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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XIII. Band 1927 Heft 4"

i 




Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Sigm. Freud 
XIII. Band 1927 Heft 4 



Fetisdiisraus 

Von 
Sigm. Freud 

In den letzten Jahren hatte ich Gelegenheit, eine Anzahl von Männern, 
deren Objektwahl von einem Fetisch beherrscht war, analytisch zu studieren. 
Man braucht nicht m erwarten, daß diese Personen des Fetisch wegen 
die Analyse aufgesucht hatten, denn der Fetisch wird wohl von seinen 
Anbängem als eine Abnormität erkannt, aber nur selten als ein Leideos- 
Symptom empfunden; meist sind sie mit ihm recht zufrieden oder lohen 
sogar die Erleichterungen, die er ihrem Liebesleben bietet. Der Fetisch 
spielte also in der Regel die Rolle eines Nebenbefundes. 

Die Einzelheiten dieser Fälle entziehen sich aus naheliegenden Gründen 
der Veröffentlichung. Ich kann darum auch nicht zeigen, in welcher 
Weise zufällige Umstände zur Auswahl des Fetisch beigetragen haben. Am 
merkwürdigsten erschien ein Fall, in dem ein junger Mann einen gewissen 
„Glanz auf der Nase" zur fetischistischen Bedingung erhoben hatte. Das 
fand seine überraschende Aufklärung durch die Tatsache, daß der Patient eine 
englische Kinderstube gehabt hatte, dann aber nach Deutschland gekommen 
war, wo er seine Muttersprache fast vollkommen vergaß. Der aus den ersten 
Kinderzeiten stammende Fetisch war nicht deutsch, sondern englisch zu lesen, 
der „Glanz auf der Nase" war eigentlich ein „Blick auf die Nase" 
(glance = Rlick), die Nase war also der Fetisch, dem er übrigens nach 
seinem Belieben jenes besondere Glanzlicht verlieh, das andere nicht 
wahrnehmen konnten. 

Die Auskunft, welche die Analyse über Sinn und Absicht des Fetisch 
gab. war in allen Fällen die nämliche. Sie ergab sich so ungezwungen 
und erschien mir so zwingend, daß ich bereit bin, dieselbe Lösung 
allgemein für alle Fälle von Feiischismus zu erwarten. Wenn ich mm 

Int. Zifitschr. f. PirchoanalT», XIIIf4. «6 



a 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALVTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



374 Slgm. Freud 



mitteüe, der Fetisch ist ein Peiiisersatz. so werde ich gewiß Enttäuschung 
hervorrufen. Ich beeile mich darum hinzmufügeo, nicht der Ersatz eines 
beliebigen, sondern eines bestimmten, ganz besonderen Penis, der in frühen 
Kinderjahren eine große Bedeutung hat, aber spater verloren geht. Das 
heißt: er sollte normalerweise aufgegeben werden, aber gerade der Fetisch 
ist daiu bestimmt, ihn vor dem Untergang zu behüten. Um es klarer zu 
sagen, der Fetisch ist der Ersatz für den Phallus des Weibes (der Mutter), 
an den das Knäblcin geglaubt hat und auf den es — wir wissen warum 
— nicht verzichten will' 

Der Hergang war also der. daß der Knabe sich geweigert hat, die 
Tatsache seiner Wahrnehmung, daß das Weib keinen Penis besitzt, zur 
Kenntnis zu nehmen. Nein, das kann nicht wahr sein, denn wenn das 
Weib kastriert ist, ist sein eigener Penisbesitz bedroht, und dagegen sträubt 
sich das Stück Narzißmus, mit dem die Natur vorsorglich gerade dieses 
Organ ausgestattet hat. Eine ähnliche Panik wird vielleicht der Erwachsene 
später erleben, wenn der Schrei ausgegeben wird. Thron tmd Altar sind 
in Gefahr, und sie wird zu ähnlich unlogischen Konsequenzen führen. 
Wenn ich nicht irre, würde Laforgue in diesem Falle sagen, der Knabe 
„skotomisiert die Wahrnehmung des Penismangels beim Weibe.- Ein 
neuer Terminus ist dann berechtigt, wenn er einen neuen Tatbestand 
beschreibt oder heraushebt. Das Hegt hier nicht vor; das älteste Stück 
unserer psychoanalytischen Terminologie, das Wort „Verdrängung", bezieht 
sich bereits auf diesen pathologischen Vorgang. Will man in ihm das 
Schicksal der Vorstellung von dem des .Affekts schärfer Irennen, den Aus- 
druck „Verdrängung" für den Affekt reservieren, so wäre für das Schicksal 
der Vorstellung „Verleugnung" die richtige deuUche Bezeichnung. „Skotomi- 
sation" scheint mir besonders ungeeignet, denn es weckt die Idee, als 
wäre die Wahrnehmung glatt weggewischt worden, so daß das Ergebnis 
dasselbe wäre, wie wenn ein Gesichtseindruck auf den blinden Fleck der 
Netzhaut fiele. Aber unsere Situation zeigt im Gegenteil, daß die Wahr- 
nehmung geblieben ist und daß eine sehr energische Aktion unternommen 
wurde, ihre Verleugnung aufrecht zu halten. Es ist nicht richtig, daß das 

1) Diese Deutung ist bereits igio in meiner Schrift „Eine Kindbeitaerinnerung 
de« Leonardo da Vinci'" ohne Begründung mitgetcih worden. 

2) Ich berichtige mich aber selbst, indem ich iiiniufüge, daQ ich die besten Gründe 
habe, anzunehmen. Laforgue würde dies überhaupt nicht lagen. Nach seinen 
eigenen Ausführungen ist „Skotom isation" ein Terminus, der aus der Dcslmption 
der Dementia praecox stammt, nie!« durch die Übertrogmig psych uanaljti sc her Auf- 
fassung auf die Psychosen enUtanden ist und auf die Vorgänge der Entwicklung und 
Neurosenbildung keine Anwendung hat. Die Darstellung im Teit bemüht sich, diese 
Unverträglichkeit deutlich in machen. 



V 



t'cIlKdusinus 375 



Kind »ich nach seiner Beobachtung am Weibe den Glauben an den Phallui 
des Weibes unverändert gerettet hat. Es hat ihn bewahrt, aber auch auf- 
gegeben; im Konflikt zwischen dem Gewicht der unerwünschten Wahr- 
nehmung und der Stärke des Gegenwunsches ist es zu einem KompramiB 
gekommen, wie es nur unter der Herrschaft der unbewußten Denkgeseize 
— der Primärvorgänge — möglich i»t. Ja, das Weib hat im Psychischen 
dennoch einen Penis, aber dieser Penis ist nicht mehr dasselbe, das er 
früher war. Etwas anderes ist an seine Stelle getreten, ist sozusagen zu 
seinem Ersatz ernannt worden und ist nun der Erbe des Interesses, das 
»ich dem früheren zugewendet hatte. Dies Interesse erfährt aber noch eine 
auSerordentliche Steigerung, weil der Abscheu vor der Kastration sich in 
der Schaffung diese» Ersatzes ein Denkmal gesetzt hat. Als Stigma indelebile 
der stattgehabten Verdrängung bleibt auch die Entfremdung gegen das 
wirkliche weibliche Genitale, die man bei keinem Peti«chiiten vermißt. 
Man überblickt jetzt, wa» der Fetisch leistet und wodurch er gehaltea 
wird. £r bleibt das Zeichen des Triumphes über die Kastrations droh ung 
und der Schutz gegen aie, er erspart es dem Fetischisten auch, ein Homo- 
sexueller zu werden, indem er dem Weib jenen Charakter verleiht, durch 
den es als Sexualobiekt erträglich wird. Im späteren Leben glaubt der 
Fetiachist noch einen anderen Vorteil seine* Genitalersatzes zu genießen. 
Der Fetisch wird von anderen nicht in seiner Bedeutung erkannt, darum 
auch nicht verweigert, er ist leicht zugänglich, die an ihn gebundene 
sexuelle Befriedigung ist bequem zu haben. Um was andere Männer 
werben und sich mühen müssen, das macht dem Fetischisten keine 
Beschwerde. 

Der Kastrationsschreck beim Anblick des weiblichen Genitales bleibt 
wahrscheinlich keinem männlichen Wesen erspart. Warum die einen infolge 
dieses Eindruckes homosexuell werden, die anderen ihn durch die Schöpfung 
eines Fetisch abwehren und die übergroße Mehrzahl ihn überwindet, das 
wissen wir freilich nicht zu erklären. Möglich, daß wir unter der Anzahl 
der zusammenwirkenden Bedingungen diejenigen noch nicht kennen, welche 
für die seltenen pathologischen Ausgänge maßgebend sind; im übrigen 
müssen wir zufrieden sein, wenn wir erklären können, was geschehen ist, 
und dürfen die Aufgabe, zu erklären, warum etwas nicht geschehen ist, 
vorläufig von uns weisen. 

Es liegt nahe, zu erwarten, daß zum Ersatz des vermißten weiblichen 
Phallus solche Organe oder Objekte gewählt werden, die auch sonst als 
Symbole den Penis vertreten. Das mag oft genug statt^nden, ist aber 
gewiß nicht entscheidend, ßci der Einsetzung des Fetisch scheint vielmehr 
ein Vorgang eingehalten zu werden, der an das Haltmachen der Erinnerung 



376 Sigm, l'rcud 



bei traumatischer Amnesie getnafant. Auch hier bleibt das Interesse wie 
unterwegs stehen, wird etwa der letzte Eindruck vor dem unheimlichen, 
traumatischen, als Fetisch festgehalten. So verdankt der Fuß oder Schuh 
seine Bevorzugung als Fetisch — oder ein Stück derselben — dem Umstand, 
daß die Neugierde des Knaben von unten, von den Beinen her nach dem 
weiblichen Genitale gespäht hat; Pelz und Samt fixieren — wie längst 
vermutet wurde — den Anblick der Genitalbehaarung, auf den der ersehnte 
des weiblichen Gliedes hätte folgen sollen; die so häufig zum Fetisch 
erkorenen Wäichestücke halten den Moment der Entkleidung fest, den 
letzten, in dem man das Weib noch für phallisch halten durfte. Ich will 
aber nicht behaupten, daß man die Determinierung des Fetisch jedesmal 
mit Sicherheit durchschaut. Die Untersuchung des Fetischismus ist all 
denen dringend m empfehlen, die noch an der Existenz des Kaitrations- 
komplexes zweifeln oder die meinen können, der Schreck vor dem weib- 
lichen Genitale habe einen anderen Grund, leite sich z. B. von der 
supponierten Erinnerung an das Trauma der Geburt ab. Für mich hatte 
die Aufklärung des Fetisch noch ein anderes theoretisches Interesse. 

Ich habe kürzlich auf rein spekulativem Wege den Satz gefunden, der 
wesentliche Unterschied zwischen Neurose und Psychose liege darin, daß 
bei ersterer das Ich im Dienste der Realität ein Stück des Es unterdrücke, 
während es sich bei der Psychose vom Es fortreißen lasse, sich von einem 
Stück der Realität zu lösen ; ich bin auch später noch einmal auf dasselbe 
Thema zurückgekommen.' Aber bald darauf bekam ich Anlaß, zu bedauern, 
daß ich mich so weit vorgewagt hatte. Aus der Analyse zweier junger 
Männer erfuhr ich, daß sie beide den Tod des geliebten Vaters im zweiten 
und im zehnten Jahr nicht zur Kenntnis genommen, „skotoraisiert" hatten 
— und doch hatte keiner von beiden eine Psychose entwickelt. Da war 
also ein gewiß bedeutsames Stück der Realität vom Ich verleugnet worden, 
ähnlich wie beim Fetischisten die unliebsame Tatsache der Kastration des 
Weibes. Ich begann auch zu ahnen, daß analoge Vorkommnisse im Kinder- 
leben keineswegs selten sind, und konnte mich des Irrtums in der 
Charakteristik von Neurose und Psychose für überführt halten. Es blieb 
zwar eine Auskunft offen ; meine Formel brauchte sich erst bei einem 
höheren Grad von Differenzierung im psychischen Apparat zu bewähren ; 
dem Kind konnte gestattet sein, was sich beim Erwachsenen durch schwere 
Schädigung strafen mußte. Aber weitere Untersuchungen führten zu einer 
anderen Lösung des Widerspruch!. 

i) „Neurale und Psychose" und der „Realität! verluit bei Neurose und Psychose", 
beides in dieser Zeitschrift, Bd. X (1924). [In Gei. Schriften, Bd. V, biw, VI.] 



FeiistfaismuB 377 



Es stellte sich nämlich heraus, daß die beiden jungen Männer den Tod 
des Vaters ebensowenig „skotomisiert" hatten wie die Fetiscbisten die 
Kastration des Weibes. Es war nur eine Strömung in ihrem Seelenleben, 
welche den Tod des Vaters nicht anerkannt hatte ; es gab auch eine andere, 
die dieser Tatsache vollkommen Rechnung trug; die wünsch gerechte wie 
die realitätsgerechte Einstellung bcstaDden nebeneinander. Bei dem einen 
meiner beiden Fälle war diese Spaltung die Grundlage einer mittelschweren 
Zwangsneurose geworden ; in allen Lebenslagen schwankte er zwischen 
zwei Voraussetzungen, der einen, daß der Vater noch am Leben sei und 
seine Tätigkeit behindere, und der entgegengesetzten, daß er das Recht 
habe, sich als den Nachfolger des verstorbenen Vaters zu betrachten. Ich 
kann also die Erwartung festhalten, daß im Fall der Psychose die eine, 
die real iläts gerechte Strömung, wirklich vermißt werden würde. 

Wenn ich zur Beschreibung des Fetischismus zurückkehre, habe ich 
anzuführen, daß es noch zahlreiche und gewichtige Beweise für die zwie- 
spältige Einstellung des Fetischisten zur Frage der Kastration des Weibes 
gibt. In ganz rafGnierten Fällen ist es der Fetisch selbst, in dessen Aufbau 
sowohl die Verleugnung wie die Behauptung der Kastration Eingang gefunden 
hat. So war es bei einem Manne, dessen Fetisch in einem Schamgürtei bestand, 
wie er auch als Schwimmhose getragen werden kann. Dieses Gewandstück ver- 
deckte überhaupt die Genitalien und den Unterschied der Genitalien. Nachdem 
Ausweis der Analyse bedeutete es sowohl, daß das Weib kastriert sei, als auch, 
daß es nicht kastriert sei, und ließ überdies die Annahme der Kastration des 
Mannes zu, denn alle diese Möglichkeiten konnten sich hinter dem Gürtel, 
dessen erster Ansatz in der Kindheit das Feigenblatt einer Statue gewesen 
war, gleich gut verbergen. Ein solcher Fetisch, aus Gegensätzen doppelt 
geknüpft, hält natürlich besonders gut. In anderen zeigt sieb die Zwie- 
spältigkeit an dem, was der Fetischist — in der Wirklichkeit oder in der 
Phantasie — an seinem Fetisch vornimmt. Es ist nicht erschöpfend, wenn 
man hervorhebt, daß er den Fetisch verehrt ; in vielen Fällen behandelt er 
ihn in einer Weise, die offenbar einer Darstellung der Kastration gleich- 
kommt. Dies geschieht besonders dann, wenn sich eine itarke Vater- 
identifizierung entwickelt hat, in der Rolle des Vaters, denn diesem hatte 
das Kind die Kastration des Weibes zugeschrieben. Die Zärtlichkeit und 
die Feindseligkeit in der Behandlung des Fetisch, die der Verleugnung 
und der Anerkennung der Kastration gleichlaufen, vermengen sich bei 
verschiedenen Fällen in ungleichem Maße, so daß das eine oder das andere 
deutlicher kenntlich wird. Von hier aus glaubt man, wenn auch aus der 
Feme, das Benehmen des Zopfabschneiders zu verstehen, bei dem sich das 
Bedürfnis, die geleugnete Kastration auszuführen, vorgedrängt hat. Seine 



37* Sigm, Freud 



Handlung vereinigt in »ich die beiden miteinander unvenräglichen 
Behauptungen : das Weib hat seinen Penis behalten und der Vator hat das 
Weib kastriert. Eine andere Variante, aber auch eine völkerpsychologische 
Parallele zum Fetischismus möchte man in der Sitte der Chinesen erblicken, 
den weiblichen Fuß zuerst zu verstümmeln und den verstümmelten dann 
wie einen Fetisch zu verehren. Man könnte meinen, der chinesische Mann 
will es dem Weibe danken, daß es sich der Kastration unterworfen hat. 
Schließlich darf man es aussprechen, das Normalvorbild des Fetisch ist 
der Penis des Mannes, wie das des minderwertigen Organs der reale kleine 
Penis des Weibes, die Klitoris. 



GuUi ver-Phanf asien ' 

Von 

S. Ferenczi 

Budapest 

Herr Präsident, meine Damen und Herren ! 

Gedatlen Sie. daß ich Ihnen zuerst für die Ehre danke, die Sie mir. 
erwieien, als Sie mich aufforderten, den einleitenden Vortrag in der Jnhres- 
sitzung Ihrer erlesenen Gesellschaft zu halten. Ich nehme sie weniger als 
Ehrung für meine Person denn als Ehrung für die Psyrhoanalyse. Der 
Umstand, daß ich vor siebzehn Jahren mii Professor Freud zusammen 
in diesem I^nde weilen durfte, ermöglicht mir einen Vergleich zwischen 
dem Zustand der Psychoanalyse im Jahre 1909 mit dem heutigen in 
Amerika wie in Europa. Außer dem wohlwollenden Interesse zweier 
großer amerikanischer Gelehrten, Dr. Stanley Hall und Dr. J.J.Putnam, 
wurde die Freudsche Methode nur von einer einzigen Person in Amerika 
vertreten, von Dr. A. A. Brill. Damals stand es in Europa aller- 
dings nicht sehr viel besser. Wir waren nur eine Handvoll über die 
Well verstreuter Pioniere, Generale ohne eine Armee; aber wir waren 
doch voller Hoffnung und voller Optimismus am Werke. Unser großer 
Reichtum an Hoffnung in jenen Tagen erinnert mich an die alte Anekdote 
vom Bettler, der seinen Besitz unter seine Sohne verteilt. Dem ersten sagt 
er „Du darfst in Deutschland betteln", dem zweiten „Du bekommst 
Ungarn", dem dritten weist er die Schweiz und dem vierten Amerika zu. 
Seither haben wir an Ansehen freilieh gewaltig gewonnen und können 
uns einer ganzen Armee »on psychoanalytisch interessierten Anhängern 
sowohl in Ihrem Lande als in Europa rühmen. — Diese Armee ist in Amerika 
anscheinend zahlreicher als in Europa, wenigstens finde ich das Interesse 
für Psychoanalyse bei analytisch nicht vorgebildeten Personen hier ver- 
breiteter. Wenn ich dies begründen müßte, so wäre ich versucht, zu sagen, 

1) Vortrag, gehalten bei der Jahressi ttiing der New York Society for 
Cllnical Psychiatry am 9, Deiember igaS. Aus dem englischeo Manuskript 
übersetit von Kose Hilferding (Berlin). 



380 S. heren od 

daß das FreiheiHgefühi, das den amerikanischen Geist kennzeichnet, die 
aus bloßem Konservativismus ohne vorherige Prüfung erfolgende Ablehnung 
einer jungen Wissenschaft, wie man es an europäischen Universitäten versucht 
hat. unmöglich macht. Andererseits gestatten Sie mir wohl die Bemerkung, 
daß dieses Freiheitsgefühl nicht ohne schädliche Beimischung ist. ich hatte 
Gelegenheit, mich mit einigen hervorragenden Amerikanern zu unterhalten, 
die mir sagten, ihr Freiheitsempfinden sträube sich gegen die außer 
ordentlich wichtige Vorschrift Freud», daß jeder, der Analytiker werden 
will, zuvor selbst eine Analyse durchgemacht haben müsse. Diese Haltung, 
fürchte ich. kann Sie aller Vorteile berauben, die Ihnen ans Ihrem Freiheits- 
empfinden er^vachsen und Ihnen die Möglichkeit einer richtigen Wertung 
der Freudschen Methoden nehmen. Die größere Anzahl von gut aus- 
gebildeten Analytikern in Europa und das Vorhandensein verschiedener 
. Möglichkeiten zur analytischen Ausbildung an psychoanalytischen Instituten, 
die in Amerika nicht existieren, ist woh! der Grund für die weit größere 
Anzahl und Bedeutung der wissenschaftlichen Beiträge aus Europa. 

Um diesen Vergleich abwusch ließen, möchte ich nur noch folgende 
Bemerkungen machen. In Europa ist es Sitte geworden, sich einen großen 
Teil der Lebensarbeit Freuds einfach anzueignen und in neuer Aufmachung 
und mit neuer Terminologie als Originalarbeilen zu veröffentlichen. In der 
amerikanischen Uteratur habe ich dergleichen nicht bemerkt. Andererieitj 
scheint man in Amerika, vielleicht unter dem Druck der öffentlichen 
Meinung, viel leichter bereit, die verdünnten und verwässerten Lehren 
einzelner früherer Freud-Schuler anzunehmen als in Europa. Ich fand hier 
auch eine gewisse übertriebene Angst vor der Frage der Laienanalyse. 
vermutlich weil in Amerika die gefährlichen Kurpfuscher viel zahlreicher 
sind als bei uns. Unter dem Eindruck dieser Gefahr unterschätzen Sie 
anscheinend den Nutzen, der uns aus der Mithilfe wirklich gut aus 
gebildeter Laien an alytiker in der medizinischen Praxis wie in der sozialen 
und der Erziehungsarbeit erwächst. Der Är^lestand ist nicht zahlreich genug, 
um sich aller neurotischen Fälle, aller schwer erziehbaren Kinder imd 
aller erwachsenen Verbrecher anzunehmen. Außerdem sind wir zur Zu- 
sammenarbeit mit ajialj-tisch geschulten nichtärztlichen Forschem, z. B. auf 
dem Gebiete der Ethnologie, Pädagogik, Geschichte und Biologie, gezwungen. 
Ich hoffe, daß sich diese Meinungsverschiedenheit zwischen Freud und 
seinen amerikanischen Schulern bald befriedigend lösen lassen wird. 

Ich hatte zuerst die Absicht, Ihnen in meinem heutigen Vortrag eine 
allgemeine Darstellung des Verhältnisses zwischen Psychiatrie und Psycho- 
analyse zu geben. Aber damit hätte ich die bereiu existierenden zahl 
reichen Essays über die Psychoanalyse, die Sie gelesen haben, nur 



Gulliver-PhaDtasien 



381 



um einen vermehrt. Ich ziehe es daher vor, Ihnen an einem konkreten 
Beispiel zu zeigen, wie die Psychoanalyse mit einem spezielleren psychia- 
trischen Problem fertig wird. Der Gefahren dieses Esperimenis bin ich 
mir vollkommen bewußt. Indem ich Sie mitten in den Hexenkessel der 
psychoanalytischen Arbeit führe, werde ich sicherlich den Widerstand 
aller wachrufen, die nicht gewohnt sind, seelische Symptome mit dem 
analytischen Verständnis für Symbole zu betrachten. Ich hoffe, daß der 
dadurch hervorgerufene Widerstand nur ein vorübergehender sein und 
spätere Erfahrung Sie davon überzeugen wird, daß unsere Wissenschaft 
weder so mystisch noch so spekulativ ist. wie sie auf den ersten Blick 
erscheinen mag. 

Gestatten Sie mir, nunmehr auf den Gegenstand der heutigen Vorlesung 
einzugehen. Sie alle haben schon Psychotiker beobachtet, die von Riesen 
und Zwergen halluzinierten, wobei diese Halluzinationen von Angst- und 
Furchtgefühlen begleitet waren. Zwerge und kleine Tiere erscheinen häufig 
in erschreckenden Massen, Mikrop tische und maitroptische illusionäre 
Verzerrungen der Umwelt sind zwar etwas seltener, aber bei Alkoholikern 
und Hysterikern nichts Ungewöhnliches, Die allen Lehrbücher der Psychiatrie 
haben im allgemeinen kaum den Versuch gemacht, diese Art von Sym- 
ptomen zu erklären, und soweit sie dies überhaupt unternahmen, versuchten 
sie es auf rein physiologischer Grundlage. Eine entoptische Sensation 
erklärten sie beispielsweise durch Krämpfe in der Akkoramodationsmuskulatur 
des Auges oder durch zirkulatorische Störungen in der Netzhaut bzw. in 
den optischen Gehirn Zentren. 

Wohl unter dem Einfluß der Freud'schen Lehren beginnen sich die 
Psychiater für diese Symptome von einem mehr psychologischen Gesichts- 
punkt aus zu interessieren. Manche von ihnen haben diese Symptome al» 
liliputanische Halluzinationen bezeichnet. 

Die tiefere, psychoanalytische Erklärung dieser Symptomatologie steht 
jedoch noch aus. Rückschauend auf zwei Jahrzehnte psychoa^al)^ische^ 
Arbeit, traue ich et mir zu, diese Frage ein wenig klären zu können. Den 
größten Teil meiner diesbezüglichen Erfahrungen habe ich aus den Träumen 
von Neurotikem gesammelt, zumal von solchen, die an Angstneurose 
litten. Die Träume, in denen Riesen und Zwerge erscheinen, tragen zumeist, 
wenn auch nicht durchweg», einen ausgesprochenen Angstcharakter. Zu 
weilen wirken sie wie ein Alp, in anderen Fällen dagegen ist die Vergrößerung 
oder Verkleinerung einer Person, eines Tieres oder eines Gegenstandes 
nicht von einem Angst-, sondern eher von einem gewissen Lustgefühl 
begleitet. In Freuds Traumdeutung, der wichtigsten Quelle unserer 
psychologischen Kenntnisse vom Wesen des Traumes, finden wir eine 



■ ^2 S. i''crenczl 

Erklärung für diesen Traumtypns. Freud lehrle uns, daß eine visuelle 
Disproponionaliläl stets irgendwie mit der frühesten Kindheit zusammenhänge. 
Meine Erfahrungen haben diese Auffassung vollauf bestätigt. Das plötzliche 
Erscheinen von Riesen oder vergrößerten Gegenständen ist immer das 
Überbleibsel einer Kindheilserinnerung, die zu einer Zeit entstanden war, 
ah uns infolge unserer eigenen Kleinheit alle übrigen Gegenstände riesen- 
groß erschienen. Die ungewöhnliche Verkleinerung von Gegenständen und 
Personen hingegen ist die Folge von kompensatorischen Wunscherfüll nngs- 
Phantasien des Kindes, das die Proportionen der furchterregenden Um- 
gebung auf ein möglichst geringes Maß reduzieren möchte. In vielen 
Träumen ist die Verkleinerungs- oder Vergrößerungstendenz nicht so 
deutlich, weil die verkleinerlen oder vergrößerten Personen nicht als 
Lebewesen erscheinen, sondern in s}-mbolischer Entstellung. Träume von 
Landschaften mit Bergen und Tälern zum Beispiel, die männliche oder 
weibliche Körper oder Körperteile darstellen, könnte man psychoanalytisch 
als liliputanische Träume bezeichnen, wenn wir die Größen Verhältnisse 
des Träumers mit den Großen Verhältnissen der symbolisch von der Land- 
schaft dargestellten Personen oder Organe vergleichen. Der Symbolismus 
von Treppenhäusern, Häusern und tiefen Schächten als Muttersymbole, 
die Erscheinung des Vaters oder »eines Geschlechtsorgans in Form eine» 
riesigen Turmes oder Baumes weist gewisse Analogien mit den Gulliverichen 
Phantasien auf. Eines der häuügsien Traumbilder ist die Rettung einer 
Person aus dem Wasser, der See oder einem liefen Brunnen, die den 
Munerleih symbolisieren. Diese Rettungst räume sind von Freud als 
symbolische Geburtslräume gedeutet worden. In anderen Fällen, wo der 
Traum ein Eindringen in Keller oder unterirdische Räumlichkeiten, Klettern, 
Auf- und Abfahren in Fahrstühlen usw. darstellt, erklärt ihn Freud als 
eine Verzerrung der Koitusphantasie, gewöhnlich des Koitus mit einer 
besonders respektierten weiblichen Person. Nach meiner Erfahrung sind 
die Geburtsphantasien, die durch Rettung aus dem Wasser oder Ersteigen 
von bzw. Versinken in Gruben dargestellt werden, in den meisten Fällen 
doppelt zu deuten. Die oberflächlichere Deutung, die von dem Patienten 
ohne weiteres angenommen, zuweilen sogar von ihm spontan angeboten 
wird, ist die Geburtsphaniasie. Die verborgenere und nicht so leicht 
akzeptierte tlberde terminierung ist die Phantasie über den sexuellen Verkehr 
mit einer besonders geschätzten Frau, deren Verehrungs Würdigkeit und 
Gefährlichkeit für uns durch die große Proportion des Symbols dargestellt 
Vfird. Die Entstellung der Gescblechuverkehrsphantasien in eine symbo- 
lische Geburt wird dadurch bedingt, daß es dem Träumer gelungen 
\tt, sein e Geschlechtsorgane durch seinen ganzen Korper 



CulUvcr-Phantaslen 3^3 



zu ersetzen. Das ist meiser Meinung nacb das Haupt- 
motiv der HI ipu taniichen Träume. 

Sie wissen wahrscheinlich, daß Freud selbst der erste war, der die 
Bedeutung der Mutterleibsphantasien für das Unbewußte erkannte. Ich 
habe später die Bedeutung dieser Phantasien zn einer Genitaltheorie er- 
weitert, in der ich auseinandergesetzt habe, daß der Geschlechtsakt sym- 
bolisch den Wunsch darstellt, in die Mutter zurückzukehren. Diese 
Phantasien über die Rückkehr in den Mutterleib oder über das .Geboren- 
werden aus der Mutter erhöhte nun Rank zum Zentral problem der 
ganzen Neurosenpsychologie. Er glaubt, daß das „Trauma der Geburt sowohl 
die psychologische Entwicklung des Gesunden wie die Symptomatologie 
des Neurotikers bestimme. Freu d lehnt, ebenso wie auch ich, diese ein- 
seitige, übertriebene Auffassung ab. Ebensowenig vermögen wir der neuen 
therapeutischen Technik zu folgen, die Rank auf seine Theorie vom 
Geburtstraum aufbaut." Er scheint dabei viele seiner eigenen werivollen 
Beiträge zur Traumpsychologie, speziell zur Überbestimm iheit des Traum- 
inhalts und der neurotischen Symptome, vergessen zu haben. Selbst in 
Fällen, in denen er die komplizierten Strukturen der Traumfabrikation 
berücksichtigt, unierwertet er die wirkliche Bedeutung des sexuellen 
Elements und des Kaslrationskomplexes und ist allzu geneigt, jede Assoziation 
und jede Phaniatie dei Patienten, die an das Gehunstrauma anklingt, 
wortwörtlich zu nehmen. 

Erfahrungen mit Gulliverschen Phantasien und Symbolen bei Neuro- 
tikern bewiesen mir auf ganz unmißverständliche Weise, daß die Phantasien 
über die Geburt oder die Rückkehr in den Mutterleib im allgemeinen 
eine Flucht vor dem sexuellen Trauma zu der weniger schrecklichen 
Vorstellung des Geboren Werdens bedeuten. Eine meiner letzten Patientinnen 
träumte beispielsweise häufig, sie würde in einer Höhle lebendig begraben 
oder sie sei ein winziges Persönchen, das rhythmisch über die Speichen 
eines sich ganz schnell drehenden Rades hüpfen müsse, dauernd in Gefahr 
von dem Rade zerquetscht zu werden. Manchmal überfällt sie auch die 
Versuchung, aus dem Fenster zu springen. Alle diese Traum ph an tasion 
und Impulse werden von der Patientin selbst als Geburtsvorsiellungen 
erklärt, aber die genauere Analyse hat gezeigt, daß der ganze Komplex 
von Geburts- und Mutterleibsphantasien nur die lilip manische Entstellung 
sexueller Versuchungen war. Dieselbe Patientin träumte häufig von vrinzigen 
schwarzen Männlein, und in einer ihrer Assoziationsphanlasien fühlte sie 
den Drang, sie alle aufzuessen. Auf diesen Gedanken asso ziierte sie ganz 

i) S: Zur KriUk der Ruikächen „Technik der Psych oanalyii!" (Diese Zeitschr., 
Bd. XIII, 1927.) 



384 S. Ferenczr 



spontan das Essen von schwanen Fäzes und dann das Beißen und Ver- 
lehren eines männlichen Gliedes. Durch dieses Aufessen fühlte sie ihren 
ganzen Körper gewissermafleo in einen männlichen Penis verwandelt; als 
solcher konnte sie in ihren unbewußten Phantasien mit Frauen geschlechtlich 
verkehren. Diese Assoziationen enthüllen die männliche Veranlagung der 
Patientin sowie die Tatsache, daß ihre winzigen Traumgeschöpfe nicht 
bloß die Geburt, sondern in tieferem Grunde ihre sexuellen Neigungen 
und ihren Penisneid darstellen. 

Einer meiner männlichen Patienten erinnert sich, in seinen jugendlichen 
Maslurbationsphantasien ein kleines weibliches Phantasiegeschöpf benüttt 
zu haben, das er dauernd in der Tasche bei sich trug, von Zeit zu Zeit 
herausnahm und mit ihm spielte. Derselbe Patient hatte sein ganzes Leben 
hindurch und auch während der Analyse eine Menge Träume, in denen 
er sich in ein riesiges Zimmer versetzt sah. Sie werden schon erraten 
haben, daß die sexuelle Potenz dieses Mannes sehr gering war. Er gehört 
zu denen, die entweder an ejaculatio praecox oder an völliger Erektions- 
unfähigkeit bei einer verehrten und gebildeten Frau leiden und nur bei 
Prostituierten potent sind. Das sind nur einige der vielen Beispiele, die 
mir bewiesen haben, daß die liliputanischen Mutterleibsphantasien charak- 
teristisch sind für solche Personen, deren sexuelle Entwicklung nicht ao 
normal verlief, daß sie im Geschlechtsakt den Penis zu einem vollwertigen 
Äquivalent des ganzen Körpers erhoben hätten. Auch Freud kam zu der 
Schlußfolgerung, daß entsprechend meiner Genitaliheorie Personen, die 
dieie Stufe sexueUer Wirklichkeit nicht erreichen können. Phantasien vor- 
ziehen, in denen sie das Geschlechtsorgan durch ihren ganzen Körper ersetzen. 
Ein Patient mit sehr schwerer Zwangsneurose erzählte mir von seinen 
Maslurbationsphantasien; er hätte sich dabei immer als großen Mann 
geträumt, der von einem ganzen Harem winziger Frauen umgeben war, 
die ihn bedienten, ihn wuschen, ihn streichelten, seine Schamhaare kämmten 
und dann mit seinen Geschlechtsorganen spielten, bis die Ejakulation 
erfolgte. Bei den beiden zuletzt angeführten Patienten ist die wirkliche 
Angst die Kastrationsfurcht, die mit der Idee des Geschlechts Verkehres 
verbunden ist, und die Gu 1 1 i v e rs c h e n sowie Mutterleibs- 
phantasien sind nur Verschiebungsersatz für die peinliche 
Vorstellung, wegen inzestuöser Gelüste kastriert zu werden. 
Die Phantasien über das Geburtstrauraa lassen sich sehr gut den Prüfungs- 
traumen vergleichen, die bei impotenten Neurotikem häufig in der Nacht 
vor einem sexuellen Vorhaben, dem sie sich nicht gewachsen fühlen, vor- 
kommen. In der Regel träumen sie voller Angst davon, aus einem Gegen- 
sund geprüft zu werden, auf den sie in Wirklichkeit vorzüglich vorbereitet 



Cullivcr-Phanlaslcn 



385 



waren, ja, das Examen bereite erfolgreich bestanden haben. Auch die 
Geb unser fahrung ist für uns alle ein erfolgreich bestandenes Examen, 
das sich daher dazu eignet, als weniger schrecklicher Ersatz für eine 
reale und aktuelle, gefurchtete Sexualaufgabe und die mit ihr verbundene 
Kastrat ionsdrohung zu dienen. Der Vergleich von lUiputanischen und 
Geburtsphantasien mit Examen sträumen ist, wie ich glaube, auch in der 
Hinsicht stichhaltig, daß wir auf kein anderes Trauma so gut vorbereitet 
waren, wie auf die Geburt. Die Geburt selbst ist allerdings ein Schock, 
wie e< Freud selbst als erster betont hat, aber die Vorbereitung zu den 
Schwierigkeiten des extrauterinen Lebens und die große Sorgfalt, die der 
mütterliche Instinkt dem Kinde unmittelbar nach der Geburt angedeihen 
läßt, machen dieses Trauma so sanft als möglich. Hingegen scheinen 
weder Vater noch Mutter einen Instinkt geerbt zu haben, der dem Kinde 
bei dessen sexueller Entwicklung behilflich wäre. Im Gegenteil, die Eltern 
pflegen durch ihre Kastrationsdrohungen die Kinder einzuschüchtern, und 
dies ist das wichtigste und größte „Trauma", das zu Neuras enbildungen 
führt. — Vorübergehende oder „passag^re Symptome, die ich bei Analysen 
beobachtet habe, enthüllten zuweilen eine plötzliche Verschiebung von 
GenitalempfinduDgen oder Geschlechtserregungen auf die ganze Körperober- 
fläche; beispielsweise erfolgte die hysterische Konversion der Erektion in den 
Blutandrang zum Kopf. In einer ganzen Reihe von Fällen ver- 
drängter männlicher Homosexualität zeigte es sich, daß in Momenten 
sexueller Erregung die ganze Haut Oberfläche vor Hit2e glühte. Es ist nicht 
unwahrscheinlich, daß die deutsche Bezeichnung „warmer Bruder" auf 
dieses Symptom zurückzuführen ist. In einigen anderen Fällen berichtete 
man mir von der plötzlichen Starre der gesamten Körpermuskulatur als 
Ersatz für eine Erektion. Die gleiche Erklärung fand ich fiir manche Fälle 
von neurotischer Rückensteifigkeit oder vorübergebenden Beinmuskelkrämpfen. 
Möglicherweise ist diese Art von hysterischen Konversionssymptomen der 
physiologische Untergrund, auf dem sich der psychische Überbau der 
Gulliverschen Phantasien erhebt. 

Wie ich schon sagte, ist die Neigung zur Vergrößerung und zur 
Verkleinerung des männlichen Körpers fast ebenso häufig wie zu der des 
weihlichen. Das Assoziationsmaterial von Patienten mit derartigen Phantasien 
ist hei männlichen Kindern deutlich mit der Angst des Kindes vor dem 
riesigen Vater verknüpft, die aus dem Vergleiche der eigenen Genitalorgane 
mit denen des Vaters herrührt. 

Die Furcht vor Kastration und Verstümmelung, etwa die Angst vor 
Aufgegessen- oder Verschlungen werden, ist im Unbewußten anscheinend noch 
großer als die Angst vor dem Tode. So lange wir nicht verstümmelt sind. 



betrachtet das Uabewußte da» Begraben-, Ertränkt- oder Venchlu ngen werden 
immerhin noch all eine Art Existenz in tato. Da» Unbewu3te vermag 
anscheinend die Vorstellung nicht zu fassen, daß der Tod ein völliges Aufhören 
der Existenz bedeutet, während selbst die leise symbolische Andeutung einer 
Verstümmelung, wie Haai^ imd Nägelschneid en, Drohung mit Schwert, 
Messer oder Schere, ja auch nur mit dem Zeigefinger, eine intensive reaktive 
Kastrationsangst auslösen kann. Der kleine Knabe denkt »ich in seinen 
Träumen und Phantasien lieber ah Zwerg, der von dem furchtbaren Vater 
gefressen wird, wobei aber sein Genitalorgan vor Kastration bewahrt bleiben 
kann, als daß er sich vorstellte, daß er von natürlicher Größe ist. aber seine 
Genitalien der Gefahr einer Verstümmelung ausgesetzt sind. Ebenso zieht 
da» kleine Mädchen die orale Phantasie des Gefressenwerdens mit intakten 
Genitalorganen der Vorstellung vor, von einem männlichen Glied an ihren 
Geschlechtsorganen geschädigt zu werden (was das volle Zugeben der Penis- 
losigkeit bedeuten würde). 

Ich muß gestehen, daß ich nicht den Mut besessen hätte, Ihnen von 
all diesen nur aus Träumen relionstruierten und auf Äußerungen von 
Patienten gegründeten unbewußten Phantasien zu erzählen, wenn ich nicht 
die Gewißheit hätte, daß gerade Sie als Psychiater häufig Gelegenheit gehabt 
haben müssen, sich von der Existenz aktiver und passiver Kastrationstendenzen, 
die sich in Psychosen oft ganz deutlich manifestieren, zu überzeugen. 
Die theoreliKhe Erklärung für diese hohe Einschätzung des Penis versuchte 
ich in meiner Monographie „Versuch einer Genitaltheorie" ' zu geben, in 
der ich nachwies, daß das Geschlechtsorgan, speziell der Penis und die 
Klitoris, das Lusireservoir des ganzen Individuums igt und von dem Ich 
als eine Art zweiter Persönlichkeit geschätzt wird, die ich als libidinöscs 
Ich bezeichnet habe. Sie wissen, wie oft Kinder und der Volksmund das 
Geschlechtsorgan mit Kosenamen belegen, als ob es ein selbständiges Lebe- 
wesen wäre. 

Um die Monotonie dieser etwas trockenen und theoretischen Beweis- 
führung zu beleben, möchte ich Ihnen einige Stellen aus den beiden ersten 
Reisen unseres Freundes und Kollegen Gulliver ins Gedächtnis rufen, in 
der IIofTnuQg, daß vielleicht durch sie die Wahrscheinlichkeit meiner 
Konstruktionen etwas gesteigert wird. 

Nehmen wir die Beschreibung vom Erwachen Gullivers im Lande der 
Liliputaner; „Als ich erwachte, war et gerade hell geworden. Ich venucbte 
aufzustehen, aber ich war außerstande, mich zu rühren, denn da ich gut 
dem Rücken lag, so entdeckte ich, daß meine Arme und Beine auf beiden 

i) Internationale Psychoanalytische Bibliothek, 1923. 



Gulliver- ['hjmasien 3^7 



Seiten kräftig an den Boden gefestelt waren, und auch mein langes und dichtes 
Haar war ebenso gebunden. Ich fühlte auch, daß von meinen Achselhöhlen 
an bis zu den Schenkeln hinunter mehrere dünne Fesseln quer über meinen 
Korper liefen. Ich konnte nur nach oben sehen; die Sonne begann v.u 
brennen und das Licht tat meinen Augen weh. Ich hörte rings um mich 
ein wirres Gerauich, aber in meiner Lage konnte ich nichts als den 
Himmel sehen. Bald darauf spürte ich, wie sich auf meinem linken Bein 
etwas Lebendiges bewegte, was vorsichtig über meine Brust weiterstieg und 
fast bis an mein Kinn herantrat; als ich nun meine Augen, soweit ich 
konnte, nach unten drehte, erkannte ich in ihm ein menschliches Wesen 
von nicht ganz sechs Zoll Höhe, das Pfeil und Bogen in den Händen und 
einen Köcher auf dem Rücken trug. Zugleich bemerkte ich, daß dem 
ersten mindestens vierzig weitere derselben Art (so vermutete ich) folgten. 
Ich war aufs höchste erstaunt und brüllte laut auf, so daß sie alle voll 
Entsetzen flohen, und einige von ihnen, so erzählte man mir spater, erlitten, 
als sie von meiner Seite zu Boden sprangen, im Sturz allerlei Verletzungen." 

Diese Beschreibung hat eine große Ähnlichkeit mit den Spukgestalten 
unserer neurotischen Patienten, die uns so häufig erzählen, wie sie von 
kleinen, auf ihrer Brust sitzenden Tieren und Menschlein erschreckt 
werden. 

Jemand, der alles durch das Geburtstrauma erklären will, würde 
vielleicht den Nacbdruck auf ein anderes Detail legen, auf eine verdächtige 
Zahl, die auf Seite 89 dieser Ausgabe' angegeben ist. Gulliver berichtet 
dort, er habe neun Monate und dreizehn Tage im Lande der Liliputaner 
gelebt, was genau der Dauer der Schwangerschaft entspricht. Dagegen 
können wir wiederum die Tatsache anführen, daß die kleinen Liliputaner 
gerade sechs Zoll lang sind, und daß diese Zahl in anderer Hinsicht 
verdächtig ist, zumal da Gulliver gelegentlich sagt, die Liliputaner seien 
„etwas länger als mein Mittelfinger" und weiter, er kötme sich in dieser 
Schätzung nicht täuschen, denn „ich habe sie oft genug in der Hand 
gehabt". (Er meint die l.iliputanert) 

Etwas weitersagt er: „Zweihundert Näherinnen waren damit beschäftigt, 
mir Hemden und Wäsche zu machen . . . Sie nahmen mir Maß, wenn 
ich am Boden lag; eine trat neben meinen Hals, die andere an die Mitte 
meines Beines . . . Dann maßen sie meinen rechten Daumen und mehr 
verlangten sie nicht; denn nach einer mathematischen Berechnung ist der 
doppelte Umfang des Daumens der einfache Umfang des Handgelenkes 
uod so fort bis zum Hals und Gürtel ..." Es ist bezeichnend, daß gerade 

t) Swift, Gullivers Travels, Tauchniti Edition. 



388 S. Ferenczi 



ein Finger, das typische Genitahymbol, als Maßstab des ganzen Körper» 
genommen wird. Es wird Ihnen, wie seinerzeit auch mir. die Ähnlichkeit 
dieser Phantasie, von so viel kleinen Weibchen bedient zu werden, mit 
den Masturbationsphantasien des einen meiner Patienten auFTalleQ. — Die 
starken exhibitionisiischen Neigungen Gullivers und wie sehr er wünschte, 
von den Liliputanern ob der Größe seines Genitalorgans bewundert zu 
werden, offenbart sich sehr deutlich in der folgenden Beschreibung einer 
Parade, welche die Liliputancrarmee ihm 7.u Ehren abhielt: „Der Kaiser 
wünschte, daß ich meine Beine so weit spreizte, wie ea ohne Unbequem- 
lichkeit angängig war, und mich dann gleich einem Kolossus aufstellte. 
Hierauf befahl er seinem General .... die Truppen in geschlossener Ordnung 
aufzustellen und unter mir durchziehen zu lassen; , . . und zwar sollte das 
unter dem Wirbel der Trommeln mit fliegenden Fahnen und eingelegten 
Lanzen geschehen . . , Seine Majestät befahl bei Todesstrafe, daß jeder 
Soldat im Hinblick auf meine Person den strengsten Anstand wahren 
sollte; was freilich ein paar der jüngeren Offiziere nicht hinderte, die 
Augen emporzuheben, als sie unter mir durchschritten . . . Und um die 
Wahrheit zu gestehen, so war meine Hose damals in so schlechtem Zustand, 
daß sie nicht wenig Gelegenheit für Gelächter und Verwunderung ergab," 
Klingt dies nicht genau wie die Trostphaniasie oder der Trosttraum eines 
Impotenten, der im Wachen unter der Vorstellung eines zu kleinen Penis 
leidet und sich infolge seines Minderwertigkeitsgefühles scheut, seinen 
Penis zu zeigen und sich im Traum an der Bewunderung derer erlabt, 
deren Penis noch kleiner ist als der seine? 

Ein noch schlimmeres Vergehen bringt Gulliver in höchste Todesgefahr. 
Ich meine sein Urinieren vor der Kaiserin. Wie Sie vielleicht wissen, ist 
Königin oder Kaiserin eines der typischen Symbole der Mutter. In den Gemächern 
der Kaiserin bricht ein Feuer aus, das die Liliputaner nicht zu löschen 
vermögen. Zum Glück ist unser Held Gulliver bei der Hand und erfüllt 
diese heldenhafte Aufgabe in folgender Weise : „Ich hane am Abend zuvor 
reichlich von einem köstlichen Wein getrunken . . .. der sehr urintreibend 
wirkt. Infolge des glücklichsten Zufalls von der Welt hatte ich noch nicht 
den geringsten Teil wieder von mir gegeben. Die Hitze, in die ich durch 
die große Nähe der Flammen und durch die Anstrengung, mit der ich sie 
zu löschen suchte, geraten war, bewirkte, daß der Wein mich trieb, Urin 
zu lassen ; und ich entleerte ihn in solcher Menge und richtete ihn so 
trefflich auf die gerährdeten Punkte, daß der Brand in drei Miauten völlig 
gelöscht war ..." 

Jedermann, der mit der Ausdrucks weise des Unbewußten vertraut isl. 
wird wissen, daß eine Brandlöschung im Hause einer Frau, noch dazu durch 



Gulliver- Phantasien 389 



Hineinurinieren, die kindliche Voretellung vom GeschlechU verkehr darstellt, 
in der die Frau durch das Haus symbolisiert wird. Die von Gulliver 
erwähnte Hitze ist das Symbol de» leidenschaftlichen Verlangens des Mannes, 
(das Feuer ist gleichzeitig ein Symbol der Gefahren, denen sich das 
Geschlechtsorgan aussetzt). Und wirklich folgt die Strafdrobung der 
Missetat auf dem Fuße und charakteristisch erweise kommt sie vom 
Kaiser, diesem typischen Vaters ubstitut. „. . . so konnte ich doch nicht 
sagen, wie übel seine Majestät die An aufnehmen würde, auf die ich 
ihn vollbracht habe. Denn nach den Grundgesetzen des Reiches sUnd 
die Todesstrafe darauf, wenn irgend jemand, wes Standes er auch sein 
mochte, innerhalb der Bezirke des Palastes Wasser ließ . . ." „Man 
versicherte mir insgeheim, daß die Kaiserin in hellstem Abscheu vor meiner 
Tat den entlegensten Flügel des Schlosses bezogen halte . . ., und , . , daß 
sie es sich . . . nicht versagen konnte, Rache zu geloben." Die Todesstrafe 
wird ihm zwar durch de» Kaisers Gnade erlassen, aber einer Bestrafung 
anderer Art kann er nicht entgehen. Das Urteil lautet wie folgt; „Zwar 
hat der besagte Quimbus Flestrin (Menschberg)", so nannten die Uliputaner 
Gulliver, „in offener Übertretung dos genannten Gesetzes, unter dem 
Vorwand, er wolle das Feuer im Gemach der geliebten Kaiseringeraahlin 
löschen, tückisch, verräterisch und teuflisch besagtem Feuer in besagten 
Gemächern durch Entleerung von Urin Einhalt getan, während er lag und 
anwesend war m den Bezirken des besagten königlichen Palastes", aber 
gemäß seiner barmherzigen Veranlagung hat der Kaiser ihn nur zum Verlust 
der Augen verurteilt, was seine Körperkraft nicht hemmen und ihm weiter 
ermöglichen würde, sich seiner Majestät nützlich zu erweisen. Die Strafe 
ist, vrie Sie sehen, die gleiche, die König ödipus sich selbst als Strafe 
für das sexuelle Zusammenleben mit seiner Mutter auferlegt hatte. Zahllose 
psychoanalytische Erfalirungen beweisen übrigens ganz unzweideutig, daß 
das Ausstechen der Augen eine symbolische Verzerrung der Kastratio nsslrafe 
bedeuten kann. 

Aber selbst in dieser Todes- und Verstümmelungsgefahr kann sich unser 
Held Gulliver da» Vergnügen nicht versagen, eine Begründung des Urteils- 
spruchs anzuführen, nämlich daß er nicht nur imstande war, „das Feuer 
durch Entleerung von Urin in die Gemächer Ihrer Majestät zu löschen 
sondern zu anderer Zeit auf dieselbe Art und Weise eine Überschwemmimg 
herbeiführen könnte, um den ganzen Palast zu ertränken". 

Bekanntlich gelang es Gulliver, den ihm so feindlich gewordenen 
Liliputanern zu entfliehen, aber das Schicksal verfolgte ihn weiter, und 
bei der nächsten Reise fiel er den Riesen von Brobdingnag in die Hände. 
Schon die erste Erfahrung mit einem der dortigen Eingeborenen ist eine 

Int, Zduchr. f. PirchainalrK. Xlll/t. _ 



390 S. Fercnczl 



symbolische Darstellung der K astrat ionsgefahr. „0er Mann war »o groß wie 
ein durchschnittlicher Kirchturm und hatte eine Sichel in der Hand, die 
etwa so groß wie sechs Sensen war, Gulliver wäre beinahe von der Sichel 
entzweigeschnitten worden, aber da schrie er in seiner Furcht auf, so laut 
er nur konnte, worauf ihn die riesige Gestalt mit Zeigefinger und Daumen 
packte, wie eine Kuriosität betrachtete und ihn dann als Spielzeug seiner 
Frau und seinen Kindern schenkte. Er rief seinem Weibe und zeigte mich 
ihr; sie aber schrie auf und lief davon, wie es in England Frauen tun, 
wenn sie eine Kröte oder eine Spinne sehen. 

Der Abscheu der Frauen vor Spinnen, Kröten und kleinen Kriechtieren 
ist als hysterisches Symptom wohl bekannt. Ein Anhänger der Theorie des 
Geburtstraumas würde sagen, diese Angst sei nur dadurch bedingt, daß die 
kleinen Würmer das Symbol für kleine Kinder seien, die in das Genital- 
organ hinein- oder aus ihm herauskriechen konnten. Meine analytischen 
Erfahrungen jedoch weisen alle auf die Idee Freuds hin, daß die tiefere 
Bedeutung der kleinen Tiere, besonders solcher, die sich rhythmisch 
bewegen, in Wirklichkeit eine symbolische Darstellung des Genitalorgani 
und der Genitalfunktion sei, ihr Anblick oder ihre Berührung daher den 
gleichen Ekel hervorrufe, der die primäre Reaktion der Frau auf die ertte 
Berührung mit Genitalien ist. Ich würde nicht ziigern, einen Traum, der 
eine solche Szene enthält, als die Identifizierung eines ganzen (hier tierischen) 
Körpers mit dem männlichen Geschlechtsorgan zu deuten und ihn den 
Fällen an die Seite zu stellen, in denen die Frauen in ihren Träumen 
oder Phantasien durch kleine Geschöpfe oder kleine Männergestalten 
beun ruhigt werden . 

Da er ein Spielzeug wurde, hatte Gulliver Gelegenheit, die intimsten 
Funktionen der Riesenfrauen und -mädchen aus nächster Nahe lu 
beobachten, und er ist unermüdlich in der Schilderung der fürchterlichen 
Eindrucke, die die monströsen Dimensionen in ihm hervorriefen. Nehmen 
wir zum Beispiel die Beschreibung, die er von der weiblichen Brust 
gibt: „Ich muß gestehen, daß ich mich noch nie so geekelt habe, wie 
bei dem Anblick ihrer ungeheuren Brust; ich weiß gar nicht, womit 
ich sie vergleichen soll, um dem wißbegierigen Leser von ihrem 
Umfang, ihrer Gestalt und Farbe eine Vorstellung zu geben. Sie 
ragte sechs Fuß vor und konnte nicht weniger als sechzehn Fuß 
Umfang haben. Die Warze war etwa halb so groß wie mein Kopf, 
und die Farbe sowohl der Warze wie des Hofes war so mit Flecken, 
Sommersprossen und Finnen übersät, daß nichts ekelhafter aussehen konnte; 
ich iah sie ganz nah, denn sie setzte sich, um das Kind bequemer säugen 
zu können, und ich stand auf dem Tisch. Ich mußte an die weiße Haut 



Cullivcr'Phantnsien 



391 



anserer englischen Damen denken, die uns so schön erschemeti, weil sie 
von unserer Größe sind und weil man ihre Mängel nur durch ein 
Vergrößerungsglas sehen kann ; da freilich lehrt uns die Erfahrung, daß 
die glätteste und weißeste Haut rauh und grob und mißfarben aussieht." 
Es wäre meiner Meinung nach eine bei den Haaren herbeigezogene Deu- 
tung, wenn wir die Angst vor den großen Löchern in der Frauenhaut mit der 
Erinnerung an das Geburtstrauma erklären wollten. Es ist viel wahr- 
scheinlicher, daß Gulliver einen Männertypus verkörpert, dessen sexueller 
Mut in Gegenwart einer jungen, zarthäutigen, englischen Dame schwindet, 
und der sich lieber über die Schwere der zu erfüllenden Aufgabe und die 
Reizlosigkeit des Gegenstandes seiner Liebe beklagt, als daß er sich seine 
eigene Unzulänglichkeit eingesteht. — Ein interessanter Kontrast zu der 
heroischen Feuerlöschaktion wird in einem späteren Kapitel gegeben, in 
einer Szene, in der Gulliver sich genötigt fühlt, in Gegenwart einer der 
Riesenfrauen Urin zu lassen. Er winkte ihr, nicht hinzusehen und ihm 
nicht zu folgen; dann versteckte er sich zwischen zwei Sauerampferbläitem 
und befriedigte dort die Bedürfnisse der Natur. Ferner berichtet er, daß 
die jungen Ehrendamen ihn oft aus bloßem Vergnügen betrachteten und 
befühlten. „Sie zogen mich oft vom Scheitel bis zur Sohle nackt aus und 
legten mich in voller Länge zwischen ihre Brüste, wovor ich mich sehr 
ekelte. Denn, um die Wahrheit zu sagen, so entstieg ihrer Haut ein sehr 
unangenehmer Geruch. Ich sage das nicht, um dieien ausgezeichneten 
Damen, vor denen ich jede Achtung habe, etwas anzuhangen . . . Am 
meisten beunruhigte es mich bei diesen Ehrendamen . . ,, daß sie mich 
ganz ohne Förmlichkeiten als ein Geschöpf behandeilen, das in keiner 
Weise zu beachten war. Sie zogen sich in meiner Gegenwart splitternackt 
aus und legten ihre Hemden ab, während ich genau vor ihren nackten 
Leibern auf dem ToiJettetisch stand ; und freilich war das für mich 
keineswegs ein verführerischer Anblick, und es löste in mir keinerlei andere 
Erregungen aus als die des Grauens und des Abscheus. Ihre Haut erschien 
mir. wenn ich sie aus der Nähe sah, als rauh, uneben und scheckig ; und 
überall lag hier und da ein tellergroßes Mal und Haare hingen daraus 
hervor, die waren dicker als Bindfäden; nicht zu reden erst von dem Rest 
ihrer Gestalt. Sie besannen sich auch keineswegs, in meiner Gegenwart 
zu entleeren, was sie getrunken hatten; und oft war es eine Menge von 
wenigstens zwei Oxhoften ; und das Gefäß faßte mehr als drei Stuckfässer. 
Die hübscheste unter diesen Ehrendamen, ein angenehmes, lustiges Mädchen 
von sechzehn Jahren, setzte mich zuweilen rittlings auf eine ihrer Brust- 
warzen; und so machte sie noch viele andere Scherze, die ich nicht allzu 
lehr bis ins einzelne schildern will, was der Leser gewiß entschuldigt. 



391 S. Ferenczi 



Mir mißfiel das alles so sehr, daß ich Gl umdal klitsch anflehte, irgend eine 
Entschuldigung zu ersinnen, damit ich jene junge Dame nicht mehr zu 
sehen brauchte." 

Sie wissen sicherlich, daß nach den Erfahrungen der Psychoanalyse zwei 
in der gleichen Nacht geträumie Träume sich häufig gegenBeilig illustrieren. 
Das gleiche könnte man von den beiden ersten Kapiteln von „Gullivers 
Travels" behaupten. Die Abenteuer beiden Liliputanern stellen den Wunsch- 
erfüllungsteil des Traumes dar, eine Beschreibung der eigenen Größe und 
männlichen Potenz. Die schrecklichen Erfahrungen in Brobdingnag erhellen 
uns die Motive der Selbst Vergrößerungstendenz, d. h. die Angst vor dem 
Venagen im Wettbewerb und Kampf mit anderen Männern und die Impotenz 
gegenüber den Frauen, 

Natürlich finden sich in dieser zweiten Beise auch Andeutungen von 
Geburts- und Mutterleibssituationen. Wahrend der ganzen Dauer seinem 
Aufenthaltes im Lande der Riesen wird Gulliver von einem jungen Mädchen 
in einer Reiseschachtel herumgetragen, in der an den vier Enden der 
Decke mit seidenen Stricken eine Hängematte befestigt ist, um die Stöße 
abzuschwächen; und die Art, wie er schließlich dem gefälirlichen Lande 
der Riesen entkam, ist noch bezeichnender. Er erwachte aus dem Schlaf 
und fühlte, wie seine Schachtel sehr hoch in die Luft emporgehoben und 
mit ungeheurer Geschwindigkeit vorwärts getragen wurde. „Der erste Stoß 
hätte mich fast aus meiner Hängematte herausgeschleudert, nachher aber 
war die Bewegung sehr glaii . . . Jetzt begann ich zu merken, in welcher 
grauenhaften Lage ich war. Irgendein Adler hatte mit dem Schnabel den 
King meiner Schachtel gepackt, um sie wie eine Schildkröte in ihrer 
Schale auf irgendeinen Felsen fallen zu lassen und meinen Leib heraus- 
zupicken und zu verschlingen." „Ich hörte, wie anscheinend dem Adler 
mehrere Schläge oder Stöße versetzt wurden . . ., und dann fühlte ich 
plötzlich, wie ich über eine Minute lang senkrecht hinunterstürzte, und 
r.war mit so unglaublicher Geschwindigkeit, daß mir fast der Atem verging. 
Mein Fall endete mit einem furchtbaren Klatschen, das mir lauter in den 
Ohren gellte als der Katarakt des Niagara; dann war ich eine weitere 
Minute lang ganz im Dunkeln, und schließlich stieg meine Schachtel so 
hoch, daß ich oben durch meine Fenster Licht sehen konnte. Ich merkte 
jetzt, daß ich ins Meer gefallen war . . . Ich stieg mit vieler Mühe aus 
der Hängematte . . ., um Luft hereinzulassen, denn ich erstickte fast vor 
Atemnot. Wie oft wünschte ich nun, bei meiner lieben Glumdalklitsch 
zu sein (so hieß das Mädchen, daß ihn herumtrug und dessen Spielzeug 
et war), von der mich eine einzige Stunde so weit getrennt hattet 

Kün Analytiker würde etwas dagegen einwenden, wenn man dieses 



Gulliver-Phantasleit 393 



Entkommen ah Geburtsphantasie zu deuten versuchte, als das natürliche 
Ende der Schwangerschaft, die durch das Herumtragen in der Schachtel 
dargestellt wird. Hingegen haben wir in den Träumen gleicher Art keinerlei 
Anhaltspunkt dafür, daß diese Szene Details der individuellen Geburt dar- 
stellt, wie Rank annimmt. Es ist viel wahrscheinlicher, daß Gulliver 
und die anderen von Geburtsphantasien träumenden Personen ganz reale 
sexuelle Gefahren, denen sie sich nicht gewachsen fühlen, zu Schädigungen 
aus der Kindheit oder gar des Fötallebens verwandeln und verkleinern. — 
Fast als ob der Autor uns nicht im Zweifel darüber lassen wollte, daß in 
Gullivers erster Reise der gesamte Körper wirklich das männliclie Glied 
und den Geschlechtsverkehr darstellt, fügt er der Heschreibung de» Ent- 
kommens noch hinzu, eines der wenigen Andenken, die er von der Riesen- 
mutter gerettet habe, sei „ein goldener Ring, den sie mir in sehr liebens- 
würdiger Weise zum Geschenk gemacht halte, indem sie ihn vom kleinen 
Finger zog und mir wie ein Halsband über den Kopf warf". Folkloristen 
und Psychoanalytiker sind übereio stimmend der Ansicht, daß die Sitte des 
Eheringes eine symbolische Darstellung des Geschlechtsaktes ist, wobei 
der Ring das weibliche und der Finger das männliche Geschlechtsorgan 
bedeutet, und wenn die Riesin ihren Ring vom kleinen Finger zieht und 
ihn Gulliver um den Hals wirft, so drückt sie durch diese Geste lediglich 
aus, daß nur Gullivers Kopf ausreichen würde, die sexuelle Aufgabe zu 
erfüllen, zu der normalerweise ein Glied von Fingergroßc genügt. 

Die bemerkenswerte Vieldeutigkeit, die alle genialen Schöpfungen aus- 
zeichnet, hat es mit sich gebracht, daß Gullivers Reisen die verschiedensten 
Deutungen erfuhren, die trotz ihrer Oberflächlichkeit einer tatsächlichen 
Grundlage nicht ganz entbehren. Walter Scott erzählt uns in seiner 
kurzen Biographie von Jonathan Swift, des Autors des „Gulliver", 
wie die verschiedenen Gesellschaftsklassen auf Gullivers Reisen reagiert 
haben. Die Leser der höheren Gesellschaftskreise sahen in ihnen eine 
persönliche und politische Satire, das gewöhnliche Volk spannende Abenteuer, 
romantische Personen bewunderten das Element des Übernatürlichen darin, 
junge Leute liebten seine Klugheit und seinen Witz, nachdenkliche Personen 
nahmen sie für moralische und politische Lehren. Das vernachlässigte 
Alter und der enttäuschte Ehrgeiz jedoch fanden in dem Buche nur die 
Maximen einer traurigen und verbitterten Menschenfeindlichkeit. 

Ich konnte diese Kommentare als vorbewußte Deutungen bezeichnen, 
während die Psychoanalyse auch den unbewußten Sinn der Reisen erklären 
will. Vielleicht verhilft uns das Studium der Lebensgeschichte Jonathan 
Swifts zu einer Entscheidung Über den Wert oder Unwert unserer 
Deutung. Ich kenne eine große Anzahl von Schriftstellern, die dem 



394 S. Ferenczl 



Studium dieser ungewöhnlichen Persönlichkeit ganze Bünde gewidmet 
haben, aber Hanns Sachs ist meines Wissens der eio7.ige Psycho- 
analytiker, der Swifi zum Gegenstand einer psychoanalytischen Studie 
gemacht hat. Doch selbst die ganz, flüchtigen Einblicke, die ich selbst in 
Swifts Lebensgeschichte machen konnte, geben uns Daten, die meine 
Auffassung der Vergrößerungs- und Verkleinerungsphantasien in Gullivers 
Reisen unterstützen. Ich will einige der wichtigsten Daten aus Swifts 
Leben kurz anführen : 

Jonathan Swift wurde am 50. November 1667 geboren. Gegen das 
Ende seines Lebens beging er die Wiederkehr seines Geburtstages stets 
als Tag des Fastens und der Trauer und unterließ es nie, das dritte Kapitel 
des Ruches Iliob zu lesen. Richard Brennan, der Diener, in dessen Armen 
er gestorben ist, berichtet, daß in den seltenen lichten Momenten während 
Swifts verhängnisvoller Krankheit, er sich dieses Datums bewußt zu sein 
schien; das gab sich dadurch kund, daß er immer und immer wiederholte: 
„Möge der Tag verflucht sein, an dem ich geboren bin, und die Nacht, 
in der verkündet wurde, es sei ein Knabe empfangen worden." Swift 
war ein nachgeborenes Kind. Ein seltsames Ereignis entzog ihn eine Zeitlang 
der Fürsorge seines Onkels und seiner Mutter. „Das mit seiner Aufsicht 
betraute Kindermädchen , . . hing mit solcher Liebe an dem Kinde, daß 
sie es seiner Mutter stahl und über den Kanal entführte. Die zarte 
Gesundheit des Kindes und die Schwierigkeit, ta jenen Tagen eine 
Gelegenheit zur Überfahrt zu finden, verhinderten drei Jahre lang setnc 
Uücksendung." 

Die Annahme ist wohl nicht zu gewagt, daß diese anormalen Ver- 
hältnisse und Ereignisse seiner Kindheit auf Swift einen unauslöschlichen 
Eindruck gemacht und seine spatere Entwicklung stark beeinflußt, viel- 
leicht auch sein Interesse für Reise- Abenteuer gesteigert haben. Es scheint 
mir unnötig, nach abnormen physiologischen Schwierigkeiten bei der 
Geburt des Kindes zu suchen, wo wir doch so greifbare pathogenetische 
Faktoren während der Kindheitsentwicklung vor Augen haben. 

Die psychoanaI}tischen Erfahrungen lehren uns, daß Söhne, die ohne 
Vater aufwachsen, in ihren) Sexualleben selten normal sind, die meisten 
werden neurotisch oder homosexuell. Die Fixierung an die Mutter ist in 
diesen Fällen keineswegs die Folge irgendeines Geburtstraumas, sondern 
muß dem Fehlen des Vaters zugeschrieben werden, mit dem der Knabe 
den Ödipuskonflikt auszufechten hat und dessen Gegenwart die Kastrations- 
angst durch Identifizierung zu lösen hilft. Naturgemäß macht den Knaben 
die übertriebene Verwöhnung durch Mutter und Kindermädchen weniger 
geeignet, den Wettbewerb mit anderen Knaben aufzunehmen, und dieses 



GulllvcT' Phantasien 395 



Unvennögen iit häufig eine der haupuächltchsten Ursachen von Störungen 
der sexuellen Potenz. Überdies wird, wenn der Vater fehlt, die Mutter zur 
einzigen Disziplinar- oder — in sexuellen Dingen — Kastrationsgewalt, 
und dies führt häufig lu einer Übertreibung der normalen Zurüclthaltiing 
und Scheu gegenüber verehrten Frauen, ja, Frauen gegenüber überhaupt. 
Swifii späteres Verhalten, speziell auf sexuellem Gebiete, zeigt denn 
auch wirklich, daß er ein Neurotiker war. So begann er beispielsweise 
einen Flirt mit einem Fräulein Waring, die er liebevoll „Varina nannte, 
wie sein Biograph uns berichtet. „Sein Liebeswerben war, so viel wir davon 
in Erfahrung bringen konnten, höchst lächerlich. So lange die Dame spröde 
und kalt blieb, war nichts dem Ungestüm de« Liebhabers vergleichbar, 
aber als sie sich nach langem Widerstand unerwartet bedingungslos für 
besiegt erklärte, verschwand der Liebhaber plötzlich von der Bildfläche 
und die glühenden Briefe an ,Varina' verwandelten sich in kalte und 
formelle Episteln an ,Miß Jane Waring' . . ., in denen in unmißverständ- 
licher Weise angedeutet wurde, daß der ungeduldige Freier einen »ehr 
widerstrebenden Bräutigam abgeben würde. Die Dame brach verständiger- 
weise jeden Verkehr ab, und Swift war nunmehr frei und konnte seine 
Künste an einem unglücklicheren Opfer erproben." Es ist interessant, daß 
sich im Gegensatz zu dieser übergroßen Beden kl ichheit in jener Gegend 
Englands das Gerücht erhält, Swift sei beschuldigt worden, die Tochter 
eines Farmers in anstößiger Weise attackiert lu haben, und vor Herrn 
Dobbs, dem Bürgermeister des Nachbarortes, seien unter Eid kriminelle 
Anklagen gegen ihn erhoben worden. 

Die Berichte über seine spätere berühmte Ehe mit Frau Esther Johnson 
— bekannter unter ihrem poetischen Namen Stella — zeigen dagegen von 
Anfang ihrer Bekanntschaft an eine starke Anhänglichkeit und Leidenschaft. 
Im Gegensatz dazu erwähnt allerdings Walter Scott eine Äußerung 
Swifts über seine Liebesgeschichte: „Sie ist eine Gewohnheit, auf die 
ich leicht verzichten und die ich ohne Bedauern noch vor der Pforte des 
Allerheiligsten im Stiche lassen könnte." Und so geschab e» auch wirklich. 
Swift heiratete Stella nur unter der Bedingung, daß ihre Ehe geheim 
bleiben müsse und sie beide auch weiterhin getrennt lebten. Diese Fjnzel- 
beiten aus seinem Privatleben zeigen also in der Tat die späten Folgen von 
Störungen der Kindheitsentwicklung. Psychoanalytisch würde man sein 
neurotisches sexuelles Verhalten als Hemmung der normalen Potenz 
bezeichnen, verbunden mit einem Mangel an Mut gegenüber respektablen 
Frauen und vielleicht mit erhaltener Aggressivität gegen Frauen von 
niedrigerem Typus. Diese Einsicht in das Leben Swift» gab uns wohl nachträg- 
lich das Recht, die Phantasien in Gullivers Reisen genau so zu behandeln, wie 



396 S. Ferenczl 



die freien Assoziationen der Neurotiker in psychoanalytischer Behandlung, 
speziell in der Traumdeutung. Der Nachteil einer aolchen Analyse 
in absentia ist der, daß wir uns die Bestätigung des Patienten 
nicht verschaffen können; 'der wissenschaftliche Vorteil einer posthumen 
Analyse hingegen der, daß man in diesem Falle den Analytiker nicht 
beschuldigen kann, er habe der analysierten Person die Angaben suggeriert. 
Ich glaube, daß das biographische Argument unsere Annahme bestätigt, 
derzufolge die Vergrößerungs- und Verkleinerungsphantasien |der Gulliverschen 
Art Ausdruck des Gefühls der genitalen Unzulänglichkeit einer Person 
sind, deren Sexualbetätigungen durch infantile Einschüchterungen und 
Fixierungen gehemmt wurden. 

Ich denke also, daß der Eindi-uck dieser vielleicht alhu langen Analyse 
Swifis und seines Meisterwerkes zugunsten der von mir versuchten 
Deutung der liliputanischen und brobdingnagschon Phantasien und Symptome 
bei psychotischen und neurotischen Patienten sowie bei Traumen spricht. 

Ich schließe wohl am besten mil einem etwas veränderten Zitat aus 
„Gulliver selbst: „Ich hoffe, meine Hörer werden mich entschuldigen, 
wenn ich so lange auf diesen und ähnlichen Einzelheiten verweilt habe; 
so unbedeutend sie erscheinen mögen, werden sie doch vielleicht einem 
Philosophen helfen, sein Denken und seine Phantasie zu erweitem, so daß 
er zum Wohl des Lebens der Allgemeinheit und der Einzelnen »eine 
Schlüsse daraus zieht." 

Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Einladung und für die Geduld, 
mit der Sie mich anhörten. 



Die monogame Forderung 

fortrag auf dtm X, InttrmaionaUn Psychoanaljrtisclten Kangrtss sa InnsbruiA am ), Srpt<n^r I^XJ 

Von 

Raren Horney 

Berlin 

Ich habe mich seit einiger Zeit mit wachsender Verwunderung gefragt, 
warum denn eigentlich Eheproblenie noch keine grundsätzliche analytische 
Darstellung gefunden haben,' obgleich sicher jeder einzelne Analytiker eine 
Menge darüber zu sagen wüBte, und obgleich es sowohl von der Seite der 
Praxis als von der Theorie dazu drangt, sie endlich in Angriff zu nehmen. 
Von selten der Praxis, weil wir tagtäglich mit Ehekonfliktcn zu tun haben 
— VDB der Theorie he^, weil es kaum eine Situation im Leben gibt, die eine 
so nahe und offensichtliche Verwandtschaft mit der ödipussituation hat 
wie die Ehe. 

Vielleicht — habe ich mir gedacht — liegen die Zusammenhänge, die 
rieb hier darbieten, zu nahe, als daß sie wissenschaftlicher Neugier und 
wissen seh aftlichem Ehrgeiz ein verlockendes Ziel bieten könnten. Es 
könnte aber auch so sein, daß es nicht die Probleme, sondern die Kon- 
flikte rind, die zu nahe liegen, zu nahe an wichtigen Verankerungen 
von unser aller persönlichstem Erleben. Eine weitere Schwierigkeit liegt 
darin, daß die Ehe ja eine soziale Institution ist und daB ihre Problematik 
vom Psychologischen her überhaupt nur beschränkt zugänglich ist. Indessen 
zwingt schon die praktische Bedeutsamkeit der Eheprobleme, zum mindesten 

i) Das will nicht heiDen. daB diese Prägen nicht Schon von den verschiedenstea 
Seiten in der psychoanalytischen Literatur berührt wären, >□ von Freud: Die kul- 
turelle Sexuolmarol und die moderne Nervosität; Freud: Beitrag zur Psychologie 
des Liebeslebens; Ferenczi: Zur Psychoanalyse von Seiualgewohnbeiten; Reich: 
Die Funktion des Orgasmus; S chul ti- He nk e: Einführung in die Psychoanalyse; 
Flügel: The psjcho-analytic study of the fsmily. Weiter im „Ehebuch" (von Max 
Marcus« herausgegeben) die Arbcilen von R ü h e i m: Urformen und Wandlungen 
der Ehe; Horney: Psychische Eignung und Nichteignung xur Ehe ; Über die 
psychischen Bedingungen lur Gattenwahl; Über die psychischen Wuneln einiger 
typischer Ehekonflikte. 



3Q8 Karen Hamey 



einen Versuch zu machen, sie als solche aus ihren psychologischen Wurzeln 
heraus zu begreifen. 

Wenn ich nun für den heutigen Vonrag ein bestimmtes Problem 
herausgegriffen habe, io müssen wir uns zunächst — wenn auch nur in 
einigen großen Linien — die psychische Grundsituation vergegenwärtigen, 
die in der Ehe gegeben ist. Keyse rlinghat jüngst in seinem Ehebuch die 
ebenso merltwürdige wie naheliegende Frage aufgeworfen, was denn eigent- 
lich die Menschen, trotz des häufigen Eheunglücks aller Zeiten, immer 
wieder in die Ehe gedrängt habe. Wir sind dieser Frage gegenüber in 
der glücklichen Lage, uns weder auf den „natürlichen" Wunsch nach 
Mann und Kind noch — mit Keyierling — auf metaphysische Üeulungen 
berufen zu müssen, sondern präziser aussagen zu können: das, was uns in 
die Ehe hineintreibt, ist offenbar nicht mehr und nicht weniger als die 
Erwartung auf die Erfüllung aller alten Wünsche aus der kindlichen Ödipus- 
Situation: selbst die Frau eines Vaters sein, ihn für sich allein besitzen 
und von ihm Kinder haben. Nebenbei gesagt, eine Einsicht, die geeignet ist. 
uns gegenüber Prophezeiungen vom baldigen Ende der Instilulion 
Ehe äuQerst skeptisch zu machen, wenn auch zuzugeben ist, daß auch 
diese unsterblichen Wünsche in ihrer Form von der jeweiligen Struktur 
der Gesellschaft beeinflußbar sein werden. 

So ist gleich die Anfangssituation der Ehe mit einem gefährlich großen 
Baltast unbewußter Wünsche belastet — und zwar mehr oder weniger 
unvermeidlich, denn wir wissen ja, daß gegen die Zähigkeit dieser Wünsche 
kein Kraut gewachsen ist. daß weder bewußte Einsichten in die Schwierig- 
keiten, noch Erfahrungen an anderen ihnen viel anhaben können. Gefahr- 
lich aber ist diese Belastung aus einem doppelten Grunde. Von selten des 
Es droht eine Enttäuschung, nicht nur, weil das Selbst- Vatet-undMuiter- 
Sein dem Bild gar nicht entsprechen kann, das die kindlichen Sehnsüchte 
in uns zurückgelassen haben, sondern weil — mit Freud zusprechen — 
der Ehemann immer nur ein Ersatzmann ist, die Ehefrau eine Enatzfrau 
ist. Die Größe der Enttäuschung hängt ab einerseits vom Grad der 
Fixierung, anderseits davon, wie weit das real gefundene Objekt von den 
Imagioes. die real gewährte Befriedigung von den speziellen unbewußten 
Sexual wünschen abweichen. 

Auf der anderen Seite droht von Seiten de» Über-lch — und zwar um 
10 mehr, je größer die unbewußte Erfüllung ist — die Wiederbelebung 
des alten Inzestv erbot es dem Ehepartner gegenüber. Diese anscheinend 
sehr typische Wiederbelebung des Inzest verbot es in der Ehe führt mutatü 
muiandis zu derselben Entwicidung wie in der Kind-Eltembeziehung, 
nämlich zu einem Zurücktreten der direkten Sexualsirebungen hinter 




Die monogame Forderung 399 



den zielgeh emmlen, zärtlichen Stiömungen. Ich kenne persönlich nur einen 
Fall, in dem diese Entwicklung nicht stattfand, in dem der Ehemann 
dauernd ein Objekt sexuellen Veriiebtseins blieb, und in diesem Fall hatte 
die Frau im Alter von zwölf Jahren eine reale Sexuallust vom Vater 
erfahren. 

Natürlich spielt bei dieser Entwicklung der Sexualität in der Ehe auch 
der Faktor eine Rolle, daQ die Sexualspannung infolge der Erfüllung und 
vor allem der steten leichten Erfüllbarkeit dem einen Objekt gegenüber 
nachläßt; aber die tiefere Begründung dieser typischen Erscheinung, zum 
mindesten ihr Tempo und vor allem ihr Grad, finden offenbar ihre 
Begründung in einer solchen Wiederholung der Odipuscntwicklung.' Art 
und Größe dieser Auswirkungen werden, abgesehen von ak^.identellen 
Momenten, davon abhängen, welche lebendige Kraft daj Inzestverbot noch 
im einzelnen zu entfalten vermag. Die stärkeren Auswirkungen lassen sich, 
so verschieden sie im Einzelfall aussehen, unter einem gemeinsamen 
formalen Gesichtspunkt beschreiben; sie führen zu gewissen Einschränkungen 
oder Bedingungen, unter denen das Erleben einer solchen Beziehung 
dennoch möglich ist. 

Solche einschränkende Bedingungen können bekanntlich schon in der 
Art der Gattenwahl zum Ausdruck kommen. Etwa in der Form, daß die 
Frau, die zur Gattin gewählt wird, in keiner Weise an die Mutter 
erinnern darf, in Rasse oder Herkunft, geistigem Niveau oder Aussehen 
einen gewissen Gegensatz zur Mutter repräsentieren muß. Wir verstehen 
in diesem j^usammcnhang, warum sogenannte Vernunftehen oder von 
Dritten vermittelte Ehen relativ besser auszulaufen pflegen als eigentliche 
Liebesheiraten. Wenn schon die Ähnlichkeit der Ehesituation mit den 
Wünschen aus dem Ödipuskomplex eine Wiederholung der alten Einstellung 
und Entwicklung automatisch erzwingt, so wird diese doch gemildert, wenn 
nicht schon von vornherein die ganzen unbewußten Erwartungen sich an 
die Person des Partners geknüpft haben. Wir versieben auch ein wenig 
davon, daß in der Institution der Ehevermiltlung bei den Ostjuden, die 

i) Freud hat in leiaer Arbeit ^Über die allgemeinste Emiedrigiing des Liebes- 
lebi^ns" dieses Problem in einer verwandten Fonn bereits niige>cliniUei<. Er sagt dort: 
„Aber trifft es auch tu, daß mit einer Befriedigung des Triebes sein psychischer 
Wert allgemein so herabsinkt?" Und erinnert an das Verhällnis des Trinkers lum 
Wein, bei dem gerade die Zeit das Band iwischen üim und seiner Sorlc Wein immer 
enger knüpft. Seine Antwort deckt sich lum Teil mit der hier gegebenen, insofern 
er daran erinnert, daß im Liebesleben das ursprüngliche Objekt durch eine unendliche 
Reihe von Ertatzobj eklen vertrelen werden kann, „deren doch keines voll genügt'^. 
Ich habe diese Erklanuig niu' in dem Pimkte ergäntt, daß iii diesem Suchen nach 
dem ..eigentlichen" Objekt das Abgesto Bens ein von dem jeweils gefundenen Objekt 
dureh da? Verbot, dat der Erfüllung so leicht anhaftet, hinzukommt. 



400 Karen Homey 



einerseits besonders iuzestgebunden, anderseits durch ihre Isoliertheit auf 
eine feste Struktur der Familie besonders angewiesen waren, eine gewisse 
psychologische Weisheit lag, wenn wir die unbewußte Tendenz zugrunde 
legen, der Ehe heftigere Erschütterungen fernzuhalten. 

Innerhalb der Ehe selbst sehen wir, wie von allen Instanzen in uni 
solche Bedingungen geschaffen werden können. Da sind von seilen des Es 
genitale Hemmungen aller Art von einer bloßen sexuellen Reserve dem 
Ehepartner gegenüber, die Variationen der Vorlust oder des Verkehrs nicht 
gestattet, bis zur völligen Impotenz, respektive Frigidität. Weiter sehen wir 
von seilen des Ich Beschwichtigungen oder Rechtfertigungen ausgehen, die 
sehr verschieden aussehen können. Die eine kommt einer Art Verleugnung 
der Ehe gleich, zeigt sich bei Frauen häufig darin, daß sie gewissermaßen 
die Tatsache ihrer Verheiratung nur äußerlich zur Kenntnis nehmen, aber 
nicht innerlich erleben, daher immer wieder darüber erstaunt sind, sich 
leicht mit ihrem Mädchennamen unterschreiben, einen mädchenhaften Ein- 
druck machen usw. 

Unter demselben Druck einer inneren Nötigung, die Ehe vor dem 
eigenen Gewissen zu rechtfertigen, nimmt das Ich aber nicht sehen auch 
eine entgegengesetzte Haltung der Ehe gegenüber ein ; die der Überbetonung 
der Ehe, genauer der Überbotonung der Liebe zum Ehepartner. Man könnte 
sie mit einem Schlagwort „die Rechtfertigung durch die Liebe" nennen, 
etwa wie auch vor dem Strafrecht der Verbrecher aus Liebe eine mildere 
Beurteilung erfähn. Freud hat in seiner Arbeit über einen Fall von weiblicher 
Homosexualität gesagt, daß man sich über nichts so unklar zu sein pflege, 
wie über Grade der Zuneigung oder Abneigung, die man für einen Men- 
schen empfinde. Dies trifft für die Ehe in ganz ausgesprochenem Maße zu, 
und zwar häufig in dem Sinne, daß der Grad der Liebe überschätzt wird. 
Ich habe mich lange gefragt, wie das zu ventehen sei. Daß man in 
flüchtigen Beziehungen einer solchen Täuschung leicht unterliegt, ist am 
Ende noch nicht so verwunderlich, aber in der Ehe, — sollte man meinen, 
— daß nicht nur die Dauer, sondern auch die häufigere sexuelle Erfüllung 
geeignet sei, die Sexual Überschätzung und die damit zusammenhängenden 
Illusionen abzubauen. Die nächstliegende Antwort war die, daß man das 
begreifliche Bestreben habe, die großen psychischen Kosten einer Ehe durch 
ein großes Gefühl vor sich selbst zu begründen und darum an diesem 
Gefühl auch über dessen lebendige Dauer hinaus festzuhalten. Diese 
Erklärung reicht indessen nicht sehr tief; sie entspräche etwa dem Bedürf- 
nis zur Synthese, das wir von selten des Ich kennen, und dem wir schon 
eine Fälschung zugunsten einer einheitlichen Gefühls einst eil tmg in einer 
so lebenswichtigen Beziehung zutrauen dürfen. 



I 



Die monogame Forderung 40' 



Sehr vie! tiefer reicht auch hier die Relation zum Ödipuskomplex. Wir 
sehen nämlich, daB mit dem Gebot und Gelübde der Liebe und Treue 
zum Gatten, das am Anfang der Ehe steht, für das Unbewußte das vierte 
Gebot erneuert wird. Den Ehepartner nicht zu lieben, wird damit auch für 
das Unbewußte eine ebenso große Sünde, wie die Nichterfüllung des 
vierten Gebotes den Eltern gegenüber, und auch in dieser BeziehuDg: der 
Unterdrückung des Hasses und der Überbetonung der Liebe wiederholt sich 
bis auf Einzelheiten genau zwanghaft das früher Erlebte. Ich glaube jetzt, 
daß man — jedesfalls in vielen Fällen — dieser Erscheinung erst ganz 
gerecht wird, wenn man annimmt, daß auch die Liebe zu den Bedin- 
gungen gehören kann, unter denen eine vom Über-Ich verbotene Beziehung 
gerechtfertigt erscheint. Das Festhalten an dieser Liebe, respektive ihrer Illu- 
sion, hat dann natürlich eine wichtige Ökonomische Funktion und vrird 
darum so hartnäckig verteidigt. 

Endlich werden wir uns nicht wundern, unter den Bedingungen, unter 
denen sich die Ehe gegen ein stärkeres Inzestverbot durchsetzen kann, - — 
wie bei einem neurotischen Symptom, — auch die Bedingung des Leidens 
zu finden. Die Wege, auf denen sich ein solches Leiden durchsetzen kann, 
sind so mannigfaltig, daß man nicht hoffen darf, ihnen in einer kurzen 
Skizzierung gerecht zu werden. Darum nur einige Hinweise: da sind ein- 
mal wirtschaftliche und berufliche Gegebenheiten, die entweder im Sinne 
eines unbewußten Arrangements zu einem Übermaß von Arbeit und Ent- 
behrungen, das „für die Familie geleistet werden muß, gestaltet werden, 
oder doch als eine solche Belastung empfunden werden. Man denkt weiter 
an die so häufige Beobachtung, daß wesentliche Teile der Entwicklung 
eines Menschen in beruflicher, charakterlichcr oder geistiger Hinsicht der 
Ehe gewissermaßen zum Opfer fallen. Endlich fallen hierunter die zahl- 
reichen Fälle, in denen sich der eine Partner zum Sklaven der Ansprüche 
de» anderen macht und das Leiden unter dem anderen etwa unter 
der bewußten Überzeugung eines bei ihm gesteigerten Verantwortlichkeits- 
gefühls willig trägt. 

Angesichts solcher Ehen fragt man sich oft verwundert, warum sie 
eigentlich nicht auseinandergehen, sondern im Gegenteil oft so fest halten, 
und ündet in diesem Zusammenhang die Antwort, daß eben die Erfüllung 
der Leidensbedingung den Bestand dieser Ehen garantiert. 

Ei ist leicht ersichtlich, daß von hier aus nur eine unscharfe Grenze ist 
gegenüber den Fällen, in denen eine Ehe mit einer Neurose erkauft wird, 
aber ich möchte auf diese Fälle nicht eingehen, weil hier vor allem die 
Verhältnisse innerhalb der Breite des Normalen zur Diskussion stehen. 

Es erscheint fast überflüssig, zu erwähnen, daß eine solche Darstellung 



402 Karen Homey 



den wirklichen Verhältnissen Zwang antut, nicht nur insofern, als jede ein- 
zelne dieser Bedingungen auch eine andere Detenninierung zulie6e, sondern 
auch insofern, als sie hier zugunsten der Darstellbarkeit isoliert hin- 
gestellt sind, während sie sich in Wirklichkeit zu überschneiden pflegen. 
So findet sich z. B. ein wenig von diesen gesamten Bedingungen in der 
gerade bei wertvollen Frauen nicht seltenen Grundeinstellung der Mütter- 
lichkeit, unter der allein ihnen die Ehe möglich zu sein scheint; eine Ein- 
stellung, die etwa besagt: ich darf auch dem Manne gegenüber nicht die 
Rolle der Frau, der Geliebten spielen, sondern nur die der Mutter mit 
aller Fürsorglichkeit und Verantwortlichkeit, die mit dieser Rolle verknüpft 
lind — eine Einstellung, die in einer Weise eine gute Gewähr für die Ehe 
bietet, aber dennoch durch die zugrunde liegende Liebeseinschränkung eine 
Ehe innerlich veröden lassen kann. 

Wie auch immer im einzelnen die Auswirkungen jenes Dilemmas eines 
Zuviel und eines Zuwenig an Erfüllung sein mögen, überall da, wo es 
im größeren Ausmaße lebendig wird, wird beides: Enttäuschung und 
Inzestverbot, mit allen seinen Folgen von geheimer Feindseligkeit gegen 
den Partner von ihm forttreiben und ihn unwillkürlich neue Objekte 
suchen lassen. Dies ist die Grundsituation, aus der heraus die Monogamie 
zum Problem wird. 

Die anderen Wege, die der freiwerdenclen Libido offen stehen; die der 
Sublimierung, der Verdrängung, der regressiven Besetzung alter Objekte 
und der Weg zu den Kindern sollen uns heute nicht interessieren. 

Die Möglichkeit, daB andere Menschen für uns zu Lieb es Objekten 
werden, ist wohl stets als gegeben anzusehen. Sind doch imsere Kindheits- 
eindrücke und deren sekundäre Bearbeitungen von einer solchen Mannig- 
faltigkeit, daß sie uns in der Regel sogar die Wahl von ganz verschiedenen 
Objekten gestatten. 

Dieses Suchen nach neuen Objekten kann nun — auch in der Breite 
des Normalen -^ müchtige Verstärkungen aus unbewußten Antrieben 
erfahren. So sehr nämlich der Sinn der Ehe eine Erfüllung infantiler 
Wünsche darstellt, so geht die Möglichkeit solcher Erfüllung doch nur so 
weit, als die Entwicklung eines Menschen ihm gestattet, sich wirklich 
mit der Rolle von Vater oder Mutler zu identifizieren. Alle Ausgänge des 
Ödipuskomplexes, die von dieser fiktiven Norm abweichen, haben das 
Gemeinsame, daß man in irgendwelchen wesentlichen Punkten an der 
Rolle des Kindes in dieser Trias: Mutter, Vater. Kind, festhält. Die 
Wünsche nun, die sich aus solcher Triebeinstellung ergeben, finden in 
der Ehe keine direkte Befriedigung. 

Diese aus der Kindheit festgehaltenen Liebesbedingungen sind uns aus 



Die monogame t'orderung 40S 

den Arbeiten Freuds gut bekannt. Darum genügt es, nur mit Stichworten 
darauf hinzuweisen, um zu zeigen, wie die Ehe ihrem Sinn nach diese 
Bedingungen nicht erfüllen kann. Für das Kind ist das Liebesobjekt unlös- 
bar mit der Bedingung des Verbotenen verknüpft — und die Liebe zum 
Rhepartner ist nicht nur erlaubt, sondern es besieht sogar die ominöse 
eheliche Pflicht. Die Rivalität, also die Bedingung des geschädigten Dritten, 
ist dem Sinn der monogamen Ehe nach ausgeschaltet, ja. der alleinige 
Anspruch gesetzlich privilegiert. Weiter — genetisch nicht auf einer Stufe, 
da die eben genannten Bedingungen aus der Odipussituation selbst stammen, 
während die weiteren aus der Fixierung gewisser Ausgangssituationen her- 
rühren — die Nötigung, sich im Falle einer zurückgfbliebenen genitalen 
Unsicherheit und einer entsprechenden Brüchigkeit im narzißtischen Gefüge 
immer wieder Beweise für Potenz oder erotische Anziehungskraft holen 
zu müssen. Oder im Falle der unbewußten Wendung zur Homosexualität 
die Nötigung, das gleichgeschlechtliche Objekt zu suchen, sei es — von 
der Frau aus gesehen — auf dem Umweg über den Ehemann, den man 
in Beziehungen zu anderen Frauen hineintreibt; sei es, daß die Ehefrau selbst 
solche Beziehungen sucht, in denen eine andere Frau eine Rolle spielt. 
Vor allem — als wahrscheinlich praktisch Wichtigstes — im Falle einer 
verbliebenen Spaltung im 'Liebesleben die Nötigung, zärtliche und sinn- 
liche Liebeswünsche auf verschiedene Objekte zu verteilen. 

Es ist leicht ersichtlich, daß alle diese festgehaltenen infantilen 
Bedingungen dem monogamen Prinzip ungünstig sind, daß sie vielmehr 
zu anderen Objekten treiben müssen. 

Diese polygamen Wünsche stoßen nun auf die monogame Forderung 
des Partners und auf das in uns selbst ausgebildete Treue-Ideal. 

Sehen wir uns zunächst das erstere an. weil ein Verlangen, das von 
dem anderen einen Verzicht fordert, gegenüber einem Verzicht, den wir 
uns selbst auferlegen, ja, oFTenbar das Primitivere darstellt. Die Herkunft 
dieser Forderung liegt — jedenfalls in ihren großen Zügen — klar zutage: 
sie ist deutlich eine Wiederbelebung des infantilen Wunsches, Vater oder 
Mutter ganz für sich allein zu besitzen. Nun ist das Verlangen nach Aus- 
schließlichkeit — entsprechend der öbiquität seines Ursprungs — ja 
keineswegs charakteristisch für die Ehe, sie liegt vielmehr im Wesen 
jeder vollen Liebesbeziehung. Sie kann natürlich auch in der Ehe eine 
reine Liebes forderung bleiben, aber sie ist ihrer ganzen Entstehungs- 
geschichte nach so unlösbar eng mit destruktiven, ob jckt feindlichen 
Tendenzen verknüpft, daß von der Liebesforderung oft nicht mehr bleibt 
als die Fassade, hinter der sich diese feindlichen Tendenzen durchsetzen. 
Zunächst zeigt sich dieser Wunsch nach Ausschließlichkeit in Analysen 



l 



404 Koren Honiey 



deutlich als ein Abkömmling der oralen Phase und heißt als lolcher, da8 
man den anderen sich einverleiben möchte, um ihn ganz zu besitzen. Er 
verrät häufig schon auch bei gewöhnlicher Beobachtung diese seine Her- 
kunft in der Besitzgier, die dem anderen nicht nur ein anderes erotisches 
Erleben miBgonat, sondern die Eifersucht auch auf Freunde, Arbeit. 
Interessen erstreckt. Diese ÄuBerungsformeD bestätigen die theoretische 
Erwartung, daß er wie alle oral bedingten Einstellungen die Ambivalenz 
in sich trägt. Wenn man gelegentlich den Eindruck hat, als ob der Mann 
die naive und ungebrochene monogame Forderung nicht nur tatsächlich 
nachdrücklicher durchzusetzen verstanden hat als die Frau, sondern als sei 
sie auch triebhaft stärker bei ihm vorhanden, so könnte man sich denken, 
daß neben gewichtigen bewußten Gründen — die Sicherung der Vater- 
schaft — auch gerade aus dieser Quelle für ihn ein stärkerer Impuls 
strömt^ hat er doch beim Stillen der Mutter eine mindestens partielle 
Einverleibung erlebt, während das Mädchen auf keine entsprechenden 
Erfahrungen beim Vater zurückgreifen kann. 

Weitere destruktive Elemente sind mit diesem Wunsch dadurch eng 
verlötet, da0 das Verlangen nach der alleinigen Liebe von Vater oder 
Mutter früher auf Versagung und Enttäuschung gestoßen war und eine 
Reaktion von Haß und Eifersucht ausgelöst halte. Daher liegt gewisser- 
maßen hinter der Forderung immer ein Haß auf der Lauer, ein Haß, 
der ja auch in der Art, wie die Forderung durchgesetzt wird, meist deut' 
lieh zu spüren ist und bei Wiederholung der alten Enttäuschung oft 
genug durchbricht. 

Die alte Vertagung traf ja aber nicht nur unsere Lieb es wünsche, 
sondern auch unser Selbstgefühl an empfindlichster Stelle; und wir wissen, 
daß eben an dieser Stelle jeder Mensch eine narzißtische Narbe davon- 
getragen hat. Daher wird die monogame Forderung zu einem wesentlichen 
Teil späterhin vom Selbstgefühl aus getragen, und zwar um so gebieterischer, 
je empfindlicher die Narbe noch ist, die aus jener Kränkung zurück- 
geblieben ist. In der patriarchalischen Gesellschaft, in der die Forderung 
vor allem vom Manne getragen wird, konunt eben dieses narzißtische 
Moment ja auch in dem Odium der Lächerlichkeit, das dem „Hahnrei 
anhaftet, deutlich genug zum Ausdruck. Sie ist — auch von hier aus 
gesehen — keine L ieb es fordern ng mehr, sondern eine Prestigefrage. Sie 
mußte auch gerade in einer männlichen Gesellschaft immer mehr zu einer 
Prestigefrage werden, da ja in der Rege! für den Mann Fragen der sozialen 
Gellung einen breiteren Raum einnehmen als Liebesfragen. 

Die monogame Forderung ist endlich eng verknüpft mit anal -sadistischen 
Triebelementen, und diese sind es, die neben den narzißtischen Elementen 



der Forderung in der Ehe ihren besonderen Charaiter verleihen. Denn im 
Gegensau z« freien Uebesbeziehungen sind Fragen des Besitzes in doppeher 
Weise eng mit dem historisch gegebenen Sinn der Ehe verbunden. Daß 
die Ehe als solche eine Wirtschaftsgemeinschaft darstellt, spielt hierbei 
weniger eine Rolle, als die Anschauung, nach der die Frau als Besitz des 
Mannes galt. Diese Elemente treten daher auch ohne besondere individuelle 
Betonung analer Züge in der Ehe in Kraft und lassen die Uebesf orderung 
zu einer anal-sadisüschen Besitzforderung werden. Elemente dieser Herkunft 
treten in krassester Form aus allen Strafbestimmungen gegen die Ehe- 
brecherin zutage, verraten sich aber in heutigen Ehen noch offen genug 
in den Mitteln, mit denen dieser Forderung Nachdruck verliehen wird; 
ein mehr oder weniger liebevoller Zwang und ein immer wacher Zweifel, 
beide geeignet, den Partner zu quälen — Mittel, deren Herkunft wir ja 
aus der Psychoanalyse der Zwangsneurose kennen. 

Primitiv genug sehen also die Quellen aus. aus denen die monogame 
Forderung gespeist wird, Daß sie trotz dieser sozusagen bescheidenen Her- 
kunft zu einem anspruchsvollen Ideal wurde, diesen Werdegang teilt sie 
— wie wir wissen — mit anderen Idealen, in denen sich ja bekanntlich 
auch elementare und vom Bewußtsein veruneilte Triebregungen durch- 
setzen; und zwar dankt sie es dem Umstand, daß hier die Erfüllung 
stärkster, verdrängter Wünsche zugleich eine Reihe sozialer und kultureller 
Werte darstellt. Diese Idealbildung ermöglicht es. wie R a d 6 in seiner 
Arbeit „Eine ängstliche Mutter"' ausgeführt hat, daß das Ich seine kritische 
Urteilsfunktion einschränkt, die ihm sagen würde, daß dieses Verlangen 
nach dauernder Ausschi ießlichkeit zwar als Wunsch verständlich, aber als 
Forderung nicht nur schwer erfüllbar, sondern auch unberechtigt sei oder 
etwa, daß sich in dieser Forderung viel mehr narzißtische und sadistische 
Antriebe durchsetzen als eben gerade Liebeswünsche. Die Idealbildung 
schafft nach dem Ausdruck Radös dem Ich die „narzii3tische Sicherung", 
unter deren Schutz es alle diese sonst verurteilten Triebe ausleben und 
sich gleichzeitig dabei im Gefühl, etwas Rechtes und Ideales zu vertreten, 
gehoben fühlen darf. 

Natürlich ist es verhängnisvoll, daß auch das Gesetz diese Forderungen 
sanktioniert; und Reform vorschlage, die von der Einsicht in die Gefahren 
ausgehen, die der Ehe gerade aus diesem Zwang erwachsen, pflegen an 
diesem letzteren Punkt besonderen Anstoß zu nehmen. Indessen ist diese 
gesetzliche Sanktionierung doch wohl nicht mehr als der äußerlich sicht- 
bare Ausdruck für den psychischen Werl, den die Forderung für den 

i) Radö: Eine ängstliche Mutter, Internat. Zeitichr. f. P.A., XIII, iga^. 
Int. ZclUchr. f. PirchowulrK, XIII/*. 



406 Karen Horney 



Menschen hat. Und wenn wir uns klar jind, auf wie fei [verankerten 
Triebgrundlagen sich das Verlangen nach Ausschließlichkeit aufbaut, gehen 
wir wohl nicht fehl in der Annahme, daß die Menschheit sich auf alle 
Fälle in dieser oder jener Weise eine ideale Rechtfertigung für sie wieder 
schaffen wird, wenn ihr die jetzige genommen würde. Außerdem hat die 
Gesellschaft, solange ihr an den Werten der monogamen Ehe gelegen 
ist. aus Gründen psychischer Ökonomie, ein Interesse daran, zum Aus- 
gleich für die dadurch gegebene Triebeinschränkung die Befriedigung 
derjenigen elementaren Triebe, die sich hinter der Forderung verstecken, 
freizugeben. 

Die so im allgemeinen begründete monogame Forderung kann im 
Einzelfall an den verschiedensten Punkten Verstärkungen erfahren, einmal 
wenn eines der sie konstituierenden Elemente eine übermäßig große Rolle 
im Triebhaushalt spielt, ferner aus all den Faktoren, die wir auch sonst 
als treibende Kräfte bei der Eifersucht kennen. Wie wir ja überhaupt die 
monogame Forderung als eine Sicherung gegen die Qualen der Eifersucht 
beschreiben können. 

Genau wie wir es von der Eifersucht kennen, kann sie auf der anderen 
Seite auch verdrängt sein unter dem Druck von Schuldgefühlen, welche 
besagen, daß man den Vater nicht für sich allein besitzen dürfe, oder 
dann, wenn andere Tnebzicle sie überlagert haben, wie wir es von den 
AuQerungs formen der latenten Homosexualität kennen. 

Die polygamen Wünsche stoßen, wie ich sagte, weiter auf das eigene 
Treueideal. Im Gegensatz zu der monogamen Forderung aa den Anderen 
finden wir für die eigene Treuecinstellung im infantilen Erloben kein 
direktes Vorbild; sie besagt ja auch inhaltlich eine Triebeinschränkung, 
ist also offenbar nichts Elementares, sondern entspricht bereits einer Trieb- 
umwandlung. 

Wir haben in der Regel mehr Gelegenheit, sie an der Frau zu studieren, 
und stehen hier vor der Frage nach dem Warum. Es ist für uns nicht 
die Frage nach der viel behaupteten größeren polygamen Veranlagung des 
Mannes; nicht nur, weil wir uns klar sind, daß wir gerade über Fragen 
der Veranlagung so wenig Sicheres wissen, sondern auch, weil der 
Behauptung in dieser Form durch sich ligcrwcise doch nur der Wert einer 
tendenziösen Bearbeitung zugunsten des Mannes zukommt. Immerhin 
erscheint die Frage gerechtfertigt, welchen psjchologischen Momenten es 
zuzuschreiben ist, daß die tatsächliche Treue des Mannes soviel seltener 
ist als die der Frau. 

Diese Frage ist darum nicht eindeutig zu beantworten, weil sie von 
historisch -so zielen Momenten nicht zu isolieren ist, d. h. inwieweit die 



Die nionogamc Forderung 



407 



größere Treue der Frau nur sekundär bedingt »ein könnte, dadurch, daß 
der Mann in jeder Weise seine monogame Forderung stärker durchgesetzt 
hat. Ich denke hier nicht nur an die wirtschaftliche Abhängigkeit 
der Frau, nicht nur an die drakonischen Bestrafungen der weiblichen 
Ehebrecher, sondern auch an viel diffizilere Zusammenhänge, wie Freud 
sie in seinem „Tabu der Virginität" deutlich ausgesprochen hat, daß 
nämlich die männliche Forderung, die Frau habe als Virgo in die Ehe 
zu treten, dem Manne ein gewisses Maß von Hörigkeit von seilen der 
Frau sichere. 

Vom analytischen Denken her lassen sich zu diesem Problem zwei 
Fragen aufwerfen. Die erste: Sollte nicht doch der Umstand, daß der 
Koitus für die Frau durch die Möglichkeit der Konzeption eine größere 
physiologische Tragweite hat, irgendeine psjxhische Repräsentanz bei ihr 
gefunden haben? Mich persönlich sollte es wundem, wenn es nicht so 
wäre. Wir wissen hierüber so wenig, weil wir bisher einen Trieb zur 
Fortpflanzung niemals isoliert, sondern immer nur in seinen psychischen 
Überlagerungen erfassen konnten. Aber sollte nicht z, B. die Tatsache, 
daß die Spaltung in seelische und sinnliche Strömungen, die für die 
Möglichkeit von Treue so besonders verhängnisvoll ist, eine vorwiegend, 
ja, fast spezifisch männliche Einstellung ist, vielleicht das gesuchte psychische 
Korrelat zu den biologischen Unterschieden darstellen könnenl? 

Die zweite Frage gründet sich auf folgende Überlegung: die Ver- 
schiedenheit im .Ausgang des weiblichen und männlichen Ödipuskomplexes 
ließe sich etwa auf die Formel bringen, daß der Knabe radikaler «ein 
Urobjekt aufgibt zugunsten seines Genital stolzes, während das Mädchen 
stärker an die Person des Vaters fixiert bleibt, dies aber offenbar nur 
unter der Bedingung kann, daß sie weiter von ihrer Geschlechtsrolle 
abrückt. Die Frage würde heißen, ob nicht dieser Untenchied sich im 
weiteren Leben in einer grundsätzlich größeren genitalen Hemmung der 
Frau dokumentiere, und eben diese ihr die Treue erleichtere — eine 
größere Hemmung, wie sie in der ungleich stärkeren Verbreitung der 
Frigidität, als der Impotenz zum Ausdruck kommt. 

Wir sind damit schon zu einem der Faktoren gekommen, die man 
geneigt sein könnte, ganz generell als Vorbedingung für die Möglichkeit 
zur Treue anzusehen: die genitale Hemmung. Indessen zeig^ uns ein Blick 
auf die Neigung frigider Frauen oder seh wach potent er Männer zur Untreue, 
daß in dieser Form die Bedingung vielleicht nicht falsch, aber sicher zu 
weit gefaßt ist. 

Etwas weiter führt die Beobachtung, daß sich bei den Menschen mit 
Ewanghafter Treue die sexuellen Schuldgefühle oft hinter den konven- 




40S Karen llorney 



tionellen Verboten verstecken.' Alles konventionell Verbotene, also damit 
auch jedes auBereheliche Erleben, wird dann mit der ganzen Schwere der 
unbewußten Verbote belastet und wird durch diese Belastung so gewichtig. 
Wie zu erwarten, treffen wir diese Schwierigkeit bei denselben Menschen, 
denen auch die Ehe selbst nur unter Bedingungen gestattet ist. 

Diese Schuldgefühle werden aber spe/.iell auch dem Ehepartner gegen- 
über empfunden. Denn dieser übernimmt für das Unbewußte nicht nur 
die Rolle des begehrten und geliebten Elternteils, sondern es können sich 
ihm gegenüber auch die alte Angst vor Verboten und Strafen wieder- 
holen. Insbesondere werden dann die alten Schuldgefühle wegen Onanie 
reaktiviert und schaffen so, unter dem Druck des vierten Gebotes, dieselbe 
schuldbeladene Atmosphäre von übermäßigen Verpdichtungsgefühlen, 
respektive einer reaktiven Gereiztheit — oder von Unoffenheit. respektive 
der reaktiven Angst, ja nicht« vor dem anderen zu verheimlichen. Ich 
möchte vermuten, daß die Beziehung UnUeue— Onanie eine noch engere 
ist ah nur die über die Brücke der Schuldgefühle. In der Onanie finden 
zwar ursprünglich die sexuellen Wünsche auf die Eltern ihren körper- 
lichen Ausdruck; aber insofern gewöhnlich schon sehr früh in den Onanie- 
phanlasien die Eltern durch andere Objekte ersetzt werden, stellen die 
Onanicphantasien gleichzeitig auch die erste Untreue gegenüber den Eltern 
dar. Dasselbe gilt für die frühen erotischen Erlebnisse mit Geschwistern. 
Kameraden, Dienstboten usw. Wie die Onanie die erste Untreue in der 
Phantasie, stellen diese Erlebnisse die erste Untreue in der Realität dar; 
und man macht in Analysen die Erfahrung, daß für Menschen, bei denen 
ein besonders empfindlichei Schuldgefühl wegen dieser frühen phanta- 
sierten oder realen Erlebnisse zurückgeblieben ist, eine Untreue in der 
Ehe darum besonders ängstlich gemieden wird, weil sie eine Wiederholung 
dieser alten Schuld darstellen würde. 

Dieses Stück der alten Bindung ist es häufig, das sich bei Menschen, 
die trotz heftiger polygamer Wünsche wie zwanghaft treu sind, wiederholt. 
Die Treue kann aber auch eine ganz andere psychologische Begründung 
haben, die sich entweder bei denselben Menschen zu jener hinzufügen 
kann, oder sich auch völlig unabhängig von ihr findet. Es handelt sich 
hier um Menschen, die aus irgendeinem der angeführten Gründe mit 
besonderer Empfindlichkeit ihre Forderung nach Ausschließlichkeil dem 
anderen gegenüber vertreten und sie dann auch in der Rückwirkung auf 
«ich selbst anwenden. Mag sich das nun bewußt als Gerechtigkeit geben, 
die Ans prüche an den anderen auch für die eigene Person gelten läßt, — 

1) Dieser 7.uBainmenhang sehr deutlich gestaltet von Sigrid Undiet in „Kristin 
LavTBnstochter". 



Dil' monoji^nie lortlcrung 



409 



die tiefere Wurzel dürfte in diesen Fällen in Allmachtsphanlasien liegen, 
aus denen heraus man im Sinne einer magischen Geste mit dem eigenen 
Verzicht auf andere Beziehungen auch den anderen dazu zwingen will. 

Wir haben nun gesehen, aus welchen Antrieben die monogame Forderung 
entsteht und gegen welche Kräfte sie zu kämpfen hat. Wenn wir sie mit 
einem physikalischen Gleichnis als die zentrifugalen und die zentripetalen 
Kräfte in der Ehe bezeichnen, so müssen wir uns sagen, daß hier ein 
Kräftespiel vor sich geht, bei dem die Gegner einander gewachsen sind. 
Beziehen doch beide ihre Impulse aus denselben elementarsten und 
direktesten Wünschen des Ödipuskomplexes. Beide Kräfiegruppen werden 
unvermeidlich — wenn auch in allen Abstufungen — in der Ehe aktiviert. 
Wir glauben daraus besser verstehen zu können, warum es nicht möglich 
war und warum es nicht möglich sein wird, irgendeine grundsätzliche 
Lösung für diese Ehekonflikte zu finden. Wir können ja nicht einmal 
im einzelnen Fall, obgleich wir doch da die treibenden Kräfte leidlich 
übersehen, sondern können nur nachträglich aus unseren Erfahrungen 
sagen, zu welchen Folgeerscheinungen das eine oder das andere Verhalten 
tatsächlich geführt hat. 

Kurz gesagt, beobachten wir, wie sowohl beim Innehalten als beim 
Durchbrechen der monogamen Forderung Haßelemente frei werden können, 
und zwar auf den verschiedensten Wegen, wie sie sich dann in dieser 
oder jener Form gegen den Partner wenden, und wie so von beiden Seiten 
her das Fundament untergraben werden kann, das bestimmt ist, die Ehe 
zu tragen; die zärtliche Bindung. Wir müssen es schon dem Ethiker über- 
lassen, den einen oder den anderen Weg als den richtigen anzupreisen. 

Immerhin besagt eine solche Einsicht keine völlige Machtlosigkeit 
gegenüber Ehekondikten dieser Art. Durch Aufdecken ihrer unbewußten 
Verstärkungen kann sowohl den polygamen Wünschen wie der monogamen 
Forderung soviel an Boden entzogen werden, daß ein Auskämpfen der 
Konflikte überhaupt möglich wird. Und noch eines geben uns diese Ein- 
sichten: Wir sind oft geneigt, bei Einblick in die Konflikte einer Ehe 
uns unwillkürlich in dem Sinne beeindrucken zu lassen, daß es hier nur 
den einen Ausweg der Trennung gäbe. Je tiefer wir begreifen, wie unver- 
meidlich diese und andere Konflikte in jeder Ehe sind, desto innerlicher 
müssen wir zur Überzeugung kommen, wie notwendig gegenüber diesen 
unkontrollierten Eindrücken eine völlige Reserve ist, und desto mehr 
werden wir auch fähig sein, sie wirklich innezuhalten. 



über Zufriedenheit, Glüdt und Ekstase 

Vortrag auf dem X. Inlrmaiianaltn Ptychoanolytitchtn Kongrtis zu tnntbtuck am 

I. Stpitmbtr 1937. 

Von 

Helene Deutsch 

Wien 

Meine Damen und Herren ! Was unser Forsch ungsmaterial, die leidenden 
Menschen, unler das Mikroskop unserer psychoanalytischen Beobachtung 
bringt, ist ihr Leiden. Die Freude, die Lust, das Bejahende im Seelenleben 
sehen wir erst a!j Resultat unserer therapeutischen Bemühungen entstehen, 
erfahren so, welche Wege zur Erreichung dieses Zustandes geführt haben, 
und entziehen dem Menschen unser berufliches Interesse im Augenblick, 
da dieses Ziel erreicht ist. Die Fragestellung dieses Vortrages ist nicht der 
Spekulation zugewendet : wie wird der Mensch des Glückes teilhaftig, und 
nicht den Betrachtungen über die Frage; Kann die Psychoanalyse zur 
Beglückung der Menschheit beilragen ? Es soll hier versucht werden, unsere 
Denkweise auf die normalen psychischen Vorgänge anzuwenden, u, zw. auf 
jenen Teil dieser Vorgänge, an deren Schwelle die direkte analytische 
Beobachtung ihr Ende zu nehmen pflegt. Das sind jene, die im erlebenden 
Individuum ein Zustandsbild hervorrufen, das von ihm selbst als Glücks- 
gefiihl empfunden wird. Die Definition meines Themas entlehne ich somit 
der phänomenologischen Betrachtungsweise. 

Im Rahmen der üblichen Einteilung der seelischen Normal zustände 
in Lust- und Unlusterlebnisse lassen sich alle positiv gefärbten Gefühle 
einheitlich unterbringen. Befriedigung, Freude, Genuß, kurz, alles das, was 
als Reaktion auf äußere s. g. freudige Ereignisse eintritt und somit einen 
reaktiven Charakter hat, geht zwar mit einer inneren Bereitschaft des 
empfangenden Ich einher, ist jedoch von dem. was wir hier Glücksgefühl 
genannt wissen wollen, weitgehend um erscheid bar. Es handelt sich dabei 
nicht um quantitative Unterschiede qualitativ identischer Vorgange, sondern 
um seelische Zustände, die wohl auch dem Lust-Unlustprinzip unterworfen, 
psychologisch aber deutlich unterschieden sind. 



über Zufriedenheit, ClDd( und Eksinüe 



411 



Das Erlebnis der als „Glück" empfundenen Gefühlssensation, wie wir 
sie im folgenden unserer Betrachtung unterziehen wollen, muß im 
Zusammenhang mit der ganzen Persönlichkeit stehen und setzt das 
harmonische Zusammenwirken sämtlicher Anteile des Ich voraus, das 
wenigstens im Erlebnisakte als eine gut organisierte Einheit funktionieren 
muß. Wenn das Zuslandekommen dieses Glücksgefühls von einer Harmonie 
der ganzen Persönlichkeit (während des Erlebnisses t) abhängt, so muß man 
ihm einen weilgehend endogenen Charakter zusprechen und somit seine 
geringe Abhängigkeit von äußeren Erlebnissen proklamieren. Ich werde im 
weiteren za beweisen versuchen, daß tatsächlich die Voraussetzung jedes 
wirklichen Glücksgefühls in seiner Endogenität zu suchen ist; die Beziehung 
zui Außenwelt ist nur die Ausdrucksform und der Anlaß, in dem es sich 
dokumentiert. Passagere, an äußere Umstände nicht gebundene Lust- und 
Ünlustgefühle sind uns z. B. im Normalen als „Stimmungen" bekannt 
und analytisch kann man steU ihre kausale Zugehörigkeit zu einer endogenen 
Quelle feststellen. 

Gestatten Sie mir nun, daß ich — entsprechend tmserer analytischen 
Arbeitsweise — von der klinischen Beobachtung ausgehend, Ihnen über 
zwei Fälle kurz berichte, die mein psychologisches Interesse für die oben 
angegebene Fragestellung er^¥ecklen. 

Der Zufall brachte sie beide im selben Zeitabschnitt zu mir und die 
sonderbare Ähnlichkeit und zugleich die Divergenz der Zustände und der 
seelischen Erlebnisse waren geeignet, zu weiteren Überlegungen anzuregen. 

Die eine Patientin (J) leidet an Depressionen und Hemm ungszu ständen. 
Sie ist seit mehreren Jahren verheiratet und das Verhältnis zu ihrem Mann 
hat sich vom Anfang an ungünstig gestaltet. Er ist ihr fremd, gleichgültig, 
es besteht eine real wenig begründete, aber unwiderstehliche Abneigung 
und Mißachtung. In der Ehe hält sie nur die starke sexuelle Befriedigung, 
der sie im Sexualakie teilhaftig wird. Der Orgasmus verläuft bei ihr in 
einer außerordentlich beglückenden Weise; sie erlebt — ihrer Schilderung 
nach — denselben wohl bei vollem Bewußtsein, habe jedoch den 
Eindruck, das sei nicht sie; es beherrsche sie das Gefühl, als würde sie 
in einer anderen Welt leben — „wie im Himmel". Ihr Mann verliere 
im Akte seine reale Bedeutung, es sei in ihr wie eine beglückende 
Verschmelzung zu einer wunderbaren, ihrem übrigen Dasein fremden Einheit. 
Nach der Entspannung durch den Orgasmus trete sofon das Gefühl der 
Leere und der Einsamkeit ein, eine Entfremdung dem Gatten gegenüber 
und eine Depression, die erst durch den nächsten Sexualakt unterbrochen 
wird. Es ist hier unmöglich, Ihnen das ganze Materia! des Falles vorrulegen. 
Die Psychoanalyse ergab, daß als Endresultat des Ödipuskomplexes eine 



Einstellung entstand, in der die sexuelle Befriedigung mit dem [als Vater 
phantasierten] Objekte sich erat durchsetzen konnte, nachdem Pat. in den 
Zwischenakten in ihrer Depression das Objekt entwertet und gleichzeitig 
an sich selbst die Strafe für die rnzesiphantasie als Vorbedingung der 
Lusterreichung vollzogen hatte. Infolge dieser zeitlichen Zweiteilung konnte 
sie den Sexualakt mit einer vielleicht sogar — wenn man so sagen darf 
— übernormalen Beglückung erleben. Was sich bei ihr nach der erreichten 
Verbindung mit dem Objekte sofort mit dem Ablauf des Spannungszustandes 
in abnormer und pathologischer Weise einstellte: die Enttäuschung und 
die Verlustreaktion, ist meiner Ansicht nach nur quantitativ abnorm — 
qualitativ normal. 

Die Verlustsensation nach dem Koitus und die reaktive Funktion des 
Über-Ichs nachher, die das Wesen ihrer krankhaften Depression bildeten, 
begleiten jede, auch normalste Triehbe friedigung. Sie sind z. T. bedingt 
durch die Schicksale der Triebentwicklung, z. T. durch die ständigen 
Hemmungsimpulie, die auf den Trieb vom Über-Ich einwirken. Was 
bei der Pat. versagt hat, waren die sonst normal sich einstellenden Vorgänge 
im Ich, die die Enttäusch ungsreaktion überdecken und eine nachträgliche 
Verwertung der erfolgten Triebbefriedigung für das sublimierende Ich 
ermöglichen. An dieser Pat. können wir sehen, daß ein volles, wohl ganz 
pasMgeres Glücksgefühl, verbunden mit jenem Gefühl der Harmonie, die 
diesem Zustand eigen ist. auch in einer pathologischen, weitgehend 
disharmonischen Psyche enutehen kann. 

Die dazu notwendige und erfüllte Bedingung war: im Momente des 
Erlebens von keiner äußeren oder inneren Störung behindertes Einheit»- 
gefühl zwischen dem Subjekt und dem Objekt der Triebbefriedigung. 
Bei unserer Pat. konnte dieses Gefühl durch eine volle und im Erlebni«- 
momente gelungene Verdrängung der kritischen Regungen zustande 
kommen. Was sich hernach bei raschem Versagen dieser Verdrängung als 
neurotische Reaktion abspielt, ist bereits außerhalb des uns interessierenden 
Erlebnisses. 

Die zweite Patientin (BJ leidet ebenfalls an Depressionen. Auch sie 
unterbricht ihre chronische Traurigkeit durch Glücks zu st an de, die an 
Ertebniswert denen der Pat. ^. gleich sind, aber auf einem ganz anderen 
Wege erreicht werden. Bereits in der Pubertät verwandelte sie sich aus 
einem fröhlichen Kinde in ein verschlossenes Mädchen. Damals wandte sie 
sich der Theosophie zu und erlebte teils bei der Lektüre theosop bischer Bücher, 
teils in der „Andacht mit sich selbst" das selige Gefühl der Entrückiheit 
und der Erhebung über alles, „was klein und irdisch" sei. Nachher 
wurde sie Sozialistin, und auch da ging sie zeitweise so ganz in der Idee 



über Zufriedenhclr, Glüi und Ekstase 



413 



auf, daß sie. agitatorische Reden hallend, wieder in diese Zustände höchster 
Beglückung geraten konnte. Später blieb «ie ohne „zentrale Lebensidee", 
konnte sich aber bei der Lektüre schöner, vor allem philosophischer Bücher 
immer wieder in einen seligen Glückszustand versetzen. Diese Zustände 
waren von kuner Dauer und beeinflußten nicht die sich bald wieder 
einstellende Depression, die sich allmählich aus der Introversion der 
Pubertät entwickelte. Die Analyse ergab eine typische hysterische Bindung 
an den Vater mit voller Verdrängung der Sexualität. Pat. hatte nie in 
ihrem Bewußtsein eine sinnliche Begung empfunden, sexuelle Wünsche 
waren ihr fremd. Analytisch konnte man die Genese ihrer Glückszustände 
bis in die erste Introversion der Pubertät verfolgen. Es war der Kampf 
gegen die sexuellen Phantasien und die siegreiche Überführung derselben 
in die Liebe zu Gott und zu späteren Idealbildungen. In der Depression 
erwachte immer wieder die in der Sublimierung nicht voll befriedigte 
Liebessehnsucht, die dann andauerte, bis die Verdrängungsleistung wiederum 
passager vollzogen wurde. Sie erlebte ihre Glücksgefühle in der Ekstase 
eines akuten Suhl imierungs Vorganges, eines Vorganges, der uns aus eigenen 
Erlebnissen, aus den seelischen Ergüssen der Dichter und aus den Bekennt- 
nissen politischer Fanatiker, religiöser Ekslatiker usw. bekannt ist. 

Jeder ästhetische Genuß, mag er bei der Betrachtung einer Landschaft 
oder eines Kunstgegen stand es entstehen, bei der Lektüre einer Dichtung 
oder beim Hören von Musik, immer kennzeichnet er sich dadurch, daß 
zwischen dem Ich und dem von der Außenwelt zuströmenden Eindruck auf 
dem Wege der Einfühlung eine Ich-Weliidentiiät entsteht. Das Beglückende 
ist eben in diesem Identitätsgefühl zu suchen. 

Von diesen alltäglichen seelischen Erlebnissen führt der Weg zu den 
Zuständen, die den Erlebnissen der Pat. näher stehen: zu denen der 
wirklichen Ekstase. Aus den zahlreichen, inhaltlich verschiedenen Formen 
derselben führe ich als Beispiel nur die der religiösen Ekstase an, wie 
sie uns in den zahlreichen Konfessionen der Ekstatiker dargestellt wird. 
Au» allen diesen Bekenntnissen (heil. Theresa. heil. Augustin, heil. Katha- 
rina usw.) ipricht da» Gefühl, daß das Ich die Verschmelzung des geistigen 
Anteils der Seele mit Gott erlebt, das Ichbewußtsein zugunsten eines 
höheren, göttlichen verschwindet. Meister Eckhard sagt: „Du sollst ganz 
und gar entsinken deiner Deinheil und verfließen in seine Seinheit, denn 
du sollst mit seinem Ich so gänzlich ein Ich werden, daß du mit ihm 
ewiglich seine ungewordene Substanz und sein namenloses Nichts verstehst," 

Im ekstatischen Erlebnis versinkt das eigene Ich und an seine Stelle 
tritt Gott ein, aber dieser Gott ist weder eine liebende noch eine strafende 
Persönlichkeit, er ist das Erlebnis selbst, das Entslehen eines neuen 



414 Helene Deutsch 



Bewußtseins, des Bewußtseins der eigenen Gottheit durch Verschwindeo 
der Gieme zwischen Ich und Gott. Was ah Gottbegriff hinausprojiziert 
wurde, wird jetzt in der Ekstase wieder ins Ich aufgenommen aber nicht 
in der Gegenüberstellung IchÜber-Ich und dann Ich-Gott, sondern Ich 
und Gott lind Ich. Aus diesem beglückenden Einheitsgefühl ergab sich 
auch die Anschauung, daß in der Ekstase der heilige Geist in den 
MenEchcn hineinfahre. Dieser naive Glaube enthalt die ganze Psychologie 
des ZustandsbÜdes, verlegt nur den seelischen Vorgang in die Außenwelt 
Bei Pat. S. ließ sich die Genese des Zustandes analytisch verfolgen: der 
ursprüngliche Wunsch, mit dem Vater sexuell verbunden zu sein, wird 
erst in der Sublimierung erreicht, im Bündnis des Ich einerseits mit 
dem Vater- Ich ideal -Gott andererseits. Die sexuelle Wurzel des ekstatischen 
Erlebens und die Zielerreichung im Sublimierungsakte lassen sich übrigens 
in allen ekstatischen Konfessionen aufzeigen. Die Störungen vom Teufel, 
manchmal auch der Sieg des Teufels entsprechen dem Mißlingen der 
Sublimierung, dem Durchbnich des Es in die Ich-Über-Ich-Einhcit. Bei 
Pat. B. geht der passagerc Glückszusland in eine Depression über, in eine 
Introversion, deren Inhalt dem Durchbruch der inzestuösen Phantasien 
und der strafenden Reaktion auf dieselben entspricht. Das Glückscrlebnis 
als gelungene Verdrängung der sexuellen Wünsche ist eine direkte 
Umkehrung des psychischen Vorganges bei Pal. ji. Aber bei beiden ist 
das Glückserlebnis durch ein Einheitsgefuhl im leb erreicht: bei der 
einen in der ungestörten Triebbefriedigung, bei der anderen im Subli- 
mierungsakte. 

Versuchen wir nun diesen zwei Beobachtungen einige theoretische 
Erwägungen anzuschließen. Ich glaube, daO dieselben den Schluß berechtigen 
werden, daß das, was sich bei beiden Patientinnen abspielte, nur eine 
quantitative Verzerrung der normalen typischen Vorgange ist. 

Wir wissen, daß unser Seelenapparat auf allen Entwicklungsstufen von 
zwei entgegengesetzten Kräften beherrscht wird: von einer vorwärtsl reibenden 
und einer regressiven. Beide treffen sich in einem Zielstreben, und dieses 
ist die Erreichung eines Einheitszustandes. Das Signal zu zielgerichtetem 
Streben ist immer und überall der Reizzusland, die Spannung, die Unlust 
im Ich. Das Ziel: Reizfreiheil -Entspannung- Lusterreichung, Dieses Ziel- 
sireben, das Wesen alles Lebendigen, scheint nur eine Befriedigimgsform 
zu haben: die Einheitserreichung. Diesem Ziele unterordnet sich alles, 
was wir als Leben sä ußerung kennen; deutlich und evident ist es in allen 
Entwicklungsstufen unseres Trieblebens. Das Signal zum Streben, zur 
Ziel-, also zur Lusterreichung, kommt in allen Entwicklungsformen von 
einer Unlustspannung, die wiederum einem Verlust an Befriedigungs- 



über Zulrlcdenhdt, GlOdt und Ekstase 415 

inöglichkeit entspricht. Der Verlust der Befriedigungsmöglichkeit ist streng- 
gesetzlich an die vollzogene Trennung einer Einheit gebunden, sei es von 
einem Teil der triebbesetzien Außenwelt, sei es Ton jenem Teil der 
eigenen Icheinheit, der, selbst libidinös besetzt, lustspendend war. Daß 
dieses Einheitsbestreben in allen Lebensformen und Triebäußerungen unser 
Dasein beherrscht, ist biologisch tief determiniert, aus biologischer 
Vergangenheit, die weit hinter das individuelle Dasein zurückreicht. Als 
erstes vorbildliches Trenn ungserlcbnis sehen wir gewöhnlich die Trennung 
der Mutter-Kindcinheil an, vergessen aber dabei, daß auch diese bereits 
ein Glied der Kette verschiedener phylogenetischer Entwicklungs- und 
Trennungsformen ist. 

Alle Trennungserlcbnisse der Kindheit geben nicht nur, wie Freud 
gezeigt hat, mit Steigerung des Span nungszu Standes einher, der zu neuen, 
höheren Befriedigungs quellen drangt, sondern auch mit einem durch den 
Entwicklungsgang bedingten S ätt ig u n gszustsnd, dem die von der 
Außenwelt aufgedrängte Versagung und Trennung vielleicht vorauseilt, 
dem sie aber auch entgegenkommt. Das Kind verlaßt den Mutterleib nicht 
nur, weil es ausgestoßen wird, trennt sich von der nährenden Brust nicht 
nur, weil sie ihm entzogen wird. Als Folge biologischer Bestimmungen 
wird jede Befriedigungsform zugunsten einer neuen verlassen, nachdem 
sie die neuen Lusistrebungeu nicht mehr befriedigen kann. Wenn wir hier 
von einer „Übersättigung" sprechen, so stellen wir somit den biologischen 
Vorgang in Parallele zu den später sich wiederholenden psychologischen 
Erlebnissen. 

Wenn wir nun die Unlusttendenzen im Seelenapparat überblicken und 
die Unlust Überwindung als Aufgabe zur Lusterreichung betrachten, so sehen 
wir folgendes: Die Triebspannung, das Motiv, das lur Lusterreichung drängt, 
ist unlustbctont; ökonomisch jedoch dient sie der Lust, die sie einzuteilen 
hilft. Wäre also der Ablauf der Lust- Unlust Funktion einfach auf der zyk- 
lischen Reihenfolge Lust-Unlust aufgebaut, so dürften wir von einem „aus- 
gleichenden" Mechanismus sprechen und die richtige Verwaltung desselben 
im Sinne eines bejahenden Leben sabl au fes wäre die Aufgabe des Individu- 
ums. Daß aber die Lusisiluation selbst voll ist von Reminiszenzen unlust- 
voller Eindrücke, erschwert dem Seelcnapparat diese Aufgabe. 

Alexander' hat gezeigt, wie der zwangsmäßige Gang der Trieb- 
entwicklung und die damit verbundene Notwendigkeit die erreichte Stufe 
zu verlassen und durch eine neue zu ersetzen, eine Unlustdisposition für 
die späteren Lusterlebnisse schafft, indem jede Erfüll ungssititation mit einer 



i) Alexander: Psychoanalyse der GesBmtperionlichkcit (Int. PsA. Verlag, 1937^. 



4l6 Helene UeuLsd) 



Ualusterwartung einhergeht. Als zweites luMstörendes Element mischt sich 
in jede erreichte Lusisituation jener uns gut bekannte Wiederholungszwang, 
dessen ökonomische Aufgabe, den seelischen Apparat zu entlasten, in sehr 
ambivalenter, gewissermaßen anachronistischer Weise gelöst wird. Die 
dritte Störung der bereits erreichten Lusisituation liegt meiner oben dar- 
gelegten Ansicht nach in jenem sich bei jeder Lusterreichung einstellenden 
Sättigungszustand, der ebenfalls als eine Reminiszenz der Trieb- 
entwicklungen anzusehen ist. Die Verbindung der Lustbefriedigung mit 
einer Unlusterwartung ist somit eine seelische Eigenschaft, die nicht — 
wie Alexander meint — nur die neurotische Psyche charakterisiert. 
Aus diesen Erwägungen scheint sich zu ergeben, daß die menschliche Seele 
eine restlos befriedigende Situation nicht erreichen kann. Ihr Erreichen 
würde den Stillstand bedeuten, denn Streben kommt nur aus dem Reiz 
der Unbefriedigtheit. Das Streben , steht unter dem Zeichen eines Zieles, 
das immer jeweilig, nie endgültig sein kann, weil es „im Momente, wo es 
entsteht", für den seelischen Apparat bereits „wert ist, daß es zugrunde geht". 

Das Streben entspringt also einem Mangel; die Befriedigung ist nur der 
Beginn eines neuen Strebens. die erreichte Gegenwart ist voll von Reminiszenzen 
der belastenden Vergangenheit, die Zukunft nur durch neues Streben, 
also neue Unlustspannung bedingt. 

Unterziehen wir jene Situationen einer kurzen Beobachtung, die wir als 
typische, allgemein menschliche Lust- und Befriedigungserlebnisse kennen. 
Die ZielerreJchung im Sexualakt einerseits, in der Sublimierung anderer- 
seits. Unsere zwei Patientinnen boten uns ein Beispiel für beide Formen. 

In der Beschäftigung mit neurotisch Erkrankten, die vor allem Störungen 
auf diesen beiden Gebieten zeigen, pflegen wir den ungestörten Ablauf 
des Sexualakies und die erfolgreiche Sublimierungsfähigkeit als Zeichen 
der erreichten psychischen Gesundheit zu betrachten. Reich hat empirisch 
feststellen können, daß im Ablauf der orgastischen Funktion, auch beim 
scheinbar befriedigenden Akte, feinere, gleichsam mikroskopisch feststellbare 
Anomalien vorkommen, die noch unter dem Zeichen des Neurotischen stehen. 

Wenn wir aber in der Beobachtung und in der Anwendung unserer 
analytischen Erkenntnisse weitergehen, so kommen wir zur Ansicht, daß 
der wirklich voll befriedigende Akt ein durchwegs relativer Begriff und 
beim Menschen nicht vollkommen erreichbar ist. Der Zustand: „omne 
animal post caitum triste est'\ die traurige Enttäuschung, die der Befriedigung 
folgt, kommt normalerweise beim Menschen nicht zum Vorschein, weil 
ihm Mittel zu Gebote stehen, die ihn über die reaktive Unzufriedenheit 
hinwegtauschen. Diese Mittel haben aber nichts mehr mit der direkten 
Triebbefriedigung zu schaffen und ihre freie Verfügbarkeit liefert Zeugnis, 



daß das Erlebnis nicht restlos erfüllend war. So ist der Schlaf, in den das 
sexuell befriedigte Individuum verralit, — wie der Schlaf immer, — eine 
Abkehr von dem erotisch nicht besetzten, also unlusivoll gewordenen Dasein. 
Ebenso ist die nachher gesteigerte Sublimierungsfähigkeit ein Beweis, daß 
die „volle Befriedigung" einen großen Rest von unbefriedigten, zur 
Desexualisierung bestimmlen Triebenergien übriggelassen hat; wiss en wir 
doch, daß die besten Sublimierungskrafle der genitalen Libido enisiammen. 
Ist die sexuelle Vereinigung die einfachste Form der Einheilshersiellung, 
so wird die physiologisch bedingte Entspannung und Trennung als Ent- 
täuschung erlebt und die Schnldgefühlreaktion. die jeder Befriedigung 
folgt, kann erst in der Sublimierung erledigt werden. Der Wiederholungs- 
zwang, die zweiieitige Sexualeniwicklung und die in der Entwicklung 
bedingte Trennungsreaklion sind jene Momente, die verursachen, daß jede 
Lustbefriedigung auch in der höchsten Entwicklungsphase von Unlust 
gefolgt ist. Die Unlust als Nachfolgerin der höchsten Lustgewinnung pflegt 
in der Regel dort direkt eriebt zu werden, wo die iriebgehemmien zärtlichen 
Objektbeziehungen fehlen und nicht imstande sind, nach der erfolgten 
Triebbefriedigung tröstend und bindend einzutreten. 

Aber auch die andere Form der Lustgewinnung, die der direkten Trieb- 
befriedigung entgegengesetzte, ist mit denselben Enitäuschungs- und Unlust- 
reaktionen verbunden. Auch die Sublimienmg ist ein Verbindungsakt, ihr 
Ziel die ErreichuiUL einer EJ iiheit. In den Sexualakten entledigt sich der 
Mensch unter Lust- und Unlustrcaktionen der Ichtriebspannung. In den 
Sublimierungsakten befreit er sich der IchÜbei-Ich-Spannung, indem er das 
im Ich durch Identifizierung entstandene Ichideal in die Außenwelt 
projizien, um es dann wieder seinem Ich, dessen Grenzen erweiternd, einzu- 
verieiben. Jede Sublimierung geht mit dieser Erweiterung des Ich einher 
und bringt somit mehr oder weniger große Mengen narzißtischer Befriedigung 
mit «eh. Doch auch hier dieselbe Enttäuschungsreaktion wie bei der 
Triebbefriedigung. Typisch ist jene, uns allen gut bekannte Gefühls- 
sensation beim Erreichen eines lang angestrebten Sublimierungsiieles. 
Immer die traurige Verstimmung nach dem Erreichen des Zieles, auf 
welchem Wege und in welcher Form dies auch geschehen mag. Dem 
narzißtisch erweiterten Ich steht nun die übrige, uneroberie Welt ent- 
gegen — zwischen dem Ich und der Welt ist wiederum eine wohl um 
ein Stück verschobene, aber doch von der übrigen Welt trennende Schranke 
entstanden. Diese Trennung Ich-Welt wird eben im Momente der Ziel- 
erreichung enttäuschend empfunden und wiederholt genau die — mehr 
oder weniger bewußt erlebte — Enlspannungs- und Entläuschungsreakiion 
der Sexual hefriedigung. Diese Reaktion trat bei der Fat. A., wie wir gesehen 



^ 



416 Helene Deutsdt 



haben, in pathologischer Verstärkung auf. Die Hemmung, die jeder Trieb- 
befriedigung vom Über-Ich auferlegt wird, hat »ich bei ihr nachträglich 
und übermäßig in der Depression ausgewirkt. Im Akte selbst erlebte sie, 
vielleicht sogar überstark, das volle Glücksgefühl, Der Pat. B. wiederum 
wurde das Glückserlebnis der Sublimierung in pathologischer Verstärkung 
zuteil — auch bei ihr mit nachträglicher Reaktion in der Depression. 

Die Parallele beider Fälle liegt im Zustand des akut und intensiv ein- 
tretenden Giiicksgefühls durch Herstellung einer ungestörten Ich-Nichtich- 
Einheit auf dem Wege des harmonischen Zusammenwirkens zwischen Ich 
und einer vom Ich differenzierten Instanz. 

Wir sind in beiden Fällen zum gleichen Resultat gekommen; das 
Glücksgefühl wurde durch einen Vorgang im Ich erreicht, indem sich 
dieses einer seiner Abhängigkeiten entledigt hat und somit in ein beglückendes 
Bündnis mit der anderen eintreten konnte. Es ist in der vergleichenden 
Parallele dieser zwei Fälle so, als ob es dem glückempfindenden fch alles- 
eins wäre, mit wem es dieses Bündnis schließt: mit seinen Triebiendenzen 
oder mit seinem Über-Ich! Das, was das Ich im Glückszustand erreicht, 
ist jenes angestrebte Ziel, die Herstellung einer erweiternden Einheit. 

Was bedeutet nun dieses beglückende Einheilsgefühl ? In allen Tendenzen 
und Strebungen wirkt sich als immanente Kraft die Urtendeni der Rückkehr 
zum Zustand jener Epoche aus, in der das noch undifferenzierte Ich weder 
die Feindseligkeiten der Außenwelt noch die seiner inneren Instanzen kannte. 
Diesen Zustand kann es wiederum erreichen, wenn es ihm gelingt, die 
Grenze zwischen dem Ich und der Welt zu verschieben ; als Bindeglied 
dient hier die Libido, an ihr vollzieht sich jene Verschmelzung, in der 
die Grenze zwischen dem Ich und der Objektwell verschwindet, so daß das 
Ich im Einheitsgefühl zu seinem Glückserlebnis kommt, sei es in der 
Triebbefriedigung, sei es in der Sublimierung. Dieses Einheitsgefühl kann 
erst zustande kommen, wenn sich im Ich selbst keine störenden Einflüsse 
gellend machen. Es ist somit das Resultat eines synthetischen Vorganges, 
indem die Verschmelzung aller jener inneren und äußeren Kräfte zustande 
kommt, die um das Ich herum im Kampfverhältnis zu einander stehen. 
Dieses Resultat wird durch die bindende Kraft der narzißtischen Libido 
erreicht. Das Glücksgcfühl, das wir als Gefühl der Einheit und Erweiterung 
im Ich defmiert haben, ist somit ein durchwegs narzißtisches Gefühl. Der 
Unterschied zu jenen Vorgängen, in denen die Steigerung der Ichlibido zu 
pathologischen Veränderungen führt, liegt darin, daß bei der s. g. 
„narzißtischen Stauung" dieser Vorgänge die Libido aus den Objektbesetzungen 
zurückgezogen wird. Hier verläßt sie ihre Positionen nicht, sondern das 



I 




Ober Zufriedenheit, GlOdc und Ekstase 



41Q 



Ich erweitert seine Grenzen, indem es durch Identifizierungen die Einheit 
mit jenen libidintis besetzten Positionen herstellt. 

Strebt das Ich, im Verhältnis zur Außenwelt seine Grenzen im Einheits- 
zustand zu erweitern, so strebt es vor allem die ursprüngliche Icheinheit 
durch einheitliches Zusammenwirken der Ichinstanzen an. Auch das ist 
vom Haushalt der narzißtischen Libido abhängig. 

Diese Einheilsbildung im Ich wird sich aber durch zwei wichtige 
Momente vom narzißtischen Urzustand unterscheiden. l) hat das Ich 
seine Entwicklung im Kampfe gegen die Außenweh durchgemacht und 
erwarb so das nie ruhende destruktiv- libidinöse Streben, seine Grenzen zu 
erweitern; 2} hatte auch der Narzißmus die Libidoentwicklungen mitgemacht 
und den ursprünglichen, unambivalcnten Charakter in seinem Verhältnis 
zum Ich als Objekt verändert. Die narzißtische Libido eines Individuums, 
das die genitale Stufe erreicht hat, verhält sich dem Ich gegenüber 
toleranter, weniger ambivalent, und ist geeigneter, in seiner Bindungs- 
eigenschaft die harmonische Icheinheit herzustellen. 

Somitistder Glückszustand ein endogenes, narzißtisch bedingtes Ichgefühl; 
er entsteht dort, wo die Ichgrenzen durch die Herstellung einer Einheit 
zwischen Ich-Welt enveitcrt sind, durch Objekt besetzung, SubÜmierung oder 
durch Erreichung der Icheinheit im Ich selbst. 

Das Glücksgefühl kann nur als Endresultat einer Zielstrebung entstehen 
und ist inneren Gesetzen unterworfen, aus denen sich seine durchwegs 
passagere Natur ergibt. Es folgt ihm Sättigung, Enttäuschung und neues 
Streben t Die innere Harmonie, die wir als Meßstab der Gesundheit 
genommen haben, schafft auch die seelische Zufriedenheit. Als Dauerzustand 
ist sie nur dort zu erwarten, wo das Streben und Vorwärts drängen aufhört 
und die Seele zugunsten des Friedens aufs Erobern verzichtet. Sie befreit 
■ich von der Gefahr der Enttäuschung und vom Schmerz der Sehnsucht. 
Auf das Glücksgefühl muß sie aber verzichten, denn dieses ist immer 
an das Erreichen und nicht an das Bestehen gebunden I 



Narzißmus im Idigefiige 

Verlrog auf dem X. Imtrnationalm Pijchoanalyiiichm Kangr^ lu InTisbruck 

am fi Srpitmbfr 1^27 

Von 

Paul Federn 

Wien 

Obzwar ich von Störungen ausgehe, deren leichte Grade auch der 
Gesunde zeitweise vorübergehend erlebt, von Störungen, die Sie alle lelbst 
milgemacht haben, glaube ich nicht, daß Sie sich mit den Störungen 
beschäftigt haben. Denn sie fallen wenig auf. und mich brachte em ein 
besonderer Anlaß auf den Weg der Untersuchung, den ich Sie bitte, mit 
mir zu gehen. Wahrscheinlich werden Sie einen inneren Widerstand 
dagegen spüren, denn das eigene gesunde und ungestörte Ichgefühl, diese 
Vorbedingung aller Frohheit, lassen wir alle lieber unbelastet. Aus diesem 
Widerslande heraus wurde die Beobachtung der Komponenten des 
Ichs von jenen Autoren ignoriert, welche im Ich nur eine Abstraktion der 
Unterscheidung von Subjekt und Objekt sehen wollten, und auch von 
jenen, welche dem Ich eine „homogene Ganzheit" zuschrieben, lo daß für 
sie die Bezeichnung „Ich" fast gleichbedeutend die alle Bezeichnung „die 
Seele" ersetzte. 

Folgerichtig muß die Psychoanalyse diese beiden Auffassungen ablehnen. 
Die Struktur des Ichs, d. h. die Zerlegung in Instanzen, die Dynamik 
derselben, ihr Verhältnis zum Triebhaften, zum Unbewußten, auch zum 
Körperlichen, beschäftigt uns alle. Hier liegt die Probe auf Freud« 
Theorie vom Narzißmus: Hat die Libido nur das Ich zu bewegen oder 
baut sie es auf? 

I 

Man hätte erwarten können, daß die psychoanalytische Erforschung des 
Ichs wenn auch nicht von der Selbstbeobachtung der leichten Störungen, 
10 doch von jenen schweren Erkrjnkungsfällen ausgehen hätte sollen, 
welche als Depersonalisation und Entfremdung das Interesse der Psychiater 
lange schon geweckt haben. Bei Jan et und Schilder finden Sie eine 



Narzißmus im IdigcfOgc 431 



überreiche Literatur, die ich mit Rücksicht auf die beschränkte Zeit kaum 
erwähnen werde. Die genannten hervorragenden Werke siod noch ohne 
Anerkennung und ohne Verwendung der Libidotheorie geschrieben. Erst 
später haben Psychoanalytiker diese Lehre zur Ej-klärung der Deper- 
sonalisation anzuwenden versucht. Meine Arbeit bezweckt, die Libidolchre 
an dieser Aufgabe zu prüfen und durch diese Prüfung ihre Richtigkeit 
neuerdings zu beweisen. 

Dabei stütze ich mich auf die Arbeit Nunbergs. Er hat aus seinen 
psychoanalytischen Beobachtungen einwandfrei nachgewiesen, daß Deper- 
sonalisation und Entfremdung durch den Verlust eines wichtigen Libido- 
objekles, durch die traumatische Wirkung der Zurückziehung der Libido 
entstehen. Nunberg hat auch auf die Ubiquität dieser Störungen beim 
Beginn der Neurosen aufmerksam gemacht. — Ich selbst gehe noch weiter 
und meine, daß allen Psychosen und Neurosen eine Ichsiörung im Sinne 
der Entfremdung vorausgeht, daS sie aber meistens bei der Etablierung der 
Neurose oder Psychose schon wieder vergangen ist, denn sie geschah oft 
in der frühen Kindheit und wurde vergessen. Sie wird dann in der Psycho- 
analyse nicht immer erinnert, zumal da sie die Psychoanalytiker bis 
jetzt nicht genug beachteten. Daher darf uns die Erfahrung, daß die 
initiale Ichstörung nicht jedesmal nachgewiesen werden kann, nicht 
abhalten, ihre Ubiquität anzunehmen. Ich hoffe, daß es unserer weiteren 
Forschung gelingen wird, ihr Auftreten als libidotheorclisch unerläßlich 
zu erweisen. 

Da aber ihre Häufigkeit feststeht, habe ich in einem Vortrage' über 
dieses Thema die „'Entfremdung als die häufigste „passag^re narzißtische 
Aktualpsychose" bezeichnet. Diesen Namen will ich heute begründen. 
Zunächst will ich Sie darauf aufmerksam machen, daß dieser Name in 
einem gewissen Gegensatz steht zu Nunbergs Entdeckung, daß es sich 
um eine Kränkung des Ichs durch die Zurückziehung der Objektlibido 
von einem Objekte handelt, denn ich spreche von einer direkten 
aktuellen Störung der narzißtischen Libido. Diese Abweichung hebt 
die wichtigste Talsache hervor, von deren Beobachtung meine weiteren 
Schlüsse ausgehen. Es handelt sich darum, die Ichlibido von der Objekt- 
libido nicht nur theoretisch zu trennen, sondern sie durch Beobachtung 
abzugrenzen. 

Aus der Praxis und Literatur kennen wir alle die schweren, immer 
etwas unheimlichen Klagen, mit welchen schwere Fälle von Depersonalisation 
ihren Zustand, vielmehr ihre wechselnden Zustände schildern. Die Außenwelt 
erscheint dinglich unverändert, aber doch anders, nicht von selbst so richtig 

i) In der Ungarischen PsA. Vereinigung-, im Febniar 1937. 

Int. ZrltKhr. f. I'>>choiu]>lyu. XIII/4 S9 



k 



422 Paul Fetlera 



nahe oder fern, hell, warm, vertraut und wohlbekannt, nicht richtig wirklich 
■bestehend und lebhaft, mehr wie traumhaft und doch andere als traumhaft. 
Im Innern kann es wie tot »ein; so fühlt sich der Kranke, weil er sich 
nicht fühlt. Sein Fühlen, Wollen, Denken, Erinnern ist anders, fraglich, 
unerträglich anders geworden. Dabei weiß der Kranke alles richtig, keine 
Qualität der Wahrnehmung, der veretandes- und vemunftsge mäßen Auf- 
fassung und Verarbeitung haben gelitten. Er weiß auch, was an Gefühl 
ihm abgeht, Es fehlt, wie Schilder im Anschluß an Husserl so 
richtig ausführt, die „Evidenz" oder, wie Janet es plastisch nennt, „U 
sentiment du rief. In noch schwereren Fällen ist auch die „Einheit des 
Ichs" fraglich geworden, das Ich wird in seiner Kontinuität nur gewußt, 
nicht gefühlt. Die Zeit, der Ort, die Kausalität werden gekannt und 
richtig zur Orientierung angewendet, aber nicht in ihrer selbstverständlichen 
Spontaneität besessen. Nur in den schrecklichsten Fällen geht auch der 
Kern des Ichs, der, wie Hermann mit Recht betonte, mit dem Gleich- 
gewichtssinne zusammenhängt, verloren. 

Unter den durchschnittlich schweren Fällen gibt es mehr, welche nur 
über Entfremdung der Außenwelt klagen, als bei denen auch Affekte und 
sonstiges Innenleben die Evidenz verloren haben. W^ir würden nun bei 
Anwendung der Libidothcoric annehmen, daß dort, wo die Außenwelt 
als selbstverständliches Erleben verlorengegangen ist, O b j ek t libido, hin- 
gegen dort, wo das Ichgefühl und das Innenleben verstört wurde, 
n n rzi fft is c h e Libido fehlt.' 

Diese Annahme hat sich mir als unrichtig erwiesen. Denn wir können 
von den Kranken erfahren, daß bei jeder Entfremdung, auch bei solchen, 
welche angeblich ausschließliche Außen entfrem düng sind, stets das Ich- 
gefühl gestört ist; die Kranken brauchen das allerdings nicht von selber 
zu bemerken. Und zwar ist jener Anteil des Ichgefühls gestört, den ich 
in meiner Mitteilung über Variationen des Ichgefühls als „Körperich- 
Gefühl" bezeichnet habe. Dieses verhält sich zu dem von Schilder 
entdeckten „Körperschema" analog wie sonst „evidentes Erleben" zur Wahr* 
nehmung. Das Körperich -Gefühl ist die evidente Sensation des gesamten 
Körpers, nicht nur nach Schwere (wie Schilder und Hartman n fanden), 
sondern auch nach Größe, Ausdehnung und Ausgefülttsein. Dieses uns 
ständig eigene, ja, eigenste Gefühl beachten wir gar nicht, auch dann 

i) Was im Einisltolle mit ihr geschehen ist. ob und wohin sie abgeiogca wurde, 
ob sie geichwunden isl, oder ob lie verwandelt worden iäl, »oll uns heute nicht 

beichüftigen, ebensowenig die pathologischen Voraussoliungeu, unter denen die Ent- 
frenidmig eintritt, also nichl die Vorgeschichte des entfremdeten Ich». Meine Unter- 
suchung betrifft nicht die Klinik der Entfremdung, nur dieDingnose. die Phänomeno- 
logie lind die Theorie ihrer Dynnmik. 



Nar/iUmus im ]di){clii^(^ 



423 



nicht, wenn es gestört ist. Freilich, wenn man einmal auf die Verschieden- 
heit dieser Sensalion, z.B. nach dem Ermüdungszustande, aufmerksam wurde, 
Ml der Gesunde ebenso wie der Kranke leicht imstande, es zu unter- 
scheiden und seine Variationen zu verfolgen. Ich selbst kam darauf, als ich 
vor mehreren Jahren beobachten wollte, wie sich die Ichbesetxungen beim 
Einschlafen von Körper und Seele zurückziehen. Wer das Glück der kindlich 
raschen Dormiiion verloren hat, oder wer darauf zeitweise zu venichten 
bereit ist, wird bestätigen, daß das Körperich-Gefühi dabei einfachen oder 
abstrusen Veränderungen zu unterliegen pflegt. 

Mit dieser Kenntnis wenden wir uns wieder unseren Fällen von Außen- 
Jch-Entfremdung zu. IJa finden wir nun, daß bei ihnen das Körperich- 
Gefühl, diese psychische Repräsentanz der Körpertch- Grenze, während der 
Entfremdung immer gestört ist. Eis deckt «ich dann nicht mehr mit dem 
richtigen Korperschema. 

Nun kommen Verkleinerungen und Veraerrungen des Körpe rieh- Gefühl es , 
auch im vollen Wachzuslande oft bei Menschen vor, die nicht an Ent-l 
fremdung leiden, die sich für ganz gesund halten, nur nicht ganz guter 
Stimmung sind. Bei sogenannter Neurasthenie sind sie sehr häufig. Die 
Störung schwindet aber, sobald die Aufmerksamkeit auf die Vorstellung der 
Gesamtgestall gerichtet wird, was auch von selbst geschieht, wenn Bewegun 
gen des Körpers intendiert oder ausgeführt werden. Sofort ergänzt sich das 
volle Körperich -Gefühl. Das ganze Symptom erscheint so harmlos, daß es 
Ihnen auch zu unbedeutend erscheinen mag. um daraus Schlüsse zu ziehen. 
Es ist aber trotz seiner Harmlosigkeit nicht vage, sondern überraschend 
präzis. Wenn ein Neurast heniker. weil er müde wurde, z. B. sein Ich- 
gefühl nur mehr bis zur Achselhöhle hat, und dabei seine Arme an die 
Brust preßt, so kommt ihm diese — ganz merkwürdig — zu schmal vor, i 
obgleich er wahrnimmt und weiß, wie breit sein Thorax ist. Ein noch 
komischeres Gefühl konnte ich bei mir selbst hervorrufen, wenn ich durch 
Schlafdefizit und Arbeit das Körperich-Gefühl des Kopfes gestört empfunden 
habe. Wenn ich dabei den Schädel mit der Hajid umklammere, so fühle , 
ich ihn trotz der Wahrnehmung des harten Knochens zwischen den breit i 
gespreizten Fingern wie ausdchnuugslos.* 

Ich fand nun, daß bei Außenwelt- Entfremdeten das KörpcrichGcfühl 
nicht nur vorübergehend fehlt oder eingeschränkt und verringert ist, und 
nicht durch eine halbe Stunde Schlaf ausgleichbar ist, sondern daß es hart- 
näckig gestört bleibt. Es ist auch nicht durch Aufmerksamkeit oder Bewegung 
allein zu reparieren , solange die Entfremdung eben anhält. Diese Angaben 

Solche Symptome sind auch von praktischer Beden ning, weil sie als frühestes 
Versagen de» Ichgefühls mahnen, nicht die Übermüdung fortiiisetien. 



•*i 



39" 



424 I'aul Kcdem 



sind von dem Entfremdeten ganz exakt zu bekommen, denn wie Sie wissen, 
ist die Selbstbeobachtung ein ständiges Bedürfnis dieser Kranken. Das hat 
ja mit Unrecht manche Autoren veranlaßt, die Entfremdung selbst durch 
die gesteigerte Selbstbeobachtung, oder wie kürzlich H e s n a r d es wieder 
tat, durch eine Steigerung des Narzißmus zu erklären. Im Gegensatz 
dazu betont meine Erklärung die Herabsetzung der narzißtischen 
Besetzung. 

Wir haben somit die feste Überzeugung gewonnen, daß die Evidenz der 
Körperich- Grenze erhalten bleiben muß, damit die Außenwelt evident 
bleibe. Wir besitzen also, ganz getrennt von der Freud sehen Realitäts- 
prüfung, welche die Außenwelt durch Absuchen und Vergleichen an ihrer 
Unabhängigkeit vom Ich erkennt, ein dauerndes Evidenzgefühl der 
Außenwelt, welches dadurch entsteht, daß die Eindrücke aus der Außen- 
welt eine mit einer besonderen Qualität an Sensation und Kürper-lch-Gcfühl 
besetzte Körperich- Grenze passieren. Die psychische Repräsentanz der Körper- 
icb-Grenze, das Evidenzgefühl denelben, fehlt manchmal nur für Teile 
derselben, z. B. für die Beine beim Gehen oder für das Gehör, Gesicht 
oder den Geschmack. Leichte Grade, also bloße Abstumpfung einer Ich- 
grenze, kann durch Anstrengung noch kompensiert werden. Diese Anstrengung 
begleitet die uns wohl bekannte Realitätsprüfung. Mit ihr stellt sich dann 
eben gleichzeitig das Evidenzgefühl her. Hingegen hat der Normale, völlig 
Ichgesunde tm unterbrochen sein volles Körpergrenzgefühl, welche« dauernd 
und unauffällig die Außenwelt abgrenzt. 

Wir müssen aus all dem mit Sicherheit schließen, daß die Entfremdung 
der Außenwelt in einer Störung der Ichperipherie in bezug auf eine 
Gefühlsbesetzung besteht. 'j Diese ist von der Besetzung der Objekte zu 
unterscheiden. Insbesondere ist dieses periphere Ichgefühl nicht etwa mit 
dem Tastsinn und sonstigen Sinnesfunktionen identisch. Durch viele 
Autoren wurde genauestens festgestellt, daß all diese Funktionen auch bei 
der schwersten Entfremdung intakt geblieben sind. 

Daß nun diese Besetzung der Körper ich- Grenzen libidinöscr Natur ist, 
ergibt sich schon aus den Beobachtungen Nunbergs. Auch ich habe, 
so wie Nunberg früher berichtet hat, ohne von IchbeseUung zu sprechen, den 
unmittelbaren Zusammenhang der Herstellung und des Schwindens der 
peripheren Ichbesetzung mit aktuellen sexuellen Vorgängen bestimmt fest- 
stellen können. Hiezu will ich einige Beispiele aus meiner Erfahrung 
geben : 

Ich habe einen Fall von zeitweise ganz schwerer Außen weltentfrcm düng 
durch zwei Jahre täglich beobachtet und analysiert. Dabei ergab sich, daß 
er immer wieder auf sexuelle Inanspruchnahme mit Verlust des Körperich- 



Narzißmus ira IdigefQge 



425 



Gefühls reagierte. Auch hatte der Dauerausland von Entfremdung nach 
einer exzessiven sexuellen Inanspnichnahme begonnen. Solche Fälle finden 
sich übrigens zahlreich in der nicht psychoanalytischen Literatur, ohne 
daß die Autoren dem die gebührende Bedeutung zugeschrieben halten. 

Dieser Fall lieferte mir noch einen speziellen Beweis für die Provenienz 
der Körperich -Oefühlsbesetzung von der Sexualität. Ihm war das von 
früher wohl erinnerte Evidenzgefühl der Körperperipherie im Bade ganz 
verloren. Während der gelegentlichen Masturbation im Bade, stellte sich 
aber das volle Körperich-Gefühl wieder ein, um mit der sexuellen Abspannung 
einer gesteigerten Entfremdung zu weichen. 

Ein andersartiger überzeugender Beweis war ein Traum, über den ich 
bereits berichtet habe. Er ist ganz singulär, weil er mit dem höchsten 
Grad vorübergehender Körperich-Enlircmdung endete. Der Mann träumte 
besonders lebhaft und ungewöhnlich intensiv sexuell von einem stark 
begehrten Sexualobjekte, welches er außerhalb seines Bettes koitierte. Der 
ganze Vorgang wurde vom Träumer als der lebendigste Traum bezeichnet, 
den er je erinnerte. Man kann sagen, alle im Schlaf erwachte Libido 
war zur Objektlibido geworden; diese Libidoverwendung hielt noch eine 
kuive Zeit beim Erwachen an, denn er erwachte durch den Traum (das 
Problem des Traumerwachens erhält dabei erneutes Interesse), und nun 
föhlte er nur mit dem wachgewordenen psychischen Ichgefühl sich 
selbst, während das Körperich-Gefühl für Peripherie und Tiefe zunächst 
völlig fohlte. Es war ihm unheimlich, neben ihm lag sein Körper im Bette, 
er selbst fühlte sich noch bei dem geliebten Sexualobjekte, das er mit 
überraschtem Bedauern vermißte. Stellen wir uns solche Zustände andauernd 
vor, so haben wir eine Vorstellung vom Grad einer Entfremdung, bei der 
alle narzißtische Besetzung des Körperich fehlt. Ähnliche Zustände werden 
von Narkotisierten berichtet. Solche Entfremdungsgrade sind in der Literatur 
zahlreich beschrieben. 

Ich könnte noch andere Beispiele dafür bringen, wie unmittelbar das 
Körperich -Gefühl von dem Sexualtriebe abhängt. Das Berichtete laßt aber 
bereits den Schluß wehen: Das Evidenzgefühl beruht auf dem Ich 
zugewendeter, besser auf für dasicligefühl verwendeter Libido. 
Die Libido stellt erst unser Ich her. Der Narzißmus ist hier nicht eine 
theoretische Konzeption, sondern gleichsam in statu nascatdi beobachtet. 
Die Tatsächlichkeit des Narzißmus ist damit bewiesen.' 



i) E« ist nicht AutoritStsglaube und Vortiebc für eine Theorie, sondern die 
Empirie, die uns hindert, der Psychologie Ranks lu folgen und die Libidolelire 
über Bord zu werfen; oder mit Adler die Sexualität als Akicdens und bloOe« 
Betätigungsfeld der ganzen Individualpsyche aufiufassen. 



■») UU^JU -wt^^tt ^%A*<«A j--* 



iw^^U 



426 Paul l'cdcrn 



Mit den bisherigen Ausführungen habe ich meine Bezeichnung der 
Entfremdung als „narzißtische Aktualpsychose" gerechtfertigt. Ich habe der 
aktuellen sexuellen Ursache nur der Beweisführung wegen so breiten 
Raum gegeben, dabei aber nicht sie als einzige Unache der Enlfrcmdungs- 
zustände bezeichnen wollen. Entfremdung tritt nicht nur wegen aktueller 
Störungen in der Ökonomie der aktuellen Sexual Vorgänge, d. h. wegen 
Erschöpfung der Libidoreservcn auf. Viel häufiger schwindet die narzißtische 
^Besetzung der Körperich -Grenzen aus all den komplizierten psycho- 
I neurotischen Mechanismen, durch welche Libido verdrängt oder 
verschoben wird. Besonders wichtig und gleichfalls empirisch nachweis- 
bar ist die narzißtische Besetzung vermöge der Identifizierung des Ichs mit 
dem männlichen Genitale und ebenso ihre Störung bei deren Störung, 
z. B. bei Fathoneurosen nach der Darstellung Ferenczis. Die nar- 
zißtische Besetzung kann also vom Ich aus oder von den Libidoquellen des 
I Es aus gehindert sein. 

Wiederholen will ich bereits in Budapest Gesagtes, weil es seither von 
Reik in Wien vorgebracht wurde: daß nämlich die erste Eiitfremdung 
in der Kindheit meist aus einem Schreckerlebnis resultiert. Weshalb da> 
Ich mancher Personen dauernd geschwächt bleibt, so daß später Deper- 
sonalisaiionsvorgänge im Vordergrund der Erscheinungen stehen, gehört 
nicht lur Frage nach dem Wesen, sondern zur Ätiologie und Klinik der 
Depersonalisation. Diese heute zu besprechen, fehlt die Zeit. Dieser Zu- 
sammenhang von Schrecken und Depersonalisation macht uns weiter auf 
einen wesentlichen Unterschied in der Dynamik der Angst und des 
Schreckens aufmerksam. BeiderAngsi behält die Körperich -Grenze ihre 
narzißtische Besetzung, wahrscheinlich ist sie durch die gespannte Erwartung 
und die mit ihr verbundene libidinose Betonung des Ichs, das bewußt 
oder unbewußt von Gefahr bedroht isl, sogar stärker narzißtisch besetzt. 
Diese narzißtisch libidinose Besetzung erklärt zum Teil das Bestehen von 
Angst I US t. Beim Schrecken verliert das Ich seine narzißtische 
Grenzbesetzung; jeder Schrecken ist mit Entfremdungsgefühl verbunden. 
Damit bringe ich die Erklärung der traumatischen Neurose durchFreud 
in diesem neuen Zusammenhange wieder. 

Eigentlich darf es uns nicht wundem, daß die Außenwelt bei Ent- 
blößung der Ichgrenze von ihrer narzifltijchen Besetzung, die wir 
ständig als gesundes KörporichGefühi empfinden, entfremdet ist. Die Er- 
scheinungen, welche dem Fehlen der Objekilibido entsprechen, kennen 
wir ja schon lange als Gleichgültigkeit und Kälte gegenüber den Objekten. 
Diese Verarmung an Libidobesetzung der Objekte und Objektvorsiellungen 
geht oft lange der Entfremdung voraus. Wir bezeichnen die ungeliebt 



Nanlflmus Im Idigefügc 427 



gewordene Welt oder Person ja auch, aber in einem ganz anderen Worl- 
sinne als fremd, nämlich im Sinne von „so gleichgüliig wie ein Uabe- 
kanntpr". Aber der völlig gleichgültige, keines Interesses und keiner 
Übertragung würdige Unbekannte wirkt nicht eine Spur „entfremdet . 
Und wenn wir von der Fixierung der gesamten Objektlibido an eine 
Person, von der Liebe sprechen, so fällt uns auf, daß bei plötzlicher 
Erkaltung derselben unser Ich erkaltet und geändert ist, während das 
Objekt uns gleichgültig wurde, aber keines von beiden, weder das Ich noch 
das Objekt, im Sinne der Depersonalisation „entfremdet sind. 

Ich glaube, wir wundem uns viel zu wenig, daß überhaupt, wie wir 
abermals gefunden haben, das Ich und die Welt anders, ja, völlig anders 
werden können, wenn die Sexualität gehindert oder verdrängt wird. Vor 
Freud gehörte die Sexualität kaum zur Seele, nur zum — Körper. Vor der 
Psychoanalyse haben wir auch die Liebe nur als Erlebnis des Ichs, als 
freudiges oder trauriges, aufgefaßt. Sie ist es aber — wie wir heute wissen — 
die erst das Ich schafft und die es erhält. Die Frage, die der 
fromme, große Dichter an seinen Gott gerichtet hat: „Hast du die Liebe 
ins Weltengewebe verknüpft oder ist sie dir nur als Rechenfehler ent- 
schlüpft?"' — diese Frage hat erst die Psychoanalyse beantwortet. Sobald 
wir uns aber besinnen und das Wunderbare im Ichaufbau durch die 
Libido bedenken, dann müssen wir die Größe der Konzeption Freuds 
bewundern, die aut der Weltabkehr eine» Schizophrenen den Naraißmus 
zuerst erschlossen bat. 

n 

Vom Narzißmus wird die psychische Repräsentanz der Wahmehmungs- 
pforten, das ist die Körperich- Grenze, mit Körper- Ichgefühl besetzt. Wir 
hörten schon, daß diese narzißtische Hülle normaler- und pathologischer- 
weise — nach Stärke, Ausdehnung und Widerstandskraft — variiert und 
mit ihr das Körper-Ichgefühl. 

Von den Encheinungen der krankhaften Variation de» Körper- 
Ichgefühls, also von der Pathologie des peripher sich zeigenden Narzißmus, 
wollen wir nun sprechen. Die Stärke der Besetzung ist individuell 
verschieden und stellt eine wichtige Komponente der Laune und 
Stimmung dar. Pathologisch gesteigen finden wir den Unterschied 
zwischen manischen und melancholischen Zuständen. Der Manische fühlt 
sich an Brust und Gliedern wohler und erfüllter, der Melancholiker 
unwohl und wie ausgeleert. Bei Melancholie sind Entfremdungszustände 
besonders häufig. 

i) M i c k i c w i c t. Totenfeier. 



430 Paul h'cdcrn 



Gesicht, Genitale, Nates, Frauen die Brüste mit ständig stärkerem Ichgefühl 
hesetzt. So zeigt sich der Einfluß Her Partialiriebe. die im Narzißmus zur 
Geltung kommen, in der Verteilung der Besetzung. Durch diese» 

i perverse Ichgefühl ist auch — von den nur schlummernden Wünschen 
abgesehen — erklärt, daß solche Individuen ihre Perversität ständig 
fühlen und immer die Bereitschaft haben, als Perverse erkannt oder 
verfolgt zu werden. 

Ein Qualiiätsunterschied könnte aher in der narzißtischen Besetzung 
selbst fortbestehen, nämlich der zwischen der aktiven und passiven, 
respektive männlichen und weiblichen, vielleicht auch der Spannungs- 
libido. Bisnun hat kaum noch die Sprache die Worte für diese Nuancen. 

Es ist selbstversländlich. soll aber der Klarheit wegen nochmals aus- 
drücklich gesagt werden, daß mit all diesen Verschiedenheiten keine Ver- 
schiedenheit der Sinnesfunktionen verbunden ist; erst durch einen oder 
den anderen Konversionsmechanismus können physiologische Funktions- 
veränderungen hinzutreten, 

m 

Wir verlassen jelzt die Entfremdung der Außenwelt und wenden uns 
den Enifremdungserscheinungen des psychischen Innenlebens, also der 
eigentlichen Depersonalisation, der Ichentfremdung, zu. Bei der Außen- 
welienifremdung konnten wir die narzißtische Besetzung, respektive ihr 
Fehlen immer am vom Kranken beobachteten K örp er - 1 c h -Gefühl 
erkennen. Zur Untersuchung der Entfremdung der Innenwelt fehlt uns 
dieser Index und wir bedürfen für sie einer Arbeitshypolhese, deren 
Richtigkeit, wie ich glaube, auch Sie anerkennen werden. 

Alle Gefühle von Entfremdung haben etwas so spezifisch Gleiches, 
daß wir Tür alle eine und dieselbe spezifische Ursache annehmen müssen] 
mag die Entfremdung welche psychische Funktion immer befallen. Da 
nun für die äußeren Wahrnehmungen die Ursache im Verlust einer 
normalen narzißtischen Besetzung von uns festgestellt wurde, müssen wir 
überall einen Verlust von narzißtischer Besetzung annehmen, wo Ent- 
fremdung vorkommt, also auch bei Entfremdung des Fühlens, Denkens, 
Erinnerns, Wollens u. a. Die Evidenz einer Funktion geht regelmäßig 
nur dann verloren, sie wird entfremdet, wenn die betreffende narziß- 
tische Besetzung verloren ging. Wo sie aber verloren gehen konnte, 
muß sie in der Nonn vorhanden gewesen sein. Anoden normalen Funk- 
^ tionen können wir den Anteil des Narzißmus nichtbeobachten. bisnun 

wenigstens, an ihnen konnten wir ihn nur erschließen. Durch den patho- 
logischen Mangel erfahren wir jetzt, wo in der Norm eine narzißtisch 



NariciUmus Im IdigelOgc 



431 



besetzte Ichgrenzc dauernd besteht. Durch diese Methode können wir jetzt 
den Narzißmus im Ichgefüge auch innerhalb der äußeren Ichperipherie, das 
ist der psychischen Repräsentanz der Wahrnehmungsperipherie, finden. Ganz 
kurz ausgedrückt: Wo Entfremdung vorkommt, da besteht 
im normalen Ichgefüge eine narzißtische Besetzung. 

Wir werden an dieser Annahme um so eher festhalten, je mehr sie 
von den bisherigen psychoanalj-tischen Ergebnissen für die Theorie von 
der Ichlibido bestätigt wird. Wo sie zu anderen Ergebnissen führt, dort 
bedarf es neuer Untersuchung. 

Wir können noch weiter gehen und sagen: Wo niemals Entfremdung 
vorkommt, dort dürfte es sich nicht um Beteiligung des Narzißmus an 
dieser Funktion handeln. Wir können nun den Narzißmus, aber auch nur 
ihn, wie durch ein Reagens nachweisen. Wir dürfen nicht aus unseren 
Ergebnissen schon schließen, daß er allein das Ich aufbaut. Vielleicht 
werden wir durch das Fehlen jeder Entfremdung auch noch auf die 
anderen Faktoren im Ichaufbau aufmerksam gemacht werden. 

Ich denke, unsere Arbeitshypothese verspricht uns ein weites Arbeits- 
programm, das bei den schweren Ichstörungen, bei Psychosen, tief in das 
Ichgefüge hineinführen wird. Freilich müssen wir bei den schweren 
narzißtischen Ichstörungen die große Schwierigkeit erwarten, daß schwer 
Geisteskranke uns nicht klar von ihren Entfremdungsgefühlen berichten 
dürften, so wie es die intellektuell intakten Depersonalisierten, welche ich 
bisher untersuchte, tun. Eine ähnliche Schwierigkeit besteht für den Traum, 
dessen Selbstbeobachtung während des Traumes schwer gelingt und noch 
schwerer in der Erinnerung richtig festgehalten wird. 

Heute wollen wir nur die Entfremdung einiger psychischer Funktionen 
mit unserer Methode ganz allgemein prüfen. Wir wenden uns zunächst 
den Affeklen zu. Die Entfremdung erstreckt sich seltea auf das ganze 
Gefühlsleben im selben Ausmaß. Dabei benimmt sich und handelt der 
Kranke wie einer, der Gefühle hat, und klagt doch über Gefühls- 
verarmung. Hierin liegt ein noch nicht hervorgehobenes Symptom der 
„pathologischen" Trauer, Bei ihr besteht immer auch eine Entfremdung 
für den Traueraffekt. Dabei haben aber die Selbstvorwürfe, Klagen und 
Schuldgefühle alle Macht über den Kranken, der aber auch von ihnen es 
oft beklagt, daß er sie nicht fühlt, der sich anklagt, daß er stumpf 
sei. Analog sind in allen anderen Fällen von Entfremdung der Affekte 
diese für den Kranken nicht „echt", nicht evident, er fühlt sie anders, 
analog wie er die Wahrnehmungen als anders aufnimmt. Die Affekte 
sind aber nicht etwa unbewußt, denn der Kranke merkt und klagt, welche 
Affekte — z. B. Scham, Ehrgeiz, Liebe — er unecht fühlt. 



432 Paul ledern 



Wir schließen also, daB das Ich die Affekte in der Norm mit einer 
narzißlisch besetzten Grenze aufnimmt, derea Besetzung bei dem Affekt- 
entfremdeten fehlt. Diese Folgerung stimmt aber gut mit den Lehren 
Freuds überein. sowohl damit, daß die spezifische Qualität jedes Affektes von 
der Qualität seines Abstrümens in das Physische erhält, als auch damit, 
daß sie Erinnerungeu längst vergangener, wiederholter Erlebnisse sind. 
Wir können noch nicht sagen, ob die Entfremdung eines Affektes daran 
liegt, daß er — zentrifugal — beim Abströmen eine nicht mehr narziß- 
tisch besetzte Ichgrenzc verläßt, oder daran, daß die Sensation des Affektes 
— zentripetal — eine solche Grenze trifft. Jedenfalls ist jedes Gefühl. 
das unnarzißtisch vom Ich empfangen wird, ein kaltes Nichts an Gefühls- 
erlebnis, so stark es auch objektiv sich ereignen würde, wenn es ah 
„icheigen", d. h. an einer narzißtisch besetzten Grenze das Bw U-äfe. 
Diese Auffassung bestätigt auch die Meinungen und Erklärungen vieler 
nicht psj-choanalytischer Autoren, die von Inakiivitätsgefühl beim ent- 
fremdeten, von Aktivitätsgefühl beim normalen Gefühl sprechen, denn 
auch die Libidolehre meint mit dem Worte „Besetzung" ein aktives 
Empfangen. „Aktives Empfangen" klingt wie eine Contradicüo in adjecto; 
und doch entspricht es dem tatsächlichen Vorgange. Ebenso entspricht 
unsere Erklärung dem Fühlgefühl Löwys und der Noesis Husserls 
und gibt beiden den spezirischen Inhalt, daß die narzißtische Besetzung 
beim Passieren der Ichgrenze dieses Evidenzgefühl verleiht. Es wird viel 
Einzelarboii erfordern, um die einzelnen Grenzen für die Gefühlsarten zu 
unterscheiden oder die Einheitlichkeit der Ichgrenzc für sie nachzuweisen. 
Auch besteht eine Schwierigkeit für das Verständnis und für die Ver- 
ständigung über diese Verhältnisse darin, daß dieses Begegnen mit dem 
Narzißmus des Ichs selbst als Gefühlsquaiität zusammen mit dem Gefühl 
einheitig erlebt wird, während es bei den Wahrnehmungen als grund- 
verschiedene Erlebnisart sich leichter von ihr abtrennen läßt. Ej ist so, 
wie wenn bei manchen Waren der Grenzzoll direkt und separat »er 
rechnet wird, bei anderen im Gesamtpreis verechwindet. 

Wir erwähnten früher, daß die Affekte auch deshalb, weil sie Erinne- 
rungen an Erlebnisse sind, der Entfremdung unterliegen. Das Erinnern ist 
nämlich bei vielen Eulfremdungskranken an der Störung beteiligt. Die 
Erinnerungen treten schnell und richtig, auch klar unterschieden, ins Bw 
und treten doch, man möchte sagen, merkwürdig „unichisch" ein. Unter 
den Psychoanalytikern hat Reich auf das Erinnerungsgefühl besonderen 
Wert gelegt. Nach unseren früheren Erörterungen müssen wir annehmen, 
daß das Erinnerungsgefühl fehlt, wenn eine zu schwache oder gar keine 
narzißtische Besetzung dort bereitet ist oder dort sich herstellt, wo die 



Narzißmus im IdigcfDge 



433 



Erinnerungen in das Bu> eintreten. Hier führen Verbindungen zu den Aus- 
führungen Ferenczis über die Bejahung. 

Eine bemerkenswerte Tatsache ist, daß wirklich Verdrängtes beim Ein- 
irolen in das Bit-, soweit icli beobachtet habe, nie den Charakter des Ent- 
fremdetseins beim Eintritt in das Bw hat. Die narzißtische Besetzung 
der Ichgrenze ist dabei bereits vorhanden. Man darf aber nicht etwa meinen, 
daß eine entfremdete Erinnerung nicht bewußt sei, daß also die narziß- 
tische Besetzung mit jener psychischen Besetzung, welche die Bewußtheit 
ausmacht, identisch sei. 

Man kann im Gegenteil hier den wesentlichen Unierschicd von der 
narzißtischen Besetzung, die getroffen wird, und der objoktlibidinösen Be- 
setzung, die an der erinnerten Vorstellung haftet, hervorheben. In der Ver- 
drängung war die objektlibidinöse Besetzung der betreffenden Objektvor- 
siellung entweder im Vbiv vorhanden und von den Verbindungselemenien 
abgezogen oder aber von der verdrängten Vorstellung selbst abgezogen. 
Die auftauchenden Assoziationen bringen die objektlibidinösen Besetzungen 
vrieder. Die Ichgrenze selbst kann nartißtisch überbesetzt — bei der Zwangs- 
neurose — oder minderbeselzt oder unbesetzt sein. Und nur von dieser 
narzißtischen Besetzung oder W i ed erbesei zu ng hängt das Erinnerungs- 
Ichgefühl ab. 

Das d^ja-vu, für welches Freud die ökonomische und inhaltliche Be- 
dingung in dem Zusammenhang mit einer unbewußten Verschiebung 
aufstellte, wurde mit Recht von allen Autoren, außer von Freud selbst, 
der Depersonalisation zugerechnet. Bei diesem, immer als gewaltsame 
Störung der selbstverständlichen Stabilität des Daseinsgefühls empfundenen 
Vorgang wird bekanntlich ein Erlebnis als schon einmal dagewesen plötzlich 
erfaßt, wobei das Zeitgefühl so verloren geht, daß mau nicht weiß, ob 
dieses „schon dagewesen" unmittelbar zuvor oder vor unerdenklichen 
Zeiten eintrat. Das Phänomen tritt bei manchen Depersonalisat ionskranken 
gehäuft auf, wird von ihnen als Entfremdungsgefühl agnosziert; da diese 
Kranken für die Agnoszierung Experte sind, besteht für mich kein Zweifel, 
daß das Dija-vu in einer ganz kurzen Entfremdung besteht. Der Sach- 
verhalt stellt sich nun dar, wie folgt: Ganz vorübergehend passiert als 
auftauchendes Erlebnis eine Erinnerung die Vorstellungslchgefiihls grenze 
oder eine Wahrnehmung, die Wahmehmungs-Ichgefühlsgrenze zuerst in 
einem Momente, da die Grenze ohne narzißtische Besetzung ist und gleich 
danach, da sie wieder narzißtisch besetzt wurde. Ich habe in den letzten 
zwei Jahren kein Dejavu gehabt und kann daher nicht entscheiden, ob 
nicht bei manchem Dija-vu das Erlebnis gleichzeitig zwei Ichgefühls- 
grenzen passiert, von denen die eine nanißtisch besetzt, die andere von der 



> 



434 Paul hedcrn 



narzißtischen Besetzung entblößt ist. oder ob die gleiche Grenze rasch 
hintereinander getroffen wird. Es ist also gleichsam wie ein Uoppeltsehen. 
das dadurch entsteht, daß vor das eine Ange ein Prisma tritt, oder daß durch 
einen Doppelspat (mit zwei Brechungsindizes) geschaut wird. Die narziß- 
tisch stumpf gewordene Grenze raubt das Gegenwarts- und Evidenzgefühl, 
die narzißsiisch erregte Grenze erteilt es. So scheint das Dejavu eine 
besonders schöne Illustration unserer Annahmen. Es bestätigt auch den 
Zusammenhang mit innerem Erschrechen, denn dieses geht in verschie- 
denem Ausmaß oft dem D,'ja-vu voraus oder tritt mit dem Dcja-vu ein. 
Am Dt>a-„„ sahen wir auch, daß das Zeitgefühl entfremdet sein 
kann. Über solche Entfremdung wird von vielen Depei^onalisierten geklagt. 
W,r müssen also auch eine narzißlisch besetzte Ichgefühlsgrenze als gegen 
die Zeitwahrnehmungen existierend annehmen. Diese Annahme deckt sieh 
mit den von Freud in seiner Arbeit über den Wunderblock und von 
Hol las gegebenen libidotheoretischen Erklärungen des doppelten Be- 
setzungsverlaufs, der im Fbu: resp. im Ubw und B,r stattfindet, je 
nachdem es sich um bewußte oder unbewußte Zeitwahrnehmung handelt. 
Die wirkliche Orientierung in der Zeit, das Wissen vom Zeilablauf, ist 
anolog wie bei allen anderen Depersonalisationsphünomenen nicht alteriert. 
Eine genaue Untersuchung der Zeitentfremdung dürfte uns noch Genaueres 
Über das Deja-vu und über die narzißtische Besetzung zwischen l^bw und 
Bw erkennen lassen. 

IV 

Ein Problem der Psychose läßt sich durch unsere neuen Erfahrungen 
verständlicher machen. Wenn eine Vorstellung, die sonst nur gedankliche 
oder bildliche Stärke hat. als real in der Außenwelt empfunden wird, so 
bezeichnen wir sie als H a 1 lu z i n a ti on; eine völlige Projektion hat 
stattgefunden. Dieser Vorgang erklärt sich, wenn wir annehmen, daß 
analog wie wir für das Körper- Ichgefühl fanden, daß es auf eine frühere 
Ichgröße regredieren kann, auch sonst verlassene Ichgrenzen neuerdings 
narzißtisch besetzt werden können. Die Stimme, welche einstmals wirklich 
durch eine Ichgreuze hindurch gehört wurde, verlor den Wirklichkeits- 
charakter, als diese Ichgrenze erweiten, resp. durch eine von weitcrem 
Umfang ersetzt wurde. Wird aber jetzt die alte kleinere Ichgrenze partiell 
wieder narzißtisch beseßt, so tritt damit für die Stimme das Realitäts- 
gefühl wieder auf. Tatsächlich finden wir psychotische Halluzinationen 
gleichzeitig mit Ichregressionen. Es könnte aber auch eine Ichgrenze, 
z. B. in Delirien, ohne Regression vorübergehend neu besetzt werden. 
Ich kann hier nur erwähnen, daß auch solche Enlfremdungsvorgänge 



Nanlßmus im Idigi^fagc 435 



auftreten, die auf eine narzißtisch besetzte Grenze zwischen Ich und Über- 
ich schließen lassen: das Sollen kann entfremdet sein. 

Im Zusammenhang mit der Ich- Über- Ich- Grenze sei auf die narziß- 
tischen Psychosen und Neurosen hingewiesen, deren Dynamik und Topik 
durch die Berücksichtigung der durch Enlfremdungsge fühle offenbarten 
Ichgrenzen wahrscheinlich viel genauer untersucht werden kann. Die_ 
Depersonal isationszustünde bilden nämlich nicht eine einheitliche Krank- 
heit,_ sondern sie kommen klinisch vom fast Normalen beginnend, bei 
sogenannter Psychasthenie und anderen Aktualneurosen bis zu den leichten 
und schwersten Schizophrenien und Manisch-Melancholischen in wech- 
selnder Stärke und Form vor. Ich glaube, daß das Wort „narzißtisch 
dann weniger als jetzt als bloße Richtungsbezeichnung verwendet werden 
wird, sondern qualitativ verschiedene, typische Bindungsstellen in der Psyche 
bezeichnen wird. 

Unsere weitere Aufgabe wird die genauere Untersuchung derjenigen 
Psychose sein, der nur der Gesündeste im Schlafe nicht anheimfallt, des 
Traumes. Heute kann ich nur mitteilen, daß das „Ich im Traume , 
sowohl was Körperich- Gefühl als was seelisches Ichgefühl betrifft, beim 
Einzelnen in verschiedenen Träumen, auch in einer Nacht, und bei ver- 
schiedenen Personen variiert. Diese Verschiedenheiten haben auch mit der 
Dynamik des Traumes und mit der habituellen narzißtischen Besetzung 
des Schläfers in seinem Wachzustande zu tun; auf diesem Gebiet sind 
Gesetzmäßigkeiten zu finden. 

Der Traum gibt uns für unser heutiges Thema Hinweise auf bisnun 
noch ungelöste Probleme. Ich ziehe ihn nur soweit in die Untersuchung 
ein, als ich es für das letzte Thema, das ich noch behandeln will, für das 
Thema der W illcnsenifremdung benötige. Viele dieser Kranken klagen 
nämlich über den Automatismus ihrer Handlungen, als ob sie keinen 
Willen dabei verspürten. In diesem Zusammenhang sagen sie, daß sie wie 
im n räume handeln. Auch sonst nennen Depersonalisierte die entfremdete 
Welt traumhaft. Im Traume selbst gibt es aber kein Entfremdungsgcfühl._ 
Selbst wenn die Realitätsprüfung erwacht und der Träumer einen Vorgang 
als ganz überraschend und als seiner sonstigen Erfahrung widersprechend 
erkennt, so fügt er doch sich gegen sein besseres Wissen darein, daß z. B. 
der tote Vater lebt. Alle Traumbilder werden also mit einer narzißtisch 
besetzten Vorslellungsgefühlsgrenze wahrgenommen, wenn wir überhaupt 
für das Traum- Ich das gleiche Ichgcfüge annehmen dürfen, wie für den 
Wachzustand. Das sind Fragen, welche die Traumlehre Freuds beant- 
wortet, die aber durch neue Beobachtung beiläiigt werden sollten. 

Wie bei der Entfremdung, fehlt nun in der Mehrzahl der Fälle im 



43^ Paul Kcilcm 



Traume das Körper- Ich gefülil oder es ist sehr eingeschränkt; wie bei manchen 
Entfremdungen, fehlt meist das Zeitgefühl^ Vor allem fehlt aber (las 
"\ Wollen — von kärglichen und selten auftretenden Resten' abgesehen — 
im gewöhnlichen Traume. Darauf hat Freud in seiner Traumdeutung 
hingewiesen. Schon Jan et nennt als erstes Gemeinsames von Traum und 
Entfremdung die Abulie. Der Entfremdete merkt diese eigentümliche Art 
von Abulie, die keine wirkliche ist. Der Träumer erlebt sie naiv, ohne 
sie lu merken, ohne sie mit dem Wollen des Wachens zu vergleichen. 
Es widerspricht nicht unserer Erklärung der Entfremdung, daß im 
Traume so oft das Körperich- Gefühl fehlt, ohne daß eine Entfremdung vom 
Träumer empfunden wird. Der Träumer steht keiner Außenwelt gegen- 
über; aber so weit er träumt, ist er erwacht und empfängt die auf- 
tauchenden Vorstellungen mit einer narzißtisch besetzten Grenze, welche 
eben die relative Evidenz der Traumbilder bedingt. Wir müssen freilich 
annehmen, daß es nicht die Wahmehmungsgrenze ist, mit welcher er die 
Bilder empfängt. Dabei wissen wir nicht, ob das so oft bestehende Gefühl, 
zu träumen, dem Erwachen dieser Grenze und einem Kntfremdungsgefühl 
entspricht. Ich weiß auch noch nicht, ob in solchen Träumen das Körper- 
ichgefühl sich einstellt. Wir Psychoanalytiker sind gewohnt, kleine Anzeichen 
im manifesten Traume als Repräsentanten wichtiger, vom Schlaf gelähmter 
Vorgänge zu erkennen. Wir finden nun solch ein Anzeichen im Traume, 
wenn eine Willensaktion eingetreien ist. ohne daß der Träumer das Willens- 
erlebnis hat. Der Träumer hat statt des Willens eine ganz vorübergehende 
Betonung der Kürpcrich-Grenze, d. h. eines Teiles des Körperich- Gefühles, 
die vorher fehlte. In einem Traume, der gar kein Körperich-Gefühl erinnern 
läßt, wird der Arm gespürt, wenn mit ihm etwas gelragen wird. Diese 
Zuwendung von narzißtischer Besetzung ist das. was einer Wiltenshandlung 
im Traume entspricht. Analog stellt sich bei einer entfremdeten Person, 
der es gelingt, die Willkür ihrer Handlung zu fühlen, auch das Körper- 
ich-Gefühl für die betreffenden Körperleile wieder her. 

Wir sehen also, daß zum VVillensakte wie auch zur Aufmerksamkeit, 
abgescBen von der libidinösen Objektbesetzung, eine narzißtische Körper 
ich-Grenzbesetzung nötig ist. Aber weder die objektlibidinöse Besetzung 
allein, noch sie und die narzißtische Körperichbesetzung vereint, genügen 

i) Auch in dem typischen Troiimi?, in welchem der Träumer t. B. einen Zug' 
erreichen will, scheint es sich nicht um ein aiisnahmswciscs Erwachen des Willens, 
sondern niu um Willenserinnerungen lu handebi. Auch diese Willensan triebe laufen 
iinrcgulierbar im Traume ab. 

Die Nacht wandlertrüiune bedürfen noch einer besonderen Unlersuchung. Die 
obigen Ausfüliriingcn beziehen sich jedenfalls nicht auf solche abnorme Träume, und 
nicht auf die seltenen Träume, in denen ein Wollen erlebt wird. 

. . 'S 



Niir/illmu'i im Idigffüfjc 437 



für den Willensakt; die sind ja auch im Traume vorhanden, und doch 
kommt kein Wollen zustande. Auch sind sie — wie wir schon erfahren 
haben — nicht für das Wollen spezifisch. Die objektlibidinöse Besetzung 
finden wir ja bei jedem Wunsche oder bei passiver Vorliebe, die nnrziQtische 
Korperich-Gefühls besetzung gehört ja zum normalen VolMch, auch wenn 
es nicht seinen Willen spürt. 

Es ist selbstverständlich, daß lum Erlebnis des Wollen» die psychische 
Ilepräsentanz der Muskelaktion hinzutritt. Es gibt aber auch ein Wollen 
mit aufgeschobener Innervation. Damit es zum Wollen komme, gehört 
aber ein bestimmter Vorgang, dessen Fehlen für den Traumzustand \ /-i 

charakteristisch ist, und der auch bei den höheren Graden von Ichstörung, welche ( ( 

über das bloße Entfremdungsgefuhl beim Wollen hinausgeht und sich zur 
Traumbafiigkeit des Handelns steigert, gestört ist. Freud hat diesen 
Vorgang in seiner Bewußtseinslehre in der „Traumdeutung" aufgedeckt. 
Wir können ihn als Regulierung des Abströmens von Quantitäten von 
Objcktlibido^ bezeichnen. 

Überlegen wir uns, worin das eigentlich Traumhafte im Traume besteht: 
Die Traumbilder laufen ab, ohne daß der Träumer — im gewöhnlichen 
Traume — vom paniellen Erwachen einer sonst schlafenden Instanz 
abgesehen — imstande ist, so wie im Wachen ein Traumbild festzuhaltca 
oder zurückzurufen. Das Ich ist im Traum völlig passiv den aus dem übw 
aufgetauchten Traumelemenien ausgeliefert; es gibt kein Zurück, kein 
Verharren im Traume. Dieser Akt des Verharrcnlasscns, der dem Denken 
und Wollen gemeinsam ist, gehört also einer im Traum gelähmten Instanz 
zu. Da sie nicht der uns schon bekannten narzißtischen Besetzung zugehört, 
so muß das Festhalten der Objektlibido im Wachen von einer anderen 
Kraftquelle ausgehen. Nun gehört das Wollen unbedingt zum Ich. Diese 
Kraft geht daher vom nicht libidinösen Anteile des Ichs, von jenem Triebe 
aus, welchen Freud nicht nur, weil er zuletzt zum Tode führt, sondern 
'auch, weil er als Angriffs- und Verteidigungs trieb zuerst löten wollte, den 
Todestrieb genannt hat. So sind wir auf dem Wege des Ausschlusses dazu 
gekommen, im Wollen einen nicht libidinösen Teil des Ichs zu erkennen. 
Da sich die Psychoanalyse vor allem mit dem Unbewußten und der Libido 
beschäftigte, hat die Untersuchung des Willens bisnun nur wenig Raum 
in ihr eingenommen. 

V 

Nun, nachdem wir auf diesem Wege zuletzt auch die Zweiteilung in 
Liebes- und Todestriebe bestätigt fanden, wollen wir kurz zurückblickend 
noch hervorheben, worin der Fortschritt dieser Untersuchung uns zu liegen 

Inl. ZeiDchr. (, Pfjrchaanab» Xlll't yi 



438 PhuI l\-dern 



■cheint. Wir haben jene Ichsiöningen gefunden, durch welche die Psyche der 
traumatischen oder sonst krankmachenden Wirkung der Libido-Inanspruch- 
nahme nicht widerstehen kann: es sind dies das Schrockerlebnis und die 
Zurückziehung der narzißtischen Ich grenz- Besetzung. Wir haben dadurch 
Janet's y^onction du sentiment da r«/" ebenjo wie der von Minkowski 
charakterisierten „norion de perte de contact vital avec la rcalitc einen ganz 
spczinichen, meta psychologischen Inhalt gegeben. Wir haben die Libido- 
funklion für den Aufbau des Ichs durch Beobachtung der als Entfremdung 
auftretenden Ak mal psych ose neuerdings bewiesen. Unsere Betrachtungen 
scheinen auch einen neuen Weg zur Erforschung der Ichstruktur zu eröffnen. 



Das Problem der Melandiolic 

Vortrag auf dem X. Imtmalionalm Psychoanalytischm Xmgrffl 
tu iTuubruek am i. Srptimbtr igij 

Sändor K B d 6 

BcTlin 

Meine Damen und Herren 1 

Die Einsichten der Psychoanalyse in das Krankheitsbild der Melancholie 
knüpfen sich an die Forschungen Freuds und Abrahams. Abraham 
hatte alt erster sein Interesse diesem Gegenstand zugewandt. Er sprach 
bereits ign den Salz aus [i], daß die Melancholie eine der Trauer ver- 
gleichbare Reaktion auf den Liebes- (Objekt-) Verlust darstellt. Einige Jahre 
später tat Freud [2], nachdem er inzwischen das Gebiet dei Narzißmus Tür 
seine Untersuchungen erschlossen hatte, zur analytischen Aufhellung der 
Melancholie den entscheidenden Schritt. Er erkannte, daß in der Melancholie 
das aufgegebene Objekt im Ich wieder aufgerichtet wird und der Kranke 
auf diese Weise in seinen Selbst vorwürfen die Aggression gegen das Objekt 
fortsetzt. Als nächste Voraussetzung dieses Vorganges hob er die Regression 
von der Objektbeziebung auf deren narzißtischen Ersatz hervor, ferner die 
Vorherrschaft der Ambivalenz, welche an die Stelle der Liebe den Haß 
und die orale Einverleibung rückt. In einer späteren Schrift /)7 fügte 
Freud dieser Auffassung die Bemerkung hinzu, die Grausamkeit des 
Über-Ichs in der Melancholie sei eine Folge der Triebentmischung, die 
mit dem Akt der Identifizienuig einhergehe. 1935 erfolgte dann eine zweite 
umfassende Veröffentlichung Abrahams über die Melancholie [4]. Er 
konnte an einer Reihe vonrefflicher Etnzelbeobachtungen die Ergebnisse 
Freud« in allen Punkten bestätigen und ergänzte dieselben durch mehrere 
bedeutsame klinische Funde. Er betonte die durch Ambivalenz bedingte 
Liebesunfähigkeit der Kranken, zeigte die Bedeutung kannibalischer und 
analer Triebimpulse für ihre seelischen Produktionen und deckte in ihrer 
Kindheitsgeschichte eine „Urverstimmung" auf, die sie auf der Hohe der 



438 Paul ledern 



tcheint. Wir haben jene Ichslörungen gefunden, durch welche die Psyche der 
traumatischen oder sonst krankmachenden Wirkung der Libido-In anspruch- 
nähme nicht widerstehen kann: es sind dies das Schreckcrlebnis und die 
Zurückziehung der oarzißtischen Ichgren7.-Beset7,ung, Wir haben dadurch 
Janet's ,jfonccion du sentiment da. riet' ebenso wie der von Minkowski 
charakterisierten „notion de perte de contact vital avec la realite' einen ganz 
spezifischen, metapsychologischen Inhalt gegeben. Wir haben die Libido- 
funktion für den Aufbau des Ichs durch Beobachtung der als Entfremdung 
auftretenden Aktualpsychose neuerdings bewiesen. Unsere Betrachtungen 
scheinen auch einen neuen Weg zur Erforschung der Ichstruktur zu eröffnen. 



Das Problem der Melandiolic 

Vortrag auf dem X. Inltmetionalm Psjvhoanaly^iijim Kongreß 
EU Innsbruck am t. Sepiimbtr igij 

Ton 

Sändor Kadd 

Berlin 
Meine Damen und Herren I 

Die Einsichten der Psychoanalyse in das KrankheitsWld der Melancholie 
knüpfen sich an die Forschungen Freuds und Abrahams. Abraham 
hatte als erster sein Interesse diesem Gegenstand zugewandt. Er sprach 
bereits 1911 den Satz aus [i], daß die Melancholie eine der Trauer ver- 
gleichbare Reaktion auf den Liebes- (Objekt) Verlust darstellt. Einige Jahre 
später tat Freud [2], nachdem er inzwischen das Gebiet des Nanißmus für 
seine Untersuchungen erschlossen hatte, zur analj-tischen Aufhellung der 
Melancholie den entscheidenden Schritt. Er erkannte, daß in der Melancholie 
da« aufgegebene Objekt im Ich wieder aufgerichtet wird und der Kranke 
auf diese Weise in seinen Selbst vorwürfen die Aggression gegen das Objekt 
fortsetzt. Als nächste Voraussetzung dieses Vorganges hob er die Regression 
von der Objektbeiiehung auf deren narzißtischen Ersatz hervor, ferner die 
Vorherrschaft der Ambivalenz, welche an die Stelle der Oebe den Haß 
und die orale Einverleibung rückt. In einer späteren Schrift [jj fügte 
Freud dieser Auffassung die Bemerkung hinzu, die Grausamkeit des 
Über-Ichs in der Melancholie sei eine Folge der Triebentmischung, die 
mit dem Akt der Identifizierung einhergehe, igaj erfolgte dann eine zweite 
umfassende Veröffentlichung Abrahams über die Melancholie /47. Er 
konnte an einer Reihe vortrefflicher Einzelbeobachtungen die Ergebnisse 
Freuds in allen Punkten bestätigen und ergänzte dieselben durch mehrere 
bedeutsame klinische Funde. Er betonte die durch Ambivalenz bedingte 
Liebesunfähigkeit der Kranken, zeigte die Bedeutung kannibalischer und 
analer Triebimpulse für ihre seelischen Produktionen und deckte in ihrer 
Kindheitsgeschichte eine „Urverstimmung" auf, die sie auf der Hohe der 



i^.]n Sdncinr Itaili) 



ödipusentwicklung al> Reaktion auf die doppelte Liebesenlliiuschung an 
Mutter und Vater erlebt hatten. 

Nun verstehen wir den melancholischen Mechanismus, soweit er von 
Freud in seine Komjionenten zerlegt worden ist und Abraham die in 
ihm wirkenden Kräfte auf elementare Regungen der Parliallriebe zurück- 
geführt hat. Der Bauplan aber, nach dem diese einzelnen seelischen Akte 
zum Ganzen der Melancholie zusammengefugt sind, sein Ursprung und 
spezifischer Sinn sind noch völlig dunkel. 

Ich möchte Ihnen heute zeigen, wie weit es mit Hilfe der eingehenderen 
Analyse des Icha und seines Narzißmus gelingt, tiefer in das Wesen der 
Melancholie einzudringen. 

Der auffallendste Zug im Symptombild depressiver Zustände ist die 
Herabsetzung des Selbstgefühls, Der depressive Neurotiker versucht meistens 
diese Störung zu verbergen ; in der Melancholie findet sie in den wahn- 
haften Selbstbeschuldigungen und -beschimpf ungen der Kranken — die 
man als „moralischen Kleinheitswahn bezeichnet — einen recht geräusch- 
vollen Ausdruck. Andererseits ist das Benehmen der Melancholiker von 
Erscheinungen durchsetzt, die ihrer sonstigen Selbsterniedrigung geradezu 
wideraprechen. Freud gibt von dieser merkwürdigen Inkonsequenz der 
Kranken folgende Schilderung [2]: „Sie sind weit davon entfernt, gegen 
ihre Umgebung die Demut und Unterwürfigkeit zu bezeugen, die allein 
50 unwürdigen Personen geziemen würde, sie sind vielmehr in höchstem 
Grade quälerisch, immer wie gekränkt und als ob ihnen ein großes Unrecht 
widerfahren wäre." Er fügt die Aufklärung hinzu, daß diese letzteren 
Reaktionen noch von der seelischen Konstellation der Auflehnung ausgehen, 
die erst später in melancholische Zerknirschung übergegangen ist. Wie 
die Beobachtung zeigt, pflegt der melancholischen (bzw. depressiven) 
Anwondlung regelmäßig eine solche Periode der überheblichen, erbitterten 
Auflehnung vorauszugehen. Sie wird aber meistens rasch durchlaufen und 
ragt dann mit ihren Erscheinungen in das darauffolgende melancholische 
Stadium hinein. In der passagferen Symptomatik unserer analytischen 
Behandlungen gewinnen wir von diesem Ablauf ein einprägsames Bild, 
Wir wollen versuchen, die Entstehung dieser rebellischen Phase aus der 
Vorgeschichte und der Wesensart der ihr unterworfenen Personen aufzuklären. 

Wir beginnen mit der Schilderung der Charaktere, die sich am Ich der 
depressiv Veranlagten erkennen lassen. Wir finden bei ihnen vor allem 
eine gesteigerte narzißtische Bedürftigkeit und eine erhebliche narzißtische 
Intoleranz. Wir beobachten, daß sie schon auf Kränkungen und Ent- 
täuschungen geringfügiger Art sofort mit einer Herabsetzung ihres Selbst- 
gefühls reagieren. Ihr Ich empfindet es dann als ein dringliches Bedürfnis, 



f 



Das Problem der Melandiolie 44" 

die entstandene narzißtische Spannung auf irgend einem Wege zu beseitigen. 
Das Ich kann dadurch völlig absorbiert und in seinen anderen Leistungen 
gelahmt werden. Kin stärkeres Individuum dagegen wird auf derartige Vor- 
sagungen kaum reagieren, kleinere Schwankungen seines Selbstgefühls 
ohne Schaden ertragen und sich mit dem erforderlichen Aufschub der 
Reparation ablinden. Ferner sind die depressiv Veranlagten in der Aufrecht- 
erhaltung ihres Selbstgefühls vollends auf andere Menschen angewiesen und 
von ihnen abhängig; sie haben die Stufe der Selbständigkeit, auf der das 
Selbstgefühl in der eigenen Leistung und Kritik fest begründet ist, nicht 
erreicht. Sic verspüren das Gefühl von Sicherheit und Behagen nur, wenn 
sie sich geliebt, geschätit, gestützt, gefördert fühlen. Auch wo sie zur 
Befriedigung ihrer Triebe eine annähernd normale Aktivität entfalten, ihre 
/.iel Setzungen und Ideale mit Erfolg verwirklichen, bleibt ihre Selbst- 
cinschätzung in hohem Grade davon abhängig, ob sie Anklang und 
Anerkennung finden oder nicht. Sie sind wie jene Kinder, die nach der 
Erschütterung ihres frühen Narzißmus ihr Selbstgefühl erst in einer völligen 
Abhängigkeit von ihren Lieb es Objekten wiedererlangen. 

Die bevorzugte Methode solcher Personen zur Hebung ihres Selbst- 
gefühls ist also die Zufuhr narv.iOtischer Befriedigung von außen. Ihre 
Libidoanlage ist leicht zu fassen; in ihren Objekltrieben sind starke nar- 
zißtische Zuschüsse erhalten geblieben und so herrschen in ihren Objekl- 
beziehungen die passiv- narzißtischen Triebiiele vor. Die von Freud [2j 
beim Melancholiker vermutete „Objekiwahl nach dem naraßtttchen Typ"" 
ordnet sich als Spezialfall dieser Bestimmung ein. 

Zur Abhängigkeit vom Objekt gesellen sich bei den Depressiven eine 
Reihe sekundärer Charaktere, deren Vorhandensein ihre Anlage erst ver- 
vollständigt. Sie werden nicht müde, um die Gunst und die Liebesbezeu- 
gungen ihrer Objekte zu werben, und tun dies zuweilen mit einem Aufwand 
von Geschicklichkeit und RafTmement, der in Staunen versetzt. Dies gilt 
nicht nur von den Objekten ihrer vollsexuellen Strebungen, sie benehmen 
sich genau so in ihren zielgehemmten und sublimen Beziehungen, deren 
Zahl recht erheblich zu sein pflegt, da sie am liebsten in einer libidinös 
gesättigten Atmosphäre leben. Sobald sie aber der Zuneigung und Opfer- 
witligkeit einer Person sicher geworden und in ein festeres Verhältnis zu 
ihr gelangt sind, macht auch ihr Verbalten eine vollkommene Wandlung 
durch. Sie nehmen die Liebesaufopferung der geliebten Person m.it einer 
geradezu großartigen Selbstverständlichkeit entgegen, werden immer herrischer 
und selbstherrlicher, entfesseln einen immer schrankenloseren Egoismus, 
bis ihr Verhalten in eine völlige Tyrannei ausartet. Sie saugen sich — nach 
einem Ausdruck Abrahams — förmlich an ihren Objekten an und 



443 Sdndor Radd 



zehren an ihnen, all wäre es ihre Abiichl, sie ganz aufzuzehren. Die» 
alles vollzieht sich gam unbemerkt von ihrer Selbstkritik, sie wissen 
von ihrer werbenden Einstellung meistens genau so wenig wie von deren 
späteren Umschwung oder der Klebrigkeit, mit der ihr Sadismus an den 
Objekten haftet. Angesichts dieser Einstellung ist es dann wenig vei- 
wunderlich, wenn sie auf Gegen aggressionen oder auf den drohenden 
Liebesentzug mit erbitiener Heftigkeit reagieren und den endlichen Verlust 
des Objektes ihrer marternden Liebe all die größte Ungerechtigkeit der 
Welt empfinden. 

Dies etwa ist der Hergang jener empörten Auflehnung, die der melan- 
cholischen Rückwendung der Aggression gegen das eigene Selbst vorangeht. 
Lassen wir die Introjektion de» Objektes, auf die Freud den Umschlag 
in Melancholie zurückgeführt bat. vorläufig außer acht und versuchen wir 
den Ausbruch der Melancholie auf Grund derselben psychologischen Voraus- 
setzungen zu erfassen, die uns den Eintritt in die Auflehnungsphase ver- 
ständlich gemacht haben. Dann wird es augenfällig, daß die Zerknirschung 
doch nur die Reaktion auf das Scheitern der Rebellion sein kann, ein 
neue» und zugleich letztes Mittel, zu dem das Ich seine Zuflucht nimmt, 
um seine Absicht durchzusetzen. Was die Auflehnung nicht zu leisten 
vermochte, soll jetzt durch reuige Seibitbestrafung, durch Sühne, erzielt 
werden. Das Ich tut Buße, fleht um Verzeihung und will nun auf diesem 
Wege das verlorene Objekt wiedergewinnen. Ich habe einmal [jj die 
Melancholie als einen großen Verzweiflungsschrei nach Liebe bezeichnet 
und glaube, daß »ich diese Auffassung in unserem Zusammenhang recht- 
fertigt, Sie aber werden mir entgegenhalten, das kann nicht so sein, der 
Melancholiker hat ja sein Interesse vom Objekt abgewendet, es existiert für 
ihn nicht mehr, wie könnte sein Streben darauf gerichtet sein, auf diese« 
Objekt versöhnend einzuwirken, um seine erneuerte Zuwendung zu en'eichen ? 
Sie haben recht, aber der Melancholiker hat seinen Kampf um die Liebe 
de» Objekt» auf einen neuen Schauplatz verlegt. Er hat sich narzißtisch 
auf seine seelische Innenwelt zurückgezogen und will jetzt an Stelle des 
Objekts die Verzeihung und Liebe seines Über-lchs erwirken. Seine 
Beziehung zum Objekt war ja durch das Vorhertschen des narzißtischen 
Geliebt-werden-Wollens ausgezeichnet und diese Strebung kann «ich in der 
Relation zum Über-Ich unschwer fortsetzen. Es ist, als ob das melancho- 
lische Ich zu seinem Über-Ich sagen würde; Ich nehme alle Schuld auf 
mich, unterwerfe mich jeder Strafe, ja. ich biete mich durch meine Ver- 
zichtleistung auf die vegetative Selbst fürsorge selbst als Sühneopfer dar. 
wenn du dich nur wieder meiner annimmst und lieb zu mir bist. Der 
melancholische Vorgang versucht also, so will es uns scheinen, den Konflikt 



Da§ i'roblem der Meliindiolle 443 

mit dem Objekt an einer falschen Stelle autzutragen, flüchtet narzißtisch 
aus der Objeklbeziehung in das Verhälinis zum Über-Ich und entrückt 
durch diesen regressiven Schritt da» Ich der Realität, 

Man darf es wagen, aus diesem Verhalten des Melancholikers die Vor- 
gänge zu erraten, die sich bei ihm einst in der Bildungszeit seines Über- 
Ichs abgespielt haben. Er war ein narzißtisch veranlagtes, in seinem 
Selbstgefühl vollends auf die Liebe der Eltern angewiesenes Kind. Wie hat 
sich »eine Lage gebessert, als er angefangen hatte, die Forderungen der 
Eltern in »einem Innern aktiv zu reproduzieren I Er konnte zu ihnen 
tagen: Ihr braucht mich nicht mehr zurechtzuweisen , ich sage es mir 
schon selbst, was ihr von mir verlangt, und wUl es auch tun. Aber es 
kam auch vor, daß er schlimm war und die Eltern sehr böse geworden 
sind; dann hat er verstanden, daß er nur die Strafe zu verbüßen und um 
Verzeihung zu bitten hatte, um sie zu versöhnen. Bei nächster Gelegenheit 
kam ihm der Gedanke, von selbst Buße zu tun und selbst eine Strafe 
über sich zu verhängen, um rasch die Verzeihung der Eltern zu erwirken. 
Wir hören solche Berichte in unseren Analysen, und es kommt auch vor, 
daß Kinder diese Idee wirklich ausführen. Wir können uns nun leicht 
vorstellen, daß später sich dieser Vorgang im Kinde auch ohne sein Wissen 
abspielt. Es beginnt in seinem Innern unbewußt die elterlichen Strafen 
zu reproduzieren, in der unbewußten Hofföung auf Liebe. Durch 
eine unverschuldete narzißtische Kränkung, z. B. Abwendung der Eltern, 
wäre das Einsetzen eines solchen unbewußten R ep a ratio ni versuch es motivierl. 
Sü etwa läßt sich der Weg rekonstruieren, auf dem der spätere Melancholiker 
— und gewiß nicht nur er allein — den Selbst bestraf ungsmechanismua 
erwirbt. Sobald aber die aktive Reproduktion der elterlichen Strafen nicht 
mehr den Eltern gegenüber betätigt, sondern unbewußt vollführt wird, ist 
auch ihre versöhnende Absicht nicht mehr an die Eltern gerichtet, sondern 
an ihre innere seelische Vertretung, an das Über-Ich. An Sielte der 
früheren faktischen Auseinandersetzung mit den Eltern tritt eine rein 
psychische Auseinandersetzung mit dem Über-Ich, wie später in den Melan- 
cholie. Dieser innere Vorgang ist aber nach außen gänzlich unwirksam. 
Mit der unbewußten Reproduktion der elterlichen Strafen hat der oral- 
narztOtische Introjektionsvorgang (die Bildung des Über-Ichs) die Grenzen 
seiner sozialen Zweckmäßigkeit überschritten, die Selbst best rafung ist ein 
realilätswidrig festgehaltene» und nach innen gewendetes Stück der infan- 
tilen Objektrelation. Das infantile Ich ist in seiner Angst vor dem Liebes- 
verlmt offenbar zu weit gegangen; seine narzißtische Bedürftigkeit bleibt 
unbefriedigt, auch wenn e» sich den zerstörenden Wirkungen der Selbst- 
hestrafung aussetzt. Insoweit das Ich dann in der Melancholie »ich diesem 



444 Siindor Kadö 



Mechanismus anvertraut, hat es auch seine Beziehungen zur Realität 
abgebrochen uüd sich umsonst der Lehensgefahr ausgesetzt. 

Wir haben verstanden, daß die Selbsibestrafung in Hoffnung auf Abso- 
lution erfolgt und der Sehnsucht nach Liebe entspringt. Nun werden Sie 
gewiß mein kritisches Bedenken teilen, daß der Sinnzusammenhang 
Schuld— Sühne—Ferzeihung, der unserem Seelenleben so tief eingeprägt ist, 
Mine überragende Tragweite unmöglich allein den Ereiehungserfahrungen 
des heranwachsenden Kindes verdanken kann. Es ist gewiß ein folgen- 
schwerer Akt, wenn das Kind die Idee der Schuld zu begreifen beginnt 
und die Erlebnisqualität des Schuldgefühls erwirbt, aber es scheint darauf 
wie vorbereitet zu sein, unverzüglich auch den anschließenden Begriff der 
Strafe und Sühne und vor allem auch den der schließlichen Verzeihung 
zu verstehen. Das Studium der Melancholie gestattet uns tatsächlich in die 
bis zur seelischen Urzeit herab reich ende Vorgeschichte dieses Gefüge» 
einzudringen und seine letzten und entscheidenden Erlebnisgrundlagen 
aufzuzeigen. Ich darf mich dabei auf ein Ergebnis berufen, das ich bereits 
an anderer Stelle [f] angedeutet habe. Ei ist, um es kurz auszusprechen, 
eine Erlebnisreihe aus dem ausgehenden Säuglingsalter, die jene unzerstör- 
baren seelischen Spuren setzt, welche später zum Sinnzusammenhang 
von Schuld— Sühne — f'erzeihung verarbeitet werden. Sie können es in der 
Kinderstube beobachten, wie der Säugling, wenn in Abwesenheit der Mutler 
sein Nahrungsbedürfnis erwacht, in ohmächtige Wut ausbricht, zappelt und 
schreit und dann, durch diese Reaktion seiner Hilflosigkeit erschöpft, 
vollends den Qualen des Hungerns zur Beute Tällt. Aber Sie wissen auch, 
daß auf dieses grausame Erlebnis schließlich mit nie versagender 
Sicherheit das Wiedererscheinen der Mutier folgt und das Kind im 
Trinken an ihrer Brust jene oral narzißtische Glückseligkeit erlebt, die 
Freud wohl mit Recht als das unerreichte Vorbild jeder späteren Befrie- 
digung bezeichnet hat [6J. Das Ganj.e ist ein sich ungezählte Male wieder- 
holender Erlebniszusammenhang, dessen Hafibarkeit gewiß keiner weiteren 
Beweise bedarf. Aus der Wutanwandlung des hungrigen Säuglings gehen 
alle späteren Formen der aggressiven Versagungsreaktion (auf- 
fressen, beißen, schlagen, vernichten usw.) hervor, auf die das Ich nach 
dem Eintrin in die Latenzzeit sein ganzes Schuldbewußtsein konzentriert. 
Diese Überbeseizung der aggressiven Antriebe mit manifestem Schuldgefühl 
ist der Erfolg eines normalen Entwicklungsschubes, den wir am Material 
unserer Analysen bequem verfolgen und auf Grund der Einsichten Freuds 
auch leicht verstehen können. Das infantile Ich muß auf der Höhe der 
phallischen Phase, durch die Angst vor der Kastration (dem Liebes verlu st) 
eingeschüchtert, seine gefährlichen Ödipuswünsche aufgeben und sich 



Das Problem der Melondiolic 



445 



gegen ihre Erneuerung versichern; es bildet dazu aus der primären Selbst- 
beobachtungsfun kiion eine mächtige Instanz (Cber-Ich) und entwickelt die 
Fähigkeit, deren Kritik als Gewissensangst (Schuldgefühl) wahrzunehmen. 
Der Ödipuskomplex geht an der neuerworbenen Gewissensreaktion zugrunde- 
aber die in ihm enihaltenen Regungen erfahren dabei verschiedene Schick- 
sale. Die genitale Regung unterliegt der Verdrängung; ihre motorischen 
Impulse werden inhibiert und der von ihr besetzte Vorslellungskreis (Inzest- 
phanlasie, Onanie) verschwindet spurlos aus dem Bewußtsein. Die aggressive 
Kegung kann nur auf eine weniger wirksame Weise abgewehrt werden. 
Ihre treibenden Kräfte werden zwar durch die Errichtung einer starken 
Gegenbesetzung lahmgelegt, aber die von ihr besemen Vorstellungsin halle 
bleiben dem Bewußtsein erhalten. Das Ich ist offenbar unfähig, sich vor 
den Erscheinungen der Aggression in ähnlicher Weise zu verschließen, wie 
vor denen der groben Sinnlichkeit. Sie werden ihm ja durch unvermeid- 
bare Eindrücke des .Vtllags, nicht zuletzt durch die aggressiven Maßnahmen 
der Erziehung selbst, stets von neuem vor Augen geführt. Die Erziehung 
muß sich also begnügen, die Aggressionen des Kindes aufs schärfste zu 
verurteilen und sie ihm als den Inbegriff des Schuldvollen, Sündhaften, 
hinzustellen. Die enge Beziehung zvvischen Genitalilät und Verdrängung 
einerseits, Aggression und Abwehr durch Reaktionsbildung anderseits, auf 
die Freud vor kuntem aufmerksam gemacht hat fyj, wurzelt demnach in 
der praktischen Situation des Kindes. Die verdrängte (bewußtseinsunfähige) 
Genitalschuld verbirgt sich in der Folge hinter der in ihrem Wortlaut 
erhaltenen Aggressionsschuld und so wird die — genetisch bis zum Wul- 
ausbruch des Säuglings hinabreichende — sadistische Regung zum manifesten 
Träger auch des ganzen, von seinem genitalen Ursprung verschobenen 
Inzest- Schuldgefühles. Die Qualen des Hungerns werden zur seeli- 
schen Vorstufe der späteren „Strafen und über die Schule der Strafen 
hindurch zum Urmechanismus der Selbstbestrafung, die dann 
in der Melancholie zu einer so verhängnisvollen Bedeutung gelangt. Hinler 
der maßlosen Verarmungsangst des Melancholikert ist ja auch nur die 
Angst vor dem Verhungern (also an körperlichem Besitzsland Verarmen) 
verborgen, mit derdie Vitalität eines normalen Ichrestes auf die lebensbedrohliche 
melancholische Sühneaklion reagiert. Das Trinken an der Brust aber bleibt 
da» strahlende Vorbild der unausbleiblichen verzeihenden Liebeszuwendung. 
Es ist gewiß kein Zufall, daß die stillende Madonna mit dem Kind zum 
Sinnbild einer mächtigen Religion und durch ihre Vermittlung zu dem 
einer ganzen Epoche unserer abendländischen Kultur geworden ist. Ich 
meine, die Zurückführung des Sinnzusammenhanges Schuld — Sühne — 
Ferzeihung auf die frühinfantile Erlebnisrcihe tFut — tlunger— Trinken 



446 Sdndor Rad6 



an der Brust erklärt uns das Rätsel, warum die Hoffnung auf Absolution 
und Liebe die vielleicht mächtigste Bildung ist, die wir in den höheren 
Schichten de» menschlichen Seelenlebens antreffen. 

Wir haben demnach die tiefste Fixierungssl eile der melancholischen 
(depressiven) Disposition in der „Gefahrsiiuation des Liebesverlusles" 
(Freud) fy], des näheren in der Hungersiluation des Säuglings 
zu erblicken. Wir erfahren darüber mehr, wenn wir jenes Erlebnis der 
„oral-narziOtiachen Glückseligkeit", die dem Säugling in seiner großen Not 
luteil wird, näher ins Auge fassen. Ich habe an anderer Stelle [S] den 
Nachveeii zu fuhren versucht, daß die lustvolle Reizung der Mundzone 
nicht das Ganie der oral-libidinösen Befriedigung ausmacht, vielmehr nur 
als ihr augenfälliges Vorspiel aufzufassen ist. Es schien mir gerechtfertigt, 
den Höhepunkt dieses Genusses auf das darauffolgende unsichtbare Stück 
de» Vorganges zu beziehen, den ich als „alimentären Orgasmus" bezeichnet 
und als enlwicklungsgeschichtlichen Vorläufer des späteren genitalen 
Orgasmus hingestellt habe. Der alimentäre Orgasmus des an der Mutter- 
brust trinkenden Säuglings erweist sich nun als ein folgenschweres Phänomen, 
dessen Wirkungen in die ganze spätere Lebenszeit ausstrahlen. Er befriedigt 
die egoistischen Bedürfnisse des kleinen Menschenkindes nach Nahrung, 
Geborgenheil und Wäj-me, erfüllt die Sehnsucht seiner keimenden übidi- 
nöscn Objekttriebe und versetzt es durch das Zusammentreffen all dieser 
Momente, und mit ihnen untrennbar verknüpft, in eine Art narzißtischen 
Rausch. Es ist vielleicht korrekter zu sagen, daß in diesem großartigen 
Befriedigungserlebnis noch alle die Komponenten ununterscheidbar vereinigt 
sind, die später eine differenzierende Entwicklung verschiedenen Schicksalen 
zuführen wird. Aber es kommt auf dasselbe heraus; es ist nicht zu ver- 
kennen, daß das keimende Ich das Säuglings in dieser narzißtischen 
Befriedigung jene seelische Qualität erwirbt, die es später als Selbit- 
gefühl erleben wird. Das Selbstgefühl ist seinem Unpung nach die 
Reaktion des keimenden Ichs auf sein biologisch bedeutsamstes Erlebnis, 
auf den alimentären Orgasmus. Später werden die Machtentfaltungen des 
Ichs, seine Befriedigungsaktionen aller Art die bedeutsamsten Anlässe für 
die Reaktion des Selbstgefühls abgeben, — man kann geradezu fortschreitend 
eine orale, sadistisch -anale, bzw. genitale Stufe (Gewinnungstechnik) des 
Selbstgefühls unterscheiden — . aber die Erlebnisqualitäi selbst bleibt eiti spezi- 
fisch differenziertes Erinnerungssymbol jener frühen, durch den alimentären 
Orgasmus bedingten Ichreabtion. 

Ziehen wir in Erwägung, daß die Erlebnisqualität des Selbstgefühls — 
wie dies bereits von Bernfeld [9] beschrieben worden ist — durch das 
Hinzutreten neuer Faktoren der fortschreitenden Steigerung zu Jubel, 



Das Problem der MdandioUc 



447 



Triumph, Ekstase und Rausch fähig ist, dann dürfen wir feststellen, daß 
lieh hier eine Kette »on Zusammenhängen befriedigend schließt. Die 
Abkunft der späteren Rauschzustände aus dem Ernährungsrausch hat sich 
mir bereits früher auf einem anderen Wege ergeben. Die hier entwickelte 
genetische Reihe Alimentärer Orgasmiu — Selbstgefühl — Rausch ist aber 
gerade für die Melancholie von Bedeutung. Der Melancholiker bemüht sich, wie 
wir gehört haben, sein schwer herabgesetztes Selbstgefühl durch Liebe 
wieder herzustellen. Seine Aktion erscheint uns krankhaft, weil «ie sich 
nicht an das Objekt, sondern an das Über-Ich wendet. Sie führt aber zu 
einem absolut konsequenten, wenngleich nicht minder pathologischen 
Resultat. Das ist die Manie, in der, wie Freud erkannt hat [lo\, das Ich 
mit seinem Über-Ich wieder zu einer Einheit zusammenfließt. Wir können 
hinzufügen: in der getreuen inncrsee tischen Wiederholung jener Ver- 
schmelzung mit der Mutter im Trinken an ihrer Brust. Die früheste — 
orale — Technik der Erneuerung des Selbstgefühls feiert hier auf dem 
psychischen Schauplatz seine Auferstehung und ergibt ~ psychologisch 
völlig korrekt — den Rausch, der Manie. Der manische Zustand folgt auf 
die Phase der Selbstbestrafungen mit derselben Gesetzmäßigkeit, mit der 
einst im biologischen Ablauf auf das Hungern der E r näh rnngs rausch 
gefolgt ist. Wir wissen übrigens, daß dem leb zur Aufrichtung seines 
schwankenden Selbstgefühls noch ein anderes pathologisches Verfahren 
zur Verfügung steht, das ebenfalls den alimentären Orgamu» zum Vor- 
bild nimmt, die Flucht in die pharmako toxi sehen Rauschzustände der 
Süchtigkeit. 

Greifen wir auf unsere frühere Feststellung zurück, daß das Ich, nach- 
dem seine Auflehnung gegen den Objektverlust wirkungslos geblieben ist, 
seine psychologische Technik ändert, sich als schuldig bekennt und zur 
reuigen Zerknirschung übergeht. Hier erhebt sich die Frage, warum und 
woran aich das Ich eigentlich schuldig fühlt? Beim depressiven Neu- 
roliker braucht es ein tüchtiges Stück Arbeit, um diese Frage sicher zu 
beantworten. Dem in dieser Hinsicht so offenherzigen Melancholiker hat 
man nur aufmerksam zuzuhören und findet dann leicht den zentralen Sinn 
seiner Selb st an klagen heraus. Er fühlt sich schuldig, weil er durch seine 
Aggressivität den Objektverlust selbst verschuldet hat, woriiD wir ihm 
gewiß nicht widersprechen können. Wir beobachten auch, daß dieses 
Schuldbekenntnis des Ichs nach infantilen Vorbildern erfolgt und in seinem 
Ausdruck aus dem Infantilen verstärkt wird. Trotzdem müßten uns geradi- 
die auffallendsten Züge der melancholischen Sühne unverständlich bleiben, 
würden wir nicht wissen, daß diese Aktion auch noch aus einer anderen 
Quelle mächtige Beihilfe erhält. 



448 Siindor Uutlii 



Parallel mit der melanchotUclieii Sühne läuft ja noch ein anderer psy- 
chischer Vorgang. Er geht von der sadistischer, objeki feindlichen Slrebung 
aus, die ihre Macht bereits in der ambivalenten Gestaltung der IJebcs- 
beziehung gezeigt hatte, hernach die Reaktionen der Auflehnung bestritt 
und im Ich jene andere Einsicht hervorbrachte, daß an dem Zerwürfnis das 
Objekt allein die Schuld trage, denn es habe durch seine Launenhaftigkeit, 
Unverläßlichkeit, Gehässigkeit die Härte des Ichs provoziert. Freuds ein- 
gangs erwähnte Entdeckung brachte uns die überraschende Einsicht, d.iß 
dieser un überwindbare aggressive Antrieb des Es sich in der Melancholie 
stärker erweist als das Ich. Nachdem das Ich in der Realisierung des 
objeklfeindlichen Triebanspruchs schmählich versagt hat (Zusammenbruch 
der Auflehnungsphase) und sich jetzt reuig-masochislisch zum Über-Ich ein- 
stellt, schlägt sich die aggressive Es-Strebung zum Über-Ich und treibt das 
durch Beine Sühneabsiclit geschwächte Ich selbst in die Rolle des Objekts. 
Nun wütet da: Über-Ich gegen das Ich so, wie das Ich hätte fähig sei« 
sollen, gegen das Objekt zu wüten. Das Ich lOg einst in die Welt hinaus, 
um sein narzißtisches Liebesbedürfnis zu befriedigen, ist aber dabei an den 
Ansprüchen seines Sadismus gescheitert; nun strebt es — der Realität 
abgewandt — die narzißtische Befriedigung auf dem innerseelischen Schau- 
platz an, kann aber der Übermacht des Aggressionstriebes auch hier nicht ent- 
rinnen. Die Selbstbcstrafungeu nehmen Formen und Ausmaße an, die weit 
über das hinausgehen, was dem Ich als Sühne vorgeschwebt haben mag; 
das Ich wandte sich mit seiner Reue vertrauensvoll an ein gütiges. 
nur milde strafendes Wesen und hat jetzt die Folgen seiner infantilen 
Guigläubigkeit und Schwäche zu tragen. Da es in seiner Ratlosigkeit von 
der Hoffnung auf die rettende Verzeihung nicht mehr loskommen kann, 
fügt es sich der Objektrolle, nimmt auch die ganze Schuld des Objektes auf 
»ich und läßt die Grausamkeiten des Über-Ichs ohne Sträuben über sich 
ergehen; sein eigenes Selbst ist jetzt fast vernichtet, nur seine — in ihrem 
Ausdruck entstellten — Ängste verraten, daß der Kern des Ich» noch 
existiert. Es wäre unbegreiflich, daß das Ich vor dem Sadismus des Es so 
restlos kapituliert, würde es dabei nicht der unzerstörbaren infantilen Illu- 
sion erliegen, sich nur noch durch Nachgiebigkeit und Sühne aus seiner 
narzißtischen Not befreien zu können. 

Dies also ist die Umgruppierung, die die „synthetische. Funktion" am 
melancholischen Ich vornimmt. Es gelingt ihr. aus Triobvorgängen von 
genau entgegengesetzter Herkunft und Richtung eine große und einheitliche 
aeehsche Aktion zu organisieren, in der diese heterogenen Elemente als 
einander gegenseitig bedingende und ergänzende Wirkungsfakloren auftreten. 
Das reuige Ich will die Verzeihung des gekränkten Objekts erwirken und 



[)us Problem der Melandiolie 



449 



läßt sich zur Sühne statt von ihm Tom Über-Ich bestrafen; in der unge- 
ahnten Strenge des Über-Ichs tobt sich dann die alte objekl feindliche 
Strebung am Ich aus, das an die Stelle des gehaßten Objekts gerückt ist. 
Die Synthese ergibt also einen ausgedehnten Real itäis Verlust und die 
völlige Unterwerfung des Ichs unter die unumschränkte Herrschaft des sadisli- 
■chen Über-Ichs. das nach einer Bemerkung Freuds das Bewußtsein — 
und, wie wir jetzt hinzufügen dürfen, auch die „synthetische Funktion — 
der melancholischen Persönlichkeit an sich gerissen hat. 

Hier müssen wir innehalten, denn wir können unsere Verwunderung 
über dieses Ergebnis nicht unterdrücken. Die gleichsam symmetrische Auf- 
lösung, die wir für die Konflikte der ambilvalenien Triebrichtungen gefunden 
haben, ist formal gewiß bestechend und baut sich inhaltlich in allen 
Stücken auf gesicherten Daten der Beobachtung auf, aber sie scheint einen 
unlösbaren Widerspruch zu enthalten. Das Objekt müßte nach unserer 
Konstruktion zweierlei Ei nverleibungs Vorgängen unterlegen, sowohl ins 
Über-Ich als auch ins Ich aufgenommen worden sein, eine Idee, der wir 
zunächst verständnislos und mißtrauisch gegen übent eben. Entweder ist 
unser Aufklärungsvertuch in die Irre gegangen oder es fehlt uns noch 
die Einsicht in entscheidende Verhältnisse. Ich hoffe zeigen zu können, 
daß der letztere Fall vorliegt und die Schwierigkeit eine Lösung zuläßt. Wir 
müssen aber dazu etwas weiter ausholen. 

Freud hat aus guten Gründen angenommen, daß die Sinoeswahr- 
Uehmung am Anfang noch ganz unter der Herrschaft des Lusipriozips 
«tehl. Nur das Lustvolle wird wahrgenommen, das Unlustvolle nach 
Möglichkeit ignoriert. Es dauert eine ganze Weile, bis sich beim Kinde 
auch das Unlustvolle eine psychische Vertretung schafft. Dann kommt die 
Zeit, in der die Welt für das Kind offenbar aus zweierlei Vorstellungen 
besieht, aus den Vorstellungen der lustvollen und aus den Vorstellungen 
der unlustvollen Dinge. Nun gibt es aber tückische Dinge, die bald lust- 
voll, bald unlustvoll sind, z. ß. die Mutler, je nachdem, ob sie ihr Kind selig 
lächelnd liebkost, oder ob sie verärgert ist und den Kleinen mißachtet oder 
gar mißhandelt. Wir haben es leicht zu sagen, daß es ein und dieselbe 
Mutter ist, nur in zwei verschiedenen Haltungen. Es bedeutet einen 
gewaltigen Fortschritt, wenn das Kind so weit ist, diese Synthese zu voll- 
ziehen, aber einstweilen ist es zu einer solchen Denklcislung nicht fähig. 
Es steht noch ganz unter der Herrschaft des Lusiprinzips und hält diese 
Eindrücke als „liebes Ding" und „böses Ding" oder, wie wir sagen wollen, 
als „liebe Mutter" und „böse Mutter" auseinander. Aus den auf die Mutter 
bezüglichen Erlebnissen und Erinnerungen wird also im Seelenleben des 
Kindes nicht, wie man vom Erwachsenen her erwarten wrürde, eine konti- 



450 Sündor Radö 



nuierliche Reihe gebildet; «eine Wahrnehmungen und Gedächinisbilder dei 
einen realen Objekts ergeben zwei nach ihrem Lustwert scharf von- 
einander getrennte Reihen, 

Diese primitive Arbeitsweise der beginnenden intellektuellen Denktätigkeil 
erlangt in unserem Seelenleben bleibende Bedeutung durch ihre Verknüpfung 
mit der A^mbivalenz des Trieblebens. Die „liebe" (lustspendende) und 
die „böse" (versagende) Mutter werden beim Kinde zu isolierten 
Objekten (Triebrep rasen tanzen) seiner Liebe und seines Hasses. Diese 
Duplizität der Objekte bleibt im triebbehemchten Denken auch dann noch 
erhalten, wenn das Kind rein inlellekluell bereits über die vollständige 
— liebe und böse Haltungen umfassende — Vorstellung „Mutter" vei- 
fügt. Sobald es unter die Herrschaft eines stärkeren Liebesdranges gerät, 
ist sein ganzes reales Wissen um die böse Seite der Mutter einfach 
erloschen; und umgekehrt, wenn seine Haßregung durchbricht, wird es an 
der jetzt „bösen" Mutter durch nichts daran gemahnt, daß diese Mutler 
auch lieb zu sein pOegt. Wir können dieses Verhalten leicht verstehen. 
es ist ein Ausweichen des noch schwachen Ichs vor dem A m b i- 
valenzkonflikt, wenn es sich mit »einer Liebe an eine nur liebens- 
würdige, mit seinem Haß an eine andere nur hassenswerte Mutter 
wendet. In diesem Zusstand kann das Kind von seinem subjektiven Stand- 
punkt aus noch gar nicht als „ambivalent" bezeichnet werden; die Ambi- 
valenz wird erst hergestellt, wenn es die Erziehung durchsetzt, daß das Kind 
seine gegensinnigen Triebabfuhren auf das eine reale Mutlerobjekl bezieht, 
es also „einsehen lernt", was es tut. Die Erziehung erzwingt durch diese 
Maßnahme, daß da» Kind zumindest den ärgsten Teil seiner aggressiven 
Regungen verdrängt. Die vom Ich abgewehrte Aggression bleibt dann im 
Unbewußten an der isolierten Repräsentanz „böse Mutier" haften und 
sichert dadurch den Fortbestand dieser Parlialvorstellung. Nachdem nun 
das Kind die traurige Wahrheit anerkannt hat. daß die Mutter bald lieb, 
bald böse ist, entwickeil es in »einer Liebesbedürftigkeit die stetig wach- 
sende Sehnsucht nach einer Mutter, die zu ihm „immer nur lieb" ist. Das 
isolierte Bild der „lieben Mutler" lebt jetzt als stark besetzte Wunsch- 
Vorstellung in ihm fort. 

Ich schabe hier die Bemerkung ein, daß sich in den Handlungen der 
Pflegepersonen ein instinktives Wissen um diese Doppel Vorstellungen de» 
Kindes verrät. Wenn die Kinderfrau ihren Schützling nach einer etwas 
energischer geratenen Zurechtweisung beschwichtigen will, findet sie leicht 
die tröstliche Auskunft: Jetzt ist der böse Junge schon weg, nur unser 
guter Junge ist da geblieben. Oder wenn sie gar einsieht, daß sie dem 
Jungen Unjecht getan hat. »ich vor »einen Augen einige Kläpp»e gibt und 



Das Problem der Mekindiolk" 451 



dann von sich selbst sagt: Die böse Marie ist weg, nur die gute ist noch 
da- Sie merken, dieses harmlose Spiel festigt auch die triebhafte Einstellung 
des Kindes, daß die bösen Personen da/u da sind, nmgebracht zu werden, 
denn weg sein heißt tot sein. Der doppelten Vorstellungsbildung dürften 
übrigens auch die bösen tind guten Geister entspringen, von denen 
der Primitive Menschen und Dinge abwechselnd besessen wähnt, ebenso 
die Doublierungen, die uns in den Traumen, M)'then und sonstigen 
Schöpfungen des Unbewußten als Träger der Ambivalenz so häufig 
begegnen. 

Die Sehnsucht des Kindes nach einer „nur lieben Mutter" und einem 
„nur lieben Vater' wird durch das Erleben gefährlicher Drohungen 
(Kastration) und schmerzlicher Strafen ständig verstärkt und liefert schließlich 
die treibende Kraft zur Bitdung seines Über-Ichs. Wir sprechen hier nur 
eine uns vertraut gewordene Einsicht Freuds in einer etwas modifizierten 
Fassung aus, die die psychologische Rolle der Vorsiellungspaare hervor- 
kehren soll. Wir erhalten ein anschauliches Bild von der Situation in der 
Bildungsphase des Über-Ichs, - wenn wir dem kindlichen Ich folgenden 
Gedankengang unterschieben: 

Die Eltern sollen mich nie mehr bestrafen, sie sollen mich immer 
nur lieben. Ihr Abbild in meinem Innern — mein Über-Ich — wird 
jetzt dafür sorgen, daß sie zu mir nicht mehr böse zu werden brauchen. 
Natürlich soll mich auch mein Über-Ich lieben. Wenn aber mein Über-Ich 
durch seine Ftmktion mir die Liebe der Eltern sichern toll, dann muß 
es mich dazu zwingen können, daß ich gewisse Handlungen unterlasse; 
CS soll zu mir, wenn's not tut, recht streng sein, und ich werde ei 
trotzdem lieben. 

Die Bildung des Über-Ichs erscheint uns in dieser Beschreibung als 
ein Versuch des Ichs zur Realisierung seines Wunsches, die abwechselnd 
lieben und bösen Eltern in „nur liebe" Eltern umzuwandeln. Im Rahmen 
dieses Unternehmens raufl das Ich vor allem auf seine auf die Eltern 
gerichteten geniialen und sadistischen Regungen {ödipuslibido des Es) 
verzichten. Femer muß es sich entschließen, den Eltern im Innern (dem 
Über-Ich) das Vorrecht einzuräumen, gegebenen falls böie und streng zu 
sein; das Ich wird doch nicht aufhören, sie zu lieben und auch von 
ihnen geliebt werden zu wollen. Mit dieser Entscheidung überläßt das Ich 
dem Über-Ich die Verfügung über jene Triebkräfte de» Es, auf deren 
Betätigung es selbst verzichtet hat. 

Die im Innern errichtete {introjizierle) Elterninstanz ist also in all 
ihren Stücken eine Schöpfung des Ichs. Das Ich baut sie zunächst aus 
seinen „lieben Eltern" und aus den Haltungen seiner „bösen Eltern" auf. 



452 Si'irnlor Hmtii 



d. h. das Ich wird zwar die Eltern im Innern ganz wie seine „lieben 
Eltern" lieben, aber es muß sich versagen, sie wie seine „bösen Eltern" 
zu hassen, selbst wenn sie sich wie „böse Eltern" benehmen. Das Über-Ich 
nimmt also bei seiner Entstehung aus dem Ich den Vorstell ungskrei* 
„liebe Ellcm mitsamt der daran haftenden Besetzung des Ichs auf, während 
es dem Vorstell ungskrei) „böse Eltern" nur die in ihm enthaltenen 
Inhalte entlehnt. Die erotischen und aggressiven Kräfte, mit denen das 
Über-Ich arbeiten soll, stellt ihm das Ich durch seinen eigenen Verzicht 
auf ihre Verwendung aus dem Triebreservoir des Es zur Verfügung, Die 
sadistische (elternfeindliche) Strebung wird in ihrem resistenten Stück vom 
Ich unverändert in das Verdrängte verbannt, wo sie dann in der isolierten 
Partialvorstellung der „bösen Eltern" ihre Repräsentanz bereits vorfindet. 
Ähnlich ergeht es jenem Rest der grobsinnlichen Scxualströmung, der steh 
der Wendung nach innen (Oesexualisierung und Abgabe an das Über-Ich) 
entzieht. So i« das Ich ernstlich bemüht, seinen alten Traum von 
den „nur lieben Eltern" in den wirklichen Eltern lebendig werden 
zu lassen. 

Ich möchte mir erlauben, die einseitige Orientierung und den schema- 
tischen Charakter dieser Darstellung von neuem zu betonen. Wir hatten 
auch nur die Absicht, den Typ der in ihrem Narzißmus femininen 
Individuen zu erfassen, dem ja die depressiv Veranlaglen angehören, und 
bei dem schon die „Gefahr des Liebesverlustes" allein ausreicht, um die 
Bildung des Über-Ichs zu erzwingen ; der reine männliche Typ mit seinem 
andersgearteten Narzißmus, der erst dem Druck der Kastrationsgefalir 
nachgibt, kann uns hier nicht interessieren. 

Wir können nun von unserer Exkursion zur Frage der melancholischen 
Introjektion zurückkehren. Beim späteren Melancholiker bleiben infolge 
der übermäßigen Ambivalenz seiner Triebanlage zeitlebens massive Über- 
reste des infantilen doublierenden Denkens erhalten. Wenn er seine 
ambivalenten Triebimpulse abwechselnd betätigt und dabei zustande bringt, 
je nach Bedarf die Licht-, bzw. die Schattenseite des Objekts seinem 
Bewußtsein völlig zu entziehen, zeigt er ein Verhalten, das sich von dem 
des Kindes kaum unterscheidet. Erst die klinische Beobachtung dieser für 
die neurotische Ambivalenz schlechthin so charakteristischen Encheinung 
hat uns ja in die Lage versetzt, durch Rückschluß die entsprechenden 
En tw ic kl ungs Vorgänge beim Kind zu durchleuchten. Weim dann beim 
Ausbruch der Melancholie der große Strom regressiver Prozesse einsetzt, 
muß auch die realitätsgerechte Vorstellung des rezenten Objekts endgültig 
den archaischen Anforderungen weichen, die die von ihren Schranken 
befreite Ambivalenz an die Denktaligkeit stellt. Da» „liebe Objekt", von 



Das Problem der Mdundiolle 453 



dem das Ich geliebt werden will, gelangt dann durch Tntrojektion ins 
Über-Ich. Dort wird w nach dem eben gewürdigten Büdungsgeselz dieier 
Instanz mit dem Vorrecht ausgestattet, das vorher dem realen Objekt so 
heftig abgestritten worden war, mm Ich böse, sogar sehr böse zu sein. Das 
von dem einheitlichen Objekt gleichsam als „Prügelknabe" abgespaltene 
„böse Objekt" wird dem Ich einverleibt und der jetzt am dem Über-Ich 
wirkenden sadistischen Strebung preisgegeben. Der logische Widerspruch 
löst sich, wie Sie sehen, wirklich restlos auf. 

Dies Resultat gestattet uns nunmehr, den verborgenen Sinn des 
melancholischen Mechanismus bis in seine letzten Konsequenzen zu 
enthüllen. Überlegen Sie: Die größte Schuld, die das „böse Objekt" nach 
dem Vorwurf des Ichs auf sich geladen hat, ist seine Ambivalenz, durch 
die es die Feindseligkeit des Ichs „provoziert" hat. Wenn nim das im Ich 
weitende „böse Objekt'* gezüchtigt und schließlich umgebracht wird, dann 
bleibt nur das von seinem „bösen" Anteil befreite, also das „liebe Objekt" 
bestehen, aber auch die Feindseligkeit des Ichs (des Es) ist befriedigt und 
erschöpft. Jetzt sieht nichts mehr im Wege, daß das purifizierte Ich sich 
mit dem ebenfalls geläuterten Objekt in Liebe und Gegenliebe vereinigt 1 
Im Umschwung zur Manie wird dieses Ziel des melancholischen Vorganges 

— in der Region des Pathologischen — restlos erreicht. Das „biiae 
Objekt" wird — nach der Erkenntnis Abrahams [4] — aus dem Ich 
durch einen analen Akt ausgestoßen, was mit seiner Tötung gleichbedeutend 
ist. Das von seiner Aggression und seinem gehaßten Feind befreite Ich 
atmet erleichtert auf und vereinigt sich unter den Anzeichen eines 
beglückenden Bausches mit seinem zum Über-Ich erhobenen „lieben 
Objekt". 

Wir gelangen so zur Einsicht, daß der melancholische Vorgang einen 
großzügigen und mit eberner psychologischer Konsequenz dureh geführten 
Reparation s' (Heilungs-) Vers uc h darstellt. Er will das durch den 
Liebesveriusi vernichtete Selbstgefühl de» Ichs erneuem, seine zerstörte 
Liebesbezichung wieder herstellen, das Ich gleichsam vorbeugend vor der 
Wiederholung so schwerer Schädigungen behüten und in diesem Interesse 
die Ursachen des Unheils — die Ambivalenz des Ichs und die des Objekts 

— aus der Welt schaffen. Für den erzielbaren Realeffekt dieser Aktion 
bleibt es entscheidend, daß sie sich nicht an der richtigen Stelle, in der 
Relation zur Objektwelt, sondern unter der Voraussetzung einer narzißtischen 
Regression lediglich zwischen den einzelnen seelischen Instanzen des 
Kranken abspielt. Sie kann dem Ich nicht wieder zu seinem verlorenen 
Objekt verhelfen; die endliche Vereinigung mit dem Objekt vollzieht sich 

— nachdem dasselbe durch das Über-Ich ersetzt wurde — nicht als realer 

IhL Zciuchr. t PsrchoanBlric, XIII/« „ 



4.S4 Sdndor Radrt 



Vorgang in der Außenwelt, sondern als eine Zustands- (Besetiungs-) Änderung 
in der psychischen Organisation. An diesem rein psychischen Akt hängt 
aber ein bedeutsames reales Resultat: die Wiederherstellung, ja, sprung- 
hafte Übersteigerung des Selbstgefühls zur Manie. Dieser Unterschied ist 
uns einleuchtend, der durch eine schwere narzißtische Erschütterung 
eingeleitete melancholische Prozeß kann sein narzißtisches Ziel, die 
Reparation des Selbstgefühls, auch unter Umgehung der Itealität, durch 
eine bloße psychische Besetzungsverschiebung erreichen. Das manisch 
gewordene Ich findet sofort den Rückweg zur Objektwelt, es stürzt sich 
mit seiner ganzen durch die plötzliche Beseizungsänderung entfesselten 
Aktivität auf die Realität und tobt sich in ihr aus. Für das Verhalten de» 
Manischen ist die orale Abkunft seines psychogenen Rausches bestimmend; 
es ist augenfällig, daß die Manie mit den mannigfachen Akiions- und 
ReaJttioDsmögl ichkeilen des Erwachsenen die ungehemmten Triebaußerungen 
des gesättigten euphorischen Säuglings reproduziert. Es entspricht ganz 
unserer Erwartung, wenn für den auf einer temporären Zurückziehung 
des Über-Ichs beruhenden manischen Zustand die Reaktionsqualilätcn einer 
l.ebcnszeil vorbildlich sind, in der diese Instanz noch nicht existiert. 

Die Produktivität des melancholischen Prozesses erschöpft sich nicht im 
Hervorbringen der manischen Phase; er läuft nach Abklingen der Manie 

— oder auch unmittelbar — in jene z w an gs neurotisch gefärbte Charakicr- 
gestaltung des „freien Intervalls" aus, deren Aufdeckung und Beschreibung 
zu den unvergeßlichen Verdiensten Abrahams gehört [4]. Dieser 
Ausgang wird durch das Übergewicht sadistisch-analer Triebkräfte herbei- 
geführt und beruht auf einem Verzicht auf die orale Erneuerung des 
Selbstgefühls in der Manie. Das Ich ist erstarkt und bemüht sich um die 
reale Abwendung der Gefahren, die ihm aus seiner Ambivalenz drohen. 
Dies Bestreben erzielt dank der vollen Anerkennung der Realität einen 
ansehnlichen Heilerfolg. Das durch böse Erfalirungen gewitzigte Ich 
errichtet umfassende psychische Schuiibauten zur Bewältigung seiner 
Ambivalenz; sein Charakter ist jetzt durch ein Übermaß von Reaklions- 
bildungcn der Zwangsneurose ähnlich geworden. Diese Charakteränderung 
leistet dann mehr als die bloße Verhütung der Ambivalenzgefahr; durch 
die expansive Idealbildung werden die gefährlichen Aggressionslriebe auf 
soziale Bahnen gelenkt und so auf dem Wege der Idealerfüll ung der 

— realitätsgcrechtcn — narzißiischen Befriedigung dienstbar gemacht. Die 
Resistenz dieses seelischen Aufbaus gegen neuerliche Belastungsproben ist 
bekanntlich im Einzelfalle außerordentlich variabel. Aber es wäre verfrüht, 
darüber sowie überhaupt über die ökonomischen Fragen des vielgestaltigen 
melancholischen Ablaufes heute Näheres aussagen zu wollen. 



Das Problem der Mclandiolle 455 

Ich möchte dafür zum Schluß noch der Frage der neurotischen 
Depression einige abschließende Bemerkungen widmen. Wie die Beobachtung 
zeigt, vollzieht sich der depressive Prozeß, soweit er das Ich des Über- 
tragungsncurotikers ergriffen hat, ganz nach dem Mechanismus der echten 
Melancholie. Das will besagen, daß auch die neurotische Depression auf 
einer narzißtischen Abwendung von der Realität beruht, das äußere Objeki 
durch psychische Instanzen ersetzt und die Losung der Konflikte statt in 
der Außenwelt auf dem in nersee lisch en Schauplatz und mit einer regressiv 
aktivierten oralen Technik anstrebt. Nur daß diese Vorgänge, die das 
melancholische Ich fast völlig aufzehren und seine Realitätsfunktionen 
zerstören, in der Übertragungsneurose einem zwar neurotischen, aber sonst 
mehr oder weniger iniakien Ich gleichsam nur aufgesetzt sind. Beim 
depressiven Neurotiker ist_das Objekt und mit ihm die Realitätsbeziehung 
erhalten, sie ist nur gelockert, und das schwächliche Ich hat begonnen, 
den als unerträglich empfundenen Kampf mit der Welt aufzugeben, sich 
narzißtisch nach innen zu wenden und zum oral- narzißtischen Reparations- 
mechanismus seine Zuflucht zu nehmen. Die neurotische Depression ist 
also eine Art Parlialmelancholie des (neurotischen) Ichs; je weiter sich 
der depressive Prozeß im Ich auf Kosten der Objekt- und Realitätsbeziehung 
ausbreitet, um so mehr nähert sich der Zustand der narzißtischen Neurose 
der Melancholie. Bei einem akuten Depressionsschub dürfte demnach der 
Ausgang davon abhängen, ob im narzißtischen Getriebe de» Ichs die oralen 
Mechanismen die Oberhand gewinnen, oder ob die fester an der Objeki- 
welt haftenden sadistisch-analen (und genitalen) Mechanismen stark genug 
sind, das Ich vor dem Sturz in die Melancholie zu bewahren. 

Literatur 

i) Abroham: Ansütie iiir psychcanaly tischen Erfonchiing und Behandlung de* 
monilch*depres«iven Irreseins und verwandter ZuitÖnde. Zenlralblatt für Psycho- 
nnalyie, Bd. II, 1912. (Abgedr. im Sammelband „Kliniiche Beiträge lur Piycho- 
nnaljse", Internat, PsA. Verlag 1931.) 

2) Freud: Trauer und Melancholie. Diese Zeitschrift, Bd. IV, 1916/17. {Ges. 
Schriften, Bd. V.) 

}) Freud: Das Ich und das Es. 1913, (Ges. Schriften, Bd. VI.) 

4) Abraham; Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der 
Psychoanalyse seelischer Störungen. (^Internat, PiA. Verlag, 1914-) 

/) n a d d : Eine ängstliche Mutter. (Beitrag zur Analyse des Ichs). Diese Zeitschrift, 
Bd. Xin, 1937. 

6) Freud: Vorlesungen lur Einführung in die Psjchoanalyse. 1916/17. (Ges. 
Schriften, Bd. VII.) 

7] P'reud: Hemmung, Symptom und Angst. Internat. PsA. Verlag, 1916. 

5) Kadd: Diepiychischen Wirkungen der Rauschgifte, Diese Zeitscbrift. Bit.XU, 19)6. 
p) Bernfeld: Psychologie des Säuglings. J. Springer, Wien, 1915. 

10) Freud: Maisenpsycbologia und Ich-Analyse. Internat. PsA. Verlag, 1911. 
(Ges. SchnftcD, Bd. VI.) 



f 



KASUISTISCHE BEITRÄGE. 



Ein Prüfungstraum 

Von 

Rldiarcl Sterba 

Wien 

Mit Biemlicher Regelmäßigkeit trat in Intervallen von zwei bis drei Monaten 
bei einem Patienten ein Traum von der Maturitatsprürung auf. Der Patient 
träumte dabei immer von einer schriftlichen Arbeit aus Latein oder Mathematik- 
Regelmäßig erlebte er im Traum die letzten Minuten vor Schluß der Stunde ; 
er hat noch gar nicht zu übersetzen oder zu rechnen bej^onnen, es läutet, der 
Lehrer gibt noch fünf Minuten zu, die Kameraden hallen ihm die Hefte zum 
Absclireiben hin oder bemühen sich, ihm einzusagen, er aber ist unrähig, auch 
nur die Feder zu führen, Zahlen oder Buchstaben verwirren sich ihm, er 
ver«pärt das ganze Qualvolle der Situation des Nichtkönnent oder Nicht- 
fertig Werdens, um dann mit dem Gefühl großer Genugtuung und Befriedigung 
darüber, daß die Zeit der Gymnasialstudien längst vorüber sei, zu erwachen. 
So weil sind ja diese Träume typisch und verdienten keine besondere 
Erwähnung ; theoretisch beachtenswert aber ist ihre Vorgeschichte. In der 
.Traumdeutung"' heißt es; „Eine weitere Aufklärung der Prüfungs träume 
danke ich einer Bemerkung von Seite eines kundigen Kollegen, der einmal 
in einer wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines Wissens der 
Maturitätstraum nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung bestanden 
haben, niemals bei solchen, die an ihr gescheitert sind." 

Unsere Träume zeichnen sich nun dadurch aus, daß der Träumer sich 
niemals einer Maturitätsprüfung unterzogen hat. 

Zunächst sollen einige analytische Daten zum Traum mitgeteilt werden. 
Daß die Prüfung gerade aus Mathematik oder Latein abgelegt werden sollte, 
erklärte sich leicht. Der Vater des Pat. war Professor der Mathematik; 
der Lateinprofessor war ihm zur Zeil seiner Studien eine deutliche Vaterfigur 
gewesen.' Eine Reihe Eigenschaften wie Einseitigkeit, Verbohrtsein in dai 

i) Traumdeutung, t. Aufl.. S. 188, Ges. Schriften, Bd. lt. 

«) Träumte er von einer I^iifiuig nus MailiEmatik, so sah er nicmali den Prüfer, 
triumts er von einer aus Latein, war er rcgelmäOig anwesend. 



Ein Prafungslraum 457 



eigene, enge wissenschaftiiche Gebiet, Wellfremdheil, Freude an Büchern und 
an Astronomie, Pfeifen rauchen waren beiden gemeinsam. Der sonst sehr aufgeweckte 
und intelligente Junge versagte gerade aus Latein und schuf damit seiner 
negativen Gefühlsströmung gegen den Vater Abfuhr; der ziemlich langen 
Pubertät entsprach es, daß lein Mißvergnügen am Latein bis in die oberste 
Klasse anhielt. Der Lateinprofessor hatte den Knaben gern; er empfand jede 
schlechte Schularbeit als etwas, was ihm der Patient persönlich angetan hatle, 
und förderte so die negative Gefühls Übertragung, Er sorgte dafür, daß der 
Junge trotz mangelnder Kenntnisse alljährlich in die höhere Klasse aufsteigen 
konnte; der Junge sah mit Schrecken die Matura immer näher rücken. Er 
entwickelte reichlich Angst bei dem Gedanken an diese öffentliche Prüfung, 
bei der doch die Lücken in seinen Kenntnissen offenbar werden müßten. 
Bei diesem Anlaß erwartete er die Strafe für die zahlreichen Unterlassungen 
von Aufgaben, das heißt für die unbewußte Haßeinstellung gegen den Vater, 
die diese Unterlassungen veranlaßt hatte. Er erwartete also sozusagen die 
Matura als Strafe für seine Schuld gegen den Vater. 

Da kam der Krieg und mit ihm die „Kriegsmatura" ohne Prüfung und 
der Schüler glitt an der erwarteten Strafe vorbei. Kurze Zeit darauf trat der 
Traum von der Matura zum erstenmal auf und kehrte seither regelmäßig 
wieder. Irgendein Zusammenhang mit einer für den jeweils nächsten Tag 
geforderten verantwortlichen Leistung kannte vom Pat. nicht erinnert werden. 

Wir sehen aus dem analytischen Material zu diesem Traum, daß er, obwohl 
ein Traum von der Matura, doch nicht die von Freud angegebenen 
Charaktere des Prüfungstraumes trägt, sondern einer anderen Traumkategorie 
zuzuteilen ist, die Freud' als „Slraftraume" bezeichnet hat. Der „Straftraum" 
erfüllt nacli Freud die Wünsche der kiilischcn Instanz des Ichs (Ichideaj, 
Zensur, Gewissen) ; dazu stimmt, daß in unserem Traum der Vater als Prüfer 
erschien. * Es lallt nur auf, daß dieser Straftraum in Form eines 
Prufungstraumes auftrat und auch viel von dem Mechanismus enthielt, den 
Freud für die Prüfungs träume aufgedeckt hat. 

Wir finden hier also zwei Traumtypen vermengt, den des „Prüfungs'- 
mit dem des . Straft raumes'. So erklärte sich die aufiallige Tatsache, daß 
jemand, der die Matura nie abgelegt hat, doch von ihr in Form eines Prufungs- 
traumes träumte. 



i) „Ergäniungen lur Traumlphrc." Gm. Schriften, Bd. III. 

a) Hienu liehe auch Heik, Geslündoiitwang imd Strofbedür&iij. S. 65 f. 



458 Cum Jacoby 

Analyse eines Coitus-interruptus-Traumes 

Von 

Curt Jacoby 

Tel. Aviv. Palastini 

Ein jung verheirateter Patient erzahlt folgenden Traum ; 

Er sucht die fVohniaig eines Freundes, tritt in ein Haus ein und geht eine 
lange Treppe hinauf. Oben üffnet sich i}tm eine Art Loge, wo er bald mit 
einer Menge Leute an einer Balustrade (uiie im Theater) Platz nimmt und 
hinabblickt. Plötzlich tauchen über ihren Rapfen sehr schlechte Zeichnungen 
von altgriechischen Kunstwerken auf. Er sagt zu seiner Umgebung etwas ver- 
legen, er verstehe nichts von Kunst, urui hat sofort die Empfindung, er 
litte auf einem Baume uTid schwebe in Gefahr, hinabzustürzen. Dabei betrachtet 
er aber trotz seiner Furcht, hinunterzufallen, immer weiter die Bilder. Plötzlich 
stürzt er uiirklich hinab, und zivar nach hintenüber auf einen Pfahl, der sich 
ihm tief in den After bohrt. 

An allen Gliedern zitternd, in Angstschweiß gebadet wacht er auf, greift 
mit beiden Händen nach dem After und entfernt einen Zipfel des Lakens 
von dort. 

Der intelligente Patient, der sich in den letzten Tagen sehr eingehend mit 
Freuds „Traumdeutung" beschäftigt hatte, verstand sofort selber, daß der Anfang 
des Traumes [er tritt in ein Haus ein, geht eine Treppe hinauf, tritt in eine 
Loge ein) eine Koitus Symbolik darstellt. Schwieriger war schon die Deutung 
der Kunstwerke und seiner Worte, er versiehe nichts von Kunst. Doch lallt 
ihm schließlich ein, er habe seiner Krau am Abend die Episode aus Freuds 
.Traumdeutung" (Aufl. VI, igai, S. 109) vorgelesen, in der Freud jenen 
Rechtsgelehrten fragt, ob er auch ganz sicher gewesen sei, daß ihm das 
Kunststuck (Coitus interruptus) des Nachts immer gut gelungen wäre. Seine 
junge Frau machte ihm dazu das etwas zweifelhafte Kompliment, er jedenfalls 
verstehe seine Kunst so gut, daß ihr schon nicht mehr angst sei, sie würde 
schwanger werden. Bei dem starken Wunsch seiner Gattin nach einem Kinde, 
das sie sich wegen ihrer schweren wirtschaftlichen Lage aber noch versagen 
müssen, glaubte er sicher nicht unberechtigt einen leisen Vorwurf aus ihren 
Worten entnehmen zu können. So blieb ein starkes Mißbehagen in ihm nach 
jenem Gesprach zurück. Im Traum ergibt sich, daß er ihr willfahren und 
nichts mehr von der Kunst (des C. i.) wissen will, daß er aber andererseits 
doch die Konsequenz fürchtet und nun um so stärker von Angst gepackt wird, 
e« tei zu einer Schwängerung gekommen. 

Das Problem des Baumes fand seine Lösung in jenem bekannten Witz, 
den er ein paar Tage vorher mit vielem Vergnügen von einem Freunde 
gehört hatte: Einem Manne sind zur Stärkung seiner sexuellen Leistungs- 
fähigkeit Affenhoden eingesetzt worden. Als er nach der Operation nach 
Hause kommt und die zärtliche Gattin ihn am ersten Abend liebevoll auf- 
fordert, doch ins Bett zu kommen, wird er plötzlich w^ild und bruUl — der 
Mundart des Erzählers entsprechend in reinstem Berliner Dialekt — : „Wat?! 
Ins Bettl? Komm uff'n Baum!" 



Analyse eines Colliis-lnierniptu«- Iroumes 



459 



Lachend gibt der Träumer dazu selbst tue Erklärung, er wollte gewiß auf 
diese Weise seine eigene LeislungsRiliigkeil dartun. 

Warum so viele Leute in der Loge waren? Warum überhaupt ein Teil 
des Traumes im Theater spielt? Er bemerkt dazu: „Wenn ein Kind geboren 
wird, kommen viele Gratulanten und man macht ein ganzes Theater davon. 

Bleibt nur noch der „spitze Prahl" zu erklären, der sich ihm in den 
After bohrt und das Gefühl einer wahnsinnigen Angst auslöst. Fat. leidet an 
Oxyuren und wird mitunter von heftigem Juckreiz im After gequält. In einem 
(olchen Anfall hat er nun schlaftrunken den After mit dem Laken gerieben 
und ein Zipfel des Lakens ist steckengeblieben. 

Interessant ist zum Schluß die Kombination, durch die die durch dauernden 
Coitus interruptos aufgespeicherte Angst den äußeren Anlaß (Juckreiz und 
Lakenzipfel im After) als Handhabe 7U einer in den Rahmen des Ganzen 
passenden Entladung findet. Ob sich hinter diesem Traumslück nicht noch 
tiefer verdrängte passiv -homosexuelle Wünsche verbergen, konnte nicht 
ermittelt werden. Der sexuelle Charakter des Traumes ist gut verkleidet und 
doch tritt die deutlich sexuelle Abfuhr im entscheidenden Augenblick (auf dem 
Baume, wo er sich vom Anblick der „schlechten Kunit''werke nicht 
losreißen kann, ohschon er nach seiner eigenen Aussage nichts von Kunst 
versteht) auf und unterbricht Traum und Koitus. 



Beispiele zur Traumdeutung 

Von 
Eußcn E b 1 e 

Neunkirchen (Baden) 

I 

Er besUigt mit einem ihm bekannUn rothaarigen Herrn, dessen Namen 
ihm entfaUen ist, die Dächer eines roten Schlosses, geht dann eine Treppe 
hinab, die an einem Garten vorbeiführt — der Rothaarige immer voran. 

In derselben Nacht hatte er noch folgenden Traum: 

Er erhält von einer Dame, die ihn wegen ihres exotischen Charakteri 
reizte, ein Perlenhalsband!, das er sidi umhängt. Die Dame ist ihm wegen 
ihrer freien Anschauungen bikan'it. 

Die Auffindung des Namens des roihaarigen Herrn war durch folgende 
Einfalle des Träumers ermöglicht : Weinmann, Weigand (Besitzer eines Wein- 
lokals), Weinbrenner. Der nächste Einfall (Schnapsbrenner) ergab »einen Beruf 
und hiemit auch den Namen. Dieser Herr war ihm, wie auch die Dame, 
«einer freien Anschauungen wegen bekannt. Das Besteigen der Dächer sowie 
das Gehen deutet er selbst als Symbole des Geschlechtsverkehrs. Die zweimal 
vorkommende rote Farbe und der Garten ordnen sich dem ein. Ein gleicher 
Garten gehörte auch der Dame, mithin stellt er gleichzeitig die Verbindung 
beider Träume dar. 

Im ersten Traume schlägt also der Träumer dieselben Wege ein wie der 
Herr, der ihm als „Steiger" bekannt ist. — Zur Perlenkette fällt ihm ein, 



daß diese auf der Brust getragen wird. Die Kette steht aUo wohl für die 
Brust selbst. (Schmuck ist weibliches Symbol.) Diese wird ihm geschenkt, er 
nihil sie an seinem Körper. 

Der zweite Traum besagt also: Ich darf an der Brust einer rothaarigen 
Dame hegen. (Oder sie selbst ist dabei aktiv 1) 

In beiden Träumen besteht Für den Träumer eine intime Beziehung zu 
Personen, von denen er eine lieben möchte. Beide huldigen freien Anschauungen. 
Der Garten verbindet außerdem beide Träume. Wir dürfen sie also wohl in 
Beziehung setzen, so daß wir folgende Deutung erholten: 

Ich lebe wie der rothaarige Herr und darf dann an der Brust einer Dame 
liegen. (Man kann auch ein konditionelles Verhältnis annehmen) — 

Die Dame Ut Engländerin. Der Traumer wußte, daß viele Engländer 
rothaarig sind. Daher traf er diese Auswahl aus der großen Zahl ihm bekannter 
Herren. Daß gerade eine Perlenkette als weibliches Symbol gewählt wurde, 
mag damit zusammenhängen, daß jene Dame aufTallend schöne Zähne besaß. 

Der zweite Traum spielte sich in einem Raum ab, in welchem einige 
Tage vorher eine rothaarige Dame Ehebruch beging. Dies war dem Träumer 
bekannt. Auch die Dame seines Traumes war verheiratet Wir dürfen also 
annehmen, daß er nicht nur an ihrer Brust liegen wollte. 

II 

Er befindet sich mit mehreren ehemaligen Schulkameraden am Bahnhof und 
will ahreUau Nach Schülerart vrird ein Junge, der für besonders dumm 
gehalten wird, dadurch gehänselt, daß man ihm Zettel mit Stecknadeln 
anhängt. Der Tr. selbst beteiligt sich hierbei. Auch ihm wird vorne ein Zettel 
angehängt, den er sofort bemerkt. Abschied. Der Zug ist dicht beseUt, mir 
ein Platt neben seiner Mutter ist noch frei. Gegenüber sitzt eine ältere Dame, 
die er kennt. Er bemerkt nun, daß sein Racken vöüig mit Zetteln behängt 
Ut. Aus der Brust- und Schoßseite seines Rockes sieht er langsam, mit großer 
Befriedigung, viele Nadeln und erwacht. 

Analyse. 

Der Tr, legte kurz Tor seinem Traum eine Prülimg ab, wo er viele 
ehemalige Schulkameraden traf und die er „mit Auszeichnung" bestand. — 
Vor zwei Tagen traf er ehemalige Mitschüler, die ihn durch einen neckischen 
Zuruf ärgerten ; am selben Tage begegnete er in einem Gasthaus einem Idioten, 
dem man einen Zettel mit der Aufschrifl: „Vorsicht, sehr bissig I" angehängt hatte. 

Der Traum besagt also zunächst; Du hast zwar deine Priifung mit Aus- 
zeichnung bestanden (Waren werden durch Anhängen von Zetteln ausgezeichnet), 
aber trottdem bist du ein IdioL Die Eisen bahn fahrt, das Anstecken und 
Herausziehen von Nadeln aus Stoff deuten aber weiters auf einen sexueUen 
Vorgang. 

Der Vater des Tr. war zurzeit des Traumes schwer erkrankt. Abreisen 
und Bahnfahrt bedeuten Tod, Er fährt mit seiner Mutter. Wir dürfen also 
wohl übersetzen: Wenn der Platz neben meiner Mutter leer würde, wie ich 
wünsche, so würde ich ihn auszufüllen wissen und nicht so dumm' «ein wie 
der Idiot (Der Tr. bemerkte im Traum ja die Zettel!) 



Beispiele aur Troumdeutung 46* 



Beispiele zur Traumdeutung 

Von 

Otto Fenichel 

Berlin 

I) Ein verdichteter Traum 

Es ist bekannt, daß es ganz kurze Träume gibt, die in höchst verdichteter 
Form die ganze Neurose oder Entwicklungsgeschichte eines Menschen enthalten. 
Ich hatte unlängst Gelegenheit, einen solchen Trnum zu analysieren, der 
vielleicht Interesse beanspruchen darf, ■weil er aus einem einzigen AVorte 
besteht. Er lautet nämlich ; Bienen. Der Träumer wußte nicht einmal 
anzugeben, ob er im Traume Bienen sah oder ob er nur das Wort 
„Bienen" hörte. 

Der Träumer ist ein jGjähriger Mann, der bereits in einem vorgeschrittenen 
Stadium seiner wegen Charakterschwierigkeiten begonnenen Analyse steht. 
Diese Schwierigkeiten bestanden im wesentlichen manifest außer in seinem 
ausgesprochenen moralischen Masochismus darin, daß er sozusagen seinen 
Ödipuskomplex lebte: Einerseits bildete der bewußte Haß gegen seinen 
tyrannischen Vater, der immer vergebliche Kampf gegen ihn, den Haupt- 
inhalt seines Leben»; andererseits lebte er seil Jahren mit einer viel alteren 
Frau lusammen, an die er, obwohl sie ihm bewußt weder seelisch noch 
semiell viel bedeutele, gebunden blieb. — Der Patient halte trotz übeidurch- 
schniiiliclier Intelligenz und Begabung keinen Beruf. Die Geschichte seiner 
gescheiterten Berufs versuche ließ deutlich erkennen, daß auch die Berids- 
loiigkeit einer Haßregung gegen den Vater Ausdruck verlieh (etwa: Du hast 
es dazu gebracht, daß ich nichts gelernt hohe!) und gletclizeitig den Patienten, 
der im wesentlichen von Unterstützungen seines Vaters lebte, in dauernde 
Abhängigkeit von ihm brachte. Immer wieder hatte der Patient versucht, sicli 
mit Gewalt von seiner Fixierung an das Eltemhnus zu befreien, er war ins 
Ausland gegangen, verkehrte mit Menschen extrem anderen Schlages als seine 
Angehörigen („universelle Exogamie") — ■ alles umsonst, in seinen unbewußten 
und im Verlaufe der Analyse bewußten Tagträumen war er stets nur im 
Elternhaus und setzte sich mit seinen Angehörigen auseinander. — Es war 
leicht zu sehen, daß hinler dem Haß gegen den Vater eine intensive fordernde, 
sadistische Liebe zu ihm stand, die dem Patienten die Lebensaufgabe gestellt 
hatte, dem Vater möglichst viel Geld wegzunehmen. (Er war Lotteriespieler 
und wartete auf den Haupttreffer, d. h. darauf, daß der Vater .Schicksal" 
ihm endlich die ihm gebührenden Geschenke bringen werde.) Dieser Forderung 
entsprach die Eifersucht auf die älteren Brüder; Ihnen, meinte er, schenke 
der Vater alles, ihm nichts. Eine Deckerinnerung aus der Kindheit erzahlt, 
ein Bischof hätte einmal einen »einer Brüder geküßt, ihn nicht. — Hinler dieser 
anal -sadistischen Liebe zum Vater mit dem Ziel, ihm Geld und Geschenke 
wegzunehmen (negativer Ödipuskomplex auf analer Stufe), waren in der 
Analyse orale Wünsche schon sehr deutlich geworden: Er wollte sich vom 
Vater erhalten, d. h. ernähren lassen. Die unbewußte Idee, am Penis des 
Vaters zu trinken, vertrat die noch liefer verdrängle, an der Brust der Mutter 



4ta Otlo Fcnidiel 



(Amme) zu trinken. (Der Patient liatte länger aU ein Jahr die Bnist 
erhalten, und als sie ihm enUogen wurde, halte er, der schon ganz gut 
hatte reden können, ein weiteres Jahr lang nicht gesprochen, so daß er 
schon als stumm gegolten hatte.) — Einige Ta^e vor dem Traum war die 
Nachricht eingetroffen, daß der Bruder, den der Bischof geküßt hotte, sich ver- 
lobt hätte. Der Patient, der bei seiner priigenitalen Fixierung nie voll potent gewesen 
war und sich von seiner alternden Freundin weg zu einer jungen liebenden 
Frau sehnte, hatte also allen Grund, seinen alten Neid zu reaktivieren. Dazu 
kam. daß — wenigstens nach Meinung des Patienten — diese Verlobung 
eine Machenschaft des Vaters war, der dem Lieblingssohn eine Frau aus- 
gesucht hatte. Der Patient hatte die Verlobungsnachricht sofort mit folgendem 
Traum beantwortet: In einer Zeitung steht meine und meines 
Vaters Photographie. Den Einfällen nach handeile es sich um eine Heirats- 
annonce, und der Gedanke war, der Vater solle auch ihm eine Frau suchen, 
bzw. er mochte mit dem Vater im Umweg über eine Frau verbunden sein. 
Und nun die Einfälle zu den „Bienen" : Der Patient erinnerte zuerst, daß er ein- 
mal, zirka »3 bis 15 Jahre alt, auf einem Spaziergang mil der Müller von einer 
Biene gestochen worden sei. Sonst hätte er nie etwas mit Bienen zu luu 
gehabt. Die Einfälle drohen schon hier zu stocken. — Von mir darauf auf- 
merksam gemacht, daß das Wesentliche an den Bienen also zu sein scheint, 
daß sie stechen, wendet sich der Patient diesem Stechen zu. Er erinnert 
einen älteren Traum, in dem ihm ein Mann unter besonderen Umständen 
eine Lanze in den Bauch gestoßen halte. Die Lanze der Bienen ist ihr Stachel, 
nur daß die „Bienen" zahlreich sind, viele kleine Tiere. Der Komplex der 
«kleinen Tiere" war uns schon bekannt. Sie bedeuteten bei unserem Patienten 
nicht „Geschwister", sondern etwa „gefährliche Kinder, kastrierende Bakterien 
und Spermatozoen". und zwar so: Ein Bruder hatte während der Ijdenzzeil 
des Patienten eine Gonorrhoe gehabt. Diese gab der Kastration sangst des 
Patienten den Angstinhalt, von Bakterien bei lebendigem Leu» von innen her 
aufgefressen zu werden. Später stellte sich heraus, daß die Erinnerung an die 
Gonorrhoe des Bruders eine allere an eine gynäkologische Erkrankung der 
Mutter deckte: Diese war wegen eines Myoms operiert worden. Der Patieni 
hatte etwas von „Krebs" gehört und sich vorgestellt, daß ein Tier Krebs im 
Genitale stecke und mit seinen Scheren innen alles wegzwicke. Diese kastrierenden 
Bakterien, Krebse, Bienen kommen natürlich als Nahrung per os in den Körper. 
Die Mutter war — nach der unbewußten .Ansicht des Patienten — durch die 
sexuelle Brutalität des Vaters, der Bruder wirklich durch Sexualverkehr krank 
geworden. Wenn man also das, was aus dem Penis (der Lanze) des Vaters 
kommt, trinkt und so ein Kind empfangt (Träume über Krebskinder und 
Grotlcnolme ließen an der Deutung kleines Tier=Embryo keinen Zweifel), so 
wird man dafür von den Bienen (Kindern, Spermatozoen) von innen her ver- 
nichtet und zwar nach dem Talionsgesetz aufgefressen. An diese Dinge mußte 
der Patient nun denken; er dachte weiter an die Drohnenschlacht, daran, daß 
die männlichen Bienen nach dem Sexualakt sterben müssen. 

Bei der „Drohnenschlacht" fäUt dem Patienten plöt7-lich ein: Er hatte ganz 
vergessen, daß er noch einmal mit Bienen zu tun gehabt hatte. In seiner Kindheit 
halte der Vater einmal auf seinem Gute Bienen gezogen; damals hat es viel 
Honig zu essen gegeben. Das Ganze dauerte aber nur kurze Zeil. Der Vater 



war beschwindelt worden, ein schlechter Imker richtete die garie Sache zu- 
grunde, aus der Bienenzucht, die mit viel Hoffnung begonnen worden war, ist 
gar nichts herauseekominen. „Mies, was der Vater unternimmt", sagt der Patient, 
„schlägt ja immer fehl." — Ich mache den Patienten darauf aufmerksam, daß 
sein Vater jetzt die Heirat des Bruders unternimmt, und daß er wohl nichts 
dagegen hätte, wenn auch diese Unternehmung fehlschlüge. — Eine eklatante 
Bestätigung dieser Deutung brachte der Patient einige Tage später, da er, als 
auf sein Gratulationstelegramm nicht sofort eine Antwort eintraf, gleich annahm, 
die Verlobung sei bestimmt zurückgegangen. — Zunächst aber fiel ihm dazu 
etwas anderes ein: Er dachte an jenen Spaziergang mit der Mutter, bei dem 
er gestochen worden war. Er erinnerte, daß der Vater damals verreist war, 
und endlich daß sie auf dem Spaziergang einen bestimmten Idioten getroffen 
hatten, Tor dem es ihm immer gegraust hätte. Aber auch dieser Idiot war in 
der Analyse schon behandelt worden; Er hatte einmal, ebenfalls als der Patient 
12 bis 15 Jahre alt war, mit geöffneten Hosen die Mutter verfolgt, so daß sich 
diese schreiend nach Hause flüchtete; diese Erinnerung war bisher die einzige, 
mit der ich dem Patienten gegenüber die Deutung, seine Freundin vertrete seine 
Mutter und er hätte trotz seiner prägenilalen Fixierung phallische Wünsche 
in Beiug auf seine Mutler gehabt, die er nur aus Angst im Keime erstickt 
hatte, hatte plausibel machen können. 

Versuchen wir nun die Deutung des Traumes „Bienen", so erkennt man 
zunächst den oberflächlichsten latenten Traumgednnken: Aus der Hochzeil 
des Bruder« soll nichts werden, allgemeiner, aus den Unter- 
nehmungen des Vaters zugunsten des Bruders »oll nichts 
werden, oder— eine Schichte tiefer — der Bruder, der »ich vom 
Vater Geschenke machen, sich von ihm lieben läßt, soll 
gestochen und zerfressen werden. Es ist auch unschwer, nocli 
weiter zu sehen: Die Stechängste beziehen sich natürlich nicht nur auf den 
Bruder, sondern auf den Patienten selbst, so daß wir als weitere Traum 
gedanken formulieren können; Der Vater soll mich verheiraten. 
Der Vater soll mir Geschenke geben, mich lieben, Jetztcn 
Endes: der Vater soll mit mir per os verkehren {-Honig ). Der 
Traum drückt aber überdies auch die Triebabwehr deutlich genug aus, die 
K.iStrationsangst, die durch den wünsch erfüll enden Charakter des Traumes 
geweckt wurde, etwa: Wenn ich mir solches wünsche, so werde 
ich gestochen, von innen her gefressen, kastriert, die 
, Illeinen Tiere" aus dem Penis des Vaters werden, wenn 
i"ch sie esse, mich von innen fressen, welche Befürchtung ja sogar 
in gewissem Sinn durch die Strenge des Über Ichs des Patienten realisiert ist. 
Hinler all dem aber wird die tiefste Schichte bemerkbar, der Wunsch, nicht 
vom Penis des Vaters, sondern von der Brust der Mutler zu trinken, was 
wieder ein durch die orale Fixierung ermöglichter regressiver Ausdruck Rir 
den Wunsch ist. mit der Mutter sexuell zu verkehren. Denn die Vorgänge 
bei jenem Spaziergang lassen sich nun leicht rekonstruieren: Die Abwesenheit 
des Vaters und der Spaziergang zu zweit hatten die verdrängten Inzestwünsche 
des Patienten bis zu einem gewissen Grade aktiviert. Die Begegnung inil dem 
Idioten, die an die Möglichkeil des realen Inzestes erinnerte, verstärkte die 
verbotenen Wünsche außerordentlich. Als nun die Biene den Jungen such, 



■^ OiioTentdiel: Beispiele zur TraumdeutunK 



iZ tA In" :f' "'^ •'^^'"^■O"' <»'« d«- Gedanken an den Mutter- 
™ auf de,n Fuße folgt. Die tief.,.« latenten Traurige danken lauten «Isr, 
et«a. Ja, .ch mochte heiraten wie der Bruder. Aber ^eni, 
-ch me.ne *o n. u 1 1 e r äh n I i c h e Freundin aufgeben .oll, so 
L\ ^\''!"'\^^- M"t,er selber sein. die%ch zur Frau 

bekäme. Und sofort die Unterdrückung: Da, darf ich nicht 

™ ^*'":, n .''t''" " ""' **"' B'«»- '''«^ Erfahrung 
gemacht, daß solcher Wunsch sofort bestraft wird. Deshalb 

o^t f T"' "-?' '''" '''*''' '"■ ~ ""-^ ^'- ^"' -fließen die schon 
T.H ^"""''■'^.^'" Tra.n.gedanke„ a„. dem negativen Ödipuskomplex an. 

Me3, f" "^'^l"".^"^'"" "^^ '^»ß -B'™-^»" tatsächlich die gegeben« 

?iS n fl '^"^"T'^^'' ^^"""^ ""<^ °-" "- *«0 d« Kind vi den 
Bienen? Daß »e suße„ Honig geben und daß sie siechen. 

11) Schlafverlängemder Leibreiztraum 

Ein Patient ^äumt. E. ist .ine polüüche Versammlung. VersckUdene Redner 
'Zrl' ?" " "' "'"■ '""^•'"S, die Ein^lheiten habe ich .ergesse.. 

PU^UUeh drangt ,ema,^ ,m Laufschritt zur Rednertribüne vor. stoßt den 
Redn^ he,seue und ruft ungefähr folgendes in die Versammlung. „AUes, u,a. 
h,er besprochen w,rd, betrifft umsichtige Zukunft ssor gen. Es i^ nur eine 
e.n^.ge Sache, die jetzt zm Augenblick erledigt werden muß.- Das darf nicht 
,nehr vorkommen, daß man mitten in der Nacht aufstehen muß.''' - Und der 
Patient erwacht mit starkem Harndrang. J ^ 

HD Muttericibstraum als Euphemismus für den Inzest 

M.,S l^^rr"*!' '" ""*'"" -"«lyti^chen Autoren hat Freud «m-cht, die 
Mutlerleü-sphanUs.e,m wesentlichen als Euphemismus für den Inzestwumch, 

S/r iTt^^T"'" ^"/"■P«*«"'-'« aufzufassen. Der folgende Traum beweist 
die Richtigkeit dieser Auffassung unmittelbar. 

„i.^'''i^K?"^'"" ^"'"''f "■'' außerordentlicher Sexual Verdrängung, der noch 
nie verkeh« nur gan. kurze Zeit onaniert hat, der aber dST in absolut 
rn^tJer We.se an seiner Mutter, (die aUes Sexuelle verboten hat). hauRt, 
hat als einzige sexuelle Befriedigung nachüiche Pollutionen unter folgendem 
wiederkehrenden Traum: * 

Ich steige über eine immer enger werdende fVendeltreppe in den Turm 

J n / r*; 'I,-f ^'"'""' '""" *"'"' '^"'"' ^"'"'nengel^uert 

Sitten, Das ut unbeschreiblich schön. 

An die«m Traum hangt das schwerste Ödipus-Schuldgefühl. 



PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 



Dr. Heinridi Roerber 



Am Dienstag, den 2. August 1927, starb nach kiirv.em Krankenlager an 
den Folgen eines Schlaganfalles mit 66 Jahren der Senior der Berliner Gruppe 
der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, Sanilntsrat Dr. Heinrich 
Koerber. Sein Name ist mit d_er Gründung der Berliner Gruppe aufs engste 
verknüpft, er gehört zu dem kleinen Kreise derer, die zuerst in Berlin re^I- 
mäßig zusammen kamen, um ihre psychoanülyti sehen Erfahrungen auszu- 
tauschen. Wer Koerber näher kannte, hnl sich dem Zauber seiner feinen, 
menschlichen und gütigen Persönlichkeit nicht entziehen können. Er hatte bis 
noch in die letzten Jahre hinein, wo Alters ersc hei nungen ihre Schatten auf 
ihn warfen und ihn oft still und müde erscheinen ließen, etwas jugendlich 
Sieghaftes in seinem Wesen, hatte eine nie versagende Bereitschaft, sich Neuem 
zu erschließen. Dieser Bereitschaft verdankte er es auch, daß er zu einer Zeit, 
wo im Gegensatz zu jetzt die Psychoanalyse nur von wenigen nicht ver- 
lästert wurde, sogleich voll ihre Bedeutung erfaßte und sich ihrem Studium 
mit Eifer widmete, igoi war der Vierzigjährige, nachdem er bald nach 
seinem Staatsexamen (1886) von j888 bis 1895, also sieben Jahre, Landarzt 
in einem schlesischen Dorf gewesen war und darauf in Breslau weitere sechs 
Jahre Ailgcineinpraxis gelrieben hatte, nach Berlin gekommen, hatte dort 
durch Juliusburger die junge Psychotherapie, die Hypnose, kennen 
gelernt und, stark beeindruckt durch die therapeutischen Möglichkeiten, die 
durch eine seelische Beeinflussung gegeben schienen, sich sogleich von seiner 
bisherigen ärztlichen Tätigkeit auf einen neuen, ebenso imsicheren wie ver- 
heißungsvollen VVeg begeben. Bald aber, auch durch seinen Freund Julius- 
burper vermittelt, kam er mit der Psychoanalyse in Berührung und ist ihr 
von da an nicht nur treu geblieben, sondern ist Jahr für Jahr durch Wort 
und Schrift vor gelehrtem wie vor ungclehrtem Publikum für sie eingetreten. 
Er verstand es u. a. vorzüglich, die Grundpositionen der psychoanalytischen 
Wissenschaft in plastischen Bildern hinzustellen, so daß er der schwierigen 
Aufgabe besonderK gewachsen war, einem größeren Publikum zum Verständnis 
der Psychoanalyse zu verhelfen. In diesem Sinne wirkte er in seinen mehr- 
fach wiederholten Vorträgen in der Lessing -Hochschule. Von den gelehrten 
(jeielt Schäften, in denen er vorzutragen pflegte, seien erwähnt die „Ärztliche 



I 



466 l\vdio.iiiiilMis(ln- Hc«o)»iinK 

Gesellschaft für Sexualwissenschaft", an deren Begründung; er zusammen mit 
Iwan Bloch beteiligt war, und die „Gesellschaft für Geschichte der Natur- 
wissenschaft, Medizin und Tedinik". 

Roerbers Interesse war nicht auf sein Fachgebiet beschränkt. Dramen 
und Gedichte, die er vor allem in seiner Bresiauer Zeit verfaßte, aber scheu 
zurückhiek, zeugen von seiner künstlerischen Begabung. In seiner Breslauer 
Zeil verstärkte sich sein Interesse für philosophische und weltanschauliche 
Fragen. Unter den Philosophen stand ihm Schopenhauer nahe. Mit Julius- 
burger und Kirchbach zusammen pendele er 1906 den Monistenbund, 
den er viele Jahre als Vorsitzender leitete und für den er in Schrift und 
Wort wirkte. Nach dem Kriege trat er aus dem Bunde aus, weil er mit 
dessen positivistischer Entwicklung nicht mitgehen mochte. 

Das Anziehende an Koerber war, daß alles, was er tagte und tat, »eine 
wissenschaftlichen Bestrebungen, sein ärztliches Wollen, «ein weltanschauliches 
und sein künstlerisches Interesse, den Eindruck machten, nichts Einzelnes, 
Losgelöstes zu sein, sondern zu der Einheit einer gütigen Menschlichkeit zu 

^ ° "■ FOr die .Deutsche Psydioanalytlsdic Ccsctlsdiaft" : 

Dr. Carl Maller- Braunschweig 



Vorträge und veröffcntlidite Arbeiten Dr. Heinridi Kocrlicrs' 

il Psychologie und Seiunlilnt (Der Monismus, igio, Nr. 51, V. Jahrgang^. 

a) Selb atb CSC huldigimg und Selbstbestrafiing (1911). 

3) Sexualpädagogik und Sciualabslinenz (Zcilschrift „Die Neue Generation", Juli- 
heft 191J). 

4> Die Bisexuidilät als Grundlage der Sexualforachlmg (Zeitschrift „Die Neue 
Generalion", Fcbniorheft 1913). 

5I Temperomcnt und AlTekl (1915, Feuilleton, Egon FleiBchel u. Co.). 

6) Die Freiidsche Lehre und ilire Abzweigungen (Zeitschrift für Sexuol Wissenschaft, 

5. Hand, I. Heft, 1916). 

7) Die Traumanolyjc all Hilfsmittel im StroTverf obren (Deutsche Strafrechlszcitung, 

Mai—Juni 1917). 

8) Der FrauenbaO in Dichtung und Philosophie {Vortrag, 26. Februar igi8). 

9) Vom Antifeminismus (ZciUchrifl „Die Neue Generation", Juli/August 1917). 
lu) Neues vom Traumen (Bormcr Zeitung. Iglg). 

ii) Zu Psychologie des Falles Otto Weininger {Vortrag in der ärxllichen Gesell- 
schaft füi Scxualivissonschaft und Eugenik). 
ll) Hypnose und Analyse. 
13) Neurotische Lesestonmgen (1919). 

Sexunliläl imd Unbewußtes {August 1919). 

Sexuolitnl imd Schuldgefühl {igig, Zeitschrift für Sexualwissenschaft, 5. Band, 

)o. Heft: nach einem Vortrag in der Antlichen Gesellschaft für Sexual- 

wissenscbafl). 

16) Die psychologische Begründung der Kunst nach Schopenhauer {einige psycho- 

biologische Bemerkungen, anknüpfend an Schopenhauer und Freud, Oktober 

1919^. 
17I Vorträge in der ,,Lessing-Hochscbiile" : 

Am 14. Februar 1934 „Über die Freudsche Lehre imd ihre Abzweigungen". 
Oktober bis Dezember ig-i^ über die „Psychoanalyse". (Auf Wunsch der 

Lesiing-Hocbscbidc wurde dieser Vortragszyklus wiederholt.) 
Januar bis iVfärz 1925 über „Physiologie und Psychologie des Sexuallebens". 

il DI* LIfIr irt mir von der Wllwr dci Vcr«arl>m»n (üticil tur Verfüiun« aslelll wordm; 
ile lit VFrmutllch ntctil volluhltc, C M.-B. 



■4) 



i'syditKinulyf)sd)c HoHesund 407 

i8) Gleichsinnig mit den in der Lessing- Ho chichiilc gehaltenen Vortragen das Buch 
„Die Psychoanalyje" (erschienen im Ullstein- Verlag in der Sammlung „Weg» 
mm Wissen", 1914)- 

19} Semalsyinbolik und Phantasie im Krankheitsgeschehen. (Im Mai 1926 Vortrag 
in der Aritlichcn Gesellschaft für Sesualwissenschaft und Konsliliitions- 
forschung. Im Druck erichienen im „Archiv für Prauenkunde", Ende Juli i((i7, 
kura vor Koerbers Tode.) Koerber hat seine letzten öffentlichen Vnilrngo 
gehalten anläßlich des jo. Geburtstages von Prof. Sigmund Freud. (Gesell- 
schaft für Sexualwissenschaft imd andere medizinische Geseltschaftcii, Mai 
1926.) 

10) „Rund um die Pi^choanalysc" (mm 70, Geburtstag von Sigmund Freud, 
Kölnische Zeitung). 



I 



\> 



KORRLSPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Anna Freud, ZentraLsckretürtn 



I 

Bericht über den X. Internationalen 
Psydioanaly tischen Kongreß 

Der X. Internationale Psychoanalytische Kongreß fand unter dem Vorsitee 
von Dr. Max Eitingon (Berlin) vom i. bis 3. September 1927 in Innsbnick 
statt. Die Tagung erfreute sich einer regen Beteiligung aus allen Ländern; 
die Aniahl der Teilnehmer betrug 220, hievon 105 Mitglieder der I. P. V, 

Am Vorabend des Kongresses wurden die Teilnehmer von der „Wiener 
Psychoanalytischen Vereinigung" im Hotel „Tiroler Hof empfangen und von 
Dr. I'aul Federn auf Österreichischein Boden begrüßt. Die Wiener Gruppe 
bemühte «ich auch sonst mit liebenswürdigem Geschick, durch die Veran- 
sUltung gemeinsamer Ausflüge und geselliger Zusammenkünfte den RongreO- 
teilnehmem den Aufenthalt in Innsbruck abwechslungsreich zu gestalten. — 
Am Abend des zweiten Kongreßtages fand ein o^izielles Festessen statt. 

Der mühevollen Leitung des örtlichen Kongreßbureaus haben sich in 
besonders dankenswerter Weise Fräulein Dr. Salomea K e m p n e r (Berlm) 
und Herr Dr. Philipp S a r a s i n (Basel) gewidmet. 

Eröffnung des Kongresses 

Dr. Eitingon eröffnet den Kongreß am Donnerstag, den 1. September 
1927, vormitUgs 9 Uhr. im Stadtsaal mit folgender Ansprache: 

Geehrter KongreD, 

Verehrte Gnsle, 

Liebe KuUegen und Kolleginnen, 

Wenn ich jctil den X. PsychonnDlj>Hschcn Kongreß eröffne, tue ich e» an Stelle 
eine» Mannes, dem wir auf dem 1 etilen Kongreß die Leitung der Schicksale unserer 
Bewegung auf lange wieder onverlrauen lu künnen glaubten, an Stelle unseres 



KurrcsiKintlenzblatt 46Q 



Iftilen, unvergeßlichen Präsidenten Karl AbrahBln. Wie ein blühendes Bild 
wiedergewonnener Geinnclhcit erschien er nach schwerer Krankheit unter uns in 
Homburg und kein Freundeiaiige konnte erkennen, daß er den Todeskcim schon in 
sich trug. 

Gleich nach der Rückkehr vom Kongreß erkrankte er nieder und erlag lu 
Weihnachten 1915 der Krankheit, mit der er so schwer gerungen halle. Au> den 
Tolenklagen, die in allen imscren Zweigvereinigungen um ihn angeslinimt worden 
wiiren, stieg in erstaunlich eindeutiger imd gleicher Weise das klare, »charf nmrissene 
Büd dieses einiigen Mannes hervor. Ich brauche es auch Ihnen allen nicht mehr zu 
zeichnen; die bloße Nennung des Namens Karl Abraham heiehwort sein Bild 
plastisch herauf. Oberragend klug, verlüfllichst sicher, achti]nggBbielend tapfer vor 
dem Gegner und den Freunden treu, ein Führer anf unseren schweren Wegen, wie 
wir ihn kaum wieder so geeignet Hnden werden, immer schmenlicber vermißt von 
uns, je langer wir ihn entbehren müssen. 

Halluzinatorisch deutlich erscheint Karl Abraham allen, die imsere früheren 
Kongresse besucht haben, wie er schlank, schon früh grauen Haares unter uns 
wandelte, auf der Rednertribüne immer dann, wenn es galt, neuen, in der Zwischcn- 
leit gereiften Problemen letzte Formung lu geben, meist klassische, endgültige, 
seilen vorläufige und schnell wieder ahiutragende. Etwas vom oret peramius wehte 
aus den wissenschaftlichen Formulierungen des auch innerlich so gefestigten Mannes 
mit dem bronzenen Antlitz, wie wir ihn auf dem letzten Kongreß gesehen und wie 
er imaus lösch lieh in imser aller Gedächtnis leben wird. 

Sie kennen alle die lange Kette seiner wissenschaftlichen Arbeiten, die, in 
konsequentester Weise die Entwicklung unserer wichtigsten Probleme grundlegend 
fördernd, wie eine hohe Leiter bis lu den Gipfeln des Baues unserer Wissenschaft 
hinaufreichen. Und darum trifft man Karl Abraham, den Mann wie sein Werk, 
in jedem Raum der psychoanalytischen Welt, in den »nserer Tage Arbeil und 
unseres psychoanalytischen Denkens Wege führen. 

Nicht nur auf der Rednertribüne, mitten unter den Tailnehmem des Kongresses 
spürten wir ihn unaufhörlich, schon in seiner Ruhe beredt, so oft aber auch durch 
ein warmes, zündendes Witiwort aufmunternd oder Spannungen wegschalTend. aus- 
gleichend, beniliigend, versöhnend, verbindend; Brücke ist das Symbol dieses Mannes 
der, fest und konziliant zugleich, gelrennte Ufer miteinander zu verbinden wußte, 
wie nicht leicht einer außer ihm. 

Das ivar es aucli, was ihn zum Führer einer Bewegimg. die im Laufe ihrer Ent- 
wicklung auch Gegensätzliches, Auseinanderdrängendes mit Natumolwendigkeit aus 
sich gebaren muß, so unvergleichlich geeignet machte. Es war schwer, ihn nicht lu 
lieben, imd so konnte er auch alles zusammenhalten und binden, und das Gebunden- 
sein an ihn gab unserem Kreis viel von dessen Festigkeit in Zeiten der Ruhe, wie 
auch Sicherung gegen zu große Oherflüchenspannung in stürmischeren Zeilen. 

Darum werden wir ihn immer vermissen, in Phasen der Ruhe, wie in solche» 
der Spannung. Wo finden wir einen Erben dieser Kraft Karl Abrahams? Einen 
Weg wies uns die Trauerarbeit selbst: in den IdentiRiierungen mil ihm müssen wir 
das zentripetale Streben zum Zusammenhalt finden und Kraft durch Einigkeil. 

Wir haben auf diesem Kongresse zum erstenmal Verlreler einer franiösi sehen 
Gruppe unter uns, der neugebildelen Psychoanalytischen Vcrcinigimg von Paris, tl 
je luii heurtux dt vous saliier chcrs confrirts dis paj-i d'adorablt langur fran^ist. 

Der diesjährige Kongreß ist ein Jubilaumskongreü. Als X. schließt er eine Dekade 
von Kongressen ab, die stille, aber immer anwachsende Marksteine eines sich mächtig 
entwickelnden Weges sind, eines immer unaufhallsamer werdenden Marsches in die 
Eroberung des Menschen, in die Humanität hinein. Wenn Salzburg. Nürnberg. 
Weimar. München, Budapest, Haag. Berlin, Salzburg. Homburg und Innsbruck keine 
Scilla chtennamen Freuds imd der Psychoanalyse sind, so waren sie doch immer 
Inl. ZritKlir, f. PiychoanalyK, Xllll^. — 



470 Kiim-spimilcn/hlalt 

Schau dei Erreichten und Getanen, Sammlung lu weiterem Aufbruch, und an den 
müssen wir immer denken. 

Unser Meister, den »eit dem Berliner KongreD sein Geiundheitsiustand verhindert, 
an unseren Zusammenkünften teiliunehmen, und dessen gegenwnrtipes Befinden uns 
dennoch die gute Zuversicht gibt, ihn demnächst doch wieder einmal unter uns 
erscheinen tu sehen, ermahnte uns, als wir am 6. Mai vorigen Jahres mit einigen 
Freunden ihm Ihre Glück wünsche zu seinem 70. Gchurlstag übermitteln diu*ften, in 
seiner unnachahmlich scherischen Weise den Erfolg, der luis scheinbar beschieden 
zu werden beginne, und die Anerkennung, die ninn uns endlich lu loUen sich 
anschicke, nicht 111 überschätzen. Die WiderslÜnde gegen die Analyse seien im Kerne 
noch riesengroD und die Friedensgeneigtheit der wissenichafllicben Umwelt mehr 
oder weniger bewußte Taktik. 

Halten wir darum auch an unserer eigenen bisherigen Taktik feit, daran denkend, 
daO auch mit der siegreich fortschreitenden Psychoanalyse der Friede in absehbarer 
Zeit nur unter neuen vierzehn Wilson- Punkten geschlossen werden könnte. 

Möge also der X. Kongreß in diesem Siune der erste einer neuen Dekade von 
psychoanalytischen Kongressen werden, die von neuer Arbeit, von neuem Fortschritt, 
von neuem Erfolg zeugen sollen. 

Bevor wir nun in die erste wissenschaftliche Sitzung eintreten, habe ich Ihnen 
eine Nachricht zu überbringen, die Sic freuen wird, einen Gruß Freuds an die 
Versammlimg in Porm einer kleinen Arbeit, die wir als erste heute lur Verlesung 
bringen wprden. Sie handelt vom Humor, ist eine Ergänzung zu seinem Buch 
über den Witz und paOt thematisch so bedeutungsvoll schön in die Verhandlungen 
unseres heuligen Vormittag* hinein. 

Und nun gute Arbeit! 

Hierauf tritt der KongreQ in die wissenschaftlichen Verhandlungen ein. 

Erste wissenschaftliche Sitzung 

Donntritag, dtn t. Stpttmbir, vormittags: 

1) Prof. Dr. Sigin. Freud (Wien): Der Huoior 

(Vorgelesen von Frl. Anna Freud, Erscheint im nächsten Heft der 
Imago. Bd. XIV. Heft 1.) 

2) Dr. Paul Federn (Wien): Der Narzißmus im Itt-Gefüge 
(Erscheint in diesem Heft) 

3) Dr. Theodor Reik 0^^'^"): Das ubw, Schuldgefühl als libidi- 
nöser Faktor 

Das Schuidgerühl ist ein wesentliches psycliisches Moment in den Libido- 
Torgängen: es spielt eine bedeutungsvolle Rolle in der sekundären Objekt* 
fixierung und in der Libidoregression sowie in der „Kiebrigkeit" der Libido 
überhaupt. Es erhöht in vielen Fällen den Trtebgenuß durch die aus der 
Kinderzeit stammende Bedingung des Verbotes. Der Trieb ditrchbruch wird 
nicht nur durch eine Lockerung des Schuldgefühles, sondern auch durch seine 
latente Mitarbeit befördert. Die Orgie (das Fest) ist ein Triebdurchbruch, 
dessen Intensität durch das Schuldgefühl mitbestimmt wird. Die heue ist eine 
moralische Reaktion, die ihre tiefere Resonanz durch das Wiedergenießen 
einer verbotenen Aktion in der Erinnerung erhält. Die Religionen befördern 



Korrespnnilenzbialt 471 



und vertiefen die Sexuallust durch Verbot und Hemmung. Die Verdrängung 
ist nicht nur durch die Wirkung moralischer InsUnzen, sondern auch durch 
das Festlialten und die Wiederholung verbotener Genüsse charaklerisiert. Die 
Wiederkehr des Verdrängten ist ein psychischer Prozeß, der von dem des 
Unlertauchens des Verdrängenden in das Verdrängte zu unterscheiden ist. In 
den Endprozessen der Zwangsneurose verschiebt sich das Gebot auf die Aus- 
fuhrung der verbotenen Aktionen. Diese GesiehUpunkle werden auch für die 
Technik der Psychoanalyse wiclitig, weil die durch das Schuldgefühl vertiefte 
(perverse, phantasierte usw.) Triehhefriedigung schwerer einschränkbar ist als 
die normale. (Aulortßrat) 

4) Dr. Edward Glover (London): Some Observations on Suicidal 
Medianisms 

Consideration of tlie relotion betwcen theory and practice in psycho- 
analysis. Ulustrated by reference to the problem of suicide. Two poinU are 
discussed: a) the influence of Ego- psycho logy on handling of suicidal mecha- 
nisms, b) the extent to which discussions on the nature of the Super-ego 
can be correlated with clinical fmding». {Autoreferat) 

5) Dr. Helene Deutsch (Wien): Über Zufriedenheit, Glüdt und 
Ekstase 

(Erscheint in diesem Heft) 

6) Dr. Sändor Radö: Das Problem der Melancholie 
(Erscheint in diesem Heft) 

7) Dr. K. L a n d a u e r (I'"rankfurt a. M.) : Zur Psydiologie der Manie 

A. Material: Die eingehende Psychoanalyse zweier Manisch-Depressiver 
im Intervall, bzw. in der Depression, zwei passagere manische Zustände während 
der Analyse bei einer Angslhysterie, bzw. psychogenen Depression als Wider- 
itands - (Trotz- ) Erscheinung . 

B. Die Symptome: i) Heitere Verstimmung. Das Lachen. Die 
Bedeutung des Wiedererkennen». 

a) Bewegungsdrang: Tätigkeitslust, bei stärkeren Graden Bewegungslust. 
Parallele in früher Kindheit bis zum PeiUchreflex. 

3) Rededrang, schließlich ausartend zur Wort- und Lautlust. Spucken von 
Worten, Speicheln: Parallele Zeil der Dentition. 

4) Ideen flucht, oberfl Schliche am Formalen hängende Assoziationen. 
Ablenkharkeit und Übererregbarkeit durch aktuelle Beize. Parallele zur Zeit, 
da das Ich nicht konsolidiert ist und keine starke Objektbindung besteht, 
also nach der Abstillung und vor der Analzcit. 

C. Charakterisierung der Zeit der oralen Exkrction. 
Oraler Trotz. 

D. Verwendung der Manie als Trotzreaktion. (Autoreferat) 



472 Korrespoculi'ii/blait 

Zweite wissenschaftliche Sitzung 

Danntraag, dtn I. September, nachmittags: 

1) Dr. Karen Horney (Berlin): Zur Problemalik der monogamen 
Forderung 

(Erscheint in diesem Heft) 

2) Dr. E. Jones (London) : The De\ elopment of Femal Sexualitj 
Largely on the basis of extensive analyses of five manifest homosexual 

women an ntlempt is made to review nur knowledge conceming the development 
of infantile female sexuality, correlating these findings with those of Abraham, 
Horney, H. Deutsch and Freud. A distinction is made beiween castraiion in 
its narrower sense relating to the penil and its wider sense of total deprivation 
of sexual pleasure. The latter is the more fundamental conception, though it 
is constantly expressed among men anil often amonj; women in terms of 
the former. The relative importance of penis-en^-y and Oedipus guilt is 
discussed together with the chronological connections helween the Iwo. 

{Autoreferat) 

3) Dr. J, Härnik (Berlin): Die ökonomischen Beziehungen 
zwischen dem Schuldgefühl und dem weiblichen Narzißmus 

In seiner Arbeit „Schicksale des NariiÜmus bei Mann und Weib" hat 
Ref., auf Freud und Ferenczi fußend, den narzißtischen Köqjentolz 
der Frau aus dem Kastrationskomplex (Penismangel) derselben abgeleitet. 
Eine weitere Fragestellung führt zu dem Problem, wie sich dieses gleichsam 
aus der psychobiologischen Tiefe geholte Ergebnis lum Ödipuskomplex und zu 
dem aus seiner Erledigung sich ergebenden strukturellen Aufbau des 
psychischen Apparates verhält. 

Angeregt wurde Ref. 7,u dieser Fragestellung durch die Beobachtung an 
einer Frau, die — sonst sehr nanißtisch — auf eine außerordentliche 
Besserung ihrer vaginalen Empfindungsfiihigkeit in der Analyse mit intensivstem 
Häßlichkeitsgefühl („HäßlichkeiUwahn") reagierte. Die Analyse zeigte, daß 
dieses Ausmaß an Genuß von ihrem Unbewußten (d. h. vom Über-Ich) 
als .zu viel" beurteilt wurde und führte dieses Schuldgefühl auf inzestuöse 
Erlebnisse der Pubertätszeit zurück. Daß gerade das Gefühl des Häßlich- 
werdens zum Ausdruck des Schuldgefühls wurde, das konnte die vertiefte 
Analyse unmittelbar aus der infantilen Ödipussituation herleiten. Die Mutter 
war „häßlich", weil sie menstruierte und ,,sinnl ich -seh mutzig" war. Konnte 
das Kind selbst auf die Befriedigung der spezitisch-wcib liehen Wünsche ver- 
zichten, dann durfte es «ich rein, schon, bewundems-, ja begehrenswert 
empfinden — und umgekehrt. Diese ökonomische Relation bleibt dann 
auch maßgebend für die Objektbeiiehungen, die sich aus der narzißtischen 
Libido Position weiterhin ergeben. 

Der aus dem Untergang des Ödipuskomplexes resultierende sekundäre 
Narzißmus der Frau bt ein Korrelat zu ilircm Mannlichkeiukomplex, 
jedoch ich-gerecht, weil es sich der Grundtendenz des Ichs : in der 



KorrcsiHHnicri/lilalt 473 



Bichtung der „Weiblichkeit" zu vereinheitlichen, leichter unterordnet. Gerade 
dieses Moment zeigt aber, daß der beschriebene Mechanismus sich einer 
Regression zur tieferen Quelle des weiblichen Narzißmus bedient, die aus 
dem frühen Penisneid — Peniswunsch entspringt. Die weibliche Eitelkeit 
gehört also mit zu den von Freud aufgezeigten „psychischen Folgen des 
anatomischen GeschlechUunterschiedes". Andrerseits können diese Ergehnisse 
als mittelbare Bestätigungen der Freud sehen Aufstellung über die 
Herkunft der Weiblichkeil und des weiblichen Ödipuskomplexes in Anspruch 
genommen werden. {Autoreferat) 

4) Dr. Hanns Sachs (Berlin): Die Grundlagen der Charakter- 
bildung 

Die Charakter Verschiedenheit zwischen Mann und Frau wird dadurch zu 
erklären gesucht, daß die entscheidende Beeinflussung der Ich-Bildung durch 
die Libidoenl Wicklung bei beiden Geschlechtem auf verschiedenen Stufen der 
Libidoorganisation erfolgt, {Autoreferat) 

5) Dr. Franz Alexander (Berlin) : Der ncurotisdie Charakter, 
seine Stellung in der Psydiopathologie und in der Literatur 

Der Begriff der symptomlosen Neurosen. Ihre praktisclie Bedeutung in der 
psychoanalytischen Therapie. Schematische Übersicht über das gesamte Gebiet 
der Psychopathologie auf Grund der dynamischen und topischen Begriffe des 
seelischen Konfliktes. Einschränkung der Gültigkeit von Schemata in der 
Psychologie. Beleuchtung der Stellung des neurotischen Charakters lu den 
Neurosen und zu den anderen psychopathologischen Erscheinungen. Die ver- 
schiedenen Formen der neurotischen Charaktere. Der neurotische Charakter 
als medizinisch -psychologisches Problem. Die Erforschung des n. Ch. als Ver- 
bindungsweg zur BewuOlseinspsychoIogic und v.ur Psychologie der Gesamt- 
Persönlichkeit. Der n. Ch. als literarisches Problem. Über Balzacs 
neurotische Typen. Der n. Ch. als Brücke zwischen Literatur und Medizin. 

{Autoreferai) 

6) Dr. Wilhelm Reich (Wien); Über Charakteranalyse 

I) Begriff der Charakteranalyse: Charakteranalyse hat nichts 
mit Erziehung, Psychagogik und ähnlichem zu tun. Die Klinik zwingt 
„Charakterwiderstände von anderen zu unterscheiden ; sie gehen vom 
Charakter, der Wesensart des Patienten, aus. Die Aufgabe besteht darin, zu 
zeigen, daß sich die Form der Reaktionen ebenso auf kindliche Er< 
lebnisse zurückiüliren läßt wie die Inhalte der Symptome ; Charakteranalyse 
ist also eine Analyse der Haltungen, Verhaltungs weisen. 

II) Unterschiede zwischen neurotischem Symptom und 
neurotischem Charakter: Die Unterscheidung von Charaktemeurosen 
und Symptomneurosen ist unwesentlich, denn jede Symptomneurose beruht 
auf einem neurotischen Charakter. Man kann nur Charaktemeuroscn mit und 
solche ohne neurotische Symptome unterscheiden. Der Unterschied zwischen 
Symptom und neurotischem Charakterzug besteht : a) darin, daß der Charakter- 
zug im Gegensätze zum Symptom gut rationalisiert ist; b) das Symptom itt 



474 KorrespnndeniiWiKI 



ein Fremdkörper und erweckt daher ein Krankheitsgefühl ; der neurotische 
Charakterzug ist in die Persönlichkeit ganz eingebaut, und daher besieht 
keine K rank heitseinsi cht für ihn. c) Das Symptom ist relativ einfach gebaut 
und kann plötzlich entstehen, der Charakterzug ist ein Resultat der gesamten 
^'ergangenheit und braucht immer viele Jahre zu seiner Ausbildung. 

III) Das Wesen des Charakterwitierstandes: Die Wesensart 
jedes Patienten wird mit der Zeit zum Widersland. Dieser Charakter- 
widerstand hat einen bestimmten Sinn und eine bettimmte Herkunft und ist 
prinzipiell analysierbar, das heißt, aus der Art und Weise, wie der Patient 
seine Mitteilungen macht, Einrälle bringt, Traume erzählt, kun, aus dem IV i e 
zu verstehen. Der gleiche Patient bringt die Tersthiedensten Inhalte stets 
vom gleichen Charakter widerstand begleitet, verschiedene Patienten bringen 
gleiche Inhalte verschieden vor. Beispiele hierzu. Daraus folgt für die Technik, 
erstens, daß bei allen Fallen das „Wie" ebenso beobachtet werden muß wie 
das „Was", bei Fällen aber, die in erster Linie Charakteranalyse erfordern, 
muß die Analyse des „ Wie" dem der Inhalte vorangestellt werden. Der Charakter- 
widerstand muß stets aus der Fülle des Dargebotenen herausgehoben und, so 
weit er verstanden wurde, gedeutet werden. Das Wesen der Charakter- 
anatyse besteht darin, daß der Charakterzug, von dem 
der kardinale Widerstand ausgeht, aus dem Niveau der 
Persönlichkeit herausgehoben, isoliert und objektiviert 
wird. Dadurch wird er analysierbar. Charakteranalyse ist wie jede Wider- 
standsanalyse in der Hauptsache eine Leistung des Analytikers. 

IVJ Einige Details der Charakteranalyse und einige Beispiele 
für typische Charakterwiderstande. 

fO Behandlung der Fragen; a) Inwieweit eine Änderung de» 
Charakters in der Analyse nötig ist; Antwort: Insofern der neurotische 
Charakter eine Grundlage der Symptome bildet und die Liebes- und Leistungs- 
Tähigkeit behindert, b) In welchem Ausmaße ist eine Änderung lu erzielen? 
Als Antwort muß auf die vielen Lücken der analj-tischen Charakterologie 
hingewiesen werden. Mit den derzeitigen Mitteln gibt es nur quantitative 
Änderungen. Der Grundzug des Wesens, die persönliche Note, gellt nie 
verloren. {Autoreferat) 

Dritte wissenschaftliclie Sitzung 

Siumtag, dm J. Stpttmbir, vormiltagi: 

Dr. S. Ferenczi (Budapest): Die Beciidißuns der Analyse 

Rückblick auf die Entwicklung der psychoanalytischen Tecknik im allge- 
meinen. Symptom- und Charakleranalyse. Passivität und Aktivität, Das Problem 
der Zeitgrenze. Rekonstruktion und Erinncning. Das quantitative Moment. 
(Durcharbeiten.) Endausgang der Übertragung und des Widerstandes. Emotion* 
und Assoziationsfreiheit Analyse von Patienten und von Schülern. 

(Autortferai) 

2) Dr. I. SadgerCWien): Erfolge und Dauer der psychoanalytischen 
Neurosen Behandlung 

Da von mAßgebender Seile sehr pessimistische Äußerungen gefallen lind 



Korrcspondenzblatt 475 



über Aussichten und Erfolge der psychoanalytischen Behandlung, sei es mir 
gestattet, auf Grund von mehr als dreißigjähriger Erfahrung meine persönliche 
Ansicht auszusprechen. Unter „Heilung" ist nicht etwa zu verstehen die Beseitigung 
aller Krankheitssyniptomc, was ja zeitweilig auch ohne jedes ärztliche Ein- 
greifen geschehen kann, sondern eine solche Umwandlung, daß die Wieder- 
kehr der Neurose für alle Zeiten unmöglich gemacht wird. Jene ist höchstens 
als „relative" Heilung zu werten, diese ist eine „absolute" oder ideale Heilung, 
ohne die Möglichkeit eines Rückfalles. Da auch der normale seine Komplexe 
hat, so macht eine absolute Heilung beinahe zum Übermenschen. 

Sobald der Kranke, wie gewöhnlich, nur über eine beschränkte Zeit, sagen 
wir von xwei bis drei Monaten, verfügt, kann man nicht mehr erreichen als 
eine relative Heilung. Geht da der Kranke wie es die Regel, willig mit, so darf 
man ihm die Beseitigung aller quälenden Krankheitssymptome für längere 
oder kiJrY.ere Zeit versprechen. Freilich gilt dies bloß für die leichteren bii 
höchstens mittelschweren Fälle. Für alle schweren Falle jedoch ist von vorn- 
herein die absolute Heilung anzustreben, da hier in jener kurzen Frist nicht 
einmal eine relative zu erreichen ist. Die ahsolute Heilung aber setzt immer 
längere Behandlungsdauer voraus. 

Wenn ich vor zwanzig Jahren erklärt habe, man müsse alle neurotischen 
Symptome zurückführen bis in die vier ersten Lebensjahre, nicht selten bi* 
direkt ins allererste, so muß ich jetzt ergänzen: man muß sie verfolgen bis 
in die Säuglingszeil, ja, gelegentlich sogar bis zum „Trauma der Geburt", 
tofem man eine absolute Heilung anstrebt Das ist, wie uns die Praxis 
lehrte, durchaus möglich, nur darf man sich nicht mit einer Schnellkur von 
Wochen bis Monaten begnügen. Denn jene Resultate erzielt man nicht eher 
als im zweiten oder dritten Jahr der Behandlung. Alle Abkürzungsmethoden, 
die Simmel, Ferenczi. Rank und S t e k e 1 vorgeschlagen haben, 
bewälirten rieh in der Praxis nicht, das Unbewußte läßt «ich eher nicht 
zwingen. 

Das einzige Mittel, die Dauer einer psychoanalytischen Behandlung abzu- 
kürzen, ist — sie nicht zu verlangern. Eine jede Gewaltskur wirkt nicht 
abortiv, sondern ganz im Gegenteil den Widerstand des Patienten steigernd 
und damit auch die Genesung aufhaltend. Ist doch damit zu rechnen, daß in 
der Brust eines jeden Neurotikers zwei Seelen wohnen, von denen nur die 
Verjlandesseele die Heilung begehrt, die Gefühlsseele aber sich heftig gegen 
die Genesung sträubt. Ja, man kann sagen: die wirkliche Bereitwilligkeit des 
Patienten stellt in umgekehrtem Verhältnis zu seinen Beteuerungen. 

Langjährige Erfahrung hat in mir die Überzeugung gereift, daß im All- 
gemeinen die Behandlungsdauer nicht abzukürzen ist, sondern zu verlängern, 
vorausgesetzt, daß man eine absolute, vollständige Heilung zu erzielen wünscht 
Wer von vonieherein gründliche Arbeit macht und die Behandlung wirklich 
zu Ende führt, wird keinen Grund zum Pessimismus entdecken. Leistet die 
psychoanalytische Methode in der Behandlung der Neurose doch um viele» 
mehr als jede andere Therapie, ja, ich möcluc behaupten, sie ist die einzige, 
die da überhaupt etwas leisten kann. Unter günstigen Bedingungen führt sie 
zur idealen Heilung und selbst eine unvollständige oder mangelhaft durch- 
geführte Kur ergibt noch immer weit bessere Resultale als sämtliche 



4/6 tCorrcsi>onden/i>latt 



übriffen Heilversuche. Drum ist die Methode nicht aufiugeben oder einzu- 
schränken, sondern aufzubauen saluti et solalio atgrorum. {Autartftrat) 

3) Dr. Kcne Laforguc (Paris): Sur le caracterc actU oii passif 
de la ihcrapcutique psychanalyliquc 

La question de la th^rapeutique active a soulevi chez nou* uti vif int^ret et, tont 
en nous rendanl comptc que l'experience nous raanquail puur resoudre d'une 
fagon satisfaisante les problemes qui se posent, nous voudrions vous exposer les 
idfes que le contact avec les faiis a fait surgir en nous. 

I') Les problemes du transfert, tout le monde le sait, ne se risolvcnl pa« 
toujours comme on le dösirerait par Innaiyse pure et simple. Dans le transfert, 
un röle consid^rable appartient au contlit psychique: or celui-ci est, suivant 
les cas, de nature variable. Par le transfert, nous essayons de faire repasser le 
malade par ce conflit; or, suivant lea Ca«, nous y rAississons plus ou moins 
parfaitement. 

2°) X a-t-U des confliu centr^ autour d'un autre noyau que la Situation 
ocdipienne? 

}') Notre Impression concemanl les repercussions du traumatisme de la 
naissance sur Tevolution psychique d'un individu. 

-^ "J La question de la fixation d'un terme (Termin Setzung) et notre expö- 
riencc personnelle en ce qui concerne ce point, 

i°) Le facteur personnel de fanalyste. Les obligations que son röle dans 
l'analyse lui impose. 

Conclusions: La th^rapeutique active serail dangereuse, si le psycho- 
analyste ne Tappliquait pas avec tout le tact que lui impose la Situation 
difficile. Mais, sous cette rfoerve, il faut penser qu'une attitude franchement 
active est utile dans les cas difflciles qu'une anajysc passive pure n'arriverait 
pns, h eile seule, a döbrouiller et a redresser completement. {Autoreferat) 

4) Dr. Ernst Sinimel (Berlin): Prinzipielle Gesidilspunktc für die 
Durdiführung der psydioanalj tisdien Behandlung in der Klinik 

Untersuchung über die Frage, wie weit eine Milieu Veränderung bzw. 
eine Milieubeeinflussung für den Analysanden eine Störung, biw. eine 
Förderung der psychoanalytischen Therapie bedeutet, ßeniclcsichtiguiig dabei 
des prinzipiellen Gesichtspunktes, unter welchen Indikationen eine aktive 
Regulierung des Verhältnisses der Objektrealität zur psychischen Realität 
ersprießlich ist. {Autoreferat) 

5) Melanie Klein (London): Frühsladicn des Ödipuskonfliktes 

Aus der Talsache, die ich feststellte, daß der Ödipuskonflikt so viel früher 
als angenommen wird einsetzt, ergeben sich eine Reihe von Einzelheiten, die 
das Gesamtbild der Ödipusentwicklung deutlicher hervortreten lassen. 

Nach meinen Ergebnissen bereitet die durch die Entwöhnung auferleote 
Versagung die Abwendung des Knaben von der oralen Position zur genitalen 
auf das gleiche Liebesobjekt, die Mutter, die Abwendung des Mädchens von 
der Mutter zum Vater vor. Ich sehe den Ödipuskomplex anfangs des 



Koircspondcn/blnlt 477 



Kweiten LebensjRhres schon in Wirksamkeit, lugleich aber in der Abwehr 
fegen diesen auch das Auftreleii von Schuldgefühlen, also den Beginn des 
Über-Icht. Diese Tatsache scheint mir nicht in Gegensatz zu stehen zu den 
Aufstellungen Prof. Freuds, nach denen das Über- Ich das Erbe des Ödipus- 
komplexes ist, mit dessen Untergang die Inirojektion der Objekte voU- 
7,ogen ist. Meine Ergebnisse scheinen mir nur eine Ergänzung in dem Sinne, 
daß die ganze Ödipuscntwicklung und der Ausbau des Über-Ichs schon sejir 
früh einsetzen und deshalb einen langen Zeitraum in Anspruch nehmen. 

Zufolge dieser frühen Wirksamkeit des Ödipuskomplexes gerät dieser weit- 
gehend unter die Herrschaft der oralen und analen Triebregungen, diese selbil 
aber unter den Druck des mit dem Ödipuskomplex einhergehenden Schuld- 
gefühles. (Tutore/erat) 

Ö) Anna Trend (Wien): Zur Theorie der Kinderanalyse 

Es wird versucht, an Hand von zwei Fallen den spezifischen Begriff der 
Kinderanalyse und die Existenzberechtigung einer „pädagogischen Einstellung" 
des Kinderanalytikers zu erläutern. Den Ergebnissen der Referentin nach 
gleicht die Analyse des Kindes der eines Erwachsenen in theoretischer Beziehung 
überall dort, wo die ursprüngliche Angst vor der Auüenwelt (Angst vor 
Strafe, Angst vor Liebes verlust) bereits verinnerlicht und vom Üher-Ich all 
Kastration sangst, Gewissensangst festgehalten wird. Die Kinderanalyse weicht 
von der des Erwachsenen dort ab, wo das Üb er- Ich noch kein starre» 
Gebilde geworden, sondern allen Einflüssen aus der Außenwelt noch zugäng- 
lich ist. Dort ist die Arbeit, welche die Beziehungen zwischen Ich, Über-Ich 
und Triebleben verändern soll, dann eine doppelte: einerseits von innen her 
durch die historische Zurückfiihning und Zersetzung des Uber-Ichs und 
andererseits gleichzeitig von außen her durch die Schaffung neuer Eindrücke 
und Erlebnisse in- und außerhalb der Analyse. Für diesen zweiten Teil seiner 
Aufgabe braucht der Kinderanalytiker die theoretische und praktische päd- 
agogische Kenntnis. Sie ermöglicht ihm, die Erziehungseinflüsse, unter denen 
das Kind steht, zu durchschauen, zu kritisieren und — wenn es sich als 
notwendig erweist — den Erziehern des Kindes für die Dauer der Analyse 
ihre Arbeit aus der Hand zu nehmen, um sie selbst zu verrichten. 

[^utorfferat) 

7) Mary Chadwick (London): Notes upon ihe Fear of Death 

i] Consdous and superficial layer, GuUt. 

3) Koots in the child's fear of Separation from theMother, its 
helplessness and fear she may never retum. (Freud.) 

3) Hysteria Stage of Fear of Death, (Super-ego combined with 1 .) 
(Freud.) 

4) Obsesiioaal Stage of Fear of Death. (E^o in conflict with 
niper-ego, as with the parents, and outside world.) 

5) Fear of Death and Wish for Death. (Conflict between the 
Ego and the outer world, and with the Death Impulse within the Id.) 

6) Fear of Death = Wish for Death. (Id stage, Vegetive Nirvana 
Stage.) Destnicdon Impulse. [Aulortfrrat] 



478 Korrespondcnzblatt 



Vierte wissenschaftliche Sitzung 

Sonnabtnd, dm J. SipUmbir, nachmitlagl: 

1) Dr. S. Weyl (Rotterdam): Zur Psydioloßie des Alkoholismus 
Kurze Übersicht Her psychoanalytischen Literatur des Alkoholisiuus. 
Abgeschlossene Analysen eines Falles von Delirium tremens und eines Falles 

TOn Zwangsneurose, welche mit Alkoholsucht abwechselte, bestätij!;tcn die 
bisherigen Einsichten und ergaben neue Einsichten in den Mechanismus der 
Alkoholsucht. 

Der Alkohol wird dazu gebraucht, den Ödipuskonflikt auf der oralen 
Stufe der Libidocntwicklung zu lösen. Dank seinen chemischen Eigenschaften 
stellt der Alkohol symbolisch sowohl den Vater als auch die Mutter dar. Der 
Vater wird auf kannibalistische Weise vemichlet, wobei zu gleicher Zeit eine 
Identißkation mit ihm stattfindet und von der Mutter durch Introjektion 
Besitz genommen ^vird. 

Es stellen sich bei diesem Mechanismus weitgehende Übereinstimmungen 
zwischen Trinksitten, Pubertätsriten und Totemgeb rauchen einerseits und der 
Psychologie der manisch-depressiven Psychose andererseits heraus. 

Die Analysen entschleierten den Alkoholrausch als einen partiellen Suicid- 
versuch, der regelmäßig wiederholt wird. 

Die Wunel der politischen Überzeugung vieler früherer Alkoholiker, der 
Einfluß sozialer Massenbildung und Sportbetatigung auf die Abnahme des 
Alkoholismus wird klar und verständlich. 

Der Zusiimmenhang zwischen Alkoholsucht und Zwangsneurose wird in 
der Verarbeitung derselben Konllikte, der Unterschied in den verschiedenen 
disponierenden Entwicklungsstufen, auf denen die Lösung des Konflikts vor 
sich geht, gefunden. Der Einfluß der Erblichkeit bei dem Alkoholismus ist 
viel geringer, der Einfluß des infantilen Milieus imd teiner traumalischen 
Eindrucke uni so größer. 

Der Alkoholismus ist eine sozial- rituelle Neurose, wobei der Todestrieb 
und der Wiederholungszwang ihre biologischen Komponenten liefern. 

{Autareferat) 

2) Dr. Otto Fenichel (Berlin): über organlibidinöse Begleit- 
ersaieinunßcn der Triebabwehr 

I) Gewisse sehr verbreitete leichte Funktionseinschränkungen und Tonus- 
veränderungen der Skeletlmuskidatur erweisen sich als von der Triebabwehr- 
tätigkeit des Ichs abhängig. Der Charakter der Verdrängung als Institution 
lur Abhaltung gewisser Triebhan dl ungs Vorstellungen von der Motilität ermög. 
licht es, daß der \'crdrängungs kämpf zwischen Trieb und Ich sich in physio- 
logisch-hmktionellen Veränderungen der Muskulatur widerspiegelt. 

U) In der funktionseingeschränkten Muskulatur ist auch ein Quantum 
Libido unzweckmäßigerweise gebunden; an Stelle von Handlungen sind Tonus- 
veränderungen, d. h. ins Innere des Körpers gesandte Innervationen getreten, 

III) Etwas Analoges gibt es auf Seiten der Sensibilität: Die Daten der 
Tiefen Sensibilität können, wie andere innere (und äußere) Wahrnehmungen, 
unter Umstanden durch aktive AbwehnnaOnahmen des Ichs hintangehalten 
werden. „ Entfremdung" von Körpersensationen oder -Organen, wie sie in 



r 



Korrespondenz blatt 479 



hysterischen SeniibilitÄlsstörungen oder in der Frigidität deutlich sind, sind 
in weniger extremem MaOe sehr verbreitet, was für die Ichgestaltung »on 
Bedeutung ist. 

Auch dem „entfremdeten" Organ ist nicht immer die ]ibidinose Besetiung 
einfnth „entzogen" worden. Oft läßt sich r.eigen, daß eine Organlibidostauung 
nur durch ein entsprechendes Quantum Gegenbesetiung an der Manifestation 
verhindert ist; dann schwinden gerade die libidinos hoch beselilen Organe 
aus dem Körpergefühl. Lokalisierte „Entfremdungen" scheinen eher der 
Libidoeniziehung, allgemeine „Körperfremdlieit" („Verinnerlichung der 
Zwangsneurotiker) einer durch Gegen besetzung gelähmten Lihidostauung zu 
entsprechen. 

Der Übergang zwischen „Entfremdung" und „Depersonalisation , bei der 
auch das „seelische" KörpergeTühl durch Sperrung innerer Wahrnehmungen 
gestört ist, ist ein fließender. Auch hier kommt sowohl einfache Libido- 
entiiehung („ Libido verlust") als auch durch Gegen beseta'.ung gebundene imd 
erhöhte Lihidostauung („Befriedigungsverlusl") in Frage. 

IIO Muskel kram pf, Körpergefühi Veränderungen, Depersonalisationsge fühle 
können sekundär libidinisiert sein und dann bei masturbatori sehen Spielereien 
Verwendung finden. {Autoreferat) 

3) Dr. J. At. Eisler (IJudaiJcst): F-in neuer Gcsithlspunkt in der 
Traumdeutung 

Nicht nur die Schicksale der Libidoent Wicklung, auch die der Ichbilduogen 

— „vollständiger Ödipuskomplejt" — zahlen zu den Inhalten des Unbewußten. 
Es ist eine der Hauptaufgaben in der analytischen Kur, die letzteren richtig 
zu erfassen und insbesondere die Ausgestaltung des Über-Ichs im speziellen 
zu erkennen. Die hiebei gewonnenen klaren Anschauungen sind dann eine 
feste Stütze der Therapie. An der Hand mehrerer Beispiele wird versucht 
zu erweisen, daß in den Traummaterialien dieser Proieß der Ichbildung und 
die in ihr festgelegte individuelle Richtung sich deutlich widerspiegelt. 

(Autoreferat) 

4) Dr. Gcza Röheim (Budapest): Die Urheber der Primitiven 
und die Religion der Andamancsen-Pygraäen 

Die neue Richtung in der Ethnologie trachtet alle Ursprungs fragen auf 
Grundlage des Pygmäenmaterials zu lösen; es soll daher der Versuch gemacht 
werden, die psa. Methode zur Erforschung dieser Völker heranzuziehen, 

Infanlilismus der Pygmäen. Die rituellen Verhole im Mittelpunkt von 
Ueligion und Mythologie. Erklärung dieser Verbote als verschobene Inzest- 
verbote. Urhordenkampf, Inzest und Kastrationsangst in den Sagen, Vater- 
und Mutterbedeutung der Gottheit. Über-Ich und Projektion. {Autoreferat) 

5) Dr. Imre Hermann (Budapest): Beirathiuiigen im Gebiete 
der Logik 

Die logische Wissenschaft in ihren Tendenzen. — Das formalistische Denken, 

— Persönlichkeit einzelner Logiker. — Wiederkehr des Verdrängten in den 
logischen Systemen. — Die intellektuelle Fortsetzung de« Totemismus in der 
Logik. — BegriSsbildung, Verneinung, Evidenz. {Autareferat) 



4*0 Korrcsponden^blalt 



Geschäftliche Vorkonferenz der Funktionäre 

Mittwoch, dm ji. jfugusi, vormittags: 

Unter dem Vorsitz von Dr. E i t i n g o n werden alle Punkte der Tages- 
ordnung der gCKchäfilichen SiUung eingehend beraten und zur Beschlußfassung 
vorbereitet. 

Sitzung der Internationalen Unterrichtskonimission 

Mittwach, den )1. August, nachmiltagi: 

Der Vorsitzende der I. U. K., Dr. M. Evtingon, gibt folgenden Bericht: 
Entsprechend dem Auftrage des Homburger Kongressi^s war es das erste, wn« 

der Vorsittende der dort neu geschaffenen Unlerrichtikommission zu tun hatte, die 

ZweigvereinigTuigen aufiufordpm. Unterrichtsausschüsse lu bilden, sofern solche nicht 

schon bestand eil. 

In den drei Gruppen, in denen schon seit längerer Zeit systematisch nnterrichtet 

wurde, in Berlin, Wien und London, hatte es bereits UnterriehlSHiisschüsse gegeben. 

Drei weitere Verein igimgen, die Ungarische, die Niederländische imd die Neiv Yorker, 

setzten auf luisere Aiifforderimg hin solche Ausschüsse ein. Die panamerikanische 

Gruppe folgte ihnen später. 

Für die indische Gruppe kommt die Frage eines systematischen Unterrichts in der 
Analyse wohl noch nicht in Betracht; unsere russischen Kollegen, mit Dr. Wulff an 
der Spitie, bemühen sich wacker um die Verbreitung psychoanalytischen Wissens, ohne 
bisher infolge ihrer schwierigen Lage imstande lu sein, die Ausbildungsfrage in der 
Psychoanalyse systematisch in die Hand )ii nehmen. 

Der Unterrichts au (Schuß der kleinen ungarischen Gruppe entfallet eine rege 
Tütigkeit. hält propagandistische Kurse, wie mich solche lu Ausbildungsswecken 
lind scheint imsUnde lu sein, dem Bedürfnis nach Ausbildung in der Psychoanalyse 
im eigenen Lande auch mit eigenen Mitteln lu genügen, was, wie ich glaube, um 
so anerkennenswerter ist, als ihr Führer unJ Hauptstreiter seil einem Jahr abwesend 
gewesen ist und in Amerika eine erstaunliche extensive wie intensive Arbeit für 
unsere Sache entfalle) hat. 

Unsere große New Yorker Zweigorganisalion ist wohl infolge der besonders 
eigenartigen Verhältnisse in ihrem Lande bisher hauptsächlich damit beschäftigt 
gewesen, die Frage der Zulassungsbcdingiingen lu regeln, wovon dann später die 
Aede sein soll. 

Aufgabe der Intemationaten Unterrichtskommission ist ja, die Ausbildungstatigkcil 
der einzelnen Zweigvereinigungen möglichst lu vereinheitlichen, ihr neue Impulse 
lu geben und sie vor allem durch Zusammenfassung der lokalen Unterrichu- 
Busschüsso mit einer sie tragenden Autorität ausiustattcn. Es ist darum besonders 
erfreulich gewesen, fesliu stellen, daO in den drei groGen Gruppen, die auch schon 
eigene Institute besitzen, wie Berlin, Wien und London, die Arbeil auch schon wirklich 
nach einem sehr weilgehend analogen Plane sich voUsieht. Die Besonderheiten der 
Verhältnisse der drei genannten Länder treten lurück vor den Ansprüchen, die aus 
der inneren Struktur unseres Wissetif^chaftsgcbieles und imseres praktischen Tuns 
llicOen imd vor der Logik der Versuche unser Wissen und unsere Praxis den 
Lernenden »u übermitteln. Ich will, bevor ich out Einielheiten näher eingehe, die 
erfreuliche Tatsache uulerslreichen, daG jedt schon nnscrc drei Institute vikariierend 
fiir einander eintreten können und daG eine Ausbildung in London i. B. begonnen, 
111 Wien fortgesetzt und in Bertin abgeschlossen werden kann, wie auch in umge- 
kehrter oder anderer Kombination. Wahrend e* unseren Londoner Freunden vor 



I 



Korrch[iorKli?[i/i>latt 4HI 



einigen Jahren noch als eine große Schwierigkeit und augenscheinlich mit der angel- 
«Bchsiachen Freiheil unvereinbar erschien, daß innu einen graduierten oder etwo gar 
mit einem iiicdiiinischen Grad verseheneu Kandidaten noch auf seine persönliche 
Eignung hin genauer ansehen und eventuell als für uns uneriviinscht abiveisen 
könnte, üben auch sie jctit eine strenge Zensur bei der Zulassung der Kandidaten 
au». Die Frage der Kuntrollanolysen, deren Notwendigkeit wir auf dem lelxlen 
Kongreß »o energisch befürworten lu müssen glaubten, ist gani einmütig in iliTer 
großen Bedeutung erkannt worden und hat, anscheinend oluie wesentliche Ein- 
■chrünkung, den ihr gebührenden Plali bekommen. Über ihre Technik ivird beim 
Eingehen in die Details luiseres Ausbildungswegei Frau Dr. Deutsch noch sprechen. 

Nachdem die Konstituierung der genannten lokalen üuterHch (saus Schüsse voll- 
lOgen war. wandte ich mich an alle Zweigvereinigungen, resp. an die Unterrichts- 
■usschüsge mit folgenden drei Prägen, die mit Absicht ganz allgemein gefaßt waren : 
1) Welche Vorbedingungen erachten Sie für notwendig hei der Zulassung lur Aus- 
bildung namentlicli für psychoanalytische Therapeuten? 3) Wie denken Sie sich den 
gesamten Ausbildiuigsweg? 5) Was soll mit sonst geeigneten Ausbildungikandidaten 
geschehen, welche keine Möglichkeit haben, die für die Ausbildung notwendige Zeit 
aufzuwenden und nur eine Teilstrecke unseres ^V'eges gehen können? 

Im wesentlichen waren es die Gruppen, die bereits L'nlerrichtsausschüsse ein- 
gesctit hallen, die zu allen Fragen Stellung nahmen; die drille Frage, bezüglich 
derer, die nicht den ganzen Weg gehen können, müssen wir, wie praktisch dringend 
sie auch ist, einstweilen zurückstellen, da sie ja doch eine Frage der Ausnahmen ist, 
bis wir uns auf dieser ersten Konferenz der Inlemationalen Untemchtskommission 
über die beiden grundlegenden Fragen geeinigt haben, über die Frage des Aui- 
hildungswege» im ganzen, der hier in allen seinen drei Etappen von den Kollegen 
Rad 6, Sachs imd Frau Deutsch behandelt werden soll, und über die der 
ZulASjungsbcdingungen, über welche ich Ihnen eine Resolution, die ich bereits den 
Gruppe nvorsitienden vor einiger Zeit bekann Igegeben habe, vorzulegen mir erlauben 
werde. 

Die Frage der Zulossungsbedingimgen. die nach einem eigentümlich aktuell 
gewordenen und affekterregenden ihrer Probleme inkorrekterweise die Frage der 
„Laicnanaijse" genannt wird, haben wir in allen Gruppen lu diskutieren angeregt 
und auch in der „Zeitschrift", wie im „Journal" eine schriftliche Diskussion darüber 
eröffnet, die eifrig bcnulit worden ist und, wie wir hoffen, klürend gewirkt und die 
divergenten Standpunkte einander naher gebracht hat. 

Es folgen tlie Referate von Dr. Radd über den „Aufbau des psycho- 
analytischen Lehrganges"', von Dr. Sachs über die „Lehranalyse" und von 
Frau Dr. Deutsch über die „Kontrolianalyse". (Werden in einem der 
nüchsten Hefte dieser Zeilschrift in rjrtenso veröffentlicht.) Die Diskussion 
über diese Referate winl auf die nächste Zusammenktinft der Internationalen 
Unlerrichtskommission vertagt. 

Dr. Eitingon gibt über die Frage der Zulnssungsbedingungcn folgenden 
Bericht:' 

Referent erörtert in obigen Au<fühnmgen in bewußter Einseiligkeit nur iene 
Momente, die bei der Zulassimg von nicht ärztlich Vorgebildelen zur Ausbildimg zu 
psjchoanalyli sehen Therapeulcn Einschränkungen erforderlich machen. Es ist ihm 
selbstverständlich, wie er diel auch schon in seinem Beitrag zur „Laiendiskiuiion" 
in dieser Zeilichrift betont hat. daß die Zulassung von „Laien" überhaupt 
keinerlei Apologie oder Rechtfertigung bedarf; zu groß ist dafür die Bedeutung der 
„Laien" für die Entwicklung der Psychoanalyse als Wissenschaft, wie ouch als 
Therapie und zu beredt spricht die Geschichte unserer Bewegung für sie. 

Eitingon 



4f<2 KorrcsponHen/liliiK 



Ich halte gehofft, daß man am unserer Anregung lur Diiknsslon der ZiilnMung-i- 
bedingiuigen iiir Ausbildung in der Psychoonalyae resp. der sogenannten Laienanalyse 
ventehen würde, warum »vir immer wieder betont haben, daß e« sich hier um die 
Frage der Aiiibildung lu psychoanalytischen Therapeuten handelt, also um die Frage 
der sogenannten medizinitctien Laien. Ich ersah leider aus der Diskusston, daß dieser 
Gesichtspunkt nicht klar erfaßt oder aber jedeafatU in den Ausführungen mancher 
an der Diskussion Teilnelimenden niclit befolgt worden ist. Eine Laienfrage an sich 
existiert fiir uns nicht und R e i k s diesbezügliche »'itiige Bemerkimg, daß der 
Psychoanalyse gegenüber nlle Laien sind, die sie nicht erlernt haben, trifft nur eine 
ziemlich banale Selbstverstündlichkeit. Abrr warum gibt es für uns keine Laienfrage 
an sich? Nun, weil eben niemand die reine Psychoanalyse, die Analyse an sich. 
erlernt. Die Psychoanalyse ist die Gnmdlage unseres ganzen wissenschaftlichen 
Denkens imd des jeweiU bestimmten praktischen Tuns, Wer aber jetzt sich in der 
Psychoanalyse ausbilden läßt, tut es meist im Hinblick auf ein ganz hestimmlcs 
praktisches Ziel, will sich, wie bisher zumeist, zum psychoanalytischen Therapeuten 
ausbilden. Auch die Pädagogen beginnen eine systematische Ausbildung für ihre 
püdagogischen Ziele zu verlangen, und wir müssen uns darauf gefaßt machen, daß 
in nicht femer Zeit auch die Juristen für ihre juridischen Zwecke an uns heranlrelcn 
werden. Der Nachfrage entsprechend beschäftigen wir uns jetzt mit dem Problem 
der Organisation des Unterrichts in der analytischen Therapie und sind deshalb auf 
die frage der medizinischen Laien gestoßen. Es wird bald einmal eine solche der 
püdagogischen Laien und später auch solche der juridischen und vielleicht auch 
anderer Laien geben. Soviel zur Klarstellung des Problems. Die Frage: analytische 
Wissenschaft und Laie, gestallen Sie es mir noch einmal zu bemerken, hat gor keinen 
greifbaren Sinn "nd geht immer wieder an dem jeweils wichtigen, springenden 
Punkte vorbei. Jeder wird die Analyse als Wissenschaft fördern, der für sein 
Anwendungsgebiet gut ausgerüstet, analytisch gut geschult, die Analyse auch methodisch 
richtig ouf sein Forschungs- und Betatigtmgsgebiet anwendet. Deshalb hat Referent 
bei seinen Seh lußbem erklingen zur Laienanalysediskiission in der „Zeitschrift" und 
im „Journal" iilles scheinbar unberücksichtigt gelassen, waf nicht zur Frage Psycho- 
analyse und Therapie vorgebracht worden ist. Die Frage ist eben für tms eine rein 
Unterrichts technische und allein auf die Ausbildung psychoanalytischer Therapeuten 
orientiert. Wer wird analytisch gut geschult am besten für seine Arbeit an den 
mannigfaltigen Kranken, mit denen wir es zu tun haben, am besten ausgerüstet 
sein? Diese Frage ist der Kompaß unseres Tuns. Nach dem psychologischen Apriori 
der persönlichen Eigniuig, welche das Persönlichkeits- und Kultumiveaii, wie besonders 
jenes eigentümliche reflektierende Einfühlungsvermögen, das wir mit Freud als 
das Organ für das Unbewußte bezeichnen, kommt ein erworbenes Prius an Kennt- 
nissen, die unsere analytischen Schul ungs versuche nicht selbst geben können, sondern 
eben vorauisctzcn müssen. Eis scheint mir ungenügend zu sein, niu- vom formalen 
Wert der naturwissenschaftlichen Schulung zu sprechen, sondern es handelt sich 
einfach um ein Talsachenwissen, und zwar um ein sehr umfangreiches, in dem, wie 
von maßgebendster Seite gesagt worden ist. für den Analytiker unentbehrliche Dingo 
(ind, wenn auch nicht wenig überflüssige. Es ist mir unbegreiHich, wie man, von 
der Oberieugiuig ausgehend, daß dorn Analytiker auch intellektuell nichts Menscliliches 
fremd sein soll, d h.. daß man mit allem Wissen um den Menschen ausgestattet 
■ein muß, lU gleicher Zeit die Bedeutung möglichst umfassender Kenntnisse der 
biologischen Person imterschätzen kann. Ich muß immer wieder darauf hinweisen, 
daß, wenn wir es auch bei der Psychoanalyse und in ihr mit einem neuen Begriff 
der Krankheit zu ttm haben, es doch der alte Mensch ist, um den es sich handelt 
mit seiner doppelten, psychophysischen Naiur und mit Krankheits Verursachungen wie 
-ablaufen, die von der anderen, der physischen Seile her betrachtet werden müssen. 
Die Erkenntnistheoretiker mögen verleihen, aber in praxi finden wir Pa rolle lismiis 



Korrtsponden/bkiti 4^3 



wie auch komplizierteste Wechselwirkung, wie vor allem Neben ei iinndprbejtehen beider 
Veriflurs arten. Ea kann keinem Zweifel unterliegen, wer besser ausgerüstet iil. In 
abgesonderten Provinien unseres Wirkens gibl'l Treilich auch rein psychiich Bedingtes. 
wo auch der niehtüritlich Vorgebildete »eine Lücke nicht lu empfinden braucht, und 
ei kann wundervolle Meistenchoft in dpr Beselirnnkung btülien. Der nritlich 
vorgebildete Analytiker ist unabhängiger, sagte einer der besonnensten unter unseren 
nichtontlichen Kollegen, Unabhängiger, fügen wir hiniii, von anderen Schranken als 
jenen, die einstweilen in den Grenzen unserer Wirksamkeit überhaupt liegen, unab- 
hängiger von Kautelen besonderen Atiswählenmussens der iii behandebiden Fälle imd 
unabhängiger schließlich von dem, was ich die Symbiose des ärztlich nicht 
votgebildeten Analytikers mit dem Ant genannt habe. Wie ofl werden die Umstände, 
die äußeren Verhältnisse, unter denen wir arbeilen, eine solche Abhängigkeit einfach 
nnmögtich machen. 

Ich hahe es bisher mit Absicht vermieden, mich in dieser praktisch, nlliu 
praktischen Frage auf unseren Meister iii bcnifcn. Freud ist mit Recht auf Lctiles 
imd auf grÖOle Ziele etngestelll. Wir aber, denen es obliegt, das von ihm GeschafTrne 
lu hüten und nach Kräften lu mehren, müssen in beruhigender Klnrlieit über unsere 
Beweggründe auch Odiöses auf uns nehmen können, den Schein, als verkleinerten 
wir den Bogen seiner groO gespannten Ziele. Nun, wir, die wir seine Absichten lu 
verwirklichen streben, würden schlecht realisieren, wenn wir wesentliche Wirklicli- 
keiten auDer acht lassen würden. 

Ich darf mich übrigens am Schlüsse doch vielleicht auf ein Wort von ihm berufen, 
das, wie nur er allein es kann, den Nagel dieses Problems auf den Kopf trifft. Im 
„Nachwort lur Frage der Laienanalyse" sagt Freud: „Ich gestehe es zu, so lange 
die Schulen nicht bestehen, die wir \ma für die Heranbildung von Analytikern 
wünschen, sind die ärztlich vorgebildeten Personen das beste Material für den 
künftigen Analytiker." 

Das, genau das imd nichts anderes isl unser Standpunkt, der in der Rcsolulion 
mm Ausdruck kommt, die ich Ihnen vorzulegen mir erlaube." 

Dr. Eitingon unterbreitet dann folgenden Resoluttonsantrag : 
I) Der KongreD beauftragt die Untern chtsaus Schüsse der Zweigvereinigungen, 
bei den Aushildimgskandjdalen zu psychoanalytischen Therapeulcn auf das Vorhanden- 
sein, beziehungsweise auf die Erwerbung der vollen ärztlichen Ausbildung Nachdruck 
zu legen, jedoch keinen Kandidaten einzig aus dem Grunde der fehlenden üntlichen 
Qualifikation zurückzuweisen, wenn derselbe eine besondere persönliche Eignung und 
eine entsprechende wissenschaftliche Vorbildung besitzt. 

l!) Innerhalb dieser grundsätzlichen Stellungnahme kann jede Zweigvereinigung die 
Ziilassungsbedingungen selbständig festsetzen. Bei der Zulassung I an des fremd er 
Kandid.iten haben die Unterrichtsausschüsse außer ihren eigenen Bestimmungen jene 
Bestimmungen zu berücksichtigen, die im Heimallande des betreffenden Kandidaten 
in Geltung sind. Über die erfolgte Zulassung eines landesfremden Kandidaten 
ist der UnterrichtsauschuO seines Heimatlandes zu verständigen. Etwaige Einsprüche 
sind an die Internationale UnterrichlskommiMion tu richten. 

Dem Referat Dr, Eitingons fol^ eine eingehende Diskussion, in der u. a. 
Drs. van Ophuijsen, Jones, Oberndorf, Reich, Frau Deutsch, Ferencxi, Simmel, 
Frau Homey, Rdheim, Hermann, Sachs, Radö, Rickman sprachen und in 
der auch verschiedene Abänderungs- und Zusatzanträge eingebracht wurden. 
Einige Redner (v. Ophuijsen, Frau Homey, Reich) wünschen eine exakte 
Interpretation der „enUprech enden Vorbildung" der Laienkandidaten; Frau 
Dr. Deutsch gibt die Anregung, La Lenken didalen mögen auch im Falle einer 
besonderen beruflichen Eignung zugelassen werden. Dr. Oberndorf 



484 



KiirrcspondL'n/.blall 



verharrt auf dem Standpunkt, daß die amerikanischen Gruppen angesichts 
ihrer Land es Verhältnisse Laien k an didaten unter keinen (Jmsländen zur Aus- 
bildung {zu Therapeuten) zulassen können. Schließlich wird der Antrag 
Dr. Oberndorf einstimmig angenommen, der dem Kongreß zu unterbreitenden 
Resolution der I. V. K. folgende Fassung zu geben: 

„Der Kongreß empfiehlt den Unterrichtsausschüssen bei den Ausbildungs- 

luindidaten zu psychoanalytischen Therapeuten auf das Vorhandensein, bzw. 

auf die Erwerbung der vollen ärztlichen Ausbildung Nachdruck zu legen, 

jedoch keinen Kandidaten einzig aus dem Grunde der fclilenden ärztlichen 

Qualifikation zurückzuweisen, wenn derselbe eine besondere persönliche 

Eignung und eine entsprechende wissenschaftliche Vorbildung besitzt." 

Dr. Jones stellt den Antrag, diesem Text noch den Punkt 2 des von 

Dr. Eitingon eingebrachten Resolutionsantrags zuzufügen und nur den 

ersten Satz dieses Punktes zu sireichen. Drs. Radd, Ferenczi, Roheim 

u. a. machen darauf aufmerksam, daß Punkt 2 der Resolution Eitingon 

die in Punkt 1 des ursprünglichen Textes enthaltene bindende Regelung der 

Laienfrage zur Voraussetzung hatte. Da in der angenommenen neuen Fassung 

von Punkt 1 eine solche nicht mehr enthalten sei, beantragt Dr. R a d d, 

die Beschlußfassung über Punkt 2, also über die Kooperation der Gruppen, 

zu vertagen. Der Antrag Dr. Radö wird angenommen. 

Geschäftliche Sitzung 

Frdrag, den 2. Siplembtr, vormittags; 

Der Vorsitzende Dr. Eitingon eröffnet die Sitzung und teilt mit, 

daß von Prof. Freud folgendes Telegramm an den Kongreß eingetroffen ist: 

_Deni zehnten Kongreß der Psychoanalytiker dankt der Unterzeichnete 

aus der ihm aufgedrängten Isolierung herxHch für Begrüßung, wünscht 

fruchtbare wissenschaftliche Arbeit und drückt Erwartung aus, daß sie aus 

dem Gefühl der gemeinsamen Aufgabe die Kraft zur Einigung in praktischen 

Fragen finden werden," 

Die Versammlung nimmt die Verlesung mit stürmischem Beifall entgegen. 
— Das Protokoll des vorigen Kongresses wird genehmigt. — Der Vorsitzende 
erstattet folgenden Vorstandsbericht: 

Liebe Kollegen, bci-or wir daran gehen, uns la vergegenwärtigen, ivai seit dern 
letzten KongreÜ in unserer Bewegung an Arbeit geschehen ist, müssen wir an dus 
denken, was uns selbst geschelien ist. an die Verluste, die wir erlitten haben und 
einen Akt k b mera dich nftl icher Pietiit erfüllen. Mehr als sonst in einer Berichts- 
periode hat in dieser der Tod von uns Opfer verlangt. Den Beigen eröffnete unspr 
unvergeßlicher und unersc tili eher Präiidenl. Lehrer und Freund Karl Abraham. 
Alle, nicht nur die ihm nahestanden, haben ihn gut gekannt, aber auch diese spüren 
mit Staunen, wie seine Gestalt wächst, was bein Resultat der Entfernung ist, sondern 
die unmittelbare Empfindung, daß er uns immer wieder und überall fehlt, imd 
wir noch den oder die nicht sehen, die uns seinen Verlust unfühlbarer machen 
könnten. 

Unsere englische Gruppe hat in James G I o v e r eines ilirer bedeutendsten 
und wirksamsten Mitglieder verloren. Das literarische Denkmal, dos ihm Jones in 
seinem Nachruf mit meisterhafter Feder errichtete, hat auch denen, die ihn nicht 
gekannt haben, die ganie Große de* Verluitei geteigt, den wir alle durch da* 



Korrc^ponden/bliitt 4^5 



Abreifien de* Lebensfndeiu diesei lo tief angelegten luid schöpferischen Menschen 
erlitlen haben. Unsere hollandische Tochtcrvereinifung hal xwei rasch niireinander- 
falgende Todeifnlle lu beklagen, sie verlor M e J e r, eines der iiltpslen Milf;lieder 
und langjährigen Sekretär der Vereinigung und bald darauf auch den Kollegen van 
der Chys, dem unsere bisherigen Kongresse und unsere Literatur einige »ehr inter- 
essante und anregende Beilrüge verdankt. 

In New York ist Kotlege P o 1 o n, einer der vielTcnpreehenden unter den jüngeren 
Mitghedem, gestorben, und vor einigen Wochen verloren wir in Berlin den Kollegen 
Koerber, der tu den Mitbegriindera der Berliner Gruppe gehört halle, einen 
unendlich gütigen und liebenswürdigen Menschen, der nach langer psjcholhera- 
peutischer Vergangenheit auch die Psychoanalyse in sein reichveriweigles äntlichei 
und humanitäres Tun aufnahm. 

Ehren wir dankend durch Aufstehen das Andenken der tolen Kollegen. 

Das Leben bietet auch freundliche Aspekte, Ich freue mich, Ihnen mitteilen lu 
können, daß Dr. van Emden, der treuesle Besucher unserer Kongresse, den viele 
von uns sehr ungern jetil vermissen und dessen schwere Erkrankung uns Sorge gemacht 
hatte, sich auf dem Wege völliger Wiederherstellung befindet. 

Die Zahl der Mitglieder der Inlemalionalen Psychoanalytischen Vereinigimg ist 
in steligem Steigen begriffen; während sie auf dem Berliner Kongreß 139 betrug, 
■uf dem Saliburger 963, auf dem Hombiirger etwas über 500, betragt sie jetzt 5G0, in 
Wirklichkeit noch mehr, weil die neugebildele franiösiiche Gnippe, die die Zentral- 
Icilung inzwischen interimistisch aufgenommen hat, welche Aufnahme Sie jetzt zu 
sanktionieren haben werden, nicht mitgezählt ist, ferner hat sich eine neue 
amerikanische Gruppe in Walhington gebildet, deren Aufnahme Ihnen ebenfalls 
beantragt werden wird. 

Aus den regelniiiOigen Berichten im „Korrespondenzblatt" konnten Sie ersehen, 
WOB für ein reges Leben in einzelnen Gruppen geherrscht hat. Die Schaffung der Inttr- 
nilionalen Unterricbtlkommission hat den didaktischen Bemühungen neue Impulse zu 
geben versucht, und im Zusammenhang mit den Unterrichts fragen ist, wie Sic wissen, 
ein nitea Problem, das dringend der Klarung bcdtu-fte, die sogcnaimte „Laienanalyse". 
Icbliiiftest in allen Vereinigungen diskutiert worden. 

Ein neues Land tritt jetzt mit einer ersten psychoanalytischen Gesellschaft in den 
Verband imierer Zweigvereinigungen ein, Frankreich. Genau vor 40 Jahren empfing 
dort unser Meister durch Charcot die ersten Eindrucke von der Piychogenie der 
Neurosen und jetzt ist in Paris eine kleine, aber sehr vielversprechende psycho- 
analytische Gruppe erwachsen, die sofort auch mit einem eigenen Publikationsorgan 
auf den Plan getreten ist. Die Ihnen ollen bekannten Kollegen Laforgiie und 
Sokotnilzka und die Frau Prinzessin Marie von Griechenland haben nach langer 
beharrlicher Vorbereitung unter der wackeren Mitwirkung der beiden Genfer Odier 
und de Sauisure wie auch des von Berlin nach Paris übersiedelten Dr. L ö w e n- 
ttein einen kleinen Kreis von in Paris bereits geschulten Analytikern gesammelt, 
der ein deutlicher Kriitallisationskern zu werden beginnt. 

In den Ländern der älteren psychoanalytischen Vereinigimgen macht die Psycho- 
analyse, wie schon das Steigen unserer Mitgliederzahl beweist, sielige Portschritle. 
Stelleniveise scheint der modische Lünn, der um die Psychoanalyse herrschte, stiller 
geworden zu sein, imd das ist gut, denn Moden sind nicht nur laut, sondern auch 
kurzlebig. Das Verhallen uns gegenüber wird, trotz Fortbeilehens der alten Wider- 
■tande, doch sichtlich enistbafter; bitte um Verzeihung, wenn das wie eine Zensur 
klingt, dafür ist gerade unsere deutsche wissenschaftliche Öffentlichkeit das beste 
Heispiel. Nicht nur zwei psyehotheropculischc Kongresse, sondern auch ein Inler- 
nislenkongreO hat sich eingebend mit der Psychoanalyse beschäftigt. Wir wissen dies 
als Symptome einer Wendung zu werten und hüten ims, diese Anzeichen zu über- 
schätzen. Daß andererseits vor ganz kurzem wieder ein sehr namhafter deutscher 

Int. Zeiuchr, f. Fiychauinly», Xlll/f. ^ 



486 Korrcspondenzbluti 



Artt, nicht Piychiater und nicht Neurologe, bei einem nun wirklich nicht lehr ernst- 
haften Versuch, sich mit der Analyse ausrinandcrztiselten. sich, wenn auch nicht di« 
Fingir, so doch seinen wissenschaftlichen Ruf sehr verbrannt hal, hat uns lebhaft 
an vergangene Zeiten erinnert. 

In RuGland, einem an sich alteren Land des analytischen Interesiei, ist der Kreis, 
der um die Psychoanalyse sich tiefer bemühte, gewachsen und unsere dortigen 
Kollegen arbeiten begreiflicherweise unler sehr schweren Bedingungen. Ich erlaube 
mir, Ihnen in unser aller Namen unsere tiefe Sympathie auszusprechen. 

Auf dem ewig jungfrSidichcn Boden Amerikas, mit seiner groDen Empfänglichkeit 
für alles Neue und Neueste, ist es unseren dortigen Kollegen gerade deshalb schwer. 
die Sorge um die Garantie für eine stetige Vertiefung des psychoanalytischen Wissens 
und Könnens in die eigenen HHnde in nehmen. 

In den Ländern, die eigene analytische L ehr intti tute haben, ^ wie ander 
Deutschland und Österreich jetzt auch England, dessen Lehrinstilut lu unserer grOÜcn 
Freude gerade am 70. Geburtstag von Prof. Freud, am 6. Mai 1916 eröffnet 
worden ist, — wird die Hauptwirksamkcit immer mehr von diesen ausgehen und 
begreiflicherweise ist ei die jüngere Generalion meist, die gebieterisch nach Ver- 
mittlung von analytischen Kenntnissen verlangt, die sie auf den Schulen noch 
immer nicht, jedenfalls aber nicht in der richtigen Weise bekommt. Eine Ausnahme 
scheint darin Ungarn lu bilden, deren Jugend konservativer lu sein scheint. Nun, 
wir Analytiker wissen ja, daß vor Regressionen wohl keine Altersstufe geschütit ist. 

In Italien hat sich um unsere bewührtcn Kollegen L c v i-B i a n c h i n i imd 
Edoardo WeiO eine Anxalil von Anten und Gelehrten, die sich für die Psycho- 
analyse interessiert, geschart, eine Art psychoanalytischer Arbeitsgemeinschaft, aus 
der später einmal eine Gruppe hervorgehen konnte 1 In Siebenbürgen in Neu-Rumönien 
arbeitet eine kleine Gruppe praktisch und wissenstbafilich in der Psychoanalyse. 

Daß die Berliner Psychoanalytische Vcreinigring sich Anfang 1926 in die Deutsche 
Psychoanalytische GeseilEchalt umgeivandclt hat, dürfte Ihnen bekannt sein; sie 
besitzt iwei lokale Arbeilsgeineinschaflen, die ältere in Leipzig, die von Frau 
Dr. B e n e d e k daselbst geführt wird. Eine jüngere hal sich in diesem Jahre unter 
der Leitimg von Dr. Landauer und Frau Dr. Happel in Frankfurt n. M. 
konstituiert. 

Wir hatten vom lelilen KongreD die diskrete Weisung bekommen, Herrn Professor 
Freud lum 70. Geburtstage die Glückwünsche der Internationalen Psychoanalytischen 
Vereinigung in entsprechender Weise darzubringen. Wir entledigten uns dieses Auf- 
trages in der Weise, daO wir unter unseren Milgliedcm einen Jiibilüiunsfonds 
sammellen imd ihn am 6. Mai vergangenen Jahres unserem Meister für psydio- 
analytische Zwecke überreichten. Er hat Ihnen allen sehr gedankt und bat, Ihnen 
lu besteilen. daQ er bis zum So. keine Geburtstage melir habe, auf keinen Fall aber 
vor dem 75. Wir versprachen, es Ihnen auszurichten, nolinien es aber auch von seiner 
Seite als Versprechen, uns noch recht oft Gelegenheit lu geben, ihm in Freude für 
alles zu danken, was wir ihm schulden.-' 

Hierauf ersUtleten die Vorsitzenden einiger Zweigvereinigungen kurze 
Berichte: Dr. Federn erzahll, daü in Wien tlie wissenschaftliche Tätigkeit 
außer auf den Sitzungen der Vereinigung auch auf der Tüligkeit des von 
Dr. Reich geleiteten „therapeutischen Seminars" und des Literatur referieren- 
den sogenannten „Kinderserainars" beruht; außerdem nimmt auch Professor 
Freud an der Arbeit wieder persönlich führend Anteil, indem allmonattich in 
seiner Wohnung wissenschaftliche Sitzungen als „erweiterte Vorstandssitzungen" 
stattfinden. — Auch in London teilt sich, nach dem Bericht von Dr. Jones, 
die Arbeit in die wissenschaftliche Tätigkeit der Vereinigung und in die Aus- 
bildungs-, Propaganda-, Publikation!- und Überseliungstatigkeit des Institutes. 



I 



Korrcspondenzblail 487 



— Dr. Oberndorf berichtet, daß auch in New York neben der wissen- 
schaftlichen ForschunsslBtigkeit die Ausbildungs- und Unterrichtslätigkeil eifrif; 
beirieben wird. — Dr. Simmel rechtfertigt die Umwandlung der „Berliner 
Psj-choanalylischen Vereinigung" in eine „Deutsche Psychoanalytische Gesell- 
schaft", erzählt über die Tätigkeit der lokalen Arbeitseemeinschaften in Leipiig 
und Frankfurt a. M. und berichtet über die von der deutschen Gesellschaft 
veranstaltete Feier zum 70. Geburtstag von Professor Freud. — Dr. Landauer 
ergänzt die Ausfiihrungen durch Bericht über die p5ychoflnal>-tische Propaganda- 
tätigkeit in Süddeutschland (Sitiungen in Frankfurt a. M., pädagogische Tagung 
in Stuttgart, Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik). — Nach Dr. Fereneii 
ist in Ungarn der äußerliche Fortschritt zwar gering, der innere aber um 
so intensiver. 

Der Zenlralkassenwart Dr. M ü II er-Braunjch weig ersUttel den 
Kassenbericht: 

Das Vermögen der Internationalen Vereinigung betrug nach dem Homburger 

Kongreß 2050 Mark. Ende 1936 5170 Mark, jelit 4397 Mark. Davon sind die noch 
nicht berechneten Kosten des gegenwärtigen Kongresse, abiuiiehen. so daß der 
Bestand et«a 3500 Mark betragen wird. Von .590 Mark Ausgaben wurden 1380 Mark 
für den Druck des „Korrespondeniblattes" ausgegeben, der Rest lerleill sich nnf 
Unkosten der Zentralleitun^, besonders für den Volliiig leliler Pflichten gegenüber 
verslorbencn Mitgliedern. — AUe Gruppen haben ihre Beiträge abgeführt bis auf 
die russische, die die Beiträge iwar ebenfaLs einkassiert hat, aber äußerlicher 
Schwierigkeiten wegen sie noch nicht hat abliefera können. — Die ungarische Gruppe, 
die friiher geringere Bcithige beiahlt harte, lahlC ebenfalls bereits Beiträge der 
gleichen Höhe wie alle anderen Gruppen, nämlich 2 Dollar per Kopf. — Der Milgtieds- 
beib-ag. den jedes Mitglied lu entrichten hat, sein »ich nun überall aus drei Teilen 
zusammen: b> Der Beilrag an die Internationale Vereinigung, b^ Der Beitrag an die 
Zweigvereinigung, c) Der Betrag für das obligatorische Abonnement der Zeitschriften. 
Der Bericht wird genehmigt. 

Frau Dr. Helene Deutsch gibt über das „Lehrinstitut Her Wiener Psycho- 
analytischen Vereinigung" folgenden Bericht: 

Das Wiener Psvclioanaly tische Lehrinitilut meint auf eine erfolgreiche Tätigheit 
in den leizten iwei Jahren lurück schauen in können. Man kann sagen, daß Vieles 
sieh hier bereits antomatisrerl hat, so daß die gonic Arheilsenergie, die in den 
Anfangsstadien der Bekämpfung der äußeren und inneren Schwierigkeilen und den 
orgnnisalorijchen Leistungen ge« idmet war. *ich jettt nun gäntlich dem eigentlichen 
Ziele de» Lehrens luwendcn kann. 

Da das Lehrinslilul bereit» iweieinhnlb Jahre in Funktion isl. waren wir in der 
Lage, jetit die ersipn fünf Schüler als voHausgehildet lu entlassen. Von diesen fünf 
Schülern sind drei Ante und i iv e i „Laie n". 

Außer diesen fünf befinden sich deneit «m L. I. 20 S c h ü 1 e r in verschiedenen 
Ausbildungssladien. 

Von den 10 sind drei Auslander, die übrigen Inländer. In dieser Schülenahl ist 
dos Verhähnis der Ante tu Laien 17;^. Diese» Zahlenverhällnis enlsland nicht aus 
Tendenzen des L. I. Die drei nichlanllichen Schüler stehen in Berufen, die ihr 
Interesse für Analv.'e besonders wünschenswert erscheinen lassen, und iwar in päd- 
agogischer oder soiialer Tätigheit. 

Die Zahl der Vorgemerkten, die noch nicht in die Ausbildung aufgenommen 
werden konnten, beträgt jeiit acht. Ich mochte hier bemerken, daß das weitaus 
gröOle Kontingent der Kandidaten sich aus jungen, psjchialrisch inleressierlen Anten 
rekrutiert. Das, was si.h bei uns bereits als Ausbildnngsn-eg nach der Selbttanatyse 

M' 



488 Korrcspondenzbliitt 



koniolidiert h«t, wt vor bDcih die gut organisierte praktische Arbeit unter Kontrolle 
de« Lehrinstitull. Ebenso hat sich die Form der theoretischen Ausbildime bewahrt. 
Neben den so^enannlen ^obUgatori sehen Kursen" haben sicli gewisse Formen der 
Seminare und Kurie so gut eingeführt, daß sie bereits ständig gehalten werden und 
sich andauernd eines großen Zuspruches erfreue». Die obhgalori schon Kurse, die die 
elementare tlieorelische Grundlage der Schüler darstellen, werden nach Bedarf 
wiederholt, d. h. immer dann, wenn eine Anialil von Schülern den ersten Grad der 
Aiiibilduog. die Selhstannlyse, beendigt hat. So wird ein solcher Zyklus, wie Sie 
unserem Programm entnehmen können, im Herbat tum zweitenmal «eit der Gründung 
des L. I. wiederholt. 

Ich glaube, daß es nicht aus FamiliennaniOmus geschieht, wenn ich berichte, 
daß das Erfreulichste an unserer Ausbüdungsstatle eine große Arbeitsfreude und 
wirkliches „Zusammen lernen" der Kandidaten ist. Sämtliche Kurs- und Diskussions- 
abende sind bei uns immer von den Schülern voUiÜhlig besucht, ja, man kann sogar 
sagen, daß die Libido der alteren Analytiker (der Lehrer) durch diesen auflcr- 
ordentiichen Eifer der Jugend nicht lum Erlahmen kommt. 

Derselbe Eifer wird auch in dem Wunsch nach Kontrolle bewiesen ; es kann sich 
der Kontrollanaljtiker auch nicht vorübergehend der übernommenen Verpflichtung 
eiitxiehen, so sehr steht er unter Kontrolle des eifrigen Konlro liierten. Gerade hier 
scheint sich allmählich eine Klarheit durch Erfahnmg herzustellen, so daß um die 
Wahl der Fälle, die Technik der Kontrolle usw. immer ticherer und dadurch 
einfacher wird. 

Das L. I. hatte im letzten Jahre seine Tätigkeit auch mehr der Propaganda 
zugewendet aU vorher. Ein im Rahmen des Institutes abgehaltener Kuriljhlus für 
Pädagogen, den Frl. Freud, Pr. Schaxel, Dir. Aichhorn und Dr. Hoffer abgehalten 
haben, hatte einen großen Anklang eben in diesen Kreisen gefunden, die für Psycho- 
analyse von besonderer Wichtigkeit sind, d. s. Pädagogen, FüTforgerinnen, Pflege- 
rinnen usw. Die propagatorische Tätigkeit, die im vorigen Jahre außerhalb des L, L 
geleistet wurde, hat für das nächste Jahr auch das L. I. übernommen, indem die 
ivon Dr. Federn, Dr. Reich und Dr. Wälder) im Verein für mediiinische Psychologie 
gelesenen Kurte am L, I. abgehallen werden und so die medizinische Studenten- 
schaft, die noch der Psychoanalyse ferne tteht, in eine Verbindung mit dem Lehr- 
instilut gebracht wird. 

Ich möchte am Schluß eine Bemerkung machen, die auch als Anregung dienen 
soll. Unsere Inätiinte sind alle auf denselben Ideen aufgebaut, haben in wichtigsten 
Punkten dasselbe Programm. Der internationale Charakter dieser Institute hol sich 
noch nicht kundgegeben. Es wäre von großem Vorteil, wenn durch den Austausch 
der Schüler diese Intemalionalitäl der Ausbildung ihren Ausdruck bekommen würde. 
Durch die Gliederung der Ausbildung in Selbslunalyse — theoretisches Lernen und 
praktische Ausbildung, würde sich dieser Kontakt leicht herstellen lassen dadurch, 
daß I. R. fallweise die Selbstanalyse an einem Institute, das weitere an einem 
anderen gemacht wird. Dies ließe sich leichler durchführen, wie der Austausch 
der Lehrer, die an ihre Arbeiuslätte mehr gebunden sind. Was ich on Zuhunfts- 
pUnen des Lehrinslitutes verraten könnte, hoffe ich beim nächsten Kongreß als 
vollzogene Leistung berichten tu können. 

Dr. Jones berichtet über die Arbeit des Londoner Instituts : 
Durch die Großmut des Herrn Prynce Hopkins vermochte das Institut für 
Psychoanalyse im vergangenen Jahre die so dringend benötigte Khnik zu eröffnen. 
Offiziell wurde die Londoner Khnik für Psychoanalye, W. I, Gloucester Place 5S, zwar 
bereits am siebzigsten Geburtslage Professor Freuds, dem 6. Mai 1916. mit einem 
Patienten eröffnet, aber durch verschiedene Umhauten verzögerte sich die volle Auf- 
nahme der Arbeit bis zum Herbst des gleichen Jahres. Unter Bericht stützt lieb oUo 



I 



Ki>rr(.-sp<in(Icn/blait 4^ 



\ 



bloß auf eine Wirksambeil von neun Monaten. Der Ärrtekörper. den dai Institut 
für Fsjchoanalyse in seiner Sitiiing am 28. September 1926 ernannte, sctit sicli 
folgendermaßen zusammen: Direktor Dr. Erneit Jones; stellverlretender Direktor: 
Dr. Edward G 1 v e r ; Ante : Drs. Bryati, E. M. Cole, Eder, Herford, Inman, Sylvia 
Payne, Rickman, Biggall und Sloddart. 

Man beichloß, daO sich der Äntekörper künflig^ nach eigenen Vorschlägen 
ergänzen sollte. Die Direktoren wurden emiächtigl, klinische Assistenten aniustellen, 
die unter ihrer Leitung Analjsen ausführen dürfen. Bisher haben sie folgende Herren 
berufen: Drs. Bricrlcy, Warburton Broivn, Franklin, Penrose. A.Stephen, Weber 
und Wilion. Mit diesem Mitarbeiterstnb sind wir in der Lage, täglich fünfiindiwaniig 
Patienten lu behandeln. 

Die Klinik ist für Neuaufnahmen einmal wöchentlich geöffnet, und in den »er- 
gangenen neun Monaten haben gerade hundert Konsultationen stattgefunden. Fünf- 
undneuniig dieser Fiilie erwiesen sich fiir psychoanalytische Behandlung geeignet. 
Eine Mitteilung über die verschiedenen Zustände, an denen die Patienten litten, soll 
in dem ersten vollitändigen Bericht der Klinik erfolgen. 

Bis heute haben »ich einundvienig Patienten der Behandlung in der Klinik 
unterzogen. Sieben davon brachen die Behandlung bereits im Laufe des ersten Monats 
ab, acht lu einem späteren Zeitpunkt. Es ist natürhch noch zu früh, um schon positive 
Resultate berichten zu können, immerhin sind drei Patienten, die bereit* vor der 
Erüffnimg der Klinik mit der Behandlung begonnen hatten, bereit! gebeilt und eine 
Reihe von anderen erheblich gebessert. 

Die Vorlesungen, die unter der Leitung des Instiliils für Psychoanalyse abgebalten 
werden, finden in der Klinik statt. Im vergangenen Jahr wurden vier Kurse gelesen: 
1} J. C.Fl ii gel. Das Unbewußte ; 1} Edward Glov er, Die Technik der Psychoanalyse; 
}) James Glovcr, Die Psychopathologie der An gstiu stände, Phobien und Zwangs- 
vorstellungen; 4) Emest Jones, Die Theorie der Sexualilüt. Man ist dahin über- 
eingekommen, daß die reguläre Ausbildung der künftigen Psychoanalytiker acht 
Vorlesungskiirse umfassen solle, die sich über zwei Jo!u-e erstrecken; die Kandidaten 
besuchen sie gToQtenteiU erst nach erfolgtem AbschluO ihrer eigenen Analyse. Die 
Ausbildungskurse umfassen folgende Gegenstande: 1) Das Unbewußte; 7) Traum- 
deutung; j) Theorie der Sexuolilät ; 4) Neurosen; J) Technik; 6} Kinderanalysen: 
7) Psychiatrie; S) Geistige Entwicklung der Rasse. Gleichzeitig fuhren die Kandidaten 
„Kontrollanalysen" aus. Gegemvartig lind lehn solcher im Gange, die von den Herren 
Bryan, Edward Glover. Eriiest Jones und Rickman beaufsichtigt werden. 

AUe Sitzungen der Britischen Psyclioanoly tischen Gesellschaft linden in dem 
Gebäude der Klinik statt, wo auch ihre Bibliothek dauernd untergebracht ist. Der 
ArztesLib der Klinik tritt viertcijührlich zusammen, um die Arbeitseinteilung usw. 
miteinander lu besprechen. 

Ich hin in der glücklichen Lage, berichten zu können, daß der ganze klinische 
Apparat bisher in erster Linie dank der Energie und Hingabe des Sekretär» des 
Instituts, Dr. Rickman. reibungslos imd erfolgreich gearbeitet bat. Kurzum, wir 
kiinnen mit unseren verheißungsvollen Anfängen zufrieden sein. 

Über das „Berliner Psychoanalytische Institut" gibt Dr. Bititigon 
folgen den Bericht: 

Nach dem kurzen Bericht über imser Institut auf dem Hamburger Kongreß 
habe ich dieses Mal nur schwer der Versuchung widerstehen können, Ihnen eine 
genauere Statistik über Erfolge imd Dauer unserer Arbeit, wie auch eine ausführ- 
lichere Schilderung des Verhältnisses dieser beiden Momente in unserer Therapie 
zubringen, wobei ich mich jetzt auf das größere Beobachtungsmaterial einer lungeren 
Berichtsperiode stützen könnte. 

Aber mich »eit langem mit der Idee tragend, einmal in eingehenderer Darstellung 



490 



Korre,sponden/l)latt 



ron iinierem Institut lu handeln und in letiler Zeit von onderon Aufgaben unserer 
Bewegung sehr in Anspnich genommen, renichlete ich hier darauf und mochte 
mich auch jelit nur wieder kiu-i fassen. 

In der Zeit vom April 1924 bis Juli 1917 hoben im ganien 851 bei der Analyse 
Hilfesuchende tmser Institut aufgesucht, wovon 361^ in Analyse genommen und 
behandelt worden sind. Auf Grund dlesci auch gröPeren Ansprüchen genügen 
könnendes Materials darf ich mir wohl zusammenfassend ausiusprechen erlauben, 
was den Erfahreneren unter uns schon längst bekannt ist, daß die Erfolge unserer 
therapeutischen Bemühungen den Vergleich mit denen anderer, mit großem Apparat 
an schweren chronischen Krankheiten unternommenen Heilbestrebungen, i. B. bei 
der Tuberkulose, aushalten und günstig bei diesem Vergleich abschneiden. Zu der 
von ihnen beanspruchten Behandhingsdauer stehen unsere Erfolge in einem einfachen, 
geraden und progressiven Verhältnis, d. h. je umfänglicher und liefer greifend der 
Erfolg, um so länger die Douer. Auf dem Hintergnmde unserer so ausgedehnten, 
von verschiedenen Analyl 1 k erindi vi duali täten, zu einem großen Teil von alterfahrenen 
Praktikern gewonnenen Resultate erscheinen uns alle superklugen, ihre Vernach- 
lässigung der Logik der vorliegenden palhotogitchen Prozesse mehr oder weniger 
geschickt rationalisierenden Abkürzungsversuche all da!, was sie in Wirklichkeit sind, 
als konstruktive, ephemere und, weil ich ließ lieh wirkungslos, durch nicht* zu 
rechtfertigende Gewaltsamkeit, 

Die Zusammensetzung unserer Mitarbeiterschaft hat sich niu- wenig verändert. 
Herrn Dr. Löwenstein haben wir sehr luigem nach Paris gehen sehen. Der an 
seine Stelle getretene Dr. A. G r o B ist im Fnihjahr dieses Jalirei an die vom 
Kollegen Simmel ins Leben gerufene Psychoanalytische Klinik. Sanatorium Schloß 
Tegel, übergegangen; die von ihm gelassene Lücke hat Dr. Witt ansgefüllt. 

Der alten, starken therapeutischen Tradition un.ieres Institutes entsprechend, liegt 
bei uns nach wie vor ein sehr wesentlicher Akzent auf den therapeutischen 
Leistungen, trotzdem in immer größerem Ausmaße die Kräfte unserer Mitarbeiter 
durch den Ausbau unserer Unlerrichlsaufgaben in Anspruch genommen werden. Auch 
in dieser Berichtsperiode sind laufend etwa 85 Analysen nebeneinander gemacht 
worden. Darf ich Sie bitten, sich wieder einmal zu vergegenwärtigen, welche Summe 
von Wo chenarbeits stunden dos ergibt, wenn imsere Institutspatienlen durchschnittlich 
zirka vier Stunden wöchentlich bekommen. An der Bewältigimg dieser großen 
Aufgabe beteiligten sich neben dem Referenten und sieben Assistenten des Instiluts, 
etwa zehn imsercr alteren Schüler, sowie 16 bis 18 Mitglieder unserer Psycho- 
analytischen Gesellschaft. Ihnen ollen bin ich für ihre tteia unermüdliche Opfer- 
ivilligkeil zu größtem Danke verpflichtet. 

In unserer didoktiichen Tätigkeit galt es den Aufbau unserer theoretischen Unter- 
weisungen zu revidieren, vor ollem aber die Moglichkeilen der praktischen Ausbildung 
auszuhauen; die Kontrollanalysen haben bei uns ja seit längerer Zeit volles Bürger- 
recht. Um die Klärung der Technik dieses Unlerrichtszweiges bemühen sich die ihm 
Obliegenden. Vieles ist und muß ja natürlich noch im Flusse sein, wie auch in der 
didaktischen Technik der Lehranalyse. In der Internationalen Onterrichlskommission 
haben wir ja eine Stelle geschaffen, die sich mit diesen Problemen zu befassen und 
die Erfahrungen der einzelnen in Einklang zu bringen hol. Nach längerem Tasten 
glauben wir in Berlin auch mit einem technischen Seminar sehr gute Erfalirungen 
zu machen, das für alle imsere fortgeschrittenen Schüler obligatorisch ist, und an 
dem fakultativ auch die jüngeren Mitglieder unserer Vereinigung anscheinend gern 
imd jedenfalls mit gutem Erfolg für die anderen (die SchiUer), wie auch für rieh 
selbst, teilnehmen. 

Über die Kurse und sonstigen Veranstaltungen unseres Institutes sind Sie durch 
unsere laufenden Ankündigungen im „Korretpondeniblatt" regelmäßig unierrichtet 
worden. 



KoiTcspon (1 CD /,bl att 



491 



Dr. HitBchmann berichtel, über das in Wien aus äuDeren Gründen 
vom Lehrinstitut getrennte „Ambulatorium der Wiener Psychoanalytischen 
Vereinigung : 

Das Wirncr Ambnlalorinm ist bereits im sechsten Jahre seines Betriebes und 
xeigt weiter eine so bedeutende Frequenz, daß eine groDe Aniahl dringend 
Behnndlungsbedürf liger abgewiesen werden muß. Wir hoben außer einem Aisistenten 
iwei Sekundarnrile für halbtägige Arbeit angesteül, und ein dritter im gleichen 
Umfang arbeitender Arit beiieht eine Remuneration. Noch leiden wir lailer der 
Beschränktheit der Räume, die wir nur nachmittags benütien können. 

Die durch die Ausbildimgskandidaten lunehmende Zahl von Mitarbeitern drangt 
nach Vcrmchnuig der Räumlichkeiten, der Andrang von Patienten übprdies tur 
Vermehrung der angestelllen Arzte, beides lu ganitagiger Arbeit. Wir hoffen dieses 
Ziel, gestiitit auf die generöse Geldspende, die uns Herr Prof. Freud ans seiner 
GeburtstBgsstifttmg zukommen ließ, sowie auf aus Amerika eingelangten Geschenke 
bald lu erreichen. — Während der Unterricht der Schüler des Lehrinst i tute» aufler- 
halb der Kompetenz des Amhulatorinmj liegt, hält das Ambulatorium doch an seinen 
kasuistischen Beferierobcnden fest. Dieselben «Tirden — ein Verdienst des Assistenten 
Dr. Reich — lu überaus gut besuchten und intensiv arbeitenden technisch- 
therapeutischen Seminarabenden ausgestaltet, aus denen auch wertvolle 
PubhkBlionen hervorgehen. Aus den Schwierigkeiten der Anfänger kann man deutlich 
genug das Bedürfnis nach Belehrung in individualisierender und detaillieiter Technik 
erkennen: eben diesem Bedürfnis sind diese technischen Abende angepaßt, an denen 
nicht nur die Schüler, sondern fast alle Mitglieder der Vereinigimg mitarbeiten. 

Von einer Statistik der Behandlimgsrestdtalc sehe ich hier ab und berichte nur, 
daß etwa 40 bis 50 Falle taglich in Behandlung stehen. 

A. J. Storfer erstattet einen kurzen Bericht über die Tätigkeit des 
Internationalen Psyclioanaly tischen Verlags und stellt fest, daß das zunehmende 
Interesse für die Psychoanalyse sich deutlich im erhöhten Bücherabsatz wider- 
»piegelt. Im besonderen muß auf die Zunahme des Interesses in Kreisen von 
Lehrern und Erziehern hingewiesen werden; der .Verlag der ZeitscJlt^ft für 
psychoanalytische Pädagogik" arbeitel in einer administrativen Symbiose mit 
dem „Internationalen Psychoanalytischen Verlag" zusammen. 

Dr. Rick man berichtet über die Tätigkeit der ,Psychoanalytical Press" 
in London: 

Werke von Freud und F e r e n c i i wurden neu üherselit, die nCoUccled 
pBpers" von Freud weiter herausgegeben, ein Register sämtlicher psjchonnaly tischer 
Publikationen wird vorbereitet. Der Redner richtet an alle deutschen Autoren, die 
ins Englische übersetzt werden wollen, die Bitte, sich noch vor der Ausführung der 
englischen Übersetiung mit der „Press" in Verbindung lu setien. 

Dr. Badö teilt als Redakteur der beiden deutschsprachigen oHizicIlen 
Vereinsorgane mit, daß diese, um den steigenden Anforderungen gewachsen 
zu sein, in Zukunft in etwas erhöhtem Umfang erscheinen werden, was eine 
geringfügige Steigerung des Abonnementspreises mit sich bringen wird. — Der 
Kongreß erteilt hierzu seine Zustimmung. 

Zum Punkt der Tagesordnung „Aufnahme neuer Zweigvereinigungen teilt 
Dr. ILitingon mit: Es sind an den Vorstand zwei Antrage zur Aufnahme 
gel.ingt. Der eine von einer französischen unter Leitung von Dr. Laforgue 
stehende Gruppe in Paris, die bereits vom Vorstand interiniistisch auf- 
genommen worden ist. Der Vorstand bittet den Kongreß, ihre definitive Auf- 
nahme zu beschließen. 



492 



Korrcsponilun/.bliilt 



Die Aufnahme der frnnzösi sehen Gruppe wird einstimmig beschlossen. — 
Dr. Laforgue dankt der Versammlung im Namen der neuen Zweig- 
vereinigung. 

Bezüglich der „Washington Psycho an alytic Association" berichtet der Vor- 
sitzende, sei die vorberatende Sitzung der Funktionäre der I. P. V., in welcher 
Dr. Ferenczi und Dr. Oberndorf die neue amerikanische Gruppe sehr emp- 
fohlen hatten, übereingekommen, die Gruppe des großen Interesses der I. P. V. 
für ihre Arbeit zu versichern und sie zu bitten, bis zum nächsten KongrelJ 
mögliclist reichlich Gelegenheit 7,u geben, sie naher kennen zu lernen, worauf 
dieser sie dann aufnehmen würde. 

Dr. Jones stellt den Antrag, der Kongreß möge den Vorstand ermächtigen, 
die „Vt'ashington Psych oan alytic Association" gegebenenfalls schon vor dem 
nächsten Kongreß interimistisch aufzunehmen. Dr. Oberndorf unterslülxt 
diesen Antrag. Der Antrag wird angenommen. 

Dr. Eitingon berichtet über die tags vorher staltgefundene Sitzung der 
Internationalen Unterrichtskommission und unterbreitet dem Kongreß den dort 
beschlossenen Resolutionsantrag (s. oben S. 483). Die Resolution wird bei zwei 
Gegenstimmen angenommen. 

Dr. Jones stellt folgenden Antrag: „tiber die Zulassung landesfremder 
Kandidaten haben sich die Untern chtiaussehüsse der betreffenden Lander vorher 
BU Terstandigen." — Elr begründet diesen Antrag mit dem Hinweis auf die 
Notwendigkeit, die spezifischen Verhältnisse der einzelnen Länder zu respek- 
tieren. 

Über diesen Antrag entspinnt sich eine außerordentlich lebhafte Debatte, 
an der sich zahlreiche Redner beteiligen, einzelne von ihnen wiederholt das 
Wort ergreifen und in deren Verlauf auch mehrere weitere Anträge gestellt 
werden. 

Drs. Oherndorf, Coriat und Kardiner betonen übereinstimmend, 
da0 die Situation der Psychoanalyse in den U. S. A. wesentlich anders sei 
als in den kontinentalen Ländern. Die gesetzlichen Bestimmungen des Landes 
sowie die Beschaffenheit des Menschenmalerials, das sich zum Analytikerberuf 
drängt, nötigen die amerikanischen Gruppen, auf der ärztlichen Vorbildung zu 
bestehen. 

Frl. Anna Freud wünscht zu erfahren, inwieweit zwischen den Gruppen 
hinsichtlich der Respektierung wichtiger Bestimmungen Gegenseitigkeit besteht, 
und stellt an die amerikanischen Mitglieder die Frage, ob ein ordentliches 
Laienmitglied der Wiener Gruppe, z. B. sie selbst, das Reelit auf die ordent- 
liche Mitgliedschaft einer amerikanischen Gruppe haben würde. — Darauf 
erwidert eines der amerikanischen Mitglieder (Dr. Oberndorf), daß das 
betreffende ordentliche Laienmitglied einer kontinentalen Gruppe zwar Gast, 
nicht aber ordentliches Mitglied einer der bestehenden amerikanischen Gruppen 
werden konnte. 

Dr. Ophuijsen erörtert die Notwendigkeit der Annahme de« Jonesschen 
Antrages. In Holland wird den — wenigen — Ausbildungskandidaten stets 
nahegelegt, sich an eines der im Ausland bestehenden Lehrinstitute zu wenden. 
Wird aber ein holländischer Ar^l ohne vorherige Kenntnis der holländischen 
Gruppe im Ausland ausgebildet, so konnten sich große Unannehmlichkeiten 



Korrrüiiandt^ii/blatt 



493 



ergeben, wenn sich später herausstellen sollte, daß der Betrerfenite der 
holländischen Gruppe unerwünscht sei. Noch schlimmer stünde die Sache im 
Falle eines Laien. Ein solcher konnte, solange er nicht öffentlich ankündigt, 
dali er an einem unserer Lehrinstitute ausgebildet wurde, in Holland ungestört 
tlierapeutisch tätig sein; im Falle einer Ankündigung würde jedoch die Gruppe 
durch das Gesetz gezwungen sein, gegen ihn einzuschreiten, und würde dadurch 
in einen unerwünschten Konflikt mit an deren Gruppen geraten. — Dr. Federn 
macht darauf aufmerksam, daQ gerade dieses Beispiel zeige, daß die Isien- 
gegnerischen Gruppen trotz der eben angenonnnenen Resolution auch weiter- 
hin geeignete Personen nur wegen des Mangels des medizinischen Doktorats 
zurückweisen wollen; niemand könne ?,. B. die holländische Gruppe hindern, 
einen solchen im Ausland ausgebildeten Laiennnatj'tiker an der Ausübung der 
Praxis in Holland zu verhindern, aber die holländische Gruppe könne vom 
Wiener oder Berliner Institut nicht verlangen, daß sie die Ausbildung eines 
nach ihren Grundsätzen geeigneten Kandidaten nur deshalb unterlasse, weil 
er Holländer sei. Er wirft die Frage auf, ob nicht die Gegensätze durch die 
Zuweisung konkreter strittiger Fälle an ein obligatorisches Schiedsgericht 
geschlichtet werden könnten. Dr. Ferencii meint, daß das Verlangen, den 
ausbildenden Instituten solle das Recht genommen werde, über Geeignetheit 
oder Ungeeignetheit von Kandidaten zu entscheiden, nur weil sie ihrer 
Abstammung nach zu einem anderen Territorium gehören, nicht dem psycho- 
analytischen Geist entspräche. — Er schlägt vor, auf eine Beschlußfassung 
über den Antrag Jones vorläufig ganz zu verzichten. 

Frau Dr. H o r n e y meint, es werde sich am ehesten ein Weg zur 
Verständigung finden lassen, wenn man vorläufig auf eine Beschlußfassung 
über den Antrag Jones verzichtet und statt dessen zunächst eine exakte 
Interpretalion der in der angenommenen Resolution erwähnten „ent- 
sprechenden Vorbildung" der Laienkandidaten anstrebt. Sie stellt daher 
folgenden Antrag: 

„Der Kongreß möge die Unterrichtsausschüsse beauftragen, Richtlinien 
auszuarbeiten für die Vorbildung und Ausbildung nicht medizinisch er Kandidaten 
und damit den Sinn einer der medizinischen ,entsprechenden' Vorbildung 
genau inhaltlich zu umgrenzen, und möge die Beschlußfassung über die 
Durchführung der Zusammenarbeit der einzelnen Gruppen bis dahin vertagen." 

Dr. Sachs meint, daß die von Jones beantragte Regelung angesichts 
der großen Entfernung, z. D. in der Relation zu Amerika, praktisch undurrh- 
fuhrbar sei und vor allem zu einer Schädigung des auf Bescheid wartenden 
Kandidaten führen würde. Nur durch gegenseitiges Vertrauen könne eine 
Regelung erzielt werden, 

Dr. Friedjung mahnt zu größerer Aufrichtigkeit und meint, man dürfe 
die in diesen Auseinandersetzungen wirksamen latenten egoistischen Interessen 
nicht übersehen. — Dr, Landauer und Dr. Nunberg führen aus, daß die 
Hinweise auf bestehende Örtliche Verhältnisse keinesfalls zwingend seien, da 
man sich auch zu einer gegebenen Situation sehr verschieden einstellen und 
in ihr sehr verschieden handeln könne. Verordnungen und gesetzliche 
Bestimmungen, die neuen Verhältnissen nicht mehr entsprechen, könnten durt:h 
Überschreitungen einer Revision näher gefuhrt werden. 



494 



KorrL'spon<lcnzblQ(t 



Dr. Radö meint, die Mahnung Jones an eine Politik der Verständigung 
sei sehr zu beherzigen. Dam führe nur ein Weg, die Regelung der Zulassungs- 
hedingungen und des Auibil dungsganges überhaupt seitens der I. P. V. selbst. 
Diese internationale Regelung soll sich nuch auf alle jene Spezialbe Stimmungen 
erstrecken, die für die einzelnen Lander angesichts ihrer örtlichen ^'erhält- 
nisse festzusetzen sind. Die gegenseitige Beurteilung und Einschätzung der 
speziellen örtlichen Verhältnisse auch durch die anderen Gruppen sei durchaus 
wünschenswert und müsse bei gutem Willen zu einer schließlichen Einigung 
führen. Bei Vorhandensein eines derartigen internationalen Statuts wird es 
eine Selbstverständlichkeit sein, daß bei landesfremden Kandidaten die für 
ihre Heimat geltenden Bestimmungen von allen Gruppen respektiert werden, 
da ja an ihrer Beratung und BeschlieOung alle Gruppen Anteil hatten. Er 
(teilt daher folgenden Antrag: 

„Der Kongreß beauftragt die Internationale Unterrichtskommission, einen 
Entwurf über die Zulassungsbedingungen zur Ausbildung zum psychoanalytischen 
Therapeuten sowie über das Gan/.e des psychoanalytischen Ausbil dungsganges 
im allgemeinen und im speziellen nach den Verhältnissen der einzelnen 
Lander, schließlich über die erforderliche Zusammenarbeit der einzelnen 
Unterrichtsausschüsse in der technischen Durchführung auszuarbeiten und dem 
Kongreß vorzulegen. Bis dahin unterbleibt jede Beschlußfassung über diese 
Fragen. 

Dr. Alexander meint, der Kongreß möge die holländische und die 
amerikanischen Gruppen auffordern, die Frage der Zulassung von Laien- 
kandidaten von neuem zu erwägen. Für den Fall einer positiven Zusage wäre 
er geneigt, den Antrag Jones für eine beschränkte Frist zu befürworten. Er 
stellt folgenden Antrag: 

„Der Kongreß bittet die holländische und die amerikanischen Gruppen, inner- 
halb einer Zeit von etwa drei bis sechs Monaten Zulnssungsbedingungen für 
Nichtärzle auszuarbeiten, die gleichzeitig ihre Land es Verhältnisse und die 
Zulassungsbedingungen der übrigen Gruppen berücksichtigen. Für die beschränkte 
Zeit bis zur Vorlage dieser auszuarbeitenden Bedingungen wird der Antrag 
Jones vom Kongreß angenommen. 

Dr. Reich befürwortet den Antrag Alexander. — Frau Dr. Deutsch 
weist darauf hin, daß die Gesichtspunkte zur Bestimmung der personlichen, 
bzw. beruflichen Eignung nach den besonderen Verhältnissen der einzelnen 
Länder festzusetzen wären. 

Dr. Simmel meint, daß man angesichts der großen Gegensätze auf eine 
bindende Regelung verzichten und sich mit einer orientierenden Bestimmung 
begnügen möge. Er stellte folgenden Antrag: 

„Der Kongreß empfiehlt, daß bei Zulassung landesfremder Kandidaten 
die in Frage koinmenden nationalen Unterrichtsausschüsse sich verständigen. 
— Das sich dabei ergebende Verhandlungsmaterial soll von der Internatio- 
nalen Unterrichtskommission gesammelt, gesichtet und dem nächsten Kongreß 
vorgelegt werden zwecks internationaler einheitlicher Regelung der Zulassungs- 
frage. " 

Dr. Kickman betont, daß man zur Ausbildung durch die europäischen 
Institute überall volles Vertrauen habe und stellt daher folgenden Antrag: 



K o rrcs pon de n / b l<i I ( 



495 



«Der Kongreß beauftragt die einzelnen Zvreigrereinigungen, dafür zu sorgen, 
daß die Ausbildung ausschließlich unter der Kontrolle der Unlerrichts- 
ausschiisse und nicht unter der einzelner Individuen erfolge." 

Der Vorsitzende schlägt vor, den Antrag Dr. R i c k m a n ohne Diskussion 
sofort aniunehmen. Der Kongreß entscheidet einstimmig in diesem Sinne, 

Dr. Hollds wirft die Frage auf, ob es angesichts der bestehenden Gegen- 
sätze und der großen afTekliven Spannung nicht vorteilhafter wäre, derzeit auf 
eine Entscheidung zu verzichten und den Konflikt unerledigt zuriickzustellai. 

Dr. Ferenczi meint, die Einheit unserer Organisation müsse unbedingt 
gewahrt werden. Es bestehe nicht die Absicht, durch eine endgültige bindende 
Regelung die Opposition zu majorisieren; er schließt sich dem Antrag Radd 
an, der einen friedlichen und vorbereitenden Charakter trägt. 

Dr. K a r d i n c r spricht, ruckgreifend auf den bereits angenommenen Antrag 
Dr. R i c k m a n, sein volles Vertrauen den europäischen Unterrichlsinstituten 
aus, besonders dem Herliner, das er bei seinem diesjährigen Aufenthalt in 
Europa persönlich kennen gelernt habe. 

Nach kurzen Bemerkungen TOn Drs. Coriat,Weyl, Simmel und 
Jones gibt Federn die Anregung, über die eingebrachten Anträge nur 
informativ abzustimmen. 

Der Vorsitzende verlautbart, daß fünf schriftliche Anträge zur Abstimmung 
vorliegen, u. zw. von Jones, Hörne y, Radd, Alexander und 
Simmel. Er stellt nach erläuternden Bemerkungen der Antragsteller fest, 
daß der Antrag R a d ü der weitestgehende ist und bringt ihn zur Abstimmung, 

Der Antrag R a d <S wird mit Stimmenmehrheit angenommen, wodurch eine 
Abstimmung über die anderen Anträge sich erübrigt. — Hierauf werden 
Proteste laut (Jones, Homey, Anna Freud), daß trotz der Versprechungen 
doch eine Majorbierung der Minorität erfolgt sei. — Frl. Anna Freud 
meint, daß eine wirkliche Entscheidung heute nicht möglich und au'Ji nicht 
erfolgt »ei. 

Dr. Sachs betont mit Nachdruck, daß der angenommene Antrag lediglich 
eine formelle, organisatorische Vorbereitung für eine zukünftige Regelung 
der strittigen Frage zum Inhalt habe, also auch niemand majorisieren könne. 
Wollte der Kongreß auf sein konstitutionelles Recht zur Beschlußfassung 
verzichten, so würde die I. P. V. als Organisation aufhören. — Dr. Radd 
meint ebenfalls, daß durch die beschlossenen vorbereitenden Maßnahmen die 
Freiheit der zukünftigen meritorischen Enstheidung der Frage in keiner Weise 
beeinträchtigt sei. 

Dr. Oberndorf wünscht zu erfahren, wie sich die Pro- und Konlra- 
stimmen, die über den Antrag Radd abgegeben worden sind, auf die einzelnen 
Zweigvereinigungen verteilen. 

Der Vorsitzende leistet dieser Anregung Folge und bittet die Mitglieder 
sich nach ihrer abgegebenen Stimme und nach Zweigvereinigungen gesondert 
im Saale aufzustellen. Dabei ergibt sich, daß f ü n f Zweigvereinigungen, und 
zwar die deutsche, die Wiener, die ungarische, die französische und die 
russische für den Antrag Rad 6, drei Zweigvereinigungen, und zwar die 
amerikanische, die englische und die holländische gege n den Antrag 
Radd gestimmt haben. Die Stellungnahme der einzelnen Zweigvereinigungen 



496 



Korrespoiidcn/blait 



war bis auf je eine Gegenstimme bei der Wiener und bei der französischen 
Gruppe einstimmig. Von der Schweizer Zweigvereinigung wurden ebensovicle 
Pro- wie Kontra stimmen abgegeben. 

Eis folgt die Debatte über den neuen Statu tenentwurf des Zentral vorstand es. 
Dr. vnn O phuijsen zieht seinen Antrag, demzufolge nicht die Mitglieder 
der Zweift Vereinigungen, sondern diese selbst Ein7clmitglieder der inlemalio- 
nalen Vereinigung sein und am Kongresse nur je zwei Delegierte jeder Zweig- 
vereinigung ahstimmungsberechiigt sein sollen, zurück, in der Hoffnung, daii 
die Internationale Vereinigung in Zukunft von selbst auf seine Meinung 
zurückkommen werde. Dr. Jones bedauert, daD v. Ophuijscn seinen Antrag 
zurückgezogen hat und behält sich vor, dem nächsten Kongreß einen gleich- 
lautenden Antrag zu unterbreiten. — Die einzelnen Paragraphen des vom 
Zentral vor.<:tand ausgearbeiteten neuen Sta tu tenent Wurfes kommen zur Verlesung 
und werden sämtlich unverändert oder mit ganz kleinen Amendements 
angenommen. (Siehe in diesem Heft S. 497.) 

Dr. Jones stellt den Antrag, der Kongreß möge beschließen, daß im 
Falle von Zweifeln allein der deutsche Text der Statuten maßgebend ist. Der 
Antrag wird angenommen. 

Dr. L n f o r g u e stellt den Antrag, das franzosische Vereinsorgan „Revue 
Pran^ise de Psych an alyse" ebenfalls als ofTizielles Organ der Internationalen 
Vereinigung anzuerkennen. Der Antrag wird angenommen. — Der Abonnemenls- 
preis der französischen Zeilschrift beträgt im Austand 1 00 Francs. 

Dr. Eitingon stellt den Antrag, der Kongreß möge Frau Abraham, 
der Witwe des verstorbenen Präsidenten der Internationalen Vereinigung, ein 
Telegramm senden. — Der Antrag wird angenommen. 

Dr. Eitingon bittet den Kongreß um die Entlastung für sich, den Zenlral- 
kassenwart und die beiden Beiräte. Sie wird einstimmig erteilt. 

Dr. Eitingon bittet Herrn Dr. Hitschmann, das Präsidium zu 
übernehmen. Dr. Hitschmann übernimmt den Vorsitz und bittet um Vor- 
schlage zur Präsidentenwahl. Dr. Ferenczi schlägt im Namen der Konferenz 
der Funktionäre Dr. Eitingon zum Präsidenten vor, was von der Ver- 
sammlung durch lebhafte Akklamation einstimmig angenommen wird. 
Dr. Eitingon dnnkt für das ihm entgegengebrachte Vertrauen und nimmt 
die Wahl an. — Dr. Eitingon wird, ebenfalls au( Antrag von Dr. Ferenczi, 
durch Akklamation auch zum Vorsitzenden der Internationalen Unterriclits- 
kommission wiedergewählt. — Dr. Hitschmann stellt fest, daß nach den 
neuen Statuten den Drs. Ferenczi und Jones automatisch das Amt der 
Beiräte zufallt und übergibt den Vorsitz wieder dem neu gewählten 
Präsidenten. — Auf Vorschlag Dr. Eitingon werden dann als Zentral- 
Sekretär Frl, Anna Freud, als Zentralkassenwart Dr. van Ophuijsen ein- 
stimmig gewählt. 

Bezüglich des nächsten Kongresses ermäclitigt der Kongreß auf Antrag 
von Dr. Eitingon den Vorstand, die Dauer det Kongresses je nach 
Bedürfnis zu bestimmen. Er soll im August igag stattfinden — 
Dr. Jones schlägt als Kongreßorl England vor, was durch Akklamation 
angenommen wird. 



II 

Statuten der Interna tionaJen Psydioanalytisdien 

Vereinigung 

ij Name 

Die Vereinigung tragt den Namen: „Internationale Psychoanalytisclie 
Vereinigung" (I. P. V.). 

2) SiU 
Der Sitz der I. P. V. ist der Wohnort des jeweiligen ZenlralprSsidenl«n. 

ß) Zweck 

Der Zweck der I. P. V. ist die Pflege und Förderung der von Sigm. 
Freud begründeten psychoanalytischen Wissenschaft sowohl als reiner Psycho- 
analyse als auch in ihren theoretischen und praktischen Anwendungen auf die 
Medizin und auf die Geisteswissenschaften; gegenseitige Unterstützung der 
Mitglieder in allen Bestrebungen zum Erwerben und Verbreiten von psycho- 
analytischen Kenntnissen. 

Zur Erreichung dieser Zwecke dienen insbesondere Errichtung und Betrieb 
psychoanalytischer Forschungs- und Lehrinstitute, Ambulatorien, Kliniken und 
Polikliniken, femer wissenschaftliche Veranstaltungen aller ArL 

4) Gliederung und Mitglieder 

Die I. P. V. gliedert sich in Zweigvereinigungen. Die Zweigvereinigungen 
sind nationale oder Örtliche psychoanalytische Vereinigungen, die in den Ver- 
band der I. P. V. aufgenommen worden sind. Über die Aufnahme neuer 
Zweigvereinigungen entscheidet interimistisch der Zentral vorsUnd, endgültig 
der Kongreß; diesbezügliche Anträge sind schriftlich an den Zentral vorstand 
der I. P. V. zu richten. Der Austritt einer Zweigvereinigung erfolgt durch 
schrifüiche Anzeige an den Zentral vorstand der I. P. V. Die Zweigvereinigungen 
haben ihre Statuten, biw. Statutenänderungen, zur Genehmigung dem Kongreß 
vorzulegen. Ausgeschlossen aus den Statuten der Zweigvereinigungen sind 
Bestimmungen, die den Statuten der I. F. V. widersprechen. 

Mitglieder der I. P. V. sind die ordentlichen Mitglieder der Zweig- 
vereinigungen. Die Mitgliedschaft der I. P. V. wird durch die Erwerbung der 
ordenüichen Mitgliedschaft einer Zweigvereinigung erlangt. Jedes Mitglied der 
I. P. V. kann nur einer Zweigvereinigung angehören. Ausnahmen kann der 
Vorstand der I. P. V. bewilligen. Bewerber um die Mitgliedschaft haben sich 
in der Regel an die ihrem dauernden Wohnsitz zunächst gelegene Zweig- 
vereinigung zu wenden. Bei jeder landes- (orts-) fremden Neubewerbung sollen 
sich die Vorstünde der betreffenden Zweigvereinigungen in Verbindung setzen. 
Die Aufnahme in eine landes- (orts-) fremde Zweigvereinigung bedarf der 
Genehmigung des Zentral Vorstandes. 

Die Mitglieder der I. P. V. sind am Kongreß aktiv und passiv wahl- 
berechtigt; sie haben das Recht, auch den wüsenschaftlichen Sitzungen aller 
Zweigvereinigungen beizuwohnen. 



498 



Korrc-.[)ontk'n/lilaIt 



Die außerordentlichen Mitglieder der Zweigvereinigungen haben das Recht, 
den wissenschaftlichen Sitzungen der I. P. V. beizuwohnen. 

j) Beiträge der Mitglieder 

Jedes ordentliche Mitglied der I. P. V. wie auch jedes außerordentliche 
Mitglied der Zweigvereinigungen hat einen Jahresbeitrag zu zahlen, dessen 
Höhe jeweils vom Kongreß festgesetzt wird. Dieser Jahresbeitrag enthält auch 
die Abonnemenlsbeträgc für die otTiKiellen Organe. Diese Beiträge sind bei 
den Kassenwarten der Zweigvereinigungen lu entrichten, welche sie weiler- 
zuleiten habea. 

6) Der Kongreß 

Die oberste Aufsicht über die I. P. V. fällt dem Kongreß zu. Der Kongreß 
wird vom Zentral vorstand der I. P, V. mindestens alle zwei Jahre einmal 
einberufen und vom Zentral präsidenten geleitet. 

Regelmäßige Gegenstände der Beratung und Beschlußfassung sind: 

a) Das Protokoll des vorigen Kongresses; 

h) die Tätigkeitsberichte des Zentral vors tan des und der Zweigvereinigungen; 

c) der Toligkeilsbericht der Internationalen Unterrichtskommission; 

d) die Tätiglieitsberichte der psychoanalytischen Institute (Ambulatorien usw.); 
t) der Rechenschaftsbericht des Kassenwartes; 

ß die Entlastung des Zentral vors lande« und des Präsidenten der Inter- 
nationalen Unterrichtskommission; 

g) die Neuwahl des Zentral vors tan des und des Präsidenten der Inter- 
nationalen Unterrichtskonimission. 

y) Der Zentralttorstand 

Der Zentral vorstand besteht aus einem Zentral präsidenten, einem Zcntral- 
sekretär, einem Zentral kassen wart, femer aus zwei Beiräten des Zentrnl- 
präsidenten. 

Der Zentralpräsidcnt, der Zontralsekretor und der Zentralkassenwart werden 
für die Zeit bis zum nächsten Kongreß vom Kongreß gewählt. Beiröle des 
Zentralpräsidenten sind jeweils die beiden letzten Ex-Zentral präsidenten der 
I. P, V. Im Falle, daß im Vorstand eine Stelle vakant wird, wählt der Vor- 
stand einen Stellvertreter. 

Der Zentral vorstand vertritt die Vereinigung nach außen und faßt die 
Tätigkeit der Zweigvereinigungen zusammen. Wenn der Zentral vorstand Fragen 
von prinzipieller Tragweite dem Kongreß zur Entscheidung zu unterbreiten 
wünscht, obliegt es dem Zentral präsidenten, vorher mit den Vorständen der 
Zweigvereinigungen Fühlung zu nehmen und den Zentral vor stand sovrie auch 
den Kongreß über die in den einzelnen Zweigvereinigungen herrschenden 
AuRassungen zu unterrichten. 

S) Internationale Vnterrichtskommission 

Die Internationale Unterrichtskommission (I. U. K.) ist das Zentralorgan 
der I. P. V. für alle mit dem psyclioanalyti sehen Unterricht zusammen- 



I 



Korrespond<:nzblati 



•4» 



hängenden Fragen. Die I. U. K, seut sich aus dem vom Kongreß gewählten 
Präsidenten und den Mitgliedern der Untern chtsausschüsse der Zweig- 
vereinigungen zusammen. Der Unterrichtsausschuß einer jeden Zweigvereinigung 
kann höchstens aus siehe« Mirgliedem bestehen. Der Präsident der I. U. K. 
wird vom Kongreß gewählt. Die I. U. K. regelt selbst ihre Geschäftsordnung; 
sie ist auch berechtigt, für spezielle Aufgaben besondere Funktionäre, bzw. 
Unterkommissionen einzusetzen. Ihre Beschlüsse von allgemeiner Bedeutung 
sind zur Genehmigung dem Kongreß vorzulegen. 

?) Offizielle Vereinsorgane 

Die offiziellen Vereinsorgane werden auf Vorschlag des Zentral Vorstandes 
vom Kongreß bestimmt. 

10) Korrespondenzhlatt 

Das Korretpondenzblatt der I. P. V. erscheint in je einem der verschieden- 
spracliigen offiziellen Vereinsorgane. Es vermittelt den Verkehr zwischen den 
einzelnen Glietlem der I. P. V. durch die Veröffentlichung der ofTiziellen 
Mitleihingen und Berichte des Zentral Vorstandes, der I. U. K. und der einzelnen 
Zweigvereinigungen. Das Korrespondenibliitt wird vom Zentralsekretär redigiert. 
Die Sekretäre der Zweigvereinigungen sind verpflichtet, am Ende eines jeden 
Kaien de rquarUls über die Tätigkeit ihrer Zweigvereinigung sowie über die 
wichtigeren Vorkommnisse daselbst der Redaktion des Korrespondenzblattes 
schriftlichen Bericht zu geben. 

//) Statutenänderung 

Die Statuten können nur vom Kongreß geändert werden, wozu die Zwei- 
drittelmajoritat der anwesenden Mitglieder erforderlich ist. Der Vorschlag auf 
Änderung der Statuten kann nur von einer Gruppe von mindestens drei 
Mitgliedern der I. P. V. gestellt werden, muß jedoch mindestens vierzehn 
Tage vor dem Kongreßtermin dem Zentral vorstand in schriftlicher Form 
vorgelegt werden. 

ti) Auflösung 

Die Auflösung der I. P. V. kann nur vom Kongreß mit Dreiviertel- 
majorität der erschienenen Mitglieder beschlossen werden; die Abstimmung 
ist nur zulässig, wenn mindestens die Hälfte der Mitglieder der I. P. V. 
erschienen ist. Der auflösende Kongreß beschluß hat auch über die Verwendung 
de» Vermögens der I. P. V. lu verfügen. 




Mitteilung der Internationalen 
Unterriditskommission 

Der Itinsbrncker Konp-eß beauftragte die 1. U. K., einen Entwurf Über 
die internationale Regelung der Zulassungs- und Ausbildung^ fragen aurau 
arbeiten und dem nächsten Kongreß vorzulegen. Die Durchführung dieses 
KongreßbeschluEses ist die nächste und wichtigste Aufgabe der I. U. R. Die 
^'o^arbeilen m.issen unverr.üglich in Angriff genommen werden, wenn der 
Entwurf bis zum nächsten Kongreß fertiggestellt sein soll. 

Der Unterzeichnete ersuchte deshalb Kollegen R a d rf, das Amt eines 
Sekretars der I U. K. zu übernehmen und betraute eme spezielle 
Unterkommission, die aus Kollegin Horney, KoUegen MÜller- 
Braunschweig und dem Sekretär der I. U. K. Kollegen Badd besteht, 
mit der Aufgabe, den Entwurf unter Mitwirkung der Unterrichts- 
Ausschüsse der Zweigvereinigungen auszuarbeiten. Der Unter- 
zeichnete wird die ersten einschlägigen Vorschläge möglichst bald den einzelnen 
Unterrichtsausschüssen unterbreiten. 

Die Unlerrichlsausschüsse der Zweigvereinigungen werden gebeten, zur 
Erreichung unseres Zieles die gemeinsame Arbeil zu fördern. 

Dr. M. EltinRon 

VorsliMiidrr der I, U. K. 




REFERATE 



Aus den Grenzgebieten 

Skramlik, E. von: Handbuch der Physiologie der 
niederen Sinne. I. Bd. Die Pbysiolopicdes Ceruchs- 
und Ceschniiickssinnes. C. Thieme, Leipzig, IQ2Ö. 

Angenehm wirkt das Handbuch infolge seiner methotli sehen Verläßlichkeit 
und dadurch, daU es nichts anderes als eben Physiologe geben will. Der 
Ausdruck „niedere Sinne" soll keine Wertangabe streifen und soll nur sozu- 
sagen polemischen Sinn haben. „Es gibt weder höhere noch niedere Sinne, 
verkündet Skramlik. Aus dem Inhalt wären hervorzuheben die Würdigung 
der Rolle der sexuellen Geruchsreize, die skeptische Haltung gegenüber 
Behauptungen, wie z. B. der, daß Kinder mit sechs Jahren am schärfsten riechen, 
oder der, daß Schwangere eine Steigerung ihres Geruchs Vermögens zutage legen. 
Es wird eine Übersicht der Literatur über Geruchstrriume und Gcruehs- 
halluzinationen gegeben. Der Geruchssinn soll die Fähigkeit zur Lokalisation 
(z. B. die Emp^ndung, ob die rechte oder linke Nasenhälfte riecht) vermissen, hin- 
gegen lind wir mit Hilfe der Geruchswahmehmungen imstande, sowohl eine Riech- 
quelle ausfindig zu machen als auch eine Geruchsspur zu verfolgen. Den Geschmacks- 
sinn betreffend sei hervorgehoben, daß die Papillen bei Kindern noch über 
die ganr.e Zungenober [loche verteilt sind und daß offetibar »ehr viele von 
ihnen im Laufe der Entwicklung zugrunde gehen. 

Für nicht einwandfrei halte ich die bloße Behauptung, das Kind müsse 
zum Riechakt angehalten werden, denn, abgesehen davon, daß dieser Erziehung 
eine Abgewöhnung vorangehen muß, werden die Tatsachen schief gesehen. Auch 
fehlt eine Auseinandersetzung mit der Fließ sehen Theorie, die durch die 
Lehre der „rhinogencn Aktionsströme im vegetativen Nervensystem" (Fröse) 
noch physiologischer geworden ist. Hermann (Budapest) 

S imme I, Ernst: Grundsätzliches zum Kampfe gegen 
den § 218. Der sozialt.stisdie Arzt, I, 4, Dezember 1925. 
Simmel kritisiert die Stellungnahme des Leipziger Ärztetages, der die 
Strafbarkeit der Abtreibung beibehalten wollle. Simmel meint, daß die 
üblichen Argumente für die Strafbarkeit, die objektiv sehr leicht zu wider- 
legen sind, nur Vorwände sind, die über die wahren Motive hin weg tauschen, 

Im. ZcitKhr. f. Piichoanalr» XIII'4 3* 



502 



Itfdraic 



die im Interesse des knpital istischen Staates «n der Überproduktion von 
besildosen Massen wuneln. Die sogenannte , soziale Indikation wird durch 
Zucht hau sdrohung nicht aus der Welt geschafft. „Wir erkennen hier in 
tieferen Zusatnmenhäng'in noch den Fluch vervielfacht, den die kapitalistische 
Gesellschaftsordnung auf den Proletarier legt. Sie gibt ihm geringe Möglichkeit, 
seinen Überschuß an Sexuallusl lu sublimieren, weil sie sein Triebbedürfnis 
in der Dienst eigener klassenökonomischer Interessen stellen will. Sie ächtet 
aus demselben Grund überhaupt alle seine Sexuallusl als unmoraliscli, die 
nicht der Erzeugung von proletarischen Menschenmnssen dient. Die Folgen 
dieser Versagung sind — wie F reu d ausgeführt hat — Neurosen, Trunksucht, 
DisSozialität. — Simmel ist nicht für Schwangerschaftsunterbrechung, da 
er als Psychoanalytiker weiß, welche schweren psychischen Folgen von einem 
Abortus ausgehen können, aber er ist gegen den § 2 18, für Propaganda des 
Präventiv Verkehrs unter dem Proletariat und erhofft letzten Endes Hilfe nur 
von der Umwandlung der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft. 

Fcnlchel (licrlin) 

Doepp, Milde: Trätime und Masken. Dion-Verlag Liebmann 
u. Alettc, Dessau. 

Der Mitteilung einer Anzahl manifester Angslträume folgt die Wiedergabe 
einiger Pholojtraphien von Gebärden und Grimassen, die wohl die im Traum 
erlebten Affektzustände spiegeln sollen. Aus dem Vorwort: „Die Neben- 
einanderstellung von Träumen und Masken ... ist eine . . . eindeutige Mani- 
festation des neuen Kunstpriniips, dessen Absichten sich nicht auf Darstellung 
des Einzel-Ichs, sondern Objektivierung all gemein menschlich er und im letzten 
Grunde kosmischer Zustiinde richten. Wir erleben in diesem Buch auf einem 
bisher unbegangenen Weg Grundlage und Ziel dionysischer Gestaltung." Für 
den Psychoanalytiker käme dieses Buch höchstens als Gegenstand einer Unter- 
suchung in Betracht, die aber durch Dürftigkeit und sekundäre Bearbeitung 
des Materials sehr erschwert wäre. Fcnlchel (Berlin) 



I 



Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

P i 1 c z, Prof. Alexander : Über H y p n o 1 i s mu s, okkulte 
Phänomene, Traumleben usw. V. DeuiiAe, Leipzig u. 
Wien, 1926. 
Gewandt stilisierte, Bildung und Belesenheit verratende Vorträge für 

gebildete Laien niler Stände, die jedoch der psychologischen und gar 

psychoanalytischen Vertiefung aus dem Wege gehen. 

Hitschmann (Kien) 

Urbantschiisch, Rudolf: Selbsterkenntnis mit Hilfe 

der Psyclioanalyse. M. Perle.s, I92Ö, Hien u. Leipzig. 

Wenn auch nicht in seinen Aborten, entfernt sich der Aiitor doch in der 

Tat immer weiter von den Freudschen Anschauungen. Hier spricht U. von 

„der neueren aktiven Therapie nach Bank, Ferenczi und ilim", (?) die u. a. eine 



Itef ernte 



5tg 



schwere Zwangsneurose mit hysterischen Symptomen durch SeUung groGer 
Affekte in sechs Wochen heilte. Die Rank- Ferenezi sehe Kur (?) wird von U. 
in eigener verschärfter \V e i s e angeivenilet und stellt eine Art gewaltsam 
erzwungener Katharsis bei freiem Beiviißtsein dar. Der Arzt drohte der 
Patientin, sie zu würgen und einzusperren, sperrte sie endlich zwischen 
Doppeltüren u. ilgl. Der Autor vertritt die Ansicht, daß in diesem und ver- 
einzelt analog behandelten Fällen diese Katharsis das Heilende gewesen sei, 
obwohl er reichlich suggestive Einwirkungen vorausgehen ließ. Vorderhand 
irt alle Skepsis gegen diese U.-iche Methode „Erinnere, Voge!, oder stirbl" am 
Platze; um so mehr, als den übrigen Inhalt des Vortrages Unverliißlichkeit 
und Oberflächlichkeit charakterisieren. Hlt^chmann (Wien) 

Marcinowski, J. : Der Mut zu sich selbst. 2, verbesserte 
Auflage. Otto Salle, Berlin, I925. 

Der erfolgreiche Seelenarzt. Feld haus!- Hof. 'n Rad-Heil brunn, Oberbayem, 
hat auch mit seinen vielfach auf Freud und Stekel sich stützenden Büchern 
Erfolg. „Was wir gemeinhin unter Psychoneurose verstehen, sind in letzter 
Linie alles sexuelle Schuldneurosen (S. 359). ■ . . Daß ich auch eine 
große Zahl nervöser Erkrankungen kenne, die im Gegensatz hierzu keinerlei 
erotische Beziehungen aufweisen, glaube ich durch die Aufstellung des Begriffs 
der Ohnmachtsneurosen und durch den Hinweis auf den hierher- 
gehörigen Anteil der Minderwerti^keitsneurosen genugsam klar- 
gelegt zu haben, um vor dem Vorwurf einseiliger Auffassung geschützt zu 
sein" (S. 560). Als Beispiel für Marcinowskis enthusiastischen Stil sei folgende 
Probe gegeben: „Zum Glück gehört meist nichts als Mut. Habe den Mut 
zu dir selbst, dann wirst du erfahren: Des Lebens Lust ist Wille zum Mehr- 
sein. Verschwende dich! Habe den Mut zu dir selbst! Wirf die ekle Last 
des bösen Gewissens von dir und genesel Du darfst esl" 

Ilitschmann (Wien) 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

Revue fran^aisc de Psychanalyse. Erster Jahrgang, Nr. I. 

Das erste Heft des ersten Jahrganges der „Revue franqaise de Psychanalyse liegt 
nun vor. Die Zeitschrift, die viermal im Jahre erscheinen soll, bildet das offi/.ieLe 
Organ der Pariser psychoanalytischen Vereinigung. Außer Referaten und Sitzungs- 
berichten der neugegründelen französischen Zweigvereinigung bringt die Zeitschrift 
Original bei träge medizinischer und angewandter .\rt. Die Redaktion des klinischen 
Teiles haben Prof. Hesnard (Toulon), Laforgue (Paris), Odier (Genf) luid 
de Saussure (Genf), die des nichtmedizinischen Marie Bonaparte übernommen. 

Das Heft enthält folgende Original arbeiten medizinischen Inhaltes. 
Laforgue bespricht in semer Arbeit „Schizophrenie und Schizo- 
noia" (dieselbe wurde zuerst als Vortrag auf dem ersten Kongreß französisch 
sprechender Analytiker in Genf 1926 gehalten) die Beziehungen von Schizo- 
noia und Skotomisation (schon kurz in dieser Zeitschrift behandelt) zu ver- 
schiedenen schizophrenen Symptomen, wie Vorbeireden, Stuhl verhaltung, 
Negativismus, Verfolgungswahn, 



504 



Itctcraic 



Odier bringt in seinem „Beitrag zum Studium des Über-Ichs 
und der Moral" an der Hand einer interessanten Krankengeschichte eines 
Falles von Fetischismus und Masochismus seinen schon hier kun. dargestellten 
Zusatz zu Freuds MeUpsychologie, indem er neben dem Üher-Ich ein Über-Es 
unterscheidet. In einem Artikel „Über das Über-Ich" entwickelt 
Laforgue Ideen Freuds über das StrHlbedürfnis und seine Bedeutung als 
Lustgewinn und behandelt eingehend die Beziehungen des Strafbedürfnisses 
zur Therapie an verschiedenen Beispielen. — Allendy: „Affekte und ihre 
Beziehungen zum Zahnen." Es wird auf den Zusammenhang des Zahnens 
mit der gleichzeitig stattfindenden Entwöhnung hingewiesen. Das Zahnen habe 
Beziehungen zur Entwicklung der Instinkte, zur Umwandlung der kapUtiven 
Libido in oblalive und zur Entstehung des Sadismus (Beißen der Mutterhrust). 
Hervorhebung der Wichtigkeit der Bedeutung des Zahnes und Zahnens wie auch 
des Zahnausfalls für Traumsymbole, Sprache, Sagen, Ideen assozialionen. Erörterung 
der Probleme an klinischen Beispielen. — Hesnard in „Die psycho- 
analytische Bedeutung der Depersonnal isalion" macht auf die 
Bedeutung des Naraßiniis auf die EnUtehung der Depersonnalisation auf- 
merksam. Der Depersonnalisierte wende sich von der Realität, mit der er nur 
in größtenteils intellektuellem Kontakt bleibt, ab und wird dagegen von 
feinem eigenen Gedankenspiel, welches stark sexualisiert wird, angezogen. Er 
gibt sich autoerotischen Träumen oder, wenn er dieselben unterdrückt, dem 
angstvollen Suchen seines Ichs hin. Diese Angst wie auch die Lust halten ihn 
an sein affektives Ich gebunden. Diese psychoanalytische Auffassung der 
Depersonnalisation habe auch praktische Konsequenzen. Die Kranken brauchten 
nur ihr Sexualleben zu regulieren, von ihren Autoerolismen befreit zu werden, 
und die Depersonnalisation versehwinde. Diese Anschauungen werden an der 
Hand eines Falles näher erörtert. — F. Deutsch in „Der Einfluß des 
psychischen auf das organische Leben" (dieser Aufsatz wurde als 
Vortrag in der „Groupe d'etudes philosopkiques et scientißqaes pour Vexamen 
des tendancei nouvelies" am 25. Dezember 1926 in Paris gehalten) bespriclit 
die seelischen Einflüsse auf verschiedene körperliche Vorgänge. Er belegt seine 
Darlegungen mit zum Teil selbst ausgeführten Experimenten. Diese seelisch- 
körperlichen Beziehungen werden dann vom Standpunkt der Freud sehen 
Libidolheorie näher erörtert; ea ^nden verschiedene Phänomene von diesem 
Sundpunkt aus interessante Aufklärung (Angst, sesuelle Ersalzbefriedigung an 
Organen, die für gewöhnlich anderen Zwecken dienen, der Einfluß des 
Psychischen auf die ganze körperliche Welt). 

Im nichtmedizinischen Teil wird zuerst Freuds „Der Moses des 
Michelangelo" mit dem kürzlich in der ^Imago" erschienenen Zusatz in 
franzosischer Übersetzung veröffentlicht. An zweiter Stelle folgt die inter- 
essante Originalarbeit „Der Fall der Frau Lefebvre" von Marie 
Bonaparte. Es wird der Fall der Frau L., die ihre Schwiegertochter 
erschossen hatte, vom psychoanalytischen Standpunkt aus beleuchtet. Die 
Autorin hatte die Möglichkeit gehabt, die Mörderin im Gefängnis zu besuchen. 
Es wird die Dynamik, Topik und Ökonomik ihres Seelebens näher erörtert. 
Frau L., eine 6j jährige Frau, hing an ihrem Sohn mit großer Liebe. Der- 
lelbe heiratete. Von Anfang an haßte Frau L. ihre Schwiegertochter, besonder« 
verstärkte sich aber der Haß, als dieselbe schwanger wurde, Sie konnte nicht 




Referate 



505 



ertra^n, daß ihre Schwiegertochter ein Kind von ihrem Sohne bekomme, 
daß ihr jemand den „Penis" nehme, der ja ihr gehörte. — Nach 
der Menopause war bei der Mörderin eine Regression auf das prägenitale 
Stadium erfolg; sie wurde Hypochonder, liebte ihre Familie auf anale Art. 
Die Schwangerschaft der Schwiegertochter führte zur Reproduktion der HaO- 
regungen, die sie in ihrer Kindheit gegen die Mutter, die durch den Vater 
schwanger geworden war, gehabt hatte. Die damalige Eifersucht mußte 
stark unter dem Einfluß des Ödipuskomplexes (Geburt eines Bruders, als 
Prau L. zwei Jahre alt war, und 18 Monate später die Geburt einer Schwester) 
und des beginnenden KastrationskompleKes gewesen sein; heftige Todes- 
wiinsche gegen die Mutter (sie wollte sich an ihre Stelle setzen) und gegen 
ihre Schwester (Spiel des Begrabens eines Kückens nach der Geburt der 
Schwester) mußten da sicherlich aufgetaucht sein. Topisch bestand eine völlige 
Einigkeit von Über- Ich und Es in der Frage des Mordes. Beide waren 
befriedigt. Troti ihrer Fröuiinigkeit zeigte sie keinerlei Reue, behauptete, sie 
habe ihre Pflicht getan. Die hypochondrischen Erscheinungen schwanden nacli 
der Tat völlig. Am rätselhaftesten sei die Ökonomik der Seele, und es könne 
eben auch psychoanalytisch nicht erklärt werden, wieso sich Menschen mit 
ähnlichen Komplexen dem sozialen Leben anpassen können, die L. dagegen 
zur Verbrecherin wurde. M, Bonaparte hält die Mörderin (dieselbe wurde 
zum Tode verurteilt, doch begnadigt) für geisteskrank. Schlieniicli werden 
Folgerungen auf die Jiistt?, geiogen, die vom falschen Standpunkt des freien 
Willens, der Verantwortlichkeit für die begangene Tat, ausgehe. Die Haupt 
snche wäre, daß die Gesellschaft geschützt werde, also zwangsweise Inler- 
nienmg der Täterin. Betlheim (Wien) 



MITTEILUNGEN DES „INTERNATIONALEN 
PSYCHOANALYTISCHEN VERLAGES" 

Unsere Verlagstätigkcit vom November I926 bis November I927 

In der Periode, auf die lich der vorliegende Bericht entreckt {November 1936 
bis November 1937)1 erschien im „Internationalen Piychoanalytiichea Verlag"; 

Von SIGM. FREUD: 

DIE ZUKUNFT EINER ILLUSION (Gihtßa M. i.jo, Ganxleinen M. }.6o); 

die fünfte, durchgesehene Aufloge (13.— 15. Tauiend) der „VORLESUNGEN 
ZUR EINFÜHRUNG IN DIE PSYCHOANALYSE", GroDoktavauigahe. (Von der 
^Tascbenansgnbe" deiielbea Werkes liegt jetil die drille Auflage, 8. — 15. Tausend, 
vor. «o daß insgesamt biiher jo.ooo Exemplare von den „Vorlesungen" erschienen sind.) 

■ 

In der „Internationalen Psychoonnljlifchon Bibliothek" erschien; 

Bd. XXl\) PSYCHOANALYSE DER GESAMTPERSONLICHKEIT. Neun Vor- 
lesungen über die Anwendung von Freud» Ichlbeorie auf die Neurosenlehre. Von 
Dr. FRANZ ALEJCANDER. (Gihtftet M. 9.—. Gantlantn M. 11.—} 

In der Reihe der „Ima go-Büch er" erschien; 

Bd. X) PRIMITIVE KUNST UND PSYCHOANALYSE. Eine Studie über die 
«cxuclle Grundlage der bildenden Künste der Nnturvölker. Von ECKART VON 
5YDOW. Mit Abbildungen im Teil und XX Tafeln. (Gthtßa M. 8,—, Gamleinm M. 10.—) 



In der Reihe 


„Neue Arbeilen lur an 


tlichen Psycliouna^ 


yse" 


erschien ; 












Bd. VI) DIE 


FUNKTION DES ORGASMUS. 


Zur Psychopathologie 


und lur 


Soiiulogie des Geschlechtslebens. Von Dr. 


WILHELM REICH. (Gtht/iit 


M. 


/o. — , 


Ganildiun M. 11.- 


-) 

m 










Außerhalb der Serien erschien: 










BAUSTEINE 


ZUR PSYCHOANALYSE. 


Von 


S. FERENCZI. a Ba 


nde 


(Gtk. 

i 




\'<.'rlanslici'idil 



507 



JM, 34.—, GamMnea M. iS.—}. (Da» Werk eiithiUt geiammelte Aufiätte sut den 
Jahren 1 907 — 19161) 

EINFÜHRUNG IN DIE TECHNIK DER KINDERANALYSE. Vier Vortrage am 
Lehrinilitiit der Wiener Fcjcho anal} tischen Vereinigiirj:. Von ANNA FREUD. 
(Gthtfttt M. 3.J0, Genilnnm M. 4.—} 

ALMANACH 1928. Mit 4 Bildbeilagen. (Gamltirun M. }.~, HalbUdtr M. 7.—)' 



1) Inhalt: I Band: Theorie: InlrojckLlon und Übertnigunj 1. Die Inlroiekllon tu der 
Neuro«-. II. Die Balle der Cberlmgung bei der Hvpno-c und btl der Suggeiüon ' Zur Beeriffi- 
benimmung der Introiekllon ( Bnlwicklungistufen de» W[,klielikeiu>iniie> ' Dai Problem der Unlu«- 
beiahung (Fortjchrllte t» der Erkennlnli de» WlrkllehkeltHlnnes) / Zur Onloiierej* der Symbole ' 
Zum Thema ..Gropvalerkomplex- / Zur Onlogenle d« Geldintereise! / Übet die Holle der Ilomo- 
leiiialltät in der Palhogeneie der Paranoia ' Alkuhi»] und Neurogen f 7.ur No^i>lD|r1e der männllcben 
Homoieiunlitit lllomo-rotik) ' Cbtr ohiiBne Wone (Uelltas lur Piychologie der Laleniieit) ' Denken 
und MuikeUn nerval Ion ' Piychoanalvtltche Betrecbtungen aber den Tic ' Anhang: Die wliien- 
ichaflllche Bedeutung von Freud» -Drei Abhandlungen lUr Seiuallheorle" / Kritik der Jungichen 
_Wond1ungen und Symbole der Libido- / Au* der .Piythologie- von Hermann l^tie ( Zur Orginl- 
iBilon der piychoonnljlitcben Bewegung / Zum yo Gebnrtstnue Sleniund Freudi — II. Bind: 
Praxi»: Über pimagtte Syraptomblldungen während der Analyie (Panngire Konvenion, Subitl- 
tution. Illuilon. Hallutlnatlon, _Charak1erregresslon~ und ..Auidrucksverschli-bung") / Einige pmas^r« 
Symptome*-. (ParSsIhMlen der GenilaUegend. Der Fialui. ein Vorrecht diT Etwnch»enen. Unruhe 
gegen dai Ende der Analyiennluride. Seh winde] emprindung nach Schluß der Analyien stunde. Beitrag 
lur Erklärung piychoKener Körper» jmptoinc, Einschlafen der PaUenlen wahrend der Analyse. 
Zw»ngsneuro<e und Fr6Himlgkelt. CW «enchämie Iliiide. Reiben der Augen ah Onanleersati. 
L'iintercn nlt Beruhigung,niltlel. Geiihwöliiiikeit. Do» .Vergcuen" einei Symptom» und »eine Auf- 
klärung im Traume. Die P.isltiou während der Kur. Zwanghofle» Etymolog Meten) Zur piycho- 
annlytlichen Technik (MIDbrniich der Ai»oii»lionjfteiiieit Fragen der Patienten. Enl»cbeldungen 
während der Kur. Da> .Zum Brljpiel* in der Analy». Die Bewältigung der Gegen übetlragung) / 
Diikonilnuierliche AnBlyit-n / Zur Früge der Beeinnusiung de. Patienten In der Piychoanalyie / 
IVeiterer Au»b»u der -oklivcn Technik- in der P»jchoan»lyie / Ülier forderte Fhinlaflen (Aktivität 
in der A«oiintlon»lecbnik) I Kontraindtkalloni-n der aktiven psych oanalyllichen Technik / Zur 
Kritik der Bank. eben .Technik der P»ychoan«lyie" ' Über vermeintliche FelilhanillunRen ^ Über 
lenkbare Traume ' Affeklveriouichung im Traume ' Der Traum vom Okklmlvpeiiar ' Pollution 
ohne orgaitlji-hen Traum und Orga»mus im Traume ohne Pollution / Ein Fall von _d*j4 vu' 
AnslyK von GlcUhnl^icii ' Sijnntogsneuro»en / Ein kleiner Habnemann / Die |)fj-chi»cben Folgen 
einer .Knstrotinn" im Kindr=nllcr ' Analytische Deulimg und Bebondlung der piycboieiii-llen 
impotpni beim Manne ' Die Naiktli. it all Scbrcckmillel ' Piychouene Anomalien 0er Stimmlage / 
Mischgeblldc von erotischen urd Charoktenügen ' Sjmmetrltilirr llerilhri.ngilwang ' Die Symbolik 
der Brücke ' Die Brücken»yrahüllk und die Dnn- Juan- Legende I Ekel vor dem Frühiliick / Beiiräge 
lur Genitaliymbolik (Sinnreiche Variante de» ^cbuh»ymbols der Vagina. Symbolik der Betlwäache, 
Der Dracbenüieger als Erelillonsiymbol. Inlniitile Vonl^llungcn über das welDliche Genitale. Kind- 
liche Vorslellungen von der Verdauung. .N'oiium premolur in annum". Schweigen iit Gold. Pecunia 

— olel. UngeiJefer sl» Sj^mbol der Schwangenchad. Zivei lypiirhe Kopro- und Padoiymbole) ' Zur 
Augensyrobniik / Einige klinische Beohacbtungen bei der Paranoia und Puraphrenie (Beitrag lur 
Psychologie der .Syilembildung-) ; Heilung der analen erogenen Zone als auiitttfnde Ursache der 
Paranoia (Beitrag lum Thema: Ilomoseiuolltil und Paranoia) / Wirkung der Polen iverkünung des 
Monnes auf das Weib I Soiiale Gi-slchlspunkte bei Psychoanalysen (1) Der .Familienroman der 
Ernledilgung- ; II) PiycWsche Erkrankung als Folge des sotlolen Aublieges) 'Begiiter. 

a) Inhalt: Sigm. Freud; Der Humor — Sig m. Freud: Petijchlimu» — Lou Andreu-Saloni*: 

Wo» daraus folgt, dafl es nicht die Frau gewesen, die den Valer totgeschlagen hat — Frlti Wlttel*: 
Da» Sokrameril der Ehe — Karen Horney; Die monogame Fordeiung — Wilhelm He ich: 
Die Spaltung der Geschlecht lieh keit und ihre Folgen Tür Ehe und Gc-ellschoft — Theodor Reik: 
Das Schwelgen — Theodor Reik: Zweifel und Hohn in der Dogmenblldung — Prof. Bernhard 
Alelaudcr: Splnoia und die Pjyehoan^lyie — Ec k a r t von Sydow: Primitive Kunst und 
ScniaUlat — Yrja Kulovesl: Der Raumlaktor in der Traumdeutung — Ernest Jone»; Der 
Mantel all Symbol ~ S, Ferencii: Über obsiftne Worte — S, Ferencii: Sonntag» ncuroscn — 
S. Fereneii; Analyse von Gleichnissen — FellK Boehm Bemerkungen lu Baliac» IJebcsleben 

— Frani Alexander: Ein FoU von matochislischem Trnnsvcjtllismu» als Selbjlheilungnetsurh 

— Siegfried Bernfeld: Der Irrtum des Prslaloiti — O > k a r Pf ist er: Der Scbülerberaier ~ 
Anos Freud: Die Einleitung der Kinderanalyse — K at 1 La n d »u er: Das SltalvoIIiugigeieli 

— Psychoanalytisches Lesebuch (Schlegel. Wilde, Thpmai Mann. Hebbel, Suindberg. 
Novalis, Lenou, Schopenhauer, Goethe, Caipinter, Sluliaiuli) — l'otiräii lon Ihiodet Be:k 
8. Ferencii, Siegfried Bemfeld. 



Von der „INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT FOR PSYCHOANALYSE'- 
erichien 1917 der XIII. Band. 

Von der „TMAGO, Zeitschrift für Anwendung der Payclioanalyso auf die Nalur- 
iind Geiste) wissenicliaften" erschien 1917 der XIII. Band, 11. iiv. erschien von diesem 
Band das 1. Heft mit gemischtem Inhalte, Heft 8/3/4 »usamraen all Sonderheft 
„G 1 a u b e und Brauch". 

Als Sonderdrnek aus Band XIII, Heft 1. der „Imago" erschien anch in 
selbitandiger Buchform : 

DIE HEUTIGE PSYCHOLOGIE DER PUBERTÄT, Kritik ihrer Wissenschaft- 
liclikeil. Von Dr. SIEGFRIED BERNFELD. (Grhifiei M. I.S0, GanzUinm M. 4.20) 

AU Sonderdrucke aus Band XIII, Heft a/5/4, der „tmago" (Sonderheft „Glaube 
nnd Brauch") erschienen auch in selbständiger Buchform: 

DOGMA UND ZWANGSIDEE. Von THEODOR REIK. (G<k,Jtti M. $.60, 
Ganzliinen M. 7, — ) 

ZWEI SCmVEIZERISCHE SEKTENSTIFTER. Von HERMANN ROHSCHACH. 
(Gthifta M. 2.10, Ganzlmim M. j.40) 

HINDU-MYTHOLOGIE UND KASTRATIONSKOMPLEX. Von C. D. DALY 
(Quetla, Indien). (Gilufui M. 2.80, Ganilrinm M. 4.10} 

MONDMYTHOLOGIE UND MONDRELIGION. Von G^ZA ROHEIM. (Gtlußn 
M. f.6o, Gamldntn M. j. — ) 



Die von Dr. Heinrich Meng in Stuttgart und Prof. Dr. Ernst Schneider 
in Riga im Oktober 1926 gegriindete MoDatssciirifl „ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK" ist nach Seh In Q des L Halb Jahrganges, im Frühjahr 
1917, aus dem Hippokrates-Verlag in Stuttgarl in den „Verlag der Zeilschrift für 
psychoanalytische Pädagogik" {A. 3. Storfer), Wien, VH., Andreasgasse 3. über- 
gegangen. Der „Verlag der Zeilschrift für psych oanalylisrlie Pädagogik" befindet 
sich in einer administrativen Symliiose mit dem „Internationalen P»ychoa.^aly tischen 
Verlag". Die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" hat im Oktober 1917 
ihren II, Jahrgang angetreten.