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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XII. Band 1926 Heft 3"



Druck der Waldheim-Eberlc A. G., Wien VII 



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SIGM. FREUD 

(1926) 

Nach einer Zeichnung von Prof. Ferdinand Schmutzer 



Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Offizielles Organ der 
„Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" 



XII. Band 



6. Mai 1926 



Heft 3 



SIGM. FREUD 

ZUM SIEBZIGSTEN 
GEBURTSTAG 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse. XU/3. 



16 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 






Zum JO. Geburtstage Sigm. Freuds 

Eine Begrüßung 

Mir fiel die Aufgabe zu, Sigm. Freud aus Anlaß seines 70. Geburts- 
tages festlich zu begrüßen und ihm die Glückwünsche unserer Zeitschrift 
darzubringen. Es ist nicht leicht, dieser ehrenvollen Pflicht zu genügen. 
Seine Gestalt ist viel zu hervorragend, als daß ein ihm Nahestehender, 
einer seiner Anhänger und Mitarbeiter, es zustande bringen könnte, sie im 
Vergleich mit anderen Großen der Geistesgeschichte und im Verhältnis zu 
seinen Zeitgenossen darzustellen. Auch spricht sein Werk für sich selbst und 
bedarf keiner Kommentare, insbesondere keiner Lobpreisung. Es mißfiele 
gewiß dem Schöpfer einer unnachsichtig ehrlichen, aller Heuchelei feindlichen 
Wissenschaft, die Dithyramben zu hören, die bei solchen Anlässen den 
Führer einer großen Bewegung zu preisen pflegen. Die objektive Dar- 
stellung seines Lebenswerkes aber, eine verlockende Aufgabe für einen 
eifrigen Schüler, erübrigt sich hier, da ja diesem Zwecke der Meister 
selbst mehrere Essays von unnachahmlicher Sachlichkeit gewidmet hat. Er 
hat der Öffentlichkeit nichts vorenthalten, was er über die Entstehung 
seiner Ideen weiß, er erzählte uns alles, was über die Schicksale seiner 
Lehre, über die Reaktionsweise der Mitwelt zu sagen war. Dem modernen 
Persönlichkeitsforscher gar, der mit Hilfe von Einzelheiten aus dem Privat- 
leben neue Einblicke in die Entwicklungswege eines Forschers zu gewinnen 
trachtet, hat Freud, bezüglich seiner Person, den Wind aus den Segeln 
genommen. In seiner „Traumdeutung' , in der „Psychopathologie des 
Alltagslebens" besorgte er das selber in einer bisher nicht gekannten 
Art, die nicht nur dieser Forschungsweise neue Wege wies, sondern für 
alle Zeiten ein Beispiel der auch gegen sich selber schonungslosen Auf- 
richtigkeit gibt. Auch die sonst so sorgsam gehüteten „Ateliergeheim- 
nisse", die unvermeidlichen Schwankungen und Unsicherheiten, gab er 
unbedenklich preis. 

Das Konsequenteste wäre wohl nach alledem, auf jede Art Manifestation 
2u verzichten. Ich weiß es bestimmt, daß es dem Meister am liebsten 

16* 



236 S. Ferenczi 



wäre, wenn wir uns um künstlich geschaffene Zäsuren, um eine runde 
Zahl, die an und für sich nichts bedeutet, nicht kümmerten und ruhig 
weiter arbeiteten. Wir, seine Schüler, wissen ja gerade von ihm, daß alle 
modernen Feste exaltierte Huldigungen sind, die die Gefühlsregungen 
einseitig zum Ausdruck bringen. Es war nicht immer so; es gab Zeiten, 
in denen man dem auf den Thron Erhobenen auch die feindseligen 
Absichten nicht verhehlte; Freud lehrte uns, daß dem Höchstgeehrten, 
wenn auch nur unbewußt, auch heute noch auch Haß, nicht nur Liebe 
entgegengebracht wird. 

Trotz alledem konnten wir der Versuchung nicht widerstehen, uns 
ausnahmsweise und gegen besseres Wissen vor der Konvention zu beugen 
und den Geburtstag zum Anlaß zu nehmen, dieses Heft, sowie das am 
gleichen Tage erscheinende Heft der „Imago", ausdrücklich unserem Heraus- 
geber zu widmen. Wer aber die zwölf Jahrgänge unserer Zeitschrift durch- 
blättert, dem wird es sofort klar, daß eigentlich alle bisherigen Hefte ihm 
gewidmet waren; die Arbeiten, sofern sie nicht vom Meister selbst stammten, 
enthielten nur die Fortsetzung, die Nachprüfung oder Würdigung seiner 
Lehren. Auch das heutige, feierlicher als sonst auftretende Heft ist also 
im Wesen nichts anderes als alle vorherigen Hefte, nur daß sich die Mit- 
arbeiter in einer etwas stattlicheren Zahl präsentieren. Statt einer formellen 
Einleitung derselben aber gestatte ich mir, in loser Folge, gleichsam als 
freie Assoziation, die Gefühle und Gedanken wiederzugeben, die in mir 
bei dieser Gelegenheit auftauchen. Ich darf voraussetzen, daß diese Einfälle 
auch vielen der Gleichstrebenden eignen. 



In einer Arbeit, in der ich Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie* 
zu würdigen versuchte, komme ich zum Schluß, daß diesem Werke eine wissen- 
schaftsgeschichtliche Bedeutung zukommt: es riß die Grenzen zwischen 
Natur- und Geisteswissenschaften nieder. In einer anderen Arbeit mußte 
ich die Entdeckung und Erforschung des Unbewußten durch Freud als 
einen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte hinstellen, als das erstmalige 
Funktionieren eines neuen Sinnesorgans. Man mag diese Behauptungen als 
Übertreibungen von vornherein abweisen und sie als unkritische Äußerungen 
eines enthusiastischen Jüngers hinstellen; Tatsache bleibt, daß sie nicht 
etwa einer Jubiläumsstimmung entsprangen, sondern als Konsequenz aus. 
einer langen Reihe neuer Erkenntnisse gezogen wurden. 

Ob und wann sich meine Voraussage, daß einstmals alle Welt von 
einer Vor- und einer Nach-F r e u d sehen Epoche sprechen wird, ixx. 






Zum 70. Geburtstage Sigm. Freuds 237 

Erfüllung geht, kann ich natürlich nicht sagen; die zwanzig Jahre, die 
ich seinen Fußstapfen folge, haben an dieser Überzeugung nichts 
geändert. Zweifellos aber teilt sich das Leben eines Neurologen, der das 
große Glück hatte, als Zeitgenosse Freuds zu leben, und das größere, 
seine Bedeutung früh erkannt zu haben, in eine Vor- und Nach-Freudsche 
Periode, Lebensabschnitte, die im schärfsten Gegensatze zueinander 
stehen. Mir wenigstens war vor Freud der Beruf des Neurologen eine 
ausnahmsweise zwar interessante Beschäftigung mit dem Nervenfaser- 
verlauf, sonst aber eine schauspielerische Leistung, eine fortwährende 
Freundlichkeits- und Wissensheuchelei den Hunderten von Neurotikern 
gegenüber, von deren Symptomen wir nicht das mindeste verstanden. Man 
schämte sich — ich wenigstens schämte mich — für diese Leistung sich 
auch noch belohnen zu lassen. Auch heute können wir nicht jedem 
helfen, doch sicher sehr vielen, und auch in den negativen Fällen bleibt 
uns das beruhigende Gefühl, uns redlich, mit wissenschaftlichen Mitteln 
um das Verständnis der Neurosen bemüht und die Ursachen der Unmög- 
lichkeit des Helfens durchschaut zu haben. Der peinlichen Aufgabe, mit 
der Miene des allwissenden Doktors Trost und Hilfe zu versprechen, sind 
wir enthoben, so daß wir diese Kunst schließlich ganz verlernten. Die 
Psychiatrie, früher ein Raritätenkabinett von Abnormitäten, die wir ver- 
ständnislos anstaunten, wurde durch Freuds Entdeckungen ein frucht- 
bares, einheitlichem Verständnis zugängliches Wissensgebiet. Ist es da 
eine Übertreibung, zu behaupten, daß uns Freud den Beruf verschönt 
und veredelt hat? Und ist es nicht glaubhaft, daß wir von steter 
Dankbarkeit erfüllt sind gegen einen Mann, dessen Wirken dies ermög- 
lichte? Den siebzigsten oder achtzigsten Geburtstag zu feiern, mag eine 
konventionelle Förmlichkeit sein, für Freuds Schüler ist ein solcher Tag 
sicherlich nur eine Gelegenheit, längst gehegten Gefühlen einmal Ausdruck 
zu geben. Hieße es nicht, dem in Gefühlssachen eher zu Schamhaftigkeit 
neigenden Zeitgeist eine Konzession machen, wenn wir diese Gefühle 
unausgesetzt unterdrückten? Folgen wir lieber dem Beispiele der Antike 
und schämen wir uns nicht, unserem Meister einmal offen und herzlich 
zu danken für alles, was er uns geschenkt hat. 



Es wird nicht lange dauern, bis der ganze ärztliche Stand zur Einsicht 
kommt, daß zu solchen, meinetwegen lyrischen, Gefühlsäußerungen nicht 
nur die Nervenärzte, sondern alle, die sich um die Heilung von Menschen 
bemühen, vollen Grund hätten. Die Erkenntnis der Rolle des psychischen 
Verhältnisses zum Arzte bei jeder Art von Therapie und die Möglichkeit 



238 S. Ferenczi 



ihrer methodischen Verwertung wird allmählich Gemeingut aller Ärzte. 
Die von Spezialistentum zerklüftete ärztliche Wissenschaft wird, dank 
Freud, wieder zu einer Einheit integriert werden. Der Arzt wird aus 
einem trockenen Laboratoriums- und Seziersaaltechniker ein Kenner des 
gesunden und kranken Menschen, der Ratgeher, an den sich jeder mit 
berechtigter Hoffnung auf Verständnis und vielleicht auf Hilfe wenden 
kann. 

Es mehren sich aber die Zeichen, die dafür sprechen, daß die Ärzte 
der Zukunft auf viel mehr Achtung und Anerkennung nicht nur seitens 
der Kranken, sondern der ganzen Gesellschaft werden rechnen können. 
Der Ethnologe und Soziologe, der Geschichtsschreiber und der Staatsmann, 
der Ästhetiker und der Philologe, der Pädagoge und der Kriminologe 
wendet sich schon jetzt an den Arzt als Kenner der menschlichen Seele 
um Auskunft, will er sein Spezialgebiet, das schließlich auf ein Stück 
Psychologie aufgebaut sein muß, vom schwankenden Boden willkürlicher 
Annahmen auf eine sichere Basis stellen. Es gab schon eine Zeit, in der 
der Arzt als der Mann der Wissenschaft geachtet war: er war der hoch- 
gelehrte Kenner aller Pflanzen und Tiere, aller Wirkungen der „Elemente", 
so weit sie damals bekannt waren. Das Kommen einer ähnlichen Zeit- 
strömung wage ich vorauszusagen, eine Zeit der „Iatrophilosophie", zu der 
Freuds Wirken den Grundstein gelegt hat. Freud wartete auch nicht, 
bis alle Gelehrten die Psychoanalyse kennen, er war gezwungen, Probleme 
der Grenzwissenschaften, auf die er bei der Beschäftigung mit Nerven- 
kranken stieß, mit Hilfe der Psychoanalyse selber zu lösen. Er schrieb 
sein „Totem und Tabu", ein Werk, das der Ethnologie neue Wege weist; 
um seine „Massenpsychologie" wird keine künftige Soziologie herumkommen; 
sein Buch vom Witz ist der erste Versuch zu einer psychologisch begrün- 
deten Ästhetik und unzählig sind seine Hinweise auf neue Arbeitsmöglich- 
keiten auf dem Gebiete der Erziehungswissenschaft. 

Brauche ich vor den Lesern dieser Zeitschrift viel Worte darüber zu 
verlieren, was die Psychologie der Psychoanalyse zu verdanken hat? 
Ist es nicht vielmehr wahr, daß vor Freud eigentlich alle wissenschaft- 
liche Psychologie nur feinere Sinnesphysiologie gewesen ist, während die 
komplizierteren seelischen Erlebnisse das unbestrittene Gebiet der Belletrist! k 
waren? Und war es nicht Freud, der durch die Schaffung einer Trieb- 
lehre, der Anfänge einer Ichpsychologie, durch die Konstruktion eines 
brauchbaren metapsychologischen Schemas die Psychologie erst auf das 
Niveau einer Wissenschaft hob? 

Es genügt diese bei weitem nicht vollständige Aufzählung, um es auch 
dem größten Skeptiker glaubhaft zu machen, daß nicht nur seine Schüler 



Zum 70. Geburtstage Sigm. Freuds 239 

und seine Berufsgenossen, sondern die ganze Gel ehrten weit allen Grund 
hat. sich darüber zu freuen, daß der Meister dieses Alter in voller 
Schaffenskraft erreicht hat, und zu wünschen, daß ihm noch viel Zeit zur 
Fortführung seines großen Werkes gegönnt sein möge. 



„Also doch nur Lobeserhebungen," werden sich viele denken, „und wo 
bleibt die versprochene Aufrichtigkeit, die auch von den Schwierigkeiten 
und Kämpfen zwischen dem Meister und seinen Schülern etwas erzahlt?" 
Auch hierüber soll ich also einige Worte sagen, obzwar es mir unbehaglich 
ist, mich gleichsam als Kronzeugen dieser nicht uninteressanten, aber für 
die Beteiligten recht peinlichen Ereignisse vorzudrängen. So sei es denn 
gesagt, daß es fast keinem von uns erspart geblieben ist, gelegentlich 
Winke und Mahnungen des Meisters zu hören, die manchmal prächtige 
Illusionen zerrissen und im ersten Augenblick Gefühle der Verletzung und 
der Benachteiligung aufkommen ließen. Doch muß ich bezeugen, daß 
Freud uns oft sehr lange gewähren, der individuellen Eigenart viel 
Spielraum offen läßt, bis er sich entschließt, mäßigend einzugreifen oder 
gar von den ihm zu Gebote stehenden Abwehrmitteln Gebrauch zu machen 
— das letztere nur, wenn er zur Überzeugung kommt, daß durch ein 
Nachgeben die Sache, ihm wichtiger als alles, gefährdet werden könnte. Da 
allerdings kennt er keine Kompromisse und opfert, wenn auch schweren 
Herzens, liebgewonnene persönliche Beziehungen und Zukunftshoffnungen. 
Da wird er hart gegen sich wie gegen andere. Wohlwollend betrachtete 
er die Sonderentwicklung eines seiner begabtesten Schüler, bis er mit dem 
Anspruch auftrat, mit dem „elan vital" alles verstanden zu haben. Auch 
ich kam vor vielen Jahren einmal mit der Endcckung, der Todestrieb könne 
alles erklären. Das Zutrauen zu Freud ließ mich vor seinem ablehnenden 
Urteil mich beugen — bis eines Tages das „Jenseits des Lustprinzips" erschien, 
in dem Freud mit dem Wechselspiel des Todes und Lebenstriebes 
der Vielfältigkeit der psychologischen und biologischen Tatsachen um so 
viel mehr gerecht wurde, als es jene Einseitigkeiten vermochten. — Die 
Idee der „Organminderwertigkeit" interessierte ihn als vielversprechender 
Anfang zur somatischen Fundierung der Psychoanalyse. Jahrelang nahm er 
dafür die etwas eigenartige Denkweise ihres Autors mit in Kauf; doch als 
es ihm klar wurde, daß jener die Psychoanalyse nur als Sprungbrett zu 
einer teleologischen Philosophie benützt, löste er die Gemeinschaft der 
Arbeit. Sogar den wissenschaftlichen Bocksprüngen eines seiner Schüler sah 
er lange zu, da er seinen Spürsinn für Sexualsymbolik schätzte. Die 
große Mehrzahl seiner Schüler aber hat die unvermeidlichen Empfindlich- 






240 Zum 70. Geburtstage Sigm. Freuds 



keiten überwunden und ist überzeugt, daß die Psychoanalyse Freuds 
allen berechtigten Sonderbestrebungen früher oder später die ihnen 
zukommende Bedeutung einräumt. 

* 

Unsere zünftige Abgeschlossenheit darf nicht so weit gehen, daß wir 
an diesem Tage nicht auch der Gefühle jener gedenken, die Freud 
persönlich nahestehen, vor allem seiner Familie, in der Freud nicht 
als mythische Gestalt, sondern als Mensch lebt und wirkt, und die für 
seine uns allen so teure Gesundheit Sorge trägt, der wir für diese Sorg- 
falt so viel Dank schulden. Doch auch der weite Kreis der in seinem 
Sinne behandelten Kranken, die durch ihn die Kraft zum Leben wieder- 
fanden, wird an seinem Festtage mit uns feiern, nicht minder aber 
jener noch weitere Kreis von gesund Leidenden, denen er durch seine 
Erkenntnisse viel sinnlos getragene Lebenslast abnahm. 

* 

Die Psychoanalyse wirkt letzten Endes durch Vertiefung und Erweiterung 
der Erkenntnis ; die Erkenntnis aber (dies versuche ich gerade in einer 
auf den folgenden Blättern veröffentlichten Arbeit nachzuweisen) läßt 
sich nur durch Liebe erweitern und vertiefen. Und wäre es nur, weil es 
Freud gelungen ist, uns zum Ertragen von mehr Wahrheit zu erziehen, 
kann er versichert sein, daß seiner am heutigen Tage ein großer und 
nicht wertloser Teil der Menschheit in Liebe gedenkt. 

S. Ferenczi 




Das Problem der Unlustbejahung 
Fortschritte in der Erkenntnis des Wirklichkeitssinnes 

Von 

S. Ferenczi 

Budapest 

Nicht lange nach meiner ersten Bekanntschaft mit der Psychoanalyse 
stieß ich auf das Problem des Wirklichkeitssinnes, dessen Funktionsart 
in so scharfem Gegensatz zu der im Seelenleben sonst allgemein nach- 
weisbaren Unlustfluchts- und Verdrängungstendenz zu stehen schien. 
Mittels einer Art Einfühlung in die Infantilseele kam ich zur Auf- 
stellung, daß dem von jeder Unlust verschonten Kinde die ganze Existenz 
zunächst vollkommen einheitlich, sozusagen „monistisch", vorkommen muß; 
erst später käme es zur Sonderung der „guten" und der „bösen" Dinge, 
des Ich und der Umwelt, des Innen und Außen; fremd und feindlich 
wären also auf dieser Stufe identisch. 1 In einer anderen Arbeit versuchte 
ich dann die Hauptmomente der Entwicklung vom Lust- zum Realitäts- 
prinzip theoretisch zu rekonstruieren. 2 Ich nahm an, daß das Kind vor 
den ersten Enttäuschungen sich im Besitze bedingungsloser Allmacht fühlt, 
an diesem Allmachtsgefühl auch festhält, wenn die wunscherfüllende Wirk- 
samkeit seines Wollens an die Einhaltung gewisser Bedingungen geknüpft ist, 
bis die wachsende Zahl und Kompliziertheit dieser Bedingungen es zum 
Aufgeben des Allmachtsgefühls und zur Anerkennung der Realität überhaupt 
zwingen. In dieser Deskription konnte aber noch nichts über die inneren 
Vorgänge ausgesagt werden, die diese merkwürdige und bedeutsame 
Umwandlung begleiten müssen; dazu war unsere Einsicht in die tieferen 
Grundlagen des Seelischen, insbesondere in das Triebleben, noch zu unent- 
wickelt. Seither brachten uns die grundlegenden Arbeiten Freuds über 

1) Das Kind muß „gewisse tückische Dinge, die seinem Willen nicht gehorchen, 
als Außenwelt vom Ich, d. h. die subjektiven psychischen Inhalte (Gefühle) von 
den objektivierten (den Empfindungen) sondern. „Introjektion und Übertragung." 
(Jahrb. f. Psychoanalyse, 1909, I, S. 430.) 

2) „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes." Int. Zeitschr. f. PsA., I (1913). 



242 S. Ferenczi 



das Triebleben und seine Entdeckungen über die Analyse des Ich diesem Ziele 
näher, 1 es fehlte aber immer noch die eigentliche Brücke über die Kluft 
zwischen Triebleben und Intellektualität. Dazu war offenbar jene höchste 
Vereinfachung erforderlich, auf die F r e u d schließlich die Vielgestaltigkeit 
der Triebäußerungen reduzieren konnte; ich meine die Feststellung der 
allem Lebendigen zugrunde liegenden Triebpolarität, die Polarität des Lebens- 
triebes (Eros) und des Todes- oder Destruktionstriebes. 2 Doch erst Freuds 
jüngst erschienene Arbeit: „Die Verneinung" („Imago" 1 925, Heft 3), 
unter welchem bescheidenen Titel sich die Anfänge einer biologisch 
fundierten Psychologie der Denkvorgänge verstecken, verknüpft die bisher 
zerstreuten Stücke unseres Wissens miteinander. Wie immer, steht Freud 
auch diesmal auf dem sicheren Boden der analytischen Erfahrung und ist 
äußerst vorsichtig in der Verallgemeinerung. Seinen Fußstapfen folgend, 
möchte ich nun versuchen, das Problem des Wirklichkeitssinnes im 
Lichte der Freudschen Entdeckung nochmals zu behandeln. 

Freud entdeckte im psychologischen Akte der Verneinung der 
Wirklichkeit eine Übergangsphase zwischen ihrer Ignorierung und 
ihrer Anerkennung; die fremde, daher feindliche Außenwelt wird trotz 
der Unlust bewußtseinsfähig, indem sie mit dem negativen Vorzeichen der 
Verneinung versehen wird; sie wird geleugnet. In dem Negativismus, 
der Beseitigungstendenz, sehen wir also noch immer die verdrängenden 
Mächte, die im Primärvorgang zur vollen Ignorierung jeder Unlust führten, 
am Werke; die negativ-halluzinatorische Ignorierung gelingt nicht mein- 
voll, die Unlust wird nicht mehr ignoriert, sondern als Negation immer- 
hin Inhalt der Wahrnehmung. Sofort erhebt sich natürlich die Frage, was 
noch geschehen muß, um auch das letzte Hindernis der Anerkennung aus 
dem Wege zu räumen und die Bejahung einer Unlust, d. h. die 
volle Aufhebung der Verdrängungstendenz zu ermöglichen. 

Man ahnt auch sogleich, daß sich die Antwort auf diese Frage nicht 
so leicht wird geben lassen; nur so viel ist nach der Entdeckung Freuds 
von vornherein klar, daß die Bejahung einer Unlust niemals ein einfacher, 
sondern immer ein zweifacher psychischer Akt ist: zuerst wird versucht, 
sie als Tatsache abzuleugnen, dann muß eine neuerliche Kraftanstrengung 
einsetzen, die diese Negation" negiert. Das Positivum, die Anerkennung des 
Schlechten, dürfte eigentlich immer aus zwei Negationen resultieren. 
Um uns Vergleiche aus dem uns wohlvertrauten psychoanalytischen Gebiete 
zu holen, müssen wir die volle Ableugnung mit dem psychischen 
Zustand eines noch jede Unlust ignorierenden Kindes in Analogie bringen, 

j) Massenpsychologie und Ichanalyse (1921). Das Ich und das Es (1923). 
2) Jenseits des Lustprinzips (1920). 



Das Problem der Unlustbejahung 243 

wie ich denn auch schon vor langer Zeit den „Fixierungspunkt'" der 
Psychosen in diesem Stadium suchte 1 und auch die ungehemmte Fähig- 
keit des megalomanen Paralytikers zu fortwährender Glücksempfindung als 
Regression zu dieser Phase auffaßte. 2 Die Verneinungsphase findet ihre 
Analogie, wie uns Freud zeigte, im Verhalten der Patienten während 
der Kur, überhaupt in der Neurose, die ja gleichfalls das Resultat einer 
nur halbgelungenen oder mißlungenen Verdrängung ist und eigent- 
lich immer ein Ncgativum, das Negativ der Perversion ist. Der 
Prozeß der schließlichen Anerkennung oder Bejahung der Unlust spielt 
sich als Erfolg unserer therapeutischen Bemühung bei der Heilung einer 
Neurose vor unseren Augen ab und wenn wir auf seine Einzelheiten 
achten, haben wir einige Aussicht, uns auch von diesem Anerkennungs- 
vorgang eine Vorstellung zu bilden. 

Wir sehen, daß im Höhenstadium der Übertragung der Patient auch das 
Unlustvollste widerstandslos anerkennt; offenbar findet er im Glücksgefühl 
der Übertragungsliebe Trost für den Schmerz, den ihn diese Aner- 
kennung sonst kosten würde. Aber am Ende der Kur, wenn auch auf die 
Übertragung verzichtet werden muß, käme es unzweifelhaft zu einem Rück- 
fall in die Verneinung, d. h. in die Neurose, wäre es dem Patienten nicht 
gelungen, auch für diese Versagung allmählich Ersatz und Trost in der 
Wirklichkeit, besonders aber in der Identifizierung mit dem Ana- 
lytiker, zu finden. Unwillkürlich denkt man dabei an eine gehaltvolle 
Arbeit des allzufrüh dahingegangenen Analytikers Viktor Tausk, der die Ent- 
wertung der Verdrängungsmotive durch Rekompense als Heilungsbedingung 
aufstellte. 3 In ähnlicher Weise müssen wir auch beim allerersten Zustande- 
kommen einer Unlustbejahung das Vorhandensein einer Rekompensation ver- 
muten ; auf eine andere Weise wäre übrigens ihr Aufkommen in der Psyche, 
die ja immer in der Richtung des locus minoris resistentiae, d. h. nach dem 
Lustprinzip arbeitet, unvorstellbar. Wir finden schon in Freuds „Traum- 
deutung" eine Stelle, die die Umwandlung des Primärvorganges in den 
sekundären in ähnlicher Weise erklärt. Er sagt uns dort, daß der 
hungernde Säugling sich die Befriedigung zuerst halluzinatorisch zu ver- 
schaffen sucht, erst wenn dies nicht zum Ziele führt, die Unlust als 
solche anerkennt und jene Unlustäußerungen tut, die zu realen Befriedi- 
gungen führen. Wir sehen, daß hier zum erstenmal ein quantitatives 

1) Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes, a. a. O. 

2) „Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung." (Beihefte der Int. 
Zeitschr. f. PsA., Nr. V.) 

3) Tausk: Entwertung des Verdrängungsmotivs durch Rekompense. Int. Zeitschr. 
f. PsA., I (1913), S. 230 ff. 



244 S. Fcrenczi 



Moment die Reaktionsweise der Psyche zu bestimmen scheint, Die 
Anerkennung der feindlichen Umwelt ist eine Unlust, doch ihre Nichtaner- 
kennung ist gelegentlich noch unlustvoller; so wird das weniger Unlust- 
volle relativ lustvoll und kann als solches bejaht werden. Die Berück- 
sichtigung der Rekompense und der Flucht vor noch größerer Unlust 
gestattet uns, die Möglichkeit einer Bejahung von Unlust überhaupt zu 
verstehen, ohne auf die Allgemeingültigkeit des Lustsuchens als Grund- 
tendenz alles Psychischen verzichten zu müssen. Allerdings postulierten wir 
gleichzeitig das Eingreifen eines neuen Instrumentes in den psychischen 
Mechanismus, einer Art Rechenmaschine, deren Installierung uns wieder 
vor neue und vielleicht noch schwerer lösbare Rätsel stellt. 

Wir wollen auf das Problem der psychischen Mathematik noch zurück- 
kommen und möchten lieber erst die psychischen Inhalte betrachten, an 
denen der Säugling die Anerkennung der Wirklichkeit bewerkstelligt. 
Wenn uns Freud sagt, daß der Mensch mit seiner Aufmerksamkeit die 
Umwelt unausgesetzt oder in rhythmischen Intervallen „absucht", „betastet", 
davon kleine Proben „verkostet", so nimmt er offenbar die Handlungs- 
weise des die Mutterbrust vermissenden und suchenden Säuglings zum 
Vorbilde jeder späteren Denkarbeit. Eine ähnliche Gedankenreihe führte 
mich in meinem bioanalytischen Versuche 1 zur Annahme, daß das Beriechen 
oder Beschnüffeln der Umwelt eine vielleicht noch größere Ähnlichkeit 
mit dem Denkakte zeigt, da ja dabei noch feinere und kleinere Kostproben 
zugelassen werden. Nur bei günstigem Ausfall der Probe wird die orale 
Einverleibung durchgeführt. Der intellektuelle Unterschied zwischen einem 
Kinde, das noch unterschiedslos alles in den Mund nimmt, und dem, das 
sich nur dem ihm angenehm Riechenden zuwendet, ist also ein ganz 
bedeutender. 

Bleiben wir aber beim Beispiel des trinkenwollenden Kindes. Nehmen 
wir an, daß es bisher immer rechtzeitig gestillt wurde und nun zum ersten- 
mal die Unlust des Hungerns und Dürstens ertragen muß; was mag wohl 
in seinem Inneren vorgehen? In seiner urnarzißtischen Selbstsicherheit 
kannte es bisher nur sich selbst, wußte von der Existenz fremder Dinge, 
also auch der Mutter, nichts, konnte also ihnen gegenüber keine Gefühle 
haben, weder gute noch böse. Vielleicht im Zusammenhang mit der 
physiologischen Destruktion, die die Abwesenheit der Nährstoffe in den 
Geweben des Organismus hervorruft, kommt es anscheinend zu einer 
„Triebentmischung" auch im Seelenleben, die sich zunächst 
in unkoordinierter motorischer Entladung und im Schreien äußert, Mani- 

i) Versuch einer Genitaltheorie (Internat. PsA. Bibl., Bd. XV). 



Das Problem der Unlustbejahung 245 

festationen, die wir ganz gut mit den Äußerungen der Wut bei Erwachsenen 
vergleichen dürfen. Wenn dann nach längerem Warten und Schreien die 
Mutterbrust wieder gereicht wird, wirkt sie nicht mehr wie ein indiffe- 
rentes Ding, das immer da ist, wenn man es braucht, so daß man davon 
gar keine Kenntnis zu nehmen braucht, sondern sie wird zu einem Objekt 
des Liebens und des Hassens; des Hassens, weil man es eine Zeitlang 
entbehren mußte, des Liebens, weil sie nach der Entbehrung eine noch 
intensivere Befriedigung bot; sicherlich wird sie aber gleichzeitig zum 
Gegenstande einer wenn auch noch so dunklen Ob j ektvorstellung. 
Dieses Beispiel illustriert, wie ich glaube, die bedeutsamsten Sätze in Freuds 
Arbeit „Die Verneinung" : „Der erste und nächste Zweck der Realitäts- 
prüfung ist nicht, ein dem Vorgestellten entsprechendes Objekt in der 
Realität zu finden, sondern es wieder zu finden, sich zu überzeugen, 
daß es noch vorhanden ist" und „Man erkennt als Bedingung für die 
Realitätsprüfung, daß Objekte verloren gegangen sind, die einst reale 
Befriedigung gebracht hatten." 1 Man wäre nur noch versucht, hinzuzufügen, 
daß zum Zustandekommen einer Objektwahrnehmung die hier angedeutete 
Ambivalenz, d. h. die Triebentmischung, unumgänglich notwendig ist. 
Dinge, die uns fortwährend lieben, d. h. die stets alle unsere Bedürfnisse 
befriedigen, nehmen wir als solche nicht zur Kenntnis, wir schlagen sie 
einfach zu unserem subjektiven Ich; die Dinge, die uns stets nur feind- 
lich gegenüberstehen und standen, verdrängen wir einfach; für die Dinge 
aber, die nicht bedingungslos zur Verfügung stehen, die wir lieben, weil 
sie uns Befriedigung bringen, und hassen, weil sie uns nicht in allem 
gehorchen, errichten wir in unserem Seelenleben besondere Merkzeichen, 
Erinnerungsspuren mit dem Charakter des Objektiven, und freuen uns, 
wenn wir sie in der Realität wieder finden, d. h. sie wieder lieben können. 
Und wenn wir ein Objekt hassen, es aber nicht so weit verdrängen können, 
daß wir es dauernd verleugnen könnten, so beweist die Zurkenntnisnahme 
seiner Existenz, daß wir es eigentlich lieben möchten und daran nur durch 
die „Tücke des Objektes" verhindert sind. Es ist also nur konsequent, wenn 
der Wilde, nachdem er den Feind getötet hat, ihm seine größte Liebe und 
Ehre bezeugt. Er besagt damit nur, daß er am liebsten in Ruhe gelassen 
worden wäre, in ungestörter Harmonie mit der Umwelt leben wollte, daran 
aber durch die Existenz „störender Objekte" gehindert war. Das Auftauchen 
dieses Hindernisses führte zur Entmischung seiner Triebe unter Hervor- 
kehrung des aggressiven, destruktiven Triebanteils; nach der Befriedigung 

1) In der „Genitaltheorie" führe ich auf ein ähnliches Wiederfinden und 
W i e d e rerkennen das Befriedigungsgefühl zurück, das Gefühl des Erreichens der 
erotischen Realität.jj 



246 S. Ferenczi 



der Rache verlangt aber auch der andere, der Liebesanteil, nach Sättigung. 
Es ist, als ob die beiden Triebarten sich im Ruhezustande des Ichs gegen- 
seitig neutralisierten, gleichwie die positive und negative Elektrizität in einem 
elektrisch inaktiven Körper, und als ob es hier wie dort besonderer 
äußerer Einwirkungen bedürfte, um die zwei Stromarten zu zerteilen 
und dadurch aktionsfähig zu machen. Das Auftreten der Ambivalenz 
wäre demnach eine Art Schutzvorrichtung, die Befähigung zum aktiven 
Widerstände überhaupt, wie denn auch ihre psychische Begleiterscheinung, 
die Erkenntnis der Objektwelt, eines der Mittel zu ihrer Bewältigung 
bedeutet. 

Nun merken wir aber, daß mit der Ambivalenz zwar eine Anerkennung 
der Existenz der Dinge, nicht aber das erreicht ist, was wir objektive 
Betrachtung nennen; im Gegenteil, dieselben Dinge weiden nacheinander 
Gegenstand leidenschaftlichen Hasses und ebensolcher Liebe. Zur Erreichung 
der „Objektivität" ist es notwendig, daß die losgelassenen Triebe gehemmt, 
d. h. wieder miteinander vermengt werden, also eine neuerliche Trieb- 
mischung nach erfolgter Erkenntnis stattfindet. Dies dürfte denn auch 
der psychische Vorgang sein, der die Hemmung und den Aufschub der 
Aktion bis zur Erreichung der Identität der äußeren mit der „Denk- 
realität" garantiert; die Fähigkeit zum objektiven Urteilen und Handeln 
ist also wesentlich eine Fähigkeit zur gegenseitigen Neutralisierung der Haß- 
und Liebestendenzen, was allerdings sehr nach einem Gemeinplatz klingt; 
nur meinen wir, daß man die gegenseitige Bindung der Attraktions- 
und Repulsionskräfte bei jeder Kompromißbildung, bei jeder objektiven 
Betrachtung ernstlich als psychisch-energetischen Vorgang annehmen darf 
und daß man die Redewendung sine ira et studio durch eine andere 
ersetzen müßte, die nämlich, daß zur objektiven Betrachtung der Dinge 
das Gewährenlassen der gleichen Quantität von ira und 
von Studium erforderlich ist. 

Es gibt offenbar auch in der Fähigkeit zur Objektivität Entwicklungs- 
stufen. In dem Versuch über die Eutwicklung des Wirklichkeitssinnes 
beschrieb ich das sukzessive Aufgeben der eigenen Allmacht und die Über- 
tragung derselben an andere höhere Mächte (Amme, Eltern, Götter) und 
nannte dies die Perioden der Allmacht mit Hilfe magischer Gebärden und 
Worte; als letzte, der schmerzlichen Erfahrung entnommene Einsicht nahm 
ich dann das schließliche Aufgeben der Allmacht überhaupt an, eine sozu- 
sagen wissenschaftliche Stufe der Welterkenntnis. Mit den Kunstworten der 
Psychoanalyse bezeichnete ich die allerursprünglichste Phase, in der nur das 
Ich existiert und die ganze Erfahrungswelt zu ihr hinzugeschlagen wird, als 
Introjektionsperiode, die zweite, in der die Allmacht äußeren Mächten zuge- 



Das Problem der Unlustbejahung 247 

schrieben wird, als Projektionsperiode; die letzte Entwicklungsstufe durfte 
ich als eine gleichmäßige oder sich gegenseitig kompensierende Verwendung 
heider psychischen Mechanismen auffassen. Diese Reihenfolge entsprach 
ungefähr der großzügigen Darstellung der Menschheitsentwicklung in 
Freuds „Totem und Tabu*' als des Nacheinanders einer magischen, einer 
religiösen und einer wissenschaftlichen Phase. Aber auch viel später, als 
ich einmal den Versuch machte, die heutige Produktionsweise der Wissen- 
schaft kritisch zu beleuchten, 1 mußte ich annehmen, daß die Wissenschaft, 
wenn sie wirklich objektiv bleiben soll, alternierend rein psychologisch 
und rein naturwissenschaftlich arbeiten und die innere wie die äußere 
Erfahrung durch gegenseitige Analogisierung erhärten muß, was einer 
Oszillierung zwischen Pro- und Introjektion entspricht. Ich nannte dies 
den Utraquismus jedes richtigen Wissenschaftsbetriebes. In der Philo- 
sophie bedeutet der ultraidealistische Solipsismus einen Rückfall in einen 
egozentrischen Infantilismus, die rein materialistische, psychophobe Auf- 
fassung die Regression in die Übertreibungen der Projektionsphase, während 
Freuds Festhalten am Dualismus der utraquistischen Forderung voll- 
kommen gerecht wird. 

Wir sind zur Hoffnung berechtigt, daß Freuds Entdeckung der 
Verneinung als Zwischenstufe zwischen Verleugnung und Anerkennung 
der Unlust, uns in die Lage bringen wird, diese Entwicklungsstufen und 
ihr Nacheinander besser zu verstehen, wohl auch ihre Übersicht zu ver- 
einfachen. Der erste schmerzliche Schritt zur Welterkenntnis ist wohl die 
Einsicht, daß ein Teil der „guten Dinge" nicht zum Ich gehört, als 
„Außenwelt" von ihm abzusondern ist. (Mutterbrust.) Ungefähr gleich- 
zeitig muß der Mensch erfahren, daß sich auch in seinem Innern, also 
gleichsam im Ich selbst, Unlustvolles, d. h. Böses ereignen kann, das 
sich weder durch Halluzinieren noch sonstwie abschütteln läßt. Einen 
weiteren Fortschritt bedeutet das Ertragen der absoluten Versagung 
von außen, d. h. die Erkenntnis, daß es auch Dinge gibt, auf die wir 
für immer verzichten müssen; der Parallelvorgang dazu ist die Aner- 
kennung der verdrängten Wünsche unter Verzicht auf deren Realisierung. 
Da zur Anerkennung, wie wir nun wissen, ein Stück Eros, d. h. Liebe 
notwendig ist, was ohne Introjektion, d. h. Identifizierung, nicht denkbar 
ist, muß man sagen, daß die Anerkennung der Umwelt eigentlich eine 
teilweise Verwirklichung des christlichen Imperativs: „Liebet eure Feinde" 
bedeutet. (Der Widerstand, der sich gegen die Anerkennung der psycho- 
analytischen Trieblehre erhebt, zeigt allerdings, daß die Versöhnung mit 



») Einleitung zur „Genitaltheorie". 



248 S. Ferenczi 



dem inneren Feind die schwierigste Aufgabe ist, die der Mensch zu bewäl- 
tigen hat). 

Wenn wir versuchen, unsere neuen Erkenntnisse mit dem topischen 
System der Freud sehen Metapsychologie in Zusammenhang zu bringen, 
so können wir vermuten, daß zur Zeit des absoluten Solipsismus eigentlich 
nur eine W— Bw, d. h. eine Wahrnehmungsfliiche der Psyche funktioniert; 
im Stadium der Verneinung kommt es zur Bildung der unbewußt 
verdrängten Schichte (Ubw); die bewußte Anerkennung der Außenwelt 
erfordert bereits jene Überbesetzung, zu der uns nur die Institution eines 
neuen psychischen Systems, das des Vorbewußten {Vbw\ befähigt, das 
zwischen Ubw und Bw eingeschaltet wird. Entsprechend dem biogenetischen 
Grundgesetz wiederholt sich also in der psychischen Entwicklung des 
Einzelwesens der artgeschichtliche Entwicklungsmodus der Psyche überhaupt ; 
ist doch die hier geschilderte Reihenfolge dieselbe, in der wir uns die 
fortschreitende Entwicklung der psychischen Systeme bei den Organismen 
vorstellen müssen. 

Doch auch in der organischen Entwicklung finden wir Vorbilder für 
die fortschreitende Anpassung der Lebewesen an die Realität der Umwelt. 
Es gibt primitive Organismen, die gleichsam auf der narzißtischen Stufe 
stehen bleiben, untätig auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse harren und, 
wenn sie ihnen dauernd versagt bleiben, einfach zugrunde gehen ; sie stehen 
eben der Erschaffung aus dem Unorganischen noch viel näher, so daß 
ihr Destruktionstrieb einen kürzeren Weg zurückzulegen hat, d. h. viel 
wirksamer ist. Eine Stufe höher vermag der Organismus unlustbringende 
Teile seines Selbst abzustoßen und sich so das Leben zu retten (Autotomie) ; 
ich nannte einst diese Art Sequestrierung ein physiologisches Vorbild des 
Verdrängungsvorganges. Erst eine weitere Entwicklung schafft die Fähigkeit 
zur Anpassung an die Realität, gleichsam zur organischen Anerkennung 
der Umwelt, wie sie sich besonders schön in der Lebensweise symbiotisch 
verbundener Lebewesen zeigt, die sich aber auch in jeder anderen An- 
passungsleistung nachweisen läßt. Anknüpfend an meine „bioanalytische" 
Betrachtungsweise, kann man also schon im Organischen Primärvorgänge 
und Sekundärvorgänge unterscheiden, Vorgänge also, die wir im Psychischen 
als Grade der Intellektualität schätzen. Das würde aber heißen, daß eine 
Art Rechenmaschine, die nicht bloß mit der Lust und der Unlustqualität, 
sondern auch mit Quantitäten rechnet, im gewissen Grade und Sinne bereits 
auch dem Organischen eignet. Jedenfalls ist die organische Anpassung durch 
eine gewisse Starrheit charakterisiert, wie sie sich in den gewiß zweck- 
mäßigen, aber unwandelbaren Reflexvorgängen zeigt, während die psychische 
Anpassungsfähigkeit eine stete Bereitschaft zur Anerkennung auch neuer 



Das Problem der Unlustbejahung 249 



Wirklichkeiten und die Fähigkeit zur Hemmung der Aktion bis zur 
Beendigung des Denkaktes ermöglicht. Groddeck hat also recht, wenn 
er das organische Es für intelligent erklärt; er wird aber parteiisch, wenn 
er den Gradunterschied zwischen der Intelligenz des Ich und des Es 
übersieht. 

In diesem Zusammenhang wäre noch anzuführen, daß wir auch in der 
organischen Pathologie Gelegenheit haben, die Verneinungs- (Autotomie-) 
und die Anpassungsarbeit am Werke zu sehen. Ich versuchte bereits 
gewisse Vorgänge der organischen Heilung (von Wunden usw.) auf eine 
Zuströmung von Libido (Eros) zur verletzten Stelle zurückzuführen. 1 

Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß alle diese Überlegungen uns noch 
keine befriedigende Erklärung der Tatsache geben, daß bei der organischen 
sowohl als auch bei der psychischen Anpassung an die reale Umwelt 
einerseits Teile der feindlichen Außenwelt mit Hilfe des Eros zum Ich 
geschlagen, andererseits geliebte Teile des eigenen Ich aufgegeben werden. 
Man mag sich da mit der psychologisierenden Erklärung helfen, daß 
auch das wirkliche Aufgeben einer Lust und die Anerkennung einer 
Unlust immer nur etwas „vorläufiges" ist, gleichsam ein Gehorchen 
unter Protest mit der reservatio mentalis einer in integrum restitutio. 
Dies mag für sehr viele Fälle zu Recht bestehen; dafür spricht schon 
die virtuell erhaltene und unter besonderen Umständen auch aktivierte 
Fähigkeit zur Regression zu längst überholten, ja archaischen Reaktions- 
weisen. Die anscheinende Anpassung wäre so nur eine Einstellung auf ein 
unendliches Warten und Hoffen bis zur Wiederkehr der „guten alten Zeit", 
im Grunde also nur graduell verschieden vom Verhalten der Rädertierchen, 
die auf Jahre eintrocknen und auf Feuchtigkeit warten können. Wir dürfen 
aber nicht vergessen, daß es auch wirklichen, unwiederbringlichen Verlust 
von Organen und Organteilen gibt und daß wir auch im Psychischen einen 
anscheinend völligen Verzicht auch ohne Rekompense kennen. Da kommt man 
mit solchen optimistischen Erklärungen nicht mehr aus, sondern muß sich 
von der Freudschen Trieblehre die Auskunft holen, daß es Fälle gibt, in 
denen der Destruktionstrieb sich gegen die eigene Person wendet, ja daß 
die Tendenz zur Selbstzerstörung, zum Tode, die ursprünglichere ist, die 
sich erst im Laufe der Entwicklung nach außen wendet. Eine solche 
gleichsam masochistische Änderung der Aggressionsrichtung dürfte bei jeder 
Anpassungsleistung mitspielen. Es wurde ja bereits weiter oben darauf hin- 
gewiesen, daß das Aufgeben von geliebten Teilen des Ich und die Introjektion 
des Fremden Parallelvorgänge sind, daß wir also die Objekte nur auf Kosten 

1) S. Hysterie und Pathoneurosen (Internat. PsA., Bibl. II). 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XII/3. 17 



2 cq S. Fercnczi 



unseres Narzißmus lieben (anerkennen) können; wohl nur eine andersartige 
Beleuchtung der uns aus der Psychoanalyse bekannten Tatsache, daß alle 
Objektliebe auf Kosten des Narzißmus entsteht. 

Das Merkwürdige an dieser Selbstzerstörung ist allerdings, daß hier (bei 
der Anpassung, bei der Anerkennung der Umwelt, bei der objektiven 
Urteilsfällung) die Destruktion tatsächlich „Ursache des Werdens" wird.* 
Es wird eine partielle Destruktion des Ich zugelassen, aber nur um aus 
dessen Resten ein noch widerstandsfähigeres Ich aufzubauen, ähnlich wie 
die geistreichen Versuche Jacques Locbs, unbefruchtete Eier mittels 
chemischer Einwirkungen, also ohne Befruchtung, zur Entwicklung zu 
reizen; die Chemikalien zerstören, desorganisieren die äußeren Schichten 
des Eies, aber aus dem Detritus bildet sich eine schützende Blase, die die 
weitere Schädlichkeit hintanhält, während der bei der Triebentmischung 
freigewordene Eros die Destruktion in ein Werden, eine Fortentwicklung 
der verschont gebliebenen Anteile verwandelt. Ich gestehe, daß es sehr 
gewagt ist, organische Analogien ohne weiteres auf das Psychische zu über- 
tragen. Zu meiner Entschuldigung diene, daß ich es wissentlich tue und 
nur bei sogenannten „letzten Fragen", wo, wie ich es anderwärts ausführte, 
analytische Urteile nicht mehr fördern, sondern man sich zur Fällung 
eines synthetischen Urteils auf fremdem Gebiet nach Analogien umsehen 
muß. Auch die Psychoanalyse, wie jede Psychologie, muß bei Tief- 
bohrungen irgendwo auf das Gestein des Organischen stoßen. Ich 
stehe nicht an, auch die Erinnerungsspuren sozusagen als 
Narben trau malischer Ein w i rkun gen, also Destruktions- 
produkte anzusehen, die aber der nimmer ruhende Eros 
in seinem Sinne, d. h. zur Erhaltung des Lebens zu ver- 
wenden versteht: er gestaltet aus ihnen ein neues psychisches System, 
das das Ich zu richtigerer Orientierung in der Umwelt und zu stichhältigerem 
Urteilen befähigt. Eigentlich ist es doch nur der Destruktionstrieb, der 
„das Böse will", und der Eros der, der daraus „das Gute schafft". 

Ich sprach eingangs und auch zwischendurch von einer Rechenmaschine, 
die ich als Hilfsorgan des Wirklichkeitssinnes postuliere. Obzwar diese Idee 
in einen anderen Zusammenhang gehört, der mir die Tatsache des wissen- 
schaftlichen Sinnes für Mathematik und Logik zu erklären hilft, möchte 
ich darauf hier, wenn auch nur kurz, eingehen. Ich kann dabei ganz gut 
vom Doppelsinn des Wortes „rechnen" ausgehen. Wenn man die Tendenz 
der Beseitigung der Umwelt mittels Verdrängung oder Verneinung aufgibt, 



i) S. S. Spielrein, Die Destruktion als Ursache des Werdens. Jahrbuch f. 
Psychoanalyse IV. (1912.) 



Das Problem der Unlustbejahung 251 

beginnt man mit ihr zu rechnen, d. h. sie als Tatsache anzuerkennen; 
ein weiterer Fortschritt der Rechenkunst ist, wie ich meine, die Entwicklung 
der Fähigkeit zur Wahl zwischen zwei Objekten, die mehr oder 
minder große Unlust verschaffen können oder zur Wahl zwischen zwei 
Handlungsweisen, die mehr oder minder große Unlust nach sich ziehen 
könnten. Die ganze Denkarbeit dürfte eine solche größtenteils unbewußte 
Rechenarbeit sein, die zwischen Sensibilität und Motilität eingeschaltet 
ist und bei der, wie bei den modernen Rechenmaschinen, meist nur das 
Resultat der Operation im Bewußtsein auftaucht, während die Erinnerungs- 
spuren, mit denen die eigentliche Arbeit geleistet wird, versteckt, resp. 
unbewußt bleiben. Man kann nur dunkel ahnen, daß auch der einfachste 
Denkakt auf einer Unzahl von unbewußten Rechenoperationen beruht, bei 
denen vermutlich alle Vereinfachungen der Arithmetik (Algebra, Differential- 
rechnung) zur Verwendung kommen und daß das Denken in Sprachsymbolen 
nur eine höchste Vereinfachung dieser komplizierten Rechentätigkeit bedeutet ; 
ich glaube auch allen Ernstes, daß der Sinn für Mathematik und Logik 
vom Vorhandensein oder von der Abwesenheit der Fähigkeit zur Selbstwahr- 
nehmung dieser Rechen- und Denktätigkeit abhängt, die aber auch von denen 
unbewußt geleistet wird, die nicht den geringsten Sinn für Mathematik 
und Logik zu haben scheinen. Einer ähnlichen Introversion dürfte man 
die Musikalität (Selbstwahrnehmung der Gemütsbewegungen, Lyrismus 1 ) 
und das wissenschaftliche Interesse für Psychologie zuschreiben. 

Es dürfte vom Entwicklungsgrade der Rechenmaschine abhängen, ob und 
inwieweit jemand „richtig urteilen, d. h. die Zukunft voraus berechnen 
kann. Die Grundelemente, mit denen die Berechnungen ausgeführt werden, 
sind die Erinnerungen, die aber selbst eine Summe sensibler Eindrücke, 
in letzter Linie also psychische Reaktionen auf verschiedene und verschieden 
starke Sinnesreize sind. Die psychische Mathematik wäre so nur die Fort- 
setzung einer „organischen". 

Wie dem auch sei, das Wesentliche an der Entwicklung des Wirklich- 
keitssinnes ist, wie uns Freud zeigte, die Einschaltung einer Hemmungs- 
vorrichtung in den psychischen Apparat und die Verneinung ist nur ein 
letzter verzweifelter Versuch des Lustprinzips, den Fortschritt zur Realitäts- 
erkenntnis aufzuhalten. Die schließliche Urteilsfällung bedeutet aber, als 
Resultat der vermuteten Rechenarbeit, eine innere Abfuhr, eine 
Neuordnung der Gefühlseinstellung den Dingen und 
ihren Vorstellungen gegenüber, deren Richtung dem 
unmittelbar oder erst später darauffolgenden Handeln 

1) S. auch bei Pfeifer. Musikpsychologische Probleme, Imago IX (1923). 

>7' 



2 c2 S. r'erenczi 



die Wege weist. Die Anerkennung der Umwelt, d. h. die 
Bejahung einer Unlust ist aber nur möglich, wenn vor- 
erst die Abwehr der u nl u s t bri n ge n d e n Objekte und 
deren Verneinung aufgegeben wird und deren Reize, dem 
Ich einverleibt, zu inneren Antrieben umgewandelt werden. 
Die Macht, die diese Umwandlung verwirklicht, ist der bei 
der Triebentmischung frei werdende Eros. 






Der Ursprung und Aufbau des Über-Idis 

Von 

Ernest Jones 

London 

Ich möchte gleich zu Beginn meiner Arbeit ausdrücklich feststellen, daß 
sie durchaus nur einen tastenden Versuch darstellt. Die besondere Gelegen- 
heit, für die sie geschrieben wurde, bestimmte mich, ein verwickeltes 
Thema zu einer Zeit in Angriff zu nehmen, da meine eigenen Ansichten 
darüber noch keineswegs ausgereift waren. Tatsächlich ist die wesentliche 
Absicht dieses Beitrages nur, die einschlägigen komplexen Probleme ein 
wenig näher zu erörtern und zu ihrer weiteren Diskussion einzuladen. Nur 
eine sehr beschränkte Gültigkeit kommt irgendwelchen positiven Anregungen 
zu die sich im Laufe der vorliegenden Anmerkungen etwa ergeben mögen. 
Das Thema selbst beschäftigt sich mit einem der_jwichtigsten__Beiträge 
Freuds zu der Wissenschaft der Psychoanalyse, die er geschaffen hat; 
der folgende Versuch der Interpretation seiner neuesten Lehren kann eben- 
sogut wie irgendein anderer dazu dienen, zu illustrieren, wie bahnbrechend 
Freuds Forschungen stets sind und wie sein Geist der jüngste und 
frischeste bleibt. 

Das spezielle Problem, das uns beschäftigen soll, ist das des Ursprungs 
und Aufbaus des Über-Ichs, d. h. die Frage nach Natur und Genese der 
verschiedenen Regungen, aus denen es sich zusammensetzt. Freud selbst 
sagt: 1 „In anderen Punkten, zum Beispiel was die Herkunft und Rolle des 
Über-Ichs betrifft, bleibt genug des Dunkeln und Unerledigten." 

Über die Gültigkeit und den Wert der Konzeption des Über-Ichs selbst herrscht 
allgemeine Übereinstimmung, da die Gründe, die Freud angab, als er sie 
postulierte, in jeder Charakteranalyse und vielleicht in jeder wirklich voll- 
endeten Analyse entschieden bestätigt werden können. Ferner scheinen 
eine Anzahl von Formulierungen, die sich darauf beziehen, ebensogut 
begründet zu sein. So zum Beispiel ist die Genese des Über-Ichs sicherlich 



i) Ges. Sehr., Bd. V, S. 418. 



254 Ernest Jones 



mit dem Untergang des Ödipuskomplexes verbunden und der Kernpunkt 
und das Wesen seines Aufbaus können als die direkte intrapsychische 
Fortsetzung der Konflikte betrachtet werden, die sich auf diesen Komplex 
beziehen. 1 Freud bezeichnet das Über-Ich treffend als den Erben des 
Ödipuskomplexes. 2 Vieles ist auch über die Beziehung des Über-Ichs zu der 
Außenwelt und zu den anderen seelischen Instanzen bekannt. Die Funk- 
tion, die es ausübt, ist vielleicht am besten erkannt. Diese Funktion ist 
nämlich, das Ich zu kritisieren und ihm Unlust zu verursachen, wann 
immer es dazu neigt, Impulsen, die aus dem verdrängten Teil des Es her- 
stammen, nachzugehen. In dieser Beziehung können wir die Verbesserung 
erkennen, welche Freud in der Terminologie der Schuldgefühle vorge- 
nommen hat. Er will den Ausdruck „Schuldbewußtsein' oder „Schuld- 
gefühl" auf die Erkennung des Gefühls durch das Bewußtsein 
beschränken 3 und den Ausdruck „Strafbedürfnis" dafür einsetzen, wenn es 
unbewußt ist; den Ausdruck „Kritik" behält er sich für die Tätigkeit, die 
das Über-Ich ausübt, vor. Die Beziehung dieser beiden Seiten des Phä- 
nomens, der aktiven Kritik des Über-Ichs und des passiven Gefühls des 
Ichs, ist aber sehr variabel; jede der beiden oder beide können unbewußt 
sein, die letztere öfter als die erstere.* 

Wenn wir aber diese wertvollen allgemeinen Einsichten verlassen und 
zu einem näheren Studium der hieher gehörigen Probleme kommen, ergibt 
sich eine beachtenswerte Anzahl von mißlichen Fragen. Um nur einige an 
dieser Stelle zu erwähnen: Wie können wir uns vorstellen, daß dieselbe 
Instanz zugleich sich dem Es als ein Objekt darbietet, das anstatt der 
Eltern 5 geliebt werden will und eine aktive Kraft ist, die das Ich kriti- 
siert? Wenn das Über-Ich dadurch entsteht, daß das aufgegebene Liebes- 
objekt einverleibt wird, wie kommt es, daß es in der Tat öfter von dem 
gleichgeschlechtlichen Elternteil herstammt? Wenn es sich aus Elementen 
zusammensetzt, welche von den „moralischen" nichtsexuellen Ichtrieben 
kommen, wie wir es infolge der Rolle, die es bei der Verdrängung der 
sexuellen Inzesttriebe spielt, erwarten würden, woher bekommt es sein 
sadistisches, d. h. sexuelles Wesen? Diese und viele andere anscheinende 
Widersprüche müssen aufgeklärt werden. Endlich haben wir allen Grund 
anzunehmen, daß die Vorstellung des Über-Ichs ein Knotenpunkt ist, wo 

1) Das Ich und das Es, 1923, Ges. Schriften, Bd. VI, S. 378, 393 usw. 

2) Op. cit., Ges. Schriften, Bd. VI, S. 380. 

3) Op. cit., S. 598. 




4) Ges. Sehr., Bd. V, S. 585. 

5) Das Ich und das Es, S. 374. 

6) Op. cit., S. 373, usw. 



Der Ursprung und Aufbau des Ober-Ichs 255 

wir ein Zusammentreffen aller dunklen Probleme von Ödipuskomplex und 
Narzißmus einerseits, Haß und Sadismus andererseits erwarten dürfen. 

Bevor wir die Probleme in Bezug auf die Abkunft und Struktur des 
Über-Ichs aufrollen, ist es nötig, ein Wort über seine allgemeinen 
Beziehungen, insbesondere seine topischen, zu sagen. 

Beziehung zur Außenwelt, zum Ich und zum Es. Das Ich 
ist der Teil des Es, der durch den Einfluß der Außenwelt verändert wird ; 
das Über-Ich ist ein differenzierter Teil des Ichs, 1 wieder ein Teil, der 
durch den Einfluß der Außenwelt entsteht. Einerseits lesen wir, 2 daß das 
Über-Ich dem Es näher steht als das Ich, unabhängig von diesem ist und 
ihm gegenüber die Forderungen des Es vertritt, obgleich das Es auch das 
Ich — sowohl direkt als auch durch Vermittlung des Über-Ichs 3 — 
beeinflussen kann. Andererseits ist es gerade seine Beziehung zu der Außen- 
welt, deren Forderungen es vertritt, durch die das Über-Ich seine Fähig- 
keit gewinnt, auf das Ich 4, einzuwirken. Die volle Erklärung dieses kom- 
plizierten Sachverhaltes scheint die zu sein, daß das Über-Ich in einer 
noch nicht aufgeklärten Weise von der Außenwelt sowohl als auch 
von der Innenwelt kommende Einflüsse vereinigt und daß diese dann 
zu dem Ich 5 hingeleitet werden. 

Beziehung zum Bewußtsein. Zwei Sätze Freuds geben Aus- 
kunft über diesen Punkt. Das Über-Ich kann zum größten Teil unbewußt 
und dem Ich unzugänglich sein; 6 es taucht tief ins Es hinein und is 
daher weiter vom Bewußtsein entfernt als das Ich. 7 Es ist wahrscheinlich, 
daß das Über-Ich teils bewußt, teils vorbewußt und teils unbewußt sein 
kann, ferner, daß seine Beziehung zum Bewußtsein zu verschiedenen Zeiten 
variiert. Daß es in der Begel weniger bewußt sein dürfte als das Icht 
erklärt sich aus seiner Beziehung zur äußeren Realität, da diese Beziehung 
in der Vergangenheit (in früher Kindheit) viel enger war, als sie in der 
Gegenwart ist. 

Beziehung zur Verdrängung. Es ist das Ich, nicht das Über- 
Ich, welches das Werk der Verdrängung ausführt, obgleich es dies im Auf- 
trag der Forderungen des Über-Ichs tut. 8 Aber es ist wichtig anzumerken, 
daß — besonders in der Hysterie — das Ich das Schuldgefühl, welches 

1) Op. cit., S. 368, 572. 

2) Op. cit, S. 380, 394, 398. 

3) Op. cit., S. 401. 

4) Ges. Sehr., Bd. V, S. 419, 421. 

5) Ibid., S. 383, 421. 

6) Das Ich und das Es, S. 383. 

7) Op. cit., S. 394. 

8) Op. cit., S. 397. 



256 Ernest Jones 



durch den Angriff des Über-Ichs auf das Ich provoziert wird, 1 dem Bewußt- 
sein fernhalten, d. h. verdrängen kann. Es dürfte in der Zukunft möglich 
sein, dies alles ökonomisch, als die Bilanz zwischen verschiedenen Lust- 
und Unlustbeträgen, zu beschreiben. 

Beziehung zum äußeren Liebesobjekt. Freud sagt: 2 „Soll 
oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben werden, so tritt dafür nicht 
selten die Ichveränderung auf, die man als Aufrichtung des Objekts im 
Ich wie bei der Melancholie beschreiben muß , und er fügt hinzu: „Die 
näheren Verhältnisse dieser Ersetzung sind uns noch nicht bekannt. Er 
nimmt durchaus an, daß das Über-Ich, welches wir als den Erben des 
Ödipuskomplexes kennen, auf dieselbe Weise zustande kommt, nämlich durch 
das Einverleiben der Elterngestalt, welche ihre Rolle als Sexualobjekt auf- 
geben mußte. Aber das Beweismaterial ist ziemlich groß, daß — obgleich 
das Über-Ich sich sowohl vom Vater als auch von der Mutter herleiten 
kann und sich oft genug von beiden herleitet — es normalerweise und 
hauptsächlich nicht von dem aufgegebenen Liebesobjekt, sondern von dem 
gleichgeschlechtlichen Elternteil herstammt. Beim Knaben zum Beispiel 
rührt es zum größten Teil vom Vater her, und wenn es von der Mutter 
herrührt, besteht die große Wahrscheinlichkeit, daß der Knabe homosexuell 
sein wird. Freud selber weist auf dieses Paradoxon 3 hin, gibt aber keine 
Erklärung dafür. Die Diskussion der Bisexualität, die im Text folgt, erklärt 
ohne Zweifel die Tatsache, daß zwei Typen existieren und daß sie oft ver- 
mengt sind, aber sie erklärt das Phänomen des normaleren Typus nicht, 
bei welchem das Über-Ich des Heterosexuellen von dem gleichgeschlecht- 
lichen Elternteil abstammt. Man gewinnt den Eindruck, als ob nur die- 
jenige Person Objekt des Prozesses des Einverleibens werden kann, von der 
die Versagung der sexuellen Impulse des Subjekts ausgegangen ist. 

Wenn dieser Gedankengang Geltung hat, dann kann es nur so sein, 
daß der Mechanismus der ÜberTch-Bildung normalerweise der Anordnung 
folgt, die Freud gelegentlich der Einstellung eines Homosexuellen seinen 
Brüdern gegenüber beschrieben hat, nämlich daß ursprüngliche, feind- 
selige Rivalität von einer freundlichen Objekteinstellung und diese wieder 
von einer Identifizierung abgelöst wird. 4 Wenn wir dies auf die üdipus- 
situation anwenden und wieder den Fall des Knaben nehmen, müssen wir 
annehmen, daß das Über-Ich gewöhnlich durch Identifizierung mit dem 
Vater entsteht, dem gegenüber eine primäre feindliche Rivalität von homo- 



1) Loc. cit. 

2) Op. cit, S. 373. 
5) Op. cit., S. 377. 
4) Op. cit., S. 382. 



Der Ursprung und Aufbau des Uber-Ichs 257 

sexueller Liebe abgelöst worden war. Beim selteneren Fall des homosexuellen 
Mannes mit mütterlichem Über-Ich bestehen zwei Möglichkeiten. Entweder 
es gilt das Pendant des eben besprochenen Mechanismus: Da die feminine 
Komponente seiner bisexuellen Anlage die vorherrschende ist, erledigt er 
die eifersüchtige Rivalität seiner Mutter gegenüber durch eine vorüber- 
gehende kompensierende Objektliebe, welcher die Identifizierung folgt; oder 
die Identifizierung dient dazu, den Haß zu erledigen, der aus der Kastrations- 
angst stammt, die in solchen Fällen typischerweise enger mit der Mutter 
als mit dem Vater zusammenhängt. Beide Erklärungen stimmen mit der 
Regel überein, daß das Über-Ich von jenem Objekt herstammt, das die 
Liebesimpulse behindert. Die beiden Erklärungen unterscheiden sich 
dadurch, daß bei der ersteren kongenitale Bisexualität die letzte Ursache 
der unangemessenen Reaktion der Mutter gegenüber wäre, während diese 
Ursache bei der letzteren unbestimmt ist. 

Man sieht, daß hier der Nachdruck auf die Feindseligkeit 1 als die 
wesentliche Bedingung der Uber-Ich-Bildung gelegt wird. Dies kann man 
mit der vorwiegend sadistischen Natur des späteren Über-Ichs in Verbindung 
bringen, ein Thema, das sogleich besprochen werden soll. Um der Klarheit 
wegen zu rekapitulieren: Wir müssen annehmen, daß das Über-Ich von 
dem Elternteil ausgeht, der die Liebesimpulse aufhielt, gleichgültig, ob 
dieser das ursprüngliche Liebesobjekt war oder nicht; normalerweise ist 
es das sekundäre Liebesobjekt, der gleichgeschlechtliche Elternteil. 

Die Ablösung der Objektbesetzung durch Identifizierung ruft eine tief- 
greifende Veränderung in der libidinösen Situation hervor. Die auf diese 
Weise in das (Über-) Ich einverleibte Imago dient selber als ein Objekt 
für die Libidoimpulse, die vom Es herkommen, so daß mehr von ihnen 
gegen das Ich als Ganzes gerichtet werden als früher. Dies führt zu dem, 
was Freud sekundären Narzißmus 2 nennt. Damit geht eine Desexua- 
lisierung der Impulse einher, eine Art Sublimierung, und dieser wichtige 
Prozeß gibt Anlaß zu interessanten Problemstellungen. Freud deutet an, 
daß dieser Prozeß aus dem Aufgeben der sexuellen Liebe resultiert, das in 
der Umwandlung von Objektlibido in narzißtische einbegriffen ist. Um 
seine eigenen Worte zu zitieren: „Die Umsetzung von Objektlibido in 
narzißtische Libido, die hier vor sich geht, bringt offenbar ein Aufgeben 
der Sexualziele, eine Desexualisierung mit sich, also eine Art von Subli- 
mierung." 3 Aber narzißtische Libido ist noch immer sexuell, wie dies aucli 

1) Vgl. Freuds Bemerkungen über Ambivalenz gelegentlich melancholischer 
Identifizierung. (Ges. Sehr., V, 544.) 

2) Das Ich und das Es, S. 374. 
5) Loc. cit. 



258 * Ernest Jones 



ein zielgehemmter Impuls (Zärtlichkeit) ist, und sowohl im moralischen 
Masochismus als auch in der Zwangsneurose sehen wir, daß die mit dem 
Über-Ich zusammenhängenden Impulse nicht desexualisiert sein müssen; 
es ist ferner klar, daß es alle Grade von Desexualisierung giht. Es müssen 
also weitere Faktoren in Wirkung treten, um das Eintreten dieser inter- 
essanten Veränderung zu erklären. 

Freud gibt uns an anderer Stelle zwei weitere Anhaltspunkte. Erstens 
weist er darauf hin, daß das Über-Ich nicht bloß ein Residuum der Objekt- 
wahlen ist, sondern auch eine energische Reaktionsbildung gegen sie 
bedeutet. „Seine Beziehung 1 zum Ich erschöpft sich nicht in der Mahnung: 
,So (wie der Vater) sollst du sein', sie umfaßt auch das Verbot : ,So (wie 
der Vater) darfst du nicht sein', d. h. nicht alles tun, was er tut; 
manches bleibt ihm vorbehalten." Mit anderen Worten: Das Über-Ich 
entsteht aus dem Einverleiben von nur „moralischen", versagenden und 
asexuellen Elementen des Objektes. Die Objcktlibido des Es des Subjektes 
vollbringt auf irgend eine Weise die außerordentliche Leistung, das vor- 
malige Liebesobjekt durch diese lieblose Tmago zu ersetzen; wie durch 
ein Wunder gelingt es dem Kinde mit der ganzen Kraft seines Wesens, 
gerade das sich einzuverleiben, was es mit dem besten Grund haßte und 
fürchtete. Es ist aber sehr wohl möglich, daß es aus den Trümmern seiner 
eigenen Liebeswünsche mit Hilfe der Identifizierung mit dem Vater 
mindestens in vikariierender Weise die Objektbeziehung des Vaters zur 
Mutter retten kann; wenn dem so ist, dann müßte diese vikariierende 
Befriedigung viel tiefer im XJbw gelegen sein als das Über-Ich. 

Einen zweiten und wertvollen Anhaltspunkt bieten die folgenden Betrach- 
tungen. Wenn wir die tatsächliche Zusammensetzung des Über-Ichs genauer 
untersuchen, finden wir, daß sein auffallendster Bestandteil Sadismus, 2 
gewöhnlich desexualisierter, ist. Vermutlich läßt er sich als Produkt einer 
Regression der Libido auf prägenitale Stufen erklären. Wir wissen, daß 
Regression eine gewöhnliche Folge der Versagung ist. Doch sie ist dabei 
nur das Ergebnis einer Reaktion des gefährdeten Ichs, welches der gegen 
seine Integrität gerichteten (Kastrations-) Drohung nachgibt und sich durch 
Verdrängung der inzestuösen Impulse verteidigt. Diese Bedrohung des 
primären Narzißmus muß auch die nichtsexuellen Ichtriebe mobilisieren, 



i) Op. cit., S. 378. 

2) Diese Beobachtung ist nicht überraschend, wenn man überlegt, wie sadistisch und 
verfolgend sogar die gewöhnliche (nach außen gerichtete) Moralität oft ist; in der 
Bildung des Über-Ichs haben wir ein Beispiel der „Wendung gegen die eigene 
Person", welche F r e u d in" Verbindung mit dem Sadismus als eines der Trieb- 
schicksale beschrieben hat. (Ges. Sehr., V, 453.) Vgl. Das Ich und das Es, S. 400. 



Der Ursprung und Aufbau des Uber-Ichs 259 

insbesondere Haß und Furcht und wahrscheinlich alle jene, die ich unter 
dem Namen von „repulsion-instincts" 1 gruppiert habe. Das Problem, das 
hier entsteht, ist das der Beziehung der zwei Triebgruppen zueinander — 
allgemein gesprochen zwischen der Haß- 2 und der Liebesgruppe. In „Das 
Ich und das Es" 3 supponiert Freud, daß irgendwelche vormalige Beziehung 
zwischen den beiden dem Prozeß der Entmischung unterliegt. Er nimmt 
an, daß die Desexualisierung der Libidoimpulse eine notwendige Folge des 
sekundären Narzißmus ist, und vermutet, daß die Libido infolge dieser 
Desexualisierung ihre Kraft, die aggressiven Tendenzen zu binden, verliert, 
welche Tendenzen infolgedessen frei werden. Daher rühre die Grausamkeit 
des Über-Ichs. Aber eine alternative Hypothese, die er vorher in seinem Auf- 
satz „Triebe und Triebschicksale"* aufgestellt hatte, scheint wenigstens mir 
wahrscheinlicher. Über die Ambivalenz sprechend, zeigt er dort außer- 
ordentlich klar, wie die Ichtriebe und die Sexualtriebe einander gegenseitig 
beeinflussen und wie sie eine Einheit wahrend der prägenitalen Stadien 
der Libidoorganisierung bilden. „Wenn die Ichtriebe die Sexualfunktion 
beherrschen wie auf der Stufe der sadistisch-analen Organisation, so leihen 
sie auch dem Triebziel die Charaktere des Hasses . . . Der der Liebe 
beigemengte Haß rührt zum Teil von den nicht völlig überwundenen 
Vorstufen des Liebens her, zum anderen Teil begründet er sich durch 
Ablehnungsreaktion der Ichtriebe ... In beiden Fällen geht also der 
beigemengte Haß auf die Quelle der Icherhaltungstriebe zurück. Wenn die 
Liebesbeziehung zu einem bestimmten Objekt abgebrochen wird, so tritt 
nicht selten Haß an deren Stelle, woraus wir den Eindruck einer Verwandlung 
der Liebe in Haß empfangen. Über diese Deskription hinaus führt dann 
die Auffassung, daß dabei der real motivierte Haß durch die Regression 
des Liebens auf die sadistische Vorstufe verstärkt wird, so daß das Hassen 
einen erotischen Charakter erhält und die Kontinuität einer Liebesbeziehung 
gewährleistet wird. Man darf fragen, ob dies nicht die Veränderungen 
beschreibt, die stattfinden, wenn das Über-Ich gebildet wird. Das würde 
eine Mischung eher als eine Entmischung der zwei Gruppen bedeuten. 
Und es mag sein, daß das Geheimnis der Desexualisierung der Libido- 
impulse, vielleicht auch deren vorhergehende Regression auf die anal- 
sadistische Stufe, in dem Einfluß der Haßimpulse (Ichtriebe im Allgemeinen) 
auf sie gefunden werden wird. Ob dies für die Desexualisierung und 

1) Trans, of the VII. International Congress of Psychology, 1924, p. 231. 

2) Freuds „Todestrieb". Ich wage es nicht, mit dieser philosophischen Konzeption 
in einer rein klinischen Diskussion zu operieren. 

3) S. 401. 

4) Ges. Sehr., V, S. 464, 465. 



26o Ernest Jones 



Sublimierung gilt, welche, wie F r e u d 1 vermutet, bei jeder Identifizierung 
stattfindet, ist natürlich eine andere Frage. Andererseits würde die Libido 
den Ichimpulsen eine erotische Färbung geben, so daß der Haß die Qualität 
des Sadismus erlangt und sich zu dem Sadismus, der aus der Libido- 
regression entsteht, hinzuaddiert. 

Wir können es nun versuchen, die Veränderungen, welche auf den 
Untergang des Ödipuskomplexes und dessen Ersetzung durch das Über-Ich 
folgen, schematisch zu beschreiben. 

A) Ich triebe. Diese „reaktiven" Triebe werden alle durch die unfreund- 
liche Situation in der Außenwelt (Eltern) gereizt, welche zur Verdrängung 
der Inzestwünsche führt. Der Haß gegen den Nebenbuhler — die Hälfte des 
Ödipuskomplexes, welche bald durch homosexuelle Identifizierung abgelöst 
wird, — entsteht später als diese Wünsche. 

Furcht. Die Kastrationsangst bildet den Kern der Furcht, welche 
das Ich vor dem Über-Ich 2 zeigt, sie hatte ursprünglich dem Vater gegolten 
und setzt sich später als eine Empfindlichkeit dem Gewissen gegenüber 
fort, d. h. als Schuldgefühl. 3 

Haß. Dieser wird aktiviert gegen den Elternteil, der als Hindernis 
der Liebesimpulse gefühlt wird, gleichgültig ob er das Hauptliebesobjekt 
ist oder nicht. 

i) Ein Teil des Hasses wird verdrängt, bleibt aber auch weiter 
gegen das äußere Objekt, resp. dessen spätere Surrogate gerichtet. 

2) Ein anderer Teil schmilzt mit den Libidoimpulsen zusammen 
und verstärkt dabei ihren sadistischen Charakter. Dieser Teil stammt 
aus dem Es und wird durch Vermittlung des Über-Ichs gegen das Ich 
selbst gerichtet, wann immer dies dazu neigt, solche verdrängte Libido- 
oder Haßimpulse, welche die äußere Mißbilligung und Gefahr wieder 
erwecken können, zuzulassen. Diese „Wendung gegen die eigene 
Person der Impulse, die vorher gegen einen Elternteil gerichtet waren, 
ist eine Schutzmaßregel, die dazu bestimmt ist, den Zorn des Eltern- 
teiles abzulenken; sie ähnelt dem Mechanismus der selbst auferlegten 
Buße bei den Religiösen. 

B) Sexualtriebe. Wie oben angedeutet wurde, verteidigt sich das 
Ich gegen eine, durch seine Sexualerregung bedingte, äußere Gefahr, dadurch, 
daß es die Genitalimpulse, welche gegen das Liebesobjekt gerichtet sind, 



1) Ibid. S. 427. 

2) Das Ich und das Es, S. 403. 

3) Loc. cit. 



Der Ursprung und Aufbau des Ober-Ichs 261 



verdrängt. Dies hat eine Regression zur anal-sadistischen Stufe zur Folge, 
aber die Beziehung dieses Prozesses zu der Versagung und dem Einfluß 
der Ichtriebe ist nicht klar. Die Libido wird dann folgender Weise wieder 



verteilt: 1 



i) Ein Teil wird noch immer gegen die Eltern gerichtet, sowohl in 
heterosexueller als auch in homosexueller Weise, aber als zielgehemmte 
Libido. Dies ist die gewöhnliche Zuneigung, die das Kind für seine Eltern 
empfindet. Sie läuft Gefahr, geschwächt zu werden, wann immer das elter- 
liche Benehmen unter das Niveau des vom Über-Ich aufgestellten Ideals sinkt, 
d. h. wann immer die Gleichsetzung von Eltern und Über-Ich vereitelt 
wird. Wo die Zuneigung für den andcrsgeschlechtlichen Elternteil exzessiv 
ist, darf man exzessive Identifizierung mit ihm erwarten, die eventuell zu 
späterer homosexueller Subjektinversion (im Sinne Ferenczis) führt. 

2) Ein Teil wird zu sekundärem Narzißmus. Dies ist ein anderer Weg, 
auf dem die früher objektlibidinösen Impulse indirekte Befriedigung erlangen 
können, da das Über-Ich, gegen welches sie hier gerichtet sind, zum großen 
Teil ein Elternersatz ist. Wenn dieser Elternteil dem eigenen Geschlecht 
angehört. — der häufigere Fall — so hat eine vorhergehende Ablenkung von 
Heterosexualität in die Richtung der Homosexualität stattgefunden. 

)) Ein Teil regrediert und schmilzt mit den Haßtrieben zusammen, um 
Sadismus zu bilden. Im Anfang wird dieser Teil wahrscheinlich auch von 
dem Es aus gegen das Über-Ich, als Ersatz des gehaßten Elternteiles, 
gerichtet, aber er geht durch das Über-Ich hindurch und wird (scheinbar 
von ihm) gegen das Ich selbst gerichtet. Er operiert in der beim Haß 
erwähnten Weise. Dieser Teil wird normalerweise, allerdings in sehr 
verschiedenem Grade, desexualisiert. 

4) Es ist wahrscheinlich, daß andere aktive Komponenten der Libido 
denselben Gang nehmen wie die letzte Gruppe. So ist es schwierig, in der 
Einstellung des Über-Ichs zum Ich, namentlich in Bezug auf solche Dinge 
wie Pflicht, Ordnung u. dgl., nicht Spuren der analen Komponente der 
anal-sadistischen Phase zu sehen. Ebenso spielen vielleicht die Schaulust- 
elemente bei dem sorgsamen „Beobachten", das über das Ich ausgeübt 
wird, eine Rolle. 



1) Es ist zweifelhaft, ob man den Terminus „Desexualisierung" für die ersten zwei 
dieser vier Gruppen anwenden kann. 



2Ö2 Ernest Jones 



Wir sehen, daß das Über-Ich als ein Kompromiß zwischen dem Wunsch, 
zu lieben, und dem Wunsch, geliebt zu werden, entsteht. Einerseits bietet 
es sich als Objekt für die Libidoimpulse des Es dar, wenn das äußere 
Objekt nicht mehr erreichbar ist, andererseits fordert es den Verzicht des 
Inzestwunsches, welches die einzige Bedingung ist, unter der die elterliche 
Billigung (d. h. Zuneigung) erhalten werden kann. 



I 



Einige Variationen des Idigefuhls 

■ Von 

Paul Federn 

Wien 

Bis zur Ps) r choanalyse war alle Psychologie Ichpsychologie. Über die 
Steigerung und Herabsetzung des Ichgefühls wird mit anderer Benennung 
unter den Gemeingefühlen gesprochen. Seitdem die Depersonalisation die 
Psychiater beschäftigt, werden die Störungen des Ichgefühls vielfach 
untersucht. Namentlich Schilder hat sie in seinen Arbeiten über 
Selbstbewußtsein und Persönlichkeitsbewußtsein und über das Körper- 
schema gründlich dargestellt, sich aber vorzugsweise mit den schwer- 
pathologischen Zuständen beschäftigt. Meine Mitteilungen gehen von 
Zuständen aus, welche an der Grenze der Norm liegen, und stützen sich 
auf eigene Selbstbeobachtung und auf Mitteilung von Selbstbeobachtungen 
von Patienten. 

Jede Definition des Ichs scheitert daran, daß in derselben das „Ich", als 
Sonderwesen der Außenwelt gegenübergestellt, wiederkehrt. Beschreiben 
läßt sich das „Ichgefühl" als Gefühl des geistigen und körperlichen 
Zusammenhanges in Hinsicht auf Zeit und Inhalt, wobei der Zusammen- 
hang als ununterbrochene oder als wiederhergestellte Einheit zu ver- 
stehen ist. 

Was den zeitlichen Zusammenhang betrifft, so wissen wir durch Freud, 
daß im Ubw die Zeit nicht vertreten ist. So weit die Selbstbeobachtung 
das Traumerlebnis sich zurückrufen kann, fehlt dem „Ich im Traume" 
das Gefühl von seiner Einheit in der Zeit häufig, aber nicht immer. Die 
Geschehnisse des Traumes werden aber als zeitlich ablaufend erfaßt. Das 
widerspricht nicht dem genannten Schlüsse Freuds, weil ja im Traum 
das Bw partiell erwacht. Wenn im Wachen das Gefühl der Einheit des 
Ichs in zeitlicher Hinsicht fehlt, so entstehen den Autoren wohlbekannte 



2 64 



Paul Federn 



Formen der Depersonalisation (auch das dejä vu). Während in der Norm 
Gegenwart als zwischen Zukunft und Vergangenheit stehend erfaßt wird, 
ist sie bei solchen Kranken stets neubeginnend. Das liegt am Ichgefühl, 
nicht etwa an der Auffassungsfähigkeit für den zeitlichen Ablauf, da die 
Orientierung in der Zeit erhalten bleibt. 

Im inhaltlichen Zusammenhang kann man das geistige und das körper- 
liche Ichgefühl im Ich unterscheiden. Der Satz cogito ergo sum hebt das 
erstere in rationeller Formulierung hervor. Seitdem Freud das Über-Ich 
1 abgetrennt und seinen unbewußten Anteil schärfer als früher formu- 
liert hat, halten viele Psychoanalytiker diese Abtrennung bloß für eine 
Formulierung oder für eine Konstruktion, welche einige bereits früher 
bekannte zensurierende Ichinstanzen zusammenfassen soll. Die Selbst- 
beobachtung in jedem psychischen Konflikte belehrt, daß dem Ich und 
Über-Ich auch ein anderes Ichgefühl entspricht, daß sie als gesondert 
sich von jedem durch Selbstbeobachtung feststellen lassen. Die genaue 
Beschreibung dieser Ichgefühle fehlt noch. Bei einigen Personen ist das 
zum Über-Ich gehörige Ichgefühl ein rein geistiges, ihm fehlt jeder körper- 
liche Inhalt. Dem entspricht, daß das Über-Ich in der Norm keinen 
direkten Zugang zur Motilität hat. Bei der Melancholie scheint es anders 
zu sein, wodurch sich die Nähe des Selbstmordes bei dieser Krankheit im 
Gegensatz zu gleich großen andersartigen Verstimmungen erklärt. Nach 
der Selbstbeobachtung hat das Über-Ich auch keinen direkten Zugang zu 
den Willensintentionen, wohl aber zur Hemmung derselben und zur inten- 
tioneilen Richtung der Aufmerksamkeit. All dies mag bei anderen Per- 
sonen anders sein und individuelle Unterschiede dieses Ichgefühls erkennen 
lassen. Soweit zwangsneurotische Impulse, Gedanken oder Vorstellungen 
vom Über-Ich ausgehen, enthalten sie, wie alle Zwänge, entsprechend der 
aus dem Ubw verstärkten Besetzung ein Gefühl, daß sie sich sehr stark 
dem Zugang zum Motorischen nähern, ohne ihn aber zu erreichen; der 
verstärkte motorische, bei Gedanken intentionelle Charakter bedingt die 
Verstärkung der entgegengesetzten Hemmungen und Regungen und 
auch die nicht zu beruhigende Angst, daß sie wirklich zur Tat führen 



müssen. 



Hiegegen hat das zum „Ich", im Gegensatz von „Über-Ich", gehörige 
geistige Ichgefühl den Zugang zur Motilität und zum Körper-Ich. Mit 
Rücksicht darauf, daß geistige Vorgänge in der Neurose aus dem geistigen 
Ich in den Körper projiziert (in erweiterter Verwendung des Terminus), 
d. h. konvertiert werden und in der Psychose, über den Körper hinaus, 
in die Außenwelt verlegt, „projiziert" (das Wort in gewohnter Weise 
gebraucht) werden, kann man das „geistige Ich" auch als „Innen-Ich" 



Einige Variationen des Ichgefühls 265 



bezeichnen und damit eine topische Betrachtungsweise versuchen, die aber 
zunächst nichts mit der Topik der Bewußtseinsstufen zu tun hat. 

Das körperliche Ichgefühl ist ein Gesamtgefühl aller motorischen und 
sensorischen Erinnerungen, die den eigenen Körper betreffen; es ist aber 
nicht mit diesen Erinnerungen identisch; es enthält vielmehr das einheit- 
liche Gefühl von der Libidobesetzung der sensorischen und motorischen 
Apparate. Das körperliche Ichgefühl ist nicht identisch mit dem Körper- 
schema, der Gesamtheit der richtig geordneten Wahrnehmungen vom 
eigenen Körper. Das eine kann schwinden ohne das andere. Das körper- 
liche Gefühl vom Ich könnte als Teil des geistigen Ichs aufgefaßt werden, 
das nur zur leichteren Darstellung gesondert bezeichnet wird. Dem wider- 
spricht aber die Beobachtung von Zuständen, in denen sich die beiden 
Ichgefühle deutlich von einander sondern. Das kann beim „Ich im Traume" 
geschehen und bei dem Schwinden des Bewußtseins, beim Einschlafen und 
Erwachen. Scherner, der bedeutendste Kenner des Traumlebens vor 
Freud, hat diese Zustande mit heute fremdartig erscheinender Termino- 
logie schon beschrieben. 

Der einfachste Vorgang ist das rasche Verfallen eines schläfrigen Men- 
schen in traumlosen Schlaf, die Dormition ohne hypnagoge Symptome. 
Dabei wird die Intensität aller Ichgefühle fast pötzlich gleich Null. Man 
muß das hervorheben, weil Freuds Bezeichnung des Schlafes als narziß- 
tischen Zustands dahin mißverstanden werden kann, als ob das Ich im 
Schlaf besonders mit narzißtischer Libido besetzt wäre. Die Bemerkung 
sagt aber nur aus, daß im Ubw die Libido mehr narzißtisch verwendet 
wird, doch nicht ausschließlich. Verschiebungen, Zurückziehungen und Neu- 
besetzungen im Ubw betreffen auch die Objektvorstellungen; das zeigt die 
mitunter völlige Änderung derselben nach einem kurzen traumlosen Schlaf. 
Der Beweis wäre ein sicherer, wenn wir die Traumlosigkeit eines Schlaf- 
zustandes feststellen könnten. 

Bei der Zurückziehung der Besetzungen im raschen Einschlafen läßt 
sich aber dennoch in der Regel noch beobachten, daß das körperliche Ich- 
gefühl früher sch\vindet als das geistige Gefühl des Ichs und Über-Ichs. 
Das „Körper-Ich" (ich setze, um die Darstellung zu kürzen, fernerhin 
öfters „Ich" statt „Ichgefühl") kann beim Einschlafen völlig geschwunden 
sein und vom noch wachen „geistigen" Ich neu besetzt und wieder erweckt 
werden. Auf diese Art erfolgt das willkürliche Hinausschieben des Einschlafens. 
Bei — vermutlich — den meisten Menschen verliert das Über-Ich des 
rasch Einschlafenden früher die Besetzung als das Ich. Nachdem das Über- 
ich schon geschwunden ist, kann das Ich noch infolge einer auftauchen- 
den Erinnerung oder eines äußeren Reizes das Körper-Ich mit dem deut- 
ln t. Zeitsohr. f. Psychoanalyse XII/5. 18 



l6ö Paul ledern 



liehen Gefühl der Willensanstrengung neuerlich besetzen lassen. Erst dar- 
nach erfolgen körperliche Innervationen 5 nur bei schreckhaftem Wieder- 
erwachen kann die Bewegung der Wiederkehr des Körper-Ichs voraus- 

gehen. 

Analog dem normalen Einschlafen ist ein solches Erwachen als völlig 
normal zu bezeichnen, welches unter den in gewohnter Weise eintretenden 
äußeren und körperlichen Reizen, entsprechend dem inneren Rhythmus, 
anscheinend spontan und ohne Wecktraum erfolgt. Körperliches und geistiges 
Ich erwachen fast gleichzeitig. Immerhin kann man oft das Vorausgehen des 
geistigen Ichgefühls bemerken, ohne daß ein Gefühl von Befremdung damit 
verbunden wäre. Man findet sich am anderen Morgen wieder. Das Über- 
ich erwacht in der Regel erst nach dem Ich. 

Erwacht man hingegen aus einem Traume, so kann die Sonderung von Körper- 
Ich und geistigem Ich schon sehr deutlich werden; wir werden später ein 
besonderes Beispiel davon berichten. Weckträume entstehen zum Teil durch 
Reize aus dem Körper oder von außen, zum Teil gehen sie vom Über-Ich 
aus. Wenn man träumt, daß man eine unerwünschte Arbeit bereits aus- 
geführt hat, oder daß man auf die Uhr schaut und die Zeit so vorge- 
schritten ist, daß man auf keinen Fall noch zurecht kommen kann so 
hat das Ich sich erfolgreich durch gleichzeitiges Erwachen vor dem Über-Ich 
geschützt. Wenn hingegen eine Person, welche schon durch ihre Indm- 
dualität die Provenienz vom Über-Ich verrät, weckend an das Lager tritt, 
oder die gesollte Tätigkeit selbst den Träumenden an seine Aufgabe 
erinnert, so hat das Über-Ich rechtzeitig und zuerst seine Besetzung wieder- 

erlangt. 

Noch deutlicher als beim Einschlafen erfolgt die Sonderung von 
geistigem und körperlichem Ich bei der Anwandlung einer Ohnmacht mit 
ihrem verlangsamten Eintritt der Bewußtlosigkeit. Dabei fühlt man das 
Körper-Ich mit dem stärksten Gefühl von Entfremdung von sich abfallen, 
nach abwärts gleiten, mitunter geradezu die distalen Teile früher als die 
proximalen. Eine kurze Spanne Zeit ist, wie sonst niemals, das geistige 
Ich deutlich rein vorhanden. Dasselbe dürfte bei Ausnahmezuständen und 
Ekstasen erfolgen und die erfahrungsgemäße Grundlage der selbstverständlichen 
dualistischen Überzeugung von der getrennten Existenz von Körper und Seele 
geben. Der Mythus der Himmelfahrt ist eine Darstellung solcher Erleb- 
nisse in Projektion nach außen. 

In vollem Gegensatz dazu gibt es Zustände hochgradiger geistiger 
Erschöpfung, bei denen das Körper-Ich allein gefühlt wird, was hier nicht 
näher ausgeführt werden soll. 

Beim langsamen Einschlafen bleiben die Ichgefuhle gleichzeitig 



Einige Variationen des Idigefühls 2Ö7 



bestehen. Hypnagoge Erscheinungen führen in den Traumzustand hinüber. Das 
geistige und das körperliche Ich unterliegen dabei wechselnden Verände- 
rungen, die auch auf wache Zustände analoger Art die Aufmerksamkeit 
lenken. Im geistigen Ich überwiegt beim Schläfrigwerden das Lust-Unlust- 
prinzip über das Realitätsprinzip. Sehr viele Menschen schlafen stets unter 
Wunschphantasien ein. Diese werden noch lebhafter, weil die Regression 
zur zentrifugalen Besetzung der Sinnesfunktionen zu den bekannten hypna- 
gogen Visionen führt, die Aufmerksamkeit wird auch mehr vegetativen 
Vorgängen zugewandt, die Motilität und das Wollen treten zurück. Gestört 
wird deshalb das Einschlafen durch Gedanken jeder Art, welche das Rea- 
litätsprinzip festhalten, durch äußere Sinnesreize, welche den Sinnesfunk 
tionen eine zentripetal wirkende Besetzung geben, schließlich durch Vor- 
gänge der vegetativen Organe, auch von so geringer Intensität, daß sie 
im Wachen unbeachtet bleiben würden. Diesen Veränderungen entspricht 
auch ein anderes geistiges Ichgefühl des Einschlafenden. Es ist wieder das 
des Kindes geworden. Daß viele Menschen mit den Jahren schwerer ein- 
schlafen, liegt zum großen Teile daran, daß es ihnen schwerer wird, vom 
Realitätsprinzip zu lassen, daß die Phantasien, die sie früher einschliefen 
ließen, später, völlig von der Wirklichkeit überholt, ihren Lustcharakter 
eingebüßt haben, daß sie nicht mehr kindisch oder kindlich wünschen 

können. 

Weniger bekannt ist die Regression zur kindlichen Stufe im körper- 
lichen Ichgefühl. Wir nehmen an, daß das ursprüngliche Ichgefühl des 
Kindes sich nur auf Sensationen erstreckte, die von wenigen vegetativen, 
erogenen Zonen ausgingen, während das körperliche Ichgefühl, wie es der 
Erwachsene besitzt, später allmählich erworben wurde. Dieses Ichgefühl 
des Erwachsenen entspricht seinem Körperschema (Schilder). Jedes 
normale Ichgefühl erstreckt sich auf den ganzen Körper. Beim verlang- 
samten Einschlafen aber regrediert auch das Körper-Ich auf infantile 
Stufen, auf denen die einzelnen Körperteile allmählich für das Ich erworben 

wurden. 

Diese Regression geht sehr wechselnd vor sich. Das Körper-Ich verliert 
oft ganz seine Tiefendimension; es wird nach allen Richtungen verzogen 
und verzerrt. Alle absonderlichen Menschendarstellungen der modernsten 
Malkunst kann man beim Einschlafen an sich selbst wahrnehmen. Die 
Distanz der symmetrisch gelegenen Teile kann vielmals größer erscheinen 
als die Länge des Körpers; die räumlichen Dimensionen geraten aus jeder 
tatsächlichen Proportion. Wenn zwei oder drei Körperteile richtig emp- 
funden werden, so scheint sich der übrige Körper als mehr oder weniger 
vage Masse, vergrößert oder verkleinert nach einer Seite von ihnen oder 

18» 



268 



Faul Federn 



um sie zu lagern. Die Ebenen des Körpers scheinen in jeder Richtung 
verschoben. Mitunter ist die Veränderung nur eine Verkürzung des Körpers, 
das Körpergefühl reicht nur bis zum Rumpf oder bis zu den Knien; aber 
auch Teile aus der Mitte des Körpers können dem Körpergefühl ent- 
schwinden. Oft verliert sich die Begrenzung des Körpers nach einer Rich- 
tung, statt der Grenze fühlt man eine Bewegung dieser Teile nach dieser 
Richtung, ohne daß der ganze Körper als bewegt gefühlt würde. Hier 
besteht also tatsächlich ein Verlust der Ichgrenze. 

Von dieser Hinfälligkeit bleibt das körperliche Gefühl von Gesicht und 
der Kopf am ehesten frei; ferner bleiben die beim Liegen als Stützpunkte 
empfundenen Körperteile mehr stabil; aber auch für diese Teile kann das 
Körpergefühl schwinden. Es ist kein Zufall, daß ein Patient, bei dem der 
Schädel während eines solchen Einschlafens sich nach einer Richtung zu 
vergrößern schien, am nächsten Tage ein Depersonalisationsgefühl gerade 
für seine Stimme, also eine akustische Entfremdung empfand 

Die beschriebenen Veränderungen des körperlichen Ichgefühls selbst sind 
von keinem Befrcmdungsgefühl begleitet; man merkt sie nicht, wenn man 
nicht die Aufmerksamkeit auf sie richtet; merkt man sie, so hat man die 
Sicherheit, daß durch eine stärkere Richtung der Aufmerksamkeit auf sein 
Körperschema, mitunter durch die geringste Bewegung des Körpers der 
Spuk schwindet. Die Willensintention entfernt zwar vom Einschlafen, stellt 
aber beim Normalen das volle Körper-Ich wieder her. Ob beim Kinde der- 
artige Verzerrungen des Körper-Ichs zur Zeit, da es gebildet wird, vor- 
kommen, ist noch nicht eruiert. 

Wenn das Körper-Ich in dieser Weise beim erschwerten Einschlafen 
labil zu werden pflegt, läßt sich nun eine merkwürdige Determinierung 
daliin bemerken, daß erotisch betonte Zonen oder Teile mehr resistent 
sind als andere, und mehr als bei anderen Individuen. Ein Individuum 
mit ausgeprägter oraler Libido verliert nicht das Körpergefühl des Mundes; 
ein Patient, bei dem die Exhibition des Gesäßes in der Jugend eine große 
Rolle gespielt hatte, mehrere Masochisten, bei denen der Rücken erogen 
betont ist, behalten die Besetzung des erotisch betonten Teiles bei; daß 
das Gesicht sich bei allen Menschen am wenigsten im subjektiven 
Körpergefühl verändert, ist analog durch die stärkere Libidobesetzung 
zu erklären. 

Ob das verzögerte Einschlafen mit seinen hypnagogen Visionen und der 
hypnagogen Veränderung des Ichgefühls, wenn schließlich der Schlaf 
erreicht wird, immer in einen Traum übergeht, wissen wir nicht, weil 
die Erinnerung für den Einschlaftraum am ehesten bis zum nächsten 
Morgen verloren geht. In den Träumen selbst werden von normalen 



Einige Variationen des IdigefUhls 269 

Menschen Verzerrungen des körperlichen Ichgefühls nur selten berichtet. 
Sie werden ihre besondere Bedeutung haben. 

Hingegen ist das Ich im Traume, wenn es überhaupt körperliche Kon- 
turen hat, viel häufiger unvollständig als dem ganzen Körper-Ich ent- 
sprechend. Läßt man die Traumszenen — ohne jede Beeinflussung des 
Zeichners — zeichnen, so wird selten die ganze Gestalt eingezeichnet, oft 
wird sie nur vage angedeutet, oft nur der Kopf oder das Bruststück, oft 
gibt der Träumer nur an, wo er stand, oft weiß er auch das nicht. Geübte 
Zeichner pflegen im Dienst der sekundären Bearbeitung gerne ihre Person 
in der Zeichnung zu ergänzen; man muß ihnen erklären, worauf es 
ankommt. Jedenfalls erfahren wir, daß das „Ich im Traume" sehr oft ein 
unvollständiges Körpergefühl hat. In anderen Fällen ist aber das Körper- 
gefühl vollständig und sogar sehr betont. Das Wohlgefühl - in solchen 
Träumen ist oft lebhaft. 

Bei den Träumen mit typischen Sensationen, sowohl bei den peinlichen 
als den lustvollen, ist das Körpergefühl im Traume stets - verstärkt, aber 
oft nicht vollständig. Sehr lebhaft und vollständig ist es bei Flugträumen 
und Schwimmträumen, die von dem besonderen Wohlgefühl dieser Träume 
begleitet sind. Es gibt aber auch Träume gleichen Inhalts ohne Wohl- 
gefühl und mit undeutlichem Körper-Ich. Fehlt dieses ganz, so haben diese 
Träume nicht die typische Bedeutung. Bei den Angst- und Hemmungs- 
träumen ist das körperliche Ichgefühl stets lebhaft, oft aber auf einen 
Körperteil stärker konzentriert. Da diese Träume typische sind und beim 
bleichen Individuum in typischer Form wiederkehren, sind die Abweichungen 
im Ichgefühl leicht bemerkbar. 

Daß die erotische Konstitution auch das Ausmaß des köi-perlichen Ich- 
gefühls im Traume bestimmt, zeigt der typische Traum eines masochi- 
stischen Individuums, das die Beine mit besonderer Betonung exhibitionierte. 
Er hatte typisch die Modifikation des Flugtraumes, welche in einem 
berührungslosen Hinabschreiten über die Stiege besteht. Dabei waren nur 
die unteren Extremitäten im Körper-Ich vertreten. 

Im Gegensatz zu solchen Träumen, bei denen das körperliche Ich- 
gefühl stärker ist als im Wachen, zeichnet sich wohl die Mehrzahl aller 
erinnerten Träume durch den völligen Mangel jedes Körpergefühles aus. 
Das „Ich im Traume ist dann nur das geistige Ich. Es ist dann die beim 
Einschlafen vom Körper abgezogene, oder besser in das Es zurücksinkende 
Libido auch im Traume nicht wieder an das Körper-Ich herangetreten. Die 
zum Traume führende Regression trifft Objektvorstellungen, macht sie bis zur 
vollen Wirklichkeit und oft noch über deren Intensität hinaus lebhaft und 
doch fühlt der Träumer trotz des lebhaftesten Träumens nichts von seinem 






270 Paul Federn 



Körper. Daß seine Identität ihm erhalten bleibt, daß er fühlt, wer er ist, 
liegt am geistigen Ichgefühl. Gerade in dem Mangel des körperlichen 
Ichgefühls liegt das Traumhafte dieser Träume. Daß die Depersonalisation 
oft als traumhaft vom Kranken selbst bezeichnet wird, bezieht sich auf den 
Defekt des körperlichen Ichgefühls bei diesen Zuständen. 

Der Charakter der Lebhaftigkeit des einzelnen Traumelementes hängt 
von der durch Verdichtung konzentrierten Libidobesetzung ab. (Freud.) 
Nun gibt es Träume, die im ganzen als besonders lebhaft erinnert werden. 
Man kann sie in zwei Gruppen teilen. Bei den einen ist starke persönliche 
Beteiligtheit, intensiver Affekt, Stärke des Körper-Ichs, oft auch eine inten- 
sive typische Sensation vorhanden. Gerade bei diesen Träumen fällt aber auf, 
daß Staffage und Szenerie oft nur angedeutet, farblos und vorübergehend, 
oft nur huschend, kaum erfaßbar sind. Die Lebhaftigkeit der zweiten Art 
von Träumen besteht hingegen darin, daß das als geschehend Erschaute 
übernormal lebhaft ist, Landschafts- und Städtebilder in satten Farben und 
stark beleuchtet erscheinen, Gesichtsfelder in der Größe eines Panoramas, 
und sehr lebendige menschliche Gestalten. Grade bei diesen Träumen 
fehlt das körperliche Ichgefühl oft ganz oder beschränkt sich auf die 
schreitenden Beine oder den Kopf. Es ist, als ob die libidinöse Besetzung 
nicht für die Objektvorstellungen und den Körper ausreiche und im Traum 
das geistige oder das körperliche Ichgefühl mehr oder weniger fehlen muß; 
werden beide besetzt, so tritt eben Erwachen ein. 

Einen merkwürdigen Fall von Trennung von Körper-Ich und geistigem 
Ich berichtete mir ein Patient, der im Wachen nicht an Depersonalisation 
litt. Er hatte einen ungewöhnlich vollständigen und lebhaften sexuellen 
Traum mit lebhaftester Objektvorstellung und mit lustvollem, sexuellem 
Ichgefühl. Der Traum spielte in seinem Zimmer, aber nicht in seinem 
Bette. Er wurde plötzlich aus dem Traume geweckt. Beim Erwachen fand 
er sich mit dem Zustand völliger Depersonalisation in seinem Bette und 
hatte das Gefühl, daß sein Körper als nicht zu ihm gehörig neben ihm 
liege. Es war also zunächst nur das geistige Ich erwacht. Daß das körper- 
liche Ichgefühl nicht mit dem geistigen Ich erwachen konnte, lag 
daran, daß im vorausgegangenen Traume alle Libido das sehr lebhaft 
geträumte Sexualobjekt besetzt hatte und keine narzißtische Besetzung des 
körperlichen Ichs, die zum Erwachen desselben nötig gewesen wäre, im 
Momente des plötzlichen Erwachens dafür übrig gewesen war. Dieser 
ungewöhnliche Vorgang zeigt in ungewöhnlicher Deutlichkeit, daß die 
Besetzung des Ichs und die eines sexuellen Objektes zueinander in dem 
Verhältnis der Korrelation stehen, daß also die narzißtische und die Objekt- 
besetzung mit gefühlsmäßigem Interesse dieselbe psychische Energie brauchen 






Einige Variationen des Ithgefühls 2 7* 



— der ungewöhnliche Vorgang bestätigt also durch die Selbstbeobachtung 
des Träumers die Richtigkeit der Libidotheorie. 

Es ist völlig verständlich, daß in solchen Träumen, in denen das körper- 
liche Ichgefühl vorhanden ist, die träumende Person durch sich selbst dar- 
gestellt wird und nur Abspaltungen oder Objektauffassungen von ihr durch 
andere Gestalten des Traumes dargestellt werden können. In den 
Träumen, in welchen das körperliche Ichgefühl ganz fehlt, vertritt immer 
eine Gestalt des Traumes das Ich des Träumers. Das zeigt, daß stets 
für das geistige Ich das Körper-Ich einen Gegenstand des Traumes abgibt, 
auch wenn es nicht als die eigene körperliche Person erlebt wird. 

Das Bisherige gab so viele Beispiele für die Verschiedenheit und die 
Einschränkung der Ichgefühle bei gesunden Individuen, daß wir uns nicht 
wundern, sie auch im Wachzustand bei ihnen zu finden. Bei jeder stärkeren 
Ermüdung, namentlich, wenn die Schläfrigkeit nur durch die Anregung 
von außen und die interessierte Beschäftigung gehindert ist, verliert das 
körperliche Ichgefühl an Intensität und Umfang. Es konzentriert sich dabei 
oft auf die ermüdeten Teile. Bei jeder Verstimmung infolge von Müdigkeit 
ist das körperliche Ich nicht mehr vollständig, bei aller vollen Lebens- 
freude, bei allem „Übermut" ist es hingegen verstärkt. 

Sehr herabgesetzt ist es aber bei jeder endogenen oder exogenen Ver- 
stimmung, auch bei der melancholischen; Angstneurotiker haben gestörtes 
körperliches Ichgefühl in den angstfreien Intervallen. Oft reicht das körperliche 
Ich°-efühl nicht über Gesicht und Kopf. Durch Willensintention läßt sich das 
vollständige Körper-Ich bei diesen Zuständen stets wieder herstellen. Dazu 
genügt oft der Beginn einer Tätigkeit oder das Sprechen mit einer anderen 
Person, oder nur die Begegnung mit ihr, namentlich, wenn sie nicht zur 
dauernden Umgebung gehört. Wirkliche Depersonalisation tritt, im Gegen- 
satz dazu, gerade auf, wenn der daran Leidende allein ist oder sich allein 
fühlt, weil er fremden Personen begegnet oder in eine Gesellschaft tritt, die 
seiner Eitelkeit nicht schmeichelt. Die beschriebenen leichten Störungen 
des Ichgefühls unterscheiden sich also dadurch von den Depersonalisations- 
zuständen, daß erstens bei diesen das eingeschränkte Körper-Ich nicht mehr 
voll mit Libido besetzt werden kann, und zweitens, daß bei dem Versuch, 
das zu tun, der automatisch unternommen wird, sobald der Kranke ein 
Objekt wahrnehmen will oder soll, ein Gefühl von Entfremdung eintritt. 
Die von uns beschriebenen geringen, aber doch wichtigen — weil die Daseins- 
freude ausmachenden — Variationen werden kaitm je spontan bemerkt; bei 
ihnen besteht Verstimmung verschiedenen, oft ganz leichten Grades, aber 
keine Entfremdung, und das gesamte Körper-Ich ist stets wieder herstellbar. 
In den Vorstadien der Schizophrenie finden sich aber Zustände, in denen 



272 



Paul Federn 



die beschriebenen Grade von Einschränkung des Körper-Ichs spontan gefühlt 
werden, darüber geklagt wird, das Körper-Ich trotz Willensanstrengung nicht 
ergänzt werden kann und doch keine Entfremdung besteht. 

Die Individuen, bei welchen beim Einschlafen besondere Körperteile, 
und zwar solche, die durch libidinöse Partialtricbe erogen betont sind, der 
Einschränkung des Körper-Ichs widerstehen, zeigen die gleiche Eigentüm- 
lichkeit bei der analogen Variation ihres Ichgefühls im Wachen. Veranlaßt 
man ausgesprochen Perverse, auch wenn die Perversion nicht sexuell betätigt 
wird, zur Selbstbeobachtung ihres Körper-Ichs, so erfährt man, daß bei 
ihnen ihre überstarken erogenen Zonen im Ichgefühl ständig stark betont 
sind. Auffallend ist ein Gegensatz zwischen dem körperlichen Ichgefühl des 
Sadisten und Masochisten, beim ersten ist das Kohabitationsorgan in das 
Körper-Ich einbezogen, bei letzterem aus ihm ausgeschlossen. Bei aus- 
gesprochenen Sadomasochisten wechselt das Ichgefühl mit den entgegen- 
gesetzten Einstellungen. Auch in das geistige Ichgefühl des Sadisten ist 
das genitale Sexualgefühl aufgenommen, vom Masochisten wird es außerhalb 
des Ichs nur körperlich gefühlt. 

Alle besprochenen Erscheinungen finden ihre Erklärung in der Ent- 
wicklung des Ichgefühls. Das geistige, den inneren Wahrnehmungen ent- 
sprechende Ichgefühl, ist das dem Kinde ursprüngliche. Das dem Körper 
und den durch ihn vermittelten Wahrnehmungen entsprechende Ichgefühl 
ist schrittweise dazu gekommen; dann wurde allmählich das Gefühl der 
Besetzung der Objektvorstellungen von dem der Besetzung des körperlichen 
Ichs geschieden, während gleichzeitig die Außenwelt vom Körper als 
Wahrnehmungsinhalte gesondert wurden. Das Dazukommen jedes neuen Teiles 
des späteren Gesamt-Ichgefühls bedeutet eine Fixationsstelle. Die wichtigste 
ist die Scheidung von Körper-Ich und geistigem Ich. Bei gewaltsamer 
Abkehr vom Köq)er, wie sie beim Bewußtseinsverlust vorübergehend erfolgt, 
regrediert das Ichgefühl auf diese Fixationsstelle. Partielle Begressionen 
finden auch im wachen Zustande infolge Libidoversagung, welche gleich- 
zeitig Verstimmung hervorruft, statt. Bei totaler Depersonalisation regrediert 
das Ichgefühl dauernd auf diese Fixationsstelle. Die Säuglings- und Kinder- 
psychologie wird die Zeit, in welcher diese Fixationsstellen auftreten, angeben 
können. 

Bei den meisten Fällen regrediert das Ichgefühl auf solche Entwicklungs- 
stufen, auf welchen einzelne Apparate der körperlichen Wahrnehmung all- 
mählich in das Ich einbezogen wurden und mit der Konsolidierung des 
körperlichen das Ichgefühl mehr und mehr zu einem vollständigen wurde. 
Viele Arten von Depersonalisation bedeuten demnach folgendes : wenn 
Objekte der Außenwelt wahrgenommen werden, ohne daß im Körper-Ich 



r 

4 



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Einige Variationen des ldigefühls 273 

jene Apparate oder Teile, welche das Objekt wahrnehmen, im Ichgefühl 
enthalten sind, so erscheinen diese Objekte als fremd, nicht deshalb, weil 
sie schwerer erkannt werden, sondern weil der Teil der Ichgrenze, an 
welcher das betreffende Objekt an das Ich herantritt, nicht mit Libido, 
narzißtisch verwendeter Libido, besetzt ist. Jeder Depersonalisierte klagt 
darüber, daß er nicht an das Objekt, das Objekt nicht an ihn heran- 
könne. 

So erklärt sich auch die Tatsache, welche Nunberg zuerst gefunden 
hat, und die sich mir in jedem Falle bestätigte, daß bei jeder Übertragungs- 
neurose Depersonalisationssymptome auftreten, dadurch, daß regelmäßig bei 
plötzlicher Objekiv ersagung die Objektlibido von dem betreffenden Objekte, 
und gleichzeitig die narzißtische Libido von der betreffenden Ichgrenze — 
wenigstens vorübergehend — abgezogen wird. 

Bei den Übertragungsneurosen wird diese Besetzung mit narzißtischer 
Libido gewöhnlich bald wieder hergestellt; die Entfremdung hört dann auf. 
Zur Feststellung der Störung der Ichgvenze bei der Zwangsneurose bedarf 
es noch genauer Kenntnis der Fixationsstellen "im geistigen Ichgefühl. Bei 
der Konversionshysterie liegt sie zwischen geistigem und Körper-Ich. 

Die Sonderung des geistigen und des körperlichen Ichgefühls und die 
Beobachtung, daß im Traume entweder das geistige oder das körperliche 
Ich mit Libido besetzt bleibt, und daß bei den Träumen mit typischen 
Sensationen das körperliche Ichgefühl prävaliert, läßt die Konversion als 
Mechanismus verstehen, bei welchem ein libidobesetzter Vorgang im 
Unbewußten unter Regression auf die Fixationsstelle zwischen geistigem 
und körperlichem Ich aus diesem in das körperliche Ich projiziert wird, 
während bei der Projektion von körperlichen Vorgängen nach außen, die 
gleichfalls im Traume regelmäßig und bei manchen Psychosen als waches 
Dauersymptom geschieht, die Regression die Grenze zwischen Gefühl des 
Körper-Ichs und Gefühl der Wahrnehmung des Objekts durchbrochen wird. 

Man kann sagen, daß mancher anscheinend Gesunde in seinen Träumen 
mit t3 r pischen Körpersensationen schlafend seine Konversionsneurose 
erledigt, so wie sich bei manchem in den Angstträumen seine Angstneurose 
erschöpft. 

Viele Fälle von Depersonalisation werden dadurch verständlich, daß man 
die Variationen des Körper-Ichs beachtet. Wahrscheinlich wird jede der 
mannigfaltigen Depersonalisationsstadien auf eine besondere Fixierungsstelle 
in der Entwicklung des Ichgefühls aufmerksam machen. 

Die mitgeteilten Variationen des Ichgefühls bilden ein Gebiet, auf welchem 
die dynamische Auffassung des Psychischen fast durch Selbstbeobachtung 
der Zuwendung und Ablösung von libidinöser Besetzung bestätigt wird; 



274 



Paul Federn: Einige Variationen des Idigcfühls 



besonders deutlich wird die Identität der narzißtischen Besetzung des Ichs 
und der sexuellen Energie. Die Variationen sind endopsychische Symptome, 
welche der psychoanalytischen Untersuchung und auch der Behandlung 
zugänglich sind. 



Vom Uber-ldi 

Ein Beitrag zur Terminologie 

Von 

Charles Odier 

Genf 

Es ist einer der häufigen Vorwürfe gegen die Psychoanalyse, — und in 
der Schweiz z. B. geradezu der häufigste — daß sie zu ausschließlich analy- 
tisch, das heißt passiv vorgehe, daß sie nicht eine wirkliche Psychotherapie 
im modernen psych agogischen Sinne sei, weil sie sich zu ausschließlich mit 
den unbewußten sexuellen Energien beschäftige und von den bewußten 
psychischen Energien zu sehr absehe. Es fehle ihr der Abschluß einer 
Psychosynthese" und der Versuch einer „Reedukation", um die Behandlung 
zu vervollständigen. Dies sei die Ursache einer therapeutischen Unzuläng- 
lichkeit, die durch zahlreiche Fälle belegt werden könne, in denen nach 
der Behandlung ein gewisser Grad von Unbehagen und Unfähigkeit weiter 
besteht, manchmal sogar ein starkes Minderwertigkeitsgefühl, selbst wenn 
die hauptsächlichsten Symptome beseitigt worden sind. Mit einem Wort, die 
Psychoanalyse wird als eine „amoralische'' Methode hingestellt. 

Ich weiß nicht, ob die Häufigkeit und die Allgemeinheit dieser Kritik 
einen besonderen Charakterzug der schweizerischen Mentalität vertritt. Wir 
dürfen aber nicht übersehen, daß gerade in unserem Lande die dissidenten 
Methoden von CG. Jung und von M a e d e r das Licht erblickten, oder 
daß Pfarrer Pf ist er seine ethisch-synthetische Erziehung mit der Psycho- 
analyse verschmilzt. Wie dem auch sei, möge die Kritik zu Recht oder 
Unrecht bestehen, ich meine, daß jeder Analytiker sie doch in Betracht 
ziehen sollte angesichts ihrer Ausbreitung und ihres spontanen Charakters. 
Es ist vielleicht nicht ausgeschlossen, daß sich etwas anderes dahinter ver- 
birgt, als nur ein einfacher Widerstand. Denn es ist schon ein psycho- 
logisches Problem an und für sich, warum das Persönlichkeitsgefühl im 
Menschen so tief verletzt wird und so heftig reagiert auf eine Lehre, die 



276 



Charles Odier 



an der Basis alles menschlichen Wirkens eine libidinöse Dynamik .im Werke 
sieht. 

Beim Nachsinnen über die Beantwortung dieser Frage sind mir gewisse 
Unklarheiten aufgefallen, oder, besser gesagt, ich komme nicht über die 
Tatsache hinweg, daß gewisse Termini, wie z. B. „Über-Ich" und „Ichideal", 
gelegentlich zu Verwechslungen Anlaß geben, da sie von den verschiedenen 
Autoren nicht immer im gleichen Sinn verwendet zu werden scheinen. 

Diese Betrachtungen und meine Erfahrungen aus der analytischen Praxis 
haben mich zu dem Schluß geführt, daß wir ohne eine Differenzierung 
innerhalb des Über-Ich nicht auskommen. Freud hat sie ja auch in seiner 
grundlegenden Arbeit „Das Ich und das Es" schon angedeutet, sie bedarf 
nur strengerer Durchführung und genauerer Definition. 

Ehe ich in meinem Gedankengang fortfahre, sei es mir hier erlaubt, 
meiner tiefen Bewunderung für diese Arbeit des Meisters Ausdruck zu geben. 
Sie bedeutet ohne Zweifel einen Markstein in der Evolution seiner Ideen 
und wird ein Grundpfeiler für die Psychologie der Zukunft bleiben. 

In der Tat ist dieses kleine Buch der Ausgangspunkt geworden für eine 
große Anzahl von Studien und Diskussionen, zu denen ich auch meinen 
bescheidenen Beitrag bringen möchte. 

Ich werde im nachfolgenden zu schildern versuchen, wie ein Teil des 
Uber-Ich dem Ich ganzlich fremd gegenübersteht, aber dem Es auf das 
innigste verwandt ist, während ein anderer Teil des Über-Ich, dem Ich tief 
vertraut, das seelische Reservoir ist, aus dem das persönliche, moralische 
Ichideal, also die bewußte moralische Persönlichkeit, sich entwickelt. 

Es ist nicht abzuleugnen, daß in gewissen Fällen die bestgeführte Analyse 
nicht zu dem gewünschten Resultat kommt. Berufen wir uns beispielsweise 
auf zwei häufige Ursachen solchen Mißerfolgs. i ) Fehlen der Übertragung 
oder fortdauernde negative Übertragung (der Kranke will durch den Ana- 
lytiker nicht geheilt werden). 2) lene so schwierige Situation, die Freud 
selber schildert. 1 „Der Kampf gegen das Hindernis des unbewußten Schuld- 
gefühls wird dem Analytiker nicht leicht gemacht. Man kann direkt nichts 
dagegen tun, indirekt nichts anderes, als daß man langsam seine unbewußt 
verdrängten Beweggründe aufdeckt, wobei es sich allmählich in bewußtes 
Schuldgefühl verwandelt ... Der Ausgang der therapeutischen Bemühung. . . 
hängt in erster Linie von der Intensität des Schuldgefühls ab, welcher die 
Therapie oft gar keine Gegenkraft von gleicher Größenordnung entgegen- 
stellen kann. Vielleicht auch davon, ob die Person des Analytikers es zuläßt, 
daß sie von dem Kranken an Stelle seines Ichideals gesetzt werde." 



1) „Das Ich und das Es", S. 63. 



Vom Uber-Idi 277 



Diese Notiz Freuds ist meines Erachtens noch einer besonderen 
Beachtung wert: sie berührt in der Tat das brennende Problem der Rolle 
des Ichideals nicht nur in der Neurose, sondern besonders in dem Heilungs- 
prozeß und wirft die Frage auf, ob eine post- oder paraanalytische Therapie 
(in Pfisters ethischem Sinn z. B.) angezeigt wäre. 

Wir kennen alle Ferenczis jüngste Versuche der „aktiven Analyse", 
in welchen er die Beziehungen zwischen Ich und Über-Ich zu erleichtern 
sucht, indem er dem Kranken eine Reihe von Geboten und Verboten auf- 
erlegt. Schon 1925 habe ich einen interessanten und vielseitigen Fall von 
Zwangsneurose, durch Phobien kompliziert, vor Augen gehabt. Ich fasse 
kurz zusammen : Nach einer Analyse von zehn Monaten waren die meisten 
Symptome verschwunden, im besonderen diejenigen, die der sadistisch- 
analen Stufe entsprachen, und selbst ein sehr ausgesprochener Mutterbrust- 
komplex. Die Phobien verschwanden auch, mit Ausnahme einer 
einzigen : einer starken Agoraphobie, obgleich sie einer weniger tiefen 
Regressionsstufe entsprach. Es handelte sich da zweifellos um ein „Versteck", 
aus dem die Psychoanalyse, übrigens nicht von mir, sondern von einem 
anderen, u. zw. sehr kompetenten Analytiker ausgeübt, sie nicht zu vertreiben 
vermocht hatte. Nachdem die Kranke in meine Behandlung eingetreten war, 
stieß ich sehr bald auf diesen paradoxen Widerstand. Sie assoziierte sehr 
frei über alles, nur nicht über die Agoraphobie. Bei den Phobien hat 
Freud zuerst eine aktive Therapie angeraten: solange die Phobie nicht 
einmal überwunden wurde, sich der Patient der Angst nicht wirklich 
ausgesetzt hat, ist der Weg zu den Assoziationen, welche die Angst- 
quelle bloßlegen, versperrt. So entschloß ich mich, die Situation zu 
brüskieren, indem ich die Analyse unterbrach und die Kranke zwang, 
durch die Stadt zu gehen, indem ich sie zunächst nötigenfalls selber 
begleitete. Sobald das Resultat erreicht war, nahm ich die Analyse 
wieder auf und erlebte nicht ohne Erstaunen, daß drei oder vier traumatische 
Erinnerungen oder Phantasien aus dem sechsten Lebensjahr, die in enger 
ätiologischer Beziehung zu der Agoraphobie standen, ohne jede Schwierigkeit 
zutage traten. Und von diesem Augenblick an trat eine schnelle und voll- 
ständige Heilung der Kranken ein. Es ist klar, daß ich in diesem Fa ll die 
leichte Rolle des „Seelenretters" spielte, ihrem Über-Ich einen neuen 
Identifikationsprozeß aufnötigend; aber es ist hervorzuheben, daß die frühere 
überstarke Vateridentifikation, die aller Übertragung widerstanden hatte und 
die die Analyse .nicht zu verändern vermocht hatte, auf eine verhältnismäßig 
rezente Phase zurückzuführen war, und zwar auf die genitale Stufe, die 
der Formation des Ödipuskomplexes nachgefolgt war. Wir werden auf diesen 
Punkt zurückkommen. 



278 Charles Odier 



Ich möchte Alexander zitieren, den ebenfalls die Frage der Analyse 
der Gesamtpersönlichkeit beschäftigt, sowie die andere von dem Vorhanden- 
sein einer unbewußten moralischen Instanz. Ich hebe zwei grundlegende 
Ideen dieses Autors hervor. 

1) Die Verkleidung, die man allzusehr betont hat, ist bedeutungslos für 

'L- die unbewußte verdrängende Instanz (Über-Ich-Zensur), denn sie kennt die 

Sprache des Unbewußten und verlangt trotzdem, sich keineswegs mit der 

Verdrängung und Verkleidung zufrieden gebend, Bestrafung und Leiden für 

die nicht ichgerechten Tendenzen. 

a) Das ÜberTch gehorcht dem Trägheitsprinzip (Freud, Fechnersche 
Lehre), das heißt, es stellt eine automatische Funktion dar nach früheren 
Realitätsanpassungen (introjiziertes Gesetzbuch vergangener Zeiten). Aber da 
sich die Triebansprüche im Laufe der Entwicklung verändert haben, so ver- 
langt dieses Gesetzbuch, das nach den primitiven Methoden von Strafe und 
Belohnung arbeitet, nach Revision. 

Die Schlußfolgerung dieser Betrachtungen zwingt zur Annahme des 
Prinzips einer unbewußten moralischen Instanz, ohne welche diese Tatsachen 
sich nicht erklären lassen. 

Es bleibt nun zu ermitteln, an welcher Stelle des psychischen Appa- 
rates diese moralische Instanz einzugliedern wäre, ob sie wirklich moralisch 
ist im vollen und engen Sinn des Wortes. 

Wir haben eben gesehen, daß sie nach einem primitiven Gesetzbuch 
arbeitet. Ihr Strafkodex ist in der Tat ein phylogenetischer, der dem onto- 
genetischen des aktuellen Individuums nicht mehr entspricht und dessen 
moralische Konzepte anderen Ursprungs sind, andere Ziele haben und sich 
anderer Maßnahmen bedienen. 

Wenn man Alexanders kurzen Artikel „Über Traumpaare" 1 zu Rate 
zieht, so findet man das Prinzip dieser primitiven moralischen Handlungs- 
weise ganz klar beschrieben. Z. B. in einem ersten Traume hintergeht das 
Es das ÜberTch durch eine heuchlerische Geste, schläfert es ein oder macht 
es der Erfüllung eines sadistischen oder inzestuösen Wunsches gegenüber 
nachsichtig. Das moralische Guthaben des ersten Traumes dient dazu, die 
verbrecherische Schuld des zweiten Traumes zu begleichen. 

Oder auch: Im ersten Traum wird der Patient für das Vergehen eines 
anderen ungerecht bestraft, woraus für ihn die Berechtigung fließt, denselben 
Fehler im zweiten Traum begehen zu dürfen. Der Straftraum hat die Zensur 
abgespeist. 

Man sieht sofort ein, daß derartige sogenannte moralische Mechanismen 
im Grunde nur „Kunstkniffe" oder Kompromisse sind, wenn man sie von 



i) Diese Zeitschrift, Bd. XI, 1925. 



Vom Über-Idi 279 



dem moralischen. Kriterium des Ichs aus beurteilt. Sie stellen wirklich nichts 
weiter dar, als ein Phänomen des Ausgleichs oder der dynamischen Ver- 
teilung; sie sind rein ökonomischer Natur, haben nichts mit Selbstüber- 
windung zu tun. Das bedeutet, daß sie überhaupt nicht moralisch, sondern 
pseudo-moralisch sind. Heben wir hier einige wichtige Punkte 
hervor. 1) Das Es würde also hier eine Art verkleidete Moralität, oder besser 
gesagt, eine Art geschickt verhüllter Immoralität ausspielen, die eventuell 
das Ich täuschen könnte, somit verträten also die zwei 
Instanzen zwei verschiedene Mo r alitäten, die in 
Gegensatz zueinander treten, das heißt in Konflikt miteinander geraten 
können. 2) Laut der analytischen Lehre vertritt das Über-Ich das Gewissen, 
das heißt die moralische Instanz „par excellence" , die die echte verdrängende 
Instanz ist. Alexander selbst spricht bald vom Über-Ich, bald vom 
Gewissen, bald von der Zensur als von ein und derselben Instanz. 3) Anderer- 
seits vertritt aber das Über-Ich in seiner Eigenschaft einer moralischen 
Instanz eine primitive Moralität phylogenetischen Ursprungs, die ihrerseits 
in Gegensatz und Konflikt mit der ontogenetischen und evolvierten des Ichs 
kommen kann. Den Beweis hierfür bringt dieses doppelte Sichgebaren des 
Über-Ich, das die nicht ich gerechten Befriedigungen 
(Symptome) gestattet und gleichzeitig Strafe und Lei- 
den des unschuldigen Ich fordert. Das Ich wäre also das 
unschuldige Opfer dieser Komödie, die das Über-Ich ihm spielt, denn letzteres 
erlaubt Tendenzen, von denen das Ich keine Ahnung hat, und die es 
ablehnen würde, wenn es Kenntnis von ihnen hätte. 

Ist das Über-Ich also wirklich das Gewissen? Andererseits, wenn man sich 
auf Sachs 1 beruft, konstatiert man dieselbe topische Zweispaltung anläßlich 
der Funktion der Widerstände. Es gibt einen Widerstand, sagt er, der ein 
Teil des Es ist, und der die Forderungen desjenigen Teils des Über-Ichs 
bekämpft, der sich mit dem Analytiker identifiziert hat. Ein anderer 
Widerstand stammt von dem Teil des Über-Ichs, der regelmäßig der 
Anwalt der Verdrängung ist. 

Ja, aber nun käme es gerade darauf an, zu wissen, welches die Forde- 
rungen des Über-Ichs sind, ehe es sich infolge der Analyse mit dem 
Analytiker identifiziert hat, welches somit die echte, präanalytische, ver- 
drängende Instanz ist. 

Kann man tatsächlich eine Instanz moralisch nennen, deren Spiel darin 
besteht, das Es zu beschützen, indem sie das Ich täuscht? Kann man eine 
solche Instanz eine Zensur nennen? 



1) Metapsychologische Gesichtspunkte. (Diese Zeitschrift, Bd. XI, 1925.) 



280 



Charles Odier 



M 






Es hat den Anschein, daß Alexander sehr richtig auf diese Frage 
geantwortet hat, wenn er sagt: Die Verkleidung hat nur für das Ich einen 
Sinn, denn das Über-Ich kennt die Sprache des Unbewußten. Welches ist 
also der Zweck dieser Verkleidung? Wäre sie das Produkt einer moralischen 
Abwehr gegen die Triebe, wie ließe sich das so heftig und rebellisch in 
gewissen Neurosen fortbestehende Schuldgefühl erklären? Dies Schuld- 
gefühl, von dem Freud gerade sagte, daß es dem Analytiker unüber- 
windliche Schwierigkeiten bereitet? In einem Wort: Eine Instanz, die 
immoralische Tendenzen nicht ablehnt, sondern sie mittels einer Verklei- 
dung beschützt und ihnen dadurch ermöglicht zur Wirkung zu kommen, 
ist weit davon entfernt, eine moralische Instanz zu sein, sondern scheint im 
Gegenteil eine Stütze der Immoralität. 

Fassen wir jetzt unseren Gedankengang zusammen. Es scheint, daß die 
Gleichsetzung des Über-Ichs mit einer moralischen Instanz zu Schwierig- 
keiten und Konfusionen Anlaß gibt. Und darum möchte ich eine andere 
Hypothese vorschlagen. 

In der Tat, aus dieser Diskussion geht klar hervor, daß jedenfalls ein 
Teil des Über-Ichs der Hehler, wenn nicht der Stehler, dem Es Vorschub 
zu leisten versucht, kurz, daß Über-Ich und Es Verbündete sind und 
keineswegs Feinde. Man könnte dieses merkwürdige Bündnis durch ein 
phylogenetisches Argument erklären : Das Über-Ich wäre letzten Endes der 
Vertreter einer primitiven Phase, während deren sich die Moralität von 
dem Lustprinzip noch nicht befreit hat. Seine Funktion ist ja tatsächlich, 
die Lust- und Wunschbefriedigung zusichern und nicht sie zu verhindern ; 
genauer ausgedrückt : seine Aufgabe ist, das Sicliauslebenkönnen der Partial- 
triebe zu organisieren. In diesem Sinne wäre es der Vertreter einer Pseudo- 
moral, die man prä-genital, oder prä-ödipisch, oder prä-historisch und 
hereditär nennen könnte. Freud spricht in der Tat davon, daß das Gebilde 
des Über-Ichs eine primäre Identifikation verbirgt, „frühzeitiger als jede 
Objektbesetzung", die durch die späteren Objektwahlen verstärkt wird.' 

Folglich ginge diese erste Identifikation der Ödipusphase voraus, d. h. 
der ersten Berücksichtigung einer Welt der Objekte, ihrer Existenz, ihres 
Wertes und ihres Willens, zusammengefaßt des Realitälsprinzips, durch 
das Kind. 

Sie ginge also der Geburt des wirklichen Ich voraus, und von diesem 
Gesichtspunkte aus wird es klar, warum sie in viel engerer Berührung mit 
dem Es steht als mit dem Ich, warum sie sich mit ersterem so gut ver- 
steht und so schlecht mit dem zweiten, von dem sie durch die ganze, 



i) „Ich und Es", S. 56. 



Vom übcr-Idi 28 1 



verhältnismäßig späte totemische Evolution getrennt ist. Aus diesem Grund 
möchten wir vorschlagen — nicht ohne Zögern — sie „Über-Es^zu 
benennen. 

An diesem Punkt angekommen, stoßen wir auf neue, ernste, schwierige 
Probleme, von denen an erster Stelle das Problem des „primären Maso- 
chismus" steht. Es wäre eine Kühnheit meinerseits, wollte ich näher an 
dieses herantreten. Ich werde mich darum darauf beschränken, einige 
Überlegungen beizutragen. Im Verlauf der Analyse gewisser männlicher 
Neurotiker wurde ich manchmal durch einen Zweifel in Verlegenheit 
gebracht: Waren gewisse Situationen als Kastrationsangst oder Kastrations- 
wunsch im Sinne, die Kastration zu erleiden, zu deuten? Ein solcher 
Zweifel wird den Eindruck erstaunlicher Inkompetenz hervorrufen — aber 
ich fürchte nicht, mich dieser Kritik auszusetzen. Der Zweifel hatte zur 
Ursache, daß ich allzusehr durch den Begriff der Kastrationsangst hypno- 
tisiert war, Kastrationsangst als Keim des künftigen Gewissens aufgefaßt. 
Aber nach und nach bin ich von dem Vorhandensein eines primitiven, 
masochistischen Kastrations w u n s c h e s überzeugt worden, der den Kern 
oder die Basis der späteren homosexuellen Tendenzen abgibt. 

Wenn wir diese Tatsache von unserem Gesichtspunkte aus ins Auge 
fassen, so komme ich zu der Schlußfolgerung, daß in gewissen Fällen eine 
so zu benennende m_asoch istische Moral vor dem Erscheinen "der 
echten genitalen Moral vorhanden ist. 

Diese anscheinende Moralität wäre somit nur die einfache Äußerung 
einer perversen Tendenz. Phylogenetisch könnte man sie als das fort- 
bestehende Zeugnis einer regressiven Tendenz betrachten, die sich der Urzeit 
des Mutterrecht.es erinnert und das symbolische Mittel wäre, die damaligen 
Vorrechte der Frau nicht zu verlieren. Und eben diese Pseudomoral des 
Masochismus wäre diejenige des Über-Es. 

In diesem Sinne wäre das unbewußte Schuldgefühl auch ein Pseudo- 
Schuldgefühl, d. h. ein 1 i b i d i n ö s e s. Diese Sachlage würde den 
unbesiegbaren Widerstand erklären, den es, wie Freud sagt, den Anstren- 
gungen des Analytikers entgegensetzt, und die Unmöglichkeit, ihm direkt 
beizukommen. Wir denken hier sofort an die Melancholie. Der Mechanismus 
der Selbstbestrafung würde so zu einer einfachen amoralischen Trieb- 
befriedigung. Unter dem Vorwand der Bestrafung, d. h. einer anscheinend 
moralischen Handlung, sucht das Individuum im Grunde nur eine Lust. 
Dieser Sachverhalt würde das Erstaunen erklären, mit dem die Kranken 
die Erklärung aufnehmen, daß sie sich durch ihre peinlichen Symptome 
selber bestrafen; und die andere Tatsache, daß ihre sogenannten Selbst- 
bestrafungen gar keine Entspannung im Gefolge haben, keineswegs die 
Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XII'3 i 9 



282 



Charles Odier 



Erleichterung bringen, die man mit Recht von einer erlittenen Sühne 
erwarten sollte, und wie sie sich nach den Gesetzen einer echten Moral, 
wie die im „Ich" — „Über-Ich" herrschende, einstellen würde. 

Zusammenfassend können wir sagen, daß die I'seudomoralität des Über- 
Es, je nach dem Fall, in einer perversen Manifestation oder in einem 
ökonomischen Mechanismus sich äußern könnte, einem Mechanismus 
dynamischer Verteilung, dazu bestimmt, indirekte Befriedigung seiner 
sadistischen und oralen Wünsche zu begünstigen (gleichzeitig in der 
Zwangsneurose, aufeinanderfolgend in den manisch-depressiven Zuständen). 

Wir stoßen hiermit auf die zusammenhängende Einheit des Über-Es mit 
dem Es oder besser des masochistischen Es mit dem a g g r e_sj 
siven Es. 

Diesem Bündnis steht das Ich fern und fremd gegenüber, denn seine 
Moralität ist von der Pseudomoralität dieses Bündnisses ganz verschieden. 
Und zwar ist diese echte Moralität in einer Zeit entstanden, in der das Kind 
die Ödipussituation durchgemacht hat. Diese neue Moral ist eine echte in 
dem Sinne, daß das Kind jetzt anfängt, auf den Begriff des „anderen 
Rücksicht zu nehmen, und es ist einleuchtend, daß dies nur geschehen 
kann, nachdem es die lmago der Eltern introjiziert hat. 

Wir stehen also zwei Begriffen oder Instanzen gegenüber, die mit- 
einander in Konflikt treten können, einer prägenitalen und einer genitalen. 
Und ich möchte vorschlagen, die Bezeichnung Über-Ich oder Ichideal nur 
auf diese sekundäre Instanz anzuwenden. 

In diesem neuen schärfer umrissenen und eingeschränkteren Charakter 
ist das Über-Ich wirklich der Erbe des Ödipuskomplexes, oder besser, der 
Ausgang der Ödipussituation. Je stärker der ödipus war, um so strenger 
wird das Über-Ich in Zukunft sein. Es ist der Keim des künftigen 
Gewissens, da es eine moralische Anstrengung mit einbezieht, und zwar 
der ersten, jener, die das Kind zu der Inzestschranke führt. Es ist dieselbe 
erste Anstrengung, die in vorvergangenen Zeiten von der Rasse versucht und 
durchgeführt wurde, um sich von den perversen Tendenzen zu befreien, 
vielleicht den Todestrieben, die ihr Fortbestehen bedrohten und um endlich 
die heterosexuelle Objektstufe zu erreichen, die nun das Fortbestehen der 
Rasse sicherte. 

Der erste moralische Schritt ist, prähistorisch gemeint, ein erstes Opfer 
des Individuums der Rasse, und, historisch gemeint, von dem Kind der 
Familie und weiter der Gesellschaft dargebracht. Also das Über-Es wäre nur 
individuell, das Über-Ich überindividuell. In diesem Sinne könnte das 
Über-Es noch die homosexuelle Objektwahl dulden, während das Über-Ich 
sie verbietet und im Gegenteil zur heterosexuellen exogamen Objektwahl 



Vom Über-Iah 283 



hintreibt. Wenigstens was den Mann anbetrifft. Bei der Frau wäre der 
Tatbestand wahrscheinlich anders zu beschreiben. Erforderlich ist noch, daß 
ich jetzt die Kette dieser Beobachtungen zusammenschließe und prüfe, 
welche klinische Anwendung man aus ihr ableiten kann. 

A. Wir geben dem Über-Ich seine genaue und logische Bedeutung 
wieder. Es wird zur moralischen Instanz „par excellence 1 im vollen Sinn 
des Begriffs zu einer echten ethischen Funktion, die nichts Perverses mehr 
enthält, weil sie das Ergebnis einer Anpassung an das Realitätsprinzip ist. 
Von diesem Über-Ich stammt das wahre, also nicht libidinöse, Schuldgefühl, 
das auch im Ich herrscht, sei es eben unter dieser Form oder als Leiden, 
Depression und Krankheitsgefühl. Dieses letztere wäre das Ergebnis eines 
Abwehrmechanismus gegen die Kompromisse des Über-Es, mit denen das 
Über-Ich nicht einverstanden ist, weil sie nicht „artgerecht" sind. Das Über- 
Es wäre mehr hereditär zu denken, das Über-Ich als eine hereditäre Bereit- 
schaft, die nach persönlichem Ausbau verlangt. 

B. Die gleichzeitige Genese des Ich und des Über-Ich erklärt ihre engen 
Beziehungen und ihre gegenseitigen Affinitäten (geistige Verwandtschaft), 
während man bisher das Über-Ich ganz nahe beim Es situierte oder selbst 
als einen Teil desselben schilderte; also als eine moralische Instanz, die an 
einer immoralischen teilhat. 

C. Der Begriff des Widerstands, dessen Organ das Über-Ich ist, präzisiert 
sich ebenfalls. Freud sagt von diesem Widerstand ans, daß er „sicherlich 
von dem Ich ausgeht und diesem angehört". Es wäre hier die Möglichkeit 
zu einer Zweideutigkeit gegeben, wenn man das Über-Ich als einen modi- 
fizierten Teil des Es auffaßt. Im Gegenteil, wenn man das Über-Ich genetisch 
dem Ich annähert, so wird alles klarer. Das Über-Ich, der wirkliche Ver- 
bündete des Ichs, schützt dieses logischerweise gegen das Bewußtseinsunfähige. 
In diesem Sinne ist der Widerstand moralischer Natur. Man kann nicht 
mehr jenes andere Stück Widerstand mit ihm verwechseln, das man bisher 
dem Es zuschrieb (Sachs) und das gar nicht moralisch ist. Seine Rolle 
besteht darin, gegen die Forderungen des Über-Tchs zu kämpfen und die 
Wunschregungen des Es zu verbergen. Diese Rolle wäre also eher amoralisch, 
jedenfalls ganz anderer Natur. Man könnte dies Stück Widerstand als Eigensinn 
oder Trotz bezeichnen. 

D. Ein letzter Gedanke taucht auf: Ist das Über-Es ausschließlich der 
Vertreter des Lustprinzips, oder können wir in ihm schon eine erste 
Anwandlung von Moralilät auffinden? Vielleicht, denn es hält es ja für 
nötig, sich mit seinen Wünschen und Absichten vor dem Über-Ich zu ver- 
stecken. Und somit würde es also seinen Namen verdienen. In der Tat ist 
es ja auch die Rei'nkarnation der primärsten Anpassungsversuche der Rea- 



284 



Charles Oclier 






aZJ** . 



lität gegenüber, Anpassungsversuche, die aber nur unter dem Druck von Not- 
wendigkeit und Angst zustande gekommen sind und von den Motiven der 
höheren Moralität: „Dem andern zuliebe" nichts wissen. Es wird nie 
die Liebesstufe erreichen, die der Adelsbrief des (jber-lchs ist. 

Alles Streben des Über-Es bleibt jedenfalls darauf gerichtet, dem Es den 
Verzicht auf irgendeinen Lustgewinn zu ersparen, indem es ihm noch 
unter dem heuchlerischen Anschein der Selbstbestrafung zur masochisti- 
schen Lust verhilft. Seine Anpassungsfähigkeit ist also nur eine vor- 
getäuschte. 

Abschließend möchte ich einige Vorschläge hinzufügen. Alle diese 
Erörterungen stellen uns vor einen deutlichen Dualismus : Sy s t e m 
Ich — Über -Ich gegen System Es— Üb er- Es. Beide Systeme stehen 
im Gegensatz zueinander, sowohl was ihren Ursprung wie ihre Funktion 
und ihre Moralität anbetrifft. Die Neurose entstände aus einem Konflikt 
zwischen diesen beiden Paaren, und die Heilung wäre der Herstellung 
einer neuen Identifikation im Über-Ich und nicht im Über-Es zu ver- 
danken. 

Aus diesem Grunde wäre es nötig, therapeutisch auf das Ich-Über-Ich, 
das heißt auf die Gesamtpersönlichkeit einzuwirken, in jenen ungünstigen 
Fällen, in denen das Schuldgefühl weiterbesteht. Das Über-Ich verlangt dann 
nach neuen Identifikationen und der Analytiker könnte, seinem Namen 
treu bleibend, dennoch einen Augenblick die klassische Technik verlassen 
und der „Seelenretter" werden. 

So ist es mir im Falle jener Agoraphobie ergangen. Nachdem, dank 
einer langen Analyse, der Widerstand gegen die perversen Forderungen und 
prägenitalen Kunstkniffe des Es-Über-Es gefallen war und sie aufgedeckt 
und bewältigt waren, hatte der Widerstand gegen die genitalen Inzest- 
regungen fortbestanden. Es ist klar, der Kranken Ich-Über-Ich verlangte 
nach einem neuen Autoritätseingriff, den der erste Arzt versäumt hatte, 
der darum die Einstellung der negativen Übertragung nicht bewältigt 
hatte. Das „Versteck" lag im Über-Ich; also der genitalen und rezenten 
Instanz. Das Über-Es-Gerechte war anderer Natur als das Über-Ich- 
Gerechte. 

Das bewußte Leidensgefühl, daß die Obsession und den Zwang 
begleitet, wäre die Reaktion des Ich-Über-Ich gegen die prägenitalen, 
pseudo-moralischen Machinationen des Über-Es. In der Tat „verurteilt" ja 
der Kranke immer seine Impulse. Das Leidensgefühl wäre aufzufassen 
als eine tiefe Kränkung des normalen Gefühls des persönlichen Wertes; 
im genitalen Sinne, durch die nicht artgerechten Vorstöße des Es-Über-Es. 

In der Hysterie wird dies Leidensgefühl vermieden, der Abwehr- 



V 



Vom Über-Ith 285 



mechanismus wird nicht sichtbar, weil das genitale Persönlichkeitsgefühl 
nicht durch das prägenitale gestört wird. 

Im Fall der Perversionen, wo das Schuldgefühl oft in den Phantasien 
zu finden ist, wären wir Zeuge der Überwältigung des geschwächten 
und hypoplastischen Ich-Über-Ich durch ein konstitutionell überstarkes 
Es-Über-Es. 

Gewisse Mißerfolge oder gewisse unvollständige Erfolge der Analyse 
könnten so auf Rechnung einer mangelnden therapeutischen Einwirkung 
auf das Ich-Über-Ich geschoben werden. Denn es ist letzten Endes ja 
immer das Ich, oder genauer gesagt, das Bewußtsein, das leidet und nach 
Erlösung vom Leiden verlangt. Darum wäre es notwendig, das Über-Ich 
durch eine neue Identifikation zu stärken, die beispielsweise in der nega- 
tiven Übertragung verweigert wird. Nun gelingt es aber oft, diese Über- 
tragungseinstellung zu verändern, indem man auf das Ich oder die Gesamt- 
persönlichkeit einwirkt. Und damit wäre nun dem Kranken die Möglich- 
keit gegeben, sein Ichideal voll zu befriedigen und endgültig gesund und 
glücklich zu werden. 1 



1) Ich freue mich, zu konstatieren, daß Dr. R a n k, in seinem vor kurzem erschienenen 
Artikel (Zur Genese der Genitalität. Diese Zeitschr., Bd. XI, 1925), auf so reiche 
Erfahrungen gestützt, Ideen und Auffassungen vertritt, die die meinigen zu bestätigen 
scheinen. Er unterscheidet ein primäres, präödipales (mütterliches) und ein 
sekundäres, genitales (väterliches) Über-Ich; aber während er in dem zweiten den 
Erben oder die Modifikation des ersten sieht, bin ich eher versucht, die beiden in 
Gegensatz zu einander zu stellen, indem ich im zweiten eine Reaktion (Krankheits- 
gefühl) gegen das erste sehe. 



Der Begriff des Ichs 



Von 

James Glover 

London 

Die neuesten Beiträge zur Psychologie des Ichs haben diesen Begriff 
durch die topische Betrachtungsweise so kompliziert, daß sich seine funda- 
mentalen Kennzeichen zu verwirren drohen. Es macht sich daher das 
Bedürfnis fühlbar, zwischen diesem komplizierten Gebilde und der den 
Geistesfunktionen zugrundeliegenden Dynamik, oder, in anderen Worten, 
der Triebtätigkeit, eine Beziehung herzustellen 

Man dürfte annehmen, daß dieses schon geschehen sei in dem von 
Freud ursprünglich aufgestellten Gegensatz zwischen Ichtrieben und Sexual- 
trieben, wo das Ich dargestellt ist als der psychologische Ausdruck von 
Strebungen, die dem biologischen Ziel der Selbsterhaltung dienstbar - sind. 
Doch diese Beziehung zwischen Ich und Trieb bedarf jetzt einer weiteren 
Aufklärung, die über diese einfache Gleichsetzung hinausgehen muß. 

Es wäre zweckmäßig, eine Untersuchung dieser Beziehung mit der Prüfung 
eines hypothetischen Ur-Ichs zu beginnen. 

Wir dürfen diesem Ur-Ich mit Sicherheit zwei Grundfunktionen zu- 
schreiben, die sich während seines ganzen späteren Werdeganges fort- 
setzen und die vereint den Kern seines Wesens bilden. 

Die eine befaßt sich mit inneren Geschehnissen ; im Interesse einer 
besseren Anpassung an die äußere Realität tut sie den Unmittelbarkeiten 
der Triebimpulse Einhalt; die andere befaßt sich mit äußeren Gescheh- 
nissen, indem sie Wahrnehmungen und Erinnerungsspuren benutzt, um 
geeignete motorische Anpassungen zu erzielen. 

Diese sich ergänzenden Tätigkeiten, die Kontrolle der Motilität und die 
Anpassung an die Wirklichkeit mit Hilfe von Wahrnehmungen und 
Erinnerungsspuren, bleiben die fundamentalen Kennzeichen des Ichs und 
bestehen in Freuds späterem Begriff vom Real-Ich im Unterschied zum 
Über-Ich fort. 



Der Begriff des Ichs 287 



Auf dieser hypothetischen frühen Stufe in der Phylogenese des Ichs ist 
die Rolle, die es im Dienste der Selbsterhaltung sjiielt, einfach und offen- 
kundig. Jegliche Modifizierung früher vorhandener stereotyper Triebreaktionen, 
die neue Anpassungen an eine bedrängende Außenwelt ermöglichte, mußte 
die Eignung zum Überleben in hohem Maße besitzen. Man kann ziemlich 
sicher annehmen, daß das Erscheinen des Ur-Ichs und mit ihm die 
Entwicklung der Intelligenz durch irgend eine Veränderung der Umgebung 
verursacht wurde, die zur Folge hatte, daß frühere stereotype Trieb- 
reaktionen nicht mehr genügten, und die durch Einwirkung natürlicher 
Zuchtwahl ein Überleben von solchen Individuen begünstigte, die plastischer 
und zu Hemmungen besser befähigt waren; es mögen jedoch auch 
spontane Verändertingen bei der Entwicklung dieses neuen Anpassungstypus 
mitgespielt haben. 

Unsere Untersuchung der Beziehung zwischen Ich und Trieb droht hier 
an einem Gegensatz zwischen Trieb und Intelligenz zu scheitern, denn 
diesem zufolge wäre das Ich ein völlig neuer Reaktionstypus und verursachte 
in der Entwicklungsreihe eine unausfüllbare Lücke. 

Um diese Schwierigkeit zu umgehen, müssen wir den Begriff Trieb selbst 
von neuem erwägen. Wir müssen vorläufig die deskriptive Gruppierung 
der Triebe in Sexual- und Ichtriebe oder ihre teleologische Gruppierung in 
arterhaltende und selbsterhaltende Strebungen aufgeben und alle Trieb- 
tätigkeiten von einem funktionellen Standpunkt ansehen. 

Von diesem Standpunkte aus unterscheiden wir erstens Triebimpulse, 
die den Organismus zwingen, die geeigneten Schritte zu ergreifen, um für 
Spannungen, die diese Impulse hervorrufen und unterhalten, Entladung zu 
verschaffen, und zweitens triebhafte Reaktionen auf äußere Reize. Ein 
Beispiel der ersten Gruppe ist der Essensdrang, hervorgerufen durch 
die inneren Veränderungen, die sich als Hunger ausdrücken; die 
Flucht als eine Triebreaktion auf äußere Reize wäre ein Beispiel der 
zweiten Gruppe, Doch darf man diese funktionelle Unterscheidung nicht 
zu starr nehmen, da zum Beispiel der Anblick von Nahrung oder von 
einem anziehenden Sexualobjekt der veranlassende Reiz zur Triebtätigkeit 
sein kann ; diese funktionelle Unterscheidung hat jedoch bedeutenden prak- 
tischen Wert und ihre Vernachlässigung trägt zum großen Teil die Schuld 
an der Verwirrung, die so oft in Diskussionen über die Triebe Unklarheit 
hervorruft. 

Zum Beispiel, wo die Einsicht fehlt, die Freuds Forschung uns in 
das Wesen und die dynamische Bedeutung dieser inneren Reize, die er 
Triebe nennt, verschafft hat, da haben oberflächliche Untersuchungen dazu 
geführt, dem determinierenden Einfluß äußerer Umgebungsfaktoren auf 



288 



James Glover 



Triebtätigkeiten eine ganz unverhältnismäßige Bedeutung zuzuschreiben, 
ein Standpunkt, der von einigen zeitgenössischen amerikanischen Psychologen 
in extremer Weise vertreten wird. 

Ich möchte nun die folgende Ansicht vertreten: das, was wir „Ich" 
nennen, entspricht in seinen Grundzügen nicht der impulsiven, sondern 
der reaktiven Seite der Triebe, oder in anderen Worten: seine Tätigkeit 
beruht phylogenetisch auf der Funktion des Reagierens auf äußere Reize. 
Die folgenden Tatsachen scheinen diese Behauptung zu unterstützen. 

1) Was wir jetzt das Real-Ich nennen, ist aus Wahrnehmungen und 
Erinnerungsspuren von Wahrnehmungen aufgebaut. 

2) Wenn sich das Ich mit inneren Quellen von Unlust befaßt, verrät 
es seinen Ursprung, indem es sie behandelt, als wären sie äußere Quellen, 
d. h. mit dem Mechanismus der Projektion. 

5) Die mächtigste Verteidigungswaffe gegen innere Reize, die im Laufe 
kultureller Entwicklung schmerzhaft geworden ist, nämlich die Verdrängung, 
ist in ihren Grundzügen der Fluchtreaktion nachgebildet. 

Unsere erste Folgerung ist daher die : das Ich entstammt einem Zurück- 
halten der Triebimpulse, das notwendigerweise erfolgen muß, wenn es 
diesen Impulsen mißlingt, sich sofortige Befriedigung in neuen Verhält- 
nissen zu verschaffen, die einen Umweg von motorischen Anpassungen 
mit Hilfe von Wahrnehmungen und Erinnerungsspuren erfordern. 

Verknüpfen wir jedoch die Bildung des Ichs mit einer Entwicklung 
des reaktiven Typus der Triebtätigkeiten oder mit der zunehmenden 
Kompliziertheit der Triebreaktionen auf äußere Reize, so stehen wir vor 
dem schwierigen Problem der Beziehung zwischen diesen reaktiven Ichtrieben 
und den inneren Trieben, wie zum Beispiel dem des Hungers, die eben- 
falls im Dienste der Selbsterhaltung stehen. Die Behauptung wäre anscheinend 
gerechtfertigt, daß solche Impulse, ja sogar solche Libidoimpulse, die der 
inneren hemmenden Funktion des Ichs entschlüpfen, als ein Bestandteil 
des Ichs angesehen werden können, da sie mit seinen anderen Tätigkeiten 
leicht verschmelzen, d. h. ichgerecht sind; ich möchte jedoch darauf 
hinweisen, daß wir das eigentliche Wesen des Ichs besser würdigen 
können, wenn wir den obenerwähnten funktionellen Unterschied im Sinne 
behalten. 

Die reaktiven Tätigkeiten des Ichs haben mit den frühen Mechanismen 
sofortiger Triebentladung die gemeinsame Funktion, seelische Spannungen 
bis auf den günstigsten Stand herabzusetzen, eine Funktion, die Freud 
zu der paradoxen Folgerung geführt hat: das Geschehnis der anscheinend 
auf Selbsterhaltung hinzielenden Ichtriebe ist ihre Todesrichtung. 

Der wesentliche Unterschied zwischen früheren und späteren Wegen, 






Der Begriff des Ichs 289 



seelische Spannungen zu verringern, findet seinen Ausdruck in dem Unter- 
schied zwischen dem Lustprinzip und dem Realitätsprinzip: das letztere ist 
eine spätere und komplizierte Ausgabe des ersteren, und daß es entstand, ist 
die Folge der Umstände, die auch zur Ichentwicklung führten. 

Mit dem erfolgreichen Funktionieren dieses späten Reaktionstj'pus ver- 
band sich anscheinend ein Verzicht auf das Lustprinzip, dessen Vorherr- 
schaft so lange gedauert hatte, als die Triebbefriedigungen einen quasi Reflex- 
charakter hatten. Und obwohl wir in bezug auf die historischen Bedin- 
gungen, die diesen Verzicht herbeiführten, nur Vermutungen aufstellen 
können, dürfen wir doch mit Sicherheit annehmen, daß dringende äußere 
Notwendigkeit dabei die Rolle des Fronvogtes spielte. 

In der ontogenetischen Entwicklung wird die Stufe der quasi automa- 
tischen Triebbefriedigung von der meist sofortigen Befriedigung infantiler 
Bedürfnisse vertreten, und auch hier sehen wir, daß ein Unterscheiden 
zwischen dem Ich und der Außenwelt nur möglich wird durch ein 
Differenzieren zwischen den Reaktionstypen, die erforderlich sind, um mit 
äußeren, beziehungsweise inneren Reizen fertig zu werden. Die wesent- 
liche Funktion des Ichs besteht darin, zwischen den inneren Forderungen 
der Triebimpulse und der realen Außenwelt zu vermitteln. 

In der Entwicklung der eingangs besprochenen zwei komplementären 
Funktionen des Ichs, Hemmung und Anpassung, müssen andere Faktoren 
erwogen werden. 

Die hemmende Funktion muß in einem Vorgang von Energieumwandlung 
bestehen, wie ihn Breuer zuerst geschildert hat, insofern als sich freie 
Energie in gebundene Energie verwandelt. Es ist möglich, daß weitere 
Forschung in der Richtung, die He ad zu seinem Begriff der „Wachsamkeit" 
führte, dazu beitragen wird, diese Handlung vom physiologischen Stand- 
punkt aus zu erklären. Die auffallendste Entwicklung der Anpassungs- 
funktion des Ichs folgte jedoch auf das Entstehen der Sprache und zur 
selben Zeit des menschlichen Bewußtseins, der wichtigsten Erscheinungs- 
form der Ichfunktionen. 

Wenn meine Annahme richtig ist, daß das Ich weniger den impulsiven 
als hauptsächlich den reaktiven Triebarten nachgebildet ist, so hätten wir 
eine weitere Bestätigung der Ansicht, daß das Bewußtsein bloß begrenzend 
und beseitigend funktioniert, im geistigen Leben jedoch keine Führer- 
rolle spielt. 

Bisher haben wir das Ich angesehen als die im seelischen Apparat statt- 
findende Entwicklung einer zum Zwecke besserer Anpassung tätigen 
Hemmungsfunktion und haben die Meinung ausgesprochen, das Ich sei 
wesentlich der Abdruck äußerer Notwendigkeit auf dem sogenannten Es: 



290 



James Glover 



doch müssen wir den Trieb regungen, die seine Existenz erhalten, unsere 
Aufmerksamkeit nochmals zuwenden. 

Es ist leicht zu erkennen, wie der Zwang der äußeren Notwendigkeit eine 
Funktion tätig erhalten kann, die darin besteht, die älteren Formen von 
Spannungsentladung zu unterdrücken, wo es sich um Forderungen der 
Selbsterhaltung handelt; denn die Strafe, die hier droht, besteht im Aus- 
sterben. Jedoch verlangt die allmählich zunehmende Fähigkeit des Ichs, aller- 
hand Triebimpulse, einschließlich mächtiger Libidoimpulse, im Zaum zu 
halten, weitere Untersuchung. Beginnen wir mit einer kurzen Betrachtung 
solcher Faktoren, die das Erhalten dieser mühevoll erworbenen Herrschaft 
über das Lustprinzip erleichtern. 

Es ist möglich, daß der Mechanismus halluzinatorischer Befriedigung, 
obwohl er von wesentlich regressivem Charakter ist, gelegentlich der fort- 
währenden Anstrengung zur Realitätsanpassung Erleichterung schafft. 
Zweitens bringt die Verschiebung in ihren zahlreichen Formen eine wich- 
tige Erleichterung dieser Anstrengung mit sich. Eine dritte Verstärkung kam 
als Hilfe von Seiten jener Libido, die ihren Ursprung in der masochisti- 
schen Komponente der Sexualität hat. 

Bevor wir die nächste und wichtigste triebhafte Verstärkung der hemmenden 
und der anpassenden Funktionen des Ichs untersuchen, müssen wir eine 
stetig zunehmende Trennung dieser zwei Funktionen in Betracht 
ziehen; die zweite wendet sich mehr und mehr der äußeren Welt der Reize, 
die erste der inneren Welt der Impulse zu, und diese Differen- 
zierung gipfelt schließlich im Unterschied zwischen dem Real-Ich und dem 
Über-Ich. 

Wir haben gesehen, daß der Lohn für den frühesten Verzicht auf das 
Lustprinzip, wo es sich um Ichimpulse handelte, nichts Geringeres war, 
als das Überleben selbst, und dieses traf wohl ursprünglich in beträcht- 
lichem Maße auch auf Libidoimpulse zu, z. B. auf der hypothetischen 
Stufe der Urhorde; doch das Leben der Gruppe hätte sich auch weiterhin 
abgespielt in einem unendlichen Kreislauf erzwungener Unterwerfungen 
von Libidoimpulsen unter dem Druck der Außenwelt und der Beseitigung 
dieses zwingenden Druckes durch Mord, hätte nicht eine noch zu unter- 
suchende Anpassung der Triebkräfte die hemmende Wirkung des Ichs auf 
Libidoimpulse mächtig verstärkt. 

Es ist charakteristisch für die manchmal fehlerhafte Ökonomie der 
Natur, daß diese Verstärkung dadurch zustande kam, daß sich Libidokräfte 
spalteten und entzweiten, als ob die wesentlichen regulierenden Funktionen 
des Ichs ihre Herrschaft dadurch aufrecht erhielten, daß sie dem Grund- 
satz: „Divide et impera" folgten. Wenn zielgehemmte, von inzestuösen 



Der Begriff des Idis 291 



Liebesobjekten zurückgezogene Libido im Individuum selbst ein Misch- 
bildnis dieser Objekte aufrichtet, so daß von jetzt an ein abgesonderter 
Teil der Persönlichkeit mit Libido besetzt wird, die früher an die wert- 
vollsten Liebesobjekte gebunden war, ein Bildnis, das alle Vorrechte seiner 
realen Vorgänger genießt und wie sie Beobachtung, Kritik, Begutachtung 
und Strafe ausübt, dann ist die Libido wirksam in sich selbst entzweit, 
denn die narzißtische Belohnung, die für den Verzicht auf Objektbefriedigung 
gewonnen wurde, kann nur durch Hemmung erhalten werden; und diese 
Hemmung wird aufrecht erhalten mit Hilfe von Gefühlssanktionen, die 
ebenso stark, ja sogar stärker sind als jene disziplinierenden, selbst- 
erhaltenden Tätigkeiten. Ebenso wie die Bedrohung des Überlebens das 
schmerzhafte Gefühl der Furcht auslöst, so mobilisiert eine Verletzung des 
Ichideals den sekundären Narzißmus, der an die Besetzung der intro- 
jizierten Elternimago gebunden ist und die schmerzlichen Spannungen 
des Schuldgefühls u. a. verursacht. 

Es könnte hier vieles bemerkt werden über die Beziehungen des 
Bewußtseins als der Quintessenz des entwickelten Ichs, und über das 
Selbstbewußtsein als eine Folgeerscheinung der spezialisierten Entwicklung 
des Über-Ichs, doch beabsichtige ich, an dieser Stelle nichts mehr vom 
Über-Ich zu sagen, als daß es in hohem Maße die hemmenden Funktionen 
des Ur-Ichs übernommen hat, zu gleicher Zeit aber mit dem Leben 
der Impulse in inniger Berührung geblieben ist, und daß seine Tätigkeiten 
jetzt nicht mehr rein reaktiv und in diesem Sinne selbsterhaltend, sondern 
daß sie jetzt bedeutend verstärkt sind durch eine positive Richtung der 
Libido selbst, wobei das Fortsetzen der hemmenden Funktion des Ichs ein 
Ziel der Libido wird. 

Es ist interessant zu bemerken, daß diese Differenzierung und Speziali- 
sierung der Ur-Ich-Tätigkeiten, d. h. der Hemmung und Anpassung, ihr 
Abbild haben in den Rollen, die Religion und Wissenschaft im sozialen 
Leben spielen; die erstere ist gewissermaßen das soziale Gegenstück des 
Ur-Ichs, während die zweite die Funktionen des Real-Ichs wiederspiegelt. 



Die Projektion 



Von 

G. Jelgersma 

Professor der Psychiatrie an der Universität Leiden 

Eine schon seit Jahren sich aufdrängende Frage der Psychiatrie und 
auch der Psychologie ist: Wie kommt es, daß die Ursache eines Teiles 
unserer Geistesprozesse in eine Außenwelt verlegt wird, während der andere 
Teil in uns selbst lokalisiert wird? Die Verlegung nach außen nennen wir 
Projektion. Die erste Gruppe nennen wir unsere Wahrnehmungen, die 
zweite ist die Gruppe der inneren Geistesprozesse. 

Wie es mit so vielen anderen von unseren Geistesprozessen der Fall ist, 
hat die Psychopathologie diese psychologische Frage aktuell gemacht, nicht 
weil im pathologischen Leben so viel mehr und so viel stärker projiziert 
wird, sondern weil dies in Fällen geschieht, die im normalen Leben als 
zum inneren Geistesprozesse gehörig betrachtet werden. 

Wir fangen diese kleine Arbeit an mit einer Übersicht der Fälle, welche 
im pathologischen Leben projiziert werden. 

Bei der Halluzination ist dies ohne weiteres deutlich. Der Patient gibt 
an, etwas wahrzunehmen, während wir annehmen, daß es sich um einen 
Vorgang seines inneren Geisteslebens handelt. Wie ist es möglich, — so 
hat man, so lange es eine Psychiatrie gibt, gefragt — daß der Patient in 
so ausgesprochener Weise sein inneres und ävißercs Geistesleben verwechselt? 
Eine naive Erklärung gab uns die ältere Psychiatrie, indem sie annahm, 
daß der Reizvorgang in der Gehirnrinde nach der Peripherie reflektiert 
würde. Vielleicht etwas weniger naiv ist die Sejunktionshypothese von 
W e r n i c k e, in der angenommen wurde, daß im Großhirn eine Art 
Reflexion an einer hypothetischen Trennungsfläche nach der Sinnesoberfläche 
im Großhirn stattfände, demzufolge der Reizvorgang verstärkt würde. — 
Diese beiden Hypothesen sind zu naiv, um ernstlich diskutiert zu 
werden. 

Bei dem autochthonen Wahn behauptet der Patient, adß Gedanken bei 



Die Projektion 293 



ihm entstehen, welche nicht, wie seine anderen Gedanken, von ihm selbst 
verursacht und gewollt sind, sondern die von außen, ohne daß er es will 
und ohne daß er einen Einfluß darauf ausüben kann, bei ihm hervor- 
gerufen werden. Ohne Zweifel besteht hier, wie schon W ernicke hervor- 
gehoben hat, eine große Ähnlichkeit mit der Halluzination; bei dieser 
letzteren wird aber der Geistesprozeß in Bildern wiedergegeben, während 
bei dem autochthonen Wahn der Charakter des Gedankens erhalten 
bleibt. 

Auch der Beziehungswahn zeigt eine Projektion. Auf Grund einer 
bestimmten Geistesdisposition, welche wir jetzt nicht näher betrachten, 
bemerkt der Patient im Verhältnis der Außenwelt zu seiner Person eigen- 
tümliche Beziehungen und Verhältnisse, die nicht der normalen objektiven 
Beobachtung entsprechen, auch hier also hat sich die Außenwelt geändert. 
Bei der gewöhnlichen Wahnbildung haben wir die gleichen Bedingungen, 
auch hier hat die Außenwelt eine Umbildung erfahren, bei dem Verfolgungs- 
wahn im Sinne einer Beeinträchtigung der persönlichen Interessen, bei 
dem Größenwahn im Sinne einer Förderung derselben. Bei jedem Wahn 
findet also eine Projektion statt, und die Ursache wird vom Patienten nicht 
gesucht in einer Veränderung des inneren Geisteslebens in ihm, sondern 
in einer veränderten Einstellung der Außenwelt zu seiner Persönlichkeit. 

Die Projektion ist aber auch nachweisbar in Fällen, die viel mehr der 
Normalität sich nähern. Bei den abnormen Charakteren wird auch, wiewohl 
in geringerem Maße, eine Änderung in der Umgebung angenommen, 
welche zwar nicht den vollen Charakter der Objektivität annimmt, wie 
bei dem Wahn, und die bis zu einem gewissen Grade korrigierbar 
ist, die aber in unverkennbarer Weise innere Geistesprozesse nach außen 
verlegt. 

In allen diesen ganz oder teilweise pathologischen Fällen rinden wir 
also den merkwürdigen Umstand, daß Geistesprozesse, die wir im normalen 
Leben als in uns verursacht betrachten, vom Patienten projiziert und in 
eine Außenwelt verlegt werden, und dabei kann noch hinzugefügt werden, 
daß eben dieses Nach-außen- Verlegen von uns normalen Menschen als das 
Pathologische in diesen Erscheinungen betrachtet wird. 

Doch ist die Projektion, an sich betrachtet, kein pathologisches Phänomen, 
da sie auch in ausgedehnter Weise sich im normalen Geistesleben vor- 
findet, und in den obengenannten Fällen muß noch etwas anderes da sein, 
das uns berechtigt, sie als pathologisches Symptom aufzufassen. 

Wir wenden uns jetzt zum normalen Geistesleben und heben hervor, 
daß wir unsere Geistesverrichtungen in zwei große Klassen einteilen: 1) in 
unsere Wahrnehmungen und a) unsere Erinnerungen (Vorstellungen), 



294 



G. Jelgersina 



Gedanken, Willensprozesse und die sie begleitenden Gefühle. Nur die 
ersteren werden projiziert, die anderen werden als unsere Innenwelt der 
ersteren gegenübergestellt, und die Frage erhebt sich: Was kann die Ursache 
von diesem sehr eigentümlichen und 7.11 gleicher Zeit sehr charakteristischen 
Verhalten sein? 

Eine Wahrnehmung ist ebensogut ein Geistesprozeß als irgend ein 
Gedanke: warum wird sie nach außen und ein Gedanke nach innen loka- 
lisiert? Was bedeuten diese beiden Eigenschaften „innen" und „außen"? 

Der Unterschied zwischen projizierter und nicht projizierter Geisteswelt 
ist ein bestimmter; niemals sind wir im Zweifel, ob wir etwas wahr- 
nehmen oder daß wir uns etwas vorstellen oder etwas denken, und der 
Unterschied kann nicht in der Intensität beider Prozesse seinen Grund 
haben. Es gibt sehr starke Vorstellungen und sehr schwache Wahrnehmungen. 
Man kann eine Wahrnehmung stufenweise abschwächen bis unter der 
Schwelle und niemals wird eine Vorstellung daraus resultieren. Umgekehrt 
wird eine verstärkte Vorstellung niemals eine Wahrnehmung. 

Wenn wir einen Gedanken oder irgend einen anderen inneren Geistes- 
prozeß erleben, können wir diese verschieden weit in ihre Entstehung 
verfolgen, wir finden eine oder mehrere andere Gedanken, welche die 
ersteren wachgerufen haben, und finden also eine verschieden lange Reihe 
von inneren Geistesprozessen, welche dem bewußten Gedanken vorangehen. 
Schließlich kommt man an eine Wahrnehmung, die in die Außenwelt 
projiziert wurde. 

Bei der Wahrnehmung ist dies nicht der Fall; hier können wir nicht eine 
Reihe von Geistesprozessen aufstellen, die als Ursache der Wahrnehmung 
aufgefaßt werden kann. Wenn wir unsere Augen öffnen oder eine andere 
Sinneswahrnehmung machen, haben wir zu sehen, was vor unseren Augen 
ist, oder zu fühlen, was unsere Haut berührt. Wir können unsere Wahr- 
nehmungen absohit nicht beeinflussen, wie das bei unseren inneren Geistes- 
prozessen der Fall ist; diese letzteren sind unserem Willen zum Teil unter- 
worfen, wir haben sie selbst hervorgerufen und haben sie, subjektiv 
betrachtet, in unserer Macht, sie sind buchstäblich unser Eigentum. 

Dieser Unterschied zwischen Wahrnehmung und innerem Geistesprozeß 
ist von durchschlagender Bedeutung und wird uns immer direkt bewußt. 
Er ist die Ursache, warum wir sogleich ohne Zögern beide unterscheiden 
und uns niemals irren. Die Wahrnehmung ist nicht von uns verursacht, 
sie ist ein Nicht-Ich, nur das Erinnerungsbild, das sie hinterläßt, wird zu 
einem inneren Geistesprozeß und gehört dem Ich an, kann auch willkürlich 
hervorgerufen werden. Die Außenwelt ist aber sonst nichts als ein Nicht-Ich. 
Man kann sie nicht direkt, höchstens indirekt, beeinflussen. 



Die Projektion 295 

Es liegt auf der Hand, daß diese Unterscheidung für unser Geistesleben 
von maßgebender Bedeutung sein muß und daß sie geeignet ist, für unser 
Bewußtsein die Verschiedenheit beider Art von Geistesprozessen klar- 
zulegen. 

Das Geistesleben fängt phylo- und ontogenetisch mit Wahrnehmungen 
an, die innere Geistesvvelt entsteht später und entwickelt sich aus unseren 
Wahrnehmungen und Erinnerungsbildern. Es gibt also eine Zeit, in der 
bloß Wahrnehmungen (Empfindungen) und Erinnerungsbilder da sind. Dies 
ist die Ursache dafür, daß Kinder und Naturvölker so viel mehr und so 
viel stärker projizieren als wir. 

Wenden wir uns jetzt wieder dem pathologischen Gebiet zu, also zu den 
Fällen, welche im normalen Leben zu den inneren Geistesprozessen gerechnet 
werden, die aber in pathologischen Zuständen in die Außenwelt verlegt 
werden. 

Die Freud sehe Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß in all diesen Fällen 
die Ursache des inneren Geistesprozesses im Unbewußten liegt, also in einem 
Gebiete, das unserer bewußten Geistestätigkeit entzogen ist. Das Unbewußte 
ist aber zu gleicher Zeit das Ungewußte, es ist ein Gebiet, das ganz 
unserer Willkür entzogen ist und in dieser Hinsicht ganz mit einer Außen- 
welt gleichzusetzen. Auch hier haben wir also den Fall, daß die Ursache 
des Geistesprozesses einem Nicht-Ich angehört und also nicht in die Person 
selbst, sondern in eine Außenwelt versetzt wird. Ebensowenig wie die 
Person Macht hat über ihre Wahrnehmungen ebensowenig kann sie einen 
Wahngedanken ändern; dieser wird ganz wie die Wahrnehmung projiziert, 
und wie diese letztere bei genügender Wiederholung dauernd als gültige 
Wahrheit betrachtet wird, so muß auch der Wahngedanke und jeder 
innere Geistesprozeß, der projiziert wird, als objektive Wahrheit aufgefaßt 
und verwendet werden. 

Dieses Nach-außen-Projizieren setzt, wie schon gesagt, eine Änderung der 
Außenwelt voraus. Subjektiv bleibt die Person unverändert, und hieraus 
folgt wiederum, daß bei jeder Projektion, Wahngedanke oder Halluzination, 
die Krankheitseinsicht verloren gegangen ist. 

Bei der normalen Wahrnehmung haben wir darauf hingewiesen, daß 
eine scharfe Trennungslinie zwischen äußerem und innerem Geistesprozeß 
besteht. Die Persönlichkeit ist nie im Zweifel, ob es sich um eine Wahr- 
nehmung oder um eine Vorstellung handelt. Übergänge bestehen nicht. In 
der Pathologie kommen diese aber oft genug vor. 

Das Unbewußte setzt immer eine Amnesie voraus, die aber verschieden 
ist, was Intensität und Lokalität anbelangt. In lichtvoller Weise ist von 
Freud schon auf die Zwangsprozesse hingewiesen worden. Hier besteht eine 



296 



G. Jclgersma 



Amnesie in sehr eigentümlicher Form. Der Zwang wird nicht projiziert, 
sondern immer in der Persönlichkeit selbst lokalisiert, auch besteht in 
Übereinstimmung damit Krankheitseinsicht. Bei der Hysterie und bei der 
Schizophrenie wird immer projiziert. Freud hat mit Recht darauf hin- 
gewiesen, daß bei dem Zwang keine volle Amnesie besteht, wenigstens 
nicht im gewöhnlichen Sinne, daß Erinnerungen verloren gegangen sind. 
Der Patient erinnert sich an alles, es ist aber die Verbindung der Erinnerung 
mit dem Krankheitssymptom verloren gegangen. Hiermit ist also die Ursache 
gegeben, daß nicht projiziert wird, weil kein Defekt da ist, sondern nur 
eine Aufhebung einer Assoziation mit einem einzelnen Komplex, eben dem 
Krankheitssymptom. Auf anderen Wegen ist vom Bewußtsein aus die 
ursprüngliche Krankheitsursache noch zu erreichen. Der Zwangskranke hat 
eine Art partieller Läsion, die Krankheitsursache ist nicht ganz unbewußt 
geworden. Je tiefer unbewußt also die Ursache ist, je stärker ist das Gefühl 
der Projektion und je mehr entsteht eine objektive Wahrheit. Bei dem 
Wahn der Schizophrenie findet eine viel weitere Regression statt, bis in 
das hereditäre Unbewußte, das uns allen gemein ist, bis in das kollektive 
Unbewußte von Jung. 

Sogar der rein affektive Wahn bei der manisch-depressiven Psychose ist 
weniger projiziert als bei der Schizophrenie. Der Unterschied gegenüber 
dem Zwange ist, daß die Krankheit die ganze Persönlichkeit umfaßt, alles 
ist trüb, bzw. fröhlich gefärbt, während bei der Zwangsneurose immer nur 
ein Teil der Persönlichkeit affiziert ist und immer ein normaler Teil übrig 
bleibt, der den pathologischen Teil beurteilt. Die Allgemeinheit der Störung 
hat die manisch-depressive Psychose mit der Schizophrenie gemein. Der 
Unterschied gegenüber der Schizophrenie wird dadurch gegeben, daß bei der 
manisch-depressiven Ps3'chose primär nur affektive Faktoren wirksam sind, 
welche nur sekundär den Inhalt der inneren Geistesprozesse beeinflussen 
können. 

Nur durch das Licht, das die Freud sehe Psychoanalyse uns gebracht 

hat, war es mir möglich, diese Ansicht über die Projektion innerer, 

geistiger Prozesse und ihre Umsetzung in objektive Geistesprozesse zu 
bilden. 

Zusammenfassung: 

i) Projektion bedeutet eine Nach-außen-Verlcgung eines Geistesprozesses. 
Hiermit wird nicht gesagt, daß der Geistesprozeß selbst nicht in uns sei, 
sondern nur, daß seine Ursache nach außen versetzt wird. 

2) Diese Verlegung nach außen macht, daß wir eine geistige Innen- 
und Außenwelt unterscheiden. 



Die Projektion 297 



ß) Psychosen charakterisieren sich dadurch, daß Geistesprozesse, die in 
der Norm als innere betrachtet werden, nach außen verlegt werden. 

4) Diese pathologische Projektion stimmt, was den Mechanismus ihrer 
Entstehung anbelangt, ganz mit dem normalen überein. 

)) Ein innerer Geistesprozeß wird projiziert, wenn die Ursache seiner 
Entstehung von der Persönlichkeit nicht gewußt wird, also im Unbewußten 
gelegen ist und die Person darüber keine Macht hat. Die Projektion ist 
desto vollkommener, je tiefere Regionendes Unbewußten dabei das Bewußtsein 
beeinflussen, je weiter also die Regression ist. 

6) Projektion bedeutet psychologisch und psychopathologisch betrachtet: 
..Keinen Einfluß haben auf einen Geistesprozeß." 



Int. ZeiUchr. f. Psychoanalyse, XII'3. 



Über schizophrenes und schöpferisches Denken 

Von 

Robert Wälder 

Wien 

Die Psychoanalyse hat bisher wenig Anwendung auf die Psychologie 
des Denkens gefunden. Das hat seinen Grund im Wesen der psychoana- 
lytischen Methode, die als d i e Methode zur Erforschung der unbewußten 
Inhalte und der Arbeitsweise jener Schichten geschaffen wurde, die, 
phylogenetisch älter, unter der Schicht des geordneten Denkverlaufes 
gelagert sind und die in Traum und Schizophrenie manifest in Erscheinung 
treten. Sie erscheint sonach nicht berufen, Aussagen über die Gesetze des 
geordneten Denkverlaufes selbst zu machen, die Objekt der experimentellen 
Forschung sind ; hingegen glauben wir, daß es ihr zufiele, die Beziehungen 
der einzelnen Denkphänomene zu unbewußten Vorgängen zu untersuchen 
und die Art der Entstehung von Denkgebilden als Funktion von Trieb- 
vorgängen zu beschreiben. 

Wir wählen für unsere kleine Studie, die vornehmlich dem Hinweis 
auf Probleme gewidmet ist, das bekannte Verfahren, von pathologischen 
Erscheinungen auszugehen. Wir tun dies nicht deshalb, weil wir etwa die 
verbreitete Meinung teilten, es gäbe zwischen pathologischem und normalem 
Geschehen nur Quantitätsunterschiedc, so daß jeder pathologische Fall nur 
Inhalte des Normallebens in Vergrößerung zeige; es scheint uns im Gegen- 
teil, daß beide sehr oft auch wichtige, durchaus qualitative Verschiedenheiten 
aufweisen, die über den Eindrücken einer erstaunlichen Analogie leicht 
übersehen werden, zumal sie meist schwer formulierbar sind. Wir gehen 
vom Pathologischen aus, nicht weil wir alles, sondern weil wir einiges 
auf diesem Wege zu verstehen hoffen. 

Unsere Betrachtung soll sich den schizophrenen Denkformen zuwenden ; 
unter diesen scheinen die paranoiden und die heboiden wohl nicht die 
einzigen, doch recht eindrucksvolle und psychiatrisch wohlumschriebene 
Typen zu sein. Die Erörterung des paranoiden Typus schließen wir an die 



Über schizophrenes und schöpferisches Denken 299 



gründlichste Paranoiaanalyse, an Freuds Zergliederung des Schreber- 
schen Wahnsystems an. 1 

Das Hauptstück des paranoiden Systems Dr. Schrebers besteht in 
seinem Glauben an seine Umwandlung in ein Weib, die eine bedeutsame 
Rolle in der Weltordnung zu spielen berufen sei; sie sei eine notwendige 
Voraussetzung der Welterlösung. Es ist ohne Beschränkung der Allgemein- 
gültigkeit möglich, dieses sehr typische Stück für sich allein unter 
Abstraktion von anderen Wahnelementen zu studieren. 

Das erste, was sich an dieser krankhaften Idee erkennen läßt, ist die 
Einstellung auf eine weibliche Linie; die Phantasie ist, vom Standpunkt 
des Trieblebens aus betrachtet, eine homosexuelle. Diese Umstellung hat 
sich, wie Freud gezeigt hat, bereits in der Zeit vor Ausbruch der 
Psychose in verschiedenen Anzeichen angekündigt. Wir können sonach als 
ersten Akt in der Bildung der S ch reb ersehen Wahnidee die Regression 
zur Homosexualität isolieren. Offenbar gabelt sich hier ein Weg für 
verschiedene Möglichkeiten: eine solche Regression ist in der Ätiologie 
sowohl der offenen Perversität wie mancher Neurose zu finden und wir 
müssen spezifische Erscheinungen in der Geschichte der Wahnidee 
beschreiben, die sie von den anderen Wegen scheiden. 

Ein zweites Phänomen der paranoiden Ideenbildung ist die besondere 
Art, in der dieser Triebvorgang erlebt wird; nicht als Vorgang in der 
eigenen Persönlichkeit, wie wir es bezeichnen würden, sondern als Produkt 
einer Einwirkung von außen. Durch die Verschiebung der Ichgrenze, wie 
der gebräuchliche Terminus lautet, tritt eine Variation des Objekterlebens 
ein; ein inneres wird als außen erlebt. Dieser Projektionsvorgang hat sein 
Analogon in dem Verhalten auch des normalen Menschen zu seinem Trieb- 
leben, das zumeist als ichferne und als Einwirkung, der man sich aus- 
liefert oder der man widersteht, erlebt wird. Gebräuchliche Redewendungen 
wie „es überkam mich", „es riß mich fort", verraten diese Einstellung 
und die Psychoanalyse hat sie terminologisch sehr gut wiedergegeben, wenn 
sie das Triebleben als „Es" zusammenfaßt. Diese Analogie ist aber 
beschränkt; dem Normalen ist sein „Es" wohl ichferner als sein bewußter 
Wille, ist ihm weniger Subjekt und dem Objekt verwandter, doch wird es 
ihm immer klar sein, daß er es nicht außerhalb seiner Person suchen 
darf. Der Paranoiker vollzieht diesen Schritt. 

Die Beschreibung der Bildung des Wahngedankens ist damit so weit 
gediehen, daß wir ein regressives Hervorbrechen der passiven Homo- 
sexualität und die dem Schizophrenen entsprechende Variation des Objekt- 



1) Ges. Schriften, VIII, 352 ff. 

20* 



300 Robert Wälder 



crlebens unterscheiden. Der erste Teil für sich allein würde bedeuten : ich 
werde — dem Triebleben nach — zum Weibe, der zweite verändert es 
in: ich werde — durch äußere Kräfte — in ein Weib verwandelt. Zu 
dieser Formel tritt, den isolierten Gedanken zu einem religiösen System 
erweiternd, die Selbstdeutung: diese meine Geschlechtsverwandlung dient 
der Erlösung der Welt. 

Dieser dritte Schritt verrät uns den Wunsch des Paranoikers, sein 
Erlebnis in ein Weltbild einzuordnen; er erträgt es nicht, es für sich 
hinzunehmen, er kann nicht umhin, sich gleichsam eine Theorie dafür zu 
schaffen. Seine Annahme über die Welterlösung und über die Bedeutung, 
die seiner Verwandlung in ein Weib dabei zukommt, ist eine Theorie, um 
diese ihm erlebnismäßig gegebene Verwandlung einordnen und befriedigend 
verstehen zu können. Der dritte Schritt, der Einbau des Erlebnisses in 
einen weiteren Zusammenhang entscheidet erst das spezifisch paranoide 
Resultat. Wir können mit einem Ausdruck der Gestaltspsychologie von 
einem Hineinsehen von Gestalten — sc. höheren Gestalten — in die 
Außenwelt, bzw. die als Außenwelt erlebten Innenvorgänge sprechen und 
schlagen vor, die Hypertrophie dieser Tendenz als Hypergnosie zu bezeichnen^ 
um damit einen Gegensatz zur herabgesetzten Gestaltwahrnehmung der 
Agnosien anzudeuten. 

Hypergnosie muß hinzutreten, damit der Eindruck eines paranoiden 
Bildes entstehe; fehlt sie, so wird uns die Verschiebung der Ichgrenze 
allein wohl den Eindruck des schizophrenen, doch nie den des paranoiden 
vermitteln. 

Die Bedeutung der Hypergnosie als die Differentia speeifica der Paranoia 
kann durch einen Fall illustriert werden, von dem A. Kronfeld berichtet: 
Ein Katatoniker erzählt nach Ablauf des Schubes von den wirren 
chaotischen Eindrücken, die er während des katatonen Zustandes empfing; 
aber das Chaos war nicht in ihm, sondern außer ihm. Bei diesem Kranken 
waren bestimmte Erlebnisse und deren Wahrnehmung jenseits der Ich- 
grenze gegeben; doch zur Wahnbildung fehlte eben der dritte Schritt, das 
Hineinsehen von Gestalten. Wäre er hypergnostisch gewesen, so hätte er 
seine in die Außenwelt projizierten Erlebnisse geordnet; sei es nun in 
wohlgeordnete Sinneswahrnehmungen (Gesichts- und Gehörshalluzinationen) 
oder in theoretischer Verarbeitung (Wahnsystem). Die bloße Verschiebung 
der Ichgrenze ohne Hypergnosie führt zu einem schizophrenen, aber nicht 
paranoiden Zustandsbild. 

Wir haben sonach bei der Entstehung paranoider Systeme das Erlebnis, 
seine Projektion und seine hypergnostische Einordnung in ein Weltbild 
unterschieden. Unsere Darstellung ist noch nicht vollständig, denn sie gibt 



Über schizophrenes und schöpferisches Denken 301 



von den paranoiden Systemen keine Rechenschaft, die sich nicht wie der 
Wahn Schiebers mit der eigenen Person, sondern — scheinbar — mit 
abstrakten Dingen befassen. So gibt es nicht nur Paranoiker mit Ver- 
folgungs-, Eifersuchts- oder Erlöserwahn, sondern auch solche mit Erfin- 
dungen, kosmologischen Theorien, Weltverbesserungsideen, physikalischen 
Entdeckungen und vielem mehr. Der Weg, der von unseren bisherigen 
Erfahrungen zu diesen Formen führt, liegt in dem Worte „scheinbar". 
Tatsächlich zeigt die Analyse, daß auch die Urteile über dem eigenen Ich 
ferne Fragen in tieferer Schicht Aussagen über persönliche Erlebnisse sein 
sollen. Die paranoische Theorie befaßt sich nicht unmittelbar mit ihrem 
ursprünglichen Gegenstand, sondern durch eine Art Verschiebung mit einer 
Abbildung, die für das Individuum an seine Stelle tritt; der Gegenstand 
kann daher dem Bewußtsein ferne gehalten werden, während bei der erst- 
besprochenen einfacheren Form, der Sc hr e b ersehen, die realitäts- 
unfähigen Inhalte, wie etwa die passiv-homosexuellen Vergewaltungs- 
phantasien, unmittelbar ins Bewußtsein treten. Als Beispiel für die zweite 
Art diene die kurze Analyse der verschrobenen Idee eines Wirrkopfes. 

Ein Schizophrener leichteren Grades lebt nur in dem Konflikt mit 
seinen Eltern; kaum ein anderes Thema rückt ihm nahe, es sei denn auf 
dem Umweg des Verhaltens seiner Eltern dazu. Der reale Ausgangspunkt 
des Konfliktes war die Unbotmäßigkeit des Sohnes gegen die streng 
religiösen und patriarchalischen Anschauungen der Eltern, im besonderen 
der Mutter. Sein Leben agiert in immer erneuter Wiederholung Bruch 
und Wiederversöhnung mit seinen Eltern; in der Zeit des Bruches wird 
er gewöhnlich stuporös und gibt alle Tätigkeit auf. Nach erfolgter 
Versöhnung gewinnt er seine Spannkraft wieder, sorgt aber für eine baldige 
neue Katastrophe. 

Dieser Kranke hat sich ein philosophisches System gebildet, das ihn 
intensiv beschäftigt und das er selbst für bedeutsam hält; die läppische 
Inhaltslosigkeit und Verworrenheit seines Philosophems muß bei dem sein 
gebildeten Mann (Arzt!) doppelt auffallen. Sein Hauptsatz lautet, daß es 
zwischen Wissenschaft und Religion im tiefsten Grunde nur Überein- 
stimmung geben könne; das sei ihm immer evident gewesen und er scheint 
diesem Satz fast den Wert einer Offenbarung beizumessen. 

Woher nimmt er die Quelle für diese Evidenz? Mag er auch vielleicht 
einmal von den scholastischen Thesen zu dieser Frage gehört haben; 
woher die tiefe Durchdrungenheit von dieser Wahrheit, wenn nicht von 
einem ebenso tiefen Erlebnis? Das Erlebnis, scheint uns, ist das der 
ewigen Gebundenheit seiner Person an seine Eltern und vor allem an 
seine Mutter. Er fühlt irgendwo, daß es nur Liebe sein kann, die den 



502 Robert Wälder 



Taktstock für sein seltsames und nicht selten äußerlich höchst tadelns- 
würdiges Benehmen führt; er ahnt, daß er nie diese völlige Gebundenheit 
an seine Eltern wie andere reife Menschen in jenes Maß innerer Unab- 
hängigkeit wird überleiten können, die gerade die Voraussetzung eines 
gleichmäßig warmen Gefühls bildet. Und dieses Erlebnis zwangsmäßiger 
Abhängigkeit, das er sich als solches nicht gesteht — er ist ja manifest 
in hellem Aufruhr und voll stürmischer, von Äußerungen des Schuld- 
gefühls durchsetzter Anklagen gegen die Eltern — dieses Erlebnis enthüllt 
sich ihm erst in der entstellten Form seines Lehrsatzes: die Religion, das 
ist die fromm-strenge Mutter, die die ärztliche Berufswahl des Sohnes mit 
tiefsten Gewissensbedenken erfüllte, die Naturwissenschaft ist er selbst. Die 
Einheit zwischen Religion und Naturwissenschaft ist ihm kein nach- 
gesprochener Satz, seine Überzeugung ist nachhaltig, denn sie ist auf dem 
Erlebnis aufgebaut: freilich nicht dem „Erlebnis" einer Einheit von 
Wissenschaft und Religion, sondern dem der Personen, die dieser Allegorie 
zugrunde liegen. 

Dies wäre ein Fall der Übersetzung- aus der Triebsprache in Inhalte 
des Kulturlebens; der Wunsch, sich die Tatsachen des Trieblebens nicht 
einzugestehen, sonach eine Art Verdrängung, scheint eine der Bedingungen 
ihrer Entstehung zu sein. Der hier analysierte Gedanke ist kein eigentlich 
paranoider; hiezu fehlt ihm das Element der Projektion des Grunderleb- 
nisses in die Außenwelt. Wenn diese Projektion vorläge, das Erlebnis 
sonach nicht lautete : meine Eltern und ich bilden eine unlösliche Einheit, 
sondern: ich werde zur Einheit mit meinen Eltern von außen gezwungen, 
so könnte die gedankliche Übersetzung etwa folgendermaßen heißen: die 
wissenschaftlichen Lehrsätze werden durch einen außenstehenden Einfluß, 
etwa einen Beeinflussungsapparat, so modifiziert, daß sie mit der Religion 
übereinstimmen, und dann wäre der Gedanke paranoisch. Wenngleich also nicht 
im engeren Sinne paranoid (das Grunderlebnis scheint auch kein homo- 
sexuelles zu sein), kann uns der analysierte Gedanke das Wesen der Über- 
setzung demonstrieren. 

Wir können nunmehr die Vorgänge der Wahnbildung in ihre Elemente 
zerlegen. Ein Erlebnis bestimmter Art wird innerlich objektiviert und 
durch hypergnostische Einstellung des Erlebenden wird ein System darum 
gebaut ; sei es durch Begründungen für das Erlebte oder durch dessen Ver- 
allgemeinerung. Zur Darstellung kann dabei statt des Erlebnisses selbst 
seine Übersetzung in scheinbar verschiedene Inhalte aus beliebigen Begriffs- 
sphären kommen. In diesem Falle ist die erscheinende paranoische Bildung 
nur eine Abbildung der „eigentlich" gemeinten. 

Wir wollen nunmehr versuchen, den Unterschied im Mechanismus von 



Über sdiizophrenes und schöpferisches Denken 3°3 

Zwangsgedanken und Wahngedanken zu erfassen. Beide sind keinesfalls 
inhaltlich zu unterscheiden; selbst die typischen Wahninhalte, wie Erlösung 
oder Verfolgung, können als reine Zwangsgedanken im Rahmen einer 
unverfälschten Zwangsneurose auftreten. Phänomenologisch sind zwanghafte 
und wahnhafte Form durch das Evidenzerlebnis geschieden : hier Evidenz und 
völlige Unkorrigierbarkeit, dort zwanghaftes Sichaufdrängen des Gedankens, 
der im Grunde doch nicht geglaubt wird, Ambivalenz und Zweifel. Wir 
glauben, daß diesem Unterschied ein Unterschied in der Eindeutigkeit des 
Erlebnisses zugrunde liegt. Die übrigen Akte der paranoiden Gedanken- 
bildung sind auch bei Zwangsneurotischen wiederzufinden (mit gewissen 
Nuancen), doch das zugrunde liegende Erlebnis scheint ein widersprochenes, 
keineswegs triebhaft einsinniges zu sein. Wäre bei Schreber nicht der 
völlige Durchbruch der Homosexualität geglückt, sondern wären genug Gegen- 
tendenzen stark geblieben, so daß nur ein offener Konflikt die Folge sein konnte, 
so hätte dieses Erlebnis bei sonst gleichen Bedingungen — Variation des 
Objekterlebens und Hypergnosie — dazu führen können, daß die Inhalte 
seines Wahns in der Form von Zwangsgedanken aufgetreten wären: 
homosexuelle Vergewaltigungsphantasien, die sich schreckhaft aufdrängen, 
stets abgewiesene und zwanghaft wiederkehrende Erlösungsphantasien usw. 

Es wäre durchaus abwegig, für die Erklärung des Unterschieds von 
Zwang und Wahn ein höheres Maß von Realitätsprüfung heranzuziehen. 
Denn bei Vorhandensein der gekennzeichneten übrigen Bedingungen 
sprengt ein unwidersprochenes Erlebnis die Realitätszensur regelmäßig. 
(Man gedenke etwa der häufigen hartnäckigen Wahngedanken bei sonst 
durchaus intakten Persönlichkeiten.) Oder richtiger: jeder Wahngedanke 
hat die Realitätszensur befriedigt, ihm liegt eine richtige Erfahrung 
zugrunde. Nur die Verallgemeinerung und die Theorie, die er hinzubaut, 
sind falsch; aber wir wollen uns nicht darüber täuschen, daß er doch 
wenig über das Maß an Verallgemeinerungsbereitschaft und theoretischer 
Naivität hinausgeht, die auch die meisten anderen Menschen des gleichen 
Bildungsgrades im täglichen Leben bekunden. 

Durch unsere Auffassung vom Unterschiede zwischen Zwang und Wahn 
wäre auch die häufige Entwicklung eines Gedankens von der zwanghaften 
zur wahnhaften Form, die Entwicklung einer Zwangsneurose zur Paranoia 
zu erklären. In allen diesen Fällen handelt es sich darum, daß ein 
ursprünglich widersprochenes, konflikthaftes Erlebnis, das im Zwangs- 
gedanken dargestellt wird, allmählich seinen Konfliktcharakter verliert und 
von der Persönlichkeit voll akzeptiert wird; dabei gehen jene Umbildungen 
im Ichideal vor sich, die wir alsbald beschreiben werden. 

Die Bedingungen der Wahnbildung, die wir freizulegen bemüht waren, 



304 



Robert Wälder 



scheinen zwar notwendig, doch noch nicht hinreichend zu sein. Denn 
wenn Schreber nach einer Konstruktion suchte, um seine wahrgenom- 
mene Triebumstellung in ein ganzes Weltbild einzuordnen, so hätte er 
ohne Zweifel viele Möglichkeiten bei diesem Beginnen gehabt; warum sein 
theoretischer Versuch gerade . die Gestalt des Erlöserwahnes mit seinem 
eigenartig megalomanen Einschlag angenommen hat, bleibt damit weiter 
unverstanden. Erst ein Blick auf die Veränderungen des Ichideals kann uns 
hier die schärfere Struktur des Vorganges vermitteln. 

Der Durchbruch der homosexuellen Strebungen zu Wirkung und 
Bewußtsein setzt den Niederbruch des korrespondierenden Teiles im Ich- 
ideal voraus; das Verbot: ich darf nicht Männer lieben, muß vorher abge- 
tragen werden. Bedeutet dies einen Abbau des Ichideals? 

Es will uns scheinen, daß kein Abbau, sondern nur eine innere Um- 
schichtung vorliegt. Denn das ursprüngliche Verbot der Homosexualität ist 
ja gegen den Triebansturm nicht etwa schrankenlos und ohne Ersatz 
gefallen, sondern erst nach gründlicher Kompensationsbildung gewichen. 
Der moralische Teil des Ichideals ist freilich geschwächt aus dem Konflikt 
hervorgegangen, doch erst, als zur Entschädigung der narzißtische hoch- 
kultiviert wurde. „Ich soll der Erlöser der Menschheit sein", heißt die 
neue Idealforderung Seh rebers an sich selbst und er kann sich für 
den Idealabbau auf der anderen Seite beruhigen: „Wenn ich homo- 
sexuelle Vorstellungen habe, bedeutet es ja nicht dasselbe, wie bei anderen ; 
bei mir ist es keine simple Triebbefriedigung, sondern ein Schicksal, 
notwendig durch die mir auferlegte Erlöserfunktion." 

Daß diese Kompensationsbildung wirklich die ausschlaggebende Rolle in 
der Inhaltsbestimmung des Wahnes gespielt hat, geht aus Seh rebers 
Darstellung klar hervor. Schreber war, wie Freud zeigte, zunächst 
geneigt, sein Erlebnis nicht durch die Erlösungshypothese, sondern durch 
die viel näher liegende Annahme sexueller Verfolgung zu deuten. Aber dieser 
Ansatz blieb unentwickelt, ihm fehlte die zum Abbau des moralischen Ideals 
nötige narzißtische Kompensation. Und Schreber meint, alle auf seine 
Geschlechtsumwandlung zu weltordnungswidrigen Zwecken (d. h. zur 
Befriedigung der geschlechtlichen Begierde eines Menschen) gerichteten 
Versuche seien gescheitert, während ihm die Entmannung zu einem 
anderen, weltordnungsmäßigen Zweck (d. h. als Mittel zur Welterlösung) 
als wahrscheinlichster Ausgang des Konfliktes erscheint. 1 

Die Kompensation, die ihrerseits auf das Vorhandensein narzißtischer 
Fixierungen hinweist, hat nun den Triebdurchbruch erst möglich gemacht; 



i) Vgl. Freud, Ges. Schriften, Bd. VIII, 367. 



Über schizophrenes und schöpferisches Denken 3°5 

und dieser Vorgang im Ichideal gibt zugleich Hinweise zum Verständnis 
dafür, warum gerade diese Wahntheorie unter den vielen denkmöglichen 
entstand. Das schließliche Gebilde muß eben auch diesen Vorgang wieder- 
geben, der neue Wahn durch die Errichtung neuer Idealforderungen 
inhaltlich mitbestimmt werden. Sonach ist unsere früher gegebene Detail- 
darstellung für das Entstehen wahnhafter Gedanken dahin zu ergänzen, 
daß der Inhalt des Gedankens entscheidend bestimmt wird durch jene 
Umschichtung im Ichideal, die der Durchsetzung des Grunderlebnisses 
dient. 

Unsere bisherige Darstellung hat die Grenzen einer Beschreibung der 
paranoiden Ideenbildung bereits überschritten; unser Beispiel für einen 
Gedanken, der einen Triebzustand in Übersetzung wiedergibt, und die 
Untersuchung der Zwangsidee haben schon über das ursprüngliche Thema 
hinausgegriffen und damit eine Verallgemeinerung vorbereitet, die uns zur 
eigentlichen These dieser Studie führen soll. Es scheint uns, daß man den 
dargelegten Mechanismus der paranoiden Ideenbildung als ein Vorbild für 
den Mechanismus des schöpferischen Denkens und in weiterer Folge des 
Normaldenkens überhaupt betrachten kann. 

Daß auch dem nicht wahnhaften, dem richtigen schöpferischen Gedanken 
ein Erlebnis zugrunde liegt, glauben wir in Übereinstimmung mit der ana- 
lytischen Erfahrung annehmen zu können. Nur aus diesem Erlebnis 
stammt die Hinneigung zum Thema und die Bindung an den Gedanken; 
aus dem Widerspruch im Erleben stammt der Zweifel an der gedanklichen 
Verarbeitung, aus der Einsinnigkeit des Erlebens ihre Evidenz und 
Unkorrigierbarkeit. 

Das zweite Stück, die Projektion, ist gleichfalls wiederzufinden 1 ; eine 
gewisse Objektivierung, die freilich im Normalfall nicht über die Grenze 
des Ichs hinausgeht, liegt beim Denken stets vor und wir meinen, daß die 
Objektivierung nicht erst eine Folge der gedanklichen Behandlung bildet, 
sondern daß eine erlebnismäßige Objektivierung eine Voraussetzung ist, die 
das Werden einer gedanklichen Verarbeitung erst ermöglicht. 

An der Entstehung des schöpferischen Gedankens ist Hypergnosie stets 
beteiligt; der schöpferische Gedanke beruht geradezu auf der Erfassung 
eines verborgenen Zusammenhanges, was man durchaus als Wahrnehmung 
von Gestalten höherer Ordnung bezeichnen darf. Die Beziehung zur Gestalt- 
wahrnehmung im alltäglichen Sinne rechtfertigt sich hier auch durch die 
leicht reproduzierbare Beobachtung, daß bei der Empfängnis der produktiven 

1) Sandor Rad 6 hat als erster ausgesprochen, daß der schöpferische Gedanke 
seine Entstehung der Projektion von Selbstwahrnehmungen verdankt (Imago, Bd. VIII, 
1922, S. 415). 



306 Robert Wälder 



Idee visuelle Menschen oft Gestalten in den optischen Vorstellungen wahr- 
nehmen, die sie beim Denken bilden, während Akustiker und Motoriker 
in der gleichen Situation analoge Gestalterlebnisse kennen. 

Die Übersetzung des Erlebnisinhaltes in den Gedankeninhalt müssen 
wir auf Grund unserer Theorie auch beim Normalen annehmen; sie ist 
jedenfalls immer gegeben, wenn sich der Gedanke mit einem anderen Gegen- 
stande als dem eigenen Triebleben befaßt. 

Ebenso müssen wir gewisse Verschiebungen im Ichideal annehmen; die 
Ermöglichuug des Erlebnisses, seine eventuelle Übersetzung, seine gcgeben- 
falls übertragene Darstellung weisen auf sehr feine Rückbildungen und 
kompensationsweise erfolgte Neubildungen im Ichideal hin, die freilich 
nicht so primitiv und durchsichtig sind, wie bei dem besprochenen ein- 
fachen Fall des Sc hreb ersehen Wahnes. 

Und dieses Schema muß die Grundlage auch für das Schema des 
durchschnittlichen Denkens bilden, soweit es sich um geschlossene Denk- 
gebilde handelt, bei dem dann Intensitäts- und vielleicht Inhaltsunter- 
schiede des zugrunde liegenden Erlebens, eine andere Nuance der 
Objektivierung und ein geringeres Maß der Hypergnosie angenommen 
werden könnten. 

Man kann nun die Frage nach dem Unterschiede des paranoiden vom 
richtigen schöpferischen Denken zur Diskussion stellen, die schließlich zur 
weiteren führt, ob wahr und falsch schon im psychologischen Mechanismus 
der Gedankenbildung unterscheidbar sind. Die Erörterung dieser Frage ist 
jenseits des Rahmens dieser Arbeit gelegen, denn sie greift über das 
Gebiet der Psychologie in das der Erkenntnistheorie über und ist ohne 
erkenntnistheoretische Basis gar nicht eindeutig formulierbar. Wir können 
hier, auf Psychologie beschränkt, nur ohne Anspruch auf Allgemeingültig- 
keit oder ausschließende Bedeutung gewisse, sehr häufige und möglicher- 
weise typische Differenzen paranoider und korrekter Ideenbildung hervor- 
heben. 

Zunächst scheint es, daß die Bevorzugung eines bestimmten Erlebnis- 
inhaltes (des homosexuellen) nur der paranoiden charakteristisch ist; über 
diese Annahme könnte jedoch erst auf Grund eines ausreichenden Mate- 
riales von Analysen schöpferischer Gedanken entschieden werden. Ferner 
mag ein typischer Unterschied im Ausmaße der Projektion gegeben sein, 
je nachdem, ob nur eine verhältnismäßige Objektivierung eines Erleb- 
nisses ohne Überschreitung der Ichgrenze oder ob seine Verlegung in die 
Außenwelt vorliegt. Wir wagen die Vermutung, daß in der Projektion der 
letzten Art das Grundphänomen für die Schwächung der Realitätszensur zu 
suchen ist. Denn durch diese Art Projektion wird der Erlebniszusammen- 



Über schizophrenes und schöpferisdies Denken 307 



hang zerstört und es liegt für das Individuum eine nunmehr außenwelt- 
liche Erfahrung vor, die mit der realen Außenwelt .nicht mehr überein- 
stimmt; es ist der Zustand eingetreten, den wir als Fall der Realitäts- 
zensur bezeichnen, da sich die vom Individuum erlebte Außenwelt mit 
der wirklichen nicht mehr deckt. Die Grundlage für diese weitgehende 
Variation des Objekterlebnisses scheint eine Regression in jene frühe Zeit 
der Entwicklung zu bilden, da die zahlreichen einzelnen Ichtriebe noch 
nicht durch höhere Ichtriebe zu Einheiten gebündelt waren und die Ich- 
grenze dementsprechend noch nicht scharf aufgerichtet war. 

Eine Stütze für unsere Annahme, in der Verletzung der Ichgrenze beim 
Erleben des eigenen Erlebens den Grund für die Verletzung der Realitäts- 
prüfung zu finden, glauben wir in dem Analogon zu sehen, den dieser 
Vorgang im Normalleben hat. So oft eine bescheidene Verletzung der 
Ichgrenze beim Normalen etwa dadurch eintritt, daß er geneigt ist, die 
Ursache für sein Schicksal außerhalb seiner Person zu suchen, tritt eine 
Schwächung der Realitätsprüfung ein. Tatsachen werden umgedeutet und 
die Außenwelt in falschem Lichte gesehen. 

Ferner scheinen typische Differenzen beim paranoiden und normalen 
Denken in den Ichideal-Vorgängen zu liegen: der Idealabbau ist beim 
gesunden Denken nicht gleicherweise weitgehend und vor allem erfolgt die 
Kompensationsbildung nie auf jener primitiven narzißtischen Stufe wie 

beim Paranoiker. 

Die bisherigen Darstellungen waren vornehmlich dem paranoiden und 
schöpferischen Denken gewidmet, dem wir uns von der Seite des para- 
noiden zu nähern versucht haben. Es sollten jedoch zwei schizophrene 
Denktypen, der paranoide und der heboide, betrachtet werden. Heboid 
nennen wir das unstetig verworrene, von Gegenstand zu Gegenstand 
schweifende Denken, dessen krankhafte Form im Gedankenfluß des Hebe- 
phrenen auftritt und das in seltsamem Gegensatz zur Konsequenz des 
paranoiden Denkens steht. Wir glauben, der heboiden Erscheinung am 
ehesten durch die Annahme gerecht zu werden, daß sie sich aus zahl- 
reichen, sehr schnell einander ablösenden Ansätzen zu paranoiden Bildungen, 
die nie bis ans Ende ausgeführt werden, zusammensetze. Ein rascher 
Wechsel der als bedeutsam erlebten Inhalte, eine Art Libidodissipation 
kann als die Grundlage des Vorgangs angenommen werden. Das heboide 
Denken ist dann — mit den oben skizzierten Unterschieden — als 
pathologisches Vorbild des alltäglichen, umherschweifenden und keinen 
Gegenstand lange verfolgenden Denkens zu betrachten. 

In scharfem Gegensatz zu den schizophrenen Typen scheint eine Denk- 
form zu stehen, deren pathologische Ausbildung bei der Amentia beobachtet 



308 



Robert Wälder: Über schizophrenes und sdiüpferisdics Denken 



werden kann. Die fetzenartigen Gebilde dieser Kranken verraten im 
Gegensatz zu den bisher besprochenen eine li erabgesetzte Gestalterfassung, 
eine Art Hypognosie, um in unserer Terminologie zu bleiben; die 
Unfähigkeit der Aktsynthesen ist ihr charakteristisches Merkmal. Auch sie 
findet ihre Vertretung im Gebiete des Normalen. 

Diese Arbeit konnte weder eine Analyse aller krankhaften Denkformen 
noch eine vollständige Beschreibung der korrespondierenden normalen 
geben; sie mußte sich auf provisorische Ansätze zu einer Theorie 
beschränken, deren Aufgabe das Studium der funktionalen Abhängigkeit 
des Denkens vom Triebleben sein wird. Die Ergebnisse der Erforschung 
des Ablaufes des geordneten Denkverlaufes selbst, die die Denkpsychologie 
leistet, bleiben hiebei unberührt. Zwischen beiden Problemstellungen bestehen 
jedoch zweifellos mannigfache Beziehungen, die eine künftige umfassende 
Theorie des Denkens wird berücksichtigen und verwerten müssen. 



Die Identifizierung 

Von 

Otto Fenichel 

Berlin 

I 

Ichveränderungen, bei denen Eigenschaften erworben werden, die vorher 
an einem Objekt wahrgenommen worden sind, waren der Psychoanalyse 
von jeher bekannt. Sie wurden „Identifizierungen" genannt und als eine 
zweite Möglichkeit von Beziehungen eines Subjekts zu Objekten der Außen- 
welt der „libidinösen Objektbesetzung" gegenübergestellt. Freud hat uns 
eine zusammenfassende Übersicht über diese Vorgänge gegeben (; }, Ss. 305/309). 
Seit ihrer Veröffentlichung hat Freud gezeigt, daß auch das Über- 
ich durch einen Identifizierungsakt entsteht. Die dadurch bedingte 
Umfangserweiterung des Begriffes „Identifizierung" rechtfertigt wohl den 
folgenden Versuch, Gemeinsamkeiten und Differenzen der Identifizierungen zu 
erkennen und metapsychologisch zu beschreiben, auch wenn er noch nicht 
die von Freud geforderte „anschauliche metapsychologische Darstellung" 
der Identifizierungsvorgänge ()), S. 504) erreichen kann; die Lücken 
unseres Wissens sind hier noch allzu zahlreich. 

II 

Wir wollen zunächst die bei Erwachsenen vorkommenden Identifi- 
zierungen betrachten und mit der Untersuchung ihrer dynamischen 
Verhältnisse beginnen. 

Immer sind es Triebe, die den Motor der Identifizierungen abgeben. 
Diese, aus somatischen Quellen stammend und dem die Motilität beherrschen- 
den Ich Arbeitsanforderungen auferlegend, erstreben eine Befriedigung, 
d. h. eine adäquate Veränderung der Außenwelt, durch die die Spannung 
an der Triebquelle endlich zum Schwinden gebracht wird. Dies geschieht 
durch Handlungen, die eine Realisierung eines Trieb Zieles an einem 
Trieb objekt bedeuten (24). 



310 



Otto Fenidicl 



Untersuchen wir zunächst schematisch die normale Ohjektliebe: Das 
Objekt wird zunächst wahrgenommen; die Wahrnehmungen hinter- 
lassen Erinnerungs Vorstellungen. Die primitive Urteilsfunktion erkennt 
das Objekt als fähig, Befriedigungen zu spenden. Nun wird es mit Libido 
besetzt. Wie geht das vor sich? Alle Vorstellungen desselben Objektes sind 
intrapsychisch zu einer Einheit zusammengefaßt, die man — da sie 
gemeinsamer Ausdruck vieler Einzelvorstellungen, das Objekt vertritt — 
als „intrapsychische Objektrepräsentanz" bezeichnen kann, 1 An dieser, nicht 
am außerhalb des Subjektes befindlichen realen Objekt spielen sich die 
wirksamen Besetzungsvorgänge ab. Durch die Besetzung, die von Trieben 
aus dem Es gespeist wird, wird die Objektrepräsentanz mit einer Machtfülle 
über andere Vorstellungen und Objektrepräsentanzen ausgestattet, sie „kann 
auf einen beliebigen Umkreis seelischer Vorgänge organisierenden, sichten- 
den, gestaltenden Einfluß" nehmen (Radö, ./<?, S. 20). Das Ich hat keinen 
anderen Weg zu den Objekten der Außenwelt als den über solche Objekt- 
repräsentanzen, die aus dem Wahrnehmungsinhalt erst konstante Objekte 
sich herausheben lassen. Die „Objektrepräsentanzen", deren Entstehung in 
den Er-Systemen. der psychologischen „Begriffsbildung" verwandt ist, bleiben 
dabei — dank der Funktion der Realitätsprüfung — von Ichinhalten wohl 
unterschieden. — Die Triebhandlung, die die besetzte Repräsentanz 
fordert, ist natürlich eine reale, am äußeren Objekt vorgenommene ; 
bei der „Introversion" unterbleibt diese Wendung zur Realität in der 
Triebhandlung und wird durch phantastische Erlebnisse mit der Objekt- 
repräsentanz ersetzt (28, S. 589). Bei der Objektliebe haben wir also: 
Wahrnehmungen — Bildung einer Objektrepräsentanz — Besetzung der- 
selben vom Es her — Triebverlangen — reale Triebhandlung am Objekt. 
Wir wissen, daß dieser Verlauf auf verschiedene Weise durch äußere 
oder innere Versagungen gestört werden kann. Letztere treten ein, wenn 
das Ich eine Triebregung abwehrt, ihr den Zugang zur Motilität ver- 
weigert. Der Trieb muß sich, um zur Befriedigung zu gelangen, Ver- 
änderungen gefallen lassen. Diese Veränderungen, die Triebschicksale, kann 
man also „auch als Arten der Abwehr gegen die Triebe darstellen", deren 
eine die Verdrängung ist (24, S. 452). 

Es liegt nahe, auch die Identifizierung als „Triebschicksal" zu beschreiben. 
Am ursprünglichen Objekttrieb, der zum Identifizierungsvorgang führt, 
ändert sich Objekt und Ziel. Das reale Objekt interessiert nicht mehr 
(oder nicht mehr im gleichen Maße); das Ich ändert seine Gestalt und 
wird objektähnlich, die Libido wird dabei desexualisiert. 

1) Radö hat in gleichem Sinne von einer „Vorstellungsrepraseiitanz" des 
Objektes gesprochen (49). 



Die Identifizierung 3" 



1) O b j e k t änderung : An die Stelle des Objekts ist in vollem oder 
partiellem Ausmaß das Ich getreten. Wir kennen ein Triebschicksal, bei 
dem die gleiche Veränderung stattfindet, die „Wendung gegen das Ich", 
und wissen diese als eine Regression zum Narzißmus zu erklären (24, 
S. 457). Bei der Identifizierung wird aber nicht das bisherige Ich zum 
Objekt einer Regung des Es, sondern es ändert seine Gestalt. Es scheint, 
als hätte sich hier das Es tiefer durchgesetzt als bei der diffusen Wendung 
gegen das Ich: Das an ein Objekt fixierte Es, selbst durch äußere oder 
innere Gründe zum Verzicht und zur Vorliebnähme mit dem eigenen Ich 
gezwungen, erhält im objektähnlich gewordenen Ich einen besseren Objekt- 
ersatz. Die Ichveränderung der Identifizierung erfolgt also „dem Es zuliebe", 
das Ich bietet sich dem Es an (j/, S. 374). „Ja, vielleicht ist diese Iden- 
tifizierung überhaupt die Bedingung, unter der das Es seine Objekte aufgibt" 
0/' S. 373)- Das Ich erliegt dem Es, ändert sich selbst in Konsequenz 
seiner Abhängigkeit von ihm und „erspart sich dadurch Verdrängungen" 
(ß6, S. 422). Die Identifizierung scheint so als Abwehrmethode des Ichs 
koordiniert neben die Verdrängung zu treten, ist vielleicht sogar primitiver 
als diese. Die „Inkonsequenzen, Verschrobenheiten und Narrheiten", die 
durch die Deformationen entstehen, die sich das Ich aus Schwäche gegen 
Es und Über-Ich gefallen lassen muß {}6, S. 422), mögen zum größten 
Teil auch auf Identifizierungen beruhen. — Wir können diese nunmehr 
auch als Schicksal der Objektrepräsentanz beschreiben. Diese hat ihren 
^gestaltenden Einfluß auf das Ich selbst ausgedehnt, ihm seine eigene 
Gestalt ebenso wie seine Besetzung abgetreten und damit die Schranke 
zwischen Ich und Dingwelt niedergerissen, ohne daß die Realitätsprüfung 
irgendwie defekt wäre. (An den Besetzungsverschiebungen sind die Er-Systeme, 
nicht das System W beteiligt.) Das Ich hat Form, Besetzung und Funktion 
der Objektrepräsentanz übernommen. Man kann bei diesem Wechselspiel 
zwischen Ich und Objektrepräsentanz sowohl dieses als auch jene als aktiv 
auffassen. In Wahrheit stammt die tätige Energie aus dem Triebverlangen 
des Es, das beiden erst ihre Besetzungen verleiht. Die Identifizierungen sind 
also Ichveränderungen auf Grund eines Triebverlangens des Es, das aus 
äußeren oder inneren Gründen nicht mehr (oder noch nicht) an die Außen- 
welt gerichtet wird. 

2) Ziel änderung: Die Zieländerung bei der Identifizierung scheint 
nicht direkt dem Befriedigungsersatz zu dienen, sondern erscheint als eine 
dem Es unerwünschte Konsequenz der Objektänderung. Die Ersetzung des 
Objektes durch das Ich erzwingt eine Zielablenkung von uneingeschränktem 
Sexualziel zu einem Ichziel, eine Desexualisierung (jj, S. 391). Die 
sekundär ans Ich gebundene Libido verliert ihren spezifisch sexuellen 



312 Otto Fcnidiel 



Charakter und wird dadurch zu mannigfacher (intellektueller) Verwendung 
fähig. Eine Vermutung von Freud besagt, daß jede Sublimierung den 
Weg über eine Identifizierung nimmt (ßj, S. 374). Für die Zieländerung 
von großer Bedeutung ist die Tatsache, daß jede Identifizierung mit einer 
Triebentmischung einhergeht (jj, S. 400 bis 401), auf die wir erst später 
werden eingehen können. 

III 

Das Wichtigste zur Topik der Identifizierung ist uns bereits klar 
geworden: Nach vollendeter Differenzierung von Es und Ich spielen sich die 
Identifizierungen (auf Geheiß des Es) im Ich ab. — Wir wissen durch 
Freuds Forschungen, daß einzelne dieser Ichveränderungen in Gegensatz 
zum übrigen Ich treten, eine Sonderstellung für sich beanspruchen und 
eine bleibende Veränderung in der psychischen Struktur hervorrufen; sie 
konstituieren das Uber-Ich (?/). Beim Erwachsenen können sich spätere 
Identifizierungen vielleicht auch im Über-Ich abspielen. Wir werden diese 
Differenzen später im Detail untersuchen. — Die Kommunikation von Ich, 
Uber-Ich und Es, die ja Differenzierungsprodukte eines gemeinsamen 
Ursprungs darstellen, macht gerade hier die exakte topische Beschreibung 
sehr schwierig. In zwei Fällen können Ichveränderungen, die durch Iden- 
tifizierungen entstanden sind, „tief in das Es tauchen": Einmal wenn 
gerade Triebeigenschaften (Regungen des Es) eines Objektes ins Ich auf- 
genommen worden sind, wie bei Homosexuellen, die sich mit dem 
gleichgeschlechtlichen Elternteil identifiziert haben (iS, S. 18, Fußn., 
}Z, S. 326 und Fußn., }), S. 507, 34, S. 396). Zweitens wenn die 
Objekte tiefster Regungen des Es ins Ich gelangt sind, die so ein Stück 
archaisches undifferenziertes Es ins Ich zurückbrachten, wie es bei der 
Entstehung des Über-Ichs der Fall ist (ßf). 

Es wäre zu erwarten, daß die Identifizierungen in ihrer Genese 
(Schicksal einer Regung des Es) nicht bewußt, in ihrem Resultat (Gestalt 
des Ichs) bewußt sind. Die erste Erwartung wird erfüllt. Man weiß 
nichts davon, wenn man sich identifiziert, und produziert einen Widerstand 
gegen die aufklärende Einsicht. Die bewußte Nachahmung ist dagegen 
kein Einwand; sie ruht entweder auf einer tieferen unbewußten Basis 
oder hat mit dem hier metapsychologisch untersuchten eigentlichen Iden- 
tifizierungsvorgang nichts weiter zu schaffen. — Die zweite Erwartung 
erfüllt sich nicht durchgehends. Es erklärt sich durch die enge Verbindung 
von Ich und Es, wenn Ichveränderungen vom Bewußtsein nicht bemerkt 
werden. Der Verdrängungsdruck, der auf dem Ödipuskomplex lastete, setzt 
sich auch auf dessen Erben fort, so daß der Kern des Über-Ichs — ein 



Die Identifizierung 313 



Identifizierungsprodukt — regelmäßig unbewußt ist. Wenn viele Personen 
ihren eigenen manifesten Charakter so wenig kennen, mag ein ähnlicher 
Ursprung ihrer Ichgestaltung aus dem Es daran Schuld tragen. — 
Forderungen, die von einem introjizierten Objekt an das übrige Ich 
gerichtet werden, können sogar selbst Gegenstand einer Verdrängung 
werden (_?/, S. 397). 

Alle Identifizierungen tragen archaischen Charakter und zeigen die 
Phänomene des Primärvorganges. Das ist das Anzeichen ihrer Abstammung 
aus den ältesten Zeiten der Entwicklung. Was wir bisher „Identifizierung" 
nannten, erweist sich als Regression in ein primitives Vorstadium der 
Objektliebe. Dieses, die „primäre Identifizierung", stammt aus einer Zeit 
da das Ich noch sehr schwach, seine Gegensätzlichkeit gegenüber dem Es 
noch wenig ausgeprägt war; auch darauf mag es zurückzuführen sein, daß 
in den erwähnten Fällen die Ichveränderung durch Identifizierung bis ins 
Es zu reichen scheint. Identifizierungen tragen auch selbst das Ihrige dazu 
bei, dem Ich seine bleibende, vom Es differenzierte Gestalt zu geben. 
Jedoch kann die Ichbildung überhaupt keinesfalls nur durch Identifi- 
zierungen erklärt werden. Die Auffassung, daß diese vom System W-Bw 
als von ihrem Kern ihren Ausgang nimmt, ist die Grundlage der Freu d- 
schen Struktur des seelischen Apparates (?/, S. 367 ff.). So erscheint uns 
die Ansicht Reiks, „das Ich ist selbst ein Niederschlag unserer frühesten 
und bedeutsamsten Identifizierungen" (f2, S. 222) zu weit gegriffen. 



IV 

Wir haben bereits eine ökonomische Rücksicht in letzter Hinsicht als 
Motiv jeder Identifizierung überhaupt angesprochen: Das Bestreben, verloren 
gegangene Befriedigungen zu ersetzen. Der Objektverlust ist regelmäßige 
Voraussetzung der Identifizierung, mag er nun durch die Realität (Trauer, 
Charakterveränderung nach Liebesenttäuschung), durch den Anspruch der 
verdrängenden Mächte (Homosexualität) oder durch den des Wiederholungs- 
zwanges und der tiefen Ambivalenz (Melancholie) hervorgerufen sein. Auch 
die „primäre Identifizierung" läßt sich als Reaktion auf den enttäuschen- 
den Verlust der Ich und Außenwelt umfassenden Einheit auffassen. — 
Die Tatsache, daß auch das triebfeindliche Über-Ich Resultat eines solchen 
Versuches zum Befriedigungsersatz ist, zeigt, daß es dabei nicht um Lust- 
gewinn, sondern in tieferer Schichte um Triebabfuhr und Erhaltung des 
seelischen Gleichgewichtes im Sinne des Nirwanaprinzips zu tun ist. Der 
„Geheimbund" zwischen Über-Ich und Es (Alexander, 7) ermöglicht 
aber oft auch hier schließlich den Sieg des Lustprinzips. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XII% Sl 



314 



Otto Fcnichcl 



V 

Die bisherigen Erörterungen drängen uns nun zwei weitere Probleme 
auf: 1) Ist die Identifizierung ein Triebschicksal, so fragt es sich, welche 
Triebe die beschriebenen Änderungen erleiden. 2) Haben wir die 
beschriebenen Identifizierungen als Regressionen kennen gelernt, so möchten 
wir auch gerne etwas über die „primäre Identifizierung erfahren, die 
die Vorstufe der Objektliebe war. Beide Fragestellungen hängen eng 
zusammen. 

Erotische und destruktive Regungen können niemals ganz isoliert beob- 
achtet werden. Ihre Mischung ist in primitiveren Organisationsstufen 
weniger vollzogen als in höheren. In der archaischen Identifizierung sind 
erotische und destruktive Antriebe nebeneinander und noch unge- 
mischt wirksam ; tritt an Stelle einer Objektliebe wieder eine Identifi- 
zierung, so geht das mit einer Triebentmischung einher (}j, Ss. 586 und 
400/401). 

Die klinische Forschung konnte die bei allen Formen der Identifizierung 
wirksameExekuti ve aufzeigen: Dieora le Einverleibung (18. S. 72, 
?/« S. 375, 2, 5). Abraham hat die orale Organisationsstufe der Libido 
in eine objektlose Sauge- und eine ambivalente Beißstufe zerlegt. Das 
narzißtische Ziel der letzteren, die Totaleinverleibung des Objektes, fällt 
mit der primären Identifizierung, das ihr folgende Ziel der Partial- 
einverleibung (das meist der älteren analen Organisationsstufe zugeordnet 
ist), mit der partiellen Identifizierung zusammen (/, Ss. 75 ff). Darum 
drückt auch die Identifizierung gleichzeitig Zärtlichkeit und Vernichtungs- 
wunsch aus (}}, S. 304), ist typisch ambivalent (Triebentmischung) und 
hängt mit dem Narzißmus so enge zusammen. 

Es ist also in erster Linie orale Libido, die — der Triebentmischung 
entsprechend — im Verein mit sadistischen Impulsen an der Identi- 
fizierung Anteil hat. Aber wie bei jeder Regression zu unterscheiden ist 
ein wirkliches Aufgeben der genitalen Position (Zwangsneurose, Melancholie) 
von einem Rückfluten genitaler Libido auf prägenitale Zonen mit Bei- 
behaltung ihres spezifisch genitalen Charakters (Hysterie), so auch hier: 
Eine Identifizierung kann einmal eine echte Regression ins Orale sein, 
dann ist sie total und narzißtisch (Melancholie j, 2j). Ein anderesmal 
ist sie oraler Ausdruck einer ge n ita le n Regung, Mittel zum Ersatz des 
Genitalobjektes (Trauer j, Charakterveränderung nach Liebesenttäuschung j /) 
oder gar Mittel zur Herstellung der hysterischen Liebesbedingung des 
„Genitalausschlusses" (/). (Typische hysterische Phantasie: Die Patientin 
verschluckt den Penis des Partners, wird dadurch selbst Mann, kann 
sich nun männlich genital betätigen, hat aber das Objekt genitallos 



Die Identifizierung 3*5 



gemacht o). Bleibt die genitale Besetzung bestehen, so erhält sich 
damit auch die Objektbesetzung; wir reden von einer partiellen 
Identifizierung. 

Die Annahme einer „primären Identifizierung" als einer „frühesten 
Äußerung einer Gefühlsbindung an eine andere Person" {)), S. 305) zur 
Zeit der oralen Libidoorganisation wird auch durch folgenden Gedanken- 
gang nahegelegt: 

Die Unterscheidung von Außenwelt und Ich wird unter dem Druck 
der Versagungen durch Erfahrung erlernt (24, I)). Ist das primitive 
Lust-Ich gezwungen, Unlustreize als von außen kommend anzuerkennen, 
so hat es doch für Lustreize auch weiterhin keinen Grund dazu. „Es 
nimmt" also „die dargebotenen Objekte, insoferne sie Lustquellen sind, 
in sein Ich auf, introjiziert sich dieselben und stößt andererseits von sich 
aus, was ihm am eigenen Ich Unlustanlaß wird*". („Purifiziertes Lust-Ich", 
24, S. 461). Die Aufnahme des Lustvollen ins Ich, die Überweisung des 
Unlustvollen an die Außenwelt ist gleichzeitig der Beginn der Urteils- 
funktion (jj>). Ist später die Realilätsprüfung ausgebildet, so bleibt doch 
das Bestreben, sich dem lustbringenden Reiz möglichst anzunähern. Die 
Realität des äußeren Lustobjektes wird zwar schon anerkannt, aber es 
wird doch noch versucht, es dem Ich einzuverleiben. Dieses Streben ist 
die primäre Identifizierung. Das purifizierte Lust-Ich mag der Sauge- das 
folgende Stadium der oral-sadistischen Beißperiode entsprechen. 

Die Identifizierung muß auch phylogenetisch älter sein als die Objekt- 
liebe. R a d ö glaubt, sie in der bei niederen Tieren so häufigen „Mimikry" 
wiederzuerkennen (49, S. 21). Ferenczi charakterisiert die der plan- 
mäßigen Realitätsveränderung vorausgehende „Autoplastik" so, daß bei ihr 
„für das verlorene Objekt am eigenen Körper phantastischer Ersatz gesucht 
wird" (14, S. 53); demnach wäre auch sie eine Erscheinungsform der 
Identifizierung. 

Ist es im Psychischen so, daß bei fortschreitender Entwicklung die 
primitivere Form nie völlig verschwindet, sondern von der differenzierteren 
nur überdeckt wird, so muß auch am Grunde jeder Objektliebe eine 
Identifizierung ruhen. Für die nach dem narzißtischen Typus gewählten 
Objekte (2^, S. 173) leuchtet das ohne weiteres ein; demgemäß dürfte 
das narzißtischer liebende Weib sich mit dem Sexualpartner ausgiebiger 
identifizieren als der nach dem Anlehnungstypus wählende Mann. Aber 
auch darüber hinaus: Das allgemeinste Sexualziel, das Streben des Eros 
nach immer höherer Vereinigung (J2), spiegelt sich in der gegenseitigen 
Identifizierung der Partner im Sexualakt (F e r e n c z i) (14. Ss. 24 und 34). 
Wir können nach Helene Deutsch nicht nur nach einer Liebesent- 



3l6 Otto Fcnichcl 



täuschung, sondern auch bei der höchsten Liebeserfüllung von einer 
regressiven Identifizierung sprechen. Es darf dabei nicht vergessen werden, 
daß eine volle Realisierung der Identifizierungsstrebungen, ein äußeres 
Objekt in das Ich körperlich aufzunehmen und dort ein Sonder- 
dasein führen zu lassen, für das Weib in der Schwangerschaft gegeben ist 
(8, Ss. 55 f, 72, 75). 

Es ist hier die Stelle, an ein von Freud aufgestelltes Problem zu 
erinnern, an die Frage nach der Beziehung der „Einfühlung" zur narziß- 
tischen Identifizierung (;; S. 309, Fußn.). Die Einfühlung, das intuitive 
Erfassen von realen Seelenzuständen eines anderen, steht dieser Identi- 
fizierung nahe, fällt aber nicht mit ihr zusammen. Denken wir daran, 
daß letzten Grundes uns überhaupt nur Einfühlung von der Existenz ich- 
fremden Seelenlebens unterrichtet, so werden wir das gut mit der Tatsache 
zusammenhalten können, daß Identifizierung an der Basis jeglicher Objekt- 
beziehung steht. Auch andere Eigenschaften, mit denen besondere Begabung 
zur intuitiven Einfühlung einhergeht, stimmen mit solchen überein, die 
zu stärkerer Identifizierungsneigung passen: erhöhter Narzißmus, das 
passive Sexualziel des Geliebtwerdens statt des Liebens. Diese Bedingungen 
lassen begreiflich erscheinen, daß im allgemeinen Frauen sich besser ein- 
fühlen können als Männer. Das Problem aber bleibt, was zur Identi- 
fizierung dazu kommen müsse, damit sie zur erkennenden Einfühlung 
werde. Vielleicht wird hier einmal eingehendere Analyse der Phänomene 
der „unbewußten Verständigung" eine Antwort geben können. Handelt es 
sich dabei nicht um eine noch gänzlich unverständliche unmittelbare 
Übermittlung von seelischen Inhalten (40, 47), sondern um eine mittelbare 
durch Anzeichen, so sind wohl die sogenannten „Ausdrucksbewegungen" 
als wesentlichste solcher Anzeichen anzusehen 5 die Rolle der Identifizierung 
mag dann die sein, daß sie die Übernahme der Ausdrucksbewegungen des 
Objekts herbeiführt, die dann ihrerseits den entsprechenden Seelenzustand 
wachruft {3}, S. 309, Fußn.). 

Wir haben die orale Einverleibung, die den Weg der Identifizierung 
darstellt, unbedenklich — dem Gebrauch der Literatur folgend — 
als „Introjektion" bezeichnet. Es sei zur Klarstellung erwähnt, daß 
Ferenczi ursprünglich unter „Introjektion" etwas ganz anderes ver- 
standen hat. Gemeint war die Neigung, alles Wahrgenommene mit dem 
Unbewußten in Verbindung zu setzen, das reale Geschehen in ver- 
drängte Gedankengänge einzubeziehen, wie es etwa mit den Tagesresten 
bei der Traumbildung geschieht (11, 12). Allerdings wäre noch zu unter- 
suchen, ob nicht auch solche Vorgänge mit echten Identifizierungen ein- 
hergehen. 



Die Identifizierung 317 



VI 

Welche Arten von Identifizierungen gibt es nun und wodurch unter- 
scheiden sie sich voneinander? 

Die erste Einteilung Freuds war bekanntlich die in narzißtische 
und hysterische Identifizierungen (27, S. 544, 28, S. 499). Bei der 
ersteren kommt es zur Rückziehung der Libido ins Ich, das dabei die 
Züge des Objektes annimmt; die hysterische erfolgt auf Grund eines 
gemeinsamen Triebanspruches und behält die libidinöse Besetzung des 
Objektes bei. Die Unterscheidung, „daß bei ersterer die Objektbesetzung 
aufgelassen wird, während sie bei letzterer bestehen bleibt und eine 
Wirkung äußert, die sich gewöhnlich auf gewisse einzelne Aktionen und 
Innervationen beschränkt" (27, S. 544), ergänzt das Kriterium der Objekt- 
relation, indem sie die narzißtische Identifizierung mit einer totalen, 
die hysterische mit einer partiellen zusammenfallen läßt; man kann 
auch sagen, die narzißtische Identifizierung tritt an Stelle der Objektliebe, 
die hysterische neben sie. 

Neuere Forschungen Freuds führen über diese erste Einteilung hinweg. 
Die Identifizierungen, die zur Charakter- und Über-Ichbildung beitragen, 
können ebenfalls partiell sein und doch müßte man sie „narzißtisch" 
nennen. 

Von den selteneren totalen Identifizierungen hörten wir bereits, daß 
sie in der Tiefe der Regression (Triebziel der Totaleinverleibung im 
Gegensatz zur Partialeinverleibung) und in der Natur der beteiligten Triebe 
(oraler Sadismus im Gegensatz zu rückgefluteter Genitalität) von den 
partiellen Identifizierungen differieren. Sie kommen in zwei Formen vor. 

Die eine, gelegentlich auch bei Schizophrenie beobachtet (Landauer 
46, S. 450), ist für die Melancholie (Freud27, Abraham 2, ), j) 
pathognomonisch. Die beschriebenen Veränderungen finden in vollem 
Umfange statt. Der Objektverlust ist, mag er durch ein reales Ereignis 
ausgelöst sein oder nicht, durch die tiefe Ambivalenz der oral fixierten 
Patienten ausgelöst, deren Haßanteil noch gegen das introjizierte Objekt 
weiterwütet. Es läßt sich vermuten, daß die diffuse narzißtische Rück- 
ziehung der Libido ins Ich (Schizophrenie I, 22, Schlafzustand 26) sich 
von dieser narzißtischen totalen Identifizierung dadurch unterscheidet, daß 
die Regression bei ihr in die erste objektlose Phase statthat, bei dieser in 
die zweite mit dem Ziele der Einverleibung; diese Trennung ist aber eine 
begrifflich schematische. Es bleibt problematisch, ob nicht bei jeder 
narzißtischen Rückziehung der Libido auch Identifizierungen irgendwo 
mitspielen. Ist die Ichveränderung im Sinne der Angleichung an das Objekt die 
Bedingung, unter der das Es eine Objektbeziehung aufgibt, so ist dieFreudsche 



318 



Otto Fenidiel 



Frage, welches der Mechanismus sei, durch den das Ich sich von der 
Außenwelt ablöse (ß6, S. 422), dahin zu beantworten, daß dies eine 
Regression in die primitivste orale Phase sein muß, die immer von Identi- 
fizierungserscheinungen begleitet wird. — Die endgültige Beantwortung 
dieser Frage muß der klinischen Beobachtung vorbehalten bleiben. 

Die zweite Form der totalen Identifizierung stellt uns vor metapsycho- 
logisch viel schwierigere noch ungelöste Probleme. Es ist die Über-Ich- 
bildung beim Normalen, die ja nach Freud ebenfalls mehrminder 
total erfolgt (38, S. 427): Die Errichtung des Über-Ichs löst den Ödipus- 
komplex auf, dieser „zerschellt", das Über-Ich ist sein Erbe. Der Wunsch 
nach genitaler Befriedigung wird auf Forderung des neuerworbenen Über-Ichs 
zurückgestellt. Das Motiv dieser Rückstellung ist aber — zumindest beim 
Knaben — selbst ein genitales (Kastrationsangst) {)8, 41). Hier zeigt 
sich also der noch nicht durchschaute Sachverhalt, daß eine Objektliebe 
total durch eine Identifizierung abgelöst werden kann, ohne daß eine 
totale Regression zu Narzißmus und Oralität statthätte, wenn auch der 
Vorgang, insoferne Objektlibido ins Ich zurückfließt, als ein „narzißtischer 
bezeichnet werden muß. 

Diesen beiden Formen stehen die häufigeren der partiellen Identi- 
fizierung gegenüber. 

Bei der hysterischen Identifizierung wird nur zu beschränktem 
Zweck und in beschränktem Ausmaß von diesem Prozeß Gebrauch gemacht 
(16, ij, S. 31/57, JQ, Ss. 253, 21, S. 256). Ihr Sinn ist durch den seither 
von Freud eingeführten Begriff des „entlehnten Schuldgefühls klar- 
gestellt worden. 

Sind die Schuldgefühle allgemein Ausdruck einer Spannung zwischen 
Über-Ich und Ich, so kann das „entlehnte Schuldgefühl" (;/, S. 395 Fußn.) 
nichts anderes sein, als eine durch den Einfluß des triebverneinenden 
Über-Ichs veränderte Identifizierung, die statt der erstrebten Triebeigen- 
schaften des Objekts nur die mit ihnen verbundenen Schuldgefühle ins 
Ich einführen konnte (/, S. 23, 10, S. 483). Die Übernahme des Schuld- 
gefühls ist das Anzeichen der intendierten, aber mißlungenen Identifizie- 
rung im Triebverlangen, sie bringt neben der Strafbefriedigung auch 
sekundären libidinösen Gewinn (4J, S. 466, 10, Ss. 84/85). 

Partielle Identifizierungen beim Normalen sind ein gewöhnliches 
Ereignis. Sie lassen den Charakter des „Befriedigungsersatzes besonders 
deutlich erkennen, da sie unmittelbar einem realen Objektverlust zu folgen 
pflegen (?/, Ss. 573/374, 48, S. 249). Außerdem begleiten sie ständig jede 
Objektliebe. Sie werden bei Trauernden (/, Ss. 24 fr), Sadisten (?o), Eifer- 
süchtigen ()4, S. 388), femininen Frauen und maskulinen Männern 



Die Identifizierung 3*9 



besonders deutlich. Der „Desexualisierung", mit der sie einhergehen, ent- 
sprechend zeigen sich die durch sie hervorgerufenen Ichveränderungen zum 
großen Teil im Charakter (jj, Ss. 373 ff, 4, S. 58, ?). Widersprechende 
Charakterzüge entsprechen multiplen Identifizierungen (j/, S. 575). Durch 
die Übernahme von Eigenschaften ehemaliger Liebesobjekte auch ohne 
Übergang zur Homosexualität (männliche Masochisten {)0, S. 367) kommt 
es zu „geschlechtlichen Fehlidentifizierungen" (jl, Ss. 43/55). Die Bedeu- 
tung der Identifizierung für die Charakterbildung wird durch das Ein- 
greifen des Über-Ichs, das ja auch Identifizierungsprodukt ist, erhöht. Die 
ersten psychoanalytischen Einsichten in die Genese des Charakters betrafen 
Reaktionsbildungen und Sublimierungen prägenitaler Triebregungen 
(20, 2J, J), 4h 4, 42). Diese Reaktionsbildungen sind offenbar vom 
triebverneinenden Über-lch erzwungen worden. Reich hat die Faktoren, 
die für die Beeinflussung des Charakters durch das Über-lch in Betracht 
kommen, gewürdigt (//, Ss. 10/11). 

Die Identifizierung mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil, die die 
Üdipusbindung bei Homosexuellen ablöst, ist ebenfalls eine partielle; 
beschränkt- sie sich doch mehr oder minder auf Art und Weise der 
Objekt wähl. 

Eine bedeutsame Gemeinsamkeit (vor allem : Gleiche Beziehung zu einem 
Dritten) kann nach Freud ebenfalls Ausgangspunkt einer partiellen Iden- 
tifizierung werden {}}, S. 306). (ldentif. mit dem Sexualpartner des 
eigenen Liebesobjektes 33, S. 305, 34, S. 398, ldentif. der Massenmit- 
glieder miteinander $ß). Eine solche Identifizierung kann sich zur Objekt- 
liebe weiterentwickeln. 

Die Neurotiker, bei denen der Ödipuskomplex auch nach Errichtung 
des Über-Ichs bestehen bleibt, weisen bei ihrer Über-Ichbil düng eine par- 
tielle Identifizierung auf (}8, S. 427)- Man könnte theoretisch mutmaßen, 
daß solche Personen, die ein Stück ihrer infantilen Genitalität als solche 
bewahrt haben, gesünder sein müßten als die anderen. In Wahrheit bringt 
das Fortbestehen solcher dem Über-lch nicht genehmer Regungen im 
Es eine Fülle von Konfliktmöglichkeiten zwischen dem (vom Über-lch 
abhängigen) Ich und dem Es, die den Nährboden für Neurosen abgeben. 

Wir hätten also folgende Identifizierungsarten zu unterscheiden: 

Ä) Primäre Identifizierung. 

B) Regressive Identifizierung. 
/) Totale Identifizierung. 

ö) Bei Melancholie (Schizophrenie). 
b) Über-Ichbildung beim Normalen. . 
2) Partielle Identifizierung. 



320 



Otto Fenidicl 



a) Hysterische Identifizierung bei gleichem ätiologischen Anspruch 
und Identifizierung bei entlehntem Schuldgefühl. 

b) Bei Normalen nach Objektverlust oder neben Objektliebe. 

c) Bei Homosexuellen. 

d) auf Grund einer rezenten Gemeinsamkeit. 

e) Über-Ichbildung beim Neurotiker. 



VII 

Dieses Schema hat den Nachteil, daß durch den Gegensatz total-partiell 
die Über-Ichbildungen bei Normalen und Neurotikern weit auseinander 
gerissen werden. Sie nehmen aber beide eine gemeinsame metapsycholo- 
gische Sonderstellung ein und stellen, vom topischen Standpunkte aus 
gesehen, allen übrigen Identifizierungen gegenüber. Die Besprechung dieser 
topischen Differenzen innerhalb der Identifizierungen ist nun nachzutragen. 

Es ist anzunehmen, daß die Identifizierungen der frühen Kindheit bereits 
ZU Ichveränderungen führen, die sich dem übrigen Ich entgegenstellen 
und mit Reich (//) als „Vorstufen des Über-Ichs" bezeichnet werden 
können. Das Wesentliche einer solchen wäre, daß bei ihr gerade die 
Eigenschaft des Gebietens ins Ich aufgenommen wird. 

Nach M. Klein sollen solche Gebote oder Verbote bereits sehr zeitig 
im Kinde wirksam sein (44), Sie werden ja auch zeitig genug von 
den Erziehern geäußert. 

Fügt sich das Kind der unerbittlichen Notwendigkeit der ersten Ver- 
sagungen, so kann es dabei noch keine Vorstufe des Über-Ichs erwerben. 
Das Lust-Ich wird wohl durch die Realität zum Verzicht gezwungen, nicht 
aber dazu bewogen, die unlustbringenden Beize zu introjizieren und die 
Versagung zu bejahen. Das ist erst denkbar, wenn das Kind mit der 
Realität in Objektbeziehungen steht, durch die das Akzeptieren der Ver- 
sagung einen anderen Lustvorteil mit sich bringt. 

Rank unterscheidet zwischen „Folgsamkeit" und „Identifizierung", die 
jene beim Aufgeben des Objektes ablöse (/o, S. 422). Uns scheint, als ob 
man die „Folgsamkeit'" bereits als partielle Identifizierung bezeichnen 
darf. Auch Fcrenczi nimmt eine Über-Ichvorstufe aus der Reinlichkeits- 
gewöhnung an und spricht von einer „Sphinktermoral" (//, S. 15). 

Es ist kein Zweifel, daß dieser Verzicht um einer objektlibidinösen 
Entschädigung willen der Weg ist, auf dem das Kind die Zielhemmung 
seiner Triebe erwirbt (Desexualisierung!). Auch hier stellt wieder die 
Ambivalenz an der Wurzel: Nicht nur der Liebesgevvinn, auch der Trotz 
kann Ursache sein, ein Verbot zu akzeptieren. Der den Eltern feindliche 
Wunsch, selbst groß zu sein, trägt das Seine zu den Identifizierungen bei. 



Die Identifizierung ?>2t 



Alle diese „Vorstufen" sind dadurch gekennzeichnet, daß sie lose, unab- 
hängig voneinander bestehen — etwa so wie die Partialtriebe vor ihrer 
Zusammenfassung zu einer einheitlichen Sexualorganisation. Die wesent- 
lichen Charaktere des Über-Ichs, seine Einheitlichkeit, seine Strenge, sein 
Gegensatz zum Ich, seine Unbewußtheit und Machtstärke, die ihm als 
Erben des Ödipuskomplexes zukommen, fehlen ihnen. 

Die eigentliche Über-Ichbildung entspricht, wie Freud gezeigt hat, der 
Ablösung des Ödipuskomplexes, der an der Kastrationsbefürchtung, resp. an 
der Enttäuschung scheiterte, durch eine Identifizierung. 

Aus der Natur des Ichs wie aus der der eingeführten Objekte ergibt 
sich, daß der Gegensatz, der vorher zwischen schwächlichem Ich und groß- 
artigem allmächtigen Objekt bestand, auch seine intrapsychische Fort- 
setzung findet ()j, S. 593). 

Zwei Umstände lassen den Charakter des „Soll" verstehen, der die For- 
derungen des Über-Ichs auszeichnet. Erstens haben die Erzieher dem Kind 
ja Du sollst" gesagt; zweitens stammt die Aggressivität des Über-Ichs aus 
der Triebentmischung, mit der ja jede Identifizierung einhergeht (jj, 
Ss. 400/401, 52). 

Schon vor Jahren hat Ferenczi die Identifizierung mit dem ver- 
sagenden Elternteil als Bedingung des Gehorsams erkannt (//, S. 28). 
Abraham konnte hinter Selbstvorwürfen nicht nur Vorwürfe aufdecken, 
die dem introjizierten Objekt galten, sondern gelegentlich auch solche, die 
vom introjiziertem Objekt gegen das übrige Ich gerichtet wurden (/, 
Ss. 50/51). Gelegentlich stellen Selbst vorwürfe ein abfälliges Urteil eines 
ins Über-Ich aufgenommenen Elternteiles über den anderen ins Ich auf- 
genommenen Elternteil dar (/, S. 51, 10, S. 486). 

Man kann in der Entstehung des Über-Ichs eine klinische Bestätigung 
für die Freudsche Vermutung sehen, daß Triebe Niederschläge äußerer 
Reize seien (24, 52). 

Der Untergang des Ödipuskomplexes scheint so sehr phylogenetisch 
vorgezeichnet, daß wir an ein Unterbleiben der Über-Ichbildung nicht 
glauben können. Bei pathologischer Hemmungslosigkeit liegen vermutlich 
qualitative Veränderungen des Über-Ichs und seiner Beziehungen zu Ich 
und Es vor (//), keinesfalls aber ein Fehlen des Über-Ichs. 

Der die Bisexualität widerspiegelnden doppelten Anlage des Ödipus- 
komplexes entspricht die doppelte nach beiden elterlichen Vorbildern 
erfolgende Über-Ichbildung (j/, Ss. 577/378)- 

Für die merkwürdige Tatsache, daß meist das nach dem gleich- 
geschlechtlichen Elternteil gebildete Über-Ich vorwiegt (jf, S. 376), hat 
Freud die „relative Stärke der beiden Geschlechtsanlagen" verantwortlich 



322 Otto Fenidiel 



gemacht (jy, S. 377)- Reich erinnert daran, daß demnach die Ambi- 
valenz für den Endausgang der Identifizierungen den Ausschlag geben 
dürfte ($1, S. 45). — Damit stünde im Einklang, daß der „Wegfall eines 
starken Vaters" die Entstehung der männlichen Homosexualität begünstigt 
(18, S. 19, Fußn.). Die in solchem Falle von der Mutter ausgehenden 
Erziehungsversagungen nötigen zu ausgiebigerer Mutteridentifizierung. 

Wenn jede „zielgehemmte" Regung regressiv wieder in eine sinnliche 
umschlagen kann {)), S. 543), so gilt das auch für die durch Identifi- 
zierung entstandenen moralischen Regungen. Im „moralischen Masochis- 
mus" wird „eine Regression von der Moral zum Ödipuskomplex ange- 
bahnt" O7, S. 385). 

VIII 

Ob auch bei Änderungen der Idealbildungen im späteren Leben die 
vorbildlichen Personen (oder Ideen) ebenso „ins Über-Ich introjiziert" 
werden wie seinerzeit die Objekte des Ödipuskomplexes, oder ob dabei 
etwas anderes geschieht, ist durchaus nicht entschieden. 

Freud hat uns die hier bedeutungsvollen Tatsachen vor Augen 
geführt. Oft übernimmt ein reales Objekt alle Funktionen des Über-Ichs. 

Bei Verliebtheit (}), S. 312, 2), S. 17g), Hypnose {33, Ss. 354fr, //, 
S« 37)1 Psychoanalyse (6, Ss. 170 ff), Führerwahl ()}, S. 316) hat so eine 
„Projektion des Über-Ichs" statt. Bei der Über-Ichbildung hörte eine 
Objektbeziehung auf und wurde durch eine Ichveränderung ersetzt. Hier 
beginnt eine Objektbeziehung, indem ein Objekt regressiv die Funktion 
eines Ichteiles übernimmt. Im Beachtungs- (23, S. 180) und Verfolgungs- 
wahn (j^, 10, Ss. 475/76) zeigt sich dies besonders deutlich. Je ichfremder 
das Über-Ich geblieben ist, desto näher steht es der Außenwelt, desto 
leichter kann es das Schicksal der Projektion erfahren (y/, S. 108). 

Manche Autoren vernachlässigen diese Schwierigkeiten vollkommen und 
handeln so, als ob ohne weiteres Introjektionen ins Über-Ich oder Bildun- 
gen neuer Über-Iche während des ganzen Lebens sich fortsetzten. (Ale- 
xander 6, bes. S. 176, Reich fl, Ss. 37 u. tat.) 

Schilder nimmt eine Anzahl von „Ideal-Ichen" an und beachtet 
dabei überhaupt nicht die mit dem Untergang des Ödipuskomplexes ein- 
hergehende Zusammenfassung der „Vorstufen" zu einem einheitlichen 
Über-Ich (jj). 

Das vernachlässigte Problem lautet: Ist es so, daß das Ich sich unlieb- 
samer Objektbesetzungen durch regressive Identifizierungen erwehrt, ist es 
weiter so, daß ein übermächtiges, dem Ich charakterlich widersprechendes 
einverleibtes Objekt sich dem übrigen Ich sozusagen als „neues Über-Ich" 



Die Identifizierung 323 



entgegenstellt, — wie verhält sich dann das alte Über-Ich dazu? Es scheint 
doch eine Unterschätzung der tiefen phyletischen Verwurzelung des Über- 
Ichs (und des Ödipuskomplexes), wenn man über diese Frage einfach hin- 
weggehen zu dürfen glaubt. 

Rad 6 hat, an einen Gedankengang Freuds anknüpfend (29, S. 5), 
versucht die Hypnose metapsychologisch zu beschreiben. Erwehrt sich der 
Hypnotisierte der passiv-femininen Vaterübertragung nach infantilem Vor- 
bild durch eine Regression zur Identifizierung, so ist auch jetzt diese Ich- 
veränderung mit dem übrigen masochistisch gerichteten Ich unvereinbar; 
„gelingt es ihr nun, die topisch differenzierte Eigenbesetzung des Über- 
Ichs auf sich zu ziehen, dann ist dadurch dessen Funktionsbereich einem 
neuen Machthaber preisgegeben und die Erhöhung des Hypnotiseurs von 
einem Objekt des Ichs zu seinem parasitischen Über-Ich vollzogen" 

( 49 , S. 18). 

Die Wirksamkeit des Ödipuskomplexes, ein schwächliches Über-Ich, das 
bereit ist, seine Macht wieder an eine äußere Person abzutreten, und eine 
feminin-masochistische Einstellung des Ichs seien die Voraussetzungen der 
Bildung eines solchen Doppelgängers des Über-Ichs {49, S. 21, Fußn.). 

Die Verhältnisse der Hypnose lassen sich nicht ohne Weiteres auf alle 
jene Fälle ausdehnen, in denen spätere Autoritäten oder selbst gewählte 
Vorbilder die Stelle des Über-Ichs einzunehmen scheinen. Vielleicht geht 
es auch dabei oft so zu, z. B. bei Fanatikern. Andere Male mag es — 
wie Freud meinte — dabei ganz ohne Introjektion abgehen. 

Bei diesen topischen Fragen müssen noch mehr Antworten zukünftiger 
Forschung vorbehalten bleiben als bei den dynamischen. 



Literatur: 
t) Abraham: Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der Dementia 

praecox. (Klin. Beitr. z. PsA., Internat. PsA. Bibl., Bd. 10.) 
2) — Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der Libido. 

(Ebendort.) 
j) — Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und Behandlung des manisch- 
depressiven Irreseins und verwandter Zustände. (Ebendort.) 
4) _ Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung. (Internat. PsA. Bibl., Bd. 16.) 
j) _ Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psycho- 
analyse seelischer Störungen. (Neue Arb. z. ärztl. PsA., Nr. III.) 

6) Alexander: Zur Metapsychologie des Heilungsvorganges. Int. Z. f. PsA., 

Bd. XI, 1925. 

7) — Neurose und Gesamtpersönlichkeit, Vortrag auf dem Homburger Kongreß 

1925. 
S)*H. Deutsch: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. (Neue Arb. z. ärztl. 

PsA., Nr. V.) 



324 Otto Fenidiel 



9) Fenichel: Kastrationskomplex und Introjektion. Int. Z. f. PsA., Bd. XI, 1925. 

10) — Zur Klinik des Straf bedürfnisses. Int. Z. f. PsA., Bd. XI, 1925. 

11) Ferenczi: Introjektion und Übertragung. Jahrb. f. PsA., Bd. I, 1908. 

12) — Zur Begriffsbestimmung der Introjektion. Zentralbl. f. PsA., 1911. 

13) — Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Int. Z. f. PsA., Bd. I, 1915. 
'4) — Versuch einer Genitaltheorie (Int. PsA. Bibl., Bd. 15.) 

15) — Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten. Int. Z. f. PsA., Bd. XI.. 1925. 

16) Freud: Die Traumdeutung. (Ges. Sehr., Bd. II.) 
i7) — Bruchstück einer Hysterieanalyse. (Bd. VIII.) 
18) — Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Bd. V.) 

1$) — Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität. (Bd. V.) 

20) — Charakter und Analerotik. (Bd. V.) 

21) — Allgemeines über den hysterischen Anfall. (Bd. V.) 

22) — Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall 

von Paranoia. (Bd. VIII.) 

23) — Zur Einführung des Narzißmus. (Bd. VI.) 

24) — Triebe und Triebschicksale. (Bd. V.) 

3 S) — Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik. (Bd. V.) 

26) — Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. (Bd. V.) 

27) — Trauer und Melancholie. (Bd. V.) 

25) — Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. (Bd. VII.) 

20) — Einleitung zu „Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen". (Intern. PsA. Bibl., 

Bd. 1.) 
30) — „Ein Kind wird geschlagen." (Bd. V.) 
i 1 ) — Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität. (Bd. V.) 

32) — Jenseits des Lustprinzips. (Bd. VI.) 

33) — Massenpsychologie und Ichanalyse. (Bd. VI.) 

34) — Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homo- 

sexualität. (Bd. V.) 

35) — Das Ich und das Es. (Bd. VI.) 

36) — Neurose und Psychose. (Bd. V.) 

37) — Das ökonomische Problem des Masochismus. (Bd. V.) 

38) — Der Untergang des Ödipuskomplexes. (Bd. V.) 

39) — Die Verneinung. Imago, Bd. XI, 1925. 

40) — Die okkulte Bedeutung des Traumes. Imago, Bd. XI, 1925. 

4i) — Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschiedes. Int. Zt. 
f. PsA. Bd. XI, 1925. 

42) Hitschmann: Urethralerotik und Zwangsneurose. Int. Z. f. PsA. Bd. VI, 
1920. 

43) Jones: Über analerotische Charakterzüge. Int Zt. f. PsA., Bd. V, igig. 

44) M. Klein: Über die psychologischen Grundlagen der Frühanalyse. Vortrag in 
der BerL PsA. Vereinigung, 1924. 

4f) Lampl: Ein Fall von entlehntem Schuldgefühl. Int. Z. f. PsA., Bd. XI, 1925. 

46) Landauer: Spontanheilung einer Katatonie. Int. Z. f. PsA.. Bd. II, 1914. 

47) Löwenstein: Über Affektinduktion, Vortrag in d. Berl. PsA. Ver., 1924. 

48) Markuszewicz: Beitrag zum autistischen Denken bei Kindern. Int. Z. f 
PsA., Bd. VI, 1920. 

49) Rad 6: Das ökonomische Prinzip der Technik. Int. Z. f. PsA., Bd. Xn, 1926 



Otto Fenidiel: Die Identifizierung 325 

fo) Rank: Genese der Genitalität. Int. Z. f. PsA., Bd. XI, 1925. 
//) Reich: Der triebhafte Charakter. (Neue Arb. z. ärztl. PsA., Nr. IV.) 
J2) Reik: Geständniszwang und Strafbedürfnis. (Intern. PsA. Bibl. Bd. 18.) 
f}) Sadger: Analerotik und Analcharakter. „Heilkunde", 1910. 
y.f) Schilder: Zur Pathologie des Ichideals. Int. Zt. f. PsA., Bd. VIII, 1922. 
//) — Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage. Int. PsA. 
Bibl. Bd. XVII. 



Einige Probleme der psychoanalytischen 
Charakterologie 

Von 
Edward Glover 

London 

Als im Jahre 1923 Freuds „Das Ich und das Es" erschien, wirkte 
es auf die charakterologische Forschung etwa wie ein Fällungsmittel auf 
eine gesättigte Lösung. Nicht nur verschaffte es einen festen Rahmen für 
bis dahin ziemlich unzusammenhängende Charakterstudien und regte zu 
weiteren klinischen Forschungen an, sondern es gab den Bestrebungen, 
die eine theoretische Grundlage für Charaktervorgänge festzulegen suchten, 
einen neuen Ansporn. Diese Wirkung hat schon Frucht getragen in 
Reichs anregendem Werke „Der triebhafte Charakter" 1 , in dem sich 
beträchtliche klinische Originalforschung und ein kühner Versuch theore- 
tischer Verbindung vereinigt finden. Andererseits sind durch diese schnelle 
Kristallisierung mehrere Probleme klinischer sowohl wie theoretischer Natur 
in deutlicheren Umrissen zutage getreten. Vom klinischen Standpunkt aus 
betrachtet, hat unsere Kenntnis normaler und anormaler Charakter- 
vorgänge viele offenbare Lücken; auf theoretischem Gebiet hat unser 
mangelhaftes Verständnis der Ichbildung allerhand Meinungsverschieden- 
heiten in Bezug auf Diagnose, Prognose und Behandlung zur Folge. 

Um ein Beispiel zu nennen: man ist sich im allgemeinen darüber 
einig, daß es notwendig ist, gewisse pathologische Zustände mit dem 
Namen „abnormer" oder „neurotischer" Charakter zu bezeichnen; in der 
Frage jedoch, wie ernst solch ein Zustand sein muß, gehen die Meinungen 
auseinander. Alexander zum Beispiel spricht von einem Übergangsstadium 
von der Gesundheit zur Neurose; Reich hält ihn für einen ernsteren 
Zustand als die Neurose und Ferenczi nennt ihn eine von dem Ich 

1) Neue Arbeiten zur ärztl. Psychoanalyse, Nr. IV. Internat. Psychoanalyt. Verlag, 
Wien. 



Einige Probleme der psychoanalytischen Charakterologie 327 

geduldete Privatpsychose. Ihre Ansichten über die Behandlung weichen 
natürlich dementsprechend voneinander ab. Auch in Bezug auf die Art 
der Einteilung und Klassifizierung abnormer Charakterzustände herrschen 
grundlegende Meinungsverschiedenheiten. In dem Ausdruck „neurotischer 
Charakter" liegt ein Hinweis auf eine Einteilung, die etwa der Klassi- 
fizierung Psychoneurosen, narzißtische Psychoneurosen und Psychosen 
entspräche; der Ausdruck „triebhaft" dagegen deutet auf eine mehr 
formale Klassifizierung nach dem Mechanismus. Die erstere mehr beschrei- 
bende Art der Einteilung paßt zu den bisher bekannten, deskriptiven 
Einteilungen; sie knüpft in gewissem Maße an die Vorstellungen von 
Ichbildüng und Libidoökonomie an. Die Klassifizierung nach der Dynamik ist 
dagegen leichter zu handhaben; sie kann von gewissen Erscheinungen, wie 
Verbrechen, Vergehen u. a., Notiz nehmen, die in der ersteren Grup- 
pierung bis zu einem gewissen Grade der Beachtung entgehen. Sie ist 
jedoch nicht so praktisch, und, sollte die Theorie jemals geneigt sein, über 
die klinische Kontrolle hinwegzuführen, so würde diese Methode dem 
Irrtum größeren Spielraum gewähren. 

Ein drittes Problem auf dem Gebiet der Klassifizierung und Prognose 
ist das Problem des normalen Charakters. Über der sensationellen Natur 
mancher abnormer Charakterzüge vergißt man die Tatsache, daß die 
Struktur und Funktion des normalen Charakters erst in Umrissen gezeichnet 
und noch keineswegs festgestellt sind. Auch die Wechselbeziehung zwischen 
Charakterbildung, Reaktionsbildung und Sublimierung ist vorläufig noch 
wenig geklärt, und dieser Mangel an genauer Formulierung beeinflußt 
die Darstellung der Charakterentwicklung. 

Man nähert sich diesen Problemen am leichtesten auf dem Wege über 
den neurotischen Charakter. Stellen wir zuerst fest, wie weit die Meinungen 
über dessen Natur und Funktion übereinstimmen. Man scheint allgemein 
über die folgende Tatsache einig zu sein ; ein Merkmal dee neurotischen 
Charakters ist das Maß, in dem die Umgebung zur Lösung eines Trieb- 
konfliktes herangezogen wird. Sonach sind wir imstande, ihn von den 
eigentlichen Neurosen ziemlich scharf zu unterscheiden, denn letztere 
erledigen die Triebspannungen durch Regression zu autoplastischen Methoden. 
Wie Alexander treffend bemerkt : der neurotische Charakter macht das 
Leben selbst zu einer Neurose, und ohne Zweifel ist das Dasein eines fort- 
geschrittenen neurotischen Charakters mit Absonderlichkeiten durchsetzt. 
Im allgemeinen kann man daher sagen, daß das Fehlen von Lokalisierung 
an Symptomen ein Kennzeichen des neurotischen Charakters ist, jedoch 
dürfen wir diese Tatsache nicht zu sehr betonen, da einige Neurosen, wie 
z. B. die Phobien durchaus nicht lokalisiert zu sein brauchen und auch 



328 



Ldward Glover 



in gewissem Maße mit der Umgebung verwebt sind. Auch viele 
Charaktereigentümlichkeiten, besonders die aus einem frühen Stadium der 
Ich- und Libidoentwicklung stammenden, sind definitiv lokalisiert, so 
z. B. viele persönliche Gewohnheiten und Arten des Verhaltens, die nicht 
gegen die Umgebung verstoßen. Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, 
daß eine allgemeine Heranziehung der Umgebung zur Konfliktauflösung 
der vorherrschende Zug des neurotischen Charakters ist. 

Diese Tatsache zwingt uns jedoch, die Realitätsprüfung bei den 
neurotischen Charakteren sorgfältig zu untersuchen, und auch hier ist 
man sich einig, daß seine Reaktionen in einem Punkte denen des Psycho- 
tikers ähnlich sind, darin nämlich, daß er seiner modifizierten Auffassung 
der Umgebung die volle Stärke einer Realitätsüberzeugung gibt. Seine 
Modifizierung entsteht aber nicht durch Projektion, wie die des Psycho- 
tikers, sie steht aber auch nicht außer Kontakt mit dem Ich, wie das 
bei der Symptombildung des Neurotikers der Fall ist. Während der" 
Neurotiker nur eine autoplastische Auflösung gewisser Triebströmungen 
duldet und die psychotische Lösung ein Aufgeben der Wirklichkeit mit 
sich bringt, macht der neurotische Charakter Gebrauch von der gesell- 
schaftlichen Lage und verkleidet seine Lösung sozusagen in den Deck- 
mantel gesellschaftlicher Konventionen. Die Umgebung unterstützt ihn 
darin, denn die gesellschaftliche Situation gestattet Charakterabweichungen 
bis zu einem gewissen Grade, und eine Gesellschaft, die selbst in vollem 
Maße Rationalisierungen benützt, beurteilt die Rationalisierungen des 
Patienten nach ihrem nominellen Wert. 

An dieser Stelle müssen wir einige Meinungsverschiedenheiten erwähnen. 
Alexander hat die vernunftwidrige Natur vieler Charaktereigentümlich- 
keiten betont und vergleicht sie mit übertriebenen Fehlhandlungen, die 
durchs ganze Leben hindurch ausgeübt werden. Auch Reichs Typen 
zeigen auffallend abnorme Reaktionen, doch ist der Verfasser der Meinung, 
daß in vielen ernsten Fällen die Charakterstörung davon abhängt, daß ihr starres 
Rationalisierungssystem von der Gesellschaft ganz oder teilweise angenommen 
wird. Die Schwierigkeit kommt daher, daß erstens eine brauchbare Klassi- 
fizierung abnormer Charaktereigenschaften fehlt, und zweitens daß der 
Ausdruck „normaler" Charakter schließlich eine Konvention ist. Freud 
hat das zur Genüge klargemacht in seiner Schilderung der Eifersucht, wo 
er drei Typen unterscheidet: einen allgemein angenommenen normalen 
Typus (nur anormal im Sinne der Realitätsanpassung), einen projizierten 
Typus und einen wahnhaften Typus. Halten sich doch viele Paranoiker 
für höchst normal, während sie von anderen für höchst abnorm, gelegentlich 
aber auch für normal gehalten werden. 



Einige Probleme der psychoanalytischen Charakterologie 329 

Ein dritter Punkt, in dem allgemeine Übereinstimmung herrscht, sind 
die Methoden, durch welche der mit einem neurotischen Charakter Behaftete 
Strafsituationen gebraucht, um sein Schuldgefühl zu bekämpfen. Dies 
hängt damit zusammen, daß der neurotische Charakter mehr Befriedigung 
aus der Umgebung schöpft, und daß er sich selbst periodisch ganz beträcht- 
liche Verletzungen aller Art zufügt, die den Anschein haben, als wären 
sie ihm absichtlich von Personen, Umständen, dem Schicksal usw. angetan. 
Man dürfte hieraus schließen, daß das Über-Ich im neurotischen Charakter 
überhaupt nicht voll ausgebildet ist, oder daß im neurotischen Charakter 
eine Regression zu einer archaischen Stufe von Über-Ich-Bildung vorliegt, 
durch die die Umgebung gezwungen wird, eine Rolle teilweise mit- 
zuspielen, die in den Neurosen von einer Ich-Instanz allein gespielt wird. 
Hier haben wir offenbar einen Zusammenhang mit der Perversion, die 
äußere Strafsituationen herbeiruft (S a c h s), und gleichzeitig einen Zusammen- 
hang mit dem Benehmen von Verbrechern und Delinquenten. Freud 
hat diesen Zusammenhang erkannt, wenn er sagt: „Damit rückten die 
Inkonsequenzen, Verschrobenheiten und Narrheiten der Menschen in ein 
ähnliches Licht wie ihre sexuellen Perversionen, durch deren Annahme 
sie sich Verdrängungen ersparen." 1 Doch die Gesellschaft reagiert in sehr 
verschiedener Weise auf verschiedene Gruppen. Mehr im Kummer als im 
Zorn verwirft sie die psychotische Lösung einer Triebspannung, sie stellt 
sich zur neurotischen Lösung ambivalent, sie verwirft mit Zorn und 
Strafe die Lösung des Perversen und des Verbrechers, doch gewährt sie 
manchen Lösungen durch den neurotischen Charakter einen weiten 

Spielraum. 

Dies führt uns wieder zum normalen Charakter zurück. Wir beginnen 
den normalen Charakter in einer bestimmten Perspektive zu sehen. Durch 
die Arbeiten Freuds, Jones', Abrahams und vieler anderer sind wir 
imstande, ihn als eine Reihe von Prägungen im Ich anzusehen, in 
denen sich die frühen Kämpfe des Individuums mit der Herrschaft der 
Triebe während der verschiedenen Stadien der Libidoentwicklung wider- 
spiegeln. Diese Prägungen werden immer komplizierter, je weiter sich das 
Ich entwickelt und vom libidinösen Streben nach vollständigen äußeren 
Objekten erfaßt wird. Jede Prägung bezeichnet die vorherrschende A.rt 
der Befriedigung, die Reaktion auf Versagung, den Typus der Trieb- 
wandlung und das Wesen der Reaktionsbildungen, die jeder Phase eigen 
sind. Wenn wir das Gebilde als Ganzes betrachten, können wir beobachten, 
wie eine Phase auf die folgende einwirkt und eine Gesamtwirkung 

1) Freud, Neurose und Psychose. (Ges. Schriften, Bd. V.) 

Int. Zcitschr. f. Psychoanalyse XII/5 2a 



330 Edward Glover 



ausübt auf jenen Höhepunkt der Charakterentwicklung, den die Bildung des 
Über-Ichs bedeutet. 

Um uns dynamisch auszudrücken, müssen wir hier das allzu starre 
Gleichnis von den Prägungen aufgeben und uns der Freud sehen Ein- 
teilung der Psyche in Es, Ich und Über-Ich bedienen. Hier erhalten wir 
einen Wink über eine der Funktionen des normalen Charakters. Freud 
weist darauf hin, daß das Ich wohl vom Verdrängten, aber nicht vom 
Es scharf geschieden ist, daß es sogar vom Es unvermeidlich durchsetzt 
wird. Er sagt: „Das Verdrängte ist nur vom Ich durch die Verdrängungs- 
widerstände scharf geschieden, durch das Es kann es mit ihm kommuni- 
zieren."' An anderer Stelle unterscheidet er Charakterbildung von 
Symptombildung mit der Begründung, daß „beim Charakter wegfällt, 
was dem Neurosenmechanismus eigentümlich ist, das Mißglücken der 
Verdrängung und die Wiederkehr des Verdrängten". 2 Er sagt: „Bei der 
Charakterbildung tritt die Verdrängung entweder nicht in Aktion oder sie 
erreicht glatt ihr Ziel, das Verdrängte durch Reaktionsbildungen und 
Sublimierungen zu ersetzen. 

Diese Formulierungen weisen darauf hin, daß die Funktion des „normalen 
Charakters darin besteht, die Bildung eines fatalen Kreises in der Libido- 
ökonomie zu verhindern, damit keines der psychischen Systeme zu sehr 
überanstrengt werde. Man könnte sagen, der „normale" Charakter voll- 
führt in der Piyche eine Atemfunktion, er ist wie eine kapilläre Blut- 
gefäßverbindung zwischen dem Es und der Wirklichkeit, oder auch er ist 
wie ein grober Oberflächenfilter im Es-Rcservoir, der die Hauptunzulässig- 
keiten des Es auffängt und dabei trotzdem eine unmerkliche Verdunstung 
durch seine Poren in die Wirklichkeit zuläßt. Um dies provisorisch zu 
definieren, möchten wir sagen : Charakter ist eine organisierte 
Serie von Reaktionen des Verhaltens, die sich auf ein 
stabiles Gleichgewicht zwischen Es-Tendenzen und der 
Ergebung in die Wirklichkeit gründen und dieses zu 
erhalten suchen. Diese Reaktionen bilden sich während 
der Periode infantiler Sexualität, befestigen sich 
während der Latenzperiode und bilden eine mehr oder 
minder harmonische Form von Anpassung durch Ver- 
schiebung. Fragt man, wie dieses Gleichgewicht in der Praxis zustande 
kommt, können wir zwei Gruppen von Beobachtungen nennen. Die eine ist 
angedeutet in Ferenczis Arbeit über die Bildung von Gewohnheiten 
und in seinen Ansichten über archaische Formen psycho-physischer Moralität, 

1) Freud: Das Ich und das Es. (Ges. Schriften, Bd. VI.) 

2) Freud: Die Disposition zur Zwangsneurose. (Ges. Schriften, Bd. V.) 



Einige Probleme der psychoanalytischen Charakterologie 33 1 

die Vorläufer des Über-Ichs. Es gibt wenige sogenannte „normale" Persön- 
lichkeiten, deren Leben nicht überzogen oder durchsetzt ist von Gewohn- 
heitsbildungen unbedeutenderer Art, die auf Es-Befriedigungen von einem 
konstanten Typus schließen lassen. Die anderen Beobachtungen gründen 
sich auf Freuds Angabc von der Duldung von Triebneigungen, die in 
Gruppengewohnheiten und Konventionen zutage treten, wie z. B. der 
Spielraum, in welchem unbewußte Untreueimpulse gestattet sind. 

Wenn wir diesem Gedankengang folgen, werden wir unvermeidlich 
daran erinnert, daß in der psychoanalytischen Literatur die gegenseitige 
Stellung der Sublimierung und der Reaktionsbildung noch nicht gründlich 
untersucht ist. Bernfeld hat bemerkt, daß über ihre gegenseitigen Bezie- 
hungen einige Unklarheit herrscht. In frühen Arbeiten findet man im 
allgemeinen die Neigung, zwei getrennte Vorgänge zu unterscheiden, die 
Sublimierung wird als Triebschicksal für sich angesehen und die Reaktions- 
bildung als ein Vorgang, bei welchem verdrängte Triebe mit dem 
Mechanismus der Gegenbesetzung bekämpft werden. In Freuds späteren 
Werken ist diese Neigung noch deutlicher zu bemerken : die Desexuali- 
sierung der Objektlibido, die bei der Introjektion des Objektes vollzogen 
wird, wird als Muster für alle Sublimierungsvorgänge hingestellt, und 
obwohl die Überwindung des Ödipuskomplexes, die zu dieser Desexuali- 
sierung führt, sich von einem Verdrängungsakt nicht unterscheidet, 
gestattet uns dieser Satz die Sublimierung von der Reaktionsbildung scharfer 
zu unterscheiden. Die letztere, kann man sagen, spielt eine bestimmte 
Rolle in der eigentlichen Verdrängung. Sie steht jedoch in historischem 
Zusammenhang mit jenen mehr archaischen R eaktionsmechanismen, die 
da halfen, die Triebe zu beherrschen, zu einer Zeit, als das Über-Ich über- 
haupt noch nicht gebildet oder noch nicht vollständig hergestellt war. Es 
ist klar, inwiefern sich dieses auf Charakterprobleme bezieht. Sowohl 
Sublimierung wie Reaktionsbildung tragen zur Charakterbildung bei, 
Reaktionsbildungen jedoch stehen in näherer Beziehung zu Es-Erregungen, 
und wenn die Verdrängung mißlingt, gewähren sie einen bequemen Weg 
zu Charakterabnormitäten. Die sozialen Reaktionen des Mitleides und der 
Humanität z. B. stellen eine Verteidigungsschranke gegen Grausamkeits- 
impulse dar; wenn aber der Menschenfreund Strafen für Handlungen der 
Grausamkeit vorschlägt, was oft geschieht, so ist hier offenbar eine 
Gelegenheit, den ursprünglichen Impuls bis zu einem gewissen Grade zu 
bewahren. Es handelt sich in jedem Falle um ein beständiges Sich- 
beschäftigen mit Gedanken über Grausamkeit, Verletzung usw. 

Mit anderen Worten, „normale" Charakterreaktionen sind nicht nur ein 
Sicherheitsventil für Es-Spannungen, sondern sie bilden die erste Verteidi- 

22* 



332 



Edward Glovcr 



gungslinie, wenn die Verdrängung zu versagen droht. Bis zu einem 
gewissen Grade kann das Individuum mit einem Versagen der Verdrängung 
fertig werden, denn der „normale" Charakter ist genügend elastisch und 
die Gesellschaft ist milden Charakterabnormitäten gegenüber genügend 
tolerant. In diesem Sinne funktioniert der „abnorme" Charakter gewisser- 
maßen wie ein Kollateralkreislauf. Was weiter geschieht, hängt von drei 
Faktoren ab: dem Realitätsgefühl, der Wachsamkeit des Über-Ichs und der 
Weite des Spielraumes, den die Gesellschaft gestattet. Es bestehen haupt- 
sächlich zwei Möglichkeiten: entweder Charaktorabnormitäten nehmen 
endgültig ein pathologisches Gepräge au oder die Aufgabe fällt der 
eigentlichen Verdrängung zu. In diesem Falle steht der Weg zur Symptom- 
bildung frei. 

Es steht daher zu erwarten, daß Charakterabnormitäten mit den gewöhn- 
lichen Symptomgruppen Ähnlichkeit haben. In der Tat folgt diese Ansicht 
logisch auf die Annahme psychoneurotischer Dispositionen, wie z. B. der 
zwangsneurotischen Disposition. Von all den verschiedenen Charakterreaktionen 
fallen zweifellos einige leicht in die Kategorien hysterischer Charakter, 
zwangsneurotischer Charakter, manisch-depressiver Charakter usw., und fügen 
wir zu diesen eine Gruppe, in der alle sogenannten „normalen" Charakter- 
merkmale gleichmäßig betont sind, hinzu, so sind wir imstande, uns Prob- 
lemen der Klassifizierung und Prognose leichter zu nähern. Man ersieht 
hieraus, daß Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Prognose bestehen, 
weil die Klassifizierung unzulänglich ist. Entledigen wir uns des Terminus 
„neurotischer" Charakter, der zu gleicher Zeit zu umfassend und zu 
beschränkt ist, so ist der Widerspruch aufgehoben zwischen der Ansicht, daß 
der „abnorme" Charakter zwischen Gesundheit und Neurose liegt, und der 
Ansicht, er läge zwischen Neurose und Psychose. Was die Prognose an- 
betrifft, so sind sicherlich beide Ansichten richtig, wenn sie auf die 
entsprechende Charaktergruppierung angewandt werden. Außerdem können 
wir Charaktermerkmale nicht ausschließlich nach ihrer Widerspenstigkeit 
bei der Analyse und ihrer Beziehung zum Wiederholungszwang beurteilen. 
Folgten wir dem ersteren Wege, so wären wir oft gezwungen, gerade den 
„normalen" Charakter als pathologisch zu bezeichnen, und was den letzteren 
Punkt betrifft, kann man nur sagen, daß „normale" Gewohnheiten als 
nah verwandt mit dem Wiederholungszwang angesehen werden können. 
Andererseits erinnern uns die Versuche, Charaktergruppierungen auf Modi- 
fizierungen der Impulse zu gründen, nur daran, daß es wesentlich ist, 
sorgfältig zwischen Perversionen und Charakterabnormitäten zu unter- 
scheiden. Man ist geneigt, zu glauben, daß, solange unsere klinischen 
Beobachtungen nicht umfassender und vollständiger sind, wir auch weiter- 



Einige Probleme der psychoanalytischen Charakterologie 333 

hin uns einer Nomenklatur bedienen müssen, die den psychoneurotischen 
und psychotischen Klassifizierungen entlehnt ist; doch müßte man dann 
sicherlich den Ausdruck „neurotischer" Charakter als Hauptbezeichnung 
aufgeben und seine Anwendung auf eine untergeordnete Gruppe von 
Charakterabnormitäten beschränken. 



Neurose und Gesamtpersönlichkeit 

Von 

Franz Alexander 

Berlin 

Wenn wir die Entwicklung unserer Anschauungen über die psycho- 
neurotischen Erkrankungen aus einer weiteren Perspektive betrachten, so 
kann die Linie dieser Entwicklung dadurch gekennzeichnet werden, daß 
wir die Krankheit immer mehr als die Äußerung des gesamten Menschen 
betrachten. Ich würde unserer Wissenschaft Unrecht tun, wenn ich ihr 
diese Bestrebung nicht von Anfang an zusprechen würde. Doch gerade die 
letzten theoretischen Arbeiten von Freud bedeuten in dieser Richtung 
einen Fortschritt und haben wesentlich dazu beigetragen, die seelischen 
Krankheitserscheinungen in allen ihren Beziehungen zur gesamten Persön- 
lichkeit zu verstehen. Die von Freud versuchte Rekonstruktion des Auf- 
baus des seelischen Apparates ist keine Spekulation. Sie geht aus dem 
empirischen Material der Neurosenanalysen zwingend hervor, wird immer 
neu von der Erfahrung bestätigt, wenn man sie auf die einzelnen Fälle 
anwendet, und zeigt uns den Weg, die feinere Struktur dieses Apparates 
weiter zu erforschen. 

Man könnte die Entwicklungsrichtung der Psychoanalyse auch damit 
charakterisieren, daß, während anfangs unser Interesse sich in erster Linie 
auf die verdrängten Inhalte gerichtet hatte, auf die Äußerungen der ver- 
drängten Triebregungen, wir uns allmählich immer mehr mit der Natur 
der verdrängenden Instanz selbst, mit den Motiven, Richtlinien der Ver- 
drängung befassen. Etwas grob, jedoch das Wesentliche treffend, könnten wir 
sagen: Im Anfang haben wir das Verdrängte kennen gelernt, heute sind 
wir im Begriffe, das Verdrängende zu erfassen. Zuerst haben wir die 
Sprache des Unbewußten in seiner inhaltlichen Bedeutung kennen gelernt, 
und jetzt versuchen wir, seine Grammatik, seine Konstruktion zu verstehen. 
Die Formulierung, daß zuerst die Libido untersucht wurde, heute das Ich 
erforscht wird, ist nicht ganz zutreffend, weil doch die verdrängende Instanz 
selbst die Libido in ihre Dienste stellt. Denken wir nur an den moralischen 



Neurose und Gesamtpersönlidikeit 335 

Masochismus! Es handelt sich hier in' erster Linie nicht um Qualitäts-, 
sondern um Richtungsunterschiede. Man könnte sagen: Während die 
Äußerungen des Verdrängten zentrifugale sind, sind die Äußerungen des 
Verdrängenden zentripetale. Deshalb sind auch die Äußerungen der ver- 
drängten Libido stürmischer, sichtbarer, während die Auswirkung der Ver- 
drängung dynamisch nach innen gerichtet, unsichtbarer und oft 
nur deduktiv erschließbar ist. Deshalb ist aber jener Teil unserer 
Wissenschaft, der dieses Gebiet erforscht, nicht spekulativ, höchstens 
muß er sich oft der Deduktion bedienen, er ist aber nicht spekulativer, 
wie etwa die Atomlehre, die über den Aufbau der Materie sich Vor- 
stellungen macht, ohne ihn je unmittelbar beobachten zu können. 

Man bekommt den Eindruck, daß die Erforschung der verdrängenden 
Instanz mit noch größeren Schwierigkeiten, — ja wir dürfen und müssen 
es aussprechen — mit noch größeren Widerständen verknüpft ist, als die 
der verdrängten Seeleninhalte. Dieser Widerstand zeigt sich nicht nur darin, 
daß von der Forschung die Äußerungen der Libido früher verstanden 
wurden, sondern besonders in den Behandlungsstunden selbst, sobald das 
unbewußte Strafbedürfnis, die charakteristischste Äußerung der Ver- 
drängungsinstanz, berührt wird. Die Ursache dieses besonders großen Wider- 
standes ist leicht verständlich. Wir wissen schon lange, daß das neurotische 
Svmptom die Folge einer mißglückten Verdrängung ist. Schuldig an 
diesem Mißglücken der Verdrängung ist die verdrängende Instanz selbst. Die 
Bemerkungen von Freud über die intimen Beziehungen des Über-Ichs 
zum Es verdichten sich in unseren Ausführungen zu der Anklage, daß in 
den Neurosen das Über-Ich in ein Geheimbündnis mit dem Es getreten ist. 
Daß jene Verdrängungen, die bei den Psychoneurosen in Frage kommen, 
aus dem Über-Ich ausgehen, braucht nicht weiter erörtert zu werden. Es 
geht ja aus dem Sinn der Freudschen Konzeption klar hervor, daß das 
Über-Ich zur Verdrängung des Ödipuskomplexes aufgerichtet wurde. Aber 
auch alle anderen ästhetischen und moralischen Schranken des Trieblebens 
schreiben wir dem Über-Ich zu. Es ist ein durch die Anpassung an die 
sozialen Anforderungen modifizierter Teil der Persönlichkeit, dessen Auf- 
gabe darin besteht, das Triebleben in den Schranken dieser Anforderungen 
zu halten. In diesem Sinne ist es berechtigt, es als die wichtigste Ver- 
drängungsinstanz zu bezeichnen. 1 In den Neurosen erfüllt es seine 

1) Es ist sicher, daß nicht jede Verdrängung aus sozialen Rücksichten (Gewissens- 
angst) erfolgt. Dem Ich müssen wir also auch eine vom Über-Ich unabhängige Ver- 
drängungsleistung zuschreiben. Doch wenn wir unserem gut gesicherten Grundsatz, 
daß der Ödipuskomplex der Kernkomplex jeder Neurosenbildung ist, treu bleiben, 
so müssen wir jene Verdrängungen, die bei den Neurosen in erster Linie eine 
ätiologische Rolle spielen, als die Leistung des Über-Ichs auffassen. 



336 



Franz Alexander 



Aufgabe unzureichend, es kann seine Herkunft aus dem Es nicht ableugnen. 
Es verhängt oft grausame Strafen, und doch kann es nicht ver- 
hindern, daß die unmodifizieiten Äußerungen des Es viel mäch- 
tiger zum Ausdruck kommen als bei dem Normalen. Ja, man bekommt 
sogar den unzweifelhaften Eindruck, daß gerade durch diese Strafen, durch 
das Leiden, sich der Neurotiker das Recht erwirbt, an seinen ichfremden 
Tendenzen festzuhalten. Wie dem auch sei, in der neurotischen Persönlich- 
keit hat sich das Gleichgewicht in der Richtung zum Verdrängten ver- 
schoben, das unverfälschte Es hat eine größere Wirksamkeit erhalten, 
wenn auch seine Äußerungen sich auf das Phantasieleben und auf die 
Symptombildung beschränken. Wir wollen für diesen Umstand zunächst die 
verdrängende Instanz selbst zur Verantwortung ziehen. 

Schon aus dieser Überlegung geht aber zwingend hervor, daß es nicht 
genügt, den geheimen Sinn der Symptome zu entlarven. Vielmehr wird die 
Neurosenbildung in ihrem Kern von der Therapie erst dann angegriffen, 
wenn auch der Mechanismus der Symptombildung aufgedeckt wird, wenn 
jene seelischen Zusammenhänge bewußt werden, die die Symptombildung 
ermöglicht haben. Ich möchte dies die ökonomische Analyse der Gesamt- 
persönlichkeit nennen. Erst die Entlarvung des Geheimbündnisses zwischen 
den verdrängenden und den verdrängten Tendenzen kann die Neurose von 
Grund auf aufheben. An dieser Stelle ist der Schlüssel zur Erweiterung 
der Wirksamkeit unserer Therapie verborgen. Und deshalb ist auch diese 
Stelle als der letzte, innerste Gürtel der Widerstände am schwersten ein- 
zunehmen. Sie erlaubt einen Einblick in die intimste, nicht offizielle 
Stellungnahme des Ichs, und zwar seiner verantwortlichen Instanz zu jenen 
Trieben, die es notgedrungen aufgeben muß. Seine offizielle Stellungnahme 
ist ja bekannt: die Neurose wird als Krankheit empfunden und man will 
sie loswerden. Daß dies nicht der intimste Standpunkt der gesamten Per- 
sönlichkeit ist, zeigt uns die Zähigkeit, mit welcher die Symptome fest- 
gehalten werden. Ich möchte diese Verhältnisse mit einem Bilde des 
politischen Lebens beleuchten, in welchem die Beziehungen der Individual- 
psyche in einer makroskopischen Vergrößerung wiederkehren. Die Exzesse, 
die ungesetzlichen Aktionen einer extremen, regierungsfeindlichen Partei 
sind für die innerpolitische Beurteilung eines Landes nicht so interessant 
wie die Frage, wieso solche Handlungen trotz der offiziellen Ablehnung 
der verantwortlichen Führer möglich sind. Der Verdacht nach einem 
geheimen Einverständnis zwischen den Renitenten und den Machthabern 
wird wach und erst die Entlarvung dieses geheimen Zusammenspieles kann 
eine wirkliche Änderung der Verhältnisse zeitigen. 

Bevor ich meine Anklage gegen die verdrängende Instanz wegen ihrer 



Neurose und Gesamtpersönlichkeit 337 

Rolle bei der Neurosenbildung beginne, muß ich es versuchen, diese mög- 
lichst getreu zu charakterisieren. Unser gut fundiertes Wissen über den 
Verdrängungsvorgang erlaubt es mir, ganz kurz zu sein. Mit zwei Merk- 
malen habe ich das Wichtigste über die verdrängende Instanz gesagt. Die 
Verdrängung ist ein unbewußter Vorgang und so sind ihre Richtlinien 
ebenfalls unbewußt, sie sind von dem Standpunkt der bewußten Persön- 
lichkeit abweichend. Wir kennen auch bewußte Hemmungsvorgänge und 
nennen sie im Gegensatz zu der unbewußten Verdrängung: Verur- 
teilung, Unterdrückung, Verzicht usw. Der Unterschied zwischen den 
Richtlinien der Verdrängungsinstanz und denen des bewußten Ichs kommt 
am deutlichsten darin zum Ausdruck, daß im allgemeinen mehr verdrängt 
wird, als vom Bewußtsein verlangt würde. Denken wir nur an das bezeich- 
nendste Beispiel, an die Sexualverdrängung. Mit den Inzestbestrebungen 
wird die gesamte Sexualität, auch die auf exogame Objekte gerichtete, 
geknebelt. Die Ursache dieses summarischen Zuvielverdrängens liegt in der 
Genese der verdrängenden Instanz, deren Bildung in die früheste Jugend 
zurückgeht und den damaligen seelischen Verhältnissen des Kindes ent- 
spricht. Wie die Verdrängungsinstanz allmählich erstarrt, automatisch wird 
und immer mehr die Verbindung mit der Außenwelt verliert, das habe 
ich an anderer Stelle ausgeführt. 1 Ich nannte sie ein introjiziertes Gesetz- 
buch vergangener Zeiten, welches, wie jedes Gesetzbuch, konservativ ist. 
Während sich das bewußte Ich weiter entwickelt, sich von den sexuellen 
Einschränkungen, aber auch von den infantilen Objekten freimacht, steht 
die Verdrängungsinstanz, besonders die pathologisch veränderte, den sexuellen 
Ansprüchen noch immer mit den alten Verboten, mit dem alten Geist 
gegenüber, sie behält die Atmosphäre der Kinderstube und rettet so ein 
Stück Vergangenheit. 

Aus dieser Personalbeschreibung der verdrängenden Instanz können wir 
noch keine geheime Begünstigung der verdrängten Tendenzen ableiten. 
Ihre Herkunft aus dem Ödipuskomplex macht sie zwar verdächtig, doch 
ein gewesener Verbrecher kann noch immer ein guter Polizist werden. 
Wir können bisher dem ÜberTch höchstens einen gewissen Konservatismus 
vorwerfen, doch keine unlauteren, die Neurose begünstigenden Geheimmotive. 
Aus diesen Eigenschaften kann höchstens ein gehemmter, übermoralischer 
Charakter abgeleitet werden, doch nicht die mannigfaltigen Symptome einer 
Neurose, mit allen ihren Leidenswegen. Und doch sind in diesen Eigen- 
schaften des Über- Ichs bereits die Keime der Neurosenbildung enthalten. 



i) Metapsychologische Darstellung des Heilungsvorganges. Int. Zeitschr. f. PsA., 
Bd. XI, 1925. 



338 Franz Alexander 



Diese konservative Überstrenge des Über- Ichs hat schwerwiegende inner- 
politische Konsequenzen für die Seele. 

Wenn wir den Aufbau einer Neurose beobachten, so fällt uns der 
Zusammenhang auf, der zwischen den Selbstbestrafungstendenzen und den 
verurteilten, ichfremden Wünschen besteht. Dieser Zusammenhang ist so 
augenfällig, daß er Freud von Anfang an bekannt war, wenn auch die 
dahinter verborgene ökonomische Gesetzmäßigkeit noch nicht erfaßt wurde. 
Man bekommt tatsächlich den Eindruck, daß die symbolische oder ander- 
weitige Verhüllung einer verdrängten Tendenz allein nicht genügt, damit 
sie in der Form eines Symptoms zur Abfuhr gelange, sondern daß gleich- 
zeitig dem Straf bedürfnis genug getan werden muß. So sehen wir, daß das 
Symptom tatsächlich häufig einen Doppelsinn hat, einen selbstbestrafenden 
und einen ichfremden, triebhaften Sinn. Wir können es der Einfachheit 
halber so ausdrücken, daß das Symptom gleichzeitig Es-gerecht und Über- 
ich-gerecht ist. In anderen Fällen sind diese beiden entgegengesetzten Ten- 
denzen auf zwei oder mehrere dadurch miteinander zusammenhängende, 
gleichzeitig bestehende Symptome verteilt. Der Umfang dieser Untersuchung 
erlaubt es mir nicht, auf Einzelheiten einzugehen. Ich habe in dem Ber- 
liner Psychoanalytischen Institut in einer Vortragsreihe diese Verhältnisse 
an den einzelnen Neurosenformen darzustellen versucht. Doch auch ohne 
einzelne Beispiele zu bringen, genügt es, wenn ich an den Aufbau der 
Zwangsneurose oder der manisch-depressiven Zustände erinnere, bei denen 
diese Beziehungen am deutlichsten zu erkennen sind. Ich habe die Psyche 
des Zwangsneurotikers mit einem gewissenhaften Kaufmann verglichen, der 
sorgfältig alle seine Schulden und Forderungen bucht, und darauf achtet, 
daß die beiden Seiten seiner Buchführung immer im Gleichgewicht stehen. 
So achtet der Zwangsneurotiker darauf, daß die Symptome mit masochisti- 
schem, selbstbestrafendem Inhalt immer den sadistischen, ichfremden 
Äußerungen die Wage halten. Andererseits benutzt er jedes Plus an Selbst- 
bestrafung, an Leiden, dazu, um sich auf deren Kosten unbestraft sadistisch 
entladen zu können. So macht er oft zwanghaft mit der „rechten" Hand 
das wieder gut, was er mit der schlechten Linken verbrochen hat. 

Freuds Auffassung von dem Zusammenhange zwischen den manischen 
und den depressiven Perioden ist jedem bekannt. Dem Terror des ÜberTchs, 
seinem Wüten gegen das eigene Ich, folgt das revolutionäre Austoben in 
der manischen Periode; die Tyrannei des ÜberTchs in der Melancholie 
dient zur Rechtfertigung der Exzesse des Es in der Manie. 

Bei der Hysterie ist die Äußerung des Strafbedürfnisses in den Einzel- 
symptomen nicht immer so klar, um so mehr aber in dem gesamten 
Benehmen des Kranken. Wir dürfen nicht das Hauptmerkmal des neurotischen 



Neurose und Gesamtpersönlidikeit 339 



Symptoms vergessen, daß es Leiden bedeutet. Das Leiden ist der General- 
nenner, mit welchem die Gewissensansprüche beglichen werden, wie es 
Freud am Berliner Kongreß ausführte. Dieser Punkt ist es, aus welchem 
das Wesen der Krankheit überhaupt erst verständlich wird. Die Neurose ist 
eine Krankheit und Krankheit bedeutet Leiden. Wir dürfen uns nicht in 
die Analyse der Einzelsymptome verlieren und dabei den Menschen als 
Ganzes vergessen. Diesen Fehler wollen wir den internen Kollegen über- 
lassen. Jede Äußerung der Hysterika steht im Dienste der Leidens ver- 
kündung. Ihre ganze laute Theatralik dient dazu, der Umgebung das Leiden 
zu offenbaren. Und diese aufdringliche Verkündung des Leidens ist vor 
allem der Ausdruck von unbewußten Schuldgefühlen. Je größer die Schuld- 
gefühle sind, um so schwerer müssen die Leidenssymptome sein. Und je 
mehr die Hysterika leidet, um so anspruchsvoller wird sie gegen ihre 
Umgebung. Sie hat ihre Pflichten mit Leiden bezahlt, sie hat nur mehr 
zu fordern. Der voranalytische Arzt, wie die naive Umgebung, hat intuitiv 
diesen Sinn der Neurose herausgefühlt und nannte sie eingebildete Krankheit. 
Damit wurde gemeint, daß der Neurotiker ohne zureichende (richtiger wäre 
es- ohne sichtbare) Ursache leidet, sich selbst das Leiden verschafft. Und 
• a hnten es auch, daß dieses Leiden einen Zweck hat, und zwar den: 
der asozialen Absperrung des Kranken eine Berechtigung zu verleihen. Daß 
mancher Arzt den Neurotiker nicht leiden mag, ihn ungeduldig und lieblos 
behandelt, ist die Reaktion auf diesen unbewußt verstandenen geheimen 
Sinn des Leidens. Die pure Tatsache des Leidens bekommt die größte 
ökonomische Bedeutung bei der Hysterie, weil das Strafbedürfnis in dem 
Inhalt der Symptome bei ihr oft zu kurz kommt. 

Bei der nosologischen Abgrenzung des neurotischen Charakters 
habe ich eine ähnliche Gesetzmäßigkeit beschrieben." Während der Neurotiker 
in seinen Symptomen gleichzeitig unmoralisch und übermoralisch ist, ist 
der neurotische Charakter in seiner Lebensführung abwechselnd der 
Kriminalität und der Selbstzerstörung nahe. Er lebt seine Aggressionen, 
seine asozialen Tendenzen nicht in Symptomen, sondern in Taten 
aus, jedoch im Gegensatz zum Verbrecher wartet er nicht auf die Ver- 
geltung der Gesellschaft, sondern er selbst ist sein eigener Richter. 
Ebenso triebhaft, wie er seinen asozialen Tendenzen nachgegeben hat, 
begibt er sich unbewußt, jedoch tendenziös in schwere Lebenssituationen 
und er selbst ist der geheime Lenker der tragischen Gerechtigkeit seines 
Schicksals. Er erwirbt, wie einer meiner Patienten, dank seiner triebhaften 
Hemmungslosigkeit große Vermögenswerte, um diese mit einer eisernen 

1) F. Alexander, Kastrationskomplex und Charakter. Int. Zeitschr. f. PsA., 
Bd. VIII. 



340 



Franz Alexander 



Gesetzmäßigkeit unter dem Druck des Gewissens ebenso schnell wieder zu 
verlieren. Und dann beginnt das Spiel von neuem. Wohlstand und Armut 
wechseln in seinem Leben ebenso und aus denselben Motiven ab, wie bei 
gewissen Neurotikern manische und melancholische Zeiten. 

Am klarsten und in allen seinen Einzelheiten durchsichtig habe ich 
diesen Zusammenhang zwischen dem Strafbedürfnis und den verdrängten 
Seeleninhalten bei den häufig in derselben Nacht auftretenden Traumpaaren 
und Traumreihen studieren können. 1 Die Zahl der untersuchten Beispiele 
solcher ökonomisch zusammenhängender Traumpaare hat sich seit meiner 
Publikation vermehrt. Sehr häufig ist bei diesen Traumpaaren der eine 
Traum ein Straftraum, der andere ein besonders deutlicher Wunschtraum (oft 
Pollutionstraum) mit ichfremdem Inhalt. Der ökonomische Zusammenhang 
zwischen beiden ist äußerst eng und besteht darin, daß der Straftraum erst das 
Zustandekommen des Wunschtraumes ermöglicht, indem durch den Straftraum 
das Strafbedürfnis übermäßig befriedigt wird und nun die verdrängte Tendenz 
frei, oft kaum mehr verhüllt — da vom moralischen Bedenken der Zensur 
nicht mehr gestört — zum Ausdruck kommen kann. In anderen Fällen 
wieder ist die Reihenfolge umgekehrt. Nach einem deutlichen Wunsch- 
traum mit ichfremdem Sinn bleibt sozusagen eine moralische Spannung 
übrig, welche in einem Straftraum abgeführt wird. Ich möchte das so 
ausdrücken, daß man weder mit unbefriedigten verdrängten Wünschen, 
noch mit einem schlechten Gewissen ruhig schlafen kann. Das schlechte 
Gewissen, welches eine ebensolche dynamische Kraft darstellt, wie ein unbefrie- 
digter Wunsch, muß erst durch einen Straftraum in seinem Gerechtigkeits- 
sinn befriedigt werden, damit der Schlaf nicht mehr von ihm gestört 
werde. Dies ist die einfachste Erklärung der Strafträume. 

Auch der Alltag liefert oft krasse Bestätigungen dieser Gesetzmäßigkeit. 
Ein neurotisch Erkrankter meiner Beobachtung wurde durch eine Fehl- 
handlung mit deutlich gegen die eigene Person gerichteter Absicht vom 
Auto überfahren und schwer verletzt. Am nächsten Tage war nicht nur seine 
Depression verschwunden, sondern es kam auch der bisher gehemmte Haß 
gegen seinen Vater ungezähmt zum Durchbruch. „Jetzt habe ich für alles 
bezahlt" — sagte er — „jetzt endlich werde ich dem Vater meine Meinung 
sagen." Er wollte sofort sein Erbteil vom Vater fordern. Das erlittene Leiden 
hob alle Schranken der Verdrängung auf, die Selbststrafe erlöste ihn von 
allen Schuldgefühlen gegen den Vater, die bis jetzt seine Aggression 
gehemmt hatten. Die Schuld war durch Leiden bezahlt. 

Bei einem seit zehn Jahren schwer zwangsneurotisch Erkrankten trat 

1) F. Alexander, Über Traumpaare und Traumreihen. Int. Zeitschr. f. PsA., 
Bd. XI, 1925. 



Neurose und Gesamtpersönlidikeit 341 

eine spontane Heilung dann ein, als er bei einem Verwandten eine unter- 
geordnete und so schlecht bezahlte Stellung annahm, daß er bei angestrengter 
Arbeit seine Familie kaum erhalten konnte. Dieser Verwandte, der im 
Mittelpunkte seines Schuldkomplexes stand, an den ihn ein unbewußter 
Neid, die Wiederholung des Vaterkonfliktes band, nützte seine masochistische 
Ergebenheit gehörig aus. Solange er diese Sklavenarbeit leistete, war er frei 
von jedem Symptom und er erkrankte erst dann wieder, als sein Schicksal 
sich wendete und er sich selbständig gemacht und eine materiell und 
sozial günstige Situation erreicht hatte. Sein Gewissen gönnte ihm das 
freie, sorglose Leben nicht, verlangte nach Strafe, die bis jetzt das Schicksal, 
und als dies versagte, wieder die Neurose besorgte. Bei solchen Fällen 
bekommt man in der Tat den Eindruck, daß der neurotisch Erkrankte 
sein Kreuz in irgendeiner Form unentrinnbar tragen muß. So erklären 
sich die großartigen Heilerfolge der Evangelisten dadurch, daß sie den 
kranken Menschen von seinem drückenden Schuldgefühl befreit haben. 
Christus, der die Schuld der ganzen Menschheit auf sich nahm, befreite 
sie vom Leiden. Schuld und Leid sind in der Seele untrennbar verbunden. 
Das Ergebnis aller dieser Tatsachen ist, daß der moralischen Instanz in 
dem heutigen Kulturmenschen eine ebensolche d3 r namische und ökonomische 
Bedeutung zukommt, wie seinen verdrängten Trieben. Das moralische 
Zentrum ist ein Kraftzentrum, ein dynamischer Faktor und, um den 
Menschen ganz zu verstehen, müssen wir diese seine Äußerungen ebenso 
kennen, wie die Äußerungen seiner verdrängten, gerade durch dieses 
moralische Kraftzentrum gehemmten Triebe. Die klassische Formulierung 
dieser Tatsache gab Freud in dem Satz, „daß der Mensch nicht nur 
unmoralischer, sondern auch moralischer ist, als er zu sein glaubt". Die 
Betrachtung des Menschen allein nach seiner libidinösen Seite gibt ein ein- 
seitiges Bild. Wenn meine Behauptung sich als richtig erweisen sollte, 
daß die Neurose, und zwar jede Neurose, auf einer pathologischen Beziehung 
der verdrängenden Instanz zum Verdrängten beruht, erhält die spezielle 
Kenntnis dieser gestörten Beziehungen eine eminente therapeutische 
Bedeutung. 1 

1) Der erste zusammenfassende Versuch, die Bedeutung des Strafbedürfnisses auf 
Grund von Freuds Ichtheorie darzustellen, ist das vorzügliche, auf dem Gebiete 
der Ichpsychologie ganz besonders verdienstvolle Werk von Th. R e i k. (Geständnis- 
zwang und Strafbedürfnis. Intern. PsA. Bibl. XVIII.) Reik sieht in dem Geständnis- 
zwang eine Kompromißleistung zwischen dem Äußerungsdrang des Verdrängten und 
dem Strafbedürfnis. Das Geständnis ist ja ein Bekennen der Schuld und führt zur 
Bestrafung. Ein interessantes Resultat seiner Untersuchungen ist die feine psycho- 
logische Beobachtung, daß der Verbrecher mit dem offenen Bekennen seiner Sünde 
den innerpsychischen Richter, das Über-Ich, das mit den verdrängten Tendenzen 
geheim verbündet ist, durch den äußeren Richter ersetzt und damit den Schritt zur 



342 Franz Alexander 



Die Art dieser Beziehung läßt sich auf Grund der hier ganz grob dar- 
gelegten Tatsachen aus der Neurosen- und Traumlehre rekonstruieren. 
Besonders die Traumpaare, aber auch der Symptomaufbau der Zwangsneurose, 
die ökonomische Bedeutung des Leidens bei der Hysterie, die Periodizität 
der manisch-depressiven Zustände, die Schicksalswendungen der neurotischen 
Charaktere drängen uns den Sinn dieses Zusammenhanges auf. Die Über- 
moralität, die Überstrenge des neurotischen Gewissens steht in der Weise 
im Dienste der verdrängten Tendenzen, daß gerade die verhängten Strafen, 
das Leiden, der masochistische Gegensinn der Symptome, die moralische 
Berechtigung zum Durchbruch des Verdrängten liefern. Seine Überstrenge 
und Ungerechtigkeit nach innen, die den Aktionsradius des Neurotikers 
im Leben so sehr einschränken, führen zu einer überhitzten revolutionären 
Atmosphäre in der Seele. Das neurotische Symptom ist ein Entlastungs- 
versuch, das Zeichen des gestörten Gleichgewichtes. Es ist aber ein Ent- 
lastungsversuch, welcher den Ansprüchen des Es näher steht. Das Verdrängte 
setzt sich mächtiger in seiner ursprünglichen Form durch, weil der Druck 
übergroß wird und weil die Wirksamkeit — man könnte sagen — das 
moralische Ansehen der Hemmungsinstanz wegen des von ihr verursachten 
Leidens abnimmt. Man könnte es auch so ausdrücken, daß der juristische 
Geist, mit dem der Schuldkonflikt gelöst wird, die Grundlage der Neurosen- 
bildung-ist. In dem Satz, daß die Schuld durch Strafe, durch Leiden tilgbar ist, 
ist der Kern der ganzen Neurosenpsychologie enthalten. Durch die Selbststrafe, 
durch das Leiden, erwirbt die neurotische Seele die Möglichkeit, an den vom 
Ich aufgegebenen Objekten, ja sogar an der prägenitalen aggressiven Grund- 
einstellung festzuhalten. Jede solche Regression ins Sadistische führt dann zur 
Verschärfung der Schuldgefühle, die wieder nach neuem Leiden verlangen 
und so macht die Neurosenbildung immer größere Fortschritte, in diesem 
Mechanismus einem inkompensierten Herzfehler ähnlich. So erklärt es sich 
auch, warum der neurotisch Erkrankte sich an diese Autonomie seiner 
inneren Gesetzgebung und des Strafvollzuges so zähe klammert. Bei diesem 
Geiste seines Gewissens kann er an den primitiven verurteilten Tendenzen 

Sozietät vollbringt. Aber auch die Symptome des Neurotikers, insofeme sie ein, wenn 
auch mißglücktes, verborgenes, für die Umgebung unverständliches Geständnis 
bedeuten, enthalten wenigstens den Versuch, durch diesen Selbstverrat die asoziale 
Absperrung aufzugeben, den verdrängten Wunsch der Umgebung mitzuteilen. Mit 
dem Geständnis verzichtet man auf die bloße Verurteilung vom eigenen Über-Ich 
und setzt sich der Verurteilung der Mitmenschen aus. Nach unserem Empfinden 
überschätzt R e i k den Gestnndnischarakter des neurotischen Symptoms — der 
Zwangsneurotiker verrät z. B. ungerne seine Symptome und übt sie sozusagen nur 
für eigenen Gebrauch. Reiks Ausführungen bedeuten eine wesentliche Vertiefung 
der Neurosenpsychologie. 



Neurose und Gesamtpersönlidikeit 343 

festhalten, er nimmt die Strafe, das Leiden auf sich, um das, wofür er 
sich schuldig fühlt, behalten zu dürfen. 

Die analytische Kur ist also mit dem Bewußtwerden der verdrängten 
Inhalte nicht abgeschlossen. Der Kranke muß auch auf sein Strafbedürfnis 
verzichten, er muß den primitiven Geist seines inneren Gerichtshofes auf- 
geben. So lange der Mechanismus der Schuldbezahlung durch Leiden 
funktioniert, ist der Weg zu neuen Symptombildungen immer offen, wie 
weitgehend auch der Sinn der einzelnen Symptome aufgedeckt sein mag. 
Nicht nur der inhaltliche Sinn, sondern der Sinn der Symptombildung 
überhaupt, muß bewußt werden. 

Nicht Symptome, sondern der neurotische Geist im gesamten seelischen 
Haushalt ist zu heilen, der mit dem eines Erziehers vergleichbar ist, der 
durch Verhängung von Strafen seinen erzieherischen Pflichten zu genügen 
glaubt. Da wir die Herkunft des Über-Ichs aus den Zeiten der Erziehung 
kennen, liegt es sehr nahe, die Neurose mit diesem Geist, der nicht nur 
die Erziehung, sondern auch unsere heutige Strafjustiz beherrscht, in einen 
ursächlichen Zusammenhang zu bringen. 

Die dargelegten Beziehungen zwischen den Teilen des seelischen Appa- 
rates lassen sich, von ihrem psychologischen Inhalt entkleidet, als eine 
rein ökonomische Gesetzmäßigkeit formulieren. Eine solche Formulierung 
wird jenen sicherlich willkommen sein, die aus einer gewissen Pietät gegen 
die materialistische Denkweise, in der wir alle erzogen worden sind, nur 
mit Befremden in der psychologischen Rekonstruktion einer derartig weit- 
gehenden Personifizierung der Seelenbestandteile folgen. 

Vor allem müssen wir unseren bewährten, in seinem Wesen noch 
immer gültigen dynamischen Satz, daß die Seelenvorgänge Kompromiß- 
leistungen zwischen ichgerechten und ichfremden triebhaften Tendenzen 
sind, dahin modifizieren, daß wir den Ausdruck „Ichgerecht" mit „Über- 
Ichgerecht" ersetzen, womit dem Unbewußtsein der wirksamen moralischen 
Anforderungen, dem Unbewußtsein der Verdrängung überhaupt Rechnung 
getragen werden soll. Wir nehmen damit zwei große unbewußte Kraft- 
zentren in dem seelischen Apparat an, dessen Kraftrichtungen entgegen- 
gesetzt sind: die triebhaften, nach der Motilität drängenden, zentrifugalen 
Tendenzen des Es und die zentripetalen Hemmungstendenzen der verdrän- 
genden Instanz mit moralischem und masochistischem Inhalt. Dieses zweite 
Kraftzentrum kann man als die Fortsetzung des moralischen Druckes der 
Gesellschaft ins Innere des Ichs auffassen, als ein Anpassungsphänomen, 
die Anpassung des Menschen an die von den Menschen geschaffene 
Kultur. Jeder Vorgang im Innern des Apparates ist beiden Kraftwirkungen 
unterworfen. Und nun sehen wir, daß bei der Neurose kein stationäres 



344 Franz Alexander 



Gleichgewicht zwischen den beiden Kraftrichtungen besteht, sondern 
daß gleichzeitig oder abwechselnd sowohl die Verstärkung des zentripetalen 
Druckes — womit die Übermoralität des Neurotikers gemeint ist, — wie 
auch — als Reaktion darauf, die Verstärkung der zentrifugalen Tendenzen 
des Es, die als Wiederkehr des Verdrängten zum Ausdruck kommt. Und 
umgekehrt sehen wir auch, als reziproken Vorgang, wie der Durchbruch 
des Verdrängten wieder eine reaktive Verschärfung der Straftendenzen 
bewirkt. Man kann diese Erscheinung auch so ausdrücken, daß beim 
Gesunden aus der Mischung der beiden antagonistischen Kraftrichtungen 
eine dritte qualitativ neue Tendenz sich herausbildet, die wir Subli- 
mierungen rennen, d. h. domestizierte Triebe mit nach außen gerichteter 
Wirkung, bei dem neurotisch Erkrankten hingegen bleiben die ursprüng- 
lichen unmodifizierten Tendenzen nebeneinander bestehen, einerseits mit 
kraß masochistischen, andererseits mit primitiven ichfremden Inhalten, die 
sich gegenseitig in ihrem endlosen Hin- und Herpendeln aufzehren. Das 
Ergebnis: die Neutralität des Neurotikers nach außen. 

Diese Darstellung führt zu einer Revision unserer Vorstellungen über 
die Symptombildung. Unsere bisherige Auffassung war die, daß die sym- 
bolische oder anderweitige Verhüllung des verborgenen Sinnes genügt, um 
die Symptombildung zu erklären. Wir sehen aber jetzt, daß dazu noch ein 
wichtiges ökonomisches Moment, nämlich die Schwächung der Wirksamkeit 
der Verdrängungsinstanz nötig ist, wie ich es darzustellen versucht habe. 
Das Wesen dieser Schwächung besteht darin, daß das Über-Ich die Wirk- 
samkeit seiner Verdrängungsleistung durch das flache Strafsystem einbüßt, 
mit dem es seine triebregelnde und verdrängende Aufgabe erledigt. Mit 
der Verhängung von Strafen hat es seine Pflicht getan und kann nun 
seine Augen gegenüber dem Drängen des Es zudrücken. Wenn wir mit 
dem unbewußten Charakter der Verdrängung ernst machen, muß es ohne 
weiteres klar sein, daß die Verhüllung des latenten Sinnes nicht genügen 
kann, um die Symptombildung zu erklären. Die Verhüllung des Sinnes 
ist nur für das Bewußtsein von Belang und dient dazu, die verurteilte 
Tendenz vor der Ablehnung des bewußten Ichs zu schützen. Für die 
unbewußte Zensur, für die eigentlich verdrängende Instanz ist die Ver- 
hüllung ohne Bedeutung. Der beste Beweis dafür ist, daß trotz Verhüllung 
des Sinnes Schuldgefühle auftreten. Die verdrängende Instanz kennt die 
Sprache des Unbewußten und läßt sich nicht irreführen. Sie verhängt ja 
Strafen für Wünsche, die ins Bewußtsein nur verkleidet oder überhaupt 
nicht eintreten können. Ohne die Annahme einer unbewußten moralischen 
Instanz, die direkte Fühlung mit dem Unbewußten hat, ist das unbewußte 
Strafbedürfnis nicht zu erklären und diese Instanz ist durch Verhüllungs- 



Neurose und Gesamtpersönlichkeit 345 

mechanismen nicht irre zu führen, sie muß mit Leiden bestochen 
werden. 1 

Kurz: die Rolle des Über-lchs ist bei der Neurosenbildung eine doppelte. 
Durch seine Überstrenge, durch das Z u v i e 1 v e r drä n ge n wird der 
dynamische Druck des Verdrängten mächtiger und zweitens ermöglicht es durch 
die Verhängung von Strafen (Selbstbestrafungsmechanismen) den Durch- 
bruch der übermäßig eingeschränkten Triebe, indem durch das Leiden 
die hemmenden Schuldgefühle aufgehoben werden. Das 
Ergebnis dieser ökonomischen Kräfteverschiebung ist das neurotische Symptom. 

Einen fast experimentellen Beweis dafür, welch große ökonomische 
Bedeutung in der Symptombildung die Schuldgefühle und Selbststrafen 
neben der Verhüllung des Sinnes haben, liefert uns eine häufige Erschei- 
nung in der Kur, die den meisten Psychoanalytikern bekannt sein dürfte. 
Ich meine, eine Art passagere „negative therapeutische Reaktion". Wenn die 
Deutungsarbeit gute Fortschritte macht, der Sinn der Symptome oder die 
Übertragungssituation besonders überzeugend aufgedeckt wird, tritt sehr 
häufig, vielleicht fast in jeder Behandlung, eine Periode auf, in welcher 
der Patient anscheinend sich mit allen Mitteln gegen sich selbst wendet, 
wie z. B. durch wiederholte Fehlhandlungen, die manchmal sogar zu 
schweren Körperverletzungen führen können, oder auch durch berufliche 
Fehltritte, ja sogar mit psychisch bedingten organischen Erkrankungen. 
Man bekommt den Eindruck, als ob der Patient auf unsere Aufklärungen 
über die ichfremden Teile seiner Person trotzig antworten würde: „Ich 
glaube es, es ist schon richtig, daß ich ein so verworfenes Subjekt bin, 
aber ich selbst bestrafe mich gehörig dafür, und Du kannst mir dann gar 
nichts mehr anhaben.'' Die tiefe, narzißtische Grundlage dieser autonomen 
Strafjustiz wird uns in solchen Stunden besonders klar. 

Unausweichbar drängt sich am Schlüsse dieser Ausführungen ein Prob- 
lem auf, das bisher von der Psychoanalyse stiefmütterlich behandelt 
wurde: das Problem der Gesundheit. Wir wissen ja, daß alle unsere 
Handlungen, im Grunde Äußerungen, wenn auch modifizierte Äußerungen 
des Es sind, daß unsere Sublimierungen aus dem Ödipuskomplex stammen, 
und, daß die verdrängende Instanz, wie ausgeführt, über diesen Punkt nicht 
zu täuschen ist. Sie erkennt die am besten verkleidete Schmuggel- 
ware und verlangt Zoll dafür. Wieso kommt es, daß die Sublimierungen 
und die sogenannten normalen Handlungen keine Schuldgefühle erregen, 
daß man für diese nicht mit Leiden bezahlen muß? Oder die Frage, aus 

1) Selbst in den Fällen, in denen das Strafbedürfnis nicht augenfällig ist, werden 
die moralischen Ansprüche des Über-lchs, wenn auch nicht durch ausgesprochenes 
Leiden, doch wenigstens durch Lusteinschranknngen befriedigt. 

Int. Zcitschr. f. Psychoanalyse XII/3 23 






7,46 



Franz Alexander 



dem Gesichtspunkte der Therapie formuliert: Wie ist die Änderung im 
Triebleben, die wir, oder besser gesagt, das Gewissen des Patienten, von ihm 
verlangen ? Wie soll das Triebleben gestaltet sein, um keine Schuldgefühle 
zu erregen? Es ist klar, daß der Standpunkt des die Realität vertretenden 
bewußten Ichs durchgesetzt werden muß. Damit haben wir aber inhalt- 
lich nichts gesagt. Wir sehen, daß diese Frage eigentlich nichts anderes 
als die Psychologie der Moral bedeutet. Darüber hat Freud bereits 
das Wesentliche gesagt, und zwar, daß der Inhalt der Neurosen mit der 
Änderung der moralischen Begriffe der Gesellschaft sich ebenfalls ändern 
wird. Inhaltlich ist also nicht viel darüber zu sagen. Ihrem Inhalt nach 
ist die ichgerechte Änderung des Trieblebens von den Vorurteilen und 
Überzeugungen, kurz von der jeweiligen Organisationsstufe der Gesellschaft 
abhängig und geht als nicht eigentlich psychologisches Problem den 
Therapeuten nichts an. Doch oft beginnen dort, wo der auf das praktische 
Ziel eingestellte Therapeut aufhört zu fragen, für die naive Neugierde des 
Forschers die anziehendsten Probleme. Ich möchte versuchen, dieses Problem 
zwar nicht zu lösen, doch wenigstens zu beleuchten. 

Für das unsublimicrte Triebleben ist die Antwort leicht und uns allen 
gut bekannt. Wir sehen immer wieder, daß die Erreichung der genitalen 
Stufe, die positiv-erotische Beziehung zu den Objekten, und zwar zu cxo- 
gamen Objekten, die Lösung der Schuldgefühle und die Zustimmung der 
tiefsten unbewußten Schichten des Gewissens bedeutet. Nicht so einfach 
läßt sich die Frage auf dem Gebiete der sozialen Beziehungen, der Sub- 
limierungen beantworten. Der Anregung von Freud folgend, hat Sachs 
mit einem sehr wertvollen Gedankengang das Problem für die Dichtkunst 
zu lösen versucht. 1 Nach seiner Auffassung ist es das soziale Moment, das 
Dichtkunst und Phantasieren von einander unterscheidet und gerade dieses 
soziale Moment, die Mitteilung, das Überschreiten der Persönlichkeits- 
schranke ist es, was die Schuldgefühle aufhebt; die Tatsache der Wir- 
kung auf andere im positiven Sinne. Ich glaube, daß dieser Gedanke eine 
viel allgemeinere Gültigkeit hat, sich nicht nur auf die Dichtkunst 
beschränkt, sondern für jede kulturelle Leistung gilt, für jede Sublimie- 
rung, die eine soziale Beziehung hat. Ich erblicke in der sozialen Wirk- 
samkeit den Abkömmling der Genitalität, ich sehe in ihr das erotische 
Moment im Sinne Freuds, das Erosprinzip, das die Einzelwesen in 
größere Einheiten, die Menschen zur Gesellschaft vereint. Wenn Rank 
von einem biologischen Schuldgefühl spricht, das die Ansprüche der 
Gattung vertritt, so würde ich dem sozialen Gewissen, das wir psycho- 



i) H. Sachs, Gemeinsame Tagträume. Int.. PsA. Verlag 1925. 



Neurose und Gesamtpersönlichkeit 347 

logisch leichter erfassen können, die Aufgabe zusprechen, daß es über das 
soziale Verhalten, über die sublimierten Triebkräfte wacht, indem es den 
erotischen Beziehungen zustimmt, und auf die destruktiven mit Schuld- 
gefühlen reagiert. In dem Sinne, wie Abraham vom genitalen Charakter 
spricht, können wir auch in dem sozialen Verhalten von einer genitalen 
Stufe sprechen. 1 Und wir sehen tatsächlich bei den Produktionshemmungen 
der Künstler, wie das Interesse, das dem Werk gelten sollte, durch andere 
mehr narzißtisch gefärbte Regungen, wie Konkurrenzeinstellung, Prestige- 
fragen, technische Grübeleien, Minderwertigkeitsgefühle ersetzt wird, wie 
die genitale Färbung der Produktion durch den Symptomen komplex des 
Vaterkonfliktes verdunkelt wird. Die soziale Tat bringt die Schuldgefühle 
zum Schweigen und sie hat bei dem Gesunden eine ähnliche ökonomische 
Rolle, wie das Leiden bei den neurotisch Erkrankten. Der Neurotiker 
zahlt aber mit einer Münze von narzißtischem Weit, mit dem Leiden, aus 
dem er masochistische Lust ziehen kann, während die sozial gerichtete Tat 
eine aktive Leistung ist, die den anderen zugute kommt. Das neugeschaffene 
Werk auf welchem Gebiet es auch geleistet wird, stellt das neue Leben 
dar die Schöpfung des Eros, wofür sogar das Urverbrechen vergeben wird. 
Ich muß an das Tannhäusermotiv denken, das in einer afrikanischen 
Novelle der Frobenius sehen Sammlung in seinem ursprünglichsten Sinn 
wiederkehrt. Dem Mörder, der den Inzest begangen hat, vergibt der Richter 
mit der Bedingung, daß der verdorrte Ast, mit dem er gemordet hat, — 
das Symbol des vom Eros ganz entkleideten Destruktionstriebes — wieder 
neue Zweige treibt. In diesem Richterspruch ist das Urgesetz des mensch- 
lichen Gewissens enthalten: daß ausgelöschtes Leben nur durch neues 
Leben gesühnt werden kann- Und diesem Gesetz entsprechend folgt der 
Erostrieb dem Destruktionstrieb, der nach Freud sein Wegweiser ist, um 
sich mit ihm zu mischen und seine Zerstörungen wieder gut zu 
machen. 



1) K. Abraham, Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung;. Int. PsA. 
Verlag 1925. 

*3* 



Schuldgefühl und Straf bedürfnis 

Von 

H. Nürnberg 

Wien 

In der Arbeit „Das ökonomische Problem des Masochismus" (i) führte 
Freud aus praktischen Gründen den Begriff des unbewußten Straf- 
bedürfnisses an Stelle des unbewußten Schuldgefühls ein. Wir wollen hier 
untersuchen, ob nicht diese beiden Gefühle theoretisch zu scheiden sind 
und genetisch und inhaltlich etwas Verschiedenes darstellen. 

Nach der Freud sehen Theorie hat die Menschheit das Schuldgefühl 
und die Moral am Ödipuskomplex erworben ()). In Anlehnung an die 
Hypothese von Robertson Smith (6) über die Totemmahlzeit nimmt 
Freud an, daß in der Urhorde die Söhne den Vater ermordeten, zer- 
stückelten und verzehrten. Nach der begangenen Tat bekamen sie Sehnsucht 
nach dem verlorenen Vater, die sich in soziale Angst verwandelte, als 
welche das Schuldgefühl ebenfalls bezeichnet werden kann. Vorwiegend 
aus der im Laufe der Zeiten wiederkehrenden Vatersehnsucht — dem 
Ausdrucke der unbefriedigten, am Vater haftenden Libido — entstanden die 
Religionen, in welchen die Macht des Vaters durch Projektion wieder- 
hergestellt wurde. Die Stellung des Vaters wurde erhöht, die des Sohnes 
erniedrigt und das Urvcrbrechen rückgängig gemacht. Das Bild des Vaters 
erstand wieder auf, die passiv-homosexuelle Libido zu ihm hatte in subli- 
mierter Form wieder ihr Ziel. 

In der Individualentwicklung genügt schon ein Gedanke oder Impuls, 
um ähnliche Folgen auszulösen. Der Vater wird ins Ich aufgenommen 
(introjiziert), aus welchem er sich als Ichideal oder Über-Ich heraushebt. 
Das Ich verhält sich dann zum Über-Ich analog wie früher der Sohn zum 
Vater. Das Über-Ich legt dem Ich vorwiegend Hemmungen auf. Die 
Bildung des Über-Ichs vollzieht sich auf dein Wege der Identifizierung, 
eines Vorgangs, der sich genetisch aus der oralen Phase der Libido- 
organisation entwickelte (2 und 4). 



Schuldgefühl und Strafbedürfnis 349 



Den Gedankengängen Freuds folgend, hat Röheim nachgewiesen, 
daß die Trauerriten der Wilden eine Reaktion auf das Urverbrechen sind. 
Die Trauerfeier besteht in bestimmten Reinigungsriten, denen das Absetzen 
des Kotes am Grabe des Toten vorangeht, der aber vor Abhaltung der Riten 
wieder entfernt werden muß. Röheim stellt im allgemeinen fest, daß 
nach der Urtat die Menschheit auf die anal-orale Entwicklungsstufe der 
Libidoorganisation zurücksank (7 und 8). 

Bei Schizophrenen konnte ich den Zusammenhang zwischen Schuld- 
gefühl und oral-analen Regungen direkt beobachten (9). In der Melancholie, 
einer Gewissenskrankheit par excellence, beherrschen anale und orale 
Regungen das Krankheitsbild. Abraham verdanken wir den Nachweis, 
daß die Melancholie ebenfalls eine Art Trauerritus ist, in welcher der 
Verlust des Objektes durch orale Einverleibung und anales Zurückhalten 
wiedererlebt wird ( 1 1 ), die Selbstbestrafung aber zu Gewissensbissen, Selbst- 
vorwürfen und Selbstmordtendenzen führt. In der Schizophrenie entspricht 
letzteren der physische (hypochondrische) Beeinträchtigungswahn (10). Bei 
dieser Krankheit kann man auch beobachten, daß nach dem Verlust des 
Objektes durch Einverleibung (Identifizierung) Angst entsteht, von der ein 
Teil im Schuldgefühl durch intestinale Veränderungen bewältigt wird, ein 
anderer Teil im Strafbedürfnis, welches ein Ausdruck der Zerstörungstriebe 
ist, zur Erledigung gelangt. 

In den Psychosen decken sich also Schuldgefühl und Strafbedürfnis 
nicht vollkommen, beide haben ein anderes Ziel und einen anderen Inhalt. 
Das gleiche gilt für die Neurosen. Man macht nämlich nicht selten die 
Beobachtung, daß das Schuldgefühl nicht immer in der Strafe, im Sinne 
des Erleidens von Schmerzen, Demütigungen, Erniedrigungen usw. seine 
Befriedigung sucht. Es äußert sich vielmehr oft in einem Drange, etwas 
von sich herzugeben, z. B. im Schenken, Geldausgeben, Werben um die 
Gunst anderer und ähnlichem; auch manche Träume von der Geburt 
eines Kindes, vom Essen und manche Kotträume, als Geburts- und 
Reinigungsträume, gehören hierher. Andere Patienten wiederum haben ein 
Gefühl, daß sie, trotz aller Bemühungen, nicht imstande sind, das zu geben, 
was sie von ihrem Innersten hergeben möchten. 

Ich habe nicht nur in vielen Fällen von Hysterie gesehen, daß Erbrechen 
und Stuhlgang zur Entlastung des Schuldgefühls dienen, sondern auch bei 
der Zwangsneurose, wo die nie fehlenden konversionshysterischen Symptome 
sich immer im Bereiche des Verdauungskanals abspielen. 

Ich behandle jetzt einen zwangsneurotischen Grübler, der behauptet, daß 
die ganze Krankheit bei ihm im Magen liegt. Abgesehen von der Zweifel- 
sucht und den Grübeleien, die ihn arbeitsunfähig machen, leidet er jeden 



350 H. Nunberg 



Samstag an Verstimmungen, die darin bestehen, daß er weint, sich alle 
erdenklichen Vorwürfe macht, kaum irgend welche Nahrung zu sich nimmt 
und keinen Stuhlgang hat. Er ist ein frommer Jude, Rabbinatskandidat, und 
stammt aus einem frommen Hause. Seine Krankheit brach am Versöhnungs- 
tage, genau eine Woche nach seinem dreizehnten Geburtstage (Konfirmation), 
mit Zweifel über Gott und mit Reuegefühlen aus. Der Samstag ersetzte später 
den Versöhnungstag. Bei frommen Juden beginnt der Sabbat bereits Freitag 
abends mit weihevollen Gebeten. Unter diesen machte auf unseren Patienten 
besonderen Eindruck ein Gesang, in dem Gott als Bräutigam des Sabbat, 
mit dem er sich Freitag abends vermählt, gepriesen wird. Das jüdische 
religiöse Gebot, von welchem er damals bereits Kenntnis hatte, daß der Ehe- 
gatte an diesem Abend zu Wohlgefallen Gottes den Beischlaf ausüben müsse, 
galt in den Augen des frommen Knaben als Vermählung Gottes mit seiner 
Mutter. Er stellte sich vor, daß die Seele Gottes durch den Mund in den 
Bauch der Mutter hineingehaucht werde. Seine Vorstellung jedoch, daß die 
Seele Gottes mit Kot im Bauche der Mutter in Berührung kommen müßte, 
war ihm ebenso unerträglich wie der Gedanke, daß der Vater an diesem 
Abend mit der Mutter verkehren könnte. Den Gebeten folgte eine festliche 
Mahlzeit, während welcher der Patient in eine Euphorie, einen manieähnlichen 
Zustand, geriet. Er war lustig, ausgelassen, hatte gegen seine sonstige 
Gewohnheit einen ungeheueren Rededrang. Er vermied es absichtlich, an 
diesem Abend mit dem Vater irgend ein Wort zu wechseln, und freute sich, 
wenn er bemerkte, daß er ihn durch sein Benehmen ärgerte. Außerdem 
bemächtigte sich seiner eine ihm sonst fremde Gefrässigkeit. Er nahm Näsche- 
reien sogar mit ins Bett und knabberte an ihnen solange, bis er einschlief, 
erwachte jedoch bald mit Todesangst. Samstag stellte sich die bereits geschil- 
derte Verstimmung ein, die am Abend mit Erbrechen und Stuhlgang, nachts 
mit einer Pollution endete. 

Die „Samstagmelancholie" dieses Zwangsneurotikers begann stets am Freitag 
abend mit einer „Manie". Sich mit der Mutter und dem Sabbat identifizierend, 
bildete er sexuell-orale Phantasien, in welchen er nicht nur den Vater begehrte, 
sondern sich auch mit ihm identifizierte. Das Ergebnis dieser Identifizierung 
war Todesangst, der heftige Selbstvorwürfe folgten, die übrigens nach Art der 
Melancholie voUkommen auf den Vater paßten. Die Nahrungsverweigerung 
entsprach, wie die Analyse ergab, einer Abwehr der kannibalischen Regungen, 
die Stuhlverstopfung einer Schwangerschaftsphantasie. Die „Melancholie ging 
Samstag abends stets mit Erbrechen und darauffolgendem Stuhlabgang zu 
Ende. Er entledigte sich seiner Freßprodukte, die er Freitag abends in der 
hypomanischen Erregung verzehrt hatte, und die so schwer sein Gewissen 
belasteten. Mit einer Pollution Samstag nachts klang seine sexuelle Erregung, 
die Freitag abends eingesetzt hatte, ab. Das Aufschieben der genital-sexuellen 
Befriedigung kann nur so verstanden werden, daß der Patient sich zuerst in 
der „Melancholie" bestrafen mußte und dann im Erbrechen und Stuhlabgang 
(Entleeren des „verschluckten" Objektes) sich von der Schuld befreien. 

An diesem sehr gekürzten Ausschnitte aus der Krankengeschichte unseres 
Falles sehen wir, und zwar an der „Samstagmelancholie", daß die Identifi- 
zierung an die Funktion des Freßapparates gebunden ist. Durch Stauung und 



Schuldgefühl und Strafbedürfnis 35» 

Verschiebung genitaler Libido entstehen Angstsymptome, Veränderungen im 
ganzen Gebiete des Verdauungskanals und Schuldgefühle. 

Am folgenden Beispiele werden wir sehen, daß solche Veränderungen 
sogar zu einer Gefahr für die körperliche Gesundheit werden können. 

Es handelt sich um einen Perversen, der an dem krankhaften Impulse 
leidet, das Genitale eines Mannes in den Mund zu nehmen, daran zu saugen 
und das Sperma zu verschlucken. Seit der Pubertät hat er zwar niemals seine 
Homosexualität ausgeübt, aber alle seine Kräfte zusammennehmen müssen, um 
diesen Trieb zu beherrschen. Zuweilen mußte er onanieren. Durch Übung 
brachte er es fertig, seinen Penis in den eigenen Mund hineinzubringen, an 
demselben zu saugen und den Samen zu verschlucken. Nachher bemächtigte 
sich seiner ein heftiges Schuldgefühl, das sich manchmal zu ausgesprochener 
Depression steigerte. Er nahm sich immer in acht, mit Männern, die auf ihn 
besonders stark sexuell wirkten, keine intimen Freundschaften zu schließen. 
Einmal griff ihn einer seiner Bekannten in homosexueller Absicht an. Er 
geriet in starke Erregung und bekam zu seinem Entsetzen Ejakulation. 
Seither ging er diesem Bekannten aus dem "Wege. Einige Wochen später 
ereignete es sich, daß er mit ihm für eine Nacht das Zimmer teilen mußte. 
Er beschloß aber, sich zu beherrschen, kämpfte die ganze Nacht einen ent- 
setzlichen Kampf gegen seinen Impuls und blieb Sieger. Dieser Sieg sollte 
ihn aber teuer zu stehen kommen, denn er erkrankte an einem schweren, 
allen therapeutischen Maßnahmen trotzenden Durchfall. Die Erkrankung nahm 
bedrohliche Formen an, er nahm in fünf Tagen sieben Kilogramm ab, war 
so geschwächt, daß er weder essen noch sich rühren konnte, und hatte das 
Gefühl, abzusterben. Einiges aus der Analyse läßt diese Erkrankung verständ- 
lich erscheinen. Den Impuls, am Penis des Mannes zu saugen, bekam er, 
wenn er einen starken und großen Mann sah, den er hassen und verachten 
konnte. Dieser Mann stellte das Abbild seines Vaters dar. 

Er hatte immer ein unangenehmes Gefühl im Mund, glaubte einen üblen 
Geruch zu verbreiten, da das verschluckte Sperma im Magen faule. Nach 
jeder Onanie mußte er Stuhl absetzen und wenn es nicht ging, verfiel er in 
eine schwere Depression. Die Analyse ließ die Befürchtung bewußt werden, 
daß er durch das Verschlucken des Samens befruchtet werde und Kinder 
bekomme. Über die Geburt hatte er sich als Kind folgende Theorie gebildet: 
das Kind ist durch den Nabel, der sich bei weiterer Analyse als Penissymbol 
herausstellte, mit den Eingeweiden der Frau verwachsen. Bei der Geburt 
zerrt das Kind derart an den Gedärmen, daß dieselben mit hinausgerissen 
werden, wobei auch der Nabel (Penis) verletzt werde. 

Wie im vorigen Falle, spielt also auch hier der Patient in seiner Person 
Mann und Weib, Vater und Mutter, Nach der Geburt des jüngeren 
Bruders (er war damals drei Jahre und zwei Monate alt) identifizierte er 
sich mit der Mutter und trachtete danach, sich den Vater einzuverleiben, 
stieß aber, wie es scheint, auf Widerstände seines Ichideals, der Ersatzbildung 
desselben Vaters, den er eben fressen wollte. Infolgedessen wandte sich 
der Trieb gegen die eigene Person. Wurde jedoch die Libidostauung zu 



352 H. Nunberg 



groß und hatte er die Tat in der Phantasie verübt, so fühlte er sich 
schuldig. Die Schuld mußte er durch das Gebären eines Kindes, durch 
das Hergeben eines Stückes von seinem Inneren, gutmachen. Die Geburt 
eines Lebewesens bedeutete jedoch seinen eigenen Tod. Es ist also hier 
wieder der Versuch, den Vater zu verzehren, welcher Schuldgefühle und 
somatische anal-orale Ausstoßungsversuche auslöst und auch eine Bestrafung 
durch das Herausreißen der Eingeweide (Kastration) herbeiführt. 

Wie innig Identifizierung, Schuldgefühl, anal-orale Vorstellungen und 
Phantasien, und der Ödipuskomplex ineinander verwoben sind, mag ein 
Traum dieses Patienten zeigen. 

„Ich befinde mich auf einer Straße nahe einer halbkreisförmigen Höhle, 
gegenüber einer Wiese, die ich nur empfinde, aber vorläufig nicht sehe. 
In der Höhle, die in ein^r Felswand eingehauen ist, steht ein Bett, das meinem 
älteren Bruder gehört. Ich habe das Empfinden, daß mein Vater in einem 
Bett auf der Wiese schlaft, und daß dies eine günstige Gelegenheit ist, ihn 
umzubringen. Er wird, schlaftrunken, bis an die Höhle herangelockt, und dann 
sehe ich zwei Eisengitter, das eine von oben herunterragen, das andere von 
unten nach oben, sie treffen aber nicht zusammen. Das Gitter ist aus senk- 
rechten, eisernen Stangen gemacht und zusammengehalten durch einige wag- 
rechte Stangen. Die Öffnung, die die Stangen bilden, dient dazu, den Vater 
in die Hohle hineinzuschleppen. Der Bruder greift den Vater von hinten um 
die Taille und versucht ihn durch die Öffnung liuulurchzuziehcn. Allmählich 
wacht der Vater auf und fängt an, um Hilfe zu rufen. Da wir beide jetzt 
einsehen, daß unser Attentat mißlungen ist, bekomme ich Angst und erwache 
mit dem Gedanken, daß wir verloren sind. Nachdem ich wieder eingeschlafen 
war, sehe ich die Wiese unter Wasser. Ich bemerke ein weißes Hemd, das, 
von einem Arm im Wasser herumgeschleudert, ausgeschwemmt wird, um es zu 
reinigen. Das Hemd liegt völlig ausgebreitet, aber zwischen der Vorder- und 
Hinterseite des Hemdes schwimmt hellbrauner, weicher Kot, Kinderkot, der aus 
dem Hemd nicht heraus will. Es wird mir bange, daß das Hemd nicht rein 
werden will, und ich kann nicht länger zuschauen." 

Der Patient glaubt, daß die Höhle mit den spitzen Stangen einen Mund 
darstellen dürfte. Der ältere Bruder stehe wohl für den Träumer selbst, 
denn er war groß und stark, während der Träumer klein und schwach war. 
Er wünschte sich immer, daß der ältere Bruder mehr Mut gegenüber dem 
Vater aufbringen möchte, er wollte ihn als Bundesgenossen im Kampfe gegen 
den Vater haben. Das Umbringenwollen des Vaters entspreche einer oft 
wiederkehrenden Phantasie, daß der Vater sterben möge oder gar gestorben 
sei. Das Zerren des Vaters durchs Gitter dürfte den Wunsch ausdrücken, 
einen kräftigen Mann zu schlucken, denn er hatte erstens den Glauben 
gehabt, daß er durch das Schlucken des Samens gestärkt werde, und zweitens 
phantasierte er immer von einem ungeheuren Penis, den er in den Mund 
nimmt. Durch das gewöhnliche Onanieren und den Sexualverkehr werde man 
geschwächt (kastriert), durch das Verschlucken des Samens gekräftigt. Es 
fällt ihm auf, daß er im Traume ein Gefühl habe, als ob er mit dem Über- 
fallenen Vater gleich Mitleid bekommen sollte, und er erinnerte sich, daß er 



Schuldgefühl und Strafbedilrinis 353 

nach den Phantasien über den Tod des Vaters immer von Reue ergriffen 
wurde und zum Trost etwas Schönes über ihn zu denken versuchte. „Mein 
Vater ist aber im Traume," sagte er vor meiner Aufklärung, „nicht umge- 
kommen, ich habe nur ein Schuldgefühl, statt der Absicht, ihn umzubringen, 
behalten. u — Die Höhle erinnere ihn noch an die Zeiten, als er vergeblich 
vor dem Bärenkäfig im Tiergarten stundenlang wartete, um den Koitus der 
Tiere zu beobachten. Ferner erinnere er sich an eine Phantasie, daß der große 
Penis des Vaters in die Mutter eindringe und das Kind im Mutterleib 
bespritze und ernähre. Als er in späteren Jahren mit Angst und Ekel erfuhr, 
wie Kinder erzeugt werden, hatte er sich gedacht, daß sowohl die Frau als 
auch das Kind in ihrem Leibe furchtbar verletzt würden. — Im Sinne dieser 
Einfälle scheine es ihm, daß er im Mutterleib den Vater schlucken, seine 
ganze Kraft einsaugen und ihn dadurch umbringen wolle, er bringe es aber 
nicht fertig, denn die Reue halte ihn davor zurück. 

Trotz der Verschlungenheit dieses Traumes ist sein durchgehendes Motiv- 
deutlich sichtbar. Er zeigt die ambivalente Einstellung zum Vater und 
«teilt ein Bild dar, das Freud für den Zustand der Urhorde nach der 
(Jrtat rekonstruierte. Die Reue, die Sehnsucht-Angst, das Schuldgefühl, 
halten den Träumer von der Wiederholung der Tat zurück. 

Im zweiten Teile des Traumes kehrt das Motiv der Schuld wieder, aber in 
anderer Form und mit viel geringerer Angst. — Das Hemd erinnere ihn an 
den jüngeren Bruder. Dieser konnte lange zur Zimmerreinheit nicht erzogen 
werden, worüber sich die Mutter oft bitter beklagte. Er selbst habe nur ein- 
mal in die Hosen gemacht, war aber, wie er heute noch beteuerte, unschul- 
dig denn die Lehrerin erlaubte ihm nicht, aus der Klasse zu gehen. Als er 
weinend nach Hause gekommen war und die Mutter ihn tröstete und reinigte, 
konnte er sich dennoch vor Scham und Ekel nicht beruhigen, besonders des- 
halb, weil er sich benommen habe wie sein kleiner Bruder, derselbe, den er 
nicht haben wollte. Das Neugeborene hatte eine sehr dunkle, braune Haut- 
farbe, und die ersten Worte, mit welchen er dasselbe empfing, waren: „Ich 
will diesen dreckigen Bruder nicht haben." Das Nichtreinwaschenkönnen 
erinnerte den Träumer an eine Stelle aus „Hamlet", wo der König Gott 
anfleht, ob es nicht genug Wasser im Himmel gibt, um die Hände reinzu- 
waschen. Von hier aus stellten sich Erinnerungen ein. daß er selbst in einem 
Theaterstück eine Frauenrolle gespielt habe, später wollte er aber nicht mehr 
mitmachen, da er sich in einer solchen Rolle gedemütigt fühlte. Weiterhin 
folgten Erinnerungen an die Großmutter, die er in einem Nachthemd gesehen 
hatte, das mit eingetrocknetem Blut beschmutzt war, und im Anschluß daran 
an Kastrationsphantasien, die mit Phantasien über die anale Geburt verwoben 
waren. 

Auch in diesem Traume wird das Thema der Schuld, die in einer Kot- 
phantasie ihren Ausdruck findet, behandelt. Der Träumer ist schmutzig 
und schlecht, Blut und Kot erhalten die gleiche sjmbolische Bedeutung. 
Die Angst ist in diesem Traume zur bloßen Bangigkeit abgeschwächt, 
weil er sich mit dem schmutzigen und schlechten, dem gehaßten Bruder 



354 H. Nunberg 



identifiziert und dadurch zum geliebten Kinde der Mutter wird, die ihn 
reinigt und pflegt. Damit, daß er zugleich bestraft, kastriert, zu einem 
Weibe gemacht wird und ein anales Kind bekommt, trägt er die Schuld 
gegen den Vater ab. Die im ersten Teil des Traumes beabsichtigte Tat 
wird hier durch Ausstoßung und Wiederbelebung, wie in den alten 
Riten, gesühnt, gleichsam rückgängig gemacht. 

Das Schuldgefühl muß also vom Strafbedürfnis abgetrennt werden. Seine 
Entstehung ist, wie es auch Abraham (n) annimmt, an die Funktion 
der oralen Zone gebunden. Vor einigen Jahren versuchte ich, zu zeigen, 
daß dieses Gefühl ein Organgefühl ist, das im Anschluß an gewisse oral- 
anale Regungen entsteht, aber erst dann, wenn der Ödipuskomplex bereits 
entfaltet ist, wieder zum Vorschein kommt, wohl am deutlichsten im 
physikalischen Verfolgungswahn der Schizophrenen (io). Heute kann ich 
präziser sagen, daß es ursprünglich ein intestinales Gefühl ist, das in 
einzelnen Abschnitten oder im gesamten Verdauungskanal zugleich mit der 
Identifizierung auftritt. Auf der genitalen (phallischen) Stufe werden in 
der ödipuskonstellation die bei der Identifizierung entstandenen intestinalen 
Spannungsgefühle mit den genitalen Sensationen verschmolzen und auf die 
infantile Onanie bezogen. Bei psychischer Erkrankung kann das später so 
fein abgestufte und komplizierte Schuldgefühl bis zu seinen ersten organischen 
Wurzeln regredieren. Es beruht auf dem gehemmten Antrieb zur psychischen 
Ausstoßung des einverleibten Objektes. Da die Neurose entweder infolge 
akuter oder chronischer Libidostauung entsteht, werden die intestinalen 
Ausstoßungstendenzen in der Regression wieder sexualisiert. Hinter dem 
neurotischen Schuldgefühl verbirgt sich daher das Bestreben, das durch 
Einverleibung ganz oder teilweise verlorengegangene Objekt mit Libido 
wieder zu besetzen, mit anderen Worten, es in der Außenwelt wieder leben 
zu lassen, um es, wie vorher, real lieben zu können. Auch der Sinn 
mancher Projektionen ist eine Entlastung des Ichs von Schuld und Strafe 
(Projektion = Hinauswerfen = Ausstoßen).' 

1) Für die Richtigkeit dieser Auffassung spricht z. B. folgendes Detail aus der 
Analyse des bereits erwähnten Zwangsneurotikers. Er bekam eines Morgens einen 
versiegelten Geldbrief von seiner Firma, worüber er heftig ersekrak. Er befürchtete 
nämlich, da er in letzter Zeit nicht so gut gearbeitet hätte, daß die Firma ihm 
einen ihm gebührenden restlichen Geldbetrag einschickte und damit alle geschäft- 
lichen Beziehungen abbräche. Vor Öffnung des Briefes bekam er Stuhldrang, mußte 
aufs Klosett, und gleich nach der Entleerung fiel ihm ein, daß der versiegelte Brief 
keineswegs den Abbruch der Beziehungen bedeute, sondern einen Scheck für seine 
letzten Auslagen enthalte, was auch zutraf. Ähnliches wiederholte sich bei ihm regel- 
mäßig während seiner stärksten Depressionen, als er an der Existenz Gottes zweifelte. 
Nach einem ausgiebigen Stuhl jedoch, „kaum war er (der Kot) draußen", stellten 
sich ihm in erstaunlicher Fülle Beweise für die Existenz Gottes ein, worauf die 



Schuldgefühl und Strafbedürfnis 355 



Man könnte nun zugeben, daß das Schuldgefühl wirklich konstant von 
körperlichen Symptomen begleitet werde, aber einwenden, daß diese nicht 
immer sich im Bereiche des Verdauungskanals abspielen, wie z. B. 
nicht bei nervösem Asthma, bei psychogenen Herzerkrankungen, bei 
Extremitätenlähmungen, usw. Dieser Einwand ist, soweit ich sehen konnte, 
leicht zurückzuweisen, weil auch in diesen Fällen das Schuldgefühl vor- 
züglich am Verdauungskanal zum Ausdruck kommt und die anderen Organe 
bloß für denselben eintreten. Schon beim Asthma spielen orale Phantasien 
die Hauptrolle. Ich behandelte einen Mann mit Herzneurose, der sein 
Herz als Genitale phantasierte und es im Magen lokalisierte. Bei einer 
Patientin mit psychogenen Kopfschmerzen waren die Symptome vom Magen 
auf den Kopf verschoben. In einem anderen Falle wurde ein ganz peripheres 
Organ mit dem Darm identifiziert. 

Es handelte sich um ein anfallweises Auftreten von schmerzhaften Krämpfen 
in den Fingern, wie bei der Raynaudschen Krankheit. Die Finger wurden 
blaß wie „tot". Die Patientin hatte einmal einen Traum, der den Schlüssel 
zum ' Verständnis ihrer Neurose lieferte. Sie träumte, sie lese aus einem abge- 
rissenen Stück Zeitungspapier, an ivelchem goldene Ringe hingen, irgend etwas 
über den Tod. Das Zeitungspapier bedeutete Klosettpapier, der Ring einen 
Fhering aber damit hatte es eine besondere Bewandtnis. Als sie noch ganz 
klein war, quälte sie ihren Vater, einen ausgedienten Unteroffizier der alten 
österreichischen Armee, mit der Bitte, ihr einen Ring zu schenken. Unge- 
duldig geworden, rief er ihr einmal zu, sie möge sich den Finger in den 
After° stecken, so werde sie einen Ring haben. Das Kind nahm den Rat wört- 
lich versuchte es und bekam Schmerzen. Dann dachte sie darüber nach, daß 
die Finger so nur schmutzig würden und sie auf diese Weise doch keinen 
Ring bekäme. Schließlich kam sie darauf, die Finger abzuwaschen, der 
zurückbleibende braune Streifen würde dann wie ein Ring aussehen. In der 
Pubertät traten zugleich mit den Vorwürfen über die Onanie Störungen der 
Verdauung und immer häufiger Anfälle des Absterbens der Finger auf, bei 
welchen ihr regelmäßig die Vision einer „weißen Hand" erschien. In der 
Analyse erwies sich die „weiße Hand" als die tote Hand der Mutter, welche 
diese aus dem Grabe gegen die Tochter ausstreckte. (Die Mutter lebte.) Wie 
die weitere Analyse ergab, stellten die absterbenden Finger Kotstangen dar, 
welche die Patientin mit dem männlichen Genitale identifizierte und im Sinne 
der Kastration verlor, gleichzeitig war es eine Strafe für die Onanie und für 
die Todes wünsche gegen die Mutter. 

Da es häufig vorkam, daß die Patientin beim Stuhlabsetzen aufhören 
mußte, weil sich die Analöffnung krampfhaft verschloß und die Kotsäule wie 
abschnitt, so scheint es, daß nicht nur der Darminhalt auf die Finger als 
Ganzes, sondern auch die Innervation der Darmmuskulatur auf diejenige 

Depression verschwand. Er ärgerte sich zwar, daß die Erleuchtung ihm gerade im 
Klosett nach dem Stuhlgang kam, fühlte sich jedoch für kurz Zeit von seinem 
Zweifel befreit. 



356 H. Nunberg 



der Gefäßmuskeln der Finger verschoben wurde. Die Vorgänge am End- 
darm wurden somit durch solche an peripheren Kürperteilen ersetzt, mit 
dem Ziele, das Organ zu zerstören. Die Zerstörung vollzieht sich hier wie 
auch in einem anderen Falle, den ich Gelegenheit zu beobachten hatte, 
vermittels der glatten Muskulatur. Nach Freud ist der Sadismus, als 
Repräsentant der Destruktions- oder Todestriebe, an die Funktion der 
Muskulatur gebunden (;). Es dürfte darunter ebensowohl die willkürliche, 
quergestreifte, wie die unwillkürliche, glatte, zu verstehen sein. (Die quer- 
gestreifte Muskulatur des Mundapparates z. B. setzt sich direkt in die glatte 
des Verdauungsschlauclies fort.) 

Wie unser Fall zeigt, gibt daher im Inneren des Körpers die glatte 
Muskulatur, wenn sie unter der Wirkung des Sadismus steht, ihre Erregung 
an diejenige an der Peripherie ab. Die sich hier abspielenden Vorgänge 
scheinen eine Art von Autotomie darzustellen, deren Vorbild die intestinale 
Ausstoßung ist. In Übereinstimmung mit den Ausführungen Abrahams (1- c) 
kann auch Ausstoßen mit Zerstören zusammenfallen. Da im Unbewußten 
die Strafe Zerstören, Vernichten und auf der genitalen Stufe Kastration 
bedeutet, so fällt in diesem Symptom, wie in manchen anderen, das 
Schuldgefühl mit dem Strafbedürfnis zusammen. 

Wie kommt es dazu, daß die destruktiven Tendenzen der Strafe sich 
mit den libidinösen Strebungen des Schuldgefühls verbinden? 

Es fällt auf, daß die introjizierten Personen, also diejenigen, mit denen 
das Ich sich identifiziert hatte, zum Rächer werden und Vergeltung üben. 
An einem Beispiel wird dies klar hervortreten. 

Ein Mädchen kommt in Behandlung, nicht wegen einer manifesten Neu- 
rose, sondern deshalb, weil sie von der Mutter vollständig beherrscht werde 
und keine Kraft aufbringen könne, um sich von ihr zu befreien. Nachdem 
es gelungen war, sie von der Mutter zu trennen, bekam sie Schuldgefühle 
unter Eßstörungen, Bauchschmerzen und Obstipation. Weder das ihr bewußte 
Gefühl der Schuld und der Bedrücktheit, noch die somatischen Störungen 
waren zu dieser Zeit der Analyse zugänglich, bis eines Tages eine ihrer 
Freundinnen ihr zufallig sagte, heute sei der Todestag ihres Vaters. Es stiegen 
ihr gleich Erinnerungen an den Tod des eigenen Vaters auf, die von einem 
heftigen Weinen begleitet waren. Dieser Affektausbruch fiel ihr selbst auf, 
denn sie hatte nach dem vor mehreren Jahren erfolgten Tode des Vaters 
niemals getrauert. Weinend schlief sie ein und träumte, sie sei bei Tische, um 
zu essen, bekomme Urindrang, ergreife einen Topf, der zu ihrer Verwun- 
derung mit Staub bedeckt sei, ah ob er schon sehr lange außer Gebrauch 
gewesen wäre, uriniere, aus dem Staub und Urin werde aber eine breiige 
Masse, und sie erwachte mit Urindrang. Sie konnte nicht einschlafen, denn 
sie mußte fortwährend an das Begräbnis des Vaters denken. Nach zwei qual- 
vollen Stunden fiel ihr ein, sie könnte den Schlaf herbeiführen, wenn sie esse. 
Auf diese Idee kam sie durch folgende Überlegung: Sie könne nicht schlafen, 



Schuldgefühl und Strafbedürfnis 357 

weil sie durch die Gedanken an den Vater einen Blutandrang nach dem Kopfe 
habe, wenn sie aber esse, so werde das Blut vom Kopfe durch die Ver- 
dauungsarbeit in den Magen abgeleitet. Sie verzehrte ein altes, ausgetrocknetes 
Stück Brot und schlief ein. 

Ich übergehe die ausführliche Analyse des Traumes, denn er spricht für 
sich selbst. 

Am folgenden Abend sagte ihr ein Bekannter während der Mahlzeit 
scherzhaft, daß er ein Testament machen und es ihr zur Aufbewahrung geben 
werde. In der Nacht träumt sie, daß sie mit ihm sexuell verhehre, er tue ihr 
aber weh, und sie erwachte mit Schmerzen. In den folgenden Tagen war sie 
sexuell stark erregt, mußte immer an den Vater denken, hatte Heißhunger, 
es stellten sich Fellatiophantasien ein, und die Analyse vertiefte sich plötzlich 
in die erste Kindheit. 

Nach der Trennung von der Mutter erwachte in der Patientin eine Sehn- 
sucht nach ihr, die in einem bewußten Schuldgefühl ihren Ausdruck fand. 
Dieses jedoch aktivierte ein tieferes, unbewußtes, das sich auf den Vater 
bezog. Sie empfand jetzt die erste Trauer nach ihm, denn sie hatte die Liebe 
zu ihm schon lange vor seinem Tode durch Identifizierung verdrängt. Sein 
Tod bedeutete für sie keinen Verlust mehr, denn er war für sie schon 
eigentlich früher gestorben. Jetzt erwachten die infantilen kannibalischen 
Regungen, die im Wunsche, den Vater wiederzubeleben, Kinder von ihm zu 
bekommen, gipfelten. In der nächsten Nacht wurde zwar der Inzest auf geni- 
taler Stufe vollzogen, jedoch als körperlicher Schmerz empfunden. Der ins Ich 
aufgenommene Vater, die Person, mit der die Patientin sich identifiziert 
hatte, der „verzehrte Vater, wurde projiziert und zum Schmerzen zu- 
fü "enden, mit Vernichtung drohenden Menschen. Die Vergeltung kommt auf 
diesem Wege zustande: die einverleibte, introjizierte, in einem gewissen 
Sinne „gemordete" Person wird, wenn sie nicht projiziert werden kann, zum 
strafenden und rächenden Schicksal. 

Wie ist es aber zu verstehen, daß die früher geliebte und begehrte 
Person jetzt zum Rächer wird? 

Freud meint, daß zweierlei Triebarten das menschliche Leben 
gestalten, die Sexual- oder Lebenstriebe und die Destruktions- oder 
Todestriebe (j). Im Laufe der Entwicklung gehen beide Triebarten gewisse 
Mischungen ein, in welchen der Todestrieb durch den Lebenstrieb einge- 
dämmt wird. Bei pathologischen Prozessen erfolgt eine Entmischung beider 
Triebe, der Todestrieb, der sich in einem bis zur Selbstvernichtung 
gesteigerten Strafbedürfnis äußert, wird frei. (Am klarsten ist dies bisher 
in der Zwangsneurose und in der Melancholie erfaßt worden.) Jedoch 
nicht nur bei krankhaften Prozessen, sondern auch bei normaler Entwick- 
lung setzt sich der Todestrieb recht frühzeitig im Ich fest, und zwar in 
dem Moment, wo das Ichideal oder Über-Ich sich auszubilden beginnt. 
Denn die Über-Ichbildung geht, wie Freud aus dem Tatsachenmaterial 
erschlossen hat, mit der Desexualisierung der Libido, somit einem Frei- 



358 H. Nunberg 



werden der Todestriebe einher. Das ÜberTch entwickelt sich aus dem 
Identifizierungsprozeß heraus in der Weise, daß die libidinösen Objekte 
des Es dem Ich einverleibt werden, einem Vorgang, der der psychische 
Niederschlag der kannibalischen Organisationsstufe ist. Da zugleich mit der 
Identifizierung der gegen das Objekt gerichtete Aggressionstrieb sich gegen 
die eigene Person wendet und die Libido desexual isiert wird, so erscheint 
jetzt das Objekt im Ich als strenge, strafende, selbst destruierende Macht, 
die zunächst die Sexualtriebe in der Ödipuskonstellation hemmt, um dann 
den Ödipuskomplex mehr oder weniger vollständig abzulösen und das 
Triebleben des Menschen im verneinenden Sinne zu beherrschen (2). In 
der Neurose gehen die Hemmungen der Sexual- (Lebens-) Triebe von dieser 
Macht (dem Über-Ich) aus, sie stellt daher, von Seiten des Ichs betrachtet, 
eine Lebenszerstörung dar. 

Da bei der Identifizierung das reale Objekt teilweise oder ganz verloren 
geht, so wird bei der Über-Ichbildung sexuelle Libido frei, die sich zu 
einem Teil in soziale Angst, in das Schuldgefühl verwandelt, zu einem 
anderen Teil sich mit den Destruktionstrieben verbindet und das Straf- 
bedürfnis bildet. In ihm kommt auch die Vergeltung zum Ausdruck, 
welche die von der Außenwelt stammende, verbietende Macht der Eltern 
darstellt. Daß diese Macht bei Männern den Vater repräsentiert, bedarf 
keiner weiteren Erörterung. Daß aber bei vielen Frauen das tiefste, unbe- 
wußte Schuldgefühl sich ebenfalls auf den Vater bezieht, ist zum Teil 
damit zu erklären, daß auch bei den Frauen orale Identifizierung zur 
Bildung des Über-Ichs führt. 

Obwohl bei Libidostauung die Destruktionstriebe regressiv erotisiert 
werden und das Leiden dadurch auch zu einem lustvollen Erlebnis wird, 
steht doch das Strafbedürfnis vorwiegend im Dienste destruktiver, im 
Ich aufgespeicherter Regungen, während sich hinter dem Schuldgefühl 
objcktlibidinöse Strömungen verbergen. 

Es könnte den Anschein erwecken, was auch in der Tat von mancher 
Seite behauptet wird, daß zuerst das Schuldgefühl entsteht, das Straf- 
bedürfnis hingegen sich später als Reaktion einfach hinzuaddiert. Obzwar 
die Patienten sehr oft erst nach dem Aufdecken der ängstlichen Sehn- 
sucht, die hinter dem Schuldgefühl steckt, dem Bewußtwerden des Straf- 
bedürfnisses zugänglicher werden, hat dies mit der Schichtung im 
Unbewußten nichts zu tun. Sowohl das Schuldgefühl wie das Strafbedürfnis 
entstehen bei der Identifizierung und Bildung des Über-Ichs, sie gehören 
von Anbeginn zueinander, zweigen nur dann mehr oder weniger von- 
einander ab, bedienen sich zwar manchmal derselben Ausdrucksmittel, 
verschaffen sich aber auch nicht selten selbständige Ausdrucksformen. 



Schuldgefühl und Strafbedürfnis 359 



Zum Ausgangspunkte unserer Untersuchung zurückkehrend, können wir 
feststellen, daß Schuldgefühl und Strafbedürfnis nicht dasselbe sind. 
Obwohl sie historisch eine Wiederholung der Urtat darstellen, wie sie 
Freud für die Urhorde rekonstruierte, in der Individualentwicklung eine 
gemeinsame, zeitlich nicht geschiedene Genese haben und manchmal in 
ihren Äußerungsformen nicht scharf voneinander getrennt werden können, 
so verbirgt sich doch hinter dem Schuldgefühl unbefriedigte Objektlibido, 
während hinter dem Strafbedürfnis der gegen das Ich gewendete eroti- 
sierte Destruktionstrieb, der in der genitalen Phase im Kastrationskomplex 
aufgeht, lauert. Im Schuldgefühl wird versucht, die Tat rückgängig zu 
machen, im Strafbedürfnis wird sie am eigenen Ich fortgesetzt. Das Ver- 
hältnis beider Strebungen zueinander ist zwar in den einzelnen Neurosen- 
typen ein anderes, es ist aber praktisch wichtig, sie zu unterscheiden und 
bei jedem Kranken zu erkennen. 

Literatur: 

j^ preud: Das ökonomische Problem des Masochismus. Ges. Schriften. Bd. V. 

Int. PsA. Verlag. 

2) — Das Ich und das Es. Bd. VI. 

j) _ Totem und Tabu. Bd. X. 

.\ — Massenpsychologie und Ichanalyse, Bd. VI. 

<■) — Jenseits des Lustprinzips. Bd. VI. 

6) Robertson Smith: Religion of Semits. 

7) Röheim: Nach dem Tode des Urvaters. Imago. Bd. IX. 1923. 

§\ Heiliges Geld in Melanesien. Int. Ztschr. f. PsA. Bd. IX. 1923. 

o) Nunberg: Über den katatonischen Anfall. Int. Ztschr. f. PsA. Bd. VI. 1920. 
\ j} er Verlauf des Libidokonfliktes in einem Falle von Schizophrenie. Int. 

Ztschr. f. PsA. Bd. VII. 1921. 

n) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Int. PsA. 

Verlag. 1924. 



Flucht aus der Weiblichkeit 
Der Männlidikeitskomplex der Frau im Spiegel männlicher 

und weiblicher Betrachtung 

Von 

Karen Horney 

Berlin 

Freud weist uns in einigen seiner letzten Arbeiten mit wachsender 
Dringlichkeit auf eine Einseitigkeit in der Richtung der analytischen 
Forschungen hin, die darin besteht, daß bis vor nicht allzulanger Zeit 
nur die Psyche des Knaben und des Mannes zum Objekt der Untersuchungen 
gemacht wurde. 

Der Grund hierzu liegt ja auf der Hand: Die Psychoanalyse ist die 
Schöpfung eines männlichen Genies, und auch fast alle, die seine Ideen 
weiterbildeten, waren Männer. Es ist nur recht und billig, daß ihnen eine 
männliche Psychologie näher lag, und daß sie von der Entwicklung des 
Mannes mehr verstanden als von der der Frau. 

Einen grundlegenden Schritt zum Verständnis weiblicher Eigenart machte 
Freud selbst mit der Aufdeckung des Penisneides, und bald zeigten die 
Arbeiten von van Ophuijsen und Abraham, welche große Rolle 
diesem Faktor in der Entwicklung der Frau und in der Bildung weiblicher 
Neurosen zukäme. Die Bedeutung des Penisneides ist in jüngster Zeit 
erweitert worden durch die Aufstellung der „phallischen Phase". Ihr Sinn 
besagt, daß in der infantilen Genitalorganisation für beide Geschlechter nur 
ein Genitale, nämlich das männliche, eine Rolle spiele, und daß eben 
hierin der Unterschied von der endgültigen Genitalorganisation 
der Erwachsenen liege. 1 Im Lichte dieser Anschauung wird die Klitoris 
als Phallus aufgefaßt und wird angenommen, daß auch das kleine Mädchen 
die Klitoris zunächst voll und ganz als Penis werte. 2 

1) Freud: Die infantile Genitalorganisation. (Ges. Schriften, Bd. V.) 

2) Helene Deutsch: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. (Int. PsA. 
Verlag, 1925.) 



Flucht aus der Weiblichkeit 301 



Diese Phase wirke sich dann auf die weitere Entwicklung teils hemmend, 
teils fördernd aus. Helene Deutsch hat uns vorwiegend die hemmenden 
Wirkungen gezeigt; sie meint, daß im Beginn jeder neuen Sexualfunktion, 
also zu Beginn der Pubertät, des Sexualverkehrs, der Schwangerschaft und 
des Wochenbettes, diese Phase auflebe und jedesmal erst überwunden werden 
müsse, ehe es zu einer weiblichen Einstellung kommen könne. Freud 
hat ihre Auswirkung nach der positiven Seite hin erweitert, indem er 
meint, daß der Penisneid und seine Überwindung erst den Wunsch 
nach einem Kind und von da aus die Liebesbindung an den Vater 
ermögliche. 1 

Es fragt sich nun, ob durch diese Aufstellungen unsere Einsichten in 
die weibliche Entwicklung, die Freud selbst als unbefriedigend und 
lückenhaft bezeichnet, befriedigender und klarer geworden sind. 

Es hat sich in der Wissenschaft oft als fruchtbar erwiesen, wenn 
man altbekannte Tatsachen von einem neuen Gesichtspunkt aus betrachtet. 
Denn es besteht sonst die Gefahr, daß man unwillkürlich alle neuen 
Beobachtungen immer wieder demselben festumrissenen Vorstellungskreis 
einordnet. 

Diesen neuen Gesichtspunkt entnahm ich der Philosophie, und zwar 
einigen Essays von Georg Simmel. 2 Was Simmel dort ausführt und 
was seither vielfach, besonders von weiblicher Seite 5 her, durchgearbeitet 
worden ist, ist folgendes : Unsere ganze Kultur ist eine männliche Kultur. 
Staat Gesetze, Moral, Religion, Wissenschaften sind Schöpfungen des 
Mannes. Weit entfernt davon, aus diesen Tatsachen — wie sonst üblich 

au f e i n e Minderwertigkeit der Frau zu schließen, erweitert und vertieft 

er zunächst diesen Begriff der männlichen Kultur um ein Erhebliches: 
Die künstlerischen Forderungen und der Patriotismus, die allgemeine 
Sittlichkeit und die besonderen sozialen Ideen, die Gerechtigkeit des prak- 
tischen Urteils und die Objektivität des theoretischen Erkennens, die Kraft 
und die Vertiefung des Lebens — alle diese Kategorien sind zwar gleichsam 
ihrer Form und ihrem Anspruch nach allgemein menschlich, aber in ihrer 
tatsächlichen historischen Gestaltung durchaus männlich. Nennen wir 
solche als absolut auftretenden Ideen einmal das Objektive schlechthin, so 
gilt im geschichtlichen Leben unserer Gattung die Gleichung: objektiv = 
männlich." 

1) Freud: Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds. 
(Int. Zeitschrift f. PsA., Bd. XI, 1925.) 

2) Georg Simmel: Philosophische Kultur. 

5) Siehe besonders Vaerting: Männliche Eigenart im Frauenstaat und weib- 
liche Eigenart im Männerstaat. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XII/3 3 + 



3Ö2 Karen Hörne v 



Simmel meint nun, daß die Erkenntnis dieser geschichtlichen Tat- 
sachen darum so schwierig sei, weil auch die Normen, an denen die Werte 
männlichen und weiblichen Wesens gemessen würden, nicht „neutral, dem 
Gegensatz der Geschlechter enthoben, sondern selbst männlichen Wesens" 
seien. „Daß man an eine nicht nach Mann und Weib fragende, rein 
, menschliche' Kultur glaubt, entstammt demselben Grunde, aus dem sie 
eben nicht besteht: der sozusagen naiven Identifizierung von .Mensch' und 
,Mann\ die auch in vielen Sprachen für beide Begriffe dasselbe Wort 
setzen läßt. Ich lasse für jetzt dahingestellt, ob dieser maskuline Charakter 
der Sachelemente unserer Kultur aus dem inneren Wesen der Geschlechter 
hervorgegangen ist oder nur einem, mit der Kulturfrage eigentlich nicht 
verbundenen Kraftübergewicht der Männer. Jedenfalls ist er die Veranlassung, 
weshalb unzulängliche Leistungen der verschiedensten Gebiete als ,feminin' 
deklassiert und hervorragende Leistungen von Frauen als .ganz männlich' 
gerühmt werden." 

Wie alle Wissenschaften, wie alle Wertsetzungen, war auch die Psycho- 
logie der Frau bisher nur vom Manne aus gesehen. Es liegt im Wesen 
dieser männlichen Vormachtstellung, daß die subjektiven Gefühlsbeziehungen 
des Mannes zur Frau objektive Gültigkeit erlangten. Tatsächlich war nach 
Delius 1 die Psychologie der Frau ein Niederschlag von Wünschen und 
Enttäuschungen des Mannes. 

Hierzu kommt als weiteres sehr verhängnisvolles Moment, daß die Frau 
sich den männlichen Wünschen anpaßte und ihre Anpassung als eigenes 
Wesen empfand, d. h. sich selbst auch so sah oder sieht, wie der männ- 
liche Wille es von ihr verlangte; also sich unbewußt der Suggestion des 
männlichen Denkens fügte. 

Wenn man sich den Umfang klar macht, in dem unser ganzes Sein, 
Denken und Tun von diesen männlichen Normen durchsetzt ist, so wird 
klar, wie schwer es dem Einzelnen, auch der einzelnen Frau ist, sich von 
dieser Denkart wirklich frei zu machen. 

Und die Frage ist die, inwieweit nicht auch die psychoanalytische 
Psychologie, soweit sie die Frau zum Objekt ihrer Forschung hat, unter 
ihrem Bann steht, und insofern das Stadium, in dem man mit unbefangener 
Selbstverständlichkeit nur die männliche Entwicklung sah, noch nicht ganz 
überwunden hätte. Anders gesagt: wie weit nicht die weibliche Entwick- 
lung, wie sie sich uns jetzt analytisch darstellt, mit männlichem Maß 
gemessen ist und also dem eigentlichen Wesen der Frau nicht ganz gerecht 
wird. 

ll Delius: Vom Erwachen der Frau. 



Flucht aus der Weiblichkeit 3&3 

Von hier aus gesehen erhält man zunächst einmal einen überraschenden 
Eindruck : Unser jetziges analytisches Bild der weiblichen 
Entwicklung — ob richtig oder falsch — gleicht auf 
alle Fälle auf ein Haar den Vorstellungen, die sich der 
Knabe aus seiner typischen Situation heraus vom 
Mädchen macht. 

Diese Vorstellungen des Knaben sind uns gut bekannt. Ich will sie 
daher nur in wenigen Schlagworten skizzieren und unsere Vorstellungen 
von der weiblichen Entwicklung vergleichsweise danebensetzen. 

Vorstellungen des Knaben: Unsere Vor Stellungen der 

iveibl. Entwicklung: 
Naive Annahme, daß auch das Mäd- Für beide Geschlechter spielt nur das 

chen einen Penis besitze. männliche Genitale eine Rolle. 

Beobachtung des Penismangels. Traurige Entdeckung der Penislosig- 

keit. 
Vorstellung, das Mädchen sei ein Glaube des Mädchens, sie habe einen 

kastrierter, verstümmelter Knabe. Penis besessen uud sei kastriert. 

Glaubt, daß das Mädchen von einer Kastration wird als vollzogene Strafe 

Strafe betroffen sei, die auch ihm aufgefaßt, 

drohe. 
Hält das Mädchen für minderwertig. Hält sich für minderwertig. Penisneid. 

Kann sich nicht vorstellen, wie das Kommt nie über das Gefühl des 

Mädchen jemals über diesen Ver- Mangels und der Minderwertigkeit 

lust resp. Neid wegkommen könnte. hinweg und muß ihre Männlich- 

keitswünsche immer aufs neue 
wieder überwinden. 
Fürchtet ihren Neid. Möchte sich dauernd am Mann für 

seinen Mehrbesitz rächen. 

Diese gar zu genaue Übereinstimmung besagt nun sicherlich nichts über 
ihre objektive Richtigkeit: Die infantile Genitalorgnnisation des kleinen 
Mädchens könnte in Wirklichkeit eine so frappante Ähnlichkeit mit der 
des Knaben haben, wie wir das ja bisher angenommen haben. 

Aber sie ist doch wohl geeignet, uns nachdenklich zu stimmen und 
andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Einmal könnte man, den 
Gedankengängen von Georg Simmel folgend, erwägen, ob die weibliche 
Anpassung an die männliche Struktur vielleicht schon in einem so frühen 
Zeitpunkt und in einem so hohen Grade einsetze, daß die biologische 
Eigenheit des kleinen Mädchens davon überwältigt würde. Ich komme an 
einer späteren Stelle kurz darauf zurück, daß es mir tatsächlich wahr- 
scheinlich ist, daß eine solche Infizierung mit männlichem Denken schon 
in der Kindheit vor sich geht; aber, daß sie so restlos alles von Natur 
Gegebene in sich aufnehmen sollte, ist von vornherein nicht einleuchtend. 

2*' 






364 Karen Horncy 



Und so müssen wir uns der schon aufgeworfenen Frage zuwenden, ob 
diese merkwürdige Übereinstimmung vielleicht der Ausdruck einer Ein- 
seitigkeit unserer männlich gerichteten Beobachtungen sein könnte. 

Gegen eine solche Vermutung macht sich zwar sofort ein innerer Pro- 
test geltend, der auf den sicheren Boden der Erfahrung hinweist, auf dem 
die analytische Forschung sich von jeher aufgebaut hat. Aber gleichzeitig 
mahnt uns eine erkenntnistheoretische Einsicht daran, daß dieser Boden 
nicht gar so zuverlässig ist, sondern daß jede Erfahrung ihrer Natur nach 
einen subjektiven Faktor enthält. So setzt sich auch unsere Erfahrung 
zusammen aus den direkten Beobachtungen an dem Material, das uns die 
Analysanden in Einfällen, Träumen und Symptomen in die Analyse bringen 
und den Deutungen, die wir geben, resp. den Schlüssen, die wir aus diesem 
Material ziehen. Daher ist auch bei gleich korrekter Technik die prinzipielle 
Möglichkeit verschiedener Erfahrungen gegeben. 

Wenn man nun versucht, sich von dieser männlichen Art der Betrachtung 
frei zu machen, gewinnen fast alle Probleme der weiblichen Psychologie 
ein anderes Aussehen. 

Zunächst fällt auf, daß immer nur oder doch vorwiegend der genitale 
Unterschied zwischen den Geschlechtern zum Angelpunkt der Betrachtungen 
gemacht wird und nicht auch der andere große biologische Unterschied, 
der in dem verschiedenen Anteil an der Fortpflanzung liegt. 

Der männliche Standpunkt in der Auffassung der Mutterschaft tritt am 
reinsten in der äußerst geistreichen Genitaltheorie von Ferenczi* zutage. 
Er meint, daß der wesentliche Antrieb zum Koitus, sein eigentlicher letzter 
Sinn für beide Geschlechter in dem Verlangen liege, wieder in den Mutter- 
leib zurückzukehren. Der Mann habe in einer Kampfphase sich das Vor- 
recht geschaffen, in Gestalt seines Gliedes wirklich wieder in einen Mutter- 
leib einzudringen. Die Frau, als der früher einmal unterlegene Teil, habe 
sich dieser organischen Situation in ihrer Organisation fügen müssen und 
sei mit „Trosteinrichtungen" bedacht worden. Sie müsse sich „begnügen , 
mit phantasiemäßigen Ersatzprodukten und insbesondere mit dem Beher- 
bergen des Kindes, dessen Glück sie mitgenieße. Höchstens beim Gebärakt 
stünden ihr vielleicht Lustmöglichkeiten offen, die der Mann nicht hätte. 2 
Die psychische Situation für die Frau sähe demnach wirklich nicht 
sehr erfreulich aus. Der eigentliche Urantrieb zum Koitus fehlt ihr, resp. 
es ist ihr jede direkte — wenn auch nur partielle — Erfüllung ver- 
schlossen. Der Antrieb und der Lustgewinn beim Koitus müßte demnach 

1) Fer en c » i, Versuch einer Genitaltheorie. (Int. PsA. Verlag, 1924.) 

2) S. a. Helene Deutsch: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen, und 
Groddeck: Das Buch vom Es. (Int. PsA. Verlag.) 



Flucht aus der Weiblichkeit 365 



für sie zweifellos geringer sein als für den Mann. Denn sie kommt nur auf 
Umwegen, indirekt, zu einer gewissen Erfüllung der Ursehnsucht, also 
teils auf dem Umwege über eine masochistische Umwandlung, teils in der 
Identifizierung mit dem ev, Kind. Es sind das aber nur „Trosteinrichtungen . 
Das einzige, was sie schließlich vor dem Mann voraus hätte, wären die doch 
sehr fraglichen Lustgewinne beim Gebärakt. 

An dieser Stelle muß man als Frau erstaunt fragen: Und die Mutter- 
schaft? Und das selige Bewußtsein, ein neues Leben in sich zu tragen? 
Und das unerhörte Glück in der sich steigernden Erwartungsspannung auf 
das Erscheinen dieses neuen Wesens? Und das Glück, wenn es endlich da 
ist? Und wenn man es zuerst im Arm hat? Und die tiefe, lustvolle 
Befriedigung beim Stillen? Und das Glück der ganzen Säuglingspflege? 

Nach mündlichen Äußerungen von Ferenczi hätte in jener Ur- 
kampfzeit, die für das Weibchen so betrüblich ausging, das Männchen als 
Sieger ihm auch die Last der Mutterschaft und was damit zusammenhängt, 
aufgebürdet. 

Gewiß: vom sozialen Kampf aus gesehen, kann die Mutterschaft eine 
Beeinträchtigung bedeuten. Sicher tut sie das in heutiger Zeit, viel weniger 
sicher in Zeiten, in denen die Menschen naturnäher waren. 

Aber wir erklären ja auch den Penisneid aus den biologischen Ver- 
hältnissen und nicht von den sozialen Momenten her, sondern pflegen im 
Gegenteil das Gefühl der sozialen Beeinträchtigung der Frau unbesehen 
nur als Rationalisierung ihres Penisneides aufzufassen. 

Biologisch betrachtet, verschafft aber die Mutterschaft, resp. die Fähigkeit 
zu ihr, der Frau eine ganz unbestreitbare und nicht geringe physiologische 
Überlegenheit. Das spiegelt sich auch aufs deutlichste im Unbewußten 
der männlichen Psyche wieder, in dem intensiven Mutterschaftsneid des 
Knaben. Er ist uns als solcher allgemein bekannt, dürfte aber als dynami- 
scher Faktor kaum genügend gewürdigt worden sein. Wenn man, wie ich, 
erst nach einer schon ziemlich langen Erfahrung an weiblichen Analysen, 
begonnen hat, männliche Analysen zu machen, erhält man einen völlig 
überraschenden Eindruck von der Intensität dieses Neides auf Schwanger- 
schaft, Gebären und Mutterschaft sowie auf die Brüste und das Stillen. 

Angesichts dieses analytischen Eindruckes liegt die Frage nahe, ob nicht 
in der oben beschriebenen Bewertung der Mutterschaft eine unbewußte 
männliche Entwertungstendenz ihren Weg über das Intellektuelle genommen 
hat? Eine Entwertung, die besagen würde: eigentlich wünscht sich die 
Frau ja doch nur einen Penis; die Mutterschaft ist doch schließlich nur 
eine Bürde, die den Kampf ums Dasein erschwert; und der Mann kann 
froh sein, daß er sie nicht zu tragen braucht. 



366 Karen Horney 



Wenn Helene Deutsch schreibt, daß der Männlichkeitskomplex der 
Frau eine viel dominierendere Rolle spiele als der Weiblichkeitskomplex 
des Mannes, so scheint sie dabei zu übersehen, daß der männliche Neid 
offenbar erfolgreicher sublimiert wird als der Penisneid des Mädchens und 
sicher einen, wenn nicht den wesentlichen Impuls zur Schaffung kultureller 
Werte abgibt. 

Schon sprachliche Bezeichnungen weisen auf diesen Ursprung kultureller 
Produktivität hin. Sie ist beim Manne in der historischen Zeit, die uns 
bekannt ist, zweifellos ungleich größer als bei der Frau. Sollte er nicht 
darum den ungeheuren Antrieb zur schöpferischen Gestaltung auf jedem 
Gebiet haben, weil die Empfindung seiner relativ geringen Rolle bei der 
Schaffung lebendigen Lebens ihn beständig zu einer überkompensierenden 
Leistung drängt? 

Wenn dieser Zusammenhang richtig ist, so drängt sich das Problem 
auf, warum vom Penisneid der Frau kein entsprechender Antrieb zu 
einer Ausgleichsleistung ausgeht? Hier ergeben sich zwei Möglichkeiten: 
entweder er ist absolut geringer als der männliche Neid oder er wird 
weniger glücklich verarbeitet. Für beide Möglichkeiten ließen sich Begrün- 
dungen anführen. 

Für die größere Intensität des männlichen Neides könnte man die 
Betrachtung anstellen, daß ja eine faktische anatomische Benachteiligung 
der Frau doch nur vom Gesichtspunkt der prägenitalen Organisationsstufen 
gegeben ist, 1 während sie für die Genitalorganisation der Erwachsenen 
nicht besteht, denn die Frau ist doch offenbar nicht weniger, sondern nur 
anders zum Koitus befähigt als der Mann. Wohingegen der Anteil des 
Mannes an der Fortpflanzung endgültig geringer ist als der der Frau. 

Ferner sehen wir, daß der Mann offenbar eine größere Nötigung dazu 
empfindet, die Frau zu entwerten als umgekehrt. Daß das Dogma der 
Minderwertigkeit der Frau von einer unbewußten männlichen Tendenz 
geschaffen war, konnte uns als Erkenntnis erst aufdämmern, nachdem 
man angefangen hatte, an der realen Berechtigung dieser Anschauung 
zu zweifeln. Stehen aber wirklich hinter diesen Überzeugungen von 
der weiblichen Minderwertigkeit Entwertungstendenzen des Mannes, so 
müssen wir von da aus aqf einen sehr respektablen Antrieb zur Entwertung 
schließen. 

Aber es spricht auch manches für eine in kultureller Hinsicht weniger 
glückliche Verarbeitung des Penisneides. Wir wissen ja, daß er im besten 
Falle im Wunsch nach Mann und Kind aufgeht und damit wahrscheinlich 

1) S. Horney: Zur Genese des weiblichen Kastrationskomplexes. (Int. Zschrft. 
f. PsA., Bd. IX, 1923.) 



Flucht aus der Weiblichkeit 3Ö7 

auch seinen Hauptantrieb zu einer Sublimierungsleistung einbüßt. In 
ungünstigen Fällen aber ist er, wie ich gleich näher ausführen werde, 
mit mehr Schuldgefühl belastet, als einer fruchtbaren Gestaltung dienlich 
ist; während die männliche Unfähigkeit zur Mutterschaft, wahrscheinlich 
als einfache Minderwertigkeit empfunden, ungehemmt ihre antreibende 
Kraft entfalten kann. 

In diesen Ausführungen habe ich schon ein Problem gestreift, das gerade 
neuerdings wieder von Freud in den Vordergrund des Interesses geschoben 
worden ist: 1 die Entstehung und Auswirkung des Kindwunsches. Unsere 
Stellung zu diesem Problem hat sich im Laufe des letzten Jahrzehnts 
geändert. Es sei daher gestattet, kurz den Ausgangs- und den Endpunkt 
dieser historischen Entwicklung zu bezeichnen. 

Die ursprüngliche Auffassung 2 ging dahin, daß der Penisneid sowohl 
zum Kindwunsch als zum Wunsch nach dem Mann eine narzißtische Ver- 
stärkung abgäbe, daß aber der Wunsch nach dem Mann unabhängig vom 
Kindwunsch entstünde. In der weiteren Entwicklung verschob sich der 
Akzent immer mehr auf den Penisneid, bis Freud in seiner jüngsten 
Arbeit über dieses Problem die Vermutung aussprach, daß der Penis- 
neid und die Enttäuschung über den Penismangel beim Kinde überhaupt 
erst den Wunsch nach dem Kinde schaffe, und daß die zärtliche Zuwendung 
zum Vater erst auf diesem Umweg über Peniswunsch — Kindwunsch — 
ermöglicht würde. 

Die Entwicklung im Sinne dieser letzteren Hypothese entsprang offenbar 
dem Bedürfnis, das biologische Prinzip der gegengeschlechtlichen Anziehung 
psychologisch zu erklären — entsprechend dem schon von Groddeck auf- 
gestellten Problem: daß der Knabe die Mutter zum Liebesobjekt beibehält, 
ist verständlich; „aber wie kommt das Mädchen zum Anschluß an das 
andere Geschlecht? 3 

Um diesem Problem näher zu kommen, müssen wir uns zunächst klar 
machen, daß unser Erfahrungsmaterial über den Männlichkeitskomplex der 
Frau aus zwei ganz verschiedenwertigen Quellen stammt. Die erste wird gebildet 
von direkten Kindheitsbeobachtungen. Bei ihnen spielt der subjektive 
Erfahrungsfaktor eine relativ geringe Rolle. Jedes nicht eingeschüchterte 
Mädchen zeigt ihren Penisneid offen und unbefangen. Wir sehen, daß sein 
Vorkommen typisch ist und verstehen gut, warum er das ist; verstehen, wie 
zu der narzißtischen Kränkung des scheinbar Wenigerhabens sich für das 

1) Freud: Über einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunter- 
schieds. 

2) Freud: Über Triebujnsetzungen insbesondere der Analerotik. 

3) Groddeck: Buch vom Es. (Int. PsA. Verlag.) 



368 Karen Horney 



kleine Mädchen eine Reihe von Benachteiligungen aus den verschiedenen 
prägenitalen Besetzungen ergeben: die augenscheinliche Bevorzugung des 
Knaben hinsichtlich der Harnerotik, des Schautriebes, der Onanie. 1 

Ich möchte vorschlagen, diesen Penisneid des kleinen Mädchens, der 
sich offenbar rein auf den anatomischen Unterschied gründet, den pri- 
mären zu nennen. 

Die zweite Quelle, die unsere Erfahrungen speist, ist in dem Analysen- 
material erwachsener Frauen zu finden. Es liegt in der Natur der Sache, 
daß dieses schwieriger zu beurteilen ist und daher dem subjektiven 
Erfahrungsfaktor großen Spielraum gewährt. Wir sehen hier zunächst den 
Penisneid als einen Faktor von ungeheurer dynamischer Stärke wirksam. 
Wir beobachten, wie Patientinnen ihre weiblichen Funktionen ablehnen, 
mit der unbewußten Begründimg der Männlichkeitswünsche. Wir sehen 
Phantasien, die besagen: „ich habe einen Penis besessen, ich bin ein 
kastrierter, verstümmelter Mann" mit ihrem Gefolge von Minderwertigkeits- 
gefühlen und ihrer Auswirkung in allen möglichen hartnäckigen hypo- 
chondrischen Vorstellungen. Wir sehen eine intensive feindselige Ein- 
stellung gegen den Mann, teils im Sinne der Entwertung, teils im Sinne 
des Kastrieren-, Lahmlegen- Wollens. Wir sehen, wie ganze Schicksale von 
hier aus entscheidend beeinflußt erscheinen. 

Es lag sicher der Schluß nahe, — und er lag besonders unser aller 
männlich orientiertem Denken nahe — von diesen Eindrücken her eine 
Brücke zu schlagen zu jenem primären Penisneid und rückläufig zu 
schließen, daß ihm also eine ungeheure Intensität, eine ungeheure dyna- 
mische Kraft zu eigen sein müsse, da er doch imstande sei, solche Wir- 
kungen zu entfalten. Und man übersah dabei, weniger im einzelnen als in 
der Gesamtbewertung, daß diese Man nlichkeits wünsche, die wir 
aus den Analysen Erwachsener kennen, nur mehr sehr 
wenig mit jenem früh-infantilen primären Penisneid zu 
tun haben, sondern daß sie eine sekundäre Bildung dar- 
stellen, in der alles Platz gefunden hat, was in der weib- 
lichen Entwicklung mißglückt ist. 

Meine Erfahrungin haben mir nach wie vor in gleichbleibender Deut- 
lichkeit gezeigt, daß es vom weiblichen Ödipuskomplex aus nicht nur in 
Fällen extremen Scheiterns, sondern regelmäßig zu einer Regression 
auf den Penisneid kommt, natürlich in allen möglichen Graden und 
Abstufungen. Der Unterschied zwischen dem Ausgang des männlichen 
und des weiblichen Ödipuskomplexes stellt sich mir für eine durchschnitt- 

1) Genauer in meiner früheren Arbeit : Zur Genese des weiblichen Kastrations- 
komplexes. 



Fludit aus der Weiblimkelt 3Ö9 

liehe Entwicklung etwa folgendermaßen dar: beim Knaben wird infolge 
der Kastrationsangst nur das Sexualobjekt, die Mutter, aufgegeben, aber die 
männliche Rolle als solche wird nicht nur weiter bejaht, sondern als 
Reaktion auf die Kastrationsangst eher überbetont, wie wir das in der 
männlichen Latenzzeit und Vorpubertät und meist auch im späteren Leben 
deutlich sehen. Beim Mädchen wird nicht nur der Vater als Sexualobjekt 
aufgegeben, sondern es kommt gleichzeitig zu einem Zurückweichen vor 
der weiblichen Rolle überhaupt. 

Um diese Flucht aus der Weiblichkeit zu verstehen, muß man die 
Verhältnisse der frühkindlichen Onanie berücksichtigen, in der ja die 
Erregungen des Ödipuskomplexes ihren körperlichen Ausdruck finden. 

Auch hier liegen die Verhältnisse für den Knaben viel klarer; — oder 
vielleicht sind sie uns auch nur bekannter? Sind sie uns beim Mädchen 
am Ende nur darum so unverständlich geworden, weil wir sie immer nur 
mit männlichen Augen gesehen haben? Es sieht ein wenig danach aus, 
wenn man dem kleinen Mädchen nicht einmal eine eigene Onanie 
zubilligt, sondern ihre autoerotischen Betätigungen schlechtweg als männ- 
lich kennzeichnet! Und wenn man den Unterschied, der doch nun einmal 
da sein muß, einfach als den des Negativs zum Positiv ansieht, d. h. im 
Falle der Onanieängste als den der angedrohten zur vollzogenen Kastration. 
Meine analytischen Erfahrungen lassen durchaus Raum für die Auffassung, 
daß das kleine Mädchen ihre eigene, weibliche, nebenbei auch technisch 
von der männlichen verschiedene, Onanie hat, selbst wenn diese, was mir 
nicht gesichert scheint, nur an der Klitoris stattfinden sollte. Ich sehe"! 
auch nicht ein, warum man der Klitoris, trotz ihrer entwicklungsgeschicht- 
lichen Vergangenheit nicht ihre legitime Zugehörigkeit zum weiblichen 
Genitalapparat zubilligen soll. 

Ob das Mädchen zur Zeit der Frühblüte ihrer genitalen Entwicklung- 
vaginale Organempfindungen hat, ist aus dem analytischen Material 
Erwachsener ungeheuer schwer zu beurteilen. Ich bin in einer ganzen 
Reihe von Fällen geneigt, darauf zu schließen und werde das dazugehörige 
Material später vorlegen. Ihr Vorkommen ist mir aus den folgenden 
Überlegungen theoretisch sehr wahrscheinlich. Sicher zeigen die bekannten 
Phantasien, daß ein allzugroßer Penis gewaltsam eindringen, Schmerzen 
und Blutungen hervorrufen und etwas zerstören könnte, daß das kleine 
Mädchen ihren ödipusphantasien das reale Mißverhältnis in der Größe 
zwischen Vater und Kind höchst realistisch zugrunde legt, so wie es dem 
plastisch-konkreten Denken des Kindes entspricht. Ich meine also, daß in 
diesem Sinne, sowohl der ödipusphantasien, als auch der sich konsequenter- 
weise daran knüpfenden Angst vor einer inneren — also vaginalen 



370 Karen Horney 



Beschädigung, doch die Vagina neben der Klitoris eine Rolle in der früh- 
infantilen weiblichen Genitalorganisation spielt. 1 Man könnte sogar aus 
den späteren Erscheinungen der Frigidität schließen, daß die Vaginalzone 
eher stärker mit Angst- und Abwehreffekten besetzt ist als die Klitoris, und 
zwar darum, weil die inzestuösen Wünsche mit der vollen Treffsicherheit 
des Unbewußten auf sie bezogen wurden. Im Sinne dieser Betrachtung 
müßte man die Frigidität als einen Ausdruck der Abwehr jener für das 
Ich so bedrohlichen Phantasien auffassen. Auch auf die von verschiedenen 
Autoren behaupteten unbewußten Lustgefühle bei der Entbindung, resp. 
die Angst vor ihr, würde von hier aus ein neues Licht fallen. Die Ent- 
bindung wäre nämlich in weit höherem Maße als der spätere Geschlechts- 
verkehr geeignet, gerade durch das Mißverhältnis zwischen Vagina und 
Kind und die dadurch entstehenden Schmerzen, für das Unbewußte eine 
und zwar schuldfreie — Realisierung jener frühen Inzestphantasien 
darzustellen. Wie die Kastrationsangst des Knaben steht auch die weibliche 
Genitalangst durchaus unter dem Druck der Schuldgefühle und verdankt 
ihnen ihre nachhaltige Wirkung. 

Hierzu kommt eine Folgeerscheinung des anatomischen Geschlechts- 
unterschiedes, die in derselben Richtung wirkt. Der Knabe kann nämlich 
sein Genitale daraufhin beobachten, ob die gefürchteten Folgen der Onanie 
eintreten; das Mädchen tappt hier buchstäblich im Dunkeln und bleibt in 
völliger Unsicherheit. Diese Möglichkeit einer Realitätsprüfung fällt natür- 
lich bei schwererer Kastrationsangst für den Knaben nicht ins Gewicht, 
aber für die praktisch wegen ihrer Häufigkeit bedeutsameren Fälle leich- 
terer Befürchtungen halte ich diesen Unterschied für recht beachtlich. 
Jedenfalls habe ich aus dem analytischen Material meiner weiblichen Ana- 
lysen den Schluß gezogen, daß dieser Faktor eine beträchtliche Rolle im 
weiblichen Seelenleben spielt und zu der eigentümlichen inneren Unsicher- 
heit beiträgt, wie wir sie bei Frauen so häufig finden. 

Unter dem Druck dieser Angst flüchtet nun das Mädchen in eine fik- 
tive männliche Rolle. 

Was ist der ökonomische Gewinn dieser Flucht? Ich muß hier 
auf eine Erfahrung hinweisen, die wohl alle gemacht haben dürften; daß 
nämlich die Männlichkeits wünsche in der Regel relativ bereitwillig zugegeben 
werden, aber daß sie — einmal akzeptiert — hartnäckig festgehalten 
werden, und zwar aus dem Grunde, um nicht die libidinösen Wünsche 

1) Seitdem mir die Möglichkeit solcher Zusammenhänge klar wurde, habe ich 
viele Äußerungen, bei denen ich mich früher mit der Deutung einer Kastrations- 
phantasie im männlichen Sinne begnügt hätte, in diesem Sinne einer Angst vor der 
vaginalen Beschädigung aufzufassen gelernt. 



Flucht aus der Weiblichkeit 37» 



und Phantasien auf den Vater einsehen zu müssen. Sie stehen also 
im Dienste derVerdrängung dieser weiblichen Wünsche 
resp. des Widerstandes gegen ihre Aufdeckung. Diese 
immer wiederkehrende typische Erfahrung zwingt nach analytischen Grund- 
sätzen zu dem Schluß, daß die Männlichkeitsphantasien 
früher einmal zu eben diesem Zweck der Sicherung 
gegen die libidinösen Wünsche auf den Vater aufge- 
richtet waren. Durch die Fiktion der Männlichkeit würde also die jetzt 
schuld- und angstbeladene weibliche Rolle vermieden. Zwar hat ein 
solches Ausweichen auf die männliche Linie notwendig Minderwertigkeits- 
gefühle im Gefolge, denn das Mädchen fängt jetzt an, sich an Ansprüchen 
und Werten zu messen, die ihrem eigenen biologischen Wesen fremd 
sind, und denen gegenüber sie sich also unzulänglich fühlen muß. 

Obgleich nun diese Minderwertigkeitsgefühle sehr quälend sind, zeigen 
unsere analytischen Erfahrungen doch recht nachdrücklich, daß sie vom 
Ich leichter ertragen werden als die Schuldgefühle, mit denen die weib- 
liche Einstellung verknüpft ist, und daß es also für das Ich doch zweifellos 
einen Gewinn bedeutet, wenn das Mädchen aus der Scylla der Schuld- 
gefühle in die Charybdis der Minderwertigkeitsgefühle flüchtet. 

Ein zweiter ökonomischer Gewinn erwächst aus der Vateridenti- 
fizierung, mit der die Regression auf den Penisbesitzwunsch ja in der 
Regel verknüpft ist: auch dieser Vorgang dient offenbar einer Lockerung 
der Objektbeziehung zum Vater und hilft gleichzeitig dazu, den schmerz- 
lichen Objektverlust auf eine dem Ich annehmbare Weise zu überwinden. 

In eben diesem Vorgang der Vateridentifizierung liegt ja bekanntlich 
auch die eine Antwort auf die Frage, warum die Flucht vor den weib- 
lichen Wünschen auf den Vater gerade immer zu einer Männlichkeitsein- 
stellung führt. Aus einigen Überlegungen, die sich an die obigen Betrach- 
tungen anschließen, läßt sich diese Frage noch von einem anderen 
Gesichtspunkte her beleuchten. 

Wir wissen, daß immer, wenn die Libidoentwicklung an eine Schranke 
stößt, eine frühere Organisationsstufe regressiv belebt wird. Nach der letzten 
Arbeit Freuds würde aber die Vorstufe zur eigentlichen Objektliebe 
zum Vater eben durch den Penisneid gebildet. Und so würde gerade 
dieser Gedankengang Freuds uns ein Verständnis für die innere Not- 
wendigkeit geben, daß die Libido gerade auf dieses Vorstadium zurück- 
strömen muß, wenn und soweit sie an der Inzestschranke zurückgeworfen 
wird. 

Ich möch te der AuXfasiungJFr e u d s, daß die Entwicklung zur O bjekt- 
liebe für das Mädchen über den Penisneid geht, prinzipiell beistimmen, 



372 Karen Horney 



nur glaube ich, daß man sich von der Art dieses Entwicklungsganges 
auch ein anderes Bild machen könnte. 

Wenn man nämlich sieht, einen wie starken Anteil seiner Wirksam- 
keit der primäre Penisneid erst rückläufig vom Ödipuskomplex her 
empfängt, so muß man der Verlockung entsagen, die Äußerungen eines 
so elementaren Naturprinzips, wie es die gegengeschlechtliche Anziehung 
ist, von diesem Gesichtspunkt zu erfassen. 

Man würde also hinsichtlich der psychologischen Erfassung dieses bio- 
logischen Urprinzips wieder vor einem Ignoramus stehen. Ja, darüber hinaus 
drängt sich mir immer stärker die Vermutung auf, ob nicht der Kausal- 
zusammenhang gerade umgekehrt so sein könnte, daß es gerade die schon 
von früh an wirksame gegengeschlechtliche Anziehung ist, die das libidi- 
nöse Interesse des kleinen Mädchens auf den Penis hinzieht. Ein Interesse, 
das sich der Entwicklungsstufe entsprechend zunächst in autoerotischer 
und narzißtischer Weise auswirkt, so wie ich es früher beschrieben habe. 
Aus dieser Betrachtungsweise würden sich folgerichtig auch neue Problem- 
stellungen für die Entstehung des männlichen Ödipuskomplexes ergeben, 
die ich jedoch auf eine spätere Arbeit verschieben möchte. Wäre aber der 
Penisneid schon der erste Ausdruck jener rätselhaften Anziehung, so 
dürften wir uns auch von hier aus gesehen nicht wundern, ihn in 
Analysen in einer tieferen Schicht als den Kindwunsch und die zärtliche 
Vaterbindung anzutreffen. Der Penisneid würde dann der zärtlichen Ein- 
stellung zum Vater in einer anderen Weise als nur der der Enttäuschung 
den Weg bereiten. Man müßte dann vielmehr das libidinöse Interesse für 
den Penis im Sinne Abrahams als eine „Partialliebe" auffassen, 1 die, wie 
er meint, stets ein Vorstadium der eigentlichen Objektliebe bildet. Man 
könnte sich den Vorgang auch an einer Analogie aus dem späteren Leben 
verständlich machen, und zwar an der Beobachtung, daß gerade ein bewun- 
dernder Neid leicht zu einer Liebeseinstellung führt. 

Was die überaus leichte Gangbarkeit dieser Begression betrifft, so 
möchte ich auf die analytische Erfahrung hinweisen, 2 daß in den 
Einfällen der Patientinnen der narzißtische Besitzwunsch nach dem Penis 
und das objektlibidinöse Begehren desselben oft so ineinander übergehen, 
daß man schwanken kann, in welchem Sinne ein „Haben-Wollen" 
gemeint ist. 

Nun noch ein Wort zu den eigentlichen Kastrationsphantasien, [die 'als 
auffallendster Bestandteil dem ganzen Komplex ihren Namen gegeben 

1) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido (Int. PsA. 
Verlag, 1924). 

2) Schon von Freud in „Tabu der Virginität" erwähnt. 



Flucht aus der Weiblichkeit 



373 



haben. Entsprechend meiner Auffassung der weiblichen Entwicklung muß 
ich auch sie als eine sekundäre Bildung betrachten. Ihre Entstehung denke 
ich mir so, daß bei der Flucht in die fiktive männliche Rolle auch die 
weibliche Genitalangst gewissermaßen in eine männliche Sprache über- 
setzt wird: aus der Angst vor der vaginalen Beschädigung wird eine 
Kastrationsphantasie. Diese Umwandlung bringt gleichzeitig den Gewinn 
mit sich, daß das Mädchen die Unsicherheit ihrer Straferwartung, die 
durch ihren anatomischen Bau bedingt ist, gegen eine konkrete Vorstellung 
eintauscht. Auch die Kastrationsphantasie steht unter dem Druck der alten 
Schuldgefühle — und der Penis wird von hier aus gewünscht als ein 
Beweis der Schuldlosigkeit. 

Diese aus dem Ödipuskomplex stammenden typischen Motive zu einer 
Flucht in die männliche Rolle werden nun verstärkt und unterhalten 
durch die tatsächliche Benachteiligung der Frau im sozialen Leben. Es ist 
natürlich gar nicht zu verkennen, daß die aus dieser letzten Quelle stam- 
menden Männlichkeitswünsche sehr geeignet sind, jene unbewußten 
Motive zu rationalisieren. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß diese 
Benachteiligung doch eben ein Stück Realität ist, und daß sie sogar 
unendlich viel größer ist, als den meisten Frauen bewußt ist. 

Georg Simmel sagt hierüber: „Das kulturelle Übergewicht des 
Mannes sei von seiner Machtstellung getragen** und man könne das 
geschichtliche Verhältnis der Geschlechter kraß als das des Herrn zum 
Sklaven ausdrücken. Wie immer gehöre es auch hier „zu den Privilegien 
des Herrn, daß er nicht immer daran zu denken braucht, daß er Herr ist, 
während die Position des Sklaven dafür sorgt, daß er seine Position nie 
vergißt . 

In diesen Erwägungen dürfte wohl auch die Erklärung dafür liegen, 
warum dieser Faktor in der analytischen Literatur doch gar zu gering 
bewertet ist. Tatsächlich steht das Mädchen von seiner Geburt an unter 
einer — ob gröberen oder feineren, aber unausweichlichen — Suggestion 
seiner Inferiorität, die den Männlichkeitskomplex dauernd speisen muß. 

Dazu kommt noch eines: Infolge des bisher rein männlichen Charakters 
unserer Kultur war es für die Frau viel schwerer, zu einer ihrem Wesen 
adäquaten Sublimierung zu gelangen, denn alle gangbaren Berufe waren 
von männlichem Geist erfüllt. Von hier aus mußte wieder eine Rück- 
wirkung auf ihre Minderwertigkeitsgefühle erfolgen. Denn natürlich 
konnte sie in diesen männlichen Berufen nicht dasselbe leisten wie der 
Mann, und so schien ihre Minderwertigkeit real begründet. Es scheint mir 
unmöglich, zu beurteilen, in einem wie hohen Grade die unbewußten 
Motive zu einer Flucht aus der Weiblichkeit von diesem Moment der 



374 



Horncy: Flucht aus der Weiblichkeit 



tatsächlichen sozialen Unterlegenheit der Frau eine Verstärkung erfahren. 
Man könnte sich den Zusammenhang auch im Sinne einer Wechsel- 
wirkung der psychischen und sozialen Faktoren denken. Aber ich kann 
diese Probleme hier nur andeuten, denn sie sind so ernst und wichtig, daß 
sie einer gesonderten Untersuchung bedürfen. 

Dieselben Faktoren müssen auf die Entwicklung des Mannes ganz 
anders einwirken. Sie führen einerseits dazu, daß er seine Weiblichkeits- 
wünsche als mit dem Makel der Inferiorität behaftet viel intensiver ver- 
drängt; und andererseits dazu, daß er es viel leichter hat, sie erfolgreich 
zu sublimieren. 

In den vorstehenden Betrachtungen bin ich zu einer Auffassung über 
einige Probleme der Psychologie des Weibes gekommen, welche in 
manchen Punkten von den bisherigen Anschauungen abweicht. Es ist 
möglich, sogar wahrscheinlich, daß dieses Bild nun von der anderen Seite 
her einseitig gesehen ist. In dieser Arbeit sollte aber vor allem der Ver- 
such gemacht werden, auf eine mögliche Fehlerquelle hinzuweisen, die aus 
dem Geschlecht des Beobachters entspringt, und damit einen Schritt dem 
Ziele zu zu machen, das wir alle erstreben: jenseits von der Subjektivität 
männlicher oder weiblicher Betrachtung ein Bild von der psychischen Ent- 
wicklung der Frau zu gewinnen, das der Tatsache ihrer Eigenart und 
ihrem Anderssein in höherem Grade als bisher gerecht wird. 



Zur Genese des weiblichen Über-Ichs 

Von 

Carl Müller-Braunschweig 

Berlin 

Nach Freud geht der Ödipuskomplex des Knaben an der Kastrations- 
angst zugrunde. Sucht der Knabe an die Stelle des Vaters zu treten, droht 
ihm der Verlust des Penis als Folge, sucht er sich an die Stelle der Mutter 
zu setzen, wäre dieser Verlust eine Voraussetzung dazu Um sich vor derKastration 
zu retten, identifiziert sich das männliche Kind mit der elterlichen Autorität, 
insbesondere mit der des Vaters und des mit seiner Person gegebenen Inzest- 
verbotes, errichtet durch diese Identifizierung sein Über-Ich, das ihn zur 
Bekämpfung und Unterwerfung der Ödipuswünsche anspornt und befähigt. 

Die Frage ist, was tritt beim Mädchen an die Stelle der Kastrations- 
angst? Besitzt es ein Äquivalent dieser, das es in gleichem Maße befähigt, 
seinerseits ein Über-Ich zu bilden? Nach Freud sind es beim Mädchen viel 
mehr als beim Knaben die Einwirkungen der Erziehung und der drohende 
Liebesverlust, die das Mädchen zum Verlassen des Ödipuskomplexes und zur 
Bildung eines Über- Ichs drängen. 

Ich glaube nun, wahrscheinlich machen zu können, daß das Mädchen 
etwas besitzt, das als ein vielleicht vollgültiges Äquivalent der Kastrations- 
angst des Knaben angesehen werden kann. Dieses Äquivalent sehe ich in 
der infantilen Weiblichkeit des kleinen Mädchens und der damit, im Gegen- 
satze zum Knaben, von vornherein gegebenen größeren masochistischen und 
passiven Einstellung. Diese Auffassung hat allerdings zur Voraussetzung eine 
gewisse Korrektur unseres bisherigen Bildes von der ursprünglichen männ- 
lichen Sexualität des weiblichen Kindes. 

Ich habe den Eindruck, daß wir diese einmal als zu ausschließlich vor- 
handen und ein andermal als zu ursprünglich angesehen haben, daß viel- 
mehr bereits frühzeitig das kleine Mädchen sich psychisch weiblich äußert 
und diese Äußerungsweise einem unbewußten Wissen um den passiven Teil 
des weiblichen Genitalapparates, um die Scheide, entspricht, und daß der 



376 



Carl Müller-Braunsdiweig 



Penisneid bereits eine, wenn auch ebenfalls sehr frühe Reaktions- 
bildung auf dieses Wissen und auf die passive Einstellung hin bedeutet. 

Um das richtig würdigen zu können, müssen wir auf eine bedeutsame 
Beziehung der beiden großen psychischen Systeme, des Ich und des Es, zu- 
einander hinweisen. Das Ich hat von vornherein die Funktion und das 
Bemühen, aktiv zu sein, und das um so mehr, als es ihm zeitlebens schwer 
fällt, zu einer ausgiebigen und vollen Aktivität zu gelangen, ja, als "es im 
Grunde darin niemals zu einem befriedigenden Schlüsse kommt und 
kommen kann. Die Differenzierung des Ichs aus dem Es muß zu einem sehr 
frühen Zeitpunkte angesetzt werden, und mit diesem Zeitpunkte beginnt 
das Ringen des Ichs um eine Aktivität gegenüber den Forderungen des Es. 
Es hat sich steigend gegen die Ansprüche des Es zu wehren und der Gefahr 
zu entrinnen, von ihm überwältigt zu werden. 

Das Verhältnis des Ichs zu seinem Es zeigt nun aber in Beziehung zu 
den beiden Geschlechtern einen bedeutsamen Unterschied. Die Forderung 
des männlichen Es, soweit sie die Sexualstrebung betrifft, tendiert in ihrer 
Entwicklung auf die Vergewaltigung des Weibes, die Forderung des weib- 
lichen Es hingegen darauf, sich vom Manne vergewaltigen zu lassen. 

Das bedeutet, daß das um seine Aktivität bemühte Ich in der männ- 
lichen Sexualstrebung, die ein aktives Ziel hat, eine Unterstützung, ein 
gleichsinnig gerichtetetes Streben sehen kann, daß es aber in der weiblichen, 
auf ein passives Ziel gerichteten Sexualstrebung nicht eine Unterstützung, 
sondern ein Entgegenarbeiten, eine Gefahr sehen muß. Dieser bedeutsame 
Unterschied im Verhältnisse des Ich zu einem männlichen und zu einem 
weiblichen Es ist für unsere Frage von entscheidender Wichtigkeit. 

Besteht unsere Behauptung, daß bereits das kleine Mädchen eine primäre 
passive, dem unbewußten Wissen um den passiven Teil seines Genital- 
apparates entsprechende Einstellung aufzuweisen hat, zu Recht, so ist mit 
dieser Einstellung ein Äquivalent der Kastrationsangst des Knaben gegeben. 
Wie dieser sich vor der ihm drohenden Passivität (der Kastration) zu einer 
Verstärkung seiner Ichaktivität durch Bildung des Über-Ichs rettet, so rettet 
sich das Mädchen vor der seinem Ich ebenfalls als Gefahr erscheinenden, 
weil die Vergewaltigung einschließenden inzestuösen Stiebung durch Aufbau 
der Reaktionsbildung des Über-Ich. 

Würde es die inzestuöse Regung gelten lassen, so drohte ihm als Folge 
davon die Vergewaltigung von seiten des Vaters und der Liebesverlust von 
Seiten der Mutter. Überdies auch der Liebesverlust seitens des Vaters, soweit 
das Mädchen in ihm den Richter, den Gebieter, den Repräsentanten alles 
Gesetzgebenden sieht. 

Beim Mädchen findet die Reaktionsbildung des Über-Ichs einen bereits 



Zur Genese des weiblichen Über-Idis 377 

vorgebildeten Boden, der — wenigstens in demselben Sinne — dem Knaben 
fehlt, nämlich den Penisneid oder besser die Penisphantasie, die wir als eine erste 
Reaktionsbildung auf die dem infantilen Ich als Gefahr erscheinende primäre 
passive, masochistische Einstellung des Mädchens bereits hingestellt haben. 
Die Phantasie des weiblichen Kindes vom Besitze eines Penis, die für das 
Unbewußte auch widerspruchslos weiterbesteht unter dem bewußten ratio- 
nalisierenden Gedanken, es habe einmal einen Penis gehabt, er sei ihm „nur" 
weggenommen, ist ein Ausdruck des Bedürfnisses nach einem Ausgleich der 
primär weiblichen Einstellung. Diese Ausgleichs- und Reaktionsbildung des 
Penisideals ist konstitutiv für das weibliche Ideal-Ich. Auf sie vermag sich 
das spätere Über-Ich des Mädchens aufzusetzen. ' 

Rückt man die unvergängliche weibliche Phantasie vom Besitze eines 
Penis in den Vordergrund und läßt, mit Recht, die psychische Realität 
des imaginierten Penis beim Mädchen neben der körperlichen Realität des 
Penis beim Knaben gelten, so kann man auch direkt von einer weiblichen 
„Kastrationsangst" sprechen. Viele Personen benehmen sich noch als 
erwachsene Frauen in Fehlhandlungen und Träumen durchaus so, „als ob" 
sie ein Glied besäßen, um dessen Verlust sie ständig zu zittern haben. Diese 
auf den möglichen Verlust des imaginierten Penis gerichtete „Verlustangst" 
ist, wenn ich mich nicht täusche, mindestens ebenso groß wie die Kastrations- 
angst der Männer, ja, eher größer als diese. 

Den imaginierten Penis verlieren, hieße den infantilen Vorläufer und 
späteren Kern des weiblichen ÜberTchs, eine Ichbildung verlieren, die der 
Sicherung gegen den bereits infantil vorgebildeten passiv-weiblichen Wunsch 
nach Vergewaltigung dient, der — immer in Relation zu den Aktivitäts- 
und Selbständigkeitstendenzen des Ichs gesehen — für das Ich eine größere 
Gefahr bedeutet, als der aktiv-männliche Vergewaltigungswunsch, denn 
dieser kann ja nur unter besonderen Umständen — wie bei gleichzeitigem 
Konflikt mit einem übermächtigen Nebenbuhler (dem kastrierenden Vater) 
oder bei gleichzeitiger passiv-homosexueller Einstellung — vom Ich als 
Gefahr gewertet werden und ist, von solchen Komplikationen abgesehen, mit 
der Aktivität des Ich gleichsinnig gerichtet. 

Das infantile Ich, das sich der Aufgabe der Überwindung des Ödipus- 
komplexes gegenübersieht, ist, im Verhältnis zum Ich des Erwachsenen, 
noch schwach, erst in der Bildung begriffen. Gleichwohl sieht es sich 
größeren Schwierigkeiten gegenüber, als sie je der Erwachsene haben wird, 
denn die Sexualregungen seines Es. wenn auch absolut genommen, schwächer 
als die des Erwachsenen, sind doch relativ zum infantilen Ich als stärker 
zu betrachten, zumal sie auf die übermächtigen Elternobjekte gerichtet und 
durch sie ausgelöst sind, so daß ein Verhältnis des Es zum Ich vorliegt, 
Int Zeilschr. £ Psychoanalyse, XII/3 25 



378 Carl Muller-Braunsdiweig: Zur Genese des welbltdien Uber-Idts 

wie es, nach der Größe der dem Ich durch das Es drohenden Gefahr, niemals 
später wieder vorgefunden werden kann. Der Knabe steuert auf die 
Kastration, das Mädchen auf die Vergewaltigung durch den übermächtigen 
Vater hin. Beide erwehren sich dieser Gefahren durch die Reaktionsbildung 
des Über-Ichs. Eine Dringlichkeit von ähnlicher Bedeutung ist für die 
Erwachsenen nicht mehr gegeben. 

Es drängen sich im Anschluß an das Vorgetragene eine große Reihe 
von Fragen auf: Welches sind die empirischen Grundlagen und die theo- 
retischen Stützen der behaupteten infantilen primären passiv-weiblichen 
Einstellung?, wie ordnet sich die Behauptung in die Theorie der Organi- 
sationsstufen der Libido ein?, welchen Sinn hat für das Mädchen in dem 
Zusammenhange die phallische Organisationsstufe?, gibt es einen Penis- 
wunsch nur als Reaktionsbildung oder auch primär?, ist er ein- oder mehr- 
deutig?, wie ist das Verhältnis der Entwicklungslinie Peniswunsch — Kind- 
wunsch zur Einstellung des Mädchens zum Vater?, 1 welche Bedeutung 
haben die aktiv-männlichen und passiv-weiblichen Sexualstrebungen innerhalb 
der Identifizierungs- und Desexualisierungsvorgänge bei der Bildung des 
Über-Ichs und welche ist ihre Beziehung zu den psychischen Systemen? 
Die Rücksicht auf den Raum aber gebietet, es bei dem Gesagten bewenden 
zu lassen und die Betrachtung aller Konsequenzen und Voraussetzungen 
auf später zu verschieben. 2 



1) Vergl. Freud, Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunter- 
schieds. I. Z. f. PsA., XI. Bd., 1925, Heft 4. 

2) Nachdem ich die Arbeit von Karen Horney „Flucht aus der Weiblichkeit" 
im Manuskript gelesen habe, die die Autorin vor einiger Zeit in der Berliner 
Gruppe als Vortrag brachte, möchte ich es nicht unterlassen, auf die bei aller sonstigen 
Verschiedenheit, ja gelegentlichen Gegensätzlichkeit der Arbeiten hervorstechenden 
und erfreulichen Übereinstimmungen hinzuweisen, die in einigen Punkten zwischen 
ihren und meinen Ausführungen zu sehen sind; z. B. wird dort die „vaginale 
Beschädigungsangst" des kleinen Mädchens in Parallele gesetzt zur Kastrationsangst 
des Knaben, und wird bei dem Ref. die Vergewaltigungsangst des kleinen Mädchen als 

.Äquivalent der Kastrationsangst des Knaben" bezeichnet; zum Teil deckt sich auch 
'der Gedanke, daß die „männliche Phantasie" eine Sicherung gegen die libidinösen 
Wünsche auf den Vater sei, mit meiner Auffassung der „Penisphantasie" als einer 
Reaktionsbildung auf die das Ich gefährdenden Wünsche, vom Vater vergewaltigt zu 

werden Die Übereinstimmung erscheint mir darum beachtlich, weil beide Autoren 
ihre Darlegungen nicht nur auf von einander unabhängige empirische Beobachtungen 
aus ihrer analytischen Praxis stützen, sondern offensichtlich das Übereinstimmende 
auch auf individuell ganz verschiedenen Gedankenzügen erreichen. 









Die kindliche Bewegungsunruhe 

Das Schicksal der den Stammganglien unterstehenden trieb- 
haften Bewegungen 

Von 

Karl Landauer 

Frankfurt a. M. 

Freud hat von seinem ersten Fall, den er auf die Anregung Breuers 
hin eingehender psychologisch untersucht hat, unterm t. Mai 1889 folgende 
anschauliche Schilderung entworfen: 1 „Ihr Gesicht hat einen gespannten, 
schmerzlichen Ausdruck, die Augen sind zusammengekniffen, der Blick 
gesenkt, die Stirne stark gerunzelt, die Nasolabial falten vertieft. Sie spricht... 
gelegentlich durch spastische Sprachstockung bis zum Stottern unterbrochen. 
Dabei hält sie die Finger ineinander verschränkt, die eine unaufhörliche 
athetoseartige Unruhe zeigen. Häufige ticartige Zuckungen im Gesicht und 
an den Halsmuskeln . . . Ferner unterbricht sie sich häufig in der Rede, um 
ein eigentümliches Schnalzen hervorzubringen, das ich nicht nachahmen 
kann." Und etwas weiter unten heißt es, „daß sie alle paar Minuten plötz- 
lich abbricht, das Gesicht zum Ausdruck des Grausens und Ekels verzieht, 
die Hand mit gespreizten und gekrümmten Fingern gegen mich ausstreckt". 
Diese Erscheinungen werden als Reaktionen auf frühere Ereignisse bei deren 
assoziativen Anklingen aufgezeigt. In den späteren Arbeiten Freuds, 
namentlich vom Beginne der psychoanalytischen Ära an, tritt zu dieser 
Erkenntnis noch die andere, daß die Symptome, also z. B. die Bewegungs- 
störungen, noch irgendwie lustvoll sind, sei es, daß sie direkte autoerotische 
Befriedigungen bringen, sei es, daß sie einen Befriedigungsvorgang dar- 
stellen, z. B. symbolisieren. 

Der Analytiker hat oft Gelegenheit, Bewegungsunruhen zu studieren, 
denn bei den meisten unserer Patienten treten als feines Reagens bewußter 
wie unbewußter seelischer Vorgänge außerordentlich häufig neben einfachen 

1) Studien über Hysterie. Ges. Schriften, Bd. 1., S. 26. 

*5* 



38o 



Karl Landauer 



und antagonistischen athetotiforme, choreiforme, myokloniforme, oder tor- 
quierende Bewegungen auf, bald allgemein, bald nur im Gesicht, am Rumpf 
oder an einer oder mehreren Extremitäten. Sie sind dann als Übertragungs- 
äußerungen von Affekten und Befriedigungsvorgängen zu enthüllen, als Wieder- 
holungen einer ambivalenten Situation, als Wiederkehr von Verdrängtem. 

In den letzten Jahren hat sich die psychoanalytische Forschung unter dem 
Einfluß der großen metapsychologischen Arbeiten Freuds in erhöhtem 
Maße dem Studium des Verdrängenden zugewandt. Sehen wir, was sie 
bereits heute zu dem so außerordentlich häufigen Symptom der Bewegungs- 
unruhe zu sagen weiß. Wir müssen zu diesem Zwecke in die früheste Zeit 
der Entwicklung der Persönlichkeit — also sowohl des Verdrängenden wie 
des Verdrängten — zurückgehen, in die allerersten Lebensminuten. 

Von dem Augenblick an, da das Kind den Mutterleib verlassen hat, 
durchtobt es — wenn keine gröberen Schädigungen und keine Asphyxie 
vorliegen — ein wahrer Bewegungssturm : Der Kopf wird hin und her 
gerissen. Dabei grimassiert das Gesicht, besonders die Mundpartie und die 
Stirne. Oft nimmt es einen Ausdruck an, den wir gar zu gerne als Zeichen 
sinnloser und hilfloser Wut deuten möchten, besonders da das Neugeborene 
Schreie ausstößt, die Fäustchen ballt, mit Armen und Beinen wild um sich 
schlägt. Auch Kopf, Hals und Rumpf sind in ständiger, bald ruckartiger, 
bald mehr bohrender und drehender Bewegung. Bald handelt es sich mehr 
um Zuckungen, namentlich auch um Bewegungskombinationen nach Art 
des Moroschen Greifreflexes, die wir aber in diesem Zusammenhang nicht 
weiter verfolgen werden, 1 dann wieder windet sich der Körper und, wenn 
gerade der Kopf und der Mund nach derselben Seite wandert, und die Lippen 
dabei schnappende Bewegungen ausführen, meinen wir, das Kind suche die 
Mutterbrust. Verfolgen wir jedoch die Muskelzusammenziehungen der ein- 
zelnen Körperteile für sich, so merken wir, daß es sich um eine zusammen- 
hangslose, nur aneinander gereihte Häufung von Muskelaktionen nach Art 
der Athetose, Chorea, Myoklonie und Torsionsdystonie handelt und nicht um 
Bausteine von vorerst noch ataktischen Willkürbewegungen. 2 Ob die Bewe- 

1) Moro, Münclin. Med. Wochenschrift, 1912 N. 42 U. Homburger, Ztschr. 
f. d. ges. Neur. u. Psych-, Bd. 76, 1922. 

2) Im Gegensatz zu Bernfelds Ausführungen in seiner „Psychologie des 
Säuglings" rechne ich das Schreien der Bewegungsunruhe zu den Reaktivbewegungen, 
von dem ich das Schmerzschreien sondere, v. Pfaundler nennt ersteres in seinen 
Vorlesungen oft „das Spazierengehen", um damit die lustvolle Bewegung anzudeuten. 
Im übrigen decken sich weit unsere Ansichten, wie ich nach Fertigstellung der 
Arbeit feststellen konnte. Ich verfolge hier nur eine neurologisch-lokalisierte, begrenzte 
Gruppe und suche den Zusammenhang mit den späteren pathologisch (und auch 
physiologisch) nachweisbaren Erscheinungen herzustellen, während Bernfeld sich 
streng an sein im Titel angegebenes Thema hält. 



Die kindliche Bewegungsunruhe 38l 

gungsunruhe eine Folge der nach Schwartz 1 so überaus häufigen 
Blutungen in den Stammteilen des Gehirns oder einer Blutstauung, serösen 
Durchtränkung und dergleichen, also einer körperlichen Geburtsschädigung 
ist, oder eine Eigenart des unbeschädigten kindlichen Organismus, mag 
für unsere Untersuchungen ausscheiden. Jedenfalls ist sie ausgelöst durch 
die massenhaft auf den Neugeborenen einstürmenden Reize, sowohl von 
Seiten der Atmung und des Kreislaufes, als auch vor allem durch die 
Temperaturänderung und die Tasteindrücke. Wie jede Reizüberfülle ist 
auch diese wohl unlustvoll. So wird die Bewegungsunruhe oder wenigstens ein 
Teil von ihr ein Ausdruck dieser Unlust und — da diese erste mensch- 
liche Unlust beispielgebend für jede spätere ist — Ausdruck der Unlust 
katexochen. So finden wir sie denn zeitlebens wenigstens in Überresten. 
Z. B. erinnern an die frühe athetotische Reaktion auf Körperschmerz die 
sprachliche Äußerung: sich vor Schmerz winden, sowie die eigentüm- 
lichen, langsamen, bohrenden und drehenden Bewegungen, welche keine 
zweckmäßigen Abwehr- und Fluchtversuche mehr sind. Der Zusammen- 
hang von Schamäußerung und Chorea zeigt sich darin, daß diese Krank- 
heit meist als eine Häufung von unwillkürlichen Bewegungen beschrieben 
wird, die wie Verlegenheitsbewegungen aussehen. Das dem Zorn fast syno- 
nyme Wort Grimm zeigt sprachlich dieselbe Herkunft wie Grimmen — 
Leibschmerz. Der Ausdruck Gram ist urverwandt mit dem lateinischen 

.fremo" (knirsche) und dem althochdeutschen „krimpfan" (krümmen, 
zusammendrücken) und so auch mit „Krampf". Ebenso ist die stimmliche 
Äußerung aller unlustvollen Affekte z. B. das unartikulierte Brüllen des 
Zornigen, das Beben in der Stimme des Ängstlichen, nicht nur zweck- 
mäßig (Einschüchterungsversuch bezw. Bitte um Mitleid, zugleich Symbol 
des Ersterbens) sondern eben auch inkohärent, und so eine Regression auf 
die infantile Bewegungsunruhe. Wie sich im einzelnen zu jedem Affekt 
bestimmte Bewegungen gruppieren, muß einer ausführlichen Schilderung 

überlassen werden. 

Die Bewegungsunruhe ist aber auch Reaktivbewegung, d. h. sie ist 
Folge und Antwort, Versuch einer Erregungsabfuhr, einer Reizbewältigung 
und bezweckt die Herbeiführung einer möglichst großen Reizstille. Dem- 
entsprechend tritt nach einiger Zeit, besonders wenn die Temperatur- und 
Tastreize durch Schaffung länger andauernder, relativ gleich bleibender 
Bedingungen verringert werden, wenn sich der Rhythmus der Atmung 
sowie eine den neuen Verhältnissen angepaßte Gefäßinnervierung herge- 
stellt hat, Beruhigung und bald Schlaf, d. i. Regression auf die relativ reiz- 

i) Vergleiche die Literatur in meiner Besprechung der Arbeiten von Schwartz 
und seinen Mitarbeitern. (Diese Zeitschrift, Bd. XI. 1925.) 



382 Karl Landauer 



lose Mutterleibsituation, die Präexistenz, ein. Diese wird stets nur dann 
unterbrochen, wenn starke äußere Reize auf den Säugling einwirken oder 
die Leibreize, besonders der Nahrungsmangel, eine bestimmte Höhe erreicht 
haben. Soweit diese auch während des Schlafes, z. B. durch Urinabgabe 
herabgesetzt werden können, wird der Schlaf beibehalten. Tritt aber 
Erwachen ein und wird die Zuwendung zur Außenwelt zwecks Reizabfuhr 
oder Beseitigung der Reizquellen nötig, so verbleibt dem Kinde, weil es 
zunächst noch nicht zur alloplastischen Reizbewältigung befähigt ist, nur der 
Weg zu der autoplastischen des Bewegungssturmes. 

Die kindliche Bewegungsunruhe ist demnach nicht nur das Reagens 
darauf, daß eine Reizüberfülle besteht, ist nicht allein Ausdruck der 
Unlust, sondern dient auch der Reizabfuhr, der Befriedigung: ist lustvolle 
Entäußerung. Man kann wohl annehmen, daß die erste Lust des Neu- 
geborenen — mag sie noch so relativ sein — Bewegungslust ist, 
und daher greift er immer wieder auf sie zurück und nicht nur da, wo sie 
zweckvoll ist, z. B. auch bei Schmerzen infolge Blähungen. Die allo- 
plastischen Reizbewältigungen, wie Stillen, Zudecken usw. müssen in der 
ersten Zeit die Pflegepersonen übernehmen. Nun erlebt aber der Säugling 
sehr bald, daß immer wieder auf eine Unlust und deren Ausdruck, den 
Bewegungssturm, namentlich auf einen bestimmten Teil desselben, auf das 
Schreien, diese fremde Hilfe eingreift. Es bildet sich also bald dieses 
Schreien zum Mittel des Kindes, die Beziehung zu seiner Umwelt herzu- 
stellen, heraus. Das Schreien wird sozusagen die Nabelschnur, an der es mit 
der Mutter in Verbindung bleibt und aus der es die Reizbewältigung 
gewinnt. Auf diesem Wege wird das Schreien zur lustvollen Objektbeziehung 
zur alloerotischen Betätigung. 

Oft genug wird die Beseitigung der Reizquellen von seiten der Pflege- 
person durch die autoplastische Reizabfuhr aufs äußerste behindert. Jede 
Mutter kennt Erlebnisse, daß das Kind, welches nach schwerer Mühe die 
Brustwarze in den Mund geschoben erhielt, statt daran zu saugen, oder 
sogar das erste Ziehen unterbrechend, durch Hin- und Herwerfen des 
Kopfes, durch Verziehen der Lippen, durch Bewegungen der Zunge oder 
durch Wegstoßen der Brust mit dem Ärmchen die Mamilla verlor. Häufig ist 
eine gewisse Gewalt vonnöten oder der Kunstgriff, dem Kinde etwas aus- 
gepreßte Milch auf Lippe und Zunge zu streichen, um den Saugreflex aus- 
zulösen und damit die störende Reizquelle durch orale Betätigung zu 
beheben. Unter diesen Beihilfen, vor allem auch der, daß das Kind auf das 
Lutschen von selbst kommt oder dazu gebracht wird, lernt das Kind in der 
oralen Befriedigung eine Recompense kennen auch für Unlust, die nicht 
durch Nahrungsmangel bedingt ist, und mehr und mehr wird das Gewinnen 



Die kindliche Bewegungsunruhe 3^3 

oraler Lustbefriedigung zu einem Mechanismus der Hemmung der Bewe- 
gungsunruhe und damit der Bewegungslust. Aber relativ lange (oft 
bis in das fünfte bis sechste Lebensjahr hinein) ist noch ohne weiteres z. B. 
an der Lutschhand eine mehr oder weniger rhythmische Bewegung erkennbar, 
in späteren Jahren meist als Begleitung des Nägelkauens. Aus der in jedem 
Falle individuellen Gestaltung dieser Unruhe laßt sich die Mannigfaltigkeit 
mancher Lutschgebräuche ableiten: so ist manchmal das Phallussymbol 
Daumen der Lutschfinger, oft werden zwei Finger, z. B. Mittel- und Ring- 
finger gleichzeitig in den Mund genommen und so gegen die athetotischen 
Intentionen festgehalten. 

Das weitere Schicksal der Bewegungsunruhe, namentlich die Entstehung 
von Gewohnheiten, und die teilweise Überleitung der erst rein autoplasti- 
schen Reizäußerung in alloplastische Reizbewältigung und andererseits die 
Ausbildung der Hemmungsmechanismen konnte ich an jenen, nicht eben 
seltenen Fällen studieren, in denen die Bewegungsunruhe besonders einzelne 
Körperteile, z. B. hemiplegisch Arm und Bein einer Seite befallen hat. 
Diese Fälle sind wohl auf ein Schwartz sches Geburtstrauma zurück- 
zuführen. So hatte ich Gelegenheit, ein kleines Mädchen zu beobachten, 
das deutliche Athetose besonders des linken Armes aufwies. Nach kurzer 
Zeit fixierte sich (teilweise unter Mithilfe der Pflegepersonen) der 
rechte Daumen immer stärker an den Mund und etablierte sich so als 
Ersatz der mütterlichen Brustwarze. Diesen Vorgang wollen wir hier, da 
es sich um Innervation im Bereich der späteren Willkürbewegungen, um 
pyramidale Innervierung handelt, nicht verfolgen. Die linke Hand, die in 
der Athetose häufig nach oben geworfen wurde, fand bereits nach acht bis 
vierzehn Tagen immer häufiger mit dem Daumen und dem Zeigefinger 
einen Haltepunkt an den langen Haaren; diese wurden nun in unver- 
kennbar athetotischer Weise, aber nach und nach in immer strenger 
werdendem Rhythmus, unter fortwährendem Wechsel von Überstreckungen 
und Beugungen der einzelnen Gelenke gedreht. Dazu kam ein monotones 
Lallen, das wie „Reireirei" klang. Noch mit zweieinhalb Jahren setzt sich 
bei Müdigkeit oder in ähnlichen Unlustsituationen dieser ganze Inner- 
vierungskomplex (Lutschen am rechten Daumen, Drehen am Haar mit 
linkem Daumen und Zeigefinger und Lallen) in Aktion. Er war nicht nur 
in sich fest verlötet, sondern er wurde als zwanghaft sich aufdrängend 
gefühlt und auch vom Kinde so bezeichnet: „Muß mal reiern". Bereits 
im Alter von einem Vierteljahr führte das Kind, als eine Pflegeperson im 
Scherz den rechten Daumen in ihren Mund nahm, an dem Haar derselben 
die gleichen athetotischen Bewegungen aus. Es war also damals zwar nicht 
mehr möglich, eine Ersatzhandlung, wohl aber eine Ersatzperson zu sub- 



384 



Karl Landauer 



stituieren. Die Sprengung des Innervierungskomplexes begann erst im Alter 
von zweieinviertel Jahren, wo manchmal das Kind, wenn es bei Müdigkeit 
auf den Arm genommen wurde, während des Lutschens und „Reireirei"- 
Sagens mit der linken Hand über das Haar des Tragenden strich. Aber 
noch lange blieb dies eine Ausnahme. Bei der Bewegungslust sind also von 
frühester Jugend an die erogene Zone der Muskulatur, als Liebes s üb jekt, 
die athetotiforme Bewegung als Sexual ziel und ein bestimmtes Liebes- 
objekt, in unserem Falle beim linken Daumen und Zeigefinger das 
Haar auseinander zu halten. Allerdings nicht immer ist die Fixierung 
an ein Liebesobjekt so absolut wie im besprochenen Falle bei der linken 
Hand; denn oft sind mehrere Liebesobjekte oder überhaupt keine aus- 
gesprochenen nachzuweisen. So hatte die rechte Hand des genannten 
Kindes für gewöhnlich folgende Verwendung: Daumen als Lutsch- 
finger im Munde und leichte athetotische Bewegungen der übrigen 
Finger, am Hand- und Ellenbogengelenke und der Schulter. War jedoch der 
Mund anderweitig in Anspruch genommen, z. B. durch die Mutterbrust oder 
später durch die Flasche oder das Essen, so kratzte es an der Außenseite 
des rechten Oberschenkels und Gesäßes in athetotiformen Bewegungen. 
Immer wieder kam es dabei zu argen Kratzverletzungen, so daß man von 
einem Autosadismus oder besser von einem Sadismus der rechten Hand 
gegen Oberschenkel und Gesäß sprechen kann. Auch diese Betätigung 
wurde rasch zu einer zwangsmäßigen, so daß noch mit fast zwei Jahren 
das Essen oft durch „muß kratzen" unterbrochen wurde, und das Kind sehr zornig 
werden konnte, wenn es daran gehindert wurde. Die allgemeine, besonders 
auch das linke Bein betreffende, kindliche Bewegungsunruhe hörte nur bei 
vollkommener Abreaktion der durch die Beizstauung hervorgerufenen 
Unlust, also erst im Schlafe, gänzlich auf und dauerte noch weit über das 
zweite Jahr hinaus in der Eigenheit fort, daß das Kind nur ungern seine 
Nahrung im Sitzen einnahm. 

Die Bewegungslust ist, auch soweit die Bewegung eine extrapyramidale 
ist, nicht stets autoerotisch, vielmehr kann sie (wenigstens scheint es so) 
von Anfang an bereits fetischistisch sein. So beobachtete ich einmal bei 
einem acht Wochen alten Knaben die linke Hand beim athetotischen Spiel 
am Polsterzipfel, während an der rechten gelutscht wurde. Beim Vier- 
jährigen war die Ecke des Taschentuches, das teilweise aus der Tasche 
gezogen wurde, zum stets bereiten Ersatz geworden. Ob es sich je um 
eine objektlose Lustbetätigung handeln kann, bezweifle ich; denn selbst 
wenn keine Objekte zu sehen sind, so stürmen doch infolge der Bewe- 
gungen stets eine Menge anderer sensibler Reize (abgesehen von den 
krampfenden Muskeln als Liebessubjekt) auf das Kind infolge Haut- 



Die kindliche Bewegungsunruhe 385 

berührungen, Zerrungen der antagonistischen Muskulatur, Gelenksbewe- 
gungen, ein. 

Man kann noch beim Erwachsenen das ganze Ensemble der Bewegungs- 
störungen, die aus der kindlichen Bewegungsunruhe stammen, mitsamt 
den Liebesobjekten nachweisen, welche nur im Laufe der Zeit gering- 
fügige, leicht zurückführbare Entstellungen erfahren haben. So beobachtete 
ich lange einen 25 jährigen zwangsneurotischen Musiker, der an starkem 
Pruritus ani litt Der Befriedigung des Reizes diente folgender komplexer 
Vorgang: Während die linke Hand am After rieb, machte er die merk- 
würdigsten Verdrehungen des ganzen Körpers und der Beine, die oft der 
Betätigung der linken Hand im Wege standen; das Gesicht, namentlich 
die Mundpartie grimassierte stark; manchmal kam es dabei zu schnalzen- 
den Lauten. Unterdessen kratzte die rechte Hand zuerst an der linken 
Schulter, spielte an der Uhrkette, um schließlich an der Nase zu zupfen 
und dann durchs lange Haar zu fahren. Es ist ohne weiteres klar, daß die 
einzelnen Bewegungen noch einem Lustgewinne der erogenen Zonen 
dienten, die für die Bewegungsunruhe Objekte waren. Während die linke 
Hand der Analerotik und dem Sadismus frönte, stand die rechte im 
Dienste zuerst des Sadismus, vielleicht auch des Exhibitionismus, dann der 
symbolischen Onanie und der Riechlust, an der rechten, als Ersatz der 
linken Hand. Häufig nahm bei den torquierenden Bewegungen der Körper 
eine S-förmig gekrümmte Form an. Diese spielt nun bei manchen Sadisten 
und sadistisch- masochistischen Voyeuren eine recht erhebliche Rolle. Sie 
läßt sich teilweise auf die Projektion der athetotiformen Bewegungslust 
zurückführen. Es sei auch die Möglichkeit angedeutet, daß eine derartige 
Determination derselben Linie bei den Statuen der gotischen Kunst vor- 
liegt. 

Seit langem ist uns durch die Arbeiten von Freud geläufig, daß die 
Liebesobjekte einer spielenden Hand, wie in den angefühlten Fällen Haar, 
Polster, Taschentuchzipfel, Uhrkette und Nase, Symbole des Penis sind. 
Aber wann bekommen sie diese Genitalbedeutung, wenn sie doch manch- 
mal primär aufzutreten scheinen? Man beobachtet bei tief bewußtlosen 
Kranken, noch zu einer Zeit, wo Gornealreflex und andere Fluchtreflexe 
bereits erloschen sind, oft folgende Bewegungskombinationen eines oder 
auch beider Arme: Adduktion und Einwärtsrollen im Schultergelenk, 
leichte Beugung und halbe Pronation im Ellenbogen, Streckung des Hand- 
gelenkes, Spielen der Finger in „Pfötchenstellung" in der Genitalgegend 
oder am Genitale. Bei einer großen Anzahl von Leichen findet man in 
der Totenstarre diese agonale Bewegung fixiert, oft sogar das Glied zwischen 
die erstarrten Finger eingeklemmt. Es muß sich also hier um eine phylo- 



386 Karl Landauer 



genetische uralte, der Lokalisation nach sehr tiefe Innervationkombination 
handeln, die wir in jedem Menschen — wenn auch unbewußt — annehmen 
dürfen. Demnach bedürfte es nicht des jedesmaligen primären Onanie- 
vorganges am Genitale, um doch einer analogen Bewegung den Onanie- 
charakter zu verleihen. Das Kind lernt aber von Anfang an durch die 
Einflüsse der Erziehung und namentlich der Kleidung die Bewegung selbst 
zu unterdrücken, — soweit nicht auch die Hemmung schon angeboren ist — 
und ist dann auf die symbolische Befriedigung, bzw. die Befriedigung 
durch eine Verschiebung des Liebesobjektes von unten nach oben, ange- 
wiesen. Es braucht also die durch unsere Analysen aufgefundene 
primäre Onanie (im Gegensatz zur Kindheit s- und Pubertätsonanie), 
die wir praktisch sehr selten belegen können, nicht eine Säuglings- 
onanie zu sein, sie kann vielmehr in die präindividuelle 
Vorgeschichte fallen. 

Bis jetzt haben wir die Entwickhing der kindlichen Bewegungsunruhe 
ein Stück we t verfolgt und fanden, daß die tobenden Glieder oft 
ein autoerotisches oder symbolisches Liebesobjekt finden, an 
dem sie sich fixieren, da das Liebesobjekt als erogene Zone 
Subjekt einer anderen Lust ist. Das Bestreben nach dieser Lustgewinnung läßt 
die betreffende Hand ihre Bewegungsunruhe einschränken und damit teil- 
weise auf die von ihr erreichte Bewegungslust verzichten. Insoferne die 
Bewegungslust nur den Anforderungen der Realität zuwiderläuft, z. B. 
durch Behinderung des Stillens, durch Aufdecken, durch Kraftaufwendung, 
die den Nahrungsmangel und besonders den Durst steigert, ist die aus der 
erogenen Zone des Liebesobjektes gezogene Lust (Oralerotik, Sadismus, 
Analerotik, genitale Onanie oder deren Eratz) ichgerecht. Die Bewegungs- 
lust verfällt daher leicht der Verdrängung. Dieser Vorgang vollzieht sich 
nun unter Zuhilfenahme eines oft recht komplizierten Mechanismus, den 
wir an der Hand von Beobachtungen an erwachsenen Athetotikern, die 
sich sprachlich gut ausdrücken können, rekonstruieren. Wir gehen dabei 
den Weg, den uns Freud wiederholt, so vor allem in seiner „Geschichte 
einer infantilen Neurose", gewiesen hat. 

In der Regel treten athetotische, choreatische, myoklonische und tor- 
quierende Bewegungsstörungen in körperlicher und seelischer Ruhe zurück, 
hören sogar ganz auf, besonders im Schlafe. 1 

Bei jedem einzelnen Kranken gibt es verschiedene, für diesen ganz 
charakteristische Haltungen und Lagen der von der Unruhe befallenen 
Körperteile oder des Gesamtkörpers, in welchen die Störung sistiert. Jede 

1) Die Fälle, auf die diese Angaben nicht zutreffen, lasse ich hier außer Betracht. 
Sie gehören in einen anderen 'Zusammenhang. 




Die kindliche Bewegungsunruhe 387 



Bewegung, sogar jede Bewegungsintention und jeder Affekt, welcher ja 
stets auch eine Bewegung, nämlich seine Ausdrucksbewegung, mitumfaßt, 
provoziert sie, und nun durchkreuzen sie die Willkürbewegungen als „Mit- 
bewegung", machen den Kranken mehr oder weniger hilflos und erzeugen 
daher Unlust. Viele Patienten lernen es, die Glieder in die bestimmten 
Stellungen zu bringen, in denen Beruhigung auftritt, bzw. das Auftreten 
der Unruhe hintangehalten werden kann. Förster 1 bildet in seiner 
mustergültigen Darstellung dieser Zustände eine ganze Reihe solcher Ruhe- 
lagen ab. Es handelt sich oft um ganz minimale willkürliche (pyramidale) 
Innervierungen: eine leichte Einwärtsrollung des Armes, das Heben einer 
Schulter, das Einschlagen eines Daumens, kaum sichtbar, oft nur abtastbar. 
Oft jedoch sind auch große Kraftanstrengungen nötig: Festhalten einer 
Hand durch die andere, Einklemmen des Beines, fixierte Bauchlage usw. 
Namentlich die unscheinbaren Mechanismen spielen praktisch eine große 
Rolle als Bremsmechanismen der infantilen Bewegungsunruhe und werden, 
besonders da sie meist noch sekundär — wie oben ausgeführt — deter- 
miniert werden, bald zur Gewohnheit, verfallen der Automatisierung. 
Andererseits erzeugt die gewaltsame Behinderung der Bewegungsunruhe, 
z. B. eine Einpackung, einen wahren Bewegungssturm und die heftigste 
innere unlustvolle Unruhe, sowohl bei der erwachsenen wie bei infantiler 
Bewegungsunruhe extrapyramidaler Genese — gerade im Gegensatz zur 
glänzenden Wirkung dieser Eingriffe bei „psychomotorischer" und „pseudo- 
spontaner" Unruhe. 

Welche Folgen es haben kann, wenn gewaltsame Behinderungen der 
kindlichen Bewegungsunruhe diese von außen zu bezwingen suchen, ersieht 
man aus folgender Beobachtung bei einer Asthmatikerin, die in der 
Analyse als häufige „Komplexreaktion mit einer Bewegungskombination 
reagierte, die dem Bild höchster Wut entsprach : Arme und Beine, besonders 
rechts, schlugen wild um sich; der Kopf wurde hin und her geworfen. 
Sie wickelte sich in das Kissen oder die Decke, biß hinein, preßte mit 
dem relativ ruhigen linken Arm den Kopf und den rechten Arm, mit dem 
linken Bein das rechte gegen die Unterlage. Dies ließ sich neben anderen 
Determinationen darauf zurückführen, daß der Vater das eineinhalbjährige 
Kind, welches über die Trennung vom geliebten Kindermädchen und zeit- 
weiligen Bettgenossen zornig und traurig war, in feste Wickel packte, da 
er eine Erkrankung als Ursache der Unruhe annahm. Die Konsequenz dieser 
Vergewaltigung wurde eine Unfähigkeit einerseits zu jeder bewußten 
Affektentladung, eine wahre Affektstarre, andererseits zur Beherrschung 
der unwillkürlichen Bewegungen. Wir stehen vor f olgendem Gegen- 

1) Zeitschr. f. d. ges. New. u. Psychiatrie, Bd. 75, 1921. 



388 Karl Landauer 



satz : das der Realität dienende Ich hat es nicht gelernt, gegen die störenden 
Bewegungen, die dem Es entstammen, hemmende Bewegungen zu bilden 
und zu automatisieren. Dagegen unterdrückt das Über-Ich jede Affekt- 
äußerung, ja jeden Affekt, vor allem jede Lustbefriedigung nach Art der 
oben angeführten, die als Bremsmechanismen der Bewegungslust dienen 
könnten. Ein exquisit passiver Mensch, sozusagen ohne Arme, bleibt stets an 
Mutters Nabelschnur. Die Milch läßt er sich in den Mund rinnen, gibt die 
Warzen nicht mehr los — und nicht mehr die Luft (Asthma). Die gefrorene 
Mimik und Gestik ließen fast an Katatonie denken. Was sie an Affekten 
zeigen konnte, war übrigens fast nur Haß und Wut. Die aber werden von 
den Pflegepersonen als ungezogen unterdrückt, weil sie eine Anklage gegen 
sie enthalten, ihren Narzißmus verletzen. Die landläufige Erziehung ist nur 
zu oft nichts, als das Ausschalten der die Eltern störenden Antriebe, 
namentlich auch der Bewegungsunruhe, des „Gezappels", der „Nervosität", 
in denen die Eltern unbewußt den gegen sie gerichteten Haß erraten. 
Darum mag das Ich des Kindes über den Verzicht auf die Bewegungslust 
ruhig verkümmern, wenn nur das Über-Ich gedeiht: das artige Kind! 

Wir haben bisher gesehen, daß die Bewegungslust einer ichgerechten Lust, 
z. B. dem Stillen des Nahrungstriebes, im Wege stehen oder sogar Unlust 
herbeiführen kann, z. B. indem das Kind sich strampelnd entblößt, daß sie 
also in Konflikt mit der Realität und dem Ich, der sich innerhalb der 
Persönlichkeit bildenden Repräsentanz derselben, gerät. Das Realitätsprinzip, 
das Ich fordert die Unterdrückung der lustvollen Bevvegungsunruhe. Nun 
lernen wir, daß sie in ihrer Eigenschaft als Ausdrucksbewegung der Affekte 
gleichfalls zum Konflikte führt. Die Affekte setzen das Kind in Widerspruch 
zur Realität und namentlich die Haßaffekte aus dem Ödipuskomplex zum 
Uber-Ich, das aus dessen Erledigung stammt. Häufig kommt dazu die 
Tatsache, daß der Affekt aus der Bewegungsunruhe, aus seinen Ausdruck- 
bewegungen, noch libidinöse Zuschüsse erhält. So kommt es, daß selbst 
unlustvolle Affekte, die im Gegensatz zu Ich und Über-Ich stehen, libidinös 
festgehalten werden, daß sich das Individuum in die Affektäußerung hinein- 
steigert: das Wüten in Zorn, das Wühlen in Leid, das Hineinbrüllen ins 
Weinen usw. wird so verständlich ; neben dem Herbeirufen von Liebes- 
objekten, dem Erregen von Mitleid oder Furcht, also neben libidinösen 
Betätigungen an fremden Objekten, bildet sich auf der Basis der Bewegungs- 
lust die autoerotische Zorn-, Schmerz- usw. Lust heraus, die realitätswidrig 
ist, namentlich in Konflikte mit den Eltern führt. Ich und Über-Ich 
werden somit gleichermaßen veranlaßt, Hemmungs- 
mechanismen gegen die Bewegungslust auszubilden. 
So haben wir das Schicksal der kindlichen Bewegungsunruhe, eine Summe 



Die kindlidic Bewegungsunruhe 389 

bestimmter extrapyramidaler Innervierungen, verfolgt: wie sie aus bloßem 
Reizausgleich zu Lustbetätigungen und zum Ausdruck von Affekten werden 
und welch andere Lustgewinne aus ihnen erwachsen können, wie sie mit der 
Realität, im besonderen mit den Eltern zu Konflikten führen und wie sich 
deshalb unter Einwirkung des Ichs und des Über-Ichs Hemmungsmechanismen 
ausbilden. Diese Hemmungsbewegungen sind ps)'chologisch willkürliche 
Bewegungen, neurologisch pyramidale Innervierungen, welche der Groß- 
hirnrinde unterstehen. So kommen wir für diesen kleinen Ausschnitt des 
Bewegungstriebes auf psychologischem Wege zu demselben Schluß, den die 
somatische Neurologie nahe legt, daß nämlich die Willkürbewegungen 
Hemmungen der unwillkürlich arbeitenden, in alten Teilen des Gehirns 
zentrierten Primitivbewegungen sind. Aber der Prozeß der Entziehung der 
Motilität aus dem Einflußbereiche des Willens schreitet im Individualleben 
fort : zahllose der ursprünglich vom Ich und Über-Ich ausgehenden Bewegungen 
werden im Laufe des Lebens durch einen komplizierten Mechanismus auto- 
matisiert, 1 so daß ein Mensch entsteht, tüchtiger sich in Umwelt zu halten, 
aber ärmer an autoerotisch gewonnener Lust. 

Wir haben bisher den Vorgang ohne Rücksichtnahme auf die einzelnen 
Lebensepochen als einen einheitlichen geschildert. Dies ist er aber durchaus 
nicht, vielmehr verläuft die Bildung der Motorik so wie der Persönlichkeit, 
deren Ausdruck sie ist, in mehreren Schüben, von einer tief einschneidenden 
Repression durchbrochen. Vom Säugling an schließt sich immer mehr die 
Unzahl der inkohärent nur an einander gereihten extrapyramidalen 
Bewegungen — und der anfangs noch ataktischen (ungeordneten) pyramidalen 
Willkürbewegungen — zu einem einheitlichen Ganzen, das der Realität 
angepaßt ist. Ja, die Motorik wird sogar der Vertreter und das hauptsäch- 
lichste Instrument des die Realität repräsentierenden Ichs, vermag aber in 
seinem „Bewegungsluxus" (H o m b u r g e r) 2 auch noch gut die Bewegungs- 
lust zu befriedigen. Die Geschlossenheit der kindlichen Persönlichkeit findet 
ihren klassischen Ausdruck in jener wunderbaren, späterhin unnachahmlichen 
kindlichen Grazie, die unserem Ichideal, das in der Ästhetik festgelegt ist, 
so sehr entspricht. Ungefähr um das fünfte bis sechste Lebensjahr verarmt 
das Kind in bezug auf Bewegungsreichtum : es tritt in die Latenzperiode. 
Wir konstatieren : es ist die Zeit der Erledigung des Ödipuskomplexes, der 
Entstehung des Über-Ichs. Um das zehnte bis zwölfte Lebensjahr zerfällt die 
Motorik weitgehend : die täppische Linkigkeit, die ausfahrende übertriebene 
Gestik, die oft durch choreatische Verlegenheitsbewegungen durchkreuzte 



i) Vergleiche dazu meine Arbeiten: Diese Zeitschr., Bd. X, und meinen auf dem 
IX. Internat. PsA. Kongreß (1925) gehaltenen Vortrag. 
2) Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., Bd. 55, 1925. 






390 Karl Landauer: Die kindliche Bewegungsunruhe 

Gebundenheit der Flegeljahre ist altbekannt. Ganz allmählich bildet sich 
eine neue, mehr bewußt geschlossene Motorik, die des Erwachsenen, aus. 
Wir haben in diesem von Homburger 1 sehr klar beschriebenen Ent- 
wicklungsgang der menschlichen Motorik den — soweit mir bekannt — 
einzigen Parallelvorgang zu dem von Freud behaupteten zwiefachen 
Ansatz der Sexualentwicklung. Die gleiche Beispielhaftigkeit der Motorik 
und namentlich ihrer libidinösen Anteile zeigt uns ihr weiteres Schicksal: 
in der Rückbildung, in der männlichen und weiblichen Klimax, zerfällt 
aufs Neue die geschlossene Bewegungspersönlichkeit und (neben anderen 
Stammgangliensymptomen, die wir hier nicht weiter verfolgen) treten aufs 
Neue die primitiven extrapyramidalen Bewegungen der infantilen Bewegungs- 
unruhe hervor. Wohl ist dies pathologisch-anatomisch erklärbar, aber selbst 
dann bleibt die Frage, warum sich so häufig die arteriosklerotischen 
Prozesse gerade in dieser Weise lokalisieren. 



1) Zeitschr. f. d. ges. New. u. Psych., Bd. 55, 1923. 



Über die männliche Latenz und ihre spezifische 

Erkrankung 



Von 

Wilhelm Hoffer 

Wien 



I 



Die Bedeutung der Latenz- oder Aufschubperiode für die Ätiologie der 
Neurosen und — von einem weiteren Standpunkt aus gesehen — für die 
psychische Entwicklung der unserer Forschung bisher zugänglichen 
Menschen ist zweifellos eine ganz hervorragende. Es ist darum verwunder- 
lich, daß sich in der Literatur außer den grundlegenden Formulie- 
rungen Freuds nur wenige Andeutungen über diesen Lebensabschnitt 
finden, die der Möglichkeit der von uns gewählten Forschungsmethode 
auch nur einigermaßen gerecht werden können. Verwunderlich um so 
mehr, als zum Ausgangspunkt der Abgrenzung eines ganzen Lebens- 
abschnittes von Freud zwei auf induktivem, empirischem Wege gewon- 
nene Einsichten, Entdeckungen genommen wurden, die vielleicht eher als 
spekulative Forschung Anregung, Ansporn zur Vertiefung hätten bieten 
können. Zweifellos sind wir aber auch wegen der Schwierigkeit der 
Kinderanalyse und der hier nach wie vor heftigen Widerstände der Gesell- 
schaft im Hintertreffen unserer analytischen Forschung. 

Zuerst war es „die den meisten Menschen eigene Amnesie", welche in 
der Zeit vom fünften bis siebenten Lebensjahr eine Grenze ziehen ließ, 
mit der das Erinnerungsvermögen an die frühe Kindheit — insbesondere 
aber an deren Triebäußerungen und Triebansprüche — aufhörte und in 
vielen, — ich unterstreiche Freuds Einschränkung — nicht in allen 
Fällen eine veränderte, kritische, ablehnende Verhaltungsweise gegen die 
Triebanfechtungen einsetzte. Diese Ablehnung trat als „Ekel, Schamgefühl, 



392 Wilhelm Hoffer 



moralisch ästhetische Vorstellungsmassen" 1 in Erscheinung; Zeitpunkt, 
Intensität und der Einbau dieser Erscheinungen ins Ich galten als 
Indikator der Kulturfähigkeit des Individuums sowohl, wie auch der 
Disposition, neurotisch zu erkranken. Hingegen haben wir bis heute keine 
allseits befriedigende Erklärung der intermittierenden (Freud) und der 
ganz ausbleibenden (Freud, Reich) Latenzorscheinungen. Bedenken wir, 
daß sich in der analytischen Kur Erwachsener wie Kinder, auch in der 
heilpädagogischen wie erzieherischen Praxis nur sehr wenige- Fälle finden, 
die eine totale Latenz erlebten oder erleben, so gewinnt diese 
Frage noch mehr an Bedeutung, ja sie scheint untrennbar mit 
der Lösung des grundlegenden Problems der Latenz verbunden. 
Wenden wir uns — ohne auch nur annähernd Vollständigkeit zu 
erstreben — den peripherem! Erscheinungen zu, so wird sich uns vor 
allem die Tatsache aufdrängen, daß wir über Tiere und Naturvölker nichts 
erfahren konnten, was auf besondere Vorgänge zwischen Kindheit und 
Reifezeit schließen ließe. 2 Wir werden daraus sofort die Berechtigung 
ableiten, zwischen Latenz und verlängerter Pubertät (Bernfeld) insofern 
eine Ähnlichkeit vermuten zu dürfen, als beide einen Aufschub in der 
Reifung, beziehvingsweise ihrer Erscheinungen in der Geschlechtsfunktion 
beinhalten. Wenn wir auch vorläufig mangels einer Entwicklungs-Tierpsycho- 
logie diese Vermutung mit allem Vorbehalt aussprechen, so steht doch fest, daß 
sie für die primitiven Völker eher zutrifft als nicht. Das Festhalten an 
der prägenitalen und genitalen (phallischen) Libidoorganisation bis zur 
Pubertät entspricht beim Kinde der Primitiven wohl ebenso der Norm wie 
der erlaubte und erwünschte Sexualverkehr nach vollzogener Initiation • 
während doch gerade der Latenzbegriff die Überwindung der prägenitalen 
und phallischen Organisationsstufen, der der verlängerten Pubertät den 
Aufschub der Objektwahl bis zur sozialen (wirtschaftlichen) Ehefähigkeit 
beinhaltet. 

Es scheint, daß die Erwerbungen der Latenz beim Primitiven kurz- 
fristig, in wenigen Tagen, Wochen oder Monaten zeitlich zugleich mit der 
Pubertät (Mannbarmachung) vollzogen werden. Denn bisher stand — so 
ist wenigstens unsere gewiß weitgehend schematisierte Anschauung — der 
nunmehr Mannbare unter dem Schutz der Mutter; er war bisher Kind, 
lebte mit jüngeren und jüngsten Geschwistern, war nackt, benützte 
gelegentlich mit den allerjüngsten Geschwistern die Mutterbrust, fühlte 



1) In der I. Auflage der drei Abhandlungen spricht Freud von „Vorstellungs- 
massen", in den weiteren von „Idealanfordernngen". 

2) „Bei der tierischen Verwandtschaft des Menschen ist etwas Analoges [gemeint 
ist die Latenz] nicht nachweisbar." Freud, Gesammelte Schriften, Bd. V, S. 109. 



Cber die männlidie Latenz und ihre spezifische Erkrankung 393 

sich wahrscheinlich als Kind, wurde als solches behandelt, geweitet; es 
stand wohl die ganzen Jahre hindurch in der ödipussituation, liebte die 
Mutter und die Geschwister, haßte, verehrte, fürchtete den Vater; über 
seine Einstellung zur Onanie lassen die Missionsberichte keine Unklar- 
heit aufkommen. Erst durch die Initiation verändert sich das Bild völlig; 
das Kind wird Mann, berechtigt Vater und vollwertiges Stammesmitglied 
zu sein; die eigene Mutter kennt er nicht mehr; er hat seine Nacktheit 
— deren er sich nun schämen müßte — mit der Kriegerkleidung ver- 
tauscht, den Kastrationskomplex erworben, die Identifikation mit dem Vater 
jetzt erst hergestellt. Innerhalb der kurzen Zeit des Initiationsritus hat er 
zwei Entwicklungsstadien der Kinder unserer Breiten durchgemacht. Wir 
wissen nicht, ob es beim Primitiven so etwas gibt wie eine kindliche 
Amnesie — deren Beginn wir vorläufig mit der Initiation zusammenfallen 
lassen müßten. Wir können aber von Erscheinungen sprechen, die den 
unserem Sprachgebrauch entsprechenden Erscheinungen des Ekels, des 
Schamgefühls und der moralisch-ästhetischen Idealanforderungen äquivalent 
sind, von neuen, dem nunmehr Beifen bisher unbekannten Tabuierungen. 
So sind wohl beim primitiven wie beim „Kultur"kind die Ergebnisse der 
seelischen Entwicklung prinzipiell gleich, in Erscheinungsform und Zeit- 
punkt doch so verschieden, daß wir wohl Neigung verspüren, den Latenz- 
begriff dem Kulturkinde zu reservieren. 

II 

Form und Dauer der Latenz, insbesondere aber Zahl, Intensität und 
Dauer ihrer Durchbrüche machten wir bisher bis vor kurzem von der 
Intensität des Ichideals abhängig und meinten damit, daß die Latenz- 
erscheinungen vorherrschen, solange das moralisierende Ichideal wirksam ist, 
während die Konflikt bereitenden, verdrängten Triebansprüche nur bisweilen 
genügend Kräfte gesammelt hätten, um sich durchzusetzen. Diese Anschau- 
ung, welche ohnehin durch die für eine psychologische Betrachtungsweise sehr 
problematische Summationsmethode erschwert würde, ist nun durch jüngere 
Arbeiten Freuds überholt. Danach wissen wir nunmehr in einer dem 
dynamischen Gesichtspunkt unvergleichlich besser entsprechenden Form, 
daß die Latenzerscheinungen vom Untergang des Ödipuskomplexes, von 
der Bildung des ÜberTch, von der Güte und Standfestigkeit desselben 
gegenüber den verdrängten oder zu verarbeitenden Triebanteilen bedingt 
sind; ferner, daß der Motor, das primäre, ätiologische Moment, die Kon- 
statierung des Geschlechtsunterschiedes, die Kastrationsdrohung, schließlich 
die narzißtische Sicherung gegen deren Ausführung, der Kastrations- 
komplex ist. Kastrationskomplex und Über-Ich stehen am Beginne der 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XII/3 26 



3Q4 Wilhelm Hoffer 



Latenz, jener als dynamischer Faktor, dieses als neuerrichtete Instanz; 
jener hat die „Gefahr seines (des Genitales) Verlustes abgewendet", dieses 
„es (das Genitale) lahmgelegt, seine Funktion aufgehoben". 

Soweit der Kastrationskomplex diesen Abschnitt bestimmt, werden seine 
verschiedenen Formen das Bild reichlich variieren. Es wird — wobei ich 
mich hier auf die praktische Erfahrung beschränke — bedeutungsvoll 
sein, ob ein Kind überhaupt die volle Odipussituation und deren Unter- 
gang, eventuell nachherige Latenz erreichen konnte; was oft davon abhängt, 
ob es von der autoerotischen, prägenitalen Libidoorganisation zur phalli- 
schen gekommen ist. Dies ist bei neurotischen Kindern — auch bei 
Knaben — nicht immer der Fall. Diese Kinder halten bis zur Pubertät 
und meistens über sie hinaus an verschiedenen der prägenitalen Organi- 
sation entsprechenden Triebbefriedigungen fest, zu denen auch Formen 
des Bettnässens (soweit sie sich nicht aus der phallischen Organisation 
erklären lassen) zu zählen sind. 

Das Symptom des Bettnässens ist für die Dauer nicht auf einen (Partial-) 
Trieb zurückzuführen. Es ist bedeutsam, ob ein Kind die urethralen Ein- 
schränkungen niernals akzeptiert hat oder ob nach kürzerer oder längerer Ent- 
wöhnung Regressionen auf der Höhe der Odipussituation einsetzen. Im ersteren 
Falle können wir, sofern dieses Übel beim größeren Kind behandelt werden 
soll, nicht von einem Durchbruch der Latenz sprechen, im zweiten handelt 
es sich zweifellos um einen solchen, wenn es dauernd oder intermittierend in 
der Latenz zum Vorschein kommt. Dies sind auch die Fälle, welche der 
internen chirurgischen wie der psychotherapeutischen Behandlung am erfolg- 
reichsten zugänglich sind, wobei man wohl keiner von beiden, sondern einer 
dritten, der erzieherischen, allein den Vorzug geben darf. Die intern-chirur- 
gische Behandlung holt die offenbar zu gering akquirierte Kastrationsdrohung 
nach und setzt in der mechanischen Blasendehnung einen nachhaltigen, oft 
über das gewünschte Maß hinausgehenden Kastrationskomplex, die psycho- 
therapeutische Behandlung, insbesondere die analytische, stärkt das Über-Ich, so daß 
dieses mit dem kindlichen Trieb-Ich leichter als bisher in Konflikt kommt. 
Allerdings ist dieser Konflikt analytisch zugänglich und behebbar. Allein die 
erzieherische Behandlung ist imstande, das gewiß notwendige Maß von Ver- 
sagung (zu der auch jede noch so sublime Kastrationsdrohung zu zählen ist) 
zu bieten. Die Analyse kann nur Versagung bieten, indem der Analytiker sich 
(die Objekte) versagt, er kann für eine verwehrte Lust keine andere geben, 
als die, die aus dem Gelingen der Versagung gezogen wird; dies entspricht 
aber einer Versagung vom Über-Ich her mit den oben angedeuteten Neigungen, 
zuviel zu versagen. Das zweizeitige Ansetzen der Sexualentwicklung bietet 
bekanntlich eine Gewähr dafür, daß eine ganze Reihe solcher Störungen im 
zweiten Schub, der Pubertät, noch ohne bedeutsame Folgen zur Erledigung 
kommen. 

Ist aber die volle odipussituation, ohne merkliche Quantitäten aus der 
prägenitalen Organisation mit sich zu reißen, erreicht, so bieten ihre zahl- 



Über die männlidic Latenz und ihre spezifisdic Erkrankung 395 

reichen Fixierungsmöglichkeiten geradezu alles, was die Latenzerscheinungen 
verhindern oder voll ermöglichen kann. So hat jüngst Reich gerade auf 
einen Typus aufmerksam geinacht, bei dem sich das vollausgebildete 
ÜberTch vom Ich isoliert hat, was ein Ausbleiben der Latenzerscheinungen 
zur Folge hat. 

Eine besondere, eher im Umgang mit proletarischen Kindern, als denen 
der bürgerlichen Klasse zu beobachtende Verhaltungsweise ist vielleicht 
jetzt schon gänzlich unserem Verständnis erschlossen. Ich meine jene 
Kinder, welche nach den tristesten Erlebnissen (z. B. Vater Trinker u. a. 
oder im Kriege: Flucht, Tötung der Eltern, Waisenhauserziehung usw.) 
ein stuporöses Bild schwerster Verstörtheit, Zurückgezogenheit bieten. In 
solchen Fällen, die wir im Kinderheim Baumgarten reichlich beobachten 
konnten, war es manchmal zu einer vollen Entwicklung der Ödipussituation 
gekommen; doch wurde der Kastrationskomplex derart vehement erlebt, 
daß es aussieht, als hätten diese Kinder dabei die Fähigkeit verloren, noch 
etwas von den drohenden oder peinigenden Personen zum Aufbau des 
Über-Ich bei sich zurückzuhalten. Die in diesen Fällen lohnende Aufgabe 
ist es dann, dem wohl irreparabeln Kastrationskomplex durch überreich- 
liche Liebeszufuhr einen Unterbau zu geben, ihn sozusagen zu moti- 
vieren, durch welchen Vorgang es dann zu einer kräftigen Über-Ichbildung 
kommen kann. 

Soweit das Über-Ich die Form der Latenz bestimmt und gestaltet, hängt 
sie natürlich von den Objekten ab, nach denen dieses sich bildete. Für 
diesen Lebensabschnitt, für die Verarbeitung der seelischen Aufgaben 
dieser Zeit ist wohl jener Satz Freuds bedeutsam, daß bei jeder Identi- 
fizierung Libido frei werde, die eine besondere Affinität zur Sublimier- 
barkeit aufweise. Wenn des weiteren der Freudsche Satz zu Recht 
besteht, daß das Über-Ich um so strenger dem Ich gegenüber steht, je 
stärker und rascher der Ödipuskomplex verdrängt wurde, wenn also vom 
Kinde nicht nur das Aufgeben der infantilen Objektbeziehungen, sondern 
auch eine gänzliche Loslösung, das Zerschellen des Ödipuskomplexes 
erwartet wird, so dient uns die Sublimierungsfähigkeit — in einem 
wenn möglich jeder Wertung beraubten Sinn — als untrügliches Zeichen 
dafür, wie stark der Kastrationskomplex am Werke, wie stark das Über-Ich 
errichtet ist. 

111 

Wer mit der Fülle analytischer Problemstellungen und Aufgaben wieder 
zum lebendigen Material zurückkehrt, der wird nach dem heutigen Stand 
.unserer Forschung nicht mehr die partielle, sondern die totale Latenz 

26* 



396 



Wilhelm Hoffer 



als auffallendes Phänomen herausgreifen wollen. Daß diese die Ausnahme, 
jene die Regel sein soll, entspricht gewiß nicht dem Wunsche nach 
System und Periodisierung des Seelenlebens, welchen die älteie Richtung 
unserer analytischen Kinderpsychologie zweifellos von der Schulpsychologie 
übernommen hat. 

Bis vor kurzem nahmen wir an den Latenzerscheinungen vorwiegend 
die mehr oder weniger durchgreifenden Verdrängungen und Reaktions- 
bildungen wahr und konnten an Tatsachen mehr die triebverneinenden, 
Amnesie, Ekel, Schamgefühl und jenen Teil der hierher zu zählenden Ideal- 
forderungen sehen, welche als Verbote im Ideal-Ich erscheinen. Wenn 
dazu auch einige positive Phänome, wie etwa die Folgen gelungener Iden- 
tifizierung, hinzukommen, so haben wir doch für die durchgreifende Latenz 
zu viel des Negativen, zu wenig des Positiven, die uns restloses Verständnis 
ermöglichen könnte. Wenn wir die intermittierende Latenz so erklären, 
daß wir sagen, ein Stück Sexualtrieb blieb unverdrängt, der Kastrations- 
komplex hat einen Defekt, der nunmehr das ÜberTch zu immer neuer 
Kritik und damit zu neuer Verdrängungsarbeit anregt, so haben wir praktisch 
wenigstens positive und negative Strebungen in einem das Gleichgewicht 
nicht störenden Sinne annähernd gleichmäßig verteilt. Das ÜberTch hält 
sozusagen den Sexualtrieb in Schach, wobei im wogenden Kampf immer 
wieder Schuldgefühle, Identifizierungen und damit sublimierungsfähige 
Libidoquanten freigemacht werden. Diese Vorgänge haben schließlich in 
gesellschaftlichen Erziehungseinrichtungen ihren sozialen Niederschlag. Dabei 
haben die realen Durchbrüche der Latenz, die motorische Abfuhr der 
sexuellen Strebungen zweifellos ihre besondere Bedeutung. — Ganz anders 
verhält es sich nun bei der durchgreifenden totalen Latenz. Hier leben 
Trieb-Ich und ÜberTch scheinbar im vollsten Einverständnis nebeneinander, 
das eine hat sich dem anderen vollständig untergeordnet; im realen Leben, 
in Haus und Schule, auch in den Phantasien und Träumen finden sich 
keine manifesten Trieb regungen. Die körperlichen Bedürfnisse werden 
in einem für dieses Alter erstaunlichen Maß ähnlich dem des 
Erwachsenen mechanisiert und es ist gewiß, daß solche Kinder dem 
erwachsenen Zustande näher stehen als zur Pubertätszeit. Sie sind gesetzt, 
ruhig, produktiv. Wer die Produktionen solcher Kinder der analytischen 
Deutung unterwirft, der wird in ihnen zweifellos die bedeutsamen Stücke der 
früheren Entwicklung nachweisen können. Ähnlich wie die Phantasiespiele, 
sind sämtliche Produktionen der analytischen Deutung zugänglich, die sehr 
tief organisierten Spiele sowohl, wie die, um aus meinen Erfahrungskreis 
zu berichten, naturkundlichen, heimatkundlichen Unternehmungen acht- 
bis zwölfjähriger Knaben. Nicht zuletzt erwähnt seien die verschiedenen 



Über die männliche Latenz und ihre spezifisdie Erkrankung 397 

Gattungen kindlicher Dichtung, wobei die dramatische, die der 
Jugendkunde bisher entgangen ist, für unser Verständnis bedeutsam sein 
dürfte. Freilich haben wir auch von Kindern, die zum anderen, häufigeren 
Typus zu zählen sind, Produktionen aller Art, und gewiß soll hier nicht 
die Produktion an sich einen Typus kennzeichnen. Zum Unterschied von 
den sporadischen Produktionen der Kinder mit partieller Latenz jagt 
bei Kindern mit totaler Latenz eine Produktion die andere. Kaum wurde 
ein Theater organisiert, wird mit großem psychischem Aufwand und einer 
sehr wankelmütigen Gefolgschaft Gleichaltriger und Jüngerer eine Burg 
gebaut, dann eine Naturaliensammlung angelegt oder eine Fußballmann- 
schaft organisiert, Kanarienvögel gezüchtet, ein Weltmarkenverein gegründet 
und die Kerkerszene aus Richard II. geprobt. Wie bei allen Knaben der 
Latenz, steht hier das Unruhige, Unstete, dabei Anspruchsvolle und Impo- 
nierende im Vordergrund des Urteils der erzieherischen Personen. Steigert 
sich dieses Urteil zu Unzufriedenheit oder Besorgnis, so haben wir Gelegenheit, 
länger oder kürzer ein Stück Wegs gemeinsam mit dem Kind zu gehen. 
Hier wäre natürlich zu erwägen, ob die durchgreifend erfolgreiche 
Bekämpfung der Triebanwandlungen nicht ein erster Übertragungserfolg 
ist, der dann während der Dauer der analytischen Behandlung (Beein- 
flussung) anhält. Ich mußte diese Erwägung für die von mir beobachteten 
Fälle ablehnen. 

Nicht nur wegen der einwandfreien Feststellung, daß schon vor der ana- 
lytischen Behandlung (Beeinflussung) alle Ersatzbildungen vorgenommen 
wurden und eine reale — etwa masturbatorische Befriedigung so gut wie 
nicht in Frage kam, sondern auch wegen der Tatsache, daß kein Knabe, 
der einmal nach Überwindung der Ödipussituation, also nach Akquirierung 
des Kastrationskomplexes masturbiert, dies Jahre hindurch aufgegeben hätte. 
Er würde die Masturbation in jeder positiven Übertragungsphase gewiß 
eingestehen und sogar sehr freimütig von ihr sprechen, aufgeben kann 
er sie gewiß nicht. Die dauernde, erfolgreiche Unterdrückung und Be- 
herrschung der Triebregungen geht von dem besonders strukturierten 
Über-Ich aus, welches das motorische System der Triebbefriedigungen 
ganz beherrscht, sich aber, wie aus der Deutung der Produktionen hervor- 
geht, immer zu forschend und kritisch mit den Triebanwandlungen 
beschäftigt. Diese entsprechen allen Entwicklungsstadien, die wir in der 
menschlichen Entwicklung zu sehen gewohnt sind, sowohl der genitalen 
wie der prägenitalen Organisation. Und wer das Schwergewicht auf die 
Entdeckung der „Komplexe" legen sollte, der kann hier gewiß alles 
finden. 

Fragen wir nach der besonderen Struktur des hier wirksamen Über-Ich, 



398 



Wilhelm Iloffer 



so fallt uns vor allem seine Versöhnlichkeit bei gleichzeitiger Strenge 
gegenüber dem Trieb-Ich auf. Diese Kinder, die zum Unterschied von 
denen mit partieller Latenz die sexuelle Aufklärung nicht wieder ver- 
gessen, sind bei Aufrechterhaltung aller persönlichen Reaktionsbildung 
sehr milde, wenn andere Kinder, jüngere wie ältere, es weniger genau 
nehmen. Den analytischen Deutungen gegenüber sind sie bisweilen sehr 
entgegenkommend. Doch hat dies eine Grenze und — soweit meine 
Erfahrung reicht — immer die gleiche. Es sind bestimmte Teile aus 
der mütterlichen Bindung, welche nicht zur Sprache gebracht werden 
dürfen. Die Aufdeckung des Inzestwunsches, die Konkurrenzeinstellung 
zum Vater, die Kritisierung der Mutter wegen ihrer Stellung zum Vater, 
die Geschlechtsfunktion der Mutter, alles das nehmen solche Patienten, 
ich kann sagen, mit geringerem Widerstand an und unterstützen es 
durch Material reicher und bereitwilliger, als wir für gewöhnlich erwarten. 
Kommt aber das Gespräch auf gewisse Details der mütterlichen Person, 
die sich auf ihre Stimme, ihre Augen, ihre Brust — nie aber auf das 
Genitale beziehen, so hört jede weitere Gefolgschaft auf. Hier ist eine 
Grenze erreicht, der wir von dieser Seite her nicht beikommen. Ich 
glaube, sie von einer anderen Seite her überschritten zu haben. Versuchen 
wir nämlich, zu erfahren, mit welchen Mitteln das Kind seine Trieb- 
anwandlungen bekämpft, versuchen wir, das wirkende Über-Ich zu sehen 
oder zu hören, so fällt uns mancherlei auf, was wir bisher nicht völlig 
in unseren Überlegungen berücksichtigt haben. Das Über-Ich dieser Knaben 
ist, wie ich schon sagte, milde, versöhnlich gestimmt; es verbietet nicht, 
sondern es überredet und überzeugt. Reichen Überredung und Über- 
zeugung nicht aus, allen Triebanfechtungen erfolgreich zu widerstehen, so 
bedient es sich einer Reihe von Mitteln, die ebenso der ins Über-Ich 
aufgenommenen Person — wir erkannten ja oben schon die Mutter in 
ihm entsprechen wie überredende und überzeugende Güte ; ich meine 
jene Machtmittel, mit denen die Mutter früher, ohne es zu ahnen, das 
begehrliche, autoerotische Kind liebend und versagend zugleich zu Verzichten 
zwang und ihm doch Lust gewährte. Ein Blick oder ein kritisierender 
Gedanke des Über-Ichs genügt, um so, wie seinerzeit die Allmacht des Blicks 
und des Gedankens, — an der Mutter wahrscheinlich erstmalig erlebt — Ver- 
sagung und Befriedigung zugleich zu verschaffen. Aber nicht nur im Sinne 
der Triebzensur und Versagung wirkt dieses wie jedes andere Über-Ich ; es 
bekämpft nicht nur in Worten und Blicken die bösen Gedanken, es lädt auch 
ein, sich derselben Macht zu bedienen, die die Mutter damals so lustvoll 
auf das Kind wirken ließ, der Sprache, der Worte und der Gedanken. Das 
Über-Ich zeigt so der aus den Identifizierungen frei gewordenen Libido den 



Über die männliche Latenz und ihre spezifische Erkrankung 399 



Weg, den sie gehen soll. Soweit dieses Über-Ich der Mutter entlehnt ist, 
verschafft es dem Kind Beruhigung, Sicherheit und ein Stück Selbständig- 
keit. Daraus resultiert dann eine gewisse Unerziehbarkeit im Sinne der 
väterlichen Erziehungstendenzen, die das Kind innerlich ja nicht nötig 
hat und darum auch nicht annimmt. Tritt dann das Träumen und Phanta- 
sieren, die Weichheit und Milde des Charakters hinzu, so sind die elter- 
lichen Besorgnisse groß. Es besteht dann der Wunsch, es solle das väter- 
liche Ideal etwas stärker in dem Knaben hervortreten. Wenn wir auch 
nicht bereit sein können, diese Aufgabe zu akzeptieren, so weist die 
homosexuelle Komponente, die ausgelöst wird, die Phantasien und Hand- 
lungen des Kindes in solche Richtung, die für die aktuelle Situation wie 
prognostisch eine sehr günstige Beurteilung zulassen. 

Aus der Fülle der Latenzerscheinungen des männlichen Kindes haben 
wir eine Gruppe hervorgehoben, welche sich durch eine andauernde Latenz 
von allen anderen bisher bekannten unterscheidet. Wir sind der Bedeutung 
des mütterlichen Über-Ich für diesen Typ ein wenig nachgegangen und 
haben — eine Erziehungsschwierigkeit streifend — ein für diesen Lebens- 
abschnitt spezifisches Krankheitsbild skizziert. Ob schließlich die hier als 
Erkrankung dargestellten Erscheinungen für die einzigen spezifischen der 
totalen Latenz zu gelten haben, oder ob die spätere Erfahrung noch 
weitere zeigen wird, das kann heute noch nicht entschieden werden. 



Zur Psychologie von Studium und Examen 

Von 

Ernst Blum 

Bern 

Seit Freud uns gelehrt hat, in das Schalten und Walten des Unbe- 
wußten Einblicke zu tun, konnten wir erfahren, welche Bedeutung den 
mannigfaltigen Kulturbestrebungen und Institutionen in unserem „Es" 
zukommt, und wie alle geistigen Tätigkeiten als Symbolwerte und Sub- 
limierungen aus Sexualtrieben sich aufbauen. Beim Mißlingen dieser Sub- 
limierungsarbeit müssen unweigerlich unsere geistigen Strebungen der 
„Sexualisierung" verfallen, sie werden mit den dabei durchbrechenden 
Schuldgefühlen ausgestattet und zum Scheitern gebracht. Diese Vorgänge 
möchte ich aus der Analyse einer in ihrer Arbeit gehemmten Studentin 
aufzeigen, und die daraus gewonnenen Einsichten werden es uns ermög- 
lichen, einen Beitrag zur Psychologie des Studiums und des Examens zu 
liefern. 

Freud hat uns schon längst für das Einzelindividuum gezeigt, wie, 
mit frühen Kindheitserlebnissen verknüpft, das Examen zum Werkzeug 
unserer Bestrafungstendenzen werden kann. In der „Traumdeutung" sagt 
Freud: 

„Es sind unauslöschliche Erinnerungen an die Strafe, die wir in der 
Kindheit für verübte Untaten erlitten haben, die sich so an den beiden 
Knotenpunkten unserer Studien, in dem „dies irae, dies illa" der strengen 
Prüfungen in unserem Innern wieder geregt haben. Auch die Prüfungs- 
angst der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre Verstärkung. Nach- 
dem wir aufgehört haben, Schüler zu sein, sind es nicht mehr wie zuerst 
die Eltern und Erzieher und später die Lehrer, die unsere Bestrafung 
besorgen; die ursprüngliche Kausalverkettung des Lebens hat unsere weitere 
Erziehung übernommen, und nun träumen wir von der Matura oder von 
dem Bigorosum, — und wer hat damals nicht selbst als Gerechter gezagt? 
— so oft wir erwarten, daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir 



Zur Psychologie von Studium und Examen 40 t 

etwas nicht recht gemacht, nicht ordentlich zustande gebracht haben, so 
oft wir den Druck einer Verantwortung fühlen." (Ges. Schriften, Bd. II, 
S. 274/75.) 

Unsere Patientin, eine 23 jährige Studentin, litt nun keineswegs an 
Examensangst. Sie hatte im Gegenteil ihre Maturitätsprüfung mit auf- 
fallender Ruhe, ja fast mit Gleichgültigkeit bestanden. Dagegen brach 
kurz danach eine gegen ein weiteres Examen gerichtete schwere Arbeits- 
hemmung aus, die sie in die Behandlung führte. Von Anfang an zeigten 
sich bei ihr die für die Zwangsneurose charakteristischen Ichverände- 
rungen und die Auswirkung eines großangelegten Verschiebungsprozesses, 
durch die sie ihren bald hervorbrechenden Schuldgefühlen zu entgehen 
suchte. Es war bei ihr zu einer weitgehenden Gefühlsverdrängung 
gekommen. Der ins Unbewußte zurückgedämmte Sexualtrieb konnte sich 
nur auf dem Wege der Verschiebung Bahn brechen, stets begleitet von 
drückenden Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen. Wie es ab und zu 
geschieht, stellte die Patientin gleich in der ersten Stunde quasi das Motto 
auf, unter das sie ihr Leben gestellt hatte und das nun zunächst auch 
zum Grundmotiv in ihrer Analyse wurde: „Woher kommen die Kinder?" 
und, aus der Ambivalenz ihres Wesens herausgeboren: „Alles ist Lüge." 
Als Erlebnismoment hiezu stand die (Deck-) Erinnerung, daß sie in ihrem 
sechsten Lebensjahr von der Mutter verlacht wurde, als sie am Ostertag 
noch dem von der Mutter vermittelten Glauben huldigte, der Osterhase 
lege die Eier. „Wenn das nicht wahr ist, dann hat die Mutter ja gelogen; 
dann ist auch nicht wahr, daß der Storch die Kinder bringt!" Der Grund 
zu ihren Zweifeln war gelegt. 

Die durch die Analyse errichtete Übertragungssituation wurde von 
heftigen Widerständen bekämpft und führte zu Verschiebungen ihrer 
Libido auf Nebensächliches und Gleichgültiges. Ihre Angst vor der Sinn- 
lichkeit, ihre Grübeleien über das Thema „Sexualität" ließen starke libi- 
dinöse Strömungen erraten, die sich immer wieder in Zwang umsetzten. 
Im Verlaufe von dreieinhalb Monaten analytischer Behandlung gewinnt 
das Zwangsdenken immer offener Beziehung zur Übertragung und die auf 
sie gerichteten Gefühle kommen zeitweise zum Durchbruch. Daneben 
bemächtigt es sich, als Widerstand auftretend, mehr und mehr des 
Materials ihres Studiums, das dadurch als Ersatz für libidinöses Ausleben 
erscheint. Statt zu sublimieren, sexualisiert sie das Studium und ihr ganzes 
Denken, und an die solcherart mit Sexualwünschen ausgestattete Studien- 
arbeit heften sich die Schuldgefühle und veranlassen Insuffizienz und Ver- 
drängungsschübe. Der Gegenstand ihres Studiums ist ihr nicht mehr 
Symbol, sondern Sexualobjekt selbst, das verdrängt werden muß. So vergißt, 






402 



Ernst Blum 



verdrängt sie z. B. stets das Wort „Hallux", bis ihr „wie eine fremde 
Stimme" der Einfall kommt, Hallux, die große Zehe, hat Ähnlichkeit mit 
dem Penis. Die Lamina cribrosa ist ihr die große, die Crista galli die 
kleine Schamlippe, das Foramen coecum die Vagina. So wird ihr das 
Studium die Fortsetzung ihrer infantilen Sexualforschung und wie diese 
mit Verbot und Zweifel belehnt. Gleichermaßen beseelt sie die Natur; 
Bäume, Blumen, Würmer, Baupen werden ihr zu fühlenden Wesen, wie 
in Jugendjahren, an die sich ihre Gefühlsregungen heften dürfen. Audi 
dies hat enge Beziehung zu ihrem Studium, das sich neben der Anatomie 
auf die Naturwissenschaften erstreckt. Aber immer steht all ihr Erleben 
unter der Frage: warum ist es so?, und unter dem Zweifel: ist es auch 
so? Unter diesem infantil wurzelnden Fragezwang steht auch ihr Studium. 
Ihrem Ursprung gemäß heften sich nun diese Fragen auch an Sexuelles. 
„Warum bin ich Mädchen und kein Knabe?" Starke Minderwertigkeits- 
gefühle gegenüber ihrem Weibsein lassen sich als Vorbild ihrer auf 
intellektuelles Gebiet verlegten Insuffizienzen nachweisen. Als Kompensation 
versucht sie das Studium. Suchen nach Wissen und Suchen nach dem 
Penis fallen in ihrem Unbewußten zusammen. 

Als während der Stunde die Bolle des Analytikers für ihr Unbewußtes 
und die Bedeutung der Übertragung erfaßt und akzeptiert werden, tritt 
tags darauf ein Schwinden der Arbeitshemmung ein. Aber dieser drohende 
Durchbruch befreiter Libido wird nach alter Weise wieder bekämpft. 
Sofort tritt wieder überwuchernd das Zwangsdenken auf. Dann stellt sich 
weitgehende Ablösung ihrer Libido von der Außenwelt, schwere Depression, 
extreme Abwehr der Analyse, ein „Sich-nach-außen-tot-Stellen" ein. So 
treibt die Flucht vor der Übertragung die Libido zurück zu frühinfan- 
tilen Stufen. In diesem Zustand, der dem urnarzißtischen gleicht, beschäf- 
tigen sich ihre Einfälle mit Wünschen nach Bückkehr in den Mutterleib. 
Nach Aussagen der Mutter ist sie zwei bis drei W'ochen zu spät auf die 
Welt gekommen. „Das freut mich, daß ich mich dagegen gewehrt habe", 
besonders da beide Schwestern zu früh zur Welt gekommen sind. — Und 
weiter schildert sie, wie alles auf sie einstürze; wie wenn sie gegen eine 
Wand anrenne. Aber sie will nicht nachdenken. Sie klammert sich an 
einen einzigen Gedanken, den sie „zu Tode hetzt bis zur körperlichen 
Erschöpfung". Dann kann sie sich in den Schlaf flüchten, „weil ich 
keinen anderen Weg weiß". Und: sie muß sich noch mehr einschließen, 
sonst kann sie nicht mehr leben. Man erkennt deutlich, auf welche Stufe 
die Libido zurückströmt. 

So war die psychische Situation, als die Patientin sich dem Examen 
unterziehen mußte. Sie bestand es nicht. Noch war es der Analyse nicht 






Zur Psychologie von Studium und Examen 403 

gelungen, die Sexualwünsche an die Übertragung zu fixieren, noch immer 
waren sie an ihre Studienarbeit gebunden und forderten dort Bestrafung. 
So wurde die Urbedeutung des Examens für sie Realität, der sie nicht 
gewachsen sein durfte. Ihre Libido verharrte in der extremen Abwendung 
von den Objekten (Mutterleibssituation). Sie will nicht geboren werden — 
und sie fällt durchs Examen. Die im Mißlingen der Prüfung verwirk- 
lichte Flucht vor der Übertragung kleidet Patientin selbst in folgende 
Worte: „Wenn ich jemanden gern hätte, und ich müßte es ihm sagen, 
das würde mich noch mehr drücken, als wenn ich dreimal durchs Examen 
fliegen würde." Über die mißlungene Prüfung selbst macht sie folgende 
Bemerkung: „Das Merkwürdige dünkt mich, daß es mir eigentlich gar 
nichts macht; ich bin fast froh. 

Sie ist ganz sicher, daß sie im Examen nicht zu wenig gewußt hat, 
sondern daß sie den Professoren „einen schlechten Eindruck" machte. 
„Leider bin ich im Examen nie aufgeregt, und dann haben sie (die Pro- 
fessoren) vielleicht gemeint, sie müssen mich demütigen." Es dünkt sie, 
als habe sie durchs Examen fallen wollen. 

Damit ist für die Patientin die aktuelle Beschäftigung mit der Prüfung 
erledigt. Einsicht in die am Mißlingen schuldigen Faktoren bringt erst der 
weitere Verlauf der Analyse. Hier wird nun das Ankämpfen gegen die 
Übertragungsliebe immer deutlicher. Sie findet jetzt, daß auch bei ihrem 
Studium ein Zwang sein müsse, das Interesse, alles zu wissen, wie es sei. 
Parallel mit dem Abrollen von Kindheitserinnerungen, an denen gestaute 
Affekte sich lösen, beginnt das Zwangsdenken zeitweise zu schwinden und 
die Übertragungssituation sich entsprechend zu ändern. Gemäß ihrer 
starken Gefühlsambivalenz steht sie unter dem Doppelzügel von Vater und 
Mutter. Zum Vater tendiert die Zuneigung; von der Mutter aus kommt 
das Verbot. In heftigen Affektausbrüchen entlädt sich die negative Ein- 
stellung zur Mutter. Immer deutlicher und vielfältiger wird diese zur ver- 
bietenden Instanz. Sie ist bald dem mütterlichen Verbot unterworfen, mit 
Steigerung des Zwangsdenkens und der Schuldgefühle, bald wieder einer 
positiven Einstellung zum Vater-Analytiker mit Befreiung von beiden. 
Dieser Wechsel ihrer Übertragungsrichtung befähigt sie, Einblicke zu 
gewinnen in ihre ursprünglichen unbewußten Wünsche und in die Ver- 
schiebung ihrer Libido auf Denken und Studium. Träume wagen sich 
hervor, in denen der Analytiker die Rolle des Vaters einnimmt. Die 
Abwehr gegen diese Situation äußert sich diesmal nicht mehr im Zwang, 
sondern in direkten Versuchen, die analytische Situation umzugestalten. Sie 
lehnt sich auf. Wieder erwacht der Wunsch, ein Mann zu sein, und 
damit ist dem Zustrom der Minderwertigkeits- und Schuldgefühle die 



404 Ernst Blum 



Schleuse geöffnet. Über diese Situation gibt der folgende Traum Auf- 
schluß. Ihm war abermals ein heftiger Widerstand vorausgegangen, der 
sich darin äußerte, daß die Patientin ein Unwohlsein zum Vorwand nahm, 
um für zwei Tage die Analyse zu unterbrechen, in dieser Zeit aber im 
Zoologischen Institut Präparate studierte, ohne daraus für ihr Studium 
irgend einen Nutzen ziehen zu können. (Also wiederum die Verschiebung 
der Sexualwünsche von der Übertragung auf die Studienarbeit.) 

Der Traum: „Ich mag heute den ganzen Tag nichts sagen. Ich hatte 
einen Traum und der schlägt mich heillos nieder. Ich war auf der Straße 
und es war mir schlecht im Traum, und eine Frau war bei mir, und zwar 
dünkte es mich Fräulein X., die Tochter vom Pedell der Universität. Und es 
dünkte mich, im Hintergrund sei noch jemand gewesen. Vielleicht ist das die 
Person, die nachher meine Schwester wird, denn die erkenne ich ganz schlecht. 
Und das Fräulein fragt mich, wo es mir weh tut; das heißt, ich soll 
erbrechen und kann nicht. Ich sagte, im Hals. Sie sagte, es sei nicht wahr. 
Dann sage ich: weiter unten. Dann hat sie mich so merkivürdig angeschaut, 
und ich habe gut gemerkt, daß sie meint, es fehle mir etwas im Rücken- 
mark, und ich habe sofort gedacht, da werde ick gelälimt. Zuletzt ist heraus- 
gekommen, daß mir etwas fehlt in der Gegend oben am Magen, an der 
Speiseröhre. Sie sagte, man müßte die Leber herausnehmen. Sie hatte die 
Form vom Magen, hat aber einfach Leber geheißen. Und für das hat es 
den X. gebraucht, das ist der Pedell, und ich habe ganz gut gesehen, wie 
er durch die Haut durch die Leber herausschneidet. Dann ist er wieder fort. 
Nachher habe ich lange gestaunt, was ßir Organe die Leber jetzt ersetzen 
könnten, und zuletzt bin ich darauf gekommen, daß Pankreas und Milz das 
könnten. Aber ich habe immer das Gefühl gehabt, nein, man könnte doch die 
Leber gar nicht herausnehmen, und es sei irgend etwas nickt recht. Ich 
wollte das den X. fragen und habe gewartet, bin aber erwacht, bevor 
er kam. 

Dazu ihre Einfälle: 

„Ich habe einmal gesagt, daß das Messer den Penis bedeute, der in meinen 
Körper eindringt. Die Leber kann man ja gar nicht herausnehmen. Das 
Gefühl, wie wenn der Traum etwas Schlechtes wäre. Heute habe ich das 
Gefühl, man könne mit mir tun, was man mit mir wolle, und ich würde 
mich nicht verteidigen. Ich bin ganz einfach ein schlechter Mensch, warum, 
weiß ich nicht. Es dünkt mich, es sei nicht recht, daß gestern die Eltern so 
nett mit mir waren (Weint) . . . Jetzt sehe ich Präparate aus dem embryo- 
logischen Kurs, Furchungsstadium vom Frosch, großer Urmund, kleiner Urmund. 
Das kommt mir in den Sinn, weil ich gar nicht den Mut habe, zu mir zu 
stehen, wie ich bin. Das Gefühl, ich müsse gestraft werden, und daß ich 
mich nicht verteidigen kann ..." Sie müsse in der Kindheit etwas erlebt 




Zur Psychologie von Studium und Examen 405 

haben, daß sie niemanden mehr dürfe recht gern haben ... „X. hat irgend 
etwas mit meinem Vater zu tun." Das Gefühl, sie sei ihren Schwestern 
gegenüber zu kurz gekommen, taucht auf. Sie müsse ihren Vater ganz früher 
sehr gern gehabt haben. Die Mutter kann sie nicht achten, weil sie vor den 
Kindern lügt. 

Wie bereits der dazugehörige Tagesrest, so zeigt auch der Traum, wozu 
ihr die Studienarbeit dient. Zum Traum b i 1 d bedient sie sich des Studien- 
materials (Sezierkurs, Anatomie) und der Personen aus diesem Milieu 
(Pedell und Tochter) und drückt inhaltlich und affektiv ihre ursprüng- 
lichen (in der Realität auf das Studium verschobenen) Wünsche (Inzest) 
und die daraus resultierende Bestrafung (Kastration) aus. Traumbild verhält 
sich hier zum Trauminhalt, wie ihre aus der Verschiebung hervorgegangene 
Arbeit zu deren Urbedeutung. Wir erkennen, wie das Studium ihr das 
inzestuöse Ausleben bedeutet und ihr zeigen soll, wie ihre Kastration kom- 
pensiert werden kann (welches Organ kann die herausgeschnittene Leber 
ersetzen?). 

Der Traum an und für sich deutet schon auf eine Korrektur der Libido- 
situation hin. Durch Aufdeckung derselben und des Trauminhaltes in 
Bezug auf Widerstand und Übertragung gelingt es nun, Strebungen, 
Wünschen und Verboten, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen ihren 
richtigen Platz zuzuweisen. Und plötzlich kann die Patientin eine Zeitlang 
gut arbeiten und das Zwangsdenken ist gewichen. 

Mit Zunahme der Sublimierungsfähigkeit, mit der Erlaubnis zur Arbeit, 
weicht auch das auf ihrer infantilen Sexualforschung ruhende Verbot. Diese 
wird nun nachträglich sukzessive erledigt und kommt, von ihrer Studien- 
arbeit getrennt, in Form vielseitiger Zeugungs- und Geburtstheorien zum 
Bewußtsein. 

Während die Patientin von der neugewonnenen Einstellung zur früheren 
zwanghaften hin und her schwankt, führt die Analyse weiter, die Odipus- 
situation in Übertragung und Erinnerung ausbauend, stets unter Abwehr 
der jetzt sich deutlicher meldenden sexuellen Regungen. Je nach dem Aus- 
schlag der Libido von der einen nach der anderen Seite schwankt auch 
die Arbeitsfähigkeit zwischen Hemmung und Förderung. Die Frage des 
wieder näher rückenden Examens wird aktuell. Sie träumt von dem Pro- 
fessor, vor dem sie am meisten Angst hat. Dieser tritt deutlich in die 
Reihe der Vaterimagines. Ihr Studium entpuppt sich als eine Flucht vor 
der Ödipuseinstellung und bleibt wie diese mit dem Verbot behaftet. 

Durch die Liebesversagung beim Vater abermals zur Mutter zurück- 
gedrängt, erlebt sie wieder ihre Enttäuschungen. Die Mutter wird mehr 
und mehr die Personifikation der strafenden Gewissensinstanz, die ihr alle 



406 Ernst Blum 



libidinösen Regungen auf allen Stufen untersagt. Von der genitalen Regung 
zum Vater, zurück zur Anal-, Urethral-, Oral- (Saugen) und Muskelerotik 
(Motilität), überall sind durch die Mutter Verbote errichtet. Und auch ihr 
Forschungstrieb wird von der infantilen Sexualforschung bis zum aktuellen 
Studium und der Analyse dem Verbote unterworfen. Sie darf nichts tun 
und darf nichts wissen; und wo sie etwas weiß, muß sie sich dumm 
stellen, um der direkten Strafe zu entrinnen — und sich indirekt damit 
doch zu strafen (Examen). In welchem Erleben das Urverbot der Mutter 
liegt, zeigt ein langer Traum, von dem ich nur erwähne, daß der 
Patientin dazu einfällt, sie sei ein Bub und wolle etwas Sexuelles von der 
Mutter. Dann wird sie im Traume immer jünger, ganz klein, und die 
Suppe, die sie ißt, verwandelt sich in Milch. — Unter heftigen Affekten 
klagt sie die Mutter an, daß sie sie nicht gestillt hat. Gleichzeitig enthüllt 
der Traum ihre Zuneigung zum Examensprofessor, zum Analytiker, zum 
Vater, als zärtliche und geduldete. 

Die von der Mutterinstanz ausgehenden Schuldgefühle können nun in 
an dieselbe geheftete Angst verwandelt werden. Sie ist vor allem Angst 
vor der Mutter als Gebärerin. So lernt die Patientin endlich verstehen, 
warum sie von neuem nicht fragen darf, woher die Kinder kommen, und 
unter welche Hemmungen das Examen tritt, indem sie selbst (darnach) 
gefragt wird. Sie darf es nicht wissen und will es nicht wissen. Mit diesem 
Nichtwissenwollen macht sie quasi die Zeugung ihrer Geschwister und 
ihre eigene Geburt rückgängig. Deutlich gewinnt sie in der Beseelung der 
Natur die Mutter wieder. Und ebenso stehen Studium und Examensarbeit 
unter diesem Streben. Wir haben schon kurz vor dem ersten Examen den 
Wunsch auftauchen sehen, die Geburt rückgängig zu machen, in den 
Mutterleib zurückzukehren. Damals stand er im Dienste der Flucht vor 
der Umwelt und ermöglichte das Einziehen aller libidinösen Bindungen. 
Jetzt führt dieser Wunsch zur Erledigung der Angst vor der Gebärerin und 
der nun ebenfalls freiwerdenden Examensangst. Kurz vor ihrem zvveit- 
maligen Examen brachte folgender Traum weitere Einblicke in die Bedeutung 
der Prüfung für ihr Unbewußtes und ihr erstmaliges Versagen in der 
Examenssituation : 

„Ein Traum, davor habe ich so einen Ekel gehabt; wie kann ich über- 
haupt solche Sachen denken! Ich weiß nur ein Stück. Die Klara ist da und 
ich. Ich weiß nicht, wo wir sind. Aber ich weiß, ich habe etwas in der Hand, 
etwas Gelungenes, etwas, es ist schwer zu sagen. Unten hat es ovale Form und 
soll die Plazenta sein und ist außen bräunlich und innen ganz weiß. Gegen 
oben wie Hals, Achseln, Kopf, Frauenkopf. Aber nur etwa so groß, ßO Zenti- 
meter, wie ein Meiner Fötus. Aber der Kopf ist ganz gut ausgebildet, und 



Zur Psydiologie von Studium und Examen 407 

zwar wie der einer Frau, hat rosenrote Farbe. Warum, ich es essen mußte, 
weiß ich nicht. Es hat mich ganz grausig gedünkt. Ich sagte zur Klara, ich 
kann einfach nicht mehr. Wie so eine Runkelrübe, die man essen muß. Das 
hab' ich halb gegessen. Ich habe mich geekelt und davon bin ich erwacht." 

„Die Form von dem, was die Plazenta ist, war ganz gleich mit einer 
Zeichnung im Zoologieheft, und nachher ist mir in den Sinn gekommen, es 
ist ein Präparat aus Holz in der Zoologie und stellt einen Uterus vom Kalb, 
nein, es ist ein Duplex vom Schwein, nein, das ist auch ein Huftier. Und 
der ist außen auch bräunlich, nein, eher rosenrot, und innen ganz weiß, wie 
im Traum. Und das kann man alles auftun, und dann hat es einen Embryo 
darin. Das Präparat, das er mir im Examen gezeigt hat von einem Meer- 
schweinchen, wo man auch Plazenta, Uterus und Fötus sah. Gestern habe ich 
etwas vom Examen gesagt. An dem Traum fötus sind mir die Haare aufge- 
fallen, auch rosenrot, nach hinten gekämmt, wie es meine Mutter hat. Dann 
ist mir in den Sinn gekommen, das sei überhaupt meine Mutter, es hat genau 
das gleiche Gesicht gehabt. Ich habe gedacht, warum ich es essen muß. 
Warum ißt man etwas? Wenn man Hunger hat, oder aus Liebe, oder aus 
Haß. Also habe ich es aus Haß gemacht gegen meine Schwester. Wenn ich 
bei der Mutter etwas von dem Geschlechtsorgan aufesse, so gibt es keine 
Kinder mehr. Dann habe ich gedacht, wenn ich gekonnt hätte, dann hätte 
ich grad gemacht, daß ich auch nicht auf die Welt gekommen wäre. — Es 
war einfach so grausig. Heute morgen habe ich eine Hornis gesehen, die 
von Maden gefressen worden ist. Es war mir schrecklich, ich habe fast 
geschlottert. Und immer wieder sehe ich im Traum, wie ich das essen muß. 
Immer wieder dünkt mich das grauenhaft. Zuletzt ist es wie Holzspäne, 
weniger dick und schmäler; ich finde die Worte nicht, um es zu sagen, wie 
es ist; aber es hat keinen Geschmack." 

„Und die Klara, die schaut mich nur an und sagt kein Wort. Nur daß 
ich, wie zu Ihnen, sage: jetzt kann ich einfach nicht mehr . . . Die Klara, die 
sind Sie, und Sie schauen mich so ruhig an, daß ich essen soll. Ich sagte im 
Traum, ich könnte das nicht mehr essen; in Wirklichkeit würde ich sagen, 
ich möchte nicht ins Examen. Und wie die Klara da nichts sagt, sagen Sie 
auch nichts. Aber ich muß einfach gehen (ins Examen); ich will nicht um 
Nichts schaffen. 

„In einem Verzeichnis habe ich gesehen: Otto Rank, ,Das Trauma der 
Geburt . Da habe ich zum erstenmal von einem anderen Standpunkt über die 
Geburt nachgedacht als sonst. Mir scheint das gar nicht so unmöglich, daß 
die Angst, geboren zu werden, und die Examensangst etwas ähnliches sein 
soll. (Patientin kennt keineswegs den Inhalt des Buches, nur den Titel.) Wenn 
man mich fragen würde, ob ich lieber nicht leben wollte oder auf die Welt 
kommen, so wollte ich beides. Und zwar wollte ich nicht auf die Welt 
gekommen sein, wenn ich mich jetzt ansehe, und ich möchte doch leben, 
weil ich denke, daß es einmal anders sein wird." 

Dieser Traum wurde von der Analysandin sozusagen in all seinen 
Schichten erfaßt. Er hat enge Beziehung zu dem früher geschilderten 
Traum und setzt auf der oralen Stufe fort, was dort auf der anal-sadisti- 



408 



Ernst Blum 



sehen zum Ausdruck gekommen ist. Abermals bedient er sich des Studien- 
materials als Traumbild, diesmal in direkter Beziehung zur Examenssitua- 
tion. Nicht essen, nicht die Mutter einverleiben, nicht weiblich werden, 
nicht geboren werden, nicht ins Examen gehen, sind die Hauptmotive. 
Aber sie ißt unter der Aufforderung des Analytikers, sie will auch ins 
Examen gehen und sie möchte die Geburt wagen, möchte „leben". Die 
Schuldgefühle sind im Traum in Ekel verwandelt und setzen sich in der 
Realität nun zum erstenmal auch in Angst vor dem Examen um. 

Die Examensarbeit kommt weiter in guten Gang, gleichzeitig mit dem 
Einsetzen einer heftigen Übertragungsliebe, die deutlich der Mutterimago 
gilt („Ich suche ja nichts als die Mutter in Ihnen!"). Nun zeigt sich ihr 
deutlich, wie der darauf unter heftigem Affektausbruch einsetzende Wider- 
stand gegen die Mutterübertragung sich auf weiteste Gebiete verschiebt 
oder ausdehnt: „Es gibt gar nichts, was ich eigentlich dürfte. Immer heißt 
es in mir: du darfst nicht. Ich darf nicht studieren; denn darum bin ich 
durchgefallen.' 1 Das Verbot wird ihr in seiner ganzen weiteren Ausdehnug 
bekannt: Du darfst nicht ein Mädchen sein, den Vater lieben, den Ana- 
lytiker lieben, ein Bub sein, die Mutter gern haben, die Mutterbrust 
haben, geboren sein! 

Im weiteren Verlauf rückt der Analytiker und mit ihm auch der 
Examensprofessor, der in einem Traume wieder auftritt, abermals in die 
Vaterrolle. In diesem Traum zeigen sich sexuelle Wünsche auf dieselben, 
die das Ich wieder verwirft. „Ich kann nicht anders, als meine Sexualität 
immer wieder unterdrücken. Ich will gar nichts mehr; nicht ins Examen, 
nicht einen Mann." In diesem Ausspruch zeigt sich wieder, wie das Ver- 
bot, zu lieben, zum Examensverbot wird. Das Examen wird für sie (auf 
der genitalen Stufe) zum Ausweis ihrer Liebesfähigkeit. 

Diesmal setzt sich das Verbot erstens in Konversionssymptome um. Was 
in den beiden angeführten Träumen bildlich zum Ausdruck kam, 
„materialisiert" sich nun hier. Es ist ihr schlecht, sie muß erbrechen, und 
der Hals ist wie zusammengeschnürt beim Schlucken. „Wie die Vagina, 
die sich zusammenschnürt, damit der Penis nicht hinunter kann. Vom 
Erbrechen meint sie: „Das ist etwas wie eine Geburt. Es hängt mit dem 
Examen zusammen. Wie ich mich weigere, durch das Examen zu kommen, 
so weigere ich mich, etwas zu essen." 

Darauf wird ihr wohler. Die Zuversicht auf das Gelingen des Examens 
wächst, und drei Tage darauf besteht sie es, nachdem sie den Stoff der 
vier Fächer in den letzten fünf Tagen nochmals, und zum erstenmal 
auch für ihr Gefühl erfolgreich, durchgearbeitet hatte. Die beste Note 
erhielt sie bei dem Professor, der einigemal in Träumen deutlich den 



Zur Psychologie von Studium und Examen 409 



Vater repräsentiert hatte, die schlechteste in der Zoologie, obwohl sie dort 
durch Kurse usw. am besten präpariert war. Aber hier hafteten noch die 
Schuldgefühle, die in dem Traum von dem zoologischen Präparat deutlich 
aufgetreten waren. 

So gelang es der Patientin, durch („psychisches") Überwinden der Geburt, 
Einverleibung (Identifizierung) der Mutter und Duldung der inzestuösen 
Übertragung, auch ihr Examen erfolgreich zu bestehen und damit den 
Inzest symbolisch zu begehen. Aber wie als Reaktion auf die inzestuös 
aufgebaute Übertragung erfolgte nun eine Regression der Libido auf prä- 
genitale Stufen. Wie wenn das Examen auch eine Phase der Analyse 
abschlösse, brach nun hier eine schwere Depression durch, deren Beginn 
durch die im erwähnten Traum angedeutete orale Einverleibung des 
Liebesobjektes bereits gekennzeichnet war. Ihren Verlauf zu schildern, muß 
ich mir hier versagen. 

Auch unsere Darstellung hat hier einen Abschluß gefunden, und wir 
gehen daran, aus dem geschilderten Analysebruchstück einen Versuch der 
psychologischen Bedeutung des Examens zu machen. Dazu war es not- 
wendig, alle die Faktoren zu suchen, welche im Unbewußten unserer 
Patientin den „Komplex Examen" aufgebaut haben. Hiebei von Stufe zu 
Stufe zurückschreitend, wurde es möglich, die Symbolschichten aufzudecken, 
um bis zum Ursymbol zu gelangen. 

Wie Freud uns gezeigt hat, nimmt jeder Forschungsdrang seinen 
Ursprung aus der infantilen Sexualforschung. Unsere Patientin bringt die 
Hinweise für diese Bedeutung ihres Studiums in der ersten Stunde. Aber 
ihre Forschung ist eine mißlungene und verbotene. Die Prüfung, die sie 
an jenen Ostern mit sechs Jahren vor ihrer Mutter nicht bestand, legte 
in ihr den Kern des Zweifels an Lehrer (Mutter) und an sich selbst. Der 
zweite „Erfolg" ihrer Forschung führte sie auf den Geschlechtsunterschied 
zwischen Mann und Frau. Diese Prüfung brachte ihr die weitere, große 
Enttäuschung, daß sie keinen Penis besitzt. In ihrem Streben, diese Minder- 
wertigkeit gutzumachen und ihrem Lehrmeister (Vater) ähnlich zu werden, 
war sie wieder erfolglos. So war reichlich Nahrung für ihre Insuffizienz- 
gefühle entstanden; die Mißerfolge in ihrer Forschung wurden zur Strafe 
für den dieser zugrunde liegenden Inzestwunsch. Dieser (Ödipus-) Konflikt 
konnte nicht zur Erledigung gelangen und mußte mit Verboten belegt 
werden, die auf großem Umwege zu umgehen getrachtet wurden, ohne 
Möglichkeit, dadurch den Schuldgefühlen auszuweichen. So trat ihr aktuelles 
Studium in den Dienst der Sexualforschung und der sexuellen Wünsche, 
nicht als deren Erledigung, sondern unter Fortdauer des vollen ursprüng- 
lichen Begehrens nach inzestuösem Ausleben und danach, in den Besitz 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XII/3 27 



410 



Ernst Hlum 



des Penis zu gelangen. Das Examen muß mißlingen, als Ausweis über ihre 
Liebesfähigkeit einerseits, über ihr Mannsein andererseits (zusammenfaßbar 
als „Potenzausweis"). In ihren Versuchen, ihr inzestuöses Begehren auf 
dem Wege der Verschiebung auszuleben, beseelt und sexualisiert sie, infan- 
tilen und archaischen Tendenzen entsprechend (Animismus), die ganze 
Natur. Diese „Natur" soll sie aber erforschen, über sie wird sie im Examen 
befragt, und das Tabu, das auf ihrer Sexualforschung liegt, hindert sie am 
Erfolge. 

Hier liegt der Gedanke nahe, nach weiteren Parallelen und Verbindungen 
zwischen den unbewußten Tendenzen der Patientin und den archaischen 
Institutionen zu fahnden. Freud hat in „Totem und Tabu" die Ver- 
mutung geäußert, daß unsere modernen Institutionen nach dem Mechanismus 
der Zwangsneurose sich entwickelt haben, daß also ihre symbolischen 
Parallelen bei den Primitiven gefunden werden können. So spiegelt sich 
auch unser modernes Erziehungszeremoniell in den Initiationsriten der Primiti- 
ven wieder (Bernfeld, Sisyphos), jenen Festen, in denen die heranwachsende 
Jugend ihr „Reifezeugnis" erhält. Wir haben gesehen, wie im Unbewußten 
der Patientin das Examen als Ausweis ihrer Potenz und das Mißlingen als 
Kastration aufgefaßt werden, also dem gleichen Zwecke dienen, wie das 
Pubertätsfest der Primitiven. 1 

Was bei den Primitiven als Ausweis der körperlichen, sexuellen Reife 
dient, entspricht bei uns der Prüfung der geistigen Matura. Von den 
Pubertätsriten der Primitiven, in denen sich die Prüfung noch auto- 
plastisch, unvergeistigt äußert, hat sich die Matura im Ausdrucke 
ihres Zeremoniells und in ihrer inhaltlichen Bedeutung zur modernen, 
rein geistigen Form (Alloplastik) „sublimiert". Im Mißlingen des Examens 
und schon in den vor jeder Prüfung auftretenden Affekten von Gewissens- 
angst, Insuffizienz und Schuld, sehen wir den Durchbruch jener primitiven, 
sexuellen Symbole in der Examenssituation (Desublimierung), belastet mit 
allen durch Menschheits- und durch individuelle Entwicklung erworbenen 
Schuldgefühlen und Selbstbestrafungstendenzen. 2 Nur die Aufdeckung der 



i) In ihren Träumen äußern sich bei der Patientin weitere auffallende Parallelen zu 
diesen primitiven Gebräuchen. So gibt es australische Stämme, bei denen der Glaube 
herrscht, daß die Jünglinge während des Initiationszeremoniells ihrer Eingeweide 
beraubt werden und neue, bessere erhalten. Im Traume wird der Patientin die 
Leber herausgeschnitten und sie überlegt sich, durch welches Organ sie ersetzt 
werden kann. Im späteren Traum bekommt sie dann tatsächlich das „bessere" Ein- 
geweide, nämlich den Uterus, .die Genitalien der Mutter (= Wiedergeburt). Vgl. hiezu 
Reik, Pubertätsriten (Probleme der Religionspsychologie, S. 59 ff.)- 

2) So entzog sich z. B. ein junger Mann der Maturitätsprüfung, indem er sich 
kurz vorher all seine Zähne ausziehen ließ und durchlebte damit einen Pubertäts- 



Zur Psychologie von Studium und Examen 411 

Genese der individuellen Schuldgefühle, ihre Rückleitung auf ihre ursprüng- 
liche Domäne, die Befreiung der Arbeit, des Denkens und der Auffassung 
der Examenssituation von ihrer „sexuellen Belastung" (Sublimierung), 
ermöglicht die rein sachliche Einstellung den Prüfungen gegenüber. Bei 
unserer Patientin war, als sie durchs Examen fiel, diese Desexualisierung 
der Situation noch nicht erreicht, und die Schilderung des Verlaufes der 
Analyse zeigt, wie es gelingt, Sexualwünsche und Schuldgefühle an die 
Übertragung zu binden, ihren ursprünglichen Zielen zuzuleiten und die 
Examensarbeit davon zu entlasten. 

Der Widerstand gegenüber der Übertragung drängte die Libido jedoch 
auf frühinfantile Besetzungen zurück, die dann wiederum in der Ein- 
stellung zum Examen sich spiegelten. Die extremste Flucht führt die 
Patientin zu einer an Monideismus grenzenden Denkhemmung, und ihr 
Unbewußtes drückt diesen Zustand durch die Mutterleibssituation aus. Die 
Patientin wehrt sich gegen das Denken, wehrt sich gegen das Examen, 
wie sie sich gegen das Geborenwerden sträubt. Die Prüfung will sie von 
der Mutter trennen, wie das Mannbarkeitsfest den jungen Wilden endgültig 
der Mutter entziehen soll. Parallel zum Wunsche, nicht geboren zu werden, 
geht ihr Wille, selbst nicht zu gebären; sie hat Angst davor und scheut 
sich auch, ihre Gedanken zu gebären. Ihre Examenarbeit hat so ein 
unbewußtes Vorbild im Geburtsakt; sie ist weiter in ein Aufnehmen 
(Lernen) und ein Hergeben (eigentliches Geprüftwerden) differenziert. In 
den Abwehrmanifestationen gegen beides können wir die ursprünglichen 
Bedeutungen aufdecken. Das Lernen wird hier für das Unbewußte die 
Einverleibung des Penis, durch den Koitus auf der genitalen, durch Ver- 
schlucken (Saugen) auf der oral-sadistischen Stufe, in beiden Schichten die 
Konzeption (Kind vom Vater), das Schwangerwerden („gedankenschwanger"). 
Das Antworten bei der Prüfung bedeutete eine Geburt, ein Wieder- 
ausstoßen des Empfangenen, während die anale Bedeutung des Fressens 
und Defäzierens der Patientin damals noch nicht ins Bewußtsein getreten 
war. Aber auch hier muß, wie bereits gesagt, die auf die Ödipusphase sich 
beziehende Situation stets mit herangezogen werden. Durch sie erst 
erkennen wir die Verbote und Schuldgefühle als aus den Wünschen ent- 
standen, Liebe, Penis, Kind vom Vater zu erhalten und die Mutter zu 
beseitigen. So mußte sich die mißlungene Versagung im mißlungenen 

ritus, wie er bei den Kaffern gebräuchlich ist, bei welchen den Jünglingen ein Zahn 
eingeschlagen wird. 

In einer Schule brach kurz vor dem Examen eine „Blinddarmepidemie" aus, die 
ungefähr fünfzig Schüler betraf. Der Chirurg vollzog, unter Verkennung der 
Psychogenie dieser Epidemie, gemäß dem Pubertätsritus der Primitiven, die symbo- 
lische Kastration mit dem Messer. 

27* 



412 -Ernst Blum: Zur Psychologie von Studium und Examen 

Examen als in einer Kastration, in Nicht-lieben, Nicht-gebären-können 
(Kastriert-sein) äußern. In diese Ödipussituation wird nun auch ganz all- 
gemein der Examinator einbezogen. In der Übertragungssituation des 
Examens (strafender Vater, liebender Vater) erfüllt sich das Schicksal des 
Geprüften. 

Aus diesem Gesichtspunkte heraus laßt sich auch die Erklärung für 
das Auftreten der Examensangst geben. Sie ist aus der Ödipussituation 
erwachsen, die Angst vor der Kastration, die der Examinand symbolisch 
erleidet, wie der Primitive in den durchsichtigen rituellen Handlungen des 
Initiationszeremoniells. Aber auch dem Urbild der Angst, ihrer Quelle, 
sind wir bereits nahe gekommen, der Angst vor der Geburt. (Vgl. hiezu 
auch Rank: „Das Trauma der Geburt"). Wie die Prüfung ein vergeistigtes 
Abbild der Geburt darstellt, so wird die bei Durchbrechen der Symbol- 
schranke auftretende Angst wieder das Geburts-, resp. Kastrationserlebnis 
erneuern, wie wir es in unserer Analyse und besonders aus den Träumen 
ersehen haben, und wie es mir auch kathartisch behandelte Patienten mit 
Examensangst mehrmals zeigten. 



Ein Beitrag zum Verständnis des Sado-Masodiismus 

Von 

1. Sadger 

Wien 

Von den Problemen des Sado-Masochismus bedürfen zwei noch besonderer 
Vertiefung und Ausgestaltung: Das Wesen und die Rolle des ßemächtigungs- 
triebes und der regelmäßige Zusammenhang jener Perversion mit Haß, 
Analerotik und Zwangsneurose. Für das zweite Problem ist das vorläufig 
einzig Feststehende die Beziehung zur Kastration, diese sowohl als Angst- 
wie als Lustempfindung genommen. 

Um da einem vollen Verstehen näher zu kommen, will ich ein wenig 
weiter ausholen, zurückgreifen bis auf die letzten Wurzeln von Liebe und 
Haß. Wer ganz kleine Kinder bis zum Neugeborenen herab beobachtet, 
wird sehr bald finden, daß sie jene Menschen lieben lernen, die ihrer 
Bedürftigkeit stets wieder abhelfen, demnach in erster Linie ihre Pfleger, 
wie Mutter, Amme und Kinderfrau. Doch ist hier eine wichtige Ein- 
schränkung zu machen. Es handelt sich weniger um die allgemeine 
Hilfsbedürftigkeit, welche ja sämtlichen kleinen Kindern ebenso wie den 
meisten jungen Tieren zukommt, als ganz besonders um die geschlechtliche 
Bedürftigkeit. Man erinnere sich bloß, daß auch die einfachsten und 
ursprünglichsten Ich-Notwendigkeiten, wie Stillung des Hungers und 
Säuberung seines Körpers, nicht anders Erfüllung finden können als durch 
gleichzeitige starke Reizung erogener Zonen. Man kann dem Säugling 
nicht zu trinken geben ohne reiz- und lustvolle Befriedigung seiner Mund- 
erotik, ihn nicht waschen und reinigen, ohne seine Haut- und Schleim- 
hauterotik mächtig zu kitzeln. 

Für die erstere Verknüpfung führte ich in meiner „Lehre von den 
Geschlechtsverirrungen" aus, daß dies die Natur geflissentlich so einrichtete, 
um schon das Neugeborene anzutreiben, die Brust oder Milchflasche willig 
zu nehmen. Nun wissen wir nichts Unmittelbares über das tiefste Empfinden 



414 I. Sadger 

des Säuglings und des Neugeborenen. Aber aus späteren Kinderjahren sind 
uns Analogien bekannt, die einen berechtigten Rückschluß erlauben. Da 
erinnern sich viele, daß ihnen zu Weihnachten nicht jene Geschenke die 
allergrößte Freude machten, welche der Befriedigung wichtiger Lebens- 
bedürfnisse dienten, wie etwa Strümpfe, Winterhandschuhe oder warme 
Kleider, sondern was sie als Liebesbeweis ansahen und als Erfüllung sexual- 
symbolischer Wünsche, z. B. eine Eisenbahn mit Lokomotive und Schienen 
oder Puppen, die man an- und ausziehen oder vollends gar baden kann. 
Sobald das Kind sich unbeobachtet glaubt, wird es die Leibesmitte der 
Puppen untersuchen, vorn und hinten, ja nicht selten sogar ein Loch 
dort bohren. Es sind also unverkennbar sexuelle Genüsse, die da mit 
größtem Eifer gesucht werden. Aus den Entwicklungsjahren ist uns ferner 
bekannt, daß Kinder mit lebenslänglicher Neigung an den sogenannten 
„Verderbern" hängen, welche sie nämlich geschlechtlich aufklärten, ihnen 
das ersehnte volle sexuelle Wissen gaben. Schon beim Säugling und noch 
mehr beim kleinen Kinde ist es unverkennbar, daß die Liebesempfindung 
unmittelbar an das Spielen mit ihm, d. h. an die lustvolle Reizung und 
Befriedigung, vor allem seiner Haut- und Schleimhauterotik, dann indirekter 
Quellen der Sexualerregung (Schaukeln, Hetzen, Fliegenlassen usw.) anknüpft. 
Hier setzt auch die Liebe zum Vater ein, der ja im allgemeinen wenig 
mit der Kinderpflege zu tun hat. Nur jener Erzeuger wird früh und 
herzlichst von seinem Sprößling geliebt, der sich viel mit ihm abgibt, oft 
mit ihm spielt oder gar ihn häufig zu sich ins Bett nimmt, der also seine 
Sexualität in ähnlicher Weise erregt und befriedigt, wie sonst nur Mutter 
und Pflegepersonen. 

Daß schon ein Säugling der mächtigsten Liebes- und Haßempfindungen 
fähig ist, dafür möchte ich eine Kindheitserinnerung Tolstois anführen, 
eines Dichters, dem seine Gattin nachrühmt: „In dir ist etwas so Weises, 
so kindlich Einfaches, so Treues, und all das von hellster Güte überstrahlt. 
Und dieser Blick, der bis ins Herz dringt. Nur dir allein ist das eigen I 
Und jener große Russe erzählt: „Dies sind meine ersten Erinnerungen, die 
zu ordnen ich freilich nicht imstande bin, da ich nicht weiß, was sich 
früher, was sich später zutrug; von vielem weiß ich nicht einmal, ob ich 
es in Wirklichkeit erlebte oder im Traume. Dies aber sind sie: Ich bin 
zusammengebunden; ich möchte meinen Arm frei bewegen und kann es 
nicht ; und ich schreie und weine und mein Geschrei tut mir selber weh, 
aber ich vermag es nicht zu unterdrücken. Jemand neigt sich über mich 
Wer es ist, weiß ich nicht mehr zu sagen. Alles ist in Dämmer gehüllt. 
Aber ich weiß noch, daß es zwei Leute sind. Mein Geschrei erfüllt sie 
mit Teilnahme, es stört sie, doch binden sie mich nicht los, wie ich es 



Ein Beitrag zum Verständnis des Sado-Masodiismus 415 



wünsche, und deshalb schreie ich noch lauter. Sie glauben, es sei notwendig, 
daß ich so gebunden liege, während ich doch weiß, daß es nicht notwendig 
ist. Ich wünsche, sie davon zu überzeugen, und es kommt etwas Krampf- 
artiges in mein Geschrei, das mir selber verhaßt, allein unbe- 
zwinglich ist. 1 Ich empfinde die Ungerechtigkeit und Grausamkeit, nicht 
der Menschen, denn die bemitleiden (lieben) mich, aber des Schicksals, und 
ich fühle Mitleid mit mir selber. 1 Ich weiß nicht und werde es niemals 
wissen, was es eigentlich war: wickelte man mich, als ich ein Säugling 
war, und befreite ich meinen Arm, oder war es, daß man mich wickelte, 
als ich schon älter, ein Jahr alt war, damit ich meine Flechten nicht 
kratze; habe ich viele Eindrücke, wie es im Traume geschieht, in diese 
eine Erinnerung gesammelt; sicher ist nur, daß. dies der 'erste und 
mächtigste Eindruck meines Lebens war. 1 Es ist nicht die 
Erinnerung an mein Geschrei, die meinem Gedächtnis sich eingeprägt hat, 
nicht einmal die an meine Leiden, sondern die Vielfältigkeit und der 
Widerspruch der Eindrücke: Ich ersehne Freiheit, lege damit niemand 
etwas in den Weg, und ich, der ich mich nach Stärke sehne, bin schwach, 
während jene stark sind." 

Aus dieser klassischen Schilderung eines großen Dichters erkennt man 
deutlich, daß Haß, Mitleid mit sich selbst, das Gefühl erlittener Grausam- 
keit und des Zwanges der Seele eines Säuglings oder einjährigen Kindes 
nicht nur nicht fremd sind, sondern geradezu früheste, mächtigste und 
bestimmendste Eindrücke eines ganzen Lebens bilden können. Saot doch 
der nämliche Poet an einer anderen Stelle seiner „Ersten Erinnerungen": 
„Auf geheimnisvolle, dem menschlichen Verstände unfaßbare Art werden 
die Eindrücke frühester Kindheit im Gedächtnis bewahrt, und sie werden 
nicht nur bewahrt, sondern verwachsen auch in unergründlicher Tiefe mit 
dem Innersten der Seele, gleich Samen, der auf guten Boden fällt, und 
strecken dann plötzlich nach vielen Jahren ihre Frühlingstriebe in Gottes 
Welt empor." Aus jenem Erlebnis erhellt des weiteren, daß die Behinderung 
der Muskel-Lust und Muskel-Erotik in jenen Urtagen entscheidend werden 
kann für den Charakter, hier beispielsweise für Tolstois lebenslangen 
intensiven Abscheu und Widerstand gegen jede Art von Gewalt, und 
endlich erfahren wir, daß ein tieferer Zusammenhang besteht zwischen 
erlittener Grausamkeit, Zwang und dem Haß dagegen, endlich auch noch, 
daß Mitleid mit sich selbst eine Reaktion darstellt auf erfahrenen Zwang. 
Ich kann jetzt einen Schritt weiter gehen und bündig erklären: Wie 
der Säugling und das ganz kleine Kind alle Menschen 



1) Von mir gesperrt. 



41 6 I. Sadgcr 

lieben lernt, die seine Geschlechtlichkeit reizen und 
sättigen, so lernt es anderseits jene Leute hassen, die es 
am sexuellen Ausleben, an der vol len Befriedigung seiner 
geschlechtlichen Bedürfnisse irgendwie hindern. 

Wir stehen hier vor der tiefsten Wurzel von Liebe und Haß und ihrer 
ganz unlösbaren Verknüpfung. Hat es die Natur doch so merkwürdig 
bestellt, daß das Kind gegen seine Pflegepersonen sich ambivalent einstellen 
muß. Es kann gar nicht anders, es muß diese lieben und gleichzeitig 
hassen, weil die Gesittung unweigerlich heischt, ihm Reizungen sowohl 
als Versagungen seiner Geschlechtsbedürfnisse, vor allem seiner Haut- und 
Schleimhauterotik, immer von neuem aufzuerlegen. Ist ja die Mutter — 
diese als Typus der Pflegerin genommen — stets wieder genötigt, ihr Kind 
zu säubern, mehrmals am Tag und an empfindlichsten erogenen Zonen, 
wie Genitalien, Damm und After, und es dadurch zur Liebe zu reizen. 
Sie muß ihm die Brustwarze, das Saugende der Milchflasche oder den 
Lutschker in den Mund stecken und solcherart seine orale Erotik mächtig 
anregen. Andererseits aber wird sie den Säugling auch fest einschnüren, 
vielleicht nur, damit er sich nicht zerkratze, wird ferner schon bei dem 
ganz kleinen Kinde auf Beherrschung von Blase und Mastdarm drängen, 
es endlich von der Entblößung abhalten u. dgl. m., was wiederum Haß 
gegen jeglichen Zwang und damit auch wider die zwingende Person 
hervorrufen muß. Man sieht, die ambivalente Einstellung, Erzeugung von 
Liebe, aber auch von Haß ist nicht zu vermeiden, selbst bei der vernünf- 
tigsten Kinderbehandlung, u. zw. muß sich beides von vorneherein wider 
die Nächsten kehren. Schließlich wird auch die Bekämpfung der Säuglings- 
und Kleinkinderonanie und als Ausfluß derselben die wirkliche oder ver- 
meintliche Drohung mit dem Abschneiden des männlichen Gliedes oder 
aber eines Penissymbols zu stärksten Haßempfindungen führen. 

Wir können die Weisheit der Natur nicht genug bestaunen, die des 
Menschen Geschlechtlichkeit in den Mittelpunkt seiner Entwicklung setzte, 
ihm ein Maß von Liebe, aber auch von Fähigkeit zu hassen mitgab, wie 
keinem anderen ihrer Geschöpfe. Alles ist eigentlich beim Menschen auf 
Erotik gestellt, vom ersten Atemzug, welchen er tut, bis zum letzten Odem, 
den er verhaucht. Da wird das Kind an die Brust gelegt, seine Munderotik 
mächtig gereizt. Doch wie häufig versagt diese erste Lustquelle, weil die 
Mutter oder Amme zu wenig Milch hat oder diese qualitativ nicht genügt! 
Und das Kind muß sich plagen, muß mit seinen dürstenden, liebes- und 
nahrungshungrigen Lippen, was ihm gebührt, buchstäblich zu erpressen 
trachten, mit einem ach so geringen Erfolg. Und seine Munderotik, sein 
Bemächtigungstrieb wird sich fortab mit einem starken Haß verbinden 



Ein Beitrag zum Verständnis des Sado-Masodiismus 417 

wider alle Personen, die seine rechtmäßigen Bedürfnisse nicht erfüllen 
wollen oder nicht können. 1 

Aber auch wo genügend Nahrung vorhanden, wird doch die Mutter 
nach wenigen Monden schon ihm die Brust entziehen, so eine frühzeitige 
Kastration vollführend und seinen primären Bemächtigungstrieb aufs 
schwerste kränkend. Der Hungerstreik manches Säuglings beweist, wie nahe 
ihm das Abschneiden von der Munderotik geht, und wieder versteht man, 
daß Liebe und Haß den Allernächsten gegenüber physiologischer Begründung 
nicht entbehren. Nachdem die Mutter die Sinnlichkeit ihres Sprößlings 
gereizt, entzieht sie ihm scheinbar ohne Grund — dies vom Standpunkt 
des Säuglings aus genommen — die ersehnte Lustquelle und erregt damit 
seinen Zorn und Haß. 

Ähnlich geht es bei der unerläßlichen Kinderpflege. Zu Anfang wird 
der Sprößling sowohl durch seine Abfallstoffe als durch die Säuberung von 
diesen mehrmals täglich lustvoll gereizt. Doch schon zu Ende des ersten 
und noch mehr im zweiten Lebensjahre tritt die Pflicht an das kleine 
Menschenwesen gebieterisch heran. Es wird verhalten, rechtzeitig nach dem 
Töpfchen zu rufen, und, wenn es das versäumt, mit Schelten oder gar 
Schlägen bestraft. Man nimmt ihm also nicht nur die autoerotische 
Befriedigung, sondern bedroht es obendrein noch mit Liebesentzug, was 
dann unweigerlich zu Trotz und Haßeinstellung führt wider alle seine 
Pflegepersonen. Daß diesen schon das ganz kleine Kind in Liebe und Haß 
entgegentreten muß, wird dann vorbildlich für unser Verhalten den Aller- 
nächsten gegenüber. Freud hat uns gelehrt, daß zwischen den geliebtesten 
Menschen, Eltern und Kindern, Geschwistern und Gatten untereinander 
stets ambivalente Gefühle bestehen, will sagen: Liebe und Haß zugleich. 
Nur warum dies so sein muß, war bisher nicht bekannt. Jetzt scheint mir 
die Deutung unschwer gegeben. Für das Verhältnis der Kinder zu den 
Eltern ward es im Obigen ausgeführt. Doch auch umgekehrt findet Libido- 
Erregung und -Versagung regelmäßig statt. Jedes Kind weiß, daß die 

1) Auch in späteren Jahren rührt ein gut Teil der Entfremdung zwischen Vater 
und Sohn daher, daß, wenn dieser heranwächst, der Vater weniger mit ihm zärtelt. 
Wohl führt dessen frühes Spielen mit dem Büblein zu mancher pädagogischen Unzu- 
kömmlichkeit, doch ist es vielleicht nötig, um die Liebe zwischen beiden zu befestigen, 
der ja vom Ödipuskomplex her höchste Gefahr droht. Immer wieder muß gesagt 
werden: Liebe entsteht einzig und allein durch gewollte oder unbeabsichtigte sexuelle 
Reizungen in den allerfrühesten Lebensjahren. Eine solche kommt häufig auf durchaus 
harmlose Weise zustande; wenn z. B. ein Vater sein Töchterlein auf den Topf setzt 
oder dem Jungen hilft, sein Glied herauszunehmen. Doch wirkliche Liebe gibt es 
nur in den ersten fünf Lebensjahren. Wenn man sich später glühend verliebt, erfolgt 
dies bloß darum, weil die betreffende Person dem ersten wirklichen Liebesobjekt 
gleicht. 



418 



I. Sadger 



Mutter ein Vergnügen an seiner Wartung und Entblößung empfindet, und 
wenn es aus irgend einem Grunde zürnt, läßt es sich von ihr weder 
waschen noch ausziehen. Im Verhältnis der Gatten merkt wieder der Vater, 
daß der Eheliebsten die Pflege ihres Kindes weit lustvoller ist als seine 
Umarmung, worüber er mindestens heimlich wütet. Anderseits kann es die 
Frau dem Manne nicht verzeihen, daß er ihre Gunst als sein Recht begehrt, 
da ihr der Sinn doch weit mehr nach ihrem Jungen steht. Endlich fühlt 
sich das ältere Geschwister gegenüber dem jüngeren hilfsbedürftigeren stark 
zurückgesetzt und rächt sich für den Liebesentzug durch allerlei, was es 
dem Kleinen antut. Dieses hinwieder vermerkt in der allgemeinen Herz- 
und Zärtlichkeit, die es umgibt, dann doppelt jenes Tun und vergilt den 
Haß mit gleicher Empfindung. Trotzdem führt das innige Zusammensein 
der Geschwister doch unvermeidlich zu gelegentlichen sexuellen Reizungen, 
die wenigstens Ansätze von Liebe ermöglichen. 

Erfahrungsgemäß knüpfen Trotz und Haß an die Behinderung der 
Anal- und nicht der Urethralerotik. Woher diese sonderbare Erscheinung? 
Wer kleine Kinder darauf prüft, wird sehr bald erkennen, daß ihre 
Urethralerotik viel seltener sich in Harnverhaltung, als in zu häufiger und 
unzeitgemäßer Hingabe äußert. Zeitweise Harnsperre tritt abgesehen von 
direkt krankhaften Zuständen, wie Blasensteinen, Blutgerinnsel in 
Urethra usw., im Kindesalter doch recht selten auf und wird darum auch 
kaum das Eingreifen der Pflegerin erfordern. Hingegen spielt bei der 
Aftererotik die gewollte oder unabsichtliche Zurückhaltung eine ent- 
scheidende Rolle. Es wird auch von der liebenden Mutter auf sie weit 
größeres Gewicht gelegt und die nicht selten in der Disposition vererbte 
Verstopfung durch Irrigationen zu beheben gesucht. Viel öfter als bei den 
kleinen Geschäften wird das Kind bei den großen zum Hergeben 
gezwungen, bemüssigt, sich von seinem Darminhalt sozusagen kastrieren 
zu lassen. Hier zweigt neuerdings ein Hang zur Zwangsneurose und auch 
zur symbolischen Kastration ab, die beide aller Erfahrung gemäß in einem 
innigen Zusammenhang stehen mit dem Sado-Masochismus. Andererseits 
weckt der starke Zwang, den Stuhl zu opfern, weit eher einen mächtigen 
Haß als die Bekämpfung der Harnerotik. 

Fassen wir zusammen: die Ambivalenz von Liebe und Haß ist 
daraus zu erklären, daß die Pflegepersonen zuerst die Geschlechtlich- 
keit des kleinen Kindes mächtig schüren, dann aber die Lust nicht 
fortdauern lassen, sondern energisch zum Abbruch blasen. Teils durch 
Entziehung des gewohnten Reizes (Munderotik), teils durch den Zwang, 
vor allem die anale Befriedigung unserer Gesittung zum Opfer zu 
bringen, wird eine Dauerverknüpfung gesetzt zwischen Haß, Analerotik, 



Ein Beitrag zum Verständnis des Sado-Masodiismus 4*9 

Zwangsneurose und Kastration, sowie all dieser Dinge mit dem Sado- 
Masochismus. 

Und nunmehr kann ich noch schärfer präzisieren : Wer kräftiger haßt 
als liebt, d. h. also nach dem früher Gesagten: wer die Entziehung 
geschlechtlicher Reizungen ursprünglich schon weit tiefer empfand, als 
jemals vorher die Lust der Gewährung, der neigt zum Sadismus. Sadisten 
sind sämtlich kräftige Hasser. Ja, mächtiger Haß ist geradezu Vorbedingung 
dieser Perversion. 1 

Eine andere Seite des Sadismus knüpft nicht an den After, sondern an 
den Mund als erogene Zone. Freud hat bekanntlich als zweite prä- 
genitale Stufe die anal-sadistische aufgestellt. Ich aber zeigte bereits im 
Jahre 1913, daß zwei Formen des Sadismus, der Beiß- und Blutsadismus, 
schon mit der ersten prägenitalen Phase, der oralen, unauflöslich verknüpft 
sind, 2 zumal wenn diese, wie so häufig, eine konstitutionelle Verstärkung 
aufweist. Sowohl bei erhöhter Disposition als noch weit mehr, wenn die 
Milchquelle ungenügend fließt, wird das Kind aus Leibeskräften ziehen, 
die Brust mit den Händchen drücken und quetschen, um möglichst viel 
herauszubekommen, ja eventuell die Mammillen beißen, bis blutige 
Schrunden an diesen entstehen und die Mutter oft arge Schmerzen erleidet. 
Es möchte die Brust sich sozusagen einverleiben, — hier eine Beziehung 
zum Bemächtigungstrieb — um nur möglichst viel buchstäblich zu 
erpressen, und andererseits, wie spätere Phantasien beweisen, die Brust- 
warze abbeißen, sie also kastrieren. Jedenfalls verbindet sich demnach auch 
die Munderotik mit dem Sadismus. 

Hingegen scheint die von Haus aus verstärkte Genitalerotik, welche 
bei Urningen die Regel ist, viel eher zum Masochismus zu disponieren, 
was dann die so häufige Kombination von männlicher Inversion mit diesem 
ergibt. Bei der enormen Reizbarkeit der Geschlechtspartien sämtlicher 
Urninge und des membrum virile aller Urethralerotiker kommt es sehr 
leicht zu deren schmerzhaft-lustvoller Reizung, wie etwa bei dem Waschen 
und Säubern der Kinderpflege, zumal wenn die Mutter „nervös" oder 
heftiger Gemütsart ist und schärfer zupackt, als sie wohl müßte; ferner 
auch, wenn der Vater spielend seinem Büblein ans Glied zu greifen liebt; 
und endlich auch, wenn jener oder ein älterer Bruder den kleinen Jungen 
auf seinen Schenkeln reiten läßt. Sobald das Kind beim Reinigen seiner 

1) Bismarck sagt einmal: „Ich muß immer jemand zum Lieben und Hassen haben. 
Zum Lieben habe ich meine Frau, zum Hassen Windthorst." Allerdings war dieser nicht 
das einzige Objekt, denn Bismarck war bekanntlich zeitlebens ein überaus starker 
Hasser. 

2) „Über den sado-masochistischen Komplex", Jahrb. f. psychoanalyt. u. psycho- 
pathol. Forschungen, Band V. 



420 I. Sadger 

Genitalien sich der Mutter entziehen, dem spielenden Vater entrinnen 
möchte und dann doch der überlegenen Gewalt des anderen sich beugen 
muß, kann die übergroße Ansprechbarkeit der Geschlechtsorgane, die zu 
wollüstigen Schmerzen führt, sich sehr leicht vereinen mit dem primären 
Eindruck, in der Gewalt eines Stärkeren zu stehen, was wiederum die 
Brücke bildet zum Masochismus sensu strictiori. Bei Masochisten fand ich 
noch folgende psychische Mitbegründung: ich bin in der Gewalt eines 
starken Weibes, natürlich der Mutter. Sie könnte mit mir anfangen, was 
ihr beliebt, vermöchte sogar, wie einst die Mutter, auch meinen Penis 
auszureißen oder abzuschneiden, allein sie ist gut und tut es nicht. Selbst- 
redend gehen alle diese Vorstellungen auf die absolute Hilflosigkeit des 
Säuglings gegenüber seinen Pflegepersonen zurück, die, wie das Beispiel 
Tolstois dartut, ein ganzes Leben lang nachwirken kann. 

Mich dünken diese Beziehungen von so großem Belang, daß ich noch 
einmal auf sie zurückkommen möchte. Nirgends ist der Zusammenhang 
von Sado-Masochismus und Kastration so unverkennbar mit Händen zu 
greifen, als gerade bei der Kinderpflege. Wenn die Mutter recht nach- 
drücklich, vielleicht sogar gewaltsam Penis und Hoden trocken reibt, 
entsteht im prädisponierten Kinde zugleich Schmerz und Lust, was ja die 
Grundlage jener Perversion ist. Und das Büblein wird leicht zu der 
Meinung verleitet, Mama wolle ihm die Genitalien wegreißen, d. h. ihn 
entmannen. Daß diese ihm aber zum Schluß doch verbleiben, macht die 
Sache nur um so angenehmer, die ursprüngliche Angst zu einem reiz- 
vollen Spiel, das die Mutter mit ihm treibt, um ihm den höchsten Genuß 
zu bereiten. So wandelt sich die anfängliche Kastrations angst in 
Kastrations lust, was typisch ist für die Entstehung der letzteren. 

Zum Schlüsse dünkt es mich angezeigt, eine schwere Frage der Kinder- 
erziehung hier anzuschneiden. Diese kann gar nicht anders als natur- 
gegebenen Spuren folgen und damit notwendig Haß erregen. Auch die 
liebendste Mama muß schließlich einmal ihrem Sprößling ihre Brust 
entziehen, dieser muß zur Regelung seiner Leibesfunktionen, zum Verzicht 
auf onanistisches Spielen angehalten werden. Und doch weiß man heute, 
wie leicht diese Dinge, wenn eine von Haus aus verstärkte Erotik mit 
im Spiele ist, zum Haß, zur Zwangsneurose und zum Sadismus führen. 
Je mächtiger der Trieb, desto notwendiger die Unterdrückungsarbeit, doch 
auch desto eher treten die unerwünschten Folgen auf. Und gleichwohl 
kann man von jenen Forderungen der Gesittung schwerlich absehen. Fast 
wäre zu glauben, es gäbe zwischen der Scylla der Unkultur und der 
Charybdis einer Neurose oder Perversion kaum eine Rettung. Es bleibt 
da wirklich nichts anderes übrig, als das Kind stets wieder heiße Liebe 



Ein Beitrag zum Verständnis des Sado-Masodiismus 421 

durchfühlen zu lassen und sich so zu bemühen, dem Haß und seinen 
Folgen den nährenden Boden allmählich zu entziehen. Bleibt ja doch selbst 
bei der Masturbation die positive Übertragung auf ein Liebesobjekt noch 
immer das beste, bewährteste Heilmittel. Man muß es durchzusetzen 
trachten, daß ein Kind seine Fehler, sein Schlimmsein aufgibt, den Eltern 
zuliebe, nicht als Erziehungszwang. 



Über die Quellen der neurotischen Angst 

Ein Beitrag zur Theorie der psychoanalytischen Therapie 

Von 

Wilhelm Reich 

Wien 

Als kausale Psychotherapie hat die Psychoanalyse zunächst die Aufgabe, 
den Sinn der manifesten und der larvierten neurotischen Angst bewußt zu 
machen ; erst nachdem dies gelungen ist, vermag sie ihre Quellen zu 
beeinflussen, die, wie Freud gezeigt hat, letzten Endes Triebenergien 
sind. Die therapeutische Beeinflussung bedeutet nur eine Neuordnung 
der Triebe im Sinne einer der Realität besser angepaßten Zusammen- 
setzung. Doch unterscheiden sich die Quellen der neurotischen Angst 
untereinander durch verschiedene dynamische Wertigkeit. Die Dauerheilung, 
die die Psychoanalyse erzielen will, wird nur durch die gelungene Beein- 
flussung der dynamisch vollwertigsten Angstquelle garantiert. Man kann 
nun die ätiologische Wertigkeit der Angstquellen nach ihrer gegenseitigen 
Abhängigkeit beurteilen: Man wird diejenigen als sekundäre Angstquellen 
bezeichnen, die 1 . ihre pathogene Wirksamkeit erst während des neurotischen 
Regressions- und Verdrängungsprozesses entfalteten und 2. ihre dynamische 
Kraft vorwiegend aus anderer Quelle beziehen. 

Freud hat als erster nachgewiesen, daß sexuelle Abstinenz oder 
inadäquate Befriedigung unmittelbar Angst erzeugen kann. 1 Diese „Aktual- 
angst" beruht auf somatischer Libidostauung und schwindet, wenn diese 
Schädigung behoben wird. Ferner fand er, daß Angst auch dadurch 
zustande kommt, daß dem moralischen Ich die Unterdrückung einer 
libidinösen Triebregung nur unvollständig gelingt: der verdrängte Trieb 
kehrt als Angst wieder, d. h., diese ist die Angst des Ichs vor seinem Trieb- 
anspruch. Da jede Sexualverdrängung eine Stauung der somatischen Libido 

1) Freud: Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten 
Symptomenkomplex als „Angstneurose" abzutrennen, 1895. (,Ges. Schriften, Bd. I.) 



Über die Quellen der neurotischen Angst 423 



hervorruft, ist die Aktualangst der Kern jeder neurotischen Angst. 
Komplizierter wurde die Sachlage, als Freud' in der Angst, die bei der 
Geburt entwickelt wird, das Vorbild jeder Angst zu erkennen glaubte. Es 
ist Ranks 2 Verdienst, daß wir heute der Geburtsangst größere Bedeutung 
beimessen; wir werden aber zu untersuchen haben, ob man die Geburts- 
angst als die Urquelle der Angst hinstellen darf. Im Gegensatz dazu 
hat AdlerS seinerzeit die Angst einzig und allein auf die Unterdrückung 
aggressiver Tendenzen zurückgeführt. Die akute Angstentwicklung nach 
Ligatur der Vasa deferentia, die eine Steigerung der inneren Sekretion der 
Pubertätsdrüse zur Folge hat,* beweist experimentell die Richtigkeit der 
Auffassung Freuds von der Aktualangst. Doch sprechen viele klinische 
Tatsachen für die Annahme einer „Aggressionsangst" und im Querschnitts- 
bilde zahlreicher Neurosen ist die Geburtsangst die dynamisch wirksamste 
Angstquelle. Wie verhalten sich nun die bekanntesten Angstquellen: 
Libidostauung, Geburtstrauma und unterdrückte Aggressivität zueinander? 
Die meisten Neurosen setzen, wie wir wissen, mit einer Entwicklungs- 
hemmung in der genitalen Ödipusphase ein. Die Folge davon kann sein: 
eine Fixierung auf der Stufe der genital-inzestuösen Objektliebe oder eine 
Regression zu früheren Stufen der Entwicklung, die seinerzeit unter Hinter- 
lassung latenter Fixierungsstellen überschritten wurden (Freud). Dort 
entsteht eine Hysterie, hier eine Zwangsneurose oder eine ihr verwandte 
Erkrankung. Die Libido hält aber an der spezifischen Fixierungsstelle nicht 
nur starr fest, sondern sie versucht auch ständig Positionen zu erreichen 
die für andere Neurosenbilder typisch sind. So bedingen die Klebrig- 
keit der Libido und die Starrheit der Fixierungen die typische Krank- 
heitsform, beide vereint mit der Labilität die Mischform. Die 
Klebrigkeit läßt sich auf den Wiederholungszwang zurückführen, der sich 
im Bereiche des Lustprinzips besonders machtvoll durchsetzt 5 - doch ist 
auch die Labilität nicht regellos, sondern zeigt Gesetzmäßigkeiten auf 
Grund gewisser Wechselbeziehungen der Partialtriebe : Sie kommen in der 
(in jedem Falle besonderen) Schichtung der sinnvollen Inhalte der 
Angst und ihrer Quellen zum Ausdruck. Bei der Zwangsneurose z. B., für 
die die manifeste Angst nicht charakteristisch ist, kommen auch hysterische 
und melancholisch-depressive Symptome vor. In der Analyse zeigt es sich, 

1) Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (Ges. Schriften, 
Bd. VII). 

2) Rank: Das Trauma der Geburt, 1924 (Internat. PsA. Bibl., Bd. XIV;. 

3) Adler: Über neurotische Dispositionen (Jahrb. f. psa. Forschungen 1909) 
und „Der nervöse Charakter," 2. Aufl., J919. 

4) Federn: Vortrag auf dem VII. Int. PsA. Kongreß in Berlin 1922. 

5) Reich: Zur Triebenergetik (Ztschr. f. Sex.-Wiss. 1923). 



424 Wilhelm lteidi 



daß die Libido von der sadistisch-analen Fixierungsstelle sehr oft zu 
genitaler Neubesetzung von Objekten vorstößt, unter hysteri former Angst- 
entfaltung zur zwangsneurotischen Position zurückflutet und sie verstärkt, 
oder sogar pendelartig die oral-melancholische akut aktiviert: auf den 
mißglückten genitalen Vorstoß folgen orale Introjektionsmechanismen. In 
analoger Weise reagieren manche hysterische Patienten auf die befreiende 
Arbeit der Analyse zuerst mit akuter Verschärfung der Genitalangst, dann 
mit einer passageren Regression zum analen Sadismus; es verstärkt sich 
die zwangsneurotische Beimischung oder es treten passagere Zwangs- 
symptome auf. Daß durch Zwangssymptome Genitalangst gebunden wird, 
kann man an den Zwangsneurosen sehen, die sich nach der Lösung ihrer 
Fixierungen, ehe sie zur Heilung kommen, in eine Angsthysteric ver- 
wandeln; diese ist eine Neuauflage der in der Kindheit erlebten Angst- 
hysterie: die genitale Stufe wurde zunächst unter Angstentfaltung neu- 
besetzt. Im Gegensatze dazu findet man, daß Hysterien vom oralen Typus, 
im besonderen Patienten mit Asthma bronchiale, auf Mißglücken eines 
Vorstoßes der Genitalität, der durch die Behebung der Verdrängung 
angeregt wurde, mit einer akuten Verstärkung der Mutterleibssehnsucht 
und Geburtsangst reagieren. Das entspricht ganz der Libidoentwicklung 
solcher Fälle: das Kind entwickelte die genitale Objektliebe, erfuhr eine 
Versagung, die es zunächst angsthysterisch zu überwinden suchte, reak- 
tivierte dann seine orale Position und sehnte sich schließlich in den 
Mutterleib zurück, der in der Phantasie den Schutz vor den Gefahren 
dieser Welt darstellt. Man darf nun verallgemeinern, daß das Zurück- 
weichen der Libido von der mit Kastrationsangst besetzten Genitalposition 
zur Mutterleibsphantasie, mindestens in Ansätzen, in jeder Neurose 
vorkommt. So ist es zu erklären, daß man im Querschnittsbilde der meisten 
Neurosen die Mutterleibssehnsucht und -angst findet; die analytische 
Betrachtung des Längsschnittes solcher Fälle zeigt jedoch, daß ihre Aktivierung 
die Folge des neurotischen Verdrängungs- und Regressionsprozesses, nicht 
aber deren Ursache war. 1 Sekundär haben sie allerdings besondere Symptome 
geschaffen, an deren Bildung auch der Inzestwunsch beteiligt war. Die 
Mutterleibsphantasie bekommt nämlich einen inzestuösen Sinn : es entsteht, 
besonders häufig bei Frauen, die Phantasie, im Mutterleib vom Vater 
koitiert zu werden. Bezieht nicht vielleicht die von Rank hervorgehobene 
Mutterleibsangst ihre stärksten Beiträge aus der Inzestscheu ? Eine ähnliche 
Frage erhebt sich bei der Annahme Ranks, daß die Kastrationsangst 

i) Das zeigt sich z. B. auch während der analytischen Behandlung: die Deutung 
der Mutterleibssehnsucht wird unvergleichlich leichter akzeptiert als die des Inzest- 
wunsches. 



Über die Quellen der neurotischen Angst 425 



letzten Endes auf der Angst vor dem mütterlichen Genitale beruhe, das 
an das Trauma der Geburt erinnere. Wie sollte das Kind diese Angst- 
vorstellung schon bei der Geburt akquirieren? Wenn es aber später das 
weibliche Genitale wahrnimmt und nach Vergleich mit dem männ- 
lichen mit Angst besetzt, so ist das Kastrationsangst. Obgleich nun die 
Geburtsangst die ontogenetisch ältere ist und vielleicht aus diesem Grunde 
die Angst so häufig ihre Inhalte, wie Erstickung, Dunkelheit, enger 
Raum usw., aus dem Prozeß der Geburt schöpft, ist sie — ihrer dynamischen 
Wertigkeit nach — eine sekundäre Angstquelle und ihr Wirksam- 
werden die Folge pathogener Regression. Als primäre Angstquelle dürfte 
sie nur dort wirken, wo bereits die ersten postnatalen Entwicklungsschritte 
auf grobe äußere Schwierigkeiten stießen, also etwa bei ernsten Störungen 
in der oralen Phase. 

Die Mutterleibssehnsucht ist somit der Ausdruck einer Flucht 
ohne Abwehr; sie äußert sich charakterologisch in extremer kindlicher 
Passivität. Im Gegensatz dazu zeigt der zwangsneurotische Charakter eine 
Flucht vor den genitalen Inzestkonflikten mit aggressiver Abwehr: 
vorherrschende sadistische Aktivität beim Manne, aggressive Männlichkeit 
beim Weibe. Im Beginne der Analyse sieht man, daß jeder Vorstoß geni- 
taler Objektliebe in der Übertragung an der Schranke der Inzestscheu und 
Kastrationsangst gebremst und die Aggressivität verstärkt wird. Dieser Ver- 
stärkung kann eine akute Angstentfaltung vorangehen oder sie folgt ihr 
nach und macht dann den Eindruck reiner Gewissensangst. Die Reihen- 
folge der Aktionen und Reaktionen ist scheraatisch die: Vorstoß genitaler 
Objektliebe — Angst, kastriert zu werden — Abwehr dieser Gefahr durch 
sadistische Aggression (aktive Kastration) — Verstärkung der Kastrations- 
und Gewissensangst — neuerliche Abwehr u. s. f., oder auch mächtige Ver- 
drängung der maskierten Aggressivität und Depression. Es hängt von der 
Intensität der analen Libido, die zur Passivität disponiert, ab, ob die 
(phallische) Aggressivität im analen Masochismus verkehrt wird. Es zeigt 
sich nämlich ganz im Sinne Fe dem s, 1 daß phallische Genitalität und 
Sadismus einerseits, Analität und Masochismus andererseits zu einander 
spezifische Affinitäten haben. Dynamisch ausgedrückt: Die phallische 
Erotik ist dem Manifestbleiben des Sadismus, die Anali- 
tät seiner Verkehrung in (analen) Masochismus förder- 
lich. Wurde die Kastrationsangst in den Wunsch, kastriert zu werden, die 
Strafangst in Strafbedürfnis, der Sadismus in Masochismus verkehrt, so tritt 
an die Stelle de r Versuche, die genitale Position zu behaupten oder wieder 

1) Federn: Beiträge tax Analyse des Sadismus und Masochismus (Internat. 
Zschr. f. PsA. 1913, i 9 i 4 ). 

Int. Zcitschr. f. Psychoanalyse XII/3. a8 



42 6 Wilhelm Reich 



zu erobern, die Tendenz, sie ganz aufzugeben und die Mutterleibssituation 
oder ihr nahestehende Fixierungen zu beleben. Im Bilde der Neurose 
tritt dann die Genitalangst beträchtlich zurück. Masochistische Wünsche 
sind gelegentlich Folge der Angst: ihre Erfüllung befriedigt im Sinne 
Reiks und Alexanders das Strafbedürfnis und hebt durch die ideell 
vollzogene Selbstkastration die Genitalangst auf. Hat der masochistische 
Patient in der Analyse den Mut zur Hervorkehrung des Sadismus wieder- 
gewonnen, so pflegt die Genitalangst wieder zu erwachen; beides ist ein 
Zeichen der Gesundung. Wir werden an anderer Stelle nachweisen, daß 
das Schicksal der Destruktionstriebe und die Strenge des Über-Ichs von der 
Art der erogenen Fixierung abhängen. Hier wollen wir nur festhalten, daß 
das strafende Über-Ich des genital Fixierten weit weniger mächtig ist als 
das des prägenital Fixierten. Man darf programmatisch den Standpunkt 
vertreten, daß dem weiteren Ausbau der Freudschen Lehre von der 
Struktur der Persönlichkeit eine detaillierte klinische Fundierung der Ich- 
psychologie durch die Sexualtheorie vorangehen müsse. Sieht man somit im 
Verhältnis der Sexualtriebe zu den Destruktionstrieben das Kernproblem 
der Ichpsychologie, so verspricht die Untersuchung der Frage, woher die 
Aggressionsangst ihre Energien bezieht, einige grundsätzliche vorbereitende 

Klärungen. 

Der Sinn der Aggressionsangst ist ursprünglich die Befürchtung des 
Individuums, selbst zerstört zu werden, wenn es sich egoistisch und anti- 
sozial benimmt. Soweit später die sublimierende Wendung des Destruktions- 
triebes gegen die eigene Person gelingt und dadurch moralische Hemmungen 
verstärkt werden, bekommt die Aggressionsangst den Sinn der Angst vor dem 
eigenen Gewissen (Freu d). Es gibt also, dem Sinne nach, eine Aggressions- 
angst, wie es eine libidinöse Angst gibt. Die Frage ist nur, ob bei ihr 
auch die Q u e 1 1 e in der E n e r g i e des Destruktionstriebes liegt, analog wie 
die Libidostauung die Quelle der Sexualangst ist. Dazu einige Tatsachen: 

Wenn triebhafte Charaktere ihre sadistischen Impulse bremsen, tritt 
Angst auf. Die Energie der unterdrückten Aggression scheint also bei 

oberflächlicher Betrachtung — ganz im Sinne Adlers die Quelle der 
Angst zu sein, Diese Angst schwindet aber nicht, wenn die Impulse 
durchgeführt werden, wie die Aktualangst nach der Sexualbefriedigung 
vergeht, sondern sie tritt im Gegenteil verstärkt auf. Es könnte nun 
der soziale Sinn der Aggressionsangst diesen qualitativen Unterschied gegen- 
über der libidinösen bedingen. Deckt man aber die individuelle Genese 
der Aggressivität auf, so findet man typische Beziehungen zu den Schick- 
salen der Libido. Im späteren Leben sadistisch-aggressive Triebmenschen 
gelangten nämlich in früher Kindheit zu voller sexueller Befriedigung und 



Über die Quellen der neurotischen Angst 427 

waren zuerst bloß libidinös triebhaft. Die Aggressivität erwachte erst nach 
der gewaltsamen Unterdrückung der Sexualbefriedigung durch die Eltern 
oder deren Stellvertreter. Die brutale Versagung der Inzestliebe wurde 
um so härter empfunden, als sie durch reale Libidobefriedigung mächtig 
gesteigert war. Die frühzeitige Introjektion der brutalen Liebesobjekte schuf 
ein nach innen und außen sadistisches Ichideal; es wurde weniger 
Aggressivität in der Moralität gebunden und die Liebesfähigkeit von Haß 
und Sadismus überwuchert. Mit anderen Worten: Die Versagung 
der Sexualbefriedigun g hat die Aggressivität hervor- 
getrieben, die nunmehr durch Mischung mit verdrängten Sexualtrieben 
sexuelle Färbung annahm. Erst jetzt verdiente sie die Bezeichnung „Sadismus". 
Diese Auffassung von der individuellen Entstehung des Sadismus, die 
sich aus der Analyse triebhafter Psychopathen mit zwingender Klarheit 
ergab, läßt sich auch auf dem Gebiete der triebgehemmten Neurosen reich- 
lich belegen. Jede Versagung einer Triebbefriedigung schafft Ambivalenz 
(Grab er) und die Bereitschaft zu sadistischen Bacheaktionen. Ob es zur 
Tat kommt, wie beim triebhaften Charakter, oder zu totaler Triebhem- 
mung, hängt von dem Ausmaß der Identifizierungen, von der Art und 
Intensität der Versagungen, sowie vom Zeitpunkt ab, in dem sie das 
Lust-Ich trafen. 1 Im besonderen zeigen die Beaktionen während der ana- 
lytischen Behandlung und der Verlauf der Heilung, daß die Intensi- 
tät der Aggressionsneigungen vom jeweiligen Zustand 
der Libidostauung abhängt. Hiezu einige Beispiele: neurotische 
Frauen pflegen zur Zeit der Menstruation in hohem Grade gereizt und 
aggressiv oder deprimiert zu sein. Die Psychiatrie sieht in der menstruellen 
Verstimmung eine direkte Folge des somatischen Menstruationsprozesses 
und versucht, sie durch Organotherapie zu beeinflussen. Die Analyse zeigt 
dagegen, daß die Aggressivität eine psychische Reaktion auf die Genital- 
blutung ist und die Depression teils der narzißtischen Kränkung, teils der 
Verdrängung der aggressiven Wünsche entspricht (Schuldgefühl). Erlangen 
solche Frauen durch die Analyse die volle orgastische Potenz, so machen 
die menstruellen Verstimmungen einer wahrscheinlich innersekretorisch und 
lokal bedingten sexuellen Erregtheit Platz; ist doch auch normalerweise 
die Libido knapp vor, während und nach der Menstruation gesteigert. Sie 
treibt aber keine Aggressivität mehr hervor, weil das penislose Genitale 
akzeptiert wurde, der Sexualwunsch vom Über-Ich gebilligt wird und die 
Erwartung der Befriedigung durch den Mann nicht Haß erzeugt wie beim 
neurotischen Weibe, sondern die Liebesbereitschaft steigert. 

1) S. Reich: Der triebhafte Charakter, 1925 (Nene Arb. 2. ärztl. Psychoanalyse, 
Nr. IV). 



28» 



428 Wilhelm Heidi 



Männliche Zwangsneurotiker mit sadistischen Impulsen verwenden in 
der Phantasie meist phallische Symbole: Messer, Revolver, Axt usw. Die 
Impulse weichen aber nicht sogleich, wenn ihr Sinn aufgedeckt wurde, 
sondern erst, wenn die genitale Objektliebe die Oberhand gewonnen hat und 
befriedigt oder sublimiert wurde. Sind solche Kranke erektiv potent, so 
leidet der Orgasmus unter den Schuldgefühlen, die sich mit den destruk- 
tiven Tendenzen verbinden. Die Zersplitterung des Orgasmus erhöht wieder 
die Äggressionsneigung; die Verdrängung, die demzufolge einsetzt, schafft 
die Rationalisierungen der asketischen Ideologie, der Koitus sei schmutzig 
(anal) und tierisch (sadistisch). Ebenso ergibt die Analyse von Ehe- 
gatten, die einander quälen oder roh behandeln, als wesentlichste Ursache 
sexuelles Unbefriedigtsein. Der Wandlung glücklicher Ehen in schlechte 
geht eine zuerst unbemerkte Abstumpfung der genitalen Anziehung 
voraus. 

Das phlegmatische Wesen des vor der Pubertät kastrierten Eunuchen 
zeigt, daß der Destruktionstrieb machtlos ist, wenn die Quelle des libidi- 
nösen Zuschusses fehlt. Kastrierte Tiere, wie Kapaune, Ochsen usw., sind 
überhaupt nicht aggressiv. Dagegen sind Stiere und Hengste um so 
aggressiver, je seltener sie zu den Weibchen gelangen. Nach dem Akte 
flaut auch ihre Aggressivität ab. Will man Wachthunde recht scharf 
erhalten, so legt man sie an die Kette und hält sie von läufigen Hündinnen 
fern. Das Winseln und Heulen der Kettenhunde hat eine deutlich angst- 
volle Note. Enragierte Sportsleute, die in ihren Betätigungen aggressive 
Tendenzen befriedigen (Boxen, Fußball usw.), behaupten, daß der Geschlechts- 
verkehr sportlichen Höchstleistungen hinderlich sei. 

Man darf somit behaupten, daß die Libidostauung die nachweisbare indivi- 
duelle Quelle der destruktiven Aggressivität ist und der Sadismus diesem 
Zusammenhang sein Dasein verdankt. Es kann derzeit nicht entschieden werden, 
ob es einen von Sexualstrebungen freien Destruktionstrieb gibt. Was als 
unerotische Aggressivität erscheint, entpuppt sich, wenn man nur geduldig 
wartet, als Erfolg einer äußeren oder inneren Versagung der Sexualbefriedigung. 
Die sexuelle Befriedigung bindet ihn, indem ihm die Energiequelle 
entzogen wird. Fällt sie weg, wie beim Frühkastraten, so kommt er nach 
außen gar nicht zum Vorschein. Die Betrachtung des Klimakteriums und 
Seniums zeigt wieder seine Abhängigkeit vom Zustand der somatischen 
Libidoquelle: Im Beginne der Involution empört sich der Klimakterische 
zunächst durch erhöhte sexuelle Aktivität („Aktivitätsschub", II. Deutsch), 
später wird er mißmutig, zänkisch, gelegentlich grausam, bis schließlich in 
der senilen Involution die biologische Wirksamkeit des Destruktionstriebes 
sich nach innen voll entfaltet. Seine Abhängigkeit von der Libido 



Über die Quellen der neurotisdien Angst 429 



als Energiequelle ist demnach einzuschränken auf seine p sj'chi sc h e 
Wirksamkeit nach auße n. 

Der biologische Sinn, den Freud dem Destruktionstrieb beigelegt hat, 
legt die Annahme nahe, daß die neurotische Todesangst ein direkter 
Abkömmling der biologischen Tendenz, das Leben zu vernichten, sei. Und 
tatsächlich pflegt die neurotische Angst zu sterben sowie ihre Variationen, 
wie die allgemeine Vernichtungsangst und die Angst vor Weltkatastrophen, 
besonders ausgesprochen bei den Fällen zu sein, deren Schuldgefühl als 
Zeichen entmischter Destruktionstriebe auf Selbstvernichtung zielt. Die 
bewußte Todesangst könnte der endopsychischen Wahrnehmung dieser 
Tendenz entsprechen. In der Analyse verliert sich jedoch die Todesangst, 
wie lärmend sie auch vorher war, und wird restlos durch Kastrationsangst 
und Mutterleibssehnsucht oder -angst ersetzt. Identifiziert sich das körper- 
liche und seelische Ich mit dem Genitale, so entsteht hypochondrische 
Sterbensangst oder allgemeine Katastrophenangst. Daß sich Kastrations- und 
Mutterleibsangst zur Todesangst zusammensetzen können, war in einem 
Fall zu sehen, wo der Tod als ein Abtrennen des Körpers von der Seele 
vorgestellt wurde: der Körper, der unbewußt den Penis bedeutete, ver- 
schwand im Mutterleib. „Leben ist . . . für das Ich gleichbedeutend mit 
Geliebtwerden . . . Ul Auch bei realer Gefahr reagiert das Ich mit den 
Mechanismen, die für die Herstellung der neurotischen Todesangst bereit- 
liegen: Es sieht „sich von allen schützenden Mächten verlassen und läßt 
sich sterben. Es ist übrigens immer noch dieselbe Situation, die dem ersten 
großen Angstzustand der Geburt und der infantilen Sehnsuchtsangst 
zugrunde lag, die der Trennung von der schützenden Mutter" (Freud, /. c). 
Eine eigene unbewußte Repräsentanz der Todesangst kann in der Analyse 
nicht nachgewiesen werden. Nach einer privaten Mitteilung meint Ferenczi, 
daß sie auch als archaischer Bestandteil des Unbewußten nicht da sei, 
weil ja die beim Sterben erlebte Todesangst nicht vererbt wird. Der Tod 
ist überdies ein Begriff mit negativem Inhalt und kann als solcher nach 
Freud unbewußt nicht vorhanden sein. Will man aber an einer irreduziblen, 
biologisch begründeten Todesangst festhalten, so bleibt nur die Auskunft 
übrig, daß sie sich psychisch nur als Kastrations- und Mutterleibsangsl 
äußern kann. 

Das Schuldgefühl ist, wie Freud nachgewiesen hat, eine besondere 
Form der Angst vor dem strafenden und geliebten Vater, der ins Ich auf- 
genommen wurde und hier als strenges Gewissen weiterherrscht. Wichtige 

1) „Das Ich und das Es." F. Deutsch bemerkte in einer Diskussion, daß die 
Sterbensangst nicht die Angst vor dem Nichtsein, sondern vor dem Verlust 
des Lebens sei, das im Unbewußten nur die Möglichkeit, Lust zu gewinnen, bedeutet 



430 Wilhelm Reich 



klinische Tatsachen sprechen jedoch gegen die Gleichsetzung von Straf- 
bedürfnis mit unbewußtem Schuldgefühl. Nicht jedes Schuldgefühl drängt 
zur Selbstbestrafung; diese ist im Grunde ein Versuch, sich von der 
quälenden Gewissensangst zu befreien, und geht vom Lust-Ich aus, das sich 
unter dem Deckmantel der Moral dem Über-Ich (i. e. Vater) masochistisch 
hingibt; in manchen Fällen gilt die Bestrafung bloß einem introj izierten 
Objekt. 

Kehren wir zum Ausgangspunkte unserer Untersuchung zurück : Welche 
Rolle spielen die verschiedenen Quellen der Angst im analytischen 
Heilungsprozesse? Wir fanden, ohne für diese Antwort voreingenommen 
gewesen zu sein, bei der theoretischen Ableitung die Intensität der Geburts- 
und Aggressionsangst von der jeweiligen Libidostauung abhängig und 
stützen uns weiter auf die Tatsache, daß sowohl die vorübergehende 
wie die dauernde therapeutische Reaktion auf die Erledigung der ver- 
schiedenen Angstquellen verschieden ist. Bei gelungener analytischer 
Lösung der Neurose werden nämlich die Mutterleibssehnsucht und die 
Aggressivität aufgegeben, bzw. anderen Tendenzen untergeordnet oder 
„sublimiert" ; die Genitalität hingegen gibt nur ihr inzestuöses Objekt auf, 
behält aber ihr Sexualziel bei. Warum hat hier die Befreiung von der 
Angst automatisch ein verstärktes Hinstreben zum Gegenstand der 
Strebung, dort eine Abkehr zur Folge? Man pflegt dieses Resultat als 
Erfolg der Therapie im stillen vorauszusetzen, ohne sich Rechenschaft 
darüber zu geben, warum derselbe therapeutische Prozeß, die Befreiung 
von der Angst, so Gegensätzliches leistet. Das ist gewiß nicht selbstver- 
ständlich. Die Erfahrung lehrt aber weiter: i) Die Mutterleibssehnsucht 
und die Aggressivität werden trotz aller analytischen Einsicht nicht auf- 
gegeben, wenn die Kastrationsangst nicht analysiert wurde (Refraktär- 
b leiben), oder es strömt die zum Teil befreite Libido nach einem 
schwachen Vorstoß zur Genitalposition zu den früheren Fixierungsstellen 
zurück (Rezidive). 2) Es gibt Fälle, die, ohne vollständig analysiert 
worden zu sein, auch dauernd symptomfrei bleiben. Das sind diejenigen, 
bei denen die Anahyse zuerst an den genitalen Fixierungen angriff und 
sie vollständig lösen konnte, ehe tiefere Fixierungen die Übertragungs- 
situation komplizieren konnten. Die von der Kastrationsangst befreite 
Genitallibido konnte automatisch andere Wünsche außer Kraft setzen, 1 indem 

i Die Dauerheilungen durch palliative Psychotherapie, über die gelegentlich 
berichtet wird, dürften auf einer suggestiv ermöglichten Überwindung der genitalen 
Hemmungen beruhen. Die Spontanheilungen von Hysterien, z. B. nach einer Heirat, 
lassen sich so erklären. Das Problem, wodurch das Schuldgefühl beseitigt 
wird, besteht fort. 



Über die Quellen der neurotischen Angst 431 

die orgastische Lösung der Libidostauung die Bereitschaft zu regredieren 
praktisch beseitigte. )) Wenn das genitale Primat in der Kindheit unvoll- 
ständig zur Ausbildung kam, so überwiegt trotz der Analyse sämtlicher 
Angstquellen „der Zug zum Mutterleib", bzw. die Neigung zur prägenitalen 
Befriedigung. 1 

Die genitale Objektliebe ist somit der mächtigste Gegner des Destruk- 
tionstriebes, des prägenitalen Masochismus, der Mutterleibssehnsucht und 
des strafenden Über-Ichs. Ihre Befriedigung beseitigt die Libidostauung, 
den Kern jeder neurotischen Angst, und bindet den Destruktionstrieb, 
indem er als phallischer Sadismus beim Manne, als vaginaler Masochismus 
beim Weibe mitbefriedigt wird. Diese Überlegenheit des „lebenerhaltenden" 
Eros über den Destruktionstrieb ist die objektive Bechtfertigung unserer 
therapeutischen Bemühungen. Die individuelle Quelle des Lebenstriebes 
ist der somatische Sexualapparat; eine analoge individuelle Quelle des 
Todestriebes kann man, wenigstens derzeit, nicht nachweisen. Der „primäre 
Masochismus" (Freud) ist als Quelle des Todestriebes nur hypothetisch ; 
klinisch ist nur der „sekundäre Masochismus" faßbar, der als ein gegen 
die eigene Person gewendeter Sadismus (Freud) seine Energien aus 
erotischer Quelle bezieht. Man mag die Existenz eines biologischen Todes- 
triebes zur Erklärung des Destruktionstriebes supponieren. Das ist eine 
naturphilosophische Frage. Den individuellen Tod kann man sich auch als 
eine Folge des Versiegens der individuellen Quelle des Eros erklären: mit 
der klimakterischen Involution setzt auch die senile ein; manche Insekten 
sterben nach dem Hochzeitsflug. 

Die Untersuchung der Frage, warum die somatische Libidostauung als 
Angst zum Vorschein komme, wird an anderer Stelle erfolgen. 

Hier muß der Versuch, das klinische Fundament der Psychoanalyse, das 
ist die Lehre von der Verdrängung und Libidostauung, mit ihrem 
spekulativen Überbau, der Hypothese des Todestriebes, zu verbinden, abge- 
brochen werden. Doch führte der Versuch, uns die therapeutischen Ziele 
klarzumachen, zum Ausgangspunkt der psychoanalytischen Forschung, 
zur Lehre von der Libidostauung und Aktualangst zurück. 



1) S. Reich: „Über Genitalität" (Int. Ztschr. f. PsA. 1924) und „Über die 
chronische hypochondrische Neurasthenie" (Int. Ztschr. f. PsA. 1926). 



Ein Typus von analerotischem Widerstand 

Von 

Isador H. Coriat 

Boston, Mass. 

Vorliegende Arbeit befaßt sich hauptsächlich mit der weiteren Unter- 
suchung eines bestimmten Typus von analem Widerstand, dem man 
zuweilen bei der Analyse von Stotterern begegnet, worauf in einer anderen 
Abhandlung schon kurz hingewiesen wurde. 1 Dort hieß es, daß die orale 
Libido sich oft anal äußert, woraus sich im Zusammenhang mit dem 
Narzißmus die hartnäckigen Widerstände erklären, auf die man bei der 
Analyse von Stotterern stößt. Diese besondere Art des Widerstandes lernt 
man auch sonst während der analytischen Arbeit kennen; so bei den 
Übertragungsneurosen; aber in den narzißtischen Neurosen — besonders 
beim Stottern, das ein ausgeprägter Typus einer solchen Krankheitsform 
ist — tritt er als Obstipation in besonders schwerer Form auf. Da das 
Stottern einen Versuch oraler Libidobefriedigung darstellt, kann man sowohl 
auf psychologischer wie auf morphologischer Grundlage die nahe Verwandt- 
schaft zwischen oraler und analer Erotik erkennen. Auch Ferenczi* hat kurz 
darauf hingewiesen, wie Stuhlbeschwerden als passagere Symptombildungen 
sich während der Analyse als Regression des Analcharakters entpuppen. 

Wenn dieser von Obstipationserscheinungen begleitete anale Widerstand 
in der Analyse von Stotterern auftritt, läßt sich gleichzeitig ein Zunehmen des 
Sprachdefektes nachweisen, der zuweilen zu fast vollständiger Stummheit führt, 
zu einem Mangel an freien Assoziationen, als eine Form der Sparsamkeit in 
der Produktion des unbewußten Materials. Das Stottern zeigt bei solchen 
Gelegenheiten eine Analogie zur Obstipation; beides sind Verstopfungen, 
die bloß verschiedene Ausgänge des Darmkanals in Mitleidenschaft ziehen. 



1) Isador H. Coriat: „The Oral-Erotic Components of Stammering." Vortrag 
auf dem IX. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß, Bad Homburg, 1925. 

2) S. Ferenczi: „Über passagere Symptome während der Analyse." Zentralbl. 
für PsA., V, 1919. 



Ein Typus von analerotisdiem Widerstand 433 

Die Beeinträchtigung der oralen Libido bewirkt einen Widerstand in einem 
anderen Teil des Darmkanales, und es entsteht Obstipation als Verstärkung 
der Anallust durch den aufgeschobenen Defäkationsakt. 

Die Obstipation besorgt die Übertragung oder Verschiebung vom Gebiet 
der Oralerotik auf das der Analerotik. Die anale Zone erwirbt nun an 
Stelle der Mundzone erotische Bedeutung, worin die unbewußte Auf- 
lehnung gegen weitere Analyse und Deutung der Oralerotik zum Ausdruck 
kommt. In der Obstipation, die gleichbedeutend ist mit analerotischem 
Widerstand, handelt es sich um eine Regression zu einer prägenitalen 
Phase der Libidoentwicklung, ebenso wie die Oralerotik des Stotterns eine 
Regression zu einer ähnlichen Stufe bedeutet. 

Im weiteren ist die Obstipation auch ein Widerstand gegen den Verlust 
des Phallus (Kastration), der durch die Form und Zurückhaltung der 
Fäkalien symbolisiert wird. Dieser Kastrationswiderstand, der sich durch 
Verschiebung in Form von Obstipation, also Zurückhaltung des Kotes 
äußert, steht im Unbewußten mit dem physischen Sprechapparat in Zu- 
sammenhang, vor allem mit der Zunge, der eine wohlbekannte Phallus- 
bedeutung zukommt. 1 Diese Kastrationsangst bezieht sich auf den Verlust 
der Zunge wegen des verbotenermaßen aus ihr bezogenen Lustgewinnes 
(beim Stillen des Säuglings) und auf die sprachliche Impotenz, die ärgste 
Strafe für den narzißtischen Stotterer. Zur Bekämpfung der Kastrations- 
angst erfolgt daher eine Verschiebung auf eine Zone geringerer libidinöser 
Bedeutung, auf das Anale, wo die Obstipation als Äquivalenzvorgang die 
Erhaltung der phallischen Zunge darstellt. Das Zurückhalten der Fäkalien 
wird somit ein Widerstand gegen die Kastration, während aber gleichzeitig 
die physiologisch notwendig bedingte endgültige Ausstoßung und Loslösung 
vom Körper einen gemilderten Kastrationsersatz gegenüber dem Verlust der 
Zunge darstellt. Dieser Ausstoßung stellt sich ein verlängerter Widerstand 
entgegen, ein Widerstand, der dazu bestimmt ist, den Kot als phallisches 
Äquivalent zurückzuhalten, so daß die Obstipation als überdeterminiertes 
Symptom erscheint. Diese physische und ps3 r chische Verzweigung des 
Widerstandes dient der Erhaltung jener narzißtischen Allmacht und auto- 
erotischen Befriedigung, die für alle Stotterer so charakteristisch sind. Die 
analytische Situation bestätigt hier die Beobachtung Freuds. 2 „Der alte 
Analstolz tritt so in die Konstitution des Kastrationskomplexes ein , daß 
in der prägenitalen Organisation Sadismus und Analerotik ineinanderfließen. 

J, C. Flügel: „A Note on the Phalüc Significance of the Tongue and of 
Speech," Int. Journal of Psycho-Analysis, VI, 2, 1925. 

2) Freud: „Über Triebumsetmngen, insbesondere der Analerotik." Ges. Schriften, 
Band V. 



434 



Isador H. Coriat 



Um das Interesse von der Mundzone auf die Analzone abzulenken, wird 
die Lust in Form von Obstipation vom Mund auf den Darm verschoben. 
Hier zeigt sich die unbewußte Abneigung gegen die Analyse der Oral- 
erotik in einem Versuch, deren Lösung zu verhindern. Dieser im Vorder- 
grund stehende analerotische Zug ist es, welcher in Form von Obstipation 
die Komponenten des Widerstandes bildet. Dieser anale Widerstand stammt 
aus derselben prägenitalen Phase wie die Oralerotik; in beiden herrscht der 
mächtige überwertige Wunsch, an der infantilen Lust festzuhalten. Die 
während der Analyse freigewordene Libido hat sich zu negativer Über- 
tragung gesammelt und bildet nun selbst in der Obstipation eine neue 
anale Objektbesetzung. Aus diesen Beobachtungen scheint hervorzugehen, 
daß es zwischen der oralen und der analen Zone Mischungen gibt im 
selben Sinn, wie Ferenczi 1 beim Ejakulationsvorgang ein Ineinander- 
greifen analer und urethraler Innervationen — Amphimixis — annimmt. 
Er wählt dafür bezeichnenderweise den Ausdruck „Genitaistottern" und 
vergleicht es mit den als Vokal- und Konsonantenstottern bezeichneten 
Sprachstörungen. Analog dazu könnte man manche Obstipation auch als eine 
Art „Analstottern" bezeichnen. Die Entwicklung des Genitalprimats aus 
anfänglich getrennten Erotismen (anal, oral, urethral) kann man bis zu 
einer derartigen Amphimixis verfolgen und auf Grund dieser Hypothese 
eine enge Beziehung zwischen der Oralerotik des Stotterers und dem sich 
in der Obstipation verratenden analen Widerstand annehmen. Diese 
somatische Äußerungsform der Obstipation ist das Resultat eines auf eine 
andere erogene Zone verschobenen Widerstandes und infolgedessen vom 
gewöhnlichen hysterischen Konversionssymptom wohl zu unterscheiden. 

Die Lust beim Entleerungsakt umfaßt gleichzeitig physische und psychische 
Befriedigung, So ist also der analerotische Widerstand, der die Obsti- 
pation verursacht, ebenso mit narzißtischer Lust verbunden, wie die 
Betätigung der oralen Libido im Hervorbringen des Stotterns. Die 
anale Impotenz wirkt hemmend und bringt so die Obstipation 
zustande. Das typisch infantile Kennzeichen des Widerstandes ist der 
anal -sadistische Trotz. Er entsteht in dem der Objektwahl vorauf- 
gehenden Stadium der prägenitalen Libidoentwicklung, derselben Organi- 
sationsphase, in der sich die orale Libido entwickelt hat; ihr Persistieren 
bis in die Zeit der Reife hinein verursachte das Symptom des Stotterns 
wegen des Wunsches, an der infantilen Lust des Saugens festzuhalten. 

Diese bestimmte Form des Widerstandes tritt nur in Erscheinung, wenn 
der Narzißmus an seiner verwundbaren Stelle im Ich angegriffen wurde, 
an der Oralerotik. In diesen Fällen ist die aktive Therapie besonders 
i) Ferenczi: „Versuch einer Genitaltheorie", 1924. 



Ein Typus von analerotisdiem Widerstand 435 



angezeigt. Die Tendenz, den oralerotischen Widerstand auf analer Phase zu 
mobilisieren, arbeitet im Sinn des prägenitalen Lustprinzips. Die Über- 
tragung verwandelt sich in Abwehr oder Widerstand, denn das Unbewußte 
kämpft mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, diesen primitiven 
Lustgewinn aufrechtzuerhalten. .Es muß indessen darauf hingewiesen 
werden, daß alle Stotterer deutlich ausgeprägte, analerotische Charakterzüge 
zeigen, und daß durch diese konstitutionellen Faktoren durch Wiederbelebung 
in der Analyse der anale Trotz hervorgerufen werden und als Form des 
Widerstandes zur Obstipation führen kann. 



Widerstand des Ichideals und Realitätsanpassung 

Von 

M. W. Wulff 

Moskau 

In der real itäts fremden — primitiven oder in der infolge eines Krankheits- 
prozesses in Regression verfallenen — Psyche, in der das Lustprinzip 
uneingeschränkt herrscht, schützt die Psyche sich vor Unlustempfindungen 
mit Hilfe der Halluzination der schon einmal erlebten Befriedigung eines 
Bedürfnisses oder in weniger ausgesprochener Form durch Illusionen, 
Träumereien und Phantasien, die den Schein der Realität erwecken, oder 
befreit sich von ihnen durch Projektion der Unlustquellen nach außen. Die 
Sachlage ändert sich mit der Entwicklung des Realitätssinnes. Die An- 
erkennung und richtige Wertung der Realität bewirkt die Ausbildung des 
Verdrängungsprozesses und die topische Differenzierung der Psyche als 
neue Schutzmaßregel gegen Triebregungen, die vom fi^-System als realitäts- 
widrig erkannt werden. 

Es soll uns die Frage beschäftigen, wie weit die Verdrängung die 
Anpassung an die Realität begünstigt und erleichtert und wie weit sie 
der Herrschaft des Realitätssinnes in der Psyche hinderlich werden kann. 

Es muß in dieser Beziehung ein Unterschied zwischen der primären 
und der sekundären Verdrängung gemacht werden. Die primäre Ver- 
drängung ist eine wirkliche Anpassung an die Realität, sie entsteht nur 
unter dem Einflüsse des in Ausbildung begriffenen Realitätssinnes. 

Die psychischen Vorgänge, die diesen Prozeß ermöglichen, sind die 
Bildung des Ödipuskomplexes, der die erste affektive Bindung mit der 
Außenwelt herstellt und deren affektive Wertung bewirkt — und dann 
der Zerfall dieses Komplexes, der zur Introjektion eines Teiles der 
Außenwelt und zur Bildung des Ichideals führt — jener Instanz, die eben 
den "Vorgang der primären Verdrängung einleitet. Die Motive der primären 
Verdrängung werden also nur der Außenwelt, der Realität entnommen. 






Widerstand des Idiidcals und ltealitätsanpassung 437 

Anders ist es mit der sekundären Verdrängung. Diese „betrifft psychische 
Abkömmlinge der verdrängten Repräsentanz oder solche Gedankenzüge, 
die, anderswoher stammend, in assoziative Beziehung zu ihr geraten sind. 
Wegen dieser Beziehung erfahren diese Vorstellungen dasselbe Schicksal wie 
das Urverdrängte".' 

Diese Verbindung mit dem primär Verdrängten macht die sekundäre 
Verdrängung überhaupt erst möglich; die sekundäre Verdrängung kommt 
daher unter der Einwirkung derselben Instanzen und Motive zustande, wie 
die primäre, d. h. sie hängt zunächst vom Ichideal und nicht von der 
aktuellen Realität ab. Der Zensur des Ichideals kann also keine bw seelische 
Regung entgehen, seine Kontrolle für Bewußtseinsinhalte ist ein für alle- 
mal festgelegt. Mit anderen Worten, die Anpassung des Individuums an 
die Realität und seine weitere Entwicklungsfähigkeit hängt von Einflüssen 
und Reaktionen ab, die einer anderen, seinerzeit in Form des Ichideals 
introjizierten, vergangenen Realität, der Situation der Kindheit angehören. 2 
Das muß zu Konflikten mit der aktuellen Realität führen, deren Ursache 
im Widerspruch zwischen dem alten unbewußten Ichideal und den For- 
derungen der Gegenwart zu suchen ist. Das wird besonders in Lebens- 
verhältnissen klar, in welchen eine grundsätzliche Änderung des indi- 
viduellen Lebensschicksals stattfindet, z. B. bei Übertritt in eine andere 
Gesellschaftsklasse, in ein arideres Milieu infolge einer Auswanderung in 
ein fremdes Land oder — besonders scharf — wie es jetzt z. B. in Ruß- 
land der Fall ist, bei einer schroffen Veränderung der Lebensbedingungen 
infolge einer Revolution u. a. m. Unter solchen Verhältnissen kann es zu 
einer großen Differenz zwischen den Bewußtseinsinhalten des Individuums, 
die von der Realität, dem Milieu usw. aufgezwungen werden und den 
unbewußten Forderungen des Ichideals, zur Entwicklung eines eigenartigen 
Konflikts zwischen Ich und Ichideal kommen. Und es entsteht die Frage: 
Worin liegt die pathogene Bedeutung dieser Konflikte, wenn sie eine solche 
überhaupt haben, und worin äußern sie sich? 

An einigen Beispielen will ich hier den Versuch machen, diese Frage 



1) Freud: Die Verdrängung, Ges. Schriften, Bd. V. 

2) Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Impuls und die Tendenz zur Sekundär- 
verdrängung in vielen Fällen von der Realität ausgeht, wie es z. B. in vielen Fällen 
von Vergessen, Verschreiben usw. der Fall ist. Freud selbst spricht von einer 
Zensur, die zwischen Vbw und Bw stattfindet — einer topischen Lage, die sich auf 
das Ichideal, das bekanntlich dem Ubw angehört, durchaus nicht beziehen kann. Solche 
Verdrängungen können, wie es scheint, leicht aufgehoben werden und diese Art von 
Verdrängen vergrößert vielleicht wirklich die psychische Widerstandsfähigkeit de9 
Individuums oder erleichtert wenigstens das Auffassen und die Reaktion auf die 
Realität. Vielleicht nähert sich diese Art von Verdrängung einer Verurteilung, die 
ganz vom bewußten Ich ausgeht. 



438 M. W. Wulff 



zu beleuchten und womöglich eine Antwort zu geben, die mir durch meine 
Beobachtungen aufgenötigt wird. 

Ein junger Gelehrter von einunddreißig Jahren kommt wegen psychischer 
Impotenz zu mir. Er ist schon seit einigen Jahren verheiratet, aber seine Frau 
ist noch virgo intacta. Die verschiedenen Behandlungsversuche bei Neurologen 
und Spezialisten blieben ohne Erfolg. Das Krankheitsbild vervollständigen 
Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, leichte Ermüdbarkeit, Arbeitsunfähigkeit, zeit- 
weise leichte Depression und Lebensüberdruß. Seine Frau, die er früher 
geliebt hat, ist ihm jetzt gleichgültig, zu anderen Frauen hat er platonische 
Beziehungen, die er aber immer plötzlich abbricht. 

Er ist überzeugter Marxist und hegt eine wissenschaftliche materialistische 
Weltanschauung. Asketische oder mystische Ideale sind ihm ganz fremd, obwohl 
er zu seiner Verwunderung gestehen muß, daß es für ihn Aberglauben und 
dumme Vorurteile gibt, deren Macht er nicht widerstehen kann, so z. B. der 
magischen Bedeutung der Zahl 13, des Montags und ähnliches mehr. Ferner 
mußte er öfters bei sich Zwiespältigkeit und besonders eine Unstetigkeit in 
seinen wissenschaftlichen Überzeugungen feststellen, er ist schon zweimal aus 
inneren Gründen aus seiner politischen Partei ausgetreten. 

Die Analyse dieses gebildeten und klugen Mannes verlief schnell. Es fand 
sich die typische Konstellation des Ödipuskomplexes, erotische Fixierung an 
die Mutter, Haß, Empörung, Eifersucht gegen den Vater. Als der jüngste in 
der Familie und der Liebling der Mutter, fühlte er sich vom Vater beleidigt 
und zurückgesetzt, weil dieser den älteren Bruder, wie es wenigstens dem 
Pat. schien, vorzog. Der Vater lebte meistens nicht zu Hause, war öfters für 
längere Zeit auf Reisen und vom sechsten Lebensjahr des Pat. an verließ er 
fast ganz die Familie, übersiedelte nach einer entfernten Stadt, wo er ein 
außereheliches Verhältnis unterhielt und ein freies sexuelles Leben führte. Von 
diesem Lebenswandel hörte der kleine Knabe von der Mutter und er stellte 
sich den Vater nicht in einem sehr vorteilhaften Lichte vor. In Abwesenheit 
des Vaters teilte der Knabe mit der Mutter ihr Zimmer, schlief bei ihr im 
Bette und empfand es sehr peinlich, wenn er während des seltenen Auf- 
enthalts des Vaters nach der Kinderstube überführt wurde. Seine frühesten 
Erinnerungen an die Mutter haben ausgesprochen sexuellen Charakter, während 
sie den Vater als einen bösen, verderbten, ausschweifenden Menschen, der nur 
Haß und Mißachtung erwecken kann, schildern. Seine zweite unbewußt- 
erotische Fixierung galt einer Nichte, die wenig jünger war als er, und mit 
der zusammen er aufgewachsen ist. Sie blieb Objekt seiner aktuell unbewußt- 
sexuellen Phantasien, die ihn bei allen anderen Frauen impotent machten. Seit 
seiner Kindheit wies er einen ausgesprochen asketischen Zug in seinem Cha- 
rakter auf. Alles Sexuelle war für ihn ekelhaft und abstoßend. Sein erster 
Koitusversuch brachte seine Impotenz zum Vorschein. Seine schöne äußere 
Erscheinung und Intelligenz zogen ihm die Aufmerksamkeit und das erotische 
Interesse vieler Frauen zu, denen er anfangs leidenschaftlich, aber platonisch 
entgegenkam, und die er dann in einer beleidigenden Weise abstieß. 

Mit neunzehn Jahren wurde er Anhänger Tolstois und predigte sexuelle 
Enthaltsamkeit. Später wurde er von der Revolution mitgerissen, bildete sich 
eine rein materialistische und marxistische Weltanschauung und trat in die 



Widerstand des Idiideals und Realitätsanpassung 439 



kommunistische Partei ein, wobei er anfangs eine gute psychische Anpassungs- 
und Assimilationsfähigkeit zeigte, bald aber die erwähnte Zwiespältigkeit und 
Zerrissenheit in seinem Ich seine wissenschaftlichen Überzeugungen und 
Arbeiten, seine Beziehungen zur Partei usw. störten. Die Analyse deckte auf, 
daß sein asketisches Ideal, das in seiner ersten Jugend als Rationalisierung 
seiner sexuellen Verdrängung entstanden war und später durch die bewußten 
materialistischen Inhalte seiner neuen Weltanschauung als überwunden galt, 
in Wirklichkeit seine volle Macht und Wirkung auf seine Beziehungen zur 
Realität und ganz besonders auf sexuellem Gebiet, auf seinem, nach Ferenczis 
Ausdruck, „erotischen Wirklichkeitssinn" bewahrt hatte. Darin äußerte sich 
die unvergängliche Macht seines infantilen Ichideals. Die Psychoanalyse brachte 
vollkommene Heilung der Impotenz und der anderen Symptome und auch die 
Befreiung von der inneren Spaltung der Persönlichkeit, von der Unbeständigkeit, 
die ihn von einer extremen Ideologie in die andere schleuderte. Auch die 
Zwangsvorstellungen sind beseitigt worden. 

Der andere Fall bezieht sich auf ein fünfundzwanzig) ähriges Mädchen. 
Studentin der Medizin, Tochter eines Dorflehrers, die jüngste in der Familie, 
die aus drei älteren Schwestern und zwei Brüdern bestand, verbrachte sie ihre 
Kindheit in ziemlich primitiven Verhältnissen, bekam aber eine weitere Bildung 
in einem Provinzgymnasium, wo das Milieu im ganzen von fortschrittlichen 
und demokratischen Ideen beherrscht war. 

Die nicht beendete Analyse deckte den weiblichen Kastrationskomplex in 
typischer Form auf, zunächst den Wunsch, ein Knabe zu sein und alle Vor- 
züge die dem männlichen Geschlecht anerkannt werden, zu besitzen. Vom 
sechsten bis zwölften Jahre zeigte sie ein knabenhaftes Wesen und wollte den 
alteren Brüdern gleich sein. Mit der Pubertät äußerte sich der Komplex in 
einer aggressiv-feindlichen Einstellung zum Manne und zugleich in einer nicht 
ganz bewußten Angst, die ihr eine nähere Beziehung zum Manne unmöglich 
machte. Diese affektive Einstellung bildete den günstigen Boden zur Annahme 
extrem feministischer Ideen, von Freiheit, Selbständigkeit, Unabhängigkeit, ja 
voller Ab besonder theit vom Manne und von Haß und Mißachtung der „weib- 
lichen" Schwäche. 

Als die Pat. zwölf Jahre alt war, kam in das Dorf, wo ihre Eltern 
wohnten und wo sie jährlich mehrere Monate im Sommer verbrachte, ein 
junger, intelligenter und, wie es scheint, begabter Mann, der dort die Stelle 
eines medizinischen Gehilfen einnahm. Die beiden Schwestern verliebten sich 
bald in den jungen Mann, sie lachte aber über die „weibliche Verliebtheit" 
der älteren Schwester und war empört über die erniedrigende, unwürdige 
Stellung, die sie dem Mann gegenüber eingenommen hatte. 

Als Pat. nach Beendigung des Gymnasiums mit siebzehn Jahren nach dem 
Elternhaus zurückkam, begann der junge Mann auch ihr den Hof zu machen, 
und es dauerte nicht lange, bis sie sich in ihn verliebte. In dieser Zeit brach 
die Revolution aus, sie wurden beide von ihr hingerissen und übersiedelten 
in eine große Stadt, um an der Bewegung teilzunehmen. Hier kam es schnell 
zum Sexualverkehr zwischen den jungen Leuten, obwohl sie ganz gut wußte, 
daß der Mann sie eigentlich nicht liebe und nicht mehr frei sei, weil er 
moralische Verpflichtungen ihrer älteren Schwester gegenüber hatte. Einige 



440 M. W. Wulff 



Zeit nachher kam auch die andere Schwester nach der Stadt, wo sie 
wohnten, und Pat. verließ sofort den jungen Mann, der die ältere Schwester 
heiratete. 

Kurz darauf trat bei der Pat. eine schwere Neurose auf, anfangs lärmend 
in Anfällen und akuten Erregungszuständen. Seit vier Jahren besteht chronische 
Apathie und Depression, Lebensüberdruß (ohne Selbstmordgedanken), Arbeits- 
unfähigkeit, Abnahme der aktiven Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses usw. 
Obgleich objektiv weder eine Intelligenzschwäche noch eine Arbeitsunfähigkeit 
festzustellen war, hat sie ihre Universitätsstudien fast ganz aufgegeben. Die 
Analyse deckte als eines der hauptsächlichsten Motive dieses Zustandes den 
Wunsch auf, an der Stelle der Schwester die Frau des geliebten Mannes und 
die Mutter seines Kindes zu sein. Eine Ablehnung der extremen feministischen 
Ziele der Frauenrechte, der materiellen und sozialen Unabhängigkeit und 
Selbständigkeit und eine Rückkehr zur rein weiblichen Lebenseinstellung war 
damit verbunden. Diese weibliche Konstellation eutsprach ihrer früh infantilen 
Identifikation mit der Mutter, die unter dem Einfluß des weiblichen Kastra- 
tionskomplexes und der Kränkung ihres Narzißmus durch die bevorzugte 
Stellung des Bruders in der Familie, später der Identifikation mit dem Bruder, 
der auch Arzt wurde, und dem extremen Feminismus Platz gemacht hat. Für 
uns war von Interesse die Verwunderung und Zurückweisung seitens der jungen 
Frau, als die Analyse ihr dieses Hauptmotiv ihrer Erkrankung aufdeckte. Ihr 
bewußtes Ich empfand es als einen tiefen inneren Widerstand, als einen 
ideologischen Verrat an allem, was sie für ihr bedeutendstes und wichtigstes 
Lebensziel gehalten hatte, als ein Streben nach einer Existenz, die sie für 
kleinbürgerlich und verachtungswürdig hielt. 

Es bestand also ein Konflikt zwischen ihrem infantilen femininen Ichideal 
und den bewußten Ichinhalten. Die spätere Identifikation mit dem Bruder gab 
dem beleidigten weiblichen Narzißmus und dem weiblichen Kastrationskomplex 
eine bestimmte äußere Erscheinungsform, die das frühere Ichideal der Mutter- 
identifikation überdeckte, aber die unglückliche Liebe und Enttäuschung 
brachten ein starkes Minderwertigkeitsgefühl und eine Regression zur unbe- 
wußten infantilen Einstellung mit sich. 

Vom psychoanalytischen Standpunkte aus unterliegt es keinem Zweifel, 
daß die Krankheitssymptome nur die Folgen eines Konfliktes zwischen dem 
Ichideal und triebhaften Wünschen, die der Verdrängung unterlagen, sein 
können. Ein noch so großer Konflikt zwischen den bewußten Ichinhalten 
und dem Ichideal kann nicht zu einer pathogenen Verdrängung und zur 
Symptombildung führen. Der Konflikt zwischen den „bewußten Ichinhalten" 
und dem Ichideal kann zu einer Störung der Einheitlichkeit 
des Charakters, zu einer Zerrissenheit und Unbeständigkeit, einer 
Labilität des bewußten Ichinhaltes führen, die sich in schroffen Ver- 
änderungen der Lebensführung, der ideologischen und prinzipiellen 
Strebungen des Individuums äußern. Hier gibt es Übergänge bis zu 
den äußersten Fällen, in denen es zu einer vollkommenen, tiefen 
Spaltung der Persönlichkeit kommt. Das wird dadurch möglich, daß 



Widerstand des Idiideals und Realitätsanpassung 441 



auch im Ichideal, als Folge verschiedener Identifikationen in den ersten 
Entwicklungsjahren, verschiedene Schichten, bestehen, die den Grund 
zu dieser weiteren sprunghaften Entwicklung abgeben, wie es im zweiten 
der angeführten Beispiele der Fall gewesen war. Wenn es zu einer tiefen 
Spaltung der einzelnen Ichidentifikationen kommt, so bekommen wir das 
Bild der multiplen Persönlichkeit, infolge Aufsplitterung des Ichs, wie es 
Freud in „Ich und Es" schildert: „Es kann zu einer Aufsplitterung des 
Ichs kommen, indem sich die einzelnen Identifizierungen durch Widerstände 
gegeneinander abschließen, und vielleicht ist es das Geheimnis der Fälle 
von sogenannter multipler Persönlichkeit, daß die einzelnen Identifizierungen 
alternierend das Bewußtsein an sich reißen. Auch wenn es nicht so weit 
kommt, ergibt sich das Thema der Konflikte zwischen den verschiedenen 
Identifizierungen, in die sich das Ich teilt, Konflikte, die endlich nicht 
durchwegs als pathologische bezeichnet werden können." 

Da die Neurosen das Produkt der mißlungenen Verdrängung der unbe- 
wußten Triebe durch das Ichideal sind, sollte man annehmen, daß die 
aktuelle Realität bei ihrer Entwicklung keine Rolle spielt. Die tägliche 
Erfahrung bestätigt aber die Lehre Freuds, daß die Neurotiker infolge 
einer Versagung in der aktuellen Realität erkranken. Es entsteht demnach 
die weitere Frage: Wie wirkt diese Realität pathogen, welche realen Momente 
und realen Lebensbedingungen begünstigen diese Versagung? 

Wir haben gesehen, daß gerade die verdrängende Instanz, das Ichideal, 
den Einflüssen der Realität am wenigsten zugänglich ist, sich ihnen am 
stärksten widersetzt, die verdrängten Triebe aber, im Gegenteil, infolge ihrer 
dynamischen, zum Bw strebenden Kraft eine besondere Affinität zu den 
aus der Realität kommenden adäquaten Reizen aufzeigen. Beweis dafür 
ist die Traumarbeit, die diesen Mechanismus und die Wirkung der Tages- 
reste am besten beobachten läßt. Es ist deshalb klar, daß die Wirkung der 
Realität eben in dem reizgebenden Einfluß auf die unbewußten Trieb- 
regungen besteht, die dadurch als gegen das zensurierende Ichideal drängende 
Kraft unterstützt werden und so die Gegenbesetzung des Ichideals ungenügend 
machen. Selbstverständlich schließt das die Möglichkeit einer Verstärkung 
der Triebregungen aus inneren Ursachen, z. B. in der Pubertät, nicht aus. 
Andererseits aber hängt die pathogene Wirkung der Realität vielfach mit 
dem Grad ihrer ideologischen Differenz gegenüber dem infantilen Ichideal 
zusammen. Je näher die aktuelle Realität ihrem ideologischen Inhalt nach 
den infantilen Verhältnissen und dem in diesen Verhältnissen ausgebildeten 
Ichideal ist, desto leichter ist ein Konflikt zwischen den durch die Realität 
geweckten Triebregungen und dem Ichideal zu vermeiden. In den ruhigen, 
-ein für allemal festgelegten Verhältnissen der patriarchalen Lebensführung 
Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XII/3. 39 



442 M. W. Wulff 

mit ihren die individuelle Freiheit beschränkenden Institutionen und Lebens- 
regeln, mit ihrer unerschütterten Macht des Ödipuskomplexes, werden sich 
wohl weniger begünstigende Momente für eine Neurosenerkrankung finden, 
als in den modernen Verhältnissen der gesteigerten individuellen Freiheit 
und in den Zeiten des Zerfalles der alten gesellschaftlichen Formen und 
Institutionen. Das überschnelle Wachsen moderner Kultur mit ihrem 
ständigen Erschüttern aller Lebensnormen, mit ihrer Aufhebung alter 
Verbote und Tabuvorschriften, gibt den individuellen, unbewußten, ver- 
drängten Triebregungen viel Freiheit und vergrößert auf diese Weise die 
Neigung zur Neurosenerkrankung. Vom Individuum wird in diesen Ver- 
hältnissen viel mehr geistige Biegsamkeit, mehr Anpassungs- und Evolutions- 
fähigkeit gefordert — nicht nur in seinen bewußten Ichinhalten, sondern 
auch in seinen Reaktionen, seiner ganzen Lebensführung, die von der 
Kontrolle seines Ichideals in größter Abhängigkeit steht. 

Die ganze psychoanalytische Erfahrung lehrt uns, daß die kulturelle 
Anpassungsfähigkeit des Kindes von zwei Momenten abhängig ist : von der 
Stärke der primären Triebe und von dem Erfolg ihrer Verdrängung, die 
durch das Ichideal bewerkstelligt wird. Von diesen zwei Momenten ist das 
erste, die Stärke der primären Triebe, eine unbedingte Notwendigkeit jeder 
weiteren erfolgreichen kulturellen Entwicklung; es ist unsinnig anzunehmen, 
daß gerade die Individuen mit schwachen Trieben die größte Anpassungs- 
und Entwicklungsmöglichkeit besitzen sollten. Diese Entwicklung müßte 
dann eine Degeneration und der ganze Entwicklungsgang in Wirklichkeit 
einen Verfall, eine Regression bedeuten. Wie weit das in degenerierenden 
Gesellschaften wirklich der Fall sein kann, ist eine Frage für sich. Das 
zweite Moment, die Macht des Ichideals und des Ödipuskomplexes, kann, 
wie wir oben gesehen haben — unter bestimmten Umständen — nicht 
nur keine entwicklungsfördernden, sondern im Gegenteil entwicklungs- 
hemmende Wirkungen haben, nämlich in Verhältnissen, die mit einem 
schnellen sozialen und kulturellen Entwicklungsgang verbunden sind. Die 
Folge ist eine zunehmende Verbreitung neurotischer Erkrankungen, die bis 
zu der Gefahr einer sozialen Epidemie wachsen kann. Dies kann uns nicht 
wundernehmen, wenn wir uns nur darüber klar werden, daß die ganze 
kulturelle Entwicklung der Menschheit im letzten Grunde nur eine all- 
mähliche Befreiung von der Macht des Ödipuskomplexes darstellt. Der 
einzige Ausweg, der uns aus dieser Situation bleibt, ist die Aufdeckung 
des kultur- und entwicklungshindernden Ödipuskomplexes in allen seinen 
Erscheinungs- und Wirkungsformen — eine Aufgabe, die sich gerade 
Freuds Psychoanalyse gestellt hat. 

So wird uns verständlich, warum gerade im gegenwärtigen Moment der 



Widerstand des Idiideals und Realitätsanpassung 443 



historischen Entwicklung der Menschheit die Psychoanalyse erschienen ist, 
daß ihr Entstehen eine historische Notwendigkeit in unserer ganzen sozialen 
und kulturellen Entwicklung war. Und zugleich wird uns die große soziale 
und kulturfördernde Bedeutung der Psychoanalyse verständlich. Indem die 
Psychoanalyse den Ödipuskomplex in allen seinen Erscheinungsformen in 
seiner ganzen Bedeutung aufdeckt und von seiner Übermacht zu befreien 
sucht, führt sie die Menschheit zur geistigen Befreiung, zum Fortschritt 
und übt eine hohe kulturelle Mission aus. 



29* 



Die Mobilisierung des Schuldgefühls 

Ein Beitrag zur Frage der „aktiven Therapie" 

Von 

Robert Hans Jokl 

Wien 

Die Technik der Psychoanalyse hat durch die von Ferenczi empfohlenen 
und bestimmt umschriebenen „aktiven" Eingriffe eine beachtenswerte 
Erweiterung erfahren, ohne daß es bisher gelungen wäre, die Wirkungsart 
der „aktiven Therapie" in befriedigender Weise theoretisch zu begründen. 
Es liegt dadurch in praxi die Versuchung nahe, das neue Verfahren nur 
zögernd und selten, oder — auf die Autorität des Autors hin — zu oft 
und kritiklos anzuwenden. Ferner läßt die eminente soziale Bedeutung 
einer Verbesserung der Prognose und der auf diesem Wege erzielbaren 
Ersparnis an Zeit und materiellem Aufwand eine solche technische Neuerung 
besonders wichtig erscheinen. Es mag daher angebracht sein, Erfahrungen 
mitzuteilen, die geeignet sind, Einblick in die Voraussetzungen und die 
Anwendungsgebiete der neuen Methode zu gewähren. 

Bei den „aktiven" Maßnahmen wird es sich wesentlich darum handeln, 
seelische Funktionen mobil zu machen und zu verwerten, die fördernd 
auf den gehemmten Ablauf der psychoanalytischen Arbeit einwirken und 
die Widerstände beseitigen helfen. Als einen der bedeutsamsten dieser 
Faktoren haben wir in der Analyse das unbewußte Schuldgefühl 
kennen gelernt, dem nach dem Urteil Freuds in vielen Neurosen eine 
ökonomisch entscheidende Bolle zufällt. So lange es in seinen 
Quellen unerkannt ist, wird es zum hartnäckigsten Widerstand gegen 
Fortgang und Wirksamkeit der Analyse. Gelingt hingegen seine Auslegung 
und seine partielle Überleitung in die Übertragung, so erreicht man das 
Aufgeben des das Schuldgefühl deckenden Symptoms. Freud spricht 
sich nicht sehr ermutigend über die Chancen des Analytikers aus, dieser 
therapeutischen Aufgabe gerecht zu werden. Um so mehr mag jedes 
Mittel willkommen sein, das uns ihrer Beherrschung näher zu bringen 
verspricht. 



Die Mobilisierung des Schuldgefühls 445 



Die Beobachtung lehrt uns, daß das unbewußte Schuldgefühl nicht nur 
die Neurose unterhält, sondern auch als „Gesundheitsgewissen" bewußt 
werden kann und sich als solches gegen die Krankheit richtet. Es besetzt, 
vorbewußt oder bewußt, reale Objekte mit besonderer moralischer Empfind- 
lichkeit und lehnt das Symptom selbst ab, wogegen es die gesunden 
Einstellungen des Ichs unterstützt. Es ist nur scheinbar paradox, wenn das 
analytische Vorgehen dieser Tendenz des Schuldgefühls entgegenarbeitet, 
die nur kompensatorisch ist und dem Unbewußten an der Krankheit 
festhalten hilft, indem auf diese Weise die tieferen, dynamisch stärkeren 
Quellen des Schuldgefühls in der Verdrängung bleiben. Wir müssen es an 
seine primären Wurzeln zurückführen und an ihnen affektiv und intellektuell 
entwerten. Das so richtig placierte Schuldgefühl wird in seinem überwertigen 
Anteil erfaßt, wobei die triebhaften, primitiven Wünsche und Einstellungen 
entweder bewußt ertragen oder — im besten Falle — aufgegeben werden. 
Neurosen, die diesen Weg gestatten, sind prognostisch günstig; sie können 
nunmehr ihr unbewußtes Schuldgefühl in das Gewissen hinüberleiten, das 
als der normale Schutz des Ichs gegen die mit ihm unverträglichen infan- 
tilen Triebimpulse aufgebaut ist. 

Zwischen dem neurotischen und normalen Schuldgefühl, welches letztere 
die berechtigten und unberechtigten Triebansprüche des Ichs als Gewissen 
kritisch sondert und überwacht, besteht kein prinzipieller, vielleicht ein 
genetischer unterschied, indem sich das neurotische aus jener tieferen 
Entwicklungsstufe des Ichs herleitet, auf welcher der Konflikt die früh- 
infantile Neurose bilden hilft, während das „Gewissen" aus späteren, gegen 
die Versagung widerstandsfähigeren Schichten hervorzugehen scheint. Die 
Annahme seiner Unabhängigkeit vom primären Konflikt wird sich aber bei 
sorgfältiger Analyse nicht bestätigen. Es ist zumindest eineSensibilisierung 
des Gewissens vom Frühinfantilen aus etwa nach dem Vorbilde der Affekt- 
verschiebung nachweisbar, die sich beim Neurotiker in den bekannten 
Äußerungen der Überempfindlichkeit, der Minderwertigkeitsgefühle usw., 
manifestiert. 

In den meisten Fällen werden also die Äußerungen des Schuldgefühles 
ihre affektive Abkunft von dem primären, unbewußten Schuldgefühl des 
Ödipuskomplexes nicht verleugnen können und für die analytische Technik 
den natürlichen Zugang zu ihm ergeben. Wie weit der Umstand dieses 
mehr oder minder deutlichen Zusammenhanges für die therapeutische Arbeit 
nutzbar gemacht werden kann, ist von vornherein nicht zu entscheiden, 
zumal wir wissen, wie leicht die Analyse des Schuldgefühles, oft schon 
seine Aufdeckung allein, zu Widerständen herausfordert, die sich gelegentlich 
als stärker erweisen als der verfügbare Übertragungsimpuls. 



446 Robert Hans Jokl 



Trotzdem scheinen Erfahrungen und die theoretische Überlegung darauf 
hinzuweisen, daß das gleiche Schuldgefühl, das sich seinem Bewußtwerden 
hartnäckig widersetzt und so den Erfolg der Therapie gefährdet, dann 
entgegengesetzt, also fordernd wirksam werden kann, wenn es in bestimmter, 
noch zu erörternder Weise zum Übertritt ins Bewußtsein angeregt wird. 
Es bleibt die Frage, inwieweit die Handhabung der Technik uns in die 
Lage versetzt, uns dieser Gegensätzlichkeit zur Beherrschung der Wider- 
stände zu bedienen. Besteht diese Aussicht und ist sie praktisch anwendbar, 
so dürfte man die wenig tröstliche Prognose, die Freud dem „Kampf des 
Analytikers gegen das Hindernis des unbewußten Schuldgefühles' gestellt 
hat, etwas minder pessimistisch fassen. 

Reik 1 hat die Behauptung aufgestellt, daß eine aktive Therapie im 
Sinne von Verbot oder Auftrag zum Zwecke der Bewußtmachung des 
unbewußten Schuldgefühles eher Schaden als Nutzen verspreche. Wir 
werden gut tun, uns klar zu machen, was die Methode Ferenczis 
bezweckt und bedeutet. Nehmen wir den Fall, wir hätten eine lustvolle 
Handlung, hinter deren Maske sich eine vom Über- Ich verworfene Trieb- 
abfuhr verbirgt, unter ein Verbot gestellt. Schon im Wesen dieses' „Ver- 
bietens" ist es, da es eine „Bestrafung" involviert, gelegen, daß es bei 
entsprechend gerichteter und widerstandsfähiger Übertragung — und nur 
dann ist der Eingriff berechtigt — mit einem Schuldgefühl beantwortet 
wird, das sich an der von der untersagten Handlung gedeckten uner- 
laubten Triebsituation äußert. Es sei betont, daß sich dieser Effekt bei 
unserem bisherigen konservativen Vorgehen nicht notwendig einstellen muß, 
da sich der Trieb ohne eine zwingende Veranlassung gegen den Verzicht 
auf die lustvolle Handlung sträubt und das unlustvolle Bewußtwerden des 
ihr anhaftenden vorbewußten Schuldgefühles oft lange Zeit nicht zuläßt. 
Es kommt darauf an, durch das Mittel des Verbotes (oder Gebotes) ein 
Schuldgefühl überhaupt hervorzurufen, welches das Ich disponiert, sich zu 
der vom Über-Ich untersagten Triebäußerung schuldig zu bekennen. 

Dem Triebäquivalent, dem die Libidoabfuhr nunmehr durch das Verbot 
und durch das nun wirksam gemachte „sekundäre' Schuldgefühl gesperrt 
wurde, bleibt kein anderer Ausweg als die Flucht in die Regression zu 
dem primären Sitz der Libidofixierung, von dem aus nun die Abfuhr der 
Libido in die Übertragung und die allmähliche Bewußtmachung des 
„primären" Schuldgefühles sowie seine Entwertung erfolgen kann. Wenn 
Reik meint, daß ein Verbot bestimmter Triebbefriedigung gerade aus 
Strafbedürfnis das Verbotene anstreben läßt und neues Schuldgefühl 



i) „Geständniszwang und Strafbedürfnis", Int. PsA. Bibliothek XVIII, S. 79. 



Die Mobilisierung des Schuldgefühls 447 



produziert, so ist uns diese Wirkung gar nicht unerwünscht. Wenn der 
Versagungsimpuls durch die Wirksamkeit der Übertragung haltbar genug 
ist, so wird auch dieses Schuldgefühl in der oben geschilderten Weise zur 
Regression beitragen und das Strafbedürfnis hier ganz im Sinne Reiks 
in der Äu ß erun gs ten denz des Geständniszwanges seine 
Erfüllung finden, was der Wirksamkeit des aktiven Eingriffes nicht nur 
nicht widerspricht, sondern sie geradezu bestätigt. Das Schuldgefühl, das vom 
Über-Ich her die Versagung angeregt hat, wird durch eine jetzt artefizielle 
Versagung mobilisiert und der Weg der Symptombildung dadurch 
in umgekehrter Richtung zugänglich gemacht, wie es dem Heilungsvorgange 
in der Analyse entspricht. Die „aktive Therapie" hat nichts anderes getan 
als das gleiche Schuldgefühl, das für die Versagung verantwortlich war, 
durch eine solche wieder hervorgerufen, um den Widertand, der zu einem 
starren Hindernis auszuarten drohte, seiner Beherrschung wieder zugänglich 
zu machen. 

Unterzieht man die Beispiele, die F e r e n c z i in seinen diesbezüglichen 
Arbeiten für die Wirksamkeit seiner „aktiven Therapie" anführt, einer 
Prüfung nach diesen Gesichtspunkten, so ist es ein leichtes, in ihnen die 
hier dargestellten Mechanismen zu erkennen und, wie ich glaube, ihre 
Wirksamkeit einheitlich erklärt zu sehen. Die „Mobilisierung des 
Schuldgefühles" ist der treibende Faktor, der durch das Mittel der 
künstlichen Versagung den Patienten Widerstände aufzugeben veranlaßt, den 
Fortgang der Analyse gewährleistet und ihre prognostischen Aussichten 
sichert. 

Es erhebt sich nunmehr die Frage, welche Fälle bei Beachtung dieser 
Gesichtspunkte der Anwendung der „aktiven Therapie" zugänglich sind 
und unter welchen Bedingungen sie indiziert ist. Ich habe mich anfangs 
nicht für berechtigt gehalten, andere als solche Fälle zu diesen Versuchen 
heranzuziehen, bei denen trotz aller Bemühung die hergebrachte Therapie 
versagte oder von vornherein keine Aussicht auf Erfolg versprach. 

Es lag nahe, die „Mobilisierung des Schuldgefühles" zunächst an Fällen 
zu erproben, bei denen mit einer Verleugnung dieses Schuldgefühles zum 
Zwecke der Erzielung einer ungehemmten Abreaktion von Partialtrieben 1 zu 
rechnen war, also an Perversen und Süchtigen. Ein besonders kompli- 
zierter Fall von homosexueller Neigung zu Knaben mit sadistischer Ein- 
stellung bis zu Blutsaugeimpulsen (Vampirismus), Zwangsonanie und voll- 
kommener Ablehnung des Weibes, mit schwerer Depression und Gehemmt- 
heit einhergehend, gab Gelegenheit, die Anwendbarkeit der theoretischen 

1) Rank, „Perversion und Neurose", diese Zeitschr., Bd. VIII, 1922. 



448 Robert Hans Jokl 



Annahmen zu erproben. Der Analyse mangelte trotz günstiger Über- 
tragungsverhältnisse durch Monate hindurch jeglicher Angriffspunkt, weil 
der Kranke zwar von seiner Depression und Gehemmtheit befreit sein 
wollte, aber sorgfältig darauf bedacht war, seine Perversionen, denen 
gegenüber er nicht die geringste Krankheitseinsicht aufbrachte, zu erhalten. 
Die Analyse im Zustande der Versagung durchzuführen, scheiterte an der 
unbeugsamen Weigerung des Patienten, auf die Art seiner Lustbefriedigung 
zu verzichten, und er wurde immer mißtrauischer in dem Argwohn, die 
Analyse könnte seine perversen Regungen hinterrücks angehen. Schließ- 
lich entschloß ich mich, ihm nicht nur den Abbruch der Analyse in 
Aussicht zu stellen, wenn er seine perversen Befriedigungen nicht abstelle, 
sondern gebot ihm gleichzeitig, seine affektive Abneigung gegen seine 
Mutter ausnützend, die aggressiven Phantasien, die sich auf sie und 
gewisse Kindheitsszenen bezogen, nicht zu unterdrücken und den Versuch 
zu machen, an Stelle von Knaben, wie jeder andere, ein Weib in seine 
Phantasien einzubeziehen und zu beobachten, ob er nicht eine Reiz- 
komponente entdecke. Die Wirkung war überwältigend. Noch in derselben 
Nacht hatte er Träume, in denen er seine Mutter koitierte und den Vater 
umbrachte. Gleichzeitig regte sich ein mächtiges Schuldgefühl, er begann 
sich als einen Verworfenen zu betrachten, die heftigsten Selbstvorwürfe 
setzten ein und nur die gesicherte Übertragung vermochte es, ihn davon 
abzuhalten, Hand an sich zu legen. Der Bann aber war gebrochen, die 
Analyse hatte Boden gewonnen, und obwohl sie aus einem äußeren 
Umstände nach einem weiteren halben Jahre vorzeitig beendigt werden 
mußte, befindet er sich nach meinen Informationen dauernd wohl, ist 
arbeitsfähig und hat mit Ausnahme des noch bestehenden, aber jetzt von 
heterosexuellen Phantasien begleiteten Onanismus keinen Rückfall in seine 
Perversion erlitten. 

Die theoretische Begründung entspricht ganz den Voraussetzungen, die 
für die Mobilmachung des Schuldgefühles durch den aktiven Eingriff 
angenommen wurden. Das Verbot der Perversionsausübung mit dem gleich- 
zeitigen Gebot einer unlustvollen Handlung, hinter der eine triebhafte 
und stark schuldbesetzte Fixation zu vermuten war, hat durch die doppelte 
Sperrung der maskierten Triebabfuhr im Symptom die Libido mächtig 
angeregt, die „negative therapeutische Reaktion" (Freud) aufgehoben und 
das Ich unter dem elementaren Druck des Schuldgefühls zum Geständnis 
und zur Umkehr veranlaßt. 

Ein ähnlicher interessanter Effekt konnte im Falle eines Morphium- 
süchtigen erzielt werden, der als ultimum refugium in der Analyse seine 
Erlösung, d. h. den Beweis seiner Unheilbarkeit suchte. Da er sich nicht 



Die Mobilisierung des Schuldgefühls 449 

internieren ließ und mit Hinblick auf die zahlreichen Fehlschläge eine 
Entziehungskur ablehnte, benützte ich ein Stadium besonders gesteigerter 
Übertragung, ihm den Morphiumgenuß unter Drohung des sofortigen 
Abbruches der Behandlung zu untersagen. Zu meiner Überraschung setzte 
er das Narkotikum augenblicklich aus, begann aber, mir offen homo- 
sexuelle Anträge zu machen, deren Analyse er sich widersetzte und für 
die ich zunächst keine Erklärung fand. Erst meine energische Zurück- 
weisung förderte ein starkes Schuldgefühl zutage, das uns in die Gestaltung 
des Ödipuskomplexes führte, gleichzeitig aber erkennen ließ, daß die Sucht 
seine latente, ihm in seiner Nachpubertät vollkommen unbewußt gewordene 
Homosexualität gedeckt und ersetzt hatte. Tatsächlich hatte nach Art der 
Perversen seiner Sucht gegenüber nicht eine Spur von Schuldbewußtsein 
bestanden. Es erscheint angebracht, hier auf eine Publikation von Hart- 
mann hinzuweisen, 1 in der in Bezug auf den Kokainismus festgestellt 
wird, daß alle seine Fälle zumindest die ..physiologische" Homosexualität 
als determinierenden Faktor aufweisen. Auch Krön fei d („Psychotherapie") 
betont die nahe Verwandtschaft der Sucht mit den Perversionen. 

Vielleicht sind diese Beobachtungen geeignet, der „aktiven Therapie" 
unter dem Gesichtspunkte der Mobilisierung des Schuldgefühls in der 
Behandlung der Perversionen und des noch sehr dunklen Gebietes der 
Süchte ein wertvolles Wirkungsbereich zu gewinnen. Ich möchte noch 
einer Krankheitsgruppe Erwähnung tun, die in ihren schweren Formen 
der Wirksamkeit der Analyse oft beträchtliche Hindei-nisse entgegensetzt. 
Es ist dies der „psychosexuelle Infantilismus". Er läßt oft raschen 
und tiefen Einblick in die infantile Komplexgestaltung zu, produziert aber 
kein Schuldgefühl und bleibt völlig stationär. Hier hat sich mir ein Vor- 
gehen bewährt, das äußerlich zwar von dem geschilderten abzuweichen 
scheint, aber im Grunde mit ihm identisch ist. Der „Infantile" ist in 
seinen Beziehungen zum Ich und zur Realität durch bestimmte innere 
Anlässe unter der Pubertätsgrenze stehen geblieben, er bedarf noch eines 
Stückes „Erziehung", das für ihn aus komplexen Gründen wirkungslos 
geblieben ist. Erzieherische Hinweise, die oft energisch gehalten sein 
müssen, haben für ihn die Wirkung eines Verbotes von lust- und Gebotes 
von unlustbetonten Handlungen und veranlassen das in seiner Entwicklung 
gehemmte ÜberTch unter dem Drucke der Übertragung zur Bildung von 
Schuldgefühlen, die ihrerseits die Regressionsmechanismen anregen und 
die Entwertung ihrer infantilen Lustziele vorbereiten. 

Es soll noch kurz eine Beobachtung erwähnt werden, die auch nach anderer 

1) Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie, Bd. XCV, 79, 1925. 



450 Robert Hans Jokl: Die Mobilisierung des Schuldgefühls 



Richtung hin bemerkenswert erscheint und die ich anläßlich der Kontrolle 
einer Schüleranalyse kürzlich zu machen Gelegenheit hatte. Ich pflege 
Anfängern zur Passivität zu raten und keine Abweichungen von der klassi- 
schen Form der Psychoanalyse zu gestatten. Rei der ängstlichen Vorsicht des 
Anfängers kann es gelegentlich geschehen, daß ihm die Beherrschung der 
Analyse entgleitet, indem der Analysand, die Passivität des Analytikers aus- 
nützend, sie als Bestätigung seiner Libidoerfordernisse auffaßt, diese ungehemmt 
in die Übertragung hineinträgt und auf diese Weise auf einen toten Punkt 
gelangt. Auch die Übertragungsanalyse findet zufolge mangelnder Anhalts- 
punkte keine Gelegenheit mehr für ein Erfassen des Widerstandes. In 
solchem Falle wird ein Gebot, das sich gegen die Übertragungsfixation 
richtet, oder ein Verbot in ihrem Sinne das eingeschläferte Gewissen 
wecken und den Fortgang der Analyse noch retten können. 

Im Sinne der umwälzenden Anschauungen, die Freud in „Das Ich 
und das Es" niedergelegt hat, sollte hier in aller Kürze die ausschlaggebende 
Rolle des Schuldgefühls für die analytische Therapie dargestellt und einer 
Erweiterung seines Anwendungsgebietes das Wort gesprochen werden. Das 
Schuldgefühl bleibt für das Wesen des seelischen Krankseins bestimmend und 
jeder Weg, der geeignet ist, es in der Analyse, auch gegen den stärksten Wider- 
stand, aktiv zugänglich und verwertbar zu machen, ist ein praktischer Gewinn. 
Die „Mobilisierung des Schuldgefühls" durch das Mittel der „aktiven 
Therapie" soll uns um ein weniges über die bisherigen Grenzen unseres 
therapeutischen Könnens weiterhelfen. Und wenn die aktiven Maßnahmen 
auch stets eine strenge Auswahl und Einschränkung ihres Anwendungs- 
bereiches erfordern, so ist doch zu erwarten, daß uns das richtige Ver- 
ständnis ihrer Voraussetzungen einen Schritt weiter in der planmäßigen 
Verwendung und praktischen Auswirkung unserer theoretischen Erkenntnisse 
zu führen geeignet ist. 



Über Skotomisation in der Schizophrenie 

Von 

Rene Laforgue 

Paris 

In einer früheren Arbeit habe ich von der Skotomisation als einem 
psychischen Entwertungsprozeß gesprochen, mit dessen Hilfe das Individuum 
alles seinem Ich Widerstrebende zu verleugnen sucht. Wir haben den 
Vorgang der Skotomisation von dem der Verdrängung zu differenzieren 
versucht und gezeigt, daß bei der Skotomisation die Verdrängung mißlingt 
und daß die Psyche im Gegensatz zur normalen Verdrängung, trotz des 
äußeren Scheines, eigentlich nur um die als Kastration empfundene Ver- 
sagungssituation herumzukommen sucht. Sie zieht dabei hauptsächlich 
narzißtische Äquivalente zur Triebbefriedigung heran und erreicht dadurch 
mehr oder weniger, je nach dem Falle, das Gegenteil der als Absicht 
vorgespielten Versagung. Wir haben nicht den Ausgang der mißlingenden 
Verdrängung darstellen wollen, sondern die Dispositionen, welche ihr Miß- 
lingen bedingen und die Annahme begründet, daß der mißlungenen 
Verdrängung ein anderer Prozeß zugrunde liegt als der gelungenen, und 
daß die Skotomisation von der Verdrängung im allgemeinen geschieden 
werden muß, obgleich man beide in der Praxis nur zur gemeinsamen 
Resultierenden 1 vereint, tatsächlich findet. 

Wir wollen heute auf diese Auffassungen zurückkommen, nur so weit 
es uns für unser Problem notwendig erscheint. Dabei werden diese kurzen 
theoretischen Ausführungen nur einige Fragen aufwerfen ; denn wir halten 
das Problem noch nicht für reif und glauben auch nicht, wesentlich 
Neues zur Lösung desselben beibringen zu können. Andererseits müssen 
wir gestehen, daß die Schizophrenie uns noch allzu oft als ein nur 
peripher erforschter Erdteil vorkommt, so daß wir von Zeit zu Zeit das 

i) Resultante vitale. Laforgue et Pichon (Reve et Psj-choanalyse, Maloine, 
1926). 



452 Rene Lafbrgue 



Bedürfnis fühlen, in diese (Jrwald- und Wüstenregionen des menschlichen 
Geistes einzudringen. Wenn wir von Schizophrenie sprechen, meinen wir 
natürlich jene Krankheitsgruppe, die von Bleuler und Jung unter 
diesem Namen zusammengefaßt worden ist, ohne daß wir uns von vorn- 
herein auf den Begriff der Prozeßpsychose festlegen wollen. Wir rechnen 
dazu die Schizomanie von Claude, Borel und Robin. Wir wollen 
nur versuchen, auf Grund unserer psychoanalytischen Kenntnisse über den 
neurotischen Widerstand, die psychotischen Reaktionen der Schizophrenie 
genauer kennen zu lernen und vor allen Dingen erforschen, inwieweit der 
Widerstand der schizophrenen Psyche dem neurotischen verwandt ist, und 
bis zu welchem Grade und unter welchen Bedingungen er eventuell 
durch psychoanalytische Maßnahmen bewältigt werden könnte, um die 
gehemmte Libido zum normalen Durchbruch zu bringen. 

Wir hatten mit Recht oder Unrecht den Eindruck, daß die Auffassung 
der Skotomisation uns erlaubte, das Problem etwas klarer zu erfassen und 
wollen in dieser Arbeit den ganzen Gedankengang nochmals kritisch durch- 
dacht vorlegen. 

In unserer Arbeit über Skotomisation und Verdrängung haben wir die 
Entwicklung der Skotomisationstendenz etwa folgendermaßen beschrieben: 
Wir wissen, daß die kindliche Affektivität überwiegend egozentrisch orien- 
tiert ist, und dies um so mehr, je jünger das Kind ist. Die Mutter ist 
ihm, gleichwertig mit Nahrung, Sache. Sie gehört dem Kinde und ist auf 
dasselbe als Pol gerichtet. Mit der Zeit tritt jedoch eine Verschiebung des 
Schwerpunktes vom Kinde auf dem Vater ein. Der Vater, dem das Kind 
die Mutter abtritt, wird damit das Haupt, das Zentrum, um das sich alles 
dreht. Der Vater wird zum Repräsentanten der Umwelt; er ist es, der das 
Kind aus seinem psychischen Zentrum heraustreibt, ähnlich wie der väter- 
liche Samen es aus dem Nirvana des Mutterleibes herausgelockt hat. Diese 
schematische Auffassung wird natürlich nicht der Kompliziertheit der Tat- 
sachen gerecht. Man weiß ja, welch eine gewaltige Wandlung sich in der 
Ps3'che des Kindes vollziehen muß, bis es fähig wird, die Mutter zu ent- 
behren. Man weiß, welche Kämpfe es kostete, bis das Individuum ebenso 
wie die Menschheit die Tatsache annehmen konnte, daß die Erde sich um 
die Sonne dreht und nicht umgekehrt. 

Es handelt sich beim Kinde um einen großen Entwöhnungsvorgang, 
im Laufe dessen die Geburt sowie die Entwöhnung des Kindes von der 
Mutterbrust nur Episoden darstellen. Führt das Kind aus irgendeinem 
Grunde konstitutioneller oder akzidenteller Natur diese Entwöhnung nicht 
folgerichtig durch, flieht es vor ihr wie vor einer Kastration, sucht es, durch 
irgendeinen Konflikt gezwungen, sich auf die Mutter zurückzuziehen oder 



Über Skotomisation in der Schizophrenie 453 

gar, wenn diese es nicht gestattet, die Mutter narzißtisch zu ersetzen, so 
tritt, wie wir oft beobachten konnten, eine wichtige Störung ein, die von 
weitgehenden Folgen sein kann. Wir glauben nun, den narzißtischen 
Ersatz der Mutter als für die Schizophrenie besonders bedeutsam 
betrachten zu müssen, weil sie es dem Individuum gestattet, um den 
Entwöhnungsprozeß mit seinen bisweilen harten Anforderungen, je nach 
dem Grade der Kompensation, mehr oder weniger herumzukommen und 
die damit verbundenen Minderwertigkeitsgefühle zu neutralisieren. Dadurch 
wird die Entfaltung der Psyche, die, wie wir glauben, durch die Ent- 
wöhnungsarbeit mit ihren emotionellen Faktoren erreicht wird, gestört. 
Das Individuum entwickelt nicht die Fähigkeit, auf die Mutter oder ihren 
Ersatz zu verzichten, lernt es nicht, diese und jede ähnliche Versagungs- 
situationen zu ertragen und bleibt, je nach dem Fall, mehr oder weniger 
im anal-sadistischen Stadium der Libidoentwicklung hängen. Die Fähigkeit, 
Verzicht zu leisten, entwickelt sich infolgedessen durch die Kastrations- 
angst getrennt, nur unvollkommen und dieser Mangel ist es, der, wie 
wir zeigen möchten, auf Schritt und Tritt die ganze Leistungsfähigkeit 
der Psyche stört. Wir wollen diesen Mangel als Defizit derOblativität 
bezeichnen, wobei wir unter Oblativität 1 die Leistungsfähigkeit verstehen, 
welche die Psyche durch eine folgerichtig durchgeführte Libidoentwöhnung 
des Kindes von der Mutter oder von ihrer Kompensation erreicht wird. 

Die im sadistisch-analen Stadium festgefahrene Psyche erreicht somit 
nicht die Fähigkeit, die infantilen Libidodispositionen zu verdrängen, und 
sucht sie mit Vorliebe überall da, wo sie dies Stadium verdrängen müßte, 
durch narzißtisch-autistische Kompensation wieder herzustellen. Dieser 
Zustand entspricht einer gewissen Zweiteilung im Individuum, das eines- 
teils Kind bleibt und andererseits in der Phantasie (jedoch nur in ihr) 
die Rolle seines Mutterideals (Reinheit, Vollkommenheit, überspannter 
Idealismus, Größenwahn) zu spielen sucht, ohne jedoch zu dieser hoch- 
wertigen Leistung wirklich befähigt zu sein. So entwickeln sich zwei 
sich überkreuzende Geistesbetätigungen ; die eine, das Ideal, auf das sich 
die ganze bewußte Phantasietätigkeit des Individuums konzentriert, um 
alles diesem Ideal Widerstrebende, folglich die eigene affektive Unzuläng- 
lichkeit im Dunkeln zu lassen, die andere, das wirkliche anal- 
sadistisch verankerte Es, das sich mehr oder weniger außerhalb 
der bewußten Geistestätigkeit des Individuums kundtut. Für diese sich 
organisierende Zweiteilung haben wir das Wort „Schizonoia" 2 vorschlagen 

1) Oblativite (Pichon), Le Reve et la Psychoanalyse publie pax Laforgue. 
(Maloine Editeur, 1926.) 

2) Schizonoia (C de t-La f orgue, Evolution psychiatrique, Payot, 1925). 



454 Ren6 Laforgue 






wollen. Wir erblicken in ihr eine Hauptursache der Disposition zahlreicher 
Menschen zu neurotischen und psychotischen Erkrankungen, die nicht 
sofort in Erscheinung zu treten brauchen, aber sich auf diesem Terrain 
mit Vorliebe entwickeln können. In dem Maße, als die Libido des Kindes 
sich narzißtisch von der Mutter auf das eigene Ich zurückgezogen hat, 
entwickelt sich eine Indifferenz gegenüber der zur Außenwelt gewordenen 
Mutter. Sie wird aus dem Interessenkreis des Kindes ausgestoßen und 
affektiv mit den Exkrementen gleichgesetzt. Diese Reaktion ist eine Haß- 
reaktion, das Individuum schließt sich ab, verleugnet die wirkliche Mutter 
und wird blind gegen sie. Für diesen Vorgang haben wir das Wort 
Skotomisation vorgeschlagen. Sie ist dadurch charakterisiert, daß das Indi- 
viduum den Haß nicht positiv ausdrückt, sondern negativ. Um Mutter, 
Vater, Umwelt auszuschließen, schließt sich das Individuum selber ab; um 
sie zu töten, flieht es aus dem Leben; um sie zu kastrieren, kastriert es 
sich selber. 

Die Skotomisation führt zur Inversion der affektiven Werte und scheint 
für die daraus folgenden Verwirrungen der Assoziationen sehr bedeutungs- 
voll zu sein. 

Wir haben gesehen, wie das Individuum dazu kommt, Mutter, Umwelt 
und Kot gleichzusetzen. Dadurch werden diese depersonalisiert. Negativ 
ausgedrückt, tritt dies durch eine Depersonalisation des Individuums in 
Erscheinung. Die auf das eigene Ich, Innenwelt, zurückgezogene Libido 
fixiert sich an schon Erreichtem (das schon Verdaute) und will sich mit 
dem zufrieden geben. Sie setzt Kot (das schon Verdaute) gleich mit dem 
Leben (Mutter, Umwelt) und wählt es an deren Stelle zum Libidoobjekt. 
Diese Inversion kann auf die mannigfaltigste Art und Weise in Erscheinung 
treten, läßt jedoch nie eine- gewisse Gesetzmäßigkeit vermissen: das Indi- 
viduum empfindet z. B. Angst vor dem Leben und wird für das Destruk- 
tive (Tod) besonders empfänglich. Das Interesse orientiert sich nach allem, 
was mit der Verwesung (morbid) irgendwie zusammenhängt (Fleurs du 
Mal, Baudelaire) und skotomisiert das Konstruktive. Es entwickelt sich eine 
besondere Vorliebe für analytisches Denken und dieses wählt das eigene 
Ich zum Liebesobjekt, dissoziiert jeden Gedankenkern, läßt nichts bestehen 
und führt, da es als Zwang in Erscheinung tritt, gefährliche Erschöpfungs- 
zustände herbei. Diese geistige Selbstverdauung erscheint uns für die Ent- 
wicklung gewisser schizophrener Zustände besonders charakteristisch. Was 
uns aber in diesem gesamten Symptomkomplex als ganz besonders 
bedeutungsvoll erscheint und sozusagen als Angelpunkt in den Vordergrund 
tritt, das ist die Rolle, die der Mangel an Oblativität in all diesen 
Erscheinungen spielt. 



Über Skotomisation in der Schizophrenie 455 

Wir haben gesehen, wie der Widerstand gegen die Entwöhnung zur 
narzißtischen Kompensation und damit zur Skotomisation führt. Wir haben 
hervorgehoben, warum die Psyche damit im anal-sadistischen Stadium 
hängen bleibt. Wir möchten jetzt auf die Bedeutung des Oblativitäts- 
mangels näher eingehen. Die anal-sadistische Libido, die jeder Entwöhnung 
ausweichen will, ist durch ihre Unersättlichkeit charakterisiert. Sie 
tut sich einesteils als Zwang kund, andernteils flieht sie ängstlich vor 
jedem Verzicht, den sie als Kastration empfindet, und tritt dadurch auch 
als Kastrationsangst in Erscheinung. Ebenso wie der Schizonoiker die 
Tendenz hat, im Ödipuskomplex hängen zu bleiben, ebenso will er sich 
überhaupt in jeden Konflikt verankern, kommt immer wieder auf das 
Alte zurück, will immer Recht haben und kann eine Entwöhnung, eine 
Versagung, auch hier nicht ertragen. Man begreift, wie leicht man mit 
derartigen Dispositionen starrköpfig nicht vom Flecke kommt und in schweren 
Konflikten zerschellen kann, wie sie z. B. die Pubertätszeit stets für das 
Individuum mit sich bringt. Natürlich hängt die Intensität der Konflikte 
sehr von dem Grade der erreichten Oblativität ab und kann deshalb auf 
die mannigfachste Art und Weise in Erscheinung treten. 

Im großen und ganzen aber lassen sich die vielfachen Reaktionen des 
Oblativitätsmangels trotzdem miteinander in Zusammenhang bringen. 

Die Schaffung eines normalen Bewußtseinsfeldes verlangt Oblativität 
insofern, als einesteils das Individuum auf die nicht zum Bewußtseinsfeld 
gehörigen Reize oblativ verzichten können muß. Denn werden sie skoto- 
misiert, was ja anscheinend erlaubt, sie ebenso auszuschließen, wie bei 
der normalen Verdrängung, so suchen sie sich mit narzißtischen Kompen- 
sationen zu befriedigen und zwingen das Individuum zu einer kompen- 
satorischen Tätigkeit, deren skotomisierte Reizquellen ihm verschlossen 
bleiben, und die als ein für dies Bewußtseinsfeld unverständlicher Zwang 
in Erscheinung tritt. 

Andernteils müssen in das normale Bewußtseins feld auch die dem 
Individuum widerstrebenden Reize hineindringen können. Der Schizonoiker 
hat gelernt, diese von vornherein zu skotomisieren und so zu tun, als 
wären sie einfach nicht vorhanden. Er kann sie nicht zulassen und schließt 
sie aus, selbst auf die Gefahr hin, die Wirklichkeit zu verkennen. Somit 
tritt eine Zersplitterung der Bewußtseinsfähigkeit in Erscheinung, die von 
einem gewissen Grade ab das Bild der dissoziierten Geistestätigkeit liefert. 
Das Individuum kann sich dann trotz aller Anstrengungen kein klares 
Bewußtseinsfeld schaffen, es sieht oder spricht an den negativen Komplex- 
stellen vorbei und bringt kein einheitliches Bild, kein einheitliches 
Bewußtsein, keine einheitliche Persönlichkeit zustande. 



456 Rene Laforgue: Über Skotomisation in der Schizophrenie 

Dasselbe Verhalten tritt natürlich im Sprachgebiet in Erscheinung. Es 
skotomisiert negativ betonte Gedanken, fixiert sich auf positiv betonten 
Assoziationen, was, je nach dem Grade der Verkümmerung der Oblativität, 
durch starke Inkohärenz, Vorbeireden, sich kundtun kann. 

Die Inversion der Beziehungen hat zur Folge, daß die Innenwelt (Kot) 
an Stelle der skotomisierten Außenwelt (Mutter, Vater) tritt. So tritt das 
Traumleben an die Stelle des wirklichen Lebens, das Symbol an Stelle der 
lebendigen Tatsache. Das Individuum hat dann die Tendenz, seine eigene 
affektive Minderwertigkeit der Umwelt zuzuschreiben und sich selber als 
ein Ideal zu betrachten. So wird der anal-sadistische Haß der Umgebung 
zugeschrieben und die Situation wird umgekehrt ausgedrückt, das schizo- 
noische Individuum fühlt sich verfolgt. Ähnlich mögen nicht nur die 
paranoiden Ideen der Kranken entstehen, sondern viele ihrer Halluzina- 
tionen, wo das Traumbild den Platz des Wirklichkeitsbildes einnimmt. 

Somit sehen wir, daß man die Skotomisation zur Erklärung gar mancher 
schizophrener Symptome heranziehen könnte. Es erscheint uns zweifellos, 
daß der in der Psychose zur undurchdringlichen Scheidewand gewordene 
neurotische Widerstand noch viel genauerer Studien bedarf. Auch glauben 
wir nicht, daß die obige Problemstellung die einzige ist, die in Betracht 
kommt. Aber immerhin hat uns diese Auffassung erlaubt, an manchen 
Schizophreniefall analytisch heranzutreten und den Widerständen zu 
begegnen, was uns bisher in einer gewissen Anzahl von Fällen befriedigend 
zu gelingen schien. Wir haben die Absicht, in späteren Arbeiten auf 
Einzelheiten des Problems an Hand von Fällen einzugehen. 



Über die Phantasie-Methode bei der Analyse 
narzißtischer Psychosen 

Von 

L. Pierce Clark 

New-York 

Es kommt mir bei meiner Arbeit hauptsächlich darauf an zu zeigen, 
daß man narzißtische Neurosen mit Hilfe der von mir so genannten 
Phantasie-Methode analysieren kann. Ich habe die Technik dieser 
Methode in den letzten drei Jahren meiner analytischen Tätigkeit allmählich 
entwickelt und vervollständigt; ihre Sanktion mag sie in Freuds Erklä- 
rung finden, daß Menschen, die an einer narzißtischen Neurose leiden, 
zwar vieles sagen, aber nicht in Beantwortung unserer Fragen. Und gerade 
an diese freien und spontanen Äußerungen wendet sich unsere Methode. 

Theoretisch haben wir einen Begriff davon, daß der primäre Narzißmus 
mit der ersten unabhängigen Lebensäußerung des Fötus im Mutterleib beginnt. 
In dieser Phase sind die verschiedenen Organe und Gebilde, vielleicht auch 
der Anfang eines psychischen Lebens selbst, wie es in Körpersensationen 
und Triebregungen auftritt, mit Libido besetzt. Der sogenannte sekundäre 
Narzißmus folgt auf die erste Identifizierung mit der Mutter, die von der 
Geburt an im Subjekt der Bindung des Neugeborenen an seine Mutter 
entspricht. Bei der Entwöhnung von der Mutter — die hier im weitesten 
Sinn die Außenwelt für den Säugling verkörpert — spaltet das Kind seine 
libidinöse Bindung; ein Teil entwickelt sich weiter zur Betätigung als 
Objektliebe, der andere Teil, der die auto-erotische Libido umfaßt, wendet 
sich dem entstehenden Ich zu und bildet dessen libidinöse Ergänzung. Diese 
Instanz steht einerseits in Verbindung mit dem Wahrnehmungsapparat des 
Ichs, dem die unablässige Bealitätsprüfung obliegt, andererseits mit dem 
Anteil des Ichs, der vor allem den Sexualtrieben zugewendet ist, und ist 
auch an die Tätigkeit der Ichtriebe geknüpft. Ein Teil dieser libidinösen 
Ergänzung des Ichs bildet den Narzißmus, der bei zu weitgehender 

Int. Zeltschr. f. Psychoanalyse XII/3. 50 



458 



L. Pierce Clark 



Abschneidung von der direkten Realitätspriifung die Ich-Triebe dazu ver- 
anlaßt, eine Objektwelt innerhalb der eigenen Vorstellungswelt aufzurichten. 
Der abweichende Umweg, auf dem die narzißtische Libido das erreicht, 
bildet heute das spezielle Forschungsgebiet der modernen Psychopathologie. 
Wir kennen noch nicht genau die Vorgänge, wie sich von der Mutter- 
imago die sonstige primäre Identifizierung loslöst, wie sie verdrängt wird 
und im Wege der Symbolik oder durch andere primäre psychische Prozesse, 
körperlich und seelisch in bestimmten Formen, wiedererscheint; die Frage 
wird unter der Führung Freuds von seinen Mitarbeitern, namentlich 
Ferenczi, Rank, Abraham und Jones bearbeitet. Wir beziehen uns 
aber nicht direkt auf jene wertvolle Untersuchungen, und können unser Haupt- 
interesse auch nicht der Entstehungsweise der klinischen Bilder der narziß- 
tischen Neurosen und Psychosen zuwenden. In diesem Teil des Gegen- 
standes herrscht natürlicherweise noch größeres Dunkel als in dem früher 
besprochenen. Wir werden uns mehr mit dem narzißtischen Verhalten im 
allgemeinen befassen, und damit, wie der Narzißmus sich in den narziß- 
tischen Neurosen äußert und wie weit er einer Analyse zugänglich ist. 

Wir wissen, daß der Narzißmus nicht nur eine normale Komponente 
in jedem Individuum darstellt, sondern einen bestimmten Zweck und 
Vorteil für den Erfolg im Leben bedeutet. Wird er aber quantitativ und 
qualitativ umproportioniert, so daß er nicht mehr (in sublimierter Form) 
den realen Zwecken dienen kann, dann zeigt er sich uns unter verschiedenen 
neurotischen und psychotischen Formen und verlangt zu seiner Milderung 
unsere größten Bemühungen. Gleich am Ausgangspunkt stoßen wir auf 
das Hindernis, daß der Hebel der Übertragung fehlt, mit dessen Hilfe wir 
den Zustand analysieren könnten. Aber auch durch den bewußten Willen 
und durch eine narzißtische Übertragung sind wir imstande, etwas auszu- 
richten, wie Wälder gezeigt hat. Wenn ich ihn richtig verstehe, will er 
vor allem bestimmte Richtungen der narzißtischen Komponenten, und zwar 
jene, die infolge ihrer besseren Realitätsanpassung einen hohen Gesundungs- 
faktor bedeuten, den Ichtrieben zur Verfügung stellen, und so ihre natur- 
gemäße Sublimierung ermöglichen, was, wie Freud gezeigt hat, möglicher- 
weise bei allen libidinösen Konflikten der Weg der Sublimierung ist. Völlig 
unabhängig von diesem zweifellos geistreichen und wertvollen Weg bin 
ich von ganz anderer Seite an das Problem herangetreten. Unter dem Ein- 
druck, daß bei allen Typen von narzißtischen Patienten das frühkindliche 
Material über ihre affektiven Einstellungen spärlich zu Tage tritt, da sie 
besonders gut verdeckende und schöne Rationalisierungen liefern, und daß ihr 
freies Assoziieren im Anschluß an direkte Erinnerung versagt, habe ich sie 
veranlaßt, durch Phantasieren das Erleben der Kindheit selbst zurückzurufen; 



Phantasiemethode bei narzißtischen Neurosen 459 



das gilt vor allem für die Beziehung: Mutter— Kind in der Phase der 
primären Identifizierung des Ichs mit der Mutter. Wenn diese Periode den 
Kern des sekundären Narzißmus enthält und die eigentliche Grundlage 
des späteren Narzißmus darstellt, dann müssen alle Mittel, sie in irgend- 
einer Form zurückzurufen, wertvolle Zeichen liefern, um die Entstehungs- 
weise späterer narzißtischer Einstellungen, Gefühle und Gedanken im 
Leben des Erwachsenen zu erforschen. Gleich jetzt, zu Beginn meiner 
Ausführungen, erkläre ich ausdrücklich, daß ich nicht behaupte, daß das 
von mir provozierte phantasierte Material ein treues Abbild der wirklichen 
Erinnerungen an die Kindheitserlebnisse sei. Dagegen spricht selbstverständ- 
licher Weise unser ganzes bisheriges psychologisches Wissen. Wohl aber 
behaupte ich, daß diese Phantasien eine Fülle von Licht auf die affektiven 
Situationen während dieser frühkindlichen Reaktionen zur Zeit des sekun- 
dären Narzißmus mit Mutter-Identifizierung und des danach folgenden 
Aufbaues des Charakters und der Persönlichkeit werfen. Die Phantasien 
haben daher psychische Realität, wenn sie auch keine wirklichen Erinnerungs- 
produkte aus jener Zeit sind. Jedenfalls lohnt es sich, sie zum Gegenstand 
forlgesetzter Untersuchungen über die narzißtischen Neurosen zu machen. 
Ferner hat die Methode auch bei der Lösung verschiedener Formen narziß- 
tischer Störungen — so von Trunksucht, Homosexualität, Melancholie, 
genuiner Epilepsie und von chronischem Stottern — überraschende Erfolge 
gezeitigt. 

Die Phantasie-Methode 

Um den Schutzmechanismen, deren sich jeder Narzißt bedient, auszu- 
weichen und wegen des Fehlens einer Übertragung, die diese Menschen nicht 
zustandebringen können, habe ich also die Phantasie-Methode eingeführt. 
In ihrer Wirkung läßt sich die Methode mit der Schaffung einer milden Selbst- 
hypnose vergleichen. Sie scheint vielleicht einer Art von Tagträumen nicht 
unähnlich oder bestimmten Phasen der psychogenen Halluzinose, in welchen 
eine Bewußtseinstrübung leichten Grades zustande kommt. Unser Vorgehen 
bringt eine gewisse Desorganisation des Bewußtseins mit sich, und überdies 
wird durch sie die entthronte primäre Persönlichkeit instand gesetzt, einen 
Einblick zu gewinnen in den inneren Aufbau des aus der Mutter-Iden- 
tifizierung entstandenen Narzißmus, welcher infolge deren Stärke und zu langer 
Dauer dem ganzen Leben des Individuums seinen Stempel aufzudrücken 
vermochte. Die Form der Übertragung, die sich schließlich ausbildet, ist 
natürlich vorwiegend narzißtisch oder entspricht mehr der Art der Beziehung 
zu den Eltern als der Einstellung eines Liebhabers, wie sie bei der gewöhn- 
lichen Übertragungsneurose allgemein zustande kommt. 

50" 



400 L. Pierce Clark 



Die äußere Situation der Phantasie-Analyse unterscheidet sich nicht von 
der bei gewöhnlicher Analyse : Sofa, liegende Haltung usw. Der Patient 
wird angewiesen, die Augen zu schließen und den Analytiker nicht anzu- 
sehen. Dann fordert man ihn auf, sich die subjektiven Gefühle, Einstellungen 
und das Benehmen eines Säuglings, womöglich vom ersten Tage der Geburt 
an, vorzustellen oder zu phantasieren. Die allerersten Sitzungen bringen 
gewöhnlich wenig oder gar nichts. Der Patient wird bei dieser Art zu analy- 
sieren, bei der das Tatsachenmaterial des Traumes und die Assoziations- 
methode fehlen, entmutigt und eher unsicher. Aber bald bilden sich die 
Phantasien, die anfänglich in gekünstelter und berichterstattender Weise vor- 
gebracht wurden, zu einem Material, das von Hinweisen auf Affekterregungen 
im Kinderleben durchsetzt ist. Oft neigt der Patient selbst zu der Ansicht, daß 
es sich um wirkliche Erinnerungen handelt. Nach kurzem kommt er jedoch 
gewöhnlich zur Einsicht, daß sie automorphe Retroprojektionen sind. Sie 
haben den vollen Affektwert von Kindheitserinnerungen, sind unbedingt 
und intensiv imstande, Einsicht in die Bildungsweise spezifischer Einstel- 
lungen zu verschaffen und fördern schließlich recht bestimmte narzißtische 
Fixierungen an die Oral-, Anal- und Urethralerotik, ja die unmittelbaren 
Folgen des Saugens an der Brust und des Entwöhnungstraumas ans Licht. 
Daß das Kind diese Erotismen als magische Handlungen verwendet, ist der 
erste Anfang der narzißtischen Beziehung zur Umwelt. Die fortgesetzte 
Analyse dieser primären Fixierungen macht es dem Patienten möglich, die 
aufeinanderfolgenden Stufen der Verdrängung und das Neuauftreten kom- 
plizierter Objektstrebungen und Denkformen aus seinem ganzen geistigen 
Leben Schritt für Schritt in der Wiederholung zu verfolgen. Die kom- 
pliziertesten Gedankensysteme, die aus der Unvereinbarkeit der magisch- 
infantilen Vorstellungen mit der Realität entstehen, sind mit dem Benehmen 
und der Denkweise dieser Patienten verwoben. Ihr ganzes Leben ist nach 
diesen verzerrten Mustern eingerichtet, sie werden erst infolge der neuen, 
durch die Phantasie-Analyse gewonnenen Einsicht langsam abgebaut. Die 
genaue Beschreibung dieser Verhaltungsweisen bildete durch Jahrzehnte den 
Hauptgegenstand der deskriptiven Psychiatrie. 

Der denkbar schärfste Konflikt setzt sich im Ich fort zwischen dem 
zur Seite geschobenen Teile der Persönlichkeit und jenem Teil, in dem 
sich die Mutter-Identifizierung abspielt. Der plötzliche Abbruch der Auto- 
Erotik des Saugens bewirkt, daß die Mutter-Identifizierung auf der tiefen 
Stufe der erotischen Formen infantiler Allmacht fixiert bleibt, welche sich 
um die oralen, analen und urethralen Funktionen gruppieren. Vielleicht 
bezieht das erwachsene Ich seine Macht größtenteils, wenn nicht ausschließ- 
lich, aus der Stärke des nicht identifizierten Restes der Persönlichkeit, wahrend 






Phantasiemethode bei narzißtischen Neurosen 561 



die infantile Wundermacht, die dem Affektleben Färbung und Tiefe 
verleiht, größtenteils von den Sublimierungen des sich identifizierenden Teiles 
stammt. Nur die Zeit und weitere geduldige Forschung kann Licht in diese 
Fragen bringen. Jedenfalls sind bei den narzißtischen Neurosen der bewußte 
Genesungswunsch und die nicht selten von den unmerklich vorhandenen 
objektlibidinösen Strebungen begleitete narzißtische Übertragung unser 
Talisman zur Aufdeckung und Bewältigung des aus der Mutter-Identifizierung 
gebildeten Narzißmus, besonders jener Teile desselben, die zu triebstarken 
Sublimierungen befähigt sind. 

Kehren wir einen Augenblick zur klinischen Technik der Methode 
zurück; der Analytiker kann zu einer aktiven Therapie kommen und den 
Patienten vor und während der Analyse zu einer schöpferisch-künstlerischen 
Tätigkeit hinleiten. Der Patient muß jedoch diese Beschäftigungen selbst 
herausfinden und sie fortgesetzt selbst überwachen. Die verfeinerten und 
klugen Arbeitsweisen des Analytikers finden in der Phantasie-Methode 
keine Anwendung. Der Patient soll als erster die Deutungsarbeit vornehmen 
und es ist überraschend, zu sehen, wie wenig er der komplizierten psycho- 
analitischen Terminologie bedarf, um auf seine Heilung hinzuarbeiten. Er 
besitzt keine theoretischen oder technischen Kenntnisse, sondern wird ohne 
wissenschaftlichen Eifer und ohne Propagandaabsichten gesund. 

Nur durch immerwährende Modifizierung der verschiedenen Situationen, 
von denen aus der Narzißt Einblick in sein Denken und Benehmen in seiner 
innerlich erfaßten Welt gewinnt, kann der Patient schließlich seinen 
Konflikt richtig rekonstruieren und er wird der neuen Einsicht gemäß 
handeln, sobald sie tief genug reicht, um die Verdrängungen und Fixierungen 
zu lösen. Die Ideenbildungen (conceptual Symptoms) des Narzißten sind 
nur entstellte Symbolisierungen nach den roheren infantilen Vorbildern 
magischer Strebungen, die sich von den unbefriedigten Wünschen der 
Entwöhnungszeit herleiten. Sie verschwinden oft wie Nebel nach Herstellung 
der narzißtischen Übertragung, die einer Erneuerung der glückspendenden 
Bindung des Säuglings an die Mutter gleichkommt. 

So zeigt sich schließlich die Neurose tatsächlich enthüllt als aus den 
Komponenten von Kastrationsangst, Minderwertigkeitsgefühl, Sadomasochismus 
und oraler, analer, urethraler Erotik aufgebaut. Das sind dann die abnormen 
Zustände, die von der Phantasie-Methode aufgedeckt werden. Mit einem 
Wort, die Vorgänge der Geburt und Entwöhnung mit ihren libidinösen 
Bedeutungen kommen alle wieder zum Vorschein. Viele Patienten fallen 
wirklich in die Wehrlosigkeit eines kleinen Kindes zurück und beklagen 
sich dann wohl einige Zeit lang über die Verschlimmerung ihrer Qualen. Es 
ist aber eher von Vorteil, wenn dieser Zustand länger andauert, damit der 



402 L. Pierce Clark 



Narzißmus eine stärkere Befriedigung erhält und nicht so bald wieder eine 
Rückbildung in ein dem früheren einigermaßen ähnliches Verhalten 
erfährt. Gerade die Primitivität des narzißtischen Verhaltens verhindert 
jede überstürzte Analyse, was Freud und seine Mitarbeiter längst in 
seiner vollen Bedeutung erkannt haben. Die Widerstände sind in der Tat 
ungeheuer. 

In einem gewissen Stadium der Behandlung, fast immer am Anfang, 
beginnen manche Patienten, die ihr Phantasiematerial entweder in zu 
oberflächlicher Weise bringen oder zu sehr in Einzelheiten vertieft sind, 
die Notizen über den genauen Verlauf der letzten Analysenstunde, zu denen 
jeder Patient veranlaßt wird, zu vernachlässigen. Ein um das andere Mal 
kommt ein solcher Patient ohne Notizen in die Analyse; obwohl man ihm 
gesagt hat, daß es sich gehört, eine Zusammenfassung der vorigen Stunde 
zu bringen, wird er sagen, er habe gedacht, nun, da die Hauptrichtung 
seiner Kindheit erkannt sei, bedürfe es keiner weiteren Notizen. Trotz der 
Versicherung, daß dem nicht so ist, wird er hartnäckig viele Sitzungen aus- 
lassen; diese unterschlagenen Stunden sind immer bedeutungsvoll und 
einer Analyse wert. Auch später noch werden viele Patienten unwillig und 
beklagen sich, daß das Bewußtsein, einen schriftlichen Bericht bringen 
zu müssen, in ihnen das Gefühl erweckt, als würde das etwas „Krampf- 
haftes in ihren freien Stil oder in die Analyse" bringen. Die Patienten 
verteidigen mit anscheinend einleuchtenden Begründungen oft lange und 
ausführlich ihren Widerstand gegen das Aufschreiben von Notizen. Aber bei 
eingehender Analyse findet man, daß diese gut rationalisierten Widerstände 
nur eine Leistung des Narzißmus sind und der Abneigung des Patienten, seinen 
Teil der Arbeit zu leisten, entsprechen. Es ist, als ob der Patient sich sein 
infantiles Verhalten unbewußt zunutzen machte und zu sich sagte: „Gut, 
ich will der Mutter (dem Analytiker, auf den er narzißtisch übertragen 
hat) alle meine Sorgen erzählen, aber was ihre Forderung anbelangt, 
meinen Teil der Aufgabe durch Arbeit zu erfüllen, so wird sie mir diese 
bestimmt nachsehen, denn sie liebt mich und wird verstehen, daß die 
Aufgabe wirklich eine zu große ist." Diese Art des Widerstandes ist weit 
entfernt von dem gewöhnlichen Wunsch, sich durch Vorschützen schlechten 
Befindens von der analytischen Arbeit zu drücken, sondern er ist analog 
den Widerständen gegen die Regeln der gewöhnlichen Analyse. Er 
unterscheidet sich von dem letzteren durch seine viel bessere Begründung 
und geschicktere Rationalisierung. Wie gewöhnlich erweisen sich solche 
Formulierungen des narzißtischen Widerstandes wie aus einem Vorrat 
von ähnlichen Einstellungen für alle Lagen des Lebens stammend. 

Viele Patienten bezeichnen die Notizen als eine langweilige unangenehme 



Phantasiemethode bei narzißtischen Neurosen 463 



Aufgabe ; trotzdem sprechen sie täglich ununterbrochen über ihre intimsten 
infantilen Erlebnisse, von denen ihr Verstand ihnen sagen muß, daß sie 
für den Analytiker die denkbar langweiligsten Themen vorstellen, und 
doch reicht ihr Dank für die Geduld des Analytikers selten über eine ent- 
sprechende Geldentschädigung seiner Leistung hinaus. Vielleicht wäre 
niemand, der nicht die liebende Sorge einer Mutter kennt, imstande, für 
so niedrigen Entgelt so eintönige Arbeit zu leisten, und so faßt der Patient 
es denn auch als mütterliche Liebe auf. Der Patient äußert sich in 
unverfrorener Weise über die „überflüssige Nutzlosigkeit" der Analysen- 
aufzeichnungen, aber welch besseren Ausdruck könnte man für die objekt- 
libidinöse Welt finden? Wie Wälder ganz zutreffend bemerkt: „Dem 
Narzißten bedeutet die Außenwelt zu w.enig, um ihre Gebote zum Herrn 
seiner Seele zu machen." Viele Patienten versuchen die Situation zu 
erleichtern, indem sie aus ihren Notizen etwas Literarisches machen um 
ihnen mehr Ansehen und Wert zu verleihen ; so fügen sie weit abschweifende 
Zitate ein, die kaum etwas zum Verständnis beitragen. Wenn man sie 
bittet, einen genauen Bericht zu bringen, ohne Verzierungen außer Rand- 
bemerkungen über anderes wichtiges Material, das ihnen während der 
Reproduktion einer Analysenstunde eingefallen ist, sind sie sehr verstört 
und gekränkt. Aber auch die freiere Phantasiemethode hat ihre fest- 
stehenden Regeln, nicht bei der Deutung des Materials, — denn diese ist 
ein Prozeß des spontanen und langsamen Erwachens im Patienten — wohl 
aber in der Befolgung der Technik, die den Grundstein jeder wahren 
Wissenschaft und Kunst bildet. 

In der vollständigen Fassung meiner Arbeit bringe ich ein oder zwei 
Beispiele von Patienten, die sich vorher nicht weiter als bis zu ihrem 
vierten oder fünften Lebensjahr erinnern konnten, um zu zeigen, welcher 
Phantasienreichtum sich bei fortgesetzter Analyse aus dieser frühkindlichen 
Zeit reproduzieren läßt. Folgendem Beispiel waren Phantasien über Kind- 
heitserlebnisse vorangegangen. Kaum war die Methode zwei Sitzungen hin- 
durch angewendet worden, als bei der Patientin die kontinuierlichen, 
sozusagen lebendigen und persönlichen Erinnerungen „durchbrachen". 
Obwohl es sich wahrscheinlich auch hier um eine automorphe Retro- 
produktion handelt, ist sie mit der ganzen affektiven Färbung eines wirk- 
lichen Erlebnisses wiedergegeben. Wir können das Material daher als ein 
psychologisch wahres ansehen. 

Beispiel: Miß F. B. — „Während der Analysenstunde, da ich in 
einen Zustand physischer und psychischer Ruhe gekommen war, schien 
jeder Denkprozeß aufzuhören. Eine dichte, samtige Dunkelheit schien sich 
auf mich zu legen. Alles an mir war von einem angenehmen Gefühl von 



464 L. Pierce Clark 



Wärme und Behagen durchtränkt. Ich hatte keine lokalisierte Körperempfin- 
dung. Ich fühlte meine Körperteile nicht voneinander unterschieden. Ich 
war ein ungeteiltes Ganzes — warm und schwebend in schwarzer Dunkelheit. 
Ich spürte, wie ich mich bewegte, aber die Bewegung war von keinerlei 
Anstrengung von meiner Seite begleitet. Es war eine sanfte schwingende 
Bewegung. Es gab keine Erregung, nur einen Zustand von himmlischer 
Geborgenheit, Wärme, Bewegung, keine Anstrengung. Dann ein plötzliches 
Kältegefühl. Die samtige Dunkelheit war verschwunden. Ich spürte etwas 

Rauhes und Kaltes auf meinem Körper — Hände, glaube ich. Ich 

fühlte mich unbehaglich ich wollte mich scheinbar auflehnen 

gegen das Licht, das Anfassen — ich weinte 

„Ich sehe einen Säugling in einer kleinen weißen Wiege, fallend, die 
Hände ziellos bewegend. Nun schleicht sich eio seltsames Gefühl angenehmer 
Zufriedenheit ein, ein Impuls überkommt mich, die Hände vor meinem 

Gesicht zu bewegen, lallende Laute reinsten Behagens auszustoßen 

ja, ich selbst bin jener Säugling! Die Decke und Wände meiner Wiege 
sind die Grenzen meiner Welt und meine Welt ist makellos. Ich habe 

die vage Empfindung, daß nicht alles in Ordnung ist ich fühle 

mich nicht so wohl. Ich weiß anscheinend, daß, wenn ich schreie, mein 

Lager wieder in Ordnung gebracht werden wird. Ich höre Fußtritte 

meine Hände und Füsse geraten in Bewegung ich versuche, 

meine Bereitschaft, meine Freude für das, was diese schöne Frau für mich 
tun wird, auszudrücken. Sie nimmt mich auf und geht von der Wiege 
zu einem Stuhl. Weiche Arme halten mich fest und jetzt ist etwas 
Weiches und Weißes über mir — danach hat mich verlangt, darauf habe 
ich gewartet. Es ist in meinem Mund, warm und weich und rund. Meine 
Zunge preßt es und läßt es wieder los. Etwas Warmes und ziemlich Süßes 
kommt mir in den Mund und ich schlucke. Welche Seligkeit und ohne 
Anstrengung! Es ist nicht schwer, Lippen und Zunge zu bewegen. Ich 

habe es nicht gelernt es ist eben ein Stück von mir und diese 

Frau mit dem schönen Gesicht, die sich über mich neigt, ist diejenige, 
die mir ein Stück meines Ichs schenkt." 

Dies ist bloß ein Ausschnitt aus dem wirklichen Arbeitsmaterial, das 
die Phantasiemethode liefert, die vollständige Fassung bringt den ganzen 
Stoff in Detaillierung. Die Erfolge bei Anwendung der Phantasie- 
methode hängen im allgemeinen ab von der Vollständigkeit der libidinösen 
Neubelebung der narzißtischen Formationen. Die Übertragung ist eine 
ruhigere und der Patient gewinnt eine Fähigkeit zur Einsicht, die 
höchst bemerkenswert ist. 

Wie Schilder feststellt, sind die Grenzen zwischen denjenigen Ver- 



Phantasiemethode bei narzißtischen Neurosen 465 

haltungsweisen, welche die reale Wahrnehmungswelt fordert, und der 
Vorstellungswelt (deren Erfassung eine rein begriffliche ist) nicht allzu 
scharf gezogen. Selbst die Phantasiewelt steht der wirklichen Welt außer- 
ordentlich nahe. 

Ich werde nun die Hauptpunkte meiner These zusammenfassen: 

/) Wir finden in der subjektiven Identifizierung des Kindes mit der 
Mutter die Anfänge des Narzißmus, der verschiedene narzißtische Neurosen 
und Psychosen bedingt, wenn er ungebührlich dauernd mit magischer 
Stärke dominiert. 

2) Wir sind durch die Phantasiemethode und bei einer narzißtischen 
Übertragung imstande, die psychisch-wahren Schöpfungen dieser Phase des 
sekundären Narzißmus therapeutisch zu beeinflussen und so wirkliches Ver- 
ständnis und soviel Sublimierung des Narzißmus zu erreichen, als für das 
Wohlbefinden des Individuums nötig zu sein pflegt. 

)) Ich habe in den Beispielen, die im vollständigen Text enthalten 
sind, erfolgreich mit der Phantasie-Analyse narzißtischer Neurosen und 
Psychosen eingesetzt, und zwar bei Melancholie, Dipsomanie, genuiner 
Epilepsie, chronischen Stotterern und bei der Gruppe allgemein narzißtischer 
Neurosen, die noch keiner festgelegten Kategorie angehören. 



Der Vergiftungswahn im Lichte der Introjektions- 
und Projektionsvorgänge 

Von 

E. Weiß 

Trieste 

I 

Zu den häufigsten Wahnbildungen, denen wir bei der Paraphrenie 
begegnen, gehört wohl der Beeinflussungswahn, welcher in den denkbar 
verschiedensten Formen auftreten kann: bald handelt es sich um Suggestion 
oder Hypnose, bald um Telepathie, welcher der Kranke unterworfen wird; 
andere Male ist es wiederum ein komplizierter Apparat, mit welchem auf 
ihn eingewirkt wird. 

Der Begriff des Beeinflussungswahnes ist sicher nicht deutlich abgrenzbar, 
er geht vielmehr ganz allmählich in den übergeordneten Begriff des Ver- 
folgungswahnes im allgemeinen über. Daß manchmal auch jene Fälle, bei 
welchen sich die Patienten durch andere geschädigt fühlen, zur unter- 
geordneten Gruppe des Beeinflussungswahnes zu rechnen sind, ergibt sich 
erst aus dem weitereren Verlaufe des Krankheitsprozesses. So beginnt oft 
eine Paranoia mit der Vorstellung des Kranken: daß der ihn behandelnde 
Arzt ihm durch seine Eingriffe oder im allgemeinen durch seine Behand- 
lungsmethoden geschadet hat. Anfangs denkt dabei der Patient nicht an ein 
Absicht des Arztes, ihn schädigen zu wollen, vielleicht vermutet er, von 
ihm als Experimentierobjekt benützt worden zu sein, aber nach und nach, 
mit fortschreitender Entwicklung der Wahnbildung, beginnt er Zusammen- 
hänge und Absichten zu „intuieren", dann zu verstehen und endlich zu 
wissen, wobei eine sekundäre Bearbeitung 1 des Wahnmateriales, wenigstens 
bei der echten Paranoia, die Hauptrolle spielt. Gelingt ihm diese sekundäre 

1) Es handelt sich, wie uns Freud gezeigt hat, um einen der sekundären 
Bearbeitung der Träume analogen Prozeß. 



Der Vergiftungswahn 467 



Bearbeitung nicht vollkommen, so bleiben ihm noch über gewisse Einzel- 
heiten und Zusammenhänge Zweifel und Desorientiertheit übrig. In 
späteren Krankheitsstadien fühlt dann der Kranke ein Fortbestehen einer 
Beeinflussung seines Körpers und seines Geistes, welche Beeinflussung auch 
von anderen Menschen übernommen und in den mannigfaltigsten Arten 
bewerkstelligt werden kann. 

So wie die viel weitere Gruppe der Verfolgungswahnvorstellungen auf 
einem einheitlichen Kernmechanismus zu beruhen scheint, so werden auch 
die verschiedenen Ausdrucks formen der engeren Gruppe des Beeinflussungs- 
wahnes etwas Gemeinsames in ihrem Entstehungsmechanismus und in 
ihrer Psychodynamik aufweisen. 

Bekanntlich konnte Freud 1 im Inhalte des Verfolgungswahnes einen 
Abwehrmechanismus gegen verdrängte Homosexualität aufdecken, was nach 
ihm von anderen Autoren bestätigt wurde. Was die Untersuchungen über 
den Beeinflussungswahn anlangt, so müssen wir vor allem an die gedanken- 
reiche Arbeit von V. Tausk „Über die Entstehung des Beeinflussungs- 
apparates in der Schizophrenie" 2 denken, worin gezeigt wird, daß der 
komplizierte Apparat, mit welchem auf den Patienten eingewirkt wird 
seinen eigenen mit Libido überladenen Körper, beziehungsweise seinen 
zum Genitale gewordenen Körper darstellt, welcher infolge der nicht 
zu bewältigenden Libidostauung in die Außenwelt projiziert wurde. 

Ein interessanter Fall eines Vergiftungswahnes bei einem Paraphreniker, 
bei dessen Beobachtung ich auf neue Zusammenhänge stieß, veranlaßte 
mich, den Vergiftungswahn im allgemeinen näher zu studieren. Ich glaube, 
daß dieser Wahn in die Gruppe des Beeinflussungswahnes einzureihen ist, 
insoferne der betreffende Mensch sich durch Giftwirkung beeinflußt fühlt. 
Ferner konnte ich feststellen, daß es sich bei Beeinflussungsvorstellungen 
um denselben Mechanismus handelt, nach welchem unser Über-Ich 
gebildet wird. Wenn die Kranken behaupten, sie würden beeinflußt, so 
haben sie dabei recht; es kommt ihnen nämlich jene Beeinflussung durch 
andere Menschen zum Bewußtsein, welcher wir alle ständig ausgesetzt waren 
und noch sind, insoferne wir zur Erziehung beeinflußt wurden, sich in uns 
ein Gewissen bilden konnte, resp. in uns fortwährend Über-Iche entstehen, 
welche hemmend und ableitend auf unser Triebleben wirken. Der an 
Beeinflussungswahn leidende Kranke wehrt sich nun gegen diese Beein- 
flussung. Es ist merkwürdig, daß man nicht auf den Einfall gekommen 
ist, im Entstehungsmecbanismus des Beeinflussungswahnes den Schlüssel 

1) Preud, Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschrie- 
benen Fall von Paranoia, (Ges. Schriften, Bd. VIII. 1 

2) Internat. Zeitschr. f. PsA., Bd. V, 1919. 



468 E. Weiß 

zum Verständnisse der Unbeeinflußbarkeit von Paraphrenikern zu suchen. 
Die Erkenntnis von ihrer Abwendung vom Objekte und ihrer Über- 
tragungsunfähigkeit erschließt uns das Problem nicht bis in seine tiefsten 
Gründe. 

Was den Vergiftungswahn anlangt, finden wir in der Psychoanalyse 
bereits eine Deutung vor. Er wird allgemein als unbewußter Konzeptions- 
wunsch des Patienten aufgefaßt. In seinem Aufsatze „Das Interesse an der 
Psychoanalyse" sagt Freud: 1 „Was z. B. eine Hysterika durch Erbrechen 
darstellt, das wird sich beim Zwangskranken durch peinliche Schutzmaß- 
regeln gegen Infektion äußern und den Paraphreniker zur Klage oder 
zum Verdacht, daß er vergiftet werde, veranlassen. Was hier so ver- 
schiedenen Ausdruck findet, ist der ins Ubw verdrängte Wunsch nach 
Schwängerung, respektive die Abwehr der erkrankten Person gegen 
denselben. 

Bevor ich über den Fall berichte, den ich zum Ausgangspunkte meiner 
Untersuchungen genommen habe, möchte ich vorwegnehmen, daß mich 
meine Beobachtungen anfangs nicht zur Berücksichtigung dieser Deutung, 
noch der T a u s k sehen Ausführungen über den Beeinflussungsapparat 
führten, sondern mich vor allem zu den neueren, bahnbrechenden Arbeiten 
von Freud (Gewissen, Über-Ichbildung usw.) und den Ausführungen von 
Abraham, 2 namentlich was den Entstehungsmechanismus der Paranoia 
anlangt, hinlenkten. 

Ein schwerer Paraphreniker, der jahrelang wegen seiner Aggressivität 
in der Anstalt, 3 wo er untergebracht war, besonders überwacht werden 
mußte, hatte unter anderen Verfolgungswahnideen auch die so überaus 
häufige, daß die Speisen, die man ihm vorlegte, vergiftet wären. Er 
beklagte sich, daß diese einen eigentümlichen Geschmack und Geruch 
hätten, was von den beigemischten Giften herrühre; am häufigsten röchen 
sie nach Exkrementen. Bei diesem Patienten schenkte ich eine besondere 
Aufmerksamkeit der Tatsache, daß er seine Wutanfälle, während 
welchen er über Ärzte, Wärter und manche Anstaltskranke mit den gröbsten 
Kraftausdrücken schimpfte, als eine Wirkung jener Gifte auffaßte, welche 
ihm durch die Speisen verabreicht worden wären. Als ich auf diese seine 
Aussagen näher einging, erklärte er mir, schnaubend vor Wut, daß sein 
Zorn und seine Impulse zu Tätlichkeiten und zum Schimpfen ihm im 
Bauche entstünden und daß dies nur eine Wirkung der Gifte sein könnte, 

1) Scientia, Bd. XIV, Jahrg. 7 (1911), Nr. XXXII, (Ges. Schriften, Bd. IV.) 

2) Abraham, „Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido", (Neue 
Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse, Nr. II, 1924.) 

5) Der Patient befindet sich im „Ospedale Psichiatrico Provinciale di Trieste". 



Der Vergiftungswahn 469 



die er in der Anstalt einnehmen müsse. Dabei zeigte er regelmäßig die 
linke Seite des Bauches : hier hätte er das Empfinden, als ob sich der Darm 
öffnete und aus diesem der Zorn zum Kopfe aufstiege. Früher hätte er 
nämlich niemals solche Wutanfälle gehabt, noch wäre es ihm je eingefallen, 
so fürchterlich zu schimpfen. 

Es handelt sich hier um die, namentlich bei Paraphrenikern so häufig 
vorkommende Erscheinung von Entfremdung, und Depersonalisation. 1 Die 
Depersonalisierten erkennen eigene Gefühle und Affekte, oft sogar eigene 
Gedanken und Handlungen nicht als ihre eigenen an. Paraphreniker fühlen dabei 
oft, daß diese Gefühle, Affekte und Impulse, welche zu gewissen Handlungen 
führen, irgendwie durch fremdes Einwirken (meistens durch Fernwirkung) 
entstanden sind. 

Was ferner den Kranken sehr irritierte, das war — um eine deutsche 
Übersetzung eines vom Patienten angewendeten Neologismus zu gebrauchen 
— das „Innengesagte", welches ebenfalls von ihm als eine Giftwirkung 
ausgelegt wurde. Es handelte sich um Gehörshalluzinationen: im Inneren 
seines Kopfes entstanden Stimmen, welche grobe Schimpfworte gegen seine 
eigene Person, sowie Ge- und Verbote enthielten. So sagten sie ihm bei- 
spielsweise, er dürfe in der Anstalt nicht essen und, ihnen gehorchend 
(wahrscheinlich aus Angst), versuchte er oft, seine Speisen an andere 
Kranke zu verschenken. Auch das „Innengesagte", meinte er, entstehe in 
seinem Darme und steige von hier zum Kopfe auf. 2 

Aber nicht nur seine (vornehmlich aggressiven) Impulse und sein „Innen- 
gesagtes", sondern auch jedes für ihn ungünstige Ereignis, das ihn oder 
seine Familie 5 betraf, erklärte er sich als durch fremden, äußeren Einfluß 
entstanden, wogegen er sich, furchtbar irritiert, aufbäumte. Eine leichte, 
interkurrente Krankheit, ja sogar ein leichter Schnupfen, ein Wimmerl, 
alles rührte von den genannten Giften her. Im Zusammenhange mit 
diesen Wahnvorstellungen produzierte er zahlreiche hypochondrische 



1) Tausk, 1. c; P. Schilder, (unter anderem,) „Entwurf zu einer Psychiatrie 
auf psychoanalytischer Grundlage". Int. PsA. Verlag, 1925. H. Nunberg, Über 
Depersonalisationszustände im Lichte der Libidotheorie. Int Zeitschr. f. PsA., 
Bd. X, 1924,. 

2) Freud hat uns gelehrt, daß diese Stimmen auf einem Zerfall des Gewissens 
beruhen. Die ursprünglich äußeren Stimmen der Erzieher werden normalerweise 
durch Identifizierung mit ihnen zur „Inneren Stimme des Gewissens"; beim Zerfall 
des Gewissens werden die Stimmen wiederum veräußerlicht oder nehmen zumindest 
akustischen Charakter an, auch wenn sie noch vom Patienten in seinem Innern (Kopf, 
Bauch usw.) vernommen werden. 

5) Auch Tausk berichtet in der erwähnten Arbeit, daß die an Beeinflussungs- 
wahn leidenden Schizophrenen mitunter angeben, daß auch ihre Angehörigen, oft 
sogar ihr behandelnder Arzt, mitbeeinflußt werden. 



470 E. Weiß 



Beschwerden: sein ganzer Körper sei schon verdorben, ohne Blut und ohne 
Fleisch, er sei schon ganz kraftlos usw. 

Da mir der Kranke nicht schlecht gesinnt war, vielmehr von mir 
seine Befreiung aus der Anstalt erhoffte (ich möchte diese Einstellung 
des Patienten PseudoÜbertragung nennen), konnte ich mir von ihm Näheres 
über seine Vergiftungen erzählen lassen. Da erfuhr ich, daß seine Feinde 
gewisse Säfte (Substanzen) aus den Leichen Verstorbener, vielleicht auch 
aus den Körpern lebender Menschen (diesbezüglich war Pat. im Unklaren), 
namentlich aus ihren Exkrementen, gewinnen (extrahieren) und diese 
Substanzen würden ihm dann den Speisen beigemischt. Durch deren 
Genuß würde er nun gewisse Ähnlichkeiten mit den 
entsprechenden Menschen annehmen: die Gesichtszüge, die 
Stimme, die Gedanken usw. Manchmal erschienen ihm Teile dieser 
Menschen (entweder von Unbekannten oder von bestimmten Wärtern oder 
Bett- und Tischnachbarn, selten von Ärzten), mit Vorliebe deren Gesäß, 
lebhaft vor den Augen, er spürte sie im Munde, auf der Zunge, er roch 
— wie er sich ausdrückte — deren Gestank usw. Die Urheber dieser 
eigenartigen Verfolgungen (Beeinflussungen) waren Unbekannte, dann die 
ihn in früheren Jahren behandelnden Ärzte, sicher aber auch der jetzige 
Anstaltsdirektor. Indem er sich beim Erzählen unwillig das Gesicht 
betastete, protestierte er lebhaft gegen diese Eigenmächtigkeiten: „Wie 
komme ich denn zu diesem Gesichte, das ist nicht meine Stimme! Warum 
muß ich denn Dreck anderer Menschen fressen? usw. Beim Umziehen 
von Kleidungsstücken und Körperwäsche leistete er lebhaften Widerstand : 
„Wer weiß, von wem dieser Anzug ist, wer diese Wäsche getragen hat! 
Wer weiß, welche Krankheiten der Betreffende hattet" Pat. fürchtete sich, 
durch andere infiziert zu werden, wollte aber auch nicht, was anderen 
gehörte, auf sich nehmen. 

Auf meine Frage, aus welchem Grunde man ihn denn vergiften wolle, 
verriet er, daß er sich selbst oft darüber den Kopf zerbrochen hätte. Wahr- 
scheinlich wolle jemand aus seinem Tode einen Nutzen ziehen; seine 
Feinde seien zu eigenen Gunsten auf den Namen des Patienten eine 
Lebensversicherung eingegangen; wenn er sterbe, werde ihnen die Ver- 
sicherungssumme ausbezahlt werden. Es spielte eben auch hier eine 
sekundäre Bearbeitung eine große Bolle, wie es im allgemeinen bei den 
Versuchen solcher Kranken, mit den gegebenen Prämissen sich zurecht- 
zufinden, vorkommt. Die Extraktivstoffe fremder Menschen verwandeln sich 
nun in folgender Weise in wirkliche Gifte (sekundäre Bearbeitung): Man 
könne, so meinte der Patient, die Substanzen eines jeden Menschen auch 
auf synthetischem, chemischem Wege erzeugen (Pat. war Diener des 






Der Vergiftungswahn 471 



chemisch-physikalischen Kabinetts einer Mittelschule), und man lasse ihn 
dann diese künstlich hergestellten Präparate einnehmen, welche eben 
dieselbe Wirkung auf ihn ausüben wie die natürlichen Gifte. Beim 
Patienten zeigte sich mitunter eine deutliche Tendenz, die Herkunft und 
die Wirkungsweise der geschilderten Gifte zu vernachlässigen ; vom ganzen 
Komplex blieb dann als Repräsentanz im Bewußtsein bloß die Vorstellung 
der Vergiftung. Als ich ihm beispielsweise einmal auf seine Frage, in 
welcher Weise ich mir denn die Entstehung eines Wimmerls, das er mir 
zeigte, erklären könnte, zur Antwort gab, daß es sich um eine bakterielle 
Infektion handelte, da entgegnete er mir, daß auch die Bakterien als eine 
Art Gift aufgefaßt werden könnten. Er hatte momentan die Entstehungs- 
und Wirkungsweise der beschriebenen Gifte außeracht gelassen und ver- 
steifte sich bloß auf den Ausdruck „Gift". Diese Vernachlässigung, glaube 
ich, kann als ein Effekt einer sekundären Bearbeitung der Wahnvorstellungen 
aufgefaßt werden und ermöglicht eine gewisse Anpassung des Wahnes an 
die Wirklichkeit. 

II 

Der Kern des eben beschriebenen Falles von Vergiftungswahn ist uns 
nunmehr, dank Freuds Forschungen, geläufig. Der Inhalt der Wahn- 
vorstellung unseres Patienten, daß er durch den (in diesem Falle ihm auf- 
gezwungenen) Genuß von Extraktivstoffen anderer Menschen selbst in diese 
Menschen verwandelt werde, resp. von ihnen manche Eigenschaften an- 
nehme, entspricht ja der von Freud beschriebenen Introjektion der Liebes- 
objekte, wodurch es in uns zur Bildung von Über- Ich en kommt. Freud 1 
macht uns auf den Glauben der Primitiven aufmerksam, wonach die 
Eigenschaften des als Nahrung einverleibten Tieres dem, der es ißt als 
Charakter verbleiben werden; darauf gründen sich viele Speiseverbote. 
„Dieser Glaube geht bekanntlich auch in die Begründung des Kannibalismus 
ein und wirkt in der Reihe der Gebräuche der Totemmahlzeit bis zur 
heiligen Kommunion fort . . ." Das Aufgeben eines Sexualobjektes geht 
nach Freud oft Hand in Hand mit einer Aufrichtung des Objektes im 
Ich einher: das Objekt wird introjiziert, im Ubw wird es oral einverleibt. 
Dadurch kommt es zu einer Charakterveränderung beim Subjekte, welches 
bestrebt ist, sich dem aufgegebenen, introjizierten Objekte anzugleichen. 
„Wenn das Ich die Züge des Objektes annimmt, drängt es sich sozusagen 
selbst dem Es als Liebesobjekt auf, sucht ihm seinen Verlust zu ersetzen, 
indem es sagt: ,Sieh, du kannst auch mich lieben, ich bin dem Objekt 

1) Vgl. die diesbezüglichen Stellen in Freuds „Totem und Tabu" (Ges. Schriften, 
Bd. X) und „Das Ich und das Es« (Bd. VI). 



472 E. Weiß 

so ähnlich' ..." Die Libido, welche dem Ich durch die beschriebenen 
Identifizierungen zufließt, stellt dessen „sekundären Narzißmus 
her. Die introjizierten Objekte bilden das Gewissen; die erste und bedeut- 
samste Identifizierung des Individuums ist die mit dem Vater (eigentlich 
Eltern) der persönlichen Vorzeit. 

Bei zwei Arten von pathologischen Prozessen kamen bisher diese Intro- 
jektionsvorgänge zu einer besonderen Berücksichtigung: beim melancholischen 
und beim paranoischen. 

Die Selbstanklagen des Melancholikers gelten nach Freud dem auf- 
gegebenen, einverleibten Liebesobjekt, dem gegenüber das Individuum 
ambivalent eingestellt war. 1 Was die Paranoia anlangt, so besitzen wir 
einen sehr wertvollen Beitrag von van Ophuijsen 2 und Stärcke, 3 
welche Autoren von Abraham* zitiert werden, der ihre Beobachtungen 
bestätigt und ergänzt. „Sie entdeckten nämlich in ihren Analysen, daß in 
der Paranoia der .Verfolger' sich zurückführen läßt auf die unbewußte 
Vorstellung von einem Scybalum im Darme des Kranken, welches von 
seinem Unbewußten mit dem Penis des ,Verfolgers', d. h. des ursprünglich 
geliebten Wesens gleichen Geschlechtes, identifiziert wird. Der Verfolger 



1) S.Freud, „Trauer und Melancholie" (Ges. Schriften, Bd. V). Bei dieser 
Gelegenheit möchte ich erwähnen, daß nach meinen Erfahrungen es auch melancho- 
lische Zustandsbilder gibt, die dieser Auffassimg nicht entsprechen. So beruhten bei- 
spielsweise die Selbstanklagen einer von mir analysierten Melancholika iura größten 
Teil auf Wahrheit und bezogen sich auf ihre unmoralische Vergangenheit, welche 
von anderer Seite bestätigt werden konnte. Die Patientin benahm sich etwa so, als ob 
sich in ihr erst recht spät eine Gewissensinstanz gebildet hätte, welche über das 
Leben der Patientin vor der Bildung dieser Instanz furchtbar wütete. Das Leiden, 
das in maßlosen Gewissenspeinigungen bestand, hing — wie es die Analyse zeigte — damit 
zusammen, daß die Patientin niemals in ihrem Leben zur vollen Sexualbefriedigimg 
gekommen ist und nunmehr, nicht mehr jung, wenig Aussicht auf eine solche hatte. 
Ihre Gewissensqualen waren eine Art Ersatz für ihr tiefes Bedauern, keine echte 
Befriedigung in ihrem Leben gehabt zu haben. Sie war nämlich schon vor der 
melancholischen Erkrankung eine Hysterika und hatte die Genitallibido vollkommen 
verdrängt. Die Erfahrung zeigt uns, daß, wie einerseits das Schuldbewußtsein die 
Befriedigung hemmen oder gar verhindern kann, andererseits die Befriedigung das 
Schuldbewußtsein schwächt. Beispielsweise verursacht ein Verbrechen, wenn es nicht 
die erhoffte Befriedigung oder gar Enttäuschung gebracht hat, viel mehr Schuld- 
bewußtsein (gleichsam als ob man umsonst das Verbrechen begangen hätte), als 
wenn es von Befriedigung gefolgt ist. Menschen, die nicht genossen haben (z. B. 
eben Hysteriker) und die sich im Leben etwas zu schulden haben kommen lassen, neigen 
in späterem Alter zur Melancholie, es handelt sich eigentlich in solchen Fällen um 
eine Pseudomelancholie. 

2) Internat. Zeitschr. f. PsA., Bd. VI, 1920, p. 68 f. 

3) ibid. Bd. V, 1919, p. 258. 

4) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido (Neue Arbeiten 
zur ärztl. Psychoanalyse, 1924, Int. PsA. Verlag, p. 82 f.) 



Der Vergiftungswahn 473 



ist also in der Paranoia repräsentiert durch einen ihm gehörigen Körperteil, 
den der Verfolgte in sich zu tragen wähnt; er möchte sich von dem Fremd- 
körper befreien, ist aber dazu nicht imstande." 

Nach Abraham introjiziert sich der Paranoiker nur einen Teil des 
Objektes, während sich der Melancholiker das Objekt in toto einverleibt. 
„Für den Paranoiker wird das Liebesobjekt repräsentiert durch Kot, den 
er nicht ausstoßen kann." „Bezüglich des introjizierten Teiles erscheint 
noch eine Bemerkung notwendig. Sie bezieht sich auf die regelmäßige 
Gleichsetzung des Penis mit der weiblichen Brust. Sekundär übernehmen 
andere Körperteile die Vertretung dieser beiden Organe, so z. B. Finger, 
Fuß, Haar, Kot, Gesäß ..." Weiterhin vermutet Abraham, daß der 
Paranoiker die anale Einverleibung des begehrten Objektteiles zum 
unbewußten Sexualziel erhoben hat. Nach meiner Erfahrung trifft dies 
aber nicht bei allen Fällen zu; so finden wir bei dem oben erwähnten 
Patienten die orale Einverleibung vor. Der Autor wirft auch die 
Frage auf, warum beim Melancholiker eine Wahnbildung im paranoischen 
Sinne ausbleibt. 

Wenn wir von dem Umstände absehen wollen, daß der Melancholiker 
sich das Liebesobjekt in toto introjiziert, während der Paranoiker sich nur 
einen Teil von ihm einverleibt, 1 können wir die Grundunterschiede zwischen 
diesen beiden Erkrankungstypen 3 etwa folgendermaßen zusammenfassen: 
Nach den eben wiedergegebenen Auffassungen stammt die „Verfolgung" 
bei beiden Erkrankungen von etwas Tnlrojiziertem, das ich einfachheits- 
halber das „Introjekt" nennen möchte. Es ist nämlich sicher nicht 
bloß eine Gedankenspielerei, wenn man die echte Melancholie auch als 
eine Art Verfolgungswahn auffaßt; der Kranke wird von seinem eigenen 
Gewissen verfolgt. Ich halte diese Formulierung für aufklärend, namentlich 
bei der Berücksichtigung von anderen Krankheitsmechanismen. Bei der 
Melancholie bezieht sich aber die Wahnbildung nicht auf die Verfolgung 
selbst, welche eben hier real ist (von Seiten des Gewissens), sondern auf 
den Inhalt der Gewissensanklagen. Bei der Melancholie finden wir also 
ein Introjekt, gegen welches sich das Gewissen richtet. Nun beruht aber 
das Gewissen selbst seinerseits ebenfalls auf einem Introjekt — nach Freud 
ist die erste und bedeutsamste Identifizierung des Individuums, eben die 

1) Ich habe mein Krankenmaterial in dieser Beziehung nicht vollkommen unter- 
suchen können. Einige Fälle scheinen zugunsten obiger Auffassung zu sprechen. Ich 
traue mich aber noch nicht, dies zu verallgemeinern. 

2) Es wäre eigentlich korrekter von einem melancholischen und paranoischen 
SjTidrom zu sprechen. Derartige Zustandsbilder, wie sie beispielsweise bei der 
Schizophrenie oder auch bei organischen Himerkrankungen vorkommen, weisen 
vielfach denselben Mechanismus auf. 

Int Zeitschr. f. Psychoanalyse XII/3. ,, 



474 E - Weiß 



mit dem Vater der persönlichen Vorzeit (der Kern des Gewissens). Die 
Pathologie zeigt uns, daß nicht jedes Introjekt an der Struktur des Gewissens 
teilnimmt, welche äußerst kompliziert und noch nicht hinreichend erforscht 
ist.' An dieser Stelle müssen wir an folgende Ausführung von Freud 
(Das Ich und das Es) denken: „Nehmen die Objektidentifizierungen über- 
hand, werden sie allzu zahlreich und überstark und miteinander unver- 
träglich, so liegt ein pathologisches Erlebnis nahe. Es kann zu einer 
Aufsplitterung des Ichs kommen, indem sich die einzelnen Identifizierungen 
durch Widerstände gegeneinander abschließen und vielleicht ist es das 
Geheimnis der Fälle von sogenannter multipler Persönlichkeit, 
daß die einzelnen Identifizierungen alternierend das Bewußtsein an sich 
reinen . . . 

Das Studium der Melancholie zeigt uns, daß es bei dieser Auf- 
splitterung zu einem verfolgenden und zu einem verfolgten 
Introjekt kommen kann. Bei der Paranoia bekennt sich das Individuum 
nicht zu seinem verfolgenden Introjekt 2 und verlegt dieses nach außen 
(projiziert es). Daß das verfolgte Introjekt Beziehungen zu den verdrängten 
Trieben unterhält, liegt auf der Hand, richtet sich doch gegen diese 
normalerweise das Gewissen (verfolgendes Introjekt). 

Was den Begriff der Beeinflussung anlangt, so können wir nun ganz 
zwanglos sagen, daß diese normalerweise darin besteht, daß man ein Individuum 
gewisse Verhaltungsmaßregeln annehmen läßt. Wir dürfen nicht vergessen, 
daß uns schon die Wirklichkeit in diesem Sinne beeinflußt und daß der 
Schaden, der uns bei Nichtbefolgung dieser Verhaltungsmaßregeln erwächst, 
das Vorbild der Strafe ist. Zu solchen Verhaltungsmaßregeln wird im 
allgemeinen alles Lebende im Anpassungskampf an die Wirklichkeit 
genötigt. Beim Zähmen von Haustieren schafft man in ihnen instinktive Ver- 
haltungsmaßregeln, die eine große Ähnlichkeit mit dem menschlichen Gewissen 
aufweisen. Z. B. kann die innere, anerzogene Hemmung bei Katzen und 
Hunden, derzufolge diese Tiere zimmerrein bleiben, als eine Art Gewissen 
betrachtet werden. 

Das unbeholfene und unwissende Kind trachtet infolge seines An- 
passungsbedürfnisses es demjenigen nachzumachen, zu dem es Vertrauen 
hat; es macht feiner die Erfahrung, daß, wenn es sich in einer bestimmten 



1) Beispielsweise ergibt die Untersuchung der Beziehungen zwischen Gewissen 
und Mitleid interessante Zusammenhänge. Die Resistenz des Gewissenskernes ist 
ferner eine Funktion der jeweiligen öffentlichen Meinung, wie man es z. B. im 
Kriege, bei sozialen Revolutionen usw. ersehen kann. 

2) Um von dem Ziele, das ich mir in dieser Arbeit gesteckt habe, nicht ab- 
zuschweifen, will ich hier nicht auf die Frage eingehen, ob auch bei der Paranoia 
das verfolgende Introjekt sich mit dem Kern des Gewissens deckt, wie es bei der 
Melancholie der Fall ist. Jedenfalls wird bei der Paraphrenie das Gewissen mehr 
oder weniger in Mitleidenschaft gezogen. 



Der Vergiftungswahn 475 



Weise aufführt, es die Gunst und Liebe jener Menschen, die ihm Schutz 
gewähren können und die es sich zu Vorbildern genommen hat (Eltern), 
erwirbt ; im entgegengesetzten Falle aber sich deren Liebe verscherzt und 
von ihnen bestraft wird. Muß es aber auf diese Menschen verzichten 
lernen, so bringt es das in der Weise zustande, daß es sich diese introjiziert. 
So sind also die durch Introjektion (Identifizierung) angenommenen Eigen- 
schaften im Grunde durch Beeinflussung entstanden. 

Wie anfangs erwähnt, geben viele an Beeinflussungswahn leidende 
Patienten an, daß sie durch Suggestion oder Hypnose beeinflußt werden. 
Nach Freud' wird in der Hypnose das Objekt an die Stelle des Ich- 
ideals gesetzt, und dieses schreibt doch im kategorischen Imperativ dem 
Individuum seine Verhaltungsmaßregeln vor. Somit finden wir in den 
Aussagen dieser Kranken eine Bestätigung unserer Auffassung der Beein- 
flussung. Daß die Vorstellung von Suggestion und Hypnose oft durch die 
von Telepathie oder drahtloser Telegraphie u. dgl. ersetzt wird, darf uns 
darin nicht beirren. 

Unser an Vergiftungswahn leidender Kranker wehrte sich gegen den 
spontan sich abspielenden Identifizierungs-(Beeinflussungs-)Prozeß und 
verriet in der deutlichsten Weise, daß dieser Vorgang mit der (z. B. oralen) 
Einverleibung des Objekts zusammenfällt. Als Ausdruck des Widerstrebens 
gegen den Genuß von Objekten (oder Teilen, Extraktivstoffen usw. von 
diesen), denen er sich dadurch angleichen mußte, qualifizierte er die 
Speisen als ,.Gift". 

Ob alle Fälle von Vergiftungswahn in diesem Sinne zu deuten sind, 
wird uns erst eine ausgiebige Erfahrung zeigen. Ich habe eine ziemlich 
große Menge von solchen Fällen untersucht, in keinem zeigte sich aber 
der beschriebene Komplex in so klarer Weise wie in dem berichteten 
Falle. Starke Entstellungen und sekundäre Bearbeitungen verdeckten die 
Zusammenhänge. Immerhin kann derjenige, der über die Beziehungen 
zwischen Introjektion, Gewissen, Schuldgefühl, Verfolgung usw. unterrichtet 
ist, in vielen Fällen von Vergiftungswahn ganz zwanglos zur obigen 
Deutung gelangen. 

Ohne auf alle von mir untersuchten Fälle einzugehen, erwähne ich 
bloß einen Fall, zu dessen Verständnis man erst durch die Kenntnis der 
hier erwähnten Vorgänge gelangt. 

Ein schwer deprimierter Patient (Anstaltskranker), der bereits einen 

Suizidversuch gemacht hatte, setzte bei mir die meisten Erlebnisse seiner 

Vergangenheit als bekannt voraus. Er zeigte ein furchtbares Schuldgefühl 

für homosexuelle Beziehungen, die er in Wirklichkeit unterhalten hatte, 

1) S. Freud: Massenpsychologie und Ichanalyse (Ges. Schriften, Bd. VI.) 



476 E. Weiß 



aß wenig und kam stark herunter. Anfangs hielt ich den Fall für eine 
Melancholie. Bald aber erblickte er in meinem Interesse für seine Person 
eine verborgene Absicht, ich war sein Scharfrichter, der den Auftrag 
bekommen hatte, über seine Vergangenheit zu forschen, um ihn der 
Strafe zuzuführen. Nach kurzer Zeit offenbarte er gar kein Schuldgefühl 
mehr, er wurde nicht mehr von seinem Gewissen verfolgt, sondern die 
Verfolgung wurde nach außen verlegt : die Ärzte (namentlich der Anstalts- 
direktor) wollten ihn durch eine chronische Vergiftung ganz allmählich 
zugrunde richten. Er bekam akustische Halluzinationen, die er als Gift- 
wirkung auslegte, hypochondrische Beschwerden usw. 

Während bei der Lösung der Melancholie das verfolgte Introjekt 1 
sehr oft projiziert wird und sie dadurch in Manie umschlägt, wurde in 
diesem Falle das verfolgende Introjekt projiziert und dadurch kam 
es zur Paranoia. Eine genaue Anamnese von Paranoikern (Verfolgungs- 
wahn) läßt uns sehr oft als Vorläufer der Erkrankung psychische Depres- 
sionen aufdecken, welche ganz gut mit melancholischen Symptomen 
verwechselt werden können. 

III 

Die Deutung des Vergiftungswahnes als Wunsch nach Schwängerung, 
resp. als Abwehr gegen denselben, ist zweifellos auch richtig. Unsere 
Erfahrungen zeigen uns immer mehr, daß im Ubw die Zentripetal- 
vorgänge unter einander vertauscht werden können, wie denn andererseits 
die Zentrifugalvorgänge nicht gut auseinander gehalten werden. 2 Die 

1) Es ist eine bei Manischen sehr oft vorkommende Erscheinung, daß sie für 
einen oder einige Menschen große Verachtung zeigen und dieselben aller möglichen 
Missetaten beschuldigen: sie seien Weltverderber, gottlose Menschen, Betrüger. 
Schufte usw. Im Gegensatze zum Paranoiker, der seine Verfolger beschuldigt, i h m 
selbst etwas angetan zu haben, beschuldigt der Maniker den von ihm Verfolgten, 
der Welt, der Menschheit oder überhaupt anderen geschadet zu haben. Der 
Paranoiker sieht sich primär verfolgt, der Maniker verfolgt selbst den „Misse- 
täter". Dieser Umstand kann leicht eine Paranoia vortäuschen, während es sich in 
Wirklichkeit um eine „Pseudoparanoia" handelt. (Eigene Beobachtungen.) 

Nicht alle Fälle von psychomotorischer Erregung, welche die klinische Psychiatrie 
als manische Zustandsbilder anspricht, weisen diesen Mechanismus auf. Die einzelnen 
Krankheitsbilder bedürfen einer viel weiter gehenden Differenzierung als sie von der 
Psychiatrie bisher vorgenommen wurde. Der Ausfall einer der verschiedenen 
hemmenden psychischen Funktionen (Kritik, Realitntspriifung, Zensur usw.) hat eine 
psycho-motorische Erregung zur Folge (Pseudomanien). 

2) Vgl. meine Arbeit „Über eine noch nicht beschriebene Phase der Entwicklung 
zur heterosexiiellen Liebe", Int. Zeitschrift, XI. Bd., 4. Heft, 1925. 

Auch Helene Deutsch geht diesbezüglich in ihrer Arbeit „Psychologie des 
Weibes in den Funktionen der Fortpflanzung". Int. Zeitschrift, Bd. XI, Heft I, 1925, 
sehr konsequent und folgerichtig vor. 






Der Vergiftungswahn 477 



Begriffe der Introjektion, Immission, Konzeption usw. sind für das Ubw 
äquivalent, ebenso die der Projektion, Exkretion, Geburt usw. Der Wahn, 
vergiftet zu werden, bezieht sich auf den zentripetalen Vorgang, ohne 
Rücksicht auf eine Unterscheidung zwischen Konzeption und Introjektion. 1 
Sollte vielleicht der Vorgang der Introjektion im allgemeinen nach dem 
Muster des viel ursprünglicheren Vorganges der Befruchtung zustande- 
gekommen sein? Jedenfalls zeigen psychologische Untersuchungen der 
Beziehungen zwischen Sohn (Tochter) und Ichideal sehr interessante Ergeb- 
nisse, auf die ich hier nicht eingehen kann. 

Projektionen, wie wir sie bei der Paranoia, Manie und anderen Erkran- 
kungen vorfinden, kommen auch bei gesunden Menschen vor, wobei nur ein 
Unterschied, allerdings ein grundlegender, zu verzeichnen ist. Die Beziehung 
des nicht psychotischen Menschen zur Realität weist keine Störungen auf, 
d. h. der Gesunde projiziert nur Besetzungsenergie (Libido). Beispielsweise 
hat derjenige, der ein verfolgtes Introjekt projiziert, das Bedürfnis, in der 
Wirklichkeit einen Menschen zu finden, auf den er aus realen Gründen los- 
ziehen kann. Dieses Bedürfnis kann man nun sicher nicht eine Wahnbildung 
nennen, da die Anklagen des Betreffenden einen wirklichen Hintergrund 
haben. Ich habe in meiner früher erwähnten Arbeit bei der Realitätsprüfung 
einen nur für Libido (Besetzungsenergie) durchlässigen Filter angenommen : 
durch diesen Filter erfolgt die normale Projektion (Zuwendung) der Libido 
in die Außenwelt. In der Psychose ist dieser Filter geschädigt, und es gesellt 
sich dann zur normalen Libidoprojektion eine Projektion der dieser Libido 
entsprechenden Vorstellungsrepräsentanzen. So verwandelt sich, was sonst bloß 
Charaktereigenschaft wäre, in Psychose, d. h. in Wahnbildung. 



1) Die Extraktivstoffe eines Menschen, aus welchen derselbe Mensch in einem 
anderen wiederersteht, können sicher auch als Sperma aufgefaßt werden. 



Analyseversuch bei Delirium tremens 

Von 

A. Kiel holz 

Königsfelden, Aargau 

Wenn wir in den folgenden Darlegungen den Versuch wagen, ein 
Trinkerdelir zu analysieren, so kann es sich dabei nicht etwa darum 
handeln, den vorwiegend peripher bedingten Ursprung der Halluzinationen 
bestreiten und das Delir rein aus psychischen Momenten ableiten und 
erklären zu wollen. Daß der Delirant kleine, bewegte Dinge sieht, die er 
als lebende Wesen auffaßt, mag wohl auf neuritischen Veränderungen des 
Nervus opticus beruhen, die in Form von Flimmern und Flecken von der 
Retina des Kranken perzipiert, durch den Tremor der Augenmuskeln 
bewegt und so in die Außenwelt projiziert werden. Aus alkoholneuritischen 
Parästhesien dürften auch die Sensationen abzuleiten sein, welche die 
Patienten veranlassen, nach Fäden zu greifen, Wasserstrahlen zu spüren usw. 
Komplexbedingt und analysierbar erscheinen uns nur die Umdeutungen, die 
der Delirant seinen Parästhesien gibt, und es ist klar, daß die Deutung, 
die wir im einzelnen Fall finden, nur für diesen Geltung haben kann und 
nicht verallgemeinert werden darf. Mag auch die Angst des Alkoholdeli- 
ranten wohl hauptsächlich verursacht sein von seiner Herzschwäche und 
der Intensität der Vergiftung, so wird sie doch in jedem einzelnen Falle 
sich verknüpfen mit der Erinnerung an angstbetonte Situationen früherer 
Zeit, wie wir zeigen werden, sogar an solche der Kindheit. 

Im allgemeinen sind die Bedingungen zur Analyse von Trinkerdelirien 
recht ungünstig. Abgesehen davon, daß es sich meist um wenig gebildete, 
durch langjährigen Alkoholismus intellektuell reduzierte Individuen handelt, 
sprechen diese Kranken zudem nachträglich ungern von ihren deliriösen 
Erlebnissen. Es scheint eine gewisse Verdrängung derselben einzutreten, die 
noch bewußt begünstigt wird, da die Leute wissen, daß die Störung vom 
übermäßigen Trinken herkommt oder doch von ihrer Umgebung davon 



Analyseversuch bei Delirium tremens 479 

abgeleitet wird. Wie dieses suchen sie daher seine Folgen abzuleugnen 
oder doch zu verkleinern. 

Bei dem Kranken, über den hier referiert werden soll, lagen die Ver- 
hältnisse insoferne günstig, als es sich um einen siebenundfünfzig Jahre 
alten Lehrer handelte mit guter Selbstbeobachtungs- und Darstellungsgabe, 
bei dem zudem das Delir im Anschluß an einen Unfall ausgebrochen war, für 
den ein Dritter verantwortlich gemacht werden konnte. Der Kranke zeigte 
großes Interesse dafür, uns durch genaue Schilderung seiner Erlebnisse bei 
der Aufgabe der Abfassung eines Gutachtens über die Veranlassung seiner 
geistigen Störung zu Händen der Behörden möglichst zu unterstützen, in 
der Hoffnung auf einen gehörigen Schadenersatz. 

Nach dem zwei Jahre vorher erfolgten Tode seiner Frau war der von 
jeher den Trunk liebende Mann einem ungeregelten Wirtshausleben ver- 
fallen, hatte mehrfache Verwarnungen wegen mangelhafter Leistungen und 
Disziplinlosigkeit seiner Schüler bekommen und war ins Provisorium 
versetzt worden, so daß ihm der Verlust der Pension drohte, zu der er 
durch sein Alter und seine Dienstjahre bald berechtigt gewesen wäre. Kurz 
vor dem Examen hatte ein ehemaliger Schulpfleger gegen ihn bei der 
Behörde eine Klageschrift eingereicht wegen Drohung mit Erschießen und 
wegen notorischer Trunksucht, weswegen er jenen bei der Examensfeier im 
Wirtshaus als Dieb beschimpfte. Er wurde dafür vom Ankläger geprügelt und 
zog sich dabei eine Kopfverletzung zu. Am nächstfolgenden Tage brach 
ein typisches Delirium tremens aus, das die Überführung des Kranken nach 
Königsfelden notwendig machte. Als er hier nach fünf Tagen klar wurde, 
schilderte er uns in einem ausführlichen Curriculum Vorleben und 
Krankheitserlebnisse. Die Niederschrift derselben entspricht sicher nicht 
ganz genau dem erlebten Delir. Aber deckt sich wohl je eine Traum- 
erzählung mit dem Inhalt des wirklichen Traumes? 

In den darauf folgenden vier Wochen haben wir nach analytischer 
Methode die Wurzeln und den Sinn dieser Erlebnisse zu erforschen gesucht. 

Der Patient war das zweitjüngste Kind eines deutschen Müllerknechtes. 
Seine vier älteren Brüder starben in zartem Kindesalter, und er wuchs mit 
einer um sieben Jahre jüngeren Schwester unter der Obhut der Mutter und 
deren Vater in der Schweiz auf, da sich sein Erzeuger bald nach seiner 
Geburt von der Familie trennte und bis zu seinem Tode fern von ihr lebte. 
Trotz seiner Widerrede erwarb die Mutter für den Knaben das Schweizer 
Bürgerrecht, um ihn später nicht in den Krieg schicken zu müssen, ebenso er- 
möglichte sie ihm gegen den Willen des Vaters den Besuch einer Mittel- 
schule. Der Tod des Großvaters verschaffte ihm ein bescheidenes Erbe und 
damit die Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches, Lehrer zu werden, während 
der Vater aus ihm hatte einen Schlosser machen wollen. Mit sehr guten 
Noten verließ er das Seminar und wirkte dann während mehr als zwei Jahr- 




480 A. Kielholz 



zehnten im Heimatdorfe seiner Mutter als Lehrer, Dirigent von Chören, 
Musikgesellschaften und Leiter von Theateraufführungen. Zweimal spielte er 
selber die Rolle Wilhelm Teils. Seine Frau, eine Wirtstochter, führte er erst 
nach siebenjähriger Brautzeit heim, trotzdem der Verbindung nichts im Wege 
stand. Seine Freude am Militärdienst verhalf ihm bei der Milizarmee zum 
Rang eines Oberleutnants. Während der Mobilisation im Weltkrieg hatte er 
als Landsturmoffizier ein Munitionslager zu bewachen. Um seinen heran- 
wachsenden drei Söhnen und der einzigen Tochter bessere Bildungsmöglich- 
keit zu verschaffen, nahm er kurz vor dem Tode seiner Frau eine höher 
besoldete Lehrstelle in dem Dorfe an, wo er sich dann in die oben geschil- 
derten Konflikte verwickelte. 

Aus seiner Schilderung des Delirs berichten wir im folgenden nur kurz 
die Szenen, die zum Verständnis der Analyse notwendig erscheinen. 

Kleine schwarze Mücken kletterten an der Wand neben seinem Bette auf 
und ab, auch Wasser rieselte darüber, sonderbarerweise auch aufwärts. Ein 
Haken an der Decke wandelte sich in ein zirka sechs Zentimeter hohes 
Fräulein, nur mit einem roten Röcklein angetan. Später waren es zwei, und 
das andere trug ein blaues Röcklein. Sie warfen ihm feine, schwarze und 
goldene Fäden auf die Bettdecke, die er aber nicht greifen konnte, und redeten 
lebhaft auf ihn ein. Seine Frage, ob er sterben müsse, beantworteten sie durch 
Schütteln des Kopfes. Als er sich gegen die Wand kehrte, um zu schlafen, 
eröffnete sich darin eine breite Spalte und dahinter jagten Millionen schwarzer 
Waldameisen vorüber, so daß ihm schwindlig wurde. 

Darauf erschien in der oberen Zimmerecke ein wunderschöner Hundekopf, 
der sich blitzartig in einen Jungknaben mit Schnurrbart und dann in ein 
lieblichschönes Frauengesicht wandelte, dessen etwas großer Mund wiederum 
lebhaft, aber tonlos auf ihn einsprach. Kleine Hündchen nisteten im Zimmer 
und auf dem Bette sich ein, die mit lächelnden Blicken die Lider des Kranken, 
der sich dem Spektakel durch Verbergen des Gesichtes entziehen wollte, wie 
Röntgenstrahlen durchdrangen. 

Die Zimmerwand wandelte sich in eine Bühne. Männer und Frauen trugen 
Palmblätter und Kränze herzu, gewaltige Eber und Flußpferde bewegten sich 
langsam vorüber, vom weiten Hintergrund kam in Sprüngen eine Division mit 
Holzspeeren bewaffneter Knaben, die er ihrer harmlosen Wehr wegen aus- 
lachte. Ein dicker, langbärtiger Oberst, angetan mit einem Bischofsgewand, 
legte sich mit dem Rücken flach auf den Tisch, während die Beine senkrecht 
hinunterhingen, verdeckte das Gesicht und spritzte ihm mit einer verborgenen 
Spritze eine helle Flüssigkeit auf das Bett. Als er sich deswegen beklagen 
wollte, bedeutete ihm die ringsum kniende Menge, ruhig zu sein, da dies eine 
hochheilige Handlung sei. 

Auf einen Wink des Hundefräuleins, das beständig an seinem Platze oben 
in der Zimmerecke blieb, änderte sich die Szene und flößte ihm noch mehr 
Schrecken ein. Der Spiegel an der Wand hängte sich los, wanderte hin und 
her, der Nagel, der an der Aufhängeschnur hängen geblieben war, richtete 
sich von selbst empor, fand sein Loch und steckte sich unter ruckartigen 
Stößen hinein, so daß der Spiegel wieder festsaß. Das wiederholte sich unzählige 
Male. Als sich der Kranke abwandte, fing auch ein Balken an der Decke an, 



Analyseversuch bei Delirium tremens 481 

leise dahin zu schweben, bis er, über seinem Bette angelangt, wieder Kehrt 
machte. In der Wand entstand neuerdings die Lücke, wo das Ameisenheer 
emsig dahin rannte. 

Vor dem Fenster wurde von mehr als hundert Männern, die ihn angrinsten, 
ein Gerüst gebaut. Er floh, um dem Spuk, zu entgehen, kam in eine Dorf- 
kapelle, wo er sich niederlegte, um endlich Ruhe und Schlaf zu finden, doch 
eine endlose Schar von häßlichen, kropfigen, blinden, buckligen, hinkenden 
Wesen, mit allen möglichen Gebrechen behaftet, drängte sich herzu und ver- 
folgte ihn weiter, bis er endlich die Augen öffnete, worauf ein huronenartiges 
Geheul erscholl. 

Jetzt brachten zwei dickbäuchige Männer einen Tisch mit einer Unmenge 
Bierfäßlein und Korbflaschen auf die Bühne und begannen zu pokulieren. Er 
mußte trotz seines entsetzlichen Durstes auf Wink des Hundefräuleins beten, 
bis die beiden sämtliche Gefäße geleert hatten. 

Der bärtige Oberst im Bischofsmantel eröffnete darauf einen seltsamen 
Gottesdienst, indem er zwei hölzerne Brettchen mit nur einer Hand sorgfältig 
auf einen Schrank schob. Geschah es dabei, daß sich das obere um einen Milli- 
meter verschob, so mußte er wieder von vorne beginnen, wobei er ganz 
kraftlos wurde und längere Zeit ausruhen mußte. Das Kunststück wiederholte 
er mit zwei weiteren Brettchenpaaren, wobei seine gläubigen, betenden Zu- 
schauer eine wahre Hiobsgeduld zeigten, der Kranke aber endlich nicht mehr 
an sich halten konnte und den Hohepriester einen einfältigen Esel schalt. 
Dieser fiel wie betäubt zu Boden, während die Gläubigen in Raserei ausbrachen 
und die Krieger gewaltig mit den hölzernen Speeren drohten. Endlich nahm 
der Müde ein tüchtiges Mahl zu sich und verschwand. Der Hofstaat begann 
einen Reigen auszuführen, den der Kranke angehalten wurde mitzumachen. 
Damit war er ohne Wissen in ihre heilige Gesellschaft aufgenommen und 
hatte zwei Gelübde zu beschwören, wovon eines auf völlige Abstinenz lautete, 
während die anderen doch beständig roten Wein tranken. Kaum hatte er 
seinen Eid geleistet, so erschien der Alte wieder in seinem prachtvollen Kostüm 
und rief über ihn mit wahrhaft höllischer Stimme das Anathema aus. 

Am anderen Tage sollte er erschossen werden, und zwar durch den Obersten 
persönlich. Der Kranke hielt vom Blutgerüst aus in fröhlicher Stimmung eine 
launige Rede voll Spott und Schimpf auf die Bande. Nach langem Suchen 
hatte man eine Flinte entdeckt, die man mit Sägespähnen und einem Holz- 
pfropfen lud, und die ohne Laut und ohne Kugel losging. Jetzt holte man 
den Schweineeber, der früher als gewaltiges Schreckmittel gedient hatte, 
schraubte den Kopf ab, wodurch ein weites Rohr zum Vorschein kam, und 
lud mit rot und gelb gefärbtem Sand. Die Kanone ging los, ohne zu krachen, 
und eine hölzerne Strumpfkugel rollte gemach auf dem Boden. Augenblicklich 
war die Bande auf Nimmerwiedersehen verschwunden. 

Am folgenden Tag, als er auf Anordnung des Arztes nach Königsfelden 
gebracht worden war, sah er sich zuerst im Kreise seiner Schulknaben, die 
an einem langen Tisch schriftliche Rechnungen machten. Einer davon teilte 
ihm mit, er sei von der Gemeindeversammlung seines Amtes entsetzt worden. 
Er eilte fort, kam an einer Wirtschaft vorbei, wo die Gäste eigentümlich 
lachten und ihm die Hand nicht reichen wollten, ihm aber ein Glas Bier geben 
ließen, das er jedoch nicht imstande war zu fassen. Trotzdem sank er wie 



482 A. Kielholz 



berauscht zu Boden, wurde von den Umstehenden geneckt und versetzte einem 
Knirps, der sich als arger Frechling hervortat, einen Schlag, so daß dieser tot 
hinfiel, was ihn ungeheuer quälte. Da er unmöglich aufstehen konnte, um zur 
Anstalt zurückzukehren, brachten nach endlosen Unterhandlungen einige Knaben 
einen Karren herbei, führten ihn damit über eine steinerne Treppe hinunter 
und betteten ihn in Stroh. 

Beim Erwachen am anderen Morgen glaubte er sich in seinem früheren 
Seminar zu befinden, malte sich alle entsetzlichen Qualen und Torturen aus, 
die seiner in Königsfelden, wo er entflohen sei, harrten, versuchte zu fliehen 
und ergab sich nach mehreren vergeblichen Versuchen in sein grausiges 
Schicksal, zur Strafe für den Totschlag des Knaben getötet zu werden. Auch 
als er nach langem Schlaf wieder völlig zum Bewußtsein kam, beunruhigte 
ihn sein vermeintliches Verbrechen noch Erst der Arzt, der ihm beim Morgen- 
besuch versicherte, er sei in Königsfelden und habe seit seinem Eintritt die 
Anstalt nicht verlassen, beruhigte ihn endgültig. 

Gewisse Partien des Deliriums sind recht durchsichtig und bedürfen 
keiner besonderen Deutung. Sie kommen auch in den meisten Trinker- 
delirien in ähnlicher Weise vor. Der Kranke begegnet Leuten, welche 
trinken, er leidet Tantalusqualen, indem er andere, ohne mittun zu können 
und von heftigem Durste gequält, pokulieren sieht, er verlangt und erhalt 
endlich selber Getränke unter mannigfachen Hindernissen, man fordert 
ihn zum Abstinenzgelübde auf, und er legt ein solches ab, man teilt ihm 
mit, daß er des Trinkens wegen seines Amtes entsetzt worden sei usw. 

Als dritte Lenkerin seiner deliriösen Erlebnisse gesellt sich zu den zwei 
kleinen Fadenspenderinnen am Beginn das Hundefräulein, das sich aus 
einem wunderschönen Hundekopf entwickelt und von der oberen Zimmer- 
ecke aus alle folgenden Szenen dirigiert. Sein Gesicht erinnert ihn an einen 
Schulkameraden und dann an eine seiner ehemaligen Schülerinnen, die 
nachher auch unter seiner Leitung sang und Theater spielte, und die jetzt 
in einem schlechten Ruf steht, da man ihr ein Verhältnis mit einem ver- 
heirateten Manne nachsagt. Er habe keinen Verkehr mit anderen 
Frauen gehabt. Seine Gattin sei immer als Souffleuse in die Theater- 
proben gekommen. Darauf ist wohl das lautlose Sprechen der meisten im 
Delir vorkommenden Personen zurückzuführen. Man habe ihm zugeredet, 
sich wieder zu verheiraten, aber er habe von solchen Flausen nichts mehr 
wissen wollen. Er habe auch immer Wohlgefallen gehabt an jungen, 
kräftigen Männern, ohne ein Päderast zu sein. 

Wir finden hier ein recht unverhohlenes Bekenntnis zu jener verstärkten, 
homosexuellen Triebkomponente, auf die wir früher schon bei Unter- 
suchung der ätiologischen Momente der Trunksucht hingewiesen haben. 1 

1) A. Kielholz, Trunksucht und Psychoanalyse. (Schweiz. Archiv f. Neurol. u. 
Psychiatr. B. XVI, H. 1, S. 28.) 



Analyseversudi bei Delirium tremens 483 

Dafür finden sich ja auch deutliche Darstellungen im Delir selbst. 
So die in Sprüngen aus dem Hintergrund auf ihn zueilende militärisch 
geordnete Knabengruppe, die ihn mit Holzspeeren angreift. In seinen Ein- 
fällen erinnert ihn die Situation an Turnerreigen und an den Zeitpunkt 
bei militärischen Waffenübungen, wo es heißt: Alles zum Angriff bereit. 

Einen deutlichen homosexuellen Angriff sehen wir auch in der Szene, 
wo ihn der dicke, langbärtige Oberst mit einer verborgenen Spritze bedroht. 
Aus den Einfällen dazu vernehmen wir, daß hinten an der Spritze ein 
Gummiball angebracht war, und daß die Tierärzte solche Spritzen haben, 
um Klystiere zu geben. Er habe das aufgefaßt, als wäre er dem Tode 
geweiht, wie bei den Katholiken mit dem Weihwasser. 

Wir wissen aus der Vorgeschichte, daß der Arzt, der ihn vor der Ein- 
lieferung in die Anstalt behandelte, ihm mehrmals zur Beruhigung sub- 
kutane Injektionen machte. Der Delirant faßt die therapeutische Bemühung 
als sexuelle Aggression auf, und der Arzt wird, mit den Attributen mili- 
tärischer Vorgesetzter und priesterlicher Respektspersonen ausstaffiert, zur 
Vaterimago. In ähnlicher Weise liefert zum Hundefräulein die Wirklichkeit 
in der Person der beständig anwesenden, mit der Pflege und Überwachung 
des Kranken beschäftigten eigenen Tochter ihren Beitrag. Zur Hundeszene, 
die mit dem Erscheinen des Hundefräuleins eingeleitet wird, lieferte der 
Kranke noch folgendes Material: Es waren meist graue Rattenfänger, die 
im Zimmer erschienen. Einer war eine große englische Dogge, die sich über 
seine Füße legte. Der eigene Hund komme gern zu ihm ins Bett, er rief 
ihn um die anderen zu verjagen. Er sei stets Hundeliebhaber gewesen, 
schon als lediger Mann. Damals sei ihm ein solches Tier zugelaufen, das später 
eifersüchtig war auf das erste, neugeborene Kind und deswegen beseitigt 
werden mußte. So lange man Kinder habe, könne man keine Hunde 
halten, es werde nichts aus ihnen, entweder würden sie verwöhnt oder 
geplagt. 

Die Einfälle ergeben somit nicht nur eine assoziative Verbindung 
zwischen Hunden und eigenen Kindern, sondern auch eine gleiche affektive 
Einstellung des Kranken zu beiden. 

Die nun das Delir fortsetzende Spiegelszene hat den Zuschauer, wie er 
nachher sagte, am meisten aufgeregt. Wenn Tiere und Menschen sich 
bewegen, erklärte er, so sei das etwas Natürliches, bei leblosen Gegen- 
ständen aber flöße Bewegung Schrecken ein. Es sei ihm oft vorgekommen, 
als sitze ein kleines Menschlein hinter dem Spiegel, das er aber nicht sah. 
Er erinnere sich nicht, besonders gern in den Spiegel gesehen zu haben. 
Er sei kürzlich sogar von seinen Kindern ausgelacht worden, weil er sich 
ohne Spiegel kämmen und rasieren könne. Diese Scheu vor dem Spiegel, 



484 A. Kielholz 



die sich im Delir bis zum Schrecken steigert, deutet auf einen verstärkten, 
zum Teil verdrängten, zum Teil sublimierten Narzißmus, daher seine 
besondere Freude am Theaterspiel, bei dem er gerne in der Hauptrolle 
auftritt. 

Der an der Aufhängeschnur des Spiegels befestigte Nagel, der sich auf- 
richtet, sein Loch in der Wand findet und unter ruckweisen Stößen sich 
hineinsteckt und sein Meisterstück unzähligemal wiederholt, ist als Phallus 
nicht zu verkennen. Wenn wir in dem kleinen Menschlein hinter dem 
Spiegel das kindliche Spiegelbild des Kranken vermuten, so ist es wohl 
eine sexuelle Betätigung des Knaben, an die er sich mit Schrecken 
erinnert, die hier ihre Darstellung gefunden hat. Über dem Bett schwebt 
unmittelbar darauf ein Balken der Zimmerdecke hin und her, den der 
Kranke in seinen Einfällen mit dem — hängenden — Schwert des 
Damokles vergleicht. Auch dies wohl ein Phallus, seinen Dimensionen 
entsprechend als der des Vaters anzusprechen, der die frevelhafte Betätigung 
des Sohnes bedroht. Die Aufrichtung des Gerüstes vor dem Fenster, dazu 
bestimmt, den Frevler zu richten, veranlaßt diesen zur Flucht, die ihn in 
die Kapelle des Heimatdorfes führt. Dazu fällt ihm ein, daß ihn dorthin 
schon in der Vorschulzeit die Mutter zum heiligen Wendelin führte, weil 
sie für ihre Zahnschmerzen bei diesem Heilung suchte. Zudem war die 
Kapelle dem heiligen Sebastian geweiht, dem Pestheiligen, der mit ver- 
gifteten Pfeilen beschossen worden sei, ohne daran zu sterben. Wenn wir an die 
gegen den Kranken im Delir gerichteten Angriffe mit den Speeren und mit der 
Spritze denken, verstehen wir, wie er dazu kommt, sich mit den heilspendenden 
Heiligen zu identifizieren und sich in ihrer Kapelle hinzulegen, um wie sie 
Kranke und Krüppel, die in Menge herbeiströmen, von ihren Leiden zu 
erlösen. Er flüchtet sich aus sündigem Frevel in erlösende Heiligkeit. 

Der Krüppelmenschenstrom ruft in ihm ein Jugenderlebnis wach, das 
infolge seiner starken Affektbetonung jetzt noch genau in seiner Erinnerung 
lebt. Es seien früher oft fremde Männer mit Bären und Affen in sein 
Dorf gekommen, Dudelsackbläser aus Böhmen oder Italien. Einmal an 
einem Sonntag hatte er besondere Angst gehabt. Er und andere Knaben 
neckten einen Bären mit Ruten, daß er brummte. In der folgenden Nacht 
träumte ihm, der Bär sei von der Kette losgekommen und habe ihn ver- 
folgt. Er rettete sich hinter die Haustüre und schloß den Riegel, doch 
blieb die Tür noch halb offen und er erwachte voll Angst. Im Delir tritt 
zwar kein Bär auf, aber Schweineeber und Flußpferde, vor denen er sich 
fürchtet. Wir möchten hier daran erinnern, daß sein Vater, wie die 
Bärenführer, aus fremden Landen jenseits des Grenzflusses stammt und, 
beständig von der Familie getrennt lebend, dem Knaben bei gelegentlichen 



Analyseversuch bei Delirium tremens 48.t 

Besuchen mit seinen Verboten und Verweisen (betr. Bürgerrecht, Aus- 
bildung, Berufswahl) als unwillkommener Fremdling erscheinen mußte. Wie 
sich die feindselige Einstellung gegen ihn auf alle Vaterimagines über- 
trug, haben wir aus dem Delir schon ersehen und werden wir weiterhin 
noch beobachten können. Daß der Kranke mit Vorliebe die Rolle des 
Tyrannenmörders Wilhelm Teil spielte, gehört wohl auch hieher. 

Schau- und Zeigelust sind als Abkömmlinge des Narzißmus mit diesem 
verstärkt. Daher die Freude unseres Kranken an Schauspiel und Bühne. 
Daher auch die Überbewertung der Macht der Blicke: obwohl er die 
Augen gewaltsam schließt, durchdringen die lächelnden Blicke der Hunde 
wie Röntgenstrahlen seine Lider. Wie er als Heiliger in der Kapelle liegt, 
löst das Offnen seiner Augen ein huronenartiges Geheul der Krüppel aus. 
Der sonderbare Gottesdienst, den er später beobachtet, erinnert ihn in den 
Einfällen wieder an die vielen Theaterstücke, die er mitmachte. Er habe 
dabei das Gefühl gehabt, daß das, was der Hohepriester machte, die 
höchste heilige Handlung sei. Dieser habe sich vorher die Hand mit dem 
Inhalt einer Tube eingefettet. Die Brettchen habe er geschoben, wie ein 
Bäcker das Brot einschießt. Zuerst seien ihm die Brettchen vorgekommen 
wie Ziegel, dann wie Steine eines Baukastens, mit dem die Knaben 
spielen. Der Hohepriester stand stets nach hinten gekrümmt mit vor- 
gestrecktem Bauch wie ein Seiltänzer oder Schlangenmensch. Wenn wir 
uns erinnern, daß der Mann bei seiner Beschäftigung ganz kraftlos wird 
und dann längere Zeit ausruhen muß, daß er schließlich zur Behebung 
seiner Müdigkeit ein tüchtiges Mahl zu sich nehmen muß, wenn wir uns 
die durchsichtige Symbolik des Schiebens, des Backofens vergegenwärtigen 
und darauf besinnen, daß wir den Obersten im Bischofsmantel oben schon 
als Vaterimago bestimmt haben, so dürften an der Deutung der ganzen 
Handlung als Urszene kaum große Zweifel bestehen. Es sei auch darauf 
hingewiesen, daß sechs Brettchen paarweise geschoben werden, so wie der 
Vater des Kranken sechs Kinder zeugte, von denen nur ein Paar übrig 
blieb. 1 In dem Zuruf: Einfältiger Esel!, mit dem der Zuschauerden 
Hohepriester beschimpft, bekundet er seinen eifersüchtigen Neid. Dafür 
wird er verflucht und es wird ihm sein naher Tod in Aussicht gestellt. Zu der 
Beschimpfung des Priesters fällt ihm ein, daß er einmal einem solchen 
in der Kirche eine Ohrfeige versetzt habe. Er sei als junger Mann zu den 
Altkatholiken übergetreten, die von der römischen Kirche als Sektierer 
behandelt werden. Das Anathema erinnert ihn an eine Bomanszene, wo 

1) Vgl. dazu A. Kielholz, Jak. Boehme. Schriften zur angewandten Seelenkunde, 
H. XVII, S. 27, wo die sieben Quellgeister des Centrum naturae mit den sieben 
Geschwistern des Mystikers in Zusammenhang gebracht werden. 



486 A. Kielholz 



die ganze Klerisei ins Zimmer komme zur Leiche eines an Herzschlag 
verstorbenen, kaum mannbaren Ritterfräuleins. Der verheiratete Held der 
Geschichte werfe sich auf sie, werde von den Priestern verflucht, fasse die 
Leiche und stürze sich mit ihr zu Tode aus dem Fenster in die Tiefe. 
Die Verfluchung bezieht sich also wohl nicht allein auf die sakrilegische 
Behandlung des zelebrierenden Priesters, sondern auch auf inzestuöse 
Wünsche gegenüber der Tochter. 

Zum sonderbaren Gottesdienst fällt ihm auch die geheime ketzerische 
Sekte der Freimaurer ein, von der ihm in der Knabenzeit die Mutter 
erzählt habe. Man lege über den Neuling Tücher und berühre ihn mit 
Schwertspitzen. Das steht offenbar in assoziativem Zusammenhang mit dem 
hl. Sebastian, mit dem er sich in der Kapelle identifizierte, und mit der 
Bedrohung durch die Speere der Jünglinge. Er wird angehalten, deren 
Reigen mitzumachen, ist damit unwissentlich in ihre Gesellschaft aufge- 
nommen und hat zwei Gelübde zu beschwören, davon eines auf völlige 
Abstinenz lautet. Das erinnert ihn an die drei Gelübde der Klosterleute: 
Armut, Keuschheit und Gehorsam. Das zweite Gelübde, das man von ihm 
forderte, habe gelautet: Er dürfe keine Rose pflücken. Das sei ihm 
unsinnig erschienen, weil die anderen Wein tranken und ganze Vasen voll 
Blumen auf dem Tische stehen hatten. Es fallt ihm dazu auch Kaiser 
Albrecht ein, der dem Johannes von Schwaben (Panicida) ein Kränzchen 
aufsetzte. In seinem Unbewußten hat er somit jedenfalls .die tätliche 
Beleidigung des geweihten Priesters, die er als Jüngling beging, einem 
Vatermord gleich geachtet. Er kommt dafür aufs Blutgerüst. Die Einfälle 
dazu führen zur Enthauptung eines Lustmörders und eines vielfachen 
Brandstifters, der jeweils die von ihm gestifteten Brände löschen half und 
von Beruf Pfarrer war. Die Vorbereitungen zu seiner Erschießung erinnern 
ihn an Andreas Hofer und an den Buchhändler Palm, an Revolutions- und 
Barrikadenkämpfer, also alles Gestalten, welche die Auflehnung gegen 
väterliche Autorität und Gewalt verkörpern. 

Zuerst versucht man die Exekution mit einer alten Hackenbüchse, die 
mit Spreuer geladen wird. Es gebe eine Redensart: Diebe sollte man mit 
Spreuer erschießen, 's sei dafür schade ums Pulver. Wir haben gehört, daß 
er seinen Gegner, den Schulpfleger, mit Erschießen bedroht und öffentlich 
als Dieb beschimpft hat. Im Delir folgt somit die Vergeltung, daß er 
selbst wie ein Dieb erschossen werden soll. Da die Versuche mit der 
Büchse erfolglos bleiben, tritt der große und fette Schweineeber, dem wir 
vorher schon als einem väterlichen Totemtier begegnet sind, in Aktion. 
Er wird an den Ohren gepackt, der Kopf ihm rundum gedreht und abge- 
schraubt, und er verwandelt sich so in einen Mörser. Dabei wird eine 



Analyseversudi bei Delirium tremens 4^7 

Fleischhackmaschine gebraucht, die einen rot und gelb gefärbten Sand pro- 
duziert. Diese Enthauptung des Ebers, in assoziativem Zusammenhang mit 
den Erinnerungen an den geköpften Lustmörder und pfarrherrlichen Brand- 
stifter, darf wohl als Kastration des Vaters angesprochen werden. Dessen 
sexuell-sadistische Aggression wird dadurch unmöglich gemacht. Die Schüsse des 
Mörsers sind so unwirksam geworden, als wenn eine Strumpfkugel gemäch- 
lich am Boden rollte. Es fällt ihm dazu das Kegelspiel ein, das er im 
Heimatdorfe mit seinen Kollegen und dem Pfarrer oft so spät in die Nacht 
hinein betrieben habe, bis er davon müde geworden sei. 

Wir schließen aus diesem Einfall, daß hinter dem entkräfteten, 
kastrierten und daher impotenten Eber nicht nur eine Vaterimago, sondern 
auch der Delirant selber steckt, der sich ja schon wiederholt zu verteidigen 
hatte gegen Angriffe, die ebensowohl gegen sein Leben wie gegen seine 
sexuelle Integrität gerichtet sein konnten, so die der Jünglinge mit den 
Speeren wie die des Obersten mit der Spritze, zu dem ja sicher der Arzt, 
der Kastrator par excellence, das reale Vorbild geliefert. Wir müssen auch 
annehmen, daß es Mitglieder des Jünglingsreigens sind, welche den Eber 
seines Kopfes berauben. Es fällt ihm zu dieser Handlung noch ein, daß 
etwa Buben durch Drehen hölzerne Kanonen sich herstellen, und daß ein 
Wagnerssohn eine solche fabriziert und sie seinen Knaben geschenkt habe. 

Von den nun folgenden Szenen ist die erste ein typisches Beschäftigungs- 
delir, über dessen Beziehung zur Impotenzangst ja T a u s k 1 Klarheit 
geschaffen hat. Für den Lehrer besteht es darin, daß er mit seinen Schülern 
Bechnungen zu lösen versucht. Er habe sie gefragt, was sie machen, aber 
keine Antwort bekommen. Er nahm an, sie hätten etwas verbrochen und 
seien in der Anstalt zur Beobachtung. Dazu fällt ihm ein, daß er früher 
einmal in Königsfelden einen Schüler besucht habe, der sich mit einer 
Kameradin sexuell vergangen hatte und deswegen psychiatrisch begutachtet 
werden mußte. Als er darauf beim Wirtshaus wie berauscht umfällt, wird 
er von den Zuschauern geneckt und schlägt einen Knirps, der sich dabei 
durch seine Frechheit hervortut, so, daß dieser tot hinfällt. Er erinnert sich 
dabei, daß er früher etwa einem seiner Schüler einen Schlag auf den 
Bücken versetzte, ferner, Saß er den Hunden im Delir Schläge austeilte. 
Da die Assoziationen von dem Totschlag zu den Schülern und zu den 
Hunden führen, die wir oben als Symbole für die eigenen Kinder auf- 
zeigten, so müssen wir vermuten, daß er mit der Tat einen seiner Söhne 
beseitigt, wohl zur Vergeltung für die ihm drohende und von ihm 

1) Vergl. Tausk: Zur Psychologie des alkoli. Beschäftigungsdelirs. Internat. 
Zeitschr. f. PsA., Bd. III, S. 204. 



488 A. Kielholz 



gefürchtete Kastration. 1 Da er immer noch wie gelähmt am Boden liegt, 
wird er von einigen Knaben auf einem Karren weggeführt. Dazu fällt ihm 
ein, daß er schon Verunglückte so transportieren sah, so als Fünfjähriger 
seinen Großvater nach einem Sturz von einem Kirschbaum. Bei der Fahrt 
über die steinerne Treppe hinunter erinnert er sich, daß ihm das im 
Traume schon öfters begegnet und daß er als Zwölfjähriger über eine 
Wurzel stolperte und Kopf voran über eine Felsfluh heruntergestürzt sei 
und sich dabei mit seinem Sackmesser an der Hüfte verletzt habe. 

Hier führen uns also die Assoziationen zu affektbetonten .Tugenderleb- 
nissen, einem gefährlichen Unfall des Großvaters, dessen Tod und Erbe 
ihm bekanntlich die Erfüllung seiner ersehnten Berufswünsche ermöglichte, 
und einem eigenen Unfall, der durch die Messerverletzung an der Hüfte 
gewiß den Kastrationskomplex berührte. 

Es wäre keine allzuschwierige Aufgabe, auch die übrigen Teile des 
Delirs, wo uns die Einfälle des Kranken nicht genügend Stoff zu einer 
Deutung lieferten, aus ähnlichen Elementen in Träumen und Märchen, 
aus mythologischen und literarischen Parallelen aufzuklären; 2 ferner an 

1) Vergl. Schilder: Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalytischer Grund- 
lage (Internat. PsA. Bibl., XVII, 1925, S. 194), wo die Alkoholhalluzinose eines homo- 
sexuellen Privatlehrers beschrieben wird, der Impulse hat, einen Knaben mit dem 
Messer ins Herz zu stechen, und das als Racheakt erklärt, denn er habe dem Jungen 
seine Jugend und seine Liebe aufgeopfert. 

2) Die Ameisen, die am Anfang des Delirs in einer Spalte der Wand vorüber- 
jagen, so daß dem Kranken schwindlig wird und er sich grauend abwenden muß, sind 
nach seinem späteren Bericht auch in sein Bett gekommen, er hat in den Augen, 
Ohren, Mund und Nase solche gespürt, sie haben ihn also behandelt wie einen 
Leichnam, wären als Leichen- oder Totentiere deutbar, die aus den Grüften kommen, 
wo seine früh verstorbenen Geschwister ruhen, als deren Vertreter ihn zu sich zu 
holen. (Vergl. Freud: Massenpsychologie und Ichanalyse. Ges. Schriften, Bd. VI, 
S. 126. Im Märchen und in der Traumsymbolik bedeuten Insekten, Ungeziefer die 
Geschwister.) Aber die beiden Parzen in der Höhe, die mit goldenen und schwarzen 
Fäden das menschliche Schicksal lenken, versichern ihm, daß er am Leben bleiben 
wird. Sie sind ibm gütig gesinnt. Die eine ist in die Farbe der Liebe, die andere 
in die der Treue gekleidet, sie tragen aber nur Röcklein. Im Zeugnis des einweisen- 
den Arztes hieß es, der Delirant habe junge Mädchen gesehen, die ihn anurinieren 
wollten, und seine Tochter erzählte uns, er habe anfänglich gefürchtet, vom Urin 
überlaufe das Zimmer, so daß sein Bett naß werdf, und er sich vor der Über- 
schwemmung flüchten müsse. Wir möchten aus dem Ganzen auf eine infantile 
Geburtsphantasie schließen und das rotgekleidete Mädchen als die Mutter des 
Kranken deuten. Die Kleinheit würde dem Gefühl der Zärtlichkeit für sie und zudem 
in bildlich-räumlicher Perspektive ihrer zeitlichen Entfernung Ausdruck geben. Das 
blaugekleidete Mädchen wäre dann ein Bild der einzigen Schwester. Wie sehr diese 
beiden Wesen das Schicksal des Mannes bestimmten und daher als Parzen gedeutet 
werden dürfen, ergibt sich beispielsweise aus dem bezeichnenden Zug, daß der 
Kranke ebenso sieben Jahre auf seine Braut wartete, wie er als Knabe sieben Jahre 
auf die Gesellschaft seiner Schwester warten mußte. (Vergl. Chadwick: Über 
die Wurzel der Wißbegierde. Internat. Zeitschr. f. PsA., Bd. XI, S. 57: Parzen 









Analyseversudi bei Delirium tremens 489 

Bruchstücken aus anderen Deliranalysen zu zeigen, daß im Delirium 
tremens überhaupt die nämlichen Triebkomponenten, wie in unserem Fall, 
sich der nämlichen Symbolik bedienen und die gleichen oder doch ähn- 
liche Konflikte zur Darstellung bringen. Vor allem aus den kriminellen 
Handlungen, die das Delirium erfahrungsgemäß begleiten, ihm voraus- 
gehen oder ihm folgen können, seien sie nun homosexueller, sadistischer, 
sodomistischer oder exhibitionistischer Natur, erkennen wir, daß diese Per- 
versionen beim Aufbau des krankhaften Prozesses in hohem Grade 
beteiligt sind. 

So sei noch auf einen Punkt hingewiesen, der uns für das Trinker- 
delir typisch und bedeutungsvoll erscheint, nämlich das Auftreten der 
meisten visionären Elemente in Gruppen oder Massen : so das der Ameisen- 
heere am Anfang, dann das der speerbewaffneten Jünglinge, das der Hunde 
um und in seinem Bette, das der Eber und Flußpferde, das des Krüppel- 
menschenstromes, das der Zuschauer und Mitbeter bei der heiligen 
Handlung, die sich dann in Mitglieder der geheimen Sekte verwandeln 
und später wieder in den Reigen der Speerträger übergehen, die hernach 
bei der Erschießungsszene sich als Helfer beteiligten, schließlich das Auf- 
treten der tafelnden Gäste und seiner Schüler und Knaben, die ihn auf 
dem Karren wegführen. Die affektive Einstellung des Kranken zu diesen 
Massen schwankt fortwährend zwischen Angst und Grauen vor ihren 
Angriffen, Hohn und Spott über ihre Ohnmacht und Harmlosigkeit und 
ihr verkehrtes Tun, Zuneigung und Zustimmung, die ihn veranlaßt, ihnen 
gleich zu tun und sich ihnen anzuschließen und Haß, der ihn dazu 
bewegt, ihre Angriffe abzuwehren und sie zu vernichten. 

Wir erklären uns diese große Rolle der Masse im Delir dadurch, daß 
eben die Trunksucht eine ausgesprochen soziale Seuche ist, daß Trinksitte 
und Trinkzwang im engen Zusammenhang mit den homosexuell bedingten 
Männerbünden stehen. 1 Durch die entstellende und symbolisierende Kraft 
der Verdrängung sehen wir gerade jene Gruppen in Tiere verwandelt, die 
dem Kranken als gleichgeschlechtliche Wesen am nächsten stehen und 
denen gegenüber auch die Ambivalenz der affektiven Einstellung am ver- 
ständlichsten erscheint: Vater und Vorfahren in Eber und Flußpferde, 
Brüder in Ameisen, Söhne in Hunde. 

bedeuten Muttergottheiten, Schirmherrinnen der Weisheit und Vorauswisserinnen der 
künftigen Geschicke.) Wenn wir die Spalte in der Zimmerwand, aus der die Ameisen- 
geschwister hervorkommen, als mütterlichen Schoß auffassen, so könnte die nach- 
folgende Spiegelszene mit dem Nagel, der sich ruckweise in die gleiche Wand ein- 
bohrt, auch aus einer Inzestphantasie des Knaben abgeleitet werden. 

1) Vergl. Trunksucht und Psychoanalyse. Loc cit., S. 28. Ferner Schilder: 
Entwurf zu einer Psychiatrie auf psa. Grundlage. S. 21. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XII/3 52 



4Q0 A. Kielholz 



Weniger verwandelt und entstellt von der Zensur zeigen sich die 
Gestalten im Delir, denen der Kranke im Leben wohl vorwiegend zärt- 
liche Regungen entgegenbrachte, die Mutter und die einzige, um sieben Jahre 
jüngere Schwester. Die zeitliche Entfernung von ihnen wird perspektivisch 
durch Verkleinerung ausgedrückt, gleich himmlischen Wesen erscheinen 
sie in der Höhe, d. h. an der Zimmerdecke. Die affektive Haltung gegen- 
über dem Hundefräulein ist schon keine eindeutig positive mehr, wie 
gegenüber der Tochter mischt sich mit der väterlichen Zärtlichkeit sexuelles 
Verlangen und Angst vor solch verpönter Regung, daher zeigt sie teilweise 
tierische Züge. 

Der Inhalt des Delirs ist in kurzen Sätzen folgender: Der Held entgeht 
mit Hilfe der gütigen Parzen dem Schicksal der früh verstorbenen Brüder, 
die ihn, aus den Grüften zurückkehrend, als Ameisen überfallen und zu 
sich holen wollen. Auch die Angriffe der Hunde und Buben und therio- 
morphen Vorfahren vermögen ihm nichts anzuhaben. Auf der Flucht vor 
dem Schwerte des Vaters, von dem seine erwachende Mannheit bedroht 
wird, wie der hl. Sebastian von den feindlichen Pfeilen, wandelt er 
sich in diesen wundertätigen Heiligen, zu dem die leidende Menschheit in 
Strömen sich herzudrängt. Dann erfüllt sich der tiefste Wunsch seines 
mächtigen Schautriebes: Er sieht die Urszene. Vergeblich versucht ihn der 
Vater, den er, von eifersüchtigem Neid erregt, mit Hohn und Spott über- 
schüttet, zu erschießen, er erlebt seine Kastration, die er darauf aber, sich 
mit dem Entmannten identifizierend, an einem der Nachfahren mit töd- 
lichem Schlage rächt. 

Unsere Analyse wurde nicht so weit durchgeführt, daß der Kranke zu 
unseren eben dargestellten Deutungen hätte Stellung nehmen und unter 
Überwindung der Widerstände und Aufhebung der Verdrängungen ihre 
Richtigkeit hätte anerkennen müssen, wir wissen auch wohl, daß einzelne 
Szenen einer anderen Deutung zugänglich gewesen wären, und daß 
gewisse Einzelheiten zu weiteren Ausdeutungen Stoff geliefert hätten. 

Es wäre sicherlich auch ein reizvolles Unternehmen, den gebotenen Stoff 
zu theoretischen Überlegungen zu verwenden in A nknüpfung an die letzten 
Publikationen Freuds, speziell über das ökonomische Problem des Maso- 
chismus, 1 wo z. B. ausgeführt wird, wie der erogene Masochismus alle 
Entwicklungsstufen der Libido mitmacht, wie die Angst, von dem Totem 
tier gefressen zu werden (wir erinnern an den Bärentraum unseres Kranken), 
der oralen Stufe entspricht, der Wunsch, vom Vater geschlagen zu werden 
(bei unserem Patienten statt dessen erschossen), der sadistisch-analen 



i) Int. Zeitschr. f. PsA., Bd. X, 1924,. (Ges. Schriften, Bd. V.) 



Analyseversudi bei Delirium tremens 491 



Stufe, die Kastration (unser Patient identifiziert sich mit dem geköpften 
Eber), der phallischen Stufe und endlich Koitiertwerden und Gebären (wir 
erinnern an den Angriff mit der Spritze und die drohende Überschwemmung) 
der genitalen Stufe entspricht. Oder dürfen wir einen Menschen, der sich 
in seinem Wahn mit dem hl. Sebastian identifiziert, nicht als Masochisten 
bezeichnen? Auch zur Abhandlung über den „Realitätsverlust bei Neurose 
und Psychose" 1 bietet unser Fall interessante Beiträge. Es wird da dar- 
gelegt, wie Neurose und Psychose Ausdruck der Rebellion des Es gegen 
die Außenwelt darstellen, seiner Unlust oder Unfähigkeit, sich der realen 
Not, der 'Avrfyxrj anzupassen; wie eine Flucht oder ein Umbau der Realität 
versucht wird, wie dieser Umbildungsprozeß sich unter Angstentwicklung 
mit Erinnerungstäuschungen, Wahnbildungen und Halluzinationen vollzieht, 
weil sich das abgewiesene Stück der Realität immer wieder dem Seelen- 
leben aufdrängt. 2 Das Delirium tremens nimmt hier nach unsereren Beob- 
achtungen wenigstens, sofern es in Heilung übergeht und kein Residual- 
wahn zurückbleibt oder kein Übergang in eine Korsakoffsche Psychose 
stattfindet, eine Mittelstellung zwischen Neurose und Psychose ein. Die 
Phantasiewelt, die an die Stelle der unerwünschten Realität gesetzt wird, hat 
einerseits einen spielerischen, infantilen Charakter und verleiht dem Stück 
Realität, das stets vorhanden bleibt, und an das sie sich anlehnt, einen 
symbolischen Sinn, wie bei der Neurose. — Wir erinnern an die viel- 
fachen Wurzeln in Kindheitserlebnissen, die wir bei unserem Kranken 
nachweisen konnten und an den oft betonten theatralischen, spielerischen 
Anstrich der ganzen Szenenfolge, der dem Patienten stets bewußt bleibt.3 Auf 

1) Int. Zeitschr. f. PsA., Bd. X, 1924. (Ges. Schriften, Bd. VI.) 

2) Vergl. dazu auch Freud: Metapsycholog. Ergänzungen zur Traumlehre (Ges. 
Schriften, Bd. V.), wo das Alkoholdelir mit der Amentia verglichen wird. Der 
von der Realität auferlegte Verlust wäre der des Alkohols. 

3) In der Abhandlung des jungen Nietzsche „Über die Geburt der Tragödie", 
in der er zum erstenmal jene Zxveiteilung der Kunst in apollinische und dionysische 
Formen aufstellt und Musik und tragischen Mythos als Ausdruck des Dionysischen von 
ewiger und ursprünglicher Kunstgewalt über das Apollinische setzt, wird dargelegt, 
daß alle die berühmten Figuren der griechischen Bühne, Prometheus, ödipus usw., 
nur Masken jenes ursprünglichen Helden Dionysos seien. (Vergl. Taschenausg., Bd. I, 
S. 105.) Zu Ehren des Dionysos aber, des Gottes des Weines und der Trunkenheit, 
wurden jene Bockspiele aufgeführt, aus denen die griechische Tragödie entstand, 
seine Mysterien wurden mit Orgien und Bacchanalien gefeiert. Die Hypothese 
scheint mir nicht allzu gewagt, daß der Ursprung der Tragödie in jenen deliriösen 
Zuständen der trunkenen Jünger des Gottes zu finden sei, in denen alle die ver- 
drängten Triebe und Wünsche wieder zum Tageslicht steigen, eben jene rebellieren- 
den Dämonen des Es, die sich dann in den Gestalten eines Ödipus, Prometheus, 
Orestes und anderer fluchbeladener Heroen verkörpert haben. (Vergl. auch A. 
Winterstein: Zur Entstehungsgeschichte der griechischen Tragödie, Imago, 
Bd. VIII, S. 442, über den Zusammenhang des Dithyrambus, der nach Aristoteles 

5»' 



4Q2 A- Kielholz 



der anderen Seite lebt der Delirant, von Wahnvorstellungen und Sinnes- 
täuschungen verfolgt, eben doch in einer ganz anderen Welt geradeso wie 
der Psychotiker, speziell der Amente. 

Zusammenfassung 

Die Einfälle eines Alkoholdeliranten zu seinen wahnhaften Erleb- 
nissen weisen auf eine Verstärkung der homosexuellen Triebkomponente, 
des Narzißmus und vor allem des Schautriebes hin. Daneben 
kommen sadomasochistische Tendenzen zur Darstellung, die ja in 
den Roheitsdelikten und Suizidversuchen der Trinker häufig genug mani^ 
fest werden. Aus der Verstärkung des Schautriebes ist das Vorwiegen der 
Visionen abzuleiten. Die dem Trinker am nächsten Stehenden, hauptsäch- 
lich des eigenen Geschlechtes, zu denen er in besonderer Art, meist 
ambivalent, affektiv eingestellt ist, erscheinen im Delir in Tiere verwandelt. 
Die enge Verknüpftheit des Trinkers mit der Masse, die der Trinksitte 
huldigt, bedingt das massenhafte Auftreten dieser Tiere. In seinen 
Beziehungen zur Realität steht das Alkoholdelir zwischen Neurose und 
Psychose. 



eine der Quellen der Tragödie bildet, mit Männergesellschaft und Rauschstimmung.) 
Wir möchten auch daran erinnern, daß ganz ebenso wie im Delir Gruppen und 
Massen den im Wahne Befangenen umgeben und seine Kämpfe mit den wechseln- 
den Gestalten seiner Gegner beobachten und glossieren, so auch in der klassischen 
Tragödie von den Chören die Handlung begleitet und besungen wird, und daß die 
Affekte, die den verständnisvollen Beobachter eines Deliranten bewegen, wohl die- 
selben sind, die nach der Theorie des Aristoteles im Zuschauer der Tragödie 
ausgelöst und gereinigt werden sollen, nämlich Furcht und Mitleid. 



Der gesunde und der kranke Körper 
in psychoanalytischer Betrachtung 

Von 

Felix Deutsch 

Dozent für innere Medizin an der Universität Wien 



Gesund und krank ist biologisch nicht wesensverschieden. Das Gesunde 
ist die Grundlage des Kranken und aus dem Kranken läßt sich das 
Gesunde wiedererkennen. Auch die Psychoanalyse ist erst auf dem Wege 
über das Kranke dazu gelangt, das Gesunde kennen zu lernen. Die Psycho- 
analyse ist eine empirische Wissenschaft, die, wie schon ihr Name sagt, 
sich mit der Erforschung psychischer Zusammenhänge befaßt. Der Körper 
resp. die Körperwelt erregte nur insoweit ihr Interesse, als sich an ihm 
Niederschläge des Psychischen nachweisen lassen, oder soweit manifeste 
organische Symptombildungen als Ersatz von aus der Verdrängung auf- 
tauchenden psychischen Elementen sich ins Bewußtsein vorschieben. Das 
einmal geweckte Interesse wurde aber um so reger, als sich zeigte, wie 
weit sich Psychisches ins Organische verfolgen lasse. 

Der Nachweis der psychischen Beteiligung am Organischen und die 
Enträtselung und Bewertung von gesund und krank ist der Psychoanalyse 
auf folgendem Wege gelungen: 

1) bei konversionshysterischen Symptomen, 

a) die schon vor der Analyse vorhanden waren und einen Teil der 
psychischen Krankheit bildeten, 

b) die erst in der Analyse auftraten als Wiederholung einmal über- 
standener Krankheiten, 

2) bei der Analyse organischer Krankheiten. 

War die Psychoanalyse davon ausgegangen, körperliche hysterische 
Symptome gewissermaßen ins Psychische zurückzukonvertieren und aufzu- 
lösen, so ist sie heute so weit, a priori bei körperlichen Symptomen psycho- 



494 Felix Deutsch 



gene Anteile anzunehmen und auf die gleiche Weise wie bei den Kon- 
versionssymptomen gegen diese vorzugehen zu versuchen. Wie kam sie dazu? 
Das anschaulich klarzulegen, ist nicht leicht. 

Der vorhandene organische Komplex muß erst in seine Teile zerlegt 
und deren Verbindungen mit dem Psychischen beim Abbau aufgesucht 
werden. Man ist auf diesem Wege in der Lage nachzuweisen, welche 
Vorbereitungen sowohl im Organischen wie im Psychischen notwendig 
sind, um ein organisches Symptom zu erzeugen. Die Vorbereitungen in 
beiden Systemen sind jedenfalls sehr komplizierte und weitgehende. In 
allen solchen Fällen muß gewissermaßen der Bau vom Dach aus abge- 
tragen werden. Das ist nicht einfach. Denn gewöhnlich ist es so, daß sich 
die Krankheit resp. das Symptom fest konsolidiert präsentiert, daß der 
Patient davon bereits genaue Kenntnis hat, daß er davon dauernd beherrscht 
wird und daß es im Mittelpunkt seiner Neurose steht und von vielen 
Seiten gestützt wird, von der organischen und von der psychischen. 

Einfacher ist es, wenn man erst im Laufe einer Analyse auf ein 
organisches Krankheitssymptom stößt. Das ist nun sehr häufig der Fall. 
Man kann sogar sicher sein, daß in jeder Analyse das Körperliche irgend- 
wie zu Worte kommt, ja kommen muß, falls die Analyse richtig vor sich 
geht. Selbst dann, wenn keine körperlichen Veränderungen oder Erkran- 
kungen in der Vergangenheit vorausgegangen sind, immer meldet sich in 
der Analyse eine ganz bestimmte Organgruppe, die irgendwie dazu vorge- 
bildet ist, — auch vielleicht deshalb als minderwertig bezeichnet werden 
kann — und begleitet mit ihren Symptomen alle bewußt werdenden 
Komplexe. Das ist nicht weiter verwunderlich. Denn die auf dem Prinzip 
der „Ersparung" aufgebaute psychische Ökonomie sichert sich durch solche 
organische Konversionspuffer vor zu schwerer Belastung. Die auftretenden 
köperlichen Symptome erscheinen also geradezu als Sicherheitsventile gegen 
das Auftauchen des Verdrängten. In diesen Situationen ist man in der 
Lage, rekonstruktiv das Körperliche psychologisch zu erfassen. Noch immer 
ist hier aber Körperliches und Psychisches etwas Aufeinanderfolgendes. Wie 
man die psychische Seite des Körperlichen noch schärfer, gleichzeitiger 
erfassen, den psychischen Sinn im Organischen erkennen kann, wird viel- 
leicht folgender Hinweis zeigen. Man pflegt einen Patienten, wenn er in 
die Analyse kommt, zu instruieren, er soll alles sagen, was ihm einfällt. 
Geht man nun einen Schritt weiter — wobei es dahingestellt sein soll, ob 
es richtig ist — und fordert ihn auf, auch immer gleich anzugeben, wenn 
irgendwelche körperliche Empfindungen auftauchen, so kann man bald 
überrascht feststellen, wie sonst völlig unbeachtete körperliche Sensationen 
sich zwischen die Einfälle einschieben, ihnen vorauseilen, sie begleiten. 



Der gesunde und der kranke Körper in psydioanalytischer Betraditung 495 

Man wird finden, daß diese scheinbar belanglosen körperlichen Äußerun- 
gen höchst sinnreich, vollkommen dazugehörig in die aktuelle psychische 
Situation sich einfügen. Einige Beispiele können dies erläutern: 

Ein Patient, der unter anderem an Impotenz leidet, erklärt eines Tages 
während der Stunde, daß er eine Müdigkeit aufsteigen fühle, seine Beine 
wären wie abgeschlagen und schwer. Er glaube, er habe eine Influenza. Dann 
streckt er sich und strafft seine Beine. Nach längerer Pause kommen ihm 
Einfälle. Zuerst beginnt er wieder über seine Impotenz zu klagen, Dann 
erzählt er: früher, als es noch halbwegs ging, sei es ihm, wenn er seine Beine 
stark gestreckt zusammengepreßt und öfters angespannt habe, noch gelungen, 
Erektionen zu erzeugen. Jetzt sei auch das ohne Erfolg. Das Genitale bleibe 
schlaff. 

Ein anderer Patient, der gerade seine infantilen Phantasien von der Fort- 
pflanzung wiedergibt, die stark verdrängt sind, beschwert sich mit einem Male, 
daß er sich nicht konzentrieren könne, da ihn der Straßenlärm störe; daß er 
schon den ganzen Tag sehr empfindlich gegen Geräusche sei. Er habe auch 
ein Klingen in den Ohren. In der Elektrischen habe er aussteigen müssen, 
weil die Leute so laut gesprochen hätten. Dann kommt ein Einfall, in dem 
er sich plötzlich an eine Situation in der Kindheit erinnert, in der er über 
die wirkliche Form des Geschlechtsaktes aufgeklärt worden war. Die Erinne- 
rung war stark und lange verdrängt gewesen. Damals, als er die Dinge als 
Kind gehört hatte, habe er sich die Ohren zugehalten, weil er nichts davon 
hören wollte. 

Ein anderer Patient, der sich in der Reproduktion seiner Geburtsphanta- 
sien befand, bekam plötzlich Schmerzen am Anus. Er erklärte, sie kämen von 
einem früheren Hämorrhoidalknoten, der aber operiert sei. Dann fällt ihm 
ein, daß er die Schmerzen schon einige Tage habe und bemerkt habe, daß 
sich ein neuer Knoten gebildet hätte. Dann kamen gehäufte Einfälle infan- 
tiler Vorstellungen über die Geburt durch den Anus und das anale Kind. Damit 
waren die körperlichen Sensationen verschwunden. 

Ferner möchte ich einen Patienten erwähnen, der die Einfälle über seine 
infantilen Vorstellungen von der Fortpflanzung durch Kitzeln in der Nase und 
heftiger Sekretion aus derselben einleitete. Der Schnupfen hielt immer solange 
an, bis die Einfälle erschöpft waren. 

Die Beispiele könnten beliebig vermehrt werden. Nicht uninteressant dürfte 
noch eine Beobachtung sein. 

Eine Patientin beginnt während der Analyse mit der rechten Hand unruhig 
zu werden; sie legt die Hand hierhin und dorthin, beginnt an der Decke zu 
zupfen. Dann klagt sie über ein Prickeln in den Fingern, schließlich über 
Schwitzen in der ganzen Hand. Dann kommen stockend Einfälle über Mastur- 
bationen mit dieser Hand. Die Erinnerungen zogen sich mehrere Stunden hin, 
solange hielten auch die körperlichen Sensationen an. 

Wir sehen also, die Sprache des Organischen ist nicht ohneweiters ver- 
ständlich. Übersehen wir aber nichts und sind ebenso scharf auf seine 
körperlichen Empfindungen eingestellt, wie der Patient, so wird uns 
immer klarer, wie fast nichts am Körper vor sich geht, was nicht ver- 



496 Felix Deutsch 



ständlich ins Psychische sich einfügt. Wir sehen, daß der Patient stets 
eine Doppelsprache führt: eine körperliche und eine lautliche. Die körper- 
liche ist für den, der sie zu deuten versteht, so verständlich wie für den 
Kundigen die Taubstummensprache. Ist man einmal derartig eingestellt 
und beobachtet man den Patienten genau, gewinnt jeder körperliche Vor- 
gang Sinn und Bedeutung. Wir erkennen, was irgendeine Lageveränderung 
in der Analyse bedeutet, Liegen mit übereinandergeschlagenen Beinen, mit 
gespreizten Beinen, auftretende Wärme- und Kälteempfindungen, ein 
Darmkollern, ein Schweißausbruch. Es sind vorlaute Vorposten des Vbw, 
die ersten Anzeichen eines bald sprachlich ausdrückbaren Bewußten. 

Hier handelt es sich nicht um Krankheitssymptome im gewöhnlichen 
Sinne, sondern um Äußerungen eines gesunden Körpers, um Vorgänge, 
wie sie unser Tun und Handeln jederzeit unbemerkt begleiten können. 

Nicht jeder Mensch ist nun in gleicher Weise in der Lage, in dieser 
Doppelsprache sich zu äußern. In der Analyse werden um so mehr die 
Erinnerungen in dieser Weise auftauchen, je mehr die Gedächtnisfunktion 
des Patienten mit dem Körperlichen verbunden ist. In der Analyse geht 
nun ein erlebnisvolles Erinnern vor sich und insofcrne stellt die Analyse 
in gewissem Sinne ein Gedächtnisproblem vor. Gibt es aber denn über- 
haupt ein Erinnern, in dem das körperliche Gedächtnis nicht in bedeut- 
samer Weise mitspielt? Die einen erinnern am besten auf dem Wege des 
Tastsinns, die andern mittels des Gehörs, die dritten in außerordentlicher 
Weise mit dem Geruchsinn. Jeder in seiner besonderen Art. Aber nicht 
nur in diesem Sinne ist das Erinnerungsvermögen jedes Menschen in 
starker Gebundenheit mit einem bestimmten körperlichen Aufnahmsorgan 
verknüpft und zwar seit jeher. Wir müssen vielmehr annehmen, daß jede 
Erinnerung ein mit dem seinerzeitigen Erleben verbundenes körperliches 
Korrelat hat. 

Alles, was wir nur so grobsinnlich, aber wohl determinierbar am Körper 
sich abspielen sehen, gilt nicht nur für diese sinnfälligen, so komplexen 
Äußerungen des Körpers, sondern auch natürlicherweise für die nicht sofort 
oder nur mittels feinerer Methoden faßbaren, minimen Vorgänge im Körper. 
Wir könnten sie ebenso nachweisen an den Sekretionsvorgängen (Magen-, 
Speichel-, Schweißdrüsen) wie im Stoffwechsel (ich erwähne die Stoff- 
wechselversuche von Gräfe, Hey er und Grote und meine 
eigenen). Wir können sie an den Blutgefäßen, an den Kapillaren 
erkennen, was ich in eigenen Versuchen nachgewiesen habe. 

Stellen wir uns nun einen gesunden Menschen vor: Alles Tun, alles 
Handeln, jede Bewegung, jedes Wollen, jede Willensäußerung geht doch 
nur auf dem Wege von Wiederholungen gesammelter Erfahrungen vor 



Der gesunde und der kranke Körper in psychoanalytischer Betrachtung 497 

sich. Sie werden immer von den zugehörigen, vom Beginn an zwangs- 
mäßig verknüpften körperlichen Äußerungen hegleitet sein. Alles körper- 
liche Geschehen können wir uns so aufgelöst und zusammengesetzt aus 
immer von neuem angeregten und psychisch bedingten organischen Vor- 
gängen vorstellen. 

Die Zusammengehörigkeit jeder Organfunktion mit der entsprechenden 
unbewußten Vorstellung soll noch später erläutert werden. Es ist 
natürlich so, daß die einmal psychisch angekurbelte Organfunktion auch 
weiterläuft, ohne jedesmal eines weiteren psychischen Antriebes zu bedürfen. 
Aber die an ihr haftende psychische Beminiszenz ist und bleibt mit ihr 
verbunden. Sie reguliert mit die normale Organtätigkeit. Das Gefühl 
der Gesundheit ist in diesem Sinne die Summe und 
der Zusammenklang aller jener lustbetonten unbe- 
wußten Vorstellungen, die, an den Organen haftend, 
den organischen Bestand des Lebewesens gewährleisten 
und von der Funktion der Organe immer wieder aus- 
gelöst werden. 

Was sehen wir also? Der ganze Körper in seiner Funktion ist ein 
Gebäude von sinnreichen, bedeutungsvollen Niederschlägen psychischer 
Reminiszenzen, die, vielfach zur Form erstarrt, nichts mehr von ihrer 
ehemaligen Bedeutung erkennen lassen. 

Beschäftigen wir uns nun, vorläufig ganz kurz, mit dem kranken Körper. 
Gehen wir mit der uns eigenen Voreingenommenheit an seine psychologische 
Untersuchung, so finden wir bald, daß die organischen Veränderungen 
nicht nur eine psychogene Auslösung haben, sondern auch einem Zwecke 
dienen, den man als darstellende Tendenz bezeichnen kann . 
Diese bekannte Tatsache soll nur kurz illustriert werden. 

Ein früher sich gesund fühlender Mann bekommt eines Tages eine regel- 
rechte Claudicat™ intermittens, ein an und für sich nicht seltenes Ereignis. Er 
bekommt die Erkrankung am rechten Bein. Hier setzt die analytische Neugierde 
ein : Warum gerade am Bein ? Warum am rechten Bein? Warum gerade jetzt ? Die 
Analyse antwortet: Das Bein hat phallische Bedeutung übernommen. Es dient der 
Darstellung des männlichen Genitales. Sein Hinken ist die Darstellung seiner 
Impotenz in der Ehe, das Nichtgehenkönnen bedeutet seine genitale Unfähigkeit. 
Auch daß es gerade das rechte Bein war, ließ sich aus früheren psychischen 
Besetzungen dieses Körperteils erklären. Die Krankheit diente aber gleichzeitig 
zur Darstellung einer Handlung. Sie sollte die Lösung eines Konfliktes dartun : 
nämlich die Verhinderung seines verpönten Wunsches nach dem außerehelichen 
Sexualverkehr. — Hier enthüllte sich also der komplizierte psychologische 
Sinn einer Krankheit, wobei nicht auf alle Determinierungen eingegangen 
werden soll. 

Die darstellende Tendenz einer Organerkrankung konnte von mir 



49« Felix Deutsch 



auch an zwei Fällen von Lungenblutung illustriert weiden, in denen 
die rezidivierenden Blutungen die Darstellung des unbewußten Wunsches 
nach dem Kinde, also eine Geburtsphantasie bedeuteten. 

In solchen Darstellungen, die sich an den Organen mit aller Ent- 
schiedenheit durchzusetzen trachten, liegt also zu einem wesentlichen Teil 
der Sinn und das Wesen körperlicher Äußerungen. Man könnte mit Recht 
jetzt einwerfen: Ja, diese ganze Betrachtungsweise nimmt gar keine 
Rücksicht auf die organische, konstitutionelle Anlage. Um diesem Einwurf 
Rechnung zu tragen, soll, bevor diese Gedankengänge weiter verfolgt werden, 
etwas Biologisches kurz eingeflochten werden. 

Die Bedingungen, die für die künftige Entwicklung eines Organismus 
in Betracht kommen, sind, wie allgemein angenommen wird, gegeben 
durch seine in den Chromosomen niedergelegte Konstitution. Würde nichts 
weiter hinzutreten, weder ein endogener noch ein exogener Reiz, so würde 
das Wachstum des Körpers allein durch seine chromosomale Wachstums- 
tendenz und Wachstumsgeschwindigkeit bedingt sein. Über die Dynamik 
dieser Vorgänge ist nicht allzuviel bekannt. Jedenfalls können wir annehmen, 
daß in den Chromosomen des Keimplasmas die wachstumsfördernden 
Substanzen in konzentrierter Form vorhanden sind; das Individuum müßte 
sich, rein biologisch gesehen, mit der dort niedergelegten Antriebs- 
geschwindigkeit unter normalen Bedingungen entwickeln. Es ist jedenfalls 
bisher nicht bekannt, daß und unter welchen Umständen diese Anlagen 
und ihre Entwicklung im Entwicklungsalter durch psychische Momente 
eine Hemmung oder Förderung erfahren könnten. Vielleicht ergeben sich 
jedoch auch in dieser Richtung aus der analytischen Betrachtung der 
Körperentwicklung weitere Gesichtspunkte. 

Wir haben festgestellt, daß jede Organfunktion in einem fest deter- 
minierten Verhältnis zum Ubw steht und daß diese Verbindungen beim 
ersten Beginn psychischen Geschehens einsetzen müssen. Wir wollen 
nicht untersuchen, ob dieses erste psychische Geschehen erst extrauterin 
einsetzt, und wollen auf die intrauterine Reizbeantwortung nicht eingehen. 
Über die Empfindungen und psychische Beantwortung der Reize beim 
Geburtsakt und deren spätere, unverkennbare Verwertung und Auswirkung 
wissen wir nur das, was wir aus den Geburtsphantasien von Patienten in 
der Analyse rückschließen können. 

Z. B.: Ein Patient brachte in der Analyse Geruchshalluzinationen, als er 
das Geburtstrauma reproduzierte. In seinem ganzen Leben besaß er ein besonders 
feines Geruchsvermögen, das ihm später als Arzt bei der Diagnosenstellung 
außerordentliche Dienste leistete. Der Beginn dieser Phantasien, man kann sie 
kaum Erinnerungen nennen, wurde dvirch Kopfschmerzen und Migräne 



Der gesunde und der kranke Körper in psydioanalytisdier Betraditung 499 

begleitet. — Es erscheint mir vorläufig zu gewagt, dazu einen Kommentar 
zu geben. 

Ich will noch eine Patientin erwähnen, deren Geburtsphantasien von einem 
Asthmaanfall begleitet waren. Sie hatte seit der Kindheit eine besondere 
Empfindlichkeit ihres Rachens und seit der Pubertät Asthmaanfälle. Ihre Mutter 
erzählte, die Patientin habe bei der Geburt einen Erstickungsanfall gehabt 
und sei schon hustend zur Welt gekommen. — Wie wir auch die Dinge 
deuten wollen, es ist außer Frage, daß die uns so unbekannten ersten Organ- 
empfindungen mit dem nie völlig erinnerbaren Erlebnis verknüpft bleiben und 
irgendwie auf die spätere Organfunktion abfärben. 

Überschauen wir die weitere Entwicklung des menschlichen Körpers, so 
sehen wir, daß seine Lebensäußerungen innig verknüpft sind mit der 
Sex\talentwicklung. Es ist kaum anders zu erwarten, als daß entsprechend 
den verschiedenen Organisationsstufen der infantilen Sexualität die Körper- 
Öffnungen (Mund, Anus, Urethra, Hautporen, Nasenlöcher) wie auch die 
Wege, deren Ausgänge sie darstellen, elektiv in den Kreis der Lust- 
befriedigung durch die Partialtriebe einbezogen werden — was auch in 
der Funktion zum Ausdruck kommt — und zu verschiedenen Zeiten ein 
verschiedenes Maß von Lustenergie (Libido) an sich gezogen haben. Diese 
bleibt dort in einem Ausmaß haften, wie es zu einer geordneten Funktion 
notwendig ist, resp. dem späteren Typus der Sexualorganisation ent- 
spricht. Nun wissen wir, daß sowohl ein Zuviel wie ein Zuwenig an Libido 
auf die entsprechende Körperpartie entwicklungshemmend, resp. entwicklungs- 
fördernd wirkt, funktionshemmend und funktionsfördernd. — Es ist hier 
nicht am Platze zu untersuchen, welche Stoffwechselprodukte der Libido im 
Organischen entsprechen. Zweifellos wird der Kalium-Kalziumstoffwechsel 
im Sinne Zondeks hier in Frage kommen. — Je mehr jedenfalls ein 
Partialtrieb ein Organ oder einen Körperteil zur Lustbefriedigung benötigt, 
desto mehr Libido wird er ihm zuzuführen trachten. Auf den Durch- 
gangsstationen der Sexualentwicklung werden die Organe in bestimmten 
Momenten im Überfluß mit Libido bedacht sein, die ihnen aber wieder 
bis zu einem gewissen, erträglichen Grade entzogen wird. Wie sehr sich 
die Organe der einmal genossenen Lust erinnern, können wir erkennen, 
wenn wir sehen, wie bereitwillig sie sich im Abbaualter regressiven 
Tendenzen wieder zur Verfügung stellen. Ich möchte aber bemerken, daß 
stets in jeder organischen Krankheit an den erkrankten Organen latente, 
verpönte Partialtriebe verstohlen zur Befriedigung gelangen und das 
Krankheitsbild dadurch mitdeterminieren. 

Das ist weiter nicht verwunderlich, denn da zu den Durchgangs- 
stationen der normalen Sexualität auch die Perversionen gehören, so 
müssen die von ihnen in der infantilen Sexualperiode benützten Körper- 



500 Felix Deutsdi 



partien ebenfalls etwas von ihrer seinerzeitigen Bedeutung behalten 
haben. 

Wir haben vielfach Beweise, daß Libidostauung im Entwicklungsalter 
den Körperbau, im ganzen Leben die Funktion der Organe beeinflußt. Wir 
besitzen eine gute Kenntnis aus den Analysen organisch Kranker, wie sehr 
Libidozufuhr Organe gesund und krank machen kann. Wir können wohl 
nicht immer unterscheiden, was der einleitende Prozeß ist: Die Libido- 
stauung, die den Boden fürs Kranksein schafft, oder eine extrapsychisch 
eingeleitete Organveränderung, die die Motive für das Einströmen von 
Libido schafft. Es sind beide Fälle möglich. (Ich verweise hier auf 
Ferenczis klare Erörterungen.) Diese Behauptungen zu exemplifizieren, 
dürfte sich vielleicht erübrigen. 

Es soll nur hingewiesen werden auf die mit den flüchtig durcheilten 
Phasen der infantilen Sexualität verbundenen späteren Störungen in der 
oralen Zone, die sich in den verschiedenen Formen der Appetenz für 
Speisen und Getränke äußern, an die nicht seltenen Schwierigkeiten der 
Regulierung der Darmtätigkeit, an die Beteiligung der Haut in Form von 
örtlichen und diffusen Schweißabsonderungen. Was alles am Körper in 
dieser Zeit vor sich geht und gegangen ist, wird meist erst gelegentlich 
von Wiederbesetzungen kenntlich oder im Abbaualter, wo frühere Trieb- 
befriedigungen neu aufgenommen werden und die Libidoansprüche des 
Körpers wieder größer werden. 

Zur Illustrierung der erwähnten wachstumsfördernden Fähigkeit der Libido 
möchte ich nur an eine Patientin erinnern, bei der die eine Mamma bis zur 
Pubertät sich stärker als die andere entwickelte und im Ubiv der Patientin 
einer phallischen Darstellung entsprach. Als die Patientin den Weg zur 
normalen Befriedigung fand und das Darstellungsbedürfnis aus dem Ubw 
wegfiel, glich sich mit der Zeit auch die Größendifferenz zwischen beiden 
Mammae aus. 1 

Hier könnte auch die Mitteilung über einen jungen Mann am Platze sein, über 
den seinerzeit Fr. Dr. Helene Deutsch berichtet hat. Der zirka siebzehn- 
jährige, normal entwickelte, aber außerordentlich klein gewachsene Junge war 
der Zweitgeborene nach einem zwei Jahre älteren Bruder. Dieser war groß 
und schön gewachsen und der ausgesprochene Liebling seiner Mutter. Die 
Bevorzugung dieses Bruders von Seite der Mutter war für den Jungen sehr 
kränkend. Der Bruder fiel im Kriege. Kurz darauf fing der Junge rasch zu 
wachsen an und wurde in Gestalt und Haltung dem verstorbenen Bruder 
zusehends ähnlicher. 

Wenn dies auch eine heute noch einzeln dastehende Beobachtung ist, so 
ist sie doch, allerdings nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dadurch zu 
erklären, daß die Auswirkungen vorhandener Anlagen von Libidozuschüssen 



1) Vortrag am VIII. Internat. Psychoanalytischen Kongreß in Salzburg 1924. 



Der gesunde und der kranke Körper in psydioanalytisdier Betrachtung 501 

abhängen. Eine Häufung solcher Erfahrungen wird alle zu dieser Auffassung 
bekehren. Sie ist aber schon heute ebenso gestattet, wie die bisherige, daß 
ein derartiges Eintreten des Wachstums rein konstitutionell bedingt ist. 

Ganz allgemein können wir also annehmen, daß die Triebe zu den 
dynamischen Faktoren gehören, die den erbbiologischen Anlagen zur 
Auswirkung verhelfen, und daß sie als Aktivatoren der chromosomalen 
Wachstumspotenzen das Tempo der Körperentwicklung mitbestimmen können. 

Kehren wir zum früheren zurück : Die Libido kreist im gesunden Körper 
ebenso unmerklich wie dessen Stoffwechselprodukte. Organisch gesund 
sein heißt also im psa. Sinne, keine pathologisch gebundene Organ- 
libido besitzen. Je lockerer die Libido an den Organen haftet, desto 
günstiger für den Körperbestand. Je weniger Anleihen der Körper aus 
dem Libidoreservoir zu nehmen genötigt ist, desto besser ist seine Gesund- 
heit gewährleistet. 

Wir sind nunmehr so weit, den Körper anzusehen : 

1) Als ein Sicherheitsventil gegen das verdrängte Ubw. 

2) Als den Niederschlag psychischer Reminiszenzen. 

3) Als das notwendige Material zur Darstellung genitaler Tendenzen. 

4) Als einen Libidostapel platz. 

Es ist nun nicht selten, daß die Summe unverwendbarer Libido das 
Bindungsvermögen durch die Organe mit Erhaltung einer geordneten Funktion 
übersteigt. Da kommt es zu Krankheitserscheinungen. Wie wir wissen, schützt 
sich das Ich, indem es unverwendbare Libido dem Körper anzuhängen versucht, 
und zwar am Orte des geringsten Widerstandes. Das wäre aber auf die 
Dauer für den Körper nicht zuträglich. Daher wird im psychischen 
Haushalt für Entlastung von Libido gesorgt, und zwar auf eine Weise, die 
für den Körper wenigstens auf die Dauer nicht schädlich ist, nämlich 
durch Angstentladungen. Libido wird in Angst verwandelt. 1 Dieser Umwand- 
lungsprozeß geht nun mit akuten Störungen an den libidobeladenen 
Organen vor sich, falls zu große Angstquantitäten frei werden. Da unver- 
wendbare Libido andauernd in Angst verwandelt wird, gehen in einem 
ökonomischen psychischen Haushalt konstant kleinste Entladungen vor 
sich, die alles eher als schädlich für. den Körperbestand sind. Im Gegenteil, 
die konstante fraktionierte Angstzertrümmerung ist für die Gesundheit 
außerordentlich notwendig. Je mehr unverwendbare, bindungsunfähige 
Libido vorhanden ist, desto größer werden die Angstentladungen sein. Im 
Körper finden diese Entladungen ihren Ausdruck meist in Anfällen: in 

1) Dieser Aufsatz ist nach einem auf der 1. Deutschen Psychoanalytischen 
Zusammenkunft in Würzburg, Oktober 1924. gehaltenen Vortrag niedergeschrieben 
worden, also noch vor Erscheinen von Freuds jüngster Arbeit „Hemmung, Symptom 
und Angst" (1926). 



502 Felix Deuts* 



Pylorospasmen, Gallenblasenkrämpfen, Migräneanfällen, Asthma, Darm- 
koliken, Dysmenorrhöen usw. Diese körperlichen Angstäquivalente sind ja 
der PsA. durchaus bekannt. Sie sind oft ein Zeichen, daß besonders 
Verdrängtes aus dem Ubw auftaucht und die Analyse ihrer Aufgabe nach- 
kommt, Angst zu zertrümmern. 

Aber das Ich benützt auch sonst Gelegenheiten, Angst loszuwerden. 
Treten organische Krankheiten in einem Körper auf, so sind die Symptome 
derselben um so reichhaltiger, je mehr gestaute Angst vorhanden ist. In 
diesem Sinne ist zum Teil das besondere Gesundheitsgefühl nach einer 
überstandenen Krankheit zu verstehen, weil das Ich sich großer Angst- 
quantitäten entledigen konnte. Darin liegt ein großer Krankheitsgewinn. 
Viele Krankheiten, die so aller Behandlung trotzen, erwecken — cum 
grano salis — den Verdacht, daß ein Stück Angst nicht frei gemacht 
werden kann. Besonders gilt dies bei immer wieder auftretenden Gallenstein- 
anfällen, häufig bei den rezidivierenden Schmerzen der Magen- und 
Duodenalulzera, besonders bei der Angina pectoris, der exquisiten Angst- 
krankheit. Wir sehen also, um organisch gesund zu bleiben oder zu werden, 
- rein psychologisch gesprochen — muß das Individuum entweder seine 
Libido verwendbar unterbringen oder seine Angst los werden. Das, was wir 
Übertragungserfolg in einer Behandlung nennen, beruht zum großen Teil 
auf Unterbringung der Libido, wodurch Angstentwicklung überflüssig wird. 
Wir hören oft die Klage von Neurotikern: Wenn wir nur organisch krank 
sein könnten. Das bedeutet deren unbewußtes Wissen um den Krankheits- 
gewinn : Angst los zu werden. 

Nun wollen wir hier nicht auf die verschiedenen Möglichkeiten der 
Angstentstehung und die mannigfaltigen Formen der Angst näher ein- 
gehen. Es gibt noch andere Quellen der Angst. Alle Angst aber, die nicht 
entladen werden kann, wirkt krankmachend. 

Um so mehr können wir sagen: Jede Krankheit ist Angstkrankheit 
oder: ein Mensch bleibt krank, weil er seine Angst nicht los werden kann. 
Daher heißt gesund sein, angstfrei sein. 

Wir wollen nur einfügen, daß die Angst häufig mit dem Schuldgefühl 
zusammenhängt und dann dabei Angst vor Strafe bedeutet. Betrachten wir 
unter diesem Gesichtswinkel den kranken Körper. Da müssen wir sagen: 
In jeder Krankheit steckt ein Stück Bestrafungstendenz und gleichzeitig 
bewirkter Strafvollzug. Nicht wenig können derartige Selbstbestrafungs- 
tendenzen — für vom Ich verpönte Wünsche und Handlungen, wie man 
hinzufügen kann — sowohl in die Krankheit führen, wie deren Dauer 
beeinflussen. Ihre Abhängigkeit von der sadomasochistischen Anlage erklären 
die gleichzeitige libidinöse Befriedigung am Kranksein. Nicht selten gelingt 



Der gesunde und der kranke Körper in psychoanalytischer Betrachtung 503 

es Patienten mit derartigen unbewußten Tendenzen, die Bestrafung vom 
Arzt durchführen zu lassen. Ich erinnere an die Operationsfreudigkeit vieler 
Patienten, an die vielen sogenannten Appendizitiden und Tonsillitiden, bei 
denen der Chirurg die Bestrafung übernimmt. Aber auch hinter vielen 
Operationswünschen bei lange dauernden Leiden: Strumen, Hernien usw., 
die oft mit ganz plausiblen Beschwerden motiviert werden, stecken solche 
unbewußte Motive. 

Es erübrigt sich, zum Schlüsse noch auf einen wichtigen psychischen 
Mechanismus hinzuweisen, der das Wesen vom gesunden und kranken 
Körper noch weiter determiniert, nämlich auf den Identifizierungszwang, 
der ebenso in die Krankheit führen wie vor ihr schützen kann. Da er zu 
den frühesten psychischen Mechanismen gehört, fällt ihm in der Ent- 
scheidung, ob gesund oder krank, eine ausschlaggebende Rolle zu. Er 
erklärt das Gesundheitsgefühl bei krankem und das Krankheitsgefühl bei 
gesundem Körper. Über seine Auswirkungen im Körperlichen ist so oft 
und ausführlich und mit so vielen Belegen berichtet worden, daß der 
Hinweis auf ihn hier genügen muß. Seine ausführliche Besprechung in 
seinen Beziehungen zur Krankheit würde eine gesonderte Abhandlung not- 
wendig machen. 



Traumarbeit und Arbeit des organischen Symptoms 

Von 

Georg Groddeck 

Baden-Baden 

Das medizinische Denken hat sich viele Jahrzehnte in einem System 
bewegt, in dem das Geschehen in zwei Reiche, ein organisches und ein 
psychisches, eingeordnet wurde; beide waren durch ein unbestimmtes 
Zwischenreich, das nervöse, von einander getrennt. Dieses Zwischenreich 
ist das Arbeitsfeld Freuds gewesen, in ihm sind Entdeckungen gemacht 
worden, die allmählich das Weltbild des Arztes umändern. In der Betä- 
tigung auf diesem, in der Mitte beider scheinbar scharf geschiedenen Reiche 
liegenden Felde ist das entstanden, was Freud Psychoanalyse genannt 
hat. Sehr bald stellte sich heraus, daß die aufgefundenen Tatsachen sich 
nicht innerhalb der durch lange Gewohnheit befestigten Grenzen befanden, 
daß man vielmehr, wollte man nicht die Forschung aufgeben, die Tat- 
sachen in das Gebiet des Psychischen verfolgen mußte; ja, man war 
genötigt, sich mit Vorgängen zu beschäftigen, die nichts mit Gesundheit 
und Krankheit zu tun haben. Diese Erweiterung des Forschens und Findens 
hat sich ohne wesentliche Schwierigkeiten durchgesetzt. Die Psychoanaly- 
tiker haben sie als etwas Selbstverständliches hingenommen, und die Außen- 
welt hat sich dieser Ausdehnung nicht mehr widersetzt, als sie es allen 
Tätigkeiten der Psychoanalyse gegenüber zu tun gewohnt war. 

Während sich so die Grenze zwischen „nervös" und „psychisch" unmerk- 
lich verwischte, schonte man die zwischen „nervös" und „organisch" sorg- 
fältig, ja, gerade die Psychoanalyse merzte von vornherein behutsam alles, 
was den leisesten Verdacht organischen Geschehens erwecken konnte, als 
nicht in ihren Wirkungskreis gehörig aus. — Solange es ging, tat sie es; 
aber es ging auf die Dauer nicht. Die alte, von jeher bekannte Wahrheit, 
daß organisches Geschehen und psychisches Geschehen nur der Rubrizierung, 
nicht dem Wesen nach verschieden sind, setzte sich unter dem Druck der 
Freud sehen Entdeckungen durch, allerdings seltsamerweise nicht in dem 



Traumarbeit und Arbeit des organischen Symptoms 5°5 

Kreise der berufenen Psychoanalytiker, die sich vielmehr zur Wehr setzten 
oder sich zum mindesten taub stellten, sondern bei den Ärzten der inneren 
Medizin, der Gynäkologie, der Chirurgie, Augenheilkunde und wie die 
Fächer sonst noch heißen mögen. Dieser Widerstand der Psychoanalytiker 
ist um so auffallender, als die ersten Untersuchungen Freuds sich mit 
der Hysterie beschäftigten, von der niemand weiß, ob sie in das psychische 
oder in das organische Gebiet gehört, die jedenfalls so dicht an der 
gewohnten Grenze steht, daß der Übergang in das Physische ebenso leicht 
war wie der in das Psychische. Wenn für Freud selbst dabei persönliche, in 
seiner Neigung und seinem Ausgangspunkt wurzelnde Gründe maßgebend 
waren, so kann man das nicht für die stattliche Anzahl seiner Schüler 
gelten lassen, von denen viele erst nach langer Tätigkeit in anderen Dis- 
ziplinen sich der Psychoanalyse zugewandt haben. Der Grund dafür muß 
ein andrer sein, und wenn man ihm nachforscht, so sieht man, daß hier 
etwas Wesentliches vorliegt, ja, man kann sagen, daß wir mitten in einer 
Entscheidung stehen, bei der die Psychoanalyse, statt voranzugehen, im 
Hintertreffen bleibt. Das ist schade; denn wenn man das Gebiet des 
Organischen noch lange als Tabu behandelt, — angeblich weil Freud die 
Ausdehnung der Forschung auf dieses Gebiet nicht billigt, was sicher falsch 
ist; niemand hat mir bei meinen Bemühungen in dieser Frage mehr 
Interesse gezeigt als Freud — wenn man das weiter tut, so geht die 
Gelegenheit, endlich einmal wieder das chaotische Fachdenken und Fach- 
ärzten unter eine Gesamtbetrachtung zu bringen, verloren. Denn nur die 
psychoanalytische Forschungsmethode ist imstande, das Auseinanderstreben 
der Kräfte aufzuhalten und alles zu sammeln. Der Versuch, mit andern 
Methoden zu diesem Ziel zu gelangen, ist schon jetzt gescheitert, muß 
scheitern, weil nur die Psychoanalyse das Wort „psychisch" in einem 
neuen Sinne, ohne Betonung eines nicht bestehenden Gegensatzes zu 
„organisch" gebrauchen kann, während die andern Disziplinen, wenn sie 
nicht Selbstverstümmelung begehen wollen, wohl die Grenzen des Organi- 
schen und Psychischen verschieben werden, die Abgrenzung selbst aber 
nicht aufheben können. 

Am deutlichsten scheint mir Ferenczi die Gefahr empfunden zu 
haben, die aus der Verdrängung einer der wesentlichsten Aufgaben der 
Psychoanalyse sich erhebt. Seine Arbeiten haben ihn immer näher an das 
Gebot der letzten notwendigen Gebietserweiterung der Psychoanalyse heran- 
geführt; er sah sich schließlich durch seine eigenen Beobachtungen in der 
Zwangslage, alle Lebensformen analytischer Forschung zu unterwerfen. Um 
das zu können, tat er nun etwas sehr Merkwürdiges: er erfand einen 
neuen Namen, sagte, man solle in Zukunft die Analyse, die sich mit den 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XII/3. 35 



506 Georg Groddedc 



Lebensgebieten abseits des rein Psychischen beschäftigte, Bioanalyse nennen. 
Mit dieser Benennung ist er allerdings der eigentlichen Schwierigkeit ent- 1 
schlüpft, aber er hat die Verwirrung vergrößert. Es ist nämlich nicht wahr,' 
daß es eine Bioanalyse gibt, das Leben läßt sich nicht analysieren, über 
das Leben läßt sich nur spekulieren. Die einzige Analyse, die im Sinne 
Freuds ausgeführt werden kann, ist die Psychoanalyse; das Objekt, das 
analysiert wird, ist immer die Psyche, und das Instrument, mit dem wir 
analysieren, ist wiederum nur die Psyche, nichts andres. Diese Psyche 
umfaßt, wie Freud es von vornherein gesehen hat, das Bewußte und das 
Unbewußte, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und zwar muß der 
Begriff „unbewußt" durchaus auf das Verdrängte beschränkt bleiben, so 
daß die ursprüngliche Auffassung Freuds von der Identität des Unbe- 
wußten mit dem Verdrängten auch jetzt noch zu Recht besteht. 

Freud hat mir die Ehre erwiesen, in seinem Buch „Das Ich und das 
Es" auf mich als den hinzuweisen, der den Ausdruck „das Es" zuerst ver 1 
wendet habe und daß er ihn von mir übernähme. Das entspricht den Tat- 
sachen, nur war der Begriff „Es", wie er für meine Zwecke dienlich war, 
für ihn unbrauchbar und infolgedessen hat er etwas andres daraus gemacht, 
als ich gemeint habe ; er hat, so weit ich die Sache verstehe, den Ausdruck 
gewählt, um seine Vorstellungen über das, was er Topik nennt, verständ- 
lich zu machen. Aber an dem Wesen der Psychoanalyse hat er damit 
nichts geändert, weder etwas hinzugefügt noch etwas weggenommen. Sie 
ist geblieben, was sie war, die Analyse des Bewußten und Verdrängten, 
eben der Psyche. Das Es aber, mag es nun Freuds Es sein oder meines, 
die miteinander nur den Namen gemeinsam haben, läßt sich ebensowenig 
analysieren wie Ferenczis Bios. 

Etwas ganz anderes ist die Frage, ob man mit Hilfe der Analyse das 
Es beeinflussen kann, und diese Frage ist zu bejahen. Die Psychoanalyse, 
die Analyse des Bewußten und des Verdrängten, läßt sich mit großem 
Nutzen auf allen Gebieten ärztlicher Tätigkeit verwenden, mag sich diese 
Tätigkeit nun auf organisches oder psychisches oder nervöses Geschehen 
beziehen; sie läßt sich verwenden, das heißt dort, wo die Möglichkeit vom 
Kranken gegeben ist, wo er die Zweckmäßigkeit dieses Verfahrens durch 
Aufgeben des Widerstandes anerkennt. Ein Kranker, der den Widerstand 
bis zur Bewußtlosigkeit treibt, ist nicht zu analysieren; denn das Objekt 
dieser Behandlung ist das Bewußte und Verdrängte, Bewußtseinsfähige. 
Ein Kranker, der seinen Widerstand in Form einer rasch verlaufenden 
Krankheit äußert, ist nicht zu analysieren. Man kann, wie Schweninger 
zu sagen pflegte, einen Schnellzug nicht mit einem Ochsenwagen einholen. 
Ein Kranker, dessen Widerstand — oder sagen wir einmal dessen Wunsch- 



Traumarbeit und Arbeit des organischen Symptoms 507 

erfüllung — ein Knochenbruch ist, soll nicht analysiert werden, sondern 
man soll ihm einen Verband anlegen und ihn dem Heilverfahren des Es 
überlassen; ein Kranker aber, dessen Knochenbruch durchaus nicht heilen 
will, den soll man allerdings analysieren, man wird ihm damit viel Leid 
ersparen, ja, vielleicht gelingt es sogar, den Widerstand gegen die immer 
vorhandenen Heilungstendenzen zu beseitigen. Kurz, die Verwendung der 
Psychoanalyse ist eine Frage der Zweckmäßigkeit, nicht eine des Gebiets 
der Erkrankung. Es ist für die Anwendbarkeit der Psychoanalyse voll- 
kommen gleichgültig, ob sich das Es zu seiner Äußerung der organischen 
oder der psychischen oder der nervösen Lebensform bedient. 

Daß organisches Geschehen, im Besonderen organisches Erkranken im 
Wesen dasselbe ist wie psychisches, Äußerungsform des Es, ergibt sich, 
wenn man es auf theoretischem Wege nicht einsehen will, aus dem Expe- 
riment der psychoanalytischen Behandlung, aus ihren Behandlungsresultaten. 
Diese Wesensverwandtschaft stellt sich aber auch heraus, wenn man die 
Richtlinien, die Freud zum besseren Verständnis psychischer Vorgänge 
gegeben hat, auf das organische Geschehen anwendet. Mit anderen Worten : 
man kann — und man wird es nicht ohne Nutzen für das Wohlergehen 
des Kranken und für die Verständniserweiterung des Arztes tun — den 
Symptomverlauf der organischen Erkrankung genau so deuten wie einen 
Traum und verwendet dazu zweckmäßig genau dieselbe Methode der Asso- 
ziation und dieselben theoretischen Vorstellungen, die Freud in der 
Traumdeutung angegeben hat. 

Freud sagt vom Traum, daß er eine Vielheit von Traumelementen 
sei; daß man dasselbe von dem organischen Symptomverlauf sagen kann, 
ist ohne weiteres verständlich. Seine Auffassung des Traumelementes geht 
dahin, es sei ein Uneigentliches, ein Ersatz für etwas anderes, dem Träumer 
Unbekanntes. Es ist klar, daß man denselben Satz auf das organische 
Symptom anwenden kann; das Symptom ist nicht das Geschehen selbst, 
sondern das mit dem Geschehen Zusammenfallende. Im Anschluß daran 
unterscheidet er den manifesten Trauminhalt und den latenten Traum- 
gedanken, und er behauptet, daß zwischen dem manifesten Trauminhalt — 
im organischen Geschehen, also zwischen den manifesten Symptomen und 
den latenten Vorgängen — Beziehungen da sind. Als erste solcher Beziehungen 
nennt Freud das gemeinsame Vorhandensein eines Traumelementes im 
manifesten Trauminhalt und im latenten Traumgedanken; ein Bruchstück 
des Eigentlichen ist in das Uneigentliche übergegangen. Ein Beispiel für 
diese Form der Symptomarbeit bietet jede nach außen tretende Blutung; 
nur ein Stück des latenten Krankheitsvorganges wird manifest. Die 
Anspielung, die er auch als Mittel der Traumarbeit anführt, ist in der 

33* 



508 Georg Groddeck 



Hautverfärbung bei nicht nach außen tretenden Blutungen vorhanden. Als 
drittes Mittel der Traumarbeit nennt Freud die Verbildlichung; der Arzt 
wird gut tun, wenn er sich beim Auftreten von Fieber daran erinnert, 
daß dabei der Wunsch des Es. zu große innere Wärme, zu heiße Emp- 
findung zu verbildlichen, mitspricht, und er wird selten fehlgehen, wenn er 
bei einem Herzleiden annimmt, daß in der Latenz Liebes- und Haßleid da 
ist, das sich im Bild des Symptoms kenntlich macht. Wer auf diese eigen- 
tümliche Ähnlichkeit zwischen Traumarbeit und Symptomarbeit aufmerk- 
sam geworden ist, dem werden die Bestätigungen massenhaft zuströmen, 
und gerade dem Mittel der Verbildlichung wird er überall begegnen. Daß 
dabei der Akzent im manifesten Symbol ganz wo anders liegt als im 
latenten Geschehen, ist gerade am Herzleidenden und am Fiebernden so 
deutlich, daß es kaum erwähnt zu werden braucht. Die Hauptsache, das 
Zentrale des unbewußten, latenten Geschehens bleibt im manifesten Sym- 
ptom besonders häufig aus. 

Wenn es zutrifft, daß die Symptomarbeit eine Entstellung des Eigent- 
lichen herbeiführen will — nicht immer ist eine Entstellung da; so ist 
beispielsweise die Ohnmacht sehr häufig eine klare, eindeutige Wunsch- 
erfüllung, das Unerträgliche der Welt wird durch sie sofort ausgeschaltet 
— wenn sich das mit der Entstellung so verhält, so muß auch irgend 
etwas wie eine Zensur vorhanden sein. Ihre Wirkung spricht für ihre 
Existenz. Die weiße Stelle in der Zeitung, von der F r e u d bei Besprechung 
der Zensur spricht, ist beispielsweise bei dem Aussetzen des Herzschlages 
im Schreck vorhanden, der ja eigentlich eine schnellere Herztätigkeit her- 
vorrufen müßte, die sich ihrerseits als die Wunscherfüllung einer raschen 
Flucht deuten läßt. Das häufige Aussetzen des Pulses würde demnach den 
Arzt darauf hinweisen, daß im Kranken Dinge vor sich gehen, Beaktionen 
auf Alltägliches, aber symbolisch Bedeutsames, die Schreck einjagen, Schreck, 
der von der Zensur unterdrückt wird. 

Weitgehenden Gebrauch macht das Es zur Herstellung der Symptome 
von Symbolen. Die Forschung auf diesem Gebiete ist deshalb so wertvoll 
und notwendig, weil die Symbole vom Es oft unter Vermittlung der 
Psyche, des Bewußten und Verdrängten = Unbewußten, verwendet werden. 
Infolgedessen ist die Herstellung der Symptome auf dem Wege 
der Symbole der Psychoanalyse direkt zugänglich, was nicht von allen 
\rten der Symptomarbeit gilt. Vieles davon ist in seinen Wirkungen so 
bekannt, daß selbst die strengsten Vertreter der Ansicht, „Psychoanalyse 
darf nur Psychisches behandeln", ganz harmlos und als ob kein Unter- 
schied zwischen Organischem und Psychischem bestünde, damit echte 
organische, zweifellos organische Symptome behandeln, beispielsweise die so 



Traumarbeit und Arbeit des organischen Symptoms 509 



oft auftretenden Störungen im Magendarmkanal, die vielfachen Symptome 
der Menstruationsleiden, den Heuschnupfen, das Asthma, die Migräne, die 
Basedowsche Krankheit, vielfältige Hauterscheinungen und ähnliches mehr. 
Man hilft sich da aus der logischen Verlegenheit durch den Zusatz des 
Zauberwortes „nervös", aber mit solchen Taschenspielerkünsten betrügt 
man sich einem Vorurteil zuliebe nur selbst, versperrt sich und anderen 
den Weg in neu zu erobernde Gebiete. Um Beispiele von der Verwendung 
des Symbols zur Herstellung organischer Symptome zu geben, nenne ich 
das Zahnsymbol, das bei der Karies, den Periostitiden, den Zahngeschwüren 
eine erstaunlich große Bolle spielt, und das Symbol des Blinddarms und 
des Wurmfortsatzes, die das bekannte Dreieck Glied — Kind — Kot repräsen- 
tieren; bei — ich möchte fast sagen — allen Blinddarmerkrankungen, von 
den leichten Beizungen an bis zu den schwersten Eiterungen, wird man 
diesem Symbol begegnen, das dann gewöhnlich durch die nach oben ver- 
schobene unnötige Kastration gründlich beseitigt wird. Das führt mich zu 
der Symbolik der Finger, die ja auch von den symbolischen Kastrations- 
schnitten und Klemmquetschungen her längst allen Analytikern bekannt 
ist. Wunden gehören schließlich auch zum Organischen, und ich kann 
mich nicht enthalten, hier nochmals auf die Verdrängungskräfte aufmerk- 
sam zu machen, die Psychoanalytikergehirne ebenso beeinflussen wie die 
der Neurotiker oder wie meines. Denn wer statt bei dem Kastrationsschnitt 
des Fingers stehen zu bleiben, kühn genug ist, auch das Panaritium 
psychoanalytisch zu untersuchen, wird finden, daß sich das lohnt, und wird 
auf Grund dieser Erfahrung bald sich auch an Phlegmonen, an Gelenk- 
leiden und anderes herantrauen, wobei ihm sehr schnell klar werden wird, 
daß auch das Symbol von rechts und links und das Fingersymbol der 
Familienmitglieder (Daumen — Vater) im Auftrag des Es bei der Symptom- 
arbeit mithelfen müssen. 

Ich will diese Mitteilungen, die nur anregen sollen (sonst müßte ich 
jetzt schon wieder ein Buch schreiben, was ich erst später zu tun gedenke), 
nicht zu sehr mit Einzelheiten belasten, möchte nur hinzufügen, daß es 
für mich eine große Versuchung ist, Freuds ganzes Kapitel über die 
Traumsymbolik, wie es in den Vorlesungen zu lesen ist, Punkt für Punkt 
durchzugehen und Punkt für Punkt anzugeben, wie und wo und wann 
die einzelnen Symbole meiner Erfahrung nach im organischen Geschehen, 
nicht bloß im kranken, sondern ebenso im gesunden, vom Es benutzt 
werden. 

Um den Freud sehen Auseinandersetzungen über die Traumarbeit 
weiter zu folgen, muß ich nun etwas über die Verwendung der Ver- 
dichtung und Verschiebung im Organischen sagen. Oder vielmehr es sollte 



510 Georg Groddeck 



gar nicht nötig sein, darüber irgend etwas zu schreiben, so selbstverständ- 
lich und bekannt sind diese Maßnahmen. Als Beispiel der Verdichtung 
erwähne ich den Abszeß, der eine lange Kette organischer Vorgänge in 
sich verdichtet. Für die Verschiebung sind die Netzhauterkrankungen bei 
Nierenentzündungen charakteristisch oder die gonorrhoischen Kniegelenks- 
entzündungen. Ich möchte hier auf diese verwickelten Verhältnisse nicht 
näher eingehen, benutze nur die Gelegenheit, um ausdrücklich zu betonen, 
daß das Es, um latentes organisches Geschehen in manifeste Symptome 
umzuwandeln, sie etwa durch Verschiebung, Verdichtung oder sonstwie zu 
gestalten, ich will nicht sagen immer, aber sehr oft den Weg über das 
Psychische wählt, psychische Komplexe benutzt, also unbekümmert um die 
Einteilung der Medizin Dinge tut, die so viele Psychoanalytiker nicht für 
statthaft, für ein Überschreiten der psychoanalytischen Grenzen halten. Ich 
wiederhole, das Es ist der Psychoanalyse nicht immer direkt zugänglich, 
sobald es aber in seine Tätigkeiten Psychisches einmischt, — und das 
geschieht bei organischen Erkrankungen unvergleichlich häufiger als die 
Einmischung nachweisbarer organischer Vorgänge in psychisches Geschehen 
— bietet es sich der eindringlichen Psychoanalyse dar, wünscht sie und 
verzeiht es oft nicht, wenn sein Wunsch unberücksichtigt bleibt. 

Von diesem Gesichtspunkte aus, daß das Es organisches, latentes 
Geschehen auf dem Wege psychischer Komplexe in manifeste Symptome 
entstellt oder auch solche Symptome direkt aus scheinbar rein psychischem 
Material bildet, gewinnt der Vorgang der Verdichtung und der Verschiebung 
eine besondere Bedeutung für unsere Therapeutik. Wenn es gelingt, die 
manchmal ungeheuerlichen Verdichtungen psychischen Materials, die Ver- 
schiebungen, Umkehrungen, Spaltungen, Anspielungen, bildlichen und 
plastischen Darstellungen, Fixationen und Regressionen, Wiederholungen 
von Kindheitserlebnissen, Symbolisierungen usw., zum Gegenstand psycho- 
analytischer Tätigkeit zu machen, wird sich herausstellen, daß die organi- 
schen Symptome sich in einer der Traumarbeit und der Neurosenarbeit 
analogen Weise entwickeln, daß ein prinzipieller Unterschied zwischen 
psychischem Geschehen und organischem nicht existiert, . daß ebenso wie 
der Traum von organischem Material durchtränkt ist, was meines Wissens 
noch nie bestritten worden ist, das organische Symptom angefüllt und 
bedingt ist von psychischem Material, daß, mit anderen Worten, der 
einzige, allerdings sehr schwer oder gar nicht erklärbare Unterschied darin 
besteht, daß sich das Es das eine Mal mehr auf psychischem, das andere 
Mal mehr auf organischem Gebiet manifestiert. Die naheliegende Erklärung, 
daß das eine Mal mehr innere Determinationen, daß andere Mal mehr 
äußere, Mikroben, chemische oder thermische oder diätetische, Unfälle usw., 



Traumarbeit und Arbeit des organischen Symptoms 5H 

eingewirkt hätten, ist sicher nicht richtig, und ebensowenig hält die 
Annahme, daß bei den psychisch-neurotischen Erscheinungen quantitativ 
und qualitativ mehr Psychisches verarbeitet werde, als bei den organischen 
der aus der Erfahrung genommenen Kritik stand. Wir stehen dabei vor 
einem vorläufig ungelösten Rätsel. Das ist nicht wunderbar, denn bisher 
ist die Frage viel zu selten aufgeworfen worden, um Interesse zu erwecken. 

Ich möchte, ehe ich schließe, an einem Beispiel die mannigfachen 
psychischen Komplexe, die bei der Bildung eines organischen Symptoms 
mitwirken, andeuten, mache dabei aber nicht den Anspruch, daß irgend 
etwas auch nur annähernd Vollständiges damit gesagt wird. Ich wähle 
dazu Vorgänge am Kniegelenk. 

Unter den symbolischen Verwendungen des Kniegelenkes fallen am 
meisten auf das Penissymbol, das Koitus- und das Schwangerschaftssymbol; 
das legt den Gedanken nahe, daß es sich zur Verwandlung des Eigentlichen 
in ein Uneigentliches gut verwenden läßt : es ist ambivalent und enthält in 
sich auch noch die Vereinigung zweier Ambivalenzteile. Es hat in 
seinen Knochen die Drei, die Zwei und, wenn es gestreckt ist, die Eins 
und die Dreieinigkeit. So eignet es sich schon in seinen anatomisch- 
physiologischen Eigenschaften zur Anspielung und zur Verbildlichung, 
während es in der Fähigkeit des Beugens und Streckens mit Leichtigkeit 
Verschiebungen von oben nach unten und von unten nach oben vor- 
nimmt, Vergrößerungen und Verkleinerungen als seinem Wesen eigentüm- 
lich ausführt, beim Vor- und Rückwärtsgehen zu Verschiebungen, zu 
Umkehrungen, zu Darstellungen von rechter und linker Richtung gebraucht 
wird und als praktisches Werkzeug des Gehens in sich alle Schicksale des 
Lebensweges birgt: aretöV ev youvaai xetxat, was, zusammengehalten mit der 
Stammverwandtschaft von genu, genus, gene, gens, Y 0Vu > Y t T V(öoxeiv > 
YCYVeo^a', Knie, kennen, allerlei zu denken gibt. Die infantilen Erlebnisse 
mit den Beinen und im besonderen mit den Knien bieten Fixationspunkte 
genug, zu denen die Regressionen täglich und stündlich unternommen 
werden müssen, während sich dauernd Wiederholungen, rhythmisch und 
unrhythmisch, am Kniegelenk abspielen. Diese Aufzählung ließe sich ohne 
Schwierigkeit lang ausdehnen, es genügt aber, wenn man eine Vorstellung 
davon bekommen hat, wie tausendfältig das menschliche Erleben, psychi- 
sches und organisches, sich in und mit dem Knie symptomatisch darstellen 
läßt. Die Erfahrung hat mich denn auch gelehrt, daß in den Erkrankungen 
des Kniegelenkes sich massenhaft verdrängtes Material äußert, daß in ihnen 
sich allgemein menschliche und persönliche Lebensvorgänge verdichten. Ich 
erwähne hier die Gebiete der Impotenz und Kastration, der Betonung des 
Männlichen, Weiblichen und Kindlichen, des Väterlichen und Mütterlichen, 



512 Georg Groddedc 



der Erektion und der Erschlaffung, des Groß und Klein, des Dick und 
Schlank, den Familienroman usw. Die Knieverletzungen und Entzündungen, 
die Versteifungen und das Schlottrigwerden, die Luxationen und G elenk- 
mausbildungen enthalten in sich so viel leicht aufzudeckendes verdrängtes 
Material, daß ich nicht anstehe, zu behaupten, es lasse sich nirgends so 
einfach das Verhalten organischen Symptomverlaufs der Psychoanalyse 
gegenüber studieren wie an den Kniegelenksleiden; womit ich allerdings 
nicht sagen will, daß komplizierte Verdrängungen dort seltener seien als 
anderswo. Da andererseits die Kniegelenkserkrankungen für innere und 
chirurgische Therapie ein wahres Kreuz bilden, haben Erfolge auf diesem 
Gebiet ein anderes Gewicht als solche bei Migränen oder Verstopfungen. 

Ich müßte nun noch ein Wort über die Rolle der Wunscherfüllung in 
der Symptomarbeit sagen. Da aber ein ziemlich dickes Buch von mir 
existiert, das fast von nichts anderem handelt als von den Wunscherfüllungen 
durch das Symptom, fasse ich lieber nochmals zusammen, was wesentlich 
für meine Zwecke ist. 

Organische Symptomarbeit und damit das Symptom selbst läßt sich 
zweckmäßig nach den Methoden studieren und deuten, die Freud für 
die Traumdeutung aufgestellt hat. Die Erfolge eines solchen Verfahrens 
am geeigneten Platze und zur geeigneten Zeit sind so auffallend, daß der 
Unglaube, den unser wissenschaftlich geschultes Denken gegen alles hat, 
was ihm unmöglich oder zum mindesten wunderlich und unverständlich 
vorkommt, entweder verschwindet und der Lust zum Studium Platz macht 
oder solchen Widerstand leistet, daß gerade an dieser Stelle ein blinder 
Fleck des wissenschaftlichen Sehvermögens sich bildet. 



Ein psychologischer Faktor in der Ätiologie 
von Descensus Uteri, Dammbruch und Vaginismus 1 

Von 

John Rickman 

London 

Die Gynäkologie beschäftigt sich vorwiegend mit den physischen Zuständen, 
darunter mit der Lage der Genitalien. Bisweilen gelingt es der Psycho- 
analyse, zum Verständnis der Erscheinungen mit Hilfe der Libidotheorie 
beizutragen und den aktuellen Zustand abzuleiten aus dem vorhergegangenen 
Liebesleben der Patientin und aus dem Grad ihrer Fähigkeit, die infantile 
Sexualität für eine exogame genitale Befriedigung aufzugeben. Die Nutz- 
physiologie muß durch eine Lustphysiologie ergänzt werden (Ferenczi). 

In der psychoanalytischen Literatur lesen wir mancherlei über die 
Genitalisierung anderer Organe, und wir lernen somit etwas über die 
dadurch hervorgebrachten Veränderungen. Wenig ist aber über die Ver- 
änderungen in den Genitalien selbst geschrieben worden, wenn diese nicht 
mehr als zentrale Organe der Erotik funktionieren. Durch heuere Unter- 
suchungen bin ich zu der Ansicht gekommen, daß eine Schwäche des 
Beckenbodens und der die Gebärmutter tragenden Fascien darauf hinweisen 
könnte, daß die genitale Stufe entweder nicht erreicht oder nicht beibehalten 
worden ist, und daß also der Verlust an Tonus in diesen Geweben ein 
Zeichen von Degenitalisierung sein kann. Ein Fall möge dies erläutern. 

Eine siebenundzwanzig Jahre alte Frau, die sechs Jahre verheiratet war, 
litt an Abscheu vor dem geschlechtlichen Verkehr. Sie fürchtete, etwas 
Schreckliches könne ihr und ihrem Manne widerfahren. Dabei litt sie auch 
an Verstopfung; sie hätte nicht die „Kraft" den Kot auszutreiben, und sie 
erlebe nicht den Drang, den Stuhl zu entleeren. Es entwickelte sich ein 
Prolapsus, der durch Douchen, Pessar und Tampons ohne Erfolg behandelt 
wurde. Sie blieb der Überzeugung, die Behandlung werde ihr nichts 

1) Übersetzung von Reginald O. Kapp. 



514 John Rickman 



nützen. Mit der Zeit verringerten sich ihre Befürchtungen einigermaßen, 
so daß sie in den Koitus einwilligte und ein Kind hekam, das aber bald 
nach der Geburt starb. Darauf kam ihr der Gedanke, daß sie das Kind in 
utero erstickt hätte, ihre Furcht vor geschlechtlichem Verkehr kehrte 
wieder und ihre wehenartigen Schmerzen, das herunterziehende Gefühl und 
die Schwere in den Beinen verschlimmerten sich. Die Analyse des Abscheus 
vor dem Koitus führte zur Entdeckung von unbewußten Phantasien, in 
denen das Glied des Gatten oder Vaters erwürgt, zerdrückt oder „abgekappt" 
wurde. Jede Betätigung des Beckenbodens genügte, diese schreckhaften 
Gedanken heraufzubeschwören, gleichgültig, ob die Betätigung beim geschlecht- 
lichen Verkehr oder bei der Kontraktion der Muskulatur des Beckens beim 
Stuhlgang erfolgte. Sie fühlte, es sei „furchtbar schlecht", diese Teile 
irgendwie zu bewegen, sei es aktiv oder passiv. Sie waren der Gegenstand 
einer hysterischen Parese. 

Diese könnte den Anfang des Prolapses erklären ; sie vermag aber nicht 
eine besondere Seite der Reaktion der Patientin auf ihr Leiden zu erläutern. 
Nachdem der Zweck der Behandlung mit Pessaren ihr klar geworden war, kam 
sie zu der Überzeugung, daß die Behandlung ihr nichts nützen werde, denn 
sie sah, wie die Analyse zeigte, in dem Herabfallen der Gebärmutter die Mög- 
lichkeit, ein hervortretendes Genitale zu bekommen, um welches sie ihren 
Bruder beneidet hatte. Die Bemühungen des Frauenarztes wurden durch 
einen unbewußten Wunsch oder vielmehr durch mehrere solche Wünsche 
entwertet: nämlich durch die Notwendigkeit der Selbstbestrafung in der 
Fortdauer der Schmerzen, die „wie Geburtswehen wären" (und wie diese 
das Unbewußte befriedigten!) und durch die Ausgleichung des Kastrations- 
komplexes, indem sie sich das begehrte Organ selbst herauswachsen ließ. 
Interessant an dem Falle ist, daß auf einem Gebiet, wo gewöhnlich eine 
restlose Erklärung in den physischen Faktoren gesehen wird, psychische 
Ursachen sich als von der größten Bedeutung erweisen. Gibt es wohl 
andere verwandte Gebiete, auf denen psychische Faktoren zu der Ätiologie 
einer physischen Störung hinzugesellt werden müssen? 

Kein mit der Psychoanalyse Vertrauter wird an der hysterischen Grund- 
lage des Vaginismus zweifeln. Er ist eines der auffälligsten Beispiele von 
fehlerhafter psycho-sexueller Anpassung an den Partner. Da finden wir 
aber doch auch während der ganzen Zeit einer Schwangerschaft hysterische 
Manifestationen : Erbrechen in den ' ersten Monaten und später Angst 
wegen einer eingebildeten Entbindung. Dadurch kommen wir dazu, die 
Entbindung selbst auf etwaige neurotische Begleiterscheinungen zu 
untersuchen. Ein Wort jedoch vorerst über die normale Geburt. Die 
Zusammenziehungen der Gebärmutter über einen Druck aus, der dem 



Descensus Uteri, Dammbrudi und Vaginismus 5 J 5 

Widerstand der unteren Genitalwege proportional ist. „Das Perineum 
kann ohne Verletzung die ganze Kraft ertragen, die instinktiv ausgeübt 
wird", wie Den man 1 vor fast hundert Jahren schreibt; wenn aber die 
Frau vor Aufregung oder vor Schmerz beginnt, all ihre Kraft dazu auf- 
zuwenden, die Entbindung schnell zu erledigen, so wissen wir, daß große 
Gefahr des Zerreißens des Perineums besteht. Wenn die Diagnose eine 
normale Lage ermittelt hat und der Verlauf bisher regelrecht gewesen ist, 
so beginnt der Geburtshelfer in diesem Zeitpunkt, aktive Beihilfe zu leisten. 
Er beruhigt die Patientin und gibt ihr Anweisungen, wann sie den Druck 
ausüben und wann sie davon ablassen soll. Mit anderen Worten, er 
liefert das alloerotische Element, das nötig ist, damit auf die genitale 
Anregung eine einheitliche psycho-sexuelle Reaktion zustande kommt. 
Zweifellos ist das der Grund, weshalb viele Frauen, die eine Frauenärztin 
aufsuchen würden, einen Geburtshelfer männlichen Geschlechts vorziehen. 
Manche Frauen benehmen sich „hysterisch während der Entbindung, wie 
man sagt. Sie entnehmen das Tempo ihrer freiwilligen Anstrengungen 
weder dem Rhythmus der Uteruskontraktionen noch der ärztlichen Anweisung. 
Das geschlechtliche Moment in der Situation, nämlich die genitale Beziehung 
zur Vaterimago, legt dem ÜberTch eine größere Spannung auf, als dieses zu 
vertragen im Stande ist. Die Patientin verliert den Rapport zum Geburts- 
helfer beim Akte der Entbindung, wie sie ihn zu seinem Vorgänger, dem 
Gatten, zur Zeit der Empfängnis verlor, und ungeachtet der Verletzungs- 
möglichkeit und der Schmerzen benimmt sie sich regressiv, indem sie das 
Kind wie Kot hinausstößt, kräftig und ohne Feinheit. Ein Autor 2 hat 
eine Wechselbeziehung zwischen zerrissenem Perineum, „abnormem Wider- 
stand" und Vaginismus aufgedeckt, die die hier erörterte Theorie unterstützt. 
Zu dieser vorläufigen und kurzen Mitteilung müssen diese Bemerkungen 
genügen, um auf ein neues Forschungsgebiet hinzuweisen. Möge zum 
Schluß ein Frauenarzt zitiert werden. 3 „Wir alle empfinden es als unwissen- 
schaftlich, diagnostisch von einem Tumor zu sprechen, erst die Art des 
Tumors gibt der Diagnose wissenschaftlichen Untergrund, aber wir scheuen 
uns nicht, von nervösen, nervös labilen und hysterischen Frauen zu reden, 
ohne auch nur den Versuch zu machen, den Zusammenhang zwischen 

1) Thomas D e n m a n : „An Introduction to the Practice of Midwifery". London, 
6th Ed., 1829, p. 135. 

2) Jean Antoine Remy Fetis: Des ruptures de la cloison rectovaginale au 
cours de l'accouchement. Leurs rapports avec la resistance anomale du perinee et 
le vaginisme. These de Bordeaux, 1923. 

3) Prof. Wilhelm Li ep mann: Vortrag auf der XVIII. Versammlung der 
Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie. Archiv für Gynäkologie, 1923, Bd. 120, 
S. 271. 



516 John Ridunan: Descensus Uteri, Dammbrudi und Vaginismus 

diesen psychischen Abnonnalitäten und dem Genitaltraktus feiner zu 
analysieren." 

Das verfeinerte, von Freud ausgearbeitete Hilfsmittel — die Analyse 
der Übertragung in der psychoanalytischen Situation — bildet auch den 
Anfang der Analyse der Beziehungen zwischen psychischer Abnormalität 
und Störungen des Genitaltraktus. 



Psychoanalyse und organische Störung: 
Myopie als Paradigma 

Von 

Smith Ely Jelliffe 

New York 

Keyserling schreibt in seinem „Reisetagebuch eines Philosophen": 
„. . . Denn der Mensch ist nicht nur Mensch, er ist gleichzeitig in verschie- 
denen Teilen seines Seins Tier, Pflanze, Stein und Meer; nur wird er sich 
dessen selten bewußt und weiß nur als Mensch zu fühlen." 

Gleichgültig, wie oft durch die Jahrhunderte dieser allgemeine Gedanke 
von einem mnemischen Band zwischen dem von außen sich Berüh- 
renden und seiner Wiedergestaltung im Innern ausgesprochen wurde, die 
Wesenseinheit der äußeren und inneren Verwandtschaft bleibt ein hervor- 
ragendes Stück Tatsächlichkeit. 

Wenn man die Welt, in der wir leben, mit diesem freundlichen 
Philosophen im Tagebuch durchreist, so weiß man nicht, ob man mehr 
vom Reichtum der dargestellten Details ergriffen ist oder mehr die 
Originalität des Eindringens in die inneren subjektiven Verdichtungen 
bewundert. 

Blickt man durch die unzähligen faszinierenden Ausblicke, die 
Keyserling eröffnet, so gewinnt man immer wieder den Eindruck 
eines polaren Aufbauplanes, der allen äußeren und inneren zugrunde 
liegt. 

Wie nun, objektiv betrachtet, keine makrokosmische Leinwand groß 
genug sein kann, damit eine kolossale Industrie die Werte der Mensch- 
heit daraufmalen könnte, so wird auch, subjektiv — vom Mikrokosmos aus — 
gesehen, kein mikroskopisches Auge jemals imstande sein, im „Individuum" 
das aus den Erfahrungen der Natur meisterhaft Angesammelte — und zwar 
aus demselben Kosmos Angesammelte — je in seine wesentlichen Einzel- 



518 



Smith Ely Jelliffe 



heiten ganz zergliedern zu können. Glücklicherweise wird die psychoanaly- 
tische Methode dieser Polarität gerecht, und Osten und Westen 1 mögen 
schließlich als Eins gezeigt werden, wenn ihre ambivalenten Faktoren ver- 
söhnt sein werden. 

Dem Thema meiner Arbeit muß ich die Erklärung vorausschicken, daß 
ich eine rein versuchsmäßige, richtiger eine rein spekulative Annäherung 
versuche. Spekulativ im zweifachen Sinne: einmal dahin, daß nach dem 
Grundsatz der Logik alle in den besprochenen Richtungen geplanten 
Studien überhaupt nur Spekulationen genannt werden können, und 
zweitens im Sinne des persönlichen Bekennens der Flüchtigkeit dieses 
speziellen Versuches. 

Ferner will ich die Aufmerksamkeit auf eine Gruppe von Myopien 
lenken, welcher die Augenheilkunde ein ziemlich konstantes klinisches 
Bild zuerkennt. 

Diese Form ist häufig und tritt, der Zeit nach, um die Pubertät auf, 
wenn man diese Periode so erweitert annimmt, wie es die psycho 
analytische Forschung als berechtigt erwiesen hat. 

Das sind also die Myopien, die mehr oder minder plötzlich im Alter 
zwischen 10 bis 18 Jahren einsetzten, wobei der höchste Punkt der Kurve 
zwischen 14 bis 16 Jahren zu liegen kommt. Sie kommen insbesondere 
bei Jungen und Mädchen im Gymnasial- oder Universitätsalter vor. 
Gewöhnlich wird für ihr Entstehen eine übertriebene Beschäftigung mit 
Lesen oder, bei Mädchen, mit feiner Handarbeit oder ähnlichem verant- 
wortlich gemacht. Die Kurzsichtigkeit wächst in ein bis drei Jahren langsam 
auf zwei bis sechs Dioptrien. Es werden Brillen verschrieben und ein paarmal 
gewechselt; dann scheint der höchste Grad an Myopie erreicht und bleibt 
mehr oder weniger unverändert bestehen. 

Somatisch betrachtet, betont die Augenheilkunde die Verlängerung der 
optischen Achse durch die Verlängerung des Augapfels. Diese Achsen 
wurden in zahllosen Fällen gemessen; meistens wurde der Zug der 
äußeren Augenmuskeln an der Sklera als Ursache für die Deformation des 
Instrumentes angesehen. Genaue Untersuchungen beschäftigten sich mit 
den Veränderungen der Sklera, welche die Deformation gestatten. Erst in 
den letzten Jahren ist die Rolle der am unwillkürlichen Muskel beteiligten 
vegetativen Innervation untersucht worden. Ein anderer Faktor, der mög- 
licherweise in Frage kommt, aber noch nicht wie die bisher beschriebenen 



i Ein interessanter Beitrag zu diesem Gedanken ist F. Alexander, „Der 
biologische Sinn psychischer Vorgänge", Imago, IX, 1923, 35, worin die buddhisti- 
schen inneren, erfahrungsmäßigen oder intuitiven Methoden psychoanalytisch erörtert 
sind. 



Myopie 519 

genau gemessen wurde, betrifft die an die Linse ansetzenden inneren 
Akkommodationsmuskeln. Hier sind sthenische oder asthenische Muskelreak- 
tionen — um diese älteren Ausdrücke für Tonusstärke zu gebrauchen — 
zweifellos im Spiele. — Auf die parallel laufenden histologischen Ver- 
änderungen kann hier nicht eingegangen werden, obwohl auch sie in eine 
alle kausale Beziehungen zusammenfassende pathologische Betrachtung 
einbezogen werden müßten. 

Vom ausgesprochen psychischen Standpunkt aus kann gefragt werden: 
Da in gewissem Sinne das Sehen in die Ferne verloren und das in die 
Nähe gewonnen hat, welche weite Umweltbeziehung sucht das Individuum 
aus seiner Gesichts Wahrnehmung auszuschalten, um sich auf eine kleinere 
Welt der optischen Realität zu beschränken? Oder in Worten ausgedrückt, 
welche die Beziehung zur Umwelt wiedergeben: welcher Zweck, welche 
Wunscherfüllung, im weitesten Sinne, wird dabei verfolgt? 

Das ist der Kern unserer Untersuchung und die Antwort, für die hier 
eingetreten wird, für welche stützende Beweise gebracht werden, ist: es 
handelt sich um ein Kastrationssymbol. 

Ich betrachte diese Auffassung nur in einem beschränkten Sinne hier 
als neu, da ich annehme, daß sie von anderer Seite schon des öfteren 
ausgesprochen und auch von Freud nicht selten betont worden ist. Wir 
alle freuen uns, ihm gerade dafür unsere Ehre zu erweisen, daß er uns 
intellektuelle Werkzeuge ausgebildet hat, um das beweisen zu können, 
was seit Jahrhunderten intuitiv geahnt war. 

Das Wort St. Paulus' erfaßt den Kern: „Ärgert dich dein rechtes Aug' 
— so reiß' es aus." Was der Mystiker mit „ärgern" meinte und auf 
welchem Wege die Strafe der Destruktion entstanden ist, kann durch die 
Lehren der Psychoanalyse erkannt und dadurch die „symbolische" Wahr- 
heit auf eine „rationelle in Ausdrücken einer dynamischen Pathologie 
zurückgeführt werden; dadurch wird schließlich eine therapeutische Hilfe 
ganz anderer Art erreicht als die des Brillentragens, das ja schließlich 
nur einen partiellen Ausgleich mit dem inneren Konflikt gewährt. 

Einer meiner eifrigsten und tüchtigsten Studenten war ein Junge von 
18 Jahren, als ich ein junger Lehrer der Pharmakognosie von 50 war; 
er hatte eine Myopie vom oben genannten Typus. 

Die banale Erklärung von der übereifrigen Hingabe an geistige Inter- 
essen wurde unterstützt durch die Tatsache, daß er bis in die Nacht bei 
Kerzenlicht arbeitete, um das Verbot des Vaters, nach dem festgesetzten 
Tagesende nicht mehr zu lesen, zu umgehen. Ich kenne ihn, d. h. sein Bw 
schon seit 30 Jahren und mein erstes, leises Fragen nach dem Wesen der 
Myopie begann mit der Beobachtung dieses uns in der ophthalmologischen 



520 Smith Ely Jelliffe 



Literatur über Myopie sehr oft begegnenden Typus des kultivierten, 
eifrigen, fleißigen, intellektuellen Menschen. Ich erhaschte Einblicke in 
seine inneren Probleme durch sein junges Eheleben, seinen frühen Witwer- 
stand hindurch, nach dem tragischen Verlust seiner Lebensgefährtin, — 
vielleicht an und für sich kein unwichtiges Stück sozialer Pathologie — 
sah seine spätere Karriere an Schulen und Universitäten, seine Freund- 
schaften und die Entwicklung eines Diabetes. Alles deutet auf einige 
narzißtische Fixierungen hin und das ganze wäre — als ein Stück Wissen- 
schaft vorgetragen, logisch betrachtet — eine Gargantuagelegenheit zur 
Karikatur der Psychoanalyse. Doch ich will hier nur ein impressionistischer 
Darsteller von höchst spekulativer Art sein. 

Ziemlich früh in meiner Laufbahn als Psychoanalytiker durchkreuzte 
ein Musterbeispiel mein Sprechzimmer. Es war eine junge Dame von 
ungefähr 30 Jahren, bei der, nach dem oben beschriebenen Typus 
beginnend, die Myopie, infolge der Verstärkung innerer Konflikte, Jahr 
für Jahr sich steigerte, bis sie den unglaublichen Grad von 20 bis 
25 Dioptrien erreichte. Es war ein bösartiger Typus im Gegensatz zum 
eben flüchtig beschriebenen gutartigen. Die Kranke war exzentrisch, wild, 
übertrieben, eigensinnig, musikalisch begabt, unzufrieden ; die paar Stunden, 
die uns zusammenbrachten, offenbarten in deutlichen Umrissen eine fast 
katatonische Persönlichkeit, die jeden Augenblick zu zerfallen drohte, was 
aber verhindert wurde — wie ich in aller Bescheidenheit annehme 
durch die masochistische Destruktion, die in der myopischen Beziehung 
zur Realität gegeben war. Hier waren die verdrängten homosexuellen 
Faktoren selbst dem psychoanalytischen Neuling — der ich damals war 
augenfällig. Auch hier ist es nur Impressionismus, den ich legitim dar- 
bieten kann. 

Schließlich kann ich ein eingehender studiertes Beispiel anführen. Wie 
so viele Probleme vom Grenzgebiete der Somato- und Psychopathologie, 
war der Fall nicht im Hinblick auf die hier vorgetragenen Ideen unter- 
sucht worden. Viele körperlich Kranke kommen zur Befreiung von für sie 
bedeutungsvolleren Beschwerden und nur als Anhang zu meiner thera- 
peutischen Tätigkeit bin ich zu gelegentlichen Ausflügen in Regionen der 
somatischen Pathologie verleitet worden, mit Befunden, die immer vor- 
handen sind und die eines Tages in dem Sinne werden betrachtet werden, 
wie es Hawthorne in seinem Buche „The Scarlet Letter" so prägnant 
ausgedrückt hat: „Eine körperliche Krankheit, die wir als etwas Getrenntes 
und Abgesondertes betrachten, mag schließlich doch nur ein Symptom 
einer im seelischen Teile unserer Natur liegenden Störung sein." 

Dieser Patient, ein junger Kaufmann von einer relativ gesunden und 



__^_ Myopie 521 

kräftigen Aszendenz, war, als ich ihn zuerst sah, 31 Jahre alt. Er hatte eine 
verheiratete Schwester von 35, eine unverheiratete von 33 und einen jüngeren, 
verheirateten Bruder von ag. Er führte die Vermögensverrechnung seines 
wohlhabenden, im Beruf tätigen Vaters als einen Teil seiner umfassenderen 
kaufmännischen Geschäfte. Er lernte zeitig lesen, hatte ausgewählten 
Privatunterricht bis zur Universität, war ein Ruderer und entwickelte sich 
zum großgewachsenen, kräftigen, anziehenden Typus eines amerikanischen 
Junggesellen. Trotz des guten Körperbaus, der aktiven Sportbetätigung 
usw. blieb er ruhig, etwas zurückhaltend, ja scheu und kam wegen seiner 
Unfähigkeit, ein Draufgeher (go getter) zu sein, wegen seiner Abneigung, 
sich hervorzutun, wegen der Scheu und Angst vor Frauen und einer 
lästigen Neigung, besonders vor Frauen, aber auch vor Männern zu 
erröten, 1 in die Sprechstunde zur eventuellen Behandlung. Er war nie 
verliebt gewesen, immer heiratsscheu und, obwohl kein Puritaner, hatten 
seine tatsächlichen Beziehungen zur Halbwelt eine besondere Vorbedingung 
gehabt. 

Er mußte dazu trinken. Sobald er nun vollbesoffen war, unterlag seine 
Persönlichkeit einer bestimmten Umwandlung. Weit davon entfernt, zurück- 
haltend, ruhig und kurz angebunden zu sein, — nur ja und nein zu sagen, 
eher zuzuhören als mitzureden — wurde er höchst gesellig, witzig und 
sogar ein sehr unterhaltender Komiker. Er wurde die Seele der Gesell- 
schaft, pflegte Gedichte zu extemporieren, wurde ein großartiger Racon- 
teur und machte entgegenkommenden Frauen mit großem Interesse und 
Erfolg den Hof. Er suchte sie allerdings fast nie aus eigenem Antrieb, 
sondern ging immer in einer größeren Gesellschaft mit und amüsierte 
sich kolossal. Vor anständigen Frauen mußte er auf der Hut sein und, 
wofern er nicht gut besoffen, war er selbst unter den günstigsten 
Bedingungen impotent. 

Was unser Thema betrifft, kann auf eine vollständige Analyse hier 
nicht eingegangen werden. Die Myopie begann, als er noch in der Schule 
war, ungefähr mit 12 bis 14 Jahren. Die Masturbation stieg gegen das 
zehnte Lebensjahr an, wurde gefürchtet und verdrängt und dann später 
unter mäßigem Kampf und Widerwillen dagegen akzeptiert. Die Kohabita- 
tion begann mit 21 unter den genannten Umständen, die unverändert bis 
zu einem bestimmten Zeitpunkt der Analyse geblieben sind. 

Die Myopie machte langsame Fortschritte, um im zweiten bis dritten 
Collegejahr (18 bis 20 Jahre) so ziemlich stehen zu bleiben. Er hatte 
ungefähr vier bis fünf Dioptrien. Er konnte Leute in der unmittelbaren 

1) Vgl. Benedek, Th.: Aus der Analyse eines Falles von Erythrophobie. Int. 
Zeitschr. f. Psychoanalyse, Bd. XI, 1925, 88. 

Int Zeitschr. f. Psychoanalyse, XII/3 34, 



r 2 2 Smith Ely Jellille 



Umgebung ohne Brille unterscheiden, war aber in Bezug auf ihre einzelnen 
Züge unsicher. 

Unsere Analyse begann Mitte Februar. Von Anfang an war das Traum- 
material reichlich, doch sind die Assoziationen nicht „frei" geworden. Wir 
können den ersten Traum aufzeichnen. Er war interessant in Anbetracht 
der Regression in seinem Benehmen infolge von Alkohol. 

„Ich bin bei einem ausschließlich von Männern besuchten Bankett. Es ist 
alles ganz fröhlich. Ein Mann steht auf, um zu sprechen. Keiner schenkt ihm 
Aufmerksamkeit. Schließlich steigt er auf den Tisch und geht darauf 
auf und ab. Sonderbar, dachte ich, die Tischdecke auf diesem Wege zu 
beschmutzen. 

Die partielle Analyse brachte natürlich viel Material hervor, das sich 
auf die Lebhaftigkeit bezog, mit der er sich in männlicher Gesellschaft 
amüsierte. Sie deckte nach meiner Auffassung gewisse verdrängte homo- 
erotische Komponenten auf, die für seine Gesamtanalyse nicht ohne 
Bedeutung sind. 

Der zweite Traum, zwei Tage später, führte direkt in den Ödipus- 
komplex. 

„Ich bin irgendwo mit meinem Vater. Wir treffen eine Frau, sie ist ver- 
heiratet und sagte, ihr Mann sei gestorben. Sie flocht einen Blumenkranz für 
sein Grab. Ich wollte mit ihr sprechen, aber mein Vater nahm ihre Auf- 
merksamkeit ganz für sich in Anspruch. Schließlich schickte er mich weg, ein 
paar Schranktüren zuzumachen. (Undeutlich bekannt, ivie die in meinem 

Geburtshaus.) 

Der Ödipuskomplex wurde intellektuell bereitwilligst angenommen, aber 
affektiv blieb er verdrängt. Er schien dem Patienten durchaus logisch und 
seine Stellung in dem gewöhnlichen Familienroman war ihm in den 
Hauptzügen, wie sie etwa Rank umschrieben hat, durchaus bewußt. 

Die Diskussion des Traumes führte unmittelbar zu einem Widerstand 
von ein bis zwei Wochen Dauer, mit defensiven Träumen negativer Über- 
tragung, die von mir sehr passiv behandelt wurden. Ich brauche sie hier 
nicht zu erzählen, da wir uns mehr für die Traumsymbolik seiner Augen- 
zustände interessieren, wiewohl selbstverständlich eine derartige Scheidung 
des Materiales eine ganz willkürliche ist. Diese Zentren von Widerstand 
gaben allmählich das Bild einer „Vater-Bruder"-ldentifizierung. Im Traum 
vom 6. März erschien ich im Traum, rieben ihm in einem Klubzimmer auf 
einem Sessel sitzend. „Sie waren in meinem Alter." Er wollte dem Klub, dem 
ich angehörte, nicht beitreten — eine Diskussion darüber! Und hier 
taucht zum erstenmal ein Zug auf, der sich auf das Auge bezieht. Es 
war etwas am großen schwarzen Brett aufgeschrieben, ein Aufsatz über 






Myopie 523 

Körperkultur oder so etwas. Mütter für sorge vor der Geburt. In weißer Kreide 
etwas über einen Sack, der mit einem lauten Knall springt — andere 
nicht genannte Details. ■ 

Erinnerungen an die Neugierde des Kindes und selbst an die der 
Pubertät waren sehr verdeckt und verdrängt, wie die partielle Analyse 
bei dieser Gelegenheit zeigte. Die Amnesie war damals eine tiefe und ist 
es geblieben. 

16. März: Traum der letzten Nacht beinahe entschwunden. „Ich habe 
meine Brille zerbrochen. Ich schaute in einen Souterrain-Speisesaal, es waren 
einige Mädchen da (im inneren Wohnzimmer). Auf irgendeine Weise hin ich 
hineingekommen und sprach mit einem Mädchen. Ich glaube, ich habe sie zum 
Tanz gebeten ? Ich ließ meine Brille fallen. Zuerst sprang mir das Glas, aber 
wie ich die Brille gerade zu richten versuchte, brach sie (d. h. nur das rechte 
Glas) in drei Stücke, dann konnte ich nicht so gut sehen." 

Dieser Traum gab Anlaß zu ein paar Fragen nach seiner Mj'opie. Ein 
Auge war schlechter als das andere, welches, konnte er sich nicht ent- 
sinnen (es ist das rechte). 

Die Assoziationen ergaben kein Material und keine Erinnerungen an 
kindliche Neugierde. Als Widerstandsmaterial gedeutet, war es auch für 
mich das erste Anzeichen des Kastrationskomplexes: so die schon früher 
mitgeteilten väterlichen Verbote, ferner die bewußte Furcht vor dem 
Vater und die leichte Ängstlichkeit beim Kontakte mit ihm als Kind und 
als Erwachsener. Er hat ihn sehr lieb, steht ihm aber doch ganz fern 
vermeidet fast jede Diskussion mit ihm, obgleich eine solche in Anbe- 
tracht der engen geschäftlichen Verbindung oft recht notwendig wäre, 
„benützt immer die Mutter als Vermittlerin". 

Die Beziehung zwischen dem zerbrochenen rechten Augenglas und seiner 
Kastration beim Mädchen (beim Tanze) ist deutlich und bedarf kaum der 
Betonung. Die Assoziationen gestatteten, auf einen Zusammenhang der 
alkoholischen und der optischen Trübung der Wahrnehmung mit der 
Inzestschranke und dem Inzest verbot zu schließen. Die etwas ältere Schwester 
taucht an Stelle der Mutter als Trägerin der verschobenen Libido auf. 

Wenn ich nicht sehen kann, kann ich nicht unterscheiden (Mutter- 
Schwester), also darf ich besitzen (Mutter-Schwester) und so die Schranke 
durchbrechen: Impotenz = Einschränkung durch Alkohol = Einschränkung 
des Sehens. Die Impotenz ist überwunden, wenn voll besoffen. (Gegensatz von 
niedrig — hoch, Stubenmädchen — Schwester, Halbwelt — Geschlechtsverkehr.) 
10. März: „Ich bin in einem Warenhaus ujid wollte im Lift hinunter- 
fahren. Wie ich hinkomme, sehe ich auf den Auslagetischen viele Säuglinge 
anstatt der gewöhnlichen Ware ausgestellt. Ich trat in den Lift, er war sehr 

3+- 



5 2 4 Smith Ely Jeüiffe 



breit. Es waren auch andere Leute darin. Ein Mann nentit sein Stockwerk, 
in dem Stock waren eine Anzahl Mercedes-Autos aufbewahrt, wie in einer 
Garage; die meisten Leute sind ausgestiegen. Ich bin auch ausgestiegen, ent- 
schloß mich aber, im Lift wieder hinunterzufahren, der nun durch einen 
Abstand vom Boden getrennt schien; unschlüssig und ängstlich; bin aber end- 
lich in den Lift gesprungen. Ein anderer Mann war in der unangenehmen ■ 
Lage, über den Spalt gespreizt zu sein. Ich reichte ihm endlich eine Hand 
und zog ihn herüber. 

Assoziationen: Der Gedanke an die Säuglinge war ihm unangenehm, 
— ein jeder hatte eine Amme, — dann waren die Verrichtungen in der 
Kinderstube sehr abstoßend, insbesondere die nassen Tücher, die Lein- 
tücher, die Spiele, wo man sich unter die Leintücher versteckt. 

Beim Überspringen der Spalte war die Angst am stärksten gewesen. 
Schließlich nicht so schlimm, nachdem er gesprungen war. War auch 
imstande, dem anderen ohne weiteres zu helfen. Das ist aber wiederum 
ein sehr charakteristischer Zug seiner geschäftlichen Zurückhaltung. Er 
drückt sich und drückt sich, hat er aber einmal begonnen, mitunter nach 
einem kleinen Stoß von anderer Seite, so geht alles leicht. Alles nur 

nicht das Interesse für eine Frau. 

Vom Liftführer sah er nur den Rücken. Es waren meist Männer, die 
in diesem Mercedes-Stockwerk verschwanden. Nur eine Frau. Ganz 
undeutlich. 

Die Autos waren Mercedes-Wagen, teuere Eilwagen, ausländische Wagen, 
protzige Sporttypen, Realpfänder, Versicherungspfänder, dazu der gewisse Typ 
Geschäftsmann, der alles weiß, der Vater, die ganze Autosituation gehört 
gewiß zum Vaterkomplex. Vor ihm hat er zeitlebens Angst gehabt, eine 
Angst von derselben Art, hin und wieder war sein tieferes Fühlen gegen- 
über seinem Vater recht ambivalent. Er war ein schlimmer Junge gewesen, 
zerbrach manches und fürchtete darum die Heimkehr des Vaters, wenn 
die Rechenschaft unausbleiblich war. Das Studieren im Sommer wurde 
immer wieder verschoben, er pflegte darüber zu lügen. „Der Vater immer 
hinter uns her, uns immer antreibend." „Etwas nörgelnd. „Das ist er 
noch jetzt und erregt dadurch großen Widerstand in mir." „Ich stelle 
mich auf die Hinterbeine." „Der Vater schließlich geht seinen Weg weiter 
und tut das selbst, was er uns zu tun gebeten hat, wir sind zu langsam 
oder er ist zu ungeduldig." „Deshalb verlieren wir unser ganzes Interesse, 
denn er hat die Sache schon fertig gebracht." „Es wäre doch auf jeden 
Fall nicht recht, wenn wir es tun würden." „Selten ist er zärtlich, meist 
passiv oder zurückhaltend, selten sein Gefühl zeigend." „Als ich im Inter- 
nat war und er mir einen Brief schrieb, pflegte er ein markiertes Kuvert 




Myopie 525 

mit Adresse zur Rückantwort mitzuschicken, als ob er die Antwort 
forderte." 

Da sieht man in Umrissen viele Ursachen des Zögerns, welches sich 
zu den geschäftlichen und sozialen Hemmungen entwickelt hat. Der 
Widerwille, unter der angsterregenden Aufsicht des Vaters vorwärts zu 
kommen, sein Zwiespalt zwischen der Angst (die Kluft zu überspringen), 
und dem Wunsch nach Hilfe, um sich aus der Spreizlage zu befreien, und, 
wie ich annehme, die homoerotische Fixierung, in der Tiefe Liebe zum 
Vater und dazu Ambivalenz, seine narzißtische Identifizierung mit der 
Mutter (eine Frau stieg im väterlichen Stockwerk aus). Ebenso der Traum 
zwei Tage später: „Ich hatte Squash (Racketspiel) gespielt; fuhr im Lift mit 
zwei Männern hinunter. Irgend eine Unterhaltung war dabei im Gang. Die 
zwei Männer verschwanden und ließen mich allein. Ich war unlustig, — nichts 
gab's zu trinken — schüchtern. Da faßte eine Frau mich an und führte mich, 
zu mir redend, zu einer Bank. Dann wurde sie ein Mann. Ich war in einer 
Klemme. Der Ort oder Winkel, wo wir uns befanden, war so niedrig, daß 
ich mich nicht aufrichten konnte. Angst und Gefühl des Ärgers." 

Kein neues Material in Bezug auf die Augen kam zutage und ich vermied, 
ein solches aufzurütteln, da ich das Gefühl hatte, sowieso auf bedenk- 
lichen Boden zu treten. Die Analyse des Errötens gab Stoff zu ernsten 
Überlegungen, denn ich war überrascht von gewissen Ähnlichkeiten des 
Traummateriales mit dem eines vor einigen Jahren (1915) sehr kurz 
behandelten Patienten, dessen soziale Hemmungen, allgemeines Erröten 
und unbewußte homoerotische Bindung, den bei unserem Patienten 
aufgedeckten Faktoren gleichen. Sie hatten mich damals veranlaßt, die 
Eltern auf die ernste Gefahr des Selbstmords aufmerksam zu machen, der 
auch einige Monate später während einer internen Behandlung tatsächlich 
erfolgte. 

In einem Traum vom 8. April: „Ich kam, um eine Verabredung 
mit Ihnen einzuhalten, in Ihr Sprechzimmer, das ins Parterre eines von uns 
administrierten Gebäudes in East J4 Street verlegt war. Ich war vom geschäft- 
lichen Direktor begleitet, der mir mit großem Stolz den für die Hall gekauften 
Spiegel und Tisch zeigte. Dieser Mann folgte mir in Ihr Sprechzimmer und 
nahm dort Platz. Nachdem Sie kurze Zeit gesprochen hatten, entschloß ick 
mich, ihn los zu werden, und entschuldigte mich unter dem Vorwand, ihm 
etwas im Keller zeigen zu müssen. Zurückgekehrt bemerkte ich, daß Sie 
durch ein Badezimmer durchgehen mußten, um ins Sprechzimmer zu kommen 
und daß Sie einen rosa Schlafrock anhatten. Nachdem wir wieder im Gang 
waren, sagten Sie mir, Sie seien zu der Meinung gekommen, Sie 
würden mir ohne tödliche Folgen für mich nicht helfen können. Dazu gab 



526 



Smith Ely JeUlffe 



ich zur Antwort, daß ich innerhalb eines Jahres soivieso durch den Alkohol 
Herben würde, und ersuchte Sie, es zu wagen." 

Dieser Traum wurde nur oberflächlich analysiert. Er und andere hatten 
mir den Eindruck gemacht, daß die Natur vielleicht ein besserer Therapeut 
sein könnte als ich, und daß ich es hier mit dem Beispiel für ein Prinzip 
zu tun hatte, welches mir als ein ganz gesundes erscheint, nämlich, daß 
eine symbolische Kastration — die in Form einer organischen Verunstaltung 
oder Mißbildung oder einer organischen chronischen Krankheit auf- 
tritt — ein Kompromiß sein kann, welches das Individuum befähigt, auf 
Kosten eines Teiles seines Körpers (des Es) doch in der Herde zu ver- 
bleiben. 

Dabei vergesse ich die viel erörterte Erfahrung, nicht daß während der 
Analyse infolge Lockerung der Libidoübertragung Regression auf eine frühe, 
instinktive Phase in der Ontogenie des Individuums eintreten kann, und 
daß mit jedem neuen Vorstoß in die Tiefen der psychischen Systeme die 
Regression tiefer wird. Auch bei vielen anderen Fällen habe ich mit 
„hysterischen" Konversionssymptomen angefangen und bin auf scheinbar 
schizophrene Schichten gekommen. Noch schärfer kehrte bei organischen 
Leiden während der Durcharbeitung der Regression der Eindruck wieder, daß 
man in die Spalten hineinblickt, welche die gefahrvolle Möglichkeit 
eines katatonischen Zerfalls anzeigten. 1 

Die körperliche Erkrankung stellt vielleicht das Opfer für eine geistige, 
d. h. eine Anpassung an die Herde dar, die, falls sie versagt, ein gefähr- 
liches Verlassen der Herde, durch Selbstmord oder durch einen weniger 
radikalen Ersatz, herbeiführen mag. 

Im weitesten Rahmen der Spekulation hat also in meinem ersten 
Falle die Myopie vielleicht die Herdanpassung (Ehebeziehungen) erst 
ermöglicht. Die Frau starb vor dem 35. Jahr an einer malignen Erkran- 
kung der Brust. Wie gesagt, mag auch das einmal von einer Dynamik des 
Unbewußten aus verstanden werden. Die narzißtische Fixation des myopi- 
schen Mannes könnte der Frau das Kind versagt haben, — daher die 
Verschiebung auf eine organische Krankheit, die vielleicht noch durch 
ihre idealistische Geschlechtsmoral und durch ihre Heirat mit sich selbst 
in Gestalt der weiblichen Anteile in ihrem Mann kompliziert war. 

Diesem Abbruch folgte dann eine besondere Betonung seiner homo- 
erotischen Komponente, — er heiratet nicht wieder — treubleibend dem 
Bilde seiner toten Frau — ergo der Mutterfixation. Es schiebt sich sekundär 

1) Siehe F. Alexander, loc. cit. Metapsychologische Darstellung des Heilungs- 
vorganges, p. 172. Vgl. auch F. Alexander, Der biologische Sinn psychischer 
Vorgänge. Imago, IX, 1925, 35. 



Myopie 527 

ein Stück organischer Pathologie ein: da die soziale Anpassung, der Takt, 
die Diplomatie, die Feinheit, die Krankenhettmanier usw. im höchsten 
Grade entwickelt sind, — stellt der Diabetes einen hinzugekommenen 
Faktor im Sinne der lex talionis dar, wenn man in der Sprache einer 
entschiedenen Psychopathologie und einer allerdings fraglichen absoluten 
Ethik sprechen darf. 1 

Meine Kenntnis des zweiten Falles ist fragmentarisch geblieben. Aber 
es zeigte sich, daß der perverse Trieb nach Anerkennung irgend einer Art ver- 
langte und seine Energie mehr und mehr auf den Zustand der Kurz- 
sichtigkeit verschoben wurde; dieser genügte aber nicht und fand deshalb 
in den zunehmenden Ausdrucksformen einer paranoiden Psychose seine 
Ergänzung. 

Zu einer solchen Art von Betrachtung berechtigt uns das Myopie-Alkohol- 
syndrom des Patienten, dessen Träume wir eben z. T. durchgesprochen haben. 
Ich glaube, daß in der narzißtischen Phase der Ödipussituation während der 
Pubertät, die, sehr kurz gefaßt, eine besondere Art homosexueller Begierde 
darstellt, eine organische Kastration, welche die Libido gleichsam „ein- 
kapselt", auftreten kann, deren Behandlung von großer psychotherapeutischer 
Tragweite sein kann. Um wiederum mit Hawthorne zu sprechen, wir 
können nicht das „Symptom", i. e. die organische Krankheit als solches 
allein behandeln. Das wäre das gleiche, wie da wir in unreifen Zeiten 
unserer Therapie, z. B. bei Hysterie, etwas erreicht zu haben glaubten, 
sobald das Symptom beseitigt war. Und doch werden solche Konversionen 
immer wieder durch allerlei Scheintherapie nur verschoben. Bei den Neu- 
rosen und Psychosen ist die Symptomanalyse kein taugliches Ziel mehr. 2 

Diese Überlegungen beziehen sich auf die wichtigen libidinösen 
Ursachen, welche sich hinter einer organischen Erkrankung verbergen. Die 
organische Erkrankung, welche die Libido in sich sperrt — gleichsam eine 
fixe Besetzung — ist ein konservativer Vorgang bei den vielen Individuen, 
die einer mehr schöpferischen Benützung der libidinösen Quellen der 
Inspiration nicht fähig sind. 



1) V. Monakow, The Emotions, Morality and the Brain. Nerv, and Mental 
Disease Mon. Series. No. 59. — Holt, The Freudian Wish and its relation to 
Ethics 1913. 

2) Rank und Ferenczi, Entwicklungsziele der Psychoanalyse. Int. PsA. 
Verlag, 1924. 



Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf 

Von 
Ernst Simmel 

Berlin 

Das Doktorspiel der Kinder, das uns aus direkter Beobachtung oder 
eigener Erinnerung gut bekannt ist, gehört oft zu den wenigen Erinnerungs- 
resten, die die kindliche Amnesie überdauern. In ihm sind nach Freuds 
Formulierung „die infantilen Meinungen über das Wesen der Ehe auf- 
bewahrt", wodurch ihm neben dem „Papa- und Mamaspiel" eine „besondere 
Bedeutung für die S)'mptomatologie der späteren Neurosen zukommt. 1 Die 
verpönten, frühinfantilen Koitus- und Schwängerungsphantasien erscheinen 
dabei in den spielerischen Veranstaltungen zwischen „Arzt" und „Patient" 
wieder verwandelt, in dem sittlich einwandfreien Wunsch des 
Heilen-, bezw. Gesundwerdenwollens. Das Instrumentarium des kleinen 
Arztes, das Penisäquivalente in Form von fingierten Hörrohren, Thermo- 
metern, Klistierspritzen und Operationsmessern enthält, verrät dabei deut- 
lich die sadistische Auffassung des Aktes. Die zu behandelnde Krankheit 
selbst bedeutet sehr häufig in mehr oder weniger verhüllter Form die 
Schwangerschaft der Mutter. Nicht selten ist das Doktorspiel mit dem 
„Papa- und Mamaspiel" kombiniert, wobei das Leidenserlebnis einer Puppe 
als Kollektivkind zugeschoben wird. Diese geht meist in einer Art 
„negativer therapeutischer Reaktion" an der ihr applizierten „Behandlung" 
unter Verlust ihrer Gliedmaßen zugrunde. Sie wird ein Opfer des 
Kastrationskomplexes ihrer Schutzpatrone, denen sie das Ausleben aggressiver 
Tendenzen gestattet, die eigentlich den Konkurrenten um die elterliche 
Liebe, den Geschwistern, zugedacht sind. 

Das Doktorspiel bietet also als Symbolhandlung sämtlichen im 
Ödipuskonflikt entstehenden Regungen eine Auswirkung. Es ist eine Wieder- 

1) Freud, Über infantile Sexual theorien. Ges. Schriften, Bd. V. 



Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf 5 2 9 

holung der Urszene, wobei der Darsteller des Arztes sich mit dem Vater, 
der Darsteller des Patienten sich mit der Mutter identifiziert. 

Die zunächst rätselhaft anmutende Tatsache, daß ein Kind ein so pein- 
liches Erlebnis wie einen ärztlichen Eingriff als lustvoll immer und immer 
wiederholt, hat, wie wir wissen, Freud zu einem Ausgangspunkt seiner 
Betrachtungen über den Wiederholungszwang gewählt. 1 Einen Lustanteil 
des Spieles sieht er in der Möglichkeit für das Kind, sich aus der pein- 
lichen Rolle infantiler Duldung zur Rolle des aktiven Erwachsenen, 
des Arztes, aufzuschwingen. Die dabei offen gelassene Frage über das Inter- 
esse des anderen mitspielenden Kindes an der Wiederholung des leid- 
vollen Patientenerlebnisses beantwortet sich von selbst, wenn wir nach dem 
Gesagten den Begriff der Aktivität weiter fassen. Das Doktorspiel gibt 
jedem mitspielenden Kinde die Möglichkeit, die Urszene insgesamt aktiv 
zu inszenieren und zu genießen, an der es gerade wegen der ihm dabei 
zufallenden Rolle des nichtaktiven, unbeteiligten Dritten litt. 

Vom Spiel ganz allgemein sagt Freud, daß sich bei ihm „Wieder- 
holungszwang und direkte Triebbefriedigung zu intimer Gemeinsamkeit 
verschränken". 2 Der lustvolle, sehr erhebliche Beitrag der letzteren ist beim 
Doktorspiel nach dem Gesagten ohne weiteres klar. Die Spielleistung erreicht 
hier, wie die Traumleistung und die neurotische Symptombildung, eine 
Erfüllung bewußtseinsunfähiger Wünsche durch die symbolische Ent- 
stellung, — nur daß es beim Traum und der Neurose aus der Ver- 
drängung wiederkehrende Inzestwünsche sind, während das 
Doktorspiel, vorfallend noch zu einer Zeit, da das Ödipuserlebnis ein 
aktueller Konflikt ist, im Dienste des Versuches zu seiner Bewältigung 
selber steht. Bevor er am Ende, wie wir wissen, unter der Auswirkung 
des Kastrationskomplexes in die verschiedenen Möglichkeiten der Identi- 
fizierung aufgelöst wird, 3 ist während der ganzen Übergangszeit das 
Kind ständig in die Notwendigkeit versetzt, sich der immer wiederkehrenden 
traumatischen Einwirkung des Urszenenerlebnisses zu erwehren, bezw. der 
Tatsache, daß die Eltern unerreichbare Sexualobjekte bleiben, zu ver- 
schließen. Diesem unerträglichen Wissen um die sexuellen Beziehungen 
zwischen den Eltern, bezw. dem Verständnis dafür, entzieht sich das Kind 
durch „die Verdrängung", die an die Möglichkeit gebunden ist, der unlust- 
betonten Vorstellung einen quantitativ und qualitativ ausreichenden Libido- 
betrag zu entziehen.* Die dabei vom Objekt ins Ich zurückflutende, hier 

i) Freud, Jenseits des Lustprinzips. Ges. Schriften, Bd. VI. 

2) 1. c. 

3) Freud, Der Untergang des Ödipuskomplexes. Ges. Schriften, Bd. V. 

4) Freud, Die Verdrängung. Ges. Schriften, Bd. V. 



530 Ernst Shnmel 



nach dem Dynamometer der infantilen Angst regulierte Libido drängt in 
der Motorik des Spielens der Objektwelt wieder zu. 1 Während also in der 
spielerischen Ausgestaltung des Symbolinhalts sich das „Lustprinzip" 
auswirken wird, stellt der Hang zum Spielen, „der Spiel trieb", das 
Phänomen des Wiederholungszwanges dar, des Agieren m ü s s e n s, um 
verdrängen zu können. 

Der mehr oder minder erreichte Effekt einer vollständigen Ver- 
drängung ist dabei m. E. ebenso mit dem Vorgang der Introjektion 
verknüpft wie die Identifizierung selbst. Je mehr von dem ent- 
täuschenden Objekt einverleibt ist, desto mehr ist von ihm aus der äußeren 
Wahrnehmung verdrängt, desto vollkommener die Identifizierung. Desto 
höher steigt aber auch das Niveau der Ichlibido, das zur Entladung drängt. 
Man kann sagen: das Kind wird desto deutlicher und intensiver Mama und 
Papa spielen, agieren, je weniger es noch von den ehelichen Beziehungen 
seiner Eltern weiß, bezw. versteht. Man kann, was aus Raummangel an 
dieser Stelle nicht weiter belegt werden kann, die Formulierung wagen: 
die Introjektion ist die Regressionsform des Verständnisses, die Aktion die 
Regressionsform der Verständigung. Erinnern wir uns dabei des von Freud 
erwähnten Beispieles des kleinen Jungen, der den Tod der geliebten Katze 
in der Form betrauerte, daß er auf allen Vieren kroch und miaute. 2 Die 
auf dieser Stufe noch aus Mangel an Wortvorstellungen nicht mögliche 
Bewältigung der Lust-einbuße, des Ver-lustes durch den Denkakt und die 
sprachliche Wiedergabe wird ermöglicht durch die Introjektion des Objektes 
unter Einbeziehung der ihm zugewandten Libido, die dann als Stauung 
der Ichlibido das Katzespiel in Gang setzt. Erwirbt doch auch das Kind in 
der frühesten Epoche seines Lebens mit seinem nur nach dem Primär- 
vorgang arbeitenden Seelenapparat stufenweise seine ersten Fähigkeiten 
durch stückweise Introjektion der liebenswerten Persönlichkeiten seiner 
Umgebung. Daraus ergibt sich nicht nur seine Verständigungsmöglichkeit 
mit ihnen, sondern auch in zunehmendem Maße seine Unabhängigkeit 
von ihnen, wodurch es erst als Subjekt verselbständigt in die Objektwelt 
des Ödipuskonfliktes hineingestellt wird. Bei der jetzt, in der „ersten 
Pubertätszeit , aus genitaler Quelle sich steigernden Libido reicht der 
Primärvorgang zu ihrer Bewältigung nicht mehr aus, Die seelischen 
Bindungsvorgänge werden mobil gemacht, die zur Strukturierung des Ichs 
führen. Dabei kehren die wieder introjizierten Elternobjeklvorstellungen 

1) Diese Auffassung stimmt init den Erfahrungen von Frau Melanie Klein über- 
ein, die in ihren Vorträgen betont, daß die Kinder „im Spiel die Eindrücke der 
Urszene abzureagieren streben". 

2) Freud, Massenpsychologie und Ichanalyse. Ges. Schriften, Bd. VI. 



Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf 531 

aus der Verdrängung, aus dem Es ins Ich zurück und werden — analog 
der Traumzensur — in diesem geduldet, sofern sie sich die Angleichung 
an ein Ichideal der Realität, d. h. die Verhüllung durch ein solches 
gefallen lassen. 

Es ist verständlich, daß zur Zeit, da diese Strukturierungsvorgänge des 
infantilen Ich noch im Werden sind, der „Doktor", der ja für das Kind 
auch die Es-Interessen noch ausgiebig vertritt, ein ganz besonders brauch- 
bares Ichideal abgibt. Der Arzt darf ja scheinbar aktiv all die Lustmechanismen 
betätigen, die dem Kinde versagt werden. Er erkennt keine Kleidung an, 
keine Scham. Er darf alles sehen, alles hören, mit Urin und Kot sich 
straflos beschäftigen. Er weiß alle Geheimnisse der Geschlechtsunterschiede 
wie des Kinderkriegens und verfügt allmächtig — wie der Vater über die 
Mutter — über den Körper des Kranken. Je nach dem besonderen Anspruch 
seiner eigenen erogenen Zonen und Partialtriebe wird das Kind dann ein 
anderes Moment des Arztseins beim Spiel bevorzugen oder aber seiner 
aggressiven, sadistischen Lust — der „Lust des Messers" — speziell als 
Operateur frönen, um durch ein Agieren der Kastrations 1 u s t die eigene 
Kastrationsangst zn ersparen. Das Spielen scheint uns speziell am Doktor- 
spiel ganz deutlich seine psychobiologische Funktion zu verraten, die seelischen 
Mechanismen zu üben, die zur glücklichen Erledigung des Ödipuskonfliktes 
notwendig sind. Dadurch, daß das Über-Ich die überschüssige Ichlibido 
gewissermaßen als eine subjektivierte Objektlibido an sich zieht und hier 
über das reale Ichideal nach außen leitet, wird auch im Agieren des Spiels 
bereits ein Stück Außenwelt verändert und die Introversion des Konfliktes, 
d. h. die Erkrankung, verhütet. 

Die spielerische Aktion erweist sich somit als Vorstufe der Berufsaus- 
übung; nur daß letztere sich nach dem Modell des aufgelösten 
Ödipuskomplexes vollzieht, während das Spiel noch den Spiegel des Auf- 
lösungsp rozesses. selber darstellt. 

Es dürfte in diesem Zusammenhange von einigem Interesse sein, das 
Doktorspiel einmal da zu betrachten, wo wir es gleichsam in statu nascendi, 
nämlich in der psychoanalytischen Kur beobachten können. Das Agieren 
während derselben, das dem Übertragungsspiel zugrunde liegt, stellt ja oft 
seine Neuauflage, zum mindesten eine Art Erstauflage dar. Der Patient 
steht vor der Konsequenz der Wiederkehr des Verdrängten. Der im S3 r mptom 
gebundene Überschuß an Ichlibido, die ursprünglich einmal als Objektlibido 
den Inzestobjekten angeheftet war, wendet sich dem Analytiker zu. Dadurch 
wird die Basis für ein Verständnis der psychoanalytischen Situation geschaffen, 
d. h. die Erkenntnis für die Liebesempfindung zum Arzt und die Vorweg- 
nahme ihrer Versagung. Und wie seinerzeit der Ödipuskonflikt aus dem 



532 



Ernst Simmel 



Bewußtsein gedrängt wurde, so wird er jetzt auf dieselbe Weise der Rück- 
kehr ins Bewußtsein entzogen. 

Die ersten Angstanzeichen heim Patienten künden das Scheitern des 
Übertragungsversuches, den unter der Wirkung des Introjektionsvorganges 
einsetzenden Wiederholungsmechanismus an, d. h. das Agieren zum Schutze 
gegen das bewußte Verständnis. Der Patient sucht sich aus der Rolle des 
passiv Analysierten zur Rolle des aktiv Analysierenden aufzuschwingen und 
zuerst den Analytiker selber zu analysieren, indem er ihm alle Geheimnisse 
seiner Person und seiner Familie zu entlocken sucht. Hierbei enttäuscht, 
sucht der Analysand zum Ausgleich der unerträglichen Spannung zwischen 
Ich und Über-Ich, zur Vermeidung des Schuldgefühls, bezw. der Gewissens- 
angst, sein Eltern-Über-Ich dem Analytiker-Ichideal immer intensiver anzu- 
gleichen und so wie er immer mehr Persönlichkeiten direkt und indirekt 
in den Kreis psychoanalytischer Betrachtung und Behandlung zu ziehen. 
Der Patient will „Doktor" spielen, um nicht Kranker sein zu 
brauchen. Er will andere durch die Psychoanalyse retten, um sich selbst vor dem 
Analysiertwerden zn retten. Es wird verständlich, daß die Gewissensangst 
dabei als letzter Reizschutz manchen Analysanden treibt, selbst („wilder") 
Analytiker zu werden, ihn zu agieren, zu „spielen", um von der eigenen 
Psychoanalyse nichts verstehen zu brauchen. 

Wir ahnen so, wie im Doktorspiel der ehemalige kleine Patient zur 
Rolle des Arztes kam. 

Ein praktisches Beispiel aus der psychoanalytischen Behandlung dürfte das 
noch anschaulicher machen und dabei das Verständnis dafür anbahnen, daß 
auch ein Arztspieler wieder geneigt, ja genötigt sein kann, des Kranken Rolle 

zu agieren. 

Eine Patientin mit einem Herzleiden (klinische Diagnose: „Essentielle 
Extrasystole") litt an der scheinbar unerfüllbaren Sehnsucht nach einem Kinde. 
Sie entzog sich der Konzeption — vor der sie übrigens auch durch einen 
Vaginismus geschützt war — aus Angst, infolge ihres Herzleidens bei der 
Geburt sterben zu müssen. Nach einer Phase der Behandlung, in der sie sich 
verständnislos, „affektiv schwachsinnig" für alle Erklärungen erwies, die sich 
auf die psychische Genese ihres Leidens bezogen, forderte sie statt dessen 
ständig, — mich dabei schelmisch-infantil als „Onkel Doktor" apostrophierend 
— ich solle sie körperlich untersuchen. In ihrer therapeutischen Schau- und 
Exhibitionslust an mir enttäuscht, versuchte sie nun mein Interesse von sich 
ab und auf ihre ebenfalls herzkranke Mutter hinzulenken. Diese, die ihr 
Leiden sich bei der Geburt der um wenige Jahre jüngeren Schwester zuge- 
zogen, sei viel kränker als sie. Sie sollte ich also behandeln oder 
wenigstens untersuchen. Auf meine mehrfache Verweigerung brachte sie die 
halluzinatorische Erfüllung ihres Doktorspiel Wunsches in einem Traum: Sie 
räumt ihrer Mutter eine ihrer eigenen Behandlungsstunden bei mir ein. Die 
Mutter liegt mit entblößtem Oberkörper auf dem Sofa zur Untersuchung bereit. 









Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf 533 

Die Träumerin schaut gespannt zu, in „Befürchtung der eventuell unglück- 
lichen Diagnose. Der Analytiker setzt das Hörrohr auf die Brust der Mutter, 
wobei sich herausstellt, daß dieses zwecks t i efg ehender Untersuchung in 
einen spitzen Dolch ausläuft, der der Mutter tief in die Herzgegend eindringt. 
Die Träumerin erwacht mit einem Schreck. 

Der Traum verrät deutlich, was die Patientin unbewußt beabsichtigt hatte. 
Der Analytiker sollte an ihr „Doktor" spielen, damit sie in der Rolle der 
Kranken die passive Hingabe an ihn als Vaterimago im Agieren, d. h. ohne 
intellektuelle Einsicht, genießen kann. Da der Arzt sich ihr aber, wie seinerzeit 
der Vater im Papa- und Mamaspiel, versagte, identifiziert sie sich mit ihm 
und will jetzt durch Vermittlung des Analytikers an der Mutter Doktor 
spielen. Indem sie dabei im Interesse ihrer Schaulust die Urszene aktiv 
inszeniert, resigniert sie auf die Tätigkeit des Zuschauens unter der Bedingung, 
daß der Analytiker durch seine Behandlung an ihrer Stelle das Verbrechen 
des Muttermordes vollzieht und sie dadurch entsühnt. 

Die Mutter als gehaßtes Objekt des Ödipuskonfliktes ist vollständig 
introjiziert, verdrängt — die Mutter ist restlos im Ich aufgegangen. — Der 
Vater als geliebtes Objekt ist nur unvollkommen verdrängt, d. h. 
im Über-Ich subjektiviert. — Im passiv- femininen Masochismus erleidet das 
Ich so sein Über-Ich, 1 wie die Mutter den Vater. — Wir erkennen, die 
Patientin ist an dem Leiden ihrer Mutter erkrankt, weil ihr Über-Ich ledig- 
lich im Dienste der Es-Interessen stehend, den Ichlibidoüberschuß nicht im 
Dienste der Bearbeitung der Außenwelt (Spiele oder Berufsausübung) ver- 
wandt hat, sondern dem Ich, „das ja wesentlich ein Körper-Ich ist", zurück- 
gegeben hat, zur Abwandlung in der Innenwelt, in der inneren 
Motilität. — Jetzt versucht sie mit ihm nach außen zu agieren, 
Doktor zu spielen, um nicht krank sein zu brauchen, d. h. ihr Es-Über-Ich 
möglichst zu ersetzen durch das Real-Ich-Ideal des Arztes als Vertreter des 
realen Gewissens, der sie von der Introversion des Konfliktes erlösen soll. 
Durch Heilen möchte sie gesund werden. — Das in der Krankheit sich 
repräsentierende körperliche Agieren, das der Angstvermeidung, dem Spannungs- 
ausgleich zwischen Ich und Es dient, wird dabei in ein seelisches Agieren 
überführt aus Flucht vor der Gewissensangst, der Spannungsdifferenz zwischen 
Ich und Über-Ich. Durch Verwandlung des Schuldgefühls in Mitgefühl sucht 
sie sich vom Mit-Leiden zum Mit-Leid zu erheben, von der Funktion 
des Kranken zur Funktion des Arztes. 

Dieser, wenn auch nur flüchtige, Einblick in die Rollenverteilung beim 
Doktorspiel der Kinder wie beim Doktor-Übertragungs spiel des Erwachsenen 
während der psychoanalytischen Kur berechtigt zu der Auffassung, daß das 
Individuum auf Grund des gleichen Triebanspruches Arzt werden kann 
oder Patient. 

Damit erweist sich die Psychogenese des Arztberufes beim einzelnen als 
eine Wiederholung seiner Phylogenese, wie sie uns durch die Forschungen 
fiöheiras bekannt geworden ist. 

1) Freud: Das ökonomische Problem des Masochismus. Ges. Schriften. Bd. V. 



534 Ernst Siimnel 



Röheim wies nach, daß der Medizinmann der Primitiven einen 
Kulturfortschritt auf dem Wege der Triebumwandlung gegen den schwarzen 
Zauberer bedeutet. „Beim Zauberer finden wir die sadistisch-unsublimierten, 
beim Medizinmann dieselben Triebe in einer durch Identifikation mit dem 
Opfer gehemmten, d. h. sublimierten Form".' Als schwarzer Zauberer 
hatte er, wie unsere Patientin in der Phantasie, das Urverbrechen, die 
Einverleibung, die Introjektion des Elternsubstituts vollzogen. Von diesem, 
das sich zu einem Exkrementalsymbol gewandelt hat, muß sich der Magier 
zur eigenen Entsühnung wieder befreien oder, in Projektion seiner Untat, 
es anderen einverleiben, um es dann ihnen wieder zu entziehen. Das 
introjizierte Elternsubstitut ist zum Krankheitsstoff 
geworden, dessen man sich zu Genesungszwecken entäußern muß. — Die 
Möglichkeit, ihn als Gesundungsstoff einem anderen wieder einzuverleiben, 
ergibt sich erst aus dem Fortschritt vom oral-anal-sadistischen zum genitalen 
Libidoanspruch. Dadurch erst wird das Exkrementalsymbol zu einem Sperma-, 
Penis- und Kindsymbol. Unsere Patientin ist im Ödipuskonflikt an der 
Synthese (Verschränkung) ihrer prägenitalen und genitalen Libido- 
strebungen gescheitert und versucht dieses nachzuholen durch das Doktor- 
spiel der psychoanalytischen Kur, indem sie den ins Ich introjizierten 
Krankheitsstoff, das Multersubstitut, aus der Verdrängung entläßt und ins 
Über-Ich aufnimmt. So wird sie nicht nur zum Vater, sondern auch zur 
Mutter, und zwar auch zur Mutter ihrer Mutter, der sie nun die Gesund- 
heit, d. h. das Leben wieder schenken kann, das sie von ihr empfangen 
hat. Sie sucht sich vom Zwang des feminin-masochisüschen Erleidens im 
Ich zu erlösen, indem sie gleichsam die Bisexualität im Über-Ich 
etabliert. Wir verstehen an dieser Stelle, daß ein tieferer, unbewußter Sinn 
dem abergläubischen Mißtrauen des Laien gegen die Behandlung durch 
kranke Ärzte zugrundeliegt, weil diese „sich nicht einmal selbst 
gesund machen können". Ihnen gegenüber besteht ja gewissermaßen 
immer noch der Verdacht, daß sie, um ihr masochistisches Ich vom Leiden 
zu entlasten, die sadistischen Triebregungen ihres Über-Ichs aus der inneren 
in die äußere Motilität umschalten und dem Kranken zuwenden. 

In der Abwehr dieses Vorganges liegt aber auch die Gefahr begründet, 
daß der Arzt zum Kranken regredieren kann. Das wird um so eher 
erfolgen, wenn, wie bereits erwähnt, seine Berufswahl nicht auf Grund 
einer endgültigen Identifizierung des beendeten Ödipuskonfliktes 
erfolgte, sondern seine Berufs betätig ung immer noch als ein 
Agieren, als ein Doktor-Spielen zur Bestreitung des Verdrängungs- 
aufwandes angesehen werden kann. Für solchen Therapeuten kehrt ja im 

1) Röheim: „Nach dem Tode des Urvaters." Imago, Bd. IX., S. 85 ff. 



Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf 535 



Patienten das Inzestobjekt wieder, das auf Grund der gleichen Identifi- 
zierungsvorgänge Patient geworden ist, wie er Arzt. 

In meinen Vorlesungen über „Ärztliche Kunst und Psj-choanalyse" am 
„Berliner Psychoanalytischen Institut" habe ich, seinerzeit noch unabhängig 
von den Röheimschen Forschungsergebnissen am ethnologischen Material, 
aus meinen eigenen Analysen und den Kenntnissen aus Freuds „Totem 
und Tabu'' das nicht seltene Vorkommnis beleuchtet, daß Spezialärzte an 
ihrem Spezialfach erkranken. Ich nannte solche Ärzte Partialärzte, deren 
Berufsausübung psychoanalytisch gesehen einer Per Version gleichkommt, 
weil sie auf Grund ihres eigenen, an eine bestimmte erogene Zone 
gebundenen, unbewußten inzestuösen Libidoanspruches das betreffende 
Organ des Kranken oder eine bestimmte fachärztliche Betätigung mit einem 
Maß von Libido überbesetzen, daß der ganze übrige Mensch infolge der 
relativen Libidoverschiebung auf das eine Organ ganz dem Bewußtsein 
oder wenigstens dem Verständnis des Therapeuten unzugänglich wird. Es 
liegt eine Art von Organfetischismus vor, der als Gegenbesetzung den 
Verdrängungsaufwand selber bestreitet. Statt nämlich auf den Patienten zu 
„übertragen"', identifiziert sich der Spezialist mit ihm. Statt des Kranken 
Organ neu zu beleben, sucht er, wie unsere Analysandin dem kranken 
Herzen ihrer Mutter gegenüber, dieses introjektiv zu erfassen, zu „ver- 
drängen'", und muß so infolge seiner Ich- bzw. Organlibidostauung selbst 
wieder erkranken. Er introvertiert wieder die Beziehungen zu seinen 
Patienten und regrediert wieder vom Verständnis zur Introjektion, von der 
mitteilenden „Äußerung" zur Aktion — vom Mit-Leid zum Mit-Leiden. 

So sah ich Magenärzte magenkrank werden, Psychiater an Psychosen, 
Psychoanalytiker (aus ..Gegenidentifizierung" statt aus Gegenübertragung) 
an Neurosen und Depressionen erkranken. Von einem Lungenspezialisten 
weiß ich, daß er an Asthma erkrankte, nachdem er während einer neuro- 
tischen Konfliktzeit nachts häufig zu einem asthmatischen Greise gerufen 
worden war. Dasselbe jedoch gilt nicht nur für den Therapeuten, sondern 
im besonderen auch für den spezialistischen Forscher, dessen aus inzestuöser 
Schaulust gespeister Wissenstrieb tabuiert wird und ihn nach dem Gesetz 
des Talion zwingt, wieder zu introjizieren und zu agieren, wo er die Vor- 
gänge an einer bestimmten „erogenen Zone" nicht mehr verstehen und 
sich nicht mehr verständlich machen darf. Das bedeutet, er muß an dem 
Organ erkranken, an dem er forschen, alias „sündigen" wollte. 

Mancherlei Schutzmaßnahmen bilden sich dabei häufig als Reaktionen 
heraus, die namentlich der Abwehr der destruktiven Triebregungen bei der 
Berufsbetätigung dienen. Hier seien nur zwei Beispiele erwähnt, die zeigen, 
wie einmal der Arzt seinen Patienten vor sich, das andere Mal 



536 Ernst Simmcl 



sich vor sich selber schützen kann. So kenne ich einen vielbeschäftigten 
Therapeuten, der, um gut behandeln zu können, sich gestatten muß, seine 
Patienten bewußt zu hassen. Damit ihn diese Affekteinstellung aber 
im beruflichen Verkehr nicht stört, isoliert er sie zeitlich von seinem 
Tagewerk. Morgens, vor Beginn der Sprechstunde, pflegt er in seinem 
leeren Ordinationszimmer auf und ab zu laufen und dabei die draußen 
seiner Hilfe Wartenden aufs haßerfüllteste zu verwünschen und ausgiebig 
koprolalisch zu beschimpfen. Zum anderen Mal gibt es nicht wenige Ärzte, 
die unbewußt in ihrer beruflichen Einstellung auf das „Exkrementalsymbol" 
als introjizierten Krankheitsstoff, als Elternsubstitut, regredieren. An Stelle 
dieses Exkrementalsymbols tritt für sie als Kotäquivalent das Geld, auf das 
sich dann die gesamte Inzestbedeutung des Kranken verschiebt. Dadurch 
wird das Geld des Patienten tabuiert, das der Arzt nicht berühren, nicht 
einnehmen (introjizieren) darf, wenn er selbst gesund, bzw. frei von Schuld- 
gefühl bleiben will. Er erspart sich eine Arbeitshemmung auf Kosten einer 
Erwerbshemmung. 

So sehen wir noch in den modernsten Beziehungen zwischen Doktor 
und Kranken — dem Eintausch von Gesundheit gegen Geld — die ältesten 
Archaismen in ihrer prähistorischen gegenseitigen Bedingtheit sich störend 
bemerkbar machen. Denn jeder Arzt wiederholt in sich nicht nur die 
psychische Onto-, sondern auch die psychische Phylogenese seines 
Berufes. Der Beweis hierfür ergibt sich ja aus der Beobachtung der 
infantilen Doktorspiele, in denen wir bereits den Grundriß des späteren 
Berufes erkannten. 

Es war darum für mich auch nicht überraschend, einmal ein solches 
Spiel in seiner Urform zu beobachten. Man kann es das „Urdoktorspiel" 
nennen, weil es noch unverhüllt auf der Bedeutung des Kranken als Feind 
und Vater basiert, und es sei bei dieser Gelegenheit hier mitgeteilt. 

Ein zwölfjähriger Patient, der an Zwangsonanie unter sadistischen Phan- 
tasien litt, berichtete mir von diesem Spiel, das er als Sechsjähriger mit 
anderen gleichaltrigen Knaben zu spielen pflegte. Für unsere Betrachtungen 
bleibt es dabei gleichgültig, ob das Spiel sich wirklich in allen Einzelheiten 
so, wie berichtet, zugetragen oder ob es durch nachträgliche Phantasien einige 
Ergänzungen erfahren hat. 

Die Jungen spielten chirurgische Operation. Die Rollenverteilung 
war dabei folgende: Ein Knabe, der sich irgendwie mißliebig gemacht hatte, 
war der Kranke, die anderen waren Hauptoperateure und Assistenten. Zwei 
von ihnen war eine besondere Rolle vorbehalten: als Krankenschwester, die 
„Narkose machte", und als — „die Seele" des zu Operierenden. 

Die Operation spielte sich immer in folgender Weise ab: Die „Chirurgen" 
und auch die spätere „Seele" stürzten sich auf den Knaben und hieben mit 
Stöcken auf ihn ein, wobei sie nach Möglichkeit den Penis zu treffen suchten. 






Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf 537 

Dann suchten sie den Patienten aufzufressen, und jeder „Arzt" mühte sich 
im Kampfe gegen den „Kollegen" ein möglichst großes Stück, „am liebsten 
den Popo", zu erwischen. Die Reste der Mahlzeit wurden in einem fingierten 
Freudenfeuer verbrannt, „der noch übrige Rest des Kranken", d. h. die 
Person des Operierten, in einem Erdloch vergraben, was durch Zudecken mit 
dem Zimmerteppich markiert wurde. Hieran schloß sich ein orgastischer Tanz 
der vom Blut des Opfers berauschten Ärzte, die den am Boden Liegenden 
noch mit Fußtritten traktierten. Die „Seele" aber hatte sich inzwischen in 
der Zimmerecke versteckt, mußte von da aus ab und zu in die tanzende 
Horde hineinspringen und — unsichtbar — den einen oder den anderen 
zwicken. Die „Kollegen", in der Meinung, daß immer „der andere" solchen 
Schabernack triebe, fielen schließlich in allgemeiner gegenseitiger Prügelei 
übereinander her, bis am Ende eine universelle Versöhnung durch 
allgemeines Bonbonlutschen erfolgte. 

Bei diesem Urdoktorspiel sehen wir in der modernen Kinderstube, unter 
der Auswirkung eines Urwiederholungszwanges, in allen Einzelheiten Vor- 
gänge als Spiel zum Vorschein kommen, die Freud, rückschließend aus 
den Übereinstimmungen der Zwangserscheinungen der Neurotiker mit dem 
Zeremoniell der Naturvölker, als in der Urhorde vorgefallen vermutet 
hat. 3 Ich muß es mir ersparen, auf viele interessante Einzelheiten des 
Spieles in der vorliegenden Form einzugehen — wie z. B. auf die 
Beleuchtung, die in ihr der Begriff „Kollegialität" und projiziertes Schuld- 
gefühl erfährt — und will nur einiges, für unser Thema wesentliches, 
hervorheben. 

Auf meinen Hinweis an den Jungen, daß doch Chirurgen ihre Kranken 
nicht umzubringen, sondern gesund zu machen pflegen, antwortete er mir, 
das habe er zurzeit des Spieles noch nicht gewußt. Damals hatte er 
geglaubt, Chirurgen seien Menschen, die alle anderen hassen und darum töten 
wollen. Zweimal hatte er sie in ihrer Betätigung kennen gelernt. Das eine 
Mal wurde seine Mutter operiert, ihr ein Gewächs aus dem Leibe entfernt, 
was ihn sehr erschreckte. Das andere Mal wurde ihm von demselben Chi- 
rurgen eine Wucherung aus der Nase herausgeschnitten. Dabei hatte er sich 
aus Angst so gewehrt, daß ihm der Chirurg „versehentlich" einen Zahn aus- 
schlug. Es ist ohne weiteres klar, daß der Knabe den Chirurgen mit seinem 
äußerst strengen und tyrannischen Vater identifizierte, dem er aus Kastrations- 
angst zu entweichen suchte. In der Nasenoperation realisiert sich dann für 
ihn die Identifizierung mit der gleichfalls vom Vater-Chirurgen operierten, 
d. h. koitierten Mutter und damit gleichzeitig die Gefahr der passiv-femininen 
Hingabe an den Vater, die Kastration, das Zum-Weibe-gemacht- Werden. Durch 
die symbolische Auswirkung der operativen Vergewaltigung fühlt sich der 
Sohn vom Vater entmannt und an der Möglichkeit, sich mit ihm zu iden- 
tifizieren, gehindert. Das Chirurgspielen gibt ihm die aktive Vaterrolle 
zurück. Die Erfüllung dieses Wunsches stellt das Spiel wie der Traum in der 
Umkehrung dar; denn eigentlich wird er erst durch das Operieren 

1) Freud: „Totem und Tabu", s. a. Röheim: „Nach dem Tode des Urvaters". 
Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XII/3. 55 



538 Ernst Simmcl 



(Kastrieren) zum Chirurgen. Durch die stückweise, kannibalische Einverleibung 
im allgemeinen und die Kastration des Kranken (Operateur- Image-) im 
besonderen erwirbt der Passive (Kranke) erst die Fähigkeiten, wie sie der 
infantilen Phantasie nach der Aktive im siegreichen Kampfe der Urszene 
betätigt. Er wird durch Introjektion des Vaters zum Vater, wie der Vater 
selbst erst dadurch zum Manne wird, daß er die Mutter zum Weibe 
macht, ihren Penis raubt (introjiziert). Dieser wird auch als exkremental- 
symbolisches Elternsubstitut (Popo) einverleibt, wobei die Nates natürlich 
gleichzeitig die Bedeutung der Mammae haben. Letztere dürfen dann als 
ständige Lustquelle in der Außenwelt belassen werden 1 (das „versöhnliche 
Bonbonlutschen ) und ermöglichen die Resignation, ein Kind zu bleiben. Die 
Tatsache, daß unser Patient in seinem Doktorspiel oft auch gerade die 
milde, durch Narkose schmerzlindernde Krankenschwester spielte, verrät seinen 
regressiven Anspruch auf die Funktion der Urmutter, die durch Säugen Schlaf 
und Schmerzlosigkeit verleiht. 

So sehen wir gerade in diesem primitivsten aller Doktorspiele das Ich 
des Kindes im Kampfe um die verschiedenen Identifizierungen sich bereits 
abmühen, um aus ihnen sein Über-Ich zu bauen. Es strebt dem Postulat 
zu, sich von der Rolle femininer Passivität zu befreien und zur Rolle 
infantiler Passivität zurückzukehren, in welcher es sein Über-Ich nicht 
mehr zu erleiden braucht, — wie die Mutter den Vater — sondern sich 
dessen Förderung als sein Kind, als sein Werk, erfreuen darf. Der 
berufene Arzt speziell muß, wie mir deutlich wurde, in seinem Über-Ich 
die Synthese des in Vater und Mutter differenzierten Urmutterbegriffes 
vollzogen haben, will er nicht unerträgliche Spannungen zwischen seinem 
Über-Ich und seinem Ich (als „Mitleid" maskiertes Schuld- 
gefühl) auf seinen Patienten, die Projektion seines Ichs, übertragen. 

Die Betrachtungen eines Psychoanalytikers über den Beruf des Arztes 
bleiben aber unvollkommen, wollten wir uns am Schluß nicht daran 
erinnern, daß in ihm, in der gesellschaftlichen Ökonomie der Arbeits- 
teilung, die personifizierte Repräsentanz einer biologischen, psychophysischen 
Instanz erscheint, die Freud im „Lustprinzip" als „den Wächter des 
Lebens entdeckt hat. Die destruktive Tendenz des Wiederholungszwanges 
als Todestrieb, die zum Abgleich aller Spannungen, besonders zur Beseitigung 
aller objektiven Spannungsquellen drängt, wird durch den Anspruch 
der narzißtischen Libido modifiziert. Diese vertritt den Wunsch nach Leben 
durch Lieben, uranfänglich und später regressiv sich immer und immer 
wiederholend, auf dem Wege introjektiver Einverleibung (introjektiver 
Verdrängung). Die Steigerung des Ichlibidoniveaus — der „Selbst- 

1) Vergl. Karl Abraham: Zwei Stufen der oralen Entwicklungsphase der Libido, 
in: „Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psychoanalyse seelischer 
Störungen", Int. PsA. Verlag, 1924. 



Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf 539 

erhaltungstrieb" 1 — macht dann als psychischen Reizschutz die A ngst, 
als physischen Reizschutz ihr Äquivalent, den Schmerz, mobil. In 
beiden kündet sich gleichzeitig drohend der Destruktionstrieb an. Denn 
jeder Krankheitsprozeß ist unter der Steigerung des Ichlibido- 
anspruches ein gesteigerter Lebensvorgang, der aus sich selbst 
heraus die Tendenz zu einer beschleunigten Entspannung zeitigt. Der 
„Umweg zum Tode", 2 den das Leben darstellt, wird durch die Krankheit 
in beschleunigtem Tempo zurückgelegt, und jedes kranke Organ ist dabei 
von den deletären Konsequenzen des steilen Libidoabfalles, dem Orgasmus, 
bedroht. Seelische Angst und körperlicher Schmerz sind die durchschnitt- 
lichen Alarmsignale, die den Arzt zur Hilfe herbeirufen. Die psycho- 
analytische Erkenntnis des Krankheitsproblems weist diesem neue Wege 
für seinen Heilplan. Die Befreiung des Menschen von der Angst und deren 
Symptomäquivalenten bedarf an dieser Stelle keines Wortes. Die Befreiung 
vom Organschmerz aber, der beispielsweise eine krankhafte Entzündung 
und die Bereitschaft zur bakteriellen Infektion ankündet, verlangt vom 
Körperarzt nicht in erster Linie ein operatives Eingreifen, sondern den 
Mut zu einer neuen Technik, wie sie der Analytiker aus der Freu d sehen 
Methodik gewonnen hat. Der Arzt muß sich in jedem Fall um die 
libidinöse Konstitution seiner Patienten kümmern. Er muß die Ursachen 
des besonderen erogenen Anspruches des kranken, d. h. schneller leben 
wollenden Organs erkunden und der Ökonomie der narzißtischen Libido 
zum Ausgleich verhelfen. Der Arzt, der aus „Mitleid", d. h. zur Ver- 
meidung eigenen Schuldgefühls, seine Aufgabe nur darin sieht, den 
Schmerz durch Narkotika zu beseitigen oder zu lindern, läuft Gefahr, den 
„Wächter des Lebens zu erschlagen und damit selbst zum Vollstrecker 
des Todestriebes zu werden. 



1) Vergl. Freud: Zur Einführung des Narzißmus. Ges. Schriften, Bd. VI. 

2) Freud: Jenseits des Lustprinzips. Ges. Schriften, Bd. VI. 



55' 



Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte 

Versuch einer psychoanalytischen Theorie der Süchte 

Von 

Sändor Rad 6 

Berlin 

Die Rauschgifte sind Substanzen verschiedenster Herkunft und chemischer 
Eigenart (Alkaloide, Stoffe der Alkoholgruppe usw.), die bei gelegentlicher 
oder habitueller Einverleibung im Seelenleben betäubende, erregende und 
berauschende Wirkung hervorrufen. Die Pharmakologie hat den Einfluß 
dieser Stoffe auf unsere somatischen und psychischen Organfunktionen mehr 
oder minder eingehend erforscht und vermittelt uns die Kenntnis ihrer 
spezifischen Wirkungen je nach Verwendung und Dosierung. Diese 
Ermittlungen haben jedoch nur eine durchschnittliche — statistische 
— Gültigkeit; wie eine bestimmte Person im Einzelfalle auf die Zufuhr 
eines Giftstoffes reagieren wird, läßt sich im voraus nicht sicher sagen. 
Die Pharmakologie trägt diesem Sachverhalt durch die Annahme eines 
„konstitutionellen Faktors" Rechnung; nach Lewin' hat jedes Individuum 
seine eigene „toxische Gleichung", die aber aus lauter unbekannten 
und der Untersuchung des Pharmakologen weiter nicht zugänglichen 
Gliedern besteht. 

Die tägliche Erfahrung zeigt uns, wie groß diese Unsicherheit gerade 
hinsichtlich der spezifischen Wirkungen der Rauschgifte ist. Manche 
Menschen werden schon durch eine geringe Portion Alkohol in Rausch 
versetzt, andere trinken viel, unterliegen bereits den körperlichen Folgen 
der Intoxikation, und bleiben doch nüchtern. Ja, das Verhalten ein und 
derselben Person kann sich im Laufe der Zeit in dieser Beziehung gründ- 
lich ändern, ohne daß man wüßte, warum. Ähnliche Erscheinungen beob- 
achtet man bei der Verabreichung von Morphin und anderen narkotischen 

1) Lew in, Phantastica. Die betäubenden und erregenden Genußmittel. Berlin, 
1924, S. 15. 



Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte 541 

Mitteln. Dies Unbekannte — die individuelle Veranlagung oder Neigung 
zum Rausch ■ — soll dann nach Auffassung der Psychiater in der Ätiologie 
der Süchte und verwandter Zustände die entscheidende Rolle spielen. 

Versuchen wir von psychoanalytischer Seite her in dieses dunkle Gebiet 
einzudringen. Die Pharmakologie klassifiziert die mannigfaltigen Wirkungen 
der Rauschgifte nach ihren eigenen Gesichtspunkten. Wir streben eine 
psychologische (genauer: metapsychologische) Orientierung an und fragen: 
Was sind die vorzüglichen Eigenschaften dieser Stoffe, um derentwillen sie 
in der Heilkunde und im Leben zur Verwendung gelangen? Die Antwort 
ist einfach; sie bieten dem Menschen in seiner Bedrängnis Hilfe und 
Lust. Die „Hilfe" kann wieder von zweierlei Art sein; sie wird geleistet 
d) durch die analgetische (sedative, hypnotische) und b) durch die stimu- 
lierende Wirkung der Pharmaka. 

Diese Wirkungsweisen sind bisher analytisch nicht untersucht worden. 
Führen wir an, was sich zu ihrer Charakteristik in erster Annäherung 
sagen läßt. 

a) Die Erörterung der schmerzstillenden Wirkung der sog. „Analgetica" 
erfordert ein Eingehen auf das Schmerzproblem überhaupt. Nach der Ein- 
sicht Freuds, 1 die für die psychologische Auffassung dieser schwierigen 
Frage ein sicheres Fundament geschaffen hat, entsteht die spezifische 
Unlust des körperlichen Schmerzes, wenn der periphere Reizschutz von 
einer Einwirkung durchbrochen wird und so von der betroffenen Stelle 
her kontinuierliche Erregungen dem seelischen Zentralapparat zuströmen. 
Durch das Versagen des Reizschutzes erwirbt der Schmerz, auch wo er 
von außen angreift, die Eigenschaften der kontinuierlichen inneren Reize, 
also der Triebe, gegen die ja die Einrichtungen der Reizabhaltung 
von vornherein ohnmächtig sind. Im Seelenapparat bewirkt die dort 
herrschende Lust-Unlust-Regulation, daß die ankommenden Erregungs- 
mengen durch die Herstellung von Gegenbesetzungen gebunden und 
mittels motorischer Aktionen abgeführt werden. Es hängt von quantitativen 
Faktoren ab, was diese Abwehrvorgänge für die Schmerzbewältigung 
leisten. Die Erfahrung zeigt, daß über eine gewisse Intensität der 
Schmerzerregung hinaus das Seelenleben ihr wehrlos erliegt. Die biologische 
Tendenz des Schmerzes, vor einer drohenden Gefahr zu warnen (Gold- 
scheider),* scheitert dabei völlig. 

Es ist nun leicht ersichtlich, daß die Pharmaka durch die Herab- 
setzung oder Aufhebung der Schmerzempfindung gerade das leisten, woran 
es der seelischen Organisation mangelt, einen Reizschutz nach 

1) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 214. 

2) Das Schmerzproblem. Berlin, 1920, S. 81. 



542 Sändor Rad 6 



innen. Dieser artefizielle Reizschutz tritt zentral, an den sensiblen 
Eingangspforten des Seelenapparats, gleichsam als zweiter Verteidigungsgürtel, 
in Funktion. Der somatische Vorgang, der ihn bedingt, ist allemal eine 
Herabsetzung der Funktion durch Lähmung der erregbaren Nervensubstanz, 
also ein Mittel, von dem gelegentlich auch der natürliche periphere Reiz- 
schutz Gebrauch macht. 1 

Unser wertvollstes Analgetikum scheint nach übereinstimmendem Urteil 
der Kliniker noch immer das Morphin zu sein, obwohl die chemische Industrie 
eifrig an der Herstellung immer neuer spezifisch abgestimmter Verbindungen 
arbeitet. Vor kurzem hat L. Le"vy 2 eine der wenigen psychoanalytischen 
Beobachtungen über diesen Gegenstand veröffentlicht. Er berichtet, daß er 
in einer Reihe von schweren organischen Fällen bei der erfolgreichen 
Verabreichung von Morphin ein merkwürdiges Phänomen beobachten 
konnte: Die Kranken haben in ihren Phantasien ihre schweren Zustande 
auf Personen ihrer Umgebung projiziert. Wir dürfen diesem Befunde 
L e" v y s in unserem Zusammenhange hohe theoretische Bedeutung bei- 
messen. Freud hat bekanntlich die Herkunft der Projektion auf den 
Antrieb zurückgeführt, innere Erregungen „so zu behandeln, als ob sie 
nicht von innen, sondern von außen her einwirkten, um die Abwehrmittel 
des Reizschutzes gegen sie in Anwendung bringen zu können". 3 Wenn nun, 
wie wir meinen, die Morphinanalgesie ein künstlicher Reizschutz nach 
innen ist, dann liefert die Beobachtung von Levy geradezu einen 
experimentellen Beweis für den engen Zusammenhang zwischen Reizschutz 
und Projektion. 

Die Überwindung der Schlaflosigkeit durch schlaffördernde Mittel, bzw. 
die toxische Erzwingung des Schlafes (Narkose) sind der näheren analytischen 
Beschreibung vorläufig nicht zugänglich, weil wir über die Besonderheiten 
dieser Zustände fast nichts wissen. Erwägt man, daß die Schlaflosigkeit 
auf der Renitenz innerer Störungsreize beruht, die dem Schlafwunsch nicht 
gehorchen und den allgemeinen Abzug der Besetzung nicht mitmachen, so 
ist anzunehmen, daß auch bei der schlafbringenden (und sedativen) Wirkung 
der Arzneimittel die Herstellung eines Reizschutzes nach innen eine Rolle 
spielt. Bei der Narkose geht aber der psychologische Sachverhalt darüber 
sicherlich hinaus. 

b) Die spezifische Wirkung der „Stimulantia" ist uns am besten bekannt 

i) Bei der Lokalanästhesie handelt es sich um die extreme Steigerung des peri- 
pheren Reizschutzes bis zur völligen Ausschaltung der reizaufnehmenden Funktion 
durch Lähmung des sensiblen Endapparats. 

8] Int. Zeitschrift f. PsA., Bd. X, 1924, S. 434. 

5) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 217. 



Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte 543 

und von der allgemeinsten Bedeutung, da diese Stoffe als Genußmittel 
(Kaffee, Tee usw.) zu unserer täglichen Nahrung gehören. Nichtsdesto- 
weniger stößt der Versuch, die Vorgänge der Stimulation psychologisch zu 
erfassen, auf große Schwierigkeiten. Mit der üblichen Auskunft, daß 
die Erregungsmittel auf unsere intellektuellen Funktionen belebend wirken, 
ist uns offenbar wenig gedient. Der Pharmakologie entnehmen wir den 
Hinweis, daß es strenge genommen reine Erregungsmittel nicht gibt, da 
diese Stoffe auf die verschiedenen nervösen Zentren elektiv, zum Teil 
erregend, zum Teil lähmend einwirken. Die vielleicht einzige Ausnahme 
ist das Koffein mit seinem fast ausschließlich stimulierenden Effekt, dem 
auch keine Lähmungsphase nachfolgt. Wir müssen annehmen, daß der 
Einfluß dieser Stoffe auf die einzelnen Hirnzentren und -funktionen noch 
viel weitgehender und feiner abgestuft elektiv ist, als es die Pharmakologie 
heute nachweisen kann. Denn die psychologische Beobachtung zeigt uns, 
daß sich die psychische Wirkung dieser Stoffe aus dem Wechselspiel 
erregender und lähmender Einflüsse zusammensetzt. Wir spüren, daß diese 
Stoffe in uns Spannungsgefühle hervorrufen und zugleich bestehende 
Spannungen aufheben, wobei das Endergebnis eine Umwandlung der 
unlustvollen in lust volle Spannungen ist. Leider wird der 
Wert dieser unscheinbaren Auskunft noch dadurch verringert, daß wir von 
diesen zwei Arten von Spannungsgefühlen so wenig wissen. 

Andererseits dürfen wir die Bedeutung der Feststellung nicht unter 
schätzen, daß die toxische Förderung unserer Ichfunktionen an die Um- 
stimmung des Gefühlstones unserer inneren Spannungen geknüpft ist. 
Dahinter verbergen sich die ökonomischen Voraussetzungen unserer Ich- 
funktionen überhaupt, zu deren Aufdeckung sich von hier aus ein Zugang 
eröffnen könnte. Fassen wir die Situation ins Auge, in der das Ich zur 
toxischen Förderung seiner Funktionen greift. Wir sagten schon, das Ich 
benötigt diese Hilfe in seiner Bedrängnis, in dem beschwerlichen Kampf, 
den es um seine Behauptung führt. Freud hat uns die „Abhängigkeiten 
des Ichs" in eindrucksvoller Weise geschildert. 1 Das Ich muß in stets 
wachsamer Anpassung den Ansprüchen der Realität genügen und dabei 
seinen beiden inneren Dienstbarkeiten — der Libido des Es und den 
Anforderungen des Gewissens — gerecht werden. Die Selbstbeobachtung 
zeigt nun, daß sowohl die libidinösen Triebspannungen als auch die 
Gewissensspannungen (das sogen. „Schuldgefühl") sich stets dem Bewußt- 
sein anzeigen, sei es nur als anonymes Unbehagen, wenn es dem Ich 
gelingt, die dazugehörigen Vorstellungsinhalte durch Verdrängung fern zu 
halten oder wenn dieselben von vornherein bewußtseinsunfähig sind. Ebenso 

1) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 593. 



544 Sandor Radu 



sieht man, daß die ubw Befriedigungsphantasien der libidinösen Objekt- 
triebe und des selbstgefälligen Ideals (Über-Ich) dem Bewußtsein in Form 
eines nichtbewerteten Lustgefühls („Stimmung") bemerkbar werden. 1 Zuweilen 
gelingt es, solche ubw Produkte in der Analyse zu erhaschen, und dann 
kann man auch sehen, in welcher Weise die Erregungsmittel die psychische 
Umstimmung herbeiführen. Sie schaffen gestörten Intentionen freie Bahn, 
indem sie störende (hemmende) Einflüsse (hauptsächlich Gewissens- 
spannungen) durch ubw Befriedigung abspeisen und so aus dem Wege 
räumen. Es scheint, daß die intendierte Funktion darüber hinaus auch eine 
direkte stärkende Beeinflussung erfährt; dabei dürfte eine ausgedehnte Ver- 
bindung von Ich-Inhalten mit Symbolbesetzungen des Es, bzw. ein dadurch 
bedingter partieller Übergang vom gebundenen Ablauf des Sekundärvor- 
ganges zum Primärvorgang die Heranziehung sonst abgesperrter Trieb- 
quellen ermöglichen. Das wesentliche Stück dieser Wirkung spielt sich im 
System Vbw ab ; die starren Bindungen dieses Systems werden gelockert, 
seine „Leitungs widerstände" herabgesetzt. Wir merken, in den Vorgängen 
der Stimulation geht eigentlich eine geglückte Erotisierung der Ich- 
funktionen vor sich. 

* 

Die zweite Wirkungsart der Rauschgifte äußert sich in der Herbei- 
führung wollüstiger Zustände (Euphorie, Betäubung, Rausch), deren Inten- 
sität und Qualität in breitem Spielraum variiert. Die Mannigfaltigkeit der 
beobachteten Erscheinungen wird durch die speziellen Eigenarten und 
Nebenwirkungen der einzelnen Mittel, durch die Art ihrer Verwendung 
sowie durch verschiedenartige Störungen in der Reaktionsfähigkeit der 
Individuen außerordentlich gesteigert. Greifen wir aus dieser Fülle den 
Typus des optimalen Wirkungsbildes heraus, wie er etwa in der 
gelungenen Morphineuphorie oder dem ungetrübten Opiumrausch vor uns 
steht. Der erotische Charakter dieser Zustände — worauf übrigens 
Abraham schon vor langem hingewiesen hat — springt dann sofort ins 
Auge. Wir können aber in der Verfolgung dieses Eindrucks viel weiter 
gehen und müssen dann eine wesentliche Übereinstimmung zwischen dem 
idealen toxischen Rausch und der Endlust des natürlichen Sexualgenusses, 
dem Orgasmus, feststellen. Das entscheidende Merkmal des genitalen 
Orgasmus, das ihm den hohen Rang einer Befriedigung sui generis ver- 
leiht, kann man nur in der Tatsache erblicken, daß das orgastische Wollust- 
gefühl seinen anfänglich lokalen Charakter rasch verliert und in einer 

1) Diese Tatsachen müssen auch bei der Wirkung, die die Musik auf unser 
Seelenleben ausübt, eine wichtige Rolle spielen. 







Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte 545 

näher nicht faßbaren Weise den ganzen Organismus aufs intensivste 
ergreift. 1 Bei den Befriedigungen der erotischen Partialtriebe, bei den 
gewöhnlichen Lustsensationen an den erogenen Zonen ist dies niemals der 
Fall; ihr „Lokalkolorit" bleibt während der ganzen Dauer des Erregungs- 
ablaufs erhalten, der — soweit unsere heutige Kenntnis reicht — der 
allgemeinen Ausbreitung nicht fähig ist. Gerade dieser Zug kehrt aber im 
Bilde des toxischen Rausches in ausgeprägter Form wieder. Wir fühlen 
uns dadurch berechtigt, die Erzeugung solcher Wollust als die orgastische 
Wirkung der Rauschgifte zu bezeichnen. Im Vergleich zur steilen Kurve 
des genitalen Orgasmus zeigt der pharmakotoxische oder phar- 
makogene Orgasmus in der Regel einen langgestreckten Verlauf; auf 
diesen auffallenden Unterschied der beiden Phänomene wollen wir noch 
zurückkommen. 

Es fragt sich nun, ob man diese Auffassung über die orgastische 
Wirkung der Rauschgifte von den „optimalen" Fällen auch auf alle 
anderen ausdehnen darf? Die Fähigkeit der einzelnen Giftstoffe und der 
verschiedenen Individuen, diesen Effekt zu erzielen, ist sicherlich sehr ver- 
schieden; aber die Beobachtung läßt darüber kaum einen Zweifel übrig, 
daß der Vorgang allemal nach diesem Endausgang tendiert. Wir müssen 
wohl praktisch allen Abstufungen der Intensität Rechnung tragen und 
dürfen uns auch durch jene Fälle nicht beirren lassen, wo die orgastische 
Wirkung qualitativ verkümmert ist oder völlig versagt. Derartigen Störungen 
ist ja schließlich auch der genitale Orgasmus häufig genug unterworfen. 
Sogar die „Stimulation", die wir aus prinzipiellen Gründen so scharf von 
den reinen Lustzuständen trennen, erweist sich im Lichte dieser Einsicht 
als ein vortrefflich dosierter „Minimaleffekt" der orgastischen Wirkung. 

Im pharmakogenen Orgasmus lernt das Individuum eine neue Art der 
erotischen Befriedigung kennen, die mit den natürlichen Modalitäten der 
Sexualbefriedigung in Wettbewerb tritt. Sie zeichnet sich durch ganz 
ungewöhnliche Vorzüge aus und muß um so verlockender erscheinen, je 
mehr die normalen Befriedigungsmöglichkeiten durch Neurose oder Miß- 
gunst der Verhältnisse beeinträchtigt sind. Die entscheidende Wendung 
tritt ein, wenn sich das Ich auf den Rausch wünsch einstellt und so 
dem Erleben des pharmakotoxischen Orgasmus mit seiner ganzen libidinösen 
Bereitschaft entgegenkommt. Ist einmal der toxische Rausch zum Sexual- 
ziel geworden, dann ist das Individuum der Sucht verfallen; nur selten 
bringt es jemand fertig, die weitere Entwicklung hintanzuhalten. Ob 



i) Die Ausbreitung der orgastischen Erregimg auf das ganze vegetative Nerven- 
system ist bereits physiologisch nachgewiesen. Vergl. L. R. Müller: Das vegetative 
Nervensystem, Berlin 1920. 



546 Sändor Rade» 



jemand in vorbedachter Absicht der Versuchung nachgab oder die erste 
eindrucksvolle Rauschlust anläßlich einer medikamentösen Anwendung des 
Mittels nebenbei erfahren hat, macht dabei kaum einen Unterschied. Nur 
allzuoft gelangt ein lehrreiches Anfangsstadium zur Reobachtung, in 
dem der Süchtige seinen Rauschwunsch vor sich selbst verleugnet; er 
benützt das Mittel noch immer als „Medikament", zur Rekämpfung 
seines Leidens, Steigerung seiner Leistung, Hebung seiner Potenz — er 
unterliegt aber in Wirklichkeit schon längst der orgastischen Wirkung 
und hat sich vom „Realitätsprinzip" weg in die gefährliche Nähe des 
blinden „Triebgehorsams" begeben. 

Andererseits erfassen wir jetzt, woran es liegt, wenn der Genuß eines 
Rauschgiftes doch zu keinem Rausch, keiner orgastischen Entspannung 
führt. Vor allem daran, daß das Verlangen danach, der Rauschwunsch, 
fehlt. Des weiteren kann an die Stelle des Rauschwunsches — als 
Gewissensreaktion oder Vorsicht — eine energische Hemmung treten, die 
die libidinösen Umsetzungen unterbindet und dadurch das Zustandekommen 
der Rauschwirkung selbst bei erheblicher Steigerung der Dosis vereitelt. 

Die Aufnahme der pharmakotoxischen Lustbefriedigung geht mit entschei- 
denden Folgen für das gesamte psychische und somatische Verhalten der 
betroffenen Person einher. Angesichts der Vielfältigkeit der Zustandsbilder, 
die sich bei den Süchten vor dem klinischen Beobachter aufrollen, muß 
sich diese gedrängte Übersicht auf die Hervorhebung einiger prinzipieller 
Züge beschränken. Der Hauptschauplatz der Umwälzungen ist natürlich 
der Libidohaushalt, denn die erotische Befriedigung durch Giftstoffe ist 
ein gewaltiger Angriff auf unsere biologische Sexualorganisation, ein kühner 
Vorstoß unserer „alloplastischen" Kultur. Halten wir uns an den Mor- 
phinismus und an die „modernste" Anwendungsart des Giftes mittels der 
P r a v a z - Spritze. Sie umgeht, kurz gesagt, den ganzen peripheren Sexual- 
apparat und läßt die erregenden Reize nach Art eines „Kurzschlusses" 
direkt auf das Zentralorgan einwirken. Ich schlage vor, diesen Sachverhalt, 
der die Hervorhebung durch eine Namengebung verdient, als Meta- 
Erotik zu bezeichnen.' Beim Fortschritt der organischen Chemie ist die 
Herstellung der raffiniertesten Lust- (Sexual-) Stoffe sicherlich nur eine Frage 
der Zeit, und so ist es leicht vorauszusagen, daß dieser Befriedigungsart 

i) Ich ziehe diesen Ausdruck der naheliegenden „Para-Erotik" vor, der für die 
einwandfreiere wissenschaftliche Bezeichnung der Perversionen reserviert bleiben 
sollte. — Die vielen terminologischen Vorschläge dieser Abhandlung mögen durch 
den Umstand gerechtfertigt werden, daß in ihr die Würdigung eines umfassenden 
Tatsachengebietes versucht wird, das bisher keine eingehende analytische Bearbeitung 
erfahren hat. 






Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte 547 

in der Zukunft des Menschengeschlechts eine noch ganz unabsehbare Rolle 
zufallen wird. 

Die Ausschaltung des Genitales und der anderen erogenen Zonen mit 
ihrem verwickelten Zusammenspiel und ihrem schwerfälligen Erregungs- 
ablauf unterminiert zunächst die genitale Potenz und führt dann rasch 
eine Abwendung von den — uninteressant gewordenen — realen Liebes- 
objekten herbei. Das Morphin ist, wie die meisten Rauschmitte], ein 
gefährliches Potenzgift, das sich als Lustquelle rasch die Alleinherrschaft 
zu erwerben versteht. Mit dem Verzicht auf die Geschlechtsliebe beginnt 
die Lockerung der Beziehungen zur Realität, natürlich mit Ausnahme des 
Giftstoffes selbst, auf dessen Beschaffung sich allmählich das gesamte 
Interesse des Süchtigen konzentriert. 

Die Meta-Erotik zerstört aber nicht nur die genitale Potenz, sie ent- 
wertet auch alle anderen natürlichen Wege der Lustgewinnung und setzt 
den pharmakotoxischen Orgasmus als Befriedigungsinstrument an ihre 
Stelle ein. Wir haben den pharmakogenen Orgasmus als einen E x e k u t i v- 
vorgang aufzufassen, der die Abfuhr der gesamten psychosexuellen 
Erregung in ähnlicher Weise besorgt wie beim Kinde die Onanie. 

Wie gestaltet sich nun das libidinöse Verhalten in psychischer Hinsicht, 
nachdem die realen Liebesobjekte und die Genitalbetätigung aufgegeben 
worden sind? Es treten, wie immer, wenn der Genitalprimat zusammen- 
bricht, die prägenitalen Organisationen in ihre Rechte. Eine umfassende 
Regression aktiviert die erotischen Strebungen der Vorzeit, der Ödipus- 
komplex blüht auf, und es hängt zunächst von den infantilen Lebens- 
schicksalen und den Fixierungsstellen der Libido ab, welche Antriebe und 
Wunschvorstellungen dabei hervortreten. Es kommt zur Produktion von 
Träumereien und Phantasien, durchaus den Onaniephantasien vergleichbar, 
deren Erregung dann im pharmakotoxischen Orgasmus ausläuft. Bei den 
beglückenden Phantasiegebilden des Opiumrausches, wie sie von den Autoren 
beschrieben werden, kommt es offenbar sogar zur Produktion wunsch- 
erfüllender Halluzinationen. Jede verborgene Lustquelle, die zur Hebung 
des Rausches beitragen kann, darf sich so an der Befriedigung beteiligen. 
Selbst die Genitallibido kann nach ihrem Rückzug aus der Realität eine 
Weile noch — als Regung des Ödipuskomplexes — in der Phantasie 
festgehalten werden, was dann in der symbolischen Bewertung der Spritze 
usw. zur Geltung kommt. 

In vielen Fällen ist die Bedeutung einzelner erogener Zonen so stark, 
daß sie sich in das meta-erotische Regime gleichsam hinüberretten; sie 
können dann als Applikationsstellen und -arten des Giftes festgehalten 
werden und ordnen sich mit ihrer effektiven Erregung oder Symbol- 






548 Sandor Radö 



besetzung als eine Art Vorlustmechanismus in die meta-erotische Organisation 
ein. Einen unvergleichlichen Vorrang hat in dieser Hinsicht die orale 
Zone, deren innige Beziehungen zu den Rauschgiften bekannt sind. 
Sicherlich war der Trunk die früheste Form des Rauschmittelgenusses 
und ist vielleicht bis heute die verbreitetste geblieben. Im allgemeinen 
gibt es kaum eine erreichbare Körperstelle, die nicht der Giftzufuhr 
dienstbar gemacht worden wäre, und erstaunlich zahlreich sind auch die 
Variationen der Anwendung. 

Hat man den Mut, die artefizielle Meta-Erotik den natürlichen Libido- 
organisationen zur Seite zu stellen, dann lassen sich einige weitere Gesichts- 
punkte gewinnen, die in der verwirrenden Fülle der Erscheinungen die 
Orientierung erleichtern. Man sieht dann deutlich, daß der pharmakogene 
Orgasmus ebenso Störungen unterliegen und pathologische Reaktionen — 
gleichsam zweiter Ordnung — hervorrufen kann, wie ein normaler Lebens- 
vorgang. Obenan steht wegen seiner großen praktischen Bedeutung für die 
Heilbarkeit des Süchtigen das Versagen des pharmakotoxischen Orgasmus 
bei vorhandener Lustabsicht, die pharmakotoxische Impotenz. 
Es erscheint verfrüht, heute von den psychischen Triebkräften und 
Vorgängen ein Bild zu geben, die diesen Zustand — u. zw. gelegentlich 
schon in den Anfangsstadien der Sucht — herbeiführen können. Jeden- 
falls ist die Tatsache besonders hervorzuheben, daß bei den meisten Giften 
dies Versagen früher oder später aus physiologischen Gründen 
(„Gewöhnung") zwangsläufig eintritt und selbst durch noch so verzweifelte 
Anstrengungen der Kranken nicht überwunden werden kann. Eine andere 
Gruppe der Erscheinungen führt uns die aus der Neurosenlehre vertrauten 
Produkte einer mißglückten Abwehr oder einer schweren Gewissensreaktion 
vor Augen. Diese Abwehr schädigt oder vereitelt ganz den intendierten 
pharmakogenen Orgasmus, richtet sich aber gegen seinen psychischen 
Überbau, gegen die verpönten Strebungen des Ödipuskomplexes, die 
die Meta-Erotik aktiviert hat. So sieht man als „neurotische" Kehrseite des 
beglückenden Rausches die furchtbarsten Angstzustände, quälende Erre- 
gungen, schreckhafte Visionen usw. auftreten. In dieser Beziehung ver- 
halten sich die einzelnen Giftstoffe sehr verschieden. Bei manchen Mitteln 
(z. B. dem Kokain) ist das spezifische Wirkungsbild von Anfang an durch 
solche Erscheinungen kompliziert. Über all diese Verhältnisse können nur 
gründlich durchgeführte Analysen Klarheit verbreiten, ebenso über das 
anschließende große Gebiet der Entziehungserscheinungen, die 
wir an dieser Stelle nicht behandeln können. 

Das Hervortreten der primitiven Libidoorganisationen im Krankheits- 
bilde der Süchte wurde bereits von mehreren Autoren hervorgehoben. Neuer- 






Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte 549 

dings hat besonders Schilder 1 diesen Gesichtspunkt betont. Dazu ist noch 
zu bemerken, daß die Zerstörung des Genitalprimats gewisse prägenitale 
Erotismen derart verstärken kann, daß es gelegentlich — speziell in der Ent- 
ziehungsperiode — zur Produktion manifester Perversionen kommt. Ins- 
besondere die Homosexualität spielt hier eine große Rolle, deren Bezie- 
hungen zum Alkoholismus Abraham schon vor langem, zum Kokainis- 
mus Hartmann 2 vor einiger Zeit beschrieben hat. 

In den schweren Fällen von Sucht ist die zersetzende Wirkung der 
Meta-Erotik auf das Seelenleben noch viel weiter gehend. Man gewinnt 
den Eindruck, daß durch die Vernachlässigung ihrer somatischen Quellen 
allmählich auch die spezifischen psychischen Regungen der Partialtriebe 
versiegen, ja, daß überhaupt alle differenzierteren seelischen Äußerungs- 
formen der Erotik mit ihren reichgegliederten Inhalten fortschreitend dem 
Untergang anheimfallen. Ein unaufhaltsamer Prozeß der seelischen Ver- 
ödung ergreift und vernichtet alles, was die Psychogenese des Individuums 
geschaffen hat; ein seelischer Zustand, nur gewissen Ausgangsbildern der 
Schizophrenie vergleichbar. Man bleibt durchaus im Einvernehmen mit den 
realen Verhältnissen, wenn man theoretisch eine Endphase konstruiert, in 
der die Libido all ihrer genetisch differenzierten Merkmale und Organi- 
sationsformen verlustig, nur noch als amorphe erotische Spannkraft im 
Seelenleben auftritt. Dies Seelenleben gestaltet sich dann allerdings nach 
einer sehr einfachen Formel: Rauschwunsch — Rausch — Kater, — usw. 
Diese Hypostase scheint mir gewisse schwere Formen der Sucht grell zu 
beleuchten, denn es ist unabweisbar, daß sie, wenn nicht vorher ein Ver- 
sagen durch „Gewöhnung" eintritt, einem solchen Endausgang zustreben. 
Die ganze seelische Persönlichkeit stellt dann, wenn man nur den Giftstoff 
hinzunimmt, einen autoerotischen Lustapparat dar. Das Ich ist durch die 
Libido des Es vollkommen unterjocht und verödet, — man kann fast sagen 
zum Es zurückverwandelt, — die Außenwelt ignoriert, das Gewissen zer- 
setzt. Man ahnt die ungeheure Bedeutung des Giftes als einzig inter- 
essierenden Stückes der Realität und glaubt zu verstehen, wenn sich der 
Süchtige schon vom Anbeginn seines Leidens an bei der Beschaffung des 
Giftes über jede rechtliche und moralische Rücksicht hinwegsetzt. 

Wir haben in das entworfene Bild durch die Würdigung eines bisher 
zurückgestellten Momentes einige ergänzende Züge einzutragen. Der fort- 
schreitende Regressions- und Verfallsprozeß, der sich in der Meta-Erotik an 



i ) Schilder, Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage. 
Int. PsA. Verlag, 1925. 

2) Hartmann, Kokainismus und Homosexualität Zeitschr. f. d. ges. Psych, u. 
Neurol., 1925. 



55° Siindor Radö 



der Libido vollzieht, muß nach der Auffassung Freuds, die durch alle 
Erfahrungen der Psychoneurotik bestätigt wird, mit einer umfassenden 
Triebentmischung und Freiwerden der destruktiven Komponente 
einhergehen. Es ist leicht festzustellen, daß die Tatsachen diese theore- 
tische Erwartung vollauf erfüllen. Die beschriebene Zerstörung der höheren 
seelischen Organisationen und Differenzierungen kann nur das Werk der 
durch die Entmischung freigesetzten Destruktion sein, und es ist noch 
unbekannt, welchen Anteil dieser psychische Faktor an dem somatischen 
Verfall des Süchtigen hat, der mit seinem seelischen Ruin parallel geht. 
Eine zweite Ansiedlungsstätte für die entfesselte Destruktion bietet die 
Gewissensinstanz im Über-Ich, deren aggressive Regungen — im Sinne der Ein- 
sichten F r e u d s — als „Gewissenstrieb" 1 auf das Ich einwirken. Bei manchen 
Süchtigen — wir wissen noch nicht bei welchen — muß man tatsächlich 
ein rapides Ansteigen der ubw Gewissensspannung annehmen, die dann 
u. a. auch ein intensives Strafbedürfnis unterhält. Aus diesem Sachverhalt 
resultiert ein circulus vitiosus, der den Kranken immer tiefer in die Sucht 
hineintreibt und eine psychologische Begründung für die unaus- 
weichliche Steigerung der Dosis abgibt. 

Obwohl nun, insbesondere bei gewissen Giftstoffen, die Aggression sich 
vielfach auch nach außen richten kann, fällt ihrer „Wendung gegen die 
eigene Person" unzweifelhaft die größere Bedeutung zu. Eine merkwürdige 
Analogie: Der Süchtige geht an den (psychischen) Zersetzungsprodukten 
seiner Meta-Erotik zugrunde, wie manche niederen Tiere an ihrer natürlichen 
Sexualbetätigung. 

* 

Wir wollen uns der vielleicht wichtigsten Frage zuwenden, die sich aus 
unseren Betrachtungen ergibt. Wer überschreitet bei der zunächst medika- 
mentösen Verwendung des Giftes die Grenze zwischen „Hilfe" und „Lust", 
oder greift sofort mit Lustabsicht nach ihm? 2 Mit anderen Worten, wer 
bildet den „Rauschwunsch" und betritt mit ihm den Weg, der zur 
Süchtigkeit führt ? 

Der allgemeinste Faktor in der Ätiologie der Süchte ist natürlich die 
aktuelle Versagung mit al l ihren vielgestaltigen Phänomenen, die uns aus 

1) Es erscheint vorteilhaft, die Kraftäußerungen der Gewissensinstanz als 
„Gewissenstrieb" zu bezeichnen. Der Gewissenstrieb stellt nach den Erkenntnissen 
Freuds die phylogenetisch jüngste Differenzierung im menschlichen Triebleben 
dar und ist hauptsächlich durch seinen t o p i s c h e n Angriffspunkt bestimmt. Dieser 
Sprachgebrauch erlaubt es, vertraute Ausdrucksweisen der Trieblehre in einer auch 
inhaltlich durchaus zutreffenden und förderlichen Weise in der Ichpsychologie zur 
Geltung zu bringen. 

2) Die nebenstehende Tabelle soll die Übersicht der dargestellten Verhältnisse 
erleichtern : 



Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte 



551 



der Ätiologie der Neurosen bekannt sind. Man findet nichts, was nicht als 
„aktueller Konflikt" auch bei den Neurosen vorkommen würde, höchstens 
noch, daß bei den Süchten auch alle Neurosen als ätiologisches Moment 
hinzukommen. Auf die Versagung folgt häufig zunächst eine Neurose und 
erst hernach die Sucht, was den Sachverhalt nur um einen Grad kompli- 
ziert. Die disponierenden Momente, die über die Wahl einer „Flucht in 
die Süchtigkeit" entscheiden, müssen also weiter zurück liegen, und wir 
werden durch unsere ganze Bemühung, dieses Erscheinungsgebiet unter 
die Voraussetzungen der Libidotheorie Freuds zu bringen, darauf hin- 
gewiesen, sie in der libidinösen Entwicklungsgeschichte des Individuums 
zu vermuten. So lenkte sich unsere Aufmerksamkeit auf die Oralerotik, 
deren ätiologische Bedeutung für die Trunksucht, von Freud bereits 
in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" angeführt, durch alle 
spätere analytische Erfahrung erhärtet wurde. Es ergab sich die überraschende 
Einsicht, daß die psychischen Äußerungen der Oralerotik auch in all den 
Fällen von Sucht stark hervortreten, wo das Gift gar nicht auf oralem 
Wege einverleibt wird. Man gewann den Eindruck, daß zwischen der 
oralen Zone und dem toxischen Rausch geheime Bande bestehen, deren 
Bedeutung auch dann erhalten bleibt, wenn sich in der Giftzufuhr andere 
erogene Zonen an die Stelle der oralen gesetzt haben, oder dieselbe auf 
eine Anlehnung an erogene Zonen ganz verzichtet. Bei den Fällen der 
letzteren Art, die sich der P r a v a z -Spritze bedienen, sieht man dies 
vielleicht am deutlichsten. Es ist, als wäre der toxische Rausch ein orales 
Phänomen geblieben, wiewohl gerade die vollendete Art seiner Hervor- 
rufung sich von der oralen Zone emanzipiert hat. Diese Anschauung ist 
gewiß unbefriedigend und wird es noch mehr, wenn man erwägt, wie 
wenig man durch sie gewonnen hat. Die klassischen Untersuchungen 
Abrahams haben uns gezeigt, wie vielfältig die Wirkungen und 
Erscheinungsformen der Oralerotik in unserem Seelenleben sind, und so 



Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte 
A) Hilfe 

a) Reizschutz nach innen 
(Analgetische, sedative, hypno- 
tische, narkotische Wirkungen) 

b) Förderung der Ichfunktionen 
^Stimulierende Wirkungen) 



Entlastung des Ichs nach innen 
im Dienste der Realität 



B) Lust 

Pharmakotoxischer Orgasmus 
(Rauschwirkungen) 



Unterjochung des Ichs durch das Es 
Zerstörung seiner Beziehungen zur Realität 



552 Sandor Radö 



weiß man erst recht nicht, was an ihr zu Rauschzuständen disponieren soll, 
bei deren Herbeiführung ihre erogene Zone ausgeschaltet bleibt. 

Ich gestehe, daß ich diesem Problem Jahre hindurch ratlos gegenüber- 
stand, bis mir zufällige Beobachtungen die Lösung in die Hand gaben. 
Sie wurden bemerkenswerterweise vorerst gar nicht an Süchtigen angestellt. 
Eines Tages ergab sich mir der Eindruck, daß sich der Erregungsvorgang 
der Oralerotik nicht auf die somatische Quelle der Mundpartie beschränken 
kann. Der reichlichen und genußvollen Einverleibung wohlschmeckender 
Speisen folgt eine Phase, der physiologisch nur die einsetzende Verdauung 
und Resorption entsprechen kann, und in der das psychische Bild durch 
das angenehme Gefühl der Magenfülle (Sattsein) und weit darüber hinaus 
durch ein allgemeines diffuses Wollustgefühl beherrscht wird, an dem 
wiederum der ganze Organismus teilhat. 1 Manche Menschen besitzen die 
Fähigkeit, dieses Phänomen intensiv zu erleben, bei vielen ist sie mehr 
oder minder verloren gegangen. Kein Zweifel, daß dieser Vorgang im 
Erwachsenen den Überrest einer psycho-physiologischen Grundfunktion 
darstellt, die man als alimentären Orgasmus bezeichnen muß. Es 
soll an anderer Stelle an kasuistischem Material gezeigt werden, welche 
Bedeutung dieser orgastischen Befriedigungsart beim Normalen und in gewissen 
Neurosen zukommen kann ; solche Beobachtungen sind leicht anzustellen, 
wenn man bereits auf das Phänomen aufmerksam geworden ist. Wir eilen 
zur theoretischen Würdigung dieses Fundes. 

Es ist nur zu deutlich, daß die orale Organisation des Säuglings 
im alimentären Orgasmus gipfelt. Da die somatischen Vorgänge, die 
dieser orgastischen Wollust zugrunde liegen, im Innern des Körpers 
verborgen der Wahrnehmung des Säuglings entzogen sind, muß sich sein 
Interesse auf die greifbare orale Zone verschieben, deren Erregung den 
Befriedigungs Vorgang als Vorlustmechanismus einleitet. Man darf annehmen, 
daß der ludelnde Säugling eigentlich nach Wiederholung der orgastischen 
Befriedigung strebt und sich mit dem auf das Orale beschränkenden 
Genuß nur als Surrogat zufrieden gibt. Infolge der Abhängigkeit des 
alimentären Orgasmus von der Ernährung ist seine Wiederholung überhaupt 
nur innerhalb der Grenzen möglich, die der jeweilige physikalische Zustand 
des Verdauungstraktes zuläßt. So würde sich die erhöhte erotische Einschätzung 
der oralen Zone vom alimentären Orgasmus ableiten. Jedenfalls bleibt aber 
dem Ubw die ahnungsvolle Erwartung tief eingeprägt, daß sich bei der 
Reizung der oralen Zone jene verborgene und rätselhafte Lust wiederholen 

1) Die Verdauungsphase macht sich, wie bekannt, durch eine Reihe physiologischer 
Anzeichen (Steigerung der Temperatur, Änderung des Blutbildes usw.) im ganzen 
Organismus bemerkbar. 



Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte 553 



könnte. Dies mag auch einen oral begabten Vorfahren zur Entdeckung der 
ersten rauschstoffhaltigen Pflanze geführt haben. 

Der alimentäre Orgasmus tritt im Seelenleben als fertiger psycho- 
physiologischer Mechanismus auf und beeinflußt mit seinen Auswirkungen 
ein ganzes Stück weit die psychosexuelle Entwicklung. Er ist mit seinen 
Besetzungsbeiträgen an einer ganzen Reihe uns vertrauter infantiler Vor- 
stellungen und Wunschgebilde beteiligt ; so erweist er sich, um nur das 
Wesentlichste zu sagen, als der eigentliche Träger des Ensembles: Orale 
Befruchtung — Schwangerschaft im Bauch — anale Geburt. Diese Zusammen- 
hänge lassen sich in den Analysen mit Sicherheit nachweisen und gehören 
zu den wichtigsten tatsächlichen Grundlagen unserer Auffassung; nur der 
Rückschluß auf den Säugling ist eine — wenn auch zwingend erscheinende — 
spekulative Ergänzung. Warum sich aber der genitale Gedankenkreis dieser 
für die Symptomatologie der Neurosen so bedeutsamen „infantilen Sexual- 
theorien" zunächst um den Kern des alimentären Orgasmus herum ablagert, 
darüber soll uns ein späterer Gedankengang Aufschluß geben. Hier sei nur 
die Bemerkung eingeschaltet, daß die Sexual erregung solcher — dem 
Ödipuskomplex angehörender — Wunschphantasien bei entsprechender 
Veranlagung nicht durch die Onanie, sondern durch den alimentären 
Orgasmus abgeführt wird; wenn dann die psychische Abwehr gegen die ver- 
pönt gewordenen inzestuösen Strebungen einsetzt, greift der Vorgang auf die 
Exekutivfunktion des alimentären Orgasmus über, und leitet auf diesem 
Wege die Entstehung der bekannten psychischen Störungen der Ernährung 
(Eßunlust, Magen- und Darmneurosen usw.) ein. 

Wir haben im alimentären Orgasmus mit seinem eben skizzierten 
psychischen Überbau die spezifische Fixierungsstelle zu erblicken, die zur 
Süchtigkeit disponiert. Der pharmakotoxische Orgasmus erweist sich als 
eine Neuauflage des alimentären, mit dem er den gestreckten Verlauf und 
vieles andere gemeinsam hat, den er aber sonst in seinen Lustcharakteren 
weitaus übertrifft. 1 So lösen sich mit einem Schlage eine Reihe von Fragen, 
die sich beim Studium der Süchte ergeben. Die in den Krankheits- 
bildern hervortretenden prägenitalen Erotismen sind die psychischen Ein- 
kleidungen des alimentären Orgasmus aus der Infantilzeit. Wir erhalten 
eine sinnreiche psychologische Motivierung für die Prävalenz der Homo- 
sexualität, ohne gleich zur Annahme Schilders (loc. dt.) über die 
wechselseitige Affinität zwischen einzelnen Giftstoffen und Erotismen 

i) Es gibt eine lange Reihe von Nährstoffen und Genußmitteln, die im kontinuier- 
lichen Übergang von den gewöhnlichen Nahrungsmitteln zu den reinen Rauschgiften 
hinüberleiten, so daß auch Mischformen dieser beiden orgastischen Funktionen in 
Betracht kommen. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XII/5 3° 



554 Sändor Radö 



kommen zu müssen. Wir verstehen zunächst von der psychologischen Seite 
her, warum die meisten Süchte mit starker Abmagerung und Ver- 
nachlässigung der Ernährung einhergehen, warum — nach einer Angabe 
von Lewin (loc. cit. S. 70.) — z. B. beim Koka-Kauer „das Hungergefühl 
den mangelhaft ernährten Körper längere Zeit hindurch nicht überkommt". 
Der großartige pharmakotoxische Orgasmus hat die Rudimente des alimen- 
tären aufgezehrt, die als Lustprämie die Ernährung und Verdauung sichern. 

Der ubw „Gewissensspannung" (Schuldgefühl) können wir dagegen keine 
spezifische Rolle in der Ätiologie der Süchte zuschreiben. Ihre Bedeutung 
in den schweren Fällen von Sucht ist ähnlich, wie in den schweren Fällen 
von Neurose. Aus ihrem Nachweise allein — so bedeutsam dies praktisch 
auch sein mag — kann man nichts darüber ersehen, warum eine Person 
gerade an einer Neurose erkrankte, der Sucht verfiel, zum Verbrecher 
oder besonders wohltätigen Philanthropen wurde. 

Wir können unser Thema nicht verlassen, ehe wir die gefundenen 
orgastischen Befriedigungsarten einer kurzen vergleichenden Würdigung 
unterziehen. Es erscheint dabei verlockend, den phylogenetischen Gesichts- 
punkt heranzuziehen. Will man nicht annehmen, was kaum glaubwürdig 
erscheint, daß die orgastische Befriedigungsart in der aufsteigenden Tier- 
reihe erst mit Ausbildung der Begattungsorgane als Neuheit auftritt, so 
muß man aus rein entwicklungsgeschichtlichen Gründen zwingend zur 
Anschauung gelangen, daß der alimentäre Orgasmus ihre ursprüngliche 
Form darstellt, demnach die höchste Lustfunktion der primitiven Lebe- 
wesen an ihre wichtigste Selbsterhaltungsfunktion geknüpft ist. 1 Die Onto- 
genie würde so in der Säuglingsperiode eine Bildung jener Entwicklungs- 
phase wiederholen, um sie — was sicherlich auch nur eine Wiederholung 
aus der Phylogenese ist (Raubtiere !) — eine Weile in ernstem Wettstreit 
mit der heranreifenden Genitalität zu belassen. 2 Dies wäre auch die Auf- 
klärung der Tatsache, daß sich in der Ontogenese der Komplex der 
„genitalen" Phantasien — und vielfach auch die Abfuhr ihrer Sexual- 
erregung — zunächst an den alimentären Orgasmus hält. Dem alimentären 

1) Wir müssen den alimentären Orgasmus aus biologischen Erwägungen selbst den 
niedrigsten Protisten zuschreiben, die die Nahrungsaufnahme mit ihrem ganzen 
undifferenzierten Zelleib besorgen. Die Auffassung des Orgasmus als „erotischer 
Grundfunktion" und der Zelle als „orgastischer Einheit" eröffnet eine interessante 
biologische Perspektive und dürfte die Vorgänge der Zellteilung und Kopulation von 
einer neuen Seite her beleuchten und der experimentellen Forschung zugänglich 
machen. 

2) Den Übergang vom alimentären Orgasmus zur Genitalerotik scheint die orale 
Zone zu vermitteln; über die Beziehungen zwischen Oralität und Genitalität siehe 
die Arbeiten von Helene Deutsch („Psychologie der weiblichen Sexualfunktionen"), 
Bernfeld („Psychologie des Säuglings") und Rank („Zur Genese der Genitalität"). 



Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte 555 

Orgasmus müssen die physiologisch-chemischen Vorgänge der Verdauung 
und Resorption zugrunde liegen. Wir nehmen im Sinne der von Freud 
entwickelten Auffassung über den sexuellen Chemismus an, 1 daß bei diesen 
Vorgängen eine Umsetzung — vielleicht auch ßildung — von Sexual- 
stoffen vor sich geht. Der alimentäre Orgasmus wäre demnach ein 
(endo-)toxisches Phänomen, das eng an die Ernährungsvorgänge geknüpft 
ist. Will man dem Gedankengang Ferenczis 2 folgen, wonach die 
Heranbildung der Genitalität im fortschreitenden Differenzierungsprozeß der 
Phylogenese als Einsetzung und Absonderung eines erotischen Zentrums 
aufzufassen ist, dessen Funktion die Vorgänge der Selbsterhaltung von ihrem 
erotischen Nebendienst entlassen sollte, dann kann man in unserem 
Zusammenhange hinzufügen, daß das Genitale den orgastischen Effekt 
offenbar dem Ernährungsvorgange abgewonnen hat. Die Genitalität hat in 
der Bewirtschaftung der Sexualstoffe — trotz ihrer Dienstbarkeit unter der 
Fortpflanzungsfunktion — sicherlich eine größere Bewegungsfreiheit, als 
dies beim Ernährungsakt der Fall war. Wie sie es mit den toxischen 
Sexualstoffen soweit gebracht hat, dieselben im neuen, genitalen, 
Orgasmus zur explosiven Umsetzung zu bringen, ist einstweilen nicht 
zu ersehen. Mit der Erfindung des pharmakotoxischen Orgasmus aber hat 
der Mensch der Biologie einen Streich gespielt. Auch er hat es der 
Ernährungsfunktion nachgemacht und deren sexualtoxische Begleit- 
phänomene, von ihrer schwerfälligen alimentären Voraussetzung losgelöst, 
zur selbständigen orgastischen Befriedigungsart erhoben. Es könnte sein, daß 
es einmal gelingen wird, mit dem pharmakogenen Orgasmus den genitalen 

nachzubilden. 

Allen drei Formen des Orgasmus ist gemeinsam, daß sie durch 
Abgleichung der erotischen Spannungen zum Schlaf führen; beim alimentären 
Orgasmus richtet sich die freiwerdende Destruktion (hauptsächlich als 
chemische Aggression) gegen die aufgenommene Nahrung, beim genitalen 
und pharmakogenen — dort weit unsichtbarer als hier — gegen den 
eigenen Körperbestand. 

Abschließend noch einige Worte über die Melancholie. Bei der großen 
Bedeutung der oralen Einverleibungsfunktion für diese Erkrankung ist es 
zu erwarten, daß vom alimentären Orgasmus her auch auf ihre Pathologie 
ein neues Licht fallen wird. Wir wollen uns hier nur auf knappe 
Andeutungen beschränken. Die Ähnlichkeit der Manie und Melancholie mit 
dem Rausch, bzw. dem Kater ist bekannt. Wir glauben nun, die bio- 
logischen Vorbilder für beide Phänomenpaare aufzeigen zu können; sie sind 

1) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ges. Schriften, Bd. V. 

3) Versuch einer Genitaltheorie. Int. PsA. Bibliothek Nr. XIV, 1924. 

5G- 



556 Sändor Radö: Die psychisehen Wirkungen der Rauschgifte 

der alimentäre Orgasmus und der langanhaltende, bereits lähmend gewordene 
Hunger. Wenn der Hungernde zur Bestreitung seines Energiebedarfs seinen 
eigenen Körper destruiert, so richtet sich dabei seine Aggression im letzten 
Grunde gegen ehemalige Objekte der Außenwelt, die er sich einverleibt 
und in seinen Bestand eingebaut hatte. Weit entfernt davon, die Bedeutung 
solcher Analogien zu überschätzen, sind wir doch überrascht zu sehen, wie 
getreu die Melancholie diese Vorgänge auf rein psychischem Gebiete 
wiederholt. Man darf ferner nicht vergessen, daß die rapide Abmagerung 
zu den groben klinischen Begleiterscheinungen der Melancholie gehört. Aber 
auch die häufige Klage der Melancholiker, daß sich ihr Körper zersetzt, 
daß sie ihren Magen, ihre Gedärme verloren haben usw., verrät ihren 
tiefen biologischen Sinn, die schwere Beeinträchtigung der orgastischen 
Alimentärfunktion. Schließlich muß es als beziehungsvoll anerkannt werden, 
daß bei unseren tierischen Vorfahren und vielfach auch heute noch beim 
Säugling der alimentäre Orgasmus einem qualvollen Hungerzustand ebenso 
erst nachfolgt, wie die Manie der Melancholie. 



Inhalt dieses Heftes: 

Seite 

S. Ferenczi (Budapest): Zum 70. Geburtstage Sigm. Freuds 255 

S. Ferenczi (Budapest): Das Problem der Unlustbejahung 241 

Ernest Jones (London): Der Ursprung und Aufbau des Über'Ichs . . .255 

Paul Federn (Wien): Einige Variationen des Ichgefühls 265 

Charles Odier (Genf): Vom Über-Ich 275 

James Glover (London): Der Begriff des Ichs 286 

G. Jelgersma (Leiden): Die Projektion 292 

Robert Wälder (Wien): Über schizophrenes und schöpferisches Denken . 298 

Otto Fenichel (Wien): Die Identifizierung 509 

Edward Glover (London): Einige Probleme der psychonalytischen 

Charakterologie 326 

Franz Alexander (Berlin): Neurose und Gesamtpersönlichkeit . . . .534 

H. Nunberg (Wien): Schuldgefühl und Strafbedürfnis 348 

Karen Horney (Berlin): Flucht aus der Weiblichkeit . . . . . . .360 

Carl Müüer-Braunschweig (Berlin): Zur Genese des weiblichen Über-Ichs 375 
Karl Landauer (Frankfurt): Die kindliche Bewegungsunruhe . . . .379 

Wilhelm Hoffer (Wien): Über die männliche Latenz und ihre spezifische 

Erkrankung 39 * 

Ernst Blum (Bern): Zur Psychologie von Studium und Examen . . . 400 
I. Sadger (Wien): Ein Beitrag zum Verständnis des Sado-Masochismus .413 
Wilhelm Reich (Wien): Über die Quellen der neurotischen Angst. . . 422 
Isador H. Coriat (Boston): Ein Typus von analerotischem Widerstand . . 432 
M. W. Wulff (Moskau): Widerstand des Ichideals und Bealitätsanpassung 456 
Robert Hans Jokl (Wien): Die Mobilisierung des Schuldgefühls . . . 444 
Rene Laforgue (Paris): Über Skotomisation in der Schizophrenie. . . 451 
L. Pierce Clark (New York): Über die Phantasiemethode bei Analyse 

narzißtischer Neurosen 457 

E. Weiß (Trieste): Der Vergiftungswahn im Lichte der Introjektions- 

und Projektions Vorgänge 4"" 

A. Kielholz (Königs felden) : Analyseversuch bei Delirium tremens . . . 478 
Felix Deutsch (Wien): Der gesunde und der kranke Körper in psycho- 
analytischer Betrachtung 493 

Georg Groddeck (Baden-Baden): Traumarbeit und Arbeit des organischen 

Symptoms • 5°4 

John Rickman (London): Ein psychologischer Faktor in der Ätiologie 

von Descensus uteri, Perineumbruch und Vaginismus 515 

Smith Ely Jelliffe (New York): Psychoanalyse und organische Störung: 

Myopie als Paradigma 5 l 7 

Georg Simmel (Berlin): Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf . . 528 

Sdndor Radö (Berlin): Die psychischen Wirkungen der Bauschgifte . . 540 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien, VII., Anclreasgasse 3 



Sigm. Freud 

Gesammelte Schriften 



Elf Bände in Lexikonformat 

Die Herausgabe besorgten unter Mitwirkung des Verfassers Anna Freud u. A. J. Storfer 

Geheftet M. l80.-, Ganzleinen M. 220.-, Halbleder M. 28O.-, 
Ganzleder (handgebunden in Saffian) M. 680.- 



I 

Studien über Hysterie / Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 1892—99 (Charcot — Ein Fall von hyp- 
notischer Heilung nebst Bemerkungen über die Entstehung hysterischer Symptome durch den ..Gegenwillen - * — Quel- 
ques considerations pour une etude comparative des paralysies motrices organiques et hysteriqucs — Die Abwehr- 
Neuropsychosen — Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomenkomple.x als „Angst- 
neurose" abzutrennen — Obsessions et phobies — Zur Kritik der Angstneurose — Weitere Bemerkungen über die 
Abvvehr-Neuropsychoscn — L'here'dite et l'etiologie des nevroses — Zur Ätiologie der Hysterie — Die Sexualität in 
der Ätiologie der Neurosen - Über Deckerinnerungen) 






II 



Die Traumdeutung 



III 

Ergänzungen u. Zusatzkapitel zur Traumdeutung / Über den Traum / Beiträge zur Traumlehre 

(Märebenstoffe in Träumen — Ein Traum als Beweismittel — Traum und Telepathie — Bemerkungen zur Theorie 
und Praxis der Traumdeutung) / Beiträge ZU den Wiener Diskussionen (Zur Selbstmorddiskussion — Zur 
Onaniediskussion) 



IV 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens / Das Interesse an der Psychoanalyse / Über Psycho- 
analyse (Fünf Vorlesungen an der Clark University in Worcester Mass.) / Zur Geschichte der psychoana- 
lytischen Bewegung 



V 

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie ff. Die sexuellen Abirrungen - II. Die infantile Sexualität — III. Die 
Umgestaltungen der Pubertät — Zusammenfassung) / Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

(Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen — Zur sexuellen Aufklärung der 
Kinder — Die „kulturelle" Sexualmoral und die Nervosität — Über infantile Sexualtheorien — Beiträge zur 
Psychologie des Liebeslebens: Über einen besonderen Typus der Objektivnhl beim Manne. Über die allgemeinste 
Erniedrigung des Liebeslcbens. Das Tabu der Virginität — Die infantile Genitalorganisation — Zwei Kinderlügen — 
Gedankenassoziation eines vierjährigen Kindes — Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexunlität — 
Über den hysterischen Anfall — Charakter und Analerotik — Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik — 
Die Disposition zur Zwangsneurose — Mitteilung eines der psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles 
von Paranoia — Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung — Eine Beziehung zwischen einem 
Symbol und einem Symptom — Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität — „Ein Kind 
wird geschlagen" — Das ökonomische Problem des Maspchismus — Über einige neurotische Mechanismen bei 
Eifersucht, Paranoia und Homosexualität — Über neurotische Erkrankungstypen — Formulierungen über die 
zwei Prinzipien des psychischen Geschehens — Neurose und Psychose — Der Untergang des Ödipuskomplexes) 
Metapsydiologie (Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse — Triebe und 
Triebschicksale — Die Verdrängung — Das Unbewußte — Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre — 
Trauer und Melancholie) 



VI 

2ur Technik (Die Freudsche psychoanalytische Methode — Über Psychotherapie — Die zukünftigen Chancen 
der psychoanalytischen Therapie — Über „wilde" Psychoanalyse — Die Handhabung der Traumdeutung in der 
Psychoanalyse — Zur Dynamik der Übertragung — Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung — 
Über fausse reconnaissance [,,d£ja raconte"] während der psychoanalytischen Arbeit — Zur Einleitung der Behandlung — 
Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten — Bemerkungen über die Übertragungsliebe — Wege der psychoanalytischen 
Therapie — Zur Vorgeschichte der analytischen Technik) / Zur Einführung des Narzißmus / Jenseits des 

Lustprinzips / Massenpsydiologie und Ich-Analyse / Das Ich und das Es / Anhang (Der 

Realitätsverlust bei Neurose und Psychose — Notiz über den „Wunderblock") 



VII 

Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



VID 

Krankeilgesdlidlten (Bruchstück einer Hysterieanalyse — Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben — 
Über einen Fall von Zwangsneurose — Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen 
Fall von Paranoia — Aus der Geschichte einer infantilen Neurose) 



IX 

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten / Der Wahn und die Träume in W. Jensens [ 
„Gradiva" / Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci 



X 

Totem und Tabu / Arbeiten zur Anwendung der Psydioanalyse (Tatbestandsdiagnostik und Psycho- 
analyse — Zwangshandlungen und Beligionsübungen — Über den Gegensinn der Urworte — Der Dichter und das 
Phantasieren — Mythologische Parallele zu einer plastischen Zwangsvorstellung — Das Motiv der Kästchenwahl — 
Der Moses des Michelangelo — Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit : Die Ausnahmen. Die am 
Erfolge scheitern. Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein - Zeitgemäßes über Krieg und Tod - Eine Schwierigkeit 
der Psychoanalyse — Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit" — Das Unheimliche - Eine Teufels- 
neurose im XVII. Jahrhundert) 



XI (befindet sich im Druck) 

Schriften aus den Jahren 1924— 1926 (Die Verneinung — Einige psychische Folgen des anatomischen Ge- 
schlechtsunterschieds - Hemmung, Symptom und Angst - „Selbstdarslellung- - Die Psychoanalyse - „Psycho- 
analyse- und „Libidotheorie" - Die Widerstände gegen die Psychoanalyse) / Geleitworte ZU fremden Werken 
/ Gedenkartikel (S. Ferenczi, zum so. Geburtstag - An Romain Rolland, zum 60. Geburtstag - J. J. Putnam + 
- Viktor Tausk f - Anton v. Freund t - Josef Breuer + - Karl Abraham +) / Vermisdlte Schriften (Zur 
Psychologie der Gymnasiasten - Vergänglichkeit - Meine Stellung zum Judentum - To the opening of the Hebrew 
University - Beispiele aus der Praxis und sonstige kurze Mitteilungen) Bibliographie 1877—1920 / Register 

zu Bd. I — XI / Inhaltsverzeichnis zu Bd. I — XI 



Hermann Hesse in der „Neuen Rundschau": 

Eine große, schöne Gesamtausgabe, ein würdiges und verdienstvolles Werk wird da unter Dach 

gebracht. Es sei diese Ausgabe des Gesamtwerkes herzlich begrüßt. 

Prof. Raymund Schmidt in den „Annalen der Philosophie": 
Druck und Ausstattung sind geradezu aufregend schön. 

Dr. Max Marcuse in der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft": 

Nur mit tiefer Bewegung wird man sich klar, daß es hier galt, das Lebenswerk Freuds, das 
fortan nicht nur der Geschichte der Medizin, sondern schlechthin der Wissenschaftsgeschichte an- 
gehört, abzuschließen und in der endgültigen Passung der Nachwelt zu vermachen. 

Prof. Isserlin im „Zentralblatt f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie": 

Es ist ein ungewöhnlicher und außerordentlicher Eindruck, den man erhält. ... Die Ausstattung 
der Bände ist vorzüglich. 



Gleichzeitig erscheint zum JO. Geburtstag Sigm. Freuds 

IMAGO, Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Natur- und Geisteswissenschaften 

Bd. XII, Heft 2/3 mit folgendem Inhalte 

Sachs: Zum 70. Geburtstage Sigm. Freuds. — Schilder (Wien): Zur Naturphilosophie. — PfUttr 
(Zürich): Die menschlichen Einigungsbestrebungen im Lichte der Psychoanalyse (Von Kant zu 
Freud). — Eder (London): Kann das Unbewußte erzogen werden? — Brun (Zürich): Experimentelle 
Beitrage zur Dynamik und Ökonomie des Triebkonflikts (Biologische Parallelen zu Freuds Trieb- 
lehre). — Pfeifer (Budapest): Umriß einer Bioanalyse der organischen Pathologie. — Simonson 
(Berlin): Über die Anwendbarkeit der Energielehre in der Psychologie. — Stegmann (Dresden): Die 
Psychogcnese organischer Erkrankungen und das Weltbild. — Hermann (Budapest): Das System 
Bw. — Burroiu (Baltimore): Die Gruppenmethode in der Psychoanalyse. — Binswanger (Kreuzungen): 
Erfahren, Verstehen, Deuten in der Psychoanalyse. — Saussure (Genf): Zur psychoanalytischen Auf- 
fassung der Intelligenz. — Sclmeider (Riga): Über Identifikation. — Muller (Leiden): Gefühlstheore- 
tisches auf psychoanalytischer Grundlage. — Störche (den Dolder): Über Tanzen, Schlagen, Küssen 
usw. (Der Anteil des Zerstörungsbedürfnisses an einigen Handlungen.) — Röheim (Budapest): Die 
Völkerpsychologie und die Psychologie der Völker. — A, Bälint (Budapest): Der Familienvater. — 
ClirUtoffel (Basel): Farbensymbolik. — Kouacs (Budapest): Das Erbe des Fortunatus. — Jekels (Wien): 
Zur Psychologie der Komödie. — Hüschmann (Wien): Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns. 

— Friedjung (Wien): Psychoanalyse und Kinderheilkunde. — Klein (Berlin): Die psychologischen 
Grundlagen der Frühanalyse. — V. Schmidt (Moskau): Die Bedeutung des Brustsaugens und des Finger- 
lutschens für die psychische Entwicklung des Kindes. — Pä/zl (Prag): Zur Metapsychologie des „deja 
vu". — Levi-Bianchini (Teramo): Libido-Mneme, Mystizismus und Hellsichtigkeit bei einem Kinde. 

— H. Deutsch (Wien): Okkulte Vorgänge während der Psychoanalyse. — Winter stein (Wien): Zur 

Psychoanalyse des Spuks. — Reik (Wien): Drei psychoanalytische Notizen. 



In Vorbereitung befindet sich: 

Index Psydioanalyticus 

1893 -1925 

Eine Bibliographie psychoanalytischer Schriften 
Zusammengestellt von Dr. John R i c km an 

Die Bibliographie berücksichtigt, nach Autoren geordnet, u. a. sämtliche Veröffentlichungen 
Im „Zentralblatt f. Psychoanalyse" (I, II), im „Jahrbuch" (I-VI), In der „Internat. Zeltschr. fc 
Psychoanalyse", der „Image", dem „Internat. Journal of Psychoanalysls", der „Psychonnalytlc 
Review". Es sind sowohl Originalarbeiten als kurze Mittellungen, Übersetzungen, Auszüge 
angeführt; die In den einzelnen „Berichten" und „Sammelreferaten" enthaltenen Biblio- 
graphien sind ganz aufgenommen worden; ebenso die von Psychoanalytikern rezensierten 
Bücher, die sich mit Psychoanalyse oder nahen Gebieten beschäftigen. — Mit 

3000 - 4OOO Titelangaben 

ist die angestrebte Vollständigkeit nahezu erreicht. 
Der Ladenpreis wird voraussichtlich Mark 10. — sein {in Ganzleinen). 






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