . Und 
wie kommen sie dann zur Mama ins Bäuchlein?' — ,Dafür muß die 
Pipischka in das Löchelchen kommen, aus dem die Kinder geboren werden, 
dort kommen aus ihr die Samenkörnchen heraus und bleiben schon bei 
der Mama.* — ,Und wie kommen sie ins Eichen?' — ,Diese Samen- 
körnchen können sich bewegen und sie bewegen sich so lang fort, bis sie 
einem Eichen begegnen, dann tritt ein Samenkörnchen ins Eichen ein. — 
, Haben sie Füßchen, um sich zu bewegen?' — ,Nein, nur ein kleines 
Schwänzchen, mit dem sie hin und her wedeln und so kommen sie voran.' — 
,Also bewegen sie sich bei der Mama hinauf?' — ,Ja.' — ,Mama, und 
wenn ich groß sein werde, werde ich diese Samenkörnchen auch haben?' — 
, Gewiß.' — ,Und wem werde ich sie geben?' — ,Du wirst dann eine Frau 
finden, die du sehr lieb haben wirst und wirst dann wollen, daß sie die 
Mama und du der Papa bist.' Da bemerkte ich, daß Alik die Augen zu- 
fielen und sprach nicht weiter. Das ganze Gespräch wurde in ruhigem, 
friedlichem Ton geführt, ohne das geringste Zeichen eines Affektes. Aliks 
Gesichtsausdruck war nicht zu sehen. — es war dunkel im Zimmer." 



270 \V'crn ötlninul 



64) 2<). Juli I<?2 /. — /, 4. 

„Alik fragte mich heute: ,Und wie kommen die Samenkörnchen in das 
Säckchen vom Mann? 1 — ,Da sind Drüsen, die sie ausscheiden.' — ,Und 
wo sind diese Drüsen?' — ,Das, was du Eichen nennst, sind eben diese 
Drüsen. Wenn du groß bist, werden sie bei dir auch Samenkörner be- 
reiten.* — ,Wie Speichel?' — ,Ja.' 

6f) 12. August 192;. — ;, ;■ 

„Heute beginnt eine neue Keine von Fragen bezüglich des Geschlechts- 
aktes . . . Bei Tisch fragt er mich plötzlich: ,Mama. wie hast du mich 
geboren?' — ,Du weißt es doch, mein Lieber.' Erst nachträglich merkte 
ich, daß ich instinktiv die Stimme gesenkt hatte. Darauf fragt mich Alik 
flüsternd ins Ohr: ,Und wer hat dir seine Pipischka ins Löchelchen gesteckt, 
damit die Samenkörnchen da hineinkommen?' Ich schlug ihm vor, zuerst 
fertig zu essen, dann wollte ich ihm alles erzählen. Er fing an zu essen, 
aß gut, zog mich aber gleich nach Tisch in ein anderes Zimmer. ,Nun 
sage, wie hat der Papa dir ... nein, wer hat dir die Pipischka in das 
Löchelchen, aus dem die Kinder kommen, gesteckt?' — ,Du weißt es doch.' 
Alik guckt mich schelmisch an und sagt: ,Nein, ich weiß es nicht.' — 
,Du hast es doch eben selbst gesagt.' Er antwortet gereizt: ,Ich habe nichts 
gesagt' und dann bittend: ,Nun sag' es doch.' — ,Der Papa.' Alik lacht 
erleichtert auf und sagt: .Deshalb ist er auch mein Papa, nicht wahr?' — 
,Ja.' — ,Und wenn es ein anderer gemacht hätte, wäre der mein Papa?' — 
,Ja.' Nach kurzer Überlegung: ,Wem wäre ich denn dann ähnlich?' — 
,1hm.' Alik etwas versonnen: ,Dann wäre das ja ein anderer Junge, nicht 
ich.' — ,Nun ja.' Nach einiger Zeit fragt Alik: ,Muma, sag' mir, wie 
macht man das?' — ,Was?' — ,Nun eben, wie steckt man die Pipischka 
hinein? Legt man sie nur an oder steckt man sie ins Löchlein hinein?' — 
.Man steckt sie hinein.' — .Das macht man sicher so. damit die Samen- 
körnchen nicht verschüttet werden.' Danach bleibt Alik einige Sekunden 
schweigend sitzen, sein Gesicht hat den Ausdruck intensiven Nachdenkens. 
Dann läuft er davon spielen und reitet auf einem Stock. 

Mit diesem Gespräch war die Reihe der Fragen, die sich mit der Zeugung 
befaßten, zu Ende. In der folgenden Zeit kam er auf dieses Thema kaum 
mehr zurück und wenn er das Thema erwähnte, geschah es nicht in Form 
von Fragen. Sein Interesse wandte sich anderen Dingen zu, da er auf dem 
erwähnten Gebiet alle ihm nötigen Aufklärungen bekommen hatte. Über- 
haupt trat danach eine Zeit der Beruhigung seines Wißtriebes ein, die einige 



Die Entwicklung des VV ifjtnebes hei eincni Kinde 271 

Monate dauerte, bis durch die mit der Verdrängung des Ödipuskomplexes 
verbundenen Gefühle der Schuld und der Strafangst sein Interesse von neuem, 
aber nach einer ganz anderen Richtung hin, angefacht wurde. 

Aber bevor ich zu dieser letzten Periode übergehe, muß ich noch auf 
eine andere Gruppe von Fragen, die das Kind auf der eben geschilderten 
Entwicklungsstufe des Wißtriebes sehr beschäftigt und aufgeregt haben, ein- 
gehen — nämlich die Fragen, die das Problem des Todes betreffen. 

In der gleichen Periode, in der das Kind mit der Lösung des Problems 
der Entstehung des Menschen beschäftigt ist, beginnt es auch, sich für das 
Problem des Todes zu interessieren. Während es im Kinderheim lebte, er- 
lebte es weder einen Todesfall, noch hörte es Gespräche, die sich auf einen 
solchen bezogen hätten, so daß es Ausdrücke, wie Tod, Sterben, Begraben 
und ähnliche bis zu vier Jahren gar nicht kannte. Aber einmal stießen die 
Kinder bei einem Spaziergang auf eine tote Ratte. Ich bringe die ausführ- 
liche Notiz über diese Begebenheit: 

*66) 2$. März 1924. — 4,0. 

„Wir gingen auf dem Boulevard spazieren . . . Die Kinder erblickten auf 
dem Wege eine tote Ratte. Alik bemerkte sie zuerst. Er blieb stehen, besah 
sie sich aufmerksam, zog sich langsam zurück, ohne sie aus den Augen zu 
lassen. Mit weit geöffneten Augen, brennend vor Neugierde, sagte Alik: 
, Schau, Kathi, wer ist denn das?' — ,Das ist eine Ratte.' — Inzwischen 
kamen auch die anderen Kinder herangelaufen, umringten die tote Ratte 
und betrachteten sie auf das genaueste. — Mischa (3,8): ,Ach, da liegt 
ja ein kleines Eichhörnchen.' Schura (3, 8): , Welch eine Watte!' Alles 
Flaumige nennt Schura Watte und liebt es sehr. Die Erzieherin sagt: ,Nein, 
das ist eine Ratte.' Lika: ,Aber warum liegt sie hier? Hier kann sie ja 
zerquetscht werden.' Alik: ,Und wo sind ihre Augen?' Emma: ,Ihr tut's 
am Halse weh, sie hat eine Wunde, wer hat sie ihr gemacht?' Ich ant- 
wortete, daß die Katze der Ratte weh getan hatte, daß die Ratte gestorben 
sei und nun nie mehr wieder aufstehen könne. Auf die Kinder machte 
das alles einen sehr starken Eindruck. Den ganzen übrigen Tag sprachen 
sie ununterbrochen von der Ratte. 

Einige Zeit danach begegneten die Kinder, wieder auf einem Spazier- 
gang, einem Trauerzug. Auf ihre erstaunten Fragen sagte man ihnen, daß 
man einen toten Menschen zur Beerdigung fahre. 

Als die Kinder nach Hause kamen, erzählten sie voll Begeisterung, daß sie ge- 
sehen hätten, „wie man einen toten Menschen in einem Kasten spazieren fährt". 



Iji W<n Sdinmlt 



Nach einigen weiteren Monaten sah Alik ein Grab; er erkundigte sich 
eingehend danach und wollte wissen, wie man Tote begräbt. Er stellte jedoch 
keine Fragen, den Tod selbst betreffend. Offenbar war es ihm noch nicht 
aufgegangen, daß wir alle, also auch er, einmal sterben müssen. Vermutlich 
kam er erstmalig auf diese Gedanken durch folgendes Gespräch: 

67) 10. September 1924. — 4,6. 

„,Mama, wo wohnt deine Mama? In welcher Stadt? Warum kommt sie 
nie zu uns? Ich möchte sie sehen.' Ich erklärte ihm, daß meine Mutter 
gestorben und in einer anderen Stadt begraben sei und daß wir beide einmal 
ihr Grab besuchen wollten. Alik war sehr verwundert. ,Wie ist sie gestorben? 
Ist sie plötzlich gestorben?' — .Nein, sie war lange krank und ist dann 
gestorben.' — ,Und was hat sie gemacht, als sie starb?' — ,Sie hat auf- 
gehört zu atmen, zu hören, zu sprechen, hat sich nicht mehr bewegt. Dann 
hat man sie begraben . . .' Alik steht dabei, läßt den Kopf hängen, sein Gesichts- 
ausdruck ist halb traurig, halb unzufrieden. Nach einer Pause sagt er: ,Aber 
warum ist sie gestorben? Ich wollte nicht, daß sie stirbt, ich habe sie lieb, ich 
will sie sehen, ich habe sie noch nie gesehen.' Ich habe ihn auf ein anderes 
Thema abgelenkt. 

Die Frage nach dem eigenen Tode entsteht in ilmi zum erstenmal ganz 
deutlich, nachdem er selbst eine schwere Krankheit durchgemacht hatte 
und wirklich in Lebensgefahr gewesen war. Sei es, daß er ein Gespräch 
darüber mitangehört hat, — obwohl das höchst unwahrscheinlich ist, — sei 
es ein zufälliges Zusammentreffen, jedenfalls stellte er gerade nach seiner 
Genesung folgende Frage: 

68) 16. Januar I?2f. — 4, 10. 

„Beim Schlafengehen sagt mir Alik heute: ,Mama, aber ich will nicht 
sterben!' — ,Du kannst sehr lange leben.' — ,Aber wenn ich alt bin, dann 
muß ich doch sterben?' — ,Ja, irgendeinmal mußt du sterben.' — ,Aber 
ich will nicht!' Ich brachte das Gespräch auf ein anderes Thema. Nach 
etwa zehn Minuten nahm Alik das verlassene Thema wieder auf und fragte: 
«Mama, kann man denn nicht machen, daß man nicht sterben muß?' — 
.Nein, vorläufig kann man das nicht. Vielleicht erfindet später einmal jemand, 
wie man das macht.' Und wieder lenkte ich das Gespräch in andere Bahnen. 
Als er schon zu Bett war, wurde er unruhig, warf sicli von einer Seite auf 
die andere, seufzte, setzte sich auf u. dgl. m. . . . Dann fragte er: ,Und wie 
soll man es doch anstellen, daß man nicht stirbt?' Nur mit Mühe gelang 
es, ihn abzulenken und zu beruhigen." 



Die Entwicklung desvV lljtneües bei einem Kinde 273 

69) 21. Januar 1<?2J. — 4, 10. 

„Es ist der Jahrestag von Lenins Tod. ,Und warum ist Lenin gestorben?' — 
,Er war sehr krank.' — ,Und wie stirbt man eigentlich?' — ,Man hört 
auf zu atmen, sich zu bewegen, zu sprechen ..." — ,Nein, woher das kommt, 
daß man aufhört zu atmen? Warum man aufhört?' — ,Das wird man dir 
in der Schule erzählen, wenn du dort lernen wirst.' 

70) 2j. Januar Ip2f, — 4, 10. 

„,Mama, ist Lenin von einem Automobil überfahren worden? — ,Nein. — 
.Wie ist er denn gestorben?' — ,Er war sehr krank und starb.' — ,Aber 
wie konnte er sterben? Wie stirbt man überhaupt? Wie kann man sterben?' 
Glücklicherweise setzte gerade in diesem Augenblick ein starker Schneefall 
ein und Alik stürzte voll Begeisterung ans Fenster und rief entzückt : ,Schau! 
Schau!" 

Sein hartnäckiges Fragen in bezug auf das Todesproblem wird manch- 
mal fast zwanghaft. Hier stößt das Kind zum erstenmal auf das eiserne Gesetz 
der Realität, dem er nur sein ,ich will nicht' entgegenstellen kann. 

Er fährt fort in seinen Bemühungen, dieses Problem mit Hilfe von Er- 
kenntnissen zu bewältigen und sieht anscheinend darin einen Ausweg aus 
dem quälenden Zustand, in dem er sich jetzt befindet. Es folgt eine Notiz, 
die dies illustriert: 

71J }I. Januar 192J. — 4, 10. 

„Alik interessiert sich die ganze Zeit für das Problem des Todes. Heute, 
beim Einschlafen, fragt er mich: , Sterben die Blinden auch?' — ,Ja, wie 
alle Menschen.' 1 - — ,Und wann sterben sie?' — .Wenn sie alt werden, 
sterben sie.' — .Aber unser Großvater ist alt und stirbt doch nicht?' 
, Unser Großvater ist gesund und kräftig und wird nicht so bald sterben.' 
,Und wann sterben die Menschen überhaupt?' — .Niemand weiß, Alinka, 
wann er stirbt.' — ,Und wovon kann man sterben? Wenn ein Mensch 
von einem Automobil oder von einem Lastwagen überfahren wird, dann 
stirbt er?' — .Meistens stirbt er dann, aber es ist auch möglich, daß der 
Doktor solch einen Menschen wieder gesund macht.' — .Wenn ihm die 
Beine überfahren werden, stirbt er dann?' — .Nein, dann kann man ihn 
heilen.' — .Und wenn die Brust überfahren wird — dann stirbt er?' — 
Ja, dann stirbt er.' — ,Und wenn der Kopf überfahren wird?' — .Dann 

1) Wahrscheinlich kam ihm die Frage nach dem Tode der Blinden im Zusammen- 
hang damit, daß viele von ihnen die Augen geschlossen haben. 

Imago XVI. & 



a _y Wer« SJiniiilt 



stirbt er auch.' — ,ünd wenn die Pipischka überfahren wird?' — ,Dann 
kann der Doktor ihn heilen.'" (Eine sehr deutliche Illustration zum Thema 
Tod und Kastration.) 

/2) Einige Tage später. 

„Alik versuchte immer wieder zu erfahren, welche Körperteile vom Auto- 

71 

mobil überfahren werden müssen, um den Tod eines Menschen zu verursachen. 
Schließlich fragte ich ihn: ,Alinka, hast du Angst, von einem Automobil über- 
fahren zu werden oder möchtest du selbst jemand überfahren? 4 — .Nein, 
Mama, ich möchte, daß das Automobil einen Fremden überführe und ich 
dabeistehen könnte und zuschauen, wie das ist, wenn jemand stirbt.'" 

So führt die Tendenz, zu erfahren, „wie es möglich ist, daß der Mensch 
stirbt", das Kind zu sehr grausamen Wünschen. Wir sehen hier, daß der 
Wißtrieb, wie jeglicher Trieb im Unbewußten wurzelnd, das Kind bis an 
die äußerste Grenze treibt, um nur Befriedigung zu erlangen. 1 

"]■}) /. Februar 192; . — 4, 11. 

„Während ich Alik hinten die Knöpfe zuknöpfte, umarmte er mich 
heftig und flüsterte: ,Mama, ich habe dich so sehr lieb, ich will nicht, 
daß du stirbst und ich selbst will auch nicht sterben.' Ich beruhigte ihn 
dadurch, daß ich ihm sagte, daß wir noch lange zusammenleben würden. 
Er fing an von anderen Dingen zu sprechen, aber seine Augen blieben 
nachdenklich." 

74) 9. Februar 192}. — 4, II. 

„Alik fragt trübselig: ,Mama, wird Papa auch einmal sterben müssen?' — 
,Ja.' — ,Aber warum? Ich will doch nicht, daß er stirbt.'" 

Jf) 28. Februar 7<?2J. — 4, II. 

„,Mama, hat schon irgend jemand herausgekriegt, was man tun muß, 
um nicht zu sterben?' — ,Nein, das weiß noch niemand.' — Pause. — 
,Aber ich weiß es! Wenn du sterben wirst, werde ich deine Augen sich 



1) Es ist möglich, daß die Tendenz, zu erfuhren, „wie der Mensch stirbt", gleich- 
zeitig dem unbewußten Wunsch Ausdruck gibt, zu erfuhren, wie der Mensch gezeugt 
wird, was er in der Periode noch nicht wußte. Für sein Unbewußtes konnten diese 
beiden Fragen sich zu einer verdichten. Dnher erkliirt sich vielleicht auch die Intensität 
des Wunsches, alle Einzelheiten zu sehen und zu erfahren. — Möglich auch, obwohl 
die Aufzeichnungen keine Anhaltspunkte dafür bieten, daß die aggressiven Wünsche 
dem Vater gegenüber und die Angst vor der Strafe dafür, hier eine Rolle spielen 
und den Fragen nach dem „Überfahrenwerden" uueh eine symbolische Bedeutung 
zukommt. 



Die Entwicklung des Wiijtnebes Lei einem Kinde 2^5 

nicht schließen lassen, ich werde sie so offen halten' (er zeigt mit den 
Fingern, wie er meine Lider offenhalten wird), ,dann werde ich deine 
Arme und Beine bewegen und werde dich wieder gehen lehren. Und du 
wirst es mit mir auch so machen. Also werden wir nicht sterben!' Er springt 
und lacht vor Freude." 

Indem er auf diese Weise eine Lösung gefunden hatte, die seinen Narzißmus 
beruhigte, ließ Alik das Problem vollkommen fallen. Wenn er in der Folge- 
zeit von irgend jemands Tod hörte, stellte er keinerlei Fragen. Nur ein Fall 
macht eine Ausnahme davon, den ich deshalb auch schildere. 

j6) 6. Oktober 192}. — J,J. 

„Alik hört, daß wir vom Tode eines Verwandten sprechen. Er kommt 
an mich heran und fragt in ruhigem Ton: ,Mama, und wie werde ich 
erfahren, daß ich schon gestorben bin?' Ich versuchte, es ihm zu erklären, 
aber er konnte es natürlich nicht begreifen. Er dachte nach und fuhr fort: 
,Wenn ich eine solche Krankheit bekomme, an der man stirbt, dann werde 
ich wissen, daß ich sterben werde.'" 

An diesem Beispiel kann man sehen, daß Aliks Beziehung zur Realität 
erstarkt ist, daß er sich nun nicht mehr gegen die Tatsache des Todes 
auflehnt, sondern nur noch bestrebt ist, alle Einzelheiten, die damit zu- 
sammenhängen, zu erfahren. Der nächste Todestag Lenins (im Januar 1926) 
erweckte schon sein Interesse für die Persönlichkeit Lenins und seine Lebens- 
geschichte; er stellte jedoch bei dieser Gelegenheit keine neuen Fragen 
über den Tod. 

Der letzte Fragenkomplex, der das Kind in der beschriebenen Entwicklungs- 
stufe interessierte, bezog sich auf den inneren Bau des menschlichen Körpers, 
in erster Linie, natürlich, seines eigenen, und auf die Bedeutung der ver- 
schiedenen Organe. Er fragte nach dem Herzen, dem Blut, dem Bau des 
Ohres, den Zähnen, dem Nabel, nach der Größe und dem Bau der Knochen, 
woher der Speichel im Munde kommt und ähnliches mehr. Aus zahlreichen 
Aufzeichnungen ähnlicher Art führe ich nur zwei an. 

Tj) 16. Januar 192;. — 4, 10. 

„Vor dem Einschlafen fuhr Alik mit seinen Händchen unter die Decke 
und sagte hocherfreut: ,Mama, Mama, weißt du, ich habe neben der 
Pipischka noch einen Ball!' Dann, nachdem er anscheinend noch einmal 
nachgefühlt hat, erklärt er: .Und im Ball sind noch zwei Kügelchen ! 
Fühle mal, — da sind zwei Kügelchen.' Ich sagte, daß ich es wüßte. ,Und 
wozu sind sie?' Da er noch nichts von der Geschlechtsfunktion dieser Or- 



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W(n odinuill 



gane weiß, sagte ich ihm nur, daß alle diejenigen solche Kügelchen haben, 
die solch eine Pipischka haben wie er. ,Und in der Pipischka sind auch 
zwei Pipischki,' — , Wieso zwei?' — .Eine längere außen und eine kürzere 
innen.' (Anscheinend meint er die Haut und das Glied selbst innen.) ,Und 
wozu brauche ich zwei Pipischki?' ,l)u hast nicht zwei, sondern eine, 

außen ist nur die Haut.' — ,Und wozu ist die Haut?' — .Damit Schmutz 
und Staub nicht hineinkommen.'" 

78) 6. Oktober 192;. — J, 7. 

„Alik besah sich heute sehr aufmerksam die Ringeweide eines Hahnes. 
Fragte nach allen Organen, den Därmen, dem Herzen, dem Magen, der 
Lunge, fragte, wie sie heißen, und wozu sie da sind. Schließlich fragte 
er: .Ich habe das alles doch auch?' — ,Ja.' — .Aber bei mir ist doch 
alles größer als beim Hühnchen?' — Ja. 4 — .Ich bin doch größer als es. 
nicht wahr?' — ,Ja.' - .Und du bist größer als ich, also ist bei dir alles 
noch größer?" — ,Ja.' — .Und wenn ich größer werde als der Papa, dann 
wird innen bei mir auch alles größer sein als bei ihm?' - ,Ja.' — Er sprang 
lachend davon. 

Die letzte Aufzeichnung ist aus dem sechsten Lebensjahr des Kindes; hier 
tritt schon deutlich die Rivalität mit dem Vater und der Wunsch, ihn zu 
besiegen, in Erscheinung. 

Vierte Periode 

Im sechsten Jahr tritt das Kind in das Stadium der Verdrängung des 
Ödipuskomplexes. Zu gleicher Zeit erhält sein Wißtrieb eine andere Richtung 
und neue Themen kommen an die Reihe. Hier kann man folgende typi- 
sche Fragenkomplexe feststellen : 

1) Das Interesse für regierende Persönlichkeiten die Fragen nach 
Lenin und anderen Mitgliedern der Regierung. Wer war der Zar? Warum 
hat man den Zaren gestürzt? usw. 

2) Das Interesse für den Kampf, den Krieg, ■ im speziellen für den 
jüngst stattgehabten Bürgerkrieg. Wer die Roten und wer die Weißen sind? 
Wie sie gekämpft haben? Wer gesiegt hat? Was Revolution ist? usw. 

)) Das Interesse für die Miliz, für die Gefängnisse, dafür, wer ins Ge- 
fängnis kommt. Die Mehrzahl der Fragen bezieht sich darauf, wofür man 
ins Gefängnis kommt, was die Gefangenen tun, was das Gericht ist, wie 
man richtet, wen und wofür man richtet, wen der Polizist verhaftet usw. usw. 

Auch die Fragen nach Gott treten erstmalig in dieser Periode auf. 






Die Entwicklung Je5 Wifjtrieoes Lei einem Kinde 277 

jy) 2J. November 192J. — /, S. 

„Mit fünf Jahren hörte er zum erstenmal von einer alten Frau einer 
Verwandten, daß es im Himmel einen Gott gibt. Er kam zur Mutter mit 
der Frage: ,Wer ist Gott und warum lebt er im Himmel und nicht auf 
der Erde?' Nachdem er eine entsprechende Aufklärung bekam, sagte er 
nun, wenn er dieses Wort hörte: Jemand hat sich ausgedacht, daß Gott 
im Himmel wohnt, aber da gibt es nur Luft und in der Luft kann kein 
Mensch leben.'" 

Der Satz vom Menschen ist schon ein Produkt seines eigenen Denkens. 
Offenbar ist die Vorstellung eines übernatürlichen Wesens ihm völlig fremd. 

Im Frühling 1926, als Alik sechs Jahre alt wurde, machte man mit 
ihm das Jungsche Assoziationsexperiment. 1 Auf das Reizwort „Gott" ant- 
wortete er prompt: „Gibt es nicht." 

Vorläufig habe ich kein Tatsachenmaterial, nach dem sich seine weitere 
Entwicklung in bezug auf seine Ansichten und seine Stellungnahme zur 
Frage nach Gott beurteilen ließe. Ich nehme aber an, daß entsprechend 
dem unbedingten Atheismus nicht nur seiner Eltern, sondern auch des ganzen 
Erziehungsplanes der Kinder in der U. d. S. S. R. die ideale Vaterimago 
sich nicht mit dem Gottbegriff, sondern mit irgendeinem andern, ihm 
dem Geist und der Zeit nach näheren Namen verbinden wird. Möglich, 
daß die Frage nach Gott ihn dann überhaupt nicht mehr beunruhigen wird. 

Damit ist das Tatsachenmaterial, das die allmähliche Entwicklung des 
Wißtriebes bei diesem Kind ergeben hat, erschöpft. 

JL neoretiscne Je olgertingen 

Unsere theoretischen Folgerungen wollen wir der deutlichen Übersicht 
wegen folgendermaßen einteilen: 

1) Wißtrieb als Ichtrieb. 

2) Wißtrieb und die Libido des Kindes. 

)) Wißtrieb und die topische Lehre der Psychoanalyse. 
4) Wißtrieb und die Realität. 

Auf Grund des hier angeführten Materials kann man sagen, daß der 
Wißtrieb sich allmählich aus dem Bemächtigungstrieb entwickelt. Als primi- 
tivste Form des Bemächtigungstriebes können wir das Ergreifen und Ver- 



1) A. R. Lurja führte lür eine wissenschaftliche Arbeit Untersuch\ingen nach 
dieser Methode an einer großen Aniahl von Kindern aus. 



j^8 Wer« SdraMt 



schlingen der Objekte in dem Augenblick, in dem der Hunger einen be- 
stimmten Grad der Intensität erreicht hat, ansehen. (Notiz Nr. /.) Wir 
haben gesehen, daß das Kind dabei Greifbewegungen mit dem Mund und 
der Hand ausführt. Die Bewegungen sind auf dieser Altersstufe noch nicht 
zielgerichtet; trozdem dürfen wir nicht daran zweifeln, daß es sich hier 
um phylogenetisch verankerte Reste der Bestrebungen, die Beute zu 
fangen, handelt. 

Aber sehr bald schon, wahrscheinlich mit der Entwicklung bestimmter 
Zentren des Großhirns, erreicht das Kind eine Entwicklungsstufe, auf der 
es nicht nur auf den Hunger, d. h. auf einen inneren Reiz reagiert, sondern 
wo auch die Außenwelt in stärkstem Maße auf das Kind einwirkt. Seine 
erste Reaktion auf einen stärkeren Gesichtsreiz ist eben die primitive, aus 
dem Bemächtigungstrieb stammende Reaktion, nämlich zu greifen und 
aufzuessen. (Notiz Nr. 2.) 

Im Laufe der weiteren Entwicklung des Kindes tritt nicht nur das Auge, 
sondern auch die übrigen Sinnesorgane in den Dienst dieses Triebes. So 
zum Beispiel wird ein Kind, das einen Geruch wahrnimmt oder einen 
Laut hört, mit den Augen nach dem Gegenstand, von dem der Reiz aus- 
geht, suchen, um dann danach zu greifen und ihn in den Mund zu stecken. 
Dies ist der Kulminationspunkt in der Entwicklung des ßemächtigungstriebes 
in seiner ganz primitiven Form: Greifen und aufessen. 1 

Im zweiten Viertel des ersten Jahres können wir schon ein ganz anderes Ver- 
halten des Kindes beobachten. Es steckt schon selten die Dinge in den Mund, 
sondern fängt an, sie zu betrachten, zu befühlen, zu betasten, zu streicheln usw., 
indem es sie mit anderen ähnlichen Dingen vergleicht. (Notiz Nr. }.) Hier sehen 
wir nicht mehr die oben beschriebene primitive Reaktion. Das Kind erforscht 
die Gegenstände bereits mit Hilfe derselben Mittel wie der Erwachsene. 
Wie kommt es dahin? Da uns die Wissenschaft vorläufig noch keine 
physiologische Erklärung dieses Entwicklungsvorganges gegeben hat, müssen 
wir zunächst eine Hypothese auf Grund der psychischen Vorgänge aufbauen. 
Freud hat diesbezüglich schon längst geäußert: „Die notwendig gewordene 
Aufhaltung der motorischen Abfuhr (des Handelns) wurde durch den Denk- 
prozeß besorgt . . . Das Denken wurde mit Eigenschaften ausgestattet, welche 

i) Die Aufzeichnungen über Aliks Verhalten im ersten Lebensjahre wiesen keine 
Notiz über das Wegwerfen von Gegenständen auf, ein Symbol für den ersten Objekt- 
verlust. Das Wegwerfen ist bei ihm entweder mit der Erforschung dieser Erscheinung 
verbunden oder aber mit der Versicherung »einer selbst: „Ich werfe." Ich bin zur 
Zeit nicht in der Lage, diese Erscheinung zu erklären. 



Die Entwicklung des Wihtrieues bei einem Kinde 2 79 

dem seelischen Apparat das Ertragen der erhöhten Reizspannung während 
des Aufschubes der Abfuhr ermöglichte." 1 

Das Auftreten des Denkens in der Ontogenese steht somit offenbar im 
Zusammenhang mit dem Auftreten von Hemmungsvorrichtungen im Zentral- 
nervensystem. Schon allein die Tatsache des Auftretens langsamer, zielge- 
richteter Bewegungen beim Betasten von Gegenständen, spricht für das 
Vorhandensein solcher Hemmungszentren. 2 

Die Fragen, wie eine solche Hemmung zustande kommt, wann sie auf- 
tritt und woher sie sich herleitet, müssen offen bleiben. Jedenfalls ruft die 
zunehmende Hemmung der motorischen Abfuhr in der Entwicklung des 
Kindes allmählich die neue Funktion, die Tätigkeit des Denkapparates her- 
vor; sie hatte wahrscheinlich ursprünglich nur die eine Aufgabe, die Er- 
regungsmengen, die keine direkte Abfuhr in die Bewegung finden konnten, 
zu bewältigen. In der Notiz Nr. / finden wir diesen Mechanismus deutlich 
beleuchtet, — zuerst einfaches Greifen, dann die Hemmung, darauffolgend die 
Forschung. Tatsächlich dient das sich entwickelnde Denken zuerst fast aus- 
schließlich dem Bemächtigungstrieb, d. h. dem Streben, von diesem oder 
jenem Gegenstand Besitz zu ergreifen, aber schon mit anderen Mitteln. 
Das Kind bemächtigt sich des Gegenstandes nicht mehr im Sinne des Auf- 
essens, sondern mit Hilfe der Erkenntnis. Auf diese Weise macht der Be- 
mächtigungstrieb, der den Ichtrieben angehört, eine Wandlung durch, die 
wir in Analogie zu der Entwicklung der Sexualtriebe des Kindes, als 
Sublimierung bezeichnen können. 3 

Für den Beginn dieser Sublimierung des Bemächtigungstriebes läßt 
sich schwer ein genauer Zeitpunkt angeben. Wie wir auf Grund unseres 
Materials gesehen haben, fängt das Kind am Ende des ersten Halbjahres 
an, intensive Versuche zu machen, einen Gegenstand durch „Begreifen sich 
zu eigen zu machen. (Notizen Nr. 4 ff.) Der Zusammenhang zwischen dem 
Bestreben, einen Gegenstand zu erkennen und seiner ursprünglichen Grund- 
lage läßt sich bei Alik bis zum Alter von drei Jahren sehr deutlich beobachten. 

Zur Verdeutlichung dieser Behauptung bringe ich einen kurzen Auszug 
aus seiner Charakteristik, die im Kinderheim schriftlich fixiert wurde, als 

1) Freud: „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens." 

Ges. Schriften, Bd. V. S. 412. _ 

2) Das Vorkommen solcher Vorgänge im Zentralnervensystem ist durch die russi- 
sche physiologische Schule von Pawlow experimentell nachgewiesen. 

5) Wie bekannt, gibt es auch eine philologische Bestätigung dieser Auffassung. 
Im Deutschen heißt es „greifen — begreifen", im Französischen „prendre — com- 
prendre". 



a8o Worn oiiimich 



er 2.8 alt war. Dort heißt es: „Das, wonach Mischa (ein Junge aus der- 
selben Gruppe wie Alik) direkt greift, erfaßt Alik mit seinem Intellekt. 
Bei beiden äußert sich so der Bemächtigungstrieb, bei Mischa noch in 
primitiver Form, — während Alik sich die Dinge durch die Erkenntnis 
zu eigen macht." 

Mit der Sprachentwicklung tritt dann eine weitere wesentliche Förderung 
der Denktätigkeit ein, die es dem Kind ermöglicht, durch Fragen und noch 
etwas später auch durch selbständige logische Schlüsse beharrlich auf die 
Lösung bestimmter Probleme hinzuarbeiten. Aber auch dann kann man 
noch aus gewissen mimischen Merkmalen des Kindes den Zusammenhang 
zwischen diesem intellektuellen Vorgang und den primitiven Äußerungen 
des Bemächtigungstriebes feststellen. 

Wenn man Alik eine neue Geschichte erzählte oder ihm überhaupt 
von etwas Neuem, ihm bis dahin Unbekannten sprach, so pflegte er folgender- 
maßen zu reagieren: „Alik hört, ohne sich zu rühren, mit verhaltenem Atem 
sehr aufmerksam zu. Seine Augen sind weit geöffnet, die Pupillen geweitet, 
er sieht einem direkt in den Mund hinein, als ob er jedes Wort mit den 
Augen fangen möchte. Er hat einen ganz eigentümlichen Gesichtsausdruck, 
halb suchend, halb gierig." Ganz denselben Augenausdruck bei Alik habe 
ich in meinem Aufsatz „Die Bedeutung des Saugens und Fingerlutschens" 
beschrieben. 1 

Damals, d. h. im Alter von zwei Monaten, hat Alik mit der gleichen 
Gier in den Augen die Mutterbrust vor dem Stillen betrachtet, ehe er mit 
außerordentlicher Gier die Brustwarze ergriff. Dieses Beispiel spiegelt deut- 
lich den tiefen Zusammenhang wider, der zwischen dem primitiven Auf- 
essen und dem kultivierten geistigen Erfassen besteht. 

Zur größeren Anschaulichkeit möchte ich folgendes Entwicklungsschema 
des Wißtriebes entwerfen: 

ij Sehen — Greifen — ■ Aufessen - Besitz ergreifen. 

2) Sehen — Greifen - Berühren - Kennenlernen Besitz ergreifen. 

}) Sehen — Fragen — Verstehen - Erkennen ~ Besitz ergreifen. 

4) Problemstellung - Fragen und selbständig Erforschen - Erkennen 
= Besitz ergreifen. 

Freud weist in seinem Aufsatz „Triebe und Triebschicksale" 2 darauf 
hin, daß wir bei jedem Trieb zu unterscheiden haben: l) den Drang, 
2) das Ziel, )) das Objekt. 4) die Quelle des Triebes. 



Imago, Bd. XII (1926). 

2) Freud: Ges. Schriften. Bd. V. 



Die Entwicklung dcs\V lijtnebes bei einem Kinde 281 

Aus dem bisher Gesagten können wir feststellen, daß das Ziel des Wiß- 
triebes das Besitzergreifen der Dinge mit Hilfe der Erkenntnis ist, daß aber 
seine Quelle durch die Physiologie noch nicht erforscht ist. Folglich bleibt 
uns noch die Aufgabe, uns mit der Frage nach der Intensität, dem Drang 
dieses Triebes, zu beschäftigen. Das angeführte Material gibt leider keine 
genügend klare Vorstellung darüber, wie groß der Drang des Wißtriebes 
sein kann. 

Wenn ich alle den Forschungstrieb Aliks behandelnden Aufzeichnungen 
bringen könnte, so würde allein die Quantität derselben ein deutliches Bild 
von der Intensität dieses Triebes geben. Da das unmöglich ist, werde ich 
mich auf zwei Beispiele beschränken, die zeigen, daß die Intensität dieses 
Triebes manchmal Alik veranlaßte, unangenehme Sensationen auf sich zu 
nehmen. 






80) 17. Juni 1921. — I, ). 

„Alik berührte den Samowar, der zwar nicht so heiß war, daß er sich 
verbrannte, aber immerhin heiß genug, daß es ihm weh tat. Er zog das 
Händchen zurück und besah es sich aufmerksam. Dann griff er nach dem 
Hahn, zog das Händchen wieder zurück und besah es. Das wiederholte sich 
einigemal hintereinander. 

Ein Jahr spater: 

*8l) IJ. Juni 1922. — 2,3. 

„Alik untersuchte das Gras nach Brennesseln. Er berührte das Gras, zog 
schleunigst das Händchen zurück, besah es sich und konstatierte, erleichtert 
aufatmend, ,es brennt nicht'. Wenn er aber an eine Brennessel geriet, 
schrie er auf, schüttelte seinen Kopf vorwurfsvoll und flüsterte vor sich 
hin: ,Das ist eine Brennessel.'" 

Melanie Klein zeigt in ihrer Arbeit „Eine Kaderentwicklung" ' noch 
ein Moment auf, das darauf hinweist, welch außerordentliche Bedeutung 
für die ganze spätere Entwicklung des Kindes eben die Intensität des Wiß- 
triebes hat. Sie berichtet von einem Fall, in dem infolge von verschiedenen 
Ursachen der Wiß(Bemächtigungs)trieb ganz unterdrückt war. Dies hatte zur 
Folge, daß das Kind in seiner gesamten geistigen Entwicklung zurückblieb. 

Wovon hängt nun die normale Entwicklung des Wißtriebes und die 
Intensität seiner Äußerungen ab? Um diese Frage zu lösen, möchte ich 
folgendes Beispiel anführen: Im Kinderheimlaboratorium waren in der 



1) Imago, Bd. VII (1921)- 



_ ; 



VVcrn Ociinniit 



gleichen Gruppe mit Alik noch zwei Knaben — Mischa und Schura. Bei 
Mischa herrschte der Bemächtigungstrieb im ursprünglichen Sinne und in 
der ursprünglichen Form vor. Er äußerte sich im Ergreifen und gierigen 
Aufessen eßbarer und nicht eßbarer Dinge. Uer Bewegungsdrang in jeg- 
licher Form spielte eine so dominierende Rolle bei ihm, daß es einer un- 
geheuren pädagogischen Arbeit und einer dementsprechenden Organisation 
des Milieus bedurfte, um beim Kinde auch nur die allernötigsten Hem- 
mungen hervorzurufen. Außerdem äußerte der Knabe sehr starke aggressive 
Tendenzen und eine ausgesprochene Zerstörungssucht. 

Wenn unsere Annahme richtig ist, daß die Sublimierung des Bemächti- 
gungstriebes auch in der Ontogenese vom Vorhandensein von Hemmungs- 
vorrichtungen im Zentralnervensystem abhängt, so erscheint es verständlich, 
daß bei Mischa, bei dem die Hemmungen erst spät zur Entwicklung kamen, 
dementsprechend auch die Umwandlung des Bemächtigungstriebes zum Wiß- 
trieb spät und in unzureichendem Maße auftrat. Bei dem anderen Jungen, 
Schura, der erst nach seinem zweiten Lebensjahr ins Kinderheim gekommen war, 
machte sich eine auffallende Trägheit der Bewegungen und ein vollkommenes 
Fehlen jeglicher aktiver aggressiver Regungen bemerkbar. Anstatt nach den 
Dingen zu greifen, war er deutlich bestrebt, seine Berührungslust zu befrie- 
digen. Er untersuchte einen Gegenstand nicht, sondern preßte seine Wange 
an ihn, streichelte ihn usw. Er liebte alle flaumigen Sachen, Watte, weiche 
Spielsachen und ähnliches außerordentlich. Sein Gesichtsausdruck hatte dabei 
etwas ganz nach innen Gekehrtes, nicht auf das Objekt Gerichtetes. Das 
alles legte die Vermutung nahe, daß der Bewegungstrieb des Kindes sowie 
seine Aggressivität in der allerersten Kindheit durch die Umgebung unter- 
drückt worden war. Ein genaueres Befragen der Mutter hat diese Annahme 
tatsächlich bestätigt. Eine zu frühzeitige und zu starke Unterdrückung 
der motorischen Impulse (der Muskelerotik) und der Aggressivität 
führt also zu einer Verstärkung der hauterotischen taktilen Lust 
auf Kosten des Wißtriebes. 

Auf Grund dieser wenigen Beispiele kann man vorläufig nur die Ver- 
mutung aussprechen, daß die normale Entwicklung des Wißtriebes ursprüng- 
lich von der regulären Ausbildung der Hemmungsvorrichtungen im Zentral- 
nervensystem und von der richtigen Entwicklung der motorischen Äußerungen 
des Kindes und damit von der richtigen Sublimierung des Bemächtigungs- 
triebes und seiner sexuellen Komponenten (siehe weiter \inten), insbesondere 
der Muskelerotik, abhängt. Was jedoch die Intensität seiner Äußerungen 
betrifft, so glaube ich, daß diese einerseits von der individuellen Eigenart 



Die Entwicklung des Wiijtriebes bei einem Kinde 280 

des Kindes, die auf seiner Konstitution beruht, anderseits von den Ein- 
wirkungen des Milieus abhängen. 1 Wir können also aus allem über den 
Wißtrieb als einem Ichtrieb Gesagten das Fazit ziehen, daß sein Triebziel 
die Bemächtigung mit Hilfe der Erkenntnis ist, und daß die Triebkraft 
eine hohe Spannung besitzt. 2 

Wenn wir jetzt noch die Frage nach dem Objekt des Wißtriebes stellen, 
so können wir nur sagen, es gibt nichts, das nicht Objekt des Wißtriebes 
werden könnte. Dann entsteht die Frage nach den Ursachen, die die Wahl 
unter der Menge der möglichen Objekte bestimmen. Um diese zu würdigen, 
müßten wir auf ein neues Gebiet übergehen, nämlich auf das Gebiet der 
Sexualtriebe und ihrer Zusammenhänge mit dem Wißtrieb. Alle in einem 
Lebewesen vorhandenen Triebe sind aufs engste miteinander verknüpft. So 
weist auch Freud in seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" auf 
die Beziehungen des Wißtriebes zu den sexuellen Äußerungen des Kindes hin. 

Wenn wir uns zur Auflockerung dieser Zusammenhänge wieder der 
Untersuchung der primitivsten Bemächtigung zuwenden, so sehen wir, daß 
das Streben des Kindes, die Objekte zu fassen und zu verschlingen, außer 
dem Ichziel der „Bemächtigung", noch ein anderes verfolgt: die libidinöse 
Befriedigung durch Beizung der Mundschleimhaut. Im zweiten Viertel des 
ersten Lebensjahres, wenn die Libido nicht mehr ausschließlich auf die 



1) Leider besitze ich gar kein Material, welches mir ermöglichte, über die Ent- 
wicklung des Wißtriebes bei Mädchen zu urteilen. Ich vermute, daß in großen Zügen 
die Entwicklung die gleiche ist. Es ist nur möglich, daß die beiden Geschlechter in 
Intensität und affektiver Färbung ihres Interesses für das Problem des Geschlechts- 
unterschiedes differieren. 

2) Leider geben die an Alik gemachten Beobachtungen keine Möglichkeit, über 
ein sehr wichtiges Moment in der Kinderentwicklung zu urteilen, nämlich darüber, 
ob das Kind bei der Erforschung der Außenwelt doch immer auf sich selbst, als auf 
das erforschende Subjekt eingestellt bleibt und sich als Zentrum fühlt. Infolge seiner 
individuellen Besonderheit trat dieser Zug bei Alik entweder gar nicht oder doch in 
geringem Maße in Erscheinung. Meist fiel im Gegenteil die entgegengesetzte Ein- 
stellung auf: das intentionale Gerichtetsein auf die zu erforschende Außenwelt. Man 
beachte diesbezüglich zum Beispiel folgendes: 

Auszug aus Aliks Charakteristik, die im Kinderheim gemacht wurde als er 1,8 
war: „Alik überschätzt sich nicht im Sinne der Vorzüglichkeit gegenüber der übrigen 
Welt. Er selbst und die ganze Welt sind ihm gleichermaßen wertvoll. Wenn er von 
seinen Erkenntnissen mitteilt, so zeichnet er sich nicht aus in der Rolle des Er- 
kennenden, sondern zeigt immer auf den Gegenstand, der ihn zur Zeit interessiert. 
Wenn jemand zu ihm kommt, erzählt er gern von seiner Umwelt und zeigt auf die 
Dinge seiner Umgebung, aber nicht auf sich selbst. Gleichzeitig damit ist jedoch 
sein Selbstgefühl, das Gefühl des eigenen Wertes, die Fähigkeit, auf seinen Forde- 
rungen zu bestehen und ähnliches stark entwickelt." 



2S4 Wem Schmidt 



Mundzone konzentriert ist, findet das Kind auch in den Bewegungen des 
Körpers, der Hände und oft auch der Füße, in der Berührung, dem Streicheln 
der Gegenstände u. dgl. libidinösen Gewinn, die Muskel- und Hauterotik 
ist in Erscheinung getreten. So wie die Oralerotik die primitivste (orale) 
Bemächtigung, so begleitet die Muskel- und Hauterotik die nächst höhere 
(Greif) Bemächtigungsform. Die relative Prävalcnz der oralen oder der Tast- 
erotik entscheidet auch darüber, ob ein Kind auch noch in späterer Zeit 
Dinge in den Mund steckt oder sie befühlt und betastet. Mit der „Sub- 
limierung" des Bemächtigungstriebes gehl dieser in den Wißtrieb über. 
Die Sexualtriebe des Kindes, die in ihrer Entwicklung eine Reihe von 
Veränderungen erfahren, lenken nun auch weiterhin das Interesse des 
Kindes nach der Richtung, wo es jeweils maximalen Lustgewinn erzielen 
kann, d. h. dorthin, wohin der Hauptstrom seiner Libido gerichtet ist. 
Die Außenwelt bietet dem Kinde verschiedene Lindrücke; das Kind wird 
bei der Auswahl der Beize, denen es sich zuwendet, durch seine libidinösen 
Tendenzen geleitet. 

Wie wichtig aber auch bei solcher von außen angeregten Forschung die 
näheren Faktoren sind, geht daraus hervor, daß je nach der Entwicklungs- 
stufe des Kindes derselbe Gegenstand auf verschiedene Weise die Aufmerk- 
samkeit des Kindes erregt, je nach der jeweiligen Richtung des libidinösen 
Interesses. 

In der Zeit der ausgesprochenen Autoerotik untersucht das Kind die Dinge 
mit Hilfe seiner einzelnen Organe, des Mundes, der Hände, des Ohres usw. Durch 
die Erogeneität dieser Organe verschafft sich das Kind gleichzeitig ein Stück 
sexueller Befriedigung, so daß es bei der Erforschung, Berührung usw. seiner 
eigenen Person gewissermaßen einen doppelten Lustgewinn hat. Gegen Ende 
dieser Periode übernimmt die anale und urethrale Zone die dominierende 
Rolle in der Sexualität des Kindes. Und wir sehen, daß die meisten Notizen 
über unseren Fall aus dieser Entwicklungsperiode tatsächlich über ein ge- 
steigertes Interesse des Kindes, betreffend die eigenen natürlichen Bedürfnisse 
und die anderer Lebewesen, berichten. Neben der Anal- und Urethral- 
erotik tritt in dieser Zeit auch die genitale Onanie erneut auf und auch 
die Exhibitions- und Schaulust. Dadurch wird das Interesse des Kindes noch 
mehr auf die Geschlechtsorgane konzentriert. Wir können feststellen, daß 
Alik in dieser Zeit durch Beobachtungen und Fragen über diese Themen 
außerordentlich in Anspruch genommen ist, ebenso wie der kleine „Hans" 1 , 






i) Freud: „Analyse der Phobie eine» fünfjährigen Knaben." Ges. Schriften, Bd. VIII. 



Die Entwicklung des Wifjtnebcs bei einem Kinde a85 

der von M. Klein beschriebene „Fritz" 1 und auch alle anderen Kinder des 
Kinderheim-Laboratoriums. 

Ungefähr nach drei Jahren wendet sich die Libido in erhöhtem Maße 
dem Ich des Kindes zu. Die starke Zunahme des Narzißmus hat ein ge- 
steigertes Interesse für die eigene Person zur Folge. Wie wir gesehen haben, 
betrafen Aliks Fragen in dieser Zeit drei Themen : Wie bin ich entstanden? 
Wie bin ich gebaut? Und: Wie ist es möglich, daß ich sterbe? 

Das erste dieser drei Themen ist am stärksten libidobesetzt. Aus Analysen 
neurotischer Erwachsener sowie aus der Literatur über Kinder 2 wissen wir, 
daß eine Nichtbeantwortung gerade dieser Fragen das erste Mißtrauen den 
Eltern gegenüber hervorruft und zu einer ganzen Reihe neurotischer Sym- 
ptome führen kann, während die wahrheitsgemäße und ruhige Beantwortung 
aller dieses Thema betreffenden Fragen des Kindes zu einem Vertrauens- 
verhältnis zwischen Kind und Eltern führen und etwaige neurotische Sym- 
ptome zum Schwinden bringt. Woher kommt das? Warum ist gerade dieses 
Gebiet anscheinend so innig verbunden mit dem intimsten Erleben des Kindes, 
daß es den Eltern ihre Unwahrheit in dieser Beziehung nicht verzeiht und nach 
solcher Enttäuschung, die bereits auf sie übertragene Libido wieder zu 
narzißtischer Verwendung zurückzieht? Gibt es doch eine Menge anderer 
Themen und Fragen, auf die das Kind keine Antwort bekommt, ohne daß 
dieser Umstand so tiefe Spuren in seiner Psyche hinterläßt. 

Ich möchte annehmen, daß die Ursache dieser Erscheinung darin liegt, 
daß auf dieser Entwicklungsstufe beim Knaben schon eine innige Bindung 
an die Mutter besteht und daß gleichzeitig mit den Fragen nach dem eigenen 
Ursprung im Unbewußten Ödipusphantasien auftauchen. Das Kind würde 
dann in Wahrheit, mit dem Bestreben zu erfahren, woher die Kinder kommen, 
zwei Ziele verfolgen : i) zu erfahren, wie es selbst geboren wurde und da- 
durch seinen Narzißmus zu befriedigen und 2) zu erfahren, wie es Kinder 
mit der Mutter bekommen kann. (Ein möglicher dritter Grund, die Angst 
vor der Geburt eines Geschwisterchens, kommt in unserem Falle nicht in 
Betracht.) Wahrscheinlich existieren irgendwelche dunkle Ahnungen auf 
diesem Gebiete, die durch Beobachtungen realer Tatsachen und vielleicht 
auch durch phylogenetische Reste im Unbewußten begründet sind, besonders, 
daß der Vater dabei irgendeine Rolle spielt. Diese Rolle wird er selbst 
übernehmen müssen, wenn er die Mutter heiraten und mit ihr Kinder haben 



1) M. Klein: „Eine Kaderentwicklung." Image Bd. VII (1921) 

2) Jung: „Über Konflikte der kindlichen Seele." Jahrbuch, Bd. IL, 1. Hälfte. 



a86 Wem Schmidt 



will. Aber worin besteht sie? 1 Solcher Art ungefähr, sind wahrscheinlich 
die Gefühle und Gedanken des Kindes, die es veranlassen, die Frage nach 
dem Ursprung der Kinder zu erforschen. 

Nun können wir verstehen, wieso dieser Fragenkomplex so stark libido- 
besetzt ist, und warum das Kind eine so starke affektive Erschütterung 
erleidet, wenn es gerade auf diese Kragen von den Eltern keine wahrheits- 
gemäße Antwort bekommt. Seiner primitiven Psyche ist das gleichbedeutend 
mit einer Weigerung der Eltern gegenüber seinen sexuellen Wünschen. 
Wir haben auch in unserem Fall gesehen, wie das Kind, das nicht im- 
stande ist, die Frage nach dem Ursprung der Kinder selbst zu lösen, und 
das, nachdem es auf seine erste Frage: „Sag' mir, wie ich geboren wurde" 
keine Antwort bekommen hatte, sich nicht mehr an die Mutter mit der 
Frage heranwagt, nervös erregt, unartig 2 und der Mutter gegenüber gereizt 
wurde (siehe Aufzeichnung Nr. 4) und 4;). Sobald es aber die gewünschten 
Aufklärungen erhalten hatte, schlief es beruhigt ein. Auch sein allgemeines 
Verhalten und die Beziehung zur Mutter ändert sich prompt (siehe Auf- 
zeichnung Nr. 4} und 44). So kann man meines Erachtens das außer- 
gewöhnlich affektbetonte Verhalten des Kindes und sein plötzlich auf- 
tauchendes Interesse für die sexuellen Fragen, für die es selbst noch lange 
nicht reif ist, aus dem Ödipuskomplex, der in dieser Periode auf dem Höhe- 
punkt seiner Entwicklung ist, erklären. Was jedoch das Todesproblem be- 
trifft, so würde eine Anerkennung der Tatsache des Todes auch ein An- 
erkennen der eigenen Sterblichkeit bedeuten. Das widerstrebt jedoch dem 
Narzißmus durchaus. Wir sehen deshalb, daß das Kind nach vergeblichen 
Versuchen, diese qualvolle Tatsache auf dem Wege der Erkenntnis irgend- 
wie zu bewältigen, sich von diesem Weg abwendet und seine Zuflucht 
anderswo sucht, nämlich bei der magischen Denkweise, die ihm eine Be- 
friedigung seines Narzißmus ermöglicht. Hier wäre offenbar der Lustgewinn 
durch die Befriedigung des Wißtriebes wesentlich geringer als der durch 
den verletzten Narzißmus entstandene Schmerz. 

Zu Beginn des sechsten Lebensjahres (in unserem Falle) beginnt die 
Verdrängung des Ödipuskomplexes. Im Unbewußten dominiert während 
dieser Entwicklungsphase das Schuldgefühl, die Angst vor Strafe wegen des 

») Beim Mädchen bestellt im Gegensatz dazu der Wunsch, zu erfahren, was der 
Vater mit ihr machen wird, und wie sie »ich verhalten muß, um, wie die Mutter, ein 
Kind zu bekommen. 

2) In Jungs vorerwähntem Aufsatz ist ein analoges Verhalten eines Kindes be- 
schrieben. 



Die Entwicklung des Wiljtriebes hei einem Kill Je 287 

Rivalitätskampfes mit dem Vater und der libidinösen Hinneigung zur 
Mutter. Und wieder sehen wir, daß auch der Wißtrieb diesen Pfaden der 
Libido folgt: Das Kind interessiert sich am stärksten für Krieg, Kampf, 
Gefängnis, Miliz, Gericht usw. 1 Das entstehende Über-Ich läßt das Kind 
nach Idealgestalten suchen, was in seinen Fragen nach regierenden Per- 
sönlichkeiten, Gott usw. zum Ausdruck kommt. 

So sehen wir immer wieder, daß die Grundrichtung des Wißtriebes beim 
Kinde mit seiner jeweiligen sexuellen Entwicklungsstufe zusammenhängt. 

Jung erzählt in seiner Arbeit „Konflikte der kindlichen Seele , wie 
man die ältere von zwei Schwestern in Gegenwart der jüngeren über die 
Herkunft der Kinder aufklärte, was nicht verhinderte, daß die jüngere in 
der entsprechenden Entwicklungsstufe denselben quälenden Zustand des 
Forschens und Zweifeins durchmachte wie seinerzeit die ältere. Man mußte 
sie von neuem aufklären, so, als ob sie nie etwas gehört hätte. Wir sehen 
hier besonders deutlich, daß das Kind kein Interesse daran hat, zuzuhören, 
wenn das behandelte Thema seiner unbewußten Einstellung noch nicht 
entspricht. 

Das führt uns zu unserer dritten Frage, der nach dem Verhältnis des 
Wißtriebes zur psychischen Topik. Meines Erachtens verhält es sich auf 
Grund des bisher Gesagten folgendermaßen: Das Streben nach Erforschung 
und Erkenntnis gehört dem „Ich an, ist somit in der Hauptsache bewußt; 
sein Forschungsgebiet gehört der Umwelt an. Die Richtungen dagegen, in 
denen sich der Wißtrieb zur Zeit der kindlichen Sexualität hauptsächlich 
auswirkt, werden vom Unbewußten bestimmt. Leider reicht mein Material 
über meinen Fall noch nicht aus, um über die Äußerungen des Wißtriebes 
in der Latenzzeit etwas aussagen zu können. 

Aber auf Grund der täglichen Beobachtungen scheint mir die Annahme 
berechtigt, daß — bei normaler Sublimierung — zu dieser Zeit die Ein- 
wirkung libidinös bedingter Strebungen auf ein Minimum zurückgeht und 
die auf die Realität gerichteten Ich-Interessen dominieren. Auch schon 
vorher kann die Realität den Hauptinteressen des Kindes eine bestimmte 
Richtung geben, obwohl der Zusammenhang mit der unbewußten libidi- 
nösen Einstellung zu Recht besteht. 

Jetzt kommen wir zur letzten Frage, zu der über die Bedeutung des 
Wißtriebes für die Beziehung zur Realität. Im Erkennen und allmählichen 



1) Hier ist es anscheinend die Erleichterung des Schuldbewußtseins und das da- 
durch erzeugte Lustgefühl, was das Kind veranlaßt, danach zu forschen, wofür man 
bestraft werden kann. 



288 Wrra Sdimiilt 



Beherrschen der Umwelt entsteht dem Kind eine unerschöpfliche Quelle 
der Lust. Das Streben, die Umwelt zu erkennen, zu beherrschen und sich 
an ihr zu befriedigen, gibt dem Kind in zunehmendem Maße die Möglich- 
keit, sich in ihr zurechtzufinden. Einerseits wird dadurch seine Selbständig- 
keit und seine Unabhängigkeit von den Erwachsenen erhöht, anderseits 
fügt es sich aus derselben Erkenntnis heraus leichter den Forderungen der 
Realität. Der Lustgewinn, der dem Kind aus der Erkenntnis und dadurch 
erlangten Bemächtigung der Umwelt entsteht, ermöglicht es ihm auch, ge- 
gebenenfalls ihm unangenehmen Forderungen der Umgebung Folge zu leisten. 

Nun entsteht noch folgende Frage: Welches Verhältnis besteht zwischen 
dem Wißtrieb und der der kindlichen Seele eigentümlichen realitätsunan- 
gepaßten Eigenschaft: dem magischen Denken. Sich allmächtig fühlen be- 
deutet eine außerordentliche Befriedigung für das hilflose Kind. Wir wissen, 
daß viele erwachsene Neurotiker auf dieses Gefühl nicht verzichten wollen. 
Wie kommt es denn zu einem Ausgleich dieser beiden entgegengesetzten 
Strebungen in der Seele des Kindes? Das riesige Material über Aliks Ent- 
wicklung enthält nur ganz wenige Aufzeichnungen über Äußerungen seiner 
Allmachtphantasien. Da aber bekanntlich der Bemächtigungstrieb auf dem 
Wege der Erkenntnis sehr stark entwickelt ist, liegt die Annahme nahe, daß 
er das Gefühl der eigenen Kraft und Macht in den Augenblicken der Er- 
kenntnis genießt. Möglich auch, daß der dreijährige Aufenthalt im Kinder- 
heim, wo die Kinder sich nicht hilflos fühlten, wo im Gegenteil alles so 
eingerichtet ist, daß sie selbständig und möglichst unabhängig von den 
Erwachsenen sein können, ihm dazu verholfen hat, das Gefühl der Kraft 
in der Realität statt in der Phantasie zu erleben. Und deshalb ist sein 
Streben nach Allmacht an reale Erlebnisse und nicht an magische Phanta- 
sien gebunden. 

Zum Schluß will ich einige pädagogische Kolgei ungeii aus dem über 
den Wißtrieb Gesagten ziehen. 

Das Kind, an dem die der Arbeit zugrunde liegenden Erfahrungen 
gemacht worden sind, hat eine von der Mehrzahl etwas abweichende Er- 
ziehung erhalten. Seine Erziehung richtete sich nicht nur nach den all- 
gemein bekannten pädagogischen Regeln, sondern auch nach den wesent- 
lichen psychoanalytischen Grundsätzen. Welchen Einfluß das auf seine all- 
gemeine Entwicklung haben wird, wird die Zukunft lehren. Hier möchte 
ich auf die Momente hinweisen, die sich auf unser Thema beziehen. Freud 
weist in seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie auf die Folgen 
hin, die entstehen, wenn dem Kind keine Möglichkeit gegeben wird, seinen 



Die Entwicklung des Wiljtnebes be» einem Kinde 389 

Wißtrieb auf sexuellem Gebiet zu befriedigen. Er sagt folgendes: „. . . da 
der kindlichen Sexualforschung zwei Elemente unbekannt bleiben, die 
Rolle des befruchtenden Samens und die Existenz der weiblichen Geschlechts- 
öffnung, — die nämlichen Punkte übrigens, in denen die infantile Organi- 
sation noch rückständig ist, — bleibt das Bemühen der infantilen Forscher 
doch regelmäßig unfruchtbar und endet in einem Verzicht, der nicht selten 
eine dauernde Schädigung des Wißtriebes zurückläßt. Die Sexualforschung 
dieser frühen Kinderjahre wird immer einsam betrieben; sie bedeutet einen 
ersten Schritt zur selbständigen Orientierung in der Welt und setzt eine 
starke Entfremdung des Kindes von den Personen seiner Umgebung, die 
vorher sein volles Vertrauen genossen hatten." (Ges. Schriften, Bd. V, S. 71.) 

In unserem Falle hatte das Kind, dank dem Leben im Kinderheim, 
weitgehende Beobachtungsmöglichkeiten; wir haben gesehen, daß es aus- 
gedehnten Gebrauch davon machte. Als es jedoch an die unlösbaren Fragen, 
von denen Freud spricht, kam, wandte es sich Rat suchend an seine Mutter. 
Und hier liegt meines Erachtens der wesentliche Vorzug seiner Erziehung.' 
Für dieses Kind gibt es nicht den Regriff des „Anständigen und „Unan- 
ständigen", nichts, wovon man nicht laut reden dürfte. Deshalb wendet 
es sich ruhig mit all seinen Fragen und Zweifeln, ohne sie in erlaubte 
und unerlaubte einzuteilen, an die Erwachsenen. Seine Sexualforschungen 
zeugen von großem Interesse für dieses Gebiet, nicht aber von Angst, etwas 
Unerlaubtes zu tun. Die Hindernisse, von denen Freud spricht, existieren 
für das Kind nicht, und wir haben gesehen, daß sein Wißtrieb sich bei 
diesen Fragen nicht länger als nötig aufhielt, daß sein Vertrauen zu den 
Eltern unerschüttert blieb. 

Wir schließen daraus, daß für die normale Entwicklung des Wißtriebes neben 
der Vererbung die Erziehung des Kindes eine ganz entscheidende Rolle spielt. 

Wie wichtig es ist, dem Kinde die Befriedigungsmöglichkeit des Wiß- 
triebes zu gewähren, geht schon daraus hervor, daß dieser ihn eng mit der 
Realität verbindet und ihm die Möglichkeit gibt, mit Hilfe des Wissens 
nicht nur seinen Bemächtigungstrieb, sondern auch sein Streben nach 
Macht zu befriedigen. Und je enger die Verbundenheit des Kindes mit der 
Realität ist, desto eher können wir erwarten, daß es auch die schwersten 
Jahre seiner Entwicklung gut bestehen und sein übriges Leben relativ 
gesund bleiben wird. 



1) Über die Notwendigkeit der sexuellen Aufklärung der Kinder siehe Freud, 
„Zur sexuellen Aufklärung der Kinder". 

ImagoXVI. 19 



JL)ic Jvastrationswunde 



M.ax Levy-Sulil 

Berlin 

Wenn der kleine Knabe irgendwann zum erstenmal statt der ihm, dem 
Anblick, und dem Getast nach, bekannten und gewohnten eignen Genitalien 
am weiblichen Körper deren Fehlen und den eigenartigen Einschnitt bemerkt, 
so ist das für ihn, wie längst in der Psychoanalyse bekannt ist, unter 
Umständen ein Erlebnis von nachhaltigster Bedeutung. 

Noch in seinen neuesten Schriften' hat Freud diese Wirkung aus der 
Kastrationsangst erklärt: Mit dem Anblick des penislosen Genitales „ist 
auch der eigene Penisverlust vorstellbar geworden, die Kastrationsdrohung 
gelangt nachträglich zur Wirkung". 

Eine ausFrancois Rabelais' „Pantagruel" 3 von Lafontaine entnommene 
und umgedichtete Volksfabel, die sich ähnlich im Plattdeutschen in schleswig- 
holsteinschen Überlieferungen erhalten hat,' enthält eine literarische Be- 
stätigung dieser psychoanalytischen Entdeckung. Sie schildert uns in humo- 
ristischer Weise, wie ein kleiner männlicher Teufel (auch bildlich als solcher 
dargestellt) auf den erstmaligen Anblick der Genitalien einer Frau reagiert. 
Das Teuflein hatte nämlich dem Ehemann seinen Besuch angedroht, um 
mit seinen Krallen Rache an ihm zu nehmen. Die forsche Frau schickte 
den Ehemann, nachdem sie ihn beruhigt hatte, der Vorsicht halber in das 
große Weihebecken als Versteck: 

Siehe Freud: Der Untergang des Ödipuskomplexes. Ges. Schriften, Bd. V; 
Einige psychische Folgen des anatomischen GeschlcchtsuntcrBchiedcs. Ges. Schriften, 
Bd. XL 

2) Nach Jean de Lafontaines Erzählungen, 4. Buch, 1674,, übersetzt von Th. Etzel. 
Propyläen -Verlag, Berlin. 

3) S. W. Wisser „Plattdeutsche Volksmärchen" bei E. Diederichs, Jena. 



I 



. 



Die Kastrationswunde aqi 



„Sei still und weine nicht, ich krieg' ihn weich, 
Ich wickle dieses Teuflein um die Hand. 
Er ist ein Neuling, der noch nichts gesehen, 
Hab' keine Angst, es wird dir nichts geschehen!" 

Als der kleine Teufel nun kommt, zeigt sie ihm warnend die schreck- 
liche „Schmarre", die ihr Ehemann ihr selbst mit seinen furchtbaren Krallen 
beigebracht hat: 

„Mit diesen Worten zeigte sie dem Wicht — 
Nun was denn? — oh, ganz fürchterliche Sache! 
Er fiel fast um vor Schreck ..." 

„Kurz, als er diese tief und riesig groß 
Klaffende Spalte sah, da dacht er bloß 
Ans Fliehen noch . . . 

Es kommt an diesem Teufelchen der Schreck und die Angst zur Dar- 
stellung, die auf den unerfahrenen Knaben nach der Vorstellung des Volkes 
offenbar der Anblick einer solchen „Kastrationswunde" auszulösen ge- 
eignet ist. 

Daß Erzähler und Leser dabei gleichzeitig den Lustgewinn der Vor- 
führung einer sonst verpönten Situation erzielen, wollen wir gern zugestehen. 



>y" 






REFERATE 

Zeitschrift für ps y c h o a n a I y t i S c li c Pädagogik. III. Jahrgang, 
Heft 8/9. Mai-Juni 1939. 

Dieses Heft enthält eine Anzahl guter rein-analytischer Arbeiten. So teilt 
Zulliger ein kleines Stück aus der Analyse eines Zwangslügners mit, das sehr 
hübsch die Gewinnung der bewußten Persönlichkeit des nicht sehr krankheits- 
einsichtigen Patienten für die Arbeit der Analyse demonstriert und damit den 
Lesern dieser Zeitschrift ein ausgezeichnetes Bild richtiger psychoanalytischer 
Technik gibt. Achelis gibt einen hübschen Beitrag zur Analyse eines „Pflaster- 
steinzwanges ", der sich historisch vom Zwang, beim Schreibenlernen die Linien 
des Schreibheftes genau einzuhalten, d. h. „brav" zu sein, seine Triebe nicht 
aufkommen zu lassen, ableitete. Alfhild Tu mm erörtert Lese- und Schreib- 
störungen, die sich als spezifische neurotische Hemmungen erweisen, an Hand 
von drei Fällen: Ein junger Mann, der wegen seiner unbewußten Einstellung 
zu seinem Vater nicht vorlesen konnte, ein junges Mädchen mit Lesestörungen, 
die im elterlichen Verbot anrüchiger Lektüre wurzelten, und ein kleiner Junge 
mit „Schreibstottern" (Stekel), das sich durch die Aufdeckung unbewußten 
Schuldgefühls beseitigen ließ. 

Eine größere Arbeit von Schneider untersucht sodann die Beziehungen 
der Psychoanalyse zur Lehrerbildung. Sie könnte ihr nutzbar werden i) zur 
Berufsauslese: Zur Aufstellung einer dazu nötigen „Charakterologie des päd- 
agischen Berufes" wird nur die Psychoanalyse zahlreicher Pädagogen führen; 
solange das nicht möglich ist, kann der Rorschachsche Formdeutungsversuch 
als eine Art kurzer diagnostischer Analyse wertvolle Dienste leisten. Sodann 
ist die „Berufseinstellung , d. h. die Motivation der Berufswahl, festzustellen, 
um „unsachliche Berufseinstellungen'* entweder zu eliminieren oder bei Berufs- 
geeigneten durch eine Psychoanalyse unschädlich zu machen. Die Methode 
dieser Feststellung kann keinesfalls Befragung (Fragebogen o. dgl.) sein, weil 
die wahre Motivation ja unbewußt ist. Die Ideahnethode wäre die Psycho- 
analyse aller Kandidaten; da das nicht möglich ist, wird man sich wieder mit 
dem Ersatz des Rorschachschen Versuches begnügen. 2) zur Berufsausbildung: 
Pädagogen müssen sachliche Erkenntnisse der Psychoanalyse in allgemeiner 
Psychologie, Kinderpsychologie inklusive Pathopsychologie, Charakterologie und 
allgemeiner Pädagogik (inklusive der Handhabung „kleiner Gelegenheitsanalysen", 






Referate 2 „3 

wie sie etwa Zulliger publiziert hat) lernen, weil sie sie in der Praxis 
brauchen werden. 

„Kleine kasuistische Mitteilungen" bieten Kuendig, der von einem Mädchen 
erzählt, das, als ein jüngeres Geschwisterchen ankam, plötzlich in der Schule 
versagte (die zur Aufhellung mit dem Kind geführten Gespräche scheinen uns 
reichlich grob), und Leuthold, der von einem Kind erzählt, das die väterliche 
Unterschrift auf dem Schulzeugnis fälschte, aber aus Irrtum einen Zettel mit 
Vorübungen zur Fälschung dem Lehrer mitabgab. 

Das Heft enthält ferner den Schluß der Pf ister sehen Arbeit über „Eltern- 
fehler", einen Bericht über die Eröffnung des Frankfurter Psychoanalytischen 
Instituts, bringt die dabei gehaltenen programmatischen Vorträge der Dozenten 
zum Abdruck (Landauer: „Psychoanalyse und Medizin", Fromm-Reich- 
mann: „ Psychoanalytische Trieblehre " , Fromm: „Psychoanalyse und Soziologie" 
und Meng: „Einführung in die Psychoanalyse"), und endlich einen Aufsatz 
von Eduard Fischer, dessen Vertrautheit mit der Analyse einstweilen recht 
dürftig ist. Fenicnel (Berlin) 

Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik. III. Jahrgang, 
Heft 10. Juli 1929. 

Über das Kindergebet handelt eine größere Arbeit von Reik. Seine Unter- 
suchung, durch zahlreiche schöne Kinderanekdoten illustriert, führt zu dem 
Resultat, daß das Kindergebet entweder eine Maßnahme zur Angstbeschwichti- 
gung oder eine dem Kinde fremde, von außen aufgezwungene Angelegenheit 
ist. Sadger zeigt, wie auch wohlwollende Eltern Liebesäußerungen ihrer Kinder 
mißverstehen und diese durch ungerechtfertigte Zurückweisungen schwer kränken 
können. Baudouin macht an Hand eines (nicht analysierten) Falles darauf 
aufmerksam, wie manchmal zunächst unverständliche neurotische Symptome 
durch die Beachtung begleitender, wenig störender Nebensymptome, die in 
ihrem Sinn leichter durchschaubar sind, verständlich gemacht werden können. 
Pipal teilt von ihm gesammeltes Material zur Phantasie der Geschlechtsum- 
wandlung mit, das zu dem erwarteten Resultat führt, daß von Pubertäts- 
jungen neunzig Prozent Jungen bleiben wollen, dagegen von Pubertätsmädchen 
sechsundachtzig vorzögen, Jungen zu sein. Heilpern weist darauf hin, daß 
die psychoanalytische Beobachtung des Betragens von Kindern beim Kaufen 
und Verkaufen nationalökonomisch bedeutungsvolles Material liefern müßte, 
ohne daß das von ihm selbst diesbezüglich mitgeteilte Material irgendetwas zu 
bieten scheint. Außerdem enthält dieses Heft an leitender Stelle eine Erwiderung 
von Meng auf eine Protesterklärung des „Vereins Katholischer Deutscher 
Lehrerinnen" gegen die Psychoanalyse, der nach dem „eingehenden Studium" 
eines Probeheftes der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik erfolgte, das 
keinen ganzen Aufsatz, sondern nur unzusammenhängende sogenannte „Probe- 
seiten" enthielt, und der unter anderem auch eine Stelle aus einem Aufsatz 
von Ho dann zitiert, der nie in der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 
erschienen und daher auch in keinem „Probeheft enthalten ist. 

Fenicnel (Berlin) 



aq4 Referate 

Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik. III. Jahrgang, 11 — 13, 
Oktober 1939. 

Eine dreifache Nummer aJs Sonderheft über das für die analytische wie 
für die pädagogische Praxis gleich wichtige Gebiet des Selbstmordes und seiner 
Prophylaxe. — Seit der Diskussion der Wiener Vereinigung im Jahre 1910 
(auf der auch die meisten Beiträge dieses Heftes basieren) ist über dieses Thema 
keine analytische Arbeit erschienen, so daß man erwartungsvoll un die Lektüre 
geht. Mit Recht wird überall darauf aufmerksam gemacht, daß die seit der 
Wiener Diskussion in Gang gekommene psychoanalytische Erforschung der 
Melancholie das Gebiet ist, dem wir den weiteren Ausbau unseres Wissens 
über die Psychologie des Selbstmordes verdanken. Leider erhält man aber den 
Eindruck, daß die Autoren dieses Heftes dieses Gebiet noch nicht genügend 
herangezogen haben. Zwar wird die viel zitierte Äußerung Freuds, daß wohl 
niemand zum Selbstmörder werde, der nicht Mordiiiipulsc gegen ein Objekt 
verspüre, das er gleichzeitig symbolisch mittöte, ergänzt durch häufige Hin- 
weise auf die Rolle, die dabei die Identifizierung spiele, auch zitiert 
Federn die neuere, für die Psychologie des Selbstmordes so bedeutungsvolle 
und so erläuterungsbedürftige Äußerung Freud«: ..Leben ist also für das Ich 
gleichbedeutend mit Geliebtwerdcn, vom Über Ich Geliebtwerden . . . Das Über- 
ich vertritt dieselbe schützende und rettende Funktion, wie früher der Vater . . . 
Das Ich sieht sich von allen schützenden Mächten verlassen und läßt sich 
sterben", aber in dem bearbeiteten analytischen Material scheinen die hier 
angedeuteten Mechanismen zu wenig berücksichtigt. (Das Motiv „vom Über- 
leb -Verlassensein" fehlt auch in der sonst so ausgezeichneten schematischen 
Übersicht, die Bernfeld über unser Wissen über die unbewußten Vorgänge 
beim Selbstmörder auf S. 555 gibt.) 

Die Beiträge selbst lassen sich einteilen in theoretische, kasuistische und in 
solche, die die Psychoanalyse auf das Sclbstmurdmotiv in Dichtwerken anwenden. 

Von den theoretischen Beiträgen haben einige mehr den Charakter zusammen- 
fassender Referate, so der kritische Bericht über die Wiener Diskussion von 
Federn, das „Gespräch mit einer Mutter über den Selbstmord" von Meng; 
andere dagegen sind auch für den Psychoanalytiker sehr lesenswert, so vor 
allem der zweite Beitrag Federns über „Selbstmorclprophylaxe in der Analyse . 
Er zieht aus unserem theoretischen Wissen vielfache, in praktischer Erfahrung 
gewonnene Schlüsse für den Umgang mit Sclbstmordgefährdetcn (Depressive, 
Süchtige), die nicht sämtlich kurz wiedergegeben werden können; erwähnens- 
wert ist ein neues, zum Selbstmord unbewußt treibendes Moment, auf das er 
hinweist: Die unbewußten Mordimpulse der Umgebung des Kranken, die sich 
meist bei günstigem Fortgang seiner Analyse noch steigern. Das sei für den 
Kranken ebenso gefährlich wie umgekehrt das sichere Empfinden, es sei jemand 
da, der ihn unbedingt am Leben erhalten will, der beste Selbstmordschutz sei. 
Nötig sei deshalb „die psychoanalytische Sanierung nicht nur des Kranken, 
sondern auch der einen oder anderen wichtigen Person des Milieus' . (Aber 
wird das in der Praxis so leicht sein?) — Die Formulierung, daß die Über- 





Referate 2 g5 

tragung auf den Arzt tragfähig bleiben müsse „über die Neurose hinaus bis 
zur erreichten Neuanpassung des Milieus an die Heilung und der Heilung an 
das Milieu", können wir nur als eine Warnung verstellen, die Analyse nicht zu 
früh für beendigt zu halten, nicht aber als Wunsch nach Bestehenbleiben der 
Übertragung nach Beendigung der Analyse. Sadger und Chadwick machen 
aufmerksam auf die frühesten Selbstmordneigungen, auf die erhöhte Selbstmord- 
gefahr bei „ungeliebten", ja bei „schwer geborenen" Kindern, auf die Möglich- 
keit, daß schon Säuglinge durch einen unbewußten Todeswunsch ihrer Mütter 
zugrunde gerichtet werden können (Sadger). — Freilich scheint uns die Be- 
hauptung, die Chadwick als eine Erfahrung einer Hebamme zitiert, daß 
„Kinder, bei denen es besonders schwierig gewesen war, die Atmung in Gang 
zu bringen, immer körperlich und geistig zurückblieben . . . Wenn ein solches 
Kind älter als sieben Jahre alt wurde, waren immer irgendwelche geistigen 
Defekte eingetreten", als reichlich übertrieben. 

Von den kasuistischen Beiträgen sind eigentlich nur die von Chadwick 
rein analytisch: Ein oral Fixierter phantasierte Selbstmord durch Gift oder 
durch Schuß in den Mund, andere sind an die Mutter fixiert und geben sich 
in Selbstmordphantasien eigentlich verhüllten Mutterleibs-, d. h. Inzestphantasien 
hin, ein Fall leidet an moralischem Masochismus, der sich eigentlich als pro- 
trahierter Selbstmord herausstellt, ein Fall zeigt das bekannte Mißtrauen der 
Schwerhörigen. Die Analysen sind nicht tief, am wertvollsten scheint der Hin- 
weis auf die Verwandtschaft von kindlicher Selbstmordphantasie und dem Impuls, 
von zu Hause wegzulaufen, um den bösen Eltern (dem quälenden Über-Ich) zu 
entgehen. — In den übrigen Fällen handelte es sich mehr um „analytische 
Beobachtungen" als um wirkliche Analysen. So kommt Bernfeld an Hand 
eines Falles von realem Suizid zu dem Resultat, daß das wahre Motiv des 
Jugendlichen-Selbstmordes natürlich aus dem Ödipusschuldgefühl und nicht aus 
der Schule stamme, aber „ob nicht etwa die Erzieh unginstitutionen durch ihre 
gegenwärtige Struktur geeignet sind, die Konflikte zu steigern und unlösbar 
zu machen, das ist keineswegs auszuschließen . — Kali scher bringt reich- 
liches Material über einen jugendlichen Hochstapler, der durch Selbstmord 
endigte (spezielle Verarbeitung eines abnorm starken Ödipuskomplexes). Fried- 
jung berichtet von drei einschlägigen Beobachtungen an Kindern, am schönsten 
der Fall eines Mädchens, das die Geburt eines Kindes des geliebten Onkels 
mit Lebensunlust beantwortet; „allen drei Beobachtungen ist gemeinsam, daß 
das Kind an seinem Liebesobjekt irre wird." — Lorand publiziert Briefe einer 
Selbstmörderin, die über ihre unbewußten Motive aber nur recht unklare Ein- 
drücke geben. — Selbstmordphantasien von kleinen Schülerinnen von Leut- 
hold und Pipal gehen ebenfalls auf Liebesenttäuschungen zurück, bei einem Fall 
ist die Eifersucht auf die große Schwester (Mutter), bei einem zweiten das 
libidinöse Motiv des „gemeinsamen Sterbens" besonders deutlich. 

Auch in Dichtwerken sind dem analytischen Beobachter dieselben Selbst- 
mordmotive aufweisbar wie in der Realität, vor allem das Rachemotiv und 
der Trotz im M. Twains „Tom Sawyer" (Schneider), tiefere unbewußte 
Motive (Ödipuskomplex) im „Falschmünzer" von Gide (Editha Sterba). 



296 Rflcratc 

Bedauerlich ist eine Ungenauigkcit in historischen Daten. Der Titel der 
ersten Arbeit von Federn lautet: „Die Diskussion über .Selbstmord , insbesondere 
,Schüler-Selbstmord' im Wiener Psychoanalytischen Verein im Jahre 1918." 
Dieser offenbare Druckfehler (die Diskussion fand im Jahre 1910 statt) mag 
bei manchem, der mit der Historik der Psychoanalyse nicht vertraut ist, Ver- 
wirrung stiften. — Dann aber heißt es in derselben Arbeit: „Zwei Jahre 
später hat Freud die . . . Arbeit ,Trauer und Melancholie' veröffentlicht." In 
Wahrheit erschien diese Arbeit 1917, also sieben Jahre nach der Diskussion, 
beziehungsweise ein Jahr vor dem falschlich angegebenen Diskussionsdatum. 

Fcuirlicl (Berlin) 

Zeitschrift für p s y c li oa n a 1 y t i sc Ji e Pädagogik. III, ij — 15, 
Dezember 1929. 

Nach Grab er steht das kleine Kind und auch noch der Erwachsene der 
„Individuation", dem Verlust der ursprünglichen, Ich und Welt umfassenden 
Alleinheit ambivalent gegenüber. Die Entdeckung der Objektwelt mit ihren 
Folgen ist, wie zuerst Andreas-Salome und seither verschiedene Autoren — 
erst unlängst Freud im Begriffe des „ozeanischen Gefühls" gezeigt haben, 

nicht nur Lustquelle, sondern auch in mancher Hinsicht Versagimg. Deshalb 
fürchte man nicht nur, die Individuation zu verlieren, man fürchte auch ihre 
Existenz. Die Anwendung dieser Überlegungen auf einen bestimmten analytisch 
behandelten Fall scheint bei Graber deshalb nicht gelungen, weil das Material 
rein analytisch noch zu wenig geklärt ist; es scheint, daß unnötig auf Konflikte 
zwischen Ich und Über- Ich zurückgegriffen wird, wo es sich nur um solche 
zwischen Ich und Es handelt. 

Achelis betont die Vorzüge, aber auch die Schwierigkeiten der psycho- 
analytischen Therapie des Stotterns. Die wesentlichen Unterschiede gegenüber 
der nichtanalytischen Therapie scheinen uns nicht immer an den richtigen 
Stellen gesehen. Die Formel: „Der Analytiker kann nur so weit helfen als 
der Analysand tatsächlich will", scheint uns, obwohl gewiß in einem gewissen 
Sinne richtig, doch gefährlich; sie könnte dem Analytiker Gelegenheit zu un- 
erlaubter Entschuldigung bei mißlungenen Analysen geben. 

Der von Westerman Holstijn mitgeteilte Traum eines noch nicht drei- 
jährigen Mädchens, der die Reaktion auf die Geburt eines kleinen Brüderchens 
darstellt, enthält zwei sehr interessante Details: Das eine ist die ungenügende 
Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit in diesem frühen Alter, 
das zweite, daß das Kind, das zunächst erzählte, es sei über den Traum sehr 
erschrocken, nach einigen Tagen, offenbar unter dem Einfluß der Verdrängung, 
erzählt, es hätte über den Traum sehr gelacht. 

In kleineren kasuistischen Mitteilungen bestätigt Sterba den oralen Ur- 
sprung des Neides, Hitschmann den analen bildhauerischer Interessen; die 
Hexenangst eines sechsjährigen Mädchens ging nach Röttger auf die lange 
Nase der Hexen zurück und war eigentlich eine Angst vor dem Penis. 

Nicht eigentlich analytisch sind die Beiträge von Scheu len, die die Ge- 
wissenskonflikte schildert, in die katholische Kinder durch die Institution der 





Referate 2C(7 

Beichte gestürzt werden, und von Havelock Ellis, der „die neue Mutter" 
schildert, d. h. die, die zu ihrem Kinde im Verhältnis der Vertrautheit und 
nicht mehr in dem der Autorität steht, bei der es in der Erziehungsarbeit 
„natürlich" zugeht, so daß eine „sexuelle Aufklärung" sich erübrigt, ein plötz- 
licher Schock beim Anblick von Nacktheit ausgeschlossen scheint usw. 

An führender Stelle des Heftes ist endlich ein Kapitel aus dem Buche von 
Anna Freud: „Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen abgedruckt. 

Fe nie Lei (Berlin) 

Die neue Erziehung. X. Jahrgang, Heft 2, Februar 1928. 

Die Zeitschrift des „Bundes der entschiedenen Schulreformer bringt in 
einem der Psychoanalyse gewidmeten Heft eine Anzahl Beiträge von Psycho- 
analytikern zur Erziehungswissenschaft und -praxis. Sie alle leisten in klarer, 
Aufrichtigkeit suchender Weise erfreuliche Propagandaarbeit. Während Pf ister 
in seiner bekannten, allzu optimistischen Weise ganz allgemein die Unterschiede 
zwischen psychoanalytischer und althergebrachter Erziehereinstellung bespricht, 
zeigt im Gegensatz dazu Behn-Eschenburg die besondere Verwickeltheit 
aller einschlägigen Probleme: Gewiß tue in vielfacher Beziehung Schulreform 
not; aber sie genüge nicht, wenn nicht die Erziehung im vorschulpflichtigen 
Alter sich gleichfalls „reformiere" und wenn die „Erziehung" der Erzieher 
selbst keine andere werde. Um wie viel die Probleme erst noch verwickelter 
werden, wenn die mit ihnen unlöslich verbundene soziale Problematik mit in 
die Debatte gezogen wird, wird nicht erörtert. Zulliger untersucht noch 
einmal vorausset/.ungslos die Bedeutung, die der Psychoanalyse auch im heutigen 
Schulbetrieb zukommt. Sie liegt in der neuen Psychologie, die sie dem Lehrer 
liefert, in der Möglichkeit zur Neurosenprophylaxe, zur Behebung affektiver 
Schwierigkeiten bei Zögling und Erzieher; besonders wird auch auf die Be- 
deutung der Massenpsychologie eingegangen, deren Kenntnis dem Lehrer die 
bewußte Gemeinschaftsförderung erleichtert. Zulliger erhebt die wohl noch 
utopische Forderung nach Analyse sämtlicher Erzieher. 

Andere Autoren untersuchen speziellere Probleme: Rein kasuistisch ist der 
Beitrag von Ada Müller-Braunschweig über Stottern; in einem eingehender 
mitgeteilten Fall erwies sich ein Zeigeverbot als das wesentliche Motiv der Neurose. 
Es kombinierte sich mit einer Verschiebung der Kastrationsangst auf die Zunge 
und der für das Stottern charakteristischen prägenitalen Fixierung. Mehr theo- 
retischen Charakter haben die Arbeiten von Müller-Braunschweig, der über 
die Schwierigkeiten der Reinlichkeitsgewöhnung und ihre Bedeutung für die 
Charakterentwicklung handelt (die Psychoanalyse könne nicht für alle Fälle gültige 
pädagogische Ratschläge oder Richtlinien geben, das Ziel sei, die ursprüngliche 
Schmutzlust in die Lust an selbständiger Körperbeherrschung zu transponieren), 
und von Meng, der die Entwicklungsgefahren bespricht, die dem einzigen 
Kinde drohen (narzißtische Charakterentwicklung). Viel allgemeiner ist endlich 
der Aufsatz von Witteis zur jugendlichen Kriminalität gehalten, der sich mit 
der Feststellung begnügt, daß allen verbrecherischen Handlungen Perioden be- 






ag8 Kelerate 

sonders intensiver Tagträumerei vorangehen, die der Lehrer bemerken müsse, 
um das Kind rechtzeitig zum Arzt zur Behandlung ZU schicken. 

Eine eingehende Besprechung aller zur „psychoanalytischen Pädagogik" er- 
schienenen Bücher (Aichhorn, Bernfeld, Anna Freud, Graber, Witteis usw.) durch 
J. Budolf und Behn- Eschenburg ist dem Hefte beigefügt. 

1' e n ich el (Berlin) 

Plaut, Dr. Paul: Die Zeugenaussagen jugendlicher Psycho- 
pathen. Ihre forensische Bedeutung. Verlag von Ferdinand Enke, 
Stuttgart 1928. 

Plaut erblickt in dem von ihm bearbeiteten Thema ein psychologisches, 
ein psychiatrisches und ein soziologisches Problem, nämlich das der jugend- 
lichen Aussage, die Frage des Psychopathischen und das Problem der Zeugen- 
schaft von Kindern überhaupt, wobei er betont, daß es sich meist um Sittlich- 
keitsdelikte handelt, bei denen Kinder als Hauptbelastungszeugen auftreten. Diese 
Dreiteilung der Probleme soll aber nicht zu einer Verdreifachung der Gutachter- 
rolle im Gerichtssaal, vielmehr eine gemeinsame Untersuchung des psychiatri- 
schen und psychologischen Sachverständigen zu einem fruchtbaren Ergebnis 
führen. Plaut schließt sich der Sternschen Einteilung der jugendlichen Zeugen 
in chronisch gefährdete, durch Freund«- geschädigte Jugendliche, Fälle aus der 
Erziehungsgemeinschaft und Seh- oder Horzcngen an und betont, daß in allen 
diesen Fällen ein anormaler ungünstiger Milieueinnuß und eine anormale Situation 
die Aussage beeinflußt. Zur Begriffsbestimmung der Psychopathie bringt Plaut 
die Definitionen und Typologien Kraepelins und Ziehens. Die degenerative 
psychopathische Konstitution ist durch verzögerte Genitalentwicklung, Halluzi- 
nationen, Hyperhedonie, wenn sie mit Debilität kombiniert ist, durch Intelligenz- 
defekt charakterisiert, aus dem Symptntnenbild der hysterischen psychopathischen 
Konstitution die Unentwickeltheit des Denkens, Untreue des Gedächtnisses, die 
Neigung zur Lüge und zur Pseudologia phantaslica, besonders auf sexuellem 
Gebiet, angeführt. 

Der Verfasser lehnt es ab, über die Glaubwürdigkeit oder Unglaub Würdigkeit 
eines Kindes ein generelles Urteil zu fällen und erachtet es für nötig, in jedem 
Einzelfall das sozial-psychische Milieu unil die psychischen Leistungen, wie Wahr- 
nehmungsfähigkeit. Auffassungsvermögen, Gedächtnis, Beproduktionsverinögen zu 
prüfen, die für die Aussage von Bedeutung sind. 

Die Häufigkeit der bewußten Lüge betonend, führt Plaut nach Birnbaum 
eine Reihe von Fällen der pathologischen Lüge an, wie lügenhafte Dissimulation, 
Lügen infolge Schwächung der Henmiungs und Spcrrvorrichtung, Lügen aus 
krankhafter Geltungs und pathologischer l'ahuliersucht. 

Die lügenhafte Aussage kann ferner gefördert werden durch phantastische 
vv irklichkeitsentfremdung, durch Schundliteratur, psychopathisch gesteigerte und 
perverse Sexualität, Imbezillität, die besonders der Suggestion zugänglich ist. 

Schließlich enthält das Buch die Darstellung einiger Fälle aus der gutacht- 
lichen Praxis des Verfassers, die zeigen, wie vorsichtig der Richter bei der 




Rcfe 



299 



Benützung der Zeugenaussagen Jugendlicher und auch Erwachsener vorgehen 
muß. Im Anhang ist eine höchst bemerkenswerte Verordnung des sächsischen 
Justizministeriums über die Vernehmung von Kindern und Jugendlichen ab- 
gedruckt. 1 

Die Arbeit stellt eine gute Zusammenfassung der bisherigen Forschungs- 
ergebnisse dieses Gebietes dar. Über die Psychoanalyse, die die Materie durch 
eine Fülle von Anregungen bereichert hat, weiß Plaut nur zu sagen, „daß 
sie nicht wenig dazu beigetragen hat, die wissenschaftliche Psychologie in foro 
zu diskreditieren" und daß er auf Freud und seine Schule hier nicht eingehen 
kann, „zumal er jeden Dogmatismus innerhalb der exakten Naturwissenschaften 

ablehnt". Walter Weit köpf (Wien) 

Adler, Alfred: Menschenkenntnis. jS. Hirzel, Leipzig 1928. (Zweite, 

verbesserte Au Hage.) 

Adlers Buch, das sich im Laienpublikum bekanntlich große Beliebtheit er- 
freut, offenbart in breiter und eindrucksvoller Weise die Denkart und Betrach- 
tungsweise der Individualpsychologie. Der Titel gibt dem Buche einen weiten 
Rahmen und Adler versucht darin, den mannigfaltigsten Erscheinungen des mensch- 
lichen Seelenlebens gerecht zu werden. Dieses Bemühen führt zur Aufstellung 
einer individualpsychologischen Charakter- und Affektlehre. Es wirkt erstaun- 
lich, welchen Raffinements sich die Individualpsychologie bedient, um die diffe- 
rentesten Erscheinungen des Seelenlebens auf gemeinsames Maß und gemein- 
same Genese rückfiihrbar zu finden. So gelingt es der individualpsychologischen 
Deutungsakrobatik, jedes Symptom, jeden pathologischen Charakterzug und Affekt 
auf das Prokrustesbett der „finalen Funktion zu zwingen, wobei „Minder- 
wertigkeitsgefühl und Geltungsstreben ubiquitär bereite Helfer sind. Als ein 
kleines Beispiel, dem sich aus fast jeder der 226 Seiten des Buches ein ähn- 
liches beifügen ließe, sei hier die Erklärung wiedergegeben, die Adler für den 
pavor nocturnus findet: „Wenn man bedenkt, was für ein Rebellentrotz darin 
steckt, wenn sich ein Mensch zum Beispiel durch Angst gegen die natürliche 
Erscheinung der Nacht auflehnt, dann versteht man, daß das kein Mensch sein 
kann, der mit dem irdischen Leben verwachsen ist. Denn seinem Gehaben 
liegt nichts anderes zugrunde, als die Nacht abzuschaffen. Das verlangt er als 
Bedingung für seine Einfügung in ein normales Leben. Da er aber eine der- 
artige unerfüllbare Bedingung stellt, verrät er gleichzeitig seine böse Absicht. 
Er ist ein Neinsager." So und ähnlich werden alle psychopathologischen Erschei- 
nungen gedeutet. Es charakterisiert das Buch und die Lehre, die es vertritt, 
daß das Wort „Sexualität" im Sachregister keinen Platz gefunden hat. 

Richard Sterta (Wien) 

Wulffett, Erich: Sexualspiegel von Kunst und Verbrechen. Verlag 

Paul Aretz. Dresden o. J. 

Geschlechtlichkeit und Verbrechen sind die mächtigsten, notwendigen, treibenden 
Kräfte der ganzen Menschheitskultur. Ohne Verbrechen gibt es keine Tugend, 



Aoo 



R.I.- 



keine Läuterung und keinen Aufstieg. Kunst und Verbrechen erscheinen als 
wesensverwandte Gebilde, die aus der Sexualität ihren letzten geheimnisvollen 
Ursprung nehmen und deshalb in ihr wie in einem Spiegel, dem Sinnbild der 
Prüfung und Wahrheit, siel» betrachten lassen und aus ihr als Spiegelbild zu- 
rückstrahlen. Alle großen Schaffenden laufen in Ihren Schöpfungen, in denen 
sie immer wieder die Gestaltung von Verbrechen und Sexualität abwandeln 
müssen, gegen dieses Verbrechen, diese Gesetzlichkeit, gegen die geheiligten Tafeln 
von einer unergründlichen Urschuld «ler Menschheit Sturm, kämpfen gegen das 
irdische Richtertum und seine Gesetze, fts besieht ein deutlicher Drang der 
Kunst und Künstler, seelische Bedrängnisse aus den Bereichen von Sexualität 
und Verbrechen abzureagieren. 

Man ist nach diesen verheißungsvollen einleitenden Worten des Werkes er- 
staunt und enttäuscht, wenn der Verfasser den Vertretern der PsA., als deren 
Vorläufer er Spinoza, Goethe und Hebbel -zitiert, vorwirft, mit oft starker Über- 
treibung den sexuellen Unterton miterklingen zu lassen, in dem unser vielleicht ge- 
samtes, zumal unser unbewußtes Gefühls- und Vorstellungleben schwinge! (S. 264.) 
Auf der gleichen Seite stellt er das psychologische Gesetz auf: Gedichte, Dramen, 
Harmonien und Melodien, Skulpturen, Gemälde, technische, kommerzielle und 
soziale Großtaten, heroische Taten können im Seelenleben des Schaffenden an 
Stelle unterdrückter, verdrängter Verbrechen stehen. Wulffen betrachtet es als ein- 
seitige Einstellung, das präexistente Schuldgefühl aus dem Ödipuskomplex ab- 
zuleiten (S. 285); es entspringe der latenten Kriminalität des ganz frühen Menschen. 
Er vergißt uns aber zu erklären, woher diese stammt. Es ist ganz amüsant, 
die Welt mit all ihren Emunationen einmal mit den Augen des Staatsanwaltes 
zu betrachten. Die Fülle des Stoffes hätte aber im Gegensatz zur Tendenz des 
Autors eine stärkere Gliederung und Herausarbeitung der Hauptlinien auf psa. 
Basis wohl und zu seinem Vorteil vertragen. So bleibt zuletzt der Eindruck einer 
etwas oberflächlichen Sammlung von erotischen Bildern und von polizeilichen 
Rapporten eines literarischen Zensors. Ki.ll.oU (K5m 8 .felden) 

Luria, A. R.: Die Methode der a hhi Menden Motorik bei Kom- 
munikation der Systeme und ihre Anwendung auf die A ffekr- 
psychologie. Psychologische Forschung. Bd. XU, Heft 3 — 3, Berlin 
1929. 

Historisch schließt sich diese Arbeit an die bekannten .lungschen Assozia- 
tionsversuche an. Nur daß hier die Gesetzmäßigkeiten und Störungen des Asso- 
ziationsverlaufes nicht die Selbstbeobachtung und das Ausfragen der Versuchs- 
person erschließen soll, sondern eben die Methode «ler abbildenden Motorik. 
Der theoretische Ausgangspunkt ist verwandt mit der amerikanischen Behaviour- 
Psychologie und mit der Reflexologie Pawlowa: Lediglich das objektive Ver- 
halten soll Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung sein. 

Deshalb will Verfasser versuchen, objektiv unzugängliche Prozesse mit einer 
gleichzeitig verlaufenden Reihe von Prozessen zu koppeln, die der unmittel- 
baren Beobachtung zugänglich sind, mit der Annahme, daß jede wesentliche 



Rcf 



erate 



Veränderung des unzugänglichen Systems in irgendeiner entsprechenden Ver- 
änderung des zugänglichen Systems sichtbar wird oder sich abbildet. Um dies 
zu erreichen, muß man ein System benützen, das in einer direkten Verbindung 
mit dem zu erforschenden „unzugänglichen" Prozeß steht, dieses System muß dem 
Gebiete der willkürlichen Bewegungen entnommen werden. Als zu erforschende 
zentrale Tätigkeit wird in dieser Arbeit die assoziative Reaktion gewählt, als 
abbildendes System der einfache Druck eines Fingers auf eine pneumatische 
Taste. Die Verbindung der beiden wird durch eine einheitliche Aufgabe her- 
gestellt: Auf das gegebene Reizwort soll eine Rückbewegung ausgeführt und 
gleichzeitig das erste eingefallene Wort ausgesprochen werden. 

Auf diese Weise gelangt Verfasser zu einer Reihe interessanter Ergebnisse. 
Es zeigt sich, daß die motorischen Korrelate der indifferenten und affektiven 
Reaktionen sich dadurch unterscheiden, daß die ersten organisiert, koordiniert, 
die zweiten desorganisiert, diskoordiniert sind. Die Methode der abbildenden 
Motorik ermöglicht die Abgrenzung der affektiv bedingten Verzögerungen im 
Assoziations versuch von denjenigen, die auf Grund der Schwierigkeit und 
Kompliziertheit des Reizes entstehen, die motorische Kurve zeigt bei letzteren 
keine Merkmale der Störung. Es gelingt mit dieser Methode, die Assoziationen 
mit ausgefallenen Gliedern objektiv festzustellen, indem Ansätze zum Reagieren 
in der motorischen Kurve festzustellen sind. Ein weiteres interessantes Er- 
gebnis : Wenn man der gleichen Versuchsperson längere Zeit dieselben Inhalte 
wiederholt bietet, stellt sich öfters eine Vertiefung der affektiven Äußerungen ein. 
Motorisch zeigt sich das darin, daß die Kurve bei Wiederholungen größere 
Hemmungen aufweist als das erstemal, obwohl die „Übung das Gegenteil 
erwarten ließe. 

Auf eine Fehlerquelle der Methodik weist Verfasser selbst hin: Es kann 
vorkommen, daß eine Spaltung der sprachlichen und motorischen Reaktion 
eintritt. Die Verbundenheit der Systeme verschwindet und das motorische 
System bildet die Veränderungen des zentralen Prozesses nicht mehr ab. 

Gero (Berlin) 

Muschg, Walter: Psychoanalyse und Literaturwissenschaft. 
Verlag Junker & Dünnhaupr, Berlin ig3o. 

Die vorliegende Antrittsvorlesung des Zürcher Dozenten Muschg ist eine 
eindeutige Zusage des modernen Literarhistorikers an unsere Wissenschaft. 

Muschg hat sich kritisch und gründlich mit allen Vertretern der Psycho- 
analyse und ihrer Nebenerscheinungen auseinandergesetzt. Er geht bedingt mit 
Jung, verwirft Stekel, hält sich bei Adler nicht lange auf und erfahrt endlich 
die Vertiefung in der Lektüre Freuds und seiner Schüler. Durch den abge- 
lehnten Sadger, mit seinem „bisweilen ans Zynische streifenden Rationalismus 
und Schematismus" läßt er sich den Blick für das Wesentliche der psycho- 
analytischen Forschung nicht trüben: „Zu Ehren der Bewegung ist zu sagen, 
daß solche Schriften nie den wahren Stand ihres literaturwissenschaftlichen 
Interesses verraten haben. 



3oa Rrlcmtr 

Wenn eine Wissenschaft mit der Psychoanalyse Fühlung nimmt, kann das 
nur einem Drang nach neuen Inhalten entsprechen. Wir wußten schon lange, daß 
eines Tages auch die akademische Literaturwissenschaft das Bedürfnis empfinden 
würde, sich aus ihrer wirklichkeitsfernen philosophischen Ecke heraus der lehens- 
nächsten Psychologie, der Psychoanalyse, zuzuwenden. Die Arbeit Muschgs be- 
deutet den erfreulichen Auftakt. Hier wird „das Faktum (festgestellt), daß eine 
Partei von schriftstellernden Ärzten hartnackig einen Anspruch auf den Stoff 
der Literaturwissenschaft behauptet, dessen Natur und Berechtigung heute be- 
reits in einer großen Zahl von Publikationen nachgeprüft werden können". 
Es ist nötig, „die Stellung dieser Lehre zum Forschungshereich des Literar- 
historikers zu umschreiben und aus dem Nebeneinander der zwei Standpunkte, 
wenn dies möglich ist, einige Folgerungen abzuleiten. 

Schon lange sind Dichter, wie Hesse, Döblin, Thomas Mann, Schaeffer 
auf die Psychoanalyse aufmerksam geworden, haben sich durch sie weitgehend 
beeinflussen lassen. Freuds „Werk ist also zum mindesten als Ferment in der Ent- 
wicklung der modernen Dichtung für den Literarhistoriker interessant geworden". 
Zwischen literarhistorischer und psychoanalytischer Forschung besteht nun 
eine Differenz, deren Überbrückung eine anerhörte Erweiterung des literar- 
historischen Forschungsbereichs bedeuten wird. Zum Unterschied von Historiker 
mißachtet der Psychoanalytiker „die integrale schöpferische Persönlichkeit". 
„Stets sind es unpersönliche seelische Verhaltungsweisen, niemals einzigartige 
Charakteristika des Genies (die ihn interessieren). Nicht das vollendete Werk, 
sondern das verdeckte Wie und Warum seines Entstehens ist für ihn das 
Lockende." Damit hilft die Psychoanalyse zur „Überwindung des naiven, zeit- 
lich-räumlichen Nacheinander in der Geschichte der Dichtung, das in Wirklich- 
keit den Genius weit schmählicher unterjocht als der kühnste Psychologismus ". 
Was aber gerade „die Freudsche Psychologie der Dichtung weit heraus- 
fordernder an die Literaturwissenschaft herzudrängt als es bei den andern 
Formen der Psychologie jemals der Fall war", ist „die Verschmelzung der 
drei Gebiete (Traumdeutung, Mythologie und Poesie) zu einem einzigen For- 
schungsbereich". Durch diese Zusammenschau wird der Dichter als Instrument 
unbewußter Inhalte begriffen, während er vom Literarhistoriker bisher ledig- 
lich als genialer Einzelner geschaut wurde. 

Wenn man die Neigung der Literaturwissenschaft zur heroischen Idealisie- 
rung sowohl des Dichters wie der erdichteten Gestalt bedenkt, „dann wird 
auch der Literarhistoriker in dieser Methode nicht mit Unrecht so etwas wie 
ein Gottesgericht über seine Forschung erblicken. Es besteht in der konsequenten 
Anwendung des genetischen Prinzips". 

Die „radikale Psychologisierung der dichterischen Phänomene" führt zu 
einer Fülle von fruchtbaren neuen Fragestellungen. Man denke an die Be- 
deutung der Muttersehnsucht für das dichterische Naturgefühl, ein „Gedanke, 
der ... die Wissenschaft von der Dichtung noch ausgiebig beschäftigen wird". — 
Unabsehbar auch der Wert der psychoanalytischen Symboldeutung. — Oder: 
Das Gerichtetsein auf die überindividuellen Zusammenhänge führt die psycho- 
analytische Forschung dazu, beispielsweise den Motivbestand des Exhibitionismus 



Referate 3 3 

„ohne weiteres auf die Dichtung zu übertragen. Dem Eindruck der Dynamik, 
welche hier scheinbar zusammenhanglose Themata der Poesie verkettet und 
in eine sinnvolle Abhängigkeit setzt, kann sich wissenschaftlicher Sinn für die 
Literatur nicht entziehen . 

Dieses „antiindividualistische System der Psychologie . . . drängt auf Schritt 
und Tritt nach der Aufhellung des dichterischen Prozesses als eines kollektiven, 
mit dem Menschen selber gegebenen, sozialen Phänomens hin, das sich in 
allen Zeiten und Völkern mit zahllosen Spielarten, als alltägliches Wortspiel 
wie als beinahe unvergleichliche Tragödie, durchzusetzen weiß. Für die Be- 
wertung einer so umfassenden Erscheinung scheint tatsächlich das fruchtbarste 
Prinzip zunächst jenseits der ästhetischen Betrachtung, in jenem rationalen For- 
schungswillen zu liegen, den Freud in seiner zuerst anonym erschienenen 
Abhandlung über den ,Moses des Michelangelo' von sich bekannt hat (folgt 
Zitat). Klarer und schöner ist wohl die Grundvoraussetzung aller wissenschaft- 
lichen Kunstbetrachtung selten ausgesprochen worden, und erst die Konsequenzen, 
die in der Psychoanalyse aus ihr gezogen werden, nicht die Voraussetzung 
selbst, können den Widerspruch der Fachvertreter erregen, sofern sie sich über- 
haupt zum Prinzip der strengen Wissenschaftlichkeit bekennen. ' 

Warum eigentlich sollte sich Freuds „Entschlossenheit zur psychologischen 
Erforschung der Kunst (nicht) sehr wohl mit der Anerkennung eines unlös- 
baren Geheimnisses im großen Schöpfertum" vertragen? Angesichts der Schluß- 
worte der Arbeit über Leonardo da Vinci „versteht es sich von selbst, daß 
die Psychoanalyse Freuds von jedem, der ihr eine restlose begriffliche Zer- 
gliederung des Kunstwerks und des Künstlers zutraut oder als Intention zu- 
schreibt, mißverstanden worden ist . 

Diese programmatischen Ausführungen sind für die in der Isolierung von 
der übrigen Wissenschaft unentwegt ihr Ziel verfolgende psychoanalytische 
Forschung mehr als ein erfreulicher Gruß. Sie bedeuten eine neue und un- 
erwartete Verstärkung ihrer Stellung auf historischem Boden. 

Es sind Worte psychoanalytischer Einsicht, mit denen Muschg seinen Auf- 
ruf beschließt: „Die größte Gefahr der (die Literaturforschung) in gewissen 
Momenten zu unterstehen scheint, ist ihre innere Entfremdung vom Leben der 
eigenen Epoche. Sie kann es sich nicht mehr ohne weiteres leisten, an der 
Stimme der lebendigen Gegenwart vorüberzugehen, auch wenn diese Stimme 
ihre Ohren beleidigt, um wieviel weniger dann, wenn sie ihr auf ihrem 
höchsteigenen Boden entgegenkommt." Es „scheint mir für die Literaturwissen- 
schaft die Stunde gekommen, wo sie nicht länger darauf verzichten sollte, sich 
in Ehren und zu ihrem eigenen Gewinn auf die Auseinandersetzung mit diesem 
Rivalen einzulassen". Bally (Berlin) 

Rickman, John: On Quotation«. Int. Journal of PsA., X, 2—3. 

Es wird untersucht, aus welchen Motiven man zitiert. Minderwertigkeits- 
gefühle, Bestrebungen, eine Gefahrsituation als solche zu leugnen, oder Zuhörer 
durch Mobilisierung ihrer unbewußten Bindungen an Autoritäten wie in der 



5t>4 



Referate 



Hypnose zu gewinnen (die ersten zitierten Autoren waren Götter und Ahnen), 
Hemmungen, für Eigenes einzustehen, kämen da vor allem in Betracht. 

Es werden ferner verwandte Probleme untersucht, so das modifizierte Zitieren 
wie die Parodie, von der merkwürdigerweise behauptet wird, sie dürfe keinen 
ernstlichen Angriff auf den Parodierten enthalten, und das Plagiat, das, offen 
begangen, dieselben Motive haben könne wie eine echte Kleptomanie, versteckt 
begangen aber der Tendenz entsprechen könne, jede Vermeidung mit einer 
Autorität (mit dem Vater) überhaupt zu vermeiden. FenicLcl (Berlin) 

Brown, J. Watlnirton: Ps y c h o - A n a 1 y s i s and Design in tlie 
Plastic Arts. Int. Journal of PsA., X, i. 

Eine Studie über die Formprobleine der klassischen bildenden Kunst führt 
zum Resultat, daß die Kunstwerke unbewußt Repräsentanzen der Genitalien 
unter dem Gesichtswinkel des Kastrationskomplexes darstellen. Die Errichtung 
eines „großartigen Penis soll die Kastration widerlegen. Daneben sind Spuren 
aus früheren Entwicklungsstufen der Libido nachweisbar. Auch die Ornamentik 
des Tätowierens sei nicht, wie Sydow meinte, prüphallisch narzißtisch und haut- 
erotisch, sondern auch sie repräsentiere die Kastration, beziehungsweise ihr Un- 
geschehenmachen. Auf die Motivation des künstlerischen Schaffens überhaupt, 
wie sie im Anschluß an Freud von Sachs untersucht wurde („Gemeinsame Tag- 
träume , „Kunst und Persönlichkeit ), wird nicht Bezug genommen. 

1' eil 11 bei (Berlin) 

Symoiu, Norman J.: The Gravcy artl iScene in Hamlet. Int. Journal 

of PsA., IX, i. 

Eine genaue Detailanalyse der „Friedhofszene" in „Hamlet" ergibt eine 
Menge tiefgehender überraschender Bestätigungen der Ansichten von Freud 
und Jones über die Bedeutung des Odipus- und Kastrationskomplexes für die 
Psychologie Hamlets. Man ist stets neu erstaunt darüber, wie bei Shakespeare 
genau wie bei einem Traume jedes Detail seine — meist durch Überdeter- 
mination mehrfache — unbewußte Bedeutung hat. Fe nie bei (Berlin) 

Darlington, H. «S. : The iSecrct of tlie Birtli of Iron. Int. Journal 
of PsA., IX, i. 

Ausführliche Untersuchungen über die Folklore der primitiven Erzgewin- 
nung und -bearbeitung. Erörterungen über die Beziehungen /.wischen den dabei 
üblichen Riten und Sitten und der Mythologie. Als Material werden haupt- 
sächlich die Gebräuche der Bakitara-Neger nuch Roscoe herangezogen. 

Fe nie bei (Berlin)