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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften XVII 1931 Heft 2"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE 
AUF DIE NATUR- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 

XVII. Band Son<lerlieft ..Kriminologie" Heft a, ItjSi 



Jrsychisdic Hygiene und Kriminalität 

Vo. 

frans Alna 11 tl er 

Vuilrmg auf d*m I Iml*rm*t,»m*l C*fr»w o* MtnlJ Hygttn* Washington, 7. Mai 19JO 

In diesem 1-ande einen Vortrag über die seelis< he Hygiene der Krimina- 
lität zu halten, iit eine besonders verlockende Aufgabe. Die soziale An- 
wendung von psychiatrischen Kenntnissen iit nirgendwo 10 fortgeschritten, 
wie in den Vereinigten Staaten tun Ain-nka. Sie haben auf diesem Gebiete 
die meisten praktischen Krfahrungen. und es wäre eine Anmaßung, Sic auf 
diesem Gebiete belehren zu wollen. Mich haben die diesbezüglichen Mit- 
teilungen von I)r Frankwood Williams [/] und von Dr. Healy [2] und 
Bernard Glueck [)), sowie von Anderen sehr beeindruckt Die großartige 
Organisation, mit welcher Sie den lugendhchen kriminellen auffinden, den 
erwachsenen Kriminellen nach gestellter Diagnose in entsprechenden An- 
stalten unterbringen, den rückfälligen Kriminellen isolieren usw., wirkt auf 
uns geradezu verblüffend Dieser systematisch durchdachten Organisation 
gegenüber fühlen wir uns als Anfanger. Hin solcher Apparat im Dienste 
der praktischen Anwendung der Wissenschaft gehört in der alten Welt in 
das Gebiet der Utopie. Die Aussicht, daü auc h die Psychoanalyse, die für 
die Psychiatrie das seelische Mikroskop geliefert hat, einmal, wenn sie den 
Weg zu ihrer Organisation findet, durch diese Organisation jene soziale 
Anwendung haben wird, die meiner Ansicht nach die Xukunftsaufgabe der 
Psychoanalyse ist. ist gan; besonders reizvoll. Noch nicht vor einem Jahre 
habe ich in Oiford auf dem \I Internationalen Kongreß für Psychoana 
lyse ausgeführt, daß die reine Verwendung der analytischen Psychologie für 

lmi|o XV II l 



-4* 



Kram AIr»aiv.l. ■ 



die Behandlung von l\\< Im ii.uk. likern /.war den historischen Ausgangspunkt 
unserer lehr.- bildet, keinesfall-. ahn dir wichtigste /.ukunftsaufgabe. Der 
Psychoneurotiker ist ohne Frage ein besonders dankbare» Forschungsobjekt, 
weil er zu einem irdischen Koniakt mit dem Ante nicht nur fähig ist. 
sondern solch einen Kontakt in seiner hilfesuchenden Einstellung geradezu 
verlangt. Dai Studium dieser Kranken hat dir Entwicklung der psycho- 
analytiichen Psychologie ermöglicht, die als eine allgemeine Wissenschaft 
der seelischen Vorgänge Anspruch erhebt, allgemein gültig tu sein, also 
ebenso gültig für den Psychoneurotiker. wie für den normalen Menschen, 
für das (.mir, Im den Kriminellen, für den Psychoiikn und für das Kind. 
Diese Expansion von dem ursprünglichen UntenuchungiobjdU auf andere 
neue Objekte liegt in der Natur jeder Naturwiiienschnlt Dia Fallgesetze, 
am fallenden Apfel entdeckt, v. »langen eine Ausdehnung auf alle himm- 
liichen und irdischen Körper, di. ■ !<■. Schwerkr.ilt unterworfen sind. 

Die Ausdehnung der l'tyc hoanalv»e au! neue Olnekte trifft allerding» 
auf einige besondere S< liwie. igkeiten In. Fori« hungszwecke findet sich 
sicherlich kein auch nur entlniu •<» günstiges Objekt, wie der Psycho- 
neurotiker. Wie bereit» erwähnt i er ilt zu einem psychischen Kontakt fähig 
und lucht den Kontakt. Die piyi hoanalytis« he Situation itt die klassische 
Situation für die Erforschung des Seel.nl. ibtOI hnn anderer Men»ch hat 
Neigung und (irund, »eine intimiten Regungen einem .m.inrn Mens« hen 
preiHUgehen. »ich einei solchen • n Operation zu untnweHni, als 

der Kranke, der von dieser Operation die Heilung erhofft. Der normale 
Mensch, dai Genie und ein grohei Dil der Kriminellen haben kein Bedürfnis, 
einem anderen Menichen einen Einblii k in ilu Innerei xu gewahren. 
I>er Psychotische ist meisten» zu ein. r Mitarbeit mit dem Arzt unfähig. 
Wenn ah.-r einmal exakte hmntnisM uh.-i «Im (/<•».• iniiabigeii Verlauf der 
Malisch en Vorgänge und über den Aufbau der menschlichen Persönlich 
keil dank «I- B psychoanalytischen Erforschung von Neurotikern vorhanden 
sind, so steht nichts mehr im Wege. diese Kenntnisse auch für andere 
Objekte zu verwenden, und im In nur auist hliellli« h im Dienste der Therapie, 
sondern auch für andere /.wecke Ich weil», daß man hier in Amerika, 
so z. B. Dr. II rill [ _/ J . in Her psychoanalytischen Behandlung von Schizo- 
phrenen im allgemeinen Optimist. »1 her 1*1 al» d.e m. lift« -n I ■or« her i n 
BOTOpa, und dal» man die psychogenen Faktoren dieser Krankheit hoher ein 

schätzt. 

Wie weit ein »oh her Optimismus berechtigt ist. ist eine Frage lüriich. 
Eins steht aber fest: die früher unverständlichen \uuerungen. der Krankheita- 



Payckixltr Hvjirn« un.l K tiitim» | il«| , ^ _ 

ablauf eine-» Schizophrenen, lassen sich mit Hilfe der Psychoanalyse verstehen, 
und aus diesem Verständnis des Krankheitsprozesses wird auch die adäquate Be- 
handlungsmethode entstehen, eine Behandlungsmethode, die gar nicht iden- 
tisch, vielleicht auch nicht ähnlich sein wird der psychoanalytischen Behandlung 
der Psychoneurotiker. Die Technik einer Behandlung kann ja nicht schema- 
tisch von einem Objekt auf ein ganz verschiedenes Objekt übertragen werden, 
sondern muß. wie die Krfahrungen der Kinderanalyse und der Behandlung 
jugendlicher Verwahrloster gezeigt haben, der Natur des Objektes angepaßt 
werden [/]. In den dwiami»then Verhältnissen, zum Beispiel in der relativen 
Stärke des Trieblebens und des Ichs, unterscheidet sich der Schizophrene 
von dem Neurotischen so wesentlich, daß es geradezu ein Wunder wäre, 
wenn man diese Krankheit mit derselben Technik und mit derselben thera- 
peutischen Zielsetzung behandeln könnte, wie den Neurotiker. Die ent- 
sprechende Methode für den Ps\« hotikc-r /u hndrn ist noch die Aufgabe 
der Zukunft. 

Anders liegen die Verhaltnisse bei den Kriminellen. Auf dem langen 
Weg, die psychoanalytischen Kenntnisse von den Psyt honeurotikern auf neue 
Objekte praktisch zu übertragen, ist die nächste Station die Anwendung 
auf die Kriminellen. Nach überrimtnnmenden statistischen Besultaten von 
europäischen und amerikanischen Forschern, wie Bon hofer, Aschaffenburg, 
Bernhard Glueck. i»t ein ganz betrat htlii her Teil der Kriminellen seelisch 
erkrankt, und man kann wohl diese Krkrankung in den meisten Fällen als 
eine besondere Form der Psvi honeurose bezeichnen. F.in beträchtlicher Teil 
der Kriminellen zeigt sich in seiner Persönlichkeit, in seiner seelischen 
Dynamik weitgehendst dem Psychoneurotischen ähnlich. 

Diese Feststellung ist eine Grundlage meiner folgenden Überlegungen. 
Doch erlauben Sie mir. daß ich vorher noch einmal zu meinem Ausgangs- 
punkt zurückkehre, zu der Frage: Psychoanalyse und die amerikanische 
Organisation der sozialen Psychiatrie. 

Den Zugang zu den Kriminellen in großem Umfange kann fraglos 
erst eine ahnliche Organisation wie die Ihrige ermöglichen. In meiner 
Bestrebung, Kriminelle zu studieren, habe ich den Mangel einer solchen 
Organisation lebhaft empfunden. Das Studium der Neurotiker braucht keine 
äußere Hilfe: Der Kranke kommt zum Arzt, um geheilt zu werden. Der 
Kriminelle muß jedoch erst dem Forscher oder Therapeuten zugeführt 
werden, und seine Behandlung oder Erziehung kann keine privatwirt- 
schaftliche Angelegenheit sein Sie werden deshalb mein ganz besonderes 
Interesse für die Mental- 1 ly &irnc Bewegung in Amerika verstehen. 

io> 



i jS Fram AlrtaiKiri 



Sie betrachten die Aufgabe der Mrntal Hygirne auf dem Gebiete der 
Kriminalität eritent alt eine prophylaktisch«, zweiten» alt eine thera- 
peutische. 

Sie wollen den werdenden Kriminellen raöfllchsl «renn er noch jung »st. 
erfassen, den erwachsenen Kriminellen b«il«D odei wrnig«ten sozial unschäd- 
lich machen; wenn es gehl. »ogar ihm Ii »«ine \i l..it»krnfl sori.il verwenden. 
Dieser Plan ist gut durchdacht, sein«- Dm« bführung «bei >i< herlh h nicht leicht. 

Sie sammeln zunächst geeignete kr.ilte für die Durchführung dieses 
sozialen Programme». Psychiater. Psychologen und soziale Arbeiter (Für- 
sorger) wirken für das gemeinsame Ziel zusammen. Den HegrifT de« 
sozialen Arbeiters haben Sie geschaffen, oder weing»tens diesen Beruf 
wesentlich ausgebaut. Soweit ich es von weitem' beurteilen konnte, scheint 
mir diese Art des Soldaten für den Kninpf gegen die kriminalität uner- 
läßlich zu sein. Kerner haben Sie richtig erkannt, ilall den besten Zugang 
zur Krfassung der kriminellen die ( iei i« hie bilden. m-.b.-v<indeie die Jugend- 
gerichte, die Stellen, wo der kriminelle mit der Gesellschaft zum ersten 
Male in Widerspruch gerat. Sir baben auch ebenso richtig erkannt, daß 
mit dem ersten Schritt, munln h, daU der Kriminelle diagnostiziert und 
klassifiziert wird, noch wenig Praktisches geleistet ist Man braucht Insti- 
tutionen, in die der psychopathis.be kiitniunlle nach seiner Diagnose über- 
geführt, wo er interniert und in irgendeiner Weise behandelt oder erzogen 
wird. Sie haben mit diesen Kim i< btiingen den uuHeren llihineii Ihre« 
Kampfes für die Verhütung der Stniffalligkeit gesi haften. Sie hahen die 
Stellen, wo Sie die Kriminellen erfassen, beobachten und diagnostizieren 
und endlich die Stellen, wo Sie sie payehitch beeinflussen oder gar ändern 
wollen, atul last but not least, Sie haben ausgebildete I hlKki.ifte, die sich, 
diesen Aufgaben widmen. 

Die Voraussetzung für die erfolgreiche, praktische Dun btnbiung dieses 
Planes ist allerdings die psvi ihologiache Kenntnis dea Kriminellen, weil 
ihn nur mit Hilfe eines solchen Wissens esnkt diagnostizieren, klassifizieren 
und ändern können werden Dieser groltaitig angelegte organisatorische 
Hahmen braucht eine dieser Organisation ebenbürtige wissenschaftlich* 
Grundlage, d. h. eine leistungsfähige Psychologie. Ich glaube nicht, daß die 
heutige Psychiatrie ohne kenutnii dei unbewuUten n imstande 

i»t, den kriminellen psychologiich ri« btig /u beurteilen und zu klassifizieren, 
den psychopathischen Kechtshrei hei diagnostisch exakt /u erlassen und ihn 
in seiner seelis« hrn l'.initellung tiefgehend zu beeinflussen Ihre großartig«. 
Organisation vndieui eine leistungsfähige Psychologie, 



PfyJuxkr Hyjirnr uii.1 K i iminalitäl x Jn 



Meine Darlegungen werden also zunächst dieses Gebiet betreffen: Die 
Psychologie des Kriminellen im Lichte der Psychoanalyse. Die Ergebnisse 
dieser Untersuchung werde ich dann versuchen auf die zwei praktischen 
Aufgaben der seelischen Hygiene der Kriminalität anzuwenden: 

l) Auf die diagnostische Erfassung und Klassifizierung. 

a) Auf die psychische Beeinflussung der Kriminellen. 

Eine grundsätzliche Krage drangt sich als erste auf: Ist es überhaupt 
zulässig, in allgemeingültiger Form von der Psychologie von Rechtsbrechern 
zu sprechen? Beruht das kriminelle Verhalten eines Menschen immer auf 
einer konstanten Charaktereigenschaft, welche das Wesen des Menschen 
betrifft? Ist Kriminalität ebenso charakteristisch für einen Menschen, wie 
seine Neurose, seine Psychose, seine Intelligenz oder irgendeine seiner 
Charaktereigenschaften? Daß das kriminelle Verhalten nicht in jedem Falle 
ein typisches Dauermerkmal eines Menschen ist in dem Sinne, wie Lom- 
broso und seine Schule es angenommen haben, die den Kriminellen als 
einen sogar biologisch grzeichneien Mensrhentyp aufgefaßt haben, bedarf 
kaum noch einer Widerlegung. Unter besonderen Umständen kann jeder 
Mensch kriminelle Handlungen begehen und ein großer Teil der Kriminellen, 
so z. B. viele berufsmäßige Diebe, Einbrecher oder Vagabunden, würden 
durch Änderung Ihrer sozialen Lage aufhören, kriminell n handeln. Man 
kommt fast eher zu der entgegengesetzten Vermutung, daß Kriminalität 
keine bezeichnende psychologische Kigenschaft eines Menschen ist, sondern 
«in Endergebnis des Zusammenwirkens von Charaktereigenschaften und 
der äußeren Lebenssituation. Viele Menschen, die unter gewissen sozialen 
Bedingungen sich kriminell verhalten, würden unter andern sozialen Be- 
dingungen die Gesetze respektieren. Anderseits erscheint es fraglos, daß 
für viele Menschen das kriminelle Verhalten tief in ihren Charaktereigen- 
schaften verwurzelt ist. Diese Hechtsbrecher würden wahrscheinlich unter 
allen Umständen zur Kriminalität neigen 

Schon diese grobe Überlegung zeigt, daß die Frage der Kriminalität 
kein einheitliches Problem ist, sie gehört gleichzeitig dem Gebiete der 
Psychologie und dem Gebiete der Soziologie an. Es ist folglich ratsam, 
den Begriff der Kriminalit4t scharfer abzugrenzen. Die Nichtachtung der 
bestehenden Gesetze — dies ist ja krimin.ilit.u — kann wahrhaftig die 
verschiedensten Motive haben. Kine kurze dynamisch-psychologische Über- 
legung erlaubt, diese Faktoren thematisch abzugrenzen. Zunächst erscheint 
es selbstverständlich, daß Menschen, die aus den sozialen Einrichtungen 
Vorteil haben, die Vorschriften, die Gesetze, die soziale Ordnung überhaupt 






Kram AlrsamUr 



bereitwilliger respektieren alt diejenigen Mens. Ii. -n, die in der Gesellschaft 
benachteiligt sind. Kine größere Neigung zur Knmin.ilii.it ist also ganz 
allgemein die Folge der Stellung, die ein Mensch in ilrr So/ietH einnimmt. 
Sicherlich ist aber diese nicht der ein i I aktor. Besonders verflacht wird 
dieser Gesichtspunkt, wenn man das Bennrhieiligtsrin in der Gesellschaft 
als eine rein materielle, finanzielle Angelegenheit auffaßt. Neben der 
ökonomischen Benachteiligung gibt es mich genügend Ursachen für Un- 
zufriedenheit auf dieser Knie Gerade die |.*v< hoanalvtisc he Forschung 
brachte die merkwürdige Tatsache zutage, daß Mensc lien ihre Unzufrieden- 
heit im I.ieheslrben oft gern auf das wirtschaftliche Gebiet verschieben. 
So kann das unerfüllte Verlangen nach dem Kinde bei einer Frau in 
kleptomane Tendenzen sich verhüllen |n|. Diese mächtige, unter Umstanden 
so schwer erfüllbar Sehniucht nach dem Kinde wird in solchen Fallen 
durch eine schnelle I laudbewegung in einem Warenhaus entspannt. In 
anderen Fällen sehen wir wieder andere, dem Tater selbst unbewußte 
Motive hinter dem zwanghaften St.-hl.n versteckt. Wunsche, die das Leben 
oder das eigene bewußte Ich versagt hat und die im hts mit wirtschaft- 
lichen Motiven zu tun haben. Betreten wir mit diesem kleinen Beispiel 
einmal das Gebiet der Tiefenpsychologie, ao erscheinen uns gleich die vor- 
angehenden Überlegungen als akademisch abstrakt, dem Leben entrückt, 
wie immer, wenn man schematisch deduktive Betrachtungen mit den F.inzel- 
beobachtungen einer empirischen Wissenschaft koiitionti.it 

Wir lernten aus diesen allgemeinen Betrai htungen soviel Brauchbares, 
daß die Neigung, die bestehenden Gesetze ta durchbrechen, im allgemeinen 
aus der seelischen Beschaffenheit eines Menschen allein nicht ableitbar, 
sondern auch von seiner sozialen Stellung mehr oder weniger abhangig 
ist. Vielleicht UQ einfachsten ließe sich dies so formulieren, daß im all- 
gemeinen jede Unzufriedenheit im l.eben die Neigung, die bestehende 
Ordnung zu mißachten, vergrößert. Unter den Ursachen dieser Unzufrieden- 
heit spielt die ökonomisch soziale l..ie,e so lui In h eine bedeutsame, .di,., 
keinesfalll alleinige Bolle, Schon diese allererste Aiinaheiunn tum Problem 
zeigt uns, daß man diesen komplizierten Fi.i|>eukomplei ohne die Kenntnis*« 
der Dynamik des menschlichen Handelns und Fehlens nicht winl bewältigen 
können. 

Die Finluhriing des psychoanalytischen Gesichtspunktes belehrt uns z U 
nächst darüber, daß man dir ätiologische Frage der Kriminalität meisten* 
verkehrt stellt. Man Iragt gei n „Warum wird ein Mens, h /um Be< hta- 
brecher?" anstatt zu fragen: „Warum werden die Mrnsch«D "" allgemeinen 



Pit.iuxlir H.Jioic und Kriminalität 



nicht zu Rechtsbrechern >_ Die erste Fragestellung beruht auf dem üblichen 
Hochmut und der Unkenntnis, die der Mensch seiner eigenen Persönlich- 
keit gegenüber im allgemeinen hat. Diese Fragestellung setzt die unaus- 
gesprochene Überzeugung voraus, daß es natürlich ist, ein rechtschaffener 
Bürger zu werden, und daß es einer ganz besonderen Erklärung bedarf, wenn 
Menschen die sozialen Vorschriften nicht achten. Die Psychoanalyse lehrt 
uns hingegen, daß der Mens« h mit einem der Sozietät unangepaßten Trieb- 
leben auf die Welt kommt, also als kriminelles Wesen geboren wird, womit 
gesagt werden soll. daß. wenn das kleine Kind seine Triebansprüche reali- 
sieren könnte, es kriminell handeln würde. Die nähere Untersuchung zeigt . 
uns dann, daß die gesamte Trirbentwicklung des Kindes von seinem vierten, 
fünften oder sechsten Lebensjahre an in einer allmählichen Anpassung der 
Triebansprüche an die Anforderungen der Gesellschaft besteht, eine Ent- 
wicklung, welche keinem einzigen Mens, hen in vollem Umfange gelingt. 
Nur ein Teil der Persönlichkeit wird sozial angepaßt. Daß ein anderer 
Teil der Person asozial oder kriminell bleibt, beweisen die Träume, die 
Fehlhandlungen des Alltags, die Tagträume, die psychoneurotischen und 
psychotischen Symptome, kurz, alle Äußerungen des Seelenlebens, in welchen 
unbewußte Impulse starker zum Ausdruck kommen. Die motorische Be- 
herrschung der kriminellen Impulse und ihre teilweise Ausschließung aus 
dem Bewußtsein ist die höchste Anpassungsleistung des heutigen Kultur- 
menschen an rlir Sozietat. Diese Anpassungsleistung gelingt den verschiedenen 
Menschen in verschiedenem Grade Die richtiggestellte Krage lautet: „Warum 
wird der Mensch im allgemeinen nicht kriminell?" oder, anders formuliert: 
„Durch welche Entwicklungsvorgange wandelt sich das ursprünglich asoziale 
Kind in ein soziales Wesen um?" Aus den Störungen dieses Anpassungs- 
vorganges werden sich die ätiologischen Ursachen der Verwahrlosung ergeben. 
Die Grundtatsache, daß in dem Unbewußten eines jeden Menschen der 
Sozietät nicht angepaßte, also kriminelle Tendenzen mehr oder weniger 
dynamisch wirksam vorhanden sind, erlaubt uns zunächst die erste grobe 
Klassifizierung. Theoretisch ist leder Mensch zum Rechtsbruch fähig, wir 
können jedoch chronic h Kriminelle oder Verwahrloste von den akzidentell 
Kriminellen abgrenzen. Für die erste Gruppe ist eine konstante Neigung 
charakteristisch, die ursprünglichen asozialen Tendenzen in die Motilität 
überzuführen, wahrend akzidentelle Kriminelle nur unter ganz besonderen 
Umständen kriminell handeln Dieser ganz besondere Umstand kann ein 
zufälliger sporadischer, kann allerdings aber auch ein konstanter sein. Jeder 
norm/« Mensch kann in Situationen kommen, in welchen er zum Rechts- 



i5a Frans Alexander 

brecher wird, aber gewiue Menschen leben konstant unter solchen Be- 
dingungen, unter denen die Hemmung kriminell« Impulse selbst bei 
normalem seelischen Aufbau nicht immer gelingen kann. In solchen Fällen 
haben wir et — ich m<>< hte fast sagen — mit pseudo-chronischen Kri- 
minellen zu tun, die aber nur so lange kriminell sind, als die belastenden 
äußeren Lebensumstände andauern. In dieser Untersuchung interessieren 
uns zunächst die echten chronischen Kriminellen, also solche Mensel u-n. 
bei denen die Neigung zum ßechlsbriich eine liezeichnendc Kigenschaft 
des Charakters bildet und durch eine einlache Änderung de» Milieus und 
der sozialen Lage überhaupt nicht beeinflußbar ist. Die Verhütung der 
Kriminalität bei Mitgliedern der anderen Gruppe, bei denen der ausschlag- 
gebende Faktor zum llechtshruch in den aktuellen Lebensumständen zu 
suchen ist, und die hei dem Wechsel dieser Umstände aul boren, kriminell 
zu handeln, ist ein sozialpolitisches l'rohlem. dai in dein Kabinen dieser 
Untersuchung nur gestreift werden kann. Selbstverständlich ist es von be- 
sonderer Bedeutung, diese beiden Gruppen, also die Kriminellen mit soziologi- 
scher Ätiologie von den charakterlich Kriminellen diagnostisch abzugrenzen. 
Aber schon diese diagnostische Aufgabe setzt die strukturellen und dynami- 
schen Kenntnisse der Persönlichkeit vuraus. 

Es kann hier nicht der Ort sein, die Grundzüge der psychoanalytischen 
Seelendynamik darzustellen. Deshalb muß ich mich mit einigen kurzen 
Hinweisen begnügen auf einige Grundanschauungen, die die Grundlage 
unterer kriminal-psychologischen Untersuchungen bilden. 

Die allmähliche Anpassung an die Anforderungen des gesellschaftlichen 
Zusammenlebens bedeutet für das Thehleben |,„, % , breitende Verzichte und 
Einschränkungen. Das Seelenleben, das dem I.uslUnlustprin/ip unterworfen 
ist, kann unlustvolle Triebverzichto und Trieheinschrankungen nur gegen 
Lustpramien leisten. Mit Unlustandrohungen, also mit Strafandrohungen 
allem, kann man /war das Triebleben mehr oder wenig« in S. DU h halten, 
wirkliche Triebverzichte erzielt dieser Zustand aber eil In Im Augenblick, 
wo die Strafdrohung, d. h. die strafende Aufsichtsperson ver». hwindet, wird 
das Gesetz durchbrochen. Selbst jeder Tierdompteui weiß, «laß er ohne l.ust- 
pr.imien, ohne Belohnungen nicht auskommt. Wäre die soziale Anpassung 
rein auf das Si lalsvstcin aufgebaut, so mußte hinter |edein Staatsbürger 
auch ein Polizist stehen. Das Problem der Triebanpassung besteht darin, 
dem Kinde auf irgendeine Weise einzuprägen, daß die verlangten Trieb- 
verzichte am l.nde ein Plus an I.usl und ein Minus an Fnlust bedeuten. 
Die» kann nur durch eine richtige Dosierung um \ ei bieten und Erlauben 



P«yd>t*<J»e Hygiene urul Kriminalität ,53 

geschehen. Nur «rnn der seelische Apparat es empfindet, daß durch einen 
geleisteten Triebver/ü ht nicht nur l'nlust vermieden, sondern auch eine 
andere erlaubte Befriedigung gesichert wird, kann ein solcher Teil des 
seelischen Apparates sich entwickeln, der die von außen kommenden Ver- 
bote und Gebote sich zu eigen macht und jetzt selbst darüber wacht, daß 
diese Anforderungen eingehalten werden. Die sozialen Vorschriften werden 
auf diese Weise als Über Ich in die Persönlichkeit verinnerlicht, aller- 
dings nur von einem Teil der Gesamtpersonlichkeit angenommen. Dieser 
sozial angepaßte Teil steht dem ursprünglichen asozialen, triebhaften Teil 
der Persönlichkeit antagonistisch gegenüber. In diesem dynamischen Kon- 
fliklzustand befindet sich der seelische Apparat des normalen Erwachsenen 
der heutigen Kulturstufe. Dieselbe Spaltung zwischen den sozial angepaßten 
und den ursprünglichen Teilen der Persönlichkeit ist auch bei Psycho- 
neurotikern und kriminellen Charakteren vorhanden, allerdings viel aus- 
gesprochener. 

Wir konnten mit Herrn Staub nachweisen [6], daß das eben beschriebene 
Gleichgewicht zwischen selbstgeleisteten Triebverzichten und Triebbefrie- 
digungen die Grundlage des Gerechtigkeitsgefühls ist. Das Hechtsgefühl ist 
ein außerordentlich empfindlicher Regulator, welcher auf jede Störung 
diese» Gleichgewichts sofort mit der Affektreaktion der Empörung und 
mit Triebdurchbruch reagiert Wenn einmal erworbene und bisher erlaubte 
Triebbefriedigung — juristisch ausgedrückt: Rechte — dem Menschen 
genommen werden, so kündigt dieser sofort den ihn verpflichtenden Teil 
des Vertrages, nämlich die Triebverzit hte. Die Folge des verletzten Gerech- 
tigkeitsgefühls ist eine regressive Bewegung: der Triebdurchbruch. Man 
kann wohl diese Verhaltnisse dahin formulieren, daß auf jeder Kulturstufe 
der Mensch zu einem ganz bestimmten Verhältnis zwischen Triebverzichten 
und Triebbefriedigungen angepaßt ist. Wenn die gesellschaftliche Entwick- 
lung neue Triebverzichte verlangt, so bedeutet das eine neue, schwierige 
Anpassungsleistung, welche nur dann zur Befestigung kommt, wenn es 
der Kultur gelingt, für die geleisteten Triebverzichte neue Befriedigungen 
im Austausch zu gewahren. Es braucht keiner näheren Beweisführung, 
daß bei unter verschiedenen wirtschaftlichen und sexuellen Bedingungen 
lebenden Menschen das tatsächliche Verhältnis der Triebbefriedigungen zu 
den Triebver/.ichten verschieden ausfallt Kur alle Menschen jedoch, ohne 
Bücksicht auf ihre verschiedenen Befriedigungsmöglichkeiten, gelten dieselben 
Gesetze, die die Triebbefriedigung und dir Triebverachte regulieren. Es ist 
klar, daß jene Menschen — vielleicht darf man auch sagen: jene Klassen — 



i ,., Franz Alrtandar 



bei denen die Verzichte grüßer und die llefriedigungen k Inner sind, die 
erforderte Anpassung schwerer leisten, weil sie mehr oder weniger ständig 
im Zustand des verletzten Hechtsgelühl* leiten I >as Kee htsgeliihl wird 
ähnlich getroffen, wenn von mir •Lnt neue Ver/.ichtleistung, für die es 
noch keine Rccompense gibt, verlangt wird, wie wenn ein anderer das 
tun und genießen darf, was mir versagt ist. Durum bewirken ungerechte 
Strafen ebenso eine Verletzung des Rechtsgefühls wie die Nichtbestrafung 
verbotener Taten. In dem ersten Kuli wird der Tater für etwas bestraft, 
das nach dem Gefühl der Menschen erlaubt war — die ungerechte Strafe 
bedeutet also ein IMus an Ver/n lii mlorderung — wählend in «lein /writen 
Falle eine Triebbefriedigung dem einen erlaubt, dem andern verboten wird. 
Es ist offenbar, daU ein komplizierter Idciitili.-icrungsvnrgang der Mitglieder 
einer Gesellschaft miteinander EU den ( iriindlagen des Re< htsgelühls gehört, 
da das beschriebene Gleichgewicht zwischen 'I neh\ ei.-ie hl und Triebbefrie- 
digung nur dann stabil ist, wenn es lür alle in der gleic lien Weise gilt. 
Die hemmende Kraft |enes Teiles des seeli»< heu \ppar.ites, welcher die Trieb- 
verzichte sich zu eigen gemacht bat und gegen diu iibrigeu Teil der Per- 
sönlichkeit durchsetzt, des Über- Ichs, ist demnach abhängig von dem Ver- 
halten der anderen Mitglieder der Sozietät. Dies erklärt das wache, eifer- 
süchtige Interesse der Müssen für die Rechtsprechung, lür die latigkeit 
der Justizmaschine. 

Diese kurzen, grobgefaUten dynamischen Überlegungen geben uns schon 
eine Vorstellung von den Kaktoren, die die soziale Anpassung eines Menschen 
fördern und stören. Noch bevor wir auf Einzelheiten eingehen, kann im 
allgemeinen gesagt werden, daß, je größer die notwendigen I 1 1. bverm htc. 
je kleiner die kompensatorischen Befriedigungimoglichkeiten. um so schwerer 
die \npassungsbedui(Miii):.n sind \uch ml .!..-•.. in G«bi«tfl Orwisitl M.h. 
daß die beiden großen Triehepiali täten, welche die Störungen des Gleich- 
gewichts zwischen Verzicht und Befriedigung erleiden, dei Hunger und die 
Liebe sind, daß Kinschraukungen auf dem Gebiete des Selhsterhaltungs- 

iies und der Sexualität die allgemeinsten Ursachen des Triebdurchbruches, 
d. h. der Kriminalität sind, Allerdings, wie nul allen Gebieten der Menschen- 
kunde, ebenso in der Medizin, K.thnologie und Psychologie, so ist auch in 
der Kriminalistik der sexuelle I akl.ir in einer ganz extremen Weise bisher 
vernachlässigt worden. Dieses Skotom gegenubei der Sexualität bei allen den 
Menschen betreffenden Wissens, hallen vor Kreud ist eines der charakte- 
ristischen Merkmale- ihr heutigen Kultur. Die |»syi hoan alyse konnte auf 
Grund fünfunddreißig), .hnger empirischer loischung zeigen, daß die ersten 



Pjyd»'«kc Hygiene uml Kcimiiialilil i5S 



Anpassungsschwierigkeiten des Kinde* im Familienleben sich abspielen und 
in den affektiven Beziehungen zu den Eltern und Geschwistern bestehen. 
Die Fragen der wirtschaftlichen Existenz, die später so manifest in den 
Ursachen der Kriminalit.it vorzufinden sind, spielen in den ersten Lebens 
jähren beim Kinde noch keine Rolle. Obwohl es heute kaum mehr einen 
Psychiater oder Psychologen gibt, der nicht die Ursachen der späteren 
kriminellen Charaktere in der Kindheit suchen würde, haben diese 
Psychiater und Psychologen, wenn sie sich mit den Fragen der Kriminalität 
beschäftigen, merkwürdigerweise noch nicht die einfache Konsequenz ge- 
zogen, die Störungen der kindlichen Entwicklung auf jenen Gebieten zu 
suchen, auf denen sich die Triebkonflikte des Kindes tatsächlich abspielen. 
Die später im Vordergrund stehenden rationellen wirtschaftlichen Gründe 
krimineller Handlungen sind wenigstens bei den kriminellen Charakteren 
(chronisch Kriminelle.) nur Auslosungsmomente. Die Neigung zum krimi 
nellen Triebdurchbruch wird an den unerledigten Triebkonflikten der Kind- 
heit erworben. 

Die wichtigst-- und theoretisch bedeutsamste Tatsache dieser kindlichen 
Entwicklungsperiode besteht darin, daß die beiden später scheinbar so ge- 
trennten Triebgebiete der Selbsterhaltung und der Sexualität in der kind 
liehen /.eit noch nicht voneinander getrennt sind, sondern miteinander ge- 
mischt auftreten. In jener frühen prägenitalen Periode, in welcher die 
Mundschleimhaut als lustspendende Zone im Vordergrund steht, in der 
Säuglingsperiode und noch eine Zeit nachher, zeigt sich die Vermischung der 
Selbsterhaltungstendenz mit der Erotik in einer unzweideutigen Form. Der 
ungarische Kinderarzt I.indner [;j. der die sexuelle Natur des Lutschens 
noch vor Freud mit der dem Naturwissenschaftler gebührenden Unvor- 
eingenommenheit beschrieben hatte, wußte sicherlich noch nicht, wie weit 
gehende Bedeutung seine Beobachtung für d.is Verständnis des menschlichen 
Seelenlebens und so auch für das Verständnis des sozialen Zusammenlebens 

haben wird. 

Dem biologisch Denkenden ist diese enge Verkoppelung der Ernährungs- 
funktion mit dem Fortpflanzungstrieb nicht verwunderlich. Bei dem ein- 
zelligen Lebewesen sehen wir ja die Fortpflanzung, also die Teilung, als 
eine Teilerscheinung oder eine Folgeerscheinung der Ernährung. Nachdem 
die Zelle die Grenze der indi% iduellen Wachstumsmöglichkeit erreicht hat, 
teilt sie sich in zwei Teile Dfc I -'ortpflanzung ist hier deutlich ein Wachs- 
tum, das die Grenze des individuellen Daseins überschreitet. Die bei dem 
Kinde kurz nach seiner Geburt so manifeste intime Verbindung von Selbst- 







■ 56 f Mll Alrtaml. . 

erhaltungs und Sexualtrieb, !■ in.iln ungst.itigkeit mul Lual, oder — wmn 
wir ei finden ausdrücken wollen — Zweckmäßigkeit und Lust, wird der 
Mensch auch in seinem spateren 1-eben nie ganz los. Das Wechselspiel 
zwischen Selbsterhaltungsmotiven und sexuellen Motiven in allen seinen 
Verwicklungen ist eine tfgli< In- l'.rfahrung des Psychoanalytikers Die Analyse 
von Kriminellen zeigt genau dieselben Verwii klungen der heiilen Triebarten, 
die wir bei Normalen und Neurotikern kennengelernt haben. Nur einige, 
jedem gut bekannte Tatsac hen sollen beispielsweise kurz erwähnt werden. 

Der enge Xuvi mmmhang des Alkobolismus und überhaupt jeder Süch- 
tigkeit mit der Kinsrbr.mkung auf dein Gebiete dn Sexualität ist durch 
vielfache Heoba« httingfii genügend gefestigt. Ja, selbst die Volksweisheit 
weiß es, daß die schlechte I ■'. 1 1 «• . der Hausdrachen, den Mann zum Freund 
des Wirtshauses macht. Dali das Stehlen heim Kinde eine noch viel weniger 
auf reale Werte, also auf Hereil herung ausgehende Handlung ist. als beim 
Krwarhsenen, sondern der Ausdruc k »um i I i Ifhspannung, in dem gefühls- 
mäßige Momente, die dem Gebiete dn Se\u. ilii.it .iiij'rhnim, eine über 
ragende Rolle spielen, muß |edem unhei.tngenen lleobm hier des Kindes 
bald klar sein. Aus dem triebhaften Stehlen des Kindi wird das zweck- 
mäßige Stehlen des Krw.n liM-nni, das einen ausgesprochen rationalen wirt- 
schaftlichen Charakter hat. Dir 1 mwandlung des kindlichen triebhaften 
Stehlens in wirtschaftliches Stehlen ist nur eine l'eilerscheinung jenes 
merkwürdigen, noch keineswegs g.inr erforschten allgemeinen Vorganges im 
Seelenleben, durch web lim ursprünglich spielerische, lustvolle, irrationale 
Handlungen und Äußerungen mit der Zeit in den Dienst der Zweckmäßig- 
keit gestellt, d. h. rationalisiert werden 

Dieses fortschreitende Xwec kmaßigwerden, diese Rationalisierung von 
menschlichen Äußerungen scheint mir eine der < irimilrni luinungen der 
Kulturentwicklung zu sein. In einer ausgezeichneten Arbeit konnte der 
Kthnologe Röheim zeigen [S\, daß das (irld in pniuitixen Kulturen, so 
bei den Mel.inesiern, hauptsächlich spielerisi hen, infantil triebhaften Re- 
friedigungen und keinen ermim wui». h.iltlu hm Zwei km dient. Keines- 
falls hatte diese Erfindung, Geld, zu Beginn die großartige «iiin 'haft- 
liche Zweckmäßigkeit und lledeutuug des Geldes von heule 

IUP wir in der Kulturentwicklung hinschauen, sehen wir dieselbe Er- 
scheinung. Wer in Versailles die großartigen Springbrunnenanlagen von 
Ludwig XIV. bewundert und bedenkt, daß damals die wassertec hinsehen 
Kenntnisse fast ausschließlich der spiel, i m In u, triebhaften, ästhetischen 
Befriedigung gedient habm. und ihre Verwendung zum /wecke des Wäschern, 



Piydiui4ie Hygiene und Kriminalität x&y 

Trinken», der Kanalisation noch vollständig unbekannt war, und wer weiter 
bedenkt, daß dieselben wassertechnischen Kenntnisse fast zweihundert Jahre 
gebraucht haben, um die heutige, rationelle Verwendung zu finden, der wird 
auch auf diesem kleinen Abschnitt der Kulturentwicklung dieselbe Gesetz- 
mäßigkeit erkennen. Oder man vergleiche den künstlerisch geschwungenen 
Rokokowagen nicht etwa mit dem heutigen Automobil, — sondern nur mit 
der schlichten Kutsche des Jahrhundertendes, und man wird sehen, daß auch 
diese technische Erfindung in hohem Maße rationalisiert wurde. Zu den 
Zeiten des Rokokos diente der Wagen neben der Lokomotion noch viel mehr 
auch dem spielerischen, ästhetischen Genuß und hat zugunsten der Schön- 
heit Zweckmäßigkeit geopfert. Ich kann nicht umhin, auch die Erfindung 
des Flugzeuges zuerst auf jene spielerische, triebhafte Wunschbctätigung der 
Phantasie zurüi kzuführen, die unsere Fliegerträume hervorbringt, und nicht 
auf jene zweckmäßigen Zielsetzungen, die heute bei der Flugzeugtechnik 
absolut vorherrschen. 

Ich möchte diese Entwicklungstatsachen dahin zusammenfassen, daß die 
menschlichen Triebaußerungen einer ständigen Rationalisierungstendenz 
unterworfen sind. d. h. sich von spielerischen, unkoordinierten, reinen Lust- 
bestrebungen immer mehr zu zweckmäßigen Handlungen entwickeln. Die 
spielerischen Äußerungen des Eros werden unter dem Druck der Ananke 
immer mehr in den Dienst der Zweckmäßigkeit gestellt. 

Dieses ist der erste Gesichtspunkt, den man anwenden muß, wenn 
man die kriminellen Handlungen der Erwachsenen aus den kriminellen 
Tendenzen des Kindes verstehen will. Die kindliche Kriminalität steht noch 
nicht in dem Maße im Zeichen der Zweckmäßigkeit, wie die Kriminalität 
der Erwachsenen. Die Kriminalität des Kindes ist die Folge von Grausam- 
keit, Neid und Eifersucht, unerfüllter Liebessehnsucht, Rache, exhibitioni- 
stischer Gefallsucht. Minderwertigkeitsgefühlen (deren sexuelle Ursachen voll- 
ständig zu übersehen oder zu vergessen die in ihrer Einseitigkeit imponie- 
rende Leistung von Alfred Adler war) usw. Bei den kriminellen Hand- 
lungen der Erwachsenen sehen wir zwar alle diese Motive vorhanden, 
aber nur selten in der Ausschließlichkeit, wie bei den Kindern, sondern 
vielmehr vermischt mit den zweckmäßigen rationellen Zielen des Erwach- 
senendaseins. Die heutige Justiz ist einseitig auf die Auffindung und Be 
achtung dieser rationellen Motive eingestellt. Eine irrationale kriminelle 
Handlung wird wirklich nur in den unleugbaren, extremen und deshalb 
nur offenbar pathologischen Fällen anerkannt. Die Diagnose Lustmord zum 
Beispiel wird zwar in seltenen Fallen gestellt, aber sie wird als eine kasui 



l58 fr«»« Alriantlri 



$ti$che Kuriosität betrachtet. Wie» groll jedoch Her Anteil der zwecklosen. 
sadistischen Zerstorungslust auch bei scheinbar nvn kmaßigen Morden ist, 
das ahnt der ticfenpsychologisch iin^rti luilu- Kriminalist gar nicht. Über- 
all, wo ein rationelles Motiv sich mit «Irin ursprünglich irrationalen Trieb- 
haften mischt, ungeachtet, <il> «In- d\ m« he W n ksamkeit dieses rationellen 

Beitraget bei der Tat ausschlaggebend war odei nicht, wird diese einseitig 
von allen praktisc li«n und theoretisc ben Kriminalisten hervorgehoben und 
allein für die Tat verantwortlich gemacht Der Begrifl der Kleptomanie, 
des triebhaften Siehlens, ist heute ihm h in I ■'.umpa bei den Juristen ein 
verdächtigter Begriff, der nur unwillig in den allereklatantesten Fallen an- 
genommen wird. Ich brau« liir einmal einen langen Kamp! mit dem Staats- 
anwalt, um n beweisen, «laß ein junges Madchen, die unter anderem mit 
Vorliebe Bilder, worauf Mutter und Kind dargestellt waren, gestohlen hat, 
diese Taten nicht mit der Ab»i< In, ilch tu bereichern, aufgeführt habe, 
und daß diese merkwürdige Auswahl der gestohlenen Objekte aus keinem 
Hl»ck mäßigen Motiv erklärbar ist. Das Stehlen einer billigen Kaust- Ausgabe 
wollte der Staatsanwalt darauf luru« kluhren, daß dieses junge Mädchen, 
das zwei Jahre spater Schauspiel' i La geworden Ist, vielleicht »(hon damals 
mit dem (iedanketi gespielt h.it . St hauspiele i in EU werden und einmal im 

Kmsi anf/iitretea '• Diese einflütlgt Rationallslerum m-h.- >■ ■•> um des 
halb hervor, weil sie gtratUsu charakteristisch in lür die konstruktiv« 
Psychologie unserer Gerichtshöfe, die i« nsc hin he Handlung aus be- 
wußten rationellen Motiven zu erklären rersuchen und denen jedes phan- 
tastisch konstruierte rationale Motive lieher ut. als die meistens ausschlag- 
gebenden triehhalt e Initialen Motive, über deren Natur sie nichts Nähere« 

wissen. 

Hei einem lirieftrüger. der eingeschneitem •'"■ i. genßnet und das darin 
enthaltene (ield verwendet hat also eine lux h»t rational erscheinende 

Handlung beging — baut« i< h den Gerichtshof von dei ausschlaggebenden 
Wirksamkeit triebhaft irrational.! Muineerst uber/etigen, als es mir gelang, 
diese Stehlhamllungen Ins in die imheste Kindheit des Angeklagten zurück- 
zuverfolgen und zu zeigen, daß Im sie Itnmei ein« gam spezifische, gefühls- 
mäßige Situation Charakteristik h war. iiamlu h die \V ledrrgutma« hung einer 
oralen Versagung durch das Stehlen Diesei Hriellrager hat das gestohlene (leid 
M einem kU-inen I <-il für gute Mahlzeiten in vornehmen ( »asthausern, haupt- 
sachlich aber, fast ausschheßlii h. Im / k| aietten sei ss . adl I Viiip Hauptleiden- 
schaft war das Hauchen, das hei ihm du lorn u. htigkeit hatte. Da« 

Stehlen war allerdings nicht ein Mittel, um sti h die Zigaretten lU verschaffen. 









\'<\ .}m.)ir Flygirnr uii.l Kriminalität l&t) 



da er dazu auch ohne Stehlen fähig war, sondern nur eine andere Äußerung 
desselben oralen Triebanspruches, der hinter der Nikotinsucht gesteckt hat. 
In diesem Falle also wurde der ursprüngliche triebhafte Impuls zum Stehlen, 
welcher immer einen oralen Ursprung hat [9], nicht, wie meistens, in den 
Dienst von zweckmäßigen, wirtschaftlichen Zielen gestellt, sondern behielt 
auch später seinen infantilen Charakter. 

Die erste Äußerungsform des kindlichen Bemächtigungstriebes ist die 
Einverleibung durch den Mund. Die Hand, das Organ des Stehlens, über- 
nimmt später die Funktion der Bemächtigung [lo). Das triebhafte Stehlen 
behält noch diesen oralen Charakter, der auch darin zum Ausdruck kommt, 
daß, wie die orale Einverleibung mit Lust (unabhängig von der Befriedigung 
des Hungers) verknüpft ist, so auch das triebhafte Stehlen den Charakter 
einer Lustbefriedigung behält. Beim gewöhnlichen Stehlen des Normalen 
spielt dieses Lustmoment neben dem rationalen wirtschaftlichen Zwecke 
bereits eine untergeordnete Bolle. Darin unterscheidet sich der Kleptomane 
von dem gewöhnlichen Dieb. Aber in diesem Punkte unterscheidet sich 
auch der psychopathische Kriminelle von den normalen Bechtsbrechern über- 
haupt. Bei den psychopathischen Tätern behalten die triebhaften infantilen 
Motive ihre ursprüngliche Form und werden nicht in den Dienst von zweck- 
mäßigen Motiven gestellt oder nur in geringem Maße. Weil aber dieser 
infantile triebhafte Teil des Seelenlebens bei nicht geisteskranken Menschen 
der Verdrängung verfällt, sind diese Motive den Tätern nicht bewußt, und 
deshalb genügen schon die in Spuren immer vorhandenen rationalen Bei- 
mischungen, Überdetcrminierungen, sowohl den Tätern wie den Bichtern, 
die Tat zu erklären. Weder des Täters noch des Bichters bewußtes Ich 
nimmt gern Kenntnis von dem Vorhandensein unbewußter Motive. Das 
Hoheitsempfinden der menschlichen Seele, die Illusion der Herrschaft der 
bewußten vernünftigen Persönlichkeit wird durch die Kenntnis der wirk- 
samen irrationalen unbewußten Motive erschüttert. Um dieser Illusion willen 
wird die Psychoanalyse — die Psychologie des irrationalen Seelenlebens - 
auch heute noch allgemein bekämpft. 

Unschwer finden wir von diesen unsystematischen Bemerkungen den Weg 
zu unseren planmäßigen Untersuchungen zurück. Um die Kriminalität des Er- 
wachsenen zu verstehen, müssen wir die Kriminalität des Kindes kennen. Bei 
den kriminellen Impulsen des Kindes nach denselben rationellen Motiven zu 
suchen wie bei denen des Erwachsenen, ist unzulässig. Die spätere zweckmäßige 
Kriminalität des Erwachsenen ist die Folge der erwähnten allgemeinen seeli- 
schen Entwicklungstendenz, die die ursprünglichen, nach Lust und über- 




ibo Fratil Alnaiwlri 



haupt nach emotionalen Entspannungen strebenden seelischen Kräfte in den 
Dienst der Zweckmäßigkeit Kellt. Nuch dorn Grade, in dem diese Tendenz 
zur Wirkung kommt, können wir von normalen und psyc hopathischen Rechts- 
brechern sprechen. Für die letztere ( 1 1 nppe ist es wichtig, daß dieser Ratio- 
nalisierungsvorgang unvollkommen l> I «• 1 1 > t , d.iM diese \Iciim hen, ähnlich wie 
die Psychoneurotiker, die urspriinglichen Tendenzen der Kindheit in einer 
unmodifuieriiti Form beibehalten, Die diagnostische Aufgabe der seelischen 
Hygiene ist zunächst, die Abgrenzung dieser beiden Arien von Tätern durch- 
zuführen. Selbstverständlich kann diese Abgrenzung mit Sicherheit erst bei 
den halbwüchsigen Kriminellen durchgeführt werden; bei den kindlichen 
Tätern ist eine solche Unterscheidung noch sehr schwierig und bei den 
Handlungen des ganz kleinen Kindes unmöglich, weil bei diesem das Zweck- 
mäßigkeitsprinzip noch keine Holle spielt. Diese l'ntei »cheiduilg ist prak- 
tisch von entscheidender Bedeutung, weil von ihr die Maßnahmen 
abhängig sind, die man gegenüber den beiden Arten von Talern zu ergreifen hat. 
Wenn wir auch hier auf die feineren pathologischen Kin/elme. hanismen, 
die die Grundlage des gestörten Zusammenwirken» von I 'rtcilsfunktion und 
Triebansprüchen bilden, nicht einzugehen brauchen, so verdient die Frage 
der diagnostischen Abgrenzung der um m.ilen und der pathologischen Rechts- 
brecher eine eingehendere Würdigung I. Ii glaube überhaupt, .laß diese dia- 
gnostische Abgrenzung eine der praktisch wichtigsten Aufgaben des Psych- 
iaters in der Ki iminologie darstellt. Ich kenne nicht die geschichtliche Rolle 

des GflriflbtSpsY. :hi ,-, in ,|, ■„ \e.emi(-tc, Staaten, und so weiß ich nicht, 

ob man auch hier in demselben Maße von einem \ erregen der forensischen 
Medizin sprechen kann, wie in Bniopi. Wie die Medizin vor Freud bei 
der Hysterie versagte, bei dieser kapriziösen Krankheit, die sich gleichsam 
über gewisse medizinische Vorurteile lustig machte, so versagte die foren- 
sische Medizin bei de., p \. h..|...i h ,-., |,, ■ ,, l.ucn, bei der großen Gruppe 
der sogenannten Grenzzustände zwischen Gefundhalt und Krankheit. V\ u- 
die Hysterie in die medizinischen Dogmen nicht hineinpaßte, so passen die 
psychopathischen Persünlii hkeiten weder m die Paeagiaphen des Gesetzes 
noch in die wohlbekannten diagnostischen < iiuppen der l\\ < hiatrie hinein. 
Die deskriptive Psy« hiatrie kennt allerding» schon lange diOM pathologi- 
schen Persönlichkeiten, die so häutig mit den bestehenden Gesetzen in Wider- 
spruch geraten und beschreibt sie unter verschiedenen Namen I leute werden 
sie meistens psychopathische Personli« hkeiten genannt, ein Hegrill, der sich mit 
dem psychoanalytischen Megiilf des neurotis< hen oder triebheften Charakters 
dedB. Ei sind Men». hen, Im die /unlohfl Btwaj Negatives charakteristisch 



P*yo»>*o>« Hygiene urnl Kriminalität 



ist, nämlich, daß sie in keine bestimmte Krankheitsgruppe der Neurosen 
oder der Psychosen einzureihen sind und die doch unzweideutig als psychisch 
krank erscheinen. Sie werden von dem Psychiater nicht so sehr mit Hilfe der 
Kenntnis der Für sie charakteristischen pathologischen Seelenvorgänge, sondern 
mehr intuitiv durch den psychiatrisch geübten Blick diagnostisch erkannt. 
Die verschiedenen Psychiater erwähnen viele Untergruppen. So spricht Krae- 
pelin von den Verschwendern, Wanderern, Dipsomanen, Spielern, Bleuler 
von den Erregbaren, Haltlosen, Verschrobenen und von den Gesellschafts- 
feinden [12]. Früher verwendete man gern für diese Menschen den Aus- 
druck „moral insanity". Uas gemeinsame Merkmal dieser scheinbar nicht 
sehr eng zusammengehörenden Typen ist neben dem bereits erwähnten Nega- 
tivum (nämlich daß sie keine eindeutige psychiatrische Diagnose zulassen) 
die wohlerhaltene Intelligenz. Das Krankhafte betrifft nur das Affektleben 
und das Handeln dieser Menschen. Daher die Ausdrücke: moralische Im- 
bezillität, Affektidiotie usw. Sie handeln unvernünftig, als ob ihr Intellekt 
gestört wäre. Die nähere Untersuchung zeigt aber, daß die intellektuellen 
Funktionen oft eher hypernormal als hyponormal sind. Neuerdings neigt 
man in der Psychiatrie dazu, diese Krankheiten als abortive oder beginnende 
Psychosen und Neurosen aufzufassen, weil bei ihnen oft hysterische, epilep- 
tische, schizophrene oder manisch-depressive Züge aufzufinden sind. Nach 
dieser Auffassung wären sie Übergangs- oder Anfangsformen der ausgespro- 
chenen Neurosen und Psychosen. Für diese Auffassung würde am meisten 
das gemischte Auftreten von epileptischen Anfällen, epileptischen Charakter- 
zügen und epileptischen Äquivalenten sprechen. Manche kriminelle Hand- 
lungen, in epileptischen Dämmerzuständen ausgeführt, lassen sich tatsächlich 
als „Äquivalente" der großen Anfälle auffassen. 

Nach Muster des epileptischen Charakters entstanden dann die Bezeichnun- 
gen hysterischer, zyklothymer, schizophrener, schizoider usw. Charakter. Der 
so in Mißkredit geratene Begriff „moral insanity" wurde durch diese mehr 
wissenschaftlich klingenden Ausdrücke abgelöst. Ich glaube jedoch nicht, 
daß durch das Ankleben de* exakt klingenden „thyms" oder „oids" die 
Schwierigkeiten der Diagnose aufgehoben werden. Was zu einer exakten 
Diagnose nötig ist, ist die eingehende Kenntnis jener Seelenvorgänge, welche 
für diese Menschen charakteristisch sind. Nur die wichtigsten diagnostischen 
Merkmale, die schon mit Hilfe einer relativ kurzen psychoanalytischen Ex- 
ploration eindeutig feststellbar sind, sollen hier angeführt werden. 

Wie schon früher erwähnt, verraten die Handlungen dieser Menschen 
einen deutlich irrationalen Zug, der allerdings manchmal durch eine 

ImtfoXVII. 11 



,6 a Finne Alriandrr 



dünne Schicht von dynamisch unwirksamen Nationalisierungen verdeckt sein 
mag, *o zum Beispiel bei Kleptomanen durch einen sich und der Umwelt 
vorgetäuschten wirtschaftlichen Zweck, bei sadistischen Gewnlthandlungen 
durch Zumischung von scheinbar rationellen Motiven der Rache, Ver- 
geltung oder eigennütziger Zwecke. 

Das zweite diagnostische Merkmal ist die Stereotypie der Hand- 
lungen. 

Und endlich das dritte Merkmal ist das Vorhandensein des seelischen 
Konfliktes, welcher sich nicht immer in bewuüter Heue und in dem Ent- 
schluß, nach begangener Tat ein neues lieben zu beginnen, äußert, sondern 
oft nur in unbewußten ßewissensreaktionen. Diese unbewußten Gewissens- 
reaktionen verraten sich dem tiefenpsychologisch geschulten Hlick durch die 
gegen das eigene Interesse gerichteten Selbstbestrafungstendenzen, die häufig 
zur Selbstanzeige führen, oder durch scheinbar unwillkürliche Handlungen, 
die den Täter der Polizei zuführen 

Die Trias Irrationalität. Stereotypie und seelischer Konflikt sind 
die immer vorhandenen klinischen Merkmale der psychopathischen Täter. 
Alle drei sind der Ausdruck derselben seelisch dynamischen und -topischen 
Situation. Die Handlungen mit her Mens« hm sind nämlich in höherem Grade 
unbewußten triebhaften Motiven und in kleinerem Grade den bewußten 
Urteilsfunktionen des Ichs unterworfen. Dadurch kommt der irrationale trieb- 
hafte Charakter der Handlungen zustande. Die Stereotypie ist eine andere 
Folge derselben seelischen Umstände. Dir triebhalten Handlungen setzen sich 
immer in derselben Weise durch, weil diese Menschen aus den schlechten 
Erfahrungen der Vergangenheit nicht» lernen und aul die jeweiligen Ge- 
gebenheiten der Gegenwart gerade wegen der Unwirksamkeit der logischen 
Urteilsfunktionen keine Rücksicht nehmen Der »inbewußte Triebanspruch 
setzt sich ohne Rücksicht aul die Erfahrungen der Vergangenheit und auf 
die gegenwärtige Situation blindlings durch, und zwar immer in derselben 
Form. Diese beiden Merkmale, die Irrationalität und die Stereotypie der 
Handlungen, bringen in das lachen dieser Menschen den dämonischen, schick- 
salhaften Zug hinein, den Freud vor Jahren beschrieben hat [ij]. 

Das dritte Merkmal, der seelische Konflikt, ist ehenialls der Ausdruck der- 
selben topisch-dynamischen Situation. Das Ich, in seinen logischen, morali- 
schen und ästhetischen Urteilsfunktionen meistens wohl erhalten, wird durch 
die triebhaften Handlungen vor ein fml airomph gestellt. Die- Reue, die Ver- 
urteilung der Tat, kommt zu spät. Aber auch in Fallen, in denen eine bewußte 
Verurteilung der eigenen Handlungen fehlt. Imdet schon eine oberflächliche 



I\v ilimlir Hygiene unJ Kriminalität l63 

psychoanalytische Untersuchung die unbewußten Äußerungen der Verurtei- 
lung: die erwähnten selbstschädigenden Tendenzen. Das Rätsel, daß Menschen 
mit gut erhaltener Intelligenz sich irrational verhalten, mit oft sympathischen 
sozialen, ja moralischen Zügen und trotz immer wieder gefaßter guter Vor- 
sätze fast zwanghaft kriminell handeln, erhält in dieser Beleuchtung seine 
psychologisch-dynamische Aufklärung. Der rätselhafte Charakter der früher 
unter „moral insanity" gekannten Gruppe wird uns damit verständlich. Wir 
verstehen auch, warum diese Menschen ihre Umgebung immer wieder irre- 
führen, warum die Angehörigen trotz schlechter Erfahrungen immer wieder 
geneigt sind, ihnen zu glauben. Wir hören, wenn wir als Ärzte in solchen Fällen 
konsultiert werden, von den Bekannten, von Familienmitgliedern dasselbe 
wie von den Zeugen, wenn wir als Sachverständige vor das Gericht geladen 
werden, und zwar, daß der Kranke, beziehungsweise der Täter sonst ein 
intelligenter, oft sogar begabter, angenehmer, allgemein beliebter Mensch 
ist, der, wie von einem bösen Geist getrieben, von Zeit zu Zeit seinem 
Charakter so widersprechende Handlungen begeht. Die Staatsanwälte hören 
diesen in den Gerichtssälen fast täglich verlautenden volkstümlichen Aus- 
druck „vom bösen Geist befallen - mit großem Widerwillen und betrachten 
ihn als abergläubisches Ammenmärchen oder als faule Ausrede. Aber leider 
auch der psychiatrische Sachverstandige, dem tiefenpsychologische Kennt- 
nisse fast immer fehlen, wenn er keine ihm geläufigen diagnostischen Merk- 
male der Psychiatrie vorfindet, und auch die angestellte Intelligenzprüfung 
keine Debilität verrat, ist nur zu geneigt, ähnlich wie der Staatsanwalt, das 
Krankhafte zu übersehen oder wenigstens zu unterschätzen. Wie so häufig, 
gibt auch in diesem Falle die wissenschaftliche Erkenntnis der intuitiven 
Volksweisheit Recht: hinter dem Ammenmärchen von dem bösen Dämon 
steckt eine wahre Beobachtung; der böse Geist ist das bei diesen Fällen so 
wirksame, zwanghaft sich durchsetzende Unbewußte. 

Die Handlungen dieser Menschen, die mehr oder weniger zwanghaften 
Charakter haben, lassen sich als Äquivalente von psychoneurotischen Sym- 
ptomen auffassen, weil sie so wie die letzteren aus unbewußten Motiven 
entstehen. Der einzige Unterschied gegenüber den neurotischen Symptomen 
ist, daß diese aus unbewußten Impulsen entstehenden Handlungen eben 
vollwertige Handlungen sind. Das neurotische Symptom hat nur eine 
subjektive Bedeutung, ist für die Umgebung manchmal zwar lästig, jedoch 
ungefährlich, weil es nicht imstande ist, wie eine Handlung in der Außen- 
welt Veränderungen hervorzurufen. Ich habe vorgeschlagen, dieses trieb- 
hafte Handeln im Gegensatz zum neurotischen Symptom als neurotisches 



■M 



Frau* Alrsamlrr 



Agieren abzugrenzen [14]. Für das n. im. tische Agioren ist die angeführte 
Trias der Irrationalit.il, der Stereot y I> » <* >"'<• de. Konflikte« ebenso 
charakteristisch wie für das neurotische Symptom, nur kommt noch ein 
viertes Merkmal hinzu, nämlich daü das neurotische Agieren eine voll- 
wertige Handlung darstellt, die für die Umwelt bedeutungsvoll ist, sogar 
gefährlich werden kann. 

Di.se Kiniirhten sind nicht nur Im die diagnostische Abgrenzung der 
psychoneurotischen Rechtsbrecher wichtig, sondern auch für die Auswahl 
der gegen sie zu ergreifenden Maunahmen. Wahrend auf normale Rechts- 
brecher, bei denen die Handlungen aus bewußten Überlegungen entspringen, 
Strafen und Strafandrohungen abschreckend wirken mögen, haben die Straf- 
maßnahmen auf neurotisch« Täter eine geradezu entgegengesetzte Wirkung. 
Das neurotische Agieren zu hemmen sind die Strafen nicht imstande, weil 
sie ja ein anderes System der l»er»önli. hkeit, nämlich das bewußte Ich be- 
treffen und keinen Zugang zum üabowttfitSD haben . Wegen des immer vor- 
handenen Strafbedürfnisses, das in den erwähnten, gegen das eigene Selbst 
gerichteten Tendenzen zum Ausdruck kommt, haben die Strafandrohungen 
sogar eine verlockende Wirkung, die Tat zu begehen. Die erlittenen Strafen 
sind, wie ich das in mehreren Arbeiten eingehend dargestellt habe, dazu ge- 
eignet, die moralischen Hemmungen dieser Mens« heu abzubauen, das Schuld- 
bewußtsein zu verringern und die Begehung von neuen Strähnten zu begün- 
stigen [lj\. Daraus erklärt sich die gernde/u halsstarrige Rüi klallsneigung 
bei dieser Gruppe der Rechtsbrecher. Auch die Änderung des Milieus ver- 
fehlt hier ihre Wirkung. Kür diese Menschen ist )a gerade die paradoxe 
Reaktion bezeichnend. Die Verbesserung der äußeren Lebensumstände, um- 
gekehrt wie die Strafen, vergrößert die Schuldgefühle, verstärkt das Straf- 
bedürfnis, und wir sehen das tragische Schauspiel, daß diese Menschen ge- 
rade nach Besserung ihrer Lebensumstände, durch einen selbst zerstörenden 
Drang nach unten getrieben, wie von einer magischen Anziehung zum Ge- 
fängnis hypnotisiert, wieder neue Straftaten begehen. 

Aber auch die Krmittlung des objektiven Tatbestandes durch das Verhör 
muß der psychischen Natur dieser Menschen angepaßt werden. Sie sind zwar 
häufig, fast immer geständig — der (iest.mdim/wang ist ja eine charak- 
teristische Äußerung des Strafbedui Inisses — abei ihr < iesiandnis ist ander« zu 
bewerten als das von normalen Menschen. Wenn sie sil b einerseits gern mehr 
belasten alt objektiv gere« l.tlertigt, verschweigen sie oft geringfügig« Neben- 
sächlichkeiten, die für sie eine snb|cklive (','beihedeutiing haben. Der tiefen- 
psychologisch nichtgeschulto Untersuchung« " hi. •■ sieht in diesen partiellen 



P»ydu»dif Hygicnr und Kiiriiin.ilit.it jb5 



Unterlassungen und im Leugnen das Zeichen eines bewußt-raffinierten Lügens. 
Oft dichten sie auch ihren Geständnissen manches hinzu, weil die Tat einen 
unbewußten Triebanspruch befriedigen soll, aber in der Wirklichkeit nicht 
immer so ausgefallen ist, daß sie diesem unbewußten Bedürfnis voll entspräche. 

So hat der jugendliche Doppelmörder Friedländer, den ich vor kurzem 
begutachtet habe, zwei Geständnisse abgelegt, von denen das zweite falsch 
war und ihn eher noch mehr belastet hatte. Er hatte bei einem Wort- 
wechsel seinen Bruder und seinen Freund erschossen, erst den Bruder und 
nachher den Freund. Nach seinem falschen Geständnis jedoch hätte er zu- 
erst den Freund und erst nachher den dazwischentretenden Bruder erschossen. 
Dieses Geständnis hat sicherlich keine entlastende Veränderung des Tat- 
bestandes bedeutet. Die analytische Untersuchung zeigte, daß bei diesem 
Doppelmord zwei widerstrebende Triebströmungen wirksam waren, ein männ- 
lich aktiver und ein passiver femininer Anspruch. In dem Bruder hatte er 
den stärkeren Rivalen erschossen; den Freund hatte er wegen der Stellung, 
die dieser bei seinem Bruder einnahm, beneidet, weil er seinen Bruder zwar 
bewußt haßte, aber gleichzeitig im Unbewußten weiblich homosexuell liebte. 
Aus diesem femininen Anspruch, aus femininer Eifersucht, hatte er den 
Freund des Brüden erschossen. Weil aber diese Eifersucht für den männ- 
lichen Stolz dieses krankhaft sich minderwertig fühlenden Jungen uner- 
träglich war, so wollte er dieses Motiv nicht wahrhaben und mußte es ver- 
drängen. Darum hatte er ein Geständnis konfabuliert, nach welchem er zu- 
erst den Freund erschossen hat, weil dieser angeblich über ein von ihm 
geliebtes Mädchen geringschätzige Bemerkungen gemacht haben sollte. Durch 
dieses Geständnis hatte er sich und der Welt an Stelle der weiblich-eifer- 
süchtigen Motive die männliche Eifersucht und Empörung vorgetäuscht [j/J. 

Am wesentlichsten wird aber durch die Kenntnis der unbewußten Mecha- 
nismen die gesamte Leitung des Verhörs betroffen. Bei solchen Fällen ist 
das hartnäckige Drängen des Richters, den Täter zur Preisgabe seiner Motive 
zu veranlassen, geradezu unsinnig. Wenn der psychopathische Täter der Wahr- 
heit gemäß behauptet, seine Motive nicht zu kennen, so glaubt ihm dies kein 
Mensch. Wenn er aber dem Druck der Untersuchungspersonen folgt und für 
seine Taten irgendwelche nebensächliche, eventuell tatsächlich beigemischte 
rationelle Motive zugibt, »o erscheint das auch unglaubwürdig, weil ja diese 
bewußten rationellen Motive in keinem dynamischen Verhältnis zu der Tat 
stehen. So müssen also, wo keine zureichenden bewußten rationellen Motive 
vorhanden sind, solche konstruiert werden. Von solchen Konstruktionen machen 
Richter und Staatsanwälte leider nur zu oft in extremster Weise Gebrauch. Oft 



,Mi Franc Almnilif 



sind diese Rationalisierungen dem Tater auch dann willkommen, wenn sie 
ihn mehr belasten, weil rr ].i seine unbewußten Motive auch vor sich selbst 
verheimlichen möchte. 

Die diagnostische Abgrenzung der psychopathn. hm von normalen Tätern 
ist der erste Schritt, dem dann die verschiedenen, von der Diagnose abhän- 
gigen Maünahmen folgen. Die psychopathiii :hen Tater gehören der Therapie. 
Das Ziel der ärztlichen Behandlung ist bei diesen Füllen ein ahnliches wie 
bei den Psychoneurotikern: die unbewußten Moiiw hewußt zu machen, und 
zwar in diesen Fallen die Motive von Handlungen und nicht von Symptomen. 
Durch die Bewußtmachung der Motive wird die Herrschaft des bewußten 
Ichs, das in seinen Urteilsfunktionen bei diesen lallen meistens intakt ist, 
auf die unbewußten Anteile der Persönlichkeit ausgedehnt. Der Zusammen- 
hang der ürteilsfunktion des Ichs mit den Triebunsprüchen wird durch die 
psychoanalytische Kur hergestellt. Erst nach dieser Ausdehnung der Herr- 
schaft des bewußten Ichs iiber das Triebleben kann man eine He herrschung 
der kriminellen Impulse erwarten und die Bucklälligkeit verhüten. 

Die Aussichten der Psychoanalyse bei dem psychopathisr.hen Verbrecher 
sind im allgemeinen gut, weil ja nur das Zusammenwirken des bewußten 
Ichs und des Trieblebens gestört ist. Ober die nähere Art dieser Störung ver- 
weise ich auf Publikationen in der psy. hoanahti*« h. n Literatur [>, 6, o, /^] % 

Ein wesentlicher Unterschied /.wischen der psychoanalytischen Behandlung 
der Kriminellen und den Neurosen Behandlungen besteht darin, daß in den 
meisten kriminellen Fallen wenigstens für die erste Zeit der llehandlung die 
Internierung nötig sein wird. Die große praktisch.- \ulgahe der seelischen 
Hygiene ist die Aulstellung von geeigneten Institutionen, in denen solche Cha- 
rakteranalysen in großer Anzahl ausgeführt werden können. Frst nach der Hin- 
richtung von solchen Instituten wird die Psychiatrie die therapeutische Lei- 
stungsfähigkeit der Psychoanalyse beurteilen können. Nur so kann die heute 
noch oft bezweifelte Behauptung der Psychoanalyse zum Allgemeingut der 
Medizin werden, daß eine tiefgreifende Änderung des menschlichen Charak- 
ters und des Verhallens im Leben besonders bei Erwachsenen durch Maß- 
nahmen, wie erzieherische Eingriffe oder Milieuwechsel, nicht erreicht werden 
kann, nur durch eine gründliche, über viele Monate sich erstreckende ana- 
lytische Behandlung. 

Selbstverständlich wird man bei der diagnostischen Abgrenzung der nor- 
malen von den seelisch kranken Bechtshrerheni in der letzten Cruppe noch 
andere Formen von kranken Persönlichkeiten vurhnden uls die hier beschrie- 
benen psychoneurotischen Delinquenten, wenn auch diese zweifelsohne die 



FivvlimliC Hygicoc un.l Kriminalität ifo^ 



Mehrzahl bilden. Die Debilen und die an echten Psychosen Erkrankten 
bieten jedoch der Diagnose keine Schwierigkeiten. Diese werden von der 
deskriptiven Psychiatrie mit großer Sicherheit erfaßt. Ihre Behandlung steht 
heute noch im Anfangsstadium. Viel mehr als eine Internierung unter gün- 
stigen hygienischen Bedingungen bedeutet ihre heutige Therapie nicht. Wie 
groß auch das wissenschaftliche Forschungsinteresse für diese Fälle sein mag, 
ihre praktische Bedeutung ist wegen ihrer kleinen Zahl relativ gering. 

Natürlich bieten auch die normalen Rechtsbrecher eine nicht hoch genug 
einzuschätzende Aufgabe für die seelische Hygiene. Nur scheinen mir die prak- 
tischen Schwierigkeiten auf diesem Gebiete viel größer zu sein als bei den 
Psychopathen. Da wir die Kriminalität der normalen Rechtsbrecher vor- 
nehmlich als eine Reaktion auf ihre Lebensumstände auffassen, so liegen 
die hier zu ergreifenden Verhütungsmaßnahmen vornehmlich auf dem Gebiete 
der Sozialpolitik und der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse eines 
Landes. Besonders die Änderungen der letzteren liegen von dem Tätigkeits- 
feld des Arztes und des Psychologen weit entfernt. Jede Maßnahme, die 
hier den sozialen Gesichtspunkt außer acht läßt, ist nur von geringer prak- 
tischer Bedeutung. Selbstverständlich kann auch bei diesem Problem die 
psychologische Seite nicht außer acht gelassen werden. Wenn wir auch in 
interessanten Statistiken lesen, daß ein gewisses Viertel einer Stadt einen 
unverhältnismäßig hohen Prozentsatz von Kriminellen liefert, so müssen wir 
doch bedenken, daß doch nicht alle Einwohner dieses Viertels kriminell 
werden. Die Wirkung des Milieus erfolgt nach einer Auswahl. Auch die 
Kriminalität der Normalen ist. wie bereits früher schon hervorgehoben, ein 
Endergebnis de« Zusammenwirkens von Milieu und Charakter. Wie alle 
wissenschaftlichen Unterscheidungen ist auch die Abgrenzung von normalen 
und pathologischen Kriminellen nur eine quantitative. Vom normalen Rechts- 
brecher möchte ich bei solchen Menschen sprechen, die in ihrem seelischen 
Aufbau den andern normalen, nicht kriminellen Menschen in den wich- 
tigsten Zügen ähnlich sind und deren Kriminalität hauptsächlich die Folge 
der Lebenssituation ist. vom pathologischen Rechtsbrecher bei solchen Menschen, 
deren Konstitution und Kindheitsentwicklung Charaktereigenschaften hervor- 
brachten, die an und für sich zum Rechtsbruch disponieren. 

Es ist selbstverständlich, daß der Psychologe und der Therapeut über 
Probleme, die den Menschen selbst und nicht seine sozialen Verhältnisse 
betreffen, eher Bescheid weiß und daß seine Kompetenz bei der soziologischen 
Seite der Problematik aufhört. Doch einen neuartigen Gesichtspunkt scheint 
mir die Psychoanalyse auch für die soziale Problematik zu liefern. 



,(,S Kians AU »«nJ»r 



Man kann iich all Psychoanalytiker, der menschliche Schicksale in allen 
Kinzelheiten und Verknüpfungen vrrfolft, des Kindrucks nicht erwehren, 
daß die Ursachen der Konflikte — oder noch allgemeiner ausgedrückt — 
der menschlichen ÜMUfriedcnheil unter dem seelisi ' n Mikroskop der psycho- 
analytischen Technik sich anders aufnehmen, als man sich das gewöhnlich 
vorstellt. Ich will nicht die von den Marxisten so einseitig üherstreckte Be- 
deutung der wiitsi h.iltlii In ii I ..ige unterschätzen, ihre Bedeutsamkeit entgeht 
dem Psychoanalytiker sicherlich nicht. Man sieht jedix Ii bei Menschen 
verschiedenster soziairr Schichten, Berufe und wirtschaftlicher 1-age die 
nämlichen Konflikte auftreten, die einer toll hen Störung der Libidoöko- 
nomie zuzuich reihen sind, die alle Menschen, wenn auch nicht gleich, doch 
sehr ähnlich betrifft Noch mehr tum Denken veranlaßt uns der Umstand, 
daß wir diese Störung dei l.ihidnnknnnmie, wenn .im Ii in einem quantitativ 
kleineren (Irade, mich bei unseren gefunden Analvsamleii ( I .ehranalysen) 
vorfinden und nicht nur bei dem Psvrhnneutotiker. Wir müssen zugeben, 
daß eine gewisse Unzufriedenheit für den in der Kultur lebenden Menschen 
überhaupt charakteristisch ist, und daß diese Unzufriedenheit — von Freud 
neuerdings „Unbehagen in der Kultur" genannt — relativ unabhängig von 
seelischer Erkrankung, wie auch von der sozialen l>«ge ist [l6]. Sie ist der 
Ausdruck einer Störung in der l.ihidoükouomie, die das gesellschaftlich« 
Zusammenleben schlechthin bedingt. Diese Schwierigkeil in dem Libido- 
haushält, die das soziale Leben verursacht, scheint aber in gewissen 'Zeiten 
der geschichtlichen Kniwicklung zu Itcigen. Parallel mit dem früher be- 
schriebenen Hationalisierungsprozcß im gesellst huitlii hen leben, der den 
menschlichen Beschäftigungen und sozialen Betätigungen ihren spielerischen, 
irrationalen, nach Lust strebenden, kür/, ihren libidmoseii Befricdigungs- 
. haraktei /.ugunsten dei /.wei i. i ■ i .. 1 1 . : - k . 1 1 niuiinl rntst« hl l Ina I kbidOftmUVCC«, 
die nach neuen Ventilen sin In Dieser Vorgang, der in der steigenden 
Uerrs« hafl des /.wei :km,ißigkeitsprin/ipi und in der Ahnahme des Lust- 
prinzips besteht, ist, wie bereits früher angedeutet, sowohl für die indivi- 
duelle Kntwicklung des Menschen voiu Kinde /um Krwa« hsenen, wie für 
die Entwicklung der tsTHt1ntTI Kultureinheiten < harokteristiscli. Wir das 
kindliche Denken seinen luslvull antistui hen Uhurakter allmählich verliert 
und dem realitntsangcpaßten, logischen Denken weil hen muß. und wie das 
Handeln des Kindes aus dem unkoniduin ii< n, spielerischen, nach Lust 
strebenden Zustand zum kontrollierten, zwei kinaßigen Handeln wird, ahnlich 
scheint auch in der Kultur eine fortschreitende Knterotisi erung der 
sozialen Tätigkeiten vor sich zu gehen. I nsere technische Wirtschaftsform 



P*ycnudic Hygiene um! Kriminalität ,6« 

und Zivilisation zeigt diese Rationalisierung der Berufstätigkeiten in einem 
bisher noch nie erreichten Maße. Ich glaube, daß ich gerade in diesem 
I.ande nicht viel Worte zu verlieren brauche, um diesen Vorgang zu charak- 
terisieren. Die Herrschaft der Maschine über den Menschen kommt deutlich 
zum Ausdruck. Die Aufteilung der produktiven Arbeit in für sich sinnlose, 
der maschinellen Leistung untergeordnete Einzelleistungen nimmt der be- 
ruflichen Tätigkeit fast jede erotische Abfuhrmöglichkeit. Diese Aufteilung 
und zweckmäßige Organisierung der Arbeit ist keinesfalls nur in dem be- 
rühmten Fordschen System enthalten, sie ist überhaupt charakteristisch für 
die heutige Lebensform, ebenso für die Fabrikarbeit wie für den wissen- 
schaftlichen Betrieb in den Laboratorien. Große Wirtschaftsorganisationen 
treten an die Stelle der vielen kleinen individuellen Unternehmungen, und 
der größte Teil der Menschen wird zum Angestellten, d. h. zu einem 
mechanischen Bestandteil eines Gesamtkörpers. Der Leistung des einzelnen 
geht damit zwangsmäßig jeder narzißtische und objekt-erotische Befriedigungs- 
wert verloren. Die produktive Arbeit wird von einer individualistischen zu 
einer kollektiven Angelegenheit, wird in steigendem Maße automatisch und 
enterotisiert. 

Wer den ungeheuren, wenn auch nur sublimiert erotischen Befriedigungs- 
wert der landwirtschaftlichen Betätigung des Bauern aus den psychoanaly- 
tischen Forschungen kennt, der wird die Gefährlichkeit des russischen 
Experimentes erst richtig verstehen, das durch plötzliche Kollektivierung 
der Erdarbeit (fünf Jahre!) diesen libidinösen Faktor zerstört, ohne der so 
gestauten Libido gleichzeitig andere Abfuhrmöglichkeiten zu bieten. Ein 
solcher artifizieller, plötzlicher Eingriff in die soziale Entwicklung scheint 
uns ein gewagtes Experiment zu sein, dessen Ausgang niemand voraus- 
zusagen vermag. Wieweit die Bussen mit dem psychologischen (libidinösen) 
Faktor gerechnet haben, entzieht sich jedoch meiner Beurteilung. 

Die spontane Entwicklung in der Kultur findet jedoch durch intuitiv 
tastende Versuche neue Ventile für die gestauten Libidomengen, die die 
steigende Verzweckmäßigung und Enterotisierung der sozialen Tätigkeiten 
mit sich bringt. Man kann von dem Standpunkt der Gesellschaft aus diese 
Automatisierung und Enterotisierung der sozialen Tätigkeiten keinesfalls für 
nachteilig halten. Wir haben ja die Parallelerscheinung in der Biologie. 
Der größte Teil unserer Organfunktionen geschieht ja auch automatisch 
und gerade die regressive, übermäßige Wiedererotisierung dieser Funktionen 
ist uns als Krankheit, und zwar als Organneurose und Konversionssymptom 
bekannt. Die Frage ist nur die, wie «ich der Mensch der heutigen Zivili 



,_ IOH Alriamlrr 

sation Ventile für die allgemeine überindividuelle I ibidostauung schaffen soll. 
Um so größer ericheint die Schwierigkeit der Libidoentlastung, weil 
gleichzeitig mit dem Rationalwerden der beruflichen Seite dei Lebens auch 
das private Leben det heutigen Kulturmenschen, nämlich die Khe. in stei- 
gendem Maße ihre Bedeutung für l.ibiduabluhi verliert. Mit der sozialen 
Emanzipierung der Frau — die ja soviel bedeutet, daß die Gesellschaft auch 
einen Teil der weiblichen Libido in den DU»! ihrer Interessen stellt — 
verarmt die Khe als Stalte der l.ibidoahluhi 

Line Reihe von charakteristischen Erscheinungen der heutigen Zivili- 
sation können als solche großangelegte intuitive Versuche aufgefaßt werden, 
der Libidostauung neue Abfuhrwege zu verschaffen. So wie das Phantasie- 
leben des einzelnen Krsatz für die reale Versagung bietet, schafft sich die 
Gesellst haft Statten der IMiantasiehelriedigung der Massen. Die Technik, die 
so viel Libidoabfuhr den Menschen geraul.i h«t, bietet auch vielfältigen 
Ersatz für diesen Raub. Die min horte Entwicklung der Filmindustrie z\x 
einer der machtigsten Weltindustrien steht vielleicht an erster Stelle dieser 
Libidoventile Alles, w.i» da» leben vei%agi. Iindei der /»unsozialen Maschinen- 
teil degradierte Mensch auf der Leinwand wicdei Der große Erfolg der 
historischen Filme, der Abenteurer- und Krimuuilhlmr ist darin zu suchen. 
Seinen ganzen verlorenen Individualismus kann der Mensch im Kino, wenn 
auch nur phantastisch und für kurve /Vit. aber |eden Tag wieder erleben. 
Die große Verlogenheit unserer Drehhui Iki Imdet hier seine Erklärung. 
Der Film muß mit der Illusion des Realismus verlogen sein. d. h. eine 
unwahre Bealität vorlügen, weil das Leben zu armselig geworden ist. 

Auch andere große Industrien sielun im Dienste vollständig unzweck- 
mäßiger, in das früheste kindliche Dasein /nun kgreilender Lustmechanismen, 
wie z. B. die Tabak- und Kaugummi Industrie. Die Hohe der Kapitalsuuuuen, 
die in diesen irrationalen, rein den infantilen Lustbestrebungtn dienenden 
Industrien gewiunbi ingend kttVMtlta I »nid. muß |eden psychologisch denkenden 
Nationalökonomen über die mächtige dynamische Rolle dei unzweckmäßigen 
Lustbestrebungen im menschlichen Seelenleben aulkl.m n Es ist zu erwarten, 
daß mit der fortschreitenden Organisation des sozialen l^bens der Massen- 
anspruch auf solche Libidoventile nur steigen wiid. und jene Kapitalisten, 
die ihr Geld in den Dienst der mlaniilen irrationalen Triebansprüche 
stellen, weiter gute Geschäfte machen werden. Die steigende Organisation 
der Gesellschaft zwingt den Menschen in höherem Maße zu einem Er- 
wachsenen-Dasein, als er fähig ist es zu leben, und laßt leine kindlichen 
Ansprüche über Gehuhr zu kurz kommen. 



Pij .l.i K&e Hygiene und Kriminalität l ^ 1 

Aber auch die großen Masjenveranstaltungen auf dem Gebiete des Sports 
gehören derselben Form der Libidoentlastung an. Ein Stück Vergangenheit, 
der römische Zirkus, wiederholt sich in diesen Erscheinungen, und wir 
erinnern uns an den Spruch bei Juvenal: Panem et circenses. Cäsar hatte 
die soziale Bedeutung des römischen Zirkus erfaßt und diesen planmäßig 
entwickelt. Er sah darin eine große Entlastungsmöglichkeit aus der inneren 
Bedrängnis, in die die Mitglieder einer überorganisierten Gesellschaft zwangs- 
läufig geraten. 

Es mag vielleicht scheinen, daß dieser Ausflug in die Massenpsychologie 
uns von unserem eigentlichen Thema abbringt. Ich glaube jedoch, daß die 
psychologische Untersuchung der allgemeinen menschlichen Unzufrieden- 
heit schließlich das Zentralproblem ebenso der Kriminalpsychologie, wie der 
Neurosenlehre betrifft. Die Unzufriedenheit ist ja der Ausdruck der Spannung 
zwischen subjektiven Bedürfnissen und ihren äußeren Befriedigungsmöglich- 
keiten. Der Fsychoneurotiker, ein friedfertigerer Menschentyp, schafft sich in 
seinem Symptom, der Psychotiker in seiner selbstgeschaffenen Phantasiewelt 
den Ersatz realer Befriedigungen und findet in dieser, für die Mitmenschen 
harmlosen Form, die Ausflucht aus der inneren Bedrängnis. Der Kriminelle — 
und dies gilt sowohl für den psychisch Gesunden wie für den psychopathischen 
Kriminellen — lehnt sich gewaltsam gegen die innere Unzufriedenheit auf 
und handelt. Die fortschreitende Enterotisierung und Automatisierung des 
sozialen Lebens in unserer technischen Zivilisation, indem sie Libidostau- 
ungen, also Unzufriedenheit verursacht, steigert die Bedingungen der Neurose 
wie der Kriminalität, wenn nicht gleichzeitig neue Abfuhrwege für die 
gestaute Libido geschaffen werden. 

Der Therapeut neigt dazu, in dem Konflikt zwischen subjektiven An- 
sprüchen und objektiven Gegebenheiten der Außenwelt den Menschen in 
seinem Triebleben ändern zu wollen und die Anpassung an die Umwelt 
zu fördern. In gewissen Perioden der Kulturentwicklung, wenn „das Un- 
behagen in der Kultur" nicht eine Einzelerscheinung der Neurotiker oder 
der Kriminellen ist. sondern sogar die anpassungsfähigen Menschen ergreift, 
erscheint die Frage berechtigt, ob es immer angezeigt ist, die Anpassung 
von dem Individuum zu fordern. Wenn eine große Anzahl von Menschen 
auf neue Lebensbedingungen, wenn auch nur mit der Abnahme des sub- 
jektiven Glücksgefühls reagiert, »o verschiebt sich die Aufgabe der Wissen- 
schaft immer mehr von der therapeutischen auf die hygienische Zielsetzung, 
d. h. nicht die Menschen, sondern die Verhältnisse, die Lebensbedingungen 
müssen kuriert werden. 



Frans AUb— Jf 

Ich glaube, daß dir wichtig!» Mriale Aufgabe drr seelischen Hygiene 
der Zukunft dir bewulite Mitwirkung i»t an Jen«... natürlichen Selbstheilungs- 
vorgang der Gesellschaft, der in tastende, Versm hen neue l.ibidoventile 
für die Manen findet. Den itaatsmännischen Instinkt einei Cäsar kann 
unsere horhorgani.ierte Kultur, dir dir Probleme drr allen Zivilisation in 
einer ungeheuren Verschärfung Nvir.lrrln.lt. nur durch hewuutc. auf wissen- 
schaftlichen Hinsichten brruhrndr MaUnahmrii ersetzen. Die Kenntnis des 
menschlichen Trieblebens und .Irr Ubldoökonomie kann allein die Grund- 
lage dieser wissenschaftlichen Keformbestrehungen sein. Dir psychische 
Hygiene, gleichviel ol. sie den ein/einen Menschen oder die gesellschaft- 
lichen Einrichtungen tu beeinflussen bestrebt ist. kann die tiefenpsycho- 
logischen Kenntnisse über den Aufbau der inensi hl., bell Pei -v.nlichkeit nicht 
entbehren. 

I . i l r r • I ti r 

i) Prankwood F.. Williams: Maßnahmen IUI Verhütung .Irr Siraffall.gkeit in 
Amerika. Sonderdruck aus „Bericht über die 4. Sachvcr.ta.uhgenknnfcrenx de, 
Deut.rheu Vereins nir Fürsorga für jugendliche Psychopathen •. V.«. Verlag 
Julius Springer, Berlin. 

2) William Hcaly, l'.d.th M. U. Hn y lor. Augu.la F. Dronnrr. J Prent icc Murphy: 
Reconitructing Behaviur in Ymith: A Study of Problem Children in loster Familie«. 
Alfred A. Knopf, New York. 

)) Bernard Glueck: Study of 608 Ad.n...ion. In Sing Sing Prison. Mental Hygiene, 
Vol. II, Nr. 1. 

4) A. A. Brill: Schiiophrenia and Psv. fcotiunpy. Tb ■ Ameru an Journal of Psyehiatry, 
Nr. 5, Nov. 1929. G. Zilboorg: Belüiophrenien nach Kntlnndungon. V/.fPtA. X\ . 
1939. 

j) Anna Freud: F.inuihruiig in die Technik .Irr Kinderanalyse. Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag, Leipxig, Wie.., /mich 19B7. 

6) Frant Alexander und Hugo Staub: Der Verbrecher und seine Richter. Inter- 
nationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien, S. 65. 

7 ) Lindner: Di« Auüerungen der infantilen Sexualität Zitiert nach Freud. Jahr- 
buch fiir Kinderheilkunde. N.l MV. ,K ., 

8) Geza Roheim: Heiliges Geld in Melanesien ftfPtA. IX. 1935- 

o; Frans Alexander: Knstration>k<>ui|.l. •» ...,.1 Charakter. 1/fPsA. VIII, 1918, S. i 5 6 

10) Siegfried Bernfeld: Psychologie de. Säugling.. 8. .y Verlag Julius Springer, 
Wien i<)3',. 

11) Otto Rank: Geneso der QwlfrHUt B/Pli. XI. "HV s 4T- ♦ •« 
ti) Kraepelin P v y< l.n....r lllruler Ldulllinh im I ■• bUtti» 

i)) S. Freud: Jen.eiU des Luitprinsips. (.e.. Schriften, Bd, VI 

,4) Frans Alexander: Der neun..... he Charakter. IZfPlä MV. .9.8. P.vcho.naly,,. 
der Gesamtpersonl.chkoit. Internationaler Psychoanalytischer Verlag. Wien l 9 % 7 . 



Psvdiüche Hygiene und Kriminalität 173 



If) Franx Alexander: Der Doppelmord eine« Neunzehnjährigen. Die Psychoana- 
lytische Bewegung, Jg. II (1950), Heft 1. 

16) S. Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag. Wien «950. 

l-j) August Aichhorn: Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorge- 
eniehung. Internationale Psychoanalytische Bibliothek XIX. Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag. Lcipiig. Wien, Zürich 1925. 


















üin besessener Autolaiirer 

Ein UM<MIO>IHIjFtiiriHI ( »ii««»litcn 

\.„ 

r ranz Alexnno er 

I) Allgemeine Vorbemerkungen 

Dies iit ein Versuch, im Bahmen eines psychoanalytischen Gutachtens, 
das ich vor dem Gericht erstattet habe, zu zeigen, wir sich dir Anwendung 
der Psychoanalyse in der kriminalistischen Praxis gestaltet. Der analytische 
Teil meiner Darstellung ist sicherlich dürftig, es handelt sich ja nicht um 
einen analysierten Kall, ic>n<lc-rn um die Ergebnisse einer relativ kurzen 
analytischen Exploration, die in dem Untersuchuiigsgel unguis in sieben je 
zwei Stunden dauernden Sitzungen erfolgte. Allerdings sind die Ziele einer 
solchen relativ kurzen psychoanalytischen Untersuchung andere als die einer 
Behandlung. Eine solche Untersuchung steht nicht im Dienste von thera- 
peutischen Absichten, sondern soll uns nur das psychologische Verständnis 
einer kriminellen Tat und des Täters vermitteln. Auch in der Behandlung 
ist es uns meistens möglich, schon nach relativ kur/er Zeit die Psycho- 
genese einer Neurose zu verstehen; die lange Dauer der Behandlung ist 
in unserer therapeutischen Zielsetzung begründet Eine solche psychoanalyti- 
sche Aufklärung einer kriminellen Tat hat besonders in jenen pathologi- 
schen Fällen ein besonderes praktisches Interesse, in welchen der Richter 
der Tat und dem Täter verständnislos gegenübersteht. 

Das sind die Handlungen solcher Menschen, die man neuerdings psycho- 
pathische Persönlichkeiten nennt. Da« sind (Iren/falle, die keine eindeutige 
psychiatrische Diagnose zulassen, Menschen ohne ausgesprochene neuroti- 
sche und psychotische Symptome, Das Krankhafte kommt in ihrer Lebens- 
weise zum Ausdruck, und oft gelingt es nur durch nähere l'ntersuchung. 



Ein be*e««rncr Autofahrer 



i 7 5 



sie als Kranke zu erkennen. Solche Fälle erfordern eine nähere Kenntnis 
der Persönlichkeit und man kommt mit der üblichen psychiatrischen De- 
skription, die ja hauptsächlich das äußere Verhalten berücksichtigt und des- 
halb nur lärmende Symptome exakt entdecken kann, nicht aus. Diese Fälle 
verursachen sowohl den Richtern wie den Psychiatern viel Kopfzerbrechen. 
Der Richter fühlt oft, daß es sich hier nicht um einen gewöhnlichen Ver- 
brecher handelt, fühlt auch, daß etwas Krankhaftes dahintersteckt und be- 
fragt deshalb den Psychiater. Die Antwort, die er von dem Gerichtsarzt 
erhält, ist meistens so nichtssagend, daß selbst die Richter es schon wissen, 
daß sie von dem Gerichtsarzt nicht mehr als eine unsicher klingende Diagnose 
erhalten werden, in der von einer mehr oder weniger eingeschränkten Zu- 
rechnungsfähigkeit die Rede ist. 

Die erste Aufgabe eines psychoanalytischen Gutachtens wäre also die 
Stellung einer exakten Diagnose, die kranke und nichtkranke Kriminelle 
scheidet. Man könnte meinen, damit ist auch die Aufgabe der Psychoanalyse 
im Gerichtssaal erschöpft. Wenn der Gerichtsarzt dem Richter ohne Zaudern 
sagen könnte, welche Tat als die Folge von pathologischen Seelenvorgängen 
anzusehen ist und welche nicht, 10 würde damit den praktischen Bedürf- 
nissen des Gerichtsverfahrens Genüge getan. Es wäre dann nur noch die 
sozialhygienische Frage zu lösen, was mit diesen pathologischen Kriminellen 
zu geschehen hat. Dem ist aber nicht so. Die Bestrebung der heutigen Justiz 
ist, — und in diesem einzigen Punkte kann ich einen gewissen Fortschritt 
in der sonst so konservativen Justiz sehen, — daß der Richter nicht nur zu 
dem objektiven Tatbestand, sondern auch zu den Motiven der Tat, also zu 
dem Täter Stellung nehmen soll. Der Richter muß — oder besser gesagt: 
will — die Tat psychologisch verstehen. Nun wissen wir am besten, daß 
es nicht zweierlei Psychologien gibt, eine Psychologie der pathologischen 
und eine der normalen Seelenvorgänge. Wenn der Richter also die Tat 
des psychopathischen Täters verstehen will, so braucht er dazu ebenso 
Psychologie, wie zum Verständnis der gewöhnlichen Tat. Nun ist aber 
eines der allgemeinsten Merkmale der Taten psychopathischer Verbrecher, 
daß sie unverständlich erscheinen und dem gesunden Menschenverstände 
keine zureichende rationelle Motivierung erkennen lassen. Diese Unver- 
ständlichkeit beruht darauf, daß die Handlungen solcher seelisch kranker 
Täter in viel höherem Maße unbewußten Motiven unterworfen sind, als 
die Handlungen von normalen Menschen. Ein solcher Täter selbst kann 
nicht die wirklichen Motive seiner Handlungen angeben. Wenn man ihn 
beim Verhör zwingt, Motive für seine Handlungen anzugeben, so muß er 



IJ* 



\ I. . Illllr 



oft solche erfinden oder ^cri ti^Hi^i^i- rationelle Beimischungen angeben, 
die aber nicht ausreichen, die Tat zu erklären. Um die Taten psycho- 
pathischer Persönlichkeiten zu verstehen, braucht der Richter die Psycho- 
analyse. Ich sehe also die Aufgabe eines psychoanalytischen Sachverständigen 
im Gerichtssaal heute darin, nicht nur eine Diagnose zu stellen, d. h. den 
Täter zu klassifizieren, sondern dem Richter zu helfen, die Tat zu verstehen. 
Es ist eine ganz besonders peinliche Aufgabe, zu einer Tat Stellung zu 
nehmen, die man nicht versteht. 

Ich kann das unerwartet große Interesse der Richter für die Anwendung 
der Psychoanalyse, das ich in der letzten Zeit Gelegenheit hatte zu beob- 
achten, nur aus dem richterlichen Gewissen erklären. Ich glaube, daß es 
kaum noch eine Beschäftigung gibt, die so geeignet ist, Gewissenskonflikte 
hervorzurufen, wie die, über das Schicksal seiner Mitmenschen zu ent- 
scheiden. Einen großen Teil der Einrichtungen im heutigen Gerichts- 
verfahren kann man nur aus der Flucht vor der Verantwortung des Richters 
erklären: so z. B. die Einführung mehrerer Richter, der Laienrichter, die 
Verteilung der Rollen der Verteidigung und der Anklage auf zwei ver- 
schiedene Personen und auch die Hinzuziehung des medizinischen Sach- 
verständigen. 

Wir haben mit Herrn Staub einen psychoanalytischen Kursus für Juristen 
eröffnet. Zu unserer Überraschung meldeten sich zu diesem kursus unter 
anderen ein Teil der großen juristischen Autoritäten, eine Reihe der führenden 
Richter in Berlin. Ich glaube kaum, daß es bis jetzt häufig vorkam, daß die 
Psychoanalyse vor solchen staatlich beglaubigten Autoritäten doziert wurde. Wir 
konnten feststellen, daß die Juristen das lebhalte Bedürfnis haben, die Persön- 
lichkeit des Täters zu verstehen, sie haben aber selber bekennen müssen, 
daß sie bei einer Reihe von Taten, gerade bei den Taten der psychopathi- 
schen Persönlichkeiten, die wir neurotische oder triebhafte Charaktere nennen, 
mit der Oberflächenpsychologie nicht auskommen. In diesem Punkte glauben 
wir den Juristen helfen zu können, indem wir ihnen die psychologische 
Aufklärung der pathologischen Taten zur Verfügung stellen. 

Die Aufgabe des Psychoanalytikers im Gerichtssal ist also eine doppelte, 
erstens eine klinische Diagnose und zweitens die psychologische Aufklärung 
des Täters und seiner Tat zu geben. 

Die praktische Bedeutung einer exakten Abgrenzung von gewöhnlichen 
und psychopathischen Rechtsbrechern kann man erst dann beurteilen, wenn 
man weiß, wie verbreitet diese letztere Gruppe ist. Nach den Untersuchungen 
von europäischen und amerikanischen Psychiatern, wie von Bon höfer, 



hui besessener Autofahrer 17 _ 

Aschaffenburg, Bernard Glueck, ist ein großer Teil der Kriminellen 
seelisch abnormal. Wenn man noch bedenkt, daß die übliche psychiatrische 
Untersuchung einen großen Teil der Fälle, sogar klassische Fälle übersieht, 
so wird man erst die Tragweite der richtigen Diagnose begreifen. Dem 
psychopathischen Rechtsbrecher gegenüber sind ja ganz andere Maßnahmen 
angezeigt als gegenüber dem gewöhnlichen. Die Strafen sind nicht imstande, sie 
zu ändern, sie gehören der Therapie. Wenn die Justiz heute noch nicht weit- 
gehende praktische Folgerungen aus der Tatsache der ungeheuren Anzahl 
der psychopathischen Täter gezogen hat und noch heute nicht ein großer 
Teil der Strafanstalten in Heilanstalten umgewandelt worden sind, so liegt 
dies daran, daß die Psychiatrie mit diesen Fällen bis jetzt wenig anzufangen 
weiß. Sie kann sie weder eindeutig diagnostizieren, noch heilen. Die übliche 
Diagnose ist kaum mehr als die Verwendung eines Fachausdruckes ohne die 
nähere Kenntnis des Wesens der Charakterstörungen. Die Erkrankung solcher 
Kriminellen ist nämlich, wie bereits erwähnt, mehr eine Charakterstörung, 
als eine Krankheit mit umschriebenen Krankheitssymptomen. 

Der Fachausdruck wandelte sich im Laufe der Zeiten von „moral insanity" 
zu psychopathischen Persönlichkeiten, oder ganz modern: zu hysterischen, epi- 
leptischen, schizoiden oder schizothymen oder zyklothymen Charakteren. Die 
so in Mißkredit geratene Diagnose „moral insanity" wird durch diese wissen- 
schaftlich klingenden Bezeichnungen aber nur für kurze Zeit gerettet. Ich 
betrachte die Rolle der so verbreiteten Gruppen der psychopathischen Persön- 
lichkeiten in der Forensik als dieselbe, die die Hysterie in der Psychopatho- 
logie gespielt hat. Diese Gruppe bildet die Pforte für das Eindringen der 
Psychoanalyse in den Gerichtssaal, ebenso wie die Hysterie ihre Einbruchs- 
pforte in die Medizin darstellte. 

Ich bin sogar optimistisch genug, anzunehmen, daß die größten Aus- 
sichten einer staatlichen Verwendung der Psychoanalyse zuerst auf diesem 
Gebiete bestehen. Die Behandlung der psychopathischen Bechtsbrecher ist 
ein viel größeres Staatsinteresse als die Behandlung der harmlosen Neuroti- 
schen. Die Anwendung der Psychoanalyse auf den Kriminellen wird zu- 
nächst ermöglichen, daß die psychopathischen Rechtsbrecher anders behandelt 
werden als die gewöhnlichen, nämlich therapeutisch. Nachdem die Psycho- 
analyse, die ja im Wesen die Erforschung der Persönlichkeit bedeutet, das 
Wesen dieser kranken Charaktere aufgeklärt hat, kann man auch diese Men- 
schen einer ätiologischen Therapie unterwerfen. 

Bei dem vorliegenden Fall wurde ich von dem Gericht als Sachverstän- 
diger geladen. Das Gutachten bestand aus zwei Teilen. Der erste betraf die 

ImagoXVII. !2 




4 _g fiam AlraniMlrr 



Diagnose, die psychiatrische Klassifizierung Hei Täters, und der zweite 
war ein Versuch, den Gerichtipersonen die Motive einer scheinbar voll- 
ständig sinnlosen Tat verständlich zu machen. Es handelte sich — um 
zunächst das äußere Bild vorauszuschicken — um einen ai jährigen Kellner, 
der wegen derselben Art Strafhandlung zweimal und wegen eines anderen 
Deliktes ein drittesmal bestraft wurde. Zwei medizinische Gutachten wurden 
bis jetzt eingefordert von zwei Gerichtspsychiatern, die beide die Diagnose 
„psychopathische Persönlichkeit mit verminderter '/.urechnung»fahigkeit M ge- 
stellt haben; trotzdem verhängte du Gericht in allen Fällen eine Freiheits- 
strafe. Nach meinem Gutachten und der Verteidigungsrede von Rechtsanwalt 
Staub hat der Staatsanwalt Freisprechung beantragt, und der Richter hat 
den Täter freigesprochen und ihm geraten, sich in eine psychoanalytische 
Behandlung zu begeben. 

II) Die Tnten — Die kliimciic Diagnose 

Der Kellner Friedrich, einundzwanzig Jahr«- alt. von gnter. .her überdurch- 
schnittlicher Intelligenz, besitzt eine gute praktische Orientierung in der 
Welt und Kenntnisse, die bei seiner Kr/iehung und Umgebung größer 
sind, als man im allgemeinen erwartet. Er verfügt über ein si Imelles Auf- 
fassungsvermögen und hat ein etwas empfindliches, in sich gekehrtes und 
verschlossenes Wesen. Kr grübelt liber sich selbst und über seine strafbaren 
Handlungen viel nach und verrät bei piychoneurotisch Veranlagten häufig 
vorhandene introspektive Fähigkeiten. 

Er beging in den letzten zwei Jahren viermal strafbare Handlungen, 
die zunächst durch ihre frappante Gle'n hiörmigkeit auffallen. Er fährt 
nachweislich ziellos oder wenigsten» ohne jede rationelle Begründung größere 
Strecken mit einer Autotaxe, kann die Fahrt am Ende ni<ht bezahlen und 
verschwindet mit irgendeinem Vorwand vor den Augen des Chauffeurs, 
hinterläßt aber immer in den Händen des Chauffeurs genügende Daten 
und Anhaltspunkte, um gefaßt zu werden. Dabei macht er während der 
Fahrt in Gasthäusern Halt, bezahlt aber »eine Rechnungen gewöhnlich nicht. 

Neben diesen ungewöhnlichen Straftaten wurde er »087 wegen kleinerer 
Unterschlagungen bestraft. Außer den Straftaten, bei denen er gefaßt worden 
ist, unternahm er noch eine ni< htbe/.uhlte Autolahrt, ohne daß diese zur 
Kenntnis der Behörden gekommen wäre. Kr war in »einen Stellungen als 
Hausdiener oder Kellner brauchbar und führte sich gut. wechselte aber 
häufig seine Posten, manchmal ohne sichtbaren Grund. 



Ein brjcsjcncr Autofnlu 



179 



Die nähere Untersuchung der früheren Straftaten ergab keine nachweisbare 
Motivierung für die Handlungen. Auch die kleineren Unterschlagungen 
unternahm er nicht aus Gewinnsucht, lie dienten teilweise zur Bestreitung 
von Fahrten, oder das Geld wurde zwecklos für Hotelrechnungen und auch 
für Trinken ausgegeben. Bei der Beurteilung des jetzt vorliegenden Falles 
ist es von Wichtigkeit, diese mit den früheren ähnlichen Straftaten zu ver- 
gleichen. Da der äußere, aktenmäßig festgestellte objektive Verlauf seiner 
Handlungen uns keine Aufklärung über die Motive dieser so unzweckmäßig 
erscheinenden Handlungen ergibt, ist die subjektive Schilderung der Er- 
eignisse durch den Täter von besonderem Interesse. 

Er meint, daß er die Autofahrten stets in einem Erregungszustand unter- 
nimmt und daß dieser Erregungszustand irgendwie immer mit seiner Mutter 
im Zusammenhang steht, jedoch in einer für ihn nicht ganz klaren Weise. 
Aber auch die erste Straftat, die er 1927 beging (eine Unterschlagung), hat 
er in einer aufgeregten Stimmung begangen, die ein Zusammentreffen mit 
der Mutter verursacht hat. Damals diente er als Hausdiener in Nieder- 
Poyritz, nachdem er das Elternhaus verließ, ohne seine Eltern davon zu 
verständigen, wohin er ging. Eine Zeitlang diente er so „verborgen vor 
der Mutter" in Nieder-Poyritz, bis eines Tages die Mutter seinen Aufenthalts- 
ort erfuhr und ihn besuchte. Dieser Besuch hat ihn so aufgeregt, daß er 
ihm anvertrautes Geld in einem Lokal vertrank. Nachdem er für diese 
Tat mit sechs Wochen Gefängnis bestraft wurde und von den sechs Wochen 
vier Wochen auch verbüßt hatte, kam er wieder nach Hause. Die Mutter 
war so verzweifelt, daß sie sich und den Sohn angeblich mit Gas vergiften 
wollte. Bald nachher fährt er zu seinem Stiefbruder nach Westfalen, um 
durch seine Hilfe eine Stellung zu bekommen, findet aber keine Stellung 
und kommt wieder nach Hause. Er dient dann bald als Kellner, bald als 
Page, wohnt aber nicht mehr zu Hause, weil, wie er sagt, die Stiefschwestern 
und der Stiefvater ihn nicht zu Hause haben wollen. 

Seine zweite Straftat ist bereits eine unbezahlte Autofahrt, die er im 
Jahre 1928 begeht. Damals fuhr er nach Leipzig, um dort eine Stellung 
zu finden, all lein Stiefvater ihn wieder sehr bedrängte, vom Hause weg- 
zugehen. In Leipzig fand er keine Stellung und fuhr mit einem Auto 
wieder zurück nach Dresden. Er beschreibt seinen Seelenzustand vor der 
Autofahrt, die er von Leipzig nach Dresden unternahm, als eine große 
Sehnsucht nach der Mutter, die aber mit einem Angstgefühl vor der Mutter 
gemischt war. Die Fahrt kann er nicht bezahlen, verschwindet, hinterläßt 
aber seine Papiere bei dem Chauffeur, weil er „es vorzog, bestraft zu 

ia» 



,g Franz Alrxaiuln 



'.V 



erden, als herumzuirren und sich zu verstecken". Kr wurde mit drei 
Monaten Gefängnis bestraft, fühlte sich im Gefängnis wohl, nur wenn er 
an die Mutter dachte, wurde er aufgeregt. 

Auch die dritte Straftat will er begangen haben, nachdem er die Mutter 
zu Hause besucht hatte. Damals diente er als Kellner und wohnte nicht 
zu Hause. Er besuchte die Mutter an einem Vormittag, als er wußte, daß 
der Stiefvater nicht zu Hause war. Nach diesem Besuch fühlte er sich 
sehr erregt und unternahm am Nachmittag unmotiviert die Fahrt nach 
Görlitz, die er auch nicht bezahlen konnte und welche auch zu seiner 
Bestrafung führte. 

Ähnlich schildert er eine unbezahlte Autofahrt, die jedoch nicht heraus- 
kam. Diese geschah im vorigen Jahr. Auch diesmal ist er vormittags zu 
Hause bei der Mutter. Es kommt zu einer kleinen Auseinandersetzung. 
Die Mutter wirft ihm das Trinken vor. Er ist den ganzen Tag erregt, bestellt 
ein Auto und fährt zu seinem Onkel, der in Dresden ein Kaffeehaus besitzt. 
Dort trinkt er mit dem Chauffeur sechs Grogs, fährt weiter nach Gotha, 
merkt jedoch schon während der Fahrt, daß sein Geld nicht mehr aus- 
reicht, die Fahrt zu bezahlen. Er fordert den Chauffeur auf, zur Wache 
zu fahren, wo er sich selbst anzeigt. Der Wachtmeister läßt ihn jedoch 
fort und verheißt ihm, morgen zu bezahlen. Der nicht bezahlte Restbetrag 
scheint diesmal klein gewesen zu sein, so daß er ihn am nächsten Tage 
begleichen konnte. 

Alle diese Angaben gibt er erinnerungsmäßig wieder und weiß die meisten 
Einzelheiten nicht mehr genau. Genauer kann er den Hergang und die 
seelischen Begleitumstände seiner letzten Tal angeben, liir welche er sich 
jetzt zu verantworten hat. Im Frühjahr 1929 hat er sich ein Fahrrad auf 
Abzahlung gekauft. Eine Rate hat er bereits bezahlt. Angeblich auf Veran- 
lassung der Stiefgeschwister befiehlt der Stiefvater, daß er das Rad zurück- 
gibt, obzwar schon eine Bale bezahlt war und obwohl auch sein Stiefbruder 
ein Rad auf Teilzahlung gekauft hat, Alles redet ihm zu, er solle dem 
Wunsche des Stiefvaters nachgeben, sowohl die Mutter, die Streitigkeiten 
vermeiden will, wie auch seine Braut, die in dem elterlichen Hause verkehrt. 
Der Stiefvater nimmt ihm das Rad weg. Er gerät in Wut, kann aber, wie 
er sagt, „nicht losschimpfen, er verbeißt nur wie immer die Wut in sich 
hinein". Er rennt wütend von zu Hause weg, ohne sich von der Braut 
zu verabschieden, mit der er sich auch gezankt hat. Kr schreibt sofort eine 
Karte der Mutter, sie soll die Braut abends in die Wirtschaft schicken, in 
der er als Kellner dient, um sich mit Seiner Braut auszusprechen. Abends 



Ein k-M-ss.wu-i Autofahrer jß, 



bemerkt er anstatt seiner Braut die Mutter in dem Gartenrestaurant. Die 
Mutter bestellt bei ihm Eis. Er gerät bereits bei dem Anblick der Mutter 
in einen Erregungszustand und „zittert am ganzen Körper". Seine Kollegen 
machen ihn aufmerksam, daß seine Braut draußen auf der Straße auf ihn 
wartet. Als er gerade zum Abrechnen gehen will, sieht er die Mutter und 
die Braut zusammen auf der Straße stehen. Plötzlich zieht er seine Straßen- 
jacke an, liefert die 180 RM, die er einkassiert hat, nicht ab, sondern geht 
hinaus zu Mutter und Braut. Die Mutter schickt er weg, spricht aber auch 
mit der Braut nur wenig, springt, fortwährend in größter Erregung, in 
ein Auto und phantasiert dabei, daß die Mutter ihm vielleicht mit einem 
anderen Wagen folgt. Er fährt mit dem Wagen bis nach Meißen, dann 
am nächsten Tag weiter mit dem Postomnibus nach Leipzig und von dort 
mit dem Zug nach Berlin. Von Berlin unternimmt er dann gleich nach 
der Ankunft die erste Fahrt nach Kummersdorf. Über die Wahl dieses Ortes 
als Ziel der Reise kann er nur sehr mangelhafte Erklärungen abgeben. 
Seine Angaben wechseln: bald will er dort, d. h. in der Nähe (Baruth), die 
frühere Braut des Stiefbruders besuchen, bald den Stiefbruder selbst, der 
dort als Reichswehrsoldat dient. In Kummersdorf erfährt er, daß sein Bruder 
nicht da ist, und so fährt er zurück nach Berlin, setzt sich mit dem Chauffeur 
zu einem Glas Bier ins Bahnhofrestaurant, geht unter einem Vorwand hinaus, 
läßt aber seine Papiere absichtlich auf dem Tisch liegen. Dann nimmt er 
eine andere Droschke und fährt damit wieder zurück nach Kummersdorf 
und dann weiter nach dem in der Nähe befindlichen Ort Baruth, wo die 
Familie K. der gewesenen Braut seines Stiefbruders wohnt. Er bleibt 
nur ganz flüchtig einige Minuten in der Wohnung, spricht über die Affäre 
seines Stiefbruders, notiert die Adresse der verlassenen Braut und fährt dann 
weiter nach Kottbus. Über die Wahl dieses Ortes kann er gar keine Aus- 
kunft mehr geben. Hier in Kottbus endet die sinnlose Fahrerei, nachdem 
er den Chauffeur in ein Gasthaus eingeladen hatte und nicht bezahlen 
konnte, weil er angeblich seine Brieftasche verloren habe. Von dieser Ge- 
schichte ist aktenmäßig die erste Fahrt nach Kummersdorf und von da 
über Baruth nach Kottbus festgestellt. Die Vorgeschichte, das Zanken wegen 
des Rades zu Hause, das Zusammentreffen am selben Abend mit Mutter 
und Braut in der Gastwirtschaft, die darauffolgende Autofahrt von Dresden 
nach Meißen und von Meißen über Leipzig nach Berlin, die er ja noch 
bezahlen konnte, ist nur aus seiner Schilderung bekannt. Die ganze Ge- 
schichte nimmt also ihren Anfang am 23. Mai 1929 früh mit der Ausein- 
andersetzung zu Hause. Noch am selben Abend begann die Fahrt nach 



.8» 



Fr«m Ale 



Meißen, dann am nächsten Tag nach Leipzig, von Leipzig nach Berlin und 
von Berlin nach Kummersdorf und zurück nach Berlin und anschließend 
daran die zweite Fahrt nach Kottbus, welche abends ihr Ende nahm. 

Ich habe keinen Grund anzunehmen, daß irgendwelche Angaben von 
Friedrich der Wahrheit nicht entsprechen oder bewußte Fälschungen seien. 
Ich habe ihn öfters untersucht, und es gelang mir, in ein Vertrauens- 
verhältnis zu ihm zu gelangen. Dia einzelnen Fahrten sind vollständig 
zwecklos, d. h. sie sind bei ihm mit keinen bestimmten Zweckvorstellungen 
verknüpft, aber sie sind in einem hohen Grade auch ziellos. Er fährt aufs 
Geratewohl los, wie es ihm in dem Augenblick einfällt. Die Wahl der ver- 
schiedenen Ziele der Autofahrten ist aus bewußten Motiven unerklärbar. 
Aber auch die unbewußten Motive sind nicht immer zu finden, nur die 
Fahrt nach Kummersdorf läßt sich nach seinen unbewußten Motiven mit 
einer gewissen Wahrscheinlichkeit annähernd rekonstruieren. Darüber soll 
noch später berichtet werden. Seine Handlungen sind zwar nicht in einem 
wirklichen Dämmerzustand ausgeführt, doch in einem Ausnahmezustand, 
in welchem die Handlungen nicht so sehr dem bewußten Willen unter- 
worfen sind, als triebhaften und ihm, dem Täter, selbst unbewußten 
Motiven. Diese Autofahrt, ebenso wie seine früheren, ist eine triebhafte 
Handlung. Der Impuls zu der Handlung erscheint im Bewußtsein zwang- 
artig und steht zu den übrigen bewußten Seeleninhalten in keinem oder 
nur in einem lockeren Zusammenhange. Er wirkt fremdkörperartig im 
Bewußtsein und ist aus dem bewußten Seelenleben nicht erklärbar. Deshalb 
erscheinen diese Handlungen sinnlos. Ihr Sinn läßt sich erst dann rekon- 
struieren, wenn jene unbewußten Motive erkannt werden, die diesen Hand- 
lungen zugrunde liegen. Es handelt sich hier also um Handlungen, die 
gleichwertigsind mit psyc honeurotischen Krankheitssymptomen. 
Die Handlungen entsprechen fremden, aus dem Bewußtsein verdrängten 
Bestrebungen. Diese Bestrebungen lassen sich aber erst aus der Lebens- 
geschichte und den näheren Lebensumständen des Täters verstehen. Soweit mir 
eine solche Bekonstruktion jener verdrängten Begungen, die die Tat bedingt 
haben, mit Hilfe der kurzen psychoanalytischen Exploration gelungen ist, 
versuche ich, sie kurz darzustellen. 

Eine solche nähere Darstellung der Motive erscheint mir deshalb nötig, 
weil die bloße Behauptung, daß es sich hier um unbewußte Motivationen 
handelt, erst dann einen faßbaren Inhalt erhält, wenn diese Motive wenigstens 
in grober Annäherung angegeben werden. Allerdings auch unabhängig von 
dieser näheren Untersuchung der verdrängten und hier wirksamen Motive 



Ein bcjcjjener Autofahrer ,{■}.'•', 



läßt sich die Handlungsweise des Täters rein klinisch deskriptiv als ein 
Fall von neurotischem Agieren (triebhaftes, zwanghaftes Handeln) be- 
schreiben. Für das neurotische Agieren sind vor allem drei Merkmale 
charakteristisch : 

I) Der irrationale Charakter der Handlungen. Das Fehlen zweck- 
mäßiger oder aus bewußten Affekten erklärbarer Motive. 

II) Die Stereotypie der Handlungen. Die verschiedenen Straf- 
handlungen sind in ihrem äußeren Ablauf ähnlich, sie haben einen blinden, 
triebhaften Charakter und zeigen keine Rücksichtnahme auf die äußere 
Situation. Auch die schlechten Erfahrungen (Strafen) der Vergangenheit 
können den Ablauf dieser Handlungen nicht beeinflussen, als ob ein blinder 
Trieb sich ohne Rücksicht auf frühere Erfahrungen und auf die gegebenen 
Situationen, also unabhängig von jeder Einsicht, immer auf dieselbe Weise 
durchsetzen würde. 

III) Das Vorhandensein eines seelischen Konfliktes. Dieses dritte 
Merkmal zeigt sich darin, daß der Täter seine Handlungen selbst verurteilt 
und die Strafe selbst herbeiführt aus einer Sühnebedürftigkeit, welche 
wenigstens kurz nach der Tat so stark ist, daß sie ihn zur mehr oder 
weniger direkten Selbstanzeige veranlaßt. Auch die häufig auftretenden, 
wenn auch nicht ganz ernst zu nehmenden Selbstmordabsichten sprechen 
für das Vorhandensein eines inneren Konfliktes. Dieser seelische Konflikt 
entsteht dadurch, daß der bewußte Teil seiner Persönlichkeit das triebhafte 
Agieren ablehnt, diesem fremd gegenübersteht, wenn auch nicht imstande 
ist, dem zwanghaften Drängen des Triebes zu widerstehen. Da diese drei 
klinischen Merkmale des neurotischen Agierens: irrationaler Charakter 
der Handlungen, Stereotypie der Handlungen, der seelische 
Konflikt bei Friedrich zweifellos vorhanden sind, so lassen sich seine 
Handlungen eindeutig als psychoneurotische Krankheitssymptome auffassen, 
die nicht aus dem bewußten Seelenleben entspringen und der Ausdruck 
einer pathologischen Persönlichkeit sind. 

III) Darstellung der unbewußten (idifremden) Motive, die den 

Straftaten zugrunde liegen 

Friedrich ist unehelich geboren und hat seine ersten sechs Lebensjahre 
bei Verwandten verbracht. Nachdem die Mutter geheiratet hatte, wurde er 
in die Familie aufgenommen. Der Stiefvater hatte neun Stiefgeschwister 
in die Ehe mitgebracht, die teils jünger, teils älter als er waren. Er erinnert 



•84 



Kram Air» 



lieh an die ersten sechs Lebensjahre kaum noch. Aber auch die ersten 
Schuljahre li.it er fast ganz vergessen. Kr weiß wohl, daß er ungefähr mit 
acht Jahren in einer Lungenheil.in*tali w.u we-en l.ungenleidcns. I'.r war ein 
Durchschnittsschiiler und lehn- von den Schulkameraden zurückgezogen. 
Seine frühesten Interessen richteten »ich aul Botanik und besonders auf 
Chemie. Diesen Intereisen folgt er, als ei ungi -I. ihr mit dreizehn bis vier- 
zehn Jahren Drogist werden will. Er wird such als Lehrling in einem 
Drogistengesch.ili angestellt. Kr criiinni tu h, daß »ein Chef sehr streng 
war. Um zu Hause ■tperimentieren zu können, stiehlt er < hcmikalien. 
Dies kommt heraus. Deswegen, und scheinbar such, weil lein Stiefvater 
wünscht, daß er schon (leid verdienen soll, gibt er diesen Beruf auf. I n 
dieser Zeit war die Mutter sehr aufgeregt, hat Anfälle bekommen, drohte 
ihm mit Selbstmord und wollte ihn auch in den Tod mitnehmen. Diese 
Szenen wirken außerordentlich stark aul ihn Audi sonst war die Mutter 
oft krank und er pflegte sie mit der grollten Sorglalt Die»e Krankenpflege 
erwähnt die Mutier audi heute muli in ihien Briefen, wie ich mich selbst 
aus einem in das « ..• l.uijMii* geschriebenen Briel überzeugen konnte. Man 
kann sich allm.ililidi ul.ei die Verhältnisse im Elternhaus aus seinen Er- 
zählungen, die mehr und mehr vertrauensvoll wurden, ein ungefähres 
Bild machen. Die Mutter leide) rid untei den Vorwürfen der Stiefkinder, 
daß sie den eigenen Jungen verwohnt, ja sogar, daß sie nur geheiratet habe, 
um ihren Jungen unterzubringen. Kr und »eine Mutter hängen tatsächlich 
ungewöhnlich stark aneinander, die Mutter mindestens so stark an ihm, 
wie er an der Mutter. Diese lebt In einem ständigen inneren Konflikt. 
I nter den Vorwürfen der Stielender und viellcidit audi : . 1 hemannes, 
aber auch unter dem Druck des eigenen Pflichtgefühls, versucht sie die 
starke, uberzartliche Mutterliebe zu ihrem einzigen Kinde dadurch zugunsten 
der anderen Kinder nuszugleii hen, daß sie oll streng gegen den eigenen 
Jungen ist und wenigstens scheinbar du Partei der anderen ergreift. 
Friedrich fühlt sich von den anderen Stiefgeschwistern ganz öden, 

„er ist von einem ganz anderen Schlag. " Du- Stiefgeschwister sind robuste, 
praktische, tü< htige Menschen, er in zart und empfindlich. < harnkleristisch 
dafür sind kleine- Einzelheiten Ei und zum llenpiel m dir Stadt geschickt, 
um Besorgungen zu machen Ei fahrt gerne mit der Straßenbahn. Weil 
aber die Stiefge»< h wislrr hei Besorgungen zu Kuß gehen müssen, so steckt 
ihm die Mutter da* Fahrgeld heimlich zu. Wenn es |e. loch herauskommt, 
daß er gefahren ist, so muH die Mutter ihn olliziell tadeln Aus diesen und 
ähnlichen Begebenheiten des Alltags können wil uns die konfliktvolle l-ag e 






Ein DCJCMcner Autofnlirrr 



.85 



des Kindes in der Familie vorstellen. Eine heimliche, zärtliche, aber so 
konfliktvolle, beiderseitig durch Schuldgefühle belastete Liebe bindet Sohn 
und Mutter aneinander. Diese Liebe bringt die Mutter in Konflikt mit der 
Familie, den Jungen bringt sie in eine Ausnahmestellung, die er vor sich 
nicht verantworten kann. Auch die Geburt der sieben Jahre jüngeren 
Schwester ändert nichts an dieser Situation. Die Schwester wird sowohl von 
Friedrich wie auch von der Mutter als zu der Gegenpartei gehörig 
empfunden. 

Stiefvater und Stiefgeschwister drängen immer mehr darauf, daß der 
Junge aus dem Hause kommt. Diese konfliktvolle Situation erklärt uns sein 
heimliches Verschwinden von zu Hause, das er dreimal wiederholte. Das 
erstemal — fünfzehn Jahre alt — fuhr er nach Hamburg, um Seemann 
zu werden, wurde aber noch am Bahnhof von einem Kriminalbeamten 
aufgegriffen, den der Vater telephonisch anrief. Der Vater holte ihn dann 
zurück. 

Kurze Zeit darauf riß er nach Leipzig aus, um Arbeit zu suchen, an- 
geblich deshalb, weil damals die Mutter sehr streng zu ihm war und ihn 
nie von zu Hause weggehen ließ. 

Das letzte Ausreißen geschah vor seiner ersten Straftat. Da ist er auch 
nach Leipzig gefahren, um Arbeit zu suchen und hat sich angeblich dort 
acht Tage aufgehalten. Da er keine Arbeit fand, fuhr er zurück nach Dresden 
und fand dort am Schlachtviehhof Arbeit. Ein Freund verriet seinen Auf- 
enthaltsort der Mutter und diese kommt auch ihn zu besuchen. Nachdem 
er so seinen Aufenthaltsort entdeckt weiß, kündigt er sofort und geht nach 
Nieder-Poyritz, wo er als Diener angestellt wird. An dem Tag, an welchem 
die Mutter ihn auch hier ausfindig macht, begeht er seine erste bereits er- 
wähnte Straftat, die Unterschlagung von 200 RM. 

Im ganzen kann man sein Leben vom vierzehnten Lebensjahr an ziemlich 
bewegt nennen. Bald ist er Kellner, bald Page, bald arbeitet er in einer 
Fabrik, in welcher er auch einen Unfall mit Gehirnerschütterung erlebt. 
Frühzeitig erlernt er das Trinken, überwindet es aber bald. Einmal will 
er auf einem Gut herrschaftlicher Kutscher werden, hält dann aber nicht 
durch und geht wieder zurück zum Kellnerberuf. Während dieser Zeit lebt 
er bald zu Hause, bald nicht. Wenn er nicht zu Hause wohnt, hat er ein 
sehr zwiespältiges Gefühl. Er hat zwar große Sehnsucht nach der Mutter, 
aber kaum, daß er sie besucht oder sieht, treibt es ihn wieder weg von 
ihr. Man könnte diese Gefühle am besten als eine mit Angst gemischte 
Sehnsucht beschreiben. 



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Ale 



»iinii.i 



üen stärksten Eindruck auf ihn machten die Verzweiflungsausbrüche der 
Mutter, wenn diese Selbstmordabsichten äußert und angeblich auch ihn in 
den Tod mitzunehmen droht. Einmal soll die Mutter diese Absicht mit Gas aus- 
zuführen versucht haben. Im Jahre 1927 soll die Mutter ihn sogar zur Elbe 
geschleppt haben, um mit ihm zusammen ins Waner zu gehen. Er bekam 
wahnsinnige Angst und riß sich lus. Ein.- ziemlich durchsichtige Anspielung 
in einem der Briefe der Mutter, den ich zu Gesicht bekam, macht diese 
Angaben glaubwürdig. Der Ton der verschiedenen Briefe der Mutter ist 
recht zwiespältig. Diese Briefe bestätigen unzweideutig das Bild von den 
Gefühlsbeziehungen zwischen Mutter und Sohn, das wir aus den Erzäh- 
lungen Friedrichs gewonnen und bereits angedeutet haben. Bald ist der Ton 
der Briefe zärtlich, ihr gemeinsames Schicksal wird hervorgehoben, ihre Zu- 
sammengehörigkeit gegenüber der restlichen Familie kommt fast unverhüllt 
zum Vorschein. Der Ehemann und die Stiefkinder werden als Fremde be- 
handelt. Aus anderen Briefen klingt wieder eine ganz andere Stimmung. 
Die Ehefrau mit ihren Pflichten überwindet in ihr die Mutter, sie macht 
dem mißratenen Sohne bittere Vorwürfe, wirft ihm vor, daß er den Namen 
des Stiefvaters in den Srlmiut/ r .e/«..-.'ii lialie. Den Höhepunkt in diesem 
Konflikt zwischen Mutterliebe und Pflichten gegen die Familie bedeuten 
die hysterischen Selbstmordabsichten und der Wunsch nach einem gemein- 
samen Sterben mit dem Sohn. Dieses Motiv des Liebestodes ist typisch für 
Liebespaare, deren Wunsch, einander zu gehören, im Leben nicht erfüllt 
werden kann. Der auf den Sohn gerichtete unbewußte Inzestwunsch der 
Mutter kommt in diesen Selbstmordszenen unverkennbar zum Ausdruck. 
Mutter und Sohn sollen sich im Tode vereinigen. 

Es ist unschwer, die entsprechenden Gefühle in Friedrichs Unbewußtem 
aufzufinden. Friedrichs Sexualleben war bis jetzt ziemlich dürftig. In der 
Pubertät hat er wenig Interesse für Mädchen. Die übliche Pubertätsmastur- 
bation ist bei ihm sehr stark inzestuös gefärbt. In seinen Masturbations- 
phantasien taucht oft das Bild der Mutter auf. In dieser Zeit empfindet er 
manchmal die Mutter in den Phantasien als Krau. Kr scheucht diese Phan- 
tasien von sich weg, unterdrückt schuldbewußt und angstvoll diese Gefühle. 
Solche Erscheinungen allein sind aber noch nicht außergewöhnlich, noch 
nicht unbedingt pathologisch. Friedrich gelingt es aber nicht, sich in den 
nächsten Jahren normalerweise von der Mutterbindung zu befreien. Es ge- 
lingt ihm zwar, den sinnlichen Teil dieser Bindung ins Unbewußte zu ver- 
drängen, doch es bleibt die angstvolle, konfliktvolle Sehnsucht nach der 
Mutter zurück, die er selbst nach seinem eigenen Gefühl, ohne die 



Em bc»ejjcncr Autofalit 



187 



Herkunft und den tieferen Sinn dieser Gefühle zu kennen, als die Ur- 
sache seiner triebhaften Straftaten empfindet. Nachdem er zu mir 
eine vertrauensvolle Beziehung erwarb und mir versicherte, daß es ihm 
zum erstenmal gelang, sich frei auszusprechen, fragte ich ihn öfters, wie 
er sich selbst seine Handlungen erklärt. Er gab mir immer wieder die 
stereotype Antwort, daß es irgendwie mit der Mutter zusammenhängt. 
Wenn er in ein Auto steigt, so fühlt er, daß er vor der Mutter flüchtet. 
Immer wieder kommt er auf die Selbstmordszenen der Mutter und auf deren 
Drohung, auch ihn umzubringen, zurück. Er beschreibt seine Gefühle wörtlich 
wie folgt: 

„Ich bin in ständiger Furcht vor meiner Mutter. Ich brauche nur an 
meine Mutter zu denken, dann bin ich in einer derartigen Aufregung, daß 
ich nicht weiß, was ich tue. Es steigen dann fürchterliche Bilder in meinem 
Kopfe auf, und mein Gedanke ist, nur fortfliehen, irgendwohin. Ich fühle 
dann immer jemand hinter mir herkommen. 

In solcher Gefühlslage besteigt er dann das Auto und phantasiert, daß 
jemand nachjagt, wahrscheinlich die Mutter. Dann wünscht er weit zu 
fahren, je größer die Entfernung, um so besser. Im Auto sitzend fühlt er, 
daß die Entfernung zu dem Verfolger bald kleiner, bald wieder größer 
wird. Wenn er wieder zum klaren Verstand kommt, dann fühlt er, „als 
wenn er aus einer großen Ohnmacht erwachen würde". Er fühlt sich nach- 
her müde, „ganz schwach, als wenn er zusammenbrechen würde . Den 
Angstgefühlen, die er im Auto hat, mischt sich auch etwas Wollüstiges 
bei, was aber keinen direkten sexuellen Charakter hat. 

Die Symptomhandlung — so wollen wir das triebhafte Autofahren be- 
zeichnen — «teilt sich also als eine Art Flucht im Auto dar und kommt 
auf einem bei den Psychoneurosen sehr häufigen Wege zustande. Eine in 
das Unbewußte verdrängte Triebtendenz, die die bewußte Persönlichkeit 
angstvoll ablehnt, wird von dem bewußten Ich als eine innere Gefahr ge- 
wertet und ebenso behandelt, wie eine äußere Gefahr. Friedrich flüchtet 
vor seiner verdrängten Inzestliebe zu seiner Mutter, also vor seinem eigenen 
verdrängten Wunsch, so, als ob dieser eine äußere Gefahr wäre. Er steigt 
in das Auto und will vor der Gefahr, vor der Mutter, fliehen. Man kann 
aber vor sich selbst nicht entfliehen, er trägt ja auch den verpönten Wunsch, 
nicht nur die Angst vor diesem in sich selbst. Dieses gleichzeitige Verlangen 
und Flüchten kommt dann in den Angstphantasien im Auto zum Ausdruck. 
Die unklare Vorstellung: „die Mutter jagt ihm nach ist nicht nur eine 
Angstvorstellung, sondern drückt auch den Wunsch nach der Mutter aus. 




,8# Frniiz AlexmiJrr ^^ 

Dieser verpönte Wunsch wird aber von dem inzestablehnenden Bewußtsein 
nur als Angst empfunden. Audi das Gefühl, da» der Abstand zwischen ihm 
und seinem Verfolger bald größer, bald kleiner wird, entspricht diesem Kräfte- 
spiel zwischen Verlangen und Ablehnung. 

Friedrichs Beziehungen zu Frauen lind auf Grund dieser starken Bindung 
zu der Mutter recht armselig ausgefallen. Mit siebzehn Jahren kommt er 
erstmalig zum einmaligen Geschlechtsverkehr mit einem Büfettfräulein. Vor 
diesem hat er nur zweimal harmlose Beziehungen zu alteren Mädchen 
(Muttervertreterinnen) gehabt. Der erste Geschlechtsakt bleibt dann lange 
ohne Fortsetzung. Im Jahre iqs6, also mit achtzehn Jahren, hat er für 
kurze Zeit Beziehungen zu einem Madchen, aber es kommt nicht zum Ge- 
schlechtsverkehr. Fraglos spiell die üheriniiUig zärtliche Liebe der Mutter, 
deren unbewußten Inzestcharakter der Sohn, wenn auch nicht bewußt, so 
doch instinktiv fühlt, eine große Bolle für seine sexuelle Kntwicklung. Die 
Mutter schimpft hauptsächlich dann auf ihn, wenn er spät nach Hause 
kommt. Er spürt, daß die Mutter irgendwie eifersüchtig ist und ihn an 
sich fesseln möchte. „Sogar auf gute Freunde war sie eifersüchtig." Erst 
im Jahre 1928 lernt er seine heutige Braut kennen, mit der er einen 
ziemlich regelmäßigen Sexualverkehr ausübt. Doch er selbst bekennt, daß 
seine Gefühle zu der Braut „nicht ganz richtig sind". Kr spricht meistens 
gleichzeitig von Mutter und Braut, aber die Braut spielt immer in diesen 
Erzählungen die zweite Bolle. Seine stärksten (ieluhle, Angst und Sehn- 
sucht, gelten der Mutter. 

Die Mutter versucht, ihre Eifersucht auf die Braut mit einer großen 
Sympathie für sie zu übertönen. Freilich gelingt es ihr nicht, die ver- 
drängte Eifersucht ganz zu verbergen. So beschimpft sie häufig den Sohn, 
wenn er spät abends mit der Braut ausgeblieben ist Kr hat sich schon 
öfters gedacht, daß „die Mutter ihn von der Braut trennen will, um ihn 
für sich zu behalten". Kinmal schrieb er auch einem der Stiefbrüder, daß 
ihm Mutters zu große Fürsorge lastig sei. Ei läßt sich leicht vorstellen, 
wie die mütterliche, wenn auch unbewußte Inzest liebe einerseits seine eigene 
verdrängte Inzestliebe immer wach halt, anderseits die Flucht vor der Mutter 
stärkt. So wird die Mutter für ihn eine wirkliche Gefahrenquelle, die ihn in 
die konfliktvolle Vcrsuchungisituation bringt. Es wird uns jetzt verständlich, 
warum er die Autofahrten immer na« h einem Zusammentreffen mit der 
Mutter ausführt. Besonders deutlich kommt dies auch bei seiner letzten Tat 
zum Ausdruck. Nach der Auseinandersetzung mit der Braut schreibt er der 

Mutter einen Briel. in dem er sie bittet, dir Braut ZU illlll ZU Schicken. 






Ein ocscjscncr Autofahr 



189 



Der unbewußte Sinn dieses Briefes ist: „ . . . laß mich endlich los, laß mich 
zu meiner Braut!" Aber er schreibt diesen Brief unsinnigerweise der Mutter 
und nicht direkt der Braut. Der Brief bedeutet also gleichzeitig auch eine 
heimliche Werbung um die Mutter. Und tatsächlich erscheint auch abends 
die Mutter in dem Wirtshaus und setzt sich so, daß er sie bedienen muß. 
Sie hat offenbar aus unbewußter Eifersucht nicht die Braut geschickt, sondern 
ist selbst zu ihrem Sohn gekommen. Als Friedrich die Mutter erblickt, gerät 
er in eine furchtbare Aufregung. Er zittert am ganzen Körper wie ein Ver- 
liebter, wenn die Geliebte erscheint. Diese Aufregung ist auf eine andere 
Weise nach der Kenntnis der Vorgeschichte nicht zu erklären. Er schickt 
die Mutter fort und auch die Braut, doch den aufgeweckten, verdrängten 
Wunsch nach der Mutter kann er nicht fortschicken. Und dann kommt 
die neurotische Symptomhandlung, die Flucht im Auto, der krankhafte 
Versuch, vor dem eigenen Unbewußten zu fliehen. 

Auf unzweideutige Weise kommt die unbewußte, verdrängte Eifersucht 
der Mutter auf die Braut in ihren Briefen an den Sohn zum Ausdruck. 
In einem moralischen, formal klingenden Ton wird immer die Braut 
angepriesen und der Sohn gebeten, sich um ihretwillen zu bessern. Ihre 
tiefe und wahre Gefühlseinstellung verrät sich aber in einem frappanten 
Verschreiben. Sie schreibt: „Sorge dich nicht so um Gertrud, das ist ein 
verständiges Mädchen, sieh lieber, daß du gesund wirst, und wenn du wieder 
arbeiten kannst, dann lebe und sorge für Gertrud und geh nur mit ihr 
fort und bleibt bei mir, dann wirst du auch nicht in Versuchung 
kommen, Dummheiten zu begehen." Der Widerspruch: „geh nur mit ihr 
fort" — „bleibt bei mir" ist offenbar. Bewußt wollte sie schreiben: „und 
bleib bei ihr", unbewußt hat sie aber gemeint: „bleibe bei mir. Das 
Kompromiß zwischen den beiden widerstrebenden Tendenzen kam in dem 
Ausdruck „und bleibt bei mir" zustande. Auch das Wörtchen „nur" ist 
nicht am Platze. Es bedeutet ja: „also gut, geh nur mit ihr fort" und 
drückt damit ihren innerlichen Widerwillen gegen dieses Fortgehen aus. 

Der scheinbar vollständig unsinnige Besuch in Baruth bei der Familie K., 
der verlassenen Braut des Stiefbruders, läßt sich im Lichte dieser Auf- 
klärungen verstehen. Die Autofahrt bedeutet eine Flucht vor der Mutter. 
Die Braut des Stiefbruders ist ein Ersatzobjekt für die Frau des Stiefvaters, 
d. h. für die Mutter. Doch diese Braut hat der Stiefbruder treulos verlassen. 
Er flüchtet von dem verbotenen Liebesobjekt, von der Mutter, zu dem Ersatz- 
objekt, zur Braut seines Stiefbruders, die dadurch erlaubt geworden ist, 
weil sie von dem Stiefbruder treulos verlassen wurde. Aus dieser unbewußten 



1{}0 Franz Aleimider 



Ideenverknüpfung erklärt sich die sonst unerklärliche doppelte Fahrt nach 
Kummersdorf und der so unsinnig und unmotiviert erscheinende Besuch 
bei der Familie K., wo er über das schmähliche Verlassen der Braut ge- 
sprochen hat, als ob er die sündhaften Wünsche gegenüber der Mutter 
damit gut machen wollte, daß er für die Tat des Bruders aufkommt. 

Es ist uns jetzt auch verständlich, warum er sich nach den Autofahrten 
absichtlich in die Hände der Polizei spielt. Die Jagd im Auto bedeutet ja 
eine Flucht vor seinem eigenen Gewissen, die durch die Sehnsucht nach 
der Mutter erweckt wird. In diesen Zustande der ( .ewissensspannung 
bedeutet die Strafe eine Befreiung von Gewissensbissen. Außerdem bedeutet 
die Autofahrt nicht nur die Flucht vor der Mutter, sie hat gleichzeitig 
einen Befriedigungswert für ihn, sie ist die symbolische Befriedigung einer 
verdrängten sexuellen Spannung. Dieser sexuelle Charakter kommt wie im 
allgemeinen bei den neurotischen Ssniptomen zwar nicht bewußt zum Aus- 
druck, doch er verrät sich in der merkwürdigen wollüstigen Empfindung, 
die sich der Angst beimischt. Um jedoch diese tiefere komplexhafte sexuelle 
Bedeutung des Autofahrens, das ja tatsächlich jedem als eine merkwürdige 
Leidenschaft dieser pathologischen Persönlichkeit erscheinen muß, ein- 
deutig nachzuweisen, ist es nötig, noch einige Funde der psychoanalytischen 
Exploration des Täters nachzutragen. 

IV) Zum Komplexcli.'irukrer <le» Autofahrens 

Das Fahren mit Verkehrsmitteln nimmt in Friedrichs Erinnerungsmaterial 
geradezu eine Ausnahmestellung ein. Eine seiner frühesten Erinnerungen ■ — 
ungefähr aus dem achten I^ehensjahr — ist eine Eisenbahnfahrt mit dem 
Stiefvater, Mutter und Stiefgeschwistern zur Sommerfrische nach dem Riesen- 
gebirge. Am Bahnhof verschwindet er plötzlich mit der Ausrede, zu Hause 
etwas vergessen zu haben, und hat die Absicht, den Zug zu versäumen. 
Er kann diese Absicht heute nicht mehr motivieren. Er bemerkt nur, daß 
der Stiefvater freie Fahrt bei der Eisenbahn gehabt hat, weil er Beamter 
bei den Staatsbahnen war. 

Bei Schulausflügen, wenn sie in eine fremde Stadt kamen, erinnert er 
sich, daß er sich öfters heimlich von den Übrigen Ausflüglern trennte und 
in der Stadt allein mit der elektrischen Bahn herumfuhr. 

Mit vierzehn Jahren will er Chauffeur werden, aber er sieht einmal einen 
Autozusammenstoß auf der Straße und dann war dieser Wunsch abgetan. Bei 
seinen Autofahrten denkt er auch oft daran, daß er verunglücken könnte. 



Em besessener Autofahrer Q 



und gibt auch dieses Motiv, um seine unsinnigen Fahrten zu erklären, als 
eine Art Selbstmordabsicht an. Dann wollte er einmal, wie schon erwähnt 
herrschaftlicher Kutscher werden. Als Kind hat er oft die merkwürdige 
Neigung gehabt, wenn er in der Straßenbahn gefahren ist, eine Karte für 
Erwachsene zu lösen. Er wollte also beim Fahren den Großen gleich sein. 
Daß es sich hier um einen merkwürdigen Sublimierungsversuch des infan- 
tilen Sexualwunsches handelt, wird einem eindeutig klar, wenn man die 
sexualsymbolische Bedeutung des Fahrens aus dem Traumleben der Men- 
schen kennt (vgl. auch den deutschen Sprachgebrauch „Verkehr" — „Sexual- 
verkehr"). Daß das Straßenbahnfahren ein gemeinsames und verbotenes 
Geheimnis für ihn und die Mutter bedeutete, haben wir bereits erwähnt. 
Die Mutter gab ihm heimlich das Fahrgeld, doch mußten diese Fahrten 
vor den übrigen Familienmitgliedern verheimlicht werden. 

Besonders bezeichnend ist Friedrichs Behauptung, daß er die glücklichste 
Zeit seines Lebens als Kellner bei der Mitropa gehabt hatte. Damals konnte 
er seine komplexbetonte Vorliebe für Fahrten in einer ichgerechten 
Form befriedigen. Wie labil dieses Gleichgewicht war, wie stark das Fahren 
mit Schuldgefühlen verknüpft ist, zeigt uns seine fast ganz unmotivierte Kündi- 
gung dieser Stellung. Er hat Angst gehabt, daß der Stiefbruder ihn 
verraten könnte, daß er vorbestraft sei. Das Fahren ist mit dem Inzest- 
wunsch im Unbewußten assoziiert, deshalb entsteht die Angst vor dem 
Stiefbruder, von dem er die Mutterliebe ja tatsächlich wegnahm. 

Auch das Fahrrad spielt eine Rolle bei seiner letzten Straftat. Wie schon 
erwähnt, hat er auf Abzahlung sich ein Fahrrad gekauft, um, wie er behauptet, 
„mit der Braut, die auch ein Fahrrad besitzt, zusammen fahren zu können". 
Doch wurde ihm dieses Fahrrad von dem Stiefvater weggenommen. Und 
das gab den Anlaß zu dem Wutanfall. 

Wir sehen eindeutig: das Fahren ist bei ihm weit zurück in die Kind- 
heit komplexhaft gefühlsbetont, es hat die Bedeutung einer verbotenen Lust 
und es ist mit tiefen Schuldgefühlen verquickt. Schon das Ausreißen vor 
der Sommerfahrt weist deutlich in diese Richtung und zeigt, daß schon 
in diesem Alter das Fahren mit Angst und Schuldgefühlen verknüpft war, 
weil es eine verbotene Lustquelle für das Kind bedeutete. 

Dieser Lustcharakter des Fahrens ist in der Psychoanalyse gut bekannt, 
wenn auch sein Ursprung noch nicht ganz feststeht. Es handelt sich um 
eine frühzeitige Bewegungslust, die bei rhythmischen Bewegungen auf- 
tritt und beim Schaukeln von vielen Kindern als deutliche sexuelle Lust 
empfunden wird. Manches Kind entdeckt die Masturbation während des 



Frans Alc«»iulr 



Schaukeln». Viellaicht gehen die Wunein dieier Lustgefühle auf die aller- 
frühestc Säuglingszeit zurück, auf die Luitempfindungen, die da» Kind bei 
dem Gewiegtwerden in dem Arm dei Mulle, oder in der Wiege empfindet. 
Auch er erinnert »ich, daß ihm als Kind da. Schaukeln ein« ausgesprochene 
«exuelle Lust v.r.. nacht hat. I)ic»e» Gefühl beim Schaukeln findet er noch 
am ähnlichsten jenem Lustgefühl, da« er heim Autofahren hat. 

Friedrich hat seine ersten Sexualgrfiihle, die hei jedem Kind inzestgefärbt 
»ind, »ehr frühzeitig schon aul die rhythmische »ewegungslutt, die beim 
Fahren entsteht. verschob... und w erhielt das Fahren die unbewußte 
Bedeutung der verl.ot.iMii sex... Ihn Wim», tu EU semer Mutter. 

Zum Schluß »ei noch ein Treum mitgeteilt, den er im Gefängnis ge - 
ti -..umt hatte, ein Traum, der un» eine liappantr- Uestatigung der oben ent- 
wickelten Erklärungen gibt. 

E. träumt ihm. daß er spät nach Hause kommt — IUI wollten zusammen 
mit Mutter und Braut ausgehen — aber es ist schon zu spät dazu. Dann 
plötzlich itm er in einem Auto, die Mutter fahrt mit und sitzt neben üim. 
Der Sinn die»e» Traumes ist nach dem Gesagten eindeutig klar. I m 
Traum bringt er den verdrängten [nicitwunich zur symbolischen Darstellung. 
Wovor er im W.u hl.l.en angstvoll flüchtet, du» kann er im Traum befriedigen» 
und gerade in de. I ...tu. in welcher er leine atrifbareu Handlungen aus- 
geführt hat. Im Wachleben Im Auto »itzend fluchtet er vor der Mutter. i m 
Traum fährt er zusammen mit ihr Das Zusammenfahren mit der Mutter 
hat die symbolische Medeutung des Ges. hle< htsverkehri. El i«t leicht zu 
verstehen, wieso et im Traum diese /u sc huldhrl.istetr Autolahrt ausführen 
darf. Er hat ja für dieses Autofahren bereits dun h ihr < .rf.mgnisstrafe gebüßt. 
Er gönnt sich im Traum da«, wovor er im Lehm, von seiner Gewissensangst 
gepeinigt, immer flüchten muß. 

V) D«J Giitju-liten 

Friedrich i«t eine piyrhopathn. he Periönllchkeit, ein neurotischer (trieb- 
hafter) Charakter. Kr i»t in krankhafter Weise in einem Lebensalter an die 
Mutter fixiert, in welchem der normale Mensch »eine lii/.e»lbintlung gewöhn- 
lich l„„.i„ HWrwnaden hat. Seiue ilralbaren Handlungen erweisen si, h 
als neurotische. Agieren, sie sind einem h..mkheilssvmptom gleichwertig 
und bedeuten den Versuch, so., »in« unrrti.igli« lien. unbewußten Trieb- 
spannung sich zu befreien, von einer Triebipannung, die einen lür das 
l'.rwuütsein uucrti.igli. hm Inhalt li.it. na.nh.l. .he inzestuöse Sehnsucht 






Ein bcjcjjcnt-r Autofalirer ,q3 



nach der Mutter. Die scheinbar völlig sinn- und zwecklosen Auto- 
fahrten haben einen unbewußten Sinn, sie bedeuten die angstvolle 
Flucht vor der Inzestsehnsucht, aber gleichzeitig auch die symbolische Befrie- 
digung dieses verdrängten Wunsches. Die Strafhandlungen verfolgen sonst keine 
kriminellen Ziele (wie Betrug, Beschädigung u. a.). Die Straftaten kommen 
dadurch zustande, daß er von der beschriebenen Triebspannung auf dem 
gesunden Wege sich nicht befreien kann. Und diese Triebspannung ist 
stärker als die Hemmungseinflnsse der bewußten Persönlichkeit. Die Hand- 
lungen also sind eindeutige Folgen einer krankhaften Störung im Affekt- 
leben, deren nähere Natur kurz angedeutet wurde. 

Eine Bestrafung, wie die früheren Strafen bereits zeigen, würde ihn von 
weiterem neurotischen Agieren nicht zurückhalten. Im Gegenteil: durch 
die Bestrafung nimmt die Gewissenshein mung ab und das Gleichgewicht 
verschiebt sich wieder zugunsten der verdrängten Triebansprüche. Natürlich 
kann man auch von der Straflosigkeit keine günstigen Folgen erwarten, 
wenn nicht eine psychotherapeutische Behandlung vorgenommen wird. Von 
dem therapeutischen Standpunkt aus würde das geeignetste Vorgehen die 
Aufnahme in einer Anstalt sein, wo er wenigstens für die erste Zeit einer 
psychoanalytischen Behandlung unter Aufsicht stünde. 

VI) Epilog 

Kurz nach seiner Freisprechung unterschlug Friedrich von einer Für- 
sorgestelle, der er anvertraut war, eine größere Summe und hat diese zum 
größten Teil für ziellose Eisenbahn- und Autofahrten verausgabt. Diesmal 
wurde er mit einer Freiheitsstrafe bestraft. Die Voraussage des Gutachtens 
hat so bald eine experimentelle Bestätigung erfahren. Für diese neurotisch 
erkrankten Bechtsbrecher fehlen heute entsprechende Institutionen und 
Bechtsmaßnahmen. Sowohl einfache Freisprechung wie auch Bestrafung 
erweisen sich zwangsläufig als ungeeignete Maßnahmen. 



Iraago XVIt. ,j 



Psychoanalyse und o trat recht 

Vortrag vor dtr Btrlinir und Drttdtntr A nwaluvtrtinigung 



V.m 

H UgO Staub 



Bell 



IM 



Ali vor einigen dreißig Jahren Professor Freud in Gemeinschaft mit 
Breuer die Behandlung Hysterischer, an denen alle Mittel der medizinischen 
Wissenschaft bisher erfolglos geblichen waren, zunächst mit Hilfe der Hyp- 
nose versuchte, führten diese Versuche, die I'Veud sehr bald allein fortsetzen 
mußte, zu einer überraschenden Entdeckung. Freud fand, daß das, was uns 
als geistige und seelische Persönlichkeit des Menschen sichtbar ist und was 
bisher fast ausschließlich das Arbeitsgebiet der Persönlichkeitsforschung ge- 
wesen war, nur eine dünne Schicht, nur die Außenseite des menschlichen 
Seelenlebens ist, die die Scheidewand bildet zu dem großen Triebreservoir, 
dem Unbewußten. Daß der bewußte und sichtbare Teil der Persönlichkeit 
nicht das ganze Seelenleben des Menschen umfaßt, war Dichtern und Denkern 
von Plato bis Goethe und Nietzsche immer bekannt. Nur die wissenschaft- 
liche Psychologie leugnete die Existenz des Unbewußten, das der wissen- 
schaftlichen Erforschung mit wissenschaftlichen Mitteln und Methoden bis- 
her verschlossen war, und dessen Vorhandensein nur in intuitiven Einfällen 
großer Persönlichkeiten sichtbar wurde. Die von Freud aufgebaute psycho- 
analytische Technik ermöglichte es erst, auf rein empirischem Wege einen 
Zugang zu dem Unbewußten und seinen Gesetzmäßigkeiten zu finden. Der 
Vorgang ist etwa in gleicher Weise zu verstehen, wie die Situation in der 
Mikroben forschung und Anatomie nach Erfindung des Mikroskopes. Auch 
hier eröffnete eine technische Entdeckung den Zugang zu einem bisher der 
menschlichen Forschung verschlossen gewesenen neuen Wissensgebiete. 



Pivdioanalyje und Strnfrcdit !q5 

So wurde die Psychoanalyse, die als Therapie bestimmter Krankheits- 
formen begonnen hatte, mit Hilfe der ihr eigenen, von Freud entdeckten 
Methoden die Quelle für eine umfassende, auf empirisch naturwissenschaft- 
licher Grundlage beruhende Psychologie. Wir kennen das Unbewußte, es 
ist uns vertraut, wie dem Anatomen seine Zelle, wie dem Naturforscher 
seine dem bloßen Auge unsichtbaren einzelligen Lebewesen. Die analytische 
Methode ist unser Instrument, exakt wie das Mikroskop unter dem geübten 
Auge des erfahrenen Forschers. Wir wissen, daß die seelische Persönlichkeit 
des Menschen sich nicht in der Außenseite erschöpft, die dem bloßen Auge 
des ungeübten Laien allein sichtbar ist, so wie der Inhalt der reinsten Luft 
und des reinsten Wassers sich nicht in ihrer chemischen Formel erschöpfen. 
Hinter der dünnen Wand der bewußten Persönlichkeit siedet und brodelt 
das große Reservoir der unbewußten Triebkräfte, die mit elementarer Vehe- 
menz zur Abfuhr in die Außenwelt drängen. Dort stoßen sie auf Wider- 
stände, die einer Realisierung der primitiven Triebabfuhr im Wege stehen. 
Wir sehen weiter das Tätigkeitsgebiet des Ich, dessen Funktion in der 
Hauptsache darin besteht, Triebansprüchen zur Motilität zu verhelfen, und 
das im übrigen mit Hilfe seiner Sinnes- und Wahrnehmungsorgane die Auf- 
gabe der Realitätspriifung zu erfüllen hat. So wird das Ich als realitäts- 
prüfende Instanz zum Kompromißprodukt zwischen Triebansprüchen und 
Außenwelt, zu derjenigen Instanz, welche zwischen unbewußten Trieben 
und Außenwelt als Scheidewand steht und zufolge seiner Berührung mit der 
Außenwelt und den Trieben in der Lage ist, die Realitätsprüfung, die Ent- 
scheidung darüber, welche Triebansprüche als realitätsgerecht und ichgerecht 
zur Motilität zugelassen werden können, zu fällen. Diejenigen Triebansprüche, 
die dieser Prüfung nicht standhalten, werden verdrängt. Das Ich steht als 
Mauer zwischen ihnen und der Außenwelt, sie brechen sich an dieser Mauer 
wie der Lichtstrahl, der auf einen Widerstand stößt, sich bricht und zurück- 
geworfen wird. Wir sehen also ein Wechselspiel dynamischer Kräfte zwischen 
Trieben und Umwelt, in denen das Ich als Zwischeninstanz die vermittelnde 
und ausgleichende Rolle spielt, die realitätsgerechten Triebansprüche zur 
Motilität zuläßt, die nicht ichgerechten verdrängt. 

Wenn auch der Bewußtseinsapparat, das bewußte Schauen, Wollen und 
Handeln, den Hauptteil der Ichfunktionen darstellen, so ist doch nicht 
das gesamte Ich des Menschen bewußt. So wie allen Lebewesen die Ten- 
denz innewohnt, sich der Umwelt anzupassen und zwecks ökonomischer 
Kraftersparnis gewisse, immer wiederkehrende Funktionen zu automati- 
sieren, so unterliegen im Laufe der Menschheits- und Persönlichkeits- 

>5* 




,,,(, Hugo Staub 

entwicklung auch die bei der Realität.prüfung gammelten Erfahrungen 

der gleichen ge.etzmäßigen Automatisierung, die sie von der bewußten 

Prüfung und Beobachtung abziehen und zu unbewußten Rcakt.ons weisen 

werden laßt. Wie da» Augenlid und andere korpermu.keln automatisch 

gegen äußere Reizangr.il- ..agieren, ohne daß der Bewußtseinsapparat zur 

Innervation der Muskeln bemüht zu werden braucht. ,o finden d.e sozialen 

Anforderungen der Umwelt, die der Verwirklichung von Triebanspruchen 

im Wege .tehen, ihren au.omntis.erten Niederschlag im Ober-Ich, dessen 

Wirken un. allen am seinem dem Bewußtsein zugänglichen Teile, dem 

Gewis.en. bekannt ist. Da. Ober ich haben wir un. al. moralische Instanz 

im Ich vorzustellen, als eine Instanz, die einen Teil der Ucal.tatsprufung, 

die Konfrontierung nämlich der Triehan.p.n, l.e mit den sittlichen und 

moralischen Anforderungen der Sozietat, übernimmt und d.e d.e)emgen 

Triebansprüche, die die Prüfung nicht bestehen können, in die Verdrängung 

zurückbefördern läßt, ein Pilt.-r gleichsam, der die Abfuhr von Ineban- 

sprüchen in die Außenwelt DIU insoweit zulaßt, als sie deren ethischen 

und moralischen Anlonl.rungen. die im Ich Aufnahme gefunden haben, 

entsprechen. 

So hat uns die Psychoanalyse mit Hilfe eine, neuen Porschungsmethode 
einen Zugang verschallt zu «lern von allen Mens« hen dunkel geahnten, von 
großen Dichtern und Denkern intuitiv erschauten und in Einzelheiten 
manchmal beschriebenen dynamischen Krältespiel /wischen den verschie- 
denen Instanzen der scelis. hen um! grisiir,... Persönlichkeit. Wir sehen, 
daß die Gesamtpersönlichkeit ein komplizierter Appurat ist, aufgeteilt in 
verschiedene Teile mit spezialisierten Punktionen. Pin intakter, realitäts- 
gerechter, konfliktloser Ausgleich zwischen diesen li l.initanzcn ist das, was 
wir als den ldealfall seelischer ( Gesundheit bezeichnen. 

Wir haben uns weiter vor Augen zu halten, daß die im Unbewußte 
verdrängten, von der Realisierung ausgeschlossenen Tt i< h.msprüche nicht 
etwa verschwinden, sondern im Unbewußten, dem Ei weiterleben, das 
Schicksal und den Werdegang dei Menschen, »eine Charakterbildung und 
seine Handlungen in oft entscheidendem Umlaiige bestimmen. Alles Ver- 
drängte hat die dynamiiche Tendenz zur Wiederkehr. Triebansprüche, die 
in der ursprünglichen Porm von der Realisierung ausgeschlossen sind, ge- 
langen oft in veränderter, realitüt.gerechter. d. h. der Sozietät angepaßter 
Umwandlung schließlich doch noch zur Abfuhr in die Außenwell. Wir 
bezeichnen diesen Vorgang, die Umwandlung d. •,..•, ,,!.. I ... b.msprüche in 
sozial angepaßte und ihre Verwendung im Dienste der Sozietät als Suh- 






Pjydioanalyje und iStrafredil 1( .y 



limierung. In der segensreichen Tätigkeit des Chirurgen oder Zahnarztes, 
in dem das Gemeinschaftsleben fördernden Beruf des Staatsanwalts und 
Richters finden wir unschwer die sadistische Grundlage wieder deren 
Ausleben — in der ursprünglichen Form verpönt — in einer realitäts- 
gerechten und der Gemeinschaft dienenden Umwandlung von den Ich- 
instanzen freigegeben ist. In allen Berufen, in allen Betätigungen des 
Menschen zum Nutzen der Gemeinschaft erkennen wir die ursprünglichen 
Triebwurzeln, sehen wir als Triebgrundlage oft die ursprünglich dissozialen 
Tendenzen des Es sublimiert, d. h. umgewandelt zur Verwendung im Dienste 
der Gemeinschaft. 

Die Erforschung der Qualität und Arbeitsweise der verschiedenen seeli- 
schen Instanzen, der Charakter und die Schicksale sowie die Qualität der 
Triebe, die Entstehung und die Funktionen des Über-Ichs, das Wirken des 
Verdrängungsmechanismus und sein Einfluß auf Handlungen und Charakter- 
bildung des Individuums sind neben der Erforschung der bewußten Per- 
sönlichkeit und seiner Gesetzmäßigkeiten das ureigenste Arbeitsgebiet der 
psychoanalytischen Wissenschaft. Gefunden im Verlaufe einer ärztlichen 
Therapie, hat sich die psychoanalytische Methode als brauchbares Instrument 
erwiesen, um den Zugang zu bisher verschlossenen Gebieten menschlichen 
Seelenlebens zu finden und den Ausbau einer auf rein empirisch natur- 
wissenschaftlicher Grundlage beruhenden, umfassenden Wissenschaft der 
Psychologie zu ermöglichen. Die ärztliche Therapie, der Versuch einer 
Heilung bei Störung der verschiedenen Persönlichkeitsfunktionen, ist ein 
interessantes und nützliches Teilanwendungsgebiet der Psychoanalyse ge- 
blieben, die Wissenschaft hat sich jedoch darüber hinaus zu einer eigenen 
und selbständigen Disziplin entwickelt. 

Bei der psychoanalytischen Therapie der Neurosen hat sich alsbald 
gezeigt, daß die sogenannten Übertragungsneurosen (Zwangsneurosen, 
Hysterie usw.) Anpassungsdefekte sind, gescheiterte Versuche des Individuums, 
seine Triebansprüche in Einklang zu bringen mit der Umwelt, insbesondere 
mit deren moralischen Anforderungen. Diese Feststellung mußte logischer- 
weise zur Erforschung der psychologischen Bedingungen für das Zusammen- 
leben der Menschen, zum Studium der Gesetzmäßigkeiten der Massen- 
psychologie führen. Denn beide, die psychische Eigenart des Individuums 
wie die psychische Struktur der Gesellschaft sind ja gemeinsam die Ursache 
der Neurose, die aus dem Unvermögen entstanden ist, beide zu einer 
Synthese zu vereinen. Die Arbeiten Freuds über Massenpsychologie und 
Ichanalyse, Totem und Tabu, die Zukunft einer Illusion, das Unbehagen 



o Hugo Ot«ul> _^^_^^_^^-^____ 

in der Kultur und andere lind einige Ergebnisse der Erforschung sozio- 
logischer Probleme durch Freud. 

Die Erforschung und Behandlung de, Neurosen ergab aber noch einen 
anderen Fund: E. stellte sich heraus, daß da. Wesen der Neurose in einem 
auf das mner,..vc:hi.d.c Gebiet gedrängten Ausleben der «sozialen Tenden*« 
de, Kulturmenschen wurzelt. Die Neurose ist in ihrem psychologischen 
Inhalt und in ihrem Aufbau eine treue Wiederholung der Strafjiutu der 
Urzeit. So bot sich dem medizinisch und biologisch geschulten Psycho- 
analytiker da, befremdliche Bild, da. We.en dieser neurot.schen Erkran- 
kungen in einer in den Naturwwtein.-h.ften unbekannten, teil, literarischen, 
teils juri,ti,chen Sprache und in kriminologischen Begriffen ausgedruckt 
zu erhalten. Schuld und Sühne, Opfer und Buße. Verbrechen und Strafe, 
Strafbedürfni. und Ge.tändni.zwang, Vatermord, Mutterinze.t und Kastra- 
tion.phanta.ien beherrschen da. Denken und Fühlen de. Neurotikers. So 
kam der Psychoanalytiker in die Lage, sich mit Verbrechen und Strafe, 
deren innerer Verbundenheit und Bedingtheit, mit der P.ychogenese des 
Verbrechens, der psychischen Wirkung, der ökonomischen Funktion und 
der innerpsychischen Verwertung der Strafe als Problemen auseinander- 
zusetzen. Und so fand .ich der P.ycnoanalytikcr bald mitten in den 
Problemen der Kriminali.tik. der Psychologie de. Ve, brechen« ««wohl wie 
der Strafrechtswi.senschaft und Strafrechtspflege und er konnte feststellen, 
daß — wenn auch auf anderem Niveau und anderer Plattform ' die 

Probleme der Kriminalistik ahnlich sind denen, die ihm aus den Be- 
handlungszimmern der neurotisch Erkrankten vertraut und bekannt sind. 
Es ist eben immer und überall die P.y. li..l«. ; -i. . du- Kikninlnis der Gesetze 
seelischen Geschehens, die in der Hauptsache das Verständnis vermittelt 
für die Schicksale des Individuums in der Masse, seine Anpassung und 
deren Mißlingen. 

Die Umschau der Psychoanalyse in der Kriminalistik führte noch zu 
einer weiteren Feststellung: Chaotische. Dunkel, eine Unzahl ungelöster 
Probleme, ein oft intuitiv richtige. Erfassen der soziologischen Erforder- 
nisse durchsetzt und verfälscht von in Ursprung und Eigenart unerkannten 
Triebansprüchen, da. ist auch heute noch da. Bild moderner Knm.iiah.tik. 
So i.t die Kriminalwissenschaft und Su .In, h.spflcge bis zum heutigen 
Tage eine, der dunkelsten, triebhaftesten, unerkanntesten Ventile für die 
unkontrollierte Abfuhr von Affekten in der Gemeinschaft geblieben, in 

der Art. wenn natürlich auch ni<h« im Umfang, alten Ritualen dunklen 

Mittelalter, oder frühge.chich.lu her Zeiten vergleichbar. D.e intuitive Er- 




Psychoanalyse und StrafreAt lq _ 



kenntnis von der Überlebtheit und Unechtheit kriminalistischer Determi- 
nationen haben besonders in der neuesten Zeit in der ganzen Welt zu 
einem Reformationshunger im Strafrecht geführt, zu ewig neuem Experi- 
mentieren, ohne daß es gelang, die Allgemeinheit oder auch nur die Justiz- 
personen selbst von der soziologischen Zweckmäßigkeit des heutigen Straf- 
rechts zu überzeugen. Trotziger Rückzug in Affektreaktionen oder fatali- 
stische Skepsis gegenüber der Möglichkeit soziologisch zweckmäßiger Be- 
handlung des Verbrechers waren die Folgen, die eine chronische Krise der 
Strafrechtspflege wohl in der gesamten modernen Welt zur Folge hatten. 

Das Bestreben der Neuzeit, alle Gemeinschaftsarbeit auf die Formel 
größtmöglicher Zweckmäßigkeit und Rationalität zu bringen — man denke 
an die Rationalisierungsbestrebungen in der Wirtschaft, an die öffent- 
liche Gesundheitspflege und Sozialhygiene — dieses Bestreben, das ent- 
standen ist, um die unerhört gesteigerten Anforderungen, die das spät- 
kapitalistische Gemeinschaftsleben an den Einzelnen und die Staatsmaschine 
stellt, auf das geringstmögliche Maß herabzusetzen, werden auf die Dauer 
auch die Kriminalistik und die Strafrechtspflege nicht zur Ruhe kommen 
lassen, werden die Divergenz, die zwischen Gerichtssaal, Gefängnismauern 
und dem lebendigen Leben der Außenwelt klafft, niederreißen und das 
Licht wissenschaftlicher Erkenntnis auch in diese Funktion menschlichen 
Gemeinschaftslebens tragen. So wie die Medizin aus einem Privileg von 
Priestern, Zauberern und Teufelsbeschwörern sich zu einer exakten Wissen- 
schaft herangebildet hat, so wie der triebhafte Ruf: panem et circenses 
des Altertums zur modernen Sozialfürsorge geworden ist, so wird man 
endlich auch die Probleme des Verbrechens und seiner Bekämpfung in 
moderner, objektiv wissenschaftlicher Untersuchung erkennen und lösen, 
wenn man erst erkannt haben wird, welche Triebkräfte der Gemeinschaft 
in diesem Komplex einen unkontrollierten Unterschlupf gefunden haben 
und die zweckmäßige Lösung der Probleme verhindern oder erschweren. 

Lassen Sie uns jetzt, meine Damen und Herren, einen kleinen Spazier- 
gang in die Problemenwelt der Kriminalistik unternehmen und wenigstens 
andeutungsweise feststellen, was die Psychoanalyse zu deren Lösung bei- 
tragen kann. 

Die Funktion des Kriminalrechts ist nicht — wenigstens nicht allein — 
eine psychologische und wissenschaftliche Aufgabe, sondern in hervor- 
ragendem Maße eine soziologische und vornehmlich auch politische. Welche 
Handlungen als Verbrechen zu gelten haben, wird in verschiedenen mensch- 
lichen Gemeinschaften und zu verschiedenen Zeiten verschieden beant- 



Hugo Staub 



wortet. Jeweils nach dam zivilisatorischen Stande, nach den verschiedenen 
politischen Zielsetzungen und Ideologien »ind dir Anp.mungsanforderungen 
verschieden. Es genial m.» htei dir Feststellung, daß die Stigmatisierung 
bestimmter Handlungen »1» Ynh.r.hm das kompromißergebnis der Ideo- 
logien und sri/iulogisi hm /.ielsei/migeii einer bestimmim. («weil« herrschenden 
Schicht ist Da in keiner I.ebensgeiiieinst halt <liese Ideologien und Ziel- 
setzungen Tür alle Mitglieder der (...,.. inschaft die gleichen sind — warum 
nicht, das ist ein Lntei—santcs Sonde rgehin dei Sozia lpsychologi« und Soziologie 
— towirdeineeinheitli.hr \ullassiing darüber, was verboten und was erlaubt 
werden soll, sich in einer < ieim iiisi ball tue herstellen lassen, der Kampf ums 
Recht nie verstummen. Aber das ist ja vorwiegend ein real politisches Problem. 
Immerhin hat auch bei der Feststellung dessen, was erlaubt und was ver- 
boten werden soll, die Psychoanalyse mancherlei auszusagen. Der Kampf 
um § ai8 — abgesehen von seiner religiös Ideologischen Bedeutung ■ — % 
die Krage des Verbotes von Perversionen, insbesondere die Stellung zur 
Homosexualii.il und vieles andere sind Probleme, deren Losung ZU einem 
wesentlichen Teil am h von wissenschaftlich psychologischer Erkenntnis ab- 
hangig ist. (ierade zur Prag« der Perversionen, ihrer < i. in.iiischadlich- 
keit, ihrer Psychogene»« und Ihr« Heilung kann die P»vi Im.malvse vieles 
aussagen, was mit anderen Methoden im hl feststellbar ist. Insbesondere 
kann die Psychoanalyse dartun, da 11 und aus weh hem (»runde eine Be- 
strafung der Perversion, soweit sie nicht etwa auch andere deliktische Tat- 
bestände, wie Verführung Minderjähriger, (iewallakt usw. erfüllt, die 
soziologisch wohl iin/wn kmaßigsle Heaklionsweise ist, weil die Bestrafung 
hier das erstrebte Ziel nicht erreichen kann und fast aussi hließlich Schaden 
zu stiften geeignet ist. 

Im übrigen erschöpft sich der bewußte soziologische /weck des Krim inal- 
rechts in der Lösung dei Krage. Verlor, hrn, d. h Handlungen, die eine 
bestimmte ( ö-m.insi hafi als schädlich und störend verurteilt, generell m 
verhindern und Menschen, die solche Handlungen begehen, zu veranlassen, 
dies nicht wieder zu tun Wenn dann not h das Problem der möglichsten 
Wiedergutmachung eines angnii bieten Si hadens gelost wäre, so würde so 
ziemlich alles gesi heben sein, was aus rein rationalen Li wagungen an staat- 
lichen Maßnahmen zu BMM ^'^ H re< httntigen wäre. 

Wie erfüllt nun die Gemeinschaft diese Aufgabe? hast immer und lu 
allen Zeiten der (ics.huhte hat man aui das Delikt mit Strafe reagiert, 
so als wenn eine unlösbare und iinahanderli« he logische Verknüpfung zwischen 
Verhrethen und Stialr bi-st.mde Wenn man im Altertum den Verbrecher 









Psycfaoannlysc und iStrnfrcdit 



aoi 



aus der Gemeinschaft der Menschen ausstieß, ihn in Acht und Bann tat 
oder wenn man auf so ziemlich jedes Verbrechen die Todesstrafe setzte so 
erfüllte diese Maßnahme wenigstens den einen soziologischen Zweck die 
Gemeinschaft von diesem einen Rechtsbrecher zu befreien, sie vor der Gefahr 
wiederholter Störungen des Gemeinschaftslebens durch diesen einen Menschen 
zu schützen, in vollkommener Weise. Die fortschreitende zivilisatorische Ent- 
wicklung, die im wesentlichen durch den Abbau von Aggressionen gekenn- 
zeichnet ist, durch die gemeinschaftsfördernde Umwandlung sadistischer 
Triebe — uns als Sublimierung in der Psychoanalyse vertraut, — hat den 
Menschen diese primitive sadistische Reaktionsweise alsbald unmöglich ge- 
macht. Immerhin kennt auch das moderne, insbesondere das englische Straf- 
recht heute noch die Verweisung mancher eingeborener Rechtsbrecher außer 
Landes, glaubt ihren soziologischen Zweck erfüllt zu haben, wenn der Rechts- 
brecher das eigene Gemeinschaftsleben nicht mehr stört. Bei allen Fort- 
schritten der Zivilisation aber, und so sehr man Wert darauf legt, modern, 
human und zweckentsprechend zu reagieren, diese Verknüpftheit, diese innere 
Bedingtheit von Verbrechen und Strafe sind bis auf den heutigen Tag im 
wesentlichen intakt geblieben. — Die Gemeinschaft hat ihr Ziel, die Ver- 
brechen zu verhüten, zwar nicht aufgegeben. Besonders im modernen Deutsch- 
land wird der Grundsatz, den schon Friedrich der Große aussprach — es ist 
besser ein Verbrechen zu verhüten, als zehn Verbrecher zu bestrafen — 
zum obersten Leitmotiv der Kriminalpolitik erhoben. Immer aber erfolgt 
bis heute die Verbrechensbekämpfung und der Versuch einer Besserung von 
Rechtsbrechern im Rahmen der Bestrafung. Mit einer geradezu mono- 
manischen Beharrlichkeit wird an der Verknüpfung von Verbrechen, und 
Strafe festgehalten. Schon der Gedanke einer Prüfung der Frage, ob nicht 
andere Reaktionsweisen zuweilen angezeigter und soziologisch nützlicher 
wären, ist verpönt. Die Gemeinschaft überträgt die Lösung des Problems, 
den Verbrecher in die Gemeinschaft zurückzuführen, statt es selbst unvor- 
eingenommen mit allen Mitteln wissenschaftlicher Psychologie zu versuchen, 
auf die Strafe. Auf die Einrichtung der Strafe wird der Besserungszweck 
projiziert, von der Strafe und deren Vollstreckern wird verlangt, daß sie im 
eingeengten Rahmen dieser Einrichtung den Delinquenten bessern, und es 
wird ewig und immer von neuem an der Einrichtung der Strafe herum- 
gedoktort, damit sie diesen Besserungszweck erfülle. Wenn es ihr nicht 
gelingt, so kommt man nicht auf den Gedanken, daß das Mittel der Strafe 
vielleicht in vielen Fällen eine ungeeignete Reaktionsweise ist, sondern man 
beruhigt sich mit der Feststellung, es gäbe eben unverbesserliche Delinquenten, 




j.»a 



HuS" •*"> t - ■ • 1 ■ 



welche »ich »elbit nicht durch Strafe und »11c ihre Abstufungen heuern lassen 
und die man eben wieder erneut eimperren müsse. 

Dem Psychoanalytiker in diese tief« affektive Verknüpfung von Verbrechen 
und Strafe aua der Neuroienlchre nur zu gut bekannt. Für die Kriminalistik 
entlieht da» unabweisbare Problem, die.e Veiknupfung einmal festzustellen, 
zu prüfen, auf welchen affektiven Wurzeln »ie benihl. um dadurch den 
Kriminaliiten selbst er»t von dem suggestiven Bann dieser Verknüpfthejfc lu 
befreien und ihn »o in den Stand zu .etzrn. mit größerer eigener Objektivität 
und Di.tanz den Problemen der Heaktionswei.en auf da» Verbrechen ins 

Auge zu schauen. 

Die bisherige Kriminalrechtswi.sen»chsft erschöpfte »ich »o ziemlich in 
der Beantwortung der Krage, weh he,., /.wecke eigentlich die Strafe diene. 
Da. Prinzip der Ab.chie« kui.g. ein soxiologi.« h für die Verbrechensverhütung 
richtiger (.«danke, wurde für die Strafe in» Feld geführt, ohne daß man aller- 
ding» zu prüfen ver.uchte. ob die Abschreckung durch Androhung von zeitiger, 
ver.chieden dotierter Kü.sperrung nun wohl die bestmögliche Präventionsform 
sei. Sodann soll die Strafe den bereits erörterten /.werk der Spezialprävention 
und Besserung erfüllen und endlich einigte sich die Hechtswissenschaft auf 
den Begriff der Bechtsstrafe, der der Strafe im we.entl.. hen Sulmciunktionen 
beilegt. Im übrigen befindet sich die Staatsgewalt selten in so einmütiger 
Übereinstimmung mit der I .. ■im um halt wie im Strafen, überhaupt ist das 
überaus wache Interesse der Menschen am Miakei lahren ein merkwürdiges 
Problem, das der Forschungsarbeit des Psychoanalytikers dankbare Aufgaben 
stellt. 

Fast kein Vorgang des öffentlichen leben», kaum die Parteipolitik, »icher 
nicht die Maßnahmen der Begierungsgewalt oder die äußere Politik finden 
ein so konstantes, nie ermüdendes, immer argwöhnisch wachendes Interesse, 
wie die Verbrechen und ihre geri< !nli< he Behandlung. Die» kann nicht 
durch die soziologische Wichtigkeit der Verbre« hensbekämpfung allein erklärt 
werden. Sozialhygiene, die Bekämpfung der < ..»• biet htskrankheiten und 
der Tuberkulose zum Beispiel sind soziologisch ungemein viel wichtiger als 
die Bekämpfung des Verbrechertums. Denn es sterben an Tuberkulose und 
Krebs in einem Monat mehr Menschen, all dur« h \ eihre. herhand in Jahren 
umgebracht werden. Trui/.dem ist das Interesse der Allgemeinheit an der 
So/ialhvgiene relativ gering. Die merkwürdig» Struktttl dei heutigen Wirt- 
schaftsform, die es zuläßt, daß an eine, „ »,«..,,.■.. Börse mehr National- 
vermögen zugrunde geh.. als durch alle Diebe, Schwindler und Betrüger 
im laufe von Jahren .-rheut.-! werden kann, wird all gottgewolltes, unab- 



Psycnoanalyje und iStrafrcdit ao 3 



änderliches Fatum hingenommen. Die Beispiele lassen sich ad libitum er- 
weitern. Es müssen also wohl tiefere unbewußte Gründe für diese wache 
und mißtrauische Anteilnahme der Öffentlichkeit am Strafverfahren vor- 
handen sein. Die Psychoanalyse erlaubt uns, diese tieferen Beweggründe 
zu erforschen und zu erkennen. 

Zunächst zeigt sich ein dringendes, triebhaftes Verlangen der Massen 
nach Strafe. Ob der Massenmörder Haarmann geisteskrank war, ob der 
Düsseldorfer Massenmörder sich als geisteskrank erweisen würde, die Menge 
verlangt den Kopf dieser Übeltäter und würde enttäuscht gewesen sein und 
es nicht verstanden haben, wenn Haarmann durch die Psychiatrie dem 
Schaffott entrissen worden wäre. Dasselbe Bild zeigt jeder Kriminalfall, der 
sich durch besondere Grausamkeit oder durch besonders schwere Opfer 
auszeichnet. — Diesem triebhaften Verlangen der Massen nach Strafe liegen 
verschiedene psychische Mechanismen zugrunde. 

Wie exakt und tiefgehend wir auch die Persönlichkeit des Täters und 
die Psychogenese der Tat aufdecken, so wird doch immer eine diesen auf- 
gedeckten Motiven entsprechende Behandlung des Täters auf ungemein 
starke Widerstände stoßen, wenn diese Reaktion nicht gleichzeitig auch 
dem affektiven Sühne- und Vergeltungsdrang der Allgemeinheit entspricht. 
Eher wird die wissenschaftliche Einsicht verworfen, als die Befriedigung 
der Affekte geopfert. Verständlich wird dieser Sühnedrang nur dann, wenn 
wir seine tieferen affektiven Wurzeln aufdecken. Wir wissen aus der Psy- 
chologie des Einzelindividuums, daß die im Ich errichtete Instanz des Ge- 
wissens, von unserer Wissenschaft Über-Ich genannt, die Funktion hat, dem 
Drange der in jedem Menschen vorhandenen asozialen Triebregungen Einhalt 
zu gebieten. Die Macht des eigenen Über-Ichs über das Triebleben der 
Menschen beruht zu einem wesentlichen Teile auf der Tatsache, daß das, 
was ich nicht darf, dem anderen auch verboten ist. Diese Macht des eigenen 
Über-Ichs wird dann schwer erschüttert, wenn ein Täter straflos bleibt 
oder für seine Tat nicht büßen muß. Die mangelhafte Bestrafung bedeutet 
ja für das Triebleben des Zuschauers, daß der Richter dem Täter das er- 
laubt, was man sich selbst verbieten muß. 

Die Anpassungsleistung des modernen Kulturmenschen ist eben wirklich 
eine schwere Arbeit. Sie bedeutet einen so starken Verzicht auf die Befriedigung 
von Lustmechanismen zugunsten der Gesellschaft, daß die Verzichtleistungen 
ohne Erschütterung des seelischen Gleichgewichts auf die Dauer nur dann 
tragbar sind, wenn wenigstens das, was ich mir verbieten muß, andern 
nicht etwa erlaubt wird. Der Ruf nach Sühne für eine Missetat entsteht 




a<1 ^ lliiyu iSlaiili 

■o zum Schutze der eigem-n Verdrängungen au» Angst vor der Erschütte- 
rung der Macht des Über-Ichs gegenüber den »chwer genug gezähmten 
Trieben. 

Der Sülmedrang ist also eine Schutzreaktion dei Iclu gegen die eigenen 
Triebe im Dienste ihrer Verdrängung, um du» seelische Gleichgewicht 
zwischen verdrängenden und verdrängten Kräften aufrechtzuerhalten. Das 
Verlangen nach Resiralüng des Täter» iit gleichzeitig eine Demonstration 
nach innen, um die Triebe einzuschüchtern; „Was wir dem Tater verbieten, 
darauf müßt aueb Ihr verzichten." 

Neben diesem Sühim harakter, der in der modernen Rechtsphilosophie 
als Rechtsstrafe zum Ausdruck kommt, hat die Strafe noch eine tiefere 
affektive Wurzel, die Rache. Sie i«t ein Stück unmittelbarer Triebreaktion, 
die jedem Lebewesen eigen ist. Die Rache dient der Abfuhr einer Unlust- 
spannung mittels Projektion, das heult die Unlust wird dadurch aufgehoben, 
daß man das, was man passiv erduldet hat, aktiv auslebt. Dies sind die 
Wurzeln der Talion, ihr Mechanismus i»t in allen Menschen wirksam, da 
jedes Mitglied einer Gemeinschaft «ich mit dem durch «inen verbrecherischen 
Angriff Geschädigten automatisch identisch fühlt und nach Rache ruft. 

Sodann dient das Redürfnis der Mäste nach Strafe der Ableitung von 
Aggressionen als rt'cornpcnsr für Verzicht auf Sndiimut. 

Wir wissen wiederum uns der Psychologie der Einzelpersönlichkeit, daß 
jeder Mensch »tarke sadistische Triebe hat. zu deren Verdrängung oder 
sonstiger Mewältigung er in Anpassung an die Erfordernisse der Sozietät 
genötigt ist. Ks verbleiben dem modernen, durch eine außerordentliche 
Fülle von Triebverzichten geplagten Kulturmenschen nur wenige Ventile 
zur Abfuhr sadistischer Spannungen. Außer «hin Krieg, dem die moderne 
Entwicklung nach den letzten Kr fahrungen nicht mehr »ehr hold ist, der 
Parteipolitik und den verschiedenartigen Sportkiunpfen bleibt eigentlich das 
Strafrecht als eines der wenigen erlaubten Abfuhrventile für gehemmten 
Sadismus übrig. Die Identifizierung der Menge mit der strafenden Gesell- 
schaft ermöglicht dem Rei hts< hallenen ein \nslel.eii seinei \|' jm essioiien in 
sozial erlaubter Form. Dieses Ausleben verringert das Quantum der zu ver- 
drängenden Aggressionen, erleichtert also die Verdrängungsarbeit. Jedes 
Gerichtsverfahren, insbesondere auch die Vollstreckung von Todesurteilen 
und ihre beeile Darstellung in der Preise haben vielfach den Charakter 
von Schau»tellungen und dienen zur Abführung von Aggresiionen, ähnlich 
wie die Gladiulorenkample des alten Roms oder die Stierkampfe der lateini- 
schen Rasse. 






Psychoanalyse und Strafrecht 20 C 



Der zweite Kreis von Problemen, die das Interesse der Massen an der 
Strafrechtspflege zu erklären geeignet sind, ist das Gerechtigkeitsgefühl der 
Massen. 

Der Verzicht des Menschen auf das Ausleben aggressiver Strömungen 
erfolgt im allgemeinen zunächst aus Furcht vor Leidenserfahrung. Schon 
die Erziehung des Kindes erfolgt auf dieser Grundlage und auch der er- 
wachsene Mensch ist im allgemeinen zu einem erheblichen Teil nur durch 
Furcht vor Leiden zur Aufgabe aggressiver krimineller Strömungen bereit. Dazu 
kommt aber ein zweiter Faktor, der die Einschränkung der Aggressionen 
bewerkstelligt. Es ist dies der Verzicht auf Triebbefriedigungen gegen Aus- 
tausch der Hoffnung, dafür geliebt und geachtet zu werden. Dieser contrat 
social lautet etwa so: Ich nehme gewisse Triebeinschränkungen auf mich, 
die die Gesellschaft von mir verlangt. Ich verzichte also der Gemeinschaft 
zuliebe — für das Kind stehen an Stelle der Gemeinschaft noch die einzelnen 
realen Autoritätspersonen — , um von den Autoritäten geliebt zu werden. 
Den Nutzen dieser Liebe erkenne ich in erster Reihe in der Sicherheit, 
die sie mir gewährt. 

Angst vor Strafe und vor Liebesverlust — auch das ist ja nur eine 
besondere Form der Strafe, besonders in der Kriminalistik, wenn man 
berücksichtigt, daß die Vogelfreiheit des Verbrechers alter Zeiten ja heute 
noch bis zu einem gewissen Grade fortbesteht — das sind die beiden haupt- 
sächlichen Regulatoren des Trieblebens. Der Triebverzicht auf Grund bewußter 
Überlegungen spielt daneben, wie wir aus der psychoanalytischen Erfahrung 
wissen, nur eine recht bescheidene Rolle. Das Streben nach Lust und nach 
Vermeidung der Unlust ist die elementare Grundlage aller sozialen An- 
passungen. 

Das sind in groben Zügen die Probleme, die uns dieses affektive, zähe, 
irrationale Festhalten an der Einrichtung der Strafe als fast einziger Reaktion 
auf Verbrechen verständlich machen. Der soziologische Zweck einer wahren 
Verbrechensbekämpfung leidet natürlich in außerordentlichem Maße unter 
diesen zähen Affektansprüchen. Eine auf wissenschaftlicher Grundlage fundierte, 
rein nach Zvveckmäßigkeitsgedanken orientierte Kriminalpolitik kann nur auf 
einem Roden wachsen, wo diese irritierenden affektiven Grundlagen der 
Reaktionsweisen erkannt und bewußt gemacht sind. 

Der Entwurf zu einem neuen Strafgesetz und Strafvollzugsrecht schlägt 
wohl zum ersten Male grundsätzlich in diese dicke Mauer der Affektbesetzung 
eine Rresche. Nach dem geplanten Gesetz soll es möglich sein, Rechtsbrecher 
in geeigneten Fällen ständig oder auch zeitweise zu internieren, ohne daß 







aob ^ Hugo iStnuli 

diese Internierung Strafcharakter enthält, vielmehr lediglich mit dem Ziel, 
zu bessern, oder, wo dies unmöglich ist, von weiteren gemeinschädlichen 
Handlungen den Täter aufschließen. Ki ist dies wohl der erste Versuch 
einer affektlosen Kriminaljustiz in der Welt und kann alt solcher nicht 
warm genug begrüßt werden. Freilich legi der Gesetzgeber mit diesen 
geplanten Maßnahmen dem Richter eine ungleich höhere Verantwortung 
auf, als er sie bisher EU tragen hatte. Das Prinzip früherer Epochen, 
bestimmte deliktische Tat bestände unter bestimmte Strafen zu stellen, das 
Prinzip also der Bestrafung der kriminellen Tat als solcher, ist ja längst 
durchbrochen. Die Forderung Liszts und seiner Schule, nicht die Tat 
sondern den Täter zu beurteilen und zu strafen, ist, wenn auch nur in 
der Formulierung, der Täter ist zu strafen, längst akzeptiert. Zahllose 
Dienstanweisungen, die Judikatur des Reichsgericht», und die öffentliche 
Meinung fordern von dem Richter der heutigen Zeit, daß er sich nicht 
auf die Feststellung des objektiven Tatbestandes beschränken dürfe, sondern 
die soziologische und psychologische Diagnose des Falles stellen müsse. Als 
Vorbereitung für die künftigen Aufgaben des Um hier* im neuen Kriminal- 
recht zumindest ist diese Forderung unerläßlich. Auch für das heute geltende 
Recht ist sie, wenn auch nicht so sehr für die Frage der Dosierung der 
Strafe, deren Bedeutung ungemein üherst hat/.t wird, so doch iür die An- 
wendung des bedingten Verzichts auf die Strafe und »einer Voraussetzungen 
von großer Bedeutung. 

Der Richter kommt aber durch diese ihm gestellte Aufgabe in eine 
außerordentlich peinliche Tage. Es werden bei ihm soziologische und psycho- 
logische Kenntnisse vorausgesetzt, zu deren F.rliingung der heutige Bildungs- 
gang des Juristen so ziemlich gar nichts beitragt. So ist der Richter ganz auf 
seinen persönlichen Bildungsgrad, seine Intuition und den Sachverständigen 
angewiesen. Der medizinische Sachverständige stellt die psychiatrische Diagnose 
exakt und meistens fehlerfrei, die Frage, ob eine der bekannten krankhaften 
Störungen der Geistestäligkeit vorgelegen habe, die die Anwendbarkeit des 
§ 51 rechtfertigen, wird im allgemeinen hinsichtlich der psychiatrischen 
Verhältnisse korrekt beantwortet. In der Frage der psychologischen Aufklärung 
von Verbrechen aber, bei denen eine der dem Psychiater geläufigen Geistet- 
krankheiten nicht vorliegt, vermag die Schulpsychiatrie so gut wie nichts 
zu leisten. Wir hören immer wieder von den sogenannten vermindert Zu- 
rechnungsfähigen, wir hören, et handle sich um triebhafte Charaktere, um 
cyklothymc. paranoide, epileptoidc Menschen und was dergleichen gelehrte 
Fachausdrücke noch mehr sind, wir hören von angeborener, biologisch 






Pjydionnnlyic un d Strafredit 



207 



determinierter Minderwertigkeit, wir hören bei genügend sorgfältig vor- 
bereiteten Gutachten zuweilen auch eine gute soziologische Diagnose ohne 
daß wir uns aber über die wirklichen speziellen Motive einer bestimmten 
Tat eine Vorstellung machen können. Hier, bei der Erklärung der psycho- 
logischen Ursachen einer verbrecherischen Handlung, kann eben nur die 
psychoanalytische Wissenschaft aufklärend wirken. Denn nur sie besitzt das 
Rüstzeug einer exakt wissenschaftlichen Psychologie, nur sie kennt die 
Zusammenhänge zwischen Einzelschicksal, Kindheitserlebnissen, besonderer 
struktureller Eigenart der Triebkonstellation des Individuums. So setzt uns 
die Psychoanalyse in die Lage, eine Einzeltat nicht durch generelle, ver- 
schwommene, für eine Unzahl von verschiedenen Fällen in gleicher Weise 
passende Determination zu erklären, sondern die Tat dieses einen Individuums 
aus dem Charakter, den Erlebnissen, der Triebsituation dieses einen Menschen 
individuell und eindeutig aufzuklären. 

Die Erforschung des menschlichen Trieblebens durch die Psychoanalyse 
hat uns gezeigt, daß die Triebe aller Menschen in gleicher Weise kriminell 
sind, d. h. die Tendenz haben, sich gegen die anderen Menschen und zu 
deren Schaden durchzusetzen, daß erst im Verlaufe der Menschheits- und 
Individualentwicklung und unter dem Zwange der soziologischen Anfor- 
derungen die Menschen sozial geworden sind, daß Neurose, die Krankheit 
des modernen Kulturmenschen, auf dem Unvermögen beruht, die eigenen 
kriminellen Wünsche mit den Anforderungen der Realität in Einklang zu 
bringen, daß das neurotische Symptom eine Kompromißbildung dieser 
widerstreitenden Tendenzen darstellt. Wir haben ferner in der Psycho- 
analyse erfahren, daß es triebhafte neurotische Charaktere gibt, deren 
klinisches Krankheitsbild ähnlich dem der Neurose ist, nur daß sie ihre 
neurotischen Symptome nicht autoplastisch innerhalb ihrer Persönlich- 
keitsgrenzen bilden, sondern alloplastisch in die Umwelt projizieren. Es 
sind dies Menschen, die in ihrer gesamten Lebensführung in typischer 
Weise von der Norm abweichen, die ihre Triebe ausleben, auch die ich- 
fremden und asozialen, und die dennoch nicht wirkliche Kriminelle sind. 
Sie handeln unter einem dämonischen Zwang, aber ein Teil ihrer Persön- 
lichkeit verurteilt dieses triebhafte Ausleben, wenn sie es auch nicht be- 
herrschen können. So wie der Neurotiker verbrecherische Wünsche und 
Selbstbestrafung in dem neurotischen Symptom zu einer Synthese vereinigt, 
so sind auch die neurotischen Charaktere von einem merkwürdigen irrational 
erscheinenden Selbstzerstörungsdrang besessen. Das Charakteristikum der 
Neurose, der seelische Konflikt, und zwar ein unbewußter Konflikt zwischen 









JO ,S Hugo Sf üb 

den zwei heterogenen Teilen der Persönlichkeit, den diasozialen Trieb- 
ansprüchen und der moralischen Ichinitanz, ist bei diesen neurotischen 
Charakteren in gleicher Weise vorhanden wie heim Neurotiker, und dieses 
Merkmal, die Spaltung der Persönlichkeit in einen triebhaft Handelnden 
und einen darauf moralisch, meist sogar übermoralisch aclbatschädigend 
reagierenden Teil zwingt uns, diesen Menschentvp als krank anzusehen. 

Die psy< hoanalytiiche Erforschung der Kriminell.!, erlaubt um, diesen 
unter einem dämonischen Zwange handelnden Menschentypui im Einzel- 
falle zu diagnostizieren, seine Handlungen aus der Struktur seiner Persön- 
lichkeit zu verstehen und ihn EU neuen. Darüber hinaus haben uns die 
psychoanalytischen Erfahrungen über den seelischen Aufbau der Persön- 
lichkeit gezeigt, <laÜ bei allen Menschen dem disso/.iulen Triebreservoir 
das Ich gegenübersteht, da» die kriminell.- Handlung entweder zustande 
kommt bei Zerstörung der Ichlunktionen (Psychose), bei bewußter Be- 
teiligung des Ichs an dem kriminellen Impuls (genuiner, sozial nicht an- 
gepaßter Verbrecher), daß sich eine Skala aufstellen laßt, die die Verbrecher 
kennzeichnet je nach dem Beteiligungsgrad des Ich» am Verbrechen. Es 
hat sich dabei erwiesen, daß ein großer Teil der Rechtsbrecher, nämlich 
die neurotischen Persönlichkeiten, zwar mit ihrem Ich an der Tat beteiligt 
sind, daß aber diese Heteiligunj- der bewußten Persönlichkeit an der krimi- 
nellen Tat nicht auf freier, disso/.ialer l Darlegung beruht, sondern durch 
neurotische, krankhalle Mechanismen zustande kommt. 

Überhaupt und generell wird <li.- piy< hoanalytiiche Psychologie ein ganz 
neues Licht auf die so viel umstrittene und umkämpfte Schuldfrage. 
Da die unbewußten Triebe aller Menschen gleich sind, kann die Schuld 
eines Menschen an der kriminellen Tut nur an dem Anteil bemessen 
werden, den seine bewußte Persönlichkeit, sein Ich, an der Tat hat. So m :,< 
der Psychotiker, bei dein die Ichlunktionen zerstört sind und der dadurch 
zum Spielball chaotischer Triebe wird, nicht als schuldig erklärt werden 
kann, so ist auch der neurotische kriminelle, dessen Ich an die Trieb- 
ansprüche krankhalt gebunden ist, nicht im vollen Umfange schuldig, viel- 
mehr bestimmt sich das Maß der Schuld nach der .pi.uitilutiven Freiheit 
der Ichfunktionen gegenüber den Triebanaprücben, nach dem Maß von 
Fähigkeit, daa ein Individuum hat. mit Hilfe der Ichfunktionen sein Handeln 

frei zu dirigieren. 

Wir erfahren weiter aua der paychoanalytlachen Seelenkunde, daß keine 
menschliche Handlung eindeutig determiniert ist oder sn h e.mleutigauaeinem 
. in/igen Impuls erklaren laßt, daß vielmehr |ede mens. hli< I..- Handlung über- 



Psydioanalyse und Strafri-dit 



determiniert ist, ihre Determinanten aus den verschiedenen seelischen Funk- 
tionen, den Trieben des Es, dem moralischen Hemmungsapparat des Über-Ichs 
den Bewußtseinsfunktionen des Ichs und der realen Situation der Außenwelt 
erhält. Jede menschliche Handlung ist so das Kompromißergebnis der ver- 
schiedenen Impulse in der Persönlichkeit und der Gegebenheit der Realität 
ist erklärbar nur aus der Aufdeckung aller dieser verschiedenen einzelnen 
Motivationen. Dem Täter selbst sind nur die Motive des bewußten Ichs 
erkennbar, alle seine unbewußten Antriebe entziehen sich seiner Kenntnis. 
Darum sagt oft ein Täter gerade dann am meisten die Wahrheit, wenn er 
auf die Frage des Richters, warum er eine Handlung begangen habe, 
antwortet: „Das weiß ich nicht." Die Psychoanalyse ist allein in der Lage, 
die volle Erklärung einer Tat zu liefern, die Frage der Schuld, d. h. des 
Beteiligungsgrades der bewußten Persönlichkeit an der Tat, qualitativ und 
quantitativ exakt zu beantworten und volle, erschöpfende Antwort darauf 
zu geben, warum ein Täter die Tat begangen habe. 

Für die praktisch forensische Bedeutung dieser umfassenden Diagnosen- 
stellung darf man sich freilich heute noch keine allzu übertriebenen Illusionen 
machen. Im heute geltenden Strafrecht ist der Richter an die Fesseln des 
§ 51 und an die den einzelnen strafbaren Handlungen anhaftenden allge- 
meinen Strafbestimmungen gebunden. Er ist gezwungen, auch dort zu strafen, 
wo der psychoanalytische Sachverständige ihm sagen wird, der Täter handle 
unter einem neurotischen Zwange, er sei mehr krank als kriminell, die 
Strafe wirke eher fordernd auf sein dissoziales Verhalten als hemmend, er 
sei aber heilbar mittels Psychoanalyse. Immerhin aber gibt auch in solchem 
Falle schon das heutige Recht dem Richter die Möglichkeit, dieser speziellen 
psychologischen Situation des Täters durch Dosierung der Strafe, durch Ver- 
hängung der Strafaussetzung und durch ihre Abhängigmachung von be- 
stimmten Voraussetzungen ein wenig Rechnung zu tragen. Darüber hinaus 
setzt die Psychoanalyse den Richter in den Stand, in offener Kenntnis der 
psychologischen Sachlage das, was seinem Urteil unterstellt wird, zu kennen 
und zu verstehen, sogenannte motivlose Handlungen in ihren tieferen Motiven 
und Ursachen vor Augen zu sehen, also sein Richteramt in voller Kenntnis 
darüber auszuüben, über was er nun eigentlich zu richten habe. Von be- 
sonderer Bedeutung wird diese psychologische Diagnosenstellung auch heute 
schon für das spätere Schicksal des Angeklagten, für die Frage seiner Be- 
gnadigung, Beaufsichtigung, für Art und Weise der Sozialhilfe, für Art und 
Form des Strafvollzuges. 

Die praktischen Schwierigkeiten, die sich der psychoanalytischen Auf- 

Imqo XVII |(( 



1JO 



Elvgo .Sijiu1> 



klärung von kriminalfällen entgegenstellen, insbesondere der Aufwand an 
Zeit, den die psychoanalytisch.- Krfor». -Iitm«- und Durcharbeitung eines 
Falle» beaniprucht, wird ei heute noch angezeigt sein lassen, beim Straf- 
prozeß die Mitwirkung des Psychoanalytikers auf diejenigen Fälle zu be- 
schränken, die durch prävalierende bewußte Determinanten der Motive nicht 
schon hinreichend aufgeklart sind, die motivlos oder rätselhaft erscheinen 
und so den Aufwand an Zeit und Kosten der psychoanalytischen Erforschung 
rechtfertigen. Ganz anders ist die Lag«- de« Richten gegenüber der geplanten 
Neuregelung des Strafrechts. Hier wird Ihm eine viel griißere Verantwortung 
aufgebürdet, hier muß er viel genauer entscheiden /wischen Krankheit und 
Kriminalität, zwischen Überweisung zur Heilung oder anderen Reaktionen. 
Für das heutige Strafverfahren also besieht die forensische Bedeutung der 
Psychoanalyse in ihrer Fähigkeit, die sämtlichen Motive einer Tat dem 
Gericht sichtbar zu machen, zu zeigen, wie die Handlung entstanden ist 
aus einem Zusammenwirken verschiedener hewußtei und unbewußter Motiva- 
tionen, den Anteil krankhafter Störungen der verschiedenen seelischen Funk- 
tionen nicht intuitiv zu ahnen, sondern wissenschaftlich exakt zu erweisen 
und dem Richter so die Möglichkeit zu geben, sich über Vorhandensein 
und Ausmaß der Schuld ein eigenes llild zu machen. Durch Aufdeckung 
aller affektiven Strömungen, die dem Strafverfahren anhalten, die das 
Kriminalrecht umschwirren, wie die Miiven da» lalirende Schiff, wird die 
Justiz in den Stand gesetzt, mit hellen Augen die Piohlemc zu sehen, 
die das Kriminalrecht uns auferlegt, und mit wissenschaftlich fundierten, 
von unbewußten Affekten befreiten Maünahmen hie/u Stellung nehmen. 
Zu diesen Voraussetzungen einer affektlosen, wissenschaftlichen Justiz 
gehört auch die Aufklärung der Psychologie des Richtens. 

Die gleichen oder ähnlichen affektiven Strömungen, die die Haltung der 
Masse gegenüber der Funktion der Strafe beeinflussen, sind natürlich auch 
im l'nhewuHten des Richters wirksam. Denn auch der Richter ist ein 

Mensch; mit dem unbewußten Teil seiner Per lichkeit unterscheidet er 

sich nicht von dem Unbewußten anderer Menschen. Auch in seiner Person 
werden daher die Iruhei r es, liilderten allektiv.n Störungen einer objelli»« 
Anschauungsweise des Verbrechens wirksam werden. Hinzu kommen noch 
die psychologischen Besonderheiten, die besonderen Schwierigkeiten, die 
sich aus der aktuellen Situation des Richters selbst ergehen. Diese Schwierig- 
keiten bestehen im wesentluhen darin, daß der Richter /war in einer be- 
sonderen Funktion. n.....li< h der Ausübung der staatlichen Hoheit, sein Amt 
ausübt, daneben aber ein Mensch ist mit menschlichen Reaklionsweisen, 



Psymoannlyjc und Strnfrecht 



und daß der außerhalb der Schranken sitzende Angeklagte in ihm den Feind 
sieht, der ihm an den Kragen will. Es ergibt sich so von vornherein eine 
gespannte Atmosphäre, die einer olympischen, ausgeglichenen, objektiven 
Wahrheitsforschung nicht sehr günstig ist, weil sie durch vielerlei affektive 
Strömungen gestört wird. 

Es ist ja keine Kleinigkeit, über einen anderen Menschen zu Gericht zu 
sitzen und ein Unheil über ihn zu verhängen. Mühsam ins Unbewußte 
verdrängte sadistische Regungen werden wach, sie beunruhigen das Über- 
ich wie eine drohende Gefahr. Die merkwürdige, rational nicht verständ- 
liche Überwertung des Geständnisses, die Härte des Urteils gegenüber trotzigen, 
verstockten Tätern, überhaupt die Abhängigkeit des Urteils von der affektiven 
Haltung des Täters, die den objektiven Blick des Richters für das rein Zweck- 
mäßige zu trüben geeignet ist, sind einige Probleme der Psychologie des Richtens. 

Auch sonst wirken unbewußte Strömungen in der Person des Richtenden 
in höchst unerwünschter Weise gegen die Möglichkeit einer affektlosen 
sachlichen Strafjustiz. Ich erinnere nur an die schlechte Übung der Frei- 
sprechung mit gleichzeitiger moralischer Verurteilung sowie an die Neigung 
vieler Richter, den Angeklagten so lange für schuldig zu halten, bis er 
seine Unschuld beweist. Die psychologischen Wurzeln dieser Haltung dürften 
gleichfalls in unbewußten Strömungen zu suchen sein, die grob formuliert 
etwa so lauten würden, daß der Ordnungssinn der richtenden Person für 
jede Tat einen Täter verlangt und daß der vorhandene, als Täter verdächtigte 
Angeklagte besser ist als gar kein Täter. Nur zögernd und ungern löst sich 
der unbewußte Sadismus von seinem Opfer. Wenn das bewußte Ich des 
Richters, das wohl meistens mit genügendem Verantwortlichkeitsgefühl 
versehen ist, den Sieg über die unbewußten Strömungen davonträgt, und 
der Angeklagte seinen Freispruch erhält, so sind doch die unbewußten 
sadistischen Tendenzen oft noch stark genug, um sich wenigstens in der 
Form einer moralischen Verurteilung des Täters Ausdruck zu verschaffen. 
Das ganze erscheint wie eine Kompromißleistung zwischen den Ich-Instanzen, 
die Pflicht und Verantwortungsbewußtsein vertreten, und unbewußten 
sadistischen Tendenzen. Solcher Störungen der richterlichen Funktionen 
durch unbewußte Affekte gibt es noch hunderte. Im Rahmen meines 
heutigen Vortrages können sie nur angedeutet werden, um darauf hinzu- 
weisen, welche Schwierigkeiten einer objektiven, von unkontrollierten Trieben 
gereinigten Justiz und Rechtsprechung entgegenstehen. 

Es bleibt übrig, noch einiges über die Möglichkeiten zu sagen, die die 
Psychoanalyse dem Strafvollzug zu bieten hat. Der Strafvollzug ist ja be- 

14* 




aia Hugo iSl»ul> 

kanntlich der Angelpunkt aller modernen Uclormexperimente. Die Menschen 
fühlen, daü die primitive Reaktion der (ie.elUchal'l. den Verbrecher einzu- 
sperren, den Aufgaben der Sozietät dun haus uiclit gerecht werden will 
und kann, und H wird, wie ich schon zeigte, immer wieder versucht, der 
Strafe und ihrer Vollstreckung diejenigen Funktionen aufzuerlegen, in ihren 
Rahmen all das hinein zu zwangen, was die Gesellschaft ihren Mitgliedern 
schuldig ist, nämlich den Verbrecher zu bessern und sozial zu machen. 
Es wird dunkel gefühlt, daü die Strafe zunächst affektive sadistische Tendenzen 
befriedigt, und wie aus gemcinschaltlü Iiem Schuldgefühl bestreben sich die 
Reformatoren, den Strafvollzug immer humaner zu gestalten, gleichsam um 
die Kolgen des eigenen Sadismus am eingesperrten Individuum wieder gut 
zu machen. Aus dem Studium der «Qualität der Triebe wissen wir, daß 
Aggression und Kros eng miteinander verknüpft sind, was Freud zu der 
Formulierung veranlaüte, die Aggression sei gleichsam der Schrittmacher 
des Eros. Nachdem die Menschen ihre Aggressinnshedürfnisse durch Leidens- 
zufügungen gegenüber dem Individuum heiriedigt haben, entsteht der 
Wunsch, die Aggression nun wieder gut zu m.u lien, entsteht das Bedürfnis 
nach humanem Strafvollzug. Sehr Beachtliches hat der moderne Strafvollzug, 
insbesondere in der Neuzeit in Preußen, für die Besserung und Resoziali- 
sierung der Kriminellen schon getan. Der Strafvollzug in Stufen, wenn er 
auch ein wenig primitiv veralteten pädagogischen Schulauffassungen nach- 
gebildet sein mag, ist besonders für den genuinen Verbre« her ein recht 
geeignetes Instrument der Resozialisierung. Gegenüber dem neurotischen 
Kriminellen wird und niuU er aber versagen. Hier kann mir die Heilung 
helfen, die wiederum uuf genauer psychoanalytische! Kenntnis und unter 
Verwendung der psychoanalytischen Erfahrungen erfolgen muß. Das un- 
gemein lesenswerte Werk von August Aichhorn „Verwahrloste Jugend" 
zeigt uns hier die Probleme, die bei der Reso/.ialisierung Dissozialer zu 
lösen sind. Sind zwar die Erfahrungen Aiclilioms nur an jugendlichen 
Dissozialen gewonnen, so liegen die Verhältnisse bei den Krwachsenen 
grundsätzlich nicht anders, wenn auch die Prognose für die Heilung nicht 
immer die gleich günstige sein mag. 

Zeitmangel verhindert mich, Ihnen Näheres über die Problematik eines 
modernen Strafvollzuges mitzuteilen, der es sich zur Aufgabe setzen würde. 
Dissoziale wieder sozial zu machen. Ich begnüge mich mit der nicht sehr 
erfreulichen Feststellung, daü auch diese« Problem überaus schwierig, überaus 
enttäuschung.reicb ist. daü abe. andere tt ege. als dir auf l.etenpsvchologischen 
Kenntnissen beruhenden Methoden auch hier nicht zum Ziele fuhren können. 



Psychoanalyse und Straf redit 



iema 



Zusammenfassend lassen Sie mich, meine Damen und Herren, das The 
meines heutigen Vortrages dahin beantworten, daß die Psychoanalyse der 
Kriminalrechtswissenschaft die Möglichkeiten in die Hand gibt, das Ver- 
brechen in allen seinen psychischen Quellen und Ursachen zu erkennen 
die verbrecherische Einzelhandlung eindeutig zu erklären und die Wege 
zur Resozialisierung Dissozialer ebenso zu weisen, wie die Mittel mit 
denen eine generelle Verbrechensverhütung am zweckmäßigsten zu er- 
reichen ist. 

Zum Schluß, meine Damen und Herren, erlauben Sie mir, einem prakti- 
schen Juristen, noch einige Worte zu dem Strafrechtspraktiker. 

Ich hoffe, ich habe Ihnen die Überzeugung vermitteln können, daß die 
Psychoanalyse der Strafrechtswissenschaft Neues und entscheidend Neues 
zu sagen hat, daß sie den wissenschaftlichen Kriminalisten in die Lage 
versetzt, mit exakten Methoden die Probleme der Kriminalität, ihrer Be- 
kämpfung und Verhütung zu erforschen. Ich fürchte aber, daß den prakti- 
schen Juristen oft ein Gefühl der Beklemmung überkommen wird, darüber, 
daß hier wieder einmal die Wissenschaft anzurücken scheint, um Verbrecher 
zu exkulpieren und der strafenden Gerechtigkeit in den Arm zu fallen. 
Das Geschenk der Psychoanalyse, den kriminellen Menschen zu verstehen, 
wird oft als Danaergeschenk empfunden werden, und es wird der störende 
Gedanke sich einstellen, alles verstehen hieße alles verzeihen, und das sei 
das Ende jeder Verbrechensbekämpfung. Oft genug haben Richter — und 
nicht die schlechtesten — sich mit ähnlichen Gedankengängen von der 
objektiven psychologischen Erforschung einer Tat zurückgezogen, in der 
dunklen Ahnung, daß die Erkenntnis ein Feind des Richtens und Be- 
strafen s sei. 

Ich darf Ihnen aber zu Ihrer ersten Beruhigung mitteilen, daß die Psycho- 
analyse das gleiche Schicksal auch vielfach bei den Strafverteidigern gefunden 
hat. Mancher Verteidiger hoffte, in der Psychoanalyse eine neue Methode 
zur Exkulpierung seiner Klienten zu finden und wandte uns enttäuscht 
den Rücken, als diese Hoffnung sich als trügerisch erwies. 

Die psychoanalytische Wissenschaft ist eben keine der modernen humani- 
tären Bestrebungen. Sie hat mit diesen Ideologien nichts zu tun. Wir 
strafen nicht, darum brauchen wir nicht zu begnadigen, wir hassen nicht 
darum brauchen wir nicht zu verzeihen, wir klagen nicht an, darum 
brauchen wir nicht zu verteidigen, wir verurteilen nicht, das überlassen 
wir den Moralisten — die wissenschaftliche Erkenntnis beurteilt die Tat 
und den Täter, und nur diese Erkenntnis weist uns den Weg zu zweck- 



>'4 



Hugo iSiaul> 



entsprechender Behandlung de» kriminellen Memchen. Ohne Haß und ohne 
Liebe, ohne Gnui.umk.-ii und ohne Weichheit, in klarer, ruhiger Erkenntnis 
de» soziologisch und psychologisch Zwr. kmaßigen kann allein eine künftige 
Kriminal|>olilik ihren «nzi.ilrn /weck bestmöglich erfüllen. 

Der Einlaß der Psychologie in den Gerichtssaal — diese endliche Er- 
füllung der alten Liszt.chen Forderung - war wirklich ein folgenschwerer 

Schritt. 

Alles verstehen heißt /.war langst nicht alles verzeihen - ausnahms- 
weise irrt hier der Volksmund , ..her die Erkenntnis ist der Feind un- 
kontrollierter Allekueaktionen. Haß. Verachtung, Verurteilung und Ächtung 
— alle diese im Dunkel der Seele gut gedeihenden Triebe — wachsen 
schlecht im Lichte der Krkenntnis. Sie macht dem Richter wirklich das 
Leben sauer, wenn ihm nicht wenigstens die Überteugung bleibt, mit den 
Leiden, die er über die Menschen verhangt, etwas der Sozietät Nützliches 
zu tun. Und auch diese Illusionen müssen wir ihm zerstören, soweit die 
allgemeine Kenntnis von der Ühcrlebtheit und Unzweckmäßigkeit heutigen 
Strafen» sie ihm nicht hingst genommen hat. 

So ist der Strafrichter unserer Tage — wie überhaupt der Kulturmensch 
unserer in Umwälzungen und Uhrrgüngen sich verzehrenden Epoche m 

keiner beneidenswerten Luge. Wir verstehen, wenn er .las Eindringen der 
Psychoanalyse in den Gerichtssaal als eine fast zu schwere Belastung seines 
seelischen Gleichgewichts empfindet, und dürfen doppelt erfreut darüber 
sein, daß der Erkenntnisdrang doch diese Belastung überwindet und 
daß das Interesse der praktischen Juristen an unserer Arbeit so überaus 
rege ist. 

Auch wir sind uns unserer Vennrwortung bewußt, wenn wir Hand 
anlegen an eine soziale Einrichtung, die in so hervorragendem Maße dem 
Schutze und dem Bestand jeder menschlichen Gemeinschaftsform dient 
wie die Kriininulpolitik. Wir wissen, daß es hier mehr als irgendwo nicht 
damit getan ist, Bestehendes einzureißen und sich in negativer Kritik zu 
erschöpfen, wenn wir nicht glei. h/.it.g die Wege zu besseren und zweck- 
mäßigeren Beaktionsweisen aufzeigen. 

Sie werden, meine Damen und Herren, nicht erwarten, daß ich Ihnen 
am Schlüsse meines ohnehin schon zu langen Beferate. den Entwurf eines 
psychoanalytischen Verbrechenbeka.n l >lun,..sr,e>'</.el vortrage, obwohl das 
Problem sich aul eine ungemein einfache Formel bringen läßt. Aber einige 
Grundsätze möchte ich Ihnen wenigsten« andeuten: 

AbschlieLtung des chronisch gemeinschadlichen Rechtsbrechers von der 



Psychoanalyse und iStrafrcdit aJ 5 



Gemeinschaft, mit Arbeitszwang, zeitlich unbeschränkt, aber ohne diffa- 
mierenden Strafcharakter, ohne Rücksicht auch auf Verantwortlichkeit und 
Schuld, aber mit der Aussicht auf Behandlung und Resozialisierung nach 
erfolgter Heilung oder vollzogener Anpassung, so etwa wie die Gesellschaft 
heute mit den geistig Erkrankten verfährt — das ist schon das Optimum 
dessen, was zum Schutze der Gesellschaft vor diesem einen Rechsbrecher 
erfolgen kann. Konsequenter Zwang zu möglichst vollkommener Wieder- 
gutmachung angerichteten Schadens oder Milderung seiner Folgen, der Aus- 
bau des anglikanischen Begriffs der „indemnity , die möglichste Lockerung 
des Schuldnerschutzes bei dem durch Rechtsbruch angerichteten Schaden 
und gegebenenfalls mit dem Zwang zur Arbeit im Interesse des Geschädigten 
— das ist das Maximum dessen, was zum Schutze verletzten Rechtsgutes 
gegenüber dem Rechtsbrecher geschehen kann. Es ist durch einen Ausbau 
der zivilrechtlichen Bestimmungen unschwer erreichbar. Und ich glaube 
auch, daß dieser unerbittliche, affektlose Zwang zur Wiedergutmachung 
angerichteten Schadens, zusammen mit der Gefahr eines möglichen Ver- 
lustes des Selbstbestimmungsrechtes durch die Abschließung, dem vernünftigen 
Gedanken der Generalprävention weitgehenden Erfolg versprechen dürfte. 
Jedenfalls wirkt ein solcher affektloser Zwang, der dem Rechtsbrecher allen 
Lustgewinn seines ungesetzlichen Handelns wieder zu entreißen droht, 
weit ernüchternder und abschreckender als jede affektvolle sadistische Trieb- 
reaktion, die dem rechtsbrechenden Individuum gestattet, im Leiden seine 
masochistischen Tendenzen unterzubringen und durch das Ertragen der 
Strafe quitt zu werden mit der Gesellschaft und fähig zu neuem rechts- 
brechenden Handeln. Auch die romantische Verklärung, die den aus 
der Gesellschaft ausgestoßenen geächteten Verbrecher heute noch umgibt, 
und die den Verbrecher oft genug als einen besonderen, auserwählten 
Menschen sich fühlen läßt, diese ganze Verbrecherromantik, die ein nicht 
zu unterschätzendes Stimulans für die Verbrecherlaufbahn darstellt, würde 
in Nichts zerrinnen, wenn man das crimen mit derselben affektlosen Sach- 
lichkeit behandeln würde wie heute etwa Typhus oder schwarze Pocken. 
Die durch diese Art der Justiz ersparten Mittel, die sich noch außerordentlich 
vermehren ließen durch allgemeine zweckmäßige Beschäftigung der Inter- 
nierten im Dienste der Allgemeinheit, könnten zweckmäßigste Verwendung 
finden in einem geeigneten Ausbau der Jugendlichen-Fürsorge, insbesondere 
der Erziehung verwahrloster Kinder. 

Sie sehen, meine Damen und Herren, das sind alles Gedankengänge, 
die sich nicht allzusehr unterscheiden von den Vorschlägen der modernen 




,.»■ 



.Slmili l\ydio«ii«ly«r •'•"! .SltaJinlil 



kriminalbiologen und Soxiologen. Die Mittel und Wege allerdings, die wir 
zur Behandlung und Heilung des einzelnen Rechtsbrecher« vorzuschlagen 
haben, sind grundverschieden von allen den Methoden, mit denen die 
Gesellschaft trotz reichlichen Experimentierens bisher allenthalben Schiff- 
bruch erlitten hat. 






Einige praktische Schwierigkeiten 
der psychoanalytischen Jvrimmalistik 

Von 

Hugo Staub 

Berlin 

Als wir — Dr. Alexander und ich — vor etwa Jahresfrist im Berliner 
Psychoanalytischen Institut unsere kriminalistische Arbeitsgemeinschaft be- 
gannen, da waren wir über das rege Interesse, das unsere Einrichtung bei 
Kriminalisten und Strafrechtspraktikern fand, auf das angenehmste über- 
rascht. Es war erfrischend, zu sehen, wie alte, angesehene Richter, die ein 
Lebensalter in völlig anderen Gedankengängen gelebt, ihr seelisches Gleich- 
gewicht in den Ideologien der Vergangenheit gefunden hatten, die Würde 
ihres Amtes und ihres Alters über Bord warfen und wie junge, wissens- 
hungrige Studenten, aber mit der klugen Skepsis des Fachmannes, unseren 
Darlegungen folgten. Daß sich im Laufe der Zeit bei der Erörterung des 
Ödipuskomplexes und besonders der Triebgrundlagen des Vater -Tochter - 
Inzestes die Widerstände mächtig regten und unser Hörsaal sich langsam 
leerte, konnte uns ebensowenig enttäuschen, wie das schwindende Inter- 
esse manches Strafverteidigers, der vergebens gehofft hatte, in der Psycho- 
analyse eine neue, willkommene Bundesgenossin zur Exkulpierung seiner 
Klienten zu finden. Der Anwalt mußte erfahren, daß die Psychoanalyse sich 
nicht dafür eignet, einseitig dem Verteidigungsinteresse zu dienen, der Richter 
sah, daß das Eindringen der Psychoanalyse in den Gerichtssaal ihm sein 
schweres Amt nicht erleichtert, ihn nicht von Verantwortung befreit, 
sondern ihn vor neue, oft unlösbar scheinende Aufgaben stellt, seine Ver- 
antwortung ungemein mehr belastet, ohne ihm gleichzeitig den Ausweg aus 
dem Dilemma zu zeigen. 



Dem Analytiker gewährten diese ersten Versuche dennoch einen reichen 

Erfolg. DU Analyse ist in .!. rfl ( .erichtssaal eingedrungen und wird von dort 

auf die Dauer— nicht mehr vers. h H luden. Dal empirische Material, das 
uns neu zuganglich wurde. ließ um die Richtigkeil uwerw theoretischen 
Annahmen erneut überprüfen and ........ he neue Hinsicht, besonder, über 

die therapeutischen Aussicht... hei Kriminellen gewinn* <> 

Bin« unserer eifrigsten Hörer hat seine Eindrücke .iber die Bedeutung 
der Psychoanalyse für die Strafrechtspflegr in einer jüngst veröffentlichten 
Arbeit niedergelegt. (Landgerichtsdirektor Dr. Albert Hellwig: „Psycho- 
analyse und Straf.-, htspflege".) 1).. dieser Aulsat/ einesprom inenten deutschen 
Strafrecht.praktikers wohl den Ansichten der Mehmhl unserer Richter ent- 
spricht, verlohnt es sich, bei Minen Einwinden ein wenig zu verweilen. 

Die zaghafte Ambivalenz, mit der Hellwig der Analyse gegenübersteht, 
das mangelhafte Evidenzgel.ihl. das er gegenüber unseren Deutungen emp- 
findet, die überbetonte Im... l.t vor der Möglichkeit von Irrtümern des Analytikers 
bei der Deutungsarbeit, all das sind Reaktionsweisen, deren Quellen aus 
demVViderstai.de uns allzu gut bekannt sind. Immerhin überwiegt bei diesem 
ernsten Juristen — wie offenbar bei der Mehrzahl der prominenten Richtet — 
der Wunsch und Wille zu positiver Einstellung gegenüber der Psychoanalyse. 
Eine Befreiung von der Ambivalenz kann wohl nur die eigene psycho- 
analytische Ausbildung einer neuen Kit htergeneration herbeiführen. 

Hellwig kon zediert der Analyse, daü ...- >u de. snafre« htswissenschaft 
und in einer künftigen Kriminalpoliuk Neue*, vielleicht Kntscheidendes, 
werde zu sagen haben, daß sie aber der St.al.ec htspflege der Gegenwart 
nur wenig bei der Lösung ihrer Schwierigkeiten hellen könne. Und ich 
glaube, wir werden dem Verfasser bjej in weitem Umfange recht geben 

müssen. 

Ganz gewiß ist das Streben der modernen Kriminalistik, nicht die Tat, 
sondern den Täter zu beurteilen, »eine Motive klar zu erkennen, zweckent- 
sprechend und richtig. Ganz gewiß ist die Psychoanalyse in der Lage, dem 
Richte-, hier n helfen, ihm eine vollkommene Einlicht in die Motivation 
eines Rechtsbruches zu verschaffen. AI... ,1-, Wirkung des Analytikers sind hier 
recht enge Grenzen gezogen. Wahrend einerseits |ede anal) tische Aufklärung 
eines Lalle, beweist, wie schwierig und leltrauband es ist, die MoÜve einer Tat 
zu ermitteln, und eine wir große /.«hl von Tätern dieser Yufk.ärung bedarf, 
erlauben d,e T„ hnik de. Gericht.belriebes. die tll.rrla.tung der Richter, die 
aus finanziellen Gründen gebotene PrOtaßökotl le, tlUl »in« kleine, will- 
kürliche Auswahl. Zu wenig, um dem Richter das Gefühl einer höheren 



Einige praktische Schwierigkeiten Jer psydionnnly tiscWn Kriminalistik 219 

Gerechtigkeit, einer besseren Erfüllung seiner sozialen Funktion, Recht zu 
sprechen, zu verschaffen, bringt ihm die Analyse die konfliktvolle Einsicht, 
daß nur eine geringe, mehr oder weniger willkürlich ausgewählte Zahl von 
Fällen die gründliche und gerechte Prüfung erfahren kann, die nach dem 
heutigen Stande wissenschaftlicher Methoden möglich und nötig ist. Diese 
Benachteiligung der Mehrzahl der Fälle schafft neue Ungerechtigkeit, wird 
daher den Widerstand des Richters gegen die Anwendung der Analyse eher 
verschärfen. 

In der Mehrzahl der Fälle, die unserer Begutachtung zugeführt werden, sind 
wir genötigt darzutun, daß die Tat unter dem Zwange einer neurotischen 
Konfliktsituation entstanden ist, bei der das bewußte Ich des Täters dynamisch 
oft nur eine bescheidene Rolle spielt. Ohne daß diese Kriminellen als geistes- 
krank im Sinne des § 51 des Strafgesetzbuches bezeichnet werden können, — 
dessen Formulierung die unbewußten Determinanten einer Tat nicht kennt, — 
müssen wir dem Richter sagen, daß ihre Bestrafung oft ebenso unzweck- 
mäßig ist, wie ihre Freilassung. Die zeitige Bestrafung kann ihnen nichts 
nützen, die Freisprechung die Gemeinschaft nicht vor neuem Schaden be- 
wahren. Wir müssen hinzufügen, daß die heutigen Reaktionsweisen gegen- 
über den neurotischen Kriminellen — deren Kreis sich durch unsere Erkenntnis 
mächtig erweitert — sämtlich unzweckmäßig sind, daß ihnen gegenüber eine 
andere Haltung am Platze ist, die die heutige Gesetzgebung noch nicht kennt. 
Und so sind wir häufig genötigt, den Richter, der an die Grenzen und 
das System des geltenden Rechts gebunden ist, in seinem Dilemma allein 
zu lassen, nachdem wir ihn auf die Brüchigkeit und Unbrauchbarkeit der 
Einrichtung, in deren Namen er handeln muß, aufmerksam gemacht haben. 
Durch Vermittlung der Erkenntnis lähmen wir seine moralische Kraft zu 
verurteilen, ohne ihn damit trösten zu können, daß eine andere ihm zu- 
gängliche und erlaubte Reaktionsweise zweckentsprechender wäre. 

Wir haben weiter in unserem Buche wie in der praktischen Zusammen- 
arbeit dem Richter in Aussicht gestellt, ihm einen Teil seiner Verantwortung 
abnehmen zu können, indem wir den neurotischen Kriminellen als durch 
Psychoanalyse heilbar erklärten. Ich glaube, wir brauchen von dieser 
Behauptung grundsätzlich nichts zurückzunehmen. Aber wir werden wohl 
auch hier die Erwartungen für die Gegenwart und die nächste Zukunft mit 
einer großen Dosis Skepsis versehen müssen. Die Fälle neurotischen kriminellen 
Agierens bieten uns diagnostisch keine Schwierigkeiten, ihre Verknüpftheit 
mit den unbewußten Triebkonflikten ist klar und leicht zu durchschauen, 
sie scheinen auch der bewußten Einsicht leichter zugänglich, der Erkenntnis 



aao Hugo iSiiiul> 

von der Bedeutung ihrer Symptome geneigter zu sein, als der Neurotiker, 
dessen Symptombildung verhüllter, dem Bewußtsein entfernter ist als manche 
kriminelle Triebhandlung. Man könnte daher meinen, daß ihre therapeutische 
Behandlung relativ einfach sei und dem Analytiker keine besonderen 
spezifischen Schwierigkeiten biete. Tatsächlich berichten auch Alexander 
und manche andere von guten Heilerfolgen, besonders bei Kleptomanen 
und manchen sexuellen Triebhandlungen. Aber es scheint, als ob diese 
Fälle allgemeine Rückschlüsse auf eine besonders günstige Indikation nicht 
zulassen. Soweit ich unterrichtet bin, handelt es sich in diesen Fällen um 
Menschen einer gehobenen sozialen und Intellektuellen Schicht, denen ihr 
kriminelles Agieren besonders konfliktvolle Versagungssituationen schafft. 
Für die Heilungsaussichten der neurotischen Kriminalität des „kleinen 
Mannes" scheint damit noch nicht allzuviel bewiesen zu sein. Man bekommt 
geradezu den Rindruck, als ob die triebhafte Kriminalität die Neurosenform 
des Proletariers — des genuinen wie des in sie herabgeglittenen — wäre, 
dem die Abfuhr von Triebspannungen, die ja aus konfliktvollen Versagungen 
stammen, in kriminelles Agieren vermittels Projektion wegen seiner äußeren 
Versagungssituation besonders naheliegt. Hier wird die Aussicht auf Strafe 
oder Diffamierung, die lange nicht die gleiche Bedeutung hat wie bei der 
fozialen Oberschicht, ebenso schwer die für die Heilung notige konfliktvolle 
Spannung, die Krankheitseinsicht schaffen, wie das Ober-Ich, dessen hemmende 
Kraft durch die Not der äußeren Versagungen viel an Überzeugungsmacht 
eingebüßt hat. So sind auch meine — freilich noch bescheidenen — 
therapeutischen Erfahrungen an neurotischen Kriminellen nicht sehr er- 
mutigend. Soviel Mißerfolge fast wie Fälle. Der erste, ein triebhafter 
Charakter, Verbrecher aus Schuldbewußtsein mit kleptomanen Zügen, glaubte 
sich die angebotene analytische Kur versagen zu müssen, „weil er nicht 
ertragen könne, so tief in meiner Schuld zu stehen", der von Alexander 
begutachtete „besessene Autofahrer" 1 zog es nach der ersten Sitzung vor, 
in erneutes kriminelles Agieren zu flüchten, ein jugendlicher Exhibitionist, 
Proletarier, blieb bis zur Beendigung seines Strafverfahrens in Behandlung, 
hoffend, der Analytiker werde ihn exkulpieren, und nahm dann eine körperliche 
Erkrankung zum Anlaß seiner Flucht aus der Analyse, ein triebhafter Dieb 
und ungetreuer Be; unter, der. aus der bürgerlii ben Schicht in das Proletariat 
hinabgeglitten, aus vermeintlichen Versagungen der Jugend sich das Recht 
nahm, fremder Menschen Gut sich nnzueignen, verstand es, durch äußere 

i) Alexander: Ein besessener Autofahrer. Erscheint in diesem Heft. Amn. d. Red. 



Einige pi.ikiis.1u- Schwierigkeiten der psydioanalytisdien Kriminalistik 



221 



Not die analytische Situation mit dem Appell an die Hilfe des Analytikers 
zu durchbrechen. Er, der niemals glauben wollte, daß ein anderer Mensch 
ihn nicht egoistisch benachteiligen, sondern ihm helfen wolle, verlor seine 
Krankheitseinsicht nach sechsmonatiger Analyse in dem Augenblick, wo er 
die praktische Hilfeleistung des Analytikers erzwungen hatte. Die Hoffnung 
er werde kriminelle Wiederholungen unterlassen, ist nicht übermäßig groß. 
Diese therapeutischen Erfahrungen mögen zwar nicht ausreichen, um 
allgemeine Schlüsse hieraus zu ziehen, mancher Mißerfolg mag auch auf 
die noch geringe therapeutische Erfahrung des Analytikers bei Kriminellen 
zurückzuführen sein. Immerhin scheint mir, daß die analytische Behandlung 
des Kriminellen häufig andere Methoden, eine andere äußere Situation vor 
allem erfordert, als die Behandlung des Neurotikers, ebenso wie wir dies 
bei den Kinderanalysen und bei der Behandlung jugendlicher Verwahrloster 
erfahren haben. Die heutigen affektvollen Beaktions weisen — Bestrafung 
ebenso wie Freisprechung — sind der analytischen Beeinflussung des neuroti- 
schen Kriminellen an sich schon nicht zuträglich. Dazu kommt, daß das 
kriminelle Agieren — besonders für den Proletarier, dessen Behandlung 
die soziologisch bei weitem bedeutsamste Aufgabe ist — eine allzu lustvolle 
Kompensation für das Ertragen äußerer Versagungen zu sein scheint. Die 
analytische Beeinflussung wird daher meistens an dem geringen Wert der 
Lustprämie scheitern, die der Analytiker dem Patienten für das Aufgeben 
des kriminellen Agierens, für die Anpassung an die Erfordernisse der Bealität, 
zu bieten hat, einer Bealität, die gerade vom Menschen der unteren Schichten, 
denen die meisten Kriminellen angehören oder in die die kriminelle Handlung 
das Individuum heute in der Begel noch erbarmungslos und endgültig 
hinabwirft, das größte Maß von Verzicht mit der geringsten Aussicht auf 
Lustgewinn verlangt. Und so fürchte ich, daß wir erst dann werden auf 
bessere Heilerfolge beim neurotischen Kriminellen rechnen können, wenn 
die Gesellschaft Einrichtungen geschaffen haben wird, die eine der Heilung 
günstigere äußere Situation herbeiführen lassen. 

Wir sehen also, die Lustprämie, die dem Bichter durch den Einlaß 
der Psychoanalyse in den Gerichtssaal winkt, ist heute noch recht gering, 
wesentlich geringer als die des Arztes, dem mit analytischen Methoden 
wenigstens Heilerfolge gelingen, die ihm sonst verschlossen sind. Der Bichter 
muß die tiefere Kenntnis der Motive einer Straftat mit einer außerordentlich 
erhöhten Einsicht seiner Verantwortlichkeit bezahlen. Ohne die Macht zu 
haben, etwas soziologisch Zweckmäßigeres zu tun, wird er durch die Analyse 
von der Unzweckmäßigkeit seines Handelns überzeugt, wird ihm vom 



233 



Hugo iSlaul» 



Analytiker erklärt, mit den heutigen Reaktionsweisen der Gesellschaft sei 
beim neurotischen Kriminellen — vermutlich der Mehrheit aller Rechts- 
brecher — überhaupt nichts Rechte, anzufangen, verlangt die Analyse von 
ihm. er möge den Ast seihst absagen, auf dem er sitzt. Und der Analytiker 
kann dem Richter nicht einmal in Aussicht stellen, daü er ihm bei der 
heutigen Sachlage durch Heilung neurotischer Krimineller einen Teil seiner 
Verantwortung abnehmen könne. Wenn trotzdem dir Aufnahme der Analyse 
im Strafrecht so ungleich günstiger und nachhaltiger ist, als sie in der 
medizinischen Wissens* halt war und noch ist. so liegt das wohl nur zum 
Teil an der gewachsenen Einsicht von der Richtigkeit psychoanalytischer 
Erkenntnisse. Die Medizin kann sich immerhin auf manche andere Heil- 
erfolge — in der Chirurgie, in der chemischen Therapie u. dgl. — zu- 
rückzichen. Die Krk.nnt.mv von der l hrrlrbthrit und l Inzweckmäßigkeit 
heutiger Verbrechensbekämpfung aber sind doch schon so allgemein ver- 
breitet, daß das 15, dm 1ms nach ihrer zweckmäßigeren Gestaltung nicht 
mehr zum Schweigen kommen wird. 

Vielleicht verstehen wir so auch dir gtiniüge Aufnahme, die die moderne 
Kriminalbiologie im Strair«. hl gefunden hat. Ohne etwas zu einer ein- 
deutigen, exakten, wissenschaftlich fundirrten, anders als durch Intuition 
und Spekulation nachprüfbaren Kriminaldiagnostik beitragen zu können, 
entlastet doch die Annahm.' einer biologisch bedingten, unabänderlichen 
Kriminalität die Verantwortung des Richten und der Gesellschaft in hohem 
Maße. Gegen biologische Fakten ist man machtlos, niemand, besonders nicht 
die Gesellschaft, ist für sie verantwortlich, Diese bequeme neue Wissenschaft 
wird daher auf bereitwilligstes freundliches Gehör selbst auf Kosten der 
intellektuellen Einsicht rechnen können. 

Ein weiterer Kreis von Schwierigkeiten ergibt sich für den Analytiker 
aus dem Umstände, daß das Btrafrechl nicht nur. ja nicht einmal vor- 
wiegend, eine individualpsychologische Wissenschaft ist. Die Kriminalistik 
hat eine politische und soziale Zweckbestimmung, sie soll eine Gemeinschaft 
von bestimmter sozialer Struktur gegen verpönte, ihrem Bestände schäd- 
liche Angriffe Einzelner schütz- in, das Individuum zwingen, eine unerlaubte 
Schädigung dieser Gemeinschaft oder ihrer Mitglieder zu unterlassen. Ich 
bin nicht der Meinung manch«. Kritiker, die Psychoanalyse habe im Straf- 
recht nichts zu suchen, denn die heutige Gesellschaftsordnung sei nicht 
schutzwürdig und die Wissenschaft kein Instrument zu. El haltung bestehender 
Einrichtungen. Ich meine vielmehr, daß jede Gesellschuftsbildung, die kom- 
munistische ebenso wie die kapitalistische und alle ihre Abstufungen, hin- 






Einige praktische Schwierigkeiten der psychoanalytischen Kriminalistik 



sichtlich der als kriminell gewerteten Angriffe ihrer Mitglieder gegen ihren 
Bestand in der gleichen Lage ist, daß unsere psychologischen Erkenntnisse 
von den Ursachen des Verbrechens, unsere therapeutischen Einsichten über 
die Möglichkeit der Anpassung sozial nicht angepaßter Individuen unab- 
hängig sind von der aktuellen Struktur einer Gemeinschaft, eine affektive 
Stellungnahme des Wissenschaftlers daher nicht erheischen. Ich meine viel- 
mehr, daß die Psychoanalyse der Kriminalistik schuldig ist, ihr mit den 
Mitteln analytischer Aufklärung über die psychologischen und sozialen Ur- 
sachen des Verbrechens, über seine zweckmäßige Bekämpfung und Ver- 
hütung und bei der Resozialisierung Dissozialer behilflich zu sein. 

Mit der psychologischen Aufklärung einer Einzeltat ist vieles, aber nicht 
alles, nicht einmal das Entscheidende getan. Für den angerichteten Schaden 
sind die Motive gleichgültig, von geringer Bedeutung erscheinen sie auch 
für die Generalprävention, für die Maßnahmen, die geeignet sind, andere 
von der Begehung von Straftaten abzuhalten. Von entscheidender Bedeutung 
sind sie nur für den dritten Aufgabenkreis der Kriminalpolitik, für die 
zweckentsprechende Behandlung dieses einen Rechtsbrechers. 

In diesen drei Problemen, der möglichsten Wiedergutmachung ange- 
richteten Schadens, der möglichsten Verbrechensverhütung und der Rück- 
führung des Kriminellen zu sozial angepaßtem Handeln, erschöpfen sich die 
Aufgaben einer rationalen Kriminalistik. Die geheimen, affektiven, unbewußten 
Besetzungen, die diese Vorgänge erfahren, verfälschen die Probleme und er- 
schweren ihre Lösung. An dem Abbau dieser Besetzungen durch deren psycho- 
logische Aufklärung mitzuwirken, ist die erste dankbare Aufgabe der Psycho- 
analyse. 

Die Wiedergutmachung angerichteten Schadens ist weder ein psycho- 
logisches noch ein rein kriminalistisches Problem. Der Schaden bleibt der 
gleiche, ob er von einem Kinde, einem Geisteskranken, einem Neurotiker 
oder einem genuinen Kriminellen verursacht wird. Seine Wiedergutmachung 
gehört zu den Problemen des Zivilrechts, ist durch einen Ausbau der zivil- 
rechtlichen Bestimmungen bestmöglich lösbar. 

In der Frage der Generalprävention wird der Analytiker dem Kriminalisten 
bestätigen können, daß die Androhung von Leiden und Unlusterfahrungen 
bis auf weiteres die einzige zweckentsprechende Maßnahme zur Verhütung 
künftiger crimina ist. Die Kriminalität ist eine zu allgemeine menschliche 
Erscheinung, die Macht des Über-Ichs gegenüber dem Drängen der Triebe 
zu schwach, als daß es auf die Unterstützung durch die realen Autoritäten 
verzichten könnte. Ebenso wie der Gerechte das Leiden des Rechtsbrechers 



aa y Hugo «Staub 

als Lustprämie für den eigenen Triebvereicht braucht, braucht das Über- 
ich die generelle Leidensandrohung lur Stärkung seiner Verdrüngungsmacht. 
Damit ist aber nicht gesagt, daß die heute üblichen Leidensreaktionen, 
insbesondere die zeitig und nach willkürlichen, unpiychologuchen Rezepten 
dosierte diffamierende Kinsperrung, die »vr. kmaßigste Reaktionsweise wären. 
Der Heilung des neurotischen Kriminellen abträglich, wirkt diese in affek- 
tiven Momenten wurzelnde Einrichtung aul «inen großen Teil von Rechts- 
brechern eher anziehend, für die Allgemeinheit ist sie der Tummelplatz zur 
Abführung unkontrollierter sadistischer Impulse, erfuhrt wie alle unkontrol- 
lierten Abfuhrventile unbewußter Trirbs|ianiiungen leicht eine romantische 
Verklarung und ist daher denkbar ungeeignet, als Mittel einer kontrollierten, 
vom Ich beherrschten Verbr.« heim e. hütung zu dienen. Ich vermute eher, 
daß der affektlose, aber gründlich« Zwang zu möglichster Wiedergutmachung, 
der /wann • lls " /l " l"'bernahine der Verantwortung für die Folgen eines 
Rechtsbruches, auf den Menschen der heutigen „analen" Zivilisation Wunder 
wirken könnte. Jedenfalls war«- er weniger geeignet, zum masochistischen 
Lustmechanismus umgewertet zu werden, er böte dem Lustprinzip weniger 
Chancen als die auf ihm aufgebaute heutige Form der Strafe. Wenn dazu 
noch die Abschließung des erheblich gemeinschadlichen kriminellen ohne 
Rücksicht auf ZurechnungstaliigkaÜ und Motive und lür die Dauer seiner 
Gemeinschädlichkeit käme, ohne diffamierenden Strafcharakter und mit der 
Aussicht auf Kntlassung nach erfolgter Heilung, dann dürften wahrscheinlich 
die Voraussetzungen geschaffen sein, die eine günstige Indikation für die 
Heilung neurotischer Krimineller ermöglichen. Die Freiheit wäre dann 
wenigstens eine Lustpriimie für das Gesund werden 

Das sind alles Anregungen, erste Vermutungen, nur dazu bestimmt, den 
Analytiker darauf hinzuweisen, daß die Aulklarung der Motive einer Tat 
nicht das einzige Problem ist, an dem die Analyse in der Kriminalistik mit- 
wirken kann. Freilich müssen wir uns daiiiher klar sein, daß wir von dem 
Ziele einer affektlosen Justiz noch weil entfernt sind. Gerade das kollektive 
(iemeinschaltsh-hen der Menschen steht noch so sehr unter der Gewalt der 
Triebe, unter dein Primat des l.ustprin/.ips, daß hier die Aufrichtung der 
Herrschaft der Vernunft noch fast als Utopie erscheint. Jede Lustposition, 
jedes Abfuhrventil für die anbewußte Aggressionsneigung wird mit zähem 
Widerstand verteidigt werden, zumal die Entwicklung der Neuzeit an den 
Triebverzicht des Ein/einen ohnehin ungeheure Anforderungen stellt, ohne 
ihm wesentliche Lustprämieti hierfür bieten IU können So dürfen wir nicht 
erwarten, aus dem einen Kinlallstor der Kriminalistik allein die Herrschaft 



Einige praktische Schwierigkeiten der pjydionnnlytiscuen Kriminalistik 225 



des Ichs in das Gemeinschaftsleben tragen zu können. In den Vereinigten 
Staaten von Amerika mögen die Verhältnisse etwas günstiger liegen. Un- 
beschwert von ererbten Traditionen und alten Ideologien, mit unbegrenzten 
materiellen Mitteln, einem jugendfrischen Reformhunger und der Lust am 
Experimentieren, kann Amerika leichter mit einer modernen Kriminalistik 
den Anfang machen. Die naive Unbeschwertheit, mit der jüngst eine 
Amerikanerin angesichts einer der herrlichsten Kathedralen Spaniens bei 
der Erörterung des Alters ihrer verschiedensten Teile erleichtert ausrief: 
„JVell, I'm mighty glad, that we a'int got centuries in America 1 , hat sicher 
auch ihre gute zivilisationsfördernde Seite. Im alten Europa, wo sich „Gesetz 
und Rechte wie eine ewige Krankheit forterben , werden wir uns ver- 
mutlich noch lange Zeit damit bescheiden müssen, durch Vertiefung unserer 
empirischen Erfahrungen über die Ursachen der Kriminalität, durch tastende 
Versuche bei der Heilung neurotischer Krimineller unter ungünstigen äußeren 
Umständen einer künftigen zweckmäßigeren Kriminalpolitik den Boden zu 
bereiten. 



Iraago XVII. , 5 




Zur Psychologie des Vcrnredicrs und der 
strafenden Gcsell.saialt 

V.u. 

Erich Fromm 

IV lim 

Franz v. Llltl hat vor über dreißig Jahren folgende Definition der 
Ursachen des Verbrechern aufgenellt:' „Jedes Verbrechen i«t das Produkt 
aus der Eigenart des Verbrecher» einerseits und der den Verbrecher im 
Augenblick, der Tat umgehenden gesellschaftlichen Verhältnisse anderseits." 
Mit dieser allgemeinen Beschreibung der Verbrechensmotive kann sich 
auch der Psychoanalytiker einverstanden erklären, wenn er dabei betont, 
daß für ihn die „Eigenart des Verbrechers" wesentlich in seiner Trieb- 
konstcllation und hier wieder vorwiegend in deren unbewußtem Sektor 
begründet liegt. Die Schwierigkeiten und Gegensatze fangen da an, wo es 
sich darum handelt zu bestimmen, w«-l< he* im ein/einen che Kaktoren sind, 
die die Eigenart als Verbrecher bestimmen und welches das — qualitative und 
quantitative — Verhältnis dieser individuellen Faktoren zu den gesellschaft- 
lichen und wirtschaftlichen Faktoren ist. 

Die Kriminnlslatistik hat einen /.usanmienhang /wischen wirtschaftlichen 
Faktoren und Kriminalität schon seit langer Zeit sehen gelehrt: die Ab- 
hängigkeit der Eigentumsdelikte von der wirisi haltlichen Lage der Volks- 
masse, wie sie sich sowohl in der Abhängigkeit der Zahl der Eigentums- 
delikte vom Steigen und Fallen der (iet.eidei.re.se, alt auch vom Wechsel 
der Jahreszeiten ausdrückt. Ihr Zusammenhang zwischen Getreidepreisen 
und Kriminalität ist in ein er Reihe von Untersuchungen zweifelsfrei be- 

l) v. Lisit; Strafrechtlich« Auf.tttx. and Vertrag«. B.rlin 1905. II. Da. Ver- 
brechen al« ■osial-patholofriicho Erschniminsj. S. sj+. 






Zur Psychologie des Verbrechers und der strafenden Gesellschaft 227 

wiesen worden. 1 Zur Veranschaulichung dieses Zusammenhanges zitieren 
wir die von Herz gefundenen Zahlen für Österreich -Ungarn vom Jahre 
1905. 

Von 100.000 Strafmündigen wurden bestraft wegen 
T.hr Lebenmiiuelpreif Verbrechen Verbrechen Schwerer 

***,$&*»* ***** "ÄSr «* "EF 4BES, 

1862—65 io,n 60,0 9,4 14,6 9,7 5,5 

1866—70 11,83 74- 2 10 >7 22 >+ *5»9 6 '7 

1871—75 13,75 7 6 -5 12 >5 26 -5 l8 >3 8 ,3 

1876—80 13,93 84,1 16,3 28,2 19,7 8,3 

1881—85 11,93 79-3 >5. 2 28 ' 2 »9» 8 8 -9 

1886—90 9,81 62,6 13,9 29,1 20,3 8,7 

1891—95 io>oi 5 8 - 8 "4-5 2 7'° l8 -5 9>7 

1896—99 11,25 57,2 15,3 29,1 20,0 11,9 

Herz bemerkt zu dieser Statistik zusammenfassend: 2 „Die Lebensmittel- 
preise wirken nicht in gleicher Weise auf die gesamte Vermögenskrimina- 
lität zurück. Die atavistischen Kriminalitätsformen, die sich zumeist in 
roher Ausnützung einer gebotenen Gelegenheit und Gewalttätigkeiten 
äußern : Diebstahl und Raub stehen in einem unmittelbaren Abhängig- 
keitsverhältnisse von den Lebensmittelpreisen. Die den modernen Verhält- 
nissen besser angepaßten Delikte, . . . die an Stelle der Gewaltmaßregeln 
Lüge und Fälschung setzen, überwinden dieses primitive Abhängigkeits- 
verhältnis . . . Zum prinzipiell gleichen Ergebnis der Abhängigkeit der 
Vermögensdelikte von den Getreidepreisen — es kommt dabei nur auf das 
Steigen und Fallen, nicht auf die absolute Höhe der Preise an — gelangen 
auch die früheren Untersuchungen über die deutschen Verhältnisse. Die 
Sittlichkeits- und Aggressionsdelikte hingegen entbehren dieses direkten 
Zusammenhanges mit den Lebensmittelpreisen. 5 

Den gleichen Zusammenhang zwischen Kriminalität und wirtschaftlicher 
Lage zeigt auch die Statistik der Verbrechenshäufigkeit in den verschiedenen 

1) Vgl. L. Fuld: Der Einfluß der Lebensmittelpreise auf die Begehung der straf- 
baren Handlungen. Mainz 1881. — H. Berg: Getreidepreise und Kriminalität seit 
1882. Berlin 1902. — H. Müller: Untersuchungen über die Bewegungen der Krimi- 
nalität in ihrem Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Verhältnissen. Halle 1899. — 
H. Heri: Die Verbrechensbewegung in Österreich in den letzten dreißig Jahren in 
ihrem Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Verhältnissen. Monatsschrift für 
Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform. 1905. 

2) Heri, a. a. O. S. 292. 

3) Vgl. Aschaffenburg: Das Verbrechen und seine Bekämpfung. Heidelberg 
1925. S. 114 ff. 

i5* 



aar 



Kriiii Fi 11 mm 



Die Ki -imiiinlitüt I.)eutstiil;m<is nach .'ahr und 

(StStUlik tlr» Deutschen 

Wenn im Jahre auf I Tag 100 strafbare Handlungen 

Hrtculimin» drr Vrrbrrt hrn und Vargrh<-n Januar Februar März 

Verbrechen und Vergehen gegen Ileichsgesetze überhaupt m , 97 90 

Gewali und Drohung gegen Beamte 89 94 89 

Hausfriedensbruch 94 99 9*> 

Unzucht mit Gewalt uiw 64 66 78 

Argerni» durch unzüchtige Handlungen, Verbreitung un- 
züchtiger Schriften 6a 7* 85 

Beleidigung 85 89 85 

Kindermord 89 107 107 

Kinfiu In- Körperverletzung 7^ T9 

Gefährliche Körperverletzung 75 78 78 

Verbrechen gegen da* Vermögen »09 108 g6 

Einfacher Diebitahl, muh in wiederholtem Hiickfall . . 10a l»5 98 

Schwerer Diebstahl,' mich in wiederholtem Nückfall . 100 107 ga 

Unterschlagung — 97 94 

Betrug, auch in wiederholtem Rückfall III 108 95 

Sachbetchiidigung HS 9a 98 

Jahreszeiten. Ein klares Bild gibt hier dir oben wiedergegebene deutsche 
Kriminalstatistik. ' 

„Das Ansteigen der Un/.uchtsverbret lien beginnt in Deutschland im 
März und erreicht im schnellen Anstieg leinen Höhepunkt im Juli, um 
dann schnell wieder abzufallen; die Monat.- Oktober und März liegen er- 
heblich unter dem errechneten Durchschnitt, Eine ganz ähnliche Kurve 
zeigt die Erregung öffentlichen Ärgernisses dun li unzüchtige Handlungen, 
nur daß bei dieser Verfehlung die grüßte Begehenshaufigkeit bereits auf 
den Juni fallt. Die Unterschiede sind ganz ungeheuerliche. Der Juli über- 
trifft die Wintermonate um mehr als das Doppelte." 

„Ein völlig anderes Bild zeigt die Jahres Verteilung der Eigentumsver- 
brechen. Eine Ausnahme machen nur die Sachbeschädigungen; sie stehen 
psychologisch den Körperverletzungen weit naher als den Verbrechen gegen 
das Eigenturn, zu denen die Systematik unseres Stralgeselzbuchrs sie rechnet, 
und zeigen demnach auch ein ganz ähnliches Verhalten wie jene, wenn 
auch die I m. im liiede zwischen Sommer und Winter etwas weniger aus- 
geprägt sind. 

1) Nach Aschaffenburg, a. a. O. S. 16. 
a) Aschaffenburg, a. a. O. S. 16. 



Zur Psychologie des V erbrediers und der strafenden Gcsellsdinft aao 

Aionat der Begehung in strafbaren Handlungen 
Rcld.cs, N. F. Bd. 83, II, S. 5a) 

entfallen, so kommen an I Tag im Monat 



April 


Mai 


Juni 


Juli 


August 


September 


Oktober 


November 


Dezember 


.9* 


99 


103 


105 


109 


105 


103 


103 


98 


94 


97 


104 


109 


117 


112 


104 


99 


90 


ioo 


98 


101 


105 


110 


106 


102 


100 


89 


105 


128 


144 


'49 


130 


108 


9° 


68 


69 


101 


150 


i5o 


141 


l 35 


log 


84 


69 


64 


93 


108 


"5 


120 


iaa 


115 


99 


93 


80 


121 


118 


102 


95 


80 


9 1 


86 


82 


87 


95 


108 


116 


124 


»34 


121 


102 


88 


74 


95 


108 


"5 


118 


i33 


124 


106 


95 


78 


9° 


95 


93 


9 2 


95 


93 


104 


i J 5 


1.7 


85 


87 


88 


88 


9 2 


92 


106 


"7 


131 


89 


94 


98 


98 


94 


96 


106 


119 


111 


94 


98 


100 


103 


101 


98 


104 


105 


108 


88 


92 


9 2 


92 


95 


9° 


88 


102 


131 


108 


109 


106 


104 


104 


103 


101 


99 


88 



Die Diebstähle und der Betrug dagegen erreichen während der Monate 
März bis September nie das Durchschnitts-Tagesmittel von hundert. Von da 
ab tritt eine schnelle Zunahme ihrer Häufigkeit ein, die den ganzen Winter 
hindurch anhält." 1 

Auch hier bietet also die Statistik ein ganz eindeutiges Bild. Die Ver- 
brechen, bei denen libidinöse Motive eine entscheidende Rolle spielen 
(Sittlichkeits- und Aggressionsdelikte), haben den Höhepunkt ihrer Häufigkeits- 
kurve im Frühjahr und Sommer, die Delikte, bei denen die wirtschaftliche 
Not einen ausschlaggebenden Faktor darstellt, in der Zeit eben der größten 
wirtschaftlichen Not, im Winter. Besonders instruktiv wird dieser Zusammen- 
hang noch durch die von Aschaffenburg 2 vermerkte Tatsache, daß der 
Höhepunkt der Kurve der — ehelichen und unehelichen — Schwängerungen 
in Deutschland und ganz Europa im Mai, der der Selbstmorde im Juni und 
der der Sittlichkeitsverbrechen ebenfalls im Juni liegt. 

Die Statistik zeigt uns einen groben Erfahrungszusammenhang, der uns 
— theoretisch gesehen — als Selbstverständlichkeit erscheint : für die Ge- 
samtheit der Eigentumsdelikte geben — durchschnittlicherweise — wirtschaft- 

1) Aschaffenburg, a. a. O. S. 30. 

2) As chaffenburg, a. a. O. S. 18 ff. 



a 5o Killt« r nun in 



liehe Motive, für die Sexual- und Aggrewionidelikte sexuelle Motive den Aus- 
schlag. Die Statistik laßt aher naturgemäß nur durchschnittliche Zusammen- 
hänge erkennen und giht kein.- Anhaltspunkte- iür die Beurteilung des Ver- 
hältnisses rationaler und irrationaler Fakturen beim einzelnen Delikt. Es ist 
eine der Aufgaben eineranalytischen kriminalpsychologie, das — qualitative und 
quantitative — V. •ih.iltnis der rational -egoistischen und der irrational-sexuellen 
Motive beim einzelnen Verbrechen und besonder« den indirekten Einfluß 
sexueller Faktoren auf Eigentumsdelikte ebenso wie den indirekten Einfluß 
wirtschaitli. her Faktoren auf Triebdelikte zu untersuchen. Vor allem mit 
der zweiten Frage, Her mittelbaren Wirkung de, sozial ökonomischen Situation 
auf die zu Delikten führenden sexuellen Impulse sollen sich die folgenden 
Ausführungen beschäftigen. 

Der zweckmäßigste Gesichtspunkt der Ordnung der Verbrechen ihren 
Motiven nach dürfte der sein, sie sich als eine Ergänzungsreihe vorzu- 
stellen, an deren eine,,, Ende die extrem« Fälle des durch Not bedingten, 
von den Selbsterhaltungstrieben gespeisten „Notverbrechens" stehen, an deren 
anderem Ende das reine ., Triebverbrechen", das, unabhängig von der realen 
und wirtschaftlichen Situation, lediglich aus den sexuellen Impulsen des 
Handelnden motiviert, zu finden ist. 

Die Anordnung der Verbrechen in einer Ergänzungsreihe dürfte zweck- 
mäßiger sein als die von Alexander und Staub aufgestellte Kriminal- 
diagnostik, die zwar in ihrer Aufstellung fester (»nippen der Systematik 
des heutigen Strafgesetzes angepaßt ist und deshalb größere praktische 
Verwendungsmöglichkeiten zu verspiel Ihm icheint, dafür aber die Gefahr 
in sich birgt, verschiedene voneinander getrennte Verbrechensgruppen anzu- 
nehmen, wo es sich in Wirklichkeit um eine kontinuierliche Reihe handelt, 
bei der nicht mehr als das Zu- und Abnehmen bestimmter Tendenzen 
innerhalb der Reihe festzustellen ist. 

Dem einen Endpunkt der Krgänzungsreihe, dem „Notverbrechen , am 
nächsten stehen die große Zahl banaler Eigentumsdelikte, die nicht der 
Beseitigung äußerster und elementanter Not dienen, d. h. alio nicht oder 
nicht ausschließlich durch die Selbsterhaltungstriebe motiviert sind. Das 
Motiv dieser Delikte ist vielmehr .1er Wunsch, sich durch das Delikt die 
Möglichkeit zu einem — mehr «.«1er weniger — erhöhten Lebensgenuß 
zu schaffen, also in der libidinösen Beimengung zu den egoistis, hen Mnbungen, 
in den narzißtischen Bedürfnissen. Diese Bedürfnisse sind an sich völlig 
normal, sie lind auch völlig bewußt, das Eigentumsdelikt hat hier nicht 
in erster Linie einen symboliic h.n Charakter, das Motiv «les Verbrechens 






Zur Psychologie des Verbrechers und der strafenden Gesellschaft a3i 

ist durchaus kein pathologisches. Statt zu fragen, warum begehen eine 
Reihe von Menschen, deren ökonomische Situation ihnen die legale Be- 
friedigung an sich normaler Bedürfnisse nicht erlaubt, Delikte, die die 
Befriedigung dieser Bedürfnisse ermöglichen sollen, wäre richtiger, die Frage 
umgekehrt zu stellen: warum begehen die meisten Menschen in eben 
dieser ökonomischen Situation keine Delikte, um sich die Befriedigung 
solcher Bedürfnisse zu verschaffen, die einer Reihe von Mitgliedern der 
Gesellschaft auf legalem Wege möglich ist. Die Antwort auf diese Frage 
ist sehr einfach. Die Gesellschaft erreicht es durch die Art der Erziehung 
und durch eine Reihe von anderen gesellschaftlichen Institutionen, der 
besitzlosen Masse Ideale einzupflanzen, die es den meisten möglich machen, 
die Armut der Unehrlichkeit vorzuziehen. Die Kriminellen sind diejenigen, 
bei denen diese Über-Ich-Bildung gar nicht oder nur mangelhaft geglückt 
ist. Daneben gibt selbstverständlich auch die Angst vor den Repressalien der 
Gesellschaft einen wesentlichen Grund dafür ab, verbotene Früchte nicht 
zu essen. Dieses Motiv der Angst spielt eine um so größere Rolle, je mehr 
das Delikt der Befriedigung bewußter egoistisch-narzißtischer Bedürfnisse 
dient, je weniger es der verhüllte, symbolische Ausdruck unbewußter, rein 
sexueller Regungen ist. 

Es wäre jedoch einseitig, zu verkennen, daß auch bei diesen banalen 
Eigentumsdelikten, soweit sie über die Befriedigung elementarer Selbst- 
erhaltungsbedürfnisse hinausgehen, ein Motiv immer noch eine große Rolle 
spielt, weil es eben bei allen Delikten neben anderen Motiven eine ent- 
scheidende Rolle spielt: die feindseligen, vor aüem auf das Wegnehmen 
und Zerstören gerichteten Impulse, wie wir sie in der Analyse von Kindern 
und Erwachsenen mit großer Regelmäßigkeit antreffen. Es soll hier nicht 
auf das schwierige Problem der Qualität und Genese dieser Raub- und 
Zerstörungsimpulse beim Einzelnen eingegangen werden; wir wollen uns 
mit der Feststellung begnügen, daß sie bei allen Delikten ein entscheidendes 
und häufig, der Stärke nach, unbewußtes Motiv bilden. 

Verhältnismäßig leicht durchschaubar sind auch die Delikte am anderen 
Ende der Ergänzungsreihe, die reinen Trieb verbrechen, bei denen nur die 
individuelle Konstitution, beziehungsweise individuell bedingte Kindheits- 
erlebnisse für die Verbrechensbildung ausschlaggebend sind. Der extremste 
Fall am Ende der Reihe sind die Geisteskranken, beziehungsweise die durch 
organische Störungen in ihrer Geistes- und Gemütstätigkeit gestörten Krimi- 
nellen. Schwer durchschaubar sind die Delikte in der Mitte der Ergänzungs- 
reihe, d. h. also Eigentumsdelikte, die über die Befriedigung egoistisch- 



,3» Kriili Km. mm 



narzißtischer Bedürfnisse hinaus Ausdruck unbewußter sexueller Impulse 
lind und solch«- Sexual und Aggressionsdelikte, bei «leren Entstehen gesell- 
schaftlichwirtsi haitlii he Faktoren eine, wenn auch mittelbare. Holle spielen. 

Alle Lösungen, die das, was nur für dir GrenxfVlle gilt, auf alle Fälle 
der Reihe übertragen wollen, sind offensichtlich falsch. Weder lassen sich 
alle Delikte allein aus wirtschaftlichen Gründen erklären — das beweist 
die Kriminalstatistik sowohl wie die Tatsache, daß die große Mehrzahl der 
Besitzlosen nicht kriminell wird — noch aber lassen sie sich rein aus Trieb- 
gründen erklären, denn sonst wiirden sich nicht die, auch relativ, meisten 
Kriminellen aus der besitzlosen Masse rekrutieren. 

Die psychoanalytische Forschung hat schon eine erste und entscheidende 
Einsicht in die Eigenart der Mischung irrationaler Triebmotive und ratio- 
naler Ichmotive gegeben. 

Auch der scheinbar ganz rational, aus egoistischen Motiven handelnde 
Verbrecher wird gewöhnlich von ihm selbst unbewußten 1 riebregungen 
bestimmt, verbrecherisch zu handeln. Die Wünsche und Interessen des Ichs 
amalgamicren sich mit denen der primären Triebhaftigkeit (des Es) und 
beweisen so die Starke der dein seelischen Apparat innewohnenden Tendenz, 
solche Amalgamicningen zu vollziehen und dem Ich auch seine irrational- 
triebhaft motivierten Handlungen rational verstandlü h erscheinen zu lassen. 

Alles das und speziell die durch das I .ebemschicksal des Einzelnen be- 
dingten unbewußten sexuellen Motive, »im! von analytischer Seite, vor allem 
von Alexander und Staub 1 so ausgezeichnet dargestellt worden, daß sich 
an dieser Stelle ein weiteres Eingehen daraul erübrigt. 

Notwendig erscheint es uns aber, einer Ansicht zu widersprechen, die 
einen Unterschied zwischen geistesgesunden und neurotischen Verbrechern 
in der Hinsicht machen will, daß sie diejenigen als geistesgesunde, normale 
Verbrecher anspricht, bei denen die Lusttendeni weitgehend in den Dienst 
der Zweckmäßigkeit gestellt, d. h. rationalisiert ist. wahrend als neurotische 
Verbrecher nur diejenigen gelten sollen, die die Lusttendenzen der Kind- 
heit in einer relativ unmodifizierten form beibehalten haben.* 

Diese Fragestellung erscheint uns wenig zwetkmaßig. Die Tatsache der 
weitgehenden Rationalisierung besagt nicht« über die Starke der unbewußten 

») Alexander und Staub: Der Verbrecher und seine Richter. Wien 192S. — 
Vgl. auch Witteli: Die Welt nlmr /.uchlhaiis. Stuttgart '9«**. 

a) Vgl. Alexander: Psychische Hygiene und hn.iunalit.it. (Im Vorabdruck der 
Verhandlungen de* VVn.liingtoner Mental Hygiene Kmigrenei). [Erscheint in diesem 
Heft. — Anm. d. Rod.] 



Zur Psychologie des Verbrechers unj der strafenden Gesellschaft 235 

libidinösen Motive, also auch nichts über das mehr oder weniger Zwang- 
hafte des kriminellen Agierens. Wir finden ja auch bei sehr vielen neuroti- 
schen Symptomen, daß sie in den Dienst der Ichinteressen gestellt werden 
(sekundärer Krankheitsgewinn) und halten sie wegen dieser Rationalisierung 
eben doch nicht für weniger neurotische Symptome, wenn auch, was aber 
ein ganz anderes Problem ist, bei sehr geglückten Rationalisierungen für 
schwieriger heilbare. Es ist dabei nicht zu vergessen, daß der Begriff eines 
ganz in den Dienst der Zweckmäßigkeit gestellten Verbrechens ein Wider- 
spruch in sich ist; denn als Verbrechen teilt es die Eigenschaft des neuroti- 
schen Symptoms oder des neurotischen Verhaltens mangelnder Angepaßtheit 
an die soziale Realität. Wir können bei der Beurteilung der psychischen 
Struktur des Verbrechers ebensowenig wie bei der des Neurotikers von den 
Rationalisierungen ausgehen, sondern nur von den hinter den Rationali- 
sierungen verborgenen unbewußten Antrieben, ihrer Stärke und Eigenart. 
Es kann ein unbewußter Impuls weitgehend rationalisiert sein und dennoch 
kann jede Beeinflußbarkeit durch Strafe, jede normale Motivierbarkeit fehlen, 
während umgekehrt das Fehlen oder die Unvollkommenheit der Rationali- 
sierung nichts über Stärke und Eigenart der unbewußten Triebmotive be- 
ziehungsweise über die „Besserungsfähigkeit", d. h. Heilbarkeit des Krimi- 
nellen aussagt. 

Ein Beispiel soll das Gesagte illustrieren. Nehmen wir zwei Warenhaus- 
diebinnen, eine vermögende und eine arme. In beiden Fällen kann viel- 
leicht die Analyse aufzeigen, daß die Triebfeder ihrer Handlungen im Un- 
bewußten liegt, etwa in bestimmten Fixierungsstellen auf der oralen Stufe 
oder im Zusammenhang mit dem Kindeswunsch dieser Frauen. Bei der 
vermögenden Diebin fehlt die Rationalisierung. Sie fehlt deshalb, weil die 
Rationalisierungsmöglichkeit fehlt. Umgekehrt muß bei der anderen Diebin 
der Diebstahl rationalisiert werden. Sie kann kaum anders als ihn in den 
Dienst ihrer Ichinteressen stellen. Aber es wäre grundfalsch, die reiche 
Diebin als neurotische Kleptomanin, die arme aber als normale, psychisch 
gesunde Verbrecherin zu bezeichnen. Natürlich ist es möglich, daß eine 
arme Diebin gar nicht aus libidinösen Motiven stiehlt, sondern aus Not, 
aber — und hierauf kommt es in diesem Zusammenhang an — darüber 
kann nicht das Vorhandensein der Rationalisierung etwas aussagen, sondern 
nur das Studium des Unbewußten der kriminellen Persönlichkeit Aufschluß 
geben. 

Diese Frage ist nicht nur theoretisch wichtig, sie ist es auch praktisch, 
und zwar deshalb, weil man aus dieser Unterscheidung zwischen „gesunden 




a £j I I l.ll I I .ilMl.l 

und neurotischen Kriminellen" Konsequenzen für die Bestrafung ziehen will. 
Der Gesunde soll straffällig, d. h. uuch durch Strafe besserungsfähig sein, 
während man den neurotischen Kriminellen "1* krank und Heilung benöti- 
gend ansieht. Zu welch groben Irrtümern , m d p»ychologischen Unsinnig- 
keiten es führen kann, wenn man den Akzent an! das Moment der Ratio- 
nalisierung legt, zeigen die Ausführungen eines führenden Kriminalisten, 
von He in dl. Er schreibt über den Berufsverbrecher: 1 

„Wenn man jene Ungeheuer wie Hering, Großmann. Haarmann be- 
trachtet, findet man bei ihnen das für jede berufsmäßige, geschäftsmäßige, 
gewerbsmäßige Tätigkeit charakteristische Moment, daß sich Unternehmen 
an Unternehmen in rascher zeitlicher Kolge reiht — eine Erscheinung, die 
mit dem Motiv der Verbrechen zusammenhangt. 

Das Motiv oder zum mindesten das vorherrschende Motiv, ist bei den Be- 
rufsverbrechen — im Gegensatz zu den Gelegenheitsverbrechen -- stets Ge- 
winnsucht." 

„Bei vielen Berufsverbrechern stellte sich gelegentlich der Haussuchung 
heraus, daß sie über ihre Missetaten und deren Ertrag genauestens Buch 
führten. Man denke z. B. an Hering. Diese Geschäftsbücher, die über Motiv 
und Häufigkeit der Verbrechen keinen Zweifel lassen, geben den besten 
Beweis dafür, daß die Leute das Verbrechen als eine rein geschäftliche An- 
gelegenheit betrachten." 

„Bichel, ßishop, Dumollard begingen ebenfalls einen Mord nach dem 
andern, weil sie sich so fortlaufend eine Einnahmequelle verschaffen wollten. 
Und auch alle Massenmörder, die in neuester Zeit Mordserien ausführten, 
suchten damit ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, machten das löten von 
Menschen zum ernährenden llerul. Ilaarmann verhandelte die Kleider, Groß- 
mann das Fleisch seiner Opfer. Geschäft, nichts als Geschäft I Broterwerb, 
wenn auch scheußlichster Art. Während das eine Opfer noch nicht kalt 
war, suchten diese umsatzbeflissenen Geschäftsleute, wie Williams und Haar- 
mann, schon ein neues Opfer, mußten es sofort suchen, insofern der Bar- 
ertrag des letzten Mordes gering oder gar negativ war" 

Während Heindl als Motiv des Gelegenheitsverbrechens l^eidenschaft. 
Liebe, Haß und Zorn, sexuell.,, In, puls, Not ansieht, sucht er bei den 

Berufsverbrechern und speziell hei den Bern!' "lern ,.na. h solchen Motiven 

vergebens. Sie sind aus anderem Holz geschnitzt. Sie gehören der zweiten 
Klasse der geistesgesunden Verhrc, her an. .he wii Berufsverbrecher nennen 



1) R. Heindl: Der Berufsverbrecher. Berlin 1996. S 14» f. 



2,\ix Psydiologie des Vertircdieri und der strafenden Gesellschaft a35 



wollen. Diese delinquieren natürlich auch nur, wenn sich eine Gelegenheit 
dazu bietet, aber — und das ist ihr Charakteristikum — sie suchen diese 
Gelegenheit. Suchen sie systematisch, wie ein Geschäftsreisender Kunden 
sucht. Sie kämpfen keinen inneren Kampf, bevor sie die Straftat ausführen. 

Les affaires sont les affaires. Sie sehen im Verbrechen eine Tätigkeit 
wie in jeder anderen Beschäftigung. 

Es soll nur kurz darauf hingewiesen werden, wie sehr sich Heindl mit 
dieser These vom geistesgesunden Berufsverbrecher selbst widerspricht. Er 
weist auf die doch gewiß nicht aus rationalen Gründen erfolgende, häufig 
verräterische Stereotypie der Delikte des Berufsverbrechers hin, glaubt darin 
ein Armutszeugnis, ein Resultat geistiger und körperlicher Minderwertigkeit 
zu erblicken. Er hebt damit zwar einen psychologisch wichtigen Tatbestand 
hervor, wenn er auch seine Ursache, das zwanghafte Wiederholen eines 
gleichen, unbewußten Impulses im Verbrechen nicht kennt, verläßt aber 
bald wieder diesen Ansatzpunkt einer psychologischen Betrachtung: 

„Aber vielleicht brauchen wir gar nicht so subtile Psychologie zu treiben. 
Vielleicht ist es einfach der jedem Menschen angeborene Hang zur Träg- 
heit, die Neigung zum Trott im alten Geleis, die er mit Viehherden und 
Droschkenpferden teilt. Er begeht eben seine Delikte berufsmäßig, wie ein 
anderer tagtäglich dieselben Düten klebt, dieselben Griffe an der Drehbank 
ausführt, dieselben Stiche den Kälbern und Schweinen versetzt. s 

Eine wesentliche Tatsache, die den psychologischen Unsinn seiner These 
vom geistesgesunden Berufsmörder bloßstellt, übersieht Heindl völlig. Wenn 
ein Haarmann eine Reihe von Morden begeht, um die fast wertlosen Lumpen 
seiner Opfer zu verkaufen, so ist ohne weiteres klar, daß hier der rationale Zweck 
des Verbrechens zu diesem selbst in gar keiner irgendwie passenden Relation 
steht. Er hätte denselben wirtschaftlichen Effekt mit einem außerordentlich 
viel geringeren Risiko für seine Person erreichen können, wenn er beim 
Trödler ein paar alte Kleider gestohlen hätte. Die einfachste psychologische 
Erwägung zeigt, daß das entscheidende Motiv seiner Verbrechen in trieb- 
haften, wenn auch ihm selbst mehr oder weniger unbewußten Impulsen 
liegt, und daß die Benutzung des Verbrechens zur Erreichung gewisser 
wirtschaftlicher Zwecke nur eine oberflächliche Rationalisierung der moti- 
vierenden Triebregungen darstellt. 

Die Auseinandersetzung mit der psychologisch oberflächlichen Position 
Heindls scheint uns deshalb wichtig, weil diese zeigt, zu welchen Konse- 

i) Heindl, a. a. O. S. 159. 
2) Heindl, a. a. O. S. 155. 









a.X» 



Kl Uli I'm-iiiiii 



quenzen theoretischer und praktischer Art eine psychologische Position 
führen kann, die bei der Beurteilung der psychischen Struktur des Krimi- 
nellen und speziell bei der Unterscheidung /.wischen gesund und krank von 
den Nationalisierungen ansj eht 

Es wurde bisher erörtert, daß die Mehrzahl der Verbrechen, d. h. alle 
die zwischen den Endpunkten der Ergänzungsreihe stehenden, durch eine 
Mischung von — meistens unbewußten — irrationalen Triebmotiven und 
— meistens bewußten — rationalen Zweckmotiven charakterisiert sind, 
anders ausgedrückt, daß die. durch die individuelle Entwicklung bedingte, 
Trieblage zusammen mit der gesellschaftlich-wirtschaftlichen Situation das 
Motiv der Verbrechen bildet. Es erhebt sich, über die konstatierung dieser 
Tatsache hinaus, die Krage, warum für bestimmte gesellschaftliche 
Schichten das Verbrechen «ine so große Rolle als Befriedigung bestimmter 
libidinöser Triebregungen bildet. 

Welche andere Krlcdigung konnten denn solche überstarken, durch die 
Eigenart der frühkindlichen Kniwicklung bedingten Triebregungen noch 
finden? Die einfache Krledigung durch Ablehnung dieser aus der Tiefe 
(dem Es) stammenden Impulse durch das Ich. d. h. also durch Beherrschung 
und Verzicht auf die Triebbefriedigung, ist solchen Persönlichkeiten eben 
infolge der Sliirke dieser Triebregungen beziehungsweise der Unfähigkeit 
des Ichs z\i ihrer Bewältigung unmüglii h. Eine Verdrängung (mit bezug auf 
den im Delikt, beziehungsweise in der l'erv.rsion verwirklichten Impuls), 
die zu neurotischen Erscheinungen tuh.en wurde, findet ebenfalls beim 
Kriminellen auf Grund bestimmter individuell bedingter Momente nicht 
statt. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit dir Abiuhr solcher Triebregungen: 
die Sublimicrung. Gewiß i»t mit I. diese Möglichkeit bis zu einem gewissen 
nicht geringen Grade durch die individuelle psychische Struktur bedingt, 
und die Perversionen zeigen, daß bei vielen Menschen allein auf Grund 
ihrer individuellen persönlichen Entwicklung die Möglichkeit des einfachen 
Verzichts, der Verdrängung und auch der Sublimierung nicht gegeben ist. 
Aber es kann anderseits kein Zweifel sein, daü die Sublimierungsmöglichkeit 
durchaus nicht nur von individuellen Faktoren der Trieben! wic.klung abhängt, 
sondern auch von gesellschaftlichen, nämlich der wirtschaftlichen Situation 
des Betreffenden. Der Anteil lies Kinzelneii an dem Genuß der Kulturgüter, 
also die für ihn erreichbare Summe der sublimierten Triebbefriedigungen, 
ist weitgehend abhängig von seiner wirtschaftlichen Situation. Diese ist von 
entscheidendem Einfluß auf die Suhlimieiuii, ...... ..; •lirhkeit zunächst dadurch. 

daß die Sublimierungsfiihigk.it weitgehend von einer entsprechenden Er- 



Zur Psychologie des Vcrhrediers und der strafenden Gesellschaft nZy 

ziehung in der Kindheit abhängig ist und Art und Umfang einer die Ent- 
wicklung der Sublimierungsfähigkeit begünstigenden Erziehung in erster Linie 
ein wirtschaftliches Problem ist. Nicht weniger bedeutsam für die Subli- 
mierungsmöglichkeiten ist der Beruf, und auch hier ist es klar, daß der 
frühzeitig unter viel stärkerem ökonomischen Druck, d. h. weniger nach 
dem Gesichtspunkt der individuellen Bedürfnisse, auszuwählende und endlich 
auch inhaltlich weniger Sublimierungsmöglichkeiten bietende Beruf des 
Proletariers im ganzen viel geringere Sublimierungsmöglichkeiten als ein 
bürgerlicher Beruf bietet. Endlich gibt es eine große Reihe, speziell rezeptiver, 
nicht auf schöpferischer Leistung beruhender Sublimierungsmöglichkeiten, 
die unmittelbar durch Geld erkaufbar sind und also ebenfalls nach Art 
und Umfang von der wirtschaftlichen Situation abhängig sind. 

Gewiß gibt es auch eine ganze Reihe von entsprechenden Befriedigungs- 
möglichkeiten, die ganz umsonst oder für wenig Geld auch der großen 
Masse zur Verfügung stehen. Die Circenses, die die römischen Imperatoren 
der großen Masse schenkten und die Ketzerverbrennungen des Mittelalters 
gehören ebenso hieher wie der Fußballwettkampf und das Kino. Aber es 
läßt sich nicht leugnen, daß der Besitzende weit mehr solcher Möglich- 
keiten hat als der Besitzlose. Zumal der Besitz eine unvergleichliche Freiheit 
in der Lebensgestaltung, insbesondere in der Verwendung der Zeit, mit sich 
bringt. 

Diese Erwägungen zeigen, daß, wenn auch die Sublimierungsmöglich- 
keiten einerseits weitgehend von der psychischen Eigenart des Einzelnen 
bedingt sind, sie doch auch anderseits von seiner wirtschaftlichen Lage 
abhängen und daß in vielen Fällen Sublimierungen nicht an der mangelnden 
individuellen psychischen Fähigkeit, sondern an den wirtschaftlichen Ver- 
hältnissen scheitern. 

Es darf dabei auch nicht übersehen werden, daß bei günstigen wirt- 
schaftlichen Verhältnissen eine große Reihe anderer Triebbefriedigungen 
möglich werden, die dem Besitzlosen versagt sind, und die einen Teil der 
Libido von dem überstark entwickelten Partialtrieb abziehen, d. h. die 
Dringlichkeit seiner Befriedigung abschwächen. 

Was bedeuten diese Erwägungen für das Problem der Verbrechens- 
motive? Sie zeigen, daß die wirtschaftliche Lage insofern einen mittel- 
baren Einfluß — und nicht nur einen unmittelbaren — auf die Krimi- 
nalität ausübt, als in vielen Verbrechen Triebregungen realisiert werden, 
die in einer anderen wirtschaftlichen Situation eine sozial erlaubte Abfuhr- 
möglichkeit hätten. 



»38 



Eridi Frumin 




Die geringere Sublimierungsmöglh hkeit ist aber nicht der einzige Faktor, 
der einen mittelbaren Einfloß der sozialen Lage auf die Verbrcchensbildung 

bedingt. 

Kinen zweiten wesentlichen Faktor bildet die Verstärkung, die die in- 
dividuell bedingten feindseligen, aggresiven Impulse beim Angehörigen 
der unterdrückten Klasse durch den Haß gegen die herrschende Klasse und 
die von ihr gemachten Gesetze erfahren. Dieser Haß wird geschürt durch 
das Gefühl des sozialen Benachteiligtseins, mag dasselbe grell bewußt, oder 
sein Massiv im Ich unterdrückt sein. 

Ein weiteres Motiv, das häufig für die Verbrechensbildung wichtig wird, 
ist die Befriedigung narzißtischer Bedürfnisse Die besondere Stärke solcher 
Bedürfnisse liegt wiederum in der individuellen Entwicklung begründet. 
Beim Proletarier wird es sich aber häufig nicht um eine besondere Stärke 
dieser Bedürfnisse handeln, sondern um eine narzißtische „Unterernährung". 
Es ist ohne weiteres klar, daß der Besitzende, ganz abgesehen von den direkt 
käuflichen Befriedigungsmöglichkeiten, wie ulmne Kleider, gutes Essen, schöne 
Wohnung usw., weil größere Möglichkeiten zu narzißtischer Befriedigung 
hat als der Besitzlose. Gewiß fehlen sie auch diesem nicht völlig; Vereins- 
und Parteiwesen, die Bewunderung durch Frau und Kind und manches 
andere bilden solche Bcfricdigungimüglichkeiten. Aber sie sind eben weit 
geringer als die dem Besitzenden zur Verfügung stehenden. Besonders ist 
auch hier wieder an die Klassensituation zu denken. Der Angehörige der 
beherrschten Klasse erlebt eben all soll her eine Wiederholung narzißtischer 
Kränkungen, die er als Kind einplanten hat. und das Verbrechen — das 
Genanntwerden in der Zeitung, das Erscheinen vor einem Birhterkollegium 
und einem zuhörenden Publikum, die Inanspruchnahme so vieler Menschen, 
die sich sonst nie um ihn kümmern würden — bietet weitgehende narziß- 
tische Befriedigungen, wenn auch nur bis zu dem Augenblick, wo sich 
die Tore des Gefängnisses hinter ihm schließen. 

Ein viertes, wesentlich gesellschaftlich bedingtes Motiv bildet die Tat- 
sache, daß es dem Angehörigen der unterdrückten Klasse, der sich als von 
der Gesellschaft beraubt und mißhandelt erlebt, leicht gelingt, sein Über- 
leb zu „bestechen", d. h. seine gcsellsc haltsleindlöhe Handlung vor sich 
selbst als eine erlaubte und nur da» ihm lugefttgte Unrecht adäquat ver- 
geltende hinzustellen.' 

Kür die Vermögensdelikte kommt zu allem Genannten ein weiteres, ge- 






l) Vgl. Alexander u. Staub, n. ». 0< 



Zur Psychologie des Verbrechers und der strafenden Gesellschaft 280 

seilschaftlich bedingtes Motiv hinzu. Die Befriedigung der aus dem Es 
stammenden irrationalen Motive kann gleichzeitig in den Dienst an sich 
berechtigter und selbstverständlicher rationaler Ichbedürfnisse gestellt werden. 
Wenn häufig die libidinösen Motive allein nicht ausreichen würden, um 
das Verbrechen psychisch zu ermöglichen, wird die Amalgamierung mit 
Ichmotiven zum zwingenden und unüberwindlichen Motor des kriminellen 
Handelns. 

Aus diesen Erwägungen ergibt sich eine gewisse Klärung für das Problem 
des Verhältnisses der individuellen und sozialen Anteile an den Verbrechens- 
motiven. Es zeigt sich, daß der gesellschaftliche Anteil in doppelter Weise 
wirksam ist: direkt, indem die wirtschaftliche Lage den für die Verbrechens- 
bildung — soweit es sich um Vermögensdelikte handelt — so wichtigen 
Zuschuß an Ichinteressen liefert. Indirekt aber, und dieser Faktor ist viel- 
leicht noch wesentlicher, indem gewisse, ihrer Entstehung nach durch ererbte 
Konstitution und individuelle Erlebnisse der Kindheit bedingte libidinöse 
Motive durch die gesellschaftliche Position eine so geringe legitime Abfuhr- 
möglichkeit, beziehungsweise solche Verstärkungen erhalten, daß das Ver- 
brechen, indem es die Befriedigung gewisser sexueller Antriebe mit der Be- 
friedigung des Hasses gegen den Vater, beziehungsweise gegen die Gesellschaft 
und mit narzißtischen Befriedigungen vereinigt, zum naheliegendsten Abfuhr- 
weg aller dieser Impulse wird. 

Es erweist sich also, daß die Frage, ob das Verbrechen vorwiegend aus 
wirtschaftlichen oder aus triebhaften Motiven zu erklären ist, falsch gestellt 
ist. Daß vielmehr zwischen beiden Motivgruppen eine bestimmte Beziehung 
besteht, derart, daß die wirtschaftliche Situation selber auf die Entwicklung 
der Triebsituation von entscheidender Bedeutung ist. Viele Verbrechen lassen 
sich in diesem Sinne definieren als die Befriedigung bestimmter, ihrer Ent- 
stehung nach individuell bedingter libidinöser Impulse unter bestimmten 
sozialökonomischen Verhältnissen. 1 

Aus der Einsicht, daß die meisten Kriminellen — und besonders die 
Berufs- und Gewohnheitsverbrecher — aus ihnen selbst unbewußten Trieb- 
regungen heraus handeln und handeln müssen, ergeben sich wichtige Kon- 
sequenzen für die Frage der Verantwortlichkeit, der Straf- und Besserungs- 
möglichkeit. 

Die Frage der Verantwortlichkeit wurde schon vor der Erkenntnis des 



1) Ganz das Gleiche dürfte auch für die Prostitution gelten. Auch hier werden 
bestimmte Triebbedürfnisse befriedigt, die unter anderen wirtschaftlichen und gesell- 
schaftlichen Verhältnissen andere Abfuhrmöglichkeiten hätten. 






a j Q I II. Il I I .in rill 

Vorhandenseins unbewußter Motive des Verbrechen rein auf Grund der 
Erfahrung in einer auch heute noch befriedigenden Weise von der die 
Fiktion der Willensfreiheit ablehnenden Strafrechtlich" !<• beantwortet. 

v. Liizt lagt:' „Der Verbrecher iit also für uns Menschen unbedingt und 
uneingeschränkt unfrei; sein Verbrechen die notwendige, unvermeidliche 
Wirkung der gegebenen Bedingungen. Für das Strafrecht gibt es keine 
andere Grundlage als den I >etei minisimis ." 

„Ich erblicke . . . das Wesen der Zurechnungsfähigkeit, also die Voraus- 
setzung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit, in der normalen Bestimm- 
barkeit durch Motive. 

„Wer auf Motive in normaler Weiie reagiert, in rurechnungifähig. Die 
Zurechnungsfuhigkeit entfällt mit jeder Störung dei Seelenlebens, sei es im 
Gebiete des Vorstellen! oder des Kmplindens min des Wollens, durchweiche 
die Reaktion anormal, atypisch gestaltet wird. 

„Zurechnungsfuhigkeit bedeutet demnach die Empfänglichkeit für die 
durch die Strafe bezweckte Motivsetzung." a 

Diese, vom Standpunkt des Determinismus ausgehende Definition Liszts 
des Geistesgesunden als eines Menschen, der auf Motive in normaler 
Weise reagiert, alio durch Motivietzung entsprec In ml beeinfluß- 
bar ist, steht ebensosehr im Gegensatz /u dem (vom Standpunkt der Theorie 
der Willensfreiheit ausgehenden) ^ r,i ( {,. h deutschen Strafgesetzbuches, wie 
sie im Einklang steht mit den Einsichten der Psychoanalyse. 5 Der Verbrecher, 

1) T. Lisxt: Strafrechtliche Aufsätze und Vortrage. Berlin 1905. — Die deter- 
ministischen Gegner der Zweckstrafe. S. 59 ff. 

2) v. Lisxt a. a. ().: Die strafrechtliche /.nrechnnngsfahigkelti 8. »19 ff- 

5I F.s soll hier kurz darauf hingewiesen werden, dall wir die Stellungnahme Alexanders 
und Staubs zum Problem der Verunlwnrtlichkeit nicht teilen kiuinen. Die Autoren 
wollen in der Beteiligung dos Ichs au «Irr Straftat einen Gradmesser für die Verant- 
wortlichkeit sehen und vergossen, dall ja das Ich in »einem Inhalte ebenso deter- 
miniert, unfrei und unverantwortlich iit wie irgendeine andere seelische Instanz. Es 
ist also nicht angängig, durch Betonung dei Ichhoteiligung an einein Delikt die Strafe 
i, . huphilosophisch zu begründen und so durch ein.- Hintertür die Willensfreiheit 
wieder in da« Striifrecht einzulassen, der von v.Lisst und »einer Schule vor Jahrzehnten 
schon die Vordertüre gewiesen worden war. Der gleichen Tendenz, einer möglichsten 
Anpassung der psychoanalytischen I, inlichten an die hei im Ihn. Ir Slrul jn»tjx, scheint 
uns eine andere Annahme der Autoren tu entspringen, die dei „normal« Kriminellen*, 
d.h. de» kriminellen mit normalem, «bei dei \ e. lue -hei ,•.„„•. nschaft angepaßten 
Über-Ich. I.» »ch.-iul 1111», dall diese Verbrr. Iic.rih.k in.hi .1». Resultat einer roman- 
tischen Vorstellung als e.ne Tat.«, he der Wirklichkeit ist und dall Erscheinungen m 
der Verbrecherwelt, bei denen das (ieinciii.chaftsmoment als «. ,,,tlwh imponiert, 

sekundäre Bildungen sind, die sich aus den realen Leb..,, iweu.ligkeiien der an sich 

gemeinschaftsfeindlich eingestellten Kriminellen eigenen. 



Zur PayAologic des Verbredicrs und Jer s trafenden Gesellschaft zji 

der unter dem Einfluß ihm unbewußter Triebregungen so handeln muß 
wie er handelt, ist eben gerade deshalb ein nicht in normaler Weise auf 
Motive reagierender Mensch, nicht durch Strafe zu bessern und im Sinne 
v. Liszts also nicht zurechnungsfähig. 

v. Liszt hat das vor allem sehr klar bei den Gewohnheitsverbrechern ge- 
sehen. Er sagt: „Der normale Mensch soll also zurechnungsfähig sein . . 
Aber was ist normale Reaktion? ... Ist nicht jedes Verbrechen eine Ab- 
weichung von dem normalen Verhalten des Durchschnittsmenschen?" 

„Dazu tritt die zweite Frage . . . Wenn der unausrottbare Hang zum Ver- 
brechen jeder Besserung wie jeder Abschreckung spottet, wenn es sich 
lediglich darum handelt, die Gesellschaft gegen den Unverbesserlichen zu 
sichern durch Hinrichtung oder Verbannung oder dauernde Einsperrung — 
was soll uns hier, wo von Motivsetzung durch die Strafe nicht mehr die 
Rede ist, die Motiv ierbarkeit des Täters als Voraussetzung für Verhängung 
der Strafe?" 

„Hat der vermindert Zurechnungsfähige durch die Begehung eines Ver- 
brechens seine Gemeingefährlichkeit bewiesen, so ist seine Verwahrung in 
einer Anstalt zur Sicherung der Gesellschaft notwendig. Aus der Verwahrung 
darf der Täter erst entlassen werden, wenn der Zustand der Gemein- 
gefährlichkeit sein Ende gefunden hat . . . Der Name der Anstalt tut nichts 
zur Sache . . . Nur von Strafanstalten dürfen wir nicht sprechen. Denn 
was wir wollen ist Heilung des Kranken und, wenn diese nicht mehr er- 
hofft werden kann, Verpflegung des Siechen." 

„Aber gerade die Verbindung von Bestrafung und Verwahrung legt uns 
die zweite der oben erwähnten Fragen nahe: ist die scharfe Grenzlinie 
zwischen Zuchthaus und Irrenanstalt, zwischen Verbrechen und Wahnsinn 
überhaupt aufrechtzuerhalten, und vermag im besonderen der Begriff 
der Zurechnungsfähigkeit die Grenzlinie abzugeben?" 

„Der unverbesserliche Verbrecher ist nicht zurechnungsfähig . . . Die 
normale Bestimmbarkeit durch Motive und mit ihr die Empfänglichkeit 
des Täters für die durch die Strafe bezweckte Motivsetzung fehlt. 

„Die Unterscheidung zwischen der Sicherungsstrafe gegen unverbesser- 
liche Verbrecher und der Verwahrung gemeingefährlicher Geisteskranken 
ist nicht nur praktisch im wesentlichen undurchführbar, sondern auch 
grundsätzlich zu verwerfen. 

v. Liszt hat die These, daß der Gewohnheitsverbrecher ein kranker Mensch 
sei, der in eine Heilanstalt und nicht in eine Strafanstalt gehört, aus der 
Tatsache geschlossen, daß ja eben der Gewohnheitsverbrecher dadurch, daß 

Imago XVII. !6 



hl uli I i • '111111 
■41 




er trotz wiederholter Bestrafung immer wieder kriminell wird, beweist, daß 
er Kein normaler, geistesgesunder Menich in, wenn man unter einem 
solchen, wie v. Liszt M tut, einen durch Motive in normaler Weise determinier- 
baren Menschen verstellt. Die Analyse bram hl diesen Feststellungen nichts 
hinzuzufügen. Sie kann aber erklären, warum dieser unverbesserliche 
Kriminelle nicht anders handeln kann als er tut, warum auch alle sich 
an seinen bewußten Willen wendenden Straf- und Erziehungsmaßnahmen 
versagen müssen. Die Einsicht in die unbewußten, irrationalen Motive 
seines Handelns liefert erst den Schlüssel zum Verständnis der von v. Liszt 
völlig zutreffend gesehenen Tatsathen. 

Fragen wir uns nun, ob die Strafe, wenn sie nicht als Vergeltung und 
Rache, d. h. also all Triebbefriedigung der Strafenden, sondern als zweck- 
rationale Maßnahme der < iesells. halt aufgefallt werden soll, diese Zwecke 
erfüllt. Auf Grund theoretischer Erwägungen wird man der Zweckmäßigkeit 
der Strafe sehr skeptisch gegenüberstehen. ' Die Erfahrung aber macht diese 
theoretische Skepsis zu einer glatten und vollständigen Verneinung. 

Welches ist der '/weck der Strafe? Sie soll der Abschreckung, der 
Besserung und der Sicherung dienen." 

Wie steht es nun mit der Erfüllung dieser drei Ziele der Strafe durch 
das geltende Strafrecht? Zunächst die Besserung. 1 huen wir wieder v. Liszt.5 
„Nun zeigt die Reichskriminalslatistik in unwiderleglicher Weile, daß die 
Zunahme der Rückfälligen ungleich starker ist als die Zunahme der Ver- 
urteilten überhaupt, der noch nicht Vorbestraften inibesondere . . . Mit 
jeder Verurteilung wächst der Hang /um Verbrechen. Je schwerer nach 
Art und Maß die vorangegangene Bestrafung gewesen ist, um so rascher 
erfolgt der Bückfall. Damit ist nicht nur die Wirkungslosigkeit unseres 
heutigen Strafensystems dem gewerbsmäßigen Vei luei Iwii gegenüber dar- 
getan, sondern es wird sogar ohne Übertreibung behauptet werden können, 
daß jede Bestrafung als ein die Kriminalität befördernder Kaktor aufgefaßt 

werden muß. 

Zusammenlassend sagt v. Liszt: „Unsere Strafen wirken nicht bessernd 
und nicht abschreckend, sie wirken überhaupt nichl präventiv, d. h. vom 

I) Hier ist vor allem nn dm unbewullle S« lu.l.i^cfühl und d«. unbewußt« Straf- 
bedürfnis tu denken, dessen Bedeutung besonders von Theodor lleik hervorgehoben 
worden ist. Es braucht deshalb hier nur auf Kcik: Gestandnisswang und Mraf- 
hedürfiüs, Wim n,:,, veiwo-sen in werden 

a) Vgl. t. Littt a.a.O.: Die psychologischen (i. Hagen .ler KnimnsdpoUtt*. 

3) Vgl. v. Lisxt a. a. O.: Der gewerbsmKUige Verbrecher. S. 584 IT. 






Zur Psydiologic des Verbrechers und der strafenden Gesellschaft 



■4S 



Verbrechen abhaltend; sie wirken vielmehr geradezu als eine Verstärkung 
der Antriebe zum Verbrechen." 

Dasselbe Ergebnis bestätigt die Erfahrung. 

„Sämtliche Zuchthausgefangenen, die wenigstens drei Freiheitsstrafen 
(Zuchthaus, Gefängnis oder Korrektionshaus), darunter eine oder mehrere 
von sechs Monaten und darüber verbüßt hatten, wurden gezählt, und zwar 
der Bestand am 1. Oktober 1894 und die Zugänge bis zum 31. März 1897. 
Die Beamtenkonferenz gab über diese 15.539 Männer und 2.510 Weiber 
ein Urteil ab, was in Zukunft von jedem Einzelnen zu erwarten sei." 1 

Daß der Verurteilte nach der Entlassung rückfällig wird, ist 

darunter wegen 
wahr- „ . körperl. u. , .,, unwahr- 

schein- ü T^T r " 6 ei5ti e er SfS* *Wt ^hein- 

lich Uchkeit Gebrechen Grunde haft lieh 

Männer 14.726 14.441 165 122 440 573 

Frauen 2 -3'9 2.217 38 64 123 68 

zusammen 17045 16.658 201 186 563 441 

1900 bis 1902 8 

Männer 8.369 8-357 10 2 22 5 9 2 

Frauen 1-132 1.128 4 — 30 26 

zusammen 9-501 9-485 14 2 255 118 

Wir sehen also, den Zweck der Besserung erreicht die Strafe gerade bei 
den für die Gesellschaft gefährlichen Verbrechern ganz und gar nicht. Die- 
selben Tatsachen, die das Fiasko des Besserungszweckes beweisen, zeigen 
aber auch, daß der zweite Strafzweck, der der Abschreckung gar nicht 
oder kaum erreicht wird. Man unterscheidet zwei Arten der Abschreckung: 
die Spezial- und Generalprävention. Die Spezialprävention soll den einmal 
Bestraften von weiteren Straftaten abschrecken, durch die Generalprävention soll 
die Masse der noch nicht Kriminellen an der Begehung einer ersten Straftat 
gehindert werden. AschaffenburgS sagt über die abschreckende Wirkung 
der Strafe: 

„In normalen Zeiten darf man also doch vielleicht einen Einfluß der 
Strafdrohungen erhoffen. In Zahlen allerdings läßt er sich nicht fassen. 
Im Gegenteil, wenn wir die Ergebnisse der Statistik unbefangen prüfen, 
so drängt sich sogar der Eindruck auf, daß die erhoffte Wirkung nicht 

1) Neuhaus: Die rückfälligen Verbrecher Preußens vor 1900. 

2) Aschaffenburg, a. a. O. S. 224. 

3) Aschaffenburg, a. a. O. S. 292 ff. 

16* 



a 11 Eridi Jimniii 



oder nur in sehr geringem Umfang eingetreten ist. Seit langen Jahren 
nimmt die Zahl der Erst bestraften eher zu als ab, bei den Jugendlichen 
sogar entscheidend zu , . . Daraus geht hervor, daß die Furcht vor Strafe 
allerdings nicht ausreicht, um dem Verbrechen Einhall zu tun; wir dürfen 
aber nicht vergessen, daß die äußeren Ursachen . . . dieses Anwachsen 
größtenteils erklären und verstandlich machen. Wir müssen also unser 
Urteil über die Generalprävention .laliin einschränken: Die abschreckende 
Wirkung der Strafe ist nicht groß genug gegenüber der wachsenden sozialen 
Gefährdung ... In dem Augenblick, in dem ein Verbrechen beschlossen 
oder, wie bei Affekt verbrechen, plötzlich ausgeführt wird, wirkt die Vor- 
stellung der Strafe nur wenig als Gegenmotiv, weil die Erregung bei dem 
einen, die Hoffnung, unentdeckt zu bleiben bei dem andern, die Straf- 
androhung nur wie in weitester Kerne erblicken läßt. Jedes Verbrechen, 
das ein nicht Vorbestrafter begeht, ist ein Beweis des Versagens der General- 
prävention." 

Von der Spezialprävention sagt Asch äffen bürg an der gleichen Stelle: 
„Kür die Bedeutung der Spezialprävention sind die Zahlen der Rückfall- 
statistik ungemein lehrreich. Sin beweisen, daß sie im großen ganzen 
völlig versagt." Zusammenfassend ineint Asc ha I lenbu rg von der Wirksam- 
keit der Strafe sagen SU können:' „Unsere Statistiken lassen darüber keinen 
Zweifel, unser Strafvollzug ist unwirksam. " 

Daß endlich der dritte Zweck der Strafe, die Sicherung gegen den Ver- 
brecher, versagt, zeigt das angeführte Material mit aller Deutlichkeit. Eine 
Sicherung gegen den rückfälligen Verbrecher läßt sich nicht durch eine 
auf jede Straftat folgende, fein abgewogene Strafdosis erreichen, sondern nur 
durch die Internierung für die ganze Zeit seiner Gcmcingefährlichkeit, d.h. 
also beim heutigen Stand der Methoden der Einwirkung auf den Krimi- 
nellen und bei den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen gewöhnlich 
lebenslänglich, wie das auch immer wieder gerade von solchen Kriminal- 
politikern gefordert worden ist, die den zweckrationalen Charakter der Strafe 
betonen. 3 ) 

Wir sehen also an Hand der Stalistik und von führenden Kriminalisten 
bestätigt, daß die Strafe als zweckmiiUige Maßnahme zur Besserung, Ab- 
schreckung und Sicherung so gut wie völlig versagt.* 

i) Atchiiffenburg, u. a. O. S. 516. 
a) Vgl. auch Heiridl: Der Berufsverbrecher. 1996. 

5) Es Unn kein Zweifel sein. d.li dir jrlsl populären Urformen des Strnfvolltug, 
wie der Strafvollzug in Stufen ebenso wirkung.lo. bleiben müssen wie der .lte btr.tvoll- 



ZuT P *H">l"gie de» Verbrechers und der Strafen Je n Gesellschaft a „f5 

Was kann es also bedeuten, wenn trotzdem Kriminalisten und Straf- 
rechtler, die auf dem Standpunkt stehen, die Strafe solle nicht den Rache- 
und Vergeltungstrieb befriedigen, sondern eine nur zweckmäßige, rationale 
Maßnahme sein, im großen und ganzen für die Beibehaltung der geltenden 
Strafjustiz, wenn auch mit diesen oder jenen Modifikationen eintreten? Was 
kann es bedeuten, daß die Gesellschaft an Maßnahmen festhält, deren Wirkungs- 
losigkeit gegenüber dem gesetzten Zweck klar erwiesen ist? Es muß wohl 
so sein, daß die Strafjustiz noch eine andere, gleichsam geheime Funktion 
hat, daß sie diese zufriedenstellend erfüllt und gerade wegen dieser Funktion 
nicht fallen gelassen wird, obgleich sie sich für ihre offiziellen Zwecke offen- 
sichtlich als untauglich erweist. 

v. Liszt selbst gibt uns einen Hinweis auf diesen weiteren Zweck der 
Strafjustiz. Wie begründet er seine Inkonsequenz, den Gewohnheitsverbrecher 
trotz der Einsicht in seine Unzurechnungsfähigkeit ins Zuchthaus statt in die 
Heilanstalt zu schicken? Er sagt: 1 „Aber das Werturteil des Volkes wird in 
erster Linie nicht durch die antisoziale Bedeutung der Tat, sondern durch 
die überlieferten individual-ethischen Anschauungen bestimmt. Und je mehr 
der Gesetzgeber von der Überzeugung durchdrungen ist, daß Kraft und Tiefe 
eines ungetrübt klaren Volks- und Rechtsbewußtseins für die Erhaltung der 
Rechtsordnung von unschätzbarer Bedeutung sind, desto vorsichtiger wird 
er sich hüten, mit roher Hand jene festgewurzelten sittlichen Anschauungen 
zu zerstören, ehe er neue an ihre Stelle setzen kann. Die heute herrschenden 
rechtlich-sittlichen Anschauungen des Volkes verlangen aber ganz zweifellos 
die Scheidung von Verbrechen und Wahnsinn, von Zuchthaus und Irren- 
anstalt. Dieser Tatsache muß der Gesetzgeber Rechnung tragen . . . Um 
der überlieferten rechtlich-sittlichen Anschauungen des Volkes willen fordere 
ich mithin von dem Gesetzgeber das Opfer besserer wissenschaftlicher Über- 
zeugung. 



tag. Nicht nur wegen der Ungeeignetheit und mangelnden Vorbildung der mit dem 
Strafvollzug betrauten Personen, sondern vor allem deshalb, weil auch der Strafvollzug 
in Stufen nichts anderes will, als auf das Bewußtsein der Kriminellen mit den päd- 
agogischen Maßnahmen zu wirken, die offensichtlich schon vor dem Aufenthalt in 
der Strafanstalt versagt haben. Die theoretisch zu erwartende Unwirksamkeit dieser 
Reformmaßnahmen hatHeindl an Hand der bisherigen Erfahrungen in einleuchtender 
Weise bestätigt. Auch Begriffe, wie Persönlichkeitserforschung, wie sie speziell in der 
preußischen Verordnung zur Strafvollzugsreform gebraucht werden, zeigen zwar den 
guten Willen, gehen aber doch nicht über den Rahmen einer theoretisch wie praktisch 
gleich unfruchtbaren Bewußtseinspsychologie hinaus. 

1) v. Liszt, a. a. O.: Die strafrechtliche Zurechnungsfähigkeit. S. 227 und 228. 



-# I'.ilIi Fromm 



Ebenso deutlich kommt der eigentlich«, geheime Zweck der Strafe bei 
Aschaffenburg zum Auidruck:' 

„Die kritiiche Betrachtung der Generalprävention zwingt zu dem be- 
dauerlichen Schlüsse, daß ihre Wirkung durchaui nicht den hochgespannten 
Erwartungen entspricht, die man an sie geknüpft hat. Ich glaube, sie wirkt 
mehr im stillen . . . mehr erziehend als unmittelbar abschreckend . . . 
größer aber und vielleicht auch wichtiger als der Wert der Strafandrohung 
im Einzelfalle ist ihr erziehlicher Wert für du- ( ..samtans« hauungen des 

Volkes." 

Worin besteht nun dieser „erriehliche Wert" der Strafjust« „für die 

Gesamtanschauungen des Volkes ? 

Zunächst einmal ist deutlich, daß da. Objekt der Straf)ustiz in dieser 
Hinsicht gar nicht mehr der Verbrecher, auch nicht der potentielle, von 
einer Straftat abzuschreckende Noch-nicht- Verbrecher ist. sondern die große 
Masse des Volkes, daß also dir Mral|ustiz «-inn sozial-psychologische Funktion 
hat. die mit dem Verbrechen und seiner Verhütung an sich gar nichts mehr 
zu tun hat. Die Strafjustiz ist. wie wir sehen, .im h im Bewußtsein mancher 
Kriminalpoiitiker. eine erzieherische Institution, die auf die große Masse 
des Volke» wirken soll. Einige analytische Erwägungen können aufzeigen, 
in welchem Sinne und auf Grund weither unbewußten Mechanismen. 

Jede Klassengesellschaft ist ohinktrrisirri durch dir Beherrschung einer 
Klasse durch die andere, genauer gesagt, der großen Masse der Besitzlosen 
durch die kleine Schicht der Besitzenden. Die Mittel, mit denen diese Herr- 
schaft ausgeübt wird, sind sehr verschiedenartige. Am augenfälligsten sind 
die Mittel physischer Gewalt, wie sie durch Militär und Pol i /.ei repräsentiert 
werden. Aber diese Mittel sind keineswegs die wichtigsten Mil ihnen allein 
ließe sich auf die Dauer die Beherrschung der Massen nicht durchführen. Als 
viel wichtigeres Mittel kommt ein psychisches hinzu, das die Verwendung von 
äußerer Gewalt nur in Ausnahmefällen notwendig macht. Dieses psychische 
Mittel besteht darin, die Masse in eine Situation der seelischen Bindung und 
Abhängigkeit von der herrschenden Klasse, beziehungsweise ihrem Bepräsen- 
tanten zu bringen, so daß sie sich auch ohne Anwendung von Gewalt fügt 
und unterordnet. 

Wie geschieht das? 

Die Analyse hat gezeigt, wie weitgehend bei allen Menschen, auch bei 
dem gesunden Erwachsenen, die Möglichkeil vor handen ist, seelische Em- 

l) Aschaffenburg, i. *. ü. Seit« >9+< 



Zur Psytfcologie des Verbrechers und der strafenden Gesellschaft 2^7 

Stellungen der Kindheit zu wiederholen und speziell die infantile Einstellung 
zum Vater auf andere Personen zu übertragen. Für die seelische Einstellung 
des kleinen Kindes zum Vater ist charakteristisch der Glaube an seine körper- 
liche und geistige Überlegenheit, beziehungsweise die Angst vor ihm. Daß 
diese infantile Einstellung des Kindes zum Vater von der Masse auf die 
herrschende Klasse und ihre Repräsentanten übertragen wird, ist eines der 
wichtigsten Erfordernisse für die Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität 
in der Klassengesellschaft. Durch die Wiederholung dieser infantilen sehr 
intensiven Gefühlsbindungen wird der einzelne Angehörige der Masse zu dem 
Grad freiwilliger Unterwürfigkeit, ja Verehrung und Liebe gebracht, der 
im normalen Ablauf des gesellschaftlichen Lebens Gewaltmaßnahmen über- 
flüssig macht. Die Mittel, durch die die herrschende Klasse sich der Masse als 
Vaterfigur psychisch aufoktroyiert, sind sehr verschiedene. Eines dieser Mittel, 
und nicht eines der unwesentlichsten, ist die Strafjustiz. Sie demonstriert 
eine der wichtigsten Eigenschaften des Vaters, seine Macht zu strafen, und 
sie erregt die Angst, die die Haltung liebender Verehrung der der Auf- 
lehnung vorziehen läßt. So wie für das Kind eine der wesentlichen und 
konstituierenden Qualitäten des Vaters seine Strafpotenz ist, so muß sich auch 
der Staat als Vertreter der herrschenden Klasse diese Strafpotenz zusprechen 
und sie demonstrieren, weil darin ein wichtiges Mittel liegt, sich dem Un- 
bewußten der Masse als Vaterfigur aufzuzwingen. Die Strafjustiz ist gleich- 
sam der Stock an der Wand, der auch dem braven Kinde zeigt, daß der 
Vater ein Vater und das Kind ein Kind ist. 1 

Neben diesem „erzieherischen Zweck" hat die Strafe noch eine weitere 
sozialpsychologische Funktion. 2 Die Bestrafung des Verbrechers stellt eine 
Befriedigung der aggressiven und sadistischen Triebe der Masse dar, die sie 
für die vielen ihr aufgezwungenen Versagungen entschädigt und die es 
speziell ermöglicht, die Aggression, die sich natürlicherweise gegen die herr- 
schende und bedrückende Schicht richtet, auf den Verbrecher zu übertragen 
und ihr so eine Abfuhr zu schaffen. 

Das „Gerechtigkeitsgefühl" des Volkes, seine rechtlich-sittlichen Anschau- 
ungen, sind zu einem wesentlichen Teil nichts anderes als der Ausdruck 
des unbewußten Rache- und Vergeltungsbedürfnisses. Die „gerechte Strafe 
steht deshalb häufig in einem unüberbrückbaren Gegensatz zur rational- 
zweckmäßigen. Sie ist immer mehr oder weniger dem Talionsprinzip an- 

1) Vgl. Fromm: Der Staat als Erzieher. Ztschr. für psychoanalytische Pädagogik. 
1930. 

2) Vgl. Alexander und Staub, a. a. O. S. 115 ff. 



a AJ I !■••> I "" 



gepaßt, und ihn- Unzweckmaßigkcit, auf den Verbrecher abschreckend und 
einschüchternd zu wirk..., liegt gerade in der Angleichung der Strafe an 
die das Verbrechen motivierenden Impulse. Die gerctl.tr Straf«- kommt damit 
nur dem im Kriminellen iclbit liegend... unbewußten Strafbedürfnis ent- 
gegen und wirkt so häufig nicht uls Hinderung, sondern als Förderung 
der Tat. Die Erfahrung zeigt, daß gegenüber gewissen, übermächtigen Trieb- 
regungen die Strafe wirkungslos bleibt. Bin Mörder wird durch die Drohung 
mit der Todesstrafe nicht abgeschreckt. Dia Drohung scheitert gewöhnlich 
an der Starke der den Mord bedingenden I , i.-l.k»..lt< \ ..... /weckrationalen 
Standpunkt aus gesehen, könnte man lieh von einer „ungerechten" Strafe, 
d. h. also einer Strafe, die ein durch wenige, starke libidinüse Motive und 
starker durch egoistische Motive bedingtes Del.kt durch eine unverhält- 
nismäßig schwere Schädigung des Täters bedroht, eher einen Erfolg ver- 
sprechen als von der der „gern l.i.n". dem Del.kt proportionalen leichten 
Strafe. Den Mord mit der Todesstrafe /.. bedrohen wird selten einen Mörder 
an der Ausführung des Deliktes bindern. ttine Handlung des Eigennutzes, 
als weniger zwingend triebhaft bedingt, und soweit sie nicht durch die 
dringendste Not bedingt ist. würde eher durch die Todesandrohung ver- 
hindert werden können. In der Pi ixis werden, abgesehen von gesellschaft- 
lichen Ausnahme/.. standen, solche ungern lue Straten daran scheitern, daß 
sich die von ihnen bedrohten Massen einem solchen Strafsyslem all dem 
Ausdruck einer ihnen feindseligen I 'nteidrü. kungstendenz mit allen ihnen 
zur Verfügung stehenden Mitteln widersetzen würden. 

Die Geschichte des Strafrechts zeigt vielmehr, daß es eine Entwicklung 
in der Richtung des Verzichts nicht nur auf die drakonischen Strafen, 
sondern auf die „gerechten", dein Talionsprinzip entstammenden Strafen über- 
haupt und auf wachsende I ulerorduung der Iriebbelrie.ligenden 1 endenzen 
unter die Zwecktendenzen durchma. hl 1a ist ein weiter Weg von der 
Verbrennung, Vierteilung, Kastration des Verbrechen all einem begehrten 
Volksschauspiel bis zur fast heimlichen Hinii.hinng oder der Abschaffung 
der Todeiitrafe. Aber solange die gesellschaftliche Situation die Erziehung 
der Masse im Sinne der Fixierung der infantilen Hindungen und ihrer 
Übertragung auf die Herrschenden, lowie die Notwendigkeit der Trieb- 
entschadigung für übergroße Verzichte und der Abfuhr der Aggression gegen 
die Herrschenden durch Übertragung auf den Verbrechet notwendig macht. 
wird sich das Doppelgesicht de. Slrafju.tiz, einei dem Verbrecher, einei 
der Masse zugewandt. .... ht beseitigen lassen. Sic iit ein unentbehrliches 
psychisches Requisit der Klassengesellschaft, und nur von hier aus versteht 



Zur Psydiologie des Verbrediers und der strafenden Gcsellsdiaft aJq 

man den Widerspruch, wie er sich zwischen der Einsicht in ihre Unzweck- 
mäßigkeit und dem Festhalten an ihr bei hervorragenden Strafrechtlern 
und Kriminalpolitikern gezeigt hat. 1 

Kann unter diesen Umständen die psychoanalytische Einsicht in die 
Motive des Verbrechens überhaupt von praktischem Wert sein? Besteht die 
Chance, daß die Psychoanalyse sich bald den Gerichtssaal erobern und 
ihre Einsichten dort durchsetzen wird? 

De lege lata halten wir diese Chance für recht gering. Die Gründe 
dafür ergeben sich aus dem bisher Gesagten ganz von selbst. Die Chancen 
wären zweifellos außerordentlich groß, wenn das Strafrecht tatsächlich aus- 
schließlich das Ziel möglichst zweckmäßiger Verbrechensbekämpfung und 
möglichst weitgehender Besserung des Kriminellen hätte. Solange es aber 
so wenig das tut, was es offiziell zu tun vorgibt, sondern, wie wir zeigen 
konnten, ganz andere Funktionen erfüllen soll, die Erziehung der Masse 
im Sinne der Unterordnung und Bindung an die Herrschenden und die 
Entschädigung der Masse für ihre Triebverzichte, besteht wenig Aussicht, 
daß die Strafjustiz so weitgehend von der Tendenz der Zweckmäßigkeit 
bestimmt wird, daß die psychoanalytischen Einsichten Aussicht auf prak- 
tische Verwendung haben. Da aber das Strafrecht ein Produkt bestimmter 
gesellschaftlicher Verhältnisse ist, und seine unausgesprochene Funktion 
gerade aus den gesellschaftlichen Verhältnissen erwächst, so wird man mit 
bezug auf die Durchsetzung der analytischen Einsichten innerhalb der be- 
stehenden Gesellschaft recht skeptisch sein müssen. 

Nicht ganz die gleiche Skepsis wird man aber, auch de lege lata, der 
Verwendung der Analyse im Gerichtssaal in den Fällen zu haben brauchen, 
in denen es sich nicht um die Frage der inneren Schuld und Verantwort- 
lichkeit, der zweckmäßigen Bestrafung oder Besserung eines Kriminellen 
handelt, sondern um Fragen der Tatbestandsfeststellung, d. h. um Fälle, 
wo die Psychologie dazu dienen soll, den Tatbestand zu klären, wo sie 
dazu verhelfen soll festzustellen, ob ein Angeschuldigter der Täter ist oder 
nicht. Der Psychologie kommt in diesen Fällen eine ähnliche Bolle zu 
wie etwa der Chemie oder der Medizin. Die Zahl der Fälle, in denen 
psychologische Erwägungen für die Feststellung, ob ein Angeschuldigter 
_ __ 

1) Das erste „Strafrecht", das mit den Begriffen „Verbrechen" und „Strafe" theoretisch 
und, im Rahmen des augenblicklich Möglichen, auch praktisch aufgeräumt und sie 
durch die Begriffe „sozialgefährliche Tat" und „Maßnahmen des sozialen Schutzes" 
ersetzt hat, ist das der Sowjet-Union. Vgl. Pasd eboers ki: Strafe und Strafvollzug 
in der Sowjet-Union, Berlin 1929- 







,5o ' '"'' ' 



der Tater iit oder nicht, wichtig sind, in recht groß. Es handelt sich vor 
allem um solche Etile, in denen ein Geständnis dei Taten nicht vorliegt 
und die Auffindung eines plausiblen Motiv» entscheidend iit dafür, ob man 
ihm die Tat zutraut oder nicht, und ferner um solche Fälle, in denen 
nicht die Tat an lieh zweifelhaft iit, londern ihre Einordnung unter einen 
bestimmten Paragraphen des Strafgesetzes, insoweit in diesem selbst psycho- 
logische Momente erhalten sind, wie z. B. bei der Unterscheidung zwischen 
Mord und Totschlag, wo psychologische Erwägungen häufig zur Klärung 
des juristischen Tatbestandes notwendig sind. 

In allen diesen Fallen könnte die analytische Psychologie auch de lege 
lata Verwendung finden, weil sie hier nicht durch ihre Auffassung von 
dem Schuld-, Verantwortung!- und Bcsserungsproblcm in einem Gegensatz 
zum System des heutigen Strafrechts steht, sondern innerhalb desselben 
dieselbe Punktion ausübt, wie et etwa die Chemie tut, wenn sie Auf- 
klärung darüber schallt, ob ein Blutfleck von menschlichem oder tierischem 
Blut stammt, oder die Graphologie, wenn sie die Ideniit.it des Schreibers 
zweier Handschriften feststellt. Man wird allerdings auch in dieser Hin- 
sicht nicht allzu optimistisch sein dürfen. Die Widerstände gegen die 
Analyse, die zu einem entscheidenden Teil selber gesellschaftlich bedingt 
sind, 1 sind so groß, daH wir uns nicht wundern dürlen, wenn man viel- 
fach die überholtesten psychologischen Ahm h. mutigen auch bei der Tat- 
bestandsklärung verwendet und somit eine wissenschaftliche Rückschritt- 
lichkeit zeigt, die medizinischen oder chemischen Problemen gegenüber 
undenkbar wäre. 

Ganz anders steht es aber mit den Chancen der Verwendung der Analyse 
für das Strafrecht und für die Kriminalistik da Itgr ferenda. So gering sie 
für die Gegenwart sind, so groll sind sie Im die Zukunft. Die analytisch- 
kriminalistische Forschung, die heute noch nin Anfang steht und deren 
weitere Entwicklung an die Erfur*< hung vieler ein/einer Krimineller Und 
einzelner Verbrechensgruppen gebunden ist, wird zeigen können, daß und 
durch welche unbewulhen Motive die Verbrechen bedingt sind und daß 
die rationalen Motive nur einen und nicht den entscheidenden Beitrag 
zur Bildung der meisten Verbrechen liefern. Sie kann in Konsequenz ihrer 
Einsichten Entscheidendes zum Problem der Besserung des Kriminellen 
sagen. Sie wird an Stelle eines „Urteils" eine die psychischen, und vor 
allem unbewußten, und die wrirWchiftllchen Faktoren berücksichtigende 



Vgl. Freud: Uie Widerstände gegen dir Psychoanalyse. Ges, Schriften. Bd. \I. 



Zur Psydiologie des Verbrechers und der strafenden Gesellschaft a5i 

Diagnose stellen helfen. Nach Ausschaltung der Fälle, in denen die Ver- 
besserung der wirtschaftlichen Situation des Kriminellen genügen würde, 
um seine Kriminalität zu beheben (sei es beim reinen Notverbrecher, sei 
es in den Fällen, in denen die Möglichkeit von Sublimierungen oder anderen 
Triebbefriedigungen ein nicht kriminelles Verhalten bewirken würde) an 
der Schaffung von Methoden mitarbeiten, in denen die leicht heilbaren 
Kriminellen durch eine zweckentsprechende Form der Nacherziehung ge- 
bessert 1 würden. Für die durch eine solche Methode nicht Besserungsfähigen 
würde die psychoanalytische Therapie, d. h. die Aufdeckung der unbewußten 
Motive ihres Handels, die einzig zweckmäßige Form der Beeinflussung 
darstellen. Für diejenigen aber, deren Triebkonstellation auch durch die 
analytische Therapie keine wirksame Änderung erfahren kann, für die 
Unheilbaren also, könnte auch die Analyse keinen anderen Rat geben, als 
Sicherungsverwahrung für die Dauer ihrer Gefährlichkeit, wobei allerdings 
nicht vergessen werden darf, daß „Gefährlichkeit" ein relativer, vom ge- 
sellschaftlichen System und den aus ihm resultierenden Wertungen ab- 
hängiger Begriff ist. 

Vorläufig wird also die wesentliche Leistung der Analyse eine theore- 
tische bleiben müssen: die weitere Erforschung des Seelenlebens der Kri- 
minellen und die Kritik an der bestehenden Strafjustiz. Die analytische 
Forschung und Kritik kann dabei an die besten Traditionen der Straf- 
rechtswissenschaft anknüpfen und auf den Erkenntnissen und Forderungen 
aufbauen, die v. Liszt und die von ihm geführte Schule vor Jahrzehnten 
vorgetragen haben. Sie kann deren Standpunkt wissenschaftlich unterbauen 
und weiterführen, wenn sie sich nur hütet, v. Liszt in dem einen Punkte 
zu folgen, nämlich „um der überlieferten rechtlich-sittlichen Anschauung 
des Volkes willen ... das Opfer besserer wissenschaftlicher Überzeugung 
zu bringen. 



1) Vgl. Aichhom: Verwahrloste Jugend. Int. Psychoanalytischer Verlag, Wien 

2) Vgl. Zitat auf S. 245. 









Die Taiitalu.s.situation 

Bcmri-Luitgcii mm ,, kriminellen ü her- Ich 

Von 
Siegfried Bern f cid 

Bdifts 

Die Erforschung der Verwahrlosung und Kriminalität ist hu« der Alternative 
erwachsen: liegt Schuld des Verbrechers oder dei < ■••.'• 1 1 *■ < liatl vor? Und wenn 
die Wissenschaft auch ^rlcnii hat, diese \\ ■■! t u n ('.slragr his zur Aufdeckung 
der Sachverhalte zurückzustellen, so macht sich doch auch in den modernen 
Erklärungsversuchen der alte theologische oder kullurkritiiche Standpunkt 
deutlich geltend. Die Theorienbildung ist von ihm nachhaltig beeinflußt, 
von der gar nicht zu überschätzenden Bedeutung, die er in der täglichen 
Praxis des Strafvollzugs und der Verwahrlnsuiigshekaiii|>luiig hat. zu schweigen. 
Spricht man zwar heute nicht mehr von Schuld, so wird doch die Ursache 
der Verwahrlosung (Kriminalität) entweder im Einzelnen oder im Milieu 
gesehen. In der biologischen Theorie der Kriminalität ist die Schuld des 
Individuums in eine Schuld der Vorfahren verwandelt; in der psychologi- 
schen Theorie die Schuld des Einzelnen durch die Haltlosigkeit seines 
Charakters, dun h Triebhaftigkeit odei Erregbarkeit ersetzt; in der Milieu- 
theorie die Schuld der Gesellschaft in die Schuld des engeren Familien- 
kreises gemildert; in der marxistischen Theorie zur notwendigen Folge der 
kapitalistischen Produktionsweise erweitert. \u Wimi. hen, diese Antithetik: 
Individuum — Gesellschaft zu Überwinden, fehlt tl nicht; aber sie sind, soweit 
meine Literaturkenntnis reicht, nicht sehr weit gediehen. Der Psychologe 
gesteht dem Milien fordernde, hemmende, auslosende Krähe zu; der Milieu- 
theoretiker wird schwer überschaubare, individuelle Motive und typische 
Dispositionen nicht ganz leugnen. Es ist kein Geheimnis, daß dies ganze 
Wissensgebiet bisher nm 'in mi-nm •. uA l-u .1 In ; m ist Diese Katlosigkeit 






Die 1 antnlussituntion zS^ 



verursacht wohl, daß die Psychoanalyse, neben der obligaten Ablehnung, doch 
unter den Fachleuten und vor allem im Publikum der Kriminalistik und 
Verwahrlosungskunde großes Interesse und starke Hoffnungen erweckt. Man 
erwartet von der Psychoanalyse selbstverständlich Hilfe für den psychologi- 
schen Standpunkt; ich zweifle auch nicht, daß sie diese bis zu einem ge- 
wissen Grade wird bringen können, aber merkwürdigerweise überrascht 
sie zunächst, indem gerade sie den psychologischen Gesichtspunkt als nicht 
ausreichend erweist. Alle Psychoanalytiker, die sich bisher mit diesem 
Problem befaßten, konstatieren die Bedeutsamkeit sozialer Faktoren und 
gewähren ihnen im Grundsätzlichen reichlich Raum. Wenn etwa Aichhorn, 
Alexander-Staub und ich hierin übereinstimmen, so drängt die psycho- 
analytische Erfahrung selbst recht verschiedene kulturpolitische Einstellungen 
zur gemeinsamen Auffassung: neurotische und psychotische Mechanismen 
führen zwar zur Kriminalität und Verwahrlosung, aber sie allein reichen, 
mindestens bei manchen Typen, nicht hin; ja, es gibt normale „Persönlich- 
keiten", die nicht nur gelegentlich, sondern habituell kriminell handeln 
oder nach ihrer Lebensführung als Verwahrloste zu beurteilen sind. Wie 
überraschend solche psychoanalytischen Aufstellungen demjenigen sind, der 
von der Psychoanalyse nur das Geläufigste weiß, erhellt aus der gelegentlich 
geäußerten Erwartung, der Psychoanalytiker werde eine fahrlässige Tötung 
als eine unbewußt beabsichtigte verurteilen oder die Psychoanalyse würde 
auch an Notdelikten und politischen Vergehen die sexuelle, also die individuell- 
psychologische Ätiologie betonen. Tatsächlich ist die Einschätzung des sozialen 
Faktors innerhalb der Psychoanalyse umstritten. Vielleicht fördert es die 
Diskussion, wenn ich an dem Buch von Alexander-Staub ' seine Bedeutsamkeit 
zu erweisen versuche. 

Alexander-Staub geben eine Übersicht aller kriminellen Handlungen. 
Neben akzidentell-kriminellen Handlungen (Fehlleistungsdelikte und Situa- 
tions-[Affekt]delikte) und neben den „Folgen toxischer und organisch- 
pathologischer Vorgänge" ergeben sich: „neurotisch-psychotisch bedingte 
kriminelle Handlungen und: „normale Handlungen, die das UberTch, 
zwar normal gebildet, dennoch infolge seiner kriminellen Inhalte gestattet . 
Die Aufstellung dieses „normalen Verbrechers" und vor allem seine Ver- 
wandtschaft mit dem normalen Menschen ist ein wesentliches und 
kriminal-psychologisch bedeutsames Stück der Ansicht der Autoren. Aber 
was erklärt sie? Offenkundig, daß kriminelle Handlungen, wie alle andern 

1) Alexander-Staub: Der Verbrecher und seine Richter. Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag. 1929. 




a £* iSirgfiinl Brmirlil 



Handlungen auch, neurotisch, psychotisch, normal, und je nach dem 
Bau des ÜberIchs inhaltlich verschieden win können, daß ei schließlich auch 
unter den kriminell™ Handlungen, wie I... allen andern, Fehlleistungen 
und Affekthandlungen gibt. Ks ist den Autoren gern zuzugestehen, daß für 
die menschliche Beurteilung des einzelnen Verbrechen, für die Recht- 
sprechung, für den Strafvollzug, für Strafrechtstheorie und Rechtsphilosophie 
dieser Nachweis von großer Wichtigkeit sein kann. Kr ist aber doch zu- 
gleich der klare Beweis dafür, daß es eine spezifische Ätiologie des Ver- 
brechens nicht gibt — abgesehen von dem Fall des Verbrechers aus Straf- 
bedürfnis, den Freud beschreibt , und der eine freilich seltene, spezielle Ver- 
brechergruppe repräsentiert, (iewiß haben die Autoren diese spezifische 
Ätiologie gar nicht erst gesucht. Darin zeigt sich der sehr beträchtliche 
Unterschied der psychoanalytischen Betrachtung gegenüber der kriminal- 
psychologischen. Diese forscht eben nach den spezifischen individuellen 
Ursachen des Verbrechens überhaupt. Selbstverständlich linden wir in jedem 
kriminellen Fall — wie eben in jedem personalen Verhalten — die determi- 
nierenden Kräfte des El, des Ichs, des Ober-Ichs ; wir finden, je nachdem, 
neurotische oder andere Mechanismen am Werk, kurz, wir sind im 

idealen Falle — in der Lage, die Psychologie eines Verbrechens oder eines 
Verbrechers zu geben Damit ist sicher das Verbrech™ überhaupt keines- 
wegs restlos erkliirt. Jedoch gehört vielleicht „alles übrige in die Soziologie . 
AlexanderSlaub verneinen dies. Sie versuchen doch mehr zu geben, als 
die Psychologie der einzelnen Verbiet heu und deren tvpologische Einordnung. 
„Unsere Aufgabe ist die Erforschung der Bedingungen, die dafür verant- 
wortlich sind, d.ill hei i-ewisun Mens« heu und in gewissen Situationen das 
Zusammenwirken von Healangst und (Je wissen sangst nicht ausreicht, um 
die asoziale Tat zu verhindern." Ich habe den Kindruck, als wäre mit 
diesem Satz eine »ehr fruchtbare Fragestellung lonnuliert. die aber an 
einigen wichtigen Stellen zu Konsequenzen führt, die die Autoren nicht 
genügend berücksichtigen und die aus dem unzulänglichen Begriff „asozial" 
entspringen. Mit wenigen Zeilen übergehen die Autoren die Affekt- und 
Situatinnsdeükte, in denen eine recht komplizierte Problematik verborgen 
ist. Ks handelt sich hiehei um „die nicht kriminellen Menschen, die in 
gewissen Situationen, besonders im Affekt kriminell handeln". Man müßte 
in diese Gruppe eine sehr große Anzahl von Delikten zahlen, die mit 
dem übliche,, Sprachgebrauch der Affekthandlung nicht tu decken waren. 
nämlich /.. B. : laug erwogene und vorbereitete, unter Konflikten dem 
„Überleb" 4 abgerungene Handlungen (etwa Abtreibungen oder Landes- 



Die Tnntnliissituntioii 2 5£ 



verrat); Eigentumsdelikte aller Art, aus mehr oder minder großer Not ent- 
standen, wobei durch das subjektive Leiden die Gewissensangst, durch die 
Hoffnung unentdeckt zu bleiben die Realangst gemindert ist; Leicht- 
fertigkeitshandlungen (so zahllose Meineide) und die gewiß nicht zu ver- 
achtende Gruppe von Verbrechen, die — ohne kriminelles Über-Ich — 
doch subjektiv als gerechte oder gefahrlose Handlungen ausgeübt wurden. 
Ganz zu schweigen ist dabei von Vergehen, die kurze Gefängnisstrafen 
(wegen Uneinbringlichkeit der Geldstrafe) zur Folge haben und die zwar 
keineswegs Verbrechen sind, den Täter aber, besonders den Jugendlichen, in 
seinem Familien-, Nachbars- und Berufskreis als Verbrecher diffamieren. 
Wohin gehören schließlich diejenigen, deren Real- und Gewissensangst die 
asoziale Tat nicht verhindert haben, deren Umsicht, Glück, Stellung aber 
deren Bekanntwerden verhindern? Diese Hinweise mögen genügen. Sie 
zeigen, daß die Gleichsetzung von asozialer Tat mit Kriminalität = Gesetzes- 
übertretung zu beachtlichen Schwierigkeiten führt. Jede bedeutsamere Straf- 
rechtsnovelle, ja Zivilrechtsänderung verschiebt die kriminalpsychologische 
Typologie empfindlich. Der Begriff der Kriminalität ist in Abhängigkeit 
von dem der Legalität. Es scheint mir aussichtslos, anders als kasuistisch, 
anders als auf ein einzelnes Verbrechen gerichtet, die Bedingungen an- 
zugeben, unter denen Realangst und Gewissensangst nicht ausreichen, 
Legalität zu sichern. Asozialität, mindestens wenn sie an der Kriminalität, 
also letzten Endes an der Nicht- Legalität gemessen wird, ist ein sozialer 
Tatbestand, an dem unter gegebenen Umständen jede psychische Struktur, 
jedes Libidoschicksal, jeder psychische Mechanismus teilhaben kann. 
„Sozialität — Asozialität ist, wie Alexander-Staub sie auffassen, eine soziale 
Beurteilung jedes beliebigen psychischen Verhaltens unter Dominanz juri- 
stischer Kriterien. Auch die Neurose ist ein aus sozialen Bedingtheiten be- 
urteiltes Verhalten; und auch in der Neurosenlehre gibt es eine psycho- 
analytische Betrachtung, die eine Neurose eines Menschen erforscht. Aber 
es gibt darüber hinaus eine psychoanalytische Neurosenlehre, die die Neurose 
als Resultat spezifischer psychischer Prozesse erkennen läßt, wenngleich auch 
hier soziale Tatbestände mitwirken. Solche psychoanalytische Verbrechens- 
lehre scheint unmöglich zu sein. Alexander-Staub geben sie nicht; ja, ich 
gewinne den Eindruck, als bewiesen sie die These, ohne sie zu vollem 
Bewußtsein zu erheben, daß es eine solche rein psychoanalytische Ver- 
brechenswissenschaft gar nicht geben kann. 

Als „normalen Kriminellen mit kriminellem Über-Ich" beschreiben 
Alexander-Staub einen Typus, der gewiß existiert. Alexander-Staub zählen 



a l£ Sit y.lii. .1 IWlllfrl.1 



h../n die „Menschen, die einer besonderen (iemeinschaft mit eigener, von 
der herrschenden abweichenden Verbrechermoral angepaßt sind". Befreien 
wir uns von dorn psychologisch unfruchtbaren Legalitätsgesichtspunkt, so 
gehört bisher, weil mehr all d»l Berufsverbrechertum, Vagabundentum, 
Zuhältertum und Anhang, auf dir Alexander Staub hinweilen. Ein sehr 
großer Teil der logenannten verwahrlosten Jugend, ein beträchtlicher Teil 
der jugendlichen Im werbsloscn, ja in gewi»»ern Sinne breite Schichten der 
politisch Organisierten (von den Gegnern jeweils Kowdies, Lumpen- 
proletariat uiw. genannt) lind in fließenden Übergängen, die nur durch 
jurislitche. und verw allungste«. hnist he < '■ lenzen markiert werden (Kriminelle, 
Hehler, Verwahrlotte, Gefährdete. Schuttbedürftige . . ) diesem normalen 
Verbrechertum in vielen psychologischen Beziehungen verwandt. Nähere 
Analyse scheint übrigens zu ergeben, daß anderseits der Typ des „normalen 
Verbrechers mit kriminellem Über Ich" sich keineswegs mit der sozialen 
Tatsache des Berufsverbrechertums «>der ..der wilden ( Micken" der Groß- 
stadtjugend 1 deckt, da unter ihnen auch Nennt iker und l'sychotiker reichlich 
vorkommen Wenn man die heutige soziale Wirklichkeit betrachtet, so wären 
jedenfalls die Besitzer eines „kriminellen Ober Ichs - nach der Alexander- 
Staubschen Definition kein.- kleine Gruppe, die deutlich von der Gesamtheit 
des Volkes abgesetzt wäre, sondern eine sehr breite Schicht der gesamten 
Bevölkerung, in der in bezug auf die „Inhalte" dieses „kriminellen Über- 
Ichs" sehr imponierende Unterschiede bestehen. Die „herrschende Moral" 
herrscht in sehr viel geringerem Malle und sehr viel weniger einheitlich, 
als nötig wäre, um eine einzelne Gruppe dadurch schul charakterisierbar 
zu machen, daß mau deren „eigene" Moral hervorhebt. Dies geht nur 
einigermaßen unter der Herrschaft des 1 .egalilätsgesichtspunktei. Man ist 
versucht, zu behaupten, auch hier handle es sich neuerlich um die Tat- 
sache, daß alle möglichen psychologischen Mechanismen den gleichen 
sozialen Klickt bewirken, also auch „\ 'erbrec hermoral" entwickeln können. 
Anderseits sind 1I01 h Typen deutlich, die bestimmte, wenn auch schwel faßbare 
gemeinsame psychologische Züge besitzen. Ich habe versucht zu zeigen, daß 
diese widersprüchlichen Kindrucke durch Berücksichtigung des „sozialen 
drtes" innerhalb der Psychologie vielleicht b.waltigbar werden." 

Khe ich diesen Gedanken weiter entwickle. »-. .1 wogen, was die Auf- 



1) Fourninr: Ringverbni.de der Jugend. Wf.ltiM.lme. 1950- 

• ) Bernfeld Im Pljehelo„.r der ,.S,il osifkoit der Jugend", /.e.tschnft für 

psycho.n.lyti.rh. l»Md M ogik ■ B.rnf.ld: ü.r so.i.L Ort und sein« Bedeutung. 
Imngo XV, igig. 



Die Tantalussituatioii „r_ 



Stellung eines „kriminellen Über-Ichs" eigentlich meinen kann. An dieser 
Aufstellung ist doch recht auffällig, daß sie „Inhalte" zum Über-Ich zählt 
was nicht ohne weiteres dem in der Psychoanalyse bewährten Begriff des 
Über-Ichs entspricht. Alexander-Staub mögen etwa einen Mörder vor Augen 
haben, der ganz zu seiner Tat steht, weder Reue noch Schuldbewußtsein 
empfindet; sei sogar angenommen, daß auch keine unbewußten Über- Ich- 
Reaktionen bei ihm auftreten, — so werden wir doch kaum sagen können, 
daß sein Über-Ich die Morderlaubnis als Inhalt enthält, sondern doch wohl 
nur, daß sein Über-Ich mangelhaft oder gar nicht entwickelt oder in bezug 
auf diese Triebkomponente wenig mächtig ist. In solchem fiktiven Fall hat 
aber das „kriminelle Über-Ich" noch einen präzisen Sinn. Im wirklichkeits- 
näheren Fall etwa des gewohnheitsmäßigen Taschendiebes, der aber Kamerad- 
schaftsdiebstahl verpönt, und — nehmen wir an — unterläßt, ist doch gewiß 
der Taschendiebstahl eine Angelegenheit seines Ichs; und wenn er diese 
Tätigkeit möglichst realangepaßt vollzieht und keine unbewußten Selbst- 
bestrafungen erfolgen, während ihn Gewissensangst vom Kameradschafts- 
diebstahl abhält, so besagt dies, daß die Objekte jener Handlungen nicht 
mit Inzestlibido besetzt sind, während diese ihr angehören. Wäre es anders, 
so würde er „neurotisch erkranken". Sein Ich ist kriminell, sein Über-Ich, 
das sich auf die Abkömmlinge der ödipussituation bezieht, könnte völlig 
in Ordnung sein. Das Über-Ich ist eine unscharf abgegrenzte Instanz, die 
mit Hilfe bestimmter Mechanismen (Depressionsauslösung, Gewissensangst, 
Selbstbestrafung) auf die Abwehr oder Wiedergutmachung bestimmter ödipaler 
Triebregungen gerichtet ist. Die Auslese der bewußten Inhalte, auf die sich 
Über-Ich-Reaktionen des Erwachsenen beziehen, ergibt sich aus den, zum 
Teil zufälligen, Libidoschicksalen, die sich mit diesen Inhalten verbinden. 
Auch ein völlig intaktes Über-Ich hat keinen Anlaß, Diebstahl zu bestrafen, 
wenn und soweit er sich nicht mit ödipalen Phantasien, Triebimpulsen usw. 
vollzieht. Das Über-Ich allgemein für die ichgerechten Leistungen verant- 
wortlich zu machen, klärt das Problem nicht, das z. B. ein vom Vater zum 
Diebstahl erzogener Knabe böte. Er gehört sicher in die von Alexander-Staub 
richtig gesehene, aber wie mir scheint weder richtig erklärte noch richtig 
benannte Gruppe der „normalen Kriminellen mit kriminellem Über-Ich". 
Daß die etwas starre Auffassung, die Alexander vom Über-Ich hat, jenem 
Typus des „normalen Verbrechers" nicht gerecht wird, zeigt sich an einem 
wirklichen Fall, der fast in alle der Alexander-Staubschen Gruppen gleich 
gut hineinpaßt. Ich gebe das Nötige dieses Falles in typisierender Entstellung. 
Ein achtzehnjähriger Jugendlicher, A., unterschlägt zweihundert Mark, die 

Imago XVII. j_ 



,58 Sirglur.l li.Mlfrl.l 



ihm bei gelegentlicher Aushilfstätigkeit Dich längerer Erwerbslosigkeit an- 
vertraut worden w.u. n I r lebt »rit minderten! fünf Jahren in den kümmer- 
lichsten Verhaltnissen, seihst erwerbslos, in völlig proletarisierter, vielköpfiger, 
kleinbürgerlicher Familie; derViiter hat »ein geringe und überdiel unsichere, 
durch längere Erwerbslosigkeit unterbrochene Einkünfte. Mit der unter- 
schlagenen Summe reist A. in eine benachbarte Großstadt, „amüsiert" sich 
dort, weder übermüiiig verschwenderisch, not h zügellos oder „unvernünftig", 
mehrere Tage, kehrt dann in seine Heimatstadt zurück, begibt sich zu 
einem — ihm von früheren, harmlosen Schwierigkeiten her bekannten — 
Jugendpfleger und erbittet von ihm Hilfe. Kr war sich der Folgen seiner 
Handlungsweise durchaus bewuüt, hatte diese auch vor und bei der Tat 
vor Augen gehabt, allerdings die Chancen, die ihm der Pfleger zu bieten 
schien, daß er ohne Strafe durchkommen wurde, recht überschätzt. Motiv 
und Entschuldigung war ihm in mehrfachen freund« haftlichsten Gesprächen 
mit dem der Analyse nicht unkundigen Pfleger, er habe der Versuchung, 
einmal Ferien genießen ru können wie T .tutende andere auch, nicht wider- 
stehen können. Her Kampf gegen die Versuchung war freilich weder sehr 
lang noch sehr intensiv gewesen, /.um Verständnis des Jugendlichen sei 
betont, daü er subjektiv mit vollem Recht die sorgenvolle und von Arbeits- 
suche und Gelegenheitsverdienst angefüllte /.eil der Erwerbslosigkeit nicht 
als „Ferien" ansehen mochte. Ich weiß über diesen, hur stark typisierten 
Fall genug Konkreta, um überzeugt zu »ein. daü «eine Analyse keine be- 
sonderen Überraschungen bringen würde. Tat, Ausführung, Reaktion auf 
sie würden sich wohl als neurotische verstehen lassen, also als entstellte Be- 
friedigung verdrängter <">dipu*wun»che mit der bekannten Holle des Uber- 
Ichs. Aber auch die Einreihung unter die Situation!- und Affekt Verbrecher 
macht kaum Schwierigkeiten. Sexuelle Spätpubertätsschwierigkeiten sind 
manifest; sie liegen trotz ihrer neuron», hm Zuge in der Breite des alters- 
gemäß Normalen; KU einer sexuellen Beziehung mit seiner Freundin war A. 
noch nicht gelangt. Bei Prostituierten potent, der Onanie abgeneigt, bedeutete 
der Besitz von Geld die Möglichkeit, den aus ökonomischen Gründen viel 
zu seltenen Verkehr sorgenfrei und unter günstigeren Vorluttbedingungen zu 
erlangen Die anvertraute (ieldsumme ist demnai h einer für sein Alterund seine 
sonstigen Bedingungen sehr Marken sexuellen Verluhrung äquivalent, der Sach- 
verhalt des Affektdelikts leichl knnttruierbar. Aber e» fehlen schließlich auch 
keineswegs M. m ..nie. die wir nach Alexundei Staub dein „ kriminellen Über- 
Ich - dieses verhältnismäßig normalen Jugendlichen zuschreiben müßten. Die 
„herrschende Moral" ist im über Ich von A. deutlich genug durchlöchert 



Die I antnlussitual ii, i! zSq 



und durch die Ansätze einer „Verbrechermoral" ersetzt. „Gefängnis ist keine 
Schuld, sondern ein Unglück , mag man ein Stück der Weltanschauung 
formulieren, die A. beherrscht. Den Vorwurf, daß er seine Zukunft aufs 
Spiel setze, hätte er mit einem andern Stück seiner Weltanschauung beant- 
wortet, daß er nämlich ohnehin keine Chancen habe, je ein vernünftiges 
Leben zu führen, weil aus der Not der Erwerbslosigkeit kein Ausweg sei 
und der günstige Fall eines sehr kümmerlichen und immer sehr unsicheren 
Erwerbs nicht viel Entbehrungen lohne. Vor allem aber ist ihm das Argument 
entscheidend, daß andere es so sehr viel besser und leichter haben. 
Sehr weit ist diese Weltanschauung von dem kriminellen Über-Ich der Berufs- 
verbrecher, wie sie nämlich in Wahrheit vermutlich in überwiegender Mehr- 
zahl sind, kaum entfernt. Trotzdem reagiert dasselbe Über-Ich sehr deutlich 
bei der Spaltung von Zärtlichkeit und Sinnlichkeit des A. Man muß freilich 
erwägen, ob diese Weltanschauung nicht bloß Rationalisierung der uns wohl- 
bekannten Art ist. Gehört nicht die Auswegslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, 
Selbstgerechtigkeit und vor allem der allzu durchsichtige Liebesneid zu 
den Symptomen einer zu gering eingeschätzten Neurose von A., die dann 
auch das entscheidende ätiologische Moment der Tat abgäbe? Hat dieser 
Einwurf recht, dann gibt es wahrscheinlich jenes kriminelle Über-Ich über- 
haupt nicht oder in einer praktisch ganz irrelevant kleinen Gruppe. Nun 
ist es zweifellos, daß sich in einer Analyse von A. nachweisen ließe, daß 
seine Weltanschauung entstanden ist aus infantilem, oralem und ödipalem 
Neid gegen seine Geschwister, also sein jetziges Verhalten einer Wiederholung 
infantilen Verhaltens gleichkommt. Von hier aus gesehen ist die Weltauffassung 
eine Rationalisierung. Aber wir müssen A. zugestehen, daß sie für seine 
reale Situation weitgehend, vielleicht sogar ganz zutrifft; daß er „richtige 
Rationalisierungen" hat. Tatsächlich ist seine Situation auswegslos; die 
Chance, daß er es in absehbarer Zeit zu einer Beschäftigung bringt, die 
auch nur bescheidenen Wünschen befriedigend erscheint, ist praktisch gleich 
Null; ob sie in einer ferneren Zukunft sich erfüllen kann, bleibt völlig 
ungewiß. Noch richtiger ist, daß er gegenüber wohlhabenden Jugendlichen 
seines Alters, Wissens, seiner Qualitäten ganz enorm benachteiligt ist. Eine 
so weitgehend „richtige" Rationalisierung heißen wir eine Einsicht. Ich 
übersehe nicht, daß es den Fall keineswegs erschöpfte, und erst recht nicht 
das Verbrechen überhaupt erklärte, wollten wir nun etwa behaupten, die 
Unterschlagung sei auch die richtige Konsequenz einer richtigen Einsicht. 
Versetzen wir den Täter in ein wohlhabendes Milieu; betrachten wir den 
gleichfalls wirklichen — aber ebenso typisierten — Fall Z. Z., neunzehnjährig, 

17" 




j,,,, .Su-yli ii .1 H. i Uli 11 



begeht eine ähnliche Handlung; er leiht von seinem Onkel, um einen neuen 
Gesellschaftsanzug zu lxv.nlil.-n, über zweihundert Mark, die er von seinem 
Monatswechsel zurückgehen will. Der Monatswe. hsel in ausreichender Höhe 
geht ein; '/,. zieht unter allerlei Lügen und Ausflüchten den Onkel hin, bis 
sich ergibt, daß er weder einen Anzug brauchte, noch bestellte, daß er die 
geliehene Summe und noch viel mehr in Trinkgelagen mit Prostituierten 
ausgegeben hatte, bei denen er sich nicht nur langweilte, sondern durch 
die er seine Freundin, mit der er seit längerer /.eil regelmäßigen Sexual- 
verkehr pflegte — wenngleich durch gelegentliche Ejaculatio praecox ge- 
stört — empfindlich kränkte. Auch '/.. weiß geltend zu machen, daß seine 
Lage ohnedies hoffnungslos sei, weil er nicht reich genug sei. um ohne Arbeit 
„gut zu leben", er daher bei überaus langweiliger Arbeit in dem Unternehmen 
von Vater und Onkel, ohne Aussicht, eine führende Holle zu spielen, sein 
Leben würde verbringen müssen. Auch er fühlt sich in tausend Dingen 
gegenüber Glücklicheren benachteiligt und zieht lle< htfortigung seines Tuns 
aus diesem Faktum. Ganz ollenkundig ist hier — trotz möglicherweise sehr 
ähnlicher Neurose — die Tat ni«ln nur moralisch anders zu beurteilen, 
sondern auch ihre psychische Gesamtstruktur ist Infolge der verschiedenen 
sozialen Orte in einem wichtigen Moment verschieden. 

Von „Verbrechermoral" *< :heim-u nur A. und /.. beide nicht sehr weit 
entfernt ; für beule Irillt aber nicht zu, was na, h Alexander Staub ein wichtiges 
Kriterium zu sein scheint, daß »ie in dieser Moral mit ihrem Milieu identifiziert 
sind. Die Kitern von A. verabscheuen die 'Int nicht minder als die von/.., sie sind 
eher noch mehr verzweifelt, weil sie den Jungen doch „vorstehen" und völlig 
hilflos sind, wahrend die '/,.% den Sohn >< harUtcus und ungehemmt ver- 
urteilen, aber einen Psychotherapeuten zu Hute ziehen. I>< -i < ■< sichtspunkt 
der Übereinstimmung des normalen Verbrechers mit seiner I mgebung scheint 
in eine Sackgasse zu führen. I< h prüfe dabei zunächst die Frage, inwieweit 
man berechtigt ist, A.s Weltanschauung als „Einsicht" tu bezeichnen. Wir 
haben zwei Schwierigkeiten, diese» SV.nl anzuwenden. Die eine hat uns eben 
beschäftigt: sie gilt nicht als „Hinsicht" in A.i Milieu, sie ist also nicht 
als vom Milieu übernommene, „iibei ich gern litt" »ub|ektiv „richtige" Ein- 
sicht zu beurteilen. Sie gilt natürlich nicht lüi die von Alexander-Staub 
sogenannte „herrschende" Moral und « m-mIIm haltsnuffnssung. Diese wird 
nämlich mit He. hl darauf hinweisen, daß zahllose l eidensgenossen von A. 
in völlig gleicher Lage doch die Versui hung Überwinden, daß also an A. 

etwas nicht in Ordnung sei; da» Wohl de ...mtheit fordere von A., daß 

er ausharre oder sich in eilaubiei Weise befriedige, sich nach seiner Decke 



Die Tantalussituation 



strecke. Die Anderen in A.s Lage beweisen, daß auch für ihn ausreichende 
Lustmöglichkeiten vorhanden seien. 

Diese „herrschende" Auffassung hat zurVoraussetzung eine weitgehend homo- 
gene „Gesamtheit", in der Differenzen bloß als leichte „Milieu"schattierungen 
der Familienzustände, Wohnverhältnisse, Berufsbedingungen usw. bestehen. 
Diese Voraussetzung trifft aber zweifellos für die heute bestehende Ordnung 
nicht zu. Wollen wir psychoanalytisch in ein Gebiet vordringen, in dem 
offenkundig soziale Tatbestände eine wichtige, im einzelnen noch unbestimmte, 
Rolle spielen, so müssen wir uns vor allem eine der sozialen Wirklichkeit 
voll entsprechende Vorstellung von der Gesellschaft bilden. Um die Über- 
nahme von Theorien über die Gesellschaftsstruktur, für deren Beurteilung 
wir als Psychoanalytiker nicht kompetent sind, zu vermeiden, halten wir 
uns dabei an die kaum bestreitbare Tatsache, daß die heutige Gesellschaft 
über höchst verschiedenartigen sozialen Orten errichtet ist, zwischen denen zum 
Teil mächtige Spannungen bestehen. Da sowohl Realangst wie Gewissens- 
angst in irgendeiner Weise von dem sozialen Ort beeinflußt sind, an dem 
der Mensch aufwuchs und an dem er lebt, so bedarf es zur befriedigenden 
Antwort auf Alexander-Staubs so richtig formulierte Frage nach den Bedin- 
gungen, unter denen diese Mächte nicht ausreichen, gewisse Taten zu ver- 
hindern, der objektiven — wertfreien — Analyse des sozialen Ortes des Täters. 
Ich füge hinzu, daß die Begriffe der Asozialität — Kriminalität — Verwahr- 
losung in wertfreier, objektiver, aber nur annähernder Formulierung ersetzt 
werden müßten durch die Umschreibung: Taten, die an dem sozialen Ort 
der „herrschenden Moral" als asozial, kriminell, verwahrlost beurteilt und 
geahndet werden. 

Die sehr reizvolle Aufgabe, beispielshalber die Analyse auch nur eines 
sozialen Ortes zu geben, muß ich mir versagen, sie würde den Rahmen 
dieser Arbeit sprengen. Ich möchte bloß eine Eigentümlichkeit hervorheben, 
die jenem sozialen Ort zukommt, der den mannigfaltigsten psychischen 
Strukturen größte Chance gibt, „asoziale" Taten zu begehen. 

Daß in unseren Großstädten Luxus und Elend nahe beieinander wohnen, 
wird immer wieder beklagt und zum Verständnis des Verbrechers heran- 
gezogen — auch Alexander-Staub räumen diesem Moment einen gewissen 
Platz in den Ursachen der Vertrauenskrise der Justiz ein. Aber die Wirkungen 
dieser Tatsache werden doch meines Erachtens zu schematisch in die Theorien 
eingesetzt. Das Vorhandensein der sehr großen Gegensätze zwischen Ent- 
behrung und Genuß reicht zwar hin, den Verbrecher menschlich zu ver- 
stehen, ist aber gewiß keine einfache „Ursache" des Verbrechens. Psycho- 



gC| Mi, .1,1, .1 \\i uil.I.I 



logisch beugen diese Unterschiede, daß nn vrr« hiedenen sozialen Orten, 
infolge der Gesamtitruktur der Gesellschaft, eine beträchtliche Differenz in 
Art und Größe der Aufgabe der Triebbewaltigung gesetzt ist. Es i»t nicht 
an jedem sozialen Ort gh-i. h »leicht", Teten zu vermelden, die die „herr- 
•chende Moral" all gfjamtheitsschädlich verbietet So hat eine gewisse Schicht 
der großstädtischen Bevölkerung Im« hstäblich Hunger; und eine noch sehr viel 
breitere Schicht hat, ohne vollen Hunger zu leiden, doch sehr beträchtliche 
Einschränkungen aller physischen Bedürfnisse zu ertragen, soll sie nicht 
asozial werden. Wir wissen, daß Bedrohungen dei Selbsterhaltung, daß Ein- 
schränkungen des Kmahrungstrirbes. der vitalen Bedürfnisse. Bewältigungs- 
aufgaben stellen, die besonders hart sind und nicht leicht glücken, viel- 
leicht nie ohne gewisse narzißtische Kränkungen mit deren nachhaltigen 
Konsequenzen. Wenn die Psychoanalyse bisher zur Kenntnis dieser Trieb- 
gruppe nur sehr wenig beigetragen hat, so liegt dies eben an der imperativen 
Natur dieser Bedürfnisse. Doch weiß man, daß der Mensch auch sehr weit- 
gehende Entbehrungen dieser Triebbefriedigungen m ertragen vermag; wobei 
die Konsequenzen keineswegs starr, eindeutig und einförmig sind. Die gleiche 
Entbehrung kann |e mich ilen äußeren und inneren Bedingungen sehr ver- 
schieden hart und psych isrh wirksam sein. Besonders schwierig für das Er- 
leben und, wie mir scheint, besonders nachhaltig auf die ganze psychische 
Struktur wirkend, ist jene grausamste Erschwerung, die arg beleidigte Götter 
dem unglücklichen Tantalu» aulerlegt haben: mitten in der erregendsten 
Fülle machtlos entbehren zu müssen. Die Sac.r vermeldet nichts von der 
Charakterentwicklung, die Tantalus unter der Wirkung dieses Leidens erfuhr. 
Sie berichtet bloß die Schuld, deren volle» (legenstück die Strafe darstellt: 
er hatte bekanntlich die Götter zu kannibalischem Genuß verführt. 

Diese Tantalussituation ist keinem Menschen hemd, wenn wir sie in 
vager allgemeinster Bedeutung nehmen; denn jedermann hat auf Wünsche 
zu verzichten, die sich andere zu erfüllen gestatten. Die Psychoanalyse hat 
oft Anlaß, diese Situation und Ihre Wirkungen zu studieren, soweit es sich 
um die ödipuswünsche handelt, und es wäre weder schwierig noch wohl 
unrichtig, die Tantaluslegende in dieser Ebene zu deuten. Ich möchte sie 
wörtlich nehmen und mit ihr symbolisch das Schicksal eines sehr großen 
Teils der heutigen Mens« hheil bezei« hnen, der seine vitalen oralen Bedürfnisse 
sehr ungenügend befriedigen kann, während «ein Nachbar keinerlei Ent- 
behrungen zu erleiden hat. Daß breiteste Schichten des Proletariats und 
Kleinbürgertums dieses Schicksal erleiden, ist ein wesentliches Stück der 
Struktur unserer Gesellschaft. Es Ist nicht etwa Anzeichen der persönlichen 



Die I antai u.s.m lii.ilii.n a gj 



Unfähigkeit, Faulheit oder Folge zufälligen Unglücks — obzwar dergleichen 
gewiß vorkommt — sondern bei der heutigen Produktionsweise notwendiges 
Massenschicksal. Dabei interessiert in unserem Zusammenhang die extremste 
Entbehrung, die zum Tode führt, am wenigstens, weil in ihr für Psychologie 
kein Raum mehr ist. Für uns ist der soziale Ort bedeutsam, bei dem man 
noch „gerade zu essen hat", manchmal sogar physiologisch ausreichend. 
Auch hier, ja gerade hier, wird die Tantalussituation bedeutsam. 

Die Größe der Entbehrung bemißt sich nicht bloß nach der Stärke der 
Triebregung, sondern, von den extremsten Entbehrungszuständen abgesehen, 
auch nach den erreichbaren Befriedigungsmitteln. Triebeinschränkungen 
sind an jedem sozialen Ort gefordert, und es wäre durchaus falsch, dem 
üblichen soziologischen Schema: Proletariat, Kleinbürgertum (Mittelstand), 
Bourgeoisie eine Skala vermehrter oder verminderter Triebeinschränkungen 
zuzuordnen , wie sie etwa populäre Formeln von den „armen Reichen oder 
von „den Reichen, die es gut haben" nahelegen. Für die Psychologie sind 
diese soziologischen Einteilungen nicht ganz zulänglich; Proletariat und 
Bürgertum sind in bezug auf die Einschränkungen, die sie fordern, die 
Befriedigungsmittel, die sie bieten und die Libidoökonomie, die daraus für 
den Einzelnen folgt, keineswegs einheitliche Schichten, sondern sie zerfallen 
je in eine Reihe psychologisch wohl charakterisierbarer, verschiedener sozialer 
Orte, die freilich durch eine große Zahl von Übergängen miteinander ver- 
bunden sind. Immerhin läßt sich sagen, daß der Klasse des Bürgertums 
eine sehr charakteristische Nuance der Triebeinschränkung ganz allgemein 
fehlt: Entbehrungen vitaler, besonders oraler Bedürfnisse, die angesichts 
ausreichender Befriedigungsmittel ertragen werden müssen, angesichts einer 
ganzen Bevölkerungsschichte, die von diesen Mitteln für sich reichlichen 
Gebrauch macht. Die Tantalussituation fehlt jedenfalls den sozialen Orten 
sie mögen übrigens sehr unterschiedlich sein — die der sogenannten 
Bourgeoisie entsprechen. Hingegen wirkt eine ganze Reihe von sozialen Tat- 
sachen und Einrichtungen zusammen, die dieser spezifischen Situation im 
Proletariat und im Kleinbürgertum größte Verbreitung sichern. 

Zunächst drängt die Erziehung schon in frühester Kindheit auf eine 
Legierung des Freßtriebes" mit libidinösen Komponenten, indem die Sättigung 
an eine Reihe von Formen, Folgsamkeitsgeboten, Bravheitsanforderungen 
gebunden wird. Durch die Übernahme dieser Formen erfährt das Kind bei 
der Sättigung libidinöse Befriedigung, und die von Anfang an dem Freßtrieb 
zugehörigen Aggressionstendenzen erdulden eine Zähmung. 

Es gibt im heutigen Großstadtproletariat kaum eine Schichte, in der 



t (,^ ,Si. yi i m .1 Bai wL Id 



nicht mindestens ein Antatz zu dieser Zähmung «n den Kindern erreicht 
wurde. Diese Tatsache dei erzogenen Appetits, der gezähmten Aggressionen, 
hat eine wichtige Konsequenz: der erzogene Appetit brfriedigl sich nicht 
nur an einer gewissen Sprisrnquiiutitat, sondern auch an ihrer Mannig- 
faltigkeit, Zubereitung, Wahllreiheit, an den Formen des Kssens — vom 
Tischgebet bis zur Sitzordnung : „Tantalusqualen" erleidet auch der quantitativ 
befriedigte Appetit, wenn seine Beb i.digungsfot inen „erniedrigt" $ind an- 
gesichts Prassender und kultiviert Speisender Dein Krlebni« der Unbe- 
friedigung, des Unbehagens oder des Neides liegt dabei sicher zum Teil 
freigesetzte Aggression zugrunde, die sonst in den I orinen und in der libidi- 
nösen Befriedigung, die sie gewahren, hew.tltigt wurden. 

Di r Lebensstandard, dir Kultur der herrschenden Schichte, also die Be- 
friedigungsmittel und Befriedigungsformen ihrer vitalen Bedürfniese, gelten 
ganz allgemein in jeder Gesellschaftsordnung uls erstrebenswert. In unserer 
Zeit wird durch Schule, Presse, Kinn, ahn nicht minder durch Industrie 
und Handel dafür gesorgt, dal) die Kultur der herrschenden Schichte all- 
gemein bekannt und aniei/.end wird. Sie wird /in absolut wertvollen und 
„moralischen". Ein sehr großer Teil der vitalen I inschrankungen, die vom 
Kind und Jugendlichen, aber auch vom Erwachsenen gefordert werden, 
geschehen im Namen dieser Kultur und \loial, also dieses Lebensstandards, 
Ihr anzugehören, „reich und glücklich" zu weiden, winkt als Lohn für 
Bravsein, als Kompensation für Verzichte in Schule, Hau» und Beruf. 

Schließlich wirkt der demokratische ( .harakur, nicht allein der politischen, 
sondern auch vor allem der wirtschaftlichen Institutionen — und wäre et 
auch bloß „Fassademleiuokratie" — dahin, jedem Menschen den Standard 
der Bourgeoisie als auch Im [hfl erreichbaren erscheinen zu lassen. Dieses 
Faktum scheint mir für die Beurteilung der modernen 1 ■orinen der Kriminalität 
und Verwahrlosung besonders wichtig, Die Gesetzgebung, vor der jeder 
Staatsbürger gleich ist, die persönliche Freiheit, die jrdei cni/elne genießt, 
die Wirtschaftslieiheit. die für die heutige Produktionsweise noch charakte- 
ristisch ist, scheinen eine Gesellschaft zu fundieren, in der jeder einzelne, 
von an sich nicht bedeutsamen legalen Einschränkungen abgesehen, tun 
und lassen kann, was er will, in der der Tüchtige, Begabte, der „Brave und 
Glückliche" jede beliebige Stufe sozialen \nsehens und kultivierter Trieb- 
befriedigung erreichen kann. Dir Lebenserfahrungen, die dei Einzelne 
macht, widersprechen zwar weitgehend diesem Bild der Gesellschaft; aber 
da durchschnittliche Intelligenz ni< lit imstande ist, die eigenen Lebens- 
erfahrungen riihtig i.w verallgemeinern und zu deuten, i\-> zudem die Struktur 



Die Tnntalu.vsituntion 2&5 



der heutigen Gesellschaft überaus undurchsichtig und kompliziert ist, so 
vermag der Einzelne die Erfahrungen, die er in seinem sozialen Lebens- 
kreise macht, nicht zu gültiger Einsicht zu erheben. Als solche gilt ihm 
vielmehr das durch die Schule und die anderen ideologischen Mächte ge- 
prägte und tradierte liberal-demokratische Bild der Gesellschaft. Gerade weil 
die heutige Gesellschaftsordnung keine Herrenschichte besitzt, die ihren 
Lebensstandard als von Gott und Natur ihr allein reservierten, den anderen 
unerreichbaren hinzustellen vermag, wirken die ökonomisch und sozial be- 
dingten Entbehrungen im Proletariat und Kleinbürgertum als „ungerecht" 
oder selbstverschuldet. Und die Aufrechterhaltung dieser Triebeinschränkungen 
hat die spezifische Note und die Schwierigkeiten der Tantalussituation. 

Wenn Alexander-Staub von „Verbrechermoral" sprechen und für sie ein 
besonders strukturiertes „kriminelles Über-Ich" in Anspruch nehmen, so 
scheint mir dies, wenigstens soweit es sich um Delikte handelt, die in der 
Tantalussituation geschehen, eine unzulängliche Vereinfachung des Tat- 
bestandes. Was hier als „Verbrechermoral" imponiert, dürften doch kaum 
Struktureigentümlichkeiten des Über-Ichs sein, sondern sind nach dem Ge- 
sagten durch den sozialen Ort bewirkte, zum Teil richtige Beurteilungen 
der Realität. Unser Fall A. zum Beispiel scheint mir besser verstanden, wenn 
wir sein Verhalten, so weit es in seiner „Weltanschauung" zum Ausdruck 
kommt, aus geringer Realangst erklären. Diese geringere Realangst entspricht 
aber einer Einsicht in die soziale Wirklichkeit, widerspricht freilich dem von 
Schule und sonstigen ideologischen Mächten vertretenen Bild der Gesellschaft, 
das im Milieu von A. noch vollen Glauben findet. A. hat objektiv recht mit 
seiner Hoffnungslosigkeit und dem Gefühl des Zurückgesetztseins; während 
dies gerade für unseren Fall Z. und seinen sozialen Ort nicht zutrifft. Wir 
sehen nun ganz allgemein, daß in den letzten Jahrzehnten die ideologischen 
Kräfte schwächer werden, daß eine wachsend größere Zahl von Menschen 
an dem sozialen Ort der Tantalussituation das tradierte Bild von der Gesell- 
schaft als falsch oder als nicht verbindlich behandeln. Vor dem Verlust der 
Aufstiegschancen, der durch ein Delikt eintreten kann, vor allen ökonomischen 
und sozialen Folgen der Strafe, haben sie daher keine genügende Angst mehr. 
Sie werden weniger abgeschreckt, weil in ihrer Situation rechtschaffen zu 
sein real nicht lohnt; es bringt keine entsprechenden sozialen Kompensationen. 
Die Triebeinschränkungen an diesem Ort werden in wachsendem Masse nur 
mehr durch das Über-Ich, also durch die Gewissensangst und immer weniger 
auch durch die Realangst gesichert. Es scheint, daß ein Über-Jch von normaler 
Stärke allein, ohne die Realangsthemmungen, nicht ausreicht, um das Ver- 



■ 



»66 Sicgfr^d Br.«frl.l 



halten des 1 iitli viiliiiims ,im sozialen Ort der I unlalussiluution in die Grenzen. 
zu bannen, die .im so/.i.ilcn < >rt des ( iesei/gehers und Eichten als sozial be* 
urteilt wrnliTi. Das Verhalten der Kriminell, m und Yrrwuhrlosten, soweit 
es durch die geringer gewordene Keulangst determiniert wird, hat sein Gegen- 
stück in den politis« hen I enden/en /in radikalen Änderung der Gesellschait. 
Bis vor kurzem wnren diese Gesellschaftskrafte durch den Sozialismus v die 
Arbeiterbewegung) repräsentiert. Wir sehen in den letzten Jahren die An- 
erkennung der radikalen Ändcrungihcdürftigkcit der Gesellschaft weit über 
diesen Kreis hinauswuchsen, zum Beispiel als Kau humus. Die Verbrecher- 
moral, wie sie unser Kall A. entwickelt hat, kann als ein objektiv unzu- 
längliches, subjektiv unbefriedigendes Äquivalent radikaler politischer Ge- 
sinnung betrachtet werden. 

Vermutlich wird man diese Bemerkungen lür zu oberflächlich-rational 
halten und finden, daß sie der Wirksamkeit neurotischer Mechanismen eine 
zu geringe Bolle zuschreiben. Wenn <••. dei Kabinen dieses Aufsatzes nicht 
verbieten würde, könnte leicht durch Erörterung der Eigentümlichkeiten 
der Identifizierung, die durch die Tuntulussittintion bestimmt werden, eine 
weniger rationale und wesentlich vertieften- Darstellung gegeben werden. 
Was aber die Kinichätzung der neurotischen Mechanismen angeht, sei im 
Kolgenden dem Mißverständnis vorgebeugt, als handelte es sich darum, an 
Stelle der Wirksamkeit der uns so gut bekannten Nie« hanismen Kinwirkungen 
des sozialen Ortes zu setzen. Der Sachverhalt verlangt vielmehr statt einer 

MternaUvfY^e d.e Berücksichtigung |„.j,| n Momente 

Menschen, die andauernd die Befriedigung ihrer vitalen und insbesondere 
oralen Bedürfnisse entbehren müssen, ohne diese Entbehrung als eine absolut 
notwendige und allen Menschen gleich auferlegte zu erleben, entwickeln 
eine Reihe von Charakterzügen, die der Psychoanalyse als Symptome oraler 
Libidoslruktur oder auch als neurotische und depressive Mechanismen be- 
kannt sind. Wenn im Charakter, Leben und I .ei den eines Menschen intensive 

stagehrlnhkeil ohne bestimmtes /.iel d. , Wunsch. bei verhältnismäßig 
schwacher Befriedigung um Erreichten, leidvolle Aggressivität, Neid und 
Wut die beherrschende Bolle spielen, so werden wir eine orale 1 ibidostruktur 
erwarten. Wir werden datin um so mehr bestärkt sein, wenn in den recht- 
fertigenden ( .eil, inkeii dieses Menschen die Wendung immer wiederkehrt, 
er wolle bloß auch haben, was allen andern gewahrt ist, wenn er Gerechtigkeit 
verlangt, der Menschheit Ungerechtigkeit vorwirft, wenn er mit Genuß- 
streben und Begehrlichkeit eine schwer zu beschreibend« I lofliiungslosigkeit 
verbindet, wenn er im engeren Kreise dei Kameraden und Kreunde Hebens- 



Die 1 nntnlu -mi ii. ii i..Ti 



267 



würdig sozial, allen andern Menschen gegenüber feindlich und gegebenen- 
falls rücksichtslos aggressiv eingestellt ist. Eine geringe Fähigkeit, die Zukunft 
richtig einzuschätzen, auf gegenwärtige Befriedigung zugunsten künftiger 
zu verzichten, Ungeduld und Unfähigkeit, Aufschub zu ertragen, werden zu 
diesem Bild gut passen. Die Fälle A. und Z. fügen sich, wenn auch keineswegs 
restlos, beide gut in diesen Rahmen. Eine sehr große Zahl verwahrloster 
krimineller Individuen gehört unzweifelhaft in diese Gruppe. 

Soweit wir solche Fälle aus der analytischen Behandlung kennen, finden 
wir Kindheitserlebnisse, die eine frühe, ungewöhnlich starke und konflikt- 
reiche Besetzung der oralen Zone oder der oralen Begehrungen vermuten 
lassen. Wo diese früheste Kindheitsgeschichte zum Verständnis der Symptomatik 
nicht ausreicht, werden wir eine spezifische Konstitution, konstitutionelle 
Verstärkung der oralen Zone voraussetzen. Diese Ätiologie reicht aber meines 
Erachtens nicht aus für diejenigen Menschen, die Kindheit und Jugend an 
dem sozialen Ort der Tantalussituation verbracht haben oder die als Er- 
wachsene sich dauernd in ihr befinden. Diese uns sonst als Abkömmlinge 
der infantilen oralen Erlebnisse oder besonderer oraler Konstitution bekannten 
Symptome entstehen hier als Reaktionen des Ichs auf die durch die reale 
soziale Situation gesetzten Erschwerungen und Eigentümlichkeiten der Trieb- 
bewältigung. Diese Reaktion wird gewiß besonders heftig bei jenen Indi- 
viduen ausfallen, die an diesem sozialen Ort auch noch mit jenem konstitutiven 
Faktor oder jener Kindheitsgeschichte belastet sind. Aber sie wird auch bei 
allen anderen genügend bemerklich sein können, um gegebenenfalls zu Hand- 
lungen zu führen, die als kriminelle oder asoziale bewertet werden. Konsti- 
tution und Kindheitsgeschichte, die an einem andern sozialen Ort nicht zur 
Entwicklung von übermäßigen narzißtischen Reaktionen und Aggressionen 
führen würden, sondern sich dort vermutlich normal entwickeln und äußern 
würden, nehmen an dem der Tantalussituation eine Färbung an, so als ob 
konstitutionelle oder historische Verstärkung der oralen Libido stattgefunden 
hätte. Freud hat uns gelehrt, die konstitutionellen Faktoren und die Nieder- 
schläge der Kindheitsgeschichte in ihrer gegenseitigen Bedeutung als zwei 
Faktoren einer Ergänzungsreihe anzusehen. Bei gewissen Problemen ist es 
nötig, die Tatsachen des sozialen Ortes als einen dritten Faktor der ätio- 
logischen Ergänzungsreihe einzuschätzen. 






•Strafe tür I sychopatlicii f 

Vo. 
I* ricilruii I I :i u n 

Münden 

I) Straf* 

A) iSlruizwctm 

Um die Frage beantworten tu können, dir al» Thema über diesen Seiten 
»teht, In ei nötig, zuvörderst lieh gnm. allgemein darüber klar i* werden, 
warum und wem. wir überhaupt itnlen, deutlicher und genauer aulgedrückt : 
welches der eigentlich.- Zweck und die entscheidende Rechtfertigung für 
den Gebrauch der Stn.fr i,t. Em wann diel ».. eindeutig wie nur möglich 
feitgeitellt iit, kann mit Aussicht auf ein lutreffendei und folgerichtiges 
Ergebnil an die Prüfung and Erörterung der Frage herangeirrten werden, 
ob und wie der Strtfrweck welcher ei auch iei — bei Piychopathen 

zu erreichen in oder ob und warum er etwa bei diesen verfehlt wird und 
vielleicht lognr verfehlt werden muß. 

Unter „Strafe" iei hier ipetlell, «renn auch nicht ausschließlich, die 
Kriminalstrafe verstanden, die rieb /war nicht wesentlich von jeder 
anderen Strafe unterscheidet' (weihtlb auch ron ihr gar nicht ausschließlich 



i) Mit dieser Behauptung »ette icli muh saohlich in Widartprueh mit Nagler, 
der in seinem Mnuumeuiulwerk über „Dir Siml'p" mit groltem Nachdruck immer 
wieder die Selbständigkeit und den beannderen Charakter de» juristischen Straf- 
beghffs und Strafwesen» uml die Notwendigkeit »emei Sonderling von jeder anderen 
Art von Strafe betont Ich kniiu dieiem .Staiiil|iuiiklr Magier» - der ihn unter anderem 
auch su der Konsequent lulirt, die Aktivlegitiiuation de» Psychologen L i p p s tur 
Mitbehandlung de» Problem» der KechUatrafe tu heilreilen nicht beipflichten. 



O träte tür .TÄydiopathen f 260 



gehandelt werden kann), deren immerhin außerordentlicher Charakter und 
deren einschneidende Bedeutung für das Einzelleben wie für das Leben 
der Gesellschaft es aber doch unbedingt rechtfertigen, sie zur Grundlage 
einer besonderen Betrachtung im Sinne unserer thematischen Fragestellung 
zu machen. 

Die Strafrechtstheorie kennt und unterscheidet hergebrachtermaßen vier 
Hauptstrafzwecke, 1 die nachstehend im einzelnen einer kurzen kritischen 
Würdigung unterzogen seien. 2 Diese Würdigung soll die eigene grundsätz- 
liche Meinung des Verfassers möglichst klar herausstellen und so dazu ver- 
helfen, dessen innere Einstellung zu dem ganzen hier abzuwandelnden 
seelischen Problem von vornherein ins Licht der Folgerichtigkeit zu rücken. 

1) Die sogenannte „klassische" Strafrechtsschule sieht den Zweck der 
Strafe in der „gerechten Vergeltung". Diese Strafrechtstheorie muß als die 
herrschende bezeichnet werden. Ihre praktische Geltung ist weit verbreitet. 



Die Strafe ist ihrem allgemeinen Sinn und Wesen nach, also auch in jeder Spezies, 
in der sie auftritt, ein psychologisches Instrument, stets auf psychische Voraus- 
setzungen und Wirkungen natur- und bestimmungsgemäß gemünzt. Demnach ist der 
tiefste Zweck auch der Rechts- (Kriminal-) Strafe nur dann richtig zu erfassen, wenn 
man ihn aus dem Sinn der Strafe als solcher heraus, d. h. psychologisch ableitet und 
begründet. Durchaus hiemit übereinstimmend sagt Reik, daß „jede Strafrechtstheorie 
unvollständig und unzulänglich ist, die nicht auf psychologischer Grundlage ruht. 
Der Strafzweck ist vor allem ein psychologischer . . .". 

1) Diese sind wiederum in zwei Hauptkategorien zu subsumieren, für welche 
Bin ding in seinem „Grundriß" folgende Definitionen gibt: „Alle Theorien des Grund- 
gedankens, daß die Strafe verhängt wird, quia peccaiwn est, heißen absolute Theorien. 
Die Theorien, denen das Delikt nur Voraussetzung, nicht Grund der Strafe ist, nach 
welchen die Strafe verhängt wird nicht quia, sondern postquam peccatum est, ne peccetur, 
heißen relative Theorien." 

2) Verfasser ist keineswegs der Ansicht, daß damit nur offene Türen eingerannt 
und bereits abgestumpfte Argumente nochmals überflüssigerweise traktiert werden. 
Ich teile nämlich nicht die Meinung von Liszts, daß „der Streit der Strafrechts- 
schulen sich überlebt hat«, bin vielmehr der Ansicht, daß hier - mit der Frage nach 
dem Wesen und Zweck der Strafe - ein Problem vorliegt, das, wie es von alters her 
die Gemüter immer wieder bewegt und zu Zeiten sogar leidenschaftlich entzündet 
hat auch weiterhin die Menschheit beschäftigen und periodisch stets von neuem 
beunruhigen, wenn nicht erschüttern wird. Es kann wohl begreiflich erscheinen, daß 
in der Gegenwart, in einem Zeitpunkt, wo die in Angriff genommene Reform der 
geltenden Strafgesetzgebung zu einem definitiven amtlichen Entwurf gediehen ist, 
die an seiner Schöpfung oder Vorbereitung hauptsächlich Beteiligten das Bedürfnis 
empfinden, von dem durchgefochtenen Kampfe der Meinungen aufatmend auszuruhen, 
und im Blick auf das vorliegende Werk ihrer Mühen und aktiven Anteilnahme sich 
sagen zu dürfen glauben, mit der Frucht des Kampfes sei auch dieser selbst zum 
Abschluß reif geworden. Es gehört aber meines Erachtens nicht viel Prophetie dazu, 
diesen Glauben für eine Selbsttäuschung zu erklären. 



I r m ,li i.li 1 (min 



ihr Ansehen nicht in letzter Linie .nie h historisch begründet. 1 Das derzeit 
geltende Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich steht nuf ihrem Boden. 

Ihre Rec hth-rtigung leitet die Vergeltungsh-hie ah .ms der von ihr pro- 
grammatisch herausgestellten ( inimli.it». >i Im- eines in der menschlichen Natur 
von Maus ans vorhandenen Ausgleichs und Vergrltungstriebes. Aus dieser 
radikalen Voraussetzung gewinnt sie alle ihre strafrechtlichen Einzelargu- 
mente, aus ihr entfaltet sie ihre ins Universale gehenden Folgerungen. 

Die (irundannahme der klassischen Schule wird nun aber nicht nur von 
den ihr direkt Zugehörigen, auch nicht nur von näheren und entfernteren 
(»esinnungiverwanclten, sondern sogar von (legnern dieser wissenschaftlichen 
Richtung als richtig zugestanden und geteilt. Daraus folgt aber ohne weiteres, 
daß es nur eine Frage subjektiver, gefühlsmäßiger Einstellung ist, ob 
und inwieweit man in der Befriedigung des Ausgleichsbedürfnisses den die 
Strafe rechtfertigenden /.weck erkennen will und kann oder nicht," und 
daß die klassische Schule zu Unrecht die Vergeltung zu dem durch objektiv 

gegebene Noturordnung allein prädestinierten und berufenen Träger der 
Rechtsstrafe erhebt. 

Daß das Vergeltungstn-inzip als solches durchaus nicht eo ipso und mit 
Notwendigkeit die gerechte (zweckmäßige) Strafe aus sich gebiert (Lands- 
berg: „Vergeltung ist nicht gleichbedeutend mit Gerechtigkeit"), haben 
seine modernen Anhänger selbst dadurch anerkannt, daß sie die zwingende 
Absolutheit, mit der dieses Prinzip von seinen idealistischen Verfechtern 
(Kant, Hegel, Fichte, Herbart, Stahl) vertreten worden ist, ihrerseits als mit 
den Anforderungen des realen Lehens um.cnl.ar aufgegeben haben. 



1) An bedeutenden \.i Mindern und Trägern der Vergeltungsidec in der Ge- 
schichte, die, mit Ausnahme des an erster Stellr Gemannten, auch auf die Entwicklung 
des .Strafrechts von großem K.irifluü gewesen sind, seien genannt: der Milesier Anaxi- 
■nander, einer der ionischen Naturphilosophen (Schiller des Thaies), der die Ver- 
geltung tum Alles beherrschenden Weltgesett erhob, Augustinus, Thomas von Aqutno, 
Benedict Carpxow, Leibnix, Kant, Hegel. 

a) Den hier im Text ausgesprochenen Gedanken, der an sich nur eine Selbst- 
verständlichkeit enthält, mochte ich in allgemeiner Form als Leitgedanken allen 
meinen noch folgenden Auscinaudersetsiiugen voranstellen)! Zu welcher Strafrechts- 
theorie ein Mensch und durch Vermittlung von Mensi-hen ein (tesetx, ein Staat, ein 
Volk sich bekennt, darüber entscheidet Irtiten l-'.ndes vor aller rationalisierenden Logik 
der je nach Anlage verschiedene <i e I u li 1 •Standpunkt, mit dem man dem Problem 
gegenübersteht, d. h. alles, was an uiihewuHlen Trieben und Strömungen in variabler 
Mischung im Individuum und in der Gemeinschaft mit der Krage des Strafsweck* 
korrespondiert. Von dieser (iiuiiiinusicht ist auch Iherings bekannter Ausspruch 
diktiert, daü „die Srel» eines Volkes sich »in deutlichsten spiegelt im Begriff der 
Straft". 




Strafe für Psychopathen? 3— j 



Die Gegnerschaft gegen die Strafrechtstheorie der Vergeltung hat von 
jeher von der Opposition gegen die Befriedigung des ihr zugrunde liegenden 
Triebes ihren Ausgang genommen, deren Berechtigung in verschiedener 
Weise angefochten wird. Einen regelmäßigen und hauptsächlichen Aus- 
gangs- und Zielpunkt der Angriffe auf die Vergeltung als Strafzweck bildet 
ihr von Freund wie Feind des Vergeltungsgedankens im allgemeinen über- 
einstimmend erkannter Ursprung aus der (Blut-) Rache der Primitiven. Diese 
Herkunft ermöglicht anders orientierten Strafrechtstheoretikern ohne weiteres 
die Bekämpfung der Vergeltung in dem Sinne, daß sie, trotz ihrer im 
Laufe der geschichtlichen Entwicklung eingetretenen Objektivierung und 
Sublimierung, ihre Herkunft aus der ursprünglichen Rache nicht zu ver- 
leugnen vermöge, sondern nach wie vor Geist von deren Geiste sei und im 
Grunde mit unseren sonstigen geistigen und sittlichen, insbesondere auch 
mit unseren religiösen Anschauungen und Errungenschaften in direktem 
Widerspruch stehe. 

Von einem anderen Gesichtspunkt aus bekämpfen die Deterministen die 
Vergeltungsstrafe: Sie negieren ihre Grundvoraussetzung, die Schuld, und 
bezeichnen den Verbrecher als untaugliches Objekt einer sühnenden Ge- 
rechtigkeit. Als Kronzeugen dieser Richtung wären vor allem von Liszt 
und Kraepelin zu nennen. 

Andere Argumente bekämpfen die „klassische" Vergeltungslehre mehr indirekt. 
Zum Beispiel erheben die religiös und ethisch orientierten Gegner des Vergeltungs- 
prinzips im Strafwesen dagegen den Vorwurf, daß es überhaupt über menschliches 
Vermögen hinausgehe, das mit diesem Prinzip angestrebte Maß und Ziel der Gerech- 
tigkeit zu verwirklichen — woraus dann rückläufig auch wiederum geschlossen wird, 
daß es auch nicht menschliche Aufgabe sein könne. 

Die naturwissenschaftlichen Widersacher der Vergeltungsstrafe schwingen 
eine der schärfsten und wirkungsvollsten Waffen gegen sie, wenn sie auf 
Grund der Ergebnisse der Statistik auf die erfahrungsgemäße Erfolglosig- 
keit und das praktische Versagen unserer ganzen auf dem Vergeltungs- 
grundsatze aufgebauten Strafgerichtsbarkeit gegenüber dem Verbrechen und 
dem Verbrechertum hinweisen. (Mit diesem Hinweis operiert insbesondere 
Aschaffen bürg in seinem bekannten Buch „Das Verbrechen und seine 

Bekämpfung"). 

Den wesentlichsten Grund für die von ihr aufgezeigte Wirkungslosig- 
keit der Vergeltungsstrafe sieht die moderne Richtung der Kriminalistik 
darin, daß das Objekt der Vergeltungsstrafe nicht „der Täter", sondern „die 
Tat" ist. (Liszt: „Die herrschende Ansicht bestimmt die Strafe für die von 



a^a Friadridi Haun 



keinem Tater begangene Tat, d. h. ilirr Strafen entsprechen dem Ver- 
brechens brg ri f fr, der Abstraktion, welche ( icsrt/gebung und Wissenschaft 
aus den konkreten Taten gemai In haben ") Daü dem tatsächlich so ist, 
hat natürlich seinen iulrnn Grund und ist nicht etwa nur durch tech- 
nische oder Zweckmäßigkeit! Krwiigungen motiviert. Die Vergeltungsstrafe 
bezweckt ja die Befriedigung des Vergeltungslriebes der Allgemeinheit, 
der durch die T.ii ..ls solche entzündet wird. Kben darum muß aber auch 
die Gerechtigkeit, welche die Vergeltungsstr.ile uimi.I.i. aufgrund der ihr 
immanenten Tendenz, notwendig eine einseitig nach dem Ausgleichsinter- 
esse der Allgemeinheit hin orientierte »ein Diesem und nur diesem Inter- 
esse sucht sie begriffi- und beitimmungigemlfl genug zu tun. 



Belege des Sorben Gefegten »ei nnf Aussprüche wie diese verwiesen: All- 
feld: „Die Vergeltungsstrafe ... wird der A I Ige m r i n li c i t gegenüber (von mir ge- 
sperrt) stets die ihrem '/.wnk enUpreobands Wirkung crxiclcn." - Nagler: „Der 
Zweck der Strafe ist mit dem Vergeltimgsrrfnlg erreicht, und sie ist psychologisch 
richtig, wenn sir dem Genugtuungihedui lm< drr Allgemeinheit (von mir gesperrt) 
entspricht." — Sauer: „Mag die Vergeltuugiitrafe auch noch so swecklos im kon- 
kreten Falle erscheinen, die Forderung d< i i. • htigkeit i»t hei l'.rlaD des Gerichts- 
urteil» strengstens in erfüllen. Mag .1 .. Urteil nur aul dem Papier stehen, mag es 
in den Wind gesprochen sein, die Gerechtigkeit hat sich wenigsten! ideell tu be- 
währen." 

Die im besagten Sinne einseitige Tendenz und Punktion der Vergel- 
tungsstrafe, die durch die eben ,,1|,., m,ii,..i Sat/e mit aller Deutlichkeit 
illustriert ist, wird von ihren überzeugten Verfechtern allerdings zu negieren 
versucht, und /war mit dem Hinweis auf ein angebliches Ausgleichsver- 
langen des zu Bestrafenden seihst, 

Die Annahme eines sozusagen passiven Vergeltungstriebes auf Seite der 
I rheher von Verbrerhen, ih-i ,1mm I, die bedingen«- Tat erst ausgelöst würde 
und dem durch die Strale alsdann ( irre« hiigkeii und llclriedigung widi-i liihre, 
beruht imlev,rn .ml einein psyi iiologiachra Trug und Fehlschluß. Freud 
hat diesen Trugschluß all solchen aufgezeigt durch seine Entdeckung des 
„unbewußten Schuldgefühls", die er in folgender frappanten Weise 
auswertet: „Es war eine Überraschung, zu finden, daß eine Steigerung 
dieses unbewußten Schuldgeluhls den Menschen zum Verbrechet machen 
kann. Aber ei ist un/weilelhaft so. Es laßt sich hei vi, den, besonders 
jugendlichen Verbrechen! em m.ic IiIijm» Schuldgefühl nachweisen, welches 
vor der Tal bestand, also nie In denn folge, sondern ihren Motiv ist, als 
ob es als Erleichterung empfunden um de, dies unbewußte Schuldgefühl 






Otrafe für Psydiopatlicn? _? 



an etwas Reales und Aktuelles knüpfen zu können." 1 Reik sagt in seinem 
Buche „Geständniszwang und Strafbedürfnis", in welchem er sich auch 
mit den hergebrachten Strafrechtstheorien auseinandersetzt: „. . . die bisher 
unbeachtete, von Freud entdeckte Tatsache, daß das präexistente Schuld- 
gefühl zur verbotenen Tat drängt, wird in der künftigen Diskussion des 
Strafzweckes die zentrale Stellung einnehmen müssen . . . Die neue psycho- 
logische Fundierung des Strafzweckes wird von der analytischen Erforschung 
des präexistenten Schuldgefühles, die wir Freud verdanken, ausgehen." 

Reik selbst baut hierauf eine neue, psychoanalytische Strafrechtstheorie auf, nach 
welcher „die Strafe der Befriedigung des unbewußten Strafbedürfhisses dient, das zu 
einer verbotenen Tat trieb" (also nicht einem bewußten Vergeltungsverlangen, das 
durch die begangene Tat erst entsteht). Und es ist höchst bedeutsam und beachtlich, 
daß er ausdrücklich hinzufügt, es solle mit dieser Theorie „nur eine psychologische 
Erklärung der Strafe, keine Norm" gegeben werden und „nichts über ihre dauernde 
oder auch nur zeitweilige Notwendigkeit und zu ihrer Rechtfertigung als Institution 
gesagt" sein. 

Im Abschnitt III vorliegender Abhandlung werde ich auf die hier nur 
gestreifte, in der Tat ungemein bedeutsame seelische Entdeckung Freuds 
nochmals des näheren zurückkommen. An dieser Stelle sei nur noch darauf 
hingewiesen, daß sie eo ipso auch einen besonderen Schlüssel liefert zur 
Aufklärung der psychologischen Unwirksamkeit unseres Vergeltungsstraf- 
wesens, wie sie namentlich in der Rückfallsstatistik zutage tritt. Verbrecher 
aus unbewußtem Schuldgefühl, denen die Strafe die Tilgung eines seelischen 
Bedürfnisses bietet, werden natürlich nicht trotz, sondern gerade wegen 
der Strafe immer wieder rückfällig werden. „Das Strafbedürfnis", sagt Reik, 
„drängt zur Tatwiederholung." 

Es liegt im Zuge der ganzen Beweisführung der klassischen Schule für die Ver- 
geltungsstrafe, wenn ihre Vertreter von ihr sagen, daß sie „dem Rechtsbewußtsein 
des Volkes am besten entspricht". Indessen auch dieses mehr a posteriori gewonnene 
Argument zugunsten der Vergeltungsstrafe begegnet besonderer Anfechtung von Anders- 
gesinnten. Kraus bestreitet direkt, daß es überhaupt tatsächlich begründet ist: „Man 
erlaubt sich eine Fiktion, wenn man von einem Vergeltungsbedürfnis des Volkes 
spricht." Aber auch bei Unterstellung seiner tatsächlichen Richtigkeit wird es als 
stichhaltiges Kriterium abgelehnt. So fährt Kraus fort: „Dann aber ist dadurch, daß 
das Volk Vergeltung rerlangt, die Vergeltung noch nicht gerechtfertigt; das Volk 
kann auch Unberechtigtes verlangen . . . Das völkische Vergeltungsbedürfnis kann nicht 
schlechthin als ein ethisch gerechtfertigtes bezeichnet werden ... Es ist überhaupt 
ganz ausgeschlossen, die Strafe oder sonst irgendeine Tatsache durch die Berechti- 



l) Freud: Das Ich und das Es. Ges. Sehr. VI, S. 398. 

Image XVII. i8 



a -^ I . .. .Im. Ii Mann 



ajung des Verlangen» noch ihr tu rr< hUn t.gen, sondern umgekehrt kann ein Ver- 
langen nur gerechtfertigt werilen durch «len Wert de» Verlangten." — Senffert 
an.lv» iert und kr.tisiert die Zufriedenheit dei Volke, mit der Vcrgcltungsstrafe in- 
haltlich recht herb und abfällig dahm „Die Befriedigung, welche da* Walten der 

StrafrechUpflege eneugt, i»t bei vielen Men.ch. ht. andere«, al» da» Lustgefühl 

über den S< l.merx eine, anderen" Und Kraepelin erklart: „Wer .ich auf das 
Krcht.hewi.lltiem dei Volkei beruft, der vertichtel damit auf da» schöne Vorrecht, 
ein I uhrer tu »ein." 

Besonder» angezweifelt und bestritten wird dir Anwendbarkeil und Brauch- 
barkeit de» Vergrltung.prinzip» für dus Strafvoll»! ri-ck vi n K iweten, zum 
Teil auch von solchen Autoim, die im übrigen durchaus nicht als Gegner 
die*«-» Prinzip» anzusehen »mtl. 1 

Die Angriffe gegen die Talion»theoiie, letitlich selbst, wie ihr Gegen- 
stand, triebhaft begründet und orientiert, traten geschichtlich im Zusammen- 
hange und Engl umfassender geistiger Strömungen auf und wurden meist 
mit großer Leidenschaft geführt. 

Zu Knde de» achtzehnten Jahrhunderts ist • • die naturrei litliche Richtung 
der ioc.n.innten Aufklarungsphilosophie, hundert Jahre später die Natur- 
wissenschaft, aus deren I-agern sich vor allein die Streiter gegen die Ver- 
gcltungsstrafe erheben und mit deren geistigem llüitzeug dei I lanptkampf 
gegen sie geführt wird. AI» VoiKaiiipler sind /u nenn, u die Naturrechtler 
und Aufklärer Grntius, 1 lohbes, John Locke, l'ufendorf. Christian von VVolff, 
I liomaslns, ipittf '!"' lOthropologlai ha S< hule dei Italii nei I i>nibioM>, lVrri, 
fi.irofalo) und die ■oziologisclic S. hule, der in neuester /< it insbesondere 
die Mitglieder der von Liizt geführten „Internationalen Kriminalistischen 
Vereinigung" zu/m.', hnen sind. 

Die Verteidiger der Vergeltungstrafe vertreten gerne die Meinung, die Gegner- 
schaft gegen die Vergeltuiigsslrofe («der positiv ausgedruckt : der .«rafrechtliche Kcla- 
tiviimu») sei »tet» mehr eine Angelegenheit „wenige* Intellektueller" (N agier), „einiger 
Nuttlichkeits-Theoretiker und Politiker" gewesen, „die »u h mit einige '/.eil Anerkennung 
tu verschaffen wiiÜten" (Sauer), denen aber „eine suggestive Gewalt auf die Massen 
vollständig nbgehe" (Nngler). Diese Meinung beruht aber auf einem doppelten Irrtum, 
einem .«Unehlichen und einem psychologisch methodisch«. Sie verkennt und unter- 
»chattt doch wohl etwas tu genis.enll.ch die außerordentlich weit- und tiefgehende 
Re.onan», welche die Angriffe auf das Vergeltungsprinsip in den breitesten Schichten 

») Von Urteilen ausgesprochener Gegner der Vergeltm.gs.trafe xüiere ich in 
diesem Zusammrnhange von l.il.euthal: „Die Strafe .nt.übnt nicht. sie brand- 
markt . . Von einer Sühne durch die Strafe tu reden. heiUt die harte Wirklichkeit 
de. Leben, völlig verkennen". A »cha f fei. bürg : „(Jer.de die lle.ten unter den \ er- 
urte.lten werden von der Strafe vernichtet, die Verkommen.tr., kaum berührt", und 
Landsberg: „Die Vergeltung. .träfe re./t und vernichtet den Verbrecher." 



otrnfc für Psychopathen? 37S 

und Kreisen gefunden und ausgelöst haben, und welche beweist, daß es sich hier 
keineswegs nur um „intellektuelle", sondern vielmehr um gleich ihrem Objekt, dem 
Vergeltungsprinzip selbst, durchaus affektmäßig fundierte geistige Strömungen handelte 
und handelt. Psychologisch-methodisch gesehen aber gilt der in Rede stehende kritische 
Einwand der Vergeltungstheoretiker gegen die Opposition der Relativisten von jeder 
geistigen Bewegung, auch von der durch jene selbst vertretenen: das schöpferisch- 
aktive Element beschränkt sich stets auf eine Anzahl führender Persönlichkeiten; das 
„Volk", soweit es Anteil nimmt und mitgeht, bildet überall, auch im Lager der straf- 
rechtlichen Absolutisten, nur die rezeptiv-passive Gefolgschaft und als solche nur 
einen Faktor von keineswegs ausschlaggebender, vielmehr durchaus sekundärer (und 
unter Umständen sogar recht zweifelhafter und nicht immer empfehlender) Bedeutung. 

Der Verfasser dieser Abhandlung steht auf Seite der Gegner der Ver- 
geltungsstrafe. Mit Lipps und Reik erkennt er deren psychologischen 
Ursprung und Charakter an, ist aber wie sie der Überzeugung, daß sie 
mit untauglichen Mitteln operiert, sich überlebt hat und unserem heutigen 
kulturellen Denken und Empfinden nicht mehr gemäß ist. Mit den Sozio- 
logen setzt er ihr statistisch festgestelltes (auch in der Begründung zum 
amtlichen Entwurf eines allgemeinen deutschen Strafgesetzbuches vom Jahre 
1925 gleich zu Anfang anerkanntes) Versagen auf das Konto des sie beherr- 
schenden und darum abzulehnenden Prinzips. Die Justitia mit der Binde 
um die Augen und der Waage in der Hand, das Symbol für unser noch 
geltendes Strafrecht, gilt mir nicht als das Wahrzeichen, in dem wir auf 
diesem Felde des Lebens siegen werden. 

2) Ein weiterer Zweck, den man für die Kriminalstrafe zu deren Recht- 
fertigung reklamiert, ist der der „Sicherung". Auch er sieht schon auf 
ein ehrwürdiges Alter zurück. 

Theoretisch erscheint der Sicherungsgedanke als Zweck der Rechtfertigung der 
Strafe zuerst bei den griechischen Philosophen, insbesondere bei Plato, sodann bei 
seinem Geistesjünger Seneca. Von diesem stammt auch das viel zitierte Wort: 

„nemo prüdem punit quin peccatum est, sed iie peccetur." 
Der Sicherungsgedanke hat allerdings im Gegensatz zum Vergeltungszweck, 
der praktisch von jeher die Gesetzgebungen der Kulturvölker beherrschte, bis 
in die neuere und neueste Zeit herein ein in der Hauptsache nur literarisches 
Dasein geführt. Wirklich aktuelle Bedeutung erlangte er erst in der Auf- 
klärungsperiode und dann vor allem hundert Jahre später durch die anthropo- 
logische und soziologische Schule 1 (prominentester Vertreter der letzteren 
in unserer Zeit: von Liszt f). 



1) Theoretische Vorläufer: Beccaria, Bentham, Comte, welche lehrten, daß 
„das Strafrecht seine Rechtfertigung nur in der Selbstverteidigungsbefugnis der Gesell- 
schaft findet". 



18" 




17<i flirdndl 1 1 »im 



I-.i ii! zweifellos berechtigt und geboten, daü die mrnichliche Gesell- 
schaft »ich gegen Verletzungen von Be< htsgütern und Schädigungen jeder 
Art (und »chon gegen dir Möglichkeit von tolchen), »o gut wie es immer 
geht, zu sichern strebt Aber kann, dar! lediglich zwecks Sicherung gestraft 
werden' Der Verfasser verneint diese Krage; denn /.wischen Sicherung und 
Strafe besteht eine innere Inkongruenz der Begriffe. Gewiß: Internierungen 
und ähnliche MaHnahmen, rein alt solche und o h n e St rafcharnkter, können 
zu Sit hcrungs/.ssci ken iniinei wiedei und vorzugsweise in l'rage kommen 
und werden dadun Ii bei enls|ire< hendei S.ii hlage ahsolul zureichend ge- 
rechtfertigt erscheinen. Aber zur Rechtfertigung von Bestrafungen kann 
die Sicherungsidee, sie allein, im ht dunen. 

Dem uneingeschi, mkteri iirngr.imtiiatisi hin Si< herungsgedanken muß nach 
Ansicht des Verfassers entgegengehalten werden, «lau er einen zu einseitigen 
Na« 'hdrui k auf <!.i* Interesse und den Nutzen dei Gesellschaft legt. In der 
Literatur findet der Verfasser diese Mine Ansicht und ihre Begründung viel- 
fach geteilt und bestätigt. 

Von dein hier vertretenen Standpunkte am wird übrigens mit durchaus berechtigter 
Konsequent gefolgert und gefordert, ilnll für die ganze hier in Finge stehende Richtung 
der Kriminal. slik die Anwendung des Terminus „Strafe" Überhaupt fehl am Ort und 
daher richtiger giinx tu unterlassen sei. 

Die damit angeschnittene Krage, oh und inwieweit es sich etwa empfiehlt, die 
Strafe durch S,. ■heruiigsnuiUnahmen zu ersetzen oder sie mit solchen wenigstens »u 
kombinieren, gehört demnach eigentlich gar nicht mehr in den Zusammenhang einer 
Untersuchung über die Straftwecke als solche, sondern steht praktisch «■ hon auf einem 
anderen Blatte. Für die Anhänger de. Sirherunftpr.IU.pi bandelt e. sich dabei über- 
haupt um keine Frage, sondern um eine grmid.atili. h tu fordernde Notwendigkeit. 
Die Vergeltungstheoretiker dagegen gründen auf diese der ihrigen diametral entgegen- 
gesetzte Einstellung lum Slrafproblem den Vorwurf, dal) sie das F.ndc des Strafrechts 
überhaupt bedeute. 

Gant allgemein und ohne damit ausseht ieOl ich für den Sicherung.gedanken 
Partei su nelunen, kann hieiu nur gesagt werden Das .Strafrecht, möge man seine 
Notwendigkeit unter den derzeitigen \ . -. I, kill nisten noch so sehr bejahen, ist als solches 
doch kein höchstes Gut, dem man unbedingt unbegrenzt« Dauer wünschen möchte. 
Wenn es gelingen würde, an seine Stelle etwas Wirksameres und Positiveres su setzen, 
so wäre sein Verlust (oder seine l.iiischranknng) gewill im hl als ein Unglück tu 
beklagen. Bemühungen, welche auf ein derartiges Ziel bewuül "der uuhewulft hin- 
arbeiten, sind also um dieser ihrer Tendenz und Konsequent allein willen sicherlich 
nicht tu verurteilen. 

Für die Gegenwart und die nähere Zukunft hat sich die moderne soziologische 
Richtung der Kriminalistik immerhin so weit duichiutetieii gewollt, daü der Möglich- 
keit und Zweckmäßigkeit einer Kombiiiierung von Vergeltungs- und Su hemngszweck 
und von Strafe und Siehe rungimalliiahme und sogar einet leilweiien F.rtattet ersterer 







Strafe für Paydiopathcn? 



durch letztere sogar von solchen Autoren praktisch das Wort geredet wird die für 
die Vergeltungsstrafe grundsätzlich oder doch in erster Linie eintreten und daher 
theoretisch Gegner der sogenannten Schutzstrafe sind. 1 

3) Der Strafzweck der „Abschreckung" ist mehrdeutig. Besteht sein plan- 
mäßiges Ziel darin, daß durch die Strafe nicht sowohl oder doch nicht nur 
derjenige, gegen den sie verhängt wird, sondern vielmehr möglichst unbegrenzt 
darüber hinaus andere von der Begehung (Wiederholung) strafbarer Hand- 
lungen abgehalten werden sollen, so spricht man von „Generalprävention" 
im Gegensatz zur „Spezialprävention", bei welcher sich die Strafabsicht 
auf die Person des die Strafe Empfangenden konzentriert und beschränkt. 
Der Modalität nach unterscheidet man Abschreckung durch Strafandrohung 
und durch Strafvollzug. 

Die „Abschreckung" wurde als Strafzweck ebenso wie die „Sicherung" schon 
von den griechischen Philosophen (Plato, Aristoteles) gelehrt und hat, anders als 
diese, von alters her auch auf die Ausgestaltung der Strafgesetzgebung und 
auf die Praxis der Strafrechtspflege immer wieder bestimmenden Einfluß 
erlangt und geübt. Einen besonderen Aufschwung ihrer Geltung erlebte auch 
diese Theorie im Aufklärungszeitalter, in welchem sie zu dominierender Be- 
deutung gelangte. 

Als „von Hobbes stark beeinflußt« ist hier zunächst Spinoza zu nennen, der 
der Strafe ausschließlich Abschreckungsfunktionen beimißt. Die entscheidende Wirkung 
und Bahnbereitung ging aber von den französischen Enzyklopädisten aus. 

Der bedeutendste Bekenner der Abschreckungstheorie und zwar via General- 
prävention wird um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts Deutschlands berühmtester 
Kriminalist von Feuerbach mit seiner Lehre vom „psychologischen Zwang". Als 
grundsätzliche Anhänger Feuerbachs nenne ich besonders Schleiermacher und 
Schopenhauer. 

Die Gegenwart hat in besserer Erkenntnis des realen Wirkungsgrades 
und -bereiches der Abschreckung ihre Anerkennung wieder wesentlich ein- 
geschränkt. 

1) Über die besonders bemerkenswerte Berücksichtigung, welche die soziologischen 
Ideen in der beabsichtigten strafrechtlichen Neugesetzgebung des Deutschen Reiches 
erfahren sollen, finden sich in Aufsätzen Hippels und Belings mehrfache sehr 
interessante Belege. Von besonderer Wichtigkeit ist die dem bisherigen Recht ganz 
fremde Aufnahme von Bestimmungen in den neuen Entwurf über Sicherungsmaßregeln, 
die sich auf Jugendliche, Gemeingefährliche, ganz und teilweise Unzurechnungsfähige 
beziehen; die grundsätzliche Bedeutung dieser Neuerung ist nicht zu verkennen. 
Schultz e, „Psychiatrie und Strafrechtsreform" (1922), charakterisiert sie mit den 
Worten: „Die sichernden Maßnahmen, wie sie der Entwurf in Aussicht nimmt 
stellen den größten Fortschritt dar, den unser deutsches Strafrecht gemacht hat " 



I... ItiA Haun 



Nicht alle» freil.ch, was neuerlich (»riindsatslichei gegen den Slrafiweck der 
Abschreckung eingewendet wurdr, erweist iich bei näherer Prüfung al» wirklich 
sttchhaltig. Mit dem l-'.inwand nun Heispiel, den .Schmidt gegen das Abschreckungs- 
prmiip al* *olche. in* l'eld fuhrt: daß der Sinai damit „ohne ersichtlichen Anlaß bei 
allen »einen Untertanen die Verbrechen. neignng al* einen Irieb, der bekämpft werden 
inü»»e, vorau»»etit", laßt e. *ich nicht al.iun Dann die Kichtigkeit dieser Voraus- 
•etiung IM psychologisch keine. weg* ni be.treiten. Reik ».cht darin gerade den 
unbewußt bestimmenden Grund, der tur Schaffung der Ahschreckungstheorie im 
Sinne der Genernlpriivention geführt hat. 

Psychologisch DM länglich ist aurh, wa* Binding tur Widerlegung des Ab- 
«chreckungssweckei der Strafe gellend machen milchte: „Die Strafe soll nicht ab- 
schrecken und kann es nicht, denn die mei.ten Verbrechen werden in der Hoffnung 
der Verheimlichung, also der Straflosigkeit begangen." Reik hält dem unbedingt 
xutreffrn.l entgegen: „Da* Argument ist »i. hei für da. bewußte Seelenleben berechtigt; 
aber wir werden »e.i.r S« hlagkraft nicht *r> hoch ciii.chnUcn, wie e» gewöhnlich 
ge*chieht, weil da* Unbewußte nach unteren Annahmen solch« Vorsicht nicht 
kennt"... „Die Schwachen der Ab»« hie. -kimgstheorir . . können kaum durch den 
Hinweis auf das bewußte Streben BSV h Straflosigkeit, da» beim Verbrechen hervor- 
tritt, aufgedeckt werden. Denn wenn unsere Theorie richtig ist, wirkt diesem 
Streben da* unbewußte Strnl beduriui* riiergiich entgegen" 

Der tatsächlich«- Köhler, den die Ahschreckungstheorie macht, liegt in 
folgendem : 

Mit der Abschreckung Verbindet sich begrifflich — «um Unterschied 
von der Sicherung - ein psychologisches Moment, die Absicht einer inner- 
lichen Kinfluünahme. Ks ist nber sehr die Fragr, uh und inwieweit diese 
Absicht praktisch erreicht wird. Man kniiii das Anw hret kungsprinzip vi«T 
mehr als ein zweischneidige» Schwert he/i-ii hnen. Denn es ist doch eine 
genugsam bekannte Tatsache, daß Strafe (el>en»<> wie Verbot) durchaus 
nicht, jedenfalls nicht immer, ,iI>m hrei kend wukl (weder auf den un- 
mittelbar Betroffenen noch allgemein), «lall vielmehr gar nicht so selten 
— bis zu einem gewissen Grade darf ni< In nur, sondern muß geradezu 
gesagt werden: immer — (auch) der gegenteilige Effekt (Auflehnung und 
Anreiz) dadurch ausgelost wird. 

üi« tiefenp»ychologi.«lie l.rklrirnng dafür gibt IVeik im Zusammenhang« mit 
seiner eigenen Straftheorie : „Die Straf«, die nach der geltenden Anschauung als wirk- 
samste» Abi« l.rr.k. mg. mittel de* Verbrechen, ai.ge.eben wird, » ll .1 unter bestimmten 
Bedingungen, d.e ,n un.erer Kultur äußern, d.-nll.« b h«nf.g lind, lUffl unbewußten 
und gefährlichsten Bei» dato. Die verbotene Tat entla.let ja .... ul.er.tnrke« Schuld- 
gefühl. Wir sehen 10. daß die Ab.chre« •kung.theone im Kern unaufrichtig ist: die 
Aussicht auf .Strafe .< hreckt den Verbr.cl.rr n.cht ab, Hindern t..-.ht ihn unbewußt 
gerade mr verbotenen Tat." 



itrnle für Psychopathen? 270 



Was speziell die General prävention anbelangt, so handelt es sich bei ihr 
im Grunde überhaupt nicht um eine „Straf"-Theorie. Denn die Strafe 
verliert bei ihr ihren eigentlichen Charakter und wird zu einer Präventiv- 
maßnahme. Alles, was zur Kritik der „Sicherungsstrafe" gesagt wurde, 
gilt daher ohne weiteres auch für die Generalprävention — auch in posi- 
tiver Hinsicht. 

Besonders hervorhebenswert erscheint mir die Bemerkung Reiks, daß gerade auch 
die Abschreckungstheorie „in die Richtung einer Entwicklung" strebt, „die zur Ab- 
schaffung der Strafe überhaupt führt und an ihre Stelle vorbeugende oder prophy- 
laktische Maßregeln setzen will." 

Namentlich der Vorwurf der einseitigen Einstellung auf das Allgemein 
wohl trifft die Generalprävention mit dem gleichen Recht wie die Schutzstrafe. 
Denn sie legt es ja im allgemeinen Interesse ausgesprochen darauf an, eine 
Wirkung, die die Strafe allenfalls im Gefolge haben kann, zu ihrem 
direkten und gewollten Zweck zu erheben und der Strafe so eine Funktion 
zuzuteilen, die über deren naturgemäße Bestimmung hinausgeht. 1 

Gegen den Abschreckungsgedanken in jeder Form können schließlich noch ethi- 
sche Bedenken erhoben werden, die teilweise auf schon Gesagtes zurückführen und 
es nochmals von anderer Seite beleuchten. 

Es liegt zum Beispiel in der Tendenz des Abschreckungsprinzips, daß es zu 
Strafhäufungen und -schärfungen führt, die mit der naturgemäßen Bestimmung der 
Strafe nichts zu tun haben und sie mit Notwendigkeit inkommensurabel machen. 
Das ist nicht nur psychologisch verfehlt, sondern auch ethisch zu verurteilen. 

4) Es erübrigt der vierte von der Strafrechtstheorie propagierte Straf- 
zweck: der der „Besserung". Auch ihn findet man schon in der helle- 
nischen Philosophie (bei Protagoras, Epiktet und Plato) und, auf sie zurück- 
greifend, in den Schriften der Humanisten. Es hat ihm auch in der Folge- 
zeit an Bekennern nicht gefehlt (Krause). Von der kanonischen Strafe 
(insbesondere der kirchlichen Zensur) abgesehen, die nach herrschender 
Meinung als Besserungsstrafe anzusprechen ist, kann aber von diesem Straf- 
zweck mit noch größerem Becht als von dem der Sicherung gesagt werden, 
daß er die längste Zeit eigentlich nur auf dem Papiere stand. Nachdem 
Kant gegen ihn Stellung genommen hatte, ist man im neunzehnten Jahr- 
hundert angelegentlicher wieder auf ihn zurückgekommen (Röder); ins- 
besondere hat ihn auch die moderne soziologische Schule in den Dienst 

1) Die naturgemäße Bestimmung der Strafe erschöpft sich an dem, dem sie 
zuteil wird. 



iHo l'li.ilri.li llailli 



des »on ihr Vertretenen Sicherungsgedankens gestellt. Doch vermochte er 
•ich M um — ändert als in Nordamerika - nicht entschieden durchzu- 
setzen, brachte es, «Hfl Nagler »< ln< il.i, „in der Doktrin kaum zu einem 
Achtungserfolg" und blieb theoretisch tri« praktisch aehx umstritten. Als 
Nebenwirkung, eventuell auch alt Nebenabsicht dfll Strafe, insbesondere 
des Strafvollzugt, findet die Besserung auch bei der im heutigen Strafrecht 
herrschenden Bichtung vielseitige Anerkennung, wird dagegen als prinzi- 
pieller und sperilisi her Mraf/wet k zumeist abgelehnt und alt untauglich 
hierfür erklart. Höchstem für dat Jugendlichen Str.ilrecht wird eine 
Ausnahme gemacht. Im übrigen erfolgt die Ablehnung der Besserung als 
grundsätzlichen Str.il/\M( k« in der llau|>t».i< he um der auch sonst relativen 
/wecken entgegengehaltenen Begründung, daß sie die Auflösung des Straf- 
rechts zur Folge habe, und unter Hinweis auf ihre Verführung zu über- 
triebener, mit dem Begriff der Strafe imveieinh.irer Milde. 

Der Verfasser dieser Arbeit vermag die gegen die Besserungsstrafe vor- 
gebrachten Bedenken und Einwände nicht zu hilligen, sondern hält tie im 
wesenih. ben für unbegründet, weil ei ihren Ausgangspunkt — die vor- 
herrschende Auffassung von Begriff und Aufgabe der Bei htss träfe — nicht teilt. 

Eine Unverträglichkeit zwischen »esserungizweck und Bechtsstrafe kann 
nur finden, wer von der Strafe erwartet und verlangt, dal) sie dem. Emp- 
fänger unbedingt irgendeinen Abbruch tun müsse, weil nur dann du 
durch die Strafe zu erfüllende I alionsbedu. Im. des Strafenden befriedigt 
wird. Wer Wesen und Funktion der Strafe „.cht in der Genugtuung für 
den Vcrgeltungsanspruch der sie verhängenden Sozietät erblickt, wie die 
herrschende Lehre et tut, sondern sie ganz unabhängig hievon darauf ab- 
leitet, wai tie für den zu Bettrafenden ist und bedeutet, für den existiert 
die betagte Unverträglichkeit nicht Die lietterungutrafe bleibt ihm, wie 
jeder tiefergehende seelische l\egene,,,i,„n*prozeß, ein „Leid" für den, der 
tie durchzuhalten hat. verliert also durch ihre Zweckbestimmung nichts 
von ihrem eigentlichen Begriffsinhalt, („Strafe ist ihrem Wesen nach Leiden", 
sagt Sauer mit Be« ht. Notabene Leiden, nicht „Obel"; die „Obels"- 
Natur ist der Strafe von Haut am nicht eigen, sondern wird ihr erst durch 
den Vergeltungsnvei k undiktiert.) Ainh die Belun htuug einer unverhältnis- 
mäßig großen „Milde" der Beiserungsstrafe erweist sich von dem hier 
präzisierten Standpunkte aus. der all StiafmaHslab das zugrunde legt, wa» 
dem zu Büßenden nottut, all haltlot. Difl richtig verstandene Besterungi- 
strafe braucht des notwendigen Ernstes und der Strenge, wo sie am Platze 
ist. durchaus nirln H enibeliren. 



Otraie lür Psychopathen? „g 



Wenn Bar sagt, daß „Besserung in vielen Fällen noch eher durch andere Mittel 
als durch Strafe zu erreichen" wäre, und wenn Lilienthal u. a. dieser Ansicht ins- 
besondere in bezug auf Jugendliche das Wort redet, so kann dem natürlich durchaus 
beigetreten werden. Das bedeutet aber nur, daß die Besserungstendenz auf die An- 
wendung der Strafe allein nicht beschränkt ist, sondern auch andere Mittel verfügbar 
hat und bei entsprechender Sachlage zweckmäßig wählen kann, und berechtigt noch 
lange nicht zu dem Schluß, daß die Besserungstendenz die Aufhebung der Strafe mit 
sich bringe. Mit dem Wesen unserer „Bechtsstrafe", soweit es Vergeltung ist und 
sein will, reimt sie sich freilich nicht zusammen. Sie setzt eine andere, ihr kon- 
gruentere Strafe an deren Stelle. 

Für den Verfasser gewinnt die Strafe ihren Sinn und Zweck allein aus 
der Wirkung, die sie auf ihren Destinatar üben kann, und als die best- 
mögliche und darum grundsätzlich anzustrebende Wirkung erscheint ihm 
eben die bessernde, die erziehliche. Die Strafe soll dem Besten des 
Sträflings dienen: diese Zweckbestimmung gibt ihr nach meiner Mei- 
nung erst die zureichende Sanktion als Einrichtung der menschlichen Ge- 
sellschaft überhaupt wie im einzelnen praktischen Falle. 

Zur Deduktion und Rechtfertigung der hier vertretenen grundsätzlichen 
Anschauung vom Zweck der Strafe sei erinnert an das zu Eingang dieser 
Abhandlung schon einmal beiläufig Gesagte, daß die Kriminalstrafe nur 
eine nicht wesensverschiedene Abart und Erscheinungsform der Strafe im 
allgemeinen ist, und daß für sie daher prinzipiell auch nichts anderes gelten 
kann noch soll, als was für diese naturgemäß zu gelten hat. Das Prototyp 
jeder Strafe ist aber gewiß die Maßregelung, die der Vater seinem Kinde 
angedeihen läßt, wenn es gefehlt hat. Wie es sich nun für diese Maßrege- 
lung von selbst versteht, daß ihre alleinige Richtschnur und Zielsetzung 
das rechtverstandene Wohl des Kindes ist, wie darin ihr natürliches und 
sittliches Recht gründet und die einzige Gewähr ihres wirklichen Erfolges 
beschlossen ist, so sollte auch die Strafe, die der „Vater Staat" — das 
Epitheton hier durchaus im emphatischen Sinne des Wortes genommen — , 
wenn es nottut, über seine Bürger verhängt, keinen anderen Zweck im 
Auge haben als diesen, wenn anders sie ihre soziale Mission wirklich er- 
füllen will. (Im Grunde genommen ist ja doch auch die ganze Strafgerichts- 
barkeit nichts anderes, als — sit venia verbo! — eine „Kinderstube" im 
Großen. Ich sehe in diesem Vergleich nichts, was sie in irgendeiner Be- 
ziehung herabwürdigen könnte, glaube vielmehr, daß sie gar nicht menschen- 
würdiger verstanden werden kann.) Die so orientierte Strafe ist nach meiner 
Überzeugung auch die einzige, die auf ein Erfolg verbürgendes psychisches 
Entgegenkommen auf Seite der zu Strafenden zu rechnen hat, und zwar 




,«, Fur.li<.ii Mann 



besteht dieses I-.nt gegen kommen in der Kxiiirnz drr um allen eingeborenen, 
nach Kntfaltung und Auswirkung verlangenden sozialen Triebkräfte, an 
welche die Kr/iehungsitrafe auch beim Verbrecher mit Hecht appellieren 
kann; denn auch er besitzt dieie Kralle von Natur, sie sind bei ihm nur 
wegen ungenügender oder direkt verkehrler Kr/ichung oder infolge konträrer 
Schickiale nicht amreichend rntwic kell und irregeleitet. 

Durch Verfolgung und Wahrung der Besserungstcndenz erscheint auch 
jeder andere, von der Theorie aufgestellte, primär und für sich allein vom 
Verfasser abgelehnte Strafzweck mittelbar noch am ehesten und besten 
erreichbar. Wenigstens halte ich durchaus dafür, daß die Besserung das 
umLinrnilsir Ziel persönlicher Kin Wirkung ist, das mit der Strafe angestrebt 
werden kann, und daß mwalil recht \ .ulandcne seelische Gerechtigkeit wie 
Sicherung und Abschreckung durchaus darin Ihm blossen liegen und dadurch 
so viel als nur möglich mit garantiert sind. Besonders sei darauf hingewiesen, 
daß mit dem hier allein gebilligten pädagogischen Strafzweck auch der 
Gesichtspunkt der Wahrung der Siaats.iutontat durch die Strafe, der dem 
vorwiegend juii-iimIi eingestellten Kriminalisten besonder* am 1 ler/.en liegen 
mag und jedenfalls im Vordergrunde seines Interesses sieht, keineswegs 
vernachlässigt wird, sondern meine» l-'.i achtens im (legenteil wiederum 
praktisch am meisten gefördert und gesichert werden kann, weil ihm nicht 
nur durch äußerlich auferlegte Repressalien, sondern von innen heraus, 
durch korrigierende Kinflußniilmie ,mf ■!,, |\.|»on des Punienden, die Bahn 
zur Anerkennung bereitet werden soll.' Audi im Gegenseitigkeitsverhältnis 
von Staat und Untertan hat das Wort des Apostels Geltung, daß nicht die 
Furcht, auch nicht der bloße Gehorsam, sondern die Liebe (d. h. das frei- 
willige, triebgeborene, aus dei mlitlgen seelischen Eimtellung fließende 
soziale Verhalten) des Gesetzes Erfüllung ist (und schafft) 

/.Hin AbealsluBl I.ipps btteat «ant mit Recht „Dir Straf« wird erst perfekt durch 
den Strafvollzug. Den /weck, den dir Strafe hat, diu Korrektur des bösen Willens, 
muO der Strafvollzug erst verwirklichen." Damit ist dir auch von «ndrren Straf- 
throretikrni rrkannte frrundsntilicho Wichtigkeit de» Strafvollinges für die Reali- 
sierung des angeitrrbtrn Straftwecks und die besondere Bedeutung, die ihm für die 
Erreichung des Resterungstieles xukomml. ausgesprochen. Drr ganie hierher ein- 
schlagige l'ragenkomple* — also die I ntrriuclumg und Erörterung, ob und wie weit 
unser heutiges Strafiystem und sein*) Anwendung Im murinen praktisch geeignet 
sind, die Erreichung eines erzieherischen KMekl. durch die Strafe überhaupt tu «r- 

l) Der llieaeiiiiimmiik halt sieh alao von jeder einseitigen Rücksichtnahme frei 
und dient der Gesellt. <ha!tiordmuwr »'«•'' minder, wie er denen dienen will, die gegen 
sie gefehlt haben. 



Strafe für Päycnopathen? z83 



möglichen und zu fördern 1 oder wo und wie Reformen angezeigt und anzusetzen 
wären* — fällt aber aus dem Rahmen dieser Arbeit heraus, deren planmäßige spezi- 
fische Aufgabe in der Aufzeigung und Beleuchtung der einschlägigen seelischen 
Wurzelprobleme beschlossen sein soll. Der Verfasser möchte sein Thema im Grunde 
anpacken, da, wo der wirkliche Schlüssel zur Lösung der von ihm aufgeworfenen 
Frage liegt. Gelingt ihm das in der Hauptsache, so ist es erschöpfend genug behan- 
delt. Eines näheren Eingehens auf praktisch mit dem Thema zusammenhängende 
Sonder- und Einzelfragen bedarf es alsdann nicht mehr, da diese sich in Konsequenz 
der gewonnenen Grundeinsicht von selbst beantworten werden. Das schließt indessen 
nicht aus, daß ich auf das hier angespielte sehr bedeutsame Kapitel im weiteren 
Verlauf meiner Darstellung gelegentlich, wo sich ein besonderer Anlaß dazu ergibt, 
noch mit einem beiläufigen Wort zurückkomme. 

B) Strafvoraussetzung 

Haben wir mit dem Bisherigen den Zweck festgestellt, dem die Strafe 
nach Ansicht des Verfassers zu dienen hat, und damit gleichzeitig die 
seelischen Voraussetzungen umschrieben, von denen der Strafende (bei 
der Kriminalstrafe de lege der Staat und im praktischen Einzelfalle der 
den Staat vertretende Richter und Vollzugsbeamte) geleitet sein muß, wenn 
er den von uns aufgezeigten Strafzweck sich zu eigen machen und seine 
Erfüllung in den Bereich der Möglichkeit rücken will, so gilt es nun noch 
mit ein paar Worten darüber Klarheit zu schaffen, welche Voraussetzungen 

1) Statt weiterer Ausführungen zu diesem Punkte mögen hier etliche Urteile von 
berufener Seite stehen, die sich speziell mit unserem derzeitigen Strafvollstreckungs- 
wesen befassen. — Aschaffenburg: „Unsere Statistiken lassen darüber keinen 
Zweifel: unser Strafvollzug ist unwirksam." —Allfeld statuiert als Voraussetzung für 
Besserungsbestrebungen angesichts des Charakters unserer Strafanstalten: „Dann muß 
der Staat Erziehungsheime einrichten, die, abgerechnet einen gewissen unentbehrlichen 
Zwang, in keiner Hinsicht an unsere Gefängnisse erinnern dürfen. Ist doch zur Er- 
reichung des Erziehungszwecks die Einsperrung in ein Gefängnis so ungeeignet als 
möglich!" — Kraepelin: „Das Leben in unseren Strafanstalten vermag nichts 
weniger, als schwache Menschen zum rechten Gebrauch der Freiheit zu erziehen . 
Dieses Verfahren, das grundsätzlich nur unterwirft, ohne aufzurichten, kräftigt und 
entwickelt den Willen nicht, sondern vernichtet ihn und wirkt überdies oft ver- 
bitternd " — Selbst Nagler bekennt: „Es liegt im Strafvollzug noch gar vieles im 
argen" und spezialisierter: „In noch weit höherem Maße als die Einschüchterung 
des Täters ist seine Besserung nach dem heutigen Stande unserer Mittel und Er- 
fahrungen ins Ungewisse gestellt. 

a) Vgl. hieher zum Beispiel die sehr lesenswerten Ausführungen Foersters in 
„Schuld und Sühne", Abschnitt IV, ferner das auf der Tagung der „Internationalen 
Kriminalistischen Vereinigung" in Karlsruhe 1927 erstattete Gutachten Dr. Karl 
Landauers über den Geist unseres Strafvollzuges und den Entwurf zum Strafvoll- 
zugsgesetz, veröffentlicht in der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik", II. Jahr- 
gang, Heft 2, S. 33 ff. 




»R^ hliriln.il Hau» 



auf der Seite des 7.11 Best rafenden gegeben sein mÜMen, damit ihm die 
Strafe dai wirklich kein kann, was sie ihm nach meinem Dafürhalten 
sein soll. 

Jede Strafe, also auch die Kriminalstrafe, kann nur dann etwas nützen, 
wenn lir bei dem davon Bei rol'ienen einem objektiven und einem sub- 
jektiven Bedürfnis begegnet, d. h. wenn sein seelischer Gesamtstatus und 
speziell die Handlung, auf welche die Strafe gemünzt ist, ein tatsächliches 
Abweichen von der Linie des ihm von Natur möglichen und vorgezeichneten 
Aufstiegs darstellen, wenn sie gerade Strafe als angezeigte und passende 
Korrektur erfordern, und wenn ihm das auch soweit bewußt ist — ohne 
S«dh«it.iiiM -Innig, die biebei durchaus möglich ist! — , daß er die Strafe als 
verdient empfindet, (Wenn ich sage: „verdient , so meine ich das natürlich 
nicht im Sinne eines von außen angelegten „ Vergeltungs"mal3stabes, den 
ich ja weiter oben abgelehnt höbe, sondern verstehe es rein innerlich: 
durch das eigene Seibit und denen hOhere Anforderungen bedingt.) Anders, 
einfacher ausgedrückt: Strafe ist nur da wirklich am Platze, wo 
Besserungsnotwendigkeit und -fohigkeit und entsprechender, 
ungehemmter Bessern ngswi 1 le vorhanden ist. 

Birkmeyer vertritt in „8chutxstn.fr und Vergeltungsstrafe" den ex- 
trem.,, und insofern ganz ipTTChologii, |,en Standpunkt, der (speziell auch 
von seinem Gegner Liszt gemachte) Unterschied zwi« hen besserungsfähigen 
und unverbesserlichen Verbrechern sei ni.h, haltbar: es gebe keine unver- 
besscrl.chen Verbrecher, wie e. au, h e,„e vnhrecheri.rhe Kigenart nicht 
gebe; der Verbrecher sei. wenn anders er geistig gesund sei — das ist ja 
aber eben die große Kraget - ein Mensch wi« «He anderen Menschen. 
kl "•{"• |i " bemerkt h.e/u .. | , j„ ,,,,„., „.,,„...,, ,,, „ ,, wir ,,,„,. derartige, 
durch die Krfahrung sofort widerlegbare Ansicht beute noch festgehalten 
fftrda kann." Kur das hier ibiuwtndelnde Thema von den Strafvoraus- 
setzungen ist ein tieferes Kingehen auf die eigentliche „Psychologie de« 
Verbrechers" nicht veranlaltt K, „., „,„ grundsätzlich als Oberzeugung des 
Verfassers ausgesprochen, daß es den sogenannten „geborenen" Verbrecher, 
wenn überhaupt, nur ganz ausnahmsweise gibt, daß er als Typus weder 
im Sirine der rem anthropologu, li orientierten, allgemein abgelehnten Lehre 
Lombrosos noch in einem indereil (psychologischen) Sinne existiert. Auch 
Aicbhorn vertritt in «einem ausge/eii bneieu. im weiteren Verlaufe dieser 
Arbeit noch öfter zu erwähnenden Mm he „Verwahrloste Jugend" (1925) 
aus seiner reichen fürsorgeerzieherisi hen Krfahrung heraus dieselbe Ansicht. 
Im übrigen genügt an dieser Siedle dir Keststellung, daß es in jedem ein- 



ibtrale für Psychopathen? 3 gg 



zelnen Falle individueller Prüfung bedarf, ob bei dem Täter die persön- 
lichen Bedingungen für ein Gelingen des Besserungsstrafzwecks erfüllt sind 
oder nicht. 1 

Wo und insoweit es an diesen Bedingungen fehlt, hat Strafe nach 
meiner Überzeugung gar keinen Sinn und Zweck und infolgedessen auch 
keine Berechtigung. Da mögen dann je nach Sachlage polizeiliche, ärztliche 
oder sonstwie geeignete Maßnahmen mit mehr oder weniger Zwangscharakter 
an ihre Stelle treten. 

Der Verfasser ist sich wohl bewußt, daß er mit seinen letzten Sätzen 
ein Kriterium der subjektiven Straffälligkeit aufgerichtet hat, das von dem 
des derzeitig noch geltenden Strafgesetzbuches, der „Zurechnungsfähigkeit", 
wesentlich abweicht. 2 Das erklärt sich aber leicht daher und ist eine inner- 
lich notwendige, in diesem Sinne also logische Folge davon, daß ich die 
Funktion und Bedeutung der Strafe prinzipiell anders auffasse und werte, 

i) Darüber hinaus beschränke ich mich hier zur Beleuchtung der psychologischen 
Seite des Verbrecherproblems im allgemeinen auf einige kurze Hinweise. Lipps 
vertritt als Psychologe durchaus die soziologische Auffassung, wenn er sich folgender- 
maßen ausläßt: 

„Man bezeichnet das Verbrechen als eine soziale Krankheit. Auch ich betrachte 
es in diesem Licht . . . Das Verbrechen ist eine geistige Abnormität, nicht in dem 
üblichen Sinne der Geisteskrankheit, aber in einem Sinne, der das geistige Wesen 
des Individuums in seiner Ganzheit nimmt. Und demgemäß darf und muß die Auf- 
gabe des Staates gegenüber dem Verbrecher in Analogie gestellt werden mit der 
Aufgabe der Gesellschaft gegenüber dem Geisteskranken oder Abnormen." 

Treffende einschlägige Bemerkungen auch bei Reik, „Geständniszwang", sowie in 
dem erwähnten Gutachten Landauers über „Das Strafvollzugsgesetz", aus welchem 
ich folgenden besonders bemerkenswerten Passus hiehersetzen möchte: 

„Diese Menschen" (es ist von den Verbrechern die Rede) „sind allesamt von der 
Gesellschaft als Kranke zu werten, wenn sie auch nicht krank sind. Denn ein 
Mensch ist als gesund zu bezeichnen, wenn der Ablauf seiner inneren Lebensvorgänge 
— seelisch gesprochen: seine Triebe — und die Reaktionen auf die Reize aus der 
Außenwelt — psychologisch: seine Affekte — einander nicht behindern und ihm ge- 
statten, sich entweder der Außenwelt anzupassen oder die Außenwelt sich. Diese 
Definition von Gesundheit aber gilt nur für den Menschen als Einzelwesen. In der 
Tat ist der Mensch jedoch als Gemeinschaftswesen geschaffen und kann nur in Ge- 
meinschaft gedeihen. Für diese seine Eigenschaft als Gemeinschaftswesen müssen 
wir den Begriff der Gesundheit noch einengen: Triebe und Affekte dürfen sich nicht 
nur im Einzelwesen nicht behindern, sondern müssen sich auch in ihren Endäuße- 
rungen so verhalten, daß sie mit den Trieben und Affekten ihrer Umwelt in Ein- 
klang stehen, da sonst die allen lebensnotwendige Gemeinschaft gefährdet wäre. In 
diesem Sinne sind Rechtsbrecher aus ihnen selbst unbeherrschbaren Affekten und 
Trieben als Kranke (zwar nicht als individuell Erkrankte, aber als Gemeinschafts- 
kranke) zu werten." 

2) Dagegen begegnet sich die im Text vertretene Auffassung im Ergebnis mit 
dem, was Liszt unter „Zurechnungsfähigkeit" praktisch verstanden wissen will. 



■ Sli FiinliiA llaun 



als das Cicsetz es von seinem meinerseits abgelehnten Vergeltungsstand- 
punkte au» tut.' 



II) Psychopathen 



Die Nutzanwendung, die weh aui dm biaherigen Darlegungen für Psycho- 
pathen ableitet, welche sich objektiv stialbai gemac In huben, ergibt sich 
ohne viel Schwierigkeit, wenn tmin zunächst einmal allgemein das rechte 
Verständnis dafür besitzt, was ei mit den beaondeien seelischen Verfassungen 
auf sich hat. die man als „l'sy< hoputluen" tu be/.rii linen pflegt, und wenn 
man von da aus sodann auch im konkreten Einzelfalle ein wirklich zu- 
treffendes l'rleil darubrr sich KU bilden vermag, wie die fragliche Straftat 
mit dem serlischen (lesamt/.ustande d.-s Talers ursächlich zusammenhängt 
und als Symptom desselben linWlH liai/ni i»t- 

Die Psychiatrie definiert die l'sy« hop.illieti als „nervöse" Charaktere. Sie 
unterscheide! mehrere I lauplspielarlen, als welche hier nur die Hysterie, 
die Zwangsneurose, die Paranoia und dir sexuellen l'erversionen genannt 
seien. Allen diesen und ihren fluktuierenden Mi seh formen liegt nls gemein- 
same. Wurzel die „Nervosität" zugrunde (vgl. die einschlägigen Kapitel bei 
Krncpelin, „Psychiatrie". Itd |>. |)i< N . ■ i \ . . -. n . . I %.II»1 geht auf Kntwick- 
lungshemmungen zurück und ist eine spe/ifis« he Kr», heinungsform von 
solchen. 

Soweit besteht im großen und ganzen Einigkeit unter den Kachgelehrten. 
Dagegen gehen dir Meinungen darüber, was denn nun die eigentliche Ur- 
sache der die Nervosität bedingenden „Entwicklungshemmungen"»»!, weit 
und tiefgreifend auseinander /,wei von (irund aus enigegengesetzte Stand- 
punkte werden hier vertreten. Die hergebrachte und bis etwa zur Wende 
des zwanzigsten Jahrhunderts allem herrschend gewesene Anschauung ver- 
legt „die letzten Ursachen der Entwicklungshemmungen in erbliche Ent- 
artung und in Keim« :hadigungeu, vielleiihi auch in gelegentliche, mehr 

i) Auch das kommende neue Strafgesetibiich wird aller Voraussiebt nacb au der 
Plattform des alten, d. b. an dar Vergeltungsgrundiaga, virilen l.t nicht ausschließlich, 
aber doch primär und im wesentlichen festhalten 

Es erschiene dem Aut..r dieser Abhandlung begrullenswert, wenn SU den Straf- 
bedürfniisrn. deren Befriedigung dos neue deutsrbe Strafrecbl schaffen will und soll, 
im hreilesten Molle die psychologisch.- 1 undin ung dar Straf« und ihre pädagogische 
Funktion gehörte, in Kmiic.iurni der von nur v U !■ ilri.ru Ahm hauungen muH ich 
hierin dir ausschlaggebende V . .rhc-dinguiig Rtl einen wirklichen Korischritt der Straf- 
rechUptleg« erbli-i.ru. tri« man ihn sich von der im I lull heimcllicbeii Reform der 
üeseWgebung erhöht und erwarlrl 



Otralc für Psycuopatlicn f 287 



umschriebene fötale Erkrankungen (Kraepelin a. a. O., neueste Auflage, 
S. 1978). Dagegen legt die moderne, von Sigmund Freud begründete Neu- 
rosenlehre das Schwergewicht für diese die Entwicklung störend beein- 
flussenden Ursachen nicht auf Momente vor, sondern vielmehr auf solche 
nach der Geburt 1 und findet sie in der Hauptsache in einem ungünstigen, 
die Seele des Heranwachsenden schon frühzeitig affizierenden Ehe- und 
Familienleben der Eltern, in verkehrten Erziehungsmaßnahmen und sonstigen 
widrigen, die Psyche oft schon im Kindesaher stark irritierenden äußeren 
und inneren Lebenserfahrungen und Schicksalen. Nach der älteren Doktrin 
ist also die Neurose — dieser neuere Fachausdruck deckt sich praktisch 
durchaus mit dem Terminus Psychopathie — die Auswirkung einer Natur- 
anlage, die man mit auf die Welt bringt, nach der jüngeren eine Er- 
krankung mit Hemmungscharakter, die den seelischen Organismus erst 
früher oder später im Leben befällt und seine mehr oder weniger umfassende 
Fixierung auf eine unreife, zumeist ausgesprochen infantile Stufe der 
Entwicklung zur Folge hat. 

Wie sehr beide Richtungen bei aller Grundverschiedenheit des Erklärungsstand- 
punktes im effektiven Endergebnis übereinstimmen, das möchte ich mit Absicht, ehe 
ich für eine derselben im folgenden Partei ergreife, im Anschluß an das eben zuletzt 
Gesagte durch einige Belegstellen auschaulich machen, die Kraepelins „Psychiatrie" 
am vorbezeichneten Ort entnommen sind. — Von der Hysterie sagt Kraepelin unter 
anderem (S. 1649/50): Die Ähnlichkeit mancher hysterischen Krankheitsäußerungen 
mit entsprechenden Erscheinungen bei Kindern ist wohl eine mehr als äußerliche." 

Ebenda spricht er von „Eigenschaften der Hysterischen, die ihr Gegenstück und 
vielleicht ihre Wurzel in Eigentümlichkeiten der Kinderseele besitzen", — S. 1654 
nennt er die Hysterie „eine Erkrankungsform des unentwickelten Seelenlebens". 

In dem Kapitel über Zwangsneurose findet sich folgende, für das Vorgesagte be- 
sonders bezeichnende Stelle (S. 1891/92): „Wenn man will, kann man bei der 
Zwangsneurose an das Fortbestehen einer Entwicklungsstufe denken, auf der das 
Kraftbewußtsein mit dem reifenden Verständnis für den Ernst des Lebens nicht Schritt 
gehalten hat. Wir hätten es demnach auch hier mit einer umschriebenen Entwick- 
lungshemmung, mit einem Infantilismus des Charakters zu tun. Mag auch diese Auf- 
fassung nur in den gröbsten Umrissen zutreffend erscheinen, so habe ich doch in einer 
Reihe von Fällen der Zwangsneurose den bestimmten Eindruck kindlich unentwickelter 
Persönlichkeiten gehabt." 

Das Kapitel von den „ Psychopath ischen Persönlichkeiten" schließlich leitet Kraepelin 
mit folgenden bedeutsamen Sätzen ein (S. 1976): „Für das ganze Gebiet der psycho- 
pathischen Persönlichkeiten scheint mir die Annahme umschriebener Entwicklungs- 

1) Nicht als ob Freud den konstitutionellen Faktor ganz übersähe (er kommt zum 
Beispiel in den „Drei Abhandlungen" wiederholt darauf zu sprechen); er vernach- 
lässigt ihn aber, da er praktisch nicht zu beeinflussen ist. 



,SS ■ .... 1 ... 1. II.,.., 



hemmtiugen rmc brauchbare Hie ht». lumr weitrrer l'oric hungeu abtugeben. Schon 
|,n .Irr Darstellung der Hysterie und der l'aranoia konnte ich darauf hinweisen, daO 
unt ihre F.rsrheiiiuiigeu veratandlic her werden, wenn wir sie mit den Eigentümlich- 
keiten des km. Iln heu, unentwickelten Seelenleben! in Beiieliung bringen (dort wäre 
ein Infantiliamui der gemutli. hen Kntlacliingiforinen, hier ein aolrher der höheren 
Ver«tandeilei*tungen tu vermuten), (iant ähnln I,,- hrwngungen haben wir bei der 
Schilderung der Nervosität, der Zwangsneurose und der gesehlec htlirhcn Verirrungen 
angestellt. Hatten wir et hei den enteren mit uiuulnuglu-her Willensrntwicklung iu 
tun. so waren in den letiteren I allen gewisse Triebe entgleist, weil tie nicht durch 
die Auihildung höherer VVillensruhtungen belierrtihl und in die richtigen Bahnen 
geleitet wurden. Man könnte somit etwa von einem Infaiililitmut de» Willens und 
de» Triebleben» »prechen." 

A) Dir lli-nli.u humum, dir den hier wiedergegebenen Sätzen Kraepelins 
zugrunde liegen, werden vtm jedem Erfahrenen »I» unbedingt richtig erkannt 
und bestätigt werden. Die weiter eben (S. u8<> f.) zitierte AUgeinc inbegründung, 
die von kr.ir|><lm in I berein»i iiiiiniiii^ mit «In herkömmlichen Theorie 
hir diese von der Norm ibweit henden seelischen Zustände gegeben wird, 
hält der Autor dieser Abhandlung dagegen Itir verfehlt und unhaltbar. 
Er erachtet ehrten Erklärungsversuch Im eine rein spekulativ-heuristische, 
aber durch Tat».u lu-n nicht bewiesene Hypothese (vgl. übrigens den Ein- 
gang de» Krarpelinzilatei S. »86 f., wo die „ \ im. .hm." um«, hrirbener Ent- 
wicklungtbrmmungen al« „Hiebt», Imur weiterer Forschungen" bezeichnet 
wird). 

Dem Verfasser sind m »einer beruflichen Tätigkeit (als Rechtsanwalt) 
Im I.aufe der Jahre vielfache Kntllcht ( ruUi Alten IU Gericht und Gehör 
gekommen, in denen die piyvhopathisc he Verfassung der darin Beurteilten 
immer wieder auf die stereotype l'ormel der „degenerntiven Veranlagung" 
zurückgeführt wurde. In keinem dieser Gutachten habe i. Ii einen schlüssigen 
Beweis für die Hichtigkeit dievi l'ormel im linden veriuocht. So und so 
oft wurde ein inlcher Bewell g.ir in. In erat verim ht. Aber auch wo | 
das im Einzelfalle getc li.ih, m.i. bteu die einschlägigen Schlußfolgerungen 
stets mehr i uler weniger den Eindruck einet jietitio prineipii: die Sil erweisende 
Primi sse wind.- der Doktrin gern üb ul» richtig unterstellt, und aus 

dem gegebenen I ..ilw>t.md wurde rinn .ml sie all ursächliche Quelle zurück- 
geschickten. Sow.it direkte Argumente tu ihr.t Mutze angeführt werden 
wollten, war es lur den von der Theorie nicht befangenen I.eser oder 
Hörer nicht selten geradezu erituunlich, wir unzulänglich sie ausfielen. 
NanMBtHcfa uui.l.- die an mli .1". h nur zu berechtigte Erwartung, daß 
unter diesen Argumenten in erster Linie der Hinweis auf vorhandene 



Staue für Psydiopathcn? 2 gq 



wirkliche und echte „Degenerationszeichen — seien es körperliche Merk- 
male oder seelische Stigmata — eine Rolle spielen würde, stets aufs neue 
und gerade in komplizierter gelagerten Fällen so gut wie restlos enttäuscht. 
Ich habe darum auch vorstehend mit Absicht den Ausdruck „Formel" der 
degenerativen Veranlagung gewählt : meine Erfahrungen zeitigten mir immer 
wieder durchaus den Eindruck, daß praktisch mit diesen Worten gar nichts 
Bestimmtes und Greifbares gemeint ist und ges?gt werden soll, daß keine 
auf induktivem Wege erschlossene und darum sicher zu umschreibende 
Wirklichkeit sich dahinter verbirgt, daß sie insbesondere nicht die positive 
Bedeutung beanspruchen wollen noch können, die ihrem Buchstabensinn 
entspräche, kurz: daß es sich dabei tatsächlich nur um Worte an Stelle 
fehlender Begriffe handelt. 

„Degenerative Veranlagung" 4 : soll man das wirklich wörtlich verstehen, 
so kann es doch nichts anderes heißen als: „angeborene Minderwertigkeit". 
Nun gibt es ja — wovon der Verfasser sich wiederholt überzeugen konnte — 
in der Tat konsequente Vertreter der hier erörterten Lehrmeinung, denen 
jeder Psychopath als solcher mit Notwendigkeit, d. h. von vornherein und 
ganz unbesehen, als ein von Haus aus minderwertiger Mensch gilt. Objektive 
Beobachtung und Prüfung läßt aber dieses Bausch- und Bogenurteil in seiner 
unterschiedslosen Allgemeinheit als recht unbegründet und ungerecht er- 
scheinen. 

Aus dem Munde Max Dessoirs in Berlin habe ich einmal das zweifel- 
los richtigere und zutreffendere Urteil vernommen: „Es gibt nicht nur 
minderwertige, es gibt auch mehrwertige Psychopathen." Wer diesen eigen- 
artigen Persönlichkeitstypen frei und vorurteilslos, nicht beeinflußt durch 
eine Klassifizierung rein theoretischen Charakters, gegenübersteht, wird dem 
Ausspruch Dessoirs ohne Frage beipflichten müssen. 

Die Tatsache, daß neurotische Seelenverfassung einerseits und hohe, sogar 
ausgesprochen geniale psychische und geistige Eigenschaften anderseits sich 
durchaus nicht ausschließen, sondern im Gegenteil gar nicht so selten mit- 
einander verschwistert sind, ist übrigens zu augenfällig, als daß die An- 
hänger der Degenerationstheorie sie hätten übersehen können. Sie haben 
sich vom Standpunkte ihrer Doktrin aus dergestalt mit dieser Tatsache 
abzufinden versucht, daß sie den Notbegriff der sogenannten „degeneres 
superieurs" schufen. Dieser Begriff ist aber schon vom rein logischen Ge- 
sichtspunkt aus unhaltbar; denn er ist ein Widerspruch in sich selbst. Und 
damit, sollte man meinen, widerlegt sich eigentlich — ganz abgesehen 
von allen widerstreitenden objektiven Erfahrungen — die ganze Theorie 

ImagoXVII. ig 



, 1>4 , I witiit Haun 



von vornherein st hon per Mi daü man, um die Wirklichkeit unter ihren 
Um bringen zu können, sich in dir Notwendigkeit versetzt »ah. zu einer 
aufgelegten contradictio in »djeeto KU grrifen. iit doch ein durchaus zu- 
reichender und schlüssiger Beweis dafür, dall dir allgemeine Prämisse falsch 
ist, von der man ausgrlii. 

B) Der modernrn, von Freud geschaflrnen Neurosrnpsychologie mit 
ihrer von Haus aus anderen |irin/.i|>irllrn Erklärung des ganzen Neurosen- 
problems bereitet die Tatsache, daO es höherwertig« Psychopathen gibt, 
keinerlei Si hwirngkeit , Me erscheint iln uulit rinin.il auffallend, harmoniert 
vielmehr ganz zwanglos mit der von Freud und einigen seiner Schüler 
(besonders Otto II an k in seinen früheren Schriften) aufgezeigten Verwandt- 
schaft zwischen den Quellen und dem irdischen Mechanismus der Neurose 
einerseits und der künstlerischen und dichterischen Produktion anderseits. 
Dem Neurotiker wie dem schöpferisch lleg.ihteu gemeinsam ist eine be- 
sondere Effektivität des Gefühls und l'h.mta.irlrbens, die gerade auch bei 
höherwertigen Menschen häufig in ausgeprägtem Matte vorhanden ist. Es 
ist aber ganz natürlich und durchaus einleuchtend, datt gerade Menschen 
mit starker < ieluliU m läge und daraus resultierender groüer Eindrucksfähig- 
keit neurotischen, d. h. psychogenen Erkrankungen, dir auf lüsionen des 
Gefühlslebens als auslösende Ursache zurückgehen, brsonders leicht aus- 
gesetzt sind, zumal rs sich bei den schädigenden Eindrücken, die zu einer 
Neurose führen, zumeist um Erlebnisse handelt, dir bis in die Kindheit 
zurückgehen, also die Seele auf einer Entwicklungsstufe betreffen, auf 
welcher sie noch durchaus ungefestigt und zur Kntgrgrnsetzung eines ent- 
sprechenden Widerstandes aus eigener Kraft noch ni< hl fähig ist. Mit 
„Degeneration" hat das absolut nichts zu tun (denn sonst wäre ja logischer- 
weise der gewiü absurde Schlutt zu ziehen, dnü der geborene seelische 
Dickhäuter den vollwrrtigrn Mensel,, -n , , -j, , .,• . ,,l in i 

Die \hlehuung «Iit „Degeneration»" Hypothese iliiuli Freud (.und seine 
näheren und entfernteren Lelirnst rager) und ihre Ersetzung durch eine 
andere wistrnsc haftliche Begründung drs \i nproblrms ist die Frucht 

erfolgreicher therapeutischer Bemühungen an seelisch Kranken. Während 
jene Hypothese eine Annahme n priori war, als welche sie weiter oben 
schon einmal charakterisiert wurde, hat Freud seine Nrurosenerklärung 
a posteriori aus schlüssigen Beiullatrn praktischer Arbeit abstrahiert, ist 
also durch induktives Verfahren zu ihr vorgeschritten 

Der Hinweis speziell liier. ml sollte im /.usauim« nhang mit allem zuvor 
Ausgeführten eigentlich all ausreichende Begründung dafür erscheinen 



Strafe für Psydiopatlien ? 



können, daß wir für alle im nächsten Abschnitt folgenden Deduktionen 
die moderne psychoanalytische Erklärung des Ursprungs und Wesens der 
Psychopathie zugrunde zu legen gedenken. Da diese neue Lehre und 
Methode aber noch immer ziemlich umstritten ist, sei ausdrücklich noch 
hinzugefügt, was für unsere Stellungnahme letzten Endes den Ausschlag 

gibt: daß die praktisch-therapeutische Bewährung der neuen Doktrin 

aus der diese ja, wie gesagt, erst nach und nach erwuchs und durch die sie 
von Fall zu Fall immer wieder neu erhärtet und gesichert wird — zu- 
verlässig und zweifelsfrei verbürgt ist. 



III) Psychopathen und Strafe 

Soll man nun Psychopathen strafen oder nicht? 
Die Frage ist nicht unbedingt eindeutig zu beantworten. 
Nach dem Ergebnis, zu welchem die vorstehende Untersuchung im 
zweiten Abschnitt geführt hat, besteht die Psychopathie in einem Zurück- 
gebliebensein in der seelischen Entwicklung, das der Korrektur an sich 
durchaus zugänglich sein muß, da es entscheidend nicht auf einen ir- 
reparablen Defekt der Anlage, sondern auf eine erworbene Störung des 
seelischen Apparates ursächlich zurückgeht. Die Korrektur hat zur Aufgabe 
die Aufhebung dieser funktionellen Störung und ihrer hemmenden Folgen; 
sie muß also, wenn sie richtig wirken und von Erfolg begleitet sein will, 
den der Entwicklung vorgeschobenen Riegel lösen, deren stehengebliebenen 
Fluß wieder in Gang bringen und nachholen und der Seele im Endeffekt 
die Reifung ermöglichen, deren sie anlagegemäß fähig ist und in welcher 
sie bisher nur aufgehalten war. 

Das eben Gesagte wird nur anders, prägnanter ausgedrückt, wenn ich 
sage: Der Psychopath bedarf zu seiner seelischen Restaurierung und Ge- 
sundung einer entsprechenden Nacherziehung. Diese Nacherziehung muß, 
wie jede andere Erziehung auch, darauf gerichtet sein, die im Zögling vor- 
handenen Möglichkeiten und Triebkräfte zu entfalten. Es obliegt ihr das hier 
aber in einem ganz besonderen Grade; denn die Psychopathie — um welche 

individuell gefärbte Spielart es sich auch im Einzelfalle handeln mag 

geht meist, wie im Abschnitt II schon beiläufig erwähnt worden ist, mehr 
oder weniger ausschlaggebend gerade auch darauf zurück, daß die vor- 
gängige Erziehung und Allgemeinbehandlung insofern fehlerhaft war als 
sie auf die persönliche Eigenart des Alumnen nicht die gebotene Rück- 

'9* 



„ >a KtioJrtJ» Hnuii 



licht nahm, sie entweder vernachlässigte (**■• auch durch übertriebene 
Verzärtelung und Verwöhnung geschehen kann) oder sie direkt unterdrückte, 
statt in Verständnis*. dlnn I mp-li.-n d.iraul sie *u lenken und zu bilden. 
Neurotikersind schief gewickelte Menschen, die da« Schicksal nicht organisch 
wachsen und «1 r.l.-n lieü; sie leiden an innerlicher Auszehrung und tragen 
zumeist no< h obtndrrin eine seelische Zwangsjacke; die Möglichkeit, nach 
dem Rhythmus des eigenen Wesens frei zu atmen und zu leben, ist ihnen 
i„ boten Qadf ve, kümmert. Der NachanUhong, die sie benötigen, ob- 
liegt daher in erster Linie, sie aus der Erstickung und Verdrehung ihres 
inm-rrn Meni. heu zu erlosen, sie seelisch wi e.ler einzurenken und auf die 
Hasis ihres ursprünglichen Selbst zu stellen, ertl v,.n da aus kann dann 
die Neuorientierung und I lühcrmtwi« klung ihrer Persönlichkeit einsetzen 
und ihren 1'ortgung nehmen, zu der die Na« hei/iehung Ihnen letzten Endes 

verhelfen soll. 

Kann der eben besagte flickt, der eine wie der andere, durch Strafe 
erzielt werden» Nach Ahm- lii Im Verfussers in der Hegel wohl kaum. Wenn 
überhaupt, dünn mir in einfacher gelagei i,-n lallen, bei nicht allzu diffizilen 
Charakteren, und auch da wohl zumeist nicht durch Strafe allein. 



Die Strafe ist ihrer Ranzen Natur nach ein moralisches Korrektiv. Sie kann 
also von vornherein nur da nutzbringend und lorderlich sein (vgl. S. 284 f.), 
wo es tatsächlich eine Verfehlung gegen das dem lnkulpaten eingeborene, 
ihn daher bei Vorhandensein /un-i. hl n <!•-> l-in»icht und nicht zu sehr ge- 
hemmten Willens unbedingt verpflichtende sittliche desetz und Vermögen 
zu ahnden gilt. Es wird, wenn M m< h um die Str.ilt.it eines Psychopathen 
handelt, im Kin/el falle stet* genau und »orglaltig zu prüfen l«ln, ob und 
inwieweit diese Voraussetzungen auch wirklich erlullt sind. 

In diesem Zusammenhang erhebt sieh die I rage einerseits nach den Parallelen, 
anderseits nach dem prinzipiellen Unterschied swischon dem Vnbrecher im allge- 
meinen und dem neurotischen kWhlsbn-c hn im besonder«. Ilin-nber wäre zu- 
sammenfassend etwa I olgrnde. tu MfWI Audi dl« I hs.nsialitat ist. wie die Neurose, 
das Ergebnis von IlsMlIllllllHI Disposition} und akiidentellnn I rieben. Auch bei 
jener ist, w>« bei dieser, der Nac Ii.Imk i lad «I«' Bwptfewioht Ulf du letitere «u 
legen, aus den glei. I,. ■„ i.i.im.I.-i< 1) wri1 "" " l,,M ,l,r »■»•••"■■■'•• B Vorbe- 
dingungen für die eventuelle spatere I ntw.cklung tum Ve.l -her nach dem Stande 

unserer brut, K ri. Kin.ubt ebensowenig etwa. Sichere, und HeUngvnUes auszusagen 
vermögen, wie ..her .hejemgei. 1„r die l'.M l.opath.e, ■) weil d,e en t .rbe. dende 
ursächlich. Bedeutung tum mi..d..t.n r.g.lmaOig. wenn n.cbt ausnahmslos auch hier 



•Strafe für Psychopathen ? 2 q3 



dem Erleben zukommt (vgl. S. 284 u.), weil die Möglichkeit einer korrigierenden 
Einflußnahme nur den erworbenen Mißbildungen der Anlage gegenüber besteht 
nicht aber mit Bezug auf diese selbst, die ja ein Gegebenes ist. Schließlich besteht 
auch insofern eine wenigstens formale Analogie zwischen der Psyche des Anti- 
sozialen und der des Psychopathen, als bei beiden eine mehr oder weniger um- 
fassende Fixierung an kindliche Art zu fühlen und zu leben stattgefunden hat, die 
sich in mindestens partieller Unreife des Charakters und der ganzen Persönlichkeit 
ausprägt. 

Der wesentliche Unterschied zwischen dem spezifisch Kriminellen und dem Neu- 
rotiker wird darin zu suchen sein, daß bei diesem der Ton auf der Hemmung der 
Erostriebe, bei jenem auf der Steigerung der Destruktionstriebe liegt. Den Psycho- 
pathen charakterisiert seine Triebintroversion und sein innerer Konflikt mit sich 
selbst, den Kriminellen seine Aggression nach außen. „Es ist offenbar", sagt 
Alexander in „Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit" S. 171, „daß bei den 
Kriminellen die Triebeinschränkungen nicht nur schwächer als bei den Neurotischen, 
sondern sogar schwächer als bei den Normalen sind." Im übrigen bezeichnet es 
Alexander, a. a. O., als „ein noch fast unaufgeklärtes Problem, welche konstitu- 
tionellen Faktoren und welche späteren, in erster Linie erzieherischen Einwirkungen 
die kriminelle Charakterbildung im Gegensatz zu der neurotischen bedingen", und 
nennt Aichhorn als denjenigen, von welchem der erste Klärungsversuch stamme. 
Auf dessen gerade in ihrer Einfachheit klassische Ausführungen in seinem Buche 
„Verwahrloste Jugend" muß in der Tat speziell für die Orientierung über das 
psychologische Sonderproblem der Dissozialität und ihrer Entwicklungsbedin- 
gungen in erster Linie hingewiesen werden, namentlich auf den neunten und zehnten 
Vortrag, wo von der Herrschaft des Lustprinzips (an Stelle des Realitätsprinzips) 
und von der mangelnden Aufrichtung oder direkt abwegigen Bildung des Ideal-Ichs 
in der Seele des Asozialen sowie von den ausschlaggebenden Gründen dieser Er- 
scheinungen in ungemein instruktiver und überzeugender Weise gehandelt wird. 

Sind die zuvor skizzierten Voraussetzungen der Straffähigkeit in der Person 
eines Psychopathen nun tatsächlich gegeben, dann mag eine passend ge- 
wählte Besserungsstrafe — namentlich auch eine in Isolierhaft vollzogene 
Freiheitsstrafe, welche die Möglichkeit einer tiefen und aufrüttelnden Selbst- 
einkehr eröffnet — an sich schon geeignet erscheinen, nicht nur prohibitiv, 
sondern auch positiv läuternd und steigernd auf den seelischen Gesamt- 
habitus des Gemaßregelten zu wirken. Dies freilich nur dann, wenn die 
ganze Art des Strafvollzuges in keiner Weise dazu angetan ist, demütigend 
für das Selbstgefühl des ihr Unterworfenen sein zu müssen — ein Ge- 
sichtspunkt, der bei der im allgemeinen großen Empfindlichkeit der Neu- 
rotiker gerade in diesem Betracht besonders betont zu werden verdient. 

Eine Kombination des eigentlichen Strafvollzuges mit sonstigen geeigneten, 
jeweils auf den Einzelfall zugeschnittenen Maßnahmen zur günstigen Be- 
einflussung der neurotischen Psyche wird sich wohl meistens empfehlen, 



•■»4 



Krirtlridi II mihi 



wenn nicht all notwendig trwci.cn. Denn die größere Wahrscheinlichkeit 
wird immer dafür sprechen. daU ihr scheue, unreife und in «ich selbst 
uniichere Nervöse, ganz sich allein überlassen und ohne weitere Vorbe- 
reitung und Anleitung, der ihm zugemuteten Büß« durchaus nicht »ofort 
in der richtigen, aufgeschlossenen Einstellung entgegenkommt, daß er zu- 
nächst vielmehr bereit sein wird, d.nlm.h noch geiei/ter, verängstigter 
oder verbitterter, noch trotziger und verstockter oder noch ratloser und 
zerrissener zu werden, als er es an sich schon ist, und daß er von vorn- 
herein — je nach dem Grade d«'t liittause hungen. die er im Leben schon 
tu erfahren hatte — eher dazu neigen wird, die über ihn verhängte Strafe 
als einen Akt der Feindseligkeit, des M.IU. iU.Iii-iis und Obelwollens zu 
empfinden, ihr |edenfalls mit vur.nigenoini.H -nein oder doch zweifelndem 
und schwankendem Gemüt zu begegnen und aich dadurch ganz um ihre 
mögliche Frucht zu bringen, als sie auf sich zu nehmen und als den 
wohlmeinenden Appell an das bessere Teil ».ine» inwendigen Menschen zu 
erkennen und auszuwerten, der sie sein mochte und soll. Wenn dieser 
keineswegs leicht zu nehmenden Gefahr - mit der, wie gesagt, stets zu 
rechnen ist — nicht rechtzeitig und wiikiam vorgebeugt wird, dürfte eine 
Erreichung des mit der Erziehungsstrafe angestrebten Ziels ganz außer 
dem Bereiche der Möglichkeit liegen 

Gesetzt aber auch, daß alle diese Vorbedingungen lur ein Gelingen des 
strafpädagogischen l-'.xjx-i iim-nts sich im I • iii/ell.tllc auf das glücklichste 
ergeben haben, und daß der also Gezüchtigte nicht etwa geduckt und er- 
niedrigt, sondern gefestigt und erhoben, sich selbst mehr als zuvor wieder- 
gegeben aus dem Fegefeuer des durchgemachten seelischen Wachstums- 
prozesses hervorgeht, so bleibt iiiinin n<>< h |cdcsmal eine Frage offen, die 
in diesem Zusammenhang wenigstens aufgeworfen werden muß: ob die 
gewonnene Kräftigung sich auch stark und nachhaltig genug erweisen wird, 
wenn an den dem Leben Wiedergegebenen nun die (mit der 1 atsache, 
daß er kriminell bestraft wurde, unvermeidlich gewordenen) mancherlei 
Beweise des Mißtrauens, der Skepsis und wohl auch nicht zuletzt Äuße- 
rungen von feinerer oder gröberer Minder«« htung herantreten werden, die 
ihm, wie die Menschen nun einmal sind, mit Notwendigkeit begegnen 
müssen und ganz unmöglich e. spart bleiben k...men. und durch welche, 
abgesehen von der gefühlsmäßigen Seite, sein fernerer I .ebensweg auch 
praktisch bedroht und erschwe.i weiden «ml 



Strafe für Payctopathcn ? 3 g5 



Mag immerhin nach alledem in durchsichtigeren Fällen und bei noch 
einigermaßen primitiveren Naturen die Eventualität eines nacherzieherischen 
Erfolges durch Bestrafung wenigstens a priori nicht völlig von der Hand 
zu weisen sein: je komplizierter im einzelnen Falle die Sachlage ist, um 
so mehr ist nach der Überzeugung und den Erfahrungen des Verfassers 
die Verhängung von Strafe über Psychopathen unbedingt fehl am Ort. Je 
größer die anscheinende Diskrepanz zwischen der Tat als solcher und der 
Allgemeinpersönlichkeit des Täters — deren zutreffende Einschätzung aller- 
dings mitunter ein besonders hohes Maß von Einfühlungsfähigkeit und 
Witterungsvermöge'h für menschliche Qualität erfordert — , besonders je 
zarter und gewissenhafter besaitet, höher begabt, reicher und tiefer ver- 
anlagt im Grunde der letztere in all seiner tatsächlichen seelischen Pro- 
blematik und unter Umständen sehr starken inneren Zwiespältigkeit sich 
darstellt, je weniger also bei näherem Zusehen und eindringlicherem Ver- 
stehen das zu richtende Vergehen auf das Konto einer moralischen Unzu- 
länglichkeit und Verirrung zu setzen ist, desto abwegiger, ja desto schäd- 
licher die Strafe. 

Dem Blick, der hier durch den äußeren, an der Oberfläche sich bietenden 
Anschein hindurch die versteckte, tiefere Wirklichkeit aufzuspüren vermag, 
entschleiert sich das crimen des neurotischen Rechtsbrechers im vorstehend 
qualifizierten Sinne als eine von dessen bewußtem Willen unabhängige 
Symptomhandlung, als das zwanghafte, eruptive Zerrprodukt zwar ver- 
krüppelter, aber doch nicht getöteter Triebe, die sich damit einen gewalt- 
samen Notausgang aus ihrer seelischen Gefangenschaft geschaffen haben 
und auf diese Weise, in freilich mißglückter Form, für ihr Anrecht auf 
Leben demonstrieren. 

Von hier aus leuchtet wohl ohne weiteres ein, warum es doppelt falsch 
und zwiefach von Unheil ist, wenn man solch unfreiwilligen, aus innerer 
Not und Entbehrung explosiv herausgeborenen Entgleisungen seelisch un- 
fertiger, noch reifebedürftiger Menschen mit psychologischem Militarismus, 
mit peinlichem Verdikt und dessen Vollzug begegnet. Damit wiederholt 
man in krasser, einschneidender Weise den Kardinalfehler, der diese Menschen 
zu dem machte, was sie geworden sind: die systematische Verpönung und 
Niederhaltung von Energien, die einen wesentlichen Teil, vielleicht den 
hauptsächlichsten und innersten Kern ihrer persönlichen Eigenart bilden. 
Statt die Kräfte zu erkennen, die da aus Unterdrückung und dunklen Tiefen 
nach Licht und Freiheit ringen, und ihnen zum Leben zu verhelfen, zu 
dem sie geschaffen sind, knebelt man sie aufs neue und stößt sie mit un- 



!,/, Fr.t-.li.di lldtin 



gleich stärkerer \ erurteilung uli |p zuvor in die Nach! ihm Kerkert zurück. 
Damit wird aber auch. Ml ganz besonder» zu brachten iit, geradezu 
zwangsläufig Mtfa nun V\ iederhulung seelisi Ihm Entladungen von gleicher 
Art, wie die zuerit geahndeten es wann, liinkiiouell der Weg geebnet; 
denn die psychische Situation, um der »ie zuerit hervorgingen, wird durch 
die Strafe nur noch »erdichtet und verschärft. Die Strafe (auch die von 
erzieherischer Absicht diktierte) führt also hei der eigentümlichen inneren 
Verfassung dea piyc hopathisc lieti Delinquenten wider besseren Willen mit 
Notwendigkeit zu einein cinulus vitiosus: iie begünitigt die Begehung 
künftiger Delikte, statt iie zu verhüten; denn iie in die dem verbildeten 
inneren Habitus des Taler» nda<|ii«te ll< aktion der gewohnten Verurteilung, 
aus der heraus er entstand und der er »einen ganzen Mechanismus verdankt. 
Ist dem aber so, dann ist e« natürlich 80 i|>»<> ausgeschlossen, dali durch 
die Strafe an dein gegebenen /.wangsstatttl des Neuioiikers je irgend etwas 
in positiver Richtung geändert und gebessert werden kann. Wie denn 
auch? Wo ein moralischer Defekt überhaupt nicht vorliegt, da ist von 
einer rem moralischen Einwirkung, wie die Strafe sie darstellt, auch ein 
Effekt nicht zu erwarten. Sie ist da nur ein untaugliches Mitte] am un- 
tauglichen <)li|'kt. durch \\rl< he» hcttenfnlls — um muh hier zweier Aus- 
drücke zu bedienen, die der bekannte Schriftsteller Dr. Johannes Müller, 
Klmau, gern gebraucht — eine gewisse „It. m uUtseinskultur". niemals aber 
„Wevnskultur" erzielt werden kann Kranke (iemuter kann man mit der 
Zuchtrute nicht heilen 

Lim •» miiU ausdrin :klich noc h gesagt werden, weil es von großer 
Bedeutung ist: Ks ist gerade bei den mehrwertigen Psychopathen, auf die 
sich das zuletzt Ausgeführte in der Hauptsache bezieht, »ehr häufig zu er- 
leben, daü sie, wenn sie sich straffällig gemacht haben, ein aulgesprochenes, 
mehr oder weniger stark hc-tuntes Sc huldbewuütiein an den Tag legen, sich 
auch auf die eventuell an sie gerichtete Frage, ob sie lieh selbst strafbar 
und für ihre gesetzw idrigeu Handlungen veranlw 01 tlic h fühlen, ohne 
weitere« bejahend kuUcrn und als schuldig bekennen. Dei erfahrene 
Psychologe wird sich hiedurch nlobl IntBUflhtn and etwa doch zu dem 
Kr hl sc blosse verliihren lasten, dali hier dann auch Bestrafung das Richtige 
und Angebrachte sei. Ks ist natürlich von einem inneilich so verwirrten, 
aus der eigenen Mahn geworfenen und »einer selbst darum absolut nicht 
habhalten, »eeltsih in den Kinderschuhen steckengebliebenen Menschen, 
wie der schwer Neurotische et i»t. u >>•■■ h auju nicht /u erwarten, daß er 
selbst über die Intrrgründe seiner Tat und denn »illln he und rechtliche 



otraie für Xsychopathcni 2Q7 



Zurechenbarkeit ein auch nur irgendwie zutreffendes Urteil haben kann. 
Ein solches Urteil sollte darum auch gar nicht erst von ihm verlangt 
werden, und es ist ein schwer begreiflicher Fehler, daß das doch noch 
immer wieder geschieht. Hievon aber ganz abgesehen: auch das Schuld- 
gefühl des Psychopathen ist, ebenso wie die Tat, an die es sich knüpft, 
nichts anderes, als die zwanghafte Frucht seiner vorgängigen seelischen 
Malträtierung. Es ist nichts Spontanes und auf ihn selbst Zurückgehendes, 
vielmehr ein ihm von außen (durch Schicksal oder falsche Behandlung) 
Aufgezwungenes, wider sein eigenes primäres Empfinden Angequältes, so- 
mit etwas absolut Krankhaftes. Und es bezieht sich auch im Grunde gar 
nicht auf die Tat, mit der er gegen das Gesetz verstoßen hat, sondern ist 
nur die bewußte Rationalisierung und Projizierung eines schon vorher, 
ganz unabhängig von der Tat, vorhanden gewesenen unbewußten Gefühls. 
Wurzelhaft geht es, ohne daß der Schuldbewußte sich irgendwie darüber 
klar ist, auf die der manifesten Tat zugrunde liegenden verborgenen 
seelischen Triebkräfte zurück, deren Äußerungen ihm vormals so nach- 
drücklich zur Schuld angerechnet worden waren, daß er, in Verleugnung 
und Verkehrung seines natürlichen, ursprünglichen Empfindens, das ihm 
autoritativ entgegengetretene Urteil akzeptiert und sich ihm nolens volens 
unterworfen hatte. 1 Das neurotische Schuldgefühl und das mit ihm ver- 
gesellschaftete, von ihm erzeugte Strafbedürfnis ist also, richtig verstanden, 
in Wahrheit gar nicht indizierend für ein schlechtes, sondern vielmehr 
nur für ein verstörtes und irregeleitetes Gewissen; es ist ein Symptom 
der inneren Unsicherheit, wie sie die Untergrabung des Glaubens an das 
eigene Selbst, des tiefsten und unentbehrlichsten Haltes für jedes Dasein, 
notwendig zur Folge haben muß. Demnach gewiß alles andere als ein 
Anzeichen von tatsächlicher Strafwürdigkeit! 

In Fällen der Art, wie ich sie hier besonders im Auge habe, wo von 
Natur gut und fein veranlagte Menschen mit reinem (infolge ihrer schweren 
seelischen Gehemmtheit allerdings praktisch zu einer Art von Sisyphusarbeit 
verurteilten) Streben nach hohen Zielen und nach Selbstvervollkommnung 
dahin gebracht wurden, daß ihnen eingeborene, zu beglückender Betätigung 
bestimmte Potenzen schließlich nur noch in asozialen Ersatzhandlungen sich 
ein Notventil für den durch ihre künstliche Niederhaltung erzeugten seelischen 
Überdruck öffnen können und müssen, — in solchen Fällen erweist sich die 

1) Ich gebe hier nur eine Umrißbegründung von mehr schematischem Charakter, 
die auf vollkommene Präzision und erschöpfende Vollständigkeit keinen Anspruch 
erheben will. 



tfß Frir.lnd. II«. in 



Wahrheit des alten lateinischen Satzes: m n<itw<im ,• i pellat furca, tarnen usque 
murret." Wo aber der innere I neb so ilark um! unzerstörbar ist, daß er 
trotz aller auliercn E aid y p i WU Bgmi.iUn.ilimri) do< li immer wieder, wenn auch 
wechselbalgartig entitellt, lieh ihm hsetzen muß, da kann nur eines helfen, 
diese verpfuschten Naturen wieder zurerht/uhiiugen i Man muß ihre Seelen 
aus dem Zwange iiml der Hill ihres bish« 1 1 *:»• 11 Dasein* erlösen und ihnen 
die Möglichkeit eigenwüchsiger Entfaltung zurückgehen, <lie ihr voran- 
gegangenes I .l.rn ihnen versagt hatte. Diese eigenwüchsige Entfaltung ist 
im | ladt -tlekt identisch mit der SoiUlllitTUtift ihrer Persönlichkeit, soweit 
sie bis dahin unterblieben war. Das folgt ohne weiteres aus der von Freud 
nachgewiesenen (irundtatsache der phylogenetisch erworbenen Sublimierungs- 
fahigkeit und Kulturtendenz all der mannigfachen seelischen (iefühlskategorien 
und Triebkräfte, deren aufoktroyierte Entwit kluugsheuimung zur Entstehung 
einer Neurose liilnen kann. Aul diesei fundamentalen Tatsache psychischen 
Leben« und Werdens beruht |.i jede uoiiuale Entwi« klung zur sozialen Reife 
de» Krwac hsenen und all. It Ziehung. Auch die Nacherziehung des Neurotikers 
geht davon aus. 1 

Mit einigen abschließenden Bemerkungen mag noch einem möglichen 
besonderen Mißverständnis begegnet werden, das die vorstehend entwickelten 
Anschauungen über adäquate Nacherziehung ntmcntlit l> der wertvolleren 
psychopatischen l'enimli. -hkeiten n etwe« ken geeignet sein möchten. Sie 
könnten vielleicht dahin falsch verstanden werden, als wollte damit einer 
Humanität im Sinne von ausgesprochener Nachgiebigkeit oder gar Schwäche 
da« Wort geredet werden. Das wäre aber absolut nrig. 

W ie es ohne Frage psychologisch einfacher und leichter ist, den ob einer 
Tat objektiv strafbar gewordenen l'svi hopathen eben wirklich in Strafe zu 
nehmen und es ihm dann zu überlassen, wie er damit Innerlich fertig wird, 
als ihm ein geduldiger Helfer au« d<i In im und Wirrnis seiner seelischen 
Verstrickung und ein Führer zu sich seihst IU werden, so ist es auch für den 
durch Strafe erzieherisch nicht zu beeinflussenden Nervösen faktisch un- 

1) Wi>r die Kullurfähigkeit — mit diesem Ausdruck heteiehnet Aichhorn die 
»••lisch« Potenz zur VVnnilUirt^ und Suhhiiiieriuig der primitiven Triebe — b«i Paycho- 
pathen aus prinzipieller l.iiistellung heraus vermissen tu sollen glaubt, weil er ihre 
seelisch* Störung auf einen anlngegemiill x.irhandeiien liiiul demnach begrifflich in- 
kurablen) Defekt mrile! lul.il. Im den kann d«rvorn Schreiber dieser Arbeit vertretene, 

Rani auf aktiv», lweckmiiing» Iteemllussung de. Nn v u gerichtete Standpunkt natürlich 

nicbt in Frag« kommen, Kur den muH konsequenter- und logiseherweise aber auch die 
Straf« als mögliches K r i ieh u n g s m 1 1 1 el für Psychopathen von vornherein gam und 
idierhaupt ausscheiden. 



■Strafe für Psychopathen? 



299 



gleich bequemer und müheloser, eine ihm zudiktierte kriminelle Maßregelung 
zu absolvieren und dabei innerlich durchaus derselbe (nämlich Kranker) zu 
bleiben, als sich den Anforderungen einer so umwälzenden und radikalen Selbst- 
erneuerung zu unterwerfen, wie sie die vom Verfasser gemeinte und ihm 
als Ziel vorschwebende Nacherziehung an ihn erhebt, die ihn aus dem fest- 
gefahrenen Getriebe seines bisherigen, gar nicht von ihm selbst gelebten 
Lebens herausreißen und ihn auf die eigenen Füße stellen will. Während 
die Hinnahme der Strafe eine rein passive Einstellung auf ein Leiden bedeutet, 
das, wie weiter oben dargetan wurde, bei dem qualifizierten Neurotiker auf 
eine bereits gewohnheitsmäßig vorgebildete seelische Bereitschaft und somit 
geradezu auf ein psychisches Entgegenkommen stößt, mutet ihm die Auflage 
seiner persönlichen Novation und Umstellung von Grund aus eine durchaus 
aktive Leistung und einen ihm vollkommen neuen Energieaufwand zu, dessen 
Postulate um so schwerer zu erfüllen sind, als sie ihn grundsätzlich gegen den 
Strom seiner bis dato gewohnten zwanghaften Daseinsrichtung schwimmen 
heißen. Mit dem ganzen Wesen einer derartigen erzieherischen Restitution 
verträgt sich Nachgiebigkeit und irgendwelches Gewährenlassen absolut nicht, 
da es nur ein Nachlassen der Spannkraft auf Seite des Zöglings und damit 
unbedingt dessen Zurückgleiten in den zum Verlassen bestimmten seelischen 
Zwangsduktus zur Folge haben würde. 

IV) Folgerungen de lege ferenda 

Nachdem der Verfasser im vorhergehenden Abschnitte die Kriminalstrafe 
vom psychologischen Gesichtspunkte aus als erzieherisches Instrument für 
Psychopathen in der Hauptsache abgelehnt hat, sei zur Abrundung seiner 
Arbeit nach der positiven Seite hin noch in den Grundzügen angedeutet, 
wie er sich den konformen Modus für die nach erzieherische Behandlung 
der ihrer (anstatt der Bestrafung) bedürftigen und für sie in Betracht 
kommenden seelisch Kranken denkt und denken zu müssen glaubt, wenn 
nicht seines Erachtens von vornherein die Gewähr eines Gelingens in 
Frage gestellt sein soll. 1 Ein Dreifaches wäre hierfür zu fordern beziehungs- 
weise abzuweisen : 

l) Über die von der kommenden neuen Strafgesetzgebung beabsichtigten Reformen 
auf dem hier behandelten Gebiete unterrichtet gut und übersichtlich die Schrift von 
Ernst Schnitte, „Psychiatrie und Strafrechtsreform". 

Der Standpunkt des Strafgesetzentwurfs ist ein zwiespältiger, entbehrt eines ein- 
heitlichen leitenden Gedankens: auf der einen Seite hält er den Psychopathen gegen- 



jgg I i i. .1. mI. I I.UI. 



1) Du- entscheidendste und notwendigste Voraussetzung für den Erfolg 
drr pan Aktion iit dir, daß der Krank«- lie üb« liaupt haben will, daß 
rr am eigenei Kimi. ht und eigenem Willen heraus seine Wiederherstellung 
und Gesundung ernstli. h wünscht und bereit ist. von lieh aus alles zu 
tun, was er dazu tun kann und was von ihm hierfür gefordert wird. Aus- 
zuschließen ist daher der Weg der Zwangserziehung, d.h. die Anwendung 
direkten Zwanges gegenüber einem Nervösen. d«l für die Notwendigkeit 
und den Zweck «Irr ihm angesonnenen k«.i icktion kein hinreichendes Ver- 
ii.uidnis Wfbringen kann und au« h den Anforderungen gegenüber versagt, 
die sie an ihn selbst stellt. 1 In s«.l< hein lalle hatte ein zwangsweises Vor- 
gehen gar keinen Sinn, »ei gewissenhaft«!« l»syt hopathen. die das Gefühl 
dafür, was sie sich selbst »< huldig siml. nicht ganz verloren haben, wird 
ea Im allgemeinen mihi allzuschwer halten, wenn man sie nur gleich 
richtig anzufassen weiß, um Kr folg an ihren lieferen Selbsterhaltung«- und 
I ■dlutitfMri.-b tu appelli. i.n und ron da aus ihr aufrichtig und ernst 
.einte» Einverständnis mit der beab»i« -hiigien Maßnahme ihrer Nach- 
erziehung zu gewinnen. Unter dii Herrschaft des kommenden Strafgesetzes 
wird das um »«> elui /u err.u linfl || •m, al* ja im Weigerungsfälle die (im 

über an der Vergeltiuij{«»lriifc Int, «ir gelten gcinntl «Irr herr»cheiiden Anschauung 
nach wie vor al« ilun h«< h.ntlluh und regelmäßig subjektiv strafn-i litlu ifi verant- 
wortlich fur ihre objektiv •iiiilluirrn Handlungen, wenn auch in hwabg— tltf 
Grade (der neue Jtegriff dir „verminderten '/iirr-t^iiniti^'f'tixK^**' 1 " ,,,u ' a ^ e *' cn 

daraus ahlritendi (.. . litspunkte, in erstei 1. eben auch der der grundsätzlichen 

Slrafwürdigkeit, finden besonders auf Psychopathen ihre praktische Anwendung \ Auf 
der anderen S.ite sieht derl.ntwuit Mullregeln der Heuerling und Sicherung 'Schutx- 
aufsicht und Verwahrung) gegninbei den vermindert "/.uret linniig» fähigen vor. Die 
Verhangung dieser MafJregeln iit aber an die Voraussetzung vorgängiger Verurtei- 
lung, für die Regel auch an die des vorgaugigen Slrafvollings geknüpft. Daß ich 
diese Vorauisetsungen von dem für muh maUg«- heudeu p«y« höhnischen Gesichts- 
punkt um gerade in qualifizierteren Fallen nl» verfehlt und der Erreichung einer 
Besserung nielit nur nicht dienlich, •onilern absolut abträglich erachten miiU. brauche 
ich nicht mehr ausdrücklich xu beloueu 

i) Aichhorn („Verwahrlotte Jugend". S. 198) will den Termin«., „Zwangserziehung" 
ausdrücklich nicht in dem Sinne verbanden haben, in M • ill h. in «J im Text von mir 
verwendet wird, .«I« I 1 /.. •huiig.f..rm, „die dem in l.niehenden nufgcl wiingcn wird", 
•ondern definiert sie dahin „Zwangserziehung beiielil ... h auf den inr Erziehung 
Verpflichteten, ist also »ine Erziehung gegen den Willen der Eltern." -In diesem 
(Aichhornschen) Sinne will 1. I. dl« Anwendung eventuellen Zwangs für die Ermög- 
lich. mg der Naeherziehiint» von Psychopathen durchaui nicht \erj.ont haben, wenn 
«irr Frfolg der.rll.en w e.enl 1 1. I. davon abhängig ei.cheint. daß der Kranke dem un- 
gunttigrn Emlliill le.ner bi.h.ngen I 1 /.eher entzogen wird beziehungsweise in eine 
andere, für ihn gesund. ..• und zuträglichere Eingebung kommt, auch wenn die l'.r- 
liehungsherechtigten damit nicht einverstanden «ein wollen. 



Strafe für Psychopathen ? 3oi 



Entwurf vorgesehene und durchaus zu billigende) Alternative der Siche- 
rungsverwahrung wegen gegebener Wiederholungsgefahr droht. 

2) Unbedingt notwendig ist eine auf die Besonderheiten und speziellen 
Nöte jedes einzelnen Falles eingestellte psychologische Behandlung. 1 Nicht 
in Frage kommen kann demnach eine ihrem ganzen Wesen nach unver- 
meidlich typisierende und uniformierende Anstaltserziehung, welche für die 
hier ganz unverzichtbare prinzipielle Differenzierung keinen Raum ließe. 

3) Sehr wesentlich scheint mir schließlich zu sein, daß die Nacherzie- 
hung grundsätzlich als persönliche, privat-interne Angelegenheit dessen be- 
handelt wird, den sie angeht, daß sie also — trotz des nach eingetretener 
objektiver Straffälligkeit natürlich gegebenen öffentlichen Interesses — 
keinen offiziellen und öffentlichen Charakter erhält. Die gegebene Form 
für sie ist daher eine geeignete besondere Ausgestaltung der Schutz- 
aufsicht, deren Einführung die kommende Strafrechtsreform mit sich 
bringen soll. Dagegen scheidet die Anwendung der Fürsorgeerziehung als 
untunlich aus, auch für Kranke jugendlicheren Alters. Sie eignet sich 
schon rein sachlich, ihrer Methode und ihren spezifischen Zwecken nach, 
nicht für die Regeneration von seelisch schwer Kranken. Aber auch andere 
gewichtige Bedenken sprechen durchaus dagegen, sie für Psychopathen in 
Betracht zu ziehen. So vor allem die unbestreitbare Tatsache, daß der Für- 
sorgeerziehung — ob mit Recht oder nicht, spielt hier keine Rolle, braucht 
daher nicht weiter untersucht zu werden 2 — ein ausgesprochenes Odium 
anhaftet. Bei der großen Verwundbarkeit der Neurotiker in punkto Selbst- 

1) Bei der Nacherziehung des Nervösen ist in einem viel höheren und wesent- 
licheren Grade noch als bei jedem sonstigen Erziehungswerk das absolute Vertrauen 
des ihr Anbefohlenen tu ihrem Leiter, d. h. das sichere und unbeirrte Gefühl des 
Zöglings, daß er gerade in seiner besonderen Menschlichkeit verstanden und an- 
erkannt wird und darin gefördert werden soll, oberste Vorbedingung und zugleich 
wirksamste Garantie für einen guten Erfolg. Was Aichhorn, a. a. O. S. 198, von 
dem Verwahrlosten sagt, daß er sich dessen Sozialwerden ohne vorherige starke 
Bindung an einen Menschen nicht denken könne, gilt mutatis mutandis auch von 
dem Neurotiker bei dem die seelische Hemmung zumeist ebenfalls wie bei jenem 
größtenteils auf eine frühere verkehrte erzieherische Behandlung zurückgeht, deren 
Fehler die Nacherziehuug unter keinen Umständen wiederholen darf, sondern radikal 
vermeiden muß. Hier, in der Individualisierung und in der daraus resultierenden 
Herstellung des die Brücke alles Weiteren bildenden persönlichen Verhältnisses des 
Alumnus zum Korrektor liegt dessen wichtigste Aufgabe. Ich verweise auch auf 
früher schon Gesagtes (III. Abschnitt, S. 30 x f.). 

*) Nur beiläufig sei hier das charakteristische Urteil Aschaffenburgs (aus „Das 
Verbrechen und seine Bekämpfung") zitiert: „Es läßt sich nicht verhehlen, daß 
ernste und erfahrene Beobachter bereits offen davon sprechen, daß das Fürsorge- 
erziehungsgesetz die Erwartungen nicht erfüllt, die man darauf gesetzt hatte." 



3o» Haissn Straf» für PiyAo patUa 7 

gefühl (vgl. S. 09^ n . i. müßte e«) dm Ihnen anzustauenden Hesurrcktionsprozeß 
in ihren Augen .1 liininr diskreditieren und irinrn Fi folg zum mindesten 
stark gefährden, 10 und 10 ofl aber iii her von vornherein unmöglich 
machen, wenn dieser Prozeß im Zeh (ich der Fürsorgeerziehung stünde. 
Hiezu kommt noch eine weitere Krwagung, dir un* in anderem Zu- 
i.itmneiih.ing schon weiter oben einmal l.i ■■• jmi, 1 im dein gewesenen Für- 
»orgezogling werden - licnm wie dem vormaligen Sträfling im ferneren 
Verlauf seinei liebem immer wieder neue seelische Anfechtungen bereitet 
und Schwierigkeiten gemacht weiden, l-.s empfiehlt sich aber doch ganz 
gewiß nicht, für die angestrebte vVfodsWgnfUndung äußerst sensibler Menschen 
einen Modus 7.11 wählen, der eo ipso neue, schwere Belastungsproben für 
ihr so labiles inneres Gleichgewicht heraufbeschwurt und notwendig im 
Gefolge hat. 

Dies waren die grunds.it/lirb atif/u»telleudnn Gesichtspunkts). Das außer- 
dem Gehntene muß sich stets von Kall zu Fall ergeben; darüber laßt sich 
im allgemeinen nichts weiter sagen, als daß der Nac herziehcr, dem alles 
Weitere überlassen bleiben muH, das jeweils Hie htige muß finden können. 
Kaum besonders betont zu werden br.m.ht. daß dieser für die Behandlung 
schwieriger,, I ,11,- .„„ |, , ml fo m Knn/ ,. n tiefenpsychologischen Rüstzeug 
gewappnet sein ,„„11, welche. ,1„. moderne Neu.osenforst hung für die 
seelische Regenerierung Nervöser au die Hand gibt 

• 

Kann die Nocherziehung den inte,,die,i,„ Erfolg der Wiederherstellung 
seelischer Integriut „nd damgomtf« roll« toxinl« W ukungsmöglichkeit 
des Nervösen aus irgend«,!, he,, Gründen nicht l.erbeilühren (weil zum 
Beispiel die Knergie des Kranken nicht ausreicht oder seine seelische Ver- 
sklavung schon zu weit vorgeschritten ist) oder kommt sie mangels der 
erforderlichen personlichen Voraussetzungen auf Seite des Kranken über- 
haupt nicht in Frage, und droht von ihm die Gefahr weiterer zwangs- 
maßiger Straftaten, dann muß diese, Gefahr natürlich auf andere Weise 
wirksam begegnet werden. Da Strafe als Vorbeugungsmittel gegen Zwangs- 
delikte von Psychopathen, wie dargelegt wurde, völlig untauglich ist. kommt 
in solchen Fallen wohl nur si< Innmgsweise Inteinierung als Abhilfe in 
frage Der Schutz der Gesellschaft voi lemereu rechtswidrigen Handlungen 
ist unter allen Imstanden wichtiger und vordringlicher, als die Rücksicht 
auf das Rechtsgut der Freiheit des Fi,./, Inen. 

^'■" t K'K" n K rn "" Srptrmltr lp».S' 



jCut psychoanalytischen Kriminolo 



te 



Theodor Rcik 

-eständniszwang und otralbeclürfms 

I robleme der Psychoanalyse und der Kriminologie 
In Ganzleinen Mio. — 

Dir hochinteressante Arbeit eine» tiefgründigen Denker» und scharfen Beobachters, deren große Bedeutung für die 
Weiterentwicklung der Psychoanalyse die Zukunft zeigen wird. (Österreichische Richterzeitung) 

Vermittelt über die letzten Wurzeln de» Geständnis- und Bestrniungstriebes bei Neurotikern viele überraschende und 
originelle, sicher auch einst fruchtbar werdende Hinsichten. (Zentralblatt f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie) 

Reik versteht es in glänzender Weise, seine Hypothesen vorzutragen. Ein bewundernswerter Glaube an die Bedeutung 
der Psychoanalyse läßt ibn zur höchsten Höhe einer optimistischen Zukunftshoffnung aufsteigen. (Prof. Friedländer 
in der Umschau) 

M.arie Bonaparte 

Uer lall _Leleovre 

Psyaioanalyse einer .Mörderin 
In Ganzleinen M } .So 

Der Fall der sechzigjährigen Madame Lefebvre, einer reichen, überaus religiösen Gutsbesitzersfrau, die aus einem 
rational nicht begründbarrn Hall ihre schwangere Schwiegertochter während einer Autofahrt erschoß und die während 
des Prozesses nicht die geringste Reue bekundete, hat mit Recht großes Aufsehen verursacht. Die Mörderin wurde 
zum Tode verurteilt und dann zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Die Pariser Psychoanalytikerin, Prinzessin 
Marie von Griechenland und Dänemark (die ihre wissenschaftlichen Arbeiten unter ihrem Mädchennamen Bonaparte 
veröffentlicht), hatte dann die Erlaubnis erhalten, die sonderbare Mörderin in ihrer Zelle zu besuchen. Das Ergebnis 
ist die jetzt erscheinende Studie, die nicht nur für Psychiater, Frauenärzte und Kriminalisten von Interesse ist, son- 
dern als aufschlußreicher Beitrag zur allgemeinen Tiefenpsychologie zu werten ist. (Archiv für Kriminologie) 

Franz Alexander und Hugo .Staub 

JJer Verbrecher und seine Xvicriter 

Ein psychoanalytischer Einblick in die Welt der Paragraphen 

In Ganzleinen M o. — 

Das Werk von Alexander und Staub ist in jeder Beziehung von besonderem Interesse ... Es orientiert in hervor- 
ragender Weise über die psychoanalytische Denkweise speziell in ihrer Bedeutung für die Kriminalistik. Die Bedeutung 
dieser Arbeit kann nicht nachdrücklichst genug betont werden. (Rechtsanwalt Aisberg in der Juristischen Wochenschrift) 

Zu meiner Freude sind die Verfasser auch auf die verfängliche Frage eingegangen, warum die Verbrecher und Staats- 
anwälte, warum Verbrecher und Polizei so schön zueinander passen und einander so hübsch ergänzen. Es ist lesenswert. 
(Hermann Hesse in der Neuen Rundschau) 

Ein Arzt und ein Anwalt haben eine Keule gegen die Richter geschwungen, die nur deshalb nicht tödlich trifft weil 

man die Gummigötzen verbrennen muß. Das Buch heißt „Der Verbrecher und seine Richter* und als ich es eelesen 

hatte, kam mir die ganze Schande, die in dem neuen Strafgesetzbuch steckt, noch einmal voll zum Bewußtsein Das 

Buch verdient von allen gelesen zu werden, denen neben der Rechtsprechung das Recht am Herzen liegt (Peter Pante 
in der Weltbühne) ' er 

Wem es darum zu tun ist. einen Einblick in die labyrinthisch krausen Gedankengänge der Psychoanalyse zu gewinnen 
der lese die Schrift: aber jeder Leser, der sich noch gesunden Wirklichkeitssinn bewahrt hat, der wird sie zwar unter- 
richtet, aber keineswegs überzeugt aus der Hand legen, vielleicht erleichtert aufatmend und froh, daß bis auf weiteres 
auf deutschen Richterstühlen keine Freudschen Jünger sitzen. Der Irrtum der psychoanalytischen Lehre tritt durch 
nichts so" klar zutage, als durch die Folgerungen, welche sich aus ihr für die Rechtspraxis ergeben, und welche von den 
Verfassern mit erfreulicher Unenchrockenheit gezogen werden . . Bankrott der Strafrechtspflege Preisgabe von Ehre 
Leben, Eigentum. (Deutsche Tageszeitung) ' • '