(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse IX 1923 Heft 2"

Originalarbeiten. 
Die Randbevorzugung als Primärvorgang. 

Von Dr. Imre Kermann (Budapest). 

Als ich nach experimentell-psychologischen Studien vor mehr 
als zehn Jahren mich mit Psychoanalyse zu beschäftigen anfing, 
mußte ich wegen der gegenseitigen feindlichen Gesinnung einiger 
Vertreter dieser zwei psychologischen Arbeitsrichtungen oft den 
Kopf schütteln. Doch Jungs „Diagnostische Assoziationsstudien" 
hatten schon damals das Eis gebrochen; und gerade jetzt, in den 
letzten Jahren, haben sich W.Stern, G. Heymans, R. Müller- 
Freienfels nicht gescheut, zum Beweis eigener Ansichten Ergeb- 
nisse der Psychoanalyse heranzuziehen; in psychologischen Zeit- 
schriften erscheinen psycho'analytisch eingestellte Aufsätze oder 
einzehie Behauptungen der Psychoanalyse experimentell unter- 
suchende Arbeiten (Zeitschr. f. angewandte Psychologie, Archiv 
für die gesamte Psychologie) und Freud selbst hat wieder- 
holt darauf hingewiesen, daß manche psychoanalytische Ideen auf 
Fechner zurückgeführt werden können. 

Die vorliegende Arbeit stützt sich einerseits auf Experimente, 
andererseits auf normalpsychologische und psychoanalytische Studien 
und Analysen. Daß eine synthetische Einheit zustande kam, 
hat sich sozusagen von selbst, ohne jede Mühe ergeben. Ich fasse 
diese Leichtigl5:eit der Synthese als Symbol für das ganze Gebiet 
der Psychologie auf, als Symbol dessen, daß Psychoanalyse 
und Normalpsychologie vereint in die Wissen- 
schaft der Zukunft eintreten werden. 

I. Die Randbevorzugung als Gesetz der primitiven 
seelischen Vorgänge. 

Unser Wissen, wenn es auch noch so allgemeingültig ist, fußt 
stets auf ganz speziellen Erfahrungen und Untersuchungen. Die 
Verallgemeinerung bedeutet immer einen vagen Sprung 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, lX/2. g 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



138 



Dr. Imre Hermann 



aus dem relativ Sicheren zum relativ Unsicheren. Die Randbevor- 
zugung, als die bevorzugte Rolle der „Ränder" in den primitiven 
seelischen Vorgängen, ergab sich aus ganz speziellen Experimenten 
mit Kindern ; an diese Experimente knüpfte sich eine Verallgemeine- 
rung, das Aufstellen eines allgemeingültigen Gesetzes, welches das 
Gewicht unserer Aufmerksamkeit nunmehr für sich beansprucht. 
Wie wir zum Begriff der Randbevorzugung gelangen, was diese 
Bevorzugung bedeutet, was der verallgemeinerte Begriff leisten 
kann, davon handeln die folgenden Abschnitte. 

A. Allgemeines über die Randbevorzugung. 

Als Karl Marbe das Problem des Gedankenlesens der 
experimentell-psychologischen Forschung unterwarf, befand er sich 
der Tatsache der „Gleichförmigkeit des psychischen Geschehens" 
gegenüber. Wird z. B. in einer Gesellschaft die Aufgabe gestellt, 
eine beliebige Zahl von 11 bis 20, von 21 bis 30 usw. niederzu- 
schreiben, dann wird der Gedankenleser stets die Zahl „16", j,25" 
und so weiter als die notierte Zahl angeben können ; er wird sich 
nm* in relativ wenigen Fällen irren. Der Gedankenleser wird also 
bei dieser Aufgabe so handeln können, als ob er die Gedanken 
seiner Versuchspersonen tatsächlich durchschauen könnte; er ist 
aber eigentlich nur im Besitze der Regel der Gleichförmigkeit.^ 

Kann nun diese Regel der Gleichförmigkeit genauer angegeben 
werden? Ist es im eben beschriebenen Falle der Zahlenwert der 
Zahl „5", welcher die Anziehungskraft im Falle einer beliebigen 
Wahl besitzt, oder ist es ihr Stellenwert, von welchem diese 
Anziehungskraft ausstrahlt? Unterscheidet man nämlich Randziffern 
(0, 1, 2, 8, 9) und Mittelziffern (3, 4, 5, 6, 7), dann findet man, daß 
unter gewissen Umständen diese, unter anderen jene bevorzugt 
werden.^ Die Zahl „5" könnte in den Marbeschen Fällen auf Grund 
ihres Zahlenwertes, aber auch ihrer eminent mittleren Stelle 
bevorzugt werden. 

Um in dieser Frage Klarheit zu schaffen, habe ich Versuche 
außerhalb der Zahlenreihe und zwar mit im Räume anschaulich 
gegebenen Reihen durchgeführt: Ich legte z. B. fünf bis 
neun gleiche Spielmarken oder Zündhölzchen, je einen bestimmten 
Zwischenraum einhaltend, in einer gradlinigen Reihe nebeneinander. 



1 K. Marbe: Über das Gedankenlesen und die Gleichförmigkeit des 
psychischen Geschehens. Zeitschr. f. Psych., Bd. 56, 1910. 

2 M. Bauch: Psychologische Untersuchungen über Beobachtungsfehler. 
Fortschritte der PsychoL, Bd. 1, 1913. 



Die Randbevorzugung als Primärvorgang 



139 



Der Reihe gegenüber stand die Versuchsperson, deren Aufgabe 
es war, mir aus der Reihe eine beliebige Spielmarke (respektive 
ein Zündhölzchen) zu überreichen. Auch änderte ich den Versuch 
so ab, daß die Versuchsperson aus der Reihe nicht eine Spielmarke 
herauszunehmen hatte, sondern z. B. zwischen zwei weiter ausein- 
ander liegenden Spielmarken eine dritte niederlegen mußte.^ 

Die Versuche ergaben nun das Resultat, daß zwei voneinander 
entwicklungsgeschichtlich auffallend unterscheidbare 
Wahltendenzen in der Aufgabelösung zu Worte kommen, 
und zwar eine entwicklungsgeschichtlich frühere Randwahl- 
tendenz bei Kindern (durchschnittlich bis sechs Jahre) und eine 
entwicklungsgeschichtlich spätere Mittelwahltendenz (über 
dem sechsten Jahre). Die Altersgrenze wird dabei auch von der 
Schwierigkeit, das Dargebotene als eine Einheit, einen „Komplex" 
aufzufassen, abhängig gefunden, indem diese Auffassung die 
Mittelwahltendenz begünstigt. Randwahltendenz bedeutet hier die 
Bevorzugung der Endstellen, respektive der Endglieder. In der 
Mittelwahltendenz wird die mittlere Stelle, respektive das Mittel- 
glied — gegenüber der einfachen Wahrscheinlichkeit — bevorzugt. 
Zur Erklärung der primitiveren Handlungsart nahm ich eine 
„unmittelbare Reizeinstellung" des primitiven Geistes 
an, womit gemeint ist, daß hier die Handlung unmittelbar durch 
den objektiv vorliegenden Reiz, ohne die Einschaltung mehrerer 
Zwischenprozesse, ohne Herstellung sogenannter „höherer" Gegen- 
stände, ohne „produktive" Leistung des Subjektes vonstatten geht. 

Die eben genannten Versuche belehrten den Beobachter auch 
darüber, daß in jüngeren Jahren die tätige Hand die Stelle der 
Wahl bestimmen hilft, indem die rechte Hand die rechte Rand- 
stelle, die linke Hand die linke Randstelle bevorzugte; im höheren 
Alter verschwand dieser Einfluß der wählenden Hand. Man muß 
somit auch eine „motorische Organeinstellung" des primi- 
tiven Geistes annehmen, womit die „motorische Einstellung" näher 
bestimmt werden soll; wir verstehen darunter, daß das ausübende 
Organ nicht nur gelenkt wird, sondern selbst lenkt, das heißt 
durch seinen Bau und seine Eigenschaften die Art der Handlung 
mitbestimmt. 

Die bei Kindern gefundenen Tatsachen wurden in interessanten 
Tierexperimenten von G. Rövesz wiedergefunden.^ 

1 I. Hermann: Über formale Wahliendenzen. Zeitschr. f. Psych. Band 
87, 1921. 

2 G. Revesz: Tierpsychologische Untersuchungen, Zeitschr. f. Psych., 
I., Bd. 88, 1921. 



9* 



140 



Dr. Imre Hermann 



Nachdem durch Einführung' dieser Begriffe so manches schein- 
bar Fernliegende klarer, verständlicher wurde, haben wir uns 
die Aufgabe gestellt, das Gebiet der Psychologie wenigstens in 
großen Zügen durchzumustern, um Beweise der vermuteten Allge- 
meingültigkeit dieser Begriffe zu sammeln. Damit sollte auch das 
Wesen dieser primitiven Funktionsweisen, ihr gegenseitiges Ver- 
hältnis und ihr Verhältnis zu der entwickelteren, höheren Funktions- 
weise näher bestimmt werden. Während dieser Musterung verstärkte 
sich unser Glaube, daß wir es tatsächlich mit allgemein- 
gültigen Funktionsweisen des primitiven Geistes, 
mit Primärvorgängen zu tun haben, daß in diesen Funktions- 
weisen der primitive Geist in selten klarer Weise seiner Eigenart 
gemäß sich offenbart. 

Da wir bei dieser Suche das spezifische Gebiet der „Wahl" 
verlassen und „Handlungen überhaupt" in Betracht ziehen wollen, 
soll statt des Ausdruckes Randwahltendenz (Mittelwahltendenz) der 
Ausdruck Randbevorzugung (Mittelbevorzugung) ein- 
geführt werden.^ Diese Bevorzugungen stehen ihrer Funktion, 
ihrer Leistung nach jener Funktion nahe, welche Abstraktion 
genannt wird — diese besteht doch aus Bevorzugung des einen, 
Vernachlässigung des anderen Teiles — sie könnten eventuell auch 
als spezielle (primitive) Art der Abstraktion aufgefaßt werden, 
doch . soll hier ein theoretisch nicht präjudizierender, nur ein 
beschreibender Begriff unseren Weg beleuchten. 

Wie das große Gebiet der Normalpsychologie in zwei Teil- 
gebiete zerfällt, nämlich einerseits Inhalte und andererseits 
Funktionen,^ so müssen auch unsere primitiven Arbeitsweisen 
einerseits aus den Inhalten ablesbar, andererseits in den Funktionen 
auffindbar sein. Wir müssen also auf unserem Wege nach beiden 
Richtungen Ausschau halten. 

Um eine Erklärung geben zu können, weshalb wir eigentlich 
der Randbevorzugung unter den primitiven Arbeitsweisen einen 
Vorrang zusprechen, wie das schon der gewählte Titel verrät, soll 
zuerst der genannten zweiten Richtung gefolgt werden. 

Man stelle sich den erweiterten psychischen Reflexbogen mit 
den Gliedern Reiz — Empfindung^ Assoziation — Produktion — Inner- 
vation — Reaktion vor, so ergibt sich aus der Tatsache der primi- 

^ Randjbevorzugung" ist aktiv, soweit ein psychischer Alct aktiv ist, soll 
aber keine b e w ii ß t e Stellungsnahme bedeuten. 

^ Siehe diesbezüglich z. B. die lehrreichen Aasführungen von A. Messer: 
Empfindung und Denken, 1908, — Bei C. Stumpf heißt die Zweiteilung : 
„Erscheinung* und „psychische Funklion". 



Die Randbevorzugung als Primärvorgang 



141 



tiven Arbeitsweise der Randbevorzugung, daß die auf den objek^ 
tiven Reiz unmittelbar folgende Empfindung und die 
der Reaktion unmittelbar vorausgehenden Prozesse, also Prozesse, 
welche dem reagierenden Organ unmittelbar an- 
haften, bevorzugt werden. Die Bevorzugung bedeutet einerseits, 
daß im naiven — nicht psychologisch eingestellten — Bewußtseins- 
verlauf die beiden genannten Randglieder sich als einzig wesent- 
lich herausheben.-"^ Andererseits erscheinen aber die beiden Rand- 
glieder auch dem psychologisch Eingestellten als den Aufbau des 
Reflexes konstituierend, so daß sich die wissenschaftliche Auf- 
fassung des Reflexes und der daraus abgeleiteten komplizierteren 
psychischen Verläufe auf diese beiden Randglieder beschränken will. 
Damit sind aber unsere beiden Begriffe der unmittelbaren 
Reizeinstellung uiid der motorischen Organeinstellung 
auf den Begriff der Randbevorzugung zurückgeführt. 

Natürlich ist diese Ableitung nur als Annahme gültig; das 
Verhältnis der drei primitiven Handlungsweisen wäre auch anders 
denkbar und möglich. Wir wählen aber obige Ableitung, weil man 
so durch einen Begrifl; zwei andere erklären kann, womit für die 
Allgemeingültigkeit des Begriffes der Randbevorzugung schon 
etwas gewonnen ist. 

Obige Ausführung über den psychischen Reflexbogen gibt uns 
Gelegenheit, ganz allgemein zwei Arten von Stellen in psychischen 
Abläufen zu unterscheiden: die Randstellen — welche in der 
Randbevorzugnng hervortreten — und die Binnenstellen, 
welche gerade dort zurücktreten. Diejenigen Prozesse, welche an 
die erstgenannten Stellen geknüpft sind, sollen Peripher- 
prozesse, die anderen, den Binnenstellen entsprechenden, Binnen- 
prozesse genannt werden. In den primitiven sowie in den entwickel- 
teren Abläufen sind Peripher- und Binnenprozesse nicht gleich- 
wertig; diese üngleichwertigkeit enthält aber bei primitiven und 
entwickelteren Abläufen entgegengesetzte Vorzeichen. 

Dieser Wechsel der Vorzeichen im Laufe der Entwicklung 
gibt sich nicht nur im individuellen Leben, sondern auch im 
Leben der Wissenschaften kund. 

Nachdem Vorgänge, Binnenstellen, Begriffe hinwieder — funk- 
tionell betrachtet — als „Ruhepunkte" Randstellen entsprechen, 
so wird verständlich, weshalb die Prozesse selbst stets später 
in die Wissenschaft Eingang fanden als die stationären Gegeben- 

^ Daß der Mechanismus der Projektion im Dienste einer triebmäßig 
aktiv sich betätigenden Randbevorzugung aufgefaßt werden kann, soll hier 
nur als eine mögliche Auffassung hingestellt sein. 



142 



Dr. Imre Hermann 



heiten. Die Mechanik der Gleichgewichtszustände war früher da 
als ihre Dynamik, die Anatomie früher als die Physiologie, die 
Biologie früher als die Entwicklungslehre. Und besonders in der 
Psychologie : hier sprach man längst von „Seele" als einem Ding, 
bevor noch die seelischen Akte zur wissenschaftiichen Beobachtung 
zugelassen waren. Der Begriff und die Wissenschaft der seelischen 
Funktionen müssen sich, nach früheren mißlungenen Ansätzen, 
erst jetzt durchsetzen. Ob die sogenannte Methode der systema- 
tischen Selbstbeobachtung in der Psychologie nicht gerade in 
dieser Richtung — von der Randstelle aus zur beobachteten 
Binnenstelle — weiterarbeitet, ist eine Frage, welche hier eben 
nur gestreift werden soll. 

Im Falle des Sehens von Bewegungen war es eine sozusagen 
revolutionäre Tat Exners, daß er dieses Sehen nicht dem Denken, sondern 
der Anschauung überwies, womit er eigentlich die unmittelbare Beob- 
achtbarkeit eines Prozesses verkündete. In letzterer Zeit wird 
dasselbe von der Zeitwahrnehmung gelehrt. Die „Dauer* — obzwar ein 
Prozeß — kann unmittelbar erlebt, nicht nur gedacht werden. Das sind wahre 
Entdeckungen, die sowohl der Tendenz, in Prozessen nur die Randstellen 
hervorzuheben, um diese dann der unmittelbaren Anschauung anzubieten, 
entgegentreten, — einer primitiven Tendenz, welche aber im Falle der 
inneren Beobachtung noch heute in uns waltet, wie die „psychische Dingwelt" 
überhaupt noch heute primitiver als die äußere Welt gestaltet ist,i — wie 
auch jener entwickelteren Tendenz, die dazu führt, in Prozessen die Binnen- 
stellen hervorzuheben (oder eine gewisse Binnenstelle), diese Binnenstellen 
aber den höheren geistigen Produkten (Begriff) zuzuweisen. 

Nun wollen wir das Gesagte auch in der angekündigten 
anderen Richtung der Betrachtung, an den Inhalten nachweisen. 

Um niit der größten Inhaltseinheit, mit dem Gesamt- 
inhalte des Individuums zu beginnen, wird gleich hier die 
primitive Art der Randbevorzugung ganz verblüffend vor Augen 
geführt. Dort wo wir uns primitiven Individuen gegenüber 
befinden oder wo das entwickeltere Individuum sich in eine 
primitive Phase der geistigen Entwicklung zurückversetzt, wird 
ganz besonders das Jetzt, das Momentane ausschlaggebend 
wirken ; dabei wbd aber doch gerade an den ältesten Erfahrungen, 
Sitten, Gewohnheiten — eigentlich schon Inhalte des Stammes, 
des Volkes — mit Todesernst festgehalten. Die Träume, welche 
auf primitive Weise aus dem Gesamtinhalte des Individuums 
schöpfen, bevorzugen — wie das schon Forschern vor Freud 
auffallen mußte — die Ereignisse der frühen Kindheit 
und des letzten Tages. Die Libidobeziehungen, das Feld, 
wo die A npassung an die Realität am schwersten zustande 

1 W. Haas: Die psychische Dingwelt, 1921. 



J 



Die Randbevorzugung als Primärvorgang 



143 



kommt, wo also primitive Arbeitsweisen des Geistes leicht ein- 
brechen können, tragen den Stempel der ersten Eindrücke des 
Individuums an sich (Ursache von Perversionen, Gebundenheit an 
Vater, Mutter, Geschwister, Ödipuskomplex). 

Die Randbevorzugung ist somit in diesen Fällen ganz 
frappierend. Diese Fälle führen uns auch gleichzeitig zu einer für 
die Psychologie wichtigen Frage, was nämlich mit dem Begriff 
Inhaltseinheit gemeint sein soll. Inhaltseinheit bedeutet hier nicht 
die aufgefaßte Einheit, den Komplex, die Gestaltqualität^, 
sondern die Einheit eines Konglomerates mit nebeneinander 
bestehenden Gliedern; dabei wird der Ausdruck „Einheit" durch 
die Zugehörigkeit zu einem „Ich", zu einem Individuum, 
durch die Kontinuität der individuellen seelischen Vorgänge^ 
berechtigt. Etwas Analoges war ja schon aus den grundlegenden 
Versuchen abzuleiten : dort mußte die Reihe auch keine „auf- 
gefaßte" Einheit bilden, sondern nur eine Einheit — man könnte 
sich so ausdrücken — im Sinne von „zugehörig zu einem Reiz- 
konglomerat". Die „aufgefaßte" Einheit, der Reizkomplex, die 
„Gestaltqualität" des Gegebenen erleichterte dagegen schon eine 
andere Art der Bevorzugung, die Mittelbevorzugung. Die „auf- 
gefaßte" Einheit, die „Gestaltqualität" des gegebenen Reiz- 
konglomerates ist, nach unserer Auffassung, wie die „Mittel- 
bevorzugung", dem entwickelteren Geiste eigen und gründet sich 
auf eine höhere Art Wir kungs einholt.^ 

(Eine Entgegnung kann hier lauten, daß in der Sinnesphysiologie viele 
Fälle von automatischen Mitteleinstellungen anzutreffen sind — siehe 
zum Beispiel in Machs „Analyse der Empfindungen". Nach unserer Auf- 
fassung bestätigen aber gerade diese scheinbaren Ausnahmen unsere 
Behauptung; denn wir behaupten, daß die Randstellen einer ontogenetisch 
früheren Entwicklung angehören als die Binnenstellen, deshalb konnten sich 
in der unmittelbaren Reizwirkung — und gerade diese bildet den Gegenstand 
der Siimesphysiologie — früher Gestaltqualitäten, Wirkungseinheiten und 
Mitteleinstellungen ausbilden, welche dann nach späterer „Umkehrung der 
Vorzeichen" automatisiert übriggeblieben sind. Und außerdem: in diesen 
sinnesphysiologischen, automatischen Fällen erscheint die Mittelbevorzugung 
nur bei sehr nahe aneinanderstehenden Rändern.) 



1 Die Gestaltqualität ist ein von Chr. Ehrenfels eingeführter Begriff. 
Er meint damit das subjektive Erlebnis einer als spezifischen Einheit 
aufgefaßten Gestalt (geometrische Gestalt, Rhythmus, Melodie). 

2R. Müller-Freienfels: Philosophie der Individualität, 1921, und 
I. Hermann: Randbemerkungen zum Wiederholungszwang. Intern. Zeitschr. 
f. Psa., VIII. Jahrg., 1922. 

ä Diese Unterscheidung fällt teilweise mit der von M. Wertheimer 
zusammen. 



144 



Dr. Imre Hermann 



Wir sind also durch die Tatsachen und durch die Konsequenz 
unserer Randbevorzugungstheorie gezwungen, zwei Arten von 
psychischer Einheit anzunehmen, und zwar eine primitivere 
und eine entwickeltere. Jede Gestalt, jedes Bild, jede Szene erwirkt 
eine primitive psychische Einheit, solange sie als ein „Reiz- 
konglomerat" anzusehen ist, und eine entwickeltere Einheit, sobald 
die Einheit als Wirkungseinheit wirkt und eventuell durch eine 
spezifische Qualität „aufgefaßt" wird. 

Diese etwas breit ausgefallene Abschweifung über die 
psychischen Einheiten (Gestalten) wird sich vielleicht lohnen, 
wenn man auf Grund dessen einsieht, wie nahe die Freudsche 
Libidotheorie und die psychologische Gestalttheorie zueinander 
stehen müssen.' Auf infantiler Stufe erscheinen oft gehäufte Lust- 
betätigungen, z. B. Lutschen und Defäkation (= Konglomerat), auf 
höherer Stufe ist alle libidinöse Lustbetätigung dem Primat der 
Genitalzone (resp. je nach der Perversion bestimmten Zone) 
unterordnet (= Wirkungseinheit). 

Nach den obigen Ausführungen fällt uns ganz von selbst die 
Erkenntnis in den Schoß, daß im Unbewußten nur Einheiten der 
ersten, primitiveren Art vorkommen können, nicht aber solche der 
zweiten, entwickelteren Art. Die Szenen, Gebilde des Unbewußten, 
erleichtern also schon dadurch die Randbevorzugung, dann 
natürlich auch dadurch, daß im Unbewußten überhaupt die primi- 
tiven Vorgänge, die Primärvorgänge Freuds herrschen. 

Zur psychischen größten Inhaltseinheit, zum Gesamtinhalte 
des Individuums zurückkehrend, müssen wir dasselbe Material 
noch von einer anderen Seite betrachten. Bisher hatten wir nämhch 
die Ränder dieses Konglomerates durch die verflossene Zeit 
bestimmt. Ein anderer Gesichtspunkt läßt aber auch andere 
„Ränder" auftreten; unser Gesamtinhalt erstreckt sich nämlich 
von diesem anderen Gesichtspunkte aus gesehen, vom „puren" 
„Ich" — vielleicht das narzißtische, sich selbst liebende, primäre 
Ich der Psychoanalyse — bis zum ichlosen purem Bilde der 
Außenwelt. Ichinhalte einerseits und Außenweltinhalte anderer- 
seits bilden isolierte psychische Systeme (Ichsystem und Objekt- 
system der Psychoanalyse) ; zwischen „purem" Ich und „purem" 
Außenweltsbild haben sich Binnenstellen ergeben. Denken an die 
pure Außenwelt oder an das pure Ich sind vorzüglich Peripher- 
prozesse; das entwickeltere Denken läuft aber als Binnenprozeß 
ab, das heißt, es kennt kein pures Ich und keine pure Außen- 



1 Vgl. damit die Ausführungen meines Berliner Kongreß Vortrages 1922. 



Die Randbevorzugung als Primärvorgang 



145 



weit. Eine spezielle Art dieses entwickelteren Denkens ist diejenige 
Art, welche wir „tiefes Denken" nennen, wo die Realität der 
Außenwelt und die tiefsten Strebungen, Wünsche des Ichs sich 
treffen, einander Gleichgewicht halten und die Seele durch eine 
ganz eigentümliche Qualität, durch den „tiefen Gedanken" — 
so qualitativ aufgefaßt — erfüllt wird.^ 

Man kann sich zum Bilde verleiten lassen, daß der „tiefe Gedanke" 
sich im Mittelpunkte der Denk-Binnenstellen, deren Ränder ,leh" und „Außen- 
welt" wären, abspielt; Gedanken des Alltags und „tiefe Gedanken" können 
wir deshalb qualitativ voneinander unterscheiden, weil hier ein Sprung 
sich bemerkbar macht, derselbe Sprung, welcher die Randbevorzagung von 
einer Mittelbevorzugung ablöst. Diese Sprunghaftigkeit der geistigen Ent- 
wicklung ist ja seit jeher bekannt, hier wird sie aber auch verständlich. 
Der „tiefe Gedanke" (als Qualität, nicht als Wert aufgefaßt) steht in vollster 
Analogie zu der Gestaltqualität der Symmetrie. 

Nur noch flüchtig über einige kleinere Inhaltseinheiten. Es 
gibt Inhaltskonglomerate mit dem Namen „Typ". Der primitive 
Geist zwingt seine Erkenntnisse in Typen und will nicht anerkennen, 
daß auch Übergänge zwischen diesen Typen — oder vielleicht nur 
Übergänge — existieren. Er kennt nur gute oder schlechte 
Menschen ; der Kriminelle ist für ihn ein von Grund aus Verdorbener ; 
erst später kommt die Einsicht, daß diese Denkgewohnheit den 
Tatsachen nicht entspricht, ein eklatanter Fall der primitiven 
Randbevorzugung. — Man forschte lange nach dem Ursprung 
des Lebens, bevor noch das Leben selbst zum Problem wurde; 
man bildete Theorien über den Abschluß des Lebens, über den 
Tod, bevor man zur Erkenntnis kam, daß der Tod ein ständiger 
Satellit des Lebens sei.^ — Aus den Inhalten einer Erinnerungs- 



^ I. Hermann: Intelligenz und tiefer Gedanke. Intern. Zeitschr. f. Psa., 
VI. Jahrg., 1920. (Vorgetragen in der Ungarischen Psychoanalytischen Ver- 
einigung im Jänner 1919.) Meinen Ausführungen sehr ähnlich klingen 
diejenigen von M. Wertheimer (Über Schlußprozesse im produktiven 
Denken, 1920), 

2 S. Fr e ud: Jenseits des Lustprinzips, und Müller- Freienfels 
oben zitierte Arbeit. 

Nicht unerwähnt soll bleiben die Aristotelische Auffassung 
der Tugend (Niko machische Ethik, übersetzt von R o 1 f e s, zweites Buch, 
sechstes Kap.): „Es ist mithin die Tugend ein Habitus des Wählen s, 
der die nach uns bemessene Mitte hält und durch die Ver- 
nunft bestimmt ist, und zwar so, wie ein kluger Mann ihn 
zu bestimmen pflegt. Die Mitte ist die zwischen einem doppelten, fehler- 
haften Habitus, dem Fehler des Übermaßes und des Mangels; sie ist aber auch 
noch insofern Mitte, als sie in den Affekten und Handlungen das Mittlere findet 
und wählt, während die Fehler in dieser Beziehung darin bestehen, daß das 
rechte Maß nicht erreicht oder überschritten wird. — Deshalb ist die Tugend 



146 Dr. Imre Hermann 

reihe heben sich assoziativ besonders die Anfangs- und Endglieder 
hervor.^ 

Was das Gefühlsleben betrifft, so ist hier das Auftreten von 
Extremen und Maßlosen, falls es auf primitiver Stufe abläuft, die 
Regel, so in der Masse, im Affektleben des Kindes und im Traumleben.^ 

Nach diesen einleitenden Bemerkungen soll auf dem Gebiete 
der Ausdrucksbewegungen und der neurotischen Symptome ins 
Einzelne gehend bewiesen werden, daß unsere Theorie Anspruch 
auf eine Allgemeingültigkeit von ganz besonderer Weite erhebt. 
In allen diesen Fällen handelt es sich um Bevorzugung in der 
Darstellung, womit wir aber auch hoffen können, dem Problem 
der entwickelteren Darstellung, der künstlerischen nämlich, 
näherzutreten. Unser Augenmerk wird deswegen ganz besonders 
auf die „motorische Organeinstellung" als eine spezielle 
Art der Randbevorzugung gerichtet sein. 

B. Die Randbevorzugung in den Ausdrucks- 
bewegungen (Affekte). 

Es soll hier nachdrücklich betont werden, daß wir, ohne eine 
endgültige Lösung der ganzen Frage der Ausdrucksbewegungen 
anzustreben, uns gerne damit bescheiden, einige Bausteine zu 

nach ihrer Substanz und ihrem Wesensbegriff Mitte; insofern sie aber das 
Beste ist und alles gut ausführt, ist sie Äußerstes und Ende." — (Neuntes 
Kap.): „Deshalb ist es auch schwer, tugendhaft zu sein. Denn in jedem Ding 
die Mitte zu treffen, ist schwer. So kann z. B. nicht jedweder den Mittelpunkt 
eines Kreises finden, sondern nur der Wissende. So ist es auch jedermanns 
Sache und ein leichtes, zornig zu werden und Geld zu verschenken und zu 
verzehren." Ferner ist Cardanos Beobachtung anzuführen. (Eigene 
Lebensbeschreibung, Übersetzt von H. Hefele. S. 192): „Dann wirst du fest- 
stellen, daß die Ungebildeten einfältig und halsstarrig sind. Woraus sich 
erklärt, daß sie sich stets zwischen den Extremen bewegen; sind sie gut, so 
sind sie gleich sehr gut, denn sie lassen sich nicht leicht zu Bösem verführen ; 
sind sie schlecht, so sind sie gleich ganz schlecht, denn mit Vernunft ist bei 
ihnen nichts auszurichten und keine Überredungskunst vermag sie zu bewegen. 
In Sachen des geschlechtlichen Lebens sind sie durchaus zügellos und ungemein 
häßlich, wenn sie sich den Genüssen des Gaumens hingeben. Im Zorn sind 
sie furchtbar in ihrer Maßlosigkeit . . ." 

■■^Fröbes: Lehrbuch der experimentellen Psychologie, I. 1917 
S. 541—542. 

^ S. Freud: „Massenpsychologie und Ich-Analyse", 1921, S. 17: „Die 
nämliche Steigerung aller Gefühlsregungen zum Extremen und Maßlosen 
gehört auch der Affektivität des Kindes an und findet sich im Traumleben 
wieder, wo dank der im Unbewußten vorherrschenden Isolierung der einzelnen 
Gefühlsregungen ein leiser Ärger vom Tage sich als Todeswunsch gegen die 
schuldige Person zum Ausdruck bringt ..." 



Die Randbevorzugung als Primärvorgang 



147 



einer künftigen Lehre beizutragen. Im übrigen soll auch auf 
meinen Vortrag über die geschichtliche Entwicklung der Ausdrucks- 
bewegungs-Theorien (Engel, Spencer, Darwin, Lehmann, 
Piderit, Wundt, Klag es) und auf die dort vorgeschlagene 
Theorie der Ausdrucksbewegungen als Randbevorzugungs- Vorgänge 
verwiesen werden.^ Die Ausdrucksbewegungen zeigen, um nur 
beim Endresultat dieser Theorie zu verbleiben, eine Randbevor- 
zugung erstens topisch, im Ich-System, zweitens inhaltlich, 
indem sie oft die Anfangs- oder Endszenen (phylogenetischer) 
Reminiszenzen beleben. 

Wir wollen hier auch zeigen, welchen Vorteil die Einführung 
der Freud sehen Sexualtheorie für die Theorie der Ausdrucks- 
bewegungen bedeutet. Daß die Ausdrucksbewegungea irgendwie 
auf sinnhaltige Vorgänge zurückfiihrbar sind, sagten schon 

— wenn auch nicht in der von Freud inaugurierten vertieften 
Form — einige frühere Ausdrucksbewegungs-Theorien (Darwin, 
Piderit, Lehmann). Verblüffend blind waren aber sonst hell- 
sehende Köpfe, wenn sie sich etwas „Verpöntem", Libidinösem 
näherten. Das ist z. B. der Fall in Frey ers folgender Beschreibung: 
„Gegen Ende des ersten Jahres kam als Lustäußerung bei meinem 
Kinde ein eigentümliches Grunzen zum Vorschein. Es trat namentlich 
dann auf, wenn das Kind etwas Angenehmes erwartete und wurde 
oft mit einer Aktion der Bauchpresse verbunden. Ein wahres 
Drängen mit starkem Ausatmen oder jenem Grunzen mit geschlos- 
senem Munde war monatelang unzweifelhafte Lustäußerung. Eine 
Erklärung für diese Eigentümlichkeit zu finden, ist nicht geglückt."^ 
Ich denke, Preyer hat dort, wo der Schlüssel zu finden gewesen 
wäre, gar nicht gesucht : bei der Defäkation, deren analerotische 
Lust durch die Sexualtheorie Freuds postuliert wird. Der Aus-. 
druck des Zorns und Ungehorsams „durch hartnäckiges 
Gradstrecken des Körpers, und zwar schon im zehnten Monat, 
wenn das Kind hingelegt wird",^ erinnert uns lebhaft an das 
Verweigern desNiedersetzens zur Stuhlentleerung. 

Für die Anstrengung des Schreiweinens, der ersten 
Phase der Unlustäußerung, vermute ich, daß hier die Anstrengung 
bei einem härterenStuhle vorbildlich war ; die Unlust zwingt 

— regredierend zur oralen Phase der Libidoentwicklung — zu 



1 Siehe „Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse", Jahrgang VIII, 
1922, S. 113—115. 

2 W. Preyer: Die Seele des Kindes, 1905', S. 91. 

3 a. a. 0., S. 204. 



148 



Dr. Imre Hermann 



einem imaginären angestrengten Herauspressen (der Luft) aus 
dem Körper. Diese Auffassung wird gewissermaßen durch Leh- 
manns Erklärung des Schreiweinens unterstützt/ wonach die 
Tränenabsonderung beim Weinen als eine assoziative Erinnerung 
an einen ins Auge gefallenen Fremdkörper, also ebenfalls als ein den 
Körper befreiender Mechanismus aufzufassen sei : auch das Schreien 
des Säuglings kann als Entleerung durch die Luftwege gedeutet 
werden. Die in der späteren Phase der Unlustäußerung beim 
Weinen eintretende starke Inspiration (das Schluchzen), kann 
als die frühere Phase des Schreiens unterdrückende Gegen- 
aktion betrachtet werden, da doch das Weinen eine Entwicklung 
vom tränenlosen Schreien zum lautlosen Tränen durchmacht. Das 
Schluchzen wäre also wieder ein Fall jener Erscheinung, wo sich 
das Unterdrückende statt des Unterdrückten , durchsetzt. Deswegen 
dauert auch das Schluchzen (sowie das Emporheben der Augen- 
brauen) noch nach dem Weinen fort. Wem diese Ableitung der 
Mimik des Weinens gezwungen erscheint, der denke anCzernys 
Wort, daß „Ernährungsstörimgen selbst leichterer Art schon 
imstande sind, ein vorher frohes Kind ernst zu machen" ;2 dann 
denke er an die — sonst unverständlich bleibende — klinische 
Erfahrung von F e e r, wonach Kinder mit Pylorusstenose meist 
schon durch ihre ständig gerunzelte Stirn zu erkennen sind^ 
wie die gerunzelte Stirn dem Pylorusleiden untersteht, so können 
die übrigen Stellen des Gesichtes und der Brust den tieferen Teilen 
des Ernährungskanals unterordnet werden. 

Nun sehen wir aber hier, daß beim Schreiweinen keine Spur 
von einer wirklichen Defäkation zu beobachten ist, sondern es 
erscheint nur der Beginn zur Entleerung, die Zusammenziehung 
der Bauchpresse, das Herunterziehen der Mundwinkeln (auch zur 
Verstärkung der Bauchpressenwirkung). Der ganze Vorgang wird 
somit durch dessen „Rand" ersetzt! 

Die Ausdrucksbewegung der Unlust beim Schreien gibt uns Anlaß, an 
einem Beispiel zu beleuchten, daß die Ausdrucljsbewegung des Erwachsenen 
„überdeterminiert" sein kann,* sie kann außer der Bedeutung, welche ihr 
schon im frühkindlichen Alter zufiel, noch andere Bedeutungen in sich 

^ A. Lehmann: „Die Hauptgesetze des menschlichen Gefühlslebens' 
(mir nur die Ausgabe 1892 zugänglich), S. 310—11. 

2 Ad. Czerny: Der Arzt als Erzieher des Kindes, 1916*, S. 32. 

3 E. Fe er: Diagnostik der Kinderkrankheiten, 1921, S. 11. 

* Überdeterminiert sind eigentlich viele Ausdrucksbewegungen ; 
das wurde bereits von Darwin bemerkt, indem er einem Ausdrucke oft 
mehrere Deutungen gibt. (Ch. Darwin: „Der Ausdruck der Gemütsbewe- 
gungen bei Menschen und Tieren". Übersetzt von Carus, 1872.) 



Die RandbevorzuguDg als Primärvorgang 



149 



bergen. Ich fand bei zwei neurotisch Kranken den merkwürdigen Wunsch, 
laut aufzuschreien; sie schrien auch hie und da im Freien laut 
a u f. Die Analyse erbrachte die Bedeutung: eine Identifizierung mit 
einem brüllenden Tiere, weiter mit der ganzen Natur; bei beiden 
Kranken war in früheren Jahren Sodomie vorgefallen (in einem Falle mit 
einer Kuh, im anderen mit einem Hunde). 

Was die erfreulichere Frage der Lachmimik betriiTt, so 
schlugen alle bisherigen Erklärungsversuche hier fehl, „eine 
biologische Erklärung der Lachmimik ist bisher nicht möglich 
gewesen".^ Daß das Lachen mit dem Kitzelgefühl etwas zu tun 
hat, weiß jeder ; dieser Zusammenhang sagt aber noch gar nichts 
über die Lachmimik aus. Doch können auch wir von dieser 
Erkenntnis aus weiter bauen, 

Darwin selbst beschreibt, wie Laura Bridgeman — eine 
taubstumm-blinde Person, welche also ihre Ausdrucksbewegungen 
sicher nicht durch „Nachahmung" erwarb^ — in der freudigen 
Erregung lachte, die Hände zusammenschlug, die Farbe auf ihren 
Wangen sich erhöhte, auf den Boden stampfte.^ Was sind das für 
Akte, die Laura Bridgeman zeigt? Solange als man über sexuelle 
Lust und Vorlust in der Wissenschaft nicht sprechen wollte, konnte 
diese Frage nicht beantwortet werden; denkt man aber an diese 
Art von Lust, respektive Vorlust, dann erhellt sich sofort das 
dunkle Problem. Wird mit den Händen zusammengeschlagen, wird 
auf den Boden gestampft, dann werden eigentlich Stellen mit 
besonderer Fähigkeit zur Aufnahme der Kitzelreize auf irgendeine 
Weise — nicht durch Kitzelreize — gereizt. 

Folgende Überlegung führt uns weiter. Besonders kitzlige 
Stellen werden an den Handtellern, Fußsohlen, Kniekehlen, Achsel- 
höhlen, am Bauche, in der Umgebung der Brustdrüsen, der Hinter- 
backen, an den Augenlidern, Ohrmuscheln, am Naseneingange, 
am Halse angetroffen. Diese Stellen sind nun zusammenfassend: 
Beginn oder Ende solcher Körperteile, welche 
entweder direkte Beziehungen zu erogenen Zonen (Genitalien, 
After, Brustdrüsen) haben oder sonstige wichtige Körperfunktionen 
verrichten (Gehen, Sehen, Hören, Riechen). Nehmen wir an, daß 
auch diese letzteren Körperteile, welche also keine direkten 
Beziehungen zu den erogenen Hauptzonen aufweisen, erogenisiert 
sind (Kopf, Augen, Hände sind es sicher), dann lautet die Regel 
so, daß Kitzelgefühl in der Umgebung erogener Zonen oder am 
Anfang oder Ende erogenisierter Körperteile ausgelöst wird. Noch 



1 K. Bühler: ,Die geistige Entwicklung des Kindes", 1918, S. 25. 

2 Darwin: a. a. 0., S. 200—201. 




1"0 Dr. Imre Hermann 

einen Schritt weitergehend, kann diese Annahme so formuliert 
werden, daß diese gewissen kitzligen Körperstellen ein Depot, 
ein Lagerplatz — deshalb ihre Stelle in der Umgebung, am. 
Rande — für gewisse Sexualstoff e bilden und die Reizung 
dieser Depots direkt vorlustartige Gefühle auslösen kann.^ Wo 
liegt aber dieses Depot für die erogene Zone des 
Mundes? Die Antwort muß lauten: an zwei Stellen, einerseits 
in den Wangen, andererseits im Kehlkopfe. 

Daß die Wangen solche Vorlust-Stoff-Depots bilden, wh-d 
durch folgende Tatsachen bekräftigt: 1. Bei der Schamröte 
wü-d meist zuerst die Wange rot. Die Schamröte kann aber als 
plötzlicher Erogenisierungsüberschuß der gewissen Gesichtsteile 
aufgefaßt werden. 2. Meist werden die Kinder außer dem Munde 
an den W a n g e n g e k ü ß t, somit auch „traumatisch" die Wangen 
erogenisiert. 3. Die Wangen der Kinder werden zum Zeichen i 

besonderer Zärtlichkeit gezwickt; das verrät vielleicht eine f' 

instinktive Erkenntnis der lustspendenden Rolle der Wangen. 
4 Die Wangen der Säuglinge sind durch Fettgewebe besonders 
gepolstert, sowie später nach der Pubertät die weiblichen 
Brustdrüsen, der Mons Veneris, die Glutäalgegend ; dieses Fett- 
gewebe scheint also ein Satellit des Vorluststoffes zu sein. 

Bezüglich des Kehlkopfes will ich auf die Verknüpfung 
des Singens und der Sexualität hinweisen — Dr. S. Pfeifer 
hat sich mit der psychoanalytischen Bearbeitung dieses Themas 
befaßt^ — ; dann soll hier die merkwürdige Art eines vier Jahre 
alten Knaben aus eigener Beobachtung beschrieben werden. Dieser 
Knabe hat schon mit zwei Jahren ziemlich gut gesprochen, nach 
einer stärkeren Influenza wollte er aber nicht mehr, besonders 
nicht mit Fremden reden. Er spielte förmlich mit den Worten, 
wenn er sich doch zum Sprechen entschloß ; dabei lutschte er fest. 
Jede Ermahnung über das Lutschen — das ihn sicherlich im 
Reden hinde rte - die Lust stand hier der Realitätsanpassung hemmend 

1 Diese Depots wären die physiologischen Analoga der Trieb- 
reiz d e p o t s von F e r e n c z i : „Bei überempfindlichen Personen (mit narziß- 
tischer Konstitution), bei der Verletzung stark libidobesetzter Körperteile 
(erogener Zonen) oder unter anderen, noch unbekannten Verhältnissen bildet 
sich im Ich-Erinnerungssystem" (oder in einem spezieUen Organ-Erinnerungs- 
system) ein Trieb reiz depo t, aus dem auch nach Verschwinden aller 
Folgen der äußeren Schädigung unlustvolle Erregung der inneren Wahrnehmung 
zuströmen will („Psychoanalytische Beobachtungen über den Tic« Intern 
Zeitschr. f. Psa., VII, 1921, S. 47—48.) 

2 Siehe jetzt auch seinen Vortrag auf dem letzten Kongreß in Berlin, 
September 1922. ' 



I 



Die Randbevorzugung als Primärvorgang 



151 



gegenüber — hatte zur Folge, daß er zwar nicht lutschte, jedoch 
„verschob" er das Lutschen auf den Kehlkopf, indem er die Stimm- 
bänder und den Kehlkopf durch Hervorstoßen meckernder Laute in 
einen dem Lutschen entsprechenden Rhythmus brachte. Die Vorlust- 
stelle übernahm hier die Rolle der Luststelle.^ 

Nun kann die Lachmimik doch schon irgendwie verstanden 
werden; jetzt wird die Beschreibung von Laura Bridgemans 
freudigem Ausdruck verständlich : das Lachen entsteht aus derselben 
Reizung des Kehlkopfes und der Wangen (also wieder Regression 
auf die früheste, orale Libidophase wie beim Weinen), und zwar 
auf eine ökonomische, wenig anstrengende Weise, aus welcher die 
Reizung der Handteller und Fußsohlen entsteht.^ Wie hier keine 
adäquate Kitzeh-eizung stattfindet, so auch dort nicht, die Wangen 
werden nur durch Verbreiterung der Mundspalte „gepreßt" (wie 
Handteller und Fußsohle). — Jetzt verstehen wir aber die M i m i k 
des Kummers, weshalb nämlich da die Mundwinkel herunter- 
hängen:^ das verhindert die Ansammlung neuer Vorluststoffe. 

Hier sei noch eine kleine, etwas phantastisch klingende 
Abschweifung ins Biologische erlaubt. Sind die Kitzelstellen den 
Randpartien irgendwie zugeordnet, so ist vielleicht schon darin 
eine physiologische Randbevorzugung zu erblicken. 
Viel mehr hieher gehörig muß aber die Projektion der inneren 
Erregungsvorgänge auf die Körperoberfläche (Zonen von He ad) 
betrachtet werden; dann sind die antagonistischen Inner- 
vationen (z. B. der Gefäße, des Herzens) im speziellen, die 
antagonistischen Lebensvorgänge im allgemeinen hieherzuzählen; 
da ein Einfluß auf diese Vorgänge nur durch Beeinflussung eines 



1 Die rhythmische Bewegung des Kehlkopfes scheint das phylogenetisch 
frühere zu sein; dafür sprechen Erfahrungen bei Menschenaffen: ^Niemals 
habe ich einen Menschenaffen weinen sehen und ebensowenig ganz in mensch- 
licher Weise lachen ; unserem Lachen nahe kommt das rhythmische Keuchen 
gekitzelter Tiere, das jenem wohl auch physiologisch eng verwandt sein muß, 
beim behäbigen Betrachten erfreulicher Dinge (etwa kleiner Kinder) verzieht 
sich das Gesicht, besonders die Mundwinkel in einer Art, die an unser 
,Lächeln' erinnert." (W. Köhler: Zur Psychologie der Schimpansen. Psycho- 
logische Forschung, I. Bd., 1921, S. 28.) 

2 Darwin erwähnt die Angabe eines Reisenden, wonach die Neger am 
oberen Nil bei einem vergnügten Anblicke ein Reiben ihres Bauches 
begannen (a. a 0., S. 216) — wieder Reizung einer Kitzelstelle, die beim 
Grül3en nicht gekitzelt wird. 

3 Mit dem Herunterziehen des Mundwinkels beginnt das Schreiweinen 
und damit hört es auf (Darwin-Bühler) ; also aucheineRandbevorzugung 
im Ausdrucke des Kummers. 



T^ 



152 



Dr. Imre Hermann 



„Rand"vorgangs — welcher, für sich arbeitend, ein Extrem her- 
vorrufen würde — vonstatten geht. Im allgemeinen: Vom Satz 
des „Alles oder Nichts" wird die physiologische Randbevorzugung 
ausgesprochen. Ein ganz besonderer Fall von Randbevorzugung 
könnte in der Vererbung der Erbeinheiten (gen-e) erblickt 
werden: im Falle der Mendelschen R e g e I n bilden sich 
keine Zwischenstufen zwischen Vorhandensein und Nichtvorhanden- 
sein (presence — absence), sondern ein Entweder-Oder (des Vor- 
handenseins der Gen-e) offenbart sich. Die sogenannte „Ver- 
schiebung von unten nach oben" ist — entwicklungsgeschichtlich 
betrachtet — auch ein Verschieben von einem Körperend- 
punkt zum anderen; die Genitalzone wird ja erst später 
„Mittelregion". 

Fast ganz analog mit unseren Ausführungen klingen die folgenden 
Sätze: „Am vegetativen System haben wir einen zentraleren Anteil, ,das 
vegetative Binnensystem', das ,der Verwaltung des Staates entsprechen würde', 
vom muralen TeH (enteric System von L a n g 1 e y) zu unterscheiden, dessen 
Funktion es ist, den Organismus mit dem Inhalt der Hohlorgane in seinem 
Innern in Verbindung zu setzen, wie es die Funktion des cerebrospinalen, 
animalen Nervensystems ist, das Binnensystem durch Haut und Muskel- 
organe mit der Außenwelt in Beziehung zu bringen. Murales und animales 
System sind ,Grenzapparate'.'' (E.Küppers: „Der Grundplan des Nerven- 
systems und die LokaUsation des Psychischen". Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. 
Psych., Bd. 75, 1922, zit. nach G o 1 d s t e i n. Zentralbl. f. Neur. u. Psych., XXX.) 

C. Randbevorzugung in neurotischen Symptomen. 

Blättern wir die „Studien über Hysteri^"^ durch, so werden 
wh- in unserer Erwartung, eine Menge hiehergehöriger Beispiele 
zu finden, etwas enttäuscht. Aber diese spärliche Ernte kann 
begreifiich gemacht werden; in den Studien werden nämlich die 
Szenen nur ganz flüchtig, skizzenhaft angegeben, die Szenen 
bestehen meistens aus einem einzigen unteilbaren Ereignis. Doch 
fiel unser Suchen nicht leer aus, wie die folgenden Stellen beweisen 
können : 

1. „Anna saß am Krankenbette, den r e c h t e n Arm über die Stuhllehne 
gelegt. Sie geriet in einen Zustand von Wachträumen und sah, wie von der 
Wand her eine schwarze Schlange sich dem Kranken näherte, um ihn zu beißen." 
„Sie wollte das Tier abwehren, war aber wie gelähmt; der rechte Arm, über 
die Stuhllehne hängend, war .eingeschlafen', anästhetisch und paretisch 
geworden, und als sie ihn betrachtete, verwandelten sich die Finger in kleine 
Schlangen mit Totenköpfen. Wahrscheinlich machte sie Versuche, die Schlangen 
mit der gelähmten rechten Hand zu verjagen und dadurch trat die Anästhesie 
und Lähmung derselben in Assoziation mit der Schlangenhalluzination auf. — Als 

1 Jos. Breuer und Sigm. Freud, Studien über Hysterie, 1916. 



Die Randbevorzugung als Priraärvorgang 



153 



diese gesehwunden war, wollte sie in ilirer Angst beten, aber jede Sprache 
versagte, sie konnte in keiner sprechen, bis sie endlich einen englischen 
Kindervers fand und nun auch in dieser Sprache fortdenkeu und beten 
konnte. "1 

Symptome bei Anna: Lähmung des rechten Armes; eine 
Zeitlang sprach sie nur englisch. Lähmung und Englischsprechen 
findet sich am Ende der Träumerei einerseits, des darauffolgenden 
Ringens („endlich") nach sprachlichem Ausdrucke andererseits. 
Die zwei Szenen werden ausgesprochen als zwei Ereignisse 
geschildert ! 

2. „Wie einmal die Pferde mit dem Wagen, in dem die Kinder saßen, 
durchgegangen sind und wie ein anderesmal ich mit den Kindern während 
eines Gewitters durch den Wald fuhr und der Blitz gerade in einen Baum 
vor den Pferden einschlug und die Pferde scheuten und ich mir dachte: Jetzt 
mußt du ganz stille bleiben, sonst erschreckst du die Pferde noch mehr durch 
dein Schreien und der Kutscher kann sie gar nicht zurückhalten." 

Symptom : Stottern.^ 

3. Die beiden Szenen, welche Miß Lucys Krankheit auslösten: 

a) „Ich war mit den Kindern im Schulziminer und spielte mit ihnen 
(zwei Mädchen) Kochen, da wurde ein Brief hereingebracht, den der Brief- 
träger eben abgegeben hatte. Ich erkannte an Poststempel und Handschrift, 
daß der Brief von meiner Mutter in Glasgow sei, wollte ihn Öffnen und 
lesen. Da kamen die Kinder auf mich losgestürzt, rissen mir den Brief aus der 
Hand und riefen : ,Nein, du darfst ihn jetzt nicht lesen, er ist gewiß für deinen 
Geburtstag, wir werden ihn dir aufheben.' Während die Kinder so um mich 
spielten, verbreitete sich plötzlich ein intensiver Geruch. Die Kinder hatten 
die Mehlspeise, die sie kochten, im Stiche gelassen und die war angebrannt." 

Symptom : Geruchshalluzination vom Gerüche nach „ver- 
brannter Mehlspeise".^ 

b) „Ja, es ist ein Gast da, der Oberbuchhalter, ein alter Herr, der die 
Kinder liebt wie eigene Enkel, aber der kommt so oft zu Mittag, das ist auch 
nichts Besonderes . . ." „Wir stehen vom Tische auf, die Kinder sollen sich 
verabschieden und gehen dann mit uns wie alle Tage in den zweiten Stock . . ." 
„Es ist doch eine besondere Gelegenheit, ich erkenne die Szene jetzt. Wie die 
Kinder sich verabschieden, will der Oberbuchhalter sie küssen. Der Herr fährt 
auf und schreit ihn geradezu an : ,Nicht die Kinder küssen.' Dabei gibt es mir 
einen Stich ins Herz, und da die Herren schon rauchen, bleibt mir der 
Zigarrenrauch im Gedächtnis." 

Symptom : Geruchshalluzination von Zigarrenrauch. Das Ende 
der Szene : „Nicht küssen" weckt eine andere Szene mit demselben 
Inhalte; dieses Szenenende verschiebt sich auf das Ende der 
Mahlzeit: auf das Zigarrenrauchen, das auch symbolisch das Ende 



1 a. a. 0., S. 30. 

2 a. a. O., S. 46. 

3 a. a. 0., S. 97. 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/2. 



10 



154 Dr. Imre Hermann 

der Hoffnungen der Patientin — der Herr liebt sie — die zunichte 
gewordene Hoffnung bedeutet.^ 

4. Szene: „Später, wie dann alle die Streitigkeiten losgegangen sind, da 
hat der Onkel eine unsinnige Wut auf mich bekommen ; er hat immer 
gesagt, ich bin schuld an allem; hätt' ich nicht geplauscht, so wär's nie zur 
Scheidung gekommen; er hat mir immer gedroht, er tut mir was an; wenn er 
mich von weitem gesehen hat, hat sich sein Gesicht vor Wut verzogen und 
er ist mit der gehobenen Hand auf mich losgegangen. Ich bin immer vor ihm 
davongelaufen und hab' immer die größte Angst gehabt, er packt mich irgendwo 
unversehens." 

Symptom: Angstanfälle (Ende), mit dem Gesichtsbilde, wie 
der Onkel in Wut war (Anfang). — Die ganze Szene schließt 
Szenen, die wirklich traumatischen, ab. (Anfangszene 
war: Sie spürt den Körper des Onkels; Endgedanke der End- 
szene: „Er packt mich irgendwo.")^ 

Klassischer als diese Fälle lassen die Symptome einer 
Zwangsneurose, kurz mitgeteilt in den „Vorlesungen", die 
Randbevorzugung erkennen: 

„Eine nahe an dreißig Jahre alte Dame . . . führte unter anderem 
folgende merkwürdige Zwangshandlung vielmals im Tage aus. Sie lief aus 
ihrem Zimmer in ein anderes nebenan, stellte sich dort an eine bestimmte 
Stelle bei dem in der Mitte stehenden Tisch hin, schellte ihrem Stuben- 
mädchen, gab ihr einen gleichgültigen Auftrag oder entließ sie auch ohne 
solchen und lief dann wieder zurück." Nun die Szenen: „Sie hatte vor mehr 
als zehn Jahren einen weitaus älteren Mann geheiratet, der sich in der 
Hochzeitsnacht impotent erwies. Er war ungezählte Male in dieser Nacht aus 
seinem Zimmer in ihres gelaufen, um den Versuch zu wiederholen, aber 
jedesmal erfolglos. Am Morgen sagte er ärgerlich: ,Da muß man sich ja vor 
dem Stubenmädchen schämen, wenn sie das Bett macht,' ergriff eine Flasche 
rote Tinte, die zufällig im Zimmer war, und goß ihren Inhalt aufs Bettuch, 
aber nicht gerade auf eine Stelle, die ein Anrecht auf einen solchen Flecken 
gehabt hätte. Ich (sc. Freud) verstand anfangs nicht, was diese Erinnerung 
mit der fraglichen Zwangshandlung zu tun haben sollte, da ich nur in dem 
wiederholten aus einem Zimmer in das andere Laufen eine Übereinstimmung 
fand und etwa noch in dem Auftreten des Stubenmädchens. Da führte mich 
die Patientin zu dem Tisch im zweiten Zimmer hin und ließ mich auf dessen 
Decke einen großen Fleck entdecken. Sie erklärte auch, sie stelle sich so 
zum Tisch hin, daß das zu ihr gerufene Mädchen den Fleck nicht übersehen 
könne." 3 

Aus eigener Beobachtung möchte ich nur einen einfachen 
Fall erwähnen, er repräsentiert aber viele kompliziertere : Der Fall 
betrifft einen jungen Mann, der seit Jahren nach jeder kleinsten 



1 a. a. 0., S. 102—103. Im Ungarischen verwandelt sich die Hoffnung in 
Rauch (a remöny füstbe megy). 

2 a. a. 0., S. 107—114. 

3 F r e u d, Vorlesungen, S. 293—294. 



Die Randbevorzugung als Primärvorgang 



155 



Anstrengung Rückenschmerzen bekommt und von der hypo- 
chondrischen Angst überfallen wird, Rückenmarkschwindsucht zu 
bekommen. Außer diesen Klagen berichtet der Patient noch von 
oft auftretendem Harnreiz. Sämtliche Klagen waren von dem 
zurückgedrängten Onaniezwang seiner Kindheit ableitbar: der 
heftige Reiz zum Onanieren verschob sich zum Harnreiz, die 
Ermattung und Gewissensbisse nach der Befriedigung zur hypo- 
chondrischen Befürchtung. Er hielt fest an diesen Symptomen, da 
sie ihn an seinen Vater erinnerten, der ihn als erster durch 
die Beschreibung der Folgen der Onanie erschreckte und der in 
seinen letzten Tagen ürinbeschwerden hatte und infolge eines 
diagnostischen Irrtums starb. Er befürchtete, daß 
auch in seinem Falle der Vater und nicht die Ärzte recht behalten 
werden. 

Es erübrigt sich darüber zu sprechen, wie der Nervöse, 
bald himmelhoch jauchzend, bald zu Tode betrübt, immer in 
Extremen lebt, wie er das „Mittelregister" — der Ausdruck 
eines Nervösen — mit Willen sucht, aber nie findet. Das sind 
allzu bekannte Tatsachen. Nervöse Leute finden oft die erste 
Impression des Tages ausschlaggebend für die Laune am ganzen 
Tage, so sagte ein Zwangsneurotiker, das Schicksal des ganzen 
Tages hängt davon ab, wie er zu allerfrüh seine Zwangsimpulse 
beherrschen kann : gelingt es ihm z. B., frühmorgens vom allererst 
erblickten Kanalabfluß, woran ihn seine Zwangsgedanken fesseln, 
schnell loszulösen, so kann er sich den ganzen Tag lang auch von 
den später in den Weg fallenden Kanalabflüssen leicht loslösen. 

Die Randbevorzugung glauben wir aber auch noch in einem 
ganz anderen Gebiete von neurotischen Symptomen auffinden zu 
können, und zwar im Gebiete der Aphasie. Wir möchten hier 
nicht frühzeitig verallgemeinern und zu einem eingehenderen 
Studium fehlt uns das Material. Außer dem Hinweise, daß die 
Perseveration sich wahrscheinlich oft gerade als Rand- 
bevorzugung entpuppen möchte, sollen hier nur zwei Funde aus 
der Literatur Platz finden. J. Donath beschreibt einen Fall von 
Aphasie (bei beginnenderprogressiver Paralyse): Der Patient spricht 
nichts Verständliches, er bringt nur die Silbengefüge „Sobebe", 
„Behebe" zustande, doch beim Weggehen nach der ersten Unter- 
suchung verbeugte er sich und sagte dann ganz unerwartet 
(ungarisch) : „Ich empfehle mich."^ — N o i c a s Patientin schreibt 



^ J. Donath: Beiträge zur Lehre von der Amusie usw., Wien. Kl. 
Woch. 1901, Nr. 40. 



10* 



156 



Dr. Imre Hermann 



einzelne Worte falsch, korrigiert sie aber. Sie spricht manche 
Wörter, kann aber nur den Anfangsbuchstaben schreiben, die 
weiteren Buchstaben nur, wenn sie ihr einzeln vorgesagt werden.^ 

D. Randbevorzugung und Lustprinzip. 

Werden die primitiven psychischen Vorgänge durch den 
Mechanismus der Randbevorzugung gekennzeichnet, so muß die 
li'rage aufgeworfen werden, was denn das Verhältnis dieser primitiven 
Randbevorzugung zum Regulator der Primärvorgänge, dem Lust- 
prinzip sei: Freud hat zwar die Herrschaft dieses Prinzips 
im „Jenseits des Lustprinzips" bereits durchbrochen, wir hören 
dort, daß es auch „unter der Herrschaft des Lustprinzips Mittel 
und Wege genug gibt, um das an sich Unlustvolle zum Gegen- 
stand der Erinnerung und seelischen Bearbeitung zu machen".^ 
Wir nehmen aber — der Einfachheit halber — den Fall an, daß 
das Lustprinzip im primitiven Denken vollgültig herrscht und 
suchen die Fragen zu beantworten, ob erstens die Randbevor- 
zugung vom Lustprinzip ableitbar sei, das heißt ob das Lust- 
prinzip von den beiden Mechanismen der allgemeinere sei ; zweitens 
ob in der Randbevorzugung nicht eine unbemerkte Aussage über 
das Lustprinzip verborgen liegt, das heißt ob die Randbevor- 
zugung nicht der allgemeinere von beiden Mechanisnien sei. 

Natürlich müßte man von einer scharfen Definition des 
Lustprinzips ausgehen; und da erst bemerkt man die Schwierig- 
keit unserer Aufgabe. Das Lustprinzip bedeutet, daß der seelische 
Ablauf „jedesmal durch eine unlustvolle Spannung angeregt wird 
und dann eine solche Richtung einschlägt, daß sein Endergebnis 
mit einer Herabsetzung dieser Spannung, also mit einer Vermei- 
dung von Unlust oder Erzeugung von Lust zusammenfällt". Das 
gehöre zum ökonomischen Moment in den seelischen Abläufen. 
Dann : Das Lustprinzip ist „eine Tendenz, welche im Dienste einer 
Funktion steht, der es zufällt, den seelischen Apparat überhaupt 
erregungslos zu machen oder den Betrag der Erregung in ihm 
konstant oder möglichst niedrig zu erhalten".^ 

Ist es aber ausgesprochen, daß das Lustprinzip mit der 
Tendenz gleich sei, von verschiedenen Möglichkeiten die- 
jenige zu wählen, welche mit der größten, möglichen Lust 

1 N o i c a : L'agraphie chez l'aphasique moteur. Cpt. rend. des s6ances 
de la soc. de biol. Bd. 86, 1922, cit. nach. S i 1 1 i g. Zentralbl. f. d. ges. Neur. 
u. Psych. XXX, 1922. 

2 a. a. 0., S. 14. 
ä a. a. 0., S. 62. 



Die Randbevorzugung als Primärvorgang 



157 



einhergeht? Nein; wollen wir aber zur Randbevorzugung über- 
gehen, so wäre dieser Tendenz nachzuforschen, denn nur dann 
könnte vom Lustprinzip auf die Art der Bevorzugung in der Wahl 
gefolgert werden. Ist aber überhaupt unmittelbar etwas davon zu 
bemerken, daß das Wählen einer Randstelle mit mehr Lust geschieht 
als einer anderen Stelle, oder etwa, daß das Wählen einer anderen 
Stelle mit Unlust verbunden ist? Darauf könnte man antworten: 
Das Wählen eines Randgliedes ist bequemer, es liegt viel mehr 
„an der Hand" — diese Antwort wäre aber leicht nachweisbar 
unrichtig: Hühner beginnen mit dem Aufpicken einer Reihe 
von Körnern, selbst dann am Rande der Reihe, wenn sie 
vor die Mitte der Reihe gestellt wurden, wenn sie es 
also viel bequemer hätten, ein Korn aus der Mitte als erstes zu 
wählen (G. Revösz). Ich gebe zu, daß durch Hilfshypothesen 
auch dieser Fall dem Lustprinzip einfach unterordnet werden 
könnte (z. B. bei Hühnern sagt das optische Bild viel mehr, 
als die Muskelempfindung von selten der Halsmuskeln aus) — 
doch wäre man durch diesen Weg nicht bei einem Beweise, 
sondern bei einer Voraussetzung — Voraussetzung der Allgemein- 
gültigkeit des Lustprinzips — angelangt. Dann: Man kann nicht 
wissen, ob die verschiedenen Möglichkeiten der Wahl nicht in 
eine „ästhetische Indifferenzzone" (Fe ebner, siehe bei Freud, 
a. a. 0., S. 4) fallen, das heißt, die Wahl einer jeden Stelle den- 
selben Lustbeitrag ergeben würde? 

Daß die Randbevorzugung, als eine Art Abstraktion mit 
dem ökonomischen Prinzipe zusammenhängt, muß jeder 
einsehen, aber daß gerade der Rand bevorzugt wird, ist eine 
Tatsache, welche vom ökonomischen Prinzipe nicht ableitbar ist- 

Hingegen: Nehmen wir die empfundene Lust^ und nicht 
ihre metapsychologische Grundlage zum Ausgangspunkte unseres 
Gedankenganges, so muß in dem Streben nach ihr ein ganz 
eklatanter Fall der Randbevorzugung, das Streben nach der Lust- 
prämie erblickt werden. 

Und noch einen Schritt weiter gewagt, kann behauptet werden, 
daß selbst die Tendenz, „den Apparat erregungslos zu machen", „den 
Betrag der Erregung in ihm konstant oder möglichst niedrig zu 
halten", nichts anderes, als ein Festhalten an einer Grenze, 
gegenüber der Erregungssteigerung ins Grenzenlose bedeutet. Damit 
wäre der Sinn des ökonomischen Prinzips klargestellt. 

1 Die empfundene Lust muß ökonomisch, topiscli und dynamisch 
begründet sein (Siehe: Jenseits des Lustprinzips, S. 67, und L Hermann, 
Randbemerlfungen zum Wiederholungszwang. Intern. Zeitschr. f. Psa., VIII, 1922). 



158 



Dr. Imre Hermann 



Fassen wir die hier angedeuteten Gedankengänge zusammen, 
so kann behauptet werden, daß erstens die Randbevorzugung als 
„Bevorzugung überhaupt" dem ökonomischen Prinzip unterordnet 
ist, zweitens die Randbevorzugung als die Wahl des leichteren, 
an der Hand liegenden oft, aber nicht stets lustbetonter ist, 
als die Wahl einer anderen möglichen Stelle, drittens die Tendenz 
nach Lustempflndung oft, wenn auch nicht stets, als Resultat einer 
Randbevorzugungstendenz aufzufassen ist. Das heißt aber: Lust- 
prinzip und Randbevorzugung sind eng aneinandergeknüpft, ohne 
miteinander im Verhältnisse von AUgemeinem-Speziellem zu stehen. 
Wir haben ja die Randbevorzugung auch ins Biologische verfolgen 
können, was beim Lustprinzip (gemeint die empfindliche Lust) sinn- 
widrig wäre ; damit wird aber wieder nur die Anschauung unterstützt, 
daß Randbevorzugung und Lustprinzip ganz verschie- 
dener Provenienz sind und sich nur sekundär zu- 
sammenfinden. Es ist wahrscheinlich so, daß die Randbevor- 
zugung durch den primitiven Geist aufrechterhalten wird, 
da sie meistens dem Lustprinzipe gemäß arbeitet, dabei könnte 
es auch sein, daß die Randbevorzugung beitrug, das Lustprinzip 
zur Herrschaft zu erheben. 



E. Die Randbevorzugung in der Tierpsychologie. 

Wir beriefen uns bereits öfters auf Erscheinungen der Tierseele, um 
gewisse Gesetzmäßigkeiten klarer demonstrieren zu können. (S. z. B. das 
vorhergehende Kapitel). Besonders im Kapitel über die Ausdrucksbewegungen 
hätten wir noch mehr Gelegenheit gehabt, Beispiele aus der Tierpsychologie 
zu holen. So z. B. hat Darwin selbst in gewissen Ausdrucksbewegungen 
nur Vorbereitungen zur ursprünglichen, jetzt nicht mehr ausgeführten 
Tat erblickt; so wird der steife Gang des Hundes bei „feindseliger Absicht* 
aufgefaßt ;i eine Anfangshandlung ist auch die Stellung der Katze bei 
Zuneigung oder die Ausdrucksbewegung der Wut mit ihrer Angriffsbereit- 
schafl, oder das Zusammenfahren beim Erschrecken, was ursprünglich durch 
die zielstrebige Gewohnheit erlangt wurde, so schnell als möglich durch 
einen Sprung der Gefahr zu entgehen (Anfang- oder Endsituation beim Sprung), 
auch wird dieses Zusammenfahren vom. Schließen der Augenlider und einer 
plötzlichen, lauten Einatmung begleitet, was die naturgemäße Vorbereitung 
für jede heftige Anstrengung ist.^ 

Das Walten der Randbevorzugung im Tierreiche reicht aber noch 
viel weiter. Hier nur einige Beispiele: Nach den Beobachtungen von 
Th. Schjelderup-Ebbe soll sich im Hühnerhofe für jedes einzelne Tier 
eine gewisse Über- und Unterordnungsreihe gegenüber allen übrigen Hübnern 
ausbilden. Diese Rangordnung hängt aber nicht so sehr von der Stärke der 
Hennen (respektive Hähne) als von der Gewohnheit oder von gewissen 

1 a. a. 0. S. 117. 

2 a. a. 0. S. 41. 



Die Randbevorzugung als Primärvorgang 



159 



Umständen bei dem ersten Zusammentreffen ab. Das Verhalten 
bei der allerersten Begegnung wird für lange Zeit ausschlaggebend.^ — In 
Kafkas Tierpsychologie heißt es: „Eine schwierigere Aufgabe stellt... die 
sogenannte Methode der vielfachen Wahl (multiple-choice-method) 
dar, bei welcher den Tieren nicht stets die gleiche Anzahl von Futterkisten 
zur Wahl dargeboten wird, die Entscheidung daher nicht nach der absoluten, 
sondern nur nach der relativen Stelle des Futterkastens, in der durch beliebige 
Verkürzungen oder Verlängerungen veränderliche Reihe getroffen werden 
kann. Krähen (Coburn und Yerkes, 1915), Ratten (Burtt, 1916), Schweine (Yerkes 
und Coburn, 1915) und Affen (Yerkes, 1916) zeigten sich zur Lösung dieser 
Aufgabe in beschränktem Umfange befähigt, indem die Krähen von neun 
Futterkästen den äußersten von links und von rechts, die Ratten nur den 
äußersten von links, die Schweine den äußersten von rechts und, wenn auch 
mit größeren Schwierigkeiten, den zweiten von links, aber bei ungeraden 
Reihen über fünf Glieder nicht mehr den mittleren, unter den Affen endlich, 
der Orang nur den äußersten von links, der Makak und der Rhesus den 
äußersten von beiden Seiten und Rhesus überdies den mittleren richtig 
lokalisieren lernte.^ — Einige Beobachtungen aus Köhlers alntelligenz- 
prüfungen an Menschenaffen":^ Unsere „unmittelbare Reizeinstellnng" erkennen 
wir dort, wo beschrieben wird, daß das optische Bild an sich die 
Bestimmung begründet, ob ein Teil vom anderen lostrennbar sei oder nicht 
(z. B. Bretter, welche ohne auffallende Fugen nebeneinander liegen, werden 
nicht als isolierte Bretter angeschaut). Die „motorische Organeinstellung" in 
ihrem speziellen Sinne ergibt sich aus Beobachtungen, nach welchen bei der 
Wahl mit der rechten Hand rechtsliegende Fäden bevorzugt werden und 
mit der linken Hand einen Augenblick, wie selbstverständlich, symme- 
trische Bewegungen zu den früher mit der rechten Hand ausgeführten 
gemacht werden. Ein sehr interessantes Beispiel der inhaltlichen Rand- 
bevorzugung ergibt sich beim Nestbau, wenn wenig Material vorhanden ist: 
es wird „keineswegs eine notdürftige Unterlage für den Körper beim Hocken 
zuerst hergestellt, sondern ... die Hauptsache ist ein Ding um das Tier herum, 
das allemal zu Anfang gebildet werden muß und, wenn das Material nicht 
ausreicht, ganz allein entsteht." Besonders auffallend ist die Bevorzugung des 
Randes beim sogenannten Kistengebrauch. 

IL Das biogenetische Grundgesetz als normal- 
psychologisches Prinzip. 

Daß das Haeckelsche Grundgesetz auch vor der Türe 
der Psychologie nicht Halt machen darf, ist keine neue Forderung ; 
es sollen nur die Namen von Stanley Hall, Baldwin und 
Wundt genannt werden. Worauf ich hier die Aufmerksamkeit 
lenken will, ist nicht die Tatsache, welche durch diese Forscher 



1 „Beiträge zur Sozialpsychologie des Haushuhns". Zeitschr. für Psycho- 
logie, Band 88, 1922. 

2 „Tierpsychologie". Handbuch der vergleichenden Psychologie, I. Band, 
Abt. 1, 1922. 

3 Siehe die Mitteilung „Zur Psychologie der Schimpansen" in der 
„Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse", Jahrgang IX, 1923. 



160 



Dr. Imre Hermann 



eingehend analysiert wird, daß nämlich die geistige Entwicklung 
des Kindes Parallelen zur StammesentwicMung aufweist, sondern 
eine besondere Wendung des Grundgesetzes. Faßt man nämlich 
jeden einzelnen zur Bewußtheit führenden geistigen Prozeß auf 
als einen Prozeß, welcher von einer primitiven Phase des psycho- 
physiologischen Organismus zu seiner höheren (oder höchsten?) 
Phase, nämlich zur Bewußtheit führt, dann kann man auch 
für jeden einzelnen zur Bewußtheit führenden 
geistigen Prozeß die beiläufige Gültigkeit des 
„Grundgesetzes" verlangen, das heißt, man kann 
voraussetzen, daß jeder solcher aktueller Prozeß, 
sich erstüber primitivere geistige Organisations- 
stufen emporentwickelnd, die höhere Organi- 
sationsstufe des zum Bewußtsein gelangenden 
Endresultats erreicht. Diese Voraussetzung — sie ist bereits 
m Gebiete der Sexualität von Perenczi, (Vortrag im Jahre 1918), 
im Gebiete des Denkens von S childer^ ausgesprochen worden — 
— soll im folgenden durch Tatsachen bekräftigt werden. 

A. Zur Erklärung der geometrisch-optischen 
Täuschungen. 

- Will man in den Naturwissenschaften eine Theorie unter- 
stützen, so greift man zum Experiment, will man aber eine 
psychologische Theorie verifizieren, so zieht man die „Täuschungen" 
heran. Auch wir wollen diesem konservativen Brauch nicht aus 
dem Wege gehen. Dabei werden wir den Ausführungen Ebbing- 
haus' „Grundzüge der Psychologie" IL (1. bis 3. Aufl. 1913) folgen.^ 
„Bei der Betrachtung einfacher, meist nur aus wenigen Linien 
bestehender ebener Figuren zeigen sich vielfach auffallende Ver- 
schiedenheiten der räumliehen Verhältnisse, wie sie unmittelbar 
durch das Auge gesehen werden und wie sie sich indirekt, durch 
messende Hilfsmittel, als vorhanden nachweisen lassen. Linien 
erscheinen infolge ihrer Lage oder infolge einiger Nebenstriche 
größer oder kleiner als andere, denen sie nach Aussage des Maß- 
stabes genau gleich sind ; sie haben rein optisch eine andere Richtung 
oder andere Krümmung, als ,objektiv' bei der Untersuchung mit 

^ P. Schilder. Über Gedankenentwicklung. Zeitschr. f. d. ges. Neur. 
u. Psych., Bd. 59. Eine Ableitung der Hemmung s- und Störungs- 
erscheinungen durch Ähnlichkeit, auf diese Voraussetzung 
fußend, siehe in meiner Abhandlung: Randbemerkungen zum Wiederholungs- 
zwang. 

2 a. a. 0., S. 51 bis 121. 



J^i. 



Die Randbevorzugung als Primär Vorgang 



161 



Lineal und Zirkel." Diese Täuschungen bezeichnet man als geo- 
metrisch-optische Täuschungen. Am bekanntesten sind vielleicht 
unter diesen Täuschungsmustern das Müller-Lyersche Muster 

(-< >- >► <), das Zöllnersche Muster ( ^ ^ )) die 

vertikal-horizontale Täuschung (L_). '1 f^ 

Zur Erklärung der geometrisch-optischen Täuschungen sind 
verschiedene Theorien entwickelt worden, respektive sie sind zur 
Erklärung verschiedenen Theorien unterworfen worden. Eine größere 
Beachtung „hat die in der Tat besonders anziehende Theorie von 
L i p p s gefunden. Sie erhebt den Anspruch, die gesamte Fülle der 
geometrisch-optischen Täuschungen aus einem Prinzip zu erklären." 
„Ihre beiden Grundgedanken sind diese: Räumliche Formen ver- 
mögen wir nicht einfach zu sehen als Systeme toter Linien oder 
als verschieden gestaltete Flächenstücke ; sie werden uns sogleich, 
indem wir sie wahrnehmen, zu Trägern lebendiger Kräfte; 
wir beleben sie phantasievoll durch das Hineindenken von Tätig- 
keiten und Bewegungen, die wir von unserer eigenen Ausübung 
her kennen und an die wir durch ihren Anblick zwingend erinnert 
werden. Eine Linie ist uns nicht bloß eine gerade oder krumme 
Verbindung zweier Punkte; sie streckt sich, oder sie neigt sich, 
wölbt sich oder schlängelt sich; innerhalb ihres Verlaufes strebt 
sie ins Weite, an ihren Enden erscheint sie gehemmt. Der Kreis 
drängt nach der Mitte und bezwingt in jedem Punkte die für 
uns natürliche Tendenz des Fortgangs in der Tangente ; die Säule 
ragt empor und überwindet siegreich den Druck des nach unten 
strebenden Gebälks. Natürlich sind diese belebenden Vorstellungen 
nicht etwas abgesondert neben die räumlichen Eindrücke Tretendes 
und sich ihnen bloß äußerlich Anhaftendes; sie werden als etwas 
in ihnen Liegendes, sie ganz und gar Durchdringendes erlebt. 
L i p p s will daher den Akt ihres Hineindenkens nicht als Assozia- 
tion, sondern als Einfühlung bezeichnet wissen." Der zweite 
Lippssche Gedankeist nun, daß dasjenige, „was sich für unsere 
Auffassung ausdehnt, ausweitet, begrenzt einengt, usw., erscheint 
im unmittelbaren Eindruck ausgedehnter, ausgeweiteter, begrenzter, 
eingeengter als dasjenige, was sich in minderem Grade oder über- 
haupt nicht ausdehnt, ausweitet, begrenzt, einengt." „Aus solchen 
Gründen geschieht es nach Lipps, — um einige Beispiele anzu- 
führen — , daß uns der Durchmesser eines Kreises kleiner erscheint 
als die objektiv gleich lange Seite eines Quadrates: wir werden bei 
jenem beeinflußt durch das stete Wegdrängen der Kreisperipherie 
von der gradlinig fortgehenden Bewegung und ihr Hindrängen nach 
der Mitte, bei dieser nicht. Oder daß wir vertikale Distanzen 



162 



Dr. Imre Hermann 



größer sehen als gleichlange horizontale: wir sehen bei jenen 
die Überwindung der das Vertikale mit Zusammensinken bedrohender 
Kraft der Schwere." Treten wir dieser Theorie etwas näher, so 
muß uns ihre Nähe zur ariimistischen Weltbetrachtung, zur 
ersten projizierten Phase unseres Wirklichkeitssinnes (F e r e n c z i)^ 
auffallen. Doch vom Standpunkte unserer der Realität angepaßten, 
späteren Phase des Wh-klichkeitssinnes sind die früheren Phasen 
bereits überwunden; so ist auch die animistische Phase über- 
wunden,wird aber, unserem Prinzipe gemäß, bei jeder einzelnen Wahr- 
nehmung der Realität flüchtig durchgelaufen. S o aufgefaßt, bedeutet 
die Lippsche Theorie nicht, daß wir die Linien usw. bewußt 
durch Kräfte beseelen, sondern nur soviel, daß die psychologische 
Repräsentanz der Linie usw. eine solche animistische Phase durch- 
läuft, hinter sich läßt. Somit wird aber Ebbinghaus' Entgegnung 
zunichte, wenn er behauptet: „Die meisten meiner Leser werden 
bis zum Kennenlernen der Lippsschen Behauptung schwerlich 
je in einem Kreise eine nach der Mitte drängende Linie oder eine 
Gerade als Trägerin einer sich ausweitenden und an ihren Enden 
gehemmten Kraft gesehen haben." L i p p s selbst gibt ja zu, daß 
diese Beseelung unbewußt stattfindet. Ebbinghaus verlangt 
aus allgemeinen Gründen, „daß die von L i p p s angenommenen 
Wirkungen stärker werden, wenn die sie angeblich hervorbrin- 
genden Vorstellungen willkürlich oder durch Vermittlung der sie 
reproduzierenden sinnlichen Eindrücke verstärkt und lebhafter 
bewußt gemacht werden, und umgekehrt schwächer bei Unter- 
drückung oder AbSchwächung jener Vorstellungen," Ein mächtiger 
Irrtum ! 

Wir sehen gerade in der Überwindung, also im Unbewußt- 
bleiben die Quelle der „Täuschung" und glauben ihr Entstehen 
ebenso erklären zu können, wie Symptome bei anderen Ver- 
drängungen erklärt werden, nämlich daß sie die Zensur durch- 
dringen können. Die Täuschungen sind Symptome der 
überwundenen (verdrängten) animistischen Phase.^ 

Daß solche Überwindung tatsächlich die Fähigkeit besitzt, 
symptomatisch eine Täuschung hervorzurufen, kann damit unter- 
stützt werden, daß willkürliche Unterdrückung eines 
Merkmales durch Verschiebung an einem anderen 
Merkmal e erscheinen kann, z. B. werden zwei Kreise mit 

1 S. Ferenczi, Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Internat. 
Zeitschrift für Psychoanalyse, Jg. I, 1915. 

2 Etwas von weitem Analoges sagt Ebbinghaus, wenn er bei manchen 
Täuschungen eine zerebrale Überwindung subkortikaler Innervation erblickt. 



Die Randbevorzugung als Primärvorgang 



163 



gleich großen Radien aufgezeichnet und dann der eine konzentrisch 
von einem größeren anderen eingehüllt, der andere als Einhüllung 
eines kleineren dargeboten, dann erscheint von den beiden gleich- 
großen Kreisen der Umhüllende kleiner ( (^ © Delboeuf) ; werden 

aber beide gleichgroße Kreise von je einem konzentrischen Kreise 
mit verschiedenem Radius umgeben, dann erscheint der Kreis von 
einem etwas größeren Kreise umgeben, größer als der andere von 

einem viel größeren Kreise umgebene, (©(^y)- Nur beim letzt- 
erwähnten Kreise steht der in Frage stehende Kreis relativ „isoliert" 
da, während die anderen Fälle die Symptom-Wirkung der Unter- 
drückung und den hier waltenden Mechanismus der Verschiebung 
zu Tage treten lassen. Wo man sich vom Anblicke eines anderen 
Kreises befreien muß, da gibt auch diese unterdrückte Gegeben- 
heit etwas von sich in das Wahrnehmungsbild ab. 

Ist unsere Auffassung im allgemeinen richtig, so muß nach- 
weisbar sein, daß die Überwindung ganz besonders primitive Arten 
der Anschauung betrifft und an einem entwickelteren Resultat 
der Anschauung als Symptom erscheint; mit anderen Worten es 
muß eine Verschiebung^ der Daten in der Richtung von 
primitiver zur entwickelteren Anschauungsart, also auch vom 
Rande zur Mitte stattfinden. Somit fällt aber auch der zweite 
Einwand von Ebbinghaus gegenüber der Lippsschen Theorie 
weg: „Allein ich muß zunächst bestreiten, daß gerade die vonLipps 
angegebenen und allerdings für seine Erklärung der Täuschungen 
notwendigen Vorstellungen auch für andere die natürlichen und 
nächstliegenden seien ; vielfach scheinen mir direkt entgegen- 
gesezte ebenso nahe oder gar näher zu liegen. Wenn ich mir denn 
schon bei einem Kreise etwas denke, so ist er für mich und 
andere Personen eher ein sich blähender Punkt, eine anschwellende 
Blase, als eine überall nach dem Mittelpunkt hingezwungene Linie ; 
eine geteilte Strecke im Vergleich mit einer ungeteilten erscheint 
mir ebenso natürlich als ein durch vielfache Hemmungen an seiner 
vollen Entfaltung gehindertes Ganzes, wie — mit Lipps — als 
eine Mehrheit kleinerer Ganze, deren jedes doch angenähert die 
Kraft des umfassenden Ganzen besitzt." Die primitive Rand- 



1 Die Auffassung der Täuschung als Verschiebungserscheinung vom 
Darstellungs-System zum dargestellten „höheren Gegenstand" findet sich, als 
Wurzel der hier entwickelten Anschauung, in einer nur ungarisch erschienenen 
kleinen Arbeit : I. Hermann, Az inadaequat jelensögek közti lörvönyszerüsög. 
Atheneum, I, 1915. 



164 



Dr. Imre Hermann 



bevorzugung (die Teilungslinien sind nacheinander wieder- 
kehrende Ränder) gibt hier eine vollständige Aufklärung. 

Die Erklärung der Müller-Ly ersehen Täuschung 
möchten wir also im folgenden geben : Wenn es wahr ist, daß die 
Randbevorzugung zu den primitiven seelischen Abläufen gehört, 
welche in jedem, entsprechenden geistigen Prozeß, auch der 
entwickelteren Phase, anfangs berührt werden, dann muß die 
Größe der Mittellinie in dem Müller-Lyerschen Muster 
durch die Randstellen ) ^ respektive ^ ^ im Beginne der 
Beobachtung mitbestimmt werden. Diese erste Phase der Anschauung 
wird überwunden, doch erscheint das Überwundene (Verdrängte) 
durch eine Art Verschiebung in der Raumbestimmtheit der Mittel- 
linie. Wir gebrauchen somit zur Erklärung folgende Prinzipien: 
a) die Voraussetzung der Gültigkeit des biogenetischen Grund- 
gesetzes im behandelten Sinne,^ b) die Voraussetzung primitiverer und 
entwickelterer Raumerkenntnisse, c) die Verschiebung einer Raum- 
bestimmtheit von den überwundenen primitiveren zu den entwickel- 
teren Daten. Auch die treibende Kraft, der Motor, das Unbedingte 
des So-Sein-Müssens ist uns bekannt: die Einfühlung im Sinne 
des Animismus der Primitiven und Kinder (wenn man will: 
die kollektive Anschauungsart nach Levy-Brühl). Diese 
Organisationsstufe des Wirklichkeitssinnes muß gerade so über- 
wunden werden, wie die noch frühere halluzinatorisch-magische 
Phase und wie wir es für die Stufe der Randbevorzugung annahmen. 
Im Falle des Müller-Lyerschen Musters sind die primär 
eindringenden Randpartien nicht nur breit, respektive schmal, sondern 
sie besitzen auch die Kraft der Verbreitung, respektive der Ver- 
engerung. Diese überwundene Kraft erscheint in der Täuschung 
auf die Mittellinie verschoben. So reihen wir den obigen drei 
Prinzipien noch das vierte an: d) die Raumbestimmtheiten in der 
primitiven Raumerkenntnis sind mit treibenden Kräften versehen 
(animistische Auffassungsart). 

Vielleicht erscheint diese unsere Erklärung nicht sehr ver- 
schieden von den meisten anderen ; sie gibt aber doch ein Wesent- 
lich anderes Wissen, da sie auf schärfer umschriebenen, nicht nur 
bei dieser einen Täuschung geltenden Prinzipien aufgebaut ist 

Die primitivere Raumerkenntnis ist nicht nur durch die Rand- 
bevorzugun g gekennzeichnet. Auch gewisse Richtungen, Verbin- 

1 Im Begriffe der Gestaltproduktion (Witasek) glauben wir 
teilweise (oder vollständig?) die Bezeichnung für dieses Geschehen erblicken 
zu können; die Gestaltproduktion fängt mit der primitivsten Auffassungsart 
an und endet mit der Überwindung des Lustprinzips. 



Die Randbevorzugung als Primärvorgang 



165 



düngen werden bevorzugt. Anknüpfend an die Versuche über die 
„Wahltendenzen" hatte ich bei Schülern einer zweiten Klasse der 
Normalschule (durchschnittUches Lebensalter siebeneinhalb Jahre) 
Versuche mit der Aufforderung angestellt, neben eine niedergelegte 
Spielmarke eine andere zu legen. Von zweiundzwanzig Fällen wurde 
achtmal die horizontale Richtung (nach rechts), mit möglichster 
Genauigkeit, in drei Fällen etwas nach unten verschoben eingehalten. 
Siebenmal war die vertikale Richtung (nach unten), dem Augen- 
maße nach geurteilt genau, zweimal etwas nach rechts verschoben^ 
bevorzugt ; nur zweimal war die Spielmarke in eine ausgesprochen 
schiefe Richtung gelegt. Anknüpfend an Versuche über den „Gestalt- 



ich Imbezillen die Aufgabe: unter die Linien V 



oder 



\\^\^ 



wert"^ gab 

^ gleiche Linien zu ziehen. Ich fand stets die Tendenz einer 
Richtungsänderung, es wurde nämlich entweder so ^/j respektive 
oder so 'f respektive J^ gezeichnet. 

Diese Richtungseigentümlichkeit der primitiven Raumerkennt- 
nis gibt die Erklärungsgrundlage, an Stelle der Randbevorzugung, 
bei mehreren Täuschungen (Z ö 1 1 n e r-, P o g g e n d o r f-, H e r i n g-, 
Wundtsche Muster). 

B. Das stroboskopische Sehen von Bewegungen 
— wo also „dem Auge in entsprechend raschem Tempo eine 
Serie von Bildern geboten wird, die einzelne in gewissen nicht zu 
großen Zeitdistanzen aufeinanderfolgende Phasen eines Bewegungs- 
vorganges zur Darstellung bringen"^ — ergibt, je nach dem Zeit- 
intervall der Reize, verschiedene Daten für die Wahrnehmung. 
Ganz schematisch können folgende Fälle unterschieden werden: 
Unter V150 bis V200 Sekunde herrscht noch die unbedingte Rand- 
bevorzugung, es werden die Daten als Randpartien gesehen, ohne 
eine vermittelnde Bewegung. Auch ist hier die animistische 
Wirklichkeitsphase noch nicht erreicht, die Projektion der inneren 
Vorgänge erscheint noch nicht; über dieses Zeitintervall hinaus 
bis zirka Vso Sekunde wird eine Bewegung in die Zwischenphase 
hineingesehen. Hier wäre also die Randbevorzugung schon über- 
wunden (in vielen Versuchen erscheint die Bewegung nur an den 
„Rändern", als „Ruck" usw.), wesentlicher ist aber, daß die 
animistische Phase des Wirklichkeitssinnes er- 



1 I. Hermann, Ordnungssinn und Gestaltwert im Zusammenhange mit 
der Sittlichkeit, Zeitschr. f. angew. Psych., Bd. 20, 1922. 

2 St. W i t a s e k, Psychologie der Raumwahrnehmung des Auges, 1910, 
Seite 334. 



"^T-- 



166 



Dr. Imre Hermann 



i 



reicht ist, mit dem Hineinsehen von lebendigen, sich bewegen- 
den Kräften (oft wird nur ein „Hinüber" gesehen — ohne „etwas" 
sich bewegend gesehen zu haben [Wertheimer]). Endlich, bei noch 
breiterem Zeitintervall, wird die letzte Phase, die Realitätsphase 
des Wirklichkeitssinnes erreicht; man sieht das Dargebotene den 
objektiven Verhältnissen gemäß. 

C. Denken und Motilität. Was der Zusammenhang von 
Denken und motorischer Betätigung sei, wird seit langem rege 
besprochen. Ist das Denken das AUes-Lenkende und die Motilität 
nur sein Diener, sein Abguß, also etwas Sekundäres, oder ist die 
Motilität stets das Primäre, das Wesentliche, also die Tätigkeit, 
die motorische „Einstellung" das AUein-Herrschende und ist dem 
Denken nur die Rolle einer verkümmerten Motilität zuzuweisen? 
Soll die Motilität nur den physiologischen Abläufen zugerechnet 
werden oder soll das Denken seinem Wesen nach eine Art „Probe- 
handlung" bedeuten? 

Nun, wir glauben, die Antwort ist gar nicht so schwer, wenn 
unser Ausgangspunkt richtig gewählt ist. Denken kann nicht mit 
der Motilität überhaupt, sondern nur mit den sinnhaltigen 
motorischen Entladungen, das heißt mit der Handlung in Paral- 
lele gestellt werden. Denken und Handeln tragen etwas Gemein- 
schaftliches an sich: eben die Sinnhaltigkeit. Diese Sinn- 
haltigkeit ist aber beim sogenannten „Denken" an Binnen- 
pro z e s s e, bei der Handlung an Peripherprozesse gebunden. 
Motorische Entladungen gibt es auch ohne Sinn, aber Denk- 
prozesse — das bildet eine Voraussetzung der Psychoanalyse 

— gibt es nur sinnhaltige, nur müssen die latenten Inhalte 
als ausschlaggebend betrachtet werden. 

Gilt nun unser Satz über das biogenetische Grundgesetz, dann 
muß daraus gefolgert werden, daß die sinnhaltigen latenten Inhalte 
stets phylo- und ontogenetisch und auch normal-psychologisch 
sich an Handlungen ^ als an Peripherprozesse — knüpfen wollen 
und erst entwicklungsgeschichtlich — auch normalpsychologisch 

— später werden Binnenprozesse — das was wir „Denken" nennen 

— besetzt. Deswegen gehen ja die Affekte — als entwicklungs- 
geschichtlich frühere Gebilde — gesetzmäßig mit motorischen 
„Handlungen" (oder deren Reminiszenz) einher ; deswegen ist aber 
nicht einmal das kühlste Denken von motorischen Nebenerschei- 
nungen rein, wenn auch durch die Flüchtigkeit dieser „Hand- 
lungen" jeder inhaltliche Anteil verwischt wu-d und eine nun- 
mehr funktionelle „Mimik des Denkens" sich entwickelt. 




Die Randbevorzugung Uls Primärvorgang 



167 



Als eine sehr interessante Bestätigung für die Richtigkeit 
der eben geschilderten Auffassung kann Freuds therapeutisch 
wie theoretisch äußerst wichtige Erkenntnis herangezogen werden, 
wonach Kranke ihre frühesten Kindheitserinnerungen nicht erzählen, 
sondern nur agieren, durch ihre Handlungsart gegenüber dem 
Arzte abspielen können. Mit dieser Erkenntnis wird festgestellt, 
daß der Schwerpunkt der frühesten Erlebnisse auf den motorischen 
Peripherprozeß ruht und die ältesten Reminiszenzen daran hängen 
bleiben. 

Auch soll hier schließlich darauf hingewiesen werden, daß 
beim Künstler die Entwicklung des Denkens einen anderen 
Weg gewählt hat als normalerweise; gewisse Peripherprozesse 
entwickelten sich vom „Agieren" zur Realitätsanpassung, ohne die 
Binnenprozesse unseres „Denkens" in den Mittelpunkt gestellt zu 
haben, die Peripherprozesse erhielten weiterhin ihre Obermacht. 
Der Weg dieser Entwicklung ist sehr eindringlich aus den Kinder- 
zeichnungen abzulesen, welche Dokumente der motorischen 
Organeinstellung, der Randbevorzugung, der Denkarbeit in der 
Motilität darstellen.^ 



1 Ausführlicher über die Kinderzeichnungen und besonders über 
die Denk-Motilität der Kinder siehe in einem mit Frau Hermann- 
Cziner gemeinschaftlich ausgearbeiteten Aufsatze, welcher demnächst 
erscheinen und neue experimentelle Beweise der Randbevorzugung als 
einem Primärvorgang erbringen wird. — Auch die Höhlen-Malereien 
zeigen auf primitivster Stufe nur Umrißzeichnungen, höchstens mit leiser 
Schraffierung an manchen Stellen der Grenzlinien und eventuell mit einem 
in die Gegend der Mitte eingezeichneten Herzen (H. Kühn: „Die Malerei 
der Eiszeit», 1922, S. 14—15). 



Die infantile Genitaiorganisation. 

(Eine Einschaltung in die Sexualtheorie.) 
Von Slgm. Freud. 

Es ist recht bezeichnend für die Schwierigkeit der Forschungs- 
arbeit in der Psychoanalyse, daß es möglich ist, allgemeine Züge 
und charakteristische Verhältnisse trotz unausgesetzter jahrzehnte- 
langer Beobachtung zu übersehen, bis sie einem endlich einmal 
unverkennbar entgegentreten; eine solche Vernachlässigung auf 
dem Gebiet der infantilen Sexualentwicklung möchte ich durch 
die nachstehenden Bemerkungen gutmachen. 

Den Lesern meiner „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" 
(1905) wird es bekannt sein, daß ich in den späteren Ausgaben 
dieser Schrift niemals eine Umarbeitung vorgenommen, sondern 
die ursprüngliche Anordnung gewahrt habe und den Fortschritten 
unserer Einsicht durch Einschaltungen und Abänderungen des 
Textes gerecht geworden bin. Dabei mag es oft vorgekommen 
sein, daß das Alte und das Neuere sich nicht gut zu einer wider- 
spruchsfreien Einheit verschmelzen ließen. Anfänglich ruhte ja 
der Akzent auf der Darstellung der fundamentalen Verschiedenheit 
im Sexualleben der Kinder und der Erwachsenen, später drängten 
sich die prägenitalen Organisationen der Libido in den 
Vordergrund und die merkwürdige und folgenschwere Tatsache 
des zweizeitigen Ansatzes der Sexualentwicklung. Endlich 
nahm die infantile Sexualforschung unser Interesse in 
Anspruch, und von ihr aus ließ sich die weitgehende Annäherung 
des Ausganges der kindlichen Sexualität (um das 
fünfte Lebensjahr) an die Endgestaltung beim Erwachsenen 
erkennen. Dabei bin ich in der letzten Auflage der Sexualtheorie 
(1922) stehen geblieben. 

Auf Seite 63 derselben erwähne ich, daß „häufig oder regel- 
mäßig bereits in den Kinderjahren eine Objektwahl vollzogen 
wird, wie wir sie als charakteristisch für die Entwicklungsphase 
der Pubertät hingestellt haben, in der Weise, daß sämtliche 
Sexualstrebungen die Richtung auf eine einzige Person nehmen, 



Die infantile Genitalorganisation 



169 



an der sie ihre Ziele erreichen wollen. Dies ist dann die größte 
Annäherung an die definitive Gestaltung des Sexuallebens nach der 
Pubertät, die in den Kinderjahren möglich ist. Der Unterschied von 
letzterer liegt nur noch darin, daß die Zusammenfassung der Partial- 
triebe und deren Unterordnung unter das Primat der Genitalien in 
der Kindheit nicht oder nur sehr unvollkommen durchgesetzt wird. 
Die Herstellung dieses Primats im Dienste der Fortpflanzung ist 
also die letzte Phase, welche die Sexualorganisation durchläuft." 

Mit dem Satz, das Primat der Genitalien sei in der früh- 
infantilen Periode nicht oder nur sehr unvollkommen durchgeführt, 
würde ich mich heute nicht mehr zufrieden geben. Die Annäherung 
des kindlichen Sexuallebens an das der Erwachsenen geht viel 
weiter und bezieht sich nicht nur auf das Zustandekommen einer 
Objektwahl. Wenn es auch nicht zu einer richtigen Zusammen- 
fassung der Partialtriebe unter das Primat der Genitalien 
kommt, so gewinnt doch auf der Höhe des Entwicklungsganges 
der infantilen Sexualität das Interesse an den Genitalien und die 
Genitalbetätigung eine dominierende Bedeutung, die hinter der 
in der Reifezeit wenig zurücksteht. Der Hauptcharakter dieser 
„infantilen Genitalorganisation" ist zugleich ihr Unter- 
schied von der endgültigen Genitalorganisation der Erwachsenen. 
Er liegt darin, daß für beide Geschlechter nur ein Genitale, 
das männliche, eine Rolle spielt. Es besteht also nicht ein Genital- 
primat, sondern ein Primat des Phallus. 

Leider können wir diese Verhältnisse nur für das männliche 
Kind beschreiben, in die entsprechenden Vorgänge beim kleinen 
Mädchen fehlt uns die Einsicht. Der kleine Knabe nimmt sicherlich 
den Unterschied von Männern und Frauen wahr, aber er hat 
zunächst keinen Anlaß, ihn mit einer Verschiedenheit ihrer 
Genitalien zusammenzubringen. Es ist ihm natürlich, ein ähnliches 
Genitale, wie er es selbst besitzt, bei allen anderen Lebewesen, 
Menschen und Tieren, vorauszusetzen, ja wir wissen, daß er auch 
an unbelebten Dingen nach einem seinem Gliede analogen Gebilde 
forscht.^ Dieser leicht erregte, veränderliche, an Empfindungen so 
reiche Körperteil beschäftigt das Interesse des Knaben in hohem 
Grade und stellt seinem Porschertrieb unausgesetzt neue Aufgaben. 
Er möchte ihn auch bei anderen Personen sehen, um ihn mit 
seinem eig enen zu vergleichen, er benimmt sich, als ob ihm 

1 Es ist übrigens merkwürdig, ein wie geringes Maß von Aufmerk- 
samkeit der andere Teil des männlichen Genitales, das Säckchen mit seinen 
Einschlüssen, beim Kinde auf sich zieht. Aus den Analysen könnte man nicht 
erraten, daß noch etwas anderes als der Penis zum Genitale gehört. 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyge, IX/2. 11 



-ys^ 



170 



Sigm. Freud 



vorschwebte, daß dieses Glied größer sein könnte und sollte; die 
treibende Kraft, welche dieser männliche Teil später in der 
Pubertät entfalten wird, äußert sich um diese Lebenszeit wesentlich 
als Forschungsdrang, als sexuelle Neugierde. Viele der Exhibi- 
tionen und Aggressionen, welche das Kind vornimmt und die 
man im späteren Alter unbedenklich als Äußerungen von 
Lüsternheit beurteilen würde, erweisen sich der Analyse als 
Experimente im Dienste der Sexualforschung angestellt. 

Im Laufe dieser Untersuchungen gelangt das Kind zur 
Entdeckung, daß der Penis nicht ein Gemeingut aller ihm ähnlichen 
Wesen sei. Der zufällige Anblick der Genitalien einer kleinen 
Schwester oder Gespielin gibt hiezu den Anstoß; scharfsinnige 
Kinder haben schon vorher aus ihren Wahrnehmungen beim 
Urinieren der Mädchen, weil sie eine andere Stellung sehen und 
ein anderes Geräusch hören, den Verdacht geschöpft, daß hier 
etwas anders sei, und dann versucht, solche Beobachtungen in 
aufklärender Weise zu wiederholen. Es ist bekannt, wie sie auf 
die ersten Eindrücke des Penismangels reagieren. Sie leugnen 
diesen Mangel, glauben doch ein Glied zu sehen, beschönigen den 
Widerspruch zwischen Beobachtung und Vorurteil durch die 
Auskunft, es sei noch klein und werde erst wachsen, und kommen 
dann langsam zu dem affektiv bedeutsamen Schluß, es sei doch 
wenigstens vorhanden gewesen und dann weggenommen worden. 
Der Penismangel wird als Ergebnis einer Kastration erfaßt und 
das Kind steht nun vor der Aufgabe, sich mit der Beziehung der 
Kastration zu seiner eigenen Person auseinanderzusetzen. Die 
weiteren Entwicklungen sind zu sehr allgemein bekannt, als daß 
es notwendig wäre, sie hier zu wiederholen. Es scheint mir nur, 
daß man dieBedeutung des Kastrationskomplexes erst 
fichtig würdigen kann, wenn man seine Entstehung 
in der Phase des Phallusprimats mitberücksichtigt.i 
Es ist auch bekannt, wie viel Herabwürdigung des Weibes, 
Grauen vor dem Weib, Disposition zur Homosexualität sich aus 
der endlichen Überzeugung von der Penislosigkeit des Weibes 
ableitet. F e r e n c z i hat kürzlich mit vollem Recht das mytho- 

1 Es ist mit Recht darauf hingewiesen worden, daß das Kind die 
Vorstellung einer narzißtischen Schädigung durch Körperverlust aus dem 
Verlieren der Mutterbrust nach dem Saugen, aus der täglichen Abgabe der 
Fäzes, ja schon aus der Trennung vom Mutterleib bei der Geburt gewinnt. 
Von einem Kastrationskomplex sollte man aber doch erst sprechen, wenn 
sich diese Vorstellung eines Verlustes mit dem männlichen Genitale ver- 
knüpft hat. 



1 




Die infantile Genitalorganisatiftn 171 

(logische Symbol des Grausens, das Medusenhaupt, auf den Eindruck 
des penislosen weiblichen Genitales zurückgeführt.^ 

Doch darf man nicht glauben, daß das Kind seine Beobachtung, 
manche weibliche Personen besitzen keinen Penis, so rasch und 
bereitwillig verallgemeinert; dem steht schon die Annahme, daß 
die Penislosigkeit die Folge der Kastration als einer Strafe sei, 
im Wege. Im Gegenteile, das Kind meint, nur unwürdige weibliche 
Personen, die sich wahrscheinlich ähnlicher unerlaubter Regungen 
schuldig gemacht haben wie es selbst, hätten das Genitale eingebüßt. 
Respektierte Frauen aber wie die Mutter behalten den Penis noch 
lange. Weibsein fällt eben für das Kind noch nicht mit Penis- 
mangel zusammen.^ Erst später, wenn das Kind die Probleme der 
Entstehung und Geburt der Kinder angreift und errät, daß nur 
Frauen Kinder gebären können, wird auch die Mutter des Penis 
verlustig und mitunter werden ganz komplizierte Theorien 
aufgebaut, die den Umtausch des Penis gegen ein Kind erklären 
sollen. Das weibliche Genitale scheint dabei niemals entdeckt zu 
wei'den. Wie wir wissen, lebt das Kind im Leib (Darm) der Mutter und 
wird durch dem Darmausgang geboren. Mit diesen letzten Theorien 
greifen wir über die Zeitdauer der infantilen Sexualperiode hinaus. 

Es ist nicht unwichtig, sich vorzuhalten, welche Wandlungen 
die uns geläufige geschlechtliche Polarität während der kindlichen 
Sexualentwicklung durchmacht. Ein erster Gegensatz wird mit 
der Objektwahl, die ja Subjekt und Objekt voraussetzt, eingeführt. 
Auf der Stufe der prägenitalen sadistisch-analen Organisation ist von 
männlich und weiblich noch nicht zu reden, der Gegensatz von 
aktiv und passiv ist der herrschende.^ Auf der nun folgenden 
Stufe der infantilen Genitalorganisation giebt es zwar ein 
männlich, aber kein weiblich ; der Gegensatz lautet hier : 
männliches Genitale oder kastriert. Erst mit der Vollendung 
der Entwicklung zur Zeit der Pubertät fällt die sexuelle Polarität 
mit männlich und weiblich zusammen. Das Männliche faßt das 
Subjekt, die Aktivität und den Besitz des Penis zusammen, das Weib- 
liche setzt das Objekt und die Passivität fort. Die Vagina wird nun als 
Herberge des Penis geschätzt, sie tritt das Erbe des Mutterleibes an. 

1 Diese Zeitschrift 1923, Heft 1. Icli möchte hinzufügen, daß im Mythos 
das Genitale der Mutter gemeint ist. Athene, die das Medusenhaupt an 
ihrem Panzer trägt, wird eben dadurch das unnahbare Weib, dessen Anblick 
jeden Gedanken an sexuelle Annäherung erstickt. 

^ Aus der Analyse einer jungen Frau erfuhr ich, daß sie, die keinen 
Vater und mehrere Tanten hatte, bis weit in die Latenzzeit an dem Penis der 
Mutter und einiger Tanten festhielt. Eine schwachsinnige Tante aber hielt sie 
für kastriert, wie sie sich selbst empfand. 

3 Siehe: Drei Abh. z. Sexualtheorie. 5. Aufl., S. 62. 

11* 



Zur Genese der Perversionen. 

Von Dr. Hanns Sachs (BerJin). 

Wir verdanken den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" 
Freuds die Erkenntnis, daß die Perversion die Durchsetzung eines 
überstark entwickelten Partialtriebes bedeute, der, anstatt sich 
mit der Befriedigung durch die Vorlust abzufinden, das durch die 
normale Entwicklung hergestellte Primat der Genitalien auf eine 
andere erogene Zone, respektive auf ein mit diesem unvereinbares 
Sexualziel verschoben habe. Die Richtigkeit dieser Behauptungen 
ist durch alle späteren Erfahrungen bestätigt und in keiner Weise 
eingeschränkt oder verändert worden. Eher scheint es, als ob 
durch die dauernde psychoanalytische Beschäftigung mit den 
Perversionen neue Probleme hinzugekommen wären, welche 
gewisse Zusätze erforderlich machen. 

Das wichtigste dieser Probleme läßt sich als die Frage der 
Stellung der Perversion zum Ödipuskomplex, sowie zum Unbe- 
wußten und zur Verdrängung formulieren. Es handelt sich in 
Wirklichkeit nur um eine Frage, die sich nur, je nachdem die 
Betrachtungsweise mehr vom Gesichtspunkt des Materiales oder 
von dem der psychischen Topik aus erfolgt, verschieden fassen 
läßt. Auch hier hat Freud den Weg gewiesen und zuerst in „Ein 
Kind wird geschlagen"^ deutlich gemacht, daß unser Verständnis 
der Perversion sehr unvollständig ist, solange dieser Kernkomplex 
nicht genügend und vor allem nicht als gesetzmäßig berück- 
sichtigt wird. An einem Sonderfall wurde auch wirklich dargetan, 
daß es sich um Niederschläge des Ödipuskomplexes handle; der 
überstarke Partialtrieb würde sich dann nicht geradlinig in die 
Perversion fortsetzen, sondern er müßte, wie ein Lichtstrahl durch 
die Linse, durch den Ödipuskomplex hindurchgehen und uns würde 
es obliegen, den Brechungswinkel festzustellen und daraus unser© 
Folgerungen zu ziehen. Damit stimmt es auch überein, daß die per- 

^ Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 5. Folge, Seite 195—228, 



Zar Genese der Perversionen 



173 



verse Befriedigung ziemlicli regelmäßig an ganz bestimmte, oft sehr 
merkwürdige und eng gefaßte Bedingungen geknüpft ist, die in 
ihrer Besonderheit weit über die Ansprüche eines Partialtriebes 
hinausgehen und durch seine erfolgreiche Durchsetzung allein 
nicht aufgeklärt werden können. Dazu kommt noch, daß die 
Partialtriebe, soweit sie einer sehr frühen Stufe der Sexual- 
organisation angehören, also z. B. dem oralen, anal-sadistischen 
oder narzißtischen Stadium, — sich nur ausnahmsweise in der 
alten, objektlosen (autoerotischen oder primär-narzißtischen) Form 
zur Perversion durchsetzen, meist aber nach einer Überarbeitung, 
die sie auf eine höhere Stufe gehoben und zur normalen Libido- 
besetzung eines Objektes, ja in manchen Fällen zu den feinsten 
seelischen Ausstrahlungen einer solchen, fähig gemacht hat. Von 
der anderen Seite her betrachtet: der Satz, die Neurose sei das 
Negativ der Perversion, das heißt, beim Neurotiker seien dieselben 
Phantasien verdrängt und pathogen (also Determinanten der 
Symptombildung), die dem Perversen das bewußte Lustziel 
lieferten — dieser Satz läßt die Frage offen, wie die Perversion 
sich zum Unbewußten verhalte. Denn es ist ohne weiteres klar, 
daß auch die Perversion, obgleich sie bewußtseinsfähig ist, nur 
gleich einer Insel die Spitze eines Gebirgsmassivs bedeutet, das 
sich unter der Meeresoberfläche hinzieht. Der Perverse zeigt uns 
keine Ausnahme von der infantilen Amnesie, die wir als Narbe 
des gegen die infantile Sexualität gerichteten großien Verdrängungs- 
vorganges anzusehen gewohnt sind, und die Analyse einer Perver- 
sion führt uns mit derselben Notwendigkeit zum unbewußten 
seelischen Material hin, wie die einer Neurose. Auch hier bleibt 
die Richtigkeit des von Freud ausgesprochenen Satzes uner- 
schüttert; es tritt nur die Erkenntnis hinzu, daß er den Sach- 
verhalt nicht ganz erschöpft. 

Wü- können keinen besseren Ausgangspunkt finden als 
die Hervorhebung des Gegensatzes, daß in dem einen Fall 
die in der Verdrängung gehaltene Phantasie sich zwar eine Durch- 
setzung auf Kosten der Verdrängungsinstanz, aber nur als ein 
dem Ich fremdes und feindliches neurotisches Symptom erschleicht, 
während sie 'im anderen Falle bewußtseinsfähig, also im weitesten 
Sinne ichgerecht und lustvoll bleibt.^ Das wü-d noch deutlicher, 
wenn wir von der Perversion — die ja ein theoretisches Gebilde 
von unsicherer Zusammensetzung ist — auf das Material selbst 

1 Nach einer mündlichen Bemerkung von Professor Freud kann Lust 
immer nur bewußteeinsfähig sein. Verdrängte Lust als solche gibt es nicht; 
der Verdrängungsvorgang verwandelt Lust in Unlust 



174 



Dr. Hanns Sachs 



zurückgehen, wie es uns die unmittelbare Beobachtung liefert. 
Wir kontrastieren dann die perverse Befriedigung — gleichgültig 
ob durch Handlung oder Phantasie — mit dem neurotischen 
Symptom. Beide haben, wenn wir von dem entgegengesetzten 
Lustvorzeichen absehen, vieles gemeinsam, so, daß sie Ausläufer 
des infantilen Sexxxallebens sind, das in beiden Fällen im ganzen 
überwunden und verdrängt worden ist; sie sind beide verhältnis- 
mäßig geringfügige Resterscheinungen eines großen Entwicklungs- 
vorganges, als dem Bewußtsein angehörige Repräsentanten unbe- 
wußter Triebe und Triebschieksale. Beide sind nur Vergrößerungen 
und Verstärkungen von Vorgängen, die auch in jedem normalen 
Seelenleben stattfinden. Von dem neurotischen Symptom wissen 
wir, daß es im Bewußten geduldet werden muß, weil es sozusagen 
die Möglichkeit des dynamischen Ausgleiches darstellt, wenn eine 
Inadaequität zwischen Ich und Verdrängtem eingetreten ist. Sollten 
bei der Perversion die Verhältnisse ähnlich liegen? 

Zunächst wollen wir sehen, ob der großen Verwandtschaft in 
der Struktur auch eine wirkliche, der Beobachtung zugängliche 
Ähnlichkeit entspricht. Dies scheint am ehesten bei jenen Füllen 
von perverser Befriedigung zuzutreffen, die von dem betreffenden 
Individuum nur ungern, im fortwährenden Kampf gegen sittliche, 
religiöse oder ästhetische Bedenken zugelassen werden. Auch 
solche, nur im Konfliktswege erreichbare Befriedigung ist natürlich 
lustvoll, doch wird die Lust vorher von aufreibenden Abv/ehr- 
kämpfen, nachher von Reue, Beschämung und Selbstverurteiiung 
umgrenzt. Noch näher rücken wir dem neurotischen Symptom 
bei jenen Fällen, wo bestimmte Bedingungen überschritten werden, 
zum Beispiel wenn die Befriedigung statt in der Phantasie in der 
Wirklichkeit stattfindet, oder wenn das Opfer eines sadistischen 
Aktes körperlichen Schmerz empfindet, während die Lust an die 
Voraussetzung geknüpft ist, daß ihm dieselbe erspart bleibe. Es 
tritt sodann nicht etwa Indifferenz, sondern eine Abwehr ein, die 
deutlich das Gepräge der Angst trägt, also dem neurotischen 
Mechanismus sehr nahe steht.^ In einem, dem analytischen Ver- 
ständnis sehr gut zugänglichen Falle konnte ich den Übergang 
von der neurotischen Phobie zur perversen Befriedigung genau 
verfolgen. Es handelte sich um ein schwer neurotisches Mädchen, 

1 „Das Miterleben realer Schlageszenen in der Schule rief beim zuschauen- 
den Kinde ein eigentümlich aufgeregtes, wahrscheinlich gemischtes Gefühl 
hervor, an dem die Ablehnung einen großen Anteil hatte. In einigen Fällen 
wurde das reale Erleben der Schlageszenen als unerträglich gefunden " 
Freud I. c, S. 197. . , 



Zur Genese der Perversionen 



175 



das unter der Erinnerung litt, als Halbwüchsige einmal ein Kind 
mit sadistischem Genuß geschlagen zu haben — übrigens im Spiel 
und auf eine durchaus harmlose Weise. Außerdem erinnerte sie, 
daß sie etwas später, kurz nach der Pubertät, sich manchmal 
abends im Bett selbst auf das Gesäß geschlagen und dabei Lust- 
gefühle verspürt habe. Diese Patientin war kaum imstande, das 
Wort „Schlagen", besonders die in der Kinderstube dafür üblichen 
Ausdrücke auszusprechen. Bei jedem an das Schlagen erinnernden 
Geräusch, z. B. beim Teppichklopfen, geriet sie aus Abwehr und 
Abscheu geradezu außer Rand und Band. Nach einem besonders 
mühevollen Stück der Analyse setzte sich die bisher vollkommen 
verdrängt gewesene Masturbation auf eruptive Weise durch. Die 
von da an geübte Onanie hatte den Anspruch darauf, als perverse 
Befriedigung zu gelten, denn sie erfolgte ausschließlich mit der 
Phantasie, daß die Analysandin geschlagen werde. Von da ab hörte 
jede Empfindlichkeit gegen Worte und Geräusche, die auf das 
Schlagen Bezug hatten, vollkommen auf, sie wurden genau so 
wie irgendwelche banale behandelt. Die Phobie war wieder durch 
die Perversion ersetzt worden, aus deren Verdrängung sie ent- 
standen war. Während des erst nach der Pubertät einsetzenden 
und sich ziemlich lang hinziehenden Verdrängungsvorganges sowie 
während jenes Teiles der analytischen Arbeit, wo die Verdrängung 
wieder rückgängig gemacht wurde, gab es Zwischenstadieri, wo 
man kaum mit Sicherheit hätte sagen können, ob ein neurotisches 
Symptom oder eine perverse Befriedigungsform vorliege. Eine 
solche Vermischung scheint übrigens nicht ganz selten zu sein; 
so konnte ein masochistischer Analysand, der sich itn übrigen 
nicht mit Phantasien begnügte, sondern zu realen Veranstaltungen 
schritt, ein Dialekt- und Kinderstubenwort, das sein Lieblings- 
marterinstrument bezeichnete, nicht ohne lebhaftes Grauseh aus- 
sprechen. 

In einem anderen Falle berichtete ein Analysand, er sei nach 
seinem ersten Koitus, der durchaus befriedigend verlaufen war, 
beim Nachhausegehen von dem unwiderstehlichen Drang gepackt 
worden, auf der Straße mit entblößtem Penis zu onanieren. Er 
fand den Ausweg, sich — es war inzwischen dunkel geworden — 
an eine Bahnschranke zu stellen und angesichts eines vorüber- 
fahrenden Zuges zu onanieren, also vor den Augen vieler Zuschauer 
und doch vielleicht von keinem gesehen, gewiß von niemandem 
erkannt. In seinem ganzen Leben hatte sich kein zweiter Ausbruch 
der exhibitionistischen Tendenzen gezeigt. In meine Behandlung 
kam er wegen psychischer Impotenz, neben der nur noch ein 



176 



Dr. Hanns Sachs 



zweites, praktisch unwichtiges Symptom bestand: die Unfähigkeit 
m Anwesenheit anderer, also z. B. in einer öffentlichen Bedürfnis- 
anstalt, zu urinieren. Die perverse Befriedigung hatte sich also in 
neurotische Hemmung verwandelt. In der Analyse träumte er dann 
wiederholt, daß er vor seinen Schulkindern — er war Lehrer — 
exhibitioniere. 

Ein Zwischenglied von allgemeiner prinzipieller und prak- 
tischer Bedeutung glaube ich in den sogenannten „Süchtigen" 
gefunden zu haben. Also in den Alkoholikern, Morphinisten, 
■ ^?„ '°'f 7°' ^«° ^«°i Rauchen oder Kauen Abhängigen. In diesen 
fallen ist das Zwanghafte, die Überwältigung des Individuums 
durch die vom Ich abgespaltenen libidinösen Kräfte so deutlich, 
daß sie oft zur Zwangsneurose gerechnet worden sind. Auf der 
anderen Seite haben sie es mit der Perversion gemein, daß es 
sich nicht wie bei dem zwangsneurotischen Symptom um ein 
dem Bewußtsein gleichgültiges, oder noch öfter, um ein unan- 
genehmes, sinnloses, zeitraubendes Zeremoniell handelt, sondern 
um einen unbestreitbaren Befriedigungsakt. Daß diese Befriedigung 
von der eigentlichen, ursprünglich sexuellen weg auf etwas Harm- 
loses das heißt nicht dem infantilen Sexualleben Angehöriges 
verschoben ist und so den Charakter einer Ersatzbefriedigung 
für eine verdrängte und unzugänglich gewordene sexuelle Lust 
hat, ruckt sie wieder näher an das neurotische Symptom heran 
b.m Analysand, der lange Zeit hindurch Opiate, aber nie 
Morphium genommen und zwar stets geschluckt hatte, berichtete 
mir, daß diese Gewohnheit einmal durchbrochen worden war Er 
begann einige Zeit lang Morphium zu nehmen und injizierte es 
auch einmal, nachdem ein Verhältnis, das er mit der Gattin eines 
Standesgenossen gehabt hatte, gelöst worden war. Es sei ihm 
bekannt gewesen, so berichtete er mir, daß der Ehemann dieser 
Frau Morphinist sei und sich Injektionen mache. Ich klärte ihn 
darüber auf, daß er sich - offenbar in Selbstbestrafungsabsicht 
— mit dem „geschädigten Dritten" identifiziert habe. Daraufhin 
fiel Ihm eme andere Episode seines Lebens ein, in der er vor- 
übergehend an Syphilidophobie litt; auch das sei nach Auflösung 
eines Verhältnisses mit der Frau eines anderen gewesen, der 
aber damals schon an manifester Paralyse erkrankt war. Die 
Beziehung zum „geschädigten Dritten« ist auch hier handgreiflich 
Er hatte bei Wiederholung derselben Situation je nach dem ihm 
zur Verfügung stehenden Material das eine Mal mit einer 
'i?f ^*" *^^®'' eigentlich nur mit einer charakteristischen 
Abänderung einer bestehenden Sucht, das andere Mal mit 



Zur Genese der Perversionen 



177 



einem neurotischen Symptom, einer Phobie, reagiert. Diese 
Tatsache scheint mü- für die Gleichartigkeit des psychischen 
Unterbaues der beiden Phänomene hinreichend beweiskräftig 
zu sein. 

Mit Hilfe der Einsetzung der „Süchtigen" als Zwischen- 
glieder können wir also eine zusammenhängende Reihenbildung 
herstellen, an deren einem Ende die perverse Befriedigung, am 
anderen das neurotische Symptom steht. 

Ein weiterer aufschlußreicher Zug ergibt sich aus der bisher 
gründlichsten Durchleuchtung einer perversen Befriedigungsform, 
aus Freuds Analyse der Phantasie: „Ein Kind wird geschlagen." 
Wir sehen, daß in den drei Stadien, die von dieser Phantasie 
durchlaufen werden (1. Der Vater schlägt das mir verhaßte Kind. 
2. Der Vater schlägt mich. 3. Ein Kind wird geschlagen.) so ziemlich 
alles wechselt: die schlagende und die geschlagene Person, aber 
auch die Motivierung, die zuerst der eifersüchtige Haß gegen den 
Rivalen bildet, dann das Schuldbewußtsein wegen des Inzest- 
wunsches sowie der regressive Ersatz desselben durch das 
Geschlagenwerden. Aber ein Element ist konstant, es erscheint 
schon in der ersten Fassung, geht in die zweite über und bleibt 
in der dritten, bewußtseinsfähigen, trotz ihrer sonst so blassen 
und verschwommenen Ausgestaltung erhalten; es ist die Vor- 
stellung des Geschlagenwerdens, und gerade an diese ist die 
perverse Lust geknüpft, die fast zwanghaft zur Onanie hinführt.^ 
Nach meiner Erfahrung liegen die Dinge bei anderen Perversions- 
formen ganz ebenso ; ihre Entwicklung bis zur Pubertät und noch 
darüber hinaus ist wechselvoll, der Schauplatz und das Personal 
der Phantasien ändern sich — aber ein bestimmtes Element oder 
eine kleine Gruppe davon überdauert den Wechsel und erscheint 
dann als der Träger der Lust. Die anderen Bestandteile, die später 
abgelehnt und im weiteren Entwicklungsverlaufe gänzlich ver- 
drängt werden, geben ihren ganzen Lustgehalt an diesen übrig- 
bleibenden ab, der sie dann im Bewußtsein vertritt — ebenso wie 
das neurotische Symptom die unbewußten Phantasien. Dieser 
Sachverhalt ist besonders deutlich beim Fetischismus, wo von 
einem verdrängten Komplex ein Stück dem Bewußtsein erhalten 
bleibt, ganz ähnlich wie eine harmlose Deckerinnerung getreulich 
aufbewahrt wird, hinter der sich das Wesentliche der verdrängten 
infantilen Sexualität verbirgt. Der Unterschied liegt nur darin, 
daß beim Fetischismus eine ausgiebige Affektverschiebung die 



1 



1 1. c. S. 195. 



178 



Dr. Hanns Sachs 




ganze, aus der Kindheit herübergerettete Lust an dieses eine 
Stück verlötet. So hat Freud vor Jahren in der Wiener Psycho- 
analytischen Vereinigung von einem Fall berichtet, wo ein Mann 
fetischistisch an die Knöchel und den Wadenansatz von mageren und 
häßlichen Frauenbeinen fixiert blieb. Dies ging zurück auf eine 
Szene, wo er beim Unterricht vor seiner englischen Gouvernante 
saß, die eines Fußleidens wegen ihr Bein, übrigens dezent verhüllt, 
auf einen Sessel gelegt hatte. Die Sexualneugierde, die den Knaben 
in seinen Phantasien zum Genitale emporsteigen ließ, die verdrängte 
Erinnerung an ein ähnliches, weiter zurückliegendes Erlebnis mit 
seiner -Schwester, wo dieser Wunsch vielleicht Erfüllung gefunden 
hatte — alles dies war ihm vollkommen entschwunden und statt 
dessen blieb ihm ein harmloses, aber mit dem verdrängten in 
innigem Zusammenhang stehendes Erinnerungsbild als fetischistisches 
Wunschziel. 

Der merkwürdige und oft groteske Charakter mancher 
Perversionen erklärt sich dadurch, daß es sich um ein einzelnes 
und aus dem Zusammenhang gerissenes und daher dem Träger 
der Perversion wie den anderen gleich unverständliches Bi-uchstück 
aus infantilen Erlebnissen und Phantasien handelt, die in diesem 
einen Stück ihre Auferstehung feiern. So habe ich in der Analyse 
von einem ernsten und gebildeten Manne erfahren, daß er nur 
eine Form sexueller Befriedigung kenne, nämlich wenn er eine 
Frau urinieren höre. Wer diese Frau war, kümmerte ihn nicht; 
er hatte auch gar keine Lust, sie dabei zu sehen, für ihn war 
nur das Geräusch lusterregend, und wenn er sich befriedigen 
wollte, so ging er in eine bestimmte öffentliche Bedürfnisanstalt, 
wo man, wie er konstatiert hatte, durch die Scheidewand hindurch 
hörte. Dort masturbierte er in seinem Kabinett, nachdem er sich 
durch die Belauschung hinreichend erregt hatte. Ich habe diese 
Analyse aus äußeren Gründen abbrechen müssen, doch ließ das 
zutage geförderte Material fast mit Sicherheit vermuten, daß es 
sich auch hier um ein Derelikt der infantilen, auf das weibliche 
Genitale gerichteten Sexualneugierde handle. 

Die Perversion entsteht also so, daß ein besonders geeignetes 
Stück des infantilen Erlebens oder Phantasierens durch alle Stürme 
der Entwicklung, insbesondere auch der Pubertät hindurch gerettet 
und im Bewußtsein festgehalten wird. Auf dieses Stück wird die 
der infantilen Sexualität zugehörige Lust, nachdem die übrigen 
Triebrepräsentanzen der Verdrängung anheimgefallen sind, 
verschoben, zweifellos unter Führung jener Partialtriebe,^ 
die sich, sei es durch Veranlagung, sei es infolge allzu 



Zur Genese der Perversionen 



179 



in der Kindheitsentwicklnng' 



Weise gestützt 



starker Befriedigung, als die 
herrschenden erwiesen haben. Auf solche 
und mit hoher Lustprämie ausgestattet, erweist es sich stark 
genug, dem Genitalprimat erfolgreich Konkurrenz zu machen. Es 
fragt sich nur, worin besteht die „besondere Eignung" dieses 
Stückes, welche die Bedingung seines Erfolges ist? Ein Teil der 
Antwort ist bereits gegeben worden: Diejenige prägenitale 
Organisationsstufe, an welche das Individuum besonders stark 
fixiert ist, muß sich darin verkörpern, der übermächtige Partial- 
trieb muß darin seine besondere Befriedigungsform finden. Daneben 
dürfen wir noch behaupten, daß irgend eine eigenartige Stellung 
zum Ich gerade diesem Stück das Entrinnen vor der Verdrängung 
ermöglicht haben muß. Bei der Deckerinnerung ist es ihre schein- 
bare Harmlosigkeit, die Indifferenz, welche sie außer Verfolgung 
setzt. Bei den Erlebnissen, auf denen die Zwangsneurose aufgebaut 
ist, kommt es ebenfalls vor, daß sie dem Bewußtsein weiter 
angehören dürfen — sie verdanken das der allgemeinen Abtrennung 
des Affektes von dem eigentlich dazu gehörigen Vorstellungsinhalte, 
also einem für die Zwangsneurose charakteristischen Mechanismus.^ 

Die perverse Befriedigung gilt aber dem Bewußtsein durchaus 
nicht als harmlos und indifferent; es ist ihr auch der Affektinhalt 
keineswegs entzogen worden, wie dies der hohe Lustgewinn, 
der an sie geknüpft ist, beweist; es muß sich also um etwas 
anderes. Besonderes handeln, woran das Phänomen der Perversion 
recht eigentlich geknüpft ist. 

Um zum Verständnis dieses Sachverhaltes zu gelangen, 
müssen wir uns an eine Tatsache erinnern, deren Tragweite 
Freud in seinem auf dem VII. Internationalen psychoanalytischen 
Kongreß gehaltenen Vortrag betont hat, daß nicht nur die ver- 
drängten Triebregungen als Folge ihrer Ausstoßung unbewußt 
geworden sind, sondern daß auch im Ich selbst unbewußte 
Bestandteile vorhanden sind. Die beiden auffälligsten Phänomene 
dieser Art, der Widerstand und das Schuldgefühl, erklären sich 
daraus, daß die zur Verdrängung verwandten Faktoren in so 
innigen Kontakt mit ihren Gegnern treten, daß sie ihrerseits sich 
nicht mehr bewußtseinsfähig erhalten können -— etwa wie früher 
die Häscher und Diebsfänger wegen ihrer Beschäftigung aus der 
anständigen Gesellschaft ausgestoßen waren. Diese Erfahrung gibt 
uns einen Wink, daß sich hinter dem Worte „Ichgereeht" sehr 
verschiedene Formen und Motive der Anpassung verbergen mögen. 



1 Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, dritte Folge, S. 156/7. 



180 



Dr. Hanns Sachs 



Insbesondere dürfen wir nie daran vergessen, daß die Verdrängung 
ein dynamischer Vorgang ist, bei dem nicht die Argumente 
siegen, sondern eine erstarkte Trieborganisation die schwächere 
verdrängt, um später auf einer neuen Entwicklungsstufe eventuell 
ihrerseits verdrängt zu werden. In einem solchen Kampf der Triebe 
siegt natürlich dauernd nur der, der die höhere Lustprämie 
gewähren kann ; somit muß ein besonders stark entwickelter 
Partialtrieb auch besonders schwer zu besiegen sein, ja eine volle 
Überwältigung eines solchen Lustspenders ist vielleicht überhaupt 
unmöglich. Soll in einem derartigen Fall die Verdrängung dennoch 
einigermaßen erfolgreich sein, so muß sie sich zu einem Kompromiß 
entschließen: sie muß gestatten, daß einem Teilkomplex die Lust 
erhalten bleibe, daß er ins Ich aufgenommen, sozusagen sanktioniert 
werde. Die übrigen, von ihm losgelösten Bestandteile lassen sich 
dann um so leichter verdrängen und in Verdrängung erhalten, 
wenn sie durch den Parteiwechsel eines bisherigen Bundesgenossen 
geschwächt sind. Dieses Auskunftsmittel der Teilung, bei der das 
eine Stück in den Dienst der Verdrängung tritt und so die Lust 
emer prägenitalen Entwicklungsstufe ins Ich hinübernimmt, während 
der Rest der Verdrängung anheimfällt, scheint der Mechanismus 
der Perversion zu sein. 

Die hauptsächlichste und schwierigste Verdrängungsleistung 
ist g'anz allgemein die Ablösung von der infantilen Objektwahl: 
der Ödipuskomplex, und in einigem Abstand davon der in neuerer 
Zeit immer mehr das Interesse der Analytiker in Anspruch 
nehmende Kastrationskomplex.i Von einem Mechanismus wie dem 
oben geschilderten wird man erwarten können, daß er bei diesen 
wichtigsten Verdrängungsleistungen eine erhebliche Rolle spielt. 
Gerade dort, wo die Liebesfixierung und infolgedessen der Ver- 
drängungskampf besonders stark sind, wird sich die Festhaltung 
der Libido bei einer außerhalb des Kreises der späteren Genital- 
befriedigung liegenden Vorstellungsgruppe oder deren regressive 
Besetzung als Ausweg anbieten. So setzt sich der Partialtrieb 
nicht ohne weiteres in die Perversion fort, sondern erst, nachdem 
er durch den Ödipuskonflikt hindurch gegangen ist und durch die 
geleistete Beihilfe bei der Verdrängung bestimmte Beziehungen 
zu ihm gewonnen hat. 

Sehr deutlich wird das Vorliegen dieses Mechanismus bei der 
Phantasie „Ein Kind wird geschlagen". In ihrer ursprünglichsten 
Form ist s ie nur eine Ausstrahlung des Ödipuskomplexes mit 

1 Siehe die Arbeiten von Stärcke, Abraham, Alexander u.a m 
m dieser Zeitschrift. 



Zur Genese der Perversionen 



181 



besonderer Betonung der feindselig-sadistischen Einstellung zu dem 
Rivalen. Sie würde wahrscheinlich, wie viele ähnliche Phantasie- 
bildungen, der Verdrängung anheimfallen, aber sie besitzt die 
Eignung, nach geringer Umarbeitung zum Hilfsmittel der Ersetzung 
des verpönten genitalen Ödipuswunsches durch einen, dem führenden 
analsadistischen Partialtrieb entsprechenden Wunsch zu werden. 
Eine neuerliche Überarbeitung verwischt die letzten an den Ödipus- 
komplex erinnernden Züge, indem er die Person des Vaters und 
die eigene eliminiert und das Produkt ist nun eine bewußtseins- 
fähige, lustgewährende perverse Phantasie. Ebenso gut paßt unser 
Erklärungsversuch auf den Durchschnittsfall der männlichen Homo- 
sexualität: Die Fixierung an die Mutter ist zu stark, um den 
normalen Ablösungsprozeß möglich zu machen. Damit er über- 
haupt gelinge, muß die Fixierung an das eigene Geschlecht — 
also ein Produkt des Narzißmus und des Zurückweichens vor der 
Kastrationsscheu — sanktioniert und dem Ich einverleibt werden. 
In dem oben mitgeteiltem Fall von Exhibitionismus war, wie es 
scheint, die Befreiung von der Mutter und der Sexualverkehr mit 
einer anderen Frau bei dem zur späteren Impotenz bestimmten 
Manne sozusagen an die innere Bedingung eines einmaligen Durch- 
bruches der exhibitionistischen Tendenzen geknüpft. Es stimmt 
nicht schlecht dazu, daß er das erste Aultreten der Impotenz 
einige Jahre später bei demselben Mädchen erlebte, und zwar als 
sie gemeinsam nackt in einem Bache badeten. 

Oberhaupt läßt der geschilderte Mechanismus den Übergang 
von der Perversion zur Neurose verstehen, wenn wir nur im 
Auge behalten, daß die Verdrängung, entsprechend dem Ent- 
wicklungsgange der Libidoorganisation, ein stufenweiser Vorgang 
ist. Es kann dann leicht geschehen, daß der im Verdrängungs- 
dienst stehende Komplex im Laufe der weiteren Entwicklung 
seinerseits der Verdrängung anheimfällt. Es kann aber auch sein, 
daß gerade er bei Begünstigung durch äußere Umstände wieder 
hervorgeholt wird. Dann entsteht, wie wir das oft genug sehen 
können, infolge der Versagung nicht eine Neurose, sondern eine 
Perversion. Diese ist aber nur eine scheinbare Neubildung; in 
Wirklichkeit ist ihr schon seinerzeit im Kampf um den Ödipus- 
komplex das Existenzrecht eingeräumt worden ; später, in ruhigeren 
Zeiten, ging dieses Privilegium verloren und wird nun wie ein 
erloschener Adelsbrief eines einst verdienstreichen, aber später in 
Ungnade gefallenen Geschlechtes wieder erneuert. 

So läßt sich auch die Frage beantworten, warum es unter 
den Perversen keineswegs weniger Neurotiker gibt, als unter den 



182 



Dr. Hanns Sachs 



Normalen. Das Nebeneinander des Positivs und des Negativs 
entsteht dann so, daß sich zwar im Verdrängungslsampfe die 
Abtrennung eines Stückes, das dem Ich einverleibt und zum 
perversen Befriedigungsziel erhoben wird, als nötig erweist und 
auch erfolgreich durchgeführt wird — daß aber dann trotzdem 
die übrigen verdrängten Teile noch stark genug bleiben oder es 
im Laufe der Entwicklung wieder werden, um die kompromiß- 
weise Durchsetzung als Neurose zu erzwingen. Der einfachere 
Fall, wo es sich um verschiedene Fixierungsstellen handelt, die 
auf verschiedene Weise erledigt werden, bedarf hier keiner 
besonderen Erörterung. 

Die Herabsetzung der Zensur im Traume bedeutet eine 
Erweiterung der Ichgrenzen gegen das Verdrängte hin. Dem- 
gemäß fällt es der Traumarbeit leicht, im Einzelfall ähnliches zu 
.leisten wie das, was wir eben als einen Mechanismus zur Erledigung 
des Verdrängungskonfliktes im allgemeinen kennen gelernt haben 
— nämlich ein Stück des sonst zu Verdrängenden ins Ich (also 
in den. manifesten Trauminhalt) zu übernehmen. Der von Rank^ 
mitgeteilte Fall sowie die oben erwähnten Exhibitionsträume des 
Lehrers sind gute Beispiele, in denen sich Traum und Neurose 
gegenüberstehen, wie sonst Perversion und Neurose. Im Angsttraum 
wird der Erfolg infolge eines letzten Nachschubes der Verdrängung 
durch die Affektverwandlung wieder rückgängig gemacht, doch 
bleibt die Durchsetzung zum Ich in der größeren Durchsichtigkeit 
gerade der Angstträume erhalten. 

Zur Perversion wird ein Partialtrieb also durch die Ausnahms- 
stellung die einen Teil der von ihm besetzten Vorstellungen vom 
Ich als Wunsch- und Lustziel eingeräumt wird, um seine Bundes- 
genossenschaft im Verdrängungskampfe, insbesondere gegen den 
Ödipuskomplex, zu erlangen. Es muß aber hervorgehoben werden, 
daß dies nur der Mechanismus, nicht das Motiv seiner Durch- 
setzung ist. Er wird nicht erst durch dieses Bundesverhältnis 
stark; im Gegenteil: seine elektive Hervorhebung beruht darauf 
daß er — sei es durch konstitutionell-hereditäre Veranlagung, sei 
es durch besondere Befriedigungserlebnisse — über das normale 
Maß hinaus entwickelt ist. 



1 Rank, Perversion und Neurose, diese Zeitschrift, Vni/4, S. 403/4. 



Selekiionstheorie und iustprinzip. 

(Betrachtungen anläßlich der Lektüre von Erich Wasmanns 
Monographie über die Gastpflege der Ameisen.)^ 

Von Dr. R. Brun (Züricli). 

„Doch alle Lust will Ewigkeit." 
Nietzsche, „Zarathustra". 

Die theoretische Biologie ist zurzeit in einer jener Krisen 
begriffen, wie sie in der Geschichte jeder Wissenschaft von Zeit 
zu Zeit eintreten müssen, wenn dieselbe nicht im Dogma über- 
lieferter Lehrsätze erstarren soll. Ihre Methoden, ihre Grund- 
begriffe werden gegenwärtig von den verschiedensten Gesichts- 
punkten aus einer kritischen Revision unterzogen und manche 
ihrer Leitsätze und Theorien, mit denen wir seit 50 Jahren wie 
mit gesicherten Tatsachen zu rechnen gewohnt waren, sind heute 
ins Wanken geraten oder müssen sich zum mindesten erhebliche 
Modifikationen und Einschränkungen ihres Geltungsbereiches 
gefallen lassen.^ 

Auch der Selektionstheorie scheint dieses Schicksal 
nicht erspart geblieben zu sein: — ja, es stünde, falls gewisse 
Hyperkritiker recht behalten sollten, sogar zu befürchten, daß 
das ganze großartige Gedankengebäude, das Gh. Darwin vor 
60 Jahren auf dem Boden der alten L a m a r c k sehen Entwicklungs- 
lehre errichtet hat, infolge des Verlustes dieser seiner festesten 
Stütze demnächst zusammenbrechen würde! 



1 Es ist das besondere Verdienst von Prof. Julius Schaxel, Jena, für 
solche kritische Bestrebungen in den von ihm herausgegebenen „Abhandlungen 
zur theoretischen Biologie", die seit 1919 in zwangloser Folge in Gestalt 
selbständiger Hefte (Verlag von Gebr. Bornträger, Berlin) erscheinen, eine 
einheitliche Sammelstätte geschaffen zu haben. 

2 So wird z. B. wohl niemand behaupten wollen, der Kulturmensch 
übe den Sexualakt in der Absicht aus, die Gattung fortzupflanzen, oder 
dn Professor der physiologischen Chemie nehme seine Mahlzeiten ein, um 
seinem Organismus die nötigen Kalorien zuzuführen! 



184 



Dr. R. Brun 



Die Selektionstheorie oder Lehre von der natürlichen Zucht- 
wahl besagt bekanntlich, daß unter den mannigfachen somatischen 
und psychischen Varianten, wie sie jede Spezies in einem 
gewissen Umfange darbietet (sogenannte individuelle Variations- 
breite), auf die Dauer nur diejenigen zur Nachzucht oder „Auslese" 
gelangen, die sich für die Art im Daseinskampfe von irgend- 
welchem Vorteil erwiesen haben. Denn die mit solchen 
günstigen Varianten behafteten Individuen werden naturgemäß 
größere Aussicht haben, den Kampf ums Dasein zu bestehen 
(„Überleben des Passendsten"), zur Fortpflanzung zu gelangen und 
damit ihre biologisch nützlichen Varianten auf ihre Nachkommen- 
schaft zu vererben, als ihre weniger begünstigten Konkurrenten. 
So werden diese biologisch nützlichen individuellen Varianten im 
Wandel der Generationen mehr und mehr kumulieren und zu 
einer allmählichen Umgestaltung des Genotypus führen, die dann 
natürlich durchaus den Charakter einer „zweckmäßigen Anpassung" 
haben wird;i wogegen aUe biologisch schädlichen oder auch nur 
indifferenten Varianten infolge dieses automatisch wirksamen 
Ausleseprozesses einer fortgesetzten Ausmerzung unterliegen und 
daher von vornherein zum Aussterben verdammt sind. 

Es kann nicht meine Aufgabe sein, die verschiedenen Ein- 
wendungen und Bedenken, welche neuerdings auch von biolo- 
gischer Seite gegen den Darwinismus und insbesondere gegen 
die Selektionstheorie erhoben wurden, an dieser Stelle eingehend 
zu erörtern; vielmehr möchte ich hier nur auf eine Konsequenz 
dieser Lehre etwas näher eingehen, da wir damit ein Problem 
aufrollen, das meines Erachtens auch f ür d ie psychoanalytische 
Trieblehre von prinzipieller Bedeutung ist. 

Zu den hereditär fixierten Arteigentümlichkeiten gehören 
bekanntlich auch die Besonderheiten des instinktiven, 
beziehungsweise psychischen V e r h a 1 1 e n s („Behavior"), 
wie sie für jede Spezies charakteristisch sind. Sofern nun dies© 
psychischen Artcharaktere ebenfalls das Produkt einer phylogene- 
tischen Entwicklung sind (woran heute kein Naturforscher mehr 

1 Dabei ist es für die Selektionstheorie zunächst gleichgültig, ob die 
individuellen Varianten, die das Material für die natürliche Zuchtwahl abgeben, 
auf einer primären, endogenen Variabilität des Keimplasmas beruhen oder ob 
sie, wie der Lamarckismus behauptet, auf funktionellem Wege, d. h. durch 
Individuelle Anpassung erworben wurden. Sofern es nämlich eine Vererbung 
erworbener Eigenschatten gibt (was ein Problem für sich ist), so werden auch 
diese erworbenen Charaktere, so gut wie die „primären" Varianten, der Natural' 
Selektion unterworfen sein (Neolamarckismus). 



Selektionstheorie und Lustprinzip 



185 



zweifelt), müßte natürlich aitch ihre Entwicklung dem Selektions- 
prinzip unterworfen gewesen sein; mit anderen Worten: Auch 
die phylogenetische Entwicklung der Triebe, 
Instinkthandlungen und der psychoplastischen 
Arteigentümlichkeiten hätte nach der Selektions- 
theorie ausschließlich unter der Herrschaf t des 
Nützlichkeit s- oder, wie die Psychoanalyse sagen 
würde, des „Reali t ät sprinzipes" gestanden; das 
„Lustprinzip" hätte dagegen an diesem Entwick- 
lungsprozeß niemals den geringsten Anteil — 
wenigstens nicht im Sinne eines formativen 
Faktors — gehabt. 

Dem scheint die Erfahrung zu widersprechen, daß die Aus- 
übung aller instinktiven Tätigkeiten, ja schon die bloße Vorbereitung 
instinktiver Akte, mit Lust verknüpft ist — ja noch mehr: daß 
diese Lust sowohl der objektiven als der Selbstbeobachtung als 
das eigentlich „treibende", primäre Moment erscheint, ohne 
dessen Wirksamkeit die betreffenden Handlungen (die oft äußerst 
mühselig sind!) schwerlich auch nur begonnen, geschweige denn 
mit der Zähigkeit durchgeführt würden, die dem instinktiven 
Handeln eigen ist. Sicher ist jedenfalls, daß das Tier von der 
„Zweckmäßigkeit" seines instinktiven Handelns keine Ahnung hat 
(— daher denn auch die scholastische Definition des Instinktes die 
eines „unbewußt zweckmäßigen Handelns" war — ), und daß 
sogar noch beim Kulturmenschen, der durch verstandesmäßige 
Überlegung u. U. von dieser Zweckmäßigkeit Kenntnis erlangen 
kann, für das triebhafte Handeln Nützlichkeitsgründe niemals 
ausschlaggebend sind.^ 

Man pflegt sich nun zwar über die eben angedeutete 
Schwierigkeit gerne hinwegzuhelfen, indem man sagt, die „Natur" 
habe sich die Erreichung ihrer, dem Individuum unersichtlichen 
„Ziele" eben dadurch zu sichern gewußt, daß sie auf die Ausübung der 
(manchmal wie gesagt, recht unbequemen !) Selbst- und arterhaltenden 
Instinkthandlungen eine „L u s t p r ä m i e" setzte ; — die Instinkt- 
handlung sei eben deshalb so lustvoll, damit die Natur durch 
dieses Mittel — also gleichsam durch Bestechung — desto sicherer 
ihre Zwecke erreiche. Es bedarf aber keines großen Scharfsinns, 



1 E. Wasmann, S. J., Die Gastpfiege der Ameisen, ihre 
biologischen und philosophischen Probleme. — Abhandlungen zur theoretischen 
Biologie. Herausgegeben von Julius Schaxel, Heft 4, Berlin 1920, Verlag von 
Gebr. Bornträger. 



Internat. Zeitgchr. f. Psychoanalyse, IX/2. 



12 



186 



Dr. R. Bnin 



um einzusehen, daß unser Problem durch die Einführung dieser 
. teleologischen Fiktion einer wirklichen Lösung in keiner Weise 
näher gebracht wu-d, daß diese Fiktion vielmehr weiter nichts als 
eine Erschleichung bedeutet: Denn die „Natur", auf die man sich 
dabei beruft, ist ja eben das, was durch die Theorie erldärt 
werden sollte; diese Erklärung wird aber nicht dadurch geleistet, 
daß man das zu Erklärende zum Deus ex machina einsetzt. Es 
wäre denn, daß man das Wort „Lustprämie" als den gleichsam 
allegorischen Ausdruck eines hypothetischen biologischen Gesetzes 
fassen würde, das etwa so lauten würde, daß unter den einer 
Spezies innewohnenden Instinktanlagen nur diejenigen Aussicht 
hätten, eine Fortentwicklung zu erfahren, die außer ihrer Nütz- 
lichkeit noch den Vorzug hätten, den sie ausübenden Individuen 
Lust zu gewähren. Damit wäre aber das Lustprinzip, das man 
V soeben noch aus der biologischen Betrachtungsweise der Dinge 
verbannen wollte, durch eine Hintertür glücklich wieder einge- 
führt; es stünde nämlich jetzt als ein zweiter, gleichberechtigter 
formativer Faktor neben dem durch die Selektionstheorie sens. strict. 
vertretenen Realitätsprinzip, d. h. wir hätten also jetzt neben der 
Naturalselektion noch eine „Libidinalselektion" (sit venia 
verbo !), als einen zweiten maßgebenden Entwicklungsfaktor mit zu 
berücksichtigen! und endlich könnte man zugunsten einer die 
phylogenetische Entwicklung mitbestimmenden Rolle des Lust- 
prinzipes noch das biogenetische Grundgesetz (Häckel) ins Feld 
führen: Da wir nämlich die ontogenetische Entwicklung der 
Triebe durchweg unter der Führung und Herrschaft des Lust- 
prinzipes vor sich gehen sehen, so wäre schwer einzusehen, daß 
dieses Primat nicht auch für die Phylogenie derselben Geltung 
gehabt haben sollte. 

Doch das sind Spekulationen, die solange auf recht schwachen 
Füßen stehen, als sie nicht durch Beobachtungen gestützt werden, 
auf denen sich wenigstens eine begründete Hypothese aufbauen 
ließe! Es lag auch keineswegs in meiner Absicht, durch die 
vorstehenden Ausführungen auch nur den Anschein einer voreiligen 
Stellungnahme in der Frage zu erwecken; vielmehr sollten die 
obigen Andeutungen lediglich die Fragestellung etwas näher präzi- 
sieren und es so dem Leser ermöglichen, die Beobachtungs- 
tatsachen, über welche ich im folgenden kurz referieren möchte, 
in ihrer ganzen Tragweite zu würdigen. Diese Beobachtungsreihen 
hat in jahrzehntelanger, peinlich exakter Arbeit der als Ameisen- 
biologe rühmlichst bekannte Jesuitenpater Erich Wasmann, 
Professor am St. IgnatiuskoUeg in Valkenburg (Holland) gesammelt 




Selektionstheorie und Lustprinzip 187 

und kürzlich in einer in der S chaxel sehen Sammlung erschienenen 
Monographie übersichtlich zusammengefaßt.^ 

Die Forschungen Wasmanns, über welche ich im folgenden 
berichten möchte, erstrecken sich auf die Gastpflege der 
Ameisen: Wie alle sozialen Gebilde, so wurde und wird auch 
der Ameisenstaat von einem ganzen Heer ungebetener Gäste, 
Proflthascher und Parasiten heimgesucht. Von diesen, beiläufig 
über 2000 Arten zählenden „ameisenfreundlichen" (myrmekophilen) 
Insekten, Spinnentieren, Asseln usw. werden aber weitaus die 
meisten von den Ameisen mit feindlicher Aufmerksamkeit verfolgt 
(sogenannte „Synechtren") oder dank ihrer mehr oder minder 
raffinierten Schutz - (Mimikry-) oder Trutzgestalt nur geduldet 
(Synöken); nur einer relativ kleinen Minderheit ist es gelungen, 
sich dermaßen in das Vertrauen ihrer Wirte einzuschleichen, daß 
sie von diesen in ihre soziale Gemeinschaft aufgenommen, ja sogar 
als Haustiere liebevoll gehegt und gepfiegt werden: Dies sind die 
echten Ameisengäste oder Symphilen, zu denen 
namentlich gewisse Kurzflügler-Käfer aus der Sippe der Lome- 
chusinen, dann die durch ihre abenteuerliche Fühlergestaltung 
merkwürdigen Paussiden und Clavigeriden gehören. Ihre 
höchste Entwicklung hat aber die Gastpflege bei den Lomechusinen 
erreicht, deren Angehörige mit zwei Hauptgattungen, Lomechusa 
und Atemeies, bei verschiedenen Formica-Arten leben. Und 
zwar werden hier nicht nur die Käfer selbst, sondern auch deren 
Larven von den Ameisen gastlich gepflegt und gefüttert und 
das, trotzdem sie als heimliche Räuber grausam unter 
der Brut der Ameisen aufräumen! Aber noch mehr: Die 
SymphUen schädigen den Ameisenstaat noch auf eine andere, mehr 
indirekte Weise: Indem nämlich die Ameisen fortgesetzt ihre 
ganze Aufmerksamkeit der Fütterung ihrer unersättlichen Lieblinge 
zuwenden, vernachlässigen sie ihr eigene Brut, so daß namentlich 
die zu weiblichen Geschlechtstieren bestimmten Larven an Unter- 
ernährung leiden und zu eigentümlichen &üppelwesen, sogenannten 
Pseudogynen, heranwachsen — traurigen, flügellosen Geschöpfen, 
die weder zur Fortpflanzung noch zum Arbeiterberufe tauglich sind. 
Der Zusammenhang der PseudogynenbUdung im Ameisenstaate 
mit der Anwesenheit und Zucht symphUer Käfer wurde von 
Was mann durch langjährige geduldige Untersuchungen über 

1 Erich Wasmann S. J., Die Gastpllege der Ameisen, 
ihre biologischen und philosophischen Probleme. — Abhandlungen zur theo- 
retischen Biologie, herausgegeben von Julius Schaxel, Heft 4, Berlin 1920, Verlag 
von Gebr. Bomträger. 

12* 




Dr. R. Brun 



jeden Zweifel sichergestellt; Was mann hat auch gezeigt, daß in 
denjenigen Kolonien, in denen die Lomechusenzucht jahrelang im 
großen betrieben wird, die Zahl der Pseudogynen seuchenartig 
derart zunehmen kann, daß die Existenz der betreffenden Staaten 
ernstlich gefährdet wird, so daß dieselben dem Untergange verfallen. 
Die Ameisen züchten sich also in ihren Gästen, ohne 
es zu ahnen, selbst ihre schlimmsten Feinde heran! 

Was veranlaßt aber die Ameisen, die Interessen ihres Staats- 
wesens in so sträflich leichtsinniger Weise zu vernachlässigen? 
Auch das Geheimnis dieser seltsamen Instinktirrung hat Wasmann 
ergründet: Die symphilen Käfer sondern aus eigenartigen Haar- 
büscheln, den sogenannten Trichomen, die paarig an den Seiten 
des Hinterleibes angeordnet sind und zwischen deren Haaren die 
Ausführgänge je einer Drüse münden, ein ätherisch-öliges 
Exsudat aus, das von den Ameisen mit leidenschaft- 
licher Gier aufgeleckt wird und das offenbar eine 
berauschende Wirkung auf sie ausübt; dieses Narkotikum 
ist die Gegengabe, welche die Symphilen den Ameisen 
darbieten; der Zauberschlüssel, mit dessen Hilfe es ihnen 
gelang, in die Raubburgen der sonst so gefürchteten 
Herren der Insektenwelt einzudringen und sich ihre 
Zuneigung und liebevolle Pflege zu erschleichen. Aber auch noch in 
anderer Weise haben sich die Symphilen an das Zusammenleben 
mit den Ameisen angepaßt; sie befleißen sich z. B. eines möglichst 
ameisenartigen Benehmens, indem sie die „Fühlersprache" der 
Ameisen nachahmen, ihre Pfleger nach Ameisenart um Futter 
anbetteln usw. 

Wir sehen somit, daß sich die Symphilie, das echte Gast- 
verhäitnis in mehreren charakteristischen Punkten von allen übrigen, 
bisher bekannt gewordenen Formen der Symbiose unterscheidet: 
Vom Parasitismus dadurch, daß die Gäste den Ameisen immerhin 
eine Gegengabe in Gestalt eines angenehmen Exsudates darbieten; 
von einer echten Symbiose (im engeren Sinne) dadurch, daß nur 
der eine Teil, die Gäste, aus dem Verhältnis wirklichen 
biologischen Nutzen zieht, während der andere Teil, 
die Ameisen, von ihren Gästen lediglich einen Lust- 
gewinn haben, den sie jedoch mit einer mehr oder 
weniger schweren Schädigung ihres Gemeinwesens 
teuer genug erkaufen müssen. — Mit der Selektion s- 
theorie würde die Symphilie, soweit wir sie bis jetzt betrachtet 
haben, nicht im Widerspruch stehen : Die Gäste haben sich an das 
Zusammenleben mit den Ameisen angepaßt, indem sie auf eine 



Selektionstheorie und Lustprinzip 



189 



F'bei diesen sozialen Insekten allgemein verbreitete und sehr 
stark entwickelte Eigenschaft, nämlich auf ihre Naschhaftig- 
keit spekulierten; diejenigen unter ihnen, bei denen das 
Exsudatgewebe am vollkommensten entwickelt war, hatten 
unter diesen Umständen natürlich die beste Aussicht, von den 
Ameisen als Pfleglinge adoptiert zu werden, das heißt, die 
Ameisen zu veranlassen, ihre Brutpflege-Instinkte 
auf die fremden Gäste auszudehnen. Und diese 
Spekulation konnte ihnen um so besser gelingen, als nach 
neuesten Forschungen des bekannten amerikanischen Ameisen- 
biologen W. M. Wheeler auch die normale Brutpflege 
der Ameisen eine Stimulation durch einen von den 
Larven ausgehenden Lustreiz erfährt: Wheeler fand 
nämlich, daß die Larven vieler — wenn nicht aller — Ameisen- 
arten bei der Fütterung aus ihren Speicheldrüsen ein Exsudat- 
tröpfchen abgeben, das dann von der fütternden Ameise begierig 
aufgeleckt wird, bei den Larven einiger Arten (Paedalgus) 
sind die Speicheldrüsen sogar zu mächtigen Exsudatorganen, 
ähnlich denen der symphilen Käfer, umgebildet! Ob hier bei der 
Fütterung ein eigentlicher Nahrungsaustausch zwischen der 
Ameise und der Larve, — eine „Trophallaxis" — stattfindet, 
wie Wheeler meint, ist nach W a s m a n n allerdings zweifelhaft ; 
sicher scheint aber, daß auch schon die normalen 
Pfleglinge der Ameisen, deren eigene Larven, 
ihre Ammen durch Darbietung eines angenehmen 
Exsudates, also wiederum einer „Lustprämie", zur 
Brutpflege anreizen. Die biologische Tragweite dieser über- 
raschenden Entdeckung Wheelers kann gar nicht hoch genug 
eingeschätzt werden; man darf ruhig behaupten, daß seitdem 
das Problem der Staatenbildung im Insektenreich 
in einem ganz neuen Lichte erscheint! Man wußte 
schon lange, daß die Bildung des Insektenstaates aufs innigste mit 
den gesteigerten Anforderungen der Brutpflege zusammenhängt; 
die immer komplizierter und aufreibender sich gestaltende Brut- 
pflege war es zweifellos, was die Ausbildung einer dritten, 
„geschlechtslosen" Arbeiterinnenkaste neben den Geschlechtstieren 
erzwang. Die allmähliche Differenzierung dieses, auf sexuelle Trieb- 
befriedigung vollständig und von vornherein verzichtenden dritten 
Geschlechtes galt bisher als das großartigste Beispiel einer 
phylogenetischen Triebsublimierung, das wir kennen. 
Wenn es sich nun aber ganz allgemein herausstellen sollte, daß diese, 
ausschließlich dem Ammenberufe (im weitesten Sinne) lebenden 



190 



Dr. R. Bruu 



Arbeiterinnen aus ihrer scheinbar so „selbstlosen", aufopfenings- 
vollen Tätigkeit doch auch einen nicht unbeträchtlichen 
unmittelbaren Lustgewinn ziehen, so hätte damit dieser 
eigenartige Fall von „Sublimierung" manches von seiner bisherigen 
Rätselhaftigkeit verloren! 

Genug, um nun wieder zur Symphilie zurückzukehren: Wir 
sehen, daß diese eigenartige biologische Erscheinung unserem 
Verständnis nunmehr plötzlich um ein ganzes Stück näher gerückt 
ist: Die Symphilie erscheint nun — im Lichte der neuen Ent- 
deckung Wheelers betrachtet — lediglich als ein biologischer 
Parallelfall jenes eigentümlichen, aus der Klinik der Neurosen 
wohlbekannten Phänomens der Objektverschiebung eines 
an sich normalen Triebes :i Die Ameisen haben ihren Brutpflege- 
trieb auf die fremden Gäste ausgedehnt (verschoben), weil sie 
dabei dieselbe Lust — und wohl sogar in noch 
höherem Grade — wiederfanden, die ihnen auch 
aus der Fütterung ihrer normalen Pfleglinge 
erwächst. Dabei ist allerdings noch ein Unterschied zu beachten, 
dem aber, triebphysiologisch gesprochen, keine allzu große 
Bedeutung zukommt; der Unterschied nämlich, daß die Ameisen- 
larven ihren Pflegern das lustvolle Exsudat aus dem Munde, das 
heißt also, direkt während der Fütterung verabreichen, während 
die symphilen Käfer ihnen dasselbe an den am Hinterleibe 
sitzenden Trichomen darbieten. Mit anderen Worten : es fand außer 
der Objektverschiebung auch noch eine Verschiebung der 
lustspendenden („erogenen")^ Zone statt. 

Der soeben gemachte Vergleich mit gewissen neurotischen 
Vorgängen des menschlichen Trieblebens wird beim Leser die 
Vermutung geweckt haben, daß es sich auch bei der Symphilie 
um eine pathologische Erscheinung am Sozialkörper des 
Ameisenstaates, gewissermaßen um eine Massenneurose 

1 Cfr. Freud S., Triebe und Triebschieksale. Intern. Zeitschr. f. ärztl. 
Psa. m, 1915, und Kleine Schriften zur Neurosenlehre, IV, Folge, XVI. 

2 Da das Exsudat nicht allein der Symphilen, sondern höchstwahrscheinlich 
auch der Ameisenlarven nach VVasmann keinen Nährwert, sondern lediglich 
Genußwert besitzt, so wäre nach Freuds Definition sowohl der Symphilie- 
als der normale Brutpflegetrieb der Ameisen letrfen Endes aus dem 
Sexualtrieb, als eine Abwandlung ursprünglich „libidinöser* Triebregungen 
abzuleiten. Übrigens eine hübsche Bestätigung der seinerzeit schon von Forel 
geäußerten Vermutung, daß die Staatenbildung im Insekten- 
reiche ihre letzten Ursachen im Sexualtriebe habel — 
Cfr. über die sexuellen Wurzeln der Staatenbildung und Freud: „Totem 
und Tabu" und „Massenpsychologie und Ichanalyse". 



Selektionstheorie und Lustprinzip 



191 



des Brutpflege-Instinktes der Ameisen, handle. Diese 
Auffassung wurde denn auch bisher von fast allen Myrmekologen, 
die sich mit dem Symphilieproblem befaßt haben, vertreten ; man 
vergleiche beispielsweise die Darstellung, die Escherich in 
seinem bekannten Werke^ von der Symphilie gegeben hat: Man 
beschrieb die Symphilie als eine krankhafte Sucht der Ameisen, 
etwa dem Alkoholismus innerhalb der menschlichen Gesellschaft 
vergleichbar, der ja auch das Familienleben derer, die ihm ver- 
fallen, langsam aber sicher von Grund aus ruiniert. So bestechend 
diese Analogie erscheinen mag, so hält sie, wenn wir W a s m a n n 
Glauben schenken dürfen, einer strengeren Kritik dennoch nicht 
stand: Vielmehr glaubt Was mann auf Grund eines umfang- 
reichen Tatsachenmateriales den strikten Nachweis erbracht zu 
haben, daß die Symphilie, weit entfernt, eine bloße „Sucht" oder 
pathologische „Verirrung" des Brutpflege-Instinktes zu sein, einer 
bei den betreffenden Ameisenarten tief eingewurzelten erblichen 
Neigung zur Aufzucht solcher Gäste entspreche, daß es, 
mit anderen Worten, spezifische, erbliche Symphilie- 
Instinkte gebe! 

Die Tatsachen, welche Wasmann zu dieser, von der bis- 
herigen gänzlich abweichenden und auf den ersten Blick allerdings 
befremdlichen Auffassung vom Wesen der Symphilie führten, sind 
kurz folgende: Einmal — und vor allem — seine schon vor 
Jahren gemachte und seither von zahlreichen Autoren immer 
wieder bestätigte Beobachtung, daß die verschiedenen symphilen 
Käferarten nicht etwa unterschiedslos bei den verschiedensten 
Ameisenarten hospitieren, sondern daß jede Ameisenart, 
sofern sie überhaupt Symphilie treibt, ihre ganz 
bestimmte Käferart, und nur diese, zu Gaste hat. So 
kommt z. B. Lomechusa strumosa, der bekannteste symphile 
Käfer, in der Natiu" nur bei der Sklaven haltenden blutroten 
Raubameise (Formica ^anguinea) vor; von anderen Formica- 
Arten wird zwar der entwickelte Käfer im künstlichen Nest 
ebenfalls unmittelbar gastlich aufgenommen, nicht aber dessen 
Larven; diese werden nur von Formica sanguinea 
gastlich gepflegt, von allen anderen Formica-Arten 
dagegen ohne weiteres aufgefressen. Ähnlich verhält 
es sich mit den Arten der Gattung Atemeies. So kommt zum 
Beispiel Atemeies emarginatus nur bei Formica fusca, 
der ihm sehr ähnliche Atemeies paradoxus dagegen nur bei 



1 Escherich K., Die Ameise. 2. Aufl., Braunschweig (Vieweg) 1917. 



192 



Dr. R. Brutt 



Formica rufibarbis (einer Rasse von Pormica fusca!) vor. 
Atemeies pubicollis subspee. truncicoloides hat als 
Larvenwirt^ nur die Formica truncicola (eine Rasse von 
Formica rufa); Atemeies pratensoides wird einzig von der 
R u f a - Rasse Formicapratensis gastlich aufgenommen usw. — 
Wir sehen also, daß nicht allein die verschiedenen Formica -Arte n, 
sondern innerhalb jeder Art sogar die verschiedenen Rassen ihre 
eigenen, spezifischen Gäste haben, während sie andere Gäste ent- 
weder überhaupt nicht oder doch nur die entwickelten Käfer, nicht 
aber deren Larven bei sich aufnehmen. 

Es läßt sich nicht leugnen, daß diese ökologischen Tatsachen 
sehr zugunsten der Wa sm an nschen Annahme sprechen, daß die 
Ameisen auf ihre respektiven Gäste zufolge eines erblich 
fixierten Geruchs engrammes von vorneherein freundschaft- 
lich eingestellt sind; würden sie dieselben jeweilen erst im 
individuellen Dasein kennen und wegen ihres angenehmen 
Exsudates schätzen lernen, so wäre in der Tat nicht einzusehen, 
warum sie dann nicht unterschiedslos alle beliebigen Käfer, welche 
diese angenehmen Eigenschaften darbieten, gastlich bei sich auf- 
nehmen und pflegen würden. Den strikten Beweis, daß dem so 
ist, hat aber Wasmann überdies noch durch das folgende 
Experiment erbracht: Er isolierte eine Anzahl junger, eben aus 
der Puppe geschlüpfter Arbeiterinnen von Fotmica sanguinea 
aus einem Neste, das zufällig in dieser Saison gerade keine 
Lomechusa beherbergte, und bildete aus ihnen eine künstliche 
„Autodidaktenkolonie". Als er nun diesen „Autodidakten" 
eine Anzahl Lomechusa-Käfer darbot, nahmen sie diese sofort 
begeistert bei sich auf, obschon sie die Gäste ihrer Lebtag noch 
niemals gesehen noch ihren Geruch, geschweige denn ihre reiz- 

1 Es ist hier nämlich nachzutragen, daß die A t e m e 1 e s - Arten sämtlich 
»doppel Wirt i g" sind; im Gegensatz zu Lomechusa, die ihre ganze 
Lebenszeit in den Nestern der Formica sanguinea zubringen, leben die 
Atemeies nur im Frühjahr und Sommer bei ihren respektiven Formica- 
Wirten, um sich dort zu paaren und sodann ihre Brut von den Formica 
erziehen zu lassen. Sobald im Hochsommer die frisch entwickelten Käfer der 
neuen Generation aus der Puppe gesehlüpft sind, verlassen sie fluchtartig das 
Formica- Nest und suchen nach Absolvierung einer längeren „Quarantäne" 
(während welcher sie den ihnen anhaftenden Formica- Geruch loswerden) 
Nester der kleinen Myrmica rubra (einer Ameisenart, die einer ganz 
anderen Unterfamilie angehört!) auf, um dort zu überwintern. Im nächsten 
Frühjahr kehren sie dann wieder zu ihren Formica- Wirten zurück; ja, sie 
werden von diesen sogar vielfach aus den Myrmica- Nestern direkt 
abgeholt! (Wasmann.) — Auf die biologischen Ursachen dieser Doppel- 
wirtigkeit von A t e m el e s kann von uns hier nicht näher eingegangen werden. 



Selektionstheorie und Lustprinzip 



193 



vollen Eigenschaften in ihrem bisherigen kurzen Dasein kennen 
gelernt hatten ! Sehr lehrreich in dieser Beziehung ist auch das 
Verhalten der „Sklaven" von Formica sanguinea (Formica 
fusca) zu den Gästen ihrer Herrinnen: Bringt man eine Anzahl 
Lomechusa in eine Sanguinea- Kolonie, die bisher noch keine 
solchen Gäste beherbergt hat, so werden die Käfer von den 
Sklaven anfänglich feindselig oder zum mindesten sehr mißtrauisch 
behandelt, im auffallenden Gegensatze zu dem Verhalten der 
Sanguinea, welche die Käfer sofort in liebevolle Obhut nehmen. 
Die Erklärung dieses verschiedenen Benehmens ist sehr einfach: 
In den selbständigen Fusca- Kolonien werden die Lomechusa 
anfänglich stets feindlich angegriffen; später können einzelne 
Fusca die fremden Gäste dann allerdings durch individuelle 
Erfahrung kennen lernen und sich an sie gewöhnen; zu einer 
dauernden Lomechusa-Pflege kommt es jedoch dabei nie und 
die Lomechusa-Larven, die Wasmann den Fusca gab, 
wurden stets ohne weiteres aufgefressen. Deutlicher als durch 
diese Versuche könnte der fundamentale Unterschied zwischen 
einer erblichen Instinktdisposition und einer individuell erworbenen 
Instinktmodiflkation, beziehungsweise -regulation gar nicht demon- 
striert werden! 

Die Existenz spezifischer Symphilie-Instinkte 
auf Seite der Ameisen dürfte durch diese Beobach- 
tungen über jeden Zweifel erwiesen sein, und es ergibt 
sich somit die überraschende Tatsache, daß nicht allein die 
Gäste sich an die Ameisen, sondern auch umgekehrt 
die Ameisen sich an die Gäste angepaßt haben. (Die 
Vorliebe und Fähigkeit einzelner Arten für die Pflege und Zucht 
bestimmter Gäste ist, mit anderen Worten, ebenso eine stammes- 
geschichtlich [„kleronom"] erworbene Spezies-Eigentümlichkeit, 
wie z. B. ihre erbliche Neigung und hochspezialisierte Fähigkeit 
zur Haltung von sogenannten Sklaven.) Ja noch mehr: Manche 
Beobachtungen Wasmanns legen sogar die Vermutung nahe, 
daß die Ameisen im Laufe der Phylogenie auch eine Art 
aktiver Zuchtwahl, eine „Amikalselektion", an ihren 
Gästen ausübten, die hinsichtlich ihrer Wirkungen durchaus der 
künstlichen Zuchtwahl an die Seite zu stellen wäre, die der Mensch 
an seinen Haustieren ausübte und noch fortgesetzt ausübt! So 
konnte Wasmann z, B. „sowohl in künstlichen Nestern wie in 
freier Natur übereinstimmend feststellen, daß die Ameisen vielfach 
bestimmte Pärchen ihrer echten Gäste zur Nachzucht ,aus- 
lesen', indem sie dieselben besonders eifrig pflegen, während sie 



194 



Dr. R. Brun 



die übrigen vernachlässigen oder sogar aus ihren Nestern ver- 
treiben". Auch die Entstehung der außerordentlich bizarren Fühler- 
anhänge der Paussiden — die symphilen Trichome sitzen 
nämlich bei diesen merkwürdigen Käfern an den Antennen — ist 
durch „natürliche" Zuchtwahl einfach nicht zu erklären : vielmehr 
sind wir nach Was mann auch hier schlechterdings genötigt, 
eine aktive Zuchtwahl, eine Amikaiselektion von selten der 
Ameisen anzunehmen.^ Die besondere Wirkungsweise der 
Amikaiselektion, das heißt die Art und Weise, wie dieselbe zur 
Entwicklung und Weiterbildung der spezifischen symphilen 
Anpassungscharaktere der Gäste fährte, beruht nach Was mann 
auf zwei Faktoren: Erstens auf der funktionellen Reiz- 
wirkung, welche durch die fortwährende Beleckung bestimmter 
Körperstellen der Gäste auf die Entwicklung der daselbst in der 
Anlage vorhandenen Exsudatgewebe ausgeübt wird; zweitens 
darauf, daß die Ameisen, immer diejenigen Pärchen ihrer Gäste, 
welche die von ihnen begehrten Exsudate am reichlichsten und 
in der besten Qualität aufwiesen, besonders eifrig pflegten und 
schließlich allein zur Nachzucht auslasen. 

Ob es nun eine Amikaiselektion im Sinne Wasmanns gibt 
oder nicht (wir persönlich sehen keinen Grund daran zu zweifeln), 
soll hier nicht näher untersucht werden: Die grundlegende 
Bedeutung der Was mann sehen Beobachtungen liegt für uns 
vielmehr darin, daß durch sie bei den Ameisen zum 
erstenmal der einwandfreie Nachweis der Existenz 
von hochkomplizierten und -spezifischen Instinkten 
erbracht wird, die in keiner Weise „artdienlich" 
sind, deren Ausübung der Art vielmehr sogar zum 
schwersten Schaden gereicht und auf die Dauer 
geradezu ihre Existenz gefährdet, deren Entstehung 
somit durch die Naturalselektion nicht zu erklären 
ist! Ja, wir können sogar ruhig sagen, daß sich diese artschäd- 
lichen Instinkte der natürlichen Zuchtwahl zum Trotz 
entwickelt haben, einfach deshalb, weil sie für die 
Ameisen lustvoll sind.^ 



^ Von der künstlichen Zuchtwahl des Menschen würde sich die „Amikai- 
selektion der Ameisen" an ihren Haustieren lediglich dadurch unterscheiden, 
daß sie keiner bewußten, intelligenten Überlegung und Absicht entspringt, 
sondern rein instinktiv ausgeübt wird. 

2 W h e e 1 e r und andere glaubten gegen die Wasmann sehen 
Symphilie-Instinkte den Einwand erheben zu müssen, daß die Entstehung 
derartiger, für die Art schädlicher Instinkte schon deshalb unmöglich sei, weil 



Selektionstheorie und Lustprinzip 



195 



So sehr wir die Stichhältigkeit der scharfsinnigen Beweis- 
führung, die der hervorragende Am eisenbioloj:e Wasmann 
zugunsten seiner spezifischen Symphilie-Instinkte und seiner 
Amikalselektion ins Feld führte, anerkennen mußten, so wenig 
vermögen wir der letzten philosophischen Ausdeutung 
zu folgen, die der Jesuitenpater Wasmann seinen über- 
raschenden Entdeckungen gegeben hat: Er geht dabei aus von 
der bekannten Schrift des Münchener Philosophen Erich Becher,'^ 
die in den merkwürdigen Anpassungserscheinungen, die gewisse 
Pflanzengallen, scheinbar eigens zugunsten ihrer fremden Parasiten 
(der Larven kleiner Gallinsekten), aufweisen, den Ausdruck einer 
„fremddienlichen Zweckmäßigkeit" erblickt. Ein ähn- 
licher Fall, so meint Wasmann, liege nun bei der Symphilie im 
Tierreich vor: Da die Symphilie-Instinkte der Ameisen nach- 
gewiesenermaßen nicht diesen selbst, sondern einzig und allein 
den Gästen nützen, so seien sie eben „fremddienlich zweckmäßig". 
Und diese fremddienliche Zweckmäßigkeit, die mit der Natur- 
auslese Darwins in vollkommenem Widerspruch stehe, dieses 
Beispiel einer „wundervollen Harmonie zwischen selbstdienlicher 
(insofern, als einerseits die Exsudate der symphilen Gäste die 
individuelle Naschhaftigkeit der Ameisen, die Fütterung und Pflege 
der Gäste andererseits diese selbst befriedigen), artdienlicher (vom 
Standpunkte der Gäste) und fremddienlicher Zweckmäßigkeit", 
könne nur das Werk eines „überindividuellen Seelischen", einer 
über dem Naturgeschehen waltenden „höheren Weisheit" sein ! — 
So klingt denn — gewiß zum allgemeinen Kopfschütteln der 
meisten Biologen — das schöne und an wertvollsten Anregungen 
reiche Werk Wasmanns befremdlich genug — in einen über 
zwanzig Seiten umfassenden Hymnus auf das Wesen Gottes aus! 
Wir aber, die wir auf dem Boden der bei der Erklärung des 
Naturgeschehens unseres Erachtens einzig erlaubten phänomeno- 
logisch-kausalen Betrachtungsweise stehen, wir 

ja diejenigen Ameisenlcolonien, welclie derartigen Neigungen frönen, unrettbar 
dem Aussterben verfallen; folglich könnten sie allfällig dabei erworbene 
Modifikationen ihres Brutpflege-Instinktes niemals auf ihre Nachkommen weiter- 
vererben. Dagegen bemerkt Wasmann erstens — und mit Recht! — daö 
die Existenz solcher Instinkte nun einmal schlechterdings einfach feststehe 
(„contra factum non valet illatio!*); sodann aber, daö die Vererbung sehr 
wohl noch in einem relativ frühen („palingenetischen") Stadium der Lome- 
chusenzucht erfolgen können, in welchem die Existenz der betreffenden 
Kolonien durch die Symphilie noch nicht gefährdet war. 

1 Becher E., Die fremddienliche Zweckmäßigkeit der Pflanzengallen 
und die Hypothese eines überindividuellen Seelischen. Leipzig 1917. 



196 ^^^W' Dr. R. Brun 

möchten fast vermuten, daß Was mann, seiner Weltanschauung 
zuliebe, sich hier künstlich ein Dilemma konstruierte, das in 
Wirklichkeit gar nicht besteht. Daß die Symphilie-Instinkte für 
die Ameisen nicht artdienlich sind und daß die phylogenetische 
Entwicklung solcher nicht artdienlicher Instinkte im Widerspruch 
zur Selektionstheorie steht, geben wir Was mann ohne weiteres 
zu. Aber daraus, daß sie nicht artdienlich sind, folgt doch noch 
keineswegs, daß sie „fremddienlich" sein müssen ; sie brauchen 
überhaupt nicht „dienlich" zu sein! Die Tatsache, daß 
die Beleckung der Trichome den Ameisen eine intensive Lust 
gewährte, genügt unseres Erachtens für sich allein schon, um 
das Zustandekommen jener eigentümlichen Objektverschiebung zu 
erklären, welche die Ameisen vornahmen, als sie in ihrer phylo- 
genetischen Vorzeit ihre Brutpflege-Instinkte auf die so „wohl- 
schmeckenden" Käfer übertrugen (ein Vorgang, der übrigens, um 
es nochmals zu betonen, durchaus den aus der menschlichen 
Psychologie und Psychopathologie bekannten Gefühlsübertragungen 
im Laufe der individuellen [embiontischen] Entwicklung entspricht). 
Und dieser in der Übertragung wiederum und vielleicht sogar in 
noch höherem Maße gefundene Lustgewinn erklärt uns auch aus- 
reichend, weshalb die Ameisen an dieser Gefühlsübertragung, sobald 
sie einmal gewonnen war, Generationen hindurch so zähe fest- 
hielten, bis sich schließlich aus der ursprünglichen Triebverschiebung 
ein neuer, komplizierter erblicher Instinkt entwickeln konnte. Daß 
und wie die Entwicklung eines derartigen artschädlichen, 
zum mindesten aber nicht artdienlichen Instinktes der Natural- 
selektion zum Trotz vor sich . gehen konnte, darüber hat 
uns ja Wasmann selbst belehrt, indem er zeigte, daß sich die 
schädlichen Wirkungen der Symphilie erst in einem relativ späten 
Stadium der ontogenetischen Entwicklung der Ameisenkolonie 
geltend machen ; die Ameisen konnten somit ihre erworbene Neigung 
zu jener Trieb Verschiebung sehr wohl noch zu einer Zeit auf ihre 
Nachkommenschaft vererben,^ wo von einer Degeneration der Kolonie 
infolge dieses „Lasters" noch nicht gesprochen werden kann. 

Wir sehen also, daß wir zur Erklärung des Zustandekommens 
der Symphilie weder an Wasmanns „fremddienliche Zweck- 
mäßigkeit", noch an ein über dem Naturgeschehen waltendes 
„überindividuelles Seelisches" zu appeUieren brauchen ; vielmehr 

* Auf die Frage, wie überhaupt im Insektenstaat eine Vererbung von 
Eigenschaften, deren Funktionsträger ausschließlich die nicht fortpflanzungs- 
fähigen Arbeiterinnen sind, vor sich gehen kann, auf dieses schwierige 
Problem der Vererbungslehre kann hier nicht eingegangen werden. 



Selektionstheorie und Lustprinzip 



197 



'findet diese merkwürdige Erscheinung ihre voll- 
kommenausreichendeErklärung, sobald wir neben 
derNaturalselektion sensu strict. noch ein zweites 
Prinzip, nämlich das Lustprinzip, in die Reihe der phylo- 
genetisch wirksamen Faktoren einführen. Mit anderen 
Worten: Die Erscheinungen der Gastpflege bei den Ameisen nötigen 
uns tatsächlich zu einer teilweisen Revision der Selek- 
tion stheorie oder, bescheidener ausgedrückt, zu einer Modifi- 
kation ihrer bisherigen Fassung, in dem Sinne, daß bei der 
phylogenetischen Entstehung und Entwicklung 
neuer Artcharaktere dem Lustprinzip eine viel 
größere Bedeutung zukommen dürfte, als dies bis- 
her angenommen wurde, und zwar die Bedeutung 
eines selbständigen phylogenetischen Faktors, der 
in die Morpho- und Psychogenese der Organismen- 
welt neben der Naturalselektion — undsicheroft genug 
sogar gegen dieselbe — modifizierend eingreift, das 
letztere natürlich dannjeweilen nur solange, als 
die betreffende Art dazu herhält. Wirkt das Lustprinzip 
— die „Libidinalselektion" — der (das Realitätsprinzip vertretenden) 
Naturalselektion (im alten Sinne!) entgegen, so können die 
Folgen für die betreffende Art auf die Dauer in der Tat verderb- 
liche sein, das heißt, die betreffende Spezies wird lang- 
sam, aber sicher dem Aussterb en entgegengehen. 
So ist es beispielsweise unseres Erachtens gar nicht ausgeschlossen, 
daß die der Symphilie ergebenen Ameisenarten nach Ablauf von 
einigen weiteren hunderttausend Jahren ihre Lust mit schwerer 
Degeneration, die schließlich zum Aussterben führen wird, büßen 
werden. Sicher werden die betreffenden Arten, in Anbetracht der 
hohen Spezifizierung, die der Symphilie-Instinkt bei ihnen bereits 
erreicht hat, von der durch denselben gewährten Organlust kaum 
mehr ablassen, sondern, eben zufolge dieser mit dem Instinkt 
verknüpften intensiven Lust, eher die Tendenz zeigen, denselben 
noch höher, eventuell eben bis zu jener Höhe zu entwickeln, wo 
er für das weitere Gedeihen der Art unbedingt gefährlich werden 
muß. Wem diese letzte Konsequenz zu weit gezogen scheint (viel- 
leicht, weil er sich noch nicht genügend von den althergebrachten 
Anschauungen über die Wirkung der natürlichen Zuchtwahl frei- 
zumachen vermag), den möchten wir hier nur daran erinnern, 
daß ja, seitdem auf unserem Planeten das Leben seinen Anfang 
nahm, tausend und aber tausend Arten tatsächlich 
ausgestorben sind und daß wir ferner aus der Biologie zahl- 



198 



Dr. R. Brun 



reiche Beispiele von Arten kennen, die sich gegenwärtig infolge 
einer zu weitgegangenen Überspezialisierung auf dem Aussterbe- 
Etat befinden. Und sehen wir uns diese Fälle näher an, so finden 
wir durchwegs, daß die betreffenden Arten dieses 
Schicksal einer zu weitgehenden Hingabe an das 
Lustprinzip zu verdanken haben. Nur ein Beispiel, wieder 
aus der Ameisenbiologie : Bei den Ameisen — den sozialsten aller 
Lebewesen — ist auch eine eigenartige soziale Degeneration s- 
erscheinungweitverbreitet,die man als sozialen Parasitismus 
bezeichnet und dessen gemeinsames Kennzeichen darin besteht, daß 
die befruchteten Weibchen (Königinnen) der betreffenden Arten nach 
dem Hochzeitsfluge nicht mehr imstande sind, allein eine neue 
Kolonie zu gründen, sondern daß sie dazu von vornherein der 
Mithilfe von Arbeiterinnen bedürfen. Sie suchen also ein Nest 
einer fremden Art auf, lassen sich von den Arbeiterinnen desselben 
„adoptieren" und ihre Brut von den so gewonnenen fremden Hilfs- 
kräften aufziehen, wodurch sie natürlich aller Mühe und Plage 
des Nestbaues, der Brutpflege usw. enthoben sind. In der Regel 
beseitigt das eingedrungene Parasitenweibchen, sobald es adoptiert 
ist, die angestammte Königin ihrer Hilfsameisen durch Meuchel- 
mord; in gewissen, seltenen Fällen wird jedoch die 
alteKönigin von ihren eigenen Artgenossen umge- 
bracht, indem diese, sobald die Parasitin in ihrer Mitte weilt, 
von einer seltsamen Instinktverblendung erfaßt 
zuwerdenscheinen, derart, daß ihnen der fremde Eindringling 
nunmehr plötzlich weit anziehender, reizvoller, als ihre stammes- 
eigene Königin erscheint! Und zwar dürfte dieser faszinierende Reiz 
welcher von der Parasitenkönigin ausgeht und dem zuliebe die 
Ameisen unbedenklich ihre heiligsten Güter, nämlich den Fort- 
bestand ihrer Kolonie, opfern, nach neueren Forschungen wiederum 
darauf beruhen, daß das fremde Parasitenweibchen ihren Hilfs- 
ameisen ein berauschendes Exsudat liefert; es verhält sich 
somit ganz ähnlich wie ein symphiler Käfer, nur mit dem — für 
die Hilfsameisen sehr wesentlichen — Unterschied, daß deren Stamm 
durch die Tötung der eigenen Königin unfehlbar dem Aussterben 
verfällt, das heißt die Hilfsameisen sterben mangels eines weiteren 
eigenen Nachwuchses aUmählich aus und die ursprünglich gemischte 
Kolonie besteht in späteren Stadien lediglich aus der Parasiten- 
art. In einigen Fällen hat der soziale Parasitismus der Weibchen 
jedoch auch zu einer vollständigen Degeneration der 
sozialen Instinkte der betreffenden „Herrenart" geführt, 
die so weit gehen kann, daß auch die Arbeiterinnen der 



Selektionstheorie und Lustprinzip 



199 



parasitischen Art vollkommen abhängig von ihren Hilfsameisen 
werden und zum Beispiel sogar das Fressen verlernt haben, so daß sie 
von ihren „Sklaven" wie Säuglinge gefüttert werden müssen! Sie 
beschäftigen sich dann ausschließlich nur noch mit dem Sklaven- 
raub, das heißt mit der Plünderung fremder Nester ihrer Hilfs- 
ameisenart; sie berauben dieselben ihrer Puppen, lassen diese zu 
Hause von ihren Sklaven erziehen und verschaffen sich so gleichsam 
künstlich immer von neuem den nötigen Nachwuchs an Hilfsameisen, 
Aber es kommt noch besser: Es kann nun nämlich geschehen, 
daß die „Herren" sogar dieses Räuberhandwerk 
noch verlernen und nun wirklich nichts mehr als faule 
Parasiten sind, die sich von ihren Sklaven bedienen lassen. Dann 
ist der Arbeiterstand bei ihnen natürlich überflüssig geworden 
und stirbt schließlich aus. Das bekannteste und berühmteste 
Beispiel einer solchen äußersten parasitischen Degeneration ist die 
arbeiterlose Ameisenart Anergates atratulus, die bei der 
kleinen braunen Rasenameise (Tetramorium caespitum) 
schmarotzt. Da auch hier nach erfolgter Adoption des Parasiten- 
weibchens die angestammte Königin von den Tetramorien regel- 
mäßig getötet wu-d und andererseits die „Herren", die keine 
eigenen Arbeiterinnen mehr besitzen, unfähig sind, sich weitere 
Sklaven durch Raub zu verschaffen, so sind sie nach dem 
Aussterben der letzten Hilfsameisen gleichfalls dem 
Untergang verfallen und müssen elendiglich zu 
gründe gehen. Und dieser Umstand ist wohl in erster Linie 
daran schuld, daß Anergates atratulus heute zu den größten 
Seltenheiten gehört und sich tatsächlich auf dem Aussterbe-Etat 
befindet; ein Schulbeispiel einer im Aussterben 
begriffenen Art, die, durch das Lustprinzip gleichsam 
auf eine schiefe Bahn gelockt, auf dieser abschüssigen 
Bahn immer tiefer glitt und so, indem sie nicht 
mehr auf den retteniien Weg der „Realanpassung" 
zurückzufinden vermöchte, als Opfer des Lustprinzips 
einem raschen Untergang entgegenschreitet. 

Und nun frage ich, wo blieb denn in diesen Fällen (die sich durch 
beliebig viele ähnliche Beispiele vermehren ließen) die Natural- 
selektion mit ihrer arterhaltenden Funktion der automatischen 
„Auslese des Passendsten" und Ausmerzung des „nicht Passenden?" 
Wir müssen eingestehen, daß sie, die Vertreterin des „Realitäts- 
prinzips", in diesen Fällen jämmerlich versagte und wu- kommen, 
wenn wir es recht bedenken, einer neuen Einsicht auf die Spur, 
einer Einsicht, an die sich unser wissenschaftliches Denken aller- 



200 



Dr. R. Brun 



Aings erst allmählich zu gewöhnen haben wird: Daß nämlich 
der Begriff der „Nützlichkeit", wie er am reinsten 
in der alten Selektionstheorie zum Ausdruck kam, 
im Grunde einer autistisch-anthropomorphen 
Denkweise entspringt, einer Denkweise, die unserer 
heutigen Einsicht in den Ablauf des lebendigen 
Geschehens nicht mehr entspricht und die daher 
überwunden werden muß, wenn die Lehre vom 
Leben, die theoretische' Biolo gie, mit unserem 
gegenwärtigen Wissen ferner Schritt halten soll. 
Diese neue Erkenntnis, die, wie wir sahen, auch mit den Ergebnissen 
der psychoanalytischen Forschung durchaus im Einklang steht, 
hat durch die außerordentlich sorgfältigen Studien Wasmanns 
über die Gastpflege der Ameisen eine wesentliche Förderung 
erfahren. Darin besteht Wa s m a n n s unbestreitbares und blei- 
bendes Verdienst. 



Mitteilungen. 



Die Geschichte einer Melancholie.^ 
Von Dr. Paul Federn (Wien). 

Die Patientin ist vierunddreißig Jalire alt, seit elf Jahren mit einem 
gleichaltrigen, gesunden Mann verheiratet, Mutter zweier Knaben im Alter von 
acht und elf Jahren. Seit frühester Jugend war sie „nervös", litt während 
ihrer zweijährigen Brautzeit an hysterischer, völliger Appetitlosigkeit. Mit der 
Eheschließung trat schwerer Vaginismus auf, der erst nach einem Jahre 
gynäkologisch mit Dehnung in Narkose behandelt wurde. Seither geschlecht- 
licher Verkehr, der in unmäßiger Weise geübt wurde, wobei aber die Frau 
niemals zur Endlust kam. Während der ersten Ehejahre litt die Frau an nicht 
gonorrhoischer Cystitis, war äußerst wehleidig und immer mager und schwächlich, 
so daß sie mehrmals in Sanatorien kam. 

Die Änderung seiner Stellung zwang den Mann, in einem schwer 
erreichbaren Provinzort zu wohnen. Da die Reise dorthin mehr als vierund- 
zwanzig Stunden dauert, die Schule ungeeignet, die Lebensbedingungen und 
vor allem das Klima ungesund sind, läßt er seine Familie zurück. Da er selbst 
oft in die Heimat reisen muß, willigt die Frau in die Trennung, die eine 
wesentliche Besserung der ökonomischen Lage ermöglicht. Während der Zeit 
der Trennung nehmen die nervösen Zustände der Gattin, die in diesen Jahren 
hauptsächlich in außerordentlicher Hypochondrie, in Kopfschmerzen, Darm- 
stOrnngen, andererseits in unüberwindlicher Tagträumerei bestanden, keine.s- 
wegs zu, bessern sich eher. 

Da gelangt an die Patientin ein anonymer Brief aus dem Städtchen, wo 
der Gatte wohnt, mit der Mitteilung, er lebe mit seiner Buchhalterin im 
Konkubinat und der Aufforderung, dem Skandal eiii Ende zu machen. Sie 
reist daraufhin, ohne sich anzukündigen, mit den Kindern hin und trifft tat- 
sächlich eine junge Person in der Wohnung ihres Gatten wohnend und 
wirtschaftend an. Beide leugnen jedes intime oder überhaupt jedes Verhältnis. 
Da die Buchhalterin angeblich für das neue Unternehmen des Gatten unent- 
behrlich ist, muß die Frau dulden, daß sie ihren Posten weiterbehält, nötigt 
sie aber, sofort die Wohnung zu räumen. Sie selbst bleibt trotz des schädlichen 
Klimas dort, weigert sich aber, nach dem Vorgefallenen die eheliche 
Gemeinschaft mit dem Gatten wieder aufzunehmen und schläft im anderen 
Zimmer. 

Der jüngere Knabe wird schwer krank. Zur Rekonvaleszenz soll er ans 
Meer gehen. Sie fährt mit beiden Kindern in ein Strandbad. Dort lernt sie 

1 Mitgeteilt in der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" am 4. April 1923. 
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/2. la 



202 



Mitteilungen 



einen jungen Mann kennen, mit dem sich ein weitgehender, aber nicht zum 
Ehebruch führender Flirt entspinnt. Nach ihrer Rücklcehr führt sie mit ihm 
weiter eine heimliche Korrespondenz. Am Strande hatte sie sich für ihn im 
Trikot photographieren lassen. Der Gatte findet die Photographie und eine 
freundliche Karte und spielt nun seinerseits den Gekränkten. Die Ehe scheint 
endgültig zerstört. Trotzdem ist keine Spur der alten Nervosität bei der Frau 
vorhanden, sie fühlt sich wohler als früher. Die Provinzstadt war aber wirklich 
ein gesundheitsgefährlicher Aufenthalt. Die Frau erkrankt an schwerstem 
Typhus. Sie wird ärztlich schlecht behandelt und ungenügend gepflegt, ist in 
größter Lebensgefahr. Genesen, ist sie zum Skelett abgemagert und hat ihr 
auffallend schönes Haar verloren. 

Nun verfällt sie in schwere Melancholie, die sie in mehrere Sanatorien 
und nach Steinhof bringt. Es war eine Melancholia agitata. Die Erkrankung 
begann mit maßlosem Schmerz über ihr verlorenes Haar. Sie spricht, vielmehr 
schreit von nichts anderem, ist vom Spiegel nicht fortzubringen, stiert sich 
selbst stundenlang darin an, wälzt sich dann laut weinend auf der Erde 
herum: „Meine Haare, meine Haare, ich will meine Haare wiederum haben, 
gebt mir meine Haare zurückl* — Im Sanatorium verweigert sie die Nahrungs- 
aufnahme, weint ununterbrochen, spricht nur von ihren Haaren und daß sie 
den Verlust nicht überleben könne. Auf den Vorhalt, daß es doch viel größeres 
Unglück auf der Welt gäbe, antwortet sie tobend, es gäbe kein größeres, 
entsetzlicheres, als die Haare verloren zu haben. Dazwischen schwärmt sie von 
der Schönheit des Verlorenen, so daß ihre Umgebung den Ekel vor so großer 
Eitelkeit kaum überwinden kann. 

In einem etwas späteren Stadium tritt zum Haargejammer eine Flut von 
Selbstvorwürfen und Selbsterniedrigungen dazu, sowie ein maßloses Loben des 
Gatten: „Ich bin das schlechteste Geschöpf und hab' den besten Mann der 
Welt, seit ich ihn kenne, mißhandelt; und er täte ganz recht, mich zu ver- 
lassen." Sie wolle sich töten, um seinem Glück nicht im Wege zu stehen. 
„Lange genug hat er sich mir geopfert; er ist kein Mensch, sondern ein Engel 
an Güte und ich das elendeste Geschöpf der Welt !" Sie bekommt Tobsuchts- 
anfälle, zerkratzt sich den ganzen Körper und ist vollkommen schlaflos : „Ich 
muß immer daran denken, wie ich meine Sünden gutmachen könnte, das 
läßt mich nicht schlafen. Und ich kann sie nicht mehr gutmachen, weil ich 
dazu meine Haare brauche. Meine Haare, ihr müßt mir meine Haare wieder- 
geben! Die Sonne darf in der Früh' nicht mehr scheinen, ich will die Sonne 
nicht mehr sehen. Wenn ich nicht wüßte, daß es morgen früh wieder hell 
werden wird, könnte ich schlafen! Aber diese Gewißheit halte ich nicht aus!" 
So geht es endlos weiter. 

Einige Psychiater stellen eine infauste Prognose: Posttyphöse Melancholie 
bei einer schwer degenerativen Psychopathin. Da die Geldmittel ausgehen, 
kommt sie nach viermonatigem Aufenthalt in Sanatorien in die Irrenanstalt. 
In Steinhof wehrt .sie sich mit aller Energie gegen das Eingesperrtsein, ver- 
spricht sich zu beherrschen, damit sie bei den Eltern leben könne, droht 
nicht mehr mit Selbstmord, beginnt zu essen und zu schlafen und wird 
schließlich gegen Revers entlassen. Ihre Mutter stirbt an einer plötzlichen 
Erkrankung. Der Tod verursacht wohl tiefen Schmerz, löst aber keinerlei 
Selbstvorwürfe ernsterer Art aus. 

Sie reist zwei Monate nach der schlechten Prognose geheilt nach Hause, 
nachdem sie sich zu ihrer Sicherheit von demselben Psychiater ein Zeugnis, 



Mitteilungen 



203 



das ihre volle geistige Gesundheit bestätigte, aus eigenem Antrieb hatte geben 
lassen. Sie fährt wieder selbständig zu ihrem Mann, trifft dort nicht nur un- 
erwartet, sondern auch sehr unwillkommen ein, hat sich mit einer Nebenbuhlerin 
und mit einem finanziellen Zusammenbruch abzufinden. Diese Lebensumstände, 
anscheinend wohl geeignet, eine Rezidive hervorzurufen, scheinen eher günstig 
zu wirken. Sie bemächtigt sich sehr energisch der Kinder und bereitet alles 
vor, um sich ihr künftiges Leben mit ihnen zu sichern. Sie gewinnt Freunde, 
arbeilet und bereitet sich auf die Scheidung vor. 

Anläßlich einer Familienkonferenz bei einem Besuche zuhause spielt 
sich eine bemerkenswerte Szene ab. Die Frau häuft einen Berg von Vorwürfen 
über ihren Gatten. Sie läßt an ihrer anscheinend so glücklich gewesenen Ehe 
kein gutes Stündehen. „Du warst seit jeher ein schlechter Gatte und ein 
schlechter Vater. Ich habe mich die ganzen Jahre für dich geopfert und keinem 
Menschen verraten, was du mich immer leiden ließest 1" Der Mann verteidigt 
sich: ,Ihr seht, daß sie noch immer nicht zurechnungsfähig ist. Denn all 
das, was sie jetzt Schlechtes von mir behauptet, hat sie während ihrer Krankheit 
von sich erzählt. Es sind doch fast wörtlich dieselben Vorwürfe." 

Darauf sagt die Frau: „Ja, damals war ich eben krank, hab' dich 
g e m e i n t und m i c h g e n a n n 1 1" 



Daß bei dieser in knappen Umrissen erzählten Geschichte einer 
Melancholie keinerlei ärztliche Einwirkung um die Heilung sich Verdienste 
erworben hat, steht fest. 

Um zu verstehen, was geschehen mußte, um die Genesung der Frau 
herbeizuführen, müssen wir den Charakter und die Handlungsweise des Gatten 
ein wenig betrachten. Der Mann war von frühester Jugend an ein gewohnheits- 
mäßiger Lügner gewesen. Allmählich verlor er selbst jede Kontrolle dafür, 
was in seinem Tun, Sprechen und Fühlen wahr und was erlogen war. Er trug 
ein immer lachendes Gesicht zur Schau. Er koitierte jedes Frauenzimmer, das 
dazu Gelegenheit gab, vernachlässigte aber seine sehr sinnliche Frau darüber 
sexuell durchaus nicht, so daß er sich ihr gegenüber schuldlos fühlte. Da er 
selbst psychisch sehr gesund und im Gefühlsleben sehr robust war, regten ihn 
die hypochondrischen Klagen seiner Frau nie auf; er konnte also ohne Mühe 
eine „Engelsgeduld" mit ihr haben, die ihm um so leichter fiel, als ihn sein 
Beruf tagsüber ständig vom Hause fernhielt. Seine starke Potenz und ihr stets 
waches und nie vollbefriedigtes Sexüalbedürfnis waren der Kitt der Ehe. 

Da kam jener anonyme Brief und in seiner Folge die Lösung der sexuellen 
Beziehung. Die Frau erkannte den schlechten Charakter ihres Gatten und zog 
ihre Liebe von ihm ab. Sie tröstete sich aber damit, daß sie noch jung und 
schön genug sei, um einem oder vielen anderen Männern zu gefallen. Tat- 
sächlich begann sie auch bald mit dem Flirt, der nur durch Zufall nicht zum 
Ehebruch führte. Da erkrankte sie an Typhus und verlor ihr Haar und ihre 
Schönheit. Das lang dauernde, hohe Fieber wird dazu beigetragen haben, um 
ihr von Haus aus minderwertiges Nervensystem in einen überreizten und über- 
erregten Zustand zu bringen. 

So ließ sie sich gerne über die schmale Grenze gleiten, die den über- 
reizten Menschen von dem geisteskranken trennt. Denn als Kranke konnte sie 
nach Herzenslust über das Schicksal toben, das ihr durch den Verlust des 
Haares jede weitere Glüeksmöglichkeit genommen hatte. Da sie sich aber außer- 
stande fühlt, einen anderen Gatten zu erobern, muß sie den ihr verbliebenen 

13* 



204 



Mitteilungen 



schonen. Gegen ihn darf sie keine Vorwürfe richten, sondern mußte ihn im 
Gegenteil loben und sich herabsetzen, was ihr im Bewußtsein ihrer wirklich 
geplanten Liebessünden nicht schwer fällt, ja sie vom Schuldgefühl erleichtert. 
Hätte sich nun der Mann während der geistigen Erkrankung seiner Frau als 
guter Gatte erwiesen — sie säße noch heute im Steiuhof. 

Er wandte sich aber in schamlosester Weise von ihr ab, behandelte sie 
geradezu barbarisch, namentlich seit der schlechten Prognose des Schul- 
psychiaters ; damit war für die Frau die Möglichkeit, ja die Notwendigkeit 
der Gesundung gegeben. Nun, wo er vor aller Welt die Maske des guten Ehe- 
mannes abgelegt hatte, wo sein herzloses Benehmen alle gegen ihn empörte, 
konnte auch sie ihre Anklage gegen ihn richten und sich schuldlos fühlen — 
and sie gesundet. 

Sie ist seither gesund geblieben und ist wieder gutmütig, kokett und 
allgemein beliebt wie früher. Sie ist kaum mehr hypochondrisch, nicht 
hysterisch. Sie arbeitet fleißig und hat ihr ganzes Interesse dem älteren Sohne, 
der mit ihr lebt und sie vergöttert, zugewandt. Das mäßig nachgewachsene 
Haar trägt sie nach Bubenart, was ihr gut steht und ein infantiles Trans- 
vestitengelüst aus der Kindheit befriedigt. 

Ein kleiner Zug, der erst jetzt verständlich sein wird, sei nachgetragen : 
Eine der quälendsten Krankheitserscheinungen war die ständige Rastlosigkeit. 
Sie wollte immer reisen und übersiedeln, hatte immerfort die Koffer gepackt 
und hielt sich in den Sanatorien immer reisefertig auf dem Korridor auf, allem 
Tadel und selbst der Drohung mit der geschlossenen Abteilung zum Trotze. Mit 
dieser Symbolhandlung straft sich die Kranke für ihre erste Reise, mit der ihr 
Unglück begann. Gleichzeitig benimmt sie sich wie ihr Gatte, den sein Beruf 
zu fortwährendem Reisen zwang. 



Die Krankengeschichte wurde wiedergegeben, wie sie von einer Nicht- 
ärztin, welche die Kranke seit Kindheit kannte und sie während der Krankheit 
betreute, aufgefaßt und niedergeschrieben wurde. Die Darstellung entstand 
unter dem frischen Eindruck einer Vorlesung Professors Freuds, in welcher 
er uns zum erstenmal den Mechanismus der Melancholie mitteilte. Einzelne 
medizinische Daten wurden von mir richtiggestellt. 

Wir haben in den letzten Wochen so viele theoretische Aussprachen 
gehabt, daß ich keine psychologische Untersuchung an diese — zu unserer 
Erholung — rein kasuistisch gelassene Krankengeschichte knüpfen will und 
nur unterstreichen werde, welche durch Freud erfaßte typische Zusammen- 
hänge des melancholischen Erkrankungsprozesses unsere Krankengeschichte 
speziell illustriert Zunächst ist die Krankheit nicht durch den Objektverlust, 
sondern durch die rein narzißtische Kränkung des Zugrundegehens der Schönheit 
des Haares ausgelöst worden. In diesem Zustande der verlorenen Freude am 
Ich, also des unbefriedigten Narzißmus, wird das verlorene äußere 
Objekt erst jetzt als schmerzhafte Erniedrigung empfunden und, in das eigene 
Ich eingezogen — bejammert. Der Fall ist deshalb für die narzißtische Grund- 
lage der ganzen Erkrankung so kennzeichnend, weil es sich um eine recht 
primitive ungeistige Person handelte, die niemals besondere andere Forderungen 
an ihr Ichideal gestellt hatte, als äußere Reize und als deren Erfolg, beliebt 
zu sein, bewundert und begehrt zu werden. So tritt auch der Narzißmus in 
seiner primitivsten Form zutage, als ständiges, selbstquälerisches Schauen 
der eigenen, nun entstellten Person im Spiegel, im wirklichen Spiegel, zu 



Mitteilungen 



205 



dem erst später der Spiegel des Gewissens, und dieser viel weniger ehrlich, 
dazutrat. 

Da sich die Erkranltung an eine für jede Frau schwer kränkende Ent- 
stellung anschloß und die organische Schädigung durch den Typhus dazu kam, 
werden wir uns nicht wundem, daß die Kranke als Kind und als junges 'Weib 
keine ausgesprochene Disposition verriet. Ihr Narzißmus und ihre Ambivalenz 
waren nicht so exzessiv wie in anderen Fällen. Die Ambivalenz zeigte sich 
allerdings darin, daß sie trotz ihrer Gutmütigkeit, Hilfsbereitschaft — sie war 
in höchstem Grade, was man ein gutes Ding in Wien nennt — und trotz ihres 
Triebes zu gefallen, eine Sucht zu necken, zu stören und sich taktlos wichtig 
zu machen, nicht unterdrücken konnte. Sie war in der Schule ein gefürchteter 
Anführer bei allen bösen Streichen und ständiger Störenfried gewesen. In der 
Melancholie regredierte sie auf diese Sucht, die gleichzeitig ihr Ich vordrängte 
und die anderen quälte. 

Hingegen hatte sie ein ausgesprochen hysterisches Wesen und viele 
hysterische Symptome, die später hypochondrisch — aber nicht in der Art 
wirklicher Hypochondrie — betont wurden. Auch der Vaginismus und die 
vaginale Anästhesie gehörten zur hysterischen Erkrankung. 

Bei dieser Gelegenheit will ich darauf aufmerksam machen, wie häufig 
eine Melancholie der Endausgang von Hysterien ist. Wir fragen uns ja oft, wie 
die nicht analysierten schweren Hysterien ausgehen, wenn sie ein höheres 
Alter erreichen. Ein Teil verbirgt sich oder wird überflüssig infolge organischer 
Erkrankung. Andere Frauen werden nach dem Klimakterium, namentlich wenn 
sie verwitwen, ruhig, resigniert, behalten nur einzelne Symptome und den 
hysterischen Charakter abgeschwächt bei. Eine große Anzahl wird zeitweise 
oder in der senilen Form durch viele Jahre melancholisch. Um diese Behauptung 
zu bestätigen, muß man nur die Anamnesen der Spätmelancholien bis in die 
Jugend zurück fortsetzen. Das muß etwas forciert werden, weil sich weder die 
Kranke, noch die Umgebung für die zurückliegende Hysterie interessiert. Daß 
sehr oft auch in jüngeren Jahren melancholische Zustände mit hysterischen 
Symptomen vermengt sind, ist ja bekannt. 

Das weist darauf hin, daß wir auch bei der Melancholie — nicht anders 
als bei den anderen narzißtischen Psychosen — durchaus nicht ausschließlich 
narzißtische und gar keine objektgebundene Libido finden können. Freilich, 
der krankhaften Verwertung in der Melancholie ist nur narzißtische Libido 
unterworfen, und oft ist die Disposition zur narzißtischen Libidoriehtung 
deutlieh vermehrt. Aber auch bei Melancholikern findet man in ihrer Vor- 
geschichte Liebesbeziehungen, die nicht nach der narzißtischen Objektwahl 
erfolgt sind. Leider sind diese Liebesbeziehungen unerwidert geblieben und 
haben dadurch gerade dazu beigetragen, daß später- keine weitere objekt- 
libidinöse Bindung zustande kam, sondern daß das Individuum die Ent- 
täuschung durch Zurückziehung auf Narzißmus und narzißtische Objektwahl 
ausgleichen mußte. Diesen narzißtischen, aus objektlibidinöser Not entstandenen 
Liebesversuch trifft später der Objektverlust, welcher die melancholische 
Erkrankung auslöst. Die Psychoanalyse muß in diesen Fällen bis zu den oft 
zeitlich weit zurückliegenden, infantilen, völlig verdrängten oder hysterisch ver- 
zerrten objektlibidinOsen Bindungen zurückschreiten. Auch das Schicksal kann die 
verdrängte Fähigkeit zur normalen Libidoverwendung wieder in Tätigkeit 
setzen. Mir ist aufgefallen, daß in zwei Fällen die Melancholie im Anschluß 
an eine Rückkehr eines früher geliebten Bruders endlich wich, nachdem der 



206 Mitteilungen 

Mann, der den Bruder — nicht infolge Übertragung, sondern infolge narzißtischer 
Objektwahl — ersetzt hatte, sieh vergebens um die Kranke bemüht hatte und 
sich doch nur von ihr quälen lassen mußte. 

Und das führt mich zur Heilung unseres Falles zurück. Er illustriert 
den Satz Freuds, daß die Melancholie abläuft, wean das Objekt wertlos 
wurde. Dabei wurde es in unserem Falle — ebenso in anderen — nicht ganz 
wertlos, sondern als Objekt der hassenden und kämpfenden Tendenzen jetzt 
erst konfliktlos wertvoll. Man könnte sich nun fragen, ob diese vom Schicksal 
in unserem Falle in Szene gesetzte Therapie auch ärztlich gehandhabt werden 
könnte. Man könnte dem Objekt, gegen welches die Melancholie in unbewußter 
Rache gerichtet ist, den Rat geben, gleichgültig, herzlos und feindselig zu 
sein. Das spätere Schicksal der Ehen — darum handelt es sich meistens — 
von Melancholischen hat mir gezeigt, daß manche wirklich nicht verdienten, 
aufrecht erhalten zu werden, wahrscheinlich weil beide Ehepartner narzißtisch 
gewählt hatten und deshalb die geistige Erkrankung zur unverzeihlichen und 
unvergeßlichen Kränkung wurde. In solchen Fällen ist die Trennung durch 
Überbringung in die Anstalt gewöhnlich die Gelegenheit, daß der Partner sich 
genügend gleichgültig und herzlos benimmt, um die Loslösung zu beschleunigen. 
In anderen Fällen sind die positiven Anziehungen in der Ehe so starke, daß 
nach Ablauf der Melancholie, eventuell der nachfolgenden Manie, keinerlei 
Rest der Ablehnung im Bewußtsein zurückbleibt. In diesem Falle hat das 
geduldige Benehmen des Partners für später einen guten Einfluß. Jedenfalls 
aber dürfte die günstige Wirkung der Anstalt immer mit der damit zur Schau 
gestellten Gleichgültigkeit des Partners, an dem die Kranke erkrankte, 
zusammenhängen, weil dadurch die Loslösung erleichtert wird. Denn das 
Benehmen dieser Kranken zeigt, daß hinter der Herabsetzung des eigenen 
Selbst und dem Lobe des verlorenen Objektes, sich ein Wiedergewinnungs- 
versuch, ein Auf-die-Probe-Stellen, ob sie trotz allem nicht verlassen wird, also 
eine Art verzweifelter narzißtischer Werbung versteckt, die eben durch die 
Trennung gehindert wird. 

Onanieersatzbildungen. 

Von Dr. Clara Happel (Berlin). 

Während einer Analysenstunde, in der wir das bereits seit zwei Monaten 
sich in immer neuen Gestalten darbietende Kastrationsproblem behandelten, 
unterbrach sich die Patientin plötzlich mit dem Ausrufe: „Dieses greuliche 
Zucken am Bein," wobei sie sich an das Schienbein zunächst der Kniekehle 
griff. Da die Patientin eine erhebliche Anzahl von Konversionssymptomen 
produzierte, so wurde ich auf diese ganz nebenbei hingeworfene Bemerkung 
aufmerksam und befragte die Patientin sofort um ihre Bedeutung. Dabei stellte 
sich zunächst nur heraus, daß die Patientin dieses ihr im Augenblick so lästige 
Zucken zeitweilig absichtlich hervorzurufen versteht. Ferner gab sie lachend 
zu, daß sie es nicht nur an dieser, sondern auch an mehreren anderen Körper- 
stellen vollführe, daß sie, wie sie sich ausdrückte, damit „Muster lege". Auf 
intensiveres Befragen gab sie mir dann Aufschluß über eine Reihe seltsamer 
Betätigungen, von denen ich zunächst das Muskelzucken n?her beschreiben 
will. Es wurde an sechs verschiedenen Muskeln, beziehungsweise Muskel- 
gruppen ausgeführt: am Oberarm zunächst der Achselhöhle, am Unterarm 
gegen die Ellenbeuge hin, am Oberschenkel zur Leistenbeuge zu, 



Mitteilungen 



207 



am Gesäß, am unteren Ende des Oberschenkels dicht an der Kniekehle, 
am oberen Ende des Unterschenkels ebenfalls nahe der Kniekehle. Je 
zwei Muskelgruppen betrachtete die Patientin als zusammengehörig, nämlich 
die am Arm, die am Gesäß und inneren oberen Anteil des Oberschenkels 
und die um die Kniekehle herum. Die „Muster" wurden doppelseitig gelegt. 
Als Knotenpunkte der Muster gab die Patientin die beiderseitigen Leisten- 
beugen an, die sie aber nicht zu benennen imstande war. Ja, sie vergaß sogar 
den ihr von mir mitgeteilten Ausdruck ^Leistenbeuge" wieder von der ersten 
bis zur darauffolgenden Analysenstunde, die dieser eigenartigen Gepflogenheit 
gewidmet war. Die Muster kamen so zustande, daß die Reihenfolge der 
zuckenden Muskeln variiert wurde, indem immer einige (am liebsten immer 
zwei oder drei) zu korrespondierenden Gruppen zusammengefaßt und auch 
mit den entsprechenden der anderen Seite kombiniert wurden. Also etwa: 
rechts — Achselhöhle, Leistenbeuge, Gesäß, 

Ellenbeuge, Oberschenkel, Kniekehle 
dann ebenso links. — Oder: 

rechts — Achselhöhle, Leistenbeuge, links — Kniekehle, 

links — Achselhöhle, Leistenbeuge, rechts — Kniekehle, 

rechts — Ellenbeuge, Gesäß, links — Oberschenkel, 

links — Ellenbeuge, Gesäß, rechts — Oberschenkel. 
Diese Anordnungen ergeben dann also etwa dachziegelartig aufeinander- 
liegende oder sich kreuzende Streifen, wenn man nämlich die genannten 
Punkte verbunden denkt. Übrigens gehörte zu dem ganzen Spiel auch ein 
Rhythmus. Und zwar abwechselnd der Dreiviertel- und Zweivierteltakt. 
Die Zuckungen wurden meist dreimal nacheinander ausgeführt. Über die 
Zeit, in der sie sich diesem Spiel hinzugeben pflegte, machte die Patientin 
die Angabe, daß sie es bei ruhigem Sitzen und Liegen zu betreiben pflege, 
n i c ht bei angestrengtem Nachdenken, wie eine Schul- 
kollegin ein ähnliches Spiel auszuführen pflegte. Das 
brachte uns auf die Gewohnheit dieser Kollegin (mit der sie während eines 
kurzen Aufenthaltes in einem Erziehungsheim beisammen war), mit ihren 
Fingern zu knacksen. Die Patientin hatte solches Knacken nämlich selbst bereits 
einige Zeit, bevor sie in dieses Heim kam, getrieben und bemerkte dazu, 
wenn sie das nicht von sich selbst gekannt hätte, hätte sie mit einem 
Mädel, das solche Gewohnheit hätte, nicht verkehrt. Dazu 
muß ich bemerken, daß „Zuckungen" jeder Art von der Patientin häufig und 
regelmäßig mit lebhaftem Abscheu und Entsetzen geschildert worden waren. 
Wenn ich also noch nicht aus dem sonderbaren Spiel mit den Muskeln selbst 
geschlossen hätte, daß es sich da um larvierte Onanie oder besser gesagt 
Onanie-Ersatz handelte — eine genitale bewußte Onanie hat die Analyse 
bei der Patientin nicht aufgedeckt, wohl aber Phantasien — so hätte mich 
die Verknüpfung mit der offenbar verpönten ,Knack"-Gewohnheit der Kollegin 
stutzig machen müssen. 

Von dem Beginn der eigenen Knackserei und dem Zeitpunkt, an dem 
das Muskelspiel begonnen hatte, wußte die Patientin nur soviel zu sagen, 
daß das , Muster legen" — der Ausdruck stammt von Patiencen legen — 
viel später, erst während ihres Aufenthaltes in K . . . begonnen habe, 
während sie das Knacksen schon in ihre Töchterschulzeit, also noch vor 
die Zeit im Erziehungsheim, von dem sie erst nach K . . . zog, verlegte. 
Dagegen wußte sie über das Knacksen selbst noch bemerkenswerte 



208 



Mitteilungen 



Einzelheiten zu sagen. Sie knackste nämlich nicht mit allen oder beliebigen 
Fingern, sondern mit dem Mittelglied des dritten Fingers der linken Hand, 
und zwar so, daß sie erst den Daumen gegen das gestreckte Endglied 
dieses Fingers, beziehungsweise dessen Gelenk stemmte und dann dieses 
Endglied eben mit einem Knacks über den Daumen hinunterfallen ließ. 
Wie betreffs des Muskelspiels befragte ich sie auch wegen der Knaekserei, 
bei welchen Gelegenheiten sie sie denn betrieben habe, worauf sie mir prompt 
die aufschlußreiche Antwort gab: „Wenn ich das Gefühl hatte, daß es so voll 
mit Knackstoff geladen wäre, daß ich eben knacksen mußte." Nach dem, 
was die Patientin schilderte, war es mir klar, daß diese Knackserei das 
unbewußte Ziel verfolgte, eine Erektion und folgende Ejakulation zustande zu 
bringen, wobei das dritte Glied des dritten Fingers als erigierter, beziehungs- 
weise wieder erschlaffender Penis funktionierte und das Geladensein 
mit Knackstoff die Vorstellung des mit Sperma geladenen Genital- 
apparates sowie die dazugehörige psychische Spannung repräsentierte, die 
nach erfolgter Entladung, beziehungsweise Knackserei der entsprechenden 
Erleichterung Platz machte. 

Die Patientin, der ich diese Deutung mitteilte, reagierte darauf mit 
folgendem Einfall: „Jetzt besinne ich mich," sagte sie, „wann ich zum ersten- 
mal geknackst habe; es war nämlich kurz nachdem mir eine große Warze — 
nebst einigen kleineren — vom Rücken des Fingers entfernt worden war. 
Ich schrieb damals an Frau X., auf deren Veranlassung ich es hatte machen 
lassen: leider wird es wohl umsonst gewesen sein, denn sie wachsen immer 
wieder. Übrigens saß ich beim Schreiben auf dem Stuhl, auf dem immer 
die Z. zu sitzen pflegte. Das weiß ich noch ganz genau." Die Z. war eine 
als Masturbantin oft erwähnt gewesene Mitschülerin. Ich machte die Patientin 
aufmerksam, daß der Ton, in dem sie mir den betreffenden Briefpassus mit- 
teilte, verdächtig dem einleitenden „leider" zu widersprechen schiene; sie gab 
mir daraufhin ohne weiteres zu, sie entsänne sich auch noch genau, daß ihr 
das damals Vergnügen bereitet hätte, der Frau X. diese Mitteilung zu machen ; 
sie habe damals überhaupt gern eigene kleine Leiden mit Märtyrerlust auf- 
gebauscht. Ich fragte, ob es nicht möglich sei, daß sie Schadenfreude 
gegen Frau X. empfunden habe, die sie ja zu der kleinen Operation veranlaßt 
hatte. Da erklärte sie: „Doch, es ist gut möglich, daß es Schadenfreude 
gewesen ist. Denn später mal in K . . . habe ich bei einer allerdings ekelhaften 
Person Turnunterricht gehabt (ich wußte, daß drei andere Mädel immer nackt 
vor ihr turnten, und das war mir so unsympathisch), und die wollte mir 
durchaus durchs Turnen einen Vorsprung wegbringen, den ich da im 
Genick hatte. Sie hat ihn natürlich nicht weggekriegt, und damals habe ich 
mich sicher darüber gefreut, weil sie mir so unsympathisch war." — Kurz nach 
dieser Besprechung fiel der Patientin plötzlich ein, daß sie ja auch mit dem 
Genick knackse, Sie habe das damals während der Turnstunden angefangen, 
um den Vorsprung zum Verschwinden zu bringen, und zwar habe sie immer 
den Hals gestreckt und die Schultern zurückgezogen. Auch diese 
Knackserei enthüllte uns mühelos ihr wahres Wesen: hier diente der ganze 
Kopf als Penisersatz, der zunächst erigiert wurde und dann nach dem Knacksen 
schlaff hinuntersank. 

Statt des einen sonderbaren Muskelspiels, auf dessen Spur wir zunächst 
gekommen waren, fanden wir nun also drei in vielen Punkten sich berührende 
Gewohnheiten. Bei allen dreien war der Onanie-Charakter deutlich, bei zweien 



Mitteilungen 



209 



war noch die Analogie mit einer männlichen Erektion und Ejakulation eklatant, 
während das Muskelspiel den männlichen Onanie-Typus nur sehr verschleiert 
zeigte. An dem Muskelspiel — übrigens nicht nur an ihm — war ja zunächst 
auffallend die Auswahl der Muskeln; sie hatten nämlich alle enge Beziehungen 
zu einer Gelenkhöhlung — offenbar eine unbewußte Anspielung und Verschiebung 
von der Körperöffnung, in deren Umgebung sich die weibliche Onanie voll- 
zieht. Andererseits weisen die Muskelspannungen und -erschlaffungen doch 
auf das Gemeinsame hin, das alle drei Betätigungen mit der Penis-Erektion 
und Erschlaffung haben. Was dem Muskelspiel fehlte, war der äußere 
Anlaß, auf den sich die Patientin bezüglich der beiden anderen Gewohnheiten 
berief : nämlich die vorhergegangene Entfernung eines Körper- 
„V o r s p r u n g s' in Gestalt einer Warze, bezw. der Versuch dazu an der 
vertebra prominens — dem Dornfortsatz des siebenten Halswirbels. Im übrigen 
weist die Bedeutung der Zahl drei, die im Rhythmus, in der Anzahl der 
Zuckungen, in der Anzahl der Muskeln und in der Dreieeksform der verbundenen 
Muskelgruppen zum Ausdruck kommt, noch deutlich genug auf die eigentliche 
Absicht des Unbewußten hin. Es geht in diesem Fall durchaus so zu wie mit 
jedem Symptom: die Verdrängung verwischt die Zusammenhänge, die ehemals 
zum Durehbruch des Symptoms aus dem Unbewußten geführt haben, all- 
mählich immer mehr und sichert dem Unbewui3ten auf diese Weise die 
weitere Befriedigungsmöglichkeit. Aus dem Grade der Unkenntlichmachung 
können wir den Abstand erkennen, der die einzelnen aufeinanderfolgenden 
Angewohnheiten oder Spielereien unserer Patientin von ihrem gemeinsamen 
Ursprung trennt. Danach ist es klar, daß die deutlichste Linienführung des Unbe- 
wußten bei dem zuerst aufgetretenen Fingerknacksen zu ersehen ist, und daß 
das Muskel-Spiel als die zuletzt begonnene Angewohnkeit erklärt werden muß. 

Das Fingerknacksen entstand an der Innenseite des dritten Fingers, 
nachdem an dessen Außenseite eine große Warze entfernt worden war. Es ist 
klar, daß dieser Eingriff für das Unbewußte der Patientin eine Kastration 
bedeutete, und wenn wir nun erfahren, daß die betreffende Dame, auf deren 
Veranlassung der Eingriff geschah, eine Mutterimago war, so wird uns der 
Triumph, in dem sie damals schrieb: „Alles ist umsonst, die Warzen wachsen 
immer wieder!" recht begreiflich. Dein Kastrationsversuch mißlang, will die 
Patientin damit der Mutterimago, aber auch sich selbst sagen. Und nichts 
anderes bezweckt auch das Symptom selbst, bezwecken alle drei verschiedenen 
Spielereien. Sie wollen die Patientin immer aufs neue überzeugen von dem 
Mißerfolge, den die Kastration bei ihr hatte; denn sie hat ja einen Penis oder 
vielmehr einen fast vollgültigen Ersatz, der erigierbar ist etc. Die Notwendigkeit 
oder vielmehr die Not, die die Psyche der Patientin zu solchen trostbringenden 
Ersatzbildungen zwang, lag in dem Scheitern der Patientin am Ödipus- 
komplex, der durch besondere äußere Umstände gerade während der 
Pubertätszeit der Patientin eine Reaktivierung erlebte. — Es würde mich zu 
weit führen, wenn ich auf die interessante Beziehung der drei besprochenen 
Spielereien zum Kastrations- und Ödipuskomplex, bezw. ihren Platz in der 
Neurose der Patientin näher einginge. Nur etwas möchte ich noch erwähnen, 
daß nämlich die Bewußtmachung des Kastrationskomplexes, in deren Verlauf 
die ominöse Muskelzuckung vorfiel, erst dann gelang, als ich nach Ferenczis 
Rat eine „aktive Technik" anwandte und der Patientin auftrug, ihre morgendlichen 
Phantasien zu unterlassen. Ich rief auf diese Weise eine anscheinend recht starke 
Libido-Stauung hervor, deren Zweckmäßigkeit durch den Erfolg bestätigt wurde. 



210 



Mitteilungen 



Ein Zu3chauertypus. 

Von Dr. S. Spielrein. 

Der Zusammenhang von Sadismus und Analerotik ist Analytikern 
längst bekannt. In den meisten Fällen äußert sich der Sadismus als Lust zum 
Schlagen, wobei die Hand die Rolle des schlagenden sexuellen Organes über- 
nimmt. Aus einigen Fällen solcher Art, die ich analysierte, scheint mir die 
Erklärung berechtigt, daß hier ein Überspringen (Verdrängung) der genitalen 
Masturbation mit „Verschiebung auf die Hand' stattfindet. Die Hand vertritt 
das Geschlechtsorgan, wobei sie meist, aber nicht in allen Fällen, die Rolle 
der Rache am Vater oder der Selbstbestrafung in anderen übernimmt. Der 
Vorgang geht so vor sich: zuerst wendet sich das kindliche Interesse der 
analen Region zu (Beschauen, Betasten, Spiel mit den Exkrementen usw.). 
Das Primat der Genitalzone mit Masturbationsversuchen erfährt durch strenge 
Erziehung oder aus anderen Gründen eine Entwicklungshemmung. Die Hand, 
welche den Masturbationsversuch machen wollte, eventuell auch machte, 
übernimmt nun unter Beibehalten (respektive Regression) der ursprünglichen 
Analerotik, die Rolle des männlichen Sexualorganes, welches nicht existieren 
soll. Meine Beobachtungen erstrecken sich auf Fälle von männlicher Hand- 
aggression. Bei Frauen konnte ich diese Art der Handaggression nicht beobachten; 
sollte dies auch mal vorkommen, — so wird es sich um irgend einen Umweg, 
um homosexuelle Penisvorstellungen handeln. In die Grenzen der normalen 
Psychologie ästhetisch fühlender Individuen beider Geschlechter gehört die 
Sorge um die Schönheit der Hand. Diese muß weiß sein, sauber, die Nägel 
schön geformt und glänzend. Zum Ideal des Weiblichen gehört ein weiches, 
kleines, zartes Händchen, gleichsam eine Andeutung, ein Rudiment des männ- 
lichen. So ein Händchen würde beim Manne abstoßend wirken, aber auch 
eine allzu große, rohe, namentlich rote Hand darf ein Mann „aus guter Gesell- 
schaft" nicht haben. Die auf die Hand lokalisierte Erytrophobie konnte ich 
merkwürdigerweise bloß zweimal analytisch beobachten, bei einer Dame und 
bei einem Herrn. Der Herr gab sich volle Rechenschaft ab, daß er seine Hand 
als Penis auffaßte. Mit Hand und Fuß machte er unbewußte Beilegungen im 
Sinne einer 8; es waren die gleichen Bewegungen, die er einst als Kind beim 
Urinieren in Gesellschaft anderer Knaben mit seinem Penis machte. Die Kinder 
amüsierten sich dabei, die Stellung der Vierfüßler nachzuahmen. 

Die Scham vor eigenen Händen finden wir fast bei allen Neurotikern 
und recht oft bei sogenannten „schüchternen Menschen", welche in einer 
Gesellschaft nicht wissen, wo sie ihre Hände hintun sollen. In einem seiner- 
zeit zur- Publikation gesandten Beitrage „Kastrationssymbolische Handlungen 
im Kindesalter" habe ich von einem Knaben berichtet, der verschiedene 
Pflanzen mit einem Stock zerstörte, „lebe nicht, wachse nicht," sagte er dabei. 
Die Symptomhandlung war bei ihm, wie bei vielen anderen, eine Auflehnung 
gegen den Vater, gegen den Trieb in sich selbst und gleichzeitig ein Akt 
sadistischer Natur in verfeinerter Form gegen die leblose Natur gerichtet. Nun 
besitze ich einen interessanten Fall, wo die Handaggression keine sadistische 
genannt werden kann und doch nicht anders als ein Ersatz für die unter- 
drückte genitale Sexualität aufgefaßt werden kann, wobei die Hand sich als 
Penis betätigt. Der Fall betrifft einen sehr intelligenten feinfühlenden Mann, 
der sich aus wissenschaftlichem Interesse von mir analysieren ließ und so 
freundlich war, mir folgende Zeilen niederzuschreiben: „Ich erinnere mich noch 






Mitteilungen 



211 



genau, wie ich im Alter von vier bis fünf Jahren mich mit meiner gleich- 
alterigen Cousine in Verstecke zurückzog, um meinen Trieb zu stillen, das 
Organ des anderen Geschlechts zu betrachten und daran (dem Arzte abge- 
lauschte?) Manipulationen vorzunehmen, wie Betasten, Bepinseln mit kolben- 
tragenden Gräsern, Betupfen mit zu diesem Zwecke hergestellten vielfarbigen 
jArzneien'. Es fällt mir auf, daß, obwohl ich gute Erinnerungsbilder besitze, 
ich mir die Geschlechtsteile nicht mehr vorstellen kann, hingegen sehe ich 
ganz deutlich die zarte, weiße Haut eines Oberschenkels, die von dunkel- 
violetten Äderchen durchsetzt war. Diese Wahrnehmung und verschiedene 
Geruchsempfindungen haben mich in den Zustand staunender Neugierde ver- 
setzt, auch war mir klar, daß ich diese Eigenschaften nicht besitze. Bei 
späterer Vornahme solcher Handlungen hatte ich nicht nur das Bedürfnis, uns 
vor Überraschung durch andere Leute zu sichern, sondern auch mir und 
meiner Gespielin mit aller Sorgfalt ein bequemes, mit Stroh und Moos 
gepolstertes Lager zu schaffen. Von einer Beteiligung meines Organes hatte 
ich keine Ahnung, sie war mir später noch lange unbegreiflich, als mich 
Kameraden unterrichteten.* 

Das Spiel mit der Cousine wurde vom strengen Vater entdeckt und 
der Knabe bestraft. Unter dem Drucke des Vaters und später namentlich der 
harten Selbstvorwürfe, hat der Knabe auch die Hand als Penis aufgegeben. 
Als Folge dieses Verzichtes entwickelte sich einerseits eine Überempfindlich- 
keit der Darmregion mit Verlegung nach oben und verschiedenen neurotischen 
Störungen. Auch selbständig wurde die orale Zone, die schon seit Kindheit 
überbetont war, immer mehr überbetont, so daß er zum Schluß ein leiden- 
schaftlicher Küsser wurde, ohne jedes Bedürfnis, weiter zu gehen. Zugleich 
entwickelte er sich zu einem Voyeur oder Zuschauertypus, der seine Schau- 
lust beim Zusehen obszöner Dinge, ohne jede Betätigung, befriedigte. Der fein- 
fühlende Mann hat natürlich unter diesen Dingen sehr gelitten. Nach einer 
dreimonatigen Analyse hat sich sein Wesen gänzlich umgewandelt; er hat 
seine Selbstachtung und Arbeitsfähigkeit wiedergewonnen. 

Ein Beitrag zur Psychologie des Liebeslebens. 

Von Dr. Felix Boehm (Berlin). 

In seinem zweiten Beitrag zur Psychologie des Liebeslebens („Über die 
allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens")! schildert Freud ausführlich 
einen Typus von Menschen, welche er so charakterisiert: „Wo sie lieben, 
begehren sie nicht, und wo sie begehren, können sie nicht lieben." Bei vier 
eingehend analysierten männlichen Patienten, welche Vertreter dieses Typus 
waren, habe ich ein weiteres charakteristisches Merkmal gefunden, das ich in 
dieser Mitteilung schildern will, ohne mir darüber klar zu sein, ob es sich um 
ein häufiges oder seltenes Vorkommnis handelt. 

Ein Patient bringt mir folgenden Traum: „B. A. zeigt mir ein röhren- 
artiges Gebilde, welches mit Schuhabsätzen gefüllt ist; dieselben sind in drei 
Schichten übereinander gelagert, und zwar so, daß die oberste und die unterste 
Schicht nach derselben Seite gewendet sind, die mittlere nach einer anderen 
gewendet ist." — Dazu folgende Einfälle : ,E. A. ist eine mir gleichgültige 
Persönlichkeit, ein Geschäftsfreund aus meiner Vaterstadt; er hat eine wenig 
reizvolle Frau, eine gute Kameradin, aus demselben sozialen Milieu stammend 



' PuMiziert 



iert im „Jahrbuch", IV, 1, abgedruckt in „Neurosenlehre", vierte Folge. 



212 



Mitteilungen 



wie er; die Partie wurde von den Eltern zustande gebracht, ohne eine sinnliche 
Neigung von seiner Seite, wobei die Geldinteressen eine große Rolle spielten. 
Er hatte in der Hauptstadt eine Maitresse, welche er auf seinen Geschäfts- 
reisen besuchte. Derartige Ehen sind bei meinen Geschäftsfreunden sehr häufig 
gewesen, fast alle hatten eine Maitresse in der Hauptstadt". Darauf beklagte 
er sich lebhaft über seine vor kurzer Zeit geheiratete zweite Frau, welche 
keine Beziehungen zu seiner ersten Frau und deren Verwandten dulden wolle, 
ja nicht einmal eine geschäftliche Korrespondenz, letztere insbesondere auch 
nicht mit der Mutter seiner ersten Frau (wobei er konsequent „meine Schwieger- 
mutter" sagte), obgleich er zu derselben in regen geschäftlichen Beziehungen 
stand (was sehr unbequem war, da sie in einer von seinem gegenwärtigen 
Wohnsitz weit entfernten Stadt lebte), obgleich die alte Dame ihn noch immer 
sehr sehätzte, sehr freundlich, wie einen Sohn, behandelte, ihre menschlichen 
Beziehungen zueinander trotz der Scheidung von seiner ersten Frau nicht im 
geringsten gelitten hätten. „Man kann sich doch nicht wegen eines Gefühls 
seiner Frau mit allen Menschen verfeinden!" Es stellte sich heraus, daß er 
die Mutter seiner jetzigen Frau nicht kannte, keine Absicht hatte, sie kennen 
zu lernen. Zu den „Absätzen" fiel ihm ein, daß er am Abend vorher für seine 
Frau gekauftes Sohlenleder daraufhin untersucht hatte, ob es auch noch für 
neue Absätze reichen würde. (Sparsamkeit der Frau gegenüber!) „Die Absätze 
waren so eingepackt, wie man geschmuggelte Ware transportiert: oben die 
deklarierte Ware, in der Mitte die geschmuggelte, unten wieder die deklarierte. 
— Das röhrenartige Gebilde könnte ja auch einen Penis symbolisieren; vielleicht 
will ich noch in meinem Penis, d. h. in meiner Sexualität etwas einschmuggeln, 
etwas nicht sehen?" Ich erklärte ihm, daß er im Traume Zuschauer und 
Akteur zugleich sei, daß er selbst E. A. sei, welcher in seiner Vaterstadt seine 
Frau (»meine Schwiegermutter"), in der Hauptstadt seine Maitresse habe. Zu 
diesem Ausspruch veranlaßte mich folgender Sachverhalt: Patient hatte zum 
erstenmal ohne sinnliche Neigung, aus Gefühlen der Freundschaft und 
Verehrung geheiratet; seine Potenz war schwach gewesen, Ejaculalio praecox 
und Coitus interruptus spielten eine große Rolle in seinem Eheleben, während 
Frauen niederer sozialer Kreise ihn sinnlich stark reizten; nach einigen Jahren 
trat vollständige Impotenz auf; der ersten Frau gegenüber war er äußerst 
freigebig und überschüttete sie mit kostbaren Geschenken, ohne zu überlegen, 
welche Ausgaben ihm seine Geldverhältnisse erlaubten. Der Haushalt war im 
größten Stile geführt worden ; die erste Hochzeit war mit einer größeren Feier 
verbunden gewesen; die zweite hatte im engsten Kreise stattgefunden; von 
derselben hatte er selbst guten Freunden keine Mitteilung gemacht; er lebte 
mit seiner zweiten Frau äußerst sparsam in möblierten Zimmern; vor der 
zweiten Hochzeit hatte er überlegt, daß die überaus praktische und tüchtige, 
aber arme und aus untergeordneten sozialen Kreisen stammende Frau jederzeit 
eine gutbezahlte Stellung finden könne („sie kann sich ohne einen Pfennig 
Geld fortbringen"), ihm also eine mit einer bestimmten monatlichen Summe 
zu bezahlende Hilfe erspare. Während er sich der ersten Frau in jeder Beziehung 
untergeordnet und ihren Neigungen weitesten Spielraum gewährt hatte, 
beherrschte er die zweite vollständig und ließ sie angestrengt arbeiten; die 
zweite Frau hatte ihn beim erstien Anblick sinnlich gereizt, sie befriedigte ihn 
in sinnlicher Beziehung vollkommen, er bewies ihr gegenüber eine vorher nie 
gekannte Potenz und hatte, seit er sie kannte, alle sexuellen Interessen für 
andere Frauen verloren. Also: Wo er liebte (imSinne von verehren, 



Mitteilungen 



213 



hochschätzen), hatte er nicht begehren können und war 
äußerst freigebig gewesen; wo er begehr te, erhielt er die 
Frau in einer untergeordneten Stellung und war ihr 
gegenüberäußerstsparsam. 

In der nächsten Stunde brachte mir ein anderer Patient folgende zwei 
Träume : 

ä) »Ich befand mich auf einem kastenförmigen Kinderlocus sitzend in 
einem Seebade und rutschte mit demselben zwischen zahlreichen Badegästen 
mehrmals von der Düne zum Strande und wieder zurück — die Mutter 
suchend — . In dem Kasten befanden sich neben den eigenen Exkrementen 
bereits vorher vorhandene, väterliche, die bei dem Herumrutschen in Bewegung 
gerieten, so daß Anus und Penis damit in Berührung kamen. Nach langem 
Herumsuehen fand ich schließlich die Mutter alleinsitzend auf einer lehnen- 
losen Bank auf der Höhe der Düne, mit dem Gesicht dem Lande zugewendet, 
und stellte meinen Kasten, hocherfreut von der See kommend, von der Mutter 
unbemerkt, unter den linken Sitz an dem anderen Ende der Bank, auf dessen 
rechtem die von mir Bedachte Platz genommen hatte. Ich hatte die stille 
Hoffnung, daß die aufsteigenden Düfte bis zu ihr die Bank entlang dringen 
und ihr so einen Gruß von meiner Anwesenheit übermitteln würden.« 

b) „Ich stand vor dem Hause X . . ., Straße Nr. . . . in innigster Umarmung 
mit meiner gewesenen Freundin und geriet durch Betasten ihres Afters in 
zunehmende Erregung. Schließlich griff ich ihr mit beiden Händen unter den 
Oberroek, sie umschlingend, und tastete mich zu ihrem Anus hinauf. Gleich- 
zeitig drängte ich sie in den dunklen Vorraum des Hauseinganges und 
versuchte ihre vordere Rockpartie zu lüften. Dies gelang mir schließlich. Der 
Anblick ihrer weißen Beinkleider wirkte einen Erguß auslösend, der jedoch 
nicht der Freundin zugute kam, sondern in weitem Bogen, in mehreren 
Strahlen geteilt, sich in die Hausecke ergoß. Ich hatte hierbei das Gefühl des 
Urinierens und war stolz auf die bedeutende Menge der herausgesprengten 
Spermaflüssigkeit." 

Ohne alle Assoziationen des Träumers wiederzugeben, erwähne ich aus 
denselben und aus dem Leben des Patienten folgendes : Er war außerordentlich 
stark an die Mutter fixiert gewesen, hatte für dieselbe wie eine Magd gearbeitet, 
ihr stets durch praktische Leistungen zu gefallen versucht, hatte nichts ohne 
ihre ausdrückliche Erlaubnis getan. Als er im August 1914 ins Feld zog, sagte 
die Mutter zum Abschied: ,Wer wird mir denn im Oktober die Gardinen 
aufmachen ! ?* Im Felde und im Lazarett täuschte er epileptische Anfälle vor 
und war im Oktober als vollkommen dienstunfähig längst wieder zu Hause, 
um der Mutter die Gardinen aufzumachen. Seine erste größere Einnahme hatte 
er dazu benutzt, seiner Mutter eine schwere goldene Uhrkette zu schenken, 
deren Wert die Vermögensverhältnisse der Familie weit überschritt. Mehrere 
Jahre hatte er mit der im zweiten Traume vorkommenden „Freundin" ein nur 
auf sexuellen. Beziehungen basierendes Verhältnis gehabt, in welchem er seine 
verschiedenen perversen Neigungen vollkommen ausleben konnte. Er hatte ihr 
nie etwas geschenkt, im Gegenteil sich noch eine kostbare Uhr von ihr 
schenken lassen; sie hatte stets mehr als er verdient. Ehe er sieh zu einem 
Koitus entschlossen hatte, hatte er immer zuerst auf Kosten der Geliebten 
gut gegessen. — Während der Behandlung -begann er sich in ein an seine 
Mutter erinnerndes, von ihm sehr geschätztes Mädchen zu verlieben; noch 
ehe er gewagt hatte, sie auf den Mund zu küssen, verehrte er ihr einen 



214 



Mitteilungen 



schweren goldenen Ring und bald darauf andere, seine Vermögensverhältnisse 
überschreitende Geschenke. — Also :Wo er liebte, konnte er nicht 
begehren, war aber mit Geschenken und Leistungen frei- 
gebig; wo er begehrte, konnte er nicht lieben und keine 
Geldopfer bringen. 

Mit anderen Worten: Es gibt Menschen, bei denen die analen und die 
genitalen Antriebe nicht in bezug auf dasselbe Objekt vereinigt werden 
können, sondern welche anale Leistungen nur einem bestimmten Typus ihrer 
Objektwahl, nämlich den von ihnen geliebten weiblichen Wesen, zukommen 
lassen können, die genitalen aber nur einem anderen Typus, den von ihnen 
begehrten weiblichen Wesen. 

Ohne eine Erklärung für die von mir beschriebene Erscheinung geben 
zu können, will ich doch versuchen, auf einige Beobachtungen aus dem Leben 
der von mir untersuchten Patienten hinzuweisen, welche vielleicht geeignet 
sein könnten, uns die Richtung zu weisen, in welcher nach einer Erklärung 
gesucht werden könnte. Einer der von mir untersuchten Patienten berichtete 
mir folgendes: Für ihn wäre es, soweit seine Erinnerungen reichten, immer 
ein Problem gewesen, im Klosett die Akte des Urinierens und des Defäkierens 
zu trennen: entweder er versuchte vor der Defäkation zu urinieren oder aber, 
wenn das nicht ausgekommen war, einen Teil der Urinentleerung bis nach 
vollendeter Defäkation aufzusparen, — und war stets betrübt, daß diese Aufgabe 
nie vollständig gelungen war. Hunde, welche diese beiden Akte in ausge- 
zeichneter Weise trennen können, hatte er deswegen stets sehr bewundert. — 
Der Patient, von welchem die beiden Träume stammen, erzählte mir, daß er 
in der Regel zuerst im Pissoir uriniere und:" darauf erst das Kloset aufsuche, 
um zu defäkieren. — Ein anderer Patient schildert einen Teil seiner Entwicklung 
folgendermaßen: Mit drei Jahren bekam er ein jüngeres Geschwister; bis 
dahin hatte er mit seiner ausgesprochen analerotischen Mutter das Klosett 
benützen dürfen; von da ab wendete sie ihr Interesse den analen Funktionen 
des neugeborenen Kindes zu und überließ es einer Magd, für die Sauberkeit 
seiner Hosen Sorge zu tragen; er fühlte sich vernachlässigt und begann eine 
unermüdliche Tätigkeit in bezug auf praktische Leistungen zu entfalten, um 
die Anerkennung der Mutter zu gewinnen; jahraus, jahrein war er der gute 
Geist des Hauses, welcher die Öfen heizte, aus denselben die Asche entfernte, 
verstopfte Ausgüsse und Klosette wieder benutzbar machte, neues Küchen- 
geschirr mit Hilfe seines Taschengeldes anschaffte, Gardinen aufmachte und 
seine ersten größeren Geldgeschenke dazu verwandt hatte, um der Mutter zu 
Ehren neue Blumenbeete im Garten anzulegen. 

Vielleicht ist folgende kleine Beobachtung am besten geeignet, das von 
mir aufgeworfene Problem einer Klärung näher zu bringen: 

Eine analerotische, sehr ehrgeizige Patientin von mir, deren Mann einer 
der von mir untersuchten Fälle ist, erzählte in verschiedenen Analysenstunden 
ausführlich folgendes: Seit einer Reihe von Wochen bemühe sie sich mit 
wechselnden Erfolgen, ihren ungefähr dreizehn Monate alten Sohn dazu 
zu bringen, seinen Stuhl herzugeben ; diese Bemühungen dauerten täglich eine 
bis mehrere Stunden und endeten mit einem Einlauf oder Schlägen aufs 
Gesäß oder mit einer Defäkation in die Windeln, ganz selten mit einem 
Geschenk in das Topf chen. Allen Bemühungen, Bitten, Drohungen, anspornenden, 
im Tone des Drückens vorgesagten Lauten „A-A, A-A" setzte der Junge nur 
Trotz, Hohn und Spott entgegen, nur ganz selten aber verließ er das Töpfchen 



1 



Mitteilungen 



215 



nach erfolgter Defäkation, glüclclich, triumphierend, lachend, jauchzend. — 
Während er also merlst, daß seine Detäliation das höchste Interesse seiner 
Mutter erregt, kann er diese Beobachtung in bezug auf seine genitale Betätigung 
nicht machen: wenn er seine Hand zu seinem Genitale gibt, zieht sie sie 
sacht fort; wenn er nun schon seit Wochen versucht, ihre Hand an seinen 
Penis zu bringen, weicht sie aus. — Ich meine: wenn in dem gegenseitigen 
Verhalten von Mutter und Sohn nicht bald eine Änderung eintritt, wird der 
Sohn mit seinen anal-sadistischen Trieben an die Mutter fixiert bleiben; diese 
anal-sadistischen, auf die Mutter gerichteten Triebe können unverändert fort- 
bestehen oder in entsprechende Reaktionsbildungen und Sublimierungen 
umgewandelt werden. Die genitalen, auf die Mutter gerichteten Triebe aber 
verfallen in statu nascendi der Verdrängung, folglich werden sie später nur 
einem Sexualobjekt geschenkt werden können, welches möglichst wenig an 
die Mutter erinnert und den Penis sucht, d. h. einer Frau, deren dirnenhafte 
Züge mehr oder weniger offen hervortreten; da aber die Reaktionsbildungen 
und Sublimierungen der analen Funktionen der Mutter, bezw. einer Mutter- 
Imago gehören, kann das bloß sexuell begehrte Objekt keine Geschenke 
bekommen, keine Geldopfer verlangen dürfen. 



Zur Frage: „Die Spinne als Traumsymbol." 

Von Dr. Maurycy Bornsztajn (Warschau). 

Glücklicherweise bin ich in der Lage, der Anregung Abrahams* Folge 
zu leisten und einen Beitrag zu der interessanten, im Titel bezeichneten Frage 
zit liefern, einen Beitrag, der im wesentlichen die Ausführungen Abrahams 
und besonders die von dem Autor erwähnten Bemerkungen Nunbergs 
bestätigt. 

Ein an Platzangst leidender dreißigjähriger Patient bringt eine Reihe von 
Träumen, welche seinen aufgewühlten Kastrationskomplex und im Anschluß 
daran seine Einstellung zur Mutter darstellen. An einem Tage steht er während 
der Stunde unter einem Widerstand, erzählt viel über sein schlechtes Befinden, 
weiß nichts mehr zu sagen, die Träume hat er vergessen. Nur eines könne er 
erwähnen, aber das sei wohl ohne Belang und er wisse nichts, was ihm dazu 
einfallen könnte. Er sah im Traume eine Zeichnung (der Patient ist Maler), die 
eine Spinne in einem Gebüsch darstellt — er schaut die Zeichnung 
an — die Spinne habe ein F ü ß c h e n wie abgebrochen. Aufgefordert, 
etwas über den Traum zu sagen, erinnert sich Patient, daß er neulich eine 
Spinne auf der Wand bei seinem Bette vor dem Einschlafen bemerkt hat 
und ihm dabei unheimlich wurde. 

Überhaupt habe er seit jeher Furcht vor Spinnen; er war wohl sehr klein 
.gewesen, als er einmal heftig aufschrie; er sah eine Spinne plötzlich auf seiner 
Hand. Das wäre wohl das erstemal gewesen. — Hier waren die Assoziationen 
:zu Ende — es kam nichts mehr. — Der Traum fiel in eine Zeit, in welcher, 
wie gesagt, der Kastrationskomplex das Hauptthema der Analyse war und 
außerdem durch ungünstige äußere Verhältnisse besonders scharf hervortrat. 
Die Frau des Patienten (auch Malerin), sehr fleißig und talentvoll, hatte unlängst 
•eine große Ausstellung ihrer Bilder veranstaltet, was Patient äußerlich viel 
Freude machte und dennoch hat sich gerade in derselben Zeit eine Verschlim- 
merung des Zustandes eingestellt. In der Analyse, ein paar Tage vor dem 

1 Siehe Intern. Zeitschr. f. Psa., Band VIII, Heft 4. 



216 



Mitteilungen 



Spinnentraum, kam ganz deutlich hervor, daß er nichts weniger als Freude 
über die Ausstellung empfindet. Er fühle sieh zurückgesetzt, in seinem Selbst- 
gefühl als Maler verletzt, er könnte es nicht so weit bringen wie seine Frau, 
er fühle sich klein ihr gegenüber, sie sei ihm ganz entschieden überlegen, 
alle sagen, ihre Malerei habe einen männlichen Zug. Und da kam nach 
ein paar Tagen der Spinnentraum. 

In einem solchen Zusammenhange kann eine Spinne im Gebüsch mit 
einem abgebrochenen Füßchen nicht anders gedeutet werden, als das weib- 
liche (derFrau^) Genitale mit einem Penis, einem abgebrochenen 
Penis. In diesem Traumsymbol kastriert er seine Frau, er will sie entmännlichen, 
ihr die Kraft, die Überlegenheit rauben. Das reimt sich auch sehr gut mit 
seinen kindlichen Phantasien über das weibliche (mütterliche) Genitale, als 
ein gefährlicher Apparat, welcher den Penis zerschmettern kann. 



Der Traum als Hüter des Schlafes. 

Von Dr. S. Pfeifer. 

Ein Patient erzählt folgenden Traum : „Ich sehe die Noten eines 
meiner unlängst gespieltenVortragsstücke, darunter viele 
Akkorde. Diese bedeuten etwas Großes, et was Deckendes, 
da sie beim Abschreiben eine große Fläche in Anspruch 
nehmen. Ich habe das Gefühl, daß ich mangelhaft zugedeckt 
bin, aber es ist nicht die Decke, sondern es sind die 
Akkorde, durch dieich nicht gut gedeckt bin. Als ich 
erwachte, war ich tatsächlich aufgedeckt, ich deckte mich 
zu und schlief wieder ein." 

Als Ergänzung erzählt er noch folgendes Detail : ,Ich muß eine 
engeWendeltreppe hinunter und habe Angst, daß ich falle." 
Dazu fällt mir ein anderer Traum ein: In einem Lift sause ich 
mi t großer Geschwindigkeit hinauf und hinunter, beim 
Hinunterfallen empfinde ich große Angst. 

Analyse : Das Vortragsstück hatte er bei einem jungen Mädchen gespielt, 
von dem er auf dem Klavier begleitet wurde und in welches er damals verliebt 
war. Er machte lange Zeit seine Besuche unter dem Deckmantel des Musizierens, 
bis er endlich das eigentliche Ziel seiner Annäherung eingestanden hat. Von 
seiner Mutter wegen der häufigen Besuche zur Rechenschaft gezogen, gestand 
er auch ihr seine ernsten Absichten. Er brauchte also keinen Deckmantel 
mehr, um hingehen zu können. Zu Lift assoziierte er das Börsespiel mit 
seiner Hausse und Baisse, das er bei einer vorübergehender Konjunktur 
eifrig betrieb und bei welcher Gelegenheit er aus seinen Engagements nicht 
rechtzeitig aussteigen konnte, obwohl er mit Geld keineswegs gedeckt war. 
Er griff zum Gelde des Vaters, vor dessen Zorn er nur durch den Schutz der 
Mutter gerettet wurde. 

Die unvollkommen deckenden Akkorde bedeuten also : ,Ich bin zwar 
mangelhaft gedeckt, die Musik deckt die Liebe schlecht, auf der Börse habe 
ich keine Deckung, die Decke ist kurz, aber ich brauche das alles nicht, da 
ich die erste Angelegenheit schon mit der Mutter erledigt habe, die mich 

1 Dabei muß hinzugefügt werden, daß Patient vielfach seine Frau mit seiner Mutter 
identifiziert hat. 



Mitteilungen 



217 



schon gegen den Vater verteidigte und mich als Itleines Kind oft zudeclite, 
; wenn ich mich im Schlafe aufgedeckt hatte." 

' Diese an die Witztechnilc erinnernde unifizierende Verdichtung ist nur 

auf Grund dessen möglich, daß jede Art von Decke ein uraltes Mutterleibs- 
[ Symbol ist, wovon man eine vollständige Reihe vom Mutterschoß bis zur 
1 „Deckung" des modernen Krieges aufzählen könnte. Ich zitiere hier nach Rank 
^(Das Inzestmotiv IV, 3., S. 181, in anderer Beziehung) aus R. Wagner: 
»Dich Zarten nährt' ich, noch eh' du gezeugt, 
Eh' du geboren, barg dich mein Schild." 
Das Schild mit seinem „Nabel" soll hier für andere stehen. 
Der Traum hat hier offenbar den Zweck erfüllt, das Erwachen wegen 
per Kälte zu verhindern oder aufzuschieben, solange die halluzinatorische 
Wunscherfüllung dem Drängen der realen Einwirkung nicht weichen mußte. 
Dieser Traum ist gleichzeitig ein schönes Beispiel dafür, wie verschiedene 
Wünsche aus mehr oder minder tiefen Schichten des Unbewußten sich eines 
aktuellen Eindruckes bemächtigen, um sich Ausdruck zu verschaffen. Auch 
hier führte die weitere Analyse des Traumes tief in den Familienkomplex des 
Patienten hinein. 



Internat. Zeitschr. f. Psychoanaayse, IX/2. 



U 



Kritiken und Referate. 



Dr. S. Ferenczl :Populäre Vorträge über Psychoanalyse. (Intern. 

Psa. Bibliothek, Bd. XIII., Intern. Psa. Verlag, 1922.) 

Vorträge über psychoanalytische Themen für ärztliche und nichtärztliche 
Laien, zum Teil noch aus dem Jahre 1907/1908; Beweise für Ferenczis, lang- 
jähriges, erfolgreiches Wirken für die Verbreitung und das Verständnis der 
Psychoanalyse. Kein anderer Teil der seinerzeitigen österreichisch-ungarischen 
Monarchie weist soviel wissende Ärzte auf, als der unter Ferenczis Einfluß 
stehende jenseits der Leitha. Man lernt seine geistreiche, auch launige Schreib- 
weise schätzen und folgt interessiert den originellen Wegen, mit stets weitem 
Horizont, die der bildungs- und gedankenreiche Autor einschlägt. 

Die Vorträge behandeln die Aktual- und Psychoneurosen und bringen 
einfache klarverständliche Darstellungen der psychoanalytischen Auffassung. 
Ebenso über die Träume; das Thema Suggestion und Psychoanalyse; die Psycho- 
analyse des Witzes und des Komischen. Im Aufsatz Philosophie und Psycho- 
analyse setzt sich Ferenczi mit Professor Putnam auseinander, und verwirft 
dessen Ratschlag, von der Bewußtseinsseite her in den wegen ihrer ünergiebigkeit 
verlassenen Schächten zu graben, sondern hält die Aufgabe für viel erfolg- 
reicher, mit der Tiefenpsychologie die Bewußtseinsvorgänge und ihre Tätigkeits- 
formen zu erklären. In seinen Bemerkungen zur Psychogenese der Mechanik 
kann sich Ferenczi auf Ernst Mach stützen und denselben — für einen 
Psychoanalytiker erklären. Noch ein zweiter Genius, Anatole France, kann 
füglich „zu den Unseren gerechnet werden", eine Gemeinschaft, die uns für 
die Mißachtung jener Neurologen und Psychiater entschädigt, die im Gegen- 
satz zu dem tiefschürfenden Dichter nur die glatte Oberfläche der menschlichen 
Psyche kennen und die Ungeheuerlichkeiten ihrer Tiefe verleugnen wollen. 
Im Vortrag über „Glaube, Unglaube und Überzeugung' nennt Ferenczi „das 
eigene Erleben* die einzige Möglichkeit, — in psychischen Dingen — sich 
die „Evidenz" zu verschaffen und die Psychoanalyse einen guten Weg 
dazu. Der Vortrag „Psychoanalyse und Kriminologie' sei besonders hervor- 
gehoben. Ferenczi spricht der Ausgestaltung einer psychoanalytischen Krimino- 
logie das Wort. Die Analyse müßte in den Dienst der Kriminalpsychologie 
gestellt werden; rechtskräftig verurteilte geständige Verbrecher sollten, um 
kriminal-psychoanalytisches Material zu sammeln, einer systematischen Analyse 
unterzogen werden. Außer einer pädagogischen Prophylaxe der Verbrechen sei 
dann auch die psychoanalytische Behandlung von Verbrechernaturen möglich. 

Die rein medizinisch-fachlichen Arbeiten des Verfassers sollen als 
besonderer Band dieser Bibliothek erscheinen. Man wird dann erkennen können, 
daß Ferenczi der ideenreichste Schüler Freuds genannt werden darf. 

Hitschmann. 



Kritiken und Referate 



219 



Ernest Jones, M. D.:TreatmentoftheNeuroses. (Baillifere. Tindall and 
Cox. London, 1920). Dr. Ernest Jones. Therapie der Neurosen 
(Intern. Psa. Bibliothek, Nr. XL, 1921. Intern. Psa. Verlag, Wien- 
Zürieh-Leipzig.) 

Diese Arbeit hat eine besondere Bedeutung, weil der Verfasser in langen 
Jahren der Praxis eigene Erfahrungen in vielen Behandlungsmethoden der 
Neurosen erwarb und daher deren Ergebnisse zu vergleichen imstande ist. 
Erst als Professor der Psychiatrie an der Universität von Toronto in Kanada 
später als Nervenarzt in London behandelte er Nervenkranke mit den verschie- 
densten psychischen Mitteln. Die Resultate seiner Erfahrung sind in knapper 
Form in dieser Arbeit zusammengetragen. 

In der Einleitung betont er die Notwendigkeit einer richtigen Behandlung 
der Nervenkranken, deren Leiden gewöhnlich unterschätzt werden. Dann folgt 
eine klare Darstellung der Anwendung von verschiedenen psychotherapeutischen 
Methoden bei der Konversionshysterie. Es werden einige Suggestionsmethoden 
sowohl im Wachen als in der Hypnose angewendet, beschrieben, dann einige 
Arten von „Reöducation", zum Beispiel nach Janet und Morton Prince- 
schUeßlich die Psychoanalyse. Zum Schlüsse teilt Verfasser mit, daß jede 
dieser Methoden ihm gute Resultate liefere und jede ihm ebenfalls Mißerfolge 
brachte. Die Qualität der Resultate war jedoch im ganzen um so besser, je 
eingreifender die Methode war. Daher kam er aUmählich dahin, die Suggestion 
nur noch in seltenen Fällen anzuwenden und nun behandelt er seine Kranken 
wenn irgend möglich, nur noch mit der psychoanalytischen Methode. Diese 
liefert nicht nur die besten therapeutischen Erfolge, sie ist zu gleicher Zeit 
eine wirkliche »Reedaeation«, welche einer großen Gewinn an Selbstkenntnis 
Selbstführung und Selbstkontrolle einschließt. ' 

Dann behandelt Verfasser etwas kürzer die übrigen Psychoneurosen, Angst- 
hysterie und Zwangsneurose, in besonderen Kapiteln. In bezug auf ihre 
Therapie verweist er größtenteils auf das bei der Konversionshysterie Gesagte 
Auch die Aktualneurosen: die Neurasthenie, die Angstneurose und die 
Hypochondrie, werden in besonderen Kapiteln dargestellt. Dabei betont Verfasser 
das häufige Zusammengehen von bestimmten Aktual- mit Psychoneurosen 
Einige Kapitel über traumatische Neurosen, einschließlich der Kriegs- 
neurosen, über Prophylaxis der Neurosen und über die Therapie der mit 
Neurosen verwandten abnormen Geisteszustände beschließen das Buch. 

" Die ganze Arbeit bleibt auf dem Boden der Wirklichkeit; sie ist sachlich 
und klar geschrieben. Dadurch ist sie besonders geeignet, dem praktizierenden 
Arzt eine richtige Einsicht in die jetzt geschaffenen Möglichkeiten in der 
Behandlung von Nervenkranken zu ermöglichen. Nur zu oft meint dieser die 
Behandlung dieser Kranken sei aussichtslos und man habe schon das Mögliche 
erreicht, wenn ein besonders lästiges Symptom zum Verschwinden gebracht 
ist. Die Arbeit von Ernest Jones kann ihn eines Besseren belehren. 

Dr. Adolf F. Meyer (Haarlem). 

Dr. Hanns Sachs: Die Elemente der Psychoanalyse. (Berlin, S See- 
mann, 1922.) . öc<5 

In Seemanns Sammlung „Das wissenschaftliche Gesprächsthema« konnte 
die Psychoanalyse nicht fehlen und fand in Dr. Sachs den gewandten und 
klaren Darsteller - auf 53 Seiten. Die Broschüre soll jedem interessierten 
Leser das Wichtigste dieser auch in ihren Expänsions wegen so eigenartigen 
Wissenschaft vermitteln. Nach einer Einführung in die psychoanalytische 

14» 



220 



Kritiken und Referate 



Stellungnahme zu dem Begriff der Sexualität und des unbewußten Seelenlebens 
finden wir „die individuellen Phänomene", „die sozialen Phänomene" und „die 
Urgeschichte der Menschheit" in je einem Kapitel behandelt. Da es schon an 
der Zeit ist, daß jeder Gebildete weiß, was Psychoanalyse ist, wäre dieser 
Elementar-Einführung größte Verbreitung zu wünschen. Sie schmeckt nach — 
mehr und das ist gut. Hitschmann. 

Dr. Karl MQIIer— Braunschweig: Über die Schwierigkeiten in der 
Aneignung der Freudschen Psychoanalyse. (Deutsche 
Medizinische Wochenschrift 1920, Nr. 35, S. 971.) 

Verfasser untersucht die Gründe, warum die Psychoanalyse trotz ihrer 
bereits jahrzehntelangen und großartigen Entwicklung gerade in medizinischen 
Kreisen geringe Ausbreitung gefunden hat und es erst verhältnismäßig wenige 
gibt, die mit Theorie und Technik der Psychoanalyse gründlich vertraut sind. 
Die Gründe sieht er einmal in der Schwierigkeit der ümschaltung des vorwiegend 
sömatologisch Eingestellten auf eine ihm durchaus neuartige Blickrichtung: 
Die Introspektion auf seelische Abläufe. Die zweite Schwierigkeit liegt in der 
Einübung des »psychoanalytischen Experimentes", das allein die Aufstellungen 
und Erkenntnisse der Psychoanalyse voll zur empirischen Überzeugung bringen 
kann, aber erst nach jahrelanger Übung seine ganze Fruchtbarkeit entfaltet. 
Die dritte Schwierigkeit ist die umfassendste : Man kann das psychoanalytische 
Experiment erst dann erschöpfend beim anderen anwenden, wenn man sich 
ihm selbst bei einem erfahrenen Analytiker unterworfen hat. Die nicht nur 
beim ausgesprochenen Neuro tiker, sondern bei allen Kulturmenschen vorhandenen 
„Komplexe" und mehr oder minder unausgeglichenen Spannungen, deren 
Reaktivierung instinktiv gefürchtet und gemieden wird, bringen es zuwege, 
daß die wichtige Vorbedingung der wirklichen Aneignung der Psychoanalyse 
mißachtet und damit diese selbst versäumt wird. Autoreferat. 

ör. Karl Müller— Braunschwelg : Der psychoanalytische Prozeß. (Zeit- 
schrift für Sexualwissenschaft, IX. Bd., Februar 1923. Heft 11.) 
Ein einführender, guter Aufsatz über Theorie und Praxis der Psycho- 
analyse, der von der Diskussion der freien Assoziation ausgeht, die Themen 
des Widerstandes und der Verdrängung in knapper Form bespricht und nun 
die Erklärung für die Wirkungen der Psychoanalyse gibt. Die Bedeutung des 
Agierens und des Wiederholens von Erlebnissen während der Psychoanalyse, 
die Phänomene der Übertragung als wirksamer Faktor in der Kur, die 
Umwandlung der Wiederholungstendenzen in Erinnerung, werden sehr geschickt 
dargestellt. Vom therapeutischen Sinn der Rückführung des verdrängten 
Materials aus findet der Verfasser einen Weg zur Darstellung der die Neurose 
verursachenden Konflikte und der mißglückten Verdrängung. Der Verfasser 
gibt instruktive Beispiele der Genese konversionshysterischer, zwangs- 
neurotischer, phobischer Symptome und zeigt den Charakter des Symptomes 
als eines Kompromißausdruckes der verdrängenden und verdrängten Tendenzen. 
Die Überdeterminiertheit des Symptomes und die historische Schichtung wird 
an Beispielen dargelegt. Einige Bemerkungen über das Zusammenwirken von 
Konstitution und infantUem Erleben, über Ichideal und Aktualich sowie über 
die Bedeutung der Angst im Gefüge der Neurose machen auf diese Faktoren 
aufmerksam. Bedenkt man, daß der Verfasser kaum zehn Druckseiten für 
seinen Aufsatz, der so schwierige Themen in klarer, das Wesentliche hervor- 
hebender Form behandelt, zur Verfügung hatte, so wird man seine Darstellungs- 
kunst uneingeschränkt anerkennen müssen. Wir wollen schließlich auch ein 



Kritiken und Referate 



221 



Bedenken nicht unterdrücken ; sind Ausdrücke wie „psychoanalytischer Prozeß" 
und ^psychoanalytisches Experiment" als Bezeichnungen der Durchführung der 
Psychoanalyse glücklich gewählt? Th. Reik (Wien). 

Paul Schilder; Vorstudien zu einer Psychologie der Manie. 
(Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., Bd. 68.) 

Komplexe seien immer vorhanden, aber es handle sich nicht, wie oft 
betont wird, um bloße Zutaten, sondern sie sind wesentliche Bestandteile des 
Krankheitsbildes. Um dies feststellen zu können, müsse man sich eben der 
psychoanalytischen Methode bedienen. Man müsse sich vorstellen, daß „jeder 
psychische Konflikt Abwehrkräfte in Bewegung setzt, welche drängen, das 
unangenehme Erleben zu bewältigen und aus der Bewältigung Lust zu 
ziehen". Diese hat das Ziel, dem Individuum neue Aktionsfreiheit zu geben. 
Schon normalerweise sei ein „manisches Flüidum" (Lust und Aktion) bereit- 
gestellt gegen drückende Konflikte. Ein Problem könnte z. B. eine Reizquelle 
für die Fluidumproduktion abgeben, so daß dieses schließlich aus dem (bio- 
logisch zu denkenden) „Reservoir" überströmt, das Problem überflutet. 
Das biologische Moment sei entscheidend. Man müßte aber theoretisch 
die Möglichkeit akzeptieren, daß auch bei einem biologisch völlig normalen 
„Energiereservoir" vergangene Erlebnisse eine Manie auslösen könnten. 
Abraham habe den Faktor der Konstitution vernachlässigt. Weder dem 
Autor noch Abraham sei es gelungen, für die manische Reaktion typische 
Erlebnisse nachzuweisen. Es wird die Frage aufgeworfen, ob das Spezifische 
des „manischen Fluidums" nicht die allzu rasch abklingende Lust des 
Maniacus sei; daher der Heißhunger nach neuen Eindrücken. — Die Eröffnung 
des Reservoirs auf kränkende Erlebnisse sei für die Entwicklung der Manie 
wesentlich. Das „Energiereservoir" des Manischen erscheint gegenüber dem 
des Gesunden biologisch abgeändert. 

Da der Autor den Begriff des „Energiereservoirs*, der biologisch aufzu- 
fassen ist, nicht näher ausführt, mit ihm aber Abraham gegenüber etwas 
für die manische Reaktion Spezifisches aufzeigen will, so muß hervorgehoben 
werden, daß dieser Versuch mißglückt erscheint. Denn es fällt schwer, 
begrifflich mit dem „biologisch abgeänderten Reservoir" mehr zu verbinden 
als mit dem alten Begriff der „Konstitution". Wir glauben, daß es verfrüht 
ist, die für eine Erkrankung spezifischen Momente in der Konstitution zu 
postulieren, ehe es gelungen ist, eine Reihe von diversen Erkrankungen auf 
analytischem Wege vergleichend zu überprüfen. Sicherlich wird der 
Begriff des „Reservoirs" auch dann nicht völlig unentbehrlich werden. Man 
bemüht sich aber in der Psychoanalyse viel zu wenig um das „Vergleichend- 
Analytische". • Dr. W. Reich. 
Paul Schilder: Bemerkungen über die Psychologie des paraly- 
tischen Größenwahnes. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., 
Bd. 74, H. 1/3.) 

Auch in der progressiven Paralyse werden Abwehrmechanismen in Gang 
gesetzt, die aber durch den paralytischen Prozeß abgeändert sind. (Kritik- 
losigkeit der Größenideen.) Bei einem Patienten begann der manische Schub 
mit dem Gedanken, daß er sterben müsse. Den Paralytikern dürfte die 
Fähigkeit abhanden gekommen sein, „Ungewohntes ihrem Leben einzugliedern" 
(meist bei dement Euphorischen). Es tritt die Einstellung zutage: „Ich will 
gesund sein" und der organische Prozeß erleichtere diese Einstellung. Es 
bestehe ein narzißtischer Libidokonflikt. Schilder lehnt aber die Annahme 



222 



Kritiken und Referate 



ab, es könnte sich um eine Regression handeln. Man könne weder bei der 
Manie, noch bei der Paralyse ohne Zwang von Regression sprechen ; es handle 
sich vielmehr um »organisch-biologisch bedingte Abwehrmechanismen". Bei 
der Schizophrenie ist der Abwehrapparat in entwicklungs- und stammes- 
gesehichtlich jüngeren Teilen geschädigt, so daß bei der Abwehr archaisches 
Material zutage tritt. Dr. w. Reich. 

Alfred Storch: Über das archaische Denken in der Schizo- 
phrenie. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., Bd. 78, H. 4/5, „Vortrage 
zur Schizophreniefrage.") 

Die »von der Psychoanalyse zuerst vertretene Auffassung, daß es sich 
beim schizophrenen Denken um den Abbau der Denkfunktionen bis auf eine 
primitive archaische Denkstufe handeln könne", wird zu begründen und mit 
klinischem Material zu belegen versucht. Erörterung des »prälogischen Denkens' 
(Levi-Brühl), des Verlustes der Ichgrenze, der schizophrenen Identifi- 
zierungen, der Verdichtungen und Symbolisierungen, der Größenwahn- 
bildung etc. 

Die Identifizierungen können verstanden werden „als Verschmelzungen 
auf Grund einer erlebten mystischen Wesensgemeinschaft". In Äußerungen wie 
»die Zeit nach dem Weltende auffressen* (der Analytiker würde sie als Aus 
druck einer oralen Einverleibungsphantasie auffassen), könne man den tiefsten 
Ursprung der schizophrenen Größenwahnbildung fassen. „Der Größenwahn 
des Schizophrenen ist die Wiederherstellung einer archaischen Ichstufe, wie 
wir sie etwa noch beim kleinen Kinde finden können," »den unmittelbaren 
Besitz der Welt gewinnt der Schizophrene im Größenwahn zurück." — 
Der sehr interessante Aufsatz kann dem Analytiker wärmstens zur Lektüre 
empfohlen werden. Wie erfreulich auch das konstante Vordringen analytischen 
Schauens in psychiatrischen Kreisen ist, so muß doch dem Befremden Aus- 
druck gegeben werden, daß bei dem sonst in psychiatrischen Arbeiten so 
fleißig geübten Zitieren die einschlägigen Arbeiten von Freud, Abraham, 
Nunberg und anderen nicht erwähnt werden, in welchen das meiste des 
hier Vorgebrachten bereits enthalten ist. Dr. W. R e i c h. 

Karl Wllmans: Die Schizophrenie. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. und 
Psych., 1922, Bd. 78, H. 4/5. „Vorträge zur Schizophreniefrage".) 
Ein kritisches Übersichtsreferat. Die klinische (K r a e p e 1 i n), psycho- 
logische (Bleuler, Jung, Freud), phänomenologische (Jaspers), erbbio- 
logische (Kretschmer), hirnanatomisch-physiologische (Wer nicke) und 
innersekretorische Betrachtungsweise wird im Detail kritisch besprochen. Über 
die Psychoanalyse: „Auch wer sich nicht als Anhänger Freuds betrachtet, 
wird den ungeheuren Einfluß, den er auf unser psychiatrisches Denken aus- 
geübt hat, nicht bestreiten wollen. Wenn wir gegenwärtig viel tiefer in das 
Seelenleben unserer Kranken einzudringen versuchen, den Inhalten eine ganz 
andere Bedeutung schenken, als bisher, so hat F r e u d wesentlich zu dieser 
Entwicklung beigetragen. Ja noch mehr: auch wer die Freudschen Lehren 
ablehnt, denkt mehr, als er sich oft zuzugeben geneigt ist, in seinen Gedanken- 
gängen." Der Fehler Bleulers bestehe wie der F r e u d s in der Annahme, 
daß grundsätzlich alles Psychische sinnvoll determiniert sei. Dr. W. R e i c h. 
Dr. Wilhelm Stekel :lmpulshandlungen. Berlin-Wien, 1922. 

Trunksucht und Morphiumsucht, Wandertrieb, Tic und Kleptomanie, 
Brandstifter und Spieler werden hier unter einen Begriff, in einen Band 



Kritiken und Referate 



223 



gezwungen. Die Hauptkategorien der Leser, psychoanalytisch nicht 
geschulte Ärzte, werden wieder sehr befriedigt sein und immerhin 
darüber, belehrt werden, welch weiten Wirkungskreis die Psychoanalyse in 
Anspruch nimmt, welche die oben genannten pathologischen Zustände, gleich 
den Neurosen, aus verdrängtem seelischem Material ableitet. Den Psycho- 
analytiker aber enttäuscht dieser sechste Band von Stekels „Störungen 
des Trieb- und Affektlebens" so gründlich wie die bisherigen. Der Autor 
benützt, um einen dicken Band zu füllen, nach seinem alten Rezept; 
Krankengeschichten, von den Patienten niedergeschrieben (eine nimmt nicht 
weniger als 82 Seiten ein) ; Analysen von geringem Umfang (richtiger Anamnesen); 
längere Analysen, zum Teil von anderen gemacht, ohne Berücksichtigung der 
Ichtriebe, ohne plausible Deutung, ohne gesetzmäßige Gesichtspunkte in den 
Zusammenfassungen; allzukurze Traumdeutungen, ferner literarische Beigaben 
und endlich Eintagstheorien über dies und das, die sich unter zur Selbst- 
behauptung unternommener Kritik an Freud und seinen Schülern, doch 
auf dem autbauen, was Freud lehrt und in der Zwischenzeit Neues dargestellt 
hat, seit Stekels vorletzter Band zusammengestellt ist. Wo die Freud sehe 
Schule, die deshalb Zusammenfassendes selten und zögernd veröffentlicht, 
weil sie mit wissenschaftlichem Ernst Unfertiges nicht preisgibt, — wartet, 
ist Stekel ratlos und begnügt sich mit verantwortungslosen Schein-Entdeckungen. 
Der Tic „stellt einen steckengebliebenen Impuls dar und dient verschiedenen 
Tendenzen. Er kann Ausdruck verdrängter Begierden, autoerotischer Regungen, 
Erinnerungsbild, Vorwurf, Stimme des Gewissens sein, aber auch den Wunsch 
nach Wiederholung ausdrücken." Zugegeben, aber das psychoanalytische Problem 
lautet, warum dies gerade als Tic zum Ausdruck kommt ! „In allen Fällen 
von Spielleidenschaft, " sagt Stekel, „werden wir konstatieren können, daß es 
sich um die uns bekannten Phänomene der Affektverschiebung handelt. Es 
sind Enttäuschte, die etwas vergessen oder etwas nicht sehen wollen." Zugegeben, 
aber das psychoanalytische Problem ist, warum diese Abnormen — gerade 
Spieler werden! Eine Analyse eines Kleptomanen wird wie folgt zusammen- 
gefaßt: „Wir sehen diese mächtige Liebe zur Mutter, ferner die deutliche 
homosexuelle Einstellung, die fortgesetzte Onanie, die verschiedenen kriminellen 
Tendenzen. G. ist ganz infantil in seinem Denken und Fühlen und handelt 
wie ein Kind." Wo ist hier die angebliche „tiefe Einsicht in das Wesen der 
Kleptomanie" !? Im wissenschaftlich- psychoanalytischen Sinn sind diese 
hastig zusammengestellten Bücher Stekels wertlos, ja sie popularisieren eine 
Methodik, eine Art des Auslegens, eine Oberflächlichkeit, die mit F r e u d schem 
Geiste nichts gemein haben. Man fragt sich vergebens, was Stekel denn 
veranlaßt, in solcher Eile Band auf Band auf den Büchermarkt zu werfen. 
Ist es, um von Voraussein und Überlegenheit gegenüber Freud und 
seiner Schule zum Schein für sich zu erhaschen!? Schon kündigt der 
Autor im Vorwort den siebenten, achten, neunten und zehnten Band an : 
„Der achte Band wird das Thema Sadismus und Masochismus behandeln," 
heißt es dortj „für Überweisung einschlägiger Fälle würde ich den Kollegen 
sehr verbunden sein." Wieder die falsche Tendenz, viele Fälle zu bringen, 
statt einige wenige ganz gründlich und genau ; oder soll das Theoretische noch 
rasch erforscht werden ! ? 

Dieses Fabrizieren solcher Bücher ist durch und durch unwissenschaft- 
lich. Die Psychoanalyse trägt nicht die Verantwortung dafür. 

Hitschmaan. 



224 



Kritiken und Referate 



Van Deshook und Stekel: Die psychische Behandlung des Tic. 

(Therapie der Gegenwart, 1922.) 

Aus der Literatur und aus eigener Beobachtung bringen die Autoren 
zahlreiche Fälle, welche die psychogene Entstehung des Tics beweisen. Mit 
Recht betonen sie, daß der Tic auf nicht psychoanalytischem Wege kaum je 
wirklich geheilt wird. Sie widersprechen der F e r e n c z i sehen Auffassung, 
denn für „viele Fälle hat sich keine Spur einer Genitalisierung nach- 
weisen lassen, während andere deutlich ihren sexuellen Ursprung verraten". 
Es handelt sich bei dieser Frage um theoretische Probleme, die durch so 
kurze und relativ oberflächliche Analysen, wie es die mitgeteilten sind, nicht 
gelöst werden. 

Der Tic ist nicht, wie Charcot ihn charakterisierte, eine Karikatur 
einer Handlung, sondern ein Rudiment einer solchen. Er ist ursprünglich 
logisch und sinnvoll. In allen Fällen war es möglich, eine Spaltung der 
Persönlichkeit nachzuweisen. Diese ist das Motiv der Willensschwäche, welche 
für an Tic leidende Personen charakteristisch ist. 

Der Tic ist ein psychogenes Leiden, das durch einen psychischen 
Konflikt verursacht wird. Er dient verschiedenen Tendenzen. Er kann verdrängte 
Begierden, autoerotische Regungen darstellen, er kann ein Erinnerungsbild, 
Vorwurf, Stimme des Gewissens sein, aber auch den Wunsch nach Wieder- 
holung (Wiederholungszwang) ausdrücken. „Jeder verbotene Gedanke, der 
bewußtseinsunfähig ist, kann sich motorisch als Tic ausdrücken." Es gibt Fälle, 
in denen eine nicht vollzogene Handlung zum Tic wird, und andere, in denen 
die Handlung wirklich vollzogen wurde, aber der Wunsch dabei unerfüllt 
blieb. Der Tic kann der Warnung dienen und nicht einem Wunsche. Der 
Tic unterscheidet sich vom Zwange dadurch, daß er automatisch und ohne 
Zwangsgefühl erfolgt, auch ohne Todesklausel besteht, ferner dadurch, daß 
seine willkürliche Unterdrückung selten mit Angst verbunden ist. Zusammen- 
fassend heißt es: Der Tic ist ein steckengebliebener Impuls, er ist der Aus- 
druck eines Verrates, der Spiegel einer Tat, die Karikatur einer Tat, er ist 
eine sterile Tat. 

Wenn man die vielen, nachlässig dargestellten Beobachtungen und 
die unscharfen Schlußfolgerungen liest, so bedauert man, daß gerade Stekel, 
der es so nötig hätte, sich an die präzise psychoanalytische Formulierung als 
Gerüst seiner spielerischen Gedankenarbeit strenge zu halten, das nicht tun 
kann. So glaubt er eigene Wege zu gehen und umschreibt doch nur das von 
Anderen Gelernte. Federn. 

Hermann Hoffmann: Die konstitutionelle Struktur und Dynamik 
der .originären" Zwangsvorstellungsneurose. (Fall 
Anna Reimer. Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., Bd. 80, 1922.) 
Bericht über die Analyse einer weiblichen Zwangsneurose. Bestätigung 
der Ansicht Strohmayers, daß es sich bei Zwangsneurosen um das 
Gegensatzpaar Sadismus-Masochismus handelt. Wie gründlich auch die Auf- 
deckung des sadistischen und masochistischen Triebpaares gelungen ist, die 
Analyse hat, wie aus dem ausführlichen Berichte deutlich hervorgeht, wich- 
tige Komponenten übersehen, so daß der Autor zu manchen falschen 
Formulierungen gelangt ist. Patientin sträubte sich z. B. heftigst gegen das 
Gebären, hat aber bei Betrachtung schwangerer Frauen sexuelle Lustgefühle. 
Neben einer Menge sadistischer, masochistischer und exhibitionistischer 
Phantasien (letztere nennt der Autor Scha'ustellungsphantasien) bestehen zahl- 



Kritiken und Referate 



225 



reiche Phantasien, die sich mit dem Gebären beschäftigen. Patientin wird als 
pedantisch, skrupulös und grüblerisch geschildert. In den Geburtsphantasien 
wird die anale und urethrale Wurzel der Zwangsneurose deutlich, die der 
Autor (wie auch den Kastrationskomplex) übersehen hat. Es bestand die 
infantile Theorie, daß der Vater in die Mutter hineinuriniere und das dadurch 
entstandene Kind herausgeschnitten wird. Oder: vor der Geburt muß ein 
Einlauf gemacht werden. Patientin bestritt, daß diese kindlichen Vorstellungen 
einen Einfluß auf ihr späteres Leben gewonnen hätten; es hätte sich in der 
Analyse auch nichts derartiges nachweisen lassen. In diesem Falle ist der 
anale Komplex in stärkster Verdrängung und da die Analyse nicht weit genug 
vorgedrungen ist, beziehungsweise manches übersehen wurde, konnte Autor 
zur Ansicht kommen, „im Gegensatz zu Freud... mit Strohmayer", 
„daß die Krankheitssymptome keineswegs immer in der Verdrängung trieb- 
hafter Wünsche ihre Wurzel haben müssen". Aus dem Übersehen der analen 
Triebkräfte resultiert auch der falsche Schluß, daß .das moralische Prinzip .. . 
in seinen Grundfesten durch ein früh erwachendes sexuelles Triebleben 
erheblich erschüttert wird". Die sexuellen Triebkräfte sind, wie Freu 
gezeigt hat, vor dem moralischen Prinzip etabliert. Auch hier wäre der Autor 
mit der analytischen Theorie der Zwangsneurose nicht in Widerspruch geraten, 
wenn er tief genug vorgedrungen wäre: das „früh erwachende Sexualleben" 
bezieht sich nämlich auf erinnerte Masturbation im zehnten Lebensjahre. 

Wie erfreulich es auch ist, daß die klinisch-psychiatrische Forschung 
immer mehr mit Psychoanalyse arbeitet und ein einflußreicher Autor, wie 
Hoffmann, es betont, daß die klinische Psychiatrie sich die psychoanalytische 
Methode zunutze machen müsse, wenn sie ihre Betrachtungsweise vertiefen 
will, — so scheint doch die Art, wie die offizielle Psychiatrie den psycho- 
analytischen Boden gewinnt, bedenklich: sie beachtet gerade das Wesent- 
lichste und Grundlegendste nicht und, was übernommen wird, erscheint als 
häufig verzerrte Neuschöpfung wieder. Wie sehr dem Referenten auch Prioritäts- 
streitigkeiten zuwider sind, muß doch bemerkt werden, daß es zumindest sonder- 
bar klingt, wenn in der Mitteilung eines nicht gründlich analysierten Falles 
von Zwangsneurose, wie sie die Psychoanalytiker alltäglich in Behandlung 
haben, geschrieben wird: „Die hier geschilderte Auffassung der Zwangs- 
neurose finden wir zum großen Teil schon in den Veröffentlichungen von 
Freud vorgebildet (sie!!)." — Die Psychoanalyse will eben ab ovo erlernt 
werden und keine, noch so gründliche psychiatrische Kenntnis, kann lang- 
jährige analytische Erfahrung ersetzen. Dr. W. R e i c h. 

Marx Norbert: Beiträge zur Psychologie der Kokainomanie. 

(Aus der Irrenanstalt Herzberge der Stadt Berlin, Zeitschr. f. d. ges. 

Neur. u. Psych., Bd. 80, H. 5, 1923.) 

Es wird zwischen Kokainisten und Kokainomanen unterschieden. Erstere 
kommen durch körperliche Leiden zur Kenntnis des Kokains, letztere 
gebrauchen es von Anfang an als GenußmitteL Das Kokain hebe Hemmungen 
auf, d. h. die Freud sehe Zensur zwischen Vorbewußtem und Unbewußtem. 
An Hand eines Falles wird gezeigt, wie das Kokain verdrängte Libido, zum 
Beispiel Homosexualität, aktivieren könne. Kokainomanen werden nur Individuen 
mit einer bestimmten Disposition. (Ist es nicht wahrscheinlicher, daß die 
einmal erlebte Wirkung des Kokains, eben die Erlösung verdrängter Trieb- 
kräfte unter herabgesetzter Zensur an den Kokaingenuß fixiert?) Die Hallu- 
zinationen sind auf Hyperästhesie der Sinnesorgane, auf ein Insuftizienzgefühl 



226 



Kritiken und Referate 



(Impotenz) und »Locicerung des Hemmungsmechanismus' zurückzuführen und 
entsprechen den Wunscherfüllungen der Träume. In sexueller Beziehung 
findet unter Einwirkung des Kokains eine Dissoziierung der Libido in ihre 
Komponenten (unter Überwiegen der homosexuellen), statt. 

Dr. W. Reich (Wien). 
Kehrer, Prof. Dr. E. (Dresden): Ursachen und Behandlung der 
Unfruchtbarkeit nach modernen Gesichtspunkten. 
Zugleich ein Beitrag zu den Störungen des sexuellen Lebens, besonders 
der Dyspareunie. Mit vier Tabellen, dreizehn Kurven und zwei Abbil- 
dungen. Dresden und Leipzig, Theodor Steinkopff 1922. 

Die Konzeption kann ohne positive seelische Beteiligung des Weibes 
am Zeugungsakt Zustandekommen, doch betont Verfasser mit Entschiedenheit, 
daß im allgemeinen die Dyspareunie ein Hindernis der Konzeption bilde. Er 
verlangt daher in jedem Falle neben einem gynäkologischen Organbefund eine 
„psychosexuelle Analyse". K. legt das größte Gewicht auf eine volle sexuelle 
Befriedigung des Weibes, weil nach ungenügender Befriedigung eine Über- 
füllung des Blut- und Lymphgefäßsytems der Unterleibsorgane bestehen bleibe, 
woraus sich dann ernstere Veränderungen von konzeptionshindernder Wirkung 
entwickeln. Verfasser verbreitet sich über die einzelnen Formen der Dyspareunie 
und betont immer wieder die hohe Bedeutung des psychischen Faktors. 

Den wissenschaftlichen und therapeutischen Ergebnissen der Psycho- 
analyse sucht Kehr er in seiner Weise gerecht zu werden. Seine Stellung- 
nahme zur Psychoanalyse ist jedoch ein eigentümliches Gemisch von Bekenner- 
mut und Scheu vor den letzten Konsequenzen. Er erklärt einerseits, sich frei 
zu fühlen »von den Lehren Freuds und seiner Schule, soweit sie auf einer 
allzu übertriebenen Betonung des sexuellen Lebens für jede psychische Regung 
beruhen"; andererseits aber sei er auf eigenen Wegen zu sehr ähnlichen 
Auffassungen wie die Psychoanalytiker gelangt. 

Der Verfasser befindet sich in offensichtlicher Unkenntnis über den 
eigentlichen Vorgang beim psychoanalytischen Verfahren, wie er auch über 
unsere Auffasung des Unbewußten und alles damit Zusammenhängenden 
ungenau orientiert ist. Seine Zitate beziehen sich größtenteils auf S t e k e 1 s 
Buch über die Frigidität. Daß er diesem Autor das Hauptverdienst um das 
psychologische Verständnis der Dyspareunie zuschreibt, ist wohl begreiflich, 
solange eine ähnlich ausführliche, aber streng wissenschaftliche Darstellung 
des Gegenstandes von psychoanalytischer Seite noch fehlt. Ein gut Teil der 
Resultate, die K e h r e r von S t e k e 1 übernimmt, ist alter psychoanalytischer 
Besitz. 

Wird der Verfasser der Psychoanalyse also auch nicht in vollem Umfang 
gerecht, so muß doch seine Annäherung an unseren Standpunkt anerkannt 
werden; außerdem aber ist hervorzuheben, was wir an Neuem aus seiner 
Schrift entnehmen können. Indem K e h r e r nachweist, daß die Sterilität des 
Weibes — außer in den Fällen grober anatomischer Veränderungen, Miß- 
bildungen usw. — im Zusammenhang mit dem psychischen Verhalten steht, 
eröffnet er — wie er selbst hervorhebt — der psychotherapentischen Beeinflussung 
und insbesondere der Psychoanalyse ein wichtiges Gebiet. 

An diese Ausführungen schließt sich ein Kapitel über die Myome des 
Uterus, das unser besonderes Interesse verdient. K e h r e r widerlegt die bisherige 
Anschauung, nach welcher Myome Sterilität zur Folge haben und weist nach, daß 
Sterilität und Myome koordinierte Folgen der gleichen Ursachen seien, nämlich 



Kritiken und Referate 



227 



Seines durch Jahre gestörten^ psychosexuellen Verhaltens, das die oben 
erwähnten chronischen Störungen der Blut- und Lymphverteilung mit sich 
bringt. Er behauptet, daß Frauen mit befriedigendem Geschlechtsleben myom- 
frei bleiben, daß jede Myomträgerin dagegen langdauernde psychosexuelle 
Störungen aufweise. Ja man könne aus der Größe eines Myoms und gewissen 
Begleiterscheinungen mit auffälliger Sicherheit die Daner einer psychosexuellen 
Störung abschätzen. Kehrer setzt sich dafür ein, daß die in Frage stehenden 
Geschwülste nicht aus der Existenz embryonaler Keime allein zu erklären 
seien. Die psychosexuelle Störung sei eine Conditio sine qua non und der 
Entstehung der Myome sei auf psychotherapeutischem Wege vorzubeugen. 

Dem Psychoanalytiker bietet diese Schrift also des Beachtenswerten 
genug. Er wird sich aber auch freuen, nach beendeter Lektüre den Schlußsatz 
zu lesen, durch welchen der Verfasser seinen oben zitierten Angriff auf die 
„Übertreibungen* Freuds wieder aufhebt: „Und doch ist seelisches Leben, 
mit wenigen Ausnahmen, seelisch-sexuelles Leben — also in letzter Linie ein 
erotisches Phänomen." Abraham. 

K. Westphal: Über kausale Psychotherapie bei Organ- 
ne u r o s e n. {Münchener med. Wochenschr., Jahrg. 69, Nr. 15, 1922.) 
An den verschiedensten deutschen internen Kliniken — nicht an den 
österreichischen — beginnt man auf die psychischen Quellen gewisser interner 
Krankheiten aufmerksam zu werden. Erfreulicherweise geht man dabei an der 
Psychoanalyse nicht vorüber. Ja, man ist erstaunt, in der vorliegenden Arbeit 
zu lesen, daß v. Bergmann schon 1912 darauf hingewiesen haben soll, „die 
Psychoanalyse, die durchaus zum Rüstzeug für die Diagnostik und Therapie 
des Internisten gerechnet werden muß, nicht zu vernachlässigen". 

Der Autor des Aufsatzes führt nun einige Organneurosen an — Magen-, 
Herz-, Darmneurosen, bei denen unter anderem die Aufdeckung und Abreaktion 
eines Ekelkomplexes, beziehungsweise Schreck- oder Angstkomplexes in der 
Hypnose zur Beseitigung des organneurotischen Symptoms geführt hat. Also 
eine Art kathartischer Methode. Daß auf diesem Wege ein Symptom beseitigt 
werden kann, ist nicht zu bezweifeln. Zu Unrecht wird jedoch bei solchem 
Tun die Psychoanalyse zum Zeugen angerufen. Im übrigen zeigt der Verfasser 
am Schlüsse des Aufsatzes selbst seine Einstellung zur Psychoanalyse, wenn 
er mit Beziehung auf die angeführten Krankengeschichten meint, daß die 
neurotischen Organstörungen nicht immer aus der „Sexualsphäreim 
Sinne Freuds" kommen, sondern daß der Konflikt mit den beiden 
gewaltigsten von der Natur ins Unterbewußtsein eingepflanzten Trieben, den 
Trieben zur Erhaltung seiner selbst und der Art, am ehesten zur Neurose 
führt". Dr. Felix Deutsch. 

Heinrich Meng: Über die Angst beim vergifteten, organisch 

kranken und neurotischen Menschen. (Deutsche Zeitschrift 

für Homöopathie, II. Jahrg., 1923. Homöopath. Zentral-Verl., Berlin.) 

Dieser Vortrag vor homöopathischen Ärzten gibt eine ausgezeichnete, 

wohldurchdachte Darstellung der pathologischen Angstzustände, unter besonderer 

Hervorhebung der psychoanalytischen Ergebnisse. Diese sind mit vollem 

Verständnis in anregendster Form ausgeführt. Die Homöopathen, diese unbewußten 

Psychotherapeuten, erhielten hiemit eine volle Dosis moderner Wissenschaft. 

Hitschmann. 



228 



Kritiken und Referate 



Dr. Heinz Hartmann : Zur Frage der Selbstblendung. (Jahrbuch für 

Psychologie und Neurologie, Bd. 41, H. 2/3.) 

Bericht über einen einunddreißigjährigen Mann, der sich mit Glassplittern an 
beiden Augen eine schwere Verletzung beigebracht hat. In den letzten Monaten vor 
der Tat herrschten Zwangsimpulse vor und besonders der Drang zum Verkehr 
mit Mädchen zwischen 12 und 13 Jahren. Nach der Blendung schwinden 
sämtliche Impulse, der Patient fühlt sich ruhig und glücklich. Autor bespricht 
das in drei Sitzungen gewonnene Material, welches die Handlung als Kon- 
sequenz infantiler Erlebnisse, als Selbstkastration begreifen ließ. Sexuelle 
Frühreife, manifeste Inzestwünsche und ein überbetonter Schau- und Wissens- 
trieb bereiteten den Boden für die Tat, welche die Entlastung vom Schuld- 
bewußtsein in sich schloß. Dr. W. Reich (Wien). 

Dozent Paul Schilder: Über dasWesen derHypnose. (II. Auflage, Berlin, 

J. Springer, 1922.) 

Die vor kurzem hier empfohlene Broschüre, die für das hohe wissen- 
schaftliche und Bildungsniveau des Verfassers Zeugnis ablegt, erschien nun 
in zweiter durchgesehener Auflage. Das grundlegende Verdienst der Psycho- 
analyse am Verstehenlehren des psychologischen Geschehens in der Hypnose 
(F e r e n c z i) wird hinreichend gewürdigt. Hitschmann. 

Hofrat Dr. S. Fried: Rezeptformeln und therapeutische Winke 
für Krankenkassenärzte. (3. Auflage, Wien und Leipzig, 
W. Braumüller, 1923.) 

In diesem altbewährten, jetzt in dritter Auflage erscheinenden Büchlein, 
finden wir dieNotwendigkeitbetont, denKassenmitgliedern 
in manchen Fällen psychoanalytische Behandlung zu 
ermöglichen. Vor achtzehn Jahren hat der Verfasser den Krankenkassen 
die Anstellung eigener Zahnärzte empfohlen ; einen solchen Rat heute erteilen 
oder gar begründen zu wollen, hieße offene Türen einrennen. Nun wird hier 
auf den hohen Wert rationeller Psychotherapie der Neurosen für die Kassen 
hingewiesen, die sich nicht etwa in Trost und Aufklärung erschöpfen kann, 
sondern die inneren Konflikte des Erkrankten durch Analyse lösen soll. Der 
belesene, praktisch erfahrene Autor steht auf dem Standpunkt voller Aner- 
kennung der außerordentlich fruchtbaren Erkenntnisse der Psychoanalyse und 
zitiert Prinzhorns Worte: „Die deutsche Psychiatrie hat das Gewicht der 
Psychoanalyse sowohl als therapeutische Methode wie als psychologische Denk- 
weise weit unterschätzt, wodurch ihr auf ihrem eigensten Gebiete die 
Führung entglitten ist." Die Berliner Poliklinik und das Wiener psycho- 
analytische Ambulatorium sammeln bereits Erfahrungen über Psychoanalyse 
an Kassenmitgliedern, namentlich über die Mindestdauer. Aber eine größere 
Anzahl von Kranken könnte nur durch von der Kasse angestellte Spezial- 
ärzte dauernder Arbeitsfähigkeit zugeführt werden. Wie sehr eine chronische 
Neurose die Qualität und Quantität der Arbeitsfähigkeit stört, wird durch das 
Schwanken des Wohlbefindens übersehen, und die vor der Entlassung pünktlich 
auftretende Besserung hindert immer wieder entscheidende Maßnahmen. Die 
Krankenkassen, in die jetzt auch ein großer Teil des Bürgertums eingeht, 
werden sich ausrechnen müssen, ob nicht doch gründliche rechtzeitige Heilung 
des Neurotikers für sie rentabler ist, als chronische Insuffizienz und wieder- 
kehrendes Marodieren. Hitschmann. 



Kritiken und Referate 



229 



Marcuse Max: Selbstmord und Sexualität. (Zeitschrift für Sexual- 
wissenschaft, H. 7, Oktober 1922.) 

Die Zusammenhänge zwischen Selbstmord und Sexualität werden hier 
kurz untersacht, auf die Bedeutung verschiedener sexueller Motive, den 
Zusammenhang mit Menstruation, Schwangerschaft und Klimakterium wird 
hingewiesen. In der Ätiologie der Schülerselbstmorde wird die Sexualangst 
hervorgehoben. Auch „für den im übrigen psychoanalytischen Gedankengängen 
nicht Folgenden" sei die enge Verknüpfung der Vorstellungen vom Bestehen 
einer Prüfung, von der Lösung einer Aufgabe etc. mit sexuellen Affekten 
zweifelsfrei. Die nach der Lehre der Psychoanalytiker dabei wirksamen 
Mechanismen sollen wegen ihrer „Unerweislichkeil" nicht erörtert werden, 
dagegen sei der Zusammenhang der Schülerselbstmorde mit Pubertät und 
Onauie fraglos. Bei Besprechung der Doppelselbstmorde fällt auch das Wort 
Inzestmotiv. Die weiteren Ausführungen des Verfassers sind unzweifelhaft 
richtig, die Erklärungen, die er gibt, oberflächlich und dürftig. Th. Reik. 



Zur psychoanalytischen Bewegung. 



Die Psychoanalyse auf dem XVI. Kongreß der Societä Freniatrica 
Italiana, Rom (5. bis 7. April 1923). 

Der XIV. in Perugia im Mai 1911 stattgehabte Kongreß der Societä 
Freniatrica Italiana hatte für den nächsten, in Palermo (Oktober 1914) 
abzuhaltenden Kongreß fünf allgemeine Themen festgesetzt, darunter als 
zweites „Die Psychoanalyse als Methode der Forschung und 
Therapie". Dieser Kongreß wurde wegen des inzwischen ausgebrochenen 
Weltkrieges auf einen späteren Zeitpunkt verschoben und erst neun Jahre 
später fand in Genua im Oktober 1920 eine Tagung der Societä Freniatrica 
Italiana statt, wo man, ohne überhaupt über das Thema „Psychoanalyse* 
zu diskutieren, dieses in „Nosographie und Pathogenese der 
Neurosen" umwandelte und es für den XVI. Kongreß in Rom^ festsetzte, 
bei welchem es endlich nach zwölf Jahren als erstes allgemeines Thema am 
ersten Sitzungstage (5. April) zur Verhandlung gelangte. 

Die vom Referenten Prof. M o d e n a vorgebrachten Schlußfolgerungen 
sind wörtlich folgende: 

„Das Problem der Psychoneurosen, einer provisorischen Gruppe von 
krankhaften Äußerungen, befindet sich in einer Übergangsperiode. Die Literatur 
wird von der größten Mannigfaltigkeit von Begriffen beherrscht und es ist 
unmöglich, eine genaue Abgrenzung der verschiedenen Formen, welche wegen 
der Gemeinsamkeit von Symptomen ineinander übergreifen und wegen ihrer 
Verschiedenheiten in der Vereinigung von Erscheinungen sich verwirren, 
vorzunehmen. Die Ausdrücke Hysterie, Neurasthenie, Zwangsneurose, Unfalls- 
und Kriegsneurose, Tickrankheit, Angstzustände, Berutskrämpfe usw. bezeichnen 
einen Charakter der Syndrome, die noch eines Grundbegriffes, welcher ihre 
Natur aufklären und ihre klinische Stellung feststellen soll, entbehren. 

Die pathologische Forschungsrichtung hat verschiedene Tendenzen 
verfolgt : Dia Herrschaft eines klinischen, objektiven und einfachen Kriteriums 
ist von psychologischen oder kausalen oder dynamischen oder phänome- 
nologischen Begriffen überlagert worden, die von Deutungen oder Wechsel- 
wirkungen ausgehen, welche das umstrittene Wesen und die Entwicklung der 
psychischen Charaktere betreffen. 

Aus der nüchternen Prüfung der Literatur ergibt sich, daß kein neuer 
Begriff eine neue, der Kritik standhaltende und sich in der objektiven 
Forschung bewährende Klassifizierung rechtfertigt und dazu ermächtigt : Es 

' Qaaderni di Fsjchiatria 1914—1922 passim. 



Zur psychoanalytischen Bewegung 



231 



ergeben sich beim Studium der Erscheinung und ihrer Abwicklung keine 
bestimmten Daten, keine sicheren pathogenetischen Elemente. Wir halten 
die psychogenetischen Kriterien nicht für hinlänglich, 
weil sie von Voraussetzungen ausgehen, die aus der 
allgemeinen Psychologie, aus intellektualistischen 
Schlußfolgerungen, aus psychischen Vorgängen, welche 
aufGrund einer besonderen Mechanik der Geistesfunk- 
tionen vermutet werden, stammen. 

Wir sind überzeugt, daß wir uns mit dem Fortschreiten unserer 
biologischen Erkenntnisse viele Symptome werden erklären können, welche in 
diesen Gruppen enthalten sind, und wir halten es für angebracht, für diese 
Gruppen noch weiter die traditionellen und einfach bezeichnenden Namen, 
wie Hysterie, Neurasthenie usw. zu gebrauchen, welche nach dem heutigen 
Stande kein Vorurteil für eine Auslegung enthalten. 

In den letzten Jahren hat das Studium der inneren Sekretion und die 
deutlicheren Beziehungen zwischen dieser und den Gsmütsreaktionen, einige 
organische Faktoren beleuchtet und viele Symptome, welche bisher irrtümlicher- 
weise zu den Neurosen gerechnet wurden, weil man sie für nicht organisch 
gehalten hat, sind zur Gruppe der Störungen infolge veränderter innerer 
Sekretion getreten (Asthenie bei Hypofunktion der Nebennieren, Akropar- 
ästhesien bei Hypofunktion der Geschlechtsdrüsen und Epithelkörperchen, 
Erregbarkeit bei Hyperfunktion der Schilddrüsen usw.). Und der Einfluß der 
inneren Sekretion, welche in empfindlichster Weise die nervösen Funktionen 
im Gleichgewicht hält, muß auch für andere neurotische Erscheinungen 
berücksichtigt werden. Die Funktion des Sexuallebens ist mit der Sekretion 
von Hormonen eng verbunden: und so wie ganz bestimmte Insuffizienzen und 
Dysfunktionen bei längerem Andauern die Konstitution und die Persönlichkeit 
des Subjektes ändern können, so muß man annehmen, daß besondere 
Sekretionen, welche verschiedene Phasen des Sexualaktes und wechsel- 
seitige Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern begleiten, empfindliche 
und vorübergehende hormonische Tätigkeiten reizen, die auf die Persönlichkeit 
selbst einwirken können, wenn sie unregelmäßig und in unvollkommener Art 
erfolgen. 

So kann man einer Reihe von neurotischen Angstzuständen eine inner- 
sekretorische Erklärung geben : sie haben eine evidente Beziehung mit 
Vorfällen von sexueller Unbefriedigtkeit. 

Der „humorale" Faktor, der durch die Forschungen auf dem Gebiete 
der inneren Sekretion wieder in Erinnerung gebracht wird und dessen 
pathogener Einfluß auch in kleinsten Dosen bestätigt wird, wird sicherlich 
neue Elemente zur Einschätzung vieler krankhafter Erscheinungen ergeben, 
welche heute als funktionell angesehen werden : und dies nicht nur in Beziehung 
zur Sexualität. 

Außer dem Zusamnjenhange der inneren Sekretion mit den Erschei- 
nungen des Gemütslebens, gewinnen wir aus der anatomischen und klinisch- 
anatomischen Forschung bemerkenswerte Daten, welche den Sitz von Zentren 
betreffen, die mit der Entwicklung und dem Ausdrucke der Gemütszustände 
im Zusammenhang stehen, der hauptsächlichsten Grundlage vieler Neurosen: 
das Studium der Syndrome des Mesencephaloms und der Basalkerne klären 
Tatsachen auf, welche bis vor kurzem der Herrschaft der Funktionalität 
angehörten. Und die Befunde lassen die große Bedeutung dieser Zonen für 



232 



Zur psychoanalytischen Bewegung 



das Zustandekommen der Gemütszustände noch höher einschätzen, welche 
sich uns in normalen, synthetischen und komplexen Bedingungen zeigen, aber 
eine Kette von Sitzen in bestimmter Folge, von den niederen zu den höheren 
Vorgängen, von den perzeptiven und rezeptiven zu den Ausdruckserscheinungen 
haben müssen und welche einen verschiedenen Charakter darbieten, je nach 
dem verletzten oder veränderten Gliede der Kette. So müssen der verschiedenen 
Verteilung von Beschädigungen einige differenzierende Nuancen zwischen 
postenzepbalen Zuständen und analogen psychoneurotischen Äußerungen 
zugeschrieben werden; es handelt sich um sehr leichte Unterschiede, welche 
den organischen Ursprung der verwickelten Erscheinung beweisen. 

Mit der Untersuchung der zarten Gehirnstruktnr und der vielseitigen 
intrazerebralen Beziehungen, mit der Erforschung des Einflusses der humoralen 
Faktoren, mit der richtigen Einschätzung jeder organischen, auch extra- 
zerebralen Ursache, wird man den Ursprung und die Aufeinanderfolge vieler 
neurotischen Symptome in Beziehung zur Biologie des Affektlebens besser 
aufklären können. Diese somatischen Begriffe entsprechen 
einer wissenschaftlichen Logik mehr als der Begriff 
eines fluktuierenden Affektes, wie ihn viele Anhänger 
der psychoanalytischen Schule als Basis jeder Neurose 
setzen. 

Aber darum sind Untersuchungen auf psychologischem Gebiete, welche 
eine Menge von nützlichen Kenntnissen für eine vorläufige Erklärung liefern, 
die in Beziehung mit dem naturalistischen und entwicklungsbiologischen 
Studium des psychischen Lebens gestellt wird, nicht auszuschließen. So kann 
man die verschiedenen Bedingungen des „Milieus* und der „Situation" in 
Beziehung zur Persönlichkeit, zum Temperamente und zu den entsprechenden 
Reaktionen wohl ins Auge fassen, nicht etwa, um die Pathogenese aufzuklären, 
wohl aber, um gewisse besondere Bedingungen für gewisse krankhafte Zustände 
zu beleuchten. 

Es müssen Elemente von Hypothesen und empirischen Wechselwirkungen 
herangezogen werden, nicht Beweise und Proben, die aber ein bedeutendes 
Hilfsmittel bei dem jetzigen Stande unserer Kenntnisse darstellen, wenn man 
nur ihren Wert in richtiger Weise als einen relativen einschätzt. Und haupt- 
sächlich gelten jene Begriffe, welche sich auf die Bedeutung des Instinkt- 
lebens für die Auslegung der Psychoneurosen gründen ; diese müssen in ihrem 
doppelten Anschein berücksichtigt werden, als Krankheiten, die als Grundlage 
eine Entwicklungshemmung mit Persistenz von beim normalen Individuum 
überwundenen Entwicklungsbedingungen haben oder, als krankhafte Zustände 
infolge heftiger Gemütsbewegungen, die eine Störung des normalen Gleich- 
gewichtes verursachen und primitive und untergeordnete Reaktionssysteme 
wieder hervorrufen. 

Wenn das naturalistische Studium des psychischen Lebens in der Phylor 
und Ontogenese, Entwicklungsetappen und systematisch übereinander geordnete 
Grade von Vervollkommnung, Synthese von kongenitalen und erworbenen 
Faktoren, feststellt, so kann es einige Deutungen erklären, welche aber nur 
dann Beweiswert gewinnen, wenn sie mit dem parallelen Studium der 
Morphologie und der Beziehungen zwischen den verschiedenen Teilen des 
Nervensystems in Verbindung gebracht werden, und nicht wenn sie sich nur 
auf Vermutungen, die von der empirischen Beobachtung und von Über- 
legungen auf Grund hypothetischer Voraussetzungen stammen, gründen." 



i 



Zur psychoanalytischen Bewegung 



233 



Nach Beendigung der Vorlesung des allgemeinen Themas, gelangten die 
Professoren Bianchi, Morselli, Mingazzini zum Worte, um ihre 
hervorragenden, der Psychoanalyse entschieden abgeneigten Meinungen, 
auszusprechen. Der erste stellte den Freudschen ^Pansexualismus" in Abrede ; 
der zweite stritt der Psychoanalyse die Würde einer Wissenschaft ab; der 
dritte berichtete, tatsächlich einige Formen von Angstneurose, welche durch 
Verdrängungsmechanismen und Unterbrechung der affektiven und somatischen 
Abfuhr (cohabitatio interrupta) bedingt waren, beobachtet zu haben, weigerte 
sich aber, für das restliche Gebiet der Psychoneurosen die psychoanalytische 
Pathogenese und Dynamik anzunehmen. 

Der einzige, der sich zur Verteidigung der Psychoanalyse erhob und 
gleichzeitig als Angeklagter, als Entlastungszeuge und als ihr Anwalt fungierte, 
und allen den hervorragenden Rednern antwortete, war Levi Bianchini. 
Wegen der bedauerlich kurzen Diskussionsdauer, welche die Satzungen der 
Wechselrede über die allgemeinen Themen einräumen (zehn Minuten für jeden 
Redner; tatsächlich wurden Levi Bianchini dank der höflichen Will- 
fährigkeit des Vorsitzenden zwanzig Minuten bewilligt), mußte sich Levi 
Bianchini beschränken, einige Einwände und einige Ausstellungen ganz 
allgemeinen Charakters ge^en die Anklagen, die gegen die Psychoanalyse 
erhoben worden waren, vorzubringen; diese genügten immerhin, die Vorurteile 
und die noch immer in Italien bestehenden Mängel in der richtigen Wertung 
ihrer informatorischen und doktrinären Prinzipien und in der Beurteilung 
ihrer genauen wissenschaftlichen Ausdehnung bis zum heutigen Tage zu 
beweisen. 

Levi Bianchini sagte u. a., daß die Psychoanalyse nunmehr einen 
organischen Körper der dynamischen Psychologie darstelle, welche schon mit 
unverleugbaren praktischen und theoretischen Erfolgen die klassische Psycho- 
logie der bewußten seelischen Vorgänge und die Experimentalpsychologie 
zum großen Teile entthront habe, daß die Resultate, namentlich dieser letzteren, 
sich unendlich geringer denn jede Erwartung erwiesen hätten und daß sowohl 
die eine als auch die andere nicht nur von den psychoanalytischen Schulen, 
aber auch von den Schulen nichtpsychoanalytischer Psychologie und Philosophie 
Italiens und des Auslandes heftig bekämpft würde. 

Die Psychoanalyse stellt, weit davon entfernt nur eine Theorie des 
Traumes, der Sexualität und der Neurosen zu sein, als was sie skizzenhaft in 
Italien gilt, die Wissenschaft der Mechanik der menschlichen Psychismen dar; 
obwohl sie sich in stetiger Entwicklung befindet, weil sie ganz jung ist, hat 
sie schon tiefe und lebensfähige Wurzeln in der ethnologischen Psychologie, 
in der Soziologie, in der Geschichte der Religionen, in der Kunst und im 
Mystizismus, in der Pädologie und in der Pädagogie gefaßt. Infolgedessen 
erhebt sie sich zu einer Wissenschaft des ganzen Lebens; zu einer neuen und 
fruchtbaren Biologie und nicht nur eines Triebes, des Sexuellen (wenn er 
auch von Freud als erster behandelt wurde, weil er der allgemeinste nach 
dem Selbsterhaltungstriebe ist), sondern aller menschlichen Triebe (Grund- 
lagen des Unbewußten, ursprüngliche psychische Realität), von welchen sich 
die Tendenzen, die Gefühle und der Wille, das heißt der ganze Intellekt, die 
Lebensführung und die menschlichen Handlungen entwickeln : endlich zu einer 
tiefen, logischen und biologischen Exegese der menschlichen Intelligenz, die 
als das Kongregat der durch die Grundtendenzen des Somatopsychismus 
bedingten, affektbetonten Vorstellung zu betrachten ist. 

Internat. Zeitschp. f. Psychoanalyse, IX/2. 15 



234 



Zur psychoanalytischen Bewegung 



Levi Bianchini zeigte sich lebhaft überrascht, feststellen zu mässeu, 
daß die Psychoanalyse von der offiziellen italienischen Wissenschaft mit einer 
solchen Entschiedenheit verbannt werde, daß es nicht einmal gestattet sei, 
ihren Namen auszusprechen: aber trotz alledem ist er ihres unvermeidlichen 
Fortschrittes auch in den lateinischen Ländern sicher, was zum Beispiel schon 
in Frankreich der Fall ist. 

Bei diesem Tatbestande glaubt Levi Bianchini, daß eines der allge- 
meinen Themen, über welches am nächsten Kongreß in Triest verhandelt 
werden sollte, folgendes wäre: „Psychoanalyse und Biopathologie 
der menschlichen Psy chismen".'^ 

Im Einklänge dagegen mit Prof. Bianchi ist er der Meinung, daß die 
sexuelle Pathogenese der Kriegsneurosen, trotz der scharfsinnigen Nach- 
forschungen von Mac Curdy,^ von Ferenczi und anderen^ nicht alle 
die Resultate ergeben hat, welche sich die Psychoanalytiker versprochen 
hatten. Dieser Mißerfolg erklärt sich ohne Schwierigkeit durch die Tatsache, 
daß bei den Kriegsneurosen der erste Trieb, der in seiner Mitwirkung zur 
allgemeinen intrapsychischen Dynamik gestört wird, logischerweise der 
Selbsterhaltungstrieb zu sein scheint, welchem sich in gewissen 
Fällen, außerdem sei es der Sexualtrieb, wegen alter assoziativer Ver- 
knüpfungen zwischen Angst, Kastrationskomplex, überdeterminierte Pubertäts- 
komplexe usw., sei es der so vortrefflich in einer genialen Monographie von 
B o V e t* illustrierte Kampftrieb, sei es andere soziale (Rivers) oder indivi- 
duelle Triebe, beigesellen. 

Was einige, im allgemeinen Thema vorgebrachte Ideen anlangt, möchte 
ich ausführlicher folgende Momente, welche ich wegen der Kürze der Zeit im 
Diskussionswege bloß erwähnen konnte, entwickeln. 

Die Behauptung, daß „heute noch das Problem der Psychoneurosen, 
einer provisorischen Gruppe von krankhaften Äußerungen, sich in einem 
Übergangsstadium befinde", scheint mir nicht ganz richtig zu sein, wenn man 
das berücksichtigt, was wir 'schon an Positivem — und das ist nicht wenig 
— wissen und was wir unter zwei enormen und ausgiebig behandelten allge- 
meinen Richtungen zusammenfassen können. Die erste, die wir die franzö- 
sische Richtung nennen könnten, ist die, welche gegenwärtig von Babinski 
repräsentiert wird und den Pythiatismus betrifft, der sich auf dem Wege 
seines endgültigen Unterganges befindet, und die von Jan et, die die Psycho- 
neurosen als Störungen, welche von einer Einengung des Bewußtseinsfeldes 
und von Veränderungen der Affektivität und des Willens entstehen, auffaßt. 
Die zweite, von Freud, seinen Schülern und Anhängern repräsentierte 
Richtung, definiert ursprünglich die Neurose als den Exponenten eines 
dynamischen Konfliktes des Psychismus auf traumatischer Grundlage, ent- 
weder wegen Verdrängung ins Unbewußte von Komplexen (sexuelle oder 
nicht) von hoher energetischer (affektiver) Spannung; oder wegen Reaktivie- 
rung genannter Komplexe durch gelegentliche Ursachen, oder durch 
Regression von Segmenten der psychosexueUen Entwicklung, welche als 
störende Ursachen für die soziale, individuelle und aktuelle psychosexuelle 



' Das Thema wurde, ohne vor dem Kongresse zur Diskussion gebracht worden zu 
sein, von der Kommission abgelehnt. 

' War Nenroses. Cambridge Univ. Press. 1918. 

= Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Intern. Psa. Verlag 1919. 

' L'instinct combatif. Neuchätel 1917. 



Zur psychoanalytischen Bewegung 



235 



• Anpassung wirken. Eine taxinomische Notwendigkeit also, worauf der oben 
zitierte Satz hinzudeuten scheint, ist absolut von nebensächlicher Bedeutung. 
Uns ist wenig daran gelegen, daß eine Neurose beispielsweise Psychasthenie 
nach Janet, rudimentäre Paranoia nach Morselli, Zwangsvor- 
stellung nach Bianchi, Fixierungshysterie nach Freud genannt 
werde, wenn wir von dieser Neurose, sei es mit Hilfe der einen oder der 
anderen Theorie, in der befriedigendsten Weise die syntomatische und haupt- 
sächlich psychopathologische Richtlinie bestimmen können; namentlich wenn 
es der Psychoanalyse, wie im spezifischen Falle der Hysterie, gelungen ist, 
eine mehr als konklusive Klassifizierung zu geben, auf ätiologischer Grund- 
lage der ursprünglichen Komplexe und der Bildung der Symptome (Angst-, 
Konversions-, Fixierungshysterie). 

Andererseits können wir die Äußerung als unzutreffend betrachten, daß 
„die somatischen Begriffe (innere Sekretion, anatomisch ganglionäre Grund- 
lage der Gemütsbewegungen, individuelle Konstitution) einer wissenschaft- 
lichen Logik mehr entsprechen, als der Begriff eines fluktuierenden Affektes, 
wie ihn viele Anhänger der psychoanalytischen Schule als Grundlage jeder 
Neurose setzen', wenn man, sei es an die unbegrenzte Unabhängigkeit der 
Erscheinung „Celebration und Gedanke" denkt, sei es an die sehr präzise 
Definition von „Affekt", welche die psychoanalytische Schule gibt. Ich würde 
dem tiefen Wissen des Referenten unrecht tun, wenn ich es für notwendig 
hielte, daran zu erinnern, daß der Begriff „Affekt" in der Psychoanalyse „die 
Spannung der psychischen Energie" ausdrücken will, die energetische Besetzung 
von Affekt, von Interesse usw., womit notwendigerweise jede Erscheinung des 
Psychismus ausnahmslos ausgestattet ist; Trieb, Tendenz, Gefühl, Gemüts- 
bewegung, Wille, Assoziation. 

Er stellt die „psychische Besetzung" eines psychischen Ereignisses dar 
und substituiert mit einem Ausdrucke, das uns viel präziser erscheint, die 
Ausdrücke „Intensität, Farbe, Wärme, Kraft, Potenz, Präpotenz, Mattigkeit, 
Höhe, Lebhaftigkeit" usw., welche die gewöhnliche psychologische Ausdrucks- 
weise dem Triebe, der Gemütsbewegung, dem Wunsche, der Leidenschaft, dem 
Willen, sogar der Neurose und selbst der Perversion zuschreibt. 

Es scheint mir an der Zeit, mit den scholastischen und rein doktrinären 
Angriffen, denen man die Psychoanalyse in Italien aussetzt, aufzuhören und 
.anzufangen, sie mit Nüchternheit und näher zu studieren, auch für denjenigen, 
der sich dazu entschließen sollte, mit der prioristischen Absicht, ihre Resultate 
zu bekämpfen. Wer in diesem Sinne vorgehen wird, wird sich sehr bald über 
die enormen Probleme, welche die traditionelle Assoziationspsychologie unge- 
löst gelassen hat, Rechenschaft geben und über ihre entschiedene Insuffizienz 
gegenüber der wesentlichen Erkenntnis der psychischen Tatsachen, welche die 
Psychoanalyse darbietet. Die intellektualistische Psychologie — jene, die bis 
heute „bewußt" mit „intellektiv", mit „real" identifiziert und welche den 
Wert und die Bedeutung des „Triebes" nicht erfaßt hat — hat sich darauf 
beschränkt, die Struktur des Intellektes zu zerlegen, welches als ein exquisites 
Charakteristikum beim Menschen gehalten wurde, und hat die Analyse des 
Triebes, die mehr als exquisit tierisches Charakteristikum galt, vernachlässigt; 
und hat infolgedessen dies letztere beim Menschen höchstens als physiologische 
und nicht psychische Erscheinung (D r e v e r)» studiert und dadurch die äußere 



1 Drever, Instinot in man. Cambridge üniversity Press, 1917. 



15* 



236 



Zur psychoanalytischen Bewegung 



und nicht die innere Seite der Psyche erblickt. Was die Intelligenz anlangt, 
hat sie das vollkommen entgegengesetzte Verfahren angewendet, indem sie in 
ihr alles Psychologische und erst später das Physiologische suchte, als die 
Lehren der kortikalen Lokalisationen ihr zu Hilfe kamen, welche heute, mit 
grausamer Ironie, von den Neurologen und selbst Anatomen nach und nach 
ein- und niedergeschlagen werden. 

Und doch ist der gute Weg, was die Triebe anlangt, schon von James,* 
Paulhan,^ Bergson" eingeweiht worden und, was ihr Veränderlichkeit 
anlangt, von R o m a n e s,* was ihre Umgestaltbarkeit anlangt, von T h o rn- 
dike,5 Mac Dougall,^ Larguier deBancels, Dwelshauvers' 
und noch anderen entwickelt worden. Freud hatte vor diesen das unbe- 
strittene Verdienst, den Trieb in den Vordergrund der psychologischen Analyse 
(als ersten unter allen den sexuellen) zu setzen, als Grundbedingung der 
affektiv-intellektiven Struktur des menschlichen Psychismus. Rivers, ein 
Anthropologe, in seiner glücklichen Integration des Freud sehen Blickes, und 
B r u n s,8 ein Neurologe, der gegen den Verdacht zu theoretisieren gut verteidigt 
ist, wiesen die Charakteristika und die Bedingungen der Gemütsbewegung auf, 
einer biologischen Zwischenstufe zwischen Trieb und Intellekt, so daß das 
Freud sehe Postulat, auf dessen enorme Tragweite heute noch nicht hin- 
gewiesen werden kann, ,das intellektuelle Leben stammt vom affektiven Leben 
und beide stellen die phylo-ontogenetische Entwicklung der primitiven und in 
Entwicklung sich befindenden Triebe dar," sich auf den Gipfel der dyna- 
mischen Lehre der Psychismen wie ein unzerbrechliches Schild erhebt. 

„Denn, wenn Freud dem Sexualtrieb eine außergewöhnliche Bedeutung 
in der Genese der Gefühle zuerkennt, so ist es sicher (und Freud verleugnet 
es nicht), daß auch andere Triebe berücksichtigt werden müssen. Wie Pf ister 
treffend bemerkt, ist es ebensowenig am Platze, Freud seine Haltung vorzu- 
werfen, als Christophorus Kolumbus vorzuwerfen, nur Amerika und nicht auch 
Australien und die Pole entdeckt zu haben. Die Stellungnahme Freuds war 
nicht nur die mutigste und daher die dringendste, sondern es ist auch nicht 
schwer, theoretisch die Bedeutung des Sexualtriebes in der Genese unserer 
Gefühle zu beweisen. Wenn wir, was nicht schwer ist, diese drei Sätze unter- 
schreiben : 

1. Die Gefühle stellen eine Entwicklung roher Triebe dar, 

2. die Triebe, welche sich abwickeln, sind vor allem verdrängte Triebe, 

3. der Sexualtrieb ist einer der zwei oder drei mächtigsten Triebe und 
auch einer von jenen, denen das soziale und zivilisierte Leben das größte Maß 
von Verdrängung auferlegt, so werden wir zur Schlußfolgerung kommen, daß 
die Entwicklung des verdrängten Sexualtriebes eine ganz besondere Bedeutung 
in der Genese unserer Gefühle hat (P a u 1 h a n) : und davon unterscheidet 
sich der Grundgedanke Freuds durch nichts oder fast nichts." (B o v e t.) 



'James, The Principles of Psychology. tll. London, 1890. 

' Paulhan, Les transformations sociales des sentiments. Flammarion, 1920, Paris. 
' Bergson, L'energie spirituelle. 1920, Alcan. 
* Romane 8, L'övolution mentale chez les animaux. Paris 1884. 
= T h o r n d i k e, The elements of psychology. New York 1917. 
' Mae Dougall, An introduction to social psychology. London 1908. 
' Dwelshauvers, L'inconscient. Flammarion, Paris 1919. 

' B r u n s. Das Wesen der Neurose. Dozentendissertation, Zürich, 4. November 1922. 
Siehe Intern. Zeitschr. f. Ps. IX, 1. Heft, S. 117. 



Zur psychoanalytischen Bewegung 



Wir können behaupten, daß, wenn die Psychoanalyse bisher vor- 
wiegend der Evolutionismus eines Triebes gewesen ist, sie nun im Begriffe 
ist, durch die Leistungen der Psychoanalytiker selbst ein Evolutionismus der 
Triebe zu werden und daß sie sich damit anschickt, in immer logischerer 
und psychobiologischerer Weise uns das Wesen der Intelligenz, welche sich 
auf die Affektivität gründet, und das Wesen der Affektivität, welche sich auf 
die Triebe gründet, zu erklären. M. Levi-Bianchinl. 

Frankreich. 

Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" erschienen kürzlich 
in französischer Übersetzung von Dr. B. R e v e r c h o n in Verlag der Nouvelle 
Revue fran^aise, Paris. 

Von Dr. Emile Adam (Charenton) erschien : Le Freudisme. Etüde 
historique et critique de m6thodologie psychotherapeutique (Colmar 1923). 

L'Encöphale bringt in den Sitzungsberichten der „Sociötö de 
Psychiatrie" verschiedene Diskussionen über die Fehlleistungen, die Verdrängung, 
die Technik und andere psychoanalytische Themen (Nr. 3, Mars 1923, Nr. 4, 
Avrll etc.). Die monatliche Beilage („L'Informatenr") bringt in Nr. 5 vom 
Mai ein Bild von Professor Freud (nach der bekannten letzten Aufnahme). 

Paul Bourgets letzter Roman ,L a G e o I e" beschäftigt sich mit 
der Psychoanalyse. 

In „Le Figaro" (20. Mai 1923) bespricht der bekannte Belletrist Abel 
H e r m a n t unter dem Titel „L'a mnesie du Dr. Freud" im Leitartikel in 
sympathischer Weise die pädagogischen Winke der Psychoanalyse. 

Schweiz. 

1. Am 8. Jänner 1923 hielt auf Einladung A. F u r r e r in der Zunft zur 
Sehiffleuten (Zürich) einen Vortrag „Über Traumanalyse". 

2. Am 28. Februar 1923 sprach 0. Pfister vor dem Lehrerkapitel in 
Zofingen (Kanton Aargau) über „Wesen und Anwendung der pädagogischen 
Analyse". 

3. Am 15. Februar 1923 hielt H. Z u 1 1 i g e r in Burgdorf (Kanton Bern) 
einen Vortrag über „Psychoanalyse und Schule" vor dem Lehrerverein des 

Amtes Barghof. 

* 

Professor E. Schneider hielt am 9. Jänner 1923 im Ärzteverein Reval (Lett- 
land) einen Vortrag „Zur Psychologie des hysterischen Symptoms" und am 
10. Jänner ebendaselbst einen öffentlichen Vortrag „Zur Psychologie und Päda- 
gogik einiger Kinderfehler". 



In Leipzig hat sich ein kleiner Kreis von psychoanalytisch Inter- 
essierten zusammengefunden. Er besteht aus Frau Dr. med. B e n e d e k, cand. 
med. Voitel, Lehrer Ranft, med.-pract. Vanek und cand. med. WeigeL 
In den wöchentlichen Sitzungen vom Oktober 1922 bis März 1923 wurde 
eine Reihe von Schriften Freuds gemeinsam gelesen und besprochen. Außerdem 
wurde monatlich ein Vortragsabend, auch für Gäste, veranstaltet. Es sprachen: 

16. November: Frau Dr. ßenedek: Einführung in die Psychoanalyse; 

13. Dezember: Frau Dr. Benedek: Beispiele von Fehlleistungen und 
Träumen; 



238 



Zur psychoanalytischen Bewegung 



17. Jänner: Herr cand. med. Voitel: Referat über Freud: „Eine Schwie- 
rigkeit der Psychoanalyse." 

9. Februar; Herr Lehrer Ranft: Traum und Traumdeutung. 

Lehrer Ranft hielt außerdem einen Kurs für Lehrer zur Einführung in 
das Gebiet der Psychoanalyse (zirka 40 Teilnehmer). 

Für die Aufnahme in den Kreis der Mitglieder wird die eigene Analyse 
des Kanditaten zur Bedingung gemacht. 

Organisation und Arbeitsplan dieser kleinen Vereinigung können als 
mustergültig für die Bildung neuer Gruppen gelten. 

Kasaner Psychoanalytische Vereinigung. 

(Sitzungsbericht.) 
Im Frühjahr 1923 wurden in der Kasaner Psychoanalytischen Vereini- 
gung folgende Sitzungen abgehalten: 

10. Sitzung: den 5. März 1923. 

1. M. W. Netschkina; Über G. Meyrink's „Golem". 

In diesem interessanten Buche sehen wir viele psychoanalytische 
Mechanismen dargestellt, die die Psychoanalyse entdeckt hat: Ödipuskomplex, 
Symbolik, Identifikation usw. 

2. A. R. Luria: Die Psychoanalyse im Lichte der Ten- 
denzen der neueren Psychologie.i 

In der neuen psychologischen Literatur entdecken wir eine Reihe 
Tendenzen, die ganz nahe zu der Psychoanalyse führen. Es sind die Tendenzen 
der sogenannten funktionellen Psychologie, des „behavierism", des englischen 
„Neo-Freudism", der russischen Reflexologie usw. Alle diese Richtungen haben 
mit dem Individuum als Ganzen zu tun und beschäftigen sich mit den 
Trieben und den Reflexen der Person. Die Psychoanalyse gibt hier neue 
Methoden und neue Wege. Der Vortrag stellt im weiteren eine Übersicht der 
neuen psychoanalytischen Literatur im Gebiete der Individual- und Massen- 
psychologie, der psychoanalytischen Charakterologie usw. dar. 

An der Diskussion: Dr. Friedmann, Dr. Lawrentiew, M. W. 
Netschkina. 

11. Sitzung: den 18. März 1923. 

1. A.R. Luria: Die Analyse der Vor schlaf Phantasien. 
Die Vorschlafphantasien haben eine Reihe Vorteile vergleichlich mit 

den Träumeanalysen. Sie geben uns ein Beispiel der automatisch-unbewußt 
funktionierenden Psychik, doch sind sie ganz der Selbstanalyse zugänglich. 

2. Dr. B. D. Friedmann: Die Psychoanalyse einer Hallu- 
zination. Ein Knabe von 15 Jahren hat eine Reihe Halluzinationssymptome, 
die der Vortragende mit der psychoanalytischen Methode zu deuten pflegte. 
Die Symptome wurden von ihm als ein Resultat der libidinösen Schwester- 
Fixierung erkannt und als Reste der infantilen Fixation gedeutet. Die Therapie 
bestand in einigen Sexualerklärungen und die Halluzinationssymptome ver- 
schwanden nach der Therapie beinahe ohne Spuren. 

An der Diskussion: Dr. R. A. Averbuch, A. R. Luria. 

12. Sitzung: den 22. April 1923. 

13. Sitzung: den 29. April 1923. 



1 Der Vortrag wurde im Verlage der Kasaner Psa. Vereinigung herausgegeben. 
(Kasan, 1923, S. 50.) 



Zur psychoanalytischen Bewegung 



239 



Dr. B. D. Friedmann: Über Freuds Neurosenlehre. 

Der Vortrag stellt ein Referat über den II. Band der Freudschen ,Vor- 
lesungen" dar und der Vortragende macht nur einige Ergänzungen dazu. 

An der Diskussion: Dr. R. A. Averbuch, R. J. Averbueh, Dr. M. 
Rachlin, Dr. E. Penkovskaja, A. R. Luria. 

14. Sitzung: den 6. Mai 1923. 

Dr. B. D. Friedmann: Über psychoanalytische Therapie. 

Die psychoanalytische Therapie hat mit der Konstitution des Patienten 
sowie auch mit einem psychischen Konflikt zu tun. Sie ist immer eine 
kausale Therapie. Freud stellt uns den Mechanismus der Übertragung als 
einen der wichtigsten Mechanismen, an denen sich die Therapie begründet, 
dar. In der psychoanalytischen Therapie findet auch die Suggestion statt; sie 
hilft uns in der Erziehung des Kranken, nachdem die Analyse uns die 
unbewußten Komplexe und Fixationen gezeigt hat. 

15. Sitzung: den 31. Mai 1923. 

Dr. R. A. Averbuch: Die psychosexuelle Theorie von 
W. R o s a n o w.i 

W. W. Rosanow (gestorben 1921) war ein bekannter russischer Schrift- 
steller und Philosoph. Seine philosophischen Studien stehen den Freudschen 
Theorien sehr nahe. Ganz außerordentlich interessant sind seine Schriften 
über die Religion und das Sexualproblem. Nach Rosanow ist die Religion nur 
eines der Entwicklungsmomente der Sexualität; jede Religion ist voll von 
Libidof ixierungen und Sexualsymbolik. In seinen Schriften entdeckte Rosanow 
auch die Inzestmotive der Libido, die Motive, der Objektwahl (Vater- und 
Matterkomplex) usw. Die psychosexuelle Konstitution Rosanows ist für die 
Psychoanalyse von einem außerordentlichen Interesse. 

An der Diskussion: Dr. M. Gurowskaja, Dr. B. Lawrentiew, 
A. R. Luria. 

Geschäftliches. 

1. In der letzten Sitzung der Vereinigung wurde als Mitglied neu gewählt: 
Dr. E. M. Penkowskaja, Assistenzarzt an dem Klinischen Institut, Kasan. 

2. Am 1. Juni erschien die erste Lieferung der Arbeiten der Kasaner 
Psychoanalytischen Vereinigung : AI. Luria: „Die Psychoanalyse im 
Lichte der Tendenzen der neueren Psychologie", Kasan, 
1923, 50 Seiten (russisch). 

Zum Druck vorbereitet ist die russische (autorisierte) Auflage S. Freuds: 
„Massenpsychologie und Ich-Analyse" (übersetzt von Dr. R. 

A. Averbuch). AI. Luria, Schriftführer. 

* 

Von der spanischen Gesamtausgabe der Werke Prof. Freuds ist 
soeben der III. Band, enthaltend: „Der Witz und seine Beziehung zum Unbe- 
wußten" und „Der Wahn und die Träume in W. Jenses ,Gradiva'", erschienen. 
(Der IV. Band: „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" befindet 
sich im Druck.) 

In Odessa haben sich einige psychoanalytisch interessierte Ärzte unter 
der Leitung von Dr. Dro'snes zu einer Vereinigung zusammengefunden. 

Im Ungarischen erschien Freuds „Psychopathologie des Alltags- 
lebens" übersetzt von Frau Dr. Marie Takäcs (Weltliteratur -Verlag, 
Budapest, 1923). 

' Der ausführliche Bericht siehe die Stenogramme. 



Korrespondenzblatt 

der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

Redigiert von Dr. K. Abraham, Zentralsekretär. 



Borliner Psychoanafytische Vereinigung. 

5. Dezember 1922. Fräulein A. S c h o 1 1 (als Gast) : Eine Einderanalyse. 

12. Dezember. Kleine Mitteilungen: 

Dr. Alexander: Zur Genese des Kastrationskomplexes. 

Löwenstein: Beiträge dazu. 

Frau Dr. H a p p e 1 : Onanieersatzbildungen (Zuckungen). (Wird publiziert.) 

19. Dezember. Dr. 0. Fenichel: Gegen die Versuche, Resultate 
der Psychoanalyse für die Metaphysik auszunützen. (Wird publiziert.) 

9; J ä n n e r 1923. Frau Dr. B ä li n t : Psychoanalyse der religiösen Bilder- 
schriften der Mexikaner. (Wird in „Imago" veröffentlicht.) 

Dr. Hans Sachs: Über Perversion und Neurose. (Wird in der „Zeit- 
schrift" veröffentlicht.) 

27. Jänner. Kleine Mitteilungen: 

Dr. Foerster (Hamburg) : Aus der Analyse einer Sprechhemmung. 

Dr. Lampl: Über eine Vaterleibsphantasie. 

30. Jänner. OrdentlicheGeneralversammlung. 

Der Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden wird genehmigt. 

Auf Antrag von Boehm wird prinzipiell eine regelmäßige Selbst- 
besteuerung der Mitglieder zur Bildung eines Ausbaufonds für die Poliklinik 
beschlossen. Eine Kommission von sechs Mitgliedern soll die näheren Bestim- 
mungen ausarbeiten. 

Zu den bisherigen Vorstandsmitgliedern Abraham (Vorsitzender) und 
Eitingon (Schriftführer) wird Boehm als Kassenwart hinzugewählt. 

6. Februar. Cand. med. Rohr (als Gast): Übereinstimmungen 
zwischen den Ergebnissen der Psychoanalyse und der chinesischen Sprache 
und Schrift. 

Im Vortrag wurde darauf hingewiesen, daß analog dem in den flektierenden 
Sprachen wirksamen Prinzip der Entstehung und Änderung der Sprache dieses 
in der chinesischen Sprache und Schrift gleichfalls in ausgedehntestem 
Umfange, wenn nicht sogar ausschließlich wirksam ist, im Unterschied zu den 
flektierenden Sprachen aber der Ort der Verdrängung ein anderer ist. Als 
Folge dieser stattgehabten, beziehungsweise stattfindenden Verdrängung trat 
die chinesische Lautarmut ein, im Gegensatz zur Schrift, wo die Ursprung- 



Korrespoudenzblatt der laternationalen Psychoanalytischen Vereinigung 241 



liehen Beziehungen fast unverändert erhalten geblieben sind. An einzelnen 
Beispielen aus den verschiedensten Wortgruppen wurde eine nähere Erläuterung 
gegeben. Aus der Arbeit ergab sich ferner, daß zur Darstellung des Konkreten 
überhaupt, des Realen, ein Inzestsymbol genommen werden mußte. Außer 
den gleichsam bekannten symbolischen Darstellungen wurde gezeigt, daß selbst 
so komplizierte Mechanismen wie die Verlegung von unten nach oben, der 
Inhalt des weiblichen Ödipus- und Kastrationskomplexes und das Wesen des 
Narzißmus gleichsam in einer graphischen Manifestation dargestellt sind. Nur 
angedeutet wurde, daß zwischen der Darstellung der logischen Beziehung im 
Traum und der chinesischen Grammatik sehr weitgehende Übereinstimmungen 
bestehen. (Autoreferat.) 

13. Februar. Kleine Mitteilungen: 

Dr. Schultz-Hencke: Zur Psychoanalyse des Errötens. 

Dr. Boehm: Kasuistischer Beitrag zur Ätiologie der Homosexualität. 

Dr. Bälint: Über eine Mischung von Konversionssymptom und perverser 
Handlung. 

Frau Klein: Aus einer Kinderanalyse. 

Dr. V a r e n d o n c k (als Gast) : Zur Ätiologie des Erbrechens. 

Dr. Alexander: Eine Kleinkinderbeobachtung. 

Kurze kasuistische Beiträge wurden ferner gegeben von Frau Dr. Happel, 
Dr. G r ß, Dr. F e n i c h e 1, Frau Klein. 

20. Februar. Außerordentliche Generalversammlung. 

1. Die Erhebung eines Mitgliedsbeitrages zum Ausbau der Poliklinik als 
Behandlungs- und Unterrichtsinstitut (Antrag Boehm) wird nach Vorschlägen 
der Kommission in folgender Weise beschlossen : 

.Die Berliner Psychoanalytische Vereinigung unterhält einen Fonds zum 
Ausbau therapeutischer und Unterrichtstätigkeit ihres poliklinischen Instituts. 

Zugunsten dieses Fonds erhält sie monatliche Beiträge. Die Höhe der- 
selben wird prinzipiell auf vier Prozent des Bruttoeinkommens aus analytischer 
Tätigkeit festgesetzt, entsprechend einer Tageseinnahme im Monat, doch bleibt 
es dem einzelnen überlassen, mit Rücksicht auf die Erhöhung seiner Betriebs- 
kosten, die augenblickliche Geringfügigkeit seines Einkommens und die 
Anzahl der von ihm zu unterhaltenden Personen und dergleichen einen 
geringeren Beitrag auf die Dauer dieser Umstände zu leisten. 

Zur Zahlung sollen herangezogen werden sämtliche Mitglieder der Ver- 
einigung sowie die Gäste derselben, soweit sie analytische Praxis betreiben. 
Für die auswärtigen Mitglieder gilt dasselbe Prinzip unter Zugrundelegung 
des halben Satzes. Die Zahlungen erfolgen in der zweiten Vereinssitzung eines 
jeden Monates, und zwar in der Weise, die das Geheimnis über die Höhe des 
einzelnen Beitrages durchaus wahrt. 

Verwaltet wird der Fonds durch ein Kuratorium, bestehend aus drei 
Mitgliedern, unter Hinzuziehung des Vorsitzenden der Vereinigung. Das Kura- 
torium hat in der jährlichen Generalversammlung Bericht zu erstatten, zum 
erstenmal am Schluß des Sommersemesters 1923. 

Auswärtige Mitglieder übersenden ihren Beitrag dem Kassenwart; es 
bleibt ihnen überlassen, denselben in vierteljährigen Raten zu senden." 

2. Veränderungen im Mitgliederbestand: 

Dr. Nachmansohn (Göttingen) und Dr. G e r s t e i n (Hamburg) 
werden auf ihren Wunsch aus der Mitgliederliste gestrichen. 



242 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Frau Melanie Klein, bisher außerordentliches Mitglied, wird zum 
ordentlichen Mitglied gewählt. 

Neu aufgenommen als außerordentliches Mitglied Fräulein Ada Schott. 

3. Auf Antrag von S i m m e 1 wird ein Ausschuß von sechs Mitgliedern 
gewählt, um einen Unterrichtsplan für werdende Analytiker auszuarbeiten und 
dauernd über Zulassungsgesuche zur Ausbildung zu entscheiden. 

4. Die Statuten werden in dem Sinne geändert, daß zur Aufnahme von 
Mitgliedern nicht mehr Stimmeneinheit, sondern Zweidrittelmajorität erfor- 
derlich ist. 

5. März. Kleine Mitteilungen: 

Dr. Eitingon: Bericht über den Stand der psychoanalytischen Bewegung 
in Frankreich. 

Dr. Groß: Zur Psychoanalyse des Geheimnisses. 

Als außerordentliches Mitglied wird cand. med. Rohr aufgenommen. 

13. März. Fortsetzung der Debatte über die Mitteilungen von Dr. Groß. 

Dr. S i m m e 1 : Über eine Verschiebung der Sexualwiderstände auf das 
intellektuelle Gebiet. 

Dr. Abraham: a) Kasträtionsphantasien bei zv/ei kleinen Knaben ; 
b) Der Kastrationskomplex in der Analyse eines Bisexuellen. 

Frau Dr. Müller: Eine Fehlhandlung. 

27. März. Dr. Abraham: Anfänge und Entwicklung der Objektliebe. 
(Wird publiziert.) 

Im I. Quartal wurden die in Heft 4, VIII, der „Zeitschrift" angekündigten 
Unterrichtskurse abgehalten. Sie erfreuten sich eines steigenden Interesses, 
besonders in den Kreisen jüngerer Psychiater. 

Am 3. März hielt Dr. Abraham auf Veranlassung des Orientalischen 
Seminars der Universität Hamburg dort einen Vortrag über „Die Wiederkehr 
primitiver religiöser Vorstellungen im Phanlasieleben des Kindes". 



Mitglieder Verzeichnis, 
a) Ordentliche Mitglieder : 

1. Dr. Karl Abraham (Vorsitzender), Berlin-Grunewald, Bismarck- Allee 14. 

2. Dr. Franz Alexander, Berlin-Friedenau, Hauptstraße 72. 

3. Dr. Felix ß o e h m (Kassenwart), Berlin W. 50, Rankestraße 20. 

4. Dr. Max Eitingon (Schriftführer), Berlin W. 10, Rauchstraße 4. 

5. Dr. Rudolf Foerster, Hamburg, Parkallee 42. 

6. Dr. Georg Groddeck, Baden-Baden, Werderstraße 14. 

7. Frau Dr. H a p p e 1, Frankfurt a. M., Bethmannstraße 44. 

8. Dr. Jenö H a r n i k, Berlin- Wilmersdorf, Ludwigkirchplatz 12. 

9. Frau Dr. Karen Horney, Berlin-Zehlendorf-Mitte, Sophie-Charlotten- 
straße 15. 

10. Frau Melanie Klein, Berlin-Dahlem, Auf dem Grat 19. 

11. Dr. Heinrich Koerber, Berlin W, 15, Meinekestraße 7. 

12. Dr. Hans Liebermann, Berlin- Wilmersdorf, Trautenaustraße 18. 

13. Frau Dr. Josine Müller, Berlin-Schmargendorf, Helgolandstraße 1. 

14. Dr. Carl Müller, Berlin-Schmargendorf, Helgolandstraße 1. 

15. Dr, Hanns Sachs, Berlin-Charlottenburg, Mommsenstraße 7. 

16. Dr. Emil Simons on, Berlin-Halensee, Georg- Wilhelmstraße 2. 

17. Dr. Ernst Simmel, Berlin W. 15, Emserstraße 21. 

18. Fräulein Dr. Anna Smeliansky, Berlin W. 35, Potsdamerstraße 29. 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 243 

19. Frau Dr. Margarete Stegmann, Dresden A., Sidonienstraße 18. 

20. Dr. Ulrich Vollrath, Stadtarzt, Fürstenwalde a. Spree. 

21. Dr. Georg Wanke, Friedrichroda in Thüringen, Gartenstraße 14. 

22. Dr. W. Wittenberg, München, Elisabethstraße 17. 

b) Außerordentliche Mitglieder: 

23. Cand. med. Wilhelm Rohr, Berlin N., Lottumslraße 18. 

24. Cand. med. Walter Schmideberg, Berlin W., Rauchstraße 4. 

25. Fräulein Ada Schott, Berlin-Wilmersdorf, Fasanenstraße 43. 

c) Ehrenmitglieder: 
Dr. Alexander Ferenczi, Budapest. 



British Psycho-Anaiytical Society. 

Seit dem letzten Bericht haben zwei Sitzungen für ordentliche Mitglieder 
und fünf Sitzungen für ordentliche und außerordentliche Mitglieder stattgefunden. 

In der Sitzung für ordentliche Mitglieder am 17. Jänner 1923 wurde 
Miß Mary Chadwick, 6 Guilford Place, London, W. C. 1, zum außer- 
ordentlichen Mitglied erwählt. 

In einer am 6. Dezember 1922 abgehaltenen Sitzung gab Dr. A. C. W i 1 s o n 
einen Auszug aus Ferenczis Arbeit über den „Symbolismus der Brücke" und 
las darauf Notizen vor, die sich auf einen von ihm analysierten Fall bezogen 
und Ferenczis Ansichten unterstützten. 

In einer am 3. Jänner 1923 abgehaltenen Sitzung brachte Dr. Douglas 
Bryan einige Bemerkungen über »Sadismus und Masochismus". Er meinte, 
daß die Ausdrücke Sadismus und Masochismus und sadistische und maso- 
chistische Triebregucgen auf solche Fälle beschränkt werden sollten, in denen 
das sexuellbetonte Zufügen und Erdulden von Schmerzen ein wesentlicher 
Faktor sei. Er wies darauf hin, daß der Masochismus der primäre Zustand 
zu sein scheine, der beim kleinen Kinde durch Leibschmerzen hervorgerufen 
und mit Lustgefühlen bei der Defäkation verbunden sei. Das Lustgefühl, das 
daraus entspringt, wenn man anderen Schmerzen zufügt, wäre dem Lustgefühl, 
selbst Schmerzen zu erleiden, untergeordnet. 

Eine Diskussion folgte. 

Am 17. Jänner 1923 gab Dr. Mary Barkas einen Auszug aus Feld- 
manns Artikel über „Erkrankungsanlässe bei den Psychosen". 

Diesem Auszug aus Feldmanns Arbeit, die drei Fälle von Psychosen 
behandelt, welche sich auf Basis organischer Verletzung oder Erkrankung 
entwickelt hatten und in statu nascendi beobachtet worden waren, folgte eine 
Diskussion über drei aus dem Vortrag sich ergebende Punkte, nämlich die 
Frage nach den Faktoren, welche die prädisponierende und determinierende 
Ursache der Psychosen sind, die Frage nach der Beziehung zwischen Neurosen 
und Psychosen und das Problem der Psychosenbehandlung in bezug auf 
psychoanalytische Technik. Dr. Herford wies auf die Arbeit von Ferenczi 
und Hollös über allgemeine Paralyse hin, Dr. Ernest Jones sprach über 
die Arbeit von Hoch über beschleunigende Ursachen geistiger Erkrankung, 
Dr. G 1 o V e r über die Schwierigkeiten bei der Handhabung der Übertragung 
in psychotischen Fällen, und Dr. E. J o n e s wies speziell darauf hin, wie 
sorgfältig Fälle behandelt werden müßten, in denen neurotische Symptome 
den Patienten vor der Entwicklung einer Psychose zu sichern schienen. 



244 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



Am 7. Februar 1923 brachte Mr. J. C. Flügel einen Auszug aus 
Alexanders Artikel: »Metapsychologische Betrachtungen". 

Am Schlüsse seines Referates lenkte Mr. Flügel die Aufmerksamkeit auf 
gewisse Ähnlichkeiten im Gedankengange Freuds und Alexanders und dem 
Herbert Spencers, welcher das Leben als ein Streben nach Herstellung eines 
Gleichgewichtes zwischen inneren und äußeren Kräften (Organismus und 
Umgebung) betrachtete, zunächst ein „relativ bewegliches Gleichgewicht", 
sodann ,das vollkommene Gleichgewicht des Todes". 

Die hauptsächlichste Erörterung innerhalb der Diskussion bildete die Frage, 
inwieweit das Bewußtsein rechtmäßig als rein hemmende Funktion betrachtet 
werden könne, wie weit dies mit der Existenz der Reaktionsbildungen in 
Übereinstimmung zu bringen sei, usw. 

Am 21. Februar 1923 hielt Dr. E. G 1 o v e r ein Referat über verschiedene 
Artikel über „Aktive Therapie". 

Allgemeine Hinweise auf „aktive" Methoden in der Technik wurden 
gebracht, gefolgt von einem Auszug aus Ferenczis Arbeiten auf diesem Gebiet, 
besonders aus den beiden Artikeln „Technische Schwierigkeiten" und „Weiterer 
Ausbau". Die Methode Ferenczis wurde dann vom Standpunkte der Übertragungs- 
dynamik betrachtet, die Wiederholungsfunktion vom theoretischen Standpunkt. 
Es wurde darauf hingewiesen, daß autoerotische Wiederholungen weniger 
brauchbar für die gewöhnliche Übertragung der Imagobindung seien und ihren 
Ausdruck in des Patienten eigener Anpassungsfähigkeit an das analytische 
Material fänden. Ferner, daß sie aus diesem Grunde der „aktiven" Technik 
weniger zugänglich wären. Die Ich-Faktoren bei der Erkrankung wurden 
betrachtet und gewisse Kontraindikationen der „aktiven" Technik erwähnt. 
Andere Modifikationen der passiven Technik, die auf dem Studium der Wider- 
stände beruhten, wurden betrachtet und auf die Arbeiten von Reik, Abraham 
und Reich in bezug auf diese Punkte eingegangen. Die Manifestationen der 
unbewußten Aktivität während der Analysenstunde wurden klassifiziert und 
besondere Betonung auf die autoerotischen Betätigungen und die neurotischen 
Charakterzüge gelegt. Gewisse vorbereitende Schritte vor der Anwendung der 
aktiven Methode wurden erwähnt und die Forderung der aktiven Therapie 
in Bezug auf den Analytiker erwogen, besonders wurde betont, daß eine Gefahr 
der „Aktivität" darin bestünde, daß die unbewußten aggressiven Triebkom- 
ponenten des Analytikers durch sie angeregt würden, dem Patienten „Unlust" 
zu bereiten. Umgekehrt wäre die Erregung von „Unlust" dazu berechnet, in 
dem Patienten vorhandene masochistische Tendenzen zu erwecken. 

Die Diskussion über dieses Thema wurde bis zur nächsten Sitzung 
verschoben. Douglas Bryan, 

Hon. Secretary. 

7. März 1923. Dr. R. M. Rigall : Tausks Kritik zu Abrahams Aufsatz über 
Ejaculatio praecox. — Nach kurzer Zusammenfassung der Arbeit Abrahams 
besprach Referent Tausks Kritik und hob den Einwand Tausks gegen die von 
Abraham angenommene Bedeutung der Urethralerotik für die Entstehung der 
Ejaculatio praecox hervor. 

T a u s k meint, wenn die weibliche Frigidität der Ejaculatio praecox des 
Mannes entspreche, so müsse auch sie sich auf urethrale Quellen zurückführen 
lassen. Abraham habe in der Verschiebung der Libido zu der dem anderen 
Geschlecht entsprechenden erogenen Zone das homosexuelle Element über- 
sehen. T a u s k zeigt an zwei Krankengeschichten die Bedeutung der Phantasie, 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 245 

der verdrängten Homosexualität, Pollutionen und Masturbation. Die Ejaculatio 
praecox sei der Abschluß eines phantastischen Vorganges und ein Zeichen 
dafür, daß der Patient sich der realen Sexualforderung nicht anpassen könne. 
Die Ejaculatio praecox ereigne sich nur beim ersten Koitus, nicht bei wieder- 
holtem Versuch. Die Patienten mit Ejaculatio praecox seien ungeduldig, so daß 
die Ejakulation sich überstürze, wie im Pollutionstraum. Die Mehrheit der 
Fälle leite sich weniger aus urethralerotischer Quelle her als von mastur- 
batorischen Phantasien. Es handelt sich um Patienten mit starker Homosexualität; 
sie zeigen die von Abraham geschilderten Symptome narzißtisch-homosexuellen 
Ursprungs. Die Ejaculatio praecox hört auf, wenn der Patient das Phantasieren 
aufgibt; sie gehört zu den Folgen der Masturbation. 

Dr. Rigall bemerkt, daß seine Fälle alle mit der Anschauung Abrahams 
vom urethralen Ursprung übereinstimmten. Tausks Beobachtungen sind mehr 
eine Erweiterung als eine Widerlegung der von Abraham gegebenen Ansichten. 
Er hat gefunden, daß die Patienten oft die Angst aufsuchen, um die Ejaculation 
hervorzurufen und führt einschlägige Fälle an. Der Patient benützt seine Angst, 
um infantile Lust zu wiederholen. — Dr. Rigall hat bei Kriegsneurosen Ejaculatio 
praecox ohne Angst gefunden; volle Impotenz war bei den Patienten häufig. 
Endlich wies Rigall auf die Todessymbolik des Koitus hin. 

, Adressenänderungen: 
Dr. A. C. W i 1 s o n, 27, Nottingham Place, Baker Street, London W. 1. 
Dr. L. Z a r c h i, 141, Stamford Hill, London N. 16. 



Betätigung der Mitglieder (Vorlesungen, Schriften usw.) 

seit August 1922. 

Dr. E. M. C 1 e (London). Vorlesung (Föderation of Registered 
Medieal Women), 16. Jänner 1923. 

Dr. Sidney Herbert (Manchester). 1. Über Hypnose und Psycho- 
analyse. Manchester French Hospital. — 2. Artikel über „Die psychogenetische 
Wurzel der Enuresis". Psycho-Analytical Review, Vol. IX. Nr. 3. 

Dr. Ernest Jones (London). Vorlesung über „medizinische Psycho- 
logie". (University of Wales Medieal School Cardiff), 24. November 1922. — 
Vorlesung über „Narzißmus" (Hereties Society, Cambridge),- 26. November 1922. 
— Vorlesung über „Psychoanalyse" (Croydon Division of the British Medieal 
Society), 23. Jänner 1923. 

Miß Barbara Low (London). 1. Vorlesung Civic Education 
League (Sociological Society) und Artikel (erweiterter Vortrag) im Socio- 
logical Review, September 1922. — 2. Artikel über den VII. Internationalen 
Psychoanalytischen Kongreß in Berlin (September 1922) in „The Observer", 
8. Oktober 1922. 

Dr. M e n o n (Bradford). Vorlesungen über Psychoanalyse. 1. Halifax 
Theosophical Society (September 1922). — 2. Bradford Moravian Institute 
(Oktober 1922). 

Miß Ella S h a r p e (London). Vorlesung (Education Lection of 
the British Psychological Society) über „das übersensitive Kind in der Schule". 
Eine' psychoanalytische Studie, 13. Februar 1923. — Vorlesung über 
„Psychoanalyse* (Nottingham Education Society), Februar 1923. 



246 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Indian Psychc-Analytical Society. 

Jahresbericht 1922. 

Zu dem in Nr. 4 des vorigen Jahrganges der „Zeitschrift* veröffentlichten 
Bericht über die Gründung ist folgendes hinzuzufügen: 

Während des Berichtsjahres wurden sechs neue Mitglieder aufgenommen. 
Die Gesellschaft hielt fünf Sitzungen, in welchen folgende Vorträge gehalten 
und diskutiert wurden: 

1. Dr. Böse: Über die Zuverlässigkeit psychoanalytischer Ergebnisse. 

2. Mr. M a i t i : Einige Schwierigkeiten der Psychoanalyse. 

3. Dr. Sarker: „Maner Sanga Inapakata' in Bengali. 

4. Dr. Sarker: Rabindranaths Poesie. 



Mitgliederliste. 

1. Dr. G. Böse, D. Sc, M. B. (Präsident), Lecturer in Psychoanalysis, C. U. 
14, Parsibagan Lane, Calcutta. 

2. Dr. N. N. Sen G u p t a, M. A., Ph. D., Lecturer-in-charge, Experimental 
Psychology and Lecturer in Philosophy, C. U. 11, Ghose Lane, Calcutta. 

3. Mr. G. Bora, B. A. Secretary, Jute Baiers Association. 7/2, Halliday St., 
Calcutta. 

4. Mr. M. N. B a n e r j e e, M. Sc. (Secretary), Lecturer in Physiological 
Psychology and Physiölogy, C. ü. 30, Tarak Chaterji Lane, Calcutta. 

5. Mr. H. Maiti, M. A. Lecturer in Child Psychology, Educational Psychology 
and Philosophy, C. U. 8, Halsibagan Lane, Calcutta. 

6. Mr. Suhrit C. M i 1 1 r a, M.. A. Lecturer in Animal Psychology. C. U. 16, 
Bhabanath Sen St., Calcutta. 

7. Mr. Gopeswar Pal, M. Sc. Lecturer in Experimental Psychology, C. U. 
7/1, Parsibagan Lane, Calcutta. 

8. Capt. S. K. R o y, M. B., L M. S, 2, Amherst Street, Calcutta. 

9. Capt. N. C. M i 1 1 e r, M. B., I. M. S. 46, Raja Dinendra St., Calcutta. 

10. Prof. Haridas Bha 1 1 achar j ee, M. A., P. R. S. Reader in Philosophy 
and Experimental Psychology, Dacca University. The Chummery, Ramna 
P. O., Dacca. 

11. Prof. Rangin Chander Hai der, M. A. Professor of Psychology. B. N. 
College Patna. 

12. Dr. Sarasilal Sarkar, M. A., M. B. Civil Surgeon, Malda, 

13. Capt. J. R. Dhar, I. M. S. 6, George Town, AUahabäd. 

14. Major Owen B er keley- H ill, L M. S. Superintendent, European Mental 
Hospital, Ranchi. European Mental Hospital, Kanke P. O., Ranchi, B. N. R. 

15. Major R. C. McWatters, L M. S. Saharanpur. 

M. N. B a n e r j e e, Sekretär. 

Magyarorszägi Pszichoanaiitikai EgyesUlet. 
(Freud-Tärsasäg.) 

Erste Sitzung am 6. Jänner. 

Dr. Sändor Ferenczi: „Mitteilungen aus der Praxis". 

1. Über das Verhältnis der Onanie zu den Pollutionen. 
Mitteilung eines Traumes, aus dessen Analyse deutlich hervorgeht, daß die 
Pollution ein bei Tag beabsichtigter, aber unterlassener und auf die Schlafens- 
zeit verschobener Onanie-Akt ist, deren „Schuldlosigkeit" durch den Ausfall 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 247 



der motorischen Aktionen (Berührung) gewährleistet wird. Zwischen Onanie 
und Pollution gibt es unzählige Übergänge und Mischformen. 

2. Fehlhandlung und Traum. Eine Patientin zahlte irrtümlich 
um 10.000 Kronen mehr Honorar, als sie zu zahlen hatte; das Geld wurde ihr 
zurückgegeben. Aus dem Traume der darauffolgenden Nacht (die 10.000 Kronen- 
nole war in ihrem Rediküle, mit einer Schürze zugedeckt) ging hervor, daß 
dieses Geld ein dem Arzte unbewußt zugedachtes (erotisches) Geschenk war. 

3. Therapeutische Versuche bei Paranoia. Anknüpfend 
an Freuds Feststellung, daß der Paranoiker eigentlich immer Recht hat und 
nur bezüglich der ünbewußtheit der feindlichen Absichten im Irrtum ist, 
wurde versucht, jede einzelne Behauptung eines Paranoikers in diesem 
Sinne zu akzeptieren. Es gelang so, das Vertrauen der Patienten zu 
gewinnen, und (einstweilen) eine Art Übertragung zu schaffen. Der Patient 
korrigiert bereits auch selber einige der auftauchenden Wahnideen. 

4. Bewußte Absicht, respektive bewußte Simulation, 
die späterals unbeabsichtigt.e Symptome wiederkehren, 
wurde bei einer Hysterika und einer Zwangsneurotischen beobachtet. Das in 
der Kindheit vorgeschützte Magenübel kehrte als hysterisches Symptom 
wieder; die Zwangsneurotische akzeptierte sogar die Zwangsidee von einer 
fremden Person, die ihr riet, sie möge lieber — statt sich vor dem Tode 
zu ängstigen — an etwas Wissenschaftliches denken, zum Beispiel daran, 
woher die Worte stammen. Die Folge war die Umwandlung der Angst in 
philosophische Grübelsucht. 

5. Traumdarstellung der „Einseitigkeit." Eine hyper- 
idealistische, stark snobistische Patientin träumte von einer Frau, die auf 
der linken Seite der Straße ging, ein Buch von Rabindranat Tagore lesend; 
die Straße war wunderschön, die Kastanienbäume blühten, von der anderen 
Seite der Straße sah sie nichts. Wahrscheinlich stellte dieser Traum ihre 
Einseitigkeit, ihre Abwendung von der unschönen Seite des Lebens dar. 

6. Verwendung der beiden Körperhälften zur Dar- 
stellung des Geschlechtsverkehrs zwischen Mann und 
Frau im Traum. Ein Mann träumt von erotischen Szenen, erwacht aus 
dem Traum und findet seine linke Hand fest in die rechte Achselhöhle 
eingeklemmt (eine ihm ganz ungewohnte Schlafstellung). Erwähnung anderer 
Fälle, in denen die Gliedmaßen, respektive Körperhälften, Personifikationen 
anderer Individuen entsprachen. "" 

An der D i s k u s s i o n beteiligten" sich : Hollös, Röheim, Eisler, 
L 6 V y, P f e i f e r. 

Zweite Sitzung am 20. Jänner. 
Dr. Geza Röheim: „Die Psychoneurosen in der Urhorde." 
Unter besonderer Hervorhebung der Entsprechungen zwischen einzelnen 
Erscheinungen der primitiven Kultur und der Hauptformen der Psycho- 
neurosen, gibt Röheim einen kurzgefaßten Auszug seiner Berliner Vorträge. 
Er glaubt, in den Mechanismen der Psychoneurosen die Erlebnisspuren der 
ürhordensituation aufzeigen zu können. 

Dritte Sitzung am 10. Februar. 

Frau Dr. Marie Takäcs: „Johann Arany". (Zur Psychoanalyse des 
Lebens und der Dichtungen des größten ungarischen Epikers.) 

An der Diskussion beteiligten sich: Szilägyi, Pfeifer, 
Hermann, Eisler, Felszeghy, Frau Dr. L e v y, F e r e n c z i. 



248 Korrespondenzfolatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Vierte Sitzung am 10. März. 

Dr. Sigmund Pfeifer: „Kasuistik". — Analyse eines Falles von 
schwerer Konversions- und Angsthysterie, charakterisiert durch extreme 
Sexualverdrängung. 

An der Diskussion beteiligten sich: Feldmann, L6vy, 
Felszeghy, Ferenczi. 

Fünfte Sitzung am 24. März. 

Frau J. Neufeld (als Gast): ,Das Inzestmotiv in Dostojewskis Leben 
und Dichtung". (Erscheint in der Serie „Imago-Bücher", Band IV,) 

An der Diskussion beteiligten sich: Pfeifer, Hermann, 
Eisler, Ferenczi. 

Am 24. Februar wurde eine Generalversammlung abgehalten, 
in welcher der Präsident und der Sekretär vom Vorjahre neugewählt worden 
sind. — Ferenczi gedachte mit warmen Worten des Ablebens der Frau 
Doktor Elisabeth Radö-Revesz. Herr und Frau Dr. E i s 1 e r spendeten zur 
Erinnerung an die Verstorbene 20.000 K zwecks Förderung der Vereins- 
bibliothek. 

Veränderungen in der Mitgliederliste: 

Frau Dr. Elisabeth Radö-R6vesz ist gestorben. 

Dr. S. F e 1 d m a n n ist aus der Vereinigung ausgetreten. 

Frau Dr. Marie T a k ä c s wurde zum außerordentlichen Mitglied gewählt. 

In Vertretung des Sekretärs: 
Dr. Imre Hermann. 

Nederlandsche Vereenigung voor Psycho-Analyse. 

Vierteljähriger Bericht. 
Sitzung am 8. Jänner 1923 in Leiden. 

Professor Jelgersma berichtet ausführlich über einen durch vier 
Jahre von ihm behandelten Fall. Es handelt sich um einen etwa dreißigjährigen 
Mann, der unter verschiedenen Befürchtungen litt, aber trotzdem in seinen Geschäf- 
ten tüchtig war. In der Analysenstunde geriet er manchmal in einen Zustand, 
welcher einem schizophrenen Delir sehr ähnlich war, jedoch sofort durch eine 
Frage oder sonstiges Eingreifen beendet werden konnte. Diese deliranten 
Zustände, welche er ^Phantasien" nannte, gewährten einen guten Einblick in 
seine nichtbewußten Gemütsregungen. 

Die Jahresversammlung wurde aml7, Februar inAmster- 
dam abgehalten. Als die obligatorischen geschäftlichen Punkte erledigt waren, 
wurden kasuistische Mitteilungen gemacht. Dr. van Emden teilte von zwei 
Kindern mehrere Fragen auf sexuellem Gebiete mit, aus welchen deutlich 
hervorging, welche Antworten sie erwarteten. Dr. Adolf F. Meyer besprach 
die Krankengeschichte einer vor acht Jahren von ihm behandelten Patientin. 
Sie litt an Verfolgungswahn, dessen psychologische Genese klar war; ihr 
Benehmen war immer geordnet, sie kleidete sich mit Sorgfalt und versah ihren 
Haushalt gut. Ihr Wahn war nicht zu korrigieren. 

Dr. Adolf F. Meyer, Sekretär. 
Adressenänderungen: 
Dr. J. H. W. van Ophuysen, Prinsevinkenpark, Haag. 
Dr. T. P. Muller, Rynsburgerweg 50 B, Leiden. 




fkorrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 249 



New York Psycho-Analytical Society. 

Sitzungen: 

30, Mai 1922. „Die Entwicklung eines paranoiden Mechanismus." Doktoi 
IA. Kardiner. 

25. Juli 1922. In einer besonderen Sitzung wurde der Plan eines Vor- 
lesungskursus für Ärzte über Theorie und Praxis der Psychoanalyse erörtert. 
Der Kurs soll offiziell von der Vereinigung veranstaltet werden. Die Majorität 
der Mitglieder erklärte sich für Unentgeltlichkeit des Kursus. Diese Frage soll 
im Falle einer Wiederholung neu erörtert werden. 

31. Oktober 1922. „Individuum und Gesellschaft." Dr. A. A. Brill. 
Folgender Plan wegen des Kurses wurde beschlossen: 

November 2., 9., 16. Allgemeine Neurosenlehre. Dr. A. Polo n. 

November 23., Dezember 7., 14., 21. Die sexuelle Organisation des 
Menschen und die Perversionen. Dr. C. P. b e r n d o r f. 

' Jänner 4., 11., 18. Traum und Traumdeutung. Dr. M. A. Meyer. 

Jänner 25., Februar 1., 8. Angst- und Konversionshysterie. Dr. A. S t e r n. 

Februar 15. und März 1. Zwangsneurose. Dr. A. A. B r i 1 1. 

März 8., 15., 23. Psychosen und narzißtische Neurosen. Dr. A. K a r d i n e r. 

März 29., April 5. Libidotheorie. Dr. L. B 1 u m g a r t. 

April 12., 19., 26. Technik der Analyse. Dr. H. W. Frink. 

28. November 1922. »Kasuistisches zum Kastrationskomplex. " Doktor 
C. P. O b e r n d o r f. 

„Symbolisches aus nicht psychoanalytischer Quelle." Dr. A. S t e r n. 

19. Dezember 1922. „Selbstverstümmelung und Selbstvorwürfe." Doktor 
P. R. L e h r m a n. Autoreferat im Anhang. 

„Der weibliche Kastrationskomplex." Dr. A. K a r d i n e r. 

23. Jänner 1923. „Eine interessante psychoanalytische Stunde." Doktor 
A. Stern. Autoreferat im Anhang. 

Es wurden einstimmig gewählt : als Präsident Dr. H. W. F r i n k, als 
Vizepräsident Dr. A. S t e r n, als Sekretär Dr. Bernard Glueck. 

27. Februar 1923. Einführung des Vorstandes. Ansprachen des bisherigen 
und neuen Präsidenten. Verlesung der revidierten Statuten. 

Seit einiger Zeit ist von einem besonderen Komitee eine veränderte 
Verfassung beraten worden. Dieselbe entsprang dem Bedürfnis, die Aufnahme- 
bedingungen für aktive Mitglieder zu verschärfen, besonders hinsichtlich ihrer 
speziellen psychoanalytischen Qualifikation. Die Revision war bestrebt, die 
Bedingungen für die Aufnahme neuer ordentlicher Mitglieder den Bedingungen 
der psychoanalytischen Vereinigungen von Berlin und Wien anzupassen. Das 
aufzunehmende Mitglied muß eine gründliche Analyse bei einem kompetenten 
Analytiker durchgemacht haben, bevor es gewählt werden kann. Es wurden 
noch einige andere Änderungen von geringerer Bedeutung in der alten Ver- 
fassung vorgeschlagen und angenommen. 

Ein besonderes Komitee wurde von dem Präsidenten ernannt, das Mittel 
und Wege finden soll, um die Berichterstattung über psychoanalytische und 
verwandte Literatur in Amerika anzuregen und die Berichte im International 
Journal of Psycho-analysis zu veröffentlichen. Das Hauptbestreben des Komi- 
tees war, eine bessere wissenschaftliche Betätigung zu fördern und weitere 
Maßnahmen zur Verbreitung genauerer und gründlicherer Kenntnis der Psycho- 
analyse zu ergreifen, hauptsächlich durch Vorlesungen für Mediziner und 



Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/2. 



16 



250 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Laien. Es besteht ein starkes Bedürfnis nicht nur nach gründlicher und aus- 
gedehnter Unterweisung, sondern auch nach Richtigstellung der herrschenden 
Mißverständnisse in bezug auf die Psychoanalyse. 

Dr. Adolf Stern wurde zum korrespondierenden Sekretär ernannt. 
Autoreferate: 

Dr. Lehrman: Der dargestellte Fall zeigte die Ähnlichkeit des 
Mechanismus in verschiedenen Formen psychischer Störung. Die achtundvierzig- 
jährige Patientin litt an leichter Depression, Schultertic und einer Neigung, ihr 
Gesicht beständig zu kratzen. Die Krankheit schloß sieh an einen doppelten 
Verlust an, Tod der Mutter und Untreue des Mannes. Die Beschädigung des 
Gesichts, Tic und Depression finden sich in den narzißtischen Neurosen. Bei 
Katatonie, Tic und Melancholie ist Selbstverstümmelung häufig. Referent sieht 
im Tic die positive, in der Selbstverstümmelung die negative Seite des Narziß- 
mus. Der Narzißmus der Patientin setzte sieh durch die Latenzperiode fort. 
Im Zusammenhang mit starker Fixierung an den Vater verhielt sie sich 
ablehnend gegen Männer. Ihre Selbstvorwürfe kamen in Selbstbeschädigungen 
zum Ausdruck. Im übrigen stimmt Referent Freuds Anschauung von der 
Introjektion des Liebesobjekts zu. 

Dr. Stern: Ein Patient befand sich in der letzten Analysenstunde 
vor einer längeren Unterbrechung der Kur. Er durchlebte einen großen Teil 
seiner Neurose noch einmal. Besonders ließen sich seine Widerstände gegen 
den Arzt in bisher nicht gelungener Weise auf seine verdrängte Homosexualität 
zurückführen. 



Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse. 

Sitzung am 13. Jänner 1923. 
Diskussion über 0. Pf ister: ,Die Liebe des Kindes und ihre Fehlentwick- 
lungen" (E. Bircher, Bern, 1922) mit einleitendem Referat von Dir. H. Tobler, 

Hof-Oberkirch, Kaltbrunn. 

Zu diesem Diskussionsabend sind auf Einladung eine stattliche Zahl 
Gäste erschienen, worunter einige' Mitglieder der Pädagogischen Vereinigung 
Zürich. Der Referent geht von den bekannten seelischen Störungen der Jugend 
aus, wie Widerspruchsgeist, Lügenhaftigkeit, Minderwertigkeitsgefühle, Angst, 
Jähzorn, Haß usw., und weist darauf hin, daß im allgemeinen die Lehrer und 
Erzieher damit fertig werden müssen, daß sie aber durch ihre Vorbildung und 
die Schulpsychologie im Stiche gelassen werden. Um so dankbarer werden die 
Lehrer für einen Führer sein, der, wie das neue Pfistersche Buch, sie mitten 
in die schwierigsten Probleme der Erziehungskunst begleitet und ihnen 
Lösungen aus manchen Nöten zeigt. Diese finden sich namentlich im dritten 
Teil des reichen, gegen 400 Seiten umfassenden Bandes, der die Erziehung 
und Heilung der Liebe des Kindes behandelt. In einem feinen Kapitel spricht 
er von der Notwendigkeit der Erziehung der Erzieher und sagt unter 
anderem: „Der fehlbare Elternteil ist fast immer mit Blindheit geschlagen. 
— Man macht aus dem Kind nicht zumeist, was das Bewußtsein will, sondern 
was das Unterbewußte durchsetzen möchte. — Bekanntlich kann nur der 
über andere regieren oder gar andere leiten, der Herr seiner selbst ist." 

Sehr zeitgemäß ist, was der Verfasser über die Autorität sagt; 
besteht doch heute in unserem Geistesleben eine Strömung, die die Bedeutung 
der Autorität für den Menschen über alles stellt, die Freiheit weder sucht 



i 

i 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 251 

noch erträgt und sie auch den anderen nehmen will. ,Die einzig richtige Art, 
Autorität zu gewinnen, besteht darin, überlegene Einsicht und Güte ihre herz- 
bezwingende Macht zur Geltung bringen zu lassen." Über die A s k e s e sagt 
Pfister: „Die Askese ist eine gekünstelte Machenschaft, die das Ich aus dem 
sozialen Verband und dem natürlichen Pflichtenkreis herausreißt und die 
sittliche Kraft auf das Ich hinwendet, anstatt sie in der Erfüllung det 
dringenden, durch die Verhältnisse auferlegten Pflichten zu suchen." 

Dagegen begrüßt er die vertrauliche Aussprache zwischen 
Erzieher und Kind. „Ungemein viele Erkrankungen würden vermieden, wenn 
die Mitteilung an liebe, nahe Menschen die Verdrängung verhinderte." 

Das gilt besonders für die E r z i e h u n g zur S e x u a 1 i t ä t. Die Gesamt- 
erziehung müsse gesund sein, ein einzelnes Rezept tue es nicht. „Roh ist es, 
sagt er, wenn eine Schule, die für die sexuelle Erziehung nichts tat, Kinder 
wegen geschlechtlicher Verstöße einfach fortjagt und ihrem Schicksal über- 
läßt." Der Sexualtrieb zeige deutlich, daß er auch bei der Gewinnung der 
höchsten Güter mitzuwirken habe. Wer wollte die ungeheure Rolle des 
Geschlechtslebens in der Geschichte der Dichtkunst, Malerei, Sitte, Religion 
leugnen. Aber eben die Sexualität kann und soll vergeistigt werden für die 
Ausbildung der sublimsten Geistesfunktionen. Diese Einsichten verdanken wir 
in erster Linie Freud. Der Schluß bildet eine Würdigung der Psych o- 
a n a 1 y s e in der Erziehung. Nach Pfister bedarf der Analytiker der Ehrfurcht 
vor der UnerschOpfliehkeit der Psyche, der Folgerichtigkeit des Gelehrten 
und der Feinfühligkeit des Dichters. 

Das Pfistersche Buch bedeutet einen Markstein in der pädagogischen 
Bewegung der Gegenwart und eine neue Hoffnung auf die Möglichkeiten der 
Erziehung, die lange Zeit vor der Vererbung zurücktreten mußten. Aus der 
Not der Zeit ist es entstanden — für viele eine Hilfe zur rechten Zeit. 

Autoreferat. 

Sitzungam 27. Jänner 1923. 

Frau S. Spielrein, Genf: »Der Gedankengang bei einem zweieinhalbjährigen 

Kinde". 
Der Vortrag sollte eigentlich heißen: »Einige Übereinstimmungen im 
Denkmechanismus beim kleinen Kinde, beim Aphasischen und im Traum." 
In allen diesen Fällen handelt es sich um Formen des Denkens, die dem 
unterschwelligen Denken des normalen Erwachsenen entsprechen: wir wissen 
es ja nach Freud, daß wir im unterschwelligen Denken des Erwachsenen 
die kindlichen Denkmechanismen wiederfinden. Soweit uns die Sprache den 
Denkmechanismus verrät, ist das „bewußte" Denken des Aphasischen dem 
kindlichen Denken in mancher Hinsicht ähnlich; die Übereinstimmung zeigt 
sich sowohl auf dem Gebiete der Wortsprache, als auch auf dem Gebiete 
der Zeichnungen, z. B. also der Bildersprache. Wort und Bildsprache verraten 
die gleichen Mechanismen, wie sie sonst dem kindliehen Denken eigen sind. 
Jackson hat als erster auf den regressiven Charakter der aphasischen Störungen 
hingewiesen: der Aphasiker regrediert nach ihm auf die genetisch frühere 
Denkart und infolgedessen auch Sprechart. Meine Beobachtungen scheinen 
Jackson, Monakow und anderen recht zu geben. Bei all dem kann ich die 
scheinbar antagonistischen Theorien nicht verwerfen, die den Verlust von 
sprachlich-motorischen Bildern für die Erscheinungen der motorischen Aphasie 
verantwortlich machen. Hier muß ich eine Erklärung vorausnehmen, die ich 

16* 



252 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 




in meiner bald folgenden Arbeit über Symbolbildung zu beweisen suche: 
unser bewußtes Denken ist wesentlich ein wortspraehliches; unser unter- 
schwelliges Denken ist wesentlich ein kinästhetisch-visuelles. Das bewußte 
Denken wird ständig von einem parallel verlaufenden unterschwelligen 
»organischen' Bilddenken begleitet, wie wir es z. B. in hypnagogischen 
Zuständen zu sehen bekommen, aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten. 
Ohne dieses begleitende Organdenken wäre unser abstraktes bewußtes Denken 
bald leer und erschöpft. Die sprachlich-motorischen Bilder (Weber, Claparich 
und andere) sind unterschwellig-kinästhetische (nicht visuelle) Bilder, die 
unserer Wortspraehe in ihrem peripheren Teile entsprechen; jeder Wortvorstellung 
entspricht ein sprachlich-motorisches Bild. Bei der motorischen Aphasie 
handelt es sich nicht um den Verlust von sprachlich-motorischen Bildern, 
sondern um den Verlust, richtiger um die Lockerung der Verbindung zwischen 
Wortvorstellung und deren sprachlich-motorischen Bild. — Durch Lockerung 
dieser Verbindung wird die Wortsprache und damit auch das Wortdenken 
seiner Schärfe und Kraft beraubt; es verfällt, das heißt wird allmählich 
aenldifferenzierf ; es „regrediert" und wird in vielen Hinsichten dem früheren 
kinästhetisch-visuellen Denken ähnlich. Das noch nicht genügend differenzierte 
kindliche Denken folgt noch zu Beginn des Wortsprachvermögens eine Zeitlang 
Gesetzen des vorwortsprachlichen kinästhetisch-visuellen Denkens. Hier begegnen 
sich das kleine Kind, der Träumende und der Aphasiker. Die Störung auf 
dem Gebiete des Wortdenkens bedeutet eine Störung auf dem Gebiete fast 
des gesamten bewußten Denkens. Das unterschwellige Denken ist intellek- 
tueller Leistungen, bisweilen auch Mehrleistungen fähig — es folgt aber 
anderen Geseizen, die uns erst seit Freuds Entdeckungen bekannt geworden sind. 

Autoreferat. 



Sitzung am 17. Februar 1923. 
A. Furrer: ,Ein Fall von moralischem Defekt in psychoanalytischer 

Beleuchtung*. 

Ausgehend von einem analysierten Fall (vierzehnjähriger Knabe), der 
eine Mischform von moralischer Minderwertigkeit, Neurose und Debilität 
darstellt, versucht der Vortragende, etwas Licht zu werfen auf das Wesen und 
die Genese des „moralischen Defektes" im allgemeinen. 

Die Fähigkeiten zur Triebbeherrschung (und Verdrängung) und Subli- 
mierung, das Vorhandensein von Schuldgefühl und Gewissen sind offenbar 
die Bedingungen der Moralität. Da wir von einem Gewissen nur insofern 
reden, als es eine triebabwehrende Macht darstellt, und wir uns ein Gewissen 
ohne Schuldgefühl nicht denken können, reduziert sich die Summe der 
Bedingungen autSublimierung und Gewissen. Was Sublimierung ist, 
weiß der Vortragende trotz eingehenden Studiums der einschlägigen Literatur 
(Freud, Pfister, Bernfeld u. a.) nicht zu sagen ; aber er findet, daß Sublimierung 
niemals eintritt, ohne daß jene früheste Zielablenkung, bezw. „Zielhemmung", 
vorausgegangen wäre, aus der die zärtliche (nicht mehr sinnliche) Liebe 
hervorgeht (vgl. : Freud, „Massenpsyehologie und Ichanalyse", S. 131). Diese 
primäre Zielhemmung wäre also die Grundbedingung der Sublimierung. Die 
Sublimierungsfähigkeit ist abhängig von der ererbten Veranlagung zur Ziel- 
hemmung, von Maß und Art der Liebeszufuhr, äußerem Zwang, ferner von 
der Höhe und Art der Intelligenz. 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 253 

Besprechung der Genese des Gewissens und Ichideals auf Grund der 
Untersuchungen Freuds in ,Znr Einführung des Narzißmus" und „Massen- 
psychologie und Ichanalyse". Entscheidend : Es ist L i b i d o (narzißtische und 
Objekt-Libido), welche die triebabwehrende und imperative Kraft des Ichideals 
ausmacht. Je stärker libidobesetzt dieses ist, desto wirksamer muß es sein. 
Ichideal-Errichtung durch Identifizierung und Introjektion. Zurückziehung der 
Libido von den Objekten führt zur Verarmung des Ichideals, völlige Ablösung 
der Libido auch von den unbewußt en Objekten zum Zusammenbruch 
desselben. Ursprung des Schuldgefühls: Das durch „biologische Konflikte" 
entstehende Spannungsgefühl (Rank, aPerversion und Neurose") darf wohl 
nicht als Schuldgefühl angesprochen werden (Schuld : ethischer Begriff !), liefert 
aber diesem sicher Affektzuschuß (Angst). Die Entstehung des „unbewußten 
Schuldgefühls" (Freud) erklärt sich der Vortragende so: Die Ichideale unserer 
Vorfahren haben, wie alles andere, was erlebt, vorgestellt wurde, Dauerspuren 
hinterlassen. Diese engraphierten Ichideale werden schon in der Keimzelle 
eine gewisse Libidobesetzung haben oder später bei der individuellen Ideal- 
bildung von der dazu aufgewendeten Libido einen Teilbetrag auf sich ziehen. 
Das unbewußte Schuldgefühl des Individuums wäre dann sozusagen eine 
nachträgliche Gewissensäußerung seiner Vorfahren, das Schuldgefühl der 
Ahnen. Das „Es" (Groddek, Freud) deckt vielleicht z.T. die zu einer Einheit 
verschmolzenen Ichideale der Vorfahren, schließt diese zum mindesten ein. 
Die Furcht vor Strafe und Liebesverlust hält der Vortragende noch nicht für 
echtes Schuldgefühl, sie bildet aber einen Vorläufer desselben und liefert ihm 
auf alle Fälle hohe Affektbeiträge. Schuldbewußtsein entwickelt sich beim 
Kind erst auf Grund zärtlicher Objektbindungen. Das Schuldgefühl ist ein Kind 
der Liebe. Zusammenfassend: Ohne Fähigkeit zur (zärtlichen) 
Objektliebe (Übertragung) gibt es keine Sublimierung, 
keine Ichidealbildung, damit auch kein Gewissen und 
kein Schuldgefühl. 

Die angeborene, totale Liebesunfähigkeit, das absolute Unvermögen zu 
(zärtlichen) Objektbindungen, das wäre das Wesen des „moralischen Defektes". 

Autoreferat. 



Sitzung am 3. März 1923. 
U. Grüninger: „Verwahrlosung und Neurose". 
Vorgestellt wurden drei Fälle einfacher Verwahrlosung und zwei Fälle 
(Suizid, Brandstiftung), in denen Triebbefriediguag auf dem Wege der Verwahr- 
losung nicht gelang. — Beim Studium der Verwahrlosung trifft man keineswegs 
anderes unbewußtes Material an als in der Neurose, doch befindet sich dieses 
in einem anderen Zustand. Die Verwahrlosung hat zur Voraussetzung den 
Verzicht auf das inzestuöse Liebesobjekt, bedingt aber entsprechende exzessive 
Befriedigung auf sozialem Gebiet. Dadurch entstehen doch wieder unzweck- 
mäßige Bedürfnisse (Spielsucht, Genußsucht usw.). Die Mittelbeschaffung, das 
gemeine Delikt, stellt noch nicht die Triebbefriedigung dar (im Gegensatz 
zu dem seltenen zwangsneurotischen [symbolischen] Delikt, auf welches auch 
die Befriedigung fällt). Diese Hinaustragung der Konflikte aus dem sexuellen 
Gebiet in das soziale geschieht nicht in spurloser Ablösung. Denn nicht nur 
gelingt das erste Vergehen (bei Knaben) zunächst an der Mutter, sondern viele 
Verwahrloste bleiben zum Beispiel beim Diebstahl oder Betrug; ein zuverlässiges 
Indiz für den Gefühlswert des Vergehens und die Art der Fixierung. Eine 




254 Korrespondenzblatt der Internationalen Psyehoanalytisehen Vereinigung 

solche Umgehung der Verdrängung bedingt den Übergang von der Objektlust 
zur Funktionslust. Die Hemmungslosigkeit ist eingetreten, weil mit dem 
Verzicht auf das verdrängte Liebesobjekt auch dessen Kritik, das Gewissen 
verloren ging. Autoreferat. 

Adressenänderungen: 

1. Dr. med. Fernando All ende, Mainaustraße 30, Zürich; 

2. Dr. med. Hans Behn-Eschenburg, Seestraße, Küsnacht (Zürich) ; 

3. Dr. med. Ernst Blum, Nervenarzt, Optingenstraße 8, Bern; 

4. Dr. med. Charles Odier, Nervenarzt, 24 Boulevard des Philosophes, 
Genfeve ; 

5. Dr. med. Raymond de Saussure, 2 Tertasse, Genöve; 

6. Frau Dr. med. Sabine Spielrein-Scheftel, chez Mme Claissac 
22 Rue des cources, Genfeve; 

7. Dr. med. E. Oberholze r, Zürich, Utoquai 39 — (ab 1, Juli.) 

8. Frau Dr. M. O b e r h o 1 z e r, Gincburg, Utoquai 39 — (ab 1. Juli.) 

Wiener Psychoanalytische Vereinigung. 

1. Neuaufnahme: 
Dr. Wilhelm Ho ff er, Wien, VIIL, Fuhrmanngasse 4. 

2. Sitzungen: 

S.Jänner 1923. Kleine Referate und Mitteilungen. 1. Dr. Fok- 
schaner: Deja racconte in Verbindung mit einer entgegengesetzten 
Erinnerungstäuschung. 2. Dr. R e i c h : Referat über Schilder, „Das Unbe- 
wußte". (Erscheint in der „Zeitschrift".) 

17. Jänner 1923. Kleine Referate und Mitteilungen. 1. Dr. Bern- 
feld: Analyse einer pädagogischen Handlung. 2. Dr. R a n k : Referat über 
einen Traum. 3. Dr. Nun berg: Ein induzierter Traum. 4. Dr. Reich: 
Behandlungsverlauf eines psychogenen Tics. 

31. Jänner 1923. Vortrag Dozent Dr. Deutsch: Illustrationen zur 
Psychoanalyse. (Erscheint in der „Zeitschrift".) 

Aus der Diskussion: 

Dr. Reich meint, daß der Begriff der Konversion strenger gefaßt 
werden müsse. Wenn suggestiv Angst hervorgerufen wird und das vasomoto- 
rische" System in Erregung gerät, wie in den Fällen des Vortragenden, so ist 
das noch kein Konversionssymptom; ebensowenig wie das Herzklopfen bei der 
Realangst. Unter Konversion könne man nur die Umsetzung eines seelischen 
Affektbetrages in somatische Innervation verstehen; der konvertierte Affekt- 
betrag darf dann seelisch nicht mehr repräsentiert sein. Dies schließe natürlich 
nicht aus, daß Affektbeträge anderer Herkunft neben dem Konversionssymptom 
bestehen bleiben. Ferner sei die Frage wichtig, inwiefern und in welchem 
Ausmaß der Konversion dienende Organe (z. B. Darm bei chronischer,- Jahr- 
zehnte dauernder Obstipation, Gefäßsystem des Gesichtes bei Erythrophobie) 
sekundär organisch verändert werden und diese psychisch induzierte Veränderung 
«iner Restitution durch Psychoanalyse zugänglich ist. (Autoreferat.) 

14. Februar 1923. Vortrag Dr. Frieda Teller: Übertragungen in der 
Analyse. 

28. Februar 1923. Vortrag Dr. Reik: Tabnith, König von Sidon. 

4. März 1923. Kleine Mitteilungen und Referate. 1. Dr. Federn: 
Geschichte einer Melancholie. (Erscheint in „Zeitschrift", lX/2.) 2,Dr.Federn: 



Correspondenzblalt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 255 

Über eine Varietät eines Hemmnngstranmes. 3. Anna Freud: Über ein 
hysterisches Symptom bei einem kleinen Kinde. 4. Dr. N u n b e r g : Über einen 
Traum als Neurose auslösendes Moment. 5. Dr. H i t s c h m a n n : Vorgeschichte 
eines in der letzten Woche vorgefallenen Selbstmordes. 6. Dr. Hitschmann: 
Referat über St ekel, Impulshandlungen. 

14. März 1923. Vortrag Dr. R e i c h : Über einige Beziehungen zwischen 
Narzißmus und Schuldgefühl. Die narzißtische Libido, ,die libidinöse Ergänzun«. 
zum Egoismus des Selbsterhaltungstriebes« (Freud), tendiert zur Ichbeiahung" 
Lebensbejahung. In diesem Sinne steht ihr das Schuldgefühl konträr gegen- 
über; dieses tendiert zur Ichverneinung, im extremen FaUe, wie bei der 
Melancholie, zur Ichvernichtung. Von der Spannung zwischen primitiven 
libidinösen Tendenzen und den Anforderungen des narzißtisch besetzten Ich- 
Ideals hängt die Intensität des Schuldgefühls ab. Es ist der Ausdruck 
einer Beziehung des Ich zu Objekten, die auch (zumeist 
sadistisch) libidinös besetzt sind. (Ambivalenz und Schuldgefühl 
die zwei wesentlichsten, konstantesten Charakteristika der Zwangsneurose) 
Dem Schuldgefühl muß auch der Charakter des Trieb- 
haften zugesprochen werden. In der Melancholie führt die Zurück- 
ziehung der Objektlibido, im Gegensatz zur Paranoia, nicht zur Erhöhung des 
Ich, sondern zur Erniedrigung, zum Jchverlnst" (Kleinheitswahn). Der Ich- 
verlust ist aus der Identifizierung mit dem zu tötenden Objekt allein nicht 
zu erklären. Die Identifizierung ist eine sekundäre Richtungsänderung der 
narzißtischen Libido, der die Einziehung der Objektlibido vorausging. Die 
Besetzung des vom Schuldgefühl überfluteten Ich mit der abgezogenen Libido 
ist unmöglich, das heißt, er kann sich nicht lieben. Der Kranke muß sich mit 
dem Objekt identifizieren (meist durch orale Introjektion), zu dem er die 
Beziehung der Schuld hat. 

Von zwei Seiten her kann die narzißtische Position Schädigungen 
erfahren : von der libidinösen Objektbeziehung und vom Ich her. Für die 
Frage der Spezifität einer Erkrankung ist es wichtig, in welchem Stadium 
ihrer Entwicklung die narzißtische Libido eine Schädigung erfuhr und welcher 
Art diese war. 

Es ist entscheidend (wahrscheinlich auch für die Wahl einer späteren 
Erkrankung), ob das Schuldgefühl auf einen in der Entwicklung begriffenen 
oder voll entwickelten Narzißmus beim Kinde stößt. Die narzißtische Entwicklung 
erfährt ihre Krönung erst durch glattes Erreichen der genitalen Phase und 
durch eine durch Liebe von Seite der Eltern und Erzieher gekennzeichnete 
glückliche Kindheit. Ein starker Narzißmus steht der Aus- 
wirkung des Schuldgefühls hemmend gegenüber. 

Hinweis auf einige typische Ausgänge hierhergehöriger Konflikte, unter 
anderen auf „Verbrecher aus Schuldgefühl" (F r e u d), wo ein mächtiges Schuld- 
gefühl aus der Verdrängung symptomatisch nach Rationalisierung zu suchen 
scheint. (Gekürztes Autoreferat.) 



:i 



A. MARCUS & E. WEBERS VERLAG 

Dr.jur. Albert Ahn, BONN am RHEIN, Dechenstr.8 



Soeben beginnt zu erscheinen: 

Handwörterbuch der 
Sexualwissenschaft 

Enzyklopädie der natur- und kultur- 
wissenschaftlichen Sexualkunde des 
Menschen unter Mitarbeit von: 

Priv.-Doz. Dr. med. Karl BIRNBAUM (Berlin) — Dr. med. Agnes BLUHM (Berlin) — Ober- 
landesgeriohtsrat Dr. jur. et phil. R. BOVENSIEPEN (Kiel) — Professor Dr. phil. Paul BRANDT 
(Sohneeberg i. Sa.) — Dr. med. Martin BRÜSTMANN (Berlin) — Dr. jur. Alexander ELSTER 
(Berlin) — Professor Dr. med. Sigmund FREUD (Wien) — Geh. Med.-Rat. Professor Dr. 
P. PURBRINQER (Berlin) — Priv.-Doz. Dr. phil. P. GIESE (Halle/Saale) — Magistratsrat 
Dr. phil. H. GURADZE (Berlin) — Professor Dr. med. S. HAMMERSGHLAG, Direktor der 
Provlnzial-Hebammenlehranstalt und -Frauenklinik (Berlin) — Dr. med. et phil. A. KRONPELD 
(Berlin) — Professor Dr. med. Philaletes KUHN (Dresden) — San.-Rat Dr. med. Arthur LEWIN 
(Berlin) — Professor Dr. med. W. LIEPMANN (Berlin) — Dr. med. Max MAROUSE (Berlin) 
— Geh. Just.-Rat Professor Dr. jur. W. MITTERMAIER (Gießen) — Geh. Med.-Rat Professor 
Dr. med. et phil. 0. POSNER (Berlin) — Ferdinand Freiherr v. REITZENSTEIN (Dresden) — 
Dr. med. C. H. ROGGE (Haag) — Privatdozent Dr. med. Knud SAND (Kopenhagen) — 
Dr. med. Oskar P. SCHEUER (Wien) — Dr. med. H. SCHULTZ-HENGKE (Berlin) — Professor 
Dr. med. P. W. SIEGEL (Gießen) — Priv.-Doz. Dr. med. H. W. SIEMENS (München) — 
Dr. med. E. SKLARZ (Berlin) — Geh. Med.-Rat. Professor Dr. med. H. SUDHOPP (Leipzig) — 
Professor Dr. phil. H. E. TIMERDING (Braunschweig) — Rechtsanwalt Dr. jur. F. E. TRAUMANN 
Püsseldorf) — Professor Dr. phil. A. VIERKANDT (Berlin) — Dr. phil. Else VOIGTLAENDER 
(Leipzig) — Professor Dr. phil. L. v. WIESE (Köln) 

herausgegeben von MAX MAROUSE 

Lieferung 1: Aberglaube-Bigamie. - Grundzaii! 1.50=Schw. Frcs. 

Das Hand wo rt erbuch der Sexualwissenschaft wird in einem Gesamtumfang 
von ungefähr 500 Druckseiten großen Formats in 6 — 8 Lieferungen erscheinen und voraus- 
sichtlich bis Ende 1923 vollständig vorliegen. Die Ausgabe in Lieferungen wird es weitesten 
Kreisen ermöglichen, sich das Werk in etwa monatlichen Teilzahlungen zum Subskriptions- 
preise anzuschaffen. 

Der Subskriptionspreis beträgt für das Inland: Grundzahl 0.50 für den Druck- 
bogen von 16 Seiten, Grundzahl 15. — für den vollständig gehefteten Band, Grundzahl 17.— 
für den in Halbleinen gebundenen Band. Diese Grundzahlen sind mit der jeweiligen Schlüssel- 
zahl zu multiplizieren. 

Bestellungen zum Subskriptionspreis müssen spätestens bis zum 31. Juli 1923 in unseren 

Händen sein. Da später der Preis mindestens um 20% erhöht wird, liegt es im Interesse 

eines jeden Interessenten, seine Bestellung baldigst aufzugeben. 

Prospeltt mit Inliaji des gesamten Wörterbuches wird auf Wunsch 

unberechnet versandt.