INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
phot. Szekely Aladar
Dr. S. FERENCZI
Dr. Ferenczi Sändor.
Wenige Jahre nach ihrem Erscheinen (1900) geriet die
„Traumdeutung" auch in die Hand eines jungen Budapester
Arztes, der Neurologe, Psychiater und gerichtlicher Sachverständiger,
doch eifrig nach neuem Erwerb in seiner Wissenschaft ausschaute.
Er kam nicht weit in der Lektüre, bald hatte er das Buch von
sich geworfen ; es ist nicht bekannt, ob mehr gelangweilt oder
angewidert. Indes kurze Zeit nachher lockte ihn der Ruf von
neuen Arbeits- und Erkenntnismöglichkeiten nach Zürich, von
dort trieb es ihn nach Wien, um den Autor des einst verächtlich
beseitigten Buches zu sprechen. An diesen ersten Besuch knüpfte
eine lange, intime und bis heute ungetrübte Freundschaft an, in
deren Betätigung er auch 1909 die Reise nach Amerika zu den
Vorlesungen an der Clark- University in Worcester,
Massachusetts, mitmachte.
Dies waren die Anfänge Ferenczis, der seither selbst ein
Meister und Lehrer der Psychoanalyse geworden ist und in diesem
Jahre, 1923, gleichzeitig sein fünfzigstes Lebensjahr wie das erste
Dezennium in der Führung der Budapester Ortsgruppe vollendet.
Ferenczi hat wiederholt auch in die äußeren Schicksale
der Psychoanalyse eingegriffen. Bekannt ist sein Auftreten auf
dem zweiten Kongreß der Analytiker, Nürnberg 1910, wo er die
Gründung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung als
Abwehrmaßregel gegen die Ächtung der Analyse durch die
offizielle Medizin in Vorschlag brachte und durchsetzen half. Auf
dem fünften analytischen Kongreß in Budapest, September 1918,
wurde Ferenczi zum Präsidenten der Vereinigung gewählt. Er
bestimmte Anton v. Freund zu seinem Sekretär und die ver-
einte Tatkraft beider Männer sowie die großzügigen Stiftungs-
absichten Freunds hätten Budapest sicherlich zur analytischen
Hauptstadt Europas erhoben, wenn nicht politische Katastrophen
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/8.
17
258
Vorwort
und persönliche Schicksale diese schönen Hoffnungen erbarmungslos
vernichtet hätten. Freund erkrankte und starb im Jänner 1920,
im Oktober 1919 hatte Ferenczi unter Berufung auf die
Isolierung Ungarns vom Weltverkehr seine Stelle niedergelegt
und das Präsidium der Internationalen Vereinigung Ernest Jones
in London übertragen. Während der Dauer der Sowjetrepublik in
Ungarn war Ferenczi mit den Funktionen eines Universitäts-
lehrers betraut gewesen und die Hörer hatten sich zu seinen
Vorlesungen gedrängt. Die Ortsgruppe aber, die er 1913 gegründet
hatte, 1 überstand alle Stürme, entwickelte sich unter seiner Leitung
zu einer Stätte intensiver und fruchtbringender Arbeit und glänzte
durch eine Häufung von Begabungen, wie sie sich an keinem
anderen Orte zusammengefunden hatten. Ferenczi, der als ein
mittleres Kind aus einer großen Geschwisterreihe ursprünglich
einen starken Bruderkomplex in sich zu bekämpfen hatte, war
unter der Einwirkung der Analyse ein tadelloser älterer Bruder,
ein gütiger Erzieher und Förderer junger Talente geworden.
Ferenczis analytische Schriften sind allgemein bekannt
und gewürdigt worden. Seine „Populären Vorträge über Psycho-
analyse" hat unser Verlag erst 1922 als XIII. Band der „Inter-
nationalen psychoanalytischen Bibliothek" herausgegeben. Klar
und formvollendet, mitunter fesselnd geschrieben, sind sie eigentlich
die beste „Einführung in die Psychoanalyse" für den ihr ferner
Stehenden. Eine Sammlung der rein fachlich-medizinischen Arbeiten,
von denen eine Anzahl durch E. Jones ins Englische übersetzt
worden ist (Contributions to Psycho-Analysis 1916), steht noch
aus. Der Verlag wird diese Aufgabe nachholen, sobald die Ungunst
der Zeiten es ihm nicht mehr verwehrt. Die in ungarischer Sprache
erschienenen Bücher und Broschüren haben zahlreiche Auflagen
gehabt und die Analyse den gebildeten Kreisen Ungarns vertraut
gemacht.
Die wissenschaftliche Leistung Ferenczis imponiert vor
allem durch ihre Vielseitigkeit. An glückliche kasuistische Funde
und scharf beobachtete klinische Mitteilungen (Ein kleiner Hahne-
mann — Passagere Symptombildungen während der Behandlung
— Mitteilungen aus der analytischen Praxis) reihen sich muster-
1 Die konstituierende Generalversammlung wurde am 19. Mai 1913 von
Ferenczi als Obmann, Dr. R a d 6 als Sekretär, Hollös, Ignotus und
L6vy als Mitgliedern abgehalten.
Vorwort
259
gültige kritische Arbeiten, wie die über Jungs Wandlungen und
Symbole der Libido und R e g i s und He"snards Beurteilung der
Analyse, treffliche Polemiken, wie die gegen Bleuler in der
Alkoholfrage und gegen Putnam betreffs des Verhältnisses der
Psychoanalyse zur Philosophie, maßvoll und würdig bei aller
Entschiedenheit. Ferner die Aufsätze, auf denen Ferenczis
Ruhm vorwiegend beruht, in denen seine Originalität, sein
Gedankenreichtum und seine Verfügung über eine wohlgeleitete
wissenschaftliche Phantasie so erfreulich zum Ausdruck kommen,
durch die er wichtige Stücke der psychoanalytischen Theorie
ausgebaut und die Erkenntnis fundamentaler Verhältnisse im
Seelenleben gefördert hat. (Introjektion und Übertragung. — Die
Theorie der Hypnose. — Die Entwicklungsstufen des Wirklichkeits-
sinnes. — Die Arbeiten über Symbolik u. a.) Endlich die Arbeiten
dieser letzten Jahre (Kriegsneurosen — Hysterie und Patho-
neurosen — Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung
[mit Hollös]), in denen das ärztliche Interesse vom psycho-
logischen Tatbestand zur somatischen Bedingtheit hindrängt und
seine Ansätze zu einer „aktiven" Therapie.
So unvollständig diese Aufzählung ausgefallen ist, so wissen
doch seine Freunde, daß Ferenczi noch mehr für sich behalten
hat, als er sich mitzuteilen entschließen konnte. An seinem
fünfzigsten Geburtstage vereinigen sie sich in dem Wunsch, daß
ihm Stimmung, Kraft und Muße gegönnt sein mögen, seine
wissenschaftlichen Vorsätze in neuen Leistungen zu verwirklichen.
Herausgeber und Redaktion.
17*
Kälte, Krankheit und Geburt.
Von Ernest Jones,
Ehrenmitglied der „Ungarländischen Psychoanalytischen Vereinigung".
Es ist nur am Platze, daß ein Artikel, der als Beitrag zu
der Festschrift zu Ehren Dr. Ferenezis geschrieben ist, an eine
oder die andere seiner charakteristischen Ansichten anknüpft; der
vorliegende Artikel tut dies in mehr als einer Hinsicht. Wir danken
Ferenczi, mehr als irgend einem anderen, unsere dämmernde
Erkenntnis, wie subtil die Zusammenhänge zwischen den psychischen
und physischen Störungen sind, ein wichtiges Gebiet, das wir
erst zu betreten beginnen. Er hat gezeigt, daß sowohl geistige
als auch körperliche Krankheit manchmal ihre Ursache in den
gleichen Faktoren haben können, nämlich in unbefriedigten Gelüsten,
ein Mechanismus, der von der bekannten hysterischen Konversion
ganz verschieden ist. Ich möchte nun auf eine noch indirektere Art
hinweisen, in welcher gewisse geistige Tendenzen zu ernster
körperlicher Krankheit führen können, durch falsche Assoziationen
von symbolischer Art, die sich auf die Vorstellung von Krankheit
beziehen, Assoziationen, die zu einem Benehmen führen, welches
die betreffende Person, unwissentlich, der Gefahr aussetzt, sich
diese Krankheit durch Ansteckung zuzuziehen.
Die hier besprochene Art von ansteckender Krankheit wird
durch die Respirationsorgane erworben ; über ihren Umfang soll
später gesprochen werden. Diese Art Krankheit bekommt man
durch das einfache Einatmen infizierter Luft und die Gefahr der
Ansteckung wird ins Ungeheure vermehrt durch unzureichende
Ventilation, wo Infektion vorhanden ist. Nichts könnte daher die
Gefahr der Ansteckung mehr begünstigen als der vorherrschende
Glaube, resp. Aberglaube, daß diese Krankheiten eine Ätiologie
haben, die der unseren direkt entgegengesetzt ist, das heißt, daß
sie dem bösen Einfluß kalter Luft zuzuschreiben sind oder dem,
Kälte, Krankheit und Geburt
261
was volkstümlich als „Zug" bezeichnet wird. Da dieser Glaube
auch in ärztlichen Kreisen noch fortlebt, mag etwas darüber von
einem rein pathologischen Gesichtspunkt aus gesagt werden. Ohne
die extreme Ansicht zu vertreten, daß der volkstümliche Glaube
absolut abergläubisch und unrichtig ist (obzwar ich persönlich
dieser Meinung bin), will ich hier nur behaupten, daß die pathor
logische Tragweite des Faktors kalter Luft ungeheuerlich über-
trieben ist.
Drei Gruppen von Erwägungen, so scheint mir, machen diese
Schlußfolgerung unvermeidlich: 1. Experimentelle Forschungen an
Menschen und anderen Tieren, 2. ein skeptisches Nachdenken über
die Natur von Krankheit und 3. das Zurückrufen der Geschichte
des in Frage stehenden Glaubens. Ich will mit der letzten dieser
drei Gruppen beginnen. Wenn ein volkstümlicher Glaube an einen
gegebenen Gegenstand in direkter Proportion mit dem Zunehmen
der exakten wissenschaftlichen Daten verblaßt, kann man den
Verdacht nicht unterdrücken, daß der Zweck dieses Glaubens
einfach war, eine Lücke auszufüllen, wo bestimmte Kenntnis noch
nicht besteht; dies gilt besonders, wenn der Gegenstand von
großer psychologischer Bedeutung für die Menschheit ist. Man
braucht nur als Beispiel die ungemein große Beschränkung in der
Anwendbarkeit religiöser Erklärungen natürlicher Phänomene
anzuführen, sobald diese Phänomene durch andere Mittel erforscht
werden. Die riesige Menge von Folklore auf dem Gebiet der
Gesundheit zeigt, wie wichtig dieser Gegenstand immer für den
Menschen war und auch wie unmöglich es ihm erschien, auf
diesem Gebiete jemals Unwissenheit zu ertragen. Diesen Hiatus
mußte er immer ausfüllen. Da er so gut wie nichts über, den
Grund und die Behandlung von Krankheit wußte, erfand er mehr
oder weniger phantastische Erklärungen, um seiner Unwissenheit
abzuhelfen. Die Art, in welcher diese falschen Erklärungen
determiniert sind, soll später erläutert werden. Unter diesen
Erklärungen war eines der ätiologischen Momente, an das man
am festesten glaubte und das für eine lange Reihe von Krank-
heiten verantwortlich gemacht wurde, kalte Luft. Es ist erstaunlich,
in der medizinischen Literatur des vorigen Jahrhunderts zu finden,
was für eine außerordentlich große Zahl von Krankheiten angeblich
auf diese Art erworben wurden. Sogar in den medizinischen Lehr-
büchern der vorigen Generation findet man diese Ätiologie für
262
Ernest Jones
eine Reihe von bakteriologischen Zuständen, wie Peritonitis,
Tuberkulose, Leberabszeß, Herzbeutelentzündung, Pleuritis, Gastritis
und einer Menge anderer, angegeben. Viele offensichtlich irrationelle
Elemente in diesem Glauben weisen auf ihre abergläubische Natur
hin. So glaubte man, daß Nachtluft besonders tödlich sei; Malaria,
z. B. war die Folge — so dachte man — des Einatmens dieser
schädlichen Substanz, bis die Unmöglichkeit, diese Krankheit bei
Abwesenheit der nötigen Art von Moskitos zu erwerben, aufgezeigt
wurde. Es ist interessant zu bemerken, daß kalte Luft, die einen
aus einer lokalisierten Richtung, gleich einem Feinde, trifft (d. h.
„Zug") besonders gefährlich ist, besonders wenn sie von rückwärts
kommt. Dasselbe gilt auch für kalte Luft, die bestimmte Körper-
teile erreicht, wie die Füße und den Nacken. Luft, die durch
eine Öffnung eindringt, besonders durch ein Schlüsselloch, ist
gefährlicher als andere Abarten. Wenn wir nur ein Beispiel der
vor fünfzig Jahren beschriebenen Ätiologie betrachten, sehen wir,
in was für einem Mißverhältnis dies mit unserer jetzigen Kenntnis
der Pathologie steht ; ich wähle die Lehre, daß Eierstockentzündung
die Folge von unzureichender Unterkleidung während der Men-
struation sein soll. Wenn diese Unterkleider offen, anstatt geschlossen
sind, so kann die gefährliche Luft in die Vagina eindringen, den
offenen zervikalen Kanal emporsteigen, in der Gebärmutter
zirkulieren und ihren Weg zu den gewundenen Fallopi-Tuben
finden, bis sie die empfindlichen Eierstöcke selbst erreicht.
Die Bakteriologie mußte natürlich einen mächtigen Umschwung
in diesen Ansichten ausüben, aber sie waren im menschlichen
Geist so tief eingewurzelt, daß man zu einiger Rationalisierung
Zuflucht nehmen mußte. Also wurde behauptet, daß kalte Luft,
obzwar sie nicht die spezifische Ursache dieser Krankheiten war,
die Wirkung hatte, die Widerstandskraft des Organismus gegen
die überall vorhandenen Infektionen zu verringern und somit
bestimmte, ob eine Person an dieser Krankheit leiden sollte oder
nicht. In praxi änderte also die neue Erkenntnis nur wenig; und
noch heute hütet man sich gegen diese angebliche Krankheits-
quelle beinahe so sorgfältig wie in den Tagen vor Pasteur und
Koch. Experimentelle Forschung an Menschen und Tieren zeigt
jedoch, daß ein außerordentlicher Kältegrad vorhanden sein muß
— ein Grad, der unter gewöhnlichen Bedingungen niemals erreicht
wird — um die Körpertemperatur herabzusetzen und daß nichts
Kälte, Krankheit und Geburt
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weniger als dies die Widerstandskraft gegen pathogene Infektion
in beachtenswertem Maße beeinflußt.
Die Folgewirkungen falscher Glauben sind gewöhnlich sehr
verschiedenartig. Die Menschheit hat oftmals schwer unter ihnen
gelitten, aber auch oft kompensatorische Vorteile in der Form
von Trost und Glücksgefühl aus ihnen gezogen. In dem vorliegenden
Beispiel hat sich die Wage entschieden in der ersterwähnten
Richtung geneigt, denn dieser Glaube hatte unvergleichlich größeres
Leiden im Gefolge als irgend ein anderer, möge er wahr oder
falsch sein. Man hat ausgerechnet, daß, wenn man alle unmittel-
baren und ferneliegenden Komplikationen und Nachwirkungen in
Betracht zieht, dreiviertel aller körperlichen Krankheiten und Todes-
fälle ihren Ursprung in Respirationsinfektionen nehmen — eine der
gigantischesten Tatsachen in der Geschichte menschlichen Leidens.
Kann die Psychologie ein Licht auf den Ursprung und die
Bedeutung dieses schicksalsschweren Irrtums werfen? Die erste
mögliche Erklärung, die einem einfällt, mag zunächst erwähnt
werden, obgleich sie offenbar oberflächlich ist. Es handelt sich hier
um einen rein logischen Irrtum. Ein hervorstechendes Symptom
der akuten Phase bei den meisten dieser Infektionen ist Kälte-
schauer und Empfindlichkeit gegen Kälte (das wohlbekannte Stadium
des Schüttelfrostes). Diese Anfangsphase der Krankheit wird
irrtümlich gewöhnlich für die pathogene Erkältung gehalten, die
angeblich die Ursache der Krankheit ist. Weiterhin kann es kein
Zufall sein, daß der Glaube an die Gefahr kalter Luft sich am
längsten in bezug auf Krankheiten der Atmungsorgane- erhalten
hat und am schärfsten in Beziehung mit der milden Infektion
verfochten wird, die tatsächlich den Namen „Erkältung" führt.
Hier ist ein weiterer Grund zur Verwechslung ätiologischer
Momente. Kalte Luft (ebenso wie helles Sonnenlicht) können die
Atmungsschleimhäute und die Bindehaut in einem solchen Grade
erregen, daß sie viele der weniger wichtigen, obzwar auffallenden
Wirkungen dieses wohlbekannten Zustandes hervorrufen können;
so z. B. das Tränen der Augen, das Laufen der Nase, Kitzel in
der Nase, Niesen und sogar Husten. Obgleich es ziemlich leicht
ist, diesen kurzlebigen Zustand von dem echten toxischen, Erkältung
genannt, zu unterscheiden, ist es doch wahrscheinlich, daß die
oberflächliche Ähnlichkeit zwischen den beiden, die besprochene
ätiologische Verwechslung fördert und es leichter macht, die zweite
r
264
Ernest Jones
auch den physikalischen Momenten zuzuschreiben, die offensichtlich
die erstere hervorrufen.
Kein moderner Psychologe wird jedoch auch nur einen
Augenblick mit dieser rein intellektualistischen Erklärung zufrieden
sein, ganz abgesehen von der Tatsache, daß sie nur auf eine
gewisse Klasse von Krankheiten anwendbar ist. Wir wissen heute,
daß formal logische Irrtümer nicht ihre Ursache in intellektuellem
Ungenügen haben, sondern in der Wirkung emotioneller Faktoren.
Wie Ferenczi 1 richtig bemerkt : „Man war früher geneigt zu glauben,
daß man Dinge verwechselt, weil sie ähnlich sind; heute wissen
wir, daß man ein Ding mit einem anderen nur verwechselt, weil
gewisse Motive dazu vorhanden sind; die Ähnlichkeit schafft nur
die Gelegenheit zur Betätigung jener Motive."
Wir müssen daher weitere Erklärungen zu erforschen suchen,
für ein so starkes und tiefes menschliches Charakteristikum wie
dieses, das wir hier betrachten. Der einzige Autor, der meines
Wissens das Problem von der psychologischen Seite angegangen
hat, ist Trotter. 2 Er schlägt als Erklärung vor, daß das Gefühl
von Unbehagen und Furcht, das kalte Luft im Menschen hervor-
ruft, in Zusammenhang stehen mag mit der Gefahr, von der warmen
Herde getrennt zu werden, so daß der hier besprochene Glaube
eine direkte Kundgebung dessen sein würde, was er den Herden-
instinkt nennt. Wenn wir Trotters „Herde" psychoanalytisch in termini
der Familie, letzten Endes der Mutter, übertragen, dann mag sein
Vorschlag mit dem hier auszuführenden in Zusammenhang stehen.
Die Hilfe, die wir von der Psychoanalyse erwarten, werden
wir natürlich darin suchen, indem wir bestimmen, was für Beiträge
von dem Unbewußten zu dem besprochenen Glauben geliefert
wurden. Wir haben daher zu betrachten, welche Vorstellungen im
Unbewußten den Elementen der Formel : „Kalte Luft ist der Grund
für Krankheit", entsprechen. Die unbewußten Äquivalente der
letzterwähnten Vorstellung sind uns von zahlreichen Psycho-
analysen bekannt. Obzwar der Wunscherfüllungsmechanismus des
Unbewußten gelegentlich gewisse Formen von Krankheiten mit
angenehmen Vorstellungen verbinden mag — wie in der wohl-
bekannten Assoziation zwischen den Vorstellungen von Krebs und
1 „Zur Ontogenese der Symbole." Internat. Zeitschr. f. ärztl. Psycho-
analyse, 1913, S. 438.
2 W. Trotter: „Instincts of the Herd in Peace and War", 1916, P. 31.
Kälte, Krankheit und Geburt
265
Gravidität — so besteht kaum ein Zweifel, daß die häufigste und
grundlegendste unbewußte Konzeption von Krankheit, die einer
verkrüppelnden Verletzung ist. Diese Kränkung, so nimmt man
instinktiv an, ist einem von der Außenwelt zugefügt worden mit
einer sadistischen oder feindseligen Absicht. Die Überlieferungen
von primitivem Folklore und Aberglauben lehren uns, wie konstant
die Person, die uns diese Verletzung (Krankheit und auch Tod)
zufügt, figürlich personifiziert wird. Die Verletzung, wie jede
Verletzung, stellt letzten Endes die Kastration dar. (Rank.)
Aus den letzten Forschungen haben wir gelernt, daß
die Vorstellung der Kastration im Unbewußten viel weitere
Zusammenhänge umfaßt, als man früher dachte, besonders in
genetischer Beziehung. Außer den Vorstellungen, die sich direkt
mit dem Verlust des Penis befassen (Drohungen, Furcht
vor wiedervergeltender Strafe), sind es drei andere wichtige
Quellen, von denen dieser Komplex gespeist wird. Sie sind: Das
Wegnehmen des mit dem Penis identifizierten Faeces (Jones), das
Entwöhnen von der Brust (Staercke) und der Verlust des Körpers
der Mutter bei der Geburt (Alexander). Ferenczis 1 Vorstellungs-
kraft verdanken wir unsere erste richtige Einschätzung der
psychischen Bedeutung, die der Geburtsvorgang für das Kind haben
muß und er hat deren Konsequenzen in der späteren Entwicklung
des Individuums verfolgt. Aus seinen Arbeiten, und natürlich aus
denen Freuds, haben wir gelernt zu verstehen, wie groß das Leid
und der Groll sein müssen, die das Kind empfindet, wenn es aus
dem Paradies vertrieben wird, und wie groß der ewige Wunsch,
dorthin zurückzukehren, sein muß. Nachdem der schmerzliche Akt
der Geburt vorüber ist, ist sicherlich für das Kind das deutlichste
Zeichen seiner eben erlittenen „Kastr-ation" — das Ausstoßen aus
dem Nest, das früher sein war wie ein Teil seiner selbst — die
Empfindung von kalter Luft. Der unbehagliche Reizzustand, den
dieser Temperaturwechsel hervorbringt, bezeichnet die Revolution
in seiner Existenz und von seiner (widerwilligen) Reaktion darauf
hängt sein ganzes Leben ab. Kein Wunder, daß der herrschende
Eindruck, den man so an der Schwelle des Lebens empfängt, für
immer mit den Vorstellungen von Unbehagen, Unsicherheit, Gefahr
oder selbst körperlicher Verstümmelung verknüpft bleibt!
1 Ferenczi: „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes", Internat.
Zeitschr. f. Psa., 1913.
Über hysterische Erscheinungen am Uterus.
Von Dr. M. Josef Eisler (Budapest). 1
Wir wissen, daß die Konversionshysterie die verschiedensten
Organe, wie Verdauungstrakt, Sinneswerkzeuge, Haut, Muskulatur,"
Atmungsorgan usw., zum Schauplatz ihrer Äußerungen nehmen
kann, deren Funktionen sie in der mannigfaltigsten Weise beeinflußt
und ändert. Dort, wo sie ihre vorzüglichsten Ansatzstellen hat,
ist ihre Symptomatologie durch häufige Beobachtung festgelegt
und nach diversen Gesichtspunkten beschrieben worden. Nichts-
destoweniger hat die Hysterie auch in solchen Fällen den Charakter
beibehalten, durch irgend einen unerwarteten Zug zu überraschen
und in uns das Gefühl zu erwecken, daß hinter ihrer bekannt
scheinenden Natur allerlei ungelöste Rätsel stecken. Wo sie seltener
und unter verwickeiteren Bedingungen auftritt, sind ihre Erscheinungs-
formen vielleicht nicht durchwegs genau festgehalten und dargestellt
worden; zumindest aber fehlt es hier an einer systematischen
Bearbeitung des gewiß nicht uninteressanten Stoffgebietes. Es
soll im folgenden versucht werden, auf Grund einzelner Beobach-
tungen die hysterischen Symptome an der Gebärmutter gesondert
zu behandeln. Das Material, welches aus naheliegenden Gründen
dem Gynäkologen leichter zugänglich gemacht wird als dem
Psychoanalytiker, konnte nicht immer ausgiebig erforscht werden,
doch dürfte es in Hinsicht auf das angegebene Problem seinen
Zweck erfüllen.
Die Erfahrung hat gezeigt, daß die Hysterie sich an den zwei
Gewebselementen der Gebärmutter — d. i. JSchleimhaut und
Muskulatur — etablieren und dort ihre besonderen Symptome
hervorrufen kann. Beide haben in hohem Grade die Fähigkeit
erworben, auf reflektorischem Wege zu funktionieren,
1 Vortrag am VII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß zu Berlin.
Über hysterische Erscheinungen am Uterus
267
wodurch sie aber nur scheinbar der Beeinflußbarkeit durch das
(bewußte) Seelenleben entzogen sind. In Wirklichkeit stehen die
biologischen Funktionen der Gebärmutter durchaus in naher
Beziehung zu den Äußerungen des Affektlebens, 'beziehungsweise
sind sie auch von unbewußten psychischen Kräften lenkbar
geblieben. Aufregung, plötzlicher Schreck und dergleichen können
solche Funktionsstörungen hervorrufen. Die Vorgänge hiebei
spielen sich aber viel zu rasch ab und zeigen auch sonst nur eine
geringe Abweichung von der Norm, um der psychoanalytischen
Forschung eine zureichende Grundlage zu bieten. Sie bilden die
Übergangsformen zu jenen Fällen, die das Beteiligtsein der psychischen
Kräfte besser verraten und sich oft in mehr alarmierender Weise
äußern.
1. Indem wir uns den hysterischen Symptomen an
der uterinen Schleimhaut zuwenden, .wollen wir die Fälle,
welche sieh durch das Ausbleiben der regelmäßigen Blutung kenn-
zeichnen, von denen, die das Gesetz der Periodizität durchbrechen
und sich in plötzlich auftretenden Blutungen von unbestimmter
Dauer äußern, gesondert betrachten. Beide dieser Gruppen —
Amenorrhoe und Dysmenorrhöe — werden in den Lehr-
büchern über Frauenheilkunde, wo sie nicht durch die biologische
Unentwiekeltheit der inneren Geschlechtsorgane bedingt erscheinen, 1
in der Regel nur als „nervöse" Zustandsbilder aufgefaßt und mit
dieser Etikette kurz erledigt. Das Fehlen einer nachweisbaren
organischen Grundlage hat bislang die Gynäkologen nicht veranlassen
können, sich über ^solche Phänomene eigene Gedanken zu machen ;
auch in der Behandlung weichen sie von den üblichen Methoden
und Eingriffen nicht ab. Die Folge davon ist, daß ihre Beobachtungen
über einzelne symptomatische Erkenntnisse hinaus ohne irgend
welchen Zusammenhang sind und ihnen in betreff der Therapie
eine prinzipielle Stellungsnahme unmöglich wird. Hier einen Wandel
zu schaffen, ist nun die Psychoanalyse berufen. Nicht in dem Sinne,
daß sie sich das Amt der Kontrolle anmaßt ; sie wünscht vielmehr
nur, angehört zu werden, denn sie meint, mit den Ergebnissen
ihrer Forschung teilweise zur Klärung der Probleme beizutragen.
1 Die Unentwickeltheit kann eine anatomische oder eine funktionale
sein. Die letztere bezieht sich auf den Drüsenapparat, der mit anderen
endocrinen Drüsen vielfach zusammenarbeitet. Die Erscheinungen fallen hier
schon teilweise in das Gebiet, welches den Analytiker angeht.
268
Dr. M. Josef Eisler
Nehmen wir das Beispiel einer „nervösen" Amenorrhoe.
Auch der Gynäkologe wird sich sagen müssen, daß ihm selbst die
eingehendste Prüfung des Organs (Uterus) über die Ursache dieser
Erkrankung völlig im unklaren läßt. Er hat sich vielleicht schon
bei Fällen von weiblicher Frigidität, die ihm ja täglich vorkommen,
zu der Annahme bequemen müssen, daß der Grund dieses oft
folgenschweren Symptoms gewissermaßen außerhalb der Geschlechts-
organe zu suchen sei. Und in der Tat kann ihm die Psychoanalyse
eine sehr ausführliche Erklärung des Symptoms geben, die zugleich
einer ganzen Reihe von unbeachteten Nebenumständen gerecht
wird. Sie wird ihm sogar die Versicherung abgeben können, daß
es ihr zuweilen gelungen ist, mit Hilfe ihrer Methode das Symptom
zum Schwinden zu bringen und ein normales Empfindungsvermögen
herzustellen. Auch bei der „nervösen" Amenorrhoe spielen die
psychischen Einflüsse die Hauptrolle. Das beteiligte Organ
lehnt es einfach ab, die ihm von der Natur gebotene
Aufgabe zu leisten; das Ausbleiben der katamenialen Blutung
ist demnach ein Konversionssymptom. Die Bedingungen, unter
welchen das letztere zustande kommt, sind sehr verwickelte, doch
können wir die wesentlichste genauer bezeichnen. Wir finden in
solchen Fällen das Gefühlsleben von dem Wunsch gelenkt, ein
Mann zu sein. Dieser Wunsch ist seinem ganzen Wesen nach
infantiler Natur und hat seinerzeit vermocht, die normalen weiblichen
Strebungen in der weiteren Entwicklung zu hemmen oder nieder-
zuhalten. Er ist nicht immer unbewußt, ja oft liegt er fast greifbar
im psychischen Material — in den Phantasien, Charakterbildungen etc.
— zutage, doch kann er als konfliktbildender Faktor den Ablauf
der Affekte modifizieren und das psychische Verhalten in weitest-
gehendem Maße abändern. Unter seinem Einfluß dünkt sich das
Weib von der Natur benachteiligt und schafft sich bei genügender
Stärke und unter gleichzeitigem Gegendruck der verdrängten
Weiblichkeit einen Ausweg in das neurotische Symptom. Dieses
letztere präsentiert sich dann als Ausdruck des sogenannten
„Männlichkeitskomplexes" (Ophuijsen). Die Amenorrhoe ist nur
die eine Modalität einer solchen krankhaften Lösung, indem sie
nämlich in der uterinen Schleimhaut das organische Entgegen-
kommen findet. Die allerletzten Zusammenhänge sind uns hier
ebenso dunkel, wie in jedem Fall von Konversionshysterie. Die
Möglichkeit zahlreicher psychischer Konstellationen bringt es mit
Ober hysterische Erscheinungen am Uterus
269
sieh, daß der „Männlichkeitskomplex" einen fast unübersehbaren
Reichtum von Symptomen zeitigen kann. Abraham hat dies
erst kürzlich in ausgiebigster Weise dargetan. 1 Auch die klinische
Erscheinungsform der hysterischen Amenorrhoe ist abwechslungs-
reich. Sie ist immer nur relativ, da ihre dynamischen Vorbedingungen
— die psychischen Inhalte — allerlei Schwankungen ausgesetzt
sind; sie kann Monate, aber auch Jahre dauern und hinterläßt
Spuren von wechselnder Stärke. In der Regel tritt sie nicht allein
auf, sondern verbindet sich mit verwandten Erscheinungen. Ich
habe sie in Verbindung mit Angsthysterie, Zwangsneurose,
verdrängter Homosexualität und Perversion beobachten können.
Ein spezielles Eingehen auf solche Fälle würde uns aber vom
Grundthema allzu sehr ablenken und eine ausführliche Darlegung
der Zusammenhänge notwendig machen. Nur auf eine besondere
Art der Komplikation möchte ich hinweisen, da sie gerade von
den Gynäkologen durch zahlreiche Beobachtungen erhärtet worden
ist. Es ist dies die sogenannte „vikariierende Menstruation". Bei
dieser tritt die Monatsblutung nicht an der uterinen Schleimhaut,
sondern überraschenderweise an den verschiedensten Organen auf,
die zum Sexualorgan keine direkte Beziehung haben. Es sind
Fälle von Nasen-, Lungen- und Magenblutungen (hysterische
Döepistaxis, Hämoptoe und Hämatemesis) beobachtet worden, die
genau die Zeit der Monatsregel einhielten. Auch entferntere
Organe, wie Kehlkopf, Schilddrüse, Auge und Ohr können den
Ersatz für die unterbliebene Menstruation leisten. Es waren ins-
besondere französische Frauenärzte, die solche, gewiß nur selten
auftretende Erscheinungsformen der Hysterie beschrieben und mit
dem Namen „£ctopie menstruelle" belegt haben. Mir ist es nicht
bekannt, ob die Analyse jemals die Gelegenheit hatte, einen Fall
dieser Gruppe methodisch zu untersuchen. Wir könnten dann mehr
darüber aussagen, als uns jetzt festzustellen übrig bleibt. Zweifels-
ohne handelt es sich da um sogenannte „erogene Zonen", die auf
Grund einer — phylogenetischen — Abgestimmtheit die Rolle
des in Ablehnung verharrenden Organs übernehmen konnten. Nur
eine durchgeführte Analyse wird uns das Recht geben, weitere
Schlüsse aus solchen Fällen zu ziehen.
1 Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes. Intern. Zeit-
schrift f. Psa., Jahrg. VII, S. 423-452.
270
Dr. M. Josef Eisler
Das Überschreiten der periodischen Gesetzmäßigkeit im Sinne
eines Ausbleibens der Menstruation kann auch eine einfachere
Ursache haben, die nicht eigentlich krankheitsbildend ist. Ein
junges Mädchen, das ein illegitimes Verhältnis hatte, verstand es,
ihre Menstruation immer auf ein bis zwei Wochen zu verschieben,
womit sie ihren leicht beeinflußbaren und gewissenhaften Liebhaber
in Schach hielt.
Wer ein solches Beispiel für nicht ernst genug hält, verkennt
die Tatsache, daß die Motive im Leben — das Empfinden und
Handeln der Menschen — je nach der Charakterbildung verschieden
sind. Die wissenschaftliche Objektivität gibt es nicht zu, daß wir
die Affekte der Kranken anders, als sie gegeben sind, qualifizieren.
Sie sind eben die Symptome, mit denen wir uns zu beschäftigen
haben. Auch das folgende Beispiel, womit ich die Frage der
unperiodischen Blutungen auf hysterischer Basis
eröffne, ist in diesem Sinne aufzufassen. Eine Frau bekam nach
der Heimkehr ihres Gatten aus der Gefangenschaft so starke
Blutungen, daß sie jedesmal drei Wochen im Monat davon berührt
wurde. In dem Symptom, welches sie gegen den Mann schützte,
verbarg sich die tiefe, aus vielen Motiven erwachsene Entfremdung
vom Gatten, dessen Rechte sie nur mehr widerwillig anzuerkennen
geneigt war. Solche Fälle sind in diesen Zeiten gewiß nicht selten
zu beobachten, wenn die Aufmerksamkeit ihnen unparteiisch und
unvoreingenommen zugewendet ist. Sie beweisen, daß jede Organ-
tätigkeit unter dem plastischen Einfluß psychischer Kräfte steht,
welchen sie sich in der mannigfaltigsten Weise und unter den
verschiedensten Erscheinungsformen anpaßt.
Ausführlicher möchte ich den Fall einer heute etwa 40jährigen
Frau behandeln, deren Hysterie sicherlich zu den ungewöhnlichen
Fällen zu zählen ist. Der Beginn der Krankheit liegt bereits ein
Vierteljahrhundert zurück und hat gegenwärtig nur mehr Spuren
im seelischen Verhalten hinterlassen. Es handelt sich um eine
äußerst bescheidene und zurückgezogen lebende Frau, in deren
Charakter ein aufopferungsvoller Zug vorherrscht. Sie hat — nicht
mehr jung — einen lungenkranken Mann gewählt, um ihn betreuen
und pflegen zu können; vorher hatte ihre Beziehung zum Vater
und insbesondere zu einem jüngeren Bruder eine ähnliche Tendenz
verraten. Diese ausgesprochene Mütterlichkeit, die sicherlich
ein normales Maß übersteigt, füllt ihr ganzes Wesen aus und
Über hysterische Erscheinungen am Uterus
271
macht sie für jede andere Lebensfreude stumpf. Merkwürdig:
gestaltete sich das Verhältnis zu den weiblichen Mitgliedern ihrer
Familie. Einer älteren Schwester, die eine gesunde Sinnlichkeit
besaß und sich auch sonst lebensfähiger als sie erwies, begegnete
sie in geheimer Feindschaft. Oft zeigten sich dieser gegenüber
Anwandlungen von Eifersucht. Weniger scharf ausgesprochen,
doch ähnlicher Natur waren ihre Gefühlsbeziehungen zur Mutter.
Dies alles hatte den Anschein, als ob sie neben ihrem mütterlichen
Drange keine weibliche Rivalin dulden konnte. Nur zu der einzigen
jüngeren Schwester fühlte sie sich hingezogen, nannte sie ihre
„Schülerin" und trachtete sie nach eigenem Muster zu erziehen
Sie opponierte damit ihrer Mutter, als wollte sie beweisen, daß
dieser die Fähigkeit zur Kindererziehung abging. Wir haben also
in ihrer extrem „passiven" Lebenseinstellung zugleich die heftig
unterdrückten Motive einer kindlichen Herrschsucht und Auflehnung
vor uns. Für weitere Spannungen im Seelenleben dieser Frau
sorgte ein nur kümmerlich vorhandenes Sexualempfinden. Bei
großer Zärtlichkeit für den Mann blieb sie eine kalte Natur. Als
siebenjähriges Kind hatte sie einmal im elterlichen Garten einen
Beischlaf beobachtet — wahrscheinlich zwischen Bediensteten, also
Niedriggestellten des Hauses — , welcher ihr in der Erinnerung
häßlich und ekelerregend vorkam. Ihre abweisende Haltung in
sexuellen Dingen war durchaus auf dieses Erlebnis zurückzuführen.
Zunächst muß es jedoch anders gewirkt haben. Es ist nämlich
aus ihrem neunten Lebensjahr eine wichtige „Deckerinnerung"
erhalten geblieben, die uns zu solcher Annahme bringt. Sie wußte
von einer Zeichnung zu erzählen (Geschenk des Vaters?), worin
„das Schicksal eines Waisenmädchens" in verschiedenen Etappen
dargestellt war. Es dürfte sich auf den Bildern um den moralischen
Verfall einer Schutzlosen gehandelt haben. In dieser Deckerinnerung
finden wir eine Gedankenreihe wieder, die uns als „Dirnenkomplex"
bekannt ist. Er ist bei Neurotischen nicht selten und besagte, daß
ihre gebundene Sexualität den Wunsch nach Ausschweifung verdeckt,
daher nur ein Verdrängungsprodukt ist. In diesem Falle ist es
bezeichnend, daß die Phantasie neben dem Todeswunsch gegenüber
der Mutter auch eine Beschuldigung des Vaters entnält: weil er
sie verschmäht hat, will sie sich nun jedem hingeben. — Ich komme
jetzt auf den Ausbruch ihrer Krankheit zu sprechen, die uns nach
dem Gesagten nicht mehr ganz unverständlich sein kann. Zwischen
272 Dr. M. Josef Eisler
ihrem 16. und 17. Lebensjahr machte ihr ein junger Mann, der
ihr Wohlgefallen besaß, den Hof. Auf einem Balle, während sie
tanzten, stellte er ihr einen unzüchtigen Antrag und verfolgt das
tief erschrockene Mädchen in die Garderobe. Hier bekam sie plötzlich
eine — unerwartete — Blutung. Von diesem Moment an
dauerte die Menstruation etwa fünf Jahre. Nur auf
ärztliche Einwirkungen gab es kurze Pausen in der Blutung, die
sich bald normal stark, bald nur schwach andeutete, aber der Zustand
selbst schien lange sich nicht ändern zu wollen. Es wurden die
tüchtigsten Frauenärzte zur Behandlung herangezogen, die nach
verschiedenen medikamentösen und physikalischen Heilversuchen
schließlich ein Curettement anrieten. Dieses wurde auf einer Klinik
nach künstlicher Defloration der Patientin durchgeführt, änderte
jedoch nicht viel an der Sache. Noch zweimal wurde die Auskratzung
der Gebärmutter wiederholt, bis endlich ein Frauenarzt den Fall
zum Neurologen schickte. Ich habe die näheren Umstände dieses
Ärztewechsels erfahren können und teile sie mit, weil sie den
Analytiker interessieren dürften. Der betreffende Gynäkologe, ein
stadtbekannter Fachmann, hatte damals — vor 20 Jahren — die
ersten Schriften von Freud gelesen und unter dem Eindruck
dieser Lektüre die Diagnose auf Hysterie gestellt. Er war also
nach fünf Jahren der erste, der den Mut hatte, seine Unkompetenz
offen zu bekennen. Der Erfolg gab ihm jedenfalls recht: es bedurfte
bloß einer kurzen Suggestivbehandlung und der qualvoll gewordene
Zustand der Kranken nahm ein Ende. Nur noch der freiwillige
Tod ihres ersten Bräutigams rief nach etwa drei Jahren eine kurz-
fristige Rezidive hervor; nach weiteren drei Jahren starb der
Bruder, den sie sehr liebte. In der Folge trat eine schwere Depression
auf, doch die kontinuierlichen Uterusblutungen waren ausge-
blieben. Von da an nahm ihr Leben jenen stilleren Verlauf,
den ich eingangs in seinen charakteristischen Merkmalen geschil-
dert habe.
Als Motiv dieser hysterischen Blutung von ungewöhnlich
langer Dauer haben wir eine auch im Seelischen ausgedrückte
Art von Selbstentwertung zu erkennen, ein Motiv, das zugleich
den Zweck verfolgte, sich gegen den Mann zu schützen. Träger
des krankhaften Impulses war die Schleimhaut der Gebärmutter,
deren Funktion gesteigert und über die Maßen mißbraucht wurde.
Alles, was wir der Beschreibung des eigentlichen Symptoms voraus-
Über hysterische Erscheinungen am Uterus
273
geschickt haben, mag zur psychologischen Unterstützung dieses
theoretischen Schlusses dienen. 1
2. Die Frage, ob die muskulären Gewebselemente
der Gebärmutter einer psychischen Beeinflussung unterworfen sein
können, ist über einen gewissen Punkt hinaus niemals gestellt
worden. Man hat unter dem Eindruck der Tatsache, daß nach
plötzlichen Schreckerlebnissen eine unzeitgemäße Wehentätigkeit
einsetzen kann, von der reflektorischen Reizfähigkeit
der uterineh Muskulatur gesprochen. Auch gewisse Sehmerz-
empfindungen, Krämpfe, Unterleibssensationen und dergleichen
zur Zeit der Regel sind ähnlich definiert, beziehungsweise mit
nervösen Vorgängen in der Muskelsubstanz des Uterus in Beziehung
gebracht worden. Das ist, abgesehen von der unbestimmt gehaltenen
Begriffsfassung, gewiß sehr wenig, und wir haben nur geringe
Aussicht, im klinischen Teile der Gynäkologie eine reichere
Kasuistik und anschließend daran eine genauere Umschreibung
des Problems zu finden. Zu den kargen und unklaren Beobachtungen
tritt eine ebenso unklare theoretische Stellungnahme in dieser
Frage hinzu. Die Erfahrungen sind hier also noch lückenhafter
als wir sie bei den hysterischen Schleimhautsymptomen gesehen
haben. Es ist daher von vorneherein zu entschuldigen, wenn die
Aufschlüsse, die wir zu geben versuchen, nicht befriedigende sein
werden. Das Material des Psychoanalytikers ist ja ohnebin von
zufälliger Natur, da ihm eine freiwillige Auswahl der Fälle nur
selten zusteht, und die letzteren ihre eigentliche Bedeutung erst
in der psychoanalytischen Arbeit verraten. Noch weniger ist dem
Analytiker gegeben, seine Forschung systematisch in einer
Richtung zu betreiben. Er muß Jahre warten, : bis er auf die gesuchte
Variante stößt, die er zum Ausbau seines Beweisverfahrens für
so nötig erachtet. In voller Kenntnis dieses Mangels bringe ich
1 Ich verdanke die Kenntnis dieses Falles dem behandelnden Nerven-
spezialisten, der später zum langjährigen Vertrauten und Familienfreund der
Patientin wurde. Er befaßte sich eingehend mit der Natur der Krankheit, nahm
sogar hypnotische Sitzungen vor, in welchen, er die Erinnerungsspuren bis in
die Kindheil verfolgte, und verstand es, im jahrelangen Verkehr ohne Kenntnis
der psychoanalytischen Methode das wichtigste psychische Material heraus-
zufinden. Ich habe von seinen vielen Angaben nur das verwendet, was der
kritischen Prüfung in jeder Hinsicht standhielt und dem Gesetz der Diskretion
nicht widersprach. Trotzdem bin ich mir bewußt, daß der Fall nur in den
Umrissen klar dasteht.
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3.
18
274
Dr. M. Josef Eisler
zwei Beispiele von hysterischen Erscheinungen an der uterinen
Muskulatur. Sie werfen von zwei verschiedenen Seiten ein neues
merkwürdiges Licht auf diese Frage, die auch aus praktischen
Gründen nicht unwichtig ist, handelt es sich doch um die „nervöse"
Beeinflussung einer lebenswichtigen Funktion.
Ich beginne mit dem doppelten Beispiel einer spontanen
Unterbrechung der Schwangerschaft und will versuchen, sie als
Folgeerscheinung einer hysterischen Anlage zu begreifen, deren
exekutives Organ eben die Uterusmuskulatur ist. Meine Beweis-
führung ist eine indirekte, die den Irrtum nicht ausschließt; viel-
leicht werden häufigere Beobachtungen in dieser Richtung zu
korrekteren Einsichten führen. Jedenfalls darf ich sagen, daß der
Gynäkologe auf Grund des gewonnenen Gesamteindruckes der
Diagnose nichts entgegensetzte, mag er auch nicht den Willen
gezeigt haben, dem weiteren Ideengang des Psychoanalytikers zu
folgen. Wir dürfen uns aber zufrieden geben, wenn wir in der
Benennung der Sache mit Andersgesinnten zusammentreffen.
In beiden Fällen handelte es sich um den plötzlichen Abgang
der Frucht (im fünften und dritten Monat), der für den behan-
delnden Gynäkologen ganz unerwartet kam, da er alle störenden
Momente (organische Erkrankung, Lues usw.) mit der größten
Sicherheit ausschließen durfte. Dazu trugen beide Frauen seit
Beginn der Schwangerschaft ein ausgesprochen ängstliches Wesen
zur Schau, weshalb sie auch als „Nervöse" mit doppelter Sorgfalt
behütet wurden. Dem geschärften Auge des Analytikers boten die
Fälle noch andere verdächtige Symptome, die ihm den hysterischen
Charakter derselben plausibel machten. Bei der einen Frau waren
lange vor der Schwangerschaft orale Erscheinungen (globus),
sonderbare Neuralgien und nervöse Atembeschwerden beobachtet
worden, wozu sich, wie auch bei der anderen, eine allgemeine
Steigerung des Affektlebens gesellte. Bei der zweiten standen seit
je narzißtische Charakterzüge — ein mit großer Weltfremdheit
verbundener Mangel an Selbstkritik, das krankhafte Bedürfnis
nach Zärtlichkeit und die Neigung, ihre im Grunde schwachen
Gefühle zu übertreiben — im Vordergrund, die zusammen einer
Störung im psychischen Gleichgewicht den Boden bereiteten. Das
führende Motiv, welches in beiden Fällen die hier angedeuteten
Zustände und seelischen Veränderungen hervorbrachte, war die
ambivalente Einstellung zum Gatten, das Schwanken
Über hysterische Erscheinungen am Uterus
275
zwischen den Gefühlen der Liebe im Bewußten und des Hasses
im Unbewußten. Man konnte mit Recht aus den mühsam unter-
drückten und überkompensierten Haßregungen auf diesen General-
nenner schließen. Der Umstand, daß der spontane Verlust der
Leibesfrucht sich beidemal ereignete, als die Gatten verreist waren,
gibt uns die Möglichkeit, den rätselhaften Vorfall nun besser zu
verstehen. Aus der krankhaften Stimmung der Frauen war
ersichtlich, daß sie die Abreise des Mannes als unverdiente Vernach-
lässigung empfanden und ihnen diese Lieblosigkeit im Herzen
nachtrugen. (Ich erfuhr später von der Umgebung, daß die Reisen
der Männer keinen unmittelbar wichtigen Grund hatten und ver-
schoben werden konnten.) Wir wissen aus zahlreichen Analysen,
daß in solchen Fällen leicht ein infantiler Racheimpuls in der Seele
der Frau aufkommt und nach Gelegenheit sucht, den Mann
empfindlich zu treffen. Wenn wir in der Theorie annehmen, daß
die uterine Muskulatur ebenso „hysterisch" funktionieren kann,
wie jedes andere Organ: ist da bei der gegebenen Konstellation
ein solcher Effekt psychologisch auszuschließen? Es liegt durchaus
im Bereich der Möglichkeit, daß im Abgang der Leibesfrucht der
Vollzug eines unbewußten, daher überstarken Racheimpulses zu
sehen ist. Die Motive der hysterischen Affektivität entbehren nicht
des dämonischen Zuges und es gibt eine krankhafte Verzweiflung
der Medea-Typen, die ähnliches im Leben vollbringen, um sich
an dem treulosen und gehaßten Mann zu rächen. Hier liegt das
treibende Motiv ganz offen zutage. Auch das Schlagen der Kinder
seitens der verbitterten Mutter kann oft denselben Beweggrund
haben. Wir sehen, wie sich der gleiche psychische Komplex in ver-
schiedenen Stufungen auswirkt.
Das zweite Beispiel bezieht sich auf eine protrahierte Ent-
bindung, die für den behandelnden Gynäkologen durchaus nichts
Auffallendes hatte, dem Analytiker jedoch wegen der Begleit-
umstände einiges zu denken aufgab. Hier war es später möglich,
in korrekter psychoanalytischer Arbeit den tieferen Gründen nach-
zugehen und das Symptom in Beziehung zu einer pathologischen
Fixation der Libido zu bringen. Leider setzt der Fall, um richtig
verstanden zu werden, eine genauere Sachkenntnis voraus und
wird deshalb nur den analytisch geschulten Arzt überzeugen
können. Ich möchte aber Gewicht darauf legen, daß auch der
Gynäkologe sich von der wahren Bedeutung des Symptoms ein
18»
276
Dr. M. Josef Eisler
Urteil bilde, denn ihm steht es an, hier wie bei den früheren
Fällen, die Konsequenz aus der Wahrheit zu ziehen.
Es handelt sich um eine zweiunddreißigj ährige Frau, deren
physische Gesundheit in jeder Hinsicht der Norm entsprach. Eine
auffallend leichte Schwangerschaft (erstes Kind), ohne die geringste
nervöse Störung und ein ebenmäßiger Beckenbau schienen zu bürgen,
daß die Entbindung eine normale sein werde. Es kam jedoch
anders. Die Wehentätigkeit setzte ungemein träge ein und die
Geburt zog sich 4Va Tage hin. Am Kinde selbst wurde in dieser
Zeit keine Komplikation (Ausfallen der Herztöne usw.) beobachtet ;
trotzdem entschloß sich der nun beunruhigte Gynäkologe zur
Forcepsbehandlung. Die Anstalten hiezu wurden getroffen, die
nötigen Instrumente bereitgelegt. Die dem Eingriff vorangehende
Untersuchung zeigte jedoch, daß die Entbindung in vollem Gange
war. Nach einer Stunde kam das Kind zur Welt, so daß es fast
den Anschein gab, als ob hier das Schreckmittel der Operation
gewirkt hätte.
In der Analyse wurde später ein pathologisch verstärkter
Analerotismus des Falles aufgedeckt. Ich habe an anderer Stelle das
wesentlichste hierüber in folgenden Sätzen zusammengefaßt: 1
„Als Kind stark an den Vater fixiert, begann die Kranke vom
sechsten Lebensjahre an schwerer Stuhlverstopfung zu leiden
(Entleerung ein- bis zweimal in der Woche unter großen Krämpfen),
Damals wurde ihre jüngste Schwester geboren, der sie lange Zeit
feindselig gegenüberstand, um später eine große, fast mütterliche
Zärtlichkeit zu ihr zu fassen. Nach dem Tod dieser Schwester
traten melancholieartige Verstimmungen auf. Die Obstipation
bestand in wechselvoller Stärke über zwanzig Jahre und nahm
nach der Ehe, die vorerst kinderlos blieb, womöglich noch zu.
Auffälligerweise milderte sich der Zustand monatlich zur Zeit der
Menses. Nach Geburt des ersten Kindes trat spontan eine völlige
Heilung ein. Die analytische Ermittlung stellte auch in diesem
Fälle fest, daß sich der infantile Wunsch nach einem Kinde
(vom Vater) in die Darmsymptome konvertiert hat. Das Mutter-
werden hob schließlich die scheinbar harmlose Krankheit auf."
In diesen Sätzen suchte ich einen Beleg dafür zu bringen,
daß dem unbewußten Denken die Gleichstellung von Kind und Kot
1 Eine unbewußte Schwangerschaftsphantasie bei einem Manne usw.
Intern. Zeitschr. f. Psa., Jahrg. VI, S. 61, Fußnote.
Über hysterische Erscheinungen am Uterus
277
geläufig ist. Ich kann nun hinzufügen, was ich damals aus Dar-
stellungsrücksichten unterließ, daß mir der wichtigste Beweis für
die Korrektheit dieser Annahme aus einer, des Humors nicht
entbehrenden Charaktereigentümlichkeit der Patientin geliefert
wurde. Sie war geradezu unerschöpflich in der Anwendung von
analen Koseworten, womit sie das Kind bedachte. „Du
kleiner Kacker" . . . „Du mein kleines Ärscherle" . . . „Du kleiner
Stinker" usw. hieß es bei ihr in Begleitung von körperlichen
Zärtlichkeiten.
Theoretisch vermag uns der Fall wichtige Aufschlüsse über
die Umwandlungen der Libidoqualitäten zu geben. Wir nehmen
an, daß der Analerotismus, als Organisationsstufe der Libido, der
sogenannten genitalen Sexualität unmittelbar vorangeht. Die
psychische Bewältigung der analen Libido ist jedesmal an einen
längeren Zeitraum gebunden und diese wird niemals restlos in
die neue Libidoqualität überführt. Spuren von verschiedener Stärke
bleiben immer bestehen. In dem dargestellten Fall sehen wir ein
geradezu klassisches Beispiel vom Einflüsse der verdrängt weiter-
bestehenden analen Erotik auf die Sexualität. Die träge, das
gewöhnliche Maß weit übersteigende Funktion der uterinen
Muskulatur erinnert in merkwürdiger Weise an den hysterisch
affizierten Darm, welcher sich seit je von seinem Inhalte immer
nur mit Verzögerung trennen konnte. Wie sehr die genitalen
Strebungen von den analerotischen durchsetzt waren, indem sie
von diesen den Typ der Langsamkeit übernahmen, kam schließlich
darin zum Ausdruck, daß die Patientin im Geschlechtsverkehr die
Neigung zum verspäteten Orgasmus verriet.
Wenn es mir gelungen ist, durch die hier dargestellten Fälle
die spezielle Beziehung des Uterus zum Hysterieproblem für jede
weitere genaue Forschung eingeleitet zu haben, betrachte ich
meine Aufgabe für gelöst.
Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib.
Von Dr. J. Häinik (Berlin).
Die nachfolgenden Ausführungen haben sich, in Anlehnung
an grundlegende Abhandlungen von Freud und Ferenczi, zum
Ziel gesetzt, jenen Umwandlungen des (primären) Narzißmus nach-
zuforschen, welche mit den Geschlechtsunterschieden, beziehungs-
weise mit deren Ausbildung im Zusammenhang stehen. Solche
Beziehungen dürften in der Periode der infantilen Sexualität kaum
anzutreffen sein, nachdem uns Freud gelehrt hat, daß für sie
die Unterschiede des Geschlechts keine entscheidende Bedeutung
haben. Mehr Aufklärung ist über solche Verknüpfungen bei der
zweiten Blüte der Sexualität, der Pubertätsreife, zu holen, die ja
die endgültigen Gestaltungen in der Differenzierung von Mann
und Weib zum Vorschein bringt. Diese für die seelische Entwick-
lung des Menschen entscheidenden Umgestaltungen werden wir
zum Ausgangspunkt unserer Untersuchungen über „Narzißmus
und Geschlechtsunterschiede" nehmen.
I.
Es wird sich als vorteilhaft erweisen, die so auffälligen
Pubertätsveränderungen beim jungen Weib in erster Linie zu
würdigen; die vergleichende Betrachtung der Hauptrichtungen
führt zu beachtenswerten Annahmen und Schlußfolgerungen. Die
Ergebnisse der analytischen Erforschung der weiblichen Pubertät
hat Freud in folgenden Sätzen zusammengefaßt: „Die Pubertät,
welche dem Knaben jenen großen Vorstoß der Libido bringt, kenn-
zeichnet sich für das Mädchen durch eine neuerliche Verdrängungs-
welle, von der gerade die Klitorissexualität betroffen wird. Es ist
ein Stück männlichen Sexuallebens, was dabei der Verdrängung
verfällt." 1 Um dieser knappen Formulierung gerecht zu werden,
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", 5. Aufl., S. 84.
Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib
279
wollen wir wenigstens eine bedeutsame Veränderung hervorheben.
Als ein wesentlicher Erfolg jenes Verdrängungsschubes kann die
Unterdrückung der vielfach bis dahin geübten Klitorismasturbation
betrachtet werden. Über die psychischen Motive bei diesem Vor-
gang ergibt sich aus der analytischen Erfahrung, daß der letzte
Anstoß zum Aufgeben der Klitorismasturbation normalerweise
von einem einschneidenden Erlebnis, vom Eintreffen der ersten
Menstruationsblutung, ausgeht. (Ebenso macht dieses Ereignis
häufig Objektbeziehungen ein Ende, in welchen noch Klitoris-
sexualität und entsprechende Befriedigungen dominieren.) Die
Psychoanalyse hat das bekanntlich dahin aufgeklärt, daß die erste
Periode für das Unbewußte des halbwüchsigen Mädchens eine
Kastrationsblutung bedeutet und daher wie eine Kastrations-
drohung wirkt. Hier kann die Vermutung erwähnt werden, daß die
einsetzenden periodischen Blutungen den Wechsel in der leitenden
erogenen Zone vorbereiten helfen, indem sie die Bedeutung von
einer Art Vorstufen für die spätere einmalige Blutung bei der
Defloration gewinnen; welch letztere in ihrer unbewußter Bedeu-
tung von Freud (im „Tabu der Virginität") gewürdigt, von
Perenczi 1 als Vorbedingung der Libidoverlegung von der
Klitoris auf die Vagina angesprochen wurde. Des weiteren möge
ein flüchtiger Hinweis auf Freuds klassische Schilderung der
späteren Schicksale der Klitoriserregbarkeit genügen, um den
Übergang zu unseren eigentlichen Untersuchungen anzubahnen.
Diese gehen von der Fragestellung aus, welche unmittel-
baren Zustände an Libidoverteilung durch die eben charakterisierte
Verdrängungswelle der weiblichen Pubertät erzielt werden. Wir
folgen zunächst wiederum den Darlegungen Freuds, der dieses
Thema in anderem Zusammenhang noch einmal aufnahm und zu
folgender wichtigen Feststellung gelangte :„ ... bei dem häufigsten,
wahrscheinlich reinsten und echtesten Typus des Weibes . . .
scheint mit der Pubertätsentwicklung durch die Ausbildung der
bis dahin latenten weiblichen Sexualorgane eine Steigerung des
ursprünglichen Narzißmus aufzutreten . . ." 2 Versuchen wir nun,
diese zweierlei libidinösen Situationen, die durch die Mauer der
Pubertätsverdrängung voneinander getrennt sind, vergleichend
gegenüber zu stellen. In der Vorpubertät: männlich gerichtetes
1 „Hysterie und Pathoneurosen", Intern. Psa. Bibl. Nr. 2, S. 15.
2 „Zur Einführung des Narzißmus", Jahrb. VI, S. 13.
280
Dr. J. Härnik
Sexualleben, Klitoriserregbarkeit, Klitorismasturbation ; in der
Pubertätsentwicklung: Verstärkung der Sexualhemmnisse, Hervor-
treten der sekundären Geschlechtsmerkmale, Entwicklung zur
„Schönheit", Steigerung des Narzißmus. Wir haben den letzteren
Zustand nicht nur als zeitliche Fortsetzung des ersteren zu
betrachten, sondern als eine durch die Pubertätsverdrängung auf-
gezwungene Umwandlung desselben, welche jedoch ihre Herkunft
aus ihren psychologischen und biologischen Merkmalen
erraten läßt.
Vor der Pubertätsverdrängung besaß das kleine Mädchen
virtuell einen Penis ; mit der Pubertät entwickelt sich bei ihr „die
Schönheit", indem sich ihre „Reize" ausbilden, die das sexuell und
ästhetisch Reizende für den begehrenden Mann werden sollen. 1
Diesen Reizen gilt nun ihre narzißtische Selbstliebe, die sie nicht
nur für die dem Weib sozial verkümmerte Freiheit der Objekt-
wahl entschädigt — wie es Freud bemerkt — sondern auch für
das Aufgeben der infantilen Männlichkeit, für den Verlust ihres
Penis. Die Schönheit ihres Körpers und insbesondere des Gesichts
wird ihr so zum Ersatz für den verloren gegangenen Penis.
Diese Anschauung verknüpft sich mit der Annahme, daß dieselbe
narzißtische Bevorzugung, die das jungfräuliche Weib dem sich
entfaltenden Körper entgegenbringt, vor dem Verdrängungsschub
der Pubertät dem Genitale, d. h. dem virtuellen Penis gegolten hat.
Dieser Gedanke ist aber nichts anderes, als die hoffentlich sinn-
gemäße Anwendung einer Aufstellung von Ferenczi, die sich
in einer seiner bedeutsamsten Arbeiten findet und von welcher
auch — wie leicht zu erkennen ist — die entscheidende Anregung
zu den hier entwickelten Gedankengängen ausging. Die betreffende
Stelle hat folgenden Wortlaut:
„Eine ganz besondere Stelle unter den erogenen Zonen nimmt
das Genitale ein. Seit Freud wissen wir, daß es schon früh-
zeitig das Primat aller erogenen Zonen übernimmt, so daß sich die
erogene Funktion aller übrigen Zonen zugunsten der Genitalzone
einschränkt. Hinzufügen muß man, daß sich dieses Primat auch
darin äußert, daß jede Erregung einer erogenen Stelle sofort auch
das Genitale in Mitleidenschaft zieht, so daß das Genitale als
erotisches Zentralorgan sich zu den übrigen Zonen wie das Gehirn
1 Vgl. Freuds Bemerkung über den Begriff des „Schönen" (Sexual-
theorie, S. 23).
Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib
281
zu den Sinnesorganen verhält. Die Ausbildung eines solchen, die
übrigen Erotismen zusammenfassenden Organes dürfte überhaupt
die Vorbedingung der von Freud postulierten narzißtischen Stufe
der Sexualität sein. Mit Bestimmtheit können wir annehmen, daß
zwischen dem Genitale und dem narzißtischen Ich (Freud) zeit-
lebens die allerintimsten Beziehungen bestehen bleiben, ja daß das
Genitale vielleicht überhaupt der Kristallisationskern der narziß-
tischen Ichbildung ist. Als psychologische Bestätigung dieser
Annahmen dient uns die weitverbreitete Identifizierung des Ich
mit dem Genitale in Träumen, in der Neurose, in der Folklore
und im Witz." 1
Wenn wir nun die Ausführungen Ferenczis mit obigen
Erörterungen über den weiblichen Narzißmus zusammenhalten, so
läßt sich ein fundamentaler Unterschied in der Gestaltung des
Narzißmus bei beiden Geschlechtern feststellen. Beim Manne, dessen
Pubertätsonanie wohl den auffälligsten Gegensatz zu den Sexual-
hemmnissen (Onanieunterdrückung) der weiblichen Pubertät abgibt,
bleibt die narzißtische Bewertung des eigenen Penis zum größten
Teil zeitlebens erhalten, während die Frau mit der Pubertätsreife
genötigt ist, dieselbe aufzugeben, um sie mit der Wertschätzung
der Körpergestaltung und des Gesichtes zu vertauschen. Oder, um
es formelhaft auszudrücken: beim Manne bleibt das Genitale das
Zentrum des Narzißmus, beim Weibe aber wird der Narzißmus
sekundär auf das Körperganze verlegt.
An dieser Stelle wird es willkommen sein, wenn ich meine
Darlegungen an einem aus der analytischen Erfahrung herrührenden
Beispiel illustriere. Eine junge, hysterische Frau (Pat. A.) — die die
Behandlung hauptsächlich wegen sexueller Anästhesie aufsuchte
— nahm in früheren Jahren viel Anteil an den Bestrebungen eines
Kreises, in welchem Körperschönheit und Nacktheit hochgeschätzt
und gepflegt wurden. („Nacktkultur".) Ihr narzißtischer Exhibitio-
nismus fand da offenbar reichliche Befriedigungsmöglichkeiten.
Ich kann über sie berichten, daß sie zeitweise in die Onanie ihrer
früheren Jugendzeit zurückverfiel und daß es dann bei ihr gelegentlich,
aber immer wieder zu einer charakteristischen Art der Selbst-
befriedigung kam. Sie stellte, wenn sie im Bade war, am Rande
der Badewanne sitzend einen Spiegel in der Weise vor sich hin,
daß sie ihr Genitale darin sehen konnte und übte so die Mastur-
i Über Pathoneurosen, „Hysterie und Pathoneurosen", S. 11.
282
Dr. J. Härnik
bation aus. Diese Frau hatte also zwar den typischen weiblichen
Narzißmus entwickelt, aber auch die Tendenz behalten, im regressiven
Wege zu dem männlich gerichteten, nach dem Genitale hin zentrierten
Narzißmus der Kindheit zurück zu gelangen.
An einer interessanten Beobachtung kann ich weiter zeigen 5
in welcher Weise die Schuldgefühle wegen der onanistischen
Betätigung der Vorpubertät vom Unbewußten her die Ausbildung
des gesteigerten Narzißmus beim Weib hemmen und stören können.
Von einem ebenfalls an Hysterie erkrankten Mädchen (Pat. B.)
erfuhr ich in der Analyse, daß sie sich, genauer gesagt, ihr Gesicht
in den Jungmädchenjahren für sehr häßlich gehalten hat. Ein
Lichtbild aus dieser Zeit, welches sie gelegentlich mitbrachte,
zeigte aber — wie sie auch fand — das liebliche, ja schöne
Gesichtchen eines halbwüchsigen Mädchens. Sie soll damals zu
dieser Überzeugung durch die Äußerungen ihrer Umgebung,
namentlich durch häufige mißliebige Anspielungen auf die Sommer-
sprossen ihres Gesichtes gelangt sein. Letztere Mitteilung bestärkte
mich in meiner schon sehr bald gebildeten Ansicht, daß bei dieser
Einstellung die Selbstvorwürfe wegen der „häßlichen" Onanie am
Werke waren („Flecken" — „Selbstbefleckung") — die sie eigent-
lich schon bei beginnender Pubertätsreife aufgegeben hatte. Meiner
Anschauung lag hauptsächlich die Wandlung zugrunde, die jene
Einstellung nach einer beträchtlichen Anzahl von Jahren offenbar
durchgemacht haben mußte. Sie konnte in der Analyse nicht
genug über die Häßlichkeit ihres Leibes klagen, den sie ab-
scheulich und an welchem sie hunderterlei Fehler fand, wogegen
sie mit der Hübschheit ihres Gesichtes — wiederum auch
mit Berufung auf die Meinung anderer — meistens sehr zufrieden
ist. Es war da naheliegend, eine innige Beziehung zu ihrem Liebes-
leben anzunehmen; sie unterlag nämlich nach gewissen sexuellen
Erlebnissen der späteren Zeit neuerlich der Masturbation. Und die
Reaktion — daß sie sich häßlich fand — war abermals da, nur
daß dieses Urteil nun den Körper betraf, vielleicht durch Auf-
frischung einer schon mal dagewesenen ähnlichen Abneigung ihrem
Leib gegenüber, vielleicht aber auch im Zusammenhang damit,
daß sie jetzt nicht an der Klitoris, sondern hauptsächlich am Scheiden-
eingang onanierte. Ich schloß aus dem ganzen Sachverhalt, daß hier
eine Verschiebung stattgefunden hat, daß sie während der Pubertäts-
zeit, wo sie ihr Gesicht so unschön fand, für die Reize ihres Leibes
Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib
283
eingenommen war. Sie hat mir dieses bestätigt, indem sie sich
erinnerte, wie sie damals ihren jugendlich aufblühenden Körper
so häufig mit interessiertem Wohlgefallen betrachtete.
Ich möchte noch bei diesen „Häßlichkeitsideen" verweilen,
weil sie — ich weiß nicht, mit welcher Häufigkeit — auch bei
Männern vorkommen und da dieselbe Motivierung zum Grunde
haben. Von einem zwangsneurotischen, an Potenzstörung leidenden
jungen Manne von normalem Aussehen (Pat. C.) weiß ich, daß er
sich für zu häßlich hält, um von den Mädchen geliebt zu werden,
daß er aber schon in früheren Zeiten seine angebliche Häßlichkeit
beklagte. Er führt seit Jahren einen heftigen — und vergeblichen
Kampf gegen seine Onanie und unterwarf sich schon lange der
bekannten, weitverbreiteten Ansicht, beziehungsweise Befürchtung,
daß man die Spuren der Onanie am Gesicht sehen und erkennen
kann. Er hatte den Penis immer als etwas Häßliches betrachtet
und noch als heranwachsender Knabe geäußert, die Frauen seien
deswegen schön, weil sie kein männliches Glied haben — und er
mag mit dieser Ansicht instinktiv etwas Richtiges mit erfaßt haben.
Sein Fall erinnert uns aber daran, daß auch der Mann ein Stück weib-
lichen, das heißt auf die Körperschönheit bezogenen Narzißmus
entwickeln kann und vielleicht ganz normalerweise, wenn auch in viel
geringerer Intensität zu entwickeln pflegt. Damit erhält die These
vom Narzißmus des Mannes eine erste Korrektur ; auch bei ihm
kommt es teilweise zu jener Verschiebung in der Verteilung des
Narzißmus, wie sie für die Frau typisch und vorherrschend ist.
In starker Ausprägung zeigt sich dieser Narzißmus bei einer Reihe
von Männern, deren Liebesleben auch häufig in charakteristischer
Weise gekennzeichnet ist durch eine Umkehrung der typischen
Beziehung zwischen Mann und Weib: sie lassen sich die liebende
Frau gefallen, die ihnen die adäquate Sexualübersehätzung ent-
gegenbringt. 1 Unseren Anschauungen über die Bisexualität entspricht
es durchaus, das Vorkommen eines bestimmten psychischen
Mechanismus bei beiden Geschlechtern, nur mit verschieden starker
Wirksamkeit, anzunehmen, und wir werden noch im weiteren
solcher Betrachtungsweise begegnen. Da soll noch gezeigt werden,
daß es auch eine normale, typisch-männliche Möglichkeit gibt, vom
1 Es ist auch sinnfällig, welche Bedeutsamkeit diese narzißtische Libido-
position für die Menschendarstellung in der bildenden Kunst besitzt. Vgl.
Rank, Ein Beitrag zum Narzißmus, Jahrb., Bd. III.
284
Dr. J. Härnik
(primären) Narzißmus aus — durchaus in Analogie mit dem
Vorgang beim Weibe, den ich als sekundäre Verlegung des Narzißmus
bezeichnet habe, und doch wiederum anders — den ganzen Körper
mit libidinösem Interesse zu besetzen.
Ich sagte oben, daß auch die biologischen Merkmale
der weiblichen Pubertätsentwicklung Anzeichen sind, aus denen
sich die entsprechenden Libidoverschiebungen und die Rolle der
letzteren für die Gestaltung des Narzißmus erraten lassen. In
Erörterung dieses Themas werde ich zuerst einiges aus der
klinischen Erfahrung für die Argumentation bereitstellen und
nachher die Schlußfolgerungen entwickeln, die sich mir daraus
ergeben haben. Dabei soll es nicht auf die ausführliche Wiedergabe
einzelner Fälle ankommen ; ich beschränke mich auf die Vermittlung
eines Gesamteindrucks, den ich aus dem Studium von weiblichen
Pubertätsschicksalen empfangen habe. Es fiel mir zunächst vereinzelt
auf, daß junge Mädchen, die ihre Masturbationsgelüste nach dem
Auftreten der monatlichen Blutungen nicht überwinden konnten,
eine mangelhafte Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale,
vor allem der Brüste zeigten. Weitere Erfahrung zeigte dann,
daß diese Mädchen dieselben sind, welche über die Pubertät hinaus
und bisweilen zeitlebens eine kindlichschlanke Gestalt bewahren,
die undifferenziert-knabenhafte Figur, das knabenhafte Aussehen
ihrer Vorpubertät unverändert beibehalten, ja vielleicht fallweise
auch an Gesicht unschön werden und manchmal auch unschön
bleiben. 1 Man gelangt so zur Einsicht, daß die zur Pubertätszeit
vor sich gehende Unterdrückung der Klitorismasturbation nebst
der Einschränkung der Klitoriserregbarkeit in der Regel eine
Vorbedingung für die richtige, vollwertige Ausbildung der weiblichen
„Reize" ist, deren enger Zusammenhang mit der sekundären
Verlegung des Narzißmus uns beschäftigt.
Diese Auffassung wird sich gewiß nicht so allgemein und
ohne Korrekturen durchführen lassen. Eine kritische Nachprüfung
meines Materials ließ mich denn auch wenigstens einen Typus
von Abweichungen erkennen. In gewissen Fällen gelingt die
Verdrängung der puerilen Genitalität mit der Pubertät vollständig,
dennoch vo llzieht sich die Entwicklung zum vollweiblichen Aussehen
1 Die solcher Ansicht durchaus entsprechende psychische Einstellung
der Patientin B. sei hier in die Erinnerung gebracht.
Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib
285
nur rudimentär. Es sind dies Mädchen, welche durch ihr unbewußtes
Schuldgefühl an die Onanie der Vorpubertät dauernd und stark
fixiert bleiben und — wenn ich von einem lange analysierten,
betreffs solcher Sexualbetätigung mit vollständiger Amnesie
behafteten Fall schließen darf — sehr bald nach Eintritt der
Pubertät schwere neurotische Störungen zum Vorschein bringen.
Derartige Fälle dürften die durchschnittliche Richtigkeit meiner
Feststellung so wenig erschüttern, wie auch z. B. konstitutionell
bedingte Möglichkeiten des Verharrens der Frauengestalt in der
Puerilität. Sie soll ja auch keine Erklärung für alle Erscheinungs-
formen der weiblichen Pubertät sein, sondern innerhalb dieses
Rahmens eine wichtige Bedingung der normalen Entwicklung
angeben. Die Entwicklung zur Normalität wäre also im wesentlichen
dadurch charakterisiert, daß die verdrängte, von ihrem ursprünglichen
Ziel abgelenkte und doch zugleich mit der ganzen Wucht der
Pubertätsströmung verstärkte Genitalität sich sozusagen auf
Kollateralwegen auswirkt und mit ihren Libidoquantitäten die
nun hervortretenden Geschlechtsmerkmale zu bilden, zu vollenden
hilft. Der Prozeß, den wir als „Genitalisierung" zu bezeichnen
pflegen, hätte also den größten Anteil an der Hervorbringung der
Reize des weiblichen Körpers. Diese Anschauung bekräftigt sich
leicht, wenn man an die Genitalqualitäten denkt, die sich an den
weiblichen Brüsten, insbesondere den Brustwarzen entfalten. Sie
findet weitere Stützung in einer Äußerung Ferenczis zur
narzißtischen Bedeutung der Gesichtspartien: „Es ist mir wahr-
scheinlich, daß die in der Sublimierungsperiode vor sich gehende
Verlegung libidinöser Regungen „von unten nach oben" (Freud)
die zunächst nur exhibitionistische Sexualrolle des Gesichtes —
wahrscheinlich mit Hilfe der lebhaften Gefäßinnervation — sekundär
genitalisiert. (Unter Genitalisierung einer Körperpartie verstehe
ich mit Freud die periodisch gesteigerte Hyperämie, Durch-
feuchtung, Turgeszenz, von entsprechenden Nervenreizen begleitet.)" 1
Ja, man kann da noch weiter gehen und, wie es Rad ö in einer
privaten Bemerkung tat, postulieren, daß dieser Vorgang auch in
der phylogenetischen Entwicklung dominiert haben mag, welche
zum Verlust der Gesichtsbehaarung bei der Frau geführt hat,
Diese entwicklungsgeschichtliche Annahme vom Verlust der Gesichts-
behaarung durch narzißtische Entblößungslust stimmt gut zu der
1 „Hysterie und Pathoneurosen," S. 11.
286
Dr. J. Härnik
klinischen Feststellung von Sachs, daß der männliche Exhibitionist
sein Genitale zur Schau stellt, während der von uns schon als
normal gewertete weibliche Exhibitionismus die übrigen Körper-
teile, vornehmlich die Gesichtspartie betrifft. 1
Durch diese Überlegungen hat die Auffassung, daß die
Schönheit ihres Körpers und besonders ihres Gesichtes der Frau
den Ersatz für den verloren gegangenen Penis bildet, eine tiefere
Fundierung erhalten. Es ergab sich, daß es sich dabei um eine
noch innigere Beziehung, als die zuerst dargestellte handelt ; spricht
sich doch in jener Formulierung nicht nur eine psychologische
Identität, sondern darüber hinaus auch ein biologisches Äquivalenz-
verhältnis aus.
Dies möge uns ermutigen, sich darbietende Verknüpfungen
nach anderen Seiten hin nicht abzuweisen. Eine interessante und
zugleich reizvolle Bestätigung für unsere Anschauungen finden
wir in der griechischen Mythologie. In dieser Mythenwelt lebt eine
liebliche Gruppe von drei Frauengestalten, die drei Grazien
(Charitinnen) genannt. Sie sind „die Göttinnen der Anmut und
der bezaubernden Reize der Schönheit" (Roschers Lexikon).
Setzen wir aus unserer Symbolkenntnis für die Drei zahl das
männliche Glied ein, so verrät sich in dieser kunstvollen Schöpfung
der Volksseele eine intuitive Kenntnis des Zusammenhanges, den
wir zwischen männlicher Genitalität und weiblicher Schönheit
aufgezeigt haben. 2
1 Auf die Bedeutsamkeit dieses Unterschiedes hat auch Horney in
ihrem Berliner Kongreßvortrag (Zeitschr., IX. Jahrg., 1. Heft) hingewiesen.
8 Ich kann es mir nicht versagen, hier auch einer Dichtung von Rudolf
G. B i n d i n g Erwähnung zu tun, in welcher die Pubertätsveränderungen, die
Entwicklung von Schönheit und narzißtischem Exhibitionismus beim Mädchen,
ebenso wie in dieser Arbeit, Hauptmomente sind. Seine „Legende von der
Keuschheit" (Insel-Bücherei Nr. 302) verbindet und belebt alte religiöse Denk-
formen in glücklichster Weise mit modernem Empfinden; es sind in ihr wahr-
haftig genugsam bekannte Motive („Himmlische und irdische Liebe", „Jungfrau-
Dirne"), von subtilster Erotik getragen, einzigartig neu eingekleidet. Das
instinktive Verständnis des Dichters besonders für die Seelenregungen des
jungen Weibes ist bewunderungswürdig. Den Inhalt seiner Legende würde ich
gerne wiedergeben, wenn er sich kurz zusammenfassen ließe. Ich zitiere aber
einen Satz, in welchem er mit meinen Anschauungen durchaus Verwandtes
zum Ausdruck bringt. Er sagt von seiner zur jungfräulichen Schönheit heran-
wachsenden Heldin: „Ihre Keuschheit führte das Evlein zu einer Schönheit,
deren Formen von jener Eigenschaft allein festgelegt, ja erzwungen schienen."
Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib
287
Eine andere Figur der griechischen Mythologie, Herakles,
bietet mir Gelegenheit, an dieser Stelle die bereits angedeuteten
typischen Äußerungen des sekundären Narzißmus beim Manne zu
würdigen. Die Gestalt des Herakles ist für uns Inbegriff der
männlichen Stärke, die Personifizierung kraftstrotzender Männ-
lichkeit. An der Art aber, wie er dargestellt wurde, kann etwas
besonders interessieren, worauf mich vor Jahren Ferenczi
aufmerksam machte. Es fiel ihm auf, daß an den Herkulesstatuen
der selbstverständlich gewaltig-robuste Körper meistens mit einem
unverhältnismäßig kleinen Penis bedacht ist — und vermutete
mit Recht einen Zusammenhang mit dem „Komplex des kleinen
Penis", diesem bewußtseinsfähigen Ausläufer des Kastrations-
komplexes. Es tauchte dann unlängst dieselbe Beobachtung in
einer meiner Analysen auf, wo mir ein junger Mann anfing zu
erzählen, an den griechischen Bildwerken, besonders an den
Heraklesfiguren wäre ihm schon längst der viel zu kleine Penis
aufgefallen. Es ist derselbe Patient C., der als Knabe das männliche
Glied so häßlich fand und die Äußerung tat, die Frauen wären
deshalb schön, weil sie damit nicht behaftet sind. Dementsprechend
meinte er, die Künstler der Antike hätten aus ästhetischem
Feingefühl dem Penis einer männlichen Statue so unscheinbare
Dimensionen gegeben. Ob er mit dieser Verallgemeinerung der
Beobachtung recht hat, weiß ich nicht. Für die Herkulesdarstel-
lungen ist sie aber sicherlich zutreffend und läßt die Deutung zu,
daß sich die unbewußte Phantasie dieses Idealbild männlicher
Stärke auf Kosten der genitalen Kraft der Gestalt, gleichsam als
Ersatz dafür, gebildet hat. Herakles wäre also in dieser Hinsicht
ein männliches Gegenstück zu den drei Grazien. Wenn die letzteren
Frauenschönheit darstellen, die männlicher Genitalität gleichwertig
ist, so repräsentiert Herakles die Männerkraft, welche einen Teil
der ursprünglichen narzißtischen Bewertung des Genitales an sich
gezogen hat. Die Phantasievorgänge, die zu seiner Entstehung
führten, sind dann vorbildlich für die so typische sportliche Hebung
und Entfaltung der Körperkraft unter gleichzeitiger Forderung
der sexuellen Abstinenz. Noch deutlicher für den jungen Mann,
der sich durch angestrengtes Körpertraining von der Onanie
befreien will. Der Träger eines solchen Kampfes ist bekanntlich der
Kastrationskomplex, das bedeutsamste Stück der Störungen, denen
der ursprüngliche Narzißmus des Kindes ausgesetzt ist (Freud).
288
Dr. J. Härnik
Wir kommen so zu einer zweiten Einschränkung der These
vom Narzißmus des Mannes. Auch der Mann vermag nicht an
der genitalen Zentrierung des Narzißmus ohne Einbuße fest-
zuhalten. Unter dem Drucke des Kastrationskomplexes ist er
genötigt, mit Anteilen der narzißtischen Libido — in Analogie zu
den Vorgängen, die für die weibliche Pubertät charakteristisch
sind — sekundär den ganzen Körper zu besetzen und eine Libido-
verschiebung auf Interessen zu vollziehen, welche die Stärkung
der Körperkraft anstreben. Diese Peststellung bringt uns mit dem
Prozeß in Berührung, den man als Bildung des Ichideals der
„Männlichkeit" bezeichnen kann. Er wird uns später in einem
anderen Zusammenhang beschäftigen. Unterlassen wir aber nicht,
im Sinne der Bisexualitätslehre hier die Bemerkung anzureihen,
daß auch eine Anzahl von Frauen dieses typisch-männliche Streben
nach physischer Kraft deutlich erkennen läßt (Frauensport !). Diese
Tendenz verträgt sich mit dem echt weiblichen „Schönheits-
narzißmus", kann aber im Gegensatz zu ihm auftreten, ihn
sogar — mit anderen, ebenfalls typisch-männlichen Strebungen
vereint — völlig zurückdrängen.
IL
Man kann vermuten, daß eine Ausbeutung der gewonnenen
Ergebnisse zu weiteren beachtenswerten Aufschlüssen führen
wird. In meiner Absicht liegt es nur, die angebahnten Gedanken-
gänge nach zwei verschiedenen Richtungen hin fortzuspinnen.
Vor allem ist es verlockend, rückwärtsschauend den Blick
auf den Narzißmus der ersten Kindheit zu richten, dessen bei
beiden Geschlechtern verschiedene Schicksale wir verfolgt haben.
Wir haben erfahren, er ist der beim kleinen Kinde realisierte
Urzustand der Libidobesetzung. Seine Ausbildung erfolgt stufen-
weise, nach dem Maßstab der Ichentwicklung aus dem Früh-
stadium des Autoerotismus. Freud sagt ausdrücklich: „Es ist
eine notwendige Annahme, daß eine dem Ich vergleichbare
Einheit nicht von Anfang an im Individuum vorhanden ist; das
Ich muß entwickelt werden. Die autoerotischen Triebe sind aber
uranfänglich; es muß also irgend etwas hinzukommen, eine neue
psychische Aktion, um den Narzißmus zu gestalten." 1 Andererseits
sind wir g ewöhnt, im Schlafzustand etwa eine periodisch sich
1 „Zur Einführung des Narzißmus." Jahrb. VI., S. 4.
Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib
289
wiederholende Herstellung der narzißtischen Libidoverteilung zu
erblicken, deren Vorbild die selige Isolierung des Individuums im
Intrauterinleben sein muß, eine Entwicklungsphase also, deren
narzißtische Vollkommenheit offenkundig ist, ohne daß in ihrer
Charakterisierung von einem psychologischen Ich gesprochen
werden könnte. Hier macht sich ein Mangel an Präzision in
unserer Terminologie bemerkbar, dessen Nachteile sicherlich
z. B. Erkenntnisse in der Psychologie der Katatonie erschweren,
am deutlichsten aber in der Unsicherheit sichtbar werden, den
Narzißmus im ursprünglichen, rein psychologischen Sinne und
den supponierten narzißtischen Urzustand der Mutterleibs-
existenz begrifflich auseinander zu halten. Ich habe mich dies-
bezüglich nach gewissen Umwegen den Auffassungen und Begriffs-
bestimmungen eines analytischen Autors angeschlossen, dessen
Arbeit ich bald würdigen werde. Ich schicke aber zuerst die
Darstellung jener Umwege meiner Nachforschung voraus, schienen
ja diese Gedankengänge mir erwähnenswerte Ergebnisse für
mein Thema zu versprechen.
Es ist eine selbstverständliche und berechtigte Strebung des
Analytikers, über die mutmaßlichen psychosexuellen Verhältnisse
des fötalen Ruhezustandes Bestimmteres zu erfahren. Allen
bekannt ist die Schilderung Ferenczis in seinem großzügigen
Versuch: „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes." Seine
Arbeit enthält allerdings nur entfernte Anspielungen auf irgend-
welchen libidinösen Ablauf in diesem Entwicklungsstadium.
Soviel ich weiß, ist S. Radö als erster zu einer Annahme über
eine L i b i d o o r g a n i s at i o n im Intrauterinleben gekommen. Nach
seiner auf interessantem Wege gewonnenen Vermutung, die er
einmal in der Budapester Ortsgruppe geäußert hat, wäre die
pränatale Organisationsstufe der Libido durch das Vorherrschen
der taktilen Erotik gekennzeichnet, daß heißt also soviel,
daß die Hautdecke der im Fruchtwasser schwimmenden Frucht
die leitend e erogene Zone sei. 1 Ich besann mich dann dieser
1 R a d 6 versäumte es nicht, auf einen vorläufig bestehenden Wider-
spruch hinzuweisen: seine Annahme postuliert psychische Triebvorgänge beim
Fötus, der nach anderweitigen analytischen Einsichten in einem seelischen
Ruhezustand verharren soll. — Es mag erwähnt werden, daß später E i s 1 e r
die pränatale Libidoorganisation als eine apnoische oder lethargische
zu charakterisieren versucht hat, während neuerdings Alexander in der Nabel-
schnurfunktion (im föten Blutkreislauf) ihr wesentlichstes Merkmal erblickt.
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 19
290
Dr. J. Härnik
Annahme bei der Gelegenheit eines analytischen Fundes, der mir
wie eine Bestätigung dafür aus der Empirie erschien. Eine
Patientin — es ist die oben erwähnte Patientin A. — die nicht
selten nur geringe und doch sehr aufschlußreich werdende Bruch-
stücke von Träumen in die Analyse brachte, berichtete mir
wiederholt ein Traumfragment, welches vielmehr eine Traum-
sensation, als ein richtiges Traumstück zu sein schien:
Sie sei . . . irgendwo ... so geborgen . . . und es
ist ein unbeschreibliches Glücksgefühl und eine
ungemein wohlige Empfindung, die sich über die
ganze Hautoberfläche ihres Körpers ausbreitet. Die
Deutung ergab den Übertragungswunsch, in meinem Schoß
liegen zu können. So drängte sich mir die Vermutung auf, es
handle sich um eine Mutterleibsphantasie der Träumenden,
mit Hervorkehrung von Hautsensationen, die in letzter Linie wohl
auf die von Radö supponierten taktilen Erregungsabläufe in
der Intrauterinsituation zurückgehen können. Für diese Anschauung
sprach, was ich von ihrer aktuellen, manifesten Sexualität wußte.
Infolge ihrer vaginalen Anästhesie hat sich bei ihr eine hoch-
gradige Reizbarkeit der Hautdecke ausgebildet, so daß sich für
sie die stärksten Erregungen beim Koitus aus den Berührungen
der Umarmung ergaben. Ein nicht seltener Effekt der Verschie-
bung der Erogeneität, welcher die Auffassung zuließ, es wäre
dabei die Hauterotik in ihrer vollen intrauterinalen Bedeutsamkeit
reaktiviert, die prägenitale taktile Zone der Fötalzeit „genitalisiert"
worden.
Nun mußte ich mir zwar sagen, daß so wenig gesicherte
Schlüsse, aus einer einzigen Beobachtung gezogen, die Entscheidung
des Problems nicht näherrücken können. Trotzdem schien es mir
nicht unangebracht, diesen Gedankengang für mein Thema weiter
auszubeuten. Ich zog wieder die Formulierung heran, der früher
genital zentrierte Narzißmus des sich entwickelnden Weibes
werde sekundär auf den ganzen übrigen Körper verlegt und
versuchte sie mit der Annahme Radös zu verknüpfen, der
„narzißtische" Fötalzustand wäre durch eine besondere Ero-
geneität der Hautoberfläche ausgezeichnet. Dann ergibt sich
zunächst die Vermutung über eine — bildlich gesprochen —
Wanderung der narzißtischen Libido in der postnatalen Entwicklung
von der Hautoberfläche ''zum Genitale hin, welche — auf vor-
Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib
291
läufig nicht näher erkennbaren Wegen — bei b e i d e n Geschlechtern
vor sich ginge. Des weiteren, entsprechend den Verschiedenheiten
bei Mann und Weib, die in der Entwicklung zur endgültigen
Geschlechtsdifferenzierung auftreten, ein Hinweis auf die bei der
Frau deutlicher zutage tretende Zurückverschiebung dieser
Libidoquantitäten auf die ganze Körperoberfläche. Mit anderen
Worten besagt das soviel, daß der Vollreife Narzißmus des Weibes
die „narzißtische" Libidverteilung der pränatalen Zeit wieder-
bringt. Wir wissen schon, daß dieselben Vorgänge andeutungs-
weise auch für den Mann in Betracht kämen.
Der Nachweis dieser Analogien wäre gewiß bedeutungsvoller,
wenn er sich nicht auf eine ungenügend gefestigte Annahme über
die pränatale Organisation der Libido stützen würde. Angesichts
dieser Unsicherheit ist es besonders erfreulich, in einer, wie mir
scheint, noch viel zu wenig beachteten Arbeit von Tausk 1
Auffassungen zu finden, die wir zur weiteren Stützung unseres
Gedankenganges heranziehen können, ohne von der heiklen Frage
der fötalen Libidoorganisation abhängig zu sein. Die Aufstellungen
Tausks ermöglichen vor allem, die oben hervorgehobene
terminologische Schwierigkeit in der Behandlung des frühen
Narzißmus einigermaßen befriedigend zu lösen. Nach seiner Begriffs-
bestimmung müßte man die „narzißtische" Libidoposition der
Mutterleibsexistenz als „organischen Narzißmus" bezeichnen
und dem „psychischen Narzißmus" gegenüberstellen, dessen
Ausbildung durch die Ichentwicklung bedingt ist. Ob der Ausdruck
sehr glücklich gewählt ist und besonders für den libidinösen
Zustand der Fötalzeit beibehalten werden soll, bleibe dahingestellt.
Sein Sinn ist aber klar. Er fordert uns auf, das Individuum
selbst — oder, wenn man so will, ßen Organismus — und zwar
schon im Intrauterinleben als „eine dem Ich vergleichbare Einheit"
zu betrachten, deren Libidobesetzung die Grundlage für den zu
entwickelnden (primären) Narzißmus abgibt. Tausk fügt dem
hinzu, daß „das Zusammenhalten des Organismus von einem
Libidotonus bedingt ist", eine Annahme, die sehr an den von
Freud im „Jenseits des Lustprinzips" unternommenen Versuch
erinnert, „die narzißtische Libido des Ichs aus den Libidobeiträgen
abzuleiten, mit denen die Somazellen aneinander haften". (1. Aufl.,
1 „Über die Entstehung des ,Beeinflussungsapparates' in der Schizo-
phrenie." Zeitschr. V. Jahrg., Heft 1.
19*
292
Dr. J. Härnik
S. 50,) Das Intrauterinleben stellt sich so für Tausk als ein
prägenitales Stadium diffuser „narzißtischer" Organlibido dar, in
welchem sozusagen „der ganze Körper Libidozone" ist. In der
Schizophrenie, die ja von einer bereits aufgerichteten Genital-
organisation her zu dieser Phase regrediert und „aus einem
Ich ein diffuses Sexualwesen macht", muß es mit dem
Ausdrucksmittel jener späteren Phase heißen: der ganze Körper
ein Genitale.
Die Bedeutung dieser Betrachtungsweise für unsere Frage
ist offenkundig. Sie bietet uns unmittelbare Handhabe, in der
Heranbildung des reifen Narzißmus der Frau eine sekundäre
Annäherung an die Libidoposition der fötalen Entwicklungsstufe
zu erblicken. Wir dürfen dann, durchaus im Sinne Tausks über
die psychogenetischen Verhältnisse beim weiblichen Narzißmus
den Satz formulieren : der ganze Körper ein Genitale. — Inwieferne
dasselbe, wenn auch mit bedeutenden Einschränkungen, auch für
den Mann gilt, ergibt sich aus den früheren Ausführungen von selbst.
Ich habe als typisch-männliche Art der sekundären narzißtischen
Besetzung des ganzen Körpers die Strebung nach Betätigung
und Stärkung der Körpermuskulatur hingestellt. Nach der eben
gewonnenen Annahme würde dieser Prozeß gleichfalls als eine
sekundäre Reaktivierung der pränatalen diffusen Sexualität auf-
zufassen sein.
Ich verlasse bereitwillig dieses Feld noch strittiger An-
schauungen, um mich der Behandlung einer Frage zuzuwenden,
die viel unmittelbarer aus der klinisch-analytischen Erfahrung her-
vorgeht. Sie bezieht sich auf eine Verschiedenheit in der Bildung
des Ichideals bei beiden Geschlechtern und bietet uns Gelegenheit,
das Verhältnis des Narzißmus zur Bisexualität wenigstens an einem
seiner wichtigen Umwandlungsprodukte zu studieren. Der Prozeß
der Ichidealbildung besteht nach Freud in einer Entfernung vom
primären Narzißmus und ist als eine Libidoverschiebung vom
primären Narzißmus auf ein von außen aufgenötigtes Ichideal aufzu-
fassen. Für eine erste Annäherung an die Verschiedenheiten der Ich-
idealbildung bei den zwei Geschlechtern genügt die Formulierung,
die ein betreffendes Ichideal „Männlichkeit" und ein anderes
„Weiblichkeit" namhaft macht. Feinere Nuancen und Zusammen-
hänge werden sich, wie immer, aus der Interpretation der in der
Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib
293
Neurosenbildung zustandegekommenen Verzerrungen und Ver-
größerungen ergeben.
Die Analyse einer schwer neurotischen Frau (Pat. D.)
gab mir reichliche Gelegenheit, eine Persönlichkeit zu studieren,
welche die überspannten Forderungen eines vermutlich allzu hoch
gegriffenen Ichideals zu erfüllen bestrebt gewesen ist. Sie war
von Jugend auf durch künstlerische Ambitionen beherrscht, um
deren Befriedigung sie zeitlebens gerungen hat. Diese mußte ihr
versagt bleiben, aber sie entsagte nie — auch im schwersten
neurotischen Zusammenbruch nicht — der Hoffnung auf Erfüllung.
Sie konservierte so eine Sehnsucht nach schöpferisch-künstlerischer
Fähigkeit und Betätigung. Die Analyse konnte trotz ihrer langen
Dauer nicht entscheiden, ob die Ansprüche, die sie an sich gestellt
hat, nicht überhaupt ihrer Leistungsfähigkeit (Begabung) inadäquat
waren; man konnte nur sehen, daß der weitgehende neurotische
Prozeß jene Kräfte, wenn sie vorhanden waren, aufgesaugt und
zerstört haben mußte. Für unsere Auseinandersetzungen ist aber
die Beantwortung dieser Frage nicht erforderlich. Sie sollen von
der Feststellung ausgehen, daß diese Frau sich in ihrem Ichideal
vorwiegend mit dem Vater identifiziert hat. Dementsprechend hatte
sie zum leuchtenden Vorbild — mehr oder weniger bewußt
— einen großen Künstler der Vergangenheit vor sich gestellt.
Ihre Analyse zeigte, daß sie unter dem Drucke des weiblichen
Kastrationskomplexes steht, der bei ihr in einer Intensität zur
Ausbildung gelangt war, wie man es nicht häufig vorfindet; ein
großer Teil der neurotischen Symptome war davon beherrscht,
vor allem geriet die durch starke männliche Tendenzen aus-
gezeichnete Charakterbildung durchaus unter seine Herrschaft.
Der fehlende und erwünschte Penis — an dessen Vorhandensein
sie im Unbewußten dauernd festhielt — sollte ihr durch die
Fähigkeit zu künstlerischer Produktion ersetzt werden, dieser
Wunsch wurde die treibende Kraft bei der Aufrichtung ihres Ich-
ideals. Man kann von diesem Ichideal aussagen, daß es von typisch-
männlichen Strebungen erfüllt ist. Wir erlebten dann in der Analyse,
daß sich bei der Patientin vorübergehend ein positiver und bewußter
Wunsch nach Nachkommenschaft einstellte — eine späte Äußerung
des frühzeitig verdrängten (infantilen) Kindeswunsches. Und sie
zog selber die sich erbietende Parallele : sie wolle entweder Kinder
haben, um die Fortsetzung ihres Ichs gesichert zu sehen, oder
294
Dr. J. Härnik
sie müsse schöpferisch auf dem Gebiete der Kunst tätig sein, wie
ein Mann Produkte des Geistes hinterlassen können. Sie hatte also
sowohl den Wunsch nach Kindern, wie auch den Peniswunsch in
der Konstituierung ihres so hohen Ichideals aufgehen lassen.
Unterziehen wir von hier aus das normale Ichideal „Weib-
lichkeit" einer kurzen Betrachtung. „Muttersein", „Mütterlichkeit"
gehören sicherlich zu den bedeutendsten Bestandteilen dieses weib-
lichen Ichideals. Das wesentliche über die Beziehung der Mutter
zum Kinde lehrte uns Freud, indem er zeigte, daß den narziß-
tischen Frauen im Kinde, das sie gebären, ein Teil des eigenen
Körpers wie ein fremdes Objekt gegenübertritt, dem sie vom
(sekundären) Narzißmus aus die volle Objektliebe schenken können. 1
Ergänzen wir diese Feststellung mit dem Hinweis, daß ja das
Kind für die Frau auch das männliche Glied bedeutet, welches sie
einmal (in der Phantasie) hatte und nun, nach der Abtrennung
von ihr, sozusagen eine eigene Existenz führen soll. Vielleicht
kommt die libidinöse Besetzung dieses Wesens — die so auf
Kosten des sekundären Narzißmus geschieht — regelmäßig einer
Rückverwandlung des letzteren in den primären, ans Geni-
tale gebundenen Narzißmus gleich, aus dem er nach meinen
Darlegungen hervorgegangen ist. Wir können mit gutem Recht
annehmen, daß diese Rückverwandlung in einer komplizierten
Weise, gleichsam auf unterirdischen Wegen, vonstatten geht,
indem zuerst das Genitale beim Geburtsvorgang eine narzißtisch-
libidinöse Überbesetzung erhält, die dann auf das Kind (= Penis)
übertragen wird, welches die Geburtswege passiert hat. 2 Für die
Charakteristik des typisch -weiblichen Ichideals ergeben diese
Überlegungen, daß dessen Ausbildung sich in diesem Punkte nicht
allzuweit von der Linie des primären Narzißmus vollzieht. Der
Ausgangspunkt: narzißtische Hochwertung des Genitales und der
Endpunkt: narzißtische Überschätzung des sich von dem Genitale
ablösenden Kindes — sie liegen dicht beieinander.
Die Vorgänge bei der Bildung des Ichideals „Männlichkeit"
sind offenbar bedeutend komplizierter. Wir haben vorhin im
1 „Zur Einführung des Narzißmus." Jahrb. VI., S. 14 Wörtlich zitiert.
2 Vergl. damit Ferenczi: „Über Pathoneurosen," S. 12: „Die an das
Ausscheidungsorgan (hier die Vagina) geknüpfte schmerzliche Lust wird zum
Teil auch auf das Ausscheidungsprodukt (das Kind) übertragen. So wird es
erklärlich, daß so viele Mütter gerade ihr ,Schmerzenskind' bevorzugen."
Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib
295
Falle einer Frau die Spuren seiner Ausbildung in einer bestimmten
Richtung verfolgt und wollen jetzt aus der Untersuchung eines
ähnlich gearteten Falles weitere Aufklärung holen. Ein hoch-
gebildetes Mädchen mit eigenartiger, produktiver Begabung — wir
hatten sie früher als Patientin B. kennen gelernt — verursachte
der Analyse nicht geringe Schwierigkeiten infolge ihres empfind-
lichen Kastrationskomplexes, der bei ihr die Grundlage eines
starken „männlichen Protestes" geworden ist. Ihre Intelligenz
ist deutlich männlich gerichtet, ihr hauptsächliches Betätigungs-
feld ein für gewöhnlich den Männern vorbehaltenes Gebiet der
geistigen Tätigkeit. Ein bewußter, für das junge Weib so selbst-
verständlich scheinender Wunsch nach einem eigenen Kinde
schien für dieses Mädchen fremd geblieben zu sein. Tief verdrängt,
äußert er sich nur in der Symptomatik ihrer Konversionshysterie
und ist bisher trotz der beträchtlichen Dauer der Analyse nur
in Spuren zum Vorschein gekommen. Ihr bewußtes Ich fügt sich
der Forderung eines Ichideals, welches ihr geistige Kinder in die
Welt zu setzen zum erstrebenswerten Ziel gesteckt hat. Ein
charakteristisches Detail aus ihrer Analyse ist ein Köpfung s-
traum, dessen Deutung sie nach langen Bemühungen zum
erstenmal dem Verständnis des Kastrationskomplexes (und Penis-
neides) in die Nähe brachte. Sie hat dabei erfahren, daß für ihr
Unbewußtes der „Kopf" den fehlenden Penis ersetzt, das heißt
das Gehirn oder der Intellekt, dessen „männliche" Leistungen sie
für die ihr von der Natur vorenthaltene männliche Zeugungs-
kraft entschädigen sollen. 1
Die Ergebnisse dieser Analyse stimmen in weitgehendem
Maße mit den Erkenntnissen überein, zu denen die Eigentümlich-
keiten des vorher mitgeteilten Falles geführt haben. Sie verlangen
außerdem eine besondere Betonung der narzißtisch-libidinösen
Bedeutung jenes Organes, von dessen Leistungsfähigkeit die
Befriedigung oder die Versagung für das in dieser Weise männlich
gerichtete Ichideal abhängt. Eine Auffassung, die sich mir aus
dem mitgeteilten Material zwar in diesen unscharfen Umrissen,
1 Die Schilderung der technischen Schwierigkeiten eines im Aufbau
entsprechenden Falles gab E. Simmel (in der Berliner Psychoanalytischen
Vereinigung) in einer „Intellekt" und „Sexualität" betitelten Mitteilung.
Der Kopf hatte da in den Träumen dieselbe „zweiseitige" Bedeutung von
Penis und männlicher Intelligenz.
296
Dr. J. Härnik
aber ganz ungezwungen ergab. Ich fand dann in den Erörterungen,
die Ferenczi in seiner letzten größeren Publikation 1 diesem
Thema widmet, eine tiefgehende theoretische Begründung für die
Annahme einer besonders hohen narzißtisch-libidinösen Besetzung,
respektive Wertschätzung des Gehirnes und seiner Funktionen.
Während er aber für die Zwecke seiner Beweisführung die auf
Arbeitsteilung und Differenzierung zielende organische Entwick-
lung betont und daher das Gehirn als das Zentralorgan der
Ichfunktionen dem Genitale als erotischem Zentral-
organ entgegenhält, mögen meine Ausführungen mit einem
neuerlichen Hinweis auf die im Unbewußten erhalten gebliebene
Gleichsetzung und entsprechende narzißtische Bewertung dieser
beiden wichtigsten Exekutivorgane enden.
iHollös und Ferenczi: „Zur Psychoanalyse der paralytischen
Geistesstörung." Beihefte der »Intern. Zeitschr. f. Psa.,* Nr. V. 1922. Ferenczis
Äußerungen auf Seite 39 mit Umstellung wörtlich zitiert.
Organlibido und Begabung.
Von Dr. Imre Hermann (Budapest).
Ferenczi beschließt eine Gedankenreihe über die „Hyste-
rischen Materialisationsphänomene" folgendermaßen :
„Ein anderes, bisher nur von psychologischer Seite betrach-
tetes Problem, das der künstlerischen Begabung, wird in
der Hysterie von seiner organischen Seite einigermaßen beleuchtet.
Die Hysterie ist, wie Freud sagt, ein Zerrbild der Kunst. Die
hysterischen ,Materialisierungen' zeigen uns aber den Organismus
in ihrer ganzen Plastizität, ja in ihrer Kunstfertigkeit. Es dürfte
sich zeigen, daß die rein autoplastischen Kunststücke des Hyste-
rischen vorbildlich sind, nicht nur für die körperlichen Produktionen
der Artisten und der Schauspieler, sondern auch für die Arbeit
jener bildenden Künstler, die nicht mehr ihren Leib, sondern
Material der Außenwelt bearbeiten." 1
Auf Grund von Krankenanalysen konnte nun erkannt werden,
daß die Anknüpfung der Begabungsfrage an Fragen der Körper-
phänomene der Hysterie eine äußerst glückliche war. Es soll hier
aber nicht nur von einer Vorbildlichkeit der Betätigungsart
gewisser künstlerisch Veranlagten die Rede sein, sondern von
einer tiefer gehenden Analogie. Bei der Hysterie wurde — nach
Freud — eine bis zur Genitalisierung reichende Erogeni-
sierung gewisser Körperteile vorgefunden, bei der zeichnerischen
und dichterischen Begabung eine, teilweise zur Sublimierung
fortschreitende Erogenisierung (erhöhter Libidotonus) der aus-
übenden Organe, das heißt der „Hand-", respektive der „Mund"-
Zone. 2 a
1 S. Ferenczi, „Hysterie und Pathoneurosen", 1919, S. 31.
2 Beiträge zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung. „Imago",
VIII., 1922 — und : Vortrag über die dichterische Begabung in der ungarischen
Vereinigung im Jahre 1922.
298
Dr. Imre Hermann
Auf die Peststellung, daß bei künstlerisch Begabten ein
erhöhter Libidotonus des ausübenden Organes vorzufinden ist,
habe ich eine Theorie der.Psychogenese dieser Begabungen auf-
zubauen versucht; der Möglichkeit eines solchen genetischen
Zusammenhanges trachtete ich mit dem Begriffe der Peripher-
prozesse näherzukommen, das heißt ich versuchte zu zeigen,
daß das Zeichnen, die Sprache ursprünglich „periphere" Betätigungs-
arten sind, welche aber gewöhnlich frühzeitig unter die Herrschaft
„zentraler" (bewußt-logischer) Prozesse gelangen ; eine hohe Libido-
betontheit des ausübenden Organes soll aber bewirken können,
daß die Entwicklung nicht frühzeitig einlenkt,
sondern geradlinig ihre weiteren Wege geht und die periphere
Organbetätigung ihr Gewicht der zentralen Bearbeitung gegen-
über auch späterhin nicht einbüßen muß.
Um aber mit unserer Theorie festen Fuß fassen zu können,
muß nicht nur das Tatsachenmaterial weiterer, einschlägiger Ana-
lysen gesammelt und so der angedeutete Zusammenhang empirisch
erhärtet, sondern auch noch die Frage aufgeworfen werden, was
denn die von uns empfohlene Theorie anderen Auffassungen voraus
hat? Daß libidinöse Kräfte bei jedweder geistigen Mehrleistung
mitarbeiten, war ja schon längst teilweise vermutet, teilweise
behauptet worden (Schopenhauer; Sublimierungstheorie der
Psychoanalyse; Ostwald 1 ). Daß andererseits die Begabung auf
einer lokalisierbaren organischen Unterlage beruht, besagt
dann wieder nichts anderes, als der wesentliche Kern der Gall-
schen Lehre. (Gall sprach von „sens"; Möbius, der vor nicht
geraumer Zeit die Galischen Lehren wieder in Fluß bringen
1 Schopenhauer: „An den Tagen und Stunden, wo der Trieb zur
Wollust am stärksten ist, . . . eine brennende Gier, . . . gerade dann sind auch
die höchsten Kräfte des Geistes, ja das bessere Bewußtsein, . . . zur größten
Tätigkeit bereit." (Bemerkung Schopenhauers aus dem Jahre 1813,
zitiert nach Möbius.)
s t w a 1 d : „Das Zusammentreffen einer ungewöhnlich ausgezeichneten
Leistung junger Genies mit ihrer Verlobung oder Verheiratung ist eine häufige
Erscheinung . . . Sie deutet darauf hin, daß mit der Betätigung des funda-
mentalen organischen Triebes auch eine außerordentliche Leistungsfähigkeit
der anderen Organe, insbesondere des Gehirnes, verbunden ist. Man wird
unwillkürlich auf das Auftreten besonderer Schmuckformen und Betätigungen,
wie Tänze, Kämpfe und dergleichen bei höheren Tieren, insbesondere Vögeln,
um die Zeit der Paarung erinnert." (W. s t w a 1 d, Große Männer, 1915, 5 S. 267.)
Organlibido und Begabung
299
wollte, spricht schon von „Organen", z. B. vom mathematischen
Organ.)
Ist unsere Auffassung, die vielleicht von der organisch-
libidinösen Seite aus gewonnen wurde, — wobei man nicht außeracht
lassen darf, daß wir noch weitere, ebenbürtige Quellen der Begabung,
gewisse Komplexe, aufgedeckt zu haben meinen, welche
Komplexe gerade den Weg zur besonderen Form der betreffenden
Sublimierungsart ebnen sollen — einfach eine Verschmelzung dieser
beiden Ansichten (der Sublimierungstheorie und der Annahme einer
Organlokalisation) ? Wenn auch hier tatsächlich eine Vereinigung,
eine gegenseitige Anpassung zweier Standpunkte vorliegt, so
glauben wir doch, ein neues Leben in dem alten Körper erweckt
zu haben, und dieses neue Leben stammt von der dynamischen
Orientiertheit unserer lokalis atorischen Theorie.
Dynamisch orientiert ist unsere Theorie, abgesehen davon, daß
sie die Triebkraft der Betätigung bestimmt, insofern, daß sie die
Verschiebung der Triebentfaltung, also die Trans-
ponier ung einer Begabungsart in eine andere (z. B. der
zeichnerischen Begabung in die dichterische, ein oft zu beobach-
tender Vorfall) 1 als einen verständlichen Prozeß darstellen kann,
was der G a 1 1 sehen Lehre ermangelt; dynamisch orientiert ist sie
aber auch in dem Sinne, daß sie ein Licht auf die Frage der
Übertragbarkeit der Begabung von Generation zu
Generation, sowie der mutationsartigen Neuentstehung zu
werfen befähigt ist.
Man kann bei der Durchführung von Krankenanalysen
erfahren, daß der erhöhte Libidotonus des gewissen ausübenden
Organs nur ein weites Flußbett darstellt, besondere Libido-
schicksale bestimmen dann die Dämme, welche den engeren Strom
der Begabung einschließen; das weite Strombett des erhöhten
Libidotonus kann sich vererben — da es einem konstitu-
tionellen Moment entsprechen kann — ohne die einschränkenden
Dämme, ohne die besonderen führenden Komplexe, ohne den Weg
des Libidoschicksals vererben zu müssen: im Grunde wird
nicht die Begabung, sondern deren organisch-
libidinöse Komponente, die Libidobetontheit
gewisser Organe vererbt.
1 Der genetische Zusammenhang von Mund- und Handerotik wird den
Gegenstand einer besonderen Studie bilden.
300
Dr. Imre Hermann
Ein Zwangsneurotiker mit schweren Zwangssymptomen führte viele
Arten von Zwangshandlungen, von „Sicherungen* aus, um dem Angst ein-
flössenden Gedanken, ein Kind ermordet zu haben, zu entgehen: dieser Mord
soll in einem Bruchteil einer Sekunde durchgeführt werden, wie es nur ein
märchenhafter Zauberer der Phantasie tun kann. Die Hand dieses Kranken
zeigt Symptome der hohen Libidobetontheit (große Erogenität, er kann sogar
durch — mittels der Hand ausgeführter Reizung — der Geschlechtsteile des
anderen Geschlechtes selbst zur Endlust gelangen; als Knabe bereitete ihm ein mit
dem Handteller aufgefangener Flatus eine große Lust; als Jüngling lebte in ihm
die ständige Phantasie, ein Dirigent zu sein [magische Handbewegungen] usw.).
Dieser Kranke ist ein Mann ohne jede körperliche Anmut, er ist unfähig zu
zeichnen, doch sein Vater, der ein besonders schöner Mann
gewesen sein soll, zeichnete so talentvoll, daß er eine Zeitlang, in seinen
jungen Jahren, Künstler werden wollte und sich bei einem hervorragenden
Maler ernstlich auszubilden begann.
Gleichzeitig — neben der Bestimmung der Vererbungsgrund-
lage — gibt aber unsere Theorie auch Aufschluß darüber, wieso im
Laufe des individuellen Lebens ohne hervorragendere Qualitäten
der Ahnen eine Begabung, wie gesagt, mutationsartig aus endo-
genen oder exogenen Ursachen entstehen, oder wie eine anwesende,
vererbte Grundlage sich auf ein höheres Niveau erheben kann.
Ein junger Arbeiter zeichnet seit etwa zwei Jahren mit großem Eifer
und ziemlich talentvoll. Schon mit zehn Jahren zeichnete er besser als seine
Schulkameraden, aber die unzweifelhafte Höherleistung — nach Urteil Sach-
verständiger — ist erst nach seiner Fußamputation in Erscheinung
getreten: der rechte Fuß wurde vor etwa zwei Jahren am Unterschenkel
amputiert, ein Jahr vorher hinwieder der rechte Arm des Vaters im Schulter-
gelenk (wegen Fabriksunglück). Unser Patient selbst hat den Fuß nach einem
Unfall verloren, doch erst sieben Monate darauf, nachdem sich als Komplikation
eine Knochenkaries entwickelt hatte. Auf der chirurgischen Abteilung
liegend, machte auf ihn das Schicksal eines Kameraden großen Eindruck, der
wegen Knochenkaries ebenfalls einen Fuß verlor, aber sich mit den Worten :
„Es ist noch gut, daß ich noch die Hände besitze, den Fuß brauche ich als
Bildhauer sowieso nicht," tröstete. Eines Tages kam nun dieser arme Mensch
ins Krankenzimmer und zeigte seinen aufgeschwollenen Unterarm. (Bemerkens-
wert: eine Amputationsfurcht — Kastration, verschoben auf die Glieder —
zeigte unser Patient schon vor Jahren, noch vor Amputation des Armes seines
Vaters. Es lebt in ihm eine mächtige Kastrationsangst, durch besondere
Kindheitserlebnisse motiviert.) Dieser Zeichner, auch ein gewandter Violin-
spieler, weiß von mehreren Dilettantenzeichnern in seiner Familie, auch von
einem berühmteren Baumeister, Bruder des mütterlichen Urgroßvaters. Wir
verstehen aus der Krankengeschichte, weshalb die Hand und ihre Funktionen
mit (narzißtischer?) Libido — vielleicht regressiv — überbesetzt wurde.
Ein älterer Maler, schon ein Arrivö, berichtet über je einen dilettantischen
Zeichner aus seiner väterlichen und mütterlichen Verwandtschaft. Er besitzt
Organlibido und Begabung
eine Handerotik hohen Grades. Im geschlechtlichen Verkehr legt er das Haupt-
gewicht auf das Greifen des Körpers des Liebesobjektes (und zwar seit seinen
Knabenjahren bis auf heute), auch das Ergreifen seines Gliedes durch ein
Weib bereitet ihm hohe Lust, oft sogar die endgültige Befriedigung. — Noch
als kleiner Knabe bereitete es ihm eine besondere Lust, die buntfarbigen
Samtfäden des im selben Hause wohnenden Tapezierers in die Hände zu
nehmen und zu streicheln. (Die Rolle der Hand beim Malen mit Farben!) 1
Nach seiner Rückerinnerung soll er, noch als junger Knabe, in eine
enthusiastisch-romantische Stimmung gelangt sein, als er in der „malerisch''
gelegenen, mit Bäumen umsäumten „Goldhandgasse" (Aranykez-utca) seiner
Vaterstadt spazieren ging. Selbst der N am e dieser Gasse soll auf ihn
eine „bezaubernde" Wirkung ausgeübt haben. (Bezeichnend ist, daß er als
junger Bursche Goldarbeiter sein wollte und sich eine solche Anstellung
suchte.) Er war ein sehr schlimmer Bursche. (Die Schlimmheit deckte sich in
der Analyse auf als Wunsch zur Bestrafung, da er mit fünf Jahren einen
kleinen Kameraden durch einen Steinwurf in den Kopf tödlich verletzte.) In
der zweiten Elementarklasse hat ihn der äußerst grobe Lehrer, als er sich
schlecht benahm, die Hände hinten zusammengebunden oder ihn sehr stark
auf die Fingerspitzen geschlagen. Etwa im nächsten Jahre fing er an zu
zeichnen. — Hier muß die bezaubernde, den Libidotonus der „Hand" steigernde
Rolle der „Goldhandgasse" und diejenige der Schläge auf die schon stärker
Iibidobetonten Hände besonders gewürdigt werden. (Siehe später.)
Diese kurzen Skizzen aus den Analysen wollen nur die
Nützlichkeit unserer Theorie auf einem einzigen Gebiete darlegen.
Man soll sich nun aber auch stets vor Augen halten, daß jede
neuaufgestellte Theorie ihre Lebenskraft nicht nur innerhalb,
sondern auch außerhalb des zu allererst untersuchten Gebietes, das
heißt durch eine gemeinschaftliche, möglichst allgemeine Erklärungs-
grundlage ähnlicher Erscheinungen ausweisen soll. So müssen
wir uns zwei Fragen zuwenden, nämlich ob erstens vielleicht
die bei der künstlerischen Begabung herangezogenen übrigen
Begabungsbedingungen nicht auch in einer besonderen organ-
libidinösen Grundlage wurzeln, und zweitens, ob denn die Bega-
bungen anderer (nicht künstlerischer oder mindestens hand-
werksmäßiger) Art der Anwendung unserer Auffassung auf ihre
Entstehung widerstreben würden?
Die Beantwortung der ersten Frage bietet bei der zeich-
nerischen Begabung kaum eine Schwierigkeit. Der hier wirkende
Komplex, die eigene, viel gepriesene Schönheit des
1 Noch vor diesem Spiele gefielen ihm die schönen farbigen Vorhänge
(besonders diejenigen von Blau mit Silber) im Tempel. Hier denke man an
seine schönen blauen Augen.
302
Dr. Imre Hermann
Kindes hat ja sicherlich eine organisch-libidinöse Grundlage,
welche die körperliche Entwicklung, als eine besondere Libido-
qualität,. gerade in diese Richtung der sexuellen Macht treibt.
(Der zuvor erwähnte Maler soll ein wunderschönes Kind gewesen
sein: die schwangeren Frauen seines Heimatsortes kamen zu
ihm, um durch anhaltenden Anblick des schönen Kindes die
Schönheit des eigenen Kindes zu sichern.) Auch Dürers welt-
bekannt schöne Hände (lokalisierte Schönheit!) sprechen für
uns. Sodann müßte man vier Gruppen von zeichnerisch Begabten
unterscheiden, je nachdem die beiden organischen Grundlagen der
zeichnerischen Begabung, respektive je eine von ihnen mitgebracht
(endogen entstanden, vererbt oder aus inneren Gründen entstanden)
oder erworben wurde. Beim Mangel an (Organ-) Schönheit kann
der Wunsch, schön zu sein, die besondere Qualität der Libido
hervorrufen. Der starke Wunsch, schön zu sein bei nicht vor-
handener Schönheit, ist Eigenschaft des weiblichen Geschlechtes
oder der femininen Männer; gerade diese Gruppen machen aber
eine — scheinbare — Ausnahme von der Regel, die zeichnerisch
Begabten waren sehr schöne Kinder gewesen.
Schwieriger gestaltet sich dieselbe Frage bei den Dichtern.
Mit der nötigen Reserve möchte ich folgende Überlegungen
anführen: Wir fanden bei Dichtern einen Seher komplex
vor (die Überzeugung von der eigenen prophetischen Fähigkeit)
und konnten diesen Komplex in den analysierten Fällen auf
Erlebnisse der (frühen) Kindheit zurückführen. Man könnte aber
auch daran denken, daß dieser Komplex lokal-organisch bedingt
oder wenigstens so verstärkt sei: es gibt, wie man weiß,
einen sogenannten „Fernsinn der Blinden", die perceptio facialis,
welche außer bei Blinden auch bei Normalsichtigen, so eventuell
gerade und besonders ausgeprägt bei Dichtern, in Wirksamkeit
treten könnte. Die Dichter könnten so vielleicht als Kinder die
Beobachtung gemacht haben, daß sie auch im Finstern die
Anwesenheit von Gegenständen erfühlen, wozu andere Kinder
nicht befähigt sind. Bei ihnen wäre aber diese Fähigkeit durch
die mittels organischer Ausbreitung der Orallibido erfolgte Ero-
genisierung von Gesicht und Stirn (Dichterstirn!) erklärbar. Dieser
Seherkomplex entwickelt sich wahrscheinlich nicht nur beim
Dichter, sondern vermutlich auch beim Forscher, beim Gelehrten.
(Wissen ist ja Vorauswissen. Das Experiment dient zur Bestätigung
Organlibido und Begabung
303
eines Gedankens.) Das könnte eine Verbindung zwischen Dichter
und Forscher herstellen (in einer Person z. B. bei: Davys,
Fechner, Lotze, F. Bolyai), und die gemeinsame orga-
nische Grundlage könnte leicht gewisse Stammbaums-Eigen-
tümlichkeiten, z. B. der Familie Darwin, erklärbar machen. 1 Bei
den Darwins trifft man neben mehreren Dichtern einen Arzt
(den Vater Charles), der eine „unnatürliche" Gabe des Gedanken-
lesens gehabt haben soll und oft „glücklich im Erraten" war. 2
Hier könnte die direkte Untersuchung an Dichtern eine theoretisch
gefundene Möglichkeit bestätigen oder entkräften. 3 Ob der Toten-
komplex, der andere, bei den Dichtern als Sublimierungs-
wegweiser dienende Komplex (das Lieben einer toten Person oder
das Geliebtwerden als Toter) nicht auch seine organische Grund-
lage haben kann ? P e t ö f i und Rousseau waren bei der Geburt
äußerst schwache Kinder. Goethe kam asphyktisch zur Welt.
(Die Ruhmbegierde hat auch eine oralerotische Grundlage und
dann will sie Erfolge noch im Leben haben oder sie will einen
unsterblichen Namen sichern und dann stammt sie vermutlich aus
dieser Quelle des Geliebtwerdens als Toter.) 4
Die zweite, oben aufgeworfene Frage, die wir eigentlich bei
der Behandlung des Seherkomplexes schon berührten, die Frage
nach der Begabungsgrundlage anderer Begabungsarten,
ließe sich nach dem Vorbilde von G a 1 1 vielleicht auch anatomisch
beantworten, doch bietet sich hier ein der psychoanalytischen
Forschung zugänglicherer Weg, welcher unmittelbar an die Libido -
betontheit des ausübenden Organs anknüpft. Hier muß aber, den
1 Damit soll nicht gesagt werden, daß ich. es für bewiesen halte, daß
bei der Vererbung in jedem Falle (nur) organische Grundlagen anwesend sind.
2 Leben und Briefe von Charles Darwin. Herausgegeben von Francis
Darwin. 1887, Bd. I, S. 15.
3 Man denke an erblindete Dichter (Homeros vielleicht nur als ein
Diehterrepräsentant, Milton), an schwer kurzsichtige oder an einem Auge
schwachsichtige (Ära ny, Petöfi) und man wird unsere Vermutung nicht
mehr für so kühn halten. Auch Dichter-Gelehrte hatten Sorgen ihres Seh-
vermögens wegen gehabt (F. Bolyai, Fechner).
4 Instruktiv ist der Totenkomplex bei F. Bolyai. In den Jugendjahren
besuchte er oft den Friedhof; nach dem Tode seiner Frau ließ er sie vor den
eigenen Augen sezieren und beschrieb den Befund Punkt für Punkt dem Sohne ;
sein eigener Sarg lag Jahrzehnte lang in seinem Zimmer. Die Daten aus David,
A ket Bolyai, 1923).
304
Dr. Imre Hermann
Gedankengang einleitend, wieder auf Ferenczi zurückgegriffen
werden; Ferenczi nimmt nämlich an, daß an verletzten,
erkrankten Körperstellen „ . . . eine größere Lididomenge aus den
übrigen Organbesetzungen zusammenströmt . . . Wenn sich aber
das Ich dieser lokalisierten Libidosteigerung mittels der Ver-
drängung erwehrt, so mag eine hysterische, wenn es sich mit
ihr vollkommen identifiziert, eine narzißtische Pathoneurose,
eventuell einfacher Krankheitsnarzißmus die Folge der Verletzung
oder Erkrankung sein". 1
Das Gehirn verrät nun auf verschiedene Weise seine
Rolle als Ichorgan, als Stapelplatz des Narzißmus (Psychologie der
Ausdrucksbewegungen ; Hollös-Ferenczis Ansichten über die
progressive Paralyse). Wir glauben nichts Neues dem schon
Bekannten beizufügen, wenn wir hervorheben, daß intensiver
Schmerz, entstehe er an welcher Körpergegend immer, eine
Beschädigung des Ichs und so quasi eine des Gehirnes mitbedingt,
woraus dann wieder eine Aufspeicherung des Gehirn-
organlibido im Falle des Schmerzes gefolgert werden
muß. Könnte nun aber diese aufgesammelte Gehirnorganlibido-
menge nicht ebenfalls sublimiert, zur höheren geistigen Produktion
verwendet werden?
Studiert man die Lebensgeschichte großer Denker —
von unmittelbarer Analyse muß hier gegenwärtig aus leicht-
verständlichen Gründen Abstand genommen werden — so wird
man bald gewahr, welch ein großer Zeitraum ihres Lebens mit
körperlichen Erkrankungen und Schmerzen erfüllt war. Ostwald
spricht hier natürlich — auf Grund seiner monistisch-energetischen
Theorie — von einem Auf nützungs- Symptom. Es soll die
teilweise Berechtigung dieses Standpunktes nicht in Abrede gestellt
werden, sicherlich wird der Denker mit der Zeit ermüdet, er
verliert seine libidinösen Triebkräfte, doch glauben wir hier noch
einen anderen, umgekehrt verlaufenden Zusammenhang aufgefunden
zu haben.
Einige Beispiele: Hume hat den Grundgedanken seiner
Treatise sicherlich in der Periode eines längeren Unwohlseins
erfaßt (erkrankt im Jahre 1729, krank bis zirka 1733, den Grund-
gedanken im Jahre 1731 erdacht). Man muß aber wissen, daß
1 Ferenczi, 1. c. S. 14.
Organlibido und Begabung
305
Hume sich schon viel früher im Ertragen von Schmerzen
geübt hat: „Denn was hilft besser sich einen tuskulanischen Dialog
von Cicero über Trost im Schmerz einzuprägen, als ein Stück
von Bucolica oder Georgica . . . Der vollkommene Weise, der dem
Schicksal trotzt, ist sicher größer als der Bauer, der sich von ihm
leiten läßt . . . Mein Gleichmut ist von der Philosophie nicht
genügend gestärkt, um Schicksalsschlägen widerstehen zu können.
Die hierzu nötige erhabene Seelengröße kann nur durch Studium
und Betrachtung erworben werden — hierdurch allein lernen wir
die menschlichen Schickungen ertragen". — „Was mir jedoch die
Laune am meisten von allem verdarb und mich ärgerte, war, daß
ich . . . nicht nur meinen Verstand und meine Urteilskraft zu
verbessern versuchte, sondern auch meinen Willen und Charakter.
Ich suchte mich beständig durch Reflexionen gegen Tod, Armut,
Schmach, Leid und alle andere Mißgeschicke des Lebens zu stärken." 1
Darwin sagt selbst, daß er als Kind keine besonderen
Fähigkeiten aufzuweisen wußte. Seine wissenschaftliche Laufbahn
fängt mit der fünfjährigen Reise am Schiffe „Beagle" an. Darwin
hatte schon kurze Zeit vor der Abreise an Schmerzen in der
Herzgegend gelitten. Am Schiffe wurde er dann- von einer heftigen
Seekrankheit ergriffen. Lord Stokers schreibt über diesen Zustand :
„Häufig war das Hinterende des kleinen Fahrzeuges recht
beweglich und in einem peinigenden Grade für meinen alten Freund,
welcher bedeutend von Seekrankheit zu leiden hatte . . . eine Zeit-
lang sich auf der einen Seite des Tisches lang auszustrecken, war
das Mittel, ihn in den Stand zu setzen, seine Arbeit für eine Weile
wieder aufzunehmen, worauf er sich dann von neuem niederlegen
mußte. — Es war niederschlagend, dieses frühe Aufopfern von
Ch. Darwins Gesundheit mitanzusehen."
Doch sagt Darwin selbst: „Meine Seele ist, seitdem ich England
verlassen habe, in einem wahren Sturmwind von Entzücken und
Erstaunen gewesen und bis zu dieser Stunde ist kaum eine
Minute in Nichtstun hingegangen." Darwin blieb während seines
ganzen Lebens krank, doch „meine alleinige Beschäftigung während
meines ganzen Lebens ist wissenschaftliches Arbeiten gewesen; und
die mir durch derartige Arbeit werdende Anregung läßt mich für die
Zeit mein tägliches Unbehagen vergessen oder drängt es wohl auch voll-
1 Siehe in Anton Thomsen: David Hume, sein Leben und seine
Philosophie. Bd. L, 1912. S. 20—25.
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 20
306
Dr. Imre Hermann
ständig zurück". Konzentrierung: seiner Gedanken gewöhnte er sich
am Beagle an: „Die . . . erwähnten verschiedenartigen Studien waren
indessen von keiner Bedeutung, verglichen mit der Angewöhnung
an energischem Fleiß und konzentrierter Aufmerksamkeit auf alles
das, womit ich nur immer beschäftigt war, welches beides ich mir
aneignete . . . diese geistige Gewohnheit wurde während der fünf
Jahre der Reise fortgesetzt. Ich bin sicher, daß diese Dressur es
war, welche mich dazu befähigt hat, das in der Wissenschaft zu
leisten, was ich etwa geleistet habe." 1
Fechners große Krankheit fiel in die Zeit vor seiner
schöpferisch-genialen Periode. Nun stellt er die Lösung seiner
Krankheit folgendermaßen dar: „Es war am 1. Oktober, als ich
infolge einer Alteration einmal rasch und rücksichtslos auf die in
meinem Kopfe sonst immer beim Sprechen sich geltend machenden
üblen Empfindungen rasch und lebhaft zu sprechen anfing. Aber
diese üblen Empfindungen traten diesmal nicht ein . . . Ich maß
diesen Umstand der stattfindenden Aufregung bei, ward indes
dadurch ermutigt, auch wiederholt mit einer gewissen desperaten
Schonungslosigkeit gegen meinen Kopf zu sprechen und fand, daß
es ging ... Ich fand, daß, wenn ich furchtsam sprach, der Kopf
litt, sprach ich aber sozusagen darauf los, ohne es zu übertreiben,
so litt er nicht. Ich fand infolgedessen, daß es sich mit Besinnen
und Nachdenken ebenso verhielt." 2
Man möchte fast sagen, es liegt hier eine besondere Ver-
wendung der masochistischen Lust vor. Bestärkt wird man
in dieser Ansicht, wenn man die Aufzeichnungen unseres Kron-
zeugen Cardano heranzieht.
Cardano beklagt sich, er sei von Vater und Mutter ohne
jeden Grund so sehr geprügelt worden, daß er häufig lebensgefährlich
erkrankte. Nun hatte er sich die Gewohnheit angeeignet, daß er,
sobald er keine Schmerzen hatte, sich solche selber zu bereiten
versuchte. „So habe ich mir zu diesem Zwecke Schmerzen aus-
gedacht, die mir Tränen erpressen können." . . . „Hatte ich doch
Dinge zu ertragen, die in keinem Verhältnis zu meinen Kräften
standen. In solchen Fällen habe ich mit äußeren Mitteln meine
Natur bezwungen. Ich habe nämlich mitten unter den ärgsten
Seelenqualen mit einer Rute meine Beine gepeitscht, habe mich
1 Darwin a. a. 0., S. 57, 58, 71, 205, 214.
2 Zitiert nach K. Birnbaum, Psychopathol. Dokumente, 1920, S. 267.
Organlibido und Begabung
307
stark in den linken Arm gebissen, habe gefastet . . ." „Ich habe
immer, beim Reiten, beim Essen, im Bett, wachend, redend, noch
über irgend etwas anderes nachgedacht, mich mit etwas anderem
nebenbei befaßt." „Diese Nachdenklichkeit beherrscht mich zwar
ununterbrochen, richtet sich aber nicht ununterbrochen auf den-
selben Gegenstand. Nichtsdestoweniger ist sie immer so stark,
daß ich nicht essen oder sonstiger Vergnügung mich hingebe, ja
nicht einmal Schmerzen verspüren oder schlafen kann, ohne von
ihr beherrscht zu sein." „Der Schmerz war die Arznei meines
Schmerzes; den Unmut heilte ich mit Zorn, meiner ungesunden
Liebe zu den Meinen begegnete ich mit ernsten Studien. Schmerzen
kleinerer Art vertrieb ich dixrch das Schachspiel ; über große halfen
mir falsche Hoffnungen und phantastische Gedanken hinweg." 1
Die Tendenz ist klar: die Schmerzverhütung, was aber selbst
durch schmerzhafte Prozeduren geschehen kann; man sieht auch
die Rückführbarkeit dieser Eigenschaft auf das frühkindliche Leben.
Bemerkt sei, daß Cardano in seinem neunten Lebensjahre, im Alter,
als er vom Vater mathematischen Unterricht erhielt, eine schwere
Verwundung an der linken Stirn erlitten hat. (Man muß hier auf
Möbius' mathematisches Organ denken und auf die „harpokratische"
wahrsagerische Natur Cardanos, welche durch die pathoneurotisch ent-
standene Stirn-Libidotonuserhöhung bedingt sein konnte, siehe oben.)
Dieser hier behandelte Zusammenhang, den wir als den
genetischen Zusammenhang von Schmerz, erhöhtem Gehirn-Libido-
tonus und „tiefem Gedanken" bezeichnen können, steht, erscheint
er auf den ersten Blick noch so gekünstelt, nicht ohne analoge
Erscheinungen und nicht unverständlich da. 2
1 Cardanos Eigene Lebensbeschreibung, übersetzt von H. Hefele, 1914,
S. 8, 19—20.
2 Es gibt eine Theorie der genialen Geistestätigkeit, nach welcher diese
Tätigkeit im durch Ermüdung reizbar gewordenen Gehirn entstehen soll,
und die geniale Geistestätigkeit hätte nach dieser Theorie .die Neigung, leichter
zu ermüden und namentlich das erste Stadium der Ermüdung, die gesteigerte
Reizbarkeit hervorzubringen" (Stadelmann hier dargestellt, nach Müller-
Freienfels, Psychologie der Kunst, IL 2 1923). Diese Theorie widerspricht
unserer insofern nicht, als die Unlust der Ermüdung und die Zurück-
dämmung dieser Unlust einen speziellen Fall des körperlichen Schmerzes
und der Schmerzverhütung bilden. Natürlich müßten die Ermüdung und die
Erhöhung der Gehirnorganlibido noch in einer speziellen Untersuchung
konfrontiert werden.
20*
308
Dr. Imre Hermann
In einer früheren Arbeit wurde von mir die auffallende Tat-
sache hervorgehoben, daß viele „höhere seelische Gegen-
stände" (wie Rhythmus-Erlebnis, Symmetrie-Wahrnehmung usw.)
in einer zurückgedrängten, sonst zum Emporsteigen genötigten
Unlust (aus der drohenden Rückkehr des überwundenen Wieder-
holungszwanges) ihren Ursprung nehmen. Unlust ist in diesen
Erlebnissen heute nicht mehr fühlbar, da eben statt dieser Verwen-
dung der Besetzungserhöhung mit Hilfe von einem erworbenen
Unlustabwehr-Mechanismus höhere geistige Produkte entstehen. 1
Tierexperimente zeigen auch ganz klar, daß intellektuelle Neu-
leistungen nur nach harten Bestrafungen, nach heftigem Leiden
gelingen. 2
Daß der „tiefe Gedanke" nicht vom Standpunkte der
Bewertung, sondern dem Erlebnis nach eine qualitative Sonder-
art des Denkens darstellt, wurde ebenfalls schon hervorgehoben. 3
Auffallend ist, daß die Qualitätsbezeichnung „Tiefe" nicht nur für
solche Gedanken, sondern zugleich auch für Kummer, Schmerz
und Trauer verwendet wird, während man von tiefer Freude
nicht spricht. Es wurde sogar schon die Inspiration als ein
exquisit schmerzlicher Zustand bezeichnet. (Nietzsche,
Mus s et, Petöfi.) Metapsychologisch ist nun ein analoger Prozeß
für den tiefen Gedanken und den (heftigen) Schmerz anzuehmen:
einerseits ist — nach Freud — „wahrscheinlich die spezifische
Unlust des körperlichen Schmerzes der Erfolg davon, daß der
Reizschutz in beschränktem Umfange durchbrochen wurde",*
andererseits muß der tiefe Gedanke als ein Durchbruch von einem
isolierten Komplex in ein anderes, vom Sach-System in das Ich-
System aufgefaßt werden, also metapsychologisch formell analog
der metapsychologischen Schmerzgrundlage. Auch der Realität
gegenüber benehmen sich Schmerz und tiefer Gedanke ähnlich:
man pflegt zu sagen, der Schmerz sei der wirklichste Verkünder
der Realität der Welt, dasselbe muß aber dem tiefen Gedanken
zuerkannt werden: er löst ja ein Problem gerade der Forderung
der Realität gemäß und beweist diesen Hang zur Realität durch
1 Randbemerkungen zum Wiederholungszwang. Intern. Zeitsehr. f. Psa.,.
Bd. VIII.
2 Zur Psychologie der Schimpansen. Intern. Zeitsehr. f. Psa., Bd. IX.
3 Intelligenz und tiefer Gedanke. Intern. Zeitsehr. f. Psa., Bd. VI.
4 S. Freud, Jenseits des Lustprinzips. 1920, S. 27.
Organlibido und Begabung
309
sine merkwürdige Eigenschaft; der Denker erinnert sich nämlich
oft ganz genau an die äußeren, auch unwesentlichen Umstände,
inter denen er sich zur Entstehungszeit des tiefen Gedankens
befand. (. . . „Ich kann mich selbst noch der Stelle auf der Straße
erinnern, wo mir, während ich in meinem Wagen saß, die Lösung
einfiel." Darwin, a. a. 0., S. 75.) An Tieren kann man diese
gleichzeitige Extra- und Introversion während heftigen Leidens
beobachten. 1
Betrachtet man etwa introspektiv-spekulativ das mögliche
genetische Verhältnis von Schmerz und Gedankenproduktion, so
kann man nicht umhin, eine ganz spezielle Art der Schmerz-
verhütung anzunehmen, wo alles Ichinteresse dem Schmerz
entzogen wird und eine andere seelische Arbeit, die libidinösen Trieb-
kräfte mit diesem Energiebetrag verdoppelt, angestrebt wird: es wird
nachgedacht, phantasiert, die zur Verfügung gestellte Organlibido
des Gehirnes aufgearbeitet, aber gegenüber dem gewöhnlichen
Denken, Phantasieren, eine Vertiefung, eine tiefere Anklammerung
an die Realität durch innere Kräfte, als Ausgleich des Schmerzes
gesucht. Der Schmerz besteht von Seiten der Libido und vom Ich
aus Eigenschaften, welche zur Produktion eines tiefen Gedankens
führen können, wenn eine spezifische, man könnte sagen
üb ergangs-masochistische Anlage — welche sich dem
Schmerz nicht vollständig übergibt, ihn aber auch nicht vollständig
verdrängt — besteht. Wird dieser Weg der Schmerzverhütung
frühzeitig eingeschlagen, so haben wir eine Bedingung der
geistigen Begabung des Denkers vor uns. 2
Mit dieser Theorie der Schmerzverhütung ergänzt sich sodann
unsere Grundauffassung. Diese erweiterte Auffassung bewährt
1 Zur Psychologie der Schimpansen.
2 Ich will hier nur erwähnen, daß bei der sogenannten Fiebertherapie
wahrscheinlich diese psychologischen und libidinösen Faktoren mit im Spiele
sind. Das Fieber muß vermutlich die Bedingung der Schmerzhaftigkeit erfüllen,
ferner muß eine besondere masochistische Veranlagung vorliegen, um psychische
Höherleistungen zu erzwingen. (Vgl., was das erstere anbetrifft, mit Darwin:
„Ich kann nur hoffen, daß das Karbunkel dir möglicherweise gut tut; ich habe
von allen Arten von Schwächen gehört, welche nach einem Karbunkel ver-
schwunden sind. Ich vermute, der Schmerz ist fürchterlich." a. a. 0., S. 360.)
— Bekannt ist die geistige Mehrleistung im Fieber bei Wallace (W. Locy:
Die Biologie und ihre Schöpfer, 1915. S. 368), bei Holt ei und Hebbel
(Birnbaum, a. a. O., S. 107—108).
310
Dr. Imre Hermann
sich auch in einem noch nicht herangezogenen Erfahrungsgebiete:
in der Erklärung der stereotypen Arbeitsgewohnheiten
produktiver Geister. Viele dieser sind nichts anderes, als ständige
geringfügige Reizung des besonderen, begabungsschaffenden Organs
(Trinken bei Dichtern! Spiel, Unruhe der Hände bei einem
zeichnerisch veranlagten ' Dichter [Petöfi]); bei Musikvirtuosen
(während des Komponierens), als symbolische Darstellung der
begabungsbestimmenden Komplexe (Auf- und Abgehen als Aus-
druck des Seher-Komplexes bei dichterisch oder wissenschaftlieh
veranlagten), als durch leichte Schmerzen, Unannehmlichkeiten
hervorgerufene leichte Libidoerhöhung des Gehirnes (kaltes Fuß-
bad, kaltes Zimmer, starke Gerüche).
Johann Bolyai pflegte zu sagen: „Alles Übel der Welt dient
nur zum Ansporn seiner Beseitigung und so zur Schärfung des
Geistes". Nach Schopenhauer „bedarf es nur einer gewaltigen
Anstrengung zur Umkehrung der Richtung (sc. des Triebes zur
Wollust) und statt jener quälenden, bedürftigen, verzweifelnden
Begierde (dem Reich der Nacht) füllt die Tätigkeit der höchsten
Geisteskräfte das Bewußtsein (das Reich des Lichtes)". Wir fügen
dem nur bei, daß dies alles auf einer besonderen masochistischen Über-
gangs-Grundlage fußend, durch Sublimierung der erhöhten Organ-
libido des Gehirnes bewirkt wird. Man kann vermuten, das besondere
Stellen des Gehirnes individuell verschiedene Anziehungskraft
auf die verfügbare Libidomenge besitzen, was wieder der Möglich-
keit von speziellen Betätigungsarten zugute kommt (siehe
Cardanos Fall).
Von den „Pathoneurosen" zur Pathologie der Neurosen.
Von Dr. Stephan Hollös.
Die psychiatrische Forschung bewegte sich in ihrem Bestreben
nach einer Pathologie der Geisteserkranküngen seit längster Zeit
abwechselnd nach zwei Richtungen hin : die eine war die p s y c h i s c h-
vitalistische, die . andere die materialistisch -somatische
Forschungsweise. Die jatromechanische und chemische Auffassung
des XVII. Jahrhunderts wurde von Stahls Vitalismus abgelöst und
als Reaktion auf dieselbe setzte wieder jene materialistische Psych-
iatrie ein, die sich vom Anfang des XIX. Jahrhunderts bis auf
den heutigen Tag behauptete. Als fester Block, berufen den
wechselweise wiedererscheinenden, in ihren extremen Aufstellungen
beiderseits unfruchtbaren Strömungen einen Halt zu gebieten,
erscheint nun die psychoanalytische Forschungs-
methode. Diese verhält sich dem materialistisch-natvirwissen-
schaftlichen Denken — also dem groben psycho-physischen Par-
allelismus — gegenüber ebenso ablehnend, wie gegenüber der meta-
physischen oder transzendentalen Spekulation oder der scholasti-
schen Psychologie. Sie hegt nicht — wie die eine Hauptrichtung
der Pathologie — die Erwartung, durch Bloßlegung anatomischer
oder physiologischer Veränderungen psychische Symptome unmittel-
bar zu erklären, ebensowenig als sie sich — gleich der anderen
Richtung — psychologisierenden Spekulationen ergibt. Sie hält sich
streng an die psychischen Erscheinungen und trachtet dieselben
für sich, das heißt, in ihrer psychischen Dynamik, Topik und
Ökonomie zu erkennen und zu beleuchten.
Daß diese „metapsychologische" Betrachtungsweise dem
Hineingleiten in die drohenden Abgründe sowohl auf der einen
als auf der anderen Seite zu entgehen vermochte, das war
großenteils dem von Freud eingeführten Triebbegriff zu
verdanken, mit dessen Hilfe die Psychoanalyse an einer Klinik
312
Dr. Stephan Hollös
und Pathologie der psychischen Erkrankungen arbeiten konnte,
ohne nach unmittelbaren somatischen Verbindungen zu suchen
jedoch auch ohne den Gedanken einer solchen Verknüpfung je
aufzugeben. Ja, wie wir sehen werden, wurde der Kontakt zwischen
psychischen und somatischen Erscheinungen in der Psychoanalyse
nie außer acht gelassen, eine innige und ununterbrochene —
wenn auch nie willkürliche — Verknüpfung der anatomischen,
physiologischen und andererseits der psychischen Erscheinungen
stets vor Augen gehalten. Die Psychoanalyse stand fest auf dem
alleinigen prinzipiellen Standpunkt ihrer Trieblehre, die in Freuds
Satze: daß Triebe die Grenzbegriffe zwischen Somatischem und
Psychischem darstellen, ihren prägnanten Ausdruck fand.
Die Psychoanalyse war sich indessen stets bewußt, daß ein
vollständiges Verständnis der von- ihr untersuchten Probleme nur
durch ein Vordringen von zwei Seiten her zu erreichen sei; sie
betonte ausdrücklich ihre Erwartung, daß nach Freuds Worten:
„zu ihren Erforschungen noch von der Seite der Biologie her die
Brücke zu schlagen sei". Ohne die Notwendigkeit einer solchen
„utraquistischen" (Ferenczi) Betrachtungsweise je vor Augen zu
verlieren, verfolgte sie ihre Arbeit auf dem Wege der immanenten
psychologischen Forschung. Je mehr es ihr gelang, in die Erscheinun-
gen einzudringen, desto eher mußte sie sich naturgemäß dem
Treffpunkte nähern, in welchem sich „Psychisch" und „Organisch"
begegnen, wo die Erkenntnis einer Einheit — deren wechselnde
Erscheinungsformen uns als körperliche und seelische Phänomene
entgegentreten — zur Anerkennung und Formulierung drängt.
Zuerst war es die Hysterie, die mit ihrem „rätselhaften Sprung
ins Körperliche" die Aufmerksamkeit auf den Zusammenhang
seelischer und körperlicher Erscheinungen lenkte, und wenn Feren-
czi das Materialisationsphänomen als eine Regression
bis zur Vorstufe des Psychischen, der „Protopsyche", zu erklären
meinte, wenn er noch annahm, „daß in der Hysterie ein Stück
der o r g a n i s c h e n Grundlage, auf die die Symbolik im Psychischen
überhaupt aufgebaut ist, zum Vorschein komme", so sehen wir
darin den Versuch, den psychischen Mechanismus bis tief zu seinen
physiologischen Grundlagen zu verfolgen.
Ungefähr zu gleicher Zeit verwies Groddeck („Psychische
Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung organischer Leiden"
1917) auf die „psychische Bedingtheit organischer Leiden nicht-
Von den „Pathoneurosen" zur Pathologie der Neurosen
313
hysterischer Herkunft", hob die „Materialisationsphänomene" des
Normalen, die Ausdrucksbewegungen, sowie andere „M e h r-
leistungen" der Affekte hervor und betonte „die Bedingtheit
des kranken Lebens so gut wie des gesunden, des Körpers wie
der Seele durch die Kräfte des ,Es', des Unbewußten". Das Es
spricht nicht nur im Traum, es spricht aus der Gebärde, aus dem
Zucken der Stirn, aus dem Klopfen des Herzens, aber ebenso gut
mit der leisen Mahnung der harnsauren Diathese, der Sympathicus-
reizbarkeit, des phthisischen Habitus, ebenso gut schließlich mit
der eindringlichen Stimme der Erkrankung. „Für das Es gibt es
die Trennung von Körper und Seele nicht." Diese Auffassung, die
Aufstellung jenes allen Erscheinungen zugrunde liegenden, jedoch
von uns in seiner Wesenhaftigkeit nicht erkennbaren Es ist
bedeutungsvoll, indem es zur einheitlichen Betrachtung von
Soma und Psyche verpflichtet, wenn es auch vorläufig keine
Handhabe zum weiteren Eindringen in deren Zusammenhänge bietet.
Der erste Versuch in dieser Richtung — wenn auch nicht
in bewußt darauf gerichteter Absicht und Zielstrebung — geschah
inFerenczis „Pathoneurosen". Vom Einzelfall einer, zeitlich einem
schweren körperlichen Trauma — der Kastration — nachfolgenden
narzißtischen Neurose ausgehend und auf Beobachtungen des
libidinösen Verhaltens körperlich Kranker gestützt, kam F e r e n c z i
zur Folgerung, daß „eine körperliche Erkrankung oder Verletzung
ganz gut eine traumatisch zu nennende Regression zum Narziß-
mus, eventuell deren neurotische Variante, zur Folge haben kann",
indem die Libido auf das Ich, respektive auf das kranke Organ
zurückgezogen wird und so eine Störung der Libidoverteilung
eintritt. Die auf diese Weise entstandenen Neurosen nennt
Ferenczi „Krankheits- oder Pathoneurosen".
Die Bedingungen dafür, daß auf solche Weise eine echte
narzißtische Neurose zur Entwicklung gelange, meint Ferenczi
im folgenden bestimmen zu können: 1. Wenn der konstitutionelle
Narzißmus — sei es auch latent — schon vor der Schädiguug
allzu stark war, so daß die kleinste Verletzung eines Körperteils
das ganze Ich trifft, 2. wenn das Trauma lebensgefährlich ist
oder dafür gehalten wird — d. h. die Existenz (das Ich) über-
haupt bedroht, 3. kann man sich das Zustandekommen einer
solchen narzißtischen Regression oder Neurose
als Folge der Beschädigung eines besonders stark
314
Dr. Stephan Hollös
libidobesetzten- Körperteils vorstellen, mit dem
sich das ganze Ich leicht identifiziert. Als solche
Körperteile werden auf Grund klinischer Beobachtungen besonders
einzelne erogene Zonen, die Augen, das Gesicht, dann der andere
Körperpol (Anus) und in allererster Linie die Genitalien
hervorgehoben. Zum Schlüsse meint Ferenczi: „Nach alledem
ist es nicht unwahrscheinlich, daß an den verletzten oder
erkrankten Körperstellen sich nicht nur weiße Blut-
körperchen „chemotaktisch" zusammenrotten, •um
ihre reparatorische Tätigkeit zu entfalten, sondern
daß dort auch eine größere Libidomenge aus den
übrigen Organbesetzungen zusammenströmt. 1 Vielleicht hat
diese Libidosteigerung sogar an den in Gang gesetzten Heilvor-
gängen ihren Teil".
Vom Spezialfall der Pathoneurosen führte ein direkter Weg
zu den Icherkrankungen auf. organischer, patho-
logischer Grundlage, in welchen das pathoneurotische
Moment, die Störung der Libidoverteilung infolge der Läsion
oder Erkrankung des Zentralorganes selbst ebenfalls nicht zu
verkennen war. In der von Ferenczi und mir gemeinsam ver-
öffentlichten Paralysearbeit wurde auf diesen Umstand hingewiesen
und die hieher zu rechnenden organischen Erkrankungen von
Ferenczi als „Pathopsychosen" bezeichnet.
Wir sind der Meinung, daß in diesen organischen psycho-
tischen Erkrankungen der Läsion des Gehirnes tatsächlich dieselbe
ätiologische Bedeutung zuzuschreiben sei, wie der Verletzung
oder krankhaften Veränderung eines Körperorgans in der Patho-
neurose.
Als unterscheidendes Merkmal könnte hervorgehoben werden,
daß bei den Pathoneurosen ein äußdie durch mannigfache Zwischenstufen
verbunden werden.
Zusammenfassend können wir aussprechen, daß ebenso-
wenig ein Fieberdelirium entstehen könnte, ohne
daß neben dem organischen Prozeß im Gehirn noch
infantile Fixierungen aktiviert werden (Fieber ohne
Delirien), andererseits keine Neuropsychose zur
Entwicklung gelangen kann, insoferne imGehirne
nicht gewisse — sagen wir toxische — Störungen
vor sich gegangen waren. Diese Intoxikation des Gehirnes
wird — vermutlich vermittels der endokrinen Sekretion — von
der Neurose selbst besorgt. Wir stellen uns also vor, daß die
Neurose, das heißt die Libidoerkrankung eine der
toxischen analoge Gehirnläsion hervorzurufen
vermag, ebenso wie umgekehrt durch die primäre
Gehirnläsion (Trauma, krankhafte Veränderung),
eine Störung im Libidohaushalte und demzufolge
eine Aktivierung infantiler Fixierungen zuwege
gebracht wird.
* * *
Die Schlußfolgerungen, die sich uns bei der Weiterführung
vonFerenczis Gedanken ergaben und die einiges Licht auf die
Pathologie der Psychosen zu werfen bestimmt sind, sind
keineswegs geeignet, die nosologische Einheit der Patho-
Internat. Zeitsohr. f. Psychoanalyse, IX/3. 2 ,
322
Dr. Stephan Hollös
neurosen zu erschüttern. Die von Ferenczi beschriebenen
Erkrankungen bilden in jeder Hinsicht eine scharf umgrenzte,
ihrem Wesen nach besondere Einheit, deren Selbständigkeit von
der Tatsache nicht berührt wird, daß in ihrem Mechanismus auch
ein allgemeineres Prinzip zum Ausdruck gelangt. Wenn im Sinne
dieses allgemeinen Prinzips pathoneurotische Mechanismen auch
bei anderen Krankheiten aufzuweisen sind, so kann dies nicht
bedeuten, daß auch diese anderen Erkrankungen Pathoneurosen
genannt werden könnten. Es muß uns nur mit Genugtuung
erfüllen, wenn aus der undifferenzierten Masse der allgemeinen
Krankheitsprozesse eine so gut umschriebene Krankheitseinheit
hervorgehoben wurde, wie es eben durch die „Pathoneurosen"
geschah. Diese Genugtuung wird um so nachhaltender, wenn wir,
Ferenczis Gedankengang weiterführend, zu allgemeineren patho-
logischen Begriffen zu gelangen trachten.
Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung
des Kindes.
Von Melanie Klein (Berlin).
Es ist eine in der Psychoanalyse bekannte Tatsache, 1 daß
bei der Prüfungsangst wie beim Prüfungstraura die Angst vom
Sexuellen auf das Intellektuelle verschoben ist. Sadger wies in
seiner Arbeit „Über Prüfungsangst und Prüfungsträume" 2 nach,
daß die Prüfungsangst in Träumen wie in der Wirklichkeit
Kastrationsangst ist.
Die Beziehung zwischen der Prüfungsangst und der Schul-
hemmung ist einleuchtend. Als solche lernte ich aber auch die
verschiedenen Formen und Grade der Unlust zum Lernen kennen,
und zwar sowohl ausgesprochenen Widerwillen wie auch z. B. nur
„Faulheit", die. weder vom Kinde noch von seiner Umgebung als
Schulabneigung erkannt werden konnten.
Die Schule bedeutet im Leben des Kindes das Zusammen-
treffen mit einer als neu und oft sehr hart empfundenen Realität.
Wie es sich diesen Anforderungen gewachsen zeigt, erweist sich
meist als vorbildlich für die Art, wie es sich den Aufgaben des
Lebens gegenüber einstellen wird.
Diese überaus bedeutsame Rolle der Schule ist im allgemeinen
in der Tatsache begründet, daß die Schule und das Lernen von
vorneherein für jeden Einzelnen libidinös determiniert sind, da
die Schule durch ihre Anforderungen das Kind zur Sublimierung
seiner libidinösen Triebkräfte nötigt. Vor allem hat die Sublimierung
der genitalen Aktivität einen ausschlaggebenden Anteil an den
verschiedenen Lerntätigkeiten, deren Hemmung dann entsprechend
durch die Kastrationsangst erfolgt.
1 Siehe: Stekel „Nervöse AngstzustSnde", S. 193. Freud .Traum-
deutung", S. 188, „Der Prüfungstraum".
2 Siehe : Diese Zeitschrift VI., S. 140.
21*
324
Melanie Klein
Mit Schulbeginn tritt das Kind aus dem Milieu heraus, das
den Boden für seine Fixierungen und Komplexbildungen abgab,
findet sich neuen Objekten und Tätigkeiten gegenübergestellt, und
hat nun an diesen die Beweglichkeit seiner Libido zu erproben.
In erster Linie ist es aber die Forderung, das bis dahin mögliche
Verbleiben bei einer mehr oder weniger passiv-femininen Ein-
stellung aufzugeben, nun seine Aktivität zu beweisen, die das Kind
vor eine ihm neue und oft unerfüllbare Aufgabe stellt.
Ich will nun an der Hand von Beispielen aus einer Anzahl von
Analysen auf die libidinöse Bedeutung von Schulweg, Schule, Lehrer
und die in der Schule ausgeübten Tätigkeiten näher eingehen.
Der dreizehnjährige Felix empfand einen allgemeinen
Widerwillen gegen die Schule. Auffallend war bei seiner guten in-
tellektuellen Begabung der anscheinend völlige Mangel an Interessen.
Er hatte einen Traum in die Analyse gebracht, den er kurz nach
dem Tode seines Schuldirektors im Alter von ungefähr elf Jahren
geträumt hatte. Er geht den Weg zur Schule und trifft
dabei mit seiner Klavierlehrerin zusammen. Das
Schulgebäude brennt; und auf der Straße sind die
Zweige derBäume herabgebrannt, aber die Stämme
selbst geblieben. Er geht mitseiner Lehrerin durch
das brennende Gebäude und sie kommen heil hin-
durch usw. — Die volle Deutung dieses Traumes erfolgte erst
zu einem viel späteren Zeitpunkt, als die Analyse die Bedeutung
der Schule als Mutter, des Lehrers und Schuldirektors als Vater
ergeben hatte. Ich entnehme seiner Analyse einige Beispiele dafür.
Er klagt, daß er in all den Jahren die Schwierigkeit nicht über-
winden gelernt habe, die ihm gleich von Anfang an das Aufstehen,
wenn er in der Schule aufgerufen wird, bereitete. Er assoziiert
dazu, daß die Mädchen ganz anders aufstehen und demonstriert
den Unterschied wie die Knaben aufstehen, durch eine Bewegung
der Hände, die, zum Genitale führend, deutlich die Form des
erigierten Penis zeigt. Der Wunsch, sich dem Lehrer gegenüber
gleich den Mädchen zu benehmen, drückt die feminine Einstellung
zum Vater aus, die Hemmung aufzustehen erweist sich durch
Kastrationsangst bestimmt, unter deren Zeichen sich seine ganze
weitere Schuleinstellung vollzieht. — Die Vorstellung, die er
einmal in der Schule hatte, der Lehrer, der sich, vor den Schülern
stehend, mit dem Rücken an das Katheder lehne, sollte umstürzen,
Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 325
das Pult umwerfen, eindrücken, sich dabei verletzen, erwies die
Bedeutung des Lehrers als Vater, des Pultes als Mutter 1 und
führte zu seiner sadistischen Auffassung des Koitus.
Er berichtet, wie bei einer griechischen Arbeit die Jungen
trotz der Aufsicht des Lehrers einander zuflüsterten und halfen.
Seine weiteren Einfälle führen zur Phantasie, wie er es fertig-
bringen könnte, einen besseren Platz in der Klasse 2 zu bekommen.
Er phantasiert, wie er seine Vordermänner überholt, beseitigt,
tötet und stellt mit Erstaunen fest, daß sie ihm nun nicht mehr wie
gerade vorher als Bundesgenossen, sondern als Feinde erscheinen.
Wenn er nun nach ihrer Beseitigung zum ersten Platz bis zum
Lehrer vorgerückt wäre, so bliebe in der Klasse nur mehr der
Lehrer, der einen besseren Platz als er hat — mit dem könne
er es aber doch nicht aufnehmen. 3
Bei dem nicht ganz siebenjährigen Fritz, 4 dessen Abneigung
gegen Schu le und Lernen sich auch auf den Schulweg erstreckte,
1 Die Mutterbedeutung des Katheders, ferner des Pultes, der Tafel und
alles dessen, worauf man schreiben kann, sowie die Penisbedeutung des Feder-
halters, des Griffels, der Kreide sowie alles dessen, womit man schreiben
kann, wurde mir in dieser Analyse und in anderen so deutlich und bestätigte
sich mir immer wieder, daß ich sie als t y p i s c h anspreche. An einzelnen
Fällen wurde ja auch sonst in der Psychoanalyse die sexual-symbolische
Bedeutung dieser Gegenstände nachgewiesen. So hat" Sadger an einem
Falle von dementia paranoides im Anfangsstadium in seiner Arbeit : „Über
Prüfungsangst und Prüfungsträume" (Diese Zeitschrift VI, S. 140) die sexual-
symbolische Bedeutung des Katheders, der Tafel, der Kreide nachgewiesen
und Jokl in „Zur Psychogenese des Schreibkrampfes" an einem Falle von
Schreibkrampf auch die sexual-symbolische Bedeutung des Federhalters.
2 In Deutschland richtet sich der Platz in der Klasse nach der Qualität
der Leistungen. — Die „Zensur", der die Mutter seiner Meinung nach geringere
Bedeutung beilegen sollte als dem Platz in der Klasse, bedeutete auch ihm
ebenso wie Fritz (Siehe S. 229 dieser Arbeit) die Potenz, das Glied, das Kind;
der Platz in der Klasse war ihm der Platz in der Mutter, die von ihr
gewährte Möglichkeit zum Koitus.
3 Der Lehrer erweist sich dabei als homosexuelles Wunschobjekt. Aber
es zeigt sich, was ja in der Genese der Homosexualität immer bedeutsam ist,
daß dieser homosexuelle Wunsch verstärkt wird durch den verdrängten Wunsch
über den Vater hinüber zum Koitus mit der Mutter — in diesem Falle also
zum ersten Platz in der Klasse - zu gelangen. Ebenso zeigt sich hinter dem
Wunsche, auf dem Katheder sprechend den Lehrer, resp. Vater in die passive
Rolle des ZuhOrens zu drängen, der- Wunsch nach der Mutter auch wirksam,
da das Katheder ebenso wie das Pult für ihn Mutterbedeutung haben.
* Siehe: „Eine Kinderentwickung", Imago VII, 3. Heft, S. 251.
326
Melanie Klein
hatte sich in der Analyse diese Abneigung als Angst erwiesen. 1
Als im Verlauf der Analyse an Stelle der Angst Lust getreten
war, brachte er folgende Phantasie: Die Schulkinder klettern durch
das Fenster in das Schulzimmer zur Lehrerin. Da gab es aber einen
kleinen Jungen, der so dick war, daß er durch das Fenster nicht
herein konnte und deshalb auf der Straße vor dem Schulhause seine
Aufgaben lernen und schreiben mußte. Diesen Jungen nannte Fritz den
Kloß und beschrieb ihn als sehr komisch. So wußte der z. B. gar nicht,
wie dick und komisch er sei, wenn er herumsprang, und er erregte
dadurch bei seinen Eltern und Geschwistern eine solche Heiterkeit,
daß die Geschwister vor Lachen aus dem Fenster fielen, die
Eltern vor Lachen immer wieder auf und ab zur Decke
sprangen. Dabei stießen sie schließlich an eine an der Decke
befindliche schöne Glasschale, die dadurch einen Sprung erhielt,
aber doch nicht zerbrach. Der springende komische Kloß erwies
sich ebenso wie das Kasperle als Darstellung des in die Mutter
eindringenden Gliedes. 2
Die Lehrerin ist ihm aber auch zugleich die kastrierende
Mutter mit dem Penis: zu seinen Halsschmerzen assoziiert er,
daß die Lehrerin mit Zügeln gekommen sei, ihm den Hals
zugeschnürt habe und ihn einspannte wie ein Pferd.
In der Analyse der neunjährigen Grete höre ich von dem
tiefen Eindruck, den es ihr hinterließ, als sie einen Wagen in den
S c h u 1 h o f einfahren sah und hörte. — Ein andermal erzählt sie
von einem Wagen mit Zuckerware, von der sie nicht wagte zu
kaufen, da die Lehrerin gerade vorbeikam. Sie schildert diese
Zuckerware als eine Art Watte, als etwas, das sie lebhaft inter-
essiert und worüber sie sich doch nicht zu orientieren getraute.
Diese beiden Wagen erwiesen sich als Deckerinnerungen für ihre
1 Siehe: „Zur Frühanalyse', Imago IX, 1923. Ich führte dort näher aus,
daß die zahlreichen Mutterleibs-, Zeugungs- und Geburts-Phantasien von Fritz
den Wunsch verdeckten, der dabei der intensivste und verdrängteste war: in
den Mutterleib auf dem Wege des Koitus zu gelangen. — F e r e n c z i hat in
seinem Kongreßvortrag „Versuch einer Genitaltheorie'' (VII. Internationaler
Psychoanalytischer Kongreß, September 1922) die Vermutung ausgesprochen,
daß im Unbewußten die Rückkehr in den Mutterleib nur auf dem Wege des
Koitus möglich scheine und hat auch eine Hypothese aufgestellt, die diese
immer wieder nachweisbare Phantasie von phylogenetischen Entwicklungs-
vorgängen ableitet.
2 Siehe: Jones „Zur Theorie der Symbolik", Zeitschrift VI.
Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 327
frühinfantilen Koitusbeobachtungen, die undefinierbare Zucker-
watte als der Samen.
Grete sang in der Schule im Chor die erste Stimme, die
Lehrerin war ganz nahe an ihre Bank getreten und schaute ihr
direkt in den Mund. Grete empfand dabei ein unwiderstehliches
Bedürfnis die Lehrerin zu küssen und zu umarmen. In dieser
Analyse erwies sich das Stottern des Mädchens determiniert durch
die libidinöse Besetzung des Sprechens wie auch des Singens
Das Auf und Ab der Stimme, die Bewegung der Zunge stellten
da den Koitus dar. 1
Der sechsjährige Ernst stand kurz vor seiner Einschulung.
Er spielt nun in der Analysenstunde, daß er Maurer ist. Während
der sich daran anschließenden Hausbauphantasie 2 unterbricht er
sich und erzählt von seinem zukünftigen Beruf: Er will „Schüler"
werden, später auch an die Hochschule gehen. Auf meinen Ein-
wurf, daß das noch kein endgültiger Beruf sei, meint er
ärgerlich, er wolle sich keinen Beruf ausdenken, weil die Mutter
damit dann vielleicht nicht einverstanden und noch auch böse
wäre. Etwas später, als er die Hausbauphantasie fortsetzt, fragt
er plötzlich: „Heißt es eigentlich Hofschule oder Hochschule?"
Diese Zusammenhänge erwiesen, daß für ihn Schüler sein
heißt: den Koitus erlernen, der Beruf aber bedeutet: den Koitus
auszuüben. 3 Darum war er beim Hausbauen, das ihm mit Schule
und Hofschule so innig zusammenhing, nur Maurer, der aber noch
die Anweisungen des Architekten und die Hilfe anderer Maurer
brauchte.
Ein andermal hat er einige Kissen von meinem Diwan
aufeinandergetürmt und darauf sitzend spielte er den Pastor auf
der Kanzel, der aber zugleich ein Lehrer war, denn ringsum
saßen phantasierte Studenten, die etwas aus den Gebärden des
Pastors lernen oder erraten sollten. Dabei hob er beide Zeige-
finger hoch, dann rieb er die Hände aneinander (nach seiner
Aussage bedeutete dies Wäschewaschen und Warmreiben) und
sprang dann immer wieder auf und ab mit den Knieen auf die
1 Siehe: „Zur Fruhanalyse" von Melanie Klein, Imago IX, 3. Heft, S. 254.
2 Dieses Hausbauen stellte den Koitus und die Erzeugung eines Kindes dar.
3 Diese unbewußte Bedeutung des „Berufes" ist typisch. Sie läßt sich
immer wieder in Analysen nachweisen und trägt sicherlich sehr stark zu den
Schwierigkeiten der Berufswahl bei.
328
Melanie Klein
Kissen. Die Kissen, die immer wieder in seinen Spielen mitwirkten,
hatten sich in seiner Analyse als das (mütterliche) Glied erwiesen,
die verschiedenen Gebärden des Pastors als Koitus. Der Pastor,
der den Studenten diese Gebärden zeigt, ihnen aber keine Erklärungen
gibt, bedeutet den guten Vater, der die Söhne im Koitus unter-
weist, vielmehr sie dabei als Zuschauer duldet. x
Dafür, daß die Schulaufgabe Koitus oder Onanie bedeutet,
bringe ich aus einigen Analysen Beispiele. Der kleine Fritz
zeigte, bevor er zur Schule kam, Lernlust und Wißbegierde
und lernte auch allein lesen. Gegen die Schule empfand er
aber bald große Unlust und bewies starke Abneigung gegen
jede Schulaufgabe. Er phantasierte wiederholt von „schweren
Aufgaben", die man im Zuchthause bekäme. Als solche führt er
an, einen Hausbau allein in acht Tagen durchzuführen. 2 Aber
auch von seinen Schulaufgaben spricht er als von „schweren
Aufgaben" und sagt einmal, die Schulaufgabe sei ebenso schwer, wie
ein Haus zu bauen. In einer Phantasie werde auch ich einmal ins
Gefängnis gesperrt und genötigt, dort schwere Aufgaben zu machen,
und zwar in einigen Tagen ein Haus zu bauen und in einigen
Stunden ein Heft vollzuschreiben.
Felix empfand die schwersten Hemmungen jeder Schulaufgabe
gegenüber. Er ließ, wenn auch unter schweren Gewissensbedenken,
die Erledigung der Aufgaben für den Morgen. Dann empfand er
heftige Reue, sie nicht früher gemacht zu haben, ließ sie aber
wieder bis zum letzten Augenblick, las dazwischen noch die
Zeitung, lernte dann atemlos, wobei er bald die eine bald die
andere Aufgabe hernahm, ohne eine zu vollenden und langte mit
einem schlechten, unsicheren Gefühl in der Schule an, wo er noch
schnell im Geheimen dies und jenes abschrieb. Sein Gefühl bei
einer Schularbeit beschrieb er folgendermaßen: „Zuerst hat man
große Angst, dann beginnt man und es geht irgendwie und nach-
her hat man so ein schlechtes Gefühl". Von einer Schularbeit
erzählte er mir, daß er, um sie nur schnell loszuwerden, recht
schnell zu schreiben begann, immer schneller und schneller schrieb,
1 Der Knabe hatte jahrelang das Schlafzimmer der Eltern geteilt, diese
und andere Phantasien lassen sich auf frühinfantile Koitusbeobachtungen zurück-
führen.
2 Siehe die Bedeutung des Hausbauens bei Ernst und Felix (S. 327
dieser Arbeit).
Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 329
dann immer langsamer und langsamer wurde und schließlich mit
ihr nicht fertig werden konnte. „Dieses schnell — schneller —
langsamer — und nicht zu Ende führen" aber hatte er mir auch
von den Onanieversuchen berichtet, die um diese Zeit unter der
Wirkung der Analyse bei ihm einsetzten. 1 Parallel dem besseren
Gelingen der Onanie ging es auch mit seinen Aufgaben besser
und wir konnten wiederholt an der Art wie er sich zur Aufgabe
oder Schularbeit verhielt, sein Verhalten bei der Onanie feststellen. 2
Felix wußte es auch meist so einzurichten, daß er die Aufgabe
von einem anderen abschrieb, womit er, wenn sie gelungen war,
sich gewissermaßen eines Bundesgenossen gegen den Vater ver-
sichert und den Wert — also damit auch die Schuld — der
Leistung herabgesetzt hatte.
Für Fritz bedeutete das bei einer guten Arbeit von der
Lehrerin hingeschriebene „Lob" ein kostbares Besitztum. Zur Zeit
eines politischen Mordes zeigte er abends Angst und erzählte, die
Mörder könnten ihn ebenso überfallen, wie den ermordeten
Politiker. Diesem hätten sie seine Orden rauben wollen, ihm
würden sie sein Lob rauben. Die Orden sowohl, wie Lob und auch
die Zensur bedeuteten ihm das Glied, die Potenz, die ihm die
kastrierende Mutter (als die ihm die Lehrerin erschien) wieder-
schenke.
Beim Schreiben des kleinen Fritz bedeuten die Zeilen
Wege, und die Buchstaben fahren auf Motorrädern — der Feder
— in sie ein. Z. B. fahren das „i" und das „e" auf einem gemein-
samen Motorrad, das meist vom „i" gelenkt wird und sie lieben
einander so zärtlich, wie man es in der wirklichen Welt gar nicht
kennt. Weil sie immer miteinander fuhren, wurden sie einander so
ähnlich, daß kaum ein Unterschied zwischen ihnen besteht, denn
Anfang und Ende — er sprach dabei vom kleinen lateinischen
1 Zufolge eines ärztlichen, nicht operativen Eingriffes am Penis, der in
seinem vierten Lebensjahre erfolgte, hatte er die Onanie nachher nur unter
schweren Gewissensbedenken ausgeübt. Als dieser Eingriff im Alter von
zehn Jahren wiederholt wurde, hat er die Onanie völlig aufgegeben, litt aber
dann an Berührungsangst.
2 Wiederholt ließ er den Schlußsatz der Schularbeit aus, ein andermal
vergaß er etwas in der Mitte der Aufgabe. Als schon diesbezüglich ein Fort-
schritt eingetreten war, drängte er die ganze Arbeit auf einen möglichst
geringen Umfang zusammen usw.
330
Melanie Klein
Alphabet — sind bei „i" und „e" gleich, nur in der Mitte hat das
„i" einen kleinen Strich, das „e" ein kleines Loch. Von den gotischen
Buchstaben „i" und „e" erklärt er, daß auch sie auf einem Motorrad
führen; daß das „e" ein Kästchen habe, anstatt des Lochs beim
lateinischen „e", sei nur ein Unterschied wie ein anderes Fabrikat
bei den Motorrädern. Die „i" sind geschickt, vornehm und klug,
haben zahlreiche und spitze Waffen und wohnen in Höhlen, zwischen
denen es aber auch Berge, Gärten und Hafen gibt. Sie stellen das
Glied, ihr Weg den Koitus dar. Im Gegensatz dazu werden die „1"
als dumm, ungeschickt, faul und schmutzig geschildert. Sie wohnen
in Höhlen unter der Erde. In der L-Stadt sammelt sich in den
Straßen Schmutz und Papier, in kleinen „dreckigen" Häuschen
mischen sie zum Wasser einen im i-Land gekauften Farbstoff und
trinken und verkaufen das als Wein. Sie können nicht richtig gehen,
können nicht graben, weil sie die Schaufeln verkehrt halten usw.
Es wurde deutlich, daß die „1" den Stuhl darstellen. Auch anderen
Buchstaben gelten zahlreiche Phantasien. 1
So schrieb er anstatt des doppelten „s" immer nur eines,
bis eine Phantasie Aufklärung und Auflösung dieser Hemmung
brachte. Das eine „s" war er selbst, das andere sein Papa. Sie
sollten miteinander in ein Motorboot steigen, denn die Feder war
auch ein Boot, das Heft ein See. Das „s", das er war, stieg nun
ins Boot, das dem anderen „s" gehörte, und fuhr damit schnell
weg auf den See. Das war der Grund, daß er die beiden „s" nicht
zusammen schrieb. Daß er anstatt eines scharfen „s" häufig ein
gewöhnliches schrieb, zeigte sich dadurch determiniert, daß der
Teil des scharfen „s", der dabei wegblieb, für ihn so war, „wie
wenn man einem Menschen die Nase wegnimmt". Dieser Fehler
erwies sich durch die Kastrationswünsche gegen den Vater deter-
miniert und blieb nach dieser Deutung aus.
Der sechsjährige Ernst zeigt kurze Zeit nach Schulbeginn,
dem er mit großer Freude entgegengesehen hatte, eine ausge-
sprochene Unlust zum Lernen. Er erzählt mir vom „i", das sie
eben lernten und das ihm schwer fällt. Dabei erfahre ich auch,
daß der Lehrer einen größeren Jungen, der ihnen das „i" an der
Tafel vorschreiben sollte, schlug, weil er es nicht gut genug machte.
Ein andermal klagt er, „daß die Aufgaben so schwer sind, daß er
1 Siehe „Zur Frühanalyse" (S. 252).
Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 331
beim Schreiben immer Striche auf und ab machen muß, daß er beim
Rechnen kleine Stühlchen zeichnet, überhaupt die Striche so machen
muß, wie es der Lehrer will, der ihm dabei zuschaut. Nach diesem
Bericht zeigt sich große Agression, er reißt die Kissen vom Diwan
und schleudert sie an das andere Ende des Zimmers. Er blättert
dann in einem Buch und zeigt mir „eine ,I'-Loge". Eine Loge
sei etwas, „wo man allein drin ist" — das große ,1' ist allein
drinnen, ringsherum sind nur kleine schwarze Buchstaben, die ihn
an Stuhl erinnern. Das große I ist das große ,Popöchen' (Glied)
das allein in der Mutti sein will, das er nicht hat und es darum
dem Papa nehmen muß. Er phantasiert dann, daß er mit einem
Messer Papas Popöchen abschneidet, dieser ihm mit einer Säge
seines absägt, dafür hat er ja dann aber Papas. Dann schneidet
er dem Papa den Kopf ab, der kann ihm dann nichts mehr tun,
weil er nicht sieht — aber die Augen im Kopf sehen ihn doch.
Danach versucht er plötzlich eifrig in dem Buch zu lesen, zeigt
große Lust dazu — der Widerstand ist aufgelöst. Er räumt die
Kissen zurück und erklärt, daß diese auch einmal „auf und ab"
gemacht haben, und zwar den Weg vom Diwan zum anderen
Ende des Zimmers und zurück. Er hat um den Koitus ausführen
zu können, der Mutter das Glied (die Kissen) genommen.
Die siebzehnjährige Lisa erzählt in ihren Assoziationen, daß
sie das „i" nicht mag ; es ist ein dummer springender Junge, der
immer lacht, der nicht auf der Welt zu sein brauchte, über den
sie in eine ihr selbst unbegreifliche Wut gerät. Das „a" lobt sie
als ernst und gemessen, es imponiert ihr und die Assoziationen
führen zu einer deutlichen Vaterimago, deren Name auch mit „a"
beginnt. Dann aber meint sie, das „a" sei vielleicht doch ein wenig
zu ernst und gemessen, sollte doch auch etwas vom springenden
„i" haben. Das „a" ist der kastrierte und dann ihr doch nicht
zusagende Vater, das „i" das Glied.
Bei Fritz war der „i"-Punkt wie überhaupt Punkt und
Doppelpunkt, ein Stoß des Gliedes. 1 Als er mir einmal sagte,
daß man den Punkt fest aufdrücken muß, hob und senkte er
zugleich den Unterkörper und wiederholte das beim Doppelpunkt.
Die neunjährige Grete assoziert zum „u"-Bogen den Bogen,
1 Auch für die kleine Grete ist Punkt und Komma ähnlich determiniert.
Siehe: „Zur Frühanalyse", S. 254.
332
Melanie Klein
in dem sie kleine Jungen urinieren sah. Mit besonderer Vorliebe
zeichnet sie schöne Schnörkel, die sich bei ihr als Teile des
männlichen Genitale erweisen — aus dem gleichen Grunde läßt
Lisa überall die Schnörkel weg. Grete bewundert eine Freundin
sehr, die wie eine Erwachsene den Federstiel zwischen dem
zweiten und dritten Finger ganz geradehalten und auch den
u-Bogen von rückwärts nach vorne machen kann.
Sowohl bei Ernst wie bei Fritz konnte ich die Hemmung in
Bezug auf Schreiben und Lesen, also die Grundlage aller weiteren
Schultätigkeit vom „i" ausgehen sehen, das ja auch mit seinem
einfachen „auf und ab" die Grundlage der ganzen Schrift ist. 1
Die sexual-symbolische Bedeutung des Federhalters geht aus
den hier gebrachten Beispielen hervor und wird besonders deut-
lich aus den Phantasien von Fritz, bei dem die Buchstaben auf
einem Motorrad (der Feder) fahren. Es läßt sich erkennen, wie die
sexual-symbolische Bedeutung des Federhalters in die damit aus-
geübte Tätigkeit des Schreibens übergeht. Ebenso leitet sich die
libidinöse Bedeutung des Lesens aus der symbolischen Besetzung
des Buches und des Auges ab. Dabei sind natürlich auch andere
durch die Partialtriebe gegebenen Determinanten wirksam; so
beim Lesen das Voyeurtum, beim Schreiben exhibitionisti-
sche agressiv-sadistische Tendenzen; der sexual-symbolischen
Bedeutung des Federhalters lag ja wohl ursprünglich die der
Waffe und der Hand zugrunde. Dementsprechend ist auch die
Tätigkeit des Lesens eine passivere, die des Schreibens eine
aktivere und es sind für die Hemmungen der einen oder anderen
eben auch diese verschiedenen Fixierungen der prägenitalen
Organisationsstufen bedeutsam.
Bei Fritz ist die Zahl „1" ein Herr, der in einem heißen
Lande wohnt, deswegen nackt ist — nur bei Regen mit einem
Herr Rohr ist in der Berliner Vereinigung in einem Referat über die
chinesische Schrift, deren Deutung auf psychoanalytischer Grundlage näher-
getreten. In der anschließenden Diskussion wies ich darauf hin, daß die
einstige Bilderschrift, die auch unserer Schrift zugrundeliegt, sich bei jedem
einzelnen Kinde in dessen Phantasien noch wirksam erweist. Dann wären
also die verschiedenen Striche, Punkte usw. unserer jetzigen Schrift nur
zufolge Verdichtung, Verschiebung und der anderen uns aus Traum und Neurose
bekannten Mechanismen erzielte Vereinfachungen der früheren Bilder, deren
Überreste aber bei dem einzelnen Individuum nachweisbar wären
Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 333
Mantel bekleidet. Er kann sehr geschickt fahren und lenken,
besitzt fünf Dolche, ist sehr tapfer usw. und seine Identität mit
dem „Pipigeneral" 1 (das Genitale) erweist sich bald. Überhaupt sind
bei Fritz die Zahlen Leute, die in einem sehr heißen Lande
wohnen. Sie entsprechen den farbigen Menschenrassen, während
die Buchstaben die weißen sind. — Bei Ernst ist das „Auf und
Ab" der 1 identisch mit dem des „i". — Lisa erzählt mir, daß sie den
Abstrich der Zahl „1" nur so „ganz kurz hinkratzt", was wieder
durch ihren Kastrationskomplex determiniert ist. — Es wäre also
das Glied, das in der symbolischen Darstellung durch die „1" dem
Zählen und Rechnen zugrunde liegt.
Die Bedeutung der „10" konnte ich in Kinderanalysen
wiederholt durch die Zahl der Finger determiniert sehen, wobei
aber dann die Finger unbewusst mit dem Penis gleichgesetzt werden
und aus dieser Quelle die Zahl 10 ihren Affektton empfängt. Daraus
ergaben sich auch die Phantasien, daß zehnmaliger Koitus, respek-
tive zehn Stöße des Gliedes zur Zeugung eines Kindes notwendig
wären. Analog ergibt sich die immer wieder nachweisbare
besondere Bedeutung der Zahl „5". 2 Abraham wies darauf hin,
daß die symbolische Bedeutung der „3" aus dem Ödipuskomplex
— nämlich durch das Verhältnis Vater, Mutter, Kind bestimmt —
bedeutungsvoller sei, als die so häufige Darstellung der ,„3" für
das männliche Genitale. 3 Ich will dazu nur ein Beispiel bringen :
Lisa findet die „3" auch unerträglich, weil „ein dritter ja
doch immer überflüssig sei", „zwei miteinander Wettrennen
können" — wobei das Ziel eine Fahne ist — der dritte aber dabei
nichts zu tun habe.
Lisa, die Neigung zur Mathematik hatte, darin aber sehr
stark gehemmt war, erzählte mir, daß sie eigentlich nur den
Begriff der Summe ganz verstand: „daß ,1' zum anderen
kommt, wenn beide gleich sind", konnte sie verstehen, aber wie
man sie addiert, wenn sie verschieden sind? — Diese Vorstellung
war durch ihren Kastrationskomplex bedingt, sie betraf die Ver-
1 Siehe: „Zur Frühanalyse 8 , S. 241.
2 Ich weise darauf hin, daß für das römische Zahlensystem die Zahlen
„I", „V" und „X" grundlegend sind, die übrigen Zahlen von „I bis X" sich nur an
diese anlehnen. Die V und X sind aber auch aus dem geraden Strich der
Zahl „I" gebildet.
3 Siehe: „Imago", IX, Heft 1.
334
Melanie Klein
schiedenheit zwischen männlichem und weiblichem Genitale. Der
Begriff der „Summe" zeigt sich bei ihr durch den Koitus der
Eltern determiniert.
Dagegen konnte Lisa wohl begreifen, daß beim Multiplizieren
verschiedenartiges genommen würde, dann sei eben das Produkt
verschieden. Das „Produkt" ist das Kind. Sie will für sich selbst
nur ein männliches Genitale anerkennen, den Geschwistern aber
das weibliche lassen.
Ernst bringt zur Analysenstunde eine Schachtel mit bunten
Glaskügelchen, sondert sie nach Farben und beginnt damit zu
rechnen. 1 Er will wissen, wieviel „1 weniger 2" ist, und versucht das
zuerst mit den Kugeln, dann mit den Fingern. Er zeigt mir durch
Hochheben des einen Fingers, zu dem der zweite halb gehoben
wird, daß, wenn man den einen Finger wegnimmt, hat man wohl schon
„0", „aber dann ist doch noch der andere (halbgehobene) da, den
man auch noch nehmen kann". Dann zeigt er mir wieder durch
Heben der Finger, daß 2 und 1 drei sind und meint: „Das eine
ist mein Popöchen, die anderen zwei Vatis und Muttis Popöchen
die ich mir dazu genommen habe. Jetzt hat die Mutti sich wieder
zwei Popöchen von ihren Kindern genommen, die nehme ich von
ihr zurück — da habe ich schon fünf."
Ernst zeichnet in der Analysenstunde „Doppellinien" auf ein
Papier und sagt mir, daß nach Aussage des Lehrers man zwischen
den Doppellinien besser schreiben könne. Er meint, daß sei deshalb,
weil man doch dann zwei Striche habe und assoziiert, daß es zwei
„Popöchen" sind, die er auf diese Weise besitzt. Er macht dann
aus diesen Doppellinien durch vertikale Striche „Doppelkästchen"
und sagt: „Beim Rechnen ist es aber nicht besser, daß es Doppel-
kästchen sind, weil die Kästchen dadurch kleiner werden und dann
bringt man die Zahlen schwerer hinein." Er zeigt mir auch, wie
er das meint und schreibt in diese Kästchen die Aufgabe
„1 + 1 == 2". Das erste Kästchen, in das er die „1" schreibt, ist
größer als die anderen Kästchen. Dazu sagt er: „Das, was dazu-
kommt, hat das kleinere Kästchen." „Es ist Muttis Popöchen,"
fügt er hinz u und (auf die erste „1" zeigend) „das ist Vaters Popöchen
1 Die anale Grundlage des Rechnens zeigt sich dabei deutlieh. Der dem
Penis geltenden Kastrationsangst ging die um den Verlust der Kotstange
voraus, die ja als „Urkastration" empfunden wird. (Siehe: Freud, Trieb-
umsetzungen insbesondere der Analerotik.)
Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 335
und dazwischen das ,und' (+) bin ich." Er erklärt mir noch, daß
der horizontale Strich beim -\- (den er auch sehr klein macht)
ihn nichts kümmert, er und sein Popöchen sind der gerade
Strich. Die Summe ist auch ihm der Koitus der Eltern.
Ein anderes Mal beginnt er die Analysenstunde mit der
Frage, ob er ausrechnen soll, „wieviel ,10 + 10' oder ,10 — 10'
ist". (Die der „1" geltende Kastrationsangst ist auf die „10" ver-
schoben.) Er vergewissert sich, daß er „10 Penisse" (Finger) hat,
über die er verfügen kann. Im Anschlüsse an diese Frage versucht
er auf ein Papier möglichst große Zahlen aufzuschreiben, die er
mich ausrechnen lassen will. Er erklärt mir dann, daß eine Reihe
von Zahlen, die er aus mehreren Einsern und Nullen abwechselnd
bildet — (100010001000) — eine „gegentorische" Art zu rechnen
sei. Das erklärte er mir folgendermaßen : Es gibt eine Stadt (von
der er schon vorher phantasiert hatte}, die sehr viele Tore hat,
weil dort auch alle Fenster und alle Öffnungen Tore heißen. In dieser
Stadt fahren auch viele Bahnen. 1 Er zeigt mir nun, daß, wenn er
sich ans Ende des Zimmers stellt, von der gegenüberliegenden
Wand ausgehend eine Reihe immer kleiner werdender Ringe auf
ihn zuführt. Diese Ringe nennt er „Tore", aus ihnen ergebe sich die
Zahlenreihe der „1" und „0", die er auf das Papier geschrieben
hatte. — Er rechnet mir dann aus, daß man auch zwei „1" gegen-
einander aufstellen kann. In die sich ergebende Figur, die das
lateinische Schriftzeichen „M" darstellt, zeichnet er noch einen
kleinen Kreis und erklärt „da ist nun auch das Tor". — Die
mit den Nullen abwechselnde „1" stellt das Glied dar (Gegentor
= Penis). Die „0" ist die Vagina — es sind mehrere Ringe,
weil ja auch der Körper mehrere Öffnungen (viele Tore) hat.
Als er mir dieses „gegentorische" Rechnen erklärt hatte,
griff er nach einem Schlüsselring, der gerade dort lag, zog eine
Haarnadel durch und zeigte mir nach einigem Bemühen, daß die
Haarnadel „nun endlich darin steht", daß aber dabei „der Ring
geteilt — dazu auseinandergerissen werden muß", was wieder
zu seiner sadistischen Auffassung des Koitus führte. Er erklärt
mir übrigens, daß dieser Ring, der ja auch wie eine „0" sei, ja
1 Analog den Phantasien von Fritz über die von Bahnen durchquerte
Stadt (siehe „Zur Frühanalyse'', S. 248) bedeutet auch bei Ernst die Stadt die
Mutter, die Bahn das Glied, das Fahren den Koitus.
336
Melanie Klein
eigentlich nur ein gerades Stück ist, das dann zusammengebogen
wurde. Es zeigt sich, wie auch sonst bei ihm, darin die Vorstellung
des mütterlichen Penis wirksam, und zwar eines in der Vagina
versteckten, 1 den er eben beim Koitus zerreißen oder zerstören
muß. Eine besondere Aggression kommt in der Analyse sowohl
im Anschluß an diese, wie auch an die früheren Rechenphantasien
heraus. Sie setzt wie immer bei ihm damit ein, daß er die
Kissen von meinem Diwan reißt und mit beiden Füßen auf diese und
auch auf den Diwan springt — es ist die in seiner Analyse immer
wieder nachweisbare Kastration der Mutter und daran anschließend
der Koitus mit ihr. Unmittelbar nachher beginnt er zu zeichnen. 2
Bei Fritz war eine ausgesprochene Hemmung gegen das
Dividieren vorhanden, gegen die sich alle Erklärungen fruchtlos
erwiesen, da er sie wohl verstand, aber die Rechenbeispiele immer
• wieder falsch machte. Er erzählte mir einmal, daß er beim
Dividieren die Zahl, die er noch braucht, erst herunterholen müsse,
er klettert hinauf, packt sie beim Arm und reißt sie hinunter:
Auf meine Frage, was die denn dazu sagt, erwidert er, das sei
der sicher nicht angenehm - das sei ja so, wie wenn seine
Mutter auf einem 13 m hohen Stein stehe, dann kommt jemand,
packt sie so am Arm, daß er ihn ihr ausreißt und zerteilt sie.
Kurz vorher hatte er aber von der Frau im Zirkus phantasiert,
die zersägt und dann doch wieder lebendig wird und fragt mich
nun, ob denn das möglich wäre. Er erzählt dann (auch im Anschluß
an eine kurz vorher gebrachte Phantasie), daß eben jedes Kind
ein Stück von seiner Mutter haben will, die in vier Teile
geschnitten werde; er schildert ganz genau, wie sie schreit, daß
ihr Papier in den Mund gestopft wird, damit sie nicht schreien
kann, was sie für Gesichter schneidet usw. Ein Kind nimmt ein
ganz scharfes Messer und er schildert nun, wie sie zerschnitten
wird: zuerst der Breite nach die Brust, dann der Bauch, dann
der Länge nach, so daß das „Pipi", das Gesicht und der Kopf
genau in der Mitte durchschnitten werden, wobei ihr die
„Gescheith eit" 3 aus dem Kopf genommen wird. Der Kopf wird
* Siehe: Böhm II. Beitrag zur Psychologie der Homosexualität (Diese
Zeitschrift VIII, Heft 3).
2 Auf den Gegenstand dieses Zeichnens komme ich (S. 339 dieser Arbeit)
noch ausführlicher zurück.
3 Die „Gescheitheit" war das Glied.
Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 337
dann nochmals schief durchschnitten, ebenso wie auch das Pipi
der Breite nach durchschnitten wird. Dazwischen hat er auch
fortwährend an seiner Hand gebissen und erzählt, daß er im Spaß
auch seine Schwester biß, allerdings aus Liebe. Er setzt fort, daß
jedes Kind dann den Teil von der Mutter nimmt, den es will
und stimmt bei, daß nun auch die zerschnittene Mutter verspeist
wird. Es ergibt sich jetzt auch, daß er deswegen beim Dividieren
den Rest mit dem Quotienten vertauschte, resp. immer an die
falsche Stelle schrieb, weil es ja blutende Stücke Fleisch waren,
mit denen er unbewußterweise hantierte. Diese Deutungen brachten
auch die vollkommene Auflösung seiner Hemmung. 1
Lisa klagt bei ihren Schulerinnerungen, wie unsinnig es von
der Lehrerin sei, schon so kleine Kinder mit so großen Zahlen rechnen
zu lassen. Es sei ihr immer so schwer gefallen, so eine ganz große
Zahl durch eine kleinere, aber auch noch große zu teilen und
besonders arg fand sie es, wenn ein ungelöster Rest blieb. Sie assoziiert
dazu ein Pferd, ein scheußliches Tier mit herabhängender, abge-
schnittener Zunge, abgeschnittenen Ohren usw., das über einen Zaun
springen will, eine Vorstellung, die bei ihr die heftigsten Widerstände
erregt. Die weiteren Einfälle führen zu einer Kindheitserinnerung,
einem alten Teil ihrer Heimatstadt, wo sie in einem Laden etwas
besorgte. Sie phantasiert nun, daß sie dort eine Apfelsine und
eine Kerze kauft und meint plötzlich, daß das frühere Gefühl des
Ekel und Grauens vor dem Pferde auf einmal einem so ange-
nehmen und beruhigten Gefühl Platz gemacht habe. Sie erkennt
selbst die Apfelsine und die Kerze als das männliche Glied, das
scheußliche beschnittene Pferd als das weibliche Glied an. Das
Teilen der großen Zahl durch eine kleinere war der Koitus, den
sie eben in unvermögender Weise mit der Mutter ausführen sollte.
Die Division ergab sich auch da als ein Teilen, und zwar als
ein Koitus auf sadistisch-kannibalistischer Organisationsstufe.
Bezüglich der mathematischen Gleichung höre ich von Lisa,
daß sie immer nur die Gleichung mit einer Unbekannten 2
1 Am nächsten Tage in der Schule stellte sich zu seinem und der
Lehrerin Erstaunen heraus, daß er nun alle Aufgaben richtig löste. Der
Zusammenhang zwischen der Deutung und der Behebung der Hemmung war
dem Kinde nicht bekannt geworden.
2 Diese Assoziationen ergaben sich zu einem Traum. Sie hatte die Auf-
gabe zu lösen: „2 x = 48; wieviel ist x?"
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 22
338
Melanie Klein
begreifen konnte. Sie meint, es sei doch einleuchtend, daß hundert
Pfennig gleich einer Mark seien, da ließe sich eine Unbekannte
leicht ausrechnen. Zu „zwei Unbekannten" assoziiert sie zwei mit
Wasser gefüllte Gläser, die auf dem Tische stehen, wovon sie eines
nimmt und zur Erde schleudert — ferner Pferde zwischen
Wolken und Nebel. Die „zweite Unbekannte" erweist sich als das
überflüssige zweite Glied, nämlich als das Glied, das sie bei ihren
infantilen Koitusbeobachtungen der Eltern beseitigen wollte, da
sie entweder den Vater oder die Mutter besitzen, also einen der
beiden entfernen wollte. Außerdem bedeutet ihr die zweite Unbe-
kannte auch den ihr geheimnisvollen Samen, während die eine
Unbekannte, also die Gleichung Stuhl = Glied ihr klar war. 1
Das Zählen und Rechnen erweist sich also auch genital-sym-
bolisch besetzt; von Betätigungen der Partialtriebe sehen wir
dabei als bedeutsam: anale, sadistische und kannibalistische
Tendenzen, die so zur Sublimierung gelangen und unter dem
Primat der genitalen zusammengefasst werden. Besondere Bedeu-
tung für diese Sublimierung kommt aber der Kastrationsangst
zu. Die Tendenz zu ihrer Überwindung — der männliche Protest
— scheint überhaupt eine der Wurzeln zu bilden, aus denen sich
Zählen und Rechnen entwickelt haben. — Sie wird dann auch —
wofür die Quantität entscheidet — einleuchtenderweise die
Quelle der Hemmung.
Zur libidinösen Bedeutung der Grammatik verweise ich
auf einige Beispiele, die ich in meiner Arbeit „Zur Frühanalyse"
(S. 254) gebracht habe. Zum Zergliedern des Satzes erzählt Grete
— von einem wirklichen Zergliedern und Zerschneiden, und zwar
eines Kaninchenbratens. 2 Der Kaninchenbraten, den sie eine Zeit-
lang sehr gerne aß, bis Ekel dagegen einsetzte, ist die Mutter,
deren Brust und das Genitale. •
In der Analyse von Lisa hörte ich, daß man sich beim Stu-
dium der Geschichte in das hineinversetzen müsse, „was die
Menschen früher gemacht hätten". — Es war ihr das Studium
der Beziehungen der Eltern untereinander und zu dem Kinde, wobei
1 Siehe auch die Deutung der „Unbekannten" inSadgers Arbeit „Über
Prüfungsangst und Prüfungsträume''.
2 Ich stellte bereits in meiner Arbeit „Zur Frühanalyse" (S. 253) fest,
daß in der Sprache auch orale, anale und kannibalistische Tendenzen zur
Sublimierung gelangen.
Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 339
ja auch in der kindlichen Phantasie Kämpfe, Schlachten usw. nach
der sadistischen Auffassung des Koitus eine bedeutende Rolle spielen.
Zur libidinösen Determinierung der Geographie habe ich
einen ausführlicheren Beitrag in meiner Arbeit „Zur Frühanalyse"
(S. 251) gebracht. Ich stellte dort auch fest, daß im Zusammen-
hang .mit dem verdrängten Interesse nach dem Mutterleib — der
Grundlage der Hemmung des Orientierungssinnes — auch das
Interesse für Naturwissenschaften häufig gehemmt wird.
Als eine der Ursachen seiner Hemmungen gegen das
Zeichnen konnte ich bei F e 1 i x folgendes feststellen : Er könne
sich nicht denken, wie man einen Plan entwirft oder zeichnet, er
könne sich überhaupt nicht vorstellen, wie man das Fundament
eines Hauses in der Erde anlegt. Das Zeichnen war bei ihm das
Herstellen des dargestellten Gegenstandes — die Unfähigkeit zum
Zeichnen: die Impotenz. Auf die Bedeutung des Bildes als Kind
oder Glied habe ich („Frühanalyse", S. 255) verwiesen. Es läßt
sich in Kinderanalysen immer wieder feststellen, daß hinter dem
Zeichnen, Malen, Photographieren eine noch viel aktivere Handlung
steckt; es ist im Unbewußten das Erzeugen und Zeugen des dar-
gestellten Gegenstandes. Auf der analen Organisationsstufe bedeutet
es das sublimierte Erzeugen der Kotstange, auf der genitalen das
Zeugen des Kindes, und zwar ein Zeugen mittels einer durchaus
inadäquaten motorischen Leistung. Das Kind scheint, bereits auf
einer höheren Entwicklungsstufe angelangt, im Zeichnen noch eine
„magische Gebärde" 1 zu finden, die seine Gedankenallmacht zu
realisieren vermag. — Das Zeichnen enthält aber auch destruktive,
vermindernde Tendenzen. 2 Ich führe ein Beispiel an: Ernst
zeichnete 3 nach der Form einer kleinen Dose (die sich immer
wieder in seinen Spielen als das mütterliche Genitale erwiesen
hatte) Kreise, die ineinandergriffen und schraffierte sie zum
Schlüsse so, daß in der Mitte sich ein Oval ergab, in das er noch
einen ganz kleinen Kreis einzeichnete. — Er habe damit „Muttis
1 Siehe: Ferenczi „Entwicklungsstufen des Wlrklichkeitssinnes".
Intern. Zeitschr. f. Psa., Jahrg. 1913, Heft 1.
2 Der Karikatur läge dann auch nicht nur eine Verhöhnung, sondern eine
tatsächliche ungünstige Umänderung des dargestellten Gegenstandes zugrunde.
3 Dieses Zeichnen schloß sich, wie ich (siehe S. 334 dieser Arbeit)
ausführte, an die große Agression an, die das Freiwerden seiner dem Rechnen
zugrundeliegenden Kastrationsangst auslöste.
340
Melanie Klein
Popöchen kleiner gemacht" (das Oval anstatt des Kreises) — dann
habe er mehr.
Von der Physik erzählte mir Felix häufig, daß sie ihm
ganz unverständlich sei. Als Beispiel führte er an : Er könne nicht
begreifen, wie der Schall sich fortpflanze. Einleuchtend sei ihm
nur, wie z. B. ein Nagel in die Wand dringe. Ein andermal erzählt
er vom luftleeren Raum und meint, wenn mein Zimmer ein luft-
leerer Raum wäre, so müßte doch dadurch, daß man hereinkomme,
auch etwas Luft mit hereinkommen. Dies erwies sich wieder durch
Koitusvorstellungen determiniert, wobei die Luft den Samen darstellt.
Ich habe den Nachweis zu erbringen versucht, daß die grund-
legenden, in der Schule ausgeübten Tätigkeiten von einer libidi-
nösen Strömung getragen werden, wobei die Partialtriebe unter
dem Primat des Genitale zur Sublimierung gelangen. Diese
libidinöse Besetzung aber geht von den primitivsten Lerntätig-
keiten, dem Schreiben, Lesen, Rechnen aus zu weiteren auf
diesen basierenden Leistungen und Interessen über, so daß die
Grundlage späterer — auch der Berufshemmungen — vor allem
in den oft anscheinend bald vorübergegangenen Hemmungen der
frühesten Lerntätigkeiten zu finden ist. Die Hemmung dieser
frühesten Lerntätigkeiten aber baut sich auf der Spielhemmung
auf und so können wir in letzter Linie alle weiteren für Leben
und Entwicklung des einzelnen bedeutsamen Hemmungen aus den
frühesten Spielhemmungen sich entwickeln sehen. Ich führte in
meiner Arbeit „Zur Frühanalyse" (S. 227) aus, daß, wo die Vor-
bedingungen zur Sublimierungsfähigkeit gegeben sind, durch die
libidinösen Fixierungen von den primärsten Sublimierungen —
als die ich das Sprechen und die Bewegungslust annahm — aus-
gehend, immer weitere Iehtätigkeiten und -Interessen libidinös
besetzt werden, indem sie eine sexual-symbolische Bedeutung
erlangen, es also zu immer neuen Sublimierungen auf verschiedenen
Stufen kommt. Der Mechanismus der Hemmung, den ich S. 227
der vorerwähnten Arbeit besprach, führt dann dazu, daß durch
den gemeinsamen sexual-symbolischen Sinn auch ein Fortschreiten
der Hemmung von einer Ichtätigkeit oder Strebung zur anderen
ermöglicht wird. Insoferne ein Beheben der frühesten Hemmungen
auch eine Verhütung der weiteren bedeutet, ist also den Hemmungen
des noch nicht schulpflichtigen Kindes, auch wo sie nicht in auf-
fallenderweise in Erscheinung treten, die größte Bedeutung beizulegen.
Die Bolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 341
Als die gemeinsame Grundlage dieser frühen und aller weiteren
Hemmungen versuchte ich dort die Kastrationsangst nachzuweisen.
Die Kastrationsangst wendet sich gegen Ichtätigkeiten und -interessen,
weil diesen nebst anderer libidinösen Determinierung auch stets
eine genital-symbolische, und zwar Koitusbedeutung zugrunde liegt.
Die weitgehende Bedeutung des Kastrationskomplexes für
den Aufbau der Neurose ist bekannt. In der Arbeit „Zur Ein-
führung des Narzißmus" (Kl. Sehr. IV., S. 100) stellt Freud die
Bedeutung des Kastrationskomplexes für die Charakterbildung
fest und weist auf diese Bedeutung in der Arbeit „Aus der
Geschichte einer infantilen Neurose" (Kl. Sehr., V.) wiederholt hin. 1
In die Zeit der ersten Blüte der kindlichen Sexualität, die
mit dem Einsetzen des Ödipuskomplexes den großen Schub an
Kastrationsangst auslöst, also in das frühe Alter zwischen dem
dritten und fünften Jahre, müssen wir die Grundlagen aller
Hemmungen verlegen, die auch das Lernen und die ganze weitere
Entwicklung bestimmen. Die dabei erfolgende Verdrängung der
aktiven männlichen Komponente ist es, die auch — bei Knaben
und Mädchen — die hauptsächlichste Grundlage für die Lern-
hemmung abgibt.
Als der Beitrag, den die weibliche Komponente zu den
Sublimierungen stellt, wird sich wohl immer wieder das Auf-
nehmen und Verstehen, also auch ein wichtiger Anteil aller Tätig-
keiten erweisen; der treibende, ausführende Teil aber, der
eigentlich überhaupt den Charakter der Tätigkeit ausmacht,
rührt von der Sublimierung der männlichen Potenz her. Diese
feminine Einstellung dem Vater gegenüber, mit der die Bewun-
derung und Anerkennung des väterlichen Penis und seiner
Leistungen verbunden ist, wird in der Sublimierung zur Grund-
lage des Verständnisses der künstlerischen und jeder Leistung
überhaupt. Wie bedeutsam sich die Verdrängung dieser femininen
1 Alexander hat in seiner Arbeit „Kastrationskomplex und Charakter*
den Einfluß des Kastrationskomplexes auf die Charakterentwicklung an der
Analyse eines Erwachsenen nachgewiesen. Ich habe in einer Arbeit „Die infan-
tile Angst und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Persönlichkeit", die
ich als Korreferat zu Dr. Alexanders vorerwähnten fieferat brachte, diesen
Nachweis an Material aus der Kinderanalyse versucht, wobei ich auf die weit-
gehende Bedeutung der Kastrationsangst für Sport-, Spiel- und Lernhemmung
und auf die Gehemmtheit der Persönlichkeit im allgemeinen hinwies. (Diese
Zeitschrift VIII, Heft 3).
342
Melanie Klein
Einstellung vom Kastrationskomplex her erweist, konnte ich in
Knaben- und Mädchenanalysen wiederholt feststellen. Ihre Ver-
_ drängung als die eines grundlegenden Anteils jeder Tätigkeit muß
auch sehr zur Hemmung der Tätigkeit beitragen. In weiblichen
und männlichen Analysen zeigte sich auch, als ein Teil des
Kastrationskomplexes bewußt wurde und die feminine Einstellung
freier herauskam, wiederholt ein starkes Einsetzen künstlerischer
und anderer Interessen. In der Analyse von Felix z. B., als nach
Auflösung eines Teiles der Kastrationsangst die feminine Einstellung
zum Vater herauskam, zeigte sich die nun einsetzende musikalische
Begabung zuerst in der Bewunderung und Anerkennung des
Dirigenten und Komponisten. Erst mit* dem Wachsen der Aktivität
kam es dann zu strengerer Kritik zu Vergleichen mit der eigenen
Fähigkeit und dem Bestreben, die Leistungen auch nachzuahmen.
(Siehe: „Zur Frühanalyse", S. 255.)
Es ist eine häufig bestätigte Beobachtung, daß die Mädchen
während der Schulzeit sich im allgemeinen besser bewähren als die
Knaben, dagegen mit ihren späteren Leistungen die des Mannes bei
weitem nicht erreichen. Ich will hier nur kurz auf einige Momente
hinweisen, die mir für diese Tatsache auch bedeutsam scheinen.
Ein Teil der Hemmung — und das ist der für die spätere
Entwicklung bedeutsamere — betrifft zufolge Verdrängung der
genitalen Aktivität die Tätigkeit und Interessen an sich. Ein
anderer Teil der Hemmung folgt aus der Einstellung zum Lehrer.
Für den Knaben ergibt sich in seiner Einstellung zu Schule
und Lernen also eine doppelte Belastung. Der bedeutende Anteil,
den die auf die Mutter gerichteten genitalen Wünsche in den
Sublimierungen einnehmen, führt zu einem verstärkten Schuld-
bewußtsein auch dem Lehrer gegenüber. Die Aufgabe, die Lern-
leistung, die im Unbewußten Koitusbedeutung hat, läßt ihn den
Lehrer als Rächer fürchten. So wird der bewußte Wunsch, 1
den Lehrer durch seine Leistungen zufriedenzustellen, von der
unbewußten Angst es zu tun, bekämpft, was zu einem unlösbaren
Konflikt führt, der einen wesentlichen Teil der Hemmung determi-
niert. Dieser Konflikt verliert an Intensität, wenn der Knabe mit
1 Diesem Wunsch entspricht im Unbewußten das Bestreben, den Vater
zu übertreffen, bei der Mutter zu verdrängen, resp. der homosexuelle
Wunsch, den Vater durch seme Leistungen zu besiegen, als passives Liebes-
objekt zu gewinnen.
Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 343
seinen Leistungen nicht mehr der unmittelbaren Kontrolle des
Lehrers untersteht, sondern sich freier im Leben betätigen kann.
Die Möglichkeit für die weiteren Betätigungen bleibt aber nur
dort in größerem oder geringerem Ausmaß gegeben, wo die
Kastrationsangst eben nicht so sehr die Tätigkeiten und Interessen
an sich — als die Einstellung zum Lehrer betraf. So sieht man
auch sehr schlechte Schüler später im Leben Hervorragendes
leisten — für die anderen aber, deren Interessen an sich gehemmt
wurden, bleibt die Art, in der sie in der Schule versagen, vorbildlich
für ihre späteren Leistungen im Leben.
Für das Mädchen wird vorwiegend die Hemmung, die vom
Kastrationskomplex her die Tätigkeit betrifft, bedeutsam. Das
Verhältnis zum Lehrer, das für den Knaben so belastend sein
kann, wirkt auf das Mädchen, wenn ihre Fähigkeiten nicht zu
sehr gehemmt sind, eher als Ansporn. In ihrem Verhältnis zur
Lehrerin ist die Angsteinstellung vom Ödipuskomplex her im
allgemeinen nicht annähernd so stark als die analoge beim Knaben.
Daß ihre Leistungen dann im Leben im allgemeinen nicht an die
des Mannes heranreichen, ergibt sich aus der Tatsache, daß sie
meist eben einen geringeren Zuschuß an männlicher Aktivität zu
den Sublimierungen zu stellen hat als der Mann.
Diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie das Eingehen
auf dabei noch wirksame andere Faktoren würden eine ausführ-
lichere Besprechung erfordern. Ich muß mich aber hier mit kurzen
und deshalb ungenügenden Hinweisen begnügen, die notgedrungen
meiner Darstellung etwas zu Schematisches geben.
Es ist mir auch in diesem Rahmen nicht möglich nur einen
Teil der zahlreichen theoretischen und pädagogischen Folgerungen
zu ziehen, die sich aus dem hier gebrachten Material ergeben.
Ich will nur auf eine der bedeutsamsten noch kurz eingehen.
Wir haben die Rolle der Schule in diesen Ausführungen als
eine mehr passive kennen gelernt — sie erwies sich als ein Prüfstein
für die schon vollzogene mehr oder weniger geglückte Sexual-
entwicklung. Welche ist nun die aktive Rolle der Schule, kann
sie für die libidinöse und für die gesamte Entwicklung des Kindes
Grundlegendes leisten? — Es ist einleuchtend, daß der verständnis-
volle Lehrer, der die Komplexe des Kindes berücksichtigt, mehr
Hemmungen vermindern und günstigere Resultate erzielen wird,
als der verständnislose oder gar brutale Lehrer, der dem Kinde
344
Melanie Klein
von vorneherein den kastrierenden Vater bedeutet. Ich konnte
allerdings in einer Anzahl von Analysen feststellen, daß sehr
starke Schulhemmungen auch unter den besten Schulverhältnissen
Zustandekommen, während sehr unrichtiges Vorgehen der Lehrer
durchaus nicht immer Hemmungen zur Folge hat.
Ich möchte meine Auffassung über den Anteil des Lehrers
an der Entwicklung des Kindes kurz dahin zusammenfassen: Der
Lehrer kann durch verständnisvolle Einfühlung viel erreichen,
denn er vermag mitunter den Teil der Hemmung, der der Person
des Lehrers als Rächer gilt, wesentlich zu vermindern.
Zugleich aber bietet der gütige Lehrer der homosexuellen Kom-
ponente des Knaben, der männlichen Komponente des Mädchens
ein Objekt zur Betätigung ihrer genitalen Aktivität in subli-
mierter Form, als die wir ja die verschiedenen Lerntätigkeiten
kennen lernten. Aus diesen Hinweisen ergeben sich aber auch
die Schädigungsmöglichkeiten, die ein pädagogisch falsches oder
gar brutales Vorgehen des Lehrers zur Folge haben kann.
Wo aber die Verdrängung der genitalen Aktivität die Tätig-
keiten und Interessen an sich betroffen hat, kann die Einstellung
des Lehrers den inneren Konflikt des Kindes wohl vermindern
(oder verschärfen), wird aber Wesentliches in Bezug auf die
Leistungen nicht erreichen. Aber auch die Möglichkeit der Milderung
des Konfliktes durch den guten Lehrer ist eine sehr beschränkte,
denn ihr sind Grenzen gesteckt durch die Komplexbildung des
Kindes, insbesondere durch sein Verhältnis zum Vater, die von
_ vorneherein seine Einstellung zu Schule und Lehrer determinieren.
[ Daraus erklärt sich aber auch, daß, wo es sich um stärkere
Gehemmtheit handelt, die Resultate auch jahrelanger pädago-
gischer Arbeit in keinem Verhältnis zur aufgewendeten Mühe
stehen, während wir dann in den Analysen oft in verhältnismäßig
kurzer Zeit diese Hemmungen behöben und durch volle Lernlust
ersetzt sehen. Der Weg wäre also umgekehrt zu nehmen: Zuerst
hätte die Frühanalyse die bei jedem Kinde mehr oder weniger vorhan-
denen Hemmungen zu beheben, und auf dieser Grundlage hätte die
Arbeit der Schule einzusetzen. Wenn sie ihre Kräfte nicht mehr
in mutlosem Ansturm gegen die Komplexe der Kinder verzetteln
muß, wird sie fruchtbare, für die Entwicklung des Kindes bedeutsame
Arbeit leisten können.
Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse.
Von Aurel Kolnal (Wien).
I.
Es kann heute als entschieden gelten, daß die Psychoanalyse
unsere gesamte Weltanschauung bahnbrechend beeinflußt hat und
einen hervorragenden Rang in der Geistesgeschichte der (abend-
ländischen) Menschheit einnimmt. Die nachfolgenden kurzen
Erörterungen machen den Versuch, auf die nähere Art dieser
Beziehungen der von Freud ausgehenden Wissenschaft einige
Streiflichter zu werfen.
Fragen wir zunächst, was das wissenschaftliche Denken der
Einführung der psychoanalytischen Forschungsart und den durch
sie erzielten allgemeinsten Ergebnissen zu verdanken hat, so dürfte
uns die Antwort nicht schwer fallen. Es wurde entdeckt, daß wir
dort Gesetzmäßigkeiten festzustellen vermögen, wo wir früher
zwischen dem Glauben an dunkle Mächte und der Annahme eines
blinden Zufalls schwankten ; daß ungeahnte neue Wege in der
empirischen Ergründung belangreicher Wissensgebiete der Eröffnung
harren; daß wir uns mit dem Rüstzeug der nüchternen Wissen-
schaftlichkeit und der sachlichen Vernunft an Dinge heranwagen
können, die bislang allein im Volksglauben, in der Kunst und in
den Nebelgebilden mystischer Spekulation ihr Wesen durch-
schimmern ließen; daß Höheres sich aus Niederem zusammen-
setzt, ergibt sich nicht nur einem blutleeren Postulat gemäß,
sondern gleichsam vor unseren Augen. Die Naturwissenschaft,
der Positivismus, der Determinismus, der Empirismus und Ratio-
nalismus zugleich, insoweit sie den Gegensatz zu Übersinnlichkeit
und Metaphysik bezeichnen, erhielten eine neue Hilfstruppe, wurden
eines neuen Bundesgenossen teilhaftig. Ja, erst jetzt wurden ihre
Annahmen, die man früher oft nur axiomatisch zu begründen
versucht hatte und die somit selbst dem verpönten „Glauben"
346
Aurel Kolnai
geähnelt hatten, vollauf gerechtfertigt. Was die Gehirnanatomie
zu vollbringen außerstande war, wurde anderweitig bewältigt: der
Mechanismus des seelischen Geschehens hub an, sich vor unserem
Blick zu entrollen. Was die Schöpfer der Abstammungslehre nur
unvollständig begriffen oder intuitiv vorausgeahnt hatten, das
Hervorgehen des ganzen Menschen aus niederen Stufengraden
des Lebens, bot sich nunmehr anschaulich unseren Augen dar.
Allein was da vorzugsweise eine Stütze fand, war nicht
sowohl das materialistische Weltsystem, als vielmehr die
positivistische Erkenntnis metho de. Nicht die meistens so
plumpen und bei näherem Zusehen wenig einleuchtenden Kon-
struktionen der Aufklärungs- und Ableitungssucht einer vergangenen
Zeitepoche wurden durch die neue Lehre erhärtet, sondern die
Grundeinstellung: die rückhaltlose Bejahung der Möglichkeit und
Notwendigkeit wissenschaftlicher Ergreifung aller, auch der
heiligsten oder geheimsten oder gemeinsten Dinge auf Erden, hat
eine Bestätigung und Belohnung erfahren. „Wertfreie" Zer-
gliederung und Ermittlung (wie der philosophische Terminus
lautet) auch dessen, was am meisten mit Wert und Unwert
versetzt ist, den Stoff für positive und negative Bewertung abgibt
und Pesthalten am Determinismus, das heißt Verweigerung jedes
Verzichtes der wissenschaftlichen Erkenntnis auf irgendwelches
Gebiet (das dann der bedrängten Unsachlichkeit als Schlupfwinkel
dienen sollte) — hierauf legte Ferenczi den Hauptnachdruck in
seiner Entgegnung auf die Ausführungen des analysefreundlichen
Philosophen Putnam. Und Freud selbst stellte sein Werk als
die dritte große Kränkung des Narzißmus — der irrationalen, in
falschen Überhebungen schwelgenden Eigenliebe des Menschen —
nach den gewaltigen Taten eines Kopernikus und eines
Darwin dar. Er hat das Zerstörungswerk an unseren fortschritts-
hemmenden Selbsttäuschungen zum einstweiligen Abschluß gebracht,
indem er bewies, daß nicht nur die Erde kein Mittelpunkt des
Weltganzen, nicht nur das Wesen Mensch kein Stück Gottheit
inmitten einer ihm wesensungleichen, niederen Gesetzen unter-
worfenen Natur ist, sondern daß auch unser innerstes Seelenleben,
unsere scheinbar lauterste Gefühlswelt Triebfedern gehorcht, die
unsere Zugehörigkeit zu der verachteten „Gemeinwelt" bezeugen
und in deren Knäuel der schmale Lichtstreifen unseres Bewußtseins
ratlos herumtappt.
Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse
347
IL
So entschlossen die Psychoanalyse den positivistischen Faden
weiterspann, so unzweideutig stimmte sie doch andererseits in
den Chor derer ein, die die Überwindung der materialistischen
Weltansicht, wie sie nun einmal dastand, verkündeten. Die Seelen-
kunde ohne Seele, das zum Teil unfruchtbare, zum Teil sogar
recht unverantwortliche Wissenschaftsspielen mit den Reizen und
Reaktionen und Nervenbahnen, sofern diese die Ausgangspunkte
zur Begründung einer empirischen Psychologie hätten bilden
sollen, die pur et simple Übersetzung der „Vorstellungen" und
„Willensakte" in exakt klingende Phrasen, die Ablehnung und
Unwissenschaftlichstempelung kostbarer Erkenntnisse, die uns
außerhalb der Haine des Gelehrtentums beschert wurden, über-
haupt der Verzicht auf die Erfahrung um der angebliehen
„Exaktheit" der Erfahrung willen: gegen all dies wandte sich
die Psychoanalyse, sie schwor der alten Vermögenspsychologie und
dem modernen Physiologismus in gleicher Weise ab (Perenczi).
Es hieße auf der Oberfläche stecken bleiben, diese Wandlung
lediglich als eine Erweiterung der Forsehungstechnik ansehen und
ihr die Bedeutung für unsere Geisteshaltung absprechen zu wollen.
Denn es handelte sich nicht nur darum, die nervenphysiologischen
Untersuchungen — nebst der sie häufig begleitenden pantheistischen
oder sonstwie scheinwissenschaftlichen Spekulation — einstweilen
abzubrechen, um einen neuen, augenblicklich mehr verheißenden
Zugang zum Ziele der Forschung zu erproben, vielmehr gelangte
eine vordem geleugnete neue Welt, ein neues, eigenes System
mit eigenen psychischen Gesetzmäßigkeiten und Strukturen zur
Erschließung, es wurde etwas geschaffen, was mit einer Fort-
setzung jenes Gemenges von Sinnesphysiologie und offener oder
verkappter Übersinnlichkeit nichts gemeinsam hatte. Sollte die
analytische Tiefenpsychologie einmal mit den physiologischen
Wissenszweigen in nähere Berührung treten — und die Anzeichen
einer solchen Möglichkeit mehren sich — so wird dies keiner
Rückkehr zur, keiner Verschmelzung in der „exakten" Haut-
empflndlichheitslehre gleichkommen, sondern eine neue biolo-
gische Synthese bedeuten, wobei auch recht viele, im Körper-
lichen befangene naturwissenschaftliche Grunddogmen, die vormals
unumstößlich schienen, eine Erschütterung erleiden werden.
Bewirkte der Positivismus ehedem eine heilsame „Kritik der
348
Aurel Kolnai
Seele", so gedeiht er durch die Psychoanalyse weiter zu einer
„Kritik des Körpers", welche von den ersten Wahrnehmungen
über die Hysterie an, durch die Feststellung der Bedeutung
zwischenmenschlicher Bindungen für den einzelnen hindurch bis
in die biologischen Streifzüge im „Jenseits des Lustprinzips"
Freuds, die Bemühungen Ferenczis zur Aufstellung einer
neuen Genitaltheorie, die Annahmen Groddecks über die
psychische Verursachung körperlicher Erkrankungen, ihre Stimme
erhebt.
Eine dem nicht ganz unähnliche Abkehr vom Materialismus
als folgerichtigeres Festhalten des Positivismus - tritt in Machs
Phänomenalismus vor uns, wo ebenfalls eine vollständigere Über-
windung der metaphysischen Denkweise mit der Lockerung des
materialistischen Weltbildes einhergeht. 1
In einer anderen Beziehung würden wir uns sogar ver-
sucht finden, die Psychoanalyse der neueren antipositivistischen,
tiefenanbetenden Geisteswelle einzuordnen. Die Würdigung des
Unbewußten und die umfassende Erkenntnis des Triebhaften voll-
endeten die Entthronung des Rationalismus, in dem Verstände, als
sei alles Tun und Lassen des Menschen in der Ebene vernunft-
gemäßer Überlegung zu erklären und zu beeinflussen.
Die Freud sehe Richtung wurde auch weiterhin — wir
meinen völlig zu Unrecht — als eine romantische bezeichnet. Wohl
kann der unbefangene Betrachter der Psychoanalyse ihrem Zweck-
rationalismus nichts anhaben. Aber die flache rationalistische
Deutungsmethode, die hoch rationales Denken und mechanische
Gruppierung der Atome ohne Dazwischentreten „störender" Elemente
(und diese machen doch das ganze Leben aus!) ineinander über-
gehen sieht, hat da in der Tat den Gnadenstoß bekommen. Es
mag kein Zufall sein, daß die Aufdeckung der irrationalen Wurzeln
des scheinbar Reinrationalen, die in der Soziologie besonders Max
Weber sich zur Aufgabe machte, in der Psychoanalyse von Freud
und Ferenczi nahezu an demselben Gegenstande angebahnt
wurde. Der Puritanismus im Hintergrunde des Kapitalismus —
der Analcharakter im Hintergrunde des Spartriebes: welches
Ineinandergreifen gänzlich auseinanderliegender Forschungswege!
1 Auf die Beziehung Machs zur Psychoanalyse wies Ferenczi („Zur
Psychogenese der Mechanik" und im Nachtrag dazu) hin.
Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse
349
So trug die Psychoanalyse zu einem der wichtigsten Punkte der
Kritik der Gegenwart bei: sie hilft nachweisen, nicht daß der
moderne Rationalismus verwerflich, sondern daß er gar kein echter
Rationalismus ist. 1
III.
Trotz einer Art Synthese positivistischer und geistesgläubiger
Weltanschauung, die von ihrem Wesen unzertrennlich ist, erscheint
uns an der Psychoanalyse nichts bemerkenswerter, als der tiefe
Gegensatz zu jenen Pfaden des Denkens, die wir naturwissen-
schaftliche oder materialistische Mystik benennen möchten und
die — gestützt auf einige merkwürdige Entdeckungen, Erfolge
oder Einfälle — meistens die flache Einseitigkeit des Materialismus
mit der tiefenvorschützenden Unverantwortlichkeit des Spiritualismus
paaren, wobei nicht selten eine allgemeine intellektuelle Unlauterkeit
und ein simplifizierendes Blendwerk den zusammenschweißenden
Kleister bilden. Hierher gehören die Fälle, wo irgendwelche natur-
wissenschaftliche Methode oder Tendenz ein übertriebenes, ihr von
vornherein nicht zukommendes Ansehen genießen und gleichsam die
Stelle eines mystischen Götzen erringt. So dürfen wir den geistigen
Hintergrund jener Polemik nicht verkennen, die Ferenezi —
der auch vor der Überschätzung des statistischen Beweisverfahrens
als einer Form des unwissenschaftlichen Autoritätsdienstes warnt
— gegen die überspannte Veranschlagung der alkoholischen
Gefahr und der antialkoholischen Heilbotschaft geführt hat. Nicht
einzelne hygienische Rücksichten, sondern die
gesamte Seelenverfassung und -struktur des
Menschen seien das Primäre — dieses Motiv geht durch
alle psychoanalytische Stellungnahmen zu ärztlichen und Tages-
fragen.
Da sind Hypnose und Suggestion oder vielmehr jene Ideologie,
die mit diesen naturwissenschaftlich frisierten Begriffen, die ja mit
dem sehnsüchtig und — wie uns scheinen will — in diesen Regionen
1 Die vorpsychoanalytischen Ansätze zur wissenschaftlichen und doch
nicht apsychischen Psychologie finden wir in der französischen Schule, zu der
eich die Freud sehe etwa so verhält, wie hinsichtlich des soziologischen
Personalismus Dühring zu St. Simon und Proudhon. Die Neurose
spielt dort eine ähnliche Rolle als Anregung zur Psychologie schlechthin, wie
hier die in der „sozialen Frage" zum Vorschein kommende „Störung der
Normalität", die selbst die „Normalität" ergründen hilft.
350
Aurel Kolnai
in höchst unzulässigem Maße verehrten „Experiment" verbunden
sind, alles erklären, ableiten, heilen und gestalten möchte. Ferenczi
gebührt das bedeutsame und von so vielen unkundigen Gegnern
der Analyse unberücksichtigte Verdienst, einesteils die allgemein-
psychologischen Quellen dieser mehr erklärungsbedürftigen als
erklärungsmächtigen Phänomene in natürlichen infantilen Bindungen
aufgefunden zu haben („Introjektion und Übertragung"), andern-
teils die geistige Kluft ins Licht gestellt zu haben, die zwischen
dem suggestiv-hypnotischen und dem analytischen Therapie-
verfahren gähnt und die er im Vortrag „Suggestion und Psycho-
analyse" zu einem Gegensatze zweier einander wesensfeindlicher
Weltanschauungen ausgeweitet hat. Hier Lüge, kritikloser Gehorsam,
blinder Glaube, Versinken im fremden Willen, — dort Wahrheit,
Erziehung zur Erkenntnis und Neubearbeitung des eigenen Selbst,
zur kritischen Selbstlenkung! Ohne den sich hier bietenden
Perspektiven weiter nachzugehen, fügen wir dem nur hinzu, daß
eben der vielgepriesene „experimentelle" Charakter der Hypnose
und Suggestion, diese willkürlich-mechanische, extensive Dressur
der Menschenseele, den vollständigsten Gegenpart des psycho-
analytischen Geistes der organischen Durchdringung und der
intensiven, kritischen Strukturänderung darstellt. Dieser Abstand
wurde nur erweitert durch die Wandlung der psychoanaly-
tischen Determinationslehre, indem die Stelle des ursprünglich
scharf betonten Kindheitstraumas von einer mehr organisch, mehr
morphologisch gefaßten Kindheitsentwicklung eingenommen und
das Problem der Neurosenwahl in seiner weitverzweigten Bedeutung
gestellt wurde. 1
Auch die gegenwärtig wieder eine Hochkonjunktur erlebenden
okkultistischen Lehren haben von der Psychoanalyse wenig
Zuspruch zu erhoffen, obschon Silber er über die analytische
Deutung der Mystik hinaus sich um einen psychologischen Unterbau
der in ihr befindlichen ethischen Werte beflissen hat. Dem modernen
Okkultismus dürfte vielleicht auch diese Anerkennung versagt
bleiben, sei es Christian Science, Anthroposophie oder selbst eine
Art „Parapsychologie", was darunter begriffen wird. Die nüch-
1 Es mag damit in Zusammenhang gesetzt werden: Die Ersetzung der
Zellular- durch die Konstitutionalpathologie und die zunehmende Berücksichti-
gung des innersekretorischen Systems.
Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse
3B1
ternste Forschung in dieser Richtung, an sich gewiß zur Wissen-
schaft gehörig, wird durch das Prinzip: „Versuche, an deren
Gelingen von vornherein geglaubt werden soll,"
Einwänden ausgesetzt. Die Psychoanalyse, wie Freud es zu
betonen nicht vergaß, verlangt keinen solchen Glauben ; sie sucht,
ohne das Finden — in welch verkappter Form immer — vorweg-
zunehmen. Im pragmatistischen Wunderglauben an die Wirkungs-
kraft dieses Glaubens selbst und in allen seinen feineren
Abwandlungen und Abarten findet sie nur Stoff für ihre Unter-
suchungen wieder: Herrschaft des Lustprinzips, Allmacht der
Gedanken, Narzißmus usw. — aber nicht etwa ihr ebenbürtige,
adäquat zu beachtende Stoffbehandlungen. Sollte jedoch eine
wirklich schöpferische, Tiefen des Lebens erschauende und in ihrer
Mitte den Anhänger unterweisende Mystik in Betracht gezogen
werden, so bleibt immer noch der Grunduntersehied in Geltung.
Ziel und Zweck der Psychoanalyse kann niemals sein, das
Unbewußte irgendwie erahnen zu wollen, den Abstieg in seine
Schächte beliebigerweise unternehmen zu lassen. Sie sucht den
Verkehr mit dem Unbewußten herzustellen per definitionem
immer nur in dem einen Sinne : das Bewußtsein zu erweitern,
zu erhellen und zu befestigen, nicht durch Vernichtung des Un-
bewußten, aber auch nicht durch Versinken darin nebst Verengerung
— wenngleich teilweise „Erleuchtung" — des Bewußtseins, sondern
durch Erkenntnis des Unbewußten mit den Mitteln des Bewußtseins
und entsprechende vernunftgemäße Beeinflussung des im Unbewußten
fußenden Trieblebens. Die Technik der Psychoanalyse zielt auf
ein Belauschen, ein Hervorlocken, ein augenblickliches, metho-
disches Gewährenlassen, nicht aber auf ein faktisches Gelten-
lassen des Unbewußten ab. Wir erachten es nicht für die letzte
Aufgabe dieser Wissenschaft, heute, wo die Rückwirkung auf den
als unzulänglich erwiesenen Positivismus vielfach in falsche Bahnen
gedrängt erscheint, unbeirrbar an dem rationell verstandenen
Rationalismus festzuhalten, als Erkenntnisquelle des Unbewußten
Geltung Und Gewalt des Bewußtseins immerfort zu fördern.
So erscheint die Psychoanalyse entgegen der gänzlich unabend-
ländischen okkultistischen Unbewußtenverehrung (Verfallsideologien
unserer Kultur) als ein organisches Gewächs der abendländischen
Zivilisation auf deren Wege zur Bewältigung der gesamten äußeren
und inneren Welt durch das Bewußtsein.
352
Aurel Kolnai
IV.
Es soll nicht ohne Erwähnung bleiben, daß im Gegensatz zu
den früheren Behandlungsarten psychologischer Fragen die Psycho-
analyse eine Auffassungsweise in sich schließt, die dem Volks-
glauben in diesen Dingen erhöhtermaßen gerecht wird oder
besser ihm ungleich mehr Verständnis entgegenbringt. Es genügt,
die Punkte Wunscherfüllung, seelischer — „sinnreicher" — Aufbau
seelischer Krankheiten, Rolle verlarvter Sexualregungen, Symbolik
anzuführen, um hievon zu überzeugen. Wohl besteht hinwieder
kein Zweifel daran, daß die Psychoanalyse eine revolutionäre
Neuerung mit beinhaltet und daß sie die gemeinhin herrschenden
Ansichten und Denkgewohnheiten ganz anders schokiert hat als die
lebensfremden und ebendeshalb wenig störenden Aufstellungen
„harmloserer" Psychotheorien. Sie ist ja nichts weniger als bloße
Umschreibung landläufiger Meinungen ; um so minder, als diese
nicht aus bewußt angenommenen Sätzen, sondern aus Beobachtungs-
bruchstücken, allgemeinen — gleichsam sekulären — Einfällen,
vagen Ahnungen und nicht zuletzt aus solchen Erkenntnissen
bestehen, die viele kaum sich selbst und den anderen schon gar
nicht klarzulegen wagen. 1 Aber auch abgesehen davon greift die
Psychoanalyse an allen entscheidenden Stellen weit über den
Volksglauben hinaus; sie bejaht diesen nur insofern, als sie sich
zwar gedanken- und kenntnisreicher, aber nicht — geistesarmer
als er zu erweisen strebt. Sie will von dem Volksglauben Besitz
ergreifen, ihn verwerten und verarbeiten, jenseits, aber nicht
diesseits von ihm stehen. Da nun. der „Volksglaube" (in weitem
Sinne) aus leicht einsehbaren Gründen sich vorzugsweise auf die
Fragen der Affektpsychologie erstreckt, ist die geistesgeschichtliche
Bedeutung der Analyse auch darin zu erblicken, daß sie zum
erstenmale eine umfassende Deutung, Berücksichtigung und
sozusagen Verdauung des Volksglaubens durch die Wissenschaft
vollbracht hat. Damit hat sich letztere dem Leben angenähert und
sind andererseits die Chancen einer Reinigung des Lebens von
vielen Vorurteilen und Geistesschlacken für alle seine Gebiete
gestiegen.
Zur Vertiefung der landläufigen Anschauung von der Zweiheit
der Ich- und Sexualtriebe durch die Psychoanalyse bemerken wir,
1 Vergl. Freud: „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung".
Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse
353
daß das wesentlichste Element im Abfalle sowohl der Wiener wie
der Züricher Dissidentenschule in der Ablehnung dieser Gruppierung
der Triebe bestand, die in beiden Fällen unterschiedlicherweise
mit einem den Tatsachen gewaltsam aufgezwungenen Triebmonismus
vertauscht wurde. Daran war besonders das Streben beteiligt, das
„Anstößige" des Sexuologischen hinwegzuräumen. Mit dieser Ver-
wischung, Simplifizierung und Verwässerung fielen die „Individual-
psychologen" und Libidoenergetiker wieder einer Metaphysik
anheim, die in der wesenhaften Erkenntnis der seelischen Kräfte
hinter dem naiven Realismus selbst zurückbleibt, so viel sie auch
vor ihm an Geistesschärfe, Wissenschaftlichkeit und dialektischer
Überlegenheit voraus haben mag.
V.
Ganz summarisch wollen wir hier der Bedeutung gedenken,
welche der Psychoanalyse in bezug auf die Vertiefung unserer ethi-
schen Anschauungen zuerkannt werden muß, ungeachtet der zahl-
losen Anwürfe, denen sie eben in diesem Belange ausgesetzt war.
1. Im allgemeinen : Die Analyse will so wenig allein für eine
'Ethik stehen wie für eine Gesamtphilosophie. Indessen gibt sie
sich vorwiegend mit den Gegenständen der konkreten Ethik ab
und ihr positiver ethischer Wert liegt vor allem darin, daß sie
dieselben unbekümmert um Nebenrücksichten (die, wenngleich
moralistisch, immer ethisch minderwertig sind) ans Tageslicht
erhebt und mithin die Voraussetzungen einer wirklich umfassenden
und kundigen ethischen Beurteilung vermehrt, ja vielfach erst
schafft. Sie ist des näheren bestrebt, die sich dem widersetzende
Verdrängung von unbewußten Triebregungen aufzuheben und an
ihre Stelle teils das Ausleben, teils die kritische Verurteilung
bewußt erkannter Triebe treten zu lassen, und zwar in beiden
Fällen, namentlich im zweiten, gepaart mit einer Steigerung der
Kulturwerte erzeugenden Triebsublimierung. Prinzipiell kann dabei
die bewußte Denkrichtung sowohl mehr dem Ausleben als auch
mehr der Askese zuneigen, ohne den analytischen Leitideen untreu
zu werden. Werden die Triebe durch die Beseitigungder Verdrängung
im potentiellen Sinne befreit, so werden sie auch andererseits
ihrer versteckten und verblümten Machtstellung verlustig. Das
Realitätsprinzip überwindet das Lustprinzip, welches
nicht nur für das Unbewußte selbst, sondern für die Verdrängung
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 23
354
Aurel Eolnai
noch maßgebend ist. 1 Jokaste, das Objekt der inzestuösen Libido-
richtung, vertritt zugleich die Verdrängung, die Sich-Hinwegsetzung
über die unheimlichen Gedanken (F e r e n c z i : „Lust- und Realitäts-
prinzip im Ödipusmythos").
2. Die Psychoanalyse, die von Anfang an eines Sexualitäts-
begriffes bedurft hat, der weder dem engen „Genitalen", noch dem
verschwommenen „Erotischen" oder gar „Affektiven" und der-
gleichen gleichzusetzen war, schritt von der ursprünglichen
Entdeckung nachgerade zu einer Analyse der Sexualität vor. Die
hervorragenden Momente der hierbei erreichten — tatsächlichen
und akzidentellen — Erkenntnisgewinnung waren: die sexuellen
Partialtriebe und ihr sekundärer Zusammenschluß zum Fort-
pflanzungstrieb ; 2 die Sexualität des Kindes ; die Triebumsetzungen
und — Schicksale und ihre charakterbildende Wirksamkeit; die
Rolle der inzestuösen Fixierung im Individual- und Massenleben;
schließlich die phylogenetische — biologische — Theorie der
Sexualtriebe, die berufen ist, den scheinbaren Gegensatz zwischen
ihrer ontogenetischen Entwicklung und ihrer physiologischen
Naturfunktion aufzuklären, und die gerade in neuester Zeit von
Ferenczi mächtig gefördert wurde (Vortrag auf dem Inter-
nationalen Kongreß in Berlin, 1922). Auf Grund dieser Forschungen
muß jede simplizistische Auslebens- oder Askeseforderung der
Moralisten und Amoralisten für gehaltlos, unerfüllbar und das
Wesentliche verfehlend erklärt werden; ein ethisches Ideal hin-
gegen wird ermöglicht (nicht etwa gegeben), welches — ohne
einen vermeintlichen Naturzustand zu verhimmeln und somit
überflüssig zu sein — in konkreten Gestaltungen wurzelt und
nicht der Beschränkung auf unverantwortliche Schwärmerei ver-
fällt. Vor allem wird man sich da mit vielen früher ungeheuer-
lichen Gedanken befreunden und gleichzeitig vielen früher durch
die Heuchelei beschützten Lustquellen entsagen müssen.
3. Auf die psychoanalytische Reform der Kindererziehung
weisen wir nur mit der Bemerkung hin, daß hier ein Gedanke
1 Die Tatsache, daß die ichschützende Zensur selbst unbewußt — ich-
fremd — ist, wurde von F r e u d neuestens eingehend gewürdigt. („Das Ich
und das Es", 1923).
2 Die normale Sexualität als Synthese der Perversionsansätze wurde
ebenfalls von einem französischen Gelehrten, Alfred Bin et, voranalytisch
erkannt.
Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse
355
Dührings, dieses streng sittlich orientierten Philosophen, seine
Rechtfertigung erlebt: die Hervorhebung der eigenen Zweck- und
Werthaltigkeit der kindlichen Seelenzustände und ihres Anspruchs
auf adäquate, aus dem gemeiniglichen Erwachsenengesichtspunkt
heraustretende Berücksichtigung.
VI.
Was hat nun die Psychoanalyse für unser Zeitalter zu
bedeuten? Man verfällt leicht auf die Idee, sie leiste dieselbe
kritische und auslegende Arbeit am Aufbau der Einzelseele, als
der Marxismus an dem der Gesellschaftsstruktur und sei daher
als dessen Fortsetzerin und Mitkämpferin zu betrachten. Hierfür
sprechen mehrere Gemeinsamkeiten des Freudsehen und des
Marxschen Gedankengefüges : 1. Die Aufzeigung „animalischer"
Faktoren unter dem Schleier der Ideologien; 2. voluntaristische
Deutung fremder Theorien und — mit entsprechendem Vorbehalt
— auch der eigenen ; 3. ein dialektischer Zug, der die Aufhebung
von Gegensätzlichkeiten darstellt. Wenn wir trotzdem den Vergleich
für recht fadenscheinig erachten, so stützen wir uns auf folgende
einschneidende Unterschiede : 1. Bestehen eines dogmatischen, wirt-
schaftsmonistischen Systems bei Marx, ungleich mehr entwick-
lungsfähige und vielseitige Wissenschaftlichkeit bei Freud;
2. Verallgemeinerung des rationalen Interesses gegenüber seelischer
Tiefenforschung; 3. Setzung eines vorausbestimmten Entwicklungs-
verlaufs gegenüber einer im Rahmen der Empirie verbleibenden
Spekulation ; 4. Verheißung des Aufgehens der ganzen Menschheit
in dem unpersönlichen Proletariat gegenüber Befestigung der Lage
der kritischen Persönlichkeit. (Vgl. Ferenczi: „Ein Vortrag für
Richter und Staatsanwälte", „Psychoanalyse und Kriminologie",
„Suggestion und Psychoanalyse".) Mehr Analogie verrät die
Psychoanalyse mit der physiokratisch-individualistischen Gesell-
schaftstheorie, die vorwiegend nicht auf das Wirtschaftliche hinter
dem Sozial-Geistigen, sondern auf den Bodenkomplex hinter
dem Sozialen und dem Wirtschaftlichen selbst auf-
merksam macht, dessen psychische Bedeutung von der Analyse
volle Würdigung erfuhr. 1 Und so dünkt es uns, wenn nun bald
auf den Trümmern der mißglückten marxistischen Gesellschafts-
umwälzung die geistige Vorbereitung einer neuen personalistischen
1 Die Erde als Muttersymbol und Werkzeug der Sublimierung zugleich.
28*
356
Aurel Kolnai
und das flache Land mit in Rücksicht ziehenden Sozialreform an
der Reihe sein werden, eines neuen Freisinns jenseits des alten
mechanistisch-puritanischen Liberalismus, so wird die Psychoanalyse
um die Geheimnisse der libidinösen Befriedigung und rationalen
Freiheit des Menschen, um die Möglichkeit der selbst-
lenkenden Kulturpersönlichkeit befragt werden müssen.
Königin Mab. 1
Dr. Siegmund Pfeifer, Budapest.
Der empfindsame Menschenschlag der Dichter ahnt in seinem
unablässigen Erforschen der eigenen Seele Wahrheiten oft
Jahrhunderte voraus, welche die Wissenschaft nur sehr viel später,
oft nach schweren Kämpfen anzunehmen geneigt ist. Der Dichter
ist ein Vates, der aus seinem eigenen Inneren wahrsagt
und schaut auch die Schulweisheit mit unfruchtbarem Stolz
"auf ihn herab, der Psychoanalytiker kommt oft in die
Lage, ihm Dankbarkeit zu erweisen für die Prophetendienste,
durch welche dieser schon auf der mythologischen Stufe der
Wissenschaft die wahren Gesetze der seelischen Arbeitsweise
verkündet hatte.
Bei der Lektüre von Shakespeares „Romeo und Julia"
werde ich an einen kleineren Artikel 2 von Dr. Ferenczi erinnert,
in welchem auf eine psychologische Erkenntnis von Schopen-
hauer hingewiesen wird, laut welcher der Dichter in dem Urahnen
aller Tragödien, in dem aus den Tiefen der Zeiten und Seelen
emporragenden „König Ödipus", in der Gestalt des Ödipus ein
Grundprinzip unseres seelischen Geschehens, das Realitätsprinzip,
personifiziert, im Gegensatz zur Personifizierung des Lust-
Unlustprinzips durch Jokaste, die Muttergattin.
1 Nach Einsendung dieses Artikels ist bekannt geworden, daß der Kern
dieses Stoffes von Dr. O. Rank im Anhange zur VII. Auflage der „Traum-
deutung schon berührt wurde. Ich lege dennoch Wert darauf, meine Bearbeitung
in dieser Festschrift erscheinen zu lassen, da sie als Erstlingswerk meiner
psychoanalytischen Tätigkeit ihr Entstehen im Jahre 1911 — mit Ausnähme
der späteren ethnologischen Daten — der Anregung durch das Bekanntwerden
mit Dr. Ferenczi und mit der Psychoanalyse verdankt.
2 Symbolische Darstellung des Lust- und Realitätsprinzips im Ödipus-
Mythus. „Imago", I. Jahrg.
358
Dr. Siegmund Pfeifer
Schon Freud lenkt in einem seiner Werke unsere 1 Aufmerk-
samkeit auf die Tatsache hin, daß der Dichter mit seiner erhöhten
Einfühlungsfähigkeit oft die wissenschaftliche Scharfsicht der
Psychoanalyse ersetzen kann, daß er oft eine unwissentliche
und ungewollte Rechtfertigung der psychoanalytischen Methode
zu geben vermag. Höchst überraschend und bezwingend ist aber
die Klarheit, mit welcher Shakespeare für einen vielbekämpften
Satz Freuds Zeugnis ablegt, der besagt, daß der Traum meist
eine verkappte Wunscherfüllung ist, und daß hievon auch jene
Träume keine Ausnahme bilden, welche das Gegenteil zu beweisen
scheinen, nämlich die peinlichen Angstträume.
In „Romeo und Julia" (I. Akt, 4. Szene) ist die ergreifende
Traumphantasie zu finden, welche Shakespeare dem Freunde
Romeos, dem Flattergeiste Mercutio in den Mund legt. Mit ihrer
feenhaften mise en scene, ihrer affektschwangeren Tiefe
ist diese eine der interessantesten Stellen der Weltliteratur.
Romeo beklagt sich bei seinem Freunde vor seiner ersten
verhängnisvollen Begegnung mit Julia über unheilverkündende
Träume. Mercutio trachtet die Angst seines Freundes mit der
Behauptung zu zerstreuen, Träume seien nur Lüge und offenbar
um dies zu bekräftigen, lügt er oder vielmehr phantasiert er
selbst Träume. 2
Diese Absicht gibt aber Mercutio Gelegenheit, die Schranken
des Verstandesmäßigen zu übertreten und die aufsteigenden Bilder
seiner Phantasie auf einer, der Technik der psychoanalytischen
Methode ähnlichen Art, gleichsam unzensuriert aufeinander folgen
zu lassen. Diese ünzensuriertheit des Denkens führt, wie in der
Psychoanalyse, auch hier dazu, die verdrängten Gedanken, Wünsche
und seelischen Inhalte von dem Drucke, der auf ihnen lastet, zu
befreien und auf die seelische Schaufläche zu werfen.
Mercutios Phantasie lautet: 3
1 „Der Wahn und die Träume in W. Jensens .Gradiva' ", 1907.
2 Er bedient sich bei dieser Gelegenheit nur einer Technik unter den
eigentümlichen Arbeitsweisen des Traumes, auf welche Freud ein Licht
geworfen hat. Wenn der Traum den Gedanken ausdrücken will: „Das ist ein
Unsinn", erscheint er selbst mit Vorliebe in einer widersinnigen Gestalt.
S. Freud: Traumdeutung.
3 „Romeo und Julia", I. Akt, 4. Szene. — (übersetzt von W. Jordan,
Meyers Klassiker- Ausgaben. Shakespeares dramatische Werke. 5. Bd.).
Königin Mab
359
„Ich merk' es schon, Frau Mab hat dich besucht.
Sie ist die Kindbettfrau der Feen. Sie fährt,
Nicht größer von Gestalt als der Achat
Am Zeigefinger eines Aldermanns,
Mit ihrem Angespann von Sonnenstäubchen
Zur Nas' hinein den Menschen, wann sie schlafen.
Die Räderspeichen sind von Spinnebein,
Von eines Heupferds Flügeln das Verdeck,
Die Stränge von dem feinsten Spinngeweb,
Die Kummte von des Mondes feuchtem Strahl.
Aus Heimchenknochen ist der Peitsche Griff,
Die Schnur von Samenhärchen; Kutscher ist
Ein Mücklein, angetan mit grauem Mantel,
Nicht halb so groß, als jenes runde Lärvchen,
Das man aus fauler Dirnen Finger schält.
Die Kutsch' ist eine hohle Haselnuß
Vom Tischler Eichhorn oder Meister Wurm
Verfertigt, die seit grauer Zeit die Wagner
Der Feen sind . . ."
Offenbar schwebte hier Shakespeare das Bild irgend einer
volkstümlichen Fee vor und doch fällt einem die große Überein-
stimmung des grotesken Durcheinanders am Beginn der Phantasie
mit der Erscheinung auf, daß in der Vorstellung des Einschlafenden
die Dinge und Bilder zusammengeworfen werden, von ihrer natür-
lichen Stelle herausgerissen, sich chimäenartig mit anderen paaren
und durch irgend eine Kraft, offenbar durch die Arbeit des Traumes
zu unbekannten neuen Bildungen zusammen geschmiedet werden.
Diese Verschiebung und Verdichtung ist in unseren Träumen am
wirksamsten verstellt, oft sogar bis zur Unkenntlichkeit und Sinn-
losigkeit. Doch ahnen wir, daß der Dichterin diesem Falle diese
Sinnlosigkeit des Traumes nur vorspiegeln will, bevor Mab weiter-
fährt. Auf der Kutsche der Mab gibt es eine lustige Fahrt :
„. . . In diesem Aufzug fährt
Sie jede Nacht Verliebten durchs Gehirn, —
Dann träumen sie von Liebe, — Schranzen, aber
Durchs Knie, dann träumen sie von Bücklingen.
Des Anwalts Finger zuckt im Traum nach Sportein,
Des Weibes Lippe vom geträumten Kuß,
360 Dr. Siegmund Pfeifer
Und solche Lippen plagt die böse Mab
Mit Bläschen, weil ihr Atem Naschwerk duftet.
Bald jagt sie über eines Höflings Nase, —
Dann wittert er im Traume Ämtchen aus —
Bald kommt sie mit 'nes Decemferkels Schwanz
Des eingeschlafnen Pfarrers Nase kitzeln,
Der dann von einer besseren Pfarre träumt,
Bald lenkt sie über des Soldaten Hals, —
Er träumt von abgeschnittenen Feindesgurgeln,
Von Bresche, Hinterhalt, Toledoklingen,
Von einem Ehrentrunk, fünf Klafter tief..."
Siehe, Mab, die wunscherfüllende Fee des Traumes, gewährt
einem jeden im Traume, was er sich nur wünschen kann. Die
Wunscherfüllung tritt in diesen Träumen unverhüllt zutage —
Mab selbst hüllt sich nur in den Schleier der Traumwelt — Liebes-
wünsche, habgierige, selbstsüchtige Wünsche werden restlos erfüllt.
Sogar dem trunkenen Sadismus des wilden Soldaten gewährt
Mab hier Befriedigung. Aber geben wir doch acht, hier geht nicht
alles gleich glatt weiter, irgend eine Störung und Unruhe mischt
sich in den Traum, der Soldat wird aufgeschreckt.
„Da hört er trommeln, fährt empor, erwacht,
Entsetzt sich, flucht ein Stoßgebet und schläft
Dann wieder ein ..."
Erst jetzt merken wir, daß die Erfüllung der Traumwünsche
nicht immer ungestört erfolgte. Die eigensüchtigen, ehrgeizigen
Wünsche und der holde Traum der unschuldigen Liebenden können
sich die Erfüllung ihrer Wünsche, die der karge Tag der Nacht über-
lassen hat, ungestraft vorstellen. Fährt aber die launenhafte Mab
mit ihren Grillen und Mücken über die schönen Lippen, die vom
geträumten Kuß zucken:
„. . . Solche Lippen plagt die böse Mab
Mit Bläschen, weil ihr Atem Naschwerk duftet."
Da sehen wir, Mab erfüllt die erotischen Wünsche nicht
immer ungestraft. Manchmal wird sie „böse". Ein neuer und fremder
Zug in Mabs Gestalt, aber der Dichter läßt uns augenscheinlich
fühlen, es gäbe irgend etwas im Traume, was nicht erlaubt, daß die
Bäume in den Himmel wachsen. Wirklich, je weiter der Traum fort-
Königin Mab
361
schreitet, je tiefer unterdrückte Wünsche in Erfüllung gehen, was
in erster Linie auf die Einwirkung des Unbewußten zurückzuführen
ist, desto mehr häufen sich die Zeichen einer Furcht und Angst. Die
schmutzige Habsucht wird noch befriedigt, aber die sadistische Lust
des Soldaten wird durch einen schweren Angstanfall unterbrochen.
Mab vollbrachte auch hier ihre wunscherfüllende Arbeit, aber darauf
setzt gleich der Angstanfall ein, der den Soldaten aus diesem Traume
aufschreckt, — merkwürdigerweise durch Trommeln, also gerade
mit dem Rufzeichen zu neuem Schlachten. 1
Da die Angst scheinbar dem Wesen des Schlafes widerspricht
— Mab sollte nur Lust und keine Unlust gebären — , wird der
Traum unterbrochen und dadurch zwar die sadistische Wunsch-
erfüllung, aber auch die ihr folgende Angst aufgehoben.
Wir wissen aus der Psychoanalyse, daß es die Verdrängung ist,
welch« die Erfüllung verbotener Lust unterbindet oder wenn
irgendwie, wie z. B. im Traum, ihre Bande gelockert werden, sie
in Unlust verwandeln kann. An diesem Punkte ändert sich Mabs
Gesicht, nicht nur die Lust der Wunscherfüllungen, auch die
dadurch entfesselte Angst wird vom Traum und vom Dichter auf
ihre Gestalt projiziert^ aus der gütigen Fee wird die schlimme
Hexe, kaum erkennen wir sie mehr. Auch ihre Praktiken unter-
scheiden sich in nichts mehr von denen der Hexen. Die Wunsch-
erfüllung verschwindet auf einmal vor unseren Augen oder sie
wird bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ist es glaublich, daß die
furchtbare Hexe dieselbe Mab sei, wie die gnädige Fee der erfüllten
Wünsche. Der Dichter behauptet es doch . . .
„. . . Das ist dieselbe Mab,
Die nachts der Pferde Mähnen wirr verzaust,
In struppig Haar die Weichselzöpfe flicht,
Die Unheil bringen, wenn man sie entwirrt . . ."
Das ist ja der verrufene Weichselzopf. Sollte darin noch
irgend eine Wunscherfüllung stecken, was für ein absurder
oder schuldbeladener Wunsch mag es sein, der sich nicht
mehr in seiner ursprünglichen Gestalt, sondern nur gleichsam
im härenen Gewand der selbsterteilten Buße zeigen darf, oder
sich hinter so unheilverkündenden Zeichen verstecken muß ? Was
1 „Wiederkehr des Verdrängten aus der Verdrängung"
362
Dr. Siegmund Pfeifer
kann hinter dem Symbol der „Ligatur" 1 befriedigt werden? Und
was kann das Gebundensein bedeuten, das Unheil und Tod in
sich birgt, sogar wenn es gelöst wird, gleichwie das Rätsel der
Sphinx? Hier erfährt der Traum eine peinliche Färbung. Er wird
der Typus jener Angstträume, der sogenannten Alpträume, in
welchen die Angst an das Gefühl gebunden erscheint, daß man
irgendeine Arbeit nicht vollführen oder sich aus irgendwelchen
Banden nicht befreien kann. (Knotenlösen.) 2
Überlassen wir uns der Führung des Dichters und unsere
Ungewißheit wird in den nächsten Zeilen behoben. Auch er
behauptet, daß Mab die Hexe, die Alpmare sei, die all das Übel
anstellt, aber er sagt dann gleich weiter von ihr :
„Das ist die Hexe, welche Mädchen drückt,
Die auf dem Rücken liegen, und sie lehrt,
Geschickt ihr Los zu tragen und bereiter,
Sie ist dieselbe . . ."
Der Dichter sagt uns geradeaus, was die Psychoanalyse als
Ergebnis einer Tiefenarbeit in den unbewußten Schiebten der Seele
ans Licht befördert hat: Hinter dem manifesten Inhalte des Angst-
traumes finden wir immer den latenten sexuellen oder erotischen
Wunsch, 3 dessen Libido — so erklärt die Psychoanalyse" weiter —
infolge der Verdrängung in Angst verwandelt wurde.
1 In den Hexenprozessen bildete die Hauptanklage gegen die Hexen die
Ligatur, die Unterbindung der Manneskraft. Siehe Dr. E. Jones: Der Aip-
traum, S. 106 ff., und Dr. G. R ö h e i m : Adalökok a magyar nephithez (Bei-
träge zum ungarischen Volksglauben), Budapest 1920, S. 220.
2 Auf ähnliche Alpträume führt Laistner die Entstehung der mythischen
Gestalt der Sphinx zurück. Siehe Laistner: Das Rätsel der Sphinx.
3 Vergleiche zum „auf dem Rücken liegen" noch das Schwatzen der
Amme vom kindlichen Unfall Juliens. I. Akt, 3. Szene:
„ . . . Mein Mann . . . Gott hab ihn selig —
Er war ein spaß'ger Mann — der hob sie auf.
Schau, sagt er, fällst auf dein Gesichtchen jetzt;
Wirst rücklings fallen, wann du klüger bist;*
Was meinst du, Jule? — Bei der heil'gen Jungfrau,
Was tut der allerliebste kleine Balg?
Sie flennt und muckst nicht mehr, sie sagt: Ach ja!"
Der Dichter läßt die geschwätzige Amme diese kleine Begebenheit
dreimal nacheinander erzählen und hebt dadurch, wie unbeabsichtigt, die
Heftigkeit der Liebestriebe Juliens hervor.
* Von mir gesperrt.
Königin Mab
363
Wenn wir so Königin Mab, die Herrscherin der Träume,
mit Shakespeare auf ihrer Fahrt begleiten, erkennen wir sie bald,
sei es in der Gestalt der milden, wohltätigen Fee, sei es unter
der Maske der schädlichen Hexe. Die seelische Macht, die der
Dichter in Königin Mab, dieser Souveräne der Träume, verkörpert,
ist nichts anderes, als — wie sie Freud erkannt und benannt
hat — die Wunscherfüllung im Traume. Woher der
Dichter ihre menschlichen Züge genommen hat, darüber mögen
einige weitere Bemerkungen Aufklärung bringen.
Diese Bemerkungen sind notwendig, um erstens ein Licht auf
die unbewußten Motive zu werfen, welche die Gestalt der Mab und
ihrer Geschwister in der Folklore erschaffen haben und welche uns
gleichzeitig erklären können, warum gerade sie durch den Dichter
instinktmäßig zur Feenkönigin der Wunscherfüllung erkoren
wurde. Zweitens hoffen wir, daß wir aus dieser Umschau etwas
über ihre Rolle in der Hervorbringung der Angstträume erfahren
werden.
Mab ist eine ausgesprochen volkstümliche, märchenhafte
Gestalt. Im germanischen Folklore entspricht ihr besonders die
Gestalt der Holle. 1 Diese, wie ihre Verwandten, treten in
Begleitung eines kleinen Volkes auf, von dem unschwer zu
erkennen ist, daß es ihre Kinder bedeutet, um so mehr, da einige
Varianten der Sage es offen so erzählen, und wo dies nicht der Fall
ist, ist dieser Umstand nur durch eine durchsichtige, aus den
Traumanalysen wohlbekannte Symbolik verschleiert. Die Kleinen
sind die Kinder, anderswo treten kleine Männchen (Heimchen-
volk, 2 Heinzelmännchen) oder kleine Tierchen auf.
Die in der Gefolgschaft Mabs vorkommenden Käfer, Würmer:
Heupferd, Heimchen, Spinne, Mücke, Wurm, sind gleichfalls
typische Symbole der Kinder. Der Wagen selbst ist im Traume
1 Man vergleiche die Hauptcharakterzüge mit denen der Hollen und
verwandten Gestalten in Dr. V. Waschnutius: Perht, Holda, Wien 1913,
bei O. Holder, und Dr. G. Röheim: Adalekok a magyar nephithez (Beiträge
zum ungarischen Volksglauben), Budapest 1920.
2 Der Name Heimchenvolk ergibt eine Beziehung zu den auf dem Wagen
der Mab vorkommenden Heimchen- (und anderen Käfer-) Bestandteilen. Das
Heimchenvolk fährt ebenfalls mit auf Hollas Wagen. Man vergleiche die Zwei-
deutigkeit im englischen Text im Worte carriage mit Anspielung auf das
Geschlechtliche.
364
Dr. Siegmund Pfeifer
oft das Symbol des graviden Uterus, die feinen und dünnen
Fäden, Spinngewebe, aber das der Nabelschnur und der Eihäute
All das ist ein Hinweis auf eine Rückkehr in der Phantasie auf
das Infantüe, selbst die Kleinheit Mabs ist nur die Projektion
der kin di ichen Kleinheit auf ihre Gestalt. Psychoanalyse und Sage
führen hier zu gleichem Ergebnis, Mab ist die Mutter
Crtrt d T VÖlk n Cben Sag& Önden Wif die ZW6i zusätzlichen
Ge achte,, dieser Gestalt, wie in der Shakespeareschen Phantasie.
Holla ist einmal die Führerin, die Ernährerin, die Beschützerin
der Kinder, sie verschafft ihnen Milch zur Nahrung - die gute
Mutter - ein anderesmal wieder die Kinderräuberin, die auf sie
böse ist sie bestraft, sie in Höhlen einsperrt - die böse Mutter
die Stiefmutter, die Hexe - von der gerade an dieser Gestalt
Dr. Röheimi nachgewiesen hatte, daß sie nichts anderes ist, als
das durch die Unterdrückung der inzestuösen Wünsche der Kinder
entstandene Negativ der vorigen, der guten, liebeschenkenden,
wunscherfullenden Mutter. Dieser inneren Gegensätzlichkeit ent-
spricht auch die äußere Erscheinung der Hollen, einmal als
glanzende Fee, das anderemal als struppige, zerzauste, wilde Hexe
So begegnen wir auch Mab, sie ist die Hebamme der Feen
die die Kinder in das Feenreich bringt und die sie ihren Eltern
raubt, sie ist die Fee und sie ist die Hexe. Ihre gegensätzliche
Rolle ,m Traume können wir mit Hilfe der Sexualsymbolik ver-
stehen Das Fahren ist ebenfalls ein typisches Symbol des sexuellen
Verkehrs, die Verkehrsmittel sind die Genitalien. Vgl. bei Wasch-
nutius, a. a. 0. die aufgezwungene Fahrt im Hinterteile der Verre
einer Hollagestalt. Die Peitsche, Speichen, Spinnenbeine, Mantel,'
Wurm, Eichhorn symbolisieren das männliche, der Wagen, Decke
Haselnuß das weibliche Genitale. Um den Sinn des Wagenzimmerns
zu begreifen, müssen wir für einen Augenblick wieder auf die
Ethnologie zurückgreifen. Dort finden wir es als das Mo tiv des
Notnagels,* d. i. Ersetzen des verlorenen Radnagels oder der
Speiche durch Zimmern, zu welchem Tun Holla den Burschen auf-
ruft, dem sie während ihrer Fahrt begegnet. In anderen Fällen
zwingt si e ihm geradewegs ihre Buhlschaft auf, 3 und dieses Ver-
1 Dr. G. R ö heim, a. a. O., S. 174 ff
a. a. olT98!T5l MiüeilUng ™ "* R<5heim " *"* W Waschnu ^s>
3 Waschnutius, a. a. 0., S. 116.
Königin Mab
365
halten bestärkt uns in der Auffassung dieses Motivs als Koitus-
symbol.
Alle diese Motive im Beginne der Phantasie deuten auf eine
anfangs ungestörte, höchstens symbolisch verdeckte erotische
Wunscherfüllung hin, welche durch die gegen ihre erotischen und
inzestuösen Teile auftretende Verdrängung am Ende in Angst
verwandelt wird. 1 Der unheilbringende Knoten, der Weichselzopf
und seine Auflösung ist letzten Endes der Inzestkomplex (in
dessen Begleitung er typischerweise aufzutreten pflegt) und das
Bewußtmachen desselben. Für König Ödipus war seine Lösung
wirklich unheil- und todbringend. 2 (Blendung.)
In den meisten Tragödien, sei es daß ihr Inzestkern offen
daliegt oder mehr verdeckt ist, wird die Lösung des „tragischen
1 Die Ambivalenz des Traumes hängt am tiefsten mit der Ambivalenz
des den Kern der ganzen Tragödie bildenden Triebpaares „Liebe— Haß"
zusammen. Die Liebe erscheint in den Hauptpersonen verkörpert, der Haß aber
wird, wie auch so oft im realen Leben, auf die Familie des Geliebten oder
Ehegatten projiziert. Man vergleiche:
Romeo : „Sie eine Capulet! In Feindes Hand
Gab ich mein Leben hin, als Unterpfand!"
Julia: „So lieb ich den, für den ich Haß empfand,
Die Neigung hat ein Wunder nur geboren,
Zu der mein Herz den Todfeind auserkoren." (I. Akt, 5. Szene.)
Und Romeos Aphorismen über die Liebe:
„Die Lieb' ein zartes Wesen ? Sie ist rauh,
Ist hart und ungestüm und sticht wie Dorn." (I. Akt, 4. Szene.)
Und im I. Akt, 1. Szene:
„ . . . 0, sage doch, wie war's
Hier mit dem Streit? Nein, schweig', ich weiß schon alles.
Hier macht der Haß uns viel zu schaffen, mehr
Die Liebe noch. Wohlan denn, wütige Liebe,
Verliebter Haß, dich Allesseiende
Und aus dem Nichts zuerst Erschaffene,
Dich Schwermutsleichtsinn, Nichtigkeitenernst,
Dich mißgestaltet Chaos schöner Formen,
Bleiflügel, Glanzrauch, Eisglut, Siechtum, Wohlsein,
Dich wachen Schlaf, dich Gegenteil dein selber.
Dich Liebe fühl' ich, ohne dich zu lieben — ..."
Romeo und Julia finden ja den Tod durch einander.
2 Vergleiche Freud: Traumdeutung, 2. Aufl., S. 185—7. Ferenczi,
a. a. O., R 6 h e i m : Lösung der Geheimnisse, a. a. 0., S. 93, Hexen und
Hollen, S. 174 ff.
366
Dr. Siegmund Pfeifer
Knotens" ebenfalls unheil- und todbringend, 1 wie auch in Romeo
und Julia.
Der Weichselzopf und die verwirrten Haare — die bösen
Hollen haben alle struppige Haare oder ähnlichen Kopfputz —
deuten auch auf das Genitale hin, in ihrer Furchtbarkeit und
Unheimlichkeit bewahrten sie die Spuren der kindlichen
Beklemmung beim Erblicken der Genitalien der Erwachsenen. Die
endgültige Gestaltung der Haar- und Zopfsymbolik ergibt aber
mit dem vorigen zusammen die schon früher erwähnte funktionelle
Variation der Nabelschnursymbolik, die das unablösbare —
inzestuöse — Gebundensein der sexuellen Libido an die Mutter
symbolisiert. Diesen seelischen Mechanismus liefert auch hier das
peinliche Traumbild. Die inzestuöse Angst breitet sich auch als
Gefühl des Alpdruckes 2 auf die endemachende Traumsensation
aus, in der das sexuelle Verlangen 3 auch hinter der schweren
Verdrängung durchbricht, gleichsam der Auffassung von Dr. 0. Rank
an einem Beispiel recht gebend, daß ein jeder Traum die
Tendenz hat, entweder zur unbeschränkten erotischen Wunsch-
erfüllung, zum Pollutionstraum oder zum Angsttraum zu werden. 4
Dies wurde aber, da die Verdrängung dazu nicht genügte, durch
das Erwachen unterbrochen. Romeo, der sich von dem drückenden
und durch das schwere Walten der sich bekämpfenden seelischen
Regungen unheilverkündenden Eindruck des Traumes befreien
will, heißt hier Mercutio schweigen und in scharfem Gegensatz
zu seiner früheren Ahnung tröstet er sich mit der vulgären
Abwehr der Deutbarkeit der Träume : Träume sind Schäume :
Romeo: „ . . . Still, Mercutio !
Du sprichst von einem Nichts."
Worauf auch dieser, ein richtiger Zweifler, die Eingebungen
seiner Phantasie verleugnet und beteuert:
Mercutio: „... Ganz recht, von Träumen,
Den Kindern eines müßigen Gehirns,
Aus nichts erzeugt als eitler Phantasie . . ."
1 Vergleiche Freud : Totem und Tabu, 1913, S. 144. Rank: Das Inzest-
motiv in Dichtung und Sage, 1912.
8 Dessen inzestuösen, bisexuellen Charakter Professor Dr. E. Jones
ermittelt hat. Siehe: Der Alp träum, S. 13 ff.
3 Vergleiche die zitierte Stelle aus „Romeo und Julia", I. Akt, 3. Szene.
* Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschung,
II. Bd. S. 521.
Königin Mab
367
Die Analyse der Motive mit Hilfe der Traumanalyse und
Ethnologie macht uns klar, daß Mab ihre wunscherfüllende
Kraft ihrer Herkunft von der Mutter-Imago verdankt, die wiederum
mit der größten Wahrscheinlichkeit in den eigenen Inzestwünschen
des Dichters wurzelt. Wir müssen deshalb dem einleitenden Bilde,
das im Anfange des Traumes die ins Übernatürliche projizierte
Gestalt der Mutter heraufbeschwört, eine tiefe psychologische
Bedeutung beimessen, wird doch ein jeder aktueller Wunsch, der
beim Träumenden immer Erfüllung heischt, zwecks Erfüllung zur
gnadenreichen Fee, zur gütigen Mutter der Kindheit gewiesen. Die
Liebe der Mutter ist ja allein fähig, alle egoistischen und Liebes-
wünsche des Kindes zu stillen, seine Ängste in der Dunkelheit der
Nacht zu besänftigen, andererseits muß sie aber auch erdulden, daß
nach der Verdrängung und Enttäuschung der Inzestwünsche, deren
Abwehr sie zur bösen Hexe entstelle und mit den nächtlichen
Symbolen der Angst bekleide. 1 Aber trotz der Verdrängung bricht
beim Dichter der erotische Wunsch durch, gerade mit Hilfe der
zur Hexe verwandelten Königin Mab, der Mutter, die daher in
erster Linie berufen ist, die bewegende Kraft und das Prinzip
aller Träume, die Wunscherfüllung zu versinnbildlichen. 2
1 Röheim: „Die Entstellung zur Hexe ist eine Abwehr gegen die
inzestuöse Fixierung der Libido." Und: „Holle und ihre Verwandten sind die
dunkelheiterweckte, furchtmildernde, supranaturale Projektion der Mutter-
imago." a. a. 0., S. 206 u. 218.
2 Nach dem griechischen Glauben entstammen die Träume der Mutter
Erde. Vergleiche 0. Dieterich : Mutter Erde, S. 60 :
„Bei jeglicher Inkubation war es ursprünglich die Erde, die den Traum
gab. Sie ist die Mutter der Träume, die ihre Kinder sind." (Euripides, Hek.
Z. 70, und Iph. Taur., Z. 1234.)
Wenn wir den Namen „Queen Mab" selbst eine als Traumverdichtung
betrachten und mit Hilfe der Ethymologie und der psychoanalytischen
Erfahrungen analysieren, so ergeben sich interessante Zusammenhänge. „Mab"
bedeutet welsh: ein Knabe, dadurch kommt im Namen selbst das Infantile
direkt zum Ausdruck. „Queen Mab" soll eigentlich „Quean Mab", also „weiblicher
Mab" bedeuten (quean = midwife = Hebamme; siehe den Text der Phantasie),
laut Angaben, welche ich Herrn Dr. E. Glover verdanke. Nun wird „quean"
meistens in der Bedeutung von „feiler Dirne" gebraucht, so daß hier in den
Namen „Queen Mab" eigentlich die „Dirnenkomplex" genannte Variation der
Inzestphantasien hinein verdichtet wurde. Wahrscheinlich bestehen außerdem
noch Beziehungen zwischen Mab, Mabel, Amabilis. — Auch eine andere
verdrängte Triebriehtung des Dichters, und zwar seine gleichgeschlechtliche
Neigung wird in diesem Namen durch seinen bisexuellen Charakter aus-
368
Dr. Siegmund Pfeifer
Am Schlüsse möchte ich noch die Behauptung aufstellen,
daß auch die anderen in der Mab-Phantasie erfüllten Wünsche, die
eigenen brennenden Wünsche des unlängst in die Großstadt und
in die Nähe des Hofes gelangten jungen Shakespeare nach Ehre,
Reichtum und Liebe gewesen sein könnten; war er ja Zeuge am
Markt all dieser im London der großen Königin. Da die Wirklichkeit
des Tages ihm in der Erfüllung dieser Wünsche damals noch gar
nicht so gnädig war, konnte nur das kleine Ebenbild einer großen
Königin, die Königin Mab
„Nicht größer von Gestalt als der Achat
Am Zeigefinger eines Aldermanns . . ." 1
die im Traume zur Peenkönigin gewordene Mutter, all dieses
Glück ihrem Dichtersohne gewähren, welcher vor der harten
Wirklichkeit zu ihr, zur Wunscherfüllung in der Phantasie, im
Traume, in der Dichtung seine Zuflucht nahm.
gedrückt (= ein weiblicher Knabe) und so müssen wir Mab als eine hetero-
sexuell verhüllte Variation aus der Reihe der zahlreichen feenhaften „Wunsch-
knaben" unter Shakespeares Gestalten betrachten. Dadurch kann der in den
Angstträumen fast nie fehlende homosexuelle Zug auch in diesem Falle
nachgewiesen werden. (Vergleiche Abraham a. a. O.) Dieser meldet sich in
der Mab-Phantasie übrigens auch ganz offen, nur in der weiblichen Umkehrung:
ein Mädchen wird von Mab, von der Hexe — wie beim Koitus — gedrückt.
1 Shakespeares Vater war erster Aldermann (Ratsherr) der Stadt Stratford.
Der Ring ist ein nicht nur analytisch bekanntes nuptiales Symbol. Ein neuer
Beweis, daß Königin Mab die Mutter-Imago ist.
Eine Traumanalyse.
Von Dr. Sandor Radö, Budapest.
Der Traum, dem wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden, ist
in einer analytischen Behandlung vorgebracht und gedeutet worden,
und hat für das wissenschaftliche Interesse in zweifacher Hinsicht
Bedeutung erlangt. Seine Analyse führte zunächst zur Aufklärung
eines schwer durchsichtigen Falles von Neurose; die Anwendung
der neuen Einsicht ließ dann die psychische Konstellation eines
sozial recht merkwürdigen Menschentyps erfassen, deren Ent-
rätselung mich seit langem beschäftigt. 1 So sehr auch diese Mitteilung
unter den Einschränkungen leidet, die ihr die Person des Träumers
und die inhaltlichen Beziehungen des Traumes auferlegen, erscheint
sie doch durch einen besonderen Umstand begünstigt. Der Traum
stammt aus einer Phase der Behandlung, wo bereits alle verfüg-
bare Libido des Analysanden in die Übertragung eingefangen war
und schöpft sein Material aus dem Verhältnis des Träumers zum
Analytiker. So vermag er uns Einblick in die tiefsten seelischen
Regungen des Träumers zu eröffnen, ohne dessen reale Lebens-
beziehungen zu enthüllen, die seine Person verraten könnten.
Nach diesen Vorbemerkungen führen wir den Traum an, wie
ihn der Träumer erzählt:
„Ich gerate in ein Eckzimmer — flüchte mich
dorthin — oder verstecke mich dort — (unbestimmt)
— stehe dann vor einem Fenster. Ich bewundere
meinen mächtigen, großen, erigierten Penis und
schwinge ihn mit der Hand. Dabei fließt Urin ab,
sehr viel Urin... Obwohl die Fensterscheiben matt
sind, werde ich ängstlich, man könnte mich sehen...
Ich bemerke in der Schambehaarung ein weißes
1 „Der revolutionäre Führer." Wird später veröffentlicht.
Internat. Zeitsohr. f. Psychoanalyse, IX/3.
24
370
Dr. Sändor Radö
Haar, aber nein, es ist ja gar kein Haar, sondern
ein Band oder eine Schleife."
Zum Eckzimmer assoziiert der Träumer : „Schlafzimmer, die
sind ja meistens Eckzimmer . . . Das Schlafzimmer der Eltern . . .
Auch dies Zimmer da ist ein Eckzimmer, aber nein, es ist ja keines."
Mit diesem Irrtum verrät der Analysand, daß im Traume mein
Behandlungszimmer gemeint wird, das in Wirklichkeit kein Eck-
zimmer ist. Wir können dann bald konstatieren, daß es doch ein
Eckzimmer ist, nämlich ein Leck-Zimmer: die Wirtsleute, bei denen
ich meine Behandlungsräume miete, heißen Leck und der Träumer
kennt ihren Namen vom Türschild. „Auch das Zimmer ist ein
Eckzimmer, wo Sie gestern Abend ihren Vortrag hielten." Dies
ist nun wirklich ein Eckzimmer, im Eck eines L-förmigen Korridors
gelegen, also auch ein L-Eck-Zimmer. Der Traum verdichtet meine
Arbeitsräume, das Behandlungszimmer daheim und den Vortrags-
saal in der Poliklinik. Von dem weiteren Einfall „Abort" — die
matten Fensterscheiben — führen die Gedanken in die Vergangenheit
und ins Infantile. An den Namen „Leck" knüpft eine andere
Assoziationskette an, die durch die bekannte schmähende Auf-
forderung zum Analen führt.
Die Assoziationen zum Traumelement Fenster lassen sich
nicht wiedergeben. Setzen wir also gleich seine symbolische
Bedeutung ein, die mir aus vielen Analysen geläufig ist. Das
Fenster ist ein typisches Symbol für die aktive und passive
Betätigung des Schautriebes, hier für das Beschaut-werden. „Ich
stehe beim Fenster" dürfen wir also übersetzen : „Ich entblöße
mich, ich lasse mich beschauen." Aber auch er selbst beschaut
sich, bewundert seinen „mächtigen, großen, erigierten
Penis." Wir erkennen im Traumstück eine Art narzißtischen
Rauschzustand, der in autoerotische Befriedigung ausläuft: „Dabei
fließt Urin ab, sehr viel Urin . . " (Urin = Sperma). Objekt-
beziehungen — allerdings mit narzißtisch-passiver Zielsetzung —
deuten sich im Beschaut-werden an.
Die Hervorhebung des mächtigen, großen Penis ist uns als
die Überkompensation der Kastrationsangst gut bekannt und wir
sind darauf vorbereitet, unter den traumerregenden Momenten
irgendwo eine Kastrationsdrohung zu finden. Der Traumarbeit ist
es auch nicht gelungen, die Kastrationsangst vollständig zu binden,
denn bald wird die Glückseligkeit der Situation durch leichte
Eine Traumanalyse
371
Angstentwicklung gestört. „Man könnte mich sehen": der
Traum hat offenbar ein peinliches, mit Strafe drohendes Beobachtet-
werden zum exhibitionistischen Wunschgegensatz verwandelt, der
aber dem Durchbruch der Angst nicht fest genug standhält.
Das weiße Haar in der Schambehaarung erinnert
den Träumer an den weißen Bart seines Vaters. Die nächste
Assoziation: „Der weiße Bart des Prof. Freud" führt ihn abermals
in den Vortragssaal, wo er das Bildnis des Forschers hängen sah.
Das weiße Haar verwandelt sich aber im Traume in ein Band oder
eine Schleife. — Solche Verwandlungen von Gegenständen oder
Personen in den Träumen entstehen bekanntlich durch Mißlingen
der Verdichtungsarbeit des Traumes, zeigen uns eine Lücke in
dessen Gefüge an, einen guten Angriffspunkt für die Deutung. —
Zu Band oder Schleife fällt dem Träumer mein Vortrag ein,
in dem er diese Worte gehört hat.
Hier müssen wir die Fortführung der Deutung unterbrechen,
um ein Stück aus der Vorgeschichte des Traumes nachzutragen.
Am Abend, der dem Traume unmittelbar voranging, hielt ich einen
Kursvortrag, dem auch der Träumer beiwohnte. Der Vortrag war
der grundlegenden Charakteristik der Metapsychologie gewidmet,
ging auf die Entwicklung der drei Betrachtungsweisen ein und
versuchte durch die Herstellung wissenschaftsgeschichtlicher
Zusammenhänge deren Verständnis zu vertiefen. Bei der Würdigung
der seelischen Topik kam ich auf die neue Schrift von Freud
„Das Ich und das Es" zu sprechen, die uns neue Vorstellungen über
die psychische Struktur vermittelt. Es sei nicht meine Absicht,
bemerkte ich, auf den Inhalt dieser Arbeit einzugehen, ich möchte
nur ihre allgemeine Bedeutung aufzeigen, das Buch sozusagen mit
einer Schleife umgeben, wie sie im Schaufenster des Buchladens
neuerschienene Werke den Interessenten empfiehlt. Dies ist also
das Band oder die Schleife, der sich die Traumarbeit bemächtigt,
um sie im manifesten Traume dem Körper des Träumers anzu-
legen. Wir verstehen jetzt : er identifiziert seinen eigenen Körper
mit diesem Werke. „Das Ich" — ist er selbst, „das Es" — ist
sein Penis, also zusammen „Das Ich und das Es". Ein Werk ist
natürlich für die Traumsprache zugleich auch seinem Autor gleich-
zusetzen und so sieht man, daß sich der Träumer hier in einer
zweiten Darstellungsweise mit Prof. Freud identifiziert. Diese beiden
Ausdrucksmittel der Identifizierung — die Buchschleife und das
24*
J
372
Dr. Sändor Radö
weiße Haar — vermochte eben der Traum nicht zu einer Einheit
zusammenzuschweißen.
Die Assoziationen des Träumers beschäftigen sich dann mit
der Kritik meiner Person und meines Vortrages. Er konnte meine
Ausführungen nicht recht verstehen, es war vielleicht zu tiefsinnig
oder eher ganz unsinnig, was ich sprach. Die Anerkennung eines
guten, populären Redners wolle er mir aber nicht versagen, denn
es lasse sich nicht leugnen, daß das ganze Auditorium mit gespannter
Aufmerksamkeit meinen Ausführungen gefolgt sei. Dies könne er
aber lediglich der rednerischen Wirkung zuschreiben. Ich verstünde
es eben, wie jeder Volksredner oder Wortführer, mit meinen
schönen Phrasen die Hörer für eine Sache zu begeistern.
Dieses Material läßt mit aller Deutlichkeit die latenten
Gedanken hervortreten, die im manifesten Trauminhalt Ausdruck
finden. Wir sehen dabei, wie sich der Traum der bildlichen Elemente
einer gehörten Rede bemächtigt, was ihm die Mühe erspart, abstrakte
Vorstellungen ins Visuelle erst umzusetzen. Der Träumer nimmt
also im Traume das Band für seine Person in Anspruch, mit dem
meine Redewendung das Freudsche Werk umgab. Das läßt nur
eine Auslegung zu. Die Identifizierung mit Prof. Freud dient ihm
offenbar zur Erfüllung des Wunsches, mein Vortrag möge seiner
Persönlichkeit und seinen Leistungen gewidmet sein. Im Traume
ist er der Bewunderte, mit großartigen Fähigkeiten ausgestattete
Mann, der seine befruchtenden Ideen der Welt überläßt. (Die
befruchtenden Ideen — der abfließende viele Urin = Sperma.) Mich
setzt er von der Würde seines Analytikers und Lehrers herab, ich
darf mich aber in der bescheidenen Rolle eines guten populären Inter-
preten um die Würdigung seiner hohen Persönlichkeit bemühen.
Als ich dem Träumer dieses Stück der Deutung vorschlug,
stellte sich bei ihm sofort die bestätigende Erinnerung ein, er habe
schon am Vormittag des Tages, andern dann der Vortrag statt-
fand, die Phantasievorstellung gebildet, ich werde über ihn einen
Vortrag halten. Allerdings über seine Neurose, die durch ihre Eigenart
wissenschaftliche Bearbeitung verdient. Der Nachttraum des Analy-
sanden ist offenbar eine Reaktion auf meinen Vortrag; wir sehen
jetzt, wie er durch eine Tagesphantasie vorbereitet wurde, die den
Vortrag antizipiert hat.
Vor dieser Tagträumerei hatte der Analysand bereits den
flüchtigen Gedanken, daß er einen wissenschaftlichen Vortrag
Eine Traumanalyse
373
halte. Seine Auseinandersetzung mit mir anläßlich des Vortrages
hat also drei Entwicklungsphasen durchlaufen. Auf der ersten
Stufe befindet er sich in der Einstellung der feindseligen Rivalität;
er beseitigt mich und versetzt sich an meine Stelle. Die zweite
— der intensiv erlebte Tagtraum — bringt den Fortschritt von
der Identifizierung zur Objektbeziehung. Er beläßt mich in meiner
realen Rolle, knüpft dies aber an die Bedingung, daß ich mich mit
seiner Person beschäftige, also ihn liebe. Die dritte Etappe endlich,
der Nachttraum, ergibt sich durch Umbildung aus der zweiten:
ich soll ihn verehrend anerkennen und bewundern, was durch eine
entsprechende Erhöhung seiner und Herabsetzung meiner Person
erreicht wird. Schon die Identifizierung der ersten Phase hat es
auf die Anerkennung (Liebe) der Hörer abgesehen; die zweite
tauscht die Liebe der Hörer für meine Liebe ein, in der dritten
sichert er sich dann beides, indem er mich gleichsam als Mittler
zwischen die eigene Person und die Hörerschaft einsetzt.
Der Analysand erzählt weiter, daß er sich eigentlich an der
Diskussion beteiligen wollte, die sich meinem Vortrage anschloß,
von diesem Vorhaben aber durch mein unliebenswürdiges Benehmen
abgeschreckt wurde. Wie konnte ich nur — so lautet sein Vorwurf
— die Ausführungen des einen Diskussionsredners so unerhört
sarkastisch beantworten? „Man hätte ihn schonungsvoll über sein
Unverständnis aufklären sollen und durfte seine Anregung nicht
so kurz und gründlich abtun."
In jener Diskussion ereignete es sich wirklich, daß ich die
Besprechung einer weitabführenden philosophischen Frage, die von
einem Redner gestellt wurde, aus guten Gründen abgelehnt habe. Ich
tat es mit einem recht harmlosen Scherze, über den der Betreffende
selbst mitgelacht hat. Die kleine Szene bot also sicherlich keinen
realen Anlaß zu der extremen Auffassung, die sich in den Asso-
ziationen des Träumers ankündigt, noch weniger erklärt sie den
erregten Affekt seiner Rede. Er steht also offen bar unter der Herr-
schaft eines unbewußten Momentes, das sich aus seinen Einfällen
sofort erraten läßt. Indem er mein Gespräch mit dem Kursteilnehmer
in arger Übertreibung als eine „vernichtende geistige Niederlage"
desselben darstellt, faßt er mein Vorgehen unbewußt als Kastration
auf und versetzt mich damit in die Rolle des Kastrators. Seine plötz-
liche Einschüchterung war demnach der Effekt einer unbewußten
Kastrationsbefürchtüng, die in ihm durch den Vorfall geweckt wurde.
374
Dr. Sdndor Radö
Diese Aufklärungen entsprechen ganz der Erwartung, die wir
zu Beginn der Deutung dem Material entnommen haben ; wir merken
auch, daß sich jetzt die oberste Gedankenschichte des Traumes
einem klaren Zusammenhang einordnet. Der Analysand hat sich
am Tage auf den passiv-libidinösen Wunsch eingestellt, daß der
Arzt über seine Neurose einen Vortrag halten, d. h. ihn lieben soll.
Die Ereignisse des Abends erwecken aber seine Kastrationsangst;
er holt sich gleichsam aus ihnen die Bestätigung, daß er sich von
diesem Vaterersatz nicht ohne weiteres lieben lassen kann, weil
ihm das den Penis kosten würde. Der unerledigte Liebeswunsch
des Tages regt dann die Traumbildung an, stößt aber dabei neuerlich
auf die Kastrationsbefürchtung. Wir haben schon erfahren, wie es
dem Traume gelingt, beiden Regungen gerecht zu werden. Er
selbst (der Träumer) nimmt im Traume die Stelle des mächtigen
Übertragungsvaters (richtiger: Großvaters) ein, besitzt dessen groß-
artige Fähigkeiten (Penis), während er zugleich seinen analytischen
Vater herabsetzt, also kastriert. Von entscheidender Wichtigkeit
ist es nun, daß er sich dabei von dem bereits unschädlich gemachten
Vater bewundern (lieben) läßt, den passiven Liebeswunsch also mit
Umgehung der Kastrationsangst durchsetzt. Spricht er doch dem
Analytiker nur die wissenschaftlichen Fähigkeiten ab ; die Redner-
gabe, die der Träumer in den Dienst (Liebesdienst) seiner eigenen
Person stellen kann, wird ihm belassen.
Dieses vorbewußte, vom Wachdenken herrührende Gedanken-
material ist durchaus von zielgehemmten (zärtlichen) und sublimierten
libidinösen Strebungen beherrscht. Eine direkte, sinnliche Sexual-
regung ist nirgends zu sehen, auch die Kastrationsdrohung tritt
als „geistige Kastration" auf sublimiertem Niveau in Erscheinung.
Vielleicht ist es auf diesen Umstand zu beziehen, daß dann der
unbewußte, grob sexuelle Anteil im manifesten Traume so unverhüllt
zum Vorschein kommt, als wäre durch den scheinbar ganz asexuellen
Charakter der traumerregenden Wünsche ihr Zusammenhang mit
der grobsinnlichen Unterströmung vor|der Traumzensur zur Genüge
verborgen, so daß sich der Traumarbeit die Zuflucht zur symbolischen
Darstellung erübrigt. Für unsere gesicherte analytische Erfahrung
wird es dabei als selbstverständlich erscheinen, wenn sich der
unerledigte Tagesrest an zielgehemmten und sublimierten Libido-
regungen unter den Bedingungen des Schlafes aus dem Unbewußten
zur sexuellen Vollströmung ergänzt. Derauf ein „Gewürdigt- werden"
Eine Traumanalyse
375
gemilderte passive Liebeswunsch des Analysanden erreicht durch
einen gleichgerichteten unbewußten Beitrag volle — schlafstörende
und traumbildende — Stärke, hat sich aber dabei der ursprüng-
lichen, infantilen Zielsetzung des Unbewußten zu fügen. Wie dies
vor sich ging, werden wir gleich erfahren.
Greifen wir auf das erste Traumelement zurück, auf das
„Eckzimmer", dessen Gedankenkreis wir bisher außer acht ließen.
Ich erinnere an die Einfälle „Schlafzimmer der Eltern", „Abort",
sowie an das anschließende Gedankenmaterial, das oben nur
angedeutet wurde. Die Aufklärung dieses Traumstückes hat sich
als besonders schwere Aufgabe erwiesen und ist auch nicht voll-
ständig gelungen. Wir glaubten in ihm die Darstellung einer
Mutterleibsphantasie erblicken zu dürfen: der Träumer befindet
sich im Arbeitsraume des (analytischen) Vaters, also im Leibe der
Mutter. Die Phantasie ist auf der Stufe der analen Geburtstheorie
gebildet, sie erfaßt das Körperinnere der Mutter als einen mit
Darminhalt gefüllten Hohlraum („Abort"). Als Absicht dieser
Phantasiebildung ergab sich aus den Andeutungen des Materials
der Wunsch, an Stelle der Mutter vom Vater koitiert zu werden.
Was sich am Tage als Zärtlichkeitsregung angekündigt hat,
bricht so im Schlafe als grobsinnliches Verlangen des Unbewußten
durch, und veranlaßt den erfüllenden Traumvorgang. Allein der
Traum stößt auf das Hindernis der Kastrationsangst, die ein
Erlebnis des Tages geweckt hat. Wir merken, es ist derselbe
traumbildende Wunsch und die nämliche störende Einwirkung, wie
sie F r e u d in seiner klassischen Traumanalyse „Aus der Geschichte
einer infantilen Neurose" 1 beschrieben hat. Dort hatte sich die
Störung als unüberwindlich erwiesen, die Wunscherfüllung scheitert
und der Traum läuft in einen Angsttraum aus.
Unser Fall zeigt einen anderen Ausgang. Der Sachverhalt
legt uns die Vermutung nahe, daß der Traum die im Scheitern
begriffene Lösung rasch fallen läßt, um es mit einer andern zu
versuchen. Ich entlehne diese Auffassung den vortrefflichen Beob-
achtungen, die Ferenczi einmal über die Traumarbeit mitgeteilt
hat. 2 Der Traum lenkt in kunstvoller Weise von einem nicht
1 Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 5. Folge.
2 „Der Traum bearbeitet den das Seelenleben gerade beschäftigenden
Gedanken von allen Seiten her, läßt das eine Traumbild bei drohender Gefahr
des Mißlingens der Wunscherfüllung fallen, versucht es mit einer neuen Art
376
Dr. Sändor Radö
gangbaren Weg auf den zum Ziele führenden ein, wobei die bereits
geformten Traumstücke für die Zwecke des neuen Zusammenhanges
Verwendung finden. Die unbestimmt gehaltenen Angaben des Träu-
mers: „Ich gerate" in das Eckzimmer, „flüchte mich dorthin
oder verstecke mich dort" scheinen ihrem ursprünglichen Sinne
nach der ersten, verworfenen Traumkonzeption anzugehören,
während sie dann in ihrer zweiten Bedeutung den Abbruch der Szene
und den Übergang zum endlichen Traumbild darstellen. Man darf
dieses Traumelement bei unserem stark narzißtischen Träumer als
doppelschichtige „funktionale Symbolik" im ursprünglichen Sinne
S über er s auffassen; es veranschaulicht das Gewährenlassen des
Triebbedürfnisses als sehnsüchtiges Sichverkriechen in den Mutter-
leib, sodann die Furcht vor den Folgen des Triebanspruches als
ängstliche Flucht aus diesem Versteck.
Wie vollzieht sich nun diese Wendung des Traumes? Offen-
bar muß ihr eine entsprechende Umstellung des unbewußten
Traumwunsches zugrunde liegen. Wir können uns den Hergang
so vorstellen, daß die drohende Angstentbindung den Verzicht auf
das Koitusverlangen des Unbewußten erzwingt und die Ersetzung
dieser Triebregung durch die andere des Sich-beschauen-lassens
herbeiführt. Nach vollzogener Zielverwandlung kann die passive
Einstellung zum Vater im Traume Befriedigung finden. Immerhin
hat dabei .die Objektlibido etwas von ihrer Stärke eingebüßt, sie
tritt ihren Rang als führender traumbildender Faktor einem mit
voller Wucht einsetzenden narzißtischen Triebbedürfnis ab. Die
erwachende Kastrationsbefürchtung hat den Narzißmus des
Träumenden verletzt und ihre Überwindung wird jetzt zur Haupt-
aufgabe des Traumes. Als Überkompensation der Kastrationsangst
stellt sich, wie wir bereits gesehen haben, ein förmlicher narzißtischer
Jubel über den Besitz des kostbaren, mächtigen Penis ein, wahr-
scheinlich mit Hilfe eines Betrages von Objektlibido, das dabei aus
der Vaterposition ins Ich zurückgezogen wird. Mit dem Fortschritt
des Traumvorganges geht also eine partielle Regression von der
Objektstufe zum Narzißmus einher.
Soweit etwa wurde das Verständnis des Traumes unmittel-
bar nach seiner Erzählung gefördert. In späteren Sitzungen konnten
der Lösung, bis es ihm endlich gelingt, eine, die beiden Instanzen des Seelen-
lebens kompromissuell befriedigende Wunscherfüllung zu finden". (Über lenk-
bare Träume, Zentralbl. f. Psychoanalyse, 1912.)
Eine Traumanalyse
377
wir dann die Deutung um ein bedeutsames Stück ergänzen, nach-
dem der Träumer früher zurückgehaltenes Material der Analyse
preisgab. Es zeigte sich, daß der Traum eine libidinöse Objekt-
beziehung enthält, deren Sinn weit über das Sich - bewundern-
(beschauen)-lassen hinausgeht. Die kecke Exhibition des Traumes
(„ich schwinge den Penis mit der Hand") erwies sich
als eine Aufforderung an mich, ich möge seinen Penis liebkosen,
an seinem Gliede saugen. Dies war auch der richtige Sinn der
Assoziationen, die an den Namen „Leck" anknüpften, und die wir
vorerst nur auf das Anale bezogen hatten. Mithin ist auch in der
zweiten Traumkonzeption der passiven Liebeseinstellung zum
Vater eine Identifizierung mit der Mutter zugrunde gelegt. Er
befindet sich im „Leck-Zimmer" bedeutet: er ist ein Frauenzimmer,
an dessen Brust geleckt, gesaugt wird. Der verworfene Traum-
wunsch entsprach der Formel: der Vater soll mich koitieren, wie
er es mit der Mutter tat; der zweite, in Szene gesetzte lautet
dann : der (kastrierte) Vater soll an meinem Penis saugen, wie ich als
Kind an der Mutterbrust gesogen habe.
Das gleichzeitige Festhalten am Besitze des Penis — der
„männliche Protest" — und an der femininen Einstellung der
Mutteridentifizierung — wohl ein weiblicher Protest — ver-
einen sich hier zu einem höchst merkwürdigen Resultat. Der
Träumer hat zwar sein kostbares Glied behalten, es ist aber als
aktives Sexualwerkzeug entwertet, zu einem Ebenbild der Mutter-
brust geworden. Gleich zu Beginn der Deutungsarbeit äußerte der
Analysand, der Urin im Traume sei kein richtiger Urin gewesen,
denn er hatte eine dickflüssige Konsistenz und war von eigen-
artiger Farbe. Ich meinte damals, der Traum hätte ein Misch-
gebilde aus Urin und Sperma produziert und deutete es als Sperma.
Jetzt durfte die Analyse als dritten — wohl wichtigsten —
Bestandteil dieser organischen Komposition die Muttermilch
agnoszieren, die auch in Wirklichkeit durch einen penisförmigen
Körperteil entleert wird. Was man zunächst nur als Ejakulations-
akt auffassen konnte, erweist sich jetzt als ein verführerisch-
anlockendes Herausspritzen von „viel, viel" — Milch.
Durch das Einfügen dieses fehlenden Stückes in die Struktur
des Traumes fällt auch auf dessen vorbewußte Gedankenschicht
neues Licht. Jetzt sieht man erst mit voller Klarheit, wie die
höhere Geistestätigkeit des Träumers in allen Einzelheiten durch
Dr. Sändor Radö
die terdrängten libidinösen Triebansprüche beherrscht wird, deren
Bewältigung sie in der Sublimierung anstrebt. Erst will der
Träumer sich, seine Neurose der wissenschaftlichen Bearbeitung
des Analytikers preisgeben, schrickt dann vor einer vermeintlichen
Kastrationsdrohung, die er auf sein Intellekt bezieht, zurück, und
führt nun seinerseits die intellektuelle Kastration am Analytiker
aus, indem er ihm die wissenschaftliche Befähigung abspricht;
zugleich aber beeilt er sich schmeichlerisch dessen Rednergabe
(„Zungenkunst") zu rühmen, als wollte er sagen: mit deinem
Munde sollst du mich lieben. Dieser Wunsch wird dann in der
Traumphantasie auf eine ganze Schar von Jüngern (= Kinder
= Hörer des Kurses) ausgedehnt, sie alle sollen sich, unter der
Führung des Analytikers an der von ihm gespendeten geistigen
Nahrung (= Milch) satt saugen. Der Befriedigung durch das
väterliche Genitale konnte er sich nicht ergeben. Zum Ersatz
bietet er dem entmannten Vater die Brüste seiner Wissenschaft-
lichkeit, sichert sich so die passive Lust der stillenden Mutter und
darf zugleich durch Identifizierung die unvergeßliche Wonne
des saugenden Kindes mitgenießen. (In den Assoziationen: die Hervor-
hebung der gespannten Aufmerksamkeit, mit der das Auditorium
meinen Ausführungen folgte.)
Ich kann es nun sehr kurz angeben, welche Bedeutung diesem
Traume für die Analyse des Träumers zukommt. Der Traum ist
die getreue Reproduktion eines entscheidenden Stückes seiner
infantilen Sexualentwicklung und klärte den vielleicht bedeut-
samsten Teil seiner Neurose auf. Ich möchte hier noch einmal den
Ablauf des Traumvorganges darstellen: „Der Vater soll mich per
Anum koitieren — das darf ich nicht zulassen, weil er mich dazu
kastrieren müßte — ich kastriere den Vater — er soll an meinem
Penis saugen". Diese Formel beschreibt vollinhaltlich den negativen
Ödipuskomplex des Träumers; die Analyse konnte ihr eine Fülle
früher nicht verstandenen Materials subsumieren und durfte in
ihrer Verarbeitung die entscheidende therapeutische Aufgabe
erblicken. Ich habe in der Traumanalyse alles beiseite gelassen,
was sich auf die Lebensverhältnisse des Träumers bezog und kann
auch über seine Neurose nur allgemein gehaltene Andeutungen
und theoretische Konstruktionen geben. Ich verkenne es nicht,
wie blaß und eindruckslos solche Abstraktionen sind, wenn man
dem Leser die lebendige Wirklichkeit, die hinter ihnen steht, vor-
Eine Traumanalyse
379
enthält ; aber wir wissen ja, daß diesem Übel der psychoanalytischen
Darstellung nicht abzuhelfen ist.
Alle Schwierigkeiten, die Kindheitsgeschichte des Analysanden
aufzuhellen, haben sich aus dem Umstände ergeben, daß die Phasen
seines soeben isoliert dargestellten negativen Ödipuskomplexes
in Wirklichkeit mit den Manifestationen eines führenden positiven
Ödipuskomplexes durchzogen waren. Ich will aus all diesen unend-
lich komplizierten Kreuzungen und Verquickungen beispielsweise
nur ein Moment anführen. Der Wunsch, an seinem Genitale lieb-
kost zu werden, war bei ihm ursprünglich auf ein weibliches Objekt
gerichtet, auf eine Kindermagd, und wurde dann nach einer Ent-
zweiung mit dieser, als Zielsetzung in das Liebesverhältnis zum
Vater hinübergenommen.
Wir müssen hier von diesen Verwicklungen des Falles ganz
absehen und wollen dafür das Endergebnis, zu dem die homo-
sexuelle Libidoentwicklung der Kindheit führt, einer vergleichenden
Betrachtung unterziehen. Und zwar ist es naheliegend, den Fall
mit der von Freud beschriebenen „Infantilen Neurose" (1. c.) in
Parallele zu setzen. Dort ist bekanntlich der kleine Knabe nach
Verdrängung seines auf den Vater zielenden passiven Koitus-
wunsches an einer Wolfsphobie erkrankt, die in der Befürchtung
gipfelt, von diesem Vaterersatz gefressen zu werden. Seine Sexual-
strebung hält also, wie Freud ausführt, in der Neurose am selben
Objekt und an der nämlichen passiven Zielsetzung fest, sie ist nur
regressiv vom genitalen Niveau auf die kannibalistische Stufe
zurückgewichen. In unserem Falle finden wir die gleiche Konstel-
lation: Festhalten und Herabsetzung des Objekts auf die orale
Stufe bei Wahrung des passiven Triebzieles, nur wird hier die
neue Einstellung ohne Neurose, gleichsam als normales Produkt
der Libidoentwicklung erworben, da sie nicht zur Angst führt,
sondern Lust verspricht.
Es ist leicht zu erraten, daß der so verschiedene Ausgang
durch eine Verstärkung der Mutteridentifizierung bedingt ist, die
sich in der Geschichte des hier geschilderten Falles nach der Ver-
drängung der Homosexualität hergestellt hat und deren Wieder-
belebung auf neuer Basis ermöglichte. In der Wolfsphobie ist die
Passivität des Sexualzieles beibehalten, aber die feminine Ein-
stellung der Mutteridentifizierung aufgegeben — sie war ja ein
Erfolg des männlichen Protestes. In unserem Falle setzt sich —
380
Dr. Sändor Radö
wie schon erwähnt — trotz des männlichen Protestes auch die
feminine Einstellung durch, mit dem Effekt, daß das Kind nicht
zu befürchten braucht, in toto vom Vater gefressen zu werden,
sondern ihm ein Körperprodukt (Urin = Milch) als lustvollen
Fraß überlassen kann, wie es einst die Mutter tat. In der Wolfs-
phobie geht die Regression auf die sadistisch-orale, in der Sauge-
situation auf die praeambivalent-orale Organisationsstufe zurück,
im Sinne der neuerdings von Abraham eingeführten Unter-
scheidung.
Ich bin so ausführlich auf die Würdigung dieser Differenz
eingegangen, weil in ihr ein für die spätere Geschichte des Falles
entscheidendes Moment niedergelegt ist. Zwar wird auch die als
frühinfantiler Säugeakt retablierte Homosexualität durch die reale
Versagung der Kindheit dem Untergange verfallen, aber sie erweist
sich in hohem Ausmaße sublimierungsfähig und kann später zu
Mehrleistungen führen, oder neuerdings gescheitert in Neurose
umschlagen. Damit wollen wir auch die infantile Sexualperiode
verlassen, um ebenso fragmentarisch die Lebensschicksale kennen
zu lernen, die der Herangereifte von der Pubertätszeit bis zur
Analyse mitgemacht hat.
Bei sehr stark ausgeprägter bisexueller Anlage und einer
bewegten Kindheit war ihm die Aufgabe gestellt, die verschiedenen
Strömungen seines „vollständigen Ödipuskomplexes"
(Freud), die dazu nach mehreren Stufen der Libidoentwicklung
gespalten waren, in ein möglichst einheitliches Sexualstreben
zusammenzufassen. Diese Aufgabe wurde in einer verhältnismäßig
einfachen Weise gelöst, aber die Neurose ließ sich nicht vermeiden.
Seine mehrfach geschichtete Homosexualität wurde vollständig
beiseite geschoben, er ist in seiner direkten Sexualbetätigung
durchgängig heterosexuell geblieben. Die Überwindung des positiven
Ödipuskomplexes ist ihm mehr-minder geglückt; er hat den
Fortschritt zum realen Sexualobjekt vollzogen, und erwies sich,
von geringeren Potenzstörungen abgesehen, in dem bescheidenen
Ausmaße liebesfähig, den sein nicht geringer Narzißmus zugelassen
hat. Ein ansehnlicher Betrag von homosexueller Libido wurde
der Sublimierung zugeführt und stand ihm für soziale Verwendung
zur Verfügung. An der Bewältigung dieser sublimierten Libido ist
er dann in entscheidender Weise gescheitert, denn sie hat ihre
Herkunft aus dem Verdrängten nicht verleugnet und versetzte
Eine Traumanalyse 381
sein ganzes soziales Gehaben unter einen unerbittlichen Zwang,
dessen Wesen durch die nicht überwundene negative Ödipus-
konstellation festgelegt war. Das soziale Verhalten des durch-
schnittlichen Normalmenschen ist durch eine nicht unerhebliche
Anpassungsfähigkeit ausgezeichnet, die ihm in seinen Zielsetzungen,
in der Auswahl der Mittel und Wege innerhalb gewisser Grenzen
eine vernünftige Rücksichtnahme auf die Verhältnisse der aktuellen
Realität gestattet. In unserem Falle wird die Lebensarbeit nach
einem starren und unabänderlichen „Klischee" verrichtet, das sich
stets von neuem reproduziert, mag es seine Untauglichkeit noch
so genügend bewiesen haben. Dadurch gestaltet sich der Fall zu
dem, was nach dem Vorschlage Alexanders den Namen einer
„Schicksalsneurose" verdient. Doch vergessen wir nicht:
indem ich hier Hetero- und Homosexualität einer Person so
reinlich voneinander scheide und ihre Neurose ganz auf die letztere
beziehe, so ist das natürlich eine vergröberte Schematisierung,
die sich aber durch praktische Momente rechtfertigt.
Wie ist nun dieses Klischee der Neurose geformt ? Etwa so :
In allen Lebenslagen orientiert sich das Verhalten des Analysanden
nach einer Mannesperson, die er zum Vaterersatz erhebt. Er will
im Sinne der unzerstörbaren alten Gefügigkeit sich seine Liebe
sichern — eine Phase, die er meistens mit großer Geschwindigkeit
durchläuft. Denn früher oder später entdeckt er mit einer Treff-
sicherheit, die ihre Absicht nie verfehlt, feindselige, gegen ihn
gerichtete Tendenzen im Benehmen des Wahlvaters — nötigenfalls
hat er sie selbst provoziert — auf die er dann mit Kastrations-
befürchtung reagiert, ganz wie wir es im Spiegelbilde seines
Traumes gesehen haben. Es setzt ein leidenschaftlicher Haß
mit trotziger Auflehnung gegen den Vater ein; zugleich Beginn
einer eifrigen sozialen Tätigkeit, die es auf das Gewinnen von
Anhängern und auf reale Erfolge absieht. Sie entspricht dem
Streben nach jenem Geliebtwerden von den vielen Kleinen,
das ihm das nichterreichbare Geliebtsein von dem einenGroßen
ersetzen soll, also der zweiten Plattform seiner femininen Ein-
stellung. Diese Situation ist unzweifelhaft passagerer Natur, zu
bleibender Existenz nicht fähig, und verrät deutlich ihr endliches
Ziel. Die Liebe der Kleinen, der Erfolg, soll ihn in seiner narziß-
tischen Männlichkeit (im Besitze des Penis) befestigen. Wenn er
den Vater überflügelt und seine Anerkennung erzwingt, so ist
382
Dr. Sändor Radö
dieser kastriert und als Kastrator unschädlich gemacht. Dann darf
die Sehnsucht der primären femininen Einstellung Erfüllung finden,
er kann sich bleibend der Liebe des Vaters hingeben, die seinen
Penis nicht mehr gefährdet. Was sich so in der Neurose in
gesonderte Phasen zerlegt — (Geliebtwerden durch die Kinder —
Kastration des Vaters — Geliebtwerden durch den zum Kinde
gemachten Vater) — erschien im Traume zu einer wunscherfüllenden
Einheit verdichtet.
In der Neurose bringt er es wohlgemerkt niemals so weit ;
das endliche Abzielen auf die Erfüllung der Vatersehnsucht ist
zwar mit Sicherheit zu konstatieren, aber er bleibt tatsächlich in
der zweiten, rebellischen Einstellung stecken. Er ist nämlich in seiner
Leistungsfähigkeit durch schwere Arbeitshemmungen gelähmt,
die ihm den ersehnten Erfolg zu erreichen einfach nicht gestatten.
Aus der zusammengesetzten Struktur dieser Hemmungen möchte
ich nur das Leitmotiv hervorheben, das als Gegenströmung zur
Kastrationsangst in der Gestalt eines Kastrationswunsches sein
Seelenleben durchzieht. Die trotzige Auflehnung gegen den im
Grunde sehnsüchtig begehrten Vater („Ich werde es Dir schon
zeigen") gestaltet sich zu einer sehr ergiebigen Quelle von —
meistens nicht bewußten — Schuldgefühlen, die aus einer tiefen,
bedingungslos femininen Einstellung (wahrscheinlich konstitutionell)
libidinisiert, eine Art masochistisch-straferfüllender Selbstkastration
erzwingen, die sich in dem Verbote Ausdruck verschafft: „Du
kannst es ihm nicht zeigen, Du darfst seine männliche Größe nie
erreichen" — geschweige denn sie übertreffen. 1
Wäre diese verhängnisvolle Strömung nicht am Werke, so
könnte sich die libidinöse Runde — vom Vater über die Kinder zurück
zum Vater — in befriedigender Weise schließen. So aber läuft die
Arbeit der Neurose in ein endloses Ringen aus ; Trost und Linderung
1 Zur Korrektur dieser abkürzenden Darstellung sei hier bemerkt, daß
in der Auflehnung gegen den Vater mit dem dargestellten Motiv auch die
gleichsinnige Strömung aus der positiven Ödipuseinstellung zusammenwirkt;
in der analytischen Arbeit verleiht sie ihr sogar meistens die oberflächliche
Färbung, während das ökonomisch entscheidende homosexuelle Motiv in der
Tiefe verborgen bleibt. Entsprechend verstärken sich die Schuldgefühle der
Vatersehnsucht mit der Gewissensreaktion auf das Inzestverlangen nach der
Mutter. Der ganze Sachverhalt zeigt in vorbildlicher Weise, wie aus den
heterogenen Regungen des „vollständigen Ödipuskomplexes" einheitliche
Strebungen hervorgehen.
Eine Traumanalyse
383
bieten nur die perennierenden Wunschphantasien, die den real
nicht erreichbaren großartigen Lebenserfolg vorwegnehmen. Diese
Phantasien sind einfach gebaut und beruhen auf der Identifizierung
mit großen Männern unserer Zeit (Tolstoi, Haeckel u. a. m.). Die
Identifizierung mit Prof. Freud, die uns im Traume begegnete,
ist das abschließende Glied einer Reihe und die ihr entsprechende
Phantasie eine Neuauflage älterer Vorbilder.
Heiliges Geld in Melanesien.
Von Dr. Geza Röheim.
Jede Wissenschaft entwickelt allmählich ihre eigene Methode,
nicht etwa auf abstrakt-logischer Grundlage, sondern aus der
Empirie der stets wachsenden Materialkenntnis. In der Vorzeit
der Ethnologie glaubte man, daß die auffallenden Übereinstimmungen
in den Sitten weit voneinander wohnender Völker nur durch
Wanderung oder Urverwandtschaft erklärt werden könnten. Dann
wurde die Zahl der anzunehmenden Wanderungen so groß, die
Fülle der Übereinstimmungen so verblüffend, daß man das Spiel
lieber ganz aufgab. Man entdeckte so die allgemeinen Gesetze des
Menschengeistes, die Elementargedanken. Aber das Material war
im steten Anwachsen begriffen, es reichte jetzt schon aus, um
Monographien über geschlossene Gebiete zu schreiben ; neben dem
Allgemeinen ließ sich auch das Spezifische, wir können auch sagen
das Historische herausarbeiten. Die historische Ethnologie ist
freilich noch immer keine Geschichtswissenschaft, denn sie konstru-
iert ja das zeitliche Nacheinander aus einem räumlichen Neben-
einander. Sie hat jedoch der rein „evolutionistischen" Ethnologie
voraus, daß sie doch einige Schritte in die Tiefe gehen kann,
indem sie das Nebeneinander der Erscheinungen auf engumgrenztem
Gebiete zum Ausgangspunkt nimmt, während die „evolutionistische"
Schule, da sie sich dieses wichtigen Hilfsmittels — es entspricht
etwa der freien Assoziation in der Analyse — beraubte, zu rein
aprioristischen, von einer völlig veralteten Psychologie inspirierten
Schemata ihre Zuflucht nahm. Freilich droht jetzt die neue
Gefahr eines geistlosen, nichts erklärenden Historizismus. Ich
hoffe nun zu zeigen, wie wir mit Hilfe der historischen Ethnologie
die Schicksale der Völker und sozialen Einrichtungen in ihrer
gegenseitigen Bedingtheit in die Vergangenheit verfolgen und von
hier aus mit Hilfe der Psychoanalyse bis zu den ur- und vor-
Heiliges Geld in Melanesien
385
menschlichen Schichten herabsteigen können. In diesen Urschichten
liegt aber das allen Gemeinsame, hier konvergieren die Linien, die
von den verschiedensten Kulturkreisen gezogen werden, in einem
Punkte und von hier aus läßt sich dann auch der Rückweg zu
einer allgemeinen psychoanalytisch orientierten Ethnologie finden.
Ergebnisse, die am melanesischen Material gewonnen werden,
gelten zwar in vollem Maße eben nur für dieses Gebiet, deuten
aber doch Möglichkeiten an, deren Anwendung auf andere Menschen-
gruppen auch Klarheit in Verworrenes zu bringen imstande ist.
Im folgenden sei der Versuch unternommen, einige Schritte
auf dem langen Wege der- „Phylogenie des Geldinteresses", wie
sie F e r e n c z i als Parallele zu seiner „Ontogenie" mit
Recht fordert, vorzudringen. 1 Wir sprechen vom „heiligen
Geld" 2 in Melanesien, denn das Geld heißt auf der Gazellehalb-
insel tabu 3 und das bedeutet ja, wie bekannt, verboten oder
heilig. Bei den Duke of York-Insulanern heißt es diwara, irf Neu-
Britannien tambu, in Neu-Irland aringit. Hergestellt wird es aus
einer kleinen Muschelart, Nassa immersa, die in Nakanai an der
Nordküste von Neu-Britannien, hauptsächlich an den Wurzeln der
Mangrove-Bäume gefunden wird. In der Heimat besitzt die Muschel
nur geringen Wert als Tauschobjekt, doch wandert es von Dorf
zu Dorf, bis es zu den Einwohnern der Gazellen-Halbinseln, den
eigentlichen Abnehmern dieses Geldes, gelangt. Einen hohen Wert
erlangt das Geld aber erst, wenn es durch viele Hände gegangen
und dadurch seine ursprüngliche braune Farbe eingebüßt und ein
bleiches Äußere bekommen hat. 4 Aus unseren Quellen kann man
sich davon überzeugen, daß es sich hier schon um eine ziemlich
1 Siehe Ferenczi: Zur Ontogenie des Geldinteresses. Zeitschr. II. S. 512.
„Es ist zu erwarten, daß die phylogenetische und kulturgeschichtliche Ver-
gleichung des hier geschilderten individuellen Entwicklungsganges und der
Entwicklung des Geldsymbols, beim Menschengeschlechte überhaupt, einen
Parallelismus nachweisen wird."
2 Hahl: Nachrichten über das Kaiser- Wilhelms-Land. 1897. 74.
3 Vergleiche H. Schurtz: Grundriß einer Entstehungsgeschichte des
Geldes 1898. 39—49. Heiliges Geld.
* G. Brown: Melanesians and Polynesians 1910. 294, 296. W. Po w eil:
Unter den Kannibalen von Neu-Britannien 1884, 58. H. H. R o m i 1 1 y : The
Western Pacific and New Guinea. 1887, 24. Danks: The shell money of New
Britain. Journal of the Anthropological Institute. 1888. Andererseits findet sich
auch die Angabe, daß das Geld je schwärzer, desto wertvoller ist: R,
H. Codrington: The Melanesians. 1891. 323.
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 25
386
Dr. Geza Röheim
fortgeschrittene Form der kapitalistischen Gesellschaft handelt;
hohe Zinsen, unerlaubte Schliche, plutokratischer Hochmut und
auch Hochstaplertum : der gebildete Europäer wird hier wirklich,
wie Mephisto in der klassischen Walpurgisnacht, sagen müssen:
„Ich dacht hier lauter Unbekannte, und finde leider Nahverwandte!"
Doch der melanesische Hochstapler, der „tout comme chez nous"
hohe Zinsen verspricht, um dann mit dem Kapital zu verschwinden,
beruft sich seinen leichtgläubigen Kunden gegenüber nicht auf
seine hohen Verbindungen in Minister- oder Bankdirektorenkreisen,
er findet seine Stützen in der Geisterwelt, denn Geld ist eine
„Geistersache" und kann durch Geister vermehrt werden. In
manchen Gegenden hat man keine Kenntnis von der Herkunft
des Geldes; man glaubt, es würde den Menschen von den Geistern
gebracht und behandelt es mit einer gewissen heiligen Scheu. 1
Wir haben es hier eben nur auf diesen Punkt abgesehen, wieso
sich diese beiden Begriffe, das Heilige oder Verbotene und der
Begriff des Geldes in Melanesien decken?
Zunächst könnte man sagen, daß Tabu oder Tambu sei ja
im wesentlichen eine Einrichtung zum Schutze des Privat-
eigentums, 2 ein Verbotszeichen gegen Diebe und daher könnte
eine Verschiebung der Benennungen leicht stattfinden. Codrington
sagt : „Häuptlinge pflegten ihr Geld und andere Wertsachen zu
Verstecken und die Stelle mit dem Tambu zu belegen (das heißt
etwa unter einem Bann zu legen); jetzt, wo sich die Jugend nicht
mehr um das Tambu kümmert, graben sie nach Schätzen und
behalten, was sie finden." 8 Eine solche Erklärung kann uns
freilich nicht befriedigen, denn Tambu ist ja nicht nur das
Verbotene, sondern auch das Heilige. Des weiteren ist es, wie
die Eingeborenen treffend bemerken, „eine Geistersache", es
steht in engen Beziehungen zu den Geistern, das heißt zu den
Seelen der Abgeschiedenen. 4 Dementsprechend steht diese
Bezeichnung des Geldes als „heilig" nicht allein : auf den Salomo-
1 R. Parkinson: Dreißig Jahre in der Südsee. 1907. 82, 83.
2 Vergleiche W. H. R. Rivers: The History of Melanesian Society.
1919. II. 219, 384,512. H. B. G u p py : The Solomon Islands and their Natives.
1887. 32.
3 R. H. Codrington: The Melanesians. 1891. 63.
4 „The gods being no more than deceased Chiefs, the chief was regarded
as a living god." R. Taylor: Te ika a Maui. 1855. 64.
Heiliges Geld in Melanesien 387
inseln heißt das Geld „rongo", ein Wort, welches sonst in
Ozeanien und wahrscheinlich auch auf den Salomonen heilig
bedeutet. 1 Mehr noch wie im profanen Leben spielt das Geld in der
Geisterwelt eine Rolle. Um Aufnahme in die verschiedenen Geheim-
bünde zu finden, muß man Muschelgeld erlegen und um einen
Grad höher in der Hierarchie aufzusteigen, wieder Muschelgeld.
Erscheint der Duk-Duk oder Tubuan bei den großen Festlichkeiten
oder am Grab eines Toten, so fordert er Geld und immer wieder
Geld. 2 Ebenso geht es im Totenkult zu. Man gibt dem Toten seine
Schätze mit ins Grab und große Rollen von Muschelgeld werden
an die Trauernden verteilt. 3 Hinzuzufügen wäre nur noch, daß
1 W. H. R. Rivers: History. II. 390. Rongo im eigentlichen Sinne
scheint nur das rote Muschelgeld gewesen zu sein und rot ist auch sonst
die heilige Farbe. In Neuseeland finden wir Rongo personifiziert als Gottheit
der Kulturpflanzen, hauptsächlich des Kumara. G. Grey: Polynesian Mytho-
logy. 1855. 9—12. J. White: Ancient History of the Maori, his Mythology
and Traditions. 1889. III. 97, 108. Ed. Tre gear : The Mäori Polynesian Com-
parative Dictionary. o. J. 424. In Mangaia finden wir Tangaroa und Rongo als
Zwillingskinder des Urelternpaares. Alles Rote gehört aber nicht, wie wir
eigentlich erwarten würden, dem Rongo, sondern dem Tangaroa. Rongo ist ein
Gott der Schatten, der schwarzen Farbe. Rot und schwarz zusammen,
wäre das nicht Sadismus und Analerotik? Zumal da Rongo die
Gottheit der Menschenopfer, des Krieges, einerseits, andererseits der Fülle, des
Reichtums ist. Das Wort bedeutet auch „tödlicher Haß". „Kua noo Rongo i
roto == tödlicher Haß erfüllte sein Herz." Als Gott der Unterwelt empfängt er
Menschenopfer aber „the refuse i. e. the body when thoroughly decayed
was thrown to his mother (Erdgöttin) who dwelt with Rongo in the shades
in order to please her". Es mangelt auch nicht an Anknüpfungs-
punkten an den Ödipuskomplex, beziehungsweise den Urhordenkampf,
er ist Urheber des ersten Krieges und Vater seiner Enkeln. W. W. Gill;
Myths and Songs from the South Pacific. 1876. 10—19. Es ist überflüssig,
diese mythologischen Tatsachen im einzelnen zu deuten, ihr Sinn und
Zusammenhang mit der „Heiligkeit" des Geldes wird sich dem Leser meiner
obigen Ausführungen von selbst ergeben.
2 Vergleiche Rivers: History of Melanesian Society. "1914. I. 64, 141,
168, 169. Codrington: The Melanesians. 1891. 92. R. Parkinson:
Dreißig Jahre in der Südsee. 1907. 81, 94, 579, 583, 587. H. H. Romilly:
The Western Pacific and New Guinea. 1887. 32, 33. Powell: Neu-Britannien.
65, 66. J. Meier: Mythen und Erzählungen der Küstenbewohner der Gazelle-
halbinsel. 1909. 115. Brown: Melanesians and Polynesians. 63, 64.
3 F. B u r g e r : Die Küsten- und Bergvölker der Gazellehalbinsel.
Studien und Forschungen zur Menschen- und Völkerkunde. XII. 1913. 32.
R. Thurnwald: Forschungen auf den Salomoinseln und dem Bismarck-
25*
388
Dr. Geza Röheim
die Geheimbünde ganz eigentlich auf dem Totenkult fußen ; die
Neophyten sind „Tamate", Geister, die Masken ursprünglich wohl
Schädelmasken, während die Tiergestalt des Maskenträger
„totemistisch", das heißt als tierische Inkarnation der abgeschiedenen
Seelen zu deuten ist. 1 Demnach vereinfacht sich das Problem zur
Fragestellung; woher die engen Beziehungen zwischen Geld
und Totenkult?
In einer großzügigen ethnologischen Arbeit ist es Rivers
gelungen, den Nachweis zu erbringen, daß die Bevölkerung
Melanesiens aus mehreren übereinandergelagerten Schichten besteht.
Die zweite Einwanderung, von Rivers Kawakultur 2 genannt, kam
aus Polynesien und überlagerte die eigentliche dunkelhäutige
Urbevölkerung. Diese Einwanderer brachten die Geheimbünde,
deren Grundlage der Totenkult war und welche die Macht besaßen,
das Tabu zu verhängen, mit sich. In diesen Geheimbünden bildete
sich auch das Geld aus, das heißt diese heiligen Muschel Objekte
gehörten zu dem Kultinventar der Geistergesellschaften. Woher
mag nun diese Rolle des Geldes im Totenkult stammen? Die
Psychoanalyse hat uns daran gewöhnt, daß wir die Handlungen
des Erwachsenen aus den Erlebnissen des Kindes, die Errungen-
schaften der Kultur aus den Urzeitereignissen der Menschheit zu
verstehen suchen. Da werden wir also annehmen dürfen, daß dem
Geld in den primitiven Formen des Totenkultes etwas anderes
entsprochen haben wird, daß das Geld eben eine Sublimationsform,
Archipel. 1912. III. 47. Rivers: 1. c. I. 59. Codrington: The Melanesians.
1891.254. Parkinson: Dreißig Jahre. 94,276. Analoges in Mikronesien.
Müller-Wismar: Yap. 1917. 257. Die großen Steinplatten, die als Geld
dienen, auch als von den Heroen der Urzeit herrührend geschätzt. W.H.Furness:
The Island of Stone Money. 1910. 92.
1 Vergleiche L. Frobenius: Über ozeanische Masken. Internationales
Archiv für Ethnographie. 1898. XI, 163. R. H. Codrington: Melanesians.
1891. 83, 84. M. Bartels: Über Schädelmasken aus Neu-Britannien. Fest-
schrift für Adolf Bastian. 1896. 0. F in seh: Ethnologische Erfahrungen und
Belegstücke aus der Südsee. 1888. 31, 32. 0. R e c h e : Der Kaiserin-Augusta-
Fluß. Ergebnisse der Hamburger Südsee-Expedition 1908—1910. 1913. 362.
„At Sapuna . . . after some time the skulls are exhumed and placed inside the
wooden figure of a shark." H. B. Guppy: The Solomon Islands and their
Natives. 1887. 53. Hauptsächlich aber Rivers: History of Melanesian Society.
1914. IL Kapitel XXIV, XXVII, XXX.
2 Kawa: die Wurzel des Piper methysticum. Durch Kauen wird daraus
«in leicht berauschendes Getränk bereitet.
Heiliges Geld in Melanesien
389
ein Kulturäquivalent eines anderen Stoffes ist. Um aber zugleich
auf historisch-ethnologischem Boden zu bleiben, nehmen wir die
Begräbnisriten des Tui Tonga zum Ausgangspunkt für unsere
weiteren Erörterungen. Denn der Tui Tonga, der heilige Häuptling
der Tonga-Insulaner, ist der typische Vertreter jener Oberschichte
der Kawakultur, der auch die Erscheinungen, die wir verstehen
wollen, beizuordnen sind. 1 Im großen und ganzen geht es dabei
zu, wie sonst bei den Begräbnissen großer Häuptlinge und wir
heben nur die abweichenden Züge hervor. Am Tag des Begräbnisses
werden die Trauernden kahl geschoren. Die wertvollsten Besitz-
tümer des Tui Tonga, wie Perlen, Matten, Wallfischzähne werden
ihm ins Grab mitgegeben, so daß unerhörte Schätze im Familien-
grab der Tui Tonga aufgehäuft waren. 2 Am Nachmittag wird die
ganze Umgebung des Grabes aufs sorgfältigste gefegt und gereinigt.
Die Trompeten ertönen und es wird ein Gesang, halb in einer
archaischen Form der Tongasprache und halb auf Samoanisch,
gesungen. „Während dieser Zeit kommen viele Männer der
Umgegend zusammen — berichtet Mariner — um eine
Zeremonie auszuführen, die nicht gerade zu den sonstigen
reinlichen Gewohnheiten der Eingeborenen paßt, doch es muß als
ein uralter religiöser Brauch betrachtet werden." Die Männer ent-
leeren sich nämlich auf dem Grab und ziehen sich dann zurück.
Dies geschieht bei Nacht; am nächsten Morgen erscheinen dann
die Töchter der höchsten Häuptlinge mit Körben und Muscheln,
um das Grab von den Exkrementen zu reinigen und keine traut
sich ihre Teilnahme an dieser Handlung der Selbsterniedrigung 3 zu
verweigern. So geht dies fünfzehn Tage lang; bei Nacht wird das
Grab von den Männern immer beschmutzt, am nächsten Tag
von den Frauen gereinigt. Am sechzehnten Tag erscheinen
die Frauen wieder, diesmal in ihren herrlichsten Gewändern, um
1 W. H. R. R i v e r s : 1. c. IL 493.
2 Lauter Gegenstände, die häufig als Wertmesser, als Geld dienen. Ver-
gleiche S c h m e 1 1 z: Schneeken und Muscheln im Leben der Völker Indonesiens
und Ozeaniens. 1894. Rivers: History II. 390. Mariner: An Account of
the Natives of the Tonga Islands. 1827. IL 181. Codrington: 1. c. 323.
3 „Das Essen mein, Exkremente dein" — eine neu-mecklenburgische Bitt-
form. P. G. Peekel: Religion und Zauberei auf dem mittleren Neu-Mecklen-
burg. Anthropos-Bibliothek. I. 3. 1910. 66. Auf den Gilbertinseln findet sich die
Sitte des Kotessens als tiefste Erniedrigung, welche selbst vor Todesstrafe
zu befreien vermag. A. Krämer: Hawaii, Ostmikronesien und Samoa 1906, 336.
390
Dr. Geza Röheim
die schmutzige Arbeit zu verrichten, aber sie finden keinen Kot
mehr, so daß sie das Fegen und Reinmachen nur andeuten.
Parallel mit dem Entleeren der Exkremente geht "eine andere
Sitte; man verteilt große Quantitäten von verschiedenen Speisen,
die dann eine Zeitlang tabuiert werden, unter den Leuten. 1 In der
Psychoanalyse sind wir gewohnt, das Schmutzigmachen der kleinen
Kinder in den Armen der Pflegepersonen als Liebesbeweise auf-
zufassen ; mit diesem Stoff, welches ihm so viel Vergnügung bereitet,
„bezahlt" das Kind die von der Mutter oder Amme gespendete
Milch oder es gibt Kot für Milch zurück, dem organischen Vor-
gang entsprechend. 2 Wir hätten somit die Defäkation am Grab des
göttlichen Häuptlings ähnlich aufzufassen; die Untertanen als
Kinder bekunden ihre Liebe zum Häuptling als dem toten Vater.
Doch eines dürfen wir nicht vergessen; der tote Häuptling nährt
seine Untertanen mit verschiedenen Speisen, die dann tabuiert
werden und sie erwidern ihm sein Wohlwollen mit ihren
Exkrementen. Wir wissen, daß die nach dem Tode tabuierte Speise
mit der Speise des Totenmahles in letzter Linie mit dem Menschen-
fleisch identisch ist. 3 Dann zwingt uns aber das Material zu
gewissen Schlüssen, die zunächst wohl überraschend wirken. Die
Brüder verzehrten den toten Vater und entleerten sich auf seinem
Grab. Die Exkremente waren heilig, tabu, weil psychisch identisch
mit dem Toten, der zur Speise der Lebenden geworden war. Er
hatte sie nach dem Tode mit seinem heiligen Fleisch gespeist, wofür
sie ihm einen ebenfalls heiligen Stoff, ihre eigenen Exkremente,
zurückerstatten. Etwas ähnliches geschieht in der „kannibalistischen"
Phase der Ontogenese. 4 Das Kind saugt an der Mutter Brust, sein
erstes Eigentum (Stärcke), und zahlt dafür mit seinen
1 Mariner: An Account of the Natives of the Tonga Islands. 1827. II.
181—185. Vergleiche „At the death of Tuitonga there is such a constant
feasting for nearly a month as to threaten a future scarcity of certain kinds
of provisions. To prevent which evil, a prohibition or taboo is af terwards laid
upon hogs, fowls and cocoa-nuts so that nobody but great Chiefs may use
them for food, under pain of death". Mariner: 1. c. I. 110, 111.
2 Vergleiche Aug. Stärcke: Der Kastrationskomplex. Int. Zeitschrift
für Psychoanalyse. VII. 24.
3 Für die Beweise dieser Auffassung siehe vorläufig meine Abhandlung:
Nach dem Tode des Urvaters. „Imago" IX. I. S. 83.
* Siehe K. Abraham: Untersuchungen über die früheste prägenitale
Entwicklungsstufe der Libido. Zeitschrift. IV. 71.
Heiliges Geld in Melanesien 391
Exkrementen. Die hier angenommene Identifizierung der verzehrten
Leiche mit den eigenen Exkrementen dürfte wohl Befremden
erwecken 1 , wenn wir nicht gewisse Vorstellungen der Polynesier vor
Augen hätten. Da heißt es aber in Mangaia: „er ward von den
Göttern gegessen". 2 In Anaa: „ein böser Geist ißt die Toten." 3
Aber der Geist wird von den Göttern nicht bloß gegessen; er
geht auch durch deren Organismus. Wenn die Götter den Geist
dreimal wieder entleert hatten, war der Tote wirklich unsterblich
geworden. 4 Also scheinen die Götter, das heißt die Toten früherer
Geschlechter, ebenso unappetitliche Gewohnheiten zu haben wie
die heutigen Seri-Indianer (siehe weiter unten), denn sie essen
fortwährend ihre eigenen Exkremente. Eigentlich sind es ja die.
Söhne, die den Vater aufessen, und auf dem Grab defäzieren, sie
projizierten aber diese Handlung auf ein vormenschliches Geschlecht,
welches zu den Toten im Verhältnis der Väter steht. Die Götter,
die Menschen essen, sind die Großväter, die in ihren Enkeln zu-
rückkehren. Wenn es auch heißt, daß die Exkremente die Speise
der Geister seiend so läßt sich das darauf deuten, daß die Menschen
eben auf dem Grabe defäzierten; aber auch so, daß Exkremente,
weil aus dem gegessenen Menschenfleisch geworden, eine geister-
hafte Speise sind. Sowohl die Leiche wie die Exkreta sind an-
organisch werdende oder gewordene organische Substanzen, beide
reizen die Riechnerven und beide sind schmutzig. Vielleicht gibt
es auch bisher nicht nachgewiesene Zusammenhänge zwischen den
Lebenstrieben und der Genitalerotik einerseits, 6 andererseits
zwischen Todestrieb und Analerotik, 7 vielleicht ist die Identifi-
zierung mit dem Toten in den Trauerbräuchen, welche Hand in
1 Inzwischen ist aber dasselbe von K. Abraham bei Melancholikern
beobachtet worden. (Berliner Kongreßvortrag.)
2 W. W. Gill: Myths and Songs from the South Pacific. 1876. 269.
3 R. L. Stevenson: In the South Seas. 1901. II. 28.
* W. Ellis: Polynesian Researches. 1830. II. 516, 517.
5 Th. W a i t z : Anthropologie der Naturvölker. VI. 328, 329. Parkinson:
Dreißig Jahre in der Südsee. 1907. 387. Codrington: The Melanesiens.
280, 288.
6 Siehe S. Freud: Jenseits des Lustprinzips. 1921.
7 Die Ichtriebe betrachtet Freud (siehe oben) als narzißtisch modifizierte
Todestriebe; gerade in dem Aufbau des Ichs (Charakter) spielt aber die Anal-
erotik eine besonders wichtige Rolle.
392
Dr. Geza Röheim
Hand mit der Analerotik geht, 1 nicht nur eine Identifizierung mit
dem toten Vater, sondern auch tiefer und allgemeiner eine Äuße-
rungsform des Todestriebes. Wie dem auch sei, steht es fest, daß
in der Periode nach dem Tode des Urvaters 2 eine Hem-
mung der genitalen und ein Vorherrschen der analen und der
mit diesen eng verbundenen oralen Triebe stattfand. Wir nehmen
an, daß diese Vorstufe der späteren Verdrängung ihre Libido-
zuschüsse teilweise aus diesen Triebkomponenten bezog, wobei
die Leiche das Objekt der Gegenbesetzung abgab. Die Leute, die
von der Leiche aßen, sich mit den Leichenflüssig-
keiten und Exkrementen beschmierten, 3 waren dem
Toten gleich tabu, d.h. heilig und schmutzig ge-
worden und ihre Heiligkeit nahm nur ein Ende,
nachdem sie sich mit Feuer und Wasser (Urethral-
erotik!) entheiligt, d. h. gewaschen hatten und nun-
mehr zur genitalen Erotik übergehen konnten. 4
1 Dieser Satz bezieht sich, auf eine Untersuchung über Trauerbräuche,
welche, mit anderen vereinigt, in Buchform publiziert werden soll.
2 Vergleiche meinen Kongreßvortrag (Zeitschrift VIII. S. 487, 488) und
die Arbeit über dieses Thema im „Imago", IX. H. 1.
3 Besonders „taboo" ist die Latrine. E. Best: Maori Medical Lore.
Journal of the Polynesian Society. XIV. 1.
4 Tabu aus dem Totenkult abgeleitet. „Die unglücklichen Leichenfrauen
Neuseelands geben uns einen Fingerzeig, der uns nach der wahren Richtung
weist: das Tabu erwächst aus Furcht vor der Rache der Toten." „In keinem
Falle," sagt Brown, „läßt sich die Macht des Tabu so deutlich erkennen, als
in jener Anwendung und Beziehung auf die Toten." H. Schurtz: Die Tabu-
gesetze. „Preußische Jahrbücher" LXXX. 1895. 57. „Die ganze Entstehung des
Tabu läßt sich auch an jenen Warnungszeichen verfolgen, die an Pflanzungen,
Fruchtbäumen und anderwärts angebracht werden. Die oben erwähnten
Formen, die den Dieb mit bestimmten Krankheiten bedrohen, sind offenbar
sekundär. Dagegen finden wir oft noch mit Vorliebe Figuren verwendet, die
große Ähnlichkeit mit den Ahnenbildern haben, in denen die Seele des Ver-
storbenen oder doch ein Teil von ihr fortlebend gedacht wird. Man deutet
durch diese Figuren an, daß die Bäume oder Früchte dem Geiste eines Ahn-
herrn gewidmet sind." Schurtz: Ebenda 59. Siehe besonders Rivers:
History IL 252, 314. et pa. Nach unserer Auffassung entsteht das Taboo, die
erste Hemmung „nach dem Tode des Urvaters" (siehe im „Imago" 1923), als
die Urform des „nachträglichen Gehorsams" (Freud: Totem und Tabu. 1913.
133), besser gesagt das Taboo ist der gegessene Urvater als nunmehr „intra-
psychisch" gewordene hemmende Macht. Über Schmutz und Lustration in den
Trauerbräuchen werde ich das Material an anderer Stelle vorlegen. In der
Diskussion bemerkt aber Dr. Ferenczi (Sitzung der ungarländischen Ver-
Heiliges Geld in Melanesien 393
Wundt hat die Reinlichkeit überhaupt auf diese Lustrationsriten
zurückgeführt. 1 Nun haben wir es ja in der Psychoanalyse oft
nachweisen können, wie aus dem analerotischen Kinde durch Ver-
drängung ein peinlich reinlicher Erwachsener wird und so ging
es auch mit der Menschheit zu. Tabu ist der Trauernde, der sich
in schmutzigen Riten mit dem Toten identifiziert, und wenn die
Exkremente aus der Alltagssphäre separiert und gemieden werden,
entsteht die Reinlichkeit. Er ist aber „taboo" in beiden Sinnen
des Wortes, weil er von den anderen gemieden werden soll und
weil er selbst etwas zu tun (koitieren) vermeidet. Da er sich jetzt
mit dem Vater identifiziert hat, so verteidigt er die Frau gegen
seine eigenen libidinösen Anschläge, wie es der Vater getan hat,
das heißt er verdrängt die Libido. Dies tut er, indem er sich mit
dem faulenden Leichnam identifiziert, er ist also jetzt tabu im
Sinne von „schmutzig" geworden. Wenn die Lebenstriebe sich
wieder geltend machen, endet das „Tot-sein" der Trauerperiode,
er wäscht sich und geht zum Weibe. Dann wäre es aber erklärt,
warum, wie Rivers betont, das Tabu in Melanesien entweder
direkt von den Geistern ausgeht oder von den Mitgliedern der
Geheimgesellschaften, die sich mit dem Toten identifiziert haben
und als Geister gelten, gehandhabt wird. Die Sitte, die Gräber
besonders rein zu halten, geht wohl auch von der Verdrängung
der analerotischen Totenbräuche aus.
Bei Naturvölkern, die aber doch schon eine mehr oder weniger
hochentwickelte materielle Kultur besitzen, haben die Söhne nach
dem Tode des Vaters zweierlei zu erwarten: die Frau und die
Erbschaft. Je höher wir in der Kulturentwicklung aufsteigen, um
so mehr wird der Zusammenhang zwischen dem Tod des Vaters
und dem Besitzergreifen des Weibes durch die Exogamie gelockert
und dafür tritt die Erbschaft stärker hervor. Diese besteht teilweise
einigung 1923. I. 5), die verunreinigende Wirkung des Taboo sei mit dem
Hinweis auf die Fäulnisstoffe in den Trauergebräuchen nicht erklärt; die
Frage sei eben, warum jene Stoffe als „unrein" empfunden worden wären.
Antwort: Die Abweisung der analen Lustformen gehe wahrscheinlich von den
Lebenstrieben (Genitalerotik) aus. In dem Eitus spiegelt sich übrigens der
„amphimiktische" Aufbau der Genitalerotik (Ferenczi: Versuch einer
Genitaltheorie. Zeitschrift VIII. S. 479), erst die anale, dann die urethrale und
als Verquickung die genitale Phase.
1 W. Wundt: Völkerpsychologie. IL 2. 1906. S. 322. Vergleiche J. Gold-
ziher: Wasser als Dämonen abwehrendes Mittel A. R. W. XIII. 20.
394
Dr. Geza Röheim
aus Gegenständen, die als symbolische Stellvertreter der Frau
angesehen werden müssen: Haus, Feld und Hof. Auf der Stufe,
welche der Bodenwirtschaft vorausgeht, spielen diese jedoch
keine Rolle, es handelt sich nur um persönliche Gebrauchs-
gegenstände, Waffen und Werkzeuge. Nun sind aber diese
schon längst in der Völkerkunde als „Organprojektionen" erkannt
worden. „Organprojektion ist das Versetzen des inneren Mechanis-
mus in die Außenwelt, wo derselbe sichtbar, phänomenal wird
und in seiner rein mechanischen Gestalt aufgefaßt, vervollkommnet
und so das Mittel einer stets klareren Erkenntnis wie auch
einer stets fortschreitenden Krafterhöhung werden kann." 1
Die Telegraphendrähte sind unbewußte Nachbildungen des Nerven-
systems, die Camera obscura ein Auge, das Klavier ein Gehörorgan. 2
Und ebenso auf primitiver Stufe; im Speer erblicken wir eine
Verlängerung des Armes, der Faustkeil ist eine unmittelbare
Verstärkung und Wiederholung der Faust, die Keule eine Kom-
bination beider, die Kleiderhülle eine Doubletteder natürlichen Hülle.
Wir machen nun den Versuch, die Lücke zwischen der
organischen und der supraorganischen Entwicklung zu überbrücken,
indem wir auf die bedeutende Rolle zunächst des tierischen, dann
aber auch des menschlichen Körpers bei der Herstellung dieser
Gebrauchsgegenstände hinweisen. „Der Indianer hat ja in Wahrheit
— sagt Karl von den Steinen — die wichtigsten Teile seiner
Kultur von den Personen erhalten, die wir heute Tiere nennen
und ihnen muß er sie noch heute wegnehmen. Zähne, Knochen,
Klauen, Muscheln sind seine Werkzeuge, ohne die er weder Waffe,
noch Haus, noch Gerät herstellen könnte. Er verdankt, was er
leisten kann, dem Piranya, dem Hundsfisch, dem Affen, dem
Kapiwara, dem Aguti usw." 3 Von den Tieren stammen die Werk-
zeuge her, Tiere werden als Personen, d. h. als Menschen betrachtet.
Tiere sind Totems, das Totem ein Vatersymbol. Gab es viel-
leicht eineZeit, in welcher die menschliche Leiche
die Hauptstoffe des Kulturfortschrittes, die ersten
1 L. N o i r € : Das Werkzeug und seine Bedeutung für die Entwicklungs-
geschichte der Menschheit. 1880, 52. Vergl. E. K a p p : Grundlinien einer Philo-
sophie der Technik, 1877. S. Ferenczi: Zur Psychogenese der Mechanik.
„Imago'', V., 398.
2 Noirö: ebenda 56—58.
3 K. von den Steinen: Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens.
1887, 309.
Heiliges Geld in Melanesien
395
Etappen der überorganischen Entwicklung lieferte?
Vom australischen Standpunkte betrachtet, erscheint dies nicht
unwahrscheinlich. Hier wird aus dem Schädel ein Trinkbecher, aus
Arm- und Beinknochen werden gefährliche magische Waffen, die
Haut wird ausgespannt und getrocknet, früher vielleicht über die
eigene Haut als zweite Hülle verwendet. 1 Das Haar wird zu
Schnüren, Netztaschen verarbeitet, Menschenblut ist ein Getränk
und Klebestoff, Menschenfett ein magisches Mittel, Menschenfleisch
eine Speise. 2 Hier bedeutet die Leiche selbst einen Besitz, ein
Eigentum, eine Erbschaft. DieSöhne, diedenVatertöteten,
hatten zweierlei Vorteile zu erwarten: seine Leiche
und die Weiber der Horde. In der Leiche als Gegen-
stand der Gegenbesetzung 3 erblicken wir aber das
Prototyp aller jener Gegenstände, die später die
Summe der materiellen Kultur ausmachen. Zuerst
erfolgt die Introjektion des gegessenen Vaters, dadurch die Selbst-
verdopplung in der Außenwelt 4 : Der Arm wird doppelt so stark,
wenn er durch den Arm des Vaters verstärkt ist. Hat man schon
gelernt, einen menschlichen Armknochen in der Hand zu halten,
so wird es schon leichter verständlich, wenn man sich mit einem
hölzernen Substitut begnügt. InderschwankendenStellung-
nahme zwischen dem Verdrängten (das Weib) und
der Gegenbesetzung (die Leiche des Vaters)
erblicken wir aber die beiden Pole, um die sich die
Gesellschaft dreht; das Eigentum und das Weib.
Wäre es vielleicht möglich, noch weiter zu gehen und auch den
Handel alsGüteraustausch auf seinen organischen
Prototyp im menschlichen Stoffwechsel zurück-
führen?
Um darauf antworten zu können, wollen wir einiges aus den
Gebräuchen eines sehr primitiven Stammes der kalifornischen
Indianer anführen. „Es ist unmöglich, ausführlich über die Nahrungs-
1 Vergleiche das einschlägige Material in meinen unveröffentlichten
Arbeiten „Australian Totemism", „The Pointing Bone".
2 Siehe die bekannten Werke von Howitt, Spencer und Gillen, W. E. Roth.
3 In der Trauerperiode identifiziert man sich oral und durch Berührung
mit der Leiche und entsagt dem Weibe; d. h. Libido wird der Mutter entzogen
und zur Besetzung der väterlichen Leiche verwendet.
* Siehe die Abhandlung von Ferenczi: Zur Psychogenese der Mechanik.
„Mago", V., 398.
396
Dr. Geza Röheim
Verhältnisse dieses Stammes (der Seri) zu berichten, ohne auf die
Sitte der systematischen Skatophagie einzugehen, welche außer
der ökonomischen auch noch eine religiöse Seite hat. In seiner
einfachsten Form kommt diese Sitte bei der Tuna-Ernte vor: die
Früchte werden in unerhörten Mengen verzehrt und nur unvoll-
kommen verdaut. Die Kerne haben nämlich eine harte Schale und
sind in solchem Zustand in den Exkrementen erhalten. Nach der
Ernte werden die Exkremente getrocknet und dann (wie die
Mesquite-Bohnen) in Körben gesiebt; das Produkt wird dann
gegessen und dies nennen sie die zweite Ernte. Dies ist auch die
einzige Form, in der sich die Seri-Indianer Vorräte beilegen und
kann auch als der Anfang betrachtet werden, aus dem sich ein
Gefühl für Sparsamkeit und Wirtschaft allmählich entwickelt". 1
Diese Bemerkungen des amerikanischen Ethnologen Mc Gee dürften
dem Psychoanalytiker nichts Neues sagen ; wissen wir ja längst,
daß die Sparsamkeit aus der Lust des Kindes an dem Zurück-
halten seiner Faeces abzuleiten ist. Hier finden wir nun ein Volk,
welches sich Vorräte tatsächlich in der Form von Exkrementen
ansammelt, d. h. in der Wirtschaft noch kaum über das
organisch Gegebene fortgeschritten ist. Daß es sich
aber nicht um eine Erscheinung handelt, die rein wirtschaftlichen
Gründen, etwa der besonderen Beschaffenheit der Tuna-Frucht
seine Entstehung verdankt, beweist die Tatsache, daß dieser zweimal
verzehrten Speise besondere Kräfte zugeschrieben werden. „Diese
ekelhafte Art, sich zu ernähren," sagt McGee, „steht in irgend
einem dunklen Zusammenhang mit den Totengebräuchen des
Stammes. An den Begräbnisplätzen der Seri finden wir überall
große Haufen getrockneter Exkremente, welche in Muscheln
sorgsam aufbewahrt sind." 2 Bei den Seri finden wir also in engem
Anschluß an dem Grabkult eine Wirtschaftsform, die sich unmittelbar
an dem organisch Gegebenen anlehnt, und bei den Tonganern,
daß sie an dem Grabe ihres göttlichen Häuptlings Speise erhalten
und dafür Exkremente hergeben. Aus einer vergleichenden
Betrachtung der Speisenverbote in den Trauerbräuchen einerseits,
des Totenschmauses andererseits ergibt sich aber, daß die Speise,
die am Grab verzehrt wird, ursprünglich der Tote selbst ist. D i e
Brüder, die den Vater gegessen hatten, regre-
1 McGee: The Seri Indiana. XVII. Report. Bureau Am. Ethn. 209, 210.
2 McGee: 1. c. 211—213. Siehe auch ebenda 291, 292.
Heiliges Geld in Melanesien
397
dierten auf die Stufe des „ontogenetischen"
Kannibalismus, indem sie den gegessenen Vater
mit der geliebten Mutter der infantilen Urzeit, die
ja auch ihre Kinder mit ihrem eigenenLeib speiste,
identifizierten. Dann wäre die Umwandlung der
Nahrung in Exkremente das Prototyp des Geld-
verkehrs, indem Nahrungsmittel und andereGüter
auf der einen Seite der Muttermilch, das Geld, das
man dafür gibt, aber den Fäkalien des Kindes ent-
sprechen würden.
Wir haben einen weiten Umweg vom Historischen ins
Prähistorische gemacht, hoffentlich um nun der Lösung unserer
eigentlichen Aufgabe, der Entstehung des heiligen Geldes in
Melanesien, gewachsen zu sein. Bei den Moanus werden am zweiten
Totenfest die Rippen des Toten unter seinen Verwandten verteilt
und gleichzeitig auch Geld. 1 Ursprünglich waren es wohl die
Lebenden, die dem Toten „Geld" (Exkremente) für seinen Körper
brachten, dann aber auch der Tote, der den Lebenden seine
faulende Leiche, d. h. Verwesungsstoff, Exkremente gibt. Eine
eigenartige Form des Opfers, auf den Banksinseln oloolo genannt,
wird wahrscheinlich aus dem Totenkult stammen. Es besteht
darin, daß Geldrollen auf den Steinen der Vui niedergelegt werden,
um von ihnen irgendwelche Vorteile zu erhalten. 2 Nun nennt
Codrington diese Vui zwar „Geister", d. h. Naturgeister im Gegen-
satz zu den Seelen, 3 aber Rivers hat gezeigt, daß es sich um die
Toten jener melanesischen Bevölkerung handelt, die vor der Kawa-
Kultur im Lande ansässig war. 4 Die Kawa-Kultur stammt aber
1 Parkinson: Dreißig Jahre. 405.
2 „He gets money and scatters it about the stone." Codrington: I.e.
140. Genau wie sonst das Geld, heißen diese Steine, denen Geld geopfert wird,
„rongo", d. h. heilig. Codrington: 1. c. 181. (Steingeld in Mikronesien
und auf den Neu-Hebriden ! R. Andree: Ethnographische Parallelen und
Vergleiche. 1878. 230—233.)
3 Codrington: 1. c. 123.
* R i v e r s: 1. c. II. 249, 414, 429. Sie fürchten die Trommel. C o d r i n g-
ton: 1. c. 171. (Ein Bestandteil der Kawa-Kultur) „Some vui have turned into
stones; some in the sea are men of old time turned into stones". „Some
stones above the waterfall are called dwellers in the land, the
native people of the stream". Codrington: 1. c. 182, 183. Im
Grunde genommen, findet auch Codrington „the nature of a vui and of a soul
398
Dr. Geza Röheim
sicher aus Polynesien und da das Geld eine Hauptrolle in den
Geheimgesellschaften spielt, die eben als Vertreter der Kawa-Kultur
anzusehen sind, werden wir es auch zu dem Inventar der Kawa-
Kultur rechnen müssen. Die polynesischen Einwanderer fürchteten
die magischen Künste der Eingeborenen und noch mehr die Macht
ihrer Toten, sie streuten also Geld auf die Grabsteine der Vui, um
diese Geister zu bestechen. (Rivers.) Aber die Sitte des Geld-
streuens auf das Grab oder das Vorbild dieser Sitte müssen sie
doch aus ihrer Urheimat mitgebracht haben. Nun hebt Rivers mit
Recht hervor, daß der Tui Tonga der Vertreter der spezifischen
Kawa-Kulturströmung ist 1 und gerade bei seinem Begräbnis finden
sich die schon erwähnten abweichenden Züge, die sonst im
Totenkult der Tonganer fehlen. Am Grab des Tui Tonga defäziert
man — dies war also eine Sitte der Kawa-Leute. In Melanesien
streuen nun eben diese Einwanderer Geld auf den Grabstein: hier
läßt sich einmal die von der Psychoanalyse entdeckte
Entstehung des Geldes historisch nachweisen.
Wir haben die Rolle des Geldes in den Riten der Geheim-
gesellschaften bereits flüchtig erwähnt, „Zunächst hat der Tubuan
das Recht, Strafen aufzuerlegen, die in der Regel in Zahlung von
Tabu bestehen und von ihm in Person einkassiert werden." Andere
zahlen dem Tubuan, damit er ihr Eigentum schütze oder, wenn er
eine Maskenvorstellung gibt. 2 Von diesen Geheimgesellschaften
wissen wir aber eines mit vollkommener Sicherheit ; ihre Mitglieder
nennen sich Geister und erscheinen den Außenstehenden als Stell-
vertreter der Toten. 3 Gibt man also dem Dukduk Geld, ist es
dasselbe, wie wenn man Geld ins Grab legt oder auf den Vui-Stein
streut. Nun läßt es sich aber auch nachweisen, daß die Riten der
Geheimgesellschaften sich aus dem Totenkult entwickelt haben
und gerade weil diese Geheimgesellschaften auch die Träger des
Tabu sind, schien es uns möglich, die Verdrängung einerseits,
die „beschmutzende" Eigenschaft des Tabu andererseits, aus dem
Totenkult in der Urhorde abzuleiten. An dem melanesischen Geld
ist aber sein Name wohl das Merkwürdigste; es wird mit Namen
is the same" „I have known a native of Mota writing of his inward feelings
to speak of his vui (1. c. 249)."
1 Vergleiche Rivers: 1. c. IL 433, 436, 595.
2 Parkinson: 1. c. 590, 591.
3 Parkinson: 1. c. 570. Rivers: II. 1. c. 205.
Heiliges Geld in Melanesien
399
belegt, die „heilig", „verboten" bedeuten (tambu, rongo), Geld wird
also wohl etwas gewesen sein, was ursprünglich nicht als Tausch-
mittel zwischen den Lebenden galt, sondern in dem Tauschverkehr
zwischen dem Lebenden und dem Toten eine Rolle spielte und
als Entgelt der heiligen Opfermahlzeit erschien. Aber die Ein-
wohner der Gazelle-Halbinsel entheben uns der Notwendigkeit, erst
auf mühsamem Weg Theorien über den Ursprung des Geldes
aufzustellen, indem sie, die es sicher besser wissen müssen, uns
die Sache selbst erzählen.
Es war einmal ein kleiner Knabe, der von seinen Eltern zu
essen verlangte. Sie sagten ihm: „Iß deine Exkremente und die
der Kinder, mit denen du immer spielst." Tödlich gekränkt geht
er fort und wird von einem Baumstamm auf den Rücken genommen.
Sie kommen in ein fremdes Land ; dort hüpfte ein Huhn auf dem
Strande herum. Dann fragte das Huhn den redenden Baumstamm :
„Wo kommt denn dieser Mensch her?" Der Baumstamm antwortet:
„Es verlangte ihn nach dem Auswurf des Meeres hier in Nakanai."
Mit dreißig Körben voll Muschelgeld gehen sie zurück in die Heimat
des Knaben, dort ist aber schon das Totengerüst und das Toten-
opfer, für den Knaben fertiggestellt. Durch die riesigen Ausgaben
an Muschelgeld sind die Eltern zu Bettlern geworden, er gibt ihnen
alles zurück und wird ein reicher Mann. Seitdem „tragen wir alle
großes Verlangen nach dem Auswurf der See in Nakanai". 1
Die Eltern verweigern dem Knaben die Speise, er mag
Exkremente essen, und er tut dies wirklich, wenn auch in subli-
mierter Form, 2 indem er an seinem eigenen Begräbnis erscheint
und die Auswürfe des Meeres bringt. Umgeordnet und in der
Längstvergangenheit sollte es heißen, die Brüder haben den toten
Vater gegessen (in der Sage, in negativer Form : die Eltern ver-
weigern die Speise, d. h. sich selbst) und auf der Leichen-
stätte defäziert. Ursprünglich war der Vater Held der Geschichte,
hier erscheint sie vom Sohnesstandpunkt umgedichtet. Der Vater
ist derjenige, der stirbt, und indem er gegessen wird und sich in
dem Magen des Sohnes in Exkremente verwandelt, bringt er
1 Jos. Meier: Mythen und Erzählungen der Küstenbewohner der Gazelle-
Halbinsel. Anthropos-Bibliothek I. 1. 1909. 95—105.
2 Wenn bei dem Tode nicht genügend Tabu verteilt wurde, dann reißt
der Geist im Jenseits dem Toten die Hinterbacken ab. Parkinson:
1. c. 79.
400
Dr. Geza Röheim
Exkremente, später die Exkremente des Meeres 1 (Muscheln) aus
dem Geisterreiche.
Der „heilige" Charakter des Geldes ist ein verräterisches
Zeichen, es kann nur von den Eltern-Imagines, phylogenetisch vom
gegessenen Vater, ontogenetisch von der gegessenen Mutter her-
stammen. Und nun kommen wir darauf, daß wir dies auch in
unserer unmittelbaren Umgebung hätten entdecken können und es
wäre uns die Mühe einer melanesischen Reise erspart geblieben.
Auf jeder Münze findet sich das Bild des Königs, tles Landesvaters,
er gibt sich in diesen Münzen den Untertanen stückweise hin.
Historisch scheinen aber andere Vertreter der Vaterreihe, nämlich
die Götter in dieser Rolle die Vorläufer der Könige gewesen zu
sein. „Die Götter waren die ersten Kapitalisten in Griechenland,
ihre Tempel die ersten Geldinstitute. 2 Alles hellenische Geld ist
sakral, das Münzfeld heiliger Boden, einem Tempelhause gleich,
welches ohne schwere Versündigung von keinem Sterblichen
bewohnt werden darf, und nirgends trat der Unterschied zwischen
Hellenen und Barbarensitte handgreiflicher zutage, als wenn man
auf ausländischem Gelde die Gestalten des Großkönigs und seiner
Satrapen erblickt, während bei den Hellenen auch die eigenwilligsten
Tyrannen es nicht wagten, sich mit ihrer Person vorzudrängen." 3
Es ist dann aber eine schöne Bestätigung unserer Auffassung,
wenn Curtius weiterhin ausführt, „daß das älteste europäische Geld
ein Symbol trägt, durch welches die zum heiligen Besitz der
Aphrodite gehörigen Gegenstände gekennzeichnet zu werden
pflegten, denn in ihren Tempelinstituten hatten die hölzernen Fuß-
bänke die Gestalt von Schildkröten und die Göttin selbst wurde
auf dem Rücken des Tieres abgebildet". 4 Die griechische Aphrodite
ist aber nur eine hellenisierte Form der Ischtar-Astarte-Kybele —
der „Großen Mutter" des alten Orients. Und aus ihrem Kultus
stammt das Geld! — wie das Kind an der Mutterbrust saugt und
dafür mit Exkrementen „bezahlt". Curtius weist auch darauf hin,
daß die Bedeutung des Geldes in dem Kult der Aphrodite-Ischtar
1 Über die Sitte, die Toten ins Meer zu versenken. Parkinson: I.e. 483.
Rivers: I.e. II. 269—272.
2 Curtius: Über den religiösen Charakter der griechischen Münzen.
Monatsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften. 1869. 466.
3 Curtius: 1. c. 471.
4 Curtius: 1. c. 474.
Heiliges Geld in Melanesien
401
eng mit der Erotik verknüpft war; 1 Mädchen werden im Heiligtum
der Muttergöttin von Fremden entjungfert und das Geld, welches
sie dafür erhalten, wird der Aphrodite geheiligt. 2
Es bleibt uns nur ein kleiner Nachtrag übrig. Von jeher
standen sich zwei Auffassungen des Opfers gegenüber: die
nüchtern-rationalistische des Geschenkes um des Tausches
willen „do ut des" und die „mystische" der oralen Kommunion.
Indem wir nun auch die libidinöse Wurzel der ersten Opfer-
art aufgedeckt haben, wird es uns möglich, beiden Theorien
gerecht zu werden. Auf oralem Wege identifiziert sich
das Kind mit der Mutter, die Brüder derürhorde
mit dem getöteten Vater, andererseits „opfert" das
Kind der Mutter auch seine Fäzes, als Geschenk,
als Bezahlung für empfangene Gaben, 3 um wieder
neue Gaben zu erhalten. Auf den Steingräben der Vui streut
man Geld. Bei den Kabi und Wakka steigt ein Zauberer zum Zauberer
höchsten Grades empor, indem er dem Regenbogengeist die Quarz-
kristalle, die sich in seinem Inneren befinden, hingibt und dafür
von diesem „bukkur" den magischen Strick (Nabelschnursymbol?)
erhält. 4 Wir glauben daher die infantile Wurzel des
Tausch- und Geschenkopfers in der analen, die des
Identifikationsopfers in der oralen Tätigkeit des
Säuglings aufdecken zu können.
1 Idem: 1. c. 468.
2 Herodot: I. 199. S t r a b o: XVI. 1. 20. In den entsprechenden Festen
zu Byblos gaben die Frauen den Männern, mit denen sie Umgang gepflogen
hatten, einen Phallos .... zum deutlichen Beweis dessen, daß dem Geschenk
in diesem Zusammenhang nicht bloß eine ökonomische Bedeutung zukommt.
Siehe die Quellen bei Ch. Vellay: Le Culte et les F@tes d'Adonis-Thammouz.
Annales du Musee Guimet. XVI. 1904. 95, 130.
3 Der „Geldgeisf Nopitu, der tanzend Geld aus sich herausstreut, setzt
sich als Kind auf die Knie der Frauen, um von ihnen wiedergeboren zu
werden. Codrington: 1. c. 154.
* J. Mathew: Two Representative Tribes of Queensland. 1910. 171.
Über die exkrementeile Bedeutung des Quarzkristalles siehe meine Arbeit:
„Nach dem Tode des Urvaters." "Imago," 1923, S. 101.
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 26
Der junge Spiritist.
Ein psychoanalytisches Lebensbild.
Von Dr. Gaza Szllägyl.
I.
Vor etwa drei Jahren machte ich die Bekanntschaft eines
jungen Mannes, der in einem größeren Amte als Archivar beschäf-
tigt war. Sein Äußeres schien so merkwürdig, daß er recht gut
als Modell einer Statue der Askese hätte dienen können. Der
Körper war erschreckend mager, das durchgeistigte Antlitz auf-
fallend blaß, die Augen darin unstet herumschweifend. Schon auf
den ersten Blick zog seine sonderbare Erscheinung unwillkürlich
die Aufmerksamkeit auf sich. Ich befragte seinen Chef, wer denn
dieser junge Mann sei, und als ich sein Erstaunen merkte, begrün-
dete ich meine Neugierde:
„Die obere Partie seines Schädels, beiläufig bis zur Nase, ist
edel geformt. Etwas nicht Alltägliches kennzeichnet diesen Kopf."
Der Chef lachte spöttisch:
„Ihr Schriftsteller schnüffelt immer nach etwas Außerordent-
lichem. In diesem edlen Schädel wohnt nur die Dummheit, oder,
wenn es Ihnen besser gefällt, die Narrheit."
Ich ließ nicht ab, sondern forschte weiter:
„Und worin manifestiert sich diese Dummheit oder Narretei?"
Worauf ich sofort eine genaue Definition erhielt:
„Er ist ein Spiritist und ein Weiberfeind dazu. Statt seine
Arbeit gewissenhaft zu verrichten, befaßt er sich damit, jene seiner
Kollegen, die sich überhaupt mit ihm ins Gespräch einlassen, teils
für den Spiritismus zu gewinnen, teils zu Weiberhassern zu
machen. Freilich, Erfolge sind dem Manne nicht beschieden! Die
ihn ernst nehmen, finden ihn ekelhaft, und die anderen lachen
ihn aus."
Der junge Spiritist
403
Diese seltsame Mischung von Spiritismus und Weiberhaß
bei einem Manne erregte mein Interesse. Ich kenne mehrere
Spiritisten, die keineswegs zum Weiberhasse neigen, und eher
Musterbeispiele eines normalen, kräftigen sexuellen Lebens bieten.
Ich ließ mir den jungen Mann, den wir Valentin nennen wollen,
vorstellen und versuchte sein Vertrauen dadurch [zu gewinnen,
daß ich vom Spiritismus zu sprechen begann. Fürs erste wollte
er nicht auftauen, doch als er sah, daß er keinen spiritistischen
Autor und kein spiritistisches Werk nennen konnte, von dem
ich nicht einiges wußte, und als er bemerkte, daß ich ihm sehr
aufmerksam zuhöre, wurde er zugänglicher. Damit war ich vor-
läufig zufrieden.
Später hatte ich Wochen hindurch fast täglich in seinem
Amte zu tun. Ich versäumte niemals, ihn, wenn auch nur auf
einige Minuten, aufzusuchen und lud ihn bei Gelegenheit ein,
mich zu besuchen, was seiner überaus entwickelten Eitelkeit
schmeichelte. Er war sich nämlich bewußt, ein Original zu sein,
und ich erklärte ihm, daß er der Wissenschaft einen Dienst leiste,
wenn er mir sein ganzes Seelenleben enthülle. Nach längerem
Widerstand konnte ich ihn endlich zu einem Besuch bewegen.
Von einer den strengeren Anforderungen entsprechenden Psycho-
analyse konnte hierbei leider keine Rede sein. Doch erreichte ich
schließlich, daß er mich etwa neunmal in meiner Wohnung
besuchte und dort zumindest je eine Stunde verweilte. Zwischen
den einzelnen Besuchen verstrichen manchmal nur Tage, manch-
mal aber Wochen. Um keinen Preis konnte ich ihn bewegen, die
in der analytischen Behandlung vorgeschriebene Liegepositur
einzunehmen. Er saß mir gegenüber in einem Lehnstuhl. Auf
meine Aufforderung hin sprach er zunächst über alles, was ihm
einfiel. Später, als ich einzelne Lücken seines Vortrages ergänzen
wollte, richtete ich besondere Fragen an ihn. Die Aussprache ging
nicht immer glatt vonstatten, manchmal ergriff ihn eine unbe-
schreibliche Aufregung. Er schrie wild auf, dann verfiel er in ein
Schluchzen, um bald zu verstummen und wollte nicht mehr fort-
fahren. Hie und da sprang er vom Lehnstuhl auf, rannte und
hüpfte im Zimmer herum. Einigemale hieb er, während er sprach,
mit der Faust auf das vor ihm stehende Tischchen. Außer diesen
zwanglosen Gesprächen, in denen womöglich immer nur Valentin
zu Worte kam, ließ ich mir manchmal auch seine Träume erzählen
26»
404
Dr. Geza Szilägyi
— er tat es nicht gerne — einigemal aber ließ ich ihn auch
auf einzelne Reizworte assoziieren.
Auf einmal blieb er aus. Seither traf ich ihn zwar öfter,
doch war er zur Fortsetzung der Besuche nicht mehr zu bewegen.
Das gewiß sehr lückenhafte, aber vielleicht nicht ganz uninteressante
Material, das ich aus ihm, wie er meinte, „herausgequält" habe,
versuche ich im folgenden zusammenzufassen.
IL
Valentin ist ein kleiner Beamter mit einem winzigen Wirkungs-
kreise, geringen Aufgaben, mäßigem Gehalt. Dessenungeachtet
trägt er ein auch dem Fremden auffallendes gesteigertes Selbst-
gefühl zur Schau und läßt in unverhohlener Weise vor aller Welt
das Bewußtsein einer höheren, wichtigen Mission durchscheinen.
Er ist überzeugt, daß er, wiewohl er es nicht mit Namen nennt,
ein Evangelium zu verkünden hat. Er fühlt sich — dies erklärt
er offen — als Bannerträger des Kampfes gegen die Sinnlichkeit.
Den wichtigsten Teil dieses seines Feldzuges aber bildet eine
spezielle Propaganda für Enthaarung des Leibes. Seine Ideen ver-
breitet er unter dem, wie er es heißt, „untertänigen Volke", näm-
lich dem männlichen und weiblichen Dienstpersonal seines Amtes
sowie in den Reihen seiner Beamtenkollegen, ferner unter den
Straßenmädchen. Es kümmert ihn wenig, daß man ihn verlacht,
roh zurückweist, oder einen ausgemachten Narren nennt. Dieses
gehört zu seiner Mission; man muß für die Gerechtigkeit leiden,
und das Hohngelächter, das ihn trifft, ist in seinen Augen Christi
Dornenkrone gleich.
Auf Grund seiner vor der Öffentlichkeit propagatorisch ab-
gegebenen Erklärungen, wie auch seinen mir im Privatverkehr
anvertrauten Mitteilungen folgend, kann ich sein Programm bei-
läufig so zusammenfassen:
Die Sinnlichkeit ist die größte und gefährlichste Schwäche
der Seele. Ihre schrecklichste Offenbarung aber ist der Koitus.
Gott will, daß die Menschen, sanften Geschwistern gleich, keusch
nebeneinander leben sollen. Im Laufe der gesellschaftlichen Evolu-
tion werden die Menschen endlich das Verruchte der Sinnlichkeit
einsehen und die fleischliche Vermischung aufgeben. Ich machte
den Einwurf, daß dies das Aussterben der Menschheit nach sich
ziehen würde. Wenn ja, entgegnet er, würde nichts daran liegen;
Der junge Spiritist
405
es ist aber auch möglich, daß die Enthaltung vom Koitus eine
andere Art der Fortpflanzung entwickeln könnte. Theoretisch kann
und soll man alles wissen, damit der Mensch sich vor dem Bösen
um so besser hüte, in der Praxis aber ist nicht einmal die ge-
ringste Unzucht erlaubt. Valentin wertet die Menschen danach,
in welchem Maße bei ihnen die Sinnlichkeit abgestorben ist. Dies-
bezüglich kennt er eine prozentuelle Gradation. In ihm selbst
stecken nur mehr höchstens drei Prozent Sinnlichkeit. Es gibt
aber leider sehr viele Menschen, deren Sinnlichkeit selbst hundert
Prozent übertrifft. Die Vervollkommnung der Menschen besteht
darin, daß sie die etwa mit zur Welt gebrachte oder infolge einer
dummen und unsittlichen Erziehung in sie verpflanzte Sinnlichkeit
stufenweise herabmindern, bis sie auf ein annähernd zwei- bis
dreiprozentiges Minimum gelangen. Eines der Mittel der Befreiung
von der Sinnlichkeit ist die Enthaarung, worunter in erster Reihe
die Entfernung der Genitalbehaarung zu verstehen ist. An seinem
eigenen Körper verwendete er das Epilationsmittel einer Berliner
Firma, welches er trotz seiner Kostspieligkeit ständig benützt. Es
gelang ihm auch, wie er mir zeigte, die Behaarung seiner Achsel-
höhlen, der Brust und Geschlechtsteile zu entfernen, die aller-
orten, wie er zugab, nur schwach entwickelt war. Die Behaarung
ist, seiner Auffassung gemäß, der Ausdruck und auch das Werk-
zeug der Sinnlichkeit. Die Verminderung, richtiger die Ausrottung
der Behaarung, ist also ein Weg zur Minderung und Ausrottung
der Sinnlichkeit. Valentin ist sozusagen mit Leidenschaft ein
persönlicher Feind der Behaarung, gegen die er nicht nur vor
Männern, sondern auch vor Frauen wütend losgeht. Wenn er von
der Behaarung, besonders von der Genitalbehaarung spricht, wird
sein sonst erschreckend blasses Gesicht purpurrot. Er wackelt
mit dem Kopf, er zittert krampfhaft an Händen und Füßen, es
übermannt ihn eine derartige Schwäche, daß er sich setzen muß,
um einer ihm drohenden Ohnmacht zu entrinnen.
In freien Stunden war er aber nicht nur ein Bekämpfer der
Sinnlichkeit und ein Prediger der Enthaarung, sondern auch ein
eifriger Spiritist: ein Sprech- und Schreibmedium, das an den
Seancen eines Budapester spiritistischen Zirkels regelmäßig teil-
nahm. Er ist ein fixer Stenograph und besitzt unter den Budapester
Spiritisten die ganz vereinzelte Eigenschaft, daß er all das, was
ihm als Sprechmedium im Trancezustande von den „Geistern"
406
Dr. Geza Szilägyi
eingegeben wird, sofort selbst stenographisch niederschreibt, so
daß er eigentlich zur gleichen Zeit Sprech- und Schreibmedium
ist. Außerdem benützt er seine stenographischen Kenntnisse auch
dazu, um in den Se"ancen die sogenannten Geistergespräche anderer
Sprechmedien wörtlich aufzuzeichnen. Er spricht auch vom Spiri-
tismus, doch weniger als von der Sinnlichkeit, die für ihn einen
unerschöpflichen Gesprächsstoff bedeutet. Er rühmt sich leiden-
schaftlich seiner Keuschheit, dieses Gott und Christus gefälligen
geistigen und körperlichen Zustandes, den er jedermann beredt
empfiehlt. Es gibt aber Zeiten, wo er häßliche und grobsexuelle
Ausdrücke gebraucht und flucht. Darüber zur Rede gestellt, erklärt
er, daß sich jetzt nicht sein wahres Ich äußere, da er ein Doppel-
Ich besitzt. Manchmal entschuldigt er sich damit, daß aus ihm
niedrige, unreine Geister reden. Wenn von der Verteidigung der
Keuschheit und von dem Feldzug gegen die Sinnlichkeit die Rede
ist, bedient er sich eines auffallend großen Wortschatzes und zeigt
eine lebhafte Dialektik. Im übrigen überragen weder seine Intelligenz,
noch sein Wissen eine niedrige Stufe, im allgemeinen besitzt er
sogar eine schwere Auffassungsgabe und ein langsames Begriffs-
vermögen. Manchmal sind seine Worte durch eine an Dementia
praecox paranoides (Paraphrenie) gemahnende Affektiertheit, Mani-
riertheit, Gekünsteltheit charakterisiert, die auch seine Bewegungen
kennzeichnen. Wichtigtuerisch, einen übertriebenen Ernst zur
Schau tragend, vergeistigten Angesichtes bringt er, ihm augen-
scheinlich heilige, Fremden" aber lächerliche Dinge vor. Was er
spricht, wird manchmal von unmotiviert lebhaften Bewegungen,
grundlos erregten Gesten begleitet. Seine Stimme wird zuweilen,
ohne daß der Inhalt des Gesagten dies erklärlich machte, zu einem
süßlich-neckischen Gelispel. Manchmal kräuseln sich seine Lippen
auffällig, plötzlich verzerrt sich sein Gesicht und er läßt ein zu
seinen überspannten Worten gar nicht passendes, unbändig
meckerndes Gelächter erschallen.
III.
Was bedeutet bei Valentin der Kampf gegen die Sinnlichkeit,
was steckt hinter dieser fanatischen Behaarungsfeindschaft? Hören
wir vorerst an, was Valentin, der von der Psychoanalyse keine
blasse Ahnung hat und nicht einmal den Namen Freud kennt,
selbst darüber denkt. Er gibt zunächst seine Meinungen in einem
Der junge Spiritist
407
kunterbunten Durcheinander ab. Ich wollte mir die Sache
erleichtern und bat ihn, mir eine Autobiographie zu übergeben.
Nach langer Überredung schrieb er etwa zwölf Seiten nieder, die
sich hauptsächlich auf seine Schulzeit bezogen und mit vielen
populären, spiritistischen Werken entnommenen Phrasen gespickt
waren. Was mich am meisten interessiert hätte, nämlich über sein
Verhältnis zu seinen Eltern, über sein Geschlechtsleben usw. etwas
zu erfahren, darüber schwieg er sich gründlich aus. Alles mußte
ich im Laufe unserer Gespräche, die vielfachen Hindernisse seines
Widerstandes bekämpfend, im wahren Sinne des Wortes aus ihm
herauslocken. Meine Technik bestand darin, daß ich ihn reden
ließ, wie es ihm beliebte. Manchmal aber, wenn sein Redestrom
sich ins Uferlose verlor, versuchte ich ihn mit einigen Fragen, die
das suggestive Element gänzlich entbehrten, in jene Richtung zu
lenken, die ich für zweckmäßig hielt. Später begann sich bei ihm
eine gewisse Übertragung zu entwickeln. Er spielte darauf an,
daß ich ihn an seinen Vater erinnere, er erklärte, daß er zu mir
ein solches Vertrauen hege, wie nur seinerzeit zu seinem ver-
storbenen Vater. Dies machte ihn dann gesprächiger und erleich-
terte, wie er es nannte, das „wissenschaftliche Interview". Die
durcheinandergewürfelten, jeder Ordnung ermangelnden und
manchmal in langwierige Wiederholungen eingeschachtelten Daten
versuche ich im folgenden zwar nicht in ein gewisses System
zu bringen, da dies ja schon ein tendenziöses Vorgehen wäre,
sondern bloß in einer logischen Reihenfolge vorzutragen:
Seine Mutter liebte ihn nicht, um so mehr sein Vater. Dieser
konnte über jede einzelne Bewegung des Kindes herzlich lachen
und freute sich außerordentlich, als er in ihm die große, starke
Liebe zu Gott entdeckte. Angeblich zeigte sich dieses Gefühl schon
im Wickelkinde, als es den in der Zimmerecke aufgestellten
Hausaltar mit der Marienfigur wahrnahm. Sein Auge war stets
auf den Altar gerichtet. Wenn sich jemand vor ihn stellte, um
den Altar zu verdecken, begann das Knäblein zu weinen und
schrie derart, daß man es bis im siebenten Zimmer hören konnte.
Jetzt werde ich auf Grund meiner stenographischen Aufzeichnungen
wörtlich zitieren : „Meine Mutter liebte die Religiosität, die sich
in mir von Anbeginn auf außerordentliche Weise kundgab, keines-
wegs und haßte mich sehr wegen meines absonderlichen Betragens.
Ich bemerkte die Antipathie meiner Mutter, die mich sehr
408
Dr. Göza Szilägyi
schmerzte, so daß ich oft darüber weinte. Einmal, ich mag zwei
Jahre alt gewesen sein, wollte sie mich aus dem Bette heben. Ich
wurde sehr böse, weil ich überaus schamhaft war. Ich versetzte
ihr einen Stoß, worauf sie so zornig wurde, daß sie mich beinahe
an die Wand geschleudert hätte. Meine Mutter hat mich nie
geküßt. Dies beruht auf dem geistigen Gesetz der Zahl 7. Ich
wurde nämlich im siebenten Jahre der Ehe meiner Eltern geboren
Bis dahin hatten sie keine Kinder. Diejenigen Familien, in die
Gott seine gefallenen Geister zur Strafe oder zur Prüfung schickt)
fallen immer unter der Regel, daß bei ihnen im siebenten Jahre
ein Kind geboren wird. Mutter und Kind stehen sich in diesen
Familien als zwei grundverschiedene Geistigkeiten gegenüber, so
daß zwischen ihnen von Liebe und Verständnis keine Rede sein
kann. In meinem ganzen Leben war ich der Mutter ein Fremder.
Wir küßten uns niemals, wir sprechen nur selten miteinander.
Gott verzeihe mir die Sünde, daß ich über meine Mutter zu
urteilen wage. Sie aber lebte inmitten einer schrecklichen Geistes-
finsternis. Sie ist eine große Anhängerin der Materie. Sie kennt
die geistigen Wahrheiten nur vom Hörensagen, kann sie aber
nicht befolgen."
Valentin liebte also angeblich seine Mutter nicht. Seinen
Vater betete er an; er schwärmte für ihn, er bewunderte den
Menschen, den Gelehrten, den Meister der Stenographie. Unendlich
liebte er seine Großmutter sowie die Schwester seiner Mutter,
seine Tante und deren Mann, seinen Onkel. Wenn ihn seine
Mutter, was überaus selten geschah, in den Schoß nahm, begann
er immer wütend zu weinen. Wenn aber seine Tante, sein Onkel
oder sein Vater desgleichen taten, beruhigte er sich dann, wenn
er vorher geweint hatte. Zwischen ihm und seiner Mutter bestand
schon von seinem vierten Jahre an ein derart arges Verhältnis,
daß sie ihn im Zorn — noch heute erinnert er sich daran — -
immer an die Wand schleudern wollte. Einmal hätte sie das
wirklich getan, doch damals befreite zum Glück die gerade ins
Zimmer eintretende Tante das verzweifelt heulende Kind aus den
Händen der tobenden Mutter. Wenn dann der Vater nach Hause
kam und das Geschehene erfuhr, nahm er das Kind in seine Arme
und liebkoste es lange. Valentin pflegte bei solchen Gelegenheiten
auf die Hose des Vaters zu urinieren. Dies tat er übrigens auch
Der junge Spiritist
409
mit anderen Männern, so z. B. mit seinem Onkel. (Als er dies
«rzählte, erklärte er mir, ich möge ihm verzeihen, er sei ein
undankbares, freches Schwein, aber er möchte auch auf mich
urinieren!) Sein Vater, der Professor der Stenographie war,
imponierte dem kleinen Kinde sehr, als er ihm die stenographi-
schen „Sigel" und Abbreviaturen zeigte. Das Schreiben und das
Lesen lernte er vom Vater, dem er dafür überaus dankbar war.
Den größten Teil seiner Kindheit, bis etwa zur Beendigung
seines vierten Lebensjahres, verbrachte er im Schlafzimmer
seiner Eltern. Während der ersten zwei Jahre lag er, angeblich
auf den Rat eines Kinderarztes, ständig im Bette. Valentin beteuert
fortwährend, daß er sich genau an die Zeit seiner Kindheit
erinnere und daß seine Eltern die Richtigkeit seiner Erinnerungen
bestätigten. Er will sich auch der Erklärung des Arztes erinnern,
wonach er sich zu rasch entwickle, und wenn er früh zu gehen
beginne, seine Füße verkrümmen würden. Deshalb lag er im
weißen Kinderbette, das oben gerundet und zu beiden Seiten mit
einem verschiebbaren Netz versehen war, gleichsam eine von
allem Feindlichen beschützende Höhle bildend. Im Bette liegend
fühlte er sich sozusagen in den Armen einer ihn beschirmenden
wahren Mutter.
Der allzu ängstliche Vater hieß Valentin auf keine Bäume
klettern, verbot ihm das Turnen, auch durfte er kein Messer in
die Hand nehmen. Seine Antipathie gegen die Behaarung erwachte
in ihm, als er vier Jahre alt war. Sein Vater behütete ihn so
wachsam, daß er auch nach Vollendung seines zweiten Jahres, da
er schon das Bett verlassen konnte, sich ständig im Schlafzimmer
seiner Eltern aufhalten mußte. Dort konnte er oft seine Mutter
beobachten, wenn sie ihr Hemd wechselte. Mit Erstaunen nahm
er wahr, daß sie am Bauche unten behaart ist. Er erschrak
sehr, und um nichts zu sehen, steckte er seinen Kopf unter die
Decke. Später konnte er noch öfter diese Behaarung erblicken,
die ihn jedesmal mit immer stärkerem Ekel und wachsender
Angst erfüllte. 1
1 Dem Kundigen wird es nicht entgehen, daß hier der Kastrations-
komplex in den Vordergrund tritt. Das Erblicken der weiblichen Schamhaare
kann eigentlich als Entdeckung eines Penismangels bei der Mutter gedeutet
werden, wobei die Behaarung etwa als Vernarbung der Kastrationswunde
aufzufassen wäre.
410
Dr. Geza Szilägyi
Eines der größten Ereignisse seiner Kindheit, die „Feuers-
brunst", erlebte er als achtjähriges Schulkind. Sie wohnten in
einer neubezogenen Wohnung, die elektrische Beleuchtung war
noch nicht installiert und man mußte sich mit Kerzen behelfen.
In dem einen Zimmer las der Knabe, im anderen wusch sich die
Mutter. Er hörte das Plätschern und schlich neugierig zur Türe,
die nur angelehnt war. Durch den Spalt sah er, wie seine Mutter,
über ein Lavoir kauernd, sich dort wusch, wo er seinerzeit im
Schlafzimmer jene erschreckende Behaarung wahrgenommen hatte.
Der alte Ekel und die einstige Furcht übermannten ihn auch jetzt.
Rechts und links vom Lavoir standen zwei große, brennende
Kerzen. Die sich ungeschickt bewegende Mutter warf die Kerzen
um, deren Flammen die vom Bett herabhängende lange Spitzen-
decke anzündeten. Die entsetzte Mutter sprang auf und begann
vor Schreck die brennende Decke hin und her zu zerren, wodurch
das Feuer noch mehr angefacht wurde. Im anderen Zimmer schrie
Valentin, außer sich, denn sein erster Gedanke war, daß die
Behaarung verbrennen werde. Darauf verlor er das Bewußtsein.
Als er zu sich kam, war sein Vater schon zu Hause, die in der
Nachbarschaft wohnende Tante und der Onkel aber standen
inmitten des raucherfüllten Zimmers und bemühten sich, das
Feuer zu löschen. Während der ganzen Zeit stand Valentin
erstarrt, wortlos, einem Lebendigtoten gleich an den Türpfosten
gelehnt. Er konnte sich nicht bewegen, keinen Schritt tun, keinen
Laut von sich geben. Noch heute, wenn er an die Behaarung
denkt, erwacht in ihm die Vorstellung des Feuers und er sieht
und durchlebt von neuem die ganze Szene, die er mir sozusagen
schauspielerisch reproduziert.
Als Elementarschüler mied er die Gesellschaft der Knaben
und fühlte sich mehr zu den kleinen Mädchen hingezogen. Er
setzte bei ihnen voraus, daß sie dort nicht behaart seien, wo es
seine Mutter war, und hievon konnte er sich durch Zufall wieder-
holt überzeugen. In der Schule interessierten ihn hauptsächlich
Arithmetik, Geographie und Religionslehre. Er pflegte mit Vorliebe
zu zeichnen und zu malen. Mit zehn Jahren kam er ins Gym-
nasium, wo er nur mittelmäßig lernte. Von seinem Onkel bekam er
allerlei Hefte mystischen Inhaltes, die er eifrig las. Da seine
Eltern verarmten, konnte er nach Absolvierung der vierten
Gymnasialklasse seine Studien nicht mehr fortsetzen.
Der junge Spiritist 411
Mit fünfzehn Jahren mußte er sich nach einem Broterwerb
umsehen. Damals begann ihn die Frage der Behaarung wieder zu
beunruhigen. Er bemerkte an sich, daß seine Geschlechtsteile eine
Behaarung bekamen, die ihn mit Schmerz, Ekel und Furcht
erfüllte. Um diese Zeit brachte ihn ein Protektor seiner Familie in
eine große Fabrik, in deren kommerzieller Abteilung er als Aus-
hilfsregistrator angestellt wurde. Dort fing er an, sich eingehender
mit dem Spiritismus zu befassen, dessen Elemente ihm aus den
vom Onkel erhaltenen Heften schon bekannt waren. Der Zufall
führte ihn überdies in die Nähe eines hervorragenden Spiritisten,
dem er seine Seele enthüllte und seine Furcht vor der Behaarung
gestand. Der Spiritist erteilte ihm ausführliche geschlechtliche
Aufklärung und erklärte ihm, daß die Genitalbehaarung ein Attribut
des geschlechtlich entwickelten Menschen sei. Damals entstand in
ihm der Gedanke, daß man sich vor der Behaarung nicht nur
fürchten, sondern gegen sie auch kämpfen müsse. Wie er dies
anzustellen habe, darüber war er sich noch nicht im klaren. Der
Spiritist entdeckte in Valentin ein Medium und führte ihn bei
den Seancen ein. Binnen kurzer Zeit machte er im Spiritismus
und in der Telepathie große Fortschritte. Auf Einflüsterung der
Geister beschloß er, seine Keuschheit dauernd zu bewahren.
In der Fabrik ereignete sich ein Vorfall, der auf ihn ähnlich
wirkte, wie die schon erwähnte Feuersbrunst vor acht Jahren. In
einer Abteilung der Fabrik, wohin er aus der kommerziellen
Abteilung Botschaften zu übermitteln hatte, arbeiteten dreihundert
hübsche, junge Arbeiterinnen. Sie kannten seine Prinzipienreiterei,
da er vor ihnen weder seinen Spiritismus, noch sein Keuschheits-
programm verbarg. Er behauptet, daß sie auf ihn, vielleicht gerade
wegen seiner Keuschheit, die sie reizte, ein Auge geworfen hätten.
Da er darauf nicht reagierte, verschworen sie sich gegen ihn —
dies erzählt er noch jetzt vor Zorn bebend — um ihn seiner
Keuschheit zu berauben. Es trafen sich aber ein-zwei bessere
Mädchen, die ihn brieflich warnten, auf der Hut zu sein. Er
beschloß hierauf, am anderen Tage ein großes Messer zu sich zu
nehmen, um sich gegen die schamlosen Mädchen zu verteidigen.
Als er gegen Mittag die Maschinenabteilung passieren mußte,
warfen sich an die zehn Mädchen auf ihn und wollten ihn zu
Boden reißen. Er jedoch biß um sich und teilte Faustschläge aus,
worauf die Mädchen flüchteten. Er lief sodann schnurstracks zu
412
Dr. Geza Szilägyi
seinem Chef, der ihn ein Rindvieh nannte und verlachte. Dies war
ihm ein Grund mehr, vor einem erneuten Angriff sich besser zu
schützen. Zu Hause nahm er deshalb ein zweischneidiges Papier-
messer zu sich, womit ihn sein Vater beschenkt hatte, und verbarg
es in der Hosentasche. Einige Tage verliefen ruhig. Als er jedoch
- wieder eine Botschaft in die Maschinenabteilung zu tragen hatte,
stürzten sich die Mädchen auf ihn und warfen ihn zu Boden,
bevor er das Messer aus seiner Hosentasche hervorholen konnte.
Dem einen mutwilligen Mädchen gelang es, Valentin auf den
Scheitel zu küssen. (Infolgedessen ließ er sich innerhalb zweier
Wochen dreimal den Kopf kahl scheren.) Die Wut über diesen Kuß
verlieh ihm solche Kraft, daß er vom Boden aufspringen und seine
Bedränger abschütteln konnte. Er zog das Messer und zückte es
wütend gegen die Mädchen. Es gelang ihm, derjenigen, die ihn
auf das Haar geküßt hatte, das Papiermesser in die Schulter zu
stoßen. Das Mädchen fiel ohnmächtig hin, die übrigen liefen
entsetzt auseinander, er aber konnte sich noch lange nicht
beruhigen und verfolgte sie geraume Zeit mit dem blutigen
Messer.
Vor den Fabriksdirektor gerufen, verteidigte Valentin sich
damit, daß er aus Notwehr gehandelt habe. Er wurde zwar nicht
entlassen, aber in eine andere Abteilung versetzt, wo es ihm so
schlecht ging, daß er den Posten bald danach freiwillig verließ.
Hierauf geriet er in verschiedene Stellungen, doch-immer nur
auf kurze Zeit. Überall begann er zu predigen, meistens — Christi
Beispiel nacheifernd — armen Austrägern und Dienstmägden.
Er predigte von Gott, von der Religion, vom Spiritismus, von der
Keuschheit und immer eifriger von der Gefährlichkeit und Schäd-
lichkeit der Behaarung. Viele nannten ihn einen Narren, dies focht
ihn aber nicht an. Manche schalten ihn ein Schwein, was ihn schon
schmerzte, da er vom Bewußtsein seiner beispiellosen Reinheit
durchdrungen war. Man nannte ihn einen Weiberfeind. Während
der mit mir gepflogenen Gespräche protestierte er mehrmals heftig
gegen diese Behauptung. Er sei ein Feind der Behaarung, nicht
aber ein Weiberfeind. Wenn die Weiber nicht behaart wären, wären
sie auch nicht sinnlich, dann aber könnte er mit ihnen sehr gut
auskommen. Mit jenen Weibern, die ihre Behaarung entfernen, die
sich daher von einem großen Ansporn zur Sinnlichkeit befreien,
könnte er auch Freundschaft schließen. Wie sollte er die Weiber
Der junge Spiritist 413
hassen, da er ja selber eher ein Weib sein möchte als ein Mann!
Er ist bestrebt, seinen eigenen Körper dem durch ihn konstruierten
weiblichen Ideal, der enthaarten Weiblichkeit, möglichst anzupassen.
Er liebt es auch, Frauenschuhe mit hohen Absätzen zu tragen. Des-
halb ist sein Gang viel zierlicher und leichter als in den ekelhaft
unförmigen Männerschuhen. Er trägt Frauenstrümpfe, Damen-
höschen und Nachthemden bis zum Knöchel reichend. Dies
alles läßt er nach selbst gezeichneten Schnittmustern von einer
ihm seit lange bekannten Näherin verfertigen. Er badet jeden
zweiten Tag in dem großen Kautschuklavoir seines vor vier
Jahren verstorbenen Vaters. Vor anderthalb Jahren gelang es
ihm mit Hilfe einer Adresse, die er auch seinem Vater
verdankt, „sich von all der ekelhaften Behaarung zu befreien,
vor der sich dem reinen keuschen Menschen unbedingt der
Magen umdrehen muß". Sein sehr bescheidenes Schnurrbärtchen
konnte er nicht ganz ausrotten, doch gelang es ihm nach
vieler Mühe, seine übrigen Körperteile zu enthaaren. Er bestellte
aus Deutschland ein flüssiges Enthaarungsmittel, das ihn sehr
zufrieden stellte. Vom Gesichtspunkt der Schönheit der Haut
formte er seinen Körper zu einem weiblichen um. Er erklärte mir
wörtlich: „Mein Körper ist von einer weiblichen Sanftheit, Reinheit,
Weichheit und Rundlichkeit. Was meine Denkart, Auffassung,
Empfindsamkeit, Religiosität anbelangt, was meinen Geschmack
betrifft, bin ich Weib. Vom Schuh aufwärts ist meine ganze Unter-
kleidung die eines Weibes. Von neun Uhr abends bis sieben Uhr
morgens bin ich ein Mädchen, und zwar, dies ist äußerst wichtig,
ein Mädchen ohne Behaarung. Von sieben Uhr morgens bis neun
Uhr abends bin ich notgedrungen und aus Heuchelei ein Mann.
Wenn ich meine Männlichkeit, die sich in meinem winzigen Schnurr-
bärtchen noch ein wenig manifestiert, ganz ausgerottet habe,
werde ich ganz vergessen können, daß ich einst ein Mann gewesen
bin." Hier ist zu bemerken, daß er aus Damenstoffen verfertigte
Krawatten benützt. Vom Frühjahr an trägt er frauenhaft aus-
geschnittene Blusen, da er es für schön findet, wenn man seine
unbehaarte Brust zeigen kann.
„Ich will," so erklärte er mir in ekstatisch glücklichem Tone,
„mir selbst und der Welt beweisen, daß der Eigentümer einer
mädchenhaften Seele in gewisser Hinsicht auch körperlich zum
Weibe werden kann." Und er fügt hinzu: „In der letzten Zeit
414
Dr. Geza Szilägyi
bemerke ich an mir etwas Seltsames, dessen ich mich freue. Obwohl
ich immer sehr mäßig esse, beginnt sich meine Brust in abnor-
malem Maße zu entwickeln. Ich werde bestrebt sein, an mir den
Busen eines fünfzehn- bis sechzehnjährigen Mädchens zu entwickeln.
Wenn ich dann selber die Reize des Weibes besitzen werde, so
bin ich ihnen gegenüber gänzlich gefeit. Wenn ich ihnen gleichen
werde, brauche ich nicht zu befürchten, daß sie mich bei meiner
Sinnlichkeit fassen werden, dann bin ich ihnen gegenüber vor jeder
Schwäche geschützt. Ich kann dann also dasselbe erreichen, wie
sie." Dieser letzte Satz wird von ihm noch öfters wiederholt. Er
will auch sein Haar wachsen und es blond werden lassen. (Seine
Mutter war in jungen Jahren blond und konnte, wie er erzählte,
mit ihren Haaren beim Vater alles erreichen. Wie ersichtlich, meint
er eigentlich auch das zu erreichen, was die Mutter beim Vater
erreichte.)
Es scheint aber, daß Valentin mit der Entwicklung seines
Busens noch immer nicht zufrieden ist. Ich las einen Brief von
ihm, der wegen ungenügender Adresse aus Wien als unbestellbar
zurückkam. In diesem Brief schrieb er einem Wiener kosmetischen
Institut, man möge ihm ein Mittel zur Entwicklung des Busens
einsenden. Er wolle nämlich seinen schwach entwickelten Busen
üppiger gestalten. (Den Brief unterzeichnete er mit dem Namen
einer seiner weiblichen Bekannten.)
Ich will nun, soweit es mir auf Grund der recht mühselig
ermittelten Daten möglich ist, sein Geschlechtsleben im allgemeinen
schildern. Bis zu seinem einundzwanzigsten Lebensjahre hatte er
niemals koitiert. Auch hat er nie daran gedacht, es zu tun, denn
er empfand Ekel davor. Er sagt, man müsse wahnsinnig sein,
um in ein Loch hineinzukriechen, von wo . . . Ich rede ihm zu,
fortzufahren. Der Ekel schüttelt ihn, er kann kein Wort heraus-
bringen. Ich setze selber fort, was wirklich nicht schwer ist: „Von
wo wir herausgekommen sind, nicht wahr?" Er antwortete hierauf,
daß er in seinem Magen und in seiner Kehle einen großen Druck
verspüre, den er übrigens jedesmal hat, wenn man mit ihm über
den Beischlaf redet. Übrigens ist er der Meinung, daß jeder Koitus
so etwas wie eine Art von Inzest sei. „Wenn ich, Gott behüte,
jemals doch in die Lage käme, so etwas zu tun, müßte ich immer
daran denken, daß Vater und Mutter dasselbe getan haben und
Der junge Spiritist 415
da hätte ich gewiß das Gefühl, daß ich es mit ihnen zusammen
täte. Das ist es, was ich unter Blutschande verstehe." Diese
Gelegenheit benätze ich zur Frage, ob es wohl vorgekommen sei,
daß er den Koitus seiner Eltern belauschen konnte. Er antwortete
weder mit Ja noch mit Nein. Er sagte nur, daß er zwei Jahre
larfg fortwährend im Schlafzimmer seiner Eltern im Bette
lag, weitere zwei Jahre hindurch aber nur die Nächte dort ver-
brachte. Ich versuchte eine positive Antwort aus ihm heraus-
zubringen, doch auf seinem Gesichte erscheint der Ausdruck des
Ekels und er bittet mich, ihn mit dieser Frage nicht weiter zu
quälen.
Onanie will er nie getrieben haben. Sowie er davon spricht,
verurteilt er sie mit augenscheinlicher Heftigkeit. Er leugnet
jedoch nicht, beiläufig vierhundertmal in Versuchung gewesen zu
sein, es zu tun. Jedesmal aber glaubte er, die mahnende Stimme
des Vaters zu hören, er versank in ein inbrünstiges Gebet, sein
Widerstand erwachte und er konnte der Verlockung widerstehen.
Das Gebet ist nämlich seiner Ansicht nach eine an den Vater
(Gottvater) gerichtete Rede, in der die Dankbarkeit, warme Liebe
und leidenschaftliche Schwärmerei ihm gegenüber zum Ausdruck
gelangen.
Die Versuchung, welche von den lauernden bösen Geistern
ausgeht, bedroht ihn meistens von links oder, wie er sagte, von
linker Hand. Hier ist zu bemerken, daß der kleine Finger der
linken Hand Valentins immer ein wenig gekrümmt ist. Er meint,
dies sei — infolge der Strafe Gottes — ein Hindernis für ihn.
„Was für ein Hindernis?" frage ich. Er antwortet: „Damit ich
nicht geigen könne. Das Musiktalent war bei mir überaus früh
entwickelt. Gott wollte nicht, daß ich es vor einer bestimmten Zeit
entfalte. Deshalb krümmte er mir den Finger." 1
Er zählt dann die beim Onanisten auftretenden Symptome auf:
sie sind nervös, leieht erregbar, ihr Blick schweift in die Ferne,
sie stottern und sprechen verwirrt, manchmal begreifen sie die
einfachsten Dinge nicht. Als ich ihn aufmerksam mache, daß dies
eigentlich auch seine Symptome wären, protestiert er dagegen
1 Wenn wir an Stelle des Musiktalentes die sexuelle Fähigkeit setzen,
deren allzu frühe Entfaltung Gott gleichfalls nicht will, ist das Rätsel der
Lähmung gelöst. Das seelische Verbot wird durch die körperliche Lähmung
effektuiert.
416
Dr. Geza Szilägyi
und erzählt, daß man ihn als fünfzehnjährigen Knaben auf Wunsch
seiner Mutter im Budapester Kriminalpädagogischen Institut unter-
sucht habe. Eine alte Ärztin fragte ihn, ob er mit Frauen oder
mit sich selbst in ein intimes Verhältnis getreten sei. Er antwortete
aufschreiend, daß er es nicht der Mühe wert finde, auf solche
unsinnige Fragen zu antworten. Dies muß er auch mir gegenüber
wiederholen. Er onaniere nicht, noch koitiere er, doch manchmal
fühle er den Zwang, Unflätigkeiten zu sagen und hie und da
träume er auch solche Dinge. Dies habe ich bei ihm oft beobachtet.
Ich sah, daß sich sein Gesicht plötzlich verdüsterte und daß er,
wie geistesabwesend, die schmutzigsten Flüche und die unflätigsten
Beschimpfungen hervorstieß. Einer seiner ständig wiederkehrenden
Lieblingsausdrücke war: „Hurenmutter, stinkende Hurenmutter!"
Als ich ihn fragte, wie dieses Benehmen mit seiner vielgepriesenen
Keuschheit vereinbar sei, entschuldigt er sich damit, daß nicht
sein wahres, aus himmlischen Höhen stammendes Ich so spreche,
sondern sein anderes, böses, den Höllentiefen entsprungenes Ich.
Pollutionen hatte er angeblich nie gehabt. Er ist stolz darauf,
niemals Samen verloren zu haben. Aller Samen sammle sich ihm
im Kopfe, wo schöne Gedanken daraus werden. Dies ist augen-
scheinlich eine materialistisch ausgedrückte Art der Sublimierung. 1
In seinen Träumen spielen sexuelle Dinge oft eine Rolle. Wie
er auf Grund der spiritistischen Lehre meint, ist der Traum nichts
anderes, als der freie Austritt des Geistes aus dem Körper während
des Ausruhens der körperlichen Organe. Der Geist kann aber nicht
nach Belieben hin und her irren, da ihn ein unzerreißbarer magne-
tischer Faden, der verbindende Fluidfaden, mit dem Körper ver-
knüpft. Wenn sich der Geist weit entfernt, zieht er den Fluidfaden
weit mit sich, der es nicht gestattet, daß sich der Geist endgültig
vom Körper trenne. Nach der Auffassung der Spiritisten sind alle
Träume Wahr-Träume, prophetische Träume, da der während des
Traumes aus dem Körper tretende Geist alle jene Ereignisse durch-
wandert, die der Mensch in den folgenden Tagen oder Wochen
durchmachen wird. Nach meiner Ansicht sind aber Valentins Träume
keineswegs prophetische, sondern eher verräterische Träume.
Betrachten wir nur einige dieser Träume. „Es kommt manchmal
1 Etwas Ähnliches dachten sich auch die alten Jesuiten, nach deren
Auffassung das nicht verwendete Sperma in das Blut zurückkehrt und das
Gehirn befruchtet.
Der junge Spiritist
417
vor" — ich zitiere ihn jetzt wörtlich — „daß ich während des
Traumes schrecklich aufgeregt werde, und ich kann es kaum
aussprechen Onanie anwende, was ich im wachen Zustand
niemals tue." Oder ein anderer Traum: „Ich wollte im Traume mit
einem Mädchen in Verbindung treten. Obwohl wir nebeneinander
lagen, konnte ich das sogenannte Häutchen nicht durchstoßen."
Die Träume sind so klar und aufrichtig, wie die eines kleinen
Kindes. Er brachte mir manchmal Träume, aber nicht gerne, da
ihn eine Art von spiritistischem Gelöbnis zum Geheimhalten seiner
Träume verpflichte. Übrigens erzählte er bloß diese Träume und
konnte zu den einzelnen Traumstücken keine Einfälle bringen.
Doch boten auch diese Träume einige typische Traumsymbole,
so daß sie von diesem Gesichtspunkte einen gewissen Wert
besitzen.
Hier folgt ein ziemlich durchsichtiger Traum: „Ich befinde
mich auf der Straße und als ich vorwärts schreite, beginne ich
mich plötzlich zu erheben; ich fliege immer höher über die Häuser
hinweg, nahe zum Himmel. Auf einmal umschließt meine Hand
ein unsichtbarer Geisterarm und beginnt mich zu leiten." Dem
Kenner der Traumsymbolik ist es klar, was das Fliegen bedeutet.
Valentin bringt zum Traum keine Assoziationen, doch auf die
Frage, wessen Arm der Geisterarm wohl sein mag, antwortet er
nach sehr langem Zögern, daß es der Arm seines verstorbenen
Vaters sei. In einem anderen Traum fliegt er gleichfalls. Plötzlich
bemerkt er mit Entsetzen, daß von seinem linken Fuße (vergessen
wir nicht, daß die Versuchung bei ihm von links, „von linkerhand"
kommt) der Schuh und der Strumpf fehlen. Sein Entsetzen steigert
sich noch mehr, als er entdeckt, daß plötzlich auch sein linker
Fuß verschwunden ist. Dann fliegt er zur Erde zurück und hört,
wie ihn eine Geisterstimme tröstet: „Laß gut sein, Bruder, ich
werde dir alles ersetzen, was du verloren hast." Zu diesem Traum
bringt er nur eine einzige Assoziation, nämlich die, daß die Geister-
stimme die seines Vaters war. Der Traum ist aber auch ohne
Assoziationen klar genug. Der linke Fuß, der erst unbedeckt bleibt,
sodann verschwindet, ist der Penis. Dessen Verschwinden hängt
mit Kastrationsphantasien zusammen, welche Auffassung auch durch
den Trost des Geistes bestärkt wird: „Ich werde dir alles ersetzen,
was du verloren hast." Das heißt: „Wenn du deinen Penis ver-
lierend mit deiner Mutter identisch wirst, kann ich mit dir koitieren,
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 27
418
Dr. Geza Szilagyi
und während dieses Koitus bekommst du mit meinem väterlichen
Penis das, was du infolge der Kastration verloren hast."
Den typischen Exhibitionistentraum vom nackten Fuße und
fehlenden Schuhe und Strumpfe träumt er oft: „Vom Fuße gingen
mir Schuh und Strumpf verloren. Ich ließ den nackten Fuß von
der Sonne bescheinen. Dann ging ich auf die Wanderschaft, und
kam in einen finsteren Wald, wo ich nicht einmal einen Schritt
weit sah. Es schien mir, als ob ich irgendwo eingesperrt wäre,
ich fühlte, daß aus den Blättern der Bäume Oxygen hervor-
strömt. Es war sehr angenehm, doch konnte ich gar nichts sehen."
Der nackte Fuß im finsteren Walde ist ein durchsichtiges
Symbol. Valentin bringt zwei sehr verräterische Assoziationen
zum Traum: „Behaarungszentrum . . . Hurenmutter." Dann erschrickt
er und ruft: „Gott verzeih' mir, daß ich über andere zu urteilen
wage." Diesen Traum ergänzt, gleichsam die Kehrseite der Medaille
beleuchtend, folgender Traum: Ein Amtskollege, den Valentin
homosexueller Gefühle verdächtigt, greift ihn rücklings mit einem
Messer an und davon wird sein Hemd ganz blutig. Dieses Messer
sieht jenem zweischneidigen Papiermesser ähnlich, das Valentin
von seinem verstorbenen Vater zum Geschenk erhielt. Das Messer
symbolisiert also den Penis seines Vaters. Valentin ist also in
seinen Träumen keineswegs der Jüngling ohne jede Sinnlichkeit,
für den er sich wachend und bewußtermaßen hält.
Hier wäre es am Platz, über seinen stark entwickelten
Narzißmus zu berichten. Er behauptet, sich auf das Zeugnis
seiner Eltern und Verwandten berufend, daß er bei seiner Geburt
ein selten starkes und stämmiges Kind gewesen sei. Nach seiner
Ansicht mußte er deshalb bis zum dritten Lebensjahre dauernd
im Bette liegen, weil er ein überentwickeltes Kind war, dem das
Gehen hätte schaden können. Wahrscheinlich ist das Gegenteil
richtig ; er mag ein unentwickeltes, rachitisches Kind gewesen sein.
Er erzählt, daß er als kleines Kind sofort zu weinen begann, so
wie er sich nur in geringstem Maße beschmutzte, und so lange
strampelte, bis man ihn gründlich reinigte. Er rühmt sich auch,
obwohl er alles mögliche essen mußte, einen beispiellos kräftigen
Magen zu besitzen und trotz aller Entbehrungen, die er durch-
machte, baumstark geblieben zu sein. (Wenn man ihn ansieht, hat
man den Eindruck eines völlig kraftlosen und degenerierten
Menschen.)
Der junge Spiritist
419
In seinem sechzehnten Jahre wußte er schon schrecklich
viel, was er damals noch gar nicht wissen hätte können, da er
es nicht erlernt hatte. Im Kriminalpädagogischen Institute stellte
man fest, daß er geistig überentwickelt sei. (Es ist aber wahr-
scheinlich, daß man sich dort vom Gegenteil überzeugte.) Man
bestaunte sein übermäßiges Wissen, das er nicht Büchern entnahm,
sondern größtenteils durch Träume, Einflüsterungen der Geister
und im Zustande der durch Mediumnität hervorgerufenen Trance
erwajb.
Bei anderer Gelegenheit erwähnte er: „Wenn ich wirklich
Weib sein und gebären könnte, würde ich kein Kind produzieren,
wie jedes andere Weib, sondern schöne Blumen. Wer sich trotz
der Materie in so eine Höhe erheben konnte, wie ich, wer sich
mit seinem Geiste so in die Nähe des ewigen Vaters aufschwingen
konnte, dessen ganzes Wesen wird beschwingt (sein Gang ist
ungeschlacht, schwerfällig), dessen Gesicht wird fein und sanft
(er sieht eher einfältig aus), aus einem solchen Menschen sind
alle rohen männlichen Züge ausgemerzt. Wenn ich für einen
Augenblick meine Augen schließe, dann erblicke ich auch ohne
Mediumnität die idealschönen Formen und die reine Keuschheit
meines Innern."
Ein anderesmal brüstet er sich: „Seit meinem zwölften
Jahre bin ich der göttlichen Gabe, der besonderen höheren Gnade
teilhaft, daß ich die sich vor mir auftürmenden Hindernisse, sowie
die Zahl, Macht, Kraft und Pläne meiner gegen mich anstürmenden
Feinde im Wege von Eingebungen und Träumen im voraus fest-
stellen kann." Dies ist schon ein Übergang zur narzißtischen All-
macht der Gedanken, die sich bei ihm unter anderem in der soge-
nannten Mediumnität offenbart. Es pflegt vorzukommen, daß ihm
einzelne Gegenstände entschwinden und dann auf wundersame
Weise zurückkehren. Es verschwindet ein Schlüssel, den er dann
in einem versperrten Schrank entdeckt. Er führt dies auf die ihm
entströmende mächtige magnetische Kraft zurück. Diese Aus-
strahlung, sein körperlicher Magnetismus, ist fähig, physische
Phänomene hervorzurufen, von denen er aber erst nachträglich
Kenntnis erhält.
Sein Spiritismus ist von Sinnlichkeit erfüllt. Ich gehe jetzt
zu diesen Manifestationen seines Spiritismus über, besser gesagt,
seiner spiritistischen Theorien, die während unserer Gespräche zu-
2T*
420
Dr. G6za Szilägyi
tage traten. Valentin kennt zwei Arten des Magnetismus: den
„anziehenden Magnetismus" und den „elektrischen Magnetismus".
Der „anziehende Magnetismus" — achten wir auf die Worte! —
besitzt eine drohende, starre, harte, elastische, rohe Kraft, vor der
die bösen Geister Hals über Kopf flüchten, wie der eingeschüchterte
Hase vor der Flinte des Jägers. Dieser „anziehende Magnetismus"
ist der Magnetismus der Wahrheit, der väterliche Magnetismus,
mit dessen Hilfe man sich zu Gott erhebt. Der andere Magnetis-
mus ist der warme, prickelnde, kitzelnde, elektrische Magnetismus,
der weibliche Magnetismus, der sich von der Materie nicht los-
lösen und die Erde nicht verlassen kann. Die Erde selbst ist von
reinem elektrischem Magnetismus durchflutet.
Es ist offenkundig, daß diese zwei Arten des Magnetismus
das männliche und das weibliche Prinzip vertreten: der eine den
Penis, der andere die Vagina. Valentin stellt sich aber noch außer
den beiden Prinzipien der Geschlechtlichkeit irgendwelchen
Hermaphroditismus vor, denn er meint: „Das ewige Licht bildet
eine einzige einheitliche magnetische Masse. Sobald aber Magnetis-
mus durch die vielen Sphären des ewigen Lichtes filtriert auf die
Erde herabgelangt, spaltet er sich in zwei Arten : den ,anziehenden'
und den ,elektrischen Magnetismus'."
Während er dies vorträgt, wird er äußerst unruhig. Er
behauptet, nicht zu wissen, was er spricht ; er meint fortwährend
Geisteseingebungen zu hören und muß unter ihrem Zwange Satz
für Satz so wiederholen, wie er es hört. Er erklärt, daß ihn dies
überaus erschöpfe, was auch sein Äußeres verrät.
Wenn ein Geist sich verkörpert, fällt er durch einen feurigen
Reif. Er meint, daß der feurige Reif mit dem Behaarungszentrum
identisch sei, worunter er offenbar das weibliche Genitale versteht.
Sein eigener Geist lebte in einer Sphäre, die um zwei Grade höher
gelegen ist als die Erde. Da ' er sich aber versündigte, mußte er
zur Strafe durch den feurigen Reif auf die Erde herabfallen, wo
er jetzt weilt. (Das heißt, er konnte nicht im mütterlichen Uterus
bleiben, sondern mußte geboren werden.)
Was ist diese höhere Sphäre? Hören wir die diesbezüglichen
Darlegungen Valentins an, die er vor mir nicht in Trance, sondern
auf Eingebungen produziert. (Trance ist der vergeistigte Zustand
der Mediumnität. Eingebungen aber kommen zustande, wenn
Valentin die Geisterstimmen hört. Je weiter sie herkommen, desto
Der junge Spiritist
421
besser hört er sie.) Er sagt folgendes: „Mein Geist lebte einst
fern von den entsetzlichen Schrecknissen des Lebens an einem
Orte, wo sich nicht gefallene, sondern Gott etwas näherstehende
Geister aufhielten. Mein Geist mußte in diesem schöneren, ruhigeren,
seligeren Dasein Gott gegenüber irgendein Verbrechen begangen
haben, denn er wurde zur Strafe durch einen feurigen Reif hinab-
gest&ßen, um so geboren zu werden, wie ein gefallener Geist.
Dieses Hinabfallen aber erfüllt den Geist mit Entsetzen, so daß er,
alle seine Sünden bereuend, sich wieder dahin zurücksehnt, wo er
einst weilte." (Aus dem mütterlichen Uterus durch die heiße Vagina
zur Welt gekommen, sehnt er sich wieder in den Uterus zurück.)
Er glaubt an die Reinkarnation und ist fest überzeugt, daß
er in alten Zeiten, vielleicht im XL Jahrhundert schon gelebt
habe. Wieso er das weiß? Er ist Medium und die Medien werden
gar oft von den Geistern durch die sogenannte Vergangenheit
geleitet, d. h. es wird ihnen Gelegenheit geboten, in ihrer Erinnerung
alle Momente ihres verflossenen Lebens, die imposanten und
unbedeutenden in gleicher Weise wieder zu erleben. Von wo weiß
er dies? „Ich erinnere mich, daß ich schon mehrmals aus mir
selbst herausgetreten bin. Ich sitze z. B. hier und gerate in den
Kreis des anziehenden Magnetismus'." (Dies bedeutet bekanntlich
das männliche Prinzip.) „Ich fasse mich an und trete aus mir
heraus. Ein Geisterarm ergreift mich und führt mich durch die
Vergangenheit. Wenn ich dann in meinen Körper zurückkehre,
erinnere ich mich eine Zeitlang an gar nichts. Später aber sehe
ich nach und nach viele Bilder der Erinnerung."
Wie oft er eigentlich in der Vergangenheit gelebt hat, kann
er mir nicht mitteilen. Er kann mir nur soviel verraten, daß er
im XL Jahrhundert ein äußerst leidenschaftliches Weib gewesen.
Er war damals sehr schön, wie es seine Mutter in jüngeren Jahren
gewesen sein mag. Auch war er damals sehr reich und entfaltete
großen Putz. Er liebte die Musik und sang Lieder zur Laute.
Später ergriff ihn die geschlechtliche Leidenschaft derart, daß
er zur feilen Straßendirne wurde. Es mag ein Andenken dieser
Zeit sein, daß aus ihm manchmal böse, schmutzige Geister reden.
Bei solcher Gelegenheit umzingelt ihn der „elektrische Magne-
tismus" (der ihm das weibliche Prinzip bedeutet), dessen Wellen
ihn mächtig drückend überfluten, so daß er gezwungen ist,
Unflätigkeiten zu reden. Die schmutzigen Geister diktieren ihm
422
Dr. Geza Szilägyi
manchmal Verse. Ich war Zeuge, wie er einmal zur Schreib-
maschine lief und ein solches Gedicht niederschrieb. Es war schlecht-
gereimtes, holpriges Zeug. Er ließ mich kaum einen Blick darauf
werfen und zerriß schnell das Papier. Die ersten zwei Zeilen
lauteten: „Ich hatt' ein Lieb, die mir ihr Loch versagte." Der
Refrain aber hörte sich so an: „Hurenmutter, Hurenmutter!" Ich
glaube folgern zu dürfen, daß das Liebchen, das sein Loch versagte,
die Mutter war.
Haarlosigkeit ist gleichfalls eine Erscheinung aus einer
höheren Sphäre, in welcher die absolute Reinheit und Sittlichkeit,
die gänzliche Entfernung von der Materie und der vollständige
Ekel vor ihr herrscht. In dieser Sphäre kennt man keine Behaarung.
Das Trachten nach Haarlosigkeit bedeutet also den Wunsch, jenen
Bewohnern der höheren Sphäre gleich zu sein. Die Behaarung ist
die Verkörperung des Materialismus, in ihr steckt der meiste
elektrische Magnetismus. Valentin empfindet Ekel vor diesen
Dingen, er möchte sie daher loswerden. (Die Behaarung vertritt
das weibliche Genitale, sie repräsentiert — pars pro toto — die
Mutter; der große starke Ekel ist die Reaktionsbildung auf die
große, starke Sehnsucht.)
Er versuchte auch unter den NichtSpiritisten, besonders unter
Frauen Propaganda für die Enthaarung zu machen. (Die behaarte
Frau ist mit der Mutter identisch, zu der er sich unbewußt hin-
gezogen fühlt, bewußtermaßen aber sich vor ihr fürchtet. Die
enthaarte Frau ist mit der Mutter nicht identisch, daher kann er
ihr sich leichter nähern.) Nach seinem eigenen Geständnis verstehen
ihn 99"8 Prozent der Frauen nicht; er wird von ihnen verlacht
oder mit Grobheiten traktiert, bloß bei 0"2 Prozent hat er Erfolg
mit seiner Propaganda. Dieser Mißerfolg läßt ihn aber nicht ver-
zagen, seine Mission fortzusetzen, da dies, wie er es aus den
Eingebungen der Geister weiß, der Wille Gott-Vaters ist. Gott
gab ihm deshalb die Sprache, damit er den Vater verherrliche und
den Menschen wohltue. Mit der Enthaarung aber, die eines der
Hauptmittel der Befreiung von der Tiefenwelt des elektrischen
Magnetismus ist, läßt er den Menschen Schönes, Gutes, Edles
zuteil werden. Um seine Rede eindrucksvoller zu gestalten, zeigt
er den enthaarten Arm (denken wir an den Traum, in dem der
Geisterarm den Penis seines Vaters darstellte), diesen reinen
Musterarm. Er machte aber die Erfahrung, daß das Aufzeigen
Der junge Spiritist
423
dieses reinen Armes bei vielen Frauen, die er für seine Ideen
gewinnen wollte, eine riesige sexuelle Erregung hervorrief. „Diese
Dämchen" (er schüttelt sich vor Ekel) „machten sich fürwahr
verabscheuungswert." (Er zuckt mehrere Male zusammen.) „Sie
konnten mich in solchen Zorn versetzen, daß ich sie, obwohl ich
Weibern gegenüberstand, gerne in die Brust gestoßen hätte. Wenn
mein Bestreben, mich weiblich umzugestalten, erfolgreich sein wird,
werde ich von ganz anderer Art sein, da ich unbehaart sein
werde."
Die Enthaarung ist für ihn gleichzeitig ein Mittel, den
unangenehmen Gerüchen zu entrinnen, die eine Eigenheit der
Menschen, beziehungsweise der menschlichen Weiber sind, wogegen
die Geister der anderen Sphären keinen Geruch haben. Es ist zu
bemerken, daß Valentin beim Betreten des Zimmers wie ein Hund
herumschnuppert. Die Flucht vor dem Geruch, genauer vor dem
Geruch des weiblichen Genitales, ist eigentlich ein Kampf gegen
den Wunsch, diesen Geruch, d. h. die Quelle dieses Geruches
aufzusuchen.
IV.
Schlußfolgerungen.
Indem ich versuche, das vorliegende Material kritisch zusammen-
zufassen, will ich zunächst den hervorstechendsten Charakterzug
des Falles, der zweifelsohne als Schizophrenie anzusprechen ist, in
aller Kürze hervorheben. Er betrifft die Rolle des Unbewußten, das
hier in fast unverstellter Weise die Dominante des Seelenlebens
geblieben ist und sich in allen Äußerungen des jungen Mannes
triebhaft kundtut! Was bei der Hysterie nur mit Mühe aus der
Verkapselung der Symptome und Verdrängungen herausgeholt
werden kann, liegt hier offen zutage. Von einem vorherrschend ge-
bliebenen Narzißmus erfüllt, lebt Valentin noch heute im Paradiese
der Infantilität.
Was seinen Geschlechtscharakter anlangt, kulminiert er in
der Identifizierung, die nach Freud eine wichtige Vorstufe der
endgültigen Objektwahl bedeutet. Die Ansätze zur letzteren fehlen
hier ebenso wenig, wie in anderen Fällen von Schizophrenie, doch
schwankt die Gefühlsbindung unentschieden zwischen beiden
Elternteilen. Auch die Identifizierung selbst wird nicht konsequent
durchgehalten ; in seinen libidinösen Strebungen dünkt er sich bald
424
Dr. Geza Szilägyi
Mann (Vater), bald Weib (Mutter), Immerbin ist zu beobachten,
daß sein stark entwickelter Narzißmus ihn mehr in die Rolle des
Weibes drängt, damit er sich den Mann (Vater) als Liebesobjekt
erwählen kann. Durch welche Umstände diese Einstellung erfolgt
ist, läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dem vorgebrachten
Erinnerungsmaterial entnehmen. Die frühzeitige Beobachtung des
weiblichen Genitales — maskiert durch die „Haargeschichte" —
daran der Penismangel aufgefallen sein wird, muß die Objekt-
beziehung zur Mutter im tiefsten erschüttert haben. Von dieser
höheren Entwicklungsstufe der Libido (Ödipuskomplex) wurde er
auf eine niedrigere zurückgeworfen. Die ihm adäquate Lösung
fand er, als er sich mit dem' aufgegebenen Objekt identifizierte.
Spuren anderer Lösungsmöglichkeiten sind immerhin bei ihm
nachweisbar.
Überhaupt erweist sich seine Sexualorganisation als äußerst
locker und wir finden die einzelnen Partialtriehe (Schau- und Zeige-
lust, Grausamkeitstrieb usw.) recht selbständig nebeneinander „dem
Lusterwerb zustrebend" (Freud).
Ich will mich nicht im Theoretischen verlieren und komme
auf jene Abneigung Valentins gegenüber der Behaarung zurück,
worin sich das Pathologische seines Falles am klarsten manifestiert.
Was bedeutet nun diese Abneigung?
Die Behaarung, welche er zum erstenmal am Genitale seiner
Mutter erblickte (wahrscheinlich nicht ganz zufällig, sondern als
Befriedigung einer unbewußten Schaulust), diese Behaarung vertritt
das Genitale der Mutter selbst und im weiteren das Genitale aller
Weiber. Später entwickelte sich infolge der starken Verdrängung
reaktionsweise die Furcht vor dem Inzest, die ihn in die auf den
Vater gerichtete Homosexualität drängt, sowie das Bestreben zur
Selbstbestrafung der Schaulust. Die Enthaarung steht im unbe-
wußten und symbolischen Dienste dieser Tendenzen. Einerseits
befriedigt er damit seinen Sadismus, der dem Rachewunsch seiner
im Kindesalter erlittenen Enttäuschung entsprang, andererseits
macht er es sich möglich, dem Vater gegenüber die Stelle der
Mutter einzunehmen. Außerdem bedeutet die Enthaarung, die ja
auch eine symbolische Kastration ist, eine Ahndung des Inzest-
wunsches und der kindlichen Schaulust. Wenn er demnach seine
eigene Behaarung austilgt, bestraft er sich masochistisch für den
verpönten Antrieb, seine Mutter zu belauschen, und wenn er
Der junge Spiritist
425
andere, in erster Reihe Weiber, enthaaren will, befriedigt er
zugleich seinen verdrängten und unbewußt gewordenen Sadismus.
Die Furcht vor der Behaarung ist eine Furcht vor der Mutter,
beziehungsweise eine Furcht vor dem weiblichen Genitale. Einer-
seits erhöht er mit der Enthaarung sich selbst und die Weiber,
da er der Meinung ist*— hier wirkt sein Narzißmus nach — daß
der Behaarungsmangel etwas Edleres, Schöneres und Reineres
bedeutet; andererseits erniedrigt er sie, da er sie verstümmelt.
Seine Mutter besaß eine Behaarung, er dagegen ist enthaart. Durch
diese Eigenheit will er der Mutter gegenüber eine Superiorität
erwerben und sie dadurch aus der Gunst des Vaters verdrängen.
(Daß sein Vater schon seit Jahren tot ist, ändert an der Sache
nichts, da er ihn, auf Grund seiner spiritistischen Auffassung, als
existent empfindet.) Die bewußt aus allerlei pseudo-rationalistischen,
hygienischen, ästhetischen und religiösen Gründen erfolgte Ent-
haarung ist also nichts anderes als eine mit Selbstbestrafung
verknüpfte unbewußte Flucht vor dem mütterlichen Genitale, mit
dem er sich infolge der homosexuellen Fixierung an den Vater
unbewußt indentifiziert.
Sein Trancezustand dient dazu, die Halluzinationen zu ver-
decken, beziehungsweise den manifesten Ausbruch der Halluzina-
tionen zu verhindern. In diesem Zustande, in den er zweimal auch
in meiner Gegenwart verfiel, vereinigt er sich mit Gott- Vater,
das heißt ohne theologische Floskel, mit seinem Vater. Der
Zustand, dessen Zeuge ich sein konnte, begann damit, daß Valentin
vorerst ein Krachen der im Zimmer befindlichen Möbel hörte,
woraus er die Stimme seines Vaters zu vernehmen glaubte. Hierauf
übermannte ihn eine Art von leichter Ohnmacht, verbunden mit
kleinen Zuckungen. Dieser Zustand währte nicht länger als drei,
vier Minuten und nachher bot Valentin das Bild einer eher ange-
nehmen Erschöpfung.
In der Trance wird er in eine andere, höhere Sphäre entrückt,
wo er fern von der Mutter und an Stelle der Mutter mit dem Vater
zusammen verweilen kann. In diesem Zustand erfolgt der Kompromiß
zwischen dem Wunsch und der Wunschverdrängung. Die Trance
ist in Wirklichkeit eine halluzinatorische Wunscherfüllung, deren
wahrer Charakter ihm jedoch nicht bewußt wird. Hier erfolgt die
Korrektur der Realität: die im Leben verdrängten Wünsche,
sowohl die heterosexuell-inzestuösen als auch die homosexuellen,
426
Dr. G6za Szilägyi
kann er in der Trance ausleben. Sie bietet ihm zugleich eine
Ersatzbefriedigung für die Onanie, wie auch für den Koitus,
welche beide er in der Realität meidet und bekämpft. Im Leben
ist er genötigt, das Realitätsprinzip zu befolgen, in der Trance
— im Spiritistendialekt: in einer anderen Sphäre — kann er
ungehemmt dem Lustprinzip huldigen. Die Effemination, die er,
wiewohl in Unkenntnis der wahren homosexuellen Motive, bewußt
anstrebt, aber vollständig nicht verwirklicht, da er ja seinen Penis
nicht loswerden kann, diese Effemination erreicht er in der
Trance, wo er erfährt, daß er im XL Jahrhundert Weib gewesen
ist, also identisch mit der Mutter ist. Diese vollständige Identifi-
zierung könnte er im Leben nicht vollziehen und wagt es nicht,
wohl aber in der Trance.
Er sündigt eigentlich, wenn er sich danach sehnt, neben dem
Vater den Platz der Mutter einzunehmen. Diese Sünde projiziert
er jedoch im Wege der Trance in eine frühere Existenz, und was
bei ihm ins Bewußtsein gelangt, ist der weniger unerträgliche
Gedanke, daß er im XL Jahrhundert sündigte, als er ein
Straßenmädchen war, das sich mit großen Herren fleischlich
vereinigte. Im Wege der Trance erlebt er also in einer fernen
Vergangenheit und in einer anderen Sphäre, was hienieden ein
anderer Mensch in der Neurose erlebt. Die Gefühle und Stimmungen
der Trance verschwinden auch nachher nicht spurlos und sichern
ihm eine gewisse Euphorie. Dieser Zustand bietet also mehr
Befriedigung als der Traum, worin die Wunscherfüllung gleichsam
verzerrt erscheint. In ihm allein, der den unmittelbaren Tagträumen
näher steht, findet Valentin einen ausgiebigen, der Verantwort-
lichkeit und der Strafe entbehrenden Schadenersatz für die Askese,
der er im Leben huldigt, durch die aber eine überwuchernde
Sexualität deutlich durchsehlägt.
Im Trancezustand — hiemit gelange ich zum Schluß meiner
notgedrungen fragmentarischen Ausführungen — steht Valentin
auch der Jungfrau Maria am nächsten, für die er im Leben nur
als Mitglied einer Marienkongregation schwärmen darf. In der
Wirklichkeit, um seine eigenen Worte zu zitieren, ist er ein armer
Hurenbalg, d. h. der Balg einer Hure. Im Trancezustand aber
kehrt er in die Vergangenheit zurück, u. zw. als Straßenhure,
gleichzeitig als Hurenmutter seiner selbst. In diesem Zustand
erreicht er zugleich eine — seiner Meinung nach zukünftig wohl
Der junge Spiritist
427
allgemeine — Sphäre, in welcher nur mehr unbehaarte Engel
leben. In deren Mitte thront die Jungfrau Maria — sie auch
unbehaart — mit seinem verstorbenen, also himmlischen Vater
geschlechtlich vereinigt. Gleichwie er in der Vergangenheit Huren-
mutter und Hurenbalg in einem war, wird er durch diesen
Beischlaf zur Jungfrau Maria und gleichzeitig zum Gottessohn,
also zu Christus, der mit dem Evangelium der unbehaarten Keusch-
heit die Welt erlöst. Eine größere Seligkeit auf Erden ist nicht
zu erreichen. Valentin, der im Zustande der wiederkehrenden
Trancen ein dem Lustprinzip huldigendes Leben verbringt, kann,
aus solchem Taumel erwachend, in seliger Einfalt immer wieder
die dürftige Anpassung an das Realitätsprinzip weiter versuchen.
Verzeichnis der wissenschaftlichen Veröffentlichungen von
Dr. Sändor Ferenczi.
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Aufsatze des Prof. J. J. Putnam. Imago, 1912.
56. Ein treffendes Bild des Unbewußten. Zentralblatt, 1913.
57. Zähmung eines wilden Pferdes. Zentralblatt, 1913.
58. Wem erzählt man seine Träume? Zentralblatt, 1913.
59. Zur Genese des Jus primae noctis. Zentralblatt, 1913.
60. Liebault über die Rolle des Unbewußten bei psychischen
Krankheitszuständen. Zentralblatt, 1913.
61. Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Zeitschrift
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62. Zum Thema „Großvaterkomplex". Zeitschrift, 1913.
63. Ein kleiner Hahnemann. Zeitschrift, 1913.
64. Zur Ontogenese der Symbole. Zeitschrift, 1913.
65. Infantile Vorstellungen über das weibliche Genitalorgan.
Zeitschrift, 1913.
66. Kindliche Vorstellung von der Verdauung. Zeitschrift, 1913.
67. Ursache der Verschlossenheit bei einem Kinde. Zeit-
schrift, 1913.
68. Ein passageres Symptom. Position während der Kur.
Zeitschrift, 1913.
69. Zwanghaftes Etymologisieren. Zeitschrift, 1913.
70. Parästhesien der Genitalgegend bei Impotenz. Zeit-
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71. Zur Augensymbolik. Zeitschrift, 1913.
72. Zur Symbolik der Bettwäsche. Zeitschrift, 1913.
73. Der Drachenflieger als Erektionssymbol. Zeitschrift, 19 13.
74. Der Flatus, ein Vorrecht der Erwachsenen. Zeit-
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75. Aus der Psychologie von Hermann Lotze. Imago, 1913.
76. Az idegkörtanban ertekesithetö nehäny megfigyeles a
szemen. (Neurologisch verwertbare Beobachtungen am Auge.)
Orvosi Hetilap, 1913.
77. Einige klinische Beobachtungen bei der Paranoia und
Paraphrenie. Zeitschrift, 1914.
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432 Verzeichnis der wissenschaftl. Veröffentlichungen von Dr. S. Ferenczi
80. Reiben der Augen, ein Onanieersatz. Zeitschrift, 1914.
81. Angst vor Zigarrenrauchen. Zeitschrift, 1914.
82. Zwangsneurose und Frömmigkeit. Zeitschrift, 1914.
83. Schwindelempfindung zum Schlüsse der Analysenstunde.
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84. Einschlafen des Patienten während der Analyse. Zeit-
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85. Zur psychischen Wirkung des Sonnenbades. Zeit-
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86. Diskontinuierliche Analysen. Zeitschrift, 1914.
87. Das Vergessen eines Symptomes und seine Aufklärung
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90. Referat über die allgemeine Neurosenlehre. (In dem
„Berichte über die Fortschritte der Psychoanalyse in den Jahren
1909 bis 1913=' .) Jahrbuch, 1914. Dasselbe ungarisch im Gyögyä-
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91. Psychogene Anomalien der Stimmlage. Zeitschrift, 1915.
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93. Über vermeintliche Fehlhandlungen. Zeitschrift, 1915.
94. Der Traum vom Okklusivpessar. Zeitschrift, 1915.
95. Die wissenschaftliche Bedeutung von Freuds Sexualtheorie.
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96. „Nonum prematur in annum." Zeitschrift, 1915.
97. Die psychiatrische Schule von Bordeaux über die Psycho-
analyse. Zeitschrift, 1915.
98. Über zwei Typen der Kriegsneurose. Zeitschrift, 1916.
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schrift, 1916.
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Verzeichnis der Wissenschaft!. Veröffentlichungen von Dr. S. Ferenczi 433
106. Psychische Folgen einer Kastration im Kindesalter. Zeit-
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117. Cornelia, die Mutter der Gracchen. Zeitschrift, 1919.
1 18. Zur Frage der Beeinflussung des Patienten in der Psycho-
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119. Zur Psychogenese der Mechanik. Imago, 1919.
120. Hysterie und Pathoneurosen. Internationale psycho- ^
analytische Bibliothek Nr. II. Internationaler Psychoanalytischer
Verlag, Leipzig und Wien, 1919.
Enthält die oben angeführten Nr. 98, 104, in und ferner: Hysterische
Materialisationphänomene. Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata. Die
Psychoanalyse eines Falles von hysterischer Hypochondrie.
121. Nachtrag zur Psychogenese der Mechanik. Imago, 1920.
122. Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic. Zeit-
schrift, 192 1.
123. Weiterer Ausbau der aktiven Technik in der Psycho-
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124. Die Symbolik der Brücke. Zeitschrift, 1921.
125. Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung (mit
Dr. Stefan Hollös). Beihefte der Internat. Zeitschrift f. Psycho-
analyse. Nr. V. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig,
Wien und Zürich 1922.
126. Populäre Vorträge über Psychoanalyse. Internationale
psychoanalytische Bibliothek Nr. XIII. Internationaler Ps3'cho-
analytischer Verlag, Leipzig, Wien und Zürich, 1922.
Enthält die oben angeführten Nr. 27, 32, 33, 35, 40, 41, 54, 55, 57, 95,
105, 119, 121 und ferner: Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte. Psycho-
analyse und Kriminologie. Glaube, Unglaube und Überzeugung.
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 28
434 Verzeichnis der wissenschaftl. Veröffentlichungen von Dr. S. Ferenczi
127. Die Psyche ein Hemmungsorgan. Zeitschrift, 1922.
128. Der individualpsychologische Fortschritt in Freuds
„Massenpsychologie und Ich-Analyse". Zeitschrift, 1922.
129. Soziale Gesichtspunkte bei Psychoanalysen.. Zeit-
schrift, 1922.
130. Die Brückensymbolik und die Don Juan-Legende. Zeit-
schrift, 1922.
131. Versuch einer Genitaltheorie. (Autoreferat des Berliner
Kongreßvortrages.) Zeitschrift, 1922.
132. Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen Praxis.
Zeitschrift, 1923. (Ptyalismus bei Oralerotik. Die Söhne der
„Schneider". Die „Materialisation" beim globus hystericus. Auf-
merken bei der Traumerzählung. Das Grauen beim Kratzen am
Glas etc. Zur Symbolik des Medusenhauptes. Lampenfieber und
narzißtische Selbstbeobachtung. Ein „analer Hohlpenis" bei der
Frau. Waschzwang und Masturbation.)
*
Eine Anzahl der angeführten klinischen Abhandlungen ist
in der Übersetzung von Ernest Jones in englischer Sprache
erschienen unter dem Titel:
133. Contributions to Psychoanalysis.
Alle in deutscher Sprache veröffentlichten Aufsätze sind
auch in ungarischer Sprache — zu fünf Bänden vereinigt —
erschienen, sämtliche im Verlage von Manö Dick:
134. Lelekelemze's. (Psychoanalyse.)
I 35- Lelki problemdk a pszichoanalizis megvilägitdsäban.
(Psychische Probleme im Lichte der Psychoanalyse.)
136. Ideges tünetek keletkezise es eltünese. (Entstehung und
Vergehen nervöser Symptome.)
137. A hiszteria es a pathoneurozisok. (Hysterie und Patho-
neurosen.)
138. A Psychoanalysis haladäsa. (Der Fortschritt der Psycho-
analyse.)