i
Internationale Zeitschrift
für Psychoanalyse
Herausgegeben von Sigm. Freud
XIII. Band 1927 Heft 4
Fetisdiisraus
Von
Sigm. Freud
In den letzten Jahren hatte ich Gelegenheit, eine Anzahl von Männern,
deren Objektwahl von einem Fetisch beherrscht war, analytisch zu studieren.
Man braucht nicht m erwarten, daß diese Personen des Fetisch wegen
die Analyse aufgesucht hatten, denn der Fetisch wird wohl von seinen
Anbängem als eine Abnormität erkannt, aber nur selten als ein Leideos-
Symptom empfunden; meist sind sie mit ihm recht zufrieden oder lohen
sogar die Erleichterungen, die er ihrem Liebesleben bietet. Der Fetisch
spielte also in der Regel die Rolle eines Nebenbefundes.
Die Einzelheiten dieser Fälle entziehen sich aus naheliegenden Gründen
der Veröffentlichung. Ich kann darum auch nicht zeigen, in welcher
Weise zufällige Umstände zur Auswahl des Fetisch beigetragen haben. Am
merkwürdigsten erschien ein Fall, in dem ein junger Mann einen gewissen
„Glanz auf der Nase" zur fetischistischen Bedingung erhoben hatte. Das
fand seine überraschende Aufklärung durch die Tatsache, daß der Patient eine
englische Kinderstube gehabt hatte, dann aber nach Deutschland gekommen
war, wo er seine Muttersprache fast vollkommen vergaß. Der aus den ersten
Kinderzeiten stammende Fetisch war nicht deutsch, sondern englisch zu lesen,
der „Glanz auf der Nase" war eigentlich ein „Blick auf die Nase"
(glance = Rlick), die Nase war also der Fetisch, dem er übrigens nach
seinem Belieben jenes besondere Glanzlicht verlieh, das andere nicht
wahrnehmen konnten.
Die Auskunft, welche die Analyse über Sinn und Absicht des Fetisch
gab. war in allen Fällen die nämliche. Sie ergab sich so ungezwungen
und erschien mir so zwingend, daß ich bereit bin, dieselbe Lösung
allgemein für alle Fälle von Feiischismus zu erwarten. Wenn ich mm
Int. Zifitschr. f. PirchoanalT», XIIIf4. «6
a
INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALVTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
374 Slgm. Freud
mitteüe, der Fetisch ist ein Peiiisersatz. so werde ich gewiß Enttäuschung
hervorrufen. Ich beeile mich darum hinzmufügeo, nicht der Ersatz eines
beliebigen, sondern eines bestimmten, ganz besonderen Penis, der in frühen
Kinderjahren eine große Bedeutung hat, aber spater verloren geht. Das
heißt: er sollte normalerweise aufgegeben werden, aber gerade der Fetisch
ist daiu bestimmt, ihn vor dem Untergang zu behüten. Um es klarer zu
sagen, der Fetisch ist der Ersatz für den Phallus des Weibes (der Mutter),
an den das Knäblcin geglaubt hat und auf den es — wir wissen warum
— nicht verzichten will'
Der Hergang war also der. daß der Knabe sich geweigert hat, die
Tatsache seiner Wahrnehmung, daß das Weib keinen Penis besitzt, zur
Kenntnis zu nehmen. Nein, das kann nicht wahr sein, denn wenn das
Weib kastriert ist, ist sein eigener Penisbesitz bedroht, und dagegen sträubt
sich das Stück Narzißmus, mit dem die Natur vorsorglich gerade dieses
Organ ausgestattet hat. Eine ähnliche Panik wird vielleicht der Erwachsene
später erleben, wenn der Schrei ausgegeben wird. Thron tmd Altar sind
in Gefahr, und sie wird zu ähnlich unlogischen Konsequenzen führen.
Wenn ich nicht irre, würde Laforgue in diesem Falle sagen, der Knabe
„skotomisiert die Wahrnehmung des Penismangels beim Weibe.- Ein
neuer Terminus ist dann berechtigt, wenn er einen neuen Tatbestand
beschreibt oder heraushebt. Das Hegt hier nicht vor; das älteste Stück
unserer psychoanalytischen Terminologie, das Wort „Verdrängung", bezieht
sich bereits auf diesen pathologischen Vorgang. Will man in ihm das
Schicksal der Vorstellung von dem des .Affekts schärfer Irennen, den Aus-
druck „Verdrängung" für den Affekt reservieren, so wäre für das Schicksal
der Vorstellung „Verleugnung" die richtige deuUche Bezeichnung. „Skotomi-
sation" scheint mir besonders ungeeignet, denn es weckt die Idee, als
wäre die Wahrnehmung glatt weggewischt worden, so daß das Ergebnis
dasselbe wäre, wie wenn ein Gesichtseindruck auf den blinden Fleck der
Netzhaut fiele. Aber unsere Situation zeigt im Gegenteil, daß die Wahr-
nehmung geblieben ist und daß eine sehr energische Aktion unternommen
wurde, ihre Verleugnung aufrecht zu halten. Es ist nicht richtig, daß das
1) Diese Deutung ist bereits igio in meiner Schrift „Eine Kindbeitaerinnerung
de« Leonardo da Vinci'" ohne Begründung mitgetcih worden.
2) Ich berichtige mich aber selbst, indem ich iiiniufüge, daQ ich die besten Gründe
habe, anzunehmen. Laforgue würde dies überhaupt nicht lagen. Nach seinen
eigenen Ausführungen ist „Skotom isation" ein Terminus, der aus der Dcslmption
der Dementia praecox stammt, nie!« durch die Übertrogmig psych uanaljti sc her Auf-
fassung auf die Psychosen enUtanden ist und auf die Vorgänge der Entwicklung und
Neurosenbildung keine Anwendung hat. Die Darstellung im Teit bemüht sich, diese
Unverträglichkeit deutlich in machen.
V
t'cIlKdusinus 375
Kind »ich nach seiner Beobachtung am Weibe den Glauben an den Phallui
des Weibes unverändert gerettet hat. Es hat ihn bewahrt, aber auch auf-
gegeben; im Konflikt zwischen dem Gewicht der unerwünschten Wahr-
nehmung und der Stärke des Gegenwunsches ist es zu einem KompramiB
gekommen, wie es nur unter der Herrschaft der unbewußten Denkgeseize
— der Primärvorgänge — möglich i»t. Ja, das Weib hat im Psychischen
dennoch einen Penis, aber dieser Penis ist nicht mehr dasselbe, das er
früher war. Etwas anderes ist an seine Stelle getreten, ist sozusagen zu
seinem Ersatz ernannt worden und ist nun der Erbe des Interesses, das
»ich dem früheren zugewendet hatte. Dies Interesse erfährt aber noch eine
auSerordentliche Steigerung, weil der Abscheu vor der Kastration sich in
der Schaffung diese» Ersatzes ein Denkmal gesetzt hat. Als Stigma indelebile
der stattgehabten Verdrängung bleibt auch die Entfremdung gegen das
wirkliche weibliche Genitale, die man bei keinem Peti«chiiten vermißt.
Man überblickt jetzt, wa» der Fetisch leistet und wodurch er gehaltea
wird. £r bleibt das Zeichen des Triumphes über die Kastrations droh ung
und der Schutz gegen aie, er erspart es dem Fetischisten auch, ein Homo-
sexueller zu werden, indem er dem Weib jenen Charakter verleiht, durch
den es als Sexualobiekt erträglich wird. Im späteren Leben glaubt der
Fetiachist noch einen anderen Vorteil seine* Genitalersatzes zu genießen.
Der Fetisch wird von anderen nicht in seiner Bedeutung erkannt, darum
auch nicht verweigert, er ist leicht zugänglich, die an ihn gebundene
sexuelle Befriedigung ist bequem zu haben. Um was andere Männer
werben und sich mühen müssen, das macht dem Fetischisten keine
Beschwerde.
Der Kastrationsschreck beim Anblick des weiblichen Genitales bleibt
wahrscheinlich keinem männlichen Wesen erspart. Warum die einen infolge
dieses Eindruckes homosexuell werden, die anderen ihn durch die Schöpfung
eines Fetisch abwehren und die übergroße Mehrzahl ihn überwindet, das
wissen wir freilich nicht zu erklären. Möglich, daß wir unter der Anzahl
der zusammenwirkenden Bedingungen diejenigen noch nicht kennen, welche
für die seltenen pathologischen Ausgänge maßgebend sind; im übrigen
müssen wir zufrieden sein, wenn wir erklären können, was geschehen ist,
und dürfen die Aufgabe, zu erklären, warum etwas nicht geschehen ist,
vorläufig von uns weisen.
Es liegt nahe, zu erwarten, daß zum Ersatz des vermißten weiblichen
Phallus solche Organe oder Objekte gewählt werden, die auch sonst als
Symbole den Penis vertreten. Das mag oft genug statt^nden, ist aber
gewiß nicht entscheidend, ßci der Einsetzung des Fetisch scheint vielmehr
ein Vorgang eingehalten zu werden, der an das Haltmachen der Erinnerung
376 Sigm, l'rcud
bei traumatischer Amnesie getnafant. Auch hier bleibt das Interesse wie
unterwegs stehen, wird etwa der letzte Eindruck vor dem unheimlichen,
traumatischen, als Fetisch festgehalten. So verdankt der Fuß oder Schuh
seine Bevorzugung als Fetisch — oder ein Stück derselben — dem Umstand,
daß die Neugierde des Knaben von unten, von den Beinen her nach dem
weiblichen Genitale gespäht hat; Pelz und Samt fixieren — wie längst
vermutet wurde — den Anblick der Genitalbehaarung, auf den der ersehnte
des weiblichen Gliedes hätte folgen sollen; die so häufig zum Fetisch
erkorenen Wäichestücke halten den Moment der Entkleidung fest, den
letzten, in dem man das Weib noch für phallisch halten durfte. Ich will
aber nicht behaupten, daß man die Determinierung des Fetisch jedesmal
mit Sicherheit durchschaut. Die Untersuchung des Fetischismus ist all
denen dringend m empfehlen, die noch an der Existenz des Kaitrations-
komplexes zweifeln oder die meinen können, der Schreck vor dem weib-
lichen Genitale habe einen anderen Grund, leite sich z. B. von der
supponierten Erinnerung an das Trauma der Geburt ab. Für mich hatte
die Aufklärung des Fetisch noch ein anderes theoretisches Interesse.
Ich habe kürzlich auf rein spekulativem Wege den Satz gefunden, der
wesentliche Unterschied zwischen Neurose und Psychose liege darin, daß
bei ersterer das Ich im Dienste der Realität ein Stück des Es unterdrücke,
während es sich bei der Psychose vom Es fortreißen lasse, sich von einem
Stück der Realität zu lösen ; ich bin auch später noch einmal auf dasselbe
Thema zurückgekommen.' Aber bald darauf bekam ich Anlaß, zu bedauern,
daß ich mich so weit vorgewagt hatte. Aus der Analyse zweier junger
Männer erfuhr ich, daß sie beide den Tod des geliebten Vaters im zweiten
und im zehnten Jahr nicht zur Kenntnis genommen, „skotoraisiert" hatten
— und doch hatte keiner von beiden eine Psychose entwickelt. Da war
also ein gewiß bedeutsames Stück der Realität vom Ich verleugnet worden,
ähnlich wie beim Fetischisten die unliebsame Tatsache der Kastration des
Weibes. Ich begann auch zu ahnen, daß analoge Vorkommnisse im Kinder-
leben keineswegs selten sind, und konnte mich des Irrtums in der
Charakteristik von Neurose und Psychose für überführt halten. Es blieb
zwar eine Auskunft offen ; meine Formel brauchte sich erst bei einem
höheren Grad von Differenzierung im psychischen Apparat zu bewähren ;
dem Kind konnte gestattet sein, was sich beim Erwachsenen durch schwere
Schädigung strafen mußte. Aber weitere Untersuchungen führten zu einer
anderen Lösung des Widerspruch!.
i) „Neurale und Psychose" und der „Realität! verluit bei Neurose und Psychose",
beides in dieser Zeitschrift, Bd. X (1924). [In Gei. Schriften, Bd. V, biw, VI.]
FeiistfaismuB 377
Es stellte sich nämlich heraus, daß die beiden jungen Männer den Tod
des Vaters ebensowenig „skotomisiert" hatten wie die Fetiscbisten die
Kastration des Weibes. Es war nur eine Strömung in ihrem Seelenleben,
welche den Tod des Vaters nicht anerkannt hatte ; es gab auch eine andere,
die dieser Tatsache vollkommen Rechnung trug; die wünsch gerechte wie
die realitätsgerechte Einstellung bcstaDden nebeneinander. Bei dem einen
meiner beiden Fälle war diese Spaltung die Grundlage einer mittelschweren
Zwangsneurose geworden ; in allen Lebenslagen schwankte er zwischen
zwei Voraussetzungen, der einen, daß der Vater noch am Leben sei und
seine Tätigkeit behindere, und der entgegengesetzten, daß er das Recht
habe, sich als den Nachfolger des verstorbenen Vaters zu betrachten. Ich
kann also die Erwartung festhalten, daß im Fall der Psychose die eine,
die real iläts gerechte Strömung, wirklich vermißt werden würde.
Wenn ich zur Beschreibung des Fetischismus zurückkehre, habe ich
anzuführen, daß es noch zahlreiche und gewichtige Beweise für die zwie-
spältige Einstellung des Fetischisten zur Frage der Kastration des Weibes
gibt. In ganz rafGnierten Fällen ist es der Fetisch selbst, in dessen Aufbau
sowohl die Verleugnung wie die Behauptung der Kastration Eingang gefunden
hat. So war es bei einem Manne, dessen Fetisch in einem Schamgürtei bestand,
wie er auch als Schwimmhose getragen werden kann. Dieses Gewandstück ver-
deckte überhaupt die Genitalien und den Unterschied der Genitalien. Nachdem
Ausweis der Analyse bedeutete es sowohl, daß das Weib kastriert sei, als auch,
daß es nicht kastriert sei, und ließ überdies die Annahme der Kastration des
Mannes zu, denn alle diese Möglichkeiten konnten sich hinter dem Gürtel,
dessen erster Ansatz in der Kindheit das Feigenblatt einer Statue gewesen
war, gleich gut verbergen. Ein solcher Fetisch, aus Gegensätzen doppelt
geknüpft, hält natürlich besonders gut. In anderen zeigt sieb die Zwie-
spältigkeit an dem, was der Fetischist — in der Wirklichkeit oder in der
Phantasie — an seinem Fetisch vornimmt. Es ist nicht erschöpfend, wenn
man hervorhebt, daß er den Fetisch verehrt ; in vielen Fällen behandelt er
ihn in einer Weise, die offenbar einer Darstellung der Kastration gleich-
kommt. Dies geschieht besonders dann, wenn sich eine itarke Vater-
identifizierung entwickelt hat, in der Rolle des Vaters, denn diesem hatte
das Kind die Kastration des Weibes zugeschrieben. Die Zärtlichkeit und
die Feindseligkeit in der Behandlung des Fetisch, die der Verleugnung
und der Anerkennung der Kastration gleichlaufen, vermengen sich bei
verschiedenen Fällen in ungleichem Maße, so daß das eine oder das andere
deutlicher kenntlich wird. Von hier aus glaubt man, wenn auch aus der
Feme, das Benehmen des Zopfabschneiders zu verstehen, bei dem sich das
Bedürfnis, die geleugnete Kastration auszuführen, vorgedrängt hat. Seine
37* Sigm, Freud
Handlung vereinigt in »ich die beiden miteinander unvenräglichen
Behauptungen : das Weib hat seinen Penis behalten und der Vator hat das
Weib kastriert. Eine andere Variante, aber auch eine völkerpsychologische
Parallele zum Fetischismus möchte man in der Sitte der Chinesen erblicken,
den weiblichen Fuß zuerst zu verstümmeln und den verstümmelten dann
wie einen Fetisch zu verehren. Man könnte meinen, der chinesische Mann
will es dem Weibe danken, daß es sich der Kastration unterworfen hat.
Schließlich darf man es aussprechen, das Normalvorbild des Fetisch ist
der Penis des Mannes, wie das des minderwertigen Organs der reale kleine
Penis des Weibes, die Klitoris.
GuUi ver-Phanf asien '
Von
S. Ferenczi
Budapest
Herr Präsident, meine Damen und Herren !
Gedatlen Sie. daß ich Ihnen zuerst für die Ehre danke, die Sie mir.
erwieien, als Sie mich aufforderten, den einleitenden Vortrag in der Jnhres-
sitzung Ihrer erlesenen Gesellschaft zu halten. Ich nehme sie weniger als
Ehrung für meine Person denn als Ehrung für die Psyrhoanalyse. Der
Umstand, daß ich vor siebzehn Jahren mii Professor Freud zusammen
in diesem I^nde weilen durfte, ermöglicht mir einen Vergleich zwischen
dem Zustand der Psychoanalyse im Jahre 1909 mit dem heutigen in
Amerika wie in Europa. Außer dem wohlwollenden Interesse zweier
großer amerikanischer Gelehrten, Dr. Stanley Hall und Dr. J.J.Putnam,
wurde die Freudsche Methode nur von einer einzigen Person in Amerika
vertreten, von Dr. A. A. Brill. Damals stand es in Europa aller-
dings nicht sehr viel besser. Wir waren nur eine Handvoll über die
Well verstreuter Pioniere, Generale ohne eine Armee; aber wir waren
doch voller Hoffnung und voller Optimismus am Werke. Unser großer
Reichtum an Hoffnung in jenen Tagen erinnert mich an die alte Anekdote
vom Bettler, der seinen Besitz unter seine Sohne verteilt. Dem ersten sagt
er „Du darfst in Deutschland betteln", dem zweiten „Du bekommst
Ungarn", dem dritten weist er die Schweiz und dem vierten Amerika zu.
Seither haben wir an Ansehen freilieh gewaltig gewonnen und können
uns einer ganzen Armee »on psychoanalytisch interessierten Anhängern
sowohl in Ihrem Lande als in Europa rühmen. — Diese Armee ist in Amerika
anscheinend zahlreicher als in Europa, wenigstens finde ich das Interesse
für Psychoanalyse bei analytisch nicht vorgebildeten Personen hier ver-
breiteter. Wenn ich dies begründen müßte, so wäre ich versucht, zu sagen,
1) Vortrag, gehalten bei der Jahressi ttiing der New York Society for
Cllnical Psychiatry am 9, Deiember igaS. Aus dem englischeo Manuskript
übersetit von Kose Hilferding (Berlin).
380 S. heren od
daß das FreiheiHgefühi, das den amerikanischen Geist kennzeichnet, die
aus bloßem Konservativismus ohne vorherige Prüfung erfolgende Ablehnung
einer jungen Wissenschaft, wie man es an europäischen Universitäten versucht
hat. unmöglich macht. Andererseits gestatten Sie mir wohl die Bemerkung,
daß dieses Freiheitsgefühl nicht ohne schädliche Beimischung ist. ich hatte
Gelegenheit, mich mit einigen hervorragenden Amerikanern zu unterhalten,
die mir sagten, ihr Freiheitsempfinden sträube sich gegen die außer
ordentlich wichtige Vorschrift Freud», daß jeder, der Analytiker werden
will, zuvor selbst eine Analyse durchgemacht haben müsse. Diese Haltung,
fürchte ich. kann Sie aller Vorteile berauben, die Ihnen ans Ihrem Freiheits-
empfinden er^vachsen und Ihnen die Möglichkeit einer richtigen Wertung
der Freudschen Methoden nehmen. Die größere Anzahl von gut aus-
gebildeten Analytikern in Europa und das Vorhandensein verschiedener
. Möglichkeiten zur analytischen Ausbildung an psychoanalytischen Instituten,
die in Amerika nicht existieren, ist woh! der Grund für die weit größere
Anzahl und Bedeutung der wissenschaftlichen Beiträge aus Europa.
Um diesen Vergleich abwusch ließen, möchte ich nur noch folgende
Bemerkungen machen. In Europa ist es Sitte geworden, sich einen großen
Teil der Lebensarbeit Freuds einfach anzueignen und in neuer Aufmachung
und mit neuer Terminologie als Originalarbeilen zu veröffentlichen. In der
amerikanischen Uteratur habe ich dergleichen nicht bemerkt. Andererieitj
scheint man in Amerika, vielleicht unter dem Druck der öffentlichen
Meinung, viel leichter bereit, die verdünnten und verwässerten Lehren
einzelner früherer Freud-Schuler anzunehmen als in Europa. Ich fand hier
auch eine gewisse übertriebene Angst vor der Frage der Laienanalyse.
vermutlich weil in Amerika die gefährlichen Kurpfuscher viel zahlreicher
sind als bei uns. Unter dem Eindruck dieser Gefahr unterschätzen Sie
anscheinend den Nutzen, der uns aus der Mithilfe wirklich gut aus
gebildeter Laien an alytiker in der medizinischen Praxis wie in der sozialen
und der Erziehungsarbeit erwächst. Der Är^lestand ist nicht zahlreich genug,
um sich aller neurotischen Fälle, aller schwer erziehbaren Kinder imd
aller erwachsenen Verbrecher anzunehmen. Außerdem sind wir zur Zu-
sammenarbeit mit ajialj-tisch geschulten nichtärztlichen Forschem, z. B. auf
dem Gebiete der Ethnologie, Pädagogik, Geschichte und Biologie, gezwungen.
Ich hoffe, daß sich diese Meinungsverschiedenheit zwischen Freud und
seinen amerikanischen Schulern bald befriedigend lösen lassen wird.
Ich hatte zuerst die Absicht, Ihnen in meinem heutigen Vortrag eine
allgemeine Darstellung des Verhältnisses zwischen Psychiatrie und Psycho-
analyse zu geben. Aber damit hätte ich die bereiu existierenden zahl
reichen Essays über die Psychoanalyse, die Sie gelesen haben, nur
Gulliver-PhaDtasien
381
um einen vermehrt. Ich ziehe es daher vor, Ihnen an einem konkreten
Beispiel zu zeigen, wie die Psychoanalyse mit einem spezielleren psychia-
trischen Problem fertig wird. Der Gefahren dieses Esperimenis bin ich
mir vollkommen bewußt. Indem ich Sie mitten in den Hexenkessel der
psychoanalytischen Arbeit führe, werde ich sicherlich den Widerstand
aller wachrufen, die nicht gewohnt sind, seelische Symptome mit dem
analytischen Verständnis für Symbole zu betrachten. Ich hoffe, daß der
dadurch hervorgerufene Widerstand nur ein vorübergehender sein und
spätere Erfahrung Sie davon überzeugen wird, daß unsere Wissenschaft
weder so mystisch noch so spekulativ ist. wie sie auf den ersten Blick
erscheinen mag.
Gestatten Sie mir, nunmehr auf den Gegenstand der heutigen Vorlesung
einzugehen. Sie alle haben schon Psychotiker beobachtet, die von Riesen
und Zwergen halluzinierten, wobei diese Halluzinationen von Angst- und
Furchtgefühlen begleitet waren. Zwerge und kleine Tiere erscheinen häufig
in erschreckenden Massen, Mikrop tische und maitroptische illusionäre
Verzerrungen der Umwelt sind zwar etwas seltener, aber bei Alkoholikern
und Hysterikern nichts Ungewöhnliches, Die allen Lehrbücher der Psychiatrie
haben im allgemeinen kaum den Versuch gemacht, diese Art von Sym-
ptomen zu erklären, und soweit sie dies überhaupt unternahmen, versuchten
sie es auf rein physiologischer Grundlage. Eine entoptische Sensation
erklärten sie beispielsweise durch Krämpfe in der Akkoramodationsmuskulatur
des Auges oder durch zirkulatorische Störungen in der Netzhaut bzw. in
den optischen Gehirn Zentren.
Wohl unter dem Einfluß der Freud'schen Lehren beginnen sich die
Psychiater für diese Symptome von einem mehr psychologischen Gesichts-
punkt aus zu interessieren. Manche von ihnen haben diese Symptome al»
liliputanische Halluzinationen bezeichnet.
Die tiefere, psychoanalytische Erklärung dieser Symptomatologie steht
jedoch noch aus. Rückschauend auf zwei Jahrzehnte psychoa^al)^ische^
Arbeit, traue ich et mir zu, diese Frage ein wenig klären zu können. Den
größten Teil meiner diesbezüglichen Erfahrungen habe ich aus den Träumen
von Neurotikem gesammelt, zumal von solchen, die an Angstneurose
litten. Die Träume, in denen Riesen und Zwerge erscheinen, tragen zumeist,
wenn auch nicht durchweg», einen ausgesprochenen Angstcharakter. Zu
weilen wirken sie wie ein Alp, in anderen Fällen dagegen ist die Vergrößerung
oder Verkleinerung einer Person, eines Tieres oder eines Gegenstandes
nicht von einem Angst-, sondern eher von einem gewissen Lustgefühl
begleitet. In Freuds Traumdeutung, der wichtigsten Quelle unserer
psychologischen Kenntnisse vom Wesen des Traumes, finden wir eine
■ ^2 S. i''crenczl
Erklärung für diesen Traumtypns. Freud lehrle uns, daß eine visuelle
Disproponionaliläl stets irgendwie mit der frühesten Kindheit zusammenhänge.
Meine Erfahrungen haben diese Auffassung vollauf bestätigt. Das plötzliche
Erscheinen von Riesen oder vergrößerten Gegenständen ist immer das
Überbleibsel einer Kindheilserinnerung, die zu einer Zeit entstanden war,
ah uns infolge unserer eigenen Kleinheit alle übrigen Gegenstände riesen-
groß erschienen. Die ungewöhnliche Verkleinerung von Gegenständen und
Personen hingegen ist die Folge von kompensatorischen Wunscherfüll nngs-
Phantasien des Kindes, das die Proportionen der furchterregenden Um-
gebung auf ein möglichst geringes Maß reduzieren möchte. In vielen
Träumen ist die Verkleinerungs- oder Vergrößerungstendenz nicht so
deutlich, weil die verkleinerlen oder vergrößerten Personen nicht als
Lebewesen erscheinen, sondern in s}-mbolischer Entstellung. Träume von
Landschaften mit Bergen und Tälern zum Beispiel, die männliche oder
weibliche Körper oder Körperteile darstellen, könnte man psychoanalytisch
als liliputanische Träume bezeichnen, wenn wir die Größen Verhältnisse
des Träumers mit den Großen Verhältnissen der symbolisch von der Land-
schaft dargestellten Personen oder Organe vergleichen. Der Symbolismus
von Treppenhäusern, Häusern und tiefen Schächten als Muttersymbole,
die Erscheinung des Vaters oder »eines Geschlechtsorgans in Form eine»
riesigen Turmes oder Baumes weist gewisse Analogien mit den Gulliverichen
Phantasien auf. Eines der häuügsien Traumbilder ist die Rettung einer
Person aus dem Wasser, der See oder einem liefen Brunnen, die den
Munerleih symbolisieren. Diese Rettungst räume sind von Freud als
symbolische Geburtslräume gedeutet worden. In anderen Fällen, wo der
Traum ein Eindringen in Keller oder unterirdische Räumlichkeiten, Klettern,
Auf- und Abfahren in Fahrstühlen usw. darstellt, erklärt ihn Freud als
eine Verzerrung der Koitusphantasie, gewöhnlich des Koitus mit einer
besonders respektierten weiblichen Person. Nach meiner Erfahrung sind
die Geburtsphantasien, die durch Rettung aus dem Wasser oder Ersteigen
von bzw. Versinken in Gruben dargestellt werden, in den meisten Fällen
doppelt zu deuten. Die oberflächlichere Deutung, die von dem Patienten
ohne weiteres angenommen, zuweilen sogar von ihm spontan angeboten
wird, ist die Geburtsphaniasie. Die verborgenere und nicht so leicht
akzeptierte tlberde terminierung ist die Phantasie über den sexuellen Verkehr
mit einer besonders geschätzten Frau, deren Verehrungs Würdigkeit und
Gefährlichkeit für uns durch die große Proportion des Symbols dargestellt
Vfird. Die Entstellung der Gescblechuverkehrsphantasien in eine symbo-
lische Geburt wird dadurch bedingt, daß es dem Träumer gelungen
\tt, sein e Geschlechtsorgane durch seinen ganzen Korper
CulUvcr-Phantaslen 3^3
zu ersetzen. Das ist meiser Meinung nacb das Haupt-
motiv der HI ipu taniichen Träume.
Sie wissen wahrscheinlich, daß Freud selbst der erste war, der die
Bedeutung der Mutterleibsphantasien für das Unbewußte erkannte. Ich
habe später die Bedeutung dieser Phantasien zn einer Genitaltheorie er-
weitert, in der ich auseinandergesetzt habe, daß der Geschlechtsakt sym-
bolisch den Wunsch darstellt, in die Mutter zurückzukehren. Diese
Phantasien über die Rückkehr in den Mutterleib oder über das .Geboren-
werden aus der Mutter erhöhte nun Rank zum Zentral problem der
ganzen Neurosenpsychologie. Er glaubt, daß das „Trauma der Geburt sowohl
die psychologische Entwicklung des Gesunden wie die Symptomatologie
des Neurotikers bestimme. Freu d lehnt, ebenso wie auch ich, diese ein-
seitige, übertriebene Auffassung ab. Ebensowenig vermögen wir der neuen
therapeutischen Technik zu folgen, die Rank auf seine Theorie vom
Geburtstraum aufbaut." Er scheint dabei viele seiner eigenen werivollen
Beiträge zur Traumpsychologie, speziell zur Überbestimm iheit des Traum-
inhalts und der neurotischen Symptome, vergessen zu haben. Selbst in
Fällen, in denen er die komplizierten Strukturen der Traumfabrikation
berücksichtigt, unierwertet er die wirkliche Bedeutung des sexuellen
Elements und des Kaslrationskomplexes und ist allzu geneigt, jede Assoziation
und jede Phaniatie dei Patienten, die an das Gehunstrauma anklingt,
wortwörtlich zu nehmen.
Erfahrungen mit Gulliverschen Phantasien und Symbolen bei Neuro-
tikern bewiesen mir auf ganz unmißverständliche Weise, daß die Phantasien
über die Geburt oder die Rückkehr in den Mutterleib im allgemeinen
eine Flucht vor dem sexuellen Trauma zu der weniger schrecklichen
Vorstellung des Geboren Werdens bedeuten. Eine meiner letzten Patientinnen
träumte beispielsweise häufig, sie würde in einer Höhle lebendig begraben
oder sie sei ein winziges Persönchen, das rhythmisch über die Speichen
eines sich ganz schnell drehenden Rades hüpfen müsse, dauernd in Gefahr
von dem Rade zerquetscht zu werden. Manchmal überfällt sie auch die
Versuchung, aus dem Fenster zu springen. Alle diese Traum ph an tasion
und Impulse werden von der Patientin selbst als Geburtsvorsiellungen
erklärt, aber die genauere Analyse hat gezeigt, daß der ganze Komplex
von Geburts- und Mutterleibsphantasien nur die lilip manische Entstellung
sexueller Versuchungen war. Dieselbe Patientin träumte häufig von vrinzigen
schwarzen Männlein, und in einer ihrer Assoziationsphanlasien fühlte sie
den Drang, sie alle aufzuessen. Auf diesen Gedanken asso ziierte sie ganz
i) S: Zur KriUk der Ruikächen „Technik der Psych oanalyii!" (Diese Zeitschr.,
Bd. XIII, 1927.)
384 S. Ferenczr
spontan das Essen von schwanen Fäzes und dann das Beißen und Ver-
lehren eines männlichen Gliedes. Durch dieses Aufessen fühlte sie ihren
ganzen Körper gewissermafleo in einen männlichen Penis verwandelt; als
solcher konnte sie in ihren unbewußten Phantasien mit Frauen geschlechtlich
verkehren. Diese Assoziationen enthüllen die männliche Veranlagung der
Patientin sowie die Tatsache, daß ihre winzigen Traumgeschöpfe nicht
bloß die Geburt, sondern in tieferem Grunde ihre sexuellen Neigungen
und ihren Penisneid darstellen.
Einer meiner männlichen Patienten erinnert sich, in seinen jugendlichen
Maslurbationsphantasien ein kleines weibliches Phantasiegeschöpf benüttt
zu haben, das er dauernd in der Tasche bei sich trug, von Zeit zu Zeit
herausnahm und mit ihm spielte. Derselbe Patient hatte sein ganzes Leben
hindurch und auch während der Analyse eine Menge Träume, in denen
er sich in ein riesiges Zimmer versetzt sah. Sie werden schon erraten
haben, daß die sexuelle Potenz dieses Mannes sehr gering war. Er gehört
zu denen, die entweder an ejaculatio praecox oder an völliger Erektions-
unfähigkeit bei einer verehrten und gebildeten Frau leiden und nur bei
Prostituierten potent sind. Das sind nur einige der vielen Beispiele, die
mir bewiesen haben, daß die liliputanischen Mutterleibsphantasien charak-
teristisch sind für solche Personen, deren sexuelle Entwicklung nicht ao
normal verlief, daß sie im Geschlechtsakt den Penis zu einem vollwertigen
Äquivalent des ganzen Körpers erhoben hätten. Auch Freud kam zu der
Schlußfolgerung, daß entsprechend meiner Genitaliheorie Personen, die
dieie Stufe sexueUer Wirklichkeit nicht erreichen können. Phantasien vor-
ziehen, in denen sie das Geschlechtsorgan durch ihren ganzen Körper ersetzen.
Ein Patient mit sehr schwerer Zwangsneurose erzählte mir von seinen
Maslurbationsphantasien; er hätte sich dabei immer als großen Mann
geträumt, der von einem ganzen Harem winziger Frauen umgeben war,
die ihn bedienten, ihn wuschen, ihn streichelten, seine Schamhaare kämmten
und dann mit seinen Geschlechtsorganen spielten, bis die Ejakulation
erfolgte. Bei den beiden zuletzt angeführten Patienten ist die wirkliche
Angst die Kastrationsfurcht, die mit der Idee des Geschlechts Verkehres
verbunden ist, und die Gu 1 1 i v e rs c h e n sowie Mutterleibs-
phantasien sind nur Verschiebungsersatz für die peinliche
Vorstellung, wegen inzestuöser Gelüste kastriert zu werden.
Die Phantasien über das Geburtstrauraa lassen sich sehr gut den Prüfungs-
traumen vergleichen, die bei impotenten Neurotikem häufig in der Nacht
vor einem sexuellen Vorhaben, dem sie sich nicht gewachsen fühlen, vor-
kommen. In der Regel träumen sie voller Angst davon, aus einem Gegen-
sund geprüft zu werden, auf den sie in Wirklichkeit vorzüglich vorbereitet
Cullivcr-Phanlaslcn
385
waren, ja, das Examen bereite erfolgreich bestanden haben. Auch die
Geb unser fahrung ist für uns alle ein erfolgreich bestandenes Examen,
das sich daher dazu eignet, als weniger schrecklicher Ersatz für eine
reale und aktuelle, gefurchtete Sexualaufgabe und die mit ihr verbundene
Kastrat ionsdrohung zu dienen. Der Vergleich von lUiputanischen und
Geburtsphantasien mit Examen sträumen ist, wie ich glaube, auch in der
Hinsicht stichhaltig, daß wir auf kein anderes Trauma so gut vorbereitet
waren, wie auf die Geburt. Die Geburt selbst ist allerdings ein Schock,
wie e< Freud selbst als erster betont hat, aber die Vorbereitung zu den
Schwierigkeiten des extrauterinen Lebens und die große Sorgfalt, die der
mütterliche Instinkt dem Kinde unmittelbar nach der Geburt angedeihen
läßt, machen dieses Trauma so sanft als möglich. Hingegen scheinen
weder Vater noch Mutter einen Instinkt geerbt zu haben, der dem Kinde
bei dessen sexueller Entwicklung behilflich wäre. Im Gegenteil, die Eltern
pflegen durch ihre Kastrationsdrohungen die Kinder einzuschüchtern, und
dies ist das wichtigste und größte „Trauma", das zu Neuras enbildungen
führt. — Vorübergehende oder „passag^re Symptome, die ich bei Analysen
beobachtet habe, enthüllten zuweilen eine plötzliche Verschiebung von
GenitalempfinduDgen oder Geschlechtserregungen auf die ganze Körperober-
fläche; beispielsweise erfolgte die hysterische Konversion der Erektion in den
Blutandrang zum Kopf. In einer ganzen Reihe von Fällen ver-
drängter männlicher Homosexualität zeigte es sich, daß in Momenten
sexueller Erregung die ganze Haut Oberfläche vor Hit2e glühte. Es ist nicht
unwahrscheinlich, daß die deutsche Bezeichnung „warmer Bruder" auf
dieses Symptom zurückzuführen ist. In einigen anderen Fällen berichtete
man mir von der plötzlichen Starre der gesamten Körpermuskulatur als
Ersatz für eine Erektion. Die gleiche Erklärung fand ich fiir manche Fälle
von neurotischer Rückensteifigkeit oder vorübergebenden Beinmuskelkrämpfen.
Möglicherweise ist diese Art von hysterischen Konversionssymptomen der
physiologische Untergrund, auf dem sich der psychische Überbau der
Gulliverschen Phantasien erhebt.
Wie ich schon sagte, ist die Neigung zur Vergrößerung und zur
Verkleinerung des männlichen Körpers fast ebenso häufig wie zu der des
weihlichen. Das Assoziationsmaterial von Patienten mit derartigen Phantasien
ist hei männlichen Kindern deutlich mit der Angst des Kindes vor dem
riesigen Vater verknüpft, die aus dem Vergleiche der eigenen Genitalorgane
mit denen des Vaters herrührt.
Die Furcht vor Kastration und Verstümmelung, etwa die Angst vor
Aufgegessen- oder Verschlungen werden, ist im Unbewußten anscheinend noch
großer als die Angst vor dem Tode. So lange wir nicht verstümmelt sind.
betrachtet das Uabewußte da» Begraben-, Ertränkt- oder Venchlu ngen werden
immerhin noch all eine Art Existenz in tato. Da» Unbewu3te vermag
anscheinend die Vorstellung nicht zu fassen, daß der Tod ein völliges Aufhören
der Existenz bedeutet, während selbst die leise symbolische Andeutung einer
Verstümmelung, wie Haai^ imd Nägelschneid en, Drohung mit Schwert,
Messer oder Schere, ja auch nur mit dem Zeigefinger, eine intensive reaktive
Kastrationsangst auslösen kann. Der kleine Knabe denkt »ich in seinen
Träumen und Phantasien lieber ah Zwerg, der von dem furchtbaren Vater
gefressen wird, wobei aber sein Genitalorgan vor Kastration bewahrt bleiben
kann, als daß er sich vorstellte, daß er von natürlicher Größe ist. aber seine
Genitalien der Gefahr einer Verstümmelung ausgesetzt sind. Ebenso zieht
da» kleine Mädchen die orale Phantasie des Gefressenwerdens mit intakten
Genitalorganen der Vorstellung vor, von einem männlichen Glied an ihren
Geschlechtsorganen geschädigt zu werden (was das volle Zugeben der Penis-
losigkeit bedeuten würde).
Ich muß gestehen, daß ich nicht den Mut besessen hätte, Ihnen von
all diesen nur aus Träumen relionstruierten und auf Äußerungen von
Patienten gegründeten unbewußten Phantasien zu erzählen, wenn ich nicht
die Gewißheit hätte, daß gerade Sie als Psychiater häufig Gelegenheit gehabt
haben müssen, sich von der Existenz aktiver und passiver Kastrationstendenzen,
die sich in Psychosen oft ganz deutlich manifestieren, zu überzeugen.
Die theoreliKhe Erklärung für diese hohe Einschätzung des Penis versuchte
ich in meiner Monographie „Versuch einer Genitaltheorie" ' zu geben, in
der ich nachwies, daß das Geschlechtsorgan, speziell der Penis und die
Klitoris, das Lusireservoir des ganzen Individuums igt und von dem Ich
als eine Art zweiter Persönlichkeit geschätzt wird, die ich als libidinöscs
Ich bezeichnet habe. Sie wissen, wie oft Kinder und der Volksmund das
Geschlechtsorgan mit Kosenamen belegen, als ob es ein selbständiges Lebe-
wesen wäre.
Um die Monotonie dieser etwas trockenen und theoretischen Beweis-
führung zu beleben, möchte ich Ihnen einige Stellen aus den beiden ersten
Reisen unseres Freundes und Kollegen Gulliver ins Gedächtnis rufen, in
der IIofTnuQg, daß vielleicht durch sie die Wahrscheinlichkeit meiner
Konstruktionen etwas gesteigert wird.
Nehmen wir die Beschreibung vom Erwachen Gullivers im Lande der
Liliputaner; „Als ich erwachte, war et gerade hell geworden. Ich venucbte
aufzustehen, aber ich war außerstande, mich zu rühren, denn da ich gut
dem Rücken lag, so entdeckte ich, daß meine Arme und Beine auf beiden
i) Internationale Psychoanalytische Bibliothek, 1923.
Gulliver- ['hjmasien 3^7
Seiten kräftig an den Boden gefestelt waren, und auch mein langes und dichtes
Haar war ebenso gebunden. Ich fühlte auch, daß von meinen Achselhöhlen
an bis zu den Schenkeln hinunter mehrere dünne Fesseln quer über meinen
Korper liefen. Ich konnte nur nach oben sehen; die Sonne begann v.u
brennen und das Licht tat meinen Augen weh. Ich hörte rings um mich
ein wirres Gerauich, aber in meiner Lage konnte ich nichts als den
Himmel sehen. Bald darauf spürte ich, wie sich auf meinem linken Bein
etwas Lebendiges bewegte, was vorsichtig über meine Brust weiterstieg und
fast bis an mein Kinn herantrat; als ich nun meine Augen, soweit ich
konnte, nach unten drehte, erkannte ich in ihm ein menschliches Wesen
von nicht ganz sechs Zoll Höhe, das Pfeil und Bogen in den Händen und
einen Köcher auf dem Rücken trug. Zugleich bemerkte ich, daß dem
ersten mindestens vierzig weitere derselben Art (so vermutete ich) folgten.
Ich war aufs höchste erstaunt und brüllte laut auf, so daß sie alle voll
Entsetzen flohen, und einige von ihnen, so erzählte man mir spater, erlitten,
als sie von meiner Seite zu Boden sprangen, im Sturz allerlei Verletzungen."
Diese Beschreibung hat eine große Ähnlichkeit mit den Spukgestalten
unserer neurotischen Patienten, die uns so häufig erzählen, wie sie von
kleinen, auf ihrer Brust sitzenden Tieren und Menschlein erschreckt
werden.
Jemand, der alles durch das Geburtstrauma erklären will, würde
vielleicht den Nacbdruck auf ein anderes Detail legen, auf eine verdächtige
Zahl, die auf Seite 89 dieser Ausgabe' angegeben ist. Gulliver berichtet
dort, er habe neun Monate und dreizehn Tage im Lande der Liliputaner
gelebt, was genau der Dauer der Schwangerschaft entspricht. Dagegen
können wir wiederum die Tatsache anführen, daß die kleinen Liliputaner
gerade sechs Zoll lang sind, und daß diese Zahl in anderer Hinsicht
verdächtig ist, zumal da Gulliver gelegentlich sagt, die Liliputaner seien
„etwas länger als mein Mittelfinger" und weiter, er kötme sich in dieser
Schätzung nicht täuschen, denn „ich habe sie oft genug in der Hand
gehabt". (Er meint die l.iliputanert)
Etwas weitersagt er: „Zweihundert Näherinnen waren damit beschäftigt,
mir Hemden und Wäsche zu machen . . . Sie nahmen mir Maß, wenn
ich am Boden lag; eine trat neben meinen Hals, die andere an die Mitte
meines Beines . . . Dann maßen sie meinen rechten Daumen und mehr
verlangten sie nicht; denn nach einer mathematischen Berechnung ist der
doppelte Umfang des Daumens der einfache Umfang des Handgelenkes
uod so fort bis zum Hals und Gürtel ..." Es ist bezeichnend, daß gerade
t) Swift, Gullivers Travels, Tauchniti Edition.
388 S. Ferenczi
ein Finger, das typische Genitahymbol, als Maßstab des ganzen Körper»
genommen wird. Es wird Ihnen, wie seinerzeit auch mir. die Ähnlichkeit
dieser Phantasie, von so viel kleinen Weibchen bedient zu werden, mit
den Masturbationsphantasien des einen meiner Patienten auFTalleQ. — Die
starken exhibitionisiischen Neigungen Gullivers und wie sehr er wünschte,
von den Liliputanern ob der Größe seines Genitalorgans bewundert zu
werden, offenbart sich sehr deutlich in der folgenden Beschreibung einer
Parade, welche die Liliputancrarmee ihm 7.u Ehren abhielt: „Der Kaiser
wünschte, daß ich meine Beine so weit spreizte, wie ea ohne Unbequem-
lichkeit angängig war, und mich dann gleich einem Kolossus aufstellte.
Hierauf befahl er seinem General .... die Truppen in geschlossener Ordnung
aufzustellen und unter mir durchziehen zu lassen; , . . und zwar sollte das
unter dem Wirbel der Trommeln mit fliegenden Fahnen und eingelegten
Lanzen geschehen . . , Seine Majestät befahl bei Todesstrafe, daß jeder
Soldat im Hinblick auf meine Person den strengsten Anstand wahren
sollte; was freilich ein paar der jüngeren Offiziere nicht hinderte, die
Augen emporzuheben, als sie unter mir durchschritten . . . Und um die
Wahrheit zu gestehen, so war meine Hose damals in so schlechtem Zustand,
daß sie nicht wenig Gelegenheit für Gelächter und Verwunderung ergab,"
Klingt dies nicht genau wie die Trostphaniasie oder der Trosttraum eines
Impotenten, der im Wachen unter der Vorstellung eines zu kleinen Penis
leidet und sich infolge seines Minderwertigkeitsgefühles scheut, seinen
Penis zu zeigen und sich im Traum an der Bewunderung derer erlabt,
deren Penis noch kleiner ist als der seine?
Ein noch schlimmeres Vergehen bringt Gulliver in höchste Todesgefahr.
Ich meine sein Urinieren vor der Kaiserin. Wie Sie vielleicht wissen, ist
Königin oder Kaiserin eines der typischen Symbole der Mutter. In den Gemächern
der Kaiserin bricht ein Feuer aus, das die Liliputaner nicht zu löschen
vermögen. Zum Glück ist unser Held Gulliver bei der Hand und erfüllt
diese heldenhafte Aufgabe in folgender Weise : „Ich hane am Abend zuvor
reichlich von einem köstlichen Wein getrunken . . .. der sehr urintreibend
wirkt. Infolge des glücklichsten Zufalls von der Welt hatte ich noch nicht
den geringsten Teil wieder von mir gegeben. Die Hitze, in die ich durch
die große Nähe der Flammen und durch die Anstrengung, mit der ich sie
zu löschen suchte, geraten war, bewirkte, daß der Wein mich trieb, Urin
zu lassen ; und ich entleerte ihn in solcher Menge und richtete ihn so
trefflich auf die gerährdeten Punkte, daß der Brand in drei Miauten völlig
gelöscht war ..."
Jedermann, der mit der Ausdrucks weise des Unbewußten vertraut isl.
wird wissen, daß eine Brandlöschung im Hause einer Frau, noch dazu durch
Gulliver- Phantasien 389
Hineinurinieren, die kindliche Voretellung vom GeschlechU verkehr darstellt,
in der die Frau durch das Haus symbolisiert wird. Die von Gulliver
erwähnte Hitze ist das Symbol de» leidenschaftlichen Verlangens des Mannes,
(das Feuer ist gleichzeitig ein Symbol der Gefahren, denen sich das
Geschlechtsorgan aussetzt). Und wirklich folgt die Strafdrobung der
Missetat auf dem Fuße und charakteristisch erweise kommt sie vom
Kaiser, diesem typischen Vaters ubstitut. „. . . so konnte ich doch nicht
sagen, wie übel seine Majestät die An aufnehmen würde, auf die ich
ihn vollbracht habe. Denn nach den Grundgesetzen des Reiches sUnd
die Todesstrafe darauf, wenn irgend jemand, wes Standes er auch sein
mochte, innerhalb der Bezirke des Palastes Wasser ließ . . ." „Man
versicherte mir insgeheim, daß die Kaiserin in hellstem Abscheu vor meiner
Tat den entlegensten Flügel des Schlosses bezogen halte . . ., und , . , daß
sie es sich . . . nicht versagen konnte, Rache zu geloben." Die Todesstrafe
wird ihm zwar durch de» Kaisers Gnade erlassen, aber einer Bestrafung
anderer Art kann er nicht entgehen. Das Urteil lautet wie folgt; „Zwar
hat der besagte Quimbus Flestrin (Menschberg)", so nannten die Uliputaner
Gulliver, „in offener Übertretung dos genannten Gesetzes, unter dem
Vorwand, er wolle das Feuer im Gemach der geliebten Kaiseringeraahlin
löschen, tückisch, verräterisch und teuflisch besagtem Feuer in besagten
Gemächern durch Entleerung von Urin Einhalt getan, während er lag und
anwesend war m den Bezirken des besagten königlichen Palastes", aber
gemäß seiner barmherzigen Veranlagung hat der Kaiser ihn nur zum Verlust
der Augen verurteilt, was seine Körperkraft nicht hemmen und ihm weiter
ermöglichen würde, sich seiner Majestät nützlich zu erweisen. Die Strafe
ist, vrie Sie sehen, die gleiche, die König ödipus sich selbst als Strafe
für das sexuelle Zusammenleben mit seiner Mutter auferlegt hatte. Zahllose
psychoanalytische Erfalirungen beweisen übrigens ganz unzweideutig, daß
das Ausstechen der Augen eine symbolische Verzerrung der Kastratio nsslrafe
bedeuten kann.
Aber selbst in dieser Todes- und Verstümmelungsgefahr kann sich unser
Held Gulliver da» Vergnügen nicht versagen, eine Begründung des Urteils-
spruchs anzuführen, nämlich daß er nicht nur imstande war, „das Feuer
durch Entleerung von Urin in die Gemächer Ihrer Majestät zu löschen
sondern zu anderer Zeit auf dieselbe Art und Weise eine Überschwemmimg
herbeiführen könnte, um den ganzen Palast zu ertränken".
Bekanntlich gelang es Gulliver, den ihm so feindlich gewordenen
Liliputanern zu entfliehen, aber das Schicksal verfolgte ihn weiter, und
bei der nächsten Reise fiel er den Riesen von Brobdingnag in die Hände.
Schon die erste Erfahrung mit einem der dortigen Eingeborenen ist eine
Int, Zduchr. f. PirchainalrK. Xlll/t. _
390 S. Fercnczl
symbolische Darstellung der K astrat ionsgefahr. „0er Mann war »o groß wie
ein durchschnittlicher Kirchturm und hatte eine Sichel in der Hand, die
etwa so groß wie sechs Sensen war, Gulliver wäre beinahe von der Sichel
entzweigeschnitten worden, aber da schrie er in seiner Furcht auf, so laut
er nur konnte, worauf ihn die riesige Gestalt mit Zeigefinger und Daumen
packte, wie eine Kuriosität betrachtete und ihn dann als Spielzeug seiner
Frau und seinen Kindern schenkte. Er rief seinem Weibe und zeigte mich
ihr; sie aber schrie auf und lief davon, wie es in England Frauen tun,
wenn sie eine Kröte oder eine Spinne sehen.
Der Abscheu der Frauen vor Spinnen, Kröten und kleinen Kriechtieren
ist als hysterisches Symptom wohl bekannt. Ein Anhänger der Theorie des
Geburtstraumas würde sagen, diese Angst sei nur dadurch bedingt, daß die
kleinen Würmer das Symbol für kleine Kinder seien, die in das Genital-
organ hinein- oder aus ihm herauskriechen konnten. Meine analytischen
Erfahrungen jedoch weisen alle auf die Idee Freuds hin, daß die tiefere
Bedeutung der kleinen Tiere, besonders solcher, die sich rhythmisch
bewegen, in Wirklichkeit eine symbolische Darstellung des Genitalorgani
und der Genitalfunktion sei, ihr Anblick oder ihre Berührung daher den
gleichen Ekel hervorrufe, der die primäre Reaktion der Frau auf die ertte
Berührung mit Genitalien ist. Ich würde nicht ziigern, einen Traum, der
eine solche Szene enthält, als die Identifizierung eines ganzen (hier tierischen)
Körpers mit dem männlichen Geschlechtsorgan zu deuten und ihn den
Fällen an die Seite zu stellen, in denen die Frauen in ihren Träumen
oder Phantasien durch kleine Geschöpfe oder kleine Männergestalten
beun ruhigt werden .
Da er ein Spielzeug wurde, hatte Gulliver Gelegenheit, die intimsten
Funktionen der Riesenfrauen und -mädchen aus nächster Nahe lu
beobachten, und er ist unermüdlich in der Schilderung der fürchterlichen
Eindrucke, die die monströsen Dimensionen in ihm hervorriefen. Nehmen
wir zum Beispiel die Beschreibung, die er von der weiblichen Brust
gibt: „Ich muß gestehen, daß ich mich noch nie so geekelt habe, wie
bei dem Anblick ihrer ungeheuren Brust; ich weiß gar nicht, womit
ich sie vergleichen soll, um dem wißbegierigen Leser von ihrem
Umfang, ihrer Gestalt und Farbe eine Vorstellung zu geben. Sie
ragte sechs Fuß vor und konnte nicht weniger als sechzehn Fuß
Umfang haben. Die Warze war etwa halb so groß wie mein Kopf,
und die Farbe sowohl der Warze wie des Hofes war so mit Flecken,
Sommersprossen und Finnen übersät, daß nichts ekelhafter aussehen konnte;
ich iah sie ganz nah, denn sie setzte sich, um das Kind bequemer säugen
zu können, und ich stand auf dem Tisch. Ich mußte an die weiße Haut
Cullivcr'Phantnsien
391
anserer englischen Damen denken, die uns so schön erschemeti, weil sie
von unserer Größe sind und weil man ihre Mängel nur durch ein
Vergrößerungsglas sehen kann ; da freilich lehrt uns die Erfahrung, daß
die glätteste und weißeste Haut rauh und grob und mißfarben aussieht."
Es wäre meiner Meinung nach eine bei den Haaren herbeigezogene Deu-
tung, wenn wir die Angst vor den großen Löchern in der Frauenhaut mit der
Erinnerung an das Geburtstrauma erklären wollten. Es ist viel wahr-
scheinlicher, daß Gulliver einen Männertypus verkörpert, dessen sexueller
Mut in Gegenwart einer jungen, zarthäutigen, englischen Dame schwindet,
und der sich lieber über die Schwere der zu erfüllenden Aufgabe und die
Reizlosigkeit des Gegenstandes seiner Liebe beklagt, als daß er sich seine
eigene Unzulänglichkeit eingesteht. — Ein interessanter Kontrast zu der
heroischen Feuerlöschaktion wird in einem späteren Kapitel gegeben, in
einer Szene, in der Gulliver sich genötigt fühlt, in Gegenwart einer der
Riesenfrauen Urin zu lassen. Er winkte ihr, nicht hinzusehen und ihm
nicht zu folgen; dann versteckte er sich zwischen zwei Sauerampferbläitem
und befriedigte dort die Bedürfnisse der Natur. Ferner berichtet er, daß
die jungen Ehrendamen ihn oft aus bloßem Vergnügen betrachteten und
befühlten. „Sie zogen mich oft vom Scheitel bis zur Sohle nackt aus und
legten mich in voller Länge zwischen ihre Brüste, wovor ich mich sehr
ekelte. Denn, um die Wahrheit zu sagen, so entstieg ihrer Haut ein sehr
unangenehmer Geruch. Ich sage das nicht, um dieien ausgezeichneten
Damen, vor denen ich jede Achtung habe, etwas anzuhangen . . . Am
meisten beunruhigte es mich bei diesen Ehrendamen . . ,, daß sie mich
ganz ohne Förmlichkeiten als ein Geschöpf behandeilen, das in keiner
Weise zu beachten war. Sie zogen sich in meiner Gegenwart splitternackt
aus und legten ihre Hemden ab, während ich genau vor ihren nackten
Leibern auf dem ToiJettetisch stand ; und freilich war das für mich
keineswegs ein verführerischer Anblick, und es löste in mir keinerlei andere
Erregungen aus als die des Grauens und des Abscheus. Ihre Haut erschien
mir. wenn ich sie aus der Nähe sah, als rauh, uneben und scheckig ; und
überall lag hier und da ein tellergroßes Mal und Haare hingen daraus
hervor, die waren dicker als Bindfäden; nicht zu reden erst von dem Rest
ihrer Gestalt. Sie besannen sich auch keineswegs, in meiner Gegenwart
zu entleeren, was sie getrunken hatten; und oft war es eine Menge von
wenigstens zwei Oxhoften ; und das Gefäß faßte mehr als drei Stuckfässer.
Die hübscheste unter diesen Ehrendamen, ein angenehmes, lustiges Mädchen
von sechzehn Jahren, setzte mich zuweilen rittlings auf eine ihrer Brust-
warzen; und so machte sie noch viele andere Scherze, die ich nicht allzu
lehr bis ins einzelne schildern will, was der Leser gewiß entschuldigt.
391 S. Ferenczi
Mir mißfiel das alles so sehr, daß ich Gl umdal klitsch anflehte, irgend eine
Entschuldigung zu ersinnen, damit ich jene junge Dame nicht mehr zu
sehen brauchte."
Sie wissen sicherlich, daß nach den Erfahrungen der Psychoanalyse zwei
in der gleichen Nacht geträumie Träume sich häufig gegenBeilig illustrieren.
Das gleiche könnte man von den beiden ersten Kapiteln von „Gullivers
Travels" behaupten. Die Abenteuer beiden Liliputanern stellen den Wunsch-
erfüllungsteil des Traumes dar, eine Beschreibung der eigenen Größe und
männlichen Potenz. Die schrecklichen Erfahrungen in Brobdingnag erhellen
uns die Motive der Selbst Vergrößerungstendenz, d. h. die Angst vor dem
Venagen im Wettbewerb und Kampf mit anderen Männern und die Impotenz
gegenüber den Frauen,
Natürlich finden sich in dieser zweiten Beise auch Andeutungen von
Geburts- und Mutterleibssituationen. Wahrend der ganzen Dauer seinem
Aufenthaltes im Lande der Riesen wird Gulliver von einem jungen Mädchen
in einer Reiseschachtel herumgetragen, in der an den vier Enden der
Decke mit seidenen Stricken eine Hängematte befestigt ist, um die Stöße
abzuschwächen; und die Art, wie er schließlich dem gefälirlichen Lande
der Riesen entkam, ist noch bezeichnender. Er erwachte aus dem Schlaf
und fühlte, wie seine Schachtel sehr hoch in die Luft emporgehoben und
mit ungeheurer Geschwindigkeit vorwärts getragen wurde. „Der erste Stoß
hätte mich fast aus meiner Hängematte herausgeschleudert, nachher aber
war die Bewegung sehr glaii . . . Jetzt begann ich zu merken, in welcher
grauenhaften Lage ich war. Irgendein Adler hatte mit dem Schnabel den
King meiner Schachtel gepackt, um sie wie eine Schildkröte in ihrer
Schale auf irgendeinen Felsen fallen zu lassen und meinen Leib heraus-
zupicken und zu verschlingen." „Ich hörte, wie anscheinend dem Adler
mehrere Schläge oder Stöße versetzt wurden . . ., und dann fühlte ich
plötzlich, wie ich über eine Minute lang senkrecht hinunterstürzte, und
r.war mit so unglaublicher Geschwindigkeit, daß mir fast der Atem verging.
Mein Fall endete mit einem furchtbaren Klatschen, das mir lauter in den
Ohren gellte als der Katarakt des Niagara; dann war ich eine weitere
Minute lang ganz im Dunkeln, und schließlich stieg meine Schachtel so
hoch, daß ich oben durch meine Fenster Licht sehen konnte. Ich merkte
jetzt, daß ich ins Meer gefallen war . . . Ich stieg mit vieler Mühe aus
der Hängematte . . ., um Luft hereinzulassen, denn ich erstickte fast vor
Atemnot. Wie oft wünschte ich nun, bei meiner lieben Glumdalklitsch
zu sein (so hieß das Mädchen, daß ihn herumtrug und dessen Spielzeug
et war), von der mich eine einzige Stunde so weit getrennt hattet
Kün Analytiker würde etwas dagegen einwenden, wenn man dieses
Gulliver-Phantasleit 393
Entkommen ah Geburtsphantasie zu deuten versuchte, als das natürliche
Ende der Schwangerschaft, die durch das Herumtragen in der Schachtel
dargestellt wird. Hingegen haben wir in den Träumen gleicher Art keinerlei
Anhaltspunkt dafür, daß diese Szene Details der individuellen Geburt dar-
stellt, wie Rank annimmt. Es ist viel wahrscheinlicher, daß Gulliver
und die anderen von Geburtsphantasien träumenden Personen ganz reale
sexuelle Gefahren, denen sie sich nicht gewachsen fühlen, zu Schädigungen
aus der Kindheit oder gar des Fötallebens verwandeln und verkleinern. —
Fast als ob der Autor uns nicht im Zweifel darüber lassen wollte, daß in
Gullivers erster Reise der gesamte Körper wirklich das männliclie Glied
und den Geschlechtsverkehr darstellt, fügt er der Heschreibung de» Ent-
kommens noch hinzu, eines der wenigen Andenken, die er von der Riesen-
mutter gerettet habe, sei „ein goldener Ring, den sie mir in sehr liebens-
würdiger Weise zum Geschenk gemacht halte, indem sie ihn vom kleinen
Finger zog und mir wie ein Halsband über den Kopf warf". Folkloristen
und Psychoanalytiker sind übereio stimmend der Ansicht, daß die Sitte des
Eheringes eine symbolische Darstellung des Geschlechtsaktes ist, wobei
der Ring das weibliche und der Finger das männliche Geschlechtsorgan
bedeutet, und wenn die Riesin ihren Ring vom kleinen Finger zieht und
ihn Gulliver um den Hals wirft, so drückt sie durch diese Geste lediglich
aus, daß nur Gullivers Kopf ausreichen würde, die sexuelle Aufgabe zu
erfüllen, zu der normalerweise ein Glied von Fingergroßc genügt.
Die bemerkenswerte Vielde von Ertatzobj eklen vertrelen werden kann, „deren doch keines voll genügt'^.
Ich habe diese Erklanuig niu' in dem Pimkte ergäntt, daß iii diesem Suchen nach
dem ..eigentlichen" Objekt das Abgesto Bens ein von dem jeweils gefundenen Objekt
dureh da? Verbot, dat der Erfüllung so leicht anhaftet, hinzukommt.
400 Karen Homey
einerseits besonders iuzestgebunden, anderseits durch ihre Isoliertheit auf
eine feste Struktur der Familie besonders angewiesen waren, eine gewisse
psychologische Weisheit lag, wenn wir die unbewußte Tendenz zugrunde
legen, der Ehe heftigere Erschütterungen fernzuhalten.
Innerhalb der Ehe selbst sehen wir, wie von allen Instanzen in uni
solche Bedingungen geschaffen werden können. Da sind von seilen des Es
genitale Hemmungen aller Art von einer bloßen sexuellen Reserve dem
Ehepartner gegenüber, die Variationen der Vorlust oder des Verkehrs nicht
gestattet, bis zur völligen Impotenz, respektive Frigidität. Weiter sehen wir
von seilen des Ich Beschwichtigungen oder Rechtfertigungen ausgehen, die
sehr verschieden aussehen können. Die eine kommt einer Art Verleugnung
der Ehe gleich, zeigt sich bei Frauen häufig darin, daß sie gewissermaßen
die Tatsache ihrer Verheiratung nur äußerlich zur Kenntnis nehmen, aber
nicht innerlich erleben, daher immer wieder darüber erstaunt sind, sich
leicht mit ihrem Mädchennamen unterschreiben, einen mädchenhaften Ein-
druck machen usw.
Unter demselben Druck einer inneren Nötigung, die Ehe vor dem
eigenen Gewissen zu rechtfertigen, nimmt das Ich aber nicht sehen auch
eine entgegengesetzte Haltung der Ehe gegenüber ein ; die der Überbetonung
der Ehe, genauer der Überbotonung der Liebe zum Ehepartner. Man könnte
sie mit einem Schlagwort „die Rechtfertigung durch die Liebe" nennen,
etwa wie auch vor dem Strafrecht der Verbrecher aus Liebe eine mildere
Beurteilung erfähn. Freud hat in seiner Arbeit über einen Fall von weiblicher
Homosexualität gesagt, daß man sich über nichts so unklar zu sein pflege,
wie über Grade der Zuneigung oder Abneigung, die man für einen Men-
schen empfinde. Dies trifft für die Ehe in ganz ausgesprochenem Maße zu,
und zwar häufig in dem Sinne, daß der Grad der Liebe überschätzt wird.
Ich habe mich lange gefragt, wie das zu ventehen sei. Daß man in
flüchtigen Beziehungen einer solchen Täuschung leicht unterliegt, ist am
Ende noch nicht so verwunderlich, aber in der Ehe, — sollte man meinen,
— daß nicht nur die Dauer, sondern auch die häufigere sexuelle Erfüllung
geeignet sei, die Sexual Überschätzung und die damit zusammenhängenden
Illusionen abzubauen. Die nächstliegende Antwort war die, daß man das
begreifliche Bestreben habe, die großen psychischen Kosten einer Ehe durch
ein großes Gefühl vor sich selbst zu begründen und darum an diesem
Gefühl auch über dessen lebendige Dauer hinaus festzuhalten. Diese
Erklärung reicht indessen nicht sehr tief; sie entspräche etwa dem Bedürf-
nis zur Synthese, das wir von selten des Ich kennen, und dem wir schon
eine Fälschung zugunsten einer einheitlichen Gefühls einst eil tmg in einer
so lebenswichtigen Beziehung zutrauen dürfen.
I
Die monogame Forderung 40'
Sehr vie! tiefer reicht auch hier die Relation zum Ödipuskomplex. Wir
sehen nämlich, daB mit dem Gebot und Gelübde der Liebe und Treue
zum Gatten, das am Anfang der Ehe steht, für das Unbewußte das vierte
Gebot erneuert wird. Den Ehepartner nicht zu lieben, wird damit auch für
das Unbewußte eine ebenso große Sünde, wie die Nichterfüllung des
vierten Gebotes den Eltern gegenüber, und auch in dieser BeziehuDg: der
Unterdrückung des Hasses und der Überbetonung der Liebe wiederholt sich
bis auf Einzelheiten genau zwanghaft das früher Erlebte. Ich glaube jetzt,
daß man — jedesfalls in vielen Fällen — dieser Erscheinung erst ganz
gerecht wird, wenn man annimmt, daß auch die Liebe zu den Bedin-
gungen gehören kann, unter denen eine vom Über-Ich verbotene Beziehung
gerechtfertigt erscheint. Das Festhalten an dieser Liebe, respektive ihrer Illu-
sion, hat dann natürlich eine wichtige Ökonomische Funktion und vrird
darum so hartnäckig verteidigt.
Endlich werden wir uns nicht wundern, unter den Bedingungen, unter
denen sich die Ehe gegen ein stärkeres Inzestverbot durchsetzen kann, - —
wie bei einem neurotischen Symptom, — auch die Bedingung des Leidens
zu finden. Die Wege, auf denen sich ein solches Leiden durchsetzen kann,
sind so mannigfaltig, daß man nicht hoffen darf, ihnen in einer kurzen
Skizzierung gerecht zu werden. Darum nur einige Hinweise: da sind ein-
mal wirtschaftliche und berufliche Gegebenheiten, die entweder im Sinne
eines unbewußten Arrangements zu einem Übermaß von Arbeit und Ent-
behrungen, das „für die Familie geleistet werden muß, gestaltet werden,
oder doch als eine solche Belastung empfunden werden. Man denkt weiter
an die so häufige Beobachtung, daß wesentliche Teile der Entwicklung
eines Menschen in beruflicher, charakterlichcr oder geistiger Hinsicht der
Ehe gewissermaßen zum Opfer fallen. Endlich fallen hierunter die zahl-
reichen Fälle, in denen sich der eine Partner zum Sklaven der Ansprüche
de» anderen macht und das Leiden unter dem anderen etwa unter
der bewußten Überzeugung eines bei ihm gesteigerten Verantwortlichkeits-
gefühls willig trägt.
Angesichts solcher Ehen fragt man sich oft verwundert, warum sie
eigentlich nicht auseinandergehen, sondern im Gegenteil oft so fest halten,
und ündet in diesem Zusammenhang die Antwort, daß eben die Erfüllung
der Leidensbedingung den Bestand dieser Ehen garantiert.
Ei ist leicht ersichtlich, daß von hier aus nur eine unscharfe Grenze ist
gegenüber den Fällen, in denen eine Ehe mit einer Neurose erkauft wird,
aber ich möchte auf diese Fälle nicht eingehen, weil hier vor allem die
Verhältnisse innerhalb der Breite des Normalen zur Diskussion stehen.
Es erscheint fast überflüssig, zu erwähnen, daß eine solche Darstellung
402 Karen Homey
den wirklichen Verhältnissen Zwang antut, nicht nur insofern, als jede ein-
zelne dieser Bedingungen auch eine andere Detenninierung zulie6e, sondern
auch insofern, als sie hier zugunsten der Darstellbarkeit isoliert hin-
gestellt sind, während sie sich in Wirklichkeit zu überschneiden pflegen.
So findet sich z. B. ein wenig von diesen gesamten Bedingungen in der
gerade bei wertvollen Frauen nicht seltenen Grundeinstellung der Mütter-
lichkeit, unter der allein ihnen die Ehe möglich zu sein scheint; eine Ein-
stellung, die etwa besagt: ich darf auch dem Manne gegenüber nicht die
Rolle der Frau, der Geliebten spielen, sondern nur die der Mutter mit
aller Fürsorglichkeit und Verantwortlichkeit, die mit dieser Rolle verknüpft
lind — eine Einstellung, die in einer Weise eine gute Gewähr für die Ehe
bietet, aber dennoch durch die zugrunde liegende Liebeseinschränkung eine
Ehe innerlich veröden lassen kann.
Wie auch immer im einzelnen die Auswirkungen jenes Dilemmas eines
Zuviel und eines Zuwenig an Erfüllung sein mögen, überall da, wo es
im größeren Ausmaße lebendig wird, wird beides: Enttäuschung und
Inzestverbot, mit allen seinen Folgen von geheimer Feindseligkeit gegen
den Partner von ihm forttreiben und ihn unwillkürlich neue Objekte
suchen lassen. Dies ist die Grundsituation, aus der heraus die Monogamie
zum Problem wird.
Die anderen Wege, die der freiwerdenclen Libido offen stehen; die der
Sublimierung, der Verdrängung, der regressiven Besetzung alter Objekte
und der Weg zu den Kindern sollen uns heute nicht interessieren.
Die Möglichkeit, daB andere Menschen für uns zu Lieb es Objekten
werden, ist wohl stets als gegeben anzusehen. Sind doch imsere Kindheits-
eindrücke und deren sekundäre Bearbeitungen von einer solchen Mannig-
faltigkeit, daß sie uns in der Regel sogar die Wahl von ganz verschiedenen
Objekten gestatten.
Dieses Suchen nach neuen Objekten kann nun — auch in der Breite
des Normalen -^ müchtige Verstärkungen aus unbewußten Antrieben
erfahren. So sehr nämlich der Sinn der Ehe eine Erfüllung infantiler
Wünsche darstellt, so geht die Möglichkeit solcher Erfüllung doch nur so
weit, als die Entwicklung eines Menschen ihm gestattet, sich wirklich
mit der Rolle von Vater oder Mutler zu identifizieren. Alle Ausgänge des
Ödipuskomplexes, die von dieser fiktiven Norm abweichen, haben das
Gemeinsame, daß man in irgendwelchen wesentlichen Punkten an der
Rolle des Kindes in dieser Trias: Mutter, Vater. Kind, festhält. Die
Wünsche nun, die sich aus solcher Triebeinstellung ergeben, finden in
der Ehe keine direkte Befriedigung.
Diese aus der Kindheit festgehaltenen Liebesbedingungen sind uns aus
Die monogame t'orderung 40S
den Arbeiten Freuds gut bekannt. Darum genügt es, nur mit Stichworten
darauf hinzuweisen, um zu zeigen, wie die Ehe ihrem Sinn nach diese
Bedingungen nicht erfüllen kann. Für das Kind ist das Liebesobjekt unlös-
bar mit der Bedingung des Verbotenen verknüpft — und die Liebe zum
Rhepartner ist nicht nur erlaubt, sondern es besieht sogar die ominöse
eheliche Pflicht. Die Rivalität, also die Bedingung des geschädigten Dritten,
ist dem Sinn der monogamen Ehe nach ausgeschaltet, ja. der alleinige
Anspruch gesetzlich privilegiert. Weiter — genetisch nicht auf einer Stufe,
da die eben genannten Bedingungen aus der Odipussituation selbst stammen,
während die weiteren aus der Fixierung gewisser Ausgangssituationen her-
rühren — die Nötigung, sich im Falle einer zurückgfbliebenen genitalen
Unsicherheit und einer entsprechenden Brüchigkeit im narzißtischen Gefüge
immer wieder Beweise für Potenz oder erotische Anziehungskraft holen
zu müssen. Oder im Falle der unbewußten Wendung zur Homosexualität
die Nötigung, das gleichgeschlechtliche Objekt zu suchen, sei es — von
der Frau aus gesehen — auf dem Umweg über den Ehemann, den man
in Beziehungen zu anderen Frauen hineintreibt; sei es, daß die Ehefrau selbst
solche Beziehungen sucht, in denen eine andere Frau eine Rolle spielt.
Vor allem — als wahrscheinlich praktisch Wichtigstes — im Falle einer
verbliebenen Spaltung im 'Liebesleben die Nötigung, zärtliche und sinn-
liche Liebeswünsche auf verschiedene Objekte zu verteilen.
Es ist leicht ersichtlich, daß alle diese festgehaltenen infantilen
Bedingungen dem monogamen Prinzip ungünstig sind, daß sie vielmehr
zu anderen Objekten treiben müssen.
Diese polygamen Wünsche stoßen nun auf die monogame Forderung
des Partners und auf das in uns selbst ausgebildete Treue-Ideal.
Sehen wir uns zunächst das erstere an. weil ein Verlangen, das von
dem anderen einen Verzicht fordert, gegenüber einem Verzicht, den wir
uns selbst auferlegen, ja, oFTenbar das Primitivere darstellt. Die Herkunft
dieser Forderung liegt — jedenfalls in ihren großen Zügen — klar zutage:
sie ist deutlich eine Wiederbelebung des infantilen Wunsches, Vater oder
Mutter ganz für sich allein zu besitzen. Nun ist das Verlangen nach Aus-
schließlichkeit — entsprechend der öbiquität seines Ursprungs — ja
keineswegs charakteristisch für die Ehe, sie liegt vielmehr im Wesen
jeder vollen Liebesbeziehung. Sie kann natürlich auch in der Ehe eine
reine Liebes forderung bleiben, aber sie ist ihrer ganzen Entstehungs-
geschichte nach so unlösbar eng mit destruktiven, ob jckt feindlichen
Tendenzen verknüpft, daß von der Liebesforderung oft nicht mehr bleibt
als die Fassade, hinter der sich diese feindlichen Tendenzen durchsetzen.
Zunächst zeigt sich dieser Wunsch nach Ausschließlichkeit in Analysen
l
404 Koren Honiey
deutlich als ein Abkömmling der oralen Phase und heißt als lolcher, da8
man den anderen sich einverleiben möchte, um ihn ganz zu besitzen. Er
verrät häufig schon auch bei gewöhnlicher Beobachtung diese seine Her-
kunft in der Besitzgier, die dem anderen nicht nur ein anderes erotisches
Erleben miBgonat, sondern die Eifersucht auch auf Freunde, Arbeit.
Interessen erstreckt. Diese ÄuBerungsformeD bestätigen die theoretische
Erwartung, daß er wie alle oral bedingten Einstellungen die Ambivalenz
in sich trägt. Wenn man gelegentlich den Eindruck hat, als ob der Mann
die naive und ungebrochene monogame Forderung nicht nur tatsächlich
nachdrücklicher durchzusetzen verstanden hat als die Frau, sondern als sei
sie auch triebhaft stärker bei ihm vorhanden, so könnte man sich denken,
daß neben gewichtigen bewußten Gründen — die Sicherung der Vater-
schaft — auch gerade aus dieser Quelle für ihn ein stärkerer Impuls
strömt^ hat er doch beim Stillen der Mutter eine mindestens partielle
Einverleibung erlebt, während das Mädchen auf keine entsprechenden
Erfahrungen beim Vater zurückgreifen kann.
Weitere destruktive Elemente sind mit diesem Wunsch dadurch eng
verlötet, da0 das Verlangen nach der alleinigen Liebe von Vater oder
Mutter früher auf Versagung und Enttäuschung gestoßen war und eine
Reaktion von Haß und Eifersucht ausgelöst halte. Daher liegt gewisser-
maßen hinter der Forderung immer ein Haß auf der Lauer, ein Haß,
der ja auch in der Art, wie die Forderung durchgesetzt wird, meist deut'
lieh zu spüren ist und bei Wiederholung der alten Enttäuschung oft
genug durchbricht.
Die alte Vertagung traf ja aber nicht nur unsere Lieb es wünsche,
sondern auch unser Selbstgefühl an empfindlichster Stelle; und wir wissen,
daß eben an dieser Stelle jeder Mensch eine narzißtische Narbe davon-
getragen hat. Daher wird die monogame Forderung zu einem wesentlichen
Teil späterhin vom Selbstgefühl aus getragen, und zwar um so gebieterischer,
je empfindlicher die Narbe noch ist, die aus jener Kränkung zurück-
geblieben ist. In der patriarchalischen Gesellschaft, in der die Forderung
vor allem vom Manne getragen wird, konunt eben dieses narzißtische
Moment ja auch in dem Odium der Lächerlichkeit, das dem „Hahnrei
anhaftet, deutlich genug zum Ausdruck. Sie ist — auch von hier aus
gesehen — keine L ieb es fordern ng mehr, sondern eine Prestigefrage. Sie
mußte auch gerade in einer männlichen Gesellschaft immer mehr zu einer
Prestigefrage werden, da ja in der Rege! für den Mann Fragen der sozialen
Gellung einen breiteren Raum einnehmen als Liebesfragen.
Die monogame Forderung ist endlich eng verknüpft mit anal -sadistischen
Triebelementen, und diese sind es, die neben den narzißtischen Elementen
der Forderung in der Ehe ihren besonderen Charaiter verleihen. Denn im
Gegensau z« freien Uebesbeziehungen sind Fragen des Besitzes in doppeher
Weise eng mit dem historisch gegebenen Sinn der Ehe verbunden. Daß
die Ehe als solche eine Wirtschaftsgemeinschaft darstellt, spielt hierbei
weniger eine Rolle, als die Anschauung, nach der die Frau als Besitz des
Mannes galt. Diese Elemente treten daher auch ohne besondere individuelle
Betonung analer Züge in der Ehe in Kraft und lassen die Uebesf orderung
zu einer anal-sadisüschen Besitzforderung werden. Elemente dieser Herkunft
treten in krassester Form aus allen Strafbestimmungen gegen die Ehe-
brecherin zutage, verraten sich aber in heutigen Ehen noch offen genug
in den Mitteln, mit denen dieser Forderung Nachdruck verliehen wird;
ein mehr oder weniger liebevoller Zwang und ein immer wacher Zweifel,
beide geeignet, den Partner zu quälen — Mittel, deren Herkunft wir ja
aus der Psychoanalyse der Zwangsneurose kennen.
Primitiv genug sehen also die Quellen aus. aus denen die monogame
Forderung gespeist wird, Daß sie trotz dieser sozusagen bescheidenen Her-
kunft zu einem anspruchsvollen Ideal wurde, diesen Werdegang teilt sie
— wie wir wissen — mit anderen Idealen, in denen sich ja bekanntlich
auch elementare und vom Bewußtsein veruneilte Triebregungen durch-
setzen; und zwar dankt sie es dem Umstand, daß hier die Erfüllung
stärkster, verdrängter Wünsche zugleich eine Reihe sozialer und kultureller
Werte darstellt. Diese Idealbildung ermöglicht es. wie R a d 6 in seiner
Arbeit „Eine ängstliche Mutter"' ausgeführt hat, daß das Ich seine kritische
Urteilsfunktion einschränkt, die ihm sagen würde, daß dieses Verlangen
nach dauernder Ausschi ießlichkeit zwar als Wunsch verständlich, aber als
Forderung nicht nur schwer erfüllbar, sondern auch unberechtigt sei oder
etwa, daß sich in dieser Forderung viel mehr narzißtische und sadistische
Antriebe durchsetzen als eben gerade Liebeswünsche. Die Idealbildung
schafft nach dem Ausdruck Radös dem Ich die „narzii3tische Sicherung",
unter deren Schutz es alle diese sonst verurteilten Triebe ausleben und
sich gleichzeitig dabei im Gefühl, etwas Rechtes und Ideales zu vertreten,
gehoben fühlen darf.
Natürlich ist es verhängnisvoll, daß auch das Gesetz diese Forderungen
sanktioniert; und Reform vorschlage, die von der Einsicht in die Gefahren
ausgehen, die der Ehe gerade aus diesem Zwang erwachsen, pflegen an
diesem letzteren Punkt besonderen Anstoß zu nehmen. Indessen ist diese
gesetzliche Sanktionierung doch wohl nicht mehr als der äußerlich sicht-
bare Ausdruck für den psychischen Werl, den die Forderung für den
i) Radö: Eine ängstliche Mutter, Internat. Zeitichr. f. P.A., XIII, iga^.
Int. ZclUchr. f. PirchowulrK, XIII/*.
406 Karen Horney
Menschen hat. Und wenn wir uns klar jind, auf wie fei [verankerten
Triebgrundlagen sich das Verlangen nach Ausschließlichkeit aufbaut, gehen
wir wohl nicht fehl in der Annahme, daß die Menschheit sich auf alle
Fälle in dieser oder jener Weise eine ideale Rechtfertigung für sie wieder
schaffen wird, wenn ihr die jetzige genommen würde. Außerdem hat die
Gesellschaft, solange ihr an den Werten der monogamen Ehe gelegen
ist. aus Gründen psychischer Ökonomie, ein Interesse daran, zum Aus-
gleich für die dadurch gegebene Triebeinschränkung die Befriedigung
derjenigen elementaren Triebe, die sich hinter der Forderung verstecken,
freizugeben.
Die so im allgemeinen begründete monogame Forderung kann im
Einzelfall an den verschiedensten Punkten Verstärkungen erfahren, einmal
wenn eines der sie konstituierenden Elemente eine übermäßig große Rolle
im Triebhaushalt spielt, ferner aus all den Faktoren, die wir auch sonst
als treibende Kräfte bei der Eifersucht kennen. Wie wir ja überhaupt die
monogame Forderung als eine Sicherung gegen die Qualen der Eifersucht
beschreiben können.
Genau wie wir es von der Eifersucht kennen, kann sie auf der anderen
Seite auch verdrängt sein unter dem Druck von Schuldgefühlen, welche
besagen, daß man den Vater nicht für sich allein besitzen dürfe, oder
dann, wenn andere Tnebzicle sie überlagert haben, wie wir es von den
AuQerungs formen der latenten Homosexualität kennen.
Die polygamen Wünsche stoßen, wie ich sagte, weiter auf das eigene
Treueideal. Im Gegensatz zu der monogamen Forderung aa den Anderen
finden wir für die eigene Treuecinstellung im infantilen Erloben kein
direktes Vorbild; sie besagt ja auch inhaltlich eine Triebeinschränkung,
ist also offenbar nichts Elementares, sondern entspricht bereits einer Trieb-
umwandlung.
Wir haben in der Regel mehr Gelegenheit, sie an der Frau zu studieren,
und stehen hier vor der Frage nach dem Warum. Es ist für uns nicht
die Frage nach der viel behaupteten größeren polygamen Veranlagung des
Mannes; nicht nur, weil wir uns klar sind, daß wir gerade über Fragen
der Veranlagung so wenig Sicheres wissen, sondern auch, weil der
Behauptung in dieser Form durch sich ligcrwcise doch nur der Wert einer
tendenziösen Bearbeitung zugunsten des Mannes zukommt. Immerhin
erscheint die Frage gerechtfertigt, welchen psjchologischen Momenten es
zuzuschreiben ist, daß die tatsächliche Treue des Mannes soviel seltener
ist als die der Frau.
Diese Frage ist darum nicht eindeutig zu beantworten, weil sie von
historisch -so zielen Momenten nicht zu isolieren ist, d. h. inwieweit die
Die nionogamc Forderung
407
größere Treue der Frau nur sekundär bedingt »ein könnte, dadurch, daß
der Mann in jeder Weise seine monogame Forderung stärker durchgesetzt
hat. Ich denke hier nicht nur an die wirtschaftliche Abhängigkeit
der Frau, nicht nur an die drakonischen Bestrafungen der weiblichen
Ehebrecher, sondern auch an viel diffizilere Zusammenhänge, wie Freud
sie in seinem „Tabu der Virginität" deutlich ausgesprochen hat, daß
nämlich die männliche Forderung, die Frau habe als Virgo in die Ehe
zu treten, dem Manne ein gewisses Maß von Hörigkeit von seilen der
Frau sichere.
Vom analytischen Denken her lassen sich zu diesem Problem zwei
Fragen aufwerfen. Die erste: Sollte nicht doch der Umstand, daß der
Koitus für die Frau durch die Möglichkeit der Konzeption eine größere
physiologische Tragweite hat, irgendeine psjxhische Repräsentanz bei ihr
gefunden haben? Mich persönlich sollte es wundem, wenn es nicht so
wäre. Wir wissen hierüber so wenig, weil wir bisher einen Trieb zur
Fortpflanzung niemals isoliert, sondern immer nur in seinen psychischen
Überlagerungen erfassen konnten. Aber sollte nicht z, B. die Tatsache,
daß die Spaltung in seelische und sinnliche Strömungen, die für die
Möglichkeit von Treue so besonders verhängnisvoll ist, eine vorwiegend,
ja, fast spezifisch männliche Einstellung ist, vielleicht das gesuchte psychische
Korrelat zu den biologischen Unterschieden darstellen könnenl?
Die zweite Frage gründet sich auf folgende Überlegung: die Ver-
schiedenheit im .Ausgang des weiblichen und männlichen Ödipuskomplexes
ließe sich etwa auf die Formel bringen, daß der Knabe radikaler «ein
Urobjekt aufgibt zugunsten seines Genital stolzes, während das Mädchen
stärker an die Person des Vaters fixiert bleibt, dies aber offenbar nur
unter der Bedingung kann, daß sie weiter von ihrer Geschlechtsrolle
abrückt. Die Frage würde heißen, ob nicht dieser Untenchied sich im
weiteren Leben in einer grundsätzlich größeren genitalen Hemmung der
Frau dokumentiere, und eben diese ihr die Treue erleichtere — eine
größere Hemmung, wie sie in der ungleich stärkeren Verbreitung der
Frigidität, als der Impotenz zum Ausdruck kommt.
Wir sind damit schon zu einem der Faktoren gekommen, die man
geneigt sein könnte, ganz generell als Vorbedingung für die Möglichkeit
zur Treue anzusehen: die genitale Hemmung. Indessen zeig^ uns ein Blick
auf die Neigung frigider Frauen oder seh wach potent er Männer zur Untreue,
daß in dieser Form die Bedingung vielleicht nicht falsch, aber sicher zu
weit gefaßt ist.
Etwas weiter führt die Beobachtung, daß sich bei den Menschen mit
Ewanghafter Treue die sexuellen Schuldgefühle oft hinter den konven-
40S Karen llorney
tionellen Verboten verstecken.' Alles konventionell Verbotene, also damit
auch jedes auBereheliche Erleben, wird dann mit der ganzen Schwere der
unbewußten Verbote belastet und wird durch diese Belastung so gewichtig.
Wie zu erwarten, treffen wir diese Schwierigkeit bei denselben Menschen,
denen auch die Ehe selbst nur unter Bedingungen gestattet ist.
Diese Schuldgefühle werden aber spe/.iell auch dem Ehepartner gegen-
über empfunden. Denn dieser übernimmt für das Unbewußte nicht nur
die Rolle des begehrten und geliebten Elternteils, sondern es können sich
ihm gegenüber auch die alte Angst vor Verboten und Strafen wieder-
holen. Insbesondere werden dann die alten Schuldgefühle wegen Onanie
reaktiviert und schaffen so, unter dem Druck des vierten Gebotes, dieselbe
schuldbeladene Atmosphäre von übermäßigen Verpdichtungsgefühlen,
respektive einer reaktiven Gereiztheit — oder von Unoffenheit. respektive
der reaktiven Angst, ja nicht« vor dem anderen zu verheimlichen. Ich
möchte vermuten, daß die Beziehung UnUeue— Onanie eine noch engere
ist ah nur die über die Brücke der Schuldgefühle. In der Onanie finden
zwar ursprünglich die sexuellen Wünsche auf die Eltern ihren körper-
lichen Ausdruck; aber insofern gewöhnlich schon sehr früh in den Onanie-
phanlasien die Eltern durch andere Objekte ersetzt werden, stellen die
Onanicphantasien gleichzeitig auch die erste Untreue gegenüber den Eltern
dar. Dasselbe gilt für die frühen erotischen Erlebnisse mit Geschwistern.
Kameraden, Dienstboten usw. Wie die Onanie die erste Untreue in der
Phantasie, stellen diese Erlebnisse die erste Untreue in der Realität dar;
und man macht in Analysen die Erfahrung, daß für Menschen, bei denen
ein besonders empfindlichei Schuldgefühl wegen dieser frühen phanta-
sierten oder realen Erlebnisse zurückgeblieben ist, eine Untreue in der
Ehe darum besonders ängstlich gemieden wird, weil sie eine Wiederholung
dieser alten Schuld darstellen würde.
Dieses Stück der alten Bindung ist es häufig, das sich bei Menschen,
die trotz heftiger polygamer Wünsche wie zwanghaft treu sind, wiederholt.
Die Treue kann aber auch eine ganz andere psychologische Begründung
haben, die sich entweder bei denselben Menschen zu jener hinzufügen
kann, oder sich auch völlig unabhängig von ihr findet. Es handelt sich
hier um Menschen, die aus irgendeinem der angeführten Gründe mit
besonderer Empfindlichkeit ihre Forderung nach Ausschließlichkeil dem
anderen gegenüber vertreten und sie dann auch in der Rückwirkung auf
«ich selbst anwenden. Mag sich das nun bewußt als Gerechtigkeit geben,
die Ans prüche an den anderen auch für die eigene Person gelten läßt, —
1) Dieser 7.uBainmenhang sehr deutlich gestaltet von Sigrid Undiet in „Kristin
LavTBnstochter".
Dil' monoji^nie lortlcrung
409
die tiefere Wurzel dürfte in diesen Fällen in Allmachtsphanlasien liegen,
aus denen heraus man im Sinne einer magischen Geste mit dem eigenen
Verzicht auf andere Beziehungen auch den anderen dazu zwingen will.
Wir haben nun gesehen, aus welchen Antrieben die monogame Forderung
entsteht und gegen welche Kräfte sie zu kämpfen hat. Wenn wir sie mit
einem physikalischen Gleichnis als die zentrifugalen und die zentripetalen
Kräfte in der Ehe bezeichnen, so müssen wir uns sagen, daß hier ein
Kräftespiel vor sich geht, bei dem die Gegner einander gewachsen sind.
Beziehen doch beide ihre Impulse aus denselben elementarsten und
direktesten Wünschen des Ödipuskomplexes. Beide Kräfiegruppen werden
unvermeidlich — wenn auch in allen Abstufungen — in der Ehe aktiviert.
Wir glauben daraus besser verstehen zu können, warum es nicht möglich
war und warum es nicht möglich sein wird, irgendeine grundsätzliche
Lösung für diese Ehekonflikte zu finden. Wir können ja nicht einmal
im einzelnen Fall, obgleich wir doch da die treibenden Kräfte leidlich
übersehen, sondern können nur nachträglich aus unseren Erfahrungen
sagen, zu welchen Folgeerscheinungen das eine oder das andere Verhalten
tatsächlich geführt hat.
Kurz gesagt, beobachten wir, wie sowohl beim Innehalten als beim
Durchbrechen der monogamen Forderung Haßelemente frei werden können,
und zwar auf den verschiedensten Wegen, wie sie sich dann in dieser
oder jener Form gegen den Partner wenden, und wie so von beiden Seiten
her das Fundament untergraben werden kann, das bestimmt ist, die Ehe
zu tragen; die zärtliche Bindung. Wir müssen es schon dem Ethiker über-
lassen, den einen oder den anderen Weg als den richtigen anzupreisen.
Immerhin besagt eine solche Einsicht keine völlige Machtlosigkeit
gegenüber Ehekondikten dieser Art. Durch Aufdecken ihrer unbewußten
Verstärkungen kann sowohl den polygamen Wünschen wie der monogamen
Forderung soviel an Boden entzogen werden, daß ein Auskämpfen der
Konflikte überhaupt möglich wird. Und noch eines geben uns diese Ein-
sichten: Wir sind oft geneigt, bei Einblick in die Konflikte einer Ehe
uns unwillkürlich in dem Sinne beeindrucken zu lassen, daß es hier nur
den einen Ausweg der Trennung gäbe. Je tiefer wir begreifen, wie unver-
meidlich diese und andere Konflikte in jeder Ehe sind, desto innerlicher
müssen wir zur Überzeugung kommen, wie notwendig gegenüber diesen
unkontrollierten Eindrücken eine völlige Reserve ist, und desto mehr
werden wir auch fähig sein, sie wirklich innezuhalten.
über Zufriedenheit, Glüdt und Ekstase
Vortrag auf dem X. Inlrmaiianaltn Ptychoanolytitchtn Kongrtis zu tnntbtuck am
I. Stpitmbtr 1937.
Von
Helene Deutsch
Wien
Meine Damen und Herren ! Was unser Forsch ungsmaterial, die leidenden
Menschen, unler das Mikroskop unserer psychoanalytischen Beobachtung
bringt, ist ihr Leiden. Die Freude, die Lust, das Bejahende im Seelenleben
sehen wir erst a!j Resultat unserer therapeutischen Bemühungen entstehen,
erfahren so, welche Wege zur Erreichung dieses Zustandes geführt haben,
und entziehen dem Menschen unser berufliches Interesse im Augenblick,
da dieses Ziel erreicht ist. Die Fragestellung dieses Vortrages ist nicht der
Spekulation zugewendet : wie wird der Mensch des Glückes teilhaftig, und
nicht den Betrachtungen über die Frage; Kann die Psychoanalyse zur
Beglückung der Menschheit beilragen ? Es soll hier versucht werden, unsere
Denkweise auf die normalen psychischen Vorgänge anzuwenden, u, zw. auf
jenen Teil dieser Vorgänge, an deren Schwelle die direkte analytische
Beobachtung ihr Ende zu nehmen pflegt. Das sind jene, die im erlebenden
Individuum ein Zustandsbild hervorrufen, das von ihm selbst als Glücks-
gefiihl empfunden wird. Die Definition meines Themas entlehne ich somit
der phänomenologischen Betrachtungsweise.
Im Rahmen der üblichen Einteilung der seelischen Normal zustände
in Lust- und Unlusterlebnisse lassen sich alle positiv gefärbten Gefühle
einheitlich unterbringen. Befriedigung, Freude, Genuß, kurz, alles das, was
als Reaktion auf äußere s. g. freudige Ereignisse eintritt und somit einen
reaktiven Charakter hat, geht zwar mit einer inneren Bereitschaft des
empfangenden Ich einher, ist jedoch von dem. was wir hier Glücksgefühl
genannt wissen wollen, weitgehend um erscheid bar. Es handelt sich dabei
nicht um quantitative Unterschiede qualitativ identischer Vorgange, sondern
um seelische Zustände, die wohl auch dem Lust-Unlustprinzip unterworfen,
psychologisch aber deutlich unterschieden sind.
über Zufriedenheit, ClDd( und Eksinüe
411
Das Erlebnis der als „Glück" empfundenen Gefühlssensation, wie wir
sie im folgenden unserer Betrachtung unterziehen wollen, muß im
Zusammenhang mit der ganzen Persönlichkeit stehen und setzt das
harmonische Zusammenwirken sämtlicher Anteile des Ich voraus, das
wenigstens im Erlebnisakte als eine gut organisierte Einheit funktionieren
muß. Wenn das Zuslandekommen dieses Glücksgefühls von einer Harmonie
der ganzen Persönlichkeit (während des Erlebnisses t) abhängt, so muß man
ihm einen weilgehend endogenen Charakter zusprechen und somit seine
geringe Abhängigkeit von äußeren Erlebnissen proklamieren. Ich werde im
weiteren za beweisen versuchen, daß tatsächlich die Voraussetzung jedes
wirklichen Glücksgefühls in seiner Endogenität zu suchen ist; die Beziehung
zui Außenwelt ist nur die Ausdrucksform und der Anlaß, in dem es sich
dokumentiert. Passagere, an äußere Umstände nicht gebundene Lust- und
Ünlustgefühle sind uns z. B. im Normalen als „Stimmungen" bekannt
und analytisch kann man steU ihre kausale Zugehörigkeit zu einer endogenen
Quelle feststellen.
Gestatten Sie mir nun, daß ich — entsprechend tmserer analytischen
Arbeitsweise — von der klinischen Beobachtung ausgehend, Ihnen über
zwei Fälle kurz berichte, die mein psychologisches Interesse für die oben
angegebene Fragestellung er^¥ecklen.
Der Zufall brachte sie beide im selben Zeitabschnitt zu mir und die
sonderbare Ähnlichkeit und zugleich die Divergenz der Zustände und der
seelischen Erlebnisse waren geeignet, zu weiteren Überlegungen anzuregen.
Die eine Patientin (J) leidet an Depressionen und Hemm ungszu ständen.
Sie ist seit mehreren Jahren verheiratet und das Verhältnis zu ihrem Mann
hat sich vom Anfang an ungünstig gestaltet. Er ist ihr fremd, gleichgültig,
es besteht eine real wenig begründete, aber unwiderstehliche Abneigung
und Mißachtung. In der Ehe hält sie nur die starke sexuelle Befriedigung,
der sie im Sexualakie teilhaftig wird. Der Orgasmus verläuft bei ihr in
einer außerordentlich beglückenden Weise; sie erlebt — ihrer Schilderung
nach — denselben wohl bei vollem Bewußtsein, habe jedoch den
Eindruck, das sei nicht sie; es beherrsche sie das Gefühl, als würde sie
in einer anderen Welt leben — „wie im Himmel". Ihr Mann verliere
im Akte seine reale Bedeutung, es sei in ihr wie eine beglückende
Verschmelzung zu einer wunderbaren, ihrem übrigen Dasein fremden Einheit.
Nach der Entspannung durch den Orgasmus trete sofon das Gefühl der
Leere und der Einsamkeit ein, eine Entfremdung dem Gatten gegenüber
und eine Depression, die erst durch den nächsten Sexualakt unterbrochen
wird. Es ist hier unmöglich, Ihnen das ganze Materia! des Falles vorrulegen.
Die Psychoanalyse ergab, daß als Endresultat des Ödipuskomplexes eine
Einstellung entstand, in der die sexuelle Befriedigung mit dem [als Vater
phantasierten] Objekte sich erat durchsetzen konnte, nachdem Pat. in den
Zwischenakten in ihrer Depression das Objekt entwertet und gleichzeitig
an sich selbst die Strafe für die rnzesiphantasie als Vorbedingung der
Lusterreichung vollzogen hatte. Infolge dieser zeitlichen Zweiteilung konnte
sie den Sexualakt mit einer vielleicht sogar — wenn man so sagen darf
— übernormalen Beglückung erleben. Was sich bei ihr nach der erreichten
Verbindung mit dem Objekte sofort mit dem Ablauf des Spannungszustandes
in abnormer und pathologischer Weise einstellte: die Enttäuschung und
die Verlustreaktion, ist meiner Ansicht nach nur quantitativ abnorm —
qualitativ normal.
Die Verlustsensation nach dem Koitus und die reaktive Funktion des
Über-Ichs nachher, die das Wesen ihrer krankhaften Depression bildeten,
begleiten jede, auch normalste Triehbe friedigung. Sie sind z. T. bedingt
durch die Schicksale der Triebentwicklung, z. T. durch die ständigen
Hemmungsimpulie, die auf den Trieb vom Über-Ich einwirken. Was
bei der Pat. versagt hat, waren die sonst normal sich einstellenden Vorgänge
im Ich, die die Enttäusch ungsreaktion überdecken und eine nachträgliche
Verwertung der erfolgten Triebbefriedigung für das sublimierende Ich
ermöglichen. An dieser Pat. können wir sehen, daß ein volles, wohl ganz
pasMgeres Glücksgefühl, verbunden mit jenem Gefühl der Harmonie, die
diesem Zustand eigen ist. auch in einer pathologischen, weitgehend
disharmonischen Psyche enutehen kann.
Die dazu notwendige und erfüllte Bedingung war: im Momente des
Erlebens von keiner äußeren oder inneren Störung behindertes Einheit»-
gefühl zwischen dem Subjekt und dem Objekt der Triebbefriedigung.
Bei unserer Pat. konnte dieses Gefühl durch eine volle und im Erlebni«-
momente gelungene Verdrängung der kritischen Regungen zustande
kommen. Was sich hernach bei raschem Versagen dieser Verdrängung als
neurotische Reaktion abspielt, ist bereits außerhalb des uns interessierenden
Erlebnisses.
Die zweite Patientin (BJ leidet ebenfalls an Depressionen. Auch sie
unterbricht ihre chronische Traurigkeit durch Glücks zu st an de, die an
Ertebniswert denen der Pat. ^. gleich sind, aber auf einem ganz anderen
Wege erreicht werden. Bereits in der Pubertät verwandelte sie sich aus
einem fröhlichen Kinde in ein verschlossenes Mädchen. Damals wandte sie
sich der Theosophie zu und erlebte teils bei der Lektüre theosop bischer Bücher,
teils in der „Andacht mit sich selbst" das selige Gefühl der Entrückiheit
und der Erhebung über alles, „was klein und irdisch" sei. Nachher
wurde sie Sozialistin, und auch da ging sie zeitweise so ganz in der Idee
über Zufriedenhclr, Glüi und Ekstase
413
auf, daß sie. agitatorische Reden hallend, wieder in diese Zustände höchster
Beglückung geraten konnte. Später blieb «ie ohne „zentrale Lebensidee",
konnte sich aber bei der Lektüre schöner, vor allem philosophischer Bücher
immer wieder in einen seligen Glückszustand versetzen. Diese Zustände
waren von kuner Dauer und beeinflußten nicht die sich bald wieder
einstellende Depression, die sich allmählich aus der Introversion der
Pubertät entwickelte. Die Analyse ergab eine typische hysterische Bindung
an den Vater mit voller Verdrängung der Sexualität. Pat. hatte nie in
ihrem Bewußtsein eine sinnliche Begung empfunden, sexuelle Wünsche
waren ihr fremd. Analytisch konnte man die Genese ihrer Glückszustände
bis in die erste Introversion der Pubertät verfolgen. Es war der Kampf
gegen die sexuellen Phantasien und die siegreiche Überführung derselben
in die Liebe zu Gott und zu späteren Idealbildungen. In der Depression
erwachte immer wieder die in der Sublimierung nicht voll befriedigte
Liebessehnsucht, die dann andauerte, bis die Verdrängungsleistung wiederum
passager vollzogen wurde. Sie erlebte ihre Glücksgefühle in der Ekstase
eines akuten Suhl imierungs Vorganges, eines Vorganges, der uns aus eigenen
Erlebnissen, aus den seelischen Ergüssen der Dichter und aus den Bekennt-
nissen politischer Fanatiker, religiöser Ekslatiker usw. bekannt ist.
Jeder ästhetische Genuß, mag er bei der Betrachtung einer Landschaft
oder eines Kunstgegen stand es entstehen, bei der Lektüre einer Dichtung
oder beim Hören von Musik, immer kennzeichnet er sich dadurch, daß
zwischen dem Ich und dem von der Außenwelt zuströmenden Eindruck auf
dem Wege der Einfühlung eine Ich-Weliidentiiät entsteht. Das Beglückende
ist eben in diesem Identitätsgefühl zu suchen.
Von diesen alltäglichen seelischen Erlebnissen führt der Weg zu den
Zuständen, die den Erlebnissen der Pat. näher stehen: zu denen der
wirklichen Ekstase. Aus den zahlreichen, inhaltlich verschiedenen Formen
derselben führe ich als Beispiel nur die der religiösen Ekstase an, wie
sie uns in den zahlreichen Konfessionen der Ekstatiker dargestellt wird.
Au» allen diesen Bekenntnissen (heil. Theresa. heil. Augustin, heil. Katha-
rina usw.) ipricht da» Gefühl, daß das Ich die Verschmelzung des geistigen
Anteils der Seele mit Gott erlebt, das Ichbewußtsein zugunsten eines
höheren, göttlichen verschwindet. Meister Eckhard sagt: „Du sollst ganz
und gar entsinken deiner Deinheil und verfließen in seine Seinheit, denn
du sollst mit seinem Ich so gänzlich ein Ich werden, daß du mit ihm
ewiglich seine ungewordene Substanz und sein namenloses Nichts verstehst,"
Im ekstatischen Erlebnis versinkt das eigene Ich und an seine Stelle
tritt Gott ein, aber dieser Gott ist weder eine liebende noch eine strafende
Persönlichkeit, er ist das Erlebnis selbst, das Entslehen eines neuen
414 Helene Deutsch
Bewußtseins, des Bewußtseins der eigenen Gottheit durch Verschwindeo
der Gieme zwischen Ich und Gott. Was ah Gottbegriff hinausprojiziert
wurde, wird jetzt in der Ekstase wieder ins Ich aufgenommen aber nicht
in der Gegenüberstellung IchÜber-Ich und dann Ich-Gott, sondern Ich
und Gott lind Ich. Aus diesem beglückenden Einheitsgefühl ergab sich
auch die Anschauung, daß in der Ekstase der heilige Geist in den
MenEchcn hineinfahre. Dieser naive Glaube enthalt die ganze Psychologie
des ZustandsbÜdes, verlegt nur den seelischen Vorgang in die Außenwelt
Bei Pat. S. ließ sich die Genese des Zustandes analytisch verfolgen: der
ursprüngliche Wunsch, mit dem Vater sexuell verbunden zu sein, wird
erst in der Sublimierung erreicht, im Bündnis des Ich einerseits mit
dem Vater- Ich ideal -Gott andererseits. Die sexuelle Wurzel des ekstatischen
Erlebens und die Zielerreichung im Sublimierungsakte lassen sich übrigens
in allen ekstatischen Konfessionen aufzeigen. Die Störungen vom Teufel,
manchmal auch der Sieg des Teufels entsprechen dem Mißlingen der
Sublimierung, dem Durchbnich des Es in die Ich-Über-Ich-Einhcit. Bei
Pat. B. geht der passagerc Glückszusland in eine Depression über, in eine
Introversion, deren Inhalt dem Durchbruch der inzestuösen Phantasien
und der strafenden Reaktion auf dieselben entspricht. Das Glückscrlebnis
als gelungene Verdrängung der sexuellen Wünsche ist eine direkte
Umkehrung des psychischen Vorganges bei Pal. ji. Aber bei beiden ist
das Glückserlebnis durch ein Einheitsgefuhl im leb erreicht: bei der
einen in der ungestörten Triebbefriedigung, bei der anderen im Subli-
mierungsakte.
Versuchen wir nun diesen zwei Beobachtungen einige theoretische
Erwägungen anzuschließen. Ich glaube, daO dieselben den Schluß berechtigen
werden, daß das, was sich bei beiden Patientinnen abspielte, nur eine
quantitative Verzerrung der normalen typischen Vorgange ist.
Wir wissen, daß unser Seelenapparat auf allen Entwicklungsstufen von
zwei entgegengesetzten Kräften beherrscht wird: von einer vorwärtsl reibenden
und einer regressiven. Beide treffen sich in einem Zielstreben, und dieses
ist die Erreichung eines Einheitszustandes. Das Signal zu zielgerichtetem
Streben ist immer und überall der Reizzusland, die Spannung, die Unlust
im Ich. Das Ziel: Reizfreiheil -Entspannung- Lusterreichung, Dieses Ziel-
sireben, das Wesen alles Lebendigen, scheint nur eine Befriedigimgsform
zu haben: die Einheitserreichung. Diesem Ziele unterordnet sich alles,
was wir als Leben sä ußerung kennen; deutlich und evident ist es in allen
Entwicklungsstufen unseres Trieblebens. Das Signal zum Streben, zur
Ziel-, also zur Lusterreichung, kommt in allen Entwicklungsformen von
einer Unlustspannung, die wiederum einem Verlust an Befriedigungs-
über Zulrlcdenhdt, GlOdt und Ekstase 415
inöglichkeit entspricht. Der Verlust der Befriedigungsmöglichkeit ist streng-
gesetzlich an die vollzogene Trennung einer Einheit gebunden, sei es von
einem Teil der triebbesetzien Außenwelt, sei es Ton jenem Teil der
eigenen Icheinheit, der, selbst libidinös besetzt, lustspendend war. Daß
dieses Einheitsbestreben in allen Lebensformen und Triebäußerungen unser
Dasein beherrscht, ist biologisch tief determiniert, aus biologischer
Vergangenheit, die weit hinter das individuelle Dasein zurückreicht. Als
erstes vorbildliches Trenn ungserlcbnis sehen wir gewöhnlich die Trennung
der Mutter-Kindcinheil an, vergessen aber dabei, daß auch diese bereits
ein Glied der Kette verschiedener phylogenetischer Entwicklungs- und
Trennungsformen ist.
Alle Trennungserlcbnisse der Kindheit geben nicht nur, wie Freud
gezeigt hat, mit Steigerung des Span nungszu Standes einher, der zu neuen,
höheren Befriedigungs quellen drangt, sondern auch mit einem durch den
Entwicklungsgang bedingten S ätt ig u n gszustsnd, dem die von der
Außenwelt aufgedrängte Versagung und Trennung vielleicht vorauseilt,
dem sie aber auch entgegenkommt. Das Kind verlaßt den Mutterleib nicht
nur, weil es ausgestoßen wird, trennt sich von der nährenden Brust nicht
nur, weil sie ihm entzogen wird. Als Folge biologischer Bestimmungen
wird jede Befriedigungsform zugunsten einer neuen verlassen, nachdem
sie die neuen Lusistrebungeu nicht mehr befriedigen kann. Wenn wir hier
von einer „Übersättigung" sprechen, so stellen wir somit den biologischen
Vorgang in Parallele zu den später sich wiederholenden psychologischen
Erlebnissen.
Wenn wir nun die Unlusttendenzen im Seelenapparat überblicken und
die Unlust Überwindung als Aufgabe zur Lusterreichung betrachten, so sehen
wir folgendes: Die Triebspannung, das Motiv, das lur Lusterreichung drängt,
ist unlustbctont; ökonomisch jedoch dient sie der Lust, die sie einzuteilen
hilft. Wäre also der Ablauf der Lust- Unlust Funktion einfach auf der zyk-
lischen Reihenfolge Lust-Unlust aufgebaut, so dürften wir von einem „aus-
gleichenden" Mechanismus sprechen und die richtige Verwaltung desselben
im Sinne eines bejahenden Leben sabl au fes wäre die Aufgabe des Individu-
ums. Daß aber die Lusisiluation selbst voll ist von Reminiszenzen unlust-
voller Eindrücke, erschwert dem Seelcnapparat diese Aufgabe.
Alexander' hat gezeigt, wie der zwangsmäßige Gang der Trieb-
entwicklung und die damit verbundene Notwendigkeit die erreichte Stufe
zu verlassen und durch eine neue zu ersetzen, eine Unlustdisposition für
die späteren Lusterlebnisse schafft, indem jede Erfüll ungssititation mit einer
i) Alexander: Psychoanalyse der GesBmtperionlichkcit (Int. PsA. Verlag, 1937^.
4l6 Helene UeuLsd)
Ualusterwartung einhergeht. Als zweites luMstörendes Element mischt sich
in jede erreichte Lusisituation jener uns gut bekannte Wiederholungszwang,
dessen ökonomische Aufgabe, den seelischen Apparat zu entlasten, in sehr
ambivalenter, gewissermaßen anachronistischer Weise gelöst wird. Die
dritte Störung der bereits erreichten Lusisituation liegt meiner oben dar-
gelegten Ansicht nach in jenem sich bei jeder Lusterreichung einstellenden
Sättigungszustand, der ebenfalls als eine Reminiszenz der Trieb-
entwicklungen anzusehen ist. Die Verbindung der Lustbefriedigung mit
einer Unlusterwartung ist somit eine seelische Eigenschaft, die nicht —
wie Alexander meint — nur die neurotische Psyche charakterisiert.
Aus diesen Erwägungen scheint sich zu ergeben, daß die menschliche Seele
eine restlos befriedigende Situation nicht erreichen kann. Ihr Erreichen
würde den Stillstand bedeuten, denn Streben kommt nur aus dem Reiz
der Unbefriedigtheit. Das Streben , steht unter dem Zeichen eines Zieles,
das immer jeweilig, nie endgültig sein kann, weil es „im Momente, wo es
entsteht", für den seelischen Apparat bereits „wert ist, daß es zugrunde geht".
Das Streben entspringt also einem Mangel; die Befriedigung ist nur der
Beginn eines neuen Strebens. die erreichte Gegenwart ist voll von Reminiszenzen
der belastenden Vergangenheit, die Zukunft nur durch neues Streben,
also neue Unlustspannung bedingt.
Unterziehen wir jene Situationen einer kurzen Beobachtung, die wir als
typische, allgemein menschliche Lust- und Befriedigungserlebnisse kennen.
Die ZielerreJchung im Sexualakt einerseits, in der Sublimierung anderer-
seits. Unsere zwei Patientinnen boten uns ein Beispiel für beide Formen.
In der Beschäftigung mit neurotisch Erkrankten, die vor allem Störungen
auf diesen beiden Gebieten zeigen, pflegen wir den ungestörten Ablauf
des Sexualakies und die erfolgreiche Sublimierungsfähigkeit als Zeichen
der erreichten psychischen Gesundheit zu betrachten. Reich hat empirisch
feststellen können, daß im Ablauf der orgastischen Funktion, auch beim
scheinbar befriedigenden Akte, feinere, gleichsam mikroskopisch feststellbare
Anomalien vorkommen, die noch unter dem Zeichen des Neurotischen stehen.
Wenn wir aber in der Beobachtung und in der Anwendung unserer
analytischen Erkenntnisse weitergehen, so kommen wir zur Ansicht, daß
der wirklich voll befriedigende Akt ein durchwegs relativer Begriff und
beim Menschen nicht vollkommen erreichbar ist. Der Zustand: „omne
animal post caitum triste est'\ die traurige Enttäuschung, die der Befriedigung
folgt, kommt normalerweise beim Menschen nicht zum Vorschein, weil
ihm Mittel zu Gebote stehen, die ihn über die reaktive Unzufriedenheit
hinwegtauschen. Diese Mittel haben aber nichts mehr mit der direkten
Triebbefriedigung zu schaffen und ihre freie Verfügbarkeit liefert Zeugnis,
daß das Erlebnis nicht restlos erfüllend war. So ist der Schlaf, in den das
sexuell befriedigte Individuum verralit, — wie der Schlaf immer, — eine
Abkehr von dem erotisch nicht besetzten, also unlusivoll gewordenen Dasein.
Ebenso ist die nachher gesteigerte Sublimierungsfähigkeit ein Beweis, daß
die „volle Befriedigung" einen großen Rest von unbefriedigten, zur
Desexualisierung bestimmlen Triebenergien übriggelassen hat; wiss en wir
doch, daß die besten Sublimierungskrafle der genitalen Libido enisiammen.
Ist die sexuelle Vereinigung die einfachste Form der Einheilshersiellung,
so wird die physiologisch bedingte Entspannung und Trennung als Ent-
täuschung erlebt und die Schnldgefühlreaktion. die jeder Befriedigung
folgt, kann erst in der Sublimierung erledigt werden. Der Wiederholungs-
zwang, die zweiieitige Sexualeniwicklung und die in der Entwicklung
bedingte Trennungsreaklion sind jene Momente, die verursachen, daß jede
Lustbefriedigung auch in der höchsten Entwicklungsphase von Unlust
gefolgt ist. Die Unlust als Nachfolgerin der höchsten Lustgewinnung pflegt
in der Regel dort direkt eriebt zu werden, wo die iriebgehemmien zärtlichen
Objektbeziehungen fehlen und nicht imstande sind, nach der erfolgten
Triebbefriedigung tröstend und bindend einzutreten.
Aber auch die andere Form der Lustgewinnung, die der direkten Trieb-
befriedigung entgegengesetzte, ist mit denselben Enitäuschungs- und Unlust-
reaktionen verbunden. Auch die Sublimienmg ist ein Verbindungsakt, ihr
Ziel die ErreichuiUL einer EJ iiheit. In den Sexualakten entledigt sich der
Mensch unter Lust- und Unlustrcaktionen der Ichtriebspannung. In den
Sublimierungsakten befreit er sich der IchÜbei-Ich-Spannung, indem er das
im Ich durch Identifizierung entstandene Ichideal in die Außenwelt
projizien, um es dann wieder seinem Ich, dessen Grenzen erweiternd, einzu-
verieiben. Jede Sublimierung geht mit dieser Erweiterung des Ich einher
und bringt somit mehr oder weniger große Mengen narzißtischer Befriedigung
mit «eh. Doch auch hier dieselbe Enttäuschungsreaktion wie bei der
Triebbefriedigung. Typisch ist jene, uns allen gut bekannte Gefühls-
sensation beim Erreichen eines lang angestrebten Sublimierungsiieles.
Immer die traurige Verstimmung nach dem Erreichen des Zieles, auf
welchem Wege und in welcher Form dies auch geschehen mag. Dem
narzißtisch erweiterten Ich steht nun die übrige, uneroberie Welt ent-
gegen — zwischen dem Ich und der Welt ist wiederum eine wohl um
ein Stück verschobene, aber doch von der übrigen Welt trennende Schranke
entstanden. Diese Trennung Ich-Welt wird eben im Momente der Ziel-
erreichung enttäuschend empfunden und wiederholt genau die — mehr
oder weniger bewußt erlebte — Enlspannungs- und Entläuschungsreakiion
der Sexual hefriedigung. Diese Reaktion trat bei der Fat. A., wie wir gesehen
^
416 Helene Deutsdt
haben, in pathologischer Verstärkung auf. Die Hemmung, die jeder Trieb-
befriedigung vom Über-Ich auferlegt wird, hat »ich bei ihr nachträglich
und übermäßig in der Depression ausgewirkt. Im Akte selbst erlebte sie,
vielleicht sogar überstark, das volle Glücksgefühl, Der Pat. B. wiederum
wurde das Glückserlebnis der Sublimierung in pathologischer Verstärkung
zuteil — auch bei ihr mit nachträglicher Reaktion in der Depression.
Die Parallele beider Fälle liegt im Zustand des akut und intensiv ein-
tretenden Giiicksgefühls durch Herstellung einer ungestörten Ich-Nichtich-
Einheit auf dem Wege des harmonischen Zusammenwirkens zwischen Ich
und einer vom Ich differenzierten Instanz.
Wir sind in beiden Fällen zum gleichen Resultat gekommen; das
Glücksgefühl wurde durch einen Vorgang im Ich erreicht, indem sich
dieses einer seiner Abhängigkeiten entledigt hat und somit in ein beglückendes
Bündnis mit der anderen eintreten konnte. Es ist in der vergleichenden
Parallele dieser zwei Fälle so, als ob es dem glückempfindenden fch alles-
eins wäre, mit wem es dieses Bündnis schließt: mit seinen Triebiendenzen
oder mit seinem Über-Ich! Das, was das Ich im Glückszustand erreicht,
ist jenes angestrebte Ziel, die Herstellung einer erweiternden Einheit.
Was bedeutet nun dieses beglückende Einheilsgefühl ? In allen Tendenzen
und Strebungen wirkt sich als immanente Kraft die Urtendeni der Rückkehr
zum Zustand jener Epoche aus, in der das noch undifferenzierte Ich weder
die Feindseligkeiten der Außenwelt noch die seiner inneren Instanzen kannte.
Diesen Zustand kann es wiederum erreichen, wenn es ihm gelingt, die
Grenze zwischen dem Ich und der Welt zu verschieben ; als Bindeglied
dient hier die Libido, an ihr vollzieht sich jene Verschmelzung, in der
die Grenze zwischen dem Ich und der Objektwell verschwindet, so daß das
Ich im Einheitsgefühl zu seinem Glückserlebnis kommt, sei es in der
Triebbefriedigung, sei es in der Sublimierung. Dieses Einheitsgefühl kann
erst zustande kommen, wenn sich im Ich selbst keine störenden Einflüsse
gellend machen. Es ist somit das Resultat eines synthetischen Vorganges,
indem die Verschmelzung aller jener inneren und äußeren Kräfte zustande
kommt, die um das Ich herum im Kampfverhältnis zu einander stehen.
Dieses Resultat wird durch die bindende Kraft der narzißtischen Libido
erreicht. Das Glücksgcfühl, das wir als Gefühl der Einheit und Erweiterung
im Ich defmiert haben, ist somit ein durchwegs narzißtisches Gefühl. Der
Unterschied zu jenen Vorgängen, in denen die Steigerung der Ichlibido zu
pathologischen Veränderungen führt, liegt darin, daß bei der s. g.
„narzißtischen Stauung" dieser Vorgänge die Libido aus den Objektbesetzungen
zurückgezogen wird. Hier verläßt sie ihre Positionen nicht, sondern das
I
Ober Zufriedenheit, GlOdc und Ekstase
41Q
Ich erweitert seine Grenzen, indem es durch Identifizierungen die Einheit
mit jenen libidintis besetzten Positionen herstellt.
Strebt das Ich, im Verhältnis zur Außenwelt seine Grenzen im Einheits-
zustand zu erweitern, so strebt es vor allem die ursprüngliche Icheinheit
durch einheitliches Zusammenwirken der Ichinstanzen an. Auch das ist
vom Haushalt der narzißtischen Libido abhängig.
Diese Einheilsbildung im Ich wird sich aber durch zwei wichtige
Momente vom narzißtischen Urzustand unterscheiden. l) hat das Ich
seine Entwicklung im Kampfe gegen die Außenweh durchgemacht und
erwarb so das nie ruhende destruktiv- libidinöse Streben, seine Grenzen zu
erweitern; 2} hatte auch der Narzißmus die Libidoentwicklungen mitgemacht
und den ursprünglichen, unambivalcnten Charakter in seinem Verhältnis
zum Ich als Objekt verändert. Die narzißtische Libido eines Individuums,
das die genitale Stufe erreicht hat, verhält sich dem Ich gegenüber
toleranter, weniger ambivalent, und ist geeigneter, in seiner Bindungs-
eigenschaft die harmonische Icheinheit herzustellen.
Somitistder Glückszustand ein endogenes, narzißtisch bedingtes Ichgefühl;
er entsteht dort, wo die Ichgrenzen durch die Herstellung einer Einheit
zwischen Ich-Welt enveitcrt sind, durch Objekt besetzung, SubÜmierung oder
durch Erreichung der Icheinheit im Ich selbst.
Das Glücksgefühl kann nur als Endresultat einer Zielstrebung entstehen
und ist inneren Gesetzen unterworfen, aus denen sich seine durchwegs
passagere Natur ergibt. Es folgt ihm Sättigung, Enttäuschung und neues
Streben t Die innere Harmonie, die wir als Meßstab der Gesundheit
genommen haben, schafft auch die seelische Zufriedenheit. Als Dauerzustand
ist sie nur dort zu erwarten, wo das Streben und Vorwärts drängen aufhört
und die Seele zugunsten des Friedens aufs Erobern verzichtet. Sie befreit
■ich von der Gefahr der Enttäuschung und vom Schmerz der Sehnsucht.
Auf das Glücksgefühl muß sie aber verzichten, denn dieses ist immer
an das Erreichen und nicht an das Bestehen gebunden I
Narzißmus im Idigefiige
Verlrog auf dem X. Imtrnationalm Pijchoanalyiiichm Kangr^ lu InTisbruck
am fi Srpitmbfr 1^27
Von
Paul Federn
Wien
Obzwar ich von Störungen ausgehe, deren leichte Grade auch der
Gesunde zeitweise vorübergehend erlebt, von Störungen, die Sie alle lelbst
milgemacht haben, glaube ich nicht, daß Sie sich mit den Störungen
beschäftigt haben. Denn sie fallen wenig auf. und mich brachte em ein
besonderer Anlaß auf den Weg der Untersuchung, den ich Sie bitte, mit
mir zu gehen. Wahrscheinlich werden Sie einen inneren Widerstand
dagegen spüren, denn das eigene gesunde und ungestörte Ichgefühl, diese
Vorbedingung aller Frohheit, lassen wir alle lieber unbelastet. Aus diesem
Widerslande heraus wurde die Beobachtung der Komponenten des
Ichs von jenen Autoren ignoriert, welche im Ich nur eine Abstraktion der
Unterscheidung von Subjekt und Objekt sehen wollten, und auch von
jenen, welche dem Ich eine „homogene Ganzheit" zuschrieben, lo daß für
sie die Bezeichnung „Ich" fast gleichbedeutend die alle Bezeichnung „die
Seele" ersetzte.
Folgerichtig muß die Psychoanalyse diese beiden Auffassungen ablehnen.
Die Struktur des Ichs, d. h. die Zerlegung in Instanzen, die Dynamik
derselben, ihr Verhältnis zum Triebhaften, zum Unbewußten, auch zum
Körperlichen, beschäftigt uns alle. Hier liegt die Probe auf Freud«
Theorie vom Narzißmus: Hat die Libido nur das Ich zu bewegen oder
baut sie es auf?
I
Man hätte erwarten können, daß die psychoanalytische Erforschung des
Ichs wenn auch nicht von der Selbstbeobachtung der leichten Störungen,
10 doch von jenen schweren Erkrjnkungsfällen ausgehen hätte sollen,
welche als Depersonalisation und Entfremdung das Interesse der Psychiater
lange schon geweckt haben. Bei Jan et und Schilder finden Sie eine
Narzißmus im IdigcfOgc 431
überreiche Literatur, die ich mit Rücksicht auf die beschränkte Zeit kaum
erwähnen werde. Die genannten hervorragenden Werke siod noch ohne
Anerkennung und ohne Verwendung der Libidotheorie geschrieben. Erst
später haben Psychoanalytiker diese Lehre zur Ej-klärung der Deper-
sonalisation anzuwenden versucht. Meine Arbeit bezweckt, die Libidolchre
an dieser Aufgabe zu prüfen und durch diese Prüfung ihre Richtigkeit
neuerdings zu beweisen.
Dabei stütze ich mich auf die Arbeit Nunbergs. Er hat aus seinen
psychoanalytischen Beobachtungen einwandfrei nachgewiesen, daß Deper-
sonalisation und Entfremdung durch den Verlust eines wichtigen Libido-
objekles, durch die traumatische Wirkung der Zurückziehung der Libido
entstehen. Nunberg hat auch auf die Ubiquität dieser Störungen beim
Beginn der Neurosen aufmerksam gemacht. — Ich selbst gehe noch weiter
und meine, daß allen Psychosen und Neurosen eine Ichsiörung im Sinne
der Entfremdung vorausgeht, daS sie aber meistens bei der Etablierung der
Neurose oder Psychose schon wieder vergangen ist, denn sie geschah oft
in der frühen Kindheit und wurde vergessen. Sie wird dann in der Psycho-
analyse nicht immer erinnert, zumal da sie die Psychoanalytiker bis
jetzt nicht genug beachteten. Daher darf uns die Erfahrung, daß die
initiale Ichstörung nicht jedesmal nachgewiesen werden kann, nicht
abhalten, ihre Ubiquität anzunehmen. Ich hoffe, daß es unserer weiteren
Forschung gelingen wird, ihr Auftreten als libidotheorclisch unerläßlich
zu erweisen.
Da aber ihre Häufigkeit feststeht, habe ich in einem Vortrage' über
dieses Thema die „'Entfremdung als die häufigste „passag^re narzißtische
Aktualpsychose" bezeichnet. Diesen Namen will ich heute begründen.
Zunächst will ich Sie darauf aufmerksam machen, daß dieser Name in
einem gewissen Gegensatz steht zu Nunbergs Entdeckung, daß es sich
um eine Kränkung des Ichs durch die Zurückziehung der Objektlibido
von einem Objekte handelt, denn ich spreche von einer direkten
aktuellen Störung der narzißtischen Libido. Diese Abweichung hebt
die wichtigste Talsache hervor, von deren Beobachtung meine weiteren
Schlüsse ausgehen. Es handelt sich darum, die Ichlibido von der Objekt-
libido nicht nur theoretisch zu trennen, sondern sie durch Beobachtung
abzugrenzen.
Aus der Praxis und Literatur kennen wir alle die schweren, immer
etwas unheimlichen Klagen, mit welchen schwere Fälle von Depersonalisation
ihren Zustand, vielmehr ihre wechselnden Zustände schildern. Die Außenwelt
erscheint dinglich unverändert, aber doch anders, nicht von selbst so richtig
i) In der Ungarischen PsA. Vereinigung-, im Febniar 1937.
Int. ZrltKhr. f. I'>>choiu]>lyu. XIII/4 S9
k
422 Paul Fetlera
nahe oder fern, hell, warm, vertraut und wohlbekannt, nicht richtig wirklich
■bestehend und lebhaft, mehr wie traumhaft und doch andere als traumhaft.
Im Innern kann es wie tot »ein; so fühlt sich der Kranke, weil er sich
nicht fühlt. Sein Fühlen, Wollen, Denken, Erinnern ist anders, fraglich,
unerträglich anders geworden. Dabei weiß der Kranke alles richtig, keine
Qualität der Wahrnehmung, der veretandes- und vemunftsge mäßen Auf-
fassung und Verarbeitung haben gelitten. Er weiß auch, was an Gefühl
ihm abgeht, Es fehlt, wie Schilder im Anschluß an Husserl so
richtig ausführt, die „Evidenz" oder, wie Janet es plastisch nennt, „U
sentiment du rief. In noch schwereren Fällen ist auch die „Einheit des
Ichs" fraglich geworden, das Ich wird in seiner Kontinuität nur gewußt,
nicht gefühlt. Die Zeit, der Ort, die Kausalität werden gekannt und
richtig zur Orientierung angewendet, aber nicht in ihrer selbstverständlichen
Spontaneität besessen. Nur in den schrecklichsten Fällen geht auch der
Kern des Ichs, der, wie Hermann mit Recht betonte, mit dem Gleich-
gewichtssinne zusammenhängt, verloren.
Unter den durchschnittlich schweren Fällen gibt es mehr, welche nur
über Entfremdung der Außenwelt klagen, als bei denen auch Affekte und
sonstiges Innenleben die Evidenz verloren haben. W^ir würden nun bei
Anwendung der Libidothcoric annehmen, daß dort, wo die Außenwelt
als selbstverständliches Erleben verlorengegangen ist, O b j ek t libido, hin-
gegen dort, wo das Ichgefühl und das Innenleben verstört wurde,
n n rzi fft is c h e Libido fehlt.'
Diese Annahme hat sich mir als unrichtig erwiesen. Denn wir können
von den Kranken erfahren, daß bei jeder Entfremdung, auch bei solchen,
welche angeblich ausschließliche Außen entfrem düng sind, stets das Ich-
gefühl gestört ist; die Kranken brauchen das allerdings nicht von selber
zu bemerken. Und zwar ist jener Anteil des Ichgefühls gestört, den ich
in meiner Mitteilung über Variationen des Ichgefühls als „Körperich-
Gefühl" bezeichnet habe. Dieses verhält sich zu dem von Schilder
entdeckten „Körperschema" analog wie sonst „evidentes Erleben" zur Wahr*
nehmung. Das Körperich -Gefühl ist die evidente Sensation des gesamten
Körpers, nicht nur nach Schwere (wie Schilder und Hartman n fanden),
sondern auch nach Größe, Ausdehnung und Ausgefülttsein. Dieses uns
ständig eigene, ja, eigenste Gefühl beachten wir gar nicht, auch dann
i) Was im Einisltolle mit ihr geschehen ist. ob und wohin sie abgeiogca wurde,
ob sie geichwunden isl, oder ob lie verwandelt worden iäl, »oll uns heute nicht
beichüftigen, ebensowenig die pathologischen Voraussoliungeu, unter denen die Ent-
frenidmig eintritt, also nichl die Vorgeschichte des entfremdeten Ich». Meine Unter-
suchung betrifft nicht die Klinik der Entfremdung, nur dieDingnose. die Phänomeno-
logie lind die Theorie ihrer Dynnmik.
Nar/iUmus im ]di){clii^(^
423
nicht, wenn es gestört ist. Freilich, wenn man einmal auf die Verschieden-
heit dieser Sensalion, z.B. nach dem Ermüdungszustande, aufmerksam wurde,
Ml der Gesunde ebenso wie der Kranke leicht imstande, es zu unter-
scheiden und seine Variationen zu verfolgen. Ich selbst kam darauf, als ich
vor mehreren Jahren beobachten wollte, wie sich die Ichbesetxungen beim
Einschlafen von Körper und Seele zurückziehen. Wer das Glück der kindlich
raschen Dormiiion verloren hat, oder wer darauf zeitweise zu venichten
bereit ist, wird bestätigen, daß das Körperich-Gefühi dabei einfachen oder
abstrusen Veränderungen zu unterliegen pflegt.
Mit dieser Kenntnis wenden wir uns wieder unseren Fällen von Außen-
Jch-Entfremdung zu. IJa finden wir nun, daß bei ihnen das Körperich-
Gefühl, diese psychische Repräsentanz der Körpertch- Grenze, während der
Entfremdung immer gestört ist. Eis deckt «ich dann nicht mehr mit dem
richtigen Korperschema.
Nun kommen Verkleinerungen und Veraerrungen des Körpe rieh- Gefühl es ,
auch im vollen Wachzuslande oft bei Menschen vor, die nicht an Ent-l
fremdung leiden, die sich für ganz gesund halten, nur nicht ganz guter
Stimmung sind. Bei sogenannter Neurasthenie sind sie sehr häufig. Die
Störung schwindet aber, sobald die Aufmerksamkeit auf die Vorstellung der
Gesamtgestall gerichtet wird, was auch von selbst geschieht, wenn Bewegun
gen des Körpers intendiert oder ausgeführt werden. Sofort ergänzt sich das
volle Körperich -Gefühl. Das ganze Symptom erscheint so harmlos, daß es
Ihnen auch zu unbedeutend erscheinen mag. um daraus Schlüsse zu ziehen.
Es ist aber trotz seiner Harmlosigkeit nicht vage, sondern überraschend
präzis. Wenn ein Neurast heniker. weil er müde wurde, z. B. sein Ich-
gefühl nur mehr bis zur Achselhöhle hat, und dabei seine Arme an die
Brust preßt, so kommt ihm diese — ganz merkwürdig — zu schmal vor, i
obgleich er wahrnimmt und weiß, wie breit sein Thorax ist. Ein noch
komischeres Gefühl konnte ich bei mir selbst hervorrufen, wenn ich durch
Schlafdefizit und Arbeit das Körperich-Gefühl des Kopfes gestört empfunden
habe. Wenn ich dabei den Schädel mit der Hajid umklammere, so fühle ,
ich ihn trotz der Wahrnehmung des harten Knochens zwischen den breit i
gespreizten Fingern wie ausdchnuugslos.*
Ich fand nun, daß bei Außenwelt- Entfremdeten das KörpcrichGcfühl
nicht nur vorübergehend fehlt oder eingeschränkt und verringert ist, und
nicht durch eine halbe Stunde Schlaf ausgleichbar ist, sondern daß es hart-
näckig gestört bleibt. Es ist auch nicht durch Aufmerksamkeit oder Bewegung
allein zu reparieren , solange die Entfremdung eben anhält. Diese Angaben
Solche Symptome sind auch von praktischer Beden ning, weil sie als frühestes
Versagen de» Ichgefühls mahnen, nicht die Übermüdung fortiiisetien.
•*i
39"
424 I'aul Kcdem
sind von dem Entfremdeten ganz exakt zu bekommen, denn wie Sie wissen,
ist die Selbstbeobachtung ein ständiges Bedürfnis dieser Kranken. Das hat
ja mit Unrecht manche Autoren veranlaßt, die Entfremdung selbst durch
die gesteigerte Selbstbeobachtung, oder wie kürzlich H e s n a r d es wieder
tat, durch eine Steigerung des Narzißmus zu erklären. Im Gegensatz
dazu betont meine Erklärung die Herabsetzung der narzißtischen
Besetzung.
Wir haben somit die feste Überzeugung gewonnen, daß die Evidenz der
Körperich- Grenze erhalten bleiben muß, damit die Außenwelt evident
bleibe. Wir besitzen also, ganz getrennt von der Freud sehen Realitäts-
prüfung, welche die Außenwelt durch Absuchen und Vergleichen an ihrer
Unabhängigkeit vom Ich erkennt, ein dauerndes Evidenzgefühl der
Außenwelt, welches dadurch entsteht, daß die Eindrücke aus der Außen-
welt eine mit einer besonderen Qualität an Sensation und Kürper-lch-Gcfühl
besetzte Körperich- Grenze passieren. Die psychische Repräsentanz der Körper-
icb-Grenze, das Evidenzgefühl denelben, fehlt manchmal nur für Teile
derselben, z. B. für die Beine beim Gehen oder für das Gehör, Gesicht
oder den Geschmack. Leichte Grade, also bloße Abstumpfung einer Ich-
grenze, kann durch Anstrengung noch kompensiert werden. Diese Anstrengung
begleitet die uns wohl bekannte Realitätsprüfung. Mit ihr stellt sich dann
eben gleichzeitig das Evidenzgefühl her. Hingegen hat der Normale, völlig
Ichgesunde tm unterbrochen sein volles Körpergrenzgefühl, welche« dauernd
und unauffällig die Außenwelt abgrenzt.
Wir müssen aus all dem mit Sicherheit schließen, daß die Entfremdung
der Außenwelt in einer Störung der Ichperipherie in bezug auf eine
Gefühlsbesetzung besteht. 'j Diese ist von der Besetzung der Objekte zu
unterscheiden. Insbesondere ist dieses periphere Ichgefühl nicht etwa mit
dem Tastsinn und sonstigen Sinnesfunktionen identisch. Durch viele
Autoren wurde genauestens festgestellt, daß all diese Funktionen auch bei
der schwersten Entfremdung intakt geblieben sind.
Daß nun diese Besetzung der Körper ich- Grenzen libidinöscr Natur ist,
ergibt sich schon aus den Beobachtungen Nunbergs. Auch ich habe,
so wie Nunberg früher berichtet hat, ohne von IchbeseUung zu sprechen, den
unmittelbaren Zusammenhang der Herstellung und des Schwindens der
peripheren Ichbesetzung mit aktuellen sexuellen Vorgängen bestimmt fest-
stellen können. Hiezu will ich einige Beispiele aus meiner Erfahrung
geben :
Ich habe einen Fall von zeitweise ganz schwerer Außen weltentfrcm düng
durch zwei Jahre täglich beobachtet und analysiert. Dabei ergab sich, daß
er immer wieder auf sexuelle Inanspruchnahme mit Verlust des Körperich-
Narzißmus ira IdigefQge
425
Gefühls reagierte. Auch hatte der Dauerausland von Entfremdung nach
einer exzessiven sexuellen Inanspnichnahme begonnen. Solche Fälle finden
sich übrigens zahlreich in der nicht psychoanalytischen Literatur, ohne
daß die Autoren dem die gebührende Bedeutung zugeschrieben halten.
Dieser Fall lieferte mir noch einen speziellen Beweis für die Provenienz
der Körperich -Oefühlsbesetzung von der Sexualität. Ihm war das von
früher wohl erinnerte Evidenzgefühl der Körperperipherie im Bade ganz
verloren. Während der gelegentlichen Masturbation im Bade, stellte sich
aber das volle Körperich-Gefühl wieder ein, um mit der sexuellen Abspannung
einer gesteigerten Entfremdung zu weichen.
Ein andersartiger überzeugender Beweis war ein Traum, über den ich
bereits berichtet habe. Er ist ganz singulär, weil er mit dem höchsten
Grad vorübergehender Körperich-Enlircmdung endete. Der Mann träumte
besonders lebhaft und ungewöhnlich intensiv sexuell von einem stark
begehrten Sexualobjekte, welches er außerhalb seines Bettes koitierte. Der
ganze Vorgang wurde vom Träumer als der lebendigste Traum bezeichnet,
den er je erinnerte. Man kann sagen, alle im Schlaf erwachte Libido
war zur Objektlibido geworden; diese Libidoverwendung hielt noch eine
kuive Zeit beim Erwachen an, denn er erwachte durch den Traum (das
Problem des Traumerwachens erhält dabei erneutes Interesse), und nun
föhlte er nur mit dem wachgewordenen psychischen Ichgefühl sich
selbst, während das Körperich-Gefühl für Peripherie und Tiefe zunächst
völlig fohlte. Es war ihm unheimlich, neben ihm lag sein Körper im Bette,
er selbst fühlte sich noch bei dem geliebten Sexualobjekte, das er mit
überraschtem Bedauern vermißte. Stellen wir uns solche Zustände andauernd
vor, so haben wir eine Vorstellung vom Grad einer Entfremdung, bei der
alle narzißtische Besetzung des Körperich fehlt. Ähnliche Zustände werden
von Narkotisierten berichtet. Solche Entfremdungsgrade sind in der Literatur
zahlreich beschrieben.
Ich könnte noch andere Beispiele dafür bringen, wie unmittelbar das
Körperich -Gefühl von dem Sexualtriebe abhängt. Das Berichtete laßt aber
bereits den Schluß wehen: Das Evidenzgefühl beruht auf dem Ich
zugewendeter, besser auf für dasicligefühl verwendeter Libido.
Die Libido stellt erst unser Ich her. Der Narzißmus ist hier nicht eine
theoretische Konzeption, sondern gleichsam in statu nascatdi beobachtet.
Die Tatsächlichkeit des Narzißmus ist damit bewiesen.'
i) E« ist nicht AutoritStsglaube und Vortiebc für eine Theorie, sondern die
Empirie, die uns hindert, der Psychologie Ranks lu folgen und die Libidolelire
über Bord zu werfen; oder mit Adler die Sexualität als Akicdens und bloOe«
Betätigungsfeld der ganzen Individualpsyche aufiufassen.
■») UU^JU -wt^^tt ^%A*<«A j--*
iw^^U
426 Paul l'cdcrn
Mit den bisherigen Ausführungen habe ich meine Bezeichnung der
Entfremdung als „narzißtische Aktualpsychose" gerechtfertigt. Ich habe der
aktuellen sexuellen Ursache nur der Beweisführung wegen so breiten
Raum gegeben, dabei aber nicht sie als einzige Unache der Enlfrcmdungs-
zustände bezeichnen wollen. Entfremdung tritt nicht nur wegen aktueller
Störungen in der Ökonomie der aktuellen Sexual Vorgänge, d. h. wegen
Erschöpfung der Libidoreservcn auf. Viel häufiger schwindet die narzißtische
^Besetzung der Körperich -Grenzen aus all den komplizierten psycho-
I neurotischen Mechanismen, durch welche Libido verdrängt oder
verschoben wird. Besonders wichtig und gleichfalls empirisch nachweis-
bar ist die narzißtische Besetzung vermöge der Identifizierung des Ichs mit
dem männlichen Genitale und ebenso ihre Störung bei deren Störung,
z. B. bei Fathoneurosen nach der Darstellung Ferenczis. Die nar-
zißtische Besetzung kann also vom Ich aus oder von den Libidoquellen des
I Es aus gehindert sein.
Wiederholen will ich bereits in Budapest Gesagtes, weil es seither von
Reik in Wien vorgebracht wurde: daß nämlich die erste Eiitfremdung
in der Kindheit meist aus einem Schreckerlebnis resultiert. Weshalb da>
Ich mancher Personen dauernd geschwächt bleibt, so daß später Deper-
sonalisaiionsvorgänge im Vordergrund der Erscheinungen stehen, gehört
nicht lur Frage nach dem Wesen, sondern zur Ätiologie und Klinik der
Depersonalisation. Diese heute zu besprechen, fehlt die Zeit. Dieser Zu-
sammenhang von Schrecken und Depersonalisation macht uns weiter auf
einen wesentlichen Unterschied in der Dynamik der Angst und des
Schreckens aufmerksam. BeiderAngsi behält die Körperich -Grenze ihre
narzißtische Besetzung, wahrscheinlich ist sie durch die gespannte Erwartung
und die mit ihr verbundene libidinose Betonung des Ichs, das bewußt
oder unbewußt von Gefahr bedroht isl, sogar stärker narzißtisch besetzt.
Diese narzißtisch libidinose Besetzung erklärt zum Teil das Bestehen von
Angst I US t. Beim Schrecken verliert das Ich seine narzißtische
Grenzbesetzung; jeder Schrecken ist mit Entfremdungsgefühl verbunden.
Damit bringe ich die Erklärung der traumatischen Neurose durchFreud
in diesem neuen Zusammenhange wieder.
Eigentlich darf es uns nicht wundem, daß die Außenwelt bei Ent-
blößung der Ichgrenze von ihrer narzifltijchen Besetzung, die wir
ständig als gesundes KörporichGefühi empfinden, entfremdet ist. Die Er-
scheinungen, welche dem Fehlen der Objekilibido entsprechen, kennen
wir ja schon lange als Gleichgültigkeit und Kälte gegenüber den Objekten.
Diese Verarmung an Libidobesetzung der Objekte und Objektvorsiellungen
geht oft lange der Entfremdung voraus. Wir bezeichnen die ungeliebt
Nanlflmus Im Idigefügc 427
gewordene Welt oder Person ja auch, aber in einem ganz anderen Worl-
sinne als fremd, nämlich im Sinne von „so gleichgüliig wie ein Uabe-
kanntpr". Aber der völlig gleichgültige, keines Interesses und keiner
Übertragung würdige Unbekannte wirkt nicht eine Spur „entfremdet .
Und wenn wir von der Fixierung der gesamten Objektlibido an eine
Person, von der Liebe sprechen, so fällt uns auf, daß bei plötzlicher
Erkaltung derselben unser Ich erkaltet und geändert ist, während das
Objekt uns gleichgültig wurde, aber keines von beiden, weder das Ich noch
das Objekt, im Sinne der Depersonalisation „entfremdet sind.
Ich glaube, wir wundem uns viel zu wenig, daß überhaupt, wie wir
abermals gefunden haben, das Ich und die Welt anders, ja, völlig anders
werden können, wenn die Sexualität gehindert oder verdrängt wird. Vor
Freud gehörte die Sexualität kaum zur Seele, nur zum — Körper. Vor der
Psychoanalyse haben wir auch die Liebe nur als Erlebnis des Ichs, als
freudiges oder trauriges, aufgefaßt. Sie ist es aber — wie wir heute wissen —
die erst das Ich schafft und die es erhält. Die Frage, die der
fromme, große Dichter an seinen Gott gerichtet hat: „Hast du die Liebe
ins Weltengewebe verknüpft oder ist sie dir nur als Rechenfehler ent-
schlüpft?"' — diese Frage hat erst die Psychoanalyse beantwortet. Sobald
wir uns aber besinnen und das Wunderbare im Ichaufbau durch die
Libido bedenken, dann müssen wir die Größe der Konzeption Freuds
bewundern, die aut der Weltabkehr eine» Schizophrenen den Naraißmus
zuerst erschlossen bat.
n
Vom Narzißmus wird die psychische Repräsentanz der Wahmehmungs-
pforten, das ist die Körperich- Grenze, mit Körper- Ichgefühl besetzt. Wir
hörten schon, daß diese narzißtische Hülle normaler- und pathologischer-
weise — nach Stärke, Ausdehnung und Widerstandskraft — variiert und
mit ihr das Körper-Ichgefühl.
Von den Encheinungen der krankhaften Variation de» Körper-
Ichgefühls, also von der Pathologie des peripher sich zeigenden Narzißmus,
wollen wir nun sprechen. Die Stärke der Besetzung ist individuell
verschieden und stellt eine wichtige Komponente der Laune und
Stimmung dar. Pathologisch gesteigen finden wir den Unterschied
zwischen manischen und melancholischen Zuständen. Der Manische fühlt
sich an Brust und Gliedern wohler und erfüllter, der Melancholiker
unwohl und wie ausgeleert. Bei Melancholie sind Entfremdungszustände
besonders häufig.
i) M i c k i c w i c t. Totenfeier.
430 Paul h'cdcrn
Gesicht, Genitale, Nates, Frauen die Brüste mit ständig stärkerem Ichgefühl
hesetzt. So zeigt sich der Einfluß Her Partialiriebe. die im Narzißmus zur
Geltung kommen, in der Verteilung der Besetzung. Durch diese»
i perverse Ichgefühl ist auch — von den nur schlummernden Wünschen
abgesehen — erklärt, daß solche Individuen ihre Perversität ständig
fühlen und immer die Bereitschaft haben, als Perverse erkannt oder
verfolgt zu werden.
Ein Qualiiätsunterschied könnte aher in der narzißtischen Besetzung
selbst fortbestehen, nämlich der zwischen der aktiven und passiven,
respektive männlichen und weiblichen, vielleicht auch der Spannungs-
libido. Bisnun hat kaum noch die Sprache die Worte für diese Nuancen.
Es ist selbstversländlich. soll aber der Klarheit wegen nochmals aus-
drücklich gesagt werden, daß mit all diesen Verschiedenheiten keine Ver-
schiedenheit der Sinnesfunktionen verbunden ist; erst durch einen oder
den anderen Konversionsmechanismus können physiologische Funktions-
veränderungen hinzutreten,
m
Wir verlassen jelzt die Entfremdung der Außenwelt und wenden uns
den Enifremdungserscheinungen des psychischen Innenlebens, also der
eigentlichen Depersonalisation, der Ichentfremdung, zu. Bei der Außen-
welienifremdung konnten wir die narzißtische Besetzung, respektive ihr
Fehlen immer am vom Kranken beobachteten K örp er - 1 c h -Gefühl
erkennen. Zur Untersuchung der Entfremdung der Innenwelt fehlt uns
dieser Index und wir bedürfen für sie einer Arbeitshypolhese, deren
Richtigkeit, wie ich glaube, auch Sie anerkennen werden.
Alle Gefühle von Entfremdung haben etwas so spezifisch Gleiches,
daß wir Tür alle eine und dieselbe spezifische Ursache annehmen müssen]
mag die Entfremdung welche psychische Funktion immer befallen. Da
nun für die äußeren Wahrnehmungen die Ursache im Verlust einer
normalen narzißtischen Besetzung von uns festgestellt wurde, müssen wir
überall einen Verlust von narzißtischer Besetzung annehmen, wo Ent-
fremdung vorkommt, also auch bei Entfremdung des Fühlens, Denkens,
Erinnerns, Wollens u. a. Die Evidenz einer Funktion geht regelmäßig
nur dann verloren, sie wird entfremdet, wenn die betreffende narziß-
tische Besetzung verloren ging. Wo sie aber verloren gehen konnte,
muß sie in der Nonn vorhanden gewesen sein. Anoden normalen Funk-
^ tionen können wir den Anteil des Narzißmus nichtbeobachten. bisnun
wenigstens, an ihnen konnten wir ihn nur erschließen. Durch den patho-
logischen Mangel erfahren wir jetzt, wo in der Norm eine narzißtisch
NariciUmus Im IdigelOgc
431
besetzte Ichgrenzc dauernd besteht. Durch diese Methode können wir jetzt
den Narzißmus im Ichgefüge auch innerhalb der äußeren Ichperipherie, das
ist der psychischen Repräsentanz der Wahrnehmungsperipherie, finden. Ganz
kurz ausgedrückt: Wo Entfremdung vorkommt, da besteht
im normalen Ichgefüge eine narzißtische Besetzung.
Wir werden an dieser Annahme um so eher festhalten, je mehr sie
von den bisherigen psychoanalj-tischen Ergebnissen für die Theorie von
der Ichlibido bestätigt wird. Wo sie zu anderen Ergebnissen führt, dort
bedarf es neuer Untersuchung.
Wir können noch weiter gehen und sagen: Wo niemals Entfremdung
vorkommt, dort dürfte es sich nicht um Beteiligung des Narzißmus an
dieser Funktion handeln. Wir können nun den Narzißmus, aber auch nur
ihn, wie durch ein Reagens nachweisen. Wir dürfen nicht aus unseren
Ergebnissen schon schließen, daß er allein das Ich aufbaut. Vielleicht
werden wir durch das Fehlen jeder Entfremdung auch noch auf die
anderen Faktoren im Ichaufbau aufmerksam gemacht werden.
Ich denke, unsere Arbeitshypothese verspricht uns ein weites Arbeits-
programm, das bei den schweren Ichstörungen, bei Psychosen, tief in das
Ichgefüge hineinführen wird. Freilich müssen wir bei den schweren
narzißtischen Ichstörungen die große Schwierigkeit erwarten, daß schwer
Geisteskranke uns nicht klar von ihren Entfremdungsgefühlen berichten
dürften, so wie es die intellektuell intakten Depersonalisierten, welche ich
bisher untersuchte, tun. Eine ähnliche Schwierigkeit besteht für den Traum,
dessen Selbstbeobachtung während des Traumes schwer gelingt und noch
schwerer in der Erinnerung richtig festgehalten wird.
Heute wollen wir nur die Entfremdung einiger psychischer Funktionen
mit unserer Methode ganz allgemein prüfen. Wir wenden uns zunächst
den Affeklen zu. Die Entfremdung erstreckt sich seltea auf das ganze
Gefühlsleben im selben Ausmaß. Dabei benimmt sich und handelt der
Kranke wie einer, der Gefühle hat, und klagt doch über Gefühls-
verarmung. Hierin liegt ein noch nicht hervorgehobenes Symptom der
„pathologischen" Trauer, Bei ihr besteht immer auch eine Entfremdung
für den Traueraffekt. Dabei haben aber die Selbstvorwürfe, Klagen und
Schuldgefühle alle Macht über den Kranken, der aber auch von ihnen es
oft beklagt, daß er sie nicht fühlt, der sich anklagt, daß er stumpf
sei. Analog sind in allen anderen Fällen von Entfremdung der Affekte
diese für den Kranken nicht „echt", nicht evident, er fühlt sie anders,
analog wie er die Wahrnehmungen als anders aufnimmt. Die Affekte
sind aber nicht etwa unbewußt, denn der Kranke merkt und klagt, welche
Affekte — z. B. Scham, Ehrgeiz, Liebe — er unecht fühlt.
432 Paul ledern
Wir schließen also, daB das Ich die Affekte in der Norm mit einer
narzißlisch besetzten Grenze aufnimmt, derea Besetzung bei dem Affekt-
entfremdeten fehlt. Diese Folgerung stimmt aber gut mit den Lehren
Freuds überein. sowohl damit, daß die spezifische Qualität jedes Affektes von
der Qualität seines Abstrümens in das Physische erhält, als auch damit,
daß sie Erinnerungeu längst vergangener, wiederholter Erlebnisse sind.
Wir können noch nicht sagen, ob die Entfremdung eines Affektes daran
liegt, daß er — zentrifugal — beim Abströmen eine nicht mehr narziß-
tisch besetzte Ichgrenzc verläßt, oder daran, daß die Sensation des Affektes
— zentripetal — eine solche Grenze trifft. Jedenfalls ist jedes Gefühl.
das unnarzißtisch vom Ich empfangen wird, ein kaltes Nichts an Gefühls-
erlebnis, so stark es auch objektiv sich ereignen würde, wenn es ah
„icheigen", d. h. an einer narzißtisch besetzten Grenze das Bw U-äfe.
Diese Auffassung bestätigt auch die Meinungen und Erklärungen vieler
nicht psj-choanalytischer Autoren, die von Inakiivitätsgefühl beim ent-
fremdeten, von Aktivitätsgefühl beim normalen Gefühl sprechen, denn
auch die Libidolehre meint mit dem Worte „Besetzung" ein aktives
Empfangen. „Aktives Empfangen" klingt wie eine Contradicüo in adjecto;
und doch entspricht es dem tatsächlichen Vorgange. Ebenso entspricht
unsere Erklärung dem Fühlgefühl Löwys und der Noesis Husserls
und gibt beiden den spezirischen Inhalt, daß die narzißtische Besetzung
beim Passieren der Ichgrenze dieses Evidenzgefühl verleiht. Es wird viel
Einzelarboii erfordern, um die einzelnen Grenzen für die Gefühlsarten zu
unterscheiden oder die Einheitlichkeit der Ichgrenzc für sie nachzuweisen.
Auch besteht eine Schwierigkeit für das Verständnis und für die Ver-
ständigung über diese Verhältnisse darin, daß dieses Begegnen mit dem
Narzißmus des Ichs selbst als Gefühlsquaiität zusammen mit dem Gefühl
einheitig erlebt wird, während es bei den Wahrnehmungen als grund-
verschiedene Erlebnisart sich leichter von ihr abtrennen läßt. Ej ist so,
wie wenn bei manchen Waren der Grenzzoll direkt und separat »er
rechnet wird, bei anderen im Gesamtpreis verechwindet.
Wir erwähnten früher, daß die Affekte auch deshalb, weil sie Erinne-
rungen an Erlebnisse sind, der Entfremdung unterliegen. Das Erinnern ist
nämlich bei vielen Eulfremdungskranken an der Störung beteiligt. Die
Erinnerungen treten schnell und richtig, auch klar unterschieden, ins Bw
und treten doch, man möchte sagen, merkwürdig „unichisch" ein. Unter
den Psychoanalytikern hat Reich auf das Erinnerungsgefühl besonderen
Wert gelegt. Nach unseren früheren Erörterungen müssen wir annehmen,
daß das Erinnerungsgefühl fehlt, wenn eine zu schwache oder gar keine
narzißtische Besetzung dort bereitet ist oder dort sich herstellt, wo die
Narzißmus im IdigcfDge
433
Erinnerungen in das Bu> eintreten. Hier führen Verbindungen zu den Aus-
führungen Ferenczis über die Bejahung.
Eine bemerkenswerte Tatsache ist, daß wirklich Verdrängtes beim Ein-
irolen in das Bit-, soweit icli beobachtet habe, nie den Charakter des Ent-
fremdetseins beim Eintritt in das Bw hat. Die narzißtische Besetzung
der Ichgrenze ist dabei bereits vorhanden. Man darf aber nicht etwa meinen,
daß eine entfremdete Erinnerung nicht bewußt sei, daß also die narziß-
tische Besetzung mit jener psychischen Besetzung, welche die Bewußtheit
ausmacht, identisch sei.
Man kann im Gegenteil hier den wesentlichen Unierschicd von der
narzißtischen Besetzung, die getroffen wird, und der objoktlibidinösen Be-
setzung, die an der erinnerten Vorstellung haftet, hervorheben. In der Ver-
drängung war die objektlibidinöse Besetzung der betreffenden Objektvor-
siellung entweder im Vbiv vorhanden und von den Verbindungselemenien
abgezogen oder aber von der verdrängten Vorstellung selbst abgezogen.
Die auftauchenden Assoziationen bringen die objektlibidinösen Besetzungen
vrieder. Die Ichgrenze selbst kann nartißtisch überbesetzt — bei der Zwangs-
neurose — oder minderbeselzt oder unbesetzt sein. Und nur von dieser
narzißtischen Besetzung oder W i ed erbesei zu ng hängt das Erinnerungs-
Ichgefühl ab.
Das d^ja-vu, für welches Freud die ökonomische und inhaltliche Be-
dingung in dem Zusammenhang mit einer unbewußten Verschiebung
aufstellte, wurde mit Recht von allen Autoren, außer von Freud selbst,
der Depersonalisation zugerechnet. Bei diesem, immer als gewaltsame
Störung der selbstverständlichen Stabilität des Daseinsgefühls empfundenen
Vorgang wird bekanntlich ein Erlebnis als schon einmal dagewesen plötzlich
erfaßt, wobei das Zeitgefühl so verloren geht, daß mau nicht weiß, ob
dieses „schon dagewesen" unmittelbar zuvor oder vor unerdenklichen
Zeiten eintrat. Das Phänomen tritt bei manchen Depersonalisat ionskranken
gehäuft auf, wird von ihnen als Entfremdungsgefühl agnosziert; da diese
Kranken für die Agnoszierung Experte sind, besteht für mich kein Zweifel,
daß das Dija-vu in einer ganz kurzen Entfremdung besteht. Der Sach-
verhalt stellt sich nun dar, wie folgt: Ganz vorübergehend passiert als
auftauchendes Erlebnis eine Erinnerung die Vorstellungslchgefiihls grenze
oder eine Wahrnehmung, die Wahmehmungs-Ichgefühlsgrenze zuerst in
einem Momente, da die Grenze ohne narzißtische Besetzung ist und gleich
danach, da sie wieder narzißtisch besetzt wurde. Ich habe in den letzten
zwei Jahren kein Dejavu gehabt und kann daher nicht entscheiden, ob
nicht bei manchem Dija-vu das Erlebnis gleichzeitig zwei Ichgefühls-
grenzen passiert, von denen die eine nanißtisch besetzt, die andere von der
>
434 Paul hedcrn
narzißtischen Besetzung entblößt ist. oder ob die gleiche Grenze rasch
hintereinander getroffen wird. Es ist also gleichsam wie ein Uoppeltsehen.
das dadurch entsteht, daß vor das eine Ange ein Prisma tritt, oder daß durch
einen Doppelspat (mit zwei Brechungsindizes) geschaut wird. Die narziß-
tisch stumpf gewordene Grenze raubt das Gegenwarts- und Evidenzgefühl,
die narzißsiisch erregte Grenze erteilt es. So scheint das Dejavu eine
besonders schöne Illustration unserer Annahmen. Es bestätigt auch den
Zusammenhang mit innerem Erschrechen, denn dieses geht in verschie-
denem Ausmaß oft dem D,'ja-vu voraus oder tritt mit dem Dcja-vu ein.
Am Dt>a-„„ sahen wir auch, daß das Zeitgefühl entfremdet sein
kann. Über solche Entfremdung wird von vielen Depei^onalisierten geklagt.
W,r müssen also auch eine narzißlisch besetzte Ichgefühlsgrenze als gegen
die Zeitwahrnehmungen existierend annehmen. Diese Annahme deckt sieh
mit den von Freud in seiner Arbeit über den Wunderblock und von
Hol las gegebenen libidotheoretischen Erklärungen des doppelten Be-
setzungsverlaufs, der im Fbu: resp. im Ubw und B,r stattfindet, je
nachdem es sich um bewußte oder unbewußte Zeitwahrnehmung handelt.
Die wirkliche Orientierung in der Zeit, das Wissen vom Zeilablauf, ist
anolog wie bei allen anderen Depersonalisationsphünomenen nicht alteriert.
Eine genaue Untersuchung der Zeitentfremdung dürfte uns noch Genaueres
Über das Deja-vu und über die narzißtische Besetzung zwischen l^bw und
Bw erkennen lassen.
IV
Ein Problem der Psychose läßt sich durch unsere neuen Erfahrungen
verständlicher machen. Wenn eine Vorstellung, die sonst nur gedankliche
oder bildliche Stärke hat. als real in der Außenwelt empfunden wird, so
bezeichnen wir sie als H a 1 lu z i n a ti on; eine völlige Projektion hat
stattgefunden. Dieser Vorgang erklärt sich, wenn wir annehmen, daß
analog wie wir für das Körper- Ichgefühl fanden, daß es auf eine frühere
Ichgröße regredieren kann, auch sonst verlassene Ichgrenzen neuerdings
narzißtisch besetzt werden können. Die Stimme, welche einstmals wirklich
durch eine Ichgreuze hindurch gehört wurde, verlor den Wirklichkeits-
charakter, als diese Ichgrenze erweiten, resp. durch eine von weitcrem
Umfang ersetzt wurde. Wird aber jetzt die alte kleinere Ichgrenze partiell
wieder narzißtisch beseßt, so tritt damit für die Stimme das Realitäts-
gefühl wieder auf. Tatsächlich finden wir psychotische Halluzinationen
gleichzeitig mit Ichregressionen. Es könnte aber auch eine Ichgrenze,
z. B. in Delirien, ohne Regression vorübergehend neu besetzt werden.
Ich kann hier nur erwähnen, daß auch solche Enlfremdungsvorgänge
Nanlßmus im Idigi^fagc 435
auftreten, die auf eine narzißtisch besetzte Grenze zwischen Ich und Über-
ich schließen lassen: das Sollen kann entfremdet sein.
Im Zusammenhang mit der Ich- Über- Ich- Grenze sei auf die narziß-
tischen Psychosen und Neurosen hingewiesen, deren Dynamik und Topik
durch die Berücksichtigung der durch Enlfremdungsge fühle offenbarten
Ichgrenzen wahrscheinlich viel genauer untersucht werden kann. Die_
Depersonal isationszustünde bilden nämlich nicht eine einheitliche Krank-
heit,_ sondern sie kommen klinisch vom fast Normalen beginnend, bei
sogenannter Psychasthenie und anderen Aktualneurosen bis zu den leichten
und schwersten Schizophrenien und Manisch-Melancholischen in wech-
selnder Stärke und Form vor. Ich glaube, daß das Wort „narzißtisch
dann weniger als jetzt als bloße Richtungsbezeichnung verwendet werden
wird, sondern qualitativ verschiedene, typische Bindungsstellen in der Psyche
bezeichnen wird.
Unsere weitere Aufgabe wird die genauere Untersuchung derjenigen
Psychose sein, der nur der Gesündeste im Schlafe nicht anheimfallt, des
Traumes. Heute kann ich nur mitteilen, daß das „Ich im Traume ,
sowohl was Körperich- Gefühl als was seelisches Ichgefühl betrifft, beim
Einzelnen in verschiedenen Träumen, auch in einer Nacht, und bei ver-
schiedenen Personen variiert. Diese Verschiedenheiten haben auch mit der
Dynamik des Traumes und mit der habituellen narzißtischen Besetzung
des Schläfers in seinem Wachzustande zu tun; auf diesem Gebiet sind
Gesetzmäßigkeiten zu finden.
Der Traum gibt uns für unser heutiges Thema Hinweise auf bisnun
noch ungelöste Probleme. Ich ziehe ihn nur soweit in die Untersuchung
ein, als ich es für das letzte Thema, das ich noch behandeln will, für das
Thema der W illcnsenifremdung benötige. Viele dieser Kranken klagen
nämlich über den Automatismus ihrer Handlungen, als ob sie keinen
Willen dabei verspürten. In diesem Zusammenhang sagen sie, daß sie wie
im n räume handeln. Auch sonst nennen Depersonalisierte die entfremdete
Welt traumhaft. Im Traume selbst gibt es aber kein Entfremdungsgcfühl._
Selbst wenn die Realitätsprüfung erwacht und der Träumer einen Vorgang
als ganz überraschend und als seiner sonstigen Erfahrung widersprechend
erkennt, so fügt er doch sich gegen sein besseres Wissen darein, daß z. B.
der tote Vater lebt. Alle Traumbilder werden also mit einer narzißtisch
besetzten Vorslellungsgefühlsgrenze wahrgenommen, wenn wir überhaupt
für das Traum- Ich das gleiche Ichgcfüge annehmen dürfen, wie für den
Wachzustand. Das sind Fragen, welche die Traumlehre Freuds beant-
wortet, die aber durch neue Beobachtung beiläiigt werden sollten.
Wie bei der Entfremdung, fehlt nun in der Mehrzahl der Fälle im
43^ Paul Kcilcm
Traume das Körper- Ich gefülil oder es ist sehr eingeschränkt; wie bei manchen
Entfremdungen, fehlt meist das Zeitgefühl^ Vor allem fehlt aber (las
"\ Wollen — von kärglichen und selten auftretenden Resten' abgesehen —
im gewöhnlichen Traume. Darauf hat Freud in seiner Traumdeutung
hingewiesen. Schon Jan et nennt als erstes Gemeinsames von Traum und
Entfremdung die Abulie. Der Entfremdete merkt diese eigentümliche Art
von Abulie, die keine wirkliche ist. Der Träumer erlebt sie naiv, ohne
sie lu merken, ohne sie mit dem Wollen des Wachens zu vergleichen.
Es widerspricht nicht unserer Erklärung der Entfremdung, daß im
Traume so oft das Körperich- Gefühl fehlt, ohne daß eine Entfremdung vom
Träumer empfunden wird. Der Träumer steht keiner Außenwelt gegen-
über; aber so weit er träumt, ist er erwacht und empfängt die auf-
tauchenden Vorstellungen mit einer narzißtisch besetzten Grenze, welche
eben die relative Evidenz der Traumbilder bedingt. Wir müssen freilich
annehmen, daß es nicht die Wahmehmungsgrenze ist, mit welcher er die
Bilder empfängt. Dabei wissen wir nicht, ob das so oft bestehende Gefühl,
zu träumen, dem Erwachen dieser Grenze und einem Kntfremdungsgefühl
entspricht. Ich weiß auch noch nicht, ob in solchen Träumen das Körper-
ichgefühl sich einstellt. Wir Psychoanalytiker sind gewohnt, kleine Anzeichen
im manifesten Traume als Repräsentanten wichtiger, vom Schlaf gelähmter
Vorgänge zu erkennen. Wir finden nun solch ein Anzeichen im Traume,
wenn eine Willensaktion eingetreien ist. ohne daß der Träumer das Willens-
erlebnis hat. Der Träumer hat statt des Willens eine ganz vorübergehende
Betonung der Kürpcrich-Grenze, d. h. eines Teiles des Körperich- Gefühles,
die vorher fehlte. In einem Traume, der gar kein Körperich-Gefühl erinnern
läßt, wird der Arm gespürt, wenn mit ihm etwas gelragen wird. Diese
Zuwendung von narzißtischer Besetzung ist das. was einer Wiltenshandlung
im Traume entspricht. Analog stellt sich bei einer entfremdeten Person,
der es gelingt, die Willkür ihrer Handlung zu fühlen, auch das Körper-
ich-Gefühl für die betreffenden Körperleile wieder her.
Wir sehen also, daß zum VVillensakte wie auch zur Aufmerksamkeit,
abgescBen von der libidinösen Objektbesetzung, eine narzißtische Körper
ich-Grenzbesetzung nötig ist. Aber weder die objektlibidinöse Besetzung
allein, noch sie und die narzißtische Körperichbesetzung vereint, genügen
i) Auch in dem typischen Troiimi?, in welchem der Träumer t. B. einen Zug'
erreichen will, scheint es sich nicht um ein aiisnahmswciscs Erwachen des Willens,
sondern niu um Willenserinnerungen lu handebi. Auch diese Willensan triebe laufen
iinrcgulierbar im Traume ab.
Die Nacht wandlertrüiune bedürfen noch einer besonderen Unlersuchung. Die
obigen Ausfüliriingcn beziehen sich jedenfalls nicht auf solche abnorme Träume, und
nicht auf die seltenen Träume, in denen ein Wollen erlebt wird.
. . 'S
Niir/illmu'i im Idigffüfjc 437
für den Willensakt; die sind ja auch im Traume vorhanden, und doch
kommt kein Wollen zustande. Auch sind sie — wie wir schon erfahren
haben — nicht für das Wollen spezifisch. Die objektlibidinöse Besetzung
finden wir ja bei jedem Wunsche oder bei passiver Vorliebe, die nnrziQtische
Korperich-Gefühls besetzung gehört ja zum normalen VolMch, auch wenn
es nicht seinen Willen spürt.
Es ist selbstverständlich, daß lum Erlebnis des Wollen» die psychische
Ilepräsentanz der Muskelaktion hinzutritt. Es gibt aber auch ein Wollen
mit aufgeschobener Innervation. Damit es zum Wollen komme, gehört
aber ein bestimmter Vorgang, dessen Fehlen für den Traumzustand \ /-i
charakteristisch ist, und der auch bei den höheren Graden von Ichstörung, welche ( (
über das bloße Entfremdungsgefuhl beim Wollen hinausgeht und sich zur
Traumbafiigkeit des Handelns steigert, gestört ist. Freud hat diesen
Vorgang in seiner Bewußtseinslehre in der „Traumdeutung" aufgedeckt.
Wir können ihn als Regulierung des Abströmens von Quantitäten von
Objcktlibido^ bezeichnen.
Überlegen wir uns, worin das eigentlich Traumhafte im Traume besteht:
Die Traumbilder laufen ab, ohne daß der Träumer — im gewöhnlichen
Traume — vom paniellen Erwachen einer sonst schlafenden Instanz
abgesehen — imstande ist, so wie im Wachen ein Traumbild festzuhaltca
oder zurückzurufen. Das Ich ist im Traum völlig passiv den aus dem übw
aufgetauchten Traumelemenien ausgeliefert; es gibt kein Zurück, kein
Verharren im Traume. Dieser Akt des Verharrcnlasscns, der dem Denken
und Wollen gemeinsam ist, gehört also einer im Traum gelähmten Instanz
zu. Da sie nicht der uns schon bekannten narzißtischen Besetzung zugehört,
so muß das Festhalten der Objektlibido im Wachen von einer anderen
Kraftquelle ausgehen. Nun gehört das Wollen unbedingt zum Ich. Diese
Kraft geht daher vom nicht libidinösen Anteile des Ichs, von jenem Triebe
aus, welchen Freud nicht nur, weil er zuletzt zum Tode führt, sondern
'auch, weil er als Angriffs- und Verteidigungs trieb zuerst löten wollte, den
Todestrieb genannt hat. So sind wir auf dem Wege des Ausschlusses dazu
gekommen, im Wollen einen nicht libidinösen Teil des Ichs zu erkennen.
Da sich die Psychoanalyse vor allem mit dem Unbewußten und der Libido
beschäftigte, hat die Untersuchung des Willens bisnun nur wenig Raum
in ihr eingenommen.
V
Nun, nachdem wir auf diesem Wege zuletzt auch die Zweiteilung in
Liebes- und Todestriebe bestätigt fanden, wollen wir kurz zurückblickend
noch hervorheben, worin der Fortschritt dieser Untersuchung uns zu liegen
Inl. ZeiDchr. (, Pfjrchaanab» Xlll't yi
438 PhuI l\-dern
■cheint. Wir haben jene Ichsiöningen gefunden, durch welche die Psyche der
traumatischen oder sonst krankmachenden Wirkung der Libido-Inanspruch-
nahme nicht widerstehen kann: es sind dies das Schrockerlebnis und die
Zurückziehung der narzißtischen Ich grenz- Besetzung. Wir haben dadurch
Janet's y^onction du sentiment da r«/" ebenjo wie der von Minkowski
charakterisierten „norion de perte de contact vital avec la rcalitc einen ganz
spczinichen, meta psychologischen Inhalt gegeben. Wir haben die Libido-
funklion für den Aufbau des Ichs durch Beobachtung der als Entfremdung
auftretenden Ak mal psych ose neuerdings bewiesen. Unsere Betrachtungen
scheinen auch einen neuen Weg zur Erforschung der Ichstruktur zu eröffnen.
Das Problem der Melandiolic
Vortrag auf dem X. Imtmalionalm Psychoanalytischm Xmgrffl
tu iTuubruek am i. Srptimbtr igij
Sändor K B d 6
BcTlin
Meine Damen und Herren 1
Die Einsichten der Psychoanalyse in das Krankheitsbild der Melancholie
knüpfen sich an die Forschungen Freuds und Abrahams. Abraham
hatte alt erster sein Interesse diesem Gegenstand zugewandt. Er sprach
bereits ign den Salz aus [i], daß die Melancholie eine der Trauer ver-
gleichbare Reaktion auf den Liebes- (Objekt-) Verlust darstellt. Einige Jahre
später tat Freud [2], nachdem er inzwischen das Gebiet dei Narzißmus Tür
seine Untersuchungen erschlossen hatte, zur analytischen Aufhellung der
Melancholie den entscheidenden Schritt. Er erkannte, daß in der Melancholie
das aufgegebene Objekt im Ich wieder aufgerichtet wird und der Kranke
auf diese Weise in seinen Selbst vorwürfen die Aggression gegen das Objekt
fortsetzt. Als nächste Voraussetzung dieses Vorganges hob er die Regression
von der Objektbeziebung auf deren narzißtischen Ersatz hervor, ferner die
Vorherrschaft der Ambivalenz, welche an die Stelle der Liebe den Haß
und die orale Einverleibung rückt. In einer späteren Schrift /)7 fügte
Freud dieser Auffassung die Bemerkung hinzu, die Grausamkeit des
Über-Ichs in der Melancholie sei eine Folge der Triebentmischung, die
mit dem Akt der Identifizienuig einhergehe. 1935 erfolgte dann eine zweite
umfassende Veröffentlichung Abrahams über die Melancholie [4]. Er
konnte an einer Reihe vonrefflicher Etnzelbeobachtungen die Ergebnisse
Freud« in allen Punkten bestätigen und ergänzte dieselben durch mehrere
bedeutsame klinische Funde. Er betonte die durch Ambivalenz bedingte
Liebesunfähigkeit der Kranken, zeigte die Bedeutung kannibalischer und
analer Triebimpulse für ihre seelischen Produktionen und deckte in ihrer
Kindheitsgeschichte eine „Urverstimmung" auf, die sie auf der Hohe der
438 Paul ledern
tcheint. Wir haben jene Ichslörungen gefunden, durch welche die Psyche der
traumatischen oder sonst krankmachenden Wirkung der Libido-In anspruch-
nähme nicht widerstehen kann: es sind dies das Schreckcrlebnis und die
Zurückziehung der oarzißtischen Ichgren7.-Beset7,ung, Wir haben dadurch
Janet's ,jfonccion du sentiment da. riet' ebenso wie der von Minkowski
charakterisierten „notion de perte de contact vital avec la realite' einen ganz
spezifischen, metapsychologischen Inhalt gegeben. Wir haben die Libido-
funktion für den Aufbau des Ichs durch Beobachtung der als Entfremdung
auftretenden Aktualpsychose neuerdings bewiesen. Unsere Betrachtungen
scheinen auch einen neuen Weg zur Erforschung der Ichstruktur zu eröffnen.
Das Problem der Melandiolic
Vortrag auf dem X. Inltmetionalm Psjvhoanaly^iijim Kongreß
EU Innsbruck am t. Sepiimbtr igij
Ton
Sändor Kadd
Berlin
Meine Damen und Herren I
Die Einsichten der Psychoanalyse in das KrankheitsWld der Melancholie
knüpfen sich an die Forschungen Freuds und Abrahams. Abraham
hatte als erster sein Interesse diesem Gegenstand zugewandt. Er sprach
bereits 1911 den Satz aus [i], daß die Melancholie eine der Trauer ver-
gleichbare Reaktion auf den Liebes- (Objekt) Verlust darstellt. Einige Jahre
später tat Freud [2], nachdem er inzwischen das Gebiet des Nanißmus für
seine Untersuchungen erschlossen hatte, zur analj-tischen Aufhellung der
Melancholie den entscheidenden Schritt. Er erkannte, daß in der Melancholie
da« aufgegebene Objekt im Ich wieder aufgerichtet wird und der Kranke
auf diese Weise in seinen Selbst vorwürfen die Aggression gegen das Objekt
fortsetzt. Als nächste Voraussetzung dieses Vorganges hob er die Regression
von der Objektbeiiehung auf deren narzißtischen Ersatz hervor, ferner die
Vorherrschaft der Ambivalenz, welche an die Stelle der Oebe den Haß
und die orale Einverleibung rückt. In einer späteren Schrift [jj fügte
Freud dieser Auffassung die Bemerkung hinzu, die Grausamkeit des
Über-Ichs in der Melancholie sei eine Folge der Triebentmischung, die
mit dem Akt der Identifizierung einhergehe, igaj erfolgte dann eine zweite
umfassende Veröffentlichung Abrahams über die Melancholie /47. Er
konnte an einer Reihe vortrefflicher Einzelbeobachtungen die Ergebnisse
Freuds in allen Punkten bestätigen und ergänzte dieselben durch mehrere
bedeutsame klinische Funde. Er betonte die durch Ambivalenz bedingte
Liebesunfähigkeit der Kranken, zeigte die Bedeutung kannibalischer und
analer Triebimpulse für ihre seelischen Produktionen und deckte in ihrer
Kindheitsgeschichte eine „Urverstimmung" auf, die sie auf der Hohe der
i^.]n Sdncinr Itaili)
ödipusentwicklung al> Reaktion auf die doppelte Liebesenlliiuschung an
Mutter und Vater erlebt hatten.
Nun verstehen wir den melancholischen Mechanismus, soweit er von
Freud in seine Komjionenten zerlegt worden ist und Abraham die in
ihm wirkenden Kräfte auf elementare Regungen der Parliallriebe zurück-
geführt hat. Der Bauplan aber, nach dem diese einzelnen seelischen Akte
zum Ganzen der Melancholie zusammengefugt sind, sein Ursprung und
spezifischer Sinn sind noch völlig dunkel.
Ich möchte Ihnen heute zeigen, wie weit es mit Hilfe der eingehenderen
Analyse des Icha und seines Narzißmus gelingt, tiefer in das Wesen der
Melancholie einzudringen.
Der auffallendste Zug im Symptombild depressiver Zustände ist die
Herabsetzung des Selbstgefühls, Der depressive Neurotiker versucht meistens
diese Störung zu verbergen ; in der Melancholie findet sie in den wahn-
haften Selbstbeschuldigungen und -beschimpf ungen der Kranken — die
man als „moralischen Kleinheitswahn bezeichnet — einen recht geräusch-
vollen Ausdruck. Andererseits ist das Benehmen der Melancholiker von
Erscheinungen durchsetzt, die ihrer sonstigen Selbsterniedrigung geradezu
wideraprechen. Freud gibt von dieser merkwürdigen Inkonsequenz der
Kranken folgende Schilderung [2]: „Sie sind weit davon entfernt, gegen
ihre Umgebung die Demut und Unterwürfigkeit zu bezeugen, die allein
50 unwürdigen Personen geziemen würde, sie sind vielmehr in höchstem
Grade quälerisch, immer wie gekränkt und als ob ihnen ein großes Unrecht
widerfahren wäre." Er fügt die Aufklärung hinzu, daß diese letzteren
Reaktionen noch von der seelischen Konstellation der Auflehnung ausgehen,
die erst später in melancholische Zerknirschung übergegangen ist. Wie
die Beobachtung zeigt, pflegt der melancholischen (bzw. depressiven)
Anwondlung regelmäßig eine solche Periode der überheblichen, erbitterten
Auflehnung vorauszugehen. Sie wird aber meistens rasch durchlaufen und
ragt dann mit ihren Erscheinungen in das darauffolgende melancholische
Stadium hinein. In der passagferen Symptomatik unserer analytischen
Behandlungen gewinnen wir von diesem Ablauf ein einprägsames Bild,
Wir wollen versuchen, die Entstehung dieser rebellischen Phase aus der
Vorgeschichte und der Wesensart der ihr unterworfenen Personen aufzuklären.
Wir beginnen mit der Schilderung der Charaktere, die sich am Ich der
depressiv Veranlagten erkennen lassen. Wir finden bei ihnen vor allem
eine gesteigerte narzißtische Bedürftigkeit und eine erhebliche narzißtische
Intoleranz. Wir beobachten, daß sie schon auf Kränkungen und Ent-
täuschungen geringfügiger Art sofort mit einer Herabsetzung ihres Selbst-
gefühls reagieren. Ihr Ich empfindet es dann als ein dringliches Bedürfnis,
f
Das Problem der Melandiolie 44"
die entstandene narzißtische Spannung auf irgend einem Wege zu beseitigen.
Das Ich kann dadurch völlig absorbiert und in seinen anderen Leistungen
gelahmt werden. Kin stärkeres Individuum dagegen wird auf derartige Vor-
sagungen kaum reagieren, kleinere Schwankungen seines Selbstgefühls
ohne Schaden ertragen und sich mit dem erforderlichen Aufschub der
Reparation ablinden. Ferner sind die depressiv Veranlagten in der Aufrecht-
erhaltung ihres Selbstgefühls vollends auf andere Menschen angewiesen und
von ihnen abhängig; sie haben die Stufe der Selbständigkeit, auf der das
Selbstgefühl in der eigenen Leistung und Kritik fest begründet ist, nicht
erreicht. Sic verspüren das Gefühl von Sicherheit und Behagen nur, wenn
sie sich geliebt, geschätit, gestützt, gefördert fühlen. Auch wo sie zur
Befriedigung ihrer Triebe eine annähernd normale Aktivität entfalten, ihre
/.iel Setzungen und Ideale mit Erfolg verwirklichen, bleibt ihre Selbst-
cinschätzung in hohem Grade davon abhängig, ob sie Anklang und
Anerkennung finden oder nicht. Sie sind wie jene Kinder, die nach der
Erschütterung ihres frühen Narzißmus ihr Selbstgefühl erst in einer völligen
Abhängigkeit von ihren Lieb es Objekten wiedererlangen.
Die bevorzugte Methode solcher Personen zur Hebung ihres Selbst-
gefühls ist also die Zufuhr narv.iOtischer Befriedigung von außen. Ihre
Libidoanlage ist leicht zu fassen; in ihren Objekltrieben sind starke nar-
zißtische Zuschüsse erhalten geblieben und so herrschen in ihren Objekl-
beziehungen die passiv- narzißtischen Triebiiele vor. Die von Freud [2j
beim Melancholiker vermutete „Objekiwahl nach dem naraßtttchen Typ""
ordnet sich als Spezialfall dieser Bestimmung ein.
Zur Abhängigkeit vom Objekt gesellen sich bei den Depressiven eine
Reihe sekundärer Charaktere, deren Vorhandensein ihre Anlage erst ver-
vollständigt. Sie werden nicht müde, um die Gunst und die Liebesbezeu-
gungen ihrer Objekte zu werben, und tun dies zuweilen mit einem Aufwand
von Geschicklichkeit und RafTmement, der in Staunen versetzt. Dies gilt
nicht nur von den Objekten ihrer vollsexuellen Strebungen, sie benehmen
sich genau so in ihren zielgehemmten und sublimen Beziehungen, deren
Zahl recht erheblich zu sein pflegt, da sie am liebsten in einer libidinös
gesättigten Atmosphäre leben. Sobald sie aber der Zuneigung und Opfer-
witligkeit einer Person sicher geworden und in ein festeres Verhältnis zu
ihr gelangt sind, macht auch ihr Verbalten eine vollkommene Wandlung
durch. Sie nehmen die Liebesaufopferung der geliebten Person m.it einer
geradezu großartigen Selbstverständlichkeit entgegen, werden immer herrischer
und selbstherrlicher, entfesseln einen immer schrankenloseren Egoismus,
bis ihr Verhalten in eine völlige Tyrannei ausartet. Sie saugen sich — nach
einem Ausdruck Abrahams — förmlich an ihren Objekten an und
443 Sdndor Radd
zehren an ihnen, all wäre es ihre Abiichl, sie ganz aufzuzehren. Die»
alles vollzieht sich gam unbemerkt von ihrer Selbstkritik, sie wissen
von ihrer werbenden Einstellung meistens genau so wenig wie von deren
späteren Umschwung oder der Klebrigkeit, mit der ihr Sadismus an den
Objekten haftet. Angesichts dieser Einstellung ist es dann wenig vei-
wunderlich, wenn sie auf Gegen aggressionen oder auf den drohenden
Liebesentzug mit erbitiener Heftigkeit reagieren und den endlichen Verlust
des Objektes ihrer marternden Liebe all die größte Ungerechtigkeit der
Welt empfinden.
Dies etwa ist der Hergang jener empörten Auflehnung, die der melan-
cholischen Rückwendung der Aggression gegen das eigene Selbst vorangeht.
Lassen wir die Introjektion de» Objektes, auf die Freud den Umschlag
in Melancholie zurückgeführt bat. vorläufig außer acht und versuchen wir
den Ausbruch der Melancholie auf Grund derselben psychologischen Voraus-
setzungen zu erfassen, die uns den Eintritt in die Auflehnungsphase ver-
ständlich gemacht haben. Dann wird es augenfällig, daß die Zerknirschung
doch nur die Reaktion auf das Scheitern der Rebellion sein kann, ein
neue» und zugleich letztes Mittel, zu dem das Ich seine Zuflucht nimmt,
um seine Absicht durchzusetzen. Was die Auflehnung nicht zu leisten
vermochte, soll jetzt durch reuige Seibitbestrafung, durch Sühne, erzielt
werden. Das Ich tut Buße, fleht um Verzeihung und will nun auf diesem
Wege das verlorene Objekt wiedergewinnen. Ich habe einmal [jj die
Melancholie als einen großen Verzweiflungsschrei nach Liebe bezeichnet
und glaube, daß »ich diese Auffassung in unserem Zusammenhang recht-
fertigt, Sie aber werden mir entgegenhalten, das kann nicht so sein, der
Melancholiker hat ja sein Interesse vom Objekt abgewendet, es existiert für
ihn nicht mehr, wie könnte sein Streben darauf gerichtet sein, auf diese«
Objekt versöhnend einzuwirken, um seine erneuerte Zuwendung zu en'eichen ?
Sie haben recht, aber der Melancholiker hat seinen Kampf um die Liebe
de» Objekt» auf einen neuen Schauplatz verlegt. Er hat sich narzißtisch
auf seine seelische Innenwelt zurückgezogen und will jetzt an Stelle des
Objekts die Verzeihung und Liebe seines Über-lchs erwirken. Seine
Beziehung zum Objekt war ja durch das Vorhertschen des narzißtischen
Geliebt-werden-Wollens ausgezeichnet und diese Strebung kann «ich in der
Relation zum Über-Ich unschwer fortsetzen. Es ist, als ob das melancho-
lische Ich zu seinem Über-Ich sagen würde; Ich nehme alle Schuld auf
mich, unterwerfe mich jeder Strafe, ja. ich biete mich durch meine Ver-
zichtleistung auf die vegetative Selbst fürsorge selbst als Sühneopfer dar.
wenn du dich nur wieder meiner annimmst und lieb zu mir bist. Der
melancholische Vorgang versucht also, so will es uns scheinen, den Konflikt
Da§ i'roblem der Meliindiolle 443
mit dem Objekt an einer falschen Stelle autzutragen, flüchtet narzißtisch
aus der Objeklbeziehung in das Verhälinis zum Über-Ich und entrückt
durch diesen regressiven Schritt da» Ich der Realität,
Man darf es wagen, aus diesem Verhalten des Melancholikers die Vor-
gänge zu erraten, die sich bei ihm einst in der Bildungszeit seines Über-
Ichs abgespielt haben. Er war ein narzißtisch veranlagtes, in seinem
Selbstgefühl vollends auf die Liebe der Eltern angewiesenes Kind. Wie hat
sich »eine Lage gebessert, als er angefangen hatte, die Forderungen der
Eltern in »einem Innern aktiv zu reproduzieren I Er konnte zu ihnen
tagen: Ihr braucht mich nicht mehr zurechtzuweisen , ich sage es mir
schon selbst, was ihr von mir verlangt, und wUl es auch tun. Aber es
kam auch vor, daß er schlimm war und die Eltern sehr böse geworden
sind; dann hat er verstanden, daß er nur die Strafe zu verbüßen und um
Verzeihung zu bitten hatte, um sie zu versöhnen. Bei nächster Gelegenheit
kam ihm der Gedanke, von selbst Buße zu tun und selbst eine Strafe
über sich zu verhängen, um rasch die Verzeihung der Eltern zu erwirken.
Wir hören solche Berichte in unseren Analysen, und es kommt auch vor,
daß Kinder diese Idee wirklich ausführen. Wir können uns nun leicht
vorstellen, daß später sich dieser Vorgang im Kinde auch ohne sein Wissen
abspielt. Es beginnt in seinem Innern unbewußt die elterlichen Strafen
zu reproduzieren, in der unbewußten Hofföung auf Liebe. Durch
eine unverschuldete narzißtische Kränkung, z. B. Abwendung der Eltern,
wäre das Einsetzen eines solchen unbewußten R ep a ratio ni versuch es motivierl.
Sü etwa läßt sich der Weg rekonstruieren, auf dem der spätere Melancholiker
— und gewiß nicht nur er allein — den Selbst bestraf ungsmechanismua
erwirbt. Sobald aber die aktive Reproduktion der elterlichen Strafen nicht
mehr den Eltern gegenüber betätigt, sondern unbewußt vollführt wird, ist
auch ihre versöhnende Absicht nicht mehr an die Eltern gerichtet, sondern
an ihre innere seelische Vertretung, an das Über-Ich. An Sielte der
früheren faktischen Auseinandersetzung mit den Eltern tritt eine rein
psychische Auseinandersetzung mit dem Über-Ich, wie später in den Melan-
cholie. Dieser innere Vorgang ist aber nach außen gänzlich unwirksam.
Mit der unbewußten Reproduktion der elterlichen Strafen hat der oral-
narztOtische Introjektionsvorgang (die Bildung des Über-Ichs) die Grenzen
seiner sozialen Zweckmäßigkeit überschritten, die Selbst best rafung ist ein
realilätswidrig festgehaltene» und nach innen gewendetes Stück der infan-
tilen Objektrelation. Das infantile Ich ist in seiner Angst vor dem Liebes-
verlmt offenbar zu weit gegangen; seine narzißtische Bedürftigkeit bleibt
unbefriedigt, auch wenn e» sich den zerstörenden Wirkungen der Selbst-
hestrafung aussetzt. Insoweit das Ich dann in der Melancholie »ich diesem
444 Siindor Kadö
Mechanismus anvertraut, hat es auch seine Beziehungen zur Realität
abgebrochen uüd sich umsonst der Lehensgefahr ausgesetzt.
Wir haben verstanden, daß die Selbsibestrafung in Hoffnung auf Abso-
lution erfolgt und der Sehnsucht nach Liebe entspringt. Nun werden Sie
gewiß mein kritisches Bedenken teilen, daß der Sinnzusammenhang
Schuld— Sühne—Ferzeihung, der unserem Seelenleben so tief eingeprägt ist,
Mine überragende Tragweite unmöglich allein den Ereiehungserfahrungen
des heranwachsenden Kindes verdanken kann. Es ist gewiß ein folgen-
schwerer Akt, wenn das Kind die Idee der Schuld zu begreifen beginnt
und die Erlebnisqualität des Schuldgefühls erwirbt, aber es scheint darauf
wie vorbereitet zu sein, unverzüglich auch den anschließenden Begriff der
Strafe und Sühne und vor allem auch den der schließlichen Verzeihung
zu verstehen. Das Studium der Melancholie gestattet uns tatsächlich in die
bis zur seelischen Urzeit herab reich ende Vorgeschichte dieses Gefüge»
einzudringen und seine letzten und entscheidenden Erlebnisgrundlagen
aufzuzeigen. Ich darf mich dabei auf ein Ergebnis berufen, das ich bereits
an anderer Stelle [f] angedeutet habe. Ei ist, um es kurz auszusprechen,
eine Erlebnisreihe aus dem ausgehenden Säuglingsalter, die jene unzerstör-
baren seelischen Spuren setzt, welche später zum Sinnzusammenhang
von Schuld— Sühne — f'erzeihung verarbeitet werden. Sie können es in der
Kinderstube beobachten, wie der Säugling, wenn in Abwesenheit der Mutler
sein Nahrungsbedürfnis erwacht, in ohmächtige Wut ausbricht, zappelt und
schreit und dann, durch diese Reaktion seiner Hilflosigkeit erschöpft,
vollends den Qualen des Hungerns zur Beute Tällt. Aber Sie wissen auch,
daß auf dieses grausame Erlebnis schließlich mit nie versagender
Sicherheit das Wiedererscheinen der Mutier folgt und das Kind im
Trinken an ihrer Brust jene oral narzißtische Glückseligkeit erlebt, die
Freud wohl mit Recht als das unerreichte Vorbild jeder späteren Befrie-
digung bezeichnet hat [6J. Das Ganj.e ist ein sich ungezählte Male wieder-
holender Erlebniszusammenhang, dessen Hafibarkeit gewiß keiner weiteren
Beweise bedarf. Aus der Wutanwandlung des hungrigen Säuglings gehen
alle späteren Formen der aggressiven Versagungsreaktion (auf-
fressen, beißen, schlagen, vernichten usw.) hervor, auf die das Ich nach
dem Eintrin in die Latenzzeit sein ganzes Schuldbewußtsein konzentriert.
Diese Überbeseizung der aggressiven Antriebe mit manifestem Schuldgefühl
ist der Erfolg eines normalen Entwicklungsschubes, den wir am Material
unserer Analysen bequem verfolgen und auf Grund der Einsichten Freuds
auch leicht verstehen können. Das infantile Ich muß auf der Höhe der
phallischen Phase, durch die Angst vor der Kastration (dem Liebes verlu st)
eingeschüchtert, seine gefährlichen Ödipuswünsche aufgeben und sich
Das Problem der Melondiolic
445
gegen ihre Erneuerung versichern; es bildet dazu aus der primären Selbst-
beobachtungsfun kiion eine mächtige Instanz (Cber-Ich) und entwickelt die
Fähigkeit, deren Kritik als Gewissensangst (Schuldgefühl) wahrzunehmen.
Der Ödipuskomplex geht an der neuerworbenen Gewissensreaktion zugrunde-
aber die in ihm enihaltenen Regungen erfahren dabei verschiedene Schick-
sale. Die genitale Regung unterliegt der Verdrängung; ihre motorischen
Impulse werden inhibiert und der von ihr besetzte Vorslellungskreis (Inzest-
phanlasie, Onanie) verschwindet spurlos aus dem Bewußtsein. Die aggressive
Kegung kann nur auf eine weniger wirksame Weise abgewehrt werden.
Ihre treibenden Kräfte werden zwar durch die Errichtung einer starken
Gegenbesetzung lahmgelegt, aber die von ihr besemen Vorstellungsin halle
bleiben dem Bewußtsein erhalten. Das Ich ist offenbar unfähig, sich vor
den Erscheinungen der Aggression in ähnlicher Weise zu verschließen, wie
vor denen der groben Sinnlichkeit. Sie werden ihm ja durch unvermeid-
bare Eindrücke des .Vtllags, nicht zuletzt durch die aggressiven Maßnahmen
der Erziehung selbst, stets von neuem vor Augen geführt. Die Erziehung
muß sich also begnügen, die Aggressionen des Kindes aufs schärfste zu
verurteilen und sie ihm als den Inbegriff des Schuldvollen, Sündhaften,
hinzustellen. Die enge Beziehung zvvischen Genitalilät und Verdrängung
einerseits, Aggression und Abwehr durch Reaktionsbildung anderseits, auf
die Freud vor kuntem aufmerksam gemacht hat fyj, wurzelt demnach in
der praktischen Situation des Kindes. Die verdrängte (bewußtseinsunfähige)
Genitalschuld verbirgt sich in der Folge hinter der in ihrem Wortlaut
erhaltenen Aggressionsschuld und so wird die — genetisch bis zum Wul-
ausbruch des Säuglings hinabreichende — sadistische Regung zum manifesten
Träger auch des ganzen, von seinem genitalen Ursprung verschobenen
Inzest- Schuldgefühles. Die Qualen des Hungerns werden zur seeli-
schen Vorstufe der späteren „Strafen und über die Schule der Strafen
hindurch zum Urmechanismus der Selbstbestrafung, die dann
in der Melancholie zu einer so verhängnisvollen Bedeutung gelangt. Hinler
der maßlosen Verarmungsangst des Melancholikert ist ja auch nur die
Angst vor dem Verhungern (also an körperlichem Besitzsland Verarmen)
verborgen, mit derdie Vitalität eines normalen Ichrestes auf die lebensbedrohliche
melancholische Sühneaklion reagiert. Das Trinken an der Brust aber bleibt
da» strahlende Vorbild der unausbleiblichen verzeihenden Liebeszuwendung.
Es ist gewiß kein Zufall, daß die stillende Madonna mit dem Kind zum
Sinnbild einer mächtigen Religion und durch ihre Vermittlung zu dem
einer ganzen Epoche unserer abendländischen Kultur geworden ist. Ich
meine, die Zurückführung des Sinnzusammenhanges Schuld — Sühne —
Ferzeihung auf die frühinfantile Erlebnisrcihe tFut — tlunger— Trinken
446 Sdndor Rad6
an der Brust erklärt uns das Rätsel, warum die Hoffnung auf Absolution
und Liebe die vielleicht mächtigste Bildung ist, die wir in den höheren
Schichten de» menschlichen Seelenlebens antreffen.
Wir haben demnach die tiefste Fixierungssl eile der melancholischen
(depressiven) Disposition in der „Gefahrsiiuation des Liebesverlusles"
(Freud) fy], des näheren in der Hungersiluation des Säuglings
zu erblicken. Wir erfahren darüber mehr, wenn wir jenes Erlebnis der
„oral-narziOtiachen Glückseligkeit", die dem Säugling in seiner großen Not
luteil wird, näher ins Auge fassen. Ich habe an anderer Stelle [S] den
Nachveeii zu fuhren versucht, daß die lustvolle Reizung der Mundzone
nicht das Ganie der oral-libidinösen Befriedigung ausmacht, vielmehr nur
als ihr augenfälliges Vorspiel aufzufassen ist. Es schien mir gerechtfertigt,
den Höhepunkt dieses Genusses auf das darauffolgende unsichtbare Stück
de» Vorganges zu beziehen, den ich als „alimentären Orgasmus" bezeichnet
und als enlwicklungsgeschichtlichen Vorläufer des späteren genitalen
Orgasmus hingestellt habe. Der alimentäre Orgasmus des an der Mutter-
brust trinkenden Säuglings erweist sich nun als ein folgenschweres Phänomen,
dessen Wirkungen in die ganze spätere Lebenszeit ausstrahlen. Er befriedigt
die egoistischen Bedürfnisse des kleinen Menschenkindes nach Nahrung,
Geborgenheil und Wäj-me, erfüllt die Sehnsucht seiner keimenden übidi-
nöscn Objekttriebe und versetzt es durch das Zusammentreffen all dieser
Momente, und mit ihnen untrennbar verknüpft, in eine Art narzißtischen
Rausch. Es ist vielleicht korrekter zu sagen, daß in diesem großartigen
Befriedigungserlebnis noch alle die Komponenten ununterscheidbar vereinigt
sind, die später eine differenzierende Entwicklung verschiedenen Schicksalen
zuführen wird. Aber es kommt auf dasselbe heraus; es ist nicht zu ver-
kennen, daß das keimende Ich das Säuglings in dieser narzißtischen
Befriedigung jene seelische Qualität erwirbt, die es später als Selbit-
gefühl erleben wird. Das Selbstgefühl ist seinem Unpung nach die
Reaktion des keimenden Ichs auf sein biologisch bedeutsamstes Erlebnis,
auf den alimentären Orgasmus. Später werden die Machtentfaltungen des
Ichs, seine Befriedigungsaktionen aller Art die bedeutsamsten Anlässe für
die Reaktion des Selbstgefühls abgeben, — man kann geradezu fortschreitend
eine orale, sadistisch -anale, bzw. genitale Stufe (Gewinnungstechnik) des
Selbstgefühls unterscheiden — . aber die Erlebnisqualitäi selbst bleibt eiti spezi-
fisch differenziertes Erinnerungssymbol jener frühen, durch den alimentären
Orgasmus bedingten Ichreabtion.
Ziehen wir in Erwägung, daß die Erlebnisqualität des Selbstgefühls —
wie dies bereits von Bernfeld [9] beschrieben worden ist — durch das
Hinzutreten neuer Faktoren der fortschreitenden Steigerung zu Jubel,
Das Problem der MdandioUc
447
Triumph, Ekstase und Rausch fähig ist, dann dürfen wir feststellen, daß
lieh hier eine Kette »on Zusammenhängen befriedigend schließt. Die
Abkunft der späteren Rauschzustände aus dem Ernährungsrausch hat sich
mir bereits früher auf einem anderen Wege ergeben. Die hier entwickelte
genetische Reihe Alimentärer Orgasmiu — Selbstgefühl — Rausch ist aber
gerade für die Melancholie von Bedeutung. Der Melancholiker bemüht sich, wie
wir gehört haben, sein schwer herabgesetztes Selbstgefühl durch Liebe
wieder herzustellen. Seine Aktion erscheint uns krankhaft, weil «ie sich
nicht an das Objekt, sondern an das Über-Ich wendet. Sie führt aber zu
einem absolut konsequenten, wenngleich nicht minder pathologischen
Resultat. Das ist die Manie, in der, wie Freud erkannt hat [lo\, das Ich
mit seinem Über-Ich wieder zu einer Einheit zusammenfließt. Wir können
hinzufügen: in der getreuen inncrsee tischen Wiederholung jener Ver-
schmelzung mit der Mutter im Trinken an ihrer Brust. Die früheste —
orale — Technik der Erneuerung des Selbstgefühls feiert hier auf dem
psychischen Schauplatz seine Auferstehung und ergibt ~ psychologisch
völlig korrekt — den Rausch, der Manie. Der manische Zustand folgt auf
die Phase der Selbstbestrafungen mit derselben Gesetzmäßigkeit, mit der
einst im biologischen Ablauf auf das Hungern der E r näh rnngs rausch
gefolgt ist. Wir wissen übrigens, daß dem leb zur Aufrichtung seines
schwankenden Selbstgefühls noch ein anderes pathologisches Verfahren
zur Verfügung steht, das ebenfalls den alimentären Orgamu» zum Vor-
bild nimmt, die Flucht in die pharmako toxi sehen Rauschzustände der
Süchtigkeit.
Greifen wir auf unsere frühere Feststellung zurück, daß das Ich, nach-
dem seine Auflehnung gegen den Objektverlust wirkungslos geblieben ist,
seine psychologische Technik ändert, sich als schuldig bekennt und zur
reuigen Zerknirschung übergeht. Hier erhebt sich die Frage, warum und
woran aich das Ich eigentlich schuldig fühlt? Beim depressiven Neu-
roliker braucht es ein tüchtiges Stück Arbeit, um diese Frage sicher zu
beantworten. Dem in dieser Hinsicht so offenherzigen Melancholiker hat
man nur aufmerksam zuzuhören und findet dann leicht den zentralen Sinn
seiner Selb st an klagen heraus. Er fühlt sich schuldig, weil er durch seine
Aggressivität den Objektverlust selbst verschuldet hat, woriiD wir ihm
gewiß nicht widersprechen können. Wir beobachten auch, daß dieses
Schuldbekenntnis des Ichs nach infantilen Vorbildern erfolgt und in seinem
Ausdruck aus dem Infantilen verstärkt wird. Trotzdem müßten uns geradi-
die auffallendsten Züge der melancholischen Sühne unverständlich bleiben,
würden wir nicht wissen, daß diese Aktion auch noch aus einer anderen
Quelle mächtige Beihilfe erhält.
448 Siindor Uutlii
Parallel mit der melanchotUclieii Sühne läuft ja noch ein anderer psy-
chischer Vorgang. Er geht von der sadistischer, objeki feindlichen Slrebung
aus, die ihre Macht bereits in der ambivalenten Gestaltung der IJebcs-
beziehung gezeigt hatte, hernach die Reaktionen der Auflehnung bestritt
und im Ich jene andere Einsicht hervorbrachte, daß an dem Zerwürfnis das
Objekt allein die Schuld trage, denn es habe durch seine Launenhaftigkeit,
Unverläßlichkeit, Gehässigkeit die Härte des Ichs provoziert. Freuds ein-
gangs erwähnte Entdeckung brachte uns die überraschende Einsicht, d.iß
dieser un überwindbare aggressive Antrieb des Es sich in der Melancholie
stärker erweist als das Ich. Nachdem das Ich in der Realisierung des
objeklfeindlichen Triebanspruchs schmählich versagt hat (Zusammenbruch
der Auflehnungsphase) und sich jetzt reuig-masochislisch zum Über-Ich ein-
stellt, schlägt sich die aggressive Es-Strebung zum Über-Ich und treibt das
durch Beine Sühneabsiclit geschwächte Ich selbst in die Rolle des Objekts.
Nun wütet da: Über-Ich gegen das Ich so, wie das Ich hätte fähig sei«
sollen, gegen das Objekt zu wüten. Das Ich lOg einst in die Welt hinaus,
um sein narzißtisches Liebesbedürfnis zu befriedigen, ist aber dabei an den
Ansprüchen seines Sadismus gescheitert; nun strebt es — der Realität
abgewandt — die narzißtische Befriedigung auf dem innerseelischen Schau-
platz an, kann aber der Übermacht des Aggressionstriebes auch hier nicht ent-
rinnen. Die Selbstbcstrafungeu nehmen Formen und Ausmaße an, die weit
über das hinausgehen, was dem Ich als Sühne vorgeschwebt haben mag;
das Ich wandte sich mit seiner Reue vertrauensvoll an ein gütiges.
nur milde strafendes Wesen und hat jetzt die Folgen seiner infantilen
Guigläubigkeit und Schwäche zu tragen. Da es in seiner Ratlosigkeit von
der Hoffnung auf die rettende Verzeihung nicht mehr loskommen kann,
fügt es sich der Objektrolle, nimmt auch die ganze Schuld des Objektes auf
»ich und läßt die Grausamkeiten des Über-Ichs ohne Sträuben über sich
ergehen; sein eigenes Selbst ist jetzt fast vernichtet, nur seine — in ihrem
Ausdruck entstellten — Ängste verraten, daß der Kern des Ich» noch
existiert. Es wäre unbegreiflich, daß das Ich vor dem Sadismus des Es so
restlos kapituliert, würde es dabei nicht der unzerstörbaren infantilen Illu-
sion erliegen, sich nur noch durch Nachgiebigkeit und Sühne aus seiner
narzißtischen Not befreien zu können.
Dies also ist die Umgruppierung, die die „synthetische. Funktion" am
melancholischen Ich vornimmt. Es gelingt ihr. aus Triobvorgängen von
genau entgegengesetzter Herkunft und Richtung eine große und einheitliche
aeehsche Aktion zu organisieren, in der diese heterogenen Elemente als
einander gegenseitig bedingende und ergänzende Wirkungsfakloren auftreten.
Das reuige Ich will die Verzeihung des gekränkten Objekts erwirken und
[)us Problem der Melandiolie
449
läßt sich zur Sühne statt von ihm Tom Über-Ich bestrafen; in der unge-
ahnten Strenge des Über-Ichs tobt sich dann die alte objekl feindliche
Strebung am Ich aus, das an die Stelle des gehaßten Objekts gerückt ist.
Die Synthese ergibt also einen ausgedehnten Real itäis Verlust und die
völlige Unterwerfung des Ichs unter die unumschränkte Herrschaft des sadisli-
■chen Über-Ichs. das nach einer Bemerkung Freuds das Bewußtsein —
und, wie wir jetzt hinzufügen dürfen, auch die „synthetische Funktion —
der melancholischen Persönlichkeit an sich gerissen hat.
Hier müssen wir innehalten, denn wir können unsere Verwunderung
über dieses Ergebnis nicht unterdrücken. Die gleichsam symmetrische Auf-
lösung, die wir für die Konflikte der ambilvalenien Triebrichtungen gefunden
haben, ist formal gewiß bestechend und baut sich inhaltlich in allen
Stücken auf gesicherten Daten der Beobachtung auf, aber sie scheint einen
unlösbaren Widerspruch zu enthalten. Das Objekt müßte nach unserer
Konstruktion zweierlei Ei nverleibungs Vorgängen unterlegen, sowohl ins
Über-Ich als auch ins Ich aufgenommen worden sein, eine Idee, der wir
zunächst verständnislos und mißtrauisch gegen übent eben. Entweder ist
unser Aufklärungsvertuch in die Irre gegangen oder es fehlt uns noch
die Einsicht in entscheidende Verhältnisse. Ich hoffe zeigen zu können,
daß der letztere Fall vorliegt und die Schwierigkeit eine Lösung zuläßt. Wir
müssen aber dazu etwas weiter ausholen.
Freud hat aus guten Gründen angenommen, daß die Sinoeswahr-
Uehmung am Anfang noch ganz unter der Herrschaft des Lusipriozips
«tehl. Nur das Lustvolle wird wahrgenommen, das Unlustvolle nach
Möglichkeit ignoriert. Es dauert eine ganze Weile, bis sich beim Kinde
auch das Unlustvolle eine psychische Vertretung schafft. Dann kommt die
Zeit, in der die Welt für das Kind offenbar aus zweierlei Vorstellungen
besieht, aus den Vorstellungen der lustvollen und aus den Vorstellungen
der unlustvollen Dinge. Nun gibt es aber tückische Dinge, die bald lust-
voll, bald unlustvoll sind, z. ß. die Mutler, je nachdem, ob sie ihr Kind selig
lächelnd liebkost, oder ob sie verärgert ist und den Kleinen mißachtet oder
gar mißhandelt. Wir haben es leicht zu sagen, daß es ein und dieselbe
Mutter ist, nur in zwei verschiedenen Haltungen. Es bedeutet einen
gewaltigen Fortschritt, wenn das Kind so weit ist, diese Synthese zu voll-
ziehen, aber einstweilen ist es zu einer solchen Denklcislung nicht fähig.
Es steht noch ganz unter der Herrschaft des Lusiprinzips und hält diese
Eindrücke als „liebes Ding" und „böses Ding" oder, wie wir sagen wollen,
als „liebe Mutter" und „böse Mutter" auseinander. Aus den auf die Mutter
bezüglichen Erlebnissen und Erinnerungen wird also im Seelenleben des
Kindes nicht, wie man vom Erwachsenen her erwarten wrürde, eine konti-
450 Sündor Radö
nuierliche Reihe gebildet; «eine Wahrnehmungen und Gedächinisbilder dei
einen realen Objekts ergeben zwei nach ihrem Lustwert scharf von-
einander getrennte Reihen,
Diese primitive Arbeitsweise der beginnenden intellektuellen Denktätigkeil
erlangt in unserem Seelenleben bleibende Bedeutung durch ihre Verknüpfung
mit der A^mbivalenz des Trieblebens. Die „liebe" (lustspendende) und
die „böse" (versagende) Mutter werden beim Kinde zu isolierten
Objekten (Triebrep rasen tanzen) seiner Liebe und seines Hasses. Diese
Duplizität der Objekte bleibt im triebbehemchten Denken auch dann noch
erhalten, wenn das Kind rein inlellekluell bereits über die vollständige
— liebe und böse Haltungen umfassende — Vorstellung „Mutter" vei-
fügt. Sobald es unter die Herrschaft eines stärkeren Liebesdranges gerät,
ist sein ganzes reales Wissen um die böse Seite der Mutter einfach
erloschen; und umgekehrt, wenn seine Haßregung durchbricht, wird es an
der jetzt „bösen" Mutter durch nichts daran gemahnt, daß diese Mutler
auch lieb zu sein pOegt. Wir können dieses Verhalten leicht verstehen.
es ist ein Ausweichen des noch schwachen Ichs vor dem A m b i-
valenzkonflikt, wenn es sich mit »einer Liebe an eine nur liebens-
würdige, mit seinem Haß an eine andere nur hassenswerte Mutter
wendet. In diesem Zusstand kann das Kind von seinem subjektiven Stand-
punkt aus noch gar nicht als „ambivalent" bezeichnet werden; die Ambi-
valenz wird erst hergestellt, wenn es die Erziehung durchsetzt, daß das Kind
seine gegensinnigen Triebabfuhren auf das eine reale Mutlerobjekl bezieht,
es also „einsehen lernt", was es tut. Die Erziehung erzwingt durch diese
Maßnahme, daß da» Kind zumindest den ärgsten Teil seiner aggressiven
Regungen verdrängt. Die vom Ich abgewehrte Aggression bleibt dann im
Unbewußten an der isolierten Repräsentanz „böse Mutier" haften und
sichert dadurch den Fortbestand dieser Parlialvorstellung. Nachdem nun
das Kind die traurige Wahrheit anerkannt hat. daß die Mutter bald lieb,
bald böse ist, entwickeil es in »einer Liebesbedürftigkeit die stetig wach-
sende Sehnsucht nach einer Mutter, die zu ihm „immer nur lieb" ist. Das
isolierte Bild der „lieben Mutler" lebt jetzt als stark besetzte Wunsch-
Vorstellung in ihm fort.
Ich schabe hier die Bemerkung ein, daß sich in den Handlungen der
Pflegepersonen ein instinktives Wissen um diese Doppel Vorstellungen de»
Kindes verrät. Wenn die Kinderfrau ihren Schützling nach einer etwas
energischer geratenen Zurechtweisung beschwichtigen will, findet sie leicht
die tröstliche Auskunft: Jetzt ist der böse Junge schon weg, nur unser
guter Junge ist da geblieben. Oder wenn sie gar einsieht, daß sie dem
Jungen Unjecht getan hat. »ich vor »einen Augen einige Kläpp»e gibt und
Das Problem der Mekindiolk" 451
dann von sich selbst sagt: Die böse Marie ist weg, nur die gute ist noch
da- Sie merken, dieses harmlose Spiel festigt auch die triebhafte Einstellung
des Kindes, daß die bösen Personen da/u da sind, nmgebracht zu werden,
denn weg sein heißt tot sein. Der doppelten Vorstellungsbildung dürften
übrigens auch die bösen tind guten Geister entspringen, von denen
der Primitive Menschen und Dinge abwechselnd besessen wähnt, ebenso
die Doublierungen, die uns in den Traumen, M)'then und sonstigen
Schöpfungen des Unbewußten als Träger der Ambivalenz so häufig
begegnen.
Die Sehnsucht des Kindes nach einer „nur lieben Mutter" und einem
„nur lieben Vater' wird durch das Erleben gefährlicher Drohungen
(Kastration) und schmerzlicher Strafen ständig verstärkt und liefert schließlich
die treibende Kraft zur Bitdung seines Über-Ichs. Wir sprechen hier nur
eine uns vertraut gewordene Einsicht Freuds in einer etwas modifizierten
Fassung aus, die die psychologische Rolle der Vorsiellungspaare hervor-
kehren soll. Wir erhalten ein anschauliches Bild von der Situation in der
Bildungsphase des Über-Ichs, - wenn wir dem kindlichen Ich folgenden
Gedankengang unterschieben:
Die Eltern sollen mich nie mehr bestrafen, sie sollen mich immer
nur lieben. Ihr Abbild in meinem Innern — mein Über-Ich — wird
jetzt dafür sorgen, daß sie zu mir nicht mehr böse zu werden brauchen.
Natürlich soll mich auch mein Über-Ich lieben. Wenn aber mein Über-Ich
durch seine Ftmktion mir die Liebe der Eltern sichern toll, dann muß
es mich dazu zwingen können, daß ich gewisse Handlungen unterlasse;
CS soll zu mir, wenn's not tut, recht streng sein, und ich werde ei
trotzdem lieben.
Die Bildung des Über-Ichs erscheint uns in dieser Beschreibung als
ein Versuch des Ichs zur Realisierung seines Wunsches, die abwechselnd
lieben und bösen Eltern in „nur liebe" Eltern umzuwandeln. Im Rahmen
dieses Unternehmens raufl das Ich vor allem auf seine auf die Eltern
gerichteten geniialen und sadistischen Regungen {ödipuslibido des Es)
verzichten. Femer muß es sich entschließen, den Eltern im Innern (dem
Über-Ich) das Vorrecht einzuräumen, gegebenen falls böie und streng zu
sein; das Ich wird doch nicht aufhören, sie zu lieben und auch von
ihnen geliebt werden zu wollen. Mit dieser Entscheidung überläßt das Ich
dem Über-Ich die Verfügung über jene Triebkräfte de» Es, auf deren
Betätigung es selbst verzichtet hat.
Die im Innern errichtete {introjizierle) Elterninstanz ist also in all
ihren Stücken eine Schöpfung des Ichs. Das Ich baut sie zunächst aus
seinen „lieben Eltern" und aus den Haltungen seiner „bösen Eltern" auf.
452 Si'irnlor Hmtii
d. h. das Ich wird zwar die Eltern im Innern ganz wie seine „lieben
Eltern" lieben, aber es muß sich versagen, sie wie seine „bösen Eltern"
zu hassen, selbst wenn sie sich wie „böse Eltern" benehmen. Das Über-Ich
nimmt also bei seiner Entstehung aus dem Ich den Vorstell ungskrei*
„liebe Ellcm mitsamt der daran haftenden Besetzung des Ichs auf, während
es dem Vorstell ungskrei) „böse Eltern" nur die in ihm enthaltenen
Inhalte entlehnt. Die erotischen und aggressiven Kräfte, mit denen das
Über-Ich arbeiten soll, stellt ihm das Ich durch seinen eigenen Verzicht
auf ihre Verwendung aus dem Triebreservoir des Es zur Verfügung, Die
sadistische (elternfeindliche) Strebung wird in ihrem resistenten Stück vom
Ich unverändert in das Verdrängte verbannt, wo sie dann in der isolierten
Partialvorstellung der „bösen Eltern" ihre Repräsentanz bereits vorfindet.
Ähnlich ergeht es jenem Rest der grobsinnlichen Scxualströmung, der steh
der Wendung nach innen (Oesexualisierung und Abgabe an das Über-Ich)
entzieht. So i« das Ich ernstlich bemüht, seinen alten Traum von
den „nur lieben Eltern" in den wirklichen Eltern lebendig werden
zu lassen.
Ich möchte mir erlauben, die einseitige Orientierung und den schema-
tischen Charakter dieser Darstellung von neuem zu betonen. Wir hatten
auch nur die Absicht, den Typ der in ihrem Narzißmus femininen
Individuen zu erfassen, dem ja die depressiv Veranlaglen angehören, und
bei dem schon die „Gefahr des Liebesverlustes" allein ausreicht, um die
Bildung des Über-Ichs zu erzwingen ; der reine männliche Typ mit seinem
andersgearteten Narzißmus, der erst dem Druck der Kastrationsgefalir
nachgibt, kann uns hier nicht interessieren.
Wir können nun von unserer Exkursion zur Frage der melancholischen
Introjektion zurückkehren. Beim späteren Melancholiker bleiben infolge
der übermäßigen Ambivalenz seiner Triebanlage zeitlebens massive Über-
reste des infantilen doublierenden Denkens erhalten. Wenn er seine
ambivalenten Triebimpulse abwechselnd betätigt und dabei zustande bringt,
je nach Bedarf die Licht-, bzw. die Schattenseite des Objekts seinem
Bewußtsein völlig zu entziehen, zeigt er ein Verhalten, das sich von dem
des Kindes kaum unterscheidet. Erst die klinische Beobachtung dieser für
die neurotische Ambivalenz schlechthin so charakteristischen Encheinung
hat uns ja in die Lage versetzt, durch Rückschluß die entsprechenden
En tw ic kl ungs Vorgänge beim Kind zu durchleuchten. Weim dann beim
Ausbruch der Melancholie der große Strom regressiver Prozesse einsetzt,
muß auch die realitätsgerechte Vorstellung des rezenten Objekts endgültig
den archaischen Anforderungen weichen, die die von ihren Schranken
befreite Ambivalenz an die Denktaligkeit stellt. Da» „liebe Objekt", von
Das Problem der Mdundiolle 453
dem das Ich geliebt werden will, gelangt dann durch Tntrojektion ins
Über-Ich. Dort wird w nach dem eben gewürdigten Büdungsgeselz dieier
Instanz mit dem Vorrecht ausgestattet, das vorher dem realen Objekt so
heftig abgestritten worden war, mm Ich böse, sogar sehr böse zu sein. Das
von dem einheitlichen Objekt gleichsam als „Prügelknabe" abgespaltene
„böse Objekt" wird dem Ich einverleibt und der jetzt am dem Über-Ich
wirkenden sadistischen Strebung preisgegeben. Der logische Widerspruch
löst sich, wie Sie sehen, wirklich restlos auf.
Dies Resultat gestattet uns nunmehr, den verborgenen Sinn des
melancholischen Mechanismus bis in seine letzten Konsequenzen zu
enthüllen. Überlegen Sie: Die größte Schuld, die das „böse Objekt" nach
dem Vorwurf des Ichs auf sich geladen hat, ist seine Ambivalenz, durch
die es die Feindseligkeit des Ichs „provoziert" hat. Wenn nim das im Ich
weitende „böse Objekt'* gezüchtigt und schließlich umgebracht wird, dann
bleibt nur das von seinem „bösen" Anteil befreite, also das „liebe Objekt"
bestehen, aber auch die Feindseligkeit des Ichs (des Es) ist befriedigt und
erschöpft. Jetzt sieht nichts mehr im Wege, daß das purifizierte Ich sich
mit dem ebenfalls geläuterten Objekt in Liebe und Gegenliebe vereinigt 1
Im Umschwung zur Manie wird dieses Ziel des melancholischen Vorganges
— in der Region des Pathologischen — restlos erreicht. Das „biiae
Objekt" wird — nach der Erkenntnis Abrahams [4] — aus dem Ich
durch einen analen Akt ausgestoßen, was mit seiner Tötung gleichbedeutend
ist. Das von seiner Aggression und seinem gehaßten Feind befreite Ich
atmet erleichtert auf und vereinigt sich unter den Anzeichen eines
beglückenden Bausches mit seinem zum Über-Ich erhobenen „lieben
Objekt".
Wir gelangen so zur Einsicht, daß der melancholische Vorgang einen
großzügigen und mit eberner psychologischer Konsequenz dureh geführten
Reparation s' (Heilungs-) Vers uc h darstellt. Er will das durch den
Liebesveriusi vernichtete Selbstgefühl de» Ichs erneuem, seine zerstörte
Liebesbezichung wieder herstellen, das Ich gleichsam vorbeugend vor der
Wiederholung so schwerer Schädigungen behüten und in diesem Interesse
die Ursachen des Unheils — die Ambivalenz des Ichs und die des Objekts
— aus der Welt schaffen. Für den erzielbaren Realeffekt dieser Aktion
bleibt es entscheidend, daß sie sich nicht an der richtigen Stelle, in der
Relation zur Objektwelt, sondern unter der Voraussetzung einer narzißtischen
Regression lediglich zwischen den einzelnen seelischen Instanzen des
Kranken abspielt. Sie kann dem Ich nicht wieder zu seinem verlorenen
Objekt verhelfen; die endliche Vereinigung mit dem Objekt vollzieht sich
— nachdem dasselbe durch das Über-Ich ersetzt wurde — nicht als realer
IhL Zciuchr. t PsrchoanBlric, XIII/« „
4.S4 Sdndor Radrt
Vorgang in der Außenwelt, sondern als eine Zustands- (Besetiungs-) Änderung
in der psychischen Organisation. An diesem rein psychischen Akt hängt
aber ein bedeutsames reales Resultat: die Wiederherstellung, ja, sprung-
hafte Übersteigerung des Selbstgefühls zur Manie. Dieser Unterschied ist
uns einleuchtend, der durch eine schwere narzißtische Erschütterung
eingeleitete melancholische Prozeß kann sein narzißtisches Ziel, die
Reparation des Selbstgefühls, auch unter Umgehung der Itealität, durch
eine bloße psychische Besetzungsverschiebung erreichen. Das manisch
gewordene Ich findet sofort den Rückweg zur Objektwelt, es stürzt sich
mit seiner ganzen durch die plötzliche Beseizungsänderung entfesselten
Aktivität auf die Realität und tobt sich in ihr aus. Für das Verhalten de»
Manischen ist die orale Abkunft seines psychogenen Rausches bestimmend;
es ist augenfällig, daß die Manie mit den mannigfachen Akiions- und
ReaJttioDsmögl ichkeilen des Erwachsenen die ungehemmten Triebaußerungen
des gesättigten euphorischen Säuglings reproduziert. Es entspricht ganz
unserer Erwartung, wenn für den auf einer temporären Zurückziehung
des Über-Ichs bere Zähne besaß.
Der zweite Traum spielte sich in einem Raum ab, in welchem einige
Tage vorher eine rothaarige Dame Ehebruch beging. Dies war dem Träumer
bekannt. Auch die Dame seines Traumes war verheiratet Wir dürfen also
annehmen, daß er nicht nur an ihrer Brust liegen wollte.
II
Er befindet sich mit mehreren ehemaligen Schulkameraden am Bahnhof und
will ahreUau Nach Schülerart vrird ein Junge, der für besonders dumm
gehalten wird, dadurch gehänselt, daß man ihm Zettel mit Stecknadeln
anhängt. Der Tr. selbst beteiligt sich hierbei. Auch ihm wird vorne ein Zettel
angehängt, den er sofort bemerkt. Abschied. Der Zug ist dicht beseUt, mir
ein Platt neben seiner Mutter ist noch frei. Gegenüber sitzt eine ältere Dame,
die er kennt. Er bemerkt nun, daß sein Racken vöüig mit Zetteln behängt
Ut. Aus der Brust- und Schoßseite seines Rockes sieht er langsam, mit großer
Befriedigung, viele Nadeln und erwacht.
Analyse.
Der Tr, legte kurz Tor seinem Traum eine Prülimg ab, wo er viele
ehemalige Schulkameraden traf und die er „mit Auszeichnung" bestand. —
Vor zwei Tagen traf er ehemalige Mitschüler, die ihn durch einen neckischen
Zuruf ärgerten ; am selben Tage begegnete er in einem Gasthaus einem Idioten,
dem man einen Zettel mit der Aufschrifl: „Vorsicht, sehr bissig I" angehängt hatte.
Der Traum besagt also zunächst; Du hast zwar deine Priifung mit Aus-
zeichnung bestanden (Waren werden durch Anhängen von Zetteln ausgezeichnet),
aber trottdem bist du ein IdioL Die Eisen bahn fahrt, das Anstecken und
Herausziehen von Nadeln aus Stoff deuten aber weiters auf einen sexueUen
Vorgang.
Der Vater des Tr. war zurzeit des Traumes schwer erkrankt. Abreisen
und Bahnfahrt bedeuten Tod, Er fährt mit seiner Mutter. Wir dürfen also
wohl übersetzen: Wenn der Platz neben meiner Mutter leer würde, wie ich
wünsche, so würde ich ihn auszufüllen wissen und nicht so dumm' «ein wie
der Idiot (Der Tr. bemerkte im Traum ja die Zettel!)
Beispiele aur Troumdeutung 46*
Beispiele zur Traumdeutung
Von
Otto Fenichel
Berlin
I) Ein verdichteter Traum
Es ist bekannt, daß es ganz kurze Träume gibt, die in höchst verdichteter
Form die ganze Neurose oder Entwicklungsgeschichte eines Menschen enthalten.
Ich hatte unlängst Gelegenheit, einen solchen Trnum zu analysieren, der
vielleicht Interesse beanspruchen darf, ■weil er aus einem einzigen AVorte
besteht. Er lautet nämlich ; Bienen. Der Träumer wußte nicht einmal
anzugeben, ob er im Traume Bienen sah oder ob er nur das Wort
„Bienen" hörte.
Der Träumer ist ein jGjähriger Mann, der bereits in einem vorgeschrittenen
Stadium seiner wegen Charakterschwierigkeiten begonnenen Analyse steht.
Diese Schwierigkeiten bestanden im wesentlichen manifest außer in seinem
ausgesprochenen moralischen Masochismus darin, daß er sozusagen seinen
Ödipuskomplex lebte: Einerseits bildete der bewußte Haß gegen seinen
tyrannischen Vater, der immer vergebliche Kampf gegen ihn, den Haupt-
inhalt seines Leben»; andererseits lebte er seil Jahren mit einer viel alteren
Frau lusammen, an die er, obwohl sie ihm bewußt weder seelisch noch
semiell viel bedeutele, gebunden blieb. — Der Patient halte trotz übeidurch-
schniiiliclier Intelligenz und Begabung keinen Beruf. Die Geschichte seiner
gescheiterten Berufs versuche ließ deutlich erkennen, daß auch die Berids-
loiigkeit einer Haßregung gegen den Vater Ausdruck verlieh (etwa: Du hast
es dazu gebracht, daß ich nichts gelernt hohe!) und gletclizeitig den Patienten,
der im wesentlichen von Unterstützungen seines Vaters lebte, in dauernde
Abhängigkeit von ihm brachte. Immer wieder hatte der Patient versucht, sicli
mit Gewalt von seiner Fixierung an das Eltemhnus zu befreien, er war ins
Ausland gegangen, verkehrte mit Menschen extrem anderen Schlages als seine
Angehörigen („universelle Exogamie") — ■ alles umsonst, in seinen unbewußten
und im Verlaufe der Analyse bewußten Tagträumen war er stets nur im
Elternhaus und setzte sich mit seinen Angehörigen auseinander. — Es war
leicht zu sehen, daß hinler dem Haß gegen den Vater eine intensive fordernde,
sadistische Liebe zu ihm stand, die dem Patienten die Lebensaufgabe gestellt
hatte, dem Vater möglichst viel Geld wegzunehmen. (Er war Lotteriespieler
und wartete auf den Haupttreffer, d. h. darauf, daß der Vater .Schicksal"
ihm endlich die ihm gebührenden Geschenke bringen werde.) Dieser Forderung
entsprach die Eifersucht auf die älteren Brüder; Ihnen, meinte er, schenke
der Vater alles, ihm nichts. Eine Deckerinnerung aus der Kindheit erzahlt,
ein Bischof hätte einmal einen »einer Brüder geküßt, ihn nicht. — Hinler dieser
anal -sadistischen Liebe zum Vater mit dem Ziel, ihm Geld und Geschenke
wegzunehmen (negativer Ödipuskomplex auf analer Stufe), waren in der
Analyse orale Wünsche schon sehr deutlich geworden: Er wollte sich vom
Vater erhalten, d. h. ernähren lassen. Die unbewußte Idee, am Penis des
Vaters zu trinken, vertrat die noch liefer verdrängle, an der Brust der Mutter
4ta Otlo Fcnidiel
(Amme) zu trinken. (Der Patient liatte länger aU ein Jahr die Bnist
erhalten, und als sie ihm enUogen wurde, halte er, der schon ganz gut
hatte reden können, ein weiteres Jahr lang nicht gesprochen, so daß er
schon als stumm gegolten hatte.) — Einige Ta^e vor dem Traum war die
Nachricht eingetroffen, daß der Bruder, den der Bischof geküßt hotte, sich ver-
lobt hätte. Der Patient, der bei seiner priigenitalen Fixierung nie voll potent gewesen
war und sich von seiner alternden Freundin weg zu einer jungen liebenden
Frau sehnte, hatte also allen Grund, seinen alten Neid zu reaktivieren. Dazu
kam. daß — wenigstens nach Meinung des Patienten — diese Verlobung
eine Machenschaft des Vaters war, der dem Lieblingssohn eine Frau aus-
gesucht hatte. Der Patient hatte die Verlobungsnachricht sofort mit folgendem
Traum beantwortet: In einer Zeitung steht meine und meines
Vaters Photographie. Den Einfällen nach handeile es sich um eine Heirats-
annonce, und der Gedanke war, der Vater solle auch ihm eine Frau suchen,
bzw. er mochte mit dem Vater im Umweg über eine Frau verbunden sein.
Und nun die Einfälle zu den „Bienen" : Der Patient erinnerte zuerst, daß er ein-
mal, zirka »3 bis 15 Jahre alt, auf einem Spaziergang mil der Müller von einer
Biene gestochen worden sei. Sonst hätte er nie etwas mit Bienen zu luu
gehabt. Die Einfälle drohen schon hier zu stocken. — Von mir darauf auf-
merksam gemacht, daß das Wesentliche an den Bienen also zu sein scheint,
daß sie stechen, wendet sich der Patient diesem Stechen zu. Er erinnert
einen älteren Traum, in dem ihm ein Mann unter besonderen Umständen
eine Lanze in den Bauch gestoßen halte. Die Lanze der Bienen ist ihr Stachel,
nur daß die „Bienen" zahlreich sind, viele kleine Tiere. Der Komplex der
«kleinen Tiere" war uns schon bekannt. Sie bedeuteten bei unserem Patienten
nicht „Geschwister", sondern etwa „gefährliche Kinder, kastrierende Bakterien
und Spermatozoen". und zwar so: Ein Bruder hatte während der Ijdenzzeil
des Patienten eine Gonorrhoe gehabt. Diese gab der Kastration sangst des
Patienten den Angstinhalt, von Bakterien bei lebendigem Leu» von innen her
aufgefressen zu werden. Später stellte sich heraus, daß die Erinnerung an die
Gonorrhoe des Bruders eine allere an eine gynäkologische Erkrankung der
Mutter deckte: Diese war wegen eines Myoms operiert worden. Der Patieni
hatte etwas von „Krebs" gehört und sich vorgestellt, daß ein Tier Krebs im
Genitale stecke und mit seinen Scheren innen alles wegzwicke. Diese kastrierenden
Bakterien, Krebse, Bienen kommen natürlich als Nahrung per os in den Körper.
Die Mutter war — nach der unbewußten .Ansicht des Patienten — durch die
sexuelle Brutalität des Vaters, der Bruder wirklich durch Sexualverkehr krank
geworden. Wenn man also das, was aus dem Penis (der Lanze) des Vaters
kommt, trinkt und so ein Kind empfangt (Träume über Krebskinder und
Grotlcnolme ließen an der Deutung kleines Tier=Embryo keinen Zweife wir ihn auf dem letzten Kongreß gesehen und wie
er imaus lösch lieh in imser aller Gedächtnis leben wird.
Sie kennen alle die lange Kette seiner wissenschaftlichen Arbeiten, die, in
konsequentester Weise die Entwicklung unserer wichtigsten Probleme grundlegend
fördernd, wie eine hohe Leiter bis lu den Gipfeln des Baues unserer Wissenschaft
hinaufreichen. Und darum trifft man Karl Abraham, den Mann wie sein Werk,
in jedem Raum der psychoanalytischen Welt, in den »nserer Tage Arbeil und
unseres psychoanalytischen Denkens Wege führen.
Nicht nur auf der Rednertribüne, mitten unter den Tailnehmem des Kongresses
spürten wir ihn unaufhörlich, schon in seiner Ruhe beredt, so oft aber auch durch
ein warmes, zündendes Witiwort aufmunternd oder Spannungen wegschalTend. aus-
gleichend, beniliigend, versöhnend, verbindend; Brücke ist das Symbol dieses Mannes
der, fest und konziliant zugleich, gelrennte Ufer miteinander zu verbinden wußte,
wie nicht leicht einer außer ihm.
Das ivar es aucli, was ihn zum Führer einer Bewegimg. die im Laufe ihrer Ent-
wicklung auch Gegensätzliches, Auseinanderdrängendes mit Natumolwendigkeit aus
sich gebaren muß, so unvergleichlich geeignet machte. Es war schwer, ihn nicht lu
lieben, imd so konnte er auch alles zusammenhalten und binden, und das Gebunden-
sein an ihn gab unserem Kreis viel von dessen Festigkeit in Zeiten der Ruhe, wie
auch Sicherung gegen zu große Oherflüchenspannung in stürmischeren Zeilen.
Darum werden wir ihn immer vermissen, in Phasen der Ruhe, wie in solche»
der Spannung. Wo finden wir einen Erben dieser Kraft Karl Abrahams? Einen
Weg wies uns die Trauerarbeit selbst: in den IdentiRiierungen mil ihm müssen wir
das zentripetale Streben zum Zusammenhalt finden und Kraft durch Einigkeil.
Wir haben auf diesem Kongresse zum erstenmal Verlreler einer franiösi sehen
Gruppe unter uns, der neugebildelen Psychoanalytischen Vcrcinigimg von Paris, tl
je luii heurtux dt vous saliier chcrs confrirts dis paj-i d'adorablt langur fran^ist.
Der diesjährige Kongreß ist ein Jubilaumskongreü. Als X. schließt er eine Dekade
von Kongressen ab, die stille, aber immer anwachsende Marksteine eines sich mächtig
entwickelnden Weges sind, eines immer unaufhallsamer werdenden Marsches in die
Eroberung des Menschen, in die Humanität hinein. Wenn Salzburg. Nürnberg.
Weimar. München, Budapest, Haag. Berlin, Salzburg. Homburg und Innsbruck keine
Scilla chtennamen Freuds imd der Psychoanalyse sind, so waren sie doch immer
Inl. ZritKlir, f. PiychoanalyK, Xllll^. —
470 Kiim-spimilcn/hlalt
Schau dei Erreichten und Getanen, Sammlung lu weiterem Aufbruch, und an den
müssen wir immer denken.
Unser Meister, den »eit dem Berliner KongreD sein Geiundheitsiustand verhindert,
an unseren Zusammenkünften teiliunehmen, und dessen gegenwnrtipes Befinden uns
dennoch die gute Zuversicht gibt, ihn demnächst doch wieder einmal unter uns
erscheinen tu sehen, ermahnte uns, als wir am 6. Mai vorigen Jahres mit einigen
Freunden ihm Ihre Glück wünsche zu seinem 70. Gchurlstag übermitteln diu*ften, in
seiner unnachahmlich scherischen Weise den Erfolg, der luis scheinbar beschieden
zu werden beginne, und die Anerkennung, die ninn uns endlich lu loUen sich
anschicke, nicht 111 überschätzen. Die WiderslÜnde gegen die Analyse seien im Kerne
noch riesengroD und die Friedensgeneigtheit der wissenichafllicben Umwelt mehr
oder weniger bewußte Taktik.
Halten wir darum auch an unserer eigenen bisherigen Taktik feit, daran denkend,
daO auch mit der siegreich fortschreitenden Psychoanalyse der Friede in absehbarer
Zeit nur unter neuen vierzehn Wilson- Punkten geschlossen werden könnte.
Möge also der X. Kongreß in diesem Siune der erste einer neuen Dekade von
psychoanalytischen Kongressen werden, die von neuer Arbeit, von neuem Fortschritt,
von neuem Erfolg zeugen sollen.
Bevor wir nun in die erste wissenschaftliche Sitzung eintreten, habe ich Ihnen
eine Nachricht zu überbringen, die Sic freuen wird, einen Gruß Freuds an die
Versammlimg in Porm einer kleinen Arbeit, die wir als erste heute lur Verlesung
bringen wprden. Sie handelt vom Humor, ist eine Ergänzung zu seinem Buch
über den Witz und paOt thematisch so bedeutungsvoll schön in die Verhandlungen
unseres heuligen Vormittag* hinein.
Und nun gute Arbeit!
Hierauf tritt der KongreQ in die wissenschaftlichen Verhandlungen ein.
Erste wissenschaftliche Sitzung
Donntritag, dtn t. Stpttmbir, vormittags:
1) Prof. Dr. Sigin. Freud (Wien): Der Huoior
(Vorgelesen von Frl. Anna Freud, Erscheint im nächsten Heft der
Imago. Bd. XIV. Heft 1.)
2) Dr. Paul Federn (Wien): Der Narzißmus im Itt-Gefüge
(Erscheint in diesem Heft)
3) Dr. Theodor Reik 0^^'^"): Das ubw, Schuldgefühl als libidi-
nöser Faktor
Das Schuidgerühl ist ein wesentliches psycliisches Moment in den Libido-
Torgängen: es spielt eine bedeutungsvolle Rolle in der sekundären Objekt*
fixierung und in der Libidoregression sowie in der „Kiebrigkeit" der Libido
überhaupt. Es erhöht in vielen Fällen den Trtebgenuß durch die aus der
Kinderzeit stammende Bedingung des Verbotes. Der Trieb ditrchbruch wird
nicht nur durch eine Lockerung des Schuldgefühles, sondern auch durch seine
latente Mitarbeit befördert. Die Orgie (das Fest) ist ein Triebdurchbruch,
dessen Intensität durch das Schuldgefühl mitbestimmt wird. Die heue ist eine
moralische Reaktion, die ihre tiefere Resonanz durch das Wiedergenießen
einer verbotenen Aktion in der Erinnerung erhält. Die Religionen befördern
Korrespnnilenzbialt 471
und vertiefen die Sexuallust durch Verbot und Hemmung. Die Verdrängung
ist nicht nur durch die Wirkung moralischer InsUnzen, sondern auch durch
das Festlialten und die Wiederholung verbotener Genüsse charaklerisiert. Die
Wiederkehr des Verdrängten ist ein psychischer Prozeß, der von dem des
Unlertauchens des Verdrängenden in das Verdrängte zu unterscheiden ist. In
den Endprozessen der Zwangsneurose verschiebt sich das Gebot auf die Aus-
fuhrung der verbotenen Aktionen. Diese GesiehUpunkle werden auch für die
Technik der Psychoanalyse wiclitig, weil die durch das Schuldgefühl vertiefte
(perverse, phantasierte usw.) Triehhefriedigung schwerer einschränkbar ist als
die normale. (Aulortßrat)
4) Dr. Edward Glover (London): Some Observations on Suicidal
Medianisms
Consideration of tlie relotion betwcen theory and practice in psycho-
analysis. Ulustrated by reference to the problem of suicide. Two poinU are
discussed: a) the influence of Ego- psycho logy on handling of suicidal mecha-
nisms, b) the extent to which discussions on the nature of the Super-ego
can be correlated with clinical fmding». {Autoreferat)
5) Dr. Helene Deutsch (Wien): Über Zufriedenheit, Glüdt und
Ekstase
(Erscheint in diesem Heft)
6) Dr. Sändor Radö: Das Problem der Melancholie
(Erscheint in diesem Heft)
7) Dr. K. L a n d a u e r (I'"rankfurt a. M.) : Zur Psydiologie der Manie
A. Material: Die eingehende Psychoanalyse zweier Manisch-Depressiver
im Intervall, bzw. in der Depression, zwei passagere manische Zustände während
der Analyse bei einer Angslhysterie, bzw. psychogenen Depression als Wider-
itands - (Trotz- ) Erscheinung .
B. Die Symptome: i) Heitere Verstimmung. Das Lachen. Die
Bedeutung des Wiedererkennen».
a) Bewegungsdrang: Tätigkeitslust, bei stärkeren Graden Bewegungslust.
Parallele in früher Kindheit bis zum PeiUchreflex.
3) Rededrang, schließlich ausartend zur Wort- und Lautlust. Spucken von
Worten, Speicheln: Parallele Zeil der Dentition.
4) Ideen flucht, oberfl Schliche am Formalen hängende Assoziationen.
Ablenkharkeit und Übererregbarkeit durch aktuelle Beize. Parallele zur Zeit,
da das Ich nicht konsolidiert ist und keine starke Objektbindung besteht,
also nach der Abstillung und vor der Analzcit.
C. Charakterisierung der Zeit der oralen Exkrction.
Oraler Trotz.
D. Verwendung der Manie als Trotzreaktion. (Autoreferat)
472 Korrespoculi'ii/blait
Zweite wissenschaftliche Sitzung
Danntraag, dtn I. September, nachmittags:
1) Dr. Karen Horney (Berlin): Zur Problemalik der monogamen
Forderung
(Erscheint in diesem Heft)
2) Dr. E. Jones (London) : The De\ elopment of Femal Sexualitj
Largely on the basis of extensive analyses of five manifest homosexual
women an ntlempt is made to review nur knowledge conceming the development
of infantile female sexuality, correlating these findings with those of Abraham,
Horney, H. Deutsch and Freud. A distinction is made beiween castraiion in
its narrower sense relating to the penil and its wider sense of total deprivation
of sexual pleasure. The latter is the more fundamental conception, though it
is constantly expressed among men anil often amonj; women in terms of
the former. The relative importance of penis-en^-y and Oedipus guilt is
discussed together with the chronological connections helween the Iwo.
{Autoreferat)
3) Dr. J, Härnik (Berlin): Die ökonomischen Beziehungen
zwischen dem Schuldgefühl und dem weiblichen Narzißmus
In seiner Arbeit „Schicksale des NariiÜmus bei Mann und Weib" hat
Ref., auf Freud und Ferenczi fußend, den narzißtischen Köqjentolz
der Frau aus dem Kastrationskomplex (Penismangel) derselben abgeleitet.
Eine weitere Fragestellung führt zu dem Problem, wie sich dieses gleichsam
aus der psychobiologischen Tiefe geholte Ergebnis lum Ödipuskomplex und zu
dem aus seiner Erledigung sich ergebenden strukturellen Aufbau des
psychischen Apparates verhält.
Angeregt wurde Ref. 7,u dieser Fragestellung durch die Beobachtung an
einer Frau, die — sonst sehr nanißtisch — auf eine außerordentliche
Besserung ihrer vaginalen Empfindungsfiihigkeit in der Analyse mit intensivstem
Häßlichkeitsgefühl („HäßlichkeiUwahn") reagierte. Die Analyse zeigte, daß
dieses Ausmaß an Genuß von ihrem Unbewußten (d. h. vom Über-Ich)
als .zu viel" beurteilt wurde und führte dieses Schuldgefühl auf inzestuöse
Erlebnisse der Pubertätszeit zurück. Daß gerade das Gefühl des Häßlich-
werdens zum Ausdruck des Schuldgefühls wurde, das konnte die vertiefte
Analyse unmittelbar aus der infantilen Ödipussituation herleiten. Die Mutter
war „häßlich", weil sie menstruierte und ,,sinnl ich -seh mutzig" war. Konnte
das Kind selbst auf die Befriedigung der spezitisch-wcib liehen Wünsche ver-
zichten, dann durfte es «ich rein, schon, bewundems-, ja begehrenswert
empfinden — und umgekehrt. Diese ökonomische Relation bleibt dann
auch maßgebend für die Objektbeiiehungen, die sich aus der narzißtischen
Libido Position weiterhin ergeben.
Der aus dem Untergang des Ödipuskomplexes resultierende sekundäre
Narzißmus der Frau bt ein Korrelat zu ilircm Mannlichkeiukomplex,
jedoch ich-gerecht, weil es sich der Grundtendenz des Ichs : in der
KorrcsiHHnicri/lilalt 473
Bichtung der „Weiblichkeit" zu vereinheitlichen, leichter unterordnet. Gerade
dieses Moment zeigt aber, daß der beschriebene Mechanismus sich einer
Regression zur tieferen Quelle des weiblichen Narzißmus bedient, die aus
dem frühen Penisneid — Peniswunsch entspringt. Die weibliche Eitelkeit
gehört also mit zu den von Freud aufgezeigten „psychischen Folgen des
anatomischen GeschlechUunterschiedes". Andrerseits können diese Ergehnisse
als mittelbare Bestätigungen der Freud sehen Aufstellung über die
Herkunft der Weiblichkeil und des weiblichen Ödipuskomplexes in Anspruch
genommen werden. {Autoreferat)
4) Dr. Hanns Sachs (Berlin): Die Grundlagen der Charakter-
bildung
Die Charakter Verschiedenheit zwischen Mann und Frau wird dadurch zu
erklären gesucht, daß die entscheidende Beeinflussung der Ich-Bildung durch
die Libidoenl Wicklung bei beiden Geschlechtem auf verschiedenen Stufen der
Libidoorganisation erfolgt, {Autoreferat)
5) Dr. Franz Alexander (Berlin) : Der ncurotisdie Charakter,
seine Stellung in der Psydiopathologie und in der Literatur
Der Begriff der symptomlosen Neurosen. Ihre praktisclie Bedeutung in der
psychoanalytischen Therapie. Schematische Übersicht über das gesamte Gebiet
der Psychopathologie auf Grund der dynamischen und topischen Begriffe des
seelischen Konfliktes. Einschränkung der Gültigkeit von Schemata in der
Psychologie. Beleuchtung der Stellung des neurotischen Charakters lu den
Neurosen und zu den anderen psychopathologischen Erscheinungen. Die ver-
schiedenen Formen der neurotischen Charaktere. Der neurotische Charakter
als medizinisch -psychologisches Problem. Die Erforschung des n. Ch. als Ver-
bindungsweg zur BewuOlseinspsychoIogic und v.ur Psychologie der Gesamt-
Persönlichkeit. Der n. Ch. als literarisches Problem. Über Balzacs
neurotische Typen. Der n. Ch. als Brücke zwischen Literatur und Medizin.
{Autoreferai)
6) Dr. Wilhelm Reich (Wien); Über Charakteranalyse
I) Begriff der Charakteranalyse: Charakteranalyse hat nichts
mit Erziehung, Psychagogik und ähnlichem zu tun. Die Klinik zwingt
„Charakterwiderstände von anderen zu unterscheiden ; sie gehen vom
Charakter, der Wesensart des Patienten, aus. Die Aufgabe besteht darin, zu
zeigen, daß sich die Form der Reaktionen ebenso auf kindliche Er<
lebnisse zurückiüliren läßt wie die Inhalte der Symptome ; Charakteranalyse
ist also eine Analyse der Haltungen, Verhaltungs weisen.
II) Unterschiede zwischen neurotischem Symptom und
neurotischem Charakter: Die Unterscheidung von Charaktemeurosen
und Symptomneurosen ist unwesentlich, denn jede Symptomneurose beruht
auf einem neurotischen Charakter. Man kann nur Charaktemeuroscn mit und
solche ohne neurotische Symptome unterscheiden. Der Unterschied zwischen
Symptom und neurotischem Charakterzug besteht : a) darin, daß der Charakter-
zug im Gegensätze zum Symptom gut rationalisiert ist; b) das Symptom itt
474 KorrespnndeniiWiKI
ein Fremdkörper und erweckt daher ein Krankheitsgefühl ; der neurotische
Charakterzug ist in die Persönlichkeit ganz eingebaut, und daher besieht
keine K rank heitseinsi cht für ihn. c) Das Symptom ist relativ einfach gebaut
und kann plötzlich entstehen, der Charakterzug ist ein Resultat der gesamten
^'ergangenheit und braucht immer viele Jahre zu seiner Ausbildung.
III) Das Wesen des Charakterwitierstandes: Die Wesensart
jedes Patienten wird mit der Zeit zum Widersland. Dieser Charakter-
widerstand hat einen bestimmten Sinn und eine bettimmte Herkunft und ist
prinzipiell analysierbar, das heißt, aus der Art und Weise, wie der Patient
seine Mitteilungen macht, Einrälle bringt, Traume erzählt, kun, aus dem IV i e
zu verstehen. Der gleiche Patient bringt die Tersthiedensten Inhalte stets
vom gleichen Charakter widerstand begleitet, verschiedene Patienten bringen
gleiche Inhalte verschieden vor. Beispiele hierzu. Daraus folgt für die Technik,
erstens, daß bei allen Fallen das „Wie" ebenso beobachtet werden muß wie
das „Was", bei Fällen aber, die in erster Linie Charakteranalyse erfordern,
muß die Analyse des „ Wie" dem der Inhalte vorangestellt werden. Der Charakter-
widerstand muß stets aus der Fülle des Dargebotenen herausgehoben und, so
weit er verstanden wurde, gedeutet werden. Das Wesen der Charakter-
anatyse besteht darin, daß der Charakterzug, von dem
der kardinale Widerstand ausgeht, aus dem Niveau der
Persönlichkeit herausgehoben, isoliert und objektiviert
wird. Dadurch wird er analysierbar. Charakteranalyse ist wie jede Wider-
standsanalyse in der Hauptsache eine Leistung des Analytikers.
IVJ Einige Details der Charakteranalyse und einige Beispiele
für typische Charakterwiderstande.
fO Behandlung der Fragen; a) Inwieweit eine Änderung de»
Charakters in der Analyse nötig ist; Antwort: Insofern der neurotische
Charakter eine Grundlage der Symptome bildet und die Liebes- und Leistungs-
Tähigkeit behindert, b) In welchem Ausmaße ist eine Änderung lu erzielen?
Als Antwort muß auf die vielen Lücken der analj-tischen Charakterologie
hingewiesen werden. Mit den derzeitigen Mitteln gibt es nur quantitative
Änderungen. Der Grundzug des Wesens, die persönliche Note, gellt nie
verloren. {Autoreferat)
Dritte wissenschaftliclie Sitzung
Siumtag, dm J. Stpttmbir, vormiltagi:
Dr. S. Ferenczi (Budapest): Die Beciidißuns der Analyse
Rückblick auf die Entwicklung der psychoanalytischen Tecknik im allge-
meinen. Symptom- und Charakleranalyse. Passivität und Aktivität, Das Problem
der Zeitgrenze. Rekonstruktion und Erinncning. Das quantitative Moment.
(Durcharbeiten.) Endausgang der Übertragung und des Widerstandes. Emotion*
und Assoziationsfreiheit Analyse von Patienten und von Schülern.
(Autortferai)
2) Dr. I. SadgerCWien): Erfolge und Dauer der psychoanalytischen
Neurosen Behandlung
Da von mAßgebender Seile sehr pessimistische Äußerungen gefallen lind
Korrcspondenzblatt 475
über Aussichten und Erfolge der psychoanalytischen Behandlung, sei es mir
gestattet, auf Grund von mehr als dreißigjähriger Erfahrung meine persönliche
Ansicht auszusprechen. Unter „Heilung" ist nicht etwa zu verstehen die Beseitigung
aller Krankheitssyniptomc, was ja zeitweilig auch ohne jedes ärztliche Ein-
greifen geschehen kann, sondern eine solche Umwandlung, daß die Wieder-
kehr der Neurose für alle Zeiten unmöglich gemacht wird. Jene ist höchstens
als „relative" Heilung zu werten, diese ist eine „absolute" oder ideale Heilung,
ohne die Möglichkeit eines Rückfalles. Da auch der normale seine Komplexe
hat, so macht eine absolute Heilung beinahe zum Übermenschen.
Sobald der Kranke, wie gewöhnlich, nur über eine beschränkte Zeit, sagen
wir von xwei bis drei Monaten, verfügt, kann man nicht mehr erreichen als
eine relative Heilung. Geht da der Kranke wie es die Regel, willig mit, so darf
man ihm die Beseitigung aller quälenden Krankheitssymptome für längere
oder kiJrY.ere Zeit versprechen. Freilich gilt dies bloß für die leichteren bii
höchstens mittelschweren Fälle. Für alle schweren Falle jedoch ist von vorn-
herein die absolute Heilung anzustreben, da hier in jener kurzen Frist nicht
einmal eine relative zu erreichen ist. Die ahsolute Heilung aber setzt immer
längere Behandlungsdauer voraus.
Wenn ich vor zwanzig Jahren erklärt habe, man müsse alle neurotischen
Symptome zurückführen bis in die vier ersten Lebensjahre, nicht selten bi*
direkt ins allererste, so muß ich jetzt ergänzen: man muß sie verfolgen bis
in die Säuglingszeil, ja, gelegentlich sogar bis zum „Trauma der Geburt",
tofem man eine absolute Heilung anstrebt Das ist, wie uns die Praxis
lehrte, durchaus möglich, nur darf man sich nicht mit einer Schnellkur von
Wochen bis Monaten begnügen. Denn jene Resultate erzielt man nicht eher
als im zweiten oder dritten Jahr der Behandlung. Alle Abkürzungsmethoden,
die Simmel, Ferenczi. Rank und S t e k e 1 vorgeschlagen haben,
bewälirten rieh in der Praxis nicht, das Unbewußte läßt «ich eher nicht
zwingen.
Das einzige Mittel, die Dauer einer psychoanalytischen Behandlung abzu-
kürzen, ist — sie nicht zu verlangern. Eine jede Gewaltskur wirkt nicht
abortiv, sondern ganz im Gegenteil den Widerstand des Patienten steigernd
und damit auch die Genesung aufhaltend. Ist doch damit zu rechnen, daß in
der Brust eines jeden Neurotikers zwei Seelen wohnen, von denen nur die
Verjlandesseele die Heilung begehrt, die Gefühlsseele aber sich heftig gegen
die Genesung sträubt. Ja, man kann sagen: die wirkliche Bereitwilligkeit des
Patienten stellt in umgekehrtem Verhältnis zu seinen Beteuerungen.
Langjährige Erfahrung hat in mir die Überzeugung gereift, daß im All-
gemeinen die Behandlungsdauer nicht abzukürzen ist, sondern zu verlängern,
vorausgesetzt, daß man eine absolute, vollständige Heilung zu erzielen wünscht
Wer von vonieherein gründliche Arbeit macht und die Behandlung wirklich
zu Ende führt, wird keinen Grund zum Pessimismus entdecken. Leistet die
psychoanalytische Methode in der Behandlung der Neurose doch um viele»
mehr als jede andere Therapie, ja, ich möcluc behaupten, sie ist die einzige,
die da überhaupt etwas leisten kann. Unter günstigen Bedingungen führt sie
zur idealen Heilung und selbst eine unvollständige oder mangelhaft durch-
geführte Kur ergibt noch immer weit bessere Resultale als sämtliche
4/6 tCorrcsi>onden/i>latt
übriffen Heilversuche. Drum ist die Methode nicht aufiugeben oder einzu-
schränken, sondern aufzubauen saluti et solalio atgrorum. {Autartftrat)
3) Dr. Kcne Laforguc (Paris): Sur le caracterc actU oii passif
de la ihcrapcutique psychanalyliquc
La question de la th^rapeutique active a soulevi chez nou* uti vif int^ret et, tont
en nous rendanl comptc que l'experience nous raanquail puur resoudre d'une
fagon satisfaisante les problemes qui se posent, nous voudrions vous exposer les
idfes que le contact avec les faiis a fait surgir en nous.
I') Les problemes du transfert, tout le monde le sait, ne se risolvcnl pa«
toujours comme on le dösirerait par Innaiyse pure et simple. Dans le transfert,
un röle consid^rable appartient au contlit psychique: or celui-ci est, suivant
les cas, de nature variable. Par le transfert, nous essayons de faire repasser le
malade par ce conflit; or, suivant lea Ca«, nous y rAississons plus ou moins
parfaitement.
2°) X a-t-U des confliu centr^ autour d'un autre noyau que la Situation
ocdipienne?
}') Notre Impression concemanl les repercussions du traumatisme de la
naissance sur Tevolution psychique d'un individu.
-^ "J La question de la fixation d'un terme (Termin Setzung) et notre expö-
riencc personnelle en ce qui concerne ce point,
i°) Le facteur personnel de fanalyste. Les obligations que son röle dans
l'analyse lui impose.
Conclusions: La th^rapeutique active serail dangereuse, si le psycho-
analyste ne Tappliquait pas avec tout le tact que lui impose la Situation
difficile. Mais, sous cette rfoerve, il faut penser qu'une attitude franchement
active est utile dans les cas difflciles qu'une anajysc passive pure n'arriverait
pns, h eile seule, a döbrouiller et a redresser completement. {Autoreferat)
4) Dr. Ernst Sinimel (Berlin): Prinzipielle Gesidilspunktc für die
Durdiführung der psydioanalj tisdien Behandlung in der Klinik
Untersuchung über die Frage, wie weit eine Milieu Veränderung bzw.
eine Milieubeeinflussung für den Analysanden eine Störung, biw. eine
Förderung der psychoanalytischen Therapie bedeutet, ßeniclcsichtiguiig dabei
des prinzipiellen Gesichtspunktes, unter welchen Indikationen eine aktive
Regulierung des Verhältnisses der Objektrealität zur psychischen Realität
ersprießlich ist. {Autoreferat)
5) Melanie Klein (London): Frühsladicn des Ödipuskonfliktes
Aus der Talsache, die ich feststellte, daß der Ödipuskonflikt so viel früher
als angenommen wird einsetzt, ergeben sich eine Reihe von Einzelheiten, die
das Gesamtbild der Ödipusentwicklung deutlicher hervortreten lassen.
Nach meinen Ergebnissen bereitet die durch die Entwöhnung auferleote
Versagung die Abwendung des Knaben von der oralen Position zur genitalen
auf das gleiche Liebesobjekt, die Mutter, die Abwendung des Mädchens von
der Mutter zum Vater vor. Ich sehe den Ödipuskomplex anfangs des
Koircspondcn/blnlt 477
Kweiten LebensjRhres schon in Wirksamkeit, lugleich aber in der Abwehr
fegen diesen auch das Auftreleii von Schuldgefühlen, also den Beginn des
Über-Icht. Diese Tatsache scheint mir nicht in Gegensatz zu stehen zu den
Aufstellungen Prof. Freuds, nach denen das Über- Ich das Erbe des Ödipus-
komplexes ist, mit dessen Untergang die Inirojektion der Objekte voU-
7,ogen ist. Meine Ergebnisse scheinen mir nur eine Ergänzung in dem Sinne,
daß die ganze Ödipuscntwicklung und der Ausbau des Über-Ichs schon sejir
früh einsetzen und deshalb einen langen Zeitraum in Anspruch nehmen.
Zufolge dieser frühen Wirksamkeit des Ödipuskomplexes gerät dieser weit-
gehend unter die Herrschaft der oralen und analen Triebregungen, diese selbil
aber unter den Druck des mit dem Ödipuskomplex einhergehenden Schuld-
gefühles. (Tutore/erat)
Ö) Anna Trend (Wien): Zur Theorie der Kinderanalyse
Es wird versucht, an Hand von zwei Fallen den spezifischen Begriff der
Kinderanalyse und die Existenzberechtigung einer „pädagogischen Einstellung"
des Kinderanalytikers zu erläutern. Den Ergebnissen der Referentin nach
gleicht die Analyse des Kindes der eines Erwachsenen in theoretischer Beziehung
überall dort, wo die ursprüngliche Angst vor der Auüenwelt (Angst vor
Strafe, Angst vor Liebes verlust) bereits verinnerlicht und vom Üher-Ich all
Kastration sangst, Gewissensangst festgehalten wird. Die Kinderanalyse weicht
von der des Erwachsenen dort ab, wo das Üb er- Ich noch kein starre»
Gebilde geworden, sondern allen Einflüssen aus der Außenwelt noch zugäng-
lich ist. Dort ist die Arbeit, welche die Beziehungen zwischen Ich, Über-Ich
und Triebleben verändern soll, dann eine doppelte: einerseits von innen her
durch die historische Zurückfiihning und Zersetzung des Uber-Ichs und
andererseits gleichzeitig von außen her durch die Schaffung neuer Eindrücke
und Erlebnisse in- und außerhalb der Analyse. Für diesen zweiten Teil seiner
Aufgabe braucht der Kinderanalytiker die theoretische und praktische päd-
agogische Kenntnis. Sie ermöglicht ihm, die Erziehungseinflüsse, unter denen
das Kind steht, zu durchschauen, zu kritisieren und — wenn es sich als
notwendig erweist — den Erziehern des Kindes für die Dauer der Analyse
ihre Arbeit aus der Hand zu nehmen, um sie selbst zu verrichten.
[^utorfferat)
7) Mary Chadwick (London): Notes upon ihe Fear of Death
i] Consdous and superficial layer, GuUt.
3) Koots in the child's fear of Separation from theMother, its
helplessness and fear she may never retum. (Freud.)
3) Hysteria Stage of Fear of Death, (Super-ego combined with 1 .)
(Freud.)
4) Obsesiioaal Stage of Fear of Death. (E^o in conflict with
niper-ego, as with the parents, and outside world.)
5) Fear of Death and Wish for Death. (Conflict between the
Ego and the outer world, and with the Death Impulse within the Id.)
6) Fear of Death = Wish for Death. (Id stage, Vegetive Nirvana
Stage.) Destnicdon Impulse. [Aulortfrrat]
478 Korrespondcnzblatt
Vierte wissenschaftliche Sitzung
Sonnabtnd, dm J. SipUmbir, nachmitlagl:
1) Dr. S. Weyl (Rotterdam): Zur Psydioloßie des Alkoholismus
Kurze Übersicht Her psychoanalytischen Literatur des Alkoholisiuus.
Abgeschlossene Analysen eines Falles von Delirium tremens und eines Falles
TOn Zwangsneurose, welche mit Alkoholsucht abwechselte, bestätij!;tcn die
bisherigen Einsichten und ergaben neue Einsichten in den Mechanismus der
Alkoholsucht.
Der Alkohol wird dazu gebraucht, den Ödipuskonflikt auf der oralen
Stufe der Libidocntwicklung zu lösen. Dank seinen chemischen Eigenschaften
stellt der Alkohol symbolisch sowohl den Vater als auch die Mutter dar. Der
Vater wird auf kannibalistische Weise vemichlet, wobei zu gleicher Zeit eine
Identißkation mit ihm stattfindet und von der Mutter durch Introjektion
Besitz genommen ^vird.
Es stellen sich bei diesem Mechanismus weitgehende Übereinstimmungen
zwischen Trinksitten, Pubertätsriten und Totemgeb rauchen einerseits und der
Psychologie der manisch-depressiven Psychose andererseits heraus.
Die Analysen entschleierten den Alkoholrausch als einen partiellen Suicid-
versuch, der regelmäßig wiederholt wird.
Die Wunel der politischen Überzeugung vieler früherer Alkoholiker, der
Einfluß sozialer Massenbildung und Sportbetatigung auf die Abnahme des
Alkoholismus wird klar und verständlich.
Der Zusiimmenhang zwischen Alkoholsucht und Zwangsneurose wird in
der Verarbeitung derselben Konllikte, der Unterschied in den verschiedenen
disponierenden Entwicklungsstufen, auf denen die Lösung des Konflikts vor
sich geht, gefunden. Der Einfluß der Erblichkeit bei dem Alkoholismus ist
viel geringer, der Einfluß des infantilen Milieus imd teiner traumalischen
Eindrucke uni so größer.
Der Alkoholismus ist eine sozial- rituelle Neurose, wobei der Todestrieb
und der Wiederholungszwang ihre biologischen Komponenten liefern.
{Autareferat)
2) Dr. Otto Fenichel (Berlin): über organlibidinöse Begleit-
ersaieinunßcn der Triebabwehr
I) Gewisse sehr verbreitete leichte Funktionseinschränkungen und Tonus-
veränderungen der Skeletlmuskidatur erweisen sich als von der Triebabwehr-
tätigkeit des Ichs abhängig. Der Charakter der Verdrängung als Institution
lur Abhaltung gewisser Triebhan dl ungs Vorstellungen von der Motilität ermög.
licht es, daß der \'crdrängungs kämpf zwischen Trieb und Ich sich in physio-
logisch-hmktionellen Veränderungen der Muskulatur widerspiegelt.
U) In der funktionseingeschränkten Muskulatur ist auch ein Quantum
Libido unzweckmäßigerweise gebunden; an Stelle von Handlungen sind Tonus-
veränderungen, d. h. ins Innere des Körpers gesandte Innervationen getreten,
III) Etwas Analoges gibt es auf Seiten der Sensibilität: Die Daten der
Tiefen Sensibilität können, wie andere innere (und äußere) Wahrnehmungen,
unter Umstanden durch aktive AbwehnnaOnahmen des Ichs hintangehalten
werden. „ Entfremdung" von Körpersensationen oder -Organen, wie sie in
r
Korrespondenz blatt 479
hysterischen SeniibilitÄlsstörungen oder in der Frigidität deutlich sind, sind
in weniger extremem MaOe sehr verbreitet, was für die Ichgestaltung »on
Bedeutung ist.
Auch dem „entfremdeten" Organ ist nicht immer die ]ibidinose Besetiung
einfnth „entzogen" worden. Oft läßt sich r.eigen, daß eine Organlibidostauung
nur durch ein entsprechendes Quantum Gegenbesetiung an der Manifestation
verhindert ist; dann schwinden gerade die libidinos hoch beselilen Organe
aus dem Körpergefühl. Lokalisierte „Entfremdungen" scheinen eher der
Libidoeniziehung, allgemeine „Körperfremdlieit" („Verinnerlichung der
Zwangsneurotiker) einer durch Gegen besetzung gelähmten Lihidostauung zu
entsprechen.
Der Übergang zwischen „Entfremdung" und „Depersonalisation , bei der
auch das „seelische" KörpergeTühl durch Sperrung innerer Wahrnehmungen
gestört ist, ist ein fließender. Auch hier kommt sowohl einfache Libido-
entiiehung („ Libido verlust") als auch durch Gegen beseta'.ung gebundene imd
erhöhte Lihidostauung („Befriedigungsverlusl") in Frage.
IIO Muskel kram pf, Körpergefühi Veränderungen, Depersonalisationsge fühle
können sekundär libidinisiert sein und dann bei masturbatori sehen Spielereien
Verwendung finden. {Autoreferat)
3) Dr. J. At. Eisler (IJudaiJcst): F-in neuer Gcsithlspunkt in der
Traumdeutung
Nicht nur die Schicksale der Libidoent Wicklung, auch die der Ichbilduogen
— „vollständiger Ödipuskomplejt" — zahlen zu den Inhalten des Unbewußten.
Es ist eine der Hauptaufgaben in der analytischen Kur, die letzteren richtig
zu erfassen und insbesondere die Ausgestaltung des Über-Ichs im speziellen
zu erkennen. Die hiebei gewonnenen klaren Anschauungen sind dann eine
feste Stütze der Therapie. An der Hand mehrerer Beispiele wird versucht
zu erweisen, daß in den Traummaterialien dieser Proieß der Ichbildung und
die in ihr festgelegte individuelle Richtung sich deutlich widerspiegelt.
(Autoreferat)
4) Dr. Gcza Röheim (Budapest): Die Urheber der Primitiven
und die Religion der Andamancsen-Pygraäen
Die neue Richtung in der Ethnologie trachtet alle Ursprungs fragen auf
Grundlage des Pygmäenmaterials zu lösen; es soll daher der Versuch gemacht
werden, die psa. Methode zur Erforschung dieser Völker heranzuziehen,
Infanlilismus der Pygmäen. Die rituellen Verhole im Mittelpunkt von
Ueligion und Mythologie. Erklärung dieser Verbote als verschobene Inzest-
verbote. Urhordenkampf, Inzest und Kastrationsangst in den Sagen, Vater-
und Mutterbedeutung der Gottheit. Über-Ich und Projektion. {Autoreferat)
5) Dr. Imre Hermann (Budapest): Beirathiuiigen im Gebiete
der Logik
Die logische Wissenschaft in ihren Tendenzen. — Das formalistische Denken,
— Persönlichkeit einzelner Logiker. — Wiederkehr des Verdrängten in den
logischen Systemen. — Die intellektuelle Fortsetzung de« Totemismus in der
Logik. — BegriSsbildung, Verneinung, Evidenz. {Autareferat)
4*0 Korrcsponden^blalt
Geschäftliche Vorkonferenz der Funktionäre
Mittwoch, dm ji. jfugusi, vormittags:
Unter dem Vorsitz von Dr. E i t i n g o n werden alle Punkte der Tages-
ordnung der gCKchäfilichen SiUung eingehend beraten und zur Beschlußfassung
vorbereitet.
Sitzung der Internationalen Unterrichtskonimission
Mittwach, den )1. August, nachmiltagi:
Der Vorsitzende der I. U. K., Dr. M. Evtingon, gibt folgenden Bericht:
Entsprechend dem Auftrage des Homburger Kongressi^s war es das erste, wn«
der Vorsittende der dort neu geschaffenen Unlerrichtikommission zu tun hatte, die
ZweigvereinigTuigen aufiufordpm. Unterrichtsausschüsse lu bilden, sofern solche nicht
schon bestand eil.
In den drei Gruppen, in denen schon seit längerer Zeit systematisch nnterrichtet
wurde, in Berlin, Wien und London, hatte es bereits UnterriehlSHiisschüsse gegeben.
Drei weitere Verein igimgen, die Ungarische, die Niederländische imd die Neiv Yorker,
setzten auf luisere Aiifforderimg hin solche Ausschüsse ein. Die panamerikanische
Gruppe folgte ihnen später.
Für die indische Gruppe kommt die Frage eines systematischen Unterrichts in der
Analyse wohl noch nicht in Betracht; unsere russischen Kollegen, mit Dr. Wulff an
der Spitie, bemühen sich wacker um die Verbreitung psychoanalytischen Wissens, ohne
bisher infolge ihrer schwierigen Lage imstande lu sein, die Ausbildungsfrage in der
Psychoanalyse systematisch in die Hand )ii nehmen.
Der Unterrichts au (Schuß der kleinen ungarischen Gruppe entfallet eine rege
Tütigkeit. hält propagandistische Kurse, wie mich solche lu Ausbildungsswecken
lind scheint imsUnde lu sein, dem Bedürfnis nach Ausbildung in der Psychoanalyse
im eigenen Lande auch mit eigenen Mitteln lu genügen, was, wie ich glaube, um
so anerkennenswerter ist, als ihr Führer unJ Hauptstreiter seil einem Jahr abwesend
gewesen ist und in Amerika eine erstaunliche extensive wie intensive Arbeit für
unsere Sache entfalle) hat.
Unsere große New Yorker Zweigorganisalion ist wohl infolge der besonders
eigenartigen Verhältnisse in ihrem Lande bisher hauptsächlich damit beschäftigt
gewesen, die Frage der Zulassungsbcdingiingen lu regeln, wovon dann später die
Aede sein soll.
Aufgabe der Intemationaten Unterrichtskommission ist ja, die Ausbildungstatigkcil
der einzelnen Zweigvereinigungen möglichst lu vereinheitlichen, ihr neue Impulse
lu geben und sie vor allem durch Zusammenfassung der lokalen Unterrichu-
Busschüsso mit einer sie tragenden Autorität ausiustattcn. Es ist darum besonders
erfreulich gewesen, fesliu stellen, daO in den drei groGen Gruppen, die auch schon
eigene Institute besitzen, wie Berlin, Wien und London, die Arbeil auch schon wirklich
nach einem sehr weilgehend analogen Plane sich voUsieht. Die Besonderheiten der
Verhältnisse der drei genannten Länder treten lurück vor den Ansprüchen, die aus
der inneren Struktur unseres Wissetif^chaftsgcbieles und imseres praktischen Tuns
llicOen imd vor der Logik der Versuche unser Wissen und unsere Praxis den
Lernenden »u übermitteln. Ich will, bevor ich out Einielheiten näher eingehe, die
erfreuliche Tatsache uulerslreichen, daG jedt schon nnscrc drei Institute vikariierend
fiir einander eintreten können und daG eine Ausbildung in London i. B. begonnen,
111 Wien fortgesetzt und in Bertin abgeschlossen werden kann, wie auch in umge-
kehrter oder anderer Kombination. Wahrend e* unseren Londoner Freunden vor
I
Korrch[iorKli?[i/i>latt 4HI
einigen Jahren noch als eine große Schwierigkeit und augenscheinlich mit der angel-
«Bchsiachen Freiheil unvereinbar erschien, daß innu einen graduierten oder etwo gar
mit einem iiicdiiinischen Grad verseheneu Kandidaten noch auf seine persönliche
Eignung hin genauer ansehen und eventuell als für uns uneriviinscht abiveisen
könnte, üben auch sie jctit eine strenge Zensur bei der Zulassung der Kandidaten
au». Die Frage der Kuntrollanolysen, deren Notwendigkeit wir auf dem lelxlen
Kongreß »o energisch befürworten lu müssen glaubten, ist gani einmütig in iliTer
großen Bedeutung erkannt worden und hat, anscheinend oluie wesentliche Ein-
■chrünkung, den ihr gebührenden Plali bekommen. Über ihre Technik ivird beim
Eingehen in die Details luiseres Ausbildungswegei Frau Dr. Deutsch noch sprechen.
Nachdem die Konstituierung der genannten lokalen üuterHch (saus Schüsse voll-
lOgen war. wandte ich mich an alle Zweigvereinigungen, resp. an die Unterrichts-
■usschüsge mit folgenden drei Prägen, die mit Absicht ganz allgemein gefaßt waren :
1) Welche Vorbedingungen erachten Sie für notwendig hei der Zulassung lur Aus-
bildung namentlicli für psychoanalytische Therapeuten? 3) Wie denken Sie sich den
gesamten Ausbildiuigsweg? 5) Was soll mit sonst geeigneten Ausbildungikandidaten
geschehen, welche keine Möglichkeit haben, die für die Ausbildung notwendige Zeit
aufzuwenden und nur eine Teilstrecke unseres ^V'eges gehen können?
Im wesentlichen waren es die Gruppen, die bereits L'nlerrichtsausschüsse ein-
gesctit hallen, die zu allen Fragen Stellung nahmen; die drille Frage, bezüglich
derer, die nicht den ganzen Weg gehen können, müssen wir, wie praktisch dringend
sie auch ist, einstweilen zurückstellen, da sie ja doch eine Frage der Ausnahmen ist,
bis wir uns auf dieser ersten Konferenz der Inlemationalen Untemchtskommission
über die beiden grundlegenden Fragen geeinigt haben, über die Frage des Aui-
hildungswege» im ganzen, der hier in allen seinen drei Etappen von den Kollegen
Rad 6, Sachs imd Frau Deutsch behandelt werden soll, und über die der
ZulASjungsbcdingungen, über welche ich Ihnen eine Resolution, die ich bereits den
Gruppe nvorsitienden vor einiger Zeit bekann Igegeben habe, vorzulegen mir erlauben
werde.
Die Frage der Zulossungsbedingimgen. die nach einem eigentümlich aktuell
gewordenen und affekterregenden ihrer Probleme inkorrekterweise die Frage der
„Laicnanaijse" genannt wird, haben wir in allen Gruppen lu diskutieren angeregt
und auch in der „Zeitschrift", wie im „Journal" eine schriftliche Diskussion darüber
eröffnet, die eifrig bcnulit worden ist und, wie wir hoffen, klürend gewirkt und die
divergenten Standpunkte einander naher gebracht hat.
Es folgen tlie Referate von Dr. Radd über den „Aufbau des psycho-
analytischen Lehrganges"', von Dr. Sachs über die „Lehranalyse" und von
Frau Dr. Deutsch über die „Kontrolianalyse". (Werden in einem der
nüchsten Hefte dieser Zeilschrift in rjrtenso veröffentlicht.) Die Diskussion
über diese Referate winl auf die nächste Zusammenktinft der Internationalen
Unlerrichtskommission vertagt.
Dr. Eitingon gibt über die Frage der Zulnssungsbedingungcn folgenden
Bericht:'
Referent erörtert in obigen Au<fühnmgen in bewußter Einseiligkeit nur iene
Momente, die bei der Zulassimg von nicht ärztlich Vorgebildelen zur Ausbildimg zu
psjchoanalyli sehen Therapeulcn Einschränkungen erforderlich machen. Es ist ihm
selbstverständlich, wie er diel auch schon in seinem Beitrag zur „Laiendiskiuiion"
in dieser Zeilichrift betont hat. daß die Zulassung von „Laien" überhaupt
keinerlei Apologie oder Rechtfertigung bedarf; zu groß ist dafür die Bedeutung der
„Laien" für die Entwicklung der Psychoanalyse als Wissenschaft, wie ouch als
Therapie und zu beredt spricht die Geschichte unserer Bewegung für sie.
Eitingon
4f<2 KorrcsponHen/liliiK
Ich halte gehofft, daß man am unserer Anregung lur Diiknsslon der ZiilnMung-i-
bedingiuigen iiir Ausbildung in der Psychoonalyae resp. der sogenannten Laienanalyse
ventehen würde, warum »vir immer wieder betont haben, daß e« sich hier um die
Frage der Aiiibildung lu psychoanalytischen Therapeuten handelt, also um die Frage
der sogenannten medizinitctien Laien. Ich ersah leider aus der Diskusston, daß dieser
Gesichtspunkt nicht klar erfaßt oder aber jedeafatU in den Ausführungen mancher
an der Diskussion Teilnelimenden niclit befolgt worden ist. Eine Laienfrage an sich
existiert fiir uns nicht und R e i k s diesbezügliche »'itiige Bemerkimg, daß der
Psychoanalyse gegenüber nlle Laien sind, die sie nicht erlernt haben, trifft nur eine
ziemlich banale Selbstverstündlichkeit. Abrr warum gibt es für uns keine Laienfrage
an sich? Nun, weil eben niemand die reine Psychoanalyse, die Analyse an sich.
erlernt. Die Psychoanalyse ist die Gnmdlage unseres ganzen wissenschaftlichen
Denkens imd des jeweiU bestimmten praktischen Tuns, Wer aber jetzt sich in der
Psychoanalyse ausbilden läßt, tut es meist im Hinblick auf ein ganz hestimmlcs
praktisches Ziel, will sich, wie bisher zumeist, zum psychoanalytischen Therapeuten
ausbilden. Auch die Pädagogen beginnen eine systematische Ausbildung für ihre
püdagogischen Ziele zu verlangen, und wir müssen uns darauf gefaßt machen, daß
in nicht femer Zeit auch die Juristen für ihre juridischen Zwecke an uns heranlrelcn
werden. Der Nachfrage entsprechend beschäftigen wir uns jetzt mit dem Problem
der Organisation des Unterrichts in der analytischen Therapie und sind deshalb auf
die frage der medizinischen Laien gestoßen. Es wird bald einmal eine solche der
püdagogischen Laien und später auch solche der juridischen und vielleicht auch
anderer Laien geben. Soviel zur Klarstellung des Problems. Die Frage: analytische
Wissenschaft und Laie, gestallen Sie es mir noch einmal zu bemerken, hat gor keinen
greifbaren Sinn "nd geht immer wieder an dem jeweils wichtigen, springenden
Punkte vorbei. Jeder wird die Analyse als Wissenschaft fördern, der für sein
Anwendungsgebiet gut ausgerüstet, analytisch gut geschult, die Analyse auch methodisch
richtig ouf sein Forschungs- und Betatigtmgsgebiet anwendet. Deshalb hat Referent
bei seinen Seh lußbem erklingen zur Laienanalysediskiission in der „Zeitschrift" und
im „Journal" iilles scheinbar unberücksichtigt gelassen, waf nicht zur Frage Psycho-
analyse und Therapie vorgebracht worden ist. Die Frage ist eben für tms eine rein
Unterrichts technische und allein auf die Ausbildung psychoanalytischer Therapeuten
orientiert. Wer wird analytisch gut geschult am besten für seine Arbeit an den
mannigfaltigen Kranken, mit denen wir es zu tun haben, am besten ausgerüstet
sein? Diese Frage ist der Kompaß unseres Tuns. Nach dem psychologischen Apriori
der persönlichen Eigniuig, welche das Persönlichkeits- und Kultumiveaii, wie besonders
jenes eigentümliche reflektierende Einfühlungsvermögen, das wir mit Freud als
das Organ für das Unbewußte bezeichnen, kommt ein erworbenes Prius an Kennt-
nissen, die unsere analytischen Schul ungs versuche nicht selbst geben können, sondern
eben vorauisctzcn müssen. Eis scheint mir ungenügend zu sein, niu- vom formalen
Wert der naturwissenschaftlichen Schulung zu sprechen, sondern es handelt sich
einfach um ein Talsachenwissen, und zwar um ein sehr umfangreiches, in dem, wie
von maßgebendster Seite gesagt worden ist. für den Analytiker unentbehrliche Dingo
(ind, wenn auch nicht wenig überflüssige. Es ist mir unbegreiHich, wie man, von
der Oberieugiuig ausgehend, daß dorn Analytiker auch intellektuell nichts Menscliliches
fremd sein soll, d h.. daß man mit allem Wissen um den Menschen ausgestattet
■ein muß, lU gleicher Zeit die Bedeutung möglichst umfassender Kenntnisse der
biologischen Person imterschätzen kann. Ich muß immer wieder darauf hinweisen,
daß, wenn wir es auch bei der Psychoanalyse und in ihr mit einem neuen Begriff
der Krankheit zu ttm haben, es doch der alte Mensch ist, um den es sich handelt
mit seiner doppelten, psychophysischen Naiur und mit Krankheits Verursachungen wie
-ablaufen, die von der anderen, der physischen Seile her betrachtet werden müssen.
Die Erkenntnistheoretiker mögen verleihen, aber in praxi finden wir Pa rolle lismiis
Korrtsponden/bkiti 4^3
wie auch komplizierteste Wechselwirkung, wie vor allem Neben ei iinndprbejtehen beider
Veriflurs arten. Ea kann keinem Zweifel unterliegen, wer besser ausgerüstet iil. In
abgesonderten Provinien unseres Wirkens gibl'l Treilich auch rein psychiich Bedingtes.
wo auch der niehtüritlich Vorgebildete »eine Lücke nicht lu empfinden braucht, und
ei kann wundervolle Meistenchoft in dpr Beselirnnkung btülien. Der nritlich
vorgebildete Analytiker ist unabhängiger, sagte einer der besonnensten unter unseren
nichtontlichen Kollegen, Unabhängiger, fügen wir hiniii, von anderen Schranken als
jenen, die einstweilen in den Grenzen unserer Wirksamkeit überhaupt liegen, unab-
hängiger von Kautelen besonderen Atiswählenmussens der iii behandebiden Fälle imd
unabhängiger schließlich von dem, was ich die Symbiose des ärztlich nicht
votgebildeten Analytikers mit dem Ant genannt habe. Wie ofl werden die Umstände,
die äußeren Verhältnisse, unter denen wir arbeilen, eine solche Abhängigkeit einfach
nnmögtich machen.
Ich hahe es bisher mit Absicht vermieden, mich in dieser praktisch, nlliu
praktischen Frage auf unseren Meister iii bcnifcn. Freud ist mit Recht auf Lctiles
imd auf grÖOle Ziele etngestelll. Wir aber, denen es obliegt, das von ihm GeschafTrne
lu hüten und nach Kräften lu mehren, müssen in beruhigender Klnrlieit über unsere
Beweggründe auch Odiöses auf uns nehmen können, den Schein, als verkleinerten
wir den Bogen seiner groO gespannten Ziele. Nun, wir, die wir seine Absichten lu
verwirklichen streben, würden schlecht realisieren, wenn wir wesentliche Wirklicli-
keiten auDer acht lassen würden.
Ich darf mich übrigens am Schlüsse doch vielleicht auf ein Wort von ihm berufen,
das, wie nur er allein es kann, den Nagel dieses Problems auf den Kopf trifft. Im
„Nachwort lur Frage der Laienanalyse" sagt Freud: „Ich gestehe es zu, so lange
die Schulen nicht bestehen, die wir \ma für die Heranbildung von Analytikern
wünschen, sind die ärztlich vorgebildeten Personen das beste Material für den
künftigen Analytiker."
Das, genau das imd nichts anderes isl unser Standpunkt, der in der Rcsolulion
mm Ausdruck kommt, die ich Ihnen vorzulegen mir erlaube."
Dr. Eitingon unterbreitet dann folgenden Resoluttonsantrag :
I) Der KongreD beauftragt die Untern chtsaus Schüsse der Zweigvereinigungen,
bei den Aushildimgskandjdalen zu psychoanalytischen Therapeulcn auf das Vorhanden-
sein, beziehungsweise auf die Erwerbung der vollen ärztlichen Ausbildung Nachdruck
zu legen, jedoch keinen Kandidaten einzig aus dem Grunde der fehlenden üntlichen
Qualifikation zurückzuweisen, wenn derselbe eine besondere persönliche Eignung und
eine entsprechende wissenschaftliche Vorbildung besitzt.
l!) Innerhalb dieser grundsätzlichen Stellungnahme kann jede Zweigvereinigung die
Ziilassungsbedingungen selbständig festsetzen. Bei der Zulassung I an des fremd er
Kandid.iten haben die Unterrichtsausschüsse außer ihren eigenen Bestimmungen jene
Bestimmungen zu berücksichtigen, die im Heimallande des betreffenden Kandidaten
in Geltung sind. Über die erfolgte Zulassung eines landesfremden Kandidaten
ist der UnterrichtsauschuO seines Heimatlandes zu verständigen. Etwaige Einsprüche
sind an die Internationale UnterrichlskommiMion tu richten.
Dem Referat Dr, Eitingons fol^ eine eingehende Diskussion, in der u. a.
Drs. van Ophuijsen, Jones, Oberndorf, Reich, Frau Deutsch, Ferencxi, Simmel,
Frau Homey, Rdheim, Hermann, Sachs, Radö, Rickman sprachen und in
der auch verschiedene Abänderungs- und Zusatzanträge eingebracht wurden.
Einige Redner (v. Ophuijsen, Frau Homey, Reich) wünschen eine exakte
Interpretation der „enUprech enden Vorbildung" der Laienkandidaten; Frau
Dr. Deutsch gibt die Anregung, La Lenken didalen mögen auch im Falle einer
besonderen beruflichen Eignung zugelassen werden. Dr. Oberndorf
484
KiirrcspondL'n/.blall
verharrt auf dem Standpunkt, daß die amerikanischen Gruppen angesichts
ihrer Land es Verhältnisse Laien k an didaten unter keinen (Jmsländen zur Aus-
bildung {zu Therapeuten) zulassen können. Schließlich wird der Antrag
Dr. Oberndorf einstimmig angenommen, der dem Kongreß zu unterbreitenden
Resolution der I. V. K. folgende Fassung zu geben:
„Der Kongreß empfiehlt den Unterrichtsausschüssen bei den Ausbildungs-
luindidaten zu psychoanalytischen Therapeuten auf das Vorhandensein, bzw.
auf die Erwerbung der vollen ärztlichen Ausbildung Nachdruck zu legen,
jedoch keinen Kandidaten einzig aus dem Grunde der fclilenden ärztlichen
Qualifikation zurückzuweisen, wenn derselbe eine besondere persönliche
Eignung und eine entsprechende wissenschaftliche Vorbildung besitzt."
Dr. Jones stellt den Antrag, diesem Text noch den Punkt 2 des von
Dr. Eitingon eingebrachten Resolutionsantrags zuzufügen und nur den
ersten Satz dieses Punktes zu sireichen. Drs. Radd, Ferenczi, Roheim
u. a. machen darauf aufmerksam, daß Punkt 2 der Resolution Eitingon
die in Punkt 1 des ursprünglichen Textes enthaltene bindende Regelung der
Laienfrage zur Voraussetzung hatte. Da in der angenommenen neuen Fassung
von Punkt 1 eine solche nicht mehr enthalten sei, beantragt Dr. R a d d,
die Beschlußfassung über Punkt 2, also über die Kooperation der Gruppen,
zu vertagen. Der Antrag Dr. Radö wird angenommen.
Geschäftliche Sitzung
Frdrag, den 2. Siplembtr, vormittags;
Der Vorsitzende Dr. Eitingon eröffnet die Sitzung und teilt mit,
daß von Prof. Freud folgendes Telegramm an den Kongreß eingetroffen ist:
_Deni zehnten Kongreß der Psychoanalytiker dankt der Unterzeichnete
aus der ihm aufgedrängten Isolierung herxHch für Begrüßung, wünscht
fruchtbare wissenschaftliche Arbeit und drückt Erwartung aus, daß sie aus
dem Gefühl der gemeinsamen Aufgabe die Kraft zur Einigung in praktischen
Fragen finden werden,"
Die Versammlung nimmt die Verlesung mit stürmischem Beifall entgegen.
— Das Protokoll des vorigen Kongresses wird genehmigt. — Der Vorsitzende
erstattet folgenden Vorstandsbericht:
Liebe Kollegen, bci-or wir daran gehen, uns la vergegenwärtigen, ivai seit dern
letzten KongreÜ in unserer Bewegung an Arbeit geschehen ist, müssen wir an dus
denken, was uns selbst geschelien ist. an die Verluste, die wir erlitten haben und
einen Akt k b mera dich nftl icher Pietiit erfüllen. Mehr als sonst in einer Berichts-
periode hat in dieser der Tod von uns Opfer verlangt. Den Beigen eröffnete unspr
unvergeßlicher und unersc tili eher Präiidenl. Lehrer und Freund Karl Abraham.
Alle, nicht nur die ihm nahestanden, haben ihn gut gekannt, aber auch diese spüren
mit Staunen, wie seine Gestalt wächst, was bein Resultat der Entfernung ist, sondern
die unmittelbare Empfindung, daß er uns immer wieder und überall fehlt, imd
wir noch den oder die nicht sehen, die uns seinen Verlust unfühlbarer machen
könnten.
Unsere englische Gruppe hat in James G I o v e r eines ilirer bedeutendsten
und wirksamsten Mitglieder verloren. Das literarische Denkmal, dos ihm Jones in
seinem Nachruf mit meisterhafter Feder errichtete, hat auch denen, die ihn nicht
gekannt haben, die ganie Große de* Verluitei geteigt, den wir alle durch da*
Korrc^ponden/bliitt 4^5
Abreifien de* Lebensfndeiu diesei lo tief angelegten luid schöpferischen Menschen
erlitlen haben. Unsere hollandische Tochtcrvereinifung hal xwei rasch niireinander-
falgende Todeifnlle lu beklagen, sie verlor M e J e r, eines der iiltpslen Milf;lieder
und langjährigen Sekretär der Vereinigung und bald darauf auch den Kollegen van
der Chys, dem unsere bisherigen Kongresse und unsere Literatur einige »ehr inter-
essante und anregende Beilrüge verdankt.
In New York ist Kotlege P o 1 o n, einer der vielTcnpreehenden unter den jüngeren
Mitghedem, gestorben, und vor einigen Wochen verloren wir in Berlin den Kollegen
Koerber, der tu den Mitbegriindera der Berliner Gruppe gehört halle, einen
unendlich gütigen und liebenswürdigen Menschen, der nach langer psjcholhera-
peutischer Vergangenheit auch die Psychoanalyse in sein reichveriweigles äntlichei
und humanitäres Tun aufnahm.
Ehren wir dankend durch Aufstehen das Andenken der tolen Kollegen.
Das Leben bietet auch freundliche Aspekte, Ich freue mich, Ihnen mitteilen lu
können, daß Dr. van Emden, der treuesle Besucher unserer Kongresse, den viele
von uns sehr ungern jetil vermissen und dessen schwere Erkrankung uns Sorge gemacht
hatte, sich auf dem Wege völliger Wiederherstellung befindet.
Die Zahl der Mitglieder der Inlemalionalen Psychoanalytischen Vereinigimg ist
in steligem Steigen begriffen; während sie auf dem Berliner Kongreß 139 betrug,
■uf dem Saliburger 963, auf dem Hombiirger etwas über 500, betragt sie jetzt 5G0, in
Wirklichkeit noch mehr, weil die neugebildele franiösiiche Gnippe, die die Zentral-
Icilung inzwischen interimistisch aufgenommen hat, welche Aufnahme Sie jetzt zu
sanktionieren haben werden, nicht mitgezählt ist, ferner hat sich eine neue
amerikanische Gruppe in Walhington gebildet, deren Aufnahme Ihnen ebenfalls
beantragt werden wird.
Aus den regelniiiOigen Berichten im „Korrespondenzblatt" konnten Sie ersehen,
WOB für ein reges Leben in einzelnen Gruppen geherrscht hat. Die Schaffung der Inttr-
nilionalen Unterricbtlkommission hat den didaktischen Bemühungen neue Impulse zu
geben versucht, und im Zusammenhang mit den Unterrichts fragen ist, wie Sic wissen,
ein nitea Problem, das dringend der Klarung bcdtu-fte, die sogcnaimte „Laienanalyse".
Icbliiiftest in allen Vereinigungen diskutiert worden.
Ein neues Land tritt jetzt mit einer ersten psychoanalytischen Gesellschaft in den
Verband imierer Zweigvereinigungen ein, Frankreich. Genau vor 40 Jahren empfing
dort unser Meister durch Charcot die ersten Eindrucke von der Piychogenie der
Neurosen und jetzt ist in Paris eine kleine, aber sehr vielversprechende psycho-
analytische Gruppe erwachsen, die sofort auch mit einem eigenen Publikationsorgan
auf den Plan getreten ist. Die Ihnen ollen bekannten Kollegen Laforgiie und
Sokotnilzka und die Frau Prinzessin Marie von Griechenland haben nach langer
beharrlicher Vorbereitung unter der wackeren Mitwirkung der beiden Genfer Odier
und de Sauisure wie auch des von Berlin nach Paris übersiedelten Dr. L ö w e n-
ttein einen kleinen Kreis von in Paris bereits geschulten Analytikern gesammelt,
der ein deutlicher Kriitallisationskern zu werden beginnt.
In den Ländern der älteren psychoanalytischen Vereinigimgen macht die Psycho-
analyse, wie schon das Steigen unserer Mitgliederzahl beweist, sielige Portschritle.
Stelleniveise scheint der modische Lünn, der um die Psychoanalyse herrschte, stiller
geworden zu sein, imd das ist gut, denn Moden sind nicht nur laut, sondern auch
kurzlebig. Das Verhallen uns gegenüber wird, trotz Fortbeilehens der alten Wider-
■tande, doch sichtlich enistbafter; bitte um Verzeihung, wenn das wie eine Zensur
klingt, dafür ist gerade unsere deutsche wissenschaftliche Öffentlichkeit das beste
Heispiel. Nicht nur zwei psyehotheropculischc Kongresse, sondern auch ein Inler-
nislenkongreO hat sich eingebend mit der Psychoanalyse beschäftigt. Wir wissen dies
als Symptome einer Wendung zu werten und hüten ims, diese Anzeichen zu über-
schätzen. Daß andererseits vor ganz kurzem wieder ein sehr namhafter deutscher
Int. Zeiuchr, f. Fiychauinly», Xlll/f. ^
486 Korrcspondenzbluti
Artt, nicht Piychiater und nicht Neurologe, bei einem nun wirklich nicht lehr ernst-
haften Versuch, sich mit der Analyse ausrinandcrztiselten. sich, wenn auch nicht di«
Fingir, so doch seinen wissenschaftlichen Ruf sehr verbrannt hal, hat uns lebhaft
an vergangene Zeiten erinnert.
In RuGland, einem an sich alteren Land des analytischen Interesiei, ist der Kreis,
der um die Psychoanalyse sich tiefer bemühte, gewachsen und unsere dortigen
Kollegen arbeiten begreiflicherweise unler sehr schweren Bedingungen. Ich erlaube
mir, Ihnen in unser aller Namen unsere tiefe Sympathie auszusprechen.
Auf dem ewig jungfrSidichcn Boden Amerikas, mit seiner groDen Empfänglichkeit
für alles Neue und Neueste, ist es unseren dortigen Kollegen gerade deshalb schwer.
die Sorge um die Garantie für eine stetige Vertiefung des psychoanalytischen Wissens
und Könnens in die eigenen HHnde in nehmen.
In den Ländern, die eigene analytische L ehr intti tute haben, ^ wie ander
Deutschland und Österreich jetzt auch England, dessen Lehrinstilut lu unserer grOÜcn
Freude gerade am 70. Geburtstag von Prof. Freud, am 6. Mai 1916 eröffnet
worden ist, — wird die Hauptwirksamkcit immer mehr von diesen ausgehen und
begreiflicherweise ist ei die jüngere Generalion meist, die gebieterisch nach Ver-
mittlung von analytischen Kenntnissen verlangt, die sie auf den Schulen noch
immer nicht, jedenfalls aber nicht in der richtigen Weise bekommt. Eine Ausnahme
scheint darin Ungarn lu bilden, deren Jugend konservativer lu sein scheint. Nun,
wir Analytiker wissen ja, daß vor Regressionen wohl keine Altersstufe geschütit ist.
In Italien hat sich um unsere bewührtcn Kollegen L c v i-B i a n c h i n i imd
Edoardo WeiO eine Anxalil von Anten und Gelehrten, die sich für die Psycho-
analyse interessiert, geschart, eine Art psychoanalytischer Arbeitsgemeinschaft, aus
der später einmal eine Gruppe hervorgehen konnte 1 In Siebenbürgen in Neu-Rumönien
arbeitet eine kleine Gruppe praktisch und wissenstbafilich in der Psychoanalyse.
Daß die Berliner Psychoanalytische Vcreinigring sich Anfang 1926 in die Deutsche
Psychoanalytische GeseilEchalt umgeivandclt hat, dürfte Ihnen bekannt sein; sie
besitzt iwei lokale Arbeilsgeineinschaflen, die ältere in Leipzig, die von Frau
Dr. B e n e d e k daselbst geführt wird. Eine jüngere hal sich in diesem Jahre unter
der Leitimg von Dr. Landauer und Frau Dr. Happel in Frankfurt n. M.
konstituiert.
Wir hatten vom lelilen KongreD die diskrete Weisung bekommen, Herrn Professor
Freud lum 70. Geburtstage die Glückwünsche der Internationalen Psychoanalytischen
Vereinigung in entsprechender Weise darzubringen. Wir entledigten uns dieses Auf-
trages in der Weise, daO wir unter unseren Milgliedcm einen Jiibilüiunsfonds
sammellen imd ihn am 6. Mai vergangenen Jahres unserem Meister für psydio-
analytische Zwecke überreichten. Er hat Ihnen allen sehr gedankt und bat, Ihnen
lu besteilen. daQ er bis zum So. keine Geburtstage melir habe, auf keinen Fall aber
vor dem 75. Wir versprachen, es Ihnen auszurichten, nolinien es aber auch von seiner
Seite als Versprechen, uns noch recht oft Gelegenheit lu geben, ihm in Freude für
alles zu danken, was wir ihm schulden.-'
Hierauf ersUtleten die Vorsitzenden einiger Zweigvereinigungen kurze
Berichte: Dr. Federn erzahll, daü in Wien tlie wissenschaftliche Tätigkeit
außer auf den Sitzungen der Vereinigung auch auf der Tüligkeit des von
Dr. Reich geleiteten „therapeutischen Seminars" und des Literatur referieren-
den sogenannten „Kinderserainars" beruht; außerdem nimmt auch Professor
Freud an der Arbeit wieder persönlich führend Anteil, indem allmonattich in
seiner Wohnung wissenschaftliche Sitzungen als „erweiterte Vorstandssitzungen"
stattfinden. — Auch in London teilt sich, nach dem Bericht von Dr. Jones,
die Arbeit in die wissenschaftliche Tätigkeit der Vereinigung und in die Aus-
bildungs-, Propaganda-, Publikation!- und Überseliungstatigkeit des Institutes.
I
Korrcspondenzblail 487
— Dr. Oberndorf berichtet, daß auch in New York neben der wissen-
schaftlichen ForschunsslBtigkeit die Ausbildungs- und Unterrichtslätigkeil eifrif;
beirieben wird. — Dr. Simmel rechtfertigt die Umwandlung der „Berliner
Psj-choanalylischen Vereinigung" in eine „Deutsche Psychoanalytische Gesell-
schaft", erzählt über die Tätigkeit der lokalen Arbeitseemeinschaften in Leipiig
und Frankfurt a. M. und berichtet über die von der deutschen Gesellschaft
veranstaltete Feier zum 70. Geburtstag von Professor Freud. — Dr. Landauer
ergänzt die Ausfiihrungen durch Bericht über die p5ychoflnal>-tische Propaganda-
tätigkeit in Süddeutschland (Sitiungen in Frankfurt a. M., pädagogische Tagung
in Stuttgart, Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik). — Nach Dr. Fereneii
ist in Ungarn der äußerliche Fortschritt zwar gering, der innere aber um
so intensiver.
Der Zenlralkassenwart Dr. M ü II er-Braunjch weig ersUttel den
Kassenbericht:
Das Vermögen der Internationalen Vereinigung betrug nach dem Homburger
Kongreß 2050 Mark. Ende 1936 5170 Mark, jelit 4397 Mark. Davon sind die noch
nicht berechneten Kosten des gegenwärtigen Kongresse, abiuiiehen. so daß der
Bestand et«a 3500 Mark betragen wird. Von .590 Mark Ausgaben wurden 1380 Mark
für den Druck des „Korrespondeniblattes" ausgegeben, der Rest lerleill sich nnf
Unkosten der Zentralleitun^, besonders für den Volliiig leliler Pflichten gegenüber
verslorbencn Mitgliedern. — AUe Gruppen haben ihre Beiträge abgeführt bis auf
die russische, die die Beiträge iwar ebenfaLs einkassiert hat, aber äußerlicher
Schwierigkeiten wegen sie noch nicht hat abliefera können. — Die ungarische Gruppe,
die friiher geringere Bcithige beiahlt harte, lahlC ebenfalls bereits Beiträge der
gleichen Höhe wie alle anderen Gruppen, nämlich 2 Dollar per Kopf. — Der Milgtieds-
beib-ag. den jedes Mitglied lu entrichten hat, sein »ich nun überall aus drei Teilen
zusammen: b> Der Beilrag an die Internationale Vereinigung, b^ Der Beitrag an die
Zweigvereinigung, c) Der Betrag für das obligatorische Abonnement der Zeitschriften.
Der Bericht wird genehmigt.
Frau Dr. Helene Deutsch gibt über das „Lehrinstitut Her Wiener Psycho-
analytischen Vereinigung" folgenden Bericht:
Das Wiener Psvclioanaly tische Lehrinitilut meint auf eine erfolgreiche Tätigheit
in den leizten iwei Jahren lurück schauen in können. Man kann sagen, daß Vieles
sieh hier bereits antomatisrerl hat, so daß die gonic Arheilsenergie, die in den
Anfangsstadien der Bekämpfung der äußeren und inneren Schwierigkeilen und den
orgnnisalorijchen Leistungen ge« idmet war. *ich jettt nun gäntlich dem eigentlichen
Ziele de» Lehrens luwendcn kann.
Da das Lehrinslilul bereit» iweieinhnlb Jahre in Funktion isl. waren wir in der
Lage, jetit die ersipn fünf Schüler als voHausgehildet lu entlassen. Von diesen fünf
Schülern sind drei Ante und i iv e i „Laie n".
Außer diesen fünf befinden sich deneit «m L. I. 20 S c h ü 1 e r in verschiedenen
Ausbildungssladien.
Von den 10 sind drei Auslander, die übrigen Inländer. In dieser Schülenahl ist
dos Verhähnis der Ante tu Laien 17;^. Diese» Zahlenverhällnis enlsland nicht aus
Tendenzen des L. I. Die drei nichlanllichen Schüler stehen in Berufen, die ihr
Interesse für Analv.'e besonders wünschenswert erscheinen lassen, und iwar in päd-
agogischer oder soiialer Tätigheit.
Die Zahl der Vorgemerkten, die noch nicht in die Ausbildung aufgenommen
werden konnten, beträgt jeiit acht. Ich mochte hier bemerken, daß das weitaus
gröOle Kontingent der Kandidaten sich aus jungen, psjchialrisch inleressierlen Anten
rekrutiert. Das, was si.h bei uns bereits als Ausbildnngsn-eg nach der Selbttanatyse
M'
488 Korrcspondenzbliitt
koniolidiert h«t, wt vor bDcih die gut organisierte praktische Arbeit unter Kontrolle
de« Lehrinstitull. Ebenso hat sich die Form der theoretischen Ausbildime bewahrt.
Neben den so^enannlen ^obUgatori sehen Kursen" haben sicli gewisse Formen der
Seminare und Kurie so gut eingeführt, daß sie bereits ständig gehalten werden und
sich andauernd eines großen Zuspruches erfreue». Die obhgalori schon Kurse, die die
elementare tlieorelische Grundlage der Schüler darstellen, werden nach Bedarf
wiederholt, d. h. immer dann, wenn eine Anialil von Schülern den ersten Grad der
Aiiibilduog. die Selhstannlyse, beendigt hat. So wird ein solcher Zyklus, wie Sie
unserem Programm entnehmen können, im Herbat tum zweitenmal «eit der Gründung
des L. I. wiederholt.
Ich glaube, daß es nicht aus FamiliennaniOmus geschieht, wenn ich berichte,
daß das Erfreulichste an unserer Ausbüdungsstatle eine große Arbeitsfreude und
wirkliches „Zusammen lernen" der Kandidaten ist. Sämtliche Kurs- und Diskussions-
abende sind bei uns immer von den Schülern voUiÜhlig besucht, ja, man kann sogar
sagen, daß die Libido der alteren Analytiker (der Lehrer) durch diesen auflcr-
ordentiichen Eifer der Jugend nicht lum Erlahmen kommt.
Derselbe Eifer wird auch in dem Wunsch nach Kontrolle bewiesen ; es kann sich
der Kontrollanaljtiker auch nicht vorübergehend der übernommenen Verpflichtung
eiitxiehen, so sehr steht er unter Kontrolle des eifrigen Konlro liierten. Gerade hier
scheint sich allmählich eine Klarheit durch Erfahnmg herzustellen, so daß um die
Wahl der Fälle, die Technik der Kontrolle usw. immer ticherer und dadurch
einfacher wird.
Das L. I. hatte im letzten Jahre seine Tätigkeit auch mehr der Propaganda
zugewendet aU vorher. Ein im Rahmen des Institutes abgehaltener Kuriljhlus für
Pädagogen, den Frl. Freud, Pr. Schaxel, Dir. Aichhorn und Dr. Hoffer abgehalten
haben, hatte einen großen Anklang eben in diesen Kreisen gefunden, die für Psycho-
analyse von besonderer Wichtigkeit sind, d. s. Pädagogen, FüTforgerinnen, Pflege-
rinnen usw. Die propagatorische Tätigkeit, die im vorigen Jahre außerhalb des L, L
geleistet wurde, hat für das nächste Jahr auch das L. I. übernommen, indem die
ivon Dr. Federn, Dr. Reich und Dr. Wälder) im Verein für mediiinische Psychologie
gelesenen Kurte am L, I. abgehallen werden und so die medizinische Studenten-
schaft, die noch der Psychoanalyse ferne tteht, in eine Verbindung mit dem Lehr-
instilut gebracht wird.
Ich möchte am Schluß eine Bemerkung machen, die auch als Anregung dienen
soll. Unsere Inätiinte sind alle auf denselben Ideen aufgebaut, haben in wichtigsten
Punkten dasselbe Programm. Der internationale Charakter dieser Institute hol sich
noch nicht kundgegeben. Es wäre von großem Vorteil, wenn durch den Austausch
der Schüler diese Intemalionalitäl der Ausbildung ihren Ausdruck bekommen würde.
Durch die Gliederung der Ausbildung in Selbslunalyse — theoretisches Lernen und
praktische Ausbildung, würde sich dieser Kontakt leicht herstellen lassen dadurch,
daß I. R. fallweise die Selbstanalyse an einem Institute, das weitere an einem
anderen gemacht wird. Dies ließe sich leichler durchführen, wie der Austausch
der Lehrer, die an ihre Arbeiuslätte mehr gebunden sind. Was ich on Zuhunfts-
pUnen des Lehrinslitutes verraten könnte, hoffe ich beim nächsten Kongreß als
vollzogene Leistung berichten tu können.
Dr. Jones berichtet über die Arbeit des Londoner Instituts :
Durch die Großmut des Herrn Prynce Hopkins vermochte das Institut für
Psychoanalyse im vergangenen Jahre die so dringend benötigte Khnik zu eröffnen.
Offiziell wurde die Londoner Khnik für Psychoanalye, W. I, Gloucester Place 5S, zwar
bereits am siebzigsten Geburtslage Professor Freuds, dem 6. Mai 1916. mit einem
Patienten eröffnet, aber durch verschiedene Umhauten verzögerte sich die volle Auf-
nahme der Arbeit bis zum Herbst des gleichen Jahres. Unter Bericht stützt lieb oUo
I
Ki>rr(.-sp<in(Icn/blait 4^
\
bloß auf eine Wirksambeil von neun Monaten. Der Ärrtekörper. den dai Institut
für Fsjchoanalyse in seiner Sitiiing am 28. September 1926 ernannte, sctit sicli
folgendermaßen zusammen: Direktor Dr. Erneit Jones; stellverlretender Direktor:
Dr. Edward G 1 v e r ; Ante : Drs. Bryati, E. M. Cole, Eder, Herford, Inman, Sylvia
Payne, Rickman, Biggall und Sloddart.
Man beichloß, daO sich der Äntekörper künflig^ nach eigenen Vorschlägen
ergänzen sollte. Die Direktoren wurden emiächtigl, klinische Assistenten aniustellen,
die unter ihrer Leitung Analjsen ausführen dürfen. Bisher haben sie folgende Herren
berufen: Drs. Bricrlcy, Warburton Broivn, Franklin, Penrose. A.Stephen, Weber
und Wilion. Mit diesem Mitarbeiterstnb sind wir in der Lage, täglich fünfiindiwaniig
Patienten lu behandeln.
Die Klinik ist für Neuaufnahmen einmal wöchentlich geöffnet, und in den »er-
gangenen neun Monaten haben gerade hundert Konsultationen stattgefunden. Fünf-
undneuniig dieser Fiilie erwiesen sich fiir psychoanalytische Behandlung geeignet.
Eine Mitteilung über die verschiedenen Zustände, an denen die Patienten litten, soll
in dem ersten vollitändigen Bericht der Klinik erfolgen.
Bis heute haben »ich einundvienig Patienten der Behandlung in der Klinik
unterzogen. Sieben davon brachen die Behandlung bereits im Laufe des ersten Monats
ab, acht lu einem späteren Zeitpunkt. Es ist natürhch noch zu früh, um schon positive
Resultate berichten zu können, immerhin sind drei Patienten, die bereit* vor der
Erüffnimg der Klinik mit der Behandlung begonnen hatten, bereit! gebeilt und eine
Reihe von anderen erheblich gebessert.
Die Vorlesungen, die unter der Leitung des Instiliils für Psychoanalyse abgebalten
werden, finden in der Klinik statt. Im vergangenen Jahr wurden vier Kurse gelesen:
1} J. C.Fl ii gel. Das Unbewußte ; 1} Edward Glov er, Die Technik der Psychoanalyse;
}) James Glovcr, Die Psychopathologie der An gstiu stände, Phobien und Zwangs-
vorstellungen; 4) Emest Jones, Die Theorie der Sexualilüt. Man ist dahin über-
eingekommen, daß die reguläre Ausbildung der künftigen Psychoanalytiker acht
Vorlesungskiirse umfassen solle, die sich über zwei Jo!u-e erstrecken; die Kandidaten
besuchen sie gToQtenteiU erst nach erfolgtem AbschluO ihrer eigenen Analyse. Die
Ausbildungskurse umfassen folgende Gegenstande: 1) Das Unbewußte; 7) Traum-
deutung; j) Theorie der Sexuolilät ; 4) Neurosen; J) Technik; 6} Kinderanalysen:
7) Psychiatrie; S) Geistige Entwicklung der Rasse. Gleichzeitig fuhren die Kandidaten
„Kontrollanalysen" aus. Gegemvartig lind lehn solcher im Gange, die von den Herren
Bryan, Edward Glover. Eriiest Jones und Rickman beaufsichtigt werden.
AUe Sitzungen der Britischen Psyclioanoly tischen Gesellschaft linden in dem
Gebäude der Klinik statt, wo auch ihre Bibliothek dauernd untergebracht ist. Der
ArztesLib der Klinik tritt viertcijührlich zusammen, um die Arbeitseinteilung usw.
miteinander lu besprechen.
Ich hin in der glücklichen Lage, berichten zu können, daß der ganze klinische
Apparat bisher in erster Linie dank der Energie und Hingabe des Sekretär» des
Instituts, Dr. Rickman. reibungslos imd erfolgreich gearbeitet bat. Kurzum, wir
kiinnen mit unseren verheißungsvollen Anfängen zufrieden sein.
Über das „Berliner Psychoanalytische Institut" gibt Dr. Bititigon
folgen den Bericht:
Nach dem kurzen Bericht über imser Institut auf dem Hamburger Kongreß
habe ich dieses Mal nur schwer der Versuchung widerstehen können, Ihnen eine
genauere Statistik über Erfolge imd Dauer unserer Arbeit, wie auch eine ausführ-
lichere Schilderung des Verhältnisses dieser beiden Momente in unserer Therapie
zubringen, wobei ich mich jetzt auf das größere Beobachtungsmaterial einer lungeren
Berichtsperiode stützen könnte.
Aber mich »eit langem mit der Idee tragend, einmal in eingehenderer Darstellung
490
Korre,sponden/l)latt
ron iinierem Institut lu handeln und in letiler Zeit von onderon Aufgaben unserer
Bewegung sehr in Anspnich genommen, renichlete ich hier darauf und mochte
mich auch jelit nur wieder kiu-i fassen.
In der Zeit vom April 1924 bis Juli 1917 hoben im ganien 851 bei der Analyse
Hilfesuchende tmser Institut aufgesucht, wovon 361^ in Analyse genommen und
behandelt worden sind. Auf Grund dlesci auch gröPeren Ansprüchen genügen
könnendes Materials darf ich mir wohl zusammenfassend ausiusprechen erlauben,
was den Erfahreneren unter uns schon längst bekannt ist, daß die Erfolge unserer
therapeutischen Bemühungen den Vergleich mit denen anderer, mit großem Apparat
an schweren chronischen Krankheiten unternommenen Heilbestrebungen, i. B. bei
der Tuberkulose, aushalten und günstig bei diesem Vergleich abschneiden. Zu der
von ihnen beanspruchten Behandhingsdauer stehen unsere Erfolge in einem einfachen,
geraden und progressiven Verhältnis, d. h. je umfänglicher und liefer greifend der
Erfolg, um so länger die Douer. Auf dem Hintergnmde unserer so ausgedehnten,
von verschiedenen Analyl 1 k erindi vi duali täten, zu einem großen Teil von alterfahrenen
Praktikern gewonnenen Resultate erscheinen uns alle superklugen, ihre Vernach-
lässigung der Logik der vorliegenden palhotogitchen Prozesse mehr oder weniger
geschickt rationalisierenden Abkürzungsversuche all da!, was sie in Wirklichkeit sind,
als konstruktive, ephemere und, weil ich ließ lieh wirkungslos, durch nicht* zu
rechtfertigende Gewaltsamkeit,
Die Zusammensetzung unserer Mitarbeiterschaft hat sich niu- wenig verändert.
Herrn Dr. Löwenstein haben wir sehr luigem nach Paris gehen sehen. Der an
seine Stelle getretene Dr. A. G r o B ist im Fnihjahr dieses Jalirei an die vom
Kollegen Simmel ins Leben gerufene Psychoanalytische Klinik. Sanatorium Schloß
Tegel, übergegangen; die von ihm gelassene Lücke hat Dr. Witt ansgefüllt.
Der alten, starken therapeutischen Tradition un.ieres Institutes entsprechend, liegt
bei uns nach wie vor ein sehr wesentlicher Akzent auf den therapeutischen
Leistungen, trotzdem in immer größerem Ausmaße die Kräfte unserer Mitarbeiter
durch den Ausbau unserer Unlerrichlsaufgaben in Anspruch genommen werden. Auch
in dieser Berichtsperiode sind laufend etwa 85 Analysen nebeneinander gemacht
worden. Darf ich Sie bitten, sich wieder einmal zu vergegenwärtigen, welche Summe
von Wo chenarbeits stunden dos ergibt, wenn imsere Institutspatienlen durchschnittlich
zirka vier Stunden wöchentlich bekommen. An der Bewältigimg dieser großen
Aufgabe beteiligten sich neben dem Referenten und sieben Assistenten des Instiluts,
etwa zehn imsercr alteren Schüler, sowie 16 bis 18 Mitglieder unserer Psycho-
analytischen Gesellschaft. Ihnen ollen bin ich für ihre tteia unermüdliche Opfer-
ivilligkeil zu größtem Danke verpflichtet.
In unserer didoktiichen Tätigkeit galt es den Aufbau unserer theoretischen Unter-
weisungen zu revidieren, vor ollem aber die Moglichkeilen der praktischen Ausbildung
auszuhauen; die Kontrollanalysen haben bei uns ja seit längerer Zeit volles Bürger-
recht. Um die Klärung der Technik dieses Unlerrichtszweiges bemühen sich die ihm
Obliegenden. Vieles ist und muß ja natürlich noch im Flusse sein, wie auch in der
didaktischen Technik der Lehranalyse. In der Internationalen Onterrichlskommission
haben wir ja eine Stelle geschaffen, die sich mit diesen Problemen zu befassen und
die Erfahrungen der einzelnen in Einklang zu bringen hol. Nach längerem Tasten
glauben wir in Berlin auch mit einem technischen Seminar sehr gute Erfalirungen
zu machen, das für alle imsere fortgeschrittenen Schüler obligatorisch ist, und an
dem fakultativ auch die jüngeren Mitglieder unserer Vereinigung anscheinend gern
imd jedenfalls mit gutem Erfolg für die anderen (die SchiUer), wie auch für rieh
selbst, teilnehmen.
Über die Kurse und sonstigen Veranstaltungen unseres Institutes sind Sie durch
unsere laufenden Ankündigungen im „Korretpondeniblatt" regelmäßig unierrichtet
worden.
KoiTcspon (1 CD /,bl att
491
Dr. HitBchmann berichtel, über das in Wien aus äuDeren Gründen
vom Lehrinstitut getrennte „Ambulatorium der Wiener Psychoanalytischen
Vereinigung :
Das Wirncr Ambnlalorinm ist bereits im sechsten Jahre seines Betriebes und
xeigt weiter eine so bedeutende Frequenz, daß eine groDe Aniahl dringend
Behnndlungsbedürf liger abgewiesen werden muß. Wir hoben außer einem Aisistenten
iwei Sekundarnrile für halbtägige Arbeit angesteül, und ein dritter im gleichen
Umfang arbeitender Arit beiieht eine Remuneration. Noch leiden wir lailer der
Beschränktheit der Räume, die wir nur nachmittags benütien können.
Die durch die Ausbildimgskandidaten lunehmende Zahl von Mitarbeitern drangt
nach Vcrmchnuig der Räumlichkeiten, der Andrang von Patienten übprdies tur
Vermehrung der angestelllen Arzte, beides lu ganitagiger Arbeit. Wir hoffen dieses
Ziel, gestiitit auf die generöse Geldspende, die uns Herr Prof. Freud ans seiner
GeburtstBgsstifttmg zukommen ließ, sowie auf aus Amerika eingelangten Geschenke
bald lu erreichen. — Während der Unterricht der Schüler des Lehrinst i tute» aufler-
halb der Kompetenz des Amhulatorinmj liegt, hält das Ambulatorium doch an seinen
kasuistischen Beferierobcnden fest. Dieselben «Tirden — ein Verdienst des Assistenten
Dr. Reich — lu überaus gut besuchten und intensiv arbeitenden technisch-
therapeutischen Seminarabenden ausgestaltet, aus denen auch wertvolle
PubhkBlionen hervorgehen. Aus den Schwierigkeiten der Anfänger kann man deutlich
genug das Bedürfnis nach Belehrung in individualisierender und detaillieiter Technik
erkennen: eben diesem Bedürfnis sind diese technischen Abende angepaßt, an denen
nicht nur die Schüler, sondern fast alle Mitglieder der Vereinigimg mitarbeiten.
Von einer Statistik der Behandlimgsrestdtalc sehe ich hier ab und berichte nur,
daß etwa 40 bis 50 Falle taglich in Behandlung stehen.
A. J. Storfer erstattet einen kurzen Bericht über die Tätigkeit des
Internationalen Psyclioanaly tischen Verlags und stellt fest, daß das zunehmende
Interesse für die Psychoanalyse sich deutlich im erhöhten Bücherabsatz wider-
»piegelt. Im besonderen muß auf die Zunahme des Interesses in Kreisen von
Lehrern und Erziehern hingewiesen werden; der .Verlag der ZeitscJlt^ft für
psychoanalytische Pädagogik" arbeitel in einer administrativen Symbiose mit
dem „Internationalen Psychoanalytischen Verlag" zusammen.
Dr. Rick man berichtet über die Tätigkeit der ,Psychoanalytical Press"
in London:
Werke von Freud und F e r e n c i i wurden neu üherselit, die nCoUccled
pBpers" von Freud weiter herausgegeben, ein Register sämtlicher psjchonnaly tischer
Publikationen wird vorbereitet. Der Redner richtet an alle deutschen Autoren, die
ins Englische übersetzt werden wollen, die Bitte, sich noch vor der Ausführung der
englischen Übersetiung mit der „Press" in Verbindung lu setien.
Dr. Badö teilt als Redakteur der beiden deutschsprachigen oHizicIlen
Vereinsorgane mit, daß diese, um den steigenden Anforderungen gewachsen
zu sein, in Zukunft in etwas erhöhtem Umfang erscheinen werden, was eine
geringfügige Steigerung des Abonnementspreises mit sich bringen wird. — Der
Kongreß erteilt hierzu seine Zustimmung.
Zum Punkt der Tagesordnung „Aufnahme neuer Zweigvereinigungen teilt
Dr. ILitingon mit: Es sind an den Vorstand zwei Antrage zur Aufnahme
gel.ingt. Der eine von einer französischen unter Leitung von Dr. Laforgue
stehende Gruppe in Paris, die bereits vom Vorstand interiniistisch auf-
genommen worden ist. Der Vorstand bittet den Kongreß, ihre definitive Auf-
nahme zu beschließen.
492
Korrcsponilun/.bliilt
Die Aufnahme der frnnzösi sehen Gruppe wird einstimmig beschlossen. —
Dr. Laforgue dankt der Versammlung im Namen der neuen Zweig-
vereinigung.
Bezüglich der „Washington Psycho an alytic Association" berichtet der Vor-
sitzende, sei die vorberatende Sitzung der Funktionäre der I. P. V., in welcher
Dr. Ferenczi und Dr. Oberndorf die neue amerikanische Gruppe sehr emp-
fohlen hatten, übereingekommen, die Gruppe des großen Interesses der I. P. V.
für ihre Arbeit zu versichern und sie zu bitten, bis zum nächsten KongrelJ
mögliclist reichlich Gelegenheit 7,u geben, sie naher kennen zu lernen, worauf
dieser sie dann aufnehmen würde.
Dr. Jones stellt den Antrag, der Kongreß möge den Vorstand ermächtigen,
die „Vt'ashington Psych oan alytic Association" gegebenenfalls schon vor dem
nächsten Kongreß interimistisch aufzunehmen. Dr. Oberndorf unterslülxt
diesen Antrag. Der Antrag wird angenommen.
Dr. Eitingon berichtet über die tags vorher staltgefundene Sitzung der
Internationalen Unterrichtskommission und unterbreitet dem Kongreß den dort
beschlossenen Resolutionsantrag (s. oben S. 483). Die Resolution wird bei zwei
Gegenstimmen angenommen.
Dr. Jones stellt folgenden Antrag: „tiber die Zulassung landesfremder
Kandidaten haben sich die Untern chtiaussehüsse der betreffenden Lander vorher
BU Terstandigen." — Elr begründet diesen Antrag mit dem Hinweis auf die
Notwendigkeit, die spezifischen Verhältnisse der einzelnen Länder zu respek-
tieren.
Über diesen Antrag entspinnt sich eine außerordentlich lebhafte Debatte,
an der sich zahlreiche Redner beteiligen, einzelne von ihnen wiederholt das
Wort ergreifen und in deren Verlauf auch mehrere weitere Anträge gestellt
werden.
Drs. Oherndorf, Coriat und Kardiner betonen übereinstimmend,
da0 die Situation der Psychoanalyse in den U. S. A. wesentlich anders sei
als in den kontinentalen Ländern. Die gesetzlichen Bestimmungen des Landes
sowie die Beschaffenheit des Menschenmalerials, das sich zum Analytikerberuf
drängt, nötigen die amerikanischen Gruppen, auf der ärztlichen Vorbildung zu
bestehen.
Frl. Anna Freud wünscht zu erfahren, inwieweit zwischen den Gruppen
hinsichtlich der Respektierung wichtiger Bestimmungen Gegenseitigkeit besteht,
und stellt an die amerikanischen Mitglieder die Frage, ob ein ordentliches
Laienmitglied der Wiener Gruppe, z. B. sie selbst, das Reelit auf die ordent-
liche Mitgliedschaft einer amerikanischen Gruppe haben würde. — Darauf
erwidert eines der amerikanischen Mitglieder (Dr. Oberndorf), daß das
betreffende ordentliche Laienmitglied einer kontinentalen Gruppe zwar Gast,
nicht aber ordentliches Mitglied einer der bestehenden amerikanischen Gruppen
werden konnte.
Dr. Ophuijsen erörtert die Notwendigkeit der Annahme de« Jonesschen
Antrages. In Holland wird den — wenigen — Ausbildungskandidaten stets
nahegelegt, sich an eines der im Ausland bestehenden Lehrinstitute zu wenden.
Wird aber ein holländischer Ar^l ohne vorherige Kenntnis der holländischen
Gruppe im Ausland ausgebildet, so konnten sich große Unannehmlichkeiten
Korrrüiiandt^ii/blatt
493
ergeben, wenn sich später herausstellen sollte, daß der Betrerfenite der
holländischen Gruppe unerwünscht sei. Noch schlimmer stünde die Sache im
Falle eines Laien. Ein solcher konnte, solange er nicht öffentlich ankündigt,
dali er an einem unserer Lehrinstitute ausgebildet wurde, in Holland ungestört
tlierapeutisch tätig sein; im Falle einer Ankündigung würde jedoch die Gruppe
durch das Gesetz gezwungen sein, gegen ihn einzuschreiten, und würde dadurch
in einen unerwünschten Konflikt mit an deren Gruppen geraten. — Dr. Federn
macht darauf aufmerksam, daQ gerade dieses Beispiel zeige, daß die Isien-
gegnerischen Gruppen trotz der eben angenonnnenen Resolution auch weiter-
hin geeignete Personen nur wegen des Mangels des medizinischen Doktorats
zurückweisen wollen; niemand könne ?,. B. die holländische Gruppe hindern,
einen solchen im Ausland ausgebildeten Laiennnatj'tiker an der Ausübung der
Praxis in Holland zu verhindern, aber die holländische Gruppe könne vom
Wiener oder Berliner Institut nicht verlangen, daß sie die Ausbildung eines
nach ihren Grundsätzen geeigneten Kandidaten nur deshalb unterlasse, weil
er Holländer sei. Er wirft die Frage auf, ob nicht die Gegensätze durch die
Zuweisung konkreter strittiger Fälle an ein obligatorisches Schiedsgericht
geschlichtet werden könnten. Dr. Ferencii meint, daß das Verlangen, den
ausbildenden Instituten solle das Recht genommen werde, über Geeignetheit
oder Ungeeignetheit von Kandidaten zu entscheiden, nur weil sie ihrer
Abstammung nach zu einem anderen Territorium gehören, nicht dem psycho-
analytischen Geist entspräche. — Er schlägt vor, auf eine Beschlußfassung
über den Antrag Jones vorläufig ganz zu verzichten.
Frau Dr. H o r n e y meint, es werde sich am ehesten ein Weg zur
Verständigung finden lassen, wenn man vorläufig auf eine Beschlußfassung
über den Antrag Jones verzichtet und statt dessen zunächst eine exakte
Interpretalion der in der angenommenen Resolution erwähnten „ent-
sprechenden Vorbildung" der Laienkandidaten anstrebt. Sie stellt daher
folgenden Antrag:
„Der Kongreß möge die Unterrichtsausschüsse beauftragen, Richtlinien
auszuarbeiten für die Vorbildung und Ausbildung nicht medizinisch er Kandidaten
und damit den Sinn einer der medizinischen ,entsprechenden' Vorbildung
genau inhaltlich zu umgrenzen, und möge die Beschlußfassung über die
Durchführung der Zusammenarbeit der einzelnen Gruppen bis dahin vertagen."
Dr. Sachs meint, daß die von Jones beantragte Regelung angesichts
der großen Entfernung, z. D. in der Relation zu Amerika, praktisch undurrh-
fuhrbar sei und vor allem zu einer Schädigung des auf Bescheid wartenden
Kandidaten führen würde. Nur durch gegenseitiges Vertrauen könne eine
Regelung erzielt werden,
Dr. Friedjung mahnt zu größerer Aufrichtigkeit und meint, man dürfe
die in diesen Auseinandersetzungen wirksamen latenten egoistischen Interessen
nicht übersehen. — Dr, Landauer und Dr. Nunberg führen aus, daß die
Hinweise auf bestehende Örtliche Verhältnisse keinesfalls zwingend seien, da
man sich auch zu einer gegebenen Situation sehr verschieden einstellen und
in ihr sehr verschieden handeln könne. Verordnungen und gesetzliche
Bestimmungen, die neuen Verhältnissen nicht mehr entsprechen, könnten durt:h
Überschreitungen einer Revision näher gefuhrt werden.
494
KorrL'spon<lcnzblQ(t
Dr. Radö meint, die Mahnung Jones an eine Politik der Verständigung
sei sehr zu beherzigen. Dam führe nur ein Weg, die Regelung der Zulassungs-
hedingungen und des Auibil dungsganges überhaupt seitens der I. P. V. selbst.
Diese internationale Regelung soll sich nuch auf alle jene Spezialbe Stimmungen
erstrecken, die für die einzelnen Lander angesichts ihrer örtlichen ^'erhält-
nisse festzusetzen sind. Die gegenseitige Beurteilung und Einschätzung der
speziellen örtlichen Verhältnisse auch durch die anderen Gruppen sei durchaus
wünschenswert und müsse bei gutem Willen zu einer schließlichen Einigung
führen. Bei Vorhandensein eines derartigen internationalen Statuts wird es
eine Selbstverständlichkeit sein, daß bei landesfremden Kandidaten die für
ihre Heimat geltenden Bestimmungen von allen Gruppen respektiert werden,
da ja an ihrer Beratung und BeschlieOung alle Gruppen Anteil hatten. Er
(teilt daher folgenden Antrag:
„Der Kongreß beauftragt die Internationale Unterrichtskommission, einen
Entwurf über die Zulassungsbedingungen zur Ausbildung zum psychoanalytischen
Therapeuten sowie über das Gan/.e des psychoanalytischen Ausbil dungsganges
im allgemeinen und im speziellen nach den Verhältnissen der einzelnen
Lander, schließlich über die erforderliche Zusammenarbeit der einzelnen
Unterrichtsausschüsse in der technischen Durchführung auszuarbeiten und dem
Kongreß vorzulegen. Bis dahin unterbleibt jede Beschlußfassung über diese
Fragen.
Dr. Alexander meint, der Kongreß möge die holländische und die
amerikanischen Gruppen auffordern, die Frage der Zulassung von Laien-
kandidaten von neuem zu erwägen. Für den Fall einer positiven Zusage wäre
er geneigt, den Antrag Jones für eine beschränkte Frist zu befürworten. Er
stellt folgenden Antrag:
„Der Kongreß bittet die holländische und die amerikanischen Gruppen, inner-
halb einer Zeit von etwa drei bis sechs Monaten Zulnssungsbedingungen für
Nichtärzle auszuarbeiten, die gleichzeitig ihre Land es Verhältnisse und die
Zulassungsbedingungen der übrigen Gruppen berücksichtigen. Für die beschränkte
Zeit bis zur Vorlage dieser auszuarbeitenden Bedingungen wird der Antrag
Jones vom Kongreß angenommen.
Dr. Reich befürwortet den Antrag Alexander. — Frau Dr. Deutsch
weist darauf hin, daß die Gesichtspunkte zur Bestimmung der personlichen,
bzw. beruflichen Eignung nach den besonderen Verhältnissen der einzelnen
Länder festzusetzen wären.
Dr. Simmel meint, daß man angesichts der großen Gegensätze auf eine
bindende Regelung verzichten und sich mit einer orientierenden Bestimmung
begnügen möge. Er stellte folgenden Antrag:
„Der Kongreß empfiehlt, daß bei Zulassung landesfremder Kandidaten
die in Frage koinmenden nationalen Unterrichtsausschüsse sich verständigen.
— Das sich dabei ergebende Verhandlungsmaterial soll von der Internatio-
nalen Unterrichtskommission gesammelt, gesichtet und dem nächsten Kongreß
vorgelegt werden zwecks internationaler einheitlicher Regelung der Zulassungs-
frage. "
Dr. Kickman betont, daß man zur Ausbildung durch die europäischen
Institute überall volles Vertrauen habe und stellt daher folgenden Antrag:
K o rrcs pon de n / b l<i I (
495
«Der Kongreß beauftragt die einzelnen Zvreigrereinigungen, dafür zu sorgen,
daß die Ausbildung ausschließlich unter der Kontrolle der Unlerrichts-
ausschiisse und nicht unter der einzelner Individuen erfolge."
Der Vorsitzende schlägt vor, den Antrag Dr. R i c k m a n ohne Diskussion
sofort aniunehmen. Der Kongreß entscheidet einstimmig in diesem Sinne,
Dr. Hollds wirft die Frage auf, ob es angesichts der bestehenden Gegen-
sätze und der großen afTekliven Spannung nicht vorteilhafter wäre, derzeit auf
eine Entscheidung zu verzichten und den Konflikt unerledigt zuriickzustellai.
Dr. Ferenczi meint, die Einheit unserer Organisation müsse unbedingt
gewahrt werden. Es bestehe nicht die Absicht, durch eine endgültige bindende
Regelung die Opposition zu majorisieren; er schließt sich dem Antrag Radd
an, der einen friedlichen und vorbereitenden Charakter trägt.
Dr. K a r d i n c r spricht, ruckgreifend auf den bereits angenommenen Antrag
Dr. R i c k m a n, sein volles Vertrauen den europäischen Unterrichlsinstituten
aus, besonders dem Herliner, das er bei seinem diesjährigen Aufenthalt in
Europa persönlich kennen gelernt habe.
Nach kurzen Bemerkungen TOn Drs. Coriat,Weyl, Simmel und
Jones gibt Federn die Anregung, über die eingebrachten Anträge nur
informativ abzustimmen.
Der Vorsitzende verlautbart, daß fünf schriftliche Anträge zur Abstimmung
vorliegen, u. zw. von Jones, Hörne y, Radd, Alexander und
Simmel. Er stellt nach erläuternden Bemerkungen der Antragsteller fest,
daß der Antrag R a d ü der weitestgehende ist und bringt ihn zur Abstimmung,
Der Antrag R a d <S wird mit Stimmenmehrheit angenommen, wodurch eine
Abstimmung über die anderen Anträge sich erübrigt. — Hierauf werden
Proteste laut (Jones, Homey, Anna Freud), daß trotz der Versprechungen
doch eine Majorbierung der Minorität erfolgt sei. — Frl. Anna Freud
meint, daß eine wirkliche Entscheidung heute nicht möglich und au'Ji nicht
erfolgt »ei.
Dr. Sachs betont mit Nachdruck, daß der angenommene Antrag lediglich
eine formelle, organisatorische Vorbereitung für eine zukünftige Regelung
der strittigen Frage zum Inhalt habe, also auch niemand majorisieren könne.
Wollte der Kongreß auf sein konstitutionelles Recht zur Beschlußfassung
verzichten, so würde die I. P. V. als Organisation aufhören. — Dr. Radd
meint ebenfalls, daß durch die beschlossenen vorbereitenden Maßnahmen die
Freiheit der zukünftigen meritorischen Enstheidung der Frage in keiner Weise
beeinträchtigt sei.
Dr. Oberndorf wünscht zu erfahren, wie sich die Pro- und Konlra-
stimmen, die über den Antrag Radd abgegeben worden sind, auf die einzelnen
Zweigvereinigungen verteilen.
Der Vorsitzende leistet dieser Anregung Folge und bittet die Mitglieder
sich nach ihrer abgegebenen Stimme und nach Zweigvereinigungen gesondert
im Saale aufzustellen. Dabei ergibt sich, daß f ü n f Zweigvereinigungen, und
zwar die deutsche, die Wiener, die ungarische, die französische und die
russische für den Antrag Rad 6, drei Zweigvereinigungen, und zwar die
amerikanische, die englische und die holländische gege n den Antrag
Radd gestimmt haben. Die Stellungnahme der einzelnen Zweigvereinigungen
496
Korrespoiidcn/blait
war bis auf je eine Gegenstimme bei der Wiener und bei der französischen
Gruppe einstimmig. Von der Schweizer Zweigvereinigung wurden ebensovicle
Pro- wie Kontra stimmen abgegeben.
Eis folgt die Debatte über den neuen Statu tenentwurf des Zentral vorstand es.
Dr. vnn O phuijsen zieht seinen Antrag, demzufolge nicht die Mitglieder
der Zweift Vereinigungen, sondern diese selbst Ein7clmitglieder der inlemalio-
nalen Vereinigung sein und am Kongresse nur je zwei Delegierte jeder Zweig-
vereinigung ahstimmungsberechiigt sein sollen, zurück, in der Hoffnung, daii
die Internationale Vereinigung in Zukunft von selbst auf seine Meinung
zurückkommen werde. Dr. Jones bedauert, daD v. Ophuijscn seinen Antrag
zurückgezogen hat und behält sich vor, dem nächsten Kongreß einen gleich-
lautenden Antrag zu unterbreiten. — Die einzelnen Paragraphen des vom
Zentral vor.<:tand ausgearbeiteten neuen Sta tu tenent Wurfes kommen zur Verlesung
und werden sämtlich unverändert oder mit ganz kleinen Amendements
angenommen. (Siehe in diesem Heft S. 497.)
Dr. Jones stellt den Antrag, der Kongreß möge beschließen, daß im
Falle von Zweifeln allein der deutsche Text der Statuten maßgebend ist. Der
Antrag wird angenommen.
Dr. L n f o r g u e stellt den Antrag, das franzosische Vereinsorgan „Revue
Pran^ise de Psych an alyse" ebenfalls als ofTizielles Organ der Internationalen
Vereinigung anzuerkennen. Der Antrag wird angenommen. — Der Abonnemenls-
preis der französischen Zeilschrift beträgt im Austand 1 00 Francs.
Dr. Eitingon stellt den Antrag, der Kongreß möge Frau Abraham,
der Witwe des verstorbenen Präsidenten der Internationalen Vereinigung, ein
Telegramm senden. — Der Antrag wird angenommen.
Dr. Eitingon bittet den Kongreß um die Entlastung für sich, den Zenlral-
kassenwart und die beiden Beiräte. Sie wird einstimmig erteilt.
Dr. Eitingon bittet Herrn Dr. Hitschmann, das Präsidium zu
übernehmen. Dr. Hitschmann übernimmt den Vorsitz und bittet um Vor-
schlage zur Präsidentenwahl. Dr. Ferenczi schlägt im Namen der Konferenz
der Funktionäre Dr. Eitingon zum Präsidenten vor, was von der Ver-
sammlung durch lebhafte Akklamation einstimmig angenommen wird.
Dr. Eitingon dnnkt für das ihm entgegengebrachte Vertrauen und nimmt
die Wahl an. — Dr. Eitingon wird, ebenfalls au( Antrag von Dr. Ferenczi,
durch Akklamation auch zum Vorsitzenden der Internationalen Unterriclits-
kommission wiedergewählt. — Dr. Hitschmann stellt fest, daß nach den
neuen Statuten den Drs. Ferenczi und Jones automatisch das Amt der
Beiräte zufallt und übergibt den Vorsitz wieder dem neu gewählten
Präsidenten. — Auf Vorschlag Dr. Eitingon werden dann als Zentral-
Sekretär Frl, Anna Freud, als Zentralkassenwart Dr. van Ophuijsen ein-
stimmig gewählt.
Bezüglich des nächsten Kongresses ermäclitigt der Kongreß auf Antrag
von Dr. Eitingon den Vorstand, die Dauer det Kongresses je nach
Bedürfnis zu bestimmen. Er soll im August igag stattfinden —
Dr. Jones schlägt als Kongreßorl England vor, was durch Akklamation
angenommen wird.
II
Statuten der Interna tionaJen Psydioanalytisdien
Vereinigung
ij Name
Die Vereinigung tragt den Namen: „Internationale Psychoanalytisclie
Vereinigung" (I. P. V.).
2) SiU
Der Sitz der I. P. V. ist der Wohnort des jeweiligen ZenlralprSsidenl«n.
ß) Zweck
Der Zweck der I. P. V. ist die Pflege und Förderung der von Sigm.
Freud begründeten psychoanalytischen Wissenschaft sowohl als reiner Psycho-
analyse als auch in ihren theoretischen und praktischen Anwendungen auf die
Medizin und auf die Geisteswissenschaften; gegenseitige Unterstützung der
Mitglieder in allen Bestrebungen zum Erwerben und Verbreiten von psycho-
analytischen Kenntnissen.
Zur Erreichung dieser Zwecke dienen insbesondere Errichtung und Betrieb
psychoanalytischer Forschungs- und Lehrinstitute, Ambulatorien, Kliniken und
Polikliniken, femer wissenschaftliche Veranstaltungen aller ArL
4) Gliederung und Mitglieder
Die I. P. V. gliedert sich in Zweigvereinigungen. Die Zweigvereinigungen
sind nationale oder Örtliche psychoanalytische Vereinigungen, die in den Ver-
band der I. P. V. aufgenommen worden sind. Über die Aufnahme neuer
Zweigvereinigungen entscheidet interimistisch der Zentral vorsUnd, endgültig
der Kongreß; diesbezügliche Anträge sind schriftlich an den Zentral vorstand
der I. P. V. zu richten. Der Austritt einer Zweigvereinigung erfolgt durch
schrifüiche Anzeige an den Zentral vorstand der I. P. V. Die Zweigvereinigungen
haben ihre Statuten, biw. Statutenänderungen, zur Genehmigung dem Kongreß
vorzulegen. Ausgeschlossen aus den Statuten der Zweigvereinigungen sind
Bestimmungen, die den Statuten der I. F. V. widersprechen.
Mitglieder der I. P. V. sind die ordentlichen Mitglieder der Zweig-
vereinigungen. Die Mitgliedschaft der I. P. V. wird durch die Erwerbung der
ordenüichen Mitgliedschaft einer Zweigvereinigung erlangt. Jedes Mitglied der
I. P. V. kann nur einer Zweigvereinigung angehören. Ausnahmen kann der
Vorstand der I. P. V. bewilligen. Bewerber um die Mitgliedschaft haben sich
in der Regel an die ihrem dauernden Wohnsitz zunächst gelegene Zweig-
vereinigung zu wenden. Bei jeder landes- (orts-) fremden Neubewerbung sollen
sich die Vorstünde der betreffenden Zweigvereinigungen in Verbindung setzen.
Die Aufnahme in eine landes- (orts-) fremde Zweigvereinigung bedarf der
Genehmigung des Zentral Vorstandes.
Die Mitglieder der I. P. V. sind am Kongreß aktiv und passiv wahl-
berechtigt; sie haben das Recht, auch den wüsenschaftlichen Sitzungen aller
Zweigvereinigungen beizuwohnen.
498
Korrc-.[)ontk'n/lilaIt
Die außerordentlichen Mitglieder der Zweigvereinigungen haben das Recht,
den wissenschaftlichen Sitzungen der I. P. V. beizuwohnen.
j) Beiträge der Mitglieder
Jedes ordentliche Mitglied der I. P. V. wie auch jedes außerordentliche
Mitglied der Zweigvereinigungen hat einen Jahresbeitrag zu zahlen, dessen
Höhe jeweils vom Kongreß festgesetzt wird. Dieser Jahresbeitrag enthält auch
die Abonnemenlsbeträgc für die otTiKiellen Organe. Diese Beiträge sind bei
den Kassenwarten der Zweigvereinigungen lu entrichten, welche sie weiler-
zuleiten habea.
6) Der Kongreß
Die oberste Aufsicht über die I. P. V. fällt dem Kongreß zu. Der Kongreß
wird vom Zentral vorstand der I. P, V. mindestens alle zwei Jahre einmal
einberufen und vom Zentral präsidenten geleitet.
Regelmäßige Gegenstände der Beratung und Beschlußfassung sind:
a) Das Protokoll des vorigen Kongresses;
h) die Tätigkeitsberichte des Zentral vors tan des und der Zweigvereinigungen;
c) der Toligkeilsbericht der Internationalen Unterrichtskommission;
d) die Tätiglieitsberichte der psychoanalytischen Institute (Ambulatorien usw.);
t) der Rechenschaftsbericht des Kassenwartes;
ß die Entlastung des Zentral vors lande« und des Präsidenten der Inter-
nationalen Unterrichtskommission;
g) die Neuwahl des Zentral vors tan des und des Präsidenten der Inter-
nationalen Unterrichtskonimission.
y) Der Zentralttorstand
Der Zentral vorstand besteht aus einem Zentral präsidenten, einem Zcntral-
sekretär, einem Zentral kassen wart, femer aus zwei Beiräten des Zentrnl-
präsidenten.
Der Zentralpräsidcnt, der Zontralsekretor und der Zentralkassenwart werden
für die Zeit bis zum nächsten Kongreß vom Kongreß gewählt. Beiröle des
Zentralpräsidenten sind jeweils die beiden letzten Ex-Zentral präsidenten der
I. P, V. Im Falle, daß im Vorstand eine Stelle vakant wird, wählt der Vor-
stand einen Stellvertreter.
Der Zentral vorstand vertritt die Vereinigung nach außen und faßt die
Tätigkeit der Zweigvereinigungen zusammen. Wenn der Zentral vorstand Fragen
von prinzipieller Tragweite dem Kongreß zur Entscheidung zu unterbreiten
wünscht, obliegt es dem Zentral präsidenten, vorher mit den Vorständen der
Zweigvereinigungen Fühlung zu nehmen und den Zentral vor stand sovrie auch
den Kongreß über die in den einzelnen Zweigvereinigungen herrschenden
AuRassungen zu unterrichten.
S) Internationale Vnterrichtskommission
Die Internationale Unterrichtskommission (I. U. K.) ist das Zentralorgan
der I. P. V. für alle mit dem psyclioanalyti sehen Unterricht zusammen-
I
Korrespond<:nzblati
•4»
hängenden Fragen. Die I. U. K, seut sich aus dem vom Kongreß gewählten
Präsidenten und den Mitgliedern der Untern chtsausschüsse der Zweig-
vereinigungen zusammen. Der Unterrichtsausschuß einer jeden Zweigvereinigung
kann höchstens aus siehe« Mirgliedem bestehen. Der Präsident der I. U. K.
wird vom Kongreß gewählt. Die I. U. K. regelt selbst ihre Geschäftsordnung;
sie ist auch berechtigt, für spezielle Aufgaben besondere Funktionäre, bzw.
Unterkommissionen einzusetzen. Ihre Beschlüsse von allgemeiner Bedeutung
sind zur Genehmigung dem Kongreß vorzulegen.
?) Offizielle Vereinsorgane
Die offiziellen Vereinsorgane werden auf Vorschlag des Zentral Vorstandes
vom Kongreß bestimmt.
10) Korrespondenzhlatt
Das Korretpondenzblatt der I. P. V. erscheint in je einem der verschieden-
spracliigen offiziellen Vereinsorgane. Es vermittelt den Verkehr zwischen den
einzelnen Glietlem der I. P. V. durch die Veröffentlichung der ofTiziellen
Mitleihingen und Berichte des Zentral Vorstandes, der I. U. K. und der einzelnen
Zweigvereinigungen. Das Korrespondenibliitt wird vom Zentralsekretär redigiert.
Die Sekretäre der Zweigvereinigungen sind verpflichtet, am Ende eines jeden
Kaien de rquarUls über die Tätigkeit ihrer Zweigvereinigung sowie über die
wichtigeren Vorkommnisse daselbst der Redaktion des Korrespondenzblattes
schriftlichen Bericht zu geben.
//) Statutenänderung
Die Statuten können nur vom Kongreß geändert werden, wozu die Zwei-
drittelmajoritat der anwesenden Mitglieder erforderlich ist. Der Vorschlag auf
Änderung der Statuten kann nur von einer Gruppe von mindestens drei
Mitgliedern der I. P. V. gestellt werden, muß jedoch mindestens vierzehn
Tage vor dem Kongreßtermin dem Zentral vorstand in schriftlicher Form
vorgelegt werden.
ti) Auflösung
Die Auflösung der I. P. V. kann nur vom Kongreß mit Dreiviertel-
majorität der erschienenen Mitglieder beschlossen werden; die Abstimmung
ist nur zulässig, wenn mindestens die Hälfte der Mitglieder der I. P. V.
erschienen ist. Der auflösende Kongreß beschluß hat auch über die Verwendung
de» Vermögens der I. P. V. lu verfügen.
Mitteilung der Internationalen
Unterriditskommission
Der Itinsbrncker Konp-eß beauftragte die 1. U. K., einen Entwurf Über
die internationale Regelung der Zulassungs- und Ausbildung^ fragen aurau
arbeiten und dem nächsten Kongreß vorzulegen. Die Durchführung dieses
KongreßbeschluEses ist die nächste und wichtigste Aufgabe der I. U. R. Die
^'o^arbeilen m.issen unverr.üglich in Angriff genommen werden, wenn der
Entwurf bis zum nächsten Kongreß fertiggestellt sein soll.
Der Unterzeichnete ersuchte deshalb Kollegen R a d rf, das Amt eines
Sekretars der I U. K. zu übernehmen und betraute eme spezielle
Unterkommission, die aus Kollegin Horney, KoUegen MÜller-
Braunschweig und dem Sekretär der I. U. K. Kollegen Badd besteht,
mit der Aufgabe, den Entwurf unter Mitwirkung der Unterrichts-
Ausschüsse der Zweigvereinigungen auszuarbeiten. Der Unter-
zeichnete wird die ersten einschlägigen Vorschläge möglichst bald den einzelnen
Unterrichtsausschüssen unterbreiten.
Die Unlerrichlsausschüsse der Zweigvereinigungen werden gebeten, zur
Erreichung unseres Zieles die gemeinsame Arbeil zu fördern.
Dr. M. EltinRon
VorsliMiidrr der I, U. K.
REFERATE
Aus den Grenzgebieten
Skramlik, E. von: Handbuch der Physiologie der
niederen Sinne. I. Bd. Die Pbysiolopicdes Ceruchs-
und Ceschniiickssinnes. C. Thieme, Leipzig, IQ2Ö.
Angenehm wirkt das Handbuch infolge seiner methotli sehen Verläßlichkeit
und dadurch, daU es nichts anderes als eben Physiologe geben will. Der
Ausdruck „niedere Sinne" soll keine Wertangabe streifen und soll nur sozu-
sagen polemischen Sinn haben. „Es gibt weder höhere noch niedere Sinne,
verkündet Skramlik. Aus dem Inhalt wären hervorzuheben die Würdigung
der Rolle der sexuellen Geruchsreize, die skeptische Haltung gegenüber
Behauptungen, wie z. B. der, daß Kinder mit sechs Jahren am schärfsten riechen,
oder der, daß Schwangere eine Steigerung ihres Geruchs Vermögens zutage legen.
Es wird eine Übersicht der Literatur über Geruchstrriume und Gcruehs-
halluzinationen gegeben. Der Geruchssinn soll die Fähigkeit zur Lokalisation
(z. B. die Emp^ndung, ob die rechte oder linke Nasenhälfte riecht) vermissen, hin-
gegen lind wir mit Hilfe der Geruchswahmehmungen imstande, sowohl eine Riech-
quelle ausfindig zu machen als auch eine Geruchsspur zu verfolgen. Den Geschmacks-
sinn betreffend sei hervorgehoben, daß die Papillen bei Kindern noch über
die ganr.e Zungenober [loche verteilt sind und daß offetibar »ehr viele von
ihnen im Laufe der Entwicklung zugrunde gehen.
Für nicht einwandfrei halte ich die bloße Behauptung, das Kind müsse
zum Riechakt angehalten werden, denn, abgesehen davon, daß dieser Erziehung
eine Abgewöhnung vorangehen muß, werden die Tatsachen schief gesehen. Auch
fehlt eine Auseinandersetzung mit der Fließ sehen Theorie, die durch die
Lehre der „rhinogencn Aktionsströme im vegetativen Nervensystem" (Fröse)
noch physiologischer geworden ist. Hermann (Budapest)
S imme I, Ernst: Grundsätzliches zum Kampfe gegen
den § 218. Der sozialt.stisdie Arzt, I, 4, Dezember 1925.
Simmel kritisiert die Stellungnahme des Leipziger Ärztetages, der die
Strafbarkeit der Abtreibung beibehalten wollle. Simmel meint, daß die
üblichen Argumente für die Strafbarkeit, die objektiv sehr leicht zu wider-
legen sind, nur Vorwände sind, die über die wahren Motive hin weg tauschen,
Im. ZcitKhr. f. Piichoanalr» XIII'4 3*
502
Itfdraic
die im Interesse des knpital istischen Staates «n der Überproduktion von
besildosen Massen wuneln. Die sogenannte , soziale Indikation wird durch
Zucht hau sdrohung nicht aus der Welt geschafft. „Wir erkennen hier in
tieferen Zusatnmenhäng'in noch den Fluch vervielfacht, den die kapitalistische
Gesellschaftsordnung auf den Proletarier legt. Sie gibt ihm geringe Möglichkeit,
seinen Überschuß an Sexuallusl lu sublimieren, weil sie sein Triebbedürfnis
in der Dienst eigener klassenökonomischer Interessen stellen will. Sie ächtet
aus demselben Grund überhaupt alle seine Sexuallusl als unmoraliscli, die
nicht der Erzeugung von proletarischen Menschenmnssen dient. Die Folgen
dieser Versagung sind — wie F reu d ausgeführt hat — Neurosen, Trunksucht,
DisSozialität. — Simmel ist nicht für Schwangerschaftsunterbrechung, da
er als Psychoanalytiker weiß, welche schweren psychischen Folgen von einem
Abortus ausgehen können, aber er ist gegen den § 2 18, für Propaganda des
Präventiv Verkehrs unter dem Proletariat und erhofft letzten Endes Hilfe nur
von der Umwandlung der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft.
Fcnlchel (licrlin)
Doepp, Milde: Trätime und Masken. Dion-Verlag Liebmann
u. Alettc, Dessau.
Der Mitteilung einer Anzahl manifester Angslträume folgt die Wiedergabe
einiger Pholojtraphien von Gebärden und Grimassen, die wohl die im Traum
erlebten Affektzustände spiegeln sollen. Aus dem Vorwort: „Die Neben-
einanderstellung von Träumen und Masken ... ist eine . . . eindeutige Mani-
festation des neuen Kunstpriniips, dessen Absichten sich nicht auf Darstellung
des Einzel-Ichs, sondern Objektivierung all gemein menschlich er und im letzten
Grunde kosmischer Zustiinde richten. Wir erleben in diesem Buch auf einem
bisher unbegangenen Weg Grundlage und Ziel dionysischer Gestaltung." Für
den Psychoanalytiker käme dieses Buch höchstens als Gegenstand einer Unter-
suchung in Betracht, die aber durch Dürftigkeit und sekundäre Bearbeitung
des Materials sehr erschwert wäre. Fcnlchel (Berlin)
I
Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur
P i 1 c z, Prof. Alexander : Über H y p n o 1 i s mu s, okkulte
Phänomene, Traumleben usw. V. DeuiiAe, Leipzig u.
Wien, 1926.
Gewandt stilisierte, Bildung und Belesenheit verratende Vorträge für
gebildete Laien niler Stände, die jedoch der psychologischen und gar
psychoanalytischen Vertiefung aus dem Wege gehen.
Hitschmann (Kien)
Urbantschiisch, Rudolf: Selbsterkenntnis mit Hilfe
der Psyclioanalyse. M. Perle.s, I92Ö, Hien u. Leipzig.
Wenn auch nicht in seinen Aborten, entfernt sich der Aiitor doch in der
Tat immer weiter von den Freudschen Anschauungen. Hier spricht U. von
„der neueren aktiven Therapie nach Bank, Ferenczi und ilim", (?) die u. a. eine
Itef ernte
5tg
schwere Zwangsneurose mit hysterischen Symptomen durch SeUung groGer
Affekte in sechs Wochen heilte. Die Rank- Ferenezi sehe Kur (?) wird von U.
in eigener verschärfter \V e i s e angeivenilet und stellt eine Art gewaltsam
erzwungener Katharsis bei freiem Beiviißtsein dar. Der Arzt drohte der
Patientin, sie zu würgen und einzusperren, sperrte sie endlich zwischen
Doppeltüren u. ilgl. Der Autor vertritt die Ansicht, daß in diesem und ver-
einzelt analog behandelten Fällen diese Katharsis das Heilende gewesen sei,
obwohl er reichlich suggestive Einwirkungen vorausgehen ließ. Vorderhand
irt alle Skepsis gegen diese U.-iche Methode „Erinnere, Voge!, oder stirbl" am
Platze; um so mehr, als den übrigen Inhalt des Vortrages Unverliißlichkeit
und Oberflächlichkeit charakterisieren. Hlt^chmann (Wien)
Marcinowski, J. : Der Mut zu sich selbst. 2, verbesserte
Auflage. Otto Salle, Berlin, I925.
Der erfolgreiche Seelenarzt. Feld haus!- Hof. 'n Rad-Heil brunn, Oberbayem,
hat auch mit seinen vielfach auf Freud und Stekel sich stützenden Büchern
Erfolg. „Was wir gemeinhin unter Psychoneurose verstehen, sind in letzter
Linie alles sexuelle Schuldneurosen (S. 359). ■ . . Daß ich auch eine
große Zahl nervöser Erkrankungen kenne, die im Gegensatz hierzu keinerlei
erotische Beziehungen aufweisen, glaube ich durch die Aufstellung des Begriffs
der Ohnmachtsneurosen und durch den Hinweis auf den hierher-
gehörigen Anteil der Minderwerti^keitsneurosen genugsam klar-
gelegt zu haben, um vor dem Vorwurf einseiliger Auffassung geschützt zu
sein" (S. 560). Als Beispiel für Marcinowskis enthusiastischen Stil sei folgende
Probe gegeben: „Zum Glück gehört meist nichts als Mut. Habe den Mut
zu dir selbst, dann wirst du erfahren: Des Lebens Lust ist Wille zum Mehr-
sein. Verschwende dich! Habe den Mut zu dir selbst! Wirf die ekle Last
des bösen Gewissens von dir und genesel Du darfst esl"
Ilitschmann (Wien)
Aus der psychoanalytischen Literatur
Revue fran^aisc de Psychanalyse. Erster Jahrgang, Nr. I.
Das erste Heft des ersten Jahrganges der „Revue franqaise de Psychanalyse liegt
nun vor. Die Zeitschrift, die viermal im Jahre erscheinen soll, bildet das offi/.ieLe
Organ der Pariser psychoanalytischen Vereinigung. Außer Referaten und Sitzungs-
berichten der neugegründelen französischen Zweigvereinigung bringt die Zeitschrift
Original bei träge medizinischer und angewandter .\rt. Die Redaktion des klinischen
Teiles haben Prof. Hesnard (Toulon), Laforgue (Paris), Odier (Genf) luid
de Saussure (Genf), die des nichtmedizinischen Marie Bonaparte übernommen.
Das Heft enthält folgende Original arbeiten medizinischen Inhaltes.
Laforgue bespricht in semer Arbeit „Schizophrenie und Schizo-
noia" (dieselbe wurde zuerst als Vortrag auf dem ersten Kongreß französisch
sprechender Analytiker in Genf 1926 gehalten) die Beziehungen von Schizo-
noia und Skotomisation (schon kurz in dieser Zeitschrift behandelt) zu ver-
schiedenen schizophrenen Symptomen, wie Vorbeireden, Stuhl verhaltung,
Negativismus, Verfolgungswahn,
504
Itctcraic
Odier bringt in seinem „Beitrag zum Studium des Über-Ichs
und der Moral" an der Hand einer interessanten Krankengeschichte eines
Falles von Fetischismus und Masochismus seinen schon hier kun. dargestellten
Zusatz zu Freuds MeUpsychologie, indem er neben dem Üher-Ich ein Über-Es
unterscheidet. In einem Artikel „Über das Über-Ich" entwickelt
Laforgue Ideen Freuds über das StrHlbedürfnis und seine Bedeutung als
Lustgewinn und behandelt eingehend die Beziehungen des Strafbedürfnisses
zur Therapie an verschiedenen Beispielen. — Allendy: „Affekte und ihre
Beziehungen zum Zahnen." Es wird auf den Zusammenhang des Zahnens
mit der gleichzeitig stattfindenden Entwöhnung hingewiesen. Das Zahnen habe
Beziehungen zur Entwicklung der Instinkte, zur Umwandlung der kapUtiven
Libido in oblalive und zur Entstehung des Sadismus (Beißen der Mutterhrust).
Hervorhebung der Wichtigkeit der Bedeutung des Zahnes und Zahnens wie auch
des Zahnausfalls für Traumsymbole, Sprache, Sagen, Ideen assozialionen. Erörterung
der Probleme an klinischen Beispielen. — Hesnard in „Die psycho-
analytische Bedeutung der Depersonnal isalion" macht auf die
Bedeutung des Naraßiniis auf die EnUtehung der Depersonnalisation auf-
merksam. Der Depersonnalisierte wende sich von der Realität, mit der er nur
in größtenteils intellektuellem Kontakt bleibt, ab und wird dagegen von
feinem eigenen Gedankenspiel, welches stark sexualisiert wird, angezogen. Er
gibt sich autoerotischen Träumen oder, wenn er dieselben unterdrückt, dem
angstvollen Suchen seines Ichs hin. Diese Angst wie auch die Lust halten ihn
an sein affektives Ich gebunden. Diese psychoanalytische Auffassung der
Depersonnalisation habe auch praktische Konsequenzen. Die Kranken brauchten
nur ihr Sexualleben zu regulieren, von ihren Autoerolismen befreit zu werden,
und die Depersonnalisation versehwinde. Diese Anschauungen werden an der
Hand eines Falles näher erörtert. — F. Deutsch in „Der Einfluß des
psychischen auf das organische Leben" (dieser Aufsatz wurde als
Vortrag in der „Groupe d'etudes philosopkiques et scientißqaes pour Vexamen
des tendancei nouvelies" am 25. Dezember 1926 in Paris gehalten) bespriclit
die seelischen Einflüsse auf verschiedene körperliche Vorgänge. Er belegt seine
Darlegungen mit zum Teil selbst ausgeführten Experimenten. Diese seelisch-
körperlichen Beziehungen werden dann vom Standpunkt der Freud sehen
Libidolheorie näher erörtert; ea ^nden verschiedene Phänomene von diesem
Sundpunkt aus interessante Aufklärung (Angst, sesuelle Ersalzbefriedigung an
Organen, die für gewöhnlich anderen Zwecken dienen, der Einfluß des
Psychischen auf die ganze körperliche Welt).
Im nichtmedizinischen Teil wird zuerst Freuds „Der Moses des
Michelangelo" mit dem kürzlich in der ^Imago" erschienenen Zusatz in
franzosischer Übersetzung veröffentlicht. An zweiter Stelle folgt die inter-
essante Originalarbeit „Der Fall der Frau Lefebvre" von Marie
Bonaparte. Es wird der Fall der Frau L., die ihre Schwiegertochter
erschossen hatte, vom psychoanalytischen Standpunkt aus beleuchtet. Die
Autorin hatte die Möglichkeit gehabt, die Mörderin im Gefängnis zu besuchen.
Es wird die Dynamik, Topik und Ökonomik ihres Seelebens näher erörtert.
Frau L., eine 6j jährige Frau, hing an ihrem Sohn mit großer Liebe. Der-
lelbe heiratete. Von Anfang an haßte Frau L. ihre Schwiegertochter, besonder«
verstärkte sich aber der Haß, als dieselbe schwanger wurde, Sie konnte nicht
Referate
505
ertra^n, daß ihre Schwiegertochter ein Kind von ihrem Sohne bekomme,
daß ihr jemand den „Penis" nehme, der ja ihr gehörte. — Nach
der Menopause war bei der Mörderin eine Regression auf das prägenitale
Stadium erfolg; sie wurde Hypochonder, liebte ihre Familie auf anale Art.
Die Schwangerschaft der Schwiegertochter führte zur Reproduktion der HaO-
regungen, die sie in ihrer Kindheit gegen die Mutter, die durch den Vater
schwanger geworden war, gehabt hatte. Die damalige Eifersucht mußte
stark unter dem Einfluß des Ödipuskomplexes (Geburt eines Bruders, als
Prau L. zwei Jahre alt war, und 18 Monate später die Geburt einer Schwester)
und des beginnenden KastrationskompleKes gewesen sein; heftige Todes-
wiinsche gegen die Mutter (sie wollte sich an ihre Stelle setzen) und gegen
ihre Schwester (Spiel des Begrabens eines Kückens nach der Geburt der
Schwester) mußten da sicherlich aufgetaucht sein. Topisch bestand eine völlige
Einigkeit von Über- Ich und Es in der Frage des Mordes. Beide waren
befriedigt. Troti ihrer Fröuiinigkeit zeigte sie keinerlei Reue, behauptete, sie
habe ihre Pflicht getan. Die hypochondrischen Erscheinungen schwanden nacli
der Tat völlig. Am rätselhaftesten sei die Ökonomik der Seele, und es könne
eben auch psychoanalytisch nicht erklärt werden, wieso sich Menschen mit
ähnlichen Komplexen dem sozialen Leben anpassen können, die L. dagegen
zur Verbrecherin wurde. M, Bonaparte hält die Mörderin (dieselbe wurde
zum Tode verurteilt, doch begnadigt) für geisteskrank. Schlieniicli werden
Folgerungen auf die Jiistt?, geiogen, die vom falschen Standpunkt des freien
Willens, der Verantwortlichkeit für die begangene Tat, ausgehe. Die Haupt
snche wäre, daß die Gesellschaft geschützt werde, also zwangsweise Inler-
nienmg der Täterin. Betlheim (Wien)
MITTEILUNGEN DES „INTERNATIONALEN
PSYCHOANALYTISCHEN VERLAGES"
Unsere Verlagstätigkcit vom November I926 bis November I927
In der Periode, auf die lich der vorliegende Bericht entreckt {November 1936
bis November 1937)1 erschien im „Internationalen Piychoanalytiichea Verlag";
Von SIGM. FREUD:
DIE ZUKUNFT EINER ILLUSION (Gihtßa M. i.jo, Ganxleinen M. }.6o);
die fünfte, durchgesehene Aufloge (13.— 15. Tauiend) der „VORLESUNGEN
ZUR EINFÜHRUNG IN DIE PSYCHOANALYSE", GroDoktavauigahe. (Von der
^Tascbenansgnbe" deiielbea Werkes liegt jetil die drille Auflage, 8. — 15. Tausend,
vor. «o daß insgesamt biiher jo.ooo Exemplare von den „Vorlesungen" erschienen sind.)
■
In der „Internationalen Psychoonnljlifchon Bibliothek" erschien;
Bd. XXl\) PSYCHOANALYSE DER GESAMTPERSONLICHKEIT. Neun Vor-
lesungen über die Anwendung von Freud» Ichlbeorie auf die Neurosenlehre. Von
Dr. FRANZ ALEJCANDER. (Gihtftet M. 9.—. Gantlantn M. 11.—}
In der Reihe der „Ima go-Büch er" erschien;
Bd. X) PRIMITIVE KUNST UND PSYCHOANALYSE. Eine Studie über die
«cxuclle Grundlage der bildenden Künste der Nnturvölker. Von ECKART VON
5YDOW. Mit Abbildungen im Teil und XX Tafeln. (Gthtßa M. 8,—, Gamleinm M. 10.—)
In der Reihe
„Neue Arbeilen lur an
tlichen Psycliouna^
yse"
erschien ;
Bd. VI) DIE
FUNKTION DES ORGASMUS.
Zur Psychopathologie
und lur
Soiiulogie des Geschlechtslebens. Von Dr.
WILHELM REICH. (Gtht/iit
M.
/o. — ,
Ganildiun M. 11.-
-)
m
Außerhalb der Serien erschien:
BAUSTEINE
ZUR PSYCHOANALYSE.
Von
S. FERENCZI. a Ba
nde
(Gtk.
i
\'<.'rlanslici'idil
507
JM, 34.—, GamMnea M. iS.—}. (Da» Werk eiithiUt geiammelte Aufiätte sut den
Jahren 1 907 — 19161)
EINFÜHRUNG IN DIE TECHNIK DER KINDERANALYSE. Vier Vortrage am
Lehrinilitiit der Wiener Fcjcho anal} tischen Vereinigiirj:. Von ANNA FREUD.
(Gthtfttt M. 3.J0, Genilnnm M. 4.—}
ALMANACH 1928. Mit 4 Bildbeilagen. (Gamltirun M. }.~, HalbUdtr M. 7.—)'
1) Inhalt: I Band: Theorie: InlrojckLlon und Übertnigunj 1. Die Inlroiekllon tu der
Neuro«-. II. Die Balle der Cberlmgung bei der Hvpno-c und btl der Suggeiüon ' Zur Beeriffi-
benimmung der Introiekllon ( Bnlwicklungistufen de» W[,klielikeiu>iniie> ' Dai Problem der Unlu«-
beiahung (Fortjchrllte t» der Erkennlnli de» WlrkllehkeltHlnnes) / Zur Onloiierej* der Symbole '
Zum Thema ..Gropvalerkomplex- / Zur Onlogenle d« Geldintereise! / Übet die Holle der Ilomo-
leiiialltät in der Palhogeneie der Paranoia ' Alkuhi»] und Neurogen f 7.ur No^i>lD|r1e der männllcben
Homoieiunlitit lllomo-rotik) ' Cbtr ohiiBne Wone (Uelltas lur Piychologie der Laleniieit) ' Denken
und MuikeUn nerval Ion ' Piychoanalvtltche Betrecbtungen aber den Tic ' Anhang: Die wliien-
ichaflllche Bedeutung von Freud» -Drei Abhandlungen lUr Seiuallheorle" / Kritik der Jungichen
_Wond1ungen und Symbole der Libido- / Au* der .Piythologie- von Hermann l^tie ( Zur Orginl-
iBilon der piychoonnljlitcben Bewegung / Zum yo Gebnrtstnue Sleniund Freudi — II. Bind:
Praxi»: Über pimagtte Syraptomblldungen während der Analyie (Panngire Konvenion, Subitl-
tution. Illuilon. Hallutlnatlon, _Charak1erregresslon~ und ..Auidrucksverschli-bung") / Einige pmas^r«
Symptome*-. (ParSsIhMlen der GenilaUegend. Der Fialui. ein Vorrecht diT Etwnch»enen. Unruhe
gegen dai Ende der Analyiennluride. Seh winde] emprindung nach Schluß der Analyien stunde. Beitrag
lur Erklärung piychoKener Körper» jmptoinc, Einschlafen der PaUenlen wahrend der Analyse.
Zw»ngsneuro<e und Fr6Himlgkelt. CW «enchämie Iliiide. Reiben der Augen ah Onanleersati.
L'iintercn nlt Beruhigung,niltlel. Geiihwöliiiikeit. Do» .Vergcuen" einei Symptom» und »eine Auf-
klärung im Traume. Die P.isltiou während der Kur. Zwanghofle» Etymolog Meten) Zur piycho-
annlytlichen Technik (MIDbrniich der Ai»oii»lionjfteiiieit Fragen der Patienten. Enl»cbeldungen
während der Kur. Da> .Zum Brljpiel* in der Analy». Die Bewältigung der Gegen übetlragung) /
Diikonilnuierliche AnBlyit-n / Zur Früge der Beeinnusiung de. Patienten In der Piychoanalyie /
IVeiterer Au»b»u der -oklivcn Technik- in der P»jchoan»lyie / Ülier forderte Fhinlaflen (Aktivität
in der A«oiintlon»lecbnik) I Kontraindtkalloni-n der aktiven psych oanalyllichen Technik / Zur
Kritik der Bank. eben .Technik der P»ychoan«lyie" ' Über vermeintliche FelilhanillunRen ^ Über
lenkbare Traume ' Affeklveriouichung im Traume ' Der Traum vom Okklmlvpeiiar ' Pollution
ohne orgaitlji-hen Traum und Orga»mus im Traume ohne Pollution / Ein Fall von _d*j4 vu'
AnslyK von GlcUhnl^icii ' Sijnntogsneuro»en / Ein kleiner Habnemann / Die |)fj-chi»cben Folgen
einer .Knstrotinn" im Kindr=nllcr ' Analytische Deulimg und Bebondlung der piycboieiii-llen
impotpni beim Manne ' Die Naiktli. it all Scbrcckmillel ' Piychouene Anomalien 0er Stimmlage /
Mischgeblldc von erotischen urd Charoktenügen ' Sjmmetrltilirr llerilhri.ngilwang ' Die Symbolik
der Brücke ' Die Brücken»yrahüllk und die Dnn- Juan- Legende I Ekel vor dem Frühiliick / Beiiräge
lur Genitaliymbolik (Sinnreiche Variante de» ^cbuh»ymbols der Vagina. Symbolik der Betlwäache,
Der Dracbenüieger als Erelillonsiymbol. Inlniitile Vonl^llungcn über das welDliche Genitale. Kind-
liche Vorslellungen von der Verdauung. .N'oiium premolur in annum". Schweigen iit Gold. Pecunia
— olel. UngeiJefer sl» Sj^mbol der Schwangenchad. Zivei lypiirhe Kopro- und Padoiymbole) ' Zur
Augensyrobniik / Einige klinische Beohacbtungen bei der Paranoia und Puraphrenie (Beitrag lur
Psychologie der .Syilembildung-) ; Heilung der analen erogenen Zone als auiitttfnde Ursache der
Paranoia (Beitrag lum Thema: Ilomoseiuolltil und Paranoia) / Wirkung der Polen iverkünung des
Monnes auf das Weib I Soiiale Gi-slchlspunkte bei Psychoanalysen (1) Der .Familienroman der
Ernledilgung- ; II) PiycWsche Erkrankung als Folge des sotlolen Aublieges) 'Begiiter.
a) Inhalt: Sigm. Freud; Der Humor — Sig m. Freud: Petijchlimu» — Lou Andreu-Saloni*:
Wo» daraus folgt, dafl es nicht die Frau gewesen, die den Valer totgeschlagen hat — Frlti Wlttel*:
Da» Sokrameril der Ehe — Karen Horney; Die monogame Fordeiung — Wilhelm He ich:
Die Spaltung der Geschlecht lieh keit und ihre Folgen Tür Ehe und Gc-ellschoft — Theodor Reik:
Das Schwelgen — Theodor Reik: Zweifel und Hohn in der Dogmenblldung — Prof. Bernhard
Alelaudcr: Splnoia und die Pjyehoan^lyie — Ec k a r t von Sydow: Primitive Kunst und
ScniaUlat — Yrja Kulovesl: Der Raumlaktor in der Traumdeutung — Ernest Jone»; Der
Mantel all Symbol ~ S, Ferencii: Über obsiftne Worte — S, Ferencii: Sonntag» ncuroscn —
S. Fereneii; Analyse von Gleichnissen — FellK Boehm Bemerkungen lu Baliac» IJebcsleben
— Frani Alexander: Ein FoU von matochislischem Trnnsvcjtllismu» als Selbjlheilungnetsurh
— Siegfried Bernfeld: Der Irrtum des Prslaloiti — O > k a r Pf ist er: Der Scbülerberaier ~
Anos Freud: Die Einleitung der Kinderanalyse — K at 1 La n d »u er: Das SltalvoIIiugigeieli
— Psychoanalytisches Lesebuch (Schlegel. Wilde, Thpmai Mann. Hebbel, Suindberg.
Novalis, Lenou, Schopenhauer, Goethe, Caipinter, Sluliaiuli) — l'otiräii lon Ihiodet Be:k
8. Ferencii, Siegfried Bemfeld.
Von der „INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT FOR PSYCHOANALYSE'-
erichien 1917 der XIII. Band.
Von der „TMAGO, Zeitschrift für Anwendung der Payclioanalyso auf die Nalur-
iind Geiste) wissenicliaften" erschien 1917 der XIII. Band, 11. iiv. erschien von diesem
Band das 1. Heft mit gemischtem Inhalte, Heft 8/3/4 »usamraen all Sonderheft
„G 1 a u b e und Brauch".
Als Sonderdrnek aus Band XIII, Heft 1. der „Imago" erschien anch in
selbitandiger Buchform :
DIE HEUTIGE PSYCHOLOGIE DER PUBERTÄT, Kritik ihrer Wissenschaft-
liclikeil. Von Dr. SIEGFRIED BERNFELD. (Grhifiei M. I.S0, GanzUinm M. 4.20)
AU Sonderdrucke aus Band XIII, Heft a/5/4, der „tmago" (Sonderheft „Glaube
nnd Brauch") erschienen auch in selbständiger Buchform:
DOGMA UND ZWANGSIDEE. Von THEODOR REIK. (G<k,Jtti M. $.60,
Ganzliinen M. 7, — )
ZWEI SCmVEIZERISCHE SEKTENSTIFTER. Von HERMANN ROHSCHACH.
(Gthifta M. 2.10, Ganzlmim M. j.40)
HINDU-MYTHOLOGIE UND KASTRATIONSKOMPLEX. Von C. D. DALY
(Quetla, Indien). (Gilufui M. 2.80, Ganilrinm M. 4.10}
MONDMYTHOLOGIE UND MONDRELIGION. Von G^ZA ROHEIM. (Gtlußn
M. f.6o, Gamldntn M. j. — )
Die von Dr. Heinrich Meng in Stuttgart und Prof. Dr. Ernst Schneider
in Riga im Oktober 1926 gegriindete MoDatssciirifl „ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO-
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK" ist nach Seh In Q des L Halb Jahrganges, im Frühjahr
1917, aus dem Hippokrates-Verlag in Stuttgarl in den „Verlag der Zeilschrift für
psychoanalytische Pädagogik" {A. 3. Storfer), Wien, VH., Andreasgasse 3. über-
gegangen. Der „Verlag der Zeilschrift für psych oanalylisrlie Pädagogik" befindet
sich in einer administrativen Symliiose mit dem „Internationalen P»ychoa.^aly tischen
Verlag". Die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" hat im Oktober 1917
ihren II, Jahrgang angetreten.