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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse VIII. Band 1922 Heft 3"

Originalarbeiten. 



über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia 

und Homosexualität. 

VoD SIgm. Freud. 

A) Die Eifersucht gehört zu den Affektzuständen, die man 
ahnlich wie die Trauer als normal bezeichnen darf. Wo sie im 
Charakter und Benehmen eines Menschen zu fehlen scheint, ist 
der Schluß gerechtfertigt, daß sie einer starken Verdrängung 
erlegen ist imd darum im unbewußten Seelenleben eine um so 
größere Rolle spielt. Die Fälle von abnorm verstärkter Eifersucht, 
mit denen die Analyse zu tun bekommt, erweisen sich als dreifach 
geschichtet. Die drei Schichten oder Stufen der Eifersucht ver- 
dienen die Namen der 1. konkurrierenden oder normalen, 
2. der projizierten, 3, der wahnhaften. 

Über die normale Eifersucht ist analytisch wenig zu sagen. 
Es ist leicht zu sehen, daß sie sich wesentlich zusammensetzt 
aus der Trauer, dem Schmerz um das verloren geglaubte Liebes- 
objekt, und der narzißtischen Kränkung, soweit sich diese vom 
anderen sondern läßt, ferner aus feindseligen Gefühlen gegen den 
bevorzugten Rivalen und aus einem mehr oder minder großen 
Beitrag von Selbstkritik, die das eigene Ich für den Liebesverlust 
verantwortlich machen will. Diese Eifersucht ist, wenn wir sie auch 
normal heißen, keineswegs durchaus rationell, d. h. aus aktuellen 
Beziehungen entsprungen, den wu-klichen Verhältnissen proportional 
und restlos vom bewußten Ich beheiTSCht, denn sie wurzelt tief 
im Unbewußten, setzt früheste Regungen der kindlichen Affekti- 
vität fort und stammt aus dem Ödipus- oder aus dem Geschwister- 
komplex der ersten Sexualperiode, Es ist immerhin bemerkens- 
wert, daß sie von manchen Personen bisexuell erlebt wird, das 
heißt beim Manne wird außer dem Schmerz um das geliebte Weib 
und dem Haß gegen den männlichen Rivalen auch Trauer um den 

InternH.t. Zeitechr, f. PByeboanalyee, VUI/B. la 

iNTERNATiONAL 

PSYCHOANALYTiC 

UNiVERSiTY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




250 Sigm. Freud 

unbewußt geliebten Mann und Haß gegen das Weib als Rivalin 
bei ihm zur Verstärkung wirksam. Ich weiß auch von einem Manne, 
der sehr arg unter seinen Elf ersuchtsan fällen litt und die nach 
seinen Angaben ärgsten Qualen in der bewußten Versetzung in 
das ungetreue Weib durchmachte. Die Empfindung der Hilflosig- 
keit, die er dann verspürte, die Bilder, die er für seinen Zustand 
fand, als ob er wie Prometheus dem Geierfraß preisgegeben oder 
gefesselt in ein Schlangennest geworfen worden wäre, bezog er 
selbst auf den Eindruck mehrerer homosexueller Angriffe, die er 
als Knabe erlebt hatte. 

Die Eifersucht der zweiten Schicht oder die p r o j i z i e r t e, geht 
beim Manne wie beim Weibe aus der eigenen im Leben betätigten 
Untreue oder aus Antrieben zur Untreue hervor, die der Ver- 
drängung verfallen sind. Es ist eine alltägliche Erfahrung, daß die 
Treue, zumal die in der Ehe geforderte, nur gegen beständige 
Versuchungen aufrecht erhalten werden kann. Wer dieselben in 
sich verleugnet, verspürt deren Andrängen doch so stark, daß er 
gerne einen unbewußten Mechanismus zu seiner Erleichterung in 
Anspruch nimmt. Eine solche Erleichterung, ja einen Freispruch 
vor seinem Gewissen, erreicht er, wenn or die eigenen Antriebe 
zur Untreue auf die andere Partei, welcher er die Treue schuldig 
ist, projiziert. Dieses starke Motiv kann sich dann des Wahr- 
nehmungsmaterials bedienen, welches die gleichartigen unbewußten 
Regungen des anderen Teiles verrät, und könnte sich durch die 
Überlegung rechtfertigen, daß der Partner oder die Partnerin 
wahrscheinlich auch nicht viel besser ist, als man selbst '^. 

Die gesellschaftlichen Sitten haben diesem allgemeinen Sach- 
verhalt in kluger Weise Rechnung getragen, indem sie der Gefall- 
sucht der verheirateten Frau und der Eroberungssucht des Ehe- 
mannes einen gewissen Spielraum gestatten in der Erwartung, 
die unabweisbare Neigung ziu- Untreue dadurch zu drainieren und 
unschädlich zu machen. Die Konvention setzt fest, daß beide Teile 
diese kleinen Schrittchen in der Richtung der Untreue einander 
nicht anzurechnen haben, und erreicht zumeist, daß die am fremden 
Objekt entzündete Begierde in einer gewissen Rückkehr zur Treue 
am eigenen Objekt befriedigt wird. Der Eifersüchtige will aber 
diese konventionelle Toleranz nicht anerkennen, er glaubt nicht, 

^ Vergl. die Strophe im Lied der Desdemona: 
I called Mm thou false one, what anBwered he then? 
If I court more women, you will couch wilh more raen- 
Uch nannt' ihn: Da Falscher. Was sagt er dazu? 
Schau ich nach den Mägdlein, nach den BQblein ßchielat du.) 



1 



über eiuige neurot. Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia u. Homosexualität 251 

daß es ein Stillhalten oder Umkehren auf dem einmal betretenen 
Weg gibt, daß der gesellschaftlicbe „Flirt" auch eine Versicherung 
gegen wirkliche Untreue sein kann. In der Behandlung eines 
solchen Eifersüchtigen muß man es vermeiden, ihm das Material, 
auf das er sich stützt, zu bestreiten, man kann ihn nur zu einer 
anderen Einschätzung desselben bestimmen wollen. 

Die durch solche Projektion entstandene Eifersucht hat 
zwar fast wahnhaften Charakter, sie widersteht aber nicht der 
analytischen Arbeit, welche die unboAvußten Phantasien der eigenen 
Untreue aufdeckt. Schlimmer ist es mit der Eifersucht der dritten 
Schicht, der eigentlich wahnhaften. Auch diese geht aus ver- 
drängten Untreuestrehungen hervor, aber die Objekte dieser Phan- 
tasien sind gleichgeschlechtlicher Art. Die wahnhafte Eifersucht 
entspricht einer vergorenen Homosexualität und behauptet mit 
Recht ihren Platz unter den klassischen Formen der Paranoia- 
Ais Versuch zur Abwehr einer überstarken homosexuellen Regung 
wäre sie (beim Manne) durch die Formel zu umschreiben: 

Ich liebe ihn ja nicht, sie liebt ihn\ 

In einem Falle von Eifersuchtswahn wird man darauf vor- 
bereitet sein, die Eifersucht aus allen drei Schichten zu finden, 
niemals die aus der dritten allein. 

B) Paranoia, Aus bekannten Gründen entziehen sich Fälle 
von Paranoia zumeist der analytischen Untersuchung. Indes konnte 
ich doch in letzter Zeit aus dem intensiven Studium zweier 
Paranoiker einiges, was mir neu war, entnehmen. 

Der erste Fall betraf einen jugendlichen Mann mit voll aus- 
gebildeter Elf er Suchtsparanoia, deren Objekt seine tadellos getreue 
Frau war. Eine stürmische Periode, in der ihn der Wahn ohne 
Unterbrechung beherrscht hatte, lag bereits hinter ihm. Als ich 
ihn sah, produzierte er nur noch gut gesonderte Anfälle, die über 
mehrere Tage anhielten und interessanterweise regelmäßig am 
Tage nach einem, übrigens für beide Teile befriedigenden, Sexual- 
akt auftraten. Es ist der Schluß berechtigt, daß jedesmal nach der 
Sättigung der heterosexuellen Libido die mitgereizte homosexuelle 
Komponente sich ihren Ausdi'uck im Eifer Suchtsanfall erzwang. 

Sein Material bezog der Anfall aus der Beobachtung der 
kleinsten Anzeichen, durch welche sich die vöUig unbewußte 
Koketterie der grau, einem anderen unmerklich, ihm verraten hatte. 



1 Vergl. die Ausführungen zum Falle Schreber in „Sammlung kleiner 
Schriften", dritter Folge; Psychoanalytische Bemerlmngen über einen auto- 
biographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides). 

16* 



1 

l 



252 Sigm. Freud 

Bald hatte sie den Herrn, der neben ihr saß, unabsichtlich mit 
ihrer Hand gestreift, bald ihr Gesicht zu sehr gegen ihn geneigt 
oder ein freundlicheres Lächeln aufgesetzt, als wenn sie mit ihrem 
Mann allein war. Für all diese Äußerungen ihres Unbewußten 
zeigte er eine außerordentliche Aufmerksamkeit und verstand sie 
immer richtig zu deuten, so daß er eigentlich immer Recht hatte 
und die Analyse noch zur Rechtfertigung seiner Eifersucht anrufen 
konnte. Eigentlich reduzierte sich seine Abnormität darauf, daß er 
das Unbewußte seiner Frau schärfer beobachtete und dann weit 
höher einschätzte, als einem anderen eingefallen wäre. 

Wir erinnern uns daran, daß auch die verfolgten Paranoiker 
sich ganz ähnlich benehmen. Auch sie anerkennen bei Anderen 
nichts Indifferentes und verwerten in ihrem „Beziehungswahn" die 
kleinsten Anzeichen, die ihnen diese Anderen, Fremden geben. Der 
Sinn ihres Beziehungswahnes ist nämhch, daß sie von allen Fremden 
etwas wie Liebe erwarten; diese Anderen zeigen ihnen aber nichts 
dergleichen, sie lachen vor sich hin, fuchteln mit ihren Stöcken 
oder spucken sogar auf den Boden, wenn sie vorbeigehen, imd das 
tut man wirklich nicht, wenn man an der Person, die in der Nähe 
ist, irgend ein freundliches Interesse nimmt. Man tut es nur dann, 
wenn einem diese Person ganz gleichgültig ist, wenn man sie als 
Luft behandeln kann, und der Paranoiker hat bei der Grundver- 
wandtschaft der Begriffe „fremd" und „feindlich" nicht so unrecht, 
wenn er solche Indifferenz im Verhältnis zu seiner Liebesforderung 
als Feindseligkeit empfindet. 

Es ahnt uns nun, daß wir das Verhalten des eifersüchtigen 
wie des verfolgten Paranoikers sehr ungenügend beschreiben, 
wenn wir sagen, sie projizieren nach außen auf Andere hin, was 
sie im eigenen Inneren nicht wahrnehmen wollen. 

Gewiß tun sie das, aber sie projizieren sozusagen nicht ins 
Blaue hinaus, nicht dorthin, wo sich nichts Ähnliches findet, sondern 
sie lassen sich von ihrer Kenntnis des Unbewußten leiten und 
verschieben auf das Unbewußte der Anderen die Aufmerksamkeit, 
die sie dem eigenen Unbewußten entziehen. Unser Eifersüchtiger 
erkennt die Untreue seiner Frau an Steile seiner eigenen; indem 
er die seiner Frau sich in riesiger Vergrößerung bewußt macht, 
gelingt es ihm, die eigene unbewußt zu erhalten. Wenn wir sein 
Beispiel für maßgebend erachten, dürfen wir schließen, daß auch 
die Feindseligkeit, die der Verfolgte bei Anderen findet, der Wieder- 
schein der eigenen feindseligen Gefühle gegen diese Anderen ist. 
Da wir wissen, daß beim Paranoiker gerade die geliebteste Person 
des gleichen Geschlechts zum Verfolger wird, entsteht die Frage, 



1 



Übereinigeneurot. Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia u. Homosexualität 253 

woher diese Affektiimkehrimg rührt, und die naheliegende Antwort 
wäre, daß die stets vorhandene Gefühlsambivalenz die Grundlage 
für den Haß abgibt und die Nichterfüllung der Liebesansprüche 
ihn verstärkt. So leistet die Gefühlsambivaleuz dem Verfolgten 
denselben Dienst zur Abwehr der Homosexualität, wie unserem 
Patienten die Eifersucht. 

Die Träume meines Eifersüchtigen bereiteten mir eine große 
Überraschung. Sie zeigten sich zwar nicht gleichzeitig mit dem 
Ausbruch des Anfalls, aber doch noch unter der Herrschaft des 
Wahns, waren vollkommen wahnfrei und ließen die zugrunde 
liegenden homosexuellen Regungen in nicht stärkerer Verkleidung 
als sonst gewöhnlich erkennen. Bei meiner geringen Erfahrung 
über die Träume von Paranoihern lag es mh- damals nahe, allge- 
mein anzunehmen, die Paranoia dringe nicht in den Traum. 

Der Zustand der Homosexualität war bei diesem Patienten 
leicht zu überblicken. Er hatte keine Freundschaft und keine 
sozialen Interessen gebildet, man mußte den Eindi-uck bekommen, 
als ob erst der Wahn die weitere Entwicklung seiner Beziehungen 
zum Manne übernommen hätte, wie um ein Stück des A''ersäumten 
nachzuholen. Die geringe Bedeutung des Vaters in seiner Familie 
und ein beschämendes homosexuelles Trauma in frühen Knaben- 
jahren hatten zusammengewirkt, um seine Homosexualität in die 
. Verdrängung zu treiben und ihr den Weg zur Sublimierung zu 
verlegen. Seine ganze Jugendzeit war von einer starken Mutter- 
bindung beherrscht. Unter vielen Söhnen war er der erklärte 
Liebhng der Mutter und entwickelte auf sie bezüglich eine starke 
Eifersucht von normalem Typus. Als er später eine Ehewahl traf, 
wesentlich unter der Herrschaft des Motivs, die Mutter reich zu 
machen, äußerte sich sein Bedürfnis nach einer virginalen Mutter 
in zwanghaften Zweifeln an der Virginität seiner Braut. Die ersten 
Jahre seiner Elie waren von Eifersucht frei. Er wurde dann seiner 
Frau untreu und ging ein langdauerndes Vei-hältnis mit einer 
anderen ein. Erst als er diese Liebesbeziehung, durch einen 
bestimmten Verdacht geschreckt, aufgegeben hatte, brach bei ihm 
eine Eifersucht vom zweiten, vom Projektionstypus, los, mit 
welcher er die Vorwürfe wegen seiner Untreue beschwichtigen 
konnte. Sie komplizierte sich bald durch das Hinzutreten der 
homosexuellen Regungen, deren Objekt der Schwiegervater war, 
zur vollen Eifersuchtsparanoia. 

Mein zweiter Fall wäre wahrscheinUch ohne Analyse nicht 
als Paranoia persecutoria klassifiziert worden, aber ich mußte den 
jungen Mann als einen Kandidaten füi' diesen Krankheitsausgaug 



^4 Sigm. Freud 

auffassen. Es bestand bei ihm eine Ambivalenz im Verhältnis zum 
Vater von ganz außerordentlicher Spannweite. Er war einerseits 
der ausgesprochenste Rebell, der sich manifest in allen Stücken 
von den Wünschen und Idealen des Vaters weg entwickelt hatte, 
andererseits in tieferer Schicht noch immer der unterwürligste 
Sohn, der nach dem Tode des Vaters sich in zärtlichem Schuld- 
bewußtsein den Genuß des Weibes versagte. Seine realen Beziehungen 
zu Männern standen offenbar unter dem Zeichen des Mißtrauens; 
mit seinem starken Intellekte wußte er diese Einstellung zu 
rationalisieren und verst-and es so einzurichten, daß er von 
Bekannten und Freunden betrogen und ausgebeutet wurde. Was ich 
Neues an ihm lernte, war, daß klassische Verfolgungsgedanken 
vorhanden sein können, ohne Glauben und Anwert zu finden. Sie 
blitzten während seiner Analyse gelegentlich auf, aber ev legte ihnen 
keine Bedeutung bei und bespöttelte sie regelmäßig. Dies mag in 
vielen Fällen von Paranoia ähnlich vorkommen, und wenn eine solche 
Erkrankung losbricht, halten wir vielleicht die geäußerten Wahnideen 
für Neuproduktionen, während sie längst bestanden haben mögen. 
Es scheint mir eine wichtige Einsicht, daß ein qualitatives 
Moment, das Vorhandensein gewisser neurotischer Bildungen, 
praktisch weniger bedeutet als das quantitative Moment, welchen 
Grad von Aufmerksamkeit, richtiger, welches Maß von Besetzung 
diese Gebilde an sich ziehen können. Die Erörterung unseres ersten 
Falles, der Eifersuchtsparanoia, hatte uns zur gleichen Wert- 
schätzung des quantitativen Moments aufgefordert, indem sie uns 
zeigte, daß dort die Abnormität wesentlich in der Überbesetzung 
der Deutungen des fremden Unbewußten bestand. Aus der Analyse 
der Hysterie kennen wir längst eine analoge Tatsache. Die patho- 
genen Phantasien, Abkömmlinge verdrängter Triebregungen, wer- 
den lange Zeit neben dem normalen Seelenleben geduldet und 
wirken nicht eher pathogen, als bis sie aus einem Umschwung 
der Libidoökonomie eine Überbesetzung erhalten ; erst dann bricht 
der Konflikt los, der zur Symptombildung führt. Wir werden so 
im Fortschritt unserer Erkenntnis immer mehr dazu gedrängt, 
den Ökonomischen Gesichtspunkt in den Vordergrund zu 
rücken. Ich möchte auch die Frage aufwerfen, ob das hier betonte 
quantitative Moment nicht hinreicht, um die Phänomene zu decken, 
für die B 1 e u 1 e r und andere neuerdings den Begriff der „Schaltung" 
einführen wollen. Man müßte nur annehmen, daß eine Widerstands- 
steigerung in einer Richtung des psychischen Ablaufs eine Über- 
besetzung eines anderen Weges und damit die Einschaltung des- 
selben in den Ablauf zur Folge hat. 



II 



n 



über einige neurot. Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia u. Homosexualität 255 

Ein lehrreicher Gegensatz zeig-te sich bei meinen zwei Fällen 
von Paranoia im Verhalten der Träume. Während im ersten Fall 
die Träume, wie erwähnt, wahnfrei waren, produzierte der andere 
Patient in großer Zahl Verfolgungsträume, die man als Vorläufer 
oder Ersatzbildungen für die Wahnideen gleichen Inhalts ansehen 
kann. Das Verfolgende, dem er sich nur mit großer Angst ent- 
ziehen konnte, war in der Regel ein starker Stier oder ein anderes 
Symbol der Männlichkeit, das er manchmal noch im Traum selbst 
als Vatervertretung erkannte. Einmal berichtete er einen sehr 
charakteristischen paranoischen Übertragungstraum. Er sah, daß 
ich mich in seiner Gegenwart rasierte, und merkte am Gerüche, 
daß ich dabei dieselbe Seife wie sein Vater gebrauchte. Das tat 
ich, um ihn zur Vaterübertragung auf meine Person zu nötigen. 
In der Wahl der geträumten Situation erwies sich unverkennbar 
die Geringschätzung des Patienten für seine paranoischen Phanta- 
sien und sein Unglaube gegen sie, denn der tägliche Augen- 
schein konnte ihn belehren, daß ich überhaupt nicht in die Lage 
komme, mich einer Rasierseife zu bedienen und also in diesem 
Punkte der Vaterübertragung keinen Anhalt biete. 

Der Vergleich der Träume bei unseren beiden Patienten 
belehrt uns aber, daß unsere Fragestellung, ob die Paranoia (oder 
eine andere Psychoneurose) auch in den Traum dringen könne, 
nur auf einer unrichtigen Auffassung des Traumes beruht. Der 
Traum unterscheidet sich vom Wachdenken darin, daß er Inhalte 
(aus dem Bereich des Verdrängten) aufnehmen kann, die im Wach- 
denken nicht vorkommen dürfen. Davon abgesehen ist er nur eine 
Form des Denkens, eine Umformung des vorbewußten Denk- 
stoffes durch die Traumarbeit und ^ihre Bedingungen. Auf das Vor- 
drängte ist unsere Terminolog^ie der Neurosen nicht anwendbar, 
es kann weder hysterisch, noch zwangsneurotisch, noch paranoisch 
genannt werden. Dagegen kann der andere Anteil des Stoffes, 
welcher der Traumbildung tmterliegt, die vorbewußten Gedanken, 
normal sein oder den Charakter irgend einer Neurose an sich 
tragen. Die vorbewußten Gedanken mögen Ergebnisse all jener 
pathogenen Prozesse sein, in denen wir das Wesen einer Neurose 
erkennen. Es ist nicht einzusehen, warum nicht jede solche krank- 
hafte Idee die Umformung in einen Traum erfahren sollte. Ein 
Traum kann also ohne weiteres einer hysterischen Phantasie, 
einer Zwangsvorstellung, einer Wahnidee entsprechen, d. h. bei 
seiner Deutung eine solche ergeben. In unserer Beobachtung an 
zwei Paranoikern finden wir, daß der Traum des einen normal ist, 
während sich der Mann im Anfall befindet, und daß der des anderen 



256 Sigm. Freud 

einen paranoischen Inlialt hat, während der Mann noch über seine 
Wahnideen spottet. Der Traum hat also in beiden Fällen auf- 
genommen, was im Wachleben derzeit zurückgedrängt war. Aber 
auch das braucht nicht die Regel zu sein. 

Q Homosexualität. Die Anerkenmmg des organischen 
Faktors der Homosexualität überhebt uns nicht der Verpflichtung, 
die psychischen Vorgänge bei ihi'er Entstehung zu studieren. Der 
typische, bereits bei einer Unzahl von Fällen festgestellte Vorgang 
besteht darin, daß der bis dahin intensiv an die Mutter fixierte 
junge Mann einige Jahre nach abgelaufener Pubertät eine Wendung 
vornimmt, sich selbst mit der Mutter identifiziert und nach Liebes- 
objekten ausschaut, in denen er sich selbst wiederfinden kann, die 
er dann lieben möchte, wie die Mutter ihn geliebt hat. Als Merk- 
zeichen dieses Prozesses stellt sich gewöhnlich für viele Jahre 
die Liebesbedingung her, daß die männlichen Objekte das Alter 
haben müssen, in dem bei ihm die Umwandlung erfolgt ist. Wir 
haben verschiedene Faktoren kennen gelernt, die wahrscheinlich 
in wechselnder Stärke zu diesem Ergebnis beitragen. Zunächst die 
Mutterfixierung, die den Übergang zu einem anderen Weibobjekt 
erschwert. Die Identifizierung mit der Mutter ist ein Ausgang 
dieser Objektbindung und ermöglicht es gleichzeitig, diesem ersten 
Objekt in gewissem Sinne treu zu bleiben. Sodann die Neigung 
zur narziiStischen Objektwahl, die im allgemeinen näher liegt und 
leichter auszuführen ist, als die Wendung zum anderen Geschlecht. 
Hinter diesem Moment verbirgt sich ein anderes von ganz beson- 
derer Stärke oder es fällt vielleicht mit ihm zusammen: die Hoch- 
schätzung des männlichen Organs und die Unfähigkeit, auf dessen 
Vorhandensein beim Liebesobjekt zu verzichten. Die Geringschätzung 
des Weibes, die Abneigung gegen dasselbe, ja der Abscheu vor 
ihm, leiten sich in der Regel von der früh gemachten Entdeckung 
ab, daß das Weib keinen Penis besitzt. Später haben wir noch als 
mächtiges Motiv für die homosexuelle Objektwahl die Rücksicht 
auf den Vater oder die Angst vor ihm kennen gelernt, da der 
Verzicht auf das Weib die Bedeutung hat, daß man der Konkur- 
renz mit ihm (oder allen männlichen Personen, die für ihn ein- 
treten) ausweicht. Die beiden letzten Motive, das Festhalten an 
der Penisbedingung sowie das Ausweichen, können dem Kastrations- 
komplei zugezählt werden. Mutterbindung — Narzißmus — 
Kastrationsangst, diese übrigens in keiner Weise spezifischen 
Momente hatten wir bisher in der psychischen Ätiologie der 
Homosexualität aufgefunden, und zu ihnen gesellten sich noch der 
Einfluß der Verführung, welche eine frühzeitige Fixierung der 



^ 



über einige neurot. Mechanismen bei Eifersuclit, Paranoia u. Homosexualität 257 

Libido versciiuldet, sowie der des org-anisciien Faktors, der die 
passive Rolle im Liebesleben begünstigt. 

Wir haben aber niemals geglaubt, daß diese Analyse der Ent- 
stehung dei' Homosexualität vollständig ist. Ich kann heute auf 
einen neuen Meciianismus hinweisen, der zur homosexuellen 
Objektwabl führt, wenngleich ich nicht angeben kann, wie groß 
seine Rolle bei der Gestaltung der extremen, der manifesten und 
ausschließlichen Homosexualität anzuschlagen ist. Die Beobachtung 
machte mich auf mehrere Fälle aufmerksam, bei denen in früher 
Kindheit besonders starke eifersüchtige Regungen aus dem Mutter- 
komplex gegen Rivalen, meist ältere Brüder, aufgetreten waren. 
Diese Eifersucht führte zu intensiv feindseligen und aggressiven 
Einstellungen gegen die Geschwister, die sich bis zum Todes- 
wunsch steigern konnten, aber der Entwicklung nicht standhielten. 
Unter den Einflüssen der Erziehung, gewiß auch infolge der an- 
haltenden Ohnmacht dieser Regungen, kam es zur Verdrängung 
derselben und zu einer Gefühlsumwandlung, so daß die früheren 
Rivalen nun die ersten homosexuellen Liebesobjekte wurden. Ein 
solcher Ausgang der Mutterbindung zeigt mehrfache interessante 
Beziehungen zu anderen uns bekannten Prozessen. Er ist zunächst 
das volle Gegenstück zur Entwicklung der Paranoia persecutoria, 
bei welcher die zuerst geliebten Personen zu den gehaßten Ver- 
folgern werden, während hier die gehaßten Rivalen sich in Liebes- 
objekte iimwandeln. Er stellt sich ferner als eine Übertreibung 
des Vorgangs dar, welcher nach meiner Anschauung zur indivi- 
duellen Genese der sozialen Triebe führte Hier wie dort sind 
zunächst eifersüchtige und feindselige Regungen vorhanden, die es 
nicht zur Befriedigung bringen können, und die zärtlichen wie die 
sozialen Identiflzierungsge fühle entstehen als Reaktionsbildimgen 
gegen die verdrängten Aggressionsimpulse. 

Dieser neue Mechanismus der homosexuellen Objektwahl, die 
Entstehung aus überwundener Rivalität und verdrängter Aggres- 
sionsneigung, mengt sich in manchen Fällen den uns bekannten 
typischen Bedingungen bei. Man erfährt nicht selten aus der 
Lebensgeschichte Homosexueller, daß ihre Wendung eintrat, nach- 
dem die Mutter einen anderen Knaben gelobt und als Vorbild 
angepriesen hatte. Dadurch wurde die Tendenz zur narzißtischen 
Objektwahl gereizt, und nach einer kurzen Phase scharfer Eifer- 
sucht war der Rivale zum Liebesobjekt geworden. Sonst aber 
sondert sich der neue Mechanismus dadurch ab, daß bei ihm die 



Siehe Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921. 



258 Sigm. Freud 

Umwandlung in viel früheren Jahren vor sich geht und die Mutter- 
identifizierung in den Hintergrund tritt. Auch führte er m den 
von mir beobachteten FMlen nur zu homosexuellen Einstellungen, 
welche die Heterosexualität nicht ausschlössen und keinen horror 
feminae mit sich brachten. 

Es ist bekannt, daß eine ziemliche Anzahl homosexueller 
Personen sich durch besondere Entwicklung der sozialen Trieb- 
regungen und durchHingabe an gemeinnützigeinteressenauszeichnet 
Man wäre versucht, dafür die theoretischeErklärung zu geben, daß 
ein Mann, der in anderen Männern mögliclie Liebesobjebte sieht, 
sich gegen die Gemeinschaft der Männer anders benehmen muß, 
als ein anderer, der genötigt ist, im Mann zunächst den Rivalen 
beim Weibe zu erblicken. Dem steht nur die Erwägung entg:egen, 
daß es auch bei homosexueller Liebe Eifersucht und Rivalität gibt, 
und daß die Gemeinschaft der Männer auch diese möglichen Rivalen 
umschließt. Aber auch, wenn man von dieser spekulativenBegründung 

absieht, kann die Tatsache für den Zusammenhang von Homo- 
sexualität und sozialem Empfinden nicht gleichgültig sein, daß die 
homosexuelle Objektwahl nicht selten aus frühzeitiger Überwindung 
der Rivalität mit dem Manne hervorgeht. 

In der psychoanalytischen Betrachtung sind wir gewöhnt 
die sozialen Gefühle als Sublimierungen homosexueller Objektein- 
stellungen aufzufassen. Bei den sozial gesinnten Homosexuellen 
wäre die Ablösung der sozialen Gefühle von der Objektwahl nicht 
voll geglückt. 




Die Theorie der Symbolik. 

Von Dr. Ernest Jenes (London). 

IV. Funktionale Symbolik^ 

Die aufgestellte Theorie der Symbolik ist offenbar nicht 
vollständig; sie erklärt uns z. B. weder, warum nur gewisse 
Vergleiche, die a priori möglich sind, als Symbol gebraucht werden, 
noch, warum manche Symbole vorwiegend in gewissen Gebieten 
zu finden sind, z. B. im Traum, andere hauptsächlich in von 
diesem verschiedenen Gebieten, z. B. im Witz. Obzwar die Theorie 
also der Erweiterung und Ergänzung bedarf, möchte ich doch 
behaupten, daß sie wenigstens der Anfang dazu ist, Ordnung in 
ein verworrenes Gebietzubringen, besonders durch die Unterscheidung, 
die sie zwischen der Symbolik und anderen Arten der bildlichen 
Darstellung macht. 

Einen Schritt vorwärts in der lüarlegung dieser Theorie 
machen wir, indem wir die Arbeiten der Autoren, die wir als der 
nach-psychoanalytischen Schule angehörig bezeichnen können, 
einer Prüfung unterziehen, nämlich die Arbeiten von Adler, Jung, 
Maeder, Stiberer, Stekel und die ihrer englischen Anhänger Eder, 
Long und Nicholl. Allen Mitgliedern dieser Schule gemeinsam ist 
der Zug, nachdem sie einige Kenntnis in der Psychoanalyse 
gewonnen haben, dieses hart erworbene Wissen über das Unbe- 
wußte zurückzuweisen" und die psychoanalytischen Erkenntnisse 
wieder zurück zu interpretieren, ihnen wieder die oberfiäehliche 
Bedeutung zu geben, die so bezeichnend für die Erfahrungen vor 
Freud ist. Sie behalten jedoch die psychoanalytischen termini 
technici bei, gebrauchen sie aber in ganz anderem Zusammenhang. 
Der Begriff der Symbolik hat besonders unter dieser neu ein- 
geführten Konfusion gelitten, denn er ist in einem solchen Maße 
verwässert worden, daß er zum Schluß jede Fähigkeit verloren 



' Die Übei'setzimg der ersten drei Abschuitfe dieses Aufsatzes erschien in 
dieser Zeitschrift, Jahrgang V, S. 244. 



260 Dr. Ernest Jones 

hat, ein Ding genau zu umsclireiben. So macht z. B. Jung fort- 
gesetzten Gebrauch von dem Ausdruck „Libidosymbol", aber da 
Libido für ihn psychische Energie überhaupt und Symbol bloß 
irgend eine Art indirekter Darstellung bedeutet, kommt es dazu, 
daß der Ausdruck nur „jeden seelischen Prozeß, der für irgend 
einen anderen steht", beinhaltet. Er zögert nicht, den Ausdruck 
Symbol in einem Sinne zu gebrauchen, der dem von der Psycho- 
analyse verwendeten gerade entgegeiigesotat ist. Nehmen wir zum 
Beispiel den Fall eines Patienten, bei dem eine assoziative Verbindung 
zwischen einem gegebenen Symptom (z. B. die Hemmung, eine 
bestimmte Handlung auszuführen) und einem unbewußten Inzest- 
komplex hergestellt worden ist ^ Von dem Psychoanalytiker würde 
das Symptom als das Ergebnis des Komplexes angeschen werden 
und unter gewissen Umständen als ein Symbol dafür. Jung hin- 
gegen nennt den Komplex das Symbol des Symptoms, d. h. nach 
seiner Meinung kann eine unbewußte Idee ein Symbol einer 
bewußten Idee sein. 

Silberers Arbeiten sind in mancher Beziehung in eine andere 
Kategorie einzureihen, als jene der eben erwähnten Autoren, denn 
er ist der einzige Anhänger dieser Schule, der einen positiven Bei- 
trag zur Theorie der Symbolik geliefert hat. Unglücklicherweise 
hat eine unvorsichtige Darstellung es anderen Autoren (besonders 
Stokel) ermöglicht, selbst diesen Beitrag in einem rückschrittlichen 
Sinne auszunützen. Seine Schriften, die in einem halben Dutzend 
Essays^ vereinigt sind, verdienen jedoch von allen, die sich ernst- 
haft für die Probleme der Symbolik interessieren, aufmerksam 
gelesen zu werden. Im folgenden ist ein kiurzer Auszug aus ihnen 
gegeben. 

Schon in seinem ersten Beitrag logt S i 1 b e r e r die beiden 
originellsten Grundsätze seiner Arbeit dar, die er dann in allen 
Einzelheiten erweitert; der eine Gnmdsatz bezieht sich auf die 
Bedingungen, die der SchaJTung von Symbolen günstig sind, der 
andere auf den Unterschied zwischen den verschiedenen Typen 



^ Das Betepiel stammt aus Jungs „CoUected Papers on Analytical 
Psychology", 2ad Edition, 1917, pp. 219, 220. 

2 Silbsrer: „Bericht über eine Methode, gewisse symbolische HoUa- 
ziDatioDserscheinmigeiL hervorzurulen und zti beobachten." Jahrbuch f. 
Psychoanalyse, 1909, Bd. I, S. 513; „Von den Kategorien der Symbolik." 
Zentralblatt iür Psychoanalyse, Jahrg. II, S. 177; „Phantasie und 
Mythos." Jahrbach, Bd. II, S. 541; ^Symbolik des Erwachens und Schwellea- 
Symbolik überhaupt." Jahrbuch, Bd. III, S. 621; „Über die Symbolbildung' 
loc. cit., S. 661; ,Zur SymbolbUdung." Jahrbuch, Bd. IV, & 607. 



Die Theorie der Symbolik 261 

der Symbolik. Wir werden sehen, daß er den Terminus in einem 
viel weiteren Sinne gebraucht, als dies in den beiden vorangehenden 
Abschnitten dieser Arbeit ^ geschehen ist. Sein Ausgangspunkt war 
ein© persönliche Erfahrung. Wenn er nämlich versuchte, ein 
schwieriges Problem in einem Zustand der Müdigkeit oder 
Schläfrigkeit auszudenken, sah er ein Bild, das sich bei einer 
Analyse bald als eine bildliche Darstellung der betreffenden Idee 
herausstellte. Diese Erscheinung nannte er mit einem vielleicht 
nicht ganz angemessenen Ausdruck „autosymbolisches Phänomen". 
Er teilte es in drei Klassen ein, dem Inhalt dos Symbolisierten 
entsprechend: 1. funktionale Phänomene, in denen die Art, wie 
der Geist arbeitet, dargestellt ist (rasch, langsam, leicht, schwer, 
fröhlich, imachtsam, erfolgreich, fruchtlos, mühevoll usw.); 
2. materielle Phänomene, in denen symbolisiert ist, was der Geist 
denkt, d. h. Vorstellungen; 3. somatische Phänomene, in welchen 
körperliche Sensationen symbolisiert sind. Silberer leugnet ent- 
schieden ^ daß in dieser Einteilung irgend eino Art genetischen 
Unterschiedes zwischen den drei Klassen besteht; meiner Meinung 
nach ist dies ein wichtiger Irrtum, der später zu einer Quelle 
vieler Mißverständnisse wird. Er ist ferner der Ansicht^ daß die 
funktionale Symbolik niemals allein vorkommt, sondern nur als 
eine Begleiterscheinung: der beiden anderen. 

Wir wollen zunächst Si Iberers Ausgestaltung der ersten 
Frage folgen, die sich mit den Bedingungen beschäftigt, unter 
denen Symbolik entsteht. Die erste Erscheinung, die er studierte, 
war ein gleichzeitiger Konflikt zwischen dem Wunsche zu schlafen 
und einem störenden Faktor, entweder geistiger Art (Versuch zu 
arbeiten) oder körperlicher. Mau wird bemerken, daß sich dieser 
Zustand von der geistigen Einstellung, die nach Freud für die 
Entstehung eines Traumes verantwortlich ist, nur darin unter- 
scheidet, daß in dem letzteren Falle der Wunsch besteht, weiter 
zu schlafen; in beiden Fällen steht das Bedürfnis nach Schlaf der 
Störung entgegen. Er beschreibt die Bedingungen bald ausführ- 
licher^: Der Konflikt besteht auf der einen Seite zwischen der 
Anstrengung, eine Idee zu apperzipieren, und andererseits jedem 
Faktor, der dies erschwert. Der letztere Faktor kann entweder 
vorübergehend sein, wie z. B. Schläfrigkeit, Müdigkeit, Krank- 



1 Siehe diese Zeitschr., V. Jahrgang, S. 214ff. 
a S i 1 b e r e r, a. a. 0., J a h r b. I, S. 515. 

3 Silberer, a.a.O., Jahrb. II, S. 558; Jahrb. III, S. 688; Jahrb. 
IV, S. 610. 

J Silber er, a.a.O., Jahrb. II, S. 612; Jahrb. HI, S. 676. 



262 Dr. Emest Jones 

heit usw., oder von längerer Dauer, wie z. B. relative intellektuelle 
Unrähigkeit im Vergleich mit der Kompliziertheit der Vorstellung. 
In seiner am weitesten ausgeführten Analyse der psychischen 
Situation formuliert er die Faktoren folgendermaßen ^: Die Symbolik 
hat Gelegenheit dort zu entstehen, wo infolge von Müdigkeit, 
Krankheit usw. die geistigen Kräfte nicht mehr fähig sind, eine 
Gruppe von Vorstellungen aufzunehmen, die sie früher erfassen 
konnten, oder aber, wenn die geistigen Fähigkeiten eines 
Individuums oder einer Rasse noch nicht fähig sind, eine Vor- 
stellung zu erfassen, die sie eines Tages in der Zukunft auffassen 
werden. In beiden Fällen wird es möglich sein, bei irgend einer 
anderen Gelegenheit zu erkennen, daß die Symbolik entweder eine 
Regression zu einer untergeordneten oder primitiven Art des 
Gedankens ist oder ein Noch-nicht-Auf tauchen dieses Gedankens; 
sie ist primitiv sowohl in dem Sinne, als sie sensorisch anstatt 
fconzeptual, als auch, indem sie assoziativ anstatt apperzeptiv ist 
(in Wundts Terminologie). Die Faktoren, die an der Symbolik 
beteiligt sind, lassen sich nun in zwei Gruppen einteilen: 1. was 
Silberer die positiven Faktoren nennt, d. h. diejenigen, die 
danach streben, eine gegebene Idee ins Bewußtsein zn bringen 
oder sie dort zu erhalten, und 2. die negativen Faktoren, die sie 
daran hindern, das Bewußtsein in einer apperzeptiven Form zu 
erreichen und ihr nur gestatten, in einer sensoriachen Form ins 
Bewußtsein zu treten — d. i. als Symbolik. 

Silberer leitet die Energie der positiven Faktoren von zwei 
Quellen ab: in erster Reihe von dem Affekt, der die betreffende 
Vorstellung besetzt, d. h. von der dynamischen, vorwärtsstrebenden 
Tendenz des geistigen Prozesses selbst; in zweiter Reihe von dem 
bewußten Wunsch, in dieser besonderen Richtung zu denken. Er 
schreibt (vom positiven Faktor) ": „Er hat den erforderlichen 
Anspruch auf meine Aufmerksamkeit schon von selbst durch den 
Affekt, den er mit sich führt, oder ich erteile ihm diesen Anspruch, 
indem ich den für mein Gefühlsleben an sich uninteressanten 
Gedanken kraft meines Willens aufgreife und festhalte, ihn also 
absichtlich meiner Aufmerksamkeit als interessant empfehle." 
Diese Einteilung deckt sich mit der Unterscheidung der Psycho- 
logen zwischen aktiver und passiver Aufmerksamkeit. Für den 
Analytiker liegt der Unterschied darin, daß (vom Standpunkt des 
Ichs aus) im ersteren Falle das Interesse diesem innewohnend und 



1 Silberer, a. a. 0., Jahrb. III, S. 683, 684, 717; Jahrb. IV, S. 608, 611. 
3 Silberer, a.Ei.O., Jahrb. IV, S. 611. 




Die Theorie der Symbolik 263 

direkt ist, wälhrend es im letzteren Falle aus einer indirekten 
Assoziation hervorgeht. 

Die negativen Faktoren teilt er ebenfalls in zwei Klassen 
ein, die alle beide ihren Ausgang von einem Zustand relativen 
apperzeptiven Ungenügens nehmen (siehe Zitat in Abschn. III). Sie 
sind erstens intellektueller Art, entweder unvollkommenG Ent- 
wicklung (des Individuums oder der ganzen Rasse) der geistigen 
Fähigkeiten oder eine vorübergehende Schwäche der apperzeptiven 
Funktion diu-ch eine allgemeine Verringerung der psychischen 
Energie (Schlaf, Müdigkeit). Die Affekte haben daher sowohl eine 
spezifische als auch eine allgemeine Wirkung als negative Faktoren. 
Außerdem wirken sie auch oft positiv, denn sie selbst können 
sich in symbolischer Verkleidung ins Bewußtsein drängen, an 
Stelle der anderen Vorstellungen, die sie soeben gehemmt haben. 
Es ist klar, daß in diesem letzten Punkt Silberer sich auf ver- 
drängende Kräfte bezieht, auf die hemmenden Affekte, die Freuds 
„Zensur" ausmachen, und wir werden sehen, daß er dieser Seite 
des Konfliktes die größte Aufmerksamkeit zuwendet. Auf seine 
Einstellung zu Freuds Auffassimg von Verdrängung und Zensur 
weist die Bemerkung hin, daß der Widerstand, wie er sich in 
Traumanalysen zeigt, die Kehrseite der apperzeptiven Insuffizienz 
darstellt \ 

Silberer erkennt, daß die apperzeptive Schwäche nie die 
bestimmende Ursache eines spezifischen Symbols^ sein kann und 
kommt daher dazu, die oben zitierten Behauptungen aufzustellen, 
welche den „positiven Faktor", d. h. die bestimmende Ursache, 
betreffen. Nichtsdestoweniger ist sein Interesse vorwiegend auf 
der anderen Seite des Gegenstandes, nämlich bei den allgemeinen 
Bedingungen, welche die Symbolik begünstigen. Er beschäftigt 
sich hauptsächlich mit den Faktoren, die es der Symbolik 
gestatten, es ihr leichter machen, aufzutreten, mehr als mit den 
Faktoren, die bei ihrer Entstehung wirksam sind, geradeso wie 
die meisten Psychologen sich mit den Faktoren beschäftigen, die 
den Prozeß des Vergessens begünstigen, aber nicht mit denen, die 
uns tatsächlich vergessen machen. Wenn er also dazu fortschreitet, 
die verschiedenen Arten der Prozesse, die sich um den Namen 
„Symbolik" gruppieren, zu erklären — die Aufgabe, die in dem 
vorliegenden Artikel versucht wird — so geht er das Problem 
nur von dieser Seite (der allgemeinen Prädisposition) an. Von den 



1 S i 1 b e r e r, a. a. 0., Jahrb. III, S. 682. 
3 Silberer, a.a.O., S. 678. 



264 



Dr. Eraest Jones 



mannig-fachen Ursachen der apperzeptiven Insuffizienz sprechend, 
sagt er h „Und damit ist eigentlich der Schlüssel zur einheitlichen 
Auffassung aller der Arten der Symbolbildung gegeben^, die uns 
begegnen mögen. Denn nicht in dem Vorgang selbst scheinen mir 
die wesentlichen Unterschiede bei den verschiedenen Symbol- 
phänomenen zu liegen, d. h. wenn sich auch die Symholphänomene 
in Arten unterscheiden, so sind die Unterschiede in ihnen sekundäre 
Erscheinungen, die nicht die Symbolbildiing als solche betreffen. 
Sondern die Unterschiede liegen primär in denjenigen Verhältnissen, 
welche die appcrzeptive Insuffizienz hervorrufen." Die Klassifikation, 
die auf dieser Basis aufgestellt wird, werden wir sofort näher 
betrachten. 

Wir folgen zunächst der Entwicklung der Ideen Silberers 
über die Natur der verschiedenen Formen der Symbolik zum 
Unterschied von ihrem Inhalt (siehe oben). Zur Konzeption der 
„somatischen Phänomene" fügt er nichts weiteres hinzu und ich 
will nur bemerken, daß es den „funktionalen" viel näher steht als 
den „materiellen Phänomenen". Diese letzteren zwei Gruppen von 
Phänomenen entsprechen so sehr der Gruppierung von Symbolen, 
die auf einer anderen Art der Klassifikation beruht, daß sie mit 
diesen gemeinsam betrachtet werden können. In dieser zweiten 
Klassifikation teilt Sil her er'' nicht wie vorher Symbole nach 
ihrem Inhalt, sondern nach den Faktoren ein, die zu der 
apperzeptiven Insuffizienz geführt haben, die er als die Grundlage 
aller Symbolik betrachtet. Die beiden so unterschiedenen Klassen 
nennt er bloß die erste und die zweite Type, aber er macht es an 
anderer Stelle*" ziemlich klar, daß das materielle Phänomen 
charakteristisch für die erste, das funktionale für die zweite ist. 
Der erste Typus ist der, welcher auf Grund einer apperzeptiven 
Insuffizienz von rein intellektuellem Ursprung entsteht, wo die 
symbolisierte Idee nicht durch Irgendeinen Einfluß affektiven 
Ursprungs gehindert ist. Die auf den Inhalt (obwohl nicht auf die 
Natur) des positiven Faktors '' gegründete Klassifikation kommt 
beinahe auf das gleiche heraus wie die auf die Verschiedenheit 



^ Silbersr, a. a. 0., S. 683. 

2 Die Bedeutung dieser Stelle wird durch die Tatsache erhöht, daß der 
Anlor das Wort „Symbolik" hier fast iu demselben einschließenden Sinne 
gebraucht, in dem der terminus aindirekte Darstellung" in diesem Aufsati 
angewendet wird. 

3 Sil her er, a.a.O., Jahrb. HI, S. 688; IV, S. 609. 
* Silberer, a.a.O., Jahrb. DI, S. 717. 

^ Über die Bedeutung dieser termini siehe oben, S. 262. 




Die Theorie der Symbolik 265 

des negativen oder prädisponierenden Faktors gegründete und 
wir können die Ausdrücke „materiell" und „funktional" gebrauchen, 
um diese beiden Typen zu beschreiben. 

Wir sahen oben, daß Silberers erste Konzeption der 
funktionalen Symbolik die Art dai'stellt, in weicher der 
Geist arbeitet (rasch, langsam usw.). Nach meiner Erfahrung — 
und ich darf sagen, auch nach der Professor Freuds (mündliche 
Mitteilung) — ist dies ein selir seltenes Vorkommnis und eines, 
das wahrscheinlich auf eine besonders philosophische und intro- 
spektive Art des Denkens hinweist, wie Silberers eigenes Denken 
(aus dem die meisten Beispiele stammen). Außerdem scheint es 
mir mehr als zweifelhaft, ob die Funktion des Geistes jemals 
bildlich dargestellt ist, abgesehen von Fällen, in denen der Geist 
tatsächlich fühlt oder an dieses Funktionieren denkt. In der Tat 
kann gezeigt werden, daß dem so ist, und zwar in einem Fall 
einer interessanten Unterabart von funktionaler Symbolik, der 
S i 1 b e r e r den Namen Schwellensymbohk ^ gegeben hat, wo der 
Übergang von einem Stadium des Bewußtseins zum anderen, das 
heißt in oder aus dem Schlafzustand, diu-ch ein passendes Bild 
wiedergegeben ist. 

Wie dem auch sein mag, S i 1 b e r e r dehnte den Begriff der 
funktionalen Symbolik in einer ganz überraschenden Weise aus. Er 
begann, den Prozeß der Verdrängung als eine bestimmte Art des 
geistigen Funktionierens anzusehen und prägte den Ausdruck „krypto- 
gene Symbolik"- für ihre bildliche Darstellung. Er dehnte sodann den 
Begriff so weit aus, bis er beinahe alle Funktionen des Geistes 
umfaßte, mit Ausnahme der gedanklichen, und sich besonders auf 
alle aflektiven Prozesse ' bezog. Hier handelte es sich nicht mehr 
um die Frage, in welcher Weise der Geist arbeitet, sondern welche 
Kräfte im Geist wirksam sind. Silberer zufolge gehört daher ein 
gegebenes Symbol desto bestimmter dem zweiten Typus der 
Symbolik an, der durch das „funktionale Phänomen" gekenn- 
zeichnet ist, je mehr affektive Momente bei seiner Entstehung im 
Spiel sind. Diese Anschauung harmoniert auch mit den sehr inter- 
essanten Bemerkungen, die er über den Zusammenhang von funk- 
tionaler Symbolik mit Geste, Sprache, Mimikry'* usw. macht, denn die 
letztgenannten sind natürlich einfach ein Ausdruck der Erregung. 



1 S i 1 b e r e r, a. a. 0., Jahrb. III, S. 621—660. 

2 Silber er, a. a. 0., Jalirb. II, S, 580, 581. 

3 S i 1 b e r e r, a. a. 0., J a h r b. in, S. 698, 717, 719. 

^ Silberer, a. a. 0., Jahrb. II, S. 547, 549; III, S. 690. 

Internat. Zeitschr. f. PEjchoanalf Ee, VllI/3. IT 



266 Dr. Emest Jones 

Wenn wir uns nun den getreuen Sinn des Ausdruckes Symbol 
ins Gedächtnis zurückrufen, wie er im ersten Abschnitt dieses 
Artikels gebraucht wurde, so ist es klar, daß ein Symbol dieser 
Art nicht nur die symbolisierte Vorstellung darstellt, sondern 
auch die Affekte, die sich auf sie beziehen oder auf alle Fälle 
einige davon. Das Symbol erreicht dies auf dem gleichen Wege, 
auf dem ein Gleichnis auf das attributive Adjektiv hindeutet, 
nämlich indem es das Objekt einem anderen vergleicht, das offen- 
sichtlich dieses Attribut besitzt, nur mit dem Unterschied, daß im 
Falle der Symbolik die eine Vorstellung vollständig durch die 
andere ersetzt wird. Die in dieser Weise angedeutete affektive 
Einstellung kann entweder eine positive oder eine negative sein, 
das heißt, sie kann entweder unbewußt oder bewußt sein, primär 
oder von der Verdrängung herrührend. Kin Beispiel der letzteren 
Art ist das wohlbekannte Schlangensymbol. Es symbolisiert zu 
gleicher Zeit den Phallus selbst durch die objektiven Attribute, 
die beiden gemeinsam sind (Form, Erigierbarkeit, die Fähigkeit, 
Gift auszuspeien, in Lücher zu kriechen usw.), als auch eine 
subjektive Einstellung dagegen -- aus Furcht, Abscheu und Ekel 
zusammengesetzt — die unter manchen Umstünden bestehen mag, 
zum Beispiel bei einer prüden Jungfrau und wenn der erwähnte 
Gegenstand einer ekelhaften Person angehört ^ Silber er wüj-de 
nun diese beiden Dinge „symbolisiertos Material", respektive 
„funktionale Phänomene" nennen, und er findet, daß die Psycho- 
analytiker der ersten Erscheinung zuviel Aufmerksamkeit zuwenden, 
was die relative Ausschließung der letzteren zur Folge hat; die 
Erklärung dafür ist jedoch, daß in der Interpretation solcher 
Symbole die Psychoanalytiker sich hauptsächlich mit ihrer positiven 
Bedeutung beschäftigen, während sie ihre negativen Seiten in 
anderem Zusammenhang behandeln (Widerstand, Verdrängung usw.)- 
Das Bemerkenswerte ist hier, daß Silberer beinahe ausschließhch 
die negativen oder sekundären Affekte in Betracht zieht, so daß 
tatsächlich der Ausdruck „funktionale Symbolik" beinahe gleich- 
bedeutend mit der Zensur der Psychoanalytiker ist, nämlich die 
hemmenden oder höchstens die vom Zensor modifizierten 
Affekte umfaßt-. Für Silber er ist daher das psychoanalytische 
Symbol zusammengesetzt aus einem materialen Phänomen (die 
symbolisierte Vorstellung) imd einem funktionalen Phänomen (die 



^ Die positiven Seiten dieses Komplexes werden zweifellos auch dar- 
gestellt oder es gäbe keine Schlange nverebrung. 

2 In Kürze, die Affekte des Vorbewußten, nicht des Unbewußten. 



J 



Die Theorie der Symbolik 267 

reaktionären Affekte); beide sind gewöhnlich bewußte Prozesse 
oder beinahe bewußt. Er läßt den wirklichen Grund für die 
Symbolik außer Betracht, nämlich die unbewußten positiven 
Affekte, die nicht ins Bewußtsein gelangen dürfen. Sein Übersehen, 
dieser wesentlichen Seite des Problems erklärt auch seine merk- 
würdige Angabe ^, daß die Universalität oder allgemeine Gültigkeit 
und Verständlichkeit eines Symbols sich im umgekehrten Ver- 
hältnis zu der Rolle ändert, die affektive Faktoren bei seiner Ent- 
stehung spielen, denn es sind gerade dies Symbole der letztge- 
nannten Art, die so charakteristisch universell sind. Seine relative 
ünvertrautheit mit dem Unbewußten selbst hat ihn hier dazu 
geführt, das Maß, in welchem primitive affektive Strömungen 
generisch sind, stark zu unterschätzen, obzwar er diese Wahrheit 
in einem besclu'änkten Grad zugibt'-. 

Es ist wahrscheinlich ebenfalls diese ünvertrautheit mit dem 
Unbewußten oder sein Mangel an Überzeugung, die Silber er 
dazu führen, zu sagen, daß „materiale" Symbole sich in „funktionale" 
umwandeln können, eine Bemerkung, die besondere Aufmerksam- 
keit verdient, da eine eingehende Prüfung derselben, wie ich 
glaube, die wesentlichen Unterschiede zwischen echter Symbolik 
und Metapher enthüllen wird. Er schreibt^: „Es hat sich In neuerer 
Zeit bei psychoanalytischen Untersuchungen gezeigt, daß Symbole, 
die ursprünglich material waren, in funktionale Verwendung über- 
gehen. Analysiert man längere Zeit hindurch die Träume einer 
Person, so wird man finden, daß gewisse Symbole, die zuerst 
vielleicht nur gelegentlich auftraten, zm- Bezeichnung irgend eines 
Vorstellungsinhaltes, Wunschinhaltes usw. wiederkehren und so 
zur stehenden Figur oder ,typischen Figur' werden. Und je mehr 
sich eine solche typische Figur befestigt und ausprägt, umsomehr 
entfernt sie sich von der zuerst gehabten ephemeren Bedeutung, 
umsomehr wird sie zum symbolischen Stellvertreter einer ganzen 
Gruppe gleichartigen Erlebens, eines seelischen Kapitels sozusagen; 
bis man sie schließhch als den Repräsentanten einer seelischen 
Strömung (Liebe, Haß, Tendenz zum Leichtsinn, zur Grausamkeit, 
zur Ängstlichkeit usw.) schlechtbin ansehen kann. Was sich da 
vollzogen hat, ist ein Üliergang vom Materialen zum Funktionalen 
auf dem Weg einer Verinnerlichung, wie ich es nenne." Diese 
Schlußfolgerung ist meiner Ansicht nach eine trügerische Inter- 



I Silber er, a. a. 0., Jahrb. JI, S. 689, 690; IV, S. 614. 

^ S i 1 b e r e r, a. a. 0., Jahrb. U, S. 690. 

3 Silbei-er, „Probleme der Mystik und ihrer Symbolik", 1914, S. 153. 

17* 



268 Dr. Ernest Jones 

pretation einer richtigen Beobachtung. Die Beobachtung besteht 
darin, daß ein Patient, nachdem er die Bedeutung eines echten 
Symbols erkannt bat, oft versucht, dessen Bedeutung zu schwächen 
und „weg"zuerkläi-en, indem er ihm eine andere „funktionale", 
allgemeinere und daher harmlosere Interpretation gibt. Diese 
abstrakten und metaphorischen Interpretationen haben allerdings 
eine gewisse Beziehung zu der am Grunde liegenden Bedeutung 
des Symbols — eine Beziehung, die wir sogleich einer Prüfung 
unterziehen wollen — aber die stark ausgesprochene Vorliebe des 
Patienten für sie ist bloß ein Ausdruck seines Widerstandes gegen 
die Anerkennung der tieferen Bedeutung, gegen das Assimiheren 
des Unbewußten. (Gerade dieser Widerstand gegen das Unbewußte 
zeigt sich in dem Gebrauch, den S i 1 b e r e r von dem Worte 
„ephemeral" in der soeben zitierten Stelle macht, denn wenn 
überhaupt irgend etwas Wahres an der Psychoanalyse, Ja an jeder 
genetischen Psychologie ist, dann müssen die Urkomplexe, die in 
der SymboUfc ihren Ausdruck finden, die ständigen Quellen des 
Seelenlebens sein und das gerade Gegenteil von puren Sprach- 
flguren.) Manche Patienten werden außerordentlich geschickt in 
dieser Methode, sich vor dem Erkennen ihres Unbewußten zu 
schätzen, wenn sie ihre Träume interpretieren: jedes Bootrennen 
wird zum Ehrgeiz, auf dem Lebensstrom weiterzukommen, das 
Geld, das sie auf den Boden fallen lassen, ist ein Symbol des 
Reichtums, die Revolver, die hinter den Männern und vor den 
Frauen abgefeuert werden, sind Symbole der Macht und zuletzt 
werden sogar offen erotische Träume in poetische Allegorien ^ 
desexualisiert. Wenn nun der Psychoanalytiker sich durch solche 
Schutzinterpretationen täuschen läßt und darauf verzichtet, die 
Widerstände des Patienten zu brechen, dann wird er sicherlich 
niemals das Unbewußte des Patienten kennen lernen und noch 
viel weniger wird er dazu gelangen, die relative Wichtigkeit der 
unbewußten Strömungen und derjenigen an der Oberfläche richtig 
einzuschätzen. Damit meine ich keineswegs, daß die letzteren ver- 
nachlässigt oder ihrerseits unterschätzt werden sollen, nur ganz 
einfach, daß man nicht den Wagen vor das Pferd spannen und 
daß man von etwas Sekundärem und weniger Wichtigem nicht 
sprechen sollte, als ob es durch etwas Primäres und Wichtigeres 
symbolisiert werden könnte. 

Durch die ganzen späteren Arbeiten Silberers zieht sich der 
Gedanke, daß der eben besprochene Prozeß, nämlich die Umwandlung 




1 Siehe in diesem Zusammenhang Jung, a. a. 0., S, 221. 



J 



Die Theorie der Symbolik 269 

von materialer Symbolik in funktionale, nicht nui* im Laufe einer 
Psychoanalyse vorkommt, sondern auch spontan in der Entwicklung: 
des Individuums und der Rasse. Dieser Prozeß, den ich ein 
„Nivellieren" nennen möchte, kommt sicherlich vor, aber der vor 
allem anderen wichtige Punkt ist, daß er mu' in den bewußten 
Schichten der Seele vor sich geht, so daß es nur eine sehr ein- 
seitige Wahrheit darstellt, wenn man den Prozeß der Symbolik in 
diesen Ausdrücken beschreibt. Die Reihenfolge der Ereignisse ist 
vielmehr die folgende : Die Vorstellungen oder seelischen Ein- 
stellungen, die durch echte Symbole dargestellt werden, ergeben 
natürlich als Resultat der Verdrängung außer der Symbolik noch 
eine ganze Menge andarer Manifestationen. Diese können entweder 
positiv sein, wie das Ergebnis der Sublimierung und anderer 
Abänderungen, oder negativ, wie z. B. Reaktionsbildungen. Diese, 
ebenso wie die Symbole, sind teils bewußte Ersatzbildungen und 
teils Ergebnisse unbewußter seelischer Prozesse. Durch diese 
Betrachtung wird es verständlich, daß viele der anderen bewußten 
Ergebnisse in einer assoziativen Verbindung mit verschiedenen 
Symbolen stehen ; sie entspringen beide der gleichen Quelle. 
Aber ihre Verbindung ist kollateral, nicht linear ; von einer bewußten 
Vorstellung auszusagen, daß sie eine andere bewußte symbolisiert, 
wie es die nach-psychoanalytische Schule tut, ist beinahe das gleiche, 
wie von jemandem zu sagen, daß er die Eigenschaften seiner 
Vorväter von seinem Vetter ererbt habe. Es ist richtig, daß ein 
gegebenes Symbol gebraucht werden kann, um eine kollaterale 
seelische Einstellung, die aus der gleichen Quelle stammt, darzustellen 
oder anzudeuten (aus Gründen der Bequemlichkeit, lebhafteren 
Färbung usw.) ; dies ist tatsächlich der Hauptweg, auf welchem 
sekundäre metaphorische Bedeutungen mit Symbolen verbunden 
werden. Aber wenn dies der Fall ist, dann entfernt sich der Prozeß 
von der Symbolik. Eine solche Verbindung ist ja sehr häufig vor- 
handen, so daß die in Frage stehende Figur zum Teil symbolisch 
ist, (d.h. sie stellt unbewußteseelischeEinstellungenundVorstellungen 
dar) und zum Teil metaphorisch (d.h. sie deutet auf andere kollaterale 
Vorstellungen hin). In manchen Fällen kann die symbolische 
Bedeutung ganz fehlen ; das ist der Prozeß, den ich mit dem Aus- 
druck „nivollieren" beschreibe; was jedoch Silber er die Umwandlung 
der materialen SymboUk in die funktionale nennt, würde ich vor- 
ziehen, als Ersetzung der Symbolik durch die Metapher zu 
beschreiben, nämlich durch eine assoziative Verbindung zwischen 
zwei Kollateralen, und der Unterschied ist mehr als bloß ein 
wörtlicher. Ferner ist die symbolische Bedeutung weit öfter, als 




270 Dr. Ernest Jones 

man denkt, mit der metaphorischen gleichzeitig; vorhanden, obzwar 
es in der Natur der Dinge liegt, daß es viel leicliter ist, sie zu 
übersehen oder zu unterschätzen als die letztere. Das ist im all- 
täglichen Aberglauben sehr auffallend, wo außer den sekundären 
Interpretationen, ja selbst wenn keine bewußte Interpretation ver- 
sucht wird, die imbewußte Symbolik, welche die Grundlage so 
manches Aberglaubens bildet, bei einer erstaunlichen Menge von 
Abergläubischen als wirksam nachgewiesen werden kann. 

Die zuletzt gemachten Betrachtungen können nun etwas 
allgemeiner gefaßt werden. Im Anfange wird eine konkrete Vor- 
stellung symbolisiert, indem sie durch eine andere konkrete dargestellt 
wird, die gewöhnlich in doppelter Beziehung zu ihr steht: 1. in 
einer objektiven ; das Objekt oder der Prozeß besitzt materiale 
Eigenschaften, die jenen der symbolisierten Vorstellung gleichartig 
sind ; 2. in einer subjektiven ; die seelische Einstellung ist in mancher 
Beziehimg die gleiche, wie die zu der primären Vorstellung. Das 
Symbol wird später in assoziativer Art zu anderen, aus der gleichen 
Quelle stammenden seelischen Einstellungen sekundär in Beziehung 
gebracht und oft dazu verwendet, auf sie hinzudeuten. Mit fort- 
schreitender geistiger Entwicklung streben diese Einstellungen 
danach, immer allgemeiner und abstrakter zu werden, denn wie 
schon das Wort andeutet, sind alle abstrakten Vorstellungen 
Abstraktionen von konkreten und daher letzten Kndes immer von 
diesen abgeleitet, so daß wir auletzt eine konkrete Vorstellung, 
ursprünglich dazu gebraucht, eine andere verdrängte konkrete zu 
symbolisieren, dazu verwendet sehen, einen abstrakten Gedanken 
auszudrücken; dabei hat sie entweder nur diesen Zweck oder aber 
damit noch verbunden andere Funktionen. Daher rührt die häufige, 
aber irrtümliche Anschauung^, daß es im allgem einen charakteristisch 
für die Symbolik sei, das Abstrakte in Ausdrücken dos Konkreten 
darzustellen. Indem Silber er den ursprünglichen Sinn des Ausdrucks 
„funktionale Symbolik" zunächst so weit ausdehnt, bis er die 
konkrete Darstellung affektiver Prozesse überhaupt bedeutet, und 
ihn dann auf Fälle beschränkt, wo diese Prozesse sekundärer Natur 
sind, weicht er von dem Begriff der echten Symbolik ab und 
gelangt wieder zur gewöhnlichen Anschauung der Symbolik als 
der Darstellung des Abstraltten durch Konkretes. 

Es ist an der Zeit, diese Beobachtungen durch Beispiele zu 
erläutern, und wir können mit dem zuletzt erwähnten Gleichnis 
der Schlange beginnen. Diese ist ein feststehendes Symbol für den 



^ Z. B. Silberer, a. a. 0., Jahrb. 111., S. 662. 



J 



Die Theorie der Symbolik 271 

Phallus^ und der allgemeino Begriff der Sexualität ist zum großen 
Teile aus hiebei sicii ergebenden Erfahnuigen und Nachdenken 
abgeleitet. Der Jung-Silberer-Schule zufolge symbolisiert das Bild 
der Schlange im Traum- weit öfter die abstrakte Vorstellung der 
Sexualität, als die konkrete des Phallus, im Gegensatz zur psycho- 
analytischen Schule, für die es nur die letztere symbolisiert, 
obgleich es natürlich oft mit der ersteren in Verbindung steht. 
Der praktische Unterschied besteht darin, daß, der letztgenannten 
Schule zufolge, jedwede Bedeutung des Trauminhaltes, die in Aus- 
drücken einer allgemeinen Vorstellung ausgesprochen ist, sekundär, 
abgeleitet und abhängig von einer tieferen Bedeutung im Unbewußten 
sein muß, die nur konkret ausgedrückt werden kann. Das Unbewußte 
assimiliert ferner die allgemeine Vorstellung des Wissens in Dar- 
stellungen der speziellen Idee des sexuellen Wissens, das seinerseits 
als sexuelle Kraft assimiliert ist. Die Assoziation ist in dem Bibel- 
wort „ein Weib erkennen" angedeutet. Aus diesem Grunde ist 
der BegriiT der Schlange mit dem des Wissens verknüpft worden, 
besonders im Osten, so daß dies Bild sehr häufig als Emblem der 
Wissenschaft dient (wie so viele anderer Söxualsymbole, z. B. das 
Sala), Aber es heißt zwei grundverschiedene psychologische Prozesse 
miteinander verwechseln, wenn man sagt, daß die Schlange ent- 
weder den Phallus oder das Wissen symbolisieren kann. Das Verhältnis, 
das zwischen ihnen besteht, wird der Vergleich zwischen den beiden 
folgenden Situationen erläutern ; 1. der Fall eines Mannes, der 
gelegentlich den geläufigen Ausdruck gebraucht: schlaue, alte 
Schlange ! Hier kann es sehr wohl der Fall sein, daß die Metapher 
rein äußerlich ist und darauf beruht, daß er gehört oder gelesen 
hat, daß eine gewisse Beziehung zwischen Schlauheit und Schlange 
besteht; 2. der Fall eines Mannes, der selbst instinktiv fühlt, 
daß die Schlange ein gut geeignetes, natürliches und verständ- 
liches Emblem für die Begriffe des Wissens und der Schlauheit 
ist. Hier würde man sicher zu finden erwarten, daß die Vorstellung 
der Schlange als echtes, unbewußtes phallisches Symbol wirksam ist. 
Ein Ehering ist ein Emblem der Ehe, aber er ist nicht deren 
Symbol. Wenn ein Mann um eine Frau wirbt, so gibt er ihr instinktiv 
Geschenke, wie Armbänder, Broschen und später einen Verlobungs- 
ring. Sie halten fest, was durch sie hindurch gegangen ist und 
sind unbewußt Symbole des weiblichen Genitales. Bei der Hochzeit 



1 In sehr selteoen Fällen kann es aucb die Gedärme oder ihren Inhalt 
symbolisieren, aber, soviel ich weiß, nichts anderes, 

^ Ich spreche von Fällen, in denen das Traumbild ein symbolisches ist, 
was es natürlich nicht sein muß. 



272 Dr. Ernest Joaes 

gibt er ihr eines der vollkommensten Syrabolo dieser Art, einen 
schlichten goldenen Ring:, als Dank für die volllcommenö Hingabe 
dessen, was er symbolisiert. Die Hochzeitszeremonie schließt eine 
Reihe von abstrakten Vorstellungen in sich, wie Treue und Beständig- 
keit, mit denen der Ring nun in Verbindung gebracht wh'd und für 
die er als Emblem gelten kann, doch niemals als Symbol. 

Die meisten Zauber, TaUsmane und Amulotto sind Genital- 
symbole, und zwar meist männliche. Ebenso wie sie heutzutage Glück 
bringen oder das Unglück fern halten sollen, so schützten siein früheren 
Zeiten s^gen den l>üsen Einiluü magischer Kräfte. Daß diese atropo- 
aeischen Eigenschaften beinahe ausschließlich Genitalsymholen 
zukamen, hat seine Gründe in zwei Umständen ; erstens in der 
übertriebenen Assoziation des primitiven Denkens zwischen den 
Genitalien und den Vorstellungen von Macht oder Potenz und 
zweitens in der Tatsache, daß ursprünglich die Ansicht herrschte, 
beinahe alle üblen magischen Einflüsse seien gegen die Sexualorgane 
und deren Funktion gerichtet. Wie ich an anderer Stelle' gezeigt 
habe, waren beinahe alle die gefürchteten Übeltaten der Hexen im 
Mittelalter symbolische Darstellungen der Ligatur, d. h. des Versuches, 
die Sexualpotenz zu schädigen ; sie waren, um es kurz zu sagen, 
Kastrationssymbole. Der sicherste Schutz gegen dieses Unheil war 
die Demonstration des bedrohten Teiles, um zu zeigen, daß er heil 
und ganz sei, der Mechanismus ist dem der Talion ^ ähnlich. Dieser 
Gedankengang führte dazu, die Zauberei überhaupt mit dem Begriff 
der Sicherheit zu verbinden, besonders als Schutz gegen Tod oder 
Verstümmelung, wie sich dies überaus häufig in rührender Weise 
im Kriege gezeigt hat. Ängstliche Verwandte, die dem Scheidenden 
ein „Daumen hoch" (fums up) oder ein Hufeisen aufnötigen, haben 
nicht die leiseste Ahnung von der Bedeutung ihres abergläubischen 
Tuns, aber daß diese Bedeutung nicht nur eine historische ist, kann 
durch die Analyse ihrer Trä^lme oftmals gezeigt werden, wo dann 
die wahre Symbolik zum Vorschein kommt; das Unbewußte weiß 
oft so viel besser, was man tut, als das Bewußtsein. 

Eine andere zeitgemäße und wichtigere Analogie I Moderne 
Ökonomen wissen, daß Reichtimi einfach bedeutet : ein Pfand auf 
künftige Arbeit, und daß irgend ein anderes bequemes Zeichen 
ebenso gut als Emblem dafür benützt werden konnte, wie die 
„Goldwährung". Jedoch Metallmünzen, und ganz besonders goldene, 

' Ercesi Jones, „Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen 
des miltelalterlichen Aberglaubens", 1912, S. 106—110. 

^ Er ist ZQni Teil mit dem der Exliibitioaismus genannten Perrersion 
identisch. 



Die Theorie der Symbolik ' 273 

sind ein unbewußtes Symbol für dio Exkremente, für das Material 
also, von dem in der Kindheit unser Sinn für Eigentum haupt- 
sächlich abgeleitet wurde'. Daher, aus bestimmten psychologischen 
Gründen, liängen die Begriffe von Besitz und Reichtum hartnäckig 
an den Vorstellungen von Geld und Gold und die Leute wollen 
einfach nicht das „Trugbild der Ökonomen", das Verwechseln von 
Gold und Reichtum, aufgeben. (Diese abergläubische Einstellung 
wird England im besonderen manche Opfer nach dem Kriege 
kosten, denn dann werden Avahrscheinlich alle Anstrengungen 
gemacht werden, um jeden Preis die Goldwährung wieder einzu- 
führen.) 

Wir streiften gelegentlich die Verbindung zwischen Phallus 
und Machtbegriff. Es besteht eine besonders enge Verbindung 
zwischen dem väterlichen Phallus und der IWacht des Vaters, für 
den, wie oben erläutert, der König ein unbewußtes Symbol ist. 
Das Königssymbol, das Zepter, wird somit zum Emblem der 
königlichen Autorität, d. h. des kindlichen Respekts vor dem 
Vater. Diese Einstellung hat iliren Ursprung, wenigstens in ihrer 
extremen Form, zum großen Teil in einer Reaktion gegen die 
primitive und instinktive Eifersucht und den Haß gegenüber dem 
Vater ~ ein Teil des berühmten Ödipuskomplexes^. Diese 
primitive Einstellung lebt im Unbewußten beinahe aller Männer 
als Wunsch, den Vater zu töten oder wenigstens zu kastrieren, 
ein Wunsch, der zweifellos in primitiven Zeiten buchstäblich 
befriedigt worden ist'^ Wir schrecken nun vor einer so entsetz- 
lichen Vorstellung zurück und wir haben zwei schöne Beispiele 
dafür, wie wir uns zu dieser Art von Wahrheit verhalten, nämlich 
ihre Bedeutung verwässern und materiale Symbolik in die harm- 
lose funktionale verwandeln. Der Jung-Silberer- Schule zufolge 
„symbolisiert" der Wunsch, den Vater zu töten nur solche 
Tendenzen wie den Wunsch, den alten Adam in uns zu töten, den 
uns vom Vater ererbten Anteil, oder noch allgemeiner ausge- 
drückt, einen früheren Gesichtspunkt zu überwinden. Wie zu 
erwarten ist, kommen dieselben Vorstellungen von Vatermord 
und Kastration des Vaters oft in der Mythologie und den alten 
Religionen vor, wenn nicht sogar in allen Religionen, und die 



I Sielie Kapitel XL. 

3 Zur Ausführung dieses Tliemas siehe Freuds „Traumdeutuug", 1914, 
S. 192—201; Rank, „Das Insestmotiv ia Dichtung und Sage", 1912; Ernest 
Jones, „The CEdipus-Complex as an Explanatioa of Hamlet's Mystery", 
Amer. Journal of Psyciiology, Vol. XXL. 

s Siehe Darwin, „The Descent of Man", 1871, eh. XX. 



274 Dr. Ernest Jones 

Mythologen haben sie gleichfalls aller wörtlichen Bedeutung 
beraubt, indem sie sie als harmlose und interessante Darstellungen 
der Naturphänomene, wie der Mond- und Sonnenphasen, der 
Änderungen in der Vegetation und in den Jahreszeiten, inter- 
pretieren. 

Frend^ hat gezeigt, welch einen wesentliclien Anteil dieser 
Mordimpuls in der Entwicklung der Religion gehabt hat, nicht 
nur in primitiven Systemen wie im Totemismus, sondern auch in 
den höheren Formen tmd es ist wahrsclieinlich, daß die Phallus- 
verehrung, die den Mittelpunkt der früheren Religion bildet (und 
auch in unseren heutigen Heligionssystemen nicht fehlt), nicht 
nm' von der für den Primitiven so charakteristischen außer- 
ordentlichen Überschätzung (wenigstens von unserem Standpunkte 
aus) der Bedeutung der Sesualfunktionen, sondern auch von der 
Reaktion auf den Haß gegen den väterlichen Phallus und daher 
auch gegen den göttlichen, abgeleitet ist; im Bewußtsein wird 
die Bewunderung für den väterlichen Phallus überbetont, gerade 
weil im Unbewußten verdrängt die gegenteilige Einstellung der 
Feindseligkeit herrscht. Die Phallusverehrung hatte daher mehr 
als nur eine Ursache, aber im Grunde hatte sie es mit einem 
wirklichen Phallus zu tun. Als im XIX. Jahrhundert die Kenntnis 
der östlichen phänischen Religionen Europa erreichte, erschien 
diese Kunde so unglaublich, daß sie, koste es was es wolle, in 
eine harmlose Bedeutung zuriickinterpretiert werden mußte, und 
die noch heute vorherrschende Ansicht wurde akzeptiert, daß die 
Verehrung nichts mit dem Phallus als solchen zu tun habe, sondern 
in Wirklichkeit auf die abstrakte Vorstellung göttlicher schaffender 
Kraft gerichtet war, die wir als Schöpfer personiÜÄieren, für den 
der Phallus ein dem primitiven Geist angepaßtes „Symbol" war. 
Einiges Nachdenken zeigt, daß die in Frage stehende abstrakte 
Vorstellung selbst von einer konkreten, die durch ein Bild des 
Phallus symbolisiert wurde, abgeleitet sein mußte, so daß wir 
hier ein Beispiel mehr für die Konfusion zwischen Deszendenz 
und Kollateralismus haben ; der eben erwähnten Ansicht nach war 
die Entwicklungsordnung die folgende : zuerst konkreter Phallus, 
dann die abstrakte Vorstellung der Zeugung (soweit es zugegeben 
wurde, daß der abstrakte Begrifi' von dem konkreten stamme), 
dann das Symbol der abstrakten Vorstellung. Für den Psycho- 
analytiker dagegen stehen die abstrakte Vorstellung und das 
Symbol miteinander in Beziehung, aber nicht als Ursache und 



II 



1 Freud, „Totem und Tabu", :I913. 



Die Theorie der Symbolik 275 

Wirkung, sondern sie stammen nur von einer gemeinsamen 
Ursache. Vom Standpunkt wissenschaftlichen Denkens ist die 
abstrakte Vorstellung, die hier angeblich symbolisiert wird, 
tatsächlich illusorisch; wir haben keine Erfahrungen, weder in 
der physischen noch in der spirituellen Welt, von der Schöpfung, 
denn was sich als Schöpfung ausgibt, stellt sich bei näherer 
Einsicht nur als Transformation heraus*. Ti-otz alldem scheint es 
so schwer, sich von solchen fundamentalen Illusionen frei zu 
machen, daß die Notwendiglteit des Postulats einer schöpferischen 
Kraft eines der Hauptargumente ist, die zugunsten des Theismus 
angefühi-t werden, und sogar relativ skeptische Denker wie Herbert 
Spencer sehen sich genötigt, zu dem Begriff der ersten Ursache 
Zullucht zu nehmen. 

Soweit haben wir das Symbol in seiner Beziehung zu der 
im Unbewußten symbolisierten Vorstellung betrachtet und sind 
zu dem Schlüsse gelangt, daß im psychoanalytischen Sinne das 
Symbol ein Ersatz für die primäre Vorstellung ist und eine 
zwangsweise Kompromißbildung zwischen der Tendenz des 
unbewußten Komplexes und der ihn hemmenden Faktoren darstellt, 
während die funktionale Interpretation sich vielmehr mit den 
bewußten Reaktionen und Sublimiernngen des unbewußten 
Komplexes beschäftigt. Wir haben zunächst von einem anderen 
Punkt des Problems zu handeln, nämlich dem Verhältnis des 
Symbols zu der Vorstellung, die es unmittelbar ausdrückt; das 
heißt, nicht mehr von dem Verhältnis des Schlangensymbols zum 
Phallus, sondern vom Verhältnis des Schlangensymbols zur Schlange 
selbst. Wir haben, mit anderen Worten, die Symbolik vom Stand- 
punkt des Realitätsprinzips aus zu betrachten, anstatt wie früher 
von dem des Lustprinzips. 

In Träumen, Mythen und ähnlichem Material finden wir, daß 
die Sonne das Auge, den Vater oder den Phallus symbolisiert. 
Was für eine Beziehung hat diese Symbolik zu den sonstigen 
bewußten Gedanl^en über die Sonne? Das Problem spaltet sich in 
deren zwei, nämlich in die Frage der mehr oder weniger wissen- 
schaftlichen Kenntnis der Sonne, die bis z^l einem gewissen Grad 
durch den primären Instinkt der Wißbegierde diktiert ist, und 
zweitens in die mehr praktische Seite, wie man sich im täglichen 
Leben zu den sich äußernden Sonnenphänomenen zu stellen hat 
(Hitze, Schatten, Dunkelheit usw.). Dieser Unterschied gilt nur für 
die zivilisierten Menschen, und auch hier niu" teilweise, denn es 



^ Die ganze Frage ist nachdrücklich in dem Ausdruck zusammengefaßl; 
Der Wunsch ist Vater des Gedankens. 



'^\ 



276 Dr. Ernest Jones 

ist immer schwer, die bloße Begierde, zu wissen, von dem Gefühl, 
daß es notwendig oder wünschenswert ist, zu wissen, zu trennen. 
Ich bin sicher, daß ein großer Teil dessen, was man dem reinen 
Wissensdrang zuschreibt {Erfindungen usw.), in Wirklichkeit viel- 
mehr von den Impulsen der Notwendigkeit, die eine äußere oder 
innere sein mag, diktiert ist, wie dies das alte Sprichwort: „Die 
Not macht erfinderisch", gut erläutert. 

Unser Problem liegt besonders klar zutage in bezug auf 
das, was Wundt „Die mythologische Stufe der Erkenntnis" 
nennt. Das Problem der Mythologie als Ganzes, das sich mit der 
eben behandelten Kontroverse des Matorialen im Gegensatz zum 
Funktionalen beschäftigt (wie Silber er' in einer Reihe von 
Beispielen gezeigt hat), fällt nicht in den Kreis unserer Betrach- 
tungen. Wie er richtig ausgeführt hatS ist es wichtig und muß 
im Gedächtnis festgehalten werden, daß die mythologische Stufe 
der Erkenntnis ein relativer Bogriff ist. Kein Wissen wird von 
der Person, die daran glaubt, als mythologisch erkannt, wenigstens 
nicht in dem Augenblick, in dem sie daran glaubt. Dies gilt jedoch 
auch für die Symbolik. Nur wenn wir an ihre objektive und 
buchstäbliche Realität nicht glauben, erkennen wir, daß wir 
Symbole vor uns haben, obwohl wir selbst dann keine Ahnung 
haben, was sie sy*"' olisieren. Ein mythologisches Stück Wissen 
ist daher zur Zp der es akzeptiert wird, und für diejenigen 

die es akzeptie aie zu diesem Zeitpunkt einzig m^ighehe Form 
der Wahrheit; es ist die einer gewissen Entwicklungsstufe 
angepaßte Realität. Eine „höhere" oder objektivere Art der 
Wahrheit würde aus intellektuellen oder affektiven Gründen 
zurückgewiesen und nicht verstanden werden. Silborer^ meint 
daß, im ganzen genommen, die erste Type der Symbolik, das 
materiale Phänamen, in diesem Prozeß vorherrsche. Wenn man 
den Begriff der Symbolik im strengen Sinne nimmt, dann unter- 
liegt es keinem Zweifel, wie Silberer'', Rank und Sachs" 
zeigen, daß ihr Vorkommen in diesem Zusammenhange dem 
Zwecke dient, das beobachtete Material, das verarbeitet werden 
soll, der Assimifierung leichter zugänglich zu machen; das Gehirn 
assimiliert es in Ausdrücken des schon früher bekannten. Was 
wirklich geschieht, ist folgendes; Das Unbewußte assimiliert das 

1 Silberer, a. a, 0., Jahrb. II, S. 573—586. 

2 Silberer, a. a. 0., Jahrb. 11, S. (i06, 607; III, S. 662—666. 

3 Silberer, b. a. 0., Jahrb. III, S. 6S9. 
* Silberei-, a. a. 0., Jahrb. III, S. 692. 
5 Rank und Sachs, a. a. O., S, 17. 



Die Theorie der Symbolik 377 

neue Material in Ausdrücken seiner eigenen Gedanken — ein 
Prozeß, der im III. Teil dieses Artikels besprochen wurde — mit 
dem Ergebnis, daß das Symbol des unbewußten Gedankens zum 
Bewußtsein kommt. 

Soweit ist alles klar, jedoch der in diesem Zusammenhang 
bestrittene Punkt ist, ob das Symbol in irg-end einer Beziehung 
— und wenn, in welcher? — zu der Vorstellung („der höheren 
Form der Waln-heit") stehen kann, die später entweder in dem- 
selben Individuum oder in einem anderen bestimmt ist, das Symbol 
und diese mythologische Stufe der Erkenntnis zu ersetzen. Kann 
die spätere objektive Art des Wissens der früheren symboUscnen 
Darstellung des Versuches, dieses Problem zu verarbeiten, schon 
innewohnen ? S i 1 b e r e r beantwortet diese Frage nicht bestimmt, 
allein Jung^ würde ohne Zaudern bejahend antworten und, wie 
ich vermute, in jedem Falle. 

Meiner Ansicht nach ist die Sache komplizierter, als man 
von dieser Feststellung erwai'ten würde. In den meisten Fällen 
besteht sicherlich eine Beziehung zwischen dem Symbol und der 
„künftigen Vorstellung", aber meiner Meinung nach ist sie der 
Beziehung zwischen dem Symbol und der funktionalen Inter- 
pretation, die wir oben besprochen haben, sehr ähnlich, obwohl 
nicht gleich. Ich glaube nicht, daß die zukünftige Vorstellung dem 
Symbol innewohnt, im Gegenteil, das Vorhandensein des Symbols, 
um es genauer auszudrücken, der symbolische Gebrauch des 
Symbols, ist oft gerade das, was die Vorstellung daran hindert, 
formuhert zu werden. Wie oben erklärt wurde, versucht der Geist 
immer, eine neue Perzeption in Ausdrücken irgend eines unbe- 
wußten Komplexes zu assimilieren, und jeder Schritt vorwärts 
auf der Bahn des Realitätsprinzips ist nicht nur eine Mitver- 
wendung dieser Urassoziation, sondern auch ein teilweiser Verzicht 
darauf, ein Aufgeben des persönlichen, subjektiven Momentes und 
ein Achten auf die objektiven Eigenschaften der neuen Perzeption, 
das beinahe sensorisch genannt werden kann. Verfolgen wir das 
oben gewählte Beispiel von der Sonne weiter. Nach einer der 
frühesten Vorstellungen war sie ein mächtiges Auge ; die Analogien, 
die Verbindung mit Licht usw. sind ziemlich klar. Später wurde 
sie als eine tragbare Lampe angesehen, und noch später als ein 
heißer, gasförmiger Körper, um den die Erde rotiere. Wenn in 
einem dieser späteren Stadien der Vorstellung das Bild der Sonne 
im Traum das Auge ersetzt, so werden wir es natürlich als ein 
Symbol bezeichnen, jedoch im ersten Stadium wüi'de die optische 

1 Siehe besonders Jung, a. a. 0., eh. XV. 



278 Dr. Ernest Jones 

Erscheinung der Sonne besser als ein symbolisches Äquivalent 
beschrieben werden. Wie ging: nun der Fortschritt im Wissen vor 
sich und welches ist das Verhältnis zwischen dem Symbol und 
der künftigen Vorstellung der Sonne? Die erste Stufe ist einfach 
genug. Sie ist nichts als eine Identifikation der neuen Perzeption 
mit einer alten, eine für eine Zeit erfolgreiche Assimilierung 
der neuen Vorstellung in Ausdrücken der alten und bekann- 
teren. Ich stelle mir vor, daß jede an der Sonne und ihi-en 
Bewegungen neuentdeckte Eigenschaft, jeder neue Gedanke 
darüber seinerseits von einer ähnlichen, meist unbewußten 
Assoziation mit einer vorher bekannten Vorstellung diktiert 
wurde oder, um es anders auszudrüclten, daß die Aufmerk- 
samkeit ernstlich auf jede neue Eigenschaft gerichtet wurde 
durch das Interesse, das schon an der vorher bekannten Vor- 
stellung bestand, mit der die neue Eigenschaft auf Grund einer 
noch so schwachen Ähnlichkeit assoziiert wurde ; denn es ist 
wirklich erstaunlich, wie wir augenfällige und sogar wichtige 
Erscheinungen übersehen können, nur weil wir uns nicht für sie 
interessieren. Aber, und das ist der springende Punitt, auf dieser 
zweiten Stufe führt die Assimilierung nicht zur echten Symbolik; 
sie genügt, die Aufmerksamkeit zu erregen und der neuen Beob- 
achtung: Interesse zuzuführen, doch wird dies herbeigeführt durch 
einen Prozeß der vernunftmäßigen Deutung in Verbindung mit 
den Tatsachen der Außenwelt und nicht mehr allein in Ausdrücken 
der vorher bestehenden Vorstellung, wie in der ersten symbolischen 
Phase des Wissens. Insofern als die Assimilation nicht mehr in 
der alten Weise interpretiert wird, handelt es sich um einen 
zugunsten des Reaiitätsprinzips und seinen Vorteilen stattfindenden 
Verzicht auf die Lust, die sich durch den leichteren und primitiveren 
Prozeß der vollständigen Assimilierung ergibt. Den Ergebnissen 
der Psychoanalyse zufolge ist aller geistige Fortschritt von einem 
teihveisen Verzicht auf irgend eine primitive Form der Lust 
begleitet (das ist wahrscheinlich der Grund, warum dieser Fort- 
schritt so langsam ist) und der Prozeß, auf den soeben hingewiesen 
wurde, macht keine Ausnahme von dieser Regel. 

Das folgende Beispiel erläutert gleichfalls denselben Punkt. 
Der Blitz und später die Mistel wurde zuerst, und Tausende von 
Jahren lang, für göttliches Somah^ gehalten — d. h. Samen — 
eine Ansicht, deren letzte Form der Begriff einer besonderen 
magnetischen oder elektrischen Flüssigkeit war ; es ist nebenbei 



» Siehe Kuhn, „Die Herabkunft des Feuers', 1859; und die Erläuterungen 
dazu in Abraliams „Traum und Mythus", 1909. 



Die Theorie der Symbolik , ' " 279 

interessant, daß derselbe Begriff unter dem Namen magnetische, 
mesmerische Lebenstlüssigkeit lang-e der Theorie zugrunde lag, 
die man gewöhnlich als tierischen Magnetisnms, d. h. Hypnotismns, 
bezeichnete. Die Erkenntnis der Natur des Blitzes hatte unter 
anderem die teilweise Aufgabe dieser unbewußten Assimilierung 
als symbolische magnetische Flüssigkeit im Gefolge, obzwar in 
der unbewTißton Symbolik, welche die Grundlage der neurotischen 
Symptome ist (z. B. Brontophobia), diese alte Assoziation zwischen 
Blitz und Samen wieder auftritt, und es ist bemerkenswert, daß 
volkstümlich noch immer die Elektrizität als das Abfließen eines 
Stromes betrachtet wird. Daher kann unsere allgemein gefaßte 
Frage, ob der künftige Begriff im latenten Stadium dem Symbol 
schon innewohnt, nur in einem sehi- beschränkten Sinne bejahend 
beantwortet werden: nämlich, ein Teil des geistigen Materials, 
das später in einen mehr entwickelten Begriff übergeführt wird, 
ist schon vorhanden, aber die Vorstellung als solche besteht 
sicherlich nicht, nicht einmal im Unbewußten, so daß sie selbst- 
verständlich nicht symbolisiert werden kann. 

Ähnliche Bemerkungen gelten auch in komplizierteren Fällen, 
den Fortschritt der Wissenschaft betreffend, wie in wissenschaft- 
lichen Verallgemeinerungen und auch bei anderen bewußten 
Tendenzen und Interessen. Von einem Standpunkte aus können 
sie als Sublimierungen unbewußter Komplexe betrachtet werden, 
Entwicklungen, die natürlich einer starken Modifizierung durch 
Berührung mit der Außenwelt und durch bewußte Bearbeitung 
unterliegen. Wie die Symbole entstehen sie als das Ergebnis des 
Konfliktes zwischen unbewußten Impulsen und den hemmenden 
Kräften der Verdrängung, aber sie unterscheiden sich von Symbolen 
dadurch, daß in diesen die volle Bedeutung des ursprünglichen 
Konplexes unverändert bleibt und nur an eine sekimdäre Vor- 
stellung übertragen wird (derjenigen des Symbols), während bei 
den ersteren nur die psychische Energie, nicht die Bedeutung, von 
den unbewußten Komplexen abgeleitet und an eine andere Gruppe 
von Vorstellungen übertragen ist, die ihre eigene unabhängige 
Bedeutung haben. Es ist richtig, daß auch hier Regression zu 
echter Symbolik führen kann, wenn die der Subhmlerung ent- 
stammenden Vorstellungen zeitweise die ihnen eigene Bedeutung 
verlieren und so weit herabsinken, daß sie bloße Symbole der 
Komplexe werden, von denen ihre Energie zum größten Teile 
abgeleitet ist. Jedoch in diesem Falle sind sie Symbole im strengen 
Sinne des Wortes und symbolisieren nicht die Sublimierungen, 
trotz ihrer indirekten Assoziation mit diesen. Ein typisches Beispiel 



280 Dr. Ernesl Jones 

des ganzen Prozesses wäre der eben in Verbindung mit Sperbers 
Ansichten erwähnte Vorgang, der Fall der Landarbeit. Zuerst 
wurde diese mit dem Sexualalit identifiziert und erreichte später 
Unabhängigkeit; aber in keinem dieser Fälle konnte sie Sexual- 
symbo! genannt werden, denn sie wurde nicht als reiner Ersatz 
gebraucht. Sie wird erst zum Symbol, wenn sie — wie in Träumen, 
Mythen usw. — zeitweise ihre wirkliche Bedeutung verliert (ganz 
oder zum Teil) und dann als Ersatz für die Vorstellungen gebraucht 
wh:d, mit denen sie ursprünglich identifiziert war. 

Wir haben nun drei Seiten der Symbolik betrachtet: das 
Verhältnis zum unbewußten Komplex (Abschnitt 11 und TU), zu 
den anderen Ableitungen von diesem (liinktionale Symbolik) und 
zu der Realität der Außenwelt. Wir haben zuletzt in Kürze eine 
vierte Seite zu betrachten, der Silber er den Namen „anagogisch" ^ 
gegeben hat und die in Wirklichkeit der „programmatischen" 
Symbolbedeutung Adlers und der „prospektiven" Jungs sehr 
ähnlich ist^. Die beiden letztgenannten Ausdrücke sind umfassender 
und enthalten sowohl die soeben diskutierten BegriiTe der „Ent- 
wicklung der künftigen Vorstellung" als auch die anagogische; 
wir beschäftigen uns hier nur mit dem letzteren Begriff. 

Unter der anagogischen Bedeutung des Symbols ist die 
mystische, hermetische oder religiöse Lehre verstanden, die 
angeblich im Symbol enthalten ist. Das Symbol wb:d für den 
Ausdruck des Strebens nach einem hohen ethischen Ideal gehalten, 
dem es aber nicht glückt, dieses Ideal zu erreichen und daß daher 
beim Symbol halt macht; das am Ende zu erreichende Ideal 
jedoch ist angeblich im Symbol enthalten und wird durch dieses 
symbolisiert. Auf diesem Pfad verliert sich die nach-psychoanalytische 
Schule ^ in einem wahren IiTgarten von Mystizismus, Okkultismus 
und Theosophie, in welchen ich nicht eindringen will; Silberer 
indirekt und J ^l n g direkt verlassen beide die Methoden und Regeln 
der Wissenschaft, besonders die Begriffe der Kausalität und des 
Determinismus, so daß ich mich von der Aufgabe für befreit 
halten kann, den Versuch zu unternehmen, die Behauptungen zu 
entwirren, die den Gipfelpunkt ihrer letzten Ansichten darstellen. 
Um mit den Philosophen zu sprechen: Es ist für uns unmöglich, 
der gleichen Diskussionswelt anzugehören. 



» S i 1 b e r e r, a. a. 0., „Probleme" usw., S. 138. 

2 S i I b e r e r, loc. cit., S. 193, 207. 

3 Siehe besonders Jung, op. cit., und „The Principles of the Unconscious", 
1916; Silberer, op. cit., „Probleme" usw. 



Die Theorie der Symbolik 281 

. Es ist klar, daß die anagog-ische Seite der Symbolik nur ein 
Spezialfall der allgemeinen Konzeption der „zukünftigen Vorstellung" 
ist, die soeben erörtert wurde, und daß das Verhältnis zwischen 
dem Symbol und den in Frage stehenden ethischen Idealen dem- 
jenigen sehr ähnlich ist, das, wie schon erklärt wurde, zwischen 
dem Symbol und den verschiedenen funktionalen Seiten besteht, 
besonders denjenigen, die sich auf sublimierte Interessen und 
Tätigkeiten beziehen. In der Tat ist der einzige Unterschied, den 
Silberer^ zwischen der anagogischen und der fimktionalen Seite 
entdecken kann, der, daß die erstere sich auf künftige geistige 
Einstellungen, die letztere auf gegenwärtige bezieht; wenn das 
anagogische Ideal erreicht ist, wandelt es sich zur funktionalen 
Symbolik^ ein Schluß, der meinen früher ausgesprochenen Verdacht 
rechtfertigt, daß die allgemeine Tendenz seiner funktionalen 
Symbolik reaktionär ist. 

Zusammenfassung. 

Die Hauptthese dieses Aufsatzes besteht darin, zu zeigen 
daß es möglich ist, einen nützlichen Unterschied zwischen dem, 
was man als Symbolik bezeichnen darf, festzustellen — nämlich 
einer grundlegenden Type der indirekten Darstellung — und 
anderen mehr oder minder verwandten Darstellungen, und daß 
eine Überlegung der Unterscheidungspunfcte ein Licht auf die 
Natiu- der indirekten figürlichen Darstellung im allgemeinen und 
der Symbolik im besonderen wirft. 

Wenn wir den Terminus „Symbolik" in seinem alten, weiteren 
Sinne gebrauchen (die Metapher usw. mit eingeschlossen), können 
wir folgendermaßen verallgemeinern: jedwede Symbolik zeigt 
ein relatives Unvermögen der Auffassungsfähigkeit und Darstellung^ 
vor allem der ersteren ; dies mag affektiven oder intellektuellen 
Ursprung haben, wobei das erste dieser Momente das weitaus 
Avichtigere Ist Das Ergebnis dieser relativen Unfähigkeit zeigt 
sich darin, daß die Psyche auf einen einfacheren Typus des 
seelischen Prozesses zurückgreift, und je größer die Unfähigkeit, 
um so primitiver konstruiert ist der seelische Prozeß, auf den 
zm-ückgegriffen wird. Daher ist das Symbol in seiner typischesten 

^ Silber er, op. cit., „Probleme" usw., S. 155. 

2 S i 1 b e r e r, loc. cit, S. 194. 

3 Diese Verallgemeinerung ist nahezu gleichbedeutend mit der unter 
Silberers Ausdruck „apperzeptive Insuffizienz" verstandenen, aber er neigt 
dazu, diese Unfähigkeit als die wesentliche Ursache der Symbolik zu betrachten, 
während ich sie bloß für eine unumgänglich nötige Bedingung halte. Ich lege 
auch viel mehr Nachdruck auf ihre affektiven Ursachen, als er es tut. 

Internat, Zeitschr. 1. Psychoanalyse. Vm/S IS 



282 Dr. Ernest Jones 

Form die Art des seelischen Prozesses, der am wenigsten 
Anstrengung kostet, d.h. es ist sensorisch, gewöhnlich visueU; 
visuell, weil im Rückblick die meisten perzeptuellon Erinnernngen 
in visuelle Formen verwandelt worden (die meisten Kindheits- 
erinnerungen usw.), eine Folge des speziellen Falles der visuellen 
Darstellung. Aus demselben Grunde ißt die Symbolik immer konkret, 
weil, wie sogleich erklärt werden soll, konkrete seelische Prozesse 
viel leichter und primitiver sind als alle anderen. Die meisten 
Formen der SymboUk können daher beschrieben werden als der 
automatische Ersatz einer konkreten Vorstellung — charakte- 
ristischerweise in der Form ihres sensorischen Bildes — für 
eine andere VorsteUung, die mehr oder weniger schwer zugänglich 
ist und verborgen oder sogar ganz unbewußt sein kann und 
die mehr als eine Eigenschaft mit der symbolisierenden Vorstellung 
gemeinsam hat. 

Die allen Formen der Symbolik gemeinsame wesentliche 
Schwierigkeit liegt in der adäquaten Auffassung (und daher auch 
Mitteilung) von Gefühlen. Das muß ohne Zweifel den zahllosen 
Hemmungen des Fühlens zugeschrieben werden, die — wie die 
Psychoanalyse gezeigt hat — in der ganzen Psyche wirksam 
sind und natürlicherweise in manchen Regionen eine konzen- 
triertere Wirkung ausüben als in anderen ; es steht daher zu 
erwarten, daß die typischesten imd am höchsten entwickelten 
Formen der Symbolik in Verbindung mit diesen Gebieten zu finden 
sind. Selbst die schwächste Form der Symbolik, z. B. die Metapher, 
gehört in diese Kategorie. Ein Beispiel: Keats möchte uns eine 
Idee seiner Erregung geben, die ihn ergriiT, als er Chapmans 
„Homer" „entdeckte". Er findet, daß es unmöglich ist, dies in 
dü-ekter Weise zu tun, denn jedo bloße Feststellung der Tatsachen 
würde uns kalt lassen. Es gelingt ihm jedoch, uns etwas von 
seiner eigenen Erregung mitzuteilen, indem er sein Gefühl mit 
dem vergleicht, das einer empfindet, der soeben einen neuen 
Planeten oder einen neuen Ozean entdeckt hat'. Dieses von Keats 
gebrauchte Gleichnis steht streng genommen für ein Adjektivum 
— wundervoll, begeisternd usw. — das dem Wort Erregung 
vorangeht, und dasselbe gilt für alle Gleichnisse und Metaphern. 
Es entsteht also das Problem: in welcher Beziehung steht der 
Ersatz eines Adjektivs durch ein aus dem Konkreten stammendes 
Gleichnis zu der Frage des gehemmten Fühlens? 



' Hier, wie so oH, ist die Hemmung des Gefühls in der Phantasie, die 
übarklommen werden muß, im Hörer. 




Die Theorie der Symbolik 283 

Der grundlegende Zug in allen Formen der Symbolik ist die 
Identifizierung. Sie ist eine der fundamentalsten Tendenzen der 
Psyche und in deren primitiven Gebieten besonders ausgeprägt. 
Der Mangel an üntersclieidungsvermögen, auf den sie hinweist, 
ist nur in einem sehr geringen Grade durch eine unvollkommene 
intellektuelle Entwicklung bedingt, denn die Tendenz zur Identifi- 
zierung ist in der Hauptsache den folgenden zwei Momenten 
zuzuschreiben, die das Lustprinzip, beziehungsweise das Realitäts- 
prinzip angehen. Erstens ist es leichter und daher lustvoller, die 
Züge einer neuen Vorstellung zu beachten, welche denen einer 
älteren und vertrauteren ähneln. Ferner neigt die Psyche dazu, 
das zu bemerken, was sie wegen der Ähnlichkeit mit voran- 
gegangenen interessanten Erfahrungen fesselt. Zweitens erleichtert 
das Erkennen von Ähnlichkeiten die Assimilation von neuen 
Erfahrungen, indem sie die unbekannten mit den schon bekannten 
in Zusammenhang bringt. Selbst dieses Moment und selbst- 
verständlich das erste ist mehr affektiv als intellektuell. Diese 
Identifizierungen haben einen starken Einfluß auf den Verlauf 
der weiteren geistigen Entwicklung auf affektiven Wegen 
(Sublimierung) und auch auf intellektuellen (vermehrtes Wissen, 
Wissenschaft). 

Insoweit eine sekundäre Vorstellung (B) ihre Bedeutung' 
von einer primären (A) empfängt, mit der sie identifiziert worden 
ist, funktioniert B als ein sogenanntes symbolisches Äquivalent 
für A. In diesem Stadium bildet jedoch B noch nicht ein Symbol 
für A, das geschieht erst, wenn es A in einem Zusammen- 
hang ersetzt, wo logischerweise A vorkommen sollte. Es 
ist hier ein Überfließen von Gefühl und Interesse von A zu 
B vorhanden; A gibt B viel von seiner Bedeutung, so daß 
es unter geeigneten Bedingungen möglich ist, daß B A 
ersetzt. Der hier vertretenen Ansicht zufolge ist das vresentliche 
Element dieser Vorkommnisse eine affektive Hemmung, die 
sich auf A bezieht. Das gilt für aUe Abarten der Symbolik 
im weitesten Sinne. 

Affektive Hemmungen können natürlich in den verschiedensten 
Graden variieren und von diesen Änderungen hängt zum großen 
Teile die Vielfältigkeit der Prozesse ab, die unter dem Namen 
Symbolik zusammengefaßt wex'den. Wenn die Hemmung ihr 
Maximum erreicht hat, entsteht Symbolik in ihrer typischesten 
Form. Die Unterschiede zwischen dieser und anderen Formen der 
indirekten bildlichen Darstellung sind sowohl qualitativ als auch 
quantitativ und sie sind so bedeutend, daß hier vorgeschlagen 

18* 



284 Dr. Ernest Jones 

wird, den Ausdruck Symbolik für diese Form allein zu gebrauchen \ 
Es wird ausdrücklich in diesem Sinne von den Psychoanalytikern 
schon benutzt und stillschweigend von vielen Anthropologen und 
Mythologen angenommen und es scheint der Mühe virert, danach 
zu streben, daß der Ausdruck allgemein in diesem Sinne angewendet 
werde. Die beiden Hauptmerkmale der Symbolik in diesem strengen 
Sinne sind: 1. der Prozeß ist vollkommen unbewußt, das Wort 
unbewußt hier in dem Freud sehen Sinne gebraucht als bewußtseins- 
unfähig und nicht als ein Synonym für unterbewußt, und 2. der 
Affekt, mit dem die symbolisierte Idee besetzt ist, hat sich, in 
Bezug auf die Symbolik, unfähig gezeigt, die Qualitätsveränderung 
durchzumachen, welche durch den Ausdruck Sublimierung 
umschrieben wird. In diesen beiden Beziehungen unterscheidet 
sich die Symbolik von allen anderen Formen der indirekten 
Darstellung. 

Die typischen Attribute der echten Symbolik, wie sie hier, 
leicht abweichend von der Rank-Sachsschen Beschreibung, 
genannt wird, sind ; 1. Darstellung von unbewußtem Material ; 2. kon- 
stante Bedeutung oder eine sehr beschränkte Möglichkeit in der Ver- 
änderung der Bedeutung; 3. Unabhängigkeit von individuellen 
Faktoren allein; 4 entwieklungsgeschichthche Grundlage, was das 
Individuum und die ganze Rasse betrifft; 5. linguistische Verbindung 
zwischen dem Symbol und der symbolisierten Vorstellung; 6. phylo- 
genetische ParaUelen zwischen der Symbolik, wie sie im Individuum 
vorkommt, und der Symbolik in Mythen, Kulten, Religionen usw. 
Die Zahl der Vorstellungen, die symbolisiert werden können, ist 
erstaunlich klein im Vergleich mit der endlosen Zahl der Symbole. 
Die ersteren sind weniger als ein Hundert und beziehen sich aUe 
auf das physische Seihst, Mitglieder der engsten Familie oder auf 
die Phänomene der Geburt, Liebe und Tod. Meistens oder vieUeicht 
immer entstehen sie als das Resultat einer Regression von einem 
höheren ßewußtseinsniveau zu einem primitiveren. Eine Vorstellung 
verliert zeitweilig ihre aktuelle und „wirkliche" Bedeutung und 
wird nun gebraucht, um die Bedeutung einer primitiveren Vor- 

1 Herr J. C. F I tt g e 1 hat mir als AUornative zu meinem Vorschlag vor- 
geschlagen, daß der Terminus „Cryptapher" als Gegensatz zu „Metapher" , 
gebraucht werden eoll, so daß man von cryptophorischer im Gegensatz zu 
metaphorischer Symbolik sprechen könnte, anstatt, wie ich es vorschlage, 
von Symbolik im Gegensatz zu metaphorischer Darstellung «u sprechen. 
Gegen diesen Vorschlag möchte ich einwenden, daß, wenn dasselbe Wort 
Symbolik für die beiden Klassen gebraucht würde (denn das bestimmende 
Eigenschaltswort würde in der Praxis oft ausgelassen werden), würde die 
bestehende Kontusion zwischen diesen beiden Ausdrücken nur verlängert. 



h 



n 



Die Theorie der Symbolik 285 

steUuog-, mit der sie einmal symbolisch gleichwertig war, darzu- 
stellen imd zu tragen. Sobald die Bedeutung des Symbols enthüllt 
ist, wird die bewußte Einstellung charakteriatiscfaerweise eine der 
Überraschung, des Unglaubens und oft des Abscheus. 

Ein Fortschreiten über das frühe Stadium der symbolischen 
Äquivalenz hinaus kommt vor a) intellektuell, indem die Über- 
tragung der symbolischen Bedeutung auf die Vorstellung B den 
Bedürfnissen der realen objektiven Bedeutung, die B innewohnt 
untergeordnet wird; b) affektiv, diurch eine Verfeinerung und 
Abänderung der Affekte, die A besetzen (Sublimierung), was ihnen 
gestattet, sich nicbtgehemmten, bewußten und sozial nützlichen 
oder annehmbaren Vorstellungen zu verbinden. Diesen beiden 
Prozessen wohnt nebenbei ein teilweises Aufgeben des ursprünglichen 
Komplexes A inne, doch wird er durch andere Vorstellungen und 
Interessen ersetzt und kompensiert. Wenn dieser Sublim ierungs- 
prozeß seheitert, zeigt sich immer eine Tendenz, zu dem primären 
Komplex A zu regredieren oder vielmehr, dieser Komplex strebt, 
da er sich nicht mehr indn-ekt Erleichterung verschaffen kann, 
darnach, sich wieder fühlbar zu machen. Hemmende Kräfte hindern 
ihn daran, dies in seiner ursprünglichen Form zu tun, und als ein 
Ergebnis dieses intra-psychischen Konfliltts kann er sich durch 
eines der ursprünglichen symbolischen Äquivalente ausdrücken, 
zum Beispiel durch B, welches somit als Ersatz die Bedeutung 
von A trägt und dessen Symbol ist. Wenn dies einmal geschehen 
ist, kann ein weiterer Fortschritt nur durch den soeben beschrie- 
benen Prozeß erzielt werden, nämlich durch ein Lockern der 
Vorstellungsglieder zwischen A und B und ein Aufgeben des 
Bedürfnisses nach direkter Befriedigung von selten des Kom- 
plexes A. Daher wird ein Fortschritt gemacht — und dies steht im 
Gegensatz zu den Ansichten der nach-psychoanalytischen Schule — 
nicht auf dem Wege der Symbolik, sondern auf dem Wege sym- 
bolischer Äquivalent«, die ihre Grundlage bilden. Die Symbolik 
selbst stellt in der Tat ein Hindernis des Fortschrittes dar. Das 
kann man am besten in der Sackgasse der neurotischen Sympto- 
matologie erkennen. 

Der bedeutendste Anhänger dieser Schule, vom Standpunkte 
der Symbolik aus gesehen, ist Silberer, dessen Ansichten daher 
in diesem Artikel ausführlich besprochen wui-den. Die Unterschiede 
zwischen seinen Ansichten und den moinigen können in Kürze 
folgendermaßen ausgedi-ückt werden : Drei Gruppen von psychischem 
Material kommen in Betracht; 1. die unbewußten Komplexe, 2. die 
hemmenden Einflüsse (Freuds ethische Zensm"), welche die 



286 Dr. Ernest Jones 

ersteren im Zustande der Verdrängung- erhalten und 3. die subli- 
mierten, von den unbewußten Komplexen abgeleiteten Tendenzen. 
Meines Erachtens ist die Beziehung der Symbolik zu diesen drei 
Gruppen die folgende: wie die dritte Gruppe sind auch die Sym- 
bole das Resultat eines iotrapsychischen Konflikts zwischen den 
beiden ersten Gruppen. Das Material für das Symbol stammt von 
der dritten Gruppe. Die zweite Gruppe, welche die erste daran 
hindert, direkt zum Ausdruck zu kommen, ist bis zu einem 
gewissen Grade in der Bildung des Symbols dargestellt, aber die 
dynamische Kraft, welche das Symbol orschafiTt, die Bedeutung, 
welche das Symbol tragt und der Grund sogar für das Bestehen 
des Symbols, sind alle von der ersten Gruppe, den unbewußten 
Komplexen, abgeleitet. 

Die fundamentale Täuschung in Silberers Arbeiten liegt 
darin, dünkt mich, daß er dazu hinneigt, den Prozeß der sym- 
bolischen Äquivalenz mit dem der Symbolik selbst^ zu verwechseln, 
worauf schon im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen 
Symbolik und geistigem Fortschritt hingewiesen wurde. Das Ergebnis 
ist, daß er die Symbolik in eine gezwungene Beziehung zu dem 
anderen Produkt des Unbewußten, der eben erwähnten dritten 
Gruppe, bringt und das Symbol als den Stellvertreter dieses ferneren 
Produkts zu betrachten scheint, anstatt es als den Stellvertreter 
der ersten primären Gruppe anzusehen. Ferner, auf Grund der 
(untergeordneten) Rolle, welche die zweite Gruppe in der Symbol- 
bildimg spielt und der Tatsache, daß sie bis zueinem gewissen Grade 
im Symbol dargestellt ist, schreibt er dieser zweiten Gruppe eine 
durchaus übertriebene Bedeutung zu (als ob sie die Bedeutung 
des Symbols konstituierte) und ganz besonders auch jenen Seiten der 
zweiten Gruppe (den ethischen), die der dritten Gruppe verwandt sind. 
Um die Sache noch kürzer zu fassen: den hier gezogenen Schlüssen 
zufolge ist das Material für ein Symbol von der dritten 
Gruppe hergeleitet, während seine Bedeutung im wesentlichen 
von der ersten Gruppe stammt und nur bis zu einem sehr geringen 
Grade von der zweiten und nicht im geringsten von der dritten. 
Silberer zufolge ist die Bedeutung eines Symbols hauptsächlich von 
der zweiten und dritten Gruppe hei'goleitet und nur in einem 
sehr beschränkten Maße von der ersten. 



^ Die gleiche Täuschung wie die in Mäders Verweehslun« der Begriffe: 
latenter und manifester Trauminhalt und mit dem gleichen prabtiechen 
Ergebais — einem Prozeß ethische Tendenzen zuzuschreibeD, der nur eine 
indirekte Beziehung zu ihnen hat. 



Die Theorie der Symbolik , 287 

Ich stimme jedoch damit überein, daß ein symbolisches Bild 
dazu verwendet werden kann, die zweite oder dritte Gruppe des 
psychischen Materials, so gut wie die erste, darzustellen, aber in 
dieser Funktion spielt es die Rolle einer Metapher und nicht eines 
Symbols und es sollte daher ein Emblem, Zeichen oder Merkmal 
genannt werden. Wenn dies der Fall ist, d. h. wenn ein echtes 
Symbol metaphorisch gebraucht wird, dann kann die zweite 
oder dritte Gruppe des psychischen Prozesses für ihre Zwecke nur 
ein schon geschaffenes Symbol auswählen; sie nimmt keinen 
Anteil, wenigstens nicht in bedeutendem Maße, an der wirklichen 
Erschaffung des Symbols. Meiner Ansicht nach verwechselt Silberer 
den Gebrauch der Metapher mit dem des Symbols und verkennt 
somit die Natiu- des echten Symbols, indem er ihm Eigenschaften 
zuschreibt, die in Wahrheit der Metapher zukommen. Die beiden 
Prozesse haben viele Züge gemeinsam — oder es wäre unmöglich, 
sie zu verwechseln und dieser Artikel wäre überflüssig — und es 
ist durchaus nicht meine Absicht zu behaupten, daß sie ihrer 
Natur nach vollkommen verschieden sind. Aber die Unterschiede 
zwischen ihnen, besonders in ihrer Beziehung zum Unbewußten 
(zusammenmitdenanderen, oben besprochenen Zügen der Symbolik) 

sind ebenso bedeutend. 

Es gibt im großen und ganzen zwei Arten der Metapher 
mit allen Abstufimgen zwischen ihnen. Bei der ersten Art wird 
zwischen zwei Vorstellungen eine Analogie, die echt, objektiv und 
von einem gewissen Wert ist, bemerkt und gebraucht, so z. B. in 
der Redensart: den Schlüssel zu einem Problem finden; die Ana- 
logie zwischen dieser Situation und dem Herausfinden einer 
Möglichkeit, wie man ein schwer zugängliches Zimmer betreten 
kann, ist dieser Art. Bei der zweiten Art nimmt man am an, 
daß eine Analogie bestehe; sie ist subjektiv und in Wirklichkeit 
oft unrichtig. So ist z. B. die Redensart „klug wie die Schlangen" 
dieser Natur. In Wahi-heit sind Schlangen nicht klüger als die 
meisten anderen Tiere und das ihnen fälschlich beigelegte Attribut 
der Weisheit ist sekundär und die Folge eines Prozesses echter 
Symbolik, wie dies früher in diesem Artikel ausgeführt wiu-de. 
Bei der ersten Art ist die Assoziation innewohnend, bei der 
zweiten ist sie äußerlich, obzwar sie von einer, unter der Ober- 
fläche liegenden Gleichartigkeit in der Quelle der beiden Vor- 
stellungen abhängt (natürlich nur insoweit, als sie symbolisch 

sind). 

In einer Metapher wird ein abstraktes adjektives Beschreiben 
durch ein konkreteres Gleichnis ersetzt. Die Erfahrung zeigt, daß 




288 Dr. Erneat Jones 

dies ebe lebhaftere und gliicklichero Art ist, die erwünschte 
Bedeutung mitzuteilen und den geeigneten Geiulilston hervor- 
zurufen. Die Erklärung liegt in der Tatsache, daß die primitivere 
Methode, d. h. das Zurückgreifen auf das Konkrete und Sensorische, 
den Gefühlsquellen näher steht. Sowohl in der Entwicklungs- 
geschichte des Individuums, als auch in der der Rasse geht von dem 
ursprünglich Konki'cton zu m allgemeinen und von dort zum Abstrakten 
eine zunehmende Gefühlshemmung vor sich, welche die größere 
Objektivität begleitet Konkrete Bilder sind in der Regel persönlicher, 
bekannter, subjektiver gefärbt und mit stärkerem Gefühl besetzt 
als abstrakte Termini Der Unterschied zeigt sich am deutlichsten 
dort, wo die stärkste Hemmung ist Es ist ein großer Unterschied 
zwischen „damning a man's oyes and merely consigning hhn to 
perdition" (wörtlich : die Augen von jemand verfluchen und ihm 
bloß den Untergang wünschen). Durch den Gebrauch passender 
Umschreibungen, mit Hilfe von Fremdworten und wonig bekannten 
technischen Ausdrücken wird es möglich, verschiedene sexuelle 
Themen in jeder Gesellschaft ohne Schwierigkeiten zu besprechen, 
aber — nehmen wk das andere Extrem — der Gebrauch eines 
groben obszönen Wortes, von Kindheit auf bekannt, aber seither 
abgeschafft, wird oft ein deutliches In-die-Höhe-kommen von 
unangenehmen Gefühlsströmmungen im Gefolge haben. 

Wenn man daher beabsichtigt, einen lebhaften Eindruck oder 
ein starkes Gefühl zu erregen und mitzuteilen, nimmt man seine 
ZuHucht zu der primitiven Methode, die Vorstellung einem 
assoziierten konkreten Bild zu vergleichen, weil auf diesem Wege 
manche Hemmung überwunden ist und viel Gefühl befreit wird. 
Was man gewöhnlich „die Phantasie anregen" nennt, heißt in 
Wh-klichkeit immer die Phantasie von ihren Fesseln befreien. 
Der überreichliche Gebrauch von Metaphern ebenso wie der von 
„Slang" (was dieselbe psychologische Funktion erfüllt) ist, wie man 
weiß, ein Zeichen von Unfähigkeit im Ausdruck; die betreffende 
Person gehört zum Prädikattypus, wie man dies in der Assoziations- 
psychologie nennt 

Theoretischer- und logischerweise ist das Gleichnis die erste 
Stufe der Metapher. Aber aus Gründen, wie sie oben im Zusammen- 
hang mit dem Prozeß der Identifizierung dargestellt wurden, ver- 
schmelzen die beiden Seiten der Gleichung vom Anfange an in 
eine und es geht daraus eine Ersparnis in der psychischen 
Anstrengung hervor. Der Primitive sagt nicht: Johann ist wie ein 
Löwe, noch viel weniger: er ist so tapfer wie ein Löwe, er 
behauptet külm, daß Johann ein Löwe ist Und wenn wir kein 



w 



Die Theorie der Symbolik 289 

genügend lebhaftes Wort finden können, um unserer Bewunderung 
für Johanns Mut Ausdruck zu verleihen, greifen wii- auf die 
primitive Methode des Wilden zurück und sagen auch : Johann 
ist ein Löwe. 

Koch ein Punkt. Der Prozeß, der unter dem Namen des 
Verfalls der Metapher bekannt ist, wobei die ursprüngliche 
wörtliche Bedeutung verloren geht und seine figürliche an- 
erkanntes und unabhängiges Leben erhält, ist dem verwandt, was 
oben als die Aufgabe der symbolischen Bedeutung beschrieben 
wurde, wobei die symbolisierende Vorstellung von ihrer Neben- 
bedeutung losgelöst wird und eine gesonderte Existenz erlangt. 

Ich versuche nun eine schließliche Zusammenstellung dieser 
Folgerungen. Die wesentliche Funktion aller Formen der Symbolik, 
im weitesten und populärsten Sinne des Wortes, ist, die Hemmung 
zu überwinden, welche den freien Ausdruck einer gegebenen 
Gefühlsvorstellung hindert; die davon hergeleitete lü'aft in ihrem 
Vorwärtsdrängen ist die wirksame Ursache der SjTiibolik. Ihr 
wohnt immer eine Regression zu einer einfacheren Art der 
Auffassung inne. Wenn diese Regression nur bis zu einer gewissen 
Grenze geht und bewußt oder höchstens vorbewußt bleibt, ist 
das Ergebnis metaphorische oder was Si Iberer „funktionale" 
Symbolik nennt. Wenn sie dank der Stärke des unbewußten 
Komplexes weiter fortsclu-eitet, bis zum Niveau des Unbewußten, 
ist das Ergebnis SymboHk im strengen Sinne des Wortes. Der 
Umstand, daß das gleiche Bild für diese beiden Funktionen 
gebraucht werden kann, sollte uns nicht für die bedeutenden 
Unterschiede zwischen ihnen blind machen. Der hauptsächlichste 
Unterschied liegt darin, daß bei der Metapher das auszudrückende 
Gefühl übersublimiert, bei der Symbolik hingegen untersublimiert 
ist, das erstere bezieht sich auf eine Anstrengung, die etwas über 
ihre Kraft Gehendes versucht hat, das letztere auf einen Versuch, 
der daran gehindert ist, das Beabsichtigte zu erreichen. 



Psychoanalyse und Organkrankheiten*. 

Von Priv. Doz. Dr. Feiri Deutsch, Wien. 

Ks ist Allgemeingut, daß psychische Faktoren das vegetative 
Nervensystem und damit deren Erfolgsorgane in jeder Weise 
heeinllussen können und daü Veränderungen in der Funktion dieser 
Organe sich oft in nichts von den durch materielle Schädigungen 
hervorgerufenen Veränderungen unterscheiden lassen. Es ist nach- 
gewiesen, daß die Lust in anderer Form das Geßßsystem 
beeinflußt als die Unlust, daß durch erstere Erweiterung des 
peripheren Gefäßsystems eintritt, durch letztere Verengerungen, 
die den Anlaß zu Blutverschiebungen gegen die inneren Organe 
geben können (Weber). Es ist weiters beschrieben, daß die 
geistige Ermüdung in ähnlicher Weise wirkt wie die Unlust, daß 
bei der Neurasthenie hingegen dauernd eine Erwöiterung der 
äußeren Gefäße vorhanden ist, schließlich daß nach psychischen 
Affekten überhaupt in gleicher Weise wie nach körperlicher 
Ermüdung eine Umkehr der Gei^ßinnervation auftritt. 

Man kann sich nun gut vorsteller, daß eine solche länger 
dauernde Innervationsstörung schließlich zu einer dauernden 
Funktionsänderung von Organen führen kann und diese Funktions- 
änderung nach längerem Bestehen auch eine materielle Schädigung 
von Organen bewii'ken kann; jedoch wird sich der Zusammen- 
hang zwischen dem psychisch-ätiologischen Faktor und dem 
krankhaft veränderten Organ nicht immer erschließen lassen. 

Wenn man auf dem Standpunkt steht, daß alles organische 
Geschehen in seinen Uranfängen darauf gerichtet war, einen 
Übermäßigen Erregimgszufluß zu verhindern oder zu beseitigen, 
daß jede Äußerung körperlicher Veränderungen einen Versuch 
der Ruckkehr zum Ruhestadiura bedeutet, daß also im körperlichen 
Geschehen nichts anderes ursprünglich vor sich ging, als Unlust 
in Lust zu verwandeln, und daß in der weiteren Entwicklung 

^ Nach einem in der Wr. Psyclioanalyt. Vereinigung um 4. Jänner 1921 

gehaltenen Vortrag. 



Psyclioanalyse und Organkrankheiten 291 

jede Tonusänderung, jede Motilität und jede rhythmische Tätigkeit 
im Organismus, jede Steigerung und Unterbrechung derselben 
nur der Ausdruck und die Erfolgswirkung des Ablaufes von 
Triebregungen ist (Stärcke), dann müßte letzten Endes jede 
organisch-materiello Veränderung auch in ihrer höchsten Kompli- 
ziertheit auf dem Wege hochkomplizierter psychischer Mechanismen 
entstehen können. 

Diese Auffassung findet ihre Bestätigung auch darin, daß 
man hei jeder organischen Erkrankung alle jene Äußerungen des 
Trieblebens findet, wie sie die Psychoanalyse bei den Neurosen 
aufgedeckt hat und daß es nur der Entscheidung bedai-f, hier 
Ursache und Wirkung verständlich auseinander zu halten. 

Dies scheint schwieriger zu sein als man manchmal glaubt. 
Denkt man nur an die Entstehung eines Magengeschwürs, so hat 
sich im Laufe der letzten Jahre nur sehr mühsam die Auffassung 
durchgerungen, die sich später experimentell beweisen hat lassen, 
daß dasselbe auch auf rein nervösen Reiz hin entstehen kann, 
wenn derselbe nur lange und intensiv genug einwirkt. 

Wenn man an dieser Tatsache festhält, so erscheint es 
schon begreiflicher, wie es emem Individuum gelingen kann, an 
dem Organ die Schädigimg entstehen zu lassen, das das 
verdrängte Unbewußte zur Symptombildung benötigt. Hiezu 
kommt noch, daß sich die Schädigung am Wege des geringsten, 
durch die Anlage gegebenen Widerstandes durchsetzen wird, der 
durch den konstitutionellen Faktor gegeben ist Im übrigen ist 
dieser Faktor in seiner Begriffsabgrenzung noch sehr unsicher 
und wird oft überwertet. So pflegt man z. B. als Nachweis einer 
minderwertigen Organanlage die gleichartige Organ- 
schädigung beim Vater, bei der Mutter oder einem anderen Familien- 
mitglied anzuführen. Diese Anschauung wird nun eine bedeutende 
Einschränkung dadurch erfahren, daß durch den Mechanismus der 
Identifizierung eine ganz gleichartige, nachahmende Funktions- 
störung am Organ eintreten kann, wie sie derjenige besitzt, mit 
dem sich der unter diesem Motiv Stehende identifiziert. Dieser 
Versach der Erkrankung auf diesem Wege kann in verschiedener 
Weise determiniert sein ; aus welchen Quellen immer er schöpft, 
wird jedoch die durch ihn entstandene Organerkrankung im Wesen 
miabhängig von der konstitutionellen Anlage sich durchsetzen 
können. Es bedarf nur eines genügend langen Erregungszuflusses 
zu dem zur Symptombildung notwendigen Organ, der allein direkt 
zur Organerktankung führt oder aber durch Vermittlung einer 
akzidentell hinzutretenden exogenen Störung, die unter anderen 



» 



292 



Dr. Felix Deulacb 




Umständen rasch abgeklungen wäre, bei dem vorbereitoten Boden 
jedoch eine tiefgehende Organschädigung setzt. So kann also ein 
dem Willen nicht unterworfenes Organ rein auf psychogenem 
Wege als der Ausdruck eines konfliktuösen Prozesses krankhaft 
sich verändern. Danach ist es verständlich, daß jede Libidostörung, 
jede verdrängte unbewußte Wunschregung, jede Fixierung, jede 
Regression, jede Störung im Gleichgewicht der Sexual- und 
Ichtriebe dieselbe Organerkrankung hervorrufen kann. 

Das bisher Gesagte bezieht sich auf Organe, die der Innervation 
durch das vegetative Nervensystem unterliegen. 

Da drängt sich nun zunächst die Frage auf, inwieweit es 
im Belieben des Patienten liegt, solche Organe als Ausdruck 
seines verdrängten Unbewußten zu benützen. Hier muß wohl vor 
allem festgestellt werden, daß es scheinbar nicht zu den Grund- 
prinzipien der Symptombildung bei den Organneurosea gehört, nur 
ein bestimmtes Organ zur Symptombildung heranzuziehen. 

Gehen wir von dem aus, was man bei den organischen Krank- 
heiten beobachtet, so findet man, daß beim Eintritt einer solchen 
auf exogenem Wege das erkrankte Organ in ausgiebiger Weise 
zur Ausbeute und Darstellung des vorhandenen konlliktuösen 
psychischen Materials mit herangezogen wird und daß die Libido- 
befriedigung in ausreichendem Maße an demselben stattfinden 
kann. Nur in Ausnahmsfällen wird die Ausdrucksmöglichkeit aus- 
schließlieh an ein bestimmtes Organ gebunden sein. 

Jede Ivrankheit mobilisiert in gewissem Sinne alles konflik- 
tuöse Material — als Ausdruck der Scliwachung des Ichs — und 
fördert die Möglichkeit, das Grundmotiv der Komplexkorrelation 
voll ausklingen zu lassen. So wii'kt jede organische Krankheit in 
gewissem Sinne als Provokation einer Neurose im kleinen, die 
die Folgeerscheinungen der organischen Schädigung innig verwebt 
mit dem mobilisierten Material der Sexualkonstellation. Infolge- 
dessen wird der Verlauf der gleichen organischen Erkrankung bei 
verschiedenen Individuen verschieden sich gestalten. 

Es dürfte nicht bekannt sein, daß zum Beispiel der Typhus 
abdominalis bei verschiedenen Völkern verschieden verläuft. Bei 
den Engländern ist diese Infektionskrankheit in der Mehrzahl der 
Fälle nicht von Diarrhöen begleitet, sondern geht meist mit 
Obstipation einher, und zwar nicht nur im Beginn der Erkrankung, 
wie es ja pathognomonisch ist, sondern während des ganzen 
Verlaufes. Ich halte es nicht für verfehlt, den analen Charakter 
dieses Volkes als Begründung für dieses Symptom Ireranzuziehen. 
So hatte ich Gelegenheit, einen jungen, vorher gesunden, 



Psychoanalyse und Organkrankheiten 293 

Engländer zu behandeln, der wohl alle sonstigen, sicheren 
Erscheinungen einer typhösen Erkranlumg bot und dessen Krank- 
heit auch sonst den typischen Verlauf eines Typhus zeigte, aber 
trotz der Darmaffektion andauernd obstipiert blieb. In die Psyche 
das Patienten hatte ich keinen weiteren Einblick. 

Eine Erklärung füi" dieses Symptom glaubte ich bald darauf 
gefunden zu haben, als sein Vater, ein ebenso geiziger wie 
pedantischer Mann, ebenfalls an Typhus erkrankte und bei ihm 
wie bei seinem Sohne nur durch Irrigationen eine Entleei-ung zu 
erzielen war. Es hatte mich später nicht gewundert, daß der 
Patient nach seiner Gesundung sich nur schwer zur Bezahlung 
des Honorars entschUeßen konnte. Ist es erlaubt anzunehmen, 
daß hier das symptomatologisch scharf abgegrenzte Krankheitsbild 
des Typhus unter dem Einfluß psychischer Paktoren in besonderer 
Weise abgeändert wurde ? Der Einwand, daß auch sonst genügend 
Fälle von Typhus mit Obstipation einhergehen, erscheint nicht 
stichhältig, da sie ja nach der Richtung nicht erforscht wurden. 

Bezeichnend und aufschlußreich ist auch die Tatsache, daß 
nirgends so alltäglich wie bei den Engländern das Kalomel, ein 
exquisit drastisches Abführmittel, im Gebrauche ist. 

Vielleicht noch anschaulicher dürften Erfahrungen aus dem 
Kriege diese Frage beleuchten. 

Es gehörte zu den Merkwürdigkeiten der Ruhi'epidemien im 
Kriege, daß ein außerordentlich hoher Prozentsatz der von dieser 
Krankheit Befallenen keinen positiven Bazillenbefund im Stuhl 
zu einer Zeit aufwiesen, als die Infektion im Beginn oder auf 
dem Höhepunkt sich befand. Es war dies um so auffallender, 
als die objektiven Erscheinungen des Dickdarmkatarrhs in den 
positiven und negativen Fällen in gleicher Weise vorhanden waren. 
Es soll ausdrücklich betont werden, daß genügend Fälle autoptisch 
ausgeprägte Dysenteriegeschwüre aufwiesen, die in vivo einen 
negativen Bazillenbefund hatten. Ungeachtet dessen war bei einem 
Teil der Dysenteriekranken, und zwar auch bei solchen, die keines- 
wegs zu den leichtesten gehörten, nachzuweisen, daß das Trauma 
des lü-iegserlebnisses, der Wunsch, den Gefahren zu entgehen, die 
in diesem Wunsch wiu-zelnde Identifizierung mit den an Dysenterie 
erkrankten Kameraden, schließlich die Angst, in der die täglichen 
Gefahren diese Menschen hielten, ihre schon im Frieden bestandene 
Neigung, auf psychische Erregungen mit Diarrhöen zu 
reagieren, in solchem Maße gesteigert hatte, daß, sei es mit oder 
ohne Infekt, das der Dysenterie vollkommen gleiche Krankheits- 
bild auftrat. In entsprechender Weise reagierten jene Patienten, 



294 Bt. Feiix Deutsch 

die in der Vorerkrankungszeit an Obstipation gelitten hatten, 
auf den Darminfektionsprozeß mit Tenesmen, mit lirampfzuständen 
am Darmausgang, gleichsam damit ihre Analität dokumentierend. 

Wollte man diese Gegensätzlichkeit organischer Symptome 
ins Psychische übersetzen, so kommt in der Obstipation das Nicht- 
hergeben-wollen, das Behalten-woUen als Ausdruck des analen 
Charakters zur Geltung, während in den Diarrhöen der Wunsch etwas 
auszustoßen, des Los-werden-woHens, des Nicht-behalten-wollens sich 
durchsetzt, eine Gegensätzlichkeit, die wir in vielen Symptombildern 
organischer Krankheiten zu sehen gewohnt sind. So ließe sich in 
Analogie zum ersten Beispiel eine Gruppe von Symptomen bei I^ank- 
heiten finden, die, ohne der Ausdruck der anatomischen Schädi- 
gung zu sein, in gewissem Sinne nur fakultative Begleitsymptome 
einer organischen Krankheit zu sein pflegen. So könnte man die 
Neigung zum Erbrechen, zur Schweißbildung, zu rascher Abmagerung, 
die Pollakisurie (d. h. die Neigung zu häufigem Harnlassen), den 
Speichelfluß, die übermäßige Nasenschleimhautsekretion, den Haar- 
ausfall, die Diarrhöen und manche andere Symptome, die sich ins 
Symptomenbild einer organischen Krankheit einfügen, in jene 
Gruppe einreihen, die dem Wunsche der Ausstoßung, des Los- 
werden-woUens, in gewissem Sinne dem Kastrationswunsch 
entsprechen dürften, während die Obstipation, die Oligurie, das 
Trockenheitsgefühl der Haut und der Schleimhäute, die Krampf- 
zustände oder Krampfgefühle im Kehlkopf, am Magenausgang, an 
gewissen peripheren Geräßen, Singultus, Ruktus etc. beim anal- 
oralerotischen Charakter zustande kommen dürften. 

Diese Andeutungen können allein schon genügen, darauf 
hinzuweisen, wie sehr eine große Zahl von Krankheitssymptomen 
bei organischen Krankheiten psychisch determiniert sind, daß 
also sowohl der Normale wie der Neurotische die Krankheit 
nach seiner Weise ausnützt und seinen Gewinn aus ihr 
zieht. Jede Krankheit ist gewissermaßen die Gelegenheit einer 
Regression auf eine infantile Stufe, die Möglichkeit zum Ausleben 
infantiler Wunschregungen, des Bedürfnisses, aus der Unlust, die 
die Krankheit mit sich bringt, noch möglichst großen Lustgewinn 
zu schöpfen. Ich möchte hier auf die Ansichten Groddeks über 
das Ausbleiben der Menses, des Zahn- und Haarausfalls usw. 
verweisen, worüber später noch ausführlicher gesprochen 
werden soll 

Als zweites verdient also festgehalten zu werden, daß ein 
nicht unwesentlicher Teil der Symptome organischer Krankheiten 
seine Determinierung rein aus dem Psychischen erfahren kann. 



Psychoanalyse und Orgaakrankheiteu 295 

Im weiteren ergibt sich nun die Frage, inwieweit an inneren 
oder äußeren Körperpartien Isranlshafte Veränderungen auftreten 
können, die in ihrem Ursprung und ihrer ÄuJierung rein der Dar- 
stellung eines psychischen Mechanismus dienen. Um dies zu ver- 
deutlichen, soll folgende löankengeschichte angeführt werden. 

Ein Küchenmädchon von dreißig Jahren, welches in einem 
schweren Dienst stand, in dem sie von ihrem Dienstgeber ziemlich 
unsanft behandelt wurde, bat denselben um einen arbeitsfreien 
Sonntag. Die Bitte wurde ihr abgeschlagen. Beim Geschirrwaschen 
zerbrach sie nun „unglücklicherweise" eine Bratenschüssel, worüber 
sie in große Angst geriet, da sie eine hai'te Strafe fürchtete. Am 
nächsten Morgen erwachte sie mit Schmerzen im rechten Arm, 
der binnen kurzem unbeweglich wui-de; deshalb suchte sie das 
Spital auf. 

Die Lähmung erwies sich als rein hysterisch; objektive Ver- 
änderungen waren am Arm nicht nachzuweisen. Im Verlauf der 
Spitalsbeobachtung trat nun eine umschriebene, entzündliche, in 
ihrer Ätiologie unerklärliche Schwellung mit Schmerzen an der 
Streckseite des gelähmten Oberarmes auf. Die Natur dieser 
Schwellung erfühl' keine Klärung. Anfangs wurde sie vom Chirurgen 
für einen Abszeß gehalten, doch mußte diese Diagnose aufgegeben 
werden, da sie auffallend rasch wieder verschwand, und zwai- 
gleichzeitig mit dem Wiederauftreten der BewegungsJahigkeit des 
Armes. 

Es war bei der mangelnden Intelligenz sowie der relativ 
kxu-zen Dauer der Beobachtung nicht möglich, wesentliches Material 
zur Deutung der Symptombildung zu gewinnen. Doch wurde die 
Krankengeschichte auch nicht zu diesem Zweck angeführt. Sie 
dient und genügt zur Präzisierung der Frage, ob die Erltrankung, 
die sich dann in der Schwellung äußert«, schon vor der Lähmung 
vorhanden war und im Grunde die Wahl des Organs vorher- 
bestimmte oder ob die Schwellung denselben psychischen Quellen 
ihren Ursprung verdankt wie die Lähmung. Das letztere ist wahr- 
scheinlich, doch in diesem Falle nicht beweisbar. 

Einen tieferen Einblick in den Mechanismus einer solchen 
psychogenen organischen lü-ankheitsentstehung bot ein anderer 
Fall meiner Spitalsbeobachtung. 

Ein neunzehnjähriges Mädchen, welches bis zu ihrem 16. Jahr 
immer gesund gewesen war, erkrankte zu dieser Zeit angeblicii 
an Grippe und im Anschluß daran an Lungenspitzenkatarrh und 
Rippenfellentzündung und lag damals acht Wochen zu Bett. Vor 
2V2 Monaten soll plötzlich eine Lungenblutung aufgetreten sem. 



296 Dr. Felix Deutsch 

an die sich andauernde, bald stärkere, bald geringere Hämoptysen 
anschlössen. Im Beginn der Erkrankung sollen höhere Temperaturen 
bestanden haben. Vater und Mutter, sowie eine ältere und 
eine jüngere Schwester sollen angeblich auch niemals krank 
gewesen sein. 

Die Patientin war nun durch 2Ve Monate ihres Spitals- 
aufenthaltes mit den verschiedensten intravenösen und internen 
Mitteln wegen ihres hartnäckigen Bluthustens behandelt worden, 
ohne daß ein entsprechender Erfolg erzielt hätte werden können; 
die nachweisbaren Blutungen hatten zeitweise sich vei-ringert, 
jedoch niemals vollkommen sistiert. Der klinische Befund bot wohl 
einige Anhaltspunkte für eine LungenspitzenafTektion, die 
Röntgenuntersuchung zeigte jedoch nur eine unsichere Spitzen- 
trübung. 

Aus dem Mitgeteilten entnimmt man nicht mehr, als sonst 
aus der Krankengeschichte eines Lungenspitzenkatarrhs zu 
erfahren ist, genügend zwar für den Arzt, um nicht weiterforschen 
zu müssen, genügend, um die organische Krankheit zu erklären. 
Der refraktäre Krankheitsverlauf aber gab den Anlaß, den Motiven 
des Verharrens in der Krankheit nachzuforschen. Die nach diesen 
Gesichtspunkten erhobene Anamnese ergab: 

Patientin war nach einer erstgeborenen Schwester die un- 
erwünschte zweitgeborene Tochter, als Kind immer von der 
Mutter arg vernachlässigt, zurückgesetzt, dem Vater mehr 
zugeneigt, einem verschlossenen, wenig mitteilsamen Menschen, 
dem sie als Kind auf Schritt und Tritt folgte. Oft schlich sie sich 
fort, um bei ihm während der Arbeit verweilen zu können — er 
war Laborant in einer Lungenheilstätte. Die ältere Schwester 
war besonders von der Mutter verhätschelt, sie selbst hingegen 
auch bei Erkrankungen von der Mutter weniger beachtet, während 
der Vater diese Vernachlässigung durch eine größere Zuneigung 
aufzuwiegen versuchte; darüber sei er oft mit der Mutter in. 
Konflikt geraten. 

Sie erinnert sich, als Kind häufig Verletzungen zugezogen 
zu haben, besonders oft gefallen zu sein, wovon noch jetzt zahl- 
reiche Narben, besonders an den Händen, Zeugenschaft ablegen. 
Ihre Verletzungen habe sie wenig beachtet, ja eher mit einem 
gewissen Stolz über ihre geringe Wehleidigkeit der Mutter die- 
selben gezeigt. Nicht nur zu Hause, auch unter den Kameradinnen 
habe sie sich immer zurückgesetzt gefühlt und sei schließlich 
immer verschlossener und zurückhaltender geworden. Mit der 
Mutter sei sie später sehr schlecht gestanden. 



Psyclioanalyee und Organkrankheiten 297 

Von schwereren Krankheiten der Kindheit weiß sie nichts. 
Auf dem linken Auge habe sie immer geschielt, jedoch, wie sie 
behauptet, mit demselben genau so gut gesehen wie mit dem 
rechten, so daß sie von der AufTorderung des I-ehrers, in den 
vorderen Bankreihon zu sitzen, niemals Gebrauch gemacht habe, 
sondern im Gegenteil immer in den rückwärtigen Bänken 
gesessen sei. 

Als sie ins Pubertätsaltor kam, wollte sie durchaus das 
schielende Auge operieren lassen, sei jedoch immer von der 
Mutter daran gehindert worden. Als Patientin in dieser Zeit 
Migräneanfälle bekam, beutete sie dieselben zur Motivierung der 
Operationsnotwendigkeit aus. — Die Mutter litt ebenfalls an 
Migräne. — Schließhch gelang es der Patientin, sich ohne Wissen 
der Eltern operieren zu lassen, „justament", wie sie sagte. Es 
dürfte sehr wahrscheinlich sein, daß der Wunsch nach der 
Operation die bildliche Darstellung des verdrängten und noch 
versagten Wunsches, ein Kind — dem Vater — zu gebären, 
beinhaltete oder in einem bedingten Zusammenhang mit der 
Kastrationsidee stand. Dafür spricht sowohl die Wahl des Organa 
als auch, daß als nächste Folge der Operation auf einmal das 
Sehvermögen auf dem operierten Auge verloren ging. (Objektiv 
war kein Anhaltspunkt für die Sehstßrung zu finden.) Dasselbe 
Organ hatte also im Lauf der Zeit seine Aufgabe zur Darstellung 
des verdrängten Unbewußten gewechselt und eine Besetzungs- 
änderung, wie sie wohl häufig beobachtet werden dürfte, erfaliren. 
Um die Ablehnung ihrer sie bedrängenden Sexualität auch aus- 
giebig zu demonstrieren und gleichzeitig auch die Bindung an 
den Vater nicht aufgeben zu müssen, wendete sie sich von der 
Welt ab und wurde Pflegeschwester in einem Kinderspital, wo sie 
mit besonderer Aufopferung pflegte. In diese Zeit fallen die 
schriftlichen Bewerbungen eines Jugendgenossen, den sie eigentlich 
wenig beachtet hatte. 

Hier mag eingeschaltet werden, daß Patientin an diese Mit- 
teilung die Angabe anschloß, daß ihr Vater zweimal verheiratet 
gewesen sei. Die erste Frau sei an Lungenkrankheit und Blut- 
husten ~ nach der Geburt zweier Söhne — gestorben und sei 
dem Vater über das Grab hinaus immer näher gestanden als die 
zweite Frau, die ihre Mutter war. Das habe auch zuweilen den 
Anlaß zu ehelichen Szenen gegeben. Der zweite, bereits 
verheiratete Sohn sei dem Vater sehr ähnlich gewesen ; 
bei jenem habe sie sich an ihren dienstfreien Tagen immer 
aufgehalten. 

Internst. Zeltacbr. f. Fs]-choana1;ee, VIU/S 10 



298 



Dr. Felix öeutscli 



Zur Zeit der Bewerbungen dieses Jugendgenossen, der sie 
mit Heiratsanträgen bestürmte, denen sie unentschlossen geg:en- 
über stand, habe Patientin an Gewicht abzunehmen und zu 
husten begonnen; sie sei deshalb an eine lüiuik zur Untersuchung 
gegangen, wo man ihr mitteilte, sie hätte einen Lungenspitzen- 
katarrh und müsse eine Heilstätte aufsuchen. Der Chefarzt der 
Krankenkasse habe zwar den Befund nicht vollauf bestätigt, jedoch 
auch von der Notwendigkeit einer Erholung gesprochen. So war 
nunmehr der Boden füi- das kommende vorbereitet. 

Am 14. August — sie erinnert sich genau an das Datum — 
habe sie eine Zusammenkunft mit dem jungen Manne gehabt ; 
wieder habe derselbe sie um ihre Einwilligung zur Ehe gedrängt. 
Mit halbem Herzen habe sie sich zu einer Zusage entschlossen. 
„Man kann doch nicht als alte Jungfer sitzen bleiben," meinte sie. 
Zu einer Annäherung sei es trotz des Drängens ihres Bräutigams 
nicht gekommen, auch habe sie keine sexuelle Wunschregung 
ihm gegenüber empfunden. Aus dem Konflikt zwischen der Un- 
föhigkeit der Ablösung vom Vater und dem Ausweg znv normalen 
Sexualität, wählte Patientin, um gewissermaßen beim Vater bleiben 
zu können, die ICrankheit — eine Lösung, die ja weniger psychi- 
schen Aufwand kostete — und zwar eine solche, die durch die 
Identifizierung mit dessen geliebten ersten Frau eine weitest- 
gehende Annäherung gestattete. 

In der Nacht nach der Zusammenkunft habe sie Erbrechen 
und Fieber bekommen, in der daraufl"olgendon Bluthusten. Sie 
habe keinen Arzt gerufen, da sie ohnmächtig geworden sei; erst 
die Schwester habe sie am Morgen im Blute gefunden. Sie habe 
sich geweigert, sich ins Spital überführen zu lassen. Zwei Tage 
später — wieder des Nachts — habe sie neuerlich Blut zu husten 
begonnen — diese Angabe wurde von dem Arzte, der zu ihr 
geholt wurde, bestätigt — weshalb sie trotz ihres Widerstandes 
ins Spital gebracht wiu-de. 

Daselbst wurde der früher erwähnte klinische Befund erhoben. 

An der vorausgegangenen Blutung war nicht zu zweifeln, da 
eine einwandfreie ärztliche Beobachtung vorlag. War sie ein 
zufälliges Ereignis? 

In den ersten Tagen der Spitalsbeobachtung waren noch 
leichte Temporatursteigerungen vorhanden, die bald abklangen. 
Die Blutungen hatten sich nicht wiederholt. Nach zirka einer 
Woche besonderen Wohlbefindens begannen plötzlich von neuem 
Blutungen in kleineren Mengen, die trotz energischoster Behandlung 
nicht sistierten. 



Psychoanalyse und Organkrankheiten 299 

Was war die Veranlassung? 

Nach dem ersten Lustgewinn aus der Krankheit hatte die 
Realität sie wieder ans Leben gemahnt und der Erhaltungstrieb 
hatte scheinbar ein längeres Ausleben in der Krankheit nicht 
gestattet. 

Da kam ein anderes Ereignis dazwischen. 

Sie erfuhr diu-ch ihre Schwester, daß ihr Bräutigam, von 
dem sie seit Beginn ihrer Krankheit nichts gehört hatte ~ „sie 
hätte ihm nicht schreiben können, da sie ja krank gewesen sei" 
— nach kurzer lü-ankheit plötzlich an einer Rippenfellentzündung 
gestorben sei. Gleich nach dieser Mitteilung traten die neuerlichen 
Blutungen auf. Die Deutung dieser Blutungen war zunächst eine 
einfache. Wie sie selbst äußerte, war ihr nunmehr für immer der 
Weg versperrt zu heiraten — denn wer würde öin armes Mädchen 
heiraten — und ein Kind zu bekommen, der einzig maßgebende 
Wunsch für ihren Entschluß, den der Vaterimago nicht entsprechenden 
Mann zu heiraten. 

Nun war es doch merkwürdig, daß es der Patientin gelungen 
sein sollte, die Lunge zur Darstellung ihrer verschiedenen ver- 
drängten und versagten Wunsclu-egungen zu benützen und die 
Lungenblutung unter der Herrschaft des Unbewußten geradezu 
experimentell zu erzeugen. 

Als nach den ersten Unterredungen mit mir ein mehrtägiges 
Sistieren der Blutung scheinbar auf Grund der rasch hergestellten 
Übertragung eintrat, erforschte ich die subjektiven Begleit- 
erscheinungen der Lungen er krankung. Die Patientin gaban,jedes- 
mal vor dem Auftreten der Blutung ein Rieseln und ein Hitzgefühl 
im ganzen Körper, einen stechenden Schmerz in der Brust zu 
fühlen, wodurch die Blutung sich immer anzukündigen pflegte. 

Allein durch die Suggestion dieser subjektiven Empfindungen, 
die der Patientin während der organischen Untersuchung bei 
entsprechender Aufmerksamkeitsablenkung gegeben wurden, 
gelang es nun, die Blutungen wieder aiiftreten zu lassen imd sie 
auch wieder zum Verschwinden zu bringen. Die Angaben der 
Patientin über konstanten Btutgeschmack im Munde, boten den 
Anlaß, den Mund xmd Rachen genau zu besichtigen, imd da stellte 
sich heraus, daß die scheinbaren Lungenblutungen aus dem objektiv 
intakten Zahnfleisch erfolgten, und zwar dadurch, daß sichtbar 
nach jeder Erregung ein diffuser Blutausti-itt ans dem Zahnfleisch 
eintrat, der zu dem immer wieder auftretenden Blutspueken führte. 

Daraus kann gefolgert werden, daß das Unbewußte sich nicht 
mehr an dem Organ durchsetzen hatte können, das es zur 

19' 



A- 



300 Dr. Felix Deulseh 

Darstellung benötigt hatte. Die erste Blutung stammte ja 
unzweifelhaft aus der Lunge. Die Blutung war eigentlich mehrfach 
determiniert. Erstens stellte sie an und für sich den Versuch 
einer Flucht in eine Krankheit dar, andererseits den Ersatz für 
den versagten Wunsch, das Kind auf natürlichem Wege zu 
gebären. 

Warum war es nun nicht jedesmal zur Lungenblutung, 
sondern später nur zur Zahnlleischblutung gekommen? Hier 
scheint es mir am Platze, einiges zur Frage über „den rätselhaften 
Sprung des Psychischen ins Organische", über die Umsetzung 
libidinöser Regungen ins Organische einzuschalten. 

Die Umsetzung ins Organische findet wohl deshalb statt, weil 
der psychische Aufwand geringer ist, als bei der Bildung nöuroti- 
scher, nicht organischer Symptome. Das Unbewußte wird sich 
aber nur dann mit dieser Darstellung begnügen, respektive sie 
der Bildung psychoneurotischer Symptome vorziehen, wenn dadin-ch 
eine genügende Quantität von Libido bewältigt wird. Nun sind 
die Organe keinesfalls ein Spielball des Unbewußten ; sie bedürfen 
durchaus einer gewissen Vorbereitung, wahrscheinlich sogar der 
ganze Organismus, um sich In den Dienst des Verdrängten zu 
stellen. Von diesen Vorbereitungen wissen wir noch sehr wenig. 
Jedenfalls fließt die Erregung im vegetativen Nervensystem zu 
allen Erfolgs organen, dorthin auf dem Wege der Bahnung wohl 
in verstärktem Maße, wo der geringste Widerstand sich entgegen- 
stellt. Gleichzeitig werden durch diese Erregung alle Drüsen mit 
innerer Seki'etion mit in Erregung versetzt und ihre Korrelation 
in gewissem Maiie gestört. Es wird z.B. angegeben (Much), daß 
durch psychische Erregung eine Ausschüttung von Adrenalin aus 
den Nebennieren erfolgt, das wieder das sympathische Nerven- 
system in Erregung versetzt, dadurch erstens GefäßfüUungs- 
änderungen, dann Drucksteigerungen im Gefäßsystem erzeugt, 
die begreiflicherweise an jenen Organen zur Funktionsänderuug 
oder -Schädigung führen, wo diese Erregung über das für 
das Organ erträgliche Maß hinausgeht. Es kann nun in den 
Fällen, wo eine solche Disposition eines einzelnen Organes 
nicht vorliegt, sondern alle Organe in gleicher Weise auf den 
Reiz ansprechen, als Folge nur eine Allgemeinstörung auftreten 
Wir wissen, daß solche Allgemeinstörungen durch Organo- 
therapie beseitigt werden können. So ist z. B. die sogenannte 
Erscböpfungsneurose auf eine Störung der Funktion der Hirn- 
anhangsdrüse zm'ückgeführt und mit Erfolg durch Behandlung 
mit Präparaten aus dieser Drüse beseitigt worden. In gleicher 



Psyclioanalyse und Organkrankheiten 301 

Weise läßt sich sicher psychogen ausgelöste Obstipation durch 
dasselbe Präparat bekämpfen. Doch dies nur nebenbei. Nun ist es 
wahrscheinlich, daß, bevor es zur Darstellung des verdrängten 
Unbewußten in einem bestimmten Organ kommt, demselben 
gewissermaßen unbemerkt schon früher ein länger vor sich 
gehender Erregungsstrom ohne besondere objektiv nachweisbare 
Organstörung zutließt. Ob nun durch diese Bahnung allein — bei 
noch anderweitigen materiehen Änderungen im Organismus auf 
psychogenem Wege, die anderwärts besprochen werden sollen — 
der Durchbruch zur organischen Krankheit gelingt oder aber 
eine exogene Schädigung den letzten Anstoß gibt, respektive das 
Unbewußte geradezu diesen Moment abwartet, ist, wie schon im 
früheren erwähnt, nicht immer zu entscheiden. 

In unserem Falle gelang die Symptombildung in Form der 
Lungenblutung in dem Moment, als die ersten Entzündungs- 
erscheinungen an der Lungenspitze auftraten, gleichzeitig aber 
auch die Aufmerksamkeit auf die Lunge, durch die ärztliche 
Bestätigung der Erkrankung derselben, in noch verstärktem Maße 
gerichtet wurde. Daß die späteren Blutungen nicht mehr aus der 
Lunge, sondern aus dem Zahnfleisch erfolgten, kann wohl als 
der mißlungene Versuch des notwendigen psychischen Ausdruckes 
durch die Lunge gedeutet werden. Es muß aber zugegeben 
werden, daß eventuell hinter der Wahl der Erkrankung am 
Zahnfleiscii eine nicht aufgedeckte Motivierung verborgen ist. 

Schließlich soll nochmals darauf hingewiesen werden, daß, 
wenn auch eine ürganstörung ursprünglich nur e i n e r psychischen 
Determinierung ihren Ursprung verdankt, dieses Organ späterhin 
als körperliches Korrelat der verschiedensten Hbidinösen Störungen 
verwendet werden kann, daß also die ^ psychogene — Erkrankung 
eines Organs zu verschiedenen Zeiten nicht immer durch die 
ursprüngliche Motivierung zustande kommt, sondern vielfach 
determiniert sein wird, und zwar um so mehr, je weiter die anato- 
mische Schädigung des Organes durch den konstanten psychischen 
Mißbrauch vorgeschritten ist, und um so mehr das Organ dem 
Unbewußten dienstbar geworden ist. 

Kurz möchte Ich hier auf die von Groddek beschriebenen 
Fälle psychogener Organkrankheiten eingehen. Der erste Fall 
betrifft ebenfaUs eine Patientin mit Lungenblutimg, die sich als 
eine Form des Widerstandes gegen die Mutter entpuppt, also 
einerseits aus dem Ödipuskomplex, andererseits als die Verschiebung 
der Geburtsaktion von den Genitalien in die Lunge und schließlich 
als der unbewußte Wunsch der Kranken sich für den gewünschten 



302 Dr. Felix Deutsch 

und auch eing:etretenen Tod derhing-enkranken Schwester zu bestrafen, 
erklären laßt. Pa aber dem medizinischen Leser über den Zustand 
der Lunge nichts bekannt ist, nichts über den Grad der 
Veränderungen in derselben, so muß er mit der Zustimmung 
über die Angabe, daß das Wort „Mutter" gleichsam experimentell 
den Blntsturz — aus der Lunge? — hervorrief, zurückhalten. 
Daß aus einer gesunden Lunge andauernd parenchymatöse 
Bhitungen auftreten, kann nur schwer angenommen werden. Wir 
kennen wohl solche Blutungen aus der intakten Lunge, die eine 
gewisse Periodizität zeigen, unter dem Namen der sogenannten 
„vikariierenden Menstruation", bei der an Stelle oder in Begleitung 
der Menstruation Blutungen aus der Lunge sich einstellen. Über 
solche Blutungen außerhalb der Menstruation bei diesen Patientinnen 
ist bisher nichts bekannt. Doch wissen wir, daß die zu diesen 
Menstruationsäquivalenten neigenden Patientinnen in späterer 
Folge häufig an tuberkulösen Lungenleiden erkrankten. Eine ; 

r solche Angabe fehlt bei Groddek. Sie würde den Wert seiner 

1^ Mitteilung bedeutend fördern und wäre imstande den analytischen 

i Befund zu stützen. 

i Ebenso rein medizinische Einwendungen gelten für den 

[ zweiten Fall, in dem Groddek das Auftreten einer Netzhaut- 

blutung bei einem Manne als die Strafe für die in der Kindheit 
begangene Gotteslästerung auffaßt, die der Kranke dadurch 
begangen hatte, daß er als Kind ein Kruzifix mit Steinen beworfen, 
so daß der hölzerne Christus herunterfiel und zerbrach. Die 
rezidivierenden Netzhautblutungen sollen nun jedesmal durch den 
Anblick eines Kruzifixes und durch die Erinnerung an die damals 
begangene Tat ausgelöst worden sein. Nun braucht das einmal 
vorhandene organische Symptom zu seinem Wiederauftreten 
keineswegs die ursprüngliche Motivierung aus dem Psychischen, 
sondern dem organischen Symptom strömt nach seiner Entstehung 
von allen Seiten psychisches Material zu, von dem aus das Symptom 
immer wieder angeregt werden kann. 

Vor allem aber ist es bekannt, daß Netzhautblutungen fast 
niemals symptomlos verschwinden, da die Resorption des aus- 
getretenen Blutes nur selten vollständig gelingt; nach jeder 
Netzhautblutung bleiben dadurch mehr oder minder schwere 
Sehstörungen zurück. Wenn ^aher in der Arbeit zu lesen ist, 
daß der Patient selbst dem Arzt mitteilt, in der N^cht sei „eine 
kleine Netzhautblutung" aufgetreten, so, muß doch darauf auf- 
merksam gemacht \yerden, daß nur das Nicht-sehen-können und 
nicbt die Blutung vom Patienten, bemerkt worden sein kann. — 



m 



L 



Psychoanalyse und Orgatikranliheiten 308 

Es erscheint mir im Interesse der entsprechend hohen Einschätzung 
der wertvollen Arbeit Groddeks zu hegen, auf diese Ent- 
gleisungen aufraerltsam zu machen, die keineswegs dem Wesen 
der Arbeit Abbruch tun. Im übrigen muß man sich den meisten 
Anführungen Groddeks anschließen und ihm zustimmen, daß 
alle organischen Krankheitssymptome ihre psychische Deter- 
minierimg und zum großen Teil auch psychische Entstebungs- 
ursachen haben. 

Wie sehr solche Entstehungsursachen verborgen bleiben 
können, kann ein anderer Fall meiner Spitalsbeobachtung beweisen. 

Ein eOjähriger Arbeiter wird mit einer sicher organisch 
bedingten linksseitigen Körperlähmung ins Spital eingehefert. Die 
anfängliche Sprachstörung war bald gewichen und Patient gibt 
nun an, er sei mit Gefühlssensationen in der linken Körperhälfte 
erwacht, die binnen km-zem in eine komplette Körperlähmung über- 
gegangen sei. Vorher sei er vollständig gesund gewesen. Die der 
Lähmung entsprechende Hirnbhitung schien durch den hohen Bhit- 
druck bei den vorhandenen arteriosklerotischen Gefäßveränderungen 
genügend erklärt und keiner weiteren Deutung zugänglich. 

Immerhin reizte es mich versuchsweise, hinter einer Ertran- 
kung, die doch rein aus den bestehenden Veränderungen erklärt 
war,den niemals fehlend e n psychogenen Quellennachzuspüren ; 
bei der geringen Intelligenz des Patienten ein schwieriges, wie 
sich aber zeigen wird, lohnendes Beginnen. Aus dem erhobenen 
Material ist folgendes zu erwähnen : Bis vor fünf Jahren glücklich 
verheh-atet, sei seine Frau damals plötzlich gestorben. Nunmehr 
sei er wieder im Begriffe gewesen, eine Ehe mit einer bedeutend 
jüngeren Frau einzugehen. Die Hochzeit hätte in einigen Tagen 
stattfinden sollen. Am Abend, die der Lähmung vorausgegangen, habe 
er sich vollkommen wohl, ohnejeghche Beschwerden schlafen gelegt. 
In der Nacht habe er einen Traum gehabt : Er träumte, er stünde mit 
einem Kameraden — den er seit der Kindheit nicht gesehen hatte 
und der immer der Anführer aller Streiche war — an dem Pfarr- 
haus seines Heimatsortes, in dem er als Knabe zu ministrieren 
pflegte, vor dem Fenster der Pfarrersköchin. Er sah sich aber nicht 
als Kind, sondern als kräftigen jungen Mann dort stehen. Er und 
sein FreundhättennundieGelegenheit der vermeintlichen Abwesenheit 
des Pfarrers vom Hause benützt, um mit der Pfarrersköchin zu 
fensterin. — Es war dorfbekannt, daß der Pfarrer mit der Köchin 
enge Beziehungen unterhalten hatte und er hatte oft gesehen, wie 
die Burschen des Dorfes, um den Pfarrer zu ärgern, am Fenster 
des Pfarrhauses mit der Pfarrersköchin zu schäkern versuchten. 



304 Dr. Felix Deutsch 

Er selbst hatte immer von dem Pfarrer, der ein strenger Mann 
war und mit Prügeln nicht sparte, besonderen Respekt und Angst 
gehabt. — Er träumte nun, während sie beide erfolgversprechend 
mit der Pfarrersköchin sich neckten, sei plötzlich der Pfarrer mit 
einem großen Stock erschienen ; er sei davongelaufen, die Stiegen 
des Pfarrhauses, vom Pfarrer verfolgt, hinaufgoeilt, sei ganz außer 
Atem gekommen, bis es ihm gelungensei, sichhiiitereinen Heuschober 
am Boden zu verstecken. In diesem Moment sei er erwacht und hätte 
ein Kribbeln sowie eine Schwäche in der linken Körperseite verspürt, 
die erst gewichen und dann in die komplette Lähmung übergegangen 
sei. Dieser durchsichtige Traum, der verrät, daß eich der Mann den 
ihm bevorstehenden sexuellen Ansprüchen nicht gewachsen fühlte, 
bedarf wohl keiner analytischen Aufklärung. Die organische Ent- 
stehung der Lähmung als Folge des Traumes ist leicht nach- 
zuweisen. Die durch die im Schlaf entstandene Erregung und durch 
die Vorstellung des Laufens hervorgerufene Drucksteigerung hat zur 
Hirnblutung oder -erweichung und damit zur Körperlähmung geführt. 

Im Anschluß daran, wie also psychogene Entstehungsursachen 
organischer Krankheiten — ähnlich wie in dem erwähnten Fall — 
verborgen bleiben können, möchte ich noch durch ein anderes 
Beispiel die Zusammenhänge und die Verquickung organischer 
Veränderungen mit psychischen Motiven beleuchten. 

In meine Sprechstunde kam ein kräftiger, mir sehr gut 
bekannter, jung verheirateter Mann mit der Bitte, ihm eine Ent- 
fettungskur verordnen zu wollen. Dem Hinweis auf die Unnötigkeit 
einer solchen Kur bei der nicht übermäßigen Fettleibigkeit stellte 
er entgegen, daß ihm sein Körper in diesem Zustande schon längst 
zuwider sei, er müsse das Fett loswerden. Er könne nicht, wie 
früher des Abends lesen, da er gleich einschlafe, weshalb er vermute, 
daß er auch im Gehirn zu viel Fett habe. Ich entschloß mich zu 
einer Entfettungslmr durch Diät- und Schilddrüsenbehandlung. 

Während der späteren Ordination fand dieser Entfettungs- 
wunsch seine Erklärung. Trotz seiner gesicherten materiellen 
Existenz wolle er keine Kinder in die Welt setzen. Überhaupt 
möchte er dem Geschlechtsverkehr am liebsten ganz entsagen — 
der geübte Coitus interruptus befriedige ihn ohnehin nicht — er 
glaube, daß seine sexueUen Wünsche eben dem zu kräftigen Körper 
entsprängen. Er wolle deshalb möglichst viel von diesem Körper 
verlieren. Schon seit Kindheit habe er gegen seinen Körper eine 
gewisse Abneigung empfunden, habe sich daher mit den notwendigen 
Reinigungen desselben immer sehr beeilt, um die Beschäftigung 
mit ihm möglichst rasch zu beenden. Es sei deshalb seit jeher schwer 



i 



Psychoanalyse und OrgaDkrankheiten 305 

gewesen, ihn zur Reinlichkeit anzuhalten. Seit seiner Jugend leide 
er aus diesem Grunde, wie er glaube, an einer Furunkulose. — 
Die Entfettungskur ging gut vonstatten und der Patient erklärte 
bald, sich außerordentlich wohl zu fühlen. Zu meinem Erstaunen ver- 
schwand auch die Fiu'unkulose und eine gleichzeitig bestehende Ent- 
zündung des Lidrandes, die seit Jahren von verschiedenen Ärzten 
vergeblich behandelt worden war. Ein oberflächliches medizinisches 
Kausalitätsbedürfnis könnte einen Zusammenhang mit der 
vorausgegangenen Entfettung und der sie begleitenden Diätkur 
mit Leichtigkeit konstruieren. Der Patient gab aber selbst eine 
andere Aufklärung dieses Heilungsvorganges. Er habe, gleichsam 
um seinen Körper loszuwerden, immer an den Haaren von denen 
er zu seinem Verdruß am Körper ziemlich dicht bewachsen war 
und auf die er mir gegenüber mit einem gewissen Abscheu hinwies, 
gezupft und sie auszureißen versucht, genügend Grund, um den 
Haarboden zu infizieren. Dasselbe habe er an den Haaren der Lider 
getan. Nunmehr, seit er so erfolgreich entfettet sei, habe er auch 
aufgehört, diese Gepflogenheit fortzusetzen. Damit war nun aus- 
reichend das Verschwinden der Furunkeln erldärt. 

Der Wunsch nach Entfettung, sowie die beiden Krankbeits- 
symptome : Furunkulose und Blepharitis, sind als der Ausfluß der 
Kastrationsidee zu werten, die ihi'e vorläufige Befriedigung durch 
die erfolgreiche Entfettung erfahren hatte und bis auf weiteres auf 
den Ausdruck im Körperlichen verzichten konnte. 

Um die Kasuistik noch abzuscliließen, ist die Erwähnung eines 
anderen Falles von Hautverändern ngen auf psycliischer Grundlage 
nicht uninteressant. 

Einer meiner Patienten erzählte mh-, daß er, wenn er auf seinen 
häufigen Reisen einmal die ehefiche Treue brach, bei seiner Heimkehr 
gewöhnlich an einem Herpes genitalis erkrankt sei, was ihm, abgesehen 
von anderen Gründen, besonders wegen des durch die notgedrnngene 
sexueUe Abstinenz erweckten Verdachtes seiner Frau unangenehm 
war. Später sei der Herpes am Genitale nach solchen Fehltritten 
ausgeblieben und sei aus diesen Anlässen an der linken Gesäß- 
hälfte aufgetreten, wo er sich zu einem chronischen Ekzem um- 
gewandelt habe, das seither jeder Behandlung trotze. 

Daß solche Kasuistik beliebig vermehrt werden könnte, ent- 
spricht den Erfahrungen jedes Arztes, der sein rein medizinisches 
Sehen durch die Kenntnis der Psychoanalyse geschärft hat. 

Zum Schlüsse verlohnt es sich noch, die IVlÖglichkeit einer 
analytischen Behandlung organischer Veränderungen kurz zu 
berühren. 



306 



Dr. Felix Deutsch 



Wenn organische Veränderungen als Ausdruck verdrängter 
libidinöser Regungen entstehen können, so ist es nicht zu bezweifeln, 
daß sie auf analytischem Wege auch zu beseitigen sind. Diese Art 
der Behandlung wird ihre Grenzen nach zwei Richtungen finden. 

Einerseits wird sie nur so weit mit Aussicht auf Erfolg durch- 
führbar sein, als nicht eine irreversible Organschädigung vorliegt. 
Ist es zu einer solchen gekommen, dann wird sie nur den psychischen 
Überbau mit seinen organischen Konversionssymptomen beseitigen, 
ein Resultat, das auch nicht gering zu schätzen ist. Denken wir 
nur z. B. an die rätselhaften Schmerzen bei den chronischen Magen- 
geschwüren, die bei vollkommen gleich bleibendem Organbefund 
periodisch aufzutreten pllegen, ohne ihre Erklärung in dem jeweiligen 
Zustand des Organs zu finden. Gerade in diesen Fällen zwingen 
oft nur die Schmerzen zum operativen Eingriff. Ein großer Teil 
der Internisten nimmt deshalb auch an, daß diese Schnierzperiodizität 
psychischen Ursprungs ist. Dafür spricht auch, daß bei der Autopsie 
oft große, tiefgehende Narben am Magen als Nebenbefund fest- 
gestellt werden, die vollkommen symptomlos verlaufen sind, so 
daß das Auftreten der Schmerzempfindlichkeit nicht unbedingt an 
das Ulkus gebunden zu sein scheint. 

Andi-erseits wird es Fällegeben, in denen die Notwendigkeit einer 
Nebeneinanderbehandlung von Internisten und Analytiker notwendig 
sein kann; jedoch dai'f die Durchführung einer solchen Doppel- 
behandlung beim Internisten nicht über eine gewisse interne Kontrolle 
des Patienten hinausgehen und muß hauptsächlich dem Analytiker 
in die Hände arbeiten. Wer je eine solche Form der Behandlung 
geführt hat, wird die schwierige Situation ermessen können, in der 
sich der Internist befindet, der die vorhandene organische Krankheit 
behandeln soll und doch die Übertragung auf den Analytiker nicht 
stören darf. Darüber wäi'e noch manches ein andermal zu sagen. 

Vor uns liegt ein noch wenig erforschtos Arbeitsgebiet, das 
alsdie „angewandte Psychoanalyse in der Medizin" 
bezeichnet werden kann, das neue Zusammenhänge aufzudecken 
verspricht und vieles aus der Symptomatologie der organischen 
Krankheiten auf eine neue Basis stellen wird. Bevor dies gelingen 
wird, werden viele Widerstände zu überwinden sein, weniger in 
den Kreisen der Patienten, als in denen der Ärzte. 



Die Rolle einer organischen Überwertigkeit bei einer Neurose. 

Von C. P. Oberndorl, M. D. (New York). 

Nach der Theorie von Alfred Adler hat die Ansicht vom 
Ursprung der Neurosen in einer organischen Minderwertigkeit im 
wesentlichen mir in zweierlei Hinsicht ihre Berechtigung. Erstens 
können kongenitale oder früh erworbene Schwächen bei Kindern 
ein Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber anderen Kindern her- 
vorrufen, ferner werden solche Defekte dazu benützt, um für sie 
bei ihrer Umgebung spezielle Vorteile zu entlocken; in anderen 
Fällen haben sie ihre Ursache in der Aneiferung zu außergewöhnhchen 
Entwicklungen in einem eigenen Gebiet, indem sie versuchen, ihre 
Schwächen auszugleichen. Zweitens fühlt das Kind im Vergleich 
zu den Erwachsenen seiner Umgebung eine relative Schwäche, 
und diese Stellmig kommt einer organischen Minderwertigkeit 
gleich. Das Kind sucht nun durch Versuche zu beherrschen, diese 
unvermeidliche Zurücksetzung zu überwinden, also ein Wille zm' 
Macht. Der Wunsch des Kindes, sich den älteren Personen gleich- 
zustellen oder, wenn möglich, sie zu übertreffen, wh-d von Adlor 
als der mächtigste Trieb der Charakterformation angesehen. In 
diesem Aggressionstrieb erblicltt Adler einen immer wieder- 
kehrenden Ursprung einer neurotischen Sehnsucht nach Macht, 
wofür er den sehr verlockenden Ausdruck ,jmannlicher Protest" 

anwendet. 

Diese zweifelhafte Annahme und der treffende Ausdruck „männ- 
licher Protest" möchten dieWichtigkeitder Sexualtriebe verleugnen 
und viele noch unlösbare Probleme mit einem Schlage wegschaffen. 
Freud gewährt dem Aggressionstrieb eine gewisse Berechtigung, 
da er ein Bestandteil aller Triebe ist, doch ist letzterer nicht 
imstande, die Erscheinungen der meisten neurotischen Symptome 
an und für sich au erklären. Der ßemächtigungstrieb findet seineu 
Platz unter den partiellen Trieben der Ich-Libido in der gegen- 
wärtigen Freudschen Auffassung der Triebe, und es scheint, 



308 



Dr. C. P. Oberndorf 



daß er in den ganz primären prägenitalen Stadien von den anal- 
sadistisclien Trieben der sexuellen Gruppe nicht weit entfernt ist. 

Marcinowski^ hat jedoch daraufhingewiesen, daß es sehr 
zweifelhaft ist, ob der Wille zur Macht in sich selbst ein Ziel ist, 
und daß diese Erscheinung durch Triebe, die den Sexualtrieben 
nahestehen, verursacht wird. Er behauptet, daß das Gefühl der 
Minderwertigkeit erst im späteren Leben zustande kommt und nur 
zu einer Zeit, wenn das Vertrauen des Kindes in sich selbst durch 
Versagen oder Enttäuschung von Liebe und Zärtlichkeit zer- 
stört wurde. 

Der Fall, den ich beschreiben möchte, zeigt, wie ein Patient, 
der kongenital mit einer „organischen Überwertigkeit" — wenn 
ich einen solchen Ausdruck gebrauchen darf — ausgestattet war, 
sich gerade dieser Überwertigkeit als Basis seiner Neurose bediente. 
Obgleich das Organ, so lange der Patient sich erinnern konnte, 
überwertig gewesen ist, wurde der neurotische Konflikt, welcher 
schon in frühester Kindheit durch ein Versagen und Schuldgefühl 
hervorgerufen wiu-de, von dem Patienten im reiferen Alter auf das 
Organ verschoben. 

Der Kranke, ein damals SSjähriger Ingenieur, suchte mich 
wegen periodisch auftretenden, ihn jedoch vernichtenden Alkoho- 
iismiis auf, welcher durch Depression — deren Ursache er nicht 
kannte — hervorgerufen wurde. Obwohl er sich mehrmals in Heil- 
anstalten Alkohol-Entwöhnungskuren unterzogen hatte, brachten 
diese doch weder in der Häufigkeit noch in der Intensität der Anfälle 
eine Besserung. Nur seine außergewöhnlichen technischen Fähig- 
keiten während der anfallsfreien Perioden, verbunden mit hoch- 
eingeschätzen Leistungen, die er seiner Gesellschaft, bevor die 
Neurose so aktiv wurde, erwiesen hatte, ermöglichten es ihm, 
seine berufliche Stellung zu behalten. 

Nach drei diagnostischen Sitzungen überzeugte ich mich, daß die 
pathologischen Erscheinungen durch geringe sexuelle Anpassungs- 
fähigkeit, deren Grund dem Patienten unbewußt war, verm-saeht 
wurden. Die Situation schien einer Analyse zugänglich, trotzdem 
nach den Erfahrungen der meisten amerikanischen Psychoanalytiker 
die Hoffnung auf Heilung der Dipsomanie durch die Analyse eine nicht 
große ist. Da jedoch der Patient in einer der westlich gelegenen 
Städte wohnte und seine Stellung für die Zeit, die eine Analyse 
in Anspruch genommen hätte, nicht aufgeben konnte, überwies 



* G. Marcinowski, Die erotischen Quellen der Minderwertigkeits- 
gefühle, Zeitschrift für Sexualwissenschaft, IV./12, 1918. 



d 



Die Rolle einer organischen Überwertigkeit bei einer Neurose 309 

ich ihn dem einzigen Psychiater der von ihm bewohnten Stadt, 
der psychoanalytische Kenntnisse besaß. 

Die Analyse des Arztes beschränkte sich auf die Nieder- 
schreibung einer sehr sorgfältigen Anamnese, ohne die unbewußten 
Quellen des Widerstandes zu berühren, so daß der Patient seine 
Neurose unverändert weiter behielt. Drei Jahre nach seinem ersten 
Besnche bei mir wurde der Kranke auf sein Ersuchen von der 
Gesellschaft, bei der er tätig war, nach New York versetzt und 
unterzog sich nun einer Analyse. 

Die auffallende Erscheinimg seiner Neurose war — wie schon 
bemerkt — periodische Depression, worauf er ganz allein Alkohol- 
mißbrauch schwerster Art trieb. Es zeigte sich später, daß die 
Depression gewöhnlich infolge Einsamkeitsgef üblen entstand, welche 
auf der Unmöglichkeit, sexuell zu verkehren, da — wie merk- 
würdig es auch klingen mag — sein Glied außergewöhnlich groß 
war, beruhten. 

Er war in uneingeschränktem Maße fähig, Koitus auszuüben, 
sobald er nur den Mut hatte, es zutun. Er hatte sich dem geschlecht- 
lichen Verkehr einigemal ergeben, und zwar das erstemal im Alter 
von 23 Jahren in einer finsteren Hütte mit einer mexikanischen 
Halbblutfran, während er auf einer Expedition im entlegenen 
Arizona weilte, Darnach koitierte er einigemal erfolgreich mit Prosti- 
tuierten der niedrigsten Klasse; einmal war er im Alter von 
27 Jahren von einer jungen Dame, deren Schwester mit seinem 
Freunde im Nebenzimmer verkehrte, zum Verk»hr gezwungen 
worden. Manche dieser Frauen machten Bemerkungen über die 
Größe seines Penis und baten ihn um Wiederholung des Verkehrs. 

Nur eine Prostituierte — ein zierliches Mädchen — ver- 
weigerte, nachdem sie das Glied gesehen hatte, aus Furcht einen 
Verkehr mit ihm. Patient machte sich diesen Vorfall vor allem 
zunutze, um seine psychische Impotenz zu rationalisieren. 

Der Kranke war ein stai-ker, breitschultriger Mann, ungeföhr 
1-80 m hoch, stämmig gebaut. Mit Ausnahme von Trommelschlegel- 
fingern ohne nachweisbare Horz- oder Lungenaffektion hatte der 
große Alkoholkonsum keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Zur 
Zeit, als der Patient in Behandlung kam, trank er außerhalb 
der gelegentlichen Alkoholausschweifungen täglich vier bis sechs 
Gläschen Whisky. Anfangs bestand ich darauf, daß er als Ersatz 
der Kohlehydrate des Alkohols, den ich sofort abschaffte, täglich 
mindestens ein halbes Kilo Speiseschokolade esse. 

Es ist nicht meine Absicht, eine vollständige analytische 
Darstellung der von dem Patienten gebotenen Symptome zu geben. 



310 



Dr. C. P. Oberndorf 



Es genügt, wenn ich hervorhebe, daß die Analyse ergab, daß die 
psychische Impotenz — genauer gesagt, seine Furcht, sich Frauen 
zu sexuellen Zwecken zu nähern — durch eine starke Fixation 
auf einer homosexuellen Stufe berulite. Der Kranke verbrachte 
viele Stunden damit, Frauen auf der Straße atreckenweit zu folgen, 
mit der Absicht sie anzusprechen, um dann im kritischen Augen- 
blick zu versagen. Kiu-ze Zeit nach dem Beginn der Analyse verlor 
er seine Zurückhaltung gegenüber Frauen, die er — da Prosti- 
tuierte — berufsmäßig zugänglich wußte, doch blieb er anderen 
Frauen gegenüber schüchtern. 

Ich berichte über diesen Fall, um Idarzulegon, daß das starke, 
kongenital überwertige Organ erst im späteren Leben mit den 
Eigenschaften umhüllt wurde, welche Adler als durch eine kon- 
genitale Minderwertigkeit bedingt bezeichnet. Die neurotischen 
Symptome, welche auf psychischen Eindrücken und äußeren 
Zufällen beruhten, wurden von dem Patienten auf sein überwertiges 
Organ verschoben. Um das zu beweisen, wollen wir nun chrono- 
logisch die wichtigsten Ereignisse, welche das Schicksal dieses 
Mannes beinflußten, bringen. 

In einer kleinen Stadt an der Küste dos Stillen Ozeans 
geboren, verlor er im Alter von zweieinhalb Jahren seine Mutter 
und hat von ihr keine Erinnerung. Er sowohl wie seine jüngere 
Schwester wurden von den Großeltern väterlicherseits erzogen imd 
hauptsäeblich war es seine Großmutter, welche einen großen Ein- 
fluß auf ihn ausübte. Obwohl sein Vater, der auch Ingenieur war, 
monatelang von der Heimat fortblieb, fürchtete ihn der Patient, 
wenn auch ohne triftigen Grund. 

Im Alter von sechs Jahren versuchte er Verkehr mit seiner 
jüngeren Schwester und einige Monate später nicht nur mit dieser, 
sondern auch mit einer ihrer Spielgefährten. In beiden Fällen 
empfand er ein starkes Schuldbewußtsein und große Angst, welche 
sich, nachdem er der Entdeckung nur mit knapper Mühe ent- 
gangen war, noch steigerten. Mit acht Jahren wurde er von seiner 
Großmuttor beim „Popozeigen" erwischt, einem Spiel, welches er 
mit seiner Schwester zu treiben pllegte. Es bestand darin, daß 
seine Schwester sich auf einen Rohrsessel setzte, während er 
darunter kroch und hinauf schaute. Obgleich der Patient nicht 
streng bestraft wurde, so fühlte er sich doch äußerst gedemütigt. 
Bald darauf und vielleicht wegen dieses Vorfalls wurde er in ein 
Pensionat am Fuße der Rocky Mountains gegeben, wo er bis zu 
seinem sechzehnten Jahr verblieb. 



Die Rolle einer oi^anischen Über Wertigkeit bei einer Neurose 311 

Schon vor dem ersten Versuch eines Verkehres mit seiner 
Schwester hatte der Kranke mit einem sich immer steigernden 
Schuldgefühl zu masturbieren begonnen. Er hatte schon damals 
die unverhältnismäßige Größe seines Gliedes beobachtet, die er 
mit der Masturbation in Zusammenhang brachte, gerade so wie 
andere Patienten gelegentlich ein kleines Organ auf dieselbe 
Ursache zurückführen. Die Vorhaut, welche die große Glans penis 
fest umspannte, entzündete sich infolge der Mastm-bation und, als 
er zehn Jahre alt war, schhig der Hausarzt ehie Beschneidung 
vor. Zur Zeit der Operation lenkte der Vater die Aufmerltsamkeit 
des Arztes auf die Größe des Organs und dieser äußerte sich 
dahin, daß dieZirkumzision ein weiteres Wachstum verhindern würde. 

Nach der Zirkumzision machte seine Großmutter, welche in 
das Badezimmer kam, als der Junge badete, zu ihrem in der 
Nähe stehenden Manne die Bemerkung, ob er nicht glaube, „sie 
hätten es verdorben". Kurz danach, vielleicht im elften Lebensjahr, 
nannte ihn einer der Jungen im Freibad, als er die Beschneidung 
bemerkte, einen „mexikanischen Juden". 

Die Prophezeiung des Arztes betreffs der Wirkung der 
Beschneidung erfüllte sich nicht, da das Organ immer verhältnis- 
mäßig groß blieb. Trotzdem im Pensionat seine Mitschüler oft mit 
Neid Bemerkungen über die Größe seines Gliedes machten, ver- 
minderte dies sein allgemeines Gefühl der Scheu nicht. Zu keiner 
Zeit schob der Patient seine sexuelle Unfähigkeit auf die Ver- 
letzung (Beschneidung) des Gliedes, die im Knabenalter statt- 
gefunden hatte, sondern auf die beträchtliche kongenitale Größe. 

El' führte die Masturbation wähi-end der Schulzeit und im 
späteren Leben eifrig fort und nahm im Alter von zwölf bis 
vierzehn Jahren im Verkehr mit älteren .lungen eine passive 
homosexuelle Stellung ein. Seine Scheu in Gegenwart von Frauen 
steigerte sich dermaßen, daß er sich ihnen nicht nähern konnte, 
auch versagte er in der einzig ihm möglichen Liebesaflai-e im 
Alter von 27 Jahren und beharrte darauf, all seine Schwierigkeiten 
seinem großen Glied zuzuschreiben. 

Was immer für eine „Minderwertigkeit" er dui'ch die Beschnei- 
dung im zehnten Lebensjahre erlitten hatte, so war dieses Trauma als 
solches nicht hinreichend genug, um die Idee der organischen 
Überwertigkeit, die er frühzeitig wahrnahm, abzuschwächen. Die 
eigentlichen Wurzeln des Gefühls seiner Minderwertigkeit und 
Unfähigkeit entsprangen einem Schuldbewußtsein, das in der 
Masturbation und dem inzestuösen Verkehr mit seiner Schwester 
seinen Grund hatte. Die Annahme einer passiven homosexuellen 



S12 



Dr. C. P. Oberndorf 



Rolle im Pensionat muß als eine Regression, bedingt durch äußere 
Einflüsse und vielleicht ursprünglich durch eine Identifizierung 
mit der Schwester (Großmutter), betrachtet worden. 

Die Hingabe an den Alkohol entsprang dem Wunsche, sich 
von einer Depression zu befreien, welche in sexuellen Ent- 
täuschungen ihren Grund hatte, und in der Tat kehrte der Patient 
unter dem Einfluße des Alkohols einigemal zur Homosexualität 
zurück. 

Durch die Analyse, welche über ein Jahr dauerte, wurde der 
Patient allmählich von seinen Widerständen, welche auf inzes- 
tuösen Fixationen beruhten, befreit imd heiratete. Nach der Heirat 
konsultierte er mich, weil sein Glied so groß war, daß er mit 
seiner Frau nicht koitieren konnte. Ich habe nun die Frau einem 
Gynäkologen überwiesen, der ihre Vagina normal groß fand, 
jedoch eine mechanische Dehnung der Vaginalwände mit befriedi- 
gendem Erfolge vornahm. 

Kurz vor meiner Abreise nach Europa, ein Jahr nach seiner 
Heilung, rief mich der Patient telephonisch wegen einer Lebens- 
versicherungspolizze an. Er hatte keine sexuellen Beschwerden 
mehr und, was seinen Alkoholgenuß anlangt, so trank er hie und 
da ein Glas Whisky, wie es doch alle guten Bürger im züchtigen 
Lande des Alkoholverbotes tun. 



Beiträge zur Psychologie der Homosexualität. 

Von Dr. med. Feiix Boelim (Berlin). 

II. 

Ein Traum eines Homosexuellen^ 

Am Schlüsse meines Aufsatzes „Homosexualität und Poly- 
gamie" ^ sagte ich: „Der homosexuelle Mann verkehrt mit Hilfe 
einer polygamen Frau mit einem anderen Manne, letzten Endes 
mit Hilfe der Mutter mit dem Vater" ; zu dieser durch Beobachtungen 
erhärteten Feststellung hatte mir folgende Äußerung eines homo- 
sexuellen Patienten (y) verholfen'^: „Weil ich homosexuell an den 
Vater gebunden bin und auf diese Weise in der Scheide der 
Mutter mit dem Penis des Vaters in Berührung gelange. Weil 
mir die Berührung der Scheide der Mutter schon früh verboten 
w^orden ist, suchte ich die Beröhi-ung des Gliedes des Vaters. Das 
dürfte auch die Ursache der Polygamie sein, ich verkehre auf 
diesem Wege mit Männern — ein Verkehr, den ich mh* in anderer 
Form aus moralischen und ethischen Gründen verbiete. Ich habe 
beim Verkehr mit einer polygamen Frau die Vorstellung, als ob 
zwei Penisse einander begegnen oder wie wenn der Muttermund 
auch ein Penis wäre, wie wenn die umhüllende Scheidenwand die 
Hand ist, mit der beide Penisse zusammen onanieren." Ich sagte 
ferner, daß ich eine (selbstverständlich nicht die einzige) Erklärung 
für dieses Phänomen durch die allmähliche Auflösung des Traumes 
eines homosexuellen Patienten («} * gefunden zu haben glaubte : „I c h 

^ Auszug aus einem am 15. Juli 1920 in der Berliner PsychoanalyUschen 
Vereinigung gehaltenen Vortrag. — Auch in diesem Aufsatz sehe ich im allge- 
meinen ganz davon ab, ob die Homosexualität den Patienten vor Beginn der 
Behandlung bewulit war oder nicht, 

3 Intern. Zeitsehr. f. Psa. VI, 4. Da ich mich hier auf das dort Gesagte 
beziehen muß, empfiehlt es sieh, diesen früheren Aufsatz vorher zu lesen. — 
Vergl. auch Reik, „Arlur Schnitzler als Psycholog", S. 81 — 83. 

3 S. 311 I. c. 

* S. 315 1. c. 

Internat. Zeltachr. f. Psych osaal^ac. VUVS go 



314 Dr. Felix Bochm 

koitiere in einen Penis, welcher bedeutend größer 
ist als meiner ^" 

Von dem Traum, welcher den Patienten in iing-ewöhnlichem 
Maße interessiert und erschreclit hatte, hatte er nur diese eine 
Erinnerung; wem der größere Penis gehört hatte, wußte er nicht 
mehr; meine Vermutung, daß es sich vielleicht um den Penis des 
Vaters gehandelt haben könnte, machte keinen Eindruck auf ihn 
und der Traum konnte nicht analysiert werden, da der Patient 
keine Einfälle zu demselben bringen konnte. Längere Zeit hindurch 
wurde darauf in der Analyse an der Aufdeckung immer neuer 
Züge seiner latenten Homosexualität und an der Bewältigung 
seines Hasses gegen Frauen gearbeitet; die Auilösung des Traumes 
fanden wir ganz allmählich auf folgende Weise; 

Er litt als Erwachsener viele Jahre lang unter der Zwangs- 
befürchtung, schwangeren Frauen mit dem Fuß auf den Unterleib 
treten oder sie mit der Faust auf denselben schlagen zu müssen. 
Es zeigte sich, daß er als kleines Kind an einer Phobie in bezug 
auf Insekten, Würmer und Raupen gelitten hatte; mit imgefähr 
7 — 8 Jahren verfolgte er alle diese Tiere systematisch mit großer 
Grausamkeit; bis in die Jünglingsjahre grub er tiefe Löcher in den Erd- 
boden, wobei er die den Wurzeln der Bäume schädliclien Engerlinge 
herausholte und mit großer Befriedigung tötete. Eine später jahre- 
lang in dilettantischer Weise unter Zurücksetzung seiner beruf- 
lichen Interessen betriebene Gärtnerei erlaubte es ihm, diesen 
Sadismus zu rationalisieren: die den Blumenwurzeln schädlichen 
Würmer herauszugraben und zu töten. Im Anschluß an diese 
Erinnerungen kam er auf seine Entjungferungsangst zu sprechen, 
auf frühere Phantasien, seine Schwestern zu entjungfern, auf ver- 
schiedene im Alter von vier Jahren gemaclite genaue Beobachtungen 
beim Schlachten und Ausnehmen von Hühnern; darauf brachte er 
Phantasien über die Gefährlichkeit der weiblichen Unterleibsorgane, 
welche er gerne mit allen mögliehen Instrumenten und mit seinen 
Händen herausgerissen und zerstückelt hätte, ebenso einen im 
Frauenleib ruhenden Embryo, ehe derselbe geboren werden könnte. 
Er stellte sich in Phantasien vor, die Vagina seiner Mutter sei 
ständig so groß, daß ein kleines Kind dieselbe passieren könne 
und daß der Penis des Vaters infolgedessen so groß wie ein neu- 
geborenes Kind sei, also wie z. B. ein Elephantenpenis; daß sowohl 
der Penis des Vaters als auch die Scheide der Mutter über und 
über mit Schmutz bedeckt seien; diese Phantasien tauchten in 



1 S. 319 I. c. 



i 



Beiträge zur Psychologie der Homosexual iiät IT. 316 

mehreren Stunden mit allen möglichen Variationen auf und 
plötzlich brachte er mit starkem Affekt folgende Phantasie: „Die 
Mutter hat selbst einen Penis wie ein Elefant, 
nur hat sie ihn eingezogen, ein Pferd zieht doch 
auch seinen Penis ein!" Darauf erklärte er ausführlich, daß 
seine Angst vor Frauen, sein Haß und seine Abneigung gegen 
dieselben sicher zum Teil auf die Vorstellung von dem einge- 
stülpten Penis der Frauen zurückzuführen seien ^ Er behauptete, 
immer eine unbewußte Angst gehabt zu haben, die 
Frau könnte beim Koitus ihren eingestülpten mächtigen 
Penis herausschleudern und seinen viel kleineren 
Penis verletzen oder verschlingen. 

Seine unbewußten Phantasien von der Unsauberkeit des 
Frauenpenis motivierte er ebenso wie seine vordem gebrachten 
Phantasien von der Unsauberkeit der Scheidenwände damit, daß 
der Pferdepenis mit einer gerunzelten, unsauberen, mit Smegnia 
bedeckten Haut überzogen sei. Er erzählte darauf ausführlich, daß 
es für ihn immer ein ihn intensiv beschäftigendes, unbewußtes 
Problem gewesen sei, wie er beim Eindringen in die Scheide mit 
seinem Glied an dem Penis der Frau vorbeikommen könnte, da 
letzterer doch infolge seines großen Durchmessers die Seheide 
ganz ausfüllen müßte, bzw. wie er mit seinem kleineren Penis in 
den großen der Frau hineindringen könnte. 

Nach einiger Zeit erinnerte er sich, daß ihn von dem ganzen 
Schulunterricht die Belehrungen über die Befruchtung der Blumen 
am meisten interessiert hätten: wenn er eine Abbildung gesehen 
hatte, wie die auf der Narbe des Stempels sitzenden Pollenkörner 
ihre Pollenschläuche durch die Narbe und den Griffel des Stempels 
bis in das Innere des Fruchtknotens hinunterwachsen ließen, hatte 
er sich gesagt: „Also ganz wie beim Menschen!" Wenn man sich 
dieses Bild vergegenwärtigt, kann man nach allen vorausgegangenen 
Einfällen sehr wohl an einen von den Blütenblättern umgebenen, 
sehr dicken Penis {den Stempel) denken, in welchen ein bedeutend 
dünnerer Penis (der Pollenschlauch) sich von oben hineinbohrt. 

In seinem Unbewußten hatte ihn also der vorgewölbte Leib 
schwangerer Frauen lebhaft an seine verdrängte Vorstellung vom 
eingestülpten Penis erinnert; daher rührte seine frühere Neigung, 
die Frucht im Unterleib der Frauen zu schädigen; da er diese 
sadistische Neigung nicht hatte befriedigen können, hatte sich 

^ In Freuds „Aaalyse der Phobie eines Sjährigea Knaben" (Jahrb. I, 1) 
richtet sich der Sadismus des kleinen Patienten in gleicher Weise gegen Pferde, 
die Mammj und gravide Frauen (S. 59—61). 



316 Dr. Feüx Boehm 

eine Ersatzhandlung herausgebildet: er entfernte und tütete die 
ihn im Unbowaßten an den versteckton Penis der Frau 
erinnernden, in das Erdreich eindringenden und die Blumenwurzeln 

schädigenden Würmer. 

Der Wunsch Homosexueller, in der Scheide der Mutter mit 
dem Penis des Vaters zu vorkehren oder in der Scheide einer 
polygamen Frau einem Penis eines anderen IWannes zu begegnen, 
dürfte eine spätere Umarbeitung oder Überlagerung des Wunsches, 
bezielmngsweise der Angst, in dor Scheide der Mutter auf deren 
eingezogenen Penis zu stoßen, sein, wenigstens gelang es mir 
immer, ersteren Wunsch leichter und früher aufzudecken. 

Nun scheint es mir verständlich zu sein, warum in meiner 
Formel (S. 303 1. c.) Homosexualität und Polygamie auf derselben 
Seite der Gleichung stehen; denn eine angstbetonte Phantasie, 
welche die Annäherung an die Mutter unmöglich macht, den 
Knaben von der Mutter fortstößt, ist ja geeignet, sowohl Poly- 
gamie als auch Homosexualität zu fördern, beide Erscheinungen 
sind ja nur der Ausdruck der Unfähigkeit der Annäherung an die 
Mutter; diese Abwendung dürfte weniger auf äußere Ereignisse 
als auf Phantasien zurückzuführen sein; unter diesen angstbetonten 
Phantasien dürfte die vom verborgenen einstülpbaren Penis der 
Mutter, von welchem dem Knaben Gefahr droht, eine Rollo spielen. 

Nachdem ich auf die oben beschriebene imbewußte Vor- 
stellung zuerst bei vorzugsweise homosexuell empfindenden 
Männern gestoßen war (bei denen sie offenbar eine größere Rolle 
spielt), habe ich dieselbe auch in den Analysen anderer Patienten 
und Patientinnen (insbesondere an Vaginismus leidender Frauen) 
gefunden. Die Symbole für dieses versteckte Organ sind sehr 
zahlreich; aus meinem großen Material erwähne ich folgende 
häufigere: ein Penis eines Pferdes (sein offenbares Vorbild in der 
Natur) und anderer großer Säugetiere, wie z. K Elefant, Ochs 
oder Hund; ein entgegenkommender elektrischer Straßenbahn- 
wagen; Fühlhörner der Schnecken, der I^äfer und anderer Insekten, 
besonders solcher, welche in Höhlen und Ritzen leben, wie die 
Küchenschabe (oder diese und andere versteckt lebende Tiere 
selber); ein Saugrüssel der Schmetterlinge, eine Schlange; ein 
herausziehbarer Pumpenschwengol, ein spiralförmiger Pfeifenstopfer; 
ein Teufelskasten, aus dem ein Teufel heraushüpft; eine Plakat- 
säule, ein Fabriksschorn stein; ein Rachen von wilden Hunden und 
Raubtieren; ein Storcbenschnabel; eine Kneifzange, eine Schere 
und andere ähnliche Instrumente; ein Skorpion und die Scheren 
eines Krebses; außerdem eine Kotstango und ein Embryo. Beson- 



Beiträge zur Psychologie der Homosexualität H. 317 

ders typische Symbole sind ein in einer Höhle lauernder Drache *, 
der Polyp mit seinen Tentakeln (Fangarmen) und insbesondere 
die in ihrem Versteck lauernde Spinne. 

Wähi'end wir bisher gewohnt waren, Gebilde, wie einen 
Fabriksach ornstein, eine Plakatsäule als Symbol des männlichen 
Gliedes aufzufassen ^ habe ich gefunden, daß sie auch ein vorzüg- 
liches Symbol für den versteckten Frauenpenis, welcher zugleich 
dem Koitus dient, sind; sie haben beide eine große Öünung; an 
einem Fabriksschornstein kann man außen emporklettern, man 
kann aber auch hineinklettern (Problem des Unbewußten: an dem 
weiWichen Penis vorbei- oder in ihn hineinzukoitieren?); in einer 
Plakatsäule werden gewölinlich Schaufeln, Besen usw. aufbewahrt. 
Ein Patient (S) ^ gebrauchte in diesem Zusammenhang den Aus- 
druck „Gebärröhre". Die Schlange als Verkörperung des versteckten 
weiblichen Gliedes nimmt insofern eine Sonderstellung unter den 
angeführten Symbolen ein, als sie sehr häufig nicht in der Scheide, 
sondern in den Schamhaaren verborgen gedacht wird, von wo aus 
sie heran ssohnellen kann**. 

Die bekannte Gleichung: Kind = Penis = Kotwurst erhäit 
somit einen neuen Sinn: alle drei sind in unbewußten Phantasien 
im Frauenleib verborgen und lösen bei den Homosexuellen Furcht 
und Minderwertigkeitsgefühle der Frau gegenüber aus. In dieser 
Tatsache fand ich eine Erklärung für die Abneigung Homosexueller, 
einer Frau ein Geschenk zu machen, sei es ein Geldgeschenk oder 
ein Kind, und für die Neigung mancher Männer, bei Frauen einen 
künstlichen Abortus einleiten zu lassen. Ein Patient (ß)^ welcher 
ein ausgesprochener Feind kleiner Kinder war, begründete mir 
seine Abneigung gegen den Anblick schwangerer Frauen unter 
anderem folgendermaßen: „Man könnte ja zur Auflassung kommen, 
daß scliwangere Frauen eine Erektion ihres Penis im Unterleib 
haben!" Die Abneigung gegen kleine Kinder kann somit als Folge 
des Neides auf den größeren Penis der Frau entstehen. Der 
Geburtsvorgang erscheint von diesem Gesichtspimkt aus gesehen 
als ein Hervortreten des versteckten weiblichen Penis. .Das kleine 



1 Richard Wagners Siegfried lockt den Drachen mit dem Hörn aus der 
Höhle und tütet ihn mit dem Sehweri, ehe er zum Weibe geht. 

2 Wie auch verschiedene andere hier angeführte Symbole. 

3 S. 313 I. c 

* Auf Bildern von Adam und Eva schaut die Schlange gewöhnlich aus 
dem Laub hervor. — Die Vereinigung von Frau und Schlange ist ein häufigee 
Motiv der Maler. 

^ S. 314 1. e. 



318 Dr. Felix Boehin 

Kind wird in uubewußten Phantasien mit einer Kotwurst ver- 
glichen; es kann uns daher nicht wundern, daß der im Körper der 
Frau verborgene Penis auch mit einer Kotwurst verglichen wird. 

Im aligemeinen kann jedes Organ eines Tieres und jedes 
Instrument, welches imstande sein kann, das männliche Genitale 
zu schädigen oder zu verkleinern, in Träumen und Phantasien als 
Symbol für das versteckte Glied des Weibes erscheinen. Diese 
unbewußte Vorstellung bildet für den Homosexuellen nicht bloß 
ein Hindernis zur Aufnahme des heterosexuellen Verkehres, ins- 
besondere mit einer unberührten Frau, sondern läßt das 
weibliche Genital© als ausgesprochenes Kastrations- 
organ erscheinen. Viele Homosexuelle empfinden den Koitus 
als Kastration. Hieboi spielt bei Homosexuellen mit starkem 
narzißtischen Einschlag die Vorstellung eine Kolle, daß der 
erigierte Penis im Koitus verkleinert wird und daß die Frau dem 
Mann den Samen heraussaugt, den Mann dabei gegen seinen 
Wunsch in seinem Besitztum schädigt. 

Die Befürchtung, von der Frau geschädigt zu werden, kann 
auch eine Ursache für die Entstehung sadistischer Tendenzen 
Homosexueller Frauen gegenüber sein. In einem Traume meines 
Patienten (ß) wurde der Koitus mit einem Feuorgefecht ver- 
glichen, in welchem aus zwei einander gegenüberliegenden 
Schützengräben mit Gewehren von zwei feindlichen Parteien auf- 
einander geschossen wu'd. Ein anderer homosexuell empfindender 
Patient mit sadistischen Tendenzen Frauen gegenüber, welcher 
seit frühester Kindheit an einer Hundephobio litt, begründete diese 
Tendenzen folgendermaßen: „...um den Frauen, wenn sie mich 
schädigen wollen, wie ich es bei einem Hunde vorausgesetzt habe, 
zuvor zu kommen"; m seinen Einfällen verglich er den Hunde- 
rachen mit dem versteckten Frauenpenis. 

Die hier beschriebene unbewußte Vorstellung Itann ein 
gesteigertes Interesse für die Klitoris der Frau hervorrufen, 
die Klitoris, welche der sichtbare Teil des versteckten Gliedes ist; 
auch ist si£ geeignet, die Neigung zum Ounnilingus zu ver- 
stärken; mein Patient (S) hatte als Erwachsener mehrere Jahre 
hindmxh ein inzestuöses Verhältnis zu seiner mehrere Jahre 
älteren Schwester, in welchem Fellatio und Cunnilingus eine große 
Rolle spielton. Einen Traum, in welchem er bei seiner Schwester 
den Cunnilingus ausführte, löste er so auf: „Vielleicht ist bei mir 
der Wunsch vorhanden gewesen, durch mein Saugen den Penis 
der Schwester hervorzuziehen." Mein Patient (y) ^ brachte spontan 

1 S. 310 1. e. 



Beitrüge zur Psychologie der Homosexualität U, 319 

folgende Assoziation: „Zum Cunniling-iisprobleni fällt mir ein: 
vielleicht suche ich noch diesen von mir unbewußt vermuteten 
Penis mit dem Munde zu erfassen?!" 

Die Einstellung Homosexueller zum Cunniling-us wie zum 
Zungenkuß ist häufig ambivalent, sie haben in bezug auf die 
im Mund versteckte Zunge dieselben Empfindungen wie in bezug 
auf das in der Scheide versteckte Glied; mein Patient (ß) \ welcher 
den Koitus mit einem Feuergefecht verglichen hatte, hatte als 
Gymnasiast in einem seiner Angebeteten gewidmeten Gedicht 
Mädchenküsse mit abgesandten Pfeilen verglichen. Überhaupt wird 
die bekannte „Verlegung von unten nach oben" durch 
die hier beschriebene unbewußte Vorstellung begünstigt. 

Daß dem aktiven, auf Frauen gerichteten Schautrieb durch 
die beschriebene unbewußte Vorstellung immer wieder neue 
Nahrung zugeführt werden kann, kann keinem Zweifel unterliegen. 
Meine Patienten {«) ^ und (S) ^ litten unter einem für sie sehr 
quälenden Zwange, Frauen bei allen möglichen Gelegenheiten 
daraufhin anzuschauen, wie lang, bzw. wie kurz ihre Röclte seien; 
sie brachten übereinstimmend folgende Assoziation als Erklärungs- 
versuch für diesen Zwang: „Jede Frau kann ihren Penis nur so 
weit aus ihrem Körper heraushängen lassen, als er vom Rocke 
bedeckt werden kann; je kürzer der Rock ist, desto beruhigter 
bin ich über die Länge ihres Gliedes." 

Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß die psychoanalytische 
Literatur bereits verschiedene Hinweise auf die hier beschriebenen 
Phantasien enthält, von denen ich folgende anführe: 

In seiner Arbeit „Einschränkungen und Umwandlungen der 
Schaulust"^ berichtet Abraham von einem Patienten, der das 
weibliche Genitale mit einer Scheibe und einem Draht in der Mitte 
vergleicht. In derselben Arbeit erwähnt er zwei Patientinnen, die 
in ihren Phantasien die männliche GesehlechtsroUe zu übernehmen 
liebten, für welche das Auge die Bedeutung eines Penis zu haben 
schien,' mit dem man Menschen erschrecken und töten konnte. 

Ferenczi berichtet von folgenden infantilen Vorstellungen 
über das weibliehe Genitale": 

aj von der Vagina als zusammengeringeltem Penis und 

1 S. 314 1. c, 

2 S. 315 1. c. 
s s. 313 1. c. 

* Jahrbuch, Bd. VI. 
5 Zeitschrift, I, 4. 



320 Dr. Felix Boehm 

b) von einem kurzen, aber dicken Penis der Frauen, mit sehr 
weiter Urethra, deren Lumen groß genug ist, um den Penis des 
Mannes eindringen zu lassen. 

Wichtiger aber ei'scheinen mir folgende Hinweise zu sein. In 
Freuds „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" 
(publiziert in Bd. I des .Tahi-buches) heißt es auf Seite 4: 

„Ein anderesmal sieht er gespannt zu, wie die Mama sich 
vor dem Schlafengehen entkleidet. Diese fragt: ,Was schaust du 
denn so?' 

Hans: ,Ich schau nur, ob du auch einen Wiwimacher hast.' 

Mama: ,Natürlich, hast du denn das nicht gewußt?' 

Hans: ,Nein, ich habe gedacht, weil du so groß bist, hast du 
einen Wiwimacher wie ein Pferd.'" 

Mir scheint charakteristisch für den Wiwimacher des Pferdes 
zu sein, daß er nur gelegentlich zu sehen ist, daß das Pferd ihn 
einziehen und herausfallen lassen kann. Ich habe in Trüumen sehr 
häufig das Pferd als Symbol des Weibes gefunden. 

Auf Seite 63 der eben angeführten Publikation Freuds 
heißt es : 

„Mittags höre ich, daß Hans den ganzen Vormittag mit einer 
Gummipuppe gespielt habe, die er Grete nannte. Er hat durch die 
Öffnung, in der einmal das kleine Blechpfeifchen befe-stigt war, 
ein kleines Taschenmesser^ hineingesteckt und ihr dann die 
Füße voneinandergerissen, um das Messer herausfallen^ zu 
lassen. Dem Kindermädchen sagte er, zwischen die Füße der Puppe 
zeigend: ,Schau, hier ist der Wiwimacher!'" 

Mir scheint es wesentlich zu sein, daß unser kluger „kleiner 
Hans" gerade ein Taschenmesser, also ein gefährliches Instrument, 
dazu noch das Taschenmesser der Mutter nimmt und es heraus- 
fallen läßt — wie ein Kind geboren wird, aber auch wie der 
Wiwimacher des Pferdes herausfällt. 

Da im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker Überein- 
stimmungen^ vorhanden sind, glaube ich, die von Reik in seiner 
Arbeit „Pubertätsriten der Wilden" ^ beschriebenen, im Wald ver- 
steckten Ungeheuer, in deren Körper die Beschneidung vorge- 
nommen wird, welche unter anderem auch die Form eines 
Krokodilrachens oder Kasuarschnabels haben, auch als Verkörperung 
des versteckten Frauenpenis deuten zu dürfen. 




^ Vom fieferenten gesperrt. 

^ Freud, Totem und Tab». 

^ Reik, Probleme der Religion Bppychologie. 



Mitteilungen. 

Klinische Beiträge. 
Nachschrift zur Analyse des kleinen Hans. 

Von Sigm. Freud. 

Vor einigen Monaten — im Frühjahr des Jahres 1922 — stellte sich 
mir ein junger Mann vor und erklärte, er sei der „kleine Hans", über dessen 
kindliche Neurose ich im Jahre 1909 berichtet hatle^. Ich war sehr froh, ihn 
wiederzusehen, denn er war mir etwa zwei Jahre nach Abschluß seiner Analyse 
aus den Augen geraten und ich hatte seit länger als einem Jahrzehnt nichts 
von seinen Schicksalen erfahren. Die Veröffentlichung dieser ersten Analyse 
an einem Kinde hatte viel Aufsehen und noch mehr Entrüstung hervorgerufen 
und dem armen Jungen war großes Unheil prophezeit worden, weil er in so 
zartem Alter „entharmlost" und zum Opfer einer Psychoanalyse gemacht 
worden war. 

Nichts von all diesen Befürchtungen ist aber eingetroffen. Der kleine 
Hans war jetzt ein stattlicher Jünghng von 19 Jahren. Er behauptete, sich 
durchaus wohl zu befinden und an keinerlei Beschwerden oder Hemmungen 
zu leiden. Er war nicht nur ohne Schädigung durch die Pubertät gegangen, 
sondern hatte auch eine der schwersten Belastungsproben für seiu Gefühls- 
leben gut bestanden. Seine Eltern hatten sich voneinander geschieden und 
jeder Teil eine neue Ehe geschlossen. Er lebe infolgedessen allein, stehe aber 
mit beiden Eltern gut und bedauere nur, daß er durch die Auflösung der 
Familie von seiner lieben jüngeren Schwester getrennt worden sei. 

Eine Mitteilung des kleinen Hans war mir besonders merkwürdig. Ich 
getraue mich auch nicht, eine Erklärung für sie zu gehen. Als er seine 
Krankengeschichte las, erzählte er, sei ihm alles fremd vorgekommen, er 
erkannte sich nicht, konnte sich an nichts erinnern, und nur als er auf die 
Heise nach Gmunden stieß, dämmerte ihm etwas wie ein Schimmer von 
Erinnerung auf, das könne er selbst gewesen sein. Die Analyse halte also 
die Begebenheit nicht vor der Amnesie bewahrt, sondern war selbst der 
Amnesie verfallen. Ähnlich ergeht es dem mit der Psychoanalyse Vertrauten 
manchmal im Schlafe. Er wird durch einen Traum geweckt, beschließt ihn 
ohne Autschub zu analysieren, schläft, mit dem Ergebnis seiner Bemühung 
zufrieden, wieder ein und am nächsten Morgen sind Traum und Analyse 
vergeesen- 



'Analyse der Phobi« eines 5jihrigcii Knaben, Jahrbuch dei Psychoanalyse, Bd.I, IS09. 



322 Mitteilungen 

Zur Pathologie des Ichidoals. 

Von Doz. Dr. Paul Schilder (Wien). 
Unter dem Ichideal versteht Freud' jenes Idealbild, welches vom Ich 
gebUdet wird, unter dem Einflüsse der Umgebung uad der Erziehung. Sehr 
häufig ist es Identifizierung mit dem Vater, dem Führer, welche zur Bildung 
dieses Ichideals beiträgt, Dieses Ichideal erhält seine Kraft von jener Eigen- 
liebe, welche ursprünglich nur dem eigenen Körper und wahllos dea eigenen 
Gedanken und Handlungen zugewendet war. Mit anderen Worten, es ist mit 
Ichlibido besetzt. Aus dieser QueUe erhält es die Kraft zu fordern und es 
gehen von diesem Ichideal fördernde und hemmende Einflüsse zu den Regungen 
des Menschen. Vom Ichideal gehen Verdrängungen aus, das Ichideal übt die 
Zensur aus. 

Ich habe eine Reihe von FäUen beobachtet, in denen die psychischen 
Funktionen, welche unter dem Begriffe des Ichideala zusammengefaßt werden, 
in Halluzinationen und Wahngebilden personifiziert wurden. Diese Fälle seien 
in Kürze dargestellt. 

Fall I. Franziska T., 53 Jahre alt, eine fleißige, arbeitsame Frau, die im 
Wechsel steht, an starken Kopfsehmerzen leidet und deshalb oft mißmutig und 
gereizt ist, erkrankt mit Sausen in den Ohren, sie fällt zusammen, rafft sich 
dann wieder auf. Acht Tage später erkrankt sie in der Nacht mit Schüttelfrost 
und Fieber und dachte, ihre letzte Stunde sei da. Sie sieht in dieser Nacht 
eine alte, dicke Frau, die ihr fremd war, am Bette sitzen, die ihr sagt, sie 
solle aufstehen, arbeiten und nicht so faul daliegen. Mit dieser Frau begann 
sie zu raufen, weckte ihre Kinder auf, die sie in die Klinik brachten. Die 
Patientin hat vier Kinder, von denen sie gegenwärtig erhalten wird. In der 
letzten Zeit hatte sie Nahrungssorgen. In der psychiatrischen Klinik zeigte sie 
am 13. November 1921 noch Herpesbläschen und leichte Temperatnrsteigerung. 
Es bestand eine ausgesprochene Gleichgewichtsstörung, Taumeln, Unsicherheit 
beim Gang, die bei Ablenkung schwindet. Ein objektiver neurologischer Befund 
ist nicht zu erheben. Die Störung bildet sich unter Buhe und Zuspruch in 
den nächsten Tagen rasch zurück. 

Die dicke Frau personifiziert offenbar das Gesundheitsgewissen, welches 
sie zum Kampf gegen die körperlichen Mattigkeitsgefühle auffordert. Es 
scheint, daß diese Aufforderung eine vergebliche geblieben ist, denn in der 
Klinik stellt die Patientin ihr Krankheitsgefühl in einer psychogenen 
Gleichgewichtsstörung dar. 

Fall II. Pius 0. erkrankt in seinem 39. Lebensjahr an Verlolgunga- 
ideen. Er glaubt, man beschuldige ihn der Homosexualität, weil er einen Aus- 
schlag am After habe. Schließlich wird von ihm ein Abbild des eigenen 
Körpers: die Physiognomie abgenommen; ein Mann, der Physiognomist, schickt 
ihm durch dieses Abbild Bilder von Männern und Frauen zu und beobachtet, 
ob in ihm homosexuelle oder heterosexuelle Regungen auftreten. Er zwingt 
ihn auch seine ganze Vergangenheit durchzudenken, damit festgestellt werden 
kann, ob er anständig ist. Wenn der Patient frei von Syphilis und Homo- 
sexualität befunden wird, dann erhält er ein Zeugnis^. 

' MasBOHpsychologia und Ich-.\nftlyae. Intern. Pbb. VerittK I9äl. ^^ 

" Der FaU wird in einem domnSuhst erscheinenden Buche „Seele und Loljon aus- 
ftlbtlich mitgeteilt. 



Mitteilungen 323 

Der Physiognomist ist offenbar eine Darstellung des Gewissens ; es ist 
bemericenswert, daß der Patient gezwungen wird, für den Physiognomisten 
sein vorangegangenes Leben zu erinnern, das dann vom Piiysiognomisten 
beurteilt wird. 

Fall III. Heinrich B,, geboren 1873. Aus belasteter Familie, von normaler 
Entwicklung, ließ während der Universitätazeit im Studium nach. Er lebte 
flott, hatte mit 17 Jahren seinen ersten normalen Geschlechtsverkehr, den er 
auch späterhin ptlegle. Er trauk ziemlich vitl. Nach Beendigung seiner 
Stildien trat er in die juridische Praxis ein, entsprach aber den an ihn 
gestellten Anforderungen nur unvollkommen. Er hatte auch wegen auffallender 
Beteiligung au der antisemitischen Bewegung Anstände. Er begann sieh durch 
Schikanen seiner Kollegen beeinträehligl; zu fühlen; er glaubte, daß ihn die 
anderen durch Anspielungen aufmerksam machen wollten, er solle sich auf 
HomosexualitHt prüfen. Schließlich fürchtete er, seine Eltern wollten ihn 
vergiften. Bei der ersten Aufnahme, 19. September 1901, in die psychiatrische 
Klinik Wien, gab er an, daß ihn Erzherzog Franz Ferdinand in homosexueller 
Absicht nachstelle. Er (der Patient) sei der Musik wegen häufig in die Hof- 
burgkapelle gegangen und habe bemerkt, daß der Erzherzog ihn fortwährend 
fixiere und sich in schamloser Weise an seinen Podex anpresse. Vom Erz- 
herzog gingen auch die Verfolgungen aus, denen er im Amte ausgesetzt war. 
Er habe sich bisher trotz entsprechender Anträge niemals homosexuell betätigt, 
habe vielmehr unter Ekel und unter Zuhilfenahme von Alkohol mit puhlicis 
verkehrt, Er blieb bis Februar 1902 in Anstaltspflege. So weit die gekürzten 
Angaben der damaligen Krau kengesch ich te. Der Patient macht jetzt (November — 
Dezember 1921) über die damaligen Erlebnisse folgende Angaben: Er hat 
niemals halluziniert, es fielen ihm nur Gerfiusche, Bewegungen der anderen 
auf. Es kam ihm alles überirdisch vor; er kam zu der Ansicht, daß die 
anderen ihn aufmerksam machen wollten, daß er sich auf Homosexualität 
prüfe. Die Anspielungen waren so, daß er sich selbst prüfen mußte. Die 
Stimmen wollten eine moralische Selbstprüfung. Man machte ihm ziemlich 
heftige Vorwürfe, er mußte diese Vorwürfe schließlich als bereclitigt aner- 
kennen; wenn er etwas ablehnte, dann war ein solcher Sturm, daß er nach- 
geben und sich vor sich selbst schuldig bekennen mußte. Er hielt sich unter 
dem Drucke der fortwährenden Anspielungen der Umgebung für homosexuell. 
„Wenn man mir vorgeworfen hätte, ich halte den Kaiser von China ermordet, 
80 hätte ich auch nachgegeben. Dieser Druck der Umgebung ist wie ein 
Eisstoß, dem man sich nicht widersetzen kann." Die Angaben über den 
Erzherzog Ferdinand habe er übrigens damals erlogen, und zwar mit folgendem 
Hintergedanken: Es wurde damals getuschelt, der Erzherzog sei wirklich 
homosexuell. Er wollte nun den Erzherzog dadurch von dem Verdachte 
reinigen, daß er als Geisteskranker solche Behauptungen aufstellte. Dann 
würde man sagen, diese ganzen Gerüchte sind nur Erfindungen eines Geistes- 
kranken. Auch seine Angaben, daß er den Geschlechtsverkehr mit Frauen 
unter Eke! vollzogen habe, habe er damals erlogen. 

Nach dem Jahre 1902 hatte der Patient ein langdauerades Verhältnis, 
dem ein uneheliches Kiud entsproß, das aber bald starb. 1904 war er durch 
einige Zeit in der Klinik, weil er sich gegen die Ausnützung durch ein 
Mädchen zur Wehr setzte. 1905 behauptete er, die Leute spuckten ihn an, er 
berichtete, die alten Ideen kämen wieder und brachte sich in selbstmörderischer 
Absicht Schnittverletzungen bei. Schließlich kam er am 22. Mai 1905 wieder 



324 Mitteilun^ea 

in die lilinili, weil er zur Hofburg gegaogen war und dort geäußert hatte, er 
■wolle vom Kaiser ein Schweiggeld in der Höhe von einer Million Gnlden. 
Kronprinz Rudolf, Kaiserin Elisabeth, Johann Orlh, Piiisident Carnot, König 
Humbert seien von den Klerikalen mit EinverstJindnis dea Kaisera getötet 
worden. Ei- war sehr aufgeregt und raufte. Er blieb bis 1914 in der Anstalt 
Klosferneuburg, hatte aber nach dem Abklingen der schweren Erregungs- 
znsljinde, etwa seit 1908, alle möglichen Freiheiten. So weit die Angaben der 
Krankengeschichten. Der Patient selbst gibt jelzt über die damalige Zeit 
folgendes an: Es stellten sich wieder die gleichen Erscheinungen ein wie 
1901. Er wurde wieder nur durch Anspielungen der Umgebung dazu gezwungen, 
sieh selbst zu verurteilen. Auch jetzt mußte er sich der Homosexualität schuldig 
erklären, die Anspielungen, Gesten, wollten eine moralische Seibatprüfung. Er 
konnte sich dem allen nicht entziehen; es war ihm das wie ein kategorischer 
Imperativ. Es begann damit, daß ilim eine hochstehende Moral nahegelegt 
wurde. Zunächst wurde ihm Mäßigkeit anempfohlen; dann wurde das Essen 
als Völlerei bezeichnet, der Schlaf galt als VerbrecJien; zunächst hieß es nur, 
es sei eine gute Übung, den Charakter durch Schlafentzug zu stählen; dann 
hätte er überhaupt nicht schlafen sollen. Neben ihm lag einer mit Genick- 
starre. Die Anspielungen befahlen: „Auch du darfst den Kopf nicht auf den 
Polster legen." Ea wurde ihm klar gemacht, daß die Erzeugung unehelicher 
Kinder ein Verbrechen sei, er hörte unter sich ein Kind schreien ; das Weinen 
des Kindes bezog sieh auf ihn; es hieß, daß das sein verstorbenes, uneheliches 
Kind sei. Er hat seither den Drang zum außerehelichen Verkehr verloren. Die 
letztgenannte Ermahnung wurde ihm noch vor der Einlieferung in die Irren- 
anstalt gegeben. Am stärksten waren die Vorwürfe nach dem Selbstmord- 
versuch; im Koitus sab er ein homosexuelles Verbrechen. Auch das Gewaltsame 
erschien ihm dabei verbrecherisch. Sein Akt mit Frauenzimmern sei nicht 
normal, sondern so, wie wenn er mit einem Mann verkehrt hätte. Pollution 
und Koitus waren nach Ansicht der Sittenkommisaion ein Verbrechen. Die 
Sittenkommission wollte, daß Mann und Frau wie Engeln verkehren sollten. 
Als Sittenltommission bezeichnete er die Umgebung, welche ihn durch fort- 
währende Anspielung zur Selbstprüfung aufforderte. Die Sitlenkommissiou 
forderte ihn auch zu geistigen und körperlichen Tugendübungen auf. Er mußte 
mit den Woltern ringen, obwohl er keine Lust dazu hatte. Er glaubt, daß ihn 
die Wärter damals mißhandelt haben, fügt aber hinzu, wenn die Sitten- 
kommission es befohlen hätte, hätte er hunderte umgebracht. Dabei zerschmolz 
er in Verehrung vor anderen Menschen, die er für viel vortrefflicher hielt als 
sich selbst. Die geistigen Übungen bestanden darin, daß er z. E. die Streifen 
der Tapete zählen, den Kopf in die Höhe geben, die Kappe in die Luft werfen 
mußte und dergleichen mehr. Das Verlangen des Schweiggeldes vom Kaiser 
sei nur fingiert gewesen, damit er von der Sittenkommission frei komme. 

Es muß bemerkt werden, daß der Patient die Ereignisse des Jahres 1905 
von denen des Jahres 1901 offenbar nicht genau trennt. Der Patient war am 
22. November 1921 in die Klinik gekommen, infolge Streitigkeiten mit der 
Mutter, im Anschluß an die er Selbstmordideen geäußert hatte. 1915 bis 1920 
war er nochmals in der Irren.instalt gewesen. Seit 1920 erhielt er sich 
kümmerlich selbst. Nach seinen Angaben hat er seit 1914 keinen Geschlechts- 
verkehr mit Frauen gehabt aus Furcht, er könne wieder ein uneheliches 
Kind bekommen. Er träume häufig vom Geschlechtsverkehr mit Frauen und 
habe dann Pollutionen. 



MitEeUuQgen 325 

B. ist ein freundlicher, liebenswürdiger Metisch von einnehmendem 
Wesen, der sehr klar und etwas selbstgefällig berichtet. Sein Urteil über seine 
Familienverhältnisse ist durch Komplexe getrübt Er lehnt mit Enfschiedenheit 
ab daß die Psychose irgendw'ie eigene Regungen zum Ausdruck gebracht 
habe. Er habe sich stets frei von homosexuellen Neigungen gefühlt, er habe 
sogar lebhaften Ekel vor Homosexuellen. Nach den Krankengeschichten ist er 
auch außerhalb der akuten Schübe reizbar, jähzornig und im Jähzorn unein- 
sichtig und zu falschen Auslegungen geneigt. Es besteht wohl auch in den 
Intervallen ein mäßiger Defekt, so daß die Diagnose der Schizophrenie gerecht- 
fertigt ist. 

Es ist gar keine Frage, daß eine aufflammende Homosexualität den 
Kern dieser Psychose bildet'. Der Patient hat sich gegen diese Homosexualität 
innerlich zur Wehr gesetzt. Die verdrängte Homosexualität kehrt wieder als 
Anspielung der anderen Menschen. Dabei ist das Beachtenswerte und Eigen- 
artige, daß der Patient durch diese Anspielungen genötigt wird, in sich selber 
die Homosexualitüt zu entdecken. Die Sitteakommission hat die Rolle des 
Gewissens übernommen. Dieses zwingt uus ja selbst, unsere Handlungen auf 
ihren sittlichen Gehalt zu prüfen. Es ist beachtenswert, daß in unserem Falle 
das Gewissen sich darstellt als Ausfluß der Meinung der Umgebung, die in 
uns hineingenommen wird. Der Palient schildert treffend, daß es unmöglich 
ist sich diesem „Eisstoß'^ zu entziehen. Unser Fall beweist jedenfalls, daß 
sich das Gewissen psychologisch darstellen kann als die Meinung der 
anderen und darin sehe ich die Bedeutung dieser Beobachtung. Sie ist ein 
besonders klarer Beleg für Vermutungen, welche Freud bezüglich der 
beschimpfenden und kritisierender Stimmen gewisser Halluzinosen geäußert hat. 

Gewiß ist es ein ungewöhnlicher Weg, auf welchem hier die ver- 
drängte Homosexualität zurückkehrt. Anspielungen der anderen, welche 
beruhen auf der verdrängten und projizierten Homosexualität, zwingen den 
Patienten die eigene Homosexualität anzuerkennen. Die Psychose zeigt also 
sehr schön den Durchbrueh und die Gegenkräfte. Es ist zu bemerken, daß die 
angebliche Lüge vom Jahre 1901 die wahren Regungen des Patienten zum 
klaren Ausdruck bringt. Der Patient steht ietrt der früheren Psychose in der 
Art gegenüber, daß er sie zwar gut erinnert, ihr aber die psychische Bedeutung 
aberkennt. Während also in den ruhigen Zeiten das Persönliehkeitsideal stark 
genug ist, um die Homoäexualität zu verdrängen, bewirkt es in den akuten 
Phasen das Einbekenntnis der Schuld und das Schuldgemhl. Die umgebende 
Masse, welche zur Selbstbesinnung auffordert, ist dabei aber offenbar die 
gleiche, der die homosexuelle Regung gilt. Die Darstellung dieser Regungen 
in der kritisierenden Masse (der Sittenkommission} ist also ein Kompromiß 
zwischen der homosexuellen Strebuog und dem niederhaltenden Idealich. Mit 
anderen Worten : Das neue Idealich baut sich zu einem neurotischen Symptom 
auf. Oder wieder anders gefaßt i Am Idealich spielen sich analoge VorgUuge 
ab, wie am libidinös besetzten Objekt. 



1 Dia Bosprncbnng beBcbränkt sich »ut dae im Titel angeecbenc Tliomu und eelit (in 
Einzeibeitca bewußt vorbei. 



326 Mitteilungen 

Soziale Gesichtspunkte bei Psychoanalysen. 

Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 
1. Der, Familienroman der Erniodrigang'. 

Vor Jahren wurde ich telegrnphisch in einen fasMonahlen Winterkurorl 
zu einer jungen Komtesse als Consilarius berufen. Diese Berufung überraschte 
mich nicht wenig, erstens weil man, besonders damals, in aristokratischen 
Kreisen der Psyclioanalyse im allgemeinen sehr wenig Interesse entgegen- 
brachte, dann auch, weU auch der mir übrigens befreundete Kollege, ein älterer 
Privatdozeni: der Chirurgie, gleichfalls kein besonderer li'reund unserer Wissen- 
Echalt war. Das Rätsel löste sich aber, sobald mir nach meiner Ankunft die 
Kranker geschichte erzählt wurde. Die junge Gräfin hätte sich beim Rodeln 
ein Bein gebrochen, sei dabei bewußtlos geworden und habe in diesem Znstand 
laut die greulichsten und obszönsten Flüche, Sehimpfworte und Redensarten 
herausgeschrien; dieser Sonderzuslaud habe sich seitdem einigemale wieder- 
holt. „Das dürfle wohl doch ein Hysteriefall mit Freudsuher Ätiologie sein," 
sagte sich der Kollege und ließ mich kommen. 

Am anderen und dem darauffolgenden Tage hatte ich Gelegenheit, eine 
gleichsam psychoanalytisch gefärbte Anamnese des Falles aufzunehmen. Die 
Patientin war eine 19jährige hübsche, junge Person, von dem etwas weichliehen 
Vater verzärtelt, von der Mutter strenger, aber vorsorglich und liebevoll 
behandelt. Ihre Übertragung galt bereits ganz ausgesprochen dem sie 
behandelnden Chirurgen, der ihr vor etwa acht Tagen den Gipsverband 
anlegte; mir gegenüber benahm sie sich viel reservierter, immerhin konnte 
ich mit Hilfe des Kollegen und der Eltern folgende Antezedentien feststellen: 
Die Patientin benahm sich seit jeher etwas sonderbar. Wenn irgend möglich, 
flüchtete sie sich aus den herrschaftlichen Appartements des Kastells, das sie 
bewohnten, ins Dienstbolenzlmmer, wo sie sich besonders all eine Amme 
attachierte, die sie seit ihrer frühesten Kindheit betreut halte. Auch nach- 
dem diese Amme aus dieser Stellung schied und in einem entlegenen Neben- 
hause des Gutes Unterkunft fand, besuchte die Patientin, die inzwischen das 
Alter von 16—18 Jahren erreichte, diese Verirauensperson immer wieder, ja 
sie brachte gegen den Wunsch der Eltern ganze Tage bei ihr zu, war ihr bei 
den hSiuslichen Arbeiten, auch den niedrigsten, wie Scheuern der Dielen, 
Füttern des Viehes, Reinigung des Kuhstalls usw. behilflich. Nichts war ihr 
verhaßter als die Gesellschaft ihrer eigenen Klasse; sie war nur mit Not und 
Mühe dazuzubringen, die anvermeidlichsten Besuche zu machen und zu 
empfangen. Ganz annehmbare arislokra tische Bewerber wies sie ziemlich 
unwirsch ab. 

Vor einigen Jahren hatte sie eine Neurose durchgemacht, die mir die Mutter 
folgenderuiaßen schilderte: Plötzlich wurde die Patientin deprimiert, war stets 
verweint, verriet aber den Anlaß ihres Kummers niemandem. Die Mutter nahm 
sie mit nach Wien, in der Hoffnung, sie durch Unterhaltung aufzuheitern; ihr 
Gemütszustand besserte sieh aber auch dort nicht. Eines Nachts kam sie 
weinend ins Schlafzimmer der Mutter, schlüpfte in ihr Bett und eröffnete ihr 
ihr Herz. Sie leide, sagte sie, an einer furchtbaren Angst, sie fürchte, man 
habe sie im bewußtlosen Zustande vergewaltigt. Das hätte sich auf ihrem 
Landgut zutragen können, als sie die Mutler einmal zur Bahn begleitete. Nach 
der Abreise der Mutter bestieg sie den Wagen und langte bald beim nahen 
Kastell an, die Rückfahrt kann nicht mehr als fünf Minuten gedauert haben. 




Mitteilungen 327 

Aller unterwegs sei ihr nicht wohl gewesen, wahrscheinlich war sie sogar 
vorübergehend bewußtlos und diesen Zustand hätte der Kutscher zum besagten 
Attentat benützen liönnen. Ob der Kutscher ihr wirklich etwas angetan hätte, 
daran könne sie sich nicht erinnern ; sie weiß nur, daß, als sie erwachte, der 
Kutscher etwas zu ihr sagte, sie wisse nicht was. Die Mutter suchte sie zu 
beruhigen und setzte ihr auseinander, daß ihre Angst schon darum ganz grundlos 
sein müsse, da doch eine solche Tat bei Tage, ira offenen Wagen, auf der 
lebhaft befahrenen Landstraße ganz unmöglich hätte ausgeführt werden können. 
Die nervöse Aufregung der Patientin legte sich aber erst, nachdem sie die 
Mutter von einer ganzen Reihe hervorragender Frauenärzte untersuchen ließ, 
die alle erklärteu, daß sie körperlich unberührt sei. 

Während meines zwei Tage dauernden Aufenthaltes im Kurort konnte 
ich mich vergewissern, daß es sich um einen Fall von traumatisch exazerbiertet 
Hysterie handelt, daß die rohen Flüche der Patientin irgendwie mit ihren 
bäuerischen Passionen und jener Vergewaltigungsphantasie zusammenhängen 
und daß der Fall nur psychoanalytisch aufgeklärt werden kann. Soviel konnte 
ich aber schon nach dem Gehörten vermutungsweise angeben, daß sich die 
Patientin, was übrigens auch von Augenzeugen bestätigt wurde, den Beinbruch 
jdurch Mutwillen, vielleicht aus irgendwelcher Selbstbestrafungslendenz, zuzog. 

Später erfuhr ich, daß sich die Patientin statt der vorgeschlagenen 
psychischen Kur zur Nachbehandlung ihres Unterschenkels in ein Sanatorium 
aufnehmen ließ, sich seither immer mehr für die Chirurgie interessierte, im 
Kriege sich als Pflegerin betätigte und trotz des Einspruches der Eltern einen 
jungen Chirurgen jüdischer Abstammung heiratete. 

Ich war also nicht in der Lage, die LQcken dieser Krankengeschichte 
analytisch auszufüllen, mußte mir aber dennoch sagen, daß es sich hier 
unverkennbar um einen Fall von umgekehrtem neurotischen Familienroman, 
um einen „Familienroman der Erniedrigung" handelte. Die gelßufigen 
Familienromane der Neuroliker sind bekanntlich Größenphantasien über Rang- 
erhöhungen der Eltern, die aus bescheiden bürgerlichen oder ärmlichen 
Verhältnissen zu aristokratischer oder gar königlicher Würde erhoben werden ; 
ganz analoge Familienromane wiesen die psychoanalytischen Mythenforschungen 
Ranks in den bekanntesten Heldenmythen (Moses, Ödipus, Romulus und 
Remus usw.) nach, die alle, von vornehmen Eltern stammend, ausgesetzt, von 
armen Bauern oder gar von Tieren aufgezogen, schließlich doch wieder zu 
Ansehen gelangen. Nach Ranks sehr plausibler Auffassung sind die tierischen, 
respektive bäuerischen Pflegeeltern einesteils und die vornehmen Eltern 
anderenteils nur D ou bl e ttierungen der Imagines der Eltern überhaupt. 

Während also im Mylhos die „primitiven" Ellern gewöhnlich als Vor- 
läufigkeiten bebandelt werden und den Vornehmen den Platz räumen müssen, 
sehnt sich meine Neurotika aus der vornehmen Welt in eine primitive zurück. 
Dieser anseheinend unsinnige Wunsch steht aber durchaus nicht vereinzelt da. 
Ich weiß es aus einer ganzen Reihe von Kleinkindergeschichten, daß sich sehr 
viele Kinder unter Bauern, Dienstboten, kleinen Leuten wohler fühlen als 
In der eigenen, viel feineren Häuslichkeit. Nicht selten zeigt sich eine besondere 
Sehnsucht der Kinder, das Nomadenleben der Zigeuner zu führen oder gar 
in ein Tier verwandelt zu werden. In diesen Fällen ist es das unverhüUte, 
noch dazu inzestuöse Liebesleben, das auf die Kinder verlockend wirkt und 
dem zu Liebe sie sogar auf Rang und Wohlstand verzichten möchten. Man 
könnte also in diesem Sinne ebensowohl von hilfreichen Dienstboten und 



328 Mitteilungen 

Zigeunern reden, die dem Kind in seiner sexuellen Not beisteiien, wie so olt 
die „hilfreichen Tiere" in den Märchen. 

Bekanntlich setzt sich manchmal diese Tendenz der Rückliehr zur Natur 
späler auch in der Realität durch; die vielen und gerne weitererzählten 
Geschiehten von Verhältnissen zwischen Gräfinnen und Kutschern oder 
Chauffeuren, zwischen Prinzessinnen und Zigeunern verdanken also allgemein- 
menschlichen Strebungen das große Interesse, das sie erwecken. 



2. Psychische Erkrankung als Folge des sozialen Aufstiegs. 

Ich verfüge über eine kleine Beobachlungsreihe von NeurosenfSllen, in 
denen unter den iaankmachenden Ursachen dem Umstände, daß die Patienten 
in früher Kindheit, meist während der sexuellen Latenzzeit, mit ihrer Familie 
sozial höher stiegen, große Bedeutung zugeschrieben werden mußte. Drei dieser 
Fälle betrafen Männer, die au sexueller Impotenz litten, eine Patientin litt an 
Tic convulsif. Von den drei Impotenten waren zwei Vettern, deren Väter zur selben 
Zeit wohlhabend und ^fein" wurden, zu einer Zeit, wo ihre Söhne 7—9 Jahre 
alt waren. Alle drei Impotenten machten eine außerordentlich wilde und 
üppige, polymorph-perverse infantile Sexualität durch, an deren Entfaltung 
sie durch keine Aufsicht, keine Konvention gehindert waren. Im besagten 
Alter kamen sie in ganz ungewohnt feine Verhültnisse, zum Teil mußten sie 
sogar den vertrauten ländlichen Aufenthalt mit dem städtischen oder groß- 
städtischen Leben vertauschen. Sie büßten bei diesem Wechsel ihren früheren 
Wagemut und ihre Selbstsicherheit ein, denn gerade wegen iiirer Ausgelassen- 
heit mußten sie besonders starke Reaktionsbildungen entwickeln, wollten sie 
den Ichidealen eines neuen, vornehmeren Milieus auch nur halbwegs ent- 
sprecheu. Kein Wunder, daß dieser Verdrängungsschub gerade die sexuelle 
Aggressivität und die genitale Leistungsfähigkeit am stärksten in Mitleiden- 
schaft zog. 

Schon bei diesen Patienten, noch mehr aber bei der Tic-Kranken konnte 
ich einen das Maß des Kormalen weit übersteigenden Narzißmus konstatieren, 
der sich in hochgradiger Empfindlichkeit äußerte. Die geringste Nachlässigkeit 
beim Grüßen legten sie als Beleidigung aus; sie alle hatten den „Komplex des 
Geladen-sein-woUens" und konnten jemanden wegen Hintansetzung ihrer Person 
zeitlebens hassen. Natürlich steckte hinter dieser Empfindlichkeit das Gefühl 
der eigenen sozialen Schwächen, besonders aber das unbewußte Wirken der 
perversen Sexualregungen. Die Tic-Kranke und einer der Sexual-Impotenten 
hatten auch das gemein, daß sie in der Latenzzeit nicht nur sozial, sondern 
gleichsam auch moraUsch höher stiegen, indem gleichzeitig auch die 
Illegitimität ihrer Herkunft korrigiert wurde. Eine jüngere Schwester der 
Tic-Krankeo, ältere und jüngere Brüder eines der Impotenten blieben von 
der Erkrankung verschont, vielleichl weil sie noch vor Abschluß der infantilen 
Sexualperioden oder schon zu Beginn der Pubertät den großen Milieuwechsel 
mitmachten, der ihnen also nicht mehr schaden konnte. Die Latenzzeit hat 
ungeheure Bedeutung als die Zeit der Festlegung der Charakterzüge und der 
Statuieruug des Ichideals. Die Störung der Einheitlichkeit dieses Prozesses 
etwa durch Änderung des moralichen Standard of life mag häufiger, als wie 
es bisher ahnten, bei den unvermeidlichen Koufliklen zwischen Ich und 
Sexualität, zu neurotischer Erkrankung führen. 



Mitteilungen 329 

Bemerkungen zu Dr. Abrahams „Außerungsformen des weiblichen 

Kastrationsicomplexes". 

Von Dr. Ernest Jones (London). 

Es dürfte jedem Psychoanalytiker leicht fallen, aus seiner persönlichen 
Erfahrung Beispiele zur Bestätigung von Dr, Abrahams wertvoller und 
lehrreicher Arbeit anzuführen. Eine eingehende Besprechung seiner Aus- 
führungen würde den Raum eines ganzen Artikels in Anspruch nehmen. Es 
scheint mir aber der Mühe wert, wenigstens einige Bemerkungen mitzuteilen, 
die sich aus dem Material ergeben haben, das mir zur Zeit der Lektüre dieser 
Arbeit zur Verfügung stand. 

1. Der Wunsch nach dem Besitze eines Penis verbindet sich beim 
Mädchen mit dem Wunsch, vom Vater ein Geschenk (ursprünglich einen Penis, 
später ein Kind) zu erhalten. Bei einer weibliehen Patientin verursachte die 
folgende, ungünstige Kombination von Umständen die Überbetonnng eines 
starken Kastrationskomplexes. Patientin hatte nur einen einzigen älteren 
Bruder, für den sie sowohl Neid wie Eifersucht empfand. Er hatte seit seiner 
Geburt einen mißgestalteten Fuß, für dessen Behandlung der Vater alles ihm 
Mögliche aufbot. Er brachte den Knaben regelmäßig zu einem berühmten 
Londoner Chirurgen, der ihn, neben anderen Behandlungen, nicht weniger als 
elfmal operierte; zu Hause pflegte der Vater das Bein des Kindes zweimal 
täglich selber zu massieren ; das Mädchen wurde über diese Bemühungen 
vernachlässigt. Schließlich trat wirklich eine Heilung des Beines ein, in dem 
Mädchen blieb aber das Gefühl zurück, daß man zwar alle Anstrengungen 
mache, um dem Jungen ein gesundes Glied zu verschaffen, aber nicht das 
gleiche für sie tue. Daß der Fuß ein verbreitetes unbewußtes Symbol für den 
Penis ist, wissen wir aus zahlreichen Nachweisen. 

Das Mädchen spielte bis zum Alter von drei Jahren gern© mit Puppen. 
Zu dieser Zeit wurde im Hause ihrer besten Freundin ein Kind geboren. Nach 
diesem Ereignis entwickelte sie stark männliche Züge, wollte von Puppen 
oder Babies nichts mehr wissen und weigerte sich sogar in ihrer späteren 
glücklichen Ehe hartnäckig, Mutter zu werden. 

2. Die Herabsetzung des männlichen Gliedes als Abwehr gegen Neid- 
gefühle: Eine Frau träumte, daß ein bestimmter Mann an der Seite des Kopfes 
ein zweites, totenähnliches Gesicht zeigte, wobei sie dachte: „Armer Kerl, 
warum läßt er sich nichts gegen eine solche Verunstaltung machen?" Die 
Assoziationen führten sie auf ein gebrauchs unfähiges, nach der Seite schielendes 
Auge eines Freundes aus der Kinderzelt. Der kleine Knabe hatte damals stolz 
vor ihr exhibitioniert und sie hatte dabei gedacht: „Er bildet sich ohne Grund 
viel ein." 

3. Kastralionsangst in Verbindung mit der Defloration : Wie Freud in 
seinem ^Tabu der Virginität" nachgewiesen hat, erklärt sich die primitive 
Sitte, den ersten Koitus nicht durch den Gatten ausführen zu lassen, aus de 
Furcht, in der Frau könnten durch die Defloration feindselige Gefühle ent- 
stehen, die dann den Wunsch mit sich bringen, den Übeltäter selber durch 
Kastration zu bestrafen. Abraham führt zur Veranschaulichung solcher 
Reaktionen Fälle von neurotischen Patientinnen an. In einem Buch aus dem 
XIV. Jahrhundert, .Voiage and Travaile ot Sir John Maundeville" (p. 285), 
beschreibt der Autor eine Insel im fernen Osten, auf der diese Sitte besteht, 
denn „die Einwohner dieses Landes halten es für ein so großes und gefähr- 

Internat. Zeitachr. f. Psyoboanalrie, VIll/3. 21 



330 Mitteilungen 

liches Unlemehmen, die Jungfrauschaft einer Frau zu rauben, daß ibnen 
scheint, ein jeder, der solches tut, begebe sich in Lebensgefahr«. Die Ein- 
wohner der Insel erliiaren diese Sitte als einen Überrest aus alten Zeiten. 
Damals ^hatten Männer den Tod gefunden bei der Defloration von Jungfrauen, 
die Schengen an ihrem Leibe hallen; diese Schlangen stachen die Männer in 
den Penis, so daß sie starben«. Wir erliennen, daß wir es hier mit einem 
Talion<.lauben zu tun haben: der IWlann, der eine Frau bei der Defloration 
mit seinem Gliede verletzt, müsse durch ibre .Schlange" ebendort eme 
Verletzung erleiden. 

Kleine Nachträge zur Studie „Äußerungaformen des weiblichen 
Kastrations komplexes" von Abraham'. 

Von Dr. M. J. Eislar (Budapest). 

Eb 8ei unter Berufung auf die Wichtiglieit des bebandelten Gegenstandes 
gestattet, zu den vielseitigen und mit großer Umsiebt geordneten Beobachtungen 
Abrahams aus einem viel bescheideneren Material einige Zusätze zu 
machen. A b r a h a m hat auch diesmal aus der Fülle der Erscheinungen mit 
glücklichem Griff das Wesentliche herausgeholt, denn im Grunde gibt es wohl 
keinen einzigen Fall von weiblicher Neurose oder Psychose, worin der 
„Kaetrationskomplex" nicht irgendwie zutage tritt, wie er auch in der „normalen" 
Psyche des Weibes nicht ohne Rollenbeteilung bleibt. Gewiß, ähnliche 
Erfahrungen sind schon gemacht und vereinzelt auch ausgesprochen worden, 
aber das ist etwas anderes, als einen Gegenstand systematisch zu durch- 
dringen und von allen Seiten zugleich in den Brennpunkt zu rücken. Die hier 
folgenden Bemerkungen sind also nur als Nachtrag gedacht und suchen die 
dort erschlossenen Tatsachen in mancher Hinsicht zu ergänzen. 

Das von Abraham angeführte Material ist fast zur Gänze psychischer 
Natur und spricht sieh zunächst in patholosischeu Veränderungen der Gesamt- 
persönlichkeit aus. In der psychoanalytischen Arbeil haben wir es ja vor allem 
mit solchen Ersatabildungen zu tun, die unser Augenmerk überhaupt auf den 
Komplex lenken. Bei näherem Zusehen und intimerem Eingehen auf die 
Symptome werden wir jedoch finden, daß die Auswirkungen oft tiefere sind 
und sich auch gleichsam in der Form von biologischen Reaktionen äußern. 
Da ist in erster Reihe die von Abr a ha m nicht erwähnte Amenorrhoe, 
die in engstem Zusammenhang mit dein weiblichen Kastrationskoraplex stehen 
kann. Zweifelsohne ist sie dann als Konvorsionssymptora aufzufassen. Inter- 
essanterweise übernimmt da das zentrale weibliche Organ die Rolle, den 
Protest gegen die Männlichkeit durchzuführen, worüber ich bei anderer 
Gelegenheit gesondert sprechen will. Klinisch ist eine solche Amenorrhoe von 
wechselnder Dauer und wird durch ein verwickeltes Kräftespiel aufrecht- 
erhalten. In einem Falle, den ich behandelte, verband sich die aus narzißtischen 
Motiven gestaltete Ablehnung gegen die eigene Weiblichkeit mit homosexuellen 
Antrieben und bracbte die Amenorrhoe hervor. Gleichzeitig wurde eine 
exzessive Onanie betrieben, um die Überfiüssigkeit des Mannes noch mehr zu 
bescheinigen. Als die „aktive Therapie" das Einstellen der onanisüschen Akte 
verlangte und erzwang, traten die vorausgesagten Monatsblutungen — zwar 
unregelmäßig — wieder ein. Eine andere Patientin brachte mich auf den 
übrigens naheliegenden Gedanken, daß die Erek tili tat der Brust- 

■ Intemftt. Zeitschr. f. Psa. V[I. J&brg:., 4. Heft. 



Mitteilungen 331 

warze geradezu als unmittelbarer Ersatz für die entgangent Männlichkeit 
einstehen kann. Es handelt sich um einen Reflexvorgang, der enw mit der 
sexuellen Erregung zusammenhängt. WahracheinÜch iat er sogar eine Begleit- 
erscheinung der normalen Sexualität und tritt als solche mit verschiedener 
Betontheit auf. Die Irritabilität der Brustwarze durch das andere Geschlecht 
ist eine oft sehr hohe und lustbetonte, doch kann sie auch das erträgliche 
Maß übersteigen und dann zur strikten Ablehnung des Reizes fuhren. Die 
wenig beobachtete Brustwarzenonanie fällt ebenfalls in diese Beobaehtangsreihe. 
Schließlich ist zu erwähnen, daß in vielen Fällen, welche durchaus als normale 
Variante gelten können, das sogenannte „Zungenspielen" den lustvollen 
Ersatz für den unterdrückten Kastrationskomplex des Weibes bedeutet. Es 
wird in der Regel als ßegleitsympiom des Orgasmus fast reflektorisch vollführt 
und will dokumentieren, daß es dem Weibe doch gelingen kann, in eine 
männliche Höhlung einzudringen. 

Auf den Zusammenhang zwischen Kastrationskomplex und Menstruation 
daß nämlich die letztere vom neurotischen Denken sozusagen als Beweis für 
die verlorene oder entgangene Männlichkeit hingenommen wird, hat Abraham 
bereits nachdrücklich hingewiesen. Das einleuchtendste Beispiel hiefür dürfte das 
folgende sein. Eine Hysterische zeigte während der Menstruation Neigung zu 
krassen Wutanfällen, auch bearbeitete sie mit ihi'en Fingernägeln den eiwenen 
Körper an verschiedenen Stellen, ob sie auch anderswo bluten könne. 
Es war nicht schwer, hinter dem krankhaften Affekt den unbändigen Befreiungs- 
wülen von der durch die Natur ihr aufgezwimgenen Weiblichkeit aufzudecken. 

Die seelische Verarbeitung dessen, wie sich das Weib mit der Tatsache 
der Menstruation abzufinden hat, ist in jedem Fall eine erhebliehe und hinter- 
läßt unter anderem auch solche Spuren, die abseits vom Psychischen liegen 
und daher darch den Analytiker nicht leicht zu beobachten sind. Ich habe 
seit geraumer Zeit mein Augenmerk auf die Gefühlsvariationen beim „normalen" 
Geschlechtsakt gerichtet und gefunden, daß manche Frauen hiebe! ein beson- 
deres Verhalten zeigen. Für diese trat das höchste Lustgefühl (in gegebenem 
Fall: der Orgasmus) nur beim Eindringen des männlichen Gliedes auf, als 
dieses die Stelle des früheren Hymens passierte. Im weiteren Verlauf des 
Geschlechtsaktes war das allmähliche Schwinden der Lustempfindung so 
deutlich, daß dies sogar vom Partner beobachtet wurde. Bei allen diesen 
Frauen war ein heftiger Widerwillen gegen die eigene Person zur Zeit der 
Monalsblutung vorhanden, und sie gaben ihren Unmut darüber oft tempera- 
mentvoll genug das Wort. Im Symptom selbst erkennen wir eine mehrfache 
Kreuzung der Gedankenreihe: Menstruation — Defloration — Kastration, wobei 
die Tendenz, das normale Gleichgewicht zu erhalten, zu diesem speziellen 
Endergebnis führte. Solche Fälle, bei denen das Seelenleben sozusagen frei 
und unbeengt blieb, und die Nachwirkung eines einschneidenden Erlebnisses 
sich nur auf einen Reflexvorgang beschränkte, sind für die analytische Erkenninia 
nach meinem Dafürhalten sehr wichtig. 

Die unbewußte, wohl typisch sich wiederholende Gleichsetzung von 
Defloration und Kastrationakomplex spielt, soweit meine Erfahrungen 
reichen, eine ganz besondere Rolle in den Fällen von weiblicher 
Zwangsneurose. Ich werde bei nächster Gelegenheit die ausführliche 
klinische Beschreibung eines solchen Falles geben und teile hier aus dem 
ganzen Beweisverfahren nur die wesentlichen SchJußgedanken mit. Durch die 
Festlegung des zwangsneu rot iechen Charakters auf die sadistisch -anale Stufe 



332 



Mitteilungen 



ist das Grundmotiv gegeben. Ein solcher Charaliter sieht unter anderem im 
geschlechtlichen Verbehr bloß einen sadistischen Akt, der passiv erlebt werden 
muß und wogegen Haß- und Raeheimpulse aufgeboten werden. Insbesondere 
hinterlaßt der erste Akt (die Defloration) solche GefühUreaktionea, die bei 
genügender Stärke der pathologischen Verdrängung unterliegen und dann den 
unmittelbaren Anlaß zum Ausbruch der Krankheit abgeben. (Vgl. das Beispiel 
von Freud- „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse% S. 293.) 
Bei neurotischen Mädchen spielt die an den e.-sten Verkehr gebundene 
Erwarlungsangst eine ähnliche Rolle. Im Fall, welchen ich darstellen werde. 
trat das erste Zwangssymptom unter der Einwirkung einer solciien Angst auf, 
ging dann scheinbar spontan zurück, um nach der Defloration wieder, und 
diesmal viel stärker, aufzuflackern. Es war von großer — wie mir scheint, 
prinzipieller - Bedeutung, daß der im Zwangsgedanken mitmbegriffene 
Zweifel hier eine doppelte Schichtung verraten konnte. Einerseits bexog er 
sich auf die Defloration, deren unliebsame Tatsache geleugnet werden sollte: 
Bin ich ein Weib geworden?"; andererseits spielte er auf den tieferliegenden 
Kastrationskoraplex an: „Bin ich Überhaupi ein Weib?' Die tiefste Wurzel 
des Zwangssymptoms war in diesem letzteren Gedanken evideot gemacht 
worden, dessen unerträgliche Natur keinen anderen Ausweg mehr als den in die 
Krankheit gelassen hat. Ich darf sagen, daß mich kein zweites Beispiel stärker 
davon Überzeugen konnte, welch hohe psychische Leistung seitens des weib- 
lichen Geschlechtes darin liegt, im Gelühl die weibliche Einstellung endgültig 
durchzusetzen. 

Die generelle Bedeutung des weiblichen Kastrationskomplexes bat 
Abraham durch die vielen Beispiele mit rein psychischen Erscheinungs- 
formen, die nicht in der Regel pathologisch verstärkt sein mußten, vollauf 
klar bewertet. Es wäre daher müßig, nach weiteren Beispielen zu forschen,, 
die seine Feslstellungen stützen künnen. Ich mache mit einem einzigen die 
Ausnahme, weU ich dieses sehr charakteristisch finde und voraussetze, daß es 
in der Kasuistik von A b r a h a ra sicher nur versehentlich fehlt. Wir Analytiker 
haben oft Gelegenheit, von unseren Patienten schriftliche Mitteilungen zu 
bekommen. Bei solcher Gelegenheit war mir aufgefallen, daß viele neurotische 
Frauen sich der S t e i 1 s c h r i f t befleißigen. Ich weiß nicht, wie die Grapho- 
logen darüber denken, mir lag immerhin der Gedanke nahe, daß sich hierin 
der „Männlichkeitskomplex" des Weibes ein Symptom schaffte. Nicht seilen 
gelang dann der Nachweis, daß diese Art zu schreiben erst zur Zeit der Pubertät 
gleichsam als Willensprodukt angeeignet wurde^. 

Zum Schluß möchte ich noch auf den vielsagenden Umstand hinweisen, 
daß viele von den Charaktereigenschaften, welche von Dichtern und Psycho- 
logen als die weiblichsten hervorgehoben und gerühmt werden, in analytischer 
Durchleuchtung ihreu verborgenen Gegensinn verraten. Die Sprödigkeit — 
dieses PaUiativ einer seelischen Jungfräulichkeit — jene reizvolle Haltung, 
womit manche Frau ihre Hingabe selbst noch auf der Höhe des Gefühls 
mißbilligt, ihre Scheu und Neugier, wie vielleicht auch die merkwürdige 
Selbständigkeit und Erfahrenheit in allen Herzensangelegenheiten und inneren 
Beziehungen, solche und andere Züge mehr wurzeln in den Tiefen, zu welchen 
uns der Kastrationskomplex geführt hat. 



' Wenn Iialbwflchmfte Müdphenium Sehers; Bulienkleidcr unlogen, »vas jaim Fa.n.l.en- 
Icrdse hüiiSff vorkommt, trafen Bift oino plötzlich« AuiReUsBenlieit ^u.' Schau, welche im 
merkwürdigen Gogensatz zn ihrem eonstigen \Nwea atcht. 



MitteiluQgeii 333 

über Spezifität der Onenteformen. 

Von Dr. Wilhelm Reich (Wien). 

Bei der Analyse eines Traumelementes begnügen wir nns in der Regel 
nicht mit der Mitteilung des Patienten, das Traumelement X stehe für das 
Erlebnis Y, sondern wir sind bemüht zu erfahren, warum Y gerade X zu seiner 
Darstellung gewählt habe, und erhoffen mit Recht von der Aufklärung der 
Spezifität dieser Wahl ein tieferes Verständnis von Details, aus welchen wir 
Genese und Sinn des Symptoms rekonstruieren. Wir meinen, daß genaueste 
Untersuchung der spezifischen Determinierung als eines der vielen 
Grundgesetze der analytischen Arbeit überhaupt aufgefaßt werden müsse 
und wollen in folgenden kurzen Ausführungen von diesem Standpunkte aus 
ein Gebiet von Triebäußeiungen betreten, dem allgemeine Bedeutung von der 
Psychoanalyse immer zugeschrieben wurde. 

Das Wesen der Onanie ist aufgeklärt, die typischen unbewußten Phantasien, 
das resultierende Schuldgefühl sind in ihrer Herkunft zum Großteil autgedeckt 
worden'. Eine kleine Lücke im Verständnis der Onanie soll hier ausgefüllt 
werden: wir meinen die Onauieform. An Schwierigkeilen, die sich bei der 
Behandlung von Impotenten ergeben, kann man es lernen, der Onanieform 
erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden und finden, daß manche unbewußte 
Triebregung an einem manifest scheinbar nebensächlichen Detail in der Art 
zu onanieren Ausdruck und Abfuhr findet und der Besprechung in der 
Analyse so lange entgeht, als ihre Äußerung nicht in scharfe Beleuchtung 
gebracht und vor allem dem Patienten geraten wird, zwar nicht die Onanie, 
aber dieses oder jenes Detail in der Durchführung zu unterdrücken'^ 

Wir wollen aus der Fülle der FäDe nur zwei gut analysierle bringen. 

Fall 1. 28iährig9i' Patient, Kellner, von jeher absolute Erektions- 
Unfähigkeit. Die Analyse verläuft durch acht Monate sehr günstig. Keine 
Pubertätsonanie. Erste Onanie im Felde als Zweiundzwanzigjähriger. Die Analyse 
stoclit eines Tages bei Besprechung analeroüscher Komplexe und beinfettschi- 
stiseher Phantasien. Ungewöhnlich langer Widerstand. Während dessen Wieder- 
auftreten der Onanie. 

Form: Der Penis wird nach hinten zwischen die Beine gepreßt und 
von hinten mit einer Hand gekitzelt. Dabei werden die Beine aneinander- 
gepreßt. 

Der Analytiker Itißt die kleinsten Details bei der Onanie erinnern und 
mehrmals erzählen. Es kommt der Einfall, daß die Lust beim Onanieren 
weniger, ja manchmal gar nicht, an der Eichel, sondern hauptsächlich an der 
Innenfliiche der Oberschenkel lokalisiert sei. Dazu die Einfälle: Die Lust, mit 
dem Bein das Weib an der Vagina zu reiben ; „Warum habe ich solche Kraft 
im Beine und nicht im Penis?"; „Ich zwänge ja das Glied ein"; im Hinter- 
grunde steht die Wiederholung eines für seine Impotenz höchst bedeutsamen 
Verhaltens: Patient litt bis zu seinem sechstem Lebensjahre an Enuresis 
nocturna, von der ihn der Vater zu seinem Schaden durch Prügel „geheilt" 
hatte. «Ich presse die Schenkel aneinander wie damals, als ich den Urin aus 
Angst zurückhalten wollte." Die Analyse dieser Onanieform dauert mehrere 



■DieOiis.iiie. DiBkusHioii in dor Wiener Psych oanalytiaehen Vereinigung. 1912. 
^ S. Fereucxl; „Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse" 



334 Mitteilungen 

Monate. Wir wollen es unterlassen, hier den Gang der Analyse wiederzugeben. 
Als Resultat wurde aufgedeckt: 

1. Eine Wiederholung der Situation des B ei neznsam in en pressen s zwecke 

Urin Verwaltung. 

2. Die Schläge wurden als Kastration aufgefaßt und der Penis so davor 

geschützt, 

' 3. Die Erogenitat hatte eine Verschiebung erfahren von der Glans auE 
die Oberschenkel. Die Schenkel dienen der Abwehr und übernehmen gleich- 
zeitig die erogene Funktion. Im Projekt ionswege überwog das Bein und die 
Brust (diese anders determiniert) als AnKiehungskraft beim Weib. 

4. Eine Abwelir des Gedankens, daß Hie Mutter koitiert wird: „Ich will 
nicht, daß das Weib von einem anderen koitiert werde; das Weib preßt die 
Schenkel aneinander, wenn es nicht wilk" 

5. Die Analyse des „von hinten Kitzeins" ergab eine breite Einbruehs- 
pforle zuerst in passiv-feminines, spUter in autoerotisches Gebiet und anal- 
erotische Selbstbefruchtungsphantasien (Penis-Kolsäule). 

6. Eine unbewußte Angst vor dem Onanieren mit der Hand, sei es 
eigener oder fremder. In der Puberliit hatte Patient einen Liebhaber des 
Dienstmädchens vor dem Koitus überrascht und am eregiertcn Penis gepackt. 
Sadistische Tendenzen waren wach geworden und diis Schuldbewußtsein (die 
absolute Erektionsunfähigkeil war im Kern ein einziges großes Tabu) hatte 
die Hand tab« gemacht. (Diesen Horror manua findet man bei schwer Impo- 
tenten sehr oft. Die Analyse kann es dann als vorläufigen therapeutischen 
Erfolg buchen, wenn der Patient wieder zu onaniereu beginnt, und zwar 
unverhüllt, manuell und ohne Schuldgefühl. Es bleibt dann weitere Aufgabe 
der Analyse, den Patienten, der bei der Onanie oft die ersten kräftigen 
Erektionen bekommt, von dieser zum Weibe zu bringen. Hitscbmann 
bestätigte in der Diskussion die Bedeutung des Sicli-Hervorwagens der genitalen 
Erotik in Form der Onanie auch für die Therapie der Frigidität.) 

Wir stießen somit auf durchwegs wichtiges Material binnen relativ 
kurzer Zeit, wozu wir auf anderem Wege sicher viel lünger gebraucht hätten. 
Ein Erfolg blieb auch nicht aus: Mit Analyse dieser unbewußten Deter- 
minierungen, insbesondere des Handtabus, traten kräftige, anhaltende 
Erektionen bei der Onanie auf, nachdem die Peniserogenität wieder frei 
geworden war. 

Fall 2. 32jähriger Patient, beiderseits aktiver psycho-sexueller Herma- 
phrodit, leidet seit jeher an gestörter Potenz beim Weibe. Narzißtischer 
Typus, Sucht selbst zu analysieren, der Widerstand äußert sich in einer durch 
Intelligenz unterstützten geschickten Kombinationsgabe. Patient hat einige 
Kenntnis über Psychoanalyse, sehr zum eigenen Schaden. Er weiß alles, klärt 
alles sofort und spontan auf, bringt reichlich Einfalle, bleibt aber innerlich 
unangetastet. Ekzessiver Ooanist seit dem achten Lebensjahre bis dato. Der 
Analytiker greift zum Rat, die Onanie zu unterdrücken. Patient, der einen 
mächtigen Gesundungswillen hat, reagiert darauf mit mehrwöchigem Wider- 
stand in Form von Trotz und Schweigen, befolgt aber den Rat. An Stelle der 
Tages- und Abendonanie tritt nunmelar nächlliche Onanie, meist nach vorher- 
gegiingenera Traum ein. Dagegen ist der Patient angeblich machtlos. Es wird 
sowohl dem Referenten als auch dem Patienten klar, daß die Onanie alle 
Energien, die in der Kur zum Vorschein kommen sollten, abführt und daß 
Patient die Onaniephautasien nicht hergeben will. Zum Verbote zu greifen 




Mitteilungen 335 

wäre hier gefährlich. Die Analyse schreitet trotz eifriger Bemühungen beider 
Teile nicht fort. Der Patient wird dazu verhalten zu erzählen, wie er onaniere. 
Anfangs kanii sich der Patient an nichts erinnern. Allmählich treten eigen- 
artige Details zutage, Patient onaniert auf dem Beite liegend, weit hinten 
übergebeugt, beziehungsweise den Penis vorgestreckt, mit einem Fuße außer- 
halb des Bettes. Kurz vor der Ejakulation wird der Nachttopf ergriffen, angeblich 
um das Bett nicht zu verunreinigen. Er onaniert nur mit drei Fingern, 
beziehungsweise deren Spitzen so, daß Zeige- und Mittelfinger am dorsum 
penis, der Daumen unten zu liegen kommen. Zu bemerken ist, daß Patient mit 
seiner Mutter, deren uneheliches Kind er ist, bis dato in einem Zimmer 
schläft' I Das Weitbintenüberbeugen führt den Patienten auf den Einfall, er 
habe einmal als Kind das Bild von der Opferung Isaaka gesehen. Dieser liege 
da, gebunden, hintenübergebeugt; darüber der Vater mit gezücktem Messer. Es 
ist bemerkenswert, daß Patient dieses Bild schon viel früher besprochen 
hatte, ohne jede Wirkung, während jetzt der Affekt deutlich zutage trat. Seine 
narzißtische Abgeschlossenheit, die bisher jeden Weg zum Affekt versperrt 
gehalten hatte, war in der Hauptsache ein krampfhaftes Niederhalten seiner 
mächtigen unbewußten Kastralionsangst; sein sicheres, arrogantes Wesen die 
Deckung eines tiefen Minderwertigkeitsgefühls und eines unbewußten maso- 
chistischen Wunsches zur Hingabe (während er manifest eher sadistisch war). 
Diese Onanieform deckte also seine masochistische Hingabe an die Kastration 
durch den Vater, den Patient sehr liebte und haßte; nach ihm hatte er sich 
als Kind gesehnt (hier wurzelt ein gut Stück seiner homosexuellen Trieb- 
richtung). Ein anderes Detail bildete den Gegensatz dazu : Er flieht gleichsam 
vor der Kastration, indem er einen Fuß wie zur Flucht aus dem Bett streckt. Das 
Streichen des Penis mit den drei Fingern und deren charakteristiache Haltung, 
sowie die Benützung des Nachttopfes führten weiter zur Einsicht: ,Ich spiele 
in meiner Onanie Mntter und Kind zugleich^^." Dazu wurde ein alter Wunsch 
deutlich bewußt, die Mutter möge ihm den Penis zum Urinieren herausholen 
und halten. Auf die weiteren Zusammenhänge soll hier nicht eingegangen, 
aber erwähnt werden, daß die genaue Analyse der Onanieform einen wesent- 
lichen Fortschritt brachte, indem sie eine Einbrucbspforte schaffte in an eine 
infantile Enuresis geknüpftes Material. 

Im Fall 2 wurde also dem Patienten geraten, die Onanie vorläufig zu 
unterdrücken, ferner wurde auf genauestes Emählen der Manipulationsdelails 
geachtet, im Fall 1 wurde der entgegengesetzte Weg beschritten mit Rücksicht 
darauf, daß hier eine totale Verdrängung der genitalen Erotik vorlag, wahrend 
dort das Genitale autoerotisch überbetont war : es wurde dem 
Patienten die Onanie nicht anempfohlen, sondern die vom Patienten mitgeteilten 
Bemerkungen über die „schreckliche" Onanie, ihre Schäden usw. widerlegt 
und quasi gesprächsweise bemerkt, daß die meisten, auch gesündesten Männer 
onanieren, Onanie, gewisse Zeit hindurch geübt, normal sei; dadurch entfiel 
der Verdrängungsdruek, nachdem lange vorher inzestuöse Phantasien reichlich 
aufgedeckt worden waren und einige Zeit später onanierte Patient in der 
beschriebenen Weise.- 



> Auf des Rat des Referenten bezog Patient nach einiger Zeit ein anderea Schlaf- 
gemaob. 

= In der Identiüiieruag' mit der Mutter war eine weit wiclitig-ere Wunel seiner 
Homosexualität gcgehe.n, indem er Jünglinge gern belahrte nnd ina Geachlechtliche eiii- 
fSbrte. (Sadger. Die Lehre von dem GeschlochtsTerirrnugeii auf pafahoanalytificber 
Grnadlage. Wien, 1931.) 



336 Mitteilungea 

In der Leitung der onanisUschen Betätigung während der Kur durch 
den Analytiker ist sicher eine ebenso wesentliche, aiitiv-therapeutisehe, wie 
in manchen Fällen gefährliche Handhabe gSKeben, zu deren Gebrauch man 
noch viele Erfahrungen wird sammeln müsaen, 

Es iet anzunehmen und vielfach erwiesen, daß sich in der Onanie, als 
dem Ktistallisationspunlit infantiler und Pubertätssexualität, die wesentlichsten 
Triebregungen ballen, hier Ausdruclc und Abfuhr finden. Diese Erfahrung in 
technisches Verfahren zu gießen, muß man in vielen Fällen bestrebt sein und 
kann daraus die Bestätigung der Annahme erschließen, daß man zu den 
Onaniephanlasien am leicateaten gelange durch Analyse der jeweiligen, 
aber auch der früher geübten Onanieform. Richtige Übertragung und alle 
anderen Kriterien einer günstig verlaufenden Analyse sind natürlich auch hier 
erforderlich. Wir möchten die bestimmte Hoffnung aussprechen, daß uns die 
Betonung der Bedeutung der Onanieform nicht in dem Sinne ausgelegt 
werde, daß wir deren besondere Beachtung als Allheilmittel betrachten. Es 
ist lediglich gemeint, daß man Bur Erkenntnis bestimmter, der genitalen 
Erotik am nächsten liegender Fragen der Analyse (und dies gilt besonders 
für Impotente) auf dieue Weise am leichtesten und schnellsten gelange. 

Wir wissen, daß die Onanie normalerweise ein kürzeres oder 
längeiea Stadium um die Pubertät herum beherrscht Für die Beurteilung, ob 
hinter der Onanie für später beunruhigende Vorgänge stecken oder nicht, kann 
die Beachtung der Onanieform manches (nicht alles) leisten. 

Der in der Hauptaache psychisch gesunde Jüngling onaniert in einer 
Art, die seine Aktivität deutlich zur Schau trägt. Referent kennt bisher folgende 
Hauptformen : 

1. Onanie auf dem Bauche liegend durch aktive Bewegungen des Beckens 
auf dem Leintuch oder einer improvisierten Vulva (Hemd, Polster usw.) ohne 
Zuhilfenahme der Hand. Hier scheint die männliche Einstellung sicher zu 
sein, die Phantasie auf das richtige Geschlecht (wenn auch unbewußt inzestuös) 
gerichtet. Die Alloerotik ist hier die treibende Kraft. 

2. Schon bei der Onanie im Bette, auf der Seite liegend, mit der Hand 
oder im Bade ist der autoerotische Einschlag stärker. Diese Onanieform ist 
unserer Erfahrung nach die weitaus häufigst geübte. 

3. Prognostisch nicht sehr günstig zu beurteilen ist die Onanie auf dem 
Hucken liegend mit Lokalisation der Aktivität in die Hände, während der 
Rumpf passiv bleibt. Die Erfahrung lehrt, daü diese Art der Onanie haupt- 
sächlich von feminin eingestellten Männern geübt wird. 

4. Als sehr verdächtig sind Onanieformen anzusehen, die den früher 
beschriebenen ähneln. Dazu einige Beispiele : Knaben onanieren im Zimmer 
der Eltern während deren Koitus, wobei der Onanist bestrebt ist, eigenen 
Orgasmus mit dem des Vaters zusammenfallen zu lassen. Zwei Analysen 
(Erytrophobie, Ängstneurose) konnten mir die Gefahr solchen Verhaltens vor 
Augen führen. Onanie, indem der Penis zwischen Wand und Bett oder 
zwischen Matratzen gesteckt wird. Einklemmen des Penis sowie Onanie mit 
Umbinden eines Tuches. Beide sind auf eine selbstbestrafende Tendenz zurück- 
zuführen. Rationalisiert wird letzteres mit „damit es nicht weh tut". Onanie 
vor dem Spiegel (narzißtisch), bei Lektüre von Vergewaltigungsszenen (dies sehr 
häufig), im Klosett, in Öffentlichen Anlagen, wenn auch gut gedeckt hinter 
Strfiuehern, mutuell mit Kameraden usw. usw., weisen auf höchst bedenkliche 
pathologische Vorgänge im Unbewußten. 



11 



Mitteilungen S37 

Eine spezielle Form der Onanie konnte als eine infolge Verdrängung 
auf den eigenen Körper verlegte a kfiv- homosexuelle Betätigung entlarvt 
werden : der Patient (Zwangsneurotiker) onanierte, meist im Bade, in der Art 
daS er in der Hüftbeuge leicht zusammenknickte und auf diese Weise das 
vorher eingeseifte erigierte Glied längs der Oberschenkel rieb. (Im Gegensalz 
hiezu steht die Onanieform wie im Fall 1: passiv-feminin.) 

Bei Mädchen muß die Onanie an der Klitoris (vor) und Vulva (nach 
der Pubertät) in passiver Rückenlage für normal angesehen werden. Von 
pathologischen Äußerungsformen seien hier genannt: Onanie durch Zerren an 
der Klitoris (Peniswunsch) oder auf dem Bauche liegend, Hände an die Brust 
gepreßt^. Onanie im Anus (auch bei Männern häufig). Es ist fraglich, wie die 
sonst für normal angesehene weibliche Onanie durch Aneinanderpressen der 
Schenkel beurteilt werden soll. Referent ist nach Analyse einer Enuretikerin 
der Ansicht, daß hier bedeutsame Störungen vorliegen können. 

Eine Gesichtsillusion als Ausdruck der ambivalenten Übertragung. 

Von Dr. G. Bychowskl (dzt. Wien). 

In der zweiten Woche der Analyse erzählt die Patientin, sie habe nach 
Schluß der letzten Sitzung gesehen, wie der Arzt sich eine Zigarette anzündete. 
Sie hate sich darob sehr gewundert, denn sie habe ihn bis jetzt noch nie 
rauchen gesehen. 

Nun war ich selbst nicht weniger verwundert, da ich überhaupt nie 
rauche. Die Patientin versicherte mir zunächst, sie habe mich wirldich mit 
angezündeter Zigarette erblickt, so daß ich denken mußte, es handle sich um 
eine wirkliche Halluzination. Dies hätte mich nicht sonderlich überrascht, da 
die Patientin ohnehin eine unbez weifelbare akustische Halluzination erfährt. 
Bei näherem Betragen ergab sich aber, daß die Patientin nur den weißen 
Rauch aus meinem Munde gesehen hat, während ich durch defi Anstaltsgarten 
ging. {Es war im Winter.) Diese wahrscheinlich korrekte Wahrnehmung gewann 
aber für sie die Bedeutung eines Anzeichens für das Rauchen und sie glaubte 
nun wirklieh, Rauch zu sehen, ein Mechanismus, wie er ja bei der schizo- 
phrenen Personenvurkennung ganz regelmäßig angetroffen wird. 

Zur Analyse der Illusion. Es fällt der Patientin zunächst ein, daß ein uns 
beiden persönlich gut bekannter Analytiker sehr viel raucht. Sicherlich würde 
sich dieser nicht genieren, auch während der Sitzung zu rauchen, nicht so 
wie ich, der ich mir scheinbar aus übermäßiger und überflüssiger Rücksicht 
den Zwang auferlege, das Rauchen auf den Schluß der Stunde aufzuschieben. 
Ich soll es nicht tun, meint die Patientin weiter, ich soll getrost in der Stunde 
rauchen. Der erwähnte Analytiker raucht aber zuviel. Er richtet sich dadurch 
zugrunde, er wird wohl jung sterben. Die Patientin karm dieses mögliehe 
Schicksal des Kollegen nicht genug bedauern, dann sie hängt an ihm als 
getreue Schülerin und Hörerin in großer Lietie und Verehrung. Er ist es, der 
sie an mich gewiesen hat, nachdem sie zuerst zu ihm in die Analyse gehen 
wollte. Die Übertragung der Patientin auf den Kollegen ist so stark, daß sie 
in den ersten Wochen der Arbeil bei mir jeden Augenblick ihn vor sich 
erscheinen sah, worauf natürlich alle Einiillle versiegten. Aus ihren Äußerungen 



' Dort MännlichkeÜB wünsch o1ine,'.bier mit VerdrÜng^og der Genital erat Jk, Das Herz 
flbernaliin die Rolle der Klitoris (Klopfi^n). 



338 Mitteilungen 

war es unmißverBtiindlich zu hören; warum hat ihr denn der bewunderte Mann 
die Kränkung angetan und sie abgewiesen, sie zu einem Schlechteren, 
Unbedeutenden geschickt, dem ersten würde sie alles sagen, die Analyse 
würde spielend vor sich gehen, während ihr bei mir keine Einfalle kommen. 
Bei den kolossalen Widerstämien der Patientin und dem Anfangsstadium 
der Analyse ist es nicht zu verwundern, daß die Einfalle zur Zigarette ver- 
sagten, so daß ich ittr die unbozweifelbare sexuelle Bedeutung des Rauchens 
von der Patientin keine unmittelbare Bestaligung erhielt. Zum weißen 
Ranch fällt ihr ein, daß ich im weißen Mantel durch den Anstaltsgarten 
gegangen bin. Weiter: weiß — Farbe der Unschuld; weißgekleidet lag Hannele 
in Gerbart Hauptmanns Stück, auch sie möchte so liegen in Frieden und 
Unschuld, befreit von ihren seelischen Konflikten und Qualen. 

Aus den mitgeteilten Einlilllen ergibt sich ungezwungen die Deutung der 
Gesiehtsillusion unserer Patientin. Nach einer RicJitung hin bedeutet die 
Illusion die Abwehr gegen mich: Wenn ich viel rauche, werde ich mich 
zugrunde richten wie der andere, das soll ich aber, warum schone ich mich, 
wenn sich der andere nicht schont. Wenn ich gestorben bin, kann sie sich 
vielleicht zum anderen in die Analyse begeben, dort wird es sicher besser 
gehen, er wird ihr wärmer und näher entgegentreten, als ich es tue; er wird 
vor ihr in der Stunde die Zigarette anv.ünden. 

Die Illusion hat aber noch eine andere, gleichsam entgegengesetzte 
Bedeutung im Sinne der positiven Übertragung. Die Patientin verlangt von 
mir Liebe, ich soll mir vor ihr keinen Zwang auferlegen, sie wird es gerne 
sehen, wenn ich mir in ihrer Anwesenheit eine Zigarette anzünde. Ich bin ihr 
zu unschuldig — die Keuschheit des weißen Mantels. Wenn ich mein Feuer 
außerhalb der Analyse anzünde, so verbrenne ich es ferne von ihr und sie ist 
dann dazu verurteilt, in Unschuld und Frieden, wie Hauptmanns Hannele, zu 
liegen, ja zu sterben. Die Ambivalenz der Patientin tritt an dieser Stelle 
besonders deutlich zutage: denn dieses Schicksal sehnt sie herbei und 
perhorresziert es zugleich, indem sie mich aufforderi, sie doch nicht dieser 
einsamen Unschuld zu ülierlassen. Man sieht auch, wie sie auf dem Weg ist, 
sich mit mir zu identifizieren, was offenbar eine ihrer Liebesmöglichkeiten 
darstellt : sie möchte ebenso weißgekleidet liegen wie ich, sie will auch sterben, 
■wie sie mir den Tod gewünscht hat. 

Diese letzleren Tendenzen stimmen besonders gut überein mit allem, 
was uns sonst über das Verhalten der Patientin den Männern gegenüber 
bekannt ist. Sie provoziert die Männer, in denen sie offenbar den schmerzlich 
entbehrlen Vater wiederzufinden glaubt, und stößt sie dann zurück, um in 
weißer Unschuld zu bleiben und auf den wahren Vater zu warten, auf dessen 
Besitz sie in der tiefsten Schicht ihres Unbewußten doch noch immer hofft. 
Ich soll mich opfern, sterben, damit sie zu dem anderen, dem wahren Vater, 
gehen kann. Solange sie noch in den Männern den Vater sieht, opfert sie sich 
für sie, erleidet Entbehrungen, bemuttert sie in intensivster Weise. Dann aber 
sieht sie gleichsam die Enttäuschung und möchte nun die Männer opfern, die 
Männer bestrafen, Aus einer grundsätzlich masochistischen wird ihre Ein- 
stellung zur wesentlich sadistischen — beide Tendenzen, welche in der Analyse 
der Gesichtstäuschuug deutlich sutage treten. 

Es scheint mir nicht ganz überflüssig,' zu bemerken, wie sich durch die 
Analyse eine scheinbar geringe Erscheinung in das Gesamtgefüge der Persön- 
lichkeit einreihen läßt, ja besser gesagt, wie sich in der kleinsten Erscheinung 



Mitteilungen 339 

die ganze Persönlichkeit widerspiegelt. Für uns Analytiker ist dies eigentlich 
ganz selbstverständlich, maQ aber gegenüber den theoretisch orientierten 
Gegnern, welche die Psychoanalyse mit dem Makel einer atomistischen 
Assoziationspsychologie behaftet wissen wollen, gelegentlich betont werden. ■ 

Bemerkungen zu einem Fall von Selbstverstümmlung. 

Von Dr. R. de Saussure (Lausanne). 

Professor Jeanseime hat in der Juninummer 1921 des „L'Encephale" 
(S. 310) einen sehr interessanten Fall von Selbst Verstümmlung des Penis 
beschrieben. Es handelt sieh um einen zwölfjährigen Jungen, Paul R., der sich 
den Penis mit einem Faden in der Höhe der balano-präputialen Furche 
zusammenschnürte. Die Strangulation war so heftig, daß die Eichel brandig 
wurde und eines Tages während des Urinierens abfiel. Professor Jeanselme 
diskutiert die möglichen Motive dieser Selbstverstümmlung. Es handelt sich 
in diesem Fall nicht um eine Verletzung, um sich dem Militärdienst zu ent- 
ziehen, noch um einen Streich, den das Kind gemacht hätte, mit dem einzigen 
Zweekj die Aufmerksamkeit seiner Umgehung auf sich zu ziehen. Handelt es 
sich um eine künstliche Prozedur, die das Kind ausgedacht, um sich am Bett- 
nässen zu verhindern? 

Nein, seit mehreren .iahren litt der Knabe nicht mehr an Bettniis-sen. In 
Ermanglung anderer Hypothesen denkt Professor Jeanselme, daß es sich 
hier um eine besondere Art von Onanie handelt. Das ist möglich, «Hein man 
muß andere Hypothesen ins Auge fassen. Wir hatten Gelegenheit, kürzlich 
einen Verstüraiulungsversuch bei einem Kaiatoniker zu beobachten. Es handelte 
sich da um einen jungen Mann von 24 Jahren, Siudent der Rechte, der viel 
Geschmack an philosophischen Übungen fand. Er ist .seit zwei Jahren in C6ry 
interniert. Eines Tages, als er sexuell erregt war, zerbricht er das Gias seines 
Leibstuhls und versucht, sich damit zu beschneiden. Die Ki^ankenwärter 
kommen zurecht, um ihn daran zu hindern. Al.s er am nächsten Tag wegen 
dieser Tatsache gefragt wurde, antwortete er, daß er diese Operation mit 
einem unreinen Gegenstand machen wollte, um zu sehen, ob sein Blut rein 
bleiben würde. In diesem Fell war der Zweck der Verslümmhmg der, sich 
von seiner Reinheit zn überzeugen. Wir glauben nicht, daß es sich bei dem 
Knaben, von dem Professor Jeanselme spricht, um ein ähnliches Motiv 
handelt; aber es wäre inleressant zu mssen, ob dieser Knabe schon sexuell 
reif war und ob er Pollulionen hatte. Viele junge Leute, die über die 
Phänomene der Pubertät schlecht aul'gekiärt sind, stellen sich vor, daö ihre 
Pollutionen durch unreine Gedanken kommen und produzieren Selbstanklage- 
phantasien in bezng darauf. Hatte die Verstümmlung des kleinsii Paul den 
Zweck, die Pollutionen zu vermeiden? Jeanselme vermutet, daß sich der 
Knabe der Schnur bediente, um seinen Sexualgenuß zu erhöhen, aber vielleicht 
lag gerade darin im Gegenteil der Verstüramlungs versuch; der Knabe halte 
versucht, seine Eichel wegzubringen, weil er masiurbierte. 

Welche allgemeine Ansicht man auch immer von der Psychoanalyse 
hegt, man muß jedenfalls anerkennen, daß diese Wissenschaft die Psychologie 
der Sexualtriebe vorwärts gebracht hat. So haben die Psyclioanalytiker auch 
im Laufe der letzten Jahre wiederholt die Aufmerksamkeit auf Fälle von Ver- 
stümmlung, die durch Vorwürfe wegen Onanie verursacht wurden, gelenkt. 
Gegenwärtig befindet sich in Cery ein Mann mit Dementia paranoides mit 




340 Mitteilungen 

Namen Jules Cesar H., der ein exzessiver Masturbant igt. Wiederholt sagte 
er aus. er habe die linke Hand abgeschnitlen. Wenn man ihn fragt, warum, 
antwortet er: „Gott hat es gewolH, weil ich ein Hahnrei bin." H. glaubt, er 
sei ein Hahnrei, weil er masturbiert. In Wirklichkeit war er nie verheiratet. 
Während des ganzen Tages lief-t H. auf der linken Seite, indem er mit seiner 
ganzen Körpersehwere seine verdammte Hand zerdrückt. Diese zeigt bereits 
ansehnliche Zirkulationsstörungen. Überdies hält H. immer das linke Auge 
geschlossen. Er antwortet, darüber befragt, er sehe mit diesem Auge, wenn er 
es öffnet, den Teufel. Auch hier gab es vermutlich eine Beziehung zwischen 
der PseudoVerstümmlung und der Manie des Kranken. 

Dies ermuntert uns, Professor Jeanselme zu fragen, ob es Onanie- 
gewohnheilen bei seinem Kranken gab. Hat das Kind versucht, sich in irgend- 
einer Art dafür zu bestrafen? Diese masochislischen Akte sind in der Kind- 
heit häufig. Es scheint, als ob die Worte des Evangeliums am Grunde des 
menschlichen Geistes eingraviert wären: „Wenn dein Auge dich ärgert, reiße 
es aus und wirf es weg, ebenso, wenn deine Hand dich Srgert, reiße sie aus . . . 
Unter dem Namen „Kastrationskomplex" beschrieben die Psychoanalytiker 
die Verstümmlungstendenzen bei Knaben, die Mädchen zu sein wünschten, 
oder die Tendenz bei gewissen Mädchen und Frauen, unter einem Minder- 
wertigkeitsgefühl zu leiden, weil sie kein männliches Glied besitzen wie der 
Mann (Penisneid), 

Ein Paranoider in Cöry, Andre Fiancois Ch., 66 Jahre alt, dessen Wahn 
vom Gesichtspunkt des Sexuallebens aus sehr farbenreich war, sagte mir 
kür/Jich (9. Juli 1921): „Ich habe mir den Schwanz abgeschnitten, um mich 
des Loches zu bedienen, das darunter ist." Dieser Satz zeigt die Phantasien 
bestimmter Kranken, welche das Geschlecht wechseln wollen. Diese Phantasien 
finden sich bei den Kindern wieder. Ich weiß nicht, welches die Tendenzen 
des kleinen Paul in dieser Richtung waren, aber ich denke nicht, daß er unter 
der Herrschaft einer ähnlichen Idee gehandelt hat, sonst hätte er sicher ver- 
sucht, sich an der Wurzel zu verslümmeln und nicht an der Distalpartie 
des Penis, 

Wir glauben nicht, eine plausiblere Erklärung als die des Professors 
Jeanselme geliefert zu haben, aber es scheint uns, es könne interessant 
sein, bei Gelegenheit seines Falles einige Delirien von Selbstverstfimmlung zu 
belichten. Wir danken Dr. Jeanselme, der uns Gelegenheit dazu 
geliefert hat. 

Beiträge zur Traumdeutung. 

Physik in der Traumsymbolilc. 

Von Dr. S. Faldmann (Budapest). 
Der Trmiin. 
Ich aehe meinen Schwiegervater vor mir. In der Höhe 
seiner Brust eine Formel aus der Physik: 

M 

(Vo' — v3) 

Die Formel ist — links — mit irgend etwas noch multipliziert, 
dessen ich mich nicht mehr erinnern kann. 

Vorgeschicliie. 
Patient leidet an einer Neuralgia supraorbitalis, die bereits beseitet 
war, und an relativer Impotenz, besonders gegenüber seiner eigenen Frau, die 



Mitteilungen 341 

er Eonsf sehr lieM. Der Schwiegervater hat zum zweitennial geheiratet und 
scheint sexuell sehr potent zu sein. Patien-t dachte einige Tage vorher, daß 
seine Frau, die er derzeit nicht befriedigen kann, sich beim Vater darüber 
beklagen wird und der Schwiegervater ihm Vorwürfe machen wird. Mit was 
soll er sich dann entschuldigen ? Im Traum verteidigt er sich, indem er dem 
Schwiegervater eine Formel aus der Phyaili entgegenstellt. 

Patient ist Ingenieur und beschäftigt sich derzeit mit theoretischer 
Physik. 

Die Analyse. 
M 

(Formel I) -(^^jzr^ß^ 

Diese Formel existiert nicht und ist aus Teilen zwei anderer Formeln 
zusammengestellt, und zwar ist in der Elektrontheorie der B rech u ngs- 
exponent bezüglich der Dispersion des Lichtes folgender: 

(Formel 11) n^ = 1 + S ^' f "*"' „, 

jt \\-Q- — \-) 

Index i ist eine bestimmte Gattung der Schwingung, auf welche die im 
Atom kreisende Elementarladung fähig ist, vo = Eigenfrequenz der Schwingung, 
V = die Frequenz des einfallenden Lichtes, Ni = die Zahl der in der Volum- 
einheit vorhandenen Schwingungen, e; = die Ladung des Elektrons, Vi = die 

e 
spezifische Ladung = — , wo m die Masse des Elektrons bedeutet. 

Wir sehen, dai3 in Formel I der Nenner von Formel II herstammt. Das 
jr ist ausgelassen worden. Das Auslassen des n ist der Traumarbeit zuzu- 
schreiben. Im Ungarischen sind die Buchstaben von p i (ii) aus der vulgäre 
Ausdruck von Scheide. 

In der täglichen Beschäftigung mit Eisenbaubeton kommt die folgende 
Formel sehr oft vor, die zur Bestimmung der Inanspruchnahme des Eisens 
gebraucht wird: 

(Formel III) ne = - 



M 



• fe(h-|) 

oe = Inanspruchnahme des Eisens, M — Moment der äußeren Kr-Ifte, 
(h — —)=»= die Entfernung der im Beton auttretenden Drucklträfte von den 

Zugkräften, die im Eisen auftreten. 

Der Zähler in Formel I stammt also von Formel III, 
Der Träumer begründet dem Schwiegervater seine Impotenz mit einem 
Bruch" (Kastration) M, die Inanspruchnahme des Eisens (Gliedes) wird 
gebrochen" mit (vo^ — v^. Zum letzten kommen folgende Assoziationen : 
Vor kurzem erzählte ein Freund, ein gewesener Regimentskamerad, die nach- 
stehende Geschichte. Bei einer Kompagnie im Felde, während einer Rast, 
unterhielt sich ein Teil der Mannschaft, indem sie sich bemühten, eine Stute 
durch einen Hengsleael zu belegen. Nach den nötigen Vorbereitungen hielten 
ungefähr 20 Mann das Pferd fest und ließen den Esel auf sie steigen. Aber 
als das Glied schon in der Seheide war, schlug die Stute aus. Das Glied des 
Esels war mit Blut bedeckt, wahrscheinlich wegen Ruptur einer Ader, und er 
mußte erschossen werden. Ein Mann wurde so schwer am Kopf verletzt, daß 
er ins Spital gebracht werden mußte. So weit die Geschichte. Er, der 
Träumende, ist der Esel, er wird mit der Kastration bestraft, weil er mit der 
Mutter verkehren will. 



342 Mitteilungen 

Auch das Liclit wird gebrochen, wenn es von einem Medium in das 
andere kommt. Daher die Anwendung der Formel II. vo- — v^ hat aber noch 
eine tielere und weitere Bedeutung. 

Weitere Assosialünmt. 

vo und V bedeuten die Anzahl der Chromatinkörperchen im Zellenkem 
der Keimzelie. Er dachte, daß in der Keimzelle die Zahl der Chromatin- 
körperchen halb so groß ist wie die in den übrigen Zellen der Rasse. Nur 
zwischen solchen ist eia Verkehr erlaubt, wo diese Verhältnisse gleich sind. 
Beim Esel und Pferd Ist dies der Fall, deshalb wäre eine Kreuzung erlaubt. 
Und doch ist dem armen Esel solch ein Unglück passiert. Er könnte auch 
mit der Mutter verkehren, wenn eine Kastrat ionsgefahr nicht drohen würde. 
(Sodomitische Regungen waren beim Patienten stark vorhanden, auch daher 
die Assoziation mit der Esel-Pferdgeschichte.) 

Formel I ist eine Verdichtung von Formel H {Brechungsexponent des 
Lichtes) und Formel III (Inansprucbnahme des Eisens). Im Traum war auf der 
linken Seite weder n- noch oe sichtbar. Statt diesen zwei — nach Ansicht 
des Triiumenden — kann op gesetzt werden, wo p = Penis. Formel IV wäre 
also : 

M 

la Formel II ist n" = co (unendlich), wenn v^'-^ = v^, so ist op auch to, 
da,y heißt: das Glied bricht, auch wenn es aus Eisen ist, wenn op identisch 
ist mit ceund mit n^ und V(,=ä = \-2 (die Zahl der ChromatinktSrperchen ist 
in beiden Zellen gleich), 

Formel IV bedeutet nach alledem: Es ist zwar wahr, daß zwei Personen, 
bei denen die Chromatinkörperchen in gleicher Zahl vorhanden sind, verkehren 
dürfen, aber es geschieht doch ein Unglück, wie mit dem kleinen Esel. Das 
Eisen l>richt auch, wenn vo^ = \-^. Formel I bedeutet also einen vielfachen 
.Bruch". Deshalb kann sich Patient zum Koitus nicht entschließen. 

Brief marke ntraum. 

Mitgeteilt von Dr. S. Spielreln (Genf). 

Eine befreundete Kollegin laßt sich auf meinen Rat hin zur Analyse bei 
einem männlichen Arzt bewegen. Aus iiußeren Gründen ist sie gezwungen, die 
Analjj^e nach kurzer Zelt zu unterbrechen, wobei die heftige ambivalente 
Übertragung noch nicht aufgelöst werden konnte. Aus ihrem mir freundlichst 
überlassenen Traume berichte ich bloß den Abschnitt, der nichts Persönliches 
verrät. Ich lasse die Dame reden: 

„Man bringt mir einen Brief vom Bruder. Es sind keine Marken darauf, 
so daß ich 30 Pfennig Strafporto bezahlen muß. Im Brief sind Photographien 
vom Bruder; diese sind sehr schlecht, ganz verblichen; man kann den Bruder 
darauf kaum erkennen." 

Vor dem Schlafengehen hatte die Dame einige Briefe, die sie von dem 
sie analysierenden Arzt erhalten hatte, gelesen. In ihren Träumen pflegte sie 
stets den Arzt als Bruder darzustellen, was ihr bekannt war. 

Am Abend vor dem Traume war sie mit ihrem Mann in einer Sitzung 
der Medizinischen Gesellschaft. Hier wurde eine luetische Frau vorgestellt. Die 
Kollegin fragte sich, ob es nur durch die prozentuell größere Luesinfektion 



Mitteilungeii 343 

bei Männern zu erklären sei, daß sie sich an keine einzige tabische Fran 
erinnern könnte, oder wären die Frauen nicht so stark zur Tabeaerkrankung 
prädisponiert. 

Im Traum erhält sie den Brief vom Bruder (Arzt) ohne Marken (ohne 
Mark). Er hat demnach einen Rückenmarkschwund oder Tabes. Die Photo- 
graphien sehen so ■verblichen aus, daß man sie kaum mehr erkennen kann ^ 
sein Aussehen ist für die Träumerin verblichen^ und sie kümmert sich nicht 
weiter darum, was dieser Don Juan'^ und Luetiker ihr schreibe. Die Deutung 
ließ nach Einfällen der Kollegin keinen Zweifel zu, sie leugnete es auch nicht. 
Einige Zeit vorher hatte sie einen Traum, in welchem sie sich des Mannes X 
(Name des Analytikers) nicht mehr entsinnen konnte. Sie erwachte mit den 
Worten von Nietzache; „War ich krank? Bin ich genesen? Und wer ist mein 
Arzt gewesen? — Jetzt erst glaub" ich dich genesen, denn gesund Ist, wer 
vergaß." 

Geburtstraum eines fUnljährigen Knaben. 

Von Dr. M. J. Eisier (Budapest). 

Der kleine R. erzählt eines Morgens seiner Mutter folgenden Traum : 
„Ich ging vor dir dieTreppe hinunter und fiel, dugabst 
mir einen Stoß, so daß mir schwindelte." 

Den Sinn dieses Traumes werden wir ohne besondere Schwierigkeiten 
herausfinden, wenn uns die wichtigsten Momente aus der Seelenentwicklung 
des Knaben zur Zeit, da der Traum vorfiel, gegenwärtig sind. Er hat die 
sadistisch-anale Stufe offenkundig nicht ganz überwunden und seine Betäti- 
gungen äußern sieh dementsprechend in der Form von Aggressionen. Vor allem 
liebt er es, kleinere Spielgenossen anzugehen und zu stoßen. Seine Bewegungs- 
lust ist derart ausgesprochen, daß ihm auch die passive Form — gestoßen 
zu werden — nicht unangenehm sein mag. Die Rolle der Mutter im Traum 
läßt sich in dieser Umkehrung vielleicht eher begreifen. Alle seine Erfahrungen 
widersprechen ja in entschiedener Weise einer solchen Tatsache, wie sie der 
Traum aufweist. Eine Mutter stößt ihr Kind nicht, dessen wird sich der Knabe 
gewiß überzeugt sein. Nun fügt sich der Traum überdies recht gut in die 
Gedankenkreise ein, die ihn zurzeit eingehend beschäftigen. Er ahnt bereits 
das Rätsel seiner Herkunft und indem er die verschiedensten Eindrücke im 
gleichen Sinne verwertet, will er sich das „Geborenwerden" oder „Zur-Welt- 
kommen" vorstellen. In einer für ihn eigentümlichen Weise versucht er von 
selbst die Wahrheit herauszufinden, weshalb er mit einer direkten Frage bis- 
her gezögert hat. Diese seine Selbständiglteit, ursprünglich ein analer Zug, 
leitet schon in die genitale Interessensphäre hinüber. Er will also wie alle 
Kinder wissen, wieso er auf die Welt gekommen ist. Der Instinkt sagt ihm, 
daß hieran die Mutter mitbeteiligt ist. Der Traum ist sodann ein schöner 
Beweis, daß er sich im Unbewußten längst die Überzeugung davon geholt hat. 
Der Stoß imd das Fallen auf der Treppe sind eine symbolische Darstellung 
der Geburt, welche durch die Begleiterscheinung des Schwindelgefühls aus- 
drucksvoll gesteigert wird. Das „Vorangehen" ergänzt das Bild, indem es zu- 
gleich die ungemeine Lebhaftigkeit der Traumvorsteltung bekräftigt. 



' Symbolik dtH Vcrl)leiclieiiB ; Tgl. Freuds „TraamdeatnnE". 

- Es ist ÄieB natürlich mit ein Angstwunsch, der Arzt möge ho ein ,J)on Juan'' Bein, 
der auch Bie, die bereits vorheiratet ist, verführen könnte. Die kurze Analyse hatte Katen 
therapeutischen Ertolg. 



344 Mitteilungen 

Ein Gefaurfsfraum in der Form eines Flug- und Falltraumes. 

Mitgeteilt von Dr. W. Fockschaner (Wien). 

Es handelt sich um den Traum einer graviden Frau in den ersten 
Monaten der Schwangerschaft. 

Der Traum lautet: 

Ich komme mit Tanle Ella zur Wiedner Hauptstraße 66 (Elternhaus). 
Es kommt mir aber so vor, als ob dieses Haus einen Lift hatte und hin der 
Meinung, im II. Stock meine Wohnung zu haben. (Ihre Wohnung befindet sich 
seit ihrer Verheiratung im II. Stock.) Beim Hineingehen öffne ich den unteren 
Riegel des Haustores, um mit dem Lift hinauffahren zu können. Doch kaum 
habe ich diesen Rieüel geöffnet, so erhebt sich das ganze Haus. Wir sind dann 
im Lift drinnen, dieser geht rascher und wir sind bald im letzten Stocke des 
Hauses, Ich steige aus. Dort befindet sich eine Tuchfabrikation und ich frage 
den Inhaber, was da los ist. Er sitzt beim Fenster, Er sagt: „Ja, was haben 
denn Sie angestellt (in bezug auf den Riegel), schauen Sie, wie wir schon 
an der Donau sind, wenn wir da lebend davon kommen !" Ich schaue zum 
Fenster und da biegt sich das Haus schon der Donau zu. Doch jetzt geht es 
der Donau entlang bergab, jetv.t sind wir gerettet nnd alles geht glatt von 
statten. Es geht wieder zurück zur Wiedner Hauptstraße 66. 

Rezente Traumanlfisse: 

Die Träumerin hatte tags vorher starke Besorgnisse wegen der ihr 
drohenden Deformation in der weiteren Schwangerschaft und anderseits solche 
wegen des Kindes geäußert, da sie zwei Tage vorher eine starke Darmkolik 
mitmachen mußte und deshalb zur Konsultation den sie behandelnden Frauen- 
arzt berief. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Träumerin gerade im Eltern- 
hause auf Besuch, wo sie zwei Tage das Bett hüten mußte. 

AufschlBsse der Analyse: 

„Ich komme mit Tante Ella zur Wiedner Hauptstraße 66." Zu „Tante 
Ella" wird erinnert, daß der sie behandelnde Frauenarzt in dem Hause der 
Tante wohnt. Wiedner Hauptstraße 66 ist ihr Elternhaus. Die Zahl 66 war 
noch weiter dahin determiniert, daß die Elektrische Nr. 66 zu einer ihrer 
Bekannten führte, die eben glücklich mit einem Knaben niedergekommen war. 
Zu „Riegel": Die Kappe, welche sie bisher zwecks Verhütung der Schwanger- 
schaft wegen ihres schwankenden Gesundheitszustandes trug. Der „Tnch- 
fabrikant": Der Vater, der gerne die Schwangerschaft hinauegeschoben 
gewünscht hiltte. „Wir sind schon an der Donau": Zu „wir": „Wir", teilt die 
Träumerin mit, „das bin ich und das Haus; ein Haus muß doch Inwohner 
haben!" Zu eDonau": Eine Bemerkung, die sie zu einem Tisehnachbar einige 
Tage vorher machte: „Vor zwanzig Jahren (Träumerin ist zwanzig Jahre alt) 
bin ich noch in der Donau geschwommen," 
Deutung : 

Ich glaube, daß das eben zitierte Analysenmaterial genügt, um bei der 
durchsichtigen Symbolik des Traumes zu dem latenten Traumgedanken zu 
gelangen. Die Träumerin hat offenbar den Konflikt zwischen dem Wunsche 
nicht schwanger zu sein wegen [der ihr drohenden Entstellung (Kastrations- 
angst; die Worte des Fabriksinhabers: „Was haben Sie angestellt!") und dem 
Wunsche, dennoch Mutter zn werdeu („Ein Haus muß doch Inwohner haben!"), 
dadurch umgangen, daß sie sich mit dem glücklich geborenen Kinde identi- 
fiziert. Sie selbst ist das Kind, das im Mutterleihe (Elternhaus) emporsteigt 
"und dann zur Welt kommt. 



J 



Mitteilui^en 345 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens, 
übgr Fehlleistungen mit Überkompensierender Tendenz. 

Von Dr. Karl Abraham (Berlin). 

Von allen den vielgestaltigen Erscheinungen, welche Freud in seiner 
„Psychopathologie des Alltagslebens^ beschrieben hat, läßt sich durchwegs 
aassagen, daß sie mit den bewußten Intentionen des Individuums in Wider- 
spruch stehen. Die den bewußten Interessen zuwiderlaufende Tendenz hat 
aber in verschiedenen Formen der Fehlleistung verschiedene Schicksale, Sie 
kann der Verdrängung zum Opfer fallen. Dies geschieht beispielsweise, wenn 
wir Worte, Eigennamen usw. vergessen. In dem von Freud gegebenen Beispiel 
„aliquis" verbindert das Vergessen dieses Wortes das Bewußtwerden bestimmter 
unlustbetonter Assoziationen, Anders ist der EHelit des Versprechens oder des 
Verschreibens. Hier drängt sich die dem Bewußtsein nicht genehme Tendenz 
störend in die bewußt beabsichtigle Leistung ein. Man könnte die Fehl- 
leistungen mit Rücksicht auf ihren Effekt in zwei Gruppen sondern, je nachdem 
die vom Bewußtsein abgelehnte Tendenz zum Verstummen gebracht wird oder 
sich, wenigstens in Andeutungen äußern darf. 

Schon früher waren mir in meinen Psychoanalysen Fehlleistungen 
aufgefallen, die einer dritten, in der „Psychopathologie des Alltagslebens" nicht 
erwähnten Spielart anzugehören schienen. Neuerdings bot mir eine Patientin 
Beispiele solcher Art in einer gewissen Häufung. Dies ist der Anlaß zu der 
vorliegenden kleinen Mitteilung. 

Die Patientin, deren sprachliche Artikulation im allgemeinen durchaus 
normal ist, neigt dazu, die Anfangssilbe von Eigennamen durch ein leichtes 
Stottern zu verdoppeln. Sie leidet unter dieser Störung sehr und befindet 
sich beispielsweise in ihren Unterrichtsstunden deswegen in ständiger Angst. 
Sie fürchtet zum Vorlesen aufgefordert zu werden, und dann könnte sie in 
dem Lesestüek auf einen Eigennamen treffen, der die Störung hervorriefe. 

Sie berichtete mir nun eines Tages von der Verstümmelung eines Namens, 
die ihr aus einem derartigen Anlaß begegnet sei. Die Fehlleistung war nun 
allerdings ein Versprechen, aber keines von der geschilderten, reduplizierenden 
Art. Die Patientin hatte nämlich den griechischen Namen Protagoras in 
Protragoras verändert. 

Die Assoziationen führten bald zu einem anderen Versprechen, das 
wirklich io der Verdoppelung einer Anfangssilbe bestand und das ihr wenige 
Augenblicke vor der Fehlleistung „Protragoras" begegnet war. Sie hatte statt 
„Älesandros" „A-alexandros" gesagt Diese Fehlleistung ließ sich zwanglos mit 
einer infantilen Neigung in Verbindung bringen, der die Patientin in ungewöhn- 
lichem Maße gefrönt hatte. Ich meine das Spielen mit Namen oder 
überhaupt mit Wörtern, wobei die Entstellung so vorgenommen wird, daß ein 
Anklang an die „unanständigen" Ausdrücke der Kindersprache entsteht Es 
braucht kaum daran erinnert zu werden, daß die Kinderworte fast durchweg 
aus zwei gleichen Silben bestehen. Das gilt für die Bezeichnung vertrauter 
Personen, Tiere, Gebrauchsgegenstände usw., besonders aber auch für die Namen 
von Körperteilen und Körperfunktionen. Diese letzteren Bezeichnungen bleiben 
oft noch im Gebrauch, wenn das Kind bereits in anderen Beziehungen die Sprache 
der Erwachsenen angenommen hat, also nicht mehr „Wauwau", sondern bereits 
„Hund" sagt. Meine Patientin war lange Zeit hindurch geneigt, in allen mög- 
lichen Namen Anklänge an die verpönten Worte herzustellen. Besonders lockten 
Namen, in welchen die Silbe „a" oder „po" vorkam, zu solchen Spielereien. 

Internnf, Zeitschf. f, Psychiiacalyse, Vlirs, 83 



346 Milteilungea 

Die Bedeutung derartiger Neigungen hat Freud bereits gewürdigt. Er 
findet es begreiflich, daß eine solche Spielerei sich gelegentlich auch wider den 
Willen der betreffenden Person durchsetzt. (Psychopathologie des Alltagslebens, 
7. Aufl., S. 96/97.) 

Die erste Silbe des Namens Prolagoras hJllte sieh nun auf einfache 
Weise, nämlich durch Auslassen des „r" und stottern d-reduplizierendes 
Sprechen, in das unbewußt vorschwebende Wort „Popo" verwandeln lassen. 
Ähnlich ist die Patientin tatsächlich viele Male verfahren. Die Abweichung 
im vorliegendeQ Falle erklärt sich aus dem Angslaffekt, der sich an das 
unmittelbar voraufgegangene Versprechen kntipft. Die Tendenz zum Aus- 
sprechen weiterer verpönter Wörter wird verdrüngf. Anstatt der gefährlichen 
Auslassung des „r" in der ersten Silbe von „Protagoras" wird der zweiten 
Silbe noch ein solches eingefügi, wo keines am Platze ist. Durch die Fehl- 
leistung „Protragoras" wird demnach eine infantil-sexuelle Tendenz daran 
verhindert, sich in den bewußten Gedankengang einzudrängen. Der angewandte 
Mechanismus aber ist demjenigen, der die verpönte Tendenz hätte zum Durch- 
bruch kommen lassen, extrem entgegengesetzt. Die Fehlleistung trägt den 
Charakter der Überkompensierung. 

Als die Patientin einige Tage später in der Behandlungs stunde von 
einem Trauerfall sprach, ließ sie in dem Wort „Kondolenzbrief das „n" aus, 
sagte also „Kodolenzbrief. Auch dieses Versprechen erwies sich als Über- 
kompensierend, d. h. einer Vermeidung dienend. 

Die störende Einwirkung ging diesmal nicht von einem Wort der Kinder- 
sprache aus, sondern von dem Fremdwort „Kondom", das bei uns meist so 
auegesprochen wird, als endete die zweite Silbe mit einem nasalen (französischen) 
„n". Zwischen Kondom und Kondolenz bestand für die Patientin allerdings 
eine eigentümliche assoziative Verbindung, die nach Überwindung einiger 
Widerstände ersichtlich wurde. Vor längerer Zeit ereignete sich in der nächsten 
Familie der Patientin ein Todesfall. Die Angehörigen kamen herbei und fanden 
sich im Zimmer des Bruders der Patientin zusammen. Der junge Mann war 
aber so nachlässig, ein paar Kondoms, die in Briefform verpackt waren, 
auf dem Tisch liegen zu lassen. Angesichts der kondolierenden Verwandten 
ein peinlicher Eindruck! Wenn ich noch erwähne, daß die Patientin den Bruder 
von früh auf um seine Männlichkeit und in den letzten Jahren außerdem um 
seine sexuelle Ungebundenheit beneidete, so wird unschwer erkennbar, daß 
auch in diesem Beispiel ein Stück infantiler Sexualität (Kaslrationskomplex) 
verborgen ist Eingehendere Mitteilungen zu machen, ist mir aus Rücksichten 
der Diskretion nicht möglich, 

Der Effekt der Fehlleistung ist leicht ersichtlich. Die störende Vorstellung 
„Kondom" hätte leicht die Wirkung haben können, in „Kondolenzbrief das 
„f durch ein „n" zu ersetzen, zumal die erste Silbe ebenfalls die Lautgruppe 
„on" enthielt. Es geschieht aber das Gegenteil ; das „n" wird aus der ersten 
Silbe ausgemerzt. Die so entstandene Fehlleistung hat die gleiche Wirkung der 
Überkompensierung, wie wir sie im ersten Beispiel sahen. Der Mechanismus 
aber ist entgegengesetzt. Denn während im ei-slen Beispiel ein Konsonant der 
ersten Silbe auch in die zweite eingesetzt wird, muß im anderen Beispiel die 
erste Silbe auf einen Konsonanten verzichten, wodurch sie der zweiten Silbe 
angeglichen wird (Ko-do). 

Wiederum einige Tage später erzählte mir die Patientin einen Traum, 
in welchem sie unerlaubter weise mit einem Manne zusammen ist und dabei 




i 



Mitteilungen 347 

von der Mutter ertappt wird. Der Darstellung des Traum Vorganges fügte sie 
noch einige Worte hinzu, die ein Versprechen enthielten. Sie äußerte nümlich : 
„Die Szene spielte im Partrerre eines Hauses." 

Der Mechanismus dieser Fehlleistung ist der gleiche wie im Beispiel 
„Protragoras". Ich durfte schon vermuten, daß das überflüssige „r" in der 
zweiten Silbe der Tendenz entgegenwirke, den gleichen Buchstaben aus der 
ersten Silbe auszumerzen. „Paterre" klingt wie das lateinische .pater". 
Letzteres Wort war vor kurzem in einer anderen Fehlleistung als durchstellt ige 
Anspielung auf den Vater vorgekommen. Der Mann aber, mit welchem die 
Patientin im Traum von ihrer Mutter überrascht wird, entpuppte sich bald 
als der Vater. Zu bemerken ist noch, daß die reduplizierende Aussprache der 
Anfangsbuchstaben von „Parterre" das verräterische Wort ^Papa" ergeben 
hatte, das somit in genau gleicher Weise vermieden wurde, wie das unstatt- 
hafte Wort „Popo" im ersten Beispiel. 

Schon auf Grund dieser Beispiele erscheint es mir berechtigt, von liber- 
kompensierenden Fehlleistungen zu sprechen. In welchem Verhältnis der 
Häufigkeit sie zu den bekannten Formen stehen, vermag ich nicht zu beurteilen. 
Um zu zeigen, daß die obigen, von der gleichen Person stammenden Beispiele 
nicht einzig dastehen, will ich noch eine Fehlleistung von offensichtlich 
ähnlichem Charakter mitteilen, die von einem Manne stammt. Ich kenne sie 
aber nur aus seiner Erzählung, ohne sie mit ihm analysiert zu haben. Die von 
mir vermutete Erklärung darf aber eine recht große Wahrscheinlichkeit für 
sieh an Anspruch nehmen. 

Die Mitteilung meines Bekannten lautete wie folgt: „Wenn man von 
einer Mandelentzündung spricht, bin ich jedesmal in Verlegenheit wegen des 
lateinischen Krankheitsnamens. Ich bin immer im Begriff, statt „Angina" 
„Angora" zu sagen." Ich nehme an, daß sich an die Stelle von „Angina" das 
ähnlich klingende „Vagina" drängen wollte. Der Irrtum hätte dann die erste 
Hälfte des Wortes betroffen. Da nun ein solches Versprechen in der Gesell- 
schaft höchst peinlich gewesen wäre, so wurde die Tendenz zum Irrtum auf 
die zweite Worthälfte verschoben. Eine Mandelentzündung als „Angora" zu 
bezeichnen, war allenfalls ein komisches Versehen, das aber nichts von der 
Peinlichkeit des vermiedenen au sich hatte. Wie gesagt, ist aber das Ver- 
sprechen nie wirklich geschehen. Es bestand nur eine habituelle Bereitschaft 
zu seiner Begehung. Auch hierin zeigt sich, daß die abwehrende Tendenz die 
Oberhand behielt. 

Die hier geschilderte Art von Fehlleistungen soll nun keineswegs in 
einen prinzipiellen Gegensatz zu den übrigen gestellt werden. Freilich ist an ihr 
bemerkenswert, daß anstatt einer triebhaften Tendenz eine abwehrende, über- 
kompensierende sich durchsetzt. Aber wir kennen ähnliche Vorgänge aul 
' psychologischem Gebiet in mancherlei Form. In einem Angsttraum erscheint 
uns nach erfolgter Analyse nicht der Angstaffekt, nicht Abwehr oder Flucht 
als das WesentHche, sondern derjenige Trieb des Träumers, dessen Erfüllung 
der Traum gilt, einerlei, ob die Wunseherfüllung nun gelingt oder ob sie 
gehemmt wird. 

Noch passender erscheint ein Vergleich der hier geschilderten Phänomene 
mit manchen Symptomen der Zwangsneurose. Man denke etwa an die immer 
wiederholte Konirolle eines Gashahns. Das Ausströmen des Gases könnte den 
Angehörigen des Neurotikers den Tod bringen. Seine Hand möchte — auf 
unbewußtes Geheiß — den Hahn öffnen. Aber der typische Ausgang des 

ES* 



348 Mitteilungen 

Konfliktes beim Zwangsneurotiker ist das Obsiegen der Vorsicht. Trotz dieses 
Ausganges wird die Psychoanalyse mit Recht das hauptsiichliche Gewicht auf 
die verdrängten Triebe, auf das Unbewußte legen. Nicht anders in den hier 
mitgeteiltea Fällen, die in Übereiuslimmung mit den Angstträumen und vielen 
Zwangssymptomen ein äußeres Obsiegen der Zensur ericennen lassen, 

Psychoanalyse und Aberglaube. 

Von Dr. N. Ossipow (dzt. Prag). 

Folgendes Ereignis scheint mir den Unterschied zwischen dem psycho- 
analytischen Gesichtspunkte und dem Aberglauben besonders deutUch zu 

demonstrieren. 

Es ist ein Beispiel aus meiner Vergangenheit. Ich verheiratete mich, 
als ich noch Student des letzten Semesters war. Meine Hochzeit wurde in 
einer Provinzsladt gefeiert, die weit von meiner Heimatstadt Moskau entlegen 
war. Meine Eltern und Schwestern wohnten in Moskau. Sie waren mit meiner 
Braut nicht bekannt und an meiner HoehKeit nicht anwesend. Sofort nach 
dem feierlichen Hochzeitsdiner geleitete man uns auf den Bahnhof, Wir sollten 
bis Moskau fast 24 Stunden fahren, nachmittags dort auliomnien, einige 
Stunden mit meiner Familie zubringen und noch am selben Tage ins Ausland 
abreisen. Fahrkarten und Schlafplätze waren schon bis Berlin bestellt. Auf 
einer der Stationen unterwegs, etwa zwei Stunden Fahrt bis Moskau, stieg ich 
aus dem Wagen, um auf dem Bahnsteig zu spazieren; meine Frau blieb im 
Coupe. Ich weiß nicht, warum mir plötzlich der Wunsch kam, durch den 
Bahnhof zum Ausgang zu gehen und von dort aus einen Blick auf die Stadt 
zu tun. Das tat ich auch, denn der Zug sollte nach meinen Berechnungen 
wenigstens zehn Minuten stehen. Als ich nach einigen Minuten auf den Bahn- 
steig zurückkehrte, war der Zug schon fort. Ich konnte nur noch den letzten 
Wagen sehen ! Mein Zustand war kein fröhlicher. Zu meinem Glück ging nach 
einer halben Stunde ein Lastzug, mit dem ich auch nach Moskau fuhr. Im ganzen 
gestaltete sich alles glücklich. Nur meine alte Njanja schüttelte den Kopf und 
wiederholte: ,Aus dieser Ehe wird nichts Ordentliches!" Selbstverständlich 
lachte ich über meine Njanja und war überzeugt, daß allerlei solche Aber- 
glauben Dummheiten seien. Nach fünf Monaten waren wir geschieden. 

Die Stadt, in der ich so unglücklich aus dem Zuge ausgestiegen war, 
spielte nachher eine große Rolle in meinem Leben, denn dort wohnte ein 
Mensch, mit dem mein Schicksal sich eng verknüpfte. 

Nach Freud ist meine Handlung, d. h., daß ich aus dem Wagen stieg, 
mich für die Stadt interessierte, dem Zug Zeit gab, meine Frau wegzuführen 
— eine Symptomhandlung, d. h. ein Symptom dessen, daß mein 
Unbewußtes diese Ehe nicht wünschte. 

Betrachten wir die bei dieser Erklärung auftauchenden Zweifel. 
1. Man kann sagen, daß es ein Zufall gewesen sei. Solch eine 
Behauptung ist eigentlich unbestreitbar; aber mit demselben Recht kann der 
Mensch überhaupt jede Untersuchung ablehnen. Das ist kein Skeptizismus mehr, 
Der Skeptiker sagt: Vielleicht ist es das eine, vielleicht — das andere. Oder: 
das eine nicht mehr als das andere. Der Skeptiker zweifelt. Aber die Behauptung, 
daß alle solche Erscheinungen Zufälligkeiten seien, ist eine Absage an jede 
Forschung, reiner Nihilismus. 



Mitteilungen 349 

2, Eine bewußte Motivierung meiner Handlung wird außer meinem 
eigenen Zeugnis durch die Zusammenstellung aller Tatsachen ausgeschlossen. 
Einen bewußten Protest gegen diese Ehe gab es damals hei mir nicht. Wenn 
ein solcher vorhanden gewesen wäre, hätte ich ihn wohl auf eine andere, nicht 
aber auf eine so dumme Art ausgedrückt. 

3. Man kann sich darauf berufen, daß ich aus „Zerstreutheit" auf dem 
Bahnhof geblieben sei, aber ich bin durchaus kein zerstreuter Mensch. Bis 
zu diesem Fall und nachher (es ist vor 20 Jahren geschehen) ist mir so etwas 
nie passiert. 

Es war ein unbewußter Protest. 

Aber was kann man über die Voraussagung meiner Njanja sagen? 
Lehrt uns nicht Freud, Aberglauben und Vorurteile zu teilen? Selbstverständlich 
nein. Freud und die- alte Njanja glauben beide nicht daran, daß derartige 
Geschehnisse zufitllig seien. Sie sind symptomatisch, Freud hält für deren 
Ursache die unbewußten Gedanken des Menschen selbst, die Njanja aber 
schreibt sie dem Eingreifen einer fremden Kraft zu. Hier liegt der tiefe Unter- 
schied zwischen Freud und einem abergläubischen Menschen. 

Wenn man nicht gerade abergläubisch, sondern ein Mystiker ist, so 
kann man sagen, daß meine Handlung mir meine Zukunft prophezeite: die 
Scheidung von meiner Frau und enge freundschaftliche Verhältnisse mit dem 
Menschen, der in dieser Stadt wohnte. Ohne auf das Mystische als solches 
einzugehen, will ich nur an diesem Beispiel den Unterschied zwischen psycho- 
analytischen und mystischen Deutungen zeigen. Ich stieg aus dem Zuge wegen 
eines vorhandenen, wenn auch unbewußten Protestes — das ist der psycho- 
analytische Gesichtspunkt. Ich verließ den Zug, weil es die Stadt war, in 
welcher der Mensch wohate, mit dem mich das Schicksal in der Zukunft eng 
verbinden sollte — das ist der mystische Standpunkt. 

Es ist zu bemerken, daß mir damals nicht nur unbekannt war, daß mein 
Schicksal mich mit dieser Stadt verbinden würde, sondern ich war mit dem 
Menschen selbst noch nicht bekannt; noch mehr, ich hatte von seiner Existenz 
überhaupt keine Ahnung. Dieser Umstand kann gewiß den Mystiker an seiner 
Behauptung nicht hindern, aber für den empirischen Forscher, der Freud ist, 
Ist dieser Umstand schwerwiegend. 

Die Fehlhandlung als unbeabsichtigte Bestätigung der Diagnose. 

Von Dr. U. Vollrath (Teupitz). 

Der Leiter eines großen Betriebes zeigt im ausgeprägten Mafle den von 
Jones so treffend beschriebenen „Gottmenschkomplex" {Ztschr, I, S. 313). Auf 
die große Rolle, die dabei der Kastrationskomplex spielt, hat Jones mit Recht 
gebührend hingewiesen. In unserem Falle ist er besonders ausgesprochen, so 
stark, daß er das Bild fast ganz beherrscht. Für meinen Privatgebraueh habe ich 
dieser besonderen Form des Gottmenschkomplexes den Namen Uranoskomplex 
gegeben, da Uranos der kastrierte Gott ist. Der Betreffende, der davon keine 
Ahnung hat und auch weder von Gottmenschkomplex noch von Kastrations- 
komplex je etwa gehört haben dürfte, klagte nun neulich im Kreise seiner 
Mitarbeiter über die neuen demokratischen Zeitlaufte, wo keiner gehorchen, 
jeder herrschen wolle, and schloß dann; „Und doch sogt schon Homer: 
El? oi^povot £at(D 1" 



350 Mitteilungen 

Die Fehlleistung eines Achtzigjährigen. 

Von Dr. Karl Abraham. 
IneinemZeitungsartikeliBBerliaerTageblatl" vom25. März 1922) stellt der 
Schauspieler Ludwig Baroay, der kürzlich seinen 80. Geburtstag feierte, launige 
Betrachtungen über die Ehrungen an, welche ihm bereits früher und neuerdings 
wiederum zuteil geworden sind- Er erwähnt scherzend, daß ihm bereits zu 
Lebzeiten alle Auszeichnungen widerfahren seien, die sonst erst Verstorbenem 
erwiesen zu werden pflegen. In einer Stadt habe man ihm ein Denkmal 
errichtet, in einer anderen Stadt eine Gedenktafel an seinem Wohnhause 
angebracht, in einer dritten eine Straße nach ihm benannt. Er wirft dann die 
Frage auf, was au Ehrungen für Ihn nach seinem Tode noch übrig bleibe und 
gibt darauf folgende Antwort: 

„Allenfalls die Bestattung, die übliche Trauerfeier und ein 
Nachruf in Öffentlichen Blattern. Aber auch auf dieses Dreigespann wird 
mein Leichenkondukt verzichten müssen, nachdem ich testameatarisch angeordnet 
habe, daß mein Hinscheiden nicht früher als nach erfolgler Leichenverbrennung 
erfolgen' möge." 

Der Fehlgriff im Ausdruck, der in diesem Satz enthallen ist, zeigt mit 
großer Deutlichkeit den Wunsch des Autors, überhaupt nicht zu sterben und 
gestattet uns einen guten Einblick in die tiefe unbewußte Überzeugung jedes 
Menschen von der eigenen Unsterblichkeit 

Bemerkenswert ist, daß das Wort „erfolgen" dem Klange nach dem- 
jenigen Worte, an dessen Stelle es getreten ist, durchaus unähnlich ist. Richtig 
hätte es etwa heißen müssen: „Bekanntgegeben werden möge." Die Fehl- 
leistung ist aber augenscheinlich begünstigt worden durch das Wort nerfolgter' 
welches in derselben Zeile enthalten ist. 

Von psychoanalytischem Interesse ist nicht minder, daß weder Redakteur 
noch Korrektor der Zeitung den Irrtum des Verfassers bemerkt haben. Ich kann 
hinzufügen, daß auch Leser der'Zeituog achtlos Über die Stelle hinweg gelesen 
haben. Ein Zeichen dafür, daß sie unbewußt mit der Auffassung des Ver- 
assers sympathisierten. 

Tendenziöse Druckfehler. 

Von HerbGrt Silberer (Wien). 

Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß im Druck analoge psychisch 
bedingte Fehler vorkommen können, wie beim Verschreiben. Der Prozentsatz 
koinplexbedingter Druckfehler unter allen Druckfehlern dürfte aus verschiedenen 
Gründen viel geringer sein als der entsprecliende Prozentsalz unter den 
Schreibfehlern. Nur einer dieser Gründe sei hier beiläufig bemerkt. Er liegt in den 
recht häufigen sogenannten Fischfehlern, welche darauf beruhen, daß der Satz 
nicht richtig abgelegt, d. h. die Typen nicht in die richtigen Kästchen gelegt 
waren, so daß der Setzer trotz richtiger Handbewegung, also durch wirklichen 
Zufall, eine falsche Type erwischt. Bei Setzmaschinen gilt dies nicht 

Nichtsdestoweniger dürften ab und zu tatsächlich komplexbedingte 
Druckfehler zu finden sein. Zu diesen mag der folgende gehören. In einem 
Artikel .Der Film als Erzieher" im „Neuen Wiener Tagblatl" vom 3. April 1922 
heißt es : „ ... In breiter Ausführlichkeit — doch leider immer noch nicht 
genug drastisch angesichts der sträflichen Indolenz der Bevölkerung — werden 
die furchtbaren Folgen der Geschlechtskrankheiten behandelt, aufgenommen 



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MitteilungeD 351 

an der Klinik des Hofrates Finger. Reichhaltige Statistiken boten erechrek- 
kende Ziffern der Verbreitung dieser furchtbaren Seuchen, Statistiken, io 
denen unser Vaterland durchaus an letzter Stelle marschiert." Eine 
Berichtigung am nächsten Tag teilt uns mit, daß es heißen sollte : „ . . . 
durchaus nicht an letzter Stelle ..." Es scheint, daß die Überzeugung, daß 
unser Vaterland durchaus an letzter Stelle marschiert, uns durch die Ver- 
hältnisse so eingehämmert worden ist, daß irgend eine Ausnahme von der 
allzu eingeiibtea Formel schon nicht mehr denkbar ist. Ob andererseiis der 
Wunsch mitgewirkt hat, daß es mit den Geschlechtskrankheiten doch nicht 
so arg sei? Konjekturen, aber möglich. 

Für viel mehr als bloß möglieh glaube ich die Komplexbedingtheit in 
einem anderen Beispiel halten zu müssen, wo es nämlich in dem gleichen 
Blatte hieß, daß von den neu eingeführten Rauchsorten der Verscheiß 
dann und dann beginne. Deutlicher und bündiger konnte man sie nicht als 
einen Dreck brandmarken. 

Ein heiterer Druckfehler war auch der, den ich am 23. Mai 1920 im 
„Neuen Wiener Journal" fand. Es war in einer Notiz über; Beethovens 
„Unsterbliche Geliebte". Die drei soeben genannten Wörter machten den Titel 
aus. Statt des ersten Anführungszeichens (vor „Unsterbliche") war aber eine 
Ziffer erwischt worden, und zwar zwei kleine Index-Neuner, so daß der 
Titel lautete: Beethovens 99 Unsterbliche Geliebte. Ich will nicht behaupten, 
daß gerade auch in diesem Beispiele ein Eomplexeinfluß entscheidend 
gewesen sei. 

Zur Verdichtungstech nik. 
Von Herbert Silbarar. 

Man erwacht mitunter mit irgendeinem unsinnigen Satz aaf den Lippen. 
E. Kraepelinhat sich mit dieser Erscheinung in seinem Buche „Über 
Sprachstörungen im Traume" (1906) beschäftigt. Es wäre vielleicht angezeigt, 
ihr mit psychoanalytischen Mitteln weiter nachzugehen. Meine heutige Notiz 
soll jedoch eine unter anderen Bedingungen aufgetretene analoge Erscheinung 
festhalten. 

Ich habe bedauerlicherweise sehr oft an kleinen grippeartigen Erkran- 
kungen zu leiden. Wenn sie ihren Schatten nicht anderswie vorauswerfsn, 
so machen sie ihr Nahen durch ein Nachlassen der Präzision und Zuverlässigkeit 
in geistigen und körperlichen Verrichtungen l)emerklich; es passieren nur dann 
allerlei „Fehlleistungen", Verschreiben, Versprechen, Verrechnen, Aus-der- 
Hand-Fallen-Lassen von Gegenständen — geistige Arbeit erfordert viel größere 
AnstrenguDg als sonst — kurz, der mir zu Gebote stehende psychophysische 
Organismus funktioniert dann nicht tadellos. (Auch das Traumleben ist dann 
in charakteristischerweise gestört oder sagen wir: beeinflußt). 

In diesem Zustand beobachtete ich jüngst an mir eine Erscheinung, die 
man ungefähr in der Mitte zwischen ,Rede beim Erwachen" (oder Rede im 
Schlaf) und Versprechen lokalisieren könnte. Es war beim Abendessen. Jemand 
sagte zu mir: „Du hast dir heute mehr Wein genommen." Ohne etwas darauf 
zu erwidern, spann ich die Worte .mehr Wein" zu einem Kalauer aus, indem 
ich mir dachte, ich könnte nun antworten: „Hätte ich am Ende Meerwasser 
(mehr Wasser) trinken sollen?" Intensiver beschäftigte mich jedoch zugleich der 
Gedenke an einen Essay, den ich geschrieben und vorher, am Nachmittag, 



352 Mitteilungen 

durcbgeseben hatte. Derselbe war, im Vei^leich 7,u einer illteren Fassung, um 
ein gutes Stück länger geworden. Nun hatte dieser Essay gewisse Beziehungen zur 
Psychoanalyse. Und zur gleichen Zeit widmete ich mich auch einer sehr genauea 
Lektüre der, Vorlesungen" von Freud. Darin Itommt das Meringersche Ver- 
sprechen vom „Vorschwein* („. . . dann sind Tatsachen zum Vorschwein ge- 
Itommen . . .') und im folgenden Text ziemlich oft das Wort ,Vorschein" vor, 
das mich immer wieder an das köstliche „Vorachwein" erinnerte, ja von mir 
geradezu als solches apperzipiert wurde. Tagsvorher hatte man mir aber er- 
zählt, daß ein gegenüber von uns wohnender Student ein Meerschweinchen halte. 
Auf die Bemerkung, daß ich mehr Wein genommen hatte, verging etwa 
eine halbe Minute, wiihrend welcher Zeit ich xueral an den dummen Kalauer, 
dann ziemlich nachlässig an den länger gewordenen Essay dachte, und hierauf 
sagte ich, wie aus einer Träumerei erwachend, die Worte: „Vm ein Meer^ 
Schwein länger." Beim Aussprechen hatte ich bereils die Empfindung heiteren 
Unsinns und vollendete lachend die traumhaft entstandene Phrase. Es ist nicht 
ganz unmöglich, wiewohl mehr spielerische Konjektur, daß die gesprochene 
Formel außer als Verdichtung des mitgeteiUen Gedanltenmaterials noch als 
spezifische sarkastische Entgegnung aufzufassen wäre, die auf intimeren Vor- 
sieUungen beruhte: ,Ich habe mehr Wein genommen, aber ich habe ein Recht 
dazu, denn ich bin um ein Vorsch wein {oder Meerschwein und Vorrecht) länger 
als du!" (Vorschwein = Penis). 



* 



Referate. 



Dr. Karl Abraham: Klinische Beiträge zur Psychoanalyse. Inter- 
nationale Psyciioanalyiische Bibliothek, Bd. 10, 1921, 301 S. 
Die in diesem stattlichen Bande gesammelten 28 Aufsätze des hervor- 
ragenden Berliner Psychoanalytikers Dr. Abraham sind nicht nur darum 
bedeutsam, weil sie den Leser über alle wesentlichen Fortschritte der 
Freudschen Neurosenlehre von 1907 bis 1921 an klinischen Beispielen ein- 
gehend informieren, sondern vor allem durch die Fülle von wichiigen Original- 
beiträgen, die unsere Wissensehalt diesem unermüdlichen Forseher verdankt. 
Die meisten der von Abraham gebrachten Anregungen haben sich bewährt, 
sehr viele sind das Gemeingut aller Psychoanalytiker geworden, manche 
dieser Arbeiten aber sind geradezu glänzende Leistungen, zu denen den Autor 
seine große Erfahrung und Geistesschärfe befähigten. Es ist nicht möglieh, 
sich vom Reichtum an neuer Erkenntnis, die diese Aufsätze bieten, nach einem 
Referate auch nur entfernt einen Begriff zu bilden; der Wissensdurstige muS 
aufs Original verwiesen werden. Doch schon die Aufzählung einzelner Kapitel- 
überschriften genügt, um die Originalität und die Vielseitigkeit des Autors zu 
kennzeichnen. 

„DasErleiden sexuellerTraumen als Form infantiler 
Sexualbetätigung" zwingen uns, unsere bisherige Auffassung über die 
Genese gewisser Psychoneurosen gründlich zu revidieren. Früher glaubte man, 
eine große Anzahl dieser Seelen zustände auf infantile Sexualtraumata zurück- 
führen zu können. Diese Untersuchung Abrahams zeigt uns aber, daß 
Kinder oft die Tendenz haben, sich solchen Traumen auszusetzen, wohl eine 
Bestätigung der von Freud vertretenen Rolle der Sexualkonstitution 
in der Pathogenese dieser Neurosen. «Die Stellung der Verwandten- 
ehe in der Psychologie der Neurosen" und „Über neurotische 
Exogamie" behandeln das zwiespältige Verhältnis der Neurotiker zu den 
gegengeschlech fliehen Blutsverwandten, von denen sie entweder zu stark 
angezogen oder abgestoßen werden. Die wichtigsten Beobachtungen verdankt 
die Psychoanalyse dem Autor dieser Sammlung über die Bedeutsamkeit gewisser, 
bisher zu wenig gewürdigter Partialtriebe, erogener Zonen und Sexualorgani- 
sationen. {„Ohrmuschel und Gehßrgang als erogene Zone", 
„Über eine konstitutionelle Grundlage der lokomotori- 
achen Angst", „Über Einschränkungen und tJmwandlungen 
der Schaulust bei den Psychoneurotikern nebst Bemer- 
kungen Über analoge Erscheinungen in der Völkerpsycho- 



354 Kritiken und Referate 

logie", „Über Ejaculatio praecox" [die ersle wissensehamiche 
Würdigung der Urethralerotik]). Abrahams „Untersuchungen über 
die früheste prägcnitaie Entwicklungsstufe der Libido" 
zeigen uns die Bedeutsamkeit der oralen (kannibalistiachen) Phase der Sexual- 
organisation für die spätere neurotische Erkrankung und für die Keurosenwahl. 
(Diese höchst aufschlußreiche Arbeit trug dem Autor den internationalen 
psychoanalytischen Preis für 1920 ein.) Als gewiegter Techniker der Psycho- 
analyse präsentiert sich der Autor in seinen Aufsätzen: „Über eine 
besondere Form des neurotischen Widerstandes gegen 
die psychoanalytische Methodik" und „Zur Prognose 
psychoanalytischer Behandlung in vorgeschrittenem 
Alter''. Als theoretisch bedeutendsten Aufsatz heben wir den über 
„Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der 
Dementia -praecox" hervor, durch den A b r a h n m der Vorläufer der 
späteren Freudschen Konzeption der „narzißtischen Neurosen" wurde. Die 
übrigen Arbeiten behandeln meist Fälle aus der analytischen Praxis (hyste- 
rische Traum zustände, Fetischismus, Alkoholismus, maoisch-depresaivea 
Irresein usw.). Auf die glänzende Kritik der Jungschen Pseudo-Psychoanalyse 
sei besonders hingewiesen. Es muß bemerkt werden, daß uns diese Sammlung 
kein erschöpfendes Bild über die psychoanalytischen Leistungen Abrahams 
geben kann, da sie nur die Idinisch-mediainischen Arbeiten enthält, nicht 
aber seine interessanten und anregenden Exkursionen auf dem Gebiet der 
Völkerpsychologie und der Ästhetik. S. Ferenczi. 

Dr. Stephan Hoiläs und Dr. S. Ferenczi : Zur Psychoanalyse derpara- 

lytischen Geistesstörung. Beihefte der Intern. Zeitschr. f. Paa. 

Nr. 5, Intern. Psa. Verlag, 1922. 

Die Verfasser haben sich in ihre Arbeit geteilt. Diese besteht aus drei 
Kapiteln, von welchen die zwei ersten von H o 1 1 ö s stammen, das letzte 
von Ferenczi. 

Im ersten Kapitel („Literarische Vorbemerkungen") schildert Hollös 
den Standpunkt der offiziellen Psychiatrie in der Frage der organischen 
Oehirnerkrankungen, besonders der progressiven Paralyse. Mit wenigen Aus- 
nahmen, wo die Bedeutung des konstitutionellen und psychischen Faktors für 
den Ausbruch und psychischen Verlauf der organischen Gehirnerkrankungen 
zaghaft zugegeben wird, Ist f tir die meisten Autoren die Frage der progressiven 
Paralyse mit der Feststellung des pathologisch-anatomischen Gehirnbefundes 
erledigt und keines weiteren psychologischen Erklärungsversuches bedürftig. 
Der Verfasser stellt sich die Frage, ob zwischen „Funktionalem" und „Orga- 
nischem" tatsächlich eine unüberbrückbare Kluft bestehe? „Diese Annahme 
würde" — beantwortet der Autor in beherzigenswerter Weise seine Frage — 
wie Freud in der ,Traumdeutung* sagt, ein geringes Zutrauen der Psychiatrie 
zur Haltbarkeit der Kausalverkettung zwischen Leiblichem und Seelischem 
verraten. Wenn es möglich wurde, die Dementia praecox psychologisch zu 
erklären, so kann man schwerlich im vorhineinsagen, obnicht auch psychische 
Symptome einer organischen Erkrankung nebst dem der oi^aaischen Zerstörung 
auch psychische Determinanten erfordern, um verstündlich zu werden. Wir 
können auf den psychischen Determinismus von vorn- 
herein nie ht v er z icht en (vom Referenten gesperrt) und woUen erst 
nach mißlungenem Versuch die Unzulänglichkeit unserer Deutungskunst 



J 



Kritiken und Heferate 355 

bekecnen. Aber auch das nur dann, wenn diese Deutungstechnik an organischen 

Erkrankungen systematisch erprobt worden ist, niemals aber, so lauge sie aus 
Gründen spekulativer Natur überhaupt nicht in Anwendung gebracht wurde." 

* 

Im zweiten Abschnitt bringt H o 11 <5 s mehrere psychoanalytisch gedeutete 
Beobachtungen. Er zeigt, daß eine ganze Reihe von Symptomen der progressiven 
Paralyse gar nicht so „sinnlos" ist, wie es den Ansehein hat. Im Gegenteil, 
dieselben sind gut psychisch determiniert und leisten den Bemühungen, sLe 
psychoanalytisch aufzulösen, keinen allzu großen Widerstand. Sie stellen 
verdrängte Wünsche und Regungen dar, ganz ähnlich wie in einer anderen 
Psychose, der Schizophrenie. 

Daß Zahlen im Traume, in der Schizophrenie usw. einen versteckten 
Sinn haben, ist bekannt. Unerwarteter weise zeigt aber Verfasser an Beispielen, 
daß die falschen Zahlen uad Rechenfehler der Paralytiker ebenfalls psychisch 
determiniert sind und einen geheimen Sinn verraten. Besonders auffallend ist 
die Angabe des falschen Alters, dessen Zahl gewöhnlich niedriger ist als die 
des wirklichen. In diesen falschen Altersangaben Ist der Moment der Krankheit 
fixiert. Die Patienten verdrängen ihr Krankheitsbewußtsein und versetzen sieh 
in ein Alter zurück, wo sie noch gesund waren. Referent möchte nur hinzu- 
fügen, daß dies nicht nur in der progressiven Paralyse vorkommt, sondern 
auch in anderen organischen Gehirn kr ankheiten. Besonders häutig sieht man 
es jedoch in der Schizophrenie, wo die Kranken nach der .Heilung' ihr Leben 
dort wieder beginnen, wo sie es auf der Höhe der Erkrankung unterbrochen 
haben, beziehungsweise wo sie in der Regression stehen geblieben sind. 

Die psychoanalytische Auflösung anderer Symptome, als deren Wurzel 
sich Mutterleibs- und Wiedergeburtsphautasien erweisen, mit ihrer bis auf die 
primitivsten Lebensäußerungen zurückgreifenden Allmacht, Magie, halluzina- 
torischen Wunscherfüllung, bietet anscheinend für die paralytische Psychose 
nichts Charakteristisches, denn dieselben Erscheinungen und Mechanismen, von 
geringen Differenzen abgesehen, sind in anderen Psychosen, z. B. in der 
Schizophrenie, an der Tagesordnung. Dennoch bedeuten die durch Hollös 
erzielten Resultate seiner Forschung einen nicht hoch genug einzuschätzenden 
Fortschritt, da es endlich gelungen ist, in das bisher unangreifbar scheinende 
Gebiet der organischen Gehirnerkrankungen psychologisch einzudringen und 
für diejenigen Erscheinungen, die durch den pathologisch-anatomischen Prozeß 
allein nicht erklärt werden können, psychische Determinierimgen, ähnlich wie 
bei anderen Psychosen, zu finden. 

Im dritten Teil versucht nun Ferenczi, eine psychologische Theorie 
der progressiven Paralyse zu geben. Es ist kaum möglich, in einem kurzen 
ReEerat die gedankenreichen und subtilen Ausführungen des Autors wieder- 
zugeben, die auch am besten in der Originalarbeit nachzulesen sind. 

In der Lehre von den „erogenen Zonen' ist Ferencai konsequent 
genug, um dieselbe auch aufs Gehirn auszudehnen, das nun, wie jedes andere 
in Erregung versetzte Organ, ebenfalls in sexuelle Miterregung gerat- Die 
progressive Paralyse ist nach Ferenczi eine ^zerebrale Pathoneurose", das 
heißt, eine narzißtische Neurose, welche im Anschluß an „die Erkrankung 
oder Verletzung lebenswichtiger oder vom Ich hochgeschätzter Körperteile 
oder Organe, besonders der erogeuen Zonen" auftritt. Die in der progressiven 
Paralyse geschädigte „erogene Zone" wäre demnach das Gehirn. 



356 Kritiken und Referate 

Der Verfasser verwahrt sich aber gleich zu Beginn gegen etwaige 
Vorwürfe, daß er die rein körperlichen Symptome, wie die Lähmungen und 
Reizerficheinungen auf motorischem und sensiblem Gebiete, manche psychische 
Funlttionsätürungen, die nur Relz^ oder Ausrallserscheinungen als unmittelbare 
Folge des organischen Gehirnprozesaes darstellen, auf eine psychogene 
Ätiologie zurückzuführen sich bemühte. Seiae Erklärungsversuche beziehen sich 
lediglich auf diejenigen psychischen Erscbeiaungen, die durch den organischen 
Prozeß nicht erklärt werden können. Diese Symploine entsprechen eben „der 
psychischen Bewältigung der durch die zerebrale Lüsion mobilisierten narziß- 
tischen Libido". 

Ferenczi formuliert seinen Standpunkt folgendermaßen: ^Unsere 
Vermutung geht nun dahin, daß die metaluefische Gehirnaffektion, Indem sie 
das Zentralorgan der Ichtunktionen angreift, nicht nur Ausfallserscheinungen, 
sondern nach Art eines Traumas auch eine Gleichgewichtsstörung im narziß- 
tischen LibidohauBhalt produziert, die sich dann in den Symptomen der 
paralytischen Geistesstörungen äußert." 

Nun versucht der Verfasser an Hand des Verlaufes der Krankheit 
Beweise für seine Behauptung zu hefern und unterwirft zu diesem Zwecke 
die einzelnen Stadien der progressiven Paralyse einer Überprüfung unter 
psychoanalytische Gesichtspunkte. 

In der ersten Phase der Paralyse, wo es so häufig schwer fällt, die 
Difterentialdiagnose zwischen progressiver Paralyse und Neurasthenie zu 
steilen, fällt dem Autor die Herabsetzung der Geuitallibido und der Verlust 
der Potenz auf. Daß dieses Symptom nicht rein anatomisch zu bewerten sei, 
beweise die in späteren Stadien der Krankheit wiederkehrende Potenz. Die 
Herabsetzung der Genitallibido betrachtet daher der Verfasser als Zeichen der 
Abziehung der Libido von den Sexualobjekten. 

Die von den Objekten abgezogene Libido schlage sich bald zum Ich 
und komme in den häufig übersehenen Stadien von Depression in Form von 
hypochondrischen Sensationen zum Vorschein. Die Hypochondrie, welche ja 
auf einer Libidostauung beruht, kommt nach Ferenczi nicht nur bei 
intakten Organen vor, sondern auch im Anschluß an wirkliche Erkrankungen 
und Verletzungen, wenn die zu den Heilungstendenzen mobilisierte Libido ein 
gewisses Maß übersteigt und psychisch nicht mehr bewUltigt werden kann. Da 
das Gehirn des Paralytikers tatsächlich krank ist, hiitten wir darin die „patho- 
neurotisehe" Grundlage der progressiven Paralyse zu sehen. 

Dem neurastheaisch-hypochondrischen Stadium folgt ein solches von 
Euphorie, das durch eine gesteigerte Libido undPoteuz, übermäßige Geschäftigkeit 
und großes Interesse für die Umgebung, nicht zum geringsten Teil für^ die 
Sexualobjekte, ausgezeichnet ist. Dies sei aber nur ein Versuch, die narzil3tiscli- 
hypochondrlsche Unlust durch krampfhafte Objektbeselzungen zu über- 
kompensieren. 

Diese zwei Vorstadien, das neurasthenisch-hypochondrische und das 
euphorische, faßt Verfasser als Stadien der paralytischen Aktual- 
psychose auf, die sich hauptsächlich auf organisch-physiologischem Gebiete 

abspielt. 

Wie die „paralytische Aktualpsychose" sich meist auf körperlichem 
Gebiete abspielt, so spielen sich die darauffolgenden Phasen der Krankheit 
(das melancholische Stadium und das manisch-größenwahnsinnige) hauptsächlich 
auf psychischem Gebiete ab. 



J 



Kritiken und Referate 357 

wahrend die psychogene Melancholie durch Verlust oder Werteinbuße 
eines Ideals, mit dem sich das Ich identifiziert hatte, entsteht, ist die para- 
lytische Melancholie nach F e r e n c z 1 eine Reaktion auf die direkte Ichver- 
letzung. Die organischen Gehirnveränderungen rufen ja gewisse Störungen 
der seelii5ch-körperlichen Funktionen hervor, und die Wahrnehmung dieser 
Störungen wird vom Ich als narzißtische Kränkung empfunden, „Der para- 
lytische Melancholiker betrauert den Verlust des bereits erfüllten Ichideals." 
Die Selbstvorwürfe, die Vernichtungstendenzen gelten einem Teile des Selbst, 
das zufolge der Gehirn kr ankheit seine frühere Leistungsfähigkeit und Tüch- 
ligkeit verlor, was das Selbstgefühl des Kranken tief erschüttert, seine Selbst- 
einschätzung herabsetzt." 

Wird die melancholische Trauer überwunden, so stellt sich das manisch- 
größenwahnsinnige Stadium ein. Die psychogene Manie stellt nach Freud 
einen Triumph über die melancholische Trauer dar, erzielt durch Auflösung 
des durch Identifizierung erreichten Ideals im narzißtischen Ich. Um die 
melancholische Trauer über die Entwertung des lehideals zu überwinden, löst 
der Paralytiker, nach Ferenczi, alle im Laufe der Entwicklung erworbenen 
Ichideale auf und zieht sich auf den primitiven Narzißmus zurück. „Die 
manisch-größenwahnsinnige (scheinbar oft primär einsetzende) Phase der 
Paralyse ist also eine stufenweise Regression der narziß- 
tischen Libido zu den überwundenen Ichentwicklungs- 
stufen. Die Paralysis progressiva ist, vom psychoanalytischen Standpunkt 
aus gesehen, eine Paralysis regressiv a." Der Kranke befindq,t sieh dann 
der Reihe nach in ganz friihinfantilen Stadien der Ich- und Libidoentwicklung. 
,Es ist, als ob der ganze Prozeß, der im Lauf der Entwicklung zur ,polaren 
Teilung' der Triebbesetzungen zwischen Ichzentrum (Gehirn) und Genitale 
führte, stufenweise rückgängig gemacht, und das von solchen .unschönen, 
Regungen durch die Erziehung gesäuberte Ich wieder von Erotik überflutet 
würde. So wird der Kranke, je mehr er herunterkommt, immer schranken- 
loser und allmächtiger und stirbt in der Euphorie eines unbeholfenen, aber 
glücklichen Kindes." 

Sogar das letzte Stadium der Krankheit, die Verblödung, ißt nicht 
ausschließlich eine unmittelbare Folge der Zerstörung des Gehirnes. 

Die Verschiedenheit der Verlaufsarten macht der Verfasser von zwei 
Bedingungen abhängig : vom Trauma und von der Disposition, an welcher 
Stelle' sich gut der endogene Faktor einreihen läßt. Der Verlauf hängt von 
der Libido- und lehkonstitntion ab, das heißt anders wird auf die zerebrale 
Noxe ein narzißtischer Typus reagieren, anders ein Übertragungstypus. 

Indem Ferenczi die topischen Gesichtspunkte im Sinne der Freud- 
schen Metapsychologie auf die Paralyse anwendet, bringt er manche Eigen- 
tümlichkeit von anderen Verlaufsarten dem Verständnis näher. Die Heftigkeit 
der paralytischen Gehimerkrankung hänge vom „Grade der Spannungsdifferenz 
zwischen Ichkern und narzißtischem Ich" ab. Bleibt der Ichkern verhältnis- 
mäßig verschont, so muß der Niedergang der körperlichen und geistigen 
Fähigkeiten heftige psychotische Reaktionen auslösen, wenn er aber zugrunde 
geht, wird die Krankheit eher das Bild der einfachen Verblödung bieten. 

Ferner hänge das Krankheitsbild davon ab, ob der Prozeß an der Ich- 
peripherie (körperliche Funktionen) beginne oder am Ichkern (höhere geistige 
Funktionen). Im letzteren Falle käme die Verworrenheit zustande. 



358 Kritiken und Referate 

Zum Schluß soll noch bemerkt werden, daß Verfasser fast an jeder 
Stelle hochinteressante Probleme streift, deren Lösung weitgehende Ausblicke 

für Psychiatrie und Psychologie bietet. 

« 

Beim Studium dieser Arbeit mußte sich Referent immer die Frage 
stellen ob die hier geschilderte Psychologie der progressiven Paralyse 
charakteristisch für einen organischen Gehirnprozeß allein ist, denn es drüngte 
sich ihm fortwährend der Vergleich mit der Schizophrenie auf. Die von 
Hollös gebrachte Kasuistik wie die theoretischen Auseinandersetzungen 
vonFerenczi können doch im allgemeinen für beide Krankheitsformen 
Gelhing haben Sowohl der ueurasthenisch-hypochondrische Symptomenkomplex 
wie der melancholisch-manische und größenwahnsinnige kommen m beiden 
Krankheiten vor und dürften eine ähnliche psychologische Struktur haben. 
Auch das Verblöduogsstadium der Paralyse dürfte auf ähnlichen Mechanismen 
beruhen wie in der Schizophrenie, wo ja die verschiedenartigsten .VerblÖdunga- 
stuEen" von den bereits durchgemachten Ichregressionen abhJingen. Die Ich- 
und Libidoregressionen sind anscheinend in beiden Fällen die gleichen, so 
daß man mit ebenso gutem Recht von einer „Schizophrenia regressiva« 
sprechen könnte. Alle Geisteskranken scheinen eben in ihren Endstadien auf 
eine frühere Entwicklungsstufe zurückgeworfen zu werden. 

Sogar der Konflikt innerhalb des Ichs ist ein ähnlicher. Der Schizo- 
phrene sucht ja bestfindig sein «Ichideal", das er mit seinem narzißtischen 
Ich zu identifizieren sich bestrebt. Gelingt ihm dies, so verfällt er gänzlich 
der Krankheit, gelingt ihm die Verdrängung des narzißtischen Ichideals, so 
beschreitet er den Weg der Heilung. 

Den Unterschied zwischen beiden Krankheitsformen bildet jenes eigen- 
artige Gepräge, das die LUsion des Gehirnes dem paralytischen Krankheitsbild 
verleiht. Vielleicht behält ein namhafter Psychiater mit seiner Vermutung 
recht, es seien manche organische Psychosen, wie z. B. die Dementia seniüB,. 
die ja durch Gehirnatrophie ausgelöst wird, lediglich Spätformen der Dementia 
praecox. Dies könnte vielleicht bedeuten, daß das Ich, infolge des organischen 
Abbaues der Gehirnmasse, zu alten, längst verschütteten Arbeitsweisen seines 
psychischen Apparates regrediert. Wir sehen eine derartige „Regression" sowohl 
in der progressiven Paralyse wie in der Schizophrenie, nur ist bisher in der 
letzteren ein pathologisch-anatomischer Destruktionsprozeß nicht einwandfrei 
festgestellt worden. Es dürfte also die Fragestellung berechtigt sein, ob nicht 
etwa die gestaute Libido in der Schizophrenie gleichfalls stufenweise, wenn 
auch bloß „funktionell", gewisse Gehirnpartien ausschulte? 

Dr. N u n b e r g (Wien). 

J. Varendonck: Über das vorbewußte phantasierende Denken. 

Internationale psychoanalytische Bibliothek, Bd. XI., Leipzig, Wien, 

Zürich, 1922. 

J. Varendonck beginnt mit der Auseinanderlegung jener Umstände, 
die ihn veranlaßt hatten, seine Arbeit niederzuschreiben. Das psychoanalytische 
Material, das ihm anfänglich zu Gebote stand, war Freuds Traumdeutung, der 
er auch die primäre Anregung zu seiner Untersuchung verdankt. 

Als erstes teilt er verschiedene Phantasien mit, d. h. solche Gedanken- 
ketten, die er nach Aufgabe des gerichteten Denkens erhalten hat, die für ihn 
den Charakter der ungewolllen Vorstellung tragen, mit dem Unterschied, daß 



i 



Kritiken und Referate 359 

er zum Zwecke ihrer AufÜndung das, was er gericMeles Denken nennt, auf- 
gibt und sie so zu gewoUten macht. Obwohl er diese Vorstellungen vor allem 
vor dem Einschlafen produziert, setzt er sie doch gewissermaßen mit jenen 
gleich, die ihm am Tage beim Nachlassen der Aufmerksamkeit kommen. Er 
zeigt an ihnen vor allem auf, daß sie sich jeweilig an eine Erinnerung anheften, 
wobei er nicht zu unterscheiden wagt, ob er Begebnisse, die eine ganz kurze 
Zeit vor dieser Phantasie liegen, bereits als zum Gedächtnis gehörig ansehen 
kann oder nicht; des weiteren ergeben sich äußere Reize als Anlaß zu längeren 
Phantasien. Hat er diese ersten Beobachtungen auch an zeitlich verschieden 
gelegenen Gedankenketten gemacht, versucht er doch die erstmaligen Ergeb- 
nisse nur auf jene vorbewußten Gedankenketten anzuwenden, die vor dem 
Einschlafen eintreffen. 

Als Ausgangspunkte nimmt er folgende an: 

1. Die Wahrnehmung eines äußeren Reizes harmloser oder aufregender 
Art, die sich sofort mit einer Erinnerung verbindet und bald in den Hinter- 
grund tritt. 

2. Das Auftauchen eines Tagesreates, der indifferent oder affektiv betont 
sein kann. 

3. Willkürlich gewählte Vorstellungen (zu experimentellen Zwecken), die 
sich gleichfalls sofort mit der Erinnerung verbinden. 

Aus dieser Aufstellung ergeben sich folgende Schlüsse: 

1. Ein Element zu Anfang jeder Gedankenkette ist dem Gedächtnis 
entnommen. 

2. Den verschiedenen Ausgangspunkten ist das Moment der Aktualität 
gemeinsam. 

3. Die Wahrnehmung, auf die sieh das Interesse anfänglich konzentriert, 
gerät nach einer bestimmten, bei jeder Träumerei verschieden großen Anzahl 
von Assoziationsgliedern in Vergessenheit. 

War damit der Versuch unternommen, seine Phantasien auf ihre Ver- 
anlassung hin zu betrachten, was auch bei vielen gelungen war, so konnte er 
doch seine abschweifenden Gedanken nicht oder nur im seltensten Falle 
während des Lesens als aus dem Text hervorgehend ableiten, und kam so zu 
dem Ei^ebnis, daß in einem solchen Falle eine nicht zum Bewußtsein gekom- 
mene äußere Wahrnehmung jene Ablenkung verardaSt hätte, ja er meint sogar, 
daß eine Verdrängung des bewußten Elementes zeitlich möglich wäre, die jene 
Zerstreutheit verursache, d. h. jener äußere Reiz nun assoziiere sich mit einer 
Erinnerung oder einem Tagesrest, der immer affektiv betont sei. 

So ist ihm die Zerstreutheit das gerade Gegenteil einer Inspiration, bei 
der beide Gedankengänge bewußt und vorbewußt dem gleichen Ziele zustreben, 
während sie bei der Zerstreutheit auseinander zu gehen seheinen. 

Die Ergebnisse des ersten Buchkapitels lauten zusammenfassend: 

Der Anlaß der vorbewußten Gedankengänge bei ruhender Seelentätigkeit 
ißt entweder ein sensorischer oder psychischer Reiz; — wenn sie, jene vor- 
bewußten Gedankengänge, die Aufmerksamkeit vom willkürlichen Denken in 
vorbewußte Bahnen lenken, kann die Ursache des Entstehens die gleiche sein, 
der Übergang aber von der einen zur anderen Art wird durch eine äußerliche 
Assoziation vermittelt. 

Da sich nun jene vorbewußten Gedankenketten teils in Wortvorstellungen, 
teils visuell abspielen, scheint die Annahme gerechtfertigt, daß das visuelle 
Element jeder solchen Erscheinung angebörl und daß die Verbildlichung ein 



I 



360 Kritiken und Referate 

konstaatea Material des vorbewußten DenkenE ist. Einen spilleren Zusatz zu 
dieser Bemerkung vorwegnehmend, möehte ich hier schoa bemerlten, daß 
Varendonck annimmt, je weiter sich eine Phantasie vom Bewußten enWernt» 
ie visueller wird sie, so daß vorbewußte Gedpnkenkelten, die sich in Wort- 
vorsteliungen abspielen, dem bewußten und willkürlichen Denken sehr nahe 
stehen und leicht in sie übergehen können, wenn auch das visuelle Element 
vom Denkprozeß durchaus abhängig ist. Obwohl nun nach der Durchsprechung 
einer Phantasie die Annahme des visuellen als sozusagen primitiveren Denk- 
proMsses gegeben erscheint, ist doch sein alleiniges Vorkommen nirgends 
nachweisbar, vielmehr seine stiindige Verkettung mit WortvorsteUungen so 
evident, daß eines ohne das andere kaum angenommen werden darf und den 
Wortvorstellungen der Hauptanteil der vorbewußten Denkmechanismen 
zukommt, ja soweit, daß die visuellen Hilder nur die dazugehörigen Illustra- 
tionen sind. 

Ferner ist die Annahme berechtigt, daß Erinnerungen nicht in psychische 
Bilder umgewandelt werden, sondern selbst als Erinnerungsbilder erinnert 
werden können, da man wohl zu allen Erlebnissen Erinnerungsbilder besitzt, 
die man aber gewöhnlich in Worte umzusetzen pflegt. 

Bei näherer Untersuchung der Tagtrüume ergibt sich ferner die vor- 
bewußte Aktion zu einer Wunscherfüllung, so daß sich selbst die komplizier- 
testen Gedankenketten in einer Aufeinanderfolge von Fragen und Antworten, 
Annahmen und Einwendungen auflösen lassen, die ihre Mechanismen nach 
einer Zielkonzeption ordnen. 

Das Denken kann im vorbewußten Zustand drei verschiedene Einstellungen 
annehmen, es kann den Eindruck erwecken, daß unser Ich denkt oder haupt- 
sächlich handelt oder einfach zuschaut. 

Wenn Varendonck das Ziel der vorbewußten Gedankenkelten als 
Wunscherfüllung nimmt, die Anordnung dieser sich in Frage und Antwort 
abspielen läßt, kommt natürlich allen Antworten das jeweilige Erinnerungselement 
zu, das aber auch so in den Vordergrund kommen kann, daß die eigentliche 
Beantwortung dadurch verhindert wird und sich nun auf Grund dieser neu 
dazu gekommenen Erinnerungen die Phantasie in anderer Bahn fortbewegt. 
Wenn auch bei Antworten, die mit Erinnerungen zusammenhängen, die 
Wörtvorstellungen vorherrschen, kann man doch bei jeder einzelnen das Vor- 
handensein von visuellen Elementen nachweisen. 

So ist die Annahme gegeben, daß, wenn das Vorbewußte genötigt ist, 
ein Problem zu lösen, das Gedächtnis in direkter oder indirekter Weise die 
dazu nötigen Hilfsmittel zur Verfügung stellt, und zwar direkt, wenn es die 
Antwort auf die Frage ohneweilers durch ein Erinnerungselement gibt, indirekt, 
wenn die Antwort bedingt durch einen ganzen Erinnerungskomplex steht. 
Jedenfalls ist das Gedächtnis die einzige Quelle, aus der unser Denken das 
Material zur Vorbereitung der Zukunft, zur Herstellung von Anpassung bezieht. 
Die Untersuchung ergibt innerhalb der vorbewußten Gedankenketten 
Richtungsänderung und Fehlen des Überganges, und zwar so, daß diese immer 
in einer kausalen Verbindung stehen — jede Rielitungsänderung entspricht 
dem Augenblick, in dem die Triebkraft des Wunsches aussetzt, weil das 
Denken unter die Herrschaft einer Erinnerungsfolge gekommen ist -— und man 
so auch die Beobachtung machen konnte, daß der Übergang des Denkens vom 
Bewußtsein zum Vorbewußtsein immer mit dem Aufgeben oder mit einer 
Verschiebung des ursprünglichen Interesses zusammenfiel. 



Kritiken und Referate 361 

Man gerät dadurch für kürzere oder längere Dauer in einen Zustand 
von Versunkenheit, in welchem wir jede Herrschaft über die geistigen Fähig- 
keiten verlieren und ganz unter den Einfluß des Gedächtnisses geraten, schein- 
bar aber können die wieder erwachten Erinnerungen nicht wie der vorbewußte 
Wunsch eine eigene Richtung angeben. Die Erinnerungstätigkeit seheint zu 
nichts fäihig, als zu einer automatischen Wiederholung von vergangenen 
Geschehnissen in der Reihenfolge ihres Vorkommens. 

So hat der Autor die Sicherheit gewonnen, daß die Richtungsiindernngen 
bei den vorbewußten Gedankenketten in einem besonderen Bewußtseinszustand 
vor sich gehen, der dem Menschen vorübergehend die Fähigkeit nimmt, die 
Erinnerungen an vergangene Geschehnisse zu unterbrechen, so daß sie sich 
automatisch vor dem geistigen Äuge abrollen und den Menschen ganz in 
Anspruch nehmen. 

Dieser halluzinatorische Zustand steht nun am Ausgangspunkt jeder 
vorbewußten Gedankenkette, sobald man eine Richtungsänderung bemerkt, da 
er imstande ist, jede Abschweifung von ihr herbeizuführen; — so ist die Ent- 
stellung von vorbewußlen Gedankenkeifen eine Folge von kurzen halluzinato- 
rischen Erinnerungen, die von den dazugehörigen, wiedererwachten Affekten 
begleitet sind, und diese Erinnerungen nun verleihen dem vorbewußten Denken 
den Charakter des Sprunghaften. 

Bei der Wiedergabe des Tagtraums in Frage- und Antwortform findet 
mau keinen prinzipiellen Unterschied, ob das Denken vorwiegend in Bildern 
oder in Worten vor sich geht. 

Wenn nuß Varendonck die Irrtümer des vorbewuflten DenJcens, seine 
Kritiklosigkeit Überschaut, kommt er zu dem Ergebnis, daß diese selbst nur 
einem Mechanismus entstammen können, nämlich der Untähigkeil der vor- 
bewußten Gedaakenbildnng, bei einer bestimmten Stelle der Assoziation hialt 
zu machen oder gar zu ihr zurückzukehren. 

Er nimmt an, daß dieselben Irrtümer auch im bewußten Denken vor- 
kommen, nur dort spontan ihre Korrektur erfahren, ja so mechanisch, daß 
man sich bei Überlegung des Denkresiiltats gar nicht mehr aller irrtümlichen 
Vorschläge erinnert, sondern sie meistens so verdrängt, daß nur die richtige 
Antwort als Ergebnis bleibt. 

Über das Vergessen wird gesagt: Das Vorbewußte behält nur die 
erwünschten Vorstellungen und verleiht nur ihnen Realitätswert, das 
Unerwünschte wird sofort zurückgewiesen und wird vergessen, 

Die Leichtgläubigkeit des Vorbewußten erklärt Varendonck mit der 
möglichen Verbiidlichung der Geschehnisse soweit, daß er Grade von Amnesie 
und Verbildlichung in eine kausale Beziehung von Ursache und Wirkung bringl. 

Das Vorbewußte, das in vielen Dingen kritiklos zu sein scheint, könne 
sehen, ehe es glaubt, weil es imstande ist, alles zu sehen, und es könne 
glauben, ehe es sehe, weil es imstande sei, alles zu vergessen. 

Varendonck spricht dem Vorbewußten das Gedächtnis ab, um dann 
in einem späteren Absatz mitzuteilen, daß die Merltfähigkeit des Vorbewußten 
nicht ganz herabgesetzt sei. 

Er definiert nun in diesem Zusammenhange das vorbewußte Denken als 
eiue Art PrUfungeprozeß, bei dem ein bestimmtes StUck Gedächtnisinhalt 
erweckt und einer entsprechend anderen Erinnerung gegenüber gestellt werde, 
und zwar zu einem bestimmten Zweck, dessen Erkennung für uns noch unvoll- 
kommen wäre, obwohl er unmittelbar darauf die Definition des schöpferischen 

Internat. ZeJlBchr. f. Psychoanalyse, V1II,'3. 28 



^! 



362 Kritiken und Referate 

Denkens gibt und es als ein rechtzeitiges und zweckdienliclies Erinnern 

aaspriclit. 

An dieser Stelle spriclil er aucli erstmals gesondert von Affekten, die 
er Äußerungen des Seibsterhaltungtriebea nennt, und ihnen eine Rolle beim 
Erinnern und Vergessen, beim vorbewußten Denken zuschreibt. 

Über das Erwachen aus dem vorbewußten Denken sagt nun der Autor, 
daß er jedesmal, aus einem Tagtraum erwachend, finden Iionnte, daß sein 
Denken in Passivität übergegangen war und er sieh im Zustande des halluzi- 
natorischen Erinnerns befand, und daß er jenen Zustand am geeignetsten fand, 
innere und äußere Reize aufzunehmen, wie auch das impulsive Einwirken 
eines Affektes, so daß er, zusammenfassend, die Gründe des Erwachens dahin 
formulierte, daß das Erwachen aus einem vorbewußten Gedankengang während 
der passiven Einstellung des Denkens unter Einwirkung eines Affektes von 
beliebiger Intensität stattfindet. In Füllen, wo der Affekt so schwach ist, daß 
er erst durch die Analyse wahrnehmlich wird, kann ein äußerer Reiz dazu 
dienen, unser Denken vom Erinnern zur Wahrnehniungstätigkeit überzuführen, 
was ebenfalls unsere Rückkehr zum Bewußtsein zur Folge hat. 

Aus der Untersuchung eines Taglraumes, der deutlich bewußt logisches 
Material enthalt, ergibt sich die Annahme, daß sich in den meisten Tag- 
träumen ein Aufsteigen und Untersinken des Gedankenganges beobachten 
läßt und daß infolge der aufsteigenden Bewegung Elemente in die Gedanken- 
ketten eindringen, die dem bewußten Denken angehören und Äußerungen der 
kritischen Denktätigkeit sind. 

Eine strenge Trennung der Bewußtseinszuslände ist nicht möglich, in 
extremen Fällen werden die Unterschiede sehr uuffänig, wäJu'end sie in Grenz- 
falien so ineinander übergehen können, daß beide Arten des Denkens überein- 
stimmende Züge aufweisen, daß aber bei dem Aufsteigen zum Bewußtsein ein 
unaufhürliches Verdrängen des vorbewußten Denkens vor sich geht, und daß 
es die Wünsche sind, die den ganzen Assozialionen ihre Richtung. geben. 

Mit obigen Zeilen habe ich versucht, den Inhalt des Buches objektiv 
wiederzugeben . 

Obwohl Varendonck seine Arbeitsmethode eine analytische nennt, 
glaube ich doch, daß er damit seinem Wunsch nach einer solchen nicht voll- 
kommen gerecht geworden ist. Viel mehr noch als durch sie, ist seine Art, die 
Dinge zu betrachten, von der bisherigen psychologischen Methodik geleitet, ohiie 
daß diese Bewertung die Notwendigkeit dieses Buches irgendwie einzuschränken 
vermöchte. Das Dankenswerte seiner Arbeit liegt vor allem in der Erschließung 
eines bis jetzt noch nicht bedachten Gebietes, in der Aufdeckung der normalen 
Funktion der Tagträume, deren Erkennung auch für die Bewertung pathologi- 
scher Zustände ein wichtiges Hiifsmiltel abgeben wird, 

Angela Huberman (Berlin). 

Rohrscliacti Hermann, Dr. med.: Psy chodiagnos tlk. Methodik und 

Ergebnisse eines wahrnehmungsdiagnostischen 
Experimentes. (Deuteulassen von Zufallsformen.) 
Ernst Bircher, Bern und Leipzig, 1921. 174 S. Mit 10 Abbildungen. 
Dieses Buch enthält einen Bericht der Versuche über die Deutung von 
Tintenklecksen, ausgeführt an 405 Versuchspersonen, ebensowohl an normalen 
Individuen (gebildet und ungebildet) als auch an Patienten, die an den ver- 
schiedensten Arten von Geistesslürungen litten. Bei diesen Versuchen ist das 



1 



Kriliken und Referate 363 

Hauptaugenmerk meist ausschließlich auf die Form (zum Unterschied vom 
Inhalt) der von dea Versuchspersonen wiedergegebenen Deutungen gerichtet. 
Diese Wahrnehmungen werden einer minutenlangen Analyse unterworfen und 
aus dem sich daraus ergebenden Resultat zieht der Verfasser eine Anzahl von 
Schiüsseu, die in jedem einzelnen Fall interessant und anregend, aber in 
manchen Beziehungen eingestandenermaßen weiterer Beatätigung bedürfen und 
die gegenwärtig eher als hoffnungsvolle Hinwelse für zukünftige Untersuchungen 
aufgefaßt werden müssen, als daß man sie als endgültig feststehende Resultate 
ansehen kann. 

Das bedeutungsvollste dieser Ergebnisse befaßt sich mit einer ganz 
deutlich hervortretenden Wechselbeziehung von zwei ganz verschiedenen 
Gruppen von Geisfeszilgen, bei denen auf der einen Seite ein relatives Vor- 
herrschen (beim Versuch) von Bewegungsempfindungen, auf der anderen Seite 
von Farbeinflüssen vorhanden ist 

Wenn also bei der Deutung der Kleckse Bewegungsempfinden 
(Kinästhesie) oder Wertung der Farbe vorherrscht, finden wir auf der einen 
und der anderen Seite: 



Farbe. 

Stereotype Intelligenz. 

Mehr Reproduktivitüt. 

Mehr äußerliches Leben. 

Labile Äffektivliät. 

Mehr Anpassungsfähigkeit an die 
Wirklichkeit. 

Mehr extensive als intensive Be- 
ziehungen. 

Erregbare, labile Motilität. 

Geschicklichkeit und Gewandtheit 



B e wegungEem pEinden (IiiDtislheliscli}, 
Differenzierte Intelligenz. 
Alehr originelle Produktivität. 
Mehr innerliches Leben. 
Stabile Affektiv! tat. 

Geringe Anpassungsfähigkeit an die 
Wirklichkeit. 

Mehr intensive als extensive Be- 
ziehungen. 
Gemäßigte, .stabile Motilität. 

Plumpheit und Mangel an Geschick- 
lichkeit. 

Eb befinden' sich also in der Klasse der Bewegungsemptindungen 
(Kinästhesien) ,die selbständig Denkenden, die produktiven Intelligenzen . . . . 
unter den Schizophrenen sind auch die Fälle von Paranoia, Patienten, die 
wirklich mehr oder minder systemisierte Ideen von Verfolgungg- und Größen- 
wahn haben mögen, die aber immer ein selbstgeschaffenes Wabn- 
system aufweisen. Es kännen auch Paranoiker in der anderen Klasse gefunden 
werden, aber diese haben nur sehr selten ein System in ihren Wahnideen. 
Ferner findet man auf dieser Seite der Kinästhesien solche Korsakoff- 
Fälle, die eine ausgesprochene Lust an Konfabulation zeigen. So sind auf der 
Seite der vorherrschenden Bewegungsempfindungen alle jene Personen vereint 
— sowohl Gesunde als Kranke — die mehr innerhalb ihrer eigenen Gedanken 
und Phantasien leben als in der Außenwelt oder zum mindesten jene, denen 
die (innere Arbeit' wichtiger ist als der Prozeß der Anpassung an die Wirk- 
lichkeit" 

„Auf der anderen Seite finden wir unter normalen, praktischen' Menschen 
diejenigen, die leicht oder oberflächlich leben, oder die, deren Intelligenz von 
Natur aus eher reproduktiv als produktiv ist; also die ünintelligenten und 
dann die Schwachsinnigen, die Debilen und die Inibeziilen. Unter den 
Schizophrenen findet man hier die motorisch Erregbaren, die unko ordinierende 

ES* 



^1 



364 Krilikeu und Referate 

Gruppe der Kataloniker, die Hebephrenen und die Querulanten; ferner alle 
Epileptiker und schließlich alle Patienten mit Wahnsinn auf organischer 
Grundlage, ausgenommen die FUlle von Korsakoff und Geistesgestörte 

infolge Arteriosklerose." 

Die beiden entgegengesetzten Typen werden von Eohrsehach 
,introversiv" und „extratensiv" genannt, ohne daß in diesen Bezeichnungen 
i'rgend eine Beziehung zu Introversion und Extroversion im Sinne von Jung 

enlhallen wäre. , ^ . , 

Die auf diesem Wege ftistgesEelUe Teilung erinnert in der Foim stark 
an die schon von H e y m a n s und W i e r s m a, Otto G r o ß und anderen 
gemachte, die vielleicht allgemeiner unter dem Namen .Perseveration" bekannt 
ist und auf die ein neues Licht durch die kürzlich in England von W e b b, 
Lanka s und Wynn Jones angestellten experimentelleu Versuche geworfen 
wurde. Diese Arbeiten scheinen zu zeigen, daß nicht ein einzelner Faktor, 
sondern zwei ziemlich verschiedene, aber leicht ku verwechselnde Faktoren 
in Wirklichkeit daran beteiligt sind. 

Diese Übereinslimmung mit den Resultaten früherer Forschungen, obwohl 
von Dr. Rohrschach nicht erwiihnt, vermehrt natürlich die Bedeutung der 
vorliegenden Resultate, durch welche bald zugunsten der Existenz, bald 
zugunsten der Bedeutung der in Frage stehenden Faktoren weitere Beweise 
erbracht werden. Rohrschachs Faktor der „Introversion", der mehr auf 
den Charakter als auf das Empfinden Bezug nimmt, hütle wob! im ganzen 
eher Beziehung zu Webhs „W" als zu L a n k e 9 oder W ynn J o n e s 
„Perseveration", und in diesem Fall mftgen seine experimentellen Methoden 
vielleicht einen großen Nutzen darlegen, da bis jetzt keine streng experimentelle 
Diagnose von ^W verwendbar ist 

Ebenso wie R o h r s c h a c h a Versuche die Existenz der „inlro- 
versiven" und „extratensiven" Typen anzeigen, so scheinen sie auch zu 
beweisen, daß die Kinästhesie negativ mit Geschicklichkeit in der Bewegung 
und mit Anpassungsfähigkeit an die Außenwelt verbunden ist (beim ersten 
Anblick auf jeden Fall ein etwas paradoxes Resultat), während die Wertung 
der Farbe positiv mit Freisein von GetUhlshemmungen und Kontrolle ver- 
knüpft ist. 

Neben den zwei eben beschriebenen Typen (die, wie der Autor vorsichts- 
halber angibt, die Vertreter einer fortlaufenden Reihe und keine verschiedenen 
Gruppen ohne Grenzfälle sind) unterscheidet Rohrschach noch zwei 
weitere gegensätzliche Typen, welche die beiden früher besprochenen schneiden. 
Diese weiteren Typen nennt er den „koartierten" bezw. .ambiäqualen" Typus. Der 
erstere ist beim Experiment durch eine durchaus geringe Summe von 
BewegungaempfinduDgen und Farbewerlungen gekennzeichnet (findet sich bei 
Pedanten, Depressiven, Melancholikern und gewöhnlichen Dementen), der 
letztere durch eine durchaus große Summe von derartigen Einflüssen (zeigt 
sieh bei Personen mit vielseitiger Hegabung, bei Zwangsneurotikern, bei 
Manischen und Katatonikern). Bei dem ersteren Typus wird das Vorhandensein 
von „Introversion" und „Extratension" in geringem Grad angenommen, 
während bei dem letzteren Typus beide in hohem Grad vorhanden sind. 

Dr. Rohrschach meint, daß sein Formdeuteversuch, wie er ihn selbst 
durchgeführt hat, auf verschiedene Weise nutzbringend sein könnte: 

1. als Mittel zur Differentialdiagnostik mit Bezug auf das Vorhandensein, 
von Neurose oder Schizophrenie ; 



I 

1 



KriliketL und Referate 365 

2. als Mittel zur Proguose (wobei Bewegungsemptinduiigen in der Aua- 
dehnuDg wahrsclieiiilicli günstiger sein werden als Bewegungs- 
empfindungen In der Biegung; 

3. als Aufschlüsse für die Genese einer Neurose oder ku einem 
möglichen Wege der Sublimierung ; 

4. wenn vor und nach, der Analyse angewendet, mag sie eiuen 
interessanten experimentellen Beweis für die geistigen Veränderungen 
bringen, die die Analyse bervorgerufon hat (p. 115). 

Da das Buch so viel bedeutungsvolles Material enthält, ist es sehr 
bedauerlich, daß die Darstellung der Versuehsresultate in gewissen wichtigen 
Beziehungen unbefriedigend ist. Obwohl die Schlüsse des Autors auf 
„Statistiken" beruhen, wird doch keine vollständige zahlenmäßige Darstellung 
oder eiae Analyse der erhaltenen Berichte versucht, also einer der großen 
Vorteile der experimentellen Methode dadurch aufgegeben und es bleibt dem 
Leser keine Gelegenheit, selbst die Gültigkeit der aus den Versuchsdaten 
gezogenen Schlüsse einzusehatzen. 

Die zahlreichen Beispiele, die am Ende des Buches geboten werden, 
könnten für zukünftige Experimentatoren auf gleichem Gebiet von großem 
Vorteil sein, aber sie sind in keiner Weise ein Ersatz für das Fehlen einer 
erschöpfenden Darstellung der gewonnenen Resultate. 

Eine genaue farbige Reproduktion der bei den Experimenten verwendeten 
zehn Tintenkleckse ist jedem Exemplar beigefügte J, C. Flügel. 

Or. msd. Vera StraSer (Z(lr!ch) : Psychologie der Zusammenhänge 
und Beziehungen. Verlag Julius Springer, Berlin, 1921. 
„Es fehlte uns die Lehre von den Beziehungen," so äußert sich die Ver- 
fasserin einleitend zu ihrem rund 600 Seiten starken Buch und sucht es damit 
zu begründen, daß das „naturwissenschaftliche Jahrhundert" nun soviel 
analysiert iiabe, daß die Elemente der Seele uns nun zur Geniige bekannt sind 
und wir nicht mehr daran hängen zu bleiben brauchen, sondern synthetisch 
weiterbauen sollen. Es gelte, die „Ichtotalität" in der „Welttotalitäf zu erfassen. 
Das „Weltknäuel im Menschen" wolle man ja nicht dadurch aufdecken, „daß 
man es zerfasert, analysiert, sondern dadurch, daß man jeden einzelnen i n 
diesem Weltknäue) synthetisiert und immerzu ergänzt bis zur höchsten 
Mannigfaltigkeit der Weltbuntheit, also bis an die Grenze zur Unendlichkeit" 
(S. 3). Sehen wir zu, wie Verfasserin sieh ihrer kühnen Aufgabe zu eaUedigen 
sucht, indem wir aus einigen Kapiteln verschiedenes herausgreifen, was einmal 
zur Charakteristik des Buches beiträgt, andererseits von Interesse für die 
Stellung der Verfasserin zur Psychoanalyse ist. 

II, Kapitel, Das Loben : „Das Leben, das ewige Vorwärts, setzt sich fort, 
sucht sich fortzusetzen, will nicht gestört sein und, um nicht gestört zu sein, 
drängt es sich durch" (S. 14). In tönenden Worten wird nichts gesagt. Doch 
weiter: Das Lustprinzip .als Lebenskrealor", Selbsterhaltungstrieb, Selektions- 
theorie basieren auf Vorurteilen. Der Verfasserin waltendes Grundprinzip ist 
die Tendenz „zur Behauptung des Ichs". Inwiefern Verfasserin darunter etwas 
anderes und richtigeres versteht als das, was sie verworfen hat, bleibt dem 
Referenten verborgen. 



' In der Zeit zwiscben dein Einlangen und dem Druck des Referates, kam die traurige 
Sachriohf vqiii vorzeitigen Abloben Rohrscbacha. (Anmorkunff d. Red.) 



1 



36Ö Kritiken und Referate 

III. Kapitel, Das Seelische: ,Die menschliche Seele ist ein geordoet- 
Tingeordnetes Konglomerat von Möglichkeiten ... Sie enthalt die Vorstellung 
von sämtlichen Gefühlen und das Gefühl von sämtlichen Vorstellungen und 
dazu noch ein unfaßbares Etwa9 ..." usw. (S. 65). Kommentar hiezu 
überflüssig. 

Über Bewußles und Unbewußtes : Verfasserin unterscheidet ein „Gesamt- 
bewußtsein", welches in das „Wirklich-Bewußte" und in das , Nicht-Bewußte" 
zerfällt. Letzteres drHngt sich aber nur .ordnungshalber" dem Wirklich-Bewußten 
nicht auf, sondern je nach Wunsch können die Erlebnisse in den Vordergrund 
gerückt oder abgeschoben werden. „Zu jeder Zeit aber ... ist der Mensch 
imstande, sie selbst mit Wissen ins Bewußtseinsteld zurückzurufen" (S. 70). 
Das Unbewußte der Forscher und seine Rolle bei der Neurose sei 
„konstruiert". „Der Nervöse leidet oft unter der fortwährenden Bewußtheit 
seines Bewußtseins im Gegensatz zum Gesunden, der sich etwas bewußt 
machen kann, der sich zwar im Bewußtaeinszustand befindet, sich seiner 
Bewußtheit aber nicht bewußt ist" (S, 71). Unter den Symptomen des 
Neurotikers stecke nicht das Unbewußte, sondern das Nichtwissen. Der ganze 
Aufbau des Unbewußten sei ein „nutzloses Verlegen von Tatsachen in eine 
imaginäre Schicht". Durch die Erdichtung einer besonderen Wirkung des Un- 
bewußten schaffe die Psychoanalyse einen Sündenbock für den Verantwortungs- 
losen und vergewaltige den Nervösen. 

Es ist fast unnütz, auf all diese Verzerrungen noch etwas zu sagen. Das 
Unbewußte ist nach Verfasserin erdichtet, es existiert nicht. Es gibt aber ein 
„Nichtbewußtes des Bewußten". Es gibt auch keine Verdräingung, wie uns 
Verfasserin weiterhin mitzuteilen weiß, dagegen aber eine „Abschiebung". 
Nicht der Trieb sei die Urdynamik des kindlichen Seeleulebens, sondern es 
ist die »Verwicklung in Zufülle und Wechselwirkung". Das Kind suche nicht 
wie der Vater zu herrschen, sondern nur dasselbe zu „gelten" usw. 

Über die Affekte weiß Verfasserin weder in diesem Kapitel noch 
später irgend etwas Wesentliches zu sagen. Dem Trau in widmet sie auf vier 
Seiten bedeutungslose Worte. Der Traum eines Nervösen bringe nicht gar so 
viel Neues, da „der Beziehuagskranke gerade aus dem Zusammenleben mit 
den anderen reduziert und inhaltslos ist" (S. 91). 

Im V. Kapitel u. ff. baut VerfasEerin ihr Beziehungssystem: „Es gibt 
nicht nur eine Gehirnsubstanz als ,Drüse', . - . sondern es gibt außerdem 
Beziehungen und eine Beziehungswelt, die sich mit den Beziehungen des 
einzelnen vermengen und eine abstrakte Realität bilden" (S. 146). In wenigen 
Worten kann man aus den vielen der Verfasserin folgendes zusammenfassen : 
Der gesunde Mensch ist beziehungsfähig, der Nervöse beziehungsarm, der 
Psycbotiker beziehungslos. Zum Beweis dieser Behauptungen ergeht sich 
Verfasserin in langen Deskriptiouen, aus denen hervorgeht, daß der Nervöse 
beziehungsuufähig, weil er nervös, und nervös, weil er beziehungs- 
unfähig ist. Aber wodurch diese sogenannte BezieliungEunfähigkeit ursächlich 
bedingt wird, interessiert Verfasserin gar nicht. Ihr genügen vollauf Worte, 
wie der Beziehungskranlte, Beziehungsarme, -schwache, -irre, der Reziehungs- 
narr. So steht z. B. unter „Ätiologie" folgendes: „Die Welt verfangt, daß eine 
bestimmte Front der Beziehungen angelegt werde. So gerät der Nervöse in 
Beziehungsunfähigkeiten und Beziehungslosigkeit und erkrankt gerade an 
ihnen." ,Es handelt sich nicht um ein .Trauma', um eine Organstörung, sondern 



I 



Kritiken und Referate 367 

um Erlebnisse, um Erfahrungen, was beim Nervösen das nämliche lieißt wie 
keine Erlebnisse, keine Erfahrungen." 

In einem Beispiel, in welchem der Ödipuskomplex des Patienten in die 
Auoen springend ist, wird erklärt, daß nur „irrtümlicherweise" Patient die 
falsche Sexualein schützung in den Vordergrund rückt; nur die objektive 
Beziehungsunfähigkeit veranlaläie eine „verlogene BeKiehung' zur Mutter und 
daraus eine Beziehungsnnfähigkeit zur Umwelt. 

Alle Symptome sind Folgen der Bezieh ungslosigke it. Das Verzichten auf 
Beziehungen kann zu Kopfdruck führen (S. 387), die Unsicherheit in der Welt 
lu einem Gefühl des Schwankens des Bodens, das leicht in Schwindel über- 
geht (S, 388) usw, Impotenz und Perversionen sind ans der allgemeinen 
Beziehungserkrankung herzuleiten (die Impotenz unter anderem „aus der 
Unfähigkeit, alle Komponenten in einem Atemzug, ohne an sich zu denken, 
man möchte fast sagen mit einem hinter der Handlung sich daherbewegenden 
Ich. zu aktivieien" <S. 425). 

Die Perversionen entstehen oft als s^ii ^ur Gewohnheit gewordener 
jZufaH'" des Beziehungaarmen (S. 436) usw. 

Im VTU. Kapitel „Zur Erziehung und Behandlung" bekommt die Psycho- 
analyse ihren Hieb {S. 475). Das einzige „Beziehungsfähige" (und nach Ver- 
fasserin demnach auch das einzig wertvolle) der analytischen „Wühlarbeit" sei, 
,daß der Kranke sich darauf einübt, sich zu unterhalten, seine Aufmerksamkeit 
auf etwas anderes zu lenken, durch den Arzt sogar auf .wissenschaftliche" 
Spekulation geführt zu werden, die auch als Spekulationen lebenshemmend 
und ungesund seien. Wenn der Kracke damit nicht ins Leben hinausgebe, 
sondern sich, „v/ie dies bei der Psychoanalyse die große Gefahr bildet," immer 
um das eigene Ich drehe, „so ist sogar dieses vom Psychoanalytiker nicht beab- 
sichtigte, trotz ihm sich einstellende einzige Hilfsmittel seiner Heilwüknng 
auch noch verfehlt," 

Nach einer ganzen Anzahl allgemeiner Ratschlüge weiht uns Verfasser 
in die „Beaiehungskunde", die der Arzt mit dem Kranken zu treiben hat, ein 
{S. 484 u. (f.). Sie besteht darin, den Kranken „unmerklich in sein Umwelt- 
gefüge einzuführen. Das heißt, den Beziehungskranken wie zufällig in das eine 
oder andere Verhalten gleichsam hereinfallen zu lassen, ohne sich über 
die Entscheidungen, die ihm bevorstanden, klar werden zu können." Die drei 
Stadien, durch die Verfasserin den Kranken bindurchführt, dürften uns hier nicht 
weiter interessieren. 

Auch über die letzten Kapitel ,Der Einzelne und die Gemeinschaft" 
und „Ziele" möchte sich Referent nach dem Gesagten weitere Worte 

ersparen. 

Das ganze Buch alrotzt von sinnverhüllenden Phrasen, die, schwung- 
voll zusammengeworfen, ein Gebäude bilden sollen, „Das große Buch" 
(vgl. S. 289 unten!). Alles soll darin besprochen sein, aber nichts wird geklärt, 
sondern die Deskriptionen erhalten nur unter dem Schlagwort „Beziehung" 
den einheitlichen Anstrich. Das Euch liefert den Beweis dafür, wie anmaßend 
schon die einleitenden Worte der Verfasserin sind und wie überbebend die 
Behauptung, die „Elemente" der Seele seien nun genügend bekannt. Wenigstens 
zeigt uns Verfasserin nirgends eine Spur dieses Wissens und verkennt auch 
geflissentlich das, was ernsthafte Forscher in mühsamer Arbeit hier gefunden 
und uns gelehrt haben. Ignoranz des fremden Wissens führt aber immer zur 
Überhebung des eigenen. 



368 Kritilten und Referat© 

So ist die Literatur der autißliseh- philosophischen Spekulationea wieder 
um ein Werk vermehrt worden, zu einer Zeit, wo es not tüte, einmal damit 
aufzuräumen. Der Verfasserin möchte man zum Schlüsse ihre eigenen Worte 
(von S. 403) zitieren: „Die Systeme, mögen sie noch so genial sein, sind 
eine alte Gefahr für die Wiaaenecbaft . . . , besonders für die pBychologie." 

B. Blum (Zürich). 

Dr. W. Stemmer: Über Psychodiagnoetik und Psychotherapie ia 
der Frauenheilkunde. (Aus der Frauenklinik TClbingen.) Zentral- 
blatt f. Gynäkologie Nr, 12, 1922. 

Die Bedeutung der Psychotherapie für die einzelnen Spezialfächer der 
Medizin wird allmählich erkannt, und der Psychoanalyse als Heilmethode, 
besonders aber als Melhode des Verstehenlernens psychogener Symptome ihr 
erster Platz angewiesen. In dieser wertvollen Arbeil lenkt ein Idinischer 
Assistent die Aufmerksamkeit der FachkoHegen auf die nahlreiclien psycho- 
genen Beschwerden der Frauen; Fälle von Dysmenorrhoe, Hyperemesis, 
Kreuzschmerzen, Fluor etc.; manche abnormen Blutungen, Darm- und Blasen- 
stÖEungen; Vaginißmus, Kohabjtationsschmerzen; insbesondere aber die Frigi- 
dität, für welch letztere nur die Psychoanalyse als erfolgreiche Behandlungs- 
methode in Betracht kommt. Im übrigen spricht der Autor auch der Hypnose 
und Suggestion das Wort, wertet aber die Psychoanalyse besonders hoch. 
Für den Gynäliologen komme die „PersUuIichkeitsanalyse" nicht in Betracht, 
sondern nur die „Symptomanaiyse". Der Praktiker habe individualisierend 
unter den psychotherapeutischen Methoden zu wählen. Der wohlbewanderte 
Autor erweist sich als belesen, aber auch praktisch erfaluen, als feinfühliger 
Arzt und Forscher, der vom psychotherapeutischen Erfolg nur dann recht 
befriedigt ist, wenn er Anlässe und Ursachen der Psychogenese nach Möglich- 
keit durchschaut hat. Dr. E. H i t s c h ra a n n. 

Dr. Benno Liegnsr: Die Suggestivbehandlung in der Frauen- 
heilkunde. (Aus der Universitäts-Frauenklinik Breslau.) Zentralblatt 
für Gynäkologie. 1922. S. 3. 

Wenn man den nichtneurologiachen Fachblättern Deutschlands Aufmerk- 
samkeit schenkt, so sieht man, daß die Psychoanalyse die Widerstände langsam 
zumNaehgebenzwingt. und die Kollegen sich, wenn auch nicht gründlich, aber doch 
soweit mit der Analyse befreundet haben, als sie dazu in ihrer Praxis genötigt 
sind. Rs liegt viel daran, daß die Neuroliker selbst mit solchen Anforderungen 
auftreten, die die Ärzte mit ihren alten Kenntnissen nicht befriedigen können. 
Wie erwähnt, eine tiefe psychologische Einsicht wird nicht gefunden, aber auch 
nicht erwartet, doch es ist schon ein gewaltiger Fortschritt, wenn bei der 
Aufnahme der Anamnesen und bei der Therapie in erster Reihe die Ergebnisse 
der Psychoanalyse in Betracht gezogen werden. Eine psychoaualytischeBehandlung 
wird nicht vorgenommen, die Erfahrungen un.serer Wissenschaft werden nur in 
leichten Fällen angewendet, wo man ohne Tiefenanalyse auch weiter kommt, so 
z. B. Bettnässen, Hyperemesis, Dyspareunie, Vaginismus etc. Manche gestehen 
selbst, daß sie nur Symplomanalyae treiben. Steckt hinter dem Symptom eine 
tiefere Seeleuveränderung, so muß die Behandlung einem Fachmann über- 
lassen werden. S t e m m e r a. B.' scheint einen tieferen Einblick gewonnen zu 



I 



Sielie das vorstehende Roferat (AnmorkuDg' d. Ited.). 



Kritiken uad Heferate 569 

haben als Liegner, der — wie es scheint — der Freudschen Schule halbwegs 
eine Suggestionsrolle zuschreibt. Wie immer, es ist erfreulich, daß die Analyse 
schon dort als selbstverständlich angenommen wird, wo vor einem Dezennium 
nur noch erbitterte Gegner zu sehen waren. S. Feldmann (Budapest), 

Dr. Wilhelm Reich; Der Koitus und die Greschleeh te r. (Zeitschrift 

für Sex. Wiss, 1922, 8. Bd., 11. H.) 

Kritik der heute zumeist geüblen eugenischen Methodik, bei Erörterung 
soziologischer Probleme den individualpsychologischen Faktor außeracht zu 
lassen. Es werden Parallelen aufgezeigt zwischen der ejaculaüo praecox (auch 
Impotenz und FrigiditSt) und ihren Veranlassungen einerseits, der Spaltung 
aller libidinösen Strebung in der Gesellschaft (Prostitution, Ehe) andererseits. 
Erörterung der zeillichen Diskrepanz der inännlichen und weiblichen Aiime 
Bowie deren Ursachen. Gleichzeitige oder zumindest knapp aufeinanderfolgende 
Aknie ist normal; Voraussetzung hiezu ist Einheitlichkeit von sinnlicher und 
zärtlicher Slrebung, diese somit teleologisch die beste Vorbedingung für gesunde 
Nachkommenschaft, wenu man physiologischerseits koBstaliert, daß Gleich- 
zeitigkeit der Akme die beste Konzepliousbedingung sei. Störungen dieser 
biologisch wichtigen Koinzidenz sind psychischer Herltunft. Beim gesunden 
Manne mrfct der voreheliche Verkehr mit Dirnen im Sinne einer Uaterschätzung 
der Frau und Interesselosigkeit an ihrer Befriedigung. Die Gesehlechlskälte 
der Frau (die meisten arbeitenden Mütter aus dem Volke sind frigid) hat viele 
Ursachen: neben anatomisch-physiologischen und iadividual-psychologiachen 
auch soziologische: geforderte voreheliche Askese. 

Das verschiedene Verhalten der Geschlechter vor und nach dem Koitus 
(vorher: der Mann aktiv, die Frau passiv; nachher umgekehrt) wird psycho- 
analytisch erklärt; es wird hingewiesen, daß hier eine Analogie konstatierbar 
ist zu einer biologischen Erscheinung in der Tierwelt; Tod münnücher Insekten 
nach der Befruchtung. Am Schlüsse wird der Wunsch ausgesprochen, die 
Biologen und BevölkerungSpoUtiker möchten sich in deu Freudschen Begriff 
der Lustprämie als Sicherung der Fortpflanzung versenken und nicht als „For- 
derung" der Natur zum Beispiel zweimalige Ejakulation während eines Koitus 
postulieren. Autoreferat. 

Aus der englischen Literatur. 

W. M. Wheeler: On Instincts. — The Journal of abnormal Psychology 

1920-21, Vo). XV, p. 295, 1920/1921. 

Der hervorragende, insbesondere als Ameisenforscher rühmiichst bekannte 
amerikanische Biologe gibt in dieser temperamentvoll geschriebenen Studie 
einen vorzüglichen Überblick über die historische Entwicklung des Instinkl- 
problems und über die verschiedenen zu dessen Erforschung angewandten 
Methoden. Dabei sind nach Verfasser von den ältesl:en Zeiten bis zur Gegen- 
wart immer wieder die nämlichen Grundtendenzen zu erkennen, nämlich 
eine vorwiegend theologisch-metaphysische, eine mechauistiach-physiologisclie 
und eine psychotogiseh-anthropomorphistische Betrachtungsweise. 

Die theologisch-metaphysische Betrachtungsweise des Insiinldes dürfte 
nach Wheeler ihren Ursprung im A u g u r e n t u ni ', d. h. in der Benützung 

' Her. möchte demefegeiiCber die Fruge aufwerfen, ob nicht daa A-ugurentum seine 
wictatig'Ete Wnrzel eher im Tolemisinus habe ? 



^ 



370 



Kritiken und Referate 



von Tieren zu Zwecken der Weissagung haben. Man war frappiert von der 
Tatsache, wie zweckmäßig und vollkommen die Tiere ihr Verhalten den 
meteorologischen Verhältnissen anzupassen vermögen und man führte dieses 
Anpassungsvermögen auf eine Art Voraussieht /.urilclt, die ihnen von der Gott- 
heit verliehen sei und die daher irgendwie auch vom Menschen zu seinem 
Vorteil ausgenützt werden könne. Diese Anschauungsweise, d. h. der Glaube 
an den göttlichen Ursprung der Instinkte kann von Plato, Aristoteles 
und den Stoikern über die mittelalterlichen Scholastiker bis zur 
heutigen Theologie verfolgt werden. In schärferer Formulierung wurde diese 
theologische Instinktlehre später besonders von Thomas von Aquino 
vertreten; in die Natur wissenschatt wurde sie neuerdings von dem Jesuiten- 
paier Erich Wassmann, einem der hervorragendsten Ameisen biologen, 
in modernisiertem Gewände wieder eingeführt und energisch verfochten. Die 
Anschauungen der metaphysischen Philosophie über das Wesen des Insünktes 
stehen im Prinzip auf der nSmlichen Stufe des a u tl st ise he n Denkens; 
man denke z. B. nur an Schell ings .,AUwohnende Vernunft", an 
G.F.Schuberts „Erdpsyche", an Schopenhauers „Wille als Welt- 
prinzip", an das „Unbewußte" von H a rtni a n n, an die „Entelechie" von 
Driesch, an Bergson's „Elan vital" usw. 

In schroffem Gegensatz zu dieser metaphysisch-theologischen steht die 
mechanistisch-physiologische Betrachtungsweise des Instlnlrtes. Auch diese 
Lehre läßt sich, ähnlich wie die theologische, schon im Altertum und Mittelalter 
nachweisen, wo sie beispielsweise von D eni okri tu s, Epikur, Lucretlus, 
dann von Descartes vertreten wurde. In neuerer Zeit wurde sie namentlich 
von Weismann, Loeb, Bethe wissenschaftlich begründet (ihr Hauptsatz; 
Die Instinkte sind komplizierte Reflexe). 

Die psychologische oder anthropomorphe Betrachtungs- 
weise, wie sie W h e e 1 e r (meines Erachtens nicht ganz zutreffend) nennt, ist in 
ersten Ansätzen gleichfalls schon im Altertum, so bei Hera kl it, Pythagoras 
und Empedokles nachweisbar. In wissenschaftlicher Form wird sie heute 
besonders vom Neo-La m a r ck i smu s vertreten mit einer Lehre, die in 
dem Satze gipfelt, daß die Struktur das hoch spezialisierte und mechanisierte 
Endprodukt der Funktion sei. So weiden auch die Instinkte als erblich 
gewordene Gewohnheiten aufgefaßt, die sich nach den Mendel sehen 
Gesetzen vererben. Instinkt und Intelligenz sind nach dieser Autfassung keine 
getrennten Fähigkeilen, sondern nur die extremen Endpunkte eines und des- 
selben psychischen Prozesses und beide im Keim schon bei den primilivsten 
Geschöpfen nachweisbar. „Instinkt ist das ErbgedJichtnis der Art" {Hering, 
Semon). Als Vertreter dieser Anschauungsweise zitiert Wheeler unter 
anderen La marck, Darwin, Roman es, Spencer, Wundt, Forel, 
dann die Begründer der vorhin genannten M n em el e h re Brun, Caraillo 
Schneider, Samuel Butler. 

Die wissenschaf llichen Methoden zur Erforschung 
der Instinkte können nach Wheeler wiederum dreifacher Art sein: 
nümlich die experimentelle, die historische, die psychopathologische Methode. 
Die experimentelle Methode zeitigte große Erfolge, indem sie die Grenzen und 
Variationen der Instinkte feststellte sowie die Beziehungen zwischen Reiz und 
Reaktion. Ihr Hauptverdienst ist nach Wheeler, daß sie die Legende von 
der Unfehlbarkeit des Instinktes auf immer zerstörte. Die Schranken der 
Methode liegen nach Verfasser darin, daß der lebende Organismus kein 



i 



Kritiken und Referate 371 

mechanisches System, sondern ein „schöpferisch täiiges Wesen" sei, das nicht 
ohne Beeinträchtigung der Gesamtfunktion aus seiner Umgebung gerissen 
werden könne. Die hietorisoheMethode feierte ihre Triumphe nament- 
lich in der Paliiontologie. Verfasser zeigt ihre Anwendung bei der 
Aufklärung des Ursprunges dreier typischer Insekleninstinkte, nämlich des 
GiftejakuIationsinsUnktes der Waldameise, des Instinktes der Eallonverferliguiig 
gewisser Fliegen (Empididen) und des Spinninstinktes der Schmetterlings- 
raupen. Von großer Bedeutung für die Psychoanalyse ist aber 
namentlich das, was Wheeler über die psychopathologische 
Methode zu sagen weiß ; die betreffenden Ausführungen des Verfassers sind 
ein wahrer Dithyrambus aufdiepsychoanalytischeFor- 
flchuDgsmethode, ein Zeugnis, das für uns um so wertvoller ist, als es 
von selten eines Biologen kommt, der, wie er selbst sagt, auf Grund 
eigener vorurteilsloser Forschung zu einer so weitgehenden Anerkennung und 
Bestätigung psychoanalytischer Forschungsergebnisse gelangte. Wahrlich ein 
bedeutsames Zeichen der Zeit und zugleich eine Beschämung für die ver- 
knöcherten Fachpsychologen und Psychiater alter Schule, die sich immer noch 
beinttSiot fühlen, der Psychoanalyse mit großer Emphase „Unwissenscbattlich- 
keit" oder gar „Unmoralität" vorzuwerfen! Ich kann es mir nicht versagen, 
die ebenso geistvollen wie zutreffenden Ausführungen des Verfassers über die 
groSe biologische Bedeutung der Psychoanalyse hier wörtlich aus deu SchluB- 
aeiten seine Arbeit anzuführen^; 

„Die dritte Methode, welche bedeutende Resultate beim Studium des 
Instinkts verspricht, ist die psychopathische, denn man iiat uns gelehrt, daß 
der Wert der Untersuchung des Pathologischen in seiner Bedeutung nur durch 
den Wert des Experimentes Übertroffen wird. Es gibt sehr viele Tatsachen, 
um diese Anschauung zu stützen. Boris Sidis sagt dort, wo er über die Annahme 
berichtet, daß die Uutersuchung des Normalen der Untersuchung des Patho- 
logischen vorangellt: ,Diese Annahme ist irrig und es glauben nur solche Leute 
daran, die noch nicht viel über die Sache nachgedacht haben, vor allem solche, 
die der sogenannten ,neueu psychologischen' Schule angehören. Es ist Tat- 
sache, daß bei wissenschaftlichen Untersuchungen die Untersuchung des 
Abnormalen der des Normalen vorangeht. Die Untersuchimg des Abnormalen 
ist eines der gewaltigsten Mittel zu neuen Entdeckungen. Die Methode des 
Versuches, das mächtigste Werkzeug moderaer Wissenschaft, besteht in Wirklicii- 
keitin der Schaffung künstlicher Bedinguagen, mit anderen Worten der Schaffung 
von anormalen Zuständen, Wo der Zusammenhang kompliziert ist, wo die 
konstitutiven Faktoren und ihre Beziehungen unvollständig oder überhaupt 
nicht bekannt und daher unkontrollierbar sind, müßte das plötzliche Auftreten 
irgend einer Anomalie enthusiastisch begrüßt werden, da es doch die Rolle 
des veränderten oder ausgeschlossenen Faktors einnimmt. Diese Tatsache bat 
besondere Geltung im geistigen Leben, wo die unter Beobachtung steheadeo 
Phänomene die kompliziertesten des gesamten Gebietes der Wissenschaft sind, 
wo eine Veränderung der Geisteefunktion der Regel nach unmöglich ist, ohne 
eine Anomalie hervorzurufen'. Ähnliche Erwägungen haben mich in letzter Zeit 
dazu geführt, ungefähr 20 psychoanalytische Bücher, die Werke von Freud, Jung, 
Brill, Adler, Ernest Jones, Fereuezi, Bjerre und W. A. White umfassend, zu 
lesen, mit dem Ergebnis, daß mir zumute ist, wie wenn ich Schwimmlektionen 
in einer wirklichen Senkgrube des Lernens gejiabt hätte. Da ich seitdem keine 

< Von Seiten der Redaktion Qbciaetit. 



372 Kritiken und Referate 

Gelegenheit hatte, ein geistiges Reiulyungsbad /.u nehmen, wird man es 
begreiflich finden, daß meine liier niedergelegten Bemerkungen der üblichen 
Verfeinerung eines sonntäglichen Abetidgespräches entbehren. 

Ich würde natürlich mein Gebiet gänzlich vertassen, wenn ich mich 
ernsllich darauf verlegen würde, Psychoanalyse zu erörtern, aber ich kann 
niuhl umhin, wenigstens einige persönliche Kindrücke dessen wiederzugeben, 
was ich für einen der außerordentiiehsten und weitreichendsten Beiträge zum 
Denken halte. Da ich fast al!e Arten Biologen und Nichtbiologen angegriffen 
habe, die über Instinkt geschrieben haben, sehe ich jetzt mein Heil darin, in 
die Haut des Psychologen zu fuhren. Nachdem ich in den letzten 20 Jahren 
eine kleine Bibliothek von Büchern der „ Rosen wasser "-Psychologen des aka- 
demischen Typus durchgelesen hatte und zur Erkenntnis kam, daß diese 
Autoren nichts von der Existenz so erstaunlicher und fundamentaler biologischer 
Tatsachen wie Hunger, Geschlecht und Furcht wissen, oder daß sie nur eine 
Ahnung davon haben, würde ich mich einer, sagen wir, vom Mars herab- 
gesandten Kritik ohneweiters anschließen, die die Meinung ausspricht, daß 
man bei dem Lesen dieser Werke den Eindruck hat, als oh sie von Wesen 
geschrieben wären, die in einem Glockenturm geboren und aufgezogen, in 
früber Kindheit kastriert und unausgesetzt durch 50 Jalire mittels einer Röhre 
mit einem Nährmittel von konstanter chemischer Zusammensetzung gefüttert 
worden wiiren. Um es drastisch zu sagen, die meisten unser traditionellen 
Psychologen haben ebenso viel Eignung, uns den menschlichen Geist verständ- 
lieh zu machen, wie eine gewisse Anzahl von Dissertationen Über griechische 
Statuen imstande sind, eiuem Studenten die Kenntnis der Anatomie zu 
verschaffen. Ein solcher Student lernt i.. B-, daß seine Studienobjekte, der 
menschliche und der tierische Körper, hauplsächlich aus Teilen bestehen, die 
das ästhetische Empfinden verletzen und trotzdem hall ihn dies nicht ab, 
diese geradeso genau zu studieren wie die anderen Teile. Der typische 
Psychologe, von dem man doch erwarten sollte, daß er sein Material auf die- 
selbe wissenschaftliche Weise studiert, tut nichts derartiges, sondern beschränkt 
seine Beobachtungen auf den Kopf und die oberen Extremilälen und verhüllt und 
ignoriert die übrigen Teile. Ich bin aber jetzt der Meinung, daß die Psycho- 
analytiker die Entdeckung gemacht haben, daß das Spiel der Psychologen darin 
zu bestehen scheint, daß sie sich mit den Philosophen zuaammenselzea und 
entweder trachten, möglichst viel zu schwiltzen oder recht sublCe Resultate 
aufzustellen, die sie dann ins beste Englisch einkleiden, womit aber für die 
Lösung der sich mächtig aufdrängenden Lebensproblenie sehr wenig getan ist. 
Sie haben den Mut gehabt, das Unbewnßle auszugraben, dieses Mistbeet von 
Egoismus, Gier, Lust, Streitsucht, Eeigheit, Faulheil und Haß, Eigenschaften, 
die jeder von uns als Erbteil der tierischen Welt mit sich herumträgt. Ethisch 
und ästhetisch genommen sind dies alles sehr unerquickliche PhJinomeue, aber 
sie sind genau so wirklich und grundlegend, wie das Vorhandensein unserer 
Eingeweide, unseres Blutes und unserer Geschlechtsorgane. In dieser Hinsicht 
— ich gestehe dies gern zu — scheinen mir die Theologen mit ihrer Theorie 
von der vollkommenen Verderbtheit des Menschen der Wahrheit näher zu 
kommen als die Psychologen. Ich für meine Person bin der Meinung, daQ 
unsere Verderbtbeit aber höchstens 85 bis ÖO Prozent ausmacht. 

Gerade in der Anwendung des biologischen Grundgesetzes zeigt sich am 
deullichsten der Mut der Psychoanalytiker. Ea besteht kein Zweifel, daß sie 
diesen großen biologischen Schlachteuf des XIX. Jahrhunderts in einer derartigen 



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Kritiken und Referate 373 

Furchtlosigkeit anwenden, daß die schöchlernen Biologen des XX, Jahrhunderts 
nach Atem ringen. Aber wenn man all die extravaganten Aufstellungen von 
Freud und Jung und ihren Schülern betrachtet, muß doch jeder ehrliche 
Beobachter menschlicher Natur zugeben, dali eine beträchtliche Summe von 
genauer Beobachtung und Resultaten in den Berichten über Traum, Perversion, 
Nahrungs- und Geschlechtstrieb, in den erotischen Konflikten, in den Verdräa- 
giingen und in dem überlebenden Infantilismus steckt. Wenn Freud tms- sagen 
würde, und er täte es sicher, wenn er da wäre, daß wir alle, die wir da am 
Abend geraucht haben, damit ein Überbleibsel der alten Sangeiust verraten 
haben, indem wir die MuHerbrusl durch Zigarren ersetzt haben, würden wir 
dann n.Ttürlieh ausrufen, wie irgend ein Farmer von Neu-England, wenn man 
ihm mit einem sehr unwahrscheinlichen Ausdruck kommt: „Bei Golt''! Liegt 
denn übrigens in der Behauptung, daß ein Mann die Matlerbrust durch eine 
Rolle von getrockneten Tabakblättern er-setzt, etwas weniger Unsinniges als in. 
dem Empididschen Ersatz einer saftigen Fliege durch einen Ballon von 
Speichelblasen oder in der Gewohnheit gewisser Vögel, die in der Nähe eines 
Uhrmacherdorfes in Frankreich nisten, unbrauchbare Ührwerksbestandteile zum 
Nestbau zu verwenden? 

Für mich ist einer der schlagendsten Beweise, daß die Psychoanalytiker 
auf dem rechten Wege sind, die Tatsache, daß manche ihrer Theorien auf einer 
so breiten biologischen Basis stehen, daß man sie, exceptis excipiendis, sogar 
bei einer dem Menschen so fernstehenden Tiergruppe wie den Insekten 
iinwenden kann. Dies ist auch Jung nicht entgangen, der besonders auf die 
schlagenden Analogien zwischen dem Raupenstadium und der menschlichen 
Kindheit, dar Chrysalide und der Latenzperiode und zwischen dem imaginalen 
Schmetterling und der Pubertät beim Mensehen hinweist. Es gibt sogar unter 
den Arbeitern der gesellig lebenden Insekten Fälle von Verdrängung und 
Sublimierung und wenn es die Zeit zuließe, könnte ich noch verschiedene 
Beispiele von Persönlichkeitsvervielfachung oder von Infantilismus, d. h. von 
Zücen der Larve, die restieren oder bei erwachsenen Exemplaren von ver- 
schiedenen Spesics wiederkommen, erwähnen. Insekten schlafen zweifelsohne. 
Träumen sie? Wenn sie es tun, wie schade, daß wir bei der Arbeiterameise, 
dem Symbol der sexuellen Verdrängung und Sublimierungj niemals die Freudsehe 
Traumanalyse anwenden werden können. 

Aber das sind triviale Betrachtungen. Die größte Tat besteht darin, daß 
das Werk der Psychiater bereits auf so engherzige Einrichtungen wie Ethik, 
Religion, Erziehung und Jurisprudenz zu wirken beginnt, und daß die Erkenntnis, 
die man aus dem Wirken des Unbewußten geschöpft hat, ebenso bedeutungs- 
voll für die tierische wie für die menschliche Psychologie ist, da ja doch das 
Unbewußte das Tierische ist." Brun (Zürich). 

Dr. David Forsyth: TheTechnique of Psycho-Analysis. London, 1922. 

Dieses wertvolle Buch, das auf Grund der persönlichen Erfahrung und 
guten Literaturkenntnis seines Verfassers entstanden ist, versucht, dem fühlbaren 
Mangel an Arbeiten über die Technik der Psychoanalyse Abhilfe zu schaffen. 
Seine Lektüre wird für jeden psychoanalytisch Arbeitenden von großem prak- 
tischen Nutzen sein. 

Das erste Kapitel betrifft den Analytiker, das zweite die Vorbedmgungen 
der Behandlung, die weiteren vier die Behandlung selbst, Dr. Forsyth tritt 
mit großem Nachdruck für die Selbstanalyse des Analytikers ein ; seiner Ansicht 
nach ist das größte Hindernis für den Analytiker der eigene Narzißmus. Im 



4t 



374 Kritiken und Referate 

zweiten Kapitel erörlert er neben der Auswahl der zur analytischen Behandlung 
geeigneten Fäille auch eine Reibe von Detailfragen. Anfänger bebandeln gerade 
diese leicht als Überflüssigkeiten, täiten aber gut, sich streng an die hier anf- 
gestelUen und in der Erfahrung erprobten VorBchriften zu halten. Bei der 
eigentlichen EiürteruEg der Behandlung führt Dr. Fo rsyth aus, daß das Ziel 
des Analytikers immer die Aiifdeekung und Überwindung der Widerslände, 
nicht die Suche nach untei^iegangenen Erinnerungen sein sollte. Das schwierige 
Thema der Übertragung wird ausführlich behandelt, die verschiedenen Äußerungs- 
formen von Übertragung und Widerstand und die Überwindung der aus ihnen 
erwachsenden Schwierigkeiten geschildert. Das Buch schließt mit einer kurzen 
Zusammenfassung der Hauptpunkte. 

In manchen Fragen, wie in den Beziehungen zwischen Übertragung und 
Widerstand, der Dauer der Behandlung, der aktiven Therapie etc. werden nicht 
alle Analytiker mit den Äußerungen Dr. Forsyth's übereinstimmen. Auch ist es 
vielleicht ein Mangel des Buches, daß es die Versprechungen des Titels nicht 
durchaus erfüllt und sich im ganzen mehr mit den allgemeinen Fragen der 
analytischen Praxis als mit den schwierigen Spezialproblemen der Technik 
befaßt. Gerade dadurch aber wird es für den AnfJlnger in der psychoanalytischen 
Praxis nur um so wertvoller. E. J. 

QlrlndTashekar Bösen: M. B., D. SC, Lektor für Psychoanalyse und abnorme 
Psychologie an der UniversitSt Calcutta. Concept of Repression. 
Caicutta, 1921. 

Hier liegt uns wohl das erste von einem Inder geschriebene Buch über 
Psychoanalyse vor, das übrigens ganz bedeutende Sachkenntnis verrät. Wir 
erfahren, daß der Autor seit dem Jahre 1909 die Psychoanalyse ausübt und 
obwohl ihm psychoanalytische Werke in deutscher Sprache gar nicht und 
englisch geschriebene nur in sehr beschränkter Anzahl zur Verfügung standen, 
beweisen seine Ausführungen doch ein sorgfültiges Studium und ausgedehnte 
eigene Erfahrung. 

In den ersten Kapiteln rechtfettigt der Autor seine Stellung als Vertreter 
des pan-psycbischen Determinismus. Er erklürt, daß er die Verdrängung als 
Titel und Hauptthema seines Buches gewählt habe, weil seiner Ansicht nach 
der Fr eudsche Begriff der Verdrängung wohl der wichtigste Beilrag zur 
Psychopathologie sei. Er beschäftigt sich dann eingehend mit dem Thema der. 
Verdrängung, des psychischen Konllikts und anderen uns vertrauten Begriffen. 
Dabei legt er besonderen Nachdruck auf die psychische Tendenz zur Polarität. 
Eine gro£ie Anzahl von Diagrammen wird Anfängern zweifellos das Verständnis 
erleichtern. E. J. 

R. H. Hingley: B. A., Research Student in Psychoiogy at Endinburgh Universily. 
Psycho-Analysis. (Methuen, London, 1921.) 

Das vorliegende Buch besteht fast ausschließlich aus einer im allgemeinen 
zutreffenden Darstellung dar psychoanalytischen Theorie, unterscheidet sich 
aber von Büchern wie denen von H i t s c h ra a n n oder Barbara Low in 
zwei wichtigen Hinsichten. Es trägt alle MUngel an sich, die unvermeidlich 
sind, wenn der Autor nicht gründlich mit dem Sludium der unbewußten 
Phänomene vertraut ist und gibt — zum Unterschied von den beiden genannten 
Autoren — eine recht subjektive Auffassung der psychoanalytischen Lehren. 
So ist es im ganzen eher eine wohlwollende Kritik als eine objektive Aus- 
einandersetzung, '^- *'• 



Kritiken und Referate 375 

Isador H. Corlat, M. D.: Whatis Psycho-Analyais? (MoFfat Yard & Co. 

New York, 1919.) 

Wir sehen hier einen Versuch, die Freudschen Grundsätze in Frage- 
und Antwortforin darzustellen. Der Autor erreicht bis zu einem gewissen Grad 
seinen Zweck und gibt außerdem noch eine Reihe von Hinweisen auf das 
. Gebiet der seelischen Hygiene und der Charakterbildung. In seinem Bemühen, 
einen knappen Katechismus zusammenzustellen, unterlaufen ihm aber einige 
irreführende und zweifelhafte Behauptungen, die bei psychoanalytisch 
uugeschulten Lesern leicht Verwirrung anrichten können. 

Sein Buch wird wahrscheinlich Lesern willkommen sein, die — ohne 
sich in die Lektüre eines größeren Werkes einzulassen — einen flüchtigen 
Überblick Über das Thema erhalten möchten. Die Bibliographie, in der fast alle 
wichtigen Schritten angeführt sind, wird andererseits jenen nützen, die sich 
eingehender und zuverlässiger orientieren wollen. E. M. Cole. 

Dr. Josophine A. Jackson: M. D. & Helen M. Salisbury. Outwitting our 
Nerves. New York, 1921. 

Ein lebhaftes und mit amerikanischer Leichtigkeit geschriebenes Buch, 
das sich ausschließlich an das Laienpublikum, und zwar besonders an Neurotiker 
wendet. Es ist fast durchwegs von analytischen Gesichtspunkten aus geschrieben 
und setzt sich als Ziel, eine einfache und verständliche Darstellung der 
Freudsehen Grundlehren zu geben. Man muß den Autoren auch zugestehen, 
daß sie diese Absicht erreichen und daß ihre Darlegungen, so elementar sie 
bleiben, im allgemeinen ganz richtig sind. Die Lektüre dieses Buches kann auch 
für Nervöse nur von Nutzen sein, E. J. 

T.W.Mitchell, M, D. : The Psj'chology of Medicine. London 1921. 

Dieses mit kritischer Urteilski-aft und seltener Klarheit geschriebene Buch 
gibt einen Überblick über die neuere Geschichte und den gegenwärtigen Stand 
der medizinischen Psychologie, Es beginnt mit einer ausgezeichneten Darstellung 
der Lehren von Hypnotismus und Suggestion, zu deren Schilderung wohl kein 
Autor berufener ist, als Dr. Mitchell. Im weiteren Verlaufe wird die Lehre von 
der Dissoziation erörtert, besonders vom Standpunkte der Arbeiten von Morton 
Prince und Pierre Janet ausgehend. Der Rest des Buches ist fast aus- 
schließlich der Psychoanalyse gewidmet, deren Lehren in etwas unper- 
sönlicher Weise, aber ungewöhnlich verständlich und eingehend dargestellt 
werden. Kapitel, wie die Ausführungen über den F r e u d sehen Begriff des 
Unbewußten oder über die Verhütung neurotischer Erkrankungen gehören zu 
dem Besten, das über diese Themen geschrieben wurde. 

Dr. M i t c h e 1 1 beschäftigt sich in seinem Buche auch mit den Theorien 
von Adler, Jung und Maeder, wobei er bemüht ist, eine rein obiektive Darstellung 
zu geben. E. J. 

William A. White, M. D.: Fonndalions of Psychiatry. (Nervous and 

Mental Disease Publishing Company, New York und Washington, 1921.) 
Mit diesem sehr lesenswerten Buche bezweckt der Autor weniger eine 
Spezialuntersuchung der verschiedenen Formen von Geisteskrankheit, als eine 
Darstellung der Zusammenhänge der Psychiatrie mit anderen Zweigen der 
Medizin und Psychologie und mit der Soziologie und anderen ihr nahestehenden 
Wissenschaften, Er erreicht seine Absicht in seiner ausgezeichneten und aus- 
führlichen Beleuchtung aller Beziehungen des psychiatrischen Studiums vom 



376 



Kritiken und Referate 



speziellen Standpunkt der eigentlichen Psychiatrie wie ancli vom Standpunkt 
der Zoologie, Prähistorie, der Kinderentwickliing, inneren Sekretion etc. Dabei 
ist nicht recht ku erkennen, für welches Publikum Dr. Wh i l e seine Ausführungen 
eigentlich berechnet. Schon das Verständnis aller Thenieu, mit denen sie sich 
befaßt, wurde beim Leser dieselbe umfassende ßilduDg voraussetzen, die der 

Autor besitzt. 

Dr. White ist der Ansicht, daß die Isolierung der Psychoanalytiker in 
den verschiedenen LJindern wührend der Kriegsjahre zur Entwicklung bestimmter 
nationaler Eigentümlichkeiten geführt hat. So spricht er von einer amerikanischen 
Schule der Psychopathologie und fuhrt zehn für sie chaiakleristische Punkte 
an. Uns erscheint allerdings, daß die meisten dieser Besonderheiten sich nicht 
auf Amerika beschränken oder daß sie so aligemein ausgedrückt sind, daß man 
sich über ihren eigentlichen Iniialt nicht recht klar wird. Sie lauten wie folgt : 
1. Die Einheit des Organismus als Energiesystem ; 2. das menschliche Verhalten 
als Spezialproblem der Frage der Umsetzung und Abfuhr von Energie ; 3. die 
strukturelle Organisation als Beispiel für die phyletische Synthesis der Erfahrung 
mit dem Nervensystem als Hauptfaktor; 4. das Prinzip, daß die 
typischen Formen des Ahreaeierens (action patlerns of discharge) als ZU einem 
Ganzen sie!) vereinigenden Teile die Struktur des Organismus {siructural Organi- 
sation) formen ; 5. die Auffassung des Symbols als Quelle und Vermittler von 
Energie ; 6. das Aufgeben der metaphysischen Unterscheidung zwischen Körper 
und Seele; 7. die Auffassung, daß das Unbewußte die Stnmmesgescliichte des 
Aufbaues der Seele in typisch symboliselien TJiiigkeilsformen enthalte ; 8. die 
Bedeutung archaischer Symbole und ihre Beziehungen zu körperlichen und 
seelischen K rankh ei tszu stünden ; 9, die Überzeugung, daß organische Störungen 
neben den somatischen auch psychologische Symptome aufweisen ; 10. die Über- 
zeugung, daß sich auch in den Typen des gesamten Betragens (slandards of 
conduct) ein wichtiger Teil der typischen Symbolisierung in der seelischen 
Tätigkeit (action pattern symbolisation) zutage tritt und dieselben zum Ver- 
ständnis und zur Behandlung aller medizinischer und sozialer Probleme heran- 
gezogen werden müssen. 

Es ist Dr. W h i te gelungen, die Grundideen von Kempf a letzter Arbeit 
klarer darzulegen als dem Autor selbst, so daß jeder, der sich über dieses Werk 
informieren will, auf Dr. Whiteg Darstellung verwiesen werden kann. 

Ferenczi, Groddek und andere werden mit Interesse erfahren, daß auch 
Dr. Whitefüreinepsychogene Auffassung vieler orguniseher Störungen entschieden 
eintritt, so auch von Myopathien, vom Pylorospasmus, welcher zu organischen 
Veränderungen, wie Magen- oder Zwölffingerdarmgesehwilr führen kann, von 
Diabetes mellitus, und zwar speziell von adrenalinogener Diabetes. E. J. 

Joe! RInaldo: Psycho-Analyais ofthe „Ro forme r". (Publiahed by Lee 

Publishing Co., New-York 1921.) 

Der Autor entwickelt hier in acht Kapiteln die folgenden Grundsätze; 
1. Das Reformertum beruht auf der psychischen Verfassung des Reformers, 
nicht auf besonderen sozialen Zuständen. 2. Der Reformator ist ein Hysteriker, 
seine soziale Betätigung ein Ausfluß seiner Abnormität 3. Libertlnismus und 
Reformismus stehen in keinem Ursache-Wirkungsverhältnis zueinander, sind 
auch keine Reaktionen aufeinander; beide haben denselben Ursprung, ihre 
Entwicklung läufl nebeneinander her. 4. Die Hysterie des Reformers entsteht 
aus einer Hemmuug seines Sexuallebens und stellt eine Form von sexueller 



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Kritiken und Referate 377 

Perversion vor. 5. Der ProhibHionismiis unterscheidet sich im Wesen nicht 
von andern Reformtätigkeiten, ist nichts als eine sadistische Sexualbefriedigung. 

6. Der Genuß alkoholischer Getränke hat eine bestimmte sexuelle Bedeutung 
und ist für ein gesundes menschliches Sexualleben unentbehrlich und wichtig, 

7. Durch Inversion der Geschlechter, durch Entwicklung des weiblichen 
Geschlechtsfaktors auf Kosten des männlichen und durch scihließliche Unter- 
drückung des männlichen Elementes im sozialen Kräftespiel führt das Reformer- 
tam zum Rassenselbstmord. 8. Die Heilung der Refortnhysterie kann durch 
Analyse der Reformer und die Anwendung psychoanalytischer Grundsätze auf 
die Sozialhygiene herbeigeführt werden. 

Wie aus dem Gesagten hervorgeht, trägt das Buch mehr den Charakter 
einer allgemeinen Streitschrift als einer objektiven wissenschaftUchen Unter- 
suchung und ist mit deutlicher Affektbelonung geschrieben. Trotzdem enthält 
es manche Wahrheiten, die von Staatsmannern einer späteren Generation 
Tielleicht nicht unbeachtet gelassen werden sollten. e. J. 

Carvflth Read, M. A: The origin of man and of his superstitions. 
(Cambridge üniversity Press, 1920.) 

Dieses Buch, das einen weiten Leserkreis verdient, ist für Psychoana- 
lytiker von besonderem Interesse; es beschäftigt sich mit einer Reihe von 
wichtigen Fragen aus der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Seelen- 
lebens und deutet zahlreiche Probleme an, bei deren Lösung die Psychoanalyse 
von Nutzen sein könnte. 

Der Inhalt zerfällt in zwei, ziemlich streng unterschiedene Abschnitte. 
In dem ersten, kleineren Teil entwickelt der Autor eine Theorie über die 
Differenzierung des Menschen vom Menschenaffen, in der er alle Unterschiede 
zwischen dem Menschen und seinem nächsten tierischen Verwandten auf die 
Wirksamkeit eines einzigen, den ursprünglichen anthropoiden Lebensbedingungen 
.gegenüber veränderten Faktors zurückführt, nümlich auf die Einführung der 
Fleischnahrung und die zu ihrer Erlangung notwendigen Jagdgebräuche. Er 
bespricht alle Vorteile, die eine solche Neuerung mit sieh bringen mußte, wie 
auch die aus ihr resultierenden körperlichen, sozialen und psychologischen 
Veränderungen. Der Institution der Familie räumt der Autor einen verhältnis- 
mäßig geringen Einfluß auf die menschliche Artentwicklung ein und setzt sich 
damit in Gegensatz zu den Ansichten, die Freud (im Anschluß an Darwin und 
Atkinson) in „Totem und Tabu" ausgesprochen hat. Daß seine Jagdhypothese 
zur Lösung der meisten Probleme, mit denen Freud sieh in dem genannten 
Werk beschäftigt, wenig beiträgt, würde der Autor wahrscheinlich als unver- 
meidlich bezeichnen. Seiner Ansicht nach ist es vergebliche Mühe, ans der 
primitiven Gesellschaftsform, die vor drei oder vier Millionen Jahren bestanden 
haben mag, irgendwelche der bekannten Heiratsgebräuche der Wilden, wie 
Vermeidung, Totemismus, Exogamie, ableiten zu wollen; diese müßten dann min- 
destens 500.000 Jahre alt sein. Viele dieser Vorschriften können aber erst zu einer 
Zeit entstanden sein, zu der es bereits eine Tradition gab und eine Sprache, 
die fähig war, Verwandfschaftsbeziehungen auszudrücken. 

Der zweite und größere Teil des Buches beschäftigt sich mit Ursprung 
und Entwicklung der menschlichen Aberglauben. Wir finden Kapitel wie: 
Glauben und Aberglaube, Magie, Animismus. Die Beziehungen zwischen Magie 
und Animismus, Omen, Totemismus, Magie und Wissenschaft. Es ist leider 
unmöglich, hier auch nur einen flüchtigen Überblick über die große Zahl 

Internat. Zeitsahr, f. fujchoanuljae, VI]l/3. 2i 



378 Kritiken und Referate 

interessanter und wichtiger Fragen zu geben, die der Autor in jedem dieser 
Abschnitte behandelt. Der Stil des Autors und die Art seiner Behandlungsweise 
machen dieses Werk zu eioer besonders fesselnden Lektüre; und obwohl es 
durchaus kein psychoanalytisches Spezialwerk ist, wird es doch von besonderem 
Wert für alle jene sein, welche die Beiträge der Psychoanalyse zum Studium 
des menschlichen Denkens mit Interesse verfolgen. J. C. FlOgeL 

K. Menzles: Autoerotic Phenomena in Ad o 1 escen ce. Mit einem 
Vorwort von Dr. Ernest Jones. (H, K, Lewis and Co. Ltd., London. 
See. Ed. 1921.) 

Während alle früheren Arbeiten Über dieses Thema vor den grundlegenden 
Entdeckungen der modernen klinischen Psychologie entstanden sind, behandelt 
der Autor die verschiedenen l'robleme der Onanie vom Gesichtspunkt der 
modernen Psychologie, in der er außerordentlich gut bewandert ist. Das Buch, 
ist nicht für Fachmänner, sondern für Lehrer, Eltern, Geistliche sowie alle 
jene bestimmt, die in konkreten Fällen mit diesen schwierigen Fragen 
zusammenstoßen. Obwohl iu anderen Äußerungen konservativ, tritt der Autor 
doch mit allem Nachdruck für eine wohlwollendere Einstellung gegenüber den 
Schwierigkeiten dea Jugendalters ein. Er betont, daß die Schädlichkeit aller 
onanistischen Betätigungen zu einem weitaus größeren Teile von den sie 
begleitenden seeUschen Konflikten herrühre, nicht von der Onanie selbst. Von. 
besonderem Interesse ist ein Kapitel „Ethische Betrachlungen", in der er eine 
Annäherung der Lehren der katholischea Kirche an die Ergebnisse der 
modernen Psychologie herbeizuführen versucht. E- J. 

Qeorge H. Qroen, B. Sc, B. Litt.: Psycho an alysis in the Class Boom. 

(University of London Press Ltd,, London, 1921.) 

Mr. Green faßt die Absicht seines Buches selbst in folgenden Worten 
zusammen. Er will „so klar und einfach als möglich jene Stücke der psycho- 
analytischen Theorie darstellen, die Ellern, Lehrern und anderen mit Kindern 
Beschäftigten oder für Kinder Interessierten von Nutzen sein können". Man 
kann sagen, daß er dieses Ziel im großen und ganzen in seinem sehr lesens- 
werten und übersichtlichen Buch durchaus erreicht. Eine von dessen besten 
Seiten ist der Reichtum an anschaulichen Beispielen für jedes der erörterten 
Themen. Diese Beispiele entstammen durchwegs der eigenen Erfahrung des 
Autors, und zwar entweder seiner Unterrichtstätigkeit in Schulklassen oder 
seiner Beschäftigung mit Kindern außerhalb der Schule, und überzeugen den 
Leser durch ihre offenbare Echtheit. Se werden z. B. in den Abschnitten über 
„Tagträume" (Kap. H u. III) zehn verschiedene Fälle (im Alter von 3 bis 23 
bei beiden Geschlechtern) ausführlich beschrieben, erörtert und analysiert. 
Dasselbe geschieht in Kup. VII, „Interesse", wo an einigen anschaulichen 
Beispielen gezeigt wird, eine wie wichtige Rolle die unbewußte Motivierung 
spielt ond wie wenig sich ausrichten läßt, wenn bei der Beeinflussung nur das 
Bewußtsein in Betracht gezogen wird, 

Für den praktischen Lehrer wird Kap. XI über Irrtümer, Fehler und 
Auslassungen eines der wertvollsten sein. Die „Vergeßlichkeit", „Begriff- 
stützigkeif und „Nachlässigkeit" der Kinder, die für Lehrer und Schüler 
eine solche Energieverschwendung bedeutet, wird hier in einem neuen Lichte 
gezeigt Das Kapitel ,Dependence and Sex' beliandelt die sexuelle Frage 
ziemlich oberflächlich, aber vielleicht ist das bei einem Buch zu loben, das 
wie das vorliegende für die Hände von Anfängern in der Psychoanalyse 



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Kritiken und Referate 379 

bestimmt ist — sie werden jedenfalls keine Ursache haben, über die Eröffnungen, 
die Mr. Green ihnen macht, zu erschrecken. 

Im Gebiete der analytischen Theorie ist Mr. Green nicht immer ganz 
zu Hause. Wir finden im Verlaufe des Buches eine Anzahl von irreführenden 
Behauptungen. Ebenso stimmen seine Traumdeutungen nicht immer mit den 
psychoanalytischen Erkenntnissen überein. In der Bibliographie fehlt jede 
Unterscheidung zwischen den eigentlich psychoanalytischen Veröffentlichungen 
(Büchern, die sich mit der F r e u d sehen Methode und ihrer Anwendung 
befassen), zwischen den Arbeiten Jungs und seiner Anhänger und anderen 
Werken, die gar nichts mit psychoanalytischen Gesichtspunkten zu tun haben. 
Wir hoffen, das diesem Übelstand in einer nächsten Auflage abgeholfen wird, 
die sicher nicht lange auf sich warten lassen wird. Barbara Low. 

Aus der französischen Literatur. 

Dr. Raymond de Saussure: La Mäihode Psychoanalytique (Aveu une 

prßface du Prot. Sigm. Freud) Payot & Comp, Lausanne-Gen feve. 

1922. 

Seit der ausführlichen, aber ohne persönliche Erfahrung verfaßten 
Darstellung der Psychoanalyse durch Eegis und Hßsnard, mit der wh: uns 
seinerzeit eingehend beschäftigten^, scheint sich das Interesse der Franzosen 
mehr als vorher unserer Wissenschaft zuzuwenden. Allerdings sind es haupt- 
sächlich Belletristen, die sich für uns interessieren. Um so erfreulicher 
ist es, daß in diesem Bande ein junger ärztlicher Fachmann aus der französischen 
Schweiz sich die Aufgabe stellte, seine Eonnationalen mit der Methode und 
den wichtigsten Begriffen der Psychoanalyse bekannt zu machen. Er machte 
sich diese Aufgabe nicht leicht und begnügte sich nicht, wie seine Vorgänger, 
mit der oberflächlichen Lektüre einzelner psychoanalytischer Werke, sondern 
unterzog sich vorerst selber einer psychoanalytischen Behandlung, versuchte 
die so gewonnenen Kenntnisse an mehreren Patienten, vertiefte sich in die 
Lektüre der psychoanalytischen Literatur und erst so gerüstet, getraute ersieh 
ein Urteil Über die Methode zu. Wie nicht anders zu erwarten, fiel denn auch 
dieses in fast allen Punklen für die Analyse günstig aus und auch in den 
wenigen, meist mehr theoretischen Fragen, in denen de Saussnre Freud 
nicht wörtlich folgen kann (z. B. in der oralen und analen SaxnalitBt), leugnet 
er die Tatsächlichkeit der Freud sehen Beobachtungen nicht, gibt sogar die 
erotische Natur dieser Partialtriebe willig zu und hat nur dagegen Bedenken, 
diese Erotik als etwas Sexuelles, d. h. als der Arterhaltnng Dienendes 
zu bezeichnen. Wir glauben bestimmt, daß der Autor bei gehäufter Erfahrung 
auch die für ihn noch bestehende dünne Scheidewand zwischen Oralerotik 
und oraler Sexualität fallen lassen wird. 

Der gelungenste Teil des Buches ist zweifellos die detaillierte Beschreibung 
der psychoanalytischen Technik, wie sie Verf. durch Prof. Freud, bei dem 
er die Analyse lernte, ausführen sah. Einzelne Details dieses technischen Kapitels 
dürften nicht nur dem Anfänger, sondern auch dem geübten Analytiker manches 
Neue bieten. 

Daß die theoretischen Auseinandersetzungen de Sausaure's den 
technisch-methodologischen nicht die Wage halten, darf bei der Knappheit 
des Raumes (185 Seiten) nicht wundernehmen. Es zeigt sich aber auch immer 

> Siehe Ferenczi, Die psychiatriache Scbnte von Bordeaux über die PB:rclLO&DB.IjBe. 
Dieae Zeitschrift, Jahrgang Hl, S. 352. 



380 



Kritiken und Referate 



wieder, daß der Hang der Franzosen zu knappen und präzisen Definitionen 
ihre Arbeiten zwar klarer, aber aucli etwas oberflächliclier gestaltet. 

Wir glauben auch, daß der Autor sich viel zu oft wegen der unschönen 
Dinge, mit denen sich der Analytiker beschSftigen muß, entschuldigt. Wir 
fürchten, daß es ihm trotzdem nicht gelingen wird, den Widerstand seiner 
Landsleute und KoUegen zu umgehen. 

Nur noch einige kurze ßemerkungen : In der Darstellung des Freud sehen 
Schemas des psychischen Apparates vermissen wir die gebührende Berück- 
sichtigung der metapsychologischen Gesichtspunkte, besonders der psychi- 
schen Ökonomie . Wir glauben auch, daß de Saussure den Freud sehen 
Ideen nicht gerecht wird, wenn er einen allmählichen Übergang der 
ünbewußtheit über das Vorbewußte bis zur Bewußtheit postuliert. Diese 
Annahme wHre gleichbedeutend mit der Preisgabe des systematischen 
Sinnes der Begriffe unbewußt, vorbewußt und bewußt, der sich doch theo- 
retisch wie praktisch so bedeutsam erwiesen hat. 

Eia Irrtum, in den der Autor verfällt, ist auch, daß die Traumsprache 
immer nur logische Traumgedanken in symbolischer Verkleidung und nicht 
auch einfache archaische Manifestationen des Seelenlebens äußert (Seite 29). In 
Wirklichkeit vergißt Freud niemals, beide seelische Reihen zu berück- 
sichtigen; man erinnere sich nur des Bilde-S vora Kapitalisten (Archaisches) 
und vom Unternehmer (aktuelle Aufgabe) bei der Traumbildung. An der als 
Beispiel mitgeteilten recht interessanten Traumanalyse des Dr. Odier ver- 
missen wir die knappe synthetische Zusammenfassung des Traumgedankena 
und die entsprechende Darstellung der Traumschiehten'. 

Diese kleinen Schönheitsfehler vermögen aber den sehr günstigen 
Gesamteindruck dieser Arbeit des Dr. de Saussure kaum zu stören. Man 
legt das Buch mit der Überzeugung aus der Hand, daß es das erste ernsthafte 
Werk eines Franzosen über dieärztliche Psychoanalyse ist. S. Ferenczi. 

W. Boven (Lausanne) : La psychologie du reve d'aprfes Freud. 
(Rev. M6d. de la Suisse Romande. Sept. 1921. p. 551— 5Ü1.) 

Der vorliegende Vortrag wurde vor den Ärzten Lausannes, bei denen er 
nur mäßigen Erfolg gefunden hat, gehalten, Bov en hat sich indessen mit viel 
Geschicklichkeit und StilJiunst bemüht, einem nicht vorgebildeten Publikum 
zu erklären, welches die fundamentalen Prinzipien der Traum psychologie nach 
Freud sind. Diese Seiten werden gewiß dazu beitragen, daß viele Schweizer 
Ärzte die Entdeckungen des Wiener Meisters nach ihrem vollen Werte würdigen 
können. 

Cb. Baudouin: Etudes de Psychanalyse (Delachaux-Niestie 

Neuchätel. 1921. 288 p.) 

Das Ziel des Autors ist nicht, uns eine vollständige Übersicht der Lehre 
Freuds zu geben. Indem er immer das, was originell bei diesem ist, hervorhebt, 
versuchter, die Aaschauung des Wiener Psychiaters der Psychologie Bergsons, 
Janets, Jones, Ribots, Klournoys, Claparfedes, Bovets anzunähern. 
Unser Seelenleben hat drei Stufen: 1. Die I m agin a t i o n, die besonders 
auf unserer Affektivität beruht und die wir ais eine Anpassung der Realität 
an unsere Interessen definieren können im Gegensatz zur Intelligenz, die eine 



' Wir können auch nicbt cinaehon, warum die „Sujets ilo race Jatiiio" eich nur 
einer oberniiolilichcn, nicht die panzo Peraünliclikoit umrahrondün Analj-Be untenichen 
lassen soUtpn. Das kann nur an der nnvoUkommeaheit der Technik Dr.Odior'e gelegren sein. 



Krilikea und Referate 381 

Anpassung unserer Interessen an die Realität sei. 2. Die Affektivifät, die auf 
unseren Instinkten beruht und nur ein Entwicklungsprodukt aus diesen ist. 
Wir kennen bestimmte Gesetze wie ihre Hervorrufung (Claparede), die Über- 
tragung (Ribot), die VerseMebung (Freud), die Überdeterminierung (Freud). — 
3. Unsere Triebe. Diese setzen sich jedesmal, wenn sie nicht ihre 
Befriedigung in der Aktion finden, in sekundäre Tendenzen um, verwandeln 
sich mit einem Wort und wechseln ihr Ziel. — Der Traum entleiht seine 
Elemente diesen drei Stufen unseres Seelenlebens. Er ist die symbolische 
Erfüllung einer unbefriedigten oder unbeschäftigten Tendenz. Er ist dem Spiel 
verwandt. Man könnte ihn auch als eine Ableitung der unterdrückten Aktion 
delinieren. — Wie die Affektivitai ist er durch die Aufhebung der motorischen 
Aktion charakterisiert. Die Psychoanalyse setzt sich zwei Ziele der Forschung : 
1. die strukturale Psychologie, die die Analyse der Phänomene und 
das Studium ihrer Mechanismen zum Ziel hat. 2. Eine funktionelle 
Psychologie, welche die Bedeutung der Phänomene und ihren biologischen 
Zwack ins Auge faßt. In allen diesen Ausführungen zeigt Baudouin einen 
originellen synthetischen Geist und eine sehr genaue Kenntnis der Psycho- 
analyse zu gleicher Zeit. Sein Buch ist sicher das beste, das im Französischen 
über diesen Gegenstand erschienen ist. Vom therapeutischen Standpunkt aus 
faßt Bandouin die Analj'sen von 27 Fällen zusammen und studiert bei dieser 
Gelegenheit die Gefühle der Kinder gegenüber den Eltern, die religiösen, 
philosophischen, skrupelvollen, gequälten und ängstlichen Charaktere. Er 
bestimmt dabei die Begriffe der Sublimierung, der Introversion usw. Der 
Autor hat sich nicht ausschließlich der Psychoanalyse bedient, er ließ 
sich von der Antoauggestion helfen und erklärt sich von der gleichzeitigen 
Anwendung dieser beiden Methoden sehr befriedigt. 

Ed. Claporide : Psychologie de Tenfant (Kündig, GenSve 1920.) 

Wir begrüßen das Erscheinen der achten Autlage dieses bekannten 
Werkes, eines der besten, die je über Kinderpsychologie geschrieben wurden. 
Die Psychoanalyse nimmt in dieser neuen Auflage einen viel breiteren Raum 
ein als in den früheren. Die Einstellung des Autors ihr gegenüber hat sich im 
Laufe der Zeit von einem großen Interesse für die Lehre in eine mehr und mehr zu- 
stimmende gewandelt. Hinweise auf psychoanalytische Erkenntnisse finden sich, 
was von wenigen anderen Handbüchern der Psychologie gesagt werden könnte, 
durch alleKapitel desBuch es verstreut und werden bei der Behandlung von Themen, 
wie Gedächtnis, psychischer Konflikt, Sublimierung usw., ausgiebig herangezogen. 
Ebenso nimmt der Autor auch für die Anwendung der analytischen Behandlung 
bei Kindern Stellung. 

Einige Irrtümer und Verwechslungen werden hoffentlich in der nächsten 
Auflage Verbesserung finden. 

L Schnyder: Les tendances aetuelles de la psychothörapie. 
(Rev. Med. Suisse Romande. Sept. 1921. p. 541-550.) 

Diese Arbeit wurde auf dem Kongreß der Psychiater und Neurologen 
Frankreichs im August des vergangenen .Tatres in Luxemburg voi^etragen. 
Der Autor gibt eine Übersicht über die wichtigsten psychischen Behandlungs- 
methoden. Er zieht die erzieherische Psychotherapie D u b o i s, durch einige 
Prinzipien der Psychoanalyse verstärkt, vor. Das heißt, daß ihm die Schule 
Jungs sympathischer ist als die Freuds. Man kann die Ansicht Schnyders in 
die folgenden, seinem Artikel entnommenen Zeilen zusammenfassen : „Es ist 



382 Kriüken und Referate 

das große Verdienst der französischen neuro-psycbiatrischen Schule, sich 
gegenüber den F r e u d sehen Lehren reserviert gezeigt zu haben und sie nicht 
blind in der Behandlung neuropathischer Zusliinde angewandt zu haben. Sie 
hat darin jenes Maßhalten bewiesen, das eines der wesentlichsten Eigen- 
schaften des lateinischen, Geistes bildet, und wenn gewisse Prinzipien der 
Psychoanalyse, wie es wünachenswert ist, nach und nach in die neuro- 
psychiatrische Wissenschaft in Frankreich eindringen, wird es nach einer 
vorausgehenden Ausmerzung geschehen, welche die gefährlichen Übertreibungen 
und das LücherÜche vermeiden läßt, das die psychoanalytische Bewegung in 
bestimmten Ländern befleckt." Wir fürchten sehr, daß das „große Verdienst", 
das Schnyder der französischen neuro-psychialrischen Schule zuschreibt, 
keineswegs nur eine Reserve ist, sondern die tiefe Unwissenheit dieser 
Schule in bezug aul die Psychoanalyse verdeckt. 

M. D6al: Interpretation du rhythme du cceur dans certalns 
rSves. (Journal de PsychoL norm, et palhologique. 1921, p. 555 ff). 

Die Wiedergabe eines Traumes des Autors und seine Deutung: „Zwei 
Personen, deren jede eine Behauptung aufstellen, sind anwesend und unter- 
halten sich. Ich bin abwechselnd die eine und die andere nach einem gewissen 
Rhythmus. In der dem Erwachen vorangehenden Zeit werde ich mir darüber 
ganz klar, daß diese Erörterungen sieh an den Herzrhythmus anschließen und 
die Diskussion zwischen der Diastole und der Systole geführt wird. Ein wenig 
später schlägt das ermüdete Herz weniger stark und verlangsamt seine Kontrak- 
tionen. Eine von ihnen scheint, da sie eben erst geendigt hat, die andere zu 
erwarten, die andere an sich zu ziehen, sie zu Hilfe zu rufen. Dies wird bald 
als ein Arm einer Person, der gegen eine andere gestreckt wird, gedeutet; 
dann als eine viel abstraktere Beziehung der Gläubigen zum Schuldner." 

Jean Piaget: Essai sur quelques aspects du developpement de 
la notion departiechezl'enfant. (Journal de Psychol. norm, 
et pathol. Jüjn 1921 p. 449—480). 

Diese Studie ist ein experimentalpsychologischer Versuch. Er interessiert 
nichtsdestoweniger den Psychoanalytiker durch seine Schlußfolgerungen. Der 
Autor zeigt wirklich, daß bei den Kindern, die keine klare Vorstellung der 
Beziehungen zwischen dem Teil und dem Ganzen besitzen, der Teil allgemein 
als ein Symbol des Ganzen aufgefaßt wird. Man weiß, daß die Primitiven in 
ihrer Sprache oft einen Ausdruck, der einen Teil eines Wesens oder eines 
Objekts bezeichnet, dann gebrauchen, wenn sie mit diesem Ausdruck das Ganze 
dieses Wesens oder dieses Objekts meinen. Piaget s Studie läßt uns nun den 
Grund dieser Symbolik besser verstehen. Auf den Geist des Primitiven sowie 
auf den des Kindes macht der Teil mehr Eindruck als das Ganze, aber zu 
gleicher Zeit ist er nicht genau vom Ganzen unterschieden. Piaget weist auch 
darauf hin, daß im Traum das Ganze und der Teil beständig vertauscht werden. 

Dr. J. Capgras: „Autobiographie d'un pervers örotique." (L' En- 
cöphale 1921, Nr. VIT, p. 367.) 

Ohne sehr tief in die psychologische Analyse des Falles einzugehen, 
liefert uns Capgras interessante Briefe eines Mannes, der von Kindheit bis 
ins Greisenalter von der inzestuösen Sehnsucht, mit seiner Schwester zu schlafen, 
verfolgt wurde. Der Ursprung dieses Wunsches scheint auf die Tatsache zurück- 
zugehen, daß X. sein Zimmer mit seiner Schwester teilte. Er belauerte jeden 



lüritiken und Referate 383 

Abend ihre Entkleidung. Sie erregte in ihm die ersten sexuellen Wünsche und 
diese blieben für immer an sie fixiert. Er konnte seinen Inzestwunsch niemals 
befriedigen, aber er träumte sein ganzes Leben von seiner Schwester. Er suchte 
sich an die Abende zu erinnern, da er sie sich entkleiden sah, und benutzte 
seine Erinnerungen, um sich in seinen onaniatischen Praktiken zu erregen. Bei 
einer bestimmten Gelegenheit wurde X. Fetischist und bat seine Schwester, 
ihm ihre Hosen, ihr Brustmaß usw. zu senden. Er wollte um jeden Preis eine 
Puppe konstruieren, die die Schwester darstellen sollte. 

ArohivBS de Psychologie. (Jahrgang, XVIII. Kündig, Genf.) 

Seit zwei Jahren konnten die „Archives de Psychologie" wegen materieller 
Schwierigkeiten nicht erscheinen. Die zwei ersten Nummern des achtzehnten 
Bandes sind eben erschienen. Sie enthalten eine schOne Biographie 
Th. Flournoys von Professor Ed. Claparede. Diese beslimmt unter anderem 
auch die Stellung, die Flouraoy zur Psychoanalyse hatte. Ein interessanter 
Artikel Jean Piagets über „Eine verbale Form des Vergleiches beim Kinde" 
findet sich auch hier; die Aufmerksamkeit des Psychoanalytikers wird sich 
hauptsächlich den Seiten zuwenden, die Professor Larguier des Bancels 
Pascal widmet. Man weiß, daß dieser unter der Zwangsvorstellung litt, es 
gähne zu seiner Linken unaufhörlich ein Abgrund. Die Mehrzahl der Autoren 
haben diese Angstvorstellung auf den Wagenunfall 'zurückgeführt, den der 
Autor der „Pensees" auf der Brücke von Neuilly hatte. Dieser Unfall ließ 
Pascal den Entschluß fassen, auf Spaziergänge zu verzichten und in völliger 
Einsamkeit zu leben. Larguier rückte diese Phobie in die Nähe der von Jones 
publizierten (A simple Phobia. — Journal of Abnormal Psychology VIII, 
p. 101) und erinnert, um diese Angst vor dem Abgrund begreiflich zu machen, 
aa einige Bemerkungen, die Margarete Perier, die Nichte des großen 
französischen Denkers, über ihren Onkel schrieb. (Diese Bemerkungen wurden 
1845 von Faugere in Paris publiziert.) Sie macht darin eine Andeutung auf 
eine Krankheit, die er im Alter von ein oder zwei Jahren hatte und in der 
er es nicht ertragen konnte, Wasser zu sehen, ohne in sehr große Erregungs- 
zustände zu fallen"; desgleichen konnte er es nicht ertragen, seinen Vater 
und seine Mutter nahe beieinander zu sehen. Er ließ sich gerne die Zärtlich- 
keiten des einen oder des anderen gefallen; aber, wie sie sich einander 
näherten, schrie und zappelte er mit außerordentlicher Heftigkeit. Dies alles 
dauerte mehr als ein Jahr. Frau Parier schreibt ferner in ihrem ,Leben 
Paseals"; ,Er konnte die Zärtlichkeiten, die ich von meinen Kindern empfing, 
nicht vertragen und sagte mir, man müsse sie ihnen abgewöhnen, daß ihnen 
dies nur schaden könne und daß man ihnen Zärtlichkeit in tausend anderen 
Arten bezeugen könne." Seine Wasserphobie ging soweit, daß er im erwachsenen 
Alter nichts Flüssiges, das nicht warm war, schlucken konnte, und auch dies 
nur tropfenweise. 
L'Annöe psychologlque. Tome XXI. (1914—1919. Paris. Masaon 1920. 523 p.). 

Seit dem zu frühen Tode Alfred B i n e t s, der sich durch seine psycho- 
dynamische Autfassung der Neurosen von so vielen Gesichtspunkten aus der 
Psychoanalyse näherte, wurde „L'Annöe psycholo;jique" von Henri Piöron 
geleitet. Es hat als hauptsächlichstes Studienobjekt die Experimentalpsycho- 
logie gehabt. Der vorliegende Band enthält eine Arbeit dieser Richtung von 
Morand über: „Das Problem des Warten3% eine „Die räumlich auditiven Wahr- 
nehmun'^en'' von B o u r d o n, eine über „Die Beharrlichkeit erworbener Fähig- 



384 Kritiken und Referate 

Ireiten', eine über ,Das Formeu- und Zahlengedächtnis". Endlieh eine Arbeit 
von Grzegorzewska über „Die Typen der ästhetischen Ideation". 

Aber neben diesen Arbeiten gibt es andere, welche die Psychoanalytiker 
unmittelbar interessieren; so diejenige von Mig na rd und Gilles „Die Psycho- 
neurosen des Krieges". Die Autoren geben keine Übersicht der auf diesen 
Gegenstand bezüglichen Theorien, sondern sie zeigen einfach, was sie im Kriege 
beobachtet haben. Sie teilen diese Krankheiten in verschiedene klinische 
Typen ein, die mit den psychologischen Typen korrespondieren; die emotionalen, 
die sensitiven, die suggestiven und die launenhaften. Diese Unterscheidungen 
scheinen uns, so interessant sie sein mögen, kein sehr nützliches Element 
zum Studium der Psychoneurosen beinutragen. Es sind Krankheitsformen, die 
mehr dem seelischen Hintergrund entsprechen, auf den die Neurose aufge- 
pfropft ist, als einer Krankheitseinheit. In einem anderen Artikel behandelt 
Dr. W a 1 1 o n dieselbe Frage, aber von einem völlig verschiedenen Gesichts- 
punkt aus. Er erörtert zuerst die Hereditätsfrage und gibt bei dieser Gelegen- 
heit eine Übersicht der verschiedenen Theorien. Er schließt (p. 220) : .Auf 
verschiedenartig bearbeitetem Boden bewirkt ein Unfall Effekte, deren Erklärung 
nicht genügt. Er ist dann manchmal ohne weiteres die Gelegenheit und seine 
Charaktere zeugen von Prädispositionen, die nicht immer kongenitale sind." 
Der Autor versucht ferner, die reziproke Rolle, welche die Erregung und die 
SuggesHon in der Genese der Psychoneurosen spielen, zu bestimmen. Schließ- 
lich gibt Walion eine Bibliographie der neueren französischen Arbeiten über 
den Gegenstand. 

Wir wollen noch die Arbeit Rabauds über die „Intelligenz und den 
Inslinkt" anzeigen. Für den Autor besteht kein wesentlicher Unterschied 
zwischen diesen beiden Wirkungskreisen. Um diese Behauplung zu stützen 
beruft er sieh auf die Tatsache, daß man an verschiedenen Orten Elstern 
beobachtet hat, die den Schweif einer Katze mit dem Schnabel faßten. Aus 
der Tatsache, daß die Beobachtung keine vereinzelt ist, schließt R a b a u d, daß 
es sich hier nicht um einen Akt der Intelligenz, sondern um einen Instinktakt 
handelt Wir finden die Schlußfolgerung zu rasch. Dieser Instinlct wäre zu- 
mindestens selten, denn wieviel Leute haben Katzen und Elstern gesehen, 
ohne zu beobachten, daß der Schweif der Katze vom Schnabel des Vogels 
gefaßt würde. Die letzten 250 Seiten des Bandes sind Bücherreferaten gewidmet. 
Mehrere Referate von P i 6 r o n behandeln die Psychoanalyse; aber dieser Autor 
schließt sich dem Skeptizismus der Mehrzahl der französischen Autoren in 
bezug auf diese Wissenschaft an. Raymond de Saussure. 



Honorlo F. Dalgado (Lima): La negacion de la paternidad como 
sintoma psicosico. (Rev. de Psiquiafria. Vol, IV, No. 1, 1922.) 

Schon in früheren psychoanalytischen Schriften sind die Abkunfts- 
Wahnideen Geisteskranker zu gewissen mythologischen Erscheinungen in 
Beziehung gebracht worden. D e 1 g a d o gibt in der vorliegenden kleinen 
Untersuchung einige Beispiele aus der Geschichte von Geisteskranken, die 
ihre Abkunft vom Vater verleugneten. Er leitet die beireffenden Wahnbildungen 
vom Ödipuskomplex her und weist bestimmte Beziehungen zu anderen 
Symptomen seiner Kranken nach. Abraham. 



Kritiken und Referate 385 

Dr. E. WaiB (Triasta) : Alcuni concetti fondamentali della 
Psicoanalisi. (Riv. gperim. di Freniatria, vol. XLV, fasc. III/IV, 1922.) 

Verfasser gibt eine außerordentlich korrekte und klare Darstellung 
einiger Grundbegriffe der Psychoanalyse. Seine Ausführungen betreffen ins- 
besondere das Unbewußte, die Verdrängung, die verschiedenen psychischen 
Systeme, Lust- und Realitätsprinzip, Übertragung, Sublimierung usw. Sie 
berilcleichtigen auch die metapsychologischen ErgUnzungen der Theorie, wie 
sie in den neueren Veröffentlichungen von Freud enthalten sind. 

Abraham. 



Zur psychoanalytischen Bewegung. 

Die Psychiater und die Psychoanalyse. 

Nachdem wir seil etwa einem Jahrzehnt keinen Wert daraul gelegt 
hatten, die verschiedenen Phasen hilflosen Gebarens der Zunftpsychialrie 
den Fortschritten der Psychoanalyse gegenüber jeweils zu charakterisieren, 
bieten uns zwei Vorträge des Heidelberger Psychiaters Prinzhorn, die 
er uns auszugsweise im Autoreferat zur Verfügung stellt, die erwünschte 
Gelegenheit, von berufener Seite ein bezeichnendes Licht auf die Änderung 
in der Taktik unserer Gegner fallen ku lassen. 

Zusammenfassend kann man konstatieren, daß die H o c h e sehe 
Formulierung der Analyse als „vorübergehende Seuche" nunmehr »nderen, 
für die Autoren weniger koraproraiUierenden Einstellungen den Plata räumen 
mußte. So führt Prinzhorn mit anerkennenswertem Freimut die verschiedenen 
typischen Arten der verkappten Aneignung psychoanalytischer Forschungs- 
ei^ebnisse an und läßt uns so interessante Einblicke in die mitunter ganz und 
gar unwissenschaftliche Motivierung gewinnen, die wir ohnehin dort immer 
stillschweigend vorausgesetzt hatten. 

Wir freuen uns aber, jetzt Prinzhorn das Wort lassen zu können, indem 
wir die beiden Autoreferate seiner jüngst gehaltenen zwei Vorträge zum 
Abdruck bringen. 

1. „Der Psychiater und die Psychoanalyse." (Vortrag, 
gehalten auf der 47. Wanderversammlung der sUd westdeutschen Neurologen 
und Irrenärzte in Baden-Baden am 27. Mai 1922.) 

2. „Psychotherapie und Psychoanalyse." Erfahrungen aus 
Wien und Zürich, (Vortrag im naturwisaenschaftlich-ürzilichen Verein, Heidel- 
berg, 16. Mai 1922.) 

1. 
„Anknüpfend an den von H o c h e 1910 in Baden-Buden gemachten Ver- 
such, die Psychoanalyse als .vorübergehende Seuche, iirztlicbe Taumelbewegung" 
und so weiter darzustellen, wird gezeigt, inwiefern die inzwischen verstrichenen 
zwölf Jahre das Gegenteil erwiesen haben. Nicht nur hat der engere Anhänger- 
kreis sieh stetig ausgebreitet, sondern in der inneren Medizin und auch in der 
Gynäkologie und Chirurgie steht man den Haupterkenntnissen der Psycho- 
analyse viel offener gegenüber. Dazu kommt, daß in der ganzen Medizin ein 
stärkeres Verlangen zu spüren ist, sich der seelischen Zusammenhänge im 



Zur psychoanalytischen Bewegung 387 

Kranken anzunehmen, den ganzen Menschen zu behandeln statt der Einzel- 
symptome. Auf die Fragen, die sich bei solcher Einstellung aufdrängen, ant- 
wortet nicht die psychiatrische Klinik, wohl aber die Analyse, die demnach 
in der gegenwärtigen Entwicklung der Heilkunde eine bestimmte Mission zu 

erfüllen hat. 

Darüber hinaus aber sind die psychoanalytischen GrundanBchauungen 
nicht nur in der Schweiz, sondern neuerdings auch bei uns in Laienkrelse 
gedrungen. Vor allem fühlen Lehrer und Theologen sich in zunehmendem 
Maße von einigen analytischen Erltenntnissen angezogen, die sich weiterhin 
in der Dichtung (bei Hesse, Ganz, II g, Meyrink, Kokoschka, 
Schaefter und anderen) spiegeln. In der Religions- und Mythenforschung 
haben sie bereits unter Billigung von Seiten namhafter Gelehrter zu wissen- 
schaftlichen Resultaten geführt Kurzum, die Psychoanalyse ist heute eine 
öffentliche Angelegenheit geworden. Unmöglich, ihr mit formaler Kritik 
gerecht zu werden. Sie ist der erste wissenschaftliche Versuch, eine Psycho- 
logie der Person aufzubauen, die auf dem Wahrhaftigkeitsniveau der großen 
intuitiven Dichterpsychoiogen (besonders Nietzsches und Dostojewskis) 
ruht. Ihre dogmatischen Einseitigkeiten sind zum Teil dadurch zu erklären, 
daß sie auf naturwissenschafilich-realistisehen Grundbegriffen aufbaut und 
infolgedessen für uns theoretisch einer durchgreifenden Umorientierung bedarf. 
Man kann jeden Einwand, der gegen die Analyse erhoben wU'd, vollkommen 
anerkennen und überall Unzulänglichkeiten sehen — aber man darf sich heute 
nicht mehr erlauben, die produktiven Seiten zu Übersehen, sondern muß den 
praktisch-therapeutischen wie den aligemein-psychologischen Gewinn ehrlich 
den psychoanalytischen Forschungen als Verdienst anrechnen. Wir stehen nicht 
am Ende, sondern am Anfang dieser Forschungen. 

Die Stellung der deutschen Psychiater zur Psychoanalyse wird nach 
fünf typischen Verhaltungsweisen glossiert: 1. Ignorieren bei den in eigene 
Probleme vergrabenen Forschem. 2. Offenes Bekämpfen mit mehr oder weniger 
Bachlichen Gründen, wobei nur Kronfeld sich dem Niveau der wirltiich 
eingehenden Kritik des Philosophen Mittenzwey angenähert hat, während 
sonst durchaus persönliche, meist weltanschauliche, oft Selbstschutz-Grüade 
stark mitspielten. 3, Doppelorientierung: scheinbare Methodenprüfung mit dem 
Resultat: „Ganz interessant, nicht neu, terminologisch undiskutierbar", was 
vielfach als Eintreten für die Analyse angegeben wird und ständiges Ver- 
spotten nicht ausschließt (schlimmste Spielart : B r e s 1 e r s alberne Tiraden). 
4. Diplomatisch-opportunistisches Verhalten, durchaus vorherrschend bei uns: 
Ablehnung, solange man nicht der Zustimmung der Autoritäten sicher ist, 
Aufnahme mancher Begriffe hintenherum, äußerliches Anerkennen ohne innere 
Beziehung, wenn die Zeiten sich geändert haben. 5. Offenes Eintreten für die 
Analyse, bei uns noch seilen. (Manche Therapeuten gerade im Südwesten 
stehen de facto auf analytischem Boden !) Fruchtbare Auseinandersetzung mit 
den Prinzipien findet man fast nur bei I. H. Schultz, Schneider, neuer- 
dings bei Kretschmer, während an denEliaiken in Wien und Zürich eine 
offene Verarbeitung der analytischen Anregungen längst erfolgt ist. Am 
wichtigsten sind heute die Bemühungen von Psychiatern, die auf beiden 
Gebieten anerkannt sind (wie Schilder, Ludw. B i n s w a n g e r)- Es bedeutet 
nicht nur einen Presügeverlust, sondern das Versagen vor den tiefs^eifenden 
psychopalhologischen Problemen, wenn die Psychiater in dieser Sache 
dauernd die Führung verlören und sich mit der Rolle des Polizisten begnügten." 




388 Zur psychoaiialytisclien Bewegung 

« 2. 

„Ausgehend von dem zunehmenden allgemeinen Verlangen nach Psycho- 
therapie wird zunächst gezeigt, wie aus jeder echt therapeutischen Einstellung 
der Zwang erwächst, nach Methoden zu suchen, welche die AuHindung der 
eigentlichen seelischen Zusammenhänge in sonst unverstiindlichen Symptom- 
bildern sichern. Eine analytische Psychologie der l'erson beruht auf praiitisch- 
methodischem Bedürfnis. 

Die Psychoanalyse Freuds und seiner Nachfolger hat erwiesen, daß 
ihre Befunde nicht willkürliche Konstruktionen oder Dogmen sind, sondern 
außerordentlich fruchtbare Erkenntnisse, die In Natur- und Geisteswissenschaften 
stetig mehr Eingang gewinnen. Darüber hinaus haben sie eine starke werbende 
Kraft für das breite Publikum, woraus man die Folgerung ziehen muß, daß 
sie der seelischen Struktur der Zeit durchaus entsprechen. Im Gegensatz zu 
der vielfach üblichen Meinung, als handle es sich um eine fertige Methode, 
die man nach Belieben anwenden könne, wie irgend ein physikalisches Heil- 
verfahren, oder um das sektiererische Unternehmen einzelner, das bald wieder 
verschwinden würde und bereits historisch-kritisch registriert und als neutraler 
Blldungssloff weitergegeben werden könnte, wird nachdrücklich betont: Die 
Psychoanalyse ist die ersle Systematisierung einer bestimmten Denkweise, 
eine Aufgabe, ja, mit einer in der Medizin verpönten Terminologie gesagt, ein 
Schicksal dieser Zeit für den einzelnen wie für die Gesamtheit, und auch ein 
Symptom der Zersetzung, wenn man will. Alle bisherigen Veisuche einer 
theoretischen Grundlegung geschahen mit unzureichenden Mitteln, gebunden 
an das Weltbild einer naturwissenschaftlich-realistisch orientierten Zeit, deren 
Überwindung unsere Aufgabe ist. Dennoch bleiben diese Versuche ehrwürdig, 
weü sie von einem sonst in der heutigen Wissenschaft seltenen echten 
Forscherdrang getragen sind. Die deutsche Psychiatrie hat das Gewicht der 
Psychoanalyse sowohl als therapeutischer Methode wie als psychologischer 
Denkweise weit unterschätzt, wodurch ihr auf ihrem eigensten Gebiet die 
Führung entglitten ist, wie früher in der Hypnosefrage. 

Die Wiedergabe zweier Abschnitte aus den Vorarbeiten zu einer Theorie 
der psychotherapeutischen Hellwirkung nimmt den größten Teil des Vortrags 
ein. Dabei handelt es sich besonders um „Methode und Persönlichkeit des 
Therapeuten'. Die Immanenten metaphysischen und weltanschaulichen Voraus- 
setzungen, Tendenzen und Ziele jeder Therapie werden an den Persönlichkeiten 
Dubois', Franks, Freuds, Adlers und Jungs entwickelt, wobei 
besonderer Nachdruck auf die Ausgestaltung der Analyse im Kreise Jungs 
gelegt wird. Die Psychoanalyse ist ein Anfang, der nicht durch formale Kritik, 
sondern durch praktische Erfahrung und Aushau ihrer produktiven Möglich- 
keiten überwunden werden muß. Sie wird sein, was wir daraus macheu". 

Da wir im ganzen mit Prinzhorns Charakterisierung der gegenwärtigen 
Situation übereinstimmen, halten wir es für unsere Pflicht, die Punkte hervor- 
zuheben, an denen wir dem Referenten selbst widersprechen müssen. So können 
wir nicht anerkennen, daß die vom Referenten herangezogene Arbeit, bei- 
spielsweise eines J. H. Schultz, Gelegenheit zu „fruchtbarer Auseinander- 
setzung" geboten hätteni vielleicht den Gegnern untereinander, keinesfalls 
aber uns. Auch alle halben Anerkennungen, einschließlich der „vermittelnden 
Psychiater" können — abgesehea von ihrer symptomatischen Bedeutung — 
keineswegs den Erfolg zeitigen, den auch Prinzhorn mit seinen gewiß wohl- 



J 



Zur psychoanalytischen Bewegung 389 

gemeinten Ralsehlägen an seine Kollegen beabsichtigt. Nämlich: ein bereits 
eingestandenermaßen verlorenes Prestige wiederzugewinnen. Wenn dies Über- 
haupt noch möglich sein sollte, so höchstens durch ein , offenes, nicht diplo- 
matisch - opportunistisches" Akzeptieren und ein redliches Bemühen, die 
Psychoanalyse zu erlernen, bevor man etwas voreilig — wie uns scheint — 
von ihrer „Überwindung" spricht. So wäre es ein verhängnisvoller Irrtum, 
in den Referent selbst wieder zurückfiele, wenn er die Methoden und die 
Persönlichkeiten so grundverschiedener Therapeuten, wie er sie unbedenklich 
nebeneinanderstellt, zu einer neuen Mischung mit besonderer Jungscher Note 
zusammenbrauen wollte. Überhaupt erscheint es uns als ein sehr gewagtes 
Programm, den Satz hinzustellen: „Sie (i.e. die Psychoanalyse) wird sein, was 
wir (also die Nichtanalytiker !) aus ihr machen." 



Professor Duprö. (1862—1921. Nekrolog.) 

1862 in Marseille geboren, machte Dupre eine rasche Karriere. Assistenz- 
arzt 1888, Doktor 1S91, wurde er 1898 Dozent, dann 1918 Professor. Er 
bekleidete auch die hohen Funktionen des Vorstandes der Schule von St Anna 
und eines Chefs des Krankenhauses der Polizeipräfektur in Paria. Trotz 
der drückenden administrativen Lasten hatte Dupr6 eine schöne wissen- 
schaftliche I^ufbahn. Er begann mit Arbeiten der internen Medizin, aber 1901 
publizierte er eine Reihe von Studien über die Psychiatrie. Er leitete auch eine 
große Anzahl bemerkenswerter Dissertationen über diesen Gegenstand, Was 
den Psychoanalytiker bei Dupre interesäert, ist die Wichtigkeil, die er den 
Triebpervers ionen in der Symptomatologie der Neurosen beimißt In seiner 
Arbeit vor dem Kongreß von Tunis' hat er den Versuch einer Klassifikation 
der hauptsächlichsten Triebabänderungen gegeben. Im Gegensatz zu vielen 
französischen Autoren, die diese Perversionen als Wirkungen der Hysterie 
betrachten, beschreibt sie Dupr^ als das pathologische Substrat, auf das die 
Mythomanie aufgepropFt ist^. 1920 schrieb Dupr6 in gemeinsamer Arbeit mit 
seinem Schüler Tröpsat einen Artikel über die Technik der Psychoanalyse. 
(Encephale 1920.) Dieser Artikel steht, obwohl er ein wenig oberflächlich ist, 
dem Werke Freuds zumindestens sympathisch gegenüber. Wir geben hier die 
Schlußfolgerung wieder (S. tS4.): „Es ist vor allem wichtig, sich nicht von 
vornherein durch das, was diese Dokb*in und diese Technik an Unerwartetem, 
Überflüssigem undselbstUnwahrscheinlichemzu beinhalten scheinen, abschrecken 
zu lassen. Man muß sich vielmehr dieser Prozedur ohne Hintergedanken und 
ohne vorgefaßte Meinung bedienen, um imstande zu sein, sie eu schätzen." 



Perversiona Instinctivca. (CongröH de Tnnie 1912.) 
Mythomanie. (ßaU. M^dical. Mars et Avril 1905.) 



390 



Zur psychoanalytischen Bewegung 



In Kasan (Rußland) hat sich, wie wir erfahren, kürzlich eine „Psycho- 
analytische Vereinigung" gebildet, die einen engen Kreis von Fachpsychoiogen, 
Ärzten und Pädagogen umschließt und im engen Kontakt mit der Kasaner 
Gesellschaft für Sozialwissenschalten arbeitel. Die Vereinigung wird in den 
nächsten Wochen einige Sitzungen abhalten, über die uns Berichte in Aussicht 
gestellt worden sind. 



Von den im „Staatsverlag" in Moskau in russischer Sprache erscheinenden, 
„Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" von Freud, übersetzt 
von Dr. Wulff, liegt bereits der erste Band fertig vor. 



In „L'esprit nouveau" widmet Jan Epa te i n Prof. Freud eine aus- 
führliche Charakteristik. (Nach „Lit Echo", 15. August 1Ö22.) 



Korrespondenzblatt 

der Internationalen Psychoanaljdiischen Vereinigung. 

Nr. 3 1932 

The American Psychoanalytic Association. 

Die Jahresversammlung der American Psychoajialytic Association fand 
in Washington unter dem Vorsitz von Dr. G. Lane Taneyhill aus Baltimore 
statt. Von Mitgliedern waren zugegen : Dr. Stuart und Dr. White aus 
Washington, Dr. Taneyhill und Dr. Burrow aus Baltimore, Dr. Coriat 
aus Eoston, Dr. Farn eil aus Provjdence, Dr. Wholley aus Pittsburg und 
Dr. J e 1 1 i f f e, Dr. Clark, Dr. Stern, Dr. K e m p f und Dr. Oberndort 
aus New York. 

In der GeschäftssitzuQg wurde beschlossen, daß die Beiträge zur „tnter- 
nationalen Psychoanalytischen Vereinigung", welche während der Kriegszeit 
ausgesetzt hatten, wieder gesammelt werden sollen. Da die Statuten der 
Amerikanischen Vereinigung während der Kriegsjahre außer Kraft getreten 
seien sollen sie auf Antrag von Dr. Clark durch ein Komitee, bestehend 
aus dem zurücktretenden Präsidenten, dem neugewählten und dem Schrift- 
lührer, neu festgelegt werden. Auf einen Vorschlag von Dr. Coriat sollen 
die neuen Statuten festsetzen, daß nur Ärzte zur Mitgliedschaft zugelassen 
■werden, welche Bestimmung aber keine rQckwirkende Geltimg haben soll. 

Folgende neue Mitglieder wurden gewählt: Dr. Lorria B. Johnson, 
Washington, Dr. Ross Mc. C. Chapman, Sheppard und Enoch Pratt Hospital, 
Towson, Md., Dr. Donald McPherson, Peter Bent Brigham Hospital, Boston, 
und Dr. George W. Smeltz, Pittsburg, Fa. In den Vorstand wurden für dieses 
Jahr gewählt: Präsident: Dr. C. C. Who Hey, Pitlsburg, Pa.; Schriftführer- 
Kassier: Dr. C. P. Oberndorf, New York City; Beisitzer: Dr. Pierce Clark 
und Dr. Adolph Stern, New York, und Dr. Trigant Burrow, Baltimore. 

Die in einer Nachmittags- und einer Abendsitzung abgehaltenen 
wissenschaflliehen Zusammenkünfte waren von einer großen Anzahl von 
Gästen besucht, 

Dr. Trigant Burrow aus Baltimore hielt einen Vortrag über „Einige 
soziologische Aspekte unseres Unbewußten". 

Der nächste Vortrag war über .Paleopsy cliol ogie". Ein Versuch 
über den Ursprung und die Entwicklung der symbolischen Funktion von 
Dr. Smith Ely J e 1 1 i f f e. 



u- 



392 Korrespondenzblatt der Internalionalen Paychoanalylischen Vereiuigung 

Dr. Oberndorf hielt einen Vortrag über „Die Rolle einer orgamschen 
Überwerligkeit bei einer Neurose« (der in dieser Nummer der Zeitschrift m 

Übersetzung abgedruckt isl). . 

Dr. Coriat: „Eine praklische Studie der unbewußten Widerstände in 
einem FaU von psychosexueller Impotenz." c,. ^ , * 

Dr. D. V. Stuart jr. sprach über die „Psychoanalyse vom Standpunkt 

eines therapeutischen Opportunisten". ^ , ,. i. T.a„mB« 

Dr E F KempE brachte einen Beitrag zu „Prophetische Träume . 
Eine Diskussion über den Selbstmord wurde eingeleitet 

durch eine „Studie der unbewußten Selbstmordmotive" von Dr.Pierce Clark; 

rfaran schloß sich ein Korreferat von Dr. Wh ite und Diskussionsreden von 

Dr. Kempf, Dr. Jelliffe, Dr. Taneyhill, Dr. Stragnell, Dr. Wholly, 

Dr. Coriat, Dr. Oberndorf und Dr. Stern. 

Dr. C. P. b e r n d r f, Schriftführer. 

New York Psychoanalyiical Society. 

In der Sitzung vom 25. Oktober 1921 machte Dr. Frink informative 
MitteUungen über seine Erfahrungen bei Professor Freud in Wien. 
Sein Vortrag war ungewöhnlich interessant, besonders dadurch, daß Dr. Frink, 
soweit es mOglich war, eine Schilderung seiner eigenen Analyse gab, m der 
Absicht, die Technik und das sich im Laufe der analytischen Behandlung 
ergebende Material zu veranschaulichen. Besonderes Gewicht legte der Vor- 
tragende schließlich auf die Notwendigkeit, sich als Vorbereitung auf die 
psychoanalytische Praxis selbst analysieren zu lassen. 

29. November 1921: „Psychoanalyse und Soziologie" von 
Professor Ogborn der Columbia Universität. 

In dieser Sitzung wurde ein Zusatz zu den Statuten beschlossen, daß 
außerordentliche Mitglieder (associate members) werden können Ärzte oder 
andere Fachleute auf verwandten Gebieten, die sich für die Psychoanalyse 
interessieren. Zur Abstimmung sind sie jedoch nicht zugelassen. 

Dr. Hyraan L. Levin aus Buffalo, N. Y., wurde Kum ordenUichen 
Mitglied gewählt. 

31. Jänner 1922: „Problems in Delinquency* von Dr. M. Kenworthy. 
In dieser Sitzung wurden die Vorstandsmitglieder für das Jahr 1922 
gewählt : 

Vorsitzender: Dr. Adolph Stern; 
Stellvertreter ; Dr. A. A. B r i 1 1 ; 
Schriftführer : Dr. M. K. I s h a m ; 
Korresp. Schriftführer: Dr. LH. Arnes. 

29. März 1922: Das Thema waren die europäischen Erfahrungen von 
Dr. Obern dorf und Dr. Blumgart mit besonderer Berücksichtigung ihrer 
psychoanalytischen Erfahrungen mit Professor Freud. 

Die Redner behandelten den allgemeinen Stand der Psychoanalyse in 
den verschiedenen Ländern Europas und verglichen ihn mit dem in Amerika 
bestehenden. Der Eindruck war, daß die Psychoanalyse in Amerika von einem 
ernstlichen wissenschaftlichen Standpunkt aus nicht die wünschenswerten 
pTr chritte gemacht hat. Es war nicht nur die Ansicht der Redner, sondern 
auch der anderen Mitglieder, daß die Ausübung der Psychoanalyse durch Laien 
in Amerika nicht zu ihrem Vorteil geschehe. 



Korrespondenzblatt der InterDatioualeß Psychoanalytischen Vereinigung 393 

Die Redner betonten wieder nachdrücklich die Wichtigkeit, wenn nicht 
absolute Notwendigkeit einer Analyse durch einen berufenen Analytiker für 
den, der sieh zum Analytiker ausbilden woUe, zu dem Zweck, um die Technik 
richtig handhaben zu können; dies erfordert an und für sieh schon eine 
gewisse Vertrautheit mit dem eigenen unbewußten Material. Die Redner 
erwähnten einige von ihren Schwierigkeiten in ihrer eigenen Analyse und 
Reaktionen auf dieselbe; ebenso den Unterschied der Reaktionen bei 
ihnen beiden. 

Im Anschluß daran fand eine interessante Diskussion statt 

Dr. T. H, Arnes tritt aus der Vereinigung aus. 

25. April 1922: „Klinische Probleme d er psychopathischen 
Persönlichkeit" von Dr. B. Gin eck. 

Anwendbarkeit der psychoanalytischen Methode auf psychopathische 
^^'"'^"^'^- Adolph Stern. 

Berliner Psychoanalytische Vereinigung. 

Sitzungsbericht Über die Zeit vom Mai bis Juli 1922. 
2. Mai: Kleine WitteÜungen. - Dr. Sachs: Weiteres aus der Analyse 
einer Zwangsneurose - Frau Klein: Verkleidnngszwang und Pseudologie. 

- Dr Koerber: Über psychogenes Nasenbluten. - cand. med. Rohr- Ein 
pseudologer Phantast bei Dostojewski. - Dr. Eoehm: über kurze Träume. 

- Dr. Abraham: Eme infantile Theorie des Weibwerdeus. über eine Frage 
früher Sexualaufklärung. ^ 

9. Mai: Frau Dr. Hubermann: Referat über Varendonck- Das 
unbewußle phantasierende Denken." ' " 

16. Mai: Kleine Mitteilungen. 
6. Juni: Kleine Mitteilungen. - Dr. Boehm: Über eine Lernhemraung 

- Dr. C. Müller: Über die Einzahl des Penis und die monogame Tendern 
der Frau. — Dr. Abraham: Über die Gleichsetzung von Kot und Geld 

20. Juni: Frau Dr. J. Müller: Über die Rolle der Urethralerotik in der 
Ätiologie depressiver Neurosen. 

4. Juli: cand. phil. Fachs: Referat über Bernfeld: „Gemeinschafts- 
leben der Jugend. - cand. med. R oh r: Beiträge zu den Voraussetzungen 
der Pädagogik. Dr. M. Ei t i ng o n 

Ungarländlsche Psychoanalytische Vereinigung. 

(Freud-Gesellficliaft.) 
Sitzungsberichte aus dem Jahre 1922. 

IL 
6. Sitzung am 1. April. 

DrS. Feldmann: „Aus der Analyse eines Homo- 
sexuellen." 

An der Diskussion beteiUgten sieh: Hollös, Frau Rad6~R6v6s7 
Radö, Ferenczi. ' 

7. Sitzung am 22. April. 
Dr. Sändor Radö: »Ps y c h oa naly ise und Erkenn tni skritik." 
An der Diskussion beteiligten sich: Hermann, Pfeifer Hollös 
D n b o V i t z {als Gast), Ferenczi. ' 

Internat. Keitschr. f. Pnyclioanaljse, VIU/S. gj 



p 



Mitteilungen 

des internationalen Psychoanalytischen Verlages. 

Tätigkeitsbericht 1922 (Jänner bis September). 

Die Tätigkeit des Verlages seit Erscheinen des vorigen Berichtes 
(veröffentlicht zum JahresschlQß 1921 in der letzten Nummer des VII. Jahr- 
ganges dieser Zeitschrift) läßt sich in folgendem zusammenfassen : 

Die zu Weihnachten in 2000 Exemplaren erschienene Taschen- 
ausgabe der Freud sehen Vorlesungen zur Einführung in 
die Psychoanalyse (auf dünnem Papier, in biegsamem Ganzleinen-, 
beziehungsweise Ganzleder band) ist in wenigen Monaten nach Erscheinen 
vergriffen worden. Eine zweite Auflage der Taschenausgabe (nin ein Sach- 
register vermehrt und einige Druckfehler vermindert) erscheint gleichzeitig mit 
diesem Heft in 5000 Exemplaren (3. bis 7, Tausend). Auch von der Groß- 
oktav-Ausgabe der Vorlesungen, deren dritte Auflage ebenfalls mittlerweile 
vergriffen wurde, ist soeben eine neue Auflage, die vierte, in 6000 Exem- 
plaren (6. bis 11. Tausend) erschienen. Die Großoktavausgabe (auf holzfreiem 
Papier gedruckt) ist broschiert, sowie in Halbleinen, beziehungsweise Halb- 
leder gebunden erhältKch. (Die drei Teile des Werkes sind broschiert auch 
separat erhältlich.) 

Die im vorigen Tätigkeitsbericht als in Vorbereitung befindlich ange- 
kündigten Neuauflagen Freud scher Werke sind in der Zwischen- 
zeit erschienen, und zwar: die vierte Folge der Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre in zweiter Auflage (broschiert und in Halbleinen) ; die 
Psychopathologie des Alltagslebens in achter Auflage (broschiert und in Halb- 
leinen); Totem und Tabu in dritter Auflage (auf holzfreiem Papier, broschiert 
nnd in Halbleinen und in Halbleder). Von der Psychopathologie des Alltags- 
lebens sind auch die Lagerbestände der achten Auflage bereits fast ganz 
erschöpft; die neunte (gegenüber der siebenten und achten unveränderte) 
Auflage ist in Vorbereitung. In Vorbereitung ist auch eine neue (vom Professor 
Freud neuerdings durchgesehene und ei^äinzte) Auflage der Broschüre 
„Jenseits des Lustprinzips" (dritte Auflage, 5. bis 9. Tausend). 

Im Frühjahr erschien die fünfte Folge der Sammlung kleiner 
Schriften zur Nenrosenlehre (broschiert und in Halbleinen). 

Band IV der Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek, die „Psycho- 
analytischen Beiträge zur Mythenforsehung" von Dr. Otto Rank sind in 
zweiter Auflage erschienen (broschiert, Halbleinen und Halbleder). Von den 
in der ersten Auflage dieses Werkes enthaltenen dreizehn Arbeiten sind nur 
Bieben in die zweite Auflage des Werkes aufgenommen worden. Die anderen, 

25* 



394 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



8. Sitzung am 6. Mai. 

Dr. Sdndor Radö". „Totemismus und Sodomie." (Vorläufige 

Mitteilung.) ^ ^ , 

Dr. Sigm. Pfeifer: „Zur psychoanalytischen Entlarvung 

scheinbar okkulter Ph Jino m e n e." 

Dr S. Ferenczii a) „Nachtrag zu den Beobachtungen 
über den Tic», b) „Nachtrag zum Traum über den gelehrten 

"\n"der Diskussion beteiliglen sich: H o 11 ö ß, Hermann, 
V. Felszeghy, SziUgyi. 

9. Sitzung am 20. Mai. 
Dt. Stephan HoUöa: „Über das Zeitgefühl." 
An der Diskussion beteiligten sich: Hermann, Röheim, Radö, 

Ferenczi. 

10. Sitzung am 17. .1 uni. 

Dr. Josef Michael Eisler: „Hysterische Erscheinungen am 

Uterus." 

An der Diskusaion beteiligten sich: Feldmann, Lövy, Hermann, 

Radö, Ferenczi. 

Dr. Radö, Sekretör. 



396 Mitteilungen des Internationalen Psychoanalytischen Verlages 

die inhaltlich außerhalb des engeren Rahmens der Mythenforschung fallen, 
werden — vereinigt mit anderen Aufsalaea des Verfassers auf dem Gebiete 
der Literaturforschung und der Psychologie des küuatlerischen Schaffens — 
in einem besonderen Bande neu erseheinen. 

Die zweite Auflage des „Tagebuches eines halbwüchsigen 
Mädchens" (Quellenschriften zur seelischen Eutwicldung, Nr. I), deren 
Erscheinen im vorigen Tätigkeitsbericht angezeigt wurde, ist bereits vergriffen. 
Im Sommer erschien die dritte Auflage (6. bis 10. Tausend, broschiert und in 
Pappband). In dieser Auflage ist nun die Herausgeberin, Dr. Hermine Hug- 
Hellmuth, als solche genannt. Ein neues Geieitwort, das die Herausgeberin 
der dritten Auflage vorausschicirt, gibt über Entstehungagesehichte des Tage- 
buches und Persönlichkeit seiner Schreiberin Aufschluß. Ein Teil der dritten 
Auflage des ^Tagebuches" wurde auf holzfreiem Papier breitrandig gedruckt 
und in Halbleder gebunden. 

Als H. Band der , Quellenschriften" erschien im Frühjahr: Vom 
Gemeinschaftsleben der .lugend, Psychoanalytische Beiträge zur 
Jugendforschung. Herausgegeben von Dr. Siegfried Bernfeld (broschiert 
und in Halbleinen). 

Von unseren beiden Zeitschriften Jmago" urd „Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse" sind bis zum Herbst je drei Nummern des achten Jahr- 
ganges herausgekommen. Von der in Heft 1 und 2 der „Imago'' erschienenen 
Arbeit „Zur Frage der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der 
Religion" von Dr, Johann Kinkel, Dozent an der Universität in Sofia, sind 
mit Erweiterungen des Verfassers für den Buchhandel bestimmte Sonderdrucke 
erschienen. Ebenso sind Sonderdrucke der im jetzt erschienenen Heft 3 der 
„Iraago" veröffentlichten Arbeit „Hertha" von Dr. Emil Lorenz mit der 
Abhandlung desselben Verfassers über den „Politischen Mythus" („Imago", VI/1) 
unter dem Titel „Der Mythus der Erde" zu einer Broschüre vereinigt worden. 
Unter dem Namen „1 m a g o - B ü c h e r" wird eine neue Serie von 
Arbeiten aus dem Gebiete der Anwendung der Psychoanalyse auf die Geistes- 
wissenschaften vereinigt. Als Band 1 wurde in die Serie die im 4. Tausend 
(unveränderte Ausgabe) vorliegende Schrift „Der Künstler" von Dr. OttoRank 
aufgenommen. Band 2 und 3 der Imago-Bücher befinden sich im Druck: 
„Tolstois Jugenderinnerungen" von Dr. N. s s i p o w und „Der eigene und 
der fremde Gott" von Dr. Theodor R e i k. 

Vom psychoanalytischen Roman „Der Seel en s uc her" von Georg 
Groddek, dessen erste Auflage anfangs 1922 vergriffen wurde, erschien im 
August eine zweite Auflage (2. bis 5, Tausend, broschiert, in Halbleinen 
und in Halbleder). In Druck befindet sich ein weiteres Werk von Groddek: 
.Das Buch vom Es" (Psychoanalytische Briefe an eine Freundin). 

In der von Dr. Ernest Jones herausgegebenea „International 

Psycho- Analytica 1 Library" sind soeben erschienen : Nr. 4 „Beyond 
the Pleasure Principle" by Sigm. Freud und Nr. 6: „The Group Psychology 
and the Analysis of the Ego" by Sigm. Freud. Nr. 5 : „Essais in Applied 
Psycho-Analysis" by Ernest Jones befindet sich im Druck. 

In der von Professor M. Levi-Bianchini geleiteten „B i b 1 i o t e c a 
Psicoanalitiea Italiana erschien Nr. 9 : Freud, Inlroduzione allo 
studio della psicoanalisi, Volume II : Dottrina generale della Neurosi. 



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