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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse IX 1923 Heft 3 Ferenczi Festschrift"

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




phot. Szekely Aladar 



Dr. S. FERENCZI 



Dr. Ferenczi Sändor. 



Wenige Jahre nach ihrem Erscheinen (1900) geriet die 
„Traumdeutung" auch in die Hand eines jungen Budapester 
Arztes, der Neurologe, Psychiater und gerichtlicher Sachverständiger, 
doch eifrig nach neuem Erwerb in seiner Wissenschaft ausschaute. 
Er kam nicht weit in der Lektüre, bald hatte er das Buch von 
sich geworfen ; es ist nicht bekannt, ob mehr gelangweilt oder 
angewidert. Indes kurze Zeit nachher lockte ihn der Ruf von 
neuen Arbeits- und Erkenntnismöglichkeiten nach Zürich, von 
dort trieb es ihn nach Wien, um den Autor des einst verächtlich 
beseitigten Buches zu sprechen. An diesen ersten Besuch knüpfte 
eine lange, intime und bis heute ungetrübte Freundschaft an, in 
deren Betätigung er auch 1909 die Reise nach Amerika zu den 
Vorlesungen an der Clark- University in Worcester, 
Massachusetts, mitmachte. 

Dies waren die Anfänge Ferenczis, der seither selbst ein 
Meister und Lehrer der Psychoanalyse geworden ist und in diesem 
Jahre, 1923, gleichzeitig sein fünfzigstes Lebensjahr wie das erste 
Dezennium in der Führung der Budapester Ortsgruppe vollendet. 

Ferenczi hat wiederholt auch in die äußeren Schicksale 
der Psychoanalyse eingegriffen. Bekannt ist sein Auftreten auf 
dem zweiten Kongreß der Analytiker, Nürnberg 1910, wo er die 
Gründung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung als 
Abwehrmaßregel gegen die Ächtung der Analyse durch die 
offizielle Medizin in Vorschlag brachte und durchsetzen half. Auf 
dem fünften analytischen Kongreß in Budapest, September 1918, 
wurde Ferenczi zum Präsidenten der Vereinigung gewählt. Er 
bestimmte Anton v. Freund zu seinem Sekretär und die ver- 
einte Tatkraft beider Männer sowie die großzügigen Stiftungs- 
absichten Freunds hätten Budapest sicherlich zur analytischen 
Hauptstadt Europas erhoben, wenn nicht politische Katastrophen 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/8. 



17 



258 



Vorwort 




und persönliche Schicksale diese schönen Hoffnungen erbarmungslos 
vernichtet hätten. Freund erkrankte und starb im Jänner 1920, 
im Oktober 1919 hatte Ferenczi unter Berufung auf die 
Isolierung Ungarns vom Weltverkehr seine Stelle niedergelegt 
und das Präsidium der Internationalen Vereinigung Ernest Jones 
in London übertragen. Während der Dauer der Sowjetrepublik in 
Ungarn war Ferenczi mit den Funktionen eines Universitäts- 
lehrers betraut gewesen und die Hörer hatten sich zu seinen 
Vorlesungen gedrängt. Die Ortsgruppe aber, die er 1913 gegründet 
hatte, 1 überstand alle Stürme, entwickelte sich unter seiner Leitung 
zu einer Stätte intensiver und fruchtbringender Arbeit und glänzte 
durch eine Häufung von Begabungen, wie sie sich an keinem 
anderen Orte zusammengefunden hatten. Ferenczi, der als ein 
mittleres Kind aus einer großen Geschwisterreihe ursprünglich 
einen starken Bruderkomplex in sich zu bekämpfen hatte, war 
unter der Einwirkung der Analyse ein tadelloser älterer Bruder, 
ein gütiger Erzieher und Förderer junger Talente geworden. 

Ferenczis analytische Schriften sind allgemein bekannt 
und gewürdigt worden. Seine „Populären Vorträge über Psycho- 
analyse" hat unser Verlag erst 1922 als XIII. Band der „Inter- 
nationalen psychoanalytischen Bibliothek" herausgegeben. Klar 
und formvollendet, mitunter fesselnd geschrieben, sind sie eigentlich 
die beste „Einführung in die Psychoanalyse" für den ihr ferner 
Stehenden. Eine Sammlung der rein fachlich-medizinischen Arbeiten, 
von denen eine Anzahl durch E. Jones ins Englische übersetzt 
worden ist (Contributions to Psycho-Analysis 1916), steht noch 
aus. Der Verlag wird diese Aufgabe nachholen, sobald die Ungunst 
der Zeiten es ihm nicht mehr verwehrt. Die in ungarischer Sprache 
erschienenen Bücher und Broschüren haben zahlreiche Auflagen 
gehabt und die Analyse den gebildeten Kreisen Ungarns vertraut 
gemacht. 

Die wissenschaftliche Leistung Ferenczis imponiert vor 
allem durch ihre Vielseitigkeit. An glückliche kasuistische Funde 
und scharf beobachtete klinische Mitteilungen (Ein kleiner Hahne- 
mann — Passagere Symptombildungen während der Behandlung 
— Mitteilungen aus der analytischen Praxis) reihen sich muster- 



1 Die konstituierende Generalversammlung wurde am 19. Mai 1913 von 
Ferenczi als Obmann, Dr. R a d 6 als Sekretär, Hollös, Ignotus und 
L6vy als Mitgliedern abgehalten. 



Vorwort 



259 



gültige kritische Arbeiten, wie die über Jungs Wandlungen und 
Symbole der Libido und R e g i s und He"snards Beurteilung der 
Analyse, treffliche Polemiken, wie die gegen Bleuler in der 
Alkoholfrage und gegen Putnam betreffs des Verhältnisses der 
Psychoanalyse zur Philosophie, maßvoll und würdig bei aller 
Entschiedenheit. Ferner die Aufsätze, auf denen Ferenczis 
Ruhm vorwiegend beruht, in denen seine Originalität, sein 
Gedankenreichtum und seine Verfügung über eine wohlgeleitete 
wissenschaftliche Phantasie so erfreulich zum Ausdruck kommen, 
durch die er wichtige Stücke der psychoanalytischen Theorie 
ausgebaut und die Erkenntnis fundamentaler Verhältnisse im 
Seelenleben gefördert hat. (Introjektion und Übertragung. — Die 
Theorie der Hypnose. — Die Entwicklungsstufen des Wirklichkeits- 
sinnes. — Die Arbeiten über Symbolik u. a.) Endlich die Arbeiten 
dieser letzten Jahre (Kriegsneurosen — Hysterie und Patho- 
neurosen — Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung 
[mit Hollös]), in denen das ärztliche Interesse vom psycho- 
logischen Tatbestand zur somatischen Bedingtheit hindrängt und 
seine Ansätze zu einer „aktiven" Therapie. 

So unvollständig diese Aufzählung ausgefallen ist, so wissen 
doch seine Freunde, daß Ferenczi noch mehr für sich behalten 
hat, als er sich mitzuteilen entschließen konnte. An seinem 
fünfzigsten Geburtstage vereinigen sie sich in dem Wunsch, daß 
ihm Stimmung, Kraft und Muße gegönnt sein mögen, seine 
wissenschaftlichen Vorsätze in neuen Leistungen zu verwirklichen. 

Herausgeber und Redaktion. 



17* 



Kälte, Krankheit und Geburt. 

Von Ernest Jones, 
Ehrenmitglied der „Ungarländischen Psychoanalytischen Vereinigung". 

Es ist nur am Platze, daß ein Artikel, der als Beitrag zu 
der Festschrift zu Ehren Dr. Ferenezis geschrieben ist, an eine 
oder die andere seiner charakteristischen Ansichten anknüpft; der 
vorliegende Artikel tut dies in mehr als einer Hinsicht. Wir danken 
Ferenczi, mehr als irgend einem anderen, unsere dämmernde 
Erkenntnis, wie subtil die Zusammenhänge zwischen den psychischen 
und physischen Störungen sind, ein wichtiges Gebiet, das wir 
erst zu betreten beginnen. Er hat gezeigt, daß sowohl geistige 
als auch körperliche Krankheit manchmal ihre Ursache in den 
gleichen Faktoren haben können, nämlich in unbefriedigten Gelüsten, 
ein Mechanismus, der von der bekannten hysterischen Konversion 
ganz verschieden ist. Ich möchte nun auf eine noch indirektere Art 
hinweisen, in welcher gewisse geistige Tendenzen zu ernster 
körperlicher Krankheit führen können, durch falsche Assoziationen 
von symbolischer Art, die sich auf die Vorstellung von Krankheit 
beziehen, Assoziationen, die zu einem Benehmen führen, welches 
die betreffende Person, unwissentlich, der Gefahr aussetzt, sich 
diese Krankheit durch Ansteckung zuzuziehen. 

Die hier besprochene Art von ansteckender Krankheit wird 
durch die Respirationsorgane erworben ; über ihren Umfang soll 
später gesprochen werden. Diese Art Krankheit bekommt man 
durch das einfache Einatmen infizierter Luft und die Gefahr der 
Ansteckung wird ins Ungeheure vermehrt durch unzureichende 
Ventilation, wo Infektion vorhanden ist. Nichts könnte daher die 
Gefahr der Ansteckung mehr begünstigen als der vorherrschende 
Glaube, resp. Aberglaube, daß diese Krankheiten eine Ätiologie 
haben, die der unseren direkt entgegengesetzt ist, das heißt, daß 
sie dem bösen Einfluß kalter Luft zuzuschreiben sind oder dem, 



Kälte, Krankheit und Geburt 



261 



was volkstümlich als „Zug" bezeichnet wird. Da dieser Glaube 
auch in ärztlichen Kreisen noch fortlebt, mag etwas darüber von 
einem rein pathologischen Gesichtspunkt aus gesagt werden. Ohne 
die extreme Ansicht zu vertreten, daß der volkstümliche Glaube 
absolut abergläubisch und unrichtig ist (obzwar ich persönlich 
dieser Meinung bin), will ich hier nur behaupten, daß die pathor 
logische Tragweite des Faktors kalter Luft ungeheuerlich über- 
trieben ist. 

Drei Gruppen von Erwägungen, so scheint mir, machen diese 
Schlußfolgerung unvermeidlich: 1. Experimentelle Forschungen an 
Menschen und anderen Tieren, 2. ein skeptisches Nachdenken über 
die Natur von Krankheit und 3. das Zurückrufen der Geschichte 
des in Frage stehenden Glaubens. Ich will mit der letzten dieser 
drei Gruppen beginnen. Wenn ein volkstümlicher Glaube an einen 
gegebenen Gegenstand in direkter Proportion mit dem Zunehmen 
der exakten wissenschaftlichen Daten verblaßt, kann man den 
Verdacht nicht unterdrücken, daß der Zweck dieses Glaubens 
einfach war, eine Lücke auszufüllen, wo bestimmte Kenntnis noch 
nicht besteht; dies gilt besonders, wenn der Gegenstand von 
großer psychologischer Bedeutung für die Menschheit ist. Man 
braucht nur als Beispiel die ungemein große Beschränkung in der 
Anwendbarkeit religiöser Erklärungen natürlicher Phänomene 
anzuführen, sobald diese Phänomene durch andere Mittel erforscht 
werden. Die riesige Menge von Folklore auf dem Gebiet der 
Gesundheit zeigt, wie wichtig dieser Gegenstand immer für den 
Menschen war und auch wie unmöglich es ihm erschien, auf 
diesem Gebiete jemals Unwissenheit zu ertragen. Diesen Hiatus 
mußte er immer ausfüllen. Da er so gut wie nichts über, den 
Grund und die Behandlung von Krankheit wußte, erfand er mehr 
oder weniger phantastische Erklärungen, um seiner Unwissenheit 
abzuhelfen. Die Art, in welcher diese falschen Erklärungen 
determiniert sind, soll später erläutert werden. Unter diesen 
Erklärungen war eines der ätiologischen Momente, an das man 
am festesten glaubte und das für eine lange Reihe von Krank- 
heiten verantwortlich gemacht wurde, kalte Luft. Es ist erstaunlich, 
in der medizinischen Literatur des vorigen Jahrhunderts zu finden, 
was für eine außerordentlich große Zahl von Krankheiten angeblich 
auf diese Art erworben wurden. Sogar in den medizinischen Lehr- 
büchern der vorigen Generation findet man diese Ätiologie für 



262 



Ernest Jones 






eine Reihe von bakteriologischen Zuständen, wie Peritonitis, 
Tuberkulose, Leberabszeß, Herzbeutelentzündung, Pleuritis, Gastritis 
und einer Menge anderer, angegeben. Viele offensichtlich irrationelle 
Elemente in diesem Glauben weisen auf ihre abergläubische Natur 
hin. So glaubte man, daß Nachtluft besonders tödlich sei; Malaria, 
z. B. war die Folge — so dachte man — des Einatmens dieser 
schädlichen Substanz, bis die Unmöglichkeit, diese Krankheit bei 
Abwesenheit der nötigen Art von Moskitos zu erwerben, aufgezeigt 
wurde. Es ist interessant zu bemerken, daß kalte Luft, die einen 
aus einer lokalisierten Richtung, gleich einem Feinde, trifft (d. h. 
„Zug") besonders gefährlich ist, besonders wenn sie von rückwärts 
kommt. Dasselbe gilt auch für kalte Luft, die bestimmte Körper- 
teile erreicht, wie die Füße und den Nacken. Luft, die durch 
eine Öffnung eindringt, besonders durch ein Schlüsselloch, ist 
gefährlicher als andere Abarten. Wenn wir nur ein Beispiel der 
vor fünfzig Jahren beschriebenen Ätiologie betrachten, sehen wir, 
in was für einem Mißverhältnis dies mit unserer jetzigen Kenntnis 
der Pathologie steht ; ich wähle die Lehre, daß Eierstockentzündung 
die Folge von unzureichender Unterkleidung während der Men- 
struation sein soll. Wenn diese Unterkleider offen, anstatt geschlossen 
sind, so kann die gefährliche Luft in die Vagina eindringen, den 
offenen zervikalen Kanal emporsteigen, in der Gebärmutter 
zirkulieren und ihren Weg zu den gewundenen Fallopi-Tuben 
finden, bis sie die empfindlichen Eierstöcke selbst erreicht. 

Die Bakteriologie mußte natürlich einen mächtigen Umschwung 
in diesen Ansichten ausüben, aber sie waren im menschlichen 
Geist so tief eingewurzelt, daß man zu einiger Rationalisierung 
Zuflucht nehmen mußte. Also wurde behauptet, daß kalte Luft, 
obzwar sie nicht die spezifische Ursache dieser Krankheiten war, 
die Wirkung hatte, die Widerstandskraft des Organismus gegen 
die überall vorhandenen Infektionen zu verringern und somit 
bestimmte, ob eine Person an dieser Krankheit leiden sollte oder 
nicht. In praxi änderte also die neue Erkenntnis nur wenig; und 
noch heute hütet man sich gegen diese angebliche Krankheits- 
quelle beinahe so sorgfältig wie in den Tagen vor Pasteur und 
Koch. Experimentelle Forschung an Menschen und Tieren zeigt 
jedoch, daß ein außerordentlicher Kältegrad vorhanden sein muß 
— ein Grad, der unter gewöhnlichen Bedingungen niemals erreicht 
wird — um die Körpertemperatur herabzusetzen und daß nichts 




Kälte, Krankheit und Geburt 



263 



weniger als dies die Widerstandskraft gegen pathogene Infektion 
in beachtenswertem Maße beeinflußt. 

Die Folgewirkungen falscher Glauben sind gewöhnlich sehr 
verschiedenartig. Die Menschheit hat oftmals schwer unter ihnen 
gelitten, aber auch oft kompensatorische Vorteile in der Form 
von Trost und Glücksgefühl aus ihnen gezogen. In dem vorliegenden 
Beispiel hat sich die Wage entschieden in der ersterwähnten 
Richtung geneigt, denn dieser Glaube hatte unvergleichlich größeres 
Leiden im Gefolge als irgend ein anderer, möge er wahr oder 
falsch sein. Man hat ausgerechnet, daß, wenn man alle unmittel- 
baren und ferneliegenden Komplikationen und Nachwirkungen in 
Betracht zieht, dreiviertel aller körperlichen Krankheiten und Todes- 
fälle ihren Ursprung in Respirationsinfektionen nehmen — eine der 
gigantischesten Tatsachen in der Geschichte menschlichen Leidens. 

Kann die Psychologie ein Licht auf den Ursprung und die 
Bedeutung dieses schicksalsschweren Irrtums werfen? Die erste 
mögliche Erklärung, die einem einfällt, mag zunächst erwähnt 
werden, obgleich sie offenbar oberflächlich ist. Es handelt sich hier 
um einen rein logischen Irrtum. Ein hervorstechendes Symptom 
der akuten Phase bei den meisten dieser Infektionen ist Kälte- 
schauer und Empfindlichkeit gegen Kälte (das wohlbekannte Stadium 
des Schüttelfrostes). Diese Anfangsphase der Krankheit wird 
irrtümlich gewöhnlich für die pathogene Erkältung gehalten, die 
angeblich die Ursache der Krankheit ist. Weiterhin kann es kein 
Zufall sein, daß der Glaube an die Gefahr kalter Luft sich am 
längsten in bezug auf Krankheiten der Atmungsorgane- erhalten 
hat und am schärfsten in Beziehung mit der milden Infektion 
verfochten wird, die tatsächlich den Namen „Erkältung" führt. 
Hier ist ein weiterer Grund zur Verwechslung ätiologischer 
Momente. Kalte Luft (ebenso wie helles Sonnenlicht) können die 
Atmungsschleimhäute und die Bindehaut in einem solchen Grade 
erregen, daß sie viele der weniger wichtigen, obzwar auffallenden 
Wirkungen dieses wohlbekannten Zustandes hervorrufen können; 
so z. B. das Tränen der Augen, das Laufen der Nase, Kitzel in 
der Nase, Niesen und sogar Husten. Obgleich es ziemlich leicht 
ist, diesen kurzlebigen Zustand von dem echten toxischen, Erkältung 
genannt, zu unterscheiden, ist es doch wahrscheinlich, daß die 
oberflächliche Ähnlichkeit zwischen den beiden, die besprochene 
ätiologische Verwechslung fördert und es leichter macht, die zweite 



r 



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Ernest Jones 



auch den physikalischen Momenten zuzuschreiben, die offensichtlich 
die erstere hervorrufen. 

Kein moderner Psychologe wird jedoch auch nur einen 
Augenblick mit dieser rein intellektualistischen Erklärung zufrieden 
sein, ganz abgesehen von der Tatsache, daß sie nur auf eine 
gewisse Klasse von Krankheiten anwendbar ist. Wir wissen heute, 
daß formal logische Irrtümer nicht ihre Ursache in intellektuellem 
Ungenügen haben, sondern in der Wirkung emotioneller Faktoren. 
Wie Ferenczi 1 richtig bemerkt : „Man war früher geneigt zu glauben, 
daß man Dinge verwechselt, weil sie ähnlich sind; heute wissen 
wir, daß man ein Ding mit einem anderen nur verwechselt, weil 
gewisse Motive dazu vorhanden sind; die Ähnlichkeit schafft nur 
die Gelegenheit zur Betätigung jener Motive." 

Wir müssen daher weitere Erklärungen zu erforschen suchen, 
für ein so starkes und tiefes menschliches Charakteristikum wie 
dieses, das wir hier betrachten. Der einzige Autor, der meines 
Wissens das Problem von der psychologischen Seite angegangen 
hat, ist Trotter. 2 Er schlägt als Erklärung vor, daß das Gefühl 
von Unbehagen und Furcht, das kalte Luft im Menschen hervor- 
ruft, in Zusammenhang stehen mag mit der Gefahr, von der warmen 
Herde getrennt zu werden, so daß der hier besprochene Glaube 
eine direkte Kundgebung dessen sein würde, was er den Herden- 
instinkt nennt. Wenn wir Trotters „Herde" psychoanalytisch in termini 
der Familie, letzten Endes der Mutter, übertragen, dann mag sein 
Vorschlag mit dem hier auszuführenden in Zusammenhang stehen. 

Die Hilfe, die wir von der Psychoanalyse erwarten, werden 
wir natürlich darin suchen, indem wir bestimmen, was für Beiträge 
von dem Unbewußten zu dem besprochenen Glauben geliefert 
wurden. Wir haben daher zu betrachten, welche Vorstellungen im 
Unbewußten den Elementen der Formel : „Kalte Luft ist der Grund 
für Krankheit", entsprechen. Die unbewußten Äquivalente der 
letzterwähnten Vorstellung sind uns von zahlreichen Psycho- 
analysen bekannt. Obzwar der Wunscherfüllungsmechanismus des 
Unbewußten gelegentlich gewisse Formen von Krankheiten mit 
angenehmen Vorstellungen verbinden mag — wie in der wohl- 
bekannten Assoziation zwischen den Vorstellungen von Krebs und 

1 „Zur Ontogenese der Symbole." Internat. Zeitschr. f. ärztl. Psycho- 
analyse, 1913, S. 438. 

2 W. Trotter: „Instincts of the Herd in Peace and War", 1916, P. 31. 



Kälte, Krankheit und Geburt 



265 



Gravidität — so besteht kaum ein Zweifel, daß die häufigste und 
grundlegendste unbewußte Konzeption von Krankheit, die einer 
verkrüppelnden Verletzung ist. Diese Kränkung, so nimmt man 
instinktiv an, ist einem von der Außenwelt zugefügt worden mit 
einer sadistischen oder feindseligen Absicht. Die Überlieferungen 
von primitivem Folklore und Aberglauben lehren uns, wie konstant 
die Person, die uns diese Verletzung (Krankheit und auch Tod) 
zufügt, figürlich personifiziert wird. Die Verletzung, wie jede 
Verletzung, stellt letzten Endes die Kastration dar. (Rank.) 

Aus den letzten Forschungen haben wir gelernt, daß 
die Vorstellung der Kastration im Unbewußten viel weitere 
Zusammenhänge umfaßt, als man früher dachte, besonders in 
genetischer Beziehung. Außer den Vorstellungen, die sich direkt 
mit dem Verlust des Penis befassen (Drohungen, Furcht 
vor wiedervergeltender Strafe), sind es drei andere wichtige 
Quellen, von denen dieser Komplex gespeist wird. Sie sind: Das 
Wegnehmen des mit dem Penis identifizierten Faeces (Jones), das 
Entwöhnen von der Brust (Staercke) und der Verlust des Körpers 
der Mutter bei der Geburt (Alexander). Ferenczis 1 Vorstellungs- 
kraft verdanken wir unsere erste richtige Einschätzung der 
psychischen Bedeutung, die der Geburtsvorgang für das Kind haben 
muß und er hat deren Konsequenzen in der späteren Entwicklung 
des Individuums verfolgt. Aus seinen Arbeiten, und natürlich aus 
denen Freuds, haben wir gelernt zu verstehen, wie groß das Leid 
und der Groll sein müssen, die das Kind empfindet, wenn es aus 
dem Paradies vertrieben wird, und wie groß der ewige Wunsch, 
dorthin zurückzukehren, sein muß. Nachdem der schmerzliche Akt 
der Geburt vorüber ist, ist sicherlich für das Kind das deutlichste 
Zeichen seiner eben erlittenen „Kastr-ation" — das Ausstoßen aus 
dem Nest, das früher sein war wie ein Teil seiner selbst — die 
Empfindung von kalter Luft. Der unbehagliche Reizzustand, den 
dieser Temperaturwechsel hervorbringt, bezeichnet die Revolution 
in seiner Existenz und von seiner (widerwilligen) Reaktion darauf 
hängt sein ganzes Leben ab. Kein Wunder, daß der herrschende 
Eindruck, den man so an der Schwelle des Lebens empfängt, für 
immer mit den Vorstellungen von Unbehagen, Unsicherheit, Gefahr 
oder selbst körperlicher Verstümmelung verknüpft bleibt! 

1 Ferenczi: „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes", Internat. 
Zeitschr. f. Psa., 1913. 



Über hysterische Erscheinungen am Uterus. 

Von Dr. M. Josef Eisler (Budapest). 1 

Wir wissen, daß die Konversionshysterie die verschiedensten 
Organe, wie Verdauungstrakt, Sinneswerkzeuge, Haut, Muskulatur," 
Atmungsorgan usw., zum Schauplatz ihrer Äußerungen nehmen 
kann, deren Funktionen sie in der mannigfaltigsten Weise beeinflußt 
und ändert. Dort, wo sie ihre vorzüglichsten Ansatzstellen hat, 
ist ihre Symptomatologie durch häufige Beobachtung festgelegt 
und nach diversen Gesichtspunkten beschrieben worden. Nichts- 
destoweniger hat die Hysterie auch in solchen Fällen den Charakter 
beibehalten, durch irgend einen unerwarteten Zug zu überraschen 
und in uns das Gefühl zu erwecken, daß hinter ihrer bekannt 
scheinenden Natur allerlei ungelöste Rätsel stecken. Wo sie seltener 
und unter verwickeiteren Bedingungen auftritt, sind ihre Erscheinungs- 
formen vielleicht nicht durchwegs genau festgehalten und dargestellt 
worden; zumindest aber fehlt es hier an einer systematischen 
Bearbeitung des gewiß nicht uninteressanten Stoffgebietes. Es 
soll im folgenden versucht werden, auf Grund einzelner Beobach- 
tungen die hysterischen Symptome an der Gebärmutter gesondert 
zu behandeln. Das Material, welches aus naheliegenden Gründen 
dem Gynäkologen leichter zugänglich gemacht wird als dem 
Psychoanalytiker, konnte nicht immer ausgiebig erforscht werden, 
doch dürfte es in Hinsicht auf das angegebene Problem seinen 
Zweck erfüllen. 

Die Erfahrung hat gezeigt, daß die Hysterie sich an den zwei 
Gewebselementen der Gebärmutter — d. i. JSchleimhaut und 
Muskulatur — etablieren und dort ihre besonderen Symptome 
hervorrufen kann. Beide haben in hohem Grade die Fähigkeit 
erworben, auf reflektorischem Wege zu funktionieren, 

1 Vortrag am VII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß zu Berlin. 



Über hysterische Erscheinungen am Uterus 



267 



wodurch sie aber nur scheinbar der Beeinflußbarkeit durch das 
(bewußte) Seelenleben entzogen sind. In Wirklichkeit stehen die 
biologischen Funktionen der Gebärmutter durchaus in naher 
Beziehung zu den Äußerungen des Affektlebens, 'beziehungsweise 
sind sie auch von unbewußten psychischen Kräften lenkbar 
geblieben. Aufregung, plötzlicher Schreck und dergleichen können 
solche Funktionsstörungen hervorrufen. Die Vorgänge hiebei 
spielen sich aber viel zu rasch ab und zeigen auch sonst nur eine 
geringe Abweichung von der Norm, um der psychoanalytischen 
Forschung eine zureichende Grundlage zu bieten. Sie bilden die 
Übergangsformen zu jenen Fällen, die das Beteiligtsein der psychischen 
Kräfte besser verraten und sich oft in mehr alarmierender Weise 
äußern. 

1. Indem wir uns den hysterischen Symptomen an 
der uterinen Schleimhaut zuwenden, .wollen wir die Fälle, 
welche sieh durch das Ausbleiben der regelmäßigen Blutung kenn- 
zeichnen, von denen, die das Gesetz der Periodizität durchbrechen 
und sich in plötzlich auftretenden Blutungen von unbestimmter 
Dauer äußern, gesondert betrachten. Beide dieser Gruppen — 
Amenorrhoe und Dysmenorrhöe — werden in den Lehr- 
büchern über Frauenheilkunde, wo sie nicht durch die biologische 
Unentwiekeltheit der inneren Geschlechtsorgane bedingt erscheinen, 1 
in der Regel nur als „nervöse" Zustandsbilder aufgefaßt und mit 
dieser Etikette kurz erledigt. Das Fehlen einer nachweisbaren 
organischen Grundlage hat bislang die Gynäkologen nicht veranlassen 
können, sich über ^solche Phänomene eigene Gedanken zu machen ; 
auch in der Behandlung weichen sie von den üblichen Methoden 
und Eingriffen nicht ab. Die Folge davon ist, daß ihre Beobachtungen 
über einzelne symptomatische Erkenntnisse hinaus ohne irgend 
welchen Zusammenhang sind und ihnen in betreff der Therapie 
eine prinzipielle Stellungsnahme unmöglich wird. Hier einen Wandel 
zu schaffen, ist nun die Psychoanalyse berufen. Nicht in dem Sinne, 
daß sie sich das Amt der Kontrolle anmaßt ; sie wünscht vielmehr 
nur, angehört zu werden, denn sie meint, mit den Ergebnissen 
ihrer Forschung teilweise zur Klärung der Probleme beizutragen. 

1 Die Unentwickeltheit kann eine anatomische oder eine funktionale 
sein. Die letztere bezieht sich auf den Drüsenapparat, der mit anderen 
endocrinen Drüsen vielfach zusammenarbeitet. Die Erscheinungen fallen hier 
schon teilweise in das Gebiet, welches den Analytiker angeht. 



268 



Dr. M. Josef Eisler 



Nehmen wir das Beispiel einer „nervösen" Amenorrhoe. 
Auch der Gynäkologe wird sich sagen müssen, daß ihm selbst die 
eingehendste Prüfung des Organs (Uterus) über die Ursache dieser 
Erkrankung völlig im unklaren läßt. Er hat sich vielleicht schon 
bei Fällen von weiblicher Frigidität, die ihm ja täglich vorkommen, 
zu der Annahme bequemen müssen, daß der Grund dieses oft 
folgenschweren Symptoms gewissermaßen außerhalb der Geschlechts- 
organe zu suchen sei. Und in der Tat kann ihm die Psychoanalyse 
eine sehr ausführliche Erklärung des Symptoms geben, die zugleich 
einer ganzen Reihe von unbeachteten Nebenumständen gerecht 
wird. Sie wird ihm sogar die Versicherung abgeben können, daß 
es ihr zuweilen gelungen ist, mit Hilfe ihrer Methode das Symptom 
zum Schwinden zu bringen und ein normales Empfindungsvermögen 
herzustellen. Auch bei der „nervösen" Amenorrhoe spielen die 
psychischen Einflüsse die Hauptrolle. Das beteiligte Organ 
lehnt es einfach ab, die ihm von der Natur gebotene 
Aufgabe zu leisten; das Ausbleiben der katamenialen Blutung 
ist demnach ein Konversionssymptom. Die Bedingungen, unter 
welchen das letztere zustande kommt, sind sehr verwickelte, doch 
können wir die wesentlichste genauer bezeichnen. Wir finden in 
solchen Fällen das Gefühlsleben von dem Wunsch gelenkt, ein 
Mann zu sein. Dieser Wunsch ist seinem ganzen Wesen nach 
infantiler Natur und hat seinerzeit vermocht, die normalen weiblichen 
Strebungen in der weiteren Entwicklung zu hemmen oder nieder- 
zuhalten. Er ist nicht immer unbewußt, ja oft liegt er fast greifbar 
im psychischen Material — in den Phantasien, Charakterbildungen etc. 
— zutage, doch kann er als konfliktbildender Faktor den Ablauf 
der Affekte modifizieren und das psychische Verhalten in weitest- 
gehendem Maße abändern. Unter seinem Einfluß dünkt sich das 
Weib von der Natur benachteiligt und schafft sich bei genügender 
Stärke und unter gleichzeitigem Gegendruck der verdrängten 
Weiblichkeit einen Ausweg in das neurotische Symptom. Dieses 
letztere präsentiert sich dann als Ausdruck des sogenannten 
„Männlichkeitskomplexes" (Ophuijsen). Die Amenorrhoe ist nur 
die eine Modalität einer solchen krankhaften Lösung, indem sie 
nämlich in der uterinen Schleimhaut das organische Entgegen- 
kommen findet. Die allerletzten Zusammenhänge sind uns hier 
ebenso dunkel, wie in jedem Fall von Konversionshysterie. Die 
Möglichkeit zahlreicher psychischer Konstellationen bringt es mit 



Ober hysterische Erscheinungen am Uterus 



269 



sieh, daß der „Männlichkeitskomplex" einen fast unübersehbaren 
Reichtum von Symptomen zeitigen kann. Abraham hat dies 
erst kürzlich in ausgiebigster Weise dargetan. 1 Auch die klinische 
Erscheinungsform der hysterischen Amenorrhoe ist abwechslungs- 
reich. Sie ist immer nur relativ, da ihre dynamischen Vorbedingungen 
— die psychischen Inhalte — allerlei Schwankungen ausgesetzt 
sind; sie kann Monate, aber auch Jahre dauern und hinterläßt 
Spuren von wechselnder Stärke. In der Regel tritt sie nicht allein 
auf, sondern verbindet sich mit verwandten Erscheinungen. Ich 
habe sie in Verbindung mit Angsthysterie, Zwangsneurose, 
verdrängter Homosexualität und Perversion beobachten können. 
Ein spezielles Eingehen auf solche Fälle würde uns aber vom 
Grundthema allzu sehr ablenken und eine ausführliche Darlegung 
der Zusammenhänge notwendig machen. Nur auf eine besondere 
Art der Komplikation möchte ich hinweisen, da sie gerade von 
den Gynäkologen durch zahlreiche Beobachtungen erhärtet worden 
ist. Es ist dies die sogenannte „vikariierende Menstruation". Bei 
dieser tritt die Monatsblutung nicht an der uterinen Schleimhaut, 
sondern überraschenderweise an den verschiedensten Organen auf, 
die zum Sexualorgan keine direkte Beziehung haben. Es sind 
Fälle von Nasen-, Lungen- und Magenblutungen (hysterische 
Döepistaxis, Hämoptoe und Hämatemesis) beobachtet worden, die 
genau die Zeit der Monatsregel einhielten. Auch entferntere 
Organe, wie Kehlkopf, Schilddrüse, Auge und Ohr können den 
Ersatz für die unterbliebene Menstruation leisten. Es waren ins- 
besondere französische Frauenärzte, die solche, gewiß nur selten 
auftretende Erscheinungsformen der Hysterie beschrieben und mit 
dem Namen „£ctopie menstruelle" belegt haben. Mir ist es nicht 
bekannt, ob die Analyse jemals die Gelegenheit hatte, einen Fall 
dieser Gruppe methodisch zu untersuchen. Wir könnten dann mehr 
darüber aussagen, als uns jetzt festzustellen übrig bleibt. Zweifels- 
ohne handelt es sich da um sogenannte „erogene Zonen", die auf 
Grund einer — phylogenetischen — Abgestimmtheit die Rolle 
des in Ablehnung verharrenden Organs übernehmen konnten. Nur 
eine durchgeführte Analyse wird uns das Recht geben, weitere 
Schlüsse aus solchen Fällen zu ziehen. 



1 Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes. Intern. Zeit- 
schrift f. Psa., Jahrg. VII, S. 423-452. 



270 



Dr. M. Josef Eisler 



Das Überschreiten der periodischen Gesetzmäßigkeit im Sinne 
eines Ausbleibens der Menstruation kann auch eine einfachere 
Ursache haben, die nicht eigentlich krankheitsbildend ist. Ein 
junges Mädchen, das ein illegitimes Verhältnis hatte, verstand es, 
ihre Menstruation immer auf ein bis zwei Wochen zu verschieben, 
womit sie ihren leicht beeinflußbaren und gewissenhaften Liebhaber 
in Schach hielt. 

Wer ein solches Beispiel für nicht ernst genug hält, verkennt 
die Tatsache, daß die Motive im Leben — das Empfinden und 
Handeln der Menschen — je nach der Charakterbildung verschieden 
sind. Die wissenschaftliche Objektivität gibt es nicht zu, daß wir 
die Affekte der Kranken anders, als sie gegeben sind, qualifizieren. 
Sie sind eben die Symptome, mit denen wir uns zu beschäftigen 
haben. Auch das folgende Beispiel, womit ich die Frage der 
unperiodischen Blutungen auf hysterischer Basis 
eröffne, ist in diesem Sinne aufzufassen. Eine Frau bekam nach 
der Heimkehr ihres Gatten aus der Gefangenschaft so starke 
Blutungen, daß sie jedesmal drei Wochen im Monat davon berührt 
wurde. In dem Symptom, welches sie gegen den Mann schützte, 
verbarg sich die tiefe, aus vielen Motiven erwachsene Entfremdung 
vom Gatten, dessen Rechte sie nur mehr widerwillig anzuerkennen 
geneigt war. Solche Fälle sind in diesen Zeiten gewiß nicht selten 
zu beobachten, wenn die Aufmerksamkeit ihnen unparteiisch und 
unvoreingenommen zugewendet ist. Sie beweisen, daß jede Organ- 
tätigkeit unter dem plastischen Einfluß psychischer Kräfte steht, 
welchen sie sich in der mannigfaltigsten Weise und unter den 
verschiedensten Erscheinungsformen anpaßt. 

Ausführlicher möchte ich den Fall einer heute etwa 40jährigen 
Frau behandeln, deren Hysterie sicherlich zu den ungewöhnlichen 
Fällen zu zählen ist. Der Beginn der Krankheit liegt bereits ein 
Vierteljahrhundert zurück und hat gegenwärtig nur mehr Spuren 
im seelischen Verhalten hinterlassen. Es handelt sich um eine 
äußerst bescheidene und zurückgezogen lebende Frau, in deren 
Charakter ein aufopferungsvoller Zug vorherrscht. Sie hat — nicht 
mehr jung — einen lungenkranken Mann gewählt, um ihn betreuen 
und pflegen zu können; vorher hatte ihre Beziehung zum Vater 
und insbesondere zu einem jüngeren Bruder eine ähnliche Tendenz 
verraten. Diese ausgesprochene Mütterlichkeit, die sicherlich 
ein normales Maß übersteigt, füllt ihr ganzes Wesen aus und 



Über hysterische Erscheinungen am Uterus 



271 



macht sie für jede andere Lebensfreude stumpf. Merkwürdig: 
gestaltete sich das Verhältnis zu den weiblichen Mitgliedern ihrer 
Familie. Einer älteren Schwester, die eine gesunde Sinnlichkeit 
besaß und sich auch sonst lebensfähiger als sie erwies, begegnete 
sie in geheimer Feindschaft. Oft zeigten sich dieser gegenüber 
Anwandlungen von Eifersucht. Weniger scharf ausgesprochen, 
doch ähnlicher Natur waren ihre Gefühlsbeziehungen zur Mutter. 
Dies alles hatte den Anschein, als ob sie neben ihrem mütterlichen 
Drange keine weibliche Rivalin dulden konnte. Nur zu der einzigen 
jüngeren Schwester fühlte sie sich hingezogen, nannte sie ihre 
„Schülerin" und trachtete sie nach eigenem Muster zu erziehen 
Sie opponierte damit ihrer Mutter, als wollte sie beweisen, daß 
dieser die Fähigkeit zur Kindererziehung abging. Wir haben also 
in ihrer extrem „passiven" Lebenseinstellung zugleich die heftig 
unterdrückten Motive einer kindlichen Herrschsucht und Auflehnung 
vor uns. Für weitere Spannungen im Seelenleben dieser Frau 
sorgte ein nur kümmerlich vorhandenes Sexualempfinden. Bei 
großer Zärtlichkeit für den Mann blieb sie eine kalte Natur. Als 
siebenjähriges Kind hatte sie einmal im elterlichen Garten einen 
Beischlaf beobachtet — wahrscheinlich zwischen Bediensteten, also 
Niedriggestellten des Hauses — , welcher ihr in der Erinnerung 
häßlich und ekelerregend vorkam. Ihre abweisende Haltung in 
sexuellen Dingen war durchaus auf dieses Erlebnis zurückzuführen. 
Zunächst muß es jedoch anders gewirkt haben. Es ist nämlich 
aus ihrem neunten Lebensjahr eine wichtige „Deckerinnerung" 
erhalten geblieben, die uns zu solcher Annahme bringt. Sie wußte 
von einer Zeichnung zu erzählen (Geschenk des Vaters?), worin 
„das Schicksal eines Waisenmädchens" in verschiedenen Etappen 
dargestellt war. Es dürfte sich auf den Bildern um den moralischen 
Verfall einer Schutzlosen gehandelt haben. In dieser Deckerinnerung 
finden wir eine Gedankenreihe wieder, die uns als „Dirnenkomplex" 
bekannt ist. Er ist bei Neurotischen nicht selten und besagte, daß 
ihre gebundene Sexualität den Wunsch nach Ausschweifung verdeckt, 
daher nur ein Verdrängungsprodukt ist. In diesem Falle ist es 
bezeichnend, daß die Phantasie neben dem Todeswunsch gegenüber 
der Mutter auch eine Beschuldigung des Vaters entnält: weil er 
sie verschmäht hat, will sie sich nun jedem hingeben. — Ich komme 
jetzt auf den Ausbruch ihrer Krankheit zu sprechen, die uns nach 
dem Gesagten nicht mehr ganz unverständlich sein kann. Zwischen 



272 Dr. M. Josef Eisler 

ihrem 16. und 17. Lebensjahr machte ihr ein junger Mann, der 
ihr Wohlgefallen besaß, den Hof. Auf einem Balle, während sie 
tanzten, stellte er ihr einen unzüchtigen Antrag und verfolgt das 
tief erschrockene Mädchen in die Garderobe. Hier bekam sie plötzlich 
eine — unerwartete — Blutung. Von diesem Moment an 
dauerte die Menstruation etwa fünf Jahre. Nur auf 
ärztliche Einwirkungen gab es kurze Pausen in der Blutung, die 
sich bald normal stark, bald nur schwach andeutete, aber der Zustand 
selbst schien lange sich nicht ändern zu wollen. Es wurden die 
tüchtigsten Frauenärzte zur Behandlung herangezogen, die nach 
verschiedenen medikamentösen und physikalischen Heilversuchen 
schließlich ein Curettement anrieten. Dieses wurde auf einer Klinik 
nach künstlicher Defloration der Patientin durchgeführt, änderte 
jedoch nicht viel an der Sache. Noch zweimal wurde die Auskratzung 
der Gebärmutter wiederholt, bis endlich ein Frauenarzt den Fall 
zum Neurologen schickte. Ich habe die näheren Umstände dieses 
Ärztewechsels erfahren können und teile sie mit, weil sie den 
Analytiker interessieren dürften. Der betreffende Gynäkologe, ein 
stadtbekannter Fachmann, hatte damals — vor 20 Jahren — die 
ersten Schriften von Freud gelesen und unter dem Eindruck 
dieser Lektüre die Diagnose auf Hysterie gestellt. Er war also 
nach fünf Jahren der erste, der den Mut hatte, seine Unkompetenz 
offen zu bekennen. Der Erfolg gab ihm jedenfalls recht: es bedurfte 
bloß einer kurzen Suggestivbehandlung und der qualvoll gewordene 
Zustand der Kranken nahm ein Ende. Nur noch der freiwillige 
Tod ihres ersten Bräutigams rief nach etwa drei Jahren eine kurz- 
fristige Rezidive hervor; nach weiteren drei Jahren starb der 
Bruder, den sie sehr liebte. In der Folge trat eine schwere Depression 
auf, doch die kontinuierlichen Uterusblutungen waren ausge- 
blieben. Von da an nahm ihr Leben jenen stilleren Verlauf, 
den ich eingangs in seinen charakteristischen Merkmalen geschil- 
dert habe. 

Als Motiv dieser hysterischen Blutung von ungewöhnlich 
langer Dauer haben wir eine auch im Seelischen ausgedrückte 
Art von Selbstentwertung zu erkennen, ein Motiv, das zugleich 
den Zweck verfolgte, sich gegen den Mann zu schützen. Träger 
des krankhaften Impulses war die Schleimhaut der Gebärmutter, 
deren Funktion gesteigert und über die Maßen mißbraucht wurde. 
Alles, was wir der Beschreibung des eigentlichen Symptoms voraus- 




Über hysterische Erscheinungen am Uterus 



273 



geschickt haben, mag zur psychologischen Unterstützung dieses 
theoretischen Schlusses dienen. 1 

2. Die Frage, ob die muskulären Gewebselemente 
der Gebärmutter einer psychischen Beeinflussung unterworfen sein 
können, ist über einen gewissen Punkt hinaus niemals gestellt 
worden. Man hat unter dem Eindruck der Tatsache, daß nach 
plötzlichen Schreckerlebnissen eine unzeitgemäße Wehentätigkeit 
einsetzen kann, von der reflektorischen Reizfähigkeit 
der uterineh Muskulatur gesprochen. Auch gewisse Sehmerz- 
empfindungen, Krämpfe, Unterleibssensationen und dergleichen 
zur Zeit der Regel sind ähnlich definiert, beziehungsweise mit 
nervösen Vorgängen in der Muskelsubstanz des Uterus in Beziehung 
gebracht worden. Das ist, abgesehen von der unbestimmt gehaltenen 
Begriffsfassung, gewiß sehr wenig, und wir haben nur geringe 
Aussicht, im klinischen Teile der Gynäkologie eine reichere 
Kasuistik und anschließend daran eine genauere Umschreibung 
des Problems zu finden. Zu den kargen und unklaren Beobachtungen 
tritt eine ebenso unklare theoretische Stellungnahme in dieser 
Frage hinzu. Die Erfahrungen sind hier also noch lückenhafter 
als wir sie bei den hysterischen Schleimhautsymptomen gesehen 
haben. Es ist daher von vorneherein zu entschuldigen, wenn die 
Aufschlüsse, die wir zu geben versuchen, nicht befriedigende sein 
werden. Das Material des Psychoanalytikers ist ja ohnebin von 
zufälliger Natur, da ihm eine freiwillige Auswahl der Fälle nur 
selten zusteht, und die letzteren ihre eigentliche Bedeutung erst 
in der psychoanalytischen Arbeit verraten. Noch weniger ist dem 
Analytiker gegeben, seine Forschung systematisch in einer 
Richtung zu betreiben. Er muß Jahre warten, : bis er auf die gesuchte 
Variante stößt, die er zum Ausbau seines Beweisverfahrens für 
so nötig erachtet. In voller Kenntnis dieses Mangels bringe ich 

1 Ich verdanke die Kenntnis dieses Falles dem behandelnden Nerven- 
spezialisten, der später zum langjährigen Vertrauten und Familienfreund der 
Patientin wurde. Er befaßte sich eingehend mit der Natur der Krankheit, nahm 
sogar hypnotische Sitzungen vor, in welchen, er die Erinnerungsspuren bis in 
die Kindheil verfolgte, und verstand es, im jahrelangen Verkehr ohne Kenntnis 
der psychoanalytischen Methode das wichtigste psychische Material heraus- 
zufinden. Ich habe von seinen vielen Angaben nur das verwendet, was der 
kritischen Prüfung in jeder Hinsicht standhielt und dem Gesetz der Diskretion 
nicht widersprach. Trotzdem bin ich mir bewußt, daß der Fall nur in den 
Umrissen klar dasteht. 



Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 



18 



274 



Dr. M. Josef Eisler 



zwei Beispiele von hysterischen Erscheinungen an der uterinen 
Muskulatur. Sie werfen von zwei verschiedenen Seiten ein neues 
merkwürdiges Licht auf diese Frage, die auch aus praktischen 
Gründen nicht unwichtig ist, handelt es sich doch um die „nervöse" 
Beeinflussung einer lebenswichtigen Funktion. 

Ich beginne mit dem doppelten Beispiel einer spontanen 
Unterbrechung der Schwangerschaft und will versuchen, sie als 
Folgeerscheinung einer hysterischen Anlage zu begreifen, deren 
exekutives Organ eben die Uterusmuskulatur ist. Meine Beweis- 
führung ist eine indirekte, die den Irrtum nicht ausschließt; viel- 
leicht werden häufigere Beobachtungen in dieser Richtung zu 
korrekteren Einsichten führen. Jedenfalls darf ich sagen, daß der 
Gynäkologe auf Grund des gewonnenen Gesamteindruckes der 
Diagnose nichts entgegensetzte, mag er auch nicht den Willen 
gezeigt haben, dem weiteren Ideengang des Psychoanalytikers zu 
folgen. Wir dürfen uns aber zufrieden geben, wenn wir in der 
Benennung der Sache mit Andersgesinnten zusammentreffen. 

In beiden Fällen handelte es sich um den plötzlichen Abgang 
der Frucht (im fünften und dritten Monat), der für den behan- 
delnden Gynäkologen ganz unerwartet kam, da er alle störenden 
Momente (organische Erkrankung, Lues usw.) mit der größten 
Sicherheit ausschließen durfte. Dazu trugen beide Frauen seit 
Beginn der Schwangerschaft ein ausgesprochen ängstliches Wesen 
zur Schau, weshalb sie auch als „Nervöse" mit doppelter Sorgfalt 
behütet wurden. Dem geschärften Auge des Analytikers boten die 
Fälle noch andere verdächtige Symptome, die ihm den hysterischen 
Charakter derselben plausibel machten. Bei der einen Frau waren 
lange vor der Schwangerschaft orale Erscheinungen (globus), 
sonderbare Neuralgien und nervöse Atembeschwerden beobachtet 
worden, wozu sich, wie auch bei der anderen, eine allgemeine 
Steigerung des Affektlebens gesellte. Bei der zweiten standen seit 
je narzißtische Charakterzüge — ein mit großer Weltfremdheit 
verbundener Mangel an Selbstkritik, das krankhafte Bedürfnis 
nach Zärtlichkeit und die Neigung, ihre im Grunde schwachen 
Gefühle zu übertreiben — im Vordergrund, die zusammen einer 
Störung im psychischen Gleichgewicht den Boden bereiteten. Das 
führende Motiv, welches in beiden Fällen die hier angedeuteten 
Zustände und seelischen Veränderungen hervorbrachte, war die 
ambivalente Einstellung zum Gatten, das Schwanken 




Über hysterische Erscheinungen am Uterus 



275 



zwischen den Gefühlen der Liebe im Bewußten und des Hasses 
im Unbewußten. Man konnte mit Recht aus den mühsam unter- 
drückten und überkompensierten Haßregungen auf diesen General- 
nenner schließen. Der Umstand, daß der spontane Verlust der 
Leibesfrucht sich beidemal ereignete, als die Gatten verreist waren, 
gibt uns die Möglichkeit, den rätselhaften Vorfall nun besser zu 
verstehen. Aus der krankhaften Stimmung der Frauen war 
ersichtlich, daß sie die Abreise des Mannes als unverdiente Vernach- 
lässigung empfanden und ihnen diese Lieblosigkeit im Herzen 
nachtrugen. (Ich erfuhr später von der Umgebung, daß die Reisen 
der Männer keinen unmittelbar wichtigen Grund hatten und ver- 
schoben werden konnten.) Wir wissen aus zahlreichen Analysen, 
daß in solchen Fällen leicht ein infantiler Racheimpuls in der Seele 
der Frau aufkommt und nach Gelegenheit sucht, den Mann 
empfindlich zu treffen. Wenn wir in der Theorie annehmen, daß 
die uterine Muskulatur ebenso „hysterisch" funktionieren kann, 
wie jedes andere Organ: ist da bei der gegebenen Konstellation 
ein solcher Effekt psychologisch auszuschließen? Es liegt durchaus 
im Bereich der Möglichkeit, daß im Abgang der Leibesfrucht der 
Vollzug eines unbewußten, daher überstarken Racheimpulses zu 
sehen ist. Die Motive der hysterischen Affektivität entbehren nicht 
des dämonischen Zuges und es gibt eine krankhafte Verzweiflung 
der Medea-Typen, die ähnliches im Leben vollbringen, um sich 
an dem treulosen und gehaßten Mann zu rächen. Hier liegt das 
treibende Motiv ganz offen zutage. Auch das Schlagen der Kinder 
seitens der verbitterten Mutter kann oft denselben Beweggrund 
haben. Wir sehen, wie sich der gleiche psychische Komplex in ver- 
schiedenen Stufungen auswirkt. 

Das zweite Beispiel bezieht sich auf eine protrahierte Ent- 
bindung, die für den behandelnden Gynäkologen durchaus nichts 
Auffallendes hatte, dem Analytiker jedoch wegen der Begleit- 
umstände einiges zu denken aufgab. Hier war es später möglich, 
in korrekter psychoanalytischer Arbeit den tieferen Gründen nach- 
zugehen und das Symptom in Beziehung zu einer pathologischen 
Fixation der Libido zu bringen. Leider setzt der Fall, um richtig 
verstanden zu werden, eine genauere Sachkenntnis voraus und 
wird deshalb nur den analytisch geschulten Arzt überzeugen 
können. Ich möchte aber Gewicht darauf legen, daß auch der 
Gynäkologe sich von der wahren Bedeutung des Symptoms ein 

18» 



276 



Dr. M. Josef Eisler 



Urteil bilde, denn ihm steht es an, hier wie bei den früheren 
Fällen, die Konsequenz aus der Wahrheit zu ziehen. 

Es handelt sich um eine zweiunddreißigj ährige Frau, deren 
physische Gesundheit in jeder Hinsicht der Norm entsprach. Eine 
auffallend leichte Schwangerschaft (erstes Kind), ohne die geringste 
nervöse Störung und ein ebenmäßiger Beckenbau schienen zu bürgen, 
daß die Entbindung eine normale sein werde. Es kam jedoch 
anders. Die Wehentätigkeit setzte ungemein träge ein und die 
Geburt zog sich 4Va Tage hin. Am Kinde selbst wurde in dieser 
Zeit keine Komplikation (Ausfallen der Herztöne usw.) beobachtet ; 
trotzdem entschloß sich der nun beunruhigte Gynäkologe zur 
Forcepsbehandlung. Die Anstalten hiezu wurden getroffen, die 
nötigen Instrumente bereitgelegt. Die dem Eingriff vorangehende 
Untersuchung zeigte jedoch, daß die Entbindung in vollem Gange 
war. Nach einer Stunde kam das Kind zur Welt, so daß es fast 
den Anschein gab, als ob hier das Schreckmittel der Operation 
gewirkt hätte. 

In der Analyse wurde später ein pathologisch verstärkter 
Analerotismus des Falles aufgedeckt. Ich habe an anderer Stelle das 
wesentlichste hierüber in folgenden Sätzen zusammengefaßt: 1 
„Als Kind stark an den Vater fixiert, begann die Kranke vom 
sechsten Lebensjahre an schwerer Stuhlverstopfung zu leiden 
(Entleerung ein- bis zweimal in der Woche unter großen Krämpfen), 
Damals wurde ihre jüngste Schwester geboren, der sie lange Zeit 
feindselig gegenüberstand, um später eine große, fast mütterliche 
Zärtlichkeit zu ihr zu fassen. Nach dem Tod dieser Schwester 
traten melancholieartige Verstimmungen auf. Die Obstipation 
bestand in wechselvoller Stärke über zwanzig Jahre und nahm 
nach der Ehe, die vorerst kinderlos blieb, womöglich noch zu. 
Auffälligerweise milderte sich der Zustand monatlich zur Zeit der 
Menses. Nach Geburt des ersten Kindes trat spontan eine völlige 
Heilung ein. Die analytische Ermittlung stellte auch in diesem 
Fälle fest, daß sich der infantile Wunsch nach einem Kinde 
(vom Vater) in die Darmsymptome konvertiert hat. Das Mutter- 
werden hob schließlich die scheinbar harmlose Krankheit auf." 

In diesen Sätzen suchte ich einen Beleg dafür zu bringen, 
daß dem unbewußten Denken die Gleichstellung von Kind und Kot 



1 Eine unbewußte Schwangerschaftsphantasie bei einem Manne usw. 
Intern. Zeitschr. f. Psa., Jahrg. VI, S. 61, Fußnote. 



Über hysterische Erscheinungen am Uterus 



277 



geläufig ist. Ich kann nun hinzufügen, was ich damals aus Dar- 
stellungsrücksichten unterließ, daß mir der wichtigste Beweis für 
die Korrektheit dieser Annahme aus einer, des Humors nicht 
entbehrenden Charaktereigentümlichkeit der Patientin geliefert 
wurde. Sie war geradezu unerschöpflich in der Anwendung von 
analen Koseworten, womit sie das Kind bedachte. „Du 
kleiner Kacker" . . . „Du mein kleines Ärscherle" . . . „Du kleiner 
Stinker" usw. hieß es bei ihr in Begleitung von körperlichen 
Zärtlichkeiten. 

Theoretisch vermag uns der Fall wichtige Aufschlüsse über 
die Umwandlungen der Libidoqualitäten zu geben. Wir nehmen 
an, daß der Analerotismus, als Organisationsstufe der Libido, der 
sogenannten genitalen Sexualität unmittelbar vorangeht. Die 
psychische Bewältigung der analen Libido ist jedesmal an einen 
längeren Zeitraum gebunden und diese wird niemals restlos in 
die neue Libidoqualität überführt. Spuren von verschiedener Stärke 
bleiben immer bestehen. In dem dargestellten Fall sehen wir ein 
geradezu klassisches Beispiel vom Einflüsse der verdrängt weiter- 
bestehenden analen Erotik auf die Sexualität. Die träge, das 
gewöhnliche Maß weit übersteigende Funktion der uterinen 
Muskulatur erinnert in merkwürdiger Weise an den hysterisch 
affizierten Darm, welcher sich seit je von seinem Inhalte immer 
nur mit Verzögerung trennen konnte. Wie sehr die genitalen 
Strebungen von den analerotischen durchsetzt waren, indem sie 
von diesen den Typ der Langsamkeit übernahmen, kam schließlich 
darin zum Ausdruck, daß die Patientin im Geschlechtsverkehr die 
Neigung zum verspäteten Orgasmus verriet. 

Wenn es mir gelungen ist, durch die hier dargestellten Fälle 
die spezielle Beziehung des Uterus zum Hysterieproblem für jede 
weitere genaue Forschung eingeleitet zu haben, betrachte ich 
meine Aufgabe für gelöst. 



Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib. 

Von Dr. J. Häinik (Berlin). 
Die nachfolgenden Ausführungen haben sich, in Anlehnung 
an grundlegende Abhandlungen von Freud und Ferenczi, zum 
Ziel gesetzt, jenen Umwandlungen des (primären) Narzißmus nach- 
zuforschen, welche mit den Geschlechtsunterschieden, beziehungs- 
weise mit deren Ausbildung im Zusammenhang stehen. Solche 
Beziehungen dürften in der Periode der infantilen Sexualität kaum 
anzutreffen sein, nachdem uns Freud gelehrt hat, daß für sie 
die Unterschiede des Geschlechts keine entscheidende Bedeutung 
haben. Mehr Aufklärung ist über solche Verknüpfungen bei der 
zweiten Blüte der Sexualität, der Pubertätsreife, zu holen, die ja 
die endgültigen Gestaltungen in der Differenzierung von Mann 
und Weib zum Vorschein bringt. Diese für die seelische Entwick- 
lung des Menschen entscheidenden Umgestaltungen werden wir 
zum Ausgangspunkt unserer Untersuchungen über „Narzißmus 
und Geschlechtsunterschiede" nehmen. 

I. 

Es wird sich als vorteilhaft erweisen, die so auffälligen 
Pubertätsveränderungen beim jungen Weib in erster Linie zu 
würdigen; die vergleichende Betrachtung der Hauptrichtungen 
führt zu beachtenswerten Annahmen und Schlußfolgerungen. Die 
Ergebnisse der analytischen Erforschung der weiblichen Pubertät 
hat Freud in folgenden Sätzen zusammengefaßt: „Die Pubertät, 
welche dem Knaben jenen großen Vorstoß der Libido bringt, kenn- 
zeichnet sich für das Mädchen durch eine neuerliche Verdrängungs- 
welle, von der gerade die Klitorissexualität betroffen wird. Es ist 
ein Stück männlichen Sexuallebens, was dabei der Verdrängung 
verfällt." 1 Um dieser knappen Formulierung gerecht zu werden, 



„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", 5. Aufl., S. 84. 




Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib 



279 



wollen wir wenigstens eine bedeutsame Veränderung hervorheben. 
Als ein wesentlicher Erfolg jenes Verdrängungsschubes kann die 
Unterdrückung der vielfach bis dahin geübten Klitorismasturbation 
betrachtet werden. Über die psychischen Motive bei diesem Vor- 
gang ergibt sich aus der analytischen Erfahrung, daß der letzte 
Anstoß zum Aufgeben der Klitorismasturbation normalerweise 
von einem einschneidenden Erlebnis, vom Eintreffen der ersten 
Menstruationsblutung, ausgeht. (Ebenso macht dieses Ereignis 
häufig Objektbeziehungen ein Ende, in welchen noch Klitoris- 
sexualität und entsprechende Befriedigungen dominieren.) Die 
Psychoanalyse hat das bekanntlich dahin aufgeklärt, daß die erste 
Periode für das Unbewußte des halbwüchsigen Mädchens eine 
Kastrationsblutung bedeutet und daher wie eine Kastrations- 
drohung wirkt. Hier kann die Vermutung erwähnt werden, daß die 
einsetzenden periodischen Blutungen den Wechsel in der leitenden 
erogenen Zone vorbereiten helfen, indem sie die Bedeutung von 
einer Art Vorstufen für die spätere einmalige Blutung bei der 
Defloration gewinnen; welch letztere in ihrer unbewußter Bedeu- 
tung von Freud (im „Tabu der Virginität") gewürdigt, von 
Perenczi 1 als Vorbedingung der Libidoverlegung von der 
Klitoris auf die Vagina angesprochen wurde. Des weiteren möge 
ein flüchtiger Hinweis auf Freuds klassische Schilderung der 
späteren Schicksale der Klitoriserregbarkeit genügen, um den 
Übergang zu unseren eigentlichen Untersuchungen anzubahnen. 
Diese gehen von der Fragestellung aus, welche unmittel- 
baren Zustände an Libidoverteilung durch die eben charakterisierte 
Verdrängungswelle der weiblichen Pubertät erzielt werden. Wir 
folgen zunächst wiederum den Darlegungen Freuds, der dieses 
Thema in anderem Zusammenhang noch einmal aufnahm und zu 
folgender wichtigen Feststellung gelangte :„ ... bei dem häufigsten, 
wahrscheinlich reinsten und echtesten Typus des Weibes . . . 
scheint mit der Pubertätsentwicklung durch die Ausbildung der 
bis dahin latenten weiblichen Sexualorgane eine Steigerung des 
ursprünglichen Narzißmus aufzutreten . . ." 2 Versuchen wir nun, 
diese zweierlei libidinösen Situationen, die durch die Mauer der 
Pubertätsverdrängung voneinander getrennt sind, vergleichend 
gegenüber zu stellen. In der Vorpubertät: männlich gerichtetes 

1 „Hysterie und Pathoneurosen", Intern. Psa. Bibl. Nr. 2, S. 15. 

2 „Zur Einführung des Narzißmus", Jahrb. VI, S. 13. 



280 



Dr. J. Härnik 



Sexualleben, Klitoriserregbarkeit, Klitorismasturbation ; in der 
Pubertätsentwicklung: Verstärkung der Sexualhemmnisse, Hervor- 
treten der sekundären Geschlechtsmerkmale, Entwicklung zur 
„Schönheit", Steigerung des Narzißmus. Wir haben den letzteren 
Zustand nicht nur als zeitliche Fortsetzung des ersteren zu 
betrachten, sondern als eine durch die Pubertätsverdrängung auf- 
gezwungene Umwandlung desselben, welche jedoch ihre Herkunft 
aus ihren psychologischen und biologischen Merkmalen 
erraten läßt. 

Vor der Pubertätsverdrängung besaß das kleine Mädchen 
virtuell einen Penis ; mit der Pubertät entwickelt sich bei ihr „die 
Schönheit", indem sich ihre „Reize" ausbilden, die das sexuell und 
ästhetisch Reizende für den begehrenden Mann werden sollen. 1 
Diesen Reizen gilt nun ihre narzißtische Selbstliebe, die sie nicht 
nur für die dem Weib sozial verkümmerte Freiheit der Objekt- 
wahl entschädigt — wie es Freud bemerkt — sondern auch für 
das Aufgeben der infantilen Männlichkeit, für den Verlust ihres 
Penis. Die Schönheit ihres Körpers und insbesondere des Gesichts 
wird ihr so zum Ersatz für den verloren gegangenen Penis. 
Diese Anschauung verknüpft sich mit der Annahme, daß dieselbe 
narzißtische Bevorzugung, die das jungfräuliche Weib dem sich 
entfaltenden Körper entgegenbringt, vor dem Verdrängungsschub 
der Pubertät dem Genitale, d. h. dem virtuellen Penis gegolten hat. 
Dieser Gedanke ist aber nichts anderes, als die hoffentlich sinn- 
gemäße Anwendung einer Aufstellung von Ferenczi, die sich 
in einer seiner bedeutsamsten Arbeiten findet und von welcher 
auch — wie leicht zu erkennen ist — die entscheidende Anregung 
zu den hier entwickelten Gedankengängen ausging. Die betreffende 
Stelle hat folgenden Wortlaut: 

„Eine ganz besondere Stelle unter den erogenen Zonen nimmt 
das Genitale ein. Seit Freud wissen wir, daß es schon früh- 
zeitig das Primat aller erogenen Zonen übernimmt, so daß sich die 
erogene Funktion aller übrigen Zonen zugunsten der Genitalzone 
einschränkt. Hinzufügen muß man, daß sich dieses Primat auch 
darin äußert, daß jede Erregung einer erogenen Stelle sofort auch 
das Genitale in Mitleidenschaft zieht, so daß das Genitale als 
erotisches Zentralorgan sich zu den übrigen Zonen wie das Gehirn 

1 Vgl. Freuds Bemerkung über den Begriff des „Schönen" (Sexual- 
theorie, S. 23). 



Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib 



281 



zu den Sinnesorganen verhält. Die Ausbildung eines solchen, die 
übrigen Erotismen zusammenfassenden Organes dürfte überhaupt 
die Vorbedingung der von Freud postulierten narzißtischen Stufe 
der Sexualität sein. Mit Bestimmtheit können wir annehmen, daß 
zwischen dem Genitale und dem narzißtischen Ich (Freud) zeit- 
lebens die allerintimsten Beziehungen bestehen bleiben, ja daß das 
Genitale vielleicht überhaupt der Kristallisationskern der narziß- 
tischen Ichbildung ist. Als psychologische Bestätigung dieser 
Annahmen dient uns die weitverbreitete Identifizierung des Ich 
mit dem Genitale in Träumen, in der Neurose, in der Folklore 
und im Witz." 1 

Wenn wir nun die Ausführungen Ferenczis mit obigen 
Erörterungen über den weiblichen Narzißmus zusammenhalten, so 
läßt sich ein fundamentaler Unterschied in der Gestaltung des 
Narzißmus bei beiden Geschlechtern feststellen. Beim Manne, dessen 
Pubertätsonanie wohl den auffälligsten Gegensatz zu den Sexual- 
hemmnissen (Onanieunterdrückung) der weiblichen Pubertät abgibt, 
bleibt die narzißtische Bewertung des eigenen Penis zum größten 
Teil zeitlebens erhalten, während die Frau mit der Pubertätsreife 
genötigt ist, dieselbe aufzugeben, um sie mit der Wertschätzung 
der Körpergestaltung und des Gesichtes zu vertauschen. Oder, um 
es formelhaft auszudrücken: beim Manne bleibt das Genitale das 
Zentrum des Narzißmus, beim Weibe aber wird der Narzißmus 
sekundär auf das Körperganze verlegt. 

An dieser Stelle wird es willkommen sein, wenn ich meine 
Darlegungen an einem aus der analytischen Erfahrung herrührenden 
Beispiel illustriere. Eine junge, hysterische Frau (Pat. A.) — die die 
Behandlung hauptsächlich wegen sexueller Anästhesie aufsuchte 
— nahm in früheren Jahren viel Anteil an den Bestrebungen eines 
Kreises, in welchem Körperschönheit und Nacktheit hochgeschätzt 
und gepflegt wurden. („Nacktkultur".) Ihr narzißtischer Exhibitio- 
nismus fand da offenbar reichliche Befriedigungsmöglichkeiten. 
Ich kann über sie berichten, daß sie zeitweise in die Onanie ihrer 
früheren Jugendzeit zurückverfiel und daß es dann bei ihr gelegentlich, 
aber immer wieder zu einer charakteristischen Art der Selbst- 
befriedigung kam. Sie stellte, wenn sie im Bade war, am Rande 
der Badewanne sitzend einen Spiegel in der Weise vor sich hin, 
daß sie ihr Genitale darin sehen konnte und übte so die Mastur- 
i Über Pathoneurosen, „Hysterie und Pathoneurosen", S. 11. 



282 



Dr. J. Härnik 



bation aus. Diese Frau hatte also zwar den typischen weiblichen 
Narzißmus entwickelt, aber auch die Tendenz behalten, im regressiven 
Wege zu dem männlich gerichteten, nach dem Genitale hin zentrierten 
Narzißmus der Kindheit zurück zu gelangen. 

An einer interessanten Beobachtung kann ich weiter zeigen 5 
in welcher Weise die Schuldgefühle wegen der onanistischen 
Betätigung der Vorpubertät vom Unbewußten her die Ausbildung 
des gesteigerten Narzißmus beim Weib hemmen und stören können. 
Von einem ebenfalls an Hysterie erkrankten Mädchen (Pat. B.) 
erfuhr ich in der Analyse, daß sie sich, genauer gesagt, ihr Gesicht 
in den Jungmädchenjahren für sehr häßlich gehalten hat. Ein 
Lichtbild aus dieser Zeit, welches sie gelegentlich mitbrachte, 
zeigte aber — wie sie auch fand — das liebliche, ja schöne 
Gesichtchen eines halbwüchsigen Mädchens. Sie soll damals zu 
dieser Überzeugung durch die Äußerungen ihrer Umgebung, 
namentlich durch häufige mißliebige Anspielungen auf die Sommer- 
sprossen ihres Gesichtes gelangt sein. Letztere Mitteilung bestärkte 
mich in meiner schon sehr bald gebildeten Ansicht, daß bei dieser 
Einstellung die Selbstvorwürfe wegen der „häßlichen" Onanie am 
Werke waren („Flecken" — „Selbstbefleckung") — die sie eigent- 
lich schon bei beginnender Pubertätsreife aufgegeben hatte. Meiner 
Anschauung lag hauptsächlich die Wandlung zugrunde, die jene 
Einstellung nach einer beträchtlichen Anzahl von Jahren offenbar 
durchgemacht haben mußte. Sie konnte in der Analyse nicht 
genug über die Häßlichkeit ihres Leibes klagen, den sie ab- 
scheulich und an welchem sie hunderterlei Fehler fand, wogegen 
sie mit der Hübschheit ihres Gesichtes — wiederum auch 
mit Berufung auf die Meinung anderer — meistens sehr zufrieden 
ist. Es war da naheliegend, eine innige Beziehung zu ihrem Liebes- 
leben anzunehmen; sie unterlag nämlich nach gewissen sexuellen 
Erlebnissen der späteren Zeit neuerlich der Masturbation. Und die 
Reaktion — daß sie sich häßlich fand — war abermals da, nur 
daß dieses Urteil nun den Körper betraf, vielleicht durch Auf- 
frischung einer schon mal dagewesenen ähnlichen Abneigung ihrem 
Leib gegenüber, vielleicht aber auch im Zusammenhang damit, 
daß sie jetzt nicht an der Klitoris, sondern hauptsächlich am Scheiden- 
eingang onanierte. Ich schloß aus dem ganzen Sachverhalt, daß hier 
eine Verschiebung stattgefunden hat, daß sie während der Pubertäts- 
zeit, wo sie ihr Gesicht so unschön fand, für die Reize ihres Leibes 



Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib 



283 



eingenommen war. Sie hat mir dieses bestätigt, indem sie sich 
erinnerte, wie sie damals ihren jugendlich aufblühenden Körper 
so häufig mit interessiertem Wohlgefallen betrachtete. 

Ich möchte noch bei diesen „Häßlichkeitsideen" verweilen, 
weil sie — ich weiß nicht, mit welcher Häufigkeit — auch bei 
Männern vorkommen und da dieselbe Motivierung zum Grunde 
haben. Von einem zwangsneurotischen, an Potenzstörung leidenden 
jungen Manne von normalem Aussehen (Pat. C.) weiß ich, daß er 
sich für zu häßlich hält, um von den Mädchen geliebt zu werden, 
daß er aber schon in früheren Zeiten seine angebliche Häßlichkeit 
beklagte. Er führt seit Jahren einen heftigen — und vergeblichen 
Kampf gegen seine Onanie und unterwarf sich schon lange der 
bekannten, weitverbreiteten Ansicht, beziehungsweise Befürchtung, 
daß man die Spuren der Onanie am Gesicht sehen und erkennen 
kann. Er hatte den Penis immer als etwas Häßliches betrachtet 
und noch als heranwachsender Knabe geäußert, die Frauen seien 
deswegen schön, weil sie kein männliches Glied haben — und er 
mag mit dieser Ansicht instinktiv etwas Richtiges mit erfaßt haben. 
Sein Fall erinnert uns aber daran, daß auch der Mann ein Stück weib- 
lichen, das heißt auf die Körperschönheit bezogenen Narzißmus 
entwickeln kann und vielleicht ganz normalerweise, wenn auch in viel 
geringerer Intensität zu entwickeln pflegt. Damit erhält die These 
vom Narzißmus des Mannes eine erste Korrektur ; auch bei ihm 
kommt es teilweise zu jener Verschiebung in der Verteilung des 
Narzißmus, wie sie für die Frau typisch und vorherrschend ist. 
In starker Ausprägung zeigt sich dieser Narzißmus bei einer Reihe 
von Männern, deren Liebesleben auch häufig in charakteristischer 
Weise gekennzeichnet ist durch eine Umkehrung der typischen 
Beziehung zwischen Mann und Weib: sie lassen sich die liebende 
Frau gefallen, die ihnen die adäquate Sexualübersehätzung ent- 
gegenbringt. 1 Unseren Anschauungen über die Bisexualität entspricht 
es durchaus, das Vorkommen eines bestimmten psychischen 
Mechanismus bei beiden Geschlechtern, nur mit verschieden starker 
Wirksamkeit, anzunehmen, und wir werden noch im weiteren 
solcher Betrachtungsweise begegnen. Da soll noch gezeigt werden, 
daß es auch eine normale, typisch-männliche Möglichkeit gibt, vom 

1 Es ist auch sinnfällig, welche Bedeutsamkeit diese narzißtische Libido- 
position für die Menschendarstellung in der bildenden Kunst besitzt. Vgl. 
Rank, Ein Beitrag zum Narzißmus, Jahrb., Bd. III. 



284 



Dr. J. Härnik 



(primären) Narzißmus aus — durchaus in Analogie mit dem 
Vorgang beim Weibe, den ich als sekundäre Verlegung des Narzißmus 
bezeichnet habe, und doch wiederum anders — den ganzen Körper 
mit libidinösem Interesse zu besetzen. 

Ich sagte oben, daß auch die biologischen Merkmale 
der weiblichen Pubertätsentwicklung Anzeichen sind, aus denen 
sich die entsprechenden Libidoverschiebungen und die Rolle der 
letzteren für die Gestaltung des Narzißmus erraten lassen. In 
Erörterung dieses Themas werde ich zuerst einiges aus der 
klinischen Erfahrung für die Argumentation bereitstellen und 
nachher die Schlußfolgerungen entwickeln, die sich mir daraus 
ergeben haben. Dabei soll es nicht auf die ausführliche Wiedergabe 
einzelner Fälle ankommen ; ich beschränke mich auf die Vermittlung 
eines Gesamteindrucks, den ich aus dem Studium von weiblichen 
Pubertätsschicksalen empfangen habe. Es fiel mir zunächst vereinzelt 
auf, daß junge Mädchen, die ihre Masturbationsgelüste nach dem 
Auftreten der monatlichen Blutungen nicht überwinden konnten, 
eine mangelhafte Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale, 
vor allem der Brüste zeigten. Weitere Erfahrung zeigte dann, 
daß diese Mädchen dieselben sind, welche über die Pubertät hinaus 
und bisweilen zeitlebens eine kindlichschlanke Gestalt bewahren, 
die undifferenziert-knabenhafte Figur, das knabenhafte Aussehen 
ihrer Vorpubertät unverändert beibehalten, ja vielleicht fallweise 
auch an Gesicht unschön werden und manchmal auch unschön 
bleiben. 1 Man gelangt so zur Einsicht, daß die zur Pubertätszeit 
vor sich gehende Unterdrückung der Klitorismasturbation nebst 
der Einschränkung der Klitoriserregbarkeit in der Regel eine 
Vorbedingung für die richtige, vollwertige Ausbildung der weiblichen 
„Reize" ist, deren enger Zusammenhang mit der sekundären 
Verlegung des Narzißmus uns beschäftigt. 

Diese Auffassung wird sich gewiß nicht so allgemein und 
ohne Korrekturen durchführen lassen. Eine kritische Nachprüfung 
meines Materials ließ mich denn auch wenigstens einen Typus 
von Abweichungen erkennen. In gewissen Fällen gelingt die 
Verdrängung der puerilen Genitalität mit der Pubertät vollständig, 
dennoch vo llzieht sich die Entwicklung zum vollweiblichen Aussehen 

1 Die solcher Ansicht durchaus entsprechende psychische Einstellung 
der Patientin B. sei hier in die Erinnerung gebracht. 



Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib 



285 



nur rudimentär. Es sind dies Mädchen, welche durch ihr unbewußtes 
Schuldgefühl an die Onanie der Vorpubertät dauernd und stark 
fixiert bleiben und — wenn ich von einem lange analysierten, 
betreffs solcher Sexualbetätigung mit vollständiger Amnesie 
behafteten Fall schließen darf — sehr bald nach Eintritt der 
Pubertät schwere neurotische Störungen zum Vorschein bringen. 
Derartige Fälle dürften die durchschnittliche Richtigkeit meiner 
Feststellung so wenig erschüttern, wie auch z. B. konstitutionell 
bedingte Möglichkeiten des Verharrens der Frauengestalt in der 
Puerilität. Sie soll ja auch keine Erklärung für alle Erscheinungs- 
formen der weiblichen Pubertät sein, sondern innerhalb dieses 
Rahmens eine wichtige Bedingung der normalen Entwicklung 
angeben. Die Entwicklung zur Normalität wäre also im wesentlichen 
dadurch charakterisiert, daß die verdrängte, von ihrem ursprünglichen 
Ziel abgelenkte und doch zugleich mit der ganzen Wucht der 
Pubertätsströmung verstärkte Genitalität sich sozusagen auf 
Kollateralwegen auswirkt und mit ihren Libidoquantitäten die 
nun hervortretenden Geschlechtsmerkmale zu bilden, zu vollenden 
hilft. Der Prozeß, den wir als „Genitalisierung" zu bezeichnen 
pflegen, hätte also den größten Anteil an der Hervorbringung der 
Reize des weiblichen Körpers. Diese Anschauung bekräftigt sich 
leicht, wenn man an die Genitalqualitäten denkt, die sich an den 
weiblichen Brüsten, insbesondere den Brustwarzen entfalten. Sie 
findet weitere Stützung in einer Äußerung Ferenczis zur 
narzißtischen Bedeutung der Gesichtspartien: „Es ist mir wahr- 
scheinlich, daß die in der Sublimierungsperiode vor sich gehende 
Verlegung libidinöser Regungen „von unten nach oben" (Freud) 
die zunächst nur exhibitionistische Sexualrolle des Gesichtes — 
wahrscheinlich mit Hilfe der lebhaften Gefäßinnervation — sekundär 
genitalisiert. (Unter Genitalisierung einer Körperpartie verstehe 
ich mit Freud die periodisch gesteigerte Hyperämie, Durch- 
feuchtung, Turgeszenz, von entsprechenden Nervenreizen begleitet.)" 1 
Ja, man kann da noch weiter gehen und, wie es Rad ö in einer 
privaten Bemerkung tat, postulieren, daß dieser Vorgang auch in 
der phylogenetischen Entwicklung dominiert haben mag, welche 
zum Verlust der Gesichtsbehaarung bei der Frau geführt hat, 
Diese entwicklungsgeschichtliche Annahme vom Verlust der Gesichts- 
behaarung durch narzißtische Entblößungslust stimmt gut zu der 
1 „Hysterie und Pathoneurosen," S. 11. 






286 



Dr. J. Härnik 



klinischen Feststellung von Sachs, daß der männliche Exhibitionist 
sein Genitale zur Schau stellt, während der von uns schon als 
normal gewertete weibliche Exhibitionismus die übrigen Körper- 
teile, vornehmlich die Gesichtspartie betrifft. 1 

Durch diese Überlegungen hat die Auffassung, daß die 
Schönheit ihres Körpers und besonders ihres Gesichtes der Frau 
den Ersatz für den verloren gegangenen Penis bildet, eine tiefere 
Fundierung erhalten. Es ergab sich, daß es sich dabei um eine 
noch innigere Beziehung, als die zuerst dargestellte handelt ; spricht 
sich doch in jener Formulierung nicht nur eine psychologische 
Identität, sondern darüber hinaus auch ein biologisches Äquivalenz- 
verhältnis aus. 

Dies möge uns ermutigen, sich darbietende Verknüpfungen 
nach anderen Seiten hin nicht abzuweisen. Eine interessante und 
zugleich reizvolle Bestätigung für unsere Anschauungen finden 
wir in der griechischen Mythologie. In dieser Mythenwelt lebt eine 
liebliche Gruppe von drei Frauengestalten, die drei Grazien 
(Charitinnen) genannt. Sie sind „die Göttinnen der Anmut und 
der bezaubernden Reize der Schönheit" (Roschers Lexikon). 
Setzen wir aus unserer Symbolkenntnis für die Drei zahl das 
männliche Glied ein, so verrät sich in dieser kunstvollen Schöpfung 
der Volksseele eine intuitive Kenntnis des Zusammenhanges, den 
wir zwischen männlicher Genitalität und weiblicher Schönheit 
aufgezeigt haben. 2 



1 Auf die Bedeutsamkeit dieses Unterschiedes hat auch Horney in 
ihrem Berliner Kongreßvortrag (Zeitschr., IX. Jahrg., 1. Heft) hingewiesen. 

8 Ich kann es mir nicht versagen, hier auch einer Dichtung von Rudolf 
G. B i n d i n g Erwähnung zu tun, in welcher die Pubertätsveränderungen, die 
Entwicklung von Schönheit und narzißtischem Exhibitionismus beim Mädchen, 
ebenso wie in dieser Arbeit, Hauptmomente sind. Seine „Legende von der 
Keuschheit" (Insel-Bücherei Nr. 302) verbindet und belebt alte religiöse Denk- 
formen in glücklichster Weise mit modernem Empfinden; es sind in ihr wahr- 
haftig genugsam bekannte Motive („Himmlische und irdische Liebe", „Jungfrau- 
Dirne"), von subtilster Erotik getragen, einzigartig neu eingekleidet. Das 
instinktive Verständnis des Dichters besonders für die Seelenregungen des 
jungen Weibes ist bewunderungswürdig. Den Inhalt seiner Legende würde ich 
gerne wiedergeben, wenn er sich kurz zusammenfassen ließe. Ich zitiere aber 
einen Satz, in welchem er mit meinen Anschauungen durchaus Verwandtes 
zum Ausdruck bringt. Er sagt von seiner zur jungfräulichen Schönheit heran- 
wachsenden Heldin: „Ihre Keuschheit führte das Evlein zu einer Schönheit, 
deren Formen von jener Eigenschaft allein festgelegt, ja erzwungen schienen." 



Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib 



287 



Eine andere Figur der griechischen Mythologie, Herakles, 
bietet mir Gelegenheit, an dieser Stelle die bereits angedeuteten 
typischen Äußerungen des sekundären Narzißmus beim Manne zu 
würdigen. Die Gestalt des Herakles ist für uns Inbegriff der 
männlichen Stärke, die Personifizierung kraftstrotzender Männ- 
lichkeit. An der Art aber, wie er dargestellt wurde, kann etwas 
besonders interessieren, worauf mich vor Jahren Ferenczi 
aufmerksam machte. Es fiel ihm auf, daß an den Herkulesstatuen 
der selbstverständlich gewaltig-robuste Körper meistens mit einem 
unverhältnismäßig kleinen Penis bedacht ist — und vermutete 
mit Recht einen Zusammenhang mit dem „Komplex des kleinen 
Penis", diesem bewußtseinsfähigen Ausläufer des Kastrations- 
komplexes. Es tauchte dann unlängst dieselbe Beobachtung in 
einer meiner Analysen auf, wo mir ein junger Mann anfing zu 
erzählen, an den griechischen Bildwerken, besonders an den 
Heraklesfiguren wäre ihm schon längst der viel zu kleine Penis 
aufgefallen. Es ist derselbe Patient C., der als Knabe das männliche 
Glied so häßlich fand und die Äußerung tat, die Frauen wären 
deshalb schön, weil sie damit nicht behaftet sind. Dementsprechend 
meinte er, die Künstler der Antike hätten aus ästhetischem 
Feingefühl dem Penis einer männlichen Statue so unscheinbare 
Dimensionen gegeben. Ob er mit dieser Verallgemeinerung der 
Beobachtung recht hat, weiß ich nicht. Für die Herkulesdarstel- 
lungen ist sie aber sicherlich zutreffend und läßt die Deutung zu, 
daß sich die unbewußte Phantasie dieses Idealbild männlicher 
Stärke auf Kosten der genitalen Kraft der Gestalt, gleichsam als 
Ersatz dafür, gebildet hat. Herakles wäre also in dieser Hinsicht 
ein männliches Gegenstück zu den drei Grazien. Wenn die letzteren 
Frauenschönheit darstellen, die männlicher Genitalität gleichwertig 
ist, so repräsentiert Herakles die Männerkraft, welche einen Teil 
der ursprünglichen narzißtischen Bewertung des Genitales an sich 
gezogen hat. Die Phantasievorgänge, die zu seiner Entstehung 
führten, sind dann vorbildlich für die so typische sportliche Hebung 
und Entfaltung der Körperkraft unter gleichzeitiger Forderung 
der sexuellen Abstinenz. Noch deutlicher für den jungen Mann, 
der sich durch angestrengtes Körpertraining von der Onanie 
befreien will. Der Träger eines solchen Kampfes ist bekanntlich der 
Kastrationskomplex, das bedeutsamste Stück der Störungen, denen 
der ursprüngliche Narzißmus des Kindes ausgesetzt ist (Freud). 



288 



Dr. J. Härnik 



Wir kommen so zu einer zweiten Einschränkung der These 
vom Narzißmus des Mannes. Auch der Mann vermag nicht an 
der genitalen Zentrierung des Narzißmus ohne Einbuße fest- 
zuhalten. Unter dem Drucke des Kastrationskomplexes ist er 
genötigt, mit Anteilen der narzißtischen Libido — in Analogie zu 
den Vorgängen, die für die weibliche Pubertät charakteristisch 
sind — sekundär den ganzen Körper zu besetzen und eine Libido- 
verschiebung auf Interessen zu vollziehen, welche die Stärkung 
der Körperkraft anstreben. Diese Peststellung bringt uns mit dem 
Prozeß in Berührung, den man als Bildung des Ichideals der 
„Männlichkeit" bezeichnen kann. Er wird uns später in einem 
anderen Zusammenhang beschäftigen. Unterlassen wir aber nicht, 
im Sinne der Bisexualitätslehre hier die Bemerkung anzureihen, 
daß auch eine Anzahl von Frauen dieses typisch-männliche Streben 
nach physischer Kraft deutlich erkennen läßt (Frauensport !). Diese 
Tendenz verträgt sich mit dem echt weiblichen „Schönheits- 
narzißmus", kann aber im Gegensatz zu ihm auftreten, ihn 
sogar — mit anderen, ebenfalls typisch-männlichen Strebungen 
vereint — völlig zurückdrängen. 

IL 

Man kann vermuten, daß eine Ausbeutung der gewonnenen 
Ergebnisse zu weiteren beachtenswerten Aufschlüssen führen 
wird. In meiner Absicht liegt es nur, die angebahnten Gedanken- 
gänge nach zwei verschiedenen Richtungen hin fortzuspinnen. 

Vor allem ist es verlockend, rückwärtsschauend den Blick 
auf den Narzißmus der ersten Kindheit zu richten, dessen bei 
beiden Geschlechtern verschiedene Schicksale wir verfolgt haben. 
Wir haben erfahren, er ist der beim kleinen Kinde realisierte 
Urzustand der Libidobesetzung. Seine Ausbildung erfolgt stufen- 
weise, nach dem Maßstab der Ichentwicklung aus dem Früh- 
stadium des Autoerotismus. Freud sagt ausdrücklich: „Es ist 
eine notwendige Annahme, daß eine dem Ich vergleichbare 
Einheit nicht von Anfang an im Individuum vorhanden ist; das 
Ich muß entwickelt werden. Die autoerotischen Triebe sind aber 
uranfänglich; es muß also irgend etwas hinzukommen, eine neue 
psychische Aktion, um den Narzißmus zu gestalten." 1 Andererseits 
sind wir g ewöhnt, im Schlafzustand etwa eine periodisch sich 
1 „Zur Einführung des Narzißmus." Jahrb. VI., S. 4. 



Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib 



289 



wiederholende Herstellung der narzißtischen Libidoverteilung zu 
erblicken, deren Vorbild die selige Isolierung des Individuums im 
Intrauterinleben sein muß, eine Entwicklungsphase also, deren 
narzißtische Vollkommenheit offenkundig ist, ohne daß in ihrer 
Charakterisierung von einem psychologischen Ich gesprochen 
werden könnte. Hier macht sich ein Mangel an Präzision in 
unserer Terminologie bemerkbar, dessen Nachteile sicherlich 
z. B. Erkenntnisse in der Psychologie der Katatonie erschweren, 
am deutlichsten aber in der Unsicherheit sichtbar werden, den 
Narzißmus im ursprünglichen, rein psychologischen Sinne und 
den supponierten narzißtischen Urzustand der Mutterleibs- 
existenz begrifflich auseinander zu halten. Ich habe mich dies- 
bezüglich nach gewissen Umwegen den Auffassungen und Begriffs- 
bestimmungen eines analytischen Autors angeschlossen, dessen 
Arbeit ich bald würdigen werde. Ich schicke aber zuerst die 
Darstellung jener Umwege meiner Nachforschung voraus, schienen 
ja diese Gedankengänge mir erwähnenswerte Ergebnisse für 
mein Thema zu versprechen. 

Es ist eine selbstverständliche und berechtigte Strebung des 
Analytikers, über die mutmaßlichen psychosexuellen Verhältnisse 
des fötalen Ruhezustandes Bestimmteres zu erfahren. Allen 
bekannt ist die Schilderung Ferenczis in seinem großzügigen 
Versuch: „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes." Seine 
Arbeit enthält allerdings nur entfernte Anspielungen auf irgend- 
welchen libidinösen Ablauf in diesem Entwicklungsstadium. 
Soviel ich weiß, ist S. Radö als erster zu einer Annahme über 
eine L i b i d o o r g a n i s at i o n im Intrauterinleben gekommen. Nach 
seiner auf interessantem Wege gewonnenen Vermutung, die er 
einmal in der Budapester Ortsgruppe geäußert hat, wäre die 
pränatale Organisationsstufe der Libido durch das Vorherrschen 
der taktilen Erotik gekennzeichnet, daß heißt also soviel, 
daß die Hautdecke der im Fruchtwasser schwimmenden Frucht 
die leitend e erogene Zone sei. 1 Ich besann mich dann dieser 

1 R a d 6 versäumte es nicht, auf einen vorläufig bestehenden Wider- 
spruch hinzuweisen: seine Annahme postuliert psychische Triebvorgänge beim 
Fötus, der nach anderweitigen analytischen Einsichten in einem seelischen 
Ruhezustand verharren soll. — Es mag erwähnt werden, daß später E i s 1 e r 
die pränatale Libidoorganisation als eine apnoische oder lethargische 
zu charakterisieren versucht hat, während neuerdings Alexander in der Nabel- 
schnurfunktion (im föten Blutkreislauf) ihr wesentlichstes Merkmal erblickt. 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 19 



290 



Dr. J. Härnik 



Annahme bei der Gelegenheit eines analytischen Fundes, der mir 
wie eine Bestätigung dafür aus der Empirie erschien. Eine 
Patientin — es ist die oben erwähnte Patientin A. — die nicht 
selten nur geringe und doch sehr aufschlußreich werdende Bruch- 
stücke von Träumen in die Analyse brachte, berichtete mir 
wiederholt ein Traumfragment, welches vielmehr eine Traum- 
sensation, als ein richtiges Traumstück zu sein schien: 
Sie sei . . . irgendwo ... so geborgen . . . und es 
ist ein unbeschreibliches Glücksgefühl und eine 
ungemein wohlige Empfindung, die sich über die 
ganze Hautoberfläche ihres Körpers ausbreitet. Die 
Deutung ergab den Übertragungswunsch, in meinem Schoß 
liegen zu können. So drängte sich mir die Vermutung auf, es 
handle sich um eine Mutterleibsphantasie der Träumenden, 
mit Hervorkehrung von Hautsensationen, die in letzter Linie wohl 
auf die von Radö supponierten taktilen Erregungsabläufe in 
der Intrauterinsituation zurückgehen können. Für diese Anschauung 
sprach, was ich von ihrer aktuellen, manifesten Sexualität wußte. 
Infolge ihrer vaginalen Anästhesie hat sich bei ihr eine hoch- 
gradige Reizbarkeit der Hautdecke ausgebildet, so daß sich für 
sie die stärksten Erregungen beim Koitus aus den Berührungen 
der Umarmung ergaben. Ein nicht seltener Effekt der Verschie- 
bung der Erogeneität, welcher die Auffassung zuließ, es wäre 
dabei die Hauterotik in ihrer vollen intrauterinalen Bedeutsamkeit 
reaktiviert, die prägenitale taktile Zone der Fötalzeit „genitalisiert" 
worden. 

Nun mußte ich mir zwar sagen, daß so wenig gesicherte 
Schlüsse, aus einer einzigen Beobachtung gezogen, die Entscheidung 
des Problems nicht näherrücken können. Trotzdem schien es mir 
nicht unangebracht, diesen Gedankengang für mein Thema weiter 
auszubeuten. Ich zog wieder die Formulierung heran, der früher 
genital zentrierte Narzißmus des sich entwickelnden Weibes 
werde sekundär auf den ganzen übrigen Körper verlegt und 
versuchte sie mit der Annahme Radös zu verknüpfen, der 
„narzißtische" Fötalzustand wäre durch eine besondere Ero- 
geneität der Hautoberfläche ausgezeichnet. Dann ergibt sich 
zunächst die Vermutung über eine — bildlich gesprochen — 
Wanderung der narzißtischen Libido in der postnatalen Entwicklung 
von der Hautoberfläche ''zum Genitale hin, welche — auf vor- 



Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib 



291 



läufig nicht näher erkennbaren Wegen — bei b e i d e n Geschlechtern 
vor sich ginge. Des weiteren, entsprechend den Verschiedenheiten 
bei Mann und Weib, die in der Entwicklung zur endgültigen 
Geschlechtsdifferenzierung auftreten, ein Hinweis auf die bei der 
Frau deutlicher zutage tretende Zurückverschiebung dieser 
Libidoquantitäten auf die ganze Körperoberfläche. Mit anderen 
Worten besagt das soviel, daß der Vollreife Narzißmus des Weibes 
die „narzißtische" Libidverteilung der pränatalen Zeit wieder- 
bringt. Wir wissen schon, daß dieselben Vorgänge andeutungs- 
weise auch für den Mann in Betracht kämen. 

Der Nachweis dieser Analogien wäre gewiß bedeutungsvoller, 
wenn er sich nicht auf eine ungenügend gefestigte Annahme über 
die pränatale Organisation der Libido stützen würde. Angesichts 
dieser Unsicherheit ist es besonders erfreulich, in einer, wie mir 
scheint, noch viel zu wenig beachteten Arbeit von Tausk 1 
Auffassungen zu finden, die wir zur weiteren Stützung unseres 
Gedankenganges heranziehen können, ohne von der heiklen Frage 
der fötalen Libidoorganisation abhängig zu sein. Die Aufstellungen 
Tausks ermöglichen vor allem, die oben hervorgehobene 
terminologische Schwierigkeit in der Behandlung des frühen 
Narzißmus einigermaßen befriedigend zu lösen. Nach seiner Begriffs- 
bestimmung müßte man die „narzißtische" Libidoposition der 
Mutterleibsexistenz als „organischen Narzißmus" bezeichnen 
und dem „psychischen Narzißmus" gegenüberstellen, dessen 
Ausbildung durch die Ichentwicklung bedingt ist. Ob der Ausdruck 
sehr glücklich gewählt ist und besonders für den libidinösen 
Zustand der Fötalzeit beibehalten werden soll, bleibe dahingestellt. 
Sein Sinn ist aber klar. Er fordert uns auf, das Individuum 
selbst — oder, wenn man so will, ßen Organismus — und zwar 
schon im Intrauterinleben als „eine dem Ich vergleichbare Einheit" 
zu betrachten, deren Libidobesetzung die Grundlage für den zu 
entwickelnden (primären) Narzißmus abgibt. Tausk fügt dem 
hinzu, daß „das Zusammenhalten des Organismus von einem 
Libidotonus bedingt ist", eine Annahme, die sehr an den von 
Freud im „Jenseits des Lustprinzips" unternommenen Versuch 
erinnert, „die narzißtische Libido des Ichs aus den Libidobeiträgen 
abzuleiten, mit denen die Somazellen aneinander haften". (1. Aufl., 

1 „Über die Entstehung des ,Beeinflussungsapparates' in der Schizo- 
phrenie." Zeitschr. V. Jahrg., Heft 1. 

19* 



292 



Dr. J. Härnik 



S. 50,) Das Intrauterinleben stellt sich so für Tausk als ein 
prägenitales Stadium diffuser „narzißtischer" Organlibido dar, in 
welchem sozusagen „der ganze Körper Libidozone" ist. In der 
Schizophrenie, die ja von einer bereits aufgerichteten Genital- 
organisation her zu dieser Phase regrediert und „aus einem 
Ich ein diffuses Sexualwesen macht", muß es mit dem 
Ausdrucksmittel jener späteren Phase heißen: der ganze Körper 
ein Genitale. 

Die Bedeutung dieser Betrachtungsweise für unsere Frage 
ist offenkundig. Sie bietet uns unmittelbare Handhabe, in der 
Heranbildung des reifen Narzißmus der Frau eine sekundäre 
Annäherung an die Libidoposition der fötalen Entwicklungsstufe 
zu erblicken. Wir dürfen dann, durchaus im Sinne Tausks über 
die psychogenetischen Verhältnisse beim weiblichen Narzißmus 
den Satz formulieren : der ganze Körper ein Genitale. — Inwieferne 
dasselbe, wenn auch mit bedeutenden Einschränkungen, auch für 
den Mann gilt, ergibt sich aus den früheren Ausführungen von selbst. 
Ich habe als typisch-männliche Art der sekundären narzißtischen 
Besetzung des ganzen Körpers die Strebung nach Betätigung 
und Stärkung der Körpermuskulatur hingestellt. Nach der eben 
gewonnenen Annahme würde dieser Prozeß gleichfalls als eine 
sekundäre Reaktivierung der pränatalen diffusen Sexualität auf- 
zufassen sein. 



Ich verlasse bereitwillig dieses Feld noch strittiger An- 
schauungen, um mich der Behandlung einer Frage zuzuwenden, 
die viel unmittelbarer aus der klinisch-analytischen Erfahrung her- 
vorgeht. Sie bezieht sich auf eine Verschiedenheit in der Bildung 
des Ichideals bei beiden Geschlechtern und bietet uns Gelegenheit, 
das Verhältnis des Narzißmus zur Bisexualität wenigstens an einem 
seiner wichtigen Umwandlungsprodukte zu studieren. Der Prozeß 
der Ichidealbildung besteht nach Freud in einer Entfernung vom 
primären Narzißmus und ist als eine Libidoverschiebung vom 
primären Narzißmus auf ein von außen aufgenötigtes Ichideal aufzu- 
fassen. Für eine erste Annäherung an die Verschiedenheiten der Ich- 
idealbildung bei den zwei Geschlechtern genügt die Formulierung, 
die ein betreffendes Ichideal „Männlichkeit" und ein anderes 
„Weiblichkeit" namhaft macht. Feinere Nuancen und Zusammen- 
hänge werden sich, wie immer, aus der Interpretation der in der 



Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib 



293 



Neurosenbildung zustandegekommenen Verzerrungen und Ver- 
größerungen ergeben. 

Die Analyse einer schwer neurotischen Frau (Pat. D.) 
gab mir reichliche Gelegenheit, eine Persönlichkeit zu studieren, 
welche die überspannten Forderungen eines vermutlich allzu hoch 
gegriffenen Ichideals zu erfüllen bestrebt gewesen ist. Sie war 
von Jugend auf durch künstlerische Ambitionen beherrscht, um 
deren Befriedigung sie zeitlebens gerungen hat. Diese mußte ihr 
versagt bleiben, aber sie entsagte nie — auch im schwersten 
neurotischen Zusammenbruch nicht — der Hoffnung auf Erfüllung. 
Sie konservierte so eine Sehnsucht nach schöpferisch-künstlerischer 
Fähigkeit und Betätigung. Die Analyse konnte trotz ihrer langen 
Dauer nicht entscheiden, ob die Ansprüche, die sie an sich gestellt 
hat, nicht überhaupt ihrer Leistungsfähigkeit (Begabung) inadäquat 
waren; man konnte nur sehen, daß der weitgehende neurotische 
Prozeß jene Kräfte, wenn sie vorhanden waren, aufgesaugt und 
zerstört haben mußte. Für unsere Auseinandersetzungen ist aber 
die Beantwortung dieser Frage nicht erforderlich. Sie sollen von 
der Feststellung ausgehen, daß diese Frau sich in ihrem Ichideal 
vorwiegend mit dem Vater identifiziert hat. Dementsprechend hatte 
sie zum leuchtenden Vorbild — mehr oder weniger bewußt 
— einen großen Künstler der Vergangenheit vor sich gestellt. 
Ihre Analyse zeigte, daß sie unter dem Drucke des weiblichen 
Kastrationskomplexes steht, der bei ihr in einer Intensität zur 
Ausbildung gelangt war, wie man es nicht häufig vorfindet; ein 
großer Teil der neurotischen Symptome war davon beherrscht, 
vor allem geriet die durch starke männliche Tendenzen aus- 
gezeichnete Charakterbildung durchaus unter seine Herrschaft. 
Der fehlende und erwünschte Penis — an dessen Vorhandensein 
sie im Unbewußten dauernd festhielt — sollte ihr durch die 
Fähigkeit zu künstlerischer Produktion ersetzt werden, dieser 
Wunsch wurde die treibende Kraft bei der Aufrichtung ihres Ich- 
ideals. Man kann von diesem Ichideal aussagen, daß es von typisch- 
männlichen Strebungen erfüllt ist. Wir erlebten dann in der Analyse, 
daß sich bei der Patientin vorübergehend ein positiver und bewußter 
Wunsch nach Nachkommenschaft einstellte — eine späte Äußerung 
des frühzeitig verdrängten (infantilen) Kindeswunsches. Und sie 
zog selber die sich erbietende Parallele : sie wolle entweder Kinder 
haben, um die Fortsetzung ihres Ichs gesichert zu sehen, oder 













294 



Dr. J. Härnik 






sie müsse schöpferisch auf dem Gebiete der Kunst tätig sein, wie 
ein Mann Produkte des Geistes hinterlassen können. Sie hatte also 
sowohl den Wunsch nach Kindern, wie auch den Peniswunsch in 
der Konstituierung ihres so hohen Ichideals aufgehen lassen. 

Unterziehen wir von hier aus das normale Ichideal „Weib- 
lichkeit" einer kurzen Betrachtung. „Muttersein", „Mütterlichkeit" 
gehören sicherlich zu den bedeutendsten Bestandteilen dieses weib- 
lichen Ichideals. Das wesentliche über die Beziehung der Mutter 
zum Kinde lehrte uns Freud, indem er zeigte, daß den narziß- 
tischen Frauen im Kinde, das sie gebären, ein Teil des eigenen 
Körpers wie ein fremdes Objekt gegenübertritt, dem sie vom 
(sekundären) Narzißmus aus die volle Objektliebe schenken können. 1 
Ergänzen wir diese Feststellung mit dem Hinweis, daß ja das 
Kind für die Frau auch das männliche Glied bedeutet, welches sie 
einmal (in der Phantasie) hatte und nun, nach der Abtrennung 
von ihr, sozusagen eine eigene Existenz führen soll. Vielleicht 
kommt die libidinöse Besetzung dieses Wesens — die so auf 
Kosten des sekundären Narzißmus geschieht — regelmäßig einer 
Rückverwandlung des letzteren in den primären, ans Geni- 
tale gebundenen Narzißmus gleich, aus dem er nach meinen 
Darlegungen hervorgegangen ist. Wir können mit gutem Recht 
annehmen, daß diese Rückverwandlung in einer komplizierten 
Weise, gleichsam auf unterirdischen Wegen, vonstatten geht, 
indem zuerst das Genitale beim Geburtsvorgang eine narzißtisch- 
libidinöse Überbesetzung erhält, die dann auf das Kind (= Penis) 
übertragen wird, welches die Geburtswege passiert hat. 2 Für die 
Charakteristik des typisch -weiblichen Ichideals ergeben diese 
Überlegungen, daß dessen Ausbildung sich in diesem Punkte nicht 
allzuweit von der Linie des primären Narzißmus vollzieht. Der 
Ausgangspunkt: narzißtische Hochwertung des Genitales und der 
Endpunkt: narzißtische Überschätzung des sich von dem Genitale 
ablösenden Kindes — sie liegen dicht beieinander. 

Die Vorgänge bei der Bildung des Ichideals „Männlichkeit" 
sind offenbar bedeutend komplizierter. Wir haben vorhin im 

1 „Zur Einführung des Narzißmus." Jahrb. VI., S. 14 Wörtlich zitiert. 

2 Vergl. damit Ferenczi: „Über Pathoneurosen," S. 12: „Die an das 
Ausscheidungsorgan (hier die Vagina) geknüpfte schmerzliche Lust wird zum 
Teil auch auf das Ausscheidungsprodukt (das Kind) übertragen. So wird es 
erklärlich, daß so viele Mütter gerade ihr ,Schmerzenskind' bevorzugen." 



Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib 



295 



Falle einer Frau die Spuren seiner Ausbildung in einer bestimmten 
Richtung verfolgt und wollen jetzt aus der Untersuchung eines 
ähnlich gearteten Falles weitere Aufklärung holen. Ein hoch- 
gebildetes Mädchen mit eigenartiger, produktiver Begabung — wir 
hatten sie früher als Patientin B. kennen gelernt — verursachte 
der Analyse nicht geringe Schwierigkeiten infolge ihres empfind- 
lichen Kastrationskomplexes, der bei ihr die Grundlage eines 
starken „männlichen Protestes" geworden ist. Ihre Intelligenz 
ist deutlich männlich gerichtet, ihr hauptsächliches Betätigungs- 
feld ein für gewöhnlich den Männern vorbehaltenes Gebiet der 
geistigen Tätigkeit. Ein bewußter, für das junge Weib so selbst- 
verständlich scheinender Wunsch nach einem eigenen Kinde 
schien für dieses Mädchen fremd geblieben zu sein. Tief verdrängt, 
äußert er sich nur in der Symptomatik ihrer Konversionshysterie 
und ist bisher trotz der beträchtlichen Dauer der Analyse nur 
in Spuren zum Vorschein gekommen. Ihr bewußtes Ich fügt sich 
der Forderung eines Ichideals, welches ihr geistige Kinder in die 
Welt zu setzen zum erstrebenswerten Ziel gesteckt hat. Ein 
charakteristisches Detail aus ihrer Analyse ist ein Köpfung s- 
traum, dessen Deutung sie nach langen Bemühungen zum 
erstenmal dem Verständnis des Kastrationskomplexes (und Penis- 
neides) in die Nähe brachte. Sie hat dabei erfahren, daß für ihr 
Unbewußtes der „Kopf" den fehlenden Penis ersetzt, das heißt 
das Gehirn oder der Intellekt, dessen „männliche" Leistungen sie 
für die ihr von der Natur vorenthaltene männliche Zeugungs- 
kraft entschädigen sollen. 1 

Die Ergebnisse dieser Analyse stimmen in weitgehendem 
Maße mit den Erkenntnissen überein, zu denen die Eigentümlich- 
keiten des vorher mitgeteilten Falles geführt haben. Sie verlangen 
außerdem eine besondere Betonung der narzißtisch-libidinösen 
Bedeutung jenes Organes, von dessen Leistungsfähigkeit die 
Befriedigung oder die Versagung für das in dieser Weise männlich 
gerichtete Ichideal abhängt. Eine Auffassung, die sich mir aus 
dem mitgeteilten Material zwar in diesen unscharfen Umrissen, 



1 Die Schilderung der technischen Schwierigkeiten eines im Aufbau 
entsprechenden Falles gab E. Simmel (in der Berliner Psychoanalytischen 
Vereinigung) in einer „Intellekt" und „Sexualität" betitelten Mitteilung. 
Der Kopf hatte da in den Träumen dieselbe „zweiseitige" Bedeutung von 
Penis und männlicher Intelligenz. 



296 



Dr. J. Härnik 



aber ganz ungezwungen ergab. Ich fand dann in den Erörterungen, 
die Ferenczi in seiner letzten größeren Publikation 1 diesem 
Thema widmet, eine tiefgehende theoretische Begründung für die 
Annahme einer besonders hohen narzißtisch-libidinösen Besetzung, 
respektive Wertschätzung des Gehirnes und seiner Funktionen. 
Während er aber für die Zwecke seiner Beweisführung die auf 
Arbeitsteilung und Differenzierung zielende organische Entwick- 
lung betont und daher das Gehirn als das Zentralorgan der 
Ichfunktionen dem Genitale als erotischem Zentral- 
organ entgegenhält, mögen meine Ausführungen mit einem 
neuerlichen Hinweis auf die im Unbewußten erhalten gebliebene 
Gleichsetzung und entsprechende narzißtische Bewertung dieser 
beiden wichtigsten Exekutivorgane enden. 



iHollös und Ferenczi: „Zur Psychoanalyse der paralytischen 
Geistesstörung." Beihefte der »Intern. Zeitschr. f. Psa.,* Nr. V. 1922. Ferenczis 
Äußerungen auf Seite 39 mit Umstellung wörtlich zitiert. 



Organlibido und Begabung. 

Von Dr. Imre Hermann (Budapest). 

Ferenczi beschließt eine Gedankenreihe über die „Hyste- 
rischen Materialisationsphänomene" folgendermaßen : 

„Ein anderes, bisher nur von psychologischer Seite betrach- 
tetes Problem, das der künstlerischen Begabung, wird in 
der Hysterie von seiner organischen Seite einigermaßen beleuchtet. 
Die Hysterie ist, wie Freud sagt, ein Zerrbild der Kunst. Die 
hysterischen ,Materialisierungen' zeigen uns aber den Organismus 
in ihrer ganzen Plastizität, ja in ihrer Kunstfertigkeit. Es dürfte 
sich zeigen, daß die rein autoplastischen Kunststücke des Hyste- 
rischen vorbildlich sind, nicht nur für die körperlichen Produktionen 
der Artisten und der Schauspieler, sondern auch für die Arbeit 
jener bildenden Künstler, die nicht mehr ihren Leib, sondern 
Material der Außenwelt bearbeiten." 1 

Auf Grund von Krankenanalysen konnte nun erkannt werden, 
daß die Anknüpfung der Begabungsfrage an Fragen der Körper- 
phänomene der Hysterie eine äußerst glückliche war. Es soll hier 
aber nicht nur von einer Vorbildlichkeit der Betätigungsart 
gewisser künstlerisch Veranlagten die Rede sein, sondern von 
einer tiefer gehenden Analogie. Bei der Hysterie wurde — nach 
Freud — eine bis zur Genitalisierung reichende Erogeni- 
sierung gewisser Körperteile vorgefunden, bei der zeichnerischen 
und dichterischen Begabung eine, teilweise zur Sublimierung 
fortschreitende Erogenisierung (erhöhter Libidotonus) der aus- 
übenden Organe, das heißt der „Hand-", respektive der „Mund"- 
Zone. 2 a 



1 S. Ferenczi, „Hysterie und Pathoneurosen", 1919, S. 31. 

2 Beiträge zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung. „Imago", 
VIII., 1922 — und : Vortrag über die dichterische Begabung in der ungarischen 
Vereinigung im Jahre 1922. 



298 



Dr. Imre Hermann 



Auf die Peststellung, daß bei künstlerisch Begabten ein 
erhöhter Libidotonus des ausübenden Organes vorzufinden ist, 
habe ich eine Theorie der.Psychogenese dieser Begabungen auf- 
zubauen versucht; der Möglichkeit eines solchen genetischen 
Zusammenhanges trachtete ich mit dem Begriffe der Peripher- 
prozesse näherzukommen, das heißt ich versuchte zu zeigen, 
daß das Zeichnen, die Sprache ursprünglich „periphere" Betätigungs- 
arten sind, welche aber gewöhnlich frühzeitig unter die Herrschaft 
„zentraler" (bewußt-logischer) Prozesse gelangen ; eine hohe Libido- 
betontheit des ausübenden Organes soll aber bewirken können, 
daß die Entwicklung nicht frühzeitig einlenkt, 
sondern geradlinig ihre weiteren Wege geht und die periphere 
Organbetätigung ihr Gewicht der zentralen Bearbeitung gegen- 
über auch späterhin nicht einbüßen muß. 

Um aber mit unserer Theorie festen Fuß fassen zu können, 
muß nicht nur das Tatsachenmaterial weiterer, einschlägiger Ana- 
lysen gesammelt und so der angedeutete Zusammenhang empirisch 
erhärtet, sondern auch noch die Frage aufgeworfen werden, was 
denn die von uns empfohlene Theorie anderen Auffassungen voraus 
hat? Daß libidinöse Kräfte bei jedweder geistigen Mehrleistung 
mitarbeiten, war ja schon längst teilweise vermutet, teilweise 
behauptet worden (Schopenhauer; Sublimierungstheorie der 
Psychoanalyse; Ostwald 1 ). Daß andererseits die Begabung auf 
einer lokalisierbaren organischen Unterlage beruht, besagt 
dann wieder nichts anderes, als der wesentliche Kern der Gall- 
schen Lehre. (Gall sprach von „sens"; Möbius, der vor nicht 
geraumer Zeit die Galischen Lehren wieder in Fluß bringen 



1 Schopenhauer: „An den Tagen und Stunden, wo der Trieb zur 
Wollust am stärksten ist, . . . eine brennende Gier, . . . gerade dann sind auch 
die höchsten Kräfte des Geistes, ja das bessere Bewußtsein, . . . zur größten 
Tätigkeit bereit." (Bemerkung Schopenhauers aus dem Jahre 1813, 
zitiert nach Möbius.) 

s t w a 1 d : „Das Zusammentreffen einer ungewöhnlich ausgezeichneten 
Leistung junger Genies mit ihrer Verlobung oder Verheiratung ist eine häufige 
Erscheinung . . . Sie deutet darauf hin, daß mit der Betätigung des funda- 
mentalen organischen Triebes auch eine außerordentliche Leistungsfähigkeit 
der anderen Organe, insbesondere des Gehirnes, verbunden ist. Man wird 
unwillkürlich auf das Auftreten besonderer Schmuckformen und Betätigungen, 
wie Tänze, Kämpfe und dergleichen bei höheren Tieren, insbesondere Vögeln, 
um die Zeit der Paarung erinnert." (W. s t w a 1 d, Große Männer, 1915, 5 S. 267.) 



Organlibido und Begabung 



299 



wollte, spricht schon von „Organen", z. B. vom mathematischen 
Organ.) 

Ist unsere Auffassung, die vielleicht von der organisch- 
libidinösen Seite aus gewonnen wurde, — wobei man nicht außeracht 
lassen darf, daß wir noch weitere, ebenbürtige Quellen der Begabung, 
gewisse Komplexe, aufgedeckt zu haben meinen, welche 
Komplexe gerade den Weg zur besonderen Form der betreffenden 
Sublimierungsart ebnen sollen — einfach eine Verschmelzung dieser 
beiden Ansichten (der Sublimierungstheorie und der Annahme einer 
Organlokalisation) ? Wenn auch hier tatsächlich eine Vereinigung, 
eine gegenseitige Anpassung zweier Standpunkte vorliegt, so 
glauben wir doch, ein neues Leben in dem alten Körper erweckt 
zu haben, und dieses neue Leben stammt von der dynamischen 
Orientiertheit unserer lokalis atorischen Theorie. 
Dynamisch orientiert ist unsere Theorie, abgesehen davon, daß 
sie die Triebkraft der Betätigung bestimmt, insofern, daß sie die 
Verschiebung der Triebentfaltung, also die Trans- 
ponier ung einer Begabungsart in eine andere (z. B. der 
zeichnerischen Begabung in die dichterische, ein oft zu beobach- 
tender Vorfall) 1 als einen verständlichen Prozeß darstellen kann, 
was der G a 1 1 sehen Lehre ermangelt; dynamisch orientiert ist sie 
aber auch in dem Sinne, daß sie ein Licht auf die Frage der 
Übertragbarkeit der Begabung von Generation zu 
Generation, sowie der mutationsartigen Neuentstehung zu 
werfen befähigt ist. 

Man kann bei der Durchführung von Krankenanalysen 
erfahren, daß der erhöhte Libidotonus des gewissen ausübenden 
Organs nur ein weites Flußbett darstellt, besondere Libido- 
schicksale bestimmen dann die Dämme, welche den engeren Strom 
der Begabung einschließen; das weite Strombett des erhöhten 
Libidotonus kann sich vererben — da es einem konstitu- 
tionellen Moment entsprechen kann — ohne die einschränkenden 
Dämme, ohne die besonderen führenden Komplexe, ohne den Weg 
des Libidoschicksals vererben zu müssen: im Grunde wird 
nicht die Begabung, sondern deren organisch- 
libidinöse Komponente, die Libidobetontheit 
gewisser Organe vererbt. 

1 Der genetische Zusammenhang von Mund- und Handerotik wird den 
Gegenstand einer besonderen Studie bilden. 



300 



Dr. Imre Hermann 



Ein Zwangsneurotiker mit schweren Zwangssymptomen führte viele 
Arten von Zwangshandlungen, von „Sicherungen* aus, um dem Angst ein- 
flössenden Gedanken, ein Kind ermordet zu haben, zu entgehen: dieser Mord 
soll in einem Bruchteil einer Sekunde durchgeführt werden, wie es nur ein 
märchenhafter Zauberer der Phantasie tun kann. Die Hand dieses Kranken 
zeigt Symptome der hohen Libidobetontheit (große Erogenität, er kann sogar 
durch — mittels der Hand ausgeführter Reizung — der Geschlechtsteile des 
anderen Geschlechtes selbst zur Endlust gelangen; als Knabe bereitete ihm ein mit 
dem Handteller aufgefangener Flatus eine große Lust; als Jüngling lebte in ihm 
die ständige Phantasie, ein Dirigent zu sein [magische Handbewegungen] usw.). 
Dieser Kranke ist ein Mann ohne jede körperliche Anmut, er ist unfähig zu 
zeichnen, doch sein Vater, der ein besonders schöner Mann 
gewesen sein soll, zeichnete so talentvoll, daß er eine Zeitlang, in seinen 
jungen Jahren, Künstler werden wollte und sich bei einem hervorragenden 
Maler ernstlich auszubilden begann. 

Gleichzeitig — neben der Bestimmung der Vererbungsgrund- 
lage — gibt aber unsere Theorie auch Aufschluß darüber, wieso im 
Laufe des individuellen Lebens ohne hervorragendere Qualitäten 
der Ahnen eine Begabung, wie gesagt, mutationsartig aus endo- 
genen oder exogenen Ursachen entstehen, oder wie eine anwesende, 
vererbte Grundlage sich auf ein höheres Niveau erheben kann. 

Ein junger Arbeiter zeichnet seit etwa zwei Jahren mit großem Eifer 
und ziemlich talentvoll. Schon mit zehn Jahren zeichnete er besser als seine 
Schulkameraden, aber die unzweifelhafte Höherleistung — nach Urteil Sach- 
verständiger — ist erst nach seiner Fußamputation in Erscheinung 
getreten: der rechte Fuß wurde vor etwa zwei Jahren am Unterschenkel 
amputiert, ein Jahr vorher hinwieder der rechte Arm des Vaters im Schulter- 
gelenk (wegen Fabriksunglück). Unser Patient selbst hat den Fuß nach einem 
Unfall verloren, doch erst sieben Monate darauf, nachdem sich als Komplikation 
eine Knochenkaries entwickelt hatte. Auf der chirurgischen Abteilung 
liegend, machte auf ihn das Schicksal eines Kameraden großen Eindruck, der 
wegen Knochenkaries ebenfalls einen Fuß verlor, aber sich mit den Worten : 
„Es ist noch gut, daß ich noch die Hände besitze, den Fuß brauche ich als 
Bildhauer sowieso nicht," tröstete. Eines Tages kam nun dieser arme Mensch 
ins Krankenzimmer und zeigte seinen aufgeschwollenen Unterarm. (Bemerkens- 
wert: eine Amputationsfurcht — Kastration, verschoben auf die Glieder — 
zeigte unser Patient schon vor Jahren, noch vor Amputation des Armes seines 
Vaters. Es lebt in ihm eine mächtige Kastrationsangst, durch besondere 
Kindheitserlebnisse motiviert.) Dieser Zeichner, auch ein gewandter Violin- 
spieler, weiß von mehreren Dilettantenzeichnern in seiner Familie, auch von 
einem berühmteren Baumeister, Bruder des mütterlichen Urgroßvaters. Wir 
verstehen aus der Krankengeschichte, weshalb die Hand und ihre Funktionen 
mit (narzißtischer?) Libido — vielleicht regressiv — überbesetzt wurde. 

Ein älterer Maler, schon ein Arrivö, berichtet über je einen dilettantischen 
Zeichner aus seiner väterlichen und mütterlichen Verwandtschaft. Er besitzt 



Organlibido und Begabung 



eine Handerotik hohen Grades. Im geschlechtlichen Verkehr legt er das Haupt- 
gewicht auf das Greifen des Körpers des Liebesobjektes (und zwar seit seinen 
Knabenjahren bis auf heute), auch das Ergreifen seines Gliedes durch ein 
Weib bereitet ihm hohe Lust, oft sogar die endgültige Befriedigung. — Noch 
als kleiner Knabe bereitete es ihm eine besondere Lust, die buntfarbigen 
Samtfäden des im selben Hause wohnenden Tapezierers in die Hände zu 
nehmen und zu streicheln. (Die Rolle der Hand beim Malen mit Farben!) 1 

Nach seiner Rückerinnerung soll er, noch als junger Knabe, in eine 
enthusiastisch-romantische Stimmung gelangt sein, als er in der „malerisch'' 
gelegenen, mit Bäumen umsäumten „Goldhandgasse" (Aranykez-utca) seiner 
Vaterstadt spazieren ging. Selbst der N am e dieser Gasse soll auf ihn 
eine „bezaubernde" Wirkung ausgeübt haben. (Bezeichnend ist, daß er als 
junger Bursche Goldarbeiter sein wollte und sich eine solche Anstellung 
suchte.) Er war ein sehr schlimmer Bursche. (Die Schlimmheit deckte sich in 
der Analyse auf als Wunsch zur Bestrafung, da er mit fünf Jahren einen 
kleinen Kameraden durch einen Steinwurf in den Kopf tödlich verletzte.) In 
der zweiten Elementarklasse hat ihn der äußerst grobe Lehrer, als er sich 
schlecht benahm, die Hände hinten zusammengebunden oder ihn sehr stark 
auf die Fingerspitzen geschlagen. Etwa im nächsten Jahre fing er an zu 
zeichnen. — Hier muß die bezaubernde, den Libidotonus der „Hand" steigernde 
Rolle der „Goldhandgasse" und diejenige der Schläge auf die schon stärker 
Iibidobetonten Hände besonders gewürdigt werden. (Siehe später.) 

Diese kurzen Skizzen aus den Analysen wollen nur die 
Nützlichkeit unserer Theorie auf einem einzigen Gebiete darlegen. 
Man soll sich nun aber auch stets vor Augen halten, daß jede 
neuaufgestellte Theorie ihre Lebenskraft nicht nur innerhalb, 
sondern auch außerhalb des zu allererst untersuchten Gebietes, das 
heißt durch eine gemeinschaftliche, möglichst allgemeine Erklärungs- 
grundlage ähnlicher Erscheinungen ausweisen soll. So müssen 
wir uns zwei Fragen zuwenden, nämlich ob erstens vielleicht 
die bei der künstlerischen Begabung herangezogenen übrigen 
Begabungsbedingungen nicht auch in einer besonderen organ- 
libidinösen Grundlage wurzeln, und zweitens, ob denn die Bega- 
bungen anderer (nicht künstlerischer oder mindestens hand- 
werksmäßiger) Art der Anwendung unserer Auffassung auf ihre 
Entstehung widerstreben würden? 

Die Beantwortung der ersten Frage bietet bei der zeich- 
nerischen Begabung kaum eine Schwierigkeit. Der hier wirkende 
Komplex, die eigene, viel gepriesene Schönheit des 




1 Noch vor diesem Spiele gefielen ihm die schönen farbigen Vorhänge 
(besonders diejenigen von Blau mit Silber) im Tempel. Hier denke man an 
seine schönen blauen Augen. 



302 



Dr. Imre Hermann 



Kindes hat ja sicherlich eine organisch-libidinöse Grundlage, 
welche die körperliche Entwicklung, als eine besondere Libido- 
qualität,. gerade in diese Richtung der sexuellen Macht treibt. 
(Der zuvor erwähnte Maler soll ein wunderschönes Kind gewesen 
sein: die schwangeren Frauen seines Heimatsortes kamen zu 
ihm, um durch anhaltenden Anblick des schönen Kindes die 
Schönheit des eigenen Kindes zu sichern.) Auch Dürers welt- 
bekannt schöne Hände (lokalisierte Schönheit!) sprechen für 
uns. Sodann müßte man vier Gruppen von zeichnerisch Begabten 
unterscheiden, je nachdem die beiden organischen Grundlagen der 
zeichnerischen Begabung, respektive je eine von ihnen mitgebracht 
(endogen entstanden, vererbt oder aus inneren Gründen entstanden) 
oder erworben wurde. Beim Mangel an (Organ-) Schönheit kann 
der Wunsch, schön zu sein, die besondere Qualität der Libido 
hervorrufen. Der starke Wunsch, schön zu sein bei nicht vor- 
handener Schönheit, ist Eigenschaft des weiblichen Geschlechtes 
oder der femininen Männer; gerade diese Gruppen machen aber 
eine — scheinbare — Ausnahme von der Regel, die zeichnerisch 
Begabten waren sehr schöne Kinder gewesen. 

Schwieriger gestaltet sich dieselbe Frage bei den Dichtern. 
Mit der nötigen Reserve möchte ich folgende Überlegungen 
anführen: Wir fanden bei Dichtern einen Seher komplex 
vor (die Überzeugung von der eigenen prophetischen Fähigkeit) 
und konnten diesen Komplex in den analysierten Fällen auf 
Erlebnisse der (frühen) Kindheit zurückführen. Man könnte aber 
auch daran denken, daß dieser Komplex lokal-organisch bedingt 
oder wenigstens so verstärkt sei: es gibt, wie man weiß, 
einen sogenannten „Fernsinn der Blinden", die perceptio facialis, 
welche außer bei Blinden auch bei Normalsichtigen, so eventuell 
gerade und besonders ausgeprägt bei Dichtern, in Wirksamkeit 
treten könnte. Die Dichter könnten so vielleicht als Kinder die 
Beobachtung gemacht haben, daß sie auch im Finstern die 
Anwesenheit von Gegenständen erfühlen, wozu andere Kinder 
nicht befähigt sind. Bei ihnen wäre aber diese Fähigkeit durch 
die mittels organischer Ausbreitung der Orallibido erfolgte Ero- 
genisierung von Gesicht und Stirn (Dichterstirn!) erklärbar. Dieser 
Seherkomplex entwickelt sich wahrscheinlich nicht nur beim 
Dichter, sondern vermutlich auch beim Forscher, beim Gelehrten. 
(Wissen ist ja Vorauswissen. Das Experiment dient zur Bestätigung 



Organlibido und Begabung 



303 



eines Gedankens.) Das könnte eine Verbindung zwischen Dichter 
und Forscher herstellen (in einer Person z. B. bei: Davys, 
Fechner, Lotze, F. Bolyai), und die gemeinsame orga- 
nische Grundlage könnte leicht gewisse Stammbaums-Eigen- 
tümlichkeiten, z. B. der Familie Darwin, erklärbar machen. 1 Bei 
den Darwins trifft man neben mehreren Dichtern einen Arzt 
(den Vater Charles), der eine „unnatürliche" Gabe des Gedanken- 
lesens gehabt haben soll und oft „glücklich im Erraten" war. 2 
Hier könnte die direkte Untersuchung an Dichtern eine theoretisch 
gefundene Möglichkeit bestätigen oder entkräften. 3 Ob der Toten- 
komplex, der andere, bei den Dichtern als Sublimierungs- 
wegweiser dienende Komplex (das Lieben einer toten Person oder 
das Geliebtwerden als Toter) nicht auch seine organische Grund- 
lage haben kann ? P e t ö f i und Rousseau waren bei der Geburt 
äußerst schwache Kinder. Goethe kam asphyktisch zur Welt. 
(Die Ruhmbegierde hat auch eine oralerotische Grundlage und 
dann will sie Erfolge noch im Leben haben oder sie will einen 
unsterblichen Namen sichern und dann stammt sie vermutlich aus 
dieser Quelle des Geliebtwerdens als Toter.) 4 

Die zweite, oben aufgeworfene Frage, die wir eigentlich bei 
der Behandlung des Seherkomplexes schon berührten, die Frage 
nach der Begabungsgrundlage anderer Begabungsarten, 
ließe sich nach dem Vorbilde von G a 1 1 vielleicht auch anatomisch 
beantworten, doch bietet sich hier ein der psychoanalytischen 
Forschung zugänglicherer Weg, welcher unmittelbar an die Libido - 
betontheit des ausübenden Organs anknüpft. Hier muß aber, den 



1 Damit soll nicht gesagt werden, daß ich. es für bewiesen halte, daß 
bei der Vererbung in jedem Falle (nur) organische Grundlagen anwesend sind. 

2 Leben und Briefe von Charles Darwin. Herausgegeben von Francis 
Darwin. 1887, Bd. I, S. 15. 

3 Man denke an erblindete Dichter (Homeros vielleicht nur als ein 
Diehterrepräsentant, Milton), an schwer kurzsichtige oder an einem Auge 
schwachsichtige (Ära ny, Petöfi) und man wird unsere Vermutung nicht 
mehr für so kühn halten. Auch Dichter-Gelehrte hatten Sorgen ihres Seh- 
vermögens wegen gehabt (F. Bolyai, Fechner). 

4 Instruktiv ist der Totenkomplex bei F. Bolyai. In den Jugendjahren 
besuchte er oft den Friedhof; nach dem Tode seiner Frau ließ er sie vor den 
eigenen Augen sezieren und beschrieb den Befund Punkt für Punkt dem Sohne ; 
sein eigener Sarg lag Jahrzehnte lang in seinem Zimmer. Die Daten aus David, 
A ket Bolyai, 1923). 



304 



Dr. Imre Hermann 



Gedankengang einleitend, wieder auf Ferenczi zurückgegriffen 
werden; Ferenczi nimmt nämlich an, daß an verletzten, 
erkrankten Körperstellen „ . . . eine größere Lididomenge aus den 
übrigen Organbesetzungen zusammenströmt . . . Wenn sich aber 
das Ich dieser lokalisierten Libidosteigerung mittels der Ver- 
drängung erwehrt, so mag eine hysterische, wenn es sich mit 
ihr vollkommen identifiziert, eine narzißtische Pathoneurose, 
eventuell einfacher Krankheitsnarzißmus die Folge der Verletzung 
oder Erkrankung sein". 1 

Das Gehirn verrät nun auf verschiedene Weise seine 
Rolle als Ichorgan, als Stapelplatz des Narzißmus (Psychologie der 
Ausdrucksbewegungen ; Hollös-Ferenczis Ansichten über die 
progressive Paralyse). Wir glauben nichts Neues dem schon 
Bekannten beizufügen, wenn wir hervorheben, daß intensiver 
Schmerz, entstehe er an welcher Körpergegend immer, eine 
Beschädigung des Ichs und so quasi eine des Gehirnes mitbedingt, 
woraus dann wieder eine Aufspeicherung des Gehirn- 
organlibido im Falle des Schmerzes gefolgert werden 
muß. Könnte nun aber diese aufgesammelte Gehirnorganlibido- 
menge nicht ebenfalls sublimiert, zur höheren geistigen Produktion 
verwendet werden? 

Studiert man die Lebensgeschichte großer Denker — 
von unmittelbarer Analyse muß hier gegenwärtig aus leicht- 
verständlichen Gründen Abstand genommen werden — so wird 
man bald gewahr, welch ein großer Zeitraum ihres Lebens mit 
körperlichen Erkrankungen und Schmerzen erfüllt war. Ostwald 
spricht hier natürlich — auf Grund seiner monistisch-energetischen 
Theorie — von einem Auf nützungs- Symptom. Es soll die 
teilweise Berechtigung dieses Standpunktes nicht in Abrede gestellt 
werden, sicherlich wird der Denker mit der Zeit ermüdet, er 
verliert seine libidinösen Triebkräfte, doch glauben wir hier noch 
einen anderen, umgekehrt verlaufenden Zusammenhang aufgefunden 
zu haben. 

Einige Beispiele: Hume hat den Grundgedanken seiner 
Treatise sicherlich in der Periode eines längeren Unwohlseins 
erfaßt (erkrankt im Jahre 1729, krank bis zirka 1733, den Grund- 
gedanken im Jahre 1731 erdacht). Man muß aber wissen, daß 

1 Ferenczi, 1. c. S. 14. 



Organlibido und Begabung 



305 



Hume sich schon viel früher im Ertragen von Schmerzen 
geübt hat: „Denn was hilft besser sich einen tuskulanischen Dialog 
von Cicero über Trost im Schmerz einzuprägen, als ein Stück 
von Bucolica oder Georgica . . . Der vollkommene Weise, der dem 
Schicksal trotzt, ist sicher größer als der Bauer, der sich von ihm 
leiten läßt . . . Mein Gleichmut ist von der Philosophie nicht 
genügend gestärkt, um Schicksalsschlägen widerstehen zu können. 
Die hierzu nötige erhabene Seelengröße kann nur durch Studium 
und Betrachtung erworben werden — hierdurch allein lernen wir 
die menschlichen Schickungen ertragen". — „Was mir jedoch die 
Laune am meisten von allem verdarb und mich ärgerte, war, daß 
ich . . . nicht nur meinen Verstand und meine Urteilskraft zu 
verbessern versuchte, sondern auch meinen Willen und Charakter. 
Ich suchte mich beständig durch Reflexionen gegen Tod, Armut, 
Schmach, Leid und alle andere Mißgeschicke des Lebens zu stärken." 1 
Darwin sagt selbst, daß er als Kind keine besonderen 
Fähigkeiten aufzuweisen wußte. Seine wissenschaftliche Laufbahn 
fängt mit der fünfjährigen Reise am Schiffe „Beagle" an. Darwin 
hatte schon kurze Zeit vor der Abreise an Schmerzen in der 
Herzgegend gelitten. Am Schiffe wurde er dann- von einer heftigen 
Seekrankheit ergriffen. Lord Stokers schreibt über diesen Zustand : 
„Häufig war das Hinterende des kleinen Fahrzeuges recht 
beweglich und in einem peinigenden Grade für meinen alten Freund, 
welcher bedeutend von Seekrankheit zu leiden hatte . . . eine Zeit- 
lang sich auf der einen Seite des Tisches lang auszustrecken, war 
das Mittel, ihn in den Stand zu setzen, seine Arbeit für eine Weile 
wieder aufzunehmen, worauf er sich dann von neuem niederlegen 
mußte. — Es war niederschlagend, dieses frühe Aufopfern von 
Ch. Darwins Gesundheit mitanzusehen." 

Doch sagt Darwin selbst: „Meine Seele ist, seitdem ich England 
verlassen habe, in einem wahren Sturmwind von Entzücken und 
Erstaunen gewesen und bis zu dieser Stunde ist kaum eine 
Minute in Nichtstun hingegangen." Darwin blieb während seines 
ganzen Lebens krank, doch „meine alleinige Beschäftigung während 
meines ganzen Lebens ist wissenschaftliches Arbeiten gewesen; und 
die mir durch derartige Arbeit werdende Anregung läßt mich für die 
Zeit mein tägliches Unbehagen vergessen oder drängt es wohl auch voll- 

1 Siehe in Anton Thomsen: David Hume, sein Leben und seine 
Philosophie. Bd. L, 1912. S. 20—25. 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 20 



306 



Dr. Imre Hermann 



ständig zurück". Konzentrierung: seiner Gedanken gewöhnte er sich 
am Beagle an: „Die . . . erwähnten verschiedenartigen Studien waren 
indessen von keiner Bedeutung, verglichen mit der Angewöhnung 
an energischem Fleiß und konzentrierter Aufmerksamkeit auf alles 
das, womit ich nur immer beschäftigt war, welches beides ich mir 
aneignete . . . diese geistige Gewohnheit wurde während der fünf 
Jahre der Reise fortgesetzt. Ich bin sicher, daß diese Dressur es 
war, welche mich dazu befähigt hat, das in der Wissenschaft zu 
leisten, was ich etwa geleistet habe." 1 

Fechners große Krankheit fiel in die Zeit vor seiner 
schöpferisch-genialen Periode. Nun stellt er die Lösung seiner 
Krankheit folgendermaßen dar: „Es war am 1. Oktober, als ich 
infolge einer Alteration einmal rasch und rücksichtslos auf die in 
meinem Kopfe sonst immer beim Sprechen sich geltend machenden 
üblen Empfindungen rasch und lebhaft zu sprechen anfing. Aber 
diese üblen Empfindungen traten diesmal nicht ein . . . Ich maß 
diesen Umstand der stattfindenden Aufregung bei, ward indes 
dadurch ermutigt, auch wiederholt mit einer gewissen desperaten 
Schonungslosigkeit gegen meinen Kopf zu sprechen und fand, daß 
es ging ... Ich fand, daß, wenn ich furchtsam sprach, der Kopf 
litt, sprach ich aber sozusagen darauf los, ohne es zu übertreiben, 
so litt er nicht. Ich fand infolgedessen, daß es sich mit Besinnen 
und Nachdenken ebenso verhielt." 2 

Man möchte fast sagen, es liegt hier eine besondere Ver- 
wendung der masochistischen Lust vor. Bestärkt wird man 
in dieser Ansicht, wenn man die Aufzeichnungen unseres Kron- 
zeugen Cardano heranzieht. 

Cardano beklagt sich, er sei von Vater und Mutter ohne 
jeden Grund so sehr geprügelt worden, daß er häufig lebensgefährlich 
erkrankte. Nun hatte er sich die Gewohnheit angeeignet, daß er, 
sobald er keine Schmerzen hatte, sich solche selber zu bereiten 
versuchte. „So habe ich mir zu diesem Zwecke Schmerzen aus- 
gedacht, die mir Tränen erpressen können." . . . „Hatte ich doch 
Dinge zu ertragen, die in keinem Verhältnis zu meinen Kräften 
standen. In solchen Fällen habe ich mit äußeren Mitteln meine 
Natur bezwungen. Ich habe nämlich mitten unter den ärgsten 
Seelenqualen mit einer Rute meine Beine gepeitscht, habe mich 

1 Darwin a. a. 0., S. 57, 58, 71, 205, 214. 

2 Zitiert nach K. Birnbaum, Psychopathol. Dokumente, 1920, S. 267. 



Organlibido und Begabung 



307 



stark in den linken Arm gebissen, habe gefastet . . ." „Ich habe 
immer, beim Reiten, beim Essen, im Bett, wachend, redend, noch 
über irgend etwas anderes nachgedacht, mich mit etwas anderem 

nebenbei befaßt." „Diese Nachdenklichkeit beherrscht mich zwar 

ununterbrochen, richtet sich aber nicht ununterbrochen auf den- 
selben Gegenstand. Nichtsdestoweniger ist sie immer so stark, 
daß ich nicht essen oder sonstiger Vergnügung mich hingebe, ja 
nicht einmal Schmerzen verspüren oder schlafen kann, ohne von 
ihr beherrscht zu sein." „Der Schmerz war die Arznei meines 
Schmerzes; den Unmut heilte ich mit Zorn, meiner ungesunden 
Liebe zu den Meinen begegnete ich mit ernsten Studien. Schmerzen 
kleinerer Art vertrieb ich dixrch das Schachspiel ; über große halfen 
mir falsche Hoffnungen und phantastische Gedanken hinweg." 1 

Die Tendenz ist klar: die Schmerzverhütung, was aber selbst 
durch schmerzhafte Prozeduren geschehen kann; man sieht auch 
die Rückführbarkeit dieser Eigenschaft auf das frühkindliche Leben. 
Bemerkt sei, daß Cardano in seinem neunten Lebensjahre, im Alter, 
als er vom Vater mathematischen Unterricht erhielt, eine schwere 
Verwundung an der linken Stirn erlitten hat. (Man muß hier auf 
Möbius' mathematisches Organ denken und auf die „harpokratische" 
wahrsagerische Natur Cardanos, welche durch die pathoneurotisch ent- 
standene Stirn-Libidotonuserhöhung bedingt sein konnte, siehe oben.) 

Dieser hier behandelte Zusammenhang, den wir als den 
genetischen Zusammenhang von Schmerz, erhöhtem Gehirn-Libido- 
tonus und „tiefem Gedanken" bezeichnen können, steht, erscheint 
er auf den ersten Blick noch so gekünstelt, nicht ohne analoge 
Erscheinungen und nicht unverständlich da. 2 



1 Cardanos Eigene Lebensbeschreibung, übersetzt von H. Hefele, 1914, 
S. 8, 19—20. 

2 Es gibt eine Theorie der genialen Geistestätigkeit, nach welcher diese 
Tätigkeit im durch Ermüdung reizbar gewordenen Gehirn entstehen soll, 
und die geniale Geistestätigkeit hätte nach dieser Theorie .die Neigung, leichter 
zu ermüden und namentlich das erste Stadium der Ermüdung, die gesteigerte 
Reizbarkeit hervorzubringen" (Stadelmann hier dargestellt, nach Müller- 
Freienfels, Psychologie der Kunst, IL 2 1923). Diese Theorie widerspricht 
unserer insofern nicht, als die Unlust der Ermüdung und die Zurück- 
dämmung dieser Unlust einen speziellen Fall des körperlichen Schmerzes 
und der Schmerzverhütung bilden. Natürlich müßten die Ermüdung und die 
Erhöhung der Gehirnorganlibido noch in einer speziellen Untersuchung 
konfrontiert werden. 

20* 



308 



Dr. Imre Hermann 



In einer früheren Arbeit wurde von mir die auffallende Tat- 
sache hervorgehoben, daß viele „höhere seelische Gegen- 
stände" (wie Rhythmus-Erlebnis, Symmetrie-Wahrnehmung usw.) 
in einer zurückgedrängten, sonst zum Emporsteigen genötigten 
Unlust (aus der drohenden Rückkehr des überwundenen Wieder- 
holungszwanges) ihren Ursprung nehmen. Unlust ist in diesen 
Erlebnissen heute nicht mehr fühlbar, da eben statt dieser Verwen- 
dung der Besetzungserhöhung mit Hilfe von einem erworbenen 
Unlustabwehr-Mechanismus höhere geistige Produkte entstehen. 1 
Tierexperimente zeigen auch ganz klar, daß intellektuelle Neu- 
leistungen nur nach harten Bestrafungen, nach heftigem Leiden 
gelingen. 2 

Daß der „tiefe Gedanke" nicht vom Standpunkte der 
Bewertung, sondern dem Erlebnis nach eine qualitative Sonder- 
art des Denkens darstellt, wurde ebenfalls schon hervorgehoben. 3 
Auffallend ist, daß die Qualitätsbezeichnung „Tiefe" nicht nur für 
solche Gedanken, sondern zugleich auch für Kummer, Schmerz 
und Trauer verwendet wird, während man von tiefer Freude 
nicht spricht. Es wurde sogar schon die Inspiration als ein 
exquisit schmerzlicher Zustand bezeichnet. (Nietzsche, 
Mus s et, Petöfi.) Metapsychologisch ist nun ein analoger Prozeß 
für den tiefen Gedanken und den (heftigen) Schmerz anzuehmen: 
einerseits ist — nach Freud — „wahrscheinlich die spezifische 
Unlust des körperlichen Schmerzes der Erfolg davon, daß der 
Reizschutz in beschränktem Umfange durchbrochen wurde",* 
andererseits muß der tiefe Gedanke als ein Durchbruch von einem 
isolierten Komplex in ein anderes, vom Sach-System in das Ich- 
System aufgefaßt werden, also metapsychologisch formell analog 
der metapsychologischen Schmerzgrundlage. Auch der Realität 
gegenüber benehmen sich Schmerz und tiefer Gedanke ähnlich: 
man pflegt zu sagen, der Schmerz sei der wirklichste Verkünder 
der Realität der Welt, dasselbe muß aber dem tiefen Gedanken 
zuerkannt werden: er löst ja ein Problem gerade der Forderung 
der Realität gemäß und beweist diesen Hang zur Realität durch 



1 Randbemerkungen zum Wiederholungszwang. Intern. Zeitsehr. f. Psa.,. 
Bd. VIII. 

2 Zur Psychologie der Schimpansen. Intern. Zeitsehr. f. Psa., Bd. IX. 

3 Intelligenz und tiefer Gedanke. Intern. Zeitsehr. f. Psa., Bd. VI. 

4 S. Freud, Jenseits des Lustprinzips. 1920, S. 27. 



Organlibido und Begabung 



309 



sine merkwürdige Eigenschaft; der Denker erinnert sich nämlich 
oft ganz genau an die äußeren, auch unwesentlichen Umstände, 
inter denen er sich zur Entstehungszeit des tiefen Gedankens 
befand. (. . . „Ich kann mich selbst noch der Stelle auf der Straße 
erinnern, wo mir, während ich in meinem Wagen saß, die Lösung 
einfiel." Darwin, a. a. 0., S. 75.) An Tieren kann man diese 
gleichzeitige Extra- und Introversion während heftigen Leidens 
beobachten. 1 

Betrachtet man etwa introspektiv-spekulativ das mögliche 
genetische Verhältnis von Schmerz und Gedankenproduktion, so 
kann man nicht umhin, eine ganz spezielle Art der Schmerz- 
verhütung anzunehmen, wo alles Ichinteresse dem Schmerz 
entzogen wird und eine andere seelische Arbeit, die libidinösen Trieb- 
kräfte mit diesem Energiebetrag verdoppelt, angestrebt wird: es wird 
nachgedacht, phantasiert, die zur Verfügung gestellte Organlibido 
des Gehirnes aufgearbeitet, aber gegenüber dem gewöhnlichen 
Denken, Phantasieren, eine Vertiefung, eine tiefere Anklammerung 
an die Realität durch innere Kräfte, als Ausgleich des Schmerzes 
gesucht. Der Schmerz besteht von Seiten der Libido und vom Ich 
aus Eigenschaften, welche zur Produktion eines tiefen Gedankens 
führen können, wenn eine spezifische, man könnte sagen 
üb ergangs-masochistische Anlage — welche sich dem 
Schmerz nicht vollständig übergibt, ihn aber auch nicht vollständig 
verdrängt — besteht. Wird dieser Weg der Schmerzverhütung 
frühzeitig eingeschlagen, so haben wir eine Bedingung der 
geistigen Begabung des Denkers vor uns. 2 

Mit dieser Theorie der Schmerzverhütung ergänzt sich sodann 
unsere Grundauffassung. Diese erweiterte Auffassung bewährt 



1 Zur Psychologie der Schimpansen. 

2 Ich will hier nur erwähnen, daß bei der sogenannten Fiebertherapie 
wahrscheinlich diese psychologischen und libidinösen Faktoren mit im Spiele 
sind. Das Fieber muß vermutlich die Bedingung der Schmerzhaftigkeit erfüllen, 
ferner muß eine besondere masochistische Veranlagung vorliegen, um psychische 
Höherleistungen zu erzwingen. (Vgl., was das erstere anbetrifft, mit Darwin: 
„Ich kann nur hoffen, daß das Karbunkel dir möglicherweise gut tut; ich habe 
von allen Arten von Schwächen gehört, welche nach einem Karbunkel ver- 
schwunden sind. Ich vermute, der Schmerz ist fürchterlich." a. a. 0., S. 360.) 
— Bekannt ist die geistige Mehrleistung im Fieber bei Wallace (W. Locy: 
Die Biologie und ihre Schöpfer, 1915. S. 368), bei Holt ei und Hebbel 
(Birnbaum, a. a. O., S. 107—108). 



310 



Dr. Imre Hermann 



sich auch in einem noch nicht herangezogenen Erfahrungsgebiete: 
in der Erklärung der stereotypen Arbeitsgewohnheiten 
produktiver Geister. Viele dieser sind nichts anderes, als ständige 
geringfügige Reizung des besonderen, begabungsschaffenden Organs 
(Trinken bei Dichtern! Spiel, Unruhe der Hände bei einem 
zeichnerisch veranlagten ' Dichter [Petöfi]); bei Musikvirtuosen 
(während des Komponierens), als symbolische Darstellung der 
begabungsbestimmenden Komplexe (Auf- und Abgehen als Aus- 
druck des Seher-Komplexes bei dichterisch oder wissenschaftlieh 
veranlagten), als durch leichte Schmerzen, Unannehmlichkeiten 
hervorgerufene leichte Libidoerhöhung des Gehirnes (kaltes Fuß- 
bad, kaltes Zimmer, starke Gerüche). 

Johann Bolyai pflegte zu sagen: „Alles Übel der Welt dient 
nur zum Ansporn seiner Beseitigung und so zur Schärfung des 
Geistes". Nach Schopenhauer „bedarf es nur einer gewaltigen 
Anstrengung zur Umkehrung der Richtung (sc. des Triebes zur 
Wollust) und statt jener quälenden, bedürftigen, verzweifelnden 
Begierde (dem Reich der Nacht) füllt die Tätigkeit der höchsten 
Geisteskräfte das Bewußtsein (das Reich des Lichtes)". Wir fügen 
dem nur bei, daß dies alles auf einer besonderen masochistischen Über- 
gangs-Grundlage fußend, durch Sublimierung der erhöhten Organ- 
libido des Gehirnes bewirkt wird. Man kann vermuten, das besondere 
Stellen des Gehirnes individuell verschiedene Anziehungskraft 
auf die verfügbare Libidomenge besitzen, was wieder der Möglich- 
keit von speziellen Betätigungsarten zugute kommt (siehe 
Cardanos Fall). 



Von den „Pathoneurosen" zur Pathologie der Neurosen. 

Von Dr. Stephan Hollös. 

Die psychiatrische Forschung bewegte sich in ihrem Bestreben 
nach einer Pathologie der Geisteserkranküngen seit längster Zeit 
abwechselnd nach zwei Richtungen hin : die eine war die p s y c h i s c h- 
vitalistische, die . andere die materialistisch -somatische 
Forschungsweise. Die jatromechanische und chemische Auffassung 
des XVII. Jahrhunderts wurde von Stahls Vitalismus abgelöst und 
als Reaktion auf dieselbe setzte wieder jene materialistische Psych- 
iatrie ein, die sich vom Anfang des XIX. Jahrhunderts bis auf 
den heutigen Tag behauptete. Als fester Block, berufen den 
wechselweise wiedererscheinenden, in ihren extremen Aufstellungen 
beiderseits unfruchtbaren Strömungen einen Halt zu gebieten, 
erscheint nun die psychoanalytische Forschungs- 
methode. Diese verhält sich dem materialistisch-natvirwissen- 
schaftlichen Denken — also dem groben psycho-physischen Par- 
allelismus — gegenüber ebenso ablehnend, wie gegenüber der meta- 
physischen oder transzendentalen Spekulation oder der scholasti- 
schen Psychologie. Sie hegt nicht — wie die eine Hauptrichtung 
der Pathologie — die Erwartung, durch Bloßlegung anatomischer 
oder physiologischer Veränderungen psychische Symptome unmittel- 
bar zu erklären, ebensowenig als sie sich — gleich der anderen 
Richtung — psychologisierenden Spekulationen ergibt. Sie hält sich 
streng an die psychischen Erscheinungen und trachtet dieselben 
für sich, das heißt, in ihrer psychischen Dynamik, Topik und 
Ökonomie zu erkennen und zu beleuchten. 

Daß diese „metapsychologische" Betrachtungsweise dem 
Hineingleiten in die drohenden Abgründe sowohl auf der einen 
als auf der anderen Seite zu entgehen vermochte, das war 
großenteils dem von Freud eingeführten Triebbegriff zu 
verdanken, mit dessen Hilfe die Psychoanalyse an einer Klinik 



312 



Dr. Stephan Hollös 



und Pathologie der psychischen Erkrankungen arbeiten konnte, 
ohne nach unmittelbaren somatischen Verbindungen zu suchen 
jedoch auch ohne den Gedanken einer solchen Verknüpfung je 
aufzugeben. Ja, wie wir sehen werden, wurde der Kontakt zwischen 
psychischen und somatischen Erscheinungen in der Psychoanalyse 
nie außer acht gelassen, eine innige und ununterbrochene — 
wenn auch nie willkürliche — Verknüpfung der anatomischen, 
physiologischen und andererseits der psychischen Erscheinungen 
stets vor Augen gehalten. Die Psychoanalyse stand fest auf dem 
alleinigen prinzipiellen Standpunkt ihrer Trieblehre, die in Freuds 
Satze: daß Triebe die Grenzbegriffe zwischen Somatischem und 
Psychischem darstellen, ihren prägnanten Ausdruck fand. 

Die Psychoanalyse war sich indessen stets bewußt, daß ein 
vollständiges Verständnis der von- ihr untersuchten Probleme nur 
durch ein Vordringen von zwei Seiten her zu erreichen sei; sie 
betonte ausdrücklich ihre Erwartung, daß nach Freuds Worten: 
„zu ihren Erforschungen noch von der Seite der Biologie her die 
Brücke zu schlagen sei". Ohne die Notwendigkeit einer solchen 
„utraquistischen" (Ferenczi) Betrachtungsweise je vor Augen zu 
verlieren, verfolgte sie ihre Arbeit auf dem Wege der immanenten 
psychologischen Forschung. Je mehr es ihr gelang, in die Erscheinun- 
gen einzudringen, desto eher mußte sie sich naturgemäß dem 
Treffpunkte nähern, in welchem sich „Psychisch" und „Organisch" 
begegnen, wo die Erkenntnis einer Einheit — deren wechselnde 
Erscheinungsformen uns als körperliche und seelische Phänomene 
entgegentreten — zur Anerkennung und Formulierung drängt. 

Zuerst war es die Hysterie, die mit ihrem „rätselhaften Sprung 
ins Körperliche" die Aufmerksamkeit auf den Zusammenhang 
seelischer und körperlicher Erscheinungen lenkte, und wenn Feren- 
czi das Materialisationsphänomen als eine Regression 
bis zur Vorstufe des Psychischen, der „Protopsyche", zu erklären 
meinte, wenn er noch annahm, „daß in der Hysterie ein Stück 
der o r g a n i s c h e n Grundlage, auf die die Symbolik im Psychischen 
überhaupt aufgebaut ist, zum Vorschein komme", so sehen wir 
darin den Versuch, den psychischen Mechanismus bis tief zu seinen 
physiologischen Grundlagen zu verfolgen. 

Ungefähr zu gleicher Zeit verwies Groddeck („Psychische 
Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung organischer Leiden" 
1917) auf die „psychische Bedingtheit organischer Leiden nicht- 



Von den „Pathoneurosen" zur Pathologie der Neurosen 



313 



hysterischer Herkunft", hob die „Materialisationsphänomene" des 
Normalen, die Ausdrucksbewegungen, sowie andere „M e h r- 
leistungen" der Affekte hervor und betonte „die Bedingtheit 
des kranken Lebens so gut wie des gesunden, des Körpers wie 
der Seele durch die Kräfte des ,Es', des Unbewußten". Das Es 
spricht nicht nur im Traum, es spricht aus der Gebärde, aus dem 
Zucken der Stirn, aus dem Klopfen des Herzens, aber ebenso gut 
mit der leisen Mahnung der harnsauren Diathese, der Sympathicus- 
reizbarkeit, des phthisischen Habitus, ebenso gut schließlich mit 
der eindringlichen Stimme der Erkrankung. „Für das Es gibt es 
die Trennung von Körper und Seele nicht." Diese Auffassung, die 
Aufstellung jenes allen Erscheinungen zugrunde liegenden, jedoch 
von uns in seiner Wesenhaftigkeit nicht erkennbaren Es ist 
bedeutungsvoll, indem es zur einheitlichen Betrachtung von 
Soma und Psyche verpflichtet, wenn es auch vorläufig keine 
Handhabe zum weiteren Eindringen in deren Zusammenhänge bietet. 

Der erste Versuch in dieser Richtung — wenn auch nicht 
in bewußt darauf gerichteter Absicht und Zielstrebung — geschah 
inFerenczis „Pathoneurosen". Vom Einzelfall einer, zeitlich einem 
schweren körperlichen Trauma — der Kastration — nachfolgenden 
narzißtischen Neurose ausgehend und auf Beobachtungen des 
libidinösen Verhaltens körperlich Kranker gestützt, kam F e r e n c z i 
zur Folgerung, daß „eine körperliche Erkrankung oder Verletzung 
ganz gut eine traumatisch zu nennende Regression zum Narziß- 
mus, eventuell deren neurotische Variante, zur Folge haben kann", 
indem die Libido auf das Ich, respektive auf das kranke Organ 
zurückgezogen wird und so eine Störung der Libidoverteilung 
eintritt. Die auf diese Weise entstandenen Neurosen nennt 
Ferenczi „Krankheits- oder Pathoneurosen". 

Die Bedingungen dafür, daß auf solche Weise eine echte 
narzißtische Neurose zur Entwicklung gelange, meint Ferenczi 
im folgenden bestimmen zu können: 1. Wenn der konstitutionelle 
Narzißmus — sei es auch latent — schon vor der Schädiguug 
allzu stark war, so daß die kleinste Verletzung eines Körperteils 
das ganze Ich trifft, 2. wenn das Trauma lebensgefährlich ist 
oder dafür gehalten wird — d. h. die Existenz (das Ich) über- 
haupt bedroht, 3. kann man sich das Zustandekommen einer 
solchen narzißtischen Regression oder Neurose 
als Folge der Beschädigung eines besonders stark 



314 



Dr. Stephan Hollös 



libidobesetzten- Körperteils vorstellen, mit dem 
sich das ganze Ich leicht identifiziert. Als solche 
Körperteile werden auf Grund klinischer Beobachtungen besonders 
einzelne erogene Zonen, die Augen, das Gesicht, dann der andere 
Körperpol (Anus) und in allererster Linie die Genitalien 
hervorgehoben. Zum Schlüsse meint Ferenczi: „Nach alledem 
ist es nicht unwahrscheinlich, daß an den verletzten oder 
erkrankten Körperstellen sich nicht nur weiße Blut- 
körperchen „chemotaktisch" zusammenrotten, •um 
ihre reparatorische Tätigkeit zu entfalten, sondern 
daß dort auch eine größere Libidomenge aus den 
übrigen Organbesetzungen zusammenströmt. 1 Vielleicht hat 
diese Libidosteigerung sogar an den in Gang gesetzten Heilvor- 
gängen ihren Teil". 

Vom Spezialfall der Pathoneurosen führte ein direkter Weg 
zu den Icherkrankungen auf. organischer, patho- 
logischer Grundlage, in welchen das pathoneurotische 
Moment, die Störung der Libidoverteilung infolge der Läsion 
oder Erkrankung des Zentralorganes selbst ebenfalls nicht zu 
verkennen war. In der von Ferenczi und mir gemeinsam ver- 
öffentlichten Paralysearbeit wurde auf diesen Umstand hingewiesen 
und die hieher zu rechnenden organischen Erkrankungen von 
Ferenczi als „Pathopsychosen" bezeichnet. 

Wir sind der Meinung, daß in diesen organischen psycho- 
tischen Erkrankungen der Läsion des Gehirnes tatsächlich dieselbe 
ätiologische Bedeutung zuzuschreiben sei, wie der Verletzung 
oder krankhaften Veränderung eines Körperorgans in der Patho- 
neurose. 

Als unterscheidendes Merkmal könnte hervorgehoben werden, 
daß bei den Pathoneurosen ein äußeres oder inneres, den Sinnes- 
wahrnehmungen immer direkt zugängliches Körperorgan oder 
Körperteil vom Trauma oder der Erkrankung betroffen wurde, 
daß daher der ganze Prozeß der somatischen Erkrankung sich 
vor dem Bewußtsein abspielt — die Verletzung oder krankhafte 
Veränderung des Ichorgans hingegen sich dem Bewußtsein nicht 
unmittelbar kundgibt. Die Distanz zwischen der organischen 
Veränderung und der psychischen Erkrankung ist hier nicht zu 
erfassen, di e Zuwendung des Interesses und der Libido auf das 

1 Von mir gesperrt. 



Von den „Pathonenrosen" zur Pathologie der Neurosen 



315 



beschädigte Organ entgeht dem Bewußtsein. Auf dem Boden der 
psychoanalytischen Betrachtung kann aber das Vorhandensein oder 
das Fehlen der Bewußtseinsqualität nicht als wesentlicher Unter- 
schied zwischen sonst analogen seelischen Vorgängen betrachtet 
werden. 

Demgegenüber muß es schwer ins Gewicht fallen, daß die 
krankhafte Veränderung des Gehirnes, des spezifischen Ich- 
organs eminehterweise die von Ferenczi auf Grund 
klinischer Beobachtungen aufgestellte Bedingung erfüllt, daß eine 
narzißtische Neurose vorwiegend als Folge der Beschädigung 
eines Körperorgans zur Entwicklung gelangen kann, „mit 
dem sich das Ich leicht identifiziert". Die Einheit des Ichs 
mit dem spezifischen Ichorgan aber — in welchem wir geradezu 
den Kristallisationskern des Ichsubjekts vermuten dürfen — ist 
Schon mehr als Identifikation. 

Es sei noch bemerkt, daß diese organischen Gehirn- 
erkrankungen keine einmaligen Traumen oder Verletzungen 
bedeuten, sondern langwierige, kontinuierliche Prozesse, in erster 
Reihe toxische und Autointoxikationsvorgänge. 

Diese Erkrankungen gehen meistens mit Fieber einher. Im 
Fieber — und auch wenn dieses wegbleibt — können psycho- 
tische Erscheinungen, in erster Reihe Bewußtseinsstörungen und 
Halluzinationen auftreten. Diese Symptome der toxischen und 
fieberhaften Erkrankungen sind ihrem Charakter nach so allgemein 
bekannt, daß wir einfach auf diesen hinweisen können, ohne ihn 
an Beispielen darzulegen. Es ist ja geradezu das Pathognomostische 
dieser Erkrankungen, daß in ihnen eine fortwährende Beschäftigung, 
ein Ringen und Kämpfen motorischer Und psychischer Art zum 
Vorschein kommt. Vom — für die Alkoholvergiftungen typischen — 
Beschäftigungsdelirium, bis zum auf- und ab wogenden Ringen der 
Fieberdelirien tritt uns überall ein stoßweise sich erneuerndes 
Kämpfen oder Arbeiten entgegen, welches durch momentanen 
„Erfolg" oder „Gelingen" wohl ab und zu auf kurze Zeit 
beschwichtigt, aber nur mit dem Abklingen des Fiebers — 
beziehungsweise des toxischen Prozesses — endgültig zum 
Stillstand gebracht werden kann. 

Wir glauben nun in diesen Erscheinungen das Abbild eines 
sich im Organ abspielenden rhythmischen Prozesses 
vor uns zu haben, der sich in dieser Form des Kampfes, 







316 



Dr. Stephan Hollös 



beziehungsweise der Arbeit vor der beobachtenden Instanz 
bemerkbar macht. 

Wie vermöchten wir aber diesen Prozeß näher zu bestimmen? 
Wir wissen schon bisher, daß bei jeder Gehirnerkrankung — 
ganz im Sinne Ferenczis — gewisse Störungen in der 
Libidoverteilung auftreten, deren Wesen eben in einer narziß- 
tischen, bzw. autoerotischen Besetzung des Zentralorgans besteht. 
Ferenczi vermutet, daß diese Libidosteigerung vielleicht sogar 
an den in Gang gesetzt en Heilvorgän gen teil haben 
könnte. 1 Weitergehend behaupte ich jedoch, daß diese 
Besetzung eine unumgängliche Bedingung des Heilungs- 
vorganges und deren entscheidenden Faktor konstituiere. 
Eine Bestätigung dafür könnte der der Heilung analoge Prozeß 
des fötalen Wachstums liefern, wobei ja nach unseren Annahmen 
der ganze Körper autoerotisch besetzt ist. Im Wachstum würde 
diese Besetzung zum Proliferieren der Körperzellen, im Heilungs- 
prozeß zum Proliferieren der heilenden Agentien, vielleicht selbst 
der Phagocyten, Leukocyten usw. treiben. 

Was hier jedoch des weiteren einzuschalten wäre, das ist 
die Frage der Besetzungsveränderung, welche unmittelbar 
durch die Schädigung hervorgerufen wird, die Frage, 
auf welche Art eine Verletzung oder krankhafte Organstörung 
die Libidoverteilung verändern mag. Unsere Vermutung ist die, 
daß die autoerotische Besetzung schon einen sekundären, 
reaktiven Prozeß darstellt, die Schädigung selbst aber — ob 
sie nun traumatisch, chemisch oder auf welche Art immer hervor- 
gerufen sei — stets ein momentanes Ablösen der an jeder 
Zelle haftenden Libido bedeutet. Damit wäre derselbe Vor- 
gang wiedergefunden, wie er sich in der Neurosenforschung erkennen 
ließ. Infolge der körperlichen Läsion wird Libido frei und die 
Heilung bestünde in dem Bestreben, dieselbe wieder anzuheften. 
Auch wissen wir aus der Pathologie, daß in jedem Heilungs- 
prozeß ein Kampf zwischen im allgemeinen Sinne genommenen 
Toxinen und Antitoxinen vor sich geht. Dieser Kampf, der in den 
akuten infektiösen Erkrankungen im Fieber je nach Schub und 
Menge der toxischen Invasion schubweise nacheinanderfolgende 
Lösungen und Wiederbindungen der Libido (Heilungsbestreben) 
mit sich b rächte, könnte sich nun in der endopsychi- 

1 Von mir gesperrt. 



Von den „Pathoneurosen" zur Pathologie der Neurosen 



317 



sehen Wahrnehmung in j ener spezifischen Form 
spiegeln, die uns bei den toxischen Psychosen als Kampf 
entgegentritt. Mag auch diese Vermutung der strengen psycho- 
analytischen Methode als zu gewagt erscheinen, so wollen wir 
doch an ihr als Hilfsvorstellung zur Annäherung an geahnte 
Zusammenhänge festhalten und ihre Basis noch zu erweitern 
suchen. 

Den Mut zur Aufrechterhaltung und Weiterführung dieser 
unserer Annahme gibt uns eben die psychoanalytische Trieblehre 
in derem Sinne — wie wir immer wieder betonen müssen — 
eine Rückverfolgung der psychischen Veränderungen bis zu ihren 
somatischen Korrelaten nur durch Vermittlung des Libido- 
begriffes unternommen werden kann. Eine direkte Verknüpfung 
psychischer und somatischer Momente ist von Grunde aus ver- 
fehlt, weil sie inadäquate und inkommensurable Elemente mit 
grober Vernachlässigung ihrer Andersartigkeit unmittelbar 
ineinander zu überführen und umzusetzen sucht. 

Wenn wir aber das kampfartige Aufwogen und Stillestehen 
des psychischen Prozesses als „Spiegelung" von Lösungen und 
Wiederbindungen der Libido zu erklären vermögen, und anderer- 
seits auch im Kampfe der Toxine und Antitoxine Lösungen und 
Wiederbindungen der Libido nachspüren können, dann gelingt 
es uns wohl den schmalgezeichneten Weg einzuhalten, auf 
welchem die Forschung an der Hand der Libidotheorie von den 
vorerwähnten Gefahren gesichert vorwärts schreiten kann. 1 

Indem wir nun die oben dargelegte Analogie zwischen dem 
„psychischen" und „organischen" Prozesse zu erkennen glaubten 
und ersteren quasi als endopsychische Wahnehmung eben des 
letzteren betrachten, so vergegenwärtigen wir uns, daß die 
beobachtende Instanz als psychische Qualität auch organische 
Veränderungen nicht als organische wahrnehmen kann; was sie 



1 Wenn es der pathologischen Erforschung der Neurosen gelänge, die 
Veränderung der Libidopositionen einerseits durch den organischen Prozeß 
des Kampfes zwischen Toxinen und Antitoxinen oder Noxen und Heilagentien, 
andererseits durch den klinisch zu beobachtenden „Kampf" im psychischen 
Prozeß irgendwie aufzudecken, wären wir hier einer solchen unlösbar einheit- 
lichen Erscheinung näher gekommen, welche eventuell weiteren pathologischen 
Einsichten den Weg bahnen könnte und schließlich vielleicht auch Groddecks 
„Es'-Begriff deutlicher zu machen vermöchte. 



m 



tephaa Hollös 



wahrnimmt, ist eben die am Soma haftende Libido und deren 
Besetzungsveränderungen. 

Weiteren Mut schöpfen wir aus der Beobachtung, daß bei 
näherer Betrachtung ähnliche Erscheinungen auch bei den endo- 
genen, psychogenen Erkrankungen zu verzeichnen sind. Eine 
überwiegende Anzahl der Fälle von Paraphrenien und Paranoid- 
erkrankungen zeigt ganz offen das Moment des ewig erneuten 
Kämpfens, welcher sich von demjenigen der toxischen Delirien nur 
durch den protrahierten Ablauf unterscheidet. Auch in jenen Fällen 
— Praecox usw. Erkrankungen — wo dieser kampfartige Prozeß 
nicht in typischer Form zutage tritt, fehlt er nie vollständig, 
sondern ist nur im Krankheitsbilde verwischt, um zeitweise auf 
ganz typische Art durchzubrechen. 

Bei den akuten oder delirienartigen Erkrankungen konnten 
wir bei der Allbekanntheit des geschilderten Phänomens davon 
absehen, Beispiele dafür zu erbringen. Da aber bei den chronischen 
psychogenen, speziell paranoiden Erkrankungen die Aufmerksam- 
keit der Beobachter bisher dieser Seite der Erscheinungen am 
wenigsten gerecht ward, wollen wir von sehr vielen beobachteten 
Fällen zwei herausgreifen, um an ihnen dieses rhythmisch hin und 
her .wogende Kämpfen, Arbeiten in Erinnerung zu bringen. 

Ein Paraphreniker, seit fünfundzwanzig Jahren in der Anstalt 
untergebracht, kämpft gegen bösartige Spiegel, mittelst welcher eine 
ganze Schar von Feinden mannigfache beunruhigende Gesichter 
und Stimmen vor ihm erscheinen lassen; er erwehrt sich ihrer 
durch seine magische Kraft, indem er die Spiegel vernichtet. 
Unzählige Spiegel hat er so zerstört, sich unzähligemale am Ziele 
geglaubt, wo er vor seinen Verfolgern Ruhe fände, aber immer 
wieder entstehen neue Spiegel, die er in endlosem „Wiedervon- 
vorneanfangen" immer von neuem vernichten muß, heute wie vor 
und seit fünfundzwanzig Jahren ohne Unterlaß. 

Ein anderer Kranker führt schon seit zwanzig Jahren einen 
Kampf gegen die Habsburger einerseits und den römischen Papst 
andererseits, der ihn nicht zur Ruhe kommen läßt. Unterirdische 
Stimmen bedrängen ihn mit Fragen, die er erledigen muß, die 
aber immer wieder quälend an ihn herantreten ; nie kann er sie 
endgültig los werden, da er auch in ewigem Zwiespalt hin und 
her gezerrt wird, ob er sich zu den Habsburgern oder zu dem 
Papst schlagen soll. 



Von den „Pathoneurosen" zur Pathologie der Neurosen 



319 



Wieder andere Kranken verrichten schwere Arbeiten, die 
ihnen auferlegt sind, ohne diese je zum Abschluß bringen zu 
können. In allen Fällen, wie verschieden sie auch ihrem Zeitverlauf 
und Inhalte nach seien, ist das Typische die Form : die Zweiteilung der 
Welt in Feind und Freund, ein Kampf zweier gegensätzlicher Mächte. 

Wir glauben aber, dieser typischen Erscheinung auf Grund 
aller Beobachtungen dieselbe Bedeutung beimessen zu müssen, 
wie den analogen Symptomen der toxischen Erkrankungen, mit 
dem bloß formalen Unterschied, daß sie hier chronisch, dort akut 
verlaufen. 

Überdies ist es — wie wir schon eingangs erörterten — 
auf Grundlage der psychoanalytischen Betrachtung nicht zulässig, 
einen prinzipiellen Unterschied zwischen den psychotischen 
Erkrankungen im Sinne des „Organischen" und „Nichtorganischen" 
aufzustellen. Wir müssen endgültig mit dieser einseitigen Ideologie 
der Psychiatrie aufräumen, auf Grund welcher man besondere 
„organische" und besondere „psychische" Elemente annahm, bald 
nur die einen, bald nur die andern in Betracht zog und auf halbem 
Wege entweder den organischen oder den psychischen Determinismus 
fallen ließ. Auf einer einheitlichen prinzipiellen Basis sind wir 
genötigt anzunehmen, daß auch die funktionellen psychogenen 
Erkrankungen einer konkreten pathologischen Grund- 
lage nicht entbehren können. 

Wenn dem so ist, ergeben sich uns noch in zwei Richtungen 
neue Fragen. Erstens erhebt sich die Frage, woher denn bei den 
organischen Erkrankungen, in deren psychischen „Kampf" wir die 
endopsychische Wahrnehmung des organischen Prozesses zu 
erkennen glaubten, außer diesen seelischen Erscheinungen noch 
die so reichhaltigen und mannigfaltigen psychischen Inhalte stammen? 

Zweitens : woher bei den Libidoerkrankungen, die durch ihre 
psychischen Inhalte gänzlich bestimmt zu sein scheinen, die Gehirn- 
veränderung zu erklären sei, deren Spiegelung wir im „Kampf", 
im rhythmischen Wechsel von Sieg und Niederlage zu sehen 
vermeinten. 

Was die organischen Erkrankungen betrifft, so spielt in ihnen 
die Verletzung oder Erkrankung des Gehirnes eine analoge Rolle, 
wie sie bei der Traumbildung den Leibreizen zukommt. Sie sind 
nur die einen Erreger des psychischen Prozesses, stellen dessen 
„rezentes" Element dar, das sich in der rhythmischen Form seines 



320 



Dr. Stephan Hollös 



Ablaufes spiegelt; das reichhaltige Bild einer Psychose kann sich 
aber nur dann voll entwickeln, wenn durch die Störung des 
Libidohaushaltes infantile Fixierungen aktiviert werden, welche 
diese „Form" mit ihren psychischen Inhalten erfüllen. Wir wissen 
ja, es gibt auch Fieber ohne Delirien. (Delirium sine delirio!). 

Was hingegen die „psychogenen" Erkrankungen anbelangt, 
können wir zwar in diesen „funktionellen" Psychosen eine Läsion 
des Gehirnes nicht voraussetzen, doch drängt uns schon die Tat- 
sache der psychischen Erkrankung, ebenso wie die oben beschriebenen, 
mit den toxischen Psychosen übereinstimmenden Symptom 
zu der Annahme, daß bei Erkrankungen des Ich auch das 
spezifische Ichorgan, das Gehirn, in irgend einer 
Weise in Mitleidenschaft gezogen wird. 

Wir müssen uns nämlich vergegenwärtigen, daß im Trieb- 
haushalte zwischen allen Systemen und allen Schichten eine 
Kommunikation mit verschiedenen Abfuhrstellen für die Libido 
und ebensovielen Sperrungsmöglichkeiten seitens der Ichtriebe 
besteht. (Stärcke.) Im normalen Zustande stellen wir uns das 
Verhältnis zwischen Abfuhr und Hemmung als ein derartiges vor, 
mittels welchem eine konstanteSpannungin allen Systemen 
erhalten wird. Das Bestreben des psychischen Apparats ist eben 
die Erhaltung, bezw. Wiederherstellung der Reizlosigkeit, respektive 
der konstanten normalen Spannung. Wie also Libidomengen — etwa 
durch Versagung — in freie Schwebe gelangen, entsteht auch 
sogleich ein Bestreben zur Bindung der frei werdenden 
Libido, damit die normale Spannung erhalten bleibe. In diesem 
Sinne kann auch nie ausgeschlossen werden, daß im Falle einer 
neuropsychotischen Erkrankung, wenn die Bindung der Libido 
anderweitig nicht gelingt (Versagung), in anderen Libidopositionen 
respektive im Ichorgan eine kompensatorische Libido- 
aufhäufung provoziert wird. Auf welchem Wege dies 
geschieht, können wir nicht bestimmen; doch berechtigt uns 
unsere Kenntnis über den Zusammenhang zwischen Libido- 
erkrankungen und der inneren Sekretion zu der Vermutung, daß 
auch die sogenannten funktionalen Erkrankungen 
vermittels Beeinflussung der endokrinen Drüsen 
— den toxischen Noxen analog— eine Störung in 
der Libido Verteilung im Zentral organ hervorrufen 
können. 



Von den „Pathoneurosen" zur Pathologie der Neurosen 321 

Die pathologische Veränderung des Gehirnes oder des Zentral- 
nervensystems, welche wir in jedem Falle annehmen müssen, wäre 
so sekundär auf die Libidoerkrankung erfolgt. Insoferne auf diese 
Weise, auf dem Wege der endokrinen Sekretion ein pathologischer 
Prozeß sich im Gehirn etabliert, gäbe dieser die patho- 
neurotische Grundlage ab, die durch die Lösung und 
narzißtische Bindung der Libido im Ichorgan die sogenannte 
organische Bedingung der Psychose herstellt. 
Ein prinzipieller Unterschied dürfte also theoretisch zwischen 
den exogenen und endogenen, psychogenen Erkrankungen nicht 
aufgestellt werden; um den praktisch nosologischen Anforderungen 
zu genügen, müssen wir hier wieder eine den F r e u d sehen analoge 
Ergänzungsreihe annehmen, an deren extremen Enden die 
Fälle zu stehen kämen, in denen die organische Läsion einerseits, 
die Libidoerkrankung andererseits das primäre und überwiegende 
Moment darstellen und die durch mannigfache Zwischenstufen 
verbunden werden. 

Zusammenfassend können wir aussprechen, daß ebenso- 
wenig ein Fieberdelirium entstehen könnte, ohne 
daß neben dem organischen Prozeß im Gehirn noch 
infantile Fixierungen aktiviert werden (Fieber ohne 
Delirien), andererseits keine Neuropsychose zur 
Entwicklung gelangen kann, insoferne imGehirne 
nicht gewisse — sagen wir toxische — Störungen 
vor sich gegangen waren. Diese Intoxikation des Gehirnes 
wird — vermutlich vermittels der endokrinen Sekretion — von 
der Neurose selbst besorgt. Wir stellen uns also vor, daß die 
Neurose, das heißt die Libidoerkrankung eine der 
toxischen analoge Gehirnläsion hervorzurufen 
vermag, ebenso wie umgekehrt durch die primäre 
Gehirnläsion (Trauma, krankhafte Veränderung), 
eine Störung im Libidohaushalte und demzufolge 
eine Aktivierung infantiler Fixierungen zuwege 
gebracht wird. 

* * * 

Die Schlußfolgerungen, die sich uns bei der Weiterführung 

vonFerenczis Gedanken ergaben und die einiges Licht auf die 

Pathologie der Psychosen zu werfen bestimmt sind, sind 

keineswegs geeignet, die nosologische Einheit der Patho- 

Internat. Zeitsohr. f. Psychoanalyse, IX/3. 2 , 



322 



Dr. Stephan Hollös 



neurosen zu erschüttern. Die von Ferenczi beschriebenen 
Erkrankungen bilden in jeder Hinsicht eine scharf umgrenzte, 
ihrem Wesen nach besondere Einheit, deren Selbständigkeit von 
der Tatsache nicht berührt wird, daß in ihrem Mechanismus auch 
ein allgemeineres Prinzip zum Ausdruck gelangt. Wenn im Sinne 
dieses allgemeinen Prinzips pathoneurotische Mechanismen auch 
bei anderen Krankheiten aufzuweisen sind, so kann dies nicht 
bedeuten, daß auch diese anderen Erkrankungen Pathoneurosen 
genannt werden könnten. Es muß uns nur mit Genugtuung 
erfüllen, wenn aus der undifferenzierten Masse der allgemeinen 
Krankheitsprozesse eine so gut umschriebene Krankheitseinheit 
hervorgehoben wurde, wie es eben durch die „Pathoneurosen" 
geschah. Diese Genugtuung wird um so nachhaltender, wenn wir, 
Ferenczis Gedankengang weiterführend, zu allgemeineren patho- 
logischen Begriffen zu gelangen trachten. 



Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung 
des Kindes. 

Von Melanie Klein (Berlin). 

Es ist eine in der Psychoanalyse bekannte Tatsache, 1 daß 
bei der Prüfungsangst wie beim Prüfungstraura die Angst vom 
Sexuellen auf das Intellektuelle verschoben ist. Sadger wies in 
seiner Arbeit „Über Prüfungsangst und Prüfungsträume" 2 nach, 
daß die Prüfungsangst in Träumen wie in der Wirklichkeit 
Kastrationsangst ist. 

Die Beziehung zwischen der Prüfungsangst und der Schul- 
hemmung ist einleuchtend. Als solche lernte ich aber auch die 
verschiedenen Formen und Grade der Unlust zum Lernen kennen, 
und zwar sowohl ausgesprochenen Widerwillen wie auch z. B. nur 
„Faulheit", die. weder vom Kinde noch von seiner Umgebung als 
Schulabneigung erkannt werden konnten. 

Die Schule bedeutet im Leben des Kindes das Zusammen- 
treffen mit einer als neu und oft sehr hart empfundenen Realität. 
Wie es sich diesen Anforderungen gewachsen zeigt, erweist sich 
meist als vorbildlich für die Art, wie es sich den Aufgaben des 
Lebens gegenüber einstellen wird. 

Diese überaus bedeutsame Rolle der Schule ist im allgemeinen 
in der Tatsache begründet, daß die Schule und das Lernen von 
vorneherein für jeden Einzelnen libidinös determiniert sind, da 
die Schule durch ihre Anforderungen das Kind zur Sublimierung 
seiner libidinösen Triebkräfte nötigt. Vor allem hat die Sublimierung 
der genitalen Aktivität einen ausschlaggebenden Anteil an den 
verschiedenen Lerntätigkeiten, deren Hemmung dann entsprechend 
durch die Kastrationsangst erfolgt. 

1 Siehe: Stekel „Nervöse AngstzustSnde", S. 193. Freud .Traum- 
deutung", S. 188, „Der Prüfungstraum". 



2 Siehe : Diese Zeitschrift VI., S. 140. 



21* 



324 



Melanie Klein 



Mit Schulbeginn tritt das Kind aus dem Milieu heraus, das 
den Boden für seine Fixierungen und Komplexbildungen abgab, 
findet sich neuen Objekten und Tätigkeiten gegenübergestellt, und 
hat nun an diesen die Beweglichkeit seiner Libido zu erproben. 
In erster Linie ist es aber die Forderung, das bis dahin mögliche 
Verbleiben bei einer mehr oder weniger passiv-femininen Ein- 
stellung aufzugeben, nun seine Aktivität zu beweisen, die das Kind 
vor eine ihm neue und oft unerfüllbare Aufgabe stellt. 

Ich will nun an der Hand von Beispielen aus einer Anzahl von 
Analysen auf die libidinöse Bedeutung von Schulweg, Schule, Lehrer 
und die in der Schule ausgeübten Tätigkeiten näher eingehen. 

Der dreizehnjährige Felix empfand einen allgemeinen 
Widerwillen gegen die Schule. Auffallend war bei seiner guten in- 
tellektuellen Begabung der anscheinend völlige Mangel an Interessen. 
Er hatte einen Traum in die Analyse gebracht, den er kurz nach 
dem Tode seines Schuldirektors im Alter von ungefähr elf Jahren 
geträumt hatte. Er geht den Weg zur Schule und trifft 
dabei mit seiner Klavierlehrerin zusammen. Das 
Schulgebäude brennt; und auf der Straße sind die 
Zweige derBäume herabgebrannt, aber die Stämme 
selbst geblieben. Er geht mitseiner Lehrerin durch 
das brennende Gebäude und sie kommen heil hin- 
durch usw. — Die volle Deutung dieses Traumes erfolgte erst 
zu einem viel späteren Zeitpunkt, als die Analyse die Bedeutung 
der Schule als Mutter, des Lehrers und Schuldirektors als Vater 
ergeben hatte. Ich entnehme seiner Analyse einige Beispiele dafür. 
Er klagt, daß er in all den Jahren die Schwierigkeit nicht über- 
winden gelernt habe, die ihm gleich von Anfang an das Aufstehen, 
wenn er in der Schule aufgerufen wird, bereitete. Er assoziiert 
dazu, daß die Mädchen ganz anders aufstehen und demonstriert 
den Unterschied wie die Knaben aufstehen, durch eine Bewegung 
der Hände, die, zum Genitale führend, deutlich die Form des 
erigierten Penis zeigt. Der Wunsch, sich dem Lehrer gegenüber 
gleich den Mädchen zu benehmen, drückt die feminine Einstellung 
zum Vater aus, die Hemmung aufzustehen erweist sich durch 
Kastrationsangst bestimmt, unter deren Zeichen sich seine ganze 
weitere Schuleinstellung vollzieht. — Die Vorstellung, die er 
einmal in der Schule hatte, der Lehrer, der sich, vor den Schülern 
stehend, mit dem Rücken an das Katheder lehne, sollte umstürzen, 



Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 325 

das Pult umwerfen, eindrücken, sich dabei verletzen, erwies die 
Bedeutung des Lehrers als Vater, des Pultes als Mutter 1 und 
führte zu seiner sadistischen Auffassung des Koitus. 

Er berichtet, wie bei einer griechischen Arbeit die Jungen 
trotz der Aufsicht des Lehrers einander zuflüsterten und halfen. 
Seine weiteren Einfälle führen zur Phantasie, wie er es fertig- 
bringen könnte, einen besseren Platz in der Klasse 2 zu bekommen. 
Er phantasiert, wie er seine Vordermänner überholt, beseitigt, 
tötet und stellt mit Erstaunen fest, daß sie ihm nun nicht mehr wie 
gerade vorher als Bundesgenossen, sondern als Feinde erscheinen. 
Wenn er nun nach ihrer Beseitigung zum ersten Platz bis zum 
Lehrer vorgerückt wäre, so bliebe in der Klasse nur mehr der 
Lehrer, der einen besseren Platz als er hat — mit dem könne 
er es aber doch nicht aufnehmen. 3 

Bei dem nicht ganz siebenjährigen Fritz, 4 dessen Abneigung 
gegen Schu le und Lernen sich auch auf den Schulweg erstreckte, 

1 Die Mutterbedeutung des Katheders, ferner des Pultes, der Tafel und 
alles dessen, worauf man schreiben kann, sowie die Penisbedeutung des Feder- 
halters, des Griffels, der Kreide sowie alles dessen, womit man schreiben 
kann, wurde mir in dieser Analyse und in anderen so deutlich und bestätigte 
sich mir immer wieder, daß ich sie als t y p i s c h anspreche. An einzelnen 
Fällen wurde ja auch sonst in der Psychoanalyse die sexual-symbolische 
Bedeutung dieser Gegenstände nachgewiesen. So hat" Sadger an einem 
Falle von dementia paranoides im Anfangsstadium in seiner Arbeit : „Über 
Prüfungsangst und Prüfungsträume" (Diese Zeitschrift VI, S. 140) die sexual- 
symbolische Bedeutung des Katheders, der Tafel, der Kreide nachgewiesen 
und Jokl in „Zur Psychogenese des Schreibkrampfes" an einem Falle von 
Schreibkrampf auch die sexual-symbolische Bedeutung des Federhalters. 

2 In Deutschland richtet sich der Platz in der Klasse nach der Qualität 
der Leistungen. — Die „Zensur", der die Mutter seiner Meinung nach geringere 
Bedeutung beilegen sollte als dem Platz in der Klasse, bedeutete auch ihm 
ebenso wie Fritz (Siehe S. 229 dieser Arbeit) die Potenz, das Glied, das Kind; 
der Platz in der Klasse war ihm der Platz in der Mutter, die von ihr 
gewährte Möglichkeit zum Koitus. 

3 Der Lehrer erweist sich dabei als homosexuelles Wunschobjekt. Aber 
es zeigt sich, was ja in der Genese der Homosexualität immer bedeutsam ist, 
daß dieser homosexuelle Wunsch verstärkt wird durch den verdrängten Wunsch 
über den Vater hinüber zum Koitus mit der Mutter — in diesem Falle also 
zum ersten Platz in der Klasse - zu gelangen. Ebenso zeigt sich hinter dem 
Wunsche, auf dem Katheder sprechend den Lehrer, resp. Vater in die passive 
Rolle des ZuhOrens zu drängen, der- Wunsch nach der Mutter auch wirksam, 
da das Katheder ebenso wie das Pult für ihn Mutterbedeutung haben. 

* Siehe: „Eine Kinderentwickung", Imago VII, 3. Heft, S. 251. 



326 



Melanie Klein 



hatte sich in der Analyse diese Abneigung als Angst erwiesen. 1 
Als im Verlauf der Analyse an Stelle der Angst Lust getreten 
war, brachte er folgende Phantasie: Die Schulkinder klettern durch 
das Fenster in das Schulzimmer zur Lehrerin. Da gab es aber einen 
kleinen Jungen, der so dick war, daß er durch das Fenster nicht 
herein konnte und deshalb auf der Straße vor dem Schulhause seine 
Aufgaben lernen und schreiben mußte. Diesen Jungen nannte Fritz den 
Kloß und beschrieb ihn als sehr komisch. So wußte der z. B. gar nicht, 
wie dick und komisch er sei, wenn er herumsprang, und er erregte 
dadurch bei seinen Eltern und Geschwistern eine solche Heiterkeit, 
daß die Geschwister vor Lachen aus dem Fenster fielen, die 
Eltern vor Lachen immer wieder auf und ab zur Decke 
sprangen. Dabei stießen sie schließlich an eine an der Decke 
befindliche schöne Glasschale, die dadurch einen Sprung erhielt, 
aber doch nicht zerbrach. Der springende komische Kloß erwies 
sich ebenso wie das Kasperle als Darstellung des in die Mutter 
eindringenden Gliedes. 2 

Die Lehrerin ist ihm aber auch zugleich die kastrierende 
Mutter mit dem Penis: zu seinen Halsschmerzen assoziiert er, 
daß die Lehrerin mit Zügeln gekommen sei, ihm den Hals 
zugeschnürt habe und ihn einspannte wie ein Pferd. 

In der Analyse der neunjährigen Grete höre ich von dem 
tiefen Eindruck, den es ihr hinterließ, als sie einen Wagen in den 
S c h u 1 h o f einfahren sah und hörte. — Ein andermal erzählt sie 
von einem Wagen mit Zuckerware, von der sie nicht wagte zu 
kaufen, da die Lehrerin gerade vorbeikam. Sie schildert diese 
Zuckerware als eine Art Watte, als etwas, das sie lebhaft inter- 
essiert und worüber sie sich doch nicht zu orientieren getraute. 
Diese beiden Wagen erwiesen sich als Deckerinnerungen für ihre 

1 Siehe: „Zur Frühanalyse', Imago IX, 1923. Ich führte dort näher aus, 
daß die zahlreichen Mutterleibs-, Zeugungs- und Geburts-Phantasien von Fritz 
den Wunsch verdeckten, der dabei der intensivste und verdrängteste war: in 
den Mutterleib auf dem Wege des Koitus zu gelangen. — F e r e n c z i hat in 
seinem Kongreßvortrag „Versuch einer Genitaltheorie'' (VII. Internationaler 
Psychoanalytischer Kongreß, September 1922) die Vermutung ausgesprochen, 
daß im Unbewußten die Rückkehr in den Mutterleib nur auf dem Wege des 
Koitus möglich scheine und hat auch eine Hypothese aufgestellt, die diese 
immer wieder nachweisbare Phantasie von phylogenetischen Entwicklungs- 
vorgängen ableitet. 

2 Siehe: Jones „Zur Theorie der Symbolik", Zeitschrift VI. 



Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 327 



frühinfantilen Koitusbeobachtungen, die undefinierbare Zucker- 
watte als der Samen. 

Grete sang in der Schule im Chor die erste Stimme, die 
Lehrerin war ganz nahe an ihre Bank getreten und schaute ihr 
direkt in den Mund. Grete empfand dabei ein unwiderstehliches 
Bedürfnis die Lehrerin zu küssen und zu umarmen. In dieser 
Analyse erwies sich das Stottern des Mädchens determiniert durch 
die libidinöse Besetzung des Sprechens wie auch des Singens 
Das Auf und Ab der Stimme, die Bewegung der Zunge stellten 
da den Koitus dar. 1 

Der sechsjährige Ernst stand kurz vor seiner Einschulung. 
Er spielt nun in der Analysenstunde, daß er Maurer ist. Während 
der sich daran anschließenden Hausbauphantasie 2 unterbricht er 
sich und erzählt von seinem zukünftigen Beruf: Er will „Schüler" 
werden, später auch an die Hochschule gehen. Auf meinen Ein- 
wurf, daß das noch kein endgültiger Beruf sei, meint er 
ärgerlich, er wolle sich keinen Beruf ausdenken, weil die Mutter 
damit dann vielleicht nicht einverstanden und noch auch böse 
wäre. Etwas später, als er die Hausbauphantasie fortsetzt, fragt 
er plötzlich: „Heißt es eigentlich Hofschule oder Hochschule?" 

Diese Zusammenhänge erwiesen, daß für ihn Schüler sein 
heißt: den Koitus erlernen, der Beruf aber bedeutet: den Koitus 
auszuüben. 3 Darum war er beim Hausbauen, das ihm mit Schule 
und Hofschule so innig zusammenhing, nur Maurer, der aber noch 
die Anweisungen des Architekten und die Hilfe anderer Maurer 
brauchte. 

Ein andermal hat er einige Kissen von meinem Diwan 
aufeinandergetürmt und darauf sitzend spielte er den Pastor auf 
der Kanzel, der aber zugleich ein Lehrer war, denn ringsum 
saßen phantasierte Studenten, die etwas aus den Gebärden des 
Pastors lernen oder erraten sollten. Dabei hob er beide Zeige- 
finger hoch, dann rieb er die Hände aneinander (nach seiner 
Aussage bedeutete dies Wäschewaschen und Warmreiben) und 
sprang dann immer wieder auf und ab mit den Knieen auf die 

1 Siehe: „Zur Fruhanalyse" von Melanie Klein, Imago IX, 3. Heft, S. 254. 

2 Dieses Hausbauen stellte den Koitus und die Erzeugung eines Kindes dar. 

3 Diese unbewußte Bedeutung des „Berufes" ist typisch. Sie läßt sich 
immer wieder in Analysen nachweisen und trägt sicherlich sehr stark zu den 
Schwierigkeiten der Berufswahl bei. 



328 



Melanie Klein 



Kissen. Die Kissen, die immer wieder in seinen Spielen mitwirkten, 
hatten sich in seiner Analyse als das (mütterliche) Glied erwiesen, 
die verschiedenen Gebärden des Pastors als Koitus. Der Pastor, 
der den Studenten diese Gebärden zeigt, ihnen aber keine Erklärungen 
gibt, bedeutet den guten Vater, der die Söhne im Koitus unter- 
weist, vielmehr sie dabei als Zuschauer duldet. x 

Dafür, daß die Schulaufgabe Koitus oder Onanie bedeutet, 
bringe ich aus einigen Analysen Beispiele. Der kleine Fritz 
zeigte, bevor er zur Schule kam, Lernlust und Wißbegierde 
und lernte auch allein lesen. Gegen die Schule empfand er 
aber bald große Unlust und bewies starke Abneigung gegen 
jede Schulaufgabe. Er phantasierte wiederholt von „schweren 
Aufgaben", die man im Zuchthause bekäme. Als solche führt er 
an, einen Hausbau allein in acht Tagen durchzuführen. 2 Aber 
auch von seinen Schulaufgaben spricht er als von „schweren 
Aufgaben" und sagt einmal, die Schulaufgabe sei ebenso schwer, wie 
ein Haus zu bauen. In einer Phantasie werde auch ich einmal ins 
Gefängnis gesperrt und genötigt, dort schwere Aufgaben zu machen, 
und zwar in einigen Tagen ein Haus zu bauen und in einigen 
Stunden ein Heft vollzuschreiben. 

Felix empfand die schwersten Hemmungen jeder Schulaufgabe 
gegenüber. Er ließ, wenn auch unter schweren Gewissensbedenken, 
die Erledigung der Aufgaben für den Morgen. Dann empfand er 
heftige Reue, sie nicht früher gemacht zu haben, ließ sie aber 
wieder bis zum letzten Augenblick, las dazwischen noch die 
Zeitung, lernte dann atemlos, wobei er bald die eine bald die 
andere Aufgabe hernahm, ohne eine zu vollenden und langte mit 
einem schlechten, unsicheren Gefühl in der Schule an, wo er noch 
schnell im Geheimen dies und jenes abschrieb. Sein Gefühl bei 
einer Schularbeit beschrieb er folgendermaßen: „Zuerst hat man 
große Angst, dann beginnt man und es geht irgendwie und nach- 
her hat man so ein schlechtes Gefühl". Von einer Schularbeit 
erzählte er mir, daß er, um sie nur schnell loszuwerden, recht 
schnell zu schreiben begann, immer schneller und schneller schrieb, 



1 Der Knabe hatte jahrelang das Schlafzimmer der Eltern geteilt, diese 
und andere Phantasien lassen sich auf frühinfantile Koitusbeobachtungen zurück- 
führen. 

2 Siehe die Bedeutung des Hausbauens bei Ernst und Felix (S. 327 
dieser Arbeit). 



Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 329 



dann immer langsamer und langsamer wurde und schließlich mit 
ihr nicht fertig werden konnte. „Dieses schnell — schneller — 
langsamer — und nicht zu Ende führen" aber hatte er mir auch 
von den Onanieversuchen berichtet, die um diese Zeit unter der 
Wirkung der Analyse bei ihm einsetzten. 1 Parallel dem besseren 
Gelingen der Onanie ging es auch mit seinen Aufgaben besser 
und wir konnten wiederholt an der Art wie er sich zur Aufgabe 
oder Schularbeit verhielt, sein Verhalten bei der Onanie feststellen. 2 
Felix wußte es auch meist so einzurichten, daß er die Aufgabe 
von einem anderen abschrieb, womit er, wenn sie gelungen war, 
sich gewissermaßen eines Bundesgenossen gegen den Vater ver- 
sichert und den Wert — also damit auch die Schuld — der 
Leistung herabgesetzt hatte. 

Für Fritz bedeutete das bei einer guten Arbeit von der 
Lehrerin hingeschriebene „Lob" ein kostbares Besitztum. Zur Zeit 
eines politischen Mordes zeigte er abends Angst und erzählte, die 
Mörder könnten ihn ebenso überfallen, wie den ermordeten 
Politiker. Diesem hätten sie seine Orden rauben wollen, ihm 
würden sie sein Lob rauben. Die Orden sowohl, wie Lob und auch 
die Zensur bedeuteten ihm das Glied, die Potenz, die ihm die 
kastrierende Mutter (als die ihm die Lehrerin erschien) wieder- 
schenke. 

Beim Schreiben des kleinen Fritz bedeuten die Zeilen 
Wege, und die Buchstaben fahren auf Motorrädern — der Feder 
— in sie ein. Z. B. fahren das „i" und das „e" auf einem gemein- 
samen Motorrad, das meist vom „i" gelenkt wird und sie lieben 
einander so zärtlich, wie man es in der wirklichen Welt gar nicht 
kennt. Weil sie immer miteinander fuhren, wurden sie einander so 
ähnlich, daß kaum ein Unterschied zwischen ihnen besteht, denn 
Anfang und Ende — er sprach dabei vom kleinen lateinischen 




1 Zufolge eines ärztlichen, nicht operativen Eingriffes am Penis, der in 
seinem vierten Lebensjahre erfolgte, hatte er die Onanie nachher nur unter 
schweren Gewissensbedenken ausgeübt. Als dieser Eingriff im Alter von 
zehn Jahren wiederholt wurde, hat er die Onanie völlig aufgegeben, litt aber 
dann an Berührungsangst. 

2 Wiederholt ließ er den Schlußsatz der Schularbeit aus, ein andermal 
vergaß er etwas in der Mitte der Aufgabe. Als schon diesbezüglich ein Fort- 
schritt eingetreten war, drängte er die ganze Arbeit auf einen möglichst 
geringen Umfang zusammen usw. 



330 



Melanie Klein 



Alphabet — sind bei „i" und „e" gleich, nur in der Mitte hat das 
„i" einen kleinen Strich, das „e" ein kleines Loch. Von den gotischen 
Buchstaben „i" und „e" erklärt er, daß auch sie auf einem Motorrad 
führen; daß das „e" ein Kästchen habe, anstatt des Lochs beim 
lateinischen „e", sei nur ein Unterschied wie ein anderes Fabrikat 
bei den Motorrädern. Die „i" sind geschickt, vornehm und klug, 
haben zahlreiche und spitze Waffen und wohnen in Höhlen, zwischen 
denen es aber auch Berge, Gärten und Hafen gibt. Sie stellen das 
Glied, ihr Weg den Koitus dar. Im Gegensatz dazu werden die „1" 
als dumm, ungeschickt, faul und schmutzig geschildert. Sie wohnen 
in Höhlen unter der Erde. In der L-Stadt sammelt sich in den 
Straßen Schmutz und Papier, in kleinen „dreckigen" Häuschen 
mischen sie zum Wasser einen im i-Land gekauften Farbstoff und 
trinken und verkaufen das als Wein. Sie können nicht richtig gehen, 
können nicht graben, weil sie die Schaufeln verkehrt halten usw. 
Es wurde deutlich, daß die „1" den Stuhl darstellen. Auch anderen 
Buchstaben gelten zahlreiche Phantasien. 1 

So schrieb er anstatt des doppelten „s" immer nur eines, 
bis eine Phantasie Aufklärung und Auflösung dieser Hemmung 
brachte. Das eine „s" war er selbst, das andere sein Papa. Sie 
sollten miteinander in ein Motorboot steigen, denn die Feder war 
auch ein Boot, das Heft ein See. Das „s", das er war, stieg nun 
ins Boot, das dem anderen „s" gehörte, und fuhr damit schnell 
weg auf den See. Das war der Grund, daß er die beiden „s" nicht 
zusammen schrieb. Daß er anstatt eines scharfen „s" häufig ein 
gewöhnliches schrieb, zeigte sich dadurch determiniert, daß der 
Teil des scharfen „s", der dabei wegblieb, für ihn so war, „wie 
wenn man einem Menschen die Nase wegnimmt". Dieser Fehler 
erwies sich durch die Kastrationswünsche gegen den Vater deter- 
miniert und blieb nach dieser Deutung aus. 

Der sechsjährige Ernst zeigt kurze Zeit nach Schulbeginn, 
dem er mit großer Freude entgegengesehen hatte, eine ausge- 
sprochene Unlust zum Lernen. Er erzählt mir vom „i", das sie 
eben lernten und das ihm schwer fällt. Dabei erfahre ich auch, 
daß der Lehrer einen größeren Jungen, der ihnen das „i" an der 
Tafel vorschreiben sollte, schlug, weil er es nicht gut genug machte. 
Ein andermal klagt er, „daß die Aufgaben so schwer sind, daß er 

1 Siehe „Zur Frühanalyse" (S. 252). 



Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 331 



beim Schreiben immer Striche auf und ab machen muß, daß er beim 
Rechnen kleine Stühlchen zeichnet, überhaupt die Striche so machen 
muß, wie es der Lehrer will, der ihm dabei zuschaut. Nach diesem 
Bericht zeigt sich große Agression, er reißt die Kissen vom Diwan 
und schleudert sie an das andere Ende des Zimmers. Er blättert 
dann in einem Buch und zeigt mir „eine ,I'-Loge". Eine Loge 
sei etwas, „wo man allein drin ist" — das große ,1' ist allein 
drinnen, ringsherum sind nur kleine schwarze Buchstaben, die ihn 
an Stuhl erinnern. Das große I ist das große ,Popöchen' (Glied) 
das allein in der Mutti sein will, das er nicht hat und es darum 
dem Papa nehmen muß. Er phantasiert dann, daß er mit einem 
Messer Papas Popöchen abschneidet, dieser ihm mit einer Säge 
seines absägt, dafür hat er ja dann aber Papas. Dann schneidet 
er dem Papa den Kopf ab, der kann ihm dann nichts mehr tun, 
weil er nicht sieht — aber die Augen im Kopf sehen ihn doch. 
Danach versucht er plötzlich eifrig in dem Buch zu lesen, zeigt 
große Lust dazu — der Widerstand ist aufgelöst. Er räumt die 
Kissen zurück und erklärt, daß diese auch einmal „auf und ab" 
gemacht haben, und zwar den Weg vom Diwan zum anderen 
Ende des Zimmers und zurück. Er hat um den Koitus ausführen 
zu können, der Mutter das Glied (die Kissen) genommen. 

Die siebzehnjährige Lisa erzählt in ihren Assoziationen, daß 
sie das „i" nicht mag ; es ist ein dummer springender Junge, der 
immer lacht, der nicht auf der Welt zu sein brauchte, über den 
sie in eine ihr selbst unbegreifliche Wut gerät. Das „a" lobt sie 
als ernst und gemessen, es imponiert ihr und die Assoziationen 
führen zu einer deutlichen Vaterimago, deren Name auch mit „a" 
beginnt. Dann aber meint sie, das „a" sei vielleicht doch ein wenig 
zu ernst und gemessen, sollte doch auch etwas vom springenden 
„i" haben. Das „a" ist der kastrierte und dann ihr doch nicht 
zusagende Vater, das „i" das Glied. 

Bei Fritz war der „i"-Punkt wie überhaupt Punkt und 
Doppelpunkt, ein Stoß des Gliedes. 1 Als er mir einmal sagte, 
daß man den Punkt fest aufdrücken muß, hob und senkte er 
zugleich den Unterkörper und wiederholte das beim Doppelpunkt. 
Die neunjährige Grete assoziert zum „u"-Bogen den Bogen, 



1 Auch für die kleine Grete ist Punkt und Komma ähnlich determiniert. 
Siehe: „Zur Frühanalyse", S. 254. 



332 



Melanie Klein 



in dem sie kleine Jungen urinieren sah. Mit besonderer Vorliebe 
zeichnet sie schöne Schnörkel, die sich bei ihr als Teile des 
männlichen Genitale erweisen — aus dem gleichen Grunde läßt 
Lisa überall die Schnörkel weg. Grete bewundert eine Freundin 
sehr, die wie eine Erwachsene den Federstiel zwischen dem 
zweiten und dritten Finger ganz geradehalten und auch den 
u-Bogen von rückwärts nach vorne machen kann. 

Sowohl bei Ernst wie bei Fritz konnte ich die Hemmung in 
Bezug auf Schreiben und Lesen, also die Grundlage aller weiteren 
Schultätigkeit vom „i" ausgehen sehen, das ja auch mit seinem 
einfachen „auf und ab" die Grundlage der ganzen Schrift ist. 1 
Die sexual-symbolische Bedeutung des Federhalters geht aus 
den hier gebrachten Beispielen hervor und wird besonders deut- 
lich aus den Phantasien von Fritz, bei dem die Buchstaben auf 
einem Motorrad (der Feder) fahren. Es läßt sich erkennen, wie die 
sexual-symbolische Bedeutung des Federhalters in die damit aus- 
geübte Tätigkeit des Schreibens übergeht. Ebenso leitet sich die 
libidinöse Bedeutung des Lesens aus der symbolischen Besetzung 
des Buches und des Auges ab. Dabei sind natürlich auch andere 
durch die Partialtriebe gegebenen Determinanten wirksam; so 
beim Lesen das Voyeurtum, beim Schreiben exhibitionisti- 
sche agressiv-sadistische Tendenzen; der sexual-symbolischen 
Bedeutung des Federhalters lag ja wohl ursprünglich die der 
Waffe und der Hand zugrunde. Dementsprechend ist auch die 
Tätigkeit des Lesens eine passivere, die des Schreibens eine 
aktivere und es sind für die Hemmungen der einen oder anderen 
eben auch diese verschiedenen Fixierungen der prägenitalen 
Organisationsstufen bedeutsam. 

Bei Fritz ist die Zahl „1" ein Herr, der in einem heißen 
Lande wohnt, deswegen nackt ist — nur bei Regen mit einem 



Herr Rohr ist in der Berliner Vereinigung in einem Referat über die 
chinesische Schrift, deren Deutung auf psychoanalytischer Grundlage näher- 
getreten. In der anschließenden Diskussion wies ich darauf hin, daß die 
einstige Bilderschrift, die auch unserer Schrift zugrundeliegt, sich bei jedem 
einzelnen Kinde in dessen Phantasien noch wirksam erweist. Dann wären 
also die verschiedenen Striche, Punkte usw. unserer jetzigen Schrift nur 
zufolge Verdichtung, Verschiebung und der anderen uns aus Traum und Neurose 
bekannten Mechanismen erzielte Vereinfachungen der früheren Bilder, deren 
Überreste aber bei dem einzelnen Individuum nachweisbar wären 



Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 333 



Mantel bekleidet. Er kann sehr geschickt fahren und lenken, 
besitzt fünf Dolche, ist sehr tapfer usw. und seine Identität mit 
dem „Pipigeneral" 1 (das Genitale) erweist sich bald. Überhaupt sind 
bei Fritz die Zahlen Leute, die in einem sehr heißen Lande 
wohnen. Sie entsprechen den farbigen Menschenrassen, während 
die Buchstaben die weißen sind. — Bei Ernst ist das „Auf und 
Ab" der 1 identisch mit dem des „i". — Lisa erzählt mir, daß sie den 
Abstrich der Zahl „1" nur so „ganz kurz hinkratzt", was wieder 
durch ihren Kastrationskomplex determiniert ist. — Es wäre also 
das Glied, das in der symbolischen Darstellung durch die „1" dem 
Zählen und Rechnen zugrunde liegt. 

Die Bedeutung der „10" konnte ich in Kinderanalysen 
wiederholt durch die Zahl der Finger determiniert sehen, wobei 
aber dann die Finger unbewusst mit dem Penis gleichgesetzt werden 
und aus dieser Quelle die Zahl 10 ihren Affektton empfängt. Daraus 
ergaben sich auch die Phantasien, daß zehnmaliger Koitus, respek- 
tive zehn Stöße des Gliedes zur Zeugung eines Kindes notwendig 
wären. Analog ergibt sich die immer wieder nachweisbare 
besondere Bedeutung der Zahl „5". 2 Abraham wies darauf hin, 
daß die symbolische Bedeutung der „3" aus dem Ödipuskomplex 
— nämlich durch das Verhältnis Vater, Mutter, Kind bestimmt — 
bedeutungsvoller sei, als die so häufige Darstellung der ,„3" für 
das männliche Genitale. 3 Ich will dazu nur ein Beispiel bringen : 

Lisa findet die „3" auch unerträglich, weil „ein dritter ja 
doch immer überflüssig sei", „zwei miteinander Wettrennen 
können" — wobei das Ziel eine Fahne ist — der dritte aber dabei 
nichts zu tun habe. 

Lisa, die Neigung zur Mathematik hatte, darin aber sehr 
stark gehemmt war, erzählte mir, daß sie eigentlich nur den 
Begriff der Summe ganz verstand: „daß ,1' zum anderen 
kommt, wenn beide gleich sind", konnte sie verstehen, aber wie 
man sie addiert, wenn sie verschieden sind? — Diese Vorstellung 
war durch ihren Kastrationskomplex bedingt, sie betraf die Ver- 



1 Siehe: „Zur Frühanalyse 8 , S. 241. 

2 Ich weise darauf hin, daß für das römische Zahlensystem die Zahlen 
„I", „V" und „X" grundlegend sind, die übrigen Zahlen von „I bis X" sich nur an 
diese anlehnen. Die V und X sind aber auch aus dem geraden Strich der 
Zahl „I" gebildet. 

3 Siehe: „Imago", IX, Heft 1. 



334 



Melanie Klein 



schiedenheit zwischen männlichem und weiblichem Genitale. Der 
Begriff der „Summe" zeigt sich bei ihr durch den Koitus der 
Eltern determiniert. 

Dagegen konnte Lisa wohl begreifen, daß beim Multiplizieren 
verschiedenartiges genommen würde, dann sei eben das Produkt 
verschieden. Das „Produkt" ist das Kind. Sie will für sich selbst 
nur ein männliches Genitale anerkennen, den Geschwistern aber 
das weibliche lassen. 

Ernst bringt zur Analysenstunde eine Schachtel mit bunten 
Glaskügelchen, sondert sie nach Farben und beginnt damit zu 
rechnen. 1 Er will wissen, wieviel „1 weniger 2" ist, und versucht das 
zuerst mit den Kugeln, dann mit den Fingern. Er zeigt mir durch 
Hochheben des einen Fingers, zu dem der zweite halb gehoben 
wird, daß, wenn man den einen Finger wegnimmt, hat man wohl schon 
„0", „aber dann ist doch noch der andere (halbgehobene) da, den 
man auch noch nehmen kann". Dann zeigt er mir wieder durch 
Heben der Finger, daß 2 und 1 drei sind und meint: „Das eine 
ist mein Popöchen, die anderen zwei Vatis und Muttis Popöchen 
die ich mir dazu genommen habe. Jetzt hat die Mutti sich wieder 
zwei Popöchen von ihren Kindern genommen, die nehme ich von 
ihr zurück — da habe ich schon fünf." 

Ernst zeichnet in der Analysenstunde „Doppellinien" auf ein 
Papier und sagt mir, daß nach Aussage des Lehrers man zwischen 
den Doppellinien besser schreiben könne. Er meint, daß sei deshalb, 
weil man doch dann zwei Striche habe und assoziiert, daß es zwei 
„Popöchen" sind, die er auf diese Weise besitzt. Er macht dann 
aus diesen Doppellinien durch vertikale Striche „Doppelkästchen" 
und sagt: „Beim Rechnen ist es aber nicht besser, daß es Doppel- 
kästchen sind, weil die Kästchen dadurch kleiner werden und dann 
bringt man die Zahlen schwerer hinein." Er zeigt mir auch, wie 
er das meint und schreibt in diese Kästchen die Aufgabe 
„1 + 1 == 2". Das erste Kästchen, in das er die „1" schreibt, ist 
größer als die anderen Kästchen. Dazu sagt er: „Das, was dazu- 
kommt, hat das kleinere Kästchen." „Es ist Muttis Popöchen," 
fügt er hinz u und (auf die erste „1" zeigend) „das ist Vaters Popöchen 

1 Die anale Grundlage des Rechnens zeigt sich dabei deutlieh. Der dem 
Penis geltenden Kastrationsangst ging die um den Verlust der Kotstange 
voraus, die ja als „Urkastration" empfunden wird. (Siehe: Freud, Trieb- 
umsetzungen insbesondere der Analerotik.) 



Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 335 

und dazwischen das ,und' (+) bin ich." Er erklärt mir noch, daß 
der horizontale Strich beim -\- (den er auch sehr klein macht) 
ihn nichts kümmert, er und sein Popöchen sind der gerade 
Strich. Die Summe ist auch ihm der Koitus der Eltern. 

Ein anderes Mal beginnt er die Analysenstunde mit der 
Frage, ob er ausrechnen soll, „wieviel ,10 + 10' oder ,10 — 10' 
ist". (Die der „1" geltende Kastrationsangst ist auf die „10" ver- 
schoben.) Er vergewissert sich, daß er „10 Penisse" (Finger) hat, 
über die er verfügen kann. Im Anschlüsse an diese Frage versucht 
er auf ein Papier möglichst große Zahlen aufzuschreiben, die er 
mich ausrechnen lassen will. Er erklärt mir dann, daß eine Reihe 
von Zahlen, die er aus mehreren Einsern und Nullen abwechselnd 
bildet — (100010001000) — eine „gegentorische" Art zu rechnen 
sei. Das erklärte er mir folgendermaßen : Es gibt eine Stadt (von 
der er schon vorher phantasiert hatte}, die sehr viele Tore hat, 
weil dort auch alle Fenster und alle Öffnungen Tore heißen. In dieser 
Stadt fahren auch viele Bahnen. 1 Er zeigt mir nun, daß, wenn er 
sich ans Ende des Zimmers stellt, von der gegenüberliegenden 
Wand ausgehend eine Reihe immer kleiner werdender Ringe auf 
ihn zuführt. Diese Ringe nennt er „Tore", aus ihnen ergebe sich die 
Zahlenreihe der „1" und „0", die er auf das Papier geschrieben 
hatte. — Er rechnet mir dann aus, daß man auch zwei „1" gegen- 
einander aufstellen kann. In die sich ergebende Figur, die das 
lateinische Schriftzeichen „M" darstellt, zeichnet er noch einen 
kleinen Kreis und erklärt „da ist nun auch das Tor". — Die 
mit den Nullen abwechselnde „1" stellt das Glied dar (Gegentor 
= Penis). Die „0" ist die Vagina — es sind mehrere Ringe, 
weil ja auch der Körper mehrere Öffnungen (viele Tore) hat. 

Als er mir dieses „gegentorische" Rechnen erklärt hatte, 
griff er nach einem Schlüsselring, der gerade dort lag, zog eine 
Haarnadel durch und zeigte mir nach einigem Bemühen, daß die 
Haarnadel „nun endlich darin steht", daß aber dabei „der Ring 
geteilt — dazu auseinandergerissen werden muß", was wieder 
zu seiner sadistischen Auffassung des Koitus führte. Er erklärt 
mir übrigens, daß dieser Ring, der ja auch wie eine „0" sei, ja 



1 Analog den Phantasien von Fritz über die von Bahnen durchquerte 
Stadt (siehe „Zur Frühanalyse'', S. 248) bedeutet auch bei Ernst die Stadt die 
Mutter, die Bahn das Glied, das Fahren den Koitus. 



336 



Melanie Klein 



eigentlich nur ein gerades Stück ist, das dann zusammengebogen 
wurde. Es zeigt sich, wie auch sonst bei ihm, darin die Vorstellung 
des mütterlichen Penis wirksam, und zwar eines in der Vagina 
versteckten, 1 den er eben beim Koitus zerreißen oder zerstören 
muß. Eine besondere Aggression kommt in der Analyse sowohl 
im Anschluß an diese, wie auch an die früheren Rechenphantasien 
heraus. Sie setzt wie immer bei ihm damit ein, daß er die 
Kissen von meinem Diwan reißt und mit beiden Füßen auf diese und 
auch auf den Diwan springt — es ist die in seiner Analyse immer 
wieder nachweisbare Kastration der Mutter und daran anschließend 
der Koitus mit ihr. Unmittelbar nachher beginnt er zu zeichnen. 2 
Bei Fritz war eine ausgesprochene Hemmung gegen das 
Dividieren vorhanden, gegen die sich alle Erklärungen fruchtlos 
erwiesen, da er sie wohl verstand, aber die Rechenbeispiele immer 
• wieder falsch machte. Er erzählte mir einmal, daß er beim 
Dividieren die Zahl, die er noch braucht, erst herunterholen müsse, 
er klettert hinauf, packt sie beim Arm und reißt sie hinunter: 
Auf meine Frage, was die denn dazu sagt, erwidert er, das sei 
der sicher nicht angenehm - das sei ja so, wie wenn seine 
Mutter auf einem 13 m hohen Stein stehe, dann kommt jemand, 
packt sie so am Arm, daß er ihn ihr ausreißt und zerteilt sie. 
Kurz vorher hatte er aber von der Frau im Zirkus phantasiert, 
die zersägt und dann doch wieder lebendig wird und fragt mich 
nun, ob denn das möglich wäre. Er erzählt dann (auch im Anschluß 
an eine kurz vorher gebrachte Phantasie), daß eben jedes Kind 
ein Stück von seiner Mutter haben will, die in vier Teile 
geschnitten werde; er schildert ganz genau, wie sie schreit, daß 
ihr Papier in den Mund gestopft wird, damit sie nicht schreien 
kann, was sie für Gesichter schneidet usw. Ein Kind nimmt ein 
ganz scharfes Messer und er schildert nun, wie sie zerschnitten 
wird: zuerst der Breite nach die Brust, dann der Bauch, dann 
der Länge nach, so daß das „Pipi", das Gesicht und der Kopf 
genau in der Mitte durchschnitten werden, wobei ihr die 
„Gescheith eit" 3 aus dem Kopf genommen wird. Der Kopf wird 

* Siehe: Böhm II. Beitrag zur Psychologie der Homosexualität (Diese 
Zeitschrift VIII, Heft 3). 

2 Auf den Gegenstand dieses Zeichnens komme ich (S. 339 dieser Arbeit) 
noch ausführlicher zurück. 

3 Die „Gescheitheit" war das Glied. 



Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 337 



dann nochmals schief durchschnitten, ebenso wie auch das Pipi 
der Breite nach durchschnitten wird. Dazwischen hat er auch 
fortwährend an seiner Hand gebissen und erzählt, daß er im Spaß 
auch seine Schwester biß, allerdings aus Liebe. Er setzt fort, daß 
jedes Kind dann den Teil von der Mutter nimmt, den es will 
und stimmt bei, daß nun auch die zerschnittene Mutter verspeist 
wird. Es ergibt sich jetzt auch, daß er deswegen beim Dividieren 
den Rest mit dem Quotienten vertauschte, resp. immer an die 
falsche Stelle schrieb, weil es ja blutende Stücke Fleisch waren, 
mit denen er unbewußterweise hantierte. Diese Deutungen brachten 
auch die vollkommene Auflösung seiner Hemmung. 1 

Lisa klagt bei ihren Schulerinnerungen, wie unsinnig es von 
der Lehrerin sei, schon so kleine Kinder mit so großen Zahlen rechnen 
zu lassen. Es sei ihr immer so schwer gefallen, so eine ganz große 
Zahl durch eine kleinere, aber auch noch große zu teilen und 
besonders arg fand sie es, wenn ein ungelöster Rest blieb. Sie assoziiert 
dazu ein Pferd, ein scheußliches Tier mit herabhängender, abge- 
schnittener Zunge, abgeschnittenen Ohren usw., das über einen Zaun 
springen will, eine Vorstellung, die bei ihr die heftigsten Widerstände 
erregt. Die weiteren Einfälle führen zu einer Kindheitserinnerung, 
einem alten Teil ihrer Heimatstadt, wo sie in einem Laden etwas 
besorgte. Sie phantasiert nun, daß sie dort eine Apfelsine und 
eine Kerze kauft und meint plötzlich, daß das frühere Gefühl des 
Ekel und Grauens vor dem Pferde auf einmal einem so ange- 
nehmen und beruhigten Gefühl Platz gemacht habe. Sie erkennt 
selbst die Apfelsine und die Kerze als das männliche Glied, das 
scheußliche beschnittene Pferd als das weibliche Glied an. Das 
Teilen der großen Zahl durch eine kleinere war der Koitus, den 
sie eben in unvermögender Weise mit der Mutter ausführen sollte. 

Die Division ergab sich auch da als ein Teilen, und zwar als 
ein Koitus auf sadistisch-kannibalistischer Organisationsstufe. 

Bezüglich der mathematischen Gleichung höre ich von Lisa, 
daß sie immer nur die Gleichung mit einer Unbekannten 2 



1 Am nächsten Tage in der Schule stellte sich zu seinem und der 
Lehrerin Erstaunen heraus, daß er nun alle Aufgaben richtig löste. Der 
Zusammenhang zwischen der Deutung und der Behebung der Hemmung war 
dem Kinde nicht bekannt geworden. 

2 Diese Assoziationen ergaben sich zu einem Traum. Sie hatte die Auf- 
gabe zu lösen: „2 x = 48; wieviel ist x?" 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 22 



338 



Melanie Klein 



begreifen konnte. Sie meint, es sei doch einleuchtend, daß hundert 
Pfennig gleich einer Mark seien, da ließe sich eine Unbekannte 
leicht ausrechnen. Zu „zwei Unbekannten" assoziiert sie zwei mit 
Wasser gefüllte Gläser, die auf dem Tische stehen, wovon sie eines 
nimmt und zur Erde schleudert — ferner Pferde zwischen 
Wolken und Nebel. Die „zweite Unbekannte" erweist sich als das 
überflüssige zweite Glied, nämlich als das Glied, das sie bei ihren 
infantilen Koitusbeobachtungen der Eltern beseitigen wollte, da 
sie entweder den Vater oder die Mutter besitzen, also einen der 
beiden entfernen wollte. Außerdem bedeutet ihr die zweite Unbe- 
kannte auch den ihr geheimnisvollen Samen, während die eine 
Unbekannte, also die Gleichung Stuhl = Glied ihr klar war. 1 

Das Zählen und Rechnen erweist sich also auch genital-sym- 
bolisch besetzt; von Betätigungen der Partialtriebe sehen wir 
dabei als bedeutsam: anale, sadistische und kannibalistische 
Tendenzen, die so zur Sublimierung gelangen und unter dem 
Primat der genitalen zusammengefasst werden. Besondere Bedeu- 
tung für diese Sublimierung kommt aber der Kastrationsangst 
zu. Die Tendenz zu ihrer Überwindung — der männliche Protest 

— scheint überhaupt eine der Wurzeln zu bilden, aus denen sich 
Zählen und Rechnen entwickelt haben. — Sie wird dann auch — 
wofür die Quantität entscheidet — einleuchtenderweise die 
Quelle der Hemmung. 

Zur libidinösen Bedeutung der Grammatik verweise ich 
auf einige Beispiele, die ich in meiner Arbeit „Zur Frühanalyse" 
(S. 254) gebracht habe. Zum Zergliedern des Satzes erzählt Grete 

— von einem wirklichen Zergliedern und Zerschneiden, und zwar 
eines Kaninchenbratens. 2 Der Kaninchenbraten, den sie eine Zeit- 
lang sehr gerne aß, bis Ekel dagegen einsetzte, ist die Mutter, 
deren Brust und das Genitale. • 

In der Analyse von Lisa hörte ich, daß man sich beim Stu- 
dium der Geschichte in das hineinversetzen müsse, „was die 
Menschen früher gemacht hätten". — Es war ihr das Studium 
der Beziehungen der Eltern untereinander und zu dem Kinde, wobei 

1 Siehe auch die Deutung der „Unbekannten" inSadgers Arbeit „Über 
Prüfungsangst und Prüfungsträume''. 

2 Ich stellte bereits in meiner Arbeit „Zur Frühanalyse" (S. 253) fest, 
daß in der Sprache auch orale, anale und kannibalistische Tendenzen zur 
Sublimierung gelangen. 



Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 339 



ja auch in der kindlichen Phantasie Kämpfe, Schlachten usw. nach 
der sadistischen Auffassung des Koitus eine bedeutende Rolle spielen. 

Zur libidinösen Determinierung der Geographie habe ich 
einen ausführlicheren Beitrag in meiner Arbeit „Zur Frühanalyse" 
(S. 251) gebracht. Ich stellte dort auch fest, daß im Zusammen- 
hang .mit dem verdrängten Interesse nach dem Mutterleib — der 
Grundlage der Hemmung des Orientierungssinnes — auch das 
Interesse für Naturwissenschaften häufig gehemmt wird. 

Als eine der Ursachen seiner Hemmungen gegen das 
Zeichnen konnte ich bei F e 1 i x folgendes feststellen : Er könne 
sich nicht denken, wie man einen Plan entwirft oder zeichnet, er 
könne sich überhaupt nicht vorstellen, wie man das Fundament 
eines Hauses in der Erde anlegt. Das Zeichnen war bei ihm das 
Herstellen des dargestellten Gegenstandes — die Unfähigkeit zum 
Zeichnen: die Impotenz. Auf die Bedeutung des Bildes als Kind 
oder Glied habe ich („Frühanalyse", S. 255) verwiesen. Es läßt 
sich in Kinderanalysen immer wieder feststellen, daß hinter dem 
Zeichnen, Malen, Photographieren eine noch viel aktivere Handlung 
steckt; es ist im Unbewußten das Erzeugen und Zeugen des dar- 
gestellten Gegenstandes. Auf der analen Organisationsstufe bedeutet 
es das sublimierte Erzeugen der Kotstange, auf der genitalen das 
Zeugen des Kindes, und zwar ein Zeugen mittels einer durchaus 
inadäquaten motorischen Leistung. Das Kind scheint, bereits auf 
einer höheren Entwicklungsstufe angelangt, im Zeichnen noch eine 
„magische Gebärde" 1 zu finden, die seine Gedankenallmacht zu 
realisieren vermag. — Das Zeichnen enthält aber auch destruktive, 
vermindernde Tendenzen. 2 Ich führe ein Beispiel an: Ernst 
zeichnete 3 nach der Form einer kleinen Dose (die sich immer 
wieder in seinen Spielen als das mütterliche Genitale erwiesen 
hatte) Kreise, die ineinandergriffen und schraffierte sie zum 
Schlüsse so, daß in der Mitte sich ein Oval ergab, in das er noch 
einen ganz kleinen Kreis einzeichnete. — Er habe damit „Muttis 



1 Siehe: Ferenczi „Entwicklungsstufen des Wlrklichkeitssinnes". 
Intern. Zeitschr. f. Psa., Jahrg. 1913, Heft 1. 

2 Der Karikatur läge dann auch nicht nur eine Verhöhnung, sondern eine 
tatsächliche ungünstige Umänderung des dargestellten Gegenstandes zugrunde. 

3 Dieses Zeichnen schloß sich, wie ich (siehe S. 334 dieser Arbeit) 
ausführte, an die große Agression an, die das Freiwerden seiner dem Rechnen 
zugrundeliegenden Kastrationsangst auslöste. 



340 



Melanie Klein 



Popöchen kleiner gemacht" (das Oval anstatt des Kreises) — dann 
habe er mehr. 

Von der Physik erzählte mir Felix häufig, daß sie ihm 
ganz unverständlich sei. Als Beispiel führte er an : Er könne nicht 
begreifen, wie der Schall sich fortpflanze. Einleuchtend sei ihm 
nur, wie z. B. ein Nagel in die Wand dringe. Ein andermal erzählt 
er vom luftleeren Raum und meint, wenn mein Zimmer ein luft- 
leerer Raum wäre, so müßte doch dadurch, daß man hereinkomme, 
auch etwas Luft mit hereinkommen. Dies erwies sich wieder durch 
Koitusvorstellungen determiniert, wobei die Luft den Samen darstellt. 
Ich habe den Nachweis zu erbringen versucht, daß die grund- 
legenden, in der Schule ausgeübten Tätigkeiten von einer libidi- 
nösen Strömung getragen werden, wobei die Partialtriebe unter 
dem Primat des Genitale zur Sublimierung gelangen. Diese 
libidinöse Besetzung aber geht von den primitivsten Lerntätig- 
keiten, dem Schreiben, Lesen, Rechnen aus zu weiteren auf 
diesen basierenden Leistungen und Interessen über, so daß die 
Grundlage späterer — auch der Berufshemmungen — vor allem 
in den oft anscheinend bald vorübergegangenen Hemmungen der 
frühesten Lerntätigkeiten zu finden ist. Die Hemmung dieser 
frühesten Lerntätigkeiten aber baut sich auf der Spielhemmung 
auf und so können wir in letzter Linie alle weiteren für Leben 
und Entwicklung des einzelnen bedeutsamen Hemmungen aus den 
frühesten Spielhemmungen sich entwickeln sehen. Ich führte in 
meiner Arbeit „Zur Frühanalyse" (S. 227) aus, daß, wo die Vor- 
bedingungen zur Sublimierungsfähigkeit gegeben sind, durch die 
libidinösen Fixierungen von den primärsten Sublimierungen — 
als die ich das Sprechen und die Bewegungslust annahm — aus- 
gehend, immer weitere Iehtätigkeiten und -Interessen libidinös 
besetzt werden, indem sie eine sexual-symbolische Bedeutung 
erlangen, es also zu immer neuen Sublimierungen auf verschiedenen 
Stufen kommt. Der Mechanismus der Hemmung, den ich S. 227 
der vorerwähnten Arbeit besprach, führt dann dazu, daß durch 
den gemeinsamen sexual-symbolischen Sinn auch ein Fortschreiten 
der Hemmung von einer Ichtätigkeit oder Strebung zur anderen 
ermöglicht wird. Insoferne ein Beheben der frühesten Hemmungen 
auch eine Verhütung der weiteren bedeutet, ist also den Hemmungen 
des noch nicht schulpflichtigen Kindes, auch wo sie nicht in auf- 
fallenderweise in Erscheinung treten, die größte Bedeutung beizulegen. 



Die Bolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 341 



Als die gemeinsame Grundlage dieser frühen und aller weiteren 
Hemmungen versuchte ich dort die Kastrationsangst nachzuweisen. 
Die Kastrationsangst wendet sich gegen Ichtätigkeiten und -interessen, 
weil diesen nebst anderer libidinösen Determinierung auch stets 
eine genital-symbolische, und zwar Koitusbedeutung zugrunde liegt. 

Die weitgehende Bedeutung des Kastrationskomplexes für 
den Aufbau der Neurose ist bekannt. In der Arbeit „Zur Ein- 
führung des Narzißmus" (Kl. Sehr. IV., S. 100) stellt Freud die 
Bedeutung des Kastrationskomplexes für die Charakterbildung 
fest und weist auf diese Bedeutung in der Arbeit „Aus der 
Geschichte einer infantilen Neurose" (Kl. Sehr., V.) wiederholt hin. 1 

In die Zeit der ersten Blüte der kindlichen Sexualität, die 
mit dem Einsetzen des Ödipuskomplexes den großen Schub an 
Kastrationsangst auslöst, also in das frühe Alter zwischen dem 
dritten und fünften Jahre, müssen wir die Grundlagen aller 
Hemmungen verlegen, die auch das Lernen und die ganze weitere 
Entwicklung bestimmen. Die dabei erfolgende Verdrängung der 
aktiven männlichen Komponente ist es, die auch — bei Knaben 
und Mädchen — die hauptsächlichste Grundlage für die Lern- 
hemmung abgibt. 

Als der Beitrag, den die weibliche Komponente zu den 
Sublimierungen stellt, wird sich wohl immer wieder das Auf- 
nehmen und Verstehen, also auch ein wichtiger Anteil aller Tätig- 
keiten erweisen; der treibende, ausführende Teil aber, der 
eigentlich überhaupt den Charakter der Tätigkeit ausmacht, 
rührt von der Sublimierung der männlichen Potenz her. Diese 
feminine Einstellung dem Vater gegenüber, mit der die Bewun- 
derung und Anerkennung des väterlichen Penis und seiner 
Leistungen verbunden ist, wird in der Sublimierung zur Grund- 
lage des Verständnisses der künstlerischen und jeder Leistung 
überhaupt. Wie bedeutsam sich die Verdrängung dieser femininen 

1 Alexander hat in seiner Arbeit „Kastrationskomplex und Charakter* 
den Einfluß des Kastrationskomplexes auf die Charakterentwicklung an der 
Analyse eines Erwachsenen nachgewiesen. Ich habe in einer Arbeit „Die infan- 
tile Angst und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Persönlichkeit", die 
ich als Korreferat zu Dr. Alexanders vorerwähnten fieferat brachte, diesen 
Nachweis an Material aus der Kinderanalyse versucht, wobei ich auf die weit- 
gehende Bedeutung der Kastrationsangst für Sport-, Spiel- und Lernhemmung 
und auf die Gehemmtheit der Persönlichkeit im allgemeinen hinwies. (Diese 
Zeitschrift VIII, Heft 3). 




342 



Melanie Klein 



Einstellung vom Kastrationskomplex her erweist, konnte ich in 
Knaben- und Mädchenanalysen wiederholt feststellen. Ihre Ver- 
_ drängung als die eines grundlegenden Anteils jeder Tätigkeit muß 
auch sehr zur Hemmung der Tätigkeit beitragen. In weiblichen 
und männlichen Analysen zeigte sich auch, als ein Teil des 
Kastrationskomplexes bewußt wurde und die feminine Einstellung 
freier herauskam, wiederholt ein starkes Einsetzen künstlerischer 
und anderer Interessen. In der Analyse von Felix z. B., als nach 
Auflösung eines Teiles der Kastrationsangst die feminine Einstellung 
zum Vater herauskam, zeigte sich die nun einsetzende musikalische 
Begabung zuerst in der Bewunderung und Anerkennung des 
Dirigenten und Komponisten. Erst mit* dem Wachsen der Aktivität 
kam es dann zu strengerer Kritik zu Vergleichen mit der eigenen 
Fähigkeit und dem Bestreben, die Leistungen auch nachzuahmen. 
(Siehe: „Zur Frühanalyse", S. 255.) 

Es ist eine häufig bestätigte Beobachtung, daß die Mädchen 
während der Schulzeit sich im allgemeinen besser bewähren als die 
Knaben, dagegen mit ihren späteren Leistungen die des Mannes bei 
weitem nicht erreichen. Ich will hier nur kurz auf einige Momente 
hinweisen, die mir für diese Tatsache auch bedeutsam scheinen. 

Ein Teil der Hemmung — und das ist der für die spätere 
Entwicklung bedeutsamere — betrifft zufolge Verdrängung der 
genitalen Aktivität die Tätigkeit und Interessen an sich. Ein 
anderer Teil der Hemmung folgt aus der Einstellung zum Lehrer. 

Für den Knaben ergibt sich in seiner Einstellung zu Schule 
und Lernen also eine doppelte Belastung. Der bedeutende Anteil, 
den die auf die Mutter gerichteten genitalen Wünsche in den 
Sublimierungen einnehmen, führt zu einem verstärkten Schuld- 
bewußtsein auch dem Lehrer gegenüber. Die Aufgabe, die Lern- 
leistung, die im Unbewußten Koitusbedeutung hat, läßt ihn den 
Lehrer als Rächer fürchten. So wird der bewußte Wunsch, 1 
den Lehrer durch seine Leistungen zufriedenzustellen, von der 
unbewußten Angst es zu tun, bekämpft, was zu einem unlösbaren 
Konflikt führt, der einen wesentlichen Teil der Hemmung determi- 
niert. Dieser Konflikt verliert an Intensität, wenn der Knabe mit 

1 Diesem Wunsch entspricht im Unbewußten das Bestreben, den Vater 
zu übertreffen, bei der Mutter zu verdrängen, resp. der homosexuelle 
Wunsch, den Vater durch seme Leistungen zu besiegen, als passives Liebes- 
objekt zu gewinnen. 



Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes 343 



seinen Leistungen nicht mehr der unmittelbaren Kontrolle des 
Lehrers untersteht, sondern sich freier im Leben betätigen kann. 
Die Möglichkeit für die weiteren Betätigungen bleibt aber nur 
dort in größerem oder geringerem Ausmaß gegeben, wo die 
Kastrationsangst eben nicht so sehr die Tätigkeiten und Interessen 
an sich — als die Einstellung zum Lehrer betraf. So sieht man 
auch sehr schlechte Schüler später im Leben Hervorragendes 
leisten — für die anderen aber, deren Interessen an sich gehemmt 
wurden, bleibt die Art, in der sie in der Schule versagen, vorbildlich 
für ihre späteren Leistungen im Leben. 

Für das Mädchen wird vorwiegend die Hemmung, die vom 
Kastrationskomplex her die Tätigkeit betrifft, bedeutsam. Das 
Verhältnis zum Lehrer, das für den Knaben so belastend sein 
kann, wirkt auf das Mädchen, wenn ihre Fähigkeiten nicht zu 
sehr gehemmt sind, eher als Ansporn. In ihrem Verhältnis zur 
Lehrerin ist die Angsteinstellung vom Ödipuskomplex her im 
allgemeinen nicht annähernd so stark als die analoge beim Knaben. 
Daß ihre Leistungen dann im Leben im allgemeinen nicht an die 
des Mannes heranreichen, ergibt sich aus der Tatsache, daß sie 
meist eben einen geringeren Zuschuß an männlicher Aktivität zu 
den Sublimierungen zu stellen hat als der Mann. 

Diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie das Eingehen 
auf dabei noch wirksame andere Faktoren würden eine ausführ- 
lichere Besprechung erfordern. Ich muß mich aber hier mit kurzen 
und deshalb ungenügenden Hinweisen begnügen, die notgedrungen 
meiner Darstellung etwas zu Schematisches geben. 

Es ist mir auch in diesem Rahmen nicht möglich nur einen 
Teil der zahlreichen theoretischen und pädagogischen Folgerungen 
zu ziehen, die sich aus dem hier gebrachten Material ergeben. 
Ich will nur auf eine der bedeutsamsten noch kurz eingehen. 

Wir haben die Rolle der Schule in diesen Ausführungen als 
eine mehr passive kennen gelernt — sie erwies sich als ein Prüfstein 
für die schon vollzogene mehr oder weniger geglückte Sexual- 
entwicklung. Welche ist nun die aktive Rolle der Schule, kann 
sie für die libidinöse und für die gesamte Entwicklung des Kindes 
Grundlegendes leisten? — Es ist einleuchtend, daß der verständnis- 
volle Lehrer, der die Komplexe des Kindes berücksichtigt, mehr 
Hemmungen vermindern und günstigere Resultate erzielen wird, 
als der verständnislose oder gar brutale Lehrer, der dem Kinde 



344 



Melanie Klein 



von vorneherein den kastrierenden Vater bedeutet. Ich konnte 
allerdings in einer Anzahl von Analysen feststellen, daß sehr 
starke Schulhemmungen auch unter den besten Schulverhältnissen 
Zustandekommen, während sehr unrichtiges Vorgehen der Lehrer 
durchaus nicht immer Hemmungen zur Folge hat. 

Ich möchte meine Auffassung über den Anteil des Lehrers 
an der Entwicklung des Kindes kurz dahin zusammenfassen: Der 
Lehrer kann durch verständnisvolle Einfühlung viel erreichen, 
denn er vermag mitunter den Teil der Hemmung, der der Person 
des Lehrers als Rächer gilt, wesentlich zu vermindern. 
Zugleich aber bietet der gütige Lehrer der homosexuellen Kom- 
ponente des Knaben, der männlichen Komponente des Mädchens 
ein Objekt zur Betätigung ihrer genitalen Aktivität in subli- 
mierter Form, als die wir ja die verschiedenen Lerntätigkeiten 
kennen lernten. Aus diesen Hinweisen ergeben sich aber auch 
die Schädigungsmöglichkeiten, die ein pädagogisch falsches oder 
gar brutales Vorgehen des Lehrers zur Folge haben kann. 

Wo aber die Verdrängung der genitalen Aktivität die Tätig- 
keiten und Interessen an sich betroffen hat, kann die Einstellung 
des Lehrers den inneren Konflikt des Kindes wohl vermindern 
(oder verschärfen), wird aber Wesentliches in Bezug auf die 
Leistungen nicht erreichen. Aber auch die Möglichkeit der Milderung 
des Konfliktes durch den guten Lehrer ist eine sehr beschränkte, 
denn ihr sind Grenzen gesteckt durch die Komplexbildung des 
Kindes, insbesondere durch sein Verhältnis zum Vater, die von 
_ vorneherein seine Einstellung zu Schule und Lehrer determinieren. 
[ Daraus erklärt sich aber auch, daß, wo es sich um stärkere 

Gehemmtheit handelt, die Resultate auch jahrelanger pädago- 
gischer Arbeit in keinem Verhältnis zur aufgewendeten Mühe 
stehen, während wir dann in den Analysen oft in verhältnismäßig 
kurzer Zeit diese Hemmungen behöben und durch volle Lernlust 
ersetzt sehen. Der Weg wäre also umgekehrt zu nehmen: Zuerst 
hätte die Frühanalyse die bei jedem Kinde mehr oder weniger vorhan- 
denen Hemmungen zu beheben, und auf dieser Grundlage hätte die 
Arbeit der Schule einzusetzen. Wenn sie ihre Kräfte nicht mehr 
in mutlosem Ansturm gegen die Komplexe der Kinder verzetteln 
muß, wird sie fruchtbare, für die Entwicklung des Kindes bedeutsame 
Arbeit leisten können. 



Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse. 

Von Aurel Kolnal (Wien). 
I. 

Es kann heute als entschieden gelten, daß die Psychoanalyse 
unsere gesamte Weltanschauung bahnbrechend beeinflußt hat und 
einen hervorragenden Rang in der Geistesgeschichte der (abend- 
ländischen) Menschheit einnimmt. Die nachfolgenden kurzen 
Erörterungen machen den Versuch, auf die nähere Art dieser 
Beziehungen der von Freud ausgehenden Wissenschaft einige 
Streiflichter zu werfen. 

Fragen wir zunächst, was das wissenschaftliche Denken der 
Einführung der psychoanalytischen Forschungsart und den durch 
sie erzielten allgemeinsten Ergebnissen zu verdanken hat, so dürfte 
uns die Antwort nicht schwer fallen. Es wurde entdeckt, daß wir 
dort Gesetzmäßigkeiten festzustellen vermögen, wo wir früher 
zwischen dem Glauben an dunkle Mächte und der Annahme eines 
blinden Zufalls schwankten ; daß ungeahnte neue Wege in der 
empirischen Ergründung belangreicher Wissensgebiete der Eröffnung 
harren; daß wir uns mit dem Rüstzeug der nüchternen Wissen- 
schaftlichkeit und der sachlichen Vernunft an Dinge heranwagen 
können, die bislang allein im Volksglauben, in der Kunst und in 
den Nebelgebilden mystischer Spekulation ihr Wesen durch- 
schimmern ließen; daß Höheres sich aus Niederem zusammen- 
setzt, ergibt sich nicht nur einem blutleeren Postulat gemäß, 
sondern gleichsam vor unseren Augen. Die Naturwissenschaft, 
der Positivismus, der Determinismus, der Empirismus und Ratio- 
nalismus zugleich, insoweit sie den Gegensatz zu Übersinnlichkeit 
und Metaphysik bezeichnen, erhielten eine neue Hilfstruppe, wurden 
eines neuen Bundesgenossen teilhaftig. Ja, erst jetzt wurden ihre 
Annahmen, die man früher oft nur axiomatisch zu begründen 
versucht hatte und die somit selbst dem verpönten „Glauben" 




346 



Aurel Kolnai 



geähnelt hatten, vollauf gerechtfertigt. Was die Gehirnanatomie 
zu vollbringen außerstande war, wurde anderweitig bewältigt: der 
Mechanismus des seelischen Geschehens hub an, sich vor unserem 
Blick zu entrollen. Was die Schöpfer der Abstammungslehre nur 
unvollständig begriffen oder intuitiv vorausgeahnt hatten, das 
Hervorgehen des ganzen Menschen aus niederen Stufengraden 
des Lebens, bot sich nunmehr anschaulich unseren Augen dar. 

Allein was da vorzugsweise eine Stütze fand, war nicht 
sowohl das materialistische Weltsystem, als vielmehr die 
positivistische Erkenntnis metho de. Nicht die meistens so 
plumpen und bei näherem Zusehen wenig einleuchtenden Kon- 
struktionen der Aufklärungs- und Ableitungssucht einer vergangenen 
Zeitepoche wurden durch die neue Lehre erhärtet, sondern die 
Grundeinstellung: die rückhaltlose Bejahung der Möglichkeit und 
Notwendigkeit wissenschaftlicher Ergreifung aller, auch der 
heiligsten oder geheimsten oder gemeinsten Dinge auf Erden, hat 
eine Bestätigung und Belohnung erfahren. „Wertfreie" Zer- 
gliederung und Ermittlung (wie der philosophische Terminus 
lautet) auch dessen, was am meisten mit Wert und Unwert 
versetzt ist, den Stoff für positive und negative Bewertung abgibt 
und Pesthalten am Determinismus, das heißt Verweigerung jedes 
Verzichtes der wissenschaftlichen Erkenntnis auf irgendwelches 
Gebiet (das dann der bedrängten Unsachlichkeit als Schlupfwinkel 
dienen sollte) — hierauf legte Ferenczi den Hauptnachdruck in 
seiner Entgegnung auf die Ausführungen des analysefreundlichen 
Philosophen Putnam. Und Freud selbst stellte sein Werk als 
die dritte große Kränkung des Narzißmus — der irrationalen, in 
falschen Überhebungen schwelgenden Eigenliebe des Menschen — 
nach den gewaltigen Taten eines Kopernikus und eines 
Darwin dar. Er hat das Zerstörungswerk an unseren fortschritts- 
hemmenden Selbsttäuschungen zum einstweiligen Abschluß gebracht, 
indem er bewies, daß nicht nur die Erde kein Mittelpunkt des 
Weltganzen, nicht nur das Wesen Mensch kein Stück Gottheit 
inmitten einer ihm wesensungleichen, niederen Gesetzen unter- 
worfenen Natur ist, sondern daß auch unser innerstes Seelenleben, 
unsere scheinbar lauterste Gefühlswelt Triebfedern gehorcht, die 
unsere Zugehörigkeit zu der verachteten „Gemeinwelt" bezeugen 
und in deren Knäuel der schmale Lichtstreifen unseres Bewußtseins 
ratlos herumtappt. 



Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse 



347 



IL 

So entschlossen die Psychoanalyse den positivistischen Faden 
weiterspann, so unzweideutig stimmte sie doch andererseits in 
den Chor derer ein, die die Überwindung der materialistischen 
Weltansicht, wie sie nun einmal dastand, verkündeten. Die Seelen- 
kunde ohne Seele, das zum Teil unfruchtbare, zum Teil sogar 
recht unverantwortliche Wissenschaftsspielen mit den Reizen und 
Reaktionen und Nervenbahnen, sofern diese die Ausgangspunkte 
zur Begründung einer empirischen Psychologie hätten bilden 
sollen, die pur et simple Übersetzung der „Vorstellungen" und 
„Willensakte" in exakt klingende Phrasen, die Ablehnung und 
Unwissenschaftlichstempelung kostbarer Erkenntnisse, die uns 
außerhalb der Haine des Gelehrtentums beschert wurden, über- 
haupt der Verzicht auf die Erfahrung um der angebliehen 
„Exaktheit" der Erfahrung willen: gegen all dies wandte sich 
die Psychoanalyse, sie schwor der alten Vermögenspsychologie und 
dem modernen Physiologismus in gleicher Weise ab (Perenczi). 
Es hieße auf der Oberfläche stecken bleiben, diese Wandlung 
lediglich als eine Erweiterung der Forsehungstechnik ansehen und 
ihr die Bedeutung für unsere Geisteshaltung absprechen zu wollen. 
Denn es handelte sich nicht nur darum, die nervenphysiologischen 
Untersuchungen — nebst der sie häufig begleitenden pantheistischen 
oder sonstwie scheinwissenschaftlichen Spekulation — einstweilen 
abzubrechen, um einen neuen, augenblicklich mehr verheißenden 
Zugang zum Ziele der Forschung zu erproben, vielmehr gelangte 
eine vordem geleugnete neue Welt, ein neues, eigenes System 
mit eigenen psychischen Gesetzmäßigkeiten und Strukturen zur 
Erschließung, es wurde etwas geschaffen, was mit einer Fort- 
setzung jenes Gemenges von Sinnesphysiologie und offener oder 
verkappter Übersinnlichkeit nichts gemeinsam hatte. Sollte die 
analytische Tiefenpsychologie einmal mit den physiologischen 
Wissenszweigen in nähere Berührung treten — und die Anzeichen 
einer solchen Möglichkeit mehren sich — so wird dies keiner 
Rückkehr zur, keiner Verschmelzung in der „exakten" Haut- 
empflndlichheitslehre gleichkommen, sondern eine neue biolo- 
gische Synthese bedeuten, wobei auch recht viele, im Körper- 
lichen befangene naturwissenschaftliche Grunddogmen, die vormals 
unumstößlich schienen, eine Erschütterung erleiden werden. 
Bewirkte der Positivismus ehedem eine heilsame „Kritik der 



348 



Aurel Kolnai 



Seele", so gedeiht er durch die Psychoanalyse weiter zu einer 
„Kritik des Körpers", welche von den ersten Wahrnehmungen 
über die Hysterie an, durch die Feststellung der Bedeutung 
zwischenmenschlicher Bindungen für den einzelnen hindurch bis 
in die biologischen Streifzüge im „Jenseits des Lustprinzips" 
Freuds, die Bemühungen Ferenczis zur Aufstellung einer 
neuen Genitaltheorie, die Annahmen Groddecks über die 
psychische Verursachung körperlicher Erkrankungen, ihre Stimme 
erhebt. 

Eine dem nicht ganz unähnliche Abkehr vom Materialismus 
als folgerichtigeres Festhalten des Positivismus - tritt in Machs 
Phänomenalismus vor uns, wo ebenfalls eine vollständigere Über- 
windung der metaphysischen Denkweise mit der Lockerung des 
materialistischen Weltbildes einhergeht. 1 

In einer anderen Beziehung würden wir uns sogar ver- 
sucht finden, die Psychoanalyse der neueren antipositivistischen, 
tiefenanbetenden Geisteswelle einzuordnen. Die Würdigung des 
Unbewußten und die umfassende Erkenntnis des Triebhaften voll- 
endeten die Entthronung des Rationalismus, in dem Verstände, als 
sei alles Tun und Lassen des Menschen in der Ebene vernunft- 
gemäßer Überlegung zu erklären und zu beeinflussen. 

Die Freud sehe Richtung wurde auch weiterhin — wir 
meinen völlig zu Unrecht — als eine romantische bezeichnet. Wohl 
kann der unbefangene Betrachter der Psychoanalyse ihrem Zweck- 
rationalismus nichts anhaben. Aber die flache rationalistische 
Deutungsmethode, die hoch rationales Denken und mechanische 
Gruppierung der Atome ohne Dazwischentreten „störender" Elemente 
(und diese machen doch das ganze Leben aus!) ineinander über- 
gehen sieht, hat da in der Tat den Gnadenstoß bekommen. Es 
mag kein Zufall sein, daß die Aufdeckung der irrationalen Wurzeln 
des scheinbar Reinrationalen, die in der Soziologie besonders Max 
Weber sich zur Aufgabe machte, in der Psychoanalyse von Freud 
und Ferenczi nahezu an demselben Gegenstande angebahnt 
wurde. Der Puritanismus im Hintergrunde des Kapitalismus — 
der Analcharakter im Hintergrunde des Spartriebes: welches 
Ineinandergreifen gänzlich auseinanderliegender Forschungswege! 



1 Auf die Beziehung Machs zur Psychoanalyse wies Ferenczi („Zur 
Psychogenese der Mechanik" und im Nachtrag dazu) hin. 



Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse 



349 



So trug die Psychoanalyse zu einem der wichtigsten Punkte der 
Kritik der Gegenwart bei: sie hilft nachweisen, nicht daß der 
moderne Rationalismus verwerflich, sondern daß er gar kein echter 
Rationalismus ist. 1 

III. 

Trotz einer Art Synthese positivistischer und geistesgläubiger 
Weltanschauung, die von ihrem Wesen unzertrennlich ist, erscheint 
uns an der Psychoanalyse nichts bemerkenswerter, als der tiefe 
Gegensatz zu jenen Pfaden des Denkens, die wir naturwissen- 
schaftliche oder materialistische Mystik benennen möchten und 
die — gestützt auf einige merkwürdige Entdeckungen, Erfolge 
oder Einfälle — meistens die flache Einseitigkeit des Materialismus 
mit der tiefenvorschützenden Unverantwortlichkeit des Spiritualismus 
paaren, wobei nicht selten eine allgemeine intellektuelle Unlauterkeit 
und ein simplifizierendes Blendwerk den zusammenschweißenden 
Kleister bilden. Hierher gehören die Fälle, wo irgendwelche natur- 
wissenschaftliche Methode oder Tendenz ein übertriebenes, ihr von 
vornherein nicht zukommendes Ansehen genießen und gleichsam die 
Stelle eines mystischen Götzen erringt. So dürfen wir den geistigen 
Hintergrund jener Polemik nicht verkennen, die Ferenezi — 
der auch vor der Überschätzung des statistischen Beweisverfahrens 
als einer Form des unwissenschaftlichen Autoritätsdienstes warnt 
— gegen die überspannte Veranschlagung der alkoholischen 
Gefahr und der antialkoholischen Heilbotschaft geführt hat. Nicht 
einzelne hygienische Rücksichten, sondern die 
gesamte Seelenverfassung und -struktur des 
Menschen seien das Primäre — dieses Motiv geht durch 
alle psychoanalytische Stellungnahmen zu ärztlichen und Tages- 
fragen. 

Da sind Hypnose und Suggestion oder vielmehr jene Ideologie, 
die mit diesen naturwissenschaftlich frisierten Begriffen, die ja mit 
dem sehnsüchtig und — wie uns scheinen will — in diesen Regionen 



1 Die vorpsychoanalytischen Ansätze zur wissenschaftlichen und doch 
nicht apsychischen Psychologie finden wir in der französischen Schule, zu der 
eich die Freud sehe etwa so verhält, wie hinsichtlich des soziologischen 
Personalismus Dühring zu St. Simon und Proudhon. Die Neurose 
spielt dort eine ähnliche Rolle als Anregung zur Psychologie schlechthin, wie 
hier die in der „sozialen Frage" zum Vorschein kommende „Störung der 
Normalität", die selbst die „Normalität" ergründen hilft. 



350 



Aurel Kolnai 



in höchst unzulässigem Maße verehrten „Experiment" verbunden 
sind, alles erklären, ableiten, heilen und gestalten möchte. Ferenczi 
gebührt das bedeutsame und von so vielen unkundigen Gegnern 
der Analyse unberücksichtigte Verdienst, einesteils die allgemein- 
psychologischen Quellen dieser mehr erklärungsbedürftigen als 
erklärungsmächtigen Phänomene in natürlichen infantilen Bindungen 
aufgefunden zu haben („Introjektion und Übertragung"), andern- 
teils die geistige Kluft ins Licht gestellt zu haben, die zwischen 
dem suggestiv-hypnotischen und dem analytischen Therapie- 
verfahren gähnt und die er im Vortrag „Suggestion und Psycho- 
analyse" zu einem Gegensatze zweier einander wesensfeindlicher 
Weltanschauungen ausgeweitet hat. Hier Lüge, kritikloser Gehorsam, 
blinder Glaube, Versinken im fremden Willen, — dort Wahrheit, 
Erziehung zur Erkenntnis und Neubearbeitung des eigenen Selbst, 
zur kritischen Selbstlenkung! Ohne den sich hier bietenden 
Perspektiven weiter nachzugehen, fügen wir dem nur hinzu, daß 
eben der vielgepriesene „experimentelle" Charakter der Hypnose 
und Suggestion, diese willkürlich-mechanische, extensive Dressur 
der Menschenseele, den vollständigsten Gegenpart des psycho- 
analytischen Geistes der organischen Durchdringung und der 
intensiven, kritischen Strukturänderung darstellt. Dieser Abstand 
wurde nur erweitert durch die Wandlung der psychoanaly- 
tischen Determinationslehre, indem die Stelle des ursprünglich 
scharf betonten Kindheitstraumas von einer mehr organisch, mehr 
morphologisch gefaßten Kindheitsentwicklung eingenommen und 
das Problem der Neurosenwahl in seiner weitverzweigten Bedeutung 
gestellt wurde. 1 

Auch die gegenwärtig wieder eine Hochkonjunktur erlebenden 
okkultistischen Lehren haben von der Psychoanalyse wenig 
Zuspruch zu erhoffen, obschon Silber er über die analytische 
Deutung der Mystik hinaus sich um einen psychologischen Unterbau 
der in ihr befindlichen ethischen Werte beflissen hat. Dem modernen 
Okkultismus dürfte vielleicht auch diese Anerkennung versagt 
bleiben, sei es Christian Science, Anthroposophie oder selbst eine 
Art „Parapsychologie", was darunter begriffen wird. Die nüch- 



1 Es mag damit in Zusammenhang gesetzt werden: Die Ersetzung der 
Zellular- durch die Konstitutionalpathologie und die zunehmende Berücksichti- 
gung des innersekretorischen Systems. 






Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse 



3B1 



ternste Forschung in dieser Richtung, an sich gewiß zur Wissen- 
schaft gehörig, wird durch das Prinzip: „Versuche, an deren 
Gelingen von vornherein geglaubt werden soll," 
Einwänden ausgesetzt. Die Psychoanalyse, wie Freud es zu 
betonen nicht vergaß, verlangt keinen solchen Glauben ; sie sucht, 
ohne das Finden — in welch verkappter Form immer — vorweg- 
zunehmen. Im pragmatistischen Wunderglauben an die Wirkungs- 
kraft dieses Glaubens selbst und in allen seinen feineren 
Abwandlungen und Abarten findet sie nur Stoff für ihre Unter- 
suchungen wieder: Herrschaft des Lustprinzips, Allmacht der 
Gedanken, Narzißmus usw. — aber nicht etwa ihr ebenbürtige, 
adäquat zu beachtende Stoffbehandlungen. Sollte jedoch eine 
wirklich schöpferische, Tiefen des Lebens erschauende und in ihrer 
Mitte den Anhänger unterweisende Mystik in Betracht gezogen 
werden, so bleibt immer noch der Grunduntersehied in Geltung. 
Ziel und Zweck der Psychoanalyse kann niemals sein, das 
Unbewußte irgendwie erahnen zu wollen, den Abstieg in seine 
Schächte beliebigerweise unternehmen zu lassen. Sie sucht den 
Verkehr mit dem Unbewußten herzustellen per definitionem 
immer nur in dem einen Sinne : das Bewußtsein zu erweitern, 
zu erhellen und zu befestigen, nicht durch Vernichtung des Un- 
bewußten, aber auch nicht durch Versinken darin nebst Verengerung 
— wenngleich teilweise „Erleuchtung" — des Bewußtseins, sondern 
durch Erkenntnis des Unbewußten mit den Mitteln des Bewußtseins 
und entsprechende vernunftgemäße Beeinflussung des im Unbewußten 
fußenden Trieblebens. Die Technik der Psychoanalyse zielt auf 
ein Belauschen, ein Hervorlocken, ein augenblickliches, metho- 
disches Gewährenlassen, nicht aber auf ein faktisches Gelten- 
lassen des Unbewußten ab. Wir erachten es nicht für die letzte 
Aufgabe dieser Wissenschaft, heute, wo die Rückwirkung auf den 
als unzulänglich erwiesenen Positivismus vielfach in falsche Bahnen 
gedrängt erscheint, unbeirrbar an dem rationell verstandenen 
Rationalismus festzuhalten, als Erkenntnisquelle des Unbewußten 
Geltung Und Gewalt des Bewußtseins immerfort zu fördern. 
So erscheint die Psychoanalyse entgegen der gänzlich unabend- 
ländischen okkultistischen Unbewußtenverehrung (Verfallsideologien 
unserer Kultur) als ein organisches Gewächs der abendländischen 
Zivilisation auf deren Wege zur Bewältigung der gesamten äußeren 
und inneren Welt durch das Bewußtsein. 



352 



Aurel Kolnai 



IV. 

Es soll nicht ohne Erwähnung bleiben, daß im Gegensatz zu 
den früheren Behandlungsarten psychologischer Fragen die Psycho- 
analyse eine Auffassungsweise in sich schließt, die dem Volks- 
glauben in diesen Dingen erhöhtermaßen gerecht wird oder 
besser ihm ungleich mehr Verständnis entgegenbringt. Es genügt, 
die Punkte Wunscherfüllung, seelischer — „sinnreicher" — Aufbau 
seelischer Krankheiten, Rolle verlarvter Sexualregungen, Symbolik 
anzuführen, um hievon zu überzeugen. Wohl besteht hinwieder 
kein Zweifel daran, daß die Psychoanalyse eine revolutionäre 
Neuerung mit beinhaltet und daß sie die gemeinhin herrschenden 
Ansichten und Denkgewohnheiten ganz anders schokiert hat als die 
lebensfremden und ebendeshalb wenig störenden Aufstellungen 
„harmloserer" Psychotheorien. Sie ist ja nichts weniger als bloße 
Umschreibung landläufiger Meinungen ; um so minder, als diese 
nicht aus bewußt angenommenen Sätzen, sondern aus Beobachtungs- 
bruchstücken, allgemeinen — gleichsam sekulären — Einfällen, 
vagen Ahnungen und nicht zuletzt aus solchen Erkenntnissen 
bestehen, die viele kaum sich selbst und den anderen schon gar 
nicht klarzulegen wagen. 1 Aber auch abgesehen davon greift die 
Psychoanalyse an allen entscheidenden Stellen weit über den 
Volksglauben hinaus; sie bejaht diesen nur insofern, als sie sich 
zwar gedanken- und kenntnisreicher, aber nicht — geistesarmer 
als er zu erweisen strebt. Sie will von dem Volksglauben Besitz 
ergreifen, ihn verwerten und verarbeiten, jenseits, aber nicht 
diesseits von ihm stehen. Da nun. der „Volksglaube" (in weitem 
Sinne) aus leicht einsehbaren Gründen sich vorzugsweise auf die 
Fragen der Affektpsychologie erstreckt, ist die geistesgeschichtliche 
Bedeutung der Analyse auch darin zu erblicken, daß sie zum 
erstenmale eine umfassende Deutung, Berücksichtigung und 
sozusagen Verdauung des Volksglaubens durch die Wissenschaft 
vollbracht hat. Damit hat sich letztere dem Leben angenähert und 
sind andererseits die Chancen einer Reinigung des Lebens von 
vielen Vorurteilen und Geistesschlacken für alle seine Gebiete 
gestiegen. 

Zur Vertiefung der landläufigen Anschauung von der Zweiheit 
der Ich- und Sexualtriebe durch die Psychoanalyse bemerken wir, 

1 Vergl. Freud: „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung". 






Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse 



353 



daß das wesentlichste Element im Abfalle sowohl der Wiener wie 
der Züricher Dissidentenschule in der Ablehnung dieser Gruppierung 
der Triebe bestand, die in beiden Fällen unterschiedlicherweise 
mit einem den Tatsachen gewaltsam aufgezwungenen Triebmonismus 
vertauscht wurde. Daran war besonders das Streben beteiligt, das 
„Anstößige" des Sexuologischen hinwegzuräumen. Mit dieser Ver- 
wischung, Simplifizierung und Verwässerung fielen die „Individual- 
psychologen" und Libidoenergetiker wieder einer Metaphysik 
anheim, die in der wesenhaften Erkenntnis der seelischen Kräfte 
hinter dem naiven Realismus selbst zurückbleibt, so viel sie auch 
vor ihm an Geistesschärfe, Wissenschaftlichkeit und dialektischer 
Überlegenheit voraus haben mag. 

V. 

Ganz summarisch wollen wir hier der Bedeutung gedenken, 
welche der Psychoanalyse in bezug auf die Vertiefung unserer ethi- 
schen Anschauungen zuerkannt werden muß, ungeachtet der zahl- 
losen Anwürfe, denen sie eben in diesem Belange ausgesetzt war. 

1. Im allgemeinen : Die Analyse will so wenig allein für eine 
'Ethik stehen wie für eine Gesamtphilosophie. Indessen gibt sie 
sich vorwiegend mit den Gegenständen der konkreten Ethik ab 
und ihr positiver ethischer Wert liegt vor allem darin, daß sie 
dieselben unbekümmert um Nebenrücksichten (die, wenngleich 
moralistisch, immer ethisch minderwertig sind) ans Tageslicht 
erhebt und mithin die Voraussetzungen einer wirklich umfassenden 
und kundigen ethischen Beurteilung vermehrt, ja vielfach erst 
schafft. Sie ist des näheren bestrebt, die sich dem widersetzende 
Verdrängung von unbewußten Triebregungen aufzuheben und an 
ihre Stelle teils das Ausleben, teils die kritische Verurteilung 
bewußt erkannter Triebe treten zu lassen, und zwar in beiden 
Fällen, namentlich im zweiten, gepaart mit einer Steigerung der 
Kulturwerte erzeugenden Triebsublimierung. Prinzipiell kann dabei 
die bewußte Denkrichtung sowohl mehr dem Ausleben als auch 
mehr der Askese zuneigen, ohne den analytischen Leitideen untreu 
zu werden. Werden die Triebe durch die Beseitigungder Verdrängung 
im potentiellen Sinne befreit, so werden sie auch andererseits 
ihrer versteckten und verblümten Machtstellung verlustig. Das 
Realitätsprinzip überwindet das Lustprinzip, welches 
nicht nur für das Unbewußte selbst, sondern für die Verdrängung 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 23 



354 



Aurel Eolnai 



noch maßgebend ist. 1 Jokaste, das Objekt der inzestuösen Libido- 
richtung, vertritt zugleich die Verdrängung, die Sich-Hinwegsetzung 
über die unheimlichen Gedanken (F e r e n c z i : „Lust- und Realitäts- 
prinzip im Ödipusmythos"). 

2. Die Psychoanalyse, die von Anfang an eines Sexualitäts- 
begriffes bedurft hat, der weder dem engen „Genitalen", noch dem 
verschwommenen „Erotischen" oder gar „Affektiven" und der- 
gleichen gleichzusetzen war, schritt von der ursprünglichen 
Entdeckung nachgerade zu einer Analyse der Sexualität vor. Die 
hervorragenden Momente der hierbei erreichten — tatsächlichen 
und akzidentellen — Erkenntnisgewinnung waren: die sexuellen 
Partialtriebe und ihr sekundärer Zusammenschluß zum Fort- 
pflanzungstrieb ; 2 die Sexualität des Kindes ; die Triebumsetzungen 
und — Schicksale und ihre charakterbildende Wirksamkeit; die 
Rolle der inzestuösen Fixierung im Individual- und Massenleben; 
schließlich die phylogenetische — biologische — Theorie der 
Sexualtriebe, die berufen ist, den scheinbaren Gegensatz zwischen 
ihrer ontogenetischen Entwicklung und ihrer physiologischen 
Naturfunktion aufzuklären, und die gerade in neuester Zeit von 
Ferenczi mächtig gefördert wurde (Vortrag auf dem Inter- 
nationalen Kongreß in Berlin, 1922). Auf Grund dieser Forschungen 
muß jede simplizistische Auslebens- oder Askeseforderung der 
Moralisten und Amoralisten für gehaltlos, unerfüllbar und das 
Wesentliche verfehlend erklärt werden; ein ethisches Ideal hin- 
gegen wird ermöglicht (nicht etwa gegeben), welches — ohne 
einen vermeintlichen Naturzustand zu verhimmeln und somit 
überflüssig zu sein — in konkreten Gestaltungen wurzelt und 
nicht der Beschränkung auf unverantwortliche Schwärmerei ver- 
fällt. Vor allem wird man sich da mit vielen früher ungeheuer- 
lichen Gedanken befreunden und gleichzeitig vielen früher durch 
die Heuchelei beschützten Lustquellen entsagen müssen. 

3. Auf die psychoanalytische Reform der Kindererziehung 
weisen wir nur mit der Bemerkung hin, daß hier ein Gedanke 

1 Die Tatsache, daß die ichschützende Zensur selbst unbewußt — ich- 
fremd — ist, wurde von F r e u d neuestens eingehend gewürdigt. („Das Ich 
und das Es", 1923). 

2 Die normale Sexualität als Synthese der Perversionsansätze wurde 
ebenfalls von einem französischen Gelehrten, Alfred Bin et, voranalytisch 
erkannt. 



Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse 



355 



Dührings, dieses streng sittlich orientierten Philosophen, seine 
Rechtfertigung erlebt: die Hervorhebung der eigenen Zweck- und 
Werthaltigkeit der kindlichen Seelenzustände und ihres Anspruchs 
auf adäquate, aus dem gemeiniglichen Erwachsenengesichtspunkt 
heraustretende Berücksichtigung. 

VI. 

Was hat nun die Psychoanalyse für unser Zeitalter zu 
bedeuten? Man verfällt leicht auf die Idee, sie leiste dieselbe 
kritische und auslegende Arbeit am Aufbau der Einzelseele, als 
der Marxismus an dem der Gesellschaftsstruktur und sei daher 
als dessen Fortsetzerin und Mitkämpferin zu betrachten. Hierfür 
sprechen mehrere Gemeinsamkeiten des Freudsehen und des 
Marxschen Gedankengefüges : 1. Die Aufzeigung „animalischer" 
Faktoren unter dem Schleier der Ideologien; 2. voluntaristische 
Deutung fremder Theorien und — mit entsprechendem Vorbehalt 
— auch der eigenen ; 3. ein dialektischer Zug, der die Aufhebung 
von Gegensätzlichkeiten darstellt. Wenn wir trotzdem den Vergleich 
für recht fadenscheinig erachten, so stützen wir uns auf folgende 
einschneidende Unterschiede : 1. Bestehen eines dogmatischen, wirt- 
schaftsmonistischen Systems bei Marx, ungleich mehr entwick- 
lungsfähige und vielseitige Wissenschaftlichkeit bei Freud; 
2. Verallgemeinerung des rationalen Interesses gegenüber seelischer 
Tiefenforschung; 3. Setzung eines vorausbestimmten Entwicklungs- 
verlaufs gegenüber einer im Rahmen der Empirie verbleibenden 
Spekulation ; 4. Verheißung des Aufgehens der ganzen Menschheit 
in dem unpersönlichen Proletariat gegenüber Befestigung der Lage 
der kritischen Persönlichkeit. (Vgl. Ferenczi: „Ein Vortrag für 
Richter und Staatsanwälte", „Psychoanalyse und Kriminologie", 
„Suggestion und Psychoanalyse".) Mehr Analogie verrät die 
Psychoanalyse mit der physiokratisch-individualistischen Gesell- 
schaftstheorie, die vorwiegend nicht auf das Wirtschaftliche hinter 
dem Sozial-Geistigen, sondern auf den Bodenkomplex hinter 
dem Sozialen und dem Wirtschaftlichen selbst auf- 
merksam macht, dessen psychische Bedeutung von der Analyse 
volle Würdigung erfuhr. 1 Und so dünkt es uns, wenn nun bald 
auf den Trümmern der mißglückten marxistischen Gesellschafts- 
umwälzung die geistige Vorbereitung einer neuen personalistischen 

1 Die Erde als Muttersymbol und Werkzeug der Sublimierung zugleich. 

28* 



356 



Aurel Kolnai 



und das flache Land mit in Rücksicht ziehenden Sozialreform an 
der Reihe sein werden, eines neuen Freisinns jenseits des alten 
mechanistisch-puritanischen Liberalismus, so wird die Psychoanalyse 
um die Geheimnisse der libidinösen Befriedigung und rationalen 
Freiheit des Menschen, um die Möglichkeit der selbst- 
lenkenden Kulturpersönlichkeit befragt werden müssen. 



Königin Mab. 1 

Dr. Siegmund Pfeifer, Budapest. 

Der empfindsame Menschenschlag der Dichter ahnt in seinem 
unablässigen Erforschen der eigenen Seele Wahrheiten oft 
Jahrhunderte voraus, welche die Wissenschaft nur sehr viel später, 
oft nach schweren Kämpfen anzunehmen geneigt ist. Der Dichter 
ist ein Vates, der aus seinem eigenen Inneren wahrsagt 
und schaut auch die Schulweisheit mit unfruchtbarem Stolz 
"auf ihn herab, der Psychoanalytiker kommt oft in die 
Lage, ihm Dankbarkeit zu erweisen für die Prophetendienste, 
durch welche dieser schon auf der mythologischen Stufe der 
Wissenschaft die wahren Gesetze der seelischen Arbeitsweise 
verkündet hatte. 

Bei der Lektüre von Shakespeares „Romeo und Julia" 
werde ich an einen kleineren Artikel 2 von Dr. Ferenczi erinnert, 
in welchem auf eine psychologische Erkenntnis von Schopen- 
hauer hingewiesen wird, laut welcher der Dichter in dem Urahnen 
aller Tragödien, in dem aus den Tiefen der Zeiten und Seelen 
emporragenden „König Ödipus", in der Gestalt des Ödipus ein 
Grundprinzip unseres seelischen Geschehens, das Realitätsprinzip, 
personifiziert, im Gegensatz zur Personifizierung des Lust- 
Unlustprinzips durch Jokaste, die Muttergattin. 



1 Nach Einsendung dieses Artikels ist bekannt geworden, daß der Kern 
dieses Stoffes von Dr. O. Rank im Anhange zur VII. Auflage der „Traum- 
deutung schon berührt wurde. Ich lege dennoch Wert darauf, meine Bearbeitung 
in dieser Festschrift erscheinen zu lassen, da sie als Erstlingswerk meiner 
psychoanalytischen Tätigkeit ihr Entstehen im Jahre 1911 — mit Ausnähme 
der späteren ethnologischen Daten — der Anregung durch das Bekanntwerden 
mit Dr. Ferenczi und mit der Psychoanalyse verdankt. 

2 Symbolische Darstellung des Lust- und Realitätsprinzips im Ödipus- 
Mythus. „Imago", I. Jahrg. 



358 



Dr. Siegmund Pfeifer 



Schon Freud lenkt in einem seiner Werke unsere 1 Aufmerk- 
samkeit auf die Tatsache hin, daß der Dichter mit seiner erhöhten 
Einfühlungsfähigkeit oft die wissenschaftliche Scharfsicht der 
Psychoanalyse ersetzen kann, daß er oft eine unwissentliche 
und ungewollte Rechtfertigung der psychoanalytischen Methode 
zu geben vermag. Höchst überraschend und bezwingend ist aber 
die Klarheit, mit welcher Shakespeare für einen vielbekämpften 
Satz Freuds Zeugnis ablegt, der besagt, daß der Traum meist 
eine verkappte Wunscherfüllung ist, und daß hievon auch jene 
Träume keine Ausnahme bilden, welche das Gegenteil zu beweisen 
scheinen, nämlich die peinlichen Angstträume. 

In „Romeo und Julia" (I. Akt, 4. Szene) ist die ergreifende 
Traumphantasie zu finden, welche Shakespeare dem Freunde 
Romeos, dem Flattergeiste Mercutio in den Mund legt. Mit ihrer 
feenhaften mise en scene, ihrer affektschwangeren Tiefe 
ist diese eine der interessantesten Stellen der Weltliteratur. 

Romeo beklagt sich bei seinem Freunde vor seiner ersten 
verhängnisvollen Begegnung mit Julia über unheilverkündende 
Träume. Mercutio trachtet die Angst seines Freundes mit der 
Behauptung zu zerstreuen, Träume seien nur Lüge und offenbar 
um dies zu bekräftigen, lügt er oder vielmehr phantasiert er 
selbst Träume. 2 

Diese Absicht gibt aber Mercutio Gelegenheit, die Schranken 
des Verstandesmäßigen zu übertreten und die aufsteigenden Bilder 
seiner Phantasie auf einer, der Technik der psychoanalytischen 
Methode ähnlichen Art, gleichsam unzensuriert aufeinander folgen 
zu lassen. Diese ünzensuriertheit des Denkens führt, wie in der 
Psychoanalyse, auch hier dazu, die verdrängten Gedanken, Wünsche 
und seelischen Inhalte von dem Drucke, der auf ihnen lastet, zu 
befreien und auf die seelische Schaufläche zu werfen. 
Mercutios Phantasie lautet: 3 



1 „Der Wahn und die Träume in W. Jensens .Gradiva' ", 1907. 

2 Er bedient sich bei dieser Gelegenheit nur einer Technik unter den 
eigentümlichen Arbeitsweisen des Traumes, auf welche Freud ein Licht 
geworfen hat. Wenn der Traum den Gedanken ausdrücken will: „Das ist ein 
Unsinn", erscheint er selbst mit Vorliebe in einer widersinnigen Gestalt. 
S. Freud: Traumdeutung. 

3 „Romeo und Julia", I. Akt, 4. Szene. — (übersetzt von W. Jordan, 
Meyers Klassiker- Ausgaben. Shakespeares dramatische Werke. 5. Bd.). 



Königin Mab 



359 



„Ich merk' es schon, Frau Mab hat dich besucht. 

Sie ist die Kindbettfrau der Feen. Sie fährt, 

Nicht größer von Gestalt als der Achat 

Am Zeigefinger eines Aldermanns, 

Mit ihrem Angespann von Sonnenstäubchen 

Zur Nas' hinein den Menschen, wann sie schlafen. 

Die Räderspeichen sind von Spinnebein, 

Von eines Heupferds Flügeln das Verdeck, 

Die Stränge von dem feinsten Spinngeweb, 

Die Kummte von des Mondes feuchtem Strahl. 

Aus Heimchenknochen ist der Peitsche Griff, 

Die Schnur von Samenhärchen; Kutscher ist 

Ein Mücklein, angetan mit grauem Mantel, 

Nicht halb so groß, als jenes runde Lärvchen, 

Das man aus fauler Dirnen Finger schält. 

Die Kutsch' ist eine hohle Haselnuß 

Vom Tischler Eichhorn oder Meister Wurm 

Verfertigt, die seit grauer Zeit die Wagner 

Der Feen sind . . ." 

Offenbar schwebte hier Shakespeare das Bild irgend einer 
volkstümlichen Fee vor und doch fällt einem die große Überein- 
stimmung des grotesken Durcheinanders am Beginn der Phantasie 
mit der Erscheinung auf, daß in der Vorstellung des Einschlafenden 
die Dinge und Bilder zusammengeworfen werden, von ihrer natür- 
lichen Stelle herausgerissen, sich chimäenartig mit anderen paaren 
und durch irgend eine Kraft, offenbar durch die Arbeit des Traumes 
zu unbekannten neuen Bildungen zusammen geschmiedet werden. 
Diese Verschiebung und Verdichtung ist in unseren Träumen am 
wirksamsten verstellt, oft sogar bis zur Unkenntlichkeit und Sinn- 
losigkeit. Doch ahnen wir, daß der Dichterin diesem Falle diese 
Sinnlosigkeit des Traumes nur vorspiegeln will, bevor Mab weiter- 
fährt. Auf der Kutsche der Mab gibt es eine lustige Fahrt : 

„. . . In diesem Aufzug fährt 
Sie jede Nacht Verliebten durchs Gehirn, — 
Dann träumen sie von Liebe, — Schranzen, aber 
Durchs Knie, dann träumen sie von Bücklingen. 
Des Anwalts Finger zuckt im Traum nach Sportein, 
Des Weibes Lippe vom geträumten Kuß, 



360 Dr. Siegmund Pfeifer 

Und solche Lippen plagt die böse Mab 

Mit Bläschen, weil ihr Atem Naschwerk duftet. 

Bald jagt sie über eines Höflings Nase, — 

Dann wittert er im Traume Ämtchen aus — 

Bald kommt sie mit 'nes Decemferkels Schwanz 

Des eingeschlafnen Pfarrers Nase kitzeln, 

Der dann von einer besseren Pfarre träumt, 

Bald lenkt sie über des Soldaten Hals, — 

Er träumt von abgeschnittenen Feindesgurgeln, 

Von Bresche, Hinterhalt, Toledoklingen, 

Von einem Ehrentrunk, fünf Klafter tief..." 

Siehe, Mab, die wunscherfüllende Fee des Traumes, gewährt 
einem jeden im Traume, was er sich nur wünschen kann. Die 
Wunscherfüllung tritt in diesen Träumen unverhüllt zutage — 
Mab selbst hüllt sich nur in den Schleier der Traumwelt — Liebes- 
wünsche, habgierige, selbstsüchtige Wünsche werden restlos erfüllt. 
Sogar dem trunkenen Sadismus des wilden Soldaten gewährt 
Mab hier Befriedigung. Aber geben wir doch acht, hier geht nicht 
alles gleich glatt weiter, irgend eine Störung und Unruhe mischt 
sich in den Traum, der Soldat wird aufgeschreckt. 

„Da hört er trommeln, fährt empor, erwacht, 
Entsetzt sich, flucht ein Stoßgebet und schläft 
Dann wieder ein ..." 

Erst jetzt merken wir, daß die Erfüllung der Traumwünsche 
nicht immer ungestört erfolgte. Die eigensüchtigen, ehrgeizigen 
Wünsche und der holde Traum der unschuldigen Liebenden können 
sich die Erfüllung ihrer Wünsche, die der karge Tag der Nacht über- 
lassen hat, ungestraft vorstellen. Fährt aber die launenhafte Mab 
mit ihren Grillen und Mücken über die schönen Lippen, die vom 
geträumten Kuß zucken: 

„. . . Solche Lippen plagt die böse Mab 

Mit Bläschen, weil ihr Atem Naschwerk duftet." 

Da sehen wir, Mab erfüllt die erotischen Wünsche nicht 
immer ungestraft. Manchmal wird sie „böse". Ein neuer und fremder 
Zug in Mabs Gestalt, aber der Dichter läßt uns augenscheinlich 
fühlen, es gäbe irgend etwas im Traume, was nicht erlaubt, daß die 
Bäume in den Himmel wachsen. Wirklich, je weiter der Traum fort- 



Königin Mab 



361 



schreitet, je tiefer unterdrückte Wünsche in Erfüllung gehen, was 
in erster Linie auf die Einwirkung des Unbewußten zurückzuführen 
ist, desto mehr häufen sich die Zeichen einer Furcht und Angst. Die 
schmutzige Habsucht wird noch befriedigt, aber die sadistische Lust 
des Soldaten wird durch einen schweren Angstanfall unterbrochen. 
Mab vollbrachte auch hier ihre wunscherfüllende Arbeit, aber darauf 
setzt gleich der Angstanfall ein, der den Soldaten aus diesem Traume 
aufschreckt, — merkwürdigerweise durch Trommeln, also gerade 
mit dem Rufzeichen zu neuem Schlachten. 1 

Da die Angst scheinbar dem Wesen des Schlafes widerspricht 
— Mab sollte nur Lust und keine Unlust gebären — , wird der 
Traum unterbrochen und dadurch zwar die sadistische Wunsch- 
erfüllung, aber auch die ihr folgende Angst aufgehoben. 
Wir wissen aus der Psychoanalyse, daß es die Verdrängung ist, 
welch« die Erfüllung verbotener Lust unterbindet oder wenn 
irgendwie, wie z. B. im Traum, ihre Bande gelockert werden, sie 
in Unlust verwandeln kann. An diesem Punkte ändert sich Mabs 
Gesicht, nicht nur die Lust der Wunscherfüllungen, auch die 
dadurch entfesselte Angst wird vom Traum und vom Dichter auf 
ihre Gestalt projiziert^ aus der gütigen Fee wird die schlimme 
Hexe, kaum erkennen wir sie mehr. Auch ihre Praktiken unter- 
scheiden sich in nichts mehr von denen der Hexen. Die Wunsch- 
erfüllung verschwindet auf einmal vor unseren Augen oder sie 
wird bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ist es glaublich, daß die 
furchtbare Hexe dieselbe Mab sei, wie die gnädige Fee der erfüllten 
Wünsche. Der Dichter behauptet es doch . . . 

„. . . Das ist dieselbe Mab, 

Die nachts der Pferde Mähnen wirr verzaust, 

In struppig Haar die Weichselzöpfe flicht, 

Die Unheil bringen, wenn man sie entwirrt . . ." 

Das ist ja der verrufene Weichselzopf. Sollte darin noch 
irgend eine Wunscherfüllung stecken, was für ein absurder 
oder schuldbeladener Wunsch mag es sein, der sich nicht 
mehr in seiner ursprünglichen Gestalt, sondern nur gleichsam 
im härenen Gewand der selbsterteilten Buße zeigen darf, oder 
sich hinter so unheilverkündenden Zeichen verstecken muß ? Was 



1 „Wiederkehr des Verdrängten aus der Verdrängung" 



362 



Dr. Siegmund Pfeifer 



kann hinter dem Symbol der „Ligatur" 1 befriedigt werden? Und 
was kann das Gebundensein bedeuten, das Unheil und Tod in 
sich birgt, sogar wenn es gelöst wird, gleichwie das Rätsel der 
Sphinx? Hier erfährt der Traum eine peinliche Färbung. Er wird 
der Typus jener Angstträume, der sogenannten Alpträume, in 
welchen die Angst an das Gefühl gebunden erscheint, daß man 
irgendeine Arbeit nicht vollführen oder sich aus irgendwelchen 
Banden nicht befreien kann. (Knotenlösen.) 2 

Überlassen wir uns der Führung des Dichters und unsere 
Ungewißheit wird in den nächsten Zeilen behoben. Auch er 
behauptet, daß Mab die Hexe, die Alpmare sei, die all das Übel 
anstellt, aber er sagt dann gleich weiter von ihr : 

„Das ist die Hexe, welche Mädchen drückt, 
Die auf dem Rücken liegen, und sie lehrt, 
Geschickt ihr Los zu tragen und bereiter, 
Sie ist dieselbe . . ." 

Der Dichter sagt uns geradeaus, was die Psychoanalyse als 
Ergebnis einer Tiefenarbeit in den unbewußten Schiebten der Seele 
ans Licht befördert hat: Hinter dem manifesten Inhalte des Angst- 
traumes finden wir immer den latenten sexuellen oder erotischen 
Wunsch, 3 dessen Libido — so erklärt die Psychoanalyse" weiter — 
infolge der Verdrängung in Angst verwandelt wurde. 

1 In den Hexenprozessen bildete die Hauptanklage gegen die Hexen die 
Ligatur, die Unterbindung der Manneskraft. Siehe Dr. E. Jones: Der Aip- 
traum, S. 106 ff., und Dr. G. R ö h e i m : Adalökok a magyar nephithez (Bei- 
träge zum ungarischen Volksglauben), Budapest 1920, S. 220. 

2 Auf ähnliche Alpträume führt Laistner die Entstehung der mythischen 
Gestalt der Sphinx zurück. Siehe Laistner: Das Rätsel der Sphinx. 

3 Vergleiche zum „auf dem Rücken liegen" noch das Schwatzen der 
Amme vom kindlichen Unfall Juliens. I. Akt, 3. Szene: 

„ . . . Mein Mann . . . Gott hab ihn selig — 

Er war ein spaß'ger Mann — der hob sie auf. 

Schau, sagt er, fällst auf dein Gesichtchen jetzt; 

Wirst rücklings fallen, wann du klüger bist;* 

Was meinst du, Jule? — Bei der heil'gen Jungfrau, 

Was tut der allerliebste kleine Balg? 

Sie flennt und muckst nicht mehr, sie sagt: Ach ja!" 
Der Dichter läßt die geschwätzige Amme diese kleine Begebenheit 
dreimal nacheinander erzählen und hebt dadurch, wie unbeabsichtigt, die 
Heftigkeit der Liebestriebe Juliens hervor. 
* Von mir gesperrt. 



Königin Mab 



363 



Wenn wir so Königin Mab, die Herrscherin der Träume, 
mit Shakespeare auf ihrer Fahrt begleiten, erkennen wir sie bald, 
sei es in der Gestalt der milden, wohltätigen Fee, sei es unter 
der Maske der schädlichen Hexe. Die seelische Macht, die der 
Dichter in Königin Mab, dieser Souveräne der Träume, verkörpert, 
ist nichts anderes, als — wie sie Freud erkannt und benannt 
hat — die Wunscherfüllung im Traume. Woher der 
Dichter ihre menschlichen Züge genommen hat, darüber mögen 
einige weitere Bemerkungen Aufklärung bringen. 



Diese Bemerkungen sind notwendig, um erstens ein Licht auf 
die unbewußten Motive zu werfen, welche die Gestalt der Mab und 
ihrer Geschwister in der Folklore erschaffen haben und welche uns 
gleichzeitig erklären können, warum gerade sie durch den Dichter 
instinktmäßig zur Feenkönigin der Wunscherfüllung erkoren 
wurde. Zweitens hoffen wir, daß wir aus dieser Umschau etwas 
über ihre Rolle in der Hervorbringung der Angstträume erfahren 
werden. 

Mab ist eine ausgesprochen volkstümliche, märchenhafte 
Gestalt. Im germanischen Folklore entspricht ihr besonders die 
Gestalt der Holle. 1 Diese, wie ihre Verwandten, treten in 
Begleitung eines kleinen Volkes auf, von dem unschwer zu 
erkennen ist, daß es ihre Kinder bedeutet, um so mehr, da einige 
Varianten der Sage es offen so erzählen, und wo dies nicht der Fall 
ist, ist dieser Umstand nur durch eine durchsichtige, aus den 
Traumanalysen wohlbekannte Symbolik verschleiert. Die Kleinen 
sind die Kinder, anderswo treten kleine Männchen (Heimchen- 
volk, 2 Heinzelmännchen) oder kleine Tierchen auf. 

Die in der Gefolgschaft Mabs vorkommenden Käfer, Würmer: 
Heupferd, Heimchen, Spinne, Mücke, Wurm, sind gleichfalls 
typische Symbole der Kinder. Der Wagen selbst ist im Traume 

1 Man vergleiche die Hauptcharakterzüge mit denen der Hollen und 
verwandten Gestalten in Dr. V. Waschnutius: Perht, Holda, Wien 1913, 
bei O. Holder, und Dr. G. Röheim: Adalekok a magyar nephithez (Beiträge 
zum ungarischen Volksglauben), Budapest 1920. 

2 Der Name Heimchenvolk ergibt eine Beziehung zu den auf dem Wagen 
der Mab vorkommenden Heimchen- (und anderen Käfer-) Bestandteilen. Das 
Heimchenvolk fährt ebenfalls mit auf Hollas Wagen. Man vergleiche die Zwei- 
deutigkeit im englischen Text im Worte carriage mit Anspielung auf das 
Geschlechtliche. 



364 



Dr. Siegmund Pfeifer 






oft das Symbol des graviden Uterus, die feinen und dünnen 
Fäden, Spinngewebe, aber das der Nabelschnur und der Eihäute 
All das ist ein Hinweis auf eine Rückkehr in der Phantasie auf 
das Infantüe, selbst die Kleinheit Mabs ist nur die Projektion 
der kin di ichen Kleinheit auf ihre Gestalt. Psychoanalyse und Sage 
führen hier zu gleichem Ergebnis, Mab ist die Mutter 

Crtrt d T VÖlk n Cben Sag& Önden Wif die ZW6i zusätzlichen 
Ge achte,, dieser Gestalt, wie in der Shakespeareschen Phantasie. 
Holla ist einmal die Führerin, die Ernährerin, die Beschützerin 
der Kinder, sie verschafft ihnen Milch zur Nahrung - die gute 
Mutter - ein anderesmal wieder die Kinderräuberin, die auf sie 
böse ist sie bestraft, sie in Höhlen einsperrt - die böse Mutter 
die Stiefmutter, die Hexe - von der gerade an dieser Gestalt 
Dr. Röheimi nachgewiesen hatte, daß sie nichts anderes ist, als 
das durch die Unterdrückung der inzestuösen Wünsche der Kinder 
entstandene Negativ der vorigen, der guten, liebeschenkenden, 
wunscherfullenden Mutter. Dieser inneren Gegensätzlichkeit ent- 
spricht auch die äußere Erscheinung der Hollen, einmal als 
glanzende Fee, das anderemal als struppige, zerzauste, wilde Hexe 
So begegnen wir auch Mab, sie ist die Hebamme der Feen 
die die Kinder in das Feenreich bringt und die sie ihren Eltern 
raubt, sie ist die Fee und sie ist die Hexe. Ihre gegensätzliche 
Rolle ,m Traume können wir mit Hilfe der Sexualsymbolik ver- 
stehen Das Fahren ist ebenfalls ein typisches Symbol des sexuellen 
Verkehrs, die Verkehrsmittel sind die Genitalien. Vgl. bei Wasch- 
nutius, a. a. 0. die aufgezwungene Fahrt im Hinterteile der Verre 
einer Hollagestalt. Die Peitsche, Speichen, Spinnenbeine, Mantel,' 
Wurm, Eichhorn symbolisieren das männliche, der Wagen, Decke 
Haselnuß das weibliche Genitale. Um den Sinn des Wagenzimmerns 
zu begreifen, müssen wir für einen Augenblick wieder auf die 
Ethnologie zurückgreifen. Dort finden wir es als das Mo tiv des 
Notnagels,* d. i. Ersetzen des verlorenen Radnagels oder der 
Speiche durch Zimmern, zu welchem Tun Holla den Burschen auf- 
ruft, dem sie während ihrer Fahrt begegnet. In anderen Fällen 
zwingt si e ihm geradewegs ihre Buhlschaft auf, 3 und dieses Ver- 

1 Dr. G. R ö heim, a. a. O., S. 174 ff 

a. a. olT98!T5l MiüeilUng ™ "* R<5heim " *"* W Waschnu ^s> 
3 Waschnutius, a. a. 0., S. 116. 



Königin Mab 



365 



halten bestärkt uns in der Auffassung dieses Motivs als Koitus- 
symbol. 

Alle diese Motive im Beginne der Phantasie deuten auf eine 
anfangs ungestörte, höchstens symbolisch verdeckte erotische 
Wunscherfüllung hin, welche durch die gegen ihre erotischen und 
inzestuösen Teile auftretende Verdrängung am Ende in Angst 
verwandelt wird. 1 Der unheilbringende Knoten, der Weichselzopf 
und seine Auflösung ist letzten Endes der Inzestkomplex (in 
dessen Begleitung er typischerweise aufzutreten pflegt) und das 
Bewußtmachen desselben. Für König Ödipus war seine Lösung 
wirklich unheil- und todbringend. 2 (Blendung.) 

In den meisten Tragödien, sei es daß ihr Inzestkern offen 
daliegt oder mehr verdeckt ist, wird die Lösung des „tragischen 



1 Die Ambivalenz des Traumes hängt am tiefsten mit der Ambivalenz 
des den Kern der ganzen Tragödie bildenden Triebpaares „Liebe— Haß" 
zusammen. Die Liebe erscheint in den Hauptpersonen verkörpert, der Haß aber 
wird, wie auch so oft im realen Leben, auf die Familie des Geliebten oder 
Ehegatten projiziert. Man vergleiche: 
Romeo : „Sie eine Capulet! In Feindes Hand 

Gab ich mein Leben hin, als Unterpfand!" 
Julia: „So lieb ich den, für den ich Haß empfand, 



Die Neigung hat ein Wunder nur geboren, 

Zu der mein Herz den Todfeind auserkoren." (I. Akt, 5. Szene.) 

Und Romeos Aphorismen über die Liebe: 

„Die Lieb' ein zartes Wesen ? Sie ist rauh, 

Ist hart und ungestüm und sticht wie Dorn." (I. Akt, 4. Szene.) 

Und im I. Akt, 1. Szene: 

„ . . . 0, sage doch, wie war's 

Hier mit dem Streit? Nein, schweig', ich weiß schon alles. 

Hier macht der Haß uns viel zu schaffen, mehr 

Die Liebe noch. Wohlan denn, wütige Liebe, 

Verliebter Haß, dich Allesseiende 

Und aus dem Nichts zuerst Erschaffene, 

Dich Schwermutsleichtsinn, Nichtigkeitenernst, 

Dich mißgestaltet Chaos schöner Formen, 

Bleiflügel, Glanzrauch, Eisglut, Siechtum, Wohlsein, 

Dich wachen Schlaf, dich Gegenteil dein selber. 

Dich Liebe fühl' ich, ohne dich zu lieben — ..." 

Romeo und Julia finden ja den Tod durch einander. 

2 Vergleiche Freud: Traumdeutung, 2. Aufl., S. 185—7. Ferenczi, 
a. a. O., R 6 h e i m : Lösung der Geheimnisse, a. a. 0., S. 93, Hexen und 
Hollen, S. 174 ff. 



366 



Dr. Siegmund Pfeifer 



Knotens" ebenfalls unheil- und todbringend, 1 wie auch in Romeo 
und Julia. 

Der Weichselzopf und die verwirrten Haare — die bösen 
Hollen haben alle struppige Haare oder ähnlichen Kopfputz — 
deuten auch auf das Genitale hin, in ihrer Furchtbarkeit und 
Unheimlichkeit bewahrten sie die Spuren der kindlichen 
Beklemmung beim Erblicken der Genitalien der Erwachsenen. Die 
endgültige Gestaltung der Haar- und Zopfsymbolik ergibt aber 
mit dem vorigen zusammen die schon früher erwähnte funktionelle 
Variation der Nabelschnursymbolik, die das unablösbare — 
inzestuöse — Gebundensein der sexuellen Libido an die Mutter 
symbolisiert. Diesen seelischen Mechanismus liefert auch hier das 
peinliche Traumbild. Die inzestuöse Angst breitet sich auch als 
Gefühl des Alpdruckes 2 auf die endemachende Traumsensation 
aus, in der das sexuelle Verlangen 3 auch hinter der schweren 
Verdrängung durchbricht, gleichsam der Auffassung von Dr. 0. Rank 
an einem Beispiel recht gebend, daß ein jeder Traum die 
Tendenz hat, entweder zur unbeschränkten erotischen Wunsch- 
erfüllung, zum Pollutionstraum oder zum Angsttraum zu werden. 4 
Dies wurde aber, da die Verdrängung dazu nicht genügte, durch 
das Erwachen unterbrochen. Romeo, der sich von dem drückenden 
und durch das schwere Walten der sich bekämpfenden seelischen 
Regungen unheilverkündenden Eindruck des Traumes befreien 
will, heißt hier Mercutio schweigen und in scharfem Gegensatz 
zu seiner früheren Ahnung tröstet er sich mit der vulgären 
Abwehr der Deutbarkeit der Träume : Träume sind Schäume : 
Romeo: „ . . . Still, Mercutio ! 

Du sprichst von einem Nichts." 
Worauf auch dieser, ein richtiger Zweifler, die Eingebungen 
seiner Phantasie verleugnet und beteuert: 
Mercutio: „... Ganz recht, von Träumen, 

Den Kindern eines müßigen Gehirns, 

Aus nichts erzeugt als eitler Phantasie . . ." 

1 Vergleiche Freud : Totem und Tabu, 1913, S. 144. Rank: Das Inzest- 
motiv in Dichtung und Sage, 1912. 

8 Dessen inzestuösen, bisexuellen Charakter Professor Dr. E. Jones 
ermittelt hat. Siehe: Der Alp träum, S. 13 ff. 

3 Vergleiche die zitierte Stelle aus „Romeo und Julia", I. Akt, 3. Szene. 

* Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschung, 
II. Bd. S. 521. 



Königin Mab 



367 




Die Analyse der Motive mit Hilfe der Traumanalyse und 
Ethnologie macht uns klar, daß Mab ihre wunscherfüllende 
Kraft ihrer Herkunft von der Mutter-Imago verdankt, die wiederum 
mit der größten Wahrscheinlichkeit in den eigenen Inzestwünschen 
des Dichters wurzelt. Wir müssen deshalb dem einleitenden Bilde, 
das im Anfange des Traumes die ins Übernatürliche projizierte 
Gestalt der Mutter heraufbeschwört, eine tiefe psychologische 
Bedeutung beimessen, wird doch ein jeder aktueller Wunsch, der 
beim Träumenden immer Erfüllung heischt, zwecks Erfüllung zur 
gnadenreichen Fee, zur gütigen Mutter der Kindheit gewiesen. Die 
Liebe der Mutter ist ja allein fähig, alle egoistischen und Liebes- 
wünsche des Kindes zu stillen, seine Ängste in der Dunkelheit der 
Nacht zu besänftigen, andererseits muß sie aber auch erdulden, daß 
nach der Verdrängung und Enttäuschung der Inzestwünsche, deren 
Abwehr sie zur bösen Hexe entstelle und mit den nächtlichen 
Symbolen der Angst bekleide. 1 Aber trotz der Verdrängung bricht 
beim Dichter der erotische Wunsch durch, gerade mit Hilfe der 
zur Hexe verwandelten Königin Mab, der Mutter, die daher in 
erster Linie berufen ist, die bewegende Kraft und das Prinzip 
aller Träume, die Wunscherfüllung zu versinnbildlichen. 2 

1 Röheim: „Die Entstellung zur Hexe ist eine Abwehr gegen die 
inzestuöse Fixierung der Libido." Und: „Holle und ihre Verwandten sind die 
dunkelheiterweckte, furchtmildernde, supranaturale Projektion der Mutter- 
imago." a. a. 0., S. 206 u. 218. 

2 Nach dem griechischen Glauben entstammen die Träume der Mutter 
Erde. Vergleiche 0. Dieterich : Mutter Erde, S. 60 : 

„Bei jeglicher Inkubation war es ursprünglich die Erde, die den Traum 
gab. Sie ist die Mutter der Träume, die ihre Kinder sind." (Euripides, Hek. 
Z. 70, und Iph. Taur., Z. 1234.) 

Wenn wir den Namen „Queen Mab" selbst eine als Traumverdichtung 
betrachten und mit Hilfe der Ethymologie und der psychoanalytischen 
Erfahrungen analysieren, so ergeben sich interessante Zusammenhänge. „Mab" 
bedeutet welsh: ein Knabe, dadurch kommt im Namen selbst das Infantile 
direkt zum Ausdruck. „Queen Mab" soll eigentlich „Quean Mab", also „weiblicher 
Mab" bedeuten (quean = midwife = Hebamme; siehe den Text der Phantasie), 
laut Angaben, welche ich Herrn Dr. E. Glover verdanke. Nun wird „quean" 
meistens in der Bedeutung von „feiler Dirne" gebraucht, so daß hier in den 
Namen „Queen Mab" eigentlich die „Dirnenkomplex" genannte Variation der 
Inzestphantasien hinein verdichtet wurde. Wahrscheinlich bestehen außerdem 
noch Beziehungen zwischen Mab, Mabel, Amabilis. — Auch eine andere 
verdrängte Triebriehtung des Dichters, und zwar seine gleichgeschlechtliche 
Neigung wird in diesem Namen durch seinen bisexuellen Charakter aus- 



368 



Dr. Siegmund Pfeifer 



Am Schlüsse möchte ich noch die Behauptung aufstellen, 
daß auch die anderen in der Mab-Phantasie erfüllten Wünsche, die 
eigenen brennenden Wünsche des unlängst in die Großstadt und 
in die Nähe des Hofes gelangten jungen Shakespeare nach Ehre, 
Reichtum und Liebe gewesen sein könnten; war er ja Zeuge am 
Markt all dieser im London der großen Königin. Da die Wirklichkeit 
des Tages ihm in der Erfüllung dieser Wünsche damals noch gar 
nicht so gnädig war, konnte nur das kleine Ebenbild einer großen 
Königin, die Königin Mab 

„Nicht größer von Gestalt als der Achat 
Am Zeigefinger eines Aldermanns . . ." 1 
die im Traume zur Peenkönigin gewordene Mutter, all dieses 
Glück ihrem Dichtersohne gewähren, welcher vor der harten 
Wirklichkeit zu ihr, zur Wunscherfüllung in der Phantasie, im 
Traume, in der Dichtung seine Zuflucht nahm. 



gedrückt (= ein weiblicher Knabe) und so müssen wir Mab als eine hetero- 
sexuell verhüllte Variation aus der Reihe der zahlreichen feenhaften „Wunsch- 
knaben" unter Shakespeares Gestalten betrachten. Dadurch kann der in den 
Angstträumen fast nie fehlende homosexuelle Zug auch in diesem Falle 
nachgewiesen werden. (Vergleiche Abraham a. a. O.) Dieser meldet sich in 
der Mab-Phantasie übrigens auch ganz offen, nur in der weiblichen Umkehrung: 
ein Mädchen wird von Mab, von der Hexe — wie beim Koitus — gedrückt. 
1 Shakespeares Vater war erster Aldermann (Ratsherr) der Stadt Stratford. 
Der Ring ist ein nicht nur analytisch bekanntes nuptiales Symbol. Ein neuer 
Beweis, daß Königin Mab die Mutter-Imago ist. 



Eine Traumanalyse. 

Von Dr. Sandor Radö, Budapest. 

Der Traum, dem wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden, ist 
in einer analytischen Behandlung vorgebracht und gedeutet worden, 
und hat für das wissenschaftliche Interesse in zweifacher Hinsicht 
Bedeutung erlangt. Seine Analyse führte zunächst zur Aufklärung 
eines schwer durchsichtigen Falles von Neurose; die Anwendung 
der neuen Einsicht ließ dann die psychische Konstellation eines 
sozial recht merkwürdigen Menschentyps erfassen, deren Ent- 
rätselung mich seit langem beschäftigt. 1 So sehr auch diese Mitteilung 
unter den Einschränkungen leidet, die ihr die Person des Träumers 
und die inhaltlichen Beziehungen des Traumes auferlegen, erscheint 
sie doch durch einen besonderen Umstand begünstigt. Der Traum 
stammt aus einer Phase der Behandlung, wo bereits alle verfüg- 
bare Libido des Analysanden in die Übertragung eingefangen war 
und schöpft sein Material aus dem Verhältnis des Träumers zum 
Analytiker. So vermag er uns Einblick in die tiefsten seelischen 
Regungen des Träumers zu eröffnen, ohne dessen reale Lebens- 
beziehungen zu enthüllen, die seine Person verraten könnten. 

Nach diesen Vorbemerkungen führen wir den Traum an, wie 
ihn der Träumer erzählt: 

„Ich gerate in ein Eckzimmer — flüchte mich 
dorthin — oder verstecke mich dort — (unbestimmt) 
— stehe dann vor einem Fenster. Ich bewundere 
meinen mächtigen, großen, erigierten Penis und 
schwinge ihn mit der Hand. Dabei fließt Urin ab, 
sehr viel Urin... Obwohl die Fensterscheiben matt 
sind, werde ich ängstlich, man könnte mich sehen... 
Ich bemerke in der Schambehaarung ein weißes 



1 „Der revolutionäre Führer." Wird später veröffentlicht. 

Internat. Zeitsohr. f. Psychoanalyse, IX/3. 



24 



370 



Dr. Sändor Radö 



Haar, aber nein, es ist ja gar kein Haar, sondern 
ein Band oder eine Schleife." 

Zum Eckzimmer assoziiert der Träumer : „Schlafzimmer, die 
sind ja meistens Eckzimmer . . . Das Schlafzimmer der Eltern . . . 
Auch dies Zimmer da ist ein Eckzimmer, aber nein, es ist ja keines." 
Mit diesem Irrtum verrät der Analysand, daß im Traume mein 
Behandlungszimmer gemeint wird, das in Wirklichkeit kein Eck- 
zimmer ist. Wir können dann bald konstatieren, daß es doch ein 
Eckzimmer ist, nämlich ein Leck-Zimmer: die Wirtsleute, bei denen 
ich meine Behandlungsräume miete, heißen Leck und der Träumer 
kennt ihren Namen vom Türschild. „Auch das Zimmer ist ein 
Eckzimmer, wo Sie gestern Abend ihren Vortrag hielten." Dies 
ist nun wirklich ein Eckzimmer, im Eck eines L-förmigen Korridors 
gelegen, also auch ein L-Eck-Zimmer. Der Traum verdichtet meine 
Arbeitsräume, das Behandlungszimmer daheim und den Vortrags- 
saal in der Poliklinik. Von dem weiteren Einfall „Abort" — die 
matten Fensterscheiben — führen die Gedanken in die Vergangenheit 
und ins Infantile. An den Namen „Leck" knüpft eine andere 
Assoziationskette an, die durch die bekannte schmähende Auf- 
forderung zum Analen führt. 

Die Assoziationen zum Traumelement Fenster lassen sich 
nicht wiedergeben. Setzen wir also gleich seine symbolische 
Bedeutung ein, die mir aus vielen Analysen geläufig ist. Das 
Fenster ist ein typisches Symbol für die aktive und passive 
Betätigung des Schautriebes, hier für das Beschaut-werden. „Ich 
stehe beim Fenster" dürfen wir also übersetzen : „Ich entblöße 
mich, ich lasse mich beschauen." Aber auch er selbst beschaut 
sich, bewundert seinen „mächtigen, großen, erigierten 
Penis." Wir erkennen im Traumstück eine Art narzißtischen 
Rauschzustand, der in autoerotische Befriedigung ausläuft: „Dabei 
fließt Urin ab, sehr viel Urin . . " (Urin = Sperma). Objekt- 
beziehungen — allerdings mit narzißtisch-passiver Zielsetzung — 
deuten sich im Beschaut-werden an. 

Die Hervorhebung des mächtigen, großen Penis ist uns als 
die Überkompensation der Kastrationsangst gut bekannt und wir 
sind darauf vorbereitet, unter den traumerregenden Momenten 
irgendwo eine Kastrationsdrohung zu finden. Der Traumarbeit ist 
es auch nicht gelungen, die Kastrationsangst vollständig zu binden, 
denn bald wird die Glückseligkeit der Situation durch leichte 






Eine Traumanalyse 



371 



Angstentwicklung gestört. „Man könnte mich sehen": der 
Traum hat offenbar ein peinliches, mit Strafe drohendes Beobachtet- 
werden zum exhibitionistischen Wunschgegensatz verwandelt, der 
aber dem Durchbruch der Angst nicht fest genug standhält. 

Das weiße Haar in der Schambehaarung erinnert 
den Träumer an den weißen Bart seines Vaters. Die nächste 
Assoziation: „Der weiße Bart des Prof. Freud" führt ihn abermals 
in den Vortragssaal, wo er das Bildnis des Forschers hängen sah. 
Das weiße Haar verwandelt sich aber im Traume in ein Band oder 
eine Schleife. — Solche Verwandlungen von Gegenständen oder 
Personen in den Träumen entstehen bekanntlich durch Mißlingen 
der Verdichtungsarbeit des Traumes, zeigen uns eine Lücke in 
dessen Gefüge an, einen guten Angriffspunkt für die Deutung. — 
Zu Band oder Schleife fällt dem Träumer mein Vortrag ein, 
in dem er diese Worte gehört hat. 

Hier müssen wir die Fortführung der Deutung unterbrechen, 
um ein Stück aus der Vorgeschichte des Traumes nachzutragen. 
Am Abend, der dem Traume unmittelbar voranging, hielt ich einen 
Kursvortrag, dem auch der Träumer beiwohnte. Der Vortrag war 
der grundlegenden Charakteristik der Metapsychologie gewidmet, 
ging auf die Entwicklung der drei Betrachtungsweisen ein und 
versuchte durch die Herstellung wissenschaftsgeschichtlicher 
Zusammenhänge deren Verständnis zu vertiefen. Bei der Würdigung 
der seelischen Topik kam ich auf die neue Schrift von Freud 
„Das Ich und das Es" zu sprechen, die uns neue Vorstellungen über 
die psychische Struktur vermittelt. Es sei nicht meine Absicht, 
bemerkte ich, auf den Inhalt dieser Arbeit einzugehen, ich möchte 
nur ihre allgemeine Bedeutung aufzeigen, das Buch sozusagen mit 
einer Schleife umgeben, wie sie im Schaufenster des Buchladens 
neuerschienene Werke den Interessenten empfiehlt. Dies ist also 
das Band oder die Schleife, der sich die Traumarbeit bemächtigt, 
um sie im manifesten Traume dem Körper des Träumers anzu- 
legen. Wir verstehen jetzt : er identifiziert seinen eigenen Körper 
mit diesem Werke. „Das Ich" — ist er selbst, „das Es" — ist 
sein Penis, also zusammen „Das Ich und das Es". Ein Werk ist 
natürlich für die Traumsprache zugleich auch seinem Autor gleich- 
zusetzen und so sieht man, daß sich der Träumer hier in einer 
zweiten Darstellungsweise mit Prof. Freud identifiziert. Diese beiden 
Ausdrucksmittel der Identifizierung — die Buchschleife und das 

24* 



J 



372 



Dr. Sändor Radö 



weiße Haar — vermochte eben der Traum nicht zu einer Einheit 
zusammenzuschweißen. 

Die Assoziationen des Träumers beschäftigen sich dann mit 
der Kritik meiner Person und meines Vortrages. Er konnte meine 
Ausführungen nicht recht verstehen, es war vielleicht zu tiefsinnig 
oder eher ganz unsinnig, was ich sprach. Die Anerkennung eines 
guten, populären Redners wolle er mir aber nicht versagen, denn 
es lasse sich nicht leugnen, daß das ganze Auditorium mit gespannter 
Aufmerksamkeit meinen Ausführungen gefolgt sei. Dies könne er 
aber lediglich der rednerischen Wirkung zuschreiben. Ich verstünde 
es eben, wie jeder Volksredner oder Wortführer, mit meinen 
schönen Phrasen die Hörer für eine Sache zu begeistern. 

Dieses Material läßt mit aller Deutlichkeit die latenten 
Gedanken hervortreten, die im manifesten Trauminhalt Ausdruck 
finden. Wir sehen dabei, wie sich der Traum der bildlichen Elemente 
einer gehörten Rede bemächtigt, was ihm die Mühe erspart, abstrakte 
Vorstellungen ins Visuelle erst umzusetzen. Der Träumer nimmt 
also im Traume das Band für seine Person in Anspruch, mit dem 
meine Redewendung das Freudsche Werk umgab. Das läßt nur 
eine Auslegung zu. Die Identifizierung mit Prof. Freud dient ihm 
offenbar zur Erfüllung des Wunsches, mein Vortrag möge seiner 
Persönlichkeit und seinen Leistungen gewidmet sein. Im Traume 
ist er der Bewunderte, mit großartigen Fähigkeiten ausgestattete 
Mann, der seine befruchtenden Ideen der Welt überläßt. (Die 
befruchtenden Ideen — der abfließende viele Urin = Sperma.) Mich 
setzt er von der Würde seines Analytikers und Lehrers herab, ich 
darf mich aber in der bescheidenen Rolle eines guten populären Inter- 
preten um die Würdigung seiner hohen Persönlichkeit bemühen. 

Als ich dem Träumer dieses Stück der Deutung vorschlug, 
stellte sich bei ihm sofort die bestätigende Erinnerung ein, er habe 
schon am Vormittag des Tages, andern dann der Vortrag statt- 
fand, die Phantasievorstellung gebildet, ich werde über ihn einen 
Vortrag halten. Allerdings über seine Neurose, die durch ihre Eigenart 
wissenschaftliche Bearbeitung verdient. Der Nachttraum des Analy- 
sanden ist offenbar eine Reaktion auf meinen Vortrag; wir sehen 
jetzt, wie er durch eine Tagesphantasie vorbereitet wurde, die den 
Vortrag antizipiert hat. 

Vor dieser Tagträumerei hatte der Analysand bereits den 
flüchtigen Gedanken, daß er einen wissenschaftlichen Vortrag 



Eine Traumanalyse 



373 



halte. Seine Auseinandersetzung mit mir anläßlich des Vortrages 
hat also drei Entwicklungsphasen durchlaufen. Auf der ersten 
Stufe befindet er sich in der Einstellung der feindseligen Rivalität; 
er beseitigt mich und versetzt sich an meine Stelle. Die zweite 

— der intensiv erlebte Tagtraum — bringt den Fortschritt von 
der Identifizierung zur Objektbeziehung. Er beläßt mich in meiner 
realen Rolle, knüpft dies aber an die Bedingung, daß ich mich mit 
seiner Person beschäftige, also ihn liebe. Die dritte Etappe endlich, 
der Nachttraum, ergibt sich durch Umbildung aus der zweiten: 
ich soll ihn verehrend anerkennen und bewundern, was durch eine 
entsprechende Erhöhung seiner und Herabsetzung meiner Person 
erreicht wird. Schon die Identifizierung der ersten Phase hat es 
auf die Anerkennung (Liebe) der Hörer abgesehen; die zweite 
tauscht die Liebe der Hörer für meine Liebe ein, in der dritten 
sichert er sich dann beides, indem er mich gleichsam als Mittler 
zwischen die eigene Person und die Hörerschaft einsetzt. 

Der Analysand erzählt weiter, daß er sich eigentlich an der 
Diskussion beteiligen wollte, die sich meinem Vortrage anschloß, 
von diesem Vorhaben aber durch mein unliebenswürdiges Benehmen 
abgeschreckt wurde. Wie konnte ich nur — so lautet sein Vorwurf 

— die Ausführungen des einen Diskussionsredners so unerhört 
sarkastisch beantworten? „Man hätte ihn schonungsvoll über sein 
Unverständnis aufklären sollen und durfte seine Anregung nicht 
so kurz und gründlich abtun." 

In jener Diskussion ereignete es sich wirklich, daß ich die 
Besprechung einer weitabführenden philosophischen Frage, die von 
einem Redner gestellt wurde, aus guten Gründen abgelehnt habe. Ich 
tat es mit einem recht harmlosen Scherze, über den der Betreffende 
selbst mitgelacht hat. Die kleine Szene bot also sicherlich keinen 
realen Anlaß zu der extremen Auffassung, die sich in den Asso- 
ziationen des Träumers ankündigt, noch weniger erklärt sie den 
erregten Affekt seiner Rede. Er steht also offen bar unter der Herr- 
schaft eines unbewußten Momentes, das sich aus seinen Einfällen 
sofort erraten läßt. Indem er mein Gespräch mit dem Kursteilnehmer 
in arger Übertreibung als eine „vernichtende geistige Niederlage" 
desselben darstellt, faßt er mein Vorgehen unbewußt als Kastration 
auf und versetzt mich damit in die Rolle des Kastrators. Seine plötz- 
liche Einschüchterung war demnach der Effekt einer unbewußten 
Kastrationsbefürchtüng, die in ihm durch den Vorfall geweckt wurde. 



374 



Dr. Sdndor Radö 



Diese Aufklärungen entsprechen ganz der Erwartung, die wir 
zu Beginn der Deutung dem Material entnommen haben ; wir merken 
auch, daß sich jetzt die oberste Gedankenschichte des Traumes 
einem klaren Zusammenhang einordnet. Der Analysand hat sich 
am Tage auf den passiv-libidinösen Wunsch eingestellt, daß der 
Arzt über seine Neurose einen Vortrag halten, d. h. ihn lieben soll. 
Die Ereignisse des Abends erwecken aber seine Kastrationsangst; 
er holt sich gleichsam aus ihnen die Bestätigung, daß er sich von 
diesem Vaterersatz nicht ohne weiteres lieben lassen kann, weil 
ihm das den Penis kosten würde. Der unerledigte Liebeswunsch 
des Tages regt dann die Traumbildung an, stößt aber dabei neuerlich 
auf die Kastrationsbefürchtung. Wir haben schon erfahren, wie es 
dem Traume gelingt, beiden Regungen gerecht zu werden. Er 
selbst (der Träumer) nimmt im Traume die Stelle des mächtigen 
Übertragungsvaters (richtiger: Großvaters) ein, besitzt dessen groß- 
artige Fähigkeiten (Penis), während er zugleich seinen analytischen 
Vater herabsetzt, also kastriert. Von entscheidender Wichtigkeit 
ist es nun, daß er sich dabei von dem bereits unschädlich gemachten 
Vater bewundern (lieben) läßt, den passiven Liebeswunsch also mit 
Umgehung der Kastrationsangst durchsetzt. Spricht er doch dem 
Analytiker nur die wissenschaftlichen Fähigkeiten ab ; die Redner- 
gabe, die der Träumer in den Dienst (Liebesdienst) seiner eigenen 
Person stellen kann, wird ihm belassen. 

Dieses vorbewußte, vom Wachdenken herrührende Gedanken- 
material ist durchaus von zielgehemmten (zärtlichen) und sublimierten 
libidinösen Strebungen beherrscht. Eine direkte, sinnliche Sexual- 
regung ist nirgends zu sehen, auch die Kastrationsdrohung tritt 
als „geistige Kastration" auf sublimiertem Niveau in Erscheinung. 
Vielleicht ist es auf diesen Umstand zu beziehen, daß dann der 
unbewußte, grob sexuelle Anteil im manifesten Traume so unverhüllt 
zum Vorschein kommt, als wäre durch den scheinbar ganz asexuellen 
Charakter der traumerregenden Wünsche ihr Zusammenhang mit 
der grobsinnlichen Unterströmung vor|der Traumzensur zur Genüge 
verborgen, so daß sich der Traumarbeit die Zuflucht zur symbolischen 
Darstellung erübrigt. Für unsere gesicherte analytische Erfahrung 
wird es dabei als selbstverständlich erscheinen, wenn sich der 
unerledigte Tagesrest an zielgehemmten und sublimierten Libido- 
regungen unter den Bedingungen des Schlafes aus dem Unbewußten 
zur sexuellen Vollströmung ergänzt. Derauf ein „Gewürdigt- werden" 



Eine Traumanalyse 



375 



gemilderte passive Liebeswunsch des Analysanden erreicht durch 
einen gleichgerichteten unbewußten Beitrag volle — schlafstörende 
und traumbildende — Stärke, hat sich aber dabei der ursprüng- 
lichen, infantilen Zielsetzung des Unbewußten zu fügen. Wie dies 
vor sich ging, werden wir gleich erfahren. 

Greifen wir auf das erste Traumelement zurück, auf das 
„Eckzimmer", dessen Gedankenkreis wir bisher außer acht ließen. 
Ich erinnere an die Einfälle „Schlafzimmer der Eltern", „Abort", 
sowie an das anschließende Gedankenmaterial, das oben nur 
angedeutet wurde. Die Aufklärung dieses Traumstückes hat sich 
als besonders schwere Aufgabe erwiesen und ist auch nicht voll- 
ständig gelungen. Wir glaubten in ihm die Darstellung einer 
Mutterleibsphantasie erblicken zu dürfen: der Träumer befindet 
sich im Arbeitsraume des (analytischen) Vaters, also im Leibe der 
Mutter. Die Phantasie ist auf der Stufe der analen Geburtstheorie 
gebildet, sie erfaßt das Körperinnere der Mutter als einen mit 
Darminhalt gefüllten Hohlraum („Abort"). Als Absicht dieser 
Phantasiebildung ergab sich aus den Andeutungen des Materials 
der Wunsch, an Stelle der Mutter vom Vater koitiert zu werden. 
Was sich am Tage als Zärtlichkeitsregung angekündigt hat, 
bricht so im Schlafe als grobsinnliches Verlangen des Unbewußten 
durch, und veranlaßt den erfüllenden Traumvorgang. Allein der 
Traum stößt auf das Hindernis der Kastrationsangst, die ein 
Erlebnis des Tages geweckt hat. Wir merken, es ist derselbe 
traumbildende Wunsch und die nämliche störende Einwirkung, wie 
sie F r e u d in seiner klassischen Traumanalyse „Aus der Geschichte 
einer infantilen Neurose" 1 beschrieben hat. Dort hatte sich die 
Störung als unüberwindlich erwiesen, die Wunscherfüllung scheitert 
und der Traum läuft in einen Angsttraum aus. 

Unser Fall zeigt einen anderen Ausgang. Der Sachverhalt 
legt uns die Vermutung nahe, daß der Traum die im Scheitern 
begriffene Lösung rasch fallen läßt, um es mit einer andern zu 
versuchen. Ich entlehne diese Auffassung den vortrefflichen Beob- 
achtungen, die Ferenczi einmal über die Traumarbeit mitgeteilt 
hat. 2 Der Traum lenkt in kunstvoller Weise von einem nicht 



1 Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 5. Folge. 

2 „Der Traum bearbeitet den das Seelenleben gerade beschäftigenden 
Gedanken von allen Seiten her, läßt das eine Traumbild bei drohender Gefahr 
des Mißlingens der Wunscherfüllung fallen, versucht es mit einer neuen Art 



376 



Dr. Sändor Radö 



gangbaren Weg auf den zum Ziele führenden ein, wobei die bereits 
geformten Traumstücke für die Zwecke des neuen Zusammenhanges 
Verwendung finden. Die unbestimmt gehaltenen Angaben des Träu- 
mers: „Ich gerate" in das Eckzimmer, „flüchte mich dorthin 
oder verstecke mich dort" scheinen ihrem ursprünglichen Sinne 
nach der ersten, verworfenen Traumkonzeption anzugehören, 
während sie dann in ihrer zweiten Bedeutung den Abbruch der Szene 
und den Übergang zum endlichen Traumbild darstellen. Man darf 
dieses Traumelement bei unserem stark narzißtischen Träumer als 
doppelschichtige „funktionale Symbolik" im ursprünglichen Sinne 
S über er s auffassen; es veranschaulicht das Gewährenlassen des 
Triebbedürfnisses als sehnsüchtiges Sichverkriechen in den Mutter- 
leib, sodann die Furcht vor den Folgen des Triebanspruches als 
ängstliche Flucht aus diesem Versteck. 

Wie vollzieht sich nun diese Wendung des Traumes? Offen- 
bar muß ihr eine entsprechende Umstellung des unbewußten 
Traumwunsches zugrunde liegen. Wir können uns den Hergang 
so vorstellen, daß die drohende Angstentbindung den Verzicht auf 
das Koitusverlangen des Unbewußten erzwingt und die Ersetzung 
dieser Triebregung durch die andere des Sich-beschauen-lassens 
herbeiführt. Nach vollzogener Zielverwandlung kann die passive 
Einstellung zum Vater im Traume Befriedigung finden. Immerhin 
hat dabei .die Objektlibido etwas von ihrer Stärke eingebüßt, sie 
tritt ihren Rang als führender traumbildender Faktor einem mit 
voller Wucht einsetzenden narzißtischen Triebbedürfnis ab. Die 
erwachende Kastrationsbefürchtung hat den Narzißmus des 
Träumenden verletzt und ihre Überwindung wird jetzt zur Haupt- 
aufgabe des Traumes. Als Überkompensation der Kastrationsangst 
stellt sich, wie wir bereits gesehen haben, ein förmlicher narzißtischer 
Jubel über den Besitz des kostbaren, mächtigen Penis ein, wahr- 
scheinlich mit Hilfe eines Betrages von Objektlibido, das dabei aus 
der Vaterposition ins Ich zurückgezogen wird. Mit dem Fortschritt 
des Traumvorganges geht also eine partielle Regression von der 
Objektstufe zum Narzißmus einher. 

Soweit etwa wurde das Verständnis des Traumes unmittel- 
bar nach seiner Erzählung gefördert. In späteren Sitzungen konnten 

der Lösung, bis es ihm endlich gelingt, eine, die beiden Instanzen des Seelen- 
lebens kompromissuell befriedigende Wunscherfüllung zu finden". (Über lenk- 
bare Träume, Zentralbl. f. Psychoanalyse, 1912.) 



Eine Traumanalyse 



377 



wir dann die Deutung um ein bedeutsames Stück ergänzen, nach- 
dem der Träumer früher zurückgehaltenes Material der Analyse 
preisgab. Es zeigte sich, daß der Traum eine libidinöse Objekt- 
beziehung enthält, deren Sinn weit über das Sich - bewundern- 
(beschauen)-lassen hinausgeht. Die kecke Exhibition des Traumes 
(„ich schwinge den Penis mit der Hand") erwies sich 
als eine Aufforderung an mich, ich möge seinen Penis liebkosen, 
an seinem Gliede saugen. Dies war auch der richtige Sinn der 
Assoziationen, die an den Namen „Leck" anknüpften, und die wir 
vorerst nur auf das Anale bezogen hatten. Mithin ist auch in der 
zweiten Traumkonzeption der passiven Liebeseinstellung zum 
Vater eine Identifizierung mit der Mutter zugrunde gelegt. Er 
befindet sich im „Leck-Zimmer" bedeutet: er ist ein Frauenzimmer, 
an dessen Brust geleckt, gesaugt wird. Der verworfene Traum- 
wunsch entsprach der Formel: der Vater soll mich koitieren, wie 
er es mit der Mutter tat; der zweite, in Szene gesetzte lautet 
dann : der (kastrierte) Vater soll an meinem Penis saugen, wie ich als 
Kind an der Mutterbrust gesogen habe. 

Das gleichzeitige Festhalten am Besitze des Penis — der 
„männliche Protest" — und an der femininen Einstellung der 
Mutteridentifizierung — wohl ein weiblicher Protest — ver- 
einen sich hier zu einem höchst merkwürdigen Resultat. Der 
Träumer hat zwar sein kostbares Glied behalten, es ist aber als 
aktives Sexualwerkzeug entwertet, zu einem Ebenbild der Mutter- 
brust geworden. Gleich zu Beginn der Deutungsarbeit äußerte der 
Analysand, der Urin im Traume sei kein richtiger Urin gewesen, 
denn er hatte eine dickflüssige Konsistenz und war von eigen- 
artiger Farbe. Ich meinte damals, der Traum hätte ein Misch- 
gebilde aus Urin und Sperma produziert und deutete es als Sperma. 
Jetzt durfte die Analyse als dritten — wohl wichtigsten — 
Bestandteil dieser organischen Komposition die Muttermilch 
agnoszieren, die auch in Wirklichkeit durch einen penisförmigen 
Körperteil entleert wird. Was man zunächst nur als Ejakulations- 
akt auffassen konnte, erweist sich jetzt als ein verführerisch- 
anlockendes Herausspritzen von „viel, viel" — Milch. 

Durch das Einfügen dieses fehlenden Stückes in die Struktur 
des Traumes fällt auch auf dessen vorbewußte Gedankenschicht 
neues Licht. Jetzt sieht man erst mit voller Klarheit, wie die 
höhere Geistestätigkeit des Träumers in allen Einzelheiten durch 



Dr. Sändor Radö 



die terdrängten libidinösen Triebansprüche beherrscht wird, deren 
Bewältigung sie in der Sublimierung anstrebt. Erst will der 
Träumer sich, seine Neurose der wissenschaftlichen Bearbeitung 
des Analytikers preisgeben, schrickt dann vor einer vermeintlichen 
Kastrationsdrohung, die er auf sein Intellekt bezieht, zurück, und 
führt nun seinerseits die intellektuelle Kastration am Analytiker 
aus, indem er ihm die wissenschaftliche Befähigung abspricht; 
zugleich aber beeilt er sich schmeichlerisch dessen Rednergabe 
(„Zungenkunst") zu rühmen, als wollte er sagen: mit deinem 
Munde sollst du mich lieben. Dieser Wunsch wird dann in der 
Traumphantasie auf eine ganze Schar von Jüngern (= Kinder 
= Hörer des Kurses) ausgedehnt, sie alle sollen sich, unter der 
Führung des Analytikers an der von ihm gespendeten geistigen 
Nahrung (= Milch) satt saugen. Der Befriedigung durch das 
väterliche Genitale konnte er sich nicht ergeben. Zum Ersatz 
bietet er dem entmannten Vater die Brüste seiner Wissenschaft- 
lichkeit, sichert sich so die passive Lust der stillenden Mutter und 
darf zugleich durch Identifizierung die unvergeßliche Wonne 
des saugenden Kindes mitgenießen. (In den Assoziationen: die Hervor- 
hebung der gespannten Aufmerksamkeit, mit der das Auditorium 
meinen Ausführungen folgte.) 

Ich kann es nun sehr kurz angeben, welche Bedeutung diesem 
Traume für die Analyse des Träumers zukommt. Der Traum ist 
die getreue Reproduktion eines entscheidenden Stückes seiner 
infantilen Sexualentwicklung und klärte den vielleicht bedeut- 
samsten Teil seiner Neurose auf. Ich möchte hier noch einmal den 
Ablauf des Traumvorganges darstellen: „Der Vater soll mich per 
Anum koitieren — das darf ich nicht zulassen, weil er mich dazu 
kastrieren müßte — ich kastriere den Vater — er soll an meinem 
Penis saugen". Diese Formel beschreibt vollinhaltlich den negativen 
Ödipuskomplex des Träumers; die Analyse konnte ihr eine Fülle 
früher nicht verstandenen Materials subsumieren und durfte in 
ihrer Verarbeitung die entscheidende therapeutische Aufgabe 
erblicken. Ich habe in der Traumanalyse alles beiseite gelassen, 
was sich auf die Lebensverhältnisse des Träumers bezog und kann 
auch über seine Neurose nur allgemein gehaltene Andeutungen 
und theoretische Konstruktionen geben. Ich verkenne es nicht, 
wie blaß und eindruckslos solche Abstraktionen sind, wenn man 
dem Leser die lebendige Wirklichkeit, die hinter ihnen steht, vor- 



Eine Traumanalyse 



379 



enthält ; aber wir wissen ja, daß diesem Übel der psychoanalytischen 
Darstellung nicht abzuhelfen ist. 

Alle Schwierigkeiten, die Kindheitsgeschichte des Analysanden 
aufzuhellen, haben sich aus dem Umstände ergeben, daß die Phasen 
seines soeben isoliert dargestellten negativen Ödipuskomplexes 
in Wirklichkeit mit den Manifestationen eines führenden positiven 
Ödipuskomplexes durchzogen waren. Ich will aus all diesen unend- 
lich komplizierten Kreuzungen und Verquickungen beispielsweise 
nur ein Moment anführen. Der Wunsch, an seinem Genitale lieb- 
kost zu werden, war bei ihm ursprünglich auf ein weibliches Objekt 
gerichtet, auf eine Kindermagd, und wurde dann nach einer Ent- 
zweiung mit dieser, als Zielsetzung in das Liebesverhältnis zum 
Vater hinübergenommen. 

Wir müssen hier von diesen Verwicklungen des Falles ganz 
absehen und wollen dafür das Endergebnis, zu dem die homo- 
sexuelle Libidoentwicklung der Kindheit führt, einer vergleichenden 
Betrachtung unterziehen. Und zwar ist es naheliegend, den Fall 
mit der von Freud beschriebenen „Infantilen Neurose" (1. c.) in 
Parallele zu setzen. Dort ist bekanntlich der kleine Knabe nach 
Verdrängung seines auf den Vater zielenden passiven Koitus- 
wunsches an einer Wolfsphobie erkrankt, die in der Befürchtung 
gipfelt, von diesem Vaterersatz gefressen zu werden. Seine Sexual- 
strebung hält also, wie Freud ausführt, in der Neurose am selben 
Objekt und an der nämlichen passiven Zielsetzung fest, sie ist nur 
regressiv vom genitalen Niveau auf die kannibalistische Stufe 
zurückgewichen. In unserem Falle finden wir die gleiche Konstel- 
lation: Festhalten und Herabsetzung des Objekts auf die orale 
Stufe bei Wahrung des passiven Triebzieles, nur wird hier die 
neue Einstellung ohne Neurose, gleichsam als normales Produkt 
der Libidoentwicklung erworben, da sie nicht zur Angst führt, 
sondern Lust verspricht. 

Es ist leicht zu erraten, daß der so verschiedene Ausgang 
durch eine Verstärkung der Mutteridentifizierung bedingt ist, die 
sich in der Geschichte des hier geschilderten Falles nach der Ver- 
drängung der Homosexualität hergestellt hat und deren Wieder- 
belebung auf neuer Basis ermöglichte. In der Wolfsphobie ist die 
Passivität des Sexualzieles beibehalten, aber die feminine Ein- 
stellung der Mutteridentifizierung aufgegeben — sie war ja ein 
Erfolg des männlichen Protestes. In unserem Falle setzt sich — 



380 



Dr. Sändor Radö 



wie schon erwähnt — trotz des männlichen Protestes auch die 
feminine Einstellung durch, mit dem Effekt, daß das Kind nicht 
zu befürchten braucht, in toto vom Vater gefressen zu werden, 
sondern ihm ein Körperprodukt (Urin = Milch) als lustvollen 
Fraß überlassen kann, wie es einst die Mutter tat. In der Wolfs- 
phobie geht die Regression auf die sadistisch-orale, in der Sauge- 
situation auf die praeambivalent-orale Organisationsstufe zurück, 
im Sinne der neuerdings von Abraham eingeführten Unter- 
scheidung. 

Ich bin so ausführlich auf die Würdigung dieser Differenz 
eingegangen, weil in ihr ein für die spätere Geschichte des Falles 
entscheidendes Moment niedergelegt ist. Zwar wird auch die als 
frühinfantiler Säugeakt retablierte Homosexualität durch die reale 
Versagung der Kindheit dem Untergange verfallen, aber sie erweist 
sich in hohem Ausmaße sublimierungsfähig und kann später zu 
Mehrleistungen führen, oder neuerdings gescheitert in Neurose 
umschlagen. Damit wollen wir auch die infantile Sexualperiode 
verlassen, um ebenso fragmentarisch die Lebensschicksale kennen 
zu lernen, die der Herangereifte von der Pubertätszeit bis zur 
Analyse mitgemacht hat. 

Bei sehr stark ausgeprägter bisexueller Anlage und einer 
bewegten Kindheit war ihm die Aufgabe gestellt, die verschiedenen 
Strömungen seines „vollständigen Ödipuskomplexes" 
(Freud), die dazu nach mehreren Stufen der Libidoentwicklung 
gespalten waren, in ein möglichst einheitliches Sexualstreben 
zusammenzufassen. Diese Aufgabe wurde in einer verhältnismäßig 
einfachen Weise gelöst, aber die Neurose ließ sich nicht vermeiden. 
Seine mehrfach geschichtete Homosexualität wurde vollständig 
beiseite geschoben, er ist in seiner direkten Sexualbetätigung 
durchgängig heterosexuell geblieben. Die Überwindung des positiven 
Ödipuskomplexes ist ihm mehr-minder geglückt; er hat den 
Fortschritt zum realen Sexualobjekt vollzogen, und erwies sich, 
von geringeren Potenzstörungen abgesehen, in dem bescheidenen 
Ausmaße liebesfähig, den sein nicht geringer Narzißmus zugelassen 
hat. Ein ansehnlicher Betrag von homosexueller Libido wurde 
der Sublimierung zugeführt und stand ihm für soziale Verwendung 
zur Verfügung. An der Bewältigung dieser sublimierten Libido ist 
er dann in entscheidender Weise gescheitert, denn sie hat ihre 
Herkunft aus dem Verdrängten nicht verleugnet und versetzte 



Eine Traumanalyse 381 

sein ganzes soziales Gehaben unter einen unerbittlichen Zwang, 
dessen Wesen durch die nicht überwundene negative Ödipus- 
konstellation festgelegt war. Das soziale Verhalten des durch- 
schnittlichen Normalmenschen ist durch eine nicht unerhebliche 
Anpassungsfähigkeit ausgezeichnet, die ihm in seinen Zielsetzungen, 
in der Auswahl der Mittel und Wege innerhalb gewisser Grenzen 
eine vernünftige Rücksichtnahme auf die Verhältnisse der aktuellen 
Realität gestattet. In unserem Falle wird die Lebensarbeit nach 
einem starren und unabänderlichen „Klischee" verrichtet, das sich 
stets von neuem reproduziert, mag es seine Untauglichkeit noch 
so genügend bewiesen haben. Dadurch gestaltet sich der Fall zu 
dem, was nach dem Vorschlage Alexanders den Namen einer 
„Schicksalsneurose" verdient. Doch vergessen wir nicht: 
indem ich hier Hetero- und Homosexualität einer Person so 
reinlich voneinander scheide und ihre Neurose ganz auf die letztere 
beziehe, so ist das natürlich eine vergröberte Schematisierung, 
die sich aber durch praktische Momente rechtfertigt. 

Wie ist nun dieses Klischee der Neurose geformt ? Etwa so : 
In allen Lebenslagen orientiert sich das Verhalten des Analysanden 
nach einer Mannesperson, die er zum Vaterersatz erhebt. Er will 
im Sinne der unzerstörbaren alten Gefügigkeit sich seine Liebe 
sichern — eine Phase, die er meistens mit großer Geschwindigkeit 
durchläuft. Denn früher oder später entdeckt er mit einer Treff- 
sicherheit, die ihre Absicht nie verfehlt, feindselige, gegen ihn 
gerichtete Tendenzen im Benehmen des Wahlvaters — nötigenfalls 
hat er sie selbst provoziert — auf die er dann mit Kastrations- 
befürchtung reagiert, ganz wie wir es im Spiegelbilde seines 
Traumes gesehen haben. Es setzt ein leidenschaftlicher Haß 
mit trotziger Auflehnung gegen den Vater ein; zugleich Beginn 
einer eifrigen sozialen Tätigkeit, die es auf das Gewinnen von 
Anhängern und auf reale Erfolge absieht. Sie entspricht dem 
Streben nach jenem Geliebtwerden von den vielen Kleinen, 
das ihm das nichterreichbare Geliebtsein von dem einenGroßen 
ersetzen soll, also der zweiten Plattform seiner femininen Ein- 
stellung. Diese Situation ist unzweifelhaft passagerer Natur, zu 
bleibender Existenz nicht fähig, und verrät deutlich ihr endliches 
Ziel. Die Liebe der Kleinen, der Erfolg, soll ihn in seiner narziß- 
tischen Männlichkeit (im Besitze des Penis) befestigen. Wenn er 
den Vater überflügelt und seine Anerkennung erzwingt, so ist 



382 



Dr. Sändor Radö 



dieser kastriert und als Kastrator unschädlich gemacht. Dann darf 
die Sehnsucht der primären femininen Einstellung Erfüllung finden, 
er kann sich bleibend der Liebe des Vaters hingeben, die seinen 
Penis nicht mehr gefährdet. Was sich so in der Neurose in 
gesonderte Phasen zerlegt — (Geliebtwerden durch die Kinder — 
Kastration des Vaters — Geliebtwerden durch den zum Kinde 
gemachten Vater) — erschien im Traume zu einer wunscherfüllenden 
Einheit verdichtet. 

In der Neurose bringt er es wohlgemerkt niemals so weit ; 
das endliche Abzielen auf die Erfüllung der Vatersehnsucht ist 
zwar mit Sicherheit zu konstatieren, aber er bleibt tatsächlich in 
der zweiten, rebellischen Einstellung stecken. Er ist nämlich in seiner 
Leistungsfähigkeit durch schwere Arbeitshemmungen gelähmt, 
die ihm den ersehnten Erfolg zu erreichen einfach nicht gestatten. 
Aus der zusammengesetzten Struktur dieser Hemmungen möchte 
ich nur das Leitmotiv hervorheben, das als Gegenströmung zur 
Kastrationsangst in der Gestalt eines Kastrationswunsches sein 
Seelenleben durchzieht. Die trotzige Auflehnung gegen den im 
Grunde sehnsüchtig begehrten Vater („Ich werde es Dir schon 
zeigen") gestaltet sich zu einer sehr ergiebigen Quelle von — 
meistens nicht bewußten — Schuldgefühlen, die aus einer tiefen, 
bedingungslos femininen Einstellung (wahrscheinlich konstitutionell) 
libidinisiert, eine Art masochistisch-straferfüllender Selbstkastration 
erzwingen, die sich in dem Verbote Ausdruck verschafft: „Du 
kannst es ihm nicht zeigen, Du darfst seine männliche Größe nie 
erreichen" — geschweige denn sie übertreffen. 1 

Wäre diese verhängnisvolle Strömung nicht am Werke, so 
könnte sich die libidinöse Runde — vom Vater über die Kinder zurück 
zum Vater — in befriedigender Weise schließen. So aber läuft die 
Arbeit der Neurose in ein endloses Ringen aus ; Trost und Linderung 



1 Zur Korrektur dieser abkürzenden Darstellung sei hier bemerkt, daß 
in der Auflehnung gegen den Vater mit dem dargestellten Motiv auch die 
gleichsinnige Strömung aus der positiven Ödipuseinstellung zusammenwirkt; 
in der analytischen Arbeit verleiht sie ihr sogar meistens die oberflächliche 
Färbung, während das ökonomisch entscheidende homosexuelle Motiv in der 
Tiefe verborgen bleibt. Entsprechend verstärken sich die Schuldgefühle der 
Vatersehnsucht mit der Gewissensreaktion auf das Inzestverlangen nach der 
Mutter. Der ganze Sachverhalt zeigt in vorbildlicher Weise, wie aus den 
heterogenen Regungen des „vollständigen Ödipuskomplexes" einheitliche 
Strebungen hervorgehen. 




Eine Traumanalyse 



383 



bieten nur die perennierenden Wunschphantasien, die den real 
nicht erreichbaren großartigen Lebenserfolg vorwegnehmen. Diese 
Phantasien sind einfach gebaut und beruhen auf der Identifizierung 
mit großen Männern unserer Zeit (Tolstoi, Haeckel u. a. m.). Die 
Identifizierung mit Prof. Freud, die uns im Traume begegnete, 
ist das abschließende Glied einer Reihe und die ihr entsprechende 
Phantasie eine Neuauflage älterer Vorbilder. 






Heiliges Geld in Melanesien. 

Von Dr. Geza Röheim. 

Jede Wissenschaft entwickelt allmählich ihre eigene Methode, 
nicht etwa auf abstrakt-logischer Grundlage, sondern aus der 
Empirie der stets wachsenden Materialkenntnis. In der Vorzeit 
der Ethnologie glaubte man, daß die auffallenden Übereinstimmungen 
in den Sitten weit voneinander wohnender Völker nur durch 
Wanderung oder Urverwandtschaft erklärt werden könnten. Dann 
wurde die Zahl der anzunehmenden Wanderungen so groß, die 
Fülle der Übereinstimmungen so verblüffend, daß man das Spiel 
lieber ganz aufgab. Man entdeckte so die allgemeinen Gesetze des 
Menschengeistes, die Elementargedanken. Aber das Material war 
im steten Anwachsen begriffen, es reichte jetzt schon aus, um 
Monographien über geschlossene Gebiete zu schreiben ; neben dem 
Allgemeinen ließ sich auch das Spezifische, wir können auch sagen 
das Historische herausarbeiten. Die historische Ethnologie ist 
freilich noch immer keine Geschichtswissenschaft, denn sie konstru- 
iert ja das zeitliche Nacheinander aus einem räumlichen Neben- 
einander. Sie hat jedoch der rein „evolutionistischen" Ethnologie 
voraus, daß sie doch einige Schritte in die Tiefe gehen kann, 
indem sie das Nebeneinander der Erscheinungen auf engumgrenztem 
Gebiete zum Ausgangspunkt nimmt, während die „evolutionistische" 
Schule, da sie sich dieses wichtigen Hilfsmittels — es entspricht 
etwa der freien Assoziation in der Analyse — beraubte, zu rein 
aprioristischen, von einer völlig veralteten Psychologie inspirierten 
Schemata ihre Zuflucht nahm. Freilich droht jetzt die neue 
Gefahr eines geistlosen, nichts erklärenden Historizismus. Ich 
hoffe nun zu zeigen, wie wir mit Hilfe der historischen Ethnologie 
die Schicksale der Völker und sozialen Einrichtungen in ihrer 
gegenseitigen Bedingtheit in die Vergangenheit verfolgen und von 
hier aus mit Hilfe der Psychoanalyse bis zu den ur- und vor- 



Heiliges Geld in Melanesien 



385 



menschlichen Schichten herabsteigen können. In diesen Urschichten 
liegt aber das allen Gemeinsame, hier konvergieren die Linien, die 
von den verschiedensten Kulturkreisen gezogen werden, in einem 
Punkte und von hier aus läßt sich dann auch der Rückweg zu 
einer allgemeinen psychoanalytisch orientierten Ethnologie finden. 
Ergebnisse, die am melanesischen Material gewonnen werden, 
gelten zwar in vollem Maße eben nur für dieses Gebiet, deuten 
aber doch Möglichkeiten an, deren Anwendung auf andere Menschen- 
gruppen auch Klarheit in Verworrenes zu bringen imstande ist. 
Im folgenden sei der Versuch unternommen, einige Schritte 
auf dem langen Wege der- „Phylogenie des Geldinteresses", wie 
sie F e r e n c z i als Parallele zu seiner „Ontogenie" mit 
Recht fordert, vorzudringen. 1 Wir sprechen vom „heiligen 
Geld" 2 in Melanesien, denn das Geld heißt auf der Gazellehalb- 
insel tabu 3 und das bedeutet ja, wie bekannt, verboten oder 
heilig. Bei den Duke of York-Insulanern heißt es diwara, irf Neu- 
Britannien tambu, in Neu-Irland aringit. Hergestellt wird es aus 
einer kleinen Muschelart, Nassa immersa, die in Nakanai an der 
Nordküste von Neu-Britannien, hauptsächlich an den Wurzeln der 
Mangrove-Bäume gefunden wird. In der Heimat besitzt die Muschel 
nur geringen Wert als Tauschobjekt, doch wandert es von Dorf 
zu Dorf, bis es zu den Einwohnern der Gazellen-Halbinseln, den 
eigentlichen Abnehmern dieses Geldes, gelangt. Einen hohen Wert 
erlangt das Geld aber erst, wenn es durch viele Hände gegangen 
und dadurch seine ursprüngliche braune Farbe eingebüßt und ein 
bleiches Äußere bekommen hat. 4 Aus unseren Quellen kann man 
sich davon überzeugen, daß es sich hier schon um eine ziemlich 

1 Siehe Ferenczi: Zur Ontogenie des Geldinteresses. Zeitschr. II. S. 512. 
„Es ist zu erwarten, daß die phylogenetische und kulturgeschichtliche Ver- 
gleichung des hier geschilderten individuellen Entwicklungsganges und der 
Entwicklung des Geldsymbols, beim Menschengeschlechte überhaupt, einen 
Parallelismus nachweisen wird." 

2 Hahl: Nachrichten über das Kaiser- Wilhelms-Land. 1897. 74. 

3 Vergleiche H. Schurtz: Grundriß einer Entstehungsgeschichte des 
Geldes 1898. 39—49. Heiliges Geld. 

* G. Brown: Melanesians and Polynesians 1910. 294, 296. W. Po w eil: 
Unter den Kannibalen von Neu-Britannien 1884, 58. H. H. R o m i 1 1 y : The 
Western Pacific and New Guinea. 1887, 24. Danks: The shell money of New 
Britain. Journal of the Anthropological Institute. 1888. Andererseits findet sich 
auch die Angabe, daß das Geld je schwärzer, desto wertvoller ist: R, 
H. Codrington: The Melanesians. 1891. 323. 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 25 






386 



Dr. Geza Röheim 



fortgeschrittene Form der kapitalistischen Gesellschaft handelt; 
hohe Zinsen, unerlaubte Schliche, plutokratischer Hochmut und 
auch Hochstaplertum : der gebildete Europäer wird hier wirklich, 
wie Mephisto in der klassischen Walpurgisnacht, sagen müssen: 
„Ich dacht hier lauter Unbekannte, und finde leider Nahverwandte!" 
Doch der melanesische Hochstapler, der „tout comme chez nous" 
hohe Zinsen verspricht, um dann mit dem Kapital zu verschwinden, 
beruft sich seinen leichtgläubigen Kunden gegenüber nicht auf 
seine hohen Verbindungen in Minister- oder Bankdirektorenkreisen, 
er findet seine Stützen in der Geisterwelt, denn Geld ist eine 
„Geistersache" und kann durch Geister vermehrt werden. In 
manchen Gegenden hat man keine Kenntnis von der Herkunft 
des Geldes; man glaubt, es würde den Menschen von den Geistern 
gebracht und behandelt es mit einer gewissen heiligen Scheu. 1 
Wir haben es hier eben nur auf diesen Punkt abgesehen, wieso 
sich diese beiden Begriffe, das Heilige oder Verbotene und der 
Begriff des Geldes in Melanesien decken? 

Zunächst könnte man sagen, daß Tabu oder Tambu sei ja 
im wesentlichen eine Einrichtung zum Schutze des Privat- 
eigentums, 2 ein Verbotszeichen gegen Diebe und daher könnte 
eine Verschiebung der Benennungen leicht stattfinden. Codrington 
sagt : „Häuptlinge pflegten ihr Geld und andere Wertsachen zu 
Verstecken und die Stelle mit dem Tambu zu belegen (das heißt 
etwa unter einem Bann zu legen); jetzt, wo sich die Jugend nicht 
mehr um das Tambu kümmert, graben sie nach Schätzen und 
behalten, was sie finden." 8 Eine solche Erklärung kann uns 
freilich nicht befriedigen, denn Tambu ist ja nicht nur das 
Verbotene, sondern auch das Heilige. Des weiteren ist es, wie 
die Eingeborenen treffend bemerken, „eine Geistersache", es 
steht in engen Beziehungen zu den Geistern, das heißt zu den 
Seelen der Abgeschiedenen. 4 Dementsprechend steht diese 
Bezeichnung des Geldes als „heilig" nicht allein : auf den Salomo- 



1 R. Parkinson: Dreißig Jahre in der Südsee. 1907. 82, 83. 

2 Vergleiche W. H. R. Rivers: The History of Melanesian Society. 
1919. II. 219, 384,512. H. B. G u p py : The Solomon Islands and their Natives. 
1887. 32. 

3 R. H. Codrington: The Melanesians. 1891. 63. 

4 „The gods being no more than deceased Chiefs, the chief was regarded 
as a living god." R. Taylor: Te ika a Maui. 1855. 64. 




Heiliges Geld in Melanesien 387 

inseln heißt das Geld „rongo", ein Wort, welches sonst in 
Ozeanien und wahrscheinlich auch auf den Salomonen heilig 
bedeutet. 1 Mehr noch wie im profanen Leben spielt das Geld in der 
Geisterwelt eine Rolle. Um Aufnahme in die verschiedenen Geheim- 
bünde zu finden, muß man Muschelgeld erlegen und um einen 
Grad höher in der Hierarchie aufzusteigen, wieder Muschelgeld. 
Erscheint der Duk-Duk oder Tubuan bei den großen Festlichkeiten 
oder am Grab eines Toten, so fordert er Geld und immer wieder 
Geld. 2 Ebenso geht es im Totenkult zu. Man gibt dem Toten seine 
Schätze mit ins Grab und große Rollen von Muschelgeld werden 
an die Trauernden verteilt. 3 Hinzuzufügen wäre nur noch, daß 

1 W. H. R. Rivers: History. II. 390. Rongo im eigentlichen Sinne 
scheint nur das rote Muschelgeld gewesen zu sein und rot ist auch sonst 
die heilige Farbe. In Neuseeland finden wir Rongo personifiziert als Gottheit 
der Kulturpflanzen, hauptsächlich des Kumara. G. Grey: Polynesian Mytho- 
logy. 1855. 9—12. J. White: Ancient History of the Maori, his Mythology 
and Traditions. 1889. III. 97, 108. Ed. Tre gear : The Mäori Polynesian Com- 
parative Dictionary. o. J. 424. In Mangaia finden wir Tangaroa und Rongo als 
Zwillingskinder des Urelternpaares. Alles Rote gehört aber nicht, wie wir 
eigentlich erwarten würden, dem Rongo, sondern dem Tangaroa. Rongo ist ein 
Gott der Schatten, der schwarzen Farbe. Rot und schwarz zusammen, 
wäre das nicht Sadismus und Analerotik? Zumal da Rongo die 
Gottheit der Menschenopfer, des Krieges, einerseits, andererseits der Fülle, des 
Reichtums ist. Das Wort bedeutet auch „tödlicher Haß". „Kua noo Rongo i 
roto == tödlicher Haß erfüllte sein Herz." Als Gott der Unterwelt empfängt er 
Menschenopfer aber „the refuse i. e. the body when thoroughly decayed 
was thrown to his mother (Erdgöttin) who dwelt with Rongo in the shades 
in order to please her". Es mangelt auch nicht an Anknüpfungs- 
punkten an den Ödipuskomplex, beziehungsweise den Urhordenkampf, 
er ist Urheber des ersten Krieges und Vater seiner Enkeln. W. W. Gill; 
Myths and Songs from the South Pacific. 1876. 10—19. Es ist überflüssig, 
diese mythologischen Tatsachen im einzelnen zu deuten, ihr Sinn und 
Zusammenhang mit der „Heiligkeit" des Geldes wird sich dem Leser meiner 
obigen Ausführungen von selbst ergeben. 

2 Vergleiche Rivers: History of Melanesian Society. "1914. I. 64, 141, 
168, 169. Codrington: The Melanesians. 1891. 92. R. Parkinson: 
Dreißig Jahre in der Südsee. 1907. 81, 94, 579, 583, 587. H. H. Romilly: 
The Western Pacific and New Guinea. 1887. 32, 33. Powell: Neu-Britannien. 
65, 66. J. Meier: Mythen und Erzählungen der Küstenbewohner der Gazelle- 
halbinsel. 1909. 115. Brown: Melanesians and Polynesians. 63, 64. 

3 F. B u r g e r : Die Küsten- und Bergvölker der Gazellehalbinsel. 
Studien und Forschungen zur Menschen- und Völkerkunde. XII. 1913. 32. 
R. Thurnwald: Forschungen auf den Salomoinseln und dem Bismarck- 

25* 



388 



Dr. Geza Röheim 



die Geheimbünde ganz eigentlich auf dem Totenkult fußen ; die 
Neophyten sind „Tamate", Geister, die Masken ursprünglich wohl 
Schädelmasken, während die Tiergestalt des Maskenträger 
„totemistisch", das heißt als tierische Inkarnation der abgeschiedenen 
Seelen zu deuten ist. 1 Demnach vereinfacht sich das Problem zur 
Fragestellung; woher die engen Beziehungen zwischen Geld 
und Totenkult? 

In einer großzügigen ethnologischen Arbeit ist es Rivers 
gelungen, den Nachweis zu erbringen, daß die Bevölkerung 
Melanesiens aus mehreren übereinandergelagerten Schichten besteht. 
Die zweite Einwanderung, von Rivers Kawakultur 2 genannt, kam 
aus Polynesien und überlagerte die eigentliche dunkelhäutige 
Urbevölkerung. Diese Einwanderer brachten die Geheimbünde, 
deren Grundlage der Totenkult war und welche die Macht besaßen, 
das Tabu zu verhängen, mit sich. In diesen Geheimbünden bildete 
sich auch das Geld aus, das heißt diese heiligen Muschel Objekte 
gehörten zu dem Kultinventar der Geistergesellschaften. Woher 
mag nun diese Rolle des Geldes im Totenkult stammen? Die 
Psychoanalyse hat uns daran gewöhnt, daß wir die Handlungen 
des Erwachsenen aus den Erlebnissen des Kindes, die Errungen- 
schaften der Kultur aus den Urzeitereignissen der Menschheit zu 
verstehen suchen. Da werden wir also annehmen dürfen, daß dem 
Geld in den primitiven Formen des Totenkultes etwas anderes 
entsprochen haben wird, daß das Geld eben eine Sublimationsform, 

Archipel. 1912. III. 47. Rivers: 1. c. I. 59. Codrington: The Melanesians. 
1891.254. Parkinson: Dreißig Jahre. 94,276. Analoges in Mikronesien. 
Müller-Wismar: Yap. 1917. 257. Die großen Steinplatten, die als Geld 
dienen, auch als von den Heroen der Urzeit herrührend geschätzt. W.H.Furness: 
The Island of Stone Money. 1910. 92. 

1 Vergleiche L. Frobenius: Über ozeanische Masken. Internationales 
Archiv für Ethnographie. 1898. XI, 163. R. H. Codrington: Melanesians. 
1891. 83, 84. M. Bartels: Über Schädelmasken aus Neu-Britannien. Fest- 
schrift für Adolf Bastian. 1896. 0. F in seh: Ethnologische Erfahrungen und 
Belegstücke aus der Südsee. 1888. 31, 32. 0. R e c h e : Der Kaiserin-Augusta- 
Fluß. Ergebnisse der Hamburger Südsee-Expedition 1908—1910. 1913. 362. 
„At Sapuna . . . after some time the skulls are exhumed and placed inside the 
wooden figure of a shark." H. B. Guppy: The Solomon Islands and their 
Natives. 1887. 53. Hauptsächlich aber Rivers: History of Melanesian Society. 
1914. IL Kapitel XXIV, XXVII, XXX. 

2 Kawa: die Wurzel des Piper methysticum. Durch Kauen wird daraus 
«in leicht berauschendes Getränk bereitet. 



Heiliges Geld in Melanesien 



389 



ein Kulturäquivalent eines anderen Stoffes ist. Um aber zugleich 
auf historisch-ethnologischem Boden zu bleiben, nehmen wir die 
Begräbnisriten des Tui Tonga zum Ausgangspunkt für unsere 
weiteren Erörterungen. Denn der Tui Tonga, der heilige Häuptling 
der Tonga-Insulaner, ist der typische Vertreter jener Oberschichte 
der Kawakultur, der auch die Erscheinungen, die wir verstehen 
wollen, beizuordnen sind. 1 Im großen und ganzen geht es dabei 
zu, wie sonst bei den Begräbnissen großer Häuptlinge und wir 
heben nur die abweichenden Züge hervor. Am Tag des Begräbnisses 
werden die Trauernden kahl geschoren. Die wertvollsten Besitz- 
tümer des Tui Tonga, wie Perlen, Matten, Wallfischzähne werden 
ihm ins Grab mitgegeben, so daß unerhörte Schätze im Familien- 
grab der Tui Tonga aufgehäuft waren. 2 Am Nachmittag wird die 
ganze Umgebung des Grabes aufs sorgfältigste gefegt und gereinigt. 
Die Trompeten ertönen und es wird ein Gesang, halb in einer 
archaischen Form der Tongasprache und halb auf Samoanisch, 
gesungen. „Während dieser Zeit kommen viele Männer der 
Umgegend zusammen — berichtet Mariner — um eine 
Zeremonie auszuführen, die nicht gerade zu den sonstigen 
reinlichen Gewohnheiten der Eingeborenen paßt, doch es muß als 
ein uralter religiöser Brauch betrachtet werden." Die Männer ent- 
leeren sich nämlich auf dem Grab und ziehen sich dann zurück. 
Dies geschieht bei Nacht; am nächsten Morgen erscheinen dann 
die Töchter der höchsten Häuptlinge mit Körben und Muscheln, 
um das Grab von den Exkrementen zu reinigen und keine traut 
sich ihre Teilnahme an dieser Handlung der Selbsterniedrigung 3 zu 
verweigern. So geht dies fünfzehn Tage lang; bei Nacht wird das 
Grab von den Männern immer beschmutzt, am nächsten Tag 
von den Frauen gereinigt. Am sechzehnten Tag erscheinen 
die Frauen wieder, diesmal in ihren herrlichsten Gewändern, um 

1 W. H. R. R i v e r s : 1. c. IL 493. 

2 Lauter Gegenstände, die häufig als Wertmesser, als Geld dienen. Ver- 
gleiche S c h m e 1 1 z: Schneeken und Muscheln im Leben der Völker Indonesiens 
und Ozeaniens. 1894. Rivers: History II. 390. Mariner: An Account of 
the Natives of the Tonga Islands. 1827. IL 181. Codrington: 1. c. 323. 

3 „Das Essen mein, Exkremente dein" — eine neu-mecklenburgische Bitt- 
form. P. G. Peekel: Religion und Zauberei auf dem mittleren Neu-Mecklen- 
burg. Anthropos-Bibliothek. I. 3. 1910. 66. Auf den Gilbertinseln findet sich die 
Sitte des Kotessens als tiefste Erniedrigung, welche selbst vor Todesstrafe 
zu befreien vermag. A. Krämer: Hawaii, Ostmikronesien und Samoa 1906, 336. 



390 



Dr. Geza Röheim 



die schmutzige Arbeit zu verrichten, aber sie finden keinen Kot 
mehr, so daß sie das Fegen und Reinmachen nur andeuten. 
Parallel mit dem Entleeren der Exkremente geht "eine andere 
Sitte; man verteilt große Quantitäten von verschiedenen Speisen, 
die dann eine Zeitlang tabuiert werden, unter den Leuten. 1 In der 
Psychoanalyse sind wir gewohnt, das Schmutzigmachen der kleinen 
Kinder in den Armen der Pflegepersonen als Liebesbeweise auf- 
zufassen ; mit diesem Stoff, welches ihm so viel Vergnügung bereitet, 
„bezahlt" das Kind die von der Mutter oder Amme gespendete 
Milch oder es gibt Kot für Milch zurück, dem organischen Vor- 
gang entsprechend. 2 Wir hätten somit die Defäkation am Grab des 
göttlichen Häuptlings ähnlich aufzufassen; die Untertanen als 
Kinder bekunden ihre Liebe zum Häuptling als dem toten Vater. 
Doch eines dürfen wir nicht vergessen; der tote Häuptling nährt 
seine Untertanen mit verschiedenen Speisen, die dann tabuiert 
werden und sie erwidern ihm sein Wohlwollen mit ihren 
Exkrementen. Wir wissen, daß die nach dem Tode tabuierte Speise 
mit der Speise des Totenmahles in letzter Linie mit dem Menschen- 
fleisch identisch ist. 3 Dann zwingt uns aber das Material zu 
gewissen Schlüssen, die zunächst wohl überraschend wirken. Die 
Brüder verzehrten den toten Vater und entleerten sich auf seinem 
Grab. Die Exkremente waren heilig, tabu, weil psychisch identisch 
mit dem Toten, der zur Speise der Lebenden geworden war. Er 
hatte sie nach dem Tode mit seinem heiligen Fleisch gespeist, wofür 
sie ihm einen ebenfalls heiligen Stoff, ihre eigenen Exkremente, 
zurückerstatten. Etwas ähnliches geschieht in der „kannibalistischen" 
Phase der Ontogenese. 4 Das Kind saugt an der Mutter Brust, sein 
erstes Eigentum (Stärcke), und zahlt dafür mit seinen 



1 Mariner: An Account of the Natives of the Tonga Islands. 1827. II. 
181—185. Vergleiche „At the death of Tuitonga there is such a constant 
feasting for nearly a month as to threaten a future scarcity of certain kinds 
of provisions. To prevent which evil, a prohibition or taboo is af terwards laid 
upon hogs, fowls and cocoa-nuts so that nobody but great Chiefs may use 
them for food, under pain of death". Mariner: 1. c. I. 110, 111. 

2 Vergleiche Aug. Stärcke: Der Kastrationskomplex. Int. Zeitschrift 
für Psychoanalyse. VII. 24. 

3 Für die Beweise dieser Auffassung siehe vorläufig meine Abhandlung: 
Nach dem Tode des Urvaters. „Imago" IX. I. S. 83. 

* Siehe K. Abraham: Untersuchungen über die früheste prägenitale 
Entwicklungsstufe der Libido. Zeitschrift. IV. 71. 



Heiliges Geld in Melanesien 391 

Exkrementen. Die hier angenommene Identifizierung der verzehrten 
Leiche mit den eigenen Exkrementen dürfte wohl Befremden 
erwecken 1 , wenn wir nicht gewisse Vorstellungen der Polynesier vor 
Augen hätten. Da heißt es aber in Mangaia: „er ward von den 
Göttern gegessen". 2 In Anaa: „ein böser Geist ißt die Toten." 3 
Aber der Geist wird von den Göttern nicht bloß gegessen; er 
geht auch durch deren Organismus. Wenn die Götter den Geist 
dreimal wieder entleert hatten, war der Tote wirklich unsterblich 
geworden. 4 Also scheinen die Götter, das heißt die Toten früherer 
Geschlechter, ebenso unappetitliche Gewohnheiten zu haben wie 
die heutigen Seri-Indianer (siehe weiter unten), denn sie essen 
fortwährend ihre eigenen Exkremente. Eigentlich sind es ja die. 
Söhne, die den Vater aufessen, und auf dem Grab defäzieren, sie 
projizierten aber diese Handlung auf ein vormenschliches Geschlecht, 
welches zu den Toten im Verhältnis der Väter steht. Die Götter, 
die Menschen essen, sind die Großväter, die in ihren Enkeln zu- 
rückkehren. Wenn es auch heißt, daß die Exkremente die Speise 
der Geister seiend so läßt sich das darauf deuten, daß die Menschen 
eben auf dem Grabe defäzierten; aber auch so, daß Exkremente, 
weil aus dem gegessenen Menschenfleisch geworden, eine geister- 
hafte Speise sind. Sowohl die Leiche wie die Exkreta sind an- 
organisch werdende oder gewordene organische Substanzen, beide 
reizen die Riechnerven und beide sind schmutzig. Vielleicht gibt 
es auch bisher nicht nachgewiesene Zusammenhänge zwischen den 
Lebenstrieben und der Genitalerotik einerseits, 6 andererseits 
zwischen Todestrieb und Analerotik, 7 vielleicht ist die Identifi- 
zierung mit dem Toten in den Trauerbräuchen, welche Hand in 



1 Inzwischen ist aber dasselbe von K. Abraham bei Melancholikern 
beobachtet worden. (Berliner Kongreßvortrag.) 

2 W. W. Gill: Myths and Songs from the South Pacific. 1876. 269. 

3 R. L. Stevenson: In the South Seas. 1901. II. 28. 

* W. Ellis: Polynesian Researches. 1830. II. 516, 517. 

5 Th. W a i t z : Anthropologie der Naturvölker. VI. 328, 329. Parkinson: 
Dreißig Jahre in der Südsee. 1907. 387. Codrington: The Melanesiens. 
280, 288. 

6 Siehe S. Freud: Jenseits des Lustprinzips. 1921. 

7 Die Ichtriebe betrachtet Freud (siehe oben) als narzißtisch modifizierte 
Todestriebe; gerade in dem Aufbau des Ichs (Charakter) spielt aber die Anal- 
erotik eine besonders wichtige Rolle. 



392 



Dr. Geza Röheim 



Hand mit der Analerotik geht, 1 nicht nur eine Identifizierung mit 
dem toten Vater, sondern auch tiefer und allgemeiner eine Äuße- 
rungsform des Todestriebes. Wie dem auch sei, steht es fest, daß 
in der Periode nach dem Tode des Urvaters 2 eine Hem- 
mung der genitalen und ein Vorherrschen der analen und der 
mit diesen eng verbundenen oralen Triebe stattfand. Wir nehmen 
an, daß diese Vorstufe der späteren Verdrängung ihre Libido- 
zuschüsse teilweise aus diesen Triebkomponenten bezog, wobei 
die Leiche das Objekt der Gegenbesetzung abgab. Die Leute, die 
von der Leiche aßen, sich mit den Leichenflüssig- 
keiten und Exkrementen beschmierten, 3 waren dem 
Toten gleich tabu, d.h. heilig und schmutzig ge- 
worden und ihre Heiligkeit nahm nur ein Ende, 
nachdem sie sich mit Feuer und Wasser (Urethral- 
erotik!) entheiligt, d. h. gewaschen hatten und nun- 
mehr zur genitalen Erotik übergehen konnten. 4 

1 Dieser Satz bezieht sich, auf eine Untersuchung über Trauerbräuche, 
welche, mit anderen vereinigt, in Buchform publiziert werden soll. 

2 Vergleiche meinen Kongreßvortrag (Zeitschrift VIII. S. 487, 488) und 
die Arbeit über dieses Thema im „Imago", IX. H. 1. 

3 Besonders „taboo" ist die Latrine. E. Best: Maori Medical Lore. 
Journal of the Polynesian Society. XIV. 1. 

4 Tabu aus dem Totenkult abgeleitet. „Die unglücklichen Leichenfrauen 
Neuseelands geben uns einen Fingerzeig, der uns nach der wahren Richtung 
weist: das Tabu erwächst aus Furcht vor der Rache der Toten." „In keinem 
Falle," sagt Brown, „läßt sich die Macht des Tabu so deutlich erkennen, als 
in jener Anwendung und Beziehung auf die Toten." H. Schurtz: Die Tabu- 
gesetze. „Preußische Jahrbücher" LXXX. 1895. 57. „Die ganze Entstehung des 
Tabu läßt sich auch an jenen Warnungszeichen verfolgen, die an Pflanzungen, 
Fruchtbäumen und anderwärts angebracht werden. Die oben erwähnten 
Formen, die den Dieb mit bestimmten Krankheiten bedrohen, sind offenbar 
sekundär. Dagegen finden wir oft noch mit Vorliebe Figuren verwendet, die 
große Ähnlichkeit mit den Ahnenbildern haben, in denen die Seele des Ver- 
storbenen oder doch ein Teil von ihr fortlebend gedacht wird. Man deutet 
durch diese Figuren an, daß die Bäume oder Früchte dem Geiste eines Ahn- 
herrn gewidmet sind." Schurtz: Ebenda 59. Siehe besonders Rivers: 
History IL 252, 314. et pa. Nach unserer Auffassung entsteht das Taboo, die 
erste Hemmung „nach dem Tode des Urvaters" (siehe im „Imago" 1923), als 
die Urform des „nachträglichen Gehorsams" (Freud: Totem und Tabu. 1913. 
133), besser gesagt das Taboo ist der gegessene Urvater als nunmehr „intra- 
psychisch" gewordene hemmende Macht. Über Schmutz und Lustration in den 
Trauerbräuchen werde ich das Material an anderer Stelle vorlegen. In der 
Diskussion bemerkt aber Dr. Ferenczi (Sitzung der ungarländischen Ver- 



Heiliges Geld in Melanesien 393 

Wundt hat die Reinlichkeit überhaupt auf diese Lustrationsriten 
zurückgeführt. 1 Nun haben wir es ja in der Psychoanalyse oft 
nachweisen können, wie aus dem analerotischen Kinde durch Ver- 
drängung ein peinlich reinlicher Erwachsener wird und so ging 
es auch mit der Menschheit zu. Tabu ist der Trauernde, der sich 
in schmutzigen Riten mit dem Toten identifiziert, und wenn die 
Exkremente aus der Alltagssphäre separiert und gemieden werden, 
entsteht die Reinlichkeit. Er ist aber „taboo" in beiden Sinnen 
des Wortes, weil er von den anderen gemieden werden soll und 
weil er selbst etwas zu tun (koitieren) vermeidet. Da er sich jetzt 
mit dem Vater identifiziert hat, so verteidigt er die Frau gegen 
seine eigenen libidinösen Anschläge, wie es der Vater getan hat, 
das heißt er verdrängt die Libido. Dies tut er, indem er sich mit 
dem faulenden Leichnam identifiziert, er ist also jetzt tabu im 
Sinne von „schmutzig" geworden. Wenn die Lebenstriebe sich 
wieder geltend machen, endet das „Tot-sein" der Trauerperiode, 
er wäscht sich und geht zum Weibe. Dann wäre es aber erklärt, 
warum, wie Rivers betont, das Tabu in Melanesien entweder 
direkt von den Geistern ausgeht oder von den Mitgliedern der 
Geheimgesellschaften, die sich mit dem Toten identifiziert haben 
und als Geister gelten, gehandhabt wird. Die Sitte, die Gräber 
besonders rein zu halten, geht wohl auch von der Verdrängung 
der analerotischen Totenbräuche aus. 

Bei Naturvölkern, die aber doch schon eine mehr oder weniger 
hochentwickelte materielle Kultur besitzen, haben die Söhne nach 
dem Tode des Vaters zweierlei zu erwarten: die Frau und die 
Erbschaft. Je höher wir in der Kulturentwicklung aufsteigen, um 
so mehr wird der Zusammenhang zwischen dem Tod des Vaters 
und dem Besitzergreifen des Weibes durch die Exogamie gelockert 
und dafür tritt die Erbschaft stärker hervor. Diese besteht teilweise 



einigung 1923. I. 5), die verunreinigende Wirkung des Taboo sei mit dem 
Hinweis auf die Fäulnisstoffe in den Trauergebräuchen nicht erklärt; die 
Frage sei eben, warum jene Stoffe als „unrein" empfunden worden wären. 
Antwort: Die Abweisung der analen Lustformen gehe wahrscheinlich von den 
Lebenstrieben (Genitalerotik) aus. In dem Eitus spiegelt sich übrigens der 
„amphimiktische" Aufbau der Genitalerotik (Ferenczi: Versuch einer 
Genitaltheorie. Zeitschrift VIII. S. 479), erst die anale, dann die urethrale und 
als Verquickung die genitale Phase. 

1 W. Wundt: Völkerpsychologie. IL 2. 1906. S. 322. Vergleiche J. Gold- 
ziher: Wasser als Dämonen abwehrendes Mittel A. R. W. XIII. 20. 



394 



Dr. Geza Röheim 



aus Gegenständen, die als symbolische Stellvertreter der Frau 
angesehen werden müssen: Haus, Feld und Hof. Auf der Stufe, 
welche der Bodenwirtschaft vorausgeht, spielen diese jedoch 
keine Rolle, es handelt sich nur um persönliche Gebrauchs- 
gegenstände, Waffen und Werkzeuge. Nun sind aber diese 
schon längst in der Völkerkunde als „Organprojektionen" erkannt 
worden. „Organprojektion ist das Versetzen des inneren Mechanis- 
mus in die Außenwelt, wo derselbe sichtbar, phänomenal wird 
und in seiner rein mechanischen Gestalt aufgefaßt, vervollkommnet 
und so das Mittel einer stets klareren Erkenntnis wie auch 
einer stets fortschreitenden Krafterhöhung werden kann." 1 
Die Telegraphendrähte sind unbewußte Nachbildungen des Nerven- 
systems, die Camera obscura ein Auge, das Klavier ein Gehörorgan. 2 
Und ebenso auf primitiver Stufe; im Speer erblicken wir eine 
Verlängerung des Armes, der Faustkeil ist eine unmittelbare 
Verstärkung und Wiederholung der Faust, die Keule eine Kom- 
bination beider, die Kleiderhülle eine Doubletteder natürlichen Hülle. 
Wir machen nun den Versuch, die Lücke zwischen der 
organischen und der supraorganischen Entwicklung zu überbrücken, 
indem wir auf die bedeutende Rolle zunächst des tierischen, dann 
aber auch des menschlichen Körpers bei der Herstellung dieser 
Gebrauchsgegenstände hinweisen. „Der Indianer hat ja in Wahrheit 
— sagt Karl von den Steinen — die wichtigsten Teile seiner 
Kultur von den Personen erhalten, die wir heute Tiere nennen 
und ihnen muß er sie noch heute wegnehmen. Zähne, Knochen, 
Klauen, Muscheln sind seine Werkzeuge, ohne die er weder Waffe, 
noch Haus, noch Gerät herstellen könnte. Er verdankt, was er 
leisten kann, dem Piranya, dem Hundsfisch, dem Affen, dem 
Kapiwara, dem Aguti usw." 3 Von den Tieren stammen die Werk- 
zeuge her, Tiere werden als Personen, d. h. als Menschen betrachtet. 
Tiere sind Totems, das Totem ein Vatersymbol. Gab es viel- 
leicht eineZeit, in welcher die menschliche Leiche 
die Hauptstoffe des Kulturfortschrittes, die ersten 

1 L. N o i r € : Das Werkzeug und seine Bedeutung für die Entwicklungs- 
geschichte der Menschheit. 1880, 52. Vergl. E. K a p p : Grundlinien einer Philo- 
sophie der Technik, 1877. S. Ferenczi: Zur Psychogenese der Mechanik. 
„Imago'', V., 398. 

2 Noirö: ebenda 56—58. 

3 K. von den Steinen: Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens. 
1887, 309. 



Heiliges Geld in Melanesien 



395 



Etappen der überorganischen Entwicklung lieferte? 
Vom australischen Standpunkte betrachtet, erscheint dies nicht 
unwahrscheinlich. Hier wird aus dem Schädel ein Trinkbecher, aus 
Arm- und Beinknochen werden gefährliche magische Waffen, die 
Haut wird ausgespannt und getrocknet, früher vielleicht über die 
eigene Haut als zweite Hülle verwendet. 1 Das Haar wird zu 
Schnüren, Netztaschen verarbeitet, Menschenblut ist ein Getränk 
und Klebestoff, Menschenfett ein magisches Mittel, Menschenfleisch 
eine Speise. 2 Hier bedeutet die Leiche selbst einen Besitz, ein 
Eigentum, eine Erbschaft. DieSöhne, diedenVatertöteten, 
hatten zweierlei Vorteile zu erwarten: seine Leiche 
und die Weiber der Horde. In der Leiche als Gegen- 
stand der Gegenbesetzung 3 erblicken wir aber das 
Prototyp aller jener Gegenstände, die später die 
Summe der materiellen Kultur ausmachen. Zuerst 
erfolgt die Introjektion des gegessenen Vaters, dadurch die Selbst- 
verdopplung in der Außenwelt 4 : Der Arm wird doppelt so stark, 
wenn er durch den Arm des Vaters verstärkt ist. Hat man schon 
gelernt, einen menschlichen Armknochen in der Hand zu halten, 
so wird es schon leichter verständlich, wenn man sich mit einem 
hölzernen Substitut begnügt. InderschwankendenStellung- 
nahme zwischen dem Verdrängten (das Weib) und 
der Gegenbesetzung (die Leiche des Vaters) 
erblicken wir aber die beiden Pole, um die sich die 
Gesellschaft dreht; das Eigentum und das Weib. 
Wäre es vielleicht möglich, noch weiter zu gehen und auch den 
Handel alsGüteraustausch auf seinen organischen 
Prototyp im menschlichen Stoffwechsel zurück- 
führen? 

Um darauf antworten zu können, wollen wir einiges aus den 
Gebräuchen eines sehr primitiven Stammes der kalifornischen 
Indianer anführen. „Es ist unmöglich, ausführlich über die Nahrungs- 

1 Vergleiche das einschlägige Material in meinen unveröffentlichten 
Arbeiten „Australian Totemism", „The Pointing Bone". 

2 Siehe die bekannten Werke von Howitt, Spencer und Gillen, W. E. Roth. 

3 In der Trauerperiode identifiziert man sich oral und durch Berührung 
mit der Leiche und entsagt dem Weibe; d. h. Libido wird der Mutter entzogen 
und zur Besetzung der väterlichen Leiche verwendet. 

* Siehe die Abhandlung von Ferenczi: Zur Psychogenese der Mechanik. 
„Mago", V., 398. 



396 



Dr. Geza Röheim 



Verhältnisse dieses Stammes (der Seri) zu berichten, ohne auf die 
Sitte der systematischen Skatophagie einzugehen, welche außer 
der ökonomischen auch noch eine religiöse Seite hat. In seiner 
einfachsten Form kommt diese Sitte bei der Tuna-Ernte vor: die 
Früchte werden in unerhörten Mengen verzehrt und nur unvoll- 
kommen verdaut. Die Kerne haben nämlich eine harte Schale und 
sind in solchem Zustand in den Exkrementen erhalten. Nach der 
Ernte werden die Exkremente getrocknet und dann (wie die 
Mesquite-Bohnen) in Körben gesiebt; das Produkt wird dann 
gegessen und dies nennen sie die zweite Ernte. Dies ist auch die 
einzige Form, in der sich die Seri-Indianer Vorräte beilegen und 
kann auch als der Anfang betrachtet werden, aus dem sich ein 
Gefühl für Sparsamkeit und Wirtschaft allmählich entwickelt". 1 
Diese Bemerkungen des amerikanischen Ethnologen Mc Gee dürften 
dem Psychoanalytiker nichts Neues sagen ; wissen wir ja längst, 
daß die Sparsamkeit aus der Lust des Kindes an dem Zurück- 
halten seiner Faeces abzuleiten ist. Hier finden wir nun ein Volk, 
welches sich Vorräte tatsächlich in der Form von Exkrementen 
ansammelt, d. h. in der Wirtschaft noch kaum über das 
organisch Gegebene fortgeschritten ist. Daß es sich 
aber nicht um eine Erscheinung handelt, die rein wirtschaftlichen 
Gründen, etwa der besonderen Beschaffenheit der Tuna-Frucht 
seine Entstehung verdankt, beweist die Tatsache, daß dieser zweimal 
verzehrten Speise besondere Kräfte zugeschrieben werden. „Diese 
ekelhafte Art, sich zu ernähren," sagt McGee, „steht in irgend 
einem dunklen Zusammenhang mit den Totengebräuchen des 
Stammes. An den Begräbnisplätzen der Seri finden wir überall 
große Haufen getrockneter Exkremente, welche in Muscheln 
sorgsam aufbewahrt sind." 2 Bei den Seri finden wir also in engem 
Anschluß an dem Grabkult eine Wirtschaftsform, die sich unmittelbar 
an dem organisch Gegebenen anlehnt, und bei den Tonganern, 
daß sie an dem Grabe ihres göttlichen Häuptlings Speise erhalten 
und dafür Exkremente hergeben. Aus einer vergleichenden 
Betrachtung der Speisenverbote in den Trauerbräuchen einerseits, 
des Totenschmauses andererseits ergibt sich aber, daß die Speise, 
die am Grab verzehrt wird, ursprünglich der Tote selbst ist. D i e 
Brüder, die den Vater gegessen hatten, regre- 

1 McGee: The Seri Indiana. XVII. Report. Bureau Am. Ethn. 209, 210. 

2 McGee: 1. c. 211—213. Siehe auch ebenda 291, 292. 



Heiliges Geld in Melanesien 



397 



dierten auf die Stufe des „ontogenetischen" 
Kannibalismus, indem sie den gegessenen Vater 
mit der geliebten Mutter der infantilen Urzeit, die 
ja auch ihre Kinder mit ihrem eigenenLeib speiste, 
identifizierten. Dann wäre die Umwandlung der 
Nahrung in Exkremente das Prototyp des Geld- 
verkehrs, indem Nahrungsmittel und andereGüter 
auf der einen Seite der Muttermilch, das Geld, das 
man dafür gibt, aber den Fäkalien des Kindes ent- 
sprechen würden. 

Wir haben einen weiten Umweg vom Historischen ins 
Prähistorische gemacht, hoffentlich um nun der Lösung unserer 
eigentlichen Aufgabe, der Entstehung des heiligen Geldes in 
Melanesien, gewachsen zu sein. Bei den Moanus werden am zweiten 
Totenfest die Rippen des Toten unter seinen Verwandten verteilt 
und gleichzeitig auch Geld. 1 Ursprünglich waren es wohl die 
Lebenden, die dem Toten „Geld" (Exkremente) für seinen Körper 
brachten, dann aber auch der Tote, der den Lebenden seine 
faulende Leiche, d. h. Verwesungsstoff, Exkremente gibt. Eine 
eigenartige Form des Opfers, auf den Banksinseln oloolo genannt, 
wird wahrscheinlich aus dem Totenkult stammen. Es besteht 
darin, daß Geldrollen auf den Steinen der Vui niedergelegt werden, 
um von ihnen irgendwelche Vorteile zu erhalten. 2 Nun nennt 
Codrington diese Vui zwar „Geister", d. h. Naturgeister im Gegen- 
satz zu den Seelen, 3 aber Rivers hat gezeigt, daß es sich um die 
Toten jener melanesischen Bevölkerung handelt, die vor der Kawa- 
Kultur im Lande ansässig war. 4 Die Kawa-Kultur stammt aber 



1 Parkinson: Dreißig Jahre. 405. 

2 „He gets money and scatters it about the stone." Codrington: I.e. 
140. Genau wie sonst das Geld, heißen diese Steine, denen Geld geopfert wird, 
„rongo", d. h. heilig. Codrington: 1. c. 181. (Steingeld in Mikronesien 
und auf den Neu-Hebriden ! R. Andree: Ethnographische Parallelen und 
Vergleiche. 1878. 230—233.) 

3 Codrington: 1. c. 123. 

* R i v e r s: 1. c. II. 249, 414, 429. Sie fürchten die Trommel. C o d r i n g- 
ton: 1. c. 171. (Ein Bestandteil der Kawa-Kultur) „Some vui have turned into 
stones; some in the sea are men of old time turned into stones". „Some 
stones above the waterfall are called dwellers in the land, the 
native people of the stream". Codrington: 1. c. 182, 183. Im 
Grunde genommen, findet auch Codrington „the nature of a vui and of a soul 



398 



Dr. Geza Röheim 



sicher aus Polynesien und da das Geld eine Hauptrolle in den 
Geheimgesellschaften spielt, die eben als Vertreter der Kawa-Kultur 
anzusehen sind, werden wir es auch zu dem Inventar der Kawa- 
Kultur rechnen müssen. Die polynesischen Einwanderer fürchteten 
die magischen Künste der Eingeborenen und noch mehr die Macht 
ihrer Toten, sie streuten also Geld auf die Grabsteine der Vui, um 
diese Geister zu bestechen. (Rivers.) Aber die Sitte des Geld- 
streuens auf das Grab oder das Vorbild dieser Sitte müssen sie 
doch aus ihrer Urheimat mitgebracht haben. Nun hebt Rivers mit 
Recht hervor, daß der Tui Tonga der Vertreter der spezifischen 
Kawa-Kulturströmung ist 1 und gerade bei seinem Begräbnis finden 
sich die schon erwähnten abweichenden Züge, die sonst im 
Totenkult der Tonganer fehlen. Am Grab des Tui Tonga defäziert 
man — dies war also eine Sitte der Kawa-Leute. In Melanesien 
streuen nun eben diese Einwanderer Geld auf den Grabstein: hier 
läßt sich einmal die von der Psychoanalyse entdeckte 
Entstehung des Geldes historisch nachweisen. 

Wir haben die Rolle des Geldes in den Riten der Geheim- 
gesellschaften bereits flüchtig erwähnt, „Zunächst hat der Tubuan 
das Recht, Strafen aufzuerlegen, die in der Regel in Zahlung von 
Tabu bestehen und von ihm in Person einkassiert werden." Andere 
zahlen dem Tubuan, damit er ihr Eigentum schütze oder, wenn er 
eine Maskenvorstellung gibt. 2 Von diesen Geheimgesellschaften 
wissen wir aber eines mit vollkommener Sicherheit ; ihre Mitglieder 
nennen sich Geister und erscheinen den Außenstehenden als Stell- 
vertreter der Toten. 3 Gibt man also dem Dukduk Geld, ist es 
dasselbe, wie wenn man Geld ins Grab legt oder auf den Vui-Stein 
streut. Nun läßt es sich aber auch nachweisen, daß die Riten der 
Geheimgesellschaften sich aus dem Totenkult entwickelt haben 
und gerade weil diese Geheimgesellschaften auch die Träger des 
Tabu sind, schien es uns möglich, die Verdrängung einerseits, 
die „beschmutzende" Eigenschaft des Tabu andererseits, aus dem 
Totenkult in der Urhorde abzuleiten. An dem melanesischen Geld 
ist aber sein Name wohl das Merkwürdigste; es wird mit Namen 



is the same" „I have known a native of Mota writing of his inward feelings 
to speak of his vui (1. c. 249)." 

1 Vergleiche Rivers: 1. c. IL 433, 436, 595. 

2 Parkinson: 1. c. 590, 591. 

3 Parkinson: 1. c. 570. Rivers: II. 1. c. 205. 



Heiliges Geld in Melanesien 



399 






belegt, die „heilig", „verboten" bedeuten (tambu, rongo), Geld wird 
also wohl etwas gewesen sein, was ursprünglich nicht als Tausch- 
mittel zwischen den Lebenden galt, sondern in dem Tauschverkehr 
zwischen dem Lebenden und dem Toten eine Rolle spielte und 
als Entgelt der heiligen Opfermahlzeit erschien. Aber die Ein- 
wohner der Gazelle-Halbinsel entheben uns der Notwendigkeit, erst 
auf mühsamem Weg Theorien über den Ursprung des Geldes 
aufzustellen, indem sie, die es sicher besser wissen müssen, uns 
die Sache selbst erzählen. 

Es war einmal ein kleiner Knabe, der von seinen Eltern zu 
essen verlangte. Sie sagten ihm: „Iß deine Exkremente und die 
der Kinder, mit denen du immer spielst." Tödlich gekränkt geht 
er fort und wird von einem Baumstamm auf den Rücken genommen. 
Sie kommen in ein fremdes Land ; dort hüpfte ein Huhn auf dem 
Strande herum. Dann fragte das Huhn den redenden Baumstamm : 
„Wo kommt denn dieser Mensch her?" Der Baumstamm antwortet: 
„Es verlangte ihn nach dem Auswurf des Meeres hier in Nakanai." 
Mit dreißig Körben voll Muschelgeld gehen sie zurück in die Heimat 
des Knaben, dort ist aber schon das Totengerüst und das Toten- 
opfer, für den Knaben fertiggestellt. Durch die riesigen Ausgaben 
an Muschelgeld sind die Eltern zu Bettlern geworden, er gibt ihnen 
alles zurück und wird ein reicher Mann. Seitdem „tragen wir alle 
großes Verlangen nach dem Auswurf der See in Nakanai". 1 

Die Eltern verweigern dem Knaben die Speise, er mag 
Exkremente essen, und er tut dies wirklich, wenn auch in subli- 
mierter Form, 2 indem er an seinem eigenen Begräbnis erscheint 
und die Auswürfe des Meeres bringt. Umgeordnet und in der 
Längstvergangenheit sollte es heißen, die Brüder haben den toten 
Vater gegessen (in der Sage, in negativer Form : die Eltern ver- 
weigern die Speise, d. h. sich selbst) und auf der Leichen- 
stätte defäziert. Ursprünglich war der Vater Held der Geschichte, 
hier erscheint sie vom Sohnesstandpunkt umgedichtet. Der Vater 
ist derjenige, der stirbt, und indem er gegessen wird und sich in 
dem Magen des Sohnes in Exkremente verwandelt, bringt er 



1 Jos. Meier: Mythen und Erzählungen der Küstenbewohner der Gazelle- 
Halbinsel. Anthropos-Bibliothek I. 1. 1909. 95—105. 

2 Wenn bei dem Tode nicht genügend Tabu verteilt wurde, dann reißt 
der Geist im Jenseits dem Toten die Hinterbacken ab. Parkinson: 
1. c. 79. 




400 



Dr. Geza Röheim 



Exkremente, später die Exkremente des Meeres 1 (Muscheln) aus 
dem Geisterreiche. 

Der „heilige" Charakter des Geldes ist ein verräterisches 
Zeichen, es kann nur von den Eltern-Imagines, phylogenetisch vom 
gegessenen Vater, ontogenetisch von der gegessenen Mutter her- 
stammen. Und nun kommen wir darauf, daß wir dies auch in 
unserer unmittelbaren Umgebung hätten entdecken können und es 
wäre uns die Mühe einer melanesischen Reise erspart geblieben. 
Auf jeder Münze findet sich das Bild des Königs, tles Landesvaters, 
er gibt sich in diesen Münzen den Untertanen stückweise hin. 
Historisch scheinen aber andere Vertreter der Vaterreihe, nämlich 
die Götter in dieser Rolle die Vorläufer der Könige gewesen zu 
sein. „Die Götter waren die ersten Kapitalisten in Griechenland, 
ihre Tempel die ersten Geldinstitute. 2 Alles hellenische Geld ist 
sakral, das Münzfeld heiliger Boden, einem Tempelhause gleich, 
welches ohne schwere Versündigung von keinem Sterblichen 
bewohnt werden darf, und nirgends trat der Unterschied zwischen 
Hellenen und Barbarensitte handgreiflicher zutage, als wenn man 
auf ausländischem Gelde die Gestalten des Großkönigs und seiner 
Satrapen erblickt, während bei den Hellenen auch die eigenwilligsten 
Tyrannen es nicht wagten, sich mit ihrer Person vorzudrängen." 3 
Es ist dann aber eine schöne Bestätigung unserer Auffassung, 
wenn Curtius weiterhin ausführt, „daß das älteste europäische Geld 
ein Symbol trägt, durch welches die zum heiligen Besitz der 
Aphrodite gehörigen Gegenstände gekennzeichnet zu werden 
pflegten, denn in ihren Tempelinstituten hatten die hölzernen Fuß- 
bänke die Gestalt von Schildkröten und die Göttin selbst wurde 
auf dem Rücken des Tieres abgebildet". 4 Die griechische Aphrodite 
ist aber nur eine hellenisierte Form der Ischtar-Astarte-Kybele — 
der „Großen Mutter" des alten Orients. Und aus ihrem Kultus 
stammt das Geld! — wie das Kind an der Mutterbrust saugt und 
dafür mit Exkrementen „bezahlt". Curtius weist auch darauf hin, 
daß die Bedeutung des Geldes in dem Kult der Aphrodite-Ischtar 



1 Über die Sitte, die Toten ins Meer zu versenken. Parkinson: I.e. 483. 
Rivers: I.e. II. 269—272. 

2 Curtius: Über den religiösen Charakter der griechischen Münzen. 
Monatsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften. 1869. 466. 

3 Curtius: 1. c. 471. 

4 Curtius: 1. c. 474. 



Heiliges Geld in Melanesien 



401 



eng mit der Erotik verknüpft war; 1 Mädchen werden im Heiligtum 
der Muttergöttin von Fremden entjungfert und das Geld, welches 
sie dafür erhalten, wird der Aphrodite geheiligt. 2 

Es bleibt uns nur ein kleiner Nachtrag übrig. Von jeher 
standen sich zwei Auffassungen des Opfers gegenüber: die 
nüchtern-rationalistische des Geschenkes um des Tausches 
willen „do ut des" und die „mystische" der oralen Kommunion. 

Indem wir nun auch die libidinöse Wurzel der ersten Opfer- 
art aufgedeckt haben, wird es uns möglich, beiden Theorien 
gerecht zu werden. Auf oralem Wege identifiziert sich 
das Kind mit der Mutter, die Brüder derürhorde 
mit dem getöteten Vater, andererseits „opfert" das 
Kind der Mutter auch seine Fäzes, als Geschenk, 
als Bezahlung für empfangene Gaben, 3 um wieder 
neue Gaben zu erhalten. Auf den Steingräben der Vui streut 
man Geld. Bei den Kabi und Wakka steigt ein Zauberer zum Zauberer 
höchsten Grades empor, indem er dem Regenbogengeist die Quarz- 
kristalle, die sich in seinem Inneren befinden, hingibt und dafür 
von diesem „bukkur" den magischen Strick (Nabelschnursymbol?) 
erhält. 4 Wir glauben daher die infantile Wurzel des 
Tausch- und Geschenkopfers in der analen, die des 
Identifikationsopfers in der oralen Tätigkeit des 
Säuglings aufdecken zu können. 



1 Idem: 1. c. 468. 

2 Herodot: I. 199. S t r a b o: XVI. 1. 20. In den entsprechenden Festen 
zu Byblos gaben die Frauen den Männern, mit denen sie Umgang gepflogen 
hatten, einen Phallos .... zum deutlichen Beweis dessen, daß dem Geschenk 
in diesem Zusammenhang nicht bloß eine ökonomische Bedeutung zukommt. 
Siehe die Quellen bei Ch. Vellay: Le Culte et les F@tes d'Adonis-Thammouz. 
Annales du Musee Guimet. XVI. 1904. 95, 130. 

3 Der „Geldgeisf Nopitu, der tanzend Geld aus sich herausstreut, setzt 
sich als Kind auf die Knie der Frauen, um von ihnen wiedergeboren zu 
werden. Codrington: 1. c. 154. 

* J. Mathew: Two Representative Tribes of Queensland. 1910. 171. 
Über die exkrementeile Bedeutung des Quarzkristalles siehe meine Arbeit: 
„Nach dem Tode des Urvaters." "Imago," 1923, S. 101. 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 26 



Der junge Spiritist. 

Ein psychoanalytisches Lebensbild. 
Von Dr. Gaza Szllägyl. 

I. 

Vor etwa drei Jahren machte ich die Bekanntschaft eines 
jungen Mannes, der in einem größeren Amte als Archivar beschäf- 
tigt war. Sein Äußeres schien so merkwürdig, daß er recht gut 
als Modell einer Statue der Askese hätte dienen können. Der 
Körper war erschreckend mager, das durchgeistigte Antlitz auf- 
fallend blaß, die Augen darin unstet herumschweifend. Schon auf 
den ersten Blick zog seine sonderbare Erscheinung unwillkürlich 
die Aufmerksamkeit auf sich. Ich befragte seinen Chef, wer denn 
dieser junge Mann sei, und als ich sein Erstaunen merkte, begrün- 
dete ich meine Neugierde: 

„Die obere Partie seines Schädels, beiläufig bis zur Nase, ist 
edel geformt. Etwas nicht Alltägliches kennzeichnet diesen Kopf." 

Der Chef lachte spöttisch: 

„Ihr Schriftsteller schnüffelt immer nach etwas Außerordent- 
lichem. In diesem edlen Schädel wohnt nur die Dummheit, oder, 
wenn es Ihnen besser gefällt, die Narrheit." 

Ich ließ nicht ab, sondern forschte weiter: 

„Und worin manifestiert sich diese Dummheit oder Narretei?" 

Worauf ich sofort eine genaue Definition erhielt: 

„Er ist ein Spiritist und ein Weiberfeind dazu. Statt seine 
Arbeit gewissenhaft zu verrichten, befaßt er sich damit, jene seiner 
Kollegen, die sich überhaupt mit ihm ins Gespräch einlassen, teils 
für den Spiritismus zu gewinnen, teils zu Weiberhassern zu 
machen. Freilich, Erfolge sind dem Manne nicht beschieden! Die 
ihn ernst nehmen, finden ihn ekelhaft, und die anderen lachen 
ihn aus." 



Der junge Spiritist 



403 



Diese seltsame Mischung von Spiritismus und Weiberhaß 
bei einem Manne erregte mein Interesse. Ich kenne mehrere 
Spiritisten, die keineswegs zum Weiberhasse neigen, und eher 
Musterbeispiele eines normalen, kräftigen sexuellen Lebens bieten. 
Ich ließ mir den jungen Mann, den wir Valentin nennen wollen, 
vorstellen und versuchte sein Vertrauen dadurch [zu gewinnen, 
daß ich vom Spiritismus zu sprechen begann. Fürs erste wollte 
er nicht auftauen, doch als er sah, daß er keinen spiritistischen 
Autor und kein spiritistisches Werk nennen konnte, von dem 
ich nicht einiges wußte, und als er bemerkte, daß ich ihm sehr 
aufmerksam zuhöre, wurde er zugänglicher. Damit war ich vor- 
läufig zufrieden. 

Später hatte ich Wochen hindurch fast täglich in seinem 
Amte zu tun. Ich versäumte niemals, ihn, wenn auch nur auf 
einige Minuten, aufzusuchen und lud ihn bei Gelegenheit ein, 
mich zu besuchen, was seiner überaus entwickelten Eitelkeit 
schmeichelte. Er war sich nämlich bewußt, ein Original zu sein, 
und ich erklärte ihm, daß er der Wissenschaft einen Dienst leiste, 
wenn er mir sein ganzes Seelenleben enthülle. Nach längerem 
Widerstand konnte ich ihn endlich zu einem Besuch bewegen. 
Von einer den strengeren Anforderungen entsprechenden Psycho- 
analyse konnte hierbei leider keine Rede sein. Doch erreichte ich 
schließlich, daß er mich etwa neunmal in meiner Wohnung 
besuchte und dort zumindest je eine Stunde verweilte. Zwischen 
den einzelnen Besuchen verstrichen manchmal nur Tage, manch- 
mal aber Wochen. Um keinen Preis konnte ich ihn bewegen, die 
in der analytischen Behandlung vorgeschriebene Liegepositur 
einzunehmen. Er saß mir gegenüber in einem Lehnstuhl. Auf 
meine Aufforderung hin sprach er zunächst über alles, was ihm 
einfiel. Später, als ich einzelne Lücken seines Vortrages ergänzen 
wollte, richtete ich besondere Fragen an ihn. Die Aussprache ging 
nicht immer glatt vonstatten, manchmal ergriff ihn eine unbe- 
schreibliche Aufregung. Er schrie wild auf, dann verfiel er in ein 
Schluchzen, um bald zu verstummen und wollte nicht mehr fort- 
fahren. Hie und da sprang er vom Lehnstuhl auf, rannte und 
hüpfte im Zimmer herum. Einigemale hieb er, während er sprach, 
mit der Faust auf das vor ihm stehende Tischchen. Außer diesen 
zwanglosen Gesprächen, in denen womöglich immer nur Valentin 
zu Worte kam, ließ ich mir manchmal auch seine Träume erzählen 



26» 



404 



Dr. Geza Szilägyi 



— er tat es nicht gerne — einigemal aber ließ ich ihn auch 
auf einzelne Reizworte assoziieren. 

Auf einmal blieb er aus. Seither traf ich ihn zwar öfter, 
doch war er zur Fortsetzung der Besuche nicht mehr zu bewegen. 
Das gewiß sehr lückenhafte, aber vielleicht nicht ganz uninteressante 
Material, das ich aus ihm, wie er meinte, „herausgequält" habe, 
versuche ich im folgenden zusammenzufassen. 

IL 

Valentin ist ein kleiner Beamter mit einem winzigen Wirkungs- 
kreise, geringen Aufgaben, mäßigem Gehalt. Dessenungeachtet 
trägt er ein auch dem Fremden auffallendes gesteigertes Selbst- 
gefühl zur Schau und läßt in unverhohlener Weise vor aller Welt 
das Bewußtsein einer höheren, wichtigen Mission durchscheinen. 
Er ist überzeugt, daß er, wiewohl er es nicht mit Namen nennt, 
ein Evangelium zu verkünden hat. Er fühlt sich — dies erklärt 
er offen — als Bannerträger des Kampfes gegen die Sinnlichkeit. 
Den wichtigsten Teil dieses seines Feldzuges aber bildet eine 
spezielle Propaganda für Enthaarung des Leibes. Seine Ideen ver- 
breitet er unter dem, wie er es heißt, „untertänigen Volke", näm- 
lich dem männlichen und weiblichen Dienstpersonal seines Amtes 
sowie in den Reihen seiner Beamtenkollegen, ferner unter den 
Straßenmädchen. Es kümmert ihn wenig, daß man ihn verlacht, 
roh zurückweist, oder einen ausgemachten Narren nennt. Dieses 
gehört zu seiner Mission; man muß für die Gerechtigkeit leiden, 
und das Hohngelächter, das ihn trifft, ist in seinen Augen Christi 
Dornenkrone gleich. 

Auf Grund seiner vor der Öffentlichkeit propagatorisch ab- 
gegebenen Erklärungen, wie auch seinen mir im Privatverkehr 
anvertrauten Mitteilungen folgend, kann ich sein Programm bei- 
läufig so zusammenfassen: 

Die Sinnlichkeit ist die größte und gefährlichste Schwäche 
der Seele. Ihre schrecklichste Offenbarung aber ist der Koitus. 
Gott will, daß die Menschen, sanften Geschwistern gleich, keusch 
nebeneinander leben sollen. Im Laufe der gesellschaftlichen Evolu- 
tion werden die Menschen endlich das Verruchte der Sinnlichkeit 
einsehen und die fleischliche Vermischung aufgeben. Ich machte 
den Einwurf, daß dies das Aussterben der Menschheit nach sich 
ziehen würde. Wenn ja, entgegnet er, würde nichts daran liegen; 



Der junge Spiritist 



405 



es ist aber auch möglich, daß die Enthaltung vom Koitus eine 
andere Art der Fortpflanzung entwickeln könnte. Theoretisch kann 
und soll man alles wissen, damit der Mensch sich vor dem Bösen 
um so besser hüte, in der Praxis aber ist nicht einmal die ge- 
ringste Unzucht erlaubt. Valentin wertet die Menschen danach, 
in welchem Maße bei ihnen die Sinnlichkeit abgestorben ist. Dies- 
bezüglich kennt er eine prozentuelle Gradation. In ihm selbst 
stecken nur mehr höchstens drei Prozent Sinnlichkeit. Es gibt 
aber leider sehr viele Menschen, deren Sinnlichkeit selbst hundert 
Prozent übertrifft. Die Vervollkommnung der Menschen besteht 
darin, daß sie die etwa mit zur Welt gebrachte oder infolge einer 
dummen und unsittlichen Erziehung in sie verpflanzte Sinnlichkeit 
stufenweise herabmindern, bis sie auf ein annähernd zwei- bis 
dreiprozentiges Minimum gelangen. Eines der Mittel der Befreiung 
von der Sinnlichkeit ist die Enthaarung, worunter in erster Reihe 
die Entfernung der Genitalbehaarung zu verstehen ist. An seinem 
eigenen Körper verwendete er das Epilationsmittel einer Berliner 
Firma, welches er trotz seiner Kostspieligkeit ständig benützt. Es 
gelang ihm auch, wie er mir zeigte, die Behaarung seiner Achsel- 
höhlen, der Brust und Geschlechtsteile zu entfernen, die aller- 
orten, wie er zugab, nur schwach entwickelt war. Die Behaarung 
ist, seiner Auffassung gemäß, der Ausdruck und auch das Werk- 
zeug der Sinnlichkeit. Die Verminderung, richtiger die Ausrottung 
der Behaarung, ist also ein Weg zur Minderung und Ausrottung 
der Sinnlichkeit. Valentin ist sozusagen mit Leidenschaft ein 
persönlicher Feind der Behaarung, gegen die er nicht nur vor 
Männern, sondern auch vor Frauen wütend losgeht. Wenn er von 
der Behaarung, besonders von der Genitalbehaarung spricht, wird 
sein sonst erschreckend blasses Gesicht purpurrot. Er wackelt 
mit dem Kopf, er zittert krampfhaft an Händen und Füßen, es 
übermannt ihn eine derartige Schwäche, daß er sich setzen muß, 
um einer ihm drohenden Ohnmacht zu entrinnen. 

In freien Stunden war er aber nicht nur ein Bekämpfer der 
Sinnlichkeit und ein Prediger der Enthaarung, sondern auch ein 
eifriger Spiritist: ein Sprech- und Schreibmedium, das an den 
Seancen eines Budapester spiritistischen Zirkels regelmäßig teil- 
nahm. Er ist ein fixer Stenograph und besitzt unter den Budapester 
Spiritisten die ganz vereinzelte Eigenschaft, daß er all das, was 
ihm als Sprechmedium im Trancezustande von den „Geistern" 



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Dr. Geza Szilägyi 



eingegeben wird, sofort selbst stenographisch niederschreibt, so 
daß er eigentlich zur gleichen Zeit Sprech- und Schreibmedium 
ist. Außerdem benützt er seine stenographischen Kenntnisse auch 
dazu, um in den Se"ancen die sogenannten Geistergespräche anderer 
Sprechmedien wörtlich aufzuzeichnen. Er spricht auch vom Spiri- 
tismus, doch weniger als von der Sinnlichkeit, die für ihn einen 
unerschöpflichen Gesprächsstoff bedeutet. Er rühmt sich leiden- 
schaftlich seiner Keuschheit, dieses Gott und Christus gefälligen 
geistigen und körperlichen Zustandes, den er jedermann beredt 
empfiehlt. Es gibt aber Zeiten, wo er häßliche und grobsexuelle 
Ausdrücke gebraucht und flucht. Darüber zur Rede gestellt, erklärt 
er, daß sich jetzt nicht sein wahres Ich äußere, da er ein Doppel- 
Ich besitzt. Manchmal entschuldigt er sich damit, daß aus ihm 
niedrige, unreine Geister reden. Wenn von der Verteidigung der 
Keuschheit und von dem Feldzug gegen die Sinnlichkeit die Rede 
ist, bedient er sich eines auffallend großen Wortschatzes und zeigt 
eine lebhafte Dialektik. Im übrigen überragen weder seine Intelligenz, 
noch sein Wissen eine niedrige Stufe, im allgemeinen besitzt er 
sogar eine schwere Auffassungsgabe und ein langsames Begriffs- 
vermögen. Manchmal sind seine Worte durch eine an Dementia 
praecox paranoides (Paraphrenie) gemahnende Affektiertheit, Mani- 
riertheit, Gekünsteltheit charakterisiert, die auch seine Bewegungen 
kennzeichnen. Wichtigtuerisch, einen übertriebenen Ernst zur 
Schau tragend, vergeistigten Angesichtes bringt er, ihm augen- 
scheinlich heilige, Fremden" aber lächerliche Dinge vor. Was er 
spricht, wird manchmal von unmotiviert lebhaften Bewegungen, 
grundlos erregten Gesten begleitet. Seine Stimme wird zuweilen, 
ohne daß der Inhalt des Gesagten dies erklärlich machte, zu einem 
süßlich-neckischen Gelispel. Manchmal kräuseln sich seine Lippen 
auffällig, plötzlich verzerrt sich sein Gesicht und er läßt ein zu 
seinen überspannten Worten gar nicht passendes, unbändig 
meckerndes Gelächter erschallen. 



III. 

Was bedeutet bei Valentin der Kampf gegen die Sinnlichkeit, 
was steckt hinter dieser fanatischen Behaarungsfeindschaft? Hören 
wir vorerst an, was Valentin, der von der Psychoanalyse keine 
blasse Ahnung hat und nicht einmal den Namen Freud kennt, 
selbst darüber denkt. Er gibt zunächst seine Meinungen in einem 



Der junge Spiritist 



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kunterbunten Durcheinander ab. Ich wollte mir die Sache 
erleichtern und bat ihn, mir eine Autobiographie zu übergeben. 
Nach langer Überredung schrieb er etwa zwölf Seiten nieder, die 
sich hauptsächlich auf seine Schulzeit bezogen und mit vielen 
populären, spiritistischen Werken entnommenen Phrasen gespickt 
waren. Was mich am meisten interessiert hätte, nämlich über sein 
Verhältnis zu seinen Eltern, über sein Geschlechtsleben usw. etwas 
zu erfahren, darüber schwieg er sich gründlich aus. Alles mußte 
ich im Laufe unserer Gespräche, die vielfachen Hindernisse seines 
Widerstandes bekämpfend, im wahren Sinne des Wortes aus ihm 
herauslocken. Meine Technik bestand darin, daß ich ihn reden 
ließ, wie es ihm beliebte. Manchmal aber, wenn sein Redestrom 
sich ins Uferlose verlor, versuchte ich ihn mit einigen Fragen, die 
das suggestive Element gänzlich entbehrten, in jene Richtung zu 
lenken, die ich für zweckmäßig hielt. Später begann sich bei ihm 
eine gewisse Übertragung zu entwickeln. Er spielte darauf an, 
daß ich ihn an seinen Vater erinnere, er erklärte, daß er zu mir 
ein solches Vertrauen hege, wie nur seinerzeit zu seinem ver- 
storbenen Vater. Dies machte ihn dann gesprächiger und erleich- 
terte, wie er es nannte, das „wissenschaftliche Interview". Die 
durcheinandergewürfelten, jeder Ordnung ermangelnden und 
manchmal in langwierige Wiederholungen eingeschachtelten Daten 
versuche ich im folgenden zwar nicht in ein gewisses System 
zu bringen, da dies ja schon ein tendenziöses Vorgehen wäre, 
sondern bloß in einer logischen Reihenfolge vorzutragen: 

Seine Mutter liebte ihn nicht, um so mehr sein Vater. Dieser 
konnte über jede einzelne Bewegung des Kindes herzlich lachen 
und freute sich außerordentlich, als er in ihm die große, starke 
Liebe zu Gott entdeckte. Angeblich zeigte sich dieses Gefühl schon 
im Wickelkinde, als es den in der Zimmerecke aufgestellten 
Hausaltar mit der Marienfigur wahrnahm. Sein Auge war stets 
auf den Altar gerichtet. Wenn sich jemand vor ihn stellte, um 
den Altar zu verdecken, begann das Knäblein zu weinen und 
schrie derart, daß man es bis im siebenten Zimmer hören konnte. 
Jetzt werde ich auf Grund meiner stenographischen Aufzeichnungen 
wörtlich zitieren : „Meine Mutter liebte die Religiosität, die sich 
in mir von Anbeginn auf außerordentliche Weise kundgab, keines- 
wegs und haßte mich sehr wegen meines absonderlichen Betragens. 
Ich bemerkte die Antipathie meiner Mutter, die mich sehr 



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Dr. Göza Szilägyi 



schmerzte, so daß ich oft darüber weinte. Einmal, ich mag zwei 
Jahre alt gewesen sein, wollte sie mich aus dem Bette heben. Ich 
wurde sehr böse, weil ich überaus schamhaft war. Ich versetzte 
ihr einen Stoß, worauf sie so zornig wurde, daß sie mich beinahe 
an die Wand geschleudert hätte. Meine Mutter hat mich nie 
geküßt. Dies beruht auf dem geistigen Gesetz der Zahl 7. Ich 
wurde nämlich im siebenten Jahre der Ehe meiner Eltern geboren 
Bis dahin hatten sie keine Kinder. Diejenigen Familien, in die 
Gott seine gefallenen Geister zur Strafe oder zur Prüfung schickt) 
fallen immer unter der Regel, daß bei ihnen im siebenten Jahre 
ein Kind geboren wird. Mutter und Kind stehen sich in diesen 
Familien als zwei grundverschiedene Geistigkeiten gegenüber, so 
daß zwischen ihnen von Liebe und Verständnis keine Rede sein 
kann. In meinem ganzen Leben war ich der Mutter ein Fremder. 
Wir küßten uns niemals, wir sprechen nur selten miteinander. 
Gott verzeihe mir die Sünde, daß ich über meine Mutter zu 
urteilen wage. Sie aber lebte inmitten einer schrecklichen Geistes- 
finsternis. Sie ist eine große Anhängerin der Materie. Sie kennt 
die geistigen Wahrheiten nur vom Hörensagen, kann sie aber 
nicht befolgen." 

Valentin liebte also angeblich seine Mutter nicht. Seinen 
Vater betete er an; er schwärmte für ihn, er bewunderte den 
Menschen, den Gelehrten, den Meister der Stenographie. Unendlich 
liebte er seine Großmutter sowie die Schwester seiner Mutter, 
seine Tante und deren Mann, seinen Onkel. Wenn ihn seine 
Mutter, was überaus selten geschah, in den Schoß nahm, begann 
er immer wütend zu weinen. Wenn aber seine Tante, sein Onkel 
oder sein Vater desgleichen taten, beruhigte er sich dann, wenn 
er vorher geweint hatte. Zwischen ihm und seiner Mutter bestand 
schon von seinem vierten Jahre an ein derart arges Verhältnis, 
daß sie ihn im Zorn — noch heute erinnert er sich daran — - 
immer an die Wand schleudern wollte. Einmal hätte sie das 
wirklich getan, doch damals befreite zum Glück die gerade ins 
Zimmer eintretende Tante das verzweifelt heulende Kind aus den 
Händen der tobenden Mutter. Wenn dann der Vater nach Hause 
kam und das Geschehene erfuhr, nahm er das Kind in seine Arme 
und liebkoste es lange. Valentin pflegte bei solchen Gelegenheiten 
auf die Hose des Vaters zu urinieren. Dies tat er übrigens auch 



Der junge Spiritist 



409 



mit anderen Männern, so z. B. mit seinem Onkel. (Als er dies 
«rzählte, erklärte er mir, ich möge ihm verzeihen, er sei ein 
undankbares, freches Schwein, aber er möchte auch auf mich 
urinieren!) Sein Vater, der Professor der Stenographie war, 
imponierte dem kleinen Kinde sehr, als er ihm die stenographi- 
schen „Sigel" und Abbreviaturen zeigte. Das Schreiben und das 
Lesen lernte er vom Vater, dem er dafür überaus dankbar war. 

Den größten Teil seiner Kindheit, bis etwa zur Beendigung 
seines vierten Lebensjahres, verbrachte er im Schlafzimmer 
seiner Eltern. Während der ersten zwei Jahre lag er, angeblich 
auf den Rat eines Kinderarztes, ständig im Bette. Valentin beteuert 
fortwährend, daß er sich genau an die Zeit seiner Kindheit 
erinnere und daß seine Eltern die Richtigkeit seiner Erinnerungen 
bestätigten. Er will sich auch der Erklärung des Arztes erinnern, 
wonach er sich zu rasch entwickle, und wenn er früh zu gehen 
beginne, seine Füße verkrümmen würden. Deshalb lag er im 
weißen Kinderbette, das oben gerundet und zu beiden Seiten mit 
einem verschiebbaren Netz versehen war, gleichsam eine von 
allem Feindlichen beschützende Höhle bildend. Im Bette liegend 
fühlte er sich sozusagen in den Armen einer ihn beschirmenden 
wahren Mutter. 

Der allzu ängstliche Vater hieß Valentin auf keine Bäume 
klettern, verbot ihm das Turnen, auch durfte er kein Messer in 
die Hand nehmen. Seine Antipathie gegen die Behaarung erwachte 
in ihm, als er vier Jahre alt war. Sein Vater behütete ihn so 
wachsam, daß er auch nach Vollendung seines zweiten Jahres, da 
er schon das Bett verlassen konnte, sich ständig im Schlafzimmer 
seiner Eltern aufhalten mußte. Dort konnte er oft seine Mutter 
beobachten, wenn sie ihr Hemd wechselte. Mit Erstaunen nahm 
er wahr, daß sie am Bauche unten behaart ist. Er erschrak 
sehr, und um nichts zu sehen, steckte er seinen Kopf unter die 
Decke. Später konnte er noch öfter diese Behaarung erblicken, 
die ihn jedesmal mit immer stärkerem Ekel und wachsender 
Angst erfüllte. 1 



1 Dem Kundigen wird es nicht entgehen, daß hier der Kastrations- 
komplex in den Vordergrund tritt. Das Erblicken der weiblichen Schamhaare 
kann eigentlich als Entdeckung eines Penismangels bei der Mutter gedeutet 
werden, wobei die Behaarung etwa als Vernarbung der Kastrationswunde 
aufzufassen wäre. 



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Dr. Geza Szilägyi 



Eines der größten Ereignisse seiner Kindheit, die „Feuers- 
brunst", erlebte er als achtjähriges Schulkind. Sie wohnten in 
einer neubezogenen Wohnung, die elektrische Beleuchtung war 
noch nicht installiert und man mußte sich mit Kerzen behelfen. 
In dem einen Zimmer las der Knabe, im anderen wusch sich die 
Mutter. Er hörte das Plätschern und schlich neugierig zur Türe, 
die nur angelehnt war. Durch den Spalt sah er, wie seine Mutter, 
über ein Lavoir kauernd, sich dort wusch, wo er seinerzeit im 
Schlafzimmer jene erschreckende Behaarung wahrgenommen hatte. 
Der alte Ekel und die einstige Furcht übermannten ihn auch jetzt. 
Rechts und links vom Lavoir standen zwei große, brennende 
Kerzen. Die sich ungeschickt bewegende Mutter warf die Kerzen 
um, deren Flammen die vom Bett herabhängende lange Spitzen- 
decke anzündeten. Die entsetzte Mutter sprang auf und begann 
vor Schreck die brennende Decke hin und her zu zerren, wodurch 
das Feuer noch mehr angefacht wurde. Im anderen Zimmer schrie 
Valentin, außer sich, denn sein erster Gedanke war, daß die 
Behaarung verbrennen werde. Darauf verlor er das Bewußtsein. 
Als er zu sich kam, war sein Vater schon zu Hause, die in der 
Nachbarschaft wohnende Tante und der Onkel aber standen 
inmitten des raucherfüllten Zimmers und bemühten sich, das 
Feuer zu löschen. Während der ganzen Zeit stand Valentin 
erstarrt, wortlos, einem Lebendigtoten gleich an den Türpfosten 
gelehnt. Er konnte sich nicht bewegen, keinen Schritt tun, keinen 
Laut von sich geben. Noch heute, wenn er an die Behaarung 
denkt, erwacht in ihm die Vorstellung des Feuers und er sieht 
und durchlebt von neuem die ganze Szene, die er mir sozusagen 
schauspielerisch reproduziert. 

Als Elementarschüler mied er die Gesellschaft der Knaben 
und fühlte sich mehr zu den kleinen Mädchen hingezogen. Er 
setzte bei ihnen voraus, daß sie dort nicht behaart seien, wo es 
seine Mutter war, und hievon konnte er sich durch Zufall wieder- 
holt überzeugen. In der Schule interessierten ihn hauptsächlich 
Arithmetik, Geographie und Religionslehre. Er pflegte mit Vorliebe 
zu zeichnen und zu malen. Mit zehn Jahren kam er ins Gym- 
nasium, wo er nur mittelmäßig lernte. Von seinem Onkel bekam er 
allerlei Hefte mystischen Inhaltes, die er eifrig las. Da seine 
Eltern verarmten, konnte er nach Absolvierung der vierten 
Gymnasialklasse seine Studien nicht mehr fortsetzen. 



Der junge Spiritist 411 

Mit fünfzehn Jahren mußte er sich nach einem Broterwerb 
umsehen. Damals begann ihn die Frage der Behaarung wieder zu 
beunruhigen. Er bemerkte an sich, daß seine Geschlechtsteile eine 
Behaarung bekamen, die ihn mit Schmerz, Ekel und Furcht 
erfüllte. Um diese Zeit brachte ihn ein Protektor seiner Familie in 
eine große Fabrik, in deren kommerzieller Abteilung er als Aus- 
hilfsregistrator angestellt wurde. Dort fing er an, sich eingehender 
mit dem Spiritismus zu befassen, dessen Elemente ihm aus den 
vom Onkel erhaltenen Heften schon bekannt waren. Der Zufall 
führte ihn überdies in die Nähe eines hervorragenden Spiritisten, 
dem er seine Seele enthüllte und seine Furcht vor der Behaarung 
gestand. Der Spiritist erteilte ihm ausführliche geschlechtliche 
Aufklärung und erklärte ihm, daß die Genitalbehaarung ein Attribut 
des geschlechtlich entwickelten Menschen sei. Damals entstand in 
ihm der Gedanke, daß man sich vor der Behaarung nicht nur 
fürchten, sondern gegen sie auch kämpfen müsse. Wie er dies 
anzustellen habe, darüber war er sich noch nicht im klaren. Der 
Spiritist entdeckte in Valentin ein Medium und führte ihn bei 
den Seancen ein. Binnen kurzer Zeit machte er im Spiritismus 
und in der Telepathie große Fortschritte. Auf Einflüsterung der 
Geister beschloß er, seine Keuschheit dauernd zu bewahren. 

In der Fabrik ereignete sich ein Vorfall, der auf ihn ähnlich 
wirkte, wie die schon erwähnte Feuersbrunst vor acht Jahren. In 
einer Abteilung der Fabrik, wohin er aus der kommerziellen 
Abteilung Botschaften zu übermitteln hatte, arbeiteten dreihundert 
hübsche, junge Arbeiterinnen. Sie kannten seine Prinzipienreiterei, 
da er vor ihnen weder seinen Spiritismus, noch sein Keuschheits- 
programm verbarg. Er behauptet, daß sie auf ihn, vielleicht gerade 
wegen seiner Keuschheit, die sie reizte, ein Auge geworfen hätten. 
Da er darauf nicht reagierte, verschworen sie sich gegen ihn — 
dies erzählt er noch jetzt vor Zorn bebend — um ihn seiner 
Keuschheit zu berauben. Es trafen sich aber ein-zwei bessere 
Mädchen, die ihn brieflich warnten, auf der Hut zu sein. Er 
beschloß hierauf, am anderen Tage ein großes Messer zu sich zu 
nehmen, um sich gegen die schamlosen Mädchen zu verteidigen. 
Als er gegen Mittag die Maschinenabteilung passieren mußte, 
warfen sich an die zehn Mädchen auf ihn und wollten ihn zu 
Boden reißen. Er jedoch biß um sich und teilte Faustschläge aus, 
worauf die Mädchen flüchteten. Er lief sodann schnurstracks zu 



412 



Dr. Geza Szilägyi 



seinem Chef, der ihn ein Rindvieh nannte und verlachte. Dies war 
ihm ein Grund mehr, vor einem erneuten Angriff sich besser zu 
schützen. Zu Hause nahm er deshalb ein zweischneidiges Papier- 
messer zu sich, womit ihn sein Vater beschenkt hatte, und verbarg 
es in der Hosentasche. Einige Tage verliefen ruhig. Als er jedoch 
- wieder eine Botschaft in die Maschinenabteilung zu tragen hatte, 
stürzten sich die Mädchen auf ihn und warfen ihn zu Boden, 
bevor er das Messer aus seiner Hosentasche hervorholen konnte. 
Dem einen mutwilligen Mädchen gelang es, Valentin auf den 
Scheitel zu küssen. (Infolgedessen ließ er sich innerhalb zweier 
Wochen dreimal den Kopf kahl scheren.) Die Wut über diesen Kuß 
verlieh ihm solche Kraft, daß er vom Boden aufspringen und seine 
Bedränger abschütteln konnte. Er zog das Messer und zückte es 
wütend gegen die Mädchen. Es gelang ihm, derjenigen, die ihn 
auf das Haar geküßt hatte, das Papiermesser in die Schulter zu 
stoßen. Das Mädchen fiel ohnmächtig hin, die übrigen liefen 
entsetzt auseinander, er aber konnte sich noch lange nicht 
beruhigen und verfolgte sie geraume Zeit mit dem blutigen 
Messer. 

Vor den Fabriksdirektor gerufen, verteidigte Valentin sich 
damit, daß er aus Notwehr gehandelt habe. Er wurde zwar nicht 
entlassen, aber in eine andere Abteilung versetzt, wo es ihm so 
schlecht ging, daß er den Posten bald danach freiwillig verließ. 
Hierauf geriet er in verschiedene Stellungen, doch-immer nur 
auf kurze Zeit. Überall begann er zu predigen, meistens — Christi 
Beispiel nacheifernd — armen Austrägern und Dienstmägden. 
Er predigte von Gott, von der Religion, vom Spiritismus, von der 
Keuschheit und immer eifriger von der Gefährlichkeit und Schäd- 
lichkeit der Behaarung. Viele nannten ihn einen Narren, dies focht 
ihn aber nicht an. Manche schalten ihn ein Schwein, was ihn schon 
schmerzte, da er vom Bewußtsein seiner beispiellosen Reinheit 
durchdrungen war. Man nannte ihn einen Weiberfeind. Während 
der mit mir gepflogenen Gespräche protestierte er mehrmals heftig 
gegen diese Behauptung. Er sei ein Feind der Behaarung, nicht 
aber ein Weiberfeind. Wenn die Weiber nicht behaart wären, wären 
sie auch nicht sinnlich, dann aber könnte er mit ihnen sehr gut 
auskommen. Mit jenen Weibern, die ihre Behaarung entfernen, die 
sich daher von einem großen Ansporn zur Sinnlichkeit befreien, 
könnte er auch Freundschaft schließen. Wie sollte er die Weiber 




Der junge Spiritist 413 

hassen, da er ja selber eher ein Weib sein möchte als ein Mann! 
Er ist bestrebt, seinen eigenen Körper dem durch ihn konstruierten 
weiblichen Ideal, der enthaarten Weiblichkeit, möglichst anzupassen. 
Er liebt es auch, Frauenschuhe mit hohen Absätzen zu tragen. Des- 
halb ist sein Gang viel zierlicher und leichter als in den ekelhaft 
unförmigen Männerschuhen. Er trägt Frauenstrümpfe, Damen- 
höschen und Nachthemden bis zum Knöchel reichend. Dies 
alles läßt er nach selbst gezeichneten Schnittmustern von einer 
ihm seit lange bekannten Näherin verfertigen. Er badet jeden 
zweiten Tag in dem großen Kautschuklavoir seines vor vier 
Jahren verstorbenen Vaters. Vor anderthalb Jahren gelang es 
ihm mit Hilfe einer Adresse, die er auch seinem Vater 
verdankt, „sich von all der ekelhaften Behaarung zu befreien, 
vor der sich dem reinen keuschen Menschen unbedingt der 
Magen umdrehen muß". Sein sehr bescheidenes Schnurrbärtchen 
konnte er nicht ganz ausrotten, doch gelang es ihm nach 
vieler Mühe, seine übrigen Körperteile zu enthaaren. Er bestellte 
aus Deutschland ein flüssiges Enthaarungsmittel, das ihn sehr 
zufrieden stellte. Vom Gesichtspunkt der Schönheit der Haut 
formte er seinen Körper zu einem weiblichen um. Er erklärte mir 
wörtlich: „Mein Körper ist von einer weiblichen Sanftheit, Reinheit, 
Weichheit und Rundlichkeit. Was meine Denkart, Auffassung, 
Empfindsamkeit, Religiosität anbelangt, was meinen Geschmack 
betrifft, bin ich Weib. Vom Schuh aufwärts ist meine ganze Unter- 
kleidung die eines Weibes. Von neun Uhr abends bis sieben Uhr 
morgens bin ich ein Mädchen, und zwar, dies ist äußerst wichtig, 
ein Mädchen ohne Behaarung. Von sieben Uhr morgens bis neun 
Uhr abends bin ich notgedrungen und aus Heuchelei ein Mann. 
Wenn ich meine Männlichkeit, die sich in meinem winzigen Schnurr- 
bärtchen noch ein wenig manifestiert, ganz ausgerottet habe, 
werde ich ganz vergessen können, daß ich einst ein Mann gewesen 
bin." Hier ist zu bemerken, daß er aus Damenstoffen verfertigte 
Krawatten benützt. Vom Frühjahr an trägt er frauenhaft aus- 
geschnittene Blusen, da er es für schön findet, wenn man seine 
unbehaarte Brust zeigen kann. 

„Ich will," so erklärte er mir in ekstatisch glücklichem Tone, 
„mir selbst und der Welt beweisen, daß der Eigentümer einer 
mädchenhaften Seele in gewisser Hinsicht auch körperlich zum 
Weibe werden kann." Und er fügt hinzu: „In der letzten Zeit 




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Dr. Geza Szilägyi 



bemerke ich an mir etwas Seltsames, dessen ich mich freue. Obwohl 
ich immer sehr mäßig esse, beginnt sich meine Brust in abnor- 
malem Maße zu entwickeln. Ich werde bestrebt sein, an mir den 
Busen eines fünfzehn- bis sechzehnjährigen Mädchens zu entwickeln. 
Wenn ich dann selber die Reize des Weibes besitzen werde, so 
bin ich ihnen gegenüber gänzlich gefeit. Wenn ich ihnen gleichen 
werde, brauche ich nicht zu befürchten, daß sie mich bei meiner 
Sinnlichkeit fassen werden, dann bin ich ihnen gegenüber vor jeder 
Schwäche geschützt. Ich kann dann also dasselbe erreichen, wie 
sie." Dieser letzte Satz wird von ihm noch öfters wiederholt. Er 
will auch sein Haar wachsen und es blond werden lassen. (Seine 
Mutter war in jungen Jahren blond und konnte, wie er erzählte, 
mit ihren Haaren beim Vater alles erreichen. Wie ersichtlich, meint 
er eigentlich auch das zu erreichen, was die Mutter beim Vater 
erreichte.) 

Es scheint aber, daß Valentin mit der Entwicklung seines 
Busens noch immer nicht zufrieden ist. Ich las einen Brief von 
ihm, der wegen ungenügender Adresse aus Wien als unbestellbar 
zurückkam. In diesem Brief schrieb er einem Wiener kosmetischen 
Institut, man möge ihm ein Mittel zur Entwicklung des Busens 
einsenden. Er wolle nämlich seinen schwach entwickelten Busen 
üppiger gestalten. (Den Brief unterzeichnete er mit dem Namen 
einer seiner weiblichen Bekannten.) 



Ich will nun, soweit es mir auf Grund der recht mühselig 
ermittelten Daten möglich ist, sein Geschlechtsleben im allgemeinen 
schildern. Bis zu seinem einundzwanzigsten Lebensjahre hatte er 
niemals koitiert. Auch hat er nie daran gedacht, es zu tun, denn 
er empfand Ekel davor. Er sagt, man müsse wahnsinnig sein, 
um in ein Loch hineinzukriechen, von wo . . . Ich rede ihm zu, 
fortzufahren. Der Ekel schüttelt ihn, er kann kein Wort heraus- 
bringen. Ich setze selber fort, was wirklich nicht schwer ist: „Von 
wo wir herausgekommen sind, nicht wahr?" Er antwortete hierauf, 
daß er in seinem Magen und in seiner Kehle einen großen Druck 
verspüre, den er übrigens jedesmal hat, wenn man mit ihm über 
den Beischlaf redet. Übrigens ist er der Meinung, daß jeder Koitus 
so etwas wie eine Art von Inzest sei. „Wenn ich, Gott behüte, 
jemals doch in die Lage käme, so etwas zu tun, müßte ich immer 
daran denken, daß Vater und Mutter dasselbe getan haben und 




Der junge Spiritist 415 

da hätte ich gewiß das Gefühl, daß ich es mit ihnen zusammen 
täte. Das ist es, was ich unter Blutschande verstehe." Diese 
Gelegenheit benätze ich zur Frage, ob es wohl vorgekommen sei, 
daß er den Koitus seiner Eltern belauschen konnte. Er antwortete 
weder mit Ja noch mit Nein. Er sagte nur, daß er zwei Jahre 
larfg fortwährend im Schlafzimmer seiner Eltern im Bette 
lag, weitere zwei Jahre hindurch aber nur die Nächte dort ver- 
brachte. Ich versuchte eine positive Antwort aus ihm heraus- 
zubringen, doch auf seinem Gesichte erscheint der Ausdruck des 
Ekels und er bittet mich, ihn mit dieser Frage nicht weiter zu 
quälen. 

Onanie will er nie getrieben haben. Sowie er davon spricht, 
verurteilt er sie mit augenscheinlicher Heftigkeit. Er leugnet 
jedoch nicht, beiläufig vierhundertmal in Versuchung gewesen zu 
sein, es zu tun. Jedesmal aber glaubte er, die mahnende Stimme 
des Vaters zu hören, er versank in ein inbrünstiges Gebet, sein 
Widerstand erwachte und er konnte der Verlockung widerstehen. 
Das Gebet ist nämlich seiner Ansicht nach eine an den Vater 
(Gottvater) gerichtete Rede, in der die Dankbarkeit, warme Liebe 
und leidenschaftliche Schwärmerei ihm gegenüber zum Ausdruck 
gelangen. 

Die Versuchung, welche von den lauernden bösen Geistern 
ausgeht, bedroht ihn meistens von links oder, wie er sagte, von 
linker Hand. Hier ist zu bemerken, daß der kleine Finger der 
linken Hand Valentins immer ein wenig gekrümmt ist. Er meint, 
dies sei — infolge der Strafe Gottes — ein Hindernis für ihn. 
„Was für ein Hindernis?" frage ich. Er antwortet: „Damit ich 
nicht geigen könne. Das Musiktalent war bei mir überaus früh 
entwickelt. Gott wollte nicht, daß ich es vor einer bestimmten Zeit 
entfalte. Deshalb krümmte er mir den Finger." 1 

Er zählt dann die beim Onanisten auftretenden Symptome auf: 
sie sind nervös, leieht erregbar, ihr Blick schweift in die Ferne, 
sie stottern und sprechen verwirrt, manchmal begreifen sie die 
einfachsten Dinge nicht. Als ich ihn aufmerksam mache, daß dies 
eigentlich auch seine Symptome wären, protestiert er dagegen 






1 Wenn wir an Stelle des Musiktalentes die sexuelle Fähigkeit setzen, 
deren allzu frühe Entfaltung Gott gleichfalls nicht will, ist das Rätsel der 
Lähmung gelöst. Das seelische Verbot wird durch die körperliche Lähmung 
effektuiert. 



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Dr. Geza Szilägyi 



und erzählt, daß man ihn als fünfzehnjährigen Knaben auf Wunsch 
seiner Mutter im Budapester Kriminalpädagogischen Institut unter- 
sucht habe. Eine alte Ärztin fragte ihn, ob er mit Frauen oder 
mit sich selbst in ein intimes Verhältnis getreten sei. Er antwortete 
aufschreiend, daß er es nicht der Mühe wert finde, auf solche 
unsinnige Fragen zu antworten. Dies muß er auch mir gegenüber 
wiederholen. Er onaniere nicht, noch koitiere er, doch manchmal 
fühle er den Zwang, Unflätigkeiten zu sagen und hie und da 
träume er auch solche Dinge. Dies habe ich bei ihm oft beobachtet. 
Ich sah, daß sich sein Gesicht plötzlich verdüsterte und daß er, 
wie geistesabwesend, die schmutzigsten Flüche und die unflätigsten 
Beschimpfungen hervorstieß. Einer seiner ständig wiederkehrenden 
Lieblingsausdrücke war: „Hurenmutter, stinkende Hurenmutter!" 
Als ich ihn fragte, wie dieses Benehmen mit seiner vielgepriesenen 
Keuschheit vereinbar sei, entschuldigt er sich damit, daß nicht 
sein wahres, aus himmlischen Höhen stammendes Ich so spreche, 
sondern sein anderes, böses, den Höllentiefen entsprungenes Ich. 
Pollutionen hatte er angeblich nie gehabt. Er ist stolz darauf, 
niemals Samen verloren zu haben. Aller Samen sammle sich ihm 
im Kopfe, wo schöne Gedanken daraus werden. Dies ist augen- 
scheinlich eine materialistisch ausgedrückte Art der Sublimierung. 1 
In seinen Träumen spielen sexuelle Dinge oft eine Rolle. Wie 
er auf Grund der spiritistischen Lehre meint, ist der Traum nichts 
anderes, als der freie Austritt des Geistes aus dem Körper während 
des Ausruhens der körperlichen Organe. Der Geist kann aber nicht 
nach Belieben hin und her irren, da ihn ein unzerreißbarer magne- 
tischer Faden, der verbindende Fluidfaden, mit dem Körper ver- 
knüpft. Wenn sich der Geist weit entfernt, zieht er den Fluidfaden 
weit mit sich, der es nicht gestattet, daß sich der Geist endgültig 
vom Körper trenne. Nach der Auffassung der Spiritisten sind alle 
Träume Wahr-Träume, prophetische Träume, da der während des 
Traumes aus dem Körper tretende Geist alle jene Ereignisse durch- 
wandert, die der Mensch in den folgenden Tagen oder Wochen 
durchmachen wird. Nach meiner Ansicht sind aber Valentins Träume 
keineswegs prophetische, sondern eher verräterische Träume. 
Betrachten wir nur einige dieser Träume. „Es kommt manchmal 

1 Etwas Ähnliches dachten sich auch die alten Jesuiten, nach deren 
Auffassung das nicht verwendete Sperma in das Blut zurückkehrt und das 
Gehirn befruchtet. 




Der junge Spiritist 



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vor" — ich zitiere ihn jetzt wörtlich — „daß ich während des 

Traumes schrecklich aufgeregt werde, und ich kann es kaum 

aussprechen Onanie anwende, was ich im wachen Zustand 

niemals tue." Oder ein anderer Traum: „Ich wollte im Traume mit 
einem Mädchen in Verbindung treten. Obwohl wir nebeneinander 
lagen, konnte ich das sogenannte Häutchen nicht durchstoßen." 
Die Träume sind so klar und aufrichtig, wie die eines kleinen 
Kindes. Er brachte mir manchmal Träume, aber nicht gerne, da 
ihn eine Art von spiritistischem Gelöbnis zum Geheimhalten seiner 
Träume verpflichte. Übrigens erzählte er bloß diese Träume und 
konnte zu den einzelnen Traumstücken keine Einfälle bringen. 
Doch boten auch diese Träume einige typische Traumsymbole, 
so daß sie von diesem Gesichtspunkte einen gewissen Wert 
besitzen. 

Hier folgt ein ziemlich durchsichtiger Traum: „Ich befinde 
mich auf der Straße und als ich vorwärts schreite, beginne ich 
mich plötzlich zu erheben; ich fliege immer höher über die Häuser 
hinweg, nahe zum Himmel. Auf einmal umschließt meine Hand 
ein unsichtbarer Geisterarm und beginnt mich zu leiten." Dem 
Kenner der Traumsymbolik ist es klar, was das Fliegen bedeutet. 
Valentin bringt zum Traum keine Assoziationen, doch auf die 
Frage, wessen Arm der Geisterarm wohl sein mag, antwortet er 
nach sehr langem Zögern, daß es der Arm seines verstorbenen 
Vaters sei. In einem anderen Traum fliegt er gleichfalls. Plötzlich 
bemerkt er mit Entsetzen, daß von seinem linken Fuße (vergessen 
wir nicht, daß die Versuchung bei ihm von links, „von linkerhand" 
kommt) der Schuh und der Strumpf fehlen. Sein Entsetzen steigert 
sich noch mehr, als er entdeckt, daß plötzlich auch sein linker 
Fuß verschwunden ist. Dann fliegt er zur Erde zurück und hört, 
wie ihn eine Geisterstimme tröstet: „Laß gut sein, Bruder, ich 
werde dir alles ersetzen, was du verloren hast." Zu diesem Traum 
bringt er nur eine einzige Assoziation, nämlich die, daß die Geister- 
stimme die seines Vaters war. Der Traum ist aber auch ohne 
Assoziationen klar genug. Der linke Fuß, der erst unbedeckt bleibt, 
sodann verschwindet, ist der Penis. Dessen Verschwinden hängt 
mit Kastrationsphantasien zusammen, welche Auffassung auch durch 
den Trost des Geistes bestärkt wird: „Ich werde dir alles ersetzen, 
was du verloren hast." Das heißt: „Wenn du deinen Penis ver- 
lierend mit deiner Mutter identisch wirst, kann ich mit dir koitieren, 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 27 



418 



Dr. Geza Szilagyi 



und während dieses Koitus bekommst du mit meinem väterlichen 
Penis das, was du infolge der Kastration verloren hast." 

Den typischen Exhibitionistentraum vom nackten Fuße und 
fehlenden Schuhe und Strumpfe träumt er oft: „Vom Fuße gingen 
mir Schuh und Strumpf verloren. Ich ließ den nackten Fuß von 
der Sonne bescheinen. Dann ging ich auf die Wanderschaft, und 
kam in einen finsteren Wald, wo ich nicht einmal einen Schritt 
weit sah. Es schien mir, als ob ich irgendwo eingesperrt wäre, 
ich fühlte, daß aus den Blättern der Bäume Oxygen hervor- 
strömt. Es war sehr angenehm, doch konnte ich gar nichts sehen." 

Der nackte Fuß im finsteren Walde ist ein durchsichtiges 
Symbol. Valentin bringt zwei sehr verräterische Assoziationen 
zum Traum: „Behaarungszentrum . . . Hurenmutter." Dann erschrickt 
er und ruft: „Gott verzeih' mir, daß ich über andere zu urteilen 
wage." Diesen Traum ergänzt, gleichsam die Kehrseite der Medaille 
beleuchtend, folgender Traum: Ein Amtskollege, den Valentin 
homosexueller Gefühle verdächtigt, greift ihn rücklings mit einem 
Messer an und davon wird sein Hemd ganz blutig. Dieses Messer 
sieht jenem zweischneidigen Papiermesser ähnlich, das Valentin 
von seinem verstorbenen Vater zum Geschenk erhielt. Das Messer 
symbolisiert also den Penis seines Vaters. Valentin ist also in 
seinen Träumen keineswegs der Jüngling ohne jede Sinnlichkeit, 
für den er sich wachend und bewußtermaßen hält. 

Hier wäre es am Platz, über seinen stark entwickelten 
Narzißmus zu berichten. Er behauptet, sich auf das Zeugnis 
seiner Eltern und Verwandten berufend, daß er bei seiner Geburt 
ein selten starkes und stämmiges Kind gewesen sei. Nach seiner 
Ansicht mußte er deshalb bis zum dritten Lebensjahre dauernd 
im Bette liegen, weil er ein überentwickeltes Kind war, dem das 
Gehen hätte schaden können. Wahrscheinlich ist das Gegenteil 
richtig ; er mag ein unentwickeltes, rachitisches Kind gewesen sein. 
Er erzählt, daß er als kleines Kind sofort zu weinen begann, so 
wie er sich nur in geringstem Maße beschmutzte, und so lange 
strampelte, bis man ihn gründlich reinigte. Er rühmt sich auch, 
obwohl er alles mögliche essen mußte, einen beispiellos kräftigen 
Magen zu besitzen und trotz aller Entbehrungen, die er durch- 
machte, baumstark geblieben zu sein. (Wenn man ihn ansieht, hat 
man den Eindruck eines völlig kraftlosen und degenerierten 
Menschen.) 



Der junge Spiritist 



419 



In seinem sechzehnten Jahre wußte er schon schrecklich 
viel, was er damals noch gar nicht wissen hätte können, da er 
es nicht erlernt hatte. Im Kriminalpädagogischen Institute stellte 
man fest, daß er geistig überentwickelt sei. (Es ist aber wahr- 
scheinlich, daß man sich dort vom Gegenteil überzeugte.) Man 
bestaunte sein übermäßiges Wissen, das er nicht Büchern entnahm, 
sondern größtenteils durch Träume, Einflüsterungen der Geister 
und im Zustande der durch Mediumnität hervorgerufenen Trance 
erwajb. 

Bei anderer Gelegenheit erwähnte er: „Wenn ich wirklich 
Weib sein und gebären könnte, würde ich kein Kind produzieren, 
wie jedes andere Weib, sondern schöne Blumen. Wer sich trotz 
der Materie in so eine Höhe erheben konnte, wie ich, wer sich 
mit seinem Geiste so in die Nähe des ewigen Vaters aufschwingen 
konnte, dessen ganzes Wesen wird beschwingt (sein Gang ist 
ungeschlacht, schwerfällig), dessen Gesicht wird fein und sanft 
(er sieht eher einfältig aus), aus einem solchen Menschen sind 
alle rohen männlichen Züge ausgemerzt. Wenn ich für einen 
Augenblick meine Augen schließe, dann erblicke ich auch ohne 
Mediumnität die idealschönen Formen und die reine Keuschheit 
meines Innern." 

Ein anderesmal brüstet er sich: „Seit meinem zwölften 
Jahre bin ich der göttlichen Gabe, der besonderen höheren Gnade 
teilhaft, daß ich die sich vor mir auftürmenden Hindernisse, sowie 
die Zahl, Macht, Kraft und Pläne meiner gegen mich anstürmenden 
Feinde im Wege von Eingebungen und Träumen im voraus fest- 
stellen kann." Dies ist schon ein Übergang zur narzißtischen All- 
macht der Gedanken, die sich bei ihm unter anderem in der soge- 
nannten Mediumnität offenbart. Es pflegt vorzukommen, daß ihm 
einzelne Gegenstände entschwinden und dann auf wundersame 
Weise zurückkehren. Es verschwindet ein Schlüssel, den er dann 
in einem versperrten Schrank entdeckt. Er führt dies auf die ihm 
entströmende mächtige magnetische Kraft zurück. Diese Aus- 
strahlung, sein körperlicher Magnetismus, ist fähig, physische 
Phänomene hervorzurufen, von denen er aber erst nachträglich 
Kenntnis erhält. 

Sein Spiritismus ist von Sinnlichkeit erfüllt. Ich gehe jetzt 
zu diesen Manifestationen seines Spiritismus über, besser gesagt, 
seiner spiritistischen Theorien, die während unserer Gespräche zu- 

2T* 



420 



Dr. G6za Szilägyi 



tage traten. Valentin kennt zwei Arten des Magnetismus: den 
„anziehenden Magnetismus" und den „elektrischen Magnetismus". 
Der „anziehende Magnetismus" — achten wir auf die Worte! — 
besitzt eine drohende, starre, harte, elastische, rohe Kraft, vor der 
die bösen Geister Hals über Kopf flüchten, wie der eingeschüchterte 
Hase vor der Flinte des Jägers. Dieser „anziehende Magnetismus" 
ist der Magnetismus der Wahrheit, der väterliche Magnetismus, 
mit dessen Hilfe man sich zu Gott erhebt. Der andere Magnetis- 
mus ist der warme, prickelnde, kitzelnde, elektrische Magnetismus, 
der weibliche Magnetismus, der sich von der Materie nicht los- 
lösen und die Erde nicht verlassen kann. Die Erde selbst ist von 
reinem elektrischem Magnetismus durchflutet. 

Es ist offenkundig, daß diese zwei Arten des Magnetismus 
das männliche und das weibliche Prinzip vertreten: der eine den 
Penis, der andere die Vagina. Valentin stellt sich aber noch außer 
den beiden Prinzipien der Geschlechtlichkeit irgendwelchen 
Hermaphroditismus vor, denn er meint: „Das ewige Licht bildet 
eine einzige einheitliche magnetische Masse. Sobald aber Magnetis- 
mus durch die vielen Sphären des ewigen Lichtes filtriert auf die 
Erde herabgelangt, spaltet er sich in zwei Arten : den ,anziehenden' 
und den ,elektrischen Magnetismus'." 

Während er dies vorträgt, wird er äußerst unruhig. Er 
behauptet, nicht zu wissen, was er spricht ; er meint fortwährend 
Geisteseingebungen zu hören und muß unter ihrem Zwange Satz 
für Satz so wiederholen, wie er es hört. Er erklärt, daß ihn dies 
überaus erschöpfe, was auch sein Äußeres verrät. 

Wenn ein Geist sich verkörpert, fällt er durch einen feurigen 
Reif. Er meint, daß der feurige Reif mit dem Behaarungszentrum 
identisch sei, worunter er offenbar das weibliche Genitale versteht. 
Sein eigener Geist lebte in einer Sphäre, die um zwei Grade höher 
gelegen ist als die Erde. Da ' er sich aber versündigte, mußte er 
zur Strafe durch den feurigen Reif auf die Erde herabfallen, wo 
er jetzt weilt. (Das heißt, er konnte nicht im mütterlichen Uterus 
bleiben, sondern mußte geboren werden.) 

Was ist diese höhere Sphäre? Hören wir die diesbezüglichen 
Darlegungen Valentins an, die er vor mir nicht in Trance, sondern 
auf Eingebungen produziert. (Trance ist der vergeistigte Zustand 
der Mediumnität. Eingebungen aber kommen zustande, wenn 
Valentin die Geisterstimmen hört. Je weiter sie herkommen, desto 



Der junge Spiritist 



421 



besser hört er sie.) Er sagt folgendes: „Mein Geist lebte einst 
fern von den entsetzlichen Schrecknissen des Lebens an einem 
Orte, wo sich nicht gefallene, sondern Gott etwas näherstehende 
Geister aufhielten. Mein Geist mußte in diesem schöneren, ruhigeren, 
seligeren Dasein Gott gegenüber irgendein Verbrechen begangen 
haben, denn er wurde zur Strafe durch einen feurigen Reif hinab- 
gest&ßen, um so geboren zu werden, wie ein gefallener Geist. 
Dieses Hinabfallen aber erfüllt den Geist mit Entsetzen, so daß er, 
alle seine Sünden bereuend, sich wieder dahin zurücksehnt, wo er 
einst weilte." (Aus dem mütterlichen Uterus durch die heiße Vagina 
zur Welt gekommen, sehnt er sich wieder in den Uterus zurück.) 

Er glaubt an die Reinkarnation und ist fest überzeugt, daß 
er in alten Zeiten, vielleicht im XL Jahrhundert schon gelebt 
habe. Wieso er das weiß? Er ist Medium und die Medien werden 
gar oft von den Geistern durch die sogenannte Vergangenheit 
geleitet, d. h. es wird ihnen Gelegenheit geboten, in ihrer Erinnerung 
alle Momente ihres verflossenen Lebens, die imposanten und 
unbedeutenden in gleicher Weise wieder zu erleben. Von wo weiß 
er dies? „Ich erinnere mich, daß ich schon mehrmals aus mir 
selbst herausgetreten bin. Ich sitze z. B. hier und gerate in den 
Kreis des anziehenden Magnetismus'." (Dies bedeutet bekanntlich 
das männliche Prinzip.) „Ich fasse mich an und trete aus mir 
heraus. Ein Geisterarm ergreift mich und führt mich durch die 
Vergangenheit. Wenn ich dann in meinen Körper zurückkehre, 
erinnere ich mich eine Zeitlang an gar nichts. Später aber sehe 
ich nach und nach viele Bilder der Erinnerung." 

Wie oft er eigentlich in der Vergangenheit gelebt hat, kann 
er mir nicht mitteilen. Er kann mir nur soviel verraten, daß er 
im XL Jahrhundert ein äußerst leidenschaftliches Weib gewesen. 
Er war damals sehr schön, wie es seine Mutter in jüngeren Jahren 
gewesen sein mag. Auch war er damals sehr reich und entfaltete 
großen Putz. Er liebte die Musik und sang Lieder zur Laute. 
Später ergriff ihn die geschlechtliche Leidenschaft derart, daß 
er zur feilen Straßendirne wurde. Es mag ein Andenken dieser 
Zeit sein, daß aus ihm manchmal böse, schmutzige Geister reden. 
Bei solcher Gelegenheit umzingelt ihn der „elektrische Magne- 
tismus" (der ihm das weibliche Prinzip bedeutet), dessen Wellen 
ihn mächtig drückend überfluten, so daß er gezwungen ist, 
Unflätigkeiten zu reden. Die schmutzigen Geister diktieren ihm 



422 



Dr. Geza Szilägyi 



manchmal Verse. Ich war Zeuge, wie er einmal zur Schreib- 
maschine lief und ein solches Gedicht niederschrieb. Es war schlecht- 
gereimtes, holpriges Zeug. Er ließ mich kaum einen Blick darauf 
werfen und zerriß schnell das Papier. Die ersten zwei Zeilen 
lauteten: „Ich hatt' ein Lieb, die mir ihr Loch versagte." Der 
Refrain aber hörte sich so an: „Hurenmutter, Hurenmutter!" Ich 
glaube folgern zu dürfen, daß das Liebchen, das sein Loch versagte, 
die Mutter war. 

Haarlosigkeit ist gleichfalls eine Erscheinung aus einer 
höheren Sphäre, in welcher die absolute Reinheit und Sittlichkeit, 
die gänzliche Entfernung von der Materie und der vollständige 
Ekel vor ihr herrscht. In dieser Sphäre kennt man keine Behaarung. 
Das Trachten nach Haarlosigkeit bedeutet also den Wunsch, jenen 
Bewohnern der höheren Sphäre gleich zu sein. Die Behaarung ist 
die Verkörperung des Materialismus, in ihr steckt der meiste 
elektrische Magnetismus. Valentin empfindet Ekel vor diesen 
Dingen, er möchte sie daher loswerden. (Die Behaarung vertritt 
das weibliche Genitale, sie repräsentiert — pars pro toto — die 
Mutter; der große starke Ekel ist die Reaktionsbildung auf die 
große, starke Sehnsucht.) 

Er versuchte auch unter den NichtSpiritisten, besonders unter 
Frauen Propaganda für die Enthaarung zu machen. (Die behaarte 
Frau ist mit der Mutter identisch, zu der er sich unbewußt hin- 
gezogen fühlt, bewußtermaßen aber sich vor ihr fürchtet. Die 
enthaarte Frau ist mit der Mutter nicht identisch, daher kann er 
ihr sich leichter nähern.) Nach seinem eigenen Geständnis verstehen 
ihn 99"8 Prozent der Frauen nicht; er wird von ihnen verlacht 
oder mit Grobheiten traktiert, bloß bei 0"2 Prozent hat er Erfolg 
mit seiner Propaganda. Dieser Mißerfolg läßt ihn aber nicht ver- 
zagen, seine Mission fortzusetzen, da dies, wie er es aus den 
Eingebungen der Geister weiß, der Wille Gott-Vaters ist. Gott 
gab ihm deshalb die Sprache, damit er den Vater verherrliche und 
den Menschen wohltue. Mit der Enthaarung aber, die eines der 
Hauptmittel der Befreiung von der Tiefenwelt des elektrischen 
Magnetismus ist, läßt er den Menschen Schönes, Gutes, Edles 
zuteil werden. Um seine Rede eindrucksvoller zu gestalten, zeigt 
er den enthaarten Arm (denken wir an den Traum, in dem der 
Geisterarm den Penis seines Vaters darstellte), diesen reinen 
Musterarm. Er machte aber die Erfahrung, daß das Aufzeigen 



Der junge Spiritist 



423 







dieses reinen Armes bei vielen Frauen, die er für seine Ideen 
gewinnen wollte, eine riesige sexuelle Erregung hervorrief. „Diese 
Dämchen" (er schüttelt sich vor Ekel) „machten sich fürwahr 
verabscheuungswert." (Er zuckt mehrere Male zusammen.) „Sie 
konnten mich in solchen Zorn versetzen, daß ich sie, obwohl ich 
Weibern gegenüberstand, gerne in die Brust gestoßen hätte. Wenn 
mein Bestreben, mich weiblich umzugestalten, erfolgreich sein wird, 
werde ich von ganz anderer Art sein, da ich unbehaart sein 
werde." 

Die Enthaarung ist für ihn gleichzeitig ein Mittel, den 
unangenehmen Gerüchen zu entrinnen, die eine Eigenheit der 
Menschen, beziehungsweise der menschlichen Weiber sind, wogegen 
die Geister der anderen Sphären keinen Geruch haben. Es ist zu 
bemerken, daß Valentin beim Betreten des Zimmers wie ein Hund 
herumschnuppert. Die Flucht vor dem Geruch, genauer vor dem 
Geruch des weiblichen Genitales, ist eigentlich ein Kampf gegen 
den Wunsch, diesen Geruch, d. h. die Quelle dieses Geruches 
aufzusuchen. 

IV. 
Schlußfolgerungen. 

Indem ich versuche, das vorliegende Material kritisch zusammen- 
zufassen, will ich zunächst den hervorstechendsten Charakterzug 
des Falles, der zweifelsohne als Schizophrenie anzusprechen ist, in 
aller Kürze hervorheben. Er betrifft die Rolle des Unbewußten, das 
hier in fast unverstellter Weise die Dominante des Seelenlebens 
geblieben ist und sich in allen Äußerungen des jungen Mannes 
triebhaft kundtut! Was bei der Hysterie nur mit Mühe aus der 
Verkapselung der Symptome und Verdrängungen herausgeholt 
werden kann, liegt hier offen zutage. Von einem vorherrschend ge- 
bliebenen Narzißmus erfüllt, lebt Valentin noch heute im Paradiese 
der Infantilität. 

Was seinen Geschlechtscharakter anlangt, kulminiert er in 
der Identifizierung, die nach Freud eine wichtige Vorstufe der 
endgültigen Objektwahl bedeutet. Die Ansätze zur letzteren fehlen 
hier ebenso wenig, wie in anderen Fällen von Schizophrenie, doch 
schwankt die Gefühlsbindung unentschieden zwischen beiden 
Elternteilen. Auch die Identifizierung selbst wird nicht konsequent 
durchgehalten ; in seinen libidinösen Strebungen dünkt er sich bald 



424 



Dr. Geza Szilägyi 



Mann (Vater), bald Weib (Mutter), Immerbin ist zu beobachten, 
daß sein stark entwickelter Narzißmus ihn mehr in die Rolle des 
Weibes drängt, damit er sich den Mann (Vater) als Liebesobjekt 
erwählen kann. Durch welche Umstände diese Einstellung erfolgt 
ist, läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dem vorgebrachten 
Erinnerungsmaterial entnehmen. Die frühzeitige Beobachtung des 
weiblichen Genitales — maskiert durch die „Haargeschichte" — 
daran der Penismangel aufgefallen sein wird, muß die Objekt- 
beziehung zur Mutter im tiefsten erschüttert haben. Von dieser 
höheren Entwicklungsstufe der Libido (Ödipuskomplex) wurde er 
auf eine niedrigere zurückgeworfen. Die ihm adäquate Lösung 
fand er, als er sich mit dem' aufgegebenen Objekt identifizierte. 
Spuren anderer Lösungsmöglichkeiten sind immerhin bei ihm 
nachweisbar. 

Überhaupt erweist sich seine Sexualorganisation als äußerst 
locker und wir finden die einzelnen Partialtriehe (Schau- und Zeige- 
lust, Grausamkeitstrieb usw.) recht selbständig nebeneinander „dem 
Lusterwerb zustrebend" (Freud). 

Ich will mich nicht im Theoretischen verlieren und komme 
auf jene Abneigung Valentins gegenüber der Behaarung zurück, 
worin sich das Pathologische seines Falles am klarsten manifestiert. 
Was bedeutet nun diese Abneigung? 

Die Behaarung, welche er zum erstenmal am Genitale seiner 
Mutter erblickte (wahrscheinlich nicht ganz zufällig, sondern als 
Befriedigung einer unbewußten Schaulust), diese Behaarung vertritt 
das Genitale der Mutter selbst und im weiteren das Genitale aller 
Weiber. Später entwickelte sich infolge der starken Verdrängung 
reaktionsweise die Furcht vor dem Inzest, die ihn in die auf den 
Vater gerichtete Homosexualität drängt, sowie das Bestreben zur 
Selbstbestrafung der Schaulust. Die Enthaarung steht im unbe- 
wußten und symbolischen Dienste dieser Tendenzen. Einerseits 
befriedigt er damit seinen Sadismus, der dem Rachewunsch seiner 
im Kindesalter erlittenen Enttäuschung entsprang, andererseits 
macht er es sich möglich, dem Vater gegenüber die Stelle der 
Mutter einzunehmen. Außerdem bedeutet die Enthaarung, die ja 
auch eine symbolische Kastration ist, eine Ahndung des Inzest- 
wunsches und der kindlichen Schaulust. Wenn er demnach seine 
eigene Behaarung austilgt, bestraft er sich masochistisch für den 
verpönten Antrieb, seine Mutter zu belauschen, und wenn er 



Der junge Spiritist 



425 



andere, in erster Reihe Weiber, enthaaren will, befriedigt er 
zugleich seinen verdrängten und unbewußt gewordenen Sadismus. 
Die Furcht vor der Behaarung ist eine Furcht vor der Mutter, 
beziehungsweise eine Furcht vor dem weiblichen Genitale. Einer- 
seits erhöht er mit der Enthaarung sich selbst und die Weiber, 
da er der Meinung ist*— hier wirkt sein Narzißmus nach — daß 
der Behaarungsmangel etwas Edleres, Schöneres und Reineres 
bedeutet; andererseits erniedrigt er sie, da er sie verstümmelt. 
Seine Mutter besaß eine Behaarung, er dagegen ist enthaart. Durch 
diese Eigenheit will er der Mutter gegenüber eine Superiorität 
erwerben und sie dadurch aus der Gunst des Vaters verdrängen. 
(Daß sein Vater schon seit Jahren tot ist, ändert an der Sache 
nichts, da er ihn, auf Grund seiner spiritistischen Auffassung, als 
existent empfindet.) Die bewußt aus allerlei pseudo-rationalistischen, 
hygienischen, ästhetischen und religiösen Gründen erfolgte Ent- 
haarung ist also nichts anderes als eine mit Selbstbestrafung 
verknüpfte unbewußte Flucht vor dem mütterlichen Genitale, mit 
dem er sich infolge der homosexuellen Fixierung an den Vater 
unbewußt indentifiziert. 

Sein Trancezustand dient dazu, die Halluzinationen zu ver- 
decken, beziehungsweise den manifesten Ausbruch der Halluzina- 
tionen zu verhindern. In diesem Zustande, in den er zweimal auch 
in meiner Gegenwart verfiel, vereinigt er sich mit Gott- Vater, 
das heißt ohne theologische Floskel, mit seinem Vater. Der 
Zustand, dessen Zeuge ich sein konnte, begann damit, daß Valentin 
vorerst ein Krachen der im Zimmer befindlichen Möbel hörte, 
woraus er die Stimme seines Vaters zu vernehmen glaubte. Hierauf 
übermannte ihn eine Art von leichter Ohnmacht, verbunden mit 
kleinen Zuckungen. Dieser Zustand währte nicht länger als drei, 
vier Minuten und nachher bot Valentin das Bild einer eher ange- 
nehmen Erschöpfung. 

In der Trance wird er in eine andere, höhere Sphäre entrückt, 
wo er fern von der Mutter und an Stelle der Mutter mit dem Vater 
zusammen verweilen kann. In diesem Zustand erfolgt der Kompromiß 
zwischen dem Wunsch und der Wunschverdrängung. Die Trance 
ist in Wirklichkeit eine halluzinatorische Wunscherfüllung, deren 
wahrer Charakter ihm jedoch nicht bewußt wird. Hier erfolgt die 
Korrektur der Realität: die im Leben verdrängten Wünsche, 
sowohl die heterosexuell-inzestuösen als auch die homosexuellen, 



426 



Dr. G6za Szilägyi 



kann er in der Trance ausleben. Sie bietet ihm zugleich eine 
Ersatzbefriedigung für die Onanie, wie auch für den Koitus, 
welche beide er in der Realität meidet und bekämpft. Im Leben 
ist er genötigt, das Realitätsprinzip zu befolgen, in der Trance 
— im Spiritistendialekt: in einer anderen Sphäre — kann er 
ungehemmt dem Lustprinzip huldigen. Die Effemination, die er, 
wiewohl in Unkenntnis der wahren homosexuellen Motive, bewußt 
anstrebt, aber vollständig nicht verwirklicht, da er ja seinen Penis 
nicht loswerden kann, diese Effemination erreicht er in der 
Trance, wo er erfährt, daß er im XL Jahrhundert Weib gewesen 
ist, also identisch mit der Mutter ist. Diese vollständige Identifi- 
zierung könnte er im Leben nicht vollziehen und wagt es nicht, 
wohl aber in der Trance. 

Er sündigt eigentlich, wenn er sich danach sehnt, neben dem 
Vater den Platz der Mutter einzunehmen. Diese Sünde projiziert 
er jedoch im Wege der Trance in eine frühere Existenz, und was 
bei ihm ins Bewußtsein gelangt, ist der weniger unerträgliche 
Gedanke, daß er im XL Jahrhundert sündigte, als er ein 
Straßenmädchen war, das sich mit großen Herren fleischlich 
vereinigte. Im Wege der Trance erlebt er also in einer fernen 
Vergangenheit und in einer anderen Sphäre, was hienieden ein 
anderer Mensch in der Neurose erlebt. Die Gefühle und Stimmungen 
der Trance verschwinden auch nachher nicht spurlos und sichern 
ihm eine gewisse Euphorie. Dieser Zustand bietet also mehr 
Befriedigung als der Traum, worin die Wunscherfüllung gleichsam 
verzerrt erscheint. In ihm allein, der den unmittelbaren Tagträumen 
näher steht, findet Valentin einen ausgiebigen, der Verantwort- 
lichkeit und der Strafe entbehrenden Schadenersatz für die Askese, 
der er im Leben huldigt, durch die aber eine überwuchernde 
Sexualität deutlich durchsehlägt. 

Im Trancezustand — hiemit gelange ich zum Schluß meiner 
notgedrungen fragmentarischen Ausführungen — steht Valentin 
auch der Jungfrau Maria am nächsten, für die er im Leben nur 
als Mitglied einer Marienkongregation schwärmen darf. In der 
Wirklichkeit, um seine eigenen Worte zu zitieren, ist er ein armer 
Hurenbalg, d. h. der Balg einer Hure. Im Trancezustand aber 
kehrt er in die Vergangenheit zurück, u. zw. als Straßenhure, 
gleichzeitig als Hurenmutter seiner selbst. In diesem Zustand 
erreicht er zugleich eine — seiner Meinung nach zukünftig wohl 



Der junge Spiritist 



427 



allgemeine — Sphäre, in welcher nur mehr unbehaarte Engel 
leben. In deren Mitte thront die Jungfrau Maria — sie auch 
unbehaart — mit seinem verstorbenen, also himmlischen Vater 
geschlechtlich vereinigt. Gleichwie er in der Vergangenheit Huren- 
mutter und Hurenbalg in einem war, wird er durch diesen 
Beischlaf zur Jungfrau Maria und gleichzeitig zum Gottessohn, 
also zu Christus, der mit dem Evangelium der unbehaarten Keusch- 
heit die Welt erlöst. Eine größere Seligkeit auf Erden ist nicht 
zu erreichen. Valentin, der im Zustande der wiederkehrenden 
Trancen ein dem Lustprinzip huldigendes Leben verbringt, kann, 
aus solchem Taumel erwachend, in seliger Einfalt immer wieder 
die dürftige Anpassung an das Realitätsprinzip weiter versuchen. 






Verzeichnis der wissenschaftlichen Veröffentlichungen von 
Dr. Sändor Ferenczi. 

i. Spiritismus. Gyögyäszat, 1899. 

2. Uterus didelphys. Terhesseg az egyik uterusban. (Gravi- 
dität des einen Uterus.) Gyögyäszat, 1899. 

3. Öntudat, Fejlödes. (Bewußtsein, Entwicklung.) Gyö- 
gyäszat, 1900. 

4. A morphium alkalmazäsa öreg embereknel. (Die An- 
wendung des Morphins bei älteren Personen.) Gyögyäszat, 1900. 

5. Ketüves körisme.(Zwei Fehldiagnosen.) Gyögyäszat, 1900. 

6. A menstruatio magyaräzatänak ujabb kiserlete. (Ein neuer 
Erklärungsversuch der Menstruation.) Gyögyäszat, 1900. 

7. Bradycardia senilis. Gyögyäszat, 1900. 

8. Olvasmäny es egeszseg. (Lektüre und Gesundheit.) 
Egeszsegügyi lapok, 1901. 

9. A szerelem a tudomänyban. (Die Liebe in der Wissen- 
schaft.) Gyögyäszat, 1901. 

10. A jobboldali agyfelteke göcmegbetegeaese. Agytdlyog. 
(Herderkrankung der rechten Hemisphäre. Hirnabszeß.) Orvosi 
Hetilap, 1901. 

11. Coordindlt es assimilält ehnebetegsegekrol. (Über koordi- 
nierte und assimilierte Geisteskrankheiten.) Vortrag in der neuro- 
logischen Sektion des königlichen Ärztevereines in Budapest, 1901. 

12. A terdtünet viselkedeserol epileptikus rohamok alatt. (Das 
Verhalten des Kniephänomens im epileptischen Anfall.) Orvosi 
Hetilap, 1901. 

13. Apoplexids roham sikeres gyögykezelese. (Geglückte 
Therapie eines apoplektischen Anfalles.) Gyögyäszat, 1901. 

14. Homosexualitas feminina. Gyögyäszat, 1902. 

15. Az agykereg erzöterületeröl.( Über die sensorische Region 
der Großhirnrinde.) Orvosi Hetilap, 1902. 



Verzeichnis der wissenschaftl. Veröffentlichungen von Dr. S. Ferenczi 429 



16. Tebolyodottsägröl. (Über Paranoia.) Gyögyäszat, 1902. 

17. Csigolyalob idegszövödmenyei. (Nervenkomplikationen bei 
einer Wirbelentzündung.) Gyögyäszat, 1902. 

18. Neuritissei szövödött tabes. (Tabes dorsalis mit Neuritis- 
komplikation.) Gyögyäszat, 1903. 

19. Bromismus es arsenicismus. (Bromismus und Arseni- 
zismus.) Gyögyäszat, 1903. 

20. A körhdzi segedorvosi intezmenyröl. (Über die Organi- 
sation des assistenz-ärztlichen Dienstes in den Spitälern.) Gyögyä- 
szat, 1903. 

21. A hipnözis gyögyitö ertekeröl. (Über den therapeutischen 
Wert der Hypnose.) Gyögyäszat, 1904. 

22. Ldzas betegseghez tdrsult labyrinth-bäntalom. (Fieber- 
erkrankung mit anschließender Labyrinth-Affektion.) Gyögyä- 
szat, 1904. 

23. A villamossäg mint gyögyszer. (Die Elektrizität als 
Heilfaktor.) Gyögyäszat, 1904. 

24. Az arteriosclerosist kiserö ideges tünetekröl. (Über die 
nervösen Begleitsymptome der Arteriosklerose.) Gyögyäszat, 1905. 

25. A korai arteriosclerosisröl. (Über die frühzeitige 
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26. A neurastheniäröl. (Über die Neurasthenie.) Vortrag 
auf dem III. Landeskongreß ungarischer Irrenärzte. Gyögyä- 
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27. Gyögyitds hipnotikus suggestiöval. (Behandlung mit 
hypnotischer Suggestion.) Gyögyäszat, 1906. 

28. Sexualis ätmeneti fokozatokröl. (Über sexuelle Zwischen- 
stufen.) Gyögyäszat, 1906. 

29. Balesetbiztositdsi tapasztalatok. (Erfahrungen bei Unfall- 
versicherungen.) Gyögyäszat, 1907. 

30. Analytische Deutung und Behandlung der psychosexuellen 
Impotenz des Mannes. Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift 
X. Jahrgang 1908. 

31. A mänids-depressiv elmezavar suggestiv vilägitdsban. 
(Das manisch-depressive Irresein in subjektiver Beleuchtung.) 
Gyögyäszat, 1908. Referiert im Zentralblatt für Psychoanalyse, 1910. 

32. A neurosisok Freud tanänak megvilägitäsäban es a 
psychoanalysis. (Die Neurosen im Lichte der Freudschen Lehren 
und die Psychoanalyse.) Gyögyäszat, 1908. 



430 Verzeichnis der wissensehaftl. Veröffentlichungen von Dr. S. Ferenczi 



33. Sorozatos elöadäsok az ideg- es elmekörtan köreböl. 
(Vortragszyklus über Nerven- und Geisteskrankheiten im Buda- 
pester Ärztlichen Verein.) Gyögyäszat, 1909. 

34. Introjektion und Übertragung. Jahrbuch für Psycho- 
analyse, 1909. Dasselbe in englischer Übersetzung, London, 1912. 

35. Die psychologische Analyse der Träume. Psychiatrisch- 
neurologische Wochenschrift, 1910. 

36. Psychoanalyse und Pädagogik. (Referat über einen 
Vortrag am Salzburger Kongreß.) Zentralblatt für Psycho- 
analyse, 1910. 

37. Referat über die Notwendigkeit eines engeren Zusammen- 
schlusses der Anhänger der Freudschen Lehre und Vorschläge zur 
Gründung einer ständigen internationalen Organisation. (Referat 
einer Rede am zweiten — Nürnberger — psychoanalytischen 
Kongreß.) Zentralblatt für Psychoanalyse, 1910. 

38. Reizung der analen erogenen Zone als auslösende Ursache 
der Paranoia. Zentralbatt, 191 1. 

39. Über obscöne Worte. Zentralblatt, 1911. 

40. Anatole France als Analytiker. Zentralblatt, 1911. 

41. Az elc es a komikum lelektana. (Psychologie des Witzes 
und der Komik.) Gyögyäszat, 1911. 

42. A pszichoanalitikusok szervezkedese. (Zur Organisation 
der Psychoanalytiker.) Gyögyäszat, 191 1. 

43. Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese 
der Paranoia. Jahrbuch für Psychoanalyse, 1912. Dasselbe ungarisch 
im Gyögyäszat, 191 1. 

44. Alkohol und Neurosen. (Antwort auf die Kritik von 
Prof. E. Bleuler.) Jahrbuch, 1912. 

45. Über lenkbare Träume. Zentralblatt, 1912. 

46. ZurBegri//sbestimmungderIntrojektion.Zentralblatt,i^i2. 
47: Über passagere Symplombildung während der Analyse. 

Zentralblatt, 1912. 

48. Ein Fall von „dejä vu". Zentralblatt, 1912. 

49. Zur Genealogie des Feigenblattes. Zentralblatt 1912. 

50. Metaphysik — Metapsychologie. Zentralblatt, 1912. 

51. Paracelsus an die Ärzte. Zentralblatt, 1912. 

52. Goethe über den Realitätswert der Phantasie beim Dichter. 
Zentralblatt, 1912. 

53. Dr. S. Lindner. Zentralblatt, 1912. 



Verzeichnis der Wissenschaft!. Veröffentlichungen von Dr. S. Ferenczi 431 

54. Symbolische Darstellung des Lust- und Realitätsprinzips 
im Odipus-Mythus. Imago, 1912. 

55. Philosophie und Psychoanalyse. Bemerkungen zu einem 
Aufsatze des Prof. J. J. Putnam. Imago, 1912. 

56. Ein treffendes Bild des Unbewußten. Zentralblatt, 1913. 

57. Zähmung eines wilden Pferdes. Zentralblatt, 1913. 

58. Wem erzählt man seine Träume? Zentralblatt, 1913. 

59. Zur Genese des Jus primae noctis. Zentralblatt, 1913. 

60. Liebault über die Rolle des Unbewußten bei psychischen 
Krankheitszuständen. Zentralblatt, 1913. 

61. Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Zeitschrift 
für Psychoanalyse, 1913. 

62. Zum Thema „Großvaterkomplex". Zeitschrift, 1913. 

63. Ein kleiner Hahnemann. Zeitschrift, 1913. 

64. Zur Ontogenese der Symbole. Zeitschrift, 1913. 

65. Infantile Vorstellungen über das weibliche Genitalorgan. 
Zeitschrift, 1913. 

66. Kindliche Vorstellung von der Verdauung. Zeitschrift, 1913. 

67. Ursache der Verschlossenheit bei einem Kinde. Zeit- 
schrift, 1913. 

68. Ein passageres Symptom. Position während der Kur. 
Zeitschrift, 1913. 

69. Zwanghaftes Etymologisieren. Zeitschrift, 1913. 

70. Parästhesien der Genitalgegend bei Impotenz. Zeit- 
schrift, 1913. 

71. Zur Augensymbolik. Zeitschrift, 1913. 

72. Zur Symbolik der Bettwäsche. Zeitschrift, 1913. 

73. Der Drachenflieger als Erektionssymbol. Zeitschrift, 19 13. 

74. Der Flatus, ein Vorrecht der Erwachsenen. Zeit- 
schrift, 1913. 

75. Aus der Psychologie von Hermann Lotze. Imago, 1913. 

76. Az idegkörtanban ertekesithetö nehäny megfigyeles a 
szemen. (Neurologisch verwertbare Beobachtungen am Auge.) 
Orvosi Hetilap, 1913. 

77. Einige klinische Beobachtungen bei der Paranoia und 
Paraphrenie. Zeitschrift, 1914. 

78. Zur Nosologie der männlichen Homosexualität. Zeit- 
schrift, 1914. 

79. Zur Ontogenie des Geldinteresses. Zeitschrift, 1914. 



432 Verzeichnis der wissenschaftl. Veröffentlichungen von Dr. S. Ferenczi 

80. Reiben der Augen, ein Onanieersatz. Zeitschrift, 1914. 

81. Angst vor Zigarrenrauchen. Zeitschrift, 1914. 

82. Zwangsneurose und Frömmigkeit. Zeitschrift, 1914. 

83. Schwindelempfindung zum Schlüsse der Analysenstunde. 
Zeitschrift, 1914. 

84. Einschlafen des Patienten während der Analyse. Zeit- 
schrift, 1914. 

85. Zur psychischen Wirkung des Sonnenbades. Zeit- 
schrift, 1914. 

86. Diskontinuierliche Analysen. Zeitschrift, 1914. 

87. Das Vergessen eines Symptomes und seine Aufklärung 
im Traume. Zeitschrift, 1914. 

88. Ungeziefer als Symbol der Schwangerschaft. Zeit- 
schrift, 1914. 

89. Über verschämte Hände. Zeitschrift, 1914. 

90. Referat über die allgemeine Neurosenlehre. (In dem 
„Berichte über die Fortschritte der Psychoanalyse in den Jahren 
1909 bis 1913=' .) Jahrbuch, 1914. Dasselbe ungarisch im Gyögyä- 
szat, 1916. 

91. Psychogene Anomalien der Stimmlage. Zeitschrift, 1915. 

92. Analyse von Gleichnissen. Zeitschrift, 1915. 

93. Über vermeintliche Fehlhandlungen. Zeitschrift, 1915. 

94. Der Traum vom Okklusivpessar. Zeitschrift, 1915. 

95. Die wissenschaftliche Bedeutung von Freuds Sexualtheorie. 
Zeitschrift, 1915. 

96. „Nonum prematur in annum." Zeitschrift, 1915. 

97. Die psychiatrische Schule von Bordeaux über die Psycho- 
analyse. Zeitschrift, 1915. 

98. Über zwei Typen der Kriegsneurose. Zeitschrift, 1916. 

99. Mischgebilde von erotischen und Charakterzügen. Zeit- 
schrift, 1916. 

100. Affektvertauschung im Traume. Zeitschrift, 1916. 

101. Sinnreiche Variante des Schuhsymbols der Vagina. Zeit- 
schrift, 1916. 

102. Schweigen ist Gold. Zeitschrift, 1916. 

103. Pollution ohne orgastischen Traum und Orgasmus im 
Traume ohne Pollution. Zeitschrift, 1917. 

104. Von Krankheits- oder Pathoneurosen. Zeitschrift, 1917. 

105. Träume der Ahnungslosen. Zeitschrift, 1917. 



Verzeichnis der Wissenschaft!. Veröffentlichungen von Dr. S. Ferenczi 433 

106. Psychische Folgen einer Kastration im Kindesalter. Zeit- 
schrift, 1917. 

107. Symmetrischer Berührungszwang. Zeitschrift, 1917. 

108. Pecunia ölet Zeitschrift, 1917. 

109. Ostwald über die Psychoanalyse. Zeitschrift, 1917. 

110. A „friss levego" es a „jö levegö" üditö es gyögyitö 
hatäsa. (Die erfrischende und heilende Wirkung von „frischer 
Luft" und „guter Luft".) Gyogyäszat, 1918. 

in. Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse. Zeit- 
schrift, 1919. 

112. Zur psychoanalytischen Technik. Zeitschrift, 1919. 

113. Denken und Muskelinnervation. Zeitschrift, 1919. 

114. Die Nacktheit als Schreckmittel. Zeitschrift, 1919. 

115. Sonntagsneurosen. Zeitschrift, 1919. 

116. Ekel vor dem Frühstück. Zeitschrift, 1919. 

117. Cornelia, die Mutter der Gracchen. Zeitschrift, 1919. 

1 18. Zur Frage der Beeinflussung des Patienten in der Psycho- 
analyse. Zeitschrift, 1919. 

119. Zur Psychogenese der Mechanik. Imago, 1919. 

120. Hysterie und Pathoneurosen. Internationale psycho- ^ 

analytische Bibliothek Nr. II. Internationaler Psychoanalytischer 

Verlag, Leipzig und Wien, 1919. 

Enthält die oben angeführten Nr. 98, 104, in und ferner: Hysterische 
Materialisationphänomene. Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata. Die 
Psychoanalyse eines Falles von hysterischer Hypochondrie. 

121. Nachtrag zur Psychogenese der Mechanik. Imago, 1920. 

122. Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic. Zeit- 
schrift, 192 1. 

123. Weiterer Ausbau der aktiven Technik in der Psycho- 
analyse. Zeitschrift, 1921. 

124. Die Symbolik der Brücke. Zeitschrift, 1921. 

125. Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung (mit 
Dr. Stefan Hollös). Beihefte der Internat. Zeitschrift f. Psycho- 
analyse. Nr. V. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig, 
Wien und Zürich 1922. 

126. Populäre Vorträge über Psychoanalyse. Internationale 

psychoanalytische Bibliothek Nr. XIII. Internationaler Ps3'cho- 

analytischer Verlag, Leipzig, Wien und Zürich, 1922. 

Enthält die oben angeführten Nr. 27, 32, 33, 35, 40, 41, 54, 55, 57, 95, 
105, 119, 121 und ferner: Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte. Psycho- 
analyse und Kriminologie. Glaube, Unglaube und Überzeugung. 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/3. 28 



434 Verzeichnis der wissenschaftl. Veröffentlichungen von Dr. S. Ferenczi 

127. Die Psyche ein Hemmungsorgan. Zeitschrift, 1922. 

128. Der individualpsychologische Fortschritt in Freuds 
„Massenpsychologie und Ich-Analyse". Zeitschrift, 1922. 

129. Soziale Gesichtspunkte bei Psychoanalysen.. Zeit- 
schrift, 1922. 

130. Die Brückensymbolik und die Don Juan-Legende. Zeit- 
schrift, 1922. 

131. Versuch einer Genitaltheorie. (Autoreferat des Berliner 
Kongreßvortrages.) Zeitschrift, 1922. 

132. Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen Praxis. 
Zeitschrift, 1923. (Ptyalismus bei Oralerotik. Die Söhne der 
„Schneider". Die „Materialisation" beim globus hystericus. Auf- 
merken bei der Traumerzählung. Das Grauen beim Kratzen am 
Glas etc. Zur Symbolik des Medusenhauptes. Lampenfieber und 
narzißtische Selbstbeobachtung. Ein „analer Hohlpenis" bei der 
Frau. Waschzwang und Masturbation.) 

* 

Eine Anzahl der angeführten klinischen Abhandlungen ist 
in der Übersetzung von Ernest Jones in englischer Sprache 
erschienen unter dem Titel: 

133. Contributions to Psychoanalysis. 



Alle in deutscher Sprache veröffentlichten Aufsätze sind 
auch in ungarischer Sprache — zu fünf Bänden vereinigt — 
erschienen, sämtliche im Verlage von Manö Dick: 

134. Lelekelemze's. (Psychoanalyse.) 

I 35- Lelki problemdk a pszichoanalizis megvilägitdsäban. 
(Psychische Probleme im Lichte der Psychoanalyse.) 

136. Ideges tünetek keletkezise es eltünese. (Entstehung und 
Vergehen nervöser Symptome.) 

137. A hiszteria es a pathoneurozisok. (Hysterie und Patho- 
neurosen.) 

138. A Psychoanalysis haladäsa. (Der Fortschritt der Psycho- 
analyse.)