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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XV 1929 Heft 2/3"

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




ERNEST JONES 



Zu „Int. Z. f. PsA.." XV. 2/*. 



Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Sigm. Freud 
XV. Band 1929 Heft 2/3 






ERNEST JONES 

ZUM FÜNFZIGSTEN 
GEBURTSTAG 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XV/2— 3. 






Ernest Jones zum $0. Geburtstag 

Der Psychoanalyse fiel als erste Aufgabe zu, jene Triebregungen 
aufzudecken, die allen heute lebenden Menschen gemeinsam sind, ja die 
die heute Lebenden mit den Menschen der Vorzeit und der Urzeit ge- 
meinsam haben. Es kostete sie also keine Anstrengung, sich über die Ver- 
schiedenheiten hinauszusetzen, die durch die Mehrheit der Rassen, der 
Sprachen, der Länder unter den Bewohnern der Erde hervorgerufen wurden. 
Sie war von Anfang an international, und es ist bekannt, daß ihre 
Anhänger eher als alle anderen die trennenden Einwirkungen des großen 
Krieges überwunden haben. 

Unter den Männern, die sich im Frühjahr 1908 in Salzburg zum 
ersten psychoanalytischen Kongreß zusammenfanden, tat sich ein junger 
englischer Arzt hervor, der einen kleinen Aufsatz „Rationalisation in every- 
day life" zur Verlesung brachte. Der Inhalt dieser Erstlingsarbeit ist noch 
heute aufrecht; unsere junge Wissenschaft war durch sie um einen 
wichtigen Begriff und einen unentbehrlichen Terminus bereichert worden. 

Von da an hat Ernest Jones nicht mehr gerastet. Zuerst in seiner 
Stellung als Professor in Toronto, dann als Arzt in London, als Gründer 
und Lehrer einer Ortsgruppe, als Leiter eines Verlags, Herausgeber einer 
Zeitschrift, Haupt eines Lehrinstituts hat er unermüdlich für die Psycho- 
analyse gewirkt, durch öffentliche Vorträge ihren jeweiligen Besitzsland 
zur allgemeinen Kenntnis gebracht, durch glänzende, strenge, aber ge- 
rechte Kritiken sie gegen Angriffe und Mißverständnisse ihrer Gegner 
verteidigt, mit Geschick und Mäßigung ihre schwierige Stellung in England 
gegen die Ansprüche der Profession behauptet und bei all dieser nach 
außen gerichteten Tätigkeit in treuer Mitarbeiterschaft an der Entwicklung 
der Psychoanalyse auf dem Kontinent jene wissenschaftliche Leistung voll- 
bracht, von der — unter anderem — seine „Papers on Psycho- Analysis" 
und „Essays in Applied Psycho- Analysis" Zeugnis ablegen. Jetzt, auf der 



148 



Eraest Jones zum 50. Geburtstag 



Höhe des Lebens, ist er nicht nur als der unbestritten führende Mann 
unter den Analytikern des englischen Sprachgebiets, sondern auch als einer 
der hervorragendsten Vertreter der Psychoanalyse überhaupt anerkannt, eine 
Stütze seiner Freunde und noch immer eine Zukunftshoffnung unserer 
Wissenschaft. 

Wenn der Herausgeber dieser Zeitschrift das Schweigen, zu dem ihn 
sein Alter verurteilt — oder berechtigt, durchbrochen hat, um den Freund 
zu begrüßen, so sei ihm gestattet, nicht mit einem Wunsch zu schließen, — 
wir glauben nicht an die Allmacht der Gedanken, — sondern mit dem 
Geständnis, daß er sich Ernest Jones auch nach seinem 50. Geburtstag 
nicht anders denken kann als vorher : eifrig und tatkräftig, streitbar und der 
Sache ergeben. Sigm. Freud 






Das unwillkommene Kind und sein Todestrieb 

Von 

S. Ferenczi 

Budapest 

In einer kleinen Arbeit über „Kälte, Krankheit und Geburt" 1 führte 
Ernest Jones — anknüpfend an Gedankengänge meiner „Entwicklungs- 
stufen des Wirklichkeitssinnes" 2 (sowie an damit zusammenhängende 
Ideen von Trotter, Stärcke, Alexander und Rank) — die Neigung 
so vieler Menschen zu Erkältungskrankheiten teilweise auf frühinfantile, 
traumatische Eindrücke, insbesondere auf Unlustempfindungen zurück, die 
das Kind bei der Entfernung aus dem warmen mütterlichen Milieu 
empfinden und später nach dem Gesetze des Wiederholungszwanges immer 
wieder neu erleben muß. Die Folgerungen von Jones waren hauptsäch- 
lich auf physiopathologische, zum Teil aber auch auf analytische Über- 
legungen gegründet. In der nun folgenden kurzen Mitteilung möchte ich 
einen ähnlichen, aber ein etwas weiteres Gebiet berührenden Ideengang 
veröffentlichen. 

Seit der epochemachenden Arbeit Freuds über die nicht weiter 
analysierbaren Triebgrundlagen alles Organischen (im „Jenseits des Lust- 
prinzips") haben wir uns daran gewöhnt, alle Lebenserscheinungen, auch 
die Erscheinungen des Seelenlebens, schließlich als ein Gemisch von 
Äußerungsformen der zwei Grundtriebe : des Lebens- und des Todes- 
triebes, zu betrachten. Ein einziges Mal hörten wir von Freud auch die 
Zurückführung einer pathologischen Erscheinung auf die fast vollkommene 
Entmischung der zwei Haupttriebe ; seiner Vermutung nach äußert sich 
in der Symptomatik der Epilepsie das Toben einer von den Hemmun- 
gen des Lebenwollens fast freien Tendenz zur Selbstvernichtung. Psycho- 
analytische Untersuchungen haben mich seither in der Plausibilität dieser 
Auffassung gestärkt. Ich weiß von Fällen, in denen der epileptische In- 

i) Diese Zeitschrift, Bd. IX, 1925. 

a\ Abgedruckt in meinem Sammelwerk „Bausteine zur Psychoanalyse -1 . Int. 
Psychoanalyt. Verlag 1927. 






150 



S. Ferenczi 



sult sich an unlustvolle Erlebnisse anschloß, die dem Patienten das Leben 
kaum mehr lebenswert erscheinen ließen. (Natürlich will ich damit über 
das Wesen der Attacke selbst nichts Definitives ausgesagt haben.) 

Als leitender Arzt eines Kriegslazaretts hatte ich unter anderem die Auf- 
gabe, mich über die Diensttauglichkeit vieler Epileptiker zu äußern. Nach 
Ausschluß der nicht seltenen Fälle von Simulation und der hysterischen An- 
fälle verblieb eine Serie mit typischen epileptischen Erscheinungen, an der 
ich die Äußerungen des Todestriebes näher untersuchen konnte. Nach Ablauf 
der tonischen Starre und der klonischen Zuckungen folgte meist — bei noch 
immer andauerndem tiefen Koma mit Pupillenstarre — völlige Relaxation 
der Muskulatur und äußerst penibles, offenbar durch Erschlaffung der Zungen- 
und Kehlkopfmuskeln verursachtes, höchst insuffizientes, stertoröses Atmen. In 
diesem Stadium nun vermochte sehr oft ein kurzdauerndes Verlegen der noch 
passiblen Luftwege den Anfall zu kupieren. In anderen Fällen mußte dieser Ver- 
such wegen drohender Erstickungsgefahr unterbrochen werden. Es lag nahe 
hinter dieser Verschiedenheit in bezug auf die Tiefe des Komas, eine Diffe- 
renz bezüglich der Vollkommenheit der Triebentmischung zu vermuten. 
Die tiefere analytische Durchdringung dieser Fälle war aber durch äußere 
Umstände leider verhindert. 

Einen etwas tieferen Einblick in die Genese von unbewußten Sclbst- 
zerstörungstendenzen erhielt ich bei der Analyse von nervösen Kreislaufs- 
und Atemstörungen, insbesondere von Asthma bronchiale, doch auch 
von anatomisch nicht erklärbaren Fällen vollkommener Appetitlosig- 
keit und Abmagerung. Alle diese Symptome paßten gelegentlich voll- 
kommen zur psychischen Gesamttendenz der Patienten, die viel mit 
Selbstmordneigungen zu kämpfen hatten. Auch die retrospektive Analyse 
einiger Fälle von infantilem Glottiskrampf mußte ich in zwei Fällen 
als Selbstmordversuch durch Selbsterdrosselung deuten. In der Analyse_ 
dieser letzteren Fälle nun kam ich zu jener Mutmaßung, die ich hier 
mitteilen möchte, in der Hoffnung, daß ein weiterer Kreis von Beob- 
achtern (ich denke da besonders an Kinderärzte) weiteres Material zu 
ihrer Stütze beibringen wird. 

Beide Patienten kamen sozusagen als unwillkommene Gäste 
der Familie zur Welt. Der eine als zehntes Kind der offenbar stark 
überbelasteten Mutter, der andere als Nachkomme des todkranken, bald 
darauf auch wirklich verstorbenen Vaters. Alle Anzeichen sprechen dafür, 
daß diese Kinder die bewußten und unbewußten Merkmale der Ab- 
neigung oder Ungeduld der Mutter wohl bemerkt und durch sie in ihrem 
Lebenwollen geknickt wurden. Im späteren Leben genügten dann ver- 
hältnismäßig geringe Anlässe zum Sterbenwollen, auch wenn dieses durch 
starke Willensanspannung kompensiert wurde. Moralischer und philosophi- 
scher Pessimismus, Skeptizismus und Mißtrauen wurden hervorstechende 



Das unwillkommene Kind und sein Todestrieb 151 



Charakterzüge bei ihnen. Man konnte auch von schlechtverhüllter Sehn- 
sucht nach (passiver) Zärtlichkeit, von Arbeitsunlust, von Unfähigkeit zu 
längerer Kraftanspannung, also von einem gewissen Grade von emotionel- 
lem Infantilismus sprechen, natürlich nicht ohne Versuche einer for- 
cierten Charakterbefestigung. Als ein besonders schwerer Fall von seit 
Kindheit bestehender Lebensunlust entpuppte sich der Fall von Alkoholis- 
mus bei einer noch jugendlichen Dame, die natürlich auch Schwierig- 
keiten in der analytischen Situation wiederholt zum Anlaß zu nur schwer 
beherrschbaren Selbstmordimpulsen nahm. Sie kann sich erinnern, aber 
auch Mitglieder ihrer Familie bestätigen es, daß sie als drittes Mädchen 
einer knabenlosen Familie höchst unliebsam empfangen wurde. Sie fühlte 
sich natürlich unschuldig und trachtete durch frühreifes Grübeln den 
Haß und die Ungeduld der Mutter zu erklären. Eine Neigung zu kosmo- 
logischer Spekulation mit einem Einschlag von Pessimismus behielt sie 
zeitlebens bei. Ihre Grübeleien über die Herkunft alles Lebendigen waren 
gleichsam nur die Fortsetzung der unbeantwortet gebliebenen Frage, warum 
man sie denn überhaupt zur Welt gebracht hat, wenn man sie nicht 
freundlich zu empfangen gewillt war. Wie in allen anderen, so auch in 
diesem Falle war natürlich der Ödipuskonflikt eine Kraftprobe, der die 
Patientin nicht gewachsen war, ebensowenig wie den zufällig ungewöhn- 
lich großen Schwierigkeiten der Anpassung ans Eheleben ; sie blieb frigid, 
gleichwie alle anderen von mir beobachteten „unwillkommenen Kinder' 
männlichen Geschlechts unter mehr minder schweren Störungen der Potenz 
litten. Die von Jones in ähnlichen Fällen postulierte Neigung zu Er- 
kältungen war vielfach vorhanden; in einem speziellen Fall sogar ganz 
besondere, organisch schwer erklärbare, hochgradige Abkühlung bei Nacht 
mit subnormalen Temperaturen. 

Es kann natürlich nicht meine Aufgabe sein, die Semiotik dieses hier 
nur ätiologisch gemeinten Erkrankungstypus auch nur halbwegs zu er- 
schöpfen ; dazu reicht, wie schon angedeutet, die Erfahrung eines Ein- 
zelnen nicht aus. Ich wollte nur auf die Wahrscheinlichkeit dessen hin- 
weisen, daß barsch und unliebenswürdig empfangene Kinder leicht und 
gerne sterben. Entweder benützen sie eine der vielen gegebenen organi- 
schen Möglichkeiten zum raschen Abgang, oder wenn sie diesem Schick- 
sale auch entgehen, behalten sie einen Anflug von Lebensunlust und 
Pessimismus bei. 

Diese ätiologische Annahme fußt auf einer von der geläufigen ver- 
schiedenen theoretischen Auffassung über die Wirksamkeit der Lebens- 
und Todestriebe in den verschiedenen Lebensaltern. Geblendet durch die 
imposante Wachstumsentfaltung am Lebensbeginn, war man zur Ansicht 



152 



S. Ferenczi 



geneigt, daß bei den eben zur Welt gebrachten Individuen die Lebens- 
triebe bei weitem überwiegen j überhaupt war man geneigt, Todes- und 
Lebenstriebe als einfache Ergänzungsreihen vorzustellen, in denen das 
Lebensmaximum am Beginn des Lebens, der Nullpunkt des Lebenstriebes 
aber im spätesten Alter gedacht war. Dem scheint nun nicht ganz so zu 
sein. Allerdings entfalten sich die Organe und ihre Funktionen intra- und 
extrauterin am Lebensanfang in überraschender Fülle und Schnelligkeit 
doch nur unter den ganz besonders günstigen Bedingungen des Keim- 
und Kinderschutzes. Das Kind muß durch ungeheuren Aufwand von 
Liebe, Zärtlichkeit und Fürsorge dazu gebracht werden, es den Eltern 
zu verzeihen, daß sie es ohne seine Absicht zur Welt brachten, sonst 
regen sich alsbald die Zerstörungstriebe. Und das ist eigentlich nicht zu 
verwundern; ist doch der Säugling dem individuellen Nichtsein noch viel 
näher und ihm nicht durch Lebenserfahrung entrückt, wie der Erwachsene. 
Das Zurückgleiten in jenes Nichtsein mag also bei den Kindern viel 
leichter vor sich gehen. Die den Schwierigkeiten des Lebens standhaltende 
„Lebenskraft ist also nicht eigentlich angeborenerweise von großer 
Stärke, sondern sie befestigt sich anscheinend nur, wenn taktvolle Be- 
handlung und Erziehung eine fortschreitende Immunisierung gegen physi- 
sche und psychische Schäden allmählich herbeiführen. Entsprechend dem 
Abstieg der Morbiditäts- und Mortalitätskurve im mittleren Lebensalter, 
dürfte also der Lebenstrieb den Vernichtungstendenzen erst im Alter der 
Reife die Wage halten. 

Wollen wir die Fälle dieser Ätiologie in die von Freud so frühzeitig 
und doch so erschöpfend gegebenen neurotischen „Erkrankungstypen" 
einreihen, so müssen wir sie etwa an der Übergangsstelle der rein endo- 
genen und der exogenen, d. h. Versagungsneurosen, unterbringen. Die so 
frühzeitig lebensunlustig Werdenden machen den Eindruck von Lebe- 
wesen mit mangelhafter Anpassungsfähigkeit, ähnlich denen, die nach 
der Gruppierung Freuds an einer mitgebrachten Schwäche ihrer Lebens- 
fähigkeit leiden, doch mit dem Unterschied, daß in unseren Fällen das 
Angeborensein der Kränklichkeit durch die Frühzeitigkeit des Traumas 
vorgetäuscht wird. Natürlich bleibt es eine noch zu lösende Aufgabe, die 
feineren Unterschiede der Neurosensymptomatik bei den von Anfang an 
mißhandelten und jenen Kindern festzustellen, die anfangs enthusiastisch, 
ja mit leidenschaftlicher Liebe behandelt, dann aber „fallen gelassen" 
wurden. 

Nun erhebt sich natürlich die Frage, ob ich auch zur speziellen The- 
rapie dieser Erkrankungsgruppe etwas zu sagen habe. Entsprechend meiner 
anderwärts mitgeteilten Versuche einer „Elastizität" der analytischen Tech- 



Das unwillkommene Kind und sein Todestrieb 153 






nik, 1 sah ich mich in diesen Fällen von verminderter Lebenslust allmäh- 
lich gezwungen, in den Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der 
Patienten während der Kur mehr und mehr nachzulassen. Schließlich 
stellte sich eine Situation heraus, die man nicht anders beschreiben kann, 
als daß man den Patienten eine Weile, gleichsam wie ein Kind, gewähren 
lassen muß, nicht unähnlich jener „Vorbehandlung", die Anna Freud 
bei der Analyse von Kindern für notwendig hält. Durch dieses Ge- 
währenlassen läßt man diese Patienten eigentlich erstmalig die Unver- 
antwortlichkeit des Kindesalters genießen, was gleichbedeutend ist mit der 
Einführung positiver Lebensimpulse und Motive für die spätere 
Existenz. Erst später kann man vorsichtig an jene Versagungsforderungen 
herangehen, die unsere Analysen sonst kennzeichnen. Natürlich muß aber 
auch diese, wie jede andere Analyse, mit der Abtragung der unvermeid- 
lich geweckten Widerstände und mit der Anpassung an die versagungs- 
volle Realität enden, hoffentlich aber ergänzt durch die Fähigkeit, das 
Glück, wo es real gegeben ist, auch zu genießen. 

Eine von der ichpsychologischen Richtung einseitig beeinflußte, sonst 
sehr intelligente Dame, machte mir, als ich von der Wichtigkeit der Zu- 
führung „positiver Lebensimpulse", d. h. von der Zärtlichkeit Kindern 
gegenüber, sprach, sofort den Einwand, wie denn dies mit der von der 
Psychoanalyse behaupteten Bedeutung der Sexualität in der Verursachung 
der Neurosen zu vereinbaren sei. Die Antwort fiel mir nicht schwer; 
mußte ich doch in der „Genitaltheorie" 2 die Ansicht befürworten, daß 
die Lebensäußerungen der kleinsten Kinder fast ausschließlich libidinös 
(erotisch) sind, diese Erotik aber, eben wegen ihrer Ubiquität, 
unauffällig ist. Erst nach Ausbildung eines besonderen Organes für Erotik 
macht sich die Sexualität unverkennbar und unableugbar. Damit will ich 
auch allen jenen geantwortet haben, die aus Anlaß dieser Mitteilung 
die libido-theoretische Neurosenlehre Freuds angreifen sollten. Übrigens 
wies ich bereits darauf hin, daß oft erst die Kämpfe des Ödipuskonfliktes 
und die Anforderungen der Genitalität die Folgen der früherworbenen 
Lebensunlust manifest werden lassen. 



1) Diese Zeitschrift, Bd. XIV, 1928. 

2) Internat. Psychoanalytische Bibliothek, Bd. XV, 1923. 



Das Sexualziel des gewalttätigen Sadismus 

Von 

J. H. W. van Ophuijsen 

Haag 

Im folgenden möchte ich in aller Kürze formulieren, was ich früher 1 über 
das Sexualziel des gewalttätigen Sadismus auseinandergesetzt habe. 

Man kann am Sadismus zweierlei Sexualziele unterscheiden- das Objekt 
gewalttätig behandeln (zerstören, beherrschen) oder: es besudeln. (Das Be- 
sudeln mit ätzenden Substanzen kann vielleicht als Zwischenform betrachtet 
werden.) Im allgemeinen 2 wird angenommen, daß die Absicht der sadisti- 
schen Gewalttätigkeit die ist: dem Objekt (körperliches und/oder seelisches) 
Leid (Schmerz, Erniedrigung) zuzufügen, weil die Wahrnehmung davon 
Lust, bzw. Befriedigung (Orgasmus) erzeugt. Ebenso wird allgemein ange- 
nommen, 2 daß der Masochist sich dasjenige wünscht, was der Sadist seinem 
Objekt antun möchte. Ähnliches soll für die sadistische und die masochistische 
Phantasie gelten. Es nötigen diese Auffassungen dazu, — auch abgesehen 
von Aktivität und Passivität, — im Sadismus und im Masochismus Gegen- 
stücke zu erblicken und von Sadomasochismus, von aktiver und passiver 
sexueller Grausamkeit, von aktiver und passiver Algolagnie zu sprechen. 

Einzelne Beobachter bestreiten mehr oder weniger energisch diese Auf- 
fassungen. Einerseits verneint Magnus Hirschfeld 3 auf Grund seiner 
Erfahrung, daß man den Namen Algolagnie auf den Masochismus an- 
wenden darf, weil der richtige Masochist die auf ihn angewandten Beize 
nur als Lust empfindet und diese aufhört, sobald jene ihm Schmerzen 
verursachen. Andrerseits bezweifeln Moll* und Federn, 5 daß Grausamkeit, 
d. h. die Eigenschaft, Lust zu gewinnen aus dem dem Objekt zugefügten 



1) Some observations on the origin of sadism. Vortrag gehalten am IX. Internat. 
Psa. Kongreß XU Homburg, Sept. 1925. Ref. d. Zschr. XI, 4, S. 509. 

2) S. bei v. Krafft-Ebing, Moll, Eulenburg usw. 
5) Sexualpathologie 1918, II, S. 233. 

4) Handbuch, S. 640. 

5) Beiträge z. Analyse d. Sadismus u. Masochismus. D. Zschr. I, S. 44 u. II. 




Das Sexualziel des gewalttätigen Sadismus 155 

Leid, die Triebfeder der sadistischen Tat sein sollte. Die Erfahrung hat 
gelehrt, daß die sadistische Gewalttat öfters fortgesetzt wird, nachdem das 
Objekt die Fähigkeit, etwas zu empfinden, durch den inzwischen einge- 
tretenen Tod schon verloren hat, oder auch sich von vornherein gegen 
leblose Personen wendet, v. Krafft-Ebing 1 erwähnt in einem Falle 
sogar die Möglichkeit, daß gerade das Leblose den Reiz zur sadistischen 
Tat abgeben sollte. Außerdem finden sich in der Literatur eine Anzahl 
von Fällen, in welchen die sadistischen Psychopathen entweder, von Mit- 
leid ergriffen, die geplante Gewalttat einstellen oder zu Befriedigung ge- 
langen, bevor dieselbe dem Objekte überhaupt Leid zugefügt hat. — Meiner 
Erfahrung bei Neurosen entlehne ich folgendes Beispiel, die Mitteilung 
einer Patientin, welche sich in einem Zustande ängstlicher Erregung 
befand. Sie sagte: „Wie gerne möchte ich jemanden mißhandeln, mit ihm 
machen, was mir beliebte, aber — es müßte jemand sein, der es nicht emp- 
finden dürfte, etwa ein Toter!' und fügte hinzu, daß sie dann ihre 
Ruhe zurückbekommen würde. Aus einer Reihe solcher Beobachtungen habe 
ich die Überzeugung gewonnen, daß das Sexualziel des gewalttätigen Sadis- 
mus nicht ist, dem Objekte Leid zuzufügen, sondern: am Objekte, welches 
entweder als gefühllos betrachtet wird, oder es in Wirklichkeit ist, gewisse, 
näher zu besprechende Handlungen zu vollziehen. Dementsprechend liegt 
es nahe, die frühe Entwicklung des Sadismus in der Periode zu suchen, 
in welcher die Fähigkeit zum Mitleid noch nicht vorhanden ist. 2 In diesem 
Zusammenhang ist es bedeutungsvoll, daß verschiedene Autoren 3 schon vor 
Jahren auf das gleichzeitige Vorhandensein analer und sadistischer Züge 
bei auffallend intensiver narzißtischer Fixierung in gewissen Krankheits- 
bildern hingewiesen haben. 

Es ist nicht zu leugnen, daß der den Objekten zugefügte Schmerz in 
den sadistisch zu nennenden Phantasien* von Neurotikern und Psychopathen 
eine große Bedeutung hat und die Wahrnehmung desselben das Lustgefühl 
erhöht. Meine Behauptung geht nun dahin, daß diese Erscheinung nicht 
zum reinen Sadismus gehört, sondern die Folge der schon von verschiedener 



1) Psychopathia sexualis, 1918, S. 80. 

2) Freud, Drei Abhandlungen z. Sexualtheorie, 1926, S. 67. 

5) U. a. Tausk, Vortrag, gehalten am Internat. Psa. Kongreß, München, 1913. 

4) Man darf von sadistischen und masochistischen Phantasien reden, je nachdem 
der Phantasierende sich hauptsächlich mit der aktiven oder passiven Figur in der 
Phantasie identifiziert, obwohl die nähere Analyse jedesmal ergibt, daß er sich 
eigentlich mit beiden identifiziert. Um diese Tatsache anzudeuten, könnte man von 
sado-masochistischen Phantasien sprechen; ich tue es nicht, weil m. E. der reine 
Sadismus und der reine Masochismus nicht ein Gegensatzpaar bilden. Ebenso, wie 
der Sadismus, kommt auch der Masochismus nur sehr selten rein vor. 



156 J. H. W. van Ophuijsen 



Seite 1 festgestellten Tatsache ist, daß die sadistische Strebung sich gerne 
mit anderen Strebungen verbindet. Daß es sich um solche Strebungen 
handelt, welche die gleichen oder ähnliche Äußerungsformen zeigen, ist 
selbstverständlich. (Dasselbe gilt auch für den Masochismus.) In erster 
Linie sind es Haß und Rache, welche gewiß grausam sein können. Und 
dann bei Männern und männlich eingestellten Frauen die sexuelle Aggres- 
sion. In verschiedenen Fällen ist es auf dem ersten Blick klar, daß das 
vom Sadisten benützte, zerstörende Instrument überdeterminiert ist und 
auch eine phallische Bedeutung hat. Niemals aber ist der Sinn der zer- 
störenden Handlung durch das Zurückführen auf die sexuelle Aggression 
zwecks genitaler Befriedigung erschöpft. Hie und da gelingt es, die sadis- 
tische Strebung unvermengt festzustellen, wie z. B. in folgender kleiner 
Begebenheit: Eine Patientin, welche ihre um zehn Jahre jüngere Schwester 
tödlich haßt, sagte mir einmal in einem Wutanfall gegen dieselbe : „Ich 
möchte sie ausschimpfen — auf sie speien — sie vergiften möchte ich — sie 
schlagen — sie mit einem Beil in Stücke zerhacken . . . , worauf ich sie 
experimenti causa unterbrach und fortsetzte: „die Stücke aufessen . . . !' 
Eine lange Pause und dann mit großer Entschiedenheit: „Nein, das wäre 
eine — Liebesäußerung!" Die Patientin verweigert sich, das Aufessen der 
zerstückelten Schwester als Forlsetzung einer Racheübung zu betrachten 
und diese Weigerung schließt ein, daß sie annimmt, daß auch das Objekt 
die von mir vorgeschlagene Fortsetzung als liebevoll empfinden würde. 

Freud 2 rechnet den Sadismus zu den Partialtrieben, die in gewisser 
Unabhängigkeit von erogenen Zonen auftreten und für welche andere 
Personen als Sexualobjekte von Anfang an in Betracht kommen. Er fügt 
jedoch hinzu, daß die gründliche Analyse dieses Triebes bekanntlich noch 
nicht geglückt ist. Es wundert uns deshalb nicht, daß mehrere seiner 
Schüler den Versuch gemacht haben, die Quelle des Sadismus zu entdecken 
und ihn auf die Funktion einer erogenen Zone zurückzuführen. Unter 
ihnen sollen in erster Linie Federn 3 und Sadger* genannt werden. 
Nach Federn soll die gesuchte erogene Zone beim Manne das Genitale 
sein. Doch ist man bei dieser Auffassung genötigt, den Sadismus nicht 
mehr als Partialtrieb zu betrachten, sondern als neurotisches Symptom, 
als die Rückkehr sehr früh verdrängter Impulse zum Ausüben des Koitus. 
Mir scheint diese Hypothese ungenügend, um die typischen sadistischen 

1) S. außer Freud 1. c. auch Jones, Haß und Analerotik in der Zwangneurose, 
d. Zschr. I, S. 425. 

2) 1. c. S. 66. 

3) 1. c. S. 30. S. auch Abraham, Entwicklungsgeschichte der Libido, 

1924, S. 39. 

4) Jahrbuch V, 1, S. 157, und Die Lehre von den Geschlechtsverirrungen, 1921. 



Das Sexualziel des gewalttätigen Sadismus 157 

Gewalttaten zu erklären, sie hat aber den Verdienst, Licht zu werfen auf 
die Weise, in welcher die sexuelle Aggression dem Sadismus hinzu- 
addiert wird. 

S a d g e r hat uns hauptsächlich die Kompliziertheit der sadistischen 
Phantasie gezeigt, daneben auch auf die Rolle der Muskelerotik hinge- 
wiesen, vielleicht sogar die von mir vertretene Ansicht angedeutet. 

Diese hat Abraham 1 nach meiner mündlichen Mitteilung (1921) 
publiziert. Ebenso wie Abraham selbst, war ich schon vor längerer Zeit 
dazu gekommen, zwei Entwicklungsphasen der oralen Erotik zu unter- 
scheiden, die des Saugens und die des Beißens, womit, das möchte ich 
gleich hinzufügen, zwei Entwicklungsphasen der analen Erotik korrespon- 
dieren. Ich war zu der Überzeugung gelangt, daß der gewalttätige Sadis- 
mus ein Abkömmling der zweiten Entwicklungsform der oralen Erotik 
sei und aus dem libidincsen Beißen in derselben Weise abgeleitet werden 
müsse, wie andere erotische Betätigungen aus dem libidinösen Saugen ab- 
geleitet werden. Abraham sagt: „Ohne Zweifel ist das Gebiß das Werk- 
zeug, mit dessen Hilfe das Kind zuerst Zerstörungen in der Objekt- 
welt anrichten kann, zu einer Zeit, da die Hände höchstens zu einer Hilfe- 
leistung im Sinne eines Ergreifens und Haltens brauchbar sind . . . Beach- 
tung verdient weiter die enge Verbindung des Sadismus mit dem Muskel- 
system. Es kann aber keinem Zweifel unterliegen, daß das Kind auf keinem 
andern Muskelgebiet auch nur annähernd so große Kraftleistungen hervor- 
bringt, wie im Bereich der Kaumuskulatur . . . Man braucht nur einem Kinde 
zuzusehen, um sich von der Intensität der Beißimpulse zu 
überzeugen, in welchen Nahrungstrieb und Libido noch 
zusammenwirken." Man braucht sich beim Vorhergehenden nur 
noch vor Augen halten, daß die hier gemeinten Objekte geliebte Objekte 
sind! 2 

Bei der zuletzt genannten Patientin sah es danach aus, als träte die 
sadistische Liebe in dem Moment auf, in welchem das (unbewußt geliebte) 
Objekt zum Objekt der zerstörenden Beißlust gemacht werden sollte. Aus 
vielen andern Beispielen aus der Praxis wähle ich eines, welches deshalb 
von besonderer Bedeutung ist, weil die psychoanalytische Deutung noch 
keine Rolle gespielt hatte, die klinische Beobachtung aber eine Änderung 
sadistischer Impulse im Sinne einer Rückkehr zum Ursprünglichen fest- 
stellen ließ. Eine junge, verheiratete Frau leidet an verschiedenen Angst- 



1) 1. c. S. 38. 

2) Natürlich hat Freud schon längst auf die Ähnlichkeit mit Kannibalismus 
hingewiesen! Das Zurückführen des Sadismus auf die Funktion des beißenden 
Mundes findet sich bei ihm noch nicht. 



158 !• H. W. van Ophuijsen 



formen und wird deshalb aufgenommen. Wie zu erwarten war, entpuppten 
sich diese Angstformen als Schutz, und zwar gegen blitzschnell auftretende 
Impulse. Manchmal ist die Patientin nicht imstande, die Impulse ganz 
zu unterdrücken, und zerschmettert urplötzlich einen Gegenstand, wirft 
einen Tisch um, usw. Sie erkennt diese Gewalttätigkeiten als Ersatz für 
solche, welche es sie treibt, gegen ihren Mann und ihre Kinder zu be- 
gehen. Die Form derselben hat sich im Laufe der Krankheit geändert: 
zuerst empfand sie den Impuls, ihre Kinder mit einem Messer zu erstechen, 
darauf spürte sie in den Händen das Bedürfnis, sie zu erwürgen, 1 und zum 
Schlüsse packte sie beim Küssen der Kinder der Drang, sie in den Hals 
zu beißen. — Das schönste Beispiel von oralem Sadismus in der Neurose 
hat bis jetzt Abraham publiziert. 2 Ein Patient, der eine geliebte Person 
infolge eines operativen Eingriffs verloren hatte, reagierte auf diesen Verlust 
mit einer Depression, welche u. a. gekennzeichnet war durch einen aus- 
gesprochenen Widerwillen gegen Nahrungsaufnahme. Eines Tages löste 
sich die Eßunlust und am Abend hielt der Patient eine ausgiebige Mahl- 
zeit. In der nun folgenden Nacht hatte er zwei Träume, welche aus dem 
Erinnerungsmaterial der Operation und aus dem rezenten Traumanlaß, 
dem Genuß eines Fleischgerichtes, komponiert waren und den Wunsch, die 
geliebte Frauensperson zu besitzen, in typisch sadistischer Weise 
erfüllten. 

Es ist überbekannt, daß mancher Lustmörder seine Gewalttat damit 
beendet und erst dabei zur vollen Befriedigung gelangt, daß er Teile seines 
Objektes mit den Zähnen (und Händen) zerreißt. Manchmal macht er 
den weiteren Schritt, sein Liebesobjekt der Nahrung vollständig gleichzu- 
setzen, indem er solche Teile mitnimmt, zubereitet und aufißt. 

In einem Falle von sadistischer Psychopathie ohne orale Symptome 
(Mädchenwadenstecher) konnte Carp 3 feststellen, daß sich in der Jugend 
oral-sadistische Neigungen gezeigt hatten. 

Man darf annehmen, daß nach der Kaumuskulatur schon bald besonders 
die Muskulatur der oberen Extremitäten in zunehmendem Maße beim 
Bemächtigen und Zerstören des geliebten Objektes eine Bolle spielt; es 
können dann das Bemächtigen und Beherrschen in den Vordergrund des 
Krankheitsbildes treten. (Absichtlich sehe ich hier ab von der analen 
Komponente.) Es können die ursprünglichen Formen von den späteren 
vollständig ersetzt werden. 

1) S. Samara, Das verlorene Kind. 

2) 1. c. S. 24. 

3) Die Analyse einer besonderen Form von Sadismus, Psychiatrische en Neuro- 
logische Bladen, 1927, Heft 6. 




Das Sexualziel des gewalttätigen Sadismus 



159 



Vielleicht läßt sich aus der Mischung des reinen Sadismus mit der 
sexuellen Aggression erklären, weshalb diese Perversion bei Männern 
häufiger vorkommt wie bei Frauen, und aus der weitgehenden Hemmung 
einer solchen Mischung bei Frauen sowie aus der geringeren Entwicklung 
der Muskulatur ableiten, weshalb der Sadismus bei ihnen so oft in der 
ursprünglichen Form weiterbesteht. 

Die hier formulierten Auffassungen nötigen dazu: 

1) Sadismus und Masochismus vorläufig nicht als Gegensatzpaar zu 
betrachten ; 

2) dem reinen Sadismus keine Grausamkeit zuzuschreiben; 

3) den gewalttätigen Sadismus als Abkömmling der zweiten oralen 
Entwicklungsphase anzusehen. 



Neurosentherapie und Religion 

Nach einem Diskussionsbeitrag im Technischen Seminar der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 

im Mai 1928 

Von 

Theodor Reik 

Berlin 

Liebe Kollegen ! 

Nur ungern entschließe ich mich dazu, den von Ihnen geäußerten An- 
sichten zu widersprechen, da wir uns ja in allen Grundfragen der ana- 
lytischen Theorie und Praxis einig wissen. Erlauben Sie mir, etwas weiter 
auszuholen. 

Die Gefahren, die der Analyse drohen, sind, soweit ich sehe, von zweifacher 
Art: daß sie als therapeutische Methode im Anhang der klinischen Lehr- 
bücher abgehandelt werde oder daß sie als Weltanschauung in seichter 
Umprägung feuilletonischer Philosophen oder philosophischer Feuilletonisten 
erscheine. (Bitte, entscheiden Sie selbst, in welche der beiden Kategorien Sie 
Herrn Prinzhorn und dessen „zweite Brechung der Psychoanalyse nach 
den Lebensansichten" rechnen wollen.) Eine Tendenz in der Bichtung dieser 
ersten Gefahr sehe ich in jenem Teile der analytischen Werke, die haupt- 
sächlich physiologische und neurologische Theorien, viele biologische Gesichts- 
punkte und sogar einige psychologische Bemerkungen enthalten. Die Fort- 
setzung des Weges nach beiden entgegengesetzten Bichtungen — Einschrän- 
kung und Verflachung — würde zum Ende der Psychoanalyse, wie wir sie 
verstehen, führen. Der Weiterbestand und die Vertiefung der Psychoanalyse kann 
gegen diese Gefährdungen nur geschützt werden, wenn man ihren Charakter 
als psychologische Wissenschaft in den Vordergrund rückt. Die Uber- 
betonung der therapeutischen Seite führt mit gesetzmäßiger Notwendig- 
keit zu ungerechtfertigten Einschränkungen der Bedeutung der Psycho- 
analyse und in ihren weiteren Folgen zum Aufgeben ihrer tiefsten wissen- 
schaftlichen Errungenschaften. Wer dem therapeutischen Ehrgeiz verfällt, 
muß bereit sein, ihm ein Stück Erkenntnismöglichkeit zu opfern. Denken 
Sie an Personen, die nach Charakter und Motivationen ihres Stellungs- 



Neurosentherapie und Religion 



161 



wechseis zur Psychoanalyse sonst so verschieden sind wie Jung, Adler, 
Rank, St ekel. Die andere Seite, welche die Psychoanalyse als eine 
besondere Art Weltanschauung behandelt, führt zur Verflachung und Ober- 
flächenbetrachtung, weg von jeder Empirie und zur Schlagwortwirtschaft. 
Wie Sie sehen, ist das Endresultat dasselbe. Die Möglichkeit der Koinzi- 
denz der Resultate ist Ihnen verständlich, da beide entgegengesetzte Ten- 
denzen vom Streben nach unmittelbarer Machtwirkung beherrscht werden. 
Gewiß, weder Sie noch ich werden leugnen, daß alle geistige Arbeit 
eine bestimmte Art Streben nach Besitzergreifung der Welt darstellt 
(knowledge is power), aber Art und Zeitmaß dieser sublimiertesten Form 
der Besitzergreifung sind von entscheidender Bedeutung. Die Fähigkeit, 
auf unmittelbare und sofortige Wirkungen zugunsten späterer, aber tief- 
ergreifender zu verzichten, die psychische Möglichkeit, zu warten, bis man 
reife Früchte pflücken kann, der „lange Atem" sind sogar in unseren 
analytischen Kreisen noch zu wenig gewürdigt. Der therapeutische Ehr- 
geiz auf der einen, der weltanschauliche oder sozialreformatorische auf der 
anderen Seite überschätzen bei weitem das Tempo psychischer Veränderungen 
beim Einzelnen und bei den Massen. Die Dauer der Einwirkungen ist 
von ihrer Tiefe in hohem Grade abhängig. Noch einmal : die therapeutische 
ebenso wie die weltanschauliche Übertreibung (um die beiden Tendenzen 
kurz zu bezeichnen) führen zum Aufgeben der wesentlichen Errungenschaften 
der Psychoanalyse. Sie erraten mein Ceterum censeo: die Psycho- 
analyse wird eine psychologische Wissenschaft sein 
oder sie wird nicht sein. 

Bitte, werden Sie nicht ungeduldig; ich komme schon zu den Punkten, 
die zwischen uns strittig sind. Sie interessieren sich ausschließlich für die 
Therapie der Neurosen, von der die Psychoanalyse ausgegangen ist, und 
wünschen, daß ich mich auf dieses Thema beschränke. Sie sind doch mit 
mir einig, daß diese Therapie ohne Kenntnis und Verständnis der ver- 
drängten und der verdrängenden Triebfaktoren nicht möglich ist? Ihr 
Studium scheint auch Ihnen unerläßlich. Der Konflikt zwischen Sexualität 
und Kulturanforderung, die wichtigste Grundlage der Libidostauung, gilt 
uns als die Voraussetzung der Neurosengenese. Ein in Freiheit lebendes 
Tier könnte nicht neurotisch werden, solange es von den Dressuranfor- 
derungen verschont bleibt. 

Es ergibt sich aus dem Gesagten, daß das wissenschaftliche Erfassen 
dieser Kulturforderungen, ihrer Entstehung, ihrer Wirkungsarten, ihrer 
Tiefendimensionen eine conditio sine qua non für das Verständnis der Neu- 
rosen ist. Wie wollen Sie etwas über den Verlauf eines Duelles aussagen, 
wenn Sie nur den einen Gegner kennen ? Es sind diese Kulturanforderungen, 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/2-3. 



162 Theodor Reik 



welche von der Außenwelt an das noch schwache Ich herangebracht werden, 
denen es sich unterwirft und die es später in Konflikt mit den Trieb- 
ansprüchen bringen. Diese Anforderungen sind nicht nur durch die 
Personen der Eltern und Erzieher sakrosankt geworden. Darüber hinaus 
erscheinen sie in der abstrakten Form der Moral und Religion als Kollek- 
tivgebilde (Niederschläge der sich steigernden und im Seelenleben sich 
vertiefenden Anforderungen vieler Generationen) ; das will besagen, als 
psychische Mächte von besonderer und nachhaltiger Wirkung. In dieser 
organisierten Gestalt von Kulturinstitutionen wirken sie auf die ursprüng- 
licheren Forderungen zurück, festigen sie, zementieren sie untereinander 
und geben ihnen gegenüber dem Verwitterungsprozeß eine besondere Re- 
sistenz. Resonders auch deshalb, weil sie imstande sind, unbewußt zu wirken 
wie die verdrängten Triebkräfte selbst. An das Kind, das sich unter dem 
Drucke seiner Triebregungen dem ersten Freiheitsstreben hingeben will 
und versucht, sich von den Autoritäten langsam abzulösen, tritt nun die 
Religion als potenzierte Ersetzung der Vaterautorität heran. Es ist aber 
keineswegs richtig, daß die Religion nur als Surrogat der elterlichen 
Autorität erscheint. In dieser kindlichen Entwicklungsphase beginnt schon 
die Gesellschaft als Ganzes, die Personen der Umgebung sowie deren 
Anschauungen einzuwirken. Die Umwelt hat sich erweitert. Das Kind 
könnte etwa einem Einzelnen gegenüber Kritik beibehalten. Der geschlossenen, 
kompakten Majorität der Erwachsenen gegenüber, unter denen sich die 
ihm teuersten Personen befinden, ist ihm dieser Erfolg versagt. Ein 
Druck, der übermächtig ist, eine Autorität, die unfaßbar, aber um so 
tiefer wirkt, ein Zwang, der nicht minder stark ist, wenn er sanft ist, sie 
werden das Kind zwingen, seine Triebregungen zu bändigen. Jeder Trieb- 
durchbruch wird in ihm ein Schuldgefühl erregen, das in seinem Ver- 
gleich mit den oft geäußerten Meinungen der Umgebung noch verstärkt 
wird. Die Religion (und die mit ihr verknüpften moralischen Vorstellungen) 
wirkt also in dieser Zeit stärker als die Vaterautorität, die sie in einer 
anderen Ebene ersetzt, wirkt um so tiefer, als sie als ein soziales Gebilde 
erscheint, das in imponierender Gestalt und als gemeinschaftlicher, ge- 
schlossener Resitz eine Rindung produziert, die für das noch schwache Ich 
unauflöslich erscheint. 

Doch Sie wünschen, ich soll mich endlich der therapeutischen Seite 
der Frage zuwenden? Nun gut, Sie wissen alle, wie wichtig es ist, diesen 
Kampf im Dunkeln in die Rewußtseinshelle zu bringen. Das ist uns noch 
eindringlicher klar geworden, seit Freud uns gelehrt hat, das unbewußte 
Schuldgefühl in seiner Redeutung für die Tiefenwirkung der Neurose zu 
würdigen. Sie erinnern sich, wie häufig in den Anfängen der Psycho- 



Neurosentherapie und Religion 



163 



analyse auf die Dichter hingewiesen wurde, die viele der mühsam er- 
arbeiteten Resultate der Psychoanalyse intuitiv erfaßt und in ihren Werken 
so oft die Wirkung und Art von unbewußten Liebesregungen dargestellt 
hatten, welche die gestrenge Wissenschaft vornehm übersah. Nun, ich 
behaupte, daß die Existenz und die psychische Bedeutung des unbewußten 
Schuldgefühles, über das wir eigentlich noch immer so wenig wissen, auf 
dem Gebiete der Religion früher bekannt gewesen und tiefer erkannt 
worden ist als auf dem des Neurosenstudiums. Hier haben also etwa drei 
Jahrtausende lebendiger Religion der Wissenschaft vorgearbeitet und die 
Theologie ist die Vorläuferin der wissenschaftlichen Psychologie gewesen. 
Wenn es gelänge, das, was sie in gebundener, normativer Form an psycho- 
logischen Ahnungen bildet, empirisch zu erfassen und wissenschaftlich 
darzustellen, den psychologischen Kern von allen Umhüllungen zu befreien 
und ihn mit unseren Beobachtungen an Neurotikern zu vergleichen, glauben 
Sie nicht, daß wir mehr vom unbewußten Schuldgefühl, seiner Genese, 
den Besonderheiten seiner Wirkung und seiner psychischen Bedeutsamkeit 
verstünden? 

Daß das tiefgehende Verständnis der Art und der Wirkungen der 
biologisch gegründeten Triebkräfte für die Therapie der Neurosen notwendig 
ist, wird von keinem Analytiker geleugnet. Daß das Studium der Entstehung 
und Entwicklung religiöser (und moralischer) Begriffe für die Therapie 
von größter Bedeutung ist, wird noch von wenigen unter den Analytikern 
verstanden. Sie werden darauf hinweisen, daß es sich um sekundäre 
Bildungen handelt, daß hier allgemeine Begriffe, Weltanschauungsfragen, 
die nichts mit der Therapie zu tun haben, unnötigerweise in die Debatte 
gezogen werden. Und doch haben Ihnen Ihre Analysen zeigen können, 
daß die Neurosentherapie in einem großen Ausmaße davon abhängt, ob es 
Ihnen gelingt, diese Faktoren psychisch in Rechnung zu stellen. Ich habe 
aus der Diskussion häufig den Eindruck gewonnen, daß es sich bei vielen 
von Ihnen um jene Art wissenschaftlichen Aberglaubens handelt, 
dem besonders die Naturwissenschaftler ausgesetzt sind. Die Unter- 
schätzung der Wirkungen dieser kollektiven Bildungen in der Therapie 
der Neurosen zeigt, wie ich glaube, eine besondere Art latenten Respektes 
vor ihnen. Es sieht fast wie ein nur oberflächlich vom „Freigeist" des 
Naturwissenschaftlers beherrschter Rationalisierungsversuch aus, um die 
unbewußt festgehaltenen und sanktionierten Begriffe nicht antasten zu 
müssen. Sie werden unwillig sagen, daß Sie natürlich immer bereit wären, 
diese Einflüsse in der Neurose zu erkennen und anzuerkennen aber — 
glauben Sie mir — das genügt keineswegs. Erst die ernsthafte wissen- 
schaftliche Beschäftigung mit ihnen, erst ihr analytisches Studium wird 



1Ö4 Theodor Reik 



uns weiterführen. Es ist leicht, alle meine Erwägungen verächtlich beiseite 
zu schieben und sie etwa durch den Hinweis auf die Person des Vaters 
als auf das Vorbild des ÜberTchs für erledigt zu halten. Aber die Zukunft 
wird zeigen, wie wenig berechtigt eine solche frühzeiiige Ablehnung wäre. 
Man braucht nur zu bedenken, daß ja auch die Person des Vaters von 
bestimmten religiösen und moralischen Anschauungen beherrscht war, die 
auf das Kind einen unauslöschlichen Eindruck gemacht haben. 

Die scheinbare Annäherung an manche Anschauungen Jungs darf 
uns nicht abhalten, dort Probleme zu sehen, wo er an ihnen scheu vor- 
beigesehen hat. Wollen Sie vor einem aussichtsreichen Bergsteig zurück- 
schrecken, weil andere vor Ihnen dort abgestürzt sind? Wahrhaftig nicht; 
Sie werden sich eine bessere Ausrüstung verschaffen und vorsichtiger, um- 
sichtiger den Aufstieg beginnen. Das „Marterl" an jener Stelle hat nicht 
den Sinn der Tabuierung der ganzen Gegend, sondern den der Warnung. 

Wir sind uns auch — im Gegensatz zu Jung — darüber einig, 
daß es keinen besseren, vielleicht überhaupt keinen anderen analytisch 
gangbaren Weg gibt, die psychische Entstehung und Entwicklung religiöser 
und moralischer Begriffe zu verstehen, als den der Analyse des Individuums. 
Dies aber ist nicht identisch mit der Einschätzung dieser Kulturbegriffe 
als individuelle Schöpfungen. Hier ragt das Kollektive in das Individuelle 
hinein und die Verlötung wird als Wirkungsverstärkung sichtbar. Jenseits 
aller individueller Unterschiede machen sich hier die Einwirkungen des 
Milieus sowie der Kulturentwicklung der Ahnen geltend. Die Analyse eines 
Wieners, der von sozusagen läßlich katholischen Eltern erzogen wurde, 
und die eines Amerikaners aus der „New-England -Gegend, dessen Eltern 
und Freunde intolerante Puritaner waren, wird bei dar gleichen Neurosen- 
art bedeutende Unterschiede aufweisen, Unterschiede in der Triebabwehr, 
in der Tiefe und Intensität des Schuldgefühles, ja sogar in den Über- 
tragungsverhältnissen. Die Eltern der beiden Patienten haben in ihrer 
Erziehung des Kindes nicht nur ihre Persönlichkeit einwirken lassen, 
sondern auch alles das, was als Erbe und Vermächtnis vieler Generationen 
übernommen wurde. Der Einfluß der besprochenen kollektiven Bildungen 
ist nicht ableugbar und wird in der Verschiedenheit der Schwierigkeiten, 
die sich in der therapeutischen Arbeit ergeben, deutlich zum Ausdruck 
kommen. Eine Bagatellisierung der Bedeutung dieser kollektiven Bildungen 
und Bindungen, die durch die Durchdringung persönlichen Erlebens mit 
dem der Ahnen eine so hohe Einwirkungskraft erhalten, kann sich mit 
mannigfachen Mißgriffen in der Therapie bezahlt machen. Genese, Wirkung, 
Ausmaß dieser sekundären Kulturmächte können also nur von der Analyse 
des Individuums aus und in der Verwertung dort gewonnener psycho- 



Neurosentherapie und Religion 



165 



logischer Einsichten studiert werden. Heißt das aber auch, daß ihre 
Wirkungen nur durch das Individuum und sein Erleben bestimmt sind? 
Keineswegs; es ergeben sich hier vielmehr Komplikationen, besonders solche 
der Summierungswirkungen, entsprechend denen, welche Freud für die 
Massenpsyche gekennzeichnet hat. 

Auch unsere alten Probleme der analytischen Therapie erhallen von 
hier aus ein berücksichtigungswertes Streiflicht, da die Veränderung der 
psychischen Einstellung durch die Psychoanalyse notwendigerweise zu einer 
neuen Einstellung zu den alten Kulturbindungen führt und diese niemals 
völlig konfliktfrei vor sich geht. 

Ich behaupte also, daß das Siudium der Genese, der Entwicklung 
und der Wirkungsarten religiöser (und moralischer) Vorstellungen für die 
Therapie — wohlgemerkt für die Therapie! — der Neurosen von 
außerordentlicher Bedeutung ist, und dies besonders nach zwei Richtungen: 
für die Einschätzung der Verdrängungswiderstände und für die Ein- 
schätzung dessen, was ich in meinem „Geständniszwang und Strafbedürfnis 
die Tiefendimension der Neurose genannt habe. Damit aber habe ich 
implicite gesagt, daß dieses Studium für die Neurosenpsychologie notwendig 
ist. Das unbewußte Schuldgefühl ist vielleicht nur das bedeutsamste Stück 
dessen, was wir auf diesem Gebiete besser studieren können als auf anderen. 
Es gibt andere Fragen, nicht minder bedeutsamer Art, die von dort her 
eine überraschende Beleuchtung erfahren werden, und es wird bald an der 
Zeit sein, sie zu erörtern. 

Ich habe hier die stärkste Verdrängungsmacht, die es in Gestalt organisierter 
Kultureinrichtungen gibt, hervorgehoben und die Diskussion Ihrem Wunsche 
entsprechend nur in der Richtung ihrer Bedeutung für die Neurosentherapie 
ein Stück weiter geführt. Warum nicht die anderen großen kulturellen 
Institutionen ? Sie kommen hier kaum in Betracht : die Kunst gibt keine 
Normen für die Handlungen und Gedanken der Menschen, ebensowenig 
die Wissenschaft. Das Recht und die Moral aber stehen unter dem Zeichen 
höherer Autoritäten und führen, wie die Kulturgeschichte zeigt, wieder 
zur Religion zurück. 

Sie verstehen auch, daß Sie sich jetzt kaum mehr zu der Ansicht be- 
kennen können, welche die meisten von Ihnen früher geäußert haben: 
„Studium der psychischen Ursprünge, der Entwicklung und der Wirkungen 
der religiösen Begriffe, ganz schön. Aber was bedeutet das für uns praktische 
Ärzte und Psychotherapeuten ? Genau so viel und genau so wenig wie 
etwa eine analytische Studie über ein Kunstwerk, eine Erfindung, eine 
kulturhistorisch interessante Erscheinung, einen Sprachgebrauch usw. Es ist 
gewiß interessant, aber es liegt außerhalb unseres speziellen Interessen- 



166 



Theodor Reik 



kreises. Wir sind ja Psychotherapeuten und wollen nichts anderes sein." 
Langsam, meine Herren, das Leben hat dafür gesorgt, daß es in Ihren 
Interessenkreis falle, und in ganz anderer Art als etwa irgendeine Arbeit, 
die der „Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaft" ge- 
widmet ist, etwa die Studie über einen Dichter oder eine Dichtung. Hier 
handelt es sich um eine Kulturmacht, deren Einfluß sich kein jetzt 
Lebender entziehen kann und die in bestimmter, genau beschreibbarer 
Art einen tiefgehenden Einfluß auf das Leben der von Ihnen behandelten 
Kranken ausgeübt hat. 

Sie sagen, das Studium der religiösen (und moralischen) Anschauungen 
erscheine Ihnen für die speziellen Aufgaben der Therapie nicht wichtig? 
Nun, wir wollen nicht streiten, aber erlauben Sie, Sie sind doch prak- 
tische Ärzte, nicht wahr? Ihr Blick ist auf die praktische, tätige Seite des 
Lebens gerichtet. Nun bitte ich Sie einmal, mich Unpraktischen zu 
belehren. 

Ich kenne einen Fall von schwerer Neurose jenseits des Ozeans, erwachsen 
in jener Gegend, in der man Gott wahrhaftig fürchtet und die Priester 
von tausend Sekten aus Megaphonen die Zuhörer apostrophieren: „Wkere 
will you spend eternity? oder „PFould Jesus play poker? oder „Wake up, 
Mr. Devill". Ich kann Ihnen den Fall aus naheliegenden Gründen nicht 
erzählen, aber Sie würden wie ich der Meinung sein, daß eine große 
Aussicht auf Wiederherstellung besteht, wenn der Kranke zur Psycho- 
analyse käme. Er hat auch von der Analyse gehört, erkennt ihr mannig- 
fache Verdienste zu, hätte Zeit und Mittel genug, sich einer gründlichen 
Analyse zu unterziehen. Wissen Sie, warum er nicht in die Analyse geht? 
Er und die Seinen haben gehört, daß die Analyse gegen die Religion 
verstoße; er fürchtet für sein Seelenheil. Sie sagen, wer so furchtsam 
sei, dessen Glauben stehe kaum auf festen Füßen? Ich bin ganz Ihrer 
Meinung, aber wir wollten doch nur das Praktische der Frage im Auge 
behalten? Wie können Sie diesem Kranken, wie können Sie Tausenden, 
die wie er fühlen, helfen? Ihr Achselzucken gibt keine ausreichende 
Antwort. Ich will Sie zu dem Zugeständnis bringen, daß die Religion als 
kollektive Verdrängungsmacht eine große Rolle in der Neurose spielt. 

Hier ein anderer Fall: ein Kranker mit schwerer Zwangsneurose hatte 
sich durch religiöse Gelübde gebunden, über bestimmte Dinge nicht zu 
sprechen. Während der Analyse hatte er sich einen Priester holen lassen, 
der ihn des Gelübdes entbinden sollte. Der Priester tat dies, aber der 
Patient fühlte, dies sei nicht genügend, und bestand auf der Durchführung 
anderer, sehr komplizierter religiöser Bedingungen, die unmöglich erfüllbar 
waren. Man mußte sich entschließen, zu warten. Später hatte er sich aus 



Neurosentherapie und Religion 



Verzweiflung über eine in seinen Gedanken auftauchende Blasphemie 
gelobt, einige Tage nicht zu sprechen, daraus wurden Wochen, Monate. 
Nun, erscheint Ihnen das Studium der Religion noch immer bedeutungs- 
los für das Verständnis und die Therapie der Neurosen? Sie sagen, es 
handle sich um einen schweren Widerstand, der sich auch sonst nur in 
anderer Form Ausdruck verschafft hätte? Ganz Ihrer Meinung, aber halten 
Sie es wirklich für belanglos, daß die Onanie dem Patienten als Kind als 
schwere Versündigung gegen Gott geschildert wurde und er auf jeden 
Rückfall in die masturbatorische Tätigkeit mit schweren Gelübden reagierte? 
Halten Sie es für unwichtig, daß seine Gelübde und Eide damals und 
jetzt an die Werte geknüpft werden, die ihm und den Personen seiner 
Umgebung als die höchsten gelten? Sie sagen, ich hätte warten sollen, 
bis die Übertragung groß genug zur Bewältigung jener religiös betonten 
Widerstände geworden wären? Nun hören und staunen Sie: ich habe 
gewartet, habe mit einer Geduld gewartet, die meinen frommen Patienten 
an die Säulenheiligen seiner Religion hätte erinnern müssen, habe gewartet 
Monate, Jahre. Der Galiläer hat gesiegt. 

Ein anderer Fall : eine Patientin aus aristokratischem Geschlecht, das 
immer eine Stütze von Thron und Altar gewesen war, hatte die geliebte 
Schwester in der Jungmädchenzeit verloren. Am Sarge hatte sie auf 
geheimnisvollem Wege die Überzeugung von der Unsterblichkeit der 
schwesterlichen Seele gewonnen und von dort aus waren ihre Gedanken 
auf bestimmte esoterische Lehren des fernen Ostens gelenkt worden. Ihre 
schweren zwangsneurotischen Symptome, ein enges Netz von Geboten und 
Verboten, standen in innigster Verbindung mit diesen Gedankengängen. 
Ich kam niemals dazu, die Entstehung jener „conviction spontanee" von 
der Unsterblichkeit der Schwester, einen der wichtigsten Ausgangspunkte 
ihres Systems, analytisch aufzuklären, denn sobald ich in der Analyse nur 
in die assoziative Nähe des von ihr als Offenbarung behandelten Glaubens 
kam (Sie haben gewiß erraten, daß es sich um eine Reaktion auf intensive 
unbewußte Todeswünsche handelte), wollte sie um keinen Preis mehr 
zuhören, weil sie sich ihren heiligen Glauben nicht rauben lassen wollte. 
Die Patientin verließ mich bald, weil sie mich in Verdacht hatte, einer 
jener abscheulichen Atheisten zu sein, die ihr frevles Spiel mit heiligen 
Gütern treiben. Gewiß, sie hätte auf jeden Fall die Analyse vorzeitig 
verlassen, aber auch dieser Fall wie so viele andere gibt Anlaß, an die 
Bedeutsamkeit religiöser Ideen für die Neurosenphänomene zu denken. 

Soweit die Frage der individuellen analytischen Therapie. Aber Sie 
erinnern sich, daß wir einmal die Frage diskutierten, ob die individuelle, 
therapeutische und pädagogische Aufgabe wirklich in Zukunft die wichtigste 



168 Theodor Reik 



sein wird, welche der Analyse gestellt wird? Ich habe damals — ich weiß, 
in Widerspruch zu Ihnen allen — die Behauptung aufgestellt, daß die 
individuelle analytische Therapie an Bedeutung zurücktreten wird gegen- 
über andersartigen Wirkungen, unter denen mir die kollektive Therapie 
und Prophylaxe, wenn Sie wollen, die psychische soziale Hygiene, besonders 
bedeutsam zu sein scheint. (Die individuelle Analyse wird natürlich immer 
die empirische Grundlage für diese anderen Bestrebungen bleiben.) Erinnern 
Sie sich jenes Wortes Freuds, daß er endlich erkennen mußte, er 
habe die ganze Menschheit zum Patienten? 

Es ist mir wohl bekannt, daß ich mit meiner Ansicht innerhalb unserer 
Wiener Gruppe allein stehe, aber ich bin bei meiner Behauptung von damals 
geblieben, daß die individuelle Therapie der Neurosen an Bedeutung in 
naher Zukunft von jener Kollektivtherapie übertroffen werden wird. Man 
kann dies behaupten, ohne eine besondere Prophetengabe zu besitzen und 
ohne sich einer speziellen Witterung für das Kommende zu rühmen. Es 
gibt genug fühlbare und sichtbare Anzeichen dafür. Sie kennen sie so gut 
wie ich. Glauben Sie, daß die Analyse für jene künftigen Aufgaben so 
gut gerüstet ist wie für die gegenwärtigen ? Glauben Sie, daß das Studium 
der Genese, der psychischen Dynamik und der Mechanismen der Religion 
und der Moral für diese therapeutischen Aufgaben überflüssig sein wird? 
Weltanschauung hin, Weltanschauung her. Ich will Sie bei Ihrem thera- 
peutischen Standpunkte festhalten. Hier geht es um therapeutische Fragen. 
Wer und was beschützt und bestärkt wohl die Sexualverdrängung stärker 
als die Religion und die mit ihr so innig verknüpfte moralische Tradition ? 
Welche Verdrängungsmächte wirken wohl tiefer, nachhaltiger, sowohl bei 
den breiten Massen als auch bei den Oberschichten? 

Eine schwere Reaktion gegen die Psychoanalyse ist unausbleiblich. Sie 
wird im Namen der Religion geführt werden. Vor einem Jahrhundert hat 
einer der bedeutendsten Naturforscher, der englische Geologe Charles 
Lyell, das Typische des Vorganges in Worten festgehalten, die noch 
heute gelten: „Es wird gehen wie immer, wenn eine neue und über- 
raschende Wahrheit entdeckt wird. Die Menschen sagen zuerst: ,Das ist 
nicht wahr', dann: ,Es widerstreitet der Religion' und zuletzt: ,Ach, das 
hat man schon lange gewußt'." 

Sie werden vielleicht sagen, daß Sie sich nur um Ihre einzelnen Fälle 
zu kümmern haben, daß Sie zwar die Prüderie und Hypokrisie der Welt 
bedauern, sich aber nicht berufen fühlen, dagegen anzukämpfen. Aber 
Sie tun es doch, und zwar nicht nur bei Ihren Patienten. Sie wissen so 
gut wie ich, daß Sie es eigentlich nicht nur mit Ihren Patienten zu tun 
bekommen, sondern mit dessen ganzen Umgebung, seinen Verwandten, 



Neurosentherapie und Religion 



169 



Freunden und seinem ganzen Gesellschaftskreis. Sie analysieren noch in 
der Einzelanalyse einen ganzen Kreis Menschen mit, fühlen deren Über- 
tragung und — wahrhaftig fühlbar genug — deren Widerstände. Und 
vergessen Sie nicht, Sie analysieren nicht nur Kranke, sondern auch Fälle 
mit Charakterdeformationen, die sich nicht wie die schweren Fälle von 
Neurose aus dem Leben der Sozietät zurückgezogen haben. Und wie steht 
es in der pädagogischen Analyse? Bitte, fragen Sie unsere pädagogischen 
Kollegen, ob sie ihre analytische Arbeit auf das Kind beschränken können 
und ob nicht die Familie, die Erzieher, die Verwandten in den Kreis 
gezogen werden. Jeder Mensch, der analysiert wird, ist sozusagen eine 
Keimzelle künftiger Entwicklung und Ausbreitung analytischer Ansichten. 
Sie leisten eine große soziale Arbeit, ob Sie es nun wünschen oder nicht. 
Dies abzuleugnen hieße psychische Realitäten unbeachtet lassen, ließe den 
Mut nicht aufbringen, „to face the music" . 

Was wäre die Analyse auch, wenn sie nichts sonst wäre als eine 
Methode, einigen Nervösen zu helfen? Woher der Kampf um sie? Ich 
weiß, die Ansicht liegt manchem unserer Kollegen nahe, in Freud nur 
den großen Entdecker eines neuen psychotherapeutischen Verfahrens zu 
sehen. Eine künftige Zeit wird in ihm einen der großen befreienden Geister 
der Menschheit sehen, der es vermocht hat, das drückende Schuldgefühl 
der Menschen zu vermindern, sie ein wenig von leeren Ängsten zu be- 
freien und ihnen den kurzen Aufenthalt auf diesem Planeten etwas zu 
erleichtern. Dies mag außerhalb seiner und unserer Absichten liegen, — 
die Wissenschaft steht uns höher, — aber er und wir werden nicht mehr 
gefragt werden. Übrigens sind ja diese Ansichten nicht unvereinbar. Die 
künftige Geschichte der Aufklärung wird die Mittelglieder zu finden wissen. 

In der Diskussion der Frage der Laienanalyse wurde bereits von Freud 
darauf hingewiesen, daß im künftigen Ausbildungsstudium des Analytikeis 
Kulturgeschichte, Mythologie, Religionswissenschaft in einem gewissen 
Ausmaße vertreten sein müssen. Hier handelt es sich darum, zu erweisen, 
daß diese Notwendigkeit des Studiums der religiösen und moralischen 
Vorstellungen auch vom rein therapeutischen Standpunkte aus besteht. 
Wenn es aber so ist, daß die Kenntnis der Entstehung und Entwicklung der 
religiösen Begriffe für die Neurosentherapie wichtig ist, weil es sich in ihnen 
um Verdrängungsfaktoren sowie um Reaktionsbildungen, Ersatz- und Subli- 
mierungsleistungen von besonderer Bedeutung handelt, so wird ein anderes 
Problem akut. Die Diskussion dreht sich nicht mehr, wie einige von 
Ihnen meinten, um eine der üblichen „Anwendungen der Psychoanalyse 
auf die Geisteswissenschaften", sondern um ein therapeutisches Postulat. 
Es lautet: die Entstehung und Entwicklung dieser Begriffe sind analytisch 



170 



Theodor Reik 



zu studieren. D. h. diese kollektiven Bindungen sind unter analytischen 
Gesichtspunkten in ihren Motiven und Zielen zu erfassen, um sie in der 
Praxis zu verstehen. Aus der analytischen Arbeit am Einzelnen erwächst 
so nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Notwendigkeit, sich mit 
dem Studium dieser sozialen Schöpfungen zu beschäftigen, und dieses 
Studium wirkt wieder in der Form analytischen Verständnisses auf die 
Analyse des Einzelnen, das will sagen, auf unsere Therapie zurück. Es 
wird so ein Kreislauf sichtbar, der von der individuellen Therapie ausgeht 
und über die von ihr angeregte und geforderte Forschung dieser sozialen 
Phänomene in ihrer Wirksamkeit beim Einzelnen und bei den Massen 
wieder zur individuellen (und später zur kollektiven) Therapie zurückführt. 

Es ist klar, daß dieses Studium in ununterbrochenem Kontakt mit dem 
lebendigen Material geschehen muß, weil sonst jede empirische Grund- 
lage, jede Möglichkeit, Gemeinsamkeit und Differenzen festzustellen, jede 
Vergleichsmöglichkeit und damit jede wechselseitige Aufhellung der Tat- 
sachen wegfallen würde. 

Diese Arbeiten sind also von Analytikern zu leisten, die sowohl in der 
Praxis stehen, als auch Vorbildung, Eignung, Gelegenheit und Zeit haben, 
sich mit jenen anderen, ich wiederhole, auch therapeutisch wichtigen 
Problemen zu beschäftigen. Mag der eine oder der andere vielbeschäftigte 
Therapeut gelegentlich sich an einer solchen Arbeit versuchen 1 , es wird 
wünschenswert sein, daß eine besondere Gruppe von Analytikern von 
spezieller Eignung hier ihr Arbeitsgebiet findet, weil das Studium der 
fremden Wissenschaft erhöhte Anforderungen an den Einzelnen stellt. 
Hat man in unseren Kreisen überhaupt schon bedacht, daß und wie 
wichtig diese Bemühungen Einzelner sind? Und wie wichtig sie einmal 
werden mögen? 

Ich behaupte und werde nicht müde werden, zu behaupten, daß diese 
Art der Forschungen Ihrer besonderen Aufmerksamkeit bedarf. Die Zu- 
kunft wird lehren, ob ich Recht oder Unrecht habe. 



l) Die Beiträge von Ernest Jones zur Analyse religiöser Phänomene seien hier 
als vorbildlich hervorgehoben. 



Die Rollenbildung im Kinderspiel 

Von 

Melanie Klein 

London 

Ich habe in einer früheren Arbeit 1 über einige grundlegende Mecha- 
nismen des Kinderspieles berichtet, deren Erkenntnis sich mir aus meinen 
Spielanalysen ergab. Ich hob hervor, daß die dem Spiel zugrunde liegenden 
spezifischen, in den verschiedensten Darstellungsformen wiederkehrenden 
Inhalte sich mit dem Kern der Masturbationsphantasien decken und daß 
eine grundlegende Funktion des Kinderspieles der Abfuhr der Masturbations- 
phantasien dient. Ich besprach die weitgehende Analogie zwischen den 
Darstellungsmitteln des Spieles und des Traumes und die Bedeutung der 
Wunscherfüllung auch für das Kinderspiel. Ich wies ferner auf einen dem 
Rollenspiel zugrunde liegenden Mechanismus hin. In den folgenden Aus- 
führungen beabsichtige ich, mich mit diesem Mechanismus eingehender 
zu befassen und auch das Verhältnis zwischen Rollenbildung und Wunsch- 
erfüllung an einer Reihe von Beispielen, und zwar verschiedener Krank- 
heitstypen, zu beleuchten. 

Beim schizophrenen Kinde kommt es nach meinen bisherigen Er- 
fahrungen zu keinem Spiel im eigentlichen Sinne, sondern zu monotonen 
Handlungen, von denen der Zugang zum Ubw mühsam zu eröffnen ist. 
Die sich dann offenbarende, mit diesen Handlungen verbundene Wunsch- 
erfüllung besteht vorwiegend in der Negierung der Realität und aus der 
Hemmung der Phantasien. In diesen extremen Fällen kommt auch keine 
Rollenbildung zustande. 

Meine zu Beginn der Behandlung sechsjährige Patientin Erna, hinter 
deren schwerer Zwangsneurose nach längerer Analyse eine Paranoia deut- 
lich wurde, ließ mich im Spiele häufig das Kind darstellen, wobei sie zur 
Mutter oder Lehrerin wurde. Ich sollte dann auf phantastische Art ge- 
foltert und gedemütigt werden. Wurde ich von jemandem im Spiele liebe- 
voll behandelt, so erwies sich gewöhnlich nachher, daß die Freundlichkeit 

l) Die psychologischen Grundlagen der Frühanalyse. Imago, Bd. XII (1926). 



172 Melanie Klein 



nur Verstellung war. Die paranoischen Züge traten darin hervor, daß ich 
stets belauert wurde, man meine Gedanken erriet, der Vater mit der 
Mutter oder die Lehrerin mit der Mutter sich verbündeten, kurz, ich stets 
von Verfolgern umgeben war. Ich als Kind hatte auch ständig die anderen 
zu belauern und zu quälen. Oft übernahm Erna selbst die Rolle des Kindes. 
Der Ausgang des Spieles war dann gewöhnlich der, daß das — in diesem 
Falle gute — Kind den Verfolgungen entkam, reich, mächtig, eine Königin 
wurde und grausame Rache an den Verfolgern nahm. Nach anscheinend 
ungehemmtem Austoben des Sadismus in derartigen Phantasien (dies alles 
erfolgte nach einem großen Stück Analyse) trat der Rückschlag in Form 
tiefer Depression, Angst und körperlicher Erschöpfung ein. Die Unmög- 
lichkeit, diesen übermäßigen Druck zu ertragen, der sich in vielen 
schweren Krankheitserscheinungen bei Erna äußerte, 1 spiegelt ihr Spiel 
wider. In diesen extremen Phantasien lassen sich alle Rollen auf das 
gleiche Schema, auf zwei Hauptrollen zurückführen: die des verfolgenden 
Über-Ichs und die des bedrohten und nicht weniger grausamen Es. 

Die Wunscherfüllung in diesem Spiele besteht hauptsächlich darin, 
daß Erna sich mit dem Stärkeren identifiziert, um so ihrer Angst 
vor den Verfolgungen Herr zu werden. Das bedrängte Ich sucht die 
drohende Überwältigung des Es durch das Über-Ich durch Beeinflussung, 
resp. Täuschung des Über-Ich zu verhindern. Es versucht, das außerordentlich 
sadistische Es in den Dienst des Über-Ichs zu stellen und beide im Kampfe 
gegen einen gemeinsamen Feind zu vereinigen. Eine Voraussetzung dafür 
ist die weitgehende Ingangsetzung des Projektionsmechanismus und des 
Mechanismus der Verschiebung. Wenn Erna die grausame Mutter spielt, 
so ist das böse Kind der Feind, wenn Erna das verfolgte, aber bald zu 
Macht gelangte Kind spielt, sind die bösen Eltern der Feind. In beiden 
Fällen liegt ein dem Über-Ich plausibel zu machendes Motiv vor, den 
schrankenlosen Sadismus gewähren zu lassen. Das Über-Ich soll bei diesem 
Pakt gegen den Feind vorgehen, als wenn er das Es wäre, das Es aber 
sucht im geheimen natürlich weiter seine vorwiegend sadistischen Be- 
friedigungen an den ursprünglichen Objekten zu erreichen. Die narziß- 
tische Befriedigung, die dem Ich aus seiner nach außen und innen 
betätigten Überlegenheit erwächst, dient auch zur Besänftigung des Über- 
Ichs und wird so ein wesentliches Mittel zur Verminderung der Angst. 
Dieser Pakt, der in weniger extremen Fällen relativ so gut gelingen kann, 
daß er nach außen unbemerkt bleibt und es nicht zu einem Krankheits- 
ausbruch kommt, scheiterte in Ernas Fall völlig an dem übermäßigen 

l) Ein ausführlicher Bericht über diese Krankheitsgeschichte wird u. a. im 
Rahmen eines Buches erfolgen, dessen Veröffentlichung bevorsteht. 



Die Rollenbildung im Kinderspiel 



173 



Sadismus sowohl des Es wie des Über-Ichs. Nun schlägt sich das Ich zum 
Über-Ich und versucht aus der Bestrafung des Es eine Befriedigung zu 
ziehen, die aber natürlich ebenfalls mißlingt. Daß keine dieser wider- 
sprechenden Wunscherfüllungen lange aufrechterhalten werden konnte, er- 
wies sich durch die immer wieder einsetzenden schweren Angst- und 
R euereaktionen . 

Das nun folgende Beispiel zeigt eine in einzelnen Punkten abweichende 
Verarbeitung analoger Schwierigkeiten. 

Der zu dieser Zeit sechsjährige Georg brachte mir monatelang fort- 
setzungsweise Phantasien, in denen er als mächtiger Führer einer Schar 
wilder Jäger und Tiere seine Feinde, die auch Raubtiere zu Hilfe hatten, 
siegreich und grausam bekämpfte und tötete. Die Tiere wurden dann ver- 
zehrt. Der Kampf nahm niemals ein Ende, da immer neue Feinde er- 
standen. Bei diesem Kind hatte die Analyse nach längerer Behandlung 
auch stark paranoische Züge aufgedeckt. Georg hatte sich stets bewußt 1 von 
Verfolgern (Zauberer, Hexen, Soldaten) umgeben gefühlt, sich ihrer aber 
— anders als Erna — mit Hilfe von allerdings ganz phantastischen Helfern 
zu erwehren gesucht. 

Die Wunscherfüllung in diesen Phantasien zeigt einige Analogien mit 
der von Ernas Spiel. Auch hier versucht das Ich zur Abwehr der Angst 
durch Größenphantasien eine Identifizierung mit dem Stärkeren zu er- 
reichen. Auch hier wird der Versuch unternommen, den Feind in einen 
„bösen" Feind zu verwandeln, um das Über-Ich zu besänftigen. Aber der 
der Angst zugrunde liegende primäre Sadismus wird in diesem Fall, 
wo er nicht so überwältigend ist wie bei Erna, weniger kunstvoll 
verdeckt. Das Ich identifiziert sich stärker mit dem Es, paktiert weniger 
mit dem Über-Ich und wehrt die Angst durch weitgehende Absperrung 
von der Realität ab. 2 Hier zeigt sich deutlich das Überwiegen der wunsch- 
gerechten vor der realitätsgerechten Strömung, die Freud als ein 
Kriterium der Psychose bezeichnet. Die Rollenbildung unterscheidet sich 
von der in Ernas Spielen durch das Auftreten hilfreicher Gestalten. Es 
liegen hier drei Hauptrollen vor: die des Es, die der verfolgenden und 
die der hilfreichen Gestalt. 

Ich führe nun als ein Beispiel für das Spiel eines schwer zwangsneuro- 
tischen Kindes ein Spiel meiner zweidreiviertelj ährigen Patientin R ita an: 3 

1) Wie so viele Kinder, hatte Georg den Inhalt seiner Angst stets vor der Um- 
gebung verheimlicht. Die Angst war allerdings seinem Wesen deutlich aufgeprägt. 

2) Diese Absperrung von der Realität trat in Georgs Entwicklung in steigendem 
Maße hervor. Er war vollständig in seine Phantasien eingesponnen. 

5) Ich entnehme dieses Beispiel meiner Arbeit : „Die psychologischen Grundlagen 
der Frühanalyse". 



174 



Melanie Klein 



„Die Puppe wurde — nach einem ausgesprochen zwangsneurotischen 
Zeremoniell — zum Schlafengehen eingepackt und ein Elefant neben das 
Puppenbett gestellt. Er sollte das Puppenkind am Aufstehen verhindern, 
denn sonst würde es leise in das Schlafzimmer der Eltern gehen und 
diesen etwas antun oder wegnehmen. Der Elefant (eine Vater-Imago) sollte 
die hindernde Rolle übernehmen, die der introjizierte Vater schon in ihr 
spielte, seitdem sie im Alter zwischen eineinvicrtel und zwei Jahren die 
Stelle der Mutter beim Vater einnehmen, der schwangeren Mutter das 
Kind rauben und die Eltern beschädigen und kastrieren wollte. Die Wut- 
und Angstreaktionen, die im Verlauf solcher Spiele einer Bestrafung des 
Kindes folgten, bewiesen auch, daß Rita innerlich beide Rollen spielte, 
die der richtenden Autoritäten und die des bestraften Kindes." 

Dieses Spiel weist keine andere Wunscherfüllung auf als die Tatsache, 
daß es dem Elefanten zeitweilig gelang, das Puppenkind am Aufstehen zu 
verhindern, und es enthält auch wieder nur zwei Hauptrollen: die Puppe, die 
das Es verkörpert, und den hindernden Elefanten, der der Repräsentant des 
ÜberTchs ist. Die Wunscherfüllung in diesem Spiele ist die Unterdrückung 
des Es durch das Über-Ich. Diese Wunscherfüllung und die Verteilung der 
Handlung auf zwei Rollen bedingen einander, da dieses Spiel vorwiegend 
dem beim schweren Neurotiker die Seelenabläufe beherrschenden Kampfe 
zwischen Über-Ich und Es gilt. Auch in Ernas Spiel fanden wir die 
gleiche Rollenbildung, die die Wirksamkeit eines überwältigenden Über- 
Ichs und den Mangel an hilfreichen Imagines zeigt. Während aber in 
Ernas Spiel der Pakt mit dem Über-Ich, in Georgs Spiel vorwiegend die 
Behauptung des Es gegen das Über-Ich (mit Hilfe der Realitätsabsperrung) 
als Wunscherfüllung erscheint, zeigt sich bei Rita die Unterdrückung des 
Es durch das Über-Ich als Wunscherfüllung. Die Möglichkeit zu dieser 
wenn auch überaus mühsam aufrecht erhaltenen Unterdrückung des Es 
durch das Über-Ich war schon das Resultat eines Stückes Analyse. Erst 
nachdem die alle Phantasietätigkeit hemmende Überstrenge des Über-Ichs 
sich vermindert hatte, setzten Phantasiespiele von der hier beschriebenen 
Art ein. Der Fortschritt im Vergleich zu dem vorhergehenden (ganz spiel- 
gehemmten) Stadium lag darin, daß nun das Über-Ich nicht nur 
drohte, sondern daß es die verbotenen Handlungen unter Drohungen 
zu verhindern suchte. Der mißlungene Ausgleich zwischen Über- 
Ich und Es wurde durch die gewaltsame, alle Energien aufzehrende Trieb- 
unterdrückung, die für schwere Fälle von erwachsenen Zwangsneuro- 
tikern* charakteristisch ist, ersetzt. 

1) Bei Rita lag eine für ihr Alter ungewöhnliche Zwangsneurose mit kompliziertem 
Schlafzeremoniell und anderen schweren Zwangssymptomen vor. Solche schon den 



Die Rollenbildung im Kinderspiel 



175 



Betrachten wir nun ein Spiel, das einem weniger schweren Stadium 
der Zwangsneurose entstammt. In einem späteren Abschnitt von Ritas 
Analyse (sie war damals drei Jahre alt) hatte ein Reisespiel, das sich 
fast durch die ganze Analyse zog, folgende Gestalt angenommen: Rita 
fuhr mit ihrem Spielbären (der zurzeit den Penis vorstellte) zu einer guten 
Frau und sollte dort bewirtet und beschenkt werden. Dieser günstige Aus- 
gang wurde am Anfang dieses Analysenabschnittes meist gestört. Rita 
wollte selbst den Zug führen und den Schaffner entfernen. Er war aber 
entweder nicht zu entfernen oder kehrte drohend wieder. Mitunter war es 
ein böses weibliches Wesen, das die Reise hinderte, oder am Reiseziel fand 
sich nicht eine gute, sondern eine böse Frau vor. 

Der Unterschied der — wenn auch noch so stark gestörten — Wunsch- 
erfüllung in diesem Falle zu den früher besprochenen Beispielen springt 
in die Augen. Hier geht es um eine positive, libidinöse Befriedigung, an 
der der Sadismus nicht einen so überragenden Anteil hat wie in den bis- 
herigen Beispielen. Die Rollenbildung zeigt ebenso wie bei Georg drei 
Hauptrollen: die des Es, die der helfenden und die der drohenden, 
resp. versagenden Gestalt. 

Diese hilfreichen Gestalten sind, wie schon das Beispiel Georgs zeigt, 
vielfach von phantastischester Art. In der Analyse eines viereinhalbjährigen 
Knabens brachte die „Feenmutter" des Nachts eine gute Speise, die sie mit 
dem Knaben teilte: die Speise bedeutete den Penis des Vaters, dessen sie 
ihn heimlich beraubt hatte. In einer anderen Analyse heilte die „Feen- 
mutter' mit einem Zauberstab alle dem Knaben durch die strengen Eltern 
zugefügten Wunden und tötete dann gemeinsam mit ihm auf grausame 
Weise die strengen Eltern. 

Ich habe die Wirksamkeit solcher Imagines, die ein Gemisch von 
phantastisch guten und phantastisch bösen Zügen aufweisen, als einen 
generellen Mechanismus auch beim Erwachsenen kennen gelernt. 1 Es sind 
Zwischenstufen zwischen dem ganz realitätsfremden, drohenden Über-Ich 
und den der Realität näher stehenden Identifizierungen. Diese Zwischen- 
stufen, deren schrittweise Entwicklung zu der Realität näher stehenden 
Identifizierungen sich in den Spielanalysen immer wieder beobachten läßt, 
scheinen mir sehr aufschlußreich für die Erkenntnis der Über-Ich-Bildung. 



Charakter der Zwangsneurose Erwachsener aufweisende Erkrankungen bei kleinen 
Kindern erweisen sich nach meinen Erfahrungen als überaus schwere Erkrankungen. 
Einzelne zwangsneurotische Züge im Gesamtbilde der Kinderneurose halte ich da- 
gegen für eine regelmäßige Erscheinung. 

1) Ein Beispiel hiefür ist der phantastische Glaube an einen Gott, der zur Ver- 
ühung aller möglichen Greuel (noch im letzten Krieg zur Vernichtung der Feinde 
und ihres Landes) helfen würde. 



176 Melanie Klein 



Am Eingang des Ödipuskonfliktes und der Über-Ich-Bildung steht nach 
meinen Erfahrungen das unter der vorwiegenden Herrschaft der prägeni- 
talen Stufen gebildete, überwältigende Über-Ich. Die Wirkung des Genitales 
hat schon eingesetzt, tritt aber zunächst noch kaum hervor. Es ist von 
entscheidender Bedeutung für die weitere Entwicklung des Üher-Ichs zur 
Genitalität, ob die oralsaugende oder die oralbeißende Fixierung überwiegt. 
Der Primat der genitalen Stufe für die Sexualität sowohl wie für das 
Über-Ich hat zur Voraussetzung eine genügend starke Fixierung an die 
oralsaugende Stufe. Je weiter von den prägenitalen Stufen zur genitalen 
Stufe zugleich mit der libidinösen Entwicklung auch die Über-Ich-Bildung 
fortschreitet, um so mehr nähern sich die von dem Bilde der oral ge- 
währenden Mutter 1 ausgehenden, phantastischen, wunscherfüllenden Iden- 
tifizierungen den Gestalten der realen Eltern an. 

Die auf dieser frühen Stufe der Ichentwicklung aufgenommenen 
Imagines tragen, obzwar ihnen die realen Ödipusobjekte zugrunde liegen, 
den Stempel der prägenitalen Triebregungen. So kommen die phanta- 
stischen, fressenden, schneidenden, überwältigenden Imagines zustande, bei 
denen wir ein Gemisch prägenitaler Triebregungen am Werke finden. Die 
Introjektion der Imagines kommt, der Libidoentwicklung folgend, unter 
dem Einfluß der libidinösen Fixierungspunkte zustande. Das Über-Ich als 
ein Ganzes baut sich also aus den auf den verschiedenen Entwicklungs- 
stufen aufgenommenen und deren Stempel tragenden Imagines auf. Die 
Entwicklung des Über-Ichs findet zugleich mit der der Libido beim Ein- 
setzen des Latenzalters ihren Abschluß. 3 Schon während dieses Aufbau- 
prozesses betätigt das Ich seine Neigung zur Synthese dahin, daß es aus 
diesen verschiedenen Idenüfizierungen ein Ganzes zu bilden bestrebt ist. 
Je extremer und gegensätzlicher die Imagines sind, um so weniger wird 
die Synthese gelingen, um so schwieriger wird es sein, sie aufrecht zu 
erhalten. Die übermäßige Wirksamkeit extremer Imagines, die starke In- 



1) Ich bin in meinen früheren Arbeiten zur Aufstellung gekommen, daß bei 
beiden Geschlechtern die Abwendung von der Mutter als orales Liebesobjekt durch 
die von ihr bereiteten oralen Versagungen bewirkt wird und die versagende Mutter 
im Seelenleben des Kindes die gefürchtete Mutter bleibt. Ich verweise hier auf 
Radi, der die Teilung der Mutter-Imago in eine gute und böse Mutter auf die 
gleiche Quelle zurückführt und seinen Aufstellungen zur Genese der Melancholie 
zugrunde gelegt hat. (Das Problem der Melancholie. D. Zeitschr., Bd. XIII, 1927.) 

2) Fenichels Wiedergabe meiner Beiträge zur Frage der Über-Ich-Bildung 
(Besprechung des „Symposium on Child Analysis" diese Zschr., Bd. XIV, S. 5+6) ist 
insofeme nicht zutreffend, als er annimmt, daß ich die Entwicklung des Über-Ichs 
im zweiten bis dritten Lebensjahre für abgeschlossen halte. Ich habe in meinen 
Arbeiten den Abschluß der Über-Ich-Bildung zugleich mit dem der Libidoentwicklung 
angesetzt. 



Die Rollenbildung im Kinderspiel 



«77 



anspruchnahme der gütigen gegen die drohenden, die Leichtigkeit, mit der 
sich die Helfer in Feinde verwandeln (die auch die Ursache für das so 
häufige Mißlingen der Wunscherfüllung im Spiel ist), all das zeigt an, 
daß der Prozeß der Vereinheitlichung der Identifizierungen nicht gelungen 
ist. Dieses Mißlingen drückt sich in der Ambivalenz, Angstbereitschaft, 
leicht erschütterten Stabilität und der mangelhaften Realitätsbeziehung 
des neurotischen Kindes aus. 1 Die Notwendigkeit zur Synthese des 
Über-Ichs ergibt sich aus der Schwierigkeit der Verständigung mit 
einem aus so gegensätzlichen Imagines bestehenden Über-Ich. Die mit 
dem Latenzalter einsetzenden erhöhten Forderungen der Realität verstärken 
das Bestreben des Ichs, die Synthese des Über-Ichs zu bewerkstelligen, um 
einen Ausgleich zwischen Über-Ich, Es und Realität zu ermöglichen. 

Die Zerlegung in die ursprünglichen, auf verschiedenen Entwicklungs- 
stufen introjizierten Identifizierungen hat sich mir als ein der Projektion 
analoger und mit dieser eng verbundener Mechanismus erwiesen. Ich sehe 
in Zerlegung und Projektion einen grundlegenden Faktor für den Antrieb 
zum Rollenspiel. Mit Hilfe dieser Mechanismen kann die — nur mehr 
oder minder — mühsam aufrecht erhaltene Synthese des Über-Ich zeit- 
weise aufgegeben, ferner die durch die Auseinandersetzung zwischen dem 
Über-Ich als ein Ganzes und dem Es bestehende Spannung herabgesetzt 
und so der intrapsychische Konflikt abgeschwächt und in die Außenwelt 
verlegt werden. Der hiedurch erzielte Lustgewinn wird vergrößert durch 
die weitere aus der Verlegung in die Außenwelt für das Ich sich 
ergebende Möglichkeit, auf vielfache Art reale Beweise für einen günstigen 
Ausgang der mit Angst- und Schuldgefühlen besetzten seelischen Abläufe 
und dadurch eine wesentliche Herabsetzung der Angst zu erzielen. 

Ich habe im Verlaufe meiner Ausführungen die im Spiel sich offen- 
barende Realitätsbeziehung schon berührt. Ich will nun an Hand der hier 
angeführten Beispiele feststellen, wie die Realitätsbeziehung sich zu den 
bisher als Maßstab verwendeten Faktoren der Wunscherfüllung und der 
Rollenbildung verhält. 

Sehr lange war es in Ernas Analyse nicht möglich, eine Beziehung zur 
Realität herzustellen. Zwischen der wirklichen, liebevollen und freundlichen 
Mutter und den ungeheuerlichen Verfolgungen und Demütigungen, die im 
Spiel dem Kinde zugefügt wurden, schien keine Brücke zu bestehen. In 



1) Je weiter die Analyse fortschreitet, um so mehr vermindert sich die Wirkung 
<äer drohenden, um so stärker und anhaltender sehen wir die wunscherfüllenden Ge- 
stalten im Spiele hervortreten; um so größer wird aber auch die Spiellust, um so 
befriedigender der Ausgang des Spieles. Der Pessimismus hat sich vermindert, der 
Optimismus verstärkt. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/a- 3. 



178 



Melanie Klein 



dem Stadium der Analyse, in dem die paranoischen Züge stärker hervor- 
traten, erwiesen aber immer mehr Einzelheiten das Vorbild der wirklichen 
Mutter in grotesk verzerrter Form. Nun trat auch das — allerdings ver- 
schobene — Verhältnis zur Realität hervor. Mit einer überaus scharfen 
Beobachtungsgabe nahm Erna alle Einzelheiten der Handlungen und der 
Motive ihrer Umgebung wahr, ordnete sie aber dem System des Verfolgt- 
und Belauertwerdens in irrealer Weise ein. So z. B. legte sie dem Koitus 
der Eltern (den sie übrigens immer voraussetzte, wenn die Eltern allein 
blieben) und allen ihren gegenseitigen Zärtlichkeiten als hauptsächlichstes 
Motiv den Wunsch der Mutter, ihre Eifersucht zu erregen, zugrunde. Das 
gleiche nahm sie von allen Vergnügungen der Mutter, des weiteren aber 
von denen aller Menschen und insbesondere aller Frauen an. Sie kleideten 
sich schön, um sie zu kränken, usw. Sie war sich aber des Ungewöhnlichen 
dieser Auffassung bewußt und hielt sie sorgfältig geheim. 

In Georgs Spiel war die Absperrung von der Realität, wie ich schon 
erwähnte, eine weitgehende. Auch Ritas Spiel zeigt im ersten Teil der 
Analyse, zur Zeit als die drohenden und strafenden Imagines vorherrschten, 
kaum eine Beziehung zur Realität. 

Betrachten wir nun die im späteren Teil der Analyse Ritas zutage 
tretende Beziehung zur Realität, die als typisch für die des neurotischen 
Kindes (u. zw. auch des nicht so kleinen) gelten kann. In diesen Spielen 
zeigt sich, im Gegensatz zur Einstellung des paranoischen Kindes, die 
Tendenz, von der Realität nur so weit Kenntnis zu nehmen, als sie mit 
den erlittenen und nicht verwundenen Versagungen in Beziehung steht. 

Ich will hier die in Georgs Spiel sich offenbarende, weitgehende Realitäts- 
absperrung zum Vergleich heranziehen. Sie ermöglichte ihm eine große 
Freiheit der Phantasien, die eben wegen ihrer Entfernung von der Realität, 
vom Schuldgefühl freigegeben wurden. In der Analyse erwies sich dann, 
daß jeder Schritt der Anpassung an die Realität mit der Auslösung starker 
Angstquantitäten verknüpft war und sich daran die stärkere Verdrängung 
von Phantasien schloß. Es war dann immer ein großer Fortschritt in der 
Analyse, wenn auch diese Verdrängungen wieder aufgehoben und die 
Phantasien auch in näherer Beziehung zur Realität frei wurden. 1 

Beim neurotischen Kinde kommt es zu einem Kompromiß. Die Realität 

i) Ein solcher Schub zeigte auch immer einen starken Fortschritt in der Sub- 
limierungsfähigkeit. Die vom Schuldgefülil freigegebenen Phantasien konnten nun 
auch in realitätsgerechterer Weise sublimiert werden. Ich will hier bemerken, daß 
die beim Erwachsenen durch die Analyse erreichbare Erhöhung der Sublimierungs- 
fähigkeit von den Resultaten der Kinderanalyse weit übertroffen wird. Auch beim 
ganz kleinen Kinde sehen wir immer wieder im Anschluß an die Auflösung von 
Schuldgefühl neue Sublimierungen einsetzen, vorhandene sich verstärken. 



Die Rollenbildung im Kinderspiel 



179 



wird in mehr oder minder stark eingeschränktem Maße anerkannt, im 
übrigen verleugnet. Zugleich erliegen die vom Schuldgefühl inhibierten 
Masturbationsphantasien weitgehender Verdrängung, die eine Grundlage für 
die so häufige Spiel- und Lernhemmung des neurotischen Kindes wird. 
Das Zwangssymptom, zu dem das neurotische Kind — zunächst im Spiel — 
seine Zuflucht nimmt, wird dem Kompromiß zwischen der weitgehenden 
Phantasiehemmung und der mangelhaften Realitätsbeziehung gerecht und 
gestattet noch Befriedigungsmöglichkeiten in eingeschränktester Form. 

Das Spiel des normalen Kindes zeigt den besseren Ausgleich zwischen 
seiner Phantasietätigkeit und der Realität. 

Ich fasse nun das im Kinderspiel bei den verschiedenen Krankheitstypen 
sich kundgebende Verhältnis zur Realität zusammen. In der Paraphrenie 
liegt die weitgehendste Verdrängung der Phantasietätigkeit und weitgehendste 
Absperrung von der Realität vor. Beim paranoischen Kinde ist die vor- 
handene Realitätsbeziehung der reichen Phantasietätigkeit untergeordnet, 
wodurch der Ausgleich zwischen beiden im irrealen Sinne verschoben 
ist. Während das neurotische Kind seine im Spiel dargestellten Erlebnisse 
unter dem Zwange seines Strafbedürfnisses und der Angst vor dem un- 
günstigen Ausgang gestaltet, findet das normale Kind bessere Wege der 
Realitätsbewältigung. Es zeigt uns im Spiel, daß es fähiger ist, die 
Realität seinen Phantasien gemäß zu gestalten und zu erleben. Es ist auch 
imstande, insoweit es die Realität nicht zu ändern vermag, sie besser zu 
ertragen, weil ihm aus der freieren Phantasietätigkeit ein Refugium vor 
ihr erwächst und weil auch die reichere Abfuhr der Masturbationsphantasien 
in ichgerechter Form (Spiel- und sonstige Sublimierungen) ihm vollere 
Befriedigungsmöglichkeiten gewährt. 

Überblicken wir nun das Verhältnis zur Realität in Beziehung zur 
Rollenbildung und Wunscherfüllung. Beim Spiel des normalen Kindes 
legen Rollenbildung und Wunscherfüllung Zeugnis ab von der stärkeren 
und anhaltenderen Wirksamkeit der von der genitalen Stufe ausgehenden 
Identifizierungen. Im gleichen Maße, wie sich die Imagines den realen 
Objekten annähern, tritt auch die — für den Normalen charakteristische 
— gute Realitätsbeziehung stärker hervor. Die Störungen (Psychose, schwere 
Zwangsneurose), für die die gestörte oder verschobene Beziehung zur Realität 
charakteristisch ist, sind zugleich die, bei denen der negative Charakter der 
Wunscherfüllung und das Hervortreten extrem grausamer Typenbildung im 
Rollenspiel vorliegt. Ich habe aus diesen Faktoren das Vorherrschen des 
den Frühstadien der Über-Ich-Bildung entstammenden Über-Ich nach- 
zuweisen versucht und ziehe nun aus meinen Ausführungen die Folgerung. 
In der Prävalenz des auf den frühesten Stufen der Ich- 



t8o Melanie Klein 



entwicklung introjizierten, angsterregenden Über-Ich 
sehe ich einen grundlegenden Faktor für die psycho- 
tischen Störunger. 

Ich habe hier besprochen, welche wichtige Funktion dem Mechanismus 
des Rollenspieles für das Kinderspiel zukommt, und möchte nun den An- 
teil dieses Mechanismus auch am Seelenleben des Erwachsenen hervor- 
heben. 

Für ein Phänomen von großer, allgemeiner Bedeutung, das insbesondere 
aber auch eine Vorbedingung der analytischen Arbeit ist, für die „Über- 
tragung" beim Kinde und beim Erwachsenen, hat der Mechanismus des 
Rollenspieles sich mir als grundlegend erwiesen. Im Verlaufe einer Spiel- 
analyse weist das Kind dem Analytiker, wenn seine Phantasie genügend 
frei wurde, die verschiedenartigsten und widersprechendsten Rollen zu. Es 
läßt mich z. B. die Rolle des Es übernehmen, weil in dieser projizierten Form 
die Phantasien mit geringerer Angstentbindung freiwerden. So ließ derselbe 
Knabe, für den ich die „Feenmutter", die den Penis des Vaters brachte, 
darstellte, mich wiederholt einen Knaben spielen, der sich in der Nacht in 
den Käfig der Löwenmutter schlich, sie überfiel, ihre Jungen stahl, tötete 
und aß. Er selbst war dann die Löwenmutter, die mich entdeckte und auf 
die grausamste Art tötete. Die Rollen wechseln entsprechend der analyti- 
schen Situation und den latenten Angstquantitäten. Zu einer späteren Zeit 
z. B. spielte der Knabe selbst den in den Löwenkäfig eindringenden Übel- 
täter und ließ mich die grausame Löwenmutter darstellen. In diesem 
Falle wurde aber die Lövvenmutter bald von einer hilfreichen Feen- 
mutter abgelöst, die ich auch darzustellen hatte. Zu dieser Zeit war die 
Darstellung des Es durch die eigene Person (die einen Fortschritt in der 
Analyse anzeigte) möglich, weil die Angst vermindert war, was sich auch 
darin ausdrückte daß auch eine Feenmutter auftrat. 

Die durch die Mechanismen der Zerlegung und Projektion erzielte Ab- 
schwächung, des Konfliktes — resp. Verlegung in die Außenwelt — wäre also 
ein grundlegender Antrieb für die Übertragung und ein Motor der analy- 
tischen Arbeit. Die größere Phantasietätigkeit, die reichere und positive 
Rollenbildung sind auch mit eine Voraussetzung für die größere Übertragungs- 
fähigkeit. Der Paranoiker besitzt wohl ein reiches Phantasieleben, aber die 
Tatsache, daß im Aufbau seines Über-Ichs, die grausamen, angsterregenden 
Identifizierungen überwiegen, wirkt sich dahin aus, daß seine Rollenbil- 
dungen vorwiegend negativ sind und sich auf die starren Typen des Ver- 
folgers und des Verfolgten reduzieren lassen. Beim Schizophrenen scheinen 
mir Rollenbildung und Übertragungsfähigkeit nebst an anderen Faktoren auch 
an der mangelhaften Funktion des Projektionsmechanismus zu scheitern. 



Die Rollenbildung im Kinderspiel 



181 



wodurch auch die Herstellung, vielm. Aufrechterhaltung der Beziehung zur 
Realität und zur Umwelt gestört wird. 

Aus der Feststellung, daß der Übertragung der Mechanismus des Rollen- 
spieles zugrunde liegt, ergibt sich mir auch ein Hinweis auf die Technik. 
Ich habe früher den oft sehr schnellen Wechsel vom „Feind" zum „Hel- 
fer", von der „bösen" zur „guten" Mutter erwähnt. Beim Rollenspiel 
können wir diesen Wechsel immer wieder im Anschluß an die zufolge 
der Deutung einsetzende Auflösung von Angstquantitäten beobachten. In- 
dem aber der Analytiker die sich aus der Spielsituation ergebenden feind- 
lichen Rollen übernimmt und so der Analyse unterzieht, schreitet die Ent- 
wicklung der angsterregenden Imagines zu den der Realität näheren, güti- 
geren Identifizierungen stetig vor. Um es in anderen Worten auszudrücken: 
Ein Hauptziel der Analyse, der schrittweise Abbau der Überstrenge des 
Über-Ich, wird in der Spielanalyse erreicht, indem der Analytiker die ihm 
aus der analytischen Situation zufallenden Rollen übernimmt. Diese Fest- 
stellung drückt nur aus, was wir als eine für die Erwachsenenanalyse gül- 
tige Forderung kennen, daß nämlich der Analytiker nur ein Medium zu 
sein habe, an dem sich die Aktivierung der verschiedenen Imagines und 
damit das Durchleben der Phantasien abspielen können, um so der Analyse 
unterzogen zu werden. Bei der direkten Zuerteilung von Rollen im Spiel 
seitens des Kindes ist dem Kinderanalytiker auch seine Aufgabe deutlich 
vorgezeichnet: Er wird selbstverständlich im Spiel die ihm zugedachten 
Rollen übernehmen, oder andeuten. 1 da er sonst den Gang der analytischen 
Arbeit stören würde. Aber nur in gewissen Phasen der Kinderanalyse, und 
auch da keineswegs durchgehends, kommt es zum Rollenspiel in dieser 
offenen Form. Weit öfter haben wir auch beim Kinde die Einzelheiten 
der uns zugedachten feindlichen Rolle, die uns der Patient durch die 
negative Übertragung andeutet, aus der analytischen Situation und dem 
Material zu erschließen. Was aber für das Rollenspiel in seiner ausge- 
sprochenen Form gilt, hat sich mir auch für die verkleideteren und un- 
deutlicheren Formen des der Übertragung zugrunde liegenden Rollenspieles 
als unerläßliche Forderung erwiesen. Der Analytiker, der zu den frühesten, 
angsterregenden Imagines vordringen, d. h. die Strenge des Über-Ich an 
der Wurzel abbauen will, darf keine Rolle bevorzugen; er muß die ihm 
aus der analytischen Situation erwachsende übernehmen. 

Ich habe nun noch zum Schlüsse einige Bemerkungen zur Therapie zu 
machen. In dieser Arbeit habe ich u. a. den Nachweis versucht, daß von dem 
auf einer sehr frühen Stufe der Ichentwicklung introjizierten Über-Ich 

1) Bei zu schwer durchführbaren, unannehmbaren Aufträgen des Kindes bez. der 
zu spielenden Rolle einige ich mich mit ihm dahin, daß ich so „tue als ob". 



182 



Melanie Klein 



der stärkste Angstdruck ausgeht und die Vorherrschaft dieser angsterregen- 
den Imagines für die Über-Ich-Bildung ein grundlegender Faktor für die 
Genese der Psychose ist. Ich gewann auf Grund meiner Erfahrungen die 
Gewißheit, daß mit Hilfe der Spieltechnik beim kleinen und größeren Kinde 
die Analyse der Frühstadien der Über-Ich-Bildung durchführbar ist. Die durch 
die Analyse dieser Schichten erfolgende Verminderung der tiefsten und über- 
wältigendsten Angst vermag den Weg zur Entwicklung der von der oral 
saugenden Stufe ausgehenden gütigeren Imagines und damit zur Erreichung 
des Genitalprimates für die Sexualität und die Über-Ich-Bildung freizulegen. 
Damit aber eröffnen sich für die Möglichkeit der Diagnose 1 und für die 
Heilung der Psychose im Kindesalter günstige Aussichten. 



l) Die Psychose des Kindes zeigt nur in den extremsten Fällen den gleichen 
Charakter wie die Psychose des Erwachsenen. In den weniger extremen Fällen ist 
sie meist nur durch eine längere tiefführende Analyse aufzudecken. 



Genitale und extragenitale Libido 

Von 

I. Sadger 

Wien 

Was das Geschlechtsleben aller Tiere von dem des Menschen grund- 
legend unterscheidet, ist, daß jenes ausschließlich der Fortpflanzung dient, 
dies aber vornehmlich dem Lustgewinn und der Sublimierung. Während 
bei den Tieren der Sexualtrieb wesentlich zur Brunstzeit auftritt und dann 
fast stets zur Befruchtung führt, kann ihn beim Menschen nur pharisäische 
Heuchelei mit dem Trieb nach Fortpflanzung identifizieren. Es genügt der 
Hinweis, wie selten die Geschlechter sich mit dem Vorsatz vereinen, ein 
Kind zu zeugen, ja, daß man in den meisten Fällen diese unerwünschte 
Möglichkeit mit allen Kniffen und Vorsichten zu hintertreiben trachtet. 
Bestimmend ist da fast einzig das Streben nach Vergnügen. Das geschlechtliche 
Empfinden beginnt auch nicht erst in der Pubertät, sondern schon in der 
Kindheit, und hört auch im höheren Alter nicht auf, selbst wenn die 
Fähigkeit, Samen zu erzeugen oder Gliedsteifung, längst schon geschwunden. 
Endlich ist auch der Sexualakt selber gar nicht mehr an die Brunstzeit 
gebunden, sondern kann jederzeit ausgeübt werden. Und zwar nicht bloß 
darum, weil sich der Mensch im allgemeinen durch technischen Fortschritt 
von der Nahrungssorge freigemacht hat, sondern, was noch wichtiger, weil 
sein Geschlechtstrieb viel stärker, differenzierter und vielfältiger ist als 
bei irgendeinem Tiere. Man kann sogar sagen : er ist beim Kulturmenschen 
der Gegenwart ganz unersättlich geworden und zu immer neuer Befriedigung 
drängend. Er spannt die sämtlichen Geisteskräfte in den Dienst der Libido, 
und, da er um so viel komplizierter ist als bei den Tieren, hebt er stets wieder 
von neuem an, in wechselnder Form und mit Verdichtung aller Be- 
friedigungsmöglichkeiten. 

Für die folgenden Betrachtungen dünkt mich ersprießlich, das sinnliche 
Verlangen, i. e. die Libido, einzuteilen in die genitale und extragenitale 
Was ich oben von der Unersättlichkeit der menschlichen Libido ausführte, 
gilt minder von der an die eigentlichen Geschlechtsteile gebundenen als von 



184 



I. Sadger 



der extragenitalen. Jene hat einen viermaligen Ansatz zu verzeichnen: in 
der Säuglingszeit, der ersten sexuellen Blüte zwischen dem dritten und 
sechsten Lebensjahre, dann um das achte Jahr herum und endlich in der 
Zeit des Reifens. Diese hingegen ist fast vom Augenblick der Geburt 
an lebendig — gibt es doch Kinder, die ludelnd geboren werden — 
und endet bei manchen überhaupt erst mit dem Tode, trotzdem die 
Potenz, d. h. die Leistungsfähigkeit der Geschlechtsorgane, längst schon 
erstorben ist. 

Die genitale Libido ist durch den Sexualakt jeweils völlig und restlos 
zu sättigen. Das gibt eine Ähnlichkeit mit den Ichtrieben, welche, wie 
Hunger und Durst, durch spezifische Befriedigung, Speise und Trank, für 
einige Zeit stets absolut in Schlummer zu wiegen sind. Versagt man sich 
aber durch längere Zeit den normalen Beischlaf, dann kann es zu recht 
argen Störungen der geistigen Arbeitsfähigkeit kommen. So erzählt Wilhelm 
O s t w a 1 d, eines Tages sei ihm aufgefallen, daß er nicht mehr wissen- 
schaftlich forschen könne. Und als er den Gründen dieser Erscheinung 
nachging, kam er darauf, ihm liege beständig eine Schülerin im Sinne. 
Es blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als diese zu freien, um 
wieder seinen Arbeiten obliegen zu können. Anderseits setzt das eine 
Zeitlang so beliebte „Sichausleben" zwar volle subjektive Befriedigung, 
führt aber nicht selten zum Aufhören jeglicher Sublimierung und damit 
auch zu geistigem Stillstand. Glänzend wird dies durch das Beispiel der 
Negerkinder bestätigt. Vor der Pubertät sind diese geistig mindestens 
ebenso regsam wie die Kinder der Weißen. Nachher jedoch verkümmern 
sie gewöhnlich intellektuell, weil sie forlab genital überhaupt keine 
Hemmung mehr kennen. Sobald die Libido jedoch vollkommen gesättigt 
wird, hört jeglicher Drang zur Sublimierung auf. Die Alltagsbeobachtung 
lehrt uns ferner, daß, wenn Kinder und Jugendliche anhallend zu 
masturbieren beginnen, ihre geistige Aufnahmsfähig- und Erziehbarkeit 
darunter arg leiden. Überblickt man solche und ähnliche Erfahrungen, 
dann begreift man die Forderung nach sexueller Askese. Sie hat, mit 
klugem Bedacht geübt, gewiß ihre Vorteile — wofern sie bloß gut 
ertragen wird. Jeder mag bemüht sein, soweit genital enthaltsam zu leben 
und damit Kräfte für die Sublimierung freizubekommen, als seine Natur 
noch eben gestattet. Nur wer moralischer leben möchte, als seine Konstitution 
erlaubt, wird neurotisch erkranken. In jedem Einzelfall das Optimum zu 
finden, weder die Abstinenz noch die genitalen Notwendigkeiten zu über- 
treiben, ist eine der allerwichtigsten Aufgaben jedwedes Menschen. 

Im Gegensatz zur genitalen Komponente sind die extragenitalen auch 
nur zeitweilig kaum je voll zu sättigen. Sie sind es, welche die Uner- 



Genitale und extragenitale Libido 



185 



sättlichkeit des menschlichen Geschlechtstriebes bedingen 1 und damit zur 
Veredelung, zur Sublimierung drängen, in weiterer Folge zu jeder Kultur. 
Weder der genitale Sexualtrieb noch selbst unterschiedliche von den Ich- 
trieben dienen dem menschlichen Fortschritt so sehr als die extragenitalen 
Teiltriebe. Denn sogar die ärgste äußere Not jagt den Menschen nicht so 
mächtig vorwärts als das innere Bedürfnis, die fast lebenslang unablässig 
fließenden Reize, sagen wir der Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik zu 
ersättigen. Drum kann man behaupten: der wahre und hauptsächlichste 
Kulturträger sind die extragenitalen Teile des Geschlechtstriebes, 2 während 
der genitale von der Natur mehr zur Arterhaltung ausersehen ist. Auf 
den Mann, der bloß oder sagen wir vorwaltend dem Phallusdienst obliegt, 
ward der Satz geprägt: „Er lebte, nahm ein Weib und starb", d. h. mit 
der Fortpflanzung ist der Lebenszweck des Herdenmenschen so gut wie 
erschöpft. 

Hingegen scheint das Zusammenwirken von genitaler, aber noch gut 
sublimierter, und von extragenitaler Libido, wie es der Reifezeit des 
Menschen eignet, meist einen Stich ins Genitale zu setzen, zumindest in 
intellektuellen Kreisen. Und manche erleben nach Goethes schönem 
Wort „eine wiederholte Pubertät" mit allem Segen, der daran haftet. 
Sehr treffend beleuchtet jene Verhältnisse ein Wort von Nestroy: Er 
möchte doch wissen, wohin all die gescheiten Schusterbuben kämen, denn 
die Schustermeister seien alle Trotteln. Bei jenen wirken noch beide 
Formen der Libido einträchtig zusammen, während die Meister ohne 
Sublimierung nur der genitalen Befriedigung frönen und damit zu 
Banausen herabsinken. 

Trotzdem soll man die Kulturbedeutung auch des Genitaltriebes nicht 
ganz unterschätzen. In der noch möglichen Askese, d. h. soweit sie gut 
und schadlos vertragen wird, haben wir eine immerhin wertvolle Unter- 
stützung für geistiges Fortschreiten. Und menschliche Höchstleistung scheint 
vielfach dort erzielt worden zu sein, wo ein verhältnismäßig schwacher 
Genitaltrieb, so schwach, daß er nie oder doch nur höchst selten un- 
widerstehlich nach Betätigung drängte — wie bei Lionardo da Vinci, 

1) Wenn der genitale Teiltrieb einmal unersättlich wird, wie bei der Satyriasis 
und Nymphomanie oder selbst bei der exzessiven Masturbation, so ist dies als Krankheit, 
nicht als Fortschritt zu werten, was auch die Befallenen selber empfinden. 

2) Vgl. hiezu meine Studie: Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik, Jahrb. f. psycho- 
analytische und psychopathologische Forschungen. 3. Band, 2. Hälfte, bes. S. 545 f. 
Das beste Beispiel für Sättigimg der genitalen und Unersättlichkeit der extragenitalen 
Triebe geben verschiedene Perversionen. Wenn ein Sadist, Voyeur oder Exhibitionist 
sich viele Stunden lang aufgeregt hat und am liebsten gar nicht aufhören möchte, 
wird er zuletzt noch den Beischlaf oder die Onanie anfügen, um endlich einmal 
Schluß zu machen. 



186 



I. Sadger 



Michel Angelo und Menzel, Newton und Kant — mit einem 
Maximum extragenitaler Sexualtriebe in eins zusammenfloß. Da wirkte 
alsdann die nicht direkt verwendete Genitallibido als unterirdisches, 
ewig neu anheizendes Feuer und erzeugte eine beinahe lebenslängliche 
Jugend. Auch bei einer der aller/wichtigsten Aufgaben des menschlichen 
Geschlechtstriebes, der Erotisierung unserer Ichtriebe, daß man etwa im 
lustvoll betriebenen Berufe ein gut Teil seiner Libido ausleben kann, 
spielt die genitale, noch aber sublimierbare Sexualität eine bedeutsame 
Rolle. Besonders scheint dies für die Jahre der absinkenden Geschlechts- 
kraft Geltung zu haben. Durch jene libidinöse Infizierung werden Ichtriebe 
nicht bloß ganz außerordentlich verstärkt, sondern ihnen auch eine Wendung 
gegeben zu Nutzen und Förderung der Allgemeinheit. So wird, was ur- 
sprünglich nur der Selbstsucht diente, allmählich altruistisch und damit 
kulturell höchst wertvoll. 1 

Ein Zusammenwirken von genitaler und extragenitaler Libido findet 
auch, besonders statt bei der Konstituierung dessen, was wir als „Liebe" 
zu bezeichnen gewohnt sind. Da möchte ich vorerst den Grundsatz auf- 
stellen: wahrhaft lieben kann man bloß in den ersten fünf Lebensjahren! 
Was immer später als Liebe imponiert, das Verlangen der Pubertät, die 
glühende Verliebtheit reiferer Menschen, ist nur Wiederholung jener Urliebe 
der zartesten Kindheit. Zu dieser Zeit kann erfahrungsgemäß das Kind 
jeden Menschen ohne Ansehung des Geschlechtes oder Alters wirklich 
„lieben", sofern dieser bloß seine genitale oder extragenitale Libido oder 
beide zusammen mächtig reizt. In erster Linie also Mutter oder Amme, 
dann ferner überhaupt alle Pflegepersonen, von jenen angefangen, die 
seine gesamte Wartung übernehmen, bis zu andern hinab, die bloß 
gelegentlich bei natürlichen Verrichtungen Beistand leisten und, wenn 
auch völlig unabsichtlich, da geschlechtlich reizen. Endlich den Vater, 
der mit dem Kleinen besonders im Bette liebreich spielt, sowie die 
Kameraden beiderlei Geschlechtes, die mindest seine Schaulust und Muskel- 
erotik immer wieder anregen. 

Ich muß noch einmal auf die Unstillbarkeit des Geschlechtstriebes 
zurückkommen. Wenn ich diese oben vornehmlich bei den extragenitalen 
Komponenten fand, so muß ich dies nunmehr ein wenig einengen. Auch 
die genitale Libido aller Kulturmenschen ist in einem Punkt nicht zu 
sättigen, weil die Inzestschranke da Halt gebietet. Bekanntlich sind ja die 
Erstgeliebten jedwedes Menschen die eigenen Eltern. Hier zwingt nun 

l) Man wähne nicht, daß ich zu sehr den teleologischen Gesichtspunkt im 
Auge habe. Es sieht nur so aus, weil die Entwicklung, die Evolution, tatsächlich beim 
Menschen die im Texte dargestellten Verhältnisse herbeigeführt hat. 



Genitale und extragenitale Libido 



187 



die Ethik, durch Kastrationsangst entscheidend unterstützt, zu dauerndem, 
lebenslangen Verzichte. Man muß sich da immer mit einem bloßen Ersätze 
begnügen, etwa statt der Mutter, die man eigentlich begehrt, ein mutter- 
ähnliches Weib erküren. Dies setzt dann natürlich eine, wenn auch völlig 
unbewußte Unbefriedigtheit für alle Zeiten mit den wohltätigen Sublimierungs- 
folgen, die wir schon kennen. 1 Ein wenig erfreuliches Extrem sind die 
Don-Juan-, Casanova- und Messalinen-Naturen. Diese Menschen laufen ihr 
Leben lang dem andersgeschlechtlichen Elternteil nach, ohne daß ihnen 
eine Sublimierung möglich wäre. Wohl aber findet eine solche statt, u. zw. nicht 
selten in erheblichem Maße, bei einer anderen Gruppe von dauernd an 
die Mutter Fixierten : den Invertierten. 

Bekanntlich machen fast alle Menschen in der Pubertät eine homo- 
sexuelle Periode durch. Die Jünglinge schwärmen für „wahre" Freund- 
schaft, Backfische für ihr Kränzchenschwestern, und gar nicht selten dauern 
solche Freundschaften mit ihrem unvermeidlichen sexuellen Einschlag 
lebenslang fort. Diese Epoche der sozusagen „natürlichen" Inversion hat 
große kulturelle und soziale Bedeutung. Dient sie doch auf der einen Seite 
der notwendigen Ablösung von den Eltern, auf der anderen wichtigen 
geistigen Zwecken. „Wenn die Menschen reif zur Liebe werden", erwacht 
in ihnen zunächst das Verlangen nach dem allerersten Sexualobjekte, dem 
andersgeschlechtlichen Elternteile. Diesen sinnlich zu begehren, ver- 
hindert jedoch das Inzestverbot. Und wieder auf andere Objekte zu über- 
tragen, ist zumal dem schüchternen, unbeholfenen Jüngling der sogenannten 
besseren Kreise oft schwer erreichbar, weil er bei gleichaltrigen wie älteren 
Mädchen meist nur geringen Anwert findet. Da bietet sich als ein rettender 
Ausweg die Inversion, die durchaus liebegetränkte Freundschaft zum 
eigenen Geschlechte. Weil aber bei dieser naturgemäß wichtige Sexual- 
bedürfnisse ungesättigt bleiben, sublimiert man reichlich auf Kunst und 
Wissenschaft und soziales Empfinden. Wenn aber ein Jüngling sozusagen 
„Glück hat", frühzeitig bei Frauen Gegenliebe erntet oder gar ein volles 
genitales Genießen, der Backfisch andererseits vielfach umworben wird, 
dann bleibt die Sublimierung recht oberflächlich und kümmerlich. Am 
ärgsten ist es, wenn einer in der Blüte seines Lebens nicht einmal einen 
Freund gewonnen hat. Dann läuft er Gefahr, überhaupt die Fähigkeit 
zur Sublimierung einzubüßen und ganz interesselos dahinzuleben, höchstens 

1) Ob einer der Gründe, die zur Aufrichtung der Inzestschranke führten, nicht 
auch das Bedürfnis nach Sublimierung war? Wie die Religionen vieler Völker be- 
weisen, sogar noch die Mythologie der Griechen, blieb der Inzest den Göttern vor- 
behalten oder, wie bei Ägyptern und Alt-Peruanern, den Beherrschern des Landes, 
Pharaonen und Inkas, die in ihrer gottähnlichen Vollkommenheit einer Sublimierung 
nicht mehr bedurften. 



I. Sadger 



noch seinen Beruf erfüllend. Wie da die PsA. aufdecken kann, hängt ein 
solcher stets unlöslich an der Mutter, und da er das Begehren nach ihr 
von seinen bewußten Wünschen absperren, die Libido ganz auf das eigene 
Ich einschränken muß, verliert er leicht überhaupt das Interesse an der 
Außenwelt. Man sieht, wie nötig die geistige Homosexualität ist, soll mit 
dem Bade nicht auch das Kind selber ausgeschüttet werden. 

Noch eine Beziehung verdient Besprechung : die zum Narzißmus, zur 
Selbstliebe. Ich habe die Tatsache aufdecken können, daß die Inversion 
stets über die Liebe zum eigenen Ich geht. Nun ist der Narzißmus in der 
menschlichen Sexualentwicklung so ziemlich der einzige ruhende Pol und 
läßt sich, sagen wir, vom Ende des ersten Jahres bis zum Tode verfolgen. 
Ursprünglich bedeutet er die Zusammenfassung sämtlicher Autoerotik zu 
einer Einheit. Doch besteht er nicht bloß in jener vorphallischen Zeit, 
sondern ebensosehr in der sexuellen Blüte zwischen drittem und sechstem 
Jahr, ferner in der Latenz- und Beifezeit und schließlich auch im ganzen 
weiteren Leben als libidinöser Zuschuß zur gemeinen Selbstsucht. 

Im Grunde stehen Objekt- und Selbstliebe in stetem Wetteifer mit- 
einander vom ersten Tage des Daseins ab. Die früheste Objektfindung und 
-liebe gilt der mütterlichen Mamma, 1 in geringerem Maße dem Saugende 
der Milchflasche. Gleichzeitig erlebt der Säugling zu wiederholten Malen 
täglich Exkrementall ust und, wenn er, ausgepackt, lebhaft strampelt, auch 
Selbstbefriedigung seiner Muskelerotik. Bei der weiteren Kleinkinderpflege 
wird dann regelmäßig und nebeneinander seine Haut- und Schleimhaut- 
erotik, sowie die genitale Sinnlichkeit gereizt. All jene Menschen, die seine 
gesamte Sexualität oder mindestens seine genitale derart befriedigen, lernt 
das Kind auch „lieben", was sich in der Folge darin verrät, daß auch 
der Erwachsene sich immer bloß Liebesobjekte wählt, welche mindestens 
diesen oder jenen Zug mit den ursprünglichen Wartepersonen teilen. 
Die extragenitale, vornehmlich an die Haut, gewisse Schleimhäute und die 
Muskulatur gebundene Erotik führt in ihrer Zusammenfassung früh zum 
Narzißmus, während die genitale Sexualität notwendig zur Objektliebe 
leitet, weil sie ein Du, ein zweites Objekt zur Voraussetzung hat. Stellt 
sich doch selbst der einsam Masturbierende mindest ursprünglich ein 
Phantasiewesen vor, mit dem er allerlei Geschlechtliches begeht, obgleich 
er sich äußerlich scheinbar bloß autoerotisch gehabt. Das Wörtchen „Liebe" 
bezeichnet anfänglich nur die Neigung zum andern und ward erst 
später und uneigentlich auf die Selbstliebe übertragen. Zu beachten ist 

l) Vom fünften, sechsten Monat ab benützen nach Friedjung viele länger gestillte 
Kinder die Brust nicht bloß als Nahrungsquelle, sondern auch sichtlich als Born der 
Beriihrungslust. 



Genitale und extragenitale Libido 



189 



endlich, daß auch die übrigen extragenitalen Komponenten, wie Schau-, 
Riechlust und lüsterne Grausamkeit, ein Objekt voraussetzen und damit 
zu wichtigen Hilfsmitteln der Liebe werden. 

Zum Schlüsse noch etwas über die soziale und religiöse Wertung 
der genitalen wie extragenitalen Libido. Gesellschaftlich wird vom Manne 
gefordert, daß er Kinder zeuge, vom Weibe, daß es diese aufziehe. Darum 
hat jener die genitale, diese die extragenitale Libido zu möglichster 
Vollendung gebracht. Die Liebe des Mannes ist in der Regel auf das Weib, 
die des Weibes auf das Kind gerichtet. Im allgemeinen pflegt es einen 
Mann kühl zu lassen, wenn Kindersegen ausbleibt; die Ehefrau aber wird 
in einem solchen Falle meist unglücklich, setzt Himmel und Hölle in 
Bewegung, läuft von einem Gynäkologen zum anderen und scheut selbst 
Operationen nicht, um nur eine Konzeption zu erzielen. In der Kinder- 
pflege findet eine richtige Mutter ein volles, restloses und vorwurfsfreies 
Glück. Ich kenne eine schwer hysterische Großmama, die mit jedem Enkel- 
kinde gesünder wurde, in jedem eine neue Lebenssonne fand, weil die 
Mutter der Kinder durch schwere Berufspflicht an der Wartung derselben 
größtenteils verhindert war und die Großmama in ihrem Alter neuerlich 
Mutter spielen durfte. 

Was ich vorstehend ausgeführt habe, gilt bloß für den Durchschnitt. 
Doch gibt es, wie die Erfahrung lehrt, auch Männer, die außerordentlich 
kinderliebend sind, ja Kindernarren, und diese fühlen sich in der Ehe 
selbstredend unglücklich, wenn ihnen keine Nachkommenschaft beschert 
ist. Andererseits fehlt es auch nicht an Frauen, die von einem Kinde 
nichts wissen wollen und, wenn sie trotzdem in die Hoffnung kommen, 
eine stete Hyperemesis produzieren oder sonstige schwere Allgemein- 
symptome, bis sie es durchsetzen, daß ein Abortus eingeleitet wird, „um 
das Leben der Mutter zu erhalten". 

Es gibt keine Liebe, die nicht zumindest 95 Prozent Sexualität 
enthielte. Dies gilt auch für die Empfindungen der Eltern für ihre Spröß- 
linge und vice versa." Ein Kind liebt seine Mutter und diese wieder jenes 
nur insolange, als beide durch Reizung ihrer Haut-, Schleimhaut- und 
Muskelerotik noch auf ihre Rechnung kommen. Der letzte Rest, der sich 
zeitlebens erhalten kann, ist Kuß- und Umarmung. Späterhin, wenn mit 
dem zunehmenden Alter des Kindes jene Reizungen wegfallen, wird aus 
der Liebe dann Zärtlichkeit und zuletzt bei den Nachkommen Pietät, kurz 

1) Unsere deutsche Denkersprache gebraucht die Bezeichnung „Liebe" nicht 
minder für (Mutter-) und Kindesliebe, als für die Neigung des Jünglings zum 
Mädchen; sie weiß also sehr wohl, daß beide Empfindungen im Kerne identisch, 
daß beide nicht frei von Sinnlichkeit sind. 



190 



I. Sadger 



solche Gefühle, bei denen die Sinnlichkeit ausgeschlossen scheint. Diese 
letzten, äußersten Umwandlungsprodukte kommen ausschließlich dem 
Menschen zu, denn beim Tiere kümmert sich die Mutter um das Junge 
nur insolange, als dieses seiner notwendig bedarf. Dann wird es gleich- 
gültig gegenüber dem Jungen, ja, später kommt es bisweilen dazu, daß der 
Sohn seine eigene Mutter belegt, als wäre sie eine fremde Artgenossin. 
Es läßt sich sogar die Behauptung wagen, jene Zärtlichkeit oder Pietät, 
die sich ausschließlich beim Menschen entwickelt hat, sei gewissermaßen 
ein Ersatz für die dann lediglich bei diesem aufgerichtete Inzestschranke. 
Je länger ein Junges der mütterlichen Pflege bedarf, desto inniger wird 
das Verhältnis zwischen beiden. Das sieht man schon bei Tieren, und 
jenes Junge, welches am längsten die mütterliche Hilfe benötigt, ist 
eben das Menschenkind. Sehr häufig werden gerade verkrüppelte oder 
sonstwie arg mißratene Sprößlinge, die also der Wartung am meisten be- 
dürfen, mit unvergleichlicher Liebe gepflegt. Denn da kann die Mutter 
ihrer eigenen extragenitalen Erotik am längsten frönen. 

Es ist sehr lehrreich, daß vornehmlich unter dem Einfluß des 
Christentums der Begriff des Geschlechtlichen fast dem des Unsittlichen 
gleichgesetzt wurde. Die Sexualität wird höchstens geduldet, weil sie nun 
einmal bei der Fortpflanzung nicht zu umgehen ist. Doch wer in anderer 
Beziehung von ihr auch bloß zu reden wagt, läuft stets Gefahr, als un- 
moralisch geächtet zu werden. Woher dies sonderbare Verhalten, das so 
grell absticht von jenem der sinnesfrohen Griechen, Römer und Kultur- 
völker des Orients? Mich dünkt das um so verwunderlicher, als ja unsere 
ganze, gesamte Kultur, einschließlich Kunst, Religion und Wissenschaft, 
nichts anderes darstellt, als eine vergeistigte Sexualität und wir vermutlich 
ohne den also mißachteten Geschlechtstrieb nie zu sittlichen Vorstellungen 
gekommen wären. Woher dann das Dogma, daß alles Geschlechtliche von 
vornherein unmoralisch sei? 

Stellen wir zunächst einmal fest, daß diese Ächtung vornehmlich dem 
genitalen Sexualtrieb gilt, d. h. demjenigen, der allgemein als „Geschlechts- 
trieb angesprochen wird, kaum aber den autoerotischen Teiltrieben. Und 
im Genitalen steht wieder im Mittelpunkt, wenn auch in der Regel ganz 
unbewußt, die Furcht vor der Blutschande und dem Ödipuskomplexe. Die 
Menschen haben, mindestens unbewußt, ein starkes Empfinden, wie schwer 
die Inzestschranke aufrecht zu halten ist. Drum ward schon vom Ur- 
menschen und lange vor jeder offenbarten Religion die Kastrationsdrohung 
herangezogen, um den Untergang des Ödipuskomplexes zu erzwingen. Als 
aber die Kulturreligionen auftauchten, ward, was zur Gesittung notwendig 
erschien, als Gebot der Gottheit unter Sanktion gestellt. Daß der Kampf 



Cenitale und extragenitale Libido 



191 



noch heute nicht völlig beendet, beweisen die Phantasien sämtlicher 
Menschen, sowie die nicht so seltenen reellen Durchbrüche der Inzest- 
schranke sogar im zivilisierten Europa. 

Nun zur Rolle des Urchristentums in diesem Kampfe. Es war, wie be- 
kannt, eine mächtige Reaktion gegen das sinnenfrohe Heidentum und 
trieb die Askese und Sublimierung auf die Spitze. Gebot es ja doch, auch 
die Feinde zu lieben, das Weib als Gefäß der Sünde zu betrachten, sich 
der Sinnlichkeit möglichst zu enthalten, am besten sie völlig zu unter- 
drücken. Was es so mühsam und bei der menschlichen Unzulänglichkeit 
doch immer nur unvollkommen durchgesetzt hatte, das fürchtete man 
jetzt auf der anderen Seite durch die Lehren Freuds von neuem bedroht. 
Man trug Besorgnis, der Bestie Sexualität die Fesseln auch bloß ein wenig 
zu lockern, sie könnte sonst leicht die ganze Sittlichkeit verschlingen. Und 
vergaß darüber, daß die PsA. nichts weniger als ein Freibrief für Aus- 
schweifungen ist, sondern ganz im Gegenteil unsere Geschlechtstriebe 
tunlichst zu sublimieren trachtet, ob freilich auch nur in den möglichen 
Grenzen. Sie weist dem Geschlechtlichen bloß wieder die gebührende 
Rolle zu, betont aber stets, daß dies nicht schrankenloses Sichausleben 
heißt, vielmehr Veredelung und Höherzüchtung. Dies Ziel will sie aber 
nicht durch genitale Askese gewinnen, die den meisten Menschen doch 
unerreichbar ist, sondern durch Förderung und Sublimierung der extra- 
genitalen Libido. 



Zur Ökonomie und Zukunft des Über-Ichs 

Von 

M. D. Eder 

London 

Bei der Analyse unserer Patienten sind wir dahin gelangt, den unbe- 
wußten Teil des Über-Ichs, das Verlangen nach Strafe, als den verantwort- 
lichsten Faktor für die Verdrängung und für den Widerstand zu betrachten; 
schließlich auch als Haupthindernis der Herstellung des Patienten oder 
seiner Anpassung oder Wiederanpassung an das Leben. Es verdichtet sich der 
Eindruck, daß das Individuum nicht in das Kompromiß eines neurotischen 
Charakters oder neurotischer Symptome gezwungen worden wäre, wenn 
die Es-Antriebe durch etwas weniger Starres, weniger Strenges, Anpassungs- 
fähigeres und doch weniger Phantastisches als das Über-Ich hätten kon- 
trolliert werden können. Diesem Kompromiß gelingt es gewöhnlich, das 
Schlechteste von beiden Seiten zu bekommen, d. h. weder die Trieb- 
wünsche zu befriedigen noch die ihnen widerstrebenden Ansprüche auf 
eine moralische Selbsthilfe des gequälten Patienten, der ein ewiger Spiel- 
ball zwischen Ormuzd und Ahriman bleibt, wie sich ein Patient selbst 
mir gegenüber bezeichnet hat. 

Die genaue Entstehung des Über-Ichs ist mit der uns jetzt beschäftigen- 
den Frage nicht eng verbunden. Es wird genügen, auf die Auffassung 
seines Aufbaues, die von Ernest Jones 1 weitergeführt wurde, hinzuweisen, 
daß nämlich die harten und engherzigen Seiten des Über-Ichs von einer 
Verschmelzung der libidinösen und der Ichtriebe herrühren. „Ein Teil des 
Hasses schmilzt mit den Libidoimpulsen zusammen und verstärkt dabei 
ihren sadistischen Charakter." (A. a. O., S. 260.) Jones vermutet, daß 
„möglicherweise das Geheimnis der Desexualisierung der Libidoimpulse, 
vielleicht auch deren vorhergehende Regression auf die anal-sadistische 
Stufe, in dem Einfluß der Haßimpulse (Ichtriebe im allgemeinen) auf sie 
gefunden werden wird" (S. 259). 

Im Ringen mit seelischen Funktionen, deren Strenge nicht oder 

1) Der Ursprung und Aufbau des Über-Ichs. Diese Zeitschr., Bd. XII, 1926. 



Zur Ökonomie und Zukunft des Über-Ichs 



193 



wenigstens nicht völlig von den Schwierigkeiten herrührt, welche die 
äußere Welt, die Realität, uns auferlegt, sondern die phylogenetische und 
ontogenetische Schöpfungen menschlicher Anstrengungen und menschlicher 
Schwächen sind, nimmt es kaum wunder, daß Analytiker von dem Ver- 
schwinden der Kontrolle des Über-Ichs über das Es und von der Über- 
nahme dieser Kontrolle durch das Ich eine hoffnungsvollere Linie des 
Fortschrittes für das Individuum und sogar für die Rasse erwarten. 

Das erscheint uns zuerst sehr anziehend. Die Regulierung der Es- 
forderungen (Ich- oder libidinöse Impulse) wird nicht durch einen Moral- 
kodex oder durch eine vererbte und von einer fernen Vergangenheit 
überlieferte Einrichtung geübt, die von dem Kind und der neuen Genera- 
tion, ohne Rücksicht darauf, ob sie gegenwärtig angemessen oder unan- 
gemessen ist, aufgenommen wird. Nein, die Forderungen der Realität und 
das allmählich stärker werdende Ich werden genügend wirksame Lenker 
übermäßiger und überlästiger Esforderungen sein, die das Ich in aktuelle 
oder zukünftige Gefahr bringen könnten. Das Ich würde lernen, daß es 
sich nicht lohnt, zu betrügen, andere zu unterjochen und zu morden; das 
Individuum wird ein soziales Wesen nicht durch Verdrängung oder Unter- 
drückung, sondern durch eine allmählich wachsende Vorstellung von der 
Realität. Du sollst nicht töten!, — nicht weil der Herr, dein Gott, es so 
befohlen hat, sondern damit du durch das Töten nicht deinerseits getötet 
werdest ! 

Die Existenz des Über-Ichs ist nicht nur in der Analyse unserer 
Patienten zu erweisen. Viele ihrer wertvollsten Einrichtungen verdankt die 
Menschheit dieser seelischen Bildung. Das Problem ist, ob wir die geschicht- 
liche Rolle, die das Über-Ich in der Geschichte der Menschheit und in 
der Geschichte des Individuums gespielt hat, anerkennen und dann, falls 
wir der analytischen Verurteilung zustimmen: Worin besteht dennoch 
sein bleibender Wert? Die Umgebung des Menschen ist beständig beträcht- 
lichen Veränderungen unterworfen, Veränderungen, die zum größeren Teil 
von den Menschen selbst geschaffen werden. Diese Veränderungen ver- 
langen beständig erneute Anpassungen an die neuen Verhältnisse, 
die sowohl für das Individuum als auch für die Art Schwierig- 
keiten und Konflikte mit sich bringen. Während des beständigen 
Auf und Ab in den äußeren Verhältnissen des Menschen trägt er in sich 
selbst eine instinktive, unveränderliche, nicht wechselnde oder nur sehr 
langsam wechselnde seelische Bildung — das Es. Das Ich, zwischen unver- 
änderliche, archaische und dringende Forderungen des Es und eine gleich 
dringende, aber bewegliche und rücksichtslose Umgebung gestellt, befindet sich 
in keiner beneidenswerten Lage. Freud sagt: „In seiner Mittelstellung 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/2-3. 13 






194 



M. D. Eder 



zwischen Es und Realität unterliegt das Ich nur zu oft der Versuchung, 
liebedienerisch, opportunistisch und lügnerisch zu werden, etwa wie ein 
Staatsmann, der bei guter Einsicht sich doch in der Gunst der öffent- 
lichen Meinung behaupten will." 1 

Mehr als das: der Staatsmann in unserem Falle ist unsicher darüber, 
was die Menge fordert, er kennt nur ihre Beharrlichkeit. In dieser Beharr- 
lichkeit, die für das Ich den Standpunkt der Realität darstellt, liegt der 
Nutzen und bleibende Wert, den wir dem Über-Ich als Neubildung in 
der Ichorganisation zuschreiben müssen. 

Das Über-Ich hat immer eine fertige Antwort auf die Es-Forderungen 
bereit: es begegnet diesen Forderungen mit einem unbeugsamen oder fast 
unbeugsamen Kodex: Religion, Ethik, Aberglauben, gutes Betragen. Das 
Über-Ich ist hier der Abgesandte des Ichs und darauf vorbereitet, mit allen 
Triebimpulsen nach einem bewährten und stereotypen Muster umzu- 
gehen. Indessen kann das Ich sich zu neuen Möglichkeiten vorbe- 
reiten. Es ist für das Ich sehr bequem, seine rückwirkenden, unmittel- 
baren Reaktionen einem festen und beständigen Mechanismus anzuver- 
trauen. Einem Mechanismus, der keine Notiz nimmt von den mannig- 
faltigen Umständen, sondern immer auf gleiche Reize in der gleichen 
Weise reagiert. Das Über-Ich ist für das Ich ein Teil der Realität, eine 
„Als-Ob-Realität", aber feststehend. 

Im Grunde genommen verdanken wir das Über-Ich also dem Kampfe des 
Menschen mit der Natur und seiner Eroberung der Natur und der An- 
passungsfähigkeit des Menschen. Das Über-Ich gibt ihm, so wie die Dinge 
waren, eine Atempause, bevor er an neue Eroberungen geht, und gerade 
diese Funktion verleiht dem Über-Ich Dauer und Wert. 

Freud bezeichnet Kannibalismus, Inzest und Mord als die Ent- 
behrungen, die jeden betreffen und die daher die ältesten sind. „Mit den 
Verboten, die sie einsetzen, hat die Kultur die Ablösung vom animalischen 
Urzustand begonnen, vor unbekannt wie vielen Tausenden von Jahren.' 2 Man 
kann leicht erkennen, wie unzuverlässig das Verbot gegen den Kanniba- 
lismus gewesen wäre, wenn die Frage der Realitätsprüfung überlassen 
worden wäre. Zumal während des langen Zeitalters, da der Mensch sich 
langsam eine Nahrungsquelle erwarb, die entsprechender war als die, 
welche er von seiner eigenen Gattung erlangen konnte. Dieser Versuchung 
entrückt und dem Widerspruch des Über-Ichs unterworfen, mußte der 
Triebwunsch eine Hemmung erleiden, wie immer auch der Zustand des 
Nahrungsmarktes gewesen wäre. Die Tatsache der Wechselbez iehung von 

i) Das Ich und das Es. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 402. 
2) Die Zukunft einer Illusion. S. 14. 



Zur Ökonomie und Zukunft des Über-Idis 



195 



Ich und Über-Ich wird durch unsere Kenntnis davon, daß in einer großen 
Notlage das Verbot, z. B. gegen den Kannibalismus, in sich zusammen- 
brechen und Menschenfleisch gegessen werden kann, nicht in ihrem Werte 
verkleinert. „Ich will sie lassen ihrer Söhne und Töchter Fleisch fressen, 
und einer soll des anderen Fleisch fressen in der Not und Angst, damit 
sie ihre Feinde und die, so nach ihrem Leben stehen, bedrängen werden," 
prophezeit Jeremia. Heute, da die Menschen durch die Zivilisation mit 
genügender Nahrungszufuhr versehen sind, ist der Kannibalismus nicht 
länger ein Bedürfnis der Realität; dieser Trieb wünsch gehört heute in das 
Gebiet der Psychopathologie. Das bedeutet nicht notwendigerweise eine 
Übereinstimmung mit Freuds Ansicht, „daß das Maß der Verinner- 
lichung für die einzelnen Triebverbote sehr verschieden ist. Für die er- 
wähnten ältesten Kulturforderungen scheint die Verinnerlichung, wenn 
wir die unerwünschte Ausnahme der Neurotiker beiseite lassen, weitgehend 
erreicht" (a. a. O., S. 15 — 16). 

Das Über-Ich äst bei Neurotikern mächtiger und aktiver als bei anderen 
Menschen, und es scheint fast, als wäre der Neurotiker deshalb weniger 
fähig, volle Redlitätsbeziehung zu erlangen. 

Die Behauptung, daß das Über-Ich Anspruch darauf hat, als Quelle 
und als wichtige Quelle vieler kultureller Fortschritte betrachtet zu 
werden, weil es einen gebahnten Verteidigungsmechanismus gegen die 
übermäßigen Forderungen des Es liefert und die langsame und not- 
wendigerweise launenhafte Entwicklung des Ichs reguliert, stellt dieselbe 
Art von Anspruch dar, den Frazer in seinem Buch „Psyche's Task" für 
den Aberglauben gestellt hat. Er schätzt dort den Aberglauben als einen 
Beitrag zum Fortschritt der Zivilisation hoch ein. Die Anerkennung dieses 
Anspruches entkräftet keineswegs die Behauptung, daß das Über-Ich nicht 
nur, wie Analytiker entdeckt haben, das Haupthindernis für seelische 
Gesundheit, sondern auch eine Erschwerung für den Fortschritt der Zivili- 
sation ist. Wir müssen anerkennen, daß der Fortschritt der Luftschiffahrt 
dem Luftverkehr im Krieg viel verdankt, ohne uns dabei zu der Ansicht 
zu bekennen, daß die Luftschiffahrt nicht auch ohne Krieg hätte bestehen 
können, oder daß die Eroberung der Luft ein paar Millionen Menschen- 
leben wert sei. Wie beim Aberglauben, gibt es auch für das Über-Ich, 
seit es entdeckt worden ist, eine Tendenz, den Zwecken der Zivilisation 
nicht mehr dienen zu wollen. Wenn wir eine Anzahl von Glaubens- 
bekenntnissen als Aberglauben klassifiziert und festgestellt haben, wenn 
ein Freud die Funktionen des Über-Ichs darlegt, so beginnt dessen 
kultureller Wert unterminiert zu werden. Das Über-Ich, das einstmals 
seine Macht vom Ich erhalten hat und in seiner Herrschaft durch die 

13" 



196 



M. D. Eder 



historischen Prozesse, in denen das Über-Ich wurzelt, gestärkt wurde, ist 
nicht bereit, seine Kontrolle aufzugeben, obgleich es nicht mehr den 
Bedürfnissen des Ichs dient. Seine Wirksamkeit wird so zu einer ständi- 
gen Quelle mangelhafter Anpassung und seelischer Konflikte. Hier liegt 
eine jener Disharmonien vor, für die es viele Parallelen im physischen 
Organismus des Menschen gibt. Wie Metschnikoff gezeigt hat, 
bleiben Gebilde, die einmal augenscheinlich dem Menschen in irgend- 
einem Zustand seiner Entwicklung nützlich waren, oder Überbleibsel solcher 
Gebilde überflüssigerweise auch in einer späteren Entwicklungsphase erhalten, 
obwohl sie hier nicht nur überflüssig, sondern geradezu schädlich sind. 
Ebenso wurde das Über-Ich teilweise oder als Ganzes eine jener Dis- 
harmonien der Natur des Menschen, mit denen er heute zu kämpfen hat. 
Die Psychoanalyse, die nicht nur keinen Anspruch macht, sondern sogar 
jeden Ehrgeiz aufgibt, die Gesellschaft zu reformieren, und nur ihr 
bescheidenes, therapeutisches Ziel verfolgt, kann es doch nicht vermeiden, 
den Weg zu erschließen, welcher dem zukünftigen Fortschritt der Zivili- 
sation offen liegt. Wir entdecken die Unvollkommenheit der seelischen 
Einrichtungen, die uns bisher zur Verfügung standen, oder vielmehr, die 
uns bisher beherrscht haben, und können auf einen neuen und heil- 
sameren Mechanismus hinweisen. Die Psychologie, augenscheinlich vom 
Glück begünstigter als die Physiologie, ist wenigstens potentiell (wenn 
auch langsam) fähig, neue Mittel zu formen, andere als die, welche dem 
Menschen der Vergangenheit gedient haben. Man behauptet von Hei m- 
holtz, er habe erklärt, das menschliche Auge sei ein so unvollkommener 
optischer Apparat, daß er es auf der Stelle verworfen hätte, wenn es 
ihm vorgelegt worden wäre. Das Beste, was die Physiologen machen 
können, um den Menschen mit Flügeln zu versehen, ist, ihnen ein 
Flugzeug zu geben. Aber die menschliche Seele ist ein biegsameres und 
anpassungsfähigeres Instrument; die menschliche Natur ist unendlich ver- 
änderlich. Freud denkt an diese Möglichkeit, wenn er bemerkt, „es 
wäre ein unzweifelhafter Vorteil, Gott überhaupt aus dem Spiel zu lassen 
und ehrlich den rein menschlichen Ursprung aller kultureller Einrichtungen 
und Vorschriften einzugestehen. Mit der beanspruchten Heiligkeit würde 
auch die Starrheit und Unwandelbarkeit dieser Gebote und Gesetze fallen. 
Die Menschen könnten verstehen, daß diese geschaffen sind nicht so sehr, 
um sie zu beherrschen, sondern vielmehr um ihren Interessen zu dienen; 
sie würden ein freundlicheres Verhältnis zu ihnen gewinnen, sich anstatt 
ihrer Abschaffung nur ihre Verbesserung zum Ziel setzen. Dies wäre ein 
wichtiger Fortschritt auf dem Wege, der zur Versöhnung mit dem Druck 
der Kultur führt" (a. a. O., S. 67—68). 



Zur Ökonomie und Zukunft des Über-Ichs 197 

Freud weist ferner darauf hin, daß diese kulturellen Gesetze — das 
Über-Ich — nicht nur Wunscherfüllungen enthalten, sondern auch wichtige 
Erinnerungsspuren. Der Technik der Analyse ist es jetzt gelungen, 
diese mächtigen, aktiven und unterdrückenden Kräfte, soweit sie das 
Individuum betreffen, zu ihrem Objekt zu machen. 

Bei der Diskussion der Beziehung des Über-Ichs zum Ich und zum Es 
wurde die Möglichkeit einer direkten Vererbung im Ich und im Über-Ich 
erörtert; diese Möglichkeit kann, wie ich glaube, gut angenommen werden. 
Man wird nicht zögern, anzuerkennen, daß die Fähigkeit des Es, sich zu 
Ich und Über-Ich zu modifizieren, vererbbar ist. Freud zögerte, eine 
direkte Vererbung durch das Ich anzunehmen. Er schreibt: „Die 'Erlebnisse 
des Ichs scheinen zunächst für die Erbschaft verloren zu gehen, wenn sie 
aber sich häufig und stark genug bei vielen generationsweise aufeinander- 
folgenden Individuen wiederholen, setzen sie sich sozusagen in Erlebnisse 
des Es um, deren Eindrücke durch Vererbung festgehalten werden." „Man 
kann unmöglich von einer direkten Vererbung durch das Ich sprechen." 1 

Der Beweis, daß das Es innerhalb der Geschichte irgendeiner Ver- 
änderung unterworfen war, scheint mir zu fehlen. In der Tat scheint es 
bei den verschiedenen Bässen der Menschheit, die heute unter verschiedenen 
kulturellen Bedingungen leben, nicht verschieden zu sein. Die Anschauung, 
daß das Es doch Veränderungen seit dem Auftreten des ersten Menschen auf 
der Erde vor etwa 300.000 Jahren durchgemacht hat, mag vielleicht 
richtig sein. Daß aber bei verschiedenen Bässen die Ich- und Über-Ich- 
Impulse ungeheuer verschieden sind und sich in der Geschichte überall 
verändert haben, ist natürlich eine Binsenwahrheit. Die Annahme 
vererbter Ich- und Über-Ich-Neigungen ergibt keine neue Schwierigkeit, 
sondern löst viele Probleme. Welche Tendenzen aber vererbt sind und 
welche aus dem Widerstreit vererbter Neigungen mit der Umgebung 
stammen, sind spezielle Probleme, die für jedes Individuum und für die 
Basse erforscht werden müssen. Analytische Beobachtungen haben gezeigt, 
daß Ich- und Über-Ich-Manifestationen — wenngleich schwach, doch 
wirksam — im zartesten Alter gefunden werden, und daß genug Anzeichen 
dafür vorhanden sind, daß sie sich beim Säugling zeigen. Daraus geht 
klar hervor, daß der vererbte Teil des Über-Ichs zum TJbw gehört und in 
das Ubw, das nicht Verdrängtes ist, einbezogen werden muß. Jener Teil des 
Über-Ichs, der aus der Beaktion des Individuums auf seine Umgebung 
stammt, leitet sich nach Ansicht von Jones „normalerweise und haupt- 
sächlich nicht von dem aufgegebenen Liebesobjekt, sondern vom gleich- 



1) Das Ich und das Es. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 383. 




198 



M. D. Eder 



geschlechtlichen Elternteil" her (a. a. O., S. 256), d. h. vom versagenden 
Elternteil, und gehört teils zum Vbw, teils — durch Verdrängung — zum 
Ubw. Man kann annehmen, daß das erworbene Über-Ich auf den vererbten 
Teil einwirken und ihn verändern kann. Es gibt klinische Beweise für 
diesen Sachverhalt. 

Wir brauchen, wenn wir vererbte ÜberTchTmpulse annehmen, keine 
Angst zu bekommen, daß wir uns dabei in Gegensatz zu den Resultaten, 
die auf anderen Gebieten der Biologie gewonnen wurden, setzen. Zu- 
nächst werden wir uns sagen, daß die psychoanalytischen Beobachtungen 
auf ebenso sicheren Beweisen beruhen wie die, welche auf anderen Ge- 
bieten gewonnen werden. Die Analyse kann auf Grund dieser Beob- 
achtungen das Recht für sich in Anspruch nehmen, ihren eigenen theore- 
tischen Bau zu errichten. Wenn Abweichungen vorhanden sind, sollen wir 
auf weitere Beobachtungen vertrauen, welche diese anscheinenden Wider- 
sprüche ausgleichen werden. Glücklicherweise befreit uns aber die jüngste 
biologische Forschung von diesem Konflikt, der für viele lästig wäre. 
Der langdauernde Streit über die relative Bedeutung von Anlage und 
Milieu hat sich als zweckloser Wortstreit erwiesen. Jennings 
schreibt: „Der Biologe sieht mit Bedauern, daß der Mediziner sich der 
Einführung des Vererbungsbegriffes in das Gebiet der Krankheit wider- 
setzt. Das kommt von dem allgemeinen Trugschluß, daß das, was 
erblich ist, gewiß, feststehend und unveränderlich sei. Natürlich verwirft 
das der Mediziner in seiner Anwendbarkeit auf die Krankheit. Mit der 
Erkenntnis, daß die Behauptung der Erblichkeit nur bedeutet, ein 
Organismus habe eine solche Konstitution erhalten, daß er unter be- 
stimmten Bedingungen ein Stück Erbschaft produzieren kann, verschwinden 
alle Einwände solcher Art. Das Individuum, das unter gegebenen Be- 
dingungen ein vererbtes Gebrechen zeigen kann, braucht es unter anderen 
Bedingungen nicht zu entwickeln. ' 

Der Zusammenhang zwischen den Keimzellen und den Entwicklungs- 
bedingungen hört mit der Geburt nicht auf, die Geburt ist nur ein 
Augenblick im Leben des Individuums. 

Obgleich die menschliche Natur potentiell unendlich variabel ist und 
obgleich es theoretisch denkbar ist, daß Erscheinungen, wie das Straf- 
bedürfnis, das Schuldgefühl, die Ödipussituation und andere, den mensch- 
lichen Interessen in der Vergangenheit gedient haben mögen, jetzt aber 
eher eine Gefahr als eine Hilfe sind, folgert daraus nicht notwendiger- 
weise, daß die Funktion des Über-Ichs zugunsten der Kontrolle durch das 



1) H. S. Jennings: Biology and the Advancement of Man, S. 63. 



Zur Ökonomie und Zukunft des Ubcr-Idis 



199 



Ich aufgegeben werden wird. Ergebnisse der Analyse des Individuums und 
Zukunftsaussichten der Art sind zwei verschiedene Dinge. Die Ge- 
schichte der Psychoanalyse läßt in dieser Hinsicht keinen allzu großen 
Optimismus aufkommen. Wir haben die ganze Tücke und die ganze 
Strenge des Über-Ichs gesehen; jenes neurotischen Über-Ichs, das sich so- 
zusagen im Namen der Wissenschaft gegen die Ideen Freuds kehrte, 
und gerade gegen die Ideen, welche bisherige Phantasie durch „anstössige" 
Realität ersetzte, was den wahren Charakter der Wissenschaft ausmacht. 
Gewisse Einrichtungen, Manifestationen des Über-Ichs, werden schwächer. 
Himmel und Hölle bannen den Menschen nicht mehr mit der Macht 
früherer Tage. Es erfordert aber keinen großen Scharfblick, dafür 
das Auftauchen anderer Einrichtungen zu entdecken, die vielleicht nicht 
weniger tyrannisch sind und nicht weniger Einfluß auf menschliche 
Ängste und Schwächen haben werden. Der Skeptiker wird zweifeln: Wird 
das Über-Ich nicht vielleicht nur seine Erscheinungsform wechseln? Der 
Psychoanalytiker aber, wird in der Art, die ihm eigen ist, auf diese 
Frage erwidern: „Verbirgt Ihr Zweifel etwa einen Wunsch?" 



Entbehrung und Schuldgefühl 

Von 

Susan Isaacs 

London 

I 

In seiner Abhandlung „Der Ursprung und Aufbau des Über-Ichs" 1 (1926) 
schickte Ernest Jones seiner Erörterung einiger aus dem Thema er- 
wachsenden Probleme die Bemerkung voraus, daß „wir allen Grund haben 
anzunehmen, daß die Vorstellung des Über-Ichs ein Knotenpunkt ist, an 
dem wir ein Zusammentreffen aller dunklen Probleme von Ödipuskom- 
plex und Narzißmus einerseits, Haß und Sadismus andererseits erwarten 
dürfen". Seither sind zur Behandlung dieser Vorgänge weitere Beiträge 
von Freud und Anderen geliefert worden, und unsere Kenntnis von 
Struktur und Funktionsart des Über-Ichs in den Neurosen, den Psychosen 
und beim Normalen hat sich bedeutend erweitert. 

Andererseits haben die Ergebnisse von Frau K 1 e i n s direkten Unter- 
suchungen an kleinen Kindern, wenn sie auch den theoretischen Wert 
des Begriffes des Über-Ichs unterstrichen und unsere Auffassung von seiner 
großen dynamischen Kraft vertieft haben, nichtsdestoweniger gewisse theo- 
retische Schwierigkeiten vermehrt, die die Form seines ursprünglichen 
Zustandes, seine Beziehungen zum Ödipuskomplex und zu den Entwick- 
lungsphasen der Libido betrafen. Ich bin der Meinung, daß der einleuch- 
tendste Gedanke, der an diese Dinge herangebracht worden ist, der von 
Ernest Jones ist, wenn er, einem Winke Freuds folgend, sagt, daß Ent- 
behrung äquivalent sei mit Versagung. 2 Er bemerkt weiter: „Schuld und 
damit zugleich das Über-Ich sind gleichsam künstlich aufgerichtet, um 
das Kind vor der Not der Entbehrung, d. h. der unbefriedigten Libido, zu 
schützen und so die Furcht vor der Aphanisis, die jene immer begleitet, 
abzuwehren; und zwar bewirkt das Über-Ich das, indem es die Wünsche 

1) Diese Zeitschrift, Bd. XII (1926), S. 253. 

a) Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität. Diese Zeitschrift, Bd. XIV 
(1928). S. .5- 



Entbehrung und Schuldgefühl 



201 



unterdrückt, die nicht dazu bestimmt sind, befriedigt zu werden. Ich glaube 
sogar, daß die äußere Mißbilligung, der gewöhnlich der ganze Vorgang 
zugeschrieben wird, weitgehend eine Angelegenheit der Ausbeutung durch 
das Kind ist, d. h. Nichtbefriedigung bedeutet ursprünglich Gefahr, die 
das Kind nun in die Außenwelt projiziert, wie es das mit allen inneren 
Gefahren tut. Dabei benutzt es jede äußere Mißbilligung (moralisches 
Entgegenkommen) als Gefahrensignal und als Hilfe zur Errichtung 
einer Schranke gegen die Gefahr." 

Ich möchte in dieser Arbeit a) einige der Schwierigkeiten darstellen, die 
sich ergeben, wenn den früheren Formulierungen über den Ursprung 
des Über-Ichs die durch Frau K 1 e i n s Technik entdeckten Tatsachen 
der seelischen Entwicklungsgeschichte entgegengehalten werden, und b) 
möchte ich darstellen, wie die Ansicht von Ernest Jones, zusammen mit 
seinem Begriff der Aphanisis, jene Schwierigkeiten zu lösen scheint. 

Um die Schwierigkeiten zunächst festzustellen : Die Lektüre einer Reihe 
von früheren Untersuchungen über die Entstehung des Über-Ichs hinter- 
läßt den Eindruck, daß man an einer gewissen zeitlichen Beziehung 
zwischen Über-Ich und Ödipuskomplex festhielt. Freuds klassischer 
Satz, daß das Über-Ich „der Erbe des Ödipuskomplexes" sei, sagt deutlich, 
daß das Über-Ich auftritt, wenn der Ödipuskomplex untergeht, und diese 
Ansicht beherrscht auch Titel und Inhalt seiner Studie „Der Untergang 
des Ödipuskomplexes". 1 Freud bemerkt hier: „Ich zweifle nicht daran, 
daß die hier beschriebenen zeitlichen und kausalen Beziehungen zwischen 
Ödipuskomplex, Sexualeinschüchterung (Kastrationsdrohung), Über-Ich- 
Bildung und Eintritt der Latenzzeit von typischer Art sind." Über Zeit 
und Art des Auftretens des Über-Ichs war also vor Frau K 1 e i n s Arbeit 
der allgemeine Standpunkt der, daß das Über-Ich wesentlich der phallischen 
Stufe der Libidoentwicklung angehöre, daß es der Erfolg der Versagung 
und der Angst sei, die das Kind in seinen Objektbeziehungen auf jener 
Stufe erlebe, und daß es den Untergang des Ödipuskomplexes und den 
Beginn der Latenzperiode anzeige. Diese Feststellungen über die Geschichte 
des Über-Ichs müssen nunmehr an Hand der vollständigeren Tatsachen 
modifiziert werden, die Frau Klein als das Ergebnis ihrer direkten 
Untersuchungen am kleinen Kind darzubieten hat. 

Zwei Hauptpunkte sind hier ins Auge zu fassen: 

i) Ges. Sehr. V, S. 429. — Freud behält sich dort einige Zweifel vor über 
den Anteil der Kastrationsdrohung, Zweifel, die durch Ranks Arbeit über das 
Geburtstrauma angeregt worden sind, und zu denen er in „Hemmung, Symptom und 
Angst" zurückkehrt. Hier liegt offensichtlich eine enge Beziehung zu meinen Auf- 
stellungen vor, auch geht die Entwicklung von Freuds Ansicht deutlich in 
Richtung der Beiträge von Jones. 



202 Susan Isaacs 



Sowohl in „Die psychologischen Grundlagen der Frühanalyse" (Imago, 
Bd. XII, 1926) als auch in „Frühstadien des Ödipuskonfliktes" (diese 
Ztschr., Bd. XIV, 1928) kommt Frau Klein zu dem Schluß, daß „der 
Ödipuskomplex früher in Wirksamkeit tritt, als man gewöhnlich an- 
nimmt", und daß „bereits das erste Einsetzen der Ödipuswünsche von 
Kastrationsfurcht und Schuldgefühl begleitet ist". Sie meint, man könne 
nicht länger daran festhalten, daß die Schuld, die man in der Analyse der 
Erwachsenen mit den prägenitalen Impulsen verknüpft sieht, „erst nach- 
träglich auf diese Tendenzen zurückverlegt, aber nicht ursprünglich mit 
ihnen verbunden sei". Sie geht über die Winke Ferenczis und 
Abrahams hinaus und sagt: „Meine Funde führen noch weiter. Sie 
zeigen, daß das Schuldgefühl, das mit prägenitalen Fixierungen verknüpft 
ist, eine direkte Wirkung des Ödipuskonfliktes darstellt. Und das gibt ge- 
nügend Aufschluß über die Entstehung solcher Gefühle, denn wir wissen, 
daß das Schuldgefühl einfach ein Ergebnis der (bereits vollzogenen oder, 
wie ich hinzufügen möchte, im Vollzuge begriffenen) 1 Intro- 
jektion der Ödipus- Liebesobjekte ist." Die Bildung des Über-Ichs, weit 
entfernt, ein einzelner seelischer Akt zu sein, oder auch nur ein Vorgang, 
der hauptsächlich in eine einzige Entwicklungsphase, die phallische, hinein- 
verlegt werden könnte, ist vielmehr mit allen Entwicklungsphasen ver- 
bunden, hat seine tiefsten Wurzeln in oralen Erlebnissen und durchläuft 
alle die emotionalen Veränderungen des Kindes, von der Brust an bis zur 
Latenzperiode. 

Der zweite Punkt, eng verbunden mit dem ersten, und von Frau 
Klein sehr klar herausgearbeitet, ist der, daß die „introjizierten" 2 Eltern 
nicht die wirklichen Eltern sind, mit ihren realen Zügen, sondern 
vielmehr d i e Eltern, wie sie vom Kind durch das Medium seiner 
eigenen aktiven Psychologie hindurch aufgefaßt 
werden. Dies ist sehr klar in ihrem Beitrag zu dem „Symposium on 
Child Analysis" (I.J.P., Vol. VIII, 1927, p. 356) dargestellt. „Denn diese 
äußeren Objekte (d. h. die Eltern) sind sicher nicht identisch mit dem 
bereits entwickelten Über-Ich des Kindes, wenn sie auch zu seiner Ent- 
wicklung seinerzeit beigetragen haben. Nur so können wir die erstaun- 
liche Tatsache erklären, daß wir bei Kindern von drei, vier und fünf 
Jahren einem Über-Ich begegnen, dessen unerbittliche Strenge sich oft in 



1) Vom Verfasser gesperrt. 

2) „Die ins Ich introjizierte Vater- oder Elternautorität bildet dort den Kern des 
Über-Ichs, welches vom Vater die Strenge entlehnt, sein Inzestverbot perpetuiert und 
so das Ich gegen die Wiederkehr der libidinösen Objektbesetzung versichert." 
Freud, Der Untergang des Ödipuskomplexes, Ges. Sehr., Bd. V, S. 427. 



Entbehrung und Schuldgefühl 



203 



stärkstem Widerspruch zu den wirklichen Liebesobjekten, den Eltern, be- 
findet." Oder wiederum: „Die Verbindung zwischen der Bildung des Uber- 
Ichs und den prägenitalen Entwicklungsphasen ist bedeutungsvoll von 
zwei Gesichtspunkten aus. Einerseits gehört das Schuldgefühl zu der oralen 
und analsadistischen Phase, soweit sie noch herrschend sind, andererseits 
Über-Ich, während diese Phasen im Anwachsen be- 
sadistische Strenge erklärlich macht." Die 



entsteht das 
griffen sind, was seine 
Struktur des Über-Ichs ist so „aufgebaut auf Identifizierungen, die 

Perioden und Schichten des seelischen Lebens 



verschiedenen 



aus sehr 
stammen . 

Diese Einsichten, 
lieh machen, — z. 



so sehr sie einige Seiten des Über-Ichs verständ- 
B. seine phantastische Strenge und seine Unab- 
hängigkeit von dem wirklichen Charakter der Eltern, — weisen nichts- 
destoweniger auf gewisse weitere theoretische Schwierigkeiten hin. So 
ist z. B. auf den ersten Blick nicht leicht einzusehen, wie und 
warum das Schuldgefühl, als doch verschieden von primärer Angst, auf 
der oralen Stufe einsetzen kann, da Schuld doch ein gewisses Maß von 
Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich und einen gewissen Grad von 
Objektbeziehung vorauszusetzen scheint, welche doch noch rudimentär sein 
müssen. Das Bild der Ichveränderung als Erfolg aufgegebener Objekt- 
besetzung ist, was die phallische oder spätere genitale Phase betrifft, durch- 
aus klar. „Wenn das Ich die Züge des Über-Ichs annimmt, drängt es 
sich sozusagen selbst dem Es als Liebesobjekt auf, sucht ihm seinen 
Verlust zu ersetzen, indem es sagt: Sieh, du kannst auch mich lieben, 
ich bin dem Objekt so ähnlich." (Freud, Das Ich und das Es. Ges. 
Sehr., Bd. V, S. 374.) Aber wie soll das aufrechterhalten bleiben bei dem 
verhältnismäßig undifferenzierten „Objekt" und „Ich" der früheren 
Phasen? 

Augenscheinlich muß der Vorgang der Introjektion, der in diese 
früheren Phasen fällt, in bedeutsamem Sinne verschieden sein von dem, 
der sich nach wirklicher Objektbeziehung vollzieht. Diese Differenz ist 
vielleicht auch nicht ganz zu überbrücken durch den Hinweis darauf, 
daß in diesen früheren Stufen das Objekt, lange ehe es die ganze Person 
der Mutter ist, nur ein Teilobjekt ist — die Brustwarze, der Stuhl der 
Mutter. Daß das Ich über das Nicht-Ich dominiert, ist klar, weil, wie 
Frau Klein zeigt, das Kind die Eltern nur so erfaßt, wie es sich selbst 
erfaßt, und nur in den Grenzen seiner eigenen Triebregungen. Nicht die 
Eltern werden „introjiziert , sondern eine verzerrte Imago, deren 
Inhalte vielleicht eher einem projizierten Vorgang entstammen. Der Mecha- 
nismus der Introjektion gibt nur die Form her, verleiht dem Über-Ich im 



204 



Susan Isaacs 



Verhältnis zum Ich den Charakter einer Art Außenwelt, hingegen ist es 
die Projektion, welche die konkrete Wirkungsart des Über-Ichs bestimmt 
(das Abschneiden, Beißen, Zerstören usw.). Es ist wahrscheinlich ein 
Teil der kindlichen Seele selbst, der sich abgespalten hat und nun so 
handelt, als ob er für die Impulse des Es ein Stück Außenwelt wäre. Ich 
vermute, daß Freuds „primäre Identifizierung"' einen größeren Anteil 
an dem ganzen Drama hat als man ursprünglich dachte. Und weiter: In 
welchem Sinne können wir — und zwar für diese frühere Stufe — den 
Satz verstehen, daß „Gewissensangst eine verinn erlichte Kastrationsangst" 
sei? Er ist klar und verständlich für die phallische Phase, aber nicht so 
einfach für die anale oder orale, und das trotz der uns bereits vertrauten 
Begriffe vom Verlust der Brustwarzen und des Stuhles. 

Diese und andere Schwierigkeiten drängen sich auf. Was nun folgt, 
ist ein teilweiser und zaghafter Versuch, sie zu überbrücken. Ich beab- 
sichtige nicht, sie nacheinander vorzunehmen, sondern möchte das Problem 
auf das erste Auftreten von Schuldgefühl zurückleiten, und zwar unter 
Anlehnung von Dr. Jones' Auffassung von der Entbehrung als eines 
Äquivalentes der Versagung. Ich tue das in der Hoffnung, daß meine 
fragmentarischen Bemerkungen andere veranlassen mögen, diese Probleme 
weiter zu klären. 

II 

Vom Augenblick an, wo die Wehen der Mutter beginnen, erfährt das 
Kind eine Reihe von Gleichgewichtsstörungen, Momente von Spannungs- 
erhöhungen und von mehr oder weniger erfolgreichen Spannungsaus- 
gleichen. Der Anteil, den dabei die erste und schwerste dieser Störungen, 
die Geburt, spielt, ist (seit „Hemmung, Symptom und Angst") in vieler 
Hinsicht klar. Durch die Plötzlichkeit und Heftigkeit der Erregungen, die 
das Kind durch sie erlebt, bewirkt die Geburt den ersten und größten 
Angstzustand. Die akute, durch die Geburt gesetzte Hilflosigkeit 
ist das Vorbild aller späteren Ängste, die weiteren Erlebnisse sind 
wahrscheinlich nur eine mildere Wiederbelebung dieser ursprünglichen 
Reaktion. 

An dieser Stelle können wir Nutzen ziehen aus einer interessanten 

1) „Uranfangs in der primitiv oralen Phase des Individuums sind Objektbesetzung 
und Identifizierung wohl nicht von einander zu unterscheiden." Freud, Das Ich 
und das Es. Ges. Sehr., VI, S. 373. „— die erste und bedeutsamste Identifizierung 
des Individuums, die mit dem Vater der persönlichen Vorzeit. Sie scheint 
zunächst nicht Erfolg oder Ausgang einer Objektbesetzung zu sein, sie ist 
eine direkte und unmittelbare und frühzeitiger als jede Objektbesetzune". 
Ebenda, S. 575. S 



Entbehrung und Schuldgefühl 



205 



Feststellung neuerlicher direkter Studien des kindlichen Verhaltens. Die 
experimentellen Beobachtungen von W a t s o n über die angeborenen 
Reaktionen des Kindes in den ersten Tagen nach der Geburt ergeben 
Daten, die gut zu Freuds Ansicht passen. Zwei Arten äußerer Reize 
rufen in den ersten Tagen die Furchtreaktion hervor: Ein plötzlicher 
Verlust des Haltes und ein plötzliches lautes Geräusch. (Beide können als 
reale Gefahren bezeichnet und mit den späteren Phobien — den frühesten 
eigentlichen Phobien — verglichen werden, die nach Freud das Allein- 
sein, das In-der-Dunkelheit-Sein und das Zusammensein mit fremden 
Personen betreffen; es handelt sich dabei um bereits als neurotisch anzu- 
sehende Reaktionen auf die Abwesenheit der geliebten 
P e r s o n.) 

Das plötzliche laute Geräusch versetzt das Kind in den Zustand eines 
seelischen Schocks und einer Hilflosigkeit, in einen Zustand von Angst. 
Es kann sich ja nicht wegbewegen oder dem zu starken Reiz nicht aus- 
weichen in der Weise, wie es zum Beispiel einen zu starken Lichtreiz 
durch Schließen der Augen und Wegwenden des Kopfes abwehren kann. 
Es hat ja sozusagen keine „Ohrlider". 

Verliert das Kind einen Halt, fällt es oder wird ihm gerade, wenn es 
einschlafen will, die Bettdecke fortgezogen, so ist das für das Kind in 
gleicher Weise eine reale Gefahr, die die Geburtsangst wiederzubeleben 
vermag. Eine solche Situation enthält freilich nicht nur das Moment der 
realen Gefahr, sondern zugleich den Keim der späteren Furcht vor dem 
Verlust des Objektes, da ja das Gehaltenwerden in den Armen der 
Mutter libidinös betont ist und für das Kind ebensosehr Liebe wie Sicher- 
heit bedeutet. 

Es ist lichtbringend, wenn man hier einen Augenblick den theoreti- 
schen Gebrauch, den W a t s n von seinen sorgfältig gewonnenen Tat- 
sachen macht, mit der Ansicht Freuds kontrastiert. Nach Watson 
stammen alle sp äteren Phobien von jenen beiden ab, und zwar durch 
umgebungsmäßige Bedingtheit. Weil sie (die Furcht vor Dunkelheit, 
Fremden, Tieren usw.) später auftreten, meint er, daß sie eher umgebungs- 
mäßig als psychisch bedingt sind. Für ihn ist die Veranlassung der späte- 
ren Furcht — die Dunkelheit oder das Tier — ein Anzeichen, eine Be- 
dingung der früheren Veranlassung, durch eine Reflexassoziation nach 
einem und demselben Muster aufgebaut. Auch nach Freud sind 
diese besonderen späteren Phobien sekundäre Erscheinungen, Anzeichen 
oder Bedingungen, aber ihre Spannungen kommen von inneren Reizen 
her. Die Angst ist real, nicht weniger als bei gut begründeter Furcht 
vor realen äußeren Gefahren, aber die Gefahr besteht in einer psychischen 



206 Susan Isaacs 



Hilflosigkeit als Folge einer übermächtigen inneren Spannung, die nicht 
angemessen entladen werden kann, und auf die nun so reagiert wird, a 1-s 
ob es eine äußere Gefahr wäre. 

Diese inneren Erregungen der ersten Tage entstammen den Partial- 
trieben der oralen und analen Stufe der Sexualentwicklung, der libidinö- 
sen Komponente des Saugens und Beißens, des Stuhlgangs oder des An- 
sammeins des Stuhles im Darm und den ersten Objektbeziehungen, die 
mit den entsprechenden erogenen Zonen verknüpft sind. 

Die Phantasien, die aus dem späteren Spiel der Kinder ebensosehr wie 
aus den Psychosen und Neurosen der Erwachsenen ersichtlich werden, 
zeigen, daß diese Objektbeziehungen die Form des Wunsches annehmen, 
erstens, sich das Objekt (die Brustwarze der Mutter) einzuverleiben, dann 
sie zu beißen und zu zerstören, und später, sich den Inhalt ihres Leibes 
(den Stuhl) anzueignen und die Bivalen (den Vater oder die anderen 
Kinder), die der Lustbefriedigung im Wege sind, zu vernichten. Darauf 
setzt die phallische Phase ein und mit ihr der Wunsch, das Genitale 
der geliebten Person zu sehen und zu besitzen, und wiederum, alle 
Rivalen aus dem Wege zu räumen. (Frau Klein betont, und das 
hilft uns, die hier vorhandenen Schwierigkeiten nicht aus dem 
Auge zu verlieren, daß diese Phasen innerhalb der Libidoentwicklung 
ineinander übergreifen und die ganzen ersten Jahre hindurch einander 
sehr innig durchdringen. Mit anderen Worten, selbst wenn das Kind zu der 
entwickelteren Objektbeziehung der phallischen Stufe vorgeschritten ist, 
hat es dort noch so unsicher Fuß gefaßt, daß seine phallischen Impulse 
und Phantasien weitgehend durchsetzt sind mit Zügen, die den prägenita- 
len Zonen und Impulsen angehören.) 

Zwei Fragen entstehen hier auf einmal. 1) Wie und warum erwecken 
diese frühen libidinösen Tendenzen Angst? 2) In welchem Alter beginnen 
sie damit ? 

Nehmen wir die zweite Frage zuerst in Angriff. Eine genaue Zeit 
kann man nicht angeben. Aber es wird sich um eine solche Zeit 
handeln, wo sich ein gewisses Maß echter Objektbeziehung entwickelt hat, 
wenn das Objekt auch nur in den Grenzen oraler Erfahrung erfaßt sein 
mag. D. h. die Brustwarzen — Brust — Mutter wird bereits, gleich- 
viel an welchen Punkten in der Reihe Brustwarze — Brust — Mutter 
dies geschehen mag, durchaus irgendwie als ein Nicht-Ich unterschieden 
werden, das das Ich begehrt, hat, verliert, wiederbegehrt und wiederhat 
und so weiter in einer Reihe von Veränderungen, die innerhalb des 
Feldes des Ich kommen und gehen, sich aber außerhalb der Verfügung 
des Ich befinden. Wahrscheinlich kann es sich nur um eine Zeit handeln, 



Entbehrung und Schuldgefühl 



207 



wo, obgleich die Brustwarze oder Brust der bedeutsamste Teil der Mutter, 
sozusagen das Kernstück ihrer Bedeutung verbleibt, die Mutter doch einen 
an Beichhaltigkeit und Gliederung darüber hinausgehenden Wahr- 
nehmungsinhalt darstellt. Eine Zeit, wo, mit anderen Worten, die nach 
außen gewandte Motilität des Kindes in genügendem Maße erzogen und 
vereinheitlicht und die Erinnerungsspuren des Ich genügend weit ent- 
wickelt sind, daß sie (in gewissen Grenzen) den Eindruck einer Person 
möglich machen ; was wieder von der Loslösung der Libido von ihren 
primären narzißtischen Fixierungen abhängig ist. Und doch wiederum 
eine Zeit, wo in diesem Eindruck noch ein starker Anteil von primärer 
Identifizierung steckt, der den Inhalt dieses Eindrucks mit den 
eigenen viszeralen und kinästhetischen Erlebnissen des Ichs und den 
Impulsen des Es ausfüllt. 

Es scheint sich um eine Zeit innerhalb der zweiten Hälfte des ersten 
Jahres zu handeln. Je nach dem Kind und möglicherweise je nach den 
Umständen : Alter des Abstillens, Beobachtung des elterlichen Koitus 
usw. variierend. Aber vieles bleibt hier noch zu wissen. Unzweifelhaft 
zeigt die direkte Beobachtung, bei einigen Kindern vor dem Ende des 
ersten Jahres, bei andern während des ersten Teiles des zweiten Jahres, 
einen genügenden Sinn für Personen und für Beziehungen zu Personen, 
um Äußerungen von Eifersucht und eifersüchtiger Wut möglich erschei- 
nen zu lassen, Äußerungen direkter Furchtreaktion auf Stirnrunzeln und 
ärgerlichen Blick geliebter Menschen und Angsterscheinungen, die anders 
sind als die, die durch heftige oder plötzliche äußere Reize hervorgerufen 
sind. 

Kehren wir zur ersten Frage zurück. Bis zu der bereits erwähnten 
Vermutung von Ernest Jones und den in gleicher Richtung gehenden Be- 
merkungen von Frau R i v i e r e in ihrer Arbeit im „Symposium on Child 
Analysis"' ging die Tendenz dahin, das Abstillen und das reale Verhalten 
der Eltern bei der Reinlichkeitsgewöhnung als die bestimmende Ursache 
des Schuldgefühles anzusehen. Wir würden jetzt mehr dazu neigen, beide 
als bloße Gelegenheitsanlässe zu betrachten. 

Auf den ersten Blick gibt es kaum eine Schwierigkeit über den Anteil 
der Vorgänge bei der Reinlichkeitserziehung. Man weiß, daß diese Ge- 
wöhnung in einer Weise getan wird, die das Verantwortlichkeitsgefühl 
des Kindes entwickeln soll. Der lange fortgesetzte aktive Druck, den man 
auf das Kind ausübt, das Drängen auf die Verfügungsfähigkeit der Schließ- 
muskeln, wie liebevoll und geduldig es auch geschehen möge, ist natür- 



1) Int. Journal of Psycho-Analysis, Vol. VIII., Pt. 3, p. 370. 



208 



Susan Isaacs 



lieh von gleichem psychologischem Range wie sein eigenes Schuldgefühl. 
Die Eltern machen Bedingungen für ihre Liebe, das ist eine reale Ver- 
sagung im Unterschied zu einer Entbehrung. (Weitere Überlegung läßt 
allerdings vermuten, daß die Sache komplizierter ist, die Strenge des 
Schuldgefühls ist zum Beispiel zu groß, um durch diese reale Situation 
erklärt zu werden.) Sehr wenige Eltern machen hingegen aus dem Ab- 
stillen eine moralische Angelegenheit. 

Das Abstillen ist gewöhnlich weit mehr eine einfache Veränderung 
eines Sachverhaltes, die mit Sorgfalt und Liebe vorgenommen wird. 
Wie soll das Anlaß zu Schuldgefühlen für das Kind abgeben können ? 
Nach Frau Klein „entfesseln" die anale und orale Versagung die Ödipus- 
tendenzen und mit ihnen die Entstehung des Schuldgefühles. 

Ist es möglich, vollständiger als bisher die einzelnen Schritte aufzu- 
zeigen, die von der oralen Entbehrung zu Schuld und Über- Ich führen ? 

Zuerst ist es offensichtlich, daß eine große Anhäufung von oraler 
Libido stattfindet, und zwar von solchen Regungen, die bisher ein ge- 
wisses Maß von Befriedigung genossen, aber jetzt abgewehrt werden, und 
daß diese Anhäufung zu einer unerträglichen Spannung und psychischen 
Hilflosigkeit führt. Impulse von Wut und Haß werden infolgedessen die 
sadistische Komponente in der Liebe zu den Brustwarzen — Brust — 
Mutter, die für gewöhnlich selbst eine der Veranlassungen der Abge- 
wöhnung ist, verstärken. Das ergibt eine beträchtliche Erhöhung der 
Wahrnehmbarkeit der Nicht-Ich-Dinge und damit der Objekt- 
beziehungen. Diese sind in erster Linie Objekte, die sich einmischen, 
und die verweigern, und deshalb feindliche Objekte, Dinge, die gegen 
mich sind, und die ich zerstören würde, wenn ich das könnte. Aber 
nichtsdestoweniger ergibt das eine Stärkung des Objektsinnes und des 
Suchens nach einem Objekt, auf das die angehäufte Libido entladen 
werden kann. Ein Objekt, das aber noch nicht gefunden 
werden kann. Denn, ganz unabhängig vom Willen der Eltern, sind 
die oral-sadistischen Impulse von der Art, daß sie in Wirklichkeit nicht 
befriedigt werden können, weder als Liebe noch als Haß. Das Kind 
möchte nicht nur in die Brustwarze beißen, — und tut es auch, wenn 
man ihm das gestattet, — sondern alle ihm widerstrebenden Objekte und 
Rivalen zerstören; sogar die geliebte Mutter, eben aus Liebe. Es ist auf 
dieser Stufe ein Geschöpf, daß nicht anders kann, als mit seinem 
Mund und mit seinen Zähnen lieben und hassen. 

Unter dem wirklichen moralischen Moment in der analen Erziehung 
sind überdies dieselben fundamentalen Entbehrungen verborgen. Wahr- 
nehmend, liebend und hassend in den Grenzen seiner Stuhlerlebnisse, 



Entbehrung und Schuldgefühl 209 

phantasiert das Kind die Erfüllung von Wünschen, die in Wirklichkeit 
nie erfüllt werden können. Es „wünscht sich in den Besitz des Stuhles 
der Mutter zu setzen, indem es in deren Körper eindringt, ihn in Stücke 
schneidet, ihn verzehrt und zerstört".' Und neben seiner sadistischen Be- 
sitzliebe auf seine Mutter, die durchsetzt ist von dem Haß, den sie durch 
Störung seiner Oralität weckt, gehen einher Haß und Furcht gegenüber 
seinem Vater. (Der erste Ansatz der genitalen Impulse geschieht unter der 
Ägide dieser sadistischen Phase, von hierher stammt die Stärke und 
Spontaneität der Kastrationsfurcht.) 

Zwei weitere Überlegungen mögen die Behauptung verstärken, daß die 
durch das Abstillen gesetzte Entbehrung nur zu einer Vergrößerung der 
ohnehin den oral- und anal-libidinösen Situationen innewohnenden 
Entbehrung dient. Erstens erscheinen die prägenitalen Zonen relativ 
isoliert in ihrer Funktion und unfähig, die libidinösen Spannungen des 
ganzen Körpers so vollständig abzuführen, wie das bei dem genitalen Or- 
gasmus unter günstigen psychologischen Bedingungen zu geschehen vermag. 
Und zweitens sind alle Wünsche auf dieser Stufe von einer so zeitlosen, 
maßlosen und absoluten Art, daß sie in einer realen, zeitlich und räumlich 
begrenzten Welt keine Befriedigung finden können. 

Man könnte daher das Trauma des Abstillens mit einer Lunte ver- 
gleichen, die an dem Zündstoff einer bereits vorbereiteten Unbefriedigung 
herangebracht wird, die der libidinösen Situation auf dieser Stufe inne- 
wohnt. Und die späteren analen Entbehrungen gießen Öl auf das Feuer. 
Diese unerträgliche Spannung würde das schwache und junge Ich in 
einen Zustand seelischer Hilflosigkeit, annähernd dem der Geburt, ver- 
setzen, würde mit ihm nicht irgend etwas geschehen. Und es geschieht 
etwas mit ihm, indem es die Gefahr für das Ich als äußere Versagung 
in die Außenwelt projiziert. Von dort kehrt sie später wie der geschleu- 
derte Bumerang in die Seele zurück, als Schuld und Über-Ich, jetzt ver- 
sehen mit der Macht und Autorität der äußeren, widerstrebenden Welt. 

Dieses dritte Stadium des Schuldgefühls muß indessen aufgebaut sein 
auf der ersten Stufe der „primären Identifizierung" und der ihr weitgehend 
ähnlichen früheren Stufe in Ferenczis „Entwicklungsstufen des 
Wirklichkeitssinnes". 

Wir können so vielleicht drei Hauptetappen in dem ganzen Prozeß 
unterscheiden. 

1) Die erste hat ihrerseits drei Stadien : 

a) primärer Autoerotismus, der allen Objektbesetzungen vorangeht. 



l) Klein, Friihstadien des Ödipuskonfliktes. Diese Zschr., Bd. XIV (1928). 
Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/2-5. 



>* 



210 Susan Isaacs 



b) eine fast vollständige „Allmacht", Allmacht bedingt durch subjektive 
Veränderungen : Phantasien, Gesten, Schreie und Ähnliches. Die nach 
außen gerichtete Motilität und Muskulatur sind noch nicht entwickelt 
genug, um eine Wahrnehmung von Dingen und Personen möglich zu 
machen. 

c) primäre Identifizierung, bei der die Außenwelt (Personen) in den 
Kreis der Seele hineingezogen wird. Auf dieser Stufe ist das Ich solider 
und kontinuierlicher als die sporadischen Einbrüche des N i c h t - I c h. 
Diese sind (zuerst) isoliert, ohne Beziehungen und darum ohne Bedeutung. 

Die Vorgänge im Ich müssen viel enger miteinander verbunden und 
viel kontinuierlicher sein, und die erste Wirkung der Nicht-Ich-Schocks 
muß einfach das Ich stärker hervortreten lassen. Das Nicht-Ich wird nur 
in den Grenzen des Ichs angefaßt und von ihm assimiliert werden. Von 
hierher muß bereits eine Tendenz des Ichs stammen, die Verantwortung 
für Ereignisse zu übernehmen, soweit sie lustvoll sind, und das Sich- 
Aufdrängen der Außenwelt auf vorangehende innere Veränderungen, zu 
beziehen. Denn nur so können sie (in der Phantasie) beherrscht werden 
ehe die apperzeptive Unterscheidung von spezifischer Ursache und Wirkung 

da ist. In den charakteristischen Momenten dieser Stufe „fällt das 

Ichsubjekt mit dem Lustvollen, die Außenwelt mit dem Gleichgültigen 
(eventuell als Beizquelle Unlustvollen) zusammen". * Von äußeren Ereig- 
nissen, welche Beunruhigung bringen, wendet es sich ab, und zwar ver- 
mittels eines Überflutens mit narzißtischer Libido. 

Man kann vielleicht dieses Moment noch in gewissen späteren Phasen 
gespiegelt sehen. So wird z. B. ein Motiv in der späteren Identifizierung 
des Mädchens mit dem Vater darin bestehen, daß es die Lustbedingungen 
ganz in der Hand zu haben wünscht. Wenn der Penis (die Brustwarze) 
ihr eigen ist (ein Teil des Ich), dann kann sie ihn genießen, wie und 
wann sie es wünscht, unabhängig von den für sie nur willkürlichen 
Wünschen der Andern. Diese Einstellung ist selbstverständlich zum Teil 
aufgebaut auf den objektgerichteten analen Beherrschungswünschen und 
auf den oralen Besitzwünschen, wie auch die eigentliche Ödipusbeziehung, 
aber allem dem voran wird noch jene Einbeziehung aller Lustquellen in 
das eigene Ich als eine für sich genügende Ursache zu betrachten sein. 

Diese erste Stufe geht beständig und unbemerkbar in die zweite über, 
wie die zweite in die dritte. 

2) Die zweite Stufe ist die der frühesten Objektbesetzungen und 
rudimentären Objektbeziehungen. Die Möglichkeit von Objektbeziehungen 






1) Freud, Triebe und Triebschicksale. Ges. Sehr., V, S. 460. 



Entbehrung und Schuldgefühl 211 

ist von zwei miteinander verbundenen Gesichtspunkten aus ersichtlich : 
a) der wachsenden Stärke des Ichs, das weniger narzißtische Libido nötig 
hat, b) dem Anwachsen der Mannigfaltigkeit, Verbundenheit und Beständig- 
keit der äußeren Reize. Voraussichtlich beginnt das Ich bereits äußere 
Ereignisse erwartungsvoll zu dulden (sich nicht von ihnen abzuwenden wie 
auf der primären narzißtischen Stufe), nur daß sie mit einem Endzustand 
von Lust verknüpft und so zu Befriedigungsanlässen werden. 

Äußere Wahrnehmungen bekommen so genügende Beziehung zu äußeren 
Anlässen und können in größerem oder geringerem Maße von inneren 
Geschehnissen unterschieden werden. Diese äußeren Ereignisse müssen 
freilich zuerst als eigene Aktion, in den Grenzen der inneren Kausalreihen, 
erfaßt werden. Gerade wie auf der ersten Stufe das Ich äußere Ereignisse 
assimiliert, um sie in die Hand zu bekommen, tut es das auf der zweiten 
Stufe, um sie zu verstehen und sie so in die Hand zu bekommen, 
indem es auf sie reagiert. Es fühlt sie als außerhalb von sich, aber sich 
gleich. Wenn diese Wahrnehmungsordnung der äußeren Welt in den 
Grenzen der eigenen Aktionen, zugleich mit den dazugehörigen Objekt- 
besetzungen, erreicht ist, ist damit die Stufe gewonnen, wo die innere 
Libidospannung zu einer äußeren Gefahr in Beziehung gesetzt werden 
kann. Das Ich „stößt — von sich aus, was ihm im eigenen Innern Unlust- 
anlaß wird". 1 Es ist die Zeit, wo Entbehrung äquivalent wird 
mit Versagung. Aus dem „Ich habe nicht bekommen, was ich 
wünschte" wird ein „Du versagst es mir". Die schmale Brücke zwischen 
beiden ist das Vorenthalten der Lust an der Mutterbrust durch die Mutter. 

„Ich bin erschrocken über meine Hilflosigkeit gegenüber meinen eigenen 
sadistischen Wünschen" wird so verwandelt in „Ich fürchte deine grausame 
Gegnerschaft", und dies wird weiter entwickelt zu „Du bist mir entgegen, 
weil ich dich besitzen und vernichten will." „Du nahmst sie mir weg, 
weil ich beißen wollte." Es ist dieses „weil", das die Rolle der 
notwendigen Schranke gegen das Ansteigen der Libido spielt. Und den 
vereitelnden Tendenzen wird, wie Frau Klein klargestellt, und wie wir 
gesehen haben, unvermeidlich die ganze Maßlosigkeit und Unbarmherzig- 
keit der eigenen abgesperrten Impulse des Kindes verliehen. Gefürchtet 
wird, wie Jones gezeigt hat, eine wiedervergeltende Schädigung des 
Körpers, die ein völliges Erlöschen der Lust einschließt, die A p h a n i s i s. 
Diese Furcht vor der Aphanisis ist spezifiziert und lokalisiert als Kastrations- 
furcht und wird auf der dritten Stufe wiederum verinnerlicht. 

Die frühesten Komponenten des Schuldgefühls gehören so zu den am 



l) Freud, Triebe und Triebschicksale. Ges. Sehr., Bd. V, S. 461. 



_ 



212 Susan Isaacs 



wenigsten differenzierten Stufen der Erfahrung. Von dem Umstand, daß 
hier die ersten und mächtigsten Objektbesetzungen vor sich gehen, bezieht 
das Schuldgefühl seinen Charakter des Alles-oder-Nichts und seine 
Automatie. Von hier aus ist es zu verstehen, daß das spätere „Gewissen 
ein „Kategorischer Imperativ" bleibt, eine Unbedingheit selbst dann, wenn 
sein spezifischer Inhalt in der objektiven Welt mit unterscheidbarer 
Realität erfüllt wird. 

Es scheint, als wenn auf diesem Hintergrund, auf dem die Mutter das 
Kind wegen der gegen sie gerichteten sadistischen Wünsche straft, die 
komplizierten Über-Kreuz-Beziehungen der Ödipussituation gezeichnet 
würden. Frau Klein vermutet, daß die oralen (und analen) Versagungen 
„die Ödipustendenzen auslösen" und vielleicht mit ihnen den Beginn der 
genitalen Phase. 

3) So kommen wir zu der dritten Stufe, wo wir von der Versagung 
zu der eigentlichen Schuld fortschreiten, wo die Liebesobjekte „introjiziert ' 
werden und die eigentliche Kastrationsangst verinnerlicht wird. 

Wenn wir diesen Prozeß der Verinnerlichung in ein logisches Schema 
bringen, so ergeben sich etwa folgende Schritte: 

a) Du bist gegen mich, weil ich dich besitzen und (oder) dich 
vernichten will. 

b) Wenn ich dich nicht besitzen und (oder) vernichten will, so wirst 
du mich lieben (nicht hassen). 

c) Ich will gegen mich selbst sein, weil ich dich hasse [bewußt: weil 
ich dich liebe (dich nicht hasse)]. 

d) Ich kann mich lieben, wenn ich gegen mich selbst bin. 

e) Ich liebe mich selbst, wenn ich dich liebe (= dich nicht hasse). 
Das e) würde die Logik des Normalen auf der genitalen Stufe sein, 

das c) die des Zwangsneurotikers. 

Die Dinge gehen natürlich nicht so einfach vor sich. Bei jedem Schritt 
findet in Wirklichkeit ein sehr zusammengesetztes Voran und Zurück 
zwischen innen und außen statt, gerade wie in der späteren Entwicklung 
zwischen Über-Ich und Es. 

Von den allgemeinen dynamischen und ökonomischen Funktionen 
dieser Verinnerlichung hier zu sprechen, liegt keine Veranlassung vor. 
Eins mag erwähnt werden, nämlich, daß sie für die Entwicklung des 
realen Ich und für die Kenntnis und Beherrschung der Außenwelt 
zweierlei leistet: Sie enthebt das Ich der Bedrängnis durch das Es und 
befreit die äußeren Ereignisse von ihrer Überbesetzung mit Libido. 

Ich habe mich in dieser Arbeit vorwiegend für das zweite Stadium 
der Entwicklungsgeschichte des Schuldgefühls interessiert, weil meiner 



Entbehrung und Schuldgefühl 



213 



Meinung nach dort noch die größeren Schwierigkeiten liegen. Eine Schluß- 
folgerung wird durch die hier behandelten Tatsachen und Gedanken 
erhärtet: die Unvermeidbarkeit des Schuldgefühls im menschlichen 
Geiste. Es stammt aus den kindlichen Entwicklungsvorgängen als solchen 
und nicht aus deren akzidentellen Umständen oder aus einer falschen 
Erziehung. Das Schuldgefühl ist nicht durch falsche Theologien zu 
erklären oder wegzuerklären, sondern umgekehrt diese durch jenes. 



Über einen alltäglichen Zwang 

Von 

Paul Federn 

Wien 

In seiner Arbeit „Einige Fälle von Zwangsneurose" hat Ernest Jones 
viel mehr als Kasuistik gegeben. Er hat die vielfache Wurzel in der in- 
fantilen Triebkonstitution der Kranken für jeden Partialtrieb gesondert 
gezeigt; so erkennt man, daß jedes Symptom nicht nur im Längsschnitt 
der Krankheitsentwicklung vielfach determiniert ist, sondern auch im 
Querschnitte aus der Verdrängung mehrerer Triebkomponenten überdeter- 
miniert ist. 

Dasselbe gilt auch von dem, vermutlich häufigsten, Zwangssymptom, 
welches den Gegenstand dieser Mitteilung darstellt. Bevor ich daher die — 
wie ich meine — tiefste und wesentlichste Bedeutung des Straßenpflaster- 
zwanges hervorhebe, will ich die vielen anderen Erklärungen und Deter- 
minierungen desselben kurz mitteilen. Manche dieser Begründungen sind 
Bationalisierungen im Sinne der von Jones zuerst eingeführten Bedeutung 
des Wortes. Es sei bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, daß das 
deutsche Wort „Rationalisierung" in der wissenschaftlich-praktischen Lite- 
ratur eine andere Bedeutung hat als im Sinne der Jones'schen Bezeich- 
nung. Es bedeutet die Anwendung rationeller Gesichtspunkte und Über- 
legungen, wo vorher gedankenlos oder rein instinktiv vorgegangen wurde. 
„Rationalisation" im Sinne Jones' bedeutet aber die bewußte und für 
ausreichend gehaltene subjektive Begründung, neben der und unter- 
halb welcher die unbewußten Determinanten verborgen bleiben, ohne 
überhaupt als mangelnd bemerkt zu weiden. 

Es ist interessant, daß die Jone s'schen „Rationalisationen" nicht reine, 
verständige und vernünftige Motivierungen zu sein brauchen, sondern selbst 
noch unbewußte, aber weniger tief verdrängte Motive enthalten können. 
So sind die individualpsychologischen Erklärungen zum guten Teile Ratio- 
nalisierungen, die nur zum Teile rationale sind, zum größeren Teile neu- 
rotische Kompromißreaktionen gegenüber den verdrängten Motiven als 



Über einen alltäglichen Zwang 215 






wesentliche Begründung angeben. Sie sind daher nicht immer sachlich falsch, 
sondern oft nur topisch unrichtig lokalisiert und in bezug auf ihre Dyna- 
mik überschätzt. Seitdem die Psychoanalyse die tiefen Quellen der Neurosen 
aufgedeckt hat, bestehen viele, auch wissenschaftliche Rationalisierungen 
in solcher unrichtiger Verwendung wirklich vorhandener einzelner unbe- 
wußter Motive. Es rückt die „Rationalisierung" im Jones'schen Sinne 
der Erkenntnis des Unbewußten nach, um nach Möglichkeit doch Unbe- 
wußtes unerkannt zu lassen. So sind Jones' Arbeiten anregend und be- 
deutsam, besonders für unser Thema. 



Unter den Städtern geht nur der völlig unbefangene Mensch mit Be- 
hagen seines Weges, ohne je auf die Konfiguration des Pflasters zu achten. 
Behagen ist nämlich der affektive Gegensatz von Zwang; dem Zwangs- 
neurotiker fehlt das Gefühl von Behagen. Der Grad, wie sehr das unschul- 
dige Gefüge der Pflastersteine den darüber Schreitenden stört, ist sehr 
verschieden, vom bloßen gewohnheitsmäßigen Bevorzugen der Randsteine 
oder der Mittelstücke des Pflasters bis zum allerschwersten Gewissenszwange, 
der nicht duldet, daß eine, und sei es auch nur eine, Fuge unbeachtet bleibt. 
Man wird die leichten Störungen als hysterisches Symptom oft finden, die 
schweren zweifellos zur Zwangsneurose rechnen. 

Letztere Zeremonielle sind verschiedener Art, und stets bis ins einzelne 
determiniert. Im allgemeinen gilt's, keine Fuge zu betreten, aber es gibt 
auch viele Personen, welche gerade darauf achten müssen, jede oder jede 
zweite Fuge zu betreten. Andere müssen wieder jeden zweiten Stein aus- 
lassen, und genau in die Mitte, andere wieder nahe dem Rand der Steine, 
aber ja nicht zu nahe auftreten, manche mit der Spitze, andere mit der 
ganzen Sohle. Wird der Zwang als Spielen nach bestimmten Spielregeln 
kaschiert, so kommt ein geziertes Gehen zustande, wie es schon manche 
Kinder ausgebildet haben, wofür der Wiener Ausdruck „Faxen" gebraucht 
wird. Es sei hier darauf hingewiesen, daß die Zwangsneurotiker eine be- 
sondere Kunst entwickeln können, ihre Zwänge zu verbergen und durch 
bewußte Maniriertheit zu verdecken. Diese bewußte Korrektur ist aber 
keine „Rationalisation" im Jones'schen Sinne. Es ist vielmehr charakte- 
ristisch für den Zwang, daß er der Rationalisierung widersteht. Neurotische 
Symptome anderer Art, triebhafte und affektive unbewußte Motive können 
durch Rationalisierungen ersetzt werden; erst jener Teil der unbewußten 
Motive, welcher jeder Rationalisierung widersteht, wird als Zwang empfunden. 
Wir können das oben Gesagte daher fortsetzen: Durch das Gelingen der „Ratio- 
nalisation" unbewußter Motive gewinnt der Mensch das durch sie gestörte 



1 



216 Paul Federn 



Behagen zurück, das Zwanghafte widersteht aber der Rationalisierung und 
läßt kein Behagen zu. Ihm gegenüber hilft allerdings noch mitunter ein 
oft grimmiger Humor, den manche Zwangskranke gegenüber ihrer Krank- 
heit aufbringen. Das bewußte Verstecken und Verhüllen der Zwänge ist 
für die Außenwelt bestimmt, die „Rationalisation" im Jones'schen Sinne 
für das Individuum selber. 

Wie wird dieser so banale und oft so lästige Zwang begründet, wie 
psychoanalytisch erklärt? Die ausweichenden Begründungen mit „Gewöhnung, 
Eigenheit, Nachahmung, Spielerei" lassen wir unerörtert. Neurotische 
Rationalisierung im Sinne des gesamten Verhaltens der Patienten ist deren 
Antwort, daß sie in dem exakt gelungenen Betreten, resp. Nichtbetreten 
der Pflastersteine ein Omen sehen, ob ein Vorhaben gut gelingen werde;, 
oder daß sie sich Schwierigkeiten setzen, deren Überwindung sie im allge- 
meinen hoffen läßt, schwerere Aufgaben zu leisten; daß sie sich damit 
von unangenehmen Gedanken abbringen, sich damit beschäftigen müssen; 
sie könnten ebensogut etwas zählen oder die Ladenschilder lesen; oder, 
es sei unangenehm, so ungeregelt aufzutreten; sie müßten immer wissen, 
was sie genau zu tun hätten. 

Gewiß brauchen die Zwangskranken ihre Zwänge zu solcher abergläu- 
bischen Erleichterung ihres Unbehagens. Ihr Aberglauben ist abgeschwächte- 
Magie, welche uns die magische Bewältigung eines alten Tabus in Erinne- 
rung bringt. Schließlich ist jede Fuge entfernt einer Schwelle gleich, und 
es gibt ein Tabu der Schwelle, über welche der Gast beim tabuierten 
Hausherrn (Häuptling) gehoben werden mußte, damit er nicht den Tod 
mit sich bringe. Ob unsere Erklärung des Symptoms auch das alte Tabu 
betrifft, weiß ich nicht. Wir werden sehen, daß es mit dem Tabusein der 
Häuptlinge wesensverwandt ist. 

Nichts mit Tod und Todesdrohung hat die subjektive Erklärung zu 
tun, welche mir eine Frau gab, die selbst an solchen Zwängen einmal 
gelitten hatte, sie aber mit der Zeit völlig verlor. Sie machte darauf auf- 
merksam, daß für das kleine Kind die Fugen zwischen Steinen eine 
Schwierigkeit bedeuten, die es mit Stolz zu überwinden lernt. Es hat 
später ein Vergnügen daran, in die Fugen grade hineinzutreten, ohne zu 
stolpern, oder aber so große Schritte zu machen, daß es die Fugen ver- 
meidet. Auf dieses Vergnügen regrediert die spätere Neurose. Für die oben 
erwähnten Gehgewohnheiten mag diese Begründung gelten, für das Zwang- 
hafte ist sie viel zu harmlos, um mehr als einen frühen Anhalt für die Sym- 
ptombildung anzugeben. 

Näher kommt schon der Hinweis auf das eigensinnige Vergnügen vieler 
Kinder, grade in den Kot zu treten, womit auf die anale Komponente 



über einen alltäglichen Zwang 



217 



hingewiesen wird. An infantile erogene Zonen, an die Afterspalte und die 
Schamfuge und auch an den Busen der Mutter wird das Kind durch jede 
Fuge erinnert, und so werden mit diesem Zwange dem Kinde früh vertraute, 
später verdrängte Lustziele je nach der positiven oder negativen Bedeutung 
des Zwanges erreicht oder vermieden, im Unbewußten in beiden Fällen 
angestrebt und betont. 

Die Psychoanalyse bestätigt diese Erklärung sowohl für die anale als 
für die genitale Bedeutung der Fuge. Jeder Spalt hat die Symbolbedeutung 
der Vagina. Das weibliche Symbol mit dem Fuße, diesem so häufigen 
männlichen Symbol, nicht zu berühren, kann der Inhalt eines solchen 
Zwanges werden; ebenso kann aber auch das Betreten der Fuge die zwang- 
hafte Reaktion gegen das Tabu der Spalte sein. Das Betreten gibt die 
Sicherheit, daß die tabuierte Versuchung nicht vernachlässigt wurde. 

Eine andere psychoanalytische Bedeutung des Zwanges ist eine sekundäre. 
Der manifeste Inhalt des Zwanges verrät ein unbewußtes Verbot, etwas zu 
berühren. Nun wissen wir, daß Berührungsverbote mit dem Onanieverbot 
zusammenhängen, und man könnte denken, daß derjenige der die Fugen 
vermeidet, damit ausdrücken will, daß er ängstlich bemüht ist, keine ver- 
botene Stelle des Körpers zu berühren. Ich glaube aber nicht, daß für das 
Unbewußte das Gehen das Berühren des eigenen Körpers darstellen kann. 
Wir sind gewohnt, daß ein Vorgang von der unteren Körperhälfte auf die 
obere verschoben wird, aber nicht, daß durch unbewußten Mechanismus 
die oberen Extremitäten von den unteren ersetzt werden. Sekundär ist es 
ein alltägliches Vorkommnis, daß die Zwänge dann auftreten, wenn ein 
sexuelles Schuldgefühl, sei es aus unbewußten Zusammenhängen, sei es 
durch aktuelle Selbstbefriedigung, sich geltend macht. Alle Zwänge treten 
ja überhaupt mit wechselnder Häufigkeit und wechselnder Intensität 
auf. Jede schlechte Stimmung, jede Enttäuschung, aber auch jede Spannung 
auf ein wirkliches oder phantasiertes Wunschziel steigert die Zwänge. Sie 
nehmen ab, wenn die Schuldgefühle nachlassen oder auch wenn die libi- 
dinöse Spannung nachläßt. So mag der Pflastersteinzwang mit dem Auf- 
geben der Onanie einmal schwinden, das anderemal fortbestehen, während 
andere Symptome sich vermindern. Eine befriedigende Erklärung ist aber 
das Onanieverbot nicht. 

Das Formale des Zwanges läßt in ihm ein typisches Beispiel für jenen 
Mechanismus erkennen, den Freud in „Hemmung, Symptom und Angst" 
als Isolierung beschrieben hat. Die Trennung der Pflastersteine gibt 
reichlich Gelegenheit, mit den so isolierten Steinen Gedanken zu verbinden 
und die Isolierung als solche und symbolisch zu betätigen und hervor- 
zuheben. Daß die Isolierung nicht nur der formalen Reinheit des Ge- 






2iS Paul Federn 



dankens dient, sondern auch einen magischen Sinn hat, wurde von Freud 
hervorgehoben. Einen solchen besonderen magischen Sinn hat auch der 
uns beschäftigende Zwang. Das konnte ich an einem Manne „mit hundert 
Zwängen" deutlich erkennen, und ich glaube, daß der bei ihm gefundene 
Inhalt des Zwanges von allgemeiner Bedeutung ist. 

Dieser Kranke war ununterbrochen dem Fugenzwange unterworfen. 
Die Fuge war eine von vielen analogen Anhaltspunkten, an denen der 
Kranke seine einander störenden Doppelgedanken erledigte. Jeder Laternen- 
pfahl, Baum, Stab der Parkgitter, jede Telegraphenstange, jede senkrechte 
Linie in dem Bild der Häuserreihe, aber auch jeder Schmutzfleck am 
Pflaster, jeder Streifen am Teppich und Zimmerboden mußte eingerahmt 
und erledigt werden, im Notfalle nur mit dem Blicke, lieber mit dem 
Fuße. Isolierungszwänge auf Schritt und Tritt, und wenn dies durch 
Fahren vermieden wurde, in schwindelnder Geschwindigkeit von Blick zu 
Blick. Die Isolierungszwänge an senkrechten Gegenständen hatten ein viel 
komplizierteres Zeremoniell, das zu beschreiben ich hier nicht Baum habe. 
Die Pflasterfugenzwänge waren ein relativ einfaches „ins Auge fassen", 
welches das richtige Setzen des Fußes begleiten mußte. Dieser Zwang 
hatte eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich, in der sein Verfahren 
abgekürzt wurde, er aber immer größere Verallgemeinerung erfuhr. Die 
Analyse konnte die Bedeutung des ursprünglichen Zwanges vollkommen 
aufklären. Von dieser Aufklärung teile ich hier nur das Wesentliche mit. 

Der ursprünglich viel kompliziertere Zwang war zu Beginn der Pubertät 
vor einem bestimmten Hause zum erstenmal aufgetreten. Der Patient 
meinte, daß nirgend sonst in der Stadt ein so schönes quaderhaftes Pflaster 
als eben dort war. Und dort begann ein kompliziertes Geh-Zeremoniell, 
welches den Knaben mehrmals täglich auf diesem häufig gemachten Wege 
zum Gespött der Kameraden machte. Er ging dort nicht einfach weiter, 
sondern trat, wie ein Kiebitz hüpfend, in die Mitte des nächsten großen 
Pflastersteines. Dabei mußte er mit der rechten Hand erst die Mitte des 
Unterschenkels und dann die des Oberschenkels berühren, wobei er den 
Überzieher zur Seite schob. Zur gleichen Zeit war auch ein anderer 
Zwang aufgetreten, welcher später in die allgemeine zwanghafte Empfind- 
lichkeit gegenüber allen Gegenständen, die sich längs dem Wege abgrenzten, 
einmündete. Auch dieser Zwang ist ein ungemein häufiger, die entsprechende 
Gewohnheit ist ganz allgemein verbreitet. Der Knabe mußte jede hervor- 
ragende Distel oder sonstige Blume am Wiesenrande mit Stock oder Hand 
abschlagen. Ein König hat in grauer Vorzeit den Befehl zur Tötung der 
„Prominenten" durch dieses Symbol seinem Getreuen übermittelt. So haben 
wir die sadistische Wurzel des zwanghaften Verlangens gegenüber den 



Über einen alltäglichen Zwang 219 



Dingen, die längs dem Wege ragten, gefunden. Von Tötungsideen, die 
aber stark widersprochen waren, war der Knabe damals sehr erfüllt. 

Zur gleichen Zeit war auch die Kastrationsangst durch Erlebnisse in der 
Schule und zu Hause neu belebt. Ich verfolge aber diese Wurzel der Zwänge 
hier nicht weiter. Eine ungewöhnliche Überschätzung der Dankbarkeit für 
die Zeugung durch den Vater war eine der Reaktionen auf die Kastrationsangst. 

Kehren wir zur ursprünglichen Gestalt des Pflasterfugenzwanges, 
zum beschriebenen Hüpfzwange zurück. Der Sinn der Handbewegungen 
wurde aus vielen verwandten Symptomen verständlich. Eine Menge von 
Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen dienten der symbolischen 
Beruhigung, daß man dem Tode und der Kastration in einer geschützten 
Ecke entgehen könne. Eine solche Schutzecke mußte der Kranke stets gegen- 
wärtig haben. Die isolierende Umrahmung des gebeugten Knies durch die 
Berührungen mit der Hand stellten sehr schematisch einen solchen Schutz 
dar. Für diesen Kranken war die ganze Welt geteilt in gefährdende, offene 
Örtlichkeiten und in wohlige, geschlossene, geschützte. Die offenen führten 
— wie bei einem der von Jones beschriebenen Fälle — in wirklicher 
oder phantasierter Verlängerung zum Friedhof, die geschlossenen in ein 
Zimmer der Kindheitswohnung, in welcher er noch nicht von dem 
erschütternden Konflikte, der sich an ein bestimmtes Ereignis knüpfte, 
verstört worden war. Im fünften Lebensjahre hatte er nämlich seinen 
Vater durch einen an und für sich harmlosen Erstickungsanfall ohnmächtig 
zusammenbrechen sehen. Von da an war er mit dem Tode des Vaters 
dauernd beschäftigt. 

Der schützende Winkel, die Nische, hatte auch die Bedeutung der 
Mutterbrust und noch mehr des warmen Körpers der Schwester, an welche 
mehrere geheime Erlebnisse ihn banden. Für ihn war die Sexualität stets der 
Gegensatz des Todes, erstere war mit dem Komplex des Winkels ganz 
verknüpft. Die Handbewegung stellte magisch das Zeichen dar, welches 
Schutz, Geburt, Mutter, Liebe im Gegensatz zum Tode und zum Vater 
ihm sichern sollte. Auch in dem Emporhüpfen lag ein Unmöglichmachen der 
Todesdrohung; weg von der Erde, vom Grabe! Es hatte noch eine zweite 
Bedeutung, die wir als gegen den Tod gerichtet später hervorheben werden. 

Weshalb mußte aber diese, den Tod verneinende Zwangshandlung 
gerade in dieser Straße zuerst auftreten? Erst nach jahrelanger Analyse 
hoben sich aus dem Gedächtnis die Erlebnisse, die in dieser Straße, in 
welcher der Hüpfzwang entstanden war, erfolgt waren. In dieser Straße 
stießen die Wohnungen der Beichsten mit denen der Ärmsten zusammen. 
An der Grenze der Quartiere von Armut und Glanz begann das schöne 
Pflaster. In diesem Haus hatte sich ein Mann, der sonst keine Bolle im 



220 Paul Federn 



Leben des Knaben gespielt hatte, umgebracht, wahrscheinlich aufgehängt. 
Das Motiv des Selbstmordes konnte vom Kranken lange nicht erinnert 
werden. Aber in späteren Jahren waren viele Selbstmorde und schwere 
Unglücksfälle unter den Freunden und auch Verwandten des Kranken 
vorgekommen und lange hatte sich die Analyse nur mit der Ambivalenz 
zwischen Genugtuung über den Tod der Betreffenden und der schreck- 
haften Angst vor. der Plötzlichkeit dieser Todesfälle zu beschäftigen gehabt. 

Der Knabe hatte vom siebenten Lebensjahre an ein besonderes Interesse 
für Geschichte. Die Geschichte war für ihn eine einzige Reihe von Hin- 
richtungen, von Stürzen aus der Höhe der machtvollsten, reichsten und 
anscheinend völlig gesicherten glanzvollen Gestalten. Sein ganzes Leben 
lang dachte dieser Patient nur in diesen Kontrasten, vor allem an die 
Möglichkeit, daß der aufrecht gehende, herrschende, glückliche Mensch 
plötzlich dahingestreckt sein konnte. Rationell durch den Inhalt der Ge- 
schichtsbücher erklärt, unbewußt durch den Ödipuskomplex begründet, 
war es der Tod mächtiger Männer, der ihn ständig beschäftigte. Lange 
Zeit hatte der Patient keine Ahnung davon, wie schwere Haßregungen, 
wie schwere Todeswünsche seit frühester Kindheit der tatsächlich macht- 
vollen und prächtigen Gestalt des Vaters galten. Mit dem Fortschreiten 
der Analyse wurde dies völlig bewußt und gleichzeitig hörte das Problem 
des Sturzes des Mächtigen und des plötzlichen Sterbenkönnens auf, den 
Geist des Kranken ständig zu beschäftigen, ihn bei der Arbeit aufzuhalten 
und ihm das Lesen von Büchern und Zeitungen zu erschweren. 

Es gehört nun zu den komischen Dingen, die die Psychoanalyse mitunter 
bringt, daß der Selbstmörder in der Straße, von der ich sprach, gerade 
Sturz geheißen hatte. Selbstverständlich wissen wir ja, daß unabhängig 
von solchen oberflächlichen Zusammenhängen die neurotischen Mechanis- 
men ablaufen, und nur der Zeitpunkt und der Ort der Etablierung des 
Zwanges dadurch determiniert wird. 

Wir sehen jetzt, daß der unbewußte Todeswunsch und der Wunsch, 
die Todesmöglichkeit abzuwehren, wie bei den meisten Zwangsneuro- 
tikern auch in diesem Falle die Bedeutung des Zwanges war. Wie ist es 
aber möglich, daß die Straßenfuge diese Bedeutung bekommt? 

Wir müssen uns eine fast unglaubliche Komplexempfindlichkeit vorstellen, 
um den Sachverhalt, wie ihn unser Kranker zeigte, zu glauben. Für ihn 
bedeutet jede Linie, die zwei Objekte scheidet, also auch die Pflasterfuge, 
an und für sich das Aufhören von etwas und das Anfangen von etwas 
Neuem: Tod und Geburt, oder in unsrem Falle Tod und Zeugung. 

Nun vertragen solche schwere Zwangskranke nicht die leiseste Andeu- 
tung, daß etwas aufhöre und etwas beginne, auch wenn der neue Beginn 






Über einen alltäglichen Zwang 221 



nichts Schreckendes beginnen läßt. Diese Kranken assoziieren mit jedem 
neuen Beginn stets das Ende des Vorangegangenen; so kränkt sie jedes 
Aufhören und freut sie kein Anfang, denn jedes Aufhören ist ein Todes- 
symbol, jedes Aufhören weckt im Unbewußten den unerträglichen 
und mit dem Talion des eigenen Todes bedrohten Wunsch, daß der Vater 
sterbe. Unerträglich ist es für diese Kranken, sich als geistigen Parrizida 
zu fühlen. Um ja nie die Tatsächlichkeit, den Vater tot zu wollen, in 
sich aufkommen zu lassen, wird nach dem uns wohlbekannten phobischen 
Mechanismus der Zwangsneurose alles gescheut, was an den Tod mahnt. 
Aber der Sadismus in der Triebkonstitution und der verdrängte Wunsch 
treiben immer wieder den Kranken, gleichsam tastend dem Todeskomplex 
sich zu nähern. Die gesamte Intensität des Ödipuskonfliktes, soweit sie 
den Vater betrifft, wird so aufgeteilt auf unendlich viele kleine Gedanken, 
auf Vorstellungen vom Tode und dann auf in diese wieder ungeschehen 
machende oder die Gedankennähe schon büßende apotropäische zweite 
Phasen der Zwangshandlungen. 

Nun kann ich die zweite Bedeutung des Hüpfens erklären: Wie alle 
ausgebildeten Zwangshandlungen, unterlag es besonders minutiösen Bedin- 
gungen, die erfüllt werden müssen, damit der Zwang befriedigend aus- 
fällt. So mußte das Hüpfen mit einem bestimmten symmetrischen Schwung 
ohne Gefühl von Absicht, wie selbstverständlich in einer Kurve durch 
die Luft die beiden Pflastersteine miteinander verbinden; das einfache 
Gehen ist abgesetzt und eckig, es wird wie ein Zickzack empfunden. 
Das Eckige bedeutet hier im Gegensatz zur runden, konkaven Nische ein 
Absetzen, ein Trennen, also wieder ein Todessymbol. Das Hüpfen, das 
mit einem Schwünge die beiden Steine verbindet, hebt die Trennungs- 
linie auf. Es ist eine zwanghafte Aufhebung der Todesmöglichkeit auf 
Schritt und Tritt. 

Ich fasse daher zusammen: Dieser häufigste aller Zwänge bekommt 
seine Bedeutung dadurch, daß für das Unbewußte des Zwangsneurotikers 
jedes Ende, jedes Getrenntsein den Tod, in letzter Linie den gewollten 
Tod des Vaters bedeutet. 

Obgleich wir aus der Lebensgeschichte des Kranken erst die Bedeutung 
seiner Zwänge erfahren konnten, ist doch der wesentliche Mechanismus 
der, daß die Pflasterfugen eine tiefe symbolische Bedeutung haben. Gerade 
darum ist dieser Zwang für die Kranken subjektiv ganz inhaltslos. Symbole 
können nämlich übersetzt und verstanden, aber vom normalen Geiste 
nicht in ihrem tiefsten Zusammenhange erkannt werden, weil sie, wie be- 
sonders Jones ausführte, nur dann Symbole sind, wenn ihre Quelle un- 
bewußt ist. 



Das Gewissen und die Wiederholung 

Von 

August Stärcke 

den Dolder, Holland 

§ I. Zu den mißlichsten, am wenigsten zugänglichen und für uns 
Psychiater rätselhaftesten Erscheinungen gehört das Halluzinieren. Wir 
werden nie etwas davon verstehen, wenn wir nicht annehmen, daß jeder- 
mann fortwährend halluziniert, diese halluzinierten Bilder jedoch durch die 
grellen Projektionen der Sinnesorgane überschattet werden, wie das Sternen- 
licht am Tage. Es bleibt dann das Problem: Durch welche Kraft sind die 
Halluzinationen bei einzelnen Personen so resistent, daß sie sich inmitten 
der Sinnesempfindungen behaupten? Das wäre möglich a) durch Abbiendung 
der Sinnesreize, z. B. durch Narzißmus, b) durch besondere Intensität 
der Kraft oder der Kräfte, die sich in die Halluzinationen ergießen. 

Ad b) Auf halluzinierte Befehle können Personen angegriffen oder kann 
Selbstmord verübt werden, ohne daß irgendeine logische Einwendung etwas 
dagegen vermöchte. Die Stimmen bringen oft ein Schuldgefühl zum Aus- 
druck, äußern Vorwürfe oder Beschimpfungen, wie sie das Gewissen hätte 
äußern können, und die halluzinierten Befehle werden daraufhin mit der 
Kraft und der moralischen Satisfaktion des Pflichtgefühles ausgeführt. Es 
scheint, daß das Gewissen zur treibenden Kraft der Halluzinationen zu- 
mindest einen wichtigen Beitrag liefert. Daß die halluzinierten Befehle so 
oft antisozial gerichtet sind, während man sonst dem Gewissen eine pro- 
soziale Bolle zuschreibt, läßt sich nicht ohne weiteres aus der These er- 
klären, Halluzinationen und Gewissen seien beide Nachwirkungen des 
Ödipuskomplexes oder der ersten Objektbindungen überhaupt. 

Auf den folgenden Seiten wird der Versuch unternommen, einige Ein- 
sichten Freuds über das Gewissen auf anderen Wegen erneut zu be- 
gründen und damit eine weitere Brücke zu schlagen von Freud zu 
Semon, bzw. zu Pawlow, vielleicht auch den Ansichten Freuds — 
und sei es nur in Anwendung seiner eigenen Grundsätze — hie und da 
etwas Neues hinzuzufügen. 



Das Gewissen und die Wiederholung 223 




§ 2. Das Gewissen ist die innerliche Freiheitsschranke. Man wäre frei, 
seine Handlungen den äußeren Umständen anzupassen, wenn man darin 
nicht durch zwei Fesseln oder Vorschriften verhindert oder beschränkt 
wäre, nämlich durch die Gewohnheiten und durch das Gewissen. 
Den Gewohnheiten kann man sich teilweise entringen; man nennt diese 
Fähigkeit „Intelligenz". Intelligenz ist die Fähigkeit zu zweck- 
mäßiger Abweichung von einer Gewohnheit. 

Dem Gewissen kann die Intelligenz viel weniger anhaben. Sogar einer 
sonst großen Intelligenz gelingt es nicht leicht, das Gewissen zu beseitigen. 
Man könnte also die Unterstellung versuchen, das Gewissen sei Vertreter 
von sehr alten oder sehr tief eingeprägten Gewohnheiten. Das stimmt zwar 
gut mit dem analytischen Ergebnis, aber man stößt auf den Widerspruch, 
daß bisweilen auch sehr alte Gewohnheiten vom Gewissen gehemmt 
werden, auch solche, die sicher einem väterlichen Gebote entsprangen. 
(Wenn z. B. ein Mädchen aus orthodox gläubiger Familie, das später 
kritisch geworden ist, nicht mehr die Hände zum Gebete falten will, weil 
ihr Gewissen ihr verbietet, einen Glauben zu heucheln, den sie nicht 
mehr besitzt.) 

§ 3. Das Gewissen ist ein Organ des Ichs; das Ich definieren wir: die 
hemmende Kraft oder Kräfte, welche die Teile der Person zu einer funk- 
tionellen Einheit zusammenbinden. Freud sagt (Ich und Es, Ges. Sehr., 
Bd. VI, S. 568) : „Das Ich ist der durch den direkten Einfluß der Außen- 
welt unter Vermittlung von JV-Bw veränderte Teil des Es, gewissermaßen 
eine Fortsetzung der Oberflächendifferenzierung. Es bemüht sich auch, den 
Einfluß der Außenwelt auf das Es und seine Absichten zur Geltung zu 
bringen, ist bestrebt, das Realitätsprinzip an die Stelle des Lustprinzips zu 
setzen." Als sonstige Ichorgane nennt Freud: die Zensur, die wahr- 
scheinlich auch als Widerstand auftritt, und die Realität sp rü fung. 
Wenn man will, kann man das Gewissen als einen nach innen gerichteten 
Zweig dieses Organes der Realitätsprüfung betrachten, der zur Aufgabe 
hat, unsere Taten und Gedanken mit einem Ichideal zu vergleichen. 

Soweit gibt es genügend Motive, um den Teil des Individuums, der 
das Ichideal und das damit operierende Gewissen umfaßt, als Über-Ich 
vom Ich begrifflich zu trennen. Seine Funktion ist das Zusammenbinden 
von Individuen zu Einheiten höherer Ordnung (soziale Organisationen, als 
einfachste die aus zwei Personen bestehende Organisation Mutter-Kind.) 

Übrigens beschränken außer dem Gewissen noch andere Faktoren die 
Anpassungsfähigkeit. Wir nannten die Gewohnheiten und können sie zur 
Wiederholungstendenz (Mneme) überhaupt erweitern, die das 






224 August Stänke 



ganze System von Erinnerung und Vorstellung einschließt und die wir im 
Formativen als Erblichkeit wiederfinden. Auch die Erblichkeit be- 
schränkt unsere Entwicklungsmöglichkeiten bis zu einer bestimmten Breite. 
Das Gewissen ist also nicht der, sondern einer der inneren, die An- 
passung beschränkenden Faktoren. 

§ 4. Der Gewissenskonflikt. Nicht jeder Konflikt von Pflichten ist ein 
Gewissenskonflikt. Erst wenn das Ich sich mit der vorschreibenden Auto- 
rität identifiziert hat, wird eine Pflicht zur Gewissenspflicht. Auf drei ver- 
schiedene Weisen kann das Gewissen in einen inneren Konflikt einbezogen 
werden. Von jeder ein Beispiel. 

Ein Arzt wird während des Krieges von seiner reichen Klientel um 
Karten für Weißbrot belagert. Was leichter, als eine solche Verordnung 
zu geben, aber sein Gewissen verbietet ihm diese opportunistische, allzu- 
sehr der Aktualität angepaßte Haltung und verlangt von ihm, daß er die 
Erfüllung derartiger Wünsche verweigere. Das ist kein Gewissenskonflikt 
im engeren Sinne. Hier hat man es mit der normalen Funktion des 
Gewissens zu tun, das als Ganzes mit egoistischen und libidinösen Ten- 
denzen in Konflikt kommt. 

Ein echter Gewissenskonflikt liegt vor, wenn eine Gewissensanforderung 
einer anderen absolut oder relativ widerspricht. Der Bahnwächter aus 
unserem Schulbuch, der sein eigenes Kind zwischen den Schienen spielen 
sieht im selben Augenblick, in dem er für den heransausenden Zug eine 
Weiche umstellen soll, ist ein uns vertrautes Beispiel. In unserem Schul- 
buch entscheidet er sich für die Berufspflicht und sieht seine Bürgertugend 
belohnt: der Zug wird rechtzeitig zum Stehen gebracht und sein Kind 
bleibt unversehrt. Aber der Konflikt braucht nicht immer so auszugehen. 
Der Arzt, der das Berufsgeheimnis auch dann bewahrt, wenn es der 
Syphilis oder Schwindsucht eines Mannes gilt, der seine Tochter heiraten 
will, kann nicht auf ein solches Wunder rechnen, und die Stellungnahme 
seines Gewissens wird offenbar geteilt sein. 

Die dritte Art von Gewissenskonflikten tritt dadurch auf, daß das Ge- 
wissen bei dem einen anders spricht als bei dem anderen. Eine Identifi- 
zierung gibt bei einem den Ausschlag, eine andere beim Zweiten. So 
kann der Arzt, der auch dem Bichter gegenüber sich auf seine berufliche 
Schweigepflicht beruft, mit dem Juristen in Konflikt kommen, für den 
andere Gewissenspflichten gelten. Hier entsteht ein äußerlicher Konflikt 
zwischen Personen, der zu ihren eigenen Gewissenskämpfen noch hinzu- 
kommt. Denn auch der Arzt vernimmt die Gewissensstimme, die Sprechen 
gebietet, und kann sich bisweilen nur durch ein Schweigedogma vor Zweifel 



Das Gewissen und die Wiederholung 



225 






sichern; umgekehrt wertet der Jurist die Schweigepflicht des Arztes voll- 
kommen, sobald er nur selber Patient ist. 

Bei dieser Art von Konflikten stellt sich oft heraus, daß die miteinander 
kämpfenden Pflichten zu verschiedenen sozialen Organisationen 
gehören. Der behandelnde Arzt, der die Schweigepflicht auch dem 
Kontrollarzt gegenüber aufrecht hält, dient der alten Organisation der 
Medizin, die das Heilen und den Kranken allein berücksichtigt. Der 
Kontrollarzt vertritt eine neuere medizinische Organisation, die das Vor- 
beugen voranstellt und im allgemeinen den Gesunden dem Kranken vor- 
zieht. In diesem wie in anderen Fällen zeigt sich, daß e i n Teil oder eine 
Schicht des Gewissens mit einer bestimmten Stufe der sozialen Ent- 
wicklung zusammenhängt, eine andere Schicht mit einer anderen Stufe. 

Die einfachste gesellschaftliche Organisation ist die von Mutter und 
Kind, die zweite Stufe ist die primitive Familie. So ist auch soziologisch 
der Kern des Gewissens eine Nachwirkung des elterlichen Zwanges. Die 
vielleicht ältere Organisation des Liebespaares steht noch mit einem Bein 
in der infraindividuellen Stufenreihe. Das Gewissen scheint geschichtet, 
wie Sandstein, und die Stufen liegen oft diskordant. 

§ 5- Es ist merkwürdig, wie auch beim Gewissen die allgemeine Regel 
zutrifft, daß das Neue sich nicht aus der höchsten, d. h. zeitlich letzten 
Bildung entwickelt, sondern aus einem zurückgebliebenen niedrigeren 
Teil. Jede Entwicklungslinie ist eine Sackgasse; das Neue entsprießt dann 
wieder einer Knospe, die tiefer, bisweilen viel tiefer lag. Nicht längs dem 
Wege der Evolution, sondern längs dem der Revolution bewegt 
sich die Entwicklung. Nur aus einem zeitweiligen Chaos wird die Erneue- 
rung geboren. Was sich weiterentwickeln wird, muß erst auf dem Wege 
der Regression gewesen sein. Wir wollen diese Regel als das „Gesetz 
der Retrogenese" bezeichnen. 

In der ontogenetischen und phylogenetischen Entwicklung des Gewissens 
sehen wir das Gesetz der Retrogenese bestätigt. Ein Beispiel: Während 
des Dreyfus-Prozesses stellte es sich bekanntlich heraus, daß einige hoch- 
gestellte Offiziere falsches Zeugnis abgelegt hatten, um andere Vorgesetzte 
zu decken. Es durfte kein Fehler begangen worden sein. Angeblich, um 
nur die Autorität zu retten, gingen sie so weit, einen Unschuldigen, oder 
wenigstens einen, dessen Schuld nicht bewiesen war, im Bagno zu lassen. 
Das geschah nicht nur aus Egoismus oder aus Eitelkeit, sondern auch — 
wie sie glaubten — im Interesse des Staates. Diesen Standpunkt habe ich 
noch kürzlich von einem jungen Juristen verteidigen hören. — Es ist 
eine unangenehme Wahrheit, daß Regierende, wenn sie ein simples Gewissen 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/2-3. 



226 August Stärcke 



besäßen, bald in dieselben Schwierigkeiten geraten würden, wie der Bürger, 
der „In His Steps" treten wollte. 

Jede neue soziale Organisation fordert eine Neuorientierung in bezug 
auf Gut und Böse. Die Gesellschaft wählt jedesmal aus den verfügbaren 
„Es"-Faktoren die brauchbarsten zur Konstruktion der neuen Schicht des 
Gewissens. Was in der Familie gut hieß und als solches im Gewissen 
festgelegt wurde, ist im größeren Verbände nicht mehr gut. Die ge- 
schmeidigen Organisatoren, die geschäftstüchtigen Helden sind oft Menschen 
mit unentwickeltem Gewissen; die Frauen, die selten ein Gewissen be- 
sitzen — sie erkennen lieber eine Autorität in der Außenwelt an — oder 
deren Gewissen anders als beim Manne orientiert ist, haben sich auffällig 
leicht den neuen Verhältnissen angepaßt; die höchsten Staatsbeamten sind 
selten als Individuen die größten Charaktere (Vgl. Ibsen, Stützen der 
Gesellschaft). 

Fast jedes individuelle Laster hat seine sozial brauchbare Seite. Umge- 
kehrt stammen die am meisten vorgeschrittenen Gesellschaften (U. S. A., 
New-Zealand) zum großen Teile von Bürgern ab, die aus ihrem Heimat- 
lande als wenig brauchbar ausgewandert waren. Freud sagt (Massen- 
psychologie und Ichanalyse, Ges. Sehr., VI, S. 523): „Was man dann später 
in der Gesellschaft als Gemeingeist, esprit de corps usw., wirksam findet, 
verleugnet nicht seine Abkunft vom ursprünglichen Neid. Keiner soll sich 
hervortun wollen, jeder das gleiche sein und haben. Soziale Gerechtigkeit 
will bedeuten, daß man sich selbst vieles versagt, damit auch die anderen 
darauf verzichten müssen ..." 

Daher gerät ein Individuum jedesmal, wenn es in seiner Ontogenese 
eine gesellschaftliche Entwicklung wiederholt, in Gewissenskonflikt. Er soll 
etwas als unbrauchbar fortwerfen, was ihm ein Teil seines Selbst geworden 
war, er soll dies für Prinzipien eintauschen, die er zuvor zu verurteilen 
gelernt hatte. 

Mit Recht wird daher jeder wichtige Schritt in der sozialen Ontogenese 
durch ein Fest gefeiert, wir wir sie in den Pubertätsriten am schönsten 
entwickelt sehen. Feiern, die die antimoralischen (Orgien) oder hetero- 
moralischen (Feste) Phasen vertreten, die der neuen Kristallisation 
notwendigerweise vorangehen müssen. Ein Fest ist ein Zeitraum, in dem 
etwas Verbotenes zur Pflicht wird. Die älteren Kristalle müssen sich erst 
auflösen. Feste sind wie kurzdauernde Psychosen, und einige wirkliche- 
Psychosefälle können als pathologische Übertreibungen dieser Pubertätsriten, 
als mißlungene „Feste betrachtet werden. 

In ergreifendster Weise hat der große Hebbel in seiner „Agnes 
Bernauer" (1851) einen derartigen dramatischen Konflikt gestaltet. Agnes,. 



Das Gewissen und die Wiederholung 



227 




ein einfaches Bürgermädchen aus Augsburg, Tochter eines Baders, die 
wegen ihrer Schönheit und Tugend „der Engel von Augsburg genannt 
wurde, erregt die Liebe des jungen zukünftigen Herzogs Albrecht. Nach 
anfänglichem Widerstände kommt es zu einer geheimen Heirat, jedoch 
gegen den Willen des herzoglichen Vaters, der für seinen Sohn schon 
eine Heirat geplant hatte, die alte Fehden aus dem Wege räumen sollte. 
Dem alten Herzog Ernst bleibt keine Wahl. Er fühlt die Tragik des 
Königtums: Ein Fürst soll sein menschliches Gefühl für das Wohl seines 
Staates opfern. Agnes ist für Bayern gefährlich, darum soll sie si erben. 
Ein eigens für diesen Zweck ernanntes Gericht verurteilt sie, und man 
ertränkt sie in der Donau. Nur einem Genius, wie Hebbel, konnte es 
gelingen, diese fürstliche Missetat, die man unentrinnbar nähern fühlt und 
deren bloße Möglichkeit einen mit kaltem Entsetzen erfüllt, nicht nur er- 
träglich zu machen, sondern sogar für alle an der Tragödie Beteiligten Liebe 
zu erwecken, sie als Mitopfer, als vom Schicksal Mitgetroffene darzustellen. 
Agnes wird aus keinem anderen Grunde getötet, als weil sie schön und 
tugendhaft ist. Schönheit und alle menschlichen Vorzüge bringen Unglück, 
sind staatsfeindlich; das ist die unerbittliche Wahrheit, die H-ebbel uns 
vorhält. Die Tragik der Schönheit, wie er selbst es sagt, ist das Grund- 
motiv seiner Tragödie. Der alte Herzog spricht im Namen des Rechts, 
und daß diese Rede nicht wie ein Shawscher Sarkasmus anmutet, 
konnte auch nur einem Hebbel glücken. Albrecht darf nicht in Wut 
und Rache sterben, er soll leben und Herzog von Bayern werden, so ver- 
langt es sein Vater im Namen von Recht und Reich, während er ihm 
den Stab überreicht, der ihn zum Richter seines Vaters macht: „Du bist 
nicht wie ein anderer, der die Gerechtigkeit dadurch versöhnen kann, daß 
er ihrem Schwert reuig den Hals darbietet, von dir verlangt sie das 
Gegenteil!" Es ist eine vollständige ümkehrung des Rechtsgefühls, die 
zwar als notwendig annehmbar gemacht wird, aber auf ganz primitiven 
und kriminellen Trieben fußt. Denn was tut Herzog Ernst eigentlich, 
wenn man von allen schönen Reden und Seelenkämpfen absieht? Er läßt 
die Ehefrau seines Sohnes entführen, tötet sie und entfesselt einen Kampf 
auf Leben und Tod mit ihm, wobei dann freilich diese Urmissetat einiger- 
maßen idealisiert wird und das Drama mit einer Selbstbestrafung des 
Herzogs (er tritt ab und geht in ein Kloster) endet. Dadurch wird die, 
individuell betrachtet, schwerste Missetat staatsbrauchbar, und das Gewissen 
muß, diskordant folgen. Außer Hebbel hätte das wohl keiner vollbracht. 
„Agnes Bernauer war für mich die Morgenröte des Staatserlebens und von 
dieser Wahrheit: der Mensch muß untergehen, soll die Gesellschaft 
leben." 

13* 



228 August Stärdce 



Das Gewissen ist also geschichtet; es ist die Nachwirkung von früher 
erlebten sozialen Pflichten. Jede soziale Stufe hat ihr Sediment hinter- 
lassen, auf der orthophrenen 1 Stufe vor allem Eltern, Familie und Horde 
(Superorganismen), auf der metaphrenen 1 Stufe der Staat (Supersuper- 
organismus), daneben auch jede Nebenorganisation: das Liebespaar, die 
Vereinigung. 

Die auch für das Gewissen gefundene Gültigkeit des Gesetzes der 
Retrogenese nötigt uns zu einer Abänderung des benutzten Analogiebildes. 
Wir sprachen von Sandstein ; die rezenten Bildungen des Gewissens wachsen 
aber nicht aus der oberen, sondern aus einer anderen, längst überdeckten 
Schicht. Sie durchbrechen die Deckschicht und breiten sich darüber wie 
ein vulkanischer Magmastrom aus, der aus längst vergessenem Schacht 
heraufquillt und sich zur Lavadecke ausbreitet. Das Antisoziale von gestern 
wird zum Teil das Soziale von morgen, und das Ethische von jetzt, das 
morgen altmodisch und morgen abends antisozial sein wird, mag über- 
morgen teilweise wieder zur sozialen Macht heranwachsen. 

Unsere Annahme geht also dahin, daß eine geschichtete Struktur von 
mnemischen Niederschlägen aus allen sozialen Entwicklungsstufen zu- 
sammen das „Ichideal" bildet, mit dem eine gewisse Macht, Gewissen 
genannt, das „Ich" zu vergleichen hat, und es fragt sich, ob diese Auf- 
fassung nicht in zweifacher Hinsicht vereinfacht werden kann. Wenn ein 
mnemischer Niederschlag an sich wirkungsfähig ist, kann das Zu- 
sammenspiel der mnemischen Stufen sehr gut alle Wirkungen 
des Über-Ichs erklären. Das Ichideal, nach dem man zu streben meint, 
ist das jedesmal von der sozialen Umgebung anders beleuchtete und da- 
durch anders gestaltete Bild der introjizierten Reizvergangenheit; es liegt 
hinter uns und lockt nicht, sondern treibt. Auch das Gewissen wird 
mit der mnemischen Struktur selbst identisch und der Unterschied zwischen 
beiden (Gewissen und Ichideal) ein Unterschied in der Entwicklungsstufe 
der Selbstbeobachtung. Die veränderlichen äußeren Umstände bringen 
bald die eine, bald die andere Schicht der mnemischen Niederschläge zur 
Wirksamkeit. Das „Ich" kann ein Teil derselben Struktur sein, nur ist 
die prägende Autorität hier das Sinnesorgan. Es ist der mnemische Nieder- 
schlag der Organisationsstufe: das Individuum. 

1) Orthophrenie nannte ich in meinem blauen Büchlein (1921) den Geistes- 
zustand des Individuums, das von der Familie oder Horde ein Teil ist; der Pro- 
duktionszwang hat noch einen guten genitalen Rest und richtet sich auf das Erzeugen 
von Kindern. M e t a p h r e n i e ist der Geisteszustand des Individuums im modernen 
Staate; der Produktionszwang ist mehr anal und auf das Erzeugen von Gütern 
verschoben. 



Das Gewissen und die Wiederholung 



229 



Die Wirkung der Außenwelt ist dabei nur selektiv zu denken die 
Gesellschaft erlaubt die Wirkung gewisser Schichten des Es und verbietet 
andere. Die genügend häufige, genügend intensive, m empfang- 
licher Periode erfolgte gesellschaftliche Belohnung eines Es- 
Faktors stempelt ihn zur Über-Ich-Schicht und gibt ihm der 
sensorischen Ablehnung gegenüber Resistenz (eventuell kann er 
sich halluzinatorisch behaupten). Damit wird er aber keineswegs 
dem Es entzogen. Vielmehr wird er den speziellen Ton- oder Farbreiz- 
reflexen vergleichbar, die in P a w 1 w s Versuchen durch genügend hauf.ge 
Wiederholung und genügend intensive Belohnung zu bedingten Reflexen 
geworden sind, d. h. entfernte Effekte an sich gezogen haben. Der katego- 
rische Imperativ des Gewissens ist der unveränderte Imperativ der Triebe. 

Man könnte das Schema anstatt so: 

ÜBER-ICH 

(mnemische Niederschläge aus sozialen Stuten) 

ICH 

(id. aus der individuellen Stufe) 

ES 

(id. aus infraindividuellen Stufen) 



vielleicht besser so schreiben: 



ES (Triebe) 



YYYY^'YYY^YYYY" 



sensorisch sanktionierter 
Teil des Es („Ich'') 



(früher) sozial 

sanktionierter 

Teil des Es 

(„Über-Ich") 

§ 6. Von den dem Gewissen zugeschriebenen Funktionen: Selbstkritik, 
ethische Hemmung, Schuldgefühl, Reue, Selbstbestrafung, haben wir bis 
jetzt nur die Hemmungsfunktionen betrachtet und sagten, das Gewissen 
sei eine hemmende Macht. Die Hemmung wird aber oft, vielleicht immer, 
aktiv ausgeübt, sei es durch direkten aktiven Widerstand, sei es durch 
Ableitung der Erregung auf konkurrierende Triebe. 

Wir möchten jetzt die Aufmerksamkeit auf eine Reihe von Tatsachen 
lenken, die ich meines visuellen Typus wegen bildlich zu schematisieren 



230 



August Stärcke 




versucht habe. Die Erfahrung lehrt bekanntlich, daß jede Tat, jede Bewegung, 
wenn sie nicht gehemmt wird, rhythmisch wiederkehrt. Die einmalige 
Tat ist eigentlich immer eine gedämpfte Serie. Diesen Tatbestand soll die 

1. Figur darstellen. Man sieht da 
eine gedämpfte Sinuskurve, die 
einen Sehnenreflex vorstellen 
mag, aber auch, etwas abstrak- 
ter, eine Missetat mit ihrer 
Wiederholungstendenz, im allge- 
* 1*1* i ^_^ meinen eine motorische Aktion 

mit ihren Wiederholungen. 

Eine zweite Tatsachenreihe 
betrifft die Selbstbestrafung. Hier 
wird ebenso wie bei der Be- 
strafung von anderen das Jus 
talionis bevorzugt, das heißt, 
CT-_ 2 j \ J daß die Bestrafung, wenn nicht 

genau vorgeschrieben, leicht dem 
Frevel gleicht, nur mit dem 
Unterschied, daß sie gegen die 
Person des Frevlers gerichtet ist. 
Das ist in der 2. Figur wieder- 
gegeben. Dem Frevel (erster 
Kurvengipfel) schließt sich die 
' , 9' » » Selbstbestrafung an (zweiter Kur- 

vengipfel, verdoppelte Linie in 
rückläufiger Richlung; es hätte auch jede andere Richtung sein können. 
Die Richtung auf ein bestimmtes Objekt ist für den Zweck der Abbildung 
in die Ebene der Zeitkurve umgeschlagen). 

In der 5. Figur ist die Wirkung des Gewissens dargestellt. Die Wieder- 
holung des Frevels bleibt aus und an ihre Stelle tritt die Selbst- 
bestrafung. Zusammen wird das in der Formel ausgedrückt : Das Gewissen 
ist die Macht, welche die Wiederholung der Handlung 
durch bloße Richtungsänderung in Selbstbestrafung und 
Reue umwandelt. 

Der vorstehende Aufsatz schien mir durch seine Richtung auf das Normale 
geeignet, um unserem verehrten Jubilar, der so viel zur Analyse des 
Normalen beigetragen hat, ein Zeichen meiner Dankbarkeit zu geben. 




Strafbedürfnis und Todestrieb 

Von 

Franz Alexander 

Berlin 

Das Problem des Strafbedürfnisses führt uns zu den merkwürdigsten 
Seiten des menschlichen Seelenlebens. Es führt uns zu jenen für eine 
rationalistische Psychologie unverständlichen Handlungen, die den handeln- 
den Menschen selbst schädigen, ihm Schmerz und Unlust zufügen, eine 
deutliche selbstzerstörende Absicht verraten. Diese Handlungen erscheinen 
dem gewöhnlichen Denken paradox, weil man aus Selbsterkenntnis und 
aus der Beobachtung von anderen gewohnt ist, anzunehmen, daß die 
Handlungen im allgemeinen ausgeführt werden, um Unlust zu vermeiden 
oder um Lust zu gewinnen. Handlungen und auch andere seelische 
Äußerungen mit der manifesten Absicht, um Leid aufzusuchen, erscheinen 
widerspruchsvoll zu diesem allgemeinen Prinzip. Die Untersuchung solcher 
Vorgänge, die dem Lustprinzip nicht oder nicht ausschließlich unterworfen 
sind, führten Freud zur Annahme eines Triebes, der in der Richtung 
des Todes wirksam ist, dessen Ziel die Zerstörung ist. Nach seiner Auf- 
fassung ist es von sekundärer Bedeutung, ob dieser Trieb sadistisch nach 
außen auf das Zerstören von fremdem Leben oder masochistisch nach 
innen gegen das eigene Selbst gerichtet ist; es handelt sich immer um 
denselben Trieb. 

Freud spricht dem Trieb nach Selbstzerstörung, dem Todestrieb, eine 
primäre Bedeutung zu und leitet die Destruktion nach außen von diesem 
primären Todestrieb ab. Andere Forscher, wie z. B. Jones 1 und 
Reich, 2 meinen hingegen, die selbstzerstörenden Äußerungen der 
Menschen von der Nach-innen-Wendung des ursprünglich nach außen 
gerichteten Destruktionstriebes ableiten zu können: den Masochismus aus 
dem Sadismus und nicht umgekehrt. Diese zweite Auffassung verzichtet 
auf den Begriff des Todestriebes und begnügt sich mit der Annahme eines 

1) Jones, Ursprung und Aufbau des Über-Ichs. Diese Zeitschr., Bd. XII. 1926. 

2) Reich, Straf Bedürfnis und neurotischer Prozeß. Diese Zeitschr., Bd. XIII. 1927. 



232 



Franz Alexander 



Destruktionstriebes, der sich unter Umständen auch nach innen wenden 
kann. 

Ein großer Teil der seelischen Vorgänge mit selbstzerstörender Absicht 
läßt sich jedenfalls, seitdem Freud die Melancholie verstanden hat, aus 
nach innen gewendeten Aggressionen, die ursprünglich einem äußeren 
Objekt galten und erst später sich gegen das eigene Selbst wandten, er- 
klären. Die nachfolgenden Ausführungen sollen einige jener Umstände 
beleuchten, die außer den sekundär nach innen gewandten Destruktions- 
tendenzen für die Existenz des primären Todestriebes sprechen. 

Untersuchen wir zunächst wie weit man ohne jede triebtheoretische 
Annahme auf rein psychologischem Wege die mannigfaltigen Äußerungen 
selbstzerstörender oder selbstschädigender Tendenzen verstehen kann. 

Diese Tendenzen erscheinen uns wahrhaftig in den mannigfaltigsten 
Äußerungen. Wenn wir von dem Selbstmord ausgehen und zu anderen 
Erscheinungen übergehen, bei denen die Selbstzerstörung weniger deutlich, 
vielleicht durch andere Tendenzen gemildert, hervortritt, so läßt sich eine 
Skala feststellen mit einer immer kleiner werdenden Wirksamkeit der 
Selbstzerstörung. Besonders deutlich und stark erscheint diese Tendenz bei 
dem moralischen Masochisten und bei dem Melancholiker, deren Existenz 
durch sie immer gefährdet erscheint. Rein phänomenologisch macht der 
Verbreicher aus Schuldgefühl, der mit Absicht, wenn auch mit einer unbe- 
wußten Absicht, sich ins Gefängnis bringt, einen ähnlichen Eindruck. 
Doch dieser stellt bereits einen besonderen gutmütigen Typ des moralischen 
Masochisten dar, bei dem das Bedürfnis nach Bestrafung offenbar der Ver- 
meidung von Unlust dient. Sowohl die Tat selbst wie die Strafe befreit 
ihn von Gewissensangst, sie bedeuten eine Entlastung für ihn, einen 
ökonomischen Gewinn in der Lust-Unlust-Bilanz. Sie sehen bei diesem 
manifest selbstschädigenden Verhalten deutlich das Wirken des Lustprinzips, 
das Bestreben nach Vermeidung von Unlust. Natürlich noch deutlicher 
tritt das Lustprinzip bei der masochistischen Perversion in Erscheinung, 
bei der die Bestrafung oder das Leiden mit Lust verknüpft ist. Hier erscheint 
die Strafszene oder der zugefügte Schmerz mehr oder weniger als eine Komödie, 
ja, in gewissen Fällen nur als eine Vorbedingung des normal ausgeführten 
Sexualaktes. An einem Falle ist es mir gelungen, Freuds Annahme zu 
bestätigen, daß es sich bei der masochistischen Perversion um die Eroti- 
sierung derselben selbstzerstörenden Tendenzen handelt, die das Leben der 
moralischen Masochisten so ernstlich gefährden.' Die Sexualisierung dieser 
gegen das eigene Selbst gerichteten Aggressionen macht sie weniger gefähr- 
lich, neutralisiert ihre destru ktive Wirksamkeit. 

l) Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit. Int. PsA. Verlag 1927. 



Strafbedürfnis und Todestrieb 



233 



Neben diesen ausgesprochenen Äußerungen des gegen das eigene Selbst 
gerichteten Destruktionstriebes kennen wir aus dem alltäglichen Leben eine 
große Reihe von menschlichen Handlungen und Verhalten, die im Auf- 
suchen von leidvollen Situationen bestehen. Ja, so ein Verhalten ist sogar 
bei jedem Menschen fast in jedem Augenblick feststellbar. Wir haben von 
Freud die Entwicklung vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip kennen gelernt. 
Das Wesen dieser Entwicklung besteht darin, daß man imstande ist, im 
Interesse eines zukünftigen und gesicherten Lustgewinnes oder der Ver- 
meidung einer größeren Unlust zeitweilig nicht nur Triebspannungen zu 
erdulden, sondern sogar unlustvolle, leidvolle Situationen direkt aufzu- 
suchen. So handelt man zum Beispiel, wenn man sich der schmerzhaften 
Operation der Zahnbehandlung unterwirft, um sich dadurch zukünftige, 
noch größere Schmerzen zu ersparen. 

Man wird vielleicht einwenden, daß man kein Recht habe, ein solches 
rationelles Aufsuchen von Leid, das offenbar im Interesse des eigenen 
Selbst steht, mit den früher beschriebenen selbstzerstörenden Tendenzen 
oder Vorgängen zu vergleichen. Die Entwicklung vom Lustprinzip zum 
Realitätsprinzip steht ja in dem eigensten Interesse des Individuums, 
während die früher beschriebenen Vorgänge gegen sein Interesse gerichtet 
sind. Es läßt sich aber leicht zeigen, daß wir aus der Entwicklung 
des Lustprinzips zum Realitätsprinzip den Übergang zu den früher er- 
wähnten paradoxen selbstschädigenden Handlungen finden und so das 
Strafbedürfnis, diese komplizierte Beziehung zwischen Ich und Über-Ich, 
leichter verstehen werden können. 

Das Realitätsprinzip nannte Freud ein durch die Realitätsprüfung ver- 
bessertes Lustprinzip. Es bedeutet eine sinnvoll organisierte Leitung des 
Trieblebens, deren Leitmotiv darin besteht, am Ende per Saldo das Lust- 
konto nach Möglichkeit zu vergrößern, das Unlustkonto nach Möglichkeit 
zu vermindern. Dies wird dadurch erreicht, daß das Ich mit Hilfe seiner 
Realitätsprüfung die äußeren Gegebenheiten und Möglichkeiten mit den 
Triebansprüchen konfrontiert. In dieser seiner Funktion ist das Ich teil- 
weise ein Vertreter der Realität, wenn er auch im tiefsten mit den Trieb- 
ansprüchen des Es fühlt. Es hat sich nolens volens unter dem Druck der 
mächtigeren Realität mit dieser teilweise identifiziert und verlangt nun 
seinerseits von dem Triebleben die Berücksichtigung dieses übermächtigen 
Machtfaktors. Wenn es also selbsttätig Leidenssituationen aufsucht, so tut es dies 
im Interesse eines zukünftigen Lustgewinnes oder wenigstens einer kleineren 
Unlust. So entsteht das Ich aus dem Es als dessen Differenzierungsprodukt 
dadurch, daß es sich mit der äußeren Realität identifiziert, aber nur des- 
halb, um dadurch eine vollständigere Befriedigung der Triebansprüche zu 



234 



Franz Alexander 



erzielen. Die entwicklungsgeschichtlich jüngere Differenzierung des Über- 
Ichs aus dem Ich bedeutet aber einen ganz ähnlichen Vorgang, eine Iden- 
tifizierung mit einem speziellen Teil der Realität: mit den sozialen 
Anforderungen. Die Beziehungen des Über-Ichs zum Ich bilden eine 
parallele Erscheinung zu den Beziehungen des Ichs zur Realität. Wie das 
Ich aus dem Es dadurch entstand, daß der seelische Apparat wenigstens 
in einem der Realität zugewendeten Teile die Eigenheiten der Außenwelt 
anerkannte, das heißt dieser ähnlich wurde, so entstand das Über-Ich aus 
dem Ich durch die Identifizierung mit den sozialen Anforderungen. 

Es ist nun weiter nicht verwunderlich, wenn das Ich dem inneren 
Vertreter der sozialen Anforderungen, dem Über-Ich gegenüber dieselben 
Methoden zur Anwendung bringt, die es der äußeren Realität gegenüber 
sonst zu verwenden gelernt hatte. Es gibt dem Über-Ich, wo es nötig ist, 
ebenso nach wie der äußeren Realität, nimmt, wenn nötig, Leid auf sich, 
um dadurch auf einer anderen Stelle die Triebansprüche siegreich durch- 
zusetzen. Aber auf denselben Prinzipien beruht auch die Beziehung des 
Kindes zu den Erziehern, die sich den Triebansprüchen des Kindes gegen- 
über ebenso verhalten wie die unpersönliche Realität. Sie fügen dem Kind 
Unlust zu, wenn es nicht folgt, und belohnen es mit Lustprämien, wenn 
es die nötigen Triebverzichte leistet. Es ist also nur selbstverständlich, daß 
das Verhalten des Ichs zum Über-Ich denselben Grundsätzen entspricht, 
die seinen Beziehungen zu der äußeren unpersönlichen Realität und zu 
den Erziehern zugrunde lagen. 

Das Verhalten des Ichs dem Über-Ich gegenüber entspricht also dem 
Realitätsprinzip. Wenn das Ich dem Über-Ich nachgibt, selbst 
wenn es sich vom Über-Ich bestrafen läßt, geschieht dies im Allge- 
meinen in der Absicht, am Ende das Lust-Konto in die Lust- Unlust- 
Bilanz zu vergrößern. Am besten können wir dieses Verhalten bei den 
pathologischen Zuständen studieren, bei denen Ich und Über-Ich scharf 
gegenüberstehen und das Über-Ich einen Fremdkörper im Ich bildet. In 
diesen Fällen muß das Ich den Anforderungen seines Über-Ichs genau so 
wie der äußeren Realität nachgeben und Triebeinschränkungen, ja, sogar 
direktes Leiden auf sich nehmen, um dadurch gewisse Triebbefriedigungen 
zu erreichen. Das merkwürdige Prinzip, durch Leiden das Recht zur Trieb- 
befriedigung zu erkaufen, stammt aus der Zeit der Entwicklung von Lust- 
prinzip zum Realitätsprinzip. Hier gilt noch ohne jede moralische Rationa- 
lisierung das Gesetz, daß Lust nur durch zeitweiliges Erdulden von' Unlust 
zu erreichen ist. Die gleichgültige Realität kümmert sich nicht um unsere 
Triebansprüche, und so müssen wir mit ihren Eigenschaften rechnen. 
Diese Eigenheiten sind jedoch leider nur zu oft so, daß, wenn wir etwas 



Strafbedürfnis und Todestrieb 235 



genießen wollen, es Opfer kostet, und dieses Opfer besteht immer in 
Unlust. Wenn der Tourist die schöne Aussicht von der Bergspitze genießen 
will, so muß 'er sich zuerst schwitzend hinaufarbeiten, ja, er muß sogar 
seinen Rucksack voll bepacken, um oben nicht zu frieren und die Aus- 
sicht nicht hungrig genießen zu müssen. Und so ist jeder Genuß auf 
Erden an einen vollbepackten Rucksack geknüpft. Diesen Satz hat das 
Ich gründlich und früh genug gelernt, um ihn nie mehr vergessen zu 
können. Es ist nur zu verständlich, wenn das Ich in seinem Kampf nach 
Lustbefriedigungen auch dem hemmenden Über-Ich, diesem verinnerlichten 
Stück der Realität, immer wieder das Leiden und das Verzichten als 
Gegenleistung für Lust anbietet, wie es dies während der ganzen Ent- 
wicklung von dem Lustprinzip zum Realitätsprinzip gelernt hatte. Das Straf- 
bedürfnis ist demnach eine anthropomorphe Form des Realitätsprinzips. 

Es ist nicht verwunderlich, wenn wir das Realitätsprinzip in dieser 
anthropomorphen, ich möchte sagen kriminalistischen Form, daß die Strafe 
die Sünde sühnt und zu neuen Lustbefriedigungen berechtigt, nicht sofort 
nach ihrer Herkunft agnosziert haben. Man sucht gerne nach einer ein- 
drucksvollen Situation der Kindheit, welche für diese Verknüpfung ver- 
antwortlich sein mag. 

Aber ich glaube nicht, daß man diese merkwürdige kausale Verknüpfung 
von Lust und Unlust aus einer einzigen Situation erklären kann, also zum 
Beispiel aus der Situation des Kindes während der Säugeperiode, die nach 
R a d 6 s Untersuchungen bei der Melancholie eine besondere Bedeutung 
zu haben scheint. Wie wichtig auch die Erfahrung, daß auf Hunger immer 
die Sättigung folgt, sein mag, hat die affektive Verknüpfung, daß Lust auf 
Unlust und umgekehrt Unlust auf Lust folgt, eine breitere Basis. Sie wird 
durch die gesamte Entwicklung des seelischen Apparates von dem Lust- 
prinzip zum Realitätsprinzip gestützt. Ja, dieser Zusammenhang zwischen 
Lust und Unlust bildet die Grundlage des Realitätsprinzips, das wieder die 
Grundlage der Ichbildung ist. Gerade durch die Annahme dieses Prinzips 
ist aus dem Es das Ich entstanden. Von dem Augenblick der Geburt an 
macht der seelische Apparat ständig die schmerzhafte Erfahrung, daß die 
Welt nicht mehr so genau den subjektiven Ansprüchen entsprechend ge- 
schaffen ist, wie der Mutterleib es war. Die Säugesituation ist vielleicht 
noch den intrauterinen Zuständen am ähnlichsten. Je unabhängiger aber das 
Kind von der Mutter wird, um so mehr lernt es, daß der Weg zur Lust über 
Dulden, Verzichten und Leiden führt. Währendes in der Säugeperiode das Ver- 
zichten in der Form von Hunger nur passiv erduldet, lernt es später, 
daß es das Leiden oft aktiv aufsuchen muß, um zur Lust zu gelangen. 
Und dieses aktive Aufsuchen von Leiden aus taktischen Gründen, das uns 



236 



Franz Alexander 



manchmal so paradox erscheint, ist das Bezeichnende für das Ich in seinen 
Beziehungen zu der Realität und zum Über-Ich. 1 

Ich habe diese Verhältnisse, die ich an anderer Stelle bereits angedeutet 
habe, diesmal deshalb so ausführlich dargestellt, weil es mir vorgeworfen 
wurde, daß ich diese so tief verankerte Eigenschaft des seelischen Apparates, 
Lust ohne Unlust nicht ertragen zu können, zwar konstatiert habe, aber 
mit einer kausalen Erklärung der Tatsache schuldig geblieben wäre. 

Wir haben damit eine große Reihe von seelischen Vorgängen, die eine 
gegen die eigene Person schädigende Absicht verraten, auf das Lustprinzip 
zurückführen können. Wir brauchen demnach nicht sofort bei jeder 
Handlung oder bei jedem Verhalten des Menschen, das ihm scheinbar 
irrationell Schmerzen und andere Formen der Unlust verursacht, an maso- 
chistische Befriedigung oder gar an die zerstörende Wirkung des Todestriebes 
denken, da wir gesehen haben, daß sogar das Strafbedürfnis im Dienste 
der Triebbefriedigungen steht. Es ist dabei gleichgültig, ob das Leiden im 
Interesse der Realitätsanpassung auf sich genommen wird oder dazu dient, 
um die die Befriedigung hemmende Wirkung des Über-Ichs damit abzu- 
bauen. Unsere erste Frage bei solchen paradox erscheinenden selbst- 
schädigenden Tendenzen muß immer sein, ob sie nicht einen solchen 
rationellen Sinn haben könnten. Es ist nicht immer leicht, besonders bei 
den verwickelten innerpsychischen Beziehungen zwischen Ich und Über- 
ich, den ökonomischen Sinn solcher Vorgänge zu erraten, das heißt zu 
besagen, in welcher Weise das scheinbar selbstschädigende Verhalten, die 
Befriedigung des Strafbedürfnisses, am Ende doch den Triebbefriedigungen 
dient oder die Verminderung von Unlust gewährt. Ich habe es versucht, 
diesen Gesichtspunkt bei den Neurosen durchzuführen und zu zeigen, daß 
das neurotische Leiden die allgemeine Bedingung der neurotischen Trieb- 
befriedigungen ist. Es fragt sich nun, wie weit man mit diesem Gesichts- 
punkt kommt. Die Untersuchung der Neurosen zeigte, daß das neurotische 
Leiden neben dieser seiner ökonomisch-rationellen Rolle, die im Dienste 
der Befriedigungen steht, meistens an sich auch eine feminin-masochi- 
stische oder passiv-homosexuelle Befriedigung bedeutet. Und je mehr eine 
Neurose fortschreitet, um so mehr wird das Leiden zum Selbstzweck. 
Freud drückte dies so aus, daß das Ich bestrebt ist, sich der Neurose 
anzupassen. 2 

1) Mit Recht meint Ferenczi in einem Artikel, dessen Gedankengang sich in 
manchen Punkten mit dem unsrigen trifft, daß man dem seelischen Apparat die 
Fähigkeit zusprechen muß, Lust- und Unlustquantitäten ahzuschätzen. (Eine psychische 
„Rechenmaschine".) S. Ferenczi, Das Problem der Unlustbejahung. Diese 
Zeitschr., Bd. XII, 1926. 

2) Freud, Hemmung, Symptom und Angst. Ges. Sehr., Bd. XL 



Strafbedürfnis und Todestrieb 



237 



Diese Bereitschaft des Ichs, aus dem ihm zunächst aufgezwungenen 
Leiden eine Befriedigung zu machen, dieses masochistisch auszuwerten, 
muß uns aber bedenklich machen. Damit kommt ja ein neues Prinzip in 
den sonst so rationellen Ablauf der seelischen Vorgänge. Jedenfalls hat 
das so zum Selbstzweck und zur Befriedigung gewordene Leiden seine ur- 
sprüngliche Rolle geändert. Wenn wir den Bergsteiger auch auf eine 
solche ßergspitze seine schwere Last hinaufschleppen sehen, die mit einem 
gut eingerichteten Restaurant eingerichtet sind, — und man sieht viele solche 
Bergsteiger, — so müssen wir uns wohl sagen, daß hier der Rucksack 
seine ursprüngliche Bestimmung wesentlich verändert hat. Während er 
bei einem verlassenen Berg zum Zwecke der Unlustvermeidung hinauf 
geschleppt wrrd, dient er in diesem Falle anscheinend bloß dazu, um das 
Hinaufklettern zu erschweren. Sollen wir in solch einem Falle sofort an 
eine, wenn auch harmlose Äußerung des Todestriebes denken? Derjenige, 
der die Mentalität des Bergsteigers kennt, wird bald erraten, daß es sich 
hier zunächst um die Befriedigung der Ansprüche des Touristen -Über-Ichs 
handelt, möglichst unabhängig von jeder Hilfe, fest auf eigenen Füßen 
zu stehen und den Naturkräften zu trotzen. Es handelt sich also eigent- 
lich um eine narzißtische Befriedigung, wobei der primitive Körper-Narziß- 
mus des Ichs zugunsten des höheren moralischen Narzißmus des Über- 
Ichs vernachlässigt wird, um eine Verlegung des Selbstgefühls vom Ich 
auf das ÜberTch, um eine Akzentverschiebung innerhalb des seelischen 
Apparates, nicht ganz unähnlich dem von Freud beschriebenen Vorgang 
bei dem Humor. 1 Nur daß bei dem Humor das ÜberTch in seiner ver- 
gebenden, überlegenen, wohlwollenden Eigenschaft besetzt wird, während 
bei diesem spartanischen Verhalten die Härte, die Zucht des Über-Ichs zur 
Geltung kommt. Wenn auch die beiden Vorgänge formal und topisch- 
dynamisch einem ähnlichen Prinzip gehorchen, so ist ihr seelischer Inhalt 
polar entgegengesetzt. Diese spartanische Mentalität wirkt ja zum Ver- 
zweifeln trocken, d. h. humorlos, sie bildet inhaltlich den direkten 
Gegensatz zum Humor. Sie entstammt auch aus einer entgegengesetzten 
Situation. Während man sich mit dem Humor über eine verzweifelte 
Situation hinwegtröstet, sucht der Spartaner diese Leidenssituation mut- 
willig und unnütz auf. Mit dem Humor täuscht man sich eine in der 
Situation nicht vorhandene Überlegenheit vor, während bei der spartanisch- 
puritanischen Einstellung man eine Überlegenheit zur Schau trägt, die in 
dieser Situation vollständig überflüssig ist. Der Tourist, der neben der 
Zahnradbahn schwer belastet schnaufend klettert, tut so, als ob er in einer 



1) Freud: Der Humor. Ges. Sehr., Bd. XI. 



238 



Franz Alexander 



Wildnis wäre. Beide Reaktionen sind paradox und der objektiven Situation 
nicht entsprechend. Einmal unterschätzt man den Ernst der Situation, 
das andere Mal faßt man sie ernster als nötig auf. Bei dem Humor steht 
man lachend unter dem Galgen, während man hier blinden Alarm schlägt. 
Im Humor setzt sich das Lebensprinzip trotz der verzweifelten Lage durch, 
läßt sich nicht unterkriegen und überkompensiert die äußere Gefahr 
während bei der spartanischen Reaktion eine nicht vorhandene Gefahr 
vorgetäuscht wird. Hier kommt das Todesprinzip, wenn auch nur spiele- 
risch, zum Vorschein. 

Ich gebe gerne zu, daß es sich in dem untersuchten Falle um die Be- 
friedigung eines narzißtisch gefärbten Über-Ich-Anspruchs handelt. Offenbar 
gilt für den Bergsteiger das Gefühl des Könnens mehr, als ihn die körper- 
liche Unlust schmerzt. Er handelt nach dem Lustprinzip. Es fragt sich 
nur, warum er diese unsinnig wirkende Art der Befriedigung wählt, die 
mit dem Ertragen eines unnützen Leidens verknüpft ist. Ein masöchi- 
stisches Entgegenkommen des Ichs mag für die Wahl dieser eigenartigen 
Befriedigung allein maßgebend sein. In dieser masochistischen Bereitschaft 
des Ichs suchen wir bereits umsonst nach einem rationalen Moment; das 
Leiden ist Selbstzweck geworden. 

Noch deutlicher wird uns das Wirken dieses von dem rationalen Lust- 
prinzip unabhängigen Faktors, wenn wir unseren Bergsteiger auf einer 
gefährlichen Felsenpartie erblicken, wo er sein Leben ernsten Gefahren 
aussetzt. Die narzißtische Befriedigung der eigenen Leistungsfähigkeit mag 
zwar dabei noch immer eine gewisse Rolle spielen, doch wird niemand 
den von dieser narzißtischen Befriedigung vollständig unabhängigen Drang 
übersehen, mit dem Tode zu spielen, sich der ernsten Lebensgefahr aus- 
zusetzen. Hier vermuten wir etwas, wie die Vorlust des Todestriebes. 

Sind solche Beobachtungen wie die merkwürdige Affinität mancher 
Menschen zur Gefahrsituation oder die Tatsache der masochistischen Be- 
reitschaft des Ichs, das auch ohne taktische Zwecke das Leiden als Selbst- 
zweck sucht, zwingend, um einen primären endogenen Todestrieb anzu- 
nehmen? Soviel geht aus den bisherigen Überlegungen eindeutig hervor, 
daß das rationelle Prinzip, Leiden zu erdulden zum Zwecke der Vermei- 
dung größerer Unlust oder der Lustgewinnung, auch bei solchen Vorgängen 
wirksam ist, bei denen man leicht eine masochistische Befriedigung oder 
che selbstzerstörende Wirkung des Todestriebes annehmen würde. Unab- 
hang.g davon, ob es sich um den Widerstand der äußeren Realität oder 
um die Hemmungen des Über-Ichs handelt, das Ich ist imstande, aktive 
Einschränkungen und Leiden zeitweilig auf sich zu nehmen, um diese Wider- 
stände und Hemmungen am Ende besser überwinden zu können. Das Ich 



Strafbedürfnis und Todestrieb 



239 



bedient sich bei diesen Einschränkungen des Trieblebens der aggressiven oder 
destruktiven Kräfte, die an dem Widerstand der Realität gescheitert sind und 
nun gegen das eigene Triebleben zurückgewendet werden. Dem mächtigeren 
Feind muß man wenigstens zeitweilig oder an gewissen Stellen nachgeben, 
den blinden Trieben muß jedoch diese taktische Einsicht mit Gewalt 
beigebracht werden. Es ändert nichts an diesem dynamischen Bild, daß 
das notgedrungen auf sich genommene Leiden sekundär erotisiert wird, 
daß das Ich zu dem bösen Spiel eine gute Miene macht und versucht, 
diesen mühevollen Kampf lustvoll zu gestalten. Freuds Auffassung über 
die Triebmischung erlaubt die Vorstellung der Beimischung von erotischen 
Quantitäten selbst zu destruktiven Vorgängen, die dann die masochistische 
Lust erklären sollen. 1 

Die Tatsache der masochistischen Lust allein beweist also nicht die 
endogene Natur dieser Selbstzerstörungsvorgänge. Diese stammen ja jeden- 
falls zum Teil und, wie manche meinen, vollständig von den rückgewen- 
deten, ursprünglich nach außen gerichteten destruktiven Bestrebungen. 
Bedenklich stimmen uns allerdings Fälle, bei denen dieses masochistische 
Bedürfnis des Ichs eine überragende Rolle spielt, wo man nicht den Ein- 
druck gewinnt, daß das Leiden nur aus taktischen Gründen aufgesucht 
wird, sondern selbst ein primärer Faktor zu sein scheint. Eine eindeutige 
Beantwortung der Frage nach dem Vorhandensein eines primären Todes- 
triebes läßt sich jedoch auf dem Wege der direkten klinischen Beobach- 
tung nicht erzielen. Dieser, selbst wenn er vorhanden wäre, ist ja immer 
mit sekundär rückgewendeten Destruktionstendenzen gemischt und für 
ihre Unterscheidung steht uns kein qualitatives diagnostisches Verfahren 
zur Verfügung. Vielleicht bringt uns jedoch eine ökonomische Überlegung 
näher zur Lösung dieses Problems. 

Wir stellen uns das verbesserte Luslprinzip, das Realitätsprinzip, so 
vor, daß der seelische Apparat nur das gerade notwendige Quantum an 
Selbsteinschränkungen und Leiden auf sich nimmt, gerade nur soviel, als 
zur Erreichung der Triebbefriedigungen unbedingt nötig ist. Wenn der 
äußere Druck oder Widerstand der Realität gegenüber unseren Trieb- 
befriedigungen keinen inneren Bundesgenossen in Form eines Todes- 
triebes hat, so müßten diese von außen aufgezwungenen Selbstbeein- 
trächtigungen gerade nur so groß sein, wie der Widerstand der Realität 
es erfordert. Wenn aber ein konstanter endogener Faktor wie der Todes- 
trieb vorhanden wäre, dann müßte seine Wirkung darin zum Ausdruck 
kommen, daß die von außen aufgezwungenen Selbstbeeinträchtigungen 



i) Freud: Das ökonomische Prinzip als Masochismus,Gesammelte Schriften, Bd. V 



240 



Franz Alexander 



größer ausfallen, als das Realitätsprinzip es erfordert. Das würde soviel 
bedeuten, daß der Mensch nicht nur an der Reibung gegen den Wider- 
stand der Realität stirbt, sondern daß diese Reibung eine endogene Unter- 
stützung in dem Todestrieb erhält, der seinerseits wieder in dem Wider- 
stand der Realität einen Bundesgenossen begrüßt, weil dieser sein 
Todeswerk unterstützt. Ein ausschließlich dem Lustprinzip und lediglich 
von dem Lebenswillen beherrschtes Ich müßte sich so benehmen, wie 
eine Regierung, die, von dem äußeren mächtigeren Feind gezwungen, 
gewisse Verbrecher, die aus rein nationalistischen, patriotischen Motiven 
gehandelt haben, zwar pro forma bestraft, aber nicht ein wenig mehr wie es 
gerade nötig ist, um den äußeren Schein zu bewahren. In dem Augen- 
blick aber, wo sie weiter geht, schneidet sie sich schon ins eigene Fleisch. 
Wenn wir mit einem Gegner verhandeln und uns objektiv auf seinen 
Standpunkt stellen, so verraten wir unser eigenes Interesse. Wenn das 
Ich die Anforderungen der Realität in größerem Maße berücksichtigt, 
als es im Interese der Triebbefriedigung nötig ist, verrät es die Interessen 
seines Es. Wenn das Ich aus seiner Realitätsprüfung einen Selbstzweck 
macht und sie nicht lediglich in den Dienst der Triebansprüche stellt, wenn 
es nach der objektiven Wahrheit sucht, so verläßt er seine ursprüngliche 
Zugehörigkeit zu dem Triebleben und stellt sich auf die Seite der Reali- 
tät. Die Philosophie der jungen, lebensfrischen amerikanischen Nation 
will in ihrer pragmatischen Auffassung keine andere Wahrheit kennen, 
als solch eine pragmatische Wahrheit, die im Dienste der Triebansprüche 
steht. Zu viel Wissen kann ebenso schädlich sein wie zu wenig Wissen. 
Das Zuviel wissen bedeutet eine Hemmung und lähmt die Angriffslust 
des Es. 

Dieses Kräftespiel zwischen Lebenstrieb und Destruktion kann man in 
der Entwicklung der Wissenschaften schön beobachten. Jede wissen- 
schaftliche Theorie ist zunächst nur eine grobe Annäherung, eine not- 
dürftige, provisorische Kampfstellung in dem Kampfe für die Beherrschung 
der Tatsachen. Die Tatsachen und die diese vertretende Verneinung zwingt uns 
die Theorie zu ergänzen, zu vervollständigen. Und so wächst organisch unter 
dem beiderseitigen Druck von Verneinung des die Realität vertretenden 
Ichs und der Bejahung des eroberungslustigen Es organisch die wissen- 
schaftliche Theorie. Käme jedoch das Nein zu früh, würde der Forscher 
am Anfang die ganze Anzahl der verneinenden Tatsachen kennen, die man 
am Ende weiß, so würde er nie den Mut zur Theoriebildung gehabt 
haben, er wäre unter der Wucht der Tatsachen mutlos zusammengebrochen. 
Andererseits aber hätte man ohne seine Kühnheit nie die Tatsachen er- 
kannt, die sich später gegen ihn wenden. Man kennt nur zu gut die 



Strafbedürfnis und Todestrieb 



241 






beiden Typen von Wissenschaftlern, die in ihrem Aufbau von der optimalen 
Triebmischung des Lebens- und des Todestriebes nach der einen Seite 
abweichen. Man kennt den meistens jungen Romantiker, bei dem die 
Bejahung überwiegt, und den Kritiker, den die Härte der Tatsachen schon 
mutlos defaitistisch gemacht hat. Beide allein wären im Kampfe für die 
Wahrheit nicht lebensfähig. Jedoch der Kritiker, der unabhängig von dem 
eigenen Trieb, die Realität zu beherrschen, die absolute Wahrheit sucht, 
reicht bereits seine Hand dem Tode. Daß ihm dieser Todespakt nicht 
gelingt, ist nur dem Irrtum der Romantiker zu verdanken. 

„Nur der Irrtum ist das Leben, 
Und die Wahrheit ist der Tod. 

Doch nicht nur in seiner Realitätsprüfung zeigt das Ich die Tendenz, 
sich mit der Außenwelt in einem stärkeren Maße zu verbünden, wie es 
im Interesse des Trieblebens nötig wäre. Wir sehen, daß sein sozial an- 
gepaßter Teil, das Über-Ich, imstande ist, die Interessen der Gemein- 
schaft gegenüber den Interessen des Trieblebens unter Umständen bis zur 
Vernichtung des eigenen Lebens zu vertreten. Natürlich besteht die Frage 
wieder darin, ob diese Identifizierung mit der sozialen Realität stärker ist, 
als es das Interesse des Individuums unbedingt erfordert. Daß das Indi- 
viduum gegenüber der Gemeinschaft der schwächere Teil ist, der sich 
gewisse Einschränkungen gefallen lassen muß und daß sein UberTch, wenn 
es diese notwendigen Einschränkungen fordert, zunächst den Interessen des 
Individuums dient, ist ja offenbar. Stellt sich hier aber heraus, daß das 
Über-Ich zwar zu dem System des seelischen Apparates gehörend in manchen 
Fällen renegatenhafter Weise in stärkerem Masse die Interessen der Gemein- 
schaft vertritt, als die des Individuums, und bereit ist, den Interessen der 
Gemeinschaft zu opfern, so scheint das für das Vorhandensein des Todes- 
triebes zu sprechen. 

Der Forscherdrang nach der absoluten Wahrheit und die Selbstauf- 
opferung des Individuums für die Gemeinschaft weisen, wenn auch nur 
als Indizienbeweise, auf das Vorhandensein des Todestriebes hin. Es 
läßt sich gegen diese Indizienbeweise aber leicht einwenden, daß in diesen 
Fällen der seelische Apparat durch die starken Objektbindungen zu der 
Realität beziehungsweise zu den Mitmenschen an narzißtischer Libido 
stark verarme und deshalb dem feindlichen Druck der Außenwelt und 
seiner eigenen zurückgewendeten Aggressionen leichter unterliege. Er liebt 
dann die Außenwelt mehr als sich selbst und darum wird seine Wider- 
standskraft kleiner. Ein Beweis für den Todestrieb wäre auch das nicht. 
Während Eros in der Form von sublimierter Objekt-Libido in die Außen- 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV'2— 3 16 



242 Franz Alexander 



weit herausströmt und die Menschen miteinander zur Gesellschaft ver- 
bindet, liefert er den inneren Schauplatz des seelischen Apparates in einem 
höheren Maße der Wirkung des zurückgewendeten Destruktionstriebes aus, 
der sich nun stärker gegen die ursprünglichen Triebansprüche wenden 
und auf diesem Umwege die Gesellschaftsbildung fördern kann. Ob dieser 
Vorgang von einem primären Todestrieb unterstützt wird, der, gleich- 
gerichtet mit dem Widerstand der Außenwelt, das Individuum zur Gesell- 
schaftsbildung gefügiger macht, ist wieder eine Frage der Quantitäten. 
Wir haben mit vier Größen zu rechnen: mit dem Widerstand der 
Realität, mit der Menge der zurückgewendeten Aggres- 
sionen und mit der relativen Menge der narzißtischen und der 
Objektlibido. Nur wenn die Gleichung zwischen diesen vier Größen 
nicht aufginge, wenn die selbstzerstörende Wirkung der durch den Wider- 
stand der Außenwelt und durch die Objektbindungen gehemmten und 
zurückgewendeten destruktiven Kräfte größer wäre, als man nach der 
Berechnung erwartete, wobei auch die neutralisierende Wirkung der nar- 
zißtischen Libido berücksichtigt werden müßte, dann wäre erst die Wir- 
kung des Todestriebes einwandfrei bewiesen. Wenn es sich zeigt, daß der 
Mensch sich in manchen Fällen in einem stärkeren Maße gegen 
sich wendet, als es der Druck der Realität und seine Liebe zur Außen- 
welt erfordern, so spricht das eindeutig für ein endogenes Selbstzerstörungs- 
moment. Wegen der Unmöglichkeit, psychologische Größen zu messen, 
fangen wir an zu zweifeln, das Problem des Todestriebes je empirisch 
lösen zu können. 

Soviel läßt sich aber behaupten, daß die Wendung des Destruktions- 
triebes gegen die eigene Person zwei Faktoren bedingen: der Widerstand 
der Realität und die Objektliebe, und zwar die letztere dann, wenn man 
einen Teil der Realität — wie der Wissenschaftler die Wahrheit — mehr 
liebt als sich selbst. Durch die Objektliebe wird das geliebte Stück der 
Realität in den erweiterten Kreis des Narzißmus aufgenommen und so 
schleichen sich auch die feindlichen zerstörenden Absichten des introji- 
zierten Stückes der Realität in den seelischen Apparat hinein. Das Über-Ich 
des kleinen Sohnes, das auf Grund der narzißtischen Identifizierung mit 
dem Vater entsteht, enthält auch die hemmenden Eigenschaften des Vaters. 
Wenn der Sohn dem Vater gleichen will, so muß er auch seine hemmen- 
den Eigenschaften, seine Verbote, annehmen. Und so macht das Kind 
wahrhaftig ein schlechtes Geschäft: die Vorteile der Identifizierung bedeuten 
eine Versprechung für die Zukunft, — „wenn er groß sein wird", — die 
Hemmungen treten aber sofort in Wirkung. Jede Identifizierung mit der 
Realität ist eine gefährliche Angelegenheit, man nimmt dabei in sich auch 



Strafbedürfnis und Todestrieb 243 



den Widerstand, ja sogar die feindlichen Tendenzen der Realität mit auf. 
Damit wird eine gegen den seelischen Apparat gerichtete Tendenz der 
Außenwelt verinnerlicht. 

Auf ähnliche Weise entstand aber der von Freud supponierte Todes- 
trieb schon bei der Bildung des ersten lebenden Moleküls aus den Zer- 
fallsbestrebungen jener chemischen Verbindungen, die, von dem wachsenden 
lebenden Molekül aufgenommen, einverleibt wurden. Bei seinem Wachs- 
tum nimmt das lebende Molekül ständig explosive, mit Zerfallstendenzen 
geladene Verbindungen auf, ebenso wie der seelische Apparat mit jedem 
Identifizierungsakt Zerstörungstendenzen von außen annimmt. Die lebende 
Substanz benützt die beim Zerfall entstehenden Energien zum weiteren 
Aufbau., doch am Ende beim Tode siegen die Zerfallsbestrebungen und 
das biologische Molekül löst sich in seine Bestandteile auf. Es stirbt keines- 
falls allein unter dem äußeren Druck der Realität, sondern an den Zer- 
fallsbestrebungen seiner eigenen Bestandteile. Ähnlich wie der Flüssigkeits- 
tropfen, den die Biologen gerne als das Vorbild oder gar als die Vorstufe 
des lebenden Moleküls untersuchen, nicht nur unter der Wirkung der 
Schwerkraft, sondern auf Grund seiner endogenen Oberflächenspannung, 
die nach Verkleinerung der Oberfläche strebt, zerreißt. 

Ich bin mir dessen bewußt, daß die psychologische Seite meiner Be- 
weisführung nur den Wert des Indizienbeweises hat. Der an dem Wider- 
stand der Realität gebrochene und zurückgewendete Destruktionstrieb und 
der fragliche Todestrieb wirken ja in derselben Richtung, und so ist ihre 
Unterscheidung unmöglich. Der einzige exakte Beweis wäre, wie gesagt, 
zu zeigen, daß die Selbstzerstörungen manchmal intensiver sind, als es der 
Widerstand der Realität und die Objektliebe erfordern, daß man aus dem 
Gegendruck der Realität die Intensität jedes beobachteten Selbstzerstörungs- 
vorganges nicht erklären kann, ohne eine endogene, in derselben Richtung 
wirkende Kraft, den Todestrieb, anzunehmen. Dasselbe in der Sprache der 
Psychologie ausgedrückt: es wäre nachzuweisen, daß der Sadismus des 
ÜberTchs, der ja der innere Vertreter des dynamischen Druckes der Realität 
auf das Triebleben darstellt, ohne einen primären Masochismus des Ichs 
nicht ausreicht, um den Selbstmord und manche andere Selbstzerstörungs- 
vorgänge zu erklären. Wir besitzen in der Psychologie keine Wage, und 
werden eine solche nie besitzen. Wir sind, wenn die Biologie uns nicht 
hilft, auf Schätzungen angewiesen. Allerdings sprechen diese Schätzungen 
für das Vorhandensein des Todestriebes. 

Wenn wir die schweren Selbstangriffe des Melancholikers beobachten, 
so können wir zwar diese häufig nach der beschriebenen kausalen Ver- 
knüpfung von Lust und Unlust als eine taktische Vorbereitung des 

16* 



244 



Franz Alexander 



manischen Durchbruchs auffassen, als Versuche, das Über-Ich zu entwaffnen, 
aber wir dürfen nicht vergessen, daß manche Melancholien von keiner 
manischen Phase abgelöst werden und daß manche Melancholiker den 
Selbstmord tatsächlich ausführen. Auch die so hartnäckigen Involutions- 
melancholien des hohen Alters erscheinen uns nicht als solch psychologisch 
bedingte Vorbereitungen der manischen Phase. Bei diesen beherrscht 
die in hohem Alter gesteigerte Wirkung des endogenen Todestriebes 
das Bild. 

Die biologische Überlegung erfordert aber eindeutig die Annahme des 
Todestriebes. Seit Beginn des Lebens sind im hochkomplizierten biologi- 
schen Molekül die Zerfallsbestrebungen seiner Bestandteile wirksam. Diese 
bilden den Kern der Selbstzerstörungstendenzen, auf die die späteren des 
Ichs und des Über-Ichs aufgelagert sind. Es ist dann bloß eine Frage 
der Konvention, von welchem Punkte an man von einem Todestrieb 
spricht. 

Die Streitfrage nach einem endogenen Todestrieb erinnert mich an die 
Erörterungen, ob die österreichisch-ungarische Monarchie an dem Druck 
des äußeren Feindes oder an den Zerfallsbestrebungen ihrer vielen inhomo- 
genen Teile zugrunde gegangen ist. Die Antwort, daß beide Faktoren wirk- 
sam waren, ist niemandem zweifelhaft. Der Bestand des seelischen Apparates, 
genau wie eines Staates, ist um so mehr gefährdet, je komplexer er ist, d. h., 
je mehr Identifizierungen er ohne organische Zusammenfassung der Iden- 
tifizierungsprodukte vollzogen hat. 

Die psychologische Erfahrung zeigt, daß das Über-Ich, dieses letzte Pro- 
dukt der Identifizierung mit der Realität, das noch nicht organisch ins 
Ich aufgenommen ist und, hochgeladen mit den Aggressionen der Außen- 
welt, seine Zugehörigkeit zu der äußeren Realität noch in so starkem 
Maße verrät, die größte Gefahrenquelle für den Bestand des seelischen 
Apparates bedeutet. Das Über-Ich ist der am wenigsten solidarische Teil 
des seelischen Apparates. Aber auch das Ich stellt ein solches Identifizie- 
rungsprodukt dar, das aus dem Es durch seine partielle Identifizierung mit 
der Realität entstand, und das den Widerstand der Realität gegenüber dem 
Es teilweise in sich aufgenommen hatte. Dieser verinnerlichte Widerstand 
zeigt sich als der primäre Masochismus des Ichs. Noch tiefer liegen die 
biologischen Zerfallsbestrebungen des Körpers und wirken seit Anfang 
des Lebens. 

Die Oberflächenspannung, die das Wachstum des Flüssigkeitstropfens 
hemmt und diesen zerreißt, die Auflösung des biologischen Moleküls in 
seine Bestandteile während der dissimilatorischen Phase des Stoffwechsel- 
prozesses, die Selbstzerstörung des seelischen Apparates, der Zerfall der 



Strafbedürfnis und Todestrieb 



245 



Staaten und Kulturen, sind alle Äußerungen desselben regressiven dynami- 
schen Prinzips, das dem Wachstum, dem Leben, der Bildung höherer 
dynamischen Einheiten als Trägheitsmoment entgegenwirkt, und das wir 
alle in seiner biologischen Erscheinungsform als Todestrieb so gerne ver- 
gessen oder verleugnen möchten. 



- 



Absperrungsmedianismen in der Neurose und ihre 
Beziehung zur Schizophrenie 

(Vortrag in der medizinischen Gesellschaft „L'Evolution Psychialrique" in Paris) 

Von 
R. Laforgue 

Paris 

Wir wissen, daß man im Rahmen der Schizophrenie eine ganze Anzahl 
klinischer, oft von einander bedeutend abweichender Fälle unterbringt, 
deren Pathogenese trotz vieler Theorien noch dunkel bleibt. Wir wissen 
ferner, daß alle diese Krankheitszustände durch eine mehr oder minder 
ausgesprochene Dissoziation der psychischen Tätigkeit des Individuums 
gekennzeichnet sind. Diese Dissoziation kann mit auditiven, visuellen 
und sensoriellen Halluzinationen, mit der Inkohärenz der Sprache (Wort- 
salat), mit den Symptomen eines geistigen Automatismus (Automatisme 
mental) einhergehen. Es ist wohl nicht nötig, weiter auf die klinische 
Darstellung der Schizophrenie einzugehen, wie wir sie durch die Arbeiten 
Bleulers und seiner Schüler kennen gelernt haben. Der Zweck dieser 
Untersuchung ist vielmehr, Ihnen die verschiedenen psychoanalytischen 
Auffassungen zu unterbreiten, die einige Seiten dieser Zustände etwas 
näher beleuchten und für die Technik der Behandlung einige Richtlinien 
geben können. Bevor wir uns aber dem eigentlichen Gegenstand zuwenden, 
möchten wir noch daran erinnern, daß die Psychoanalyse sich vielleicht nur an 
psychogene Symptome heranwagen kann. Dadurch wird das Gebiet unserer 
Forschungen beträchtlich eingeschränkt, denn wir haben allen Grund zur 
Annahme, daß die Untersuchung gewisser schizophrener Zustände mit den 
Problemen der Vererbung, ja, vielleicht sogar mit denen der Infektions- 
krankheiten in Beziehung steht. Leider sind wir gezwungen, alle diese 
Themen unberücksichtigt zu lassen. Wir können uns weder über die 
Frage der Vererbung 1 , noch über die der Infektionskrankheiten und ihren 
Einfluß auf das Werden der Schizophrenie auslassen und ziehen es vor, nur 

1) Siehe Kretschmer: „Körperbau und Charakter". 



Abspcrrungsmediani snien in der Neurose u. i. Beziehung zur Schizophrenie 247 

die Probleme zu behandeln, welche unserem Verständnis im allgemeinen 
und der Psychoanalyse im speziellen am zugänglichsten sind. Wir kennen 
alle die von Freud im Jahre 1911 veröffentlichte Arbeit über den Fall 
Schreber. Der Meister streift dort alle wichtigen Fragen, vor welche sich 
derjenige gestellt sieht, der die Schizophrenie psychoanalytisch ergründen 
möchte. Freud versucht, in dieser Arbeit zu zeigen, wie die Dissoziation 
Schrebers durch eine Fixierung der Libido auf einer frühinfantilen Stufe 
seiner Entwicklung bedingt sein könnte und wie diese Fixierung trotz 
aller Anpassungsversuche des Patienten anscheinend nie aufgegeben wurde 
und eine Regression seiner Libidoorganisation zur Folge hatte. Diese Re- 
gression könnte in der Praxis allerdings noch durch andere Faktoren ver- 
ursacht sein. Die Anpassung, von der das soziale Leben die Übersetzung 
ist, stellt das Produkt zweier Faktoren dar. Der erste Faktor ist das 
Individuum selber, der zweite das, was man als Umwelt zu bezeichnen 
pflegt, die äußere Welt, die Lebensumstände usw. Nun kann man ohne 
weiteres feststellen, und zwar selbst bei normalen Individuen, daß sich 
fast jedesmal in ihnen eine mehr oder minder bedeutende Tendenz zur 
Regression bemerkbar macht, wenn sie im Leben mit größeren Schwierig- 
keiten zu kämpfen haben. Um sich für das erlittene Unglück zu ent- 
schädigen, wendet sich die Libido des Individuums affektiven Situationen 
der Kindheit zu, an die sich die Erinnerung erlebten Glückes knüpft. In 
Wirklichkeit scheint mir das Problem allerdings komplexer zu sein, als es 
nach dieser Formulierung aussieht. Was bedeutet ein im Leben erlittener 
Mißerfolg? Er kann selber das Resultat zahlreicher Faktoren sein, und wir 
haben allen Grund anzunehmen, daß es vor allem die durch den Kranken 
in neurotischer Weise heraufbeschworenen Mißerfolge sind, welche ihn 
am unfehlbarsten zu einer Regression verurteilen, da sie der Libido keinen 
anderen Weg offen lassen. Es gilt daher die Mechanismen dieser Mißerfolge 
gründlich zu untersuchen, scheinen sie doch die Sperre zu bilden, an der 
sich die lebendigen Kräfte des Patienten machtlos brechen. 

Ich möchte nicht behaupten, daß diese Sperren die Ursache der 
Schizophrenie sind, die vielmehr das Resultat einer Anlage im Patienten 
zu sein scheinen, von der wir allerdings nicht sagen können, inwieweit 
sie vererbt oder erworben werden kann. Wir möchten aber ein beson- 
deres Gewicht auf die bedeutsame Rolle legen, welche diese Sperren im 
ökonomischen System der Libido einer schizophrenen Psyche spielen. 
Diese Sperren werden zu Mauern, die Mauern zu Gefängnissen. Ich möchte 
ferner bemerken, daß die Erforschung dieser progressiven, für die Ent- 
wicklung des Patienten so folgenreichen Isolierung mir ohne die Psycho- 
analyse nicht möglich scheint, ebensowenig wie ihre Rehandlung, die man 



248 



R. Laforgue 



versuchen soll; denn sind diese Sperren einmal durchbrochen, so ist für 
das Leben des Patienten die Gelegenheit geschaffen, in einer normaleren 
Richtung auszuströmen. Die Untersuchung des affektiven Mechanismus, 
welcher dieser Vermauerung zugrunde liegt, erfordert spezielle, an un- 
serer Beobachtungsgabe vorzunehmende Korrektive. Erst nach einer lang- 
wierigen und allmählichen Erziehung ist es unserem geistigen Apparat 
möglich, uns über unsern Untersuchungsgegenstand objektive Daten zu 
liefern. 

Die Vermauerung, von der die Rede war, wirkt sich beim Kranken 
in der Praxis durch den absoluten Zwang aus, immer wieder dieselbe 
affektive Situation zu reproduzieren, deren Gefangener er ist, wobei es 
dem Kranken unmöglich ist, zu verstehen, was in ihm vorgeht, und den 
Folgen zu entgehen. So kommt es z. B. vor, daß ein Mann trotz glän- 
zender Studien regelmäßig in den Examen durchfällt, trotz sichtlicher 
Herzensqualitäten es fertig bringt, sich mit seinen Freunden zu entzweien, 
gezwungen ist, eine Frau zu heiraten, die er nicht lieben kann, und sich 
so von Zeit zu Zeit immer wieder eine Gelegenheit schafft, unglücklich 
zu sein, und als ein Unverstandener, ein Gescheiterter das Leben zu 
fristen. Er wird schließlich ganz zurückgezogen leben und den Eindruck 
eines Sonderlings machen, wobei er fest überzeugt ist, verraten und ver- 
achtet zu sein. Eine gründliche Analyse könnte zeigen, daß die Situation, 
in der er sich versetzt sieht, das Resultat einer unbewußten Tendenz ist, 
die ihn unter Zuhilfenahme von Rationalisationen dazu bringt, sich von 
der Umwelt zurückzuziehen und sich allen möglichen Grübeleien hinzu- 
geben, dies alles um so unausweichlicher, als der Patient sich im Rechte 
glaubt, der Wirklichkeit zu grollen und sie zu strafen. 

Wir können leicht verstehen, daß dieser Prozeß der Verbarrikadierung 
sich in mehr oder weniger intensiver Weise vollzieht und der Kranke sich mehr 
oder weniger weit von der Realität entfernen kann. Ist eine gewisse Grenze 
überschritten, so befinden wir uns wahrscheinlich auf dem Gebiete der 
Schizophrenie. Die Rationalisationen mögen sich dann in Halluzinationen 
verwandeln, und der Patient steht diesen ebenso machtlos gegenüber wie 
zuvor seinen Rationalisierungen. Wir glauben deshalb, die wahnhafte Idee 
bis zur morbiden Rationalisierung zurückverfolgen zu können, eine Ratio- 
nalisierung, die sich teilweise mit der obenerwähnten prälogischen deckt 
und der wir alle zum Opfer fallen können, allerdings mit der mehr oder 
minder großen Möglichkeit, sie zu korrigieren. Wir müssen also in diesem 
fortschreitenden Prozesse irgend einen Punkt annehmen, diesseits dessen 
man die Psychose erkennen kann und wo der Kontakt verlust mit der 
Realität stattgefunden hat. 



Absperrungsmedianismen in der Neurose u. i. Beziehung zur Schizophrenie 249 

Eine psychoanalytische Untersuchung dieser Absperrung deckt uns oft 
eine spezielle affektive Situation auf, wo der Kompromiß zwischen den 
verschiedenen affektiven Tendenzen der Person sich in der Richtung der 
Selbstbestrafung, des Masochismus, der Selbstzerstörung auswirkt. Das 
Gefühl der bewußten wie der unbewußten Befriedigung ist weder an einen 
normalen Erfolg gebunden, noch auf sexuellem Gebiet an den normalen 
Akt, d. h. beim Mann an die sexuelle Besitznahme der Frau, bei dieser 
an die sexuelle Hingabe an den Mann, sondern an eine Schlagephantasie. * 
Je nach den Patienten kann sich diese auf verschiedene Arten ausdrücken. 
Die Situation kann in der Phantasie erlebt und genossen werden und dem 
Patienten bewußt sein, oder aber mittels neurotischer Reaktionen erlebt 
werden, deren Sinn und Tragweite ihm entgehen, die aber dennoch 
unbewußt zur Befriedigung führen können und nach der „Krise ein 
Gefühl der Entspannung zu hinterlassen vermögen. Im ersten Falle nehmen 
die Phantasien gewöhnlich folgende Form an: Ein Patient masturbiert und 
gibt sich dabei der Vorstellung hin, wie ein anderer Mann einen Knaben 
schlägt. Im allgemeinen sind diese Phantasien äußerst kompliziert. Ich 
möchte hier ein Beispiel etwas näher ausführen: Ein Kapitän stellt einen 
Schiffsjungen ein, der meistens der Kranke selber ist. Der Kapitän bestimmt, 
daß allein die Vorgesetzten unter der Mannschaft das Recht haben, zu 
strafen. Die Strafe kann ferner nur mit Peitschen einer bestimmten Machart 
vollzogen werden. Die zu bestrafenden Knaben müssen stets eine bestimmte 
Lage einnehmen. Während der Züchtigung darf das Opfer sechs Seufzer 
ausstoßen, aber nicht einen einzigen darüber. Sobald die Zahl sechs über- 
schritten ist, muß die Strafe von vorne begonnen werden. Der Kapitän 
wohnt der Züchtigung bei, um zu kontrollieren, ob sich alles nach den 
strengen Regeln vollzieht, die aus dieser Zeremonie beinahe die Karikatur 
eines Ritualaktes machen. Die sexuelle Befriedigung stellt sich ein, wenn 
der Knabe etwa nach fünfzig wohlgezählten Schlägen den 6. Seufzer 
ausstößt. Im Augenblicke des 50. Schlages und des 6. Seufzers erfolgt der 
Orgasmus. 

Diese Phantasie ist noch relativ einfach im Vergleich mit den meisten 
anderen, die die Patienten entwickeln. Solche Phantasien enthalten für 
jede neue Masturbation andere Hauptpersonen, aber im Grunde spielt sich 
alles jeweils mit derselben Genauigkeit ab, sowohl mit Bezug auf die 
soziale Rangordnung der vorgestellten Personen, die innezuhaltenden An- 
weisungen, die Einzelheiten der verwendeten Gegenstände, die Haltungen, 
die Ausrufe, in vielen Fällen sogar die Namensgebung. Wir sind Männern 

1) Siehe Freud „Ein Kind wird geschlagen". Ges. Schriften, Bd. V. 



begegnet, die jeden Tag Stunden damit verbracht haben, solche Phantasien 
zu erfinden, wobei sie zwei-, drei-, viermal oder mehr onanierten. 

Bei der Frau kann das Thema folgendes sein : Ich bin ein Sträfling in 
einer Gefängniszelle und den Schlägen eines Wärters ausgesetzt, oder ich 
bin eine Prostituierte, welche von einem Manne geschlagen wird, etwa 
von einem Matrosen oder einem Soldaten, der während des Krieges die 
Frauen eines Klosters vergewaltigt hat. Die sexuelle Befriedigung ist 
während der Masturbation an die Vorstellung von Schlägen gebunden, 
welche die Kranke selbst zu ertragen hat oder in der Phantasie irgend 
jemanden ertragen läßt. Immerhin scheinen mir diese Phantasien bei den 
Frauen nicht so häufig wie bei den Männern zu sein. Wahrscheinlich 
wirken sie sich weit mehr in den Symptomen aus, wie dies übrigens für 
eine ganze Kategorie von Kranken (Männern und Frauen) gilt, bei welchen 
die Erzielung masochistischer Wollust nicht bewußt, sondern mittels ver- 
schiedener Bationalisierungen angestrebt wird, die den Patienten je nachdem 
in unbewußt gezüchtete Krankheiten (sehr oft die Tuberkulose) treiben 
oder ihm Mißerfolge im sozialen Leben zuziehen, um ihn so praktisch 
die Rolle des Geschlagenen oder des Sträflings spielen zu lassen. 

Wir hätten es in diesen Fällen mit einer speziellen psychischen Reaktion 
zu tun, die nicht notwendigerweise zu einem völligen Realitätsverlust zu 
führen braucht. Der neurotische Lustgewinn kann durch psychische oder 
auch körperliche Leiden erzielt werden. Auf dem Gebiete der psychischen 
Leiden müssen wir zwischen Individuen mit kriminellen Reaktionen unter- 
scheiden, und solchen, die in der Richtung neurotischer oder psychotischer 
Situationen sich entwickeln. Schon lange hat Freud den Begriff der 
Flucht in die Krankheit unserer Auffassung geläufig gemacht, und wir 
dürfen annehmen, daß der Prozeß der Absperrung, wie er in der Schizo- 
phrenie beobachtet werden kann, nur eine unter den vielen Fluchtmöglich- 
keiten verkörpert, über welche der Patient verfügt. In dieser Hinsicht wäre 
es vielleicht sehr interessant zu untersuchen, was für einen Einfluß ein 
schmerzhaftes Leiden auf eine schizophrene Psyche auszuüben vermag. 
In ihrer Eigenschaft als Schmerzensquelle und vielleicht als Möglichkeit 
der Bestrafung dürfte sie den Kranken davon entheben, dieses seiner Psyche 
anscheinend unerläßliche Element im Wahnsinn zu suchen. 

Wie dem auch sei, unsere Aufgabe ist es, zu erforschen, inwiefern 
dieser Absperrungsprozeß für die Psyche ein Mittel der Flucht bedeutet 
und worin der Gewinn dieses Vorganges besteht. Wir sehen uns vor das 
merkwürdige Problem gestellt, weshalb der Patient, nur um gewissen, oft 
ganz banalen Situationen auszuweichen, sich zwingt, Bahnen einzuschlagen, 
die seine ganze Existenz kompromittieren können. Wir haben es da oft 



Absperrungsmedianismen in der Neurose u. i. Beziehung zur Schizophrenie 251 

mit wirklich paradoxen Situationen zu tun, wie es Freud in seiner 
Arbeit über „die Ausnahmen" 1 geschildert hat. Weiß man nicht, welche 
wichtige ökonomische Rolle das Strafbedürfnis im System dieser Gestörten 
spielt, so ist es unmöglich, der Situation gerecht zu werden. Diese Kranken 
scheinen unfähig zu sein, ihr Schuldbewußtsein normal abzureagieren, 
wozu offenbar eine spezielle psychische Kapazität erforderlich ist. Sie ver- 
suchen, dem Schuldgefühl zu entgehen, und zwar, ohne sich dessen be- 
wußt zu sein, indem sie sich in einem von ihnen, ebenfalls unbewußt 
aufgestellten Selbstbestrafungssystem verlieren. Damit erleichtern sie ihr 
Schuldbewußtsein oder schütteln es völlig ab, um so, nachdem sie, ohne 
es zu ahnen, schon ein Fegefeuer durchgemacht haben, bei einem Zu- 
stand der Verstumpfung anzulangen, der durch das Freibleiben von Schuld- 
bewußtsein für sie beinahe schon das Glück bedeuten mag, ein Glück der 
Unempfindlichkeit, des Nirwana, der Indifferenz, der schizophrenen Affekt- 
losigkeit. Dieses gewöhnlich unbewußte Schuldgefühl steht im allgemeinen zu 

Rdem Ödipuskomplex in engster Beziehung, der in den meisten Fällen ebenfalls 
nicht bewußt wird. Eine Ausnahme machen vielleicht die Kranken, die sich 
durch eine Unzahl von Leiden das Recht erworben haben mögen, sich den 
Ödipuswunsch bewußt in der Phantasie zu erfüllen: so der Sohn, der sich den 
Sexualakt mit seiner Mutter oder einer Mutterimago begehen sieht. Diese 
enge Verknüpfung des Schuldgefühls mit dem Ödipuskomplex ist der Grund 
dafür, daß die Provozierung der Strafe nicht bloß dazu dient, mit dem 
Schuldgefühl fertig zu werden, sondern auch um, nachdem dieses einmal 
ausgeschaltet und der Weg für den Sexualdrang freigelegt ist, das Recht 
zu erwerben, sei es durch die Masturbation, sei es durch Äquivalente die 
Ödipussituation zu erleben. 

Um diese Mechanismen zu illustrieren, führe ich hier ein Beispiel an : 
Es handelt sich um einen ungefähr 45 jährigen Kranken, der sich in einer 
Analysenstunde mit folgenden Einfällen einstellt. „Sie raten mir, Herr 
Doktor, meinen Gedanken am Abend vor dem Einschlafen freien Lauf zu 
lassen und ebenso am Morgen, wenn ich aufwache, aber Sie wissen nicht, 
welchen Gefahren Sie mich aussetzen. Anstatt mich am Abend meinen 
Phantasien hinzugeben, bin ich gezwungen zu lesen, um dann ohne 
Übergang aus dem wachen Zustande in einen bleiernen Schlaf zu ver- 
sinken. Am Morgen stürze ich mich sogleich nach dem Aufwachen auf 
die Zeitungen. Wissen Sie, was für Gefabren ich beim freien Phantasieren 
ausgesetzt bin? Die Gedanken stellen sich ein, aber mit ihnen ein un- 
widerstehliches Bedürfnis, sie zu notieren, um sie Ihnen mitteilen zu 

1) Freud. Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit: I) Die Aus- 
nahmen (Ges. Schriften, Bd. X. S. 288 ff). 



252 R. Laforgue 

können, um mich vor Ihnen zu rechtfertigen. Aber nicht nur das, ich 
habe dazu noch das Bedürfnis, mich zu quälen, um zu wissen, ob ich 
nichts vergessen habe, ob es sich wirklich um diesen oder jenen Gedanken, 
dieses oder jenes Gefühl handelt, ob ich sie auch wirklich getreu über- 
setzt habe usw. Diese Qual ist mit unerträglichen Angstgefühlen verbunden, 
was mich dazu drängt, Ihnen zu telephonieren, obgleich Sie es mir ver- 
boten haben, wie Sie mir auch verboten haben, Notizen zu machen. Das 
Resultat ist, daß Sie mich Handlungen begehen lassen, die ich für straf- 
würdig halte, obwohl sie wiederum meiner Ansicht nach uns einen be- 
trachtlichen Schritt vorwärts bringen könnten und uns gestatten würden, 
dem Ziele näher zu kommen, dem ich, wie Sie wissen, alles geopfert habe. 
Sie werden mir erwidern, daß ich keine Notizen zu nehmen brauche, 
nicht zu telephonieren habe, aber ich fühle intuitiv, daß Sie im Irrtum 
sind. Handelt es sich nicht um diese Qualen, so sind es andere. Ich fühle 
meine Organe sich loslösen, mein Herz sich brechen. Ich bin einem 
schonungslosen Gemetzel ausgesetzt, habe hundert Pulsschläge; in der 
Straße fürchte ich zusammenzusinken, einen Anfall zu haben, und Sie 
wissen, wie unerträglich mir dieser Zustand ist. In solchen Augenblicken 
ist es für mich ein Ding der Unmöglichkeit, an etwas anderes zu denken. 
Nur meine Schmerzen zählen. Für alles andere ist der Zugang verschlossen." 
Was geht in diesem Kranken vor? Spontan zu denken, ist für ihn äquivalent 
mit einem Schöpfungsakt, oder besser gesagt, mit einem Entleerungsakt. 
Es ist ihm unmöglich, dies fertigzubringen, ohne diese Entleerung zu 
beschauen. Das ganze Interesse, welches er als Kind für die Funktionen 
der Entleerung bei seiner Mutter empfunden hat, überträgt er auf diese 
ihm eigene Handlungsweise. Dieses Interesse wird aber vom Über-Ich 
verurteilt und provoziert ein intensives Schuldgefühl, demgegenüber der 
Kranke zu Selbstbestrafungsmechanismen Zuflucht nimmt, um so das 
Recht zu erwerben, seine Erzeugnisse beschauen zu dürfen. Aber da diese 
Selbstbestrafung dem Kranken nicht genügt, fühlt er sich dazu gezwungen, 
eine Handlung zu begehen, die er als strafwürdig betrachtet, z. B. mich 
telephonisch zu sprechen, was den Alarmrufen gleichkommt, die er in 
seiner Kindheit ausstieß, wenn er seinen Stuhl ins Bett entleert hatte 
was ihm stets eine Züchtigung einbrachte, die er wiederum unbewußt von 
seinem Vater zu erhalten wünschte und die er jetzt vom Analytiker erwartet 
Darauf stellt sich bei unserem Patienten das Bedürfnis ein, seine Organe 
zu beschauen und zu befühlen. Natürlich haben diese Organe auch hier 
eine Umwandlung erfahren, - es handelt sich um das Herz usw., - aber die 
Vorstellung ist deswegen nicht weniger intensiv, und der Kranke gesteht 
daß für ihn nichts anderes mehr in Frage kommt als das Herz, das sich loslöst 



Absperrungsmedianismen in der Neurose u. i. Beziehung zur Schizophrenie 253 

sein Puls, der zu schnell schlägt. Die Psychoanalyse gestattet uns, in diesem 
Geständnis einen Ausdruck seiner Begierde für die Sexualorgane der 
Mutter zu sehen, mit denen er sich eins fühlt. Nehmen wir diesem 
Patienten die Möglichkeiten zu leiden, so entziehen wir ihm im gleichen 
Augenblicke das Recht, seine Ödipuswünsche auf seine Weise zu ver- 
wirklichen. Wir berauben ihn seines großen Allmachtgefühles, welches 
ihm seine Wollust verleiht. Wir zwingen ihn, das Schuldgefühl auf sich 
zu nehmen, und vor allem das der Verantwortlichkeit seinem Vater gegen- 
über. Darüber, daß wir ihm die Möglichkeit, sich zu bestrafen, entzogen 
und ihn davon geheilt haben, wird er sich beklagen, sowie auch darüber, 
daß wir sein Genie, seine Entfaltungsmöglichkeiten verringert haben. 
Sein unbegrenztes Selbstvertrauen, das ihm erlaubte, sich Gott gleich zu 
dünken, haben wir durch den Strafentzug ebenfalls stark vermindert, wenn 
nicht völlig geraubt. Dies mag erklären, warum der Patient so sehr an 
seinen Nöten festhält, seien sie nun psychoneurotischer oder anderer 
Natur. Sie erlauben ihm, ungehemmt, ohne Schuldgefühle zu handeln; 
alles, was ihn normalerweise aufhalten könnte, wird ihm nicht bewußt, 
so daß er selbst dann noch an sich glauben kann, wenn seine Hand- 
lungen dem gesunden Menschenverstand entgegenlaufen und schon wahn- 
haften Ausdruck annehmen. Dadurch wird uns auch verständlich, warum 
diese Personen so oft gar keine Selbstkritik zu üben vermögen, warum 
sie auch keine Lust nach Heilung empfinden, da die Heilung für sie zum 
Verluste ihrer schönsten Illusionen wird. 

Bei einem von uns behandelten Schizophrenen kam das Straf- und Ab- 
sperrungsbedürfnis auf folgende Weise zum Ausdruck: „Eine lange Analyse 
hatte seinen Zustand dermaßen modifiziert, daß er mich während einiger 
Tage sichtlich als seine Amme behandelte. Sobald ich die Anstalt betrat, wo 
er interniert war, lief er mir mit offenen Armen entgegen und verlangte, 
seinem Körpergewichte zum Trotz, auf die Arme genommen zu werden. 
Während mehrerer Sitzungen wollte er seinen Kopf auf meine Brust legen 
(wie um zu saugen). Dabei entwickelte er äußerst intensive Angstgefühle. 
Diese nahmen nach einigen Tagen in dem Maße zu, daß er nicht mehr gehen 
konnte und mich oder seinen Wärter beständig um sich haben wollte. Ich 
erlaubte ihm, während einiger Tage den Kopf in der Weise auf mich zu 
legen, wie er wünschte; er senkte ihn auf meine Schulter und bemerkte: 
„Möchten Sie mir nicht Milch und Medizin geben, um mich nicht sterben 
zu lassen, auch einen Priester, um zu beichten? Das Verlangen nach Milch 
und Medizin ist sehr bezeichnend. Charakteristisch ist auch das Reuegefühl, 
das im Bedürfnis, einen Priester zu sehen, zum Ausdruck kommt und dem 
Patienten durch seine Begierden eingeflößt wird. Von diesem Augenblicke an 
ist in seinem Verhalten der Umwelt gegenüber eine entschiedene Wandlung 
wahrzunehmen, insbesondere in bezug auf den Wärter, den er von nun an 
mit „mein Freund" anredet. Während mehrerer Tage ging ich auf seinen 



254 R- Laforgue 



Wunsch nach Milch und Medizin nicht ein. Er reagierte darauf, indem er 
Papier zu kauen begann, und zwar mit Vorliebe das, worauf ich ihm ge- 
wöhnlich die Erklärungen schrieb; ja er kam dazu, Kieselsteine zu ver- 
schlucken, Erde, Manschettenknöpfe usw. Im Laufe einer Sitzung wollte 
er sogar meinen Bleistift aufessen und verschlang in der Tat die Hälfte 
einer von mir angerauchten Zigarette. Die Folge davon war eine solche 
Magenverstimmung, daß er mir in einer Stunde alles wieder herausgab. 
Während dieser ganzen Zeit sprach der Patient nicht mehr mit mir. Aber 
der Sachverhalt war so klar, daß ich mich entschloß, ihm eines Tages Rahm- 
karamels, eine Flasche Likör und Kuchen mitzubringen. Sie hätten seine 
Freude sehen sollen. Im Handumdrehen hatte er das Papier (weiß wie die 
Milch) mit den Karamels und den Kuchen verzehrt. Was den Likör anbetrifft, 
so rationierte er denselben mit einer unglaublichen Sorgfalt. Er nahm übrigens 
nie davon, wenn ich nicht auch ein wenig davon getrunken hätte (in einem 
andern Glase als dem seinigen, das er aber immer selbst füllen wollte). Von 
diesem Zeitpunkt an nahm die Analyse, die während der Zeit seines Schweigens 
und seiner Papiergier nicht vom Flecke gekommen war, einen norma- 
leren Verlauf. Ich wußte bald, warum der Patient den Likör rationierte: 
„Ich darf jetzt Karamels essen und auch die Nahrung der Anstalt, ohne 
deshalb zu riskieren, etwas Böses zu begehen. (Ich hatte ihm durch die 
Anstalt regelmäßig Milch verabreichen lassen.) Um rein zu bleiben, mache 
ich eine Läuterung durch und nehme nie zu viel Likör. Würden Sie mir 
drei Deziliter Lebertran mitbringen? Er ist unangenehm zu nehmen und 
reizt zum Erbrechen; man riecht schlecht und wird ein ekliges, schmutziges 
Wesen. Auf diese Weise unterziehe ich mich einem Fegefeuer, um meine 
Sünden abzubüßen. Niemand wird dann das Recht besitzen, mich zu ent- 
haupten, mich vom Eiffelturm herunterzustürzen, um aus mir eine „gueule 
cassie zu machen. Ist meine Lösung nicht genial? Stellen Sie sich vor, was 
mein Gehirn für Arbeit leisten mußte, um allen diesen Gefahren entgehen 
und eines schönen Todes sterben zu können." Ich begriff schließlich, daß 
beim Kranken Hunger und Essen sexualisiert (orales Stadium) waren und 
für ihn zur Sünde wurden, zum Verbrechen, welches sein mit dem Ödipus- 
komplex eng verbundenes Schuldbewußtsein immer wieder aktivierte, ein 
Schuldbewußtsein verbunden mit Kastrationsangst. Um den Gewissens- 
bissen und der Angst zu entgehen, schien der Patient ein kompliziertes System 
der Selbstbestrafung und der Selbstdemütigung erfunden zu haben. Jeden 
Augenblick schlug er sich am Körper, am Kopfe, verrenkte die Glieder. 
Er untersagte sich zu denken, auf den Abort zu gehen, verwundete sich mit 
schneidenden Instrumenten, trank seinen Harn und beschmierte sein Zimmer 
mit seinen Exkrementen. 1 

Welches sind nun die Ursachen dieser Veranlagung zur psychoneuro- 
tischen Absperrung? Die Beziehung, welche zwischen dem Schuldgefühl 
und dem Ödipuskomplex besteht, ist ein Beweis dafür, daß wir es in 
diesen Fällen mit psychischen Dispositionen zu tun haben, die in die erste 

1) Vgl. La Pratique Psychanalytique, in „Revue frangaise de Psychanalyse", 
Bd. II, 1928. 






Absperrungsmechanismen in der Neurose u. i. Beziehung zur Schizophrenie 255 

Kindheit des Patienten zurückgreifen und die sich, nachdem sie einmal 
festgelegt waren, nicht mehr geändert haben. Allem Anschein nach haben 
wir es also mit einer infantilen Psyche zu tun, die gezwungen war, sich 
mit einer peinlichen Realität abzufinden, und zwar zu einer Zeit, wo das 
Kind das Gewicht der mit der Realität verbundenen Gewissensbisse noch 
nicht vertragen konnte und die Gewohnheit angenommen hatte, sie mittels 
Selbstbestrafung abzufertigen. Wir sind berechtigt, diese Theorie gutzu- 
heißen, denn trotz zahlreicher Schwierigkeiten, welche die Behandlung 
dieser Fälle mit sich bringt, sehen wir dennoch manche unserer erwach- 
senen Kranken so weit kommen, daß sie fähig werden, sich der Selbst- 
bestrafung zu entwöhnen, die Schuld auf sich zu nehmen, die Verantwortung 
zu tragen und sich einem normalen Zustande anzunähern. 

Wenn wir nun nach den Umständen fragen, wann die Realität als pein- 
lich empfunden wird, so finden wir besonders häufig folgende. 

Ein geistig frühreifes Kind, das von seinen Eltern verwöhnt wird, hat 
eines Tages Gelegenheit, einen Sexualakt zu beobachten. Diesem folgt die 
Schwangerschaft der Mutter und die Geburt eines Geschwisterchens, das es 
seiner privilegierten Lage, welche es bis jetzt eingenommen hat, beraubt. 
Das bloße Beobachten des elterlichen Sexualaktes kann, wie wir wissen, 
zu schwerwiegenden Folgen Anlaß gehen, und zwar deshalb, weil das 
Kind seine zu frühzeitig erweckten Gefühle nicht befriedigen kann. Es 
bleiben ihm nur infantile Möglichkeiten offen, nämlich sich in der Phan- 
tasie die beiden Rollen spielen zu lassen, die des Vaters und die der Mutter. 
Diese Spaltung der Persönlichkeit, an die sich das Kind so gewöhnt, kann 
eine ganze Anzahl von Folgen nach sich ziehen, unter andern zur Fixie- 
rung der sexuellen Befriedigung an diese Bedingungen führen, sich passiv 
und aktiv zugleich zu sehen und zu fühlen. Es müssen dann exklusive 
Gelegenheiten ausfindig gemacht werden, wo diese Situation durch die 
Phantasie oder bestimmte Rationalisierungen reproduziert werden kann. 
Zu letzteren gehört z. B. die Manie der Selbstanalyse, die von diesem 
Standpunkte aus eine Manie ist, sich in Situationen zu sehen, die mit 
sexueller Befriedigung in Verbindung stehen. Es handelt sich also darum, 
die Bedingungen des Ödipuskomplexes zu reproduzieren, wobei das Schuld- 
bewußtsein durch Strafe befriedigt werden muß. Dieses Schuldgefühl wird 
begreiflich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß das Kind auf seine Eltern 
angewiesen ist und ihrer Liebe bedarf, daß es furchtbaren Nöten aus- 
gesetzt ist, sobald es dieser Liebe verlustig zu gehen scheint und es fürchten 
muß, ihrer nicht mehr würdig zu sein. Ein Erwachsener kann allenfalls 
darauf verzichten, für ein Kind sind diese Konflikte Prüfungen, die es 
sich nicht erklären kann. Niemand unter seiner Umgebung versteht es. 



256 



R. Laforgue 



Die, welche ihm helfen könnten, tun oft alles, um seine Lage noch 
schlimmer zu gestalten. Die ungeheure Summe von Sadismus und Haß, 
die sich daraus ergibt, kann nicht auf normalem Wege erledigt werden 
und strömt in Form eines Masochismus aufs Individuum zurück, wird vom 
Über-Ich verdrängt, das, um diese Verdrängung noch zu verschärfen, nichts 
unterläßt, um den Brandherd abzusperren. Man sieht deshalb auch in der 
Praxis, wie schwer es diesen Patienten fällt, ihren Haß auf normale 
Weise nach außen abzulenken, denn nur auf diese Weise wird es ihnen 
möglich, auch ihrer Liebe freie Bahn zu schaffen und den normalen 
Kontakt mit der Umwelt wieder zu finden. Es gibt sicherlich noch andere 
Ursachen, die dazu beitragen können, ähnliche Situationen hervorzurufen 
und ein Individuum darin festzuhalten. 

Melanie Klein und Ernest Jones haben das große Verdienst, sich 
eingehend mit dem Studium dieser Konflikte der frühinfantilen Epoche befaßt 
zu haben. Was sie uns bisher über diese Konflikte und ihren Einfluß auf 
die Bildung des Über-Ichs berichtet haben, ist von höchstem Interesse. 
Wir selber haben mit Pichon und Codet betont, welch wichtige 
Rolle die Entwöhnungskonflikte zu spielen scheinen. So haben wir uns 
dazu berechtigt geglaubt, die Schizonoia mit den Störungen dieser Periode 
der Kindheit in engsle Beziehung zu setzen. Nichts hindert uns ferner 
anzunehmen, daß ein Kind je nach der erblichen Belastung, dem Gesundheits- 
zustand und je nach den Eltern mehr oder weniger gut für diese Prüfungen 
gewappnet sein kann. Wir glauben, daß das Geburtstrauma ebenfalls im 
Kinde diese oder jene Beaktionsweise, z. B. der Angst gegenüber, bedingen 
kann. Aber damit haben wir das Gebiet der Hypothese betreten. 

Zum Schlüsse möchte ich Ihre Aufmerksamkeit noch auf eine besondere 
Beziehung lenken, die zwischen der infantilen Psyche und ihrer Art zu 
reagieren einerseits und der Psyche der Eltern anderseits besteht. Es scheint 
mir unmöglich, die Schizoneurosen und -psychosen zu verstehen, wenn man 
diese Kranken nur als Individuen betrachtet; man durchschaut sie viel 
leichter, wenn man ihre Beziehungen mit der Umwelt berücksichtigt. Ich 
habe noch keinen einzigen Schizophrenen behandelt, bei dem ich es nicht mit 
einer Umgebung zu tun gehabt hätte, die am Leiden des Patienten nicht 
mitschuldig gewesen wäre. Es ist mir in mehreren Fällen gelungen, den 
Zustand des Kranken soweit zu bessern, daß es möglich wurde, von der 
Internierung abzulassen. Solange man praktisch sicher war, daß die Psycho- 
analyse wie alle vorher unternommenen Behandlungen scheitern würde, ließ 
mich die Familie ruhig gewähren; bei den ersten Anzeichen einer fühlbaren 
Besserung aber stellte sich sofort eine Reaktion seitens der Eltern ein, 
die zur Folge hatte, daß entweder die Behandlung unterbrochen wurde 



Absperrungsmedianismen in der Neurose u. i. Beziehung zur Schizophrenie 257 

oder daß absolut mit dem Patienten nicht weiter zu kommen war. In einzelnen 
Fällen war das Kind geradezu eine Waffe in den Händen der Eltern, die 
sich gegenseitig bekämpften. Ich mußte den Eindruck erhalten, daß der Ein- 
fluß einer unausgeglichenen Mutter sehr viel dazu beiträgt, ein System 
der Absperrung zu schaffen, die den Patienten den Kontakt mit der 
Realität vollständig verlieren lassen kann. 

Man hat deshalb bisweilen das Gefühl, als ob der Kampf, dem die 
gesunden Kräfte der Schizophrenen zum Opfer fallen, nur die Verlängerung 
eines andern Kampfes sei, nämlich desjenigen, der sich zwischen den 
beiden Eltern überhaupt abspielt, mit der Besonderheit, daß hier das 
weibliche Prinzip über das männliche die Oberhand gewonnen hätte und 
dem Keime, dem Kinde, jeglichen Zugang zum Leben verweigern würde. 
Stellt dieser Kampf schon denjenigen zwischen väterlicher und mütterlicher 
Chromosome dar? Es ist denkbar; aber ich glaube nicht, daß es notwendig 
ist, soweit zurückzugreifen, und schließe die Möglichkeit nicht aus, daß 
ein von solchen Eltern adoptiertes Kind dasselbe Schicksal erlitten hätte. 
Ich habe allerdings nicht Gelegenheit gehabt, ein solches Experiment zu 
beobachten, aus dem einfachen Grunde, weil es schwer zu verwirklichen 
wäre, denn solche Mütter akzeptieren das Kind nicht, es sei denn, sie 
werden dazu gezwungen, Sie gehören oft in die Kategorie der „fausses 
victimes", die ich in einer andern Arbeit geschildert habe, 1 und ziehen 
es gewöhnlich vor, sich gleich dem Manne wissenschaftlich oder geschäftlich 
zu betätigen. Sie erzielen hier übrigens sehr oft außergewöhnliche Erfolge. 
Ich habe Gelegenheit gehabt, solche Frauen zu analysieren. Die Wirkung 
ihrer Analyse auf ihre Kinder war vielleicht noch stärker als die auf sie 
selber. Um von der Schizophrenie bedrohte Kinder zu pflegen, sollte man 
sich daher in den ersten Altersjahren mit ihnen beschäftigen können und 
in vielen Fällen vorher die Eltern behandelt haben. 

Von diesem Standpunkte aus behandelt, würden demnach eine Reihe 
schizophrener Symptome sich mit unserem gewöhnlichen Erfahrungsmaterial 
in Beziehung bringen lassen und könnten aus dem Strafbedürfnis heraus 
erklärt werden, das insbesondere in den Absperrungsmechanismen seine 
Befriedigung suchen würde und diese in der psychischen Absperrung sowie 
in der Internierung in einem Asyl reichlich zu finden Gelegenheit hätte. 
Eine Behandlung dieser Schizophrenen müßte demnach den Entzug der 
Strafmöglichkeiten anstreben und so allmählich der Tendenz, die Inter- 
nierung zu erzwingen, den Boden entziehen, um schließlich nach diesem 
Entzug den Kranken zur Aufnahme des Kampfes mit den Schuld- und 

i) La pratique psychanalyticpie. A. a. O. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV72— 3 17 



258 



R. Laforgue 



Minderwertigkeitsgefühlen zu veranlassen. Die Operation ist gewiß keine 
leichte, aber in einer ganzen Reihe von Fällen schien sie uns gar nicht 
unmöglich und führte zu weitgehenden Besserungen und Heilungen. Wir 
müssen allerdings noch mehr Erfahrungen sammeln, um uns über Dauer- 
erfolge der Behandlung bei Schizophrenen optimistisch äußern zu dürfen. 



Die Flucht in die Realität 

Von 

N. Searl 

London 

Phantasien sind immer besser oder schlechter als die Realität — wohl 
eine Binsenwahrheit. 

Dennoch könnten wir uns fragen, weshalb wir dazu neigen, wenn wir 
von ihnen sprechen, zuerst an die „Besser-als-die-Realität , den Tagtraum- 
Typ, zu denken — ich hoffe durch diese Behauptung meine Kollegen 
nicht ins Unrecht zu setzen. Wir können uns auch fragen, warum in 
diesem Gedankenreich, wo das Lustprinzip uneingeschränkt herrscht,' Angst- 
phantasien die große Rolle spielen sollten, wie es tatsächlich der Fall ist. 
Die „Tagtraum"-Phantasie sagt: „Dies ist, was ich wünsche." Aber bei 
dem des „Schlechter-als-die-Realität"-Typ gibt es keine so einfache Formu- 
lierung. Diese Phantasien sind unter gar keinen Umständen das, was „ich" 
wünsche: Sie sind unzweideutig das, was „ich nicht wünsche. Wenn sie 
sich in der Realität abspielten, würde „ich ernstlich geschädigt werden 
oder würde überhaupt aufhören zu existieren. 

Ich möchte einige Lösungsversuche vorschlagen: 

i) Sie sind verkleidete Kastrationsphantasien. Aber dies ist offensichtlich 
keine Lösung und stellt uns sogar vor ein weiteres Problem: Warum sollte 
man eine Schreckphantasie durch eine noch schlimmere ersetzen? Ich 
denke insbesondere an Phantasien vom Gefressenwerden, vom Verbrennen, 
von völliger Zerstörung. 

2) Sie zeigen unzweifelhaft einen masochistischen Faktor. Der kleine 
Hans z. B. gibt durch seine Furcht, vom Pferd gebissen zu werden, seinen 
Wunsch nach einem sexuellen Biß vom Vater Ausdruck. Aber das erklärt 
durchaus nicht, warum der „erogene Masochismus" im Ich die Angst aus- 
löst, nicht etwa bloß verletzt, sondern auch völlig zerstört zu werden. Die 
Erwähnung des „erogenen Masochismus" erinnert uns indessen daran, daß 

1) Freud, Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. 
Ges. Schriften, Bd. V. 

17* 



2Ö0 N. Searl 

es auch einen Faktor des „moralischen Masochismus" gibt: der kleine 
Hans denkt, daß sein Vater ihn wegen seiner eigenen bösen Wünsche 
gegen ihn beißen wolle. 1 Daher ist unsere nächste Annahme: 

)) Daß in diesen Phantasien der Masochismus des Es durch den Sadis- 
mus des Über-Ich verstärkt ist; 2 und 

4) Daß der erste Phantasietyp der Grund des zweiten ist. D. h. ein 
Wunsch, der einer „Besser-als-die-Realität"-Phantasie entspringt, läuft 
Gefahr, in eine „Schlechter-als-die-Realität"-Phantasie überzugehen. Die 
beiden Phantasietypen sind keineswegs völlig getrennt und die Analytiker 
denken mit Recht zuerst an die Wunsch phantasien, da das, was wir jetzt 
Bestrafungsphantasie nennen können, als Folge einer Wunschphantasie 
sekundär ist. 

Tatsächlich können wir sagen, daß Phantasien immer zwiefältig sind, 
genau wie Kinderspiele; das Spielen einer Wunschsituation — etwa einen 
Omnibus zu machen und Kondukteur zu spielen — ist immer verbunden 
mit irgend einer Angstsituation, z. B. daß man nicht imstande sein 
werde, aus dem Omnibus wieder herauszukommen, ihn nicht rechtzeitig 
zum Stehen zu bringen, daß der Omnibus den Phantasierenden über- 
fahren könnte usw. 

Nun ist es klar, daß wir diese Bestrafungssituationen mit demselben 
Rechte als Phantasien bezeichnen können, wie die Wunschsituationen, mit 
denen sie verknüpft sind. Die eine ist der Realität, d. h. der materiellen 
Realität, so ferne wie die andere; es braucht kaum betont zu werden, 
daß beide gleiche psychische Realität haben. Der kleine Schaffner, der 
den Körper seiner Mutter mit dessen Ausgängen und Eingängen zu 
besitzen und zu beherrschen wünscht, wünscht dies freilich „wirklich". 
Er schwebt aber in keiner „realen" Gefahr, in ihrem Innern eingesperrt 
(aufgegessen oder kastriert), von ihr zum gefährlichen Geschlechtsakt 
gezwungen oder von ihr oder dem Vater für seine unartigen Wünsche 
getötet zu werden, obgleich er sich „wirklich" in dieser Gefahr fühlt. 
Unsere Hauptschwierigkeit liegt nicht hier, sie liegt vielmehr darin, zu 
verstehen, wie es zustande kam, daß das Reich der Phantasie, das 
eigens zur Beibehaltung des Lustprinzips der Kompetenz der Realitäts- 
prüfung entzogen worden ist, in gleicher Weise den Straftendenzen des 
Über-Ichs wie der Lustabsicht des Es zugänglich sein sollte. Man kann 
vielleicht, wie oben bemerkt, eine Erklärung in der Tatsache suchen, daß 
der Masochismus des Es eine gewisse Aktionsbasis für den Sadismus des 
Über-Ichs schafft. Aber dies kann keine erschöpfende Erklärung sein. Das 

1) Freud, Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Ges. Sehr., Bd. VIII. 

2) Freud, Das ökonomische Problem des Masochismus. Ges. Sehr., Bd. V. 



Die FluAt in die Realität 261 



durch die erwähnten Angstsituationen unterbrochene Spiel wird nämlich 
nach der Aufklärung der Strafmechanismen fröhlich wieder aufgenommen : 
„Du hast Angst, daß dir dies oder jenes passieren wird, weil du wünscht, 
dies oder jenes deiner Mutter anzutun. Also muß der Sadismus des 
Über-Ichs und nicht der Masochismus des Es die Hauptrolle spielen. Warum 
sollte aber das Über-Ich derart in der Phantasie vorherrschen? 

Ernest Jones hat mit seiner hervorragenden Begabung für kritische 
Untersuchung und Darstellung auf die schwachen oder zweifelhaften 
Stellen in unserer Kenntnis der Über-Ich-Struktur hingewiesen. 1 Es war 
eine anregende Untersuchung, und es ist nur angebracht, daß ein kleines 
und vielleicht etwas indirektes Ergebnis der dort gegebenen Anregung in 
dieser Festnummer für Ernest Jones seinen Platz findet. Die Stelle, auf 
die ich mich besonders beziehe, ist die Frage der doppelten Relation des 
Über-Ichs zur äußeren Realität und zum Es. „Das Ich ist der durch den 
direkten Einfluß der Außenwell . . . veränderte Teil des Es" und „Das 
Über-Ich ist eine Differenzierung innerhalb des Ichs", 2 das ebenfalls unter 
dem Einfluß der realen Außenwelt entstanden ist. Einerseits lesen wir, 
daß das Über-Ich dem Es nähersteht als das Ich, daß es unabhängig vom 
Ich ist und ihm Forderungen des Es vermittelt, obgleich das Es das Ich 
auch direkt beeinflussen kann. 3 Andererseits gewinnt das Über-Ich gerade 
durch seine Beziehung zur realen Außenwelt, deren Anforderungen es 
vertritt, die Macht, auf das Ich einzuwirken.* Der volle Sachverhalt ist 
also der, daß dasJJber-Ich „in noch nicht durchschauter Verknüpfung 
Einflüsse aus dem Es wie aus der Außenwelt in sich vereinigt" und durch 
seine Anforderungen beim Ich zur Geltung bringt. 

Darin liegt auch die Antwort auf unsere Fragen. Die wunscherfüllende 
Funktion der Phantasie ist noch in Bestrafungsphantasien wirksam, weil 
das Über-Ich an den Lusttendenzen des Es festhält und mit Vergnügen die 
sadistische Rolle, das Ich zu bedrohen und in Schrecken zu setzen, spielt 
— oder besser gesagt, indem es dies tut, seinen Sadismus befriedigt. 
Wenn dies stark hervortritt, so ist es offenbar, daß sozusagen eine Über- 
flutung des Über-Ichs aus libidinösen Quellen des Es stattgefunden haben 
muß. Es wäre verlockend, diese Frage weiter zu verfolgen, aber das würde 
den Umfang meines Aufsatzes überschreiten. Ich muß mich hier damit 
begnügen, den Boden für die Untersuchungen, die wohl bald gemacht 
werden müssen, einigermaßen zu ebnen. 



1) Jones, Der Ursprung und Aufbau des Über-Ichs. Diese Zeitschrift, Bd. XII (1926). 

2) Freud, Das Ich und das Es, S. 27, 51. 

3) Freud, a. a. O., S. 43, 61, 67, 72. 

4) Ges. Schriften, Bd. V, S. 419, 421. 



L- 



2Ö2 



N. Searl 



Der Punkt, zu dem wir jetzt gelangt sind, ist folgender: In der primären 
Wunschphantasie leitet das Es seine Lust von der inneren anstatt von 
der äußeren Welt ab; in der sekundären, d. h. dabei auftauchenden 
Bestrafungsphantasie erhält das Es seine Lust indirekt vom Über-Ich, indem 
es dessen Sadismus gegen das Ich richtet — wieder gegen die innere statt 
gegen die Außenwelt. So steht also die äußere Realität in der Mitte zwischen 
den beiden Phantasietypen, wie dies mein einleitender Satz in etwas anderer 
Form besagt. Sie ist schlechter als diese und besser als jene. Aber die 
äußere Realität ist in ihren Ausmaßen nicht homogen. Sie ist für jedes 
Individuum zu verschiedenen Zeiten verschieden; sie ist sogar in ihren 
einzelnen Teilen selbst verschieden. D. h. zu verschiedenen Lebenszeiten 
und an verschiedenen Punkten desselben Lebens steht sie für jedes Individuum 
dem einen Typ der Phantasie näher und ist vom anderen Typ ferner. In 
der Zeit, da die äußere Realität sich am wenigsten der Lust- und am meisten 
der Bestrafungsphantasie nähert, wird gewöhnlich die Flucht des Neurotikers 
aus der Realität am deutlichsten. Dies ist zur Genüge bekannt und braucht 
nicht weiter betont zu werden. Gerade die entsprechende und kaum weniger 
wichtige Tatsache hat, wie mir scheint, zu wenig Aufmerksamkeit erweckt. 
Wo aus irgend einem Grunde die Bestrafungsphantasien sehr intensiv sind 
und die äußere Realität genügend Entgegenkommen zeigt, gibt es eine 
Flucht vor den Bestrafungsphantasien in die Realität. Aber da die Intensität 
der Bestrafungsphantasien in einem direkten Verhältnis zur Intensität der 
Wunschphantasien steht, so ist es unter günstigen Umständen möglich, die 
beiden Phänomene der Flucht aus der Realität und der Flucht in die 
Realität zusammen wirken zu sehen — abwechselnd oder ineinandergreifend. 
Das kann man im täglichen Leben erkennen; ich halte dies für eine wichtige 
Quelle des mannigfach begründeten Ambivalenzphänomens. Die Mutter 
kann beiden Phantasiesituationen gleich ferne stehen. Weder gibt sie sich 
sexuell dem Kinde, wie es die Mutter im Wunsche tun würde, noch auch 
bestraft sie das Kind für seinen Wunsch, sich an ihr zu rächen, in der 
drastischen Art, wie es die strenge Mutter der Bestrafungsphantasien tut. 
Von der Härte dieser Phantasien, in denen der Vater oder die Mutter das 
böse Kind schneidet, verbrennt oder aufißt, sind die ärgsten Strafmaßnahmen 
der realen Mutter weit entfernt. So scheint die Phantasie in einer Sekunde, 
mit einem ganz geringen Realitätswechsel, die ungeheure Veränderung von 
der begehrten Mutter zur schreckenerregenden Mutter durchzumachen. Ich 
habe niemals Gelegenheit gehabt, ein Kind zu analysieren, das mit wohl- 
überlegter und langandauernder Grausamkeit behandelt wurde. Die weit- 
gehendste Annäherung an die schrecklichen Phantasieeltern, die ich persönlich 
lenne, ist eine lange Entziehung der Liebe: vorübergehende, selbst strenge 



Die Fludit in die Realität 



263 



Bestrafung — besonders wenn spontan — ist viel erträglicher. So wurde 
z. B. eine Patientin, die als Kind eine Zeitlang an einem einsamen Orte 
ohne Dienstmädchen lebte, einmal dadurch bestraft, daß Vater und Mutter 
mehrere Tage konsequent nicht mit ihr sprachen. Aber in ihren Bestrafungs- 
phantasien sah sie sich auf ewig verlassen, aller Hilfe beraubt und Hungers 
sterbend. Sie hatte auch andere Phantasien, aber die am meisten angst- 
erfüllte war diese, weil die Realität keine Zuflucht vor ihr gewährte: sie 
hatte eine Erzählung von der wirklichen Mißhandlung eines Kindes durch 
seine Mutter gehört, die sich unter ähnlichen Umständen abgespielt hatte, 
und ein zynischer Onkel hatte in ihrer Gegenwart gesagt, daß es jenem 
Kinde wahrscheinlich recht geschehen sei. Die Phantasie hatte eine solche 
psychische Realität, daß die Patientin in jeder Art Einsamkeit jahrelang 
äußerste Qualen empfand. Und doch reichte sogar hier die äußere Realität 
längst nicht an die Phantasie heran: weder Eltern noch Onkel waren 
Menschen, die etwas Derartiges getan hätten. Wenn sie nicht vom unbewußten 
Strafbedürfnis beherrscht worden wäre, hätte sie dies wohl wissen müssen. 
Wir denken hier an eine bekannte Situation, in der Eltern und Pflegerinnen 
wirklich die Rolle der Realitätszuflucht aus der Phantasie spielen, besonders 
bei Kinderphobien und beim Pavor nocturnus. Sie sagen dem erschrockenen 
Kind: „Glaube mir, es wird dir nichts zuleide geschehen" — und es 
geschieht ihm wirklich nichts zuleide. „Es ist wirklich nichts, worüber 
du erschrecken müßtest!" — Und es ist wirklich nichts da. „Sei vernünftig, 
es ist alles ganz in Ordnung!" und vermöge der Liebe und des Verständ- 
nisses fühlt es sich wie durch einen Zauber „in Ordnung' . Damit ist 
man natürlich noch längst nicht die begehrte Mutter im Sinne der Phan- 
tasie und die Hilfe muß ständig wiederholt werden, da der Zauber nicht 
anhält; die Angst ist besänftigt, nicht vertrieben. Dasselbe ergibt sich durch 
einen anderen Mechanismus, wenn man zornig das Kind zurechtweist. 
Dann kann die Angst vor dem Zorn der Eltern einen genügenden Beitrag 
zu den früheren Versuchen des Kindes, seine Angst zu meistern, liefern. 
Das Ich wird so ebenfalls in seiner Aufgabe unterstützt und findet in der 
Realität Hilfe. Diese Situation reproduzieren dann kindliche und erwachsene 
Patienten für sich selbst. Sie reden sich zu, nicht albern zu sein, sie 
könnten doch unmöglich etwas so Absurdes denken; oder sagen — ver- 
mittels des Projektionsmechanismus dem Analytiker nicht so albern 

und kindisch zu sein. Manchmal schreien sie ihre Schrecken in wilden 
Wiederholungen heraus, in der Hoffnung, wie in der Kinderzeit in ihren 
eigenen Anstrengungen durch eine eindringliche ärgerliche Mahnung, sich 
nicht so närrisch zu benehmen, unterstützt zu werden. Ich habe mich jetzt 
daran gewöhnt, diese Mittelposition zwischen beiden Realitäten, der psychi- 



2Ö4 



N. Searl 



sehen und der äußeren, sowie zwischen den beiden Phantasiepositionen 
voll auszunützen. Ich sehe darin eine einzigartige analytische Möglichkeit, 
die Schwierigkeiten des Patienten zu lösen. Es gibt sowohl bei Kindern 
wie bei Erwachsenen Zeiten, in denen es nützlich ist, zu sagen: „Ja, es 
ist richtig, daß Sie es so empfinden, und doch ist es ebenfalls richtig, — 
wie man Ihnen zu sagen pflegte, wenn Sie Angst hatten, — daß wirklich 
nichts da ist, was Sie ängstigen müßte." Man übt damit die beruhigende 
Wirkung aus, die der elterliche Appell an den Wirklichkeitssinn zur Folge 
hatte, und gibt ferner die Versicherung der Gültigkeit der psychischen 
Realität, die keine Eltern geben können. Auf diese Art wird die Flucht 
in die Realität — die nötig ist, wenn Phantasien allzu angsterfüllt sind 
— eine Hilfe und kein Hindernis in der Analyse. Wenn so der Analytiker 
zwar nicht in Wirklichkeit zur Elternimago der sexuellen Wünsche wird, 
so wird er doch zu der noch wichtigeren Elternimago in seinem Verständnis 
in der Unterstützung des Ichs in seinem Kampf und entfernt sich weit 
von der Elternimago der Bestrafungsphantasien. Diese Tatsache macht es 
dem Patienten möglich, die Enttäuschung über die Nichterfüllung seiner 
sexuellen Wünsche auszuhalten. Was er braucht, ist die Erleichterung 
seiner Angst, und diese wird ihm zuteil, wenn sein schwaches Ich fühlt, 
daß ein anderes, die Gefahren kennendes Ich ihm beisteht. Diese Lage 
der Dinge tritt immer wieder mit größter Deutlichkeit bei Kinderspielen 
hervor. Während das fröhliche Spiel offensichtlich im Dienste der ich- 
libidinösen Phantasien steht und ein Versuch ist, die Realität zu leugnen 
oder zu ändern, 1 ist die Angst eine Folge von Bestrafungsphantasien, die 
mit den im Spiele auftretenden Wünschen des Es untrennbar verbunden 
sind. Gerade dort wird manchmal die äußerste Sorgfalt aufgewendet, damit 
das Spiel so „wirklich" wie möglich sei. Diese Gelegenheiten ergeben sich 
gerade dann, wenn die Bestrafungsphantasien aufzutauchen drohen. Um zu 
dem Omnibusspiel zurückzukommen; gerade wenn des Kindes selbst- 
geschaffener Omnibus wunderbar funktioniert und ich mit ihm alles spiele, 
was es wünscht, gerade dann mag es gerne Sicherheit erhalten, daß ein 
„richtiger" Omnibus es genau so macht, daß diese oder jene Einzelheit 
wie bei einem „wirklichen" Omnibus ist usw. Dies geschieht nebenbei 
bemerkt nur dann so, wenn die Angst nicht zu groß ist; andernfalls kann 
alles vorkommen — nicht nur, daß das Kind einfach das Spiel zugunsten 
eines anderen aufgibt, bis dieselbe Situation wiederkehrt, sondern es kann 
sogar zu einem heftigen Ausbruch des Kindes kommen, da nichts das 
Gefühl der Realität der Bestrafungsphantasien beseitigen kann, wenn alles 

i) Melanie Klein, Criminal Tendencies in Normal Children. British Journal o£ 
Medical Psychology. Vol. 2. P. p. 187, 188. 



Die Fludit in die Realität 



265 



ringsherum dem Ich bedrohlich erscheint. Aber bei geringer Angst mag 
dieser Appell an die Realität zeitweise genügen, weil ja schließlich wirk- 
liche Omnibusse nicht plötzlich mit einem durchgehen, oder einen nicht 
herauslassen, wenn man drin ist oder einen gar überfahren, es sei denn, 
daß man ihnen direkt in den Weg läuft. (Mit wachsender Erfahrung 
wartet man nicht die Hilfe dieses Appells an die Realität ab. Wo Anzeichen 
von Angst auftreten, muß man sie gleich deuten, wie Frau Klein oft 
gesagt hat, damit in anderer Form Freuds Ausspruch wiederholend, daß 
die Aufgabe des Analytikers die Analyse der Widerstände sei.) 

Ich könnte viele Beispiele anführen, aber das eindrucksvollste ist das 
des dreijährigen Bunny. In meinem Zimmer steht ein elektrischer Ofen 
und lange Zeit hindurch wollte er gleich beim Eintreten ins Zimmer eine 
Erklärung dafür haben, auf welche Weise der Ofen funktioniere. Ich gab 
ihm immer eine einfache Erklärung, die ihn zu befriedigen schien. Als 
sein Spiel genügend klar wurde und sich die Gelegenheit dazu ergab, 
erklärte ich ihm seinen Wunsch zu wissen „Wie er funktionierte" als 
seinen Wunsch zu wissen, wie in der Nacht der Penis des Vaters in der 
Mutter arbeite. Diese Auslegung schien ihn zu befriedigen ; dennoch stellte 
er ab und zu seine einleitende Frage. Sein eigenes Spiel zeigte später die 
Schwierigkeit ganz klar. Ich mußte der „strenge Vater" sein, und wenn 
Bunny zu mir sagte: „Ich nehme dir dein Feuer weg, ich nehme dir 
dein ganzes Feuer weg!", mußte der „strenge Vater" zu ihm sagen: 
„Was fällt dir ein!" und mußte einige scheinbar drohende Bewegungen 
gegen ihn machen. Ich war völlig vertraut mit der Rolle, die ich zu 
spielen hatte. Danach — das Spiel wurde bei zwei oder drei Gelegenheiten 
wiederholt — drehte Bunny den Ofen ganz oder teilweise aus oder goß 
Wasser darauf. Dann äußerte er den Wunsch, zu urinieren, nahm seinen 
Penis heraus und zeigte mir herausfordernd, daß er eine Erektion hatte. 
Nachdem das vorbei war, urinierte er mit Anzeichen von Angst und dem 
Wunsch, dies in der Richtung gegen mich zu tun. — Jetzt sehen wir die 
Situation schon klarer. Zuerst war der Es-Wunsch klar. Durch meine Er- 
klärung der Funktionsart des Ofens wurde ich der Vater, von dem er die 
Erklärung wünschte, „wie es gemacht wird". Er wollte des Vaters „ganzes 
Feuer" wegnehmen und zerstören und die Strafphantasien wurden ent- 
sprechend intensiv : der Vater würde zu einem sehr gefährlichen Vater 
werden. Er spielte dieses Spiel, indem er sich in die Tiefen eines großen 
Sofas versteckte ; ich war ziemlich weit von ihm entfernt. Er durfte zu 
mir kommen, aber ich nicht zu ihm. Später als seine Angst sich noch 
weiter verringert hatte, rückte er den Ofen an die Seite oder bat mich, 
es zu tun — „Vaters Feuer wegnehmen l" Dann verbrannte er einig'' 



266 



N. Searl 



Stücke Papier und sagte, er sei ein strenger Vater, der den bösen Bunny 
verbrennt. Nun haben wir die ganze Bestrafungsphantasie — wenigstens 
den Teil, der den Vater betrifft. Er wollte des Vater „Feuer" wegnehmen, 
d. h. den heißen und erigierten Penis, und für sich selbst haben, was in 
seiner Phantasie geschah, wenn er selbst eine Erektion hatte ; aber dieses 
„Feuer" konnte sich als gefährlich herausstellen und mußte zerstört, aus- 
gelöscht oder fortgewaschen werden ; ein wichtiges Moment beim Bettnässen. 
Weiterhin : nicht nur Vaters „Feuer , sondern auch Vater selbst könnte 
gefährlich werden. Der strenge Vater könnte ihn verbrennen und nicht 
einmal das Sofa der geliebten Mutter wäre dann eine sichere Zuflucht. 
Daher die Anfangsfragen nach wirklichen Erklärungen. Das „reale Feuer 
wärmte nur den Raum angenehm. Er konnte es nach Belieben selbst ein- 
und ausschalten. Nach dessen Funktionieren sich zu erkundigen, war ganz 
ungefährlich. Es war längst nicht so gut wie das Feuer, das er sich 
wünschte, aber es war ungleich besser als das Feuer, vor dem er sich 
fürchtete. Ich wiederum war lange nicht so gut, wie der Vater, wie er 
ihn wünschte: ich sagte ihm nicht: „Ja, Bunny, das gehört ausschließlich 
und für immer dir; nimm es, zerbrich es, das ist ganz ungefährlich und 
wird dir keinerlei Unannehmlichkeiten machen." Aber ich war, selbst im 
ungünstigsten Falle, unendlich viel besser als der „gefürchtete" oder 
„strenge" Vater der Phantasie. Wir sehen eine ähnliche „Flucht in die 
Realität" in dem Spiel des „Wegnehmens" mit seiner genauen Reproduktion 
des ernstkomischen Vaters, dem realen Vater im Vergleich mit dem 
strengen Phantasievater, der ihn verbrennen will. Ich will natürlich nicht 
sagen, daß er in der Realität niemals einem strengeren Vater begegnet ist 
als diesem Spielvater. Aber in Bunnys Fall geschah es sicher nur selten. 
Es war hauptsächlich dieser Ton, den der Vater bei der Behandlung seines 
kleinen Sohnes anschlug, wenn dieser lästig wurde : ich halte es für 
höchst unwahrscheinlich, daß er seinen Vater jemals ernstlich böse oder 
auch nur mehr als ärgerlich gesehen hat. Ferner : in der Beantwortung 
seiner Fragen war ich, wie ein richtiger Analytiker, verständnisvoll und 
geduldig ; im Spiel machte er mich drohend, wie ein Analytiker es niemals 
ist : wenn die Deutungen nicht ausreichten, um die Angst zu beschwichtigen 
und wirkliche Verbote nötig wurden, so erfolgten diese erst, nachdem das 
Kind gebeten wurde, „sich anders zu benehmen . 

Dieser Teil des Spiels enthält also einige Elemente der Flucht aus der 
Realität, z. B. der Vater, der in Wirklichkeit viel strenger ist, aber die 
Flucht vor dem noch strengeren Vater der Phantasie und die Flucht zur 
Realität ist viel deutlicher. Nur in dem letzten Verbrennungsspiel ist 
keinerlei Flucht in die Realität enthalten, wenigstens was die Phantasie 




anbelangt ; das Kind kann die volle Schwere der Bestrafungsphantasie er- 
tragen, allerdings mit einiger ungelöster Angst. 

Das Moment der äußerst sorgfältigen Ausstattung des strengen Vaters 
im Spiel mit seinen wirklichen Worten, Tönen, Gesten usw. erscheint mir 
besonders interessant. Ich erinnere mich an Träume, in denen dem Träumer 
die außerordentliche Ähnlichkeit auffiel, die eine Traumperson in Sprache, 
Art individuellen Zügen usw. mit der wirklichen Person hatte und wo 
die 'Erzählung des Traumes mit Ausrufen begleitet wurde, wie: „Aber das 
sieht ihm ähnlich!" oder: „Genau was er in Wirklichkeit gesagt hatte 
oder getan hätte". Ich bin überzeugt, daß dies ein Beweis derselben 
Flucht in die Realität" weg von der Schreckenssituation der Phantasie ist. 
" Es ist natürlich ganz klar, daß eine solche „Flucht in die Realität 
einen nach manchen Richtungen hin gut entwickelten Wirklichkeitssinn 
voraussetzt, und wirklich hatte der kleine Bunny - wie der kleine Hans 
trotz all seiner ernsten Phobien ein in vielen Hinsichten gut entwickeltes 
Ich- er war sehr intelligent und machte im ganzen den Eindruck der 
Normalität. Man findet diesen Mechanismus keineswegs dort ausgeprägt, 
wo der Wirklichkeitssinn schwach ist, außer vielleicht im Sinne des 
Realitätsgefühls des eigenen Körpers. Ich meine damit, daß die Flucht in 
die physische Krankheit einige Elemente desselben Mechanismus enthalten 
mag Man erinnere sich an das tröstliche Gefühl, daß der physische 
Schmerz oder die physische Krankheit im Gegensatz zu dem ^druckenden 
Schatten geistigen Leidens „wirklich" ist. Abgesehen von der Flucht in 
die äußere Realität (das Nicht-Ich), haben alle erwachsenen Patienten, bei 
denen dieser Mechanismus vorherrscht, ungewöhnlich gute Fähigkeiten ; sie 
haben im wirklichen Leben einen großen Teil ihres Ehrgeizes realisiert 
und ihre Ängste sind genügend verdeckt, anscheinend sogar verschwunden, 
bis durch irgend eine Ursache der Mechanismus teilweise versagt. Nur die 
Analyse kann aufdecken, welche Bolle er im Leben erfolgreicher Menschen, 
die nie einen Zusammenbruch erlebt haben, spielt; aber man darf an- 
nehmen, daß er eine wichüge Rolle spielen muß. Man ist versucht zu 
sagen, daß das Leben eine ungeheure Rationalisierung sein kann. Alle 
Rationalisierungen sind natürlich Beweis dieser selben Flucht in die 
Realität. Im großen und ganzen bin ich der Meinung von Kapp, dal* 
der Mensch sich auf der Flucht vor einem Reiz der Realität zuwendet, 
wenn diese Reize Schmerz oder Unbehagen durch innere Spannungen be- 
deuten : eine Binsenwahrheit; oder wenn der Reiz wegen der damit ver- 
b^flenenmasogistisch ^an^ gefährlich wird. Ich finde indessen 
x) Exognosis': a paper read to the British Psychoanalytical Society in Nov. ,927 
Summary in the Journal. Vol. IX, p. 277. 



nicht, daß dies irgend welches Licht auf die philosophische Frage wirft 
ob es eine unabhängige Realität gibt, in die man fliehen kann, oder aber 
ob „Sinnesäußerungen nur die Projektion der Kenntnis von den Vorgängen 
innerhalb unseres Körpers" sind. 

Ein damit verknüpfter Gedankengang bringt uns zu dem letzten Halt 
der Psychotiker in der Realität in der Form von Worten und deren inten- 
siver Besetzung beim Heilungsversuch. 1 Es sind schließlich „nur Worte" 
und daher ungefährlich. Die sublimierte Form davon ist, wie wir wissen 
die Lust des Dichters an Worten, die für ihn Sachwert haben. Wenn 
mein sehr psychotischer siebenjähriger Patient anfing, an dem Sinn eines 
Wortes herumzutüfteln, wußte ich immer, daß ernste Schwierigkeiten 
bevorstanden, wenn ich ihn nicht durch Deutung von seiner Angst be- 
freien konnte. Dies ist natürlich auch bei erwachsenen Kranken ein sehr 
nutzliches Gefahrsignal. 

Ich bin von der Wichtigkeit dieses Mechanismus bei anscheinend nor- 
malen, erfolgreichen Personen ausgegangen und plötzlich zu seiner kurzen 
Würdigung m den abnormsten Fällen gelangt. Dabei habe ich viele ver- 
lockende Fragen übergangen. Miß Sharpe gibt in einem Aufsatze über 
„Geschichte der Phantasie"* einen anziehenden und eingehenden 
Bericht über einen Fall von Psychose, in dem intensives Interesse hauptsächlich 
an dem Leben gewisser historischer Persönlichkeiten sich als ein Bollwerk 
gegen Schreckensphantasien erwies. Wir würden wirklich nicht irre gehen 

wenn wir die Sublimierung im allgemeinen von diesem Standpunkt aus 
betra chtet da dort ^.^ ^ ^ ^ ^.^ ^1 

libidinos besetzt wird, d.h. wo sie Realität bleibt, sicher von den Gefahren 
der Phantasie. Selbstverständlich darf man Sublimierung nicht bloß als 
eine Flucht vor der Phantasie ansehen, da sie möglicherweise die Form 
der direkten Verwendung gerade dieser Phantasien annehmen kann (Kunst 
auch Psychoanalyse in gewisser Hinsicht). Ferner erkennen wir wie 

M. tTTT" SiCherer UHd befriedi g end - —den, je geringer die 
Macht der Bestrafungsphantasien wird. Es wäre eine verlockende Aufgabe 
die Abweichungen in verschiedenen Sublimierungstypen zu erforschen,' 
d. h. wie weit die mit ihnen verbundene Angst verringert, weniger zwang- 
haft wird und sich der Fluchtcharakter vermindert. Es würde indessen 
eine große Arbeit erfordern, um dies ganze Gebiet zu erschöpfen. 

Ich möchte zum Schluß zu der Frage des Realitätswertes der Worte 
zurückkehren. Ernest Jones hat vor einiger Zeit in einem interessanten 
Aufsatz die früheren Untersuchungen von Freud und Ferencz i, die 
i) Freud, Das Unbewußte. Ges. Sehr., Bd. V, S fil 8 
a) Vorgetragen in der British Psychoanalytical Soeifty.' März 19,9. 



Die Fludtt in die Realität 269 



sich auf die Gefahren einer affektgeladenen Kinderstube und obszöner 
Worte im allgemeinen und auf ihre konsequente Vermeidung bezogen, 
weitergeführt. Jones gibt der Vermutung Ausdruck: „daß die Ent- 
wicklung des ausgesprochenen englischen Eigentumssinnes durch die 
besondere Natur der englischen Sprache gezüchtet wurde. Diese ist die 
Resultante des Erfolges, den vor einigen tausend Jahren ein normannischer 
Abenteurer hatte; dadurch bekam sie eine „doppelte Sprachschichte": ein 
urwüchsiges, robustes Angelsächsisch neben „verfeinertem" normannischem 
Französisch. Ich meine also, daß ein historischer Zufall den Engländern 
eine besondere Zuflucht vor der Phantasie durch die Möglichkeit, sich 
die Worte nach Belieben auszusuchen, verliehen hat. 

Der Wunsch, der hinter diesem Phänomen verborgen ist, kann, wie 
mir scheint, als Wunsch betrachtet werden, Worte zu finden, die nichts 
als Worte sind, Dinge darzustellen, die nur reale Dinge sind : wiederum 
dieselbe Flucht in die Realität und fort von der Phantasie. Die Anwen- 
dung wissenschaftlicher Terminologie hat den Vorzug, daß sie die Möglich- 
keit affektfreier Diskussion fördert. Dennoch sind wir gewöhnt, von jeder 
Wissenschaft zu sagen, daß erst der sein Gebiet völlig beherrscht, der es 
in einfacher unwissenschaftlicher Sprache vortragen kann. Logischerweise : 
denn eine Sublimierung ist nur dort gelungen, wo sie frei von Angst ist, 
d. h., wenn z. B. die Anwendung wissenschaftlicher Terminologie nicht 
eine zwanghafte Flucht in die Realität ist. Dies ist natürlich auch auf un- 
sere Wissenschaft anwendbar. Freuds „Vorlesungen" und manche Arbeiten 
von Jones und Abraham — um nur wenige herauszugreifen — 
sind hervorragende Dokumente der Ausdrucksfähigkeit in untechnischer 
Sprache. Es ist klar, daß für die Analyse — wie für jede andere Wissen- 
schaft — der Gebrauch technischer Ausdrücke immer seine Vorteile haben 
muß und wird. Ich würde aber gerne noch über diese Behauptungen hinaus 
gehen : wir können diese Vorteile nicht erzielen, wenn wir nicht unsere 
Gedanken auch in Ausdrücken wiedergeben können, die nicht nur der 
Sprache Erwachsener, sondern auch der frühesten, intelligenten Kinder- 
sprache angepaßt sind. Und dies aus zwei Gründen: 1) verwendet die 
Analyse — ungleich jeder anderen Wissenschaft — nicht nur erwachsene 
Intelligenz als Werkzeug, sondern auch den primitivsten Teil des Ver- 
standes: das Unbewußte mit seinen infantilen Phantasien. Dies meine ich, 
wenn ich sage, sie ist nicht nur eine Wissenschaft, sondern auch eine 
Kunst. Da nun eines ihrer Werkzeuge das infantile Phantasieleben ist, 
muß es möglich sein, alle Theorien in einer — der frühesten infantilen 
Form angepaßten — Weise ausdrücken zu können. 2) Da Psychoanalyse 
eine rein empirische Wissenschaft ist, können wir die Richtigkeit ihrer 



270 



N. Searl 



Theorien erst bei deren Anwendung erkennen. Da unsere Theorien auf 
der Wichtigkeit der ersten Kindheitsjahre für die Entwicklung Erwachsener 
aufgebaut sind, so liegt ihr Prüfstein in der Möglichkeit der Formulierung 
für und in der Anwendung auf das kleine Kind. Damit beweisen wir 
nicht nur ihre Wahrheit durch ihre Wirkung, sondern wir beweisen auch 
uns selbst, daß es für uns keine Möglichkeit einer Flucht von der 
psychischen Realität in die Realität bloßen Sprachgebrauches gibt. Nur so 
ist es möglich, zu einer Verständigung über alle Fragen unserer Theorie zu 
gelangen. 

Das kleine Kind weiß z. B. nicht, daß es ein Über-Ich aufbaut — 
die Eltern ins Ich aufnimmt. In Zeiten der Gefahr möchte es die liebenden 
und geliebten Eltern immer bei sich haben — ohne Furcht vor Trennung 
haben zu müssen. Gleichzeitig möchte es die ungütigen, strengen Eltern 
haßerfüllt zerstören, diese Eltern, die es den schrecklichen Gefahren un- 
befriedigter libidinöser Spannungen preisgeben. Daher kommt es, daß 
es in Allmachtsphantasien sowohl die liebenden, wie die strengen Eltern 
aufißt. Und siehe ! Schon ist die ideale Liebe und Strenge in ihm und 
es hat sein Über-Ich. 1 



1) Seitdem Obiges geschrieben ist, habe ich SandorRa d 6 s Bemerkungen über den- 
selben Gegenstand in seinem Aufsatz „Das Problem der Melancholie" gelesen. 
(Diese Zeitschrift, Band XIII [1927], S. 449/450.) Obgleich ich vielfach mit ihm 
übereinstimme, so bin ich doch darin anderer Meinung, daß das „Ich" selbst bei 
einem sehr kleinen Kinde so unentwickelt sein soll, daß es glauben könne, es gäbe 
wirklich zwei getrennte Mutterpersonen, eine „liebe" und eine „böse" und daß nur 
die Erziehung dem Kinde verhilft, diese zu einer Person zu vereinigen. Als Bunny 
zweidreiviertel Jahre alt war, mag er mich wohl einmal für gut, das andere Mal 
für böse gehalten haben; aber niemals hat er wirklich gedacht, daß ich von 
einem Augenblick zum anderen zwei verschiedene Personen wäre. Für das Kind ist 
es vielmehr ein Problem, sich den rätselhaften Unterschied zu erklären, wie Dinge 
empfunden werden und wie sie in Wirklichkeit sind. 

Ferner sind Dr. R a d 6 und ich darüber verschiedener Ansicht, wann man diese 
wechselnden Einstellungen des Kindes schon als wirkliche Ambivalenz bezeichnen kann. 



Die Furdit vor dem Tode 

Vortrag auf dem X. Int. PsA. Kongreß in Innsbruck 
Von 

Mary Chadwick 

London 

Motto : Der Mensch fürchtet den Tod wie 
das Kind sich fürchtet, ins Dunkel zu gehen. 

Francis B acon. 

Wenn wir die Äußerungsformen der Furcht vor dem Tode psycho- 
logisch untersuchen und den verschiedenen Verzweigungen, die diese 
weitverbreitete Form der Angst aufweist, ein sorgfältiges Studium widmen, 
so finden wir, daß sie gemeinsame Züge zeigen, die darauf hinweisen, daß 
ihr Ursprung in eines der frühesten Stadien menschlicher Entwicklung zu 
verlegen ist. 

Eines der auffälligsten Phänomene dieser Furcht ist es, daß man sie 
häufig bei Menschen findet, für die keine unmittelbare oder ihnen be- 
kannte Bedrohung ihres Lebens vorhanden ist, ja auch dort, wo die körper- 
liche Gesundheit nichts zu wünschen übrig läßt; beruhigende Äußerungen, 
ärztliche Gutachten mildern diese Angst nur für allerkürzeste Zeit. Wir 
dürfen also unterscheiden zwischen der Furcht, die infolge einer wirk- 
lichen Lebensgefahr entsteht, und dem Angstgefühl, das von einer realen 
Verursachung unabhängig ist. Nur das letztere interessiert uns hier. Wir 
wollen versuchen, zu erklären, warum es so verbreitet ist und so schäd- 
liche Folgen hervorbringt. Die Sublimierung dieser Furcht ist die Grund- 
lage aller medizinischen Wissenschaft, die wesentlich davon ausging, Gewalt 
über den Tod zu gewinnen und das Leben zu verlängern. Diese Form 
der Todesangst kann bei außerordentlich verschiedenen Menschentypen 
gefunden werden und bei beiden Geschlechtern. Sie ist allen Altersstufen 
gemeinsam, aber tritt unter bestimmten Umständen und in bestimmten 
Epochen stärker hervor. Sie ist beim neurotisch disponierten Kinde viel 
häufiger, als man gemeinhin annimmt, weil sich diese Kinder gerade 
über dies Thema infolge seiner Beziehung zu Schuld und Sünde nur 



272 Mary Chadwick 



ungern äußern. Diese Zurückhaltung wird noch vergrößert durch die Aus- 
beutung der Angst bei der religiösen Erziehung der Jugend in fast allen 
Zeitaltern und bei fast allen Völkern, ausgenommen höchstens einige 
orientalische, bei denen die entgegengesetzte Tendenz, die Sehnsucht nach 
dem Tode, einen wichtigeren Platz einnimmt. 

Freud hebt in seinem bedeutungsvollen Werke „Hemmung, Symptom 
und Angst"' hervor, daß die Angst grundsätzlich mit der Hilflosigkeit des 
Kindes zusammenhängt und daß eine ihrer frühesten Formen die Er- 
kenntnis von der Abwesenheit der Mutter und die Angst, daß sie nicht 
wieder zurückkehren würde, sei, was die Furcht vor dem Tode biologisch mit- 
enthält. Er weist auch auf die Tendenz hin, das unerträgliche Ereignis 
durch Zwischenschaltung einer augenblicklichen Leere zu isolieren, sobald 
die Angst ihren Höhepunkt erreicht; dadurch soll es als nicht geschehen 
hingestellt werden. Es handelt sich offenbar um eine Form plötzlichen 
Bewußtseinsverlustes, die der unter dem Namen „petit mal" bekannten ver- 
wandt ist. Diese Feststellungen verbunden mit den Handlungen und 
Gedanken des kleinen Kindes zu Zeiten von Unlust und in Beziehung 
gesetzt mit dem Erinnerungsmaterial dieser Frühzeit im späteren Leben, . 
wie es sich sowohl durch Kinderanalyse wie durch direkte Beobachtung 
kranker und gesunder Kinder gewinnen läßt, all dies zusammengenommen 
wirft Licht auf die außerordentlich hoch zusammengesetzte Todesangst und 
ihr Gegenstück, den Wunsch nach dem Tode. Wir erkennen auf diese 
Weise ihre ursprüngliche Verbindung mit der Erkenntnis der Hilflosigkeit, 
die den primären Narzißmus der beginnenden Ichstruktur verwundet, und 
wir können feststellen, durch welche rudimentäre Kanäle das Kind zuerst 
die Existenz eines Ich und der Außenwelt kennen lernt und die Trennungs- 
linie zwischen ihnen zu ziehen beginnt. Das Kind soll auch einige 
Kenntnis davon gewinnen, wie es dem Leben als unabhängiges Wesen 
gegenübertritt, es soll mit der Zeit entdecken, bis zu welchem Grad es 
mächtig ist und bis zu welchem Grad hilflos, wo es erfolgreich Einfluß 
nehmen kann und in welchen Fällen jede Anstrengung gegen den Wider- 
stand der Außenwelt nutzlos ist. 

Der Tod ist der Bepräsentant jener Kräfte, über welche wir keine 
Gewalt haben, ein Biese, in dessen Hand wir schwach sind, dessen An- 
kunft jeden Augenblick stattfinden kann, aber dessen Aufforderung gehorcht 
werden muß; er ist unsichtbar und unberührbar und deshalb von einer 
Art des Unbekannten, die an und für sich schon Schrecken einjagt, so 
daß er in dieser Form immer gefürchtet werden muß. Hingegen kann 

i) Ges. Schriften, Bd. XI. 



Die Furcht vor dem Tode 273 



der Tod gewünscht werden als ein selbstgesuchtes Ende und als ein Stück 
unserer Eigenmacht, als ein Akt unseres Willens, so wie die Erreichung 
des Nirwana durch den vollendeten Buddhisten, die mit Ausnahme der 
Dauer ganz ähnlich jenem leeren Moment ist, den das erschreckte Kind 
zwischenschaltet, um damit seine Angst zu erleichtern. 

Die Todesangst ist in ihrer oberflächlichen Form verbunden mit be- 
wußter Schuld durch die Einwirkung religiöser Lehren und erzieherischer 
Maßnahmen. Sie ist deutlich eine Begleiterscheinung des Ichideals und 
gewinnt deshalb einen hervorragenden Platz während des Heranwachsens, 
wo häufig der Versuch gemacht wird, Erleichterung in religiösen Übungen 
zu finden. Wir müssen der engen Verbindung eingedenk sein, die zwischen 
dem Schuldgefühl des Heranwachsenden und der Todesfurcht besteht. 

Wir dürfen nicht übersehen, daß das Pubertätsschuldgefühl und die 
Todesangst durch die Pubertätsmasturbation mit einander verknüpft sind, 
die durch ihr Neuauftreten die Quelle starker Angstgefühle werden kann. 
Besonders Knaben erhalten überdies noch oft Warnungen, sei es nun 
mündlich oder durch kleine Bücher, die mit der Absicht geschrieben sind, 
das Schuldgefühl zu erwecken und den Leser davon zu überzeugen, daß 
es sich um eine schwere Sünde handelt, die den Tod der Seele sowohl 
als durch die Krankheiten, die sie hervorruft, den Tod des Leibes herbei- 
führt. Auch abgesehen von solchen Warnungen, finden wir den Knaben 
tieferschreckt durch seine ersten nächtlichen Ejakulationen, das Mädchen 
durch das Menstrualblut, wenn es diesbezüglich nicht vorher aufgeklärt 
worden ist. Beide Phänomene werden als Anzeichen von Krankheit oder 
bevorstehendem Tod aufgefaßt und erwecken Schuldgefühle, die sich 
wahrscheinlich auf ähnliche Beaktionen hinsichtlich der Onanie und Enuresis 
der frühen Kinderjahre gründen. 

Von diesem Gesichtspunkt aus können wir die Bedeutung solcher 
Kindergewohnheiten für spätere neurotische Symptome verstehen und ihre 
Beziehung zu ausgesprochenen oder angedeuteten Drohungen, was uns zu 
einer anderen Seite der Todesangst bringt, die mit der Kastrationsangst 
eng verbunden ist. Diese ist so eng vereinigt mit der Todesangst, daß sie 
oft als deren Ursprung angesehen wurde. Wenn wir jedoch die kulturellen 
Konsequenzen der beiden in religiösen Institutionen oder strafrechtlichen 
Bestimmungen untersuchen, d. h. Opfertod und Verstümmlung, so finden 
wir, daß die letztere gewöhnlich als eine spätere Abschwächung der 
früheren Todesstrafe auftritt, was uns die Frage nahelegt, ob die Kastrations- 
angst nicht eine Folge der ursprünglichen Todesangst ist. Dieser Gedanke 
scheint auch mit dem gleichmäßigen Vorhandensein der Angst bei 
Männern und Frauen zu stimmen, sowohl wie mit ihrem besonderen Sinn 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/2— 3 18 



274 



Mary Chadwick 



bei beiden Geschlechtern, so daß sie wie zwei Stämme aus derselben 
Wurzel wirken. Freud weist in seinem angeführten Werk deutlich dar- 
auf hin, wenn er feststellt, daß die Furcht, der die stärkste Dynamik im 
Leben der Frau zukommt, die Furcht vor dem Liebesverlust ist, welche 
als volles Äquivalent für des Mannes Furcht vor dem Verlust des Penis 
gelten kann. Wenn wir in diesem Sinn die Todesangst als eine Urangst 
auffassen, so finden wir, daß sie folgendermaßen symbolisiert werden kann: 

7) Liebes verlust bedeutet Trennung von den Eltern, Verlust der Macht 
des Kindes über sie und die Vergrößerung ihrer Macht, des Kindes Zerstörung 
oder Tod zu verursachen. 

II) Verlust des Penis, eine zweite Trennung von den Eltern, auch 
der Verlust der Fähigkeit, durch Koitus lebend zur Mutter zurückzukehren, 
aber die Möglichkeit, dies im selbstgesuchten Tod zu tun, der eine sym- 
bolische Wiedervereinigung bedeutet. Verlust der Kraft, keine Waffe, um 
mit ihr gegen den bewaffneten und stärkeren Vater zu kämpfen, der 
durch den gefürchteten und feindlichen Tod dargestellt wird. Nur die 
Selbstaufopferung des Kindes kann dem Vater die Macht nehmen, den 
Sohn zu töten. Sie kann auch den Verlust des eigenen Ich darstellen, das' 
mit dem Penis identifiziert wird. 

Demzufolge können wir zwei Formen der Todesvorstellung unter- 
scheiden, den feindlichen oder gewaltsamen Tod, der die Söhne umbringt 
und die Aussetzung der Töchter verlangt, den unwillkommenen Vater- 
Tod und den ersehnten, sanften Mutter-Tod, die Regression zum pränatalen 
Stadium, das weder unbekannt noch gefürchtet ist. 

Die Frau kann nicht wie der Mann den Ersatz einer symbolischen 
Rückkehr zur Mutter im Geschlechtsakt erlangen, selbst wenn sie diese 
wünschen sollte, sondern nur durch die Identifikation mit ihrem un- 
geborenen Kinde, wie dies von H. Deutsch ausgeführt worden ist. Doch 
nimmt der Todeswunsch der Frau bei der Ausführung des Selbstmordes oft 
die Form der Mutter-Regression an — Ertrinken oder Gaseinatmen. Am 
häufigsten finden wir aber den Todeswunsch und Selbstmordvorsatz bei 
Frauen, die vor kurzem den Vater, an den sie stark fixiert waren, ver- 
loren haben und nun nicht ohne ihn, alleingelassen mit der Mutter 
weiterleben wollen. In diesem Falle sehen wir den Inzestwunsch nach 
Vereinigung mit dem Vater im Grabe (der Mutter), der höchst kompliziert 
ist, da er die Feindseligkeit gegen die Mutter ebenso wie die Vereinigung 
mit ihr zeigt und gleichzeitig auch mit dem Vater. Das Mutter- Symbol, 
das Grab, kann gleichzeitig dazu dienen, die Schuld aufzuheben, während 
die Tat selbst der Tendenz entspringt, der Mutter zu entfliehen, der wahr- 
scheinlich die stärkste Eifersucht galt. 



Die Furcht vor dem Tode 275 



Bezüglich der Angst vor dem Tode des feindlichen Vaters wollen wir 
einen Blick auf die primitiven Gebräuche werfen, da so viele Probleme 
psychologischer Entwicklung durch das Studium der Naturvölker gefördert 
wurden. Bisher wurde die Folge der Tatsache, daß der Urvater die heran- 
wachsenden Söhne tötete, nicht genügend von der psa. Forschung 
gewürdigt als eine der Wurzeln der Angst, die bei Kindern sogleich 
auftritt, wenn sie dem Ärger ihrer Eltern begegnen.' 

Der Vater bei den Primitiven konnte in seiner Wut das Kind ver- 
nichten; dies galt bei manchen Stämmen als selbstverständlich, bei 
anderen gab es besondere Strafandrohungen, die beweisen, daß diese Sitte 
einst vorherrschte, aber mit dem Fortschritt der Zivilisation abkam. 
Dennoch können auch heutigentags Eltern in ihrem Ärger Strafen und 
Drohungen anwenden, die mehr oder weniger direkt auf dieses Ziel hin- 
weisen und das Kind dazu treiben, auszurufen: „Da will ich lieber fort- 
gehen und mich umbringen." Die Eltern, die diese Worte hören, er- 
klären oft, daß sie sich nicht daran erinnern können, durch welche 
Äußerungen dieselben heraufbeschworen worden sind — ein interessantes 
Beispiel von tendenziösem Vergessen. Dieselbe Vorstellung finden wir in 
den symbolischen Strafen, die in der modernen Kinderstube zur An- 
wendung kommen; die Verbannung, die den Tod ersetzt, besteht darin, 
daß das Kind hinausgeschickt wird, wo man es nicht sieht, oder in die 
Ecke gestellt, wo es die andern nicht sehen kann, oder sein Gesicht be- 
deckt, was dem Kind sowohl wie den Erziehern als ernstes Strafmittel 
imponiert. Man darf daran erinnern, daß in der Bibel mehreremal die 
Bedeckung des Gesichtes oder das Nichtmehrgesehenwerden als Darstellung 
des Todes benützt werden. 

In alten Tagen war das Leben eines Kindes äußerst ungesichert. Der 
Vater hatte das Vorrecht, die Aussetzung nach der Geburt anzuordnen, und 
konnte auch in späteren Jahren einen Sohn oder eine Tochter töten, 
wenn es ihm notwendig erschien. Kinder konnten verkauft, gegessen oder ver- 
loren werden, was alles das Thema der Märchen bildet — die infolgedessen 
zu einem wichtigen Faktor wurden. Der ursprüngliche Zweck dieser Märchen 
war nicht nur die Unterhaltung der Kinder, denen es erzählt wurde. Es 
diente ebensosehr der Belehrung und Warnung, indem es die möglichen 
Folgen von verschiedenen Verhaltungsarten aufzeigte. Die guien und ange- 
nehmen Kinder wurden belohnt, die bösen, die kein Wohlgefallen erregten, 
bestraft; die Folge eines solchen Verhaltens war der Tod, wodurch dem 



i) Mary Chadwick: Difficulties in Child Development. Ch. XII. Both Sides of 
the Oedipus Conflict. Allen and Unwin, London. 



18- 



276 



Mary Chadwick 



Kind hinreichend klar gezeigt wurde, daß das Streben danach, den Eltern 
zu gefallen, der Preis für deren Liebe und Schutz war, die allein das 
Leben garantieren konnten. 

Aus den Märchen lernen wir, wie das Kind in diesen Urzeiten auf 
irgend eine Art verschwinden konnte, indem es hinausgetrieben wurde, im 
Walde verloren ging oder dem ersten besten Freier verheiratet wurde, 
mag es auch ein Riese oder Scheusal oder der Tod selbst gewesen 
sein. Wilde Tiere im Gebirge oder ein Ungeheuer konnten es zerreißen, 
wenn die Liebe der Eltern verwirkt war. So wurde Liebe und Leben 
in höchst wirkungsvoller Weise mit einander identisch, besonders für das 
Mädchen, deren Wert zu Hause von ihrer Nützlichkeit für die Mutter 
und ihrer Fähigkeit, dem Vater zu gefallen, abhing. 

Von hier aus läßt sich verstehen, warum gerade die Frau von Kindheit 
auf lernt, daß es ihre Pflicht ist, zu gefallen, und daß der Verlust der 
Liebe den Verlust des Lebens bedeutet. Die Furcht vor dem Tode tritt 
so in enge Beziehung zu seinem Narzißmus, da die Schönheit die 
wichtigste Bürgschaft des Gefallens ist. Dies erklärt auch, warum die 
Furcht vor dem Tod in so enger Beziehung zur Menstruation steht, die 
gleichzeitig eine Beschränkung der Schönheit und der Nützlichkeit der 
Frau mit sich bringt und besonders bei unverheirateten Frauen eben 
deshalb von einer erhöhten Sehnsucht nach Liebe begleitet ist. Die Furcht 
vor dem Tode wird, wie wir bereits erwähnt haben, besonders stark 
während der Pubertät, die den Beginn des Sexuallebens des Erwachsenen 
bedeutet, in Verbindung mit der Schwangerschaft und Geburt und mit 
der Menopause, die für viele Frauen ein Vorbote des Todes ist und wie 
dieser gefürchtet wird. 

Ein doppelter Faden zieht sich durch alle diese Formen der Todesfurcht: 
Machtverlust und Machtgewinn. Machtverlust als Furcht vor der Hilf- 
losigkeit, deren Erscheinungsform die Verminderung der Macht ist, gerade 
dann, wenn diese angesichts des mächtigen Gegners am meisten ge- 
braucht wird; eine andere Form der Hilflosigkeit ist die Unfähigkeit, dem 
wichtigen Liebesobjekte zu gefallen. Machtgewinn können wir im Todes- 
wunsche beobachten. Im Tod flieht und überwindet man den Feind, der 
Tod wird als Gewinn unsterblicher Macht empfunden und manchmal für 
das ewige Leben gehalten. 

Wir wollen uns nun zur frühen Kindheit wenden, um dort Finger- 
zeige zur Lösung dieses Rätsels zu finden, das nach wie vor den Doppel- 
aspekt des „Vater-Todes", feindlich von außen kommend, unfreiwillig und 
unvermeidlich, dagegen andererseits den des ersehnten „Mutter-Todes" 
zeigt. Im Falle des Mädchens können beide Formen gleichermaßen feind- 



lieh und erwartet sein, da die Tochter die Eifersucht der Mutter fürchten 
und auch die Strafe des Vaters gewärtigen muß, falls es ihr nicht ge- 
lingen sollte, sein Gefallen zu erringen. Das kann Angst zur Folge haben 
und die quälende Furcht, zu mißfallen, die bei der Frau weit häufiger 
als beim Manne vorkommt; sie ist bereit, sich in jeder Weise zu opfern, 
um die Liebe eines anderen zu bewahren, sie entschuldigt sich für ihr 
bloßes Dasein. Sie fürchtet sich, Verpflichtungen einzugehen, obschon sie 
häufig versucht, sich andere zu verpflichten; wohl als Versuch, die ur- 
sprüngliche Lebensschuld vom Vater zurückzukaufen (dafür, daß er ihr 
zu leben erlaubte) oder um einen Rückhalt für die Zukunft zu haben; 
im Sinne einer Reserve, auf die sie zur Zeit schwindender Macht und 
des größten Redürfnisses nach Liebe, zurückgreifen kann, wenn sie 
alt wird, ihre Schönheit welkt, und es immer schwerer wird, Gefallen zu 
erregen. Sehen wir Todesfurcht und Todeswunsch als die beiden Äuße- 
rungen des Rewußtwerdens der Hilflosigkeit und des Machtwunsches 
seitens des Kindes an, so bedingt dies eine Wertung der eigenen Person 
im Verhältnis zu einer Außenwelt, die sowohl wohlwollende, wie auch 
feindliche Wesen enthält, die beherrscht oder besänftigt werden können; 
ferner auch ein gewisses Maß des Begreifens jener Dinge, die die Außen- 
welt vom Ich unterscheiden. Mit einem Worte, eine Stufe der Ich-Ent- 
wicklung, die genügend scharf abgegrenzt ist, um auf einen Eingriff zu 
reagieren und um diesen mit der Furcht vor der Vernichtung des Ichs, 
sowie mit der Person zu assoziieren. In diesem Falle wäre man geneigt, 
anzunehmen, daß die Todesfurcht etwas später auftritt, als der Todes- 
wunsch und dementsprechend wäre die Stufe des Todeswunsches eine noch 
tiefere Regression zum Pränatalen, wie dies andere Autoren auch gezeigt 
haben. 

Auf Grund des Materials über Todesfurcht bei kleinen Kindern finden 
wir, daß diese unter folgenden Bedingungen erscheint: 

i) als Folge des elterlichen Zornes, Drohungen und Restrafungen, 
welche zur Äußerung führen ,;Lieber bringe ich mich um! 

2) als Folge von Todeswünschen gegen die Eltern, manchmal mit 
Schielen verbunden 

ß) als Folge von Einschränkungen körperlicher Natur bzw. verhinderter 
Muskeltätigkeit, welche dem Kinde den Schrei erpressen: „Du bringst 
mich um!" 

4) als ein Korrelat der Furcht vor der Dunkelheit, oder der Furcht 
vor dem Erblinden, als Strafe für Todeswünsche oder Masturbation. 

Verschiedene dieser Redingungen der Todesangst sind wohl bekannt 
und häufig untersucht worden. In der gegenwärtigen Arbeit jedoch 



278 Mary Chadwick 



möchte ich der dritten und vierten Bedingung besondere Aufmerksamkeit 
widmen. Die Einschränkungen körperlicher Natur, d.h. Be- 
einträchtigungen des kinästhetischen Gefühles, erregen heftige Reaktion 
und Angst im Kinde. Desgleichen die Verbindung von Blind- 
heit mit Tod infolge der Beziehung zwischen den Begriffen des Seh- 
vermögens und des Lebens, des Auges und des Ichs, bei englischen 
Kindern besonders determiniert durch den identischen Klang der Worte 
„eye* (Auge) als Sehorgan und „V (ich) die eigene Person. Blindheit als 
Kastrationssymbol ist natürlich allgemein bekannt. 

Jeder, der Kinder und Säuglinge gut kennt, weiß, daß die häufigsten 
Ursachen der Angst sind: Unfähigkeit sich zu bewegen, Festgehalten- 
Werden, Nicht-sehen-Können. Ein Säugling, dessen Häubchen, Decke oder 
Ärmel über Augen oder Hände gerutscht ist, schreit häufig in unverkenn- 
barem Entsetzen auf und macht heftige Anstrengungen, um sich zu 
befreien. 

Es scheint, daß Sehvermögen und Muskelgefühl, insbesondere aber das 
letztere, die beiden frühesten Träger des dämmernden Ichs sind. Beide 
stellen rudimentäre Mittel dar, durch welche das Kleinkind die Außen- 
welt subjektiv in einem recht großen Maße zu beherrschen lernt. Viele 
Säuglinge entdecken, daß sie ihre Allmacht durch das Sehvermögen aus- 
üben können. Sie können dadurch Objekte nach Belieben und beliebig 
oft erscheinen und verschwinden lassen und werden Enttäuschung zeigen, 
wenn sie das nicht durchführen können. Sie unterliegen auch beträcht- 
licher Furcht infolge visueller Halluzinationen, die das Resultat visueller 
Projektionen sind. Diese können nicht willkürlich beherrscht werden, wie 
Forsyth in seiner Arbeit „The infantile Psyche" (The British 
Psychological Journal, April 1921), mit besonderer Berücksichtigung der 
visuellen Projektionen gezeigt hat. Die Kleinkinder kommen häufig in- 
folgedessen zur Überzeugung, daß sie nicht nur die Objekte verschwinden 
lassen können, durch das Schließen der Augen, sondern daß ihre Augen 
tatsächlich das Gesehene erschaffen. Sie können durch dieses Verfahren 
Licht in Dunkel wandeln und sind erschreckt, weil sie nicht auch die 
Dunkelheit durch irgend eine entsprechende Methode bannen können. 
Dies wird häufig eine weitere Ursache für die Angst vor der Dunkelheit 
bilden und mag erklären, warum Francis Bacon in seinem „Essay on 
Death" den Vergleich verwendete „der Mensch fürchtet den Tod, wie das 
Kind sich fürchtet, ins Dunkel zu gehen." Verbunden mit dieser Angst 
der Kinder vor Gesichtseindrücken, die sie durch Schließen der Augen 
nichtexistent machen, findet man oft Material in den Assoziationen von 
Kindern und Erwachsenen, das zur Vermutung führt, das Geheimnis der 



Die Furcht vor dem Tode 279 

Urszene lasse sie dem Zeugnis ihrer Augen mißtrauen. 1 Das Thema der 
Subjektivität der Erscheinung gibt Kindern den Stoff zu endlosen 
Phantasien, ebenso auch die Identifizierung von Auge und Ich; schließlich 
kommen dazu noch die Phantasien über ihr winziges Spiegelbild, daß sie 
in den Augen anderer sehen. Beiläufig mag erwähnt werden, daß eine 
beliebte elterliche Antwort auf Kinderfragen über etwas Gesehenes, das 
die Eltern nicht anerkennen oder erklären wollen, lautet: „Das mußt Du 
geträumt haben." Das veranlaßt das Kind, dem Zeugnis seiner Augen 
eher zu mißtrauen, als der Aufrichtigkeit seiner Eltern. Das Kind kommt 
dann zur vorerwähnten Schlußfolgerung und spielt mit der Idee der Sub- 
jektivität der Erscheinung nach eigenem Gutdünken. 

Ganz früh erkennen Kinder, daß der Tod ein Zustand der Unbeweg- 
lichkeit mit geschlossenen Augen ist. Das Erlöschen des Lebens und das 
Aufhören des Sehens bedeutet ihnen ewige Dunkelheit, welche auch die 
Bewegung hindert. Derselben Gleichung, Tod und Dunkelheit = ge- 
schlossene Augen, welche die Auslöschung des Ichs im Tode beinhaltet, 
scheint ein Glaube entsprochen zu haben, der bei den Ägyptern herrschte 
und sie veranlaßte, auf der Seite des Sarkophages zur Sicherung des 
ewigen Lebens das weitgeöffnete Auge aufzumalen. 

Diese Idee des Erlöschens des Ichs ist die unerträglichste Komponente 
der Todesfurcht. Die größte Schwierigkeit für das Denken besteht in der 
Vorstellung eines negativen Zustandes, eines Zustandes des Nichtexistierens 
der Person oder der Diskontinuität der Existenz im Veihältnis zur Außen- 
welt. Dies beruht in gewissem Maße auf der frühen kindlichen Idee, daß 
Dinge, die man nicht sieht, zu existieren aufhören und daß die Objekte 
durch das Sehen erzeugt werden und subjektiv existieren. Eine der 
schwersten Ängste eines meiner Patienten war, daß die Welt fortdauern 
werde, auch wenn wir nicht mehr da sind, um sie zu sehen oder uns an 
ihr zu erfreuen. Er verband die Idee des Todes mit ewiger Finsternis und 
Isolierung, wo er weder irgend jemand sehen noch auch, falls er verloren 
ginge, gefunden werden könnte. Diese Vorstellung war in direkter Verbindung 
mit einer frühen Kindheitserinnerung: Seine Mutter war in einen Laden 
gegangen, und im Kinderwagen erwachend, entdeckte er sein Verlassensein. 

Derartige Phantasien findet man häufig: es folgen hier die Phantasien 
zweier Patienten, deren Entwicklung durch den Tod des Vaters in früher 
Kindheit tief beeinflußt worden war. Beide glaubten, daß sie an seinem 
Tode mit schuld waren, und hatten das Gefühl, gewissermaßen auch tot 
zu sein, weil sie in den Augen oder Gedanken des Vaters ja nicht 

1) Freud, „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose." Ges. Schriften 
Bd. VIII. 



280 



Mary Chadwick 



mehr existieren konnten. Der Vater des Mädchens hatte einmal gesagt: 
„In meinen Augen ist sie schön" und „Sie hat nette Augen", infolge- 
dessen hatte ihre Schönheit aufgehört zu existieren, als er nicht mehr da 
war, um sie zu bewundern und sich an ihr zu erfreuen. Der Junge 
wiederum identifizierte den toten Vater im Sarge mit dem Gehirn im 
eigenen Schädel. Er konnte nicht feststellen, wer größer sei, der Vater 
oder der Sohn. Er fühlte: wie der Vater in seinem Sohne weiterlebt, so 
sei er selbst als Teil seines Vaters nun tot und verwesend. 

Wir haben festgestellt, daß das Kind seine Umgebung durch das Sehen 
bis zu einem gewissen Grad beherrschen kann; ebenso kann es durch 
Schließen der Augen die Isolierung oder Leere, welche unerwünschte 
Ereignisse auslöscht, erzeugen und tut das auch.' Die spontan geschlossenen 
Augen des Säuglings beherrschen dessen Universum teilweise und mögen 
in manchen Fällen eine rasche Regression zu augenblicklicher Bewußt- 
losigkeit, Symbol des Todes, veranlassen. Die Kehrseite dieser Selbst- 
blendung zur Ausschließung unwillkommener Anblicke oder um uner- 
wünschte Personen durch Verschwindenlassen symbolisch zu töten, ist die 
Verbannungsstrafe des schlimmen Kindes durch den zornigen Erwachsenen. 
Die damit verbundene Vorstellung der Blindheit ist die Masturbations- 
strafe, d. h. Kastration, der „feindliche" Tod, verhängt von fremden 
Mächten, welche das Kind aus dem Sichtbaren und aus dem Leben 
löschen. „Hebe dich hinweg und werde nicht mehr gesehen l" 

Nun wollen wir zur Rolle zurückkehren, welche Einschränkungen 
körperlicher Natur in der Entstehung der Todesfurcht spielen. Das Kind 
lernt die Macht über sein eigenes Ich durch das Bewußtwerden der Lust 
an Muskelbewegung und Muskelerotik auf einer sehr frühen Stufe auto- 
erotischer Libidoentwicklung schätzen. Erotisierung der Muskulatur kann 
auf diese Weise zu einer sehr hohen Besetzung führen. Das führt weiter- 
hin zu einer entsprechend heftigen Reaktion auf körperliches Eingreifen 
der Außenwelt, wodurch Angst entsteht, die sich als Todesfurcht äußert 
und als Antwort auf Bewegungshemmung durch den Zugriff eines anderen 
den Schrei veranlaßt: „Laß los, du tötest mich." Derselbe Gedanke er- 
scheint in der allgemeinen Verwendung des Ausdrucks „die eisige Hand 
des Todes" oder „in den Klauen des Todes" und erinnert an das Ver- 
halten mancher Tiere, die, wenn man sie fängt, sofort alle Muskeln er- 
schlaffen lassen und sich tot stellen; sie hoffen, ihr Gegner werde das 
Interesse an einem leblosen Gefangenen verlieren und ihn wegwerfen. 

Bei Menschen, die sich vor der Narkose fürchten, zeigt sich dieser Haß 



l) Freud, Hemmung, Symptom und Angst, Ges. Sehr., Bd. XI. 



Die Furcht vor dem Tode 2 8t 



un 



d diese Furcht vor Einschränkungen körperlicher Natur und vor An- 
gefaßtwerden in dem schmerzlichen Gefühle, die Herrschaft über Sinne 
und Muskeln zu verlieren. In dieser Einbuße der Herrschaft über die 
Motilität fühlen sie, daß der Besitz ihrer selbst, das Ich und das Über-Ich, 
bedroht sind. Sie werden sich einerseits gegen den Angriff des Chirurgen 
nicht verteidigen können, andererseits fürchten sie, „daß sie etwas Schreck- 
liches tun könnten", einen Ausbruch der Es-Triebe, welcher das Über-Ich, 
welches durch das Narkotikum seine Herrschaft verloren hat, demütigen 
könnte. Diejenigen, die Patienten bei der Narkose oder beim Erwachen 
aus der Narkose zu beobachten Gelegenheit hatten, wissen, daß diese 
Befürchtungen nur allzuoft in der Realität zutreffen. Es ist keineswegs 
selten, daß der Patient wie um sein Leben kämpft, solange das Narkotikum 
nicht seine volle Wirkung erreicht hat, häufig ist der Schrei „Laßt mich 
los!", und man kennt Fälle, in denen der Patient sich losriß und einen 
entschlossenen Angriff auf den Narkotiseur ausführte. In einem dieser 
Fälle litt der Narkotiseur gleichfalls an einer wohlentwickelten Todesangst, 
floh aus dem Operationszimmer, sperrte die Türe ab, und wartete draußen 
schreckensvoll, indes der Patient alles zertrümmerte, was ihm unter die 
Hände fiel. 

Dieselbe heftige Reaktion beim Angefaßtwerden findet sich bei Er- 
wecken aus tiefem Schlaf; ferner beim bewußtlosen Patienten, der an den 
Folgen von Gehirnerschütterung, Meningitis oder irgendeinem anderen 
akuten zerebralen Prozeß leidet. 

Alle werden sie eine weitgehende Verstörtheit oder Reizbarkeit an den 
Tag legen, wenn man sie berührt oder sie aufdeckt, eine Eigenschaft, die 
sie mit gewissen schwereren Psychosen teilen. 

Ferenczi entwickelt in seiner schönen Arbeit „Psychoanalytische 
Betrachtungen über den Tic" (diese Zeitschrift, Bd. VII., 1921) die nahe 
Verbindung zwischen dieser Muskelinnervation und dem primären Nar- 
zißmus. Er verweist auf die charakteristische Reizbarkeit von Epileptikern 
und Schizophrenen, die auch abnorme Muskelbewegungen, wie Spasmus 
und leichenartige Rigidität, zeigen. Ferner betont er die Beziehungen 
zwischen der psychologischen Veranlassung der Tics und den Störungen 
der Ichentwicklung in Konflikten auf einer außerordentlich frühen Stufe. 

Mit Bezug auf die Korrelation des primären Narzißmus und der Muskel- 
erotik, der Bewußtlosigkeit als heilender Leere und des Phänomens der 
geschlossenen Augen als Todessymbol will ich diese Arbeit mit einigen 
Beispielen aus der Analyse einer meiner Patientinnen beschließen. Es 
handelt sich um ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren, die seit ihrem 
siebenten Jahre an epileptiformen Attacken litt. Sie litt ferner an 



- 



282 Mary Chadwick 



rekurrierender Todesangst und zeigte eine interessante Symptomatik mit 
Bezug auf: geschlossene Augen, ihr Verhalten zu Vater und Mutter, Liebe 
zum Tanz als Muskelbewegung und außerordentliche Empfindlichkeit ge- 
genüber jeder Störung ihrer Freiheit. Dazu kamen oben erwähnte Anfälle 
von Bewußtlosigkeit, die sowohl Epilepsie als auch Tod simulierten. 

So oft sie irgendein unangenehmes Ereignis zu isolieren versuchte oder 
ungeschehen machen wollte, traten diese Erscheinungen auf. Sie schloß 
dann ihre Augen der Welt und wurde eine Zeitlang bewußtlos, bis der 
Zorn der Verwandten zärtlicher Besorgnis gewichen war. In ihrer Bewußt- 
losigkeit beschimpfte und schlug sie manchmal die Mutter, beschuldigte 
sie, daß sie sie töten wolle, und sagte, daß sie sich lieber umbringen 
wolle, da ihr gegenwärtiges Leben unerträglich sei. Sie hatte auch die 
Gewohnheit, „die Augen zu schließen gegenüber Personen", die sie uner- 
träglich geärgert hatten, um sie sowohl aus ihrem Sehkreis wie aus dem 
Dasein zu verbannen, sie so endgültig zu vernichten, wie sie sich auch 
die Umwelt und sich selbst durch ihre Bewußtlosigkeitsattacke ausgelöscht 
hatte. Die erste dieser Attacken folgte charakteristischerweise einem Luft- 
angriff, bei welchem sie befürchtete, umgebracht zu werden. Es war ein 
Angriff bei hellichtem Tag und sie machte gerade Einkäufe. Sie wußte 
nicht, wie sie nach Hause gekommen war; im Laufen verlor sie die 
Pakete aus dem Korb und deren Verlust kam ihr erst zum Bewußtsein, 
als sie ihn zu Hause entdeckte. Ihr Vater war Offizier in der indischen 
Armee; sie war ihm innig zugetan und er erwiderte dieses Gefühl, doch 
hatte sie ihn nicht mehr wiedergesehen, seitdem sie in ihrem dritten 
Jahre mit der Mutter aus Indien zurückgekehrt war. In diesem Falle 
scheint die Trennung vom geliebten Vater eine tiefe Amnesie für das vor 
diesem Zeitpunkt Erlebte veranlaßt zu haben, denn sie konnte zu Beginn 
der Analyse nichts von ihrem Leben in Indien noch von der Heimreise 
erinnern, außer dem, was ihr erzählt worden war. Sie hatte zahlreiche 
Phantasien über die Wiederkehr ihres Vaters zu ihrer Hochzeit und über 
die Geschenke, die er ihr mitbringen würde; eines von diesen sollte ein 
Brautschleier aus Spitzen sein, was an die interessante Symbolik alter 
Hochzeitsbräuche erinnert. 

In den Symptomen dieses Mädchens erkennen wir den Todeswunsch, 
der sich in der wiederkehrenden zeitweiligen Abwendung von der Welt 
äußert; dann die Wendung zum „Mutter-Tod", die Angst vor der Mutter, 
die während der Anfälle gezeigte Feindseligkeit. Denn sie fühlte, daß die 
Mutter den Vater von ihr fernhielt und sie auch am Tanzen mit ihren 
Freunden hinderte. Zugleich aber fürchtete sie den Tod, sowohl 
von den feindlichen Soldaten wie auch von irgendeiner unbestimmten 



Die Furcht vor dem Tode 283 



Seite, besonders gegen Jahresschluß. Jedem Anfall ging der Schrei voraus: 
„Mutter, ich sterbe." Dies brachte die Mutter zu ihr, so daß das Mädchen 
ihr ohnmächtig in die Arme sinken konnte; aber während des Anfalles 
beschuldigte sie die Mutter häufig, sie umzubringen, und wünschte, sie 
möge weggehen. 

In einer Arbeit von Forsy th, „Rudiments of Characterformation", 1 wird 
dieser Typ der Flucht in die Bewußtlosigkeit mit dem Streben der 
Frommen nach dem Nirwana verglichen. Diese Flucht begleitet der Aus- 
druck persönlicher Macht; das zeigt sich in den Krämpfen und epilepti- 
formen Anfällen der Kleinkinder und Säuglinge, wenn diese in Wut 
gebracht werden oder das Gefühl ihrer vollkommenen Hilflosigkeit haben. 
Ebenso wies Alexander nach, 2 daß hier eine Verwandtschaft zwischen 
dem Trancezustand, den der Yoghi willkürlich erzeugt, und dem primären 
Narzißmus besteht. Hier wird die Herrschaft über das Selbst, über die 
feindliche Außenwelt und über den körperlichen Schmerz durch einen 
Zustand der Bewußtlosigkeit und der physischen Regungslosigkeit erreicht. 
Dies ist einerseits höchste Muskelbeherrschung, aber andererseits ein an 
den Tod grenzender Zustand, verwandt der Katalepsie, Katatonie und der 
vorgeschrittenen Dementia praecox. 

Typischerweise findet man in den frühen Stadien der kindlichen 
Dementia praecox Todesangst, durch Behinderung körperlicher Natur ver- 
ursachte Angstzustände, Muskelspasmen und Überbesetzung der Muskel- 
erotik; das zeigt sich in wiederholten rhythmischen Bewegungen, deren 
Unterbrechung von außen meistens äußerste Gereiztheit oder Angst hervor- 
ruft. Wir finden in den charakteristischen Phantasien dieser Kinder nicht 
nur das Thema der Regression zu einem pränatalen Zustand der Regungs- 
losigkeit, sondern auch jenes der gegen andere, meist gegen den Vater, 
gerichteten oder auch an der eigenen Person von einem Feinde erlittenen 
Gewalt; in anderen Worten, sowohl Todes wünsche wie Todes- 
furcht. 

Bei Kindern mit einer hochentwickelten Todesfurcht und ebensolchen 
Todeswünschen findet man häufig ein magisches Ritual, das nicht nur 
den Tod jener Personen, die gefürchtet sind, bewirken soll, sondern auch 
Wiederbelebungszeremonien enthält, die die eigenen und die von anderen 
herrührenden Todeswünsche ungeschehen machen sollen. Im Prinzip bedeutet 
dies den Versuch, über den allmächtigen Tod zu herrschen, in ihren 
eigenen Händen die Vernichtung und die Wiederbelebung der zum Tode 
Verurteilten zu halten. Nach der Erreichung dieses Zieles forschen sie 

1) „Psychoanalytical Review" 1921. 

2) Der biologische Sinn psychologischer Vorgänge. Imago. Bd. IX, 1925. 



Mary Chadwick 



nach weiteren Riten oder Phantasien der Zeugung und Selbstzeugung; 
mit anderen Worten, sie erstreben die Allmacht Gottes, der die Macht 
über Leben und Tod hat, wodurch sie mächtiger als die Eltern selbst 
werden. 1 

Zahlreiche Kinder können einen temporären Stillstand der seelischen 
Funktionen oder aber eine körperliche Anästhesie durch intensive Starrheit 
erzeugen, also durch eine Todessimulation, analog dem Versuch eines 
gefangenen Tieres, das der Gewalt eines Gegners entrinnen will. Das Tier 
erzielt diesen Zustand durch den entgegengesetzten Mechanismus: durch 
vollkommene Erschlaffung. In der Phantasie, wenn nicht anders, erringen 
diese Kinder die angestrebte Macht durch Muskelbeherrschung dieser Art 
als Kompensation für den primären Narzißmus, um sich die Qual der 
Demütigung zu ersparen, eine größere Macht, als die eigene es ist, anzu- 
erkennen. Schon diese Demütigung würde Angst verursachen und das 
Gefühl einer Gefahr für das Ich auslösen, das später zur Todesangst wird. 
Nachgeben bedeutet diesen Kindern Tod oder Gefangenschaft des Ichs, 
Macht- oder Liebesverlust. Dazu kommen die primitiven Todeswünsche 
gegen den mächtigeren Feind, die die unbewußten Schuldgefühle aus 
jener längst vergangenen Zeit provozieren, als der Vater die Opposition 
des Kindes noch mit dem Tode bestrafte. 



1) Vgl. Emest Jones: Der Gottmensch- Komplex. Diese Zeitschrift, Bd. I, 1913. 
Mary Chadwick: Gott-Phantasie bei Kindern. Imago, Bd. XIII, 1927. 



Weiblichkeit als Maske 






Von 

Joan Ri viere 

London 

Jede Richtung, in welche sich die analytische Forschung erstreckte, hat 
das Interesse von Ernest Jones auf sich gezogen. Da sich nun in den 
letzten Jahren die Forschung eingehender der Entwicklung des weiblichen 
Geschlechtslebens zuwandte, finden wir natürlich eine seiner Arbeiten 
unter den wichtigsten Beiträgen über dieses Thema. Mit der ihm eigenen 
Gabe, sowohl unsere bisherigen Kenntnisse klarzulegen als auch sie durch 
eigene Beobachtungen zu ergänzen, behandelt er, wie immer, lichtvoll das 

Material. 

In seiner Arbeit „Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität ' skizziert 
er ein grobes Schema der weiblichen Entwicklungstypen, die er vorerst 
in heterosexuelle und homosexuelle einteilt, um nachträglich die homo- 
sexuelle Gruppe in zwei Untertypen zu teilen. Er erkennt die grob 
schematische Natur seiner Einteilung an und setzt eine große Anzahl 
Zwischentypen voraus. Eine dieser Zwischentypen beschäftigt mich nun 
in diesen Ausführungen. Im Alltagsleben treffen wir ständig Männer- und 
Frauentypen, die bei ausgesprochen heterosexueller Entwicklung manifeste Züge 
des anderen Geschlechtes zeigen. Dies wurde als ein Ausdruck der uns allen inne- 
wohnenden Bisexualität angesehen und die Analyse hat uns gezeigt, daß 
die Verstärkung homosexueller oder heterosexueller Charakterzüge oder 
Geschlechtsäußerungen vielfach das Endresultat von Konflikten und nicht 
notwendigerweise Beweis einer angeborenen Triebrichtung ist. Die Differenz 
zwischen homosexueller und heterosexueller Entwicklung wird mitbestimmt 
durch die Angstquantitäten und die Verarbeitung, die die Angst in der 
individuellen Entwicklung gefunden hat. Ferenczi wies auf eine ähn- 
liche Reaktion des Verhaltens hin, 2 und zwar, daß homosexuelle Männer 

i) Diese Zeitschrift, Bd. XIV (1928). 

2) Zur Nosologie der männlichen Homosexualität. Bausteine zur Psychoanalyse, 
Int. PsA. Verlag. 



ihre Heterosexualität als „Abwehr" gegen ihre Homosexualität übertreiben. 
Ich will versuchen, zu zeigen, daß Frauen mit Männlichkeitswünschen zur 
Vermeidung der Angst und der vom Manne gefürchteten Vergeltung eine 
Maske der Weiblichkeit anlegen können. 

Es ist also ein besonderer Typ der intellektuellen Frau, mit dem ich 
mich hier befasse. Vor nicht allzu langer Zeit verbanden sich intellektuelle 
Zielsetzungen der Frau fast ausschließlich mit einem manifest maskulinen 
Frauentyp, der in ausgesprochenen Fällen aus seinem Wunsche, ein Mann 
zu sein, kein Geheimnis machte. Dies hat sich heute geändert. Es wäre 
schwer zu sagen, ob die Mehrheit der heute in Berufsarbeit stehenden 
Frauen in der Art ihrer Lebensführung und ihres Charakters weiblich 
oder männlich ist. Man trifft im Universitätsleben, im ärztlichen Berufe 
und im Geschäftsleben beständig Frauen, die jede Erwartung vollkommener 
weiblicher Entwicklung zu erfüllen scheinen. Sie sind vorzügliche Gattinnen 
und Mütter, tüchtige Hausfrauen; sie führen ein geselliges Leben und 
fördern die Kultur, sie ermangeln nicht weiblicher Interessen, z. B. in 
ihrer persönlichen Erscheinung. Wenn es darauf ankommt, können sie 
auch die Zeit finden, um in einem weiten Kreise von Verwandten und 
Freunden die Rolle eines hingebungsvollen, selbstlosen Mutterersatzes zu spielen. 
Zugleich erfüllen sie die Pflichten ihrer Berufe nicht schlechter als der 
Durchschnittsmann. Es stellt wirklich ein Problem dar, wie man diesen 
Typ psychologisch klassifizieren soll. 

Im Laufe der Analyse einer Frau dieser Art machte ich einige 
interessante Entdeckungen. Sie entsprach in beinahe jeder Einzelheit der 
eben gegebenen Beschreibung. Ihr vortreffliches Verhältnis zu ihrem Gatten 
schloß eine sehr nahe zärtliche Beziehung zwischen den beiden mit vollem 
und häufigem Geschlechtsgenuß ein. Sie war auf ihre Tüchtigkeit als 
Hausfrau stolz. Sie hatte ihren Beruf stets mit bemerkenswertem Erfolg 
ausgeübt. Sie besaß einen hohen Grad von Realitätsanpassung und sie 
konnte mit beinahe jeder Person, mit der sie in Kontakt kam, gute und 
entsprechende Beziehungen unterhalten. 

Gewisse Erscheinungen in ihrem Leben zeigten jedoch, daß ihr seelisches 
Gleichgewicht nicht ganz so intakt war wie es schien. Nach jedem Auf- 
treten, wie z. B. nach einer öffentlichen Rede (ein wesentlicher Teil ihrer 
Arbeit bestand in Vorträgen), trat Angst, manchmal in sehr hohem Masse 
auf. Trotz ihres zweifellosen Erfolges und ihrer Begabung — sowohl 
was ihre produktive Arbeit, wie auch ihre Fähigkeit, mit einer Hörer- 
schaft fertig zu werden und Diskussionen zu leiten usw., betraf — war 
sie während der ganzen darauffolgenden Nacht aufgeregt und ängstlich \ 
Befürchtungen, etwas Ungehöriges getan zu haben, und zwanghaftes Be- 



Weiblidikeit als Maske 287 






dürfnis nach Beruhigung stellten sich ein. Dieses Bedürfnis nach Be- 
ruhigung drängte sie nun zwangsartig dazu, bei jeder solchen Gelegenheit 
irgendwelche Aufmerksamkeit oder ein schmeichelhaftes Verhalten seitens 
eines oder mehrerer Männer am Schluß der Sitzungen, während der sie 
gesprochen hatte, zu suchen. Es wurde bald klar, daß die zu dem Zwecke 
gewählten Männer stets unzweifelhafte Vaterfiguren waren — obgleich 
häufig keineswegs Persönlichkeiten, deren Urteil über ihre Leistung wirklich 
ein besonderes Gewicht gehabt hätte. Es war klar, daß zwei Arten der 
Beruhigung von diesen Vaterfiguren angestrebt wurde: erstens eine direkte 
Bestätigung schmeichelhafter Art über ihre Leistung, zweitens und weit 
wesentlicher eine indirekte Bestätigung in der Form sexueller Auf- 
merksamkeiten von sehen dieser Männer. Die Analyse ihres Verhaltens 
nach öffentlichem Auftreten zeigte, daß sie sich um sexuelles Ent- 
gegenkommen seitens dieses besonderen Männertyps mit Hilfe eines mehr 
oder weniger verhüllten Kokettierens und Flirtens bemühte. Der außer- 
ordentliche Widerspruch dieser Haltung zu ihrer hochgradig unpersönlichen 
und objektiven Einstellung während der intellektuellen Leistung — der 
sie zeitlich so rasch folgte — stellte ein Problem dar. 

Die Analyse zeigte, daß die Ödipussituation der Rivalität mit der Mutter 
außerordentlich akut gewesen und niemals befriedigend gelöst worden war. 
Später komme ich darauf zurück. Nebst dem Konflikt mit der Mutter 
war indessen auch die Rivalität mit dem Vater sehr groß. Ihre intellektuelle 
Arbeit, welche sich der Form von öffentlichem Reden und Schreiben 
bediente, gründete sich auf die unzweideutigen Identifikation mit ihrem 
Vater, welcher zuerst Schriftsteller gewesen war und dann zum politischen 
Leben überging. Ihre Pubertät war durch bewußte Auflehnung, Rivalität 
und Verachtung gegen ihn charakterisiert gewesen. Träume und Phan- 
tasien dieser Art, in welchen sie den Gatten kastrierte, wurden von 
der Analyse häufig enthüllt. Sie hatte ganz bewußte Rivalitätsgefühle und 
Ansprüche auf Überlegenheit den zahlreichen Vaterfiguren gegenüber, um 
deren Gunst sie dann nach ihrem eigenen Auftreten warb. Die Zumutung, 
daß sie nicht ihresgleichen sein könnte, nahm sie bitter übel und lehnte 
jeglichen Gedanken daran, deren Urteil oder Kritik unterworfen zu 
sein, schroff ab. Darin entsprach sie klarerweise einem der Typen, die 
Ernest Jones skizziert hat: der ersten Gruppe homosexueller Frauen, 
welche die „Anerkennung ihrer Männlichkeit durch andere Männer 
wünschen, ohne sich für andere Frauen zu interessieren, und den Anspruch 
darauf machen, den Männern gleich zu sein, in anderen Worten: Mann 
zu sein. Ihre Erbitterung war ihr wohl bewußt, sie hütete sich aber ihr 
Ausdruck zu geben; öffentlich anerkannte sie ihre Weiblichkeit. 



288 



Joan Riviere 



Die Analyse erklärte ihr zwangsmäßiges Flirten und Kokettieren — 
das in Wirklichkeit kaum bewußt geworden war und erst durch die 
Analyse manifest wurde, — in folgender Art: Es handelte sich um 
einen unbewußten Abwehrversuch der Angst, die durch die Bedrohungen 
entstehen würde, welche sie von den Vatergestalten wegen ihrer intellek- 
tuellen Leistungen erwartete. Die öffentliche Exhibition ihrer intellek- 
tuellen Tüchtigkeit, die an und für sich erfolgreich durchgeführt 
wurde, bedeutete eine Schaustellung ihrer selbst, mit dem Penis des 
Vaters, dessen sie ihn beraubt hatte. Nach Beendigung dieser Schaustellung 
wurde sie von einem entsetzlichen Grauen vor der Vergeltung, welche der 
Vater dann ausüben würde, erfaßt. Es war offenbar ein Schritt zur Ver- 
söhnung des Rächers, wenn sie versuchte, sich ihm sexuell anzubieten. 
Es zeigte sich dann, daß dieselbe Phantasie in ihrer Kindheit und Jugend, 
die sie in den Südstaaten Amerikas verbracht hatte, häufig aufgetreten war. 
Sie wollte sich, falls ein Neger sie angegriffen hätte, verteidigen, indem sie 
ihn dazu brachte, sie zu küssen und ihr den Hof zu machen (mit dem 
Ziele, ihn dann der Gerechtigkeit zu überliefern). Das Zwangsbenehmen 
hatte jedoch eine weitere Determinante. In einem Traume, welcher einen 
dieser Kindheitsphantasie ziemlich ähnlichen Inhalt hatte, war sie angst- 
erfüllt allein im Hause beim Wäschewaschen. Dann kam ein Neger herein 
und fand sie mit aufgerollten Armein und nackten Armen. Sie widerstand 
ihm mit der heimlichen Absicht, ihn sexuell anzuziehen, und er begann ihre 
Arme zu bewundern und diese und ihre Brüste zu streicheln. Die Deutung 
ergab, daß sie in ihrer Phantasie Vater und Mutter getötet und alles für sich 
beschlagnahmt hatte (allein im Hause). Sie wurde von Vergeltungsangst erfaßt 
(erwartete Schüsse durchs Fenster) und verteidigte sich, indem sie eine 
Dienerinnenrolle spielte (Wäsche waschen) — durch Abwaschen von 
Schmutz und Schweiß — Schuld und Blut — von allem, was sie durch 
die Tat erlangt hatte, sowie dadurch, daß sie sich als eine kastrierte 
Frau „verkleidete". In dieser Verkleidung konnte der Mann an ihr keinen 
gestohlenen Besitz finden, dessen Wiedererwerb einen Angriff auf sie nötig 
machte. Er fand sie ferner als Liebesobjekt anziehend. Das Ziel ihres 
Zwanges war nicht, sich einfach Beruhigung durch Erweckung freundlicher 
Gefühle bei einem Manne zu sichern. Es war hauptsächlich eine Ver- 
stärkung der Sicherheit durch Vorspiegelung der Unschuld. Es war eine 
zwangsmäßige Umkehrung ihrer intellektuellen Leistung. Beide zusammen 
bildeten die zweizeitige Handlung der Zwangsneurose, wie ja auch ihr 
Leben als Ganzes aus alternativen maskulinen, und femininen Betätigungen 
bestand. 

Vor diesem Traume hatte sie Träume von Leuten, welche Larven um 



Weiblichkeit als Maske 289 



das Gesicht banden, um Unheil zu vermeiden. Einer dieser Träume 
handelte von einem hohen Turme, welcher über den Rand eines Berges 
geschoben wurde und auf die Einwohner eines darunterliegenden Dorfes 
stürzte : doch die Einwohner banden Masken um und entgingen so dem 
Verderben. 

Weiblichkeit konnte also vorgeschützt und als eine Maske getragen 
werden, — sowohl um den Besitz der Männlichkeit zu verbergen wie 
auch um die Bestrafung zu vermeiden, wenn der Besitz dieser Männlich- 
keit bei ihr entdeckt wurde, geradeso wie der Dieb seine Taschen umkehrt 
und die Durchsuchung verlangt, um zu beweisen, daß er das Gestohlene 
nicht hat. Der Leser mag nun fragen, wie ich denn Weiblichkeit definiere 
oder wo ich eine Grenze zwischen echter Weiblichkeit und solcher 
Maskerade ziehe. Ich behaupte jedoch keineswegs, daß es einen solchen 
Unterschied gäbe; ob fundamental oder oberflächlich — es handelt sich 
um dieselbe Sache. Die Befähigung zur Weiblichkeit war in dieser Frau 
vorhanden; man könnte sogar sagen, daß sie in der vollkommen homo- 
sexuellen Frau existiert. Wegen ihrer Konflikte aber stellte nicht dies 
die Hauptlinie ihrer Entwicklung dar; es wurde weit eher als ein Mittel 
zur Angstvermeidung denn als primäre Quelle der sexuellen Lust benützt. 

Zur Beleuchtung dieser Behauptung will ich kurz einige Einzelheiten 
erwähnen. Sie hatte spät — mit 29 Jahren — geheiratet; sie hatte große 
Angst vor der Defloration gehabt und sich das Hymen vor der Verehelichung 
durch eine Ärztin entfernen lassen. Ihre voreheliche Einstellung zum 
Sexualverkehr war ein fester Entschluß, die Lust und das Vergnügen, welche, 
wie sie wußte, manche Frauen beim Orgasmus empfanden, und überhaupt 
den Orgasmus zu erreichen und zu durchleben. Sie fürchtete sich vor 
Impotenz in genau derselben Weise wie ein Mann. Sie war entschlossen, 
gewisse frigide Mutterfiguren zu übertreffen, in tieferen Schichten aber 
wollte sie sich vom Manne nicht besiegen lassen. 1 

Wirklich erreichte sie volle und häufige Sexuallust mit vollkommenem 
Orgasmus. Es ergab sich aber die Einsicht, daß die Befriedigung dabei 
von der Art der Beruhigung und der Wiedererlangung von etwas Verlorenem 
war, aber nicht das Endziel der reinen Lust darstellte. Die Liebe des 
Mannes gab ihr ihre Selbstachtung zurück. Als während der Analyse die 
feindlichen Kastrationsimpulse gegen den Gatten zur Oberfläche drängten, 
war der Wunsch nach einem Verkehr sehr herabgesetzt und sie hatte 
Perioden relativer Frigidität. Die Maske der Weiblichkeit wurde weg- 

1) Bei mehreren weiblichen Analysanden habe ich eine derartige Einstellung 
gefunden; die selbstverordnete Defloration bei beinahe allen (fünf Fälle). Dieser 
symptomatische Akt wird im Lichte von Freuds „Tabu der Virginität" aufschlußreich. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/j- 3. , 9 



290 



Joan Riviere 



gerissen. Sie erschien nun als kastriert (leblos — unfähig zur Lust) oder 
aber vom Wunsche beseelt, zu kastrieren (daher die Angst, den Penis zu 
empfangen oder ihre Befriedigung darüber durch ihre Lust zu äußern). 
Als ihr Gatte eine Zeitlang eine Liebesbeziehung zu einer anderen 
Frau hatte, entdeckte sie in sich eine sehr intensive Identifikation 
mit ihm, die sich auf ihre Nebenbuhlerin bezog. Es ist überraschend, daß 
sie keine homosexuellen Erlebnisse gehabt hatte (außer mit einer jüngeren 
Schwester vor der Pubertät). Während der Analyse stellte sich aber heraus, 
daß dieser Mangel durch häufige homosexuelle Träume mit vehementem 
Orgasmus kompensiert wurde. 

Man kann im Alltagsleben beobachten, daß die Maske der Weiblichkeit 
sonderbare Formen annimmt. Eine tüchtige Hausfrau meiner Bekanntschaft 
ist eine Frau von großer Geschicklichkeit und kann in eigener Person 
ohne weiteres typisch männliche Geschäfte erledigen. Wenn aber z. B. ein 
Baumeister oder Dekorateur ins Haus gerufen wird, verbirgt sie zwanghaft 
ihre sämtlichen technischen Kenntnisse vor ihm und zeigt sich dem 
Arbeiter gegenüber unterwürfig, indem sie ihre Anordnungen in einer 
unschuldigen und naiven Art trifft, als ob sie „glücklich erraten" wären. 
Sie hat mir gestanden, daß sie selbst dem Fleischer und dem Bäcker 
gegenüber, die sie in Wirklichkeit mit eiserner Energie ihrem Willen 
unterwirft, nicht offen einen festen und klaren Standpunkt einnehmen 
kann; sie fühlt sich sozusagen „eine Rolle spielen" — sie benimmt sich 
wie eine etwas ungebildete, törichte und verwirrte Frau. In allen anderen 
Beziehungen des Lebens ist diese Frau eine anmutige, begabte und 
gebildete Dame und kann ihre Geschäfte durch ihr vernünftiges Verhalten 
ohne irgendwelche Winkelzüge besorgen. Diese Frau ist nunmehr fünfzig 
Jahre alt, doch sagt sie mir, daß sie als junge Frau bei Verhandlungen 
mit Männern, wie etwa Trägern. Kellnern, Droschkenkutschern, Kaufleuten 
oder irgendwelchen andern als feindlich vorgestellten Vaterfiguren, wie 
Ärzten, Baumeistern und Rechtsanwälten, an sehr schwerer Angst litt; 
überdies stritt sie häufig mit solchen Männern, hatte Auseinandersetzungen 
mit ihnen, beschuldigte sie, daß sie sie zu betrügen versuchen, usw. 

Ein anderer Fall aus der Alltagsbeobachtung ist der einer gescheiten 
Frau — Gattin und Mutter — die an der Universität einen abstrusen 
Gegenstand, der Frauen selten anzieht, lehrt. Wenn sie nicht für Studenten, 
sondern für Kollegen eine Vorlesung hält, wählt sie besonders weibliche 
Kleider. Ihr Benehmen bei diesen Gelegenheiten zeigt auch einen 
unangemessenen Zug: sie wird schnippisch und scherzhaft, so sehr, 
daß ihr dies bereits Bemerkungen und Kritiken eingetragen hat. Sie muß 
die Situation der Schau-Stellung ihrer Maskulinität vor Männern als ein 



Weiblichkeit als Maske 291 



„Spiel" behandeln — als etwas nicht Wirkliches — als einen „Scherz". 
Sie kann sich und ihren Gegenstand nicht ernsthaft behandeln — kann 
sich nicht wirklich als mit Männern gleichgestellt betrachten. Durch ihr 
schnippisches Verhalten kann sie auch einen Teil ihres Sadismus an den 
Mann bringen. Daraus resultiert auch die Mißbilligung, die sie erregt. 

Viele andere Beispiele könnten angeführt werden. Einem ähnlichen 
Mechanismus bin ich in der Analyse manifest homosexueller Männer 
begegnet. In einem solchen Falle mit schwerer Hemmung und Angst 
spielte die homosexuelle Aktivität in der Wirklichkeit eine untergeordnete 
Rolle. Die Quelle des stärksten geschlechtlichen Genusses war die Mastur- 
bation unter besonderen Bedingungen, und zwar vor dem Spiegel in 
bestimmter Kleidung. Die Erregung trat ein, wenn er sich mit in der 
Mitte gescheiteltem Haar und einer gebundenen Krawatte sah. Es stellte 
sich heraus, daß diese ungewöhnlichen „Fetische" dazu dienten, ihn als 
seine Schwester zu verkleiden; Haar und Krawattenschleife waren von ihr 
übernommen. Seiner bewußten Einstellung nach wünschte er sich, eine 
Frau zu sein; seine manifesten Beziehungen mit Männern waren jedoch 
nie dauernd gewesen. Im Unbewußten war seine homosexuelle Einstellung 
aber durchaus sadistisch und auf Rivalität mit dem Manne begründet. 
Seine sadistischen Phantasien und die Vorstellung vom Besitz eines Penis 
konnten sich nur hervorwagen, wenn er dadurch gegen Angst gesichert 
wurde, daß er sich im Spiegel „als Frau verkleidet sah. 

Kehren wir zu dem zuerst beschriebenen Fall zurück. Es besteht kein 
Zweifel darüber, daß diese Frau hinter ihrer scheinbar befriedigenden 
Heterosexual ität gut bekannte Äußerungen des Kastrationskomplexes zeigte. 
Frau H r n e y hat als erste auf die aus der Ödipussituation stammenden 
Quellen des weiblichen Kastrationskomplexes hingewiesen; die Feststellung, 
daß die Weiblichkeit auch als Maske verwendet werden kann, bedeutet 
vielleicht hier einen weiteren Schritt in der Analyse der weiblichen Ent- 
wicklung. Betrachten wir von diesem Gesichtspunkt aus die ersten Phasen 
der Libidoentwicklung dieser Patientin. 

Ich trage erst noch die Schilderung ihrer Beziehungen zu Frauen nach. 
Sie empfand fast jede Frau, die entweder hübsch oder geistig höherstehend 
war, bewußt als Konkurrentin. Sie hatte bewußte Haßregungen gegen fast 
jede Frau, mit der sie mehr zu tun hatte, konnte aber trotzdem ein ganz 
gutes Verhältnis herstellen, wo es sich um dauernde oder nahe Beziehungen 
zu Frauen handelte. Das gelang ihr fast ausschließlich dadurch, daß sie sich 
ihnen unbewußt in irgendeiner Weise überlegen fühlte (ihre Beziehungen 
zu Untergebenen waren immer ausgezeichnet). Darauf beruhte auch zum 
großen Teil ihre Tüchtigkeit als Hausfrau. Auf diese Weise übertraf sie 

19* 



292 



Joan Riviere 



ihre Mutter, errang deren Beifall und bewies ihre Überlegenheit über ihre 
femininen" Rivalinnen. Ihre intellektuellen Leistungen hatten zweifellos 
zum großen Teil denselben Zweck. Auch dadurch bewies sie auf diesem 
Gebiete ihre Überlegenheit über ihre Mutter; seit der Pubertät hatte sie 
offenbar mit Frauen mehr in intellektuellen Leistungen als auf dem 
Gebiet der Schönheit rivalisiert, denn wo es auf Schönheit ankam, konnte 
sie ja gewöhnlich ihre Zuflucht in der Überlegenheit ihres Verstandes 
finden. 

Die Analyse ergab, daß alle diese Verhaltungsweisen Männern und 
Frauen gegenüber auf ihre Reaktionen gegen die Eltern auf der oral- 
sadistischen (beißenden) Stufe zurückgeführt werden konnte. Sie hatte 
damals mit Phantasien reagiert, wie Melanie Klein 1 sie in ihrem Kongreß- 
vortrag 1927 beschreibt. Infolge der oralen Enttäuschungen in der 
Säuglings- und Entwöhnungszeit, verbunden mit Eindrücken aus der oral 
aufgefaßten Urszene, entwickelte sie einen außerordentlich heftigen, gegen 
beide Eltern gerichteten Sadismus. 2 Der Wunsch, die Brustwarze der Mutter 
abzubeißen, wird ersetzt durch den Wunsch, die Mutter zu zerstören, in 
sie einzudringen, ihr den Bauch aufzuschlitzen und sie und den Inhalt 
ihres Leibes aufzufressen. Diese Inhalte sind der Penis des Vaters, ihre 
Fäzes, ihre Kinder, alle Besitztümer und Liebesobjekte der Mutter, die in 
der Phantasie innerhalb ihres Leibes vorgestellt werden. 3 Wie wir wissen, 
kann der Wunsch, die Brustwarze der Mutter abzubeißen, auch durch den 
Wunsch ersetzt werden, den Vater zu kastrieren, ihm den Penis abzubeißen. 
Auf dieser Stufe sind beide Eltern Konkurrenten, beide besitzen Objekte, 
die sie begehrt; ihr Sadismus richtet sich gegen beide und die Rache 
beider wird gefürchtet. Aber die Mutter ist, wie bei Mädchen immer, 
die mehr Gehaßte und infolgedessen auch die mehr Gefürchtete. Von ihr 
wird die dem Verbrechen entsprechende Strafe erwartet; sie wird den 
Körper des Mädchens, ihre Schönheit, ihre Kinder, ihre Fähigkeit, Kinder 
zu bekommen, zerstören, wird sie verstümmeln, auffressen, foltern und 
töten. In dieser furchtbaren Lage liegt die einzige Rettung des Mädchens 
darin, die Mutter zu versöhnen und ihr Verbrechen zu büßen. Sie muß 
die Rivalität mit der Mutter aufgeben und versuchen, ihr das wieder- 
zugeben, was sie ihr gestohlen hat. Sie identifiziert sich, wie wir wissen, 
mit dem Vater; die Männlichkeit, die sie so erwirbt, stellt sie dann 



1) Frühstadien des Ödipuskonfliktes. Int. Zeitschr. f. PsA., Bd. XIV., 1928. 

2) E. J o n e s, a. a. O., S. 21 f, sieht eine Intensivierung der oral-sadistischen Stufe 
als die wesentliche Charakteristik der homosexuellen Entwicklung bei Frauen an. 

3) Da es in diesem Zusammenhange nicht wesentlich ist, habe ich die weitere 
Entwicklung ihrer Beziehungen zu Kindern beiseite gelassen. 



Weiblichkeit als Maske 293 



in den Dienst der Mutter. Sie wird der Vater und nimmt seinen 
Platz ein; so kann sie ihn der Mutter „wiedergeben". Diese Einstellung 
wurde in manchen typischen Situationen des Lebens meiner Patientin sehr 
deutlich. Sie fand besonderes Vergnügen daran, ihre großen praktischen 
Fähigkeiten zur Hilfe oder Unterstützung schwächerer und hilfloserer Frauen 
zu verwenden, und sie konnte diese Einstellung erfolgreich beibehalten, 
solange die Rivalität nicht allzu stark in den Vordergrund trat. Diese 
Wiedergutmachung hatte jedoch eine Bedingung; sie mußte durch Dank- 
barkeit und „Anerkennung" reichlich entschädigt werden. Sie glaubte 
bewußt, daß ihr diese Anerkennung für ihre Selbstaufopferung gebührte; 
für das Unbewußte bedeutete diese Forderung die Anerkennung ihrer 
Überlegenheit als Mann, der den Penis besaß und ihn zurückgeben konnte. 
Wurde ihre Überlegenheit nicht anerkannt, dann wurde die Rivalität 
sofort akut; wo sie nicht auf Dankbarkeit stieß, brach ihr Sadismus in 
voller Stärke hervor; sie wurde dann (im geheimen) von Paroxysmen 
oral-sadistischer Wut überfallen, in denen sie sich wie ein wütendes 
kleines Kind benahm. 

Ihr Groll gegen den Vater war zweifach determiniert: 1) Er nahm 
ihrer unbewußten Meinung nach in der Urszene der Mutter die Milch usw., 
auf welche sie Anspruch gehabt hätte ; 2) gleichzeitig gab er der Mutter den 
Penis oder die Kinder, statt sie ihr zu schenken. Darum sollte ihm alles, was 
er besaß oder nahm, durch sie wieder fortgenommen werden ; er wurde 
kastriert und, ebenso wie die Mutter, zunichte gemacht. Die Angst vor 
ihm blieb bestehen, wenn auch nicht im selben Ausmaß wie vor der 
Mutter, zum Teil weil sie seine Rache für den Tod und die Zerstörung 
der Mutter fürchten mußte. So mußte auch er ausgesöhnt und beschwichtigt 
werden. Das geschah dadurch, daß sie ihm zuliebe eine weibliche Rolle 
spielte und ihm auf diese Weise ihre „Liebe und Schuldlosigkeit zeigte. 
Es ist interessant, daß diese weibliche Maske zwar von anderen Frauen 
durchschaut wurde, aber bei Männern Erfolg hatte und ihren Zweck voll 
erreichte. Viele Männer wurden dadurch angezogen und bestärkten sie 
durch Gunstbezeugungen in ihrer Einstellung. Die nähere Untersuchung 
ergab, daß es Männer jenes Typs waren, der die extrem weibliche Frau 
selber fürchtet. Sie ziehen eine Frau vor, die selbst männliche Attribute 
hat und darum geringere Ansprüche an sie zu stellen scheint. 

Der Talisman, den beide Eltern bei der Urszene besitzen und der ihr 
fehlt, ist der Penis des Vaters; daher rührt ihre Wut, ihre Angst und 
ihre Hilflosigkeit. 1 Wenn sie dem Vater diesen Penis entreißt und selbst 

1) Siehe M. N. Searl, Danger Situations of the Immature Ego, Kongreßvortrag, 
Oxford 1929. 



294 



Joan Riviere 



von ihm Besitz ergreift, erringt sie den Talisman, das unbesiegbare Schwert; 
der Vater wird macht- und hilflos (ihr sanfter Gatte); aber sie schützt sich 
noch weiter vor seinem Angriff durch die Maske weiblicher Unterwürfig- 
keit, unter deren Deckung sie selbst viele seiner männlichen Funktionen 
„für ihn" ausführt (ihre praktische und organisatorische Tüchtigkeit). 
Ebenso verfährt sie mit der Mutter: Nachdem sie ihr den Penis geraubt, 
sie zerstört und in einen Zustand bedauernswerter Unterlegenheit versetzt 
hat, triumphiert sie über sie doch wieder im geheimen; nach außen hin 
anerkennt und bewundert sie die Tugenden „weiblicher" Frauen. Die 
Aufgabe, sich vor der Rache der Frau zu schützen, ist aber schwerer als 
die dem Manne gegenüber; ihre Versöhnungs- und Beschwichtigungsversuche, 
durch Rückerstattung und Verwendung des Penis im Dienste der Mutter 
konnten deshalb kein Ende finden ; sie mußte diesen Mechanismus immer und 
immer wieder anwenden und sich in seinem Dienste halb totarbeiten. 

Es scheint also, daß die Patientin sich vor der unerträglichen Angst, 
die die Folge ihres sadistischen Wütens gegen beide Elternteile war, da- 
durch schützte, daß sie in ihrer Phantasie eine Situation schuf, in welcher 
sie die Überlegene wurde, der kein Schaden zugefügt werden konnte. Der 
Kern ihrer Phantasien war ihre Überlegenheit über die Eltern ; durch 
diesen Triumph wurde ihr Sadismus befriedigt. Durch dieselbe Überlegen- 
heit gelang es ihr auch, der Rache der Eltern zu entgehen; ihre Reaktions- 
bildungen und das Verbergen ihrer Feindseligkeit standen im Dienste 
dieser Absicht. So erreichte sie gleichzeitig die Befriedigung der Forderungen 
ihres Es, ihres narzißtischen Ichs und ihres Über-Ichs. Diese Phantasie 
war die Triebfeder und Hauptstütze ihres ganzen Lebens und Charakters. 
Es gelang ihr beinahe, sie vollkommen in der Realität durchzusetzen. Es 
gab jedoch einen schwachen Punkt: der megalomanische Charakter des 
Zwanges, sich überlegen zu fühlen. Als in der Analyse diese Überlegen- 
heit ernsthaft angegriffen wurde, fiel sie in schwerste Angst, Wut und 
tiefste Depression ; vor der Analyse wurde sie unter ähnlichen Umständen 
krank. 

Ich möchte noch einige Worte über den von Jones beschriebenen 
Typus der homosexuellen Frau sagen, deren Ziel die Anerkennung ihrer 
Männlichkeit durch Männer ist. Man könnte meinen, daß das Bedürfnis 
nach Anerkennung bei diesem Typus dem Mechanismus unseres Falles 
bis auf die andere Wirkungsweise (Anerkennung für vollbrachte Dienste) 
analog ist. In meinem Falle wurde die direkte Anerkennung des Penis - 
besitzes nicht manifest gefordert; die Anerkennung wurde für die Reaktions- 
bildungen verlangt, die aber auf die Phantasie des Penisbesitzes aufgebaut 
waren. Die Anerkennung des Penis wurde also indirekt verlangt. Diese 



Weiblichkeit als Maske 



295 



Verhüllung diente wieder der Verhütung der Angst, daß ihr Penisbesitz 
entdeckt werden konnte. Offenbar hätte auch meine Patientin bei 
geringerer Angst die Anerkennung ihres Penisbesitzes von Männern 
offen gefordert. Im geheimen kränkte sie sich tatsächlich, ganz wie die 
von Ernest Jones berichteten Fälle, bitter über jedes Ausbleiben solcher 
direkter Anerkennung. In den Fällen von Jones kommt offenbar der 
primäre Sadismus zu größerer Befriedigung: der Vater ist kastriert worden 
und muß noch dazu seine Niederlage ausdrücklich zugeben. Wie verhüten 
aber diese Frauen die Angst? In bezug auf die Mutter dadurch, daß ihre 
Existenz überhaupt geleugnet wird. Wenn ich nach Anzeichen aus durch- 
geführten Analysen urteile, so kann ich annehmen, daß, wie auch Jones 
andeutet, diese Forderung nach Anerkennung erstens eine Verschiebung 
der ursprünglichen sadistischen Forderung bedeutet; das begehrte Objekt, 
Brustwarze, Milch, Penis, müsse sofort hergegeben werden; zweitens, daß 
das Bedürfnis nach Anerkennung zum größten Teil ein Bedürfnis nach 
Absolution sei. Die Mutter ist vernichtet worden; zu ihr sind keinerlei 
Beziehungen möglich. Ihre Existenz wird scheinbar geleugnet, allerdings 
in tieferer Schichte nur allzusehr gefürchtet. So kann nur der Vater von 
der an beiden Eltern erworbenen Schuld entbinden; wenn seine Aner- 
kennung ihren Penisbesitz sanktioniert, ist sie in Sicherheit. Dadurch, 
daß er ihr die Anerkennung schenkt, schenkt er ihr auch den Penis, 
ihr und nicht der Mutter. Dann hat sie ihn und darf ihn haben, und 
alles ist in Ordnung. Anerkennung bedeutet immer zum Teil Bestätigung, 
Sanktion, Liebe; außerdem gibt ihr die Anerkennung wieder die überlegene 
Stellung. Der Mann hat ihr seine Niederlage eingestanden, wenn er es 
auch nicht weiß. So ist der Inhalt der Phantasiebeziehung einer solchen 
Frau zu ihrem Vater kein anderer als beim normalen Ödipuskomplex; 
der Unterschied ist nur die sadistische Basis. Die Mutter ist zwar durch 
sie beseitigt, doch hat sie sich dadurch auch von dem Genüsse von vielem, was 
die Mutter gehabt hat, ausgeschlossen; was sie vom Vater erhält, muß sie 
zum großen Teil erpressen und erzwingen. 

Diese Schlußfolgerungen drängen uns nochmal die Frage auf: Was ist 
das eigentliche Wesen der vollentwickelten Weiblichkeit? Was ist das 
„Ewig- Weibliche"? Die Auffassung der Weiblichkeit als Maske, 
hinter der der Mann eine verborgene Gefahr wittert, wirft etwas Licht 
auf dieses Rätsel. Helene D eut seh und Ernest Jones haben festgestellt, 
daß die voll entwickelte heterosexuelle Weiblichkeit in der oral-saugenden Stufe 
verankert ist. Ihre einzige primäre Befriedigung ist das Empfangen von (Brust- 
warze, Milch) Penis, Samen, Kind vom Vater. Alles weitere sind Reaktions- 
bildungen. Das Akzeptieren der Kastration, die Unterwürfigkeit, die Be- 



296 



Joan Riviere 



wunderung des Mannes stammen teils aus der Überschätzung des Objektes 
auf der oral-saugenden Stufe, hauptsächlich aber aus dem Verzicht auf 
sadistische Kastrationswünsche, die von der späteren, oral-beißenden Stufe 
stammen. „Ich darf nicht nehmen, ich darf nicht einmal bitten; es muß 
mir geschenkt werden." Die Fähigkeit zur Selbstaufopferung, Ver- 
ehrung, Selbstverleugnung ist der Ausdruck der Bemühungen zur Wieder- 
gutmachung und Ersetzung des Geraubten, sowohl der Mutter wie dem 
Vater gegenüber. Es ist auch in höchstem Maße das, was R a d ö eine 
„narzißtische Sicherung" genannt hat. 

Es wird evident, wie sehr das Erreichen der vollen Heterosexualität mit dem 
Erreichen der Genitalität zusammenfällt. Wir sehen wieder, wie Abraham 
als erster festgestellt hat, daß die Genitalität die Erreichung eines post- 
ambivalenten Stadiums bedingt. Sowohl die normale wie die homosexuelle 
Frau begehren den Penis des Vaters und lehnen sich gegen die Versagung 
(oder Kastration) auf; sie unterscheiden sich aber durch den Grad des 
Sadismus und die Fähigkeit, sowohl mit diesem wie mit der aus dem Sadismus 
resultierenden Angst fertig zu werden. 



Zur analytischen Grundlegung der Massen- 
psychologie 

Von 

Edward Glover 

London 

Das Recht des Psychoanalytikers, die seelischen Tatsachen der Anthropo- 
logie zu würdigen und die Hauptprobleme der Soziologie als in sein Gebiet 
fallend zu betrachten, ist von niemandem entschiedener verfochten worden, 
als von Ernest Jones. 1 Es braucht kaum hinzugefügt zu werden, daß er 
diesem Anspruch in einer Reihe von Schriften, in denen Funde der 
psychoanalytischen Psychologie des Individuums benützt worden sind, um 
verschiedene dunkle Erscheinungen der Massenbetätigung (Gewohnheit, 
Mythe, Folklore usw.) zu beleuchten, zu seinem Rechte verholfen hat. 
Wie Jones gezeigt hat, ist die unmittelbare Beobachtung der Tat- 
sachen („Feldarbeit") nur eines der zur wirklichen Forschung unbedingt 
nötigen Hilfsmittel, das andere besteht in der entsprechenden Tiefenarbeit 
im Sinne der psychoanalytischen Wissenschaft. Diese berechtigte Auf- 
fassung, der Psychoanalytiker habe das Privileg des Deutens, bringt in- 
dessen eine gewisse Verantwortlichkeit mit sich, deren schwierigster Punkt 
darin besteht, kein Feld brach liegen zu lassen. Zweck dieser Veröffent- 
lichung ist, auf eine Lücke in diesen psychoanalytischen Forschungen hin- 
zuweisen, die unmittelbar zu den Problemen der Massenpsychologie hin- 
führt. Die in Frage kommenden Daten bieten unmittelbare Bestätigungen 
für die psychoanalytische Theorie der Massenbildung und zeigen gleich- 
zeitig, daß es möglich gewesen wäre, viele psychoanalytische Funde, welche 
die infantile Entwicklung betreffen, vom Studium der frühen Massen- 
bildungen abzuleiten. Schließlich geben sie dem Psychoanalytiker Gelegen- 
heit zur „Feldarbeit", in der Anthropologie, die bisher nur ein Vorrecht 

1) Essays in Applied Psycho-Analysis, London 1923. 'The Relation of Psycho- 
Analysis to Sociology', Social Aspects of Psycho-Analysis, London 1923. 'Psycho- 
Analysis and Anthropology,' Journ. Royal Anthropolog. Inst. 1924, liv. 47. 'Abnormal 
Psychology and Social Psychology,' Problems of Personality, London 1925. 



der Forschungsreisenden war. Das Gebiet meines besonderen Studiums 
erstreckt sich hier auf die Tätigkeit der „Pubertätsgruppen", die sich 
spontan bilden und ihre Formation durch eine Reihe von Jahren behalten. 
Wenn wir Freuds Studie über „Massenpsychologie" als ein Vorbild 
psychoanalytischer Annäherung an diesen Gegenstand ansehen, finden wir, 
daß drei Hauptquellen herangezogen sind, nämlich /) die Tatsachen der 
Entwicklung des Individuums in seiner Beziehung zur Familie, 2) gewisse 
anthropologische Daten, von denen sich wohl die piimitivsten Formen 
von Massenbildungen herleiten lassen, }) die Manifestationen vorüber- 
gehender oder beständiger Massenbildungen in zivilisierten Gemeinschaften. 
Von diesen drei Quellen hat sich die erste, nämlich die psychoanaly- 
tische, als die unmittelbarste und einleuchtendste erwiesen: von dem 
Gesichtspunkt der Massenpsychologie aus kann die Psychoanalyse als eine 
Erforschung der ersten Massenreaktionen des Individuums betrachtet 
werden. Ferner wiederholt und deckt die Übertragungssituation charakteri- 
stische Massenmanifestationen auf und ist das Mittel, mit dem falsch 
placierte soziale Reaktionen „erweckt" werden und sich zu ihrer ursprüng- 
lichen und entsprechenden familiären Größe und Stärke verdichten. 
Dagegen sind anthropologische Forschungen dem unvermeidlichen Nach- 
teil unterworfen, daß sie weniger unmittelbar sind und die Schlüsse, 
die in bezug auf früheste Massenbildungen aus ihnen gezogen werden, 
gezwungenermaßen hypothetische sind. Wenn wir die dritte Quelle der 
Forschung betrachten, das Studium der Massenbildungen in zivilisierten 
Gemeinschaften, so kann man sich der Tatsache nicht verschließen, daß 
die in Frage kommenden Massen, mögen sie vorübergehende oder dauernde, 
organisierte oder unorganisierte sein, Massen von Erwachsenen sind. Zwar 
ist zuzugeben, daß das Studium von Erwachsenen-Massen es uns ermöglicht, 
den Unterschied zwischen individuellen und kollektiven Tendenzen zu 
beobachten und irgendeine gegenseitige Beziehung zwischen diesen Ten- 
denzen zu suchen; dieses Studium bietet aber Schwierigkeiten, ähnlich 
denen des introspektiven Psychologen, der sich bemüht, in sich einen 
Beweis für das Unbewußte zu finden. Während man zum Beispiel aus 
den Massenphänomenen folgern kann, daß unmittelbare sexuelle Neigungen 
der Bildung von Gruppen ungünstig sind, ist die Gelegenheit, direkt 
sexuelle Massenbeziehungen zu studieren, in den zivilisierten Gemein- 
schaften praktisch auf die orgiastischen Sitten mehr oder weniger geheimer 
Gruppen, besonders jener, die durch ein Band offenen homosexuellen 
Interesses miteinander verbunden sind, eingeschränkt. In Ermanglung 
anderer Tatsachen ist man auf das Studium der Gruppenehe unter den 
Primitiven angewiesen. Indessen bleibt die Tatsache bestehen, daß man 



Zur analytischen Grundlegung der Massenpsychologie 299 



viel sicherere Hinweise auf diese oder andere Gesichtspunkte von Gruppen- 
verbindungen erlangen kann, wofern man bereit ist, sich von dem 
Studium der Erwachsenengruppen dem der Pubertätsgruppen zuzuwenden. 
Es wäre interessant nachzuforschen, warum den freiwilligen Gruppen- 
bildungen zwischen Kindern und Jugendlichen so wenig Aufmerksamkeit 
geschenkt wurde. Es ist ganz auffallend, daß ihre Existenz kaum erwähnt 
wird, und man ist geneigt zu glauben, daß dieselben inneren Widerstände 
hier am Werk sind, die die Schulpsychologen hindern, die deutlichsten 
Manifestationen der infantilen Sexualität zu bemerken. Das Wesentliche 
dabei ist, daß innerhalb der Grenzen der Jugendgruppen reichliche 
Beweise für die libidinöse Natur der Bindungen und für die frühe Sexual- 
betätigung der Gruppen bestehen. Man kann natürlich einwenden, 
daß Kinder- oder jugendliche Gruppen entweder zu vorübergehend oder 
zu unorganisiert oder zu artefiziell sind, um eine befriedigende Forschung 
zu gestatten. Die meisten veröffentlichten Beobachtungen über Gruppen- 
bildungen sind dieser Kritik unterworfen (z. B. Berichte über kurz währende 
geheime Gesellschaften mit Geheimsprache, Riten und Einweihungen, 
häufig von manifest sexueller Art, Beobachtungen über artefizielle Schul- 
gruppen, Beschreibungen periodischen Gruppenaufruhrs, wie z. B. die 
Feierlichkeit des „Barring 00t the Dominie"). Eine Tatsache hat noch nicht 
die gebührende Würdigung gefunden. Während der Pubertätsjahre werden 
nämlich homogene Gruppen beobachtet, die keinesfalls von flüchliger 
Dauer sind, die nicht aus künstlichen Kindergruppen hervorgehen und die 
durch innere Kräfte zusammengehalten werden. Trotz ihrer Primitivität 
sind sie nicht ohne eine gewisse Kompliziertheit der Struktur, ganz abge- 
sehen von ihren ausgeprägten ethischen Vorschriften. 

Diese Gruppen gedeihen in Dorfgemeinschaften, die klein genug sind, 
um den vorwiegend künstlichen Bedingungen der Kindergruppen in 
größeren Städten zu entgehen, und die doch genügend bevölkert sind, 
um eine bloße Fortsetzung der Kindheitsbedingungen in größerem Maßstabe 
zu verhindern. Auffallend ist die spontane Art ihrer Bildung: sie sind 
nicht beeinflußt von der künstlichen Beschaffenheit der Schul- oder Klub- 
gruppenorganisation und das Moment einer gemeinsamen Beziehung zu 
einer außerfamiliären Autorität fehlt. Soziale Unterschiede innerhalb der 
Gruppe bestehen nicht; ihr homogener Charakter beruht auf zwei Fak- 
toren: Alter und Geschlecht. Jede Gruppe übt eine gewisse Territorial- 
gewalt aus, und jedes Dorf ist in „Einflußsphären", dem Buchstaben nach 
„Jagdgründe", eingeteilt, die eifersüchtig von den in Frage kommenden 
Banden" bewacht werden. Wir werden sehen, daß die letzte zersetzende 
Kraft — ■ die Ausbreitung der heterosexuellen libidinösen Ziele — ent- 



300 Edward Glover 



weder unentwickelt ist oder Formen annimmt, bei denen die „Bande" 
sich zu einem gemeinsamen Unternehmen vereinigen kann. Unter den 
jüngeren Mitgliedern ist öffentliche Befriedigung auf die infantilen Trieb- 
komponenten beschränkt; unter den älteren Mitgliedern bildet öffentliche 
Individual- oder Gruppenmasturbation die hauptsächlichste von Zeit zu 
Zeit erlaubte erotische Befriedigung. „Gruppen"- oder „Ketten"-Mastur- 
bation findet bei seltenen Gelegenheiten statt. Man kann auch gruppenweises 
Sexualvorgehen gegen Mädchen desselben oder eines vorgerückteren Alters 
beobachten, aber ihr häufiges Vorkommen ist ein Vorspiel zum endgültigen 
Zusammenbruch der Gruppe und zur individuellen Verfolgung hetero- 
sexueller Ziele. Die unbewußten Bindungen, welche die Gruppe zusammen- 
halten, sind zuerst und vor allem homosexueller Natur. 

Diese Unantastbarkeit und Gemeinsamkeit des libidinösen Zieles unter- 
scheidet die „Bande" einerseits von den halberwachsenen Gruppen, anderer- 
seits von den unzähligen postinfantilen Gruppen, aus deren zerfallenden 
Überbleibsel sich die Pubertätsgruppe bildete. Die halberwachsenen Gruppen 
sind unbeständig wegen der wachsenden exogamen Interessen, die ersten 
postinfantilen Gruppen außerhalb der Familie wegen ihrer Neigung, 
sich in die ursprüngliche Familiengruppe zurückzuziehen. Selbst wenn 
diese frühen Gruppen außerhalb der Familie sich zu einer festeren 
Organisation entwickelt haben, herrscht bei diesen unreifen „Banden" ein 
Element vor, das den Keim des Zusammenbruches in sich trägt: Es gibt 
kaum eine Geschlechtsdifferenzierung bei diesen frühen „Banden". Wenn 
einmal die Phase infantiler Sexualität vollständig verschüttet ist, zeigen sich 
Geschlechtsunterschiede in den Gruppen. So gilt z. B. die Begel der Aus- 
schließung der Mädchen aus den männlichen Gruppen streng genug, um 
als selbstverständlich angesehen zu werden. Indessen werden weibliche 
Gruppen derselben Größe und in demselben Maße organisiert nicht beob- 
achtet. Wenn die Pubertätsgruppe einmal gebildet ist, bleibt sie fest zu- 
sammen, und obgleich sie den gelegentlichen vulkanischen Ausbrüchen 
von Feindseligkeit unterworfen ist, bleibt die Bindung bestehen, bis die 
Gegensätze und realen Interessen der Heranwachsenden in Erscheinung 
treten. Fahnenflucht ist selten und Vertreibung fast unbekannt. 

Bei diesen Gruppenbildungen spielt das Moment des Alters eine wichtige 
Bolle. So kann man leicht beobachten, wie Bindungen innerhalb der 
Familie durch die Gruppenunzugehörigkeit durchkreuzt werden. Selten findet 
man Brüder in derselben Gruppe, wenn der Altersunterschied nicht 
mindestens drei Jahre beträgt. Wo die Unternehmungen der Gruppe eine 
feindliche Aktion gegen die alteren Brüder eines Gruppenmitgliedes er- 
fordern, hält es dieses dennoch mit der „Bande". Bei einzelnen Gelegen- 



Zur analytischen Grundlegung der Massenpsychologie 301 

heiten kann ein jüngerer Bruder in die Gruppe aufgenommen werden, als 
eine Art von „Glückbringer": er genießt eine besonders begünstigte Stellung, 
die jener des „jungen Heros" vergleichbar ist; aber diese Rolle wird 
häufiger von einem Kind gespielt, das mit keinem Mitglied verwandt ist. 
Er wird wie der „jüngere Bruder der ganzen Gruppe aufgenommen und 
behandelt. 

Wie erwähnt, ist der interessanteste Zug dieser Pubertätsgruppen der 
Übergangscharakter in der Entwicklung ihrer Moralvorschriften. Man kann 
ganz offene sexuelle Betätigung beobachten, verschiedene Hemmungen, die 
zum Teil diese Betätigung einschränken, auch die bekannte Sublimierung infan- 
tiler sexueller Interessen studieren und zu gleicher Zeit festgesetzte Moral- 
vorschriften, die das Benehmen lenken, feststellen. Außer diesen Äußerungen 
der Gruppenorganisation gibt es einen hochentwickelten ethischen Kodex, 
der nur leicht von jenem abweicht, welcher in den erwachsenen Gemein- 
schaften gilt. Der augenscheinlichste Unterschied betrifft die Äußerung 
der aggressiven Impulse: diese werden beinahe dauernd ungehemmt be- 
friedigt, wenn sie gegen andere Gruppen oder gegen externe Autoritäts- 
vertreter gerichtet sind. Vernichtende innere Kämpfe gibt es nicht, außer 
bei ganz besonderen Gelegenheiten, die wir beschreiben werden. 

Um den Übergangscharakter der Triebbeschränkung, die der Gruppe 
eignet, zu illustrieren, wählen wir die Regeln, die den Exhibitionismus 
betreffen. Defäkation wird ganz offen, entweder einzeln oder in Gruppen 
ausgeführt. Urinieren dagegen ist bestimmten Zeremonien unterworfen: 
nur jüngere Gruppenmitglieder zeigen den Penis offen; ältere Mitglieder 
urinieren öffentlich (gewöhnlich gleichzeitig und oft um die Wette), aber 
der Penis wird von der Hand bedeckt. Bei orgastischen Masturbations- 
veranstaltungen unter den älteren Mitgliedern, bei der „Gruppen- oder 
„Kettenmasturbation", fällt diese Einschränkung natürlich weg. Ebenso zeigt 
der Vorgang des Entkleidens, beim Baden, interessante Variationen. Nur die 
jüngsten Mitglieder zeigen den Penis offen; die älteren Mitglieder haben 
die Angewohnheit, ihn mit der Hand zu bedecken, wenn er entblößt 
wird. Dabei zeigt sich bei diesen Gelegenheiten keine direkte sexuelle 
Neugierde, außer vielleicht in Fällen von anatomischer Abnormität. 

Wenn man sich an diese strengen Vorschriften erinnert, so ist es inter- 
essant, zu beobachten, was geschieht, wenn einmal Entscheidungskämpfe in 
der Gruppe ausbrechen. Diese sind vom Weglassen der früheren sexuellen 
Beschränkungen begleitet und führen zu zeitweiliger Zersetzung und Auf- 
lösung der Bande selbst. Die Unruhen werden bezeichnenderweise durch 
Phasen von Langeweile herbeigeführt, die mit völliger Unbefriedigung ver- 
bunden sind, den gewöhnlichen Vorläufern einer neuen sadistischen Eruption. 






302 



Edward Glover 



Wenn diese ihren Höhepunkt erreicht hat, wird das Signal zur Tat nicht 
von den bedeutendsten Gruppenmitgliedern gegeben, sondern von den 
geringeren und oftmals von dem „jungen Heros" selbst. Ein besonderes 
Mitglied wird ausgewählt und es wird gefordert, es „zur Schau zu stellen". 
Die Gruppe fällt dann über das gewählte Opfer, das am Rücken gefesselt 
wird, her, reißt seine Kleider herunter, enthüllt seinen Penis, starrt ihn 
der Reihe nach an, wirft gewöhnlich Gras oder Schmutz darauf oder speit 
auf den enthüllten Phallus. Das Opfer darf sich weder verteidigen noch 
seine Rachsucht befriedigen, indem es den ursprünglichen Anstifter zum 
Kampf herausfordert. Aber es kann einen Vergeltungsakt anordnen. 
Er nennt das nächste Opfer, und so unterwirft sich ein Mitglied nach dem 
anderen der schweren Prüfung. Am Ende dieser Reihe bezahlt der „junge 
Heros den Preis für seine ursprüngliche Frechheit; er wird ebenso be- 
handelt, aber mit verächtlicher Milde. Dann kommt der Höhepunkt: die 
Gruppenmitglieder, welche die größte Autorität haben und bisher, mit 
Ausnahme des tatsächlichen Schauens, eine mehr minder inaktive Rolle 
gespielt haben mögen, werden selbst angegriffen. Sie üben das Privileg des 
Kämpfern, das den jüngeren Mitgliedern versagt ist, aus und werden nur 
durch die Übermacht der vereinten „Bande" überwunden. Das ist das 
Ende der Zeremonie des „Zur-Schau-Stellens" (in verschiedenen Teilen des 
Landes als „Besichtigen", „Betrachten" oder „Zur-Schau-Legen" bekannt), 
und für eine kurze Weile scheint die Gruppe ihre Festigkeit wieder- 
gewonnen zu haben. Das ist aber nicht der Fall. In Wirklichkeit kommt 
es zu einem zeitweiligen Zerfall und, wie bei den postinfantilen Gruppen, 
zur Rückkehr in die Familienfestung. Der anarchische Zustand ist erreicht 
und es kann Tage dauern, bevor die Bandengesetze und -gewohnheiten 
ihre Macht wiederei langt haben. 

An der ins Einzelne gehenden Deutung dieser Zeremonie sind wir 
nicht unmittelbar interessiert; es genügt für unseren gegenwärtigen Zweck, 
die Befriedigung der einzelnen sexuellen Impulse (Sadismus, Schaulust, 
usw.), den offenbaren Ausdruck homosexuellen Interesses und den explo- 
siven Ausbruch der von der positiven ödipussituation abgelenkten Tendenzen 
festzustellen. Augenscheinlich befriedigt die Zeremonie unbewußte Be- 
dürfnisse, die sich in der zeitweiligen Sexualbetätigung der Gruppe 
(Masturbation usw.) nicht angemessen entladen. Hier ist ein weiter 
Spielraum für verschiedene unbewußte Interessen vorhanden, von der 
Haltung gegenüber dem außerordentlich femininen „jungen Heros" bis 
zu der „Schaustellung" der männlichen Führer. In diesem letzten 
Sinne ist die Zeremonie eine reine Kastrationszeremonie, wobei jedes Opfer 
durch den vereinten Gruppenangriff die allmächtige väterliche Autorität 






Zur analytischen Grundlegung der Massenpsydiologie 



303 






im Sinne der Kastration oder der homosexuellen Befriedigung verspüren 
soll- Hierdurch hat jedes Gruppenmitglied unbeschränkt Gelegenheit, seine 
eigenen erotischen Neigungen und Nöte auszudrücken. 

Wegen des knappen Materials, das hier vorgeführt wurde, ist es unmög- 
lich, in einer kurzen Mitteilung mehr als auch nur einige Probleme der 
Massenpsychologie, die daraus ersichtlich sind, zu betrachten. Man kann 
indessen sagen, daß psychoanalytische Formulierungen, welche die libidinöse 
Natur der Gruppenbindungen betreffen, hier unmittelbar ihre Bestätigung 
finden. Wenn die zielgehemmten Triebe, welche die Gruppe gewöhnlich 
zusammenhalten, von diesem periodischen Aufwallen sadistischer und anderer 
manifester Betätigungen beiseite gedrängt sind, ist die Gruppe vorüber- 
gehend aufgelöst. Obgleich im gewöhnlichen Verkehr reichlich Gelegen- 
heit ist, die genitale Neugierde zu befriedigen, findet man keinen sadistischen 
Ausdruck des Schautriebes: trotz der früheren Vertraulichkeit werden an 
den Tagen der „Prüfung die Genitalien so betrachtet, als sähe man sie 
zum erstenmal, während jedes Opfer sich ganz wie ein schimpflich 
beleidigter Fremder benimmt. Ferner wird die libidinöse Natur der 
Gruppenbindung noch deutlicher vor Augen geführt durch die Tatsache, daß 
wenig oder gar keine Anlehnungsbeziehung zwischen den Ansprüchen der 
Objekttriebe und der Selbsterhaltungstriebe besteht. Die Interessen der Selbst- 
erhaltung zeigen sich nur bei Gelegenheit von Gruppenkämpfen zwischen 
verschiedenen Banden ; es ist immerhin von Vorteil, einer Gruppe anzu- 
gehören, wenn fremde Gebiete zu betreten sind: aber die Gruppe ist 
ursprünglich nicht aufgebaut, um solchen Schutz zu bieten. 

Nun zur wesentlichen Frage der Führerschaft: die Pubertätsgruppe ist 
deshalb besonders interessant, weil sie nach außen hin keinen Führer 
anerkennt. Es gibt natürlich einflußreiche „Ältere", von denen man sagen 
kann, daß sie einige der exekutiven Führerfunktionen nach Art von Konsuln 
untereinander teilen, aber ihre Autorität ist nur bedingt und wird nur 
ausgeübt, wenn es auf physische Überlegenheit ankommt. Jedenfalls 
ist sie leicht unterminiert und die Führergewalt der Gruppe liegt 
ebenso oft in der Hand der jüngeren Mitglieder. Im ganzen kann man 
wohl sagen, daß zu normalen Zeiten die Funktion des Führers nie klar 
bestimmt ist, und daß sie, wenn sie in Tätigkeit tritt, fast immer unter 
den Mitgliedern verteilt ist. Das Fehlen einer ausgesprochenen Führer- 
schaft und die Wahl durch Kampf schließt indessen nicht aus, daß die 
Gruppe unbewußt durch gleichartige Einstellung zu einem Führer beeinflußt 
wird. Es ist genug aktuelle Führerschaft bei irgendeiner Gelegenheit wirksam, 
um für eine Absetzung zu sorgen, und keinesfalls ist es so, daß die Gruppe eine 
durchaus selbständige Gemeinschaft wäre, während der Hintergrund aller 



304 Edward Glover 



anderen sozialen Beziehungen der einer direkten Abhängigkeit von autoritativen 
Gestalten ist. Aber es ist interessant, festzustellen, wie diese Pubertäts- 
gruppen die Führerschaft bis auf ein Minimum reduzieren, ausgenommen bei 
zwei Gelegenheiten : /) bei einem Konflikt zwischen verschiedenen Banden und 
2) bei der „Prüfung". Hiebei wird jedes Individuum, das für den Augen- 
blick die meisten Ansprüche auf Gruppenautorität hat, zur Führerschaft 
gezwungen, ob es will oder nicht. Trotzdem es als letztes angegriffen wird, 
kämpft es wütend und entkommt manchmal; scheint es doch ebenso 
wesentlich zu sein, daß es als Führer angegriffen wird, wie es unvermeid- 
lich ist, daß die schwächeren Mitglieder besiegt werden. Bei diesen Gelegen- 
heiten wird es klar, daß die „Kastration des Vaters" ein wesentlicheres 
Motiv ist als die unmittelbaren homosexuellen Zwecke. 

An diesem Punkt ist man versucht, sich auf die Hypothesen der „Ur- 
horde , die von der analytischen Massenpsychologie angenommen worden 
sind, zu beziehen; diese schließen die Organisation der Brüderhorde, nach- 
dem diese von dem Urvater vertrieben worden ist, mit ein. Natürlich 
muß von der ontogenetischen Parallele zur Vertreibung der Söhne ange- 
nommen werden, daß sie ursprünglich während der infantilen Ödipus- 
situation vor sich ging und bei nachfolgenden wichtigen Gelegenheiten 
z. B. beim Schuleintritt, wiederholt wurde; aber die Gruppen- 
bildungen, die mit diesen früheren Ereignissen in Verbindung stehen, 
haben immer eine direkte Beziehung zur väterlichen Autorität oder zu 
ihren Stellvertretern. Hier in der Pubertät finden wir trotz der vielen 
Gruppenbildungen von formaler Konstitution, die, wie man meinen sollte, 
dem Verlangen nach Gruppenbildung genügen sollten, eine völlig 
spontane Bildung, in der die Führerschaft gewöhnlich leicht zu haben ist. 
Man kann sogar so weit gehen, zu sagen, daß das Studium dieser Pubertäts- 
gruppen uns einen unmittelbaren Beweis — soweit ein solcher überhaupt 
erreichbar ist — gibt, der den Wert solcher Hypothesen, wie es die von 
der Brüderhorde ist, bezeugt, und daß die explosive Zersetzung der „Bande" 
ein unmittelbares und modernes Beispiel von dem „Kampf in der Brüder- 
horde ist. 

Es ist interessant, zu beobachten, welches Licht ein weiteres Studium 
dieser frühen Gruppen auf das Problem der Latenzperiode werfen könnte. 
Ferenczis geistvolle Idee, daß die Latenzperiode den phylogenetischen 
Abdruck der Eiszeit darstelle, hat, wie wir wissen, eine gewichtige Unter- 
stützung gefunden, da Freud sie angenommen hat. Andererseits herrscht 
die Neigung, den Begriff der Latenzperiode zu streng zu fassen, und einige 
Analytiker, die über häufige Späterscheinungen der infantilen Sexualität 
und Früherscheinungen der Vorpubertät diskutieren, haben die Latenz- 




Zur analytischen Grundlegung der Massenpsychologie 305 

periode als einen rein theoretischen Begriff betrachtet. Nun bringen einer- 
seits Gruppengebräuche manifeste Befriedigungen einiger Triebkomponenten 
von unbewuöt homosexueller Art; andererseits haben die jüngeren Mit- 
glieder der Gruppen, deren Betätigung, wie gesagt, hauptsächlich auf 
prägenitale Befriedigung zielt, sich noch nicht ganz von der Latenzperiode 
befreit. Daraus ergeben sich manche interessante Betrachtungen. Es kann 
eingewendet werden, daß das Phänomen der Latenz eine gewisse spezifische 
Beziehung zur infantilen homosexuellen Organisation hat, oder daß die 
Wiederkehr offener homosexueller Interessen, die nach der Pubertät beob- 
achtet werden, so auffallend erscheint, weil wir die Manifestationen der 
Latenz noch nicht genügend erforscht haben. Man kann auch einwenden: 
ebenso wie die langdauernden infantilen Neurosen einen unterirdischen 
Verbindungskanal zwischen infantiler und erwachsener Sexualität herstellen, 
geben auch die Gruppengebräuche und -betätigungen dem normalen Kinde 
eine zusammenhängendere libidinöse Erfahrung, als man vermutete, ganz 
zu schweigen von der Gelegenheit zu fortlaufender Triebumwandlung. 
Wie dem auch sei, es ist offensichtlich, daß wir in den Gruppenbildungen 
der Kindheit ein fruchtbares Gebiet sowohl für psychoanalytische als auch 
für die anthropologische Forschung haben. Wir erwarten die Zeit, wo die 
anthropologische Forschung ebenso viele Beobachtungen der Städte des 
westlichen Europas heranziehen wird, wie solche primitiver Gemein- 
schaften. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/2-3 



Symbolik und Ambivalenz in der Kleidung 

Von 

J. C. Flügel 

London 

Es erscheint gerechtfertigt, einen Beitrag zu diesem Sonderheft der 
Symbolik zu widmen, denn Ernest J ones' eigene Beiträge zu diesem 
Thema zeigen in ganz besonderer Weise seinen Scharfblick, seine tiefe 
Gelehrsamkeit, sein genaues Studium der Tatsachen und seine Klarheit des 
Gedankenganges wie der Darstellung. Solche ausgezeichneten Vorzüge finden 
sich nur selten vereinigt, sind aber in den Arbeiten unseres Freundes 
und Kollegen, den wir hier ehren wollen, in außergewöhnlichem Grade 
anzutreffen und können geradezu als charakteristisch für seine wissen- 
schaftlichen Schriften angesehen werden. Aber davon abgesehen, könnte 
man nicht umhin, diesen Gegenstand in irgendeiner Art zu behandeln, 
denn, wie Jones selbst gesagt hat, umfaßt die Symbolik in ihrem 
weitesten Sinne beinahe die ganze Kulturentwicklung. Ich möchte jedoch 
hier nicht über Symbolik im allgemeinen sprechen. Die meisterhafte Dar- 
stellung dieses Gegenstandes, die Jones vor dreizehn Jahren veröffentlichte, 
ist immer noch unübertroffen. Ich will mich vielmehr auf die Darstellung 
der Symbolik einer bestimmten Gruppe von Gegenständen beschränken, 
nämlich auf die der verschiedenartigen menschlichen Bekleidungsstücke. 
Einige Psychoanalytiker, darunter auch Jones, haben zwar schon ver- 
einzelte wertvolle Beiträge zu unserer Kenntnis der symbolischen Bedeutung 
besonderer Gewänder geliefert, aber es ist jetzt vielleicht an der Zeit, einen 
kurzen Überblick über die Kleidersymbolik im allgemeinen zu geben, 
zumal diese mit gewissen interessanten feindseligen und ambivalenten 
Strebungen zusammenzuhängen scheint, die bisher in der psychoanalytischen 
Literatur noch nicht genügend beschrieben worden sind. 1 

So viel wir heute wissen, scheint der Phallus am häufigsten durch die 

1) Ich habe im folgenden von einigen Angaben und interessanten Anregungen 
Gebrauch gemacht, die mir von meinen Freunden Herrn Eric H i 1 1 e r und Professor 
N. J. S y m o n s zugingen, denen ich hiermit meinen aufrichtigen Dank ausspreche. 



Symbolik und Ambivalenz in der Kleidung 307 



Kleidung symbolisiert zu werden, obwohl auch das äußere weibliche 
Genitale durch verschiedene Gewänder symbolisiert wird, gelegentlich sogar 
durch die gleichen, die in anderen Fällen als phallische Symbole dienen. 
Das bekannteste Symbol ist wohl der Hut, 1 der gewöhnlich männliche 
Bedeutung hat, zumal wenn er spitz ist oder hörnerartige Fortsätze als 
Verzierung trägt; 2 zuweilen hat er auch weibliche Bedeutung. Ferner der 
Schuh, der einmal ein weibliches Symbol ist,* weil er den Fuß (= Penis) 
umschließt, dann aber wieder auch ein männliches, zumal in Zusammen- 
hang mit Fetischismus.* In einer bestimmten Form, wie bei den lang- 
spitzigen Schnabelschuhen (Poulaines) im Mittelalter, die von den damaligen 
Kasuistikern stets als das abscheulichste Sinnbild der Unanständigkeit 
betrachtet wurden,5 tritt diese Bedeutung besonders hervor. Dem Schnabel- 
schuh wurde tatsächlich zuweilen die unverhüllte Gestalt des Phallus 
gegeben. 6 Dadurch war der moralische Unwille über diesen Schuh gerecht- 
fertigt, auch wenn seine symbolische Erscheinung verhüllter war, wenn 
der Schuh z. B. nur in einen Schnabel oder in eine Klaue endete. Unsere 
heutige erotische Symbolik von Schuhen und Stiefeln ist wahrscheinlich 
nur ein schwaches Echo der früheren Symbolik, aber die heute gewöhn- 
lich durch hygienische Gründe rationalisierte Verdammung der spitzen 
Zehe und des hohen Absatzes scheint ein Überbleibsel der früher durch 
den Schnabelschuh beleidigten Moral zu sein, denn die moderne spitze 
Zehe enthält zweifelsohne noch etwas von der Bedeutung ihres auffälligeren 
Vorgängers, und der Absatz kann, wie wir wissen, auch ein phallisches 
Symbol sein. 7 

Der hohe Kopfputz des achtzehnten Jahrhunderts spielte wahrscheinlich 
dieselbe Rolle, wie der ü berlange Schnabelschuh früherer Zeiten, und unter- 

1) Siehe z. B. Freud: Ges. Schriften Bd. VII, S. i5g. 

2) Vgl. Ernest Jones: Papers on Psycho-Analysis (2. Aufl.), p. 136 (Punchinello 
symbolism); Marie Bonaparte: Über die Symbolik der Kopftrophäen. Imaeo 
Bd. XIV (1928), looff. 8 ' 

3) Freud, a. a. O.; Ferenczi: Sinnreiche Variante des Schuhsymbols der 
Vagina. Diese Zeitschr., Bd. IV, (1916) 112. 

4) Z. B. H. Hellmuth: Ein Fall von weiblichem Fuß-, richtiger Stiefelfeti- 
schismus. Diese Zeitschr., Bd. III, 1915, in. _ Sadger: Die Lehre von den 
Geschlechtsverirrungen, 325 — Vgl. die bekannten Verse von Herrick: 

„Her pretty ftet, 
hike snails did creep 
A little out, and then 
Ai if they olayed Bo-Peep 
Did soon draw in again." 

5) Havelock Ellis: Studies in the psychology of sex, V. 25. zit. Duf our: Histoire 
de la Prostitution. 

6) Havelock Ellis, a. a. O. 

7) Siehe z. B. Abraham: Klinische Beiträge zur Psychoanalyse, 93. 



. 



lag derselben moralischen Verdächtigung. Interessanterweise findet man 
unter diesen Verurteilungen einen Hinweis auf das Motiv des „Himmel- 
»türmens" in dem nach Lorenz 1 ein wichtiges phallisches Element liegt. 
So sagte ein Prediger von den Frauen, die solchen Kopfputz tragen: Sie 
bemühen sich, den Worten unseres Heilands zum Hohne gleichsam, ihrem 
Wuchs eine Elle hinzuzufügen. Mit ihren erhöhten Köpfen maßen sie 
sich eine Überlegenheit über die Menschheit an; wahrlich, diese Babel- 
Erbauer scheinen mit ihren ragenden Türmen das Firmament zu bedrohen 
und dem Himmel selbst zu trotzen. 2 

Dem Psychoanalytiker ist auch die phallische Symbolik der Krawatte 
wohlbekannt. 3 Nach meiner eigenen Erfahrung kommt, glaube ich, eine 
ähnliche Symbolik häufig dem Kragen, besonders dem steifen Kragen, zu,* 
obgleich ein Kleidungsstück, durch welches der Hals hindurchgeht, zunächst 
zur Darstellung eines weiblichen Symbols geeigneter erscheinen mag. Zahl- 
reiche Männer haben anscheinend an einem steif gestärkten Kragen Ver- 
gnügen und fühlen sich dadurch sehr in ihrem Selbstgefühl gekräftigt. 
Sie verspüren andererseits ein entsprechendes Minderwertigkeitsgefühl, wenn 
sie kragenlos oder mit zerknittertem Kragen angetroffen werden. Ein 
bekannter Naturforscher sagte mir, er fühle sich in einem weichen Kragen 
nicht als ein richtiger Mann, und ich kannte einen jungen Mann, 
der sich, selbst wenn er ein schwieriges und anstrengendes Spiel 
übte, nicht von seinem ungewöhnlich hohen Kragen trennen konnte. 
Auf alle Einwände und Verspottungen erwiderte er, daß er den 
Kragen, gerade weil die Aufgabe so schwierig sei, benötige. An 
manchen jetzt altmodisch gewordenen Kragen befindet sich ein Ansatz, 
der vorne, ähnlich wie eine Krawatte, herunterhängt, so daß hier Kragen 
und Krawatte ein Stück sind. Wahrscheinlich soll auch der Kragen der 
englischen Geistlichen, 5 der hinten zugemacht wird und vorne keine 
Krawatte hat, sondern nur die glatte, runde Fläche, eine Herabsetzung der 
Männlichkeit symbolisieren, wie dies ähnlich auch durch andere Eigen- 
tümlichkeiten in der Kleidung und in der Erscheinung der Geistlichen 
betont wird (/.. B. Tonsur, Böcke). 

i) Das Titanenmotiv in der allgemeinen Mythologie. Imago, Bd. II (1913), 48. 

2) Frank Alvah Parsons: The Psychology of Dress, p. 188. 

3) H. R. : Zur Symbolik der Schlange und der Krawatte, Zentralblatt für Psycho- 
analyse, 1912, H, 675; Holl6s: Schlange und Krawattensymbolik. Diese Zeitschr., 
Bd. IX, 1923, 78; Freud: a. a. O., 15g. 

4) Melanie Klein hat schon daraufhingewiesen, daß diese Symbolik sich bei 
Kindern findet. „The development of a child." Int. J. of PsA. 1923, IV, 464. 

5) Der Grund für die eigentümliche Form dieses Kragens ist, wie »ins ein Kleider- 
historiker sagte, durchaus nicht selbstverständlich. 



Symbolik und Ambivalenz in der Kleidung 309 

Der Kopf, dieser bescheidene, doch für die moderne Bekleidung unent- 
behrliche Bestandteil, gewinnt, wie ich glaube, zuweilen auch eine gewisse 
phallische Bedeutung, wahrscheinlich, weil er durch ein eigens für seine 
Aufnahme gemachtes Loch hindurchgehen soll. (Vgl. die sogenannten 
„male and female screws , Schraube und Mutterschraube; hier ist sicher- 
lich die Analogie zum Koitusakt eine engere.) Jedenfalls erscheint im 
Lichte psychoanalytischer Erfahrung die Deutung nicht sehr gewagt, daß 
das ständige Herumdrehen an den Knöpfen, wozu manche Leute im Zu- 
stande der Verlegenheit neigen, einen symbolischen Akt der Masturbation 
darstellt.' Ich habe auch gefunden, daß die Hosen als ein Symbol für den 
Phallus oder für die gesamten äußeren männlichen Genitalien behandelt 
werden, wie z. B. in folgendem kurzen Traum eines Analysanden: „Zwei 
Männer, einer mit weiten, der andere mit engen Hosen, griffen ein Mädchen 
in einem Graben an. Ich schlug den Mann mit den engen Hosen mit einem 
Knüppel, den ich trug." Hier wurden die weiten Hosen mit dem Vater 
assoziiert und sollten offenbar auch die Hoden darstellen, während die 
engen Hosen den Penis darstellten. Die beiden Männer zusammen bedeuten 
so die Genitalien des Vaters und die ganze Szene stellt eine Rettungs- 
phantasie mit Kastration des Vaters dar. — In früherer Zeit wurde das 
Vorhandensein des Penis deutlich durch den „Hosenlatz" angezeigt, welches 
Kleidungsstück vielleicht infolge der Enge der unteren männlichen Kleidung 
nötig war, der aber häufig durch eine besondere Färbung unnötig auffällig 
gemacht wurde und durch seine Form eine ständige Erektion vortäuschte. 
Ich habe selbst eine sehr auffallende Darstellung eines enormen Phallus 
an dem Anzug eines bekannten Tänzers auf der heutigen Bühne gesehen. 
Ebenso ist der schottische „Sporran" (der zuweilen mit drei Quasten ver- 
ziert ist, von denen die mittlere etwas niedriger hängt als die anderen 
beiden) ganz deutlich ein symbolischer Gegenstand ähnlicher Art. Dasselbe 
gilt beinahe sicher, obwohl weniger deutlich, für die Schürze der Frei- 
maurer. Bei den letzterwähnten Kleidungsstücken denkt man unwill- 
kürlich an das biblische Feigenblatt, bei dem sehr starke phallische 
Gedankenverbindungen schon nachgewiesen worden sind. 2 Dafür ist wahr- 

i) Zum Beispiel in der bekannten Erzählung, die, wie ich glaube, gewöhnlich 
mit Bezug auf einen berühmten Schriftsteller berichtet wird: Der Knabe spielte 
immer mit einem bestimmten Knopf, wenn er in der Schule Fragen beantworten 
sollte. Er war stets der Erste in der Klasse, rückte aber sofort auf den letzten Platz, 
als ein neidischer Mitschüler gerade vor der Lehrstunde den Knopf abgeschnitten und 
dadurcli einen Zustand geistiger Lähmung (Kastration) herbeigeführt hatte. 

2) Levy: Sexualsymbolik in der biblischen Paradiesgeschichte. Imago, Bd. V 
(1919), 27. Weitere Einzelheiten über die phallische Bedeutung der Feige (Zusammen- 
hang mit Kastration bei den Jünglingsweihen; Verheiratung von zwei Bäumen mit 



310 J. C. Flügel 

scheinlich seine auffallende Ähnlichkeit (zumal auf einer seiner Ent- 
wicklungsstufen) mit dem männlichen Genitale verantwortlich, vielleicht 
auch die Beschaffenheit der Frucht. Nach der Meinung vieler Autoren 
übten wahrscheinlich magische Anschauungen einen bedeutsamen Einfluß 
auf die erste Entwicklung der Kleidung und des körperlichen Schmuckes 
aus, und die magischen Werkzeuge — Talisman und Amulett — sind, 
wie wir wissen, meist (vielleicht immer) ursprünglich selbst Symbole der 
Zeugungsorgane. 

Diese phallische Symbolik beschränkt sich aber nicht nur auf die ver- 
hältnismäßig kleinen Gewandstücke, die für besondere Teile des Körpers 
bestimmt sind. Dies beweist die überraschende und unerwartete Trachten- 
symbolik des Überrocks oder Mantels, die zuerst von Freud in Träumen 
entdeckt, 1 von Reik auf dem Gebiete der Folklore bestätigt 2 und durch 
weitere Beobachtungen von Ernest Jones klargestellt worden ist. 3 Hier 
zeigt sich, daß ein großes und umfangreiches, den ganzen Körper lose um- 
hüllendes Gewand, das mit der Form des Phallus gar keine Ähnlichkeit 
hat, dennoch ein häufiges Phallussymbol sein kann. 

Tn allen angeführten Beispielen scheint die phallische Kleidersymbolik 
hauptsächlich ein stolzes Zurschautragen der Potenz zum Ausdruck zu bringen. 
Aber ein solches Zurschautragen gründet sich bekanntlich oft auf einen 
Wunsch nach Sicherung, und zwar nach Sicherung gegen die Furcht, das 
phallische Organ zu verlieren. So ist es nicht überraschend, daß Kleider 
auch in der symbolischen Darstellung der Kastration eine Rolle spielen 
können. Die Kastrationsbedeutung wird dabei häufig durch das Ausziehen 
oder die Zerstörung von Kleidern ausgedrückt. Nach Freud* symbolisiert 
man beim Grüßen durch das Abnehmen des Hutes die Kastration, und 
Prynce Hopkins^ berichtet einen ähnlich merkwürdigen Fall, der . 
ursprünglich von mir beobachtet wurde. Das Abnehmen der Kopfbedeckung 
scheint nur ein besonders wichtiges und verbreitetes Beispiel für die all- 



einander; Anbetung durch Frauen, die Kinder wünschen; das Schlagen mit Feigen- 
zweigen, um Fruchtbarkeit zu bewirken; Gebrauch als Bohrer zum Feuermachen; 
Zusammenhang mit Schlangen, Himmelsleitern und — notabene — mit Kleidern) 
finden sich bei Frazer: Folklore in the Old Testament, III, 217 fr, und in „The 
Magic Art", II, 313 ff. Mir erscheint Groddecks Deutung des Feigenblattes als Hand 
(in Berührung mit den Genitalien) zweifelhaft, mit Ausnahme vielleicht besonderer 
Fälle. (Das Buch vom Es, p. 72.) 

1) Ges. Sehr. Bd. VII, S. 159.' 

2) Völkerpsychologische Parallelen zum Traumsymbol des Mantels, Diese Zeitschr., 
Bd. VI, 350. 

3) Der Mantel als Symbol. Diese Zeitschr.. Bd. XIII (1927), 77. 

4) Ges. Schriften, III, 77. 

5) Father or Sons, 28. 









Symbolik und Ambivalenz in der Kleidung 31 1 

gemeine primitive Sitte zu sein, sich zum Zeichen der Ehrerbietung zu 
entkleiden. So wie nach H. Spencer 1 der Ursprung der Kleidung von 
dem Tragen von Trophäen (meistenteils phallische Symbole) herrührt, 
ebenso bedeutet das Abnehmen von Gewändern oder Schmuck, wie der- 
selbe Autor ausführt, Unterwerfung oder Ehrerbietung (entsprechend der 
Übergabe der Waffen seitens des Besiegten). Als ein eigenartiges Beispiel 
für diese Tendenz führen wir Marco Polos Bericht an, nach dem einem 
jeden, der die Schwelle des Pekinger Palastes betrat, die Kleider gewalt- 
sam ausgezogen wurden 2 — ein besonders lehrreiches Beispiel in Hinblick 
auf die wohlbekannte symbolische Bedeutung der Schwelle. Ich glaube, 
daß auch bestimmte „typische" Träume, in denen man sich nackt oder 
unangemessen bekleidet sieht, gelegentlich mit der Kastrationsangst zu- 
sammenhängen, zumal Träume, in denen ein besonderes Kleidungsstück 
fehlt oder unpassend ist. Solche Träume kommen nach meiner Erfahrung 
häufiger bei Männern als bei Frauen vor. In anderen Fällen kann die 
Kastration durch das Zerschneiden oder Zerreißen von Kleidern angedeutet 
werden. Solche Vorstellungen mögen vielleicht bei den Juden bei dem 
Zerreißen der Kleider als Zeichen der Trauer eine BoUe spielen. 3 

Der folgende Traum ist ein gutes Beispiel für diese Beziehung zwischen 
dem Zerreißen von Stoff und der Kastration; „Ich träumte, daß mein 
Vater . . . eines Tages in das Haus gehen wollte. Ich erhob meine Hand, 
um ihn nicht hereinzulassen. Dabei riß ich ein Stück Stoß aus seinem 
Mantel. Noch einige Tage später konnte ich den Stoff in meiner Hand 
fühlen." Ferenczi hat gezeigt, daß Schneidersöhne ganz besonders am 
Kastrationskomplex leiden. 4 - Dies deutet darauf hin, daß die Schneiderei 
(das Zerschneiden und Zusammennähen von Stoff) vielleicht den Koitus 
mit der Mutter symbolisiert (Stoff = Material = Mutter). Die erotische 
Bedeutung des Nähens ist ja wohlbekannt, 5 obgleich man es gewöhnlich 
als rein autoerotisch aufgefaßt hat (als Ersatz für die Masturbation). 6 Wenn 
man auf Kastrationsängste mit einem Übermaß von auffälliger, phallisch 
betonter Tracht reagiert, so ist dies offenbar nur ein Beispiel für die 



l) Principles of Sociology, II, 128 ff. 

3) Reik: Die Türhüter. Imago 191g, V, 34,5. 

3) Man hat vermutet, daß die Einschnitte in dem heutigen Rockkragen (da, wo 
der Kragen in den Rockaufschlag übergeht) mit dieser Sitte in Beziehung stehen, 
obgleich Webb, der dies erwähnt (The Heritage of Dress, p. 30), es für zweifel- 
haft hält. 

4) Die Söhne der Schneider. Diese Zeitschr., Bd. IX (1923), 67. (Abgedruckt in 
„Bausteine zur Psychoanalyse".) 

5) Havelock Ellis: Studies in the psychology of sex, I, 176. 

6) Groddeck: Das Buch vom Es, 168. 



312 J. C. Flügel 

übliche apotropäische Funktion von polyphallischer Symbolik. 1 Angesichts 
der jüngsten Arbeit Freuds 3 ist es nicht nötig, hier darauf einzugehen, 
welche wichtige Bedeutung gewissen Seiten des Kastrationskomplexes (der 
fehlende Penis der Mutter) für die Frage des Fetischismus zukommt. 

Bei Frauen kann der Kastrationskomplex nach Sadger 3 allgemeine 
exhibitionistische Neigungen für den ganzen Körper bewirken, gleichsam 
als ob sie sich bemühten, an Stelle des fehlenden Penis andere Reize zur 
Schau zu stellen. Dies trifft für einige Fälle sicher zu. Kürzlich sind 
jedoch einige weibliche Analytiker zur Ansicht gelangt, daß der weibliche 
Kastrationskomplex in seiner einfachen Form (Kastration = Abtrennung 
des Penis) weniger häufig ist, als man früher vermutete, und daß sich das 
Minderwertigkeitsgefühl bei Frauen von Anfang an auf den Körper als 
Ganzes beziehen kann. 

Jedenfalls ist es klar, daß die typisch männliche Kastrationssymbolik 
beim Ablegen von Kleidungsstücken bei Frauen nicht sehr häufig anzu- 
treffen ist. Frauen neigen vielmehr vielleicht eher dazu, unter dem Ein- 
fluß des Kastrationskomplexes gewisse Kleidungsstücke auszuziehen. So zum 
Beispiel dient das Ablegen des Hutes häufiger als Zeichen der Furchtlosigkeit 
vor der Kastration als sein Aufsetzen. Dem entspricht, daß die konventionellen 
Forderungen für Frauen vielfach die entgegengesetzten sind wie die für 
Männer. Männer legen bestimmte Gewandstücke in Befolgung dieser Sitten 
ab, Frauen behalten sie an (z. B. die Vorschrift, eine Kopfbedeckung in 
der Kirche zu tragen, die Überkleider bei Besuchen anzubehalten, bis man 
zum Ablegen aufgefordert wird). 

Im Vergleich zur Reichhaltigkeit der phallischen Kleidersymbolik sind 
die entsprechenden weiblichen Symbole in der Kleidung verhältnismäßig 
selten. Außer dem Hut und den Schuhen, von denen bereits die Rede 
war, haben anscheinend der Schleier, der Gürtel * und das Strumpfband 
die Aufmerksamkeit der Psychoanalytiker am meisten auf sich gelenkt. 
Jedoch können auch Armbänder und andere Schmuckgegenstände sowie 
Edelsteine diese Bedeutung annehmen. 5 

1) Flügel: Polyphallic Symbolism and the Castration Complex. Int. Journ. of 
Psycho-Analysis, 1924, V, 155. 

2) Fetischismus. Diese Zeitschr., Bd. XIII (1927), 373. Ges. Schriften, Bd. XI. 

3) Die Lehre von den Geschlechtsverirrungen, 378. 

4) „. . . that sonulet of love 

Whcrein all pleaswe of the World are wove." (Herrick.) 
In der babylonischen Mythologie wird erzählt, daß die Fortpflanzung in der Welt 
aufhörte, wenn Ischtar in der Unterwelt ihren Gürtel ablegte. (Elliot Smith: The 
Evolution of the Dragon, p. 154.) 

5) Die beste Übersicht über diese Symbolik findet man wohl in Storfer» 
„Marias jungfräuliche Mutterschaft", pp. 4g ff. 









Symbolik und Ambivalenz in der Kleidung 3 '3 

Erschöpfen Beispiele dieser Art die Symbolik der weiblichen Kleidung? 
Ich glaube es nicht. Außer der symbolischen Darstellung der äußeren 
weiblichen Genitalien gibt es nämlich noch eine andere Klasse weiblicher 
Symbole, die richtiger als Mutter- oder Mutterleibssymbole bezeichnet 
werden können. Sie spielen mit Bezug auf die schützende Funktion der 
Kleider 1 eine ähnliche Rolle wie die phallische oder vaginale Symbolik 
innerhalb der schmückenden Funktion. Auf diesem Gebiete dürfen wir 
uns wieder der sicheren Führung von Ernest Jones anvertrauen. In seiner 
anregenden Schrift „Kälte, Krankheit und Geburt" 2 hat er sich zu zeigen 
bemüht, daß die Furcht vor Kälte ihre unbewußte Quelle in der Furcht 
vor der Trennung von der Mutter hat, vor allem in der Trennung von 
der Mutter bei der Geburt. Allerdings behandelt er in dieser Arbeit 
größtenteils die Gleichung: Geburt = Kastration, so daß wir bei der An- 
wendung seiner Schlußfolgerungen auf die Kleidung finden würden, daß 
der Kälteschutz, den uns die Kleider bieten, nur eine andere Seite des 
Schutzes ist, den sie uns gegen die Kastrationsangst gewähren. Aber viele 
psychoanalytische Gesichtspunkte verbieten uns, zu glauben, daß sich die 
psychologische Bedeutung von Geburt und Muttertrennung in der Kastrations- 
symbolik erschöpft. Obgleich Geburt und Kastration gedanklich zweifellos 
in einer Weise verknüpft sind, deren Fäden wir bis heute nur teilweise ver- 
stehen, so hat erstere ebenso sicher ihre eigene stark affektive Betonung. 
Die Angst vor dem Verlust der schützenden Mutterliebe kann zusammen 
mit dem entsprechenden Wunsch, sich diese Liebe zu erhalten (beide 
letzten Endes in dem Wunsch ausgedrückt, in den Mutterschoß zurück- 
zukehren), ganz unabhängig von einer damit assoziierten Kastrationsangst 
das ganze Leben hindurch andauern. Wenn nun Kälte zu jenen Reizen 
einer feindlichen Außenwelt gehört, gegen die man sich am besten durch 
Rückkehr in den Mutterleib schützt, so liegt es nahe, daß Kleider, die 
uns gegen die Kälte schützen, vom Unbewußten als Äquivalent für den 
schützenden Schoß angesehen werden. Wir würden dann erwarten, daß 
die Kleidung zuweilen als Mutterleibsymbol gebraucht wird. Allerdings 
besitzen wir vorläufig für diese Symbolik unvergleichlich weniger konkrete 
Beweise als für die phallische Symbolik der Kleidung. Dennoch gibt es 
verschiedene Gesichtspunkte, nach denen eine solche Symbolik in hohem 
Maße gerechtfertigt erscheinen mag. In erster Linie zeigen die Forscher, 
die über Kleidung schreiben, eine starke Neigung, die Funktion der 

l) D. h. insoweit Kleider eher dazu dienen, den ganzen Körper zu schützen 
(gegen Kälte oder sonstige schädliche Außenreize\ als einen magischen Schutz für 
die Genitalien zu bilden. 

a) Diese Zeitschr., Bd. IX (1925), 260. 



314 J- C. Flügel 

Kleidung mit der des Hauses oder Zimmers zu vergleichen, und diese 
gehören bekanntlich zu den wichtigsten Mutterleibssymbolen. Kleider und 
Häuser dienen beide zum Schutze des Körpers, wenn sie auch eine ver- 
schiedene räumliche Entfernung von ihm haben. Unsere Umhüllungen im 
Freien sind in der Tat ein vollgültiger Ersatz für das Haus, wenn wir 
uns außerhalb seines Schutzes begeben haben. Dasselbe gilt aber auch für 
das Bett, auch ein Mutterleibsymbol, und im Englischen wird diese Ähn- 
lichkeit betont, wenn man die Laken und Decken als „bed-clothes u 
bezeichnet. Schon Röheim' hat sich dahin ausgesprochen, daß gewisse 
Tempel und Priestergewänder das Universum und dementsprechend auch 
den Mutterleib symbolisieren. „Wir sehen häufig," sagt er, „daß, ähnlich 
wie Gebäude, auch Röcke und Gewänder das Universum symbolisieren . . . 
Dies leitet sich ganz augenscheinlich von der Lage des Embryos ab: Der 
Embryo ist in dem Amnion wie in einem Gewand eingehüllt, wobei das 
Gewand die Grenzen des Universums bildet." Bei anderer Gelegenheit 
erwähnt der Autor bestimmte Ritualgewänder, die ausdrücklich als „Netz 
(caul)" und „Mutterleib" des Reiches bezeichnet werden. 2 Als Odysseus 
auf der Insel der Phäaken landete, nach Winterstein 3 eine Variante 
des Mythos von der Geburt des Helden, wird er auf einem Gewände — 
dem Schleier der Leucothea — an die Küste getragen. Es ersetzt hier das 
Körbchen, Boot oder einen anderen Behälter, durch den sonst in diesem 
Mythos der Schoß symbolisert wird. Kürzlich hat auch Lö witsch in 
einer interessanten Arbeit 4 zu zeigen versucht, wie die Symbolik in der 
Architektur bald mehr den Phallus, bald mehr den Mutterleib, zuweilen 
eine Mischung von beiden in wechselndem Verhältnis betont. Er hat ferner 
darauf hingewiesen, daß man dieselben Schwankungen und Gegensätze 
auch in den wechselnden Kleidermoden antreffen kann, 5 wobei heule die 
Neigung besteht, die phallische Seite hervorzuheben. Geradeso wie man 
geneigt ist, in Not und Gefahr zum Mutterschoß seine Zuflucht zu nehmen, 
so scheinen manche Leute das Bedürfnis nach mehr oder wärmerer Kleidung 
zu verspüren, wenn sie sich niedergeschlagen, gequält, erschreckt, einsam 

1) Primitive Man and Environment. Int. Journ. of PsA., 1921, II, 162. 

2) In der Satapatha Brahmana sagt der Priester, wenn dem König das Gewand 
„Tarpya" angelegt wird: „Du bist das innere Netz des Reiches." Dann legt er ein 
zweites Gewand um und sagt : „Du bist das äußere Netz des Reiches." Er läßt ihn 
dann von dem „äußeren Netz des Reiches" geboren werden. Er umhüllt ihn dann 
mit dem Mantel und sagt: „Du bist der Schoß des Reiches." Er läßt ihn darauf 
von dem „Schoß des Reiches" geboren werden. Aus einem Vortrag auf dem Inter 
national Folklore Congress, 1928. 

3I Die Nausikaa-Episode in der Odyssee. Imago, Bd. VI (1920), 349. 

4) Raumempfinden und moderne Baukunst. Imago, Bd. XIV (1028), 20»;. 

5) A. a. O. S. 308. 









Symbolik und Ambivalenz in der Kleidung 315 

und ungeliebt fühlen oder Heimweh haben. 1 Die treffendste und direkteste 
Gleichstellung zwischen einem schützenden Gewände und der schützenden 
Liebe einer Frau stammt jedoch, soweit mir bekannt, von dem Autor des 
berühmtesten Buches- über Kleider. In einem Brief an Lord Houghton 
sagt Carlyle, als er von seinem verstorbenen Weibe spricht: „She 
wrapped me round like a cloak, to keep all the hard and cold world 
off me." 2 

Es scheint, als ob die drei bisher erwähnten Symbolklassen — die 
phallische, die vaginale und die des Mutterleibes — die unbewußte Grund- 
lage für die bewußten Motive der Schaustellung, der Schamhaftigkeit und 
des Schutzes bilden, welch letztere nach Ansicht aller Autoren die drei 
wichtigsten Funktionen der Kleidung sind. Aus den genannten bewußten 
wie unbewußten Motiven stammen die mannigfachen Freuden und Be- 
friedigungen, welche die Kleidung gewährt. Zu diesen Befriedigungen ge- 
langt man aber nicht ohne seelische Kämpfe. Die Konflikte, die sich 
auf die Kleidung beziehen, kann man in zwei Hauptklassen scheiden. 
Da gibt es zunächst einen Widerstreit zwischen den verschiedenen Arten 
der Befriedigung an Kleidern. So mag zuweilen, wie Löwitsch meint, 
die phallische Bedeutung von Kleidung sich der Mutterleibssymbolik 
widersetzen, und diese beiden Richtungen lassen sich nicht leicht mit- 
einander versöhnen. Weit offensichtlicher kommt das Streben nach Schau- 
stellung (dessen unbewußte Grundlage wahrscheinlich meist phallisch ist) 
mit der Schamhaftigkeit in Konflikt (die sich leicht an unbewußte Mutter- 
leibsymbolik anlehnt). Die verschiedenartigen Schicksale dieser Konflikte 
kann man zum Teil am häufigen Wechsel der Moden studieren. 

Psychologisch ist mit dem eben genannten Konflikt der Widerstreit 
zwischen Scham und den primitiveren Formen von Exhibitionismus verwandt. 
Dieser hat die Schaustellung des entblößten Körpers zum Ziel (während 
das Zeigen von auffallenden oder schönen Gewändern schon eine Ersatz- 
form ist). Hiermit hängt eine andere Art von Konflikten, die sich auf die 
Kleidung beziehen, zusammen, wobei es sich nicht um widerstreitende 
Motive und Befriedigungen bei der Kleidung selber handelt, sondern wobei 
irgend eines dieser Motive mit bestimmten anderen Strebungen, die sich 
gegen das Tragen von Kleidung überhaupt auflehnen, in Widerspruch gerät. 
Diese Motive kann man in zwei Hauptgruppen teilen : die narzißtischen 

1) Auf die Frage: „Unter welchen Umständen (abgesehen von der Temperatur) 
oder in welcher Stimmung verspüren Sie das Bedürfnis, mehr Kleidungsstücke als 
gewöhnlich anzulegen?" gaben in einer Klasse von 50 Studenten 24 Antworten in 
obigem Sinn. Für diese Mitteilung bin ich Fräulein Eve Macaulay zu Dank ver- 
pflichtet. 

2)' Zitiert in „One Thousand Beautiful Things", edited by Arthur Mee, p. 37. 



(exhibitionistischen) und die autoerotischen. Mit der ersten Gruppe hat 
sich bereits die scharfsinnige und eingehende Arbeit R a n k s ' hinreichend 
beschäftigt, der besonders die eigenartige Ambivalenz in der geistigen 
Haltung gegenüber Kleidern hervorgehoben hat, die verdrängten exhibi- 
tionistischen Tendenzen, die durch denselben Gegenstand offenbar werden, 
der ihrer Unterdrückung dienen soll. 

Zum Schluß seien noch einige Worte über die autoerotischen Elemente 
und ihre Konflikte mit den wichtigsten Formen der Lust an Kleidern 
gesagt, da dieser Punkt bisher verhältnismäßig selten von Psychoanalytikern 
behandelt worden ist. Man kann zwei Hauptarten von autoerotischen 
Elementen unterscheiden : solche, die mit der Haut, und solche, die mit 
der Muskulatur zusammenhängen. 2 Lust, die zweifellos aus der Reizung 
der Haut durch Wind und Sonne und aus den Empfindungen, welche das 
Muskelspiel 3 begleiten, erlangt wird, muß natürlich durch Kleidung 
beeinträchtigt werden, zumal durch steife oder schwere Kleidung. Die 
aus der Kleidung gewonnenen Rcfriedigungen werden somit durch 
einen Verzicht auf diese Haut- und Muskellust erkauft, und Menschen, 
die für solche Lust sehr empfänglich sind, werden sich nicht leicht zu 
diesem Verzicht entschließen können. Darum gibt es Leute, die durch ihr 
ganzes Leben dieselbe ursprüngliche Feindseligkeit gegen Kleider bewahren, 
die wahrscheinlich von allen kleinen Kindern empfunden wird. Sie lernen 
es niemals, ihre exhibitionistischen Strebungen in die Richtung der Be- 
kleidung zu sublimieren, weil die Stärke ihres Haut- und Muskel-Auto- 
erotismus sie mit ihren exhibitionistischen Neigungen an den nackten 
Korper fixiert.* Solche Menschen gewinnen wenig positive Befriedigung 
durch Kleidung. Für sie sind Kleider Werkzeuge der Unterdrückung, sei 
es durch das Dikiat der Gesellschaft auferlegt (für die offenen Rebellen), 
sei es (in Fällen, wo das Über-Ich die Rolle der Gesellschaft übernommen 
hat) durch Scham und Pflicht, denn auf einem höheren Niveau kann auch 
das Ideal von Arbeit und Pflicht fest mit einer bestimmten Tracht 

1) Die Nacktheit in Sage und Dichtung, Psychoanalytische Beiträge zur Mythen- 
forschung, p. 177. 

2) Sadgers Arbeit über Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik, Jahrbuch für 
psychoanalytische und Psychopathologie Forschungen, 1912, III, 525, scheint immer 
noch der wichtigste Beitrag auf diesem etwas vernachlässigten Felde zu sein. 

3) Antworten auf einen von mir jüngst ausgesandten Fragebogen enthalten nicht 
selten mit Bezug auf diese sinnliche Lust Ausdrücke, wie: „Himmlisch; ungeheuer 
genußreich; Luft ist Leben; als atme man das Glück ein." 

4) Ernste Entwicklungsstörungen können bei kleinen Kindern durch enge Kleidung 
hervorgerufen werden, weil die Bewegungsfreiheit und damit das Gefühlsleben ge- 
hemmt werden. Ein solcher Fall ist sehr eindringlich von Landauer geschildert 
worden: Die kindliche Bewegungsunruhe. Diese Zeitschrift, Bd. XII (1926), 287/8. 



Symbolik und Ambivalenz in der Kleidung 



assoziiert werden, und dies um so eher, je steifer und unnachgiebiger diese 
ist. Der Kampf spielt sich hier ganz zwischen der exhibitionistischen und 
autoerotischen Freude an der Nacktheit und den verdrängenden Mächten ab. 
In anderen Fällen kann die Lust an der Nacktheit auch mit positiveren 
und tiefer liegenden Befriedigungen an der Kleidung, von denen wir anfangs 
gesprochen haben, in Widerstreit geraten. Zuweilen mag zum Beispiel der 
Wunsch, die Kleidung, dieses Hindernis der Freiheit und Freude, abzu- 
werfen, eng mit der Mutterleibsbedeutung der Kleider zusammenhängen. 
„Sich der Kleidung zu entledigen" mag so ein symbolischer Ausdruck für 
das Bedürfnis werden, unabhängig von der schützenden, aber durch ihre 
Überschwänglichkeit auch hemmenden und lähmenden Liebe der Mutter 
zu werden. Mütter pflegen ihrer Sorge um das Wohl der Kinder dadurch 
Ausdruck zu geben, daß sie sie zweckmäßig, häufig wärmer als angemessen 
kleiden; Kinder ihrerseits äußern ihr Bedürfnis nach Freiheit von den 
mütterlichen Fesseln durch rebellisches Abwerfen der Kleider. Solches 
Abwerfen bedeutet tatsächlich eine Geste der individuellen Unabhängigkeit 
und des Trotzes gegen die elterliche Autorität. Dabei ist es interessant, 
daß selbst dort, wo es zu extremen Bewegungen kommt, die Mutter nicht 
ausgeschaltet wird. Die Literatur über die Nacktkultur in Deutschland zeigt 
deutlich, daß die verlorene menschliche Mutter in einer weiteren und 
besseren Form wiedergefunden wird: in der Mutter Natur. 1 

In anderen Fällen mag jedoch die Befriedigung an der Nacktheit mit 
der phallischen Bedeutung der Kleidung in Widerstreit geraten. Diese 
kann häufig nur dann einen vollen Genuß bereiten, wenn der Druck 
der Kleidung deutlich verspült wird, selbst wenn dadurch einiges Un- 
behagen entstehen sollte. So sagte ein Analysand, der eine tiefe Einsicht 
in sein Seelenleben gewonnen hatte: „Diese engen und steifen Sachen 
sind Unbequemlichkeiten, die aber um einer Idee willen freudig 
ertragen werden, und zwar der Idee, eine ständige Erektion zu haben. 
„Aber dennoch" — fährt er fort — „ist mein Ideal von wirklicher 
physischer Behaglichkeit ein loses, weiches, seidenes Gewand." Er glaubt 
auch, daß er um so besser aussieht, je mehr Kleidungsstücke er ablegt. 
Dieser Fall scheint (abgesehen von der Selbsterkenntnis) typisch zu sein; 
die narzißtischen und autoerotischen Elemente widerstreben beständig den 
Kundgebungen der phallischen Symbolik, denen sie geopfert worden sind. 
So scheint es, daß die Konflikte, die sich auf das Tragen der Kleidung 
beziehen, zahlreich und schwierig sind und bei vielen Menschen eine sehr 
ambivalente Einstellung gegenüber der Kleidung bewirken. Es besteht 

i) Z. B. „Nur volle Nacktheit vereinigt uns wahrhaft erstmalig mit der Natur". 
Suren, „Man and Sunlight", p. 107. 



3 «8 J. C. Flügel 



nicht nur ein starker und vielleicht unvermeidlicher Widerstreit zwischen 
den verschiedenen Befriedigungen und Reaktionsbildungen im Zusammen- 
hang mit der Kleidung, sondern das Tragen von Kleidern an sich führt 
schon zu mancherlei Konflikten. Es hängt oft von dem Grade der Fixierung 
oder der Ersatzbildung ab, auf welche Seite des Konfliktes bestimmte 
Strebungen, z. B. solche exhibitionistischer Natur, treten. Ein volles Verständnis 
für die dynamischen Verhältnisse in der Einstellung eines Menschen zu 
seinen Kleidern würde die Kenntnis seiner gesamten seelischen Entwicklung 
näherbringen. 



Der Mythos von der Bernikel-Gans 






Von 

Sylvia P a y n e 

London 

Die Bernikel-Gans ist ein Wasservogel, der im arktischen Meere vor- 
kommt und im Winter die englische Küste aufsucht. Der Brutplatz dieser 
Vögel blieb lange unentdeckt und zur Erklärung ihrer Entstehung ent- 
stand ein interessanter Mythos. Wie alle Mythen, hat auch dieser eine eigen- 
artige Beziehung zur unbewußten Phantasie. Der Mythos wird seit dem 
11. Jahrhundert von zahlreichen Autoren erwähnt und hat verschiedene 
Formen. Es wurde erzählt, daß der Vogel aus der Frucht eines an der 
Meeresküste wachsenden Baumes oder auch aus dem Baume selbst durch 
Ausscheidung einer klebrigen Flüssigkeit („viscous humor") oder aus einer 
Muschel, welche auf dem fauligen Holze der Schiffskörper oder sonstwo 
wächst, entstand. 

Im Jahre 1187 berichtet Geraldus Cambrensis folgendes: 1 „Es gibt 
an diesem Orte viele Vögel, Bernacae genannt. Die Natur erzeugt sie in 
außerordentlicher, man möchte sagen naturwidriger Art . . . Sie ent- 
stehen aus Föhrenholz, welches auf dem Meere treibt, und gleichen zuerst 
dem Harz. Später hängen sie von ihrem Schnabel herunter, als wären sie 
am Holze angewachsener Tang, und sind von Muscheln umgeben, um 
freier wachsen zu können. Sie werden so im Laufe der Zeit mit einem 
starken Federkleid bedeckt, fallen dann entweder ins Wasser oder fliegen 
frei weg in die Luft. Sie entnehmen ihre Nahrung und die Säfte ihres 
Wachstums dem Safte des Holzes oder aus dem Meere auf dem Wege 
eines geheimen und sehr wundervollen Ernährungsprozesses . . . Sie brüten 
nicht und legen auch keine Eier wie die anderen Vögel, auch brüten sie 
niemals irgendwelche Eier aus und scheinen auch in keinem Winkel der 
Erde Nester zu bauen. Diesetwegen tragen Bischöfe und fromme Männer 
in manchen Teilen Irlands kein Bedenken, diese Vögel zur Fastenzeit zu 



1) Aus „Barnacles in Nature and in Myth", E. Heron- Allen. 



320 Sylvia Payne 



verzehren, da sie nicht Fleisch noch auch vom Fleische geboren sind . . . 
Indem sie aber also tun, verfallen sie der Sünde. Denn wenn irgend- 
jemand vom Beine unseres Urvaters (Adam) äße, obschon er nicht vom 
Fleisch geboren war, so könnte dieser Mensch dennoch nicht als unschuldig 
in Bezug auf das Fleischessen angesehen werden." 

Im späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert schreibt Alexander 
Neekam: 1 „Der Vogel, welcher allgemein Bernekke genannt wird, hat 
seinen Ursprung vom Kiefernholz, welches lange Zeit ins Meer getaucht 
worden war. Von der Oberfläche des Holzes wird ein gewisser klebriger 
Saft ausgeschieden, welcher im Laufe der Zeit die Form eines kleinen 
federbekleideten Vogels annimmt, und diesen sieht man dann am Schnabel 
vom Holze herabhängen. Dieser Vogel wird zur Fastenzeit von den weniger 
Vorsichtigen gegessen, weil er nicht durch mütterliches Brüten aus einem 
Ei erzeugt wird!" 

Das Schalentier oder Bernikel, welches in vielen Formen des Mythos 
erscheint und von welchem die Gans ihren Namen erhält, gehört zur 
Spezies „Lepas anatifera" (Entenmuschel). Klasse: Crustacea. U. Klasse: 
Cirripedia; entsprechend den gefiederten Fortsätzen, mit welchen die Tiere 
das Wasser in der Suche nach Nahrung durchsuchen. Nach zwei Larvenstadien, 
in welchen sie sich frei bewegt, preßt die Entenmuschel den Kopf auf eine 
passende Stelle, klebt sich dem Holze an und entwickelt rasch zwei 
harte kalkige Schalen, welche sich mit Hilfe eines basalen Scharnieres 
öffnen und schließen. 

In Heron-Allens Buch „Barnacles in Nature" werden sie wie folgt 
beschrieben: „Im Falle der gestielten Entenmuschel entwickelt sich — so- 
bald sich die Cypris an dem auserwählten Holzstück oder irgendwelchen 
anderen Beförderungsmitteln mit Hilfe der Antennulae oder Sauger be- 
festigt hat, die biegsame Bohre zwischen dem Tiere und dem Befestigungs- 
punkte in einer Länge von 1 bis 3 /i Zoll; daran hängt es, schwankt im 
Wasser hin und her und bildet den Hals der mythischen Gans." Die 
Entenmuscheln sind normalerweise Hermaphroditen und bedürfen zur 
Fortpflanzung ihrer Spezies keines Partners. 

Die Geschichte des Mythos beginnt nicht mit den Aufzeichnungen des 
U. Jahrhunderts, denn 1895 beschreibt M. Frederic Houssay Darstel- 
lungen „einer aus einer Entenmuschel entstehenden Gans" auf mykeni- 
schen Vasen. Er sagt:' „Ich folgerte, daß jene Tiere, welche genau ge- 
zeichnet waren, oft gesehen wurden, indes das bei den anderen nicht 
zutraf, entweder weil sie in dieser Gegend selten waren, oder weil sie in 



1) Aus „Barnacles in Nature and in Myth", E. Heron-Allen. 



Der Mythos von der Bernikcl-Gans 321 

Wirklichkeit gar nicht existierten. Diese zweite Annahme schien mir die 
korrektere zu sein, als plötzlich meine Aufmerksamkeit durch eine Art 
Vogel gefesselt wurde, Gans oder Ente, deren Darstellung eine eigenartige 
Mischung des Wirklichen und des Unmöglichen bietet — siehe die 
Knochenurne von Kreta. Alle Exemplare (Vögel), die auf diese Knochen- 
urne gemalt wurden, haben dieselbe Form, aber nicht zwei von ihnen 
dasselbe Gefieder. Dies legt die Annahme nahe, daß der Künstler entweder 
diese geheimnisvollen Geschöpfe nicht gekannt hatte oder nicht fähig 
oder mutig genug war, sie genau zu zeichnen. Außerdem hat jedes 
dieser Tiere auf seinem Rücken zwei kleine Anhängsel ; sie sind kaum als 
Vogelflügel anzusehen, aber beinahe exakt in Stellung und Form, wenn 
man sie als die Fortsätze einer Entenmuschcl, jenes cirripeden Schalen- 
tieres, welches man gewöhnlich an schwimmenden Balken angewachsen 
findet, betrachtet. Sicherlich werden viele sich fragen, wieso Zeichnungen, 
welche im großen ganzen Vögel, wenngleich mit besonderen Merkmalen, 
darstellen, die Idee eines immerhin wenig bekannten Schalentieres auf- 
kommen lassen. Das rührt daher, daß eine Legende existiert, welche aus 
einer nebelhaften Urzeit durch die Jahrhunderte zu uns drang. Sie ist 
jenen, die sich mit der Ideengeschichte der Urzeugung befaßt haben, 
wohlbekannt und setzt ausführlich auseinander, daß die Bernikel-Gans aus 
der Entenmuschel {lepas anatifera) — dem fraglichen Schalentier — ge- 
boren wird. Ich zweifelte gar nicht daran, daß ich, wenn nicht den Ur- 
sprung, doch zumindest eine frühe Version dieser sonderbar zähen Legende, 
welche bis zum heutigen Tag von den Fischern unserer Küsten weiter- 
gegeben vvird, vor mir hatte. Als ich die Zeichnungen betrachtete, schien 
es mir sogar verständlich, wieso eine scheinbar so phantastische Auslegung: 
Vögel in der Allgemeinerscheinung, Entenmuschel in den Einzelheiten — 
entstanden sein konnte. Ich frug mich, ob die so dargestellten Tiere bloß 
wegen ihrer Schönheit oder Seltsamkeit gewählt worden waren, oder weil 
sie zur Begründung und Erklärung einer mehr oder weniger verworrenen 
Theorie über den Ursprung des Lebens eine besondere Bedeutung erlangt 
hatten. Mit einem Worte, waren nicht die Künstler von Mykene stets 
Symbolisten, selbst dann, wenn sie am realistischesten erschienen?" 

Die wesentlichen Züge des Mythos sollen im Folgenden zusammen- 
gefaßt werden. Nachdem der Brutplatz einer gewissen Wildgansart sich in 
den arktischen Regionen befand und daher der Menschheit weder sichtbar 
noch erreichbar war, ergab sich der Antrieb zur Formulierung einer un- 
natürlichen Zeugungstheorie, welche zum Teil durch eine oberflächliche 
äußere Ähnlichkeit zwischen dem Erzeuger und dessen Abkömmling be- 
günstigt wurde. Das Ergebnis der Übernahme des Mythos in die frühe 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/2— 5 21 



322 Sylvia Payne 



christliche Kirche war, daß die Gans nicht mehr als Fleisch angesehen 
wurde und an Fasttagen gegessen werden konnte. Die Tatsache, daß der- 
selbe Mythos auf mykenischen Töpfen um das Jahr 1200 a. C. dargestellt 
wurde, läßt, so nahm man an, den Verdacht aufkommen, daß der Mythos 
der Kirche bekannt war und daß sie durch den Druck von Triebforde- 
rungen gezwungen war, ihn als ein Mittel zur Milderung der Verbote zu 
verwenden. 

Der Psychoanalytiker verbindet bedenkenlos beide Mythen, doch folgt 
die bewußte Kenntnis notwendigerweise nicht daraus, denn die unbewußten 
Determinanten des Mythos sind jederzeit vorhanden und der Mythos wird, 
wenn das Bedürfnis danach groß genug ist, eben „wiedergeboren". Der 
Symbolismus der von Houssay erwähnten Darstellungen kann mit Hilfe 
der Psychoanalyse gedeutet werden. Der Raum der gegenwärtigen Arbeit 
gestattet nur die bisexuelle Bedeutung all der verwendeten Motive zu 
betonen. 

In dieser Verbindung ist es interessant festzustellen, daß sich die frap- 
pantesten Bilder auf der Kretaer Knochenurne befinden, wo die Bernikel- 
Gänse aus. den Blättern einer konventionell gezeichneten Seepflanze auf- 
steigend dargestellt werden. Die Symbolik der Knochenurne, eines Be- 
hälters für Knochen, geht hier mit der Symbolik der Vögel parallel. Der 
Symbolismus der Entenmuschel in den späteren Versionen des Mythos 
ist scheinbar sowohl genital wie prägenital; die geschwungenen Schalen 
der Entenmuschel, welche sich öffnen, um die gefiederten Fortsätze frei- 
zugeben, symbolisieren das weibliche Genitale, indes Stiel und Fortsätze 
phallische Symbole sind. Die Gans mit ihrem langen sehnigen Hals, ihrem 
geschwungen geformten Körper und mit ihren Schwimmfüßen hat in ihnen 
eine oberflächliche Ähnlichkeit mit der Entenmuschel und es drängt 
sich der Gedanke an eine Wiederholung derselben Symbolbedeutung auf. 
Offenbar ist der Symbolismus nicht ausschließlich genitaler Natur und die 
meisten Varianten des Mythos beschreiben die Ausschwitzung eines kleb- 
rigen Saftes oder Harzes von dem Baum oder Klotz, bevor die Enten- 
muschel oder der Vogel erscheint. Die Entenmuscheln sind ferner stets 
an faulendes und verwesendes Holz angewachsen, was darauf hindeutet, 
daß eine exkrementeile Substanz der Vorläufer der Entenmuschel oder der 
Gans war. 

Sir Ray Lancaster erwähnt in „The Diversions of a Naturalist", 
daß es in vergangenen Jahrhunderten „eine Tatsache der alltäglichen Er- 
fahrung und eine feststehende Überzeugung war, daß allerlei Lebendiges 
aus Schlamm, Wellenschaum, Schmutz, sich zersetzenden Tierleichen und 
faulenden Bäumen durch Urzeugung entsteht". 



Der Mythos von der Bernikel-Gans 323 

Shakespeare spricht vom selben Glauben. Die Königin in Hamlet, Akt 5, 
Szene 4, sagt : 

„And as the sleeping soldiers in the alarm, 
Your bedded Hairs, like Life in excrement, 
Start up, and stand on end." 

Wir können also zwei verschiedene Aspekte des Mythos unterscheiden. 
Erstens : die unbewußte bisexuelle symbolische Bedeutung der Entenmuschel 
und der Bernikel-Gans, zweitens: die bewußte Phantasie der spontanen 
Urzeugung, welche aus den Allmachtsphantasien der prägenitalen, analen 
und oralen Phasen der seelischen Entwicklung entspringen. Sowohl in den 
früheren wie in den späteren Varianten des Mythos spielt das Meer eine 
ständige Rolle. Der Gänse tragende Baum gehört dem Meere an und die 
Entenmuscheln heften sich an Bäume, die am Meeresstrande wachsen oder 
an Schiffe. 

Meer, Schiff und Baum sind Muttersymbole, so daß es klar ist, daß 
unbewußt das Muttermotiv dargestellt sein muß. Dabei wird besonderer 
Nachdruck auf die Fixierungssituation gelegt. Die Entenmuschel ist am 
Schiff, Klotz usw. fixiert. Es ist offenbar, daß der Glaube an die spontane 
Zeugung der Gans aus der Entenmuschel der wesentliche bewußte Faktor 
im Mythos war, wenn wir einen Blick auf die Wirkung der Legende 
werfen : diese war die Gewährung einer Erlaubnis der Kirche, die Fastenzeit 
zu brechen. Die Gans durfte gegessen werden, weil sie kein Fleisch war. 
Sie verdankte diese Annahme dem Glauben daran, daß sie ohne Be- 
fruchtung geboren worden war. 

In jener Zeit, da der Glaube an den Mythos bestand, finden wir auch 
eine andere Verwendung des Wortes „Gans , verbunden mit der Auf- 
hebung eines anderen Verbotes. Die Bezeichnung Gans wurde sowohl für 
Prostituierte wie auch für eine Form der Geschlechtskrankheit verwendet. 
Ein geläufiger Ausdruck war „Winchester- Goose" und bezog sich auf 
Prostituierte, die in Häusern von Winchester lebten und vom Bischöfe 
von Winchester konzessioniert waren. The English Gazetter (1778) be- 
richtet: „Zu den Zeiten der Papislerei waren nicht weniger als 18 Häuser 
auf Bankside von den Bischöfen von Winchester zum Hurenhalten konzes- 
sioniert, welche infolgedessen allgemein Winchester-Gänse genannt werden." 
Im „New English Dictionary heißt es unter goose, Goose or Winchester 
Goose : eine gewisse Geschlechtskrankheit, daher eine Prostituierte. 

Wenn wir die charakteristischen Eigenschaften der Prostituierten und 
der Entenmuschel vorerst von einem oberflächlichen Standpunkte aus 
vergleichen, sehen wir, das beide parasitisch sind, an einen Gastgeber ge- 
heftet, zu dem sie nicht gehören. Die Prostituierte hat weder Eltern noch 

21" 



324 Sylvia Payne 



Familie. Sie gehört zum Gemeinwesen und ist von ihm abhängig, doch 
ihm wesensfremd. Die Bernikel-Gans ist durch Urzeugung entstanden und 
hat daher keine Eltern. Freud lenkte unsere Aufmerksamkeit auf die 
Beziehung des Inzest-Tabus zu Sitten der primitiven Rassen sowie zum 
Ursprung und der Gestaltung religiösen Zeremoniells. In „Totem und 
Tabu" berichtet er von dem Arunta-Stamm, der die Beziehung der Vater- 
schaft zu den Kindern nicht anerkannte und glaubte, daß ein Geist in 
die Frau gefahren sei und die Empfängnis verursacht habe. Die Weige- 
rung, eine Beziehung zwischen Beischlaf und Empfängnis anzuerkennen, 
war verbunden mit der Erlaubnis, den Totem des Stammes zu essen und 
den Frauen des Stammes beizuwohnen. 

Die Mykener stellten in ihren Malereien den Mythos dar ; sie verehrten 
Aphrodite, die griechische Liebesgöttin, und glaubten, daß sie aus dem 
Meeresschaume geboren worden war. So finden wir hier den Gedanken 
der Urzeugung und die entstellte Phantasie der Befruchtung durch Luft, 
Geister usw. wieder. Es besteht offenbar ein Bedürfnis zur Entpersön- 
lichung der Eltern und zur entsprechenden Vernachlässigung der Vater- 
schaft. Wenn wir uns vom Mythos zur Psychologie des Individuums 
wenden, das durch sein Unbewußtes gezwungen wird, seine Sexualbefriedi- 
gung bei einer Prostituierten zu suchen, und das unfähig ist, andere 
Frauen als sexuelle Liebesobjekte anzusehen, finden wir eine Spaltung der 
Mutter-Imago in ein Ideal und in eine erniedrigte Mutter, wie dies von 
Freud und anderen beschrieben wurde. Wo die Objektliebe genügend 
entwickelt ist, um eine bedeutende Beaktionsbildung zu gestatten, finden 
wir im Bewußtsein eine ideale Mutter-Imago, der Vorstellung von der 
Jungfrau Maria vergleichbar, und die Tendenz zur Askese, verbunden mit 
einer Retturigsphantasie, unter der sich eine unbewußte Christus-Identifi- 
kation verbirgt. 

Die unterdrückte Mutter-Imago ist eine erniedrigte unpersönliche Vor- 
stellung, gewöhnlich mit den Vorstellungen von Exkrement und Nahrung ver- 
bunden; die zugehörigen, unbewußten erotischen und feindlichen Phantasien 
sind in ihrer Form oral. Die erniedrigte Mutter-Imago ist die prostituierte Mutter. 
Was diese Vorstellung genau bedeutet, wird am leichtesten durch das Studium 
des Extremfalles jenes Mannes erkannt, dessen Sexualität der Prostitution 
völlig hörig ist und der zur Objektliebe nicht genügend vorgeschritten ist, 
um adäquatere Beziehungen und Bindungen herzustellen. Die psychologische 
Beziehung zwischen einem solchen Manne und der erniedrigten weib- 
lichen Gestalt ist keineswegs eine Objektbeziehung im richtigen Sinne. 

Dies wird durch den Traum eines Patienten sehr gut beleuchtet, der 
diese Phase seiner Krankheit durcharbeitete. Er träumte, daß man ihm 



Der Mythos von der Bernikel-Gans 325 

saure Milch gab, er wollte daraus einen Pfannkuchen machen, der als Ab- 
führmittel verwendet werden konnte. Er assoziierte dazu, am Lande sei 
ein Sprichwort üblich, daß Milch, unter ein Ehebett gestellt, in der Früh 
zu Butter geworden sei. — „Pfannenkuchen" sei ein Slang-Ausdruck für 
Kuhmist. — Prostituierte würden Kühe genannt. — Ein Kuhstall sei ein 
Bordell. — Er brachte eine große Anzahl von Träumen, die vom Essen 
von Tieren und Tierteilen handelten, die mit der Mutter und Teilen 
ihres Körpers und mit dem Penis des Vaters identifiziert wurden. Die 
Eltern wurden ständig mit Fäzes identifiziert. Während dieser Periode 
phantasierte er bewußt perverse Sexualspiele mit Prostituierten, in welchen 
die Rollen vertauschbar waren ; es war ersichtlich, daß eine sehr weit- 
gehende Identifizierung mit der Prostituierten bestand. 

Es war klar, daß die erniedrigte Frau eine Projektion der introjizierten 
Mutter und des väterlichen Penis darstellte. Der Zustand wies auf eine 
Regression zum Narzißmus hin und war durch den Autoerotismus der 
infantilen masturbatorischen Periode charakterisiert. Dabei traten die Teil- 
triebe und prägenitalen Zonen in Erscheinung. Die Regression vermied 
die beiden großen, in Verbindung mit dem Ödipuskomplex entstehenden 
Ängste, die Kastrationsangst und die Trennungsangst. Die Entfernung der 
Eltern mit Einverleibung und die Regression zur Stufe der Allmacht 
scheinen die hervorstechendsten Züge zu sein. Die Libido wird den Ob- 
jekten entzogen und fällt dem Ich zu. Das Ich ist relativ undifferenziert 
in extremen Fällen, wie in dem von mir berichteten und bleibt als das 
Lust-Ich der Kindheit bestehen. Die Introjektion und Entfernung der 
Mutter erscheint vollkommener und überwältigender als die des Vaters, 
der durch den Penis der Mutter oder durch eine auffällige Abwesenheit 
dargestellt wird. Die relative Unmöglichkeit, die Aggression gegen den 
Vater zu zeigen, verbirgt die größere Angst. 

Ich hatte berichtet, daß die Bezeichnung „Gans" oder „Winchester 
Gans" auch in gleicher Weise zur Benennung einer Geschlechtskrankheit 
verwendet wurde, so daß die Prostituierte und die Krankheit identifiziert 
werden. In dem bereits erwähnten Fall war eine venerische Krankheit mit 
einer Schwangerschaftsphantasie assoziiert. Die Vergrößerung der Prostata 
war der Kindskopf; die Behandlung der Erkrankung, zu welcher rektale 
Prostatamassage gehörte, erregte passive homosexuelle Phantasien. Freud 
berichtet in seinem Artikel „Das Tabu der Virginität", daß der Mann 
sich vor der Infektion durch die Femininität der Frau fürchtet. Diese Furcht 
ist eine Form der Kastrationsangst, wobei die Frau die Kastrierende ist. 

In meinem Falle war die Kastrationsangst mit der Angst und mit der 
Aggression, welche die häufigen Schwangerschaften der Mutter erregten, 



326 Sylvia Payne 



verbunden, ferner mit dem Gedanken über die anatomischen Geschlechts- 
unterschiede und mit der Rolle, die der Vater gespielt hatte. Der Patient 
träumte vom Berauben und Verletzen der schwangeren Mutter und der 
ungeborenen Kinder. Es zeigte sich, daß für ihn venerische Erkrankung die 
Erniedrigung und Vernichtung der Schwangerschaften bedeutete, genau so 
wie die Verknüpfung der Frau mit Exkreten und mit dem Analtrakt die 
Erniedrigung und Vernichtung der Mutter-Imago ausdrückt. 

Bevor die Kenntnis der Existenz venerischer Erkrankungen erworben 
wird, wird Angst und Aggression auf Substanzen gerichtet, welche das 
Kind an den allmächtigen Vater gemahnen ; indem sie nach seinem Glauben 
fähig sind, Tod oder Leben hervorzubringen (Zeugung); diese sind Blut, 
Urin, Fäzes, Flatus, Atem, Milch, Samen. In der Realität liefern sie die 
konkreten Bezeichnungen für die oralen und anal-sadistischen Wünsche, 
welche zur allmächtigen Phase der infantilen Entwicklung gehören. 

Bei der Zuflucht des Mannes zur Prostituierten wirken noch andere 
Faktoren mit, die ihn vor den infantilen Ängsten des Ödipuskomplexes 
schützen. Die Angst vor dem Vater ist herabgesetzt durch Identifizierung 
mit den anderen Männern, die sie besuchen. Erst als die Brüder sich 
verbanden, konnten sie den Vater der Horde erschlagen. Eine Modifikation 
desselben Gedankens erscheint hier: die Angst vor der Rache der Frau 
wegen der Defloration wird durch das Faktum vermieden, daß vorher 
andere dagewesen sind. Die Tatsache, daß die Frau keines einzelnen Mannes 
Besitz ist, bedeutet, daß das Besitzrecht des Vaters überwunden worden ist. 
Es gibt einen irischen Aberglauben, demzufolge die Ringelflechte {tinea 
tonsurans) durch einen Blick des siebenten, in ununterbrochener Reihen- 
folge geborenen Sohnes geheilt werden kann. Bei der Geburt des siebenten 
Sohnes legt die Hebamme einen Wurm auf die Handfläche des Kindes, das 
den Wurm zerdrücken muß. Dann kann der Junge die Ringelflechte durch 
das Anblicken des Erkrankten heilen. Kraft seiner, durch die Reihenbildung 
potenzierten Männlichkeit, kann er die Kastrationsmacht, welche dem Vater 
gehört, überwinden. Ein anderer Aberglaube besagt, daß man sich von Krankheit 
befreien kann, indem man einen Lappen mit jemandem, der infiziert ist, 
in Kontakt bringt, den Lappen dann wegwirft, worauf derjenige, der den 
Lappen aufhebt, erkrankt und der ursprünglich Erkrankte geheilt wird. 
In einem Traume sah mein Patient eine geldgefüllte Börse, ein infi- 
ziertes Taschentuch und ein lebendes Wesen auf dem Bürgersteig. Er 
fürchtete sich, die Börse wegen des Taschentuches aufzuheben. Die Börse 
bedeutete die Prostituierte. Er assoziierte zu dem Traume obigen Aber- 
glauben. Die Prostituierte ist der infizierte Lappen und die Infektion wird 
von einem Mann durch die Prostituierte zum anderen weitergegeben. 



Der Mythos von der Bernikel-Gans 327 

Zweifellos ist eine unbewußte homosexuelle Phantasie mit der Krank- 
heitsübertragung durch die Prostituierte verbunden; gleichzeitig illustriert 
diese besondere Form der Phantasie vortrefflich die aggressiven Wünsche 
gegen den Mann, welche hinter der passiv homosexuellen Einstellung ver- 
borgen sind. Der Mann identifiziert teilweise sich mit der Mutter deshalb, 
weil er sie als die Kastrierende ansieht und daher seine Rachephantasien 
gegen den Vater beibehalten kann. 

Die Entenmuschel-Mythe um 1200 a. C. wurde nicht unter demselben 
Verbot produziert wie im Mittelalter. Die Frau wurde als sexuelles Liebes- 
objekt idealisiert, nicht aber als Mutter. Die Kirche im Mittelalter idealisierte 
die Frau als Mutter und erniedrigte sie als sexuelles Liebesobjekt. Die 
idealisierte Mutter ist nie ohne den Sohn und daher gibt es keine Angst 
vor der Trennung; der orale Besitz erscheint sanktioniert, doch nur auf 
Kosten eines Opfers, welches dargebracht werden muß. Dieses wird durch 
die Christus-Identifikation dargestellt. 

Es ist interessant festzustellen, daß von Helene Deutsch partheno- 
genetische und Prostitutionsphantasien als typisch weibliche Pubertäts- 
phantasien beschrieben werden und daß wir die Prostitutionsphantasie in 
zahlreichen Analysen von Frauen treffen. Der auffallende Zug ist die Stärke 
der aggressiven Regung gegen den Mann, der von der Prostitutions- 
phantasie verdeckt wird. Dies entspricht dem aggressiven Wunsch, welcher 
hinter dem passiv homosexuellen Verhalten verborgen ist. 

Abschließend möchte ich sagen, daß die Entenmuschel, die Bernikel- 
Gans und die Prostituierte die Projektion der oralen Fixierung des Indivi- 
duums sind, welches einerseits durch die Stärke der Triebforderungen, 
andererseits durch die Angst vor der Trennung und Kastration gedrängt, 
ganz oder teilweise zu der prägenitalen Phase regrediert und die verlorenen 
Objekte durch Introjektion einer Mutter-Imago von maskulinen Eigen- 
schaften wiederzugewinnen sucht. Sowohl die aggressiven und feindlichen 
Wünsche als auch die erotischen Besitzwünsche betreffen offenbar eine 
erniedrigte Mutter-Imago, doch scheint diese Imago ein kombinierter elter- 
licher Prototyp zu sein. 

Die Tatsache, daß man Entenmuscheln, denen man aphrodisierende 
Eigenschaften zuschrieb, sowie Bernikel-Gänse essen durfte und daß anderer- 
seits die Prostituierten konzessioniert waren, ist ein Hinweis darauf, wie 
mächtig das Urteil des durch die Kirche repräsentierten Über-Ichs war. Die 
Erniedrigung und Einengung des Objekts war so groß, daß es unnötig war, 
sich zu schützen oder zu bewahren. Andererseits weist dies auf die Stärke 
der verdrängten Bedürfnisse des Menschen unter dem Banne des Ver- 
zichtes hin. 



328 Sylvia Payne 



Die idealisierte Mutter-Imago ist gleichfalls isoliert, doch ist die gemein- 
schaftliche Reaktion die eines gemeinsamen Verzichtes, nicht aber die 
eines gemeinsamen Besitzes. 

Ich habe keinen Versuch gemacht, das wichtige Gebiet der Psychologie 
der Prostitution umfassend durchzuarbeiten, da ja nur einer ihrer Aspekte 
in Beziehung zum Mythos gebracht wurde. 



Hamlets Ungeduld 

Von 

Ella S harpe 

London 

Man zollt der hingebenden Arbeit des Führers der psychoanalytischen 
Bewegung in England vielleicht auf die schönste Weise einen Tribut, indem 
man den Weg verfolgt, den er uns gewiesen hat. Auf dem Gebiete der 
angewandten Psychoanalyse hat Ernest Jones uns an Werken schöpferi- 
scher Kunst neue Seiten aufgedeckt, die uns vor der Psychoanalyse 
unzugänglich gewesen sind. Sein Aufsatz über „Hamlet — der die von 
Freud 1 herrührende Deutung dieser Dichtung aufnimmt und im Detail 
ausführt — beleuchtet klar und eindringlich den ungelösten Ödipuskomplex, 
der das fundamentale Problem in diesem Drama ist. 

Zu diesem Thema bleibt nach seiner klaren Darstellung nichts mehr 
hinzuzufügen. Es wäre noch eine lohnende Aufgabe, in dem Drama die 
rückläufige Bewegung der Libido infolge Rückzuges von dem zentralen 
Ödipusproblem nachzuweisen. Das Studium der besonderen Natur der 
Begression läßt uns die Eigenheit Hamlets verstehen, welche die 
ödipussituation in seinem Fall so besonders reizvoll und eigentümlich 
gestaltet. Das Problem seines Zögerns erhält durch die Annahme prägenitaler 
Fixierungen eine weitere Erklärung und die Sensibilität seines Charakters 
wird uns verständlicher. 

Hamlets Tragödie liegt meines Erachtens nicht in seinem Zögern, sondern 
im Gegenteil, in seiner Ungeduld. Das gilt ebenso, wenngleich mutatis 
mutandis, von Romeo und Julia, Othello, König Lear. In entscheidenden 
Momenten zeigen die Helden dieser Stücke eine Ungeduld, eine Überstürztheit 
im Handeln, die das Leben über sie hereinbrechen läßt. Sie können nicht 
warten. Dies klingt im Falle Hamlets paradox, denn das Stück ist ein 
dauernder Aufschub einer Tat, die man vom Aufgehen des Vorhangs an 

1) Freud, Traumdeutung, Ges. Sehr., Bd. II. 



- 



330 Ella Sharpe 



erwartet. Dennoch ist es am Ende Ungestüm, nicht Unschlüssigkeit, die 
Hamlet dem Verderben ausliefert. Im Folgenden will ich versuchen, diese 
Anschauung zu begründen. 

Wir sehen Hamlet zu Beginn des Dramas als den Sohn, der seinen 
Vater, den König, verloren hat. Er hat durch die überstürzte Heirat 
seiner Mutter ein seelisches Trauma erlitten. (Hier ist zuerst das Auf- 
tauchen von Ungeduld zu bemerken.) Gleichzeitig oder kurz danach, 
weigert sich Ophelia auf Befehl ihres Vaters, Hamlet anzuhören. So hat 
Hamlet seinen Vater, seine Mutter und seine Geliebte verloren. Er wird 
gerade im Moment, da er am nötigsten einen Halt in der Bealität gebraucht 
hätte, von Ophelia zurückgestoßen. Auch sie läßt ihn im Stiche. 

Der Tod des geliebten Vaters allein würde ein natürliches Zurückziehen 
von der Welt und eine Zeit der Trauer verursachen. Der seelische Verlust 
durch die schnelle Wiederverheiratung seiner Mutter und Ophelias Bückzug 
komplizieren die Aufgabe der Trauer enorm. Zu alledem erfährt er noch, 
daß sein Vater ermordet worden ist. 

Freud und Abraham haben das Wesen der natürlichen Trauer 
behandelt, und haben es mit dem Mechanismus der Melancholie in Beziehung 
gebracht. Hamlets Trauer war eine Folge des Verlustes seines Vaters; die 
melancholische Note bekommt sie erst durch den Verlust seiner Mutter und 
Ophelias. Wenn man trauert, bietet die äußere Welt kein Interesse mehr. 

„Die Erde, diese vortreffliche Einrichtung, 

scheint mir nur ein kahles Vorgebirge." D- ^'j 2 - Szene. 

„Ich habe keine Lust am Manne — und am Weibe auch nicht." 

//. Akt, 2. Szene. 

In der Melancholie wird das Verlustgefühl ein inneres Erlebnis. 
Selbstverachtung und Selbstvorwürfe lassen die Seele verarmen. 

„Ich könnte mich solcher Dinge anklagen, daß es besser 
■wäre, meine Mutter hätte mich nie geboren." ///. Akt, x. Szene. 

„Wozu sollen solche Gesellen wie ich zwischen 

Himmel und Erde herumkriechen?" H& äk h *• Szene. 

Das Stück enthält zahlreiche derartige Betrachtungen. Wir wissen aus der 
psychoanalytischen Forschung, was diese Stimmung bedeutet. Sie spiegelt einen 
narzißtischen Bückzug der Libido von den äußeren Objekten. Hamlets Halt 
in der Bealität besteht nur noch in seinen narzißtischen Interessen und 
Zuneigungen. Er lebt auf, als er vom Eintreffen der Schauspieler hört. 
Er wendet sich in seiner Trübsal an Horatio : 









Hamlets Ungeduld 33 1 



„Seit meine teure Seele Herrin war 

Von ihrer Wahl und Menschen unterschied, 

Hat sie dich auserkoren." III. Akt, 1. Szene. 

Dieser narzißtische Rückzug wird, wie Freud gezeigt hat, durch die Intro- 
jektion der verlorenen Liebesobjekte bewirkt. Diegegen das eigene Ich gerichteten 
Beschuldigungen richten sich im Grunde gegen die verlorenen Liebesobjekte. 
Das Ich, derart durch Identifizierung verändert, wird zum Objekt des 
Sadismus des Über-Ichs, und der innere Frieden kann nur eintreten, wenn 
diese Introjektionen ausgeschaltet, vertrieben, getötet sind. Dann erst erhält 
das Ich die Billigung des Über-Ichs. 

Die Wechselbeziehungen dieser seelischen Faktoren werden klarer, wenn 
man das Trauerspiel als eine seelische Schöpfung Shakespeares betrachtet, 
d. h. wenn man es als eine Projektion des eigenen Konfliktes des Autors 
in dramatische Form ansieht. Man muß dazu Gedankengänge des Dichters, 
nicht solche Hamlets heranziehen. Von diesem Standpunkt aus ist Hamlet selbst 
der Brennpunkt des Stückes, aber die anderen Gestalten personifizieren die 
einander widerstreitenden Regungen in der Seele des Autors. Shakespeare 
dramatisiert nämlich in Hamlet seine eigene Regression nach dem Tode 
seines Vaters. Einige Autoren haben festgestellt, daß er zur gleichen Zeit 
Mary Fitton verlor. Indem er die introjizierten Objekte in dramatischer 
Form aus sich heraus stellte, erlöste er sich von „dem Etwas in seiner 
Seele . Er befreite sich durch Sublimierung, analog der Rückprojektion, des 
Tötens der in das Ich introjizierten Personen. 

Der Dichter ist nicht Hamlet. Hamlet ist das, was er hätte werden 
können, wenn er das Drama nicht geschrieben hätte. Alle Gestalten sind 
Introjektionen, die er aus seiner Seele wieder herausgestellt hat. Er ist die 
ermordete Majestät von Dänemark, er ist der gemordete Claudius, er ist 
die Königin Gertrud und auch Ophelia. Er ist Hamlet. Indem er das Stück 
schrieb, hat er sie und sich getötet. Er hat sie symbolisch aus sich heraus- 
geworfen und bleibt ein gesunder Mensch durch eine Sublimierung, welche 
die Forderungen des Über-Ichs und der Es-Impulse befriedigt. 

Das innere Drama in der Seele des Dichters ist, wie mir scheint, auf 
folgende Weise nach außen gekehrt worden. 

Die Ambivalenz zeigt sich durch das ganze Stück in den gleich- 
gestimmten oder kontrastierenden Charakteren. 

Der tote König bildet mit Claudius eine Einheit. Die Liebe zum Vater er- 
scheint unmittelbar in Hamlets leidenschaftlicher Lobrede: 

„Seht, welche Anmut wohnt auf diesen Brauen! 

Apollos Locke, Jovis hohe Stirn! Ein Aug' 

Wie Mars, zum Drohen und zum Gebieten!" HL Akt, 4. Szene. 



332 



Ella Sharpe 



Claudius, der Bruder des Königs, stellt die böse Seite des Vaters dar, 
gegen die sich Hamlets Feindschaft richtet. 

„O Schurke! Lächelnder, verdammter Schurke!" '• •**'» /• Szene. 



„Gleich der brand'gen Ähre, 
Verderblich seinem Bruder." 



///. Akt, 4. Szene. 



Der Geist, der umherwandelt, verkörpert die ideale Vater-Imago. Claudius 
ist die Verkörperung jenes bösen Vaters, der ihn täuscht und „zwischen 
der Wahl und seinem Hoffen steht. Da der Geist zum Bewohner der 
Unterwelt wird, wird er „der alte Knabe im Kellerloch". Dort leidet er 
für seine Sünden, und die Vorwürfe, die er gegen sich erhebt, sind die- 
selben", die Claudius gegen sich richtet, und können mit denen Hamlets 
identifiziert werden. So werden der dem Grabe entstiegene Geist, Hamlet, 
und Claudius miteinander identifiziert. Dies versinnbildlicht die Einver- 
leibung des Vaters in das Ich. Der wandelnde Geist symbolisiert das 
Uber-Ich, dessen Sadismus gegen das Ich gerichtet ist, — für uns nach 
außen dargestellt als Claudius. 

Das Thema wiederholt sich in einer anderen Gruppe, da die Spannung 
durch den Sadismus des Über-Ichs wächst. Laertes führt dieselbe Rolle weiter. 
Auch ihm wird der Vater getötet und er verliert die Schwester. Er repräsentiert 
den wachsenden Zwang zu überstürzten Handlungen in Hamlets eigenem 
Gemüt. 

„Der Ozean, entwachsen seinem Saum, 

Verschlingt die Niederungen ungestümer nicht 

Als an der Spitze eines Menschenhaufens 

Laertes Eure Diener übermannt." ll - Akt > !■ Szene. 

Hamlet sagt früher: 

„. . . Daß ich auf Schwingen, rasch 

Wie Andacht und des Liebenden Gedanken 

Zur Rache stürmen mag." *• «"*» 2 - Stent, 

Hamlet (in der Ichrolle) sagt zu Laerters (in der Über-Ich-Rolle): 

„War's Hamlet, der Laertes kränkte? Nein! 

Wenn Hamlet von sich selbst geschieden ist 

Und weil er nicht er selbst, Laertes kränkt, 

Dann tut es Hamlet nicht. 

Wer tut es denn? Sein Wahnsinn! Ist es so, 

So ist er ja auf der gekränkten Seite! 

Sein Wahnsinn ist des armen Hamlets Feind!" '< »*) 2 - Szene. 

In dem Zusammenbruch am Ende wird Hamlet von Laertes getötet, 
d. h. das Uber-Ich tötet das Ich. Er wird heimtückisch von Laertes, seinem 



Hamlets Ungeduld 333 



eigenen Über-Ich, in den Tod gelockt. Hier wird man sich bewußt, daß 
Laertes auf Anstiftung von Claudius handelt, und wir sehen in drama- 
tischer Form, was Freud in der Psychoanalyse formuliert hat: daß das 
Über-Ich und das Es im Unbewußten verbündet sind. Die Strafe erreicht 
Hamlet endlich. Er empfindet sie als das verdiente Los jedes Menschen. 

„Behandle jeden Menschen nach seinem Verdienst 

Und wer ist vor Schlägen sicher. //. Akt, 2. Szene. 

In diesem Moment befreit er sich von dem introjizierten Objekt und tötet 
Claudius. 

Hamlet kommt durch Verrat ums Leben, und zwar durch die Heraus- 
forderung zu einem Duell mit Laertes, einer sadistischen Herausforderung, 
der er nicht widerstehen kann. Er ist dem Sadismus seines Über-Ichs auf 
Gnade und Ungnade ausgeliefert. Er weiß dies nicht, er ist nicht mehr 
auf seiner Hut. 

„Er, achtlos, edel, frei von allem Arg, 

Wird die Rapiere nicht genau besehen!" "■ ^*'> 7- Szene. 

Die Ungeduld, die meiner Behauptung nach das Hauptproblem Hamlets 
ist, wurde durch eben dieses Drängen des sadistischen Über-Ichs veranlaßt. 

Trauer braucht Zeit. Melancholie braucht noch mehr Zeit. Hamlet 
konnte diese Wartezeit, die Selbstverachtung, den Verlust an Liebe und 
die Verarmung des Ichs, welche diese Zeit mit sich bringt, nicht ertragen. 
Um zu der Wurzel dieser fundamentalen Ungeduld vorzudringen, müssen 
wir uns den dramatischen Repräsentanzen der anderen Liebesobjekte, der 
Mutter und Ophelia, zuwenden. 

Ophelia stellt genau dasselbe Problem wie Hamlet dar. Es ist dasselbe 
Motiv in der Frau wie im Mann. Auch ihr Vater wurde getötet. Während 
bei Hamlets Tod als einem dramatisierten Selbstmord Über-Ich und Ich von 
verschiedenen Gestalten personifiziert werden, sind in Ophelia die ver- 
schiedenen seelischen Faktoren nicht von einander geschieden. Ihr Vater 
ist getötet: sie wird wahnsinnig und ertränkt sich. Dies ist in Kürze 
das doublierte Selbstmordthema des ganzen Stückes. Es zeigt im kleinen, 
was sich durch das ganze Drama zieht, nämlich den narzißtischen Rück- 
zug nach dem Tode des Vaters, die Einverleibung des verlorenen Liebes- 
objektes, die Wendung der Vorwürfe von dem geliebten Objekt gegen das 
Selbst und die prompte Rache des gegen das Ich gerichteten Sadismus 
des Über-Ichs. Der Vorwurf gegen den Vater (Polonius) erfolgt offensichtlich 
Avegen der von ihm ausgehenden Versagung. Die lebende Person, der 



334 EHa Sharpe 



gegenüber ihr Selbstmord ein feindlicher Akt ist, der Mensch, dem Mit- 
leid und Reue das Herz umdrehen sollen, ist die Königin (die Mutter- 
Imago). An die Königin wendet sich Ophelia zuerst in ihrem Wahnsinn : 

„Wo ist die schöne Majestät von Dänemark?" 

Die Königin sagt : 

„Ich will nicht mit ihr sprechen!" 

Ophelia schmückt sich mit einer Girlande von Rosmarin, Nesseln, 
Maßliebchen und Fingerhut. Im Wasser, dem Symbol des Mutterleibes, 
ist sie: 

„Wie ein Geschöpf, geboren und begabt 

Für dieses Element." w. Akt, 7. Szene. 

Ihre Kleider haben „sich schwergetrunken". Sie ist zur Mutter zurück- 
gekehrt. Die Trennung von der Mutterbrust war das Vorbild, nach dem 
sie alle späteren Versagungen mit ihren ungelösten Problemen an Angst 
und Feindschaft aufgefaßt hatte. 

Das Wahnsinnsthema der Hamlet-Rolle ist völlig ausgebaut in Ophelias 
Rolle. Hamlet nimmt eine „närrische Haltung" an, aber wenn er zu 
Laertes spricht, ist nicht mehr viel vom „Annehmen einer Haltung" da; 
er hat die Selbstkontrolle teilweise verloren. 

„Wenn Hamlet von sich selbst geschieden ist 
Und, weil er nicht er selbst, Laertes kränkt, 
Dann tut es Hamlet nicht." 

In Ophelia ist der Wahnsinn manifest, während bei Hamlet Vernunft 
und Wahnsinn sich die Wage halten. Dieser Wahnsinn ist ein Zwang zur 
Selbstzerstörung. Hamlets Zögern ist ein vergeblicher Versuch, die Macht 
dieses Zwanges zu brechen, seine Wirkung hinauszuschieben. Es ist eine 
künstliche Langsamkeit zur Bekämpfung der Schnelligkeit dieses Zwanges, 
gegen welche er um seiner Selbsterhaltung willen ankämpft. 

Ophelia ist also der weibliche Aspekt von Hamlet. Die Königin sagt, 
von Hamlet sprechend: 

„Doch gleich geduldig wie das Taubenweibchen, 

Wenn sie die gold'nen Eier ausgebrütet, 

Senkt seine Ruh' die Flügel." V. Akt, 1. Szene. 

Hamlet sagt von sich selbst: 

„Seit meine teure Seele Herrin war von ihrer Wahl." 






Hamlets Ungeduld 



335 



Die Bedeutung der femininen Identifikation wird aus diesem Satze klar. 
Die Mutter hat die Rolle des Kastrators inne. Das Stück ist voll von 
Symbolen dieser Art: 

„. . . warum die Gruft, 
Worin wir eingeurnt dich sahen, 
Geöffnet ihren schweren Marmorkiefer, 
Dich wieder auszuwerfen? 

„Nun ist die wahre Spukezeit der Nacht, 
Wo Grüfte gähnen." 

Die Königin Gertrud hat einen zweiten Gemahl. Die Königin im Spiel 
sagt: 

„Es tötet noch einmal den toten Gatten, 

Dem zweiten die Umarmung zu gestatten." III. Akt, 2. Szene. 

Die feminine Identifikation vollbringt die Kastration des Vaters auf 
feminine Art. Das Stück gibt uns jeden gewünschten Beweis dafür. Das 
Thema der „Falle" ist ein beständig wiederkehrendes Motiv. 

Polonius wendet eine List an, um seinen Sohn auszuforschen. Hamlet 
fängt Polonius in der Falle, als dieser sich hinter dem Vorhang versteckt. 
Claudius gebraucht eine List, um sich Hamlets zu entledigen, indem er 
ihn nach England schickt. Hamlet wird in ein Duell mit Laertes gelockt. 
„Fallen für die Drosseln," sagt Polonius zu Ophelia mit Bezug auf Hamlets 
Anträge. „Wie eine Drossel in meinem eigenen Netze," sagt der sterbende 
Laertes. Dänemark ist ein Gefängnis, die Hölle ist eine Falle, der Tod 
„ein ewiger Kerker . Hamlet sagt zu Ophelia: 

Hamlet: „Ein schöner Gedanke, zwischen den Beinen 

eines Mädchens zu liegen. 
Ophelia: „Was ist, mein Prinz?" 
Hamlet: „Nichts." 

Der Höhepunkt des Stückes ist der „Mord an Gonzalo", von den 
Schauspielern vorgeführt. Es ist die Quintessenz des Stückes. Hamlet über- 
nimmt die Leitung der Aufführung. Er nennt sie selbst: „Die Mausefalle." 
Er beabsichtigt damit, „dem Gewissen des Königs eine Falle zu stellen". 
D. h. Hamlet in der femininen Rolle spielt den Fallensteller, den Kastrator 
des Vaters. Dies führt uns geradewegs zu den Vorwürfen, die er gegen 
seine Mutter erhebt. Zunächst wirft er ihm Hast, Übereilung vor. 

„. . . das Gebackene 

Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln." 

/. Akt, 2. Szene. 



336 



Ella Sharpe 



„Ein kurzer Mond; bevor die Schuh verbraucht, 

Womit sie meines Vaters Leiche folgte, 

Wie Niobe, ganz Tränen ..." /. Ah, 2. Szene. 

Dieser Vorwurf gegen seine Mutter wegen der Schnelligkeit ihrer 
Wiederverheiratung enthüllt uns infantile Phantasien vom geschlechtlichen 
Verkehr. 

„Hing sie dort an ihm, 

Als stieg das Wachstum ihrer Lust mit dem, 

Was ihre Kost war." 



„So lustgepaart mit einem lichten Engel 
Wird dennoch eines Götterbettes satt, 
Ersehnt Gemeines." 

„Habt Ihr Augen? 

Die Weide dieses schönen Bergs verlaßt Ihr 

Und mästet Euch im Sumpf?" 



/. Akt, 2. Szene. 



I. Akt, J. Szene. 



III. Akt. 4. Szene. 



Claudius ist ein Trunkenbold. 



„Der König wacht die Nacht durch, zecht vollauf, 

Hält Schmaus . . . 

Und wie er Züge Rheinweins hintergießt ..." I. Ah, 4. Szene. 

In der Schlußszene trinkt die Königin übereilig auf Hamlets Wohl. 
Claudius versucht, sie zurückzuhalten. 

„Ich will es, mein Gemahl! Ich bitt', erlaubt es mir!" 

Wir kommen auf diesem Wege zu der tiefsten Regressionsstufe der Libido, 
zu der oralen Zone, zu den Phantasien über die Beziehungen der Eltern 
in Bildern gegenseitigen Auffressens, der frühesten Ödipusfassung. Die Ver- 
sagung der Mutterbrust, der Verlust der Mutterliebe, die reaktive Feind- 
seligkeit gegen sie führt zu einer Identifizierung mit ihr, denn sie frißt 
den Vater auf. 

Daß das fundamentale Problem der orale Sadismus — begründet durch 
orale Versagung — ist, geht aus dem Text klar hervor: 



„. . . sonst hätt' ich längst 

Des Himmels Geier gemästet mit dem Aas 

Des Sklaven." 

„Nun tränk' ich heißes Blut." 

„Wir mästen alle anderen Kreaturen, um 
Uns zu mästen. 



II. Akt, 2. Szene. 
III. Ah, 2. Szene. 

IV. Ah, }. Szene. 



Hamlets Ungeduld 337 



„Der Ozean, entwachsen seinem Saum, 
Verschlingt die Niederungen ungestümer nicht 
Als wie Laertes ..." 

Orale Versagung, orale Ungeduld und oraler Sadismus sind untrennbar. 

Der Sadismus des Über-Ichs wendet sich gegen das Ich und zerstört es. 
wenn dieses Ich sich mit den versagenden Liebesobjekten identifiziert. Das 
sadistische Über-Ich, das, wie wir wissen, unbewußt ist, hat ein Bündnis 
mit den zerstörenden feindlichen Es-Strebungen, die sich im oralen Stadium 
als gegen die Eltern gerichtete Freßphantasien manifestieren: 

„Nun tränk' ich heißes Blut." 

„Willst Essig trinken? Krokodile essen? 

Ich tu's! Ich tu's!" V. Akt, I. Szene. 

In diesem oralen Stadium ist das Liebesobjekt ein Eigentum. Die Mutter 
wird gleichgesetzt der Brust, der Vater dem Penis, beide sind nur vorhanden 
für das Bedürfnis des Kindes nach Nahrung, Liebe und Schutz. Die Not- 
wendigkeit, sie als persönliches Eigentum zu behalten, wurzelt in der Angst, 
die der durch Versagung hervorgerufenen Feindseligkeit entspricht. 

Das Motiv des persönlichen Eigentums findet man nicht nur bei 
Hamlet; auch für den ermordeten König und Claudius ist die Königin 
„Besitz". 

„So ward ich schlafend und durch Bruderhand 

Gebracht um Leben, Krone und Gemahl!" /. Akt, /. Szene. 

„Mir bleibt ja stets noch alles, 

Was mich zum Mord getrieben: meine Krone, 

Mein eig'ner Ehrgeiz, meine Königin. 

Wird da verzieh'n, wo Missetat besteht?" III. Akt, ). Szene. 

Es gab einen zu Shakespeares Zeit verbreiteten Aberglauben, daß Geister 
auf die Erde zurückkehren, um verborgene Schätze zu hüten. 
Horatio sagt zu dem Geist: 

„Und hast du aufgehäuft in deinem Leben 

Erpreßte Schätze in der Erde Schoß, 

Wofür ihr Geister, sagt man, oft im Tode, 

Umhergeht: sprich davon!" I. Akt, 1. Szene. 

Das Prostitutionsthema taucht bald beim Manne, bald bei der Frau auf. 
Claudius ist „der geflickte Lumpenkönig", der „spielt in eurem Nacken 
mit verdammten Fingern . Die Königin „mästet sich im Sumpf". Das 

Int, Zeitschr. f. Psychoanalyse XV/2 — 3. aa 



338 Ella Sharpe 



kommt daher, daß die Prostitutionsphantasien im Oralen wurzeln, wo 
Mutter und Vater noch nicht genügend unterschieden werden. „Meine 
Mutter: Va'er und Mutter ist Mann und Frau: Mann und Frau sind ein 
Fleisch : und so, meine Mutter. 

Wir erkennen den beständigen Kampf um Freiheit aus dieser parasi- 
lischen Abhängigkeit. 

„Auch wärst du träger als das feiste Kraut, 

Das ruhig Wurzel treibt an Lethes Bord, 

Erwachtest du nicht hier!" I. Akt, /. Szene. 

„O Seele, die, sich frei zu machen, ringend, 

Noch mehr verstrickt wird." III. Akt, }. Szene. 

Hamlets zweites Ich ist Horatio. Er ist, was Hamlet sein möchte. „Wie 
einer, alles leidend, selbst nicht leidet. 

Er ist keine „Pfeife in Schicksals Hand, auf der es nach Belieben 
spielen kann . 

Wie Horatio den vergifieten Kelch trinken will, reißt ihn Hamlet aus 
seiner Hand: 

„Wenn du ein Mann bist, 

Gib mir den Kelch! Beim Himmel, laß! Ich will ihn!" 

V. Akt, 2. Sane. 

„Wenn du ein Mann bist!" Horatio soll für Hamlet sprechen. 
Horatio soll tun, was Hamlet nicht vermochte. Die eindringliche Bitte an 
Horatio enthält Hamlets ganze Tragik. 

„Verbanne noch dich von der Seligkeit 

Und atm' in dieser herben Welt mit Müh', 

Um mein Geschick zu melden." V. Akt, 2. Szene. 

Dieses Fehlen von Glück, diese Atemnot in einer rauhen Welt konnte 
Hamlet nicht ertragen. 

„Hätt' ich nur Zeit! Der grause Scherge Tod 

Verhaftet schleunig! — Oh, ich könnt euch sagen — 

Doch sei es drum." V. Akt, 2. Szene. 

Hamlets Tragik liegt in seiner Ungeduld. Fortinbras tritt die Herrschaft 
an. Er übernimmt das Königreich, das durch den Tod von Claudius, 
Gertrud und Hamlet verwaist ist. 






Hamlets Ungeduld 



„Ich habe alle Recht' an dieses Reich, 

Die anzusprechen mich mein Vorteil heißt." 

So hat Shakespeare den inneren Konflikt nach dem Tode seines Vaters 
aus sich herausgestellt und verarbeitet und sich dadurch sein geistiges 
Gleichgewicht erhalten. Vielleicht ist es der Umfang und die Tiefe dieser 
Fähigkeit, die inneren Kräfte der Seele zu gestalten, die ihn zu gleicher 
Zeit zum größten Dramatiker der Welt und zu einem einfachen normalen 
Menschen machten. 

Die Lektüre der Schriften Freuds und Abrahams über Trauer 
und Melancholie erfüllt uns, wenn wir dabei an Hamlet denken, mit 
neuer ßewunderung für die Werke des menschlichen Geistes. Hier stimmen 
Wissenschaft und Kunst genau überein, hier sind sie innig vermählt. 

Um den Mechanismus der menschlichen Seele zu erforschen, sind 
Wissenschaft und Kunst gleichermaßen unentbehrlich. Der Wissenschaftler 
ist ohnmächtig, solange seine Wissenschaft abseits von schöpferischer Kunst 
steht; und ohne die Freiheit und Objektivität des Wissenschaftlers kann 
der Künstler nicht schaffen. Psychoanalyse ist sowohl Wissenschaft als auch 
Kunst. Freud und diejenigen seiner Anhänger, die etwas von seinem 
Mute besitzen, decken in ihrer eigenen Seele und in den Seelen anderer die 
Dramen auf, welche die großen Dichter auf die Bühne der Welt stellen. 






22 . 




Der Einfluß der Psychoanalyse auf die Erziehung 
in England während der letzten 18 Jahre 

Von 
Barbara Low 

London 

Vor etwas mehr als 18 Jahren, im November 1910, wurde ein Artikel 
von Ernest Jones unter dem Titel „ Psycho- Analysis and Education" im 
„Journal of Educational Psychology ' veröffentlicht. Es ist interessant zu 
beobachten, wie weit die dort niedergelegten Ideen und die in diesem 
Aufsatz ausgedrückten Hoffnungen sich seit der Zeit seines Erscheinens 
erfüllt haben. 

Dieser Aufsatz war, soweit der Verfasserin dieser Zeilen bekannt ist, 
die erste Veröffentlichung, welche die Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Erziehungstheorie und -praxis empfahl. Sie faßt prägnant und in sehr 
anregender Weise die Hauptfunde, welche die Psychoanalyse bis zu diesem 
Zeitpunkt gemacht hatte, zusammen. Sie weist darauf hin, daß die An- 
wendung dieser neuen Wissenschaft sowohl die frühe Erziehung des 
Kindes (die ersten Jahre zu Hause) als auch die mehr ins einzelne 
gehende spätere Erziehung systematischer Natur unvermeidlich ändern 
muß. Sie zeigt außerdem, welcher radikalen Veränderung der Standpunkt 
des Erwachsenen gegenüber den fundamentalsten Problemen seines Be- 
tragens und dem des Kindes unterworfen sein wird. 

Neben dem Hinweis auf die besonderen Veränderungen stellt der Auf- 
satz die allgemeine Forderung nach einer besseren Aufklärung des Lehrers 
über das Seelenleben, so daß dieser imstande wäre, tiefer in den Geist 
des Kindes, das er erzieht, einzudringen. Vor allem legt Jones Nachdruck 
auf die Notwendigkeit einer ehrlicheren Erkenntnis des sexuellen und des 
affektiven Lebens neben der der intellektuellen Seiten des Menschen. Er 
schreibt: „Es wäre zu wünschen, daß die Erziehung sich mehr als bisher 

1) Jetzt aufgenommen in den „Papers on Psycho-Analysis" 2^ ed. London 1918 
(Ch. XXXIV). 



Einfluß der PsA. auf die Erziehung in England 



34t 



mit der sogenannten menschlichen Seite des Kindes befassen sollte und 
nicht ausschließlich mit der intellektuellen Seite." 

Man muß diesen Zeitraum in zwei Perioden teilen, in die ersten zehn 
Jahre, die ungefähr bis 1 920 reichen, und die letzten acht bis zur Gegen- 
wart, denn in dieser Phase ist eine sehr bemerkenswerte Veränderung der 
Einstellung vor sich gegangen, die sie scharf von der ersten trennt. Wir 
sehen, daß, wie zu erwarten stand, wenn man englische Tradition und 
englisches Temperament kennt, die Theorie als solche von dem Haupt- 
system der englischen Erziehung zurückgewiesen, bestenfalls mit Gleich- 
gültigkeit übergangen, sonst aber mit Feindseligkeit oder Spott behandelt 
wird. Bei führenden Pädagogen und vielen anderen, die mit Organi- 
sation und Verwaltung der Erziehungspolitik zu tun haben, sind 
wir auf Anklagen oder Unglauben gestoßen, die vermengt waren mit der 
Angst vor Lehren, die sie als revolutionär empfanden, obwohl sie von 
ihnen als belanglos angesprochen wurden. Mit ihnen hat sich der größte 
Teil der Psychologen verbunden, die von sehr verschiedenen Standpunkten 
aus die Theorie des Unbewußten und ihre Folgerungen bald als zu em- 
pirisch, bald als zu starr in ihrem Determinismus, bald als völlig unwissen- 
schaftlich kritisiert haben. Wenn wir zuerst den frühen Zeitraum von 
1910 bis 1920 betrachten, so zeigen sich bestimmte und scharf charak- 
teristische Züge. Als Theorie wurde die Psychoanalyse von unseren großen 
pädagogischen Einrichtungen verworfen; die Universitäten und Schulen 
nahmen sie in ihren Lehrplan nicht auf; der Lehramtskandidat widmete 
ihrem Studium keine Zeit, der Lehrer, an praktisches Arbeiten gebunden, 
hatte keine systematische Kenntnis von ihr, die leitenden Stellen unseres 
pädagogischen Systems ermutigten keineswegs die Verfolgung dieses Zweiges der 
Wissenschaft, wenngleich sie auch nicht öffentlichen Widerstand leisteten. 
Der einzelne Lehrer, der Verfasser pädagogischer Schriften, alle, die sich 
mit pädagogischer Entwicklung beschäftigten, folgten im allgemeinen 
diesem Beispiel und diese allgemeine Haltung offener Feindschaft 
oder Verleugnung spiegelte sich fast überall in der englischen Presse 
wider, selbst in den anerkanntesten Erziehungsorganen. Nur eine Handvoll 
Pioniere der pädagogischen Welt erhob dann und wann wenigstens zu- 
gunsten der Erforschung dieser neuen Wissenschaft ihre Stimme. — Aber 
der Zeitraum zwischen 1920 und heute zeigt, wie bereits gesagt, 
eine bemerkenswerte Veränderung. Die Theorie bleibt noch immer, zum 
Teil wegen der angeborenen Angst und Abneigung des Engländers gegen 
Ideen, insbesondere neue Ideen, wenig anerkannt. Noch heute kann man 
schwerlich mehr als einige wenige pädagogische Institutionen finden, an denen 
die Psychoanalyse unmittelbar studiert wird; auch bemüht sich noch keine 



342 



Barbara Low 



größere Gemeinschaft von Lehrern um die Psychoanalyse, um tieferes Ver- 
ständnis bei ihrer Arbeit zu finden. Nichtsdestoweniger hat sich die 
Theorie Freuds bei fast jedem Unterricht in der Pädagogik wie er jetzt 
in Lehranstalten, in Lehrerseminaren und in den meisten modernen 
Schulen geübt wird, Eingang verschafft, allerdings oft ohne daß das denen, 
die solchen Unterricht geben, bekannt war, ja selbst während sie diese 
Theorie offiziell zurückwiesen. Die Theorie des Unbewußten gibt ihrem 
ganzen Gesichtsfeld Färbung in bezug auf die Persönlichkeit in ihren 
verschiedenen Aspekten. Ferner kann man wohl sagen, daß seit dem Jahre 
1910 und noch mehr seit 1920 kein Buch von irgend einem ernsthaften 
Psychologen oder Pädagogen geschrieben worden ist, das unbeeinflußt von 
dem Werk Freuds und seiner Schüler geblieben wäre. Ob wir uns 
den akademischen Psychologen, den Behaviouristen, den Inhabern der 
Lehrstühle auf den Universitäten, den experimentellen Pädagogen, den 
noch orthodoxen Kreisen der Lehrerschaft in unseren Bürger- und Volks- 
schulen oder den einzelnen Lehrern selbst zuwenden, von ihnen 
allen können wir berechtigterweise sagen, daß sie ihre jetzige 
geistige Haltung nicht hätten, wenn Freud der Welt nicht sein Werk 
geschenkt hätte. Zweifellos werden noch durch viele Jahre englische Päda- 
gogen vielfach die Theorie des Unbewußten weiter ablehnen und 
werden dennoch auch weiter größtenteils unbewußt (und dadurch 
die Wahrheit des dynamischen Unbewußten in jedem von ihnen selbst 
noch stärker bestätigend) in etwas gemilderten Formen die Folgerungen 
jener Theorie aufnehmen. Gewisse Entwicklungen beweisen indessen den 
unmittelbaren Einfluß der Freudschen Theorie: in England hat man 
schon angefangen, Körperschaften zur Erforschung des kindlichen Affekt- 
lebens, wie es sich in Mangel an Anpassungsfähigkeit zeigt, zu errichten. 
Man erkennt den Punkt an, auf den Ernest Jones in seinem Aufsatz 
hingewiesen hat, daß nämlich die Erziehung sich nicht nur mit der soge- 
nannten intellektuellen Seite des Kindes zu befassen habe, sondern auch 
mit seiner menschlichen Seite. Wir haben doch wenigstens einige Kurse 
für Lehrer und andere, die sich für Erziehung interessieren, die sich ent- 
weder direkt mit der psychoanalytischen Theorie befassen wie z. B. jene, 
die manchmal von dem University College in London gehalten werden, 
oder indirekt ihren Unterricht auf viele der Hauptfolgerungen der 
Psychoanalyse aufbauen, so wie jene, die unter den Auspizien des L. C. C. 
von seinem eigenen Psychologen Dr. Cyril B u r t gehalten werden. Wahr- 
scheinlich schaffen jetzt auch die meisten Bibliotheken der Universitäts- 
und Erziehungslehranstalten Werke Freuds und anderer führender 
Psychoanalytiker an, und dasselbe werden die größeren pädagogischen 



Einfluß der I'sA. auf die Erziehung in England 



343 



Bibliotheken im ganzen Lande tun. Es besteht unter der Lehrerschaft ein 
gewisses Verlangen nach praktischer Kenntnis der Psychoanalyse in der Form 
des Wunsches nach eigener analytischer Behandlung als Hilfe für die spätere 
Beschäftigung mit spezifisch pädagogischen Problemen. Schreiberin dieses hat 
in Gemeinschaft mit anderen gefunden, daß die Vorlesungen über Psychoanalyse 
viel öfter als früher auf ein wirkliches deutliches Interesse stoßen, das sich oft 
zu weiterem Studium des Gegenstandes entwickelt. Andererseits hat sich in 
Hinsicht auf die Theorie an vielen Orten eine gewisse ungünstige Ent- 
wicklung gezeigt: nämlich die Annahme kleiner Teile ohne wirklichen 
Inhalt, die oft in ihrer wahren Bedeutung verzerrt und neben völlig 
widersprechenden Ideen angewandt werden. Wieder sehen wir hier die 
traditionelle englische Neigung, mit einer neuen, zu tiefen Wahrheit, die 
wahrscheinlich zu schmerzlich ist, um ganz angenommen zu werden, 
Kompromisse zu schliessen. Man tut dies, indem man neuen Wein in 
alte Flaschen gießt, mit einem Resultat, das oft entweder unverwendbar 
oder unheilvoll ist. Er gibt viele, die heute an Erziehungs fragen inter- 
essiert sind, die sich selbst und andere betrügen, indem sie 
vorgeben, die Theorie des Unbewußten zu verstehen und anzunehmen. In 
Wirklichkeit aber wählen sie nur das aus, was man als Leckerbissen, die 
ihrem Wunsch nach moderner Richtung genügen, bezeichnen kann, 
während es ihnen völlig mißlingt, die Bedeutung sowohl des ausgewählten 
Teiles als auch des Ganzen zu würdigen. Wie zu erwarten sind diese Leute 
eifrig bemüht, das, was eine der fundamentalen Entdeckungen der Psycho- 
analyse ist, — die Theorie der infantilen Sexualität, — zurückzuweisen. 
In diesem Punkt hat sich Ernest Jones in jenem Artikel von 1910 als 
wahrer Prophet erwiesen, da er mit Nachdruck die Unwissenheit des Er- 
wachsenen über das Sexualleben und die Entwicklung des Kindes betont 
hat; eine Unwissenheit, die aus der Angst und dem Widerstand des Er- 
wachsenen solchen Tatsachen gegenüber entspringt. Jones schreibt: 
„Die Illusionen der meisten Eltern (und auch der meisten Lehrer), die 
sich an die Unschuld ihrer Kinder in solchen Dingen (sexuellen Dingen) 
klammern, sind fast unbegrenzt. Was die kleinen Kinder betrifft, sind sie 
gewöhnlich unerschütterlich, und bei den Älteren sind sie häufig er- 
staunlich. . . Selten nimmt ein Kind die falschen Erklärungen seiner Eltern, 
die seine Intelligenz unterschätzen, an. . . Die organisierte Verschwörung des 
Schweigens wird bald vom Kind bemerkt und es ist vielen Einflüssen 
preisgegeben; Einflüsse, die umso gewaltiger sind, weil sie indirekt 
wirken, woraus das Kind lernt, daß der Gegenstand Tabu, geheimnisvoll, 
unrein und besonders schlecht ist. Jene, die sich der direkten Aufklärung 
widersetzen, sollten daher erkennen, daß sie in Wirklichkeit eine falsche 



344 Barbara Low 



Aufklärung verteidigen. Es ist daher vor allem für die Eltern und den 
Lehrer nötig, sich zu bemühen, eine freiere, reinere und großzügigere 
Haltung als bisher zu erwerben." 

Wenn wir uns der praktischen Entwicklung in Erziehungsfragen 
während des genannten Zeitraums zuwenden, können wir zweifellos den 
starken Einfluß der Psychoanalyse wirksam sehen. 

Um zuerst von der Produktion der Bücher, die für den Lehrer und 
den Studierenden bestimmt sind, zu reden, so gibt es eine ganze Anzahl, 
die sich entweder im einzelnen und direkt mit der psychoanalytischen 
Theorie befassen, oder andere, welche einen großen Teil jener Theorie 
aufnehmen, und die vom Publikum gelesen und im ganzen mit Achtung 
und einem guten Stück Anerkennung aufgenommen werden. Wie be- 
reits erwähnt, haben wir es noch nicht zu systematischen psychoanaly- 
tischen Kursen für Lehrer gebracht, wie es sie schon seit einigen Jahren in 
der Schweiz und in Deutschland gibt. Auch besitzen wir keine 
Schul- oder pädagogische Einrichtung, die man absolut als psychoanaly- 
tische bezeichnen kann, aber wir hatten wenigstens eine Schule, die 
Malting House School in Cambridge, die einer Psychoanalytikerin als 
Leiterin unterstand. Diese hat während ihrer Amtszeit Forschungen psycho- 
analytischer Art betrieben. 

Man kann also nach diesen Richtungen den Einfluß der Psychoanalyse 
sehr hoch einschätzen; er kann aber auch ziemlich stark in dem gewöhn- 
lichen Schul- und Lehrplan verfolgt werden, die beide ihre ursprünglich 
herrschenden Richtungen zugunsten einer Psychologie, die sich wenigstens 
bis zu einem gewissen Grade den neuen Ideen annähert, abgeändert und 
entwickelt haben. Selbst in den heutigen ganz konservativen Schulen, von 
jedem Typus, wird man kaum mehr die stereotypen Ideale und Stand- 
punkte von vor 20 Jahren finden. Es lohnt der Mühe, aus dem Artikel 
von 1910 einige Grundsätze, die der Autor als wesentlich für die An- 
wendung der Psychoanalyse auf die Erziehung dargelegt hat, in diesem 
Zusammenhange hervorzuheben. Vor allem bemerkt er, daß die Erziehung 
eine individuellere Angelegenheit werden müsse als sie bisher war. Er 
beklagt die Bemühungen, jedes Kind einem vorher ausgedachten Muster 
anzupassen, statt eine freie Entwicklung seiner latenten Eigenschaften zu 
fördern. 

Man kann die Entwicklung der letzten zehn Jahre nicht betrachten, 
ohne zu erkennen, daß dieser Grundsatz in der pädagogischen Welt schon 
einen weit verbreiteten Glauben findet. Wo es Freiheit gibt, wird dieses 
Prinzip, die Erziehung vom individuellen Standpunkt aus zu betrachten, 
ausgeführt. Die verschiedenen neuen Versuchsschulen, die Ideale von 






Einfluß der PsA. auf die Erziehung in England 



345 



P. N. E. U., die jetzigen Schulsysteme, so wie der Dalton-Plan, die Howard- 
Methode und andere ähnlicher Art sollen als Illustrationen zu diesem Punkt 
dienen. 

Der zweite Grundsatz, der in dem Aufsatz dargelegt wird, wurde schon 
angeführt, nämlich, daß Erziehung sich mehr als bisher mit der sogenannt 
menschlichen Seite des Kindes und nicht ausschließlich mit der intellek- 
tuellen beschäftigen soll. Es gibt vielleicht nichts Bezeichnenderes als die 
Versuche in dieser Richtung, die man jetzt in der ganzen modernen Er- 
ziehung verfolgen kann : Solche Versuche mögen vielleicht Gefahr laufen, 
die sogenannt menschliche Seite auf Kosten der intellektuellen zu über- 
werten, aber auf alle Fälle zeigen sie einen veränderten Gesichtspunkt. 
Das sehr große Anwachsen manueller Beschäftigung (Kunst und Hand- 
werk), der Ausbildung körperlicher Fähigkeiten (Tanzen, physische Hygiene 
usw.) und die Einführung von Dingen wie Film und drahtlose Tele- 
graphie als Hilfsmittel für eine menschlichere und realistischere Erziehung 
darf in dieser Verbindung angeführt werden. 

Ein dritter Punkt von fundamentaler Wichtigkeit, den der Autor anführt, 
ist das Bedürfnis nach einer Einstellung der Aufklärung in Bezug auf 
sexuelle Fragen von Seiten der Eltern und Lehrer zugleich mit einer Er- 
kenntnis der großen Rolle, die sexuelle Interessen in früher Kindheit 
spielen. Er beweist, wie wichtig und dauernd die Auswirkungen von 
Heimlichkeit und Verzerrung auf diesem Gebiet sind, und wie oft 
sie zu Disharmonie und neurotischer Störung im späteren Leben 
führen. 

Man kann kaum sagen, daß man sich mit der Frage der sexuellen 
Erziehung in der pädagogischen Welt in irgend einer grundlegenden Art 
befaßt hat, noch daß die Lehrer selbst in der Kenntnis ihrer eigenen 
sexuellen Entwicklung weit gekommen sind. Nichtsdestoweniger ist dieser 
Gegenstand wenigstens ein lebendes Problem geworden, das weder bei den 
Pädagogen noch bei den herrschenden pädagogischen Körperschaften selbst 
mehr völlig Tabu ist. Der Anfang einer gewissen Freiheit der Gedanken 
und der Rede ist nach dieser Richtung hin gemacht. Vielleicht könnte 
man als einen vierten Grundsatz, den Jones in seinem Artikel dar- 
gelegt hat, obgleich er als ein negativer bezeichnet werden kann 
seine eigenen Worte anführen, „wir müssen aufhören lernen zu 
schaden, dann können wir vielleicht lernen, zu nützen' , und „besser 
keine Aufklärung als eine falsche"; auch diese Einstellung ist schon viel 
verbreiteter als vor etwa zehn Jahren. Man findet heute selten einen 
Lehrer irgend eines Typus und auf beliebigem Gebiet, der glatte dog- 
matische Regeln in Bezug auf die Erziehung und den Geist seiner Schüler 



346 Barbara Low 



vorschreibt. Er wird sich immer mehr der Tiefe und der Größe seiner 
Aufgabe bewußt, und einige von ihnen sind wenigstens zu der Folge- 
rung gekommen, daß es schon ein Fortschritt ist, wenn sie aufhören zu 
schaden. 

Diese wenigen Betrachtungen, — der mir gestattete Raum ist be- 
schränkt, mögen dazu dienen, die verschiedenen Gebiete, auf denen 
die Psychoanalyse die Entwicklung der Erziehung beeinflußt, anzuführen, 
obgleich wir einsehen müssen, daß die neue Entwicklung noch in den 
Kinderschuhen steckt. Sie muß dem Muster aller fundamentalen Verände- 
rung folgen, Stück für Stück von tiefen, unbewußten Triebregungen aus- 
gehen, bis sie ein Teil des bewußten kulturellen Zieles wird. Ob und 
wann dies geschehen wird? Fraglos ist, daß zur Erreichung dieses 
Zieles die Aufklärungen, die Ernest Jones uns gegeben, einen wichtigen 
Faktor darstellen werden. Diese Aufklärungen sind der außerordentlichen 
Hegabung und der unermüdlichen Hingabe an die wissenschaftliche 
Forschung, die ihn immer charakterisiert haben, zu danken. 



Verzeichnis der wissenschaftlichen Vorträge 
und Veröffentlichungen von Dr. Ernest Jones 

Abkürzungen : 
ZU PsA = Zentralblatt für Psychoanalyse 
Jb PsA = Jahrbuch der Psychoanalyse (Jahrbuch für psychoanalytische und psychopatho- 

logische Forschungen) 
IZPsA = Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 
UPsA = International Journal of Psycho-Analysis 



1900 

1) The value of Babinski's Sign. Vortrag im November in der Uni- 
versity College Hospital Medical Society 

1901 

2) Calcification of the Pericardium. Vortrag am 21. Mai in der 
Pathological Society of London. — Transactions of the Society, Bd. LH, 
H. HI, S. 181 — 195 

3) Rotation of the Tongue in Tumor cerebri. Lancet, 28. Sept. 
Bd. LXXIX, Nr. 4074, S. 848—849 

1904 

4) Treatment of Tra&eotomy Wounds in Diphtheria. British Journ. 
of Children's Diseases. Bd. I, S. 153 — 15 8 

5) The Nomenclature of Tubercle. Ibid. S. 269—270 

6) The Enumeration of Leucocytes. Lancet, 25. Juni, LXXXII. 
Nr. 4217, S. 1790—1793 

7) The Teaching of Elementary Hygiene in London. British Journ. 
of Children's Diseases. Bd. I, S. 312—316 

8) A Point in the Tedinique of Widal's Reaction. Clinical Journ. 
XXIV, H. 12, S. 192 

9) Infant Murderers. British Journ. of Children's Diseases. Bd. I, 
S. 510—513 



*9V 

10) Ape-like Movements in Extreme Microcephaly. British Journ. 
of Children's Diseases. Bd. II, S. 214 — 215 

11) Multiple Bilateral Contractures simulating pseudo-hypertrophic 
muscular paralysis. (An aberrant form of the NageoUe-Wilbouchc- 
witch Syndrome.) Vortrag am 26. Okt. in der Neurological Society of 
the United Kingdom. — Brain, Bd. XXVIII, S. 585—586 

1 2) The Onset of Hemiplegia in Vascular Lesions. Brain, Bd. XXVIII, 
s - 527—555 

13) Acute Anterior Poliomyelitis. The Antiseptic, Bd. II, s. 454—458 

I906 

14) Parendiymatous Goitre in a Girl aged six. Vortrag am 16. Fe- 
bruar in der Society for the Study of Diseases in Children. — Beports 
of the Society, Bd. VI, S. 192. British Journ. of Children's Diseases. Bd. III, 
S. 120 

1 5) The Early Recognition of Pulmonary Tuberculosis. The Anti- 
septic, Bd. III, S. 189—196 

'907 

16) La vraie aphasie tactile. Revue Neurologique, Bd. XV, S. 3— 7 

17) Alcoholic Cirrhosis of the Liver in Children. British Journ. of 
Children's Diseases. Bd. IV, S. 1 — 14, 43—52 

18) Eight Cases of Hereditary Spastic Paraplegia. Review of Neuro- 
logy and Psychiatry, Bd. V, S. 98 — 106 

19) The Occurrence of Goitre in Parent and Child. British. Journ. 
of Children's Diseases, Bd. IV, S. 101 — 103 

20) Peripheral Facial Paralysis with instantaneous onset. Vortrag 
am 21. März in der Neurological Society of the United Kingdom. — Brain 
Bd. XXX, S. 146 

21) A Simplified Technique for Accurate Cell Enumeration in 
Lumbar Puncture. Review of Neurology and Psychiatry, Bd. V, S. 539—550 

22) The Clinical Significance of Allodiiria. Vortrag am 5. Sept. auf 
dem I. Internat. Kongreß für Psychiatrie, Neurologie und Psychologie in 
Amsterdam. - Transactions of the Congress, S. 408-4,4. Lancet, 2,. Sept. 
Bd. LXXXV, Nr. 4386, S. 830-852 

23) Alcoholic Cirrhosis of the Liver in Children. British Journ. of 
Children's Diseases, Bd. IV, S, 440—443 



Jones-Bibliographie 



349 



24) Case of Isolated Paresis of Right Serratus Magnus. Vortrag 
am 51. Okt. in der Royal Society of Mediane, Neurological Section. 
Proceedings, Bd. I, S. 9 

25) The Development of the Articulatory Capacity for Consonantal 
Sounds in School Children. Internat. Archiv für Schulhygiene, Bd. IV, 
H. 2 u. 3, S. 186 — 201 

26) The Medianism of a severe Briquet Attack contrasted with 
that of Psydiasthenic FitS. Journ. of Abnormal Psychology, Bd II, H. 2, 
S. 218 — 227 

27) The Precise Diagnostic Value of Allochiria. Brain, Bd. XXX, 
S. 490—523 

28) Histological Report on a Case of Syphilide Cortical Sclerosis. 
Vortrag am 13. Dez. in der Society for the Study of Diseases in Children. 
— Reports of the Society, Bd. VIII, S. 168—170. British Journ. of Chil- 
dren's Diseases, Bd. V, S. 166 — 168 

1908 

29) Le cote affecte par l'hemiplegie hysterique. Revue Neurologique, 
Bd. XVI, H. 5, S. 193—196 

30) Case of Primary Spastic Paraplegia Ülustrating the Nature ot 
Schäfer's Reflex. Vortrag am 15. März in der Royal Society of Med., 
Neurological Section. — Proceedings, Bd. I, S. 59—60 

31) The Symptoms and Diagnosis of Juvenile Tabes. British Journ. 
of Children's Diseases, Bd. V, S. 131 — 140 

52) The Variation of the Articulatory Capacity for different 
Consonantal Sounds in School Children. Internat. Archiv für Schul- 
hygiene, Bd. V, S. 137 — 157 

33) Rationalisation in Everyday Life. Vortrag am 27. April auf dem 
I. PsA. Kongreß in Salzburg. — Journ. of Abnormal Psychology, Bd. III, 
S. 161 — 169 

34) The Significance of Phrictopathic Sensation. Journ. of Nervous 
and Mental Disease, Bd. XXXV, S. 427—457 



1909 
35) [Mit G. W. Ross.] On theUse of Certain New Chemical Tests 
in the Diagnosis of General Paralysis and Tabes. Vortrag am 26. Jan. 
in der Ontario Academy of Medicine, Section of Pathology. — British Med. 
Journ., Nr. 2523, S. 1111 — 1113 



350 



Jones-Bibliographie 



36) [Mit W. C. Heggie.] A Case of Glioma of the Optic Thalamus. 
Vortrag am 16. März in der Ontario Academy of Medicine, Section of Sur- 
gery. — Dominion Med. Monthly, 1909, S. 95 — 98 

37) The Cerebro-spinal Fluid in Relation to the Diagnosis of 
Metasyphilis of the Nervous System. Bulletin of the Ontario Hospital 
for the Insane, Bd. II, H. 3, S. 15 — 39 

38) Modern Progress in our Knowledge of the Pathology of 

General ParalysiS. Vortrag am 14. April in der Hamilton Medical Society, 
Ontario. — Lancet, 24. Juli, LXXXVII, Nr. 4482, S. 209 — 212 

39) An Attempt to Dehne the Terms used in Connection with 
Right-handedness. Psychological Bulletin, Bd. VI, H. 4, S. 130 

40) A Review of our Present Knowledge concerning the Sero- 
diagnosis of General Paralysis. Am. Journ. of Insanity, LXV, S. 653—688 

41) Psydio-Analysis in Psychotherapy. Vortrag am 6. Mai in der 
Am. Therapeutical Society, New Haven. — Journ. of Abnormal Psychology, 
Bd. IV, S. 140 — 150. Montreal Medical Journal, Bd. XXXVJJI, S. 495 — 503. 
Psychotherapeutics. (Badger.) Edited by Morton Prince 

42) The Differential Diagnosis of Cerebellar Tumours. Vortrag am 
1. Juni in der Ontario Medical Association, Section of Medicine. — Boston 
Med. and Surgical Journ., Bd. CLXI, S. 281—284. Canadian Journ. of Med. 
and Surgery, Juni 1910, S. 341 — 34g 

43) Demonstration of Two New Tests for General Paralysis of 
the Insane. Vortrag am 2. Juni in der Ontario Medical Association, Oph- 
thalmological Section. 

44) The Proteid Content of the Cerebro-spinal Fluid in General 
Paralysis. Beview of Neurology and Psychiatry, Bd. VII, S. 379—391 

45) The Pathology of General Paralysis. Vortrag am 7. Juni in der 
London Medical Society, Ontario, und am 7. August in der Canadian Med. 
Association, Winnipeg. — Alienist and Neurologist, Bd. XXX, S. 577—588. 
Dominion Med. Monthly, Okt. S. 127 — 136 

46) The Differences between the Sexes in the Development of 
Speedl. Vortrag am 6. August auf dem VI. Internat. Kongreß für Psychologie 
in Genf. — British Journ. of Children's Diseases, Bd. VI, S. 413—415 

47) Remarks on a Case of Complete Autopsychic Amnesia. Journ. 
of Abnormal Psychology, Bd. IV, S. 218 — 235 

48) The Pathology of Dysdliria. Review of Neurology and Psychiatry, 
Bd. VII, S. 499—523, 559—588. — Die Pathologie der Dyschirie. Journ. 
für Psychologie und Neurologie, Bd. XV, 1910, S. 145—183 



Jones-Bibliographie 35' 



49) Psycho-Analytic Notes on a Case of Hypomania. Am. Journ. 
of Insanity, Bd. LXVI, S. 205—218 

50) The Differential Diagnosis of Paraplegia. Vortrag im November 
im Toronto Orthopaedic Hospital. — Canadian Practitioner and Review, 
Bd. XXXV, S. 1 — 10 

51) The Psycho-Analytic Method of Treatment. Vortrag am 
24. Nov. in der Niagara District Med. Ass., St. Catherines, Ontario. — Journ. 
of Nervous and Mental Disease, Bd. XXXVII, S. 285 — 295 

52) The Dyschiric Syndrome. Journ. of Abnormal Psychology, Bd. IV, 
S. 511—527 

55) Freud's Theory of Dreams. Vortrag am 29. Dez. in der Am. 
Psychological Ass. Baltimore. — Review of Neurology and Psychiatry, Bd. VIII, 
S. 135 — 143. Psychological Bulletin, Bd. VII, H. 7, 1910, S. 45 — 46 

ipio 

54) On the Nightmare. Am. Journ. of Insanity, Bd. LXVI, S. 583 — 417 

55) The Oedipus Complex as an Explanation of Hamlet's Mystery: 
A Study in Motive. Am. Journ. of Psychology, Bd. XXI, S. 72 — 113 

56) Simulated Foolishness in Hysteria. Vortrag am 5. Febr. in der 
Detroit Society of Neurology and Psychiatry. — Am. Journ. of Insanity, 
Bd. LXVII, S. 279 — 286 

57) Freud's Psychology. Psychological Bulletin, Bd. VII, S. 109 — 128 

58) Freud's Theory of Dreams. Am. Journ. of Psychology, Bd. XXI, 
S. 283—308 

59) The Question of the Side Affected in Hemiplegia and in 
Arterial Lesions of tlie Brain. Quarterly Journ. of Clinical Mediane, 
Bd. III, S. 233—250 

60) Mental Characteristics of Chronic Epilepsy. Vortrag am 7. Mai 
in der National Association for the Study of Epilepsy, Baltimore. — Mary- 
land Med. Journ., Bd. LIII, S. 223 — 229 

61) The Therapeutic Effect of Suggestion. Vortrag am 2. Mai auf dem 
First Annual Meeting of the American Psychopathological Association, Washington, 
u. am 8. August auf dem I. Internat. Kongreß für med. Psychologie und Psycho- 
therapie, Brüssel. — Canadian Journ. of Med. and Surgery, Bd. XXIX, S. 78 — 87. 
Journ. für Psychologie und Neurologie, Bd. XVII, Ergänzungsheft, S. 427 — 431 

62) A Modern Conception of the Psychoneuroses. Vortrag am 
1. Juni in der Canadian Med. Ass., Toronto. — Interstate Med. Journ., Bd. XVII, 
S. 567 — 575- Canada Lancet, Bd. XLIII, H. 12, S. 908—917 



352 Jones-Bibliographie 



63) Review of the Recent English and American Literature 011 
Clinical Psychology and Psychopathology. Archives of Neurology and 
Psychiatry, Bd. V, S. 120—147. — Bericht über die neuere englische 
und amerikanische Literatur zur klinischen Psychologie und Psycho- 
pathologie. JbPsA II, S. 316 — 346 

64) Some Questions of General Ethics arising in Relation to 
Psychotherapy. Dominion Med. Monthly, Bd. XXXV, S. 17—22 

65) The Relation between Organic and Functional Nervous 
Diseases. Vortrag am 12. Nov. im Toronto Orthopaedic Hospital. — Domi- 
nion Med. Monthly, Bd. XXXV, S. 202—207 

66) Psycho-Analysis and Education. Journ. of Educational Psychology, 
Bd. I, S. 497—520. School Hygiene, Bd. II, S. 94—99, 130 — 139 

67) The Practical Value of the Word-Association Method in the 
Treatment of the Psychoneuroses. Review of Neurology and Psychiatry, 
Bd. VIII, S. 641 — 672 

68) The Action of Suggestion in Psychotherapy. Journ. of Abnormal 
Psychology. Bd. V, S. 217 — 254 

1911 

69) Beitrag zur Symbolik im Alltag. ZblPsA I, S. 96—98 

70) Syphilis of the Nervous System. Interstate Med. Journ., Bd. XVIII, 
s - 39—47 

71) Reflections on Some Criticisms of the Psycho-Analytic 
Method of Treatment. Vortrag am 18. Januar in der Chicago Neurological 
and Med. Society. — Am. Journ. of the Med. Sciences, Bd. CXLII, 
s 47—57 

72) Remarks on Dr. Morton Prince's Article: „The Mechanism 
and Interpretation of Dreams." Journ. of Abnormal Psychology, Bd. V, 
S. 328—336 

73) Unbewußte Wahl wissenschaftlicher Untersuchungen. ZblPsA I, 
S. 166 — 167 

74) Some Instances of the Influence of Dreams on Waking Life. 

Journ. of Abnormal Psychology, Bd. VI, S. 11 — 18 

75) The Pathology of Morbid Anxiety. Vortrag am 10. Mai am 
Second Annual Meeting of the Am. Psychopathological Association, Baltimore. 
— Ibid. Bd. VI, S. 81—106 

76) The Deviation of the Tongue in Hemiplegia. Vortrag am 
13. Mai auf dem 37. Meeting of the American Neurological Association, 



Jones-Bibliographie 353 



Baltimore. — Journ. of Nervous and Mental Diseases, Bd. XXXVIII, 

s. 577—587 

77) The Relationship between Dreams and Psychoneurotic Sym- 
ptoms. Vortrag am 15. Mai in der Wayne County Society, Detroit. — Am. 
Journ. of Insanity, Bd. LXVUI, S. 57 — 80 

78) The Psychopathology of Everyday Life. Vortrag am 16. Mai in 
der Detroit Academy of Medicine. — Am. Journ. of Psychology, Bd. XXII, 
S - 477—527 

79) The relation of Nasal Obstrietton to Articulatory Capacity. 
British Journ. of Children's Diseases, Bd. VIII, S. 241 — 249 

80) Ein Beispiel von literarischer Verwertung des Versprechens. 

ZblPsA I, S. 496—497 

81) Das Problem des „Gemeinsamen Sterbens", namentlich mit 
Bezug auf den Selbstmord Heinrich von Kleists. Zbl PsA I, 
S. 563—567 

82) Darwin über das Vergessen. Zbl PsA I, S. 614 

83) Analyse eines Falles von Namenvergessen. Zbl PsA II, S. 84 — 86 

84) Ein klares Beispiel sekundärer Bearbeitung. Zbl PsA II, S. 135 

85) The Therapeutic Action of Psychoanalysis. Vortrag am 7. Dez. 
in der Detroit Society of Neurology and Psychiatry. — Review of Neurology 
and Psychiatry, Bd. X, 1912, S. 53 — 64 

86) The Value of Sublimating Processes for Education and Re- 
education. Vortrag am 29. Dez. in der Am. Psychological Association, 
Washington. — Journ. of Educational Psychology, Bd. III, S. 241 — 256 

87) Das Problem des Hamlet und der Ödipuskomplex. Schriften 
zur angewandten Seelenkunde, Nr. 10, Deuticke, Wien 

1912 

88) Unbewußte Zahlenbehandlungen. Zbl PsA II, S. 241 — 244 

89) A Forgotten Dream. Note 011 the Oedipus Saving Phantasy. 

Journ. of Abnormal Psychology, Bd. VII, S. 5 — 16 

90) Ein ungewöhnlicher Fall von „Gemeinsamem Sterben". 
ZblPsA II, S. 455—459 

91) Analytic Study of a Case of Obsessional Neurosis. Vortrag am 
30. Mai auf dem Second Annual Meeting of the Am. PsA. Ass. Boston. — 
Einige Fälle von Zwangsneurose. JbPsA IV, S. 563 — 606, V, 
S. 55 — 116 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XV, 2/3 23 



354 Jones-Bibliographie 



92) Die Beziehung zwischen Angstneurose und Angsthysterie. 
Vortrag am 9. Sept. am Internat. Kongreß für med. Psychologie u. Psycho- 
therapie, Zürich. — Journ. für Psychologie u. Neurologie, Bd. XX, Ergänzungsh. 2, 
S. 214. IZPsAI, S. 11 — 17. — The Relation between the Anxiety 
Neurosis and Anxiety Hysteria. Journ. of Abnormal Psychology, Bd. Vm, 
S. 1 — 9 

95) George Meredith über Träume. ZblPsA in, S. 54 

94) Ein rationalisiertes Vergessen. ZblPsA in, S. 54 

95) Strindberg über Geburt und Tod. ZblPsA III, S. 55 

96) Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker. 

Imago I, S. 361 — 385 u. S. 454 — 488. Englisch enthalten in Nr. 166 

97) Papers on Psycho- Analysis. Bailliere, Tindall & Cox. Enthält in 
durchgesehener Form Nr. 33, 41, 47, 51, 53, 56, 57, 58, 61, 62, 65, 66, 
67. 68, 71, 74, 75, 77, 78, 85, 86, 89 

98) Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des 
mittelalterlichen Aberglaubens. Schriften zur angew. Seelenkunde, Nr. XIV, 
Deuticke, Wien 

99) The Phantasy of the Reversal of Generations. Vortrag am 8. Febr. 
in der Psychiatric Society, Ward's Island, New York. — Generations- 
Umkehrungsphantasie. IZPsA I, S. 562 — 563 

100) The Inter-Relation of the Biogenetic Psychoscs. Vortrag am 
18. April auf den Opening Exercises of the Phipps Clinic, Baltimore. — 
Am. Journ. of Insanity (Special number), Bd. LXIX, S. 1027 — 1032 

101) The Case of Louis Bonaparte, King of Holland. Vortrag am 
8. Mai auf dem Fourth Meeting of the Am. Psychopathological Ass., Washington. 

— Journ. of Abnormal Psychology, Bd. VIII, S. 289 — 330 

102) Haß und Analerotik in der Zwangsneurose. Vortrag am 9. Mai 
auf dem Third Annual Meeting of the Am. Psycho-Analytical Ass., Washington. 

— IZPsA I, S. 425 — 430. Englisch enthalten in Nr. 165 

103) Die Bedeutung des Großvaters für das Schicksal des Ein- 
zelnen. IZPsA I, S. 219 — 223. Englisch enthalten in Nr. 165 

104) A Simple Phobia. Journ. of Abnormal Psychology, Bd. VIII, 
S. 101 — 108 

105) Der Gottmensch-Komplex: Der Glaube, Gott zu sein, und 
die daraus folgenden Charaktermerkmale. I Z PsA I, S. 313—329. Englisch 
enthalten in Nr. 165 



Jones-Bibliographie 355 



106) Übersetzungsvorschläge der gebräuchlichsten psa. Termini. 
(Mit Dr. Maeder.) I Z PsA I. S. 415 

107) Die Stellungnahme des psychoanalytischen Arztes zu den 
aktuellen Konflikten. Vortrag am 8. Sept. auf dem IV. Internat. PsA. Kongreß, 
München. — I Z PsA II, S. 6 — 10. Englisch enthalten in Nr. 165 

108) Andrea del Sartos Kunst u. der Einfluß seiner Gattin. Imago n, 
S. 468—480. Englisch enthalten in Nr. 166 

109) Die Bedeutung der frühesten Eindrücke für die Erzeugung 
von Vorliebe und Abneigung. IZPsA I, S. 563 — 564 

1 1 o) Trcatment of the Neuroses. Modern Treatment of Nervous and 
Mental Diseases, Bd. I. S. 331— 416. Edited by Jelliffe and White 

1914 

m) Some Practical Aspects of the Psycho-Analytic Treatment. 
Vortrag am 13. Febr. auf dem X. Australasian Med. Congress, Auckland, New 
Zealand. 

112) Träume in der Psychoanalyse. IZPsA II, S. 274 — 275 

113) Suggestion und Übertragung. IZPsA II, S. 275 

114) Frau und Zimmer. IZPsA II, S. 580 

115) Zahnziehen und Geburt. IZPsA II, S. 380 — 381 

116) Haarschneiden und Geiz. IZPsa II, S. 383 

117) Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr: Ein 
Beitrag zu der Beziehung zwischen Kunst und Religion. Jb PsA VI, 
S. 135 — 206. Englisch enthalten in Nr. 166 

118) Die Technik der psychoanalytischen Therapie. JbPsA VI, 
S- 329 — 342 

119) The Significance of the Unconscious in Psychopathology. 

Vortrag am 26. Juli in der British Med. Ass. Section of Neurological and 
Psychological Medicine, Aberdeen. — Review of Neurology and Psychiatry, 
Bd. XII, S. 474—481 

19 If 

120) The Theory of Repression in its Relation to Memory. Vortrag 
am 30. Januar in der British Psychological Society, Durham. — British Journ. 
of Psychology, Bd. VIII, S. 33 — 47 

121) Professor Janet on Psycho- Analysis: A Rejoinder. Journ. of 
Abnormal Psychology, Bd. IX, S. 400 — 410. IZPsA IV, S. 34 — 43 

122) Urcthralerotik und Ehrgeiz. IZPsA III, S. 156 — 157 



356 Jones-Bibliographie 



125) War and Individual Psychology. Sociological Review, Bd. Vin, 
S. 167 — 180 

124) War and Sublimation. Vortrag am- 10. Sept. in der British Ass. foi 
the Advancement of Science; Physiological Section, Manchester. — Reports of 
the Ass. Bd. LXXXV, S. 699. Internat. Review, Bd. I., S. 453 — 461 

1916 

125) The Psychology of Temptation. Vortrag am 1 6. Jan. in St. Andrews, 
Willesden Green 

126) The Theory of Symbolism. Vortrag am 29. Jan. in der British 
Psychological Society. — British Journ. of Psychology, Bd. IX, S. 181 — 229. 
IZPsAV, S. 244—273, VIII, S. 259—289 

127) The Unconscious Mental Life of the Child. Vortrag am 16. März 
in der Child Study Society. — Child Study IX, 37 — 41, 49 — 55 

128) The Child's Unconscious. Vortrag am 16. Dez. in der Nottingham 
Froebel Society 

129) [als Übersetzer:] Ferenczi, „Contributions to Psycho-Analysis". 
Boston, Richard G. Badger 

I 9 I 7 

130) Repressed InstinctS and War. Vortrag am 21. März im University 
College, London 

1918 

131) Psychosexual Impotence and Anaesthesia. Vortrag am 18. Jan. 
in der British Society for the Study of Sex Psychology 

132) War Shock and Freud's Theory of the Neuroses. Vortrag am 
9. April in der Royal Society of Med. Section of Psychiatry. — Proceedings 
of the Soc. Bd. XI, S. 21 — 36. Deutsch im Sammelband „Zur PsA. der Kriegs- 
neurosen". Int. PsA. Bibliothek Bd. I 

133) Why is the „Unconscious" Unconscious? Vortrag am 6. Juli 

auf dem Joint Meeting of the British Psychological Society and the Aristote- 
lian Society. — British Journ. of Psychology, Bd. IX, S. 247 — 256 

1 34) Papers on Psycho-Analysis. (Second Edition.) Bailliere, Tindall & Cox. 
Enthält in durchgesehener Form die Nr. 33, 41, 47, 51, 53, 56, 57, 58, 60, 
61, 62, 66, 67, 68, 71, 74, 75, 77, 78,85, 86, 88, 89, 91, 92, 99, 100, 102, 103, 
104, 107, m, 119, 120, 121, 126, 127, 128, 131, 132, 135 

135) Anal-Erotic Character Traits. Journ. of Abnormal Psychology, 
Bd. XIII, S. 261 — 284. — Über analerotische Charakterzüge. IZPsAV, 
S. 67 — 92 



Jones-Bibliographie 



357 



*9'9 

136) Psychology in Everyday Life. Vortrag am 17. Mai in der University 
of London 

137) J. J. Putnam. Obituary. IZPsAV, S. 233— 243. IJPsAI, 1920, 
S. 6—16 

1920 

138) Recent A dvances in PsydlO-Analysis. Vortrag am 21. Jan. in der 
British Psychological Society, Med. Section. — British Journ. of Med. Psychology, 
Bd. I, S. 49—71, IJPsAI, S. 161 — 185 

1 39) A Linguistic Factor in English Characterology. Vortrag am 1 4. März 
in der British Psychological Society. — IJPsAI, S. 256 — 261 

140) Editorial Introduction. IJPsAI, S. 3 — 5 

141) Treatment of die Neuroses. Bailiiere, Tindall & Cox, London. — 
Therapie der Neurosen. Int. PsA. Bibl. Bd. XI. (Russische Übersetzung 1922) 

142) The Symbolism of Being run over. IJPsAL S. 203 

143) A Substitute Memory. IJPsAI, S. 273 — 274 

IJ2I 

144) Persons in dreams disguised as themselves. I J PsA II, S. 420—425 

145) Putnam's Adresses On Psycho- Analysis. (Herausgegeben von Jones.) 
Enthält Nr. 137. Internat. PsA Library Nr. 1 

146) Psycho-Analysis and the War Neuroses (Herausgegeben von Jones.) 
Enthält Nr. 132. Internat. PsA Library Nr. 2 

1^22 

147) PsydlO-Analysis. Vortrag am 12. Jan. in der Western Pharmacist's 
Association 

148) Symbolism. Vortrag im Februar in der Tooting Neurological Society 

149) Some Problems of Adolescence. Vortrag am 14. März in der 
British Psychological Society: Joint Meeting of the General, Med. and Educational 
Sections. — Brit. Journ. of Psychology, Bd. XIII, S. 31 — 47. Imago IX, 
S. 145—168 

150) Father-saving Dream. Vortrag am 5. April in der British PsA 
Society. — IJ PsA III, S. 507 

151) Psycho-Analysis. Vortrag am 16. Mai in der Croydon Natural 
History and Scientific Society 

152) The Island ot Ireland: A Psycho-Analytical Contribution to 
Political Psychology. Vortrag am 21. Juni in der British PsA Society. — 



358 Jones-Bibliographie 



I J PsA III, S. 508. — Die Insel Irland. Die Psychoanalytische Bewegung, I. Jg., 
Heft 2 (1929, Juli) 

155) Notes on Karl Abraham's „The Female Castration Complex". 
IJPsA III, S. 327—328. — Bemerkungen zu Dr. Abrahams „Äußerungen 
des weiblichen Kastrationskomplexes". IZPsA VIII, S. 329 — 330 

154) APsycho-Analytic Study of the Holy Ghost. Vortrag am 27. Sept. 
am VH. Internat. PsA Konpreß in Berlin. — Eine psychoanalytische 
Stäche über den heiligen Geist. IJ PsA IV. 1923, S. 376—377, Imago 
IX, 1923 S. 58 — 72. — Uno Studio Psicoanalitico sullo spirito Santo. 
Archivio Generale di Neurologia, Psichiatria e Psicoanalisi, Bd. III, S. 117 — 126 

155) Clinical Psychology. Vortrag am 24. Nov. in der University of 
Wales, Med. School, Cardiff 

156) Narcissism. Vortrag am 26. Nov. in der Heretics Society, 
Cambridge 

157) Psychotherapy. Encyclopaedia of Education. (Pitman.) S. 1371 — 1372 

158) Dream Analysis. Ibid. S. 493 — 494 

702; 

159) Anxiety and Birth. IJPsA IV, S. 120. IZPsa IX, S. 79 

160) The Nature of Auto-Suggestion. Vortrag am 22. März in der 
British Psychological Society, Med. Sect. — IJPsA IV, S. 293 — 512 

161) Cold, Disease and Birth. Vortrag am 25. Juli in der British 
PsA Society. — Kälte, Krankheit und Geburt. IZPsA IX, S. 260—265 
(Ferenczi- Festschrift) 

162) Classification of the Instincts. Vortrag am 31. Juli auf dem 
VII. Internat. Kongreß für Psychologie in Oxford. — British Journ. of 
Psychology, General Section, Bd. XIV, 1924, S. 256 — 261 

163) The Relation of Psycho- Analysis to Sociology. Vortrag am 9. Ok- 
tober in der Sociological Society 

164) Slips (of Mental Functioning) in Daily Life. Vortrag am 
10. Dez. im Richmond Athenaeum 

165) Papers On PsycIlO-Analysis. (Third Edition.) Bailliere, Tindall & Co. 
Enthält in durchgesehener Form die Nr. 33, 41, 47, 51, 53, 56, 57, 58, 
61, 62, 67, 68, 71, 74, 75, 77 , 78, 85, 86, 89, 91, 92, 99, 102, 103. 
104, 107, 111, 119, 120, 126, 127, 128, 131, 132, 135, 138, 144, 149, 
160, 16 1. (Französische Übersetzung bei Payot 1925.) 

166) Essays on Applied Psycho-Analysis. Internat. PsA Library Nr. 5. 



Jones-Bibliographie 359 



Enthält in durchgesehener Form die Nr. 55, 81, 87, 90, 96, 101, 105, 108, 
117, 123, 124, 159, 152, 154 

1924 

167) The Relationship of Psychology to Sociological Problems. 

Vortrag im Jan. in der Third Winter School for Health Visitors and School 
Nurses 

168) Psycho-Analysis and Anthropology. Vortrag am 19. Febr. am 
Royal Anthropological Institute. — Journ. of the Royal Anthrop. Inst. Bd. LJV, 
S. 47 — 66. — Psychoanalyse und Anthropologie. Imago X, S. 133 — 158 

169) The Practice of Psycho-Analysis. 6 Vorträge in der British 
PsA Society im Februar / März 

170) The Relation of Technique to Thcory. Vortrag am 21. April auf 
dem VIII. PsA Kongreß in Salzburg. — IJPsA VI, 1925, S. 1—4. — Theorie 
und Praxis der PsA. IZPsA XI, 1925, S. 145—149 

171) Modern Psychology and Upbr inging. Vortrag am 29. Mai in 
der British Med. Ass. West Herts Branch, Barnet 

172) Psycho-Analysis and Determinism. Vortrag am 27. Okt. in der 
Oxford Psychological Society 

173) Glossary. Mit einer Einleitung. (Mit andern Mitarbeitern.) Supple- 
ment Nr. 1 zum IJPsA. S. 1 — 16 

174) Mother-Right and the Sexual Ignorance of Savages. Vortrag 
am 19. Nov. in der British PsA Society. — IJ PsA VI, 1925, S. 109 — 130. 
— Das Mutterrecht und die sexuelle Unwissenheit der Wilden. 
Imago XIII, 1927, S. 199 — 222 

175) Social AspectS of Psycho-Analysis. Mit einer Einleitung. Ent- 
hält Nr. 163. Methuen 

192; 

176) Psycho-Analysis and the French Temperament. Vortrag am 
14. April in der Societe Psychanalytique de Paris 

177) A Peculiar Dream. Mitteilung in der British PsA Society am 
4. Nov. IJ PsA. VII, 1926, S. 269. 

178) Abnormal Psychology and Social Psychology. Problems of 
Personality. (Studies in Honour of Morton Prince.) S. 15 — 25 

1926 

179) PsydlO-Analysis. Vortrag am 4. Febr. in der British Med. Ass., 
Portsmouth Division 



L 



36o 



Jones-Bibliographie 



180) The Theory of Sexuality. 6 Vorträge im Februar/März im 
Institute of PsA 

181) The Origin and Structure of the Super-Ego. Vortrag am 
3. März in der British PsA. Society. — IJ PsA VII, S. 303 — 311. — Der 
Ursprung und Aufbau des Uber-ldis. IZPsA XII, S. 253—262 
(Freud-Festschrift) 

182) Deprivation of the Senses as a Castration Symbol. Vortrag am 
3. März in der British PsA Society. — IJPsA VII, S. 236 — 237. Referiert in 
IZPsAXm, 1927, S. 114 

183) Karl Abraham. Nadiruf und Bibliographie. IZPsA XII, 
s - '55 — »9 1 - — Obituary and Bibliography. IJPsA VII, S. 155 — 189. 

184) Snake Symbolism in Dreams. A Rejoinder. Psyche, Bd. VI, 
S. 87—89 

185) The Mantle Symbol. Vortrag am 2. Juni in der British PsA 
Society. — IJPsA VIII, 1927, S. 63—65. — Der Mantel als Symbol. 
IZPsA XIII, 1927, S. 77—79 

186) Dreams. Vortrag am 12. Juni im University College, London 

187) The Psydiology of Religion. Vortrag am 7. Sept. auf dem 
VIII. Internat. Kongreß für Psychologie, Groningen. — Transactions of the 
Congress, S. 99 — 105. British Journ. of Med. Psychology. Bd. VI, S. 264 — 269 

188) Discussion of Dr. Bernard Hart's paper "The Conception of 
Dissociation". British Journ. of Med. Psychology, Bd. VI, S. 257 — 259 



1927 

189) James Glover. Obituary and Bibliography. IJPsA Vin, 
S. 1 — 9. — Nadiruf und Bibliographie. IZPsA XIII, S. 234 — 241 

190) La Conception du Surmoi. Vortrag am 5. April in der Societe 
Psychanalytique de Paris. — Revue francaise de PsA I, S. 324 — 336. — The 
Development of the Concept of the Super-Ego. Journ. of Abnormal 
Psychology, Bd. XXHI. S. 276—285 

191) Lay Analysis. IJPsA VIII, S. 174 — 198. IZPsA XIII, S. 171 — 192 

192) The Relation between Psydio-Analysis and General Medicine. 

6 Vorträge im Mai/Juni im Institute of PsA 

193) Child Analysis. IJPsA VIII, S. 387—391 

194) The Early Development of Female Sexuality. Vortrag am 
1 . Sept. auf dem X. Internat. PsA Kongreß in Innsbruck. — I J PsA VIII, 

s - 459 — 47 2 - — Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität. 
IZPsA XIV, 1928, S. 11—25 



Jones-Bibliographie 



361 



195) Psycho-Analysis and the Artist. Vortrag am 28. Nov. in der 
Newcastle Literary and Philosophie Society. — Psyche, Bd. VIII, S. 75 88 

1928 

196) Memorandum on Psycho-Analysis. Vortrag am 23. Febr. in der 
British Med. Ass. : Committee on Psycho-Analysis 

197) Brief Account of Psycho-Analytic Process. Vortrag am 7. Juni 
in der British Med. Ass.: Committee on Psycho-Analysis 

198) Psycho-Analysis and Folk-Lore. Vortrag am 25. Sept. auf dem 
Folklore-Kongreß in London. — Transactions of the Congress 1929. Scientia, 
Anno XXIII 

199) Abnormal Psychology. Encyclopaedia Britannica, 14 th Edition 

200) Sigm. Freud: Biography. Ibid. 

201) Psycho-Analysis. Benn's Sixpenny Library Nr. 153, S. 1—80 

202) Psychoanalyse Und Religion. Das Psychoanalytische Volksbuch. 
Herausg. von Federn u. Meng. S. 263 — 276 

203) Zur Psychoanalyse der christlichen Religion. Imago-Bücher XII. 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag (Enthält die Arbeiten Nr. 105, 117, 
154, und 187) 

1929 

204) The Inferiority Complex of the Welsh. The Welsh Outlook, 
Bd. XVI, S. 76—77 

205) Contributions to Draft Report. Vortrag am 14. März in der 
British Med. Ass.: Psycho-Analysis Committee 

206) La Jalousie. Vortrag am 21. März an der Sorbonne in Paris. — 
Revue francaise de PsA HJ. — Jealousy. IJPsA X 

207) The Psychopathology of Anxiety. Vortrag am 9. April in der 
Royal Society of Med., Psychiatric Section; British Psychological Society, 
Med. Section. — British Journ. of Med. Psychology, Bd. IX 

208) Fear, Hate and Guilt. Vortrag auf dem XI. Internat. PsA Kongreß 
in Oxford, Juli. 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Anna Freud, Zentralsekretärin 



I) Mitteilung des Vorstandes 
Oxforder Kongreß 

Das ausführliche Kongreßprogramm und die Leitsätze der Vorträge werden 
den Zweigvereinigungen und allen Teilnehmern zugeschickt werden. Der 
Kongreß beginnt Freitag, den 26. Juli, abends, mit einer zwanglosen geselligen 
Zusammenkunft und endet am 31. Juli. Die Teilnehmer werden im Somer- 
ville College, bzw. in Lady Margaret Hall untergebracht; die Zimmer sind 
ab 26. Juli morgens bereitgestellt. 

Es wurde ein „British Arrangements Committee" gebildet, das aus den 
Damen Dr. Sylvia Payne und Joan Ri viere besteht, unter der Adresse 
143 Harley Street, London, W. 1, zu erreichen ist und in allen ört- 
lichen Angelegenheiten Auskunft gibt. Max Eitingon, Anna Freud 



II) Berichte der Zweigvereinigungen 

American Psychoanalytic Association 

1928 

Die American Psychoanalytic Association hielt am 27. Dezember 1928 in 
der New York Academy of Medicine ihre fünfte winterliche Jahresversammlung 
ab. Die Sitzung wurde von einem zwanglosen Abendessen eingeleitet, bei dem 
die Wiener Mitglieder Prof. Paul Schilder und Dr. Fritz Witteis die 
Gäste der Vereinigung waren. 



Korrespondenzblatt 



363 



In der darauffolgenden Geschäftssitzung übernahm Dr. A. A. Brill an 
Stelle des abwesenden Dr. William A. White den Vorsitz. 

Zu neuen Mitgliedern wurden gewählt: Dr. Frankwood Williams, New 
York; Thomas Haines, New York; M. S. Gregory, Oklahoma; Hans Syz, 
New York; Nolan Lewis, Washington; Dorian Feigenbaum, New York; Mary 
K. Isham, Cincinnati. 

Als Funktionäre bis zur alljährlichen Wahl in der Frühjahrsversammlung 
wurden gewählt: Dr. W. A. White, Präsident; Dr. C. P. Oberndorf, 
Sekretär und Kassier; Dr. Ralph Reed, Dr. Adolph Stern und Dr. Thaddeus 
Arnes, Vorstandsmitglieder. 

In der darauffolgenden wissenschaftlichen Sitzung übernahm Dr. White, 
der am rechtzeitigen Erscheinen verhindert gewesen war, den Vorsitz. Die 
folgenden Vorträge wurden gehalten: 

Dr. A. A. Brill, New York: Unbewußte Einsicht. 

Prof. Paul Schilder, Wien: Einige psychoanalytische Beobachtungen über 
Paralytiker. 

Dr. Fritz Witt eis, Wien: Quantitative Faktoren im Sexualleben. 

Die wissenschaftliche Sitzung war von etwa 100 Teilnehmern besucht. 

Dr. C. P. Oberndorf, 

Sekretär 



British Psydio-Analytical Society 

III. u. IV. Quartal 1928 

5. Oktober 1928. Jahresversammlung. Die folgenden Funktionäre wurden 
für das kommende Jahr gewählt: Dr. Ernest Jones, Präsident. Dr. W. H. 
B. Stoddart, Kassier. Dr. Douglas Bryan, Sekretär. Miß Barbara Low, 
Bibliothekarin. Dr. M. D. Eder, Dr. Edward Glover, Dr. John Rick- 
man und Mrs. Ri viere, Vorstandsmitglieder. — Dr. Bryan, Mr. Flügel, 
Dr. Glover, Dr. Jones, Dr. Payne und Dr. Rickman, Lehrkomitee. — Der 
Sekretär stellte fest, daß die Vereinigung jetzt 27 ordentliche, 51 außerordent- 
liche und 2 Ehrenmitglieder zählt. 

7. November 1928. Mr. J. C. Flügel: Bemerkungen zur Psychologie der 
Kleidung. — Als wichtigsten Beitrag zur Psychologie der Kleidung bringt die 
Psychoanalyse die ambivalente Einstellung der Menschen zu fast allen Kleider- 
fragen. Am deutlichsten zeigt sich diese Ambivalenz in dem ständigen Wider- 
streit zwischen dem Wunsch nach Herzeigen und nach Verhüllung des Körpers; 
nicht weniger wichtig ist die Ambivalenz zwischen dem aus der Kleidung 
bezogenen Lustgewinn und dem Streben nach völligem Unbekleidetsein. Die 
Hauptquellen der Lust sind die folgenden: 1) Phallische Bedeutung. Die 
phallische Bedeutung von Kleidungsstücken, wie Hut, Schuh, Krawatte, Kragen, 
Mantel usw., ist bekannt; zweifellos enthalten auch noch andere Kleidungs- 
stücke ein wichtiges Element von phallischer Bedeutung. Steifheit oder Unbe- 
quemlichkeit der Kleidung kann zum Lustgewinn aus dieser Quelle beitragen, 
oft überdeterminiert durch die Ideenverbindung „Steifheit — moralischer Halt, 
Zurückhaltung". 2) Uterusbedeutung. Die Kleider als schützende Hülle (wie 



364 Korrespondenzblatt 



das Zimmer oder Haus) bedeuten oft den Mutterleib; manchmal bezieht sich 
die weibliche Symbolik auf Vagina oder Hymen. Es läßt sich eine allgemeine 
Beziehung zwischen Kälteempfindlichkeit (mit darausfolgendem Wunsch nach 
Kälteschutz) und unerfülltem Liebesbedürfnis herstellen. Das Streben nach dem 
Unbekleidetsein hängt vor allem mit dem Exhibitionismus, der Hauterotik 
und Muskelerotik zusammen. Bei manchen Menschen wird nur ein sehr 
geringes Maß primitiver (phallischer oder uteriner) Libido auf die Kleidung 
verschoben, bei ihnen bleibt die feindselige Einstellung zur Kleidung aus der 
frühesten Kindheit bestehen. "Wandlungen der Kleidermode können folgende 
Deutung finden: i) Wandlungen in der Betonung der Körperteile (die phal- 
lischen Äquivalente wechseln mit einander ab). 2) Veränderungen in den Ver- 
schiebungen phallischer und uteriner Libido. 3) Schwankungen in der relativen 
Bedeutung von Herzeigen und Verhüllen. 4) Schwankungen in dem Maß an 
Libido, das auf die Kleider verschoben wird (verglichen mit der Besetzung 
des Körpers). 

81. November 1928. Dr. Adrian Stephen eröffnet mit einem Referat eine 
Diskussion über Dr. Sandor Radös Arbeit: „Die psychischen Wirkungen 
der Rauschgifte". 

5. Dezember 1928. Dr. Georg Groddeck: Bemerkungen über die Be- 
ziehungen zwischen dem Embryonalzustand und dem Leben in der Außen- 
welt. — Nachruf: Dr. Warburton Brown. 



I. Quartal 1929 

16. Januar 1929. Dr. Douglas Bryan: Bemerkungen über Bisexualität. 
6. Februar 1929. Miß N. Searl: Spekulationen über die Libido als 
Evolutionsfaktor. Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich auf Grund von 
Br uns „Selektionstheorie und Lustprinzip " (Zeitschrift 1923) mit der Rolle 
der Libjdo, die bei der natürlichen Selektion entweder ein Bündnis mit den 
Ichtrieben eingehen oder gegen sie arbeiten, d. h. für oder gegen das Über- 
leben arbeiten kann. Es wird die Hypothese vertreten, daß der Mensch sich 
in dieser Hinsicht in einer Ausnahmsstellung befindet; seine Libido ist „frei" 
und hat die Fähigkeit, sich in der Sublimierung mit dem Ich zu verbünden. 
Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich von diesem Gesichtspunkt aus 
mit dem Individuum und den Ödipusschwierigkeiten der Kindheit; die trau- 
matischen Einwirkungen der Urszene werden als die klassischen Situationen 
behandelt, die auf die Menschheit beschränkt sind. 

20. Februar 1929. Dr. Karin Stephen: Über Schmerz, Liebe und 
Angst. Die Arbeit behandelt die Beziehungen zwischen Schmerz und sexueller 
Lust. Sie vertritt die Ansicht, daß ein wirklicher Schmerz für die Libido in 
ihrer passiven oder femininen Ausprägung einen bestimmten erotischen Wert 
besitzt, der noch nichts mit der Bedeutung des Schmerzes als Strafe oder introji- 
zierte Rache zu tun hat. Freuds Theorie, daß der Masochismus aus dem 
Todestrieb stammt — d. h. aus dem Bestreben, die Spannung zu verringern 
und zum Anorganischen zurückzukehren, dem Trieb, den Freud als den 
großen Widerpart der Libido beschreibt — wird als unbefriedigend abge- 



Korrespondenzblatt 365 



lehnt. Die Existenz eines solchen Triebes wird als nicht genügend erwiesen 
hingestellt; als Gegenpart der Libido wird ganz im Gegenteil der Selbst- 
erhaltungstrieb gezeigt. 

6. März 1929. Miß E. Sharpe: Geschichte als Phantasie. 

Die Autorin berichtet über die 6 Jahre lange Analyse eines Falles von 
Wahn. Sie bringt das Material in der Form einer Untersuchung der Identi- 
fizierungen des Patienten mit historischen Persönlichkeiten. Die Analyse dieser 
Identifizierungen führte zur Wiedererweckung der Erinnerung an seine früh- 
zeitig untergegangenen Liebesobjekte und damit zu seinen verdrängten Kind- 
heitserinnerungen. Aus diesen ergaben sich deutliche Anzeichen für ein 
traumatisches Erlebnis in der Kindheit. Dieses traumatische Erlebnis war 
offenbar das wichtigste verlorengegangene Bindeglied zwischen dem späteren 
Wahn und seinen frühesten unerträglichen infantilen Versagungen. 

20. März 1929. Kleine Mitteilungen. 

Neue Associate Members : Mr. R. Money-Kyrle, Whitham, Calne, 
Wilts. Nachruf Dr. Warburton Brown. 

Dr. Douglas B r y a n, 

Sekretär 



Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

III. u. IV. Quartal 1928 

11. September 1928. Kleine Mitteilungen. Dr. Sachs: a) Totemmahlzeit 
bei Sallust; b) Die Darstellung des Ubw im Film. Diskussion ad a) Harnik, 
ad b) Simmel, M. Bonaparte (a. G.). — Dr. Harnik: Ängstlichkeit und 
Ungeschicklichkeit eines einzigen Kindes. Diskussion: Schultz-Hencke, Radö, 
C. Müller-Braunschweig. — Frau Dr. L a n t o s : Zwei Beispiele zum Thema 
der analytischen Tatbestandsdiagnostik. Diskussion: Sachs, Radö, H. Lampl, 
Eitingon, Simmel, Frau Horney, C. Müller-Braunschweig. 

50. September 1928. Einweihungsfeier im neuen Heim des „Berliner 
Psychoanalytischen Instituts . 

Der Vorsitzende Dr. Simmel begrüßt die erschienenen Gäste und Mit- 
glieder und verliest die zur Feier eingegangenen Telegramme und Zuschriften. 
Er wirft sodann einen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte des Instituts, 
das im Frühjahre 1920 von Dr. Max Eitingon ins Leben gerufen worden ist. 
Dr. Eitingon steht seither als Direktor an der Spitze des Instituts und hat 
an dessen stetigem Aufstieg den größten persönlichen Anteil. Die Gesellschaft 
fühlt sich ihm für seine hingebungsvolle Tätigkeit und nicht zu erschöpfende 
Opferbereitschaft zum tiefsten Dank verpflichtet. Die Adaptation und ge- 
schmackvolle Einrichtung der neuen Institutsräume wurde nach den Plänen 
und unter Leitung des Architekten Dipl.-Ing. Ernst Freud ausgeführt, der 
sein Honorar für diese Arbeit in überaus dankenswerter Weise der Instituts- 
bibliothek, überließ. 

Dr. Eitingon dankt für die Ehrung und beleuchtet mit einigen Daten die 
Entwicklung des Instituts. Sowohl die poliklinische als auch die Lehrtätigkeit 
sind in raschem Wachstum begriffen. Augenblicklich werden gleichzeitig 



366 Korrespondenzblatt 



104 poliklinische Analysen geführt, 25 Kandidaten sind in regulärer Aus- 
bildung zu analytischen Therapeuten, während die Gesamtfrequenz der am 
Institut veranstalteten Lehrkurse im Laufe des letzten Jahres fast auf 400 
gestiegen ist. Es ist der tatkräftigen Mitarbeit aller Mitglieder zu verdanken, 
daß die Tätigkeit des Instituts solche Resultate aufweist. Die Gesellschaft darf 
mit Befriedigung auf die geleistete Arbeit zurückblicken; es ist ihr gelungen, 
dem Institut über die Anerkennung der engeren Fachgenossen hinaus auch im 
Ansehen und Interesse der weiteren Mitwelt einen Platz zu erobern. 

Dr. C. Müller-Braun schweig gibt einen Ausblick auf die er- 
weiterten Arbeitsmöglichkeiten, die sich der Lehrtätigkeit des Instituts in den 
gi-ößeren neuen Räumen eröffnen. 

Dr. Boehm berichtet über die Tätigkeit des von der Gesellschaft er- 
richteten Stipendienfonds. Für die Zwecke des Fonds wurde bisher aus den 
freiwilligen Steuerbeiträgen der Mitglieder und aus den Reinerträgnissen der 
Lehrkurse ein Kapital von RM 23.000 aufgebracht. Der Fonds hat bereits 
einer Reihe von unbemittelten Kandidaten durch unverzinsliche Darlehen die 
Durchführung ihrer Lehranalyse sowie ihrer sonstigen Ausbildung ermöglicht; 
ferner war er in der Lage, durch gelegentliche Darlehen einigen Kollegen in 
ihren wirtschaftlichen Schwierigkeiten zur Seite zu stehen. Die Gesellschaft 
nimmt den Einzug in das neue Heim zum Anlaß, dem Institut zugunsten 
seiner Bibliothek RM 2500 zu spenden. 

Dr. Bally spricht der Institutsleitung den Dank der Ausbildungskandi- 
daten aus. 

Frl. Anna Freud begrüßt die Erweiterung des Berliner Instituts als neue 
und folgerichtige Etappe einer Entwicklung, von der unsere analytische Or- 
ganisation die Erfüllung ihrer Zukunftshoffnungen erwartet. 

Die Feier schließt mit dem wissenschaftlichen Vortrag von Dr. Sachs: 
„Kunst und Persönlichkeit." (Erschienen in der Imago, Bd. XV, Heft 1, 192g.) 
9. Oktober 1928. Vortrag Dr. Alexander: Strafbedürfnis und Todes- 
trieb. Diskusssion: C. Müller-Braunschweig, Horney, Simmel, Radö, Härnik, 
Zilboorg (a. G.). 

16. Oktober 1928. Diskussion über das Thema „Negative therapeutische 
Reaktion". Einleitung Dr. Simmel; Diskussionsredner: Fenichel, Härnik, 
Radö, Alexander, Lampl. 

In der Geschäftssitzung wird Rechtsanwalt Hugo Staub, Berlin W. 15, 
Kurfürstendamm 181, zum außerordentlichen Mitglied gewählt. 

27. Oktober 1928. Vortrag Dr. Reik: Zwei Beiträge zur Ichpsychologie. 
Diskussion: Boehm, Jos. Müller, Simmel, Alexander, Fenichel, Radö, Bernfeld, 
Härnik, Horney. 

6. November 1928. Vortrag Dr. S ch ultz-Hen cke: Über die psycho- 
logische Struktur der Organneurosen. Diskussion: Alexander, Müller-Braun- 
schweig, Fenichel, Radö, Simmel, Horney, Eitingon. 

15. November 1928. Kleine Mitteilungen. Dr. Simmel: a) Grammatika- 
lische Fehler in fremden Sprachen aus Fehlleistung; b) Vagabundage in 
klinischer Behandlung. 

1. Dezember 1928. Vortrag Dr. Simmel: Zur Genese und Therapie 
der Süchte. 

11. Dezember 1928. Diskussion über den Übertragungserfolg. Einleitendes 



Korrespondenzblatt 



367 



Referat : Dr. Sachs. Diskussion : Alexander, H. Lampl, Horney, Eitingon, Groß, 
Harnik, Jos. Müller. 



Die Gesellschaft veranstaltete in ihrem Institut (Berlin W. 62, Wichmann- 
straße 10) im Herbstquartal (Oktober — Dezember) 1928 folgende Kurse: 

1) Sändor Radö: Einführung in die Psychoanalyse, I. Teil (Abriß der 
analytischen Normalpsychologie). 7 Stunden. Hörerzahl: 51. 

2) Franz Alexander: Einführung in die Traumdeutung. 7 Stunden. 
Hörerzahl: 48. 

5) Hanns Sachs: Trieblehre, I. Teil. 7 Stunden. Hörerzahl 43. 

4) Ernst Simmel: Spezielle Neurosenlehre, If. Teil. 7 Stunden. Hörer- 
zahl : 11. 

5) Karen Horney: Indikationen und Technik der analytischen Therapie, 

I. Teil. Nur für Ausbildungskandidaten. 7 Stunden. Hörerzahl: 26. 

6) Harald Schultz-Hencke: Freud-Seminar : Krankengeschichten , 

II. Teil. 4 Doppelstunden. Hörerzahl: 19. 

7) Sändor Radö: Technisches Proseminar. Nur für Praktikanten des 
Instituts. Hörerzahl : 21. 

8) Karen Horney: Technisches Kolloquium. Nur für ausübende Analy- 
tiker und Ausbildungskandidaten. Hörerzahl: 16. 

9) E i t i n g o n u. A. : Praktische therapeutische Übungen (Kontroll- 
analysen). 14 Kandidaten. 

1 o) Otto F e n i c h e 1 : Über Organlibido und Triebabwehr. 6 Stunden. 
Hörerzahl: 16. 

11) J. Harnik: Die Bedeutung der religiösen Konflikte für die psa. 
Therapie. 5 Stunden. Hörerzahl: 12. 

12) Theodor Reik: Einführung in die psa. Religionspsychologie. 7 Stunden. 
Hörerzahl: 19. 

13) Carl Müller-Braunschweig: Psychoanalytisch-philosophische 
Grenzfragen (Seminar). 4 Doppelstunden. Hörerzahl: 6. 

14) Siegfried Bernfeld: Psychoanalytische Besprechung praktisch-pädago- 
gischer Fragen. (Für Fortgeschrittene.) Hörerzahl: 40. 

15) Arbeitsgemeinschaft für Kinder und Jugendpsychologie. (Bern fei d, 
Harnik.) 

I. Quartal 1929 

15. Januar 1929. Vortrag Dr. Reik: Psychoanalyse und biblische Archäo- 
logie. Diskussion: Simmel, Radö, Nunberg (Wien, a. G.), Alexander. 

22. Januar 1929. Vortrag Frau Dr. Lowtzky: Einige Bemerkungen zu 
den Grenzen der psa. Therapie. Diskussion: H. Lampl, Fenichel, A. Lampl, 
Eitingon, Radö, Simmel, Liebermann. 

2. Februar 1929. Generalversammlung. Die Jahresberichte des Vorstandes, 
des Kassenwartes, des Direktors des Instituts, des Unterrichtsausschusses und 
des Kuratoriums zur Verwaltung des Stipendienfonds werden angenommen 
und den Funktionären die Entlastung erteilt. Der Mitgliedsbeitrag wird 
auf 80 Mark erhöht. Die freiwillige Selbstbesteuerung zugunsten des 
Stipendienfonds wird für das kommende Jahr bewilligt. 



368 Korrespondenzblatt 



Alle Funktionäre werden wieder gewählt. 

Die außerordentlichen Mitglieder Dr. Barbara Lantos, Dr. Lotte Kirschner, 
Dr. Franz Cohn, Dr. A. Watermann und Dr. Frieda Fromm-Reichmann 
werden zu ordentlichen Mitgliedern, Dr. Erich Kraft, Berlin -W. 35, 
Lützowstraße 85, zum außerordentlichen Mitglied gewählt. 

12. Februar 1929. Vortrag Dr. Fenichel: Zur prägenitalen Vorge- 
schichte des Ödipuskomplexes. Diskussion: A. Lampl, Sachs, Alexander, 
Härnik, Radö, Wulff. 

19. Februar 1929. Fortsetzung der Generalversammlung. Beratung und 
Annahme der vom Unterrichtsausschuß ausgearbeiteten „Richtlinien für die 
Ausbildungs- und Unterrichtstätigkeit". 

9. März 1929. Vortrag Dr. Schultz-Hencke: Die prägenitalen Trieb - 
anspräche in genetischer und aktueller Hinsicht. Diskussion: Sachs, Alexander, 
Radö, Fenichel, Simmel, Lantos, Härnik, Eitingon, Bally, Jos. Müller, Groß, 
Boehm. 

19. März 1929. Vortrag Dr Groß: Die Stellung des Ichs in der Sucht. 
Disskussion: Härnik, Fenichel, Sachs, Rad<5, Simmel, Boehm. 

Kurse im Winter quartal (Januar-März) 1929: 

1) Sändor Radö: Einführung in die Psychoanalyse. I. Teil (Fortsetzung). 
7 Stunden. (Hörerzahl: 68.) 

2) Hanns Sachs: Trieblehre. II. Teil. 6 Stunden. (Hörerzahl: 22.) 
5) Jenö Härnik: Infantile Sexualität. 7 Stunden. (Hörerzahl: 25.) 

4) Karen Horney: Indikationen und Technik der analytischen Therapie. 
7 Stunden. (Hörerzahl: 21.) 

5) Otto Fenichel: Freud-Seminar: Metapsychologische Schriften. 
7 Doppelstunden. (Hörerzahl 15.) 

6) Theodor Reik: Grundzüge der analytischen Religionspsychologie. 
7 Stunden. (Hörerzahl 14.) 

7) Karen Horney: Technisches Kolloquium : 4 Doppelstunden. ("Hörer- 
zahl 23.) 

8) Sändor Radö: Technisches Proseminar. 4 Doppelstunden. (Hörer- 
zahl 21.) 

9) Eitingon u. A.: Praktisch-therapeutische Übungen. (Kontrollanalysen.) 
1 o) Franz Alexander: Theorie und Therapie der Homosexualität. 

4 Stunden. (Hörerzahl 20.) 

11) Siegfried Bernfeld: Psychoanalytische Besprechung praktisch-päd- 
agogischer Fragen. (Hörerzahl 28.) 

1 2) Arbeitsgemeinschaft für psychoanalytische Kinder- und Jugendpsychologie 
(Bernfeld, Härnik). 

1 3) Harald Schultz-Hencke: Die Hemmung im Gefüge der Neurose. 
7 Doppelstunden. (Hörerzahl 24.) 

Dr. Sändor Radö, 

Schriftführer 



Korrespondenzblatt 369 



Indian Psydio-Analytical Society 

1. — IV. Quartal 1028 

5 1 . Januar 1928: 

Generalversammlung. Der Jahresbericht für das Jahr 1927 wurde ange- 
nommen und die Funktionäre für 1928 wie folgt gewählt: Präsident: Dr. °G. 
Böse. Vorstandsmitglieder. ■ Dr. S. Mitra, Mr. G. Bora. Sekretär: Mr 
M. N. B a n e r j e e. 

Bibliotheksgründung: Die Vereinigung beschließt, eine Leihbibliothek zur 
Benützung der Mitglieder der Vereinigung zu eröffnen. Dr. S- Mitra wurde 
zum Bibliothekar ernannt und beauftragt, gemeinsam mit dem Sekretär eine 
Bibliotheksordnung auszuarbeiten und der nächsten Jahresversammlung vorzu- 
legen. Außer den der Bibliothek als Geschenk zur Verfügung gestellten Werken 
wurden folgende Anschaffungen gemacht: Die Zeitschriften „Imago" und 
.Internat. Zeitschrift" von 1922 bis 1928, Freuds Sammlung kleiner 
Schriften, Ich und Es, Jenseits des Lustprinzips, Massenpsychologie. Ferenczi: 
Weitere Beiträge zur Psychoanalyse, Index psychoanalyticus, Rickmans 
Development of the Psycho-Analytical Theory of the Psychoses. Zu diesen 
Anschaffungen wurde dem Sekretär eine Summe von 200 Rupien (als Er- 
gänzung der zum Ankauf von gebilligten Büchern und Zeitschriften bewilligten 
200 R.) zur Verfügung gestellt. 

22. Juli 1928: 

Verlesung der Arbeit von Major Daly: Menstruation Complex (I. Teil). 
(Erschienen in der Imago, Bd. XV, 1928.) 

Zu neuen Mitgliedern wurden gewählt: 

Dr. B. C. Ghosh, M. A., M. B., B. C. (Cantab); 

Major C. D. Daly, D. A., D. S. T., Southern Command, Poona; 

Prof. Jiban Krishna Sarkar, M. A., G. B. B. College Muzaffurpur. 

5. August 1928: 

Verlesung der Arbeit von Major Daly: Menstruation Complex (II. Teil). 
Die Mitglieder danken dem Autor in der Diskussion für die vielen emp- 
fangenen Anregungen, erklären sich aber nicht für überzeugt davon, daß dieser 
Komplex in der Bedeutung gleich nach dem Kastrationskomplex einzureihen 
und als seine Ergänzung verantwortlich ist für die Entstehung von Scham, 
Homosexualität, Todesangst, Zweifel, Inversion, Perversion, Feindschaft der 
Geschlechter, Verachtung des weiblichen Geschlechts und Beeinträchtigung 
der geschlechtlichen Entwicklung. 

30. September 1928: 

Dr. G. Böse: „The Genesis and Adjustment of the Oedipus Wish." 

2. Dezember 1928: 

Verlesung von Major Dalys schriftlicher Erwiderung auf die Kritik der 
Vereinigung an seiner Arbeit über „Menstruation Complex". Nr. 1. Verlesung 
seiner Arbeit: „Hindu Mythology and Castration Complex" (I. Teil). (Er- 
schienen im Imago, Bd. XIV, 1927.) 

Die Vereinigung billigt den vorgeschlagenen Bücherankauf. 

9. Dezember 1928: 

Dr. G. Böse: Krankengeschichte und Analyse einer Paraphrenie. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XV, 2/3 



370 Korrespondenzblatt 



16. Dezember 1928: 

Verlesung von Major Dalys Arbeit „Hindu Mythology and Castration 
Complex", Nr. 1 (Fortsetzung). Die Vereinigung beschließt, die Diskussion 
aufzuschieben, bis die Verlesung der ganzen Artikelserie beendet ist. 



Dr. M. N. Banerjee, 

Schriftführer 



Magyarorszägi Pszidioanalitikai Egyesület 
III. u. IV. Quartal 1028 

21. September 1928. Dr. G. Rohe im: 1) Kasuistisches zur Frage des 
Über-Ichs. — Kasuistischer Fall, in welchem die Über-Ich-Bildung, Identifi- 
zierung mit dem Vater und Homosexualität in ihren Entwicklungszusammen- 
hängen verfolgt werden konnten. — 2) Zur Theorie der Sublimierung. — 
Entwicklungstendenz in der Richtung zum Spiel. 

12. Oktober 1928. Dr. S. Pfeifer: Ein Fall von Erotomanie. — 
55 jähriges Mädchen mit zwangsmäßiger Annäherung an Männer zur Be- 
stätigung des Begehrtseins und zur Verleugnung der eigenen Homosexualität. 
Ausschluß des Koitus. Volle Befriedigung nur in der Onanie. Onaniephantasie 
ausschließlich mit Weibern oder mit dem eigenen Körper. Befriedigung in 
den ungemein zahlreichen Flirts nur unvollkommen, narzißtisch und mit Hilfe 
vbw Verweiblichung der männlichen Objekte. Hauptsymptom ist ein pein- 
liches Gefühl der Depersonalisation, immer an den Bruchstellen der 
Realität, d. h. immer, wenn sie nicht ausweichen kann, ein Verhältnis der 
Schwester (Mutter-Imago), in die sie verliebt ist, zur Kenntnis zu nehmen. 
Gleichzeitiges Auftreten eines Verfolgungswahnes, Verfolger sind immer Weiber. 
Außerdem ist ein Unpersönlichmachen (Depersonalisation?) der homosexuellen 
Objekte der Phantasien zu beobachten. Ein Ergebnis der parallelen neurotischen 
Abwehr des positiven Ödipuskonfliktes ist eine gleichzeitig bestehende Zwangs- 
neurose. 

26. Oktober 1928. Kasuistik. 1) Frau A. Bälint: Ein Traum, dessen 
Sinn durch eine Fehlhandlung nach dem Erwachen zu erschließen war. 
2) Dr. M. Bälint: a) Störung des Landkartenlesens und der Orientierung 
im Freien als Folge der Kastrationsangst. — b) Ein Traum einer Zwangs- 
kranken mit Darstellung von Geburtsphantasien (anale Geburt, Geburt aus der 
Brust). — 5) Dr. M. J. Eisler: a) Traum und Kastrationskomplex. — 
b) Das Symptom der „Plötzlichkeit" des Auftretens der Symptome in einer 
Zwangsneurose, konnte historisch aus Erlebnissen der Kindheit gedeutet werden. 

17. November 1928. Festsitzung zu Ehren von Dr. Röheim. — Fest- 
redner: Dr. S. Ferenczi und Frau A. Bälint. 

25. November 1928. Mütter-Tagebücher (Fortsetzung). Frau Dr. Revesz 
(a. G.): Penisneid und Charakterveränderung. 

7. Dezember 1928. Dr. M. Bälint: Referat über Freuds Abhandlung 
„Fetischismus". 

Der Unterrichtsausschuß veranstaltete unter Leitung von Dr. Hermann 
ein psychoanalytisches Seminar für Pädagogen. 



Korrespondcnzblatt 371 



I. Quartal 1929 

11. Januar 192g. Kasuistik, a) Dr. S. Pfeifer: Phantasie vom langen Penis 
und Homosexualität; genetische Rolle des Darmkanals, b) Dr. M. J. Eisler: 
Dürers Wanderungen und sein Verhältnis zum Vater. 

18. Januar 1929. Generalversammlung. Der Vorstand wurde wieder- 
gewählt. 

1. Februar 1929. Kasuistik, a) Frau Dr. Dubovitz: Entstehen einer 
Verwirrtheit (Amentia) auf pathoneurotischem Wege bei einem auf einem 
Auge enukleierten Mädchen. Religiöse Wahnideen, angebahnt durch den Inhalt 
der Tröstung des Geistlichen, b) Dr. L. Revesz: Auftreten nierenkolik- 
artiger Schmerzen als passageres Symptom bei einem jungen Mann, dessen 
Sexualleben sich auf Onanie beschränkt; exhibitionistische Tendenzen hinter 
dem Symptom. 

15. Februar 1929. Frau Dr. M. Dubovitz: Analyse eines Falles von 
Hysterie. Entwicklungsweg der Schlagephantasie bei einem neurotischen 
Mädchen; sadistisch-masochistische Befriedigungen, Männlichkeitstendenzen, als 
Verarbeitung der infantilen Liebe zum Vater. 

1. März 1929. Frau K. Levy: Referat über eine Sitzung der Wiener 
Vereinigung (Besprechung okkulter Phänomene). 

15. März 1929. Frau K. Levy: Analyse prophetischer Träume. In der 
Analyse erwies sich die Prophezeiung als nur scheinbar, indem die voraus- 
gesagten Ereignisse durch unbewußte Äußerungen des Träumenden ausgelöst 
worden sind. 

22. März 1929. Dr. I. Hermann: Referat über die neueren Ansichten 
von Rank in theoretischer Beziehung. — Dr. M. Balint: Referat über 
die praktischen Beziehungen derselben. 

Geschäftliches. Frau Dr. Margit Dubovitz (Budapest, VIII., 
Üllöi ut 40) wurde zum ordentlichen Mitglied gewählt. 

* 

Für die fortgeschritteneren Ausbildungskandidaten veranstaltete Dr. 
Ferenczi ein therapeutisches Seminar. 

* 

Ein psychoanalytisches Ambulatorium der Ungarischen 
Psychoanalytischen Vereinigung wird in den Privatordinationsräumen von 
Dr. Ferenczi errichtet. Das Ambulatorium nimmt seine Tätigkeit im Herbst 
dieses Jahres auf. Damit wird nun die Errichtung eines Lehrinstitutes 
vollendet. 

Das Lehrinstitut will die Ausbildung nach folgendem ständigen Lehrplan 
unternehmen : 

I. Semester (Oktober — Dezember) : Allgemeine Einführung (B ä 1 i n t), 
Traumdeutung (Hollös), Methodenlehre (Hermann). 

IL Semester (Januar — März): Praktisch-therapeutisches und theoretisches 
Seminar (Ferenczi), Neurosenlehre (Hermann), Psychosen (H o 1 1 ö s), 
Pädagogische Beziehungen (Frau Balint). 

DJ. Semester (April — Mai) : Perversionen (Pfeifer), Biologische Be- 
ziehungen (B a 1 i n t), Anwendungsmöglichkeiten der Psychoanalyse auf die 
Kunstwissenschaft (E i s 1 e r), Ethnologische Beziehungen (Frau B a 1 i n t). 

24" 



37'2 Korrespondenzblatt 



Je nach Bedarf werden auch speziellere Kurse über klinische oder theore- 
tische Fragen und Besprechungen von Freud-Schriften eingeschaltet. Unter- 
richtssprache der Kurse nötigenfalls deutsch. 

Dr. Imre Hermann, 

Sekreiiir 



Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 
III. u. IV. Quartal 1928 

15. Oktober 1928. Dr. A. Stärcke: Das Gewissen. — Die Schichten des 
Gewissens sind mnemische Niederschläge aus jeder sozialen Organisation, an 
der das Individuum teilgenommen hat. Ebenso ist das „Ei" Kollektivname 
für die mnemischen Niederschläge aus infra-individuellen Organisationen, das 
Ich dasselbe aus den individuellen Organisationen. Die Funktion des Gewissens 
ist das Umändern der Richtung der Aktionswiederholungen zum Ich statt zur 
Außenwelt. Jede Entwicklungslinie läuft tot; weitere Entwicklung geht immer 
von einer weiter zurück liegenden Möglichkeit aus. Vortragender stellt hiefür 
den Namen „Gesetz der Retrogenese" auf. Evolutionswege des Gewissens. 

Dr. A. Stärcke: Einleitung zu einem Symposion über Freuds Lehre 
von Libido und Ichtrieb. Stärcke entwickelt ausführlich seine Beschwerden 
gegen die s. E. unhaltbaren Formulierungen in Freuds späteren theoretischen 
Arbeiten. 

24. November 1928. Dr. Th. van Schelven (a. G.) berichtet einen 
Zahltraum. Während einer Analyse traten in sechs aufeinander folgenden 
Nächten Träume auf, die allmählich die sadistische Einstellung gegen den 
Vater deutlicher beleuchteten. Der vierte Traum war nur eine Zahl, 8571; 
der Traum endete mit starkem Affekt. Aus analytischen Einfällen und weiteren 
Träumen wurde klar, daß 8 den unverletzten und 5 den oben und unten 
verletzten Vater vorstellten; 7 und 1 die siebenköpfige Familie und den allein 
übrig bleibenden Träumer. Nebstbei bestand eine abergläubische Angst vor 
der Zahl 1 5 und eine Identifikation mit Judas ; der Vater war im dreizehnten 
Lebensjahre des Patienten gestorben. Also eine dreimalige Determinierung 
der Zahl ig. 

Dr. S. W e y 1 bespricht einige Fälle von Impotenz mit Schwierigkeiten in 
der Prognose. Besonders die psychoanalytische Deutung des Reisens und die 
Aufsplitterung des Koitus, wobei ein Patient bei seiner eigenen Frau nur 
Erektionen, bei einer anderen nur eine Ejakulatio praecox hatte, wird näher be- 
leuchtet. Der unbewußte Teil des Über-Ichs war dabei von größter Bedeutung. 

Am 8. Dezember 1928 wurde von Professor Dr. K. H. Bouman in 
Amsterdam eine Vorstellung des französischen Films „La Coquille et le 
Clergyman" von Germaine Dulac für Freunde der Analyse veranstaltet. 

In der Folge werden die wissenschaftlichen Sitzungen gemeinsam mit den 
Mitgliedern der „Leidsche Vereeniging voor Psychoanalyse en Psychopathologie" 
abgehalten werden; die Mitglieder unserer Gruppe sind ihre ständigen Gäste. 

Dr. J. Knapper t, ein bedeutender junger Analytiker, ist an einer 



Korrespondenzblatt 373 



chronischen Krankheit, welche ihn vor kurzer Zeit zwang, aus der holländischen 
Gruppe auszutreten, gestorben. 

Ausgetreten sind: Dr. A. W. van Renterghem und Dr. J. M. 
Rombouts. 

Aufgenommen: Dr. H. C. Jelgersma, Anstalt Endegeest in Oegstgeest. 

Der Vorstand für 192g ist: Dr. J. H. W. van Ophuijsen {Vor- 
sitzender), Dr. A. Endtz {Sekretär) und Dr. F. P. Muller {Kassenwart). 

Dr. A. Endtz, 

Sekretär 



New York Psycho-Analytical Society 

IV. Quartal 192S 

30. Oktober 1928. Klinische Mitteilungen von DDr. Brill, Blumgart, 
Broadwin, Bunker, Feigenbaum, Lorand. 

In der Geschäftssitzung werden Dr. Stewaet S n i f f e n und Dr. Samuel 
Parker zu außerordentlichen Mitgliedern gewählt. 

Das Unterrichtskomitee teilt mit, daß eine Serie von Vorlesungen abgehalten 
und ein technisches Seminar für Vorgeschrittene eingerichtet werden wird. 
Ferner, daß Dr. Fritz Witt eis aus Wien sich an der Unterrichtstätigkeit 
der Vereinigung beteiligen möchte. Ein spezielles Komitee, bestehend aus den 
Herren Dr. Stern, Meyer und Kardiner, wird beauftragt, die Auswahl und 
Ausbildung der Kandidaten zu überwachen. 

Es wird vorgeschlagen, Dr. Witteis zur Abhaltung eines Vortrags in der 
nächsten Sitzung einzuladen. 

Der Präsident ernennt Dr. L e w i n zum derzeitigen Schriftführer. 

27. November 1928. Dr. Fritz Witt eis (Wien): „Die verschiedenen 
Schulen der Psychologie, die ihren Ursprung von der Psychoanalyse genommen 
haben, Jung, Watson, Adler und die Gestaltspsychologen. " Der Vortrag zeigt 
mit großer Klarheit diejenigen Punkte der Theorie, an denen Jung und 
Adler abweichen mußten, und zeigt, daß die Lehren beider nur voreilige und 
aussichtlose Versuche zur Lösung der Probleme sind, die Freud seither in 
seinen Arbeiten von „Totem und Tabu" bis „Hemmung, Symptom und Angst" 
bearbeitet hat. Das Ziel, auf das sie hinarbeiteten, war ein wissenschaftlicher 
Begriff des Uber-Ichs. Weder der Adlersche Begriff des Sozialgefühls noch 
Jungs Rassenunbewußtes ist imstande, das Freudsche Über-Ich zu ersetzen. 

Der Vortrag erregte allgemeine Zustimmung und gab Anlaß zu einer leb- 
haften Diskussion. 

In der Geschäftssitzung wurde beschlossen, die Dezemberzusammenkunft 
gemeinsam mit der American Psycho-Analytical Association abzuhalten. 

I. Quartal 1929 

29. Januar 1929. Klinische Mitteilungen von DDr. Lorand, Oberndorf 
und Stern. Die Geschäftssitzung wurde verschoben. 

29. Februar 1929. Dr. A. Kardiner: Die Psychogenese einer Depression. 
Im Anschluß eine lebhafte Diskussion über psychogene Faktoren und Prognose. 



374 Korrespondenzblatt 



In der Geschäftssitzung wurden Dr. Henry Alden Bunker und Doktor 
George E. Daniels zu außerordentlichen Mitgliedern gewählt. Die folgen- 
den außerordentlichen Mitglieder wurden zu ordentlichen Mitgliedern gewählt: 
Dr. Oswald H. Boltz, Dr. Thomas M. French, Dr. Leland Earl Hin sie 
und Dr. Isra Tobias Broadwin. 

Die folgenden Funktionäre wurden gewählt: Präsident: Dr. A. A. Brill; 
Vizepräsident: Dr. C. P. Oberndorf; Schriftführer und Kassier: Dr. A. 
Kardiner; Vorstandsmitglieder: Dr. A. Stern, Dr. T. H. Arnes, Dr. M. 
Meyer. 

Unterrichtsausschuß: Dr. A. A. Brill (Ex. Of.), C. P. Oberndorf (Vor- 
sitzender), B. Glueck, S. E. Jelliffe, A. Kardiner, B. Lewin, M. Meyer, 
A. Stern. 

Vorlesungsausschuß : Drs. M. Meyer (Vorsitzender), B. Lewin, T. M. French. 

Ausbildungskomitee: Dr. A. Stern (Vorsitzender), M. Meyer, A. Kardiner. 

"Wissenschaftlicher Ausschuß : Dr. P. R. Lehrman (Vorsitzender), Ruth Mack 
Brunswick, Lillian D. Powers, L. E. Hinsie. 

Fonds- Verwaltung: Dr. S. E. Jelliffe. 

Komitee zur Statutenänderung: Dr. T. H. Arnes (Vorsitzender), A. Kardiner, 
D. D. Shoenfeld. 

Accounting Committee: Dr. D. D. Shoenfeld, L. Blumgart. 

Schriftführer: Dr. B. Lewin (pro tem.), Dr. P. R. Lehrman. 

27. März 1929. a) Dr. T. M. French: „The Role of the Semicircular 
Canals in Relation to Symptom Formation". Dr. French führt den Schwindel 
auf eine Regression zu infantilen Zuständen zurück. Das Material war aus den 
Träumen eines psychotischen Patienten herausgearbeitet worden. 

b) Dr. S. Parker schildert einen interessanten Fall von Hysterie als 
Folge einer Zahnextraktion, der die Form einer epidemischen Encephalitis 
annahm. 

In der Geschäftssitzung wird Dr. Sara A. B o n n e t zum außerordentlichen 
Mitglied gewählt. 

In Abwesenheit von Dr. Brill führt den Vorsitz Dr. Oberndorf. 

Dr. Bertram Lewin 

(in Vertretung des Schriftführers Dr. Philip R. Lehrman) 

Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 

III. und IV. Quartal 1928 

6. Oktober 1928. Der Unterrichtsausschuß teilt mit, daß für 25. Oktober 
ein Vortragszyklus über PsA. in Zürich organisiert wird. — Referat Direktor 
Dr. K i e 1 h o 1 z, Königsfelden, „Johann Georg Zimmermann als Vorläufer der 
Psychoanalyse". Z., der Dichter und Arzt-Philosoph, dessen 200. Geburtstag 
die schweizerische Ärzteschaft diesen Herbst feiert, wurde als einziges Kind 
von seinen kränklichen Eltern verzärtelt und verwöhnt. Daraus läßt sich bei 
dem Frühverwaisten der spätere Narzißmus ableiten, der ihn nicht ruhen 
ließ, bis er in den höchsten Hofkreisen, im Umgang mit Friedrich dem 
Großen und Kaiserin Katharina von Rußland, Befriedigung fand für sein er- 
höhtes Selbstgefühl und seine Eitelkeit, aber auch die Hypochondrie, die ihn 



Korrespondenzblatt 375 



tiefen Depressionen aussetzte, denen er schließlich erlag. In seinen berühmtesten 
Werken über die Einsamkeit kommt tiefes psychologisches Verständnis und 
schizothymer Kampf mit dem ihn bedrohenden Autismus zum Ausdruck. 
(Autoreferat.) 

Diskussion: Blum, Pfister, Wehrli. 

28. Oktober 1928. Referat Zulliger „Über Verschiebung einer Ge- 
wissensreaktion". Ein Junge verliert ein Geldstück und begeht hernach einen 
unbedeutenden Diebstahl. Diesen gesteht er seinem Vater und behauptet später, 
er habe ihm vom Geldverlieren erzählt. Ubw ist der Geldverlust durch den 
Diebstahl ersetzt worden, dieser wurde wie eine Deckerinnerung erzählt. 
(Autoreferat.) 

Diskussion: Frau Behn, Behn, Blum, Hofmann, Kielholz, Peter, Sarasin. 

Beferat Dr. Blum „Zur Symbolik des Essens und der Nahrung". An Hand 
der Analyse eines seit zwanzig Jahren an Verdauungsstörungen leidenden und 
durch PsA. geheilten Patienten wird an Traummaterial die Bedeutung der 
Nahrungsaufnahme gezeigt. Dabei spiegelt sich der Ödipuskonflikt auf oral- 
analer Stufe. Besondere Bedeutung hatte für den Pat. eine vegetarische Roh- 
kostnahrung, das sogenannte „Bircher-Müsli", das, den neurotischen Tendenzen 
des Pat. entgegenkommend, die Nahrungsform darstellt, welche noch von ihm 
verdaut, gestattet wurde. Aus Träumen ergab sich, daß das Bircher-Mus für 
ihn die „kastrierte Nahrung" (im Gegensatz der Nahrung als Penis des Vaters 
und Brust der Mutter) darstellte. (Gekürztes Autoreferat.) 

10. November 1928. Diskussion des Vortrages Dr. Blum über Symbolik 
des Essens, Es nehmen teil: Blum, Behn, Kielholz, Pfister, Sarasin, Steiner. 

Referat Dr. Behn „Wirkung einer PsA. auf das Schaffen eines Malers". 
Der Künstler brachte seine graphischen und farbigen Bildwerke in die Analyse 
und gab dazu ein reichliches Einfallsmaterial. Bilder und Einfallsmaterial 
liegen vor und es läßt sich eine auffallende Veränderung in technischer und 
farbiger Hinsicht nach vollendeter Analyse feststellen. 

Diskussion: Frau Behn, Blum, Kielholz, Sarasin. Steiner, Wehrli, Zulliger. 

8. Dezember 1928. Dr. J. Schalit tritt in die Berliner Gruppe über. 
Pfr. Pfister teilt mit, daß er von der „Internat. Vereinigung für 
neue Erziehung" aufgefordert worden sei, anläßlich ihres nächsten 
Kongresses in Helsingörs (8. bis 22. August 1929) eine „Sektion für 
psychoanalytische Pädagogik" zu leiten, findet, es wäre der psa. 
Bewegung gedient, wenn wir uns vor dem großen und internationalen Publi- 
kum eifrig beteiligten. Der Vorstand nimmt seine Anregungen zur Prüfung 
entgegen. 

Referat Dr. Christoffel „Über Fetischismus". Ein verheirateter Mann 
sucht den Arzt wegen Impotenz auf. Erlebte frühzeitige Sexualeinschüchterungen, 
insbesondere gegen seinen Schautrieb. Ein Kindheitserlebnis läßt ihn zum 
Arm-Fetischisten werden. In der Behandlung kamen alle die Gesichtspunkte 
zum Vorschein, die Freud in seiner letzten Arbeit über den Fetischismus 
niedergelegt hat. 

Diskussion: Pfister, Sarasin, Zulliger. 

15. Dezember 1928. Beferat Dr. Fenichel, Berlin (a. G.), „Zur prä- 
genitalen Vorgeschichte des Ödipuskomplexes . 

Diskussion: Frau Behn, Blum, Furrer, Kielholz, Sarasin. 



376 Korrespondenzblatt 



Unterricht: 

Vortragszyklus im Singsaal der Höheren Töchterschule in Zürich 
6 Abende, 450 bis 500 Teilnehmer. 

Pfr. Dr. O. Pfister, „Wesen und Bereich der Psychoanalyse". 

Dr. med. H. Behn-Eschenburg, „Das Unbewußte". 

Dr. med. Ph. Sarasin, „Der Traum". 

Dr. med. E. Blum, 2 Abende, „Entwicklung, Struktur und Funktion des 
Seelischen beim Normalen und Kranken". 

H. Zulliger, „Psychoanalyse und moderne Pädagogik". 

Tätigkeit einzelner Mitglieder: 

Der Verein abstinenter Lehrerinnen und Lehrer des Kantons Zürich, der 
abstinente Lehrerverein Hinwil und die Pädagogische Vereinigung des Zürcher 
Oberlandes führten auf dem Hasenstrick einen Ferienkurs durch. Dort 
referierten Frau und Hr. Dr. med. Behn-Eschenburg in mehreren 
Vortragen über Psychoanalyse und psa. Pädagogik. (Oktober 1928.) 

Dr. med. Christoffel, Basel, hielt im Bernoullianum Basel einen Vor- 
trag „Seelische Hemmungen im Pubertätsalter". 

Dr. med. de Saussure, Genf, hielt an der dortigen Universität einen 
Vortrag „La th^orie de Freud et leur appiication m6dicale". 

Pfr. Dr. O. Pfister hielt in zürcherischen Lehrervereinigungen mehrere 
Vorträge über Psychoanalyse und Pädagogik. Ferner im Staatsbürgerkurs 
Zürich (im Oktober) einen Vortrag über „Psychoanalyse und Staat". 

Lehrer Zulliger sprach vor der Versammlung der Bezirkslehrer des 
Kreises Aarau und dem Lehrerverein Schwarzenburg über „PsA. und Päd- 
agogik", ferner einige psa. orientierte Vorträge vor Elternvereinigungen und 
zu dem Film „Wie sag' ich's meinem Kinde", den die „Schweizerische 
Gesellschaft für Gesundheitspflege" vorführt (Prof. v. Gonzenbach, Zürich). 

I. Quartal 1929 

9. Februar 1929. Generalversammlung. I. Wissenschaftliche Sitzung: 
Dr. med. E. Blum (Bern), „Mitteilung über die Analyse einer Erythro- 
phobie . 

Ein einundzwanzigjähriger Mann leidet an Errötungsangst und Erröten, 
zeigt in den Übertragungssituationen besonders deutlich verdrängte exhibi- 
tionistische Tendenzen (Vergleichen des Penis). Als vierjähriger Knabe ver- 
glich Pat. seinen Penis mit demjenigen eines Cousins und fand den seinen zu 
klein; als Folge dieses Kindheitserlebnisses, das später in neuen Auflagen 
wiedererlebt wurde, entwickelte sich das Gefühl sexueller Minderwertigkeit 
und der darauf konzentrierten Scham, der junge Mann kam in die passive, 
weibliche Bolle, fühlt sich während der Analyse wiederholt als Mädchen. 
Die Analyse deckte ferner einen ausgesprochenen Narzißmus auf, der sich auf 
das Körperganze, insbesonders auf das Gesicht bezog. Der genitale Narzißmus 
des Mannes wurde auf das Gesicht verschoben und das Erröten bedeutete 



Korrespondenzblatt 



377 



den Ausdruck der Scham über das zu kleine Genitale und zugleich eine 
Erektion. (Auszug a. d. Autoreferat.) 

Diskussion: Frau Dr. Behn-Eschenburg, HH. Pfister, Sarasin, Zulliger. 

II. Geschäftliche Sitzung: 

a) Jahresbericht, erstattet durch den Präsidenten Dr. Sarasin. 

b) Bericht des Quästors Dr. Blum. 

c) Bericht des Unterrichtsausschusses, Ref. Dr. Blum. 

d) Bericht über die Bibliothek, Ref. Frau Dr. Frossard-Etter. 

Es werden Lesemappen geschaffen mit psa. und neurolog. Zeit- 
schriften. 

e) Vorstandswahlen: Präs. Dr. Ph. Sarasin, Basel. — II. Präs. 

Dr. Behn-Eschenburg, Zürich. — Quästor Dr. E. Blum, 
Bern. — Sekretär H. Zulliger, Ittigen (Bern). — Beisitzer 
Pfr. Dr. O. Pfister, Zürich. — Der Vorstand funktioniert 
vorläufig als U.-K. weiter. 

f) Jahresbeitrag wird bestimmt auf Frs. 80' — . 

g) Der Vorstand erhält den Auftrag, die Statutenänderung vorzu- 

bereiten, 
h) Austritt: Prof. Minkowski, Zürich. 
2. März 1929. Wissenschaftliche Sitzung: Pfr. Pfenninger „Die Stig- 
matisierte von Konnersreuth". (Wird publiziert.) 

Geschäftliche Sitzung: Präs. Sarasin gibt Auskünfte über die Statuten- 
revision. Vorgesehen sind: a) Aufnahme außerordentlicher Mitglieder, b) Genaue 
Festlegung der Aufnahmebestimmungen; Voraussetzungen werden sein: Hospi- 
tieren, Lieferung einer selbständigen psa. Arbeit, Lehranalyse, c) Instanzen- 
weg: Schriftliche Anmeldung an Vorstand, Begutachtung dd. U.-K., Weiter- 
gabe der Aufnahmeakten an die Vereinigung, die in geheimer Wahl beschließt. 
Diskussion des Vortrages Pfenninger: Blum, Christoffel, Kielholz, Steiner, 
Tobler. 

* 

Psa. Vortragstätigkeit einzelner Mitglieder: 

Furrer (Zürich): 

Staatsbürgerkurs Winterthur, 9. Januar, „Elternnöte". 

Staatsbürgerkurs Zürich, 51. Januar, „Elternnöte . 

Pfr. Dr. O. Pfister (Zürich): 

Radio-Zürich, 21. März, „Psychoanalyse und Schule 1 ". 

Zulliger (Ittigen, Bern): 

Volkshochschule, Bern, Januar — März, 8 zweistündige Abende, „Einführung 
in die Psychoanalyse". 75 Hörer. Diskussionen. 

Sozialdemokratische Schulfraktion der Stadt Bern, 14. Februar, „Führung 
einer Schulklasse nach psychoanalytischen Grundsätzen' . 

Erlenbach (Bern), Elternabend, veranstaltet von der Schulbehörde, 5. März, 
„Kinderfehler und Elternfehler . 

Worb (Bern), Elternabend, veranstaltet von der Schulbehörde und dem 
sozialdemokratischen Bildungsausschuß, 14. März, „Über sexuelle Aufklärung". 

Thun-Strättligen, Elternabend, veranstaltet von der Schulbehörde, 1 5. März, 

„Das Kind im Entwicklungsalter". Hans Zulliger, 

Schriftführer 






Wiener Psychoanalytische Vereinigung 
IV. Quartal 1928 

10. Oktober 1928. Vortrag Dr. Wilhelm Reich: Wohin führt die Nackt- 
erziehung? (Erschienen im Sonderheft über „ Nackterziehung " der Zeitschr. 
für psychoanalyt. Pädagogik, III. Jahrg. 1928/29.) 

Diskussion: Angel, Doz. Deutsch, Frau Deutsch, Federn, Nunberg, Prof. 
Pappenheim, Frau Dr. Pappenheim (a. G.), Frau Reich, Schaxel. 

24. Oktober 1928: Kleine Mitteilungen und Referate. 

1) Dr. Sterba: Ein doppelsinniger Ausspruch unserer Umgangssprache. 

Bei Besprechung eifersüchtiger Regungen zeigt sich häufig für das Ver- 
ständnis eine sprachliche Schwierigkeit, die aus dem Doppelsinn des Aus- 
druckes: „Auf jemanden eifersüchtig sein" erwächst, da dieser Ausdruck in 
der Umgangssprache sowohl für den Affekt gegenüber der geliebten Person 
als auch für den gegenüber dem Rivalen angewendet werden kann. Diese 
Unklarheit des Ausdruckes ist der Widerschein einer Doppelsinnigkeit des 
psychologischen Tatbestandes, der ausgedrückt werden soll. Die Doppelsinnig- 
keit ist dadurch bedingt, daß auf Grund der allgemeinen bisexuellen Anlage 
immer auch homosexuelle Komponenten in die Rivalitätsbeziehung eintreten, 
so daß das Erlebnis der Eifersucht dadurch wenigstens in den Ansätzen ein 
bisexuelles wird. Als Zeichen der ursprünglichen homosexuellen Beteiligung 
am Affekt der Eifersucht bleiben innerhalb des Ausdruckes: „Auf jemanden 
eifersüchtig sein" geliebtes Objekt und Rivale vertauschbar. 

Diskussion: Frau Holtenhof-Mosher (a. G.). 

2) H. D. Lasswell (a. G.): Kann man unter Politikern verschiedene 
Typen unterscheiden und gibt es bei ihnen bestimmte Voraussetzungen für 
die Berufswahl? 

3) Dr. Hitschmann: Bericht über das Buch von Lou Adreas- 
Salome zum Andenken an den verstorbenen Dichter Rainer Maria Rilke. 

Aus der Erinnerung und nach Briefen wird nach drei Jahrzehnte langer 
Freundschaft ein überaus feinfühliges und für den Psychoanalytiker sehr auf- 
schlußreiches Seelenbild entworfen. Besonders wird das Feminin-masochistische 
der dichterischen Persönlichkeit hervorgehoben und ihre Einordnung in die 
Pathologie versucht. 

4) Dr. Federn: Über einen alltäglichen Zwang („Zeremoniell der 
Pflastersteine"). (Erscheint in diesem Heft. D. Red.) 

Diskussion: Angel, Eideiberg, Frau Friedrich (a. G.), Hitschmann, Jokl, 
Frau Levy (a. G.), Frau Holtenhof-Mosher (a. G.), Nunberg, Reich, Sperling, 
Steiner, Wälder. 

7. November 1928. Vortrag Dr. Annie Reich: Ein Fall von Epilepsie. 

Es wird über die Analyse eines siebzehnjährigen Mädchens berichtet, das 
an periodisch auftretenden, gehäuften Epilepsieanfällen leidet. Diese Anfälle 
sind eingebettet in eine mehrere Tage dauernde Periode von ängstlicher Ver- 
stimmung, die inhaltlich durchaus an die von den Hysterien gewohnten Bilder 
gemahnt. Die Patientin fürchtet sich im Dunkeln, vor Einbrechern usw. In 
der Aura des Anfalles verstärkt sich die Angst hochgradig und die Patientin 



Korrespondenzblatt 379 



muß jemanden, meist den Vater, schutzsuchend umarmen. Während dieser 
Umarmung ereilt sie der Anfall. Die Analyse läßt vermuten, daß der Epilepsie- 
anfall als Koitus mit dem inzestuösen Objekt zu werten ist, ohne freilich die 
Frage zu lösen, ob es sich nur um eine sekundäre Reaktion handle oder ob 
der Inzestwunsch hier wirklich, wie bei den Hysterien, symptombildend wirkt. 

Diskussion: Frau Bibring, Bibring, M. Bonaparte (a. G.), Frau Deutsch, 
Federn, Hartmann, Dr. Lehrman (a. G.), Reich. 

21. November 1928. Vortrag Dr. Edward Bibring: Klinischer Beitrag 
zur Paranoiafrage; ein Fall von Organprojektion. (Erschienen in Heft 1, 192g, 
dieser Zeitschrift.) 

Diskussion: Federn, Nunberg, Schaxel. 

5. Dezember 1928. Ord. Generalversammlung. Programm: 
1. Vereinshaus. 2. Ambulatorium. Ref.: Dr. Hitschmann. 5. Lehrinstitut. 
Ref.: Frau Dr. Deutsch. 4. Kassenbericht (Dr. Nepallek). 5. Absolutorium. 

6. Neuwahl des Vorstandes. Es wurden gewählt: Prof. Freud {Obmann); 
Dr. F e d e r n {Obmann- Stellvertreter) ; Dr. Jokl {i . Schriftführer); Dr. Nun- 
berg (2 . Schriftführer) ; Dr. Bibring {Kassier) ; Dr. W ä 1 d e r {Bibliothekar). 
Zu Beiräten : Frau Dr. Deutsch (als Leiterin des Lehrkomitees) ; Dr. Hitsch- 
mann (als Leiter des Ambulatoriums); Dr. Reich (als Seminarleiter). 

7. Anträge. 

19. Dezember 1928. Vortrag Dr. Eduard Hitschmann: Von der Stein 
zur Vulpius; Psychoanalytisches zum Liebesleben Goethes. 

Anknüpfend an die Untersuchungen von Rank in „Das Inzestmotiv in 
Dichtuno und Sage" wird hauptsächlich der seelische Wandel Goethes in der 
Zeitperiode der Loslösung von Frau von Stein von der italienischen Reise 
bis zur Liebesverbindung und Ehe mit Christiane Vulpius behandelt. Im 
Gegensatz zu der verbreiteten oberflächlichen Ansicht wird auf das Gehemmte 
in Goethes Liebesleben hingewiesen und auf seine schließliche Befreiung, 
ausgehend von seiner Beziehung zu der Römerin Faustina Antonini. Die 
„Römischen Elegien" werden als ein wichtiges Beweisdokument herangezogen; 
die Gestalt von Goethes Vater findet eingehende Würdigung. Neben der schon 
bekannten Fixierung des Dichters an seine Mutter und Schwester werden der 
Einfluß des stark anal veranlagten Vaters und die Identifizierung mit ihm 
sowie die Kastrationsangst und späte Vollbefriedigung des Sohnes mit ihren 
Folgen für seine Produktivität erörtert. 

Diskussion: Federn, Kris, Nunberg, Schaxel, Wälder, Winterstein. 

Geschäftliches: 

Zu außerordentlichen Mitgliedern wurden gewählt: Dr. Edmund Bergler, 
Wien, VIII., Schlösselgasse 28; Dr. Edith Buxbaum, Wien, VII., Schotten- 
feldgasse 6g; Dr. Ludwig Eideiberg, Wien, IX., Hörigasse 11; Dr. Ernst 
und Dr. Marianne Kris, Wien, HJ., Weyrgasse 7; Dr. Jenny Po Hak, 
Wien, VJJL, Lederergasse 18; Dr. Annie Reich, Wien, VIII., Blinden- 
gasse 46a; Dr. Otto Sperling, Wien, IV., Schelleingasse 9 — 15; Dr. Erwin 
Stengel, Wien, IX., Lazarettgasse 1 4 (Psychiatrische Klinik). 

Ihre Adresse haben geändert: Dr. Anny Angel, Wien, I., Wollzeile g; 
Dr. Otto Isakower, Wien, VII., Lerchenfelderstraße 5; Prof. Dr. Otto 



380 Korrespondenzblatt 



Pötzl, Vorstand der Wiener Psychiatrischen Klinik, Wien, I Schönlatern 
gasse 5; Dr. Wilhelm Reich, Wien, VIII., Blindengasse 46a; Hedwig 
Schaxel, Wien, I., Neutorgasse 8; Dr. Nikolaus Sugär, Subotica (S. H. S.) 
Trumbiceva 20. 

Ihren Austritt haben angemeldet: Dr. Walter Fokschaner, Prof. Dr 
Guido Holzknecht, Dr. Michael Kaplan, Flora Kraus, Dr. Otto Rank! 

* 

Veranstaltungen des Lehrausschusses der „Wiener Psychoanalytischen 
Vereinigung im Wintersemester 1928/29: 

Kurse: 

Dr. E. Hitschmann: Traumlehre (für Anfänger). 6 stündig. (Hörerzahl 48.) 
Dr. W. Reich: Sexualhygiene. 4stündig. (Hörerzahl 20.) 
Dr. H. Nunberg: Allgemeine Neurosenlehre (Fortsetzung). 8 ständig 
(Hörerzahl 18.) *" 

Dr. P. Federn: Technik der Psychoanalyse (für Anfänger). 6 stündig 
(Hörerzahl 27.) ° 

Dr. Helene Deutsch: Spezielle Neurosenlehre. 6 stündig. (Hörerzahl 25.) 

Pädagogik : 

Vorstand A. Aichhorn: Einführung in die Psychoanalyse. 1« stündig. 
(Hörerzahl 154.) 

Seminare ; 

Seminar für psychoanalytische Therapie. Im Ambulatorium der Wiener 
Psychoanalytischen Vereinigung. Jeden zweiten Mittwoch. Leiter- Dr W 
Reich. 

Seminar zur Technik der Kinderanalyse. Jeden Montag. Leiterin: Anna 
Freud. 

Dr. R. H. Jokl, 

Schriftführer 






III) Mitgliederverzeichnis der 
„Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" 

(Frühjahr I</2<)) 

Zentralvorstand : 

Zentralpräsident: Dr. Max E i t i n g o n, Berlin-Dahlem, Altensteinstraße 26. 

Beiräte: Dr. S. Ferenczi, Budapest, VII., Nagydiöfa-ucca 3. — Dr. Einest Jones, 

81 Harley Street, London W. 1. 
Zentralsekretär: Anna Freud, Wien, IX., Berggasse 19. 
Zentralkassenwart: Dr. J. H. W. van O p h u i j s e n, Haag, Prinsevinkenpark 3. 

Internationale Unterriditskommission : 

Präsident: Dr. Max Eitingon, Berlin-Dahlem, Altensteinstraße 26. 
Sekretär: Dr. Sandor B a d 6, Berlin-Grunewald, Ilmenauer Str. 2. 

Delegierte der Zw ei gv er eini gung en: 

British Psycho-Analytical Society: Dr. Bryan (Schriftführer), Mr. Flügel, Dr. Glover, 
Dr. Jones (Vorsitzender), Dr. Payne, Dr. Bickman. 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft: Dr. Alexander, Dr. Eitingon (Forsitzender), 
Frau Dr. Horney, Dr. C. Müller-Braunschweig (Schriftführer), Dr. Badö, 
Dr. Sachs, Dr. Simmel. 

Indian Psycho-Analytical Society: Dr. G. Böse (Vorsitzender), N. Sen Gupta, N. C. 
Mitra, S. C. Mitra (Schriftführer). 

Magyarorszagi Pszichoanalitikai Egyesület: Dr. Ferenczi (Vorsitzender), Dr. Hermann 
(Schriftführer), Dr. Hollös, Frau Kovacs, Dr. Levy, Dr. Böheim. 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse: Prof. Dr. Jelgersma, Dr. F. P. 
Müller, Dr. van Ophuijsen (Vorsitzender). 

New York Psycho-Analytical Society: Dr. Arnes, Dr. Jelliffe, Dr. Kardiner, Dr. 
Lehrman, Dr. Meyer, Dr. Oherndorf (Vorsitzender), Dr. Stern. 

Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse: Dr. H. Behn-Eschenburg, Dr. Blum, 
Dr. Pfister, Dr. Sarasin (Vorsitzender), Zulliger (Schriftführer). 

Wiener Psychoanalytische Vereinigung: August Aichhorn, Dr. Helene Deutsch 
(Leiterin), Anna Freud (Sekretärin), Dr. Hitschmann, Dr. Jekels, Dr. Nunberg 
(Leiter-Stellvertreter), Dr. Beich. 



382 Mitgliederverzeidmis 



American Psydioanalytic Association 

Active Members: 
i) Arnes, Dr. T. H., 55 Park Ave., New York City. 
2) Asch, Dr. J. J., 111 East, 8oth St., New York City. 

5) Blitzen, Dr. Lionel, 104 S. Michigan Ave., Chicago, III., dzt. Hotel Heßler, 
Berlin-Charlottenburg, Kantstr. 165. 

4) Blumgart, Dr. Leonard, 152 W. 57 th St., New York City. 

5) B r i 1 1, Dr. A. A., 15 W. 70dl St., New York City. {Vorstandsmitglied.) 

6) B u r r o w, Dr. Trigant, 67 Park Ave., New York City. 

7) Cassity, John, 26 Jones Street, New York City. 

8) C h a p m a n, Dr. Ross Mc, Sheppard and Enoch Pratt Hospital, Towson, Md. 

9) Clark, Dr. L. P., 2 E. 6sth St., New York City. 

10) Coriat, Dr. I. H., 416 Marlborough St., Boston, Mass. 

11) Dooley, Dr. Lucile, 1920 S. Street, Washington, D. C. 

12) Emerson, Dr. L. E., 64 Sparks St., Cambridge, Mass. 

13) Farn eil, Dr. P. J., 598 Angell St., Providence, R. I. Vorstandsmitglied.) 

14) Feigenbaum, Dr. Dorian, 100 Central Park So., N. Y. C. 

15) Frink, Dr. H. W., 17 E. 3 8th St., New York City. 

16) Gineck, Dr. Bernard, 66 Park Ave., New York City. 

17) Grave'n, Dr. Philip S., 1716 Twentyfirst St., Washington, D. C. 
x8) Gregory, Dr. M. S. Medical Ans Building, Oklahoma City, Okla. 

19) Hadley, Ernest E., St. Elizabeths Hospital, Washington, D. C. 

20) Haines, Dr. Thomas, H., 471 Park Ave. N. Y. C. 

21) Haraill, Dr. Ralph, 50 N. Michigan Blvd., Chicago, 111. 

22) Hutchings, Dr. R. H., Utica State Hospital, Utica, N. Y. 
25) Jsham, Dr. Mary, 19 Garficld Place, Cincinnati, Ohio. 

24) J e 1 1 i f f e, Dr. S. E., 64 W. s6th St., New York City. 

25) Johnson. Dr. Lorin, 1900 24U1 St., N. W., Washington, D. C. 

26) Kardiner, Dr. A., 1150 Fifth Ave., New York City. 

27) Kempf, Dr. E.J., iooW. 59* St., New York City. [Santa Barbara, California.] 

28) Kenworthy, Dr. Marion, 105 E. 5 3 rd St., New York City. 

29) Lehr man, Dr. Philip R., 120 Riverside Drive, New York City. 

30) Lewis, Dr. Nolan, St. Elisabeths Hospital, Washington, D. C. 

31) Mc Pherson, Dr. Donald J., Peter Bent Brigham Hospital. Boston, Mass. 

32) Meyer, Dr. Adolf, Phipps Clinic, Baltimore, Md. 

35) Meyer, Dr. M. A., 660 Madison Ave., New York City. 

34) M e n n i n g e r, Dr. Carl A., Mulvane Bldg., Topeka, Kan. 

35) Oberndorf, Dr. C. P., 112 W. 59Ü1 St., New York City. (Sekretär und Kassier.) 

36) P e c k, Dr. Martin W., 520 Commonwealth Ave., Boston, Mass. 

37) Pope, Dr. Curran, 115 W. Chestnut St., Louisville, Ky. 

38) Reed, Dr. Ralph, 180 E. McMillan St., Cincinnati, Ohio. (Vorstandsmitglied.) 

39) Singer, Dr. H. D., State Psychopathie Hospital, Dunning, Hl. 

40) Smeltz, Dr. Geo. W., 121 University Place, Pittsburgh, Pa. 

41) Stern, Dr. Adolph, 57 West 571h St., New York City. 

42) Stragnell, Dr. Gregory, 124 E. 40th St., New York City. 

43) Stuart, Dr. D. D. V., The Wyoming, Washington, D. C. 

44) S u 1 1 i v a n, Dr. H. C, Sheppard and Enoch Pratt Hospital, Towson, Md. 



Mitgliederverzeichnis 



383 



45) Syz, Dr. Hans, 67 Park Ave., New York City. 

46) Taneyhill, Dr. G. Lane, 405 N. Charles St., Baltimore, Md. 

47) Thompson, Dr., Clara M. 2025 Eutaw Place, Baltimore, Md. 

48) Thompson, Dr. J. C, Pearl Harbor, Hawaii. 

49; Walker, Dr. W. K., Phoenixville, Chcster County, Pa. 

50) White, Dr. Wm. A., St. Elizabeths Hospital, Washington. D. C. {Präsident.) 

51) Williams, Dr. Frankwood, 570 Seventh Ave. N. Y. C. 
52; Wholey, Dr. C. C, 4616 Bayard St.. Pittsburg-, Pa. 
53) Young, Dr. G. A., Medical Arts Bldg.. Omaha, Neb. 



British Psydio -Analytical Society 

Members 

1) Dr. Douglas Bryan, 55 Queen Anne Street, London, W. 1. 

2) Mr. Cyril Burt, 30 Princess Road, Regent's Park, London, N. W. 1. 

3) Dr. M. D. Eder, 16 Nottingham Place, London, W. 1. 

4) Mr. J. C. Flügel, 11 Albert Road, Regent's Park, London, N. W. 1. 

5) Dr. D. Forsyth, 21 Wimpole Street, London, W. 1. 

6) Dr. E. Glover, 18 Wimpole Street, London, W. 1. 

7) Mr. Eric H i 1 1 e r. 

8) Mrs. Susan I s a a c s, 54 Regent's Park Road, London, N. W. 1 

9) Dr. Ernest Jones, 81 Harley Street, London, W. 1. 

10) Mrs. Melanie Klein, 93 c Linden Gardens, London, W. 2. 

11) Miss Barbara Low, 13 Guilford Street, London W. C. 1. 

12) Dr. T. W. Mitchell, Hadlow, Kent. 

13) Dr. Sylvia Payne, 143 Harley Street, London, W. 1. 

14) Dr. John R i c k m a n, 37 Devonshire Place, W. 1. 

15) Dr. R. M. Riggall, 51 Wimpole Street, London, W. 1. 

16) Mrs. Ri viere, 3 Stanhope Terrace, London, W. 2. 

17) Dr. Vaughan Sawyer, 131 Harley Street, London, W. 1. 

18) Miss N. Searl, 16 Gordon Street, London, W. C. 1. 

19) Miss E. Sharpe, 16 Gordon Street, London, W. C. 1. 

20) Dr. W. H. B. Stoddart, Harcourt House. Cavendish Square, London, W. 1. 

21) Mr. James Strachey, 41 Gordon Square, London, W. C. 1. 

22) Mrs. James Strachey, 41 Gordon Square, London, W. C. 1. 

23) Mr. A. G. Tansley, Grantchester, Cambridge. 

24) Dr. C. R. A. Thacker. 

25) Dr. H. Torrance Thomson, 13 Lansdowne Crescent, Edinburgh. 

26) Dr. A. C. Wilson, 27 Nottingham Place, London, W. 1. 

27) Dr. Maurice Wright, 86 Brook Street, London, W. 1. 



384 Mitgliederverzeidinis 



Associate Members 

1 ) Miss Cecil M. B a i n e s, St. Margaret's Honse, Old Ford Road, London, E. 2. 

2) Dr. Mary Barkas, 46 Queen Anne Street, London, W. 1. 

3) Dr. W. H. Brend, 14 Bolingbroke Grove, Wandsworth Common, London, S. W. 

4) Dr. Marjorie Brierley, Granary Cottage, Crabtree Lane, Harpenden, Herts. 

5) Dr. Josephine Brown. 

6) Miss Mary Chadwick, 48 Tavistock Square, London, W. C. 1. 

7) Dr. M. Culpin, 1 Queen Anne Street, London, W. 1. 

8) Dr. W. Eddison, Wonford House, Exeter. 

g) Dr. Marjorie E. Franklin, 86 Harley Street, London, W. 1. 

10) Rev. P. Gough, St. Mark's Vicarage, 5 Abbey Road, London, N. W. 8. 

11) Miss I. A. Grant Duff, 14 Emperor's Gate, London, S. W. 7. 

12) Dr. Bernard Hart, 81 Wimpole Street, London, W. 1. 
15) Dr. S. Herbert, 2 St. Peter's Square, Manchester. 

14) Dr. M. B. Herford, 19 Redlands Road, Reading. 

15) Dr. W. In man, 22 Clarendon Road, Southsea Hants. 

16) Mr. R. O. Kapp, 25 Randolph Crescent, London, W. 9. 

1 7) Dr. J. Strafford Lewis, Colney Hatch Mental Hospital, New Southgate, London, N. 1 1 . 

18) Miss M. G. Lewis, 16 Gordon Street, London, W. C. 1. 

19) Mr. R. Money -Kyrie, Whitham, Calne, Wilts. 

20) Prof.PercyNunn, London Day Training College, Southampton Row, London, W.C. 1. 

21) Dr. G. W. Pailthorpe, 22 Park Crescent, London, W. 1. 

22) Dr. L. S. Penrose, 45 Mecklenburg Square, London, W. C. 1. 

23) Miss J. B. Saxby, 14 Cornwallis Crescent, Clifton, Bristol. 

24) Dr. Hamblin Smith, H. M. Prison, Birmingham. 

25) Dr. Adrian Stephen, 50 Gordon Square, London, W. C. 1 . 

26) Dr. Karin Stephen, 50 Gordon Square, London, W. C. 1. 

27) Miss E. M. Terry, 20 Manchester Street, London, W. 1. 

28) Dr. Rees Thomas. Greyridges, Retford, Notts. 

29) Dr. Hilda M. Weber, 6 Taviton Street, London, W. C. 1. 

30) Dr. F. R. Winton, Department of Physiology, University College, Gower Street, 
London, W. C. 1. 

51) Dr. Sybille Y a t e s, c/o Dr. Boyd, 481, Holloway Road, London, N. ig. 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

a) Ordentliche Mitglieder: 

1) Alexander, Dr. Franz, Berlin- Wilmersdorf, Wilhelmsaue 121. 
a) Benedek, Frau Dr. Therese, Leipzig, Emilienstraße 2. 

3) Bern fei d, Dr. Siegfried, Berlin-Charlottenburg, Schillerstraße 2. 

4) B o e h m, Dr. Felix, Berlin W. 50, Rankestraße 20. 

5) Cohn, Dr. Franz, Berlin- Wilmersdorf, Helmstädter Str. 22. 

6) Eitingon, Dr. Max {Direktor des B. PsA. Instituts), Berlin-Dahlem, Altenstein- 

straße 26. 

7) Fenichel, Dr. Otto, Berlin W. 50, Nürnbergerplatz 6 
8)Fromm-Reichmann, Frau Dr. Frieda, Heidelberg- Neuenheim, Mönchhof- 



straße 15. 



MUgliederverzeichnis 3^5 



g) Groddeck, Dr. Georg, Baden-Baden, Werderstraße 14. 
10) Groß, Dr. Alfred, Berlin-Halensee, Küstriner Str. 4. 
u) Happel, Frau Dr. Clara, Berlin-Schmargendorf, Marienbader Str. 9. 

12) Harnik, Dr. Jenö, Berlin W. 15, Pommersche Str. 5. 

13) Horney, Frau Dr. Karen (Kassenwart), Berlin W. 62, Lützowufer 58. 

14) K e m p n e r, Frau Dr. Salomea, Berlin-Wilmersdorf, Güntzelstraße 13. 

15) Kirschner, Frl. Dr. Lotte, Berlin-Charlottenburg, Mommsenstraße 44. 

16) Lampl, Dr. Hans, Berlin-Dahlem, Schumacherplatz 2. 

17) Lampl-de Groot, Frau Dr. A., Berlin-Dahlem, Schumacherplatz 2. 

18) Landauer, Dr. Karl, Frankfurt a. M., Kettenhof weg 17. 

ig) L a n t o s, Frau Dr. Barbara, Berlin-Schöneberg, Innsbrucker Str. 14/15. 

20) Liebermann, Dr. Hans, Berlin- Wilmersdorf, Trautenaustraße 18. 

21) L o w t z k y, Frau Dr. F., Berlin- Wilmersdorf, Nassauische Str. 54/55. 

22) Meng, Dr. Heinrich, Frankfurt a. M.. Kettenhofweg 114. 

23) Müller, Frau Dr. Josine, Berlin W. 15, Zähringer Str. 32a. 
24)Müller-Braunschweig, Frau Ada, Berlin-Schmargendorf, Sulzaer 

Straße 3. 

25) Müller-Braunschweig, Dr. Carl. Berlin-Schmargendorf, Sulzaer 

Straße 3. 

26) Naef, Frau Dr. Elisabeth, Berlin-Steglitz, Opitzstraße 4. 

27) R a d 6, Dr. Sdndor (Schriftführer), Berlin-Grunewald, Ilmenauer Str. 2. 

28) R e i k, Dr. Theodor, Berlin-Schmargendorf, Reichenhallerstr. 1 . 

29) Sachs, Dr. Hanns, Berlin-Charlottenburg, Mommsenstraße 7. 

30) Schalit, Dr. Ilja, Berlin W. 15, Bayrische Str. 4. 

31) S chultz - H e n ck e, Dr. Harald, Berlin W. 30, Viktoria-Luise-Platz 12. 

32) S i m m e 1, Dr. Ernst (Vorsitzender), Berlin-Tegel, Sanatorium Schloß Tegel. 

33) S i m o n s o n, Dr. Emil, Berlin-Halensee, Georg- AVilhelm-Straße 2. 

34) Smeliansky, Frl. Dr. Anna, Berlin W. 62, Wichmannstraße 10. 
55) Stegmann, Frau Dr. Margarethe, Dresden A, Sidonienstraße 18. 

36) V o 1 1 r a t h, Dr. Ulrich, Stadtarzt, Fürstenwalde a. Spree. 

37) Watermann, Dr. August, Hamburg, Mittelweg 153a. 

38) Wulff, Dr. M., Berlin- Wilmersdorf, Pfalzburger Str. 17. 

i) Außerordentliche Mitglieder: 

3g) Haas, Dr. Erich, Köln, Hohenzollernring 37. 

40) K o h n, Dr. Erwin, Berlin-Friedenau, Bachestr. 4. 

41) Kraft, Dr. Erich, Berlin W. 35, Lützowstraße 85. 

42) Schmideberg, cand. med. Walter, Berlin-Grunewald, Warmbrunner Str. 29. 

43) Staub, Rechtsanwalt, Hugo, Berlin W. 15, Kurfürstendninm 181. 



Indian Psycho- Analytical Society 

1) Dr. G. Böse, D. Sc, M. B. (Präsident), 14 Parsibagan Lane, Calcutta. 

2) Dr. N. N. Sen Gupta, M. A., Ph. D., 46/42/1 Gariahat Rd. Ballygunge. 

Calcutta. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XV, a/5 25 



386 Mitgliederverzeichnis 



3) Mr. G. Bora, B. A. (Vorstandsmitglied), 2/3 Chittyaranjan Avenue (South), Calcutta. 
4> M. N. B an er j e e, M. Sc. B. L., (Sekretär), 30 Tarak Chatterjee Lane, Calcutta. 
g) H. P. Maiti, M. A., 10/1 Halsibagan Road, Calcutta. 

6) Dr. Suhrit Ch. Mitra, M. A. D. Phil. (Bibliothekar), 157/5 Upper Circular Road, 

Calcutta. 

7) Mr. GopeswarPal, M. Sc, 46/42/2 Gariahat Rd. Ballygunge, Calcutta. 

8) Capt. S. K. Roy, M. B., 2 Amherst Street, Calcutta. 

9) Capt. N. C. Mitter, M. B., 38 Raja Dinendra St., Calcutta. 

10) Prof. Rangin Chander Halder, M. A., B. N. College, Patna. 

11) Prof. Haridas B h a 1 1 a c h ar y a, M. A., P. R. S., B. L., 1 Ramkrishna 

Mission Rd. Dacca. 

12) Dr. Sarasilal Sarkar, M. A., M. B., 177 Upper Circular Rd., Calcutta. 

13) Capt. J. R. Dhar, M. B., Jessore, Bengal. 

14) Lts. Col., Owen Berkeley Hill, M. A-, M. D., I. M. S., European Mental 

Hospital, Kanke P. O. Ranchi, B. N. R. 

15) Lt. Col. R. C, Mc Watters, M. D., I. M. S., Shahjahanpur. 

16) Capt. A. G. Barreto, L. M. & S. (Bomb) M. S. L. P. A., (Nancy) I. M. S., Raia, 

Salsette, Goa. 

17) Dr. B. C. Ghosh, M. A., M. B., B.C., 2 Balak Dutta Lane, Calcutta. 

18) Major C. D. Daly, D. A. D. S. T.. Head Quarters, Southern Command, Poona, 

India. 

19) Prof. Jiban fKrishna Sarkar, M. A., G. B. B. College'Muzaffurpur, Bihar, 

India. 



Magyarorszägi Pszidioanalitikai Egyesület 

a) Ordentliche Mitglieder: 

1) Frau Alice B dl int, Budapest, I., Meszäros-ucca 12. 

2) Dr. Michael Bai int, Budapest, I., Meszäros-ucca 12. 

3) Frau Dr. Margit D u b o v i t z, Budapest, VIII., Jözsef-körut 86. 

4) Dr. Geza Dukes. Budapest, V.. Zoltän-ucca 6. 

5) Dr. Michael Josef E i s 1 e r, Budapest, V., Nador-ucca 5 (Bibliothekar). 

6) Dr. Sändor Ferenczi, Budapest, VII., Nagydiöfa-ucca 3 (Präsident). 

7) Dr. Imre Hermann, Budapest, V., Maria Valeria-ucca 10 (Sekretär). 

8) Dr. Istvan H 1 1 ö s, Budapest, V., Wekerle Sandor-ucca 22. 

9) Frau Vilma Kovacs, Budapest, I., Naphegy ter 8. 

10) Frau Kata Levy, Budapest, V., Szalay-ucca 5. 

11) Dr. Lajos Levy, Budapest, V.. Szalay-ucca 3. 

12) Dr. Zsigmond Pfeifer, Budapest, VII., Räköczi-ut 18 (Kassier). 

13) Dr. Läszlö R 6 v e s z, Budapest, VIII., Sandor-ucca 17. 

14) Dr. Gaza R 6 h e i m, Budapest, VI., Hermina-ut 35/a. 

15) Dr. Sandor Szabö, Zürich, Voltastraße 24. 

16) Dr. Gdza Szilagyi, Budapest, Vn., Damjanich-ucca 28/a. 

b) Außerordentliche Mitglieder: 

17) Frau Dr. Maria Kircz-Takacs, Budapest, I., Krisztina-körut 5. 



Mitgliederverzeidinis 3§7 



Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 

1) Prof. Dr. K. H. Bouman, Amsterdam, Jan Luykenstraat 24, {Bibliothekar). 

2) Dr. J. E. G. van Emden, Haag, Sweelinckplein 49. 
5) A. E n d t z, Loosduinen, „Oud-Rosenburg", (Sekretär). 

4) M. P 1 o h i 1, Loosduinen, „Oud-Rosenburg". 

5) Dr. J. H. van der H o o p, Amsterdam, Roemer Visscherstraat ig. 

6) Prof. Dr. G. Jelgersma, Oegstgeest, Geversstraat 40. 

7) Dr. H. C. Jelgersma, Oegstgeest, „Endegeest". 

8) B. D. J. van de Linde, Hilversum, Boomberglaan 4. 

9) Dr. S. J. R. de Mönch y, Rotterdam, Schiedamsche Singel 112. 

10) Dr. F. Muller, Haarlem, Julianastraat 8. 

11) Dr. F. P. Muller, Leiden, Rijnsburgerweg 102 (Kassier). 

12) J. H. W. van O p h u i j s e n, Haag, Prinsevinkenpark 5 (Präsident). 

13) Dr. Th. van Schelven, Haag, Jan van Nassaustraat 35. 

14) A. Stärcke, Den Dolder, „Willem Arntszhoeve". 

15) A. J. Wester man Holstijn, Amsterdam, van Breestraat 117. 

16) Dr. S. W e i j 1, Rotterdam, s'Gravendijkwal 98. 



New York Psydio-Analytic Society 

1) Arnes, Dr. Thaddeus H., 55 Park Ave., New York City, (Vorstandsmitglied). 

2) Asch, Dr. Joseph J., III East 80" St., New York City. 

3) Blum gart, Dr. L., 152 West 57" St., New York City. 

4) B 1 1 z, Dr. Oswald, Manhattan State Hospital, Wards Island, N. Y. 

5) Brill, Dr. A. A., 15 West 70" St., New York City, (Präsident). 

6) Brunswick, Dr. Ruth Mack, 14 Washington Sq., New York City. 

7) Coriat, Dr. Isadore, 416 Malborough St., Boston, Mass. 

8) Eidson, Dr. J. P., 114 East 40" St., New York City. 

9) Farn eil, Dr. F J., 219 Waterman St., Providence, R. I. 

10) Feigenbaum, Dr. Dorian, 100 Central Park So., New York City. 

11) French, Dr., Bloomingdale Hospital, White Plains, N. Y. 

12) Glueck, Dr. Bernard, 66 Park Ave., New York City. 

13) Haines, Dr. Thomas H., 471 Park Ave., New York City. 

14) Hai lock, Dr. Frank M., 413 West 23" St, c/o de Kay, New York City 

15) Hin sie, Dr. L., Psychiatric Institute, Wards Island, N. Y. 

16) Jackson, Dr. Josephin , 1955 Morton Ave., Passadena, Cal. 

17) Jellif f e, Dr. Smith-Ely, 64 West 56" St., New York City, (Vorstandsmitglied). 

18) Jewett, Dr. S. P., 145 East 57" St., New York City. 

19) Kardiner, Dr., A., 1150 Fifth Ave., New York City, (Kassier). 

20) Kenworthy, Dr. Marion, 145 East 57" St., New York City. 

21) Lane, Dr. Arthur G., Greystone Park, N. Y. 

22) Lehr man, Dr. Philip, 120 Riverside Drive, New York City, (Schriftführer). 

23) L e v i n, Dr. Hyman, 1450 Delaware Ave., Buffalo, N. Y. 

24) Lewin, Dr. Bertram, 31 West n" St., New York City. 

25) Lorand, Dr. Alex. S., 115 West 86" St., New York City. 

261 Meyer, Dr. Monroe A., 660 Madison Ave., New York City, (Vorstandsmitglied). 

25* 



388 Mitgliedervcrzeidinis 



27) Oberndorf, Dr. C. P., 112 West 59" St., New York City, (Vizepräsident). 

28) Powers, Dr. Lillian D., 128 Central Park So., New York City. 

29) Rothschild, Dr. Leonard, 116 West 59" St., New York City. 

50) Sands, Dr. Irving J., 202 New York Ave., Bklyn. N. Y. 

51) Silverberg, Dr. William B., 859 West End Ave., New York City. 

52) Smith, Dr. Joseph, 848 Park Place Bklyn., N. Y. 

33) So Hey, Dr., John B., 213 East 61" St., New York City. 

34) Spaulding, Dr. Edith R., 103 East 86" St., New York City. 

35) Shoenfeld, Dr. Dudley, D. 116 West 59" St., New York City. 

36) Stern, Dr. Adolph, 57 West 57" St., New York City, {Vorstandsmitglied). 

37) Wechsler, Dr. I. S., 1112 Park Avenue, New York City. 

58) Williams, Dr. Frankwood, 370 Madison Ave., New York City. 

Associate Memhers 

1) Keim an, Dr. Sarah, 1070 Madison Ave., New York City. 

2) King, Dr. Stanley, 145 East 57" St., New York City. 

3) Mayer, Dr. Max D., 1150 Fifth Ave., New York City. 

4) Broadwin, Dr. I. T., 151 West 86" St., New York City. 

5) Zilboorg, Dr. Gregory, Bloomingdale Hospital, White Plains, N. Y. 

6) Sniffen, Dr. Steward, 145 East 57" St., New York City. 

7) Parker, Dr. Samuel, 6 East 97" St., New York City. 

8) Bunker, Dr. H. A. Jr. 2 E 54" St. N. Y. 

9) D a n i e 1 s, Dr. Geo. E 116 E 63" St. N. Y. 

10) Bon nett, Dr. Sarah A. 102 E 22" St. N. Y. 

11) Parker, Dr. Ritta Z., 2 E. 54 th St. N. Y. C. 

12) Slutsky, Dr. Albert, 116 West 39 th Street, N. Y. C. 



Russische Psychoanalytische Vereinigung 

a) Ordentliche Mitglieder: 

1) Frau Dr. R. A. Awerbuch, Moskau, Sadowo-Kudrinskaja, 21. 

2) Dr. N. A. Bernstein, Moskau, B. Lewschinskij, 10 W. 4. 

3) Dr. A. N. Brück, Moskau, M. Kakowinski, 5. 

4) Dr. A. Chalet zki, Odessa, Psychiatrische Anstalt. 

5) Prof. J. D. Ermakow, Moskau, B. Bojeninowski, 17/19, 21 Dewitschy Pol. 

(Präsident). 

6) Dr. B. D. Friedmann, Moskau, Sadovo-Triumphalnaja, 8, W. 7. 

7) Frau Dr. Lia Geschelina, Moskau, Kammerherrskij, 4. 

8) Prof. J. W. Kann ab ich, Moskau, Pokrovskoje-Streschnewo, Sanatorium. 

9) Dr. M. Kogan. 

10) Viktor Kopp, Gesandter der U. S. S. R., Stockholm. 

1 1) Frau Dr. Liosner-Kannabich, Moskau, Pokrovskoje-Streschnewo. 

12) AI. R. Luria. 



Mitgliederverzeichnis 389 



13) Prof. M. A. R e i D n er, Moskau, Granowski Str. 3, W. 98. 

14) Frau Dr. Angela Rohr, Moskau, Engelsstr. 3. 

15) Wilhelm Rohr, Moskau, Engelsstr. 3. 

16) J. M. Schaffir, Moskau, Ostoschenka 5, W. 58. 

17) L. K. Seh leger, Moskau, Wadkowski per, 5. 

18) Prof. Otto Schmidt, Moskau, Granowski-Str., 3, W. 92. 

19) Wera Schmidt, Moskau, Granowski-Str., 3. W. 92. 

20) Frau Dr. Sabina S p i e 1 r e i n, Rostow a. Don, Puschinskaja, 97. 

21) Frau Dr. T. P. Simson, Moskau, Psychiatrische Klinik, 1. Universität. 

22) G. P. Weisberg, Moskau. 

23) L. S. Wygotsky, Moskau, B. Serpuchowskaja, 17. 

b) Außerordentliche Mitglieder: 

24) **«> Dr - T. I. Goldowskaja, Moskau, Arbat, 30. W. 59. 

25) Dr. E. D. Goldowski, Kiew, Militärhospital. 

26) Frau Dr. E. P. Goltz, Moskau. 

27) Dr. A. Salkind, Kiew, Nikolsko-Botanitscheski, 3/9. 

28) Dr. J. A. Winegradow, Kiew, Engels per, 32/1. 

29) Dr. W. A. Wnukow, Moskau. 



Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 

a) In der Schweiz wohnende Mitglieder : 

1) Frau Gertrud Behn-Eschenburg, Küsnacht-Zürich. 

2) Dr. med. Hans Behn-Eschenburg, Nervenarzt, Küsnacht-Zürich {Vize- 

präsident). 

3) Dr. med. Ludwig Binswanger, Sanatorium Bellevue, Kreuzungen (Thurgau). 

4) Dr. med. Fritz B 1 a 1 1 n e r, Sekundararzt, Kant. Irrenanstalt Königsfelden 

(Aargau). 

5) Dr. med. Elsa Blum-Sapas, Nervenarzt, Englische Anlage 8, Bern. 

6) Dr. med. Ernst Blum, Nervenarzt, Englische Anlage 8, Bern (Quästor). 

7) Dr. med. Hans Christoffel, Nervenarzt, Albanvorstadt 21, Basel. 

8) Priv.-Doz. Dr. med. Henri F 1 o u r n o y, Rue de Monnetier 6, Genf. 

9) Dr. med. Hedwig Frossard-Etter, Nervenarzt, Weinbergstraße 20, Zürich. 

10) Dr. med. Emma Fürst, Nervenarzt, Apollostraße 21, Zürich. 

11) Albert Furrer, Heilpädagoge, Breitackerstraße 2, Zollikon-Zürich. 

12) Dr. med. Max Geiser, Dufourstraße 39, Basel. 

13) Dr. phil. Ulrich Grüninge r, Bezirkslehrer, Brittnau (Aargau). 

14) Walter H o f m a n n, Primarlehrer, Freiestraße 208, Zürich. 

15) Direktor Dr. med. Arthur Kiel holz, Kant. Irrenanstalt Königsfelden (Aargau). 

16) Dr. med. Charles O d i e r, Nervenarzt, 24 Boulevard des Philosophes, Genf. 

17) Albert Peter, Primarlehrer, Feldeggstraße 85, Zürich. 

18) Hans Pfenninger, Pfarrer, Neftenbach, Zürich. 

19) Dr. phil. Oskar Pfister, Pfarrer, Schienhutgasse 6, Zürich (Beisitzer). 



390 Mitglieder-Verzeichnis 



zo) Prof. Dr. phil. Jean P i a g e t, Psychologisches Laboratorium der Universität, 
Neuchatel. 

21) Direktor Dr. med. Andr6 R e p o n d, Maison de Sant£ de Malevoz, Monthey, 

Valais. 

22) Mme J. R o n j a t, 9 chemin des chenes, Genf. 

23) Dr. med. Philipp S a r a s i n, Nervenarzt, Gartenstraße 65, Basel {Präsident). 

24) Dr. med. Hans Steiner, Schweiz. Anstalt für Epileptische, Zürich. 

25) Priv.-Doz. Dr. med. Raymond de Saussure, 2 Tertasse, Genf. 

26) Direktor Hermann Tobler, Landerziehungsheim Hof-Oberkirch, Kaltbrunn 

(St. Gallen). 

27) Priv.-Doz. Dr. med. Gustav Wehrli, Leonhardstraße 1, Zürich. 

28) Hans Zulliger, Oberlehrer, Ittigen bei Bern (Schriftführer). 

b) Nicht in der Schweiz ■wohnende Mitglieder: 

29) Dr. med. Fernando Allen de Navarro, Nervenarzt, Almirante Baroso 276, 

Santiago iChile). 

30) Dr. med. David Levy, Chief-of-Staff of tlie Institute for Child Guidance, 

»45 E, 57A Str. New York-City, U. S. A. 

31) Dr. Harald K. S c h j e 1 d e r up, o. ö. Professor an der Universität Oslo, Psy- 

kologiske Institut. 

32) Dr. theol. Kristian Schjelderup, Oslo. 

33) Prof. Dr. phil. Ernst Schneider, Schwarenbergstr. 87, Stuttgart. 



Soci6t6 Psychanalytique de Paris 

1) Dr. Rene A 1 1 e n d y, Paris 16 , 67 rue de l'Assomption (Sekretär). 

2) Marie Bonaparte, Princesse de Grece, St. Cloud, rue du Mont Valerien 7 

(Kassenwart). 

3) Dr. A. B o r e 1, Paris 1 1°, Quai aux fleurs. 

4) Dr. H. Codet, Paris 5 , 10 rue de l'Odeon. 

5) Prof. A. Hesnard, Toulon, 4 rue Peiresc (Vizepräsident). 

6) Dr. R. Laforgue, Paris 1 6°, 1 rue Mignet (Präsident). 

7) Dr. R. Löwenstein. Paris 16 , 24 rue Davioud (Sekretär). 

8) Dr. Ch. O d i e r, Geneve, 24 Boulevard des Philosophes. 

9) Dr. G. Parcheminey, Paris 17 , 92 Avenue Niel. 

10) Dr. E. Pichon, Paris 9 , 23 rue du Rocher. 

11) Dr. R. de Saussure, Geneve, 2 Tertasse. 

12) E. Sokolnicka, Paris 7°, 30 rue Chevert. 

Außerordentliche Mitglieder: 

1) Dr. Anna B ermann, Paris. 

2) Dr. Martin Sisteron, Grenoble. 

3) Bernard D o r e a u, Paris. 

Ständige Gäste: 
Dr. Sophie Morgenstern, Paris XVI, 4 Rue de la Cure. 
Prince Hopkins, Chateau de Bures par Villenes, Route de Quarante Sous. 



Mitgliederverzeidinis 391 



Wiener Psychoanalytische Vereinigung 

a) Ordentliche Mitglieder: 

i) Aichhorn, August, Wien, V., Schönbrunnerstraße 110. 

2) Andreas-Salome, Lou, Göttingen, Herzberger Landstraße 101. 

3) B i b r i n g, Dr. Edward, Wien, VII., Siebensterngasse 31 (Kassier). 

4) Deutsch, Doz. Dr. Felix, Wien, I., Wollzeile 33. 

5) Deutsch, Dr. Helene, Wien, I, Wollzeile 33 (Vorsteherin des Lehrinstituts). 

6) Federn, Dr. Paul, Wien, I., Riemergasse 1 (Obmannstellvertreter). 

7) Freud, Anna, Wien, IX., Berggasse 19. 

8) Freud, Prof. Dr. Sigm., Wien, IX., Berggasse ig (Obmann). 

9) F r i e d j u n g, Doz. Dr. Josef, Wien, I., Ebendorferstraße 6. 

10) Hartmann, Dr. Heinz, Wien, I., Rathausstraße 15. 

11) Hitschmann, Dr. Eduard, Wien, IX., Währingerstraße 24 (Leiter des Ambula- 

toriums). 

12) Hoff er, Dr. Wilhelm, Wien, IX., Höfergasse 18. 

13) Jekels, Dr. Ludwig, Wien, IX., Berggasse 29. 

14) Jokl, Dr. Robert Hans, Wien, III., Sechskrügelgasse 2 (Schriftführer). 

15) Levi-Bianchini, Prof. M., Teramo (Italien). 

16) Nepallek, Dr. Richard, Wien, VIII., Alserstraße 41. 

17) Newton, Caroline, Berwin P. O. Daylesford, Pa., U. S. A. 

18) Nunberg, Dr. H., Wien, VIII., Florianigasse 20 (Schriftführer). 

19) Pötzl, Prof. Dr. Otto, Wien. I., Schönlaterngasse 5. 

20) Rank, Beate, Paris XVI, g rue Louis Boilly. 

21) Reich, Dr. Wilhelm, Wien, VIII., Blindengasse 46a. 

22) R i e, Dr. Oskar, Wien, III., Weyrgasse 7. 

23) S a d g e r, Dr. I., Wien, IX-, Liechtensteinstraße 15. 

24) S c h a x e 1, Hedwig, Wien, I., Neutorgasse 8. 

25) Schilder, Prof. Dr. Paul, Wien, n., Taborstraße 11. 

26) Steiner, Dr. Maxim., Wien, I., Rotenturmstraße 19. 

27) Sterba, Dr. Richard, Wien, VI., Mariahilferstraße 71. 

28) S t o r f e r, A. J., Wien, IX., Porzellangasse 43. 

29) Tamm, Dr. Alfhild, Stockholm, Stureparken 2. 

30) Wälder, Dr. Robert, Wien, I., Wipplingerstraße 2 1 (Bibliothekar). 

31) Weiss, Dr. Edoardo, Trieste, S. Lazzaro 8. 

32) Weiß, Dr. Karl, Wien, IV., Schwindgasse 12. 

53) Winterstein, Dr. Alfred, Wien, XIII., Wattmanngasse 38. 
34) W i 1 1 e 1 s, Dr. Fritz, Wien, I., Hohenstaufengasse g. 



b) Außerordentliche Mitglieder : 

35) Angel, Dr. Anny, Wien, L, Wollzeile 9. 

36) Bergler, Dr. Edmund, Wien, VIII., Schlösselgasse 28. 

37) B e 1 1 h e i m, Dr. Stefan, Zagreb, S. H. S., Ilica 34. 

58) Bi bring, Dr. Grete, Wien, VII., Siebensterngasse 31. 

59) B u x b a u m, Dr. Edith, Wien, VII., Schottenfeldgasse 69. 



3Q2 Mitgliederverzcidinis 



40) Eideiberg, Dr. Ludwig, Wien, IX., Hörigasse 11. 

41) Gut mann, Dr. Salomea, Wien, IV., Frankenberggasse 15. 

42) Herz, Dr. Margit, Wien, Xin., Landes-Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof". 

43) H o f f m a n n, Dr. Ernst Paul, Wien, XVIII., Währinger Gürtel 7. 

44) Isakower, Dr. Otto, Wien, VIII., Piaristengasse 38. 

45) K r i s, Dr. Ernst, Wien, III., Weyrgasse 7. 

46) Kris, Dr. Marianne, Wien, III., Weyrgasse 7. 

47) Kronengold, Dr. Eduard, Wien, IV., Gußhausslraße 5. 

48) Pappenheim, Prof. Dr. Martin, Wien, I., Am Hof 13. 

49) Po Hak, Dr. Jenny, Wien, VIII., Lederergasse 18. 

50) Reich, Dr. Annie, Wien, VIII., Blindengasse 46a. 

51) Sperling, Dr. Otto, Wien, IV., Schelleingasse 9—15. 

52) Spitz, Dr. R. A, Berlin-Grunewald, TaubertstraDe 5. 

53) Stengel, Dr. Erwin, Wien, IX., Lazarettgasse 14 (Psychiatrische Klinik). 

54) Sterba, Dr. Editha, Wien, VI., Mariahilferstraße 71. 

55) S u g'a r, Dr. Nikolaus, Subotica, S. H. S., Trumbicewa 20.