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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XXIII 1937 Heft 3"


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XXIII. Band 



1937 



Heft 3 



Internationale Aeitschriit 
für Psychoanalyse 



Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 


Her&ussegcben von 




Signi, Freud 




Unter Mitwirkung von 




Felix Boehm G. Böse M. Eitingon J. £. G. van Emden 


Thomas M. French 


Berlin Kalkutta Jerusalem Haag 


Chicago 


Lewis B Hill S. Hollös Ernest Jones J.W. Kannabich 


Bertram D. Lewin 


Baltimore Budapest London Moskau 


New York 


Kiyoyasu Marui F. P. Muller M. W. Peck Edouard Pichon 


Philipp Sarasin 


Sendai Leiden Boston Paris 


Basel 


Harald Schjelderup Alfhild Tamm Edoardo Weiss 


Y. K. Yabe 


Oslo Stockholm Rom 


Tokio 


redigiert von 




Edward Bibring Heinz Hartmann 




Wien Wien 





Otto Fenichel Der Begriff „Trauma" in der heutigen psycho* 

analytischen Neurosenlehre 

Fritz Witteis Die libidinöse Struktur des kriminellen Psycho* 

pathen 

Anny Katan* Angel . . . Die Rolle der „Verschiebung* 'bei der Straßen* 

angst 

Eduard Hitschmann . . Bemerkungen über Platzangst und andere 

neurotische Angstzustände 
Edith Jacobssohn .... Wege der weiblichen Über*Ich*Bildung 

Michael Bälint Ein Beitrag zum Fetischismus 

A. Kielholz Zur Begutachtung eines Falles von Päderosis 

Robert P. Knight .... Zur Dynamik und Therapie des chronischen 

Alkoholismus 

Referate 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN* 



Internationale Z^eitschmt 
rür Psychoanalyse 

Heraus3e3eben von Jigm. Freud 

XXIII. Band 1937 Heft 5 

Der Begriff „Trauma" in der heutigen 
psychoanalytischen Neurosenlehre 

Von 

Otto Fenichel 

Prag 

Zur Einleitung soll Bekanntes wiederholt und eine Anzahl von Grund* 
tatsachen der allgemeinen Neurosenlehre in knapper Ausdrucksweise zu* 
sammengefaßt werden: 

Die Neurose ist zunächst ein dem Ich unkenntlicher und vom Ich unge* 
wollter motorischer Durchbruch aufgestauter Erregungsmassen, Die Stauung 
kann durch vermehrte Zufuhr in der Zeiteinheit verursacht sein (traumatische 
Neurosen) oder durch verminderte Abfuhr, wenn diese aus Angst vor der 
Außenwelt oder auf Geheiß des Über*Ichs gehemmt wurde (Psycho* 
neurosen). 

Von hier aus ergibt sich eine besondere Beziehung der Neurose zur Angst, 
die ja nach Freud zunächst ebenfalls eine Art ist, wie erhöhte Bedürfnis* 
Spannung erlebt wird, die später allerdings vom Ich, das eine Situation als 
„gefahrvoll" beurteilt, „gebändigt" und benutzt wird. 1 Daß die Ausgangs* 
Situation für die Neurose überhaupt und für die Angst im speziellen die 
gleiche ist — nämlich Erregungsstauung bei relativ insuffizientem Abfuhr* 
apparat — , stimmt zu der bedeutungsvollen Rolle, die die Angst in der Neu* 
rosenpsychologie spielt, und zu dem Umstand, daß angstfreie Neurosen 
Angst produzieren, wenn sie an der Ausübung der Symptome verhindert 
werden, so daß man diese als eine Art Abwehr oder sekundäre Weiterver* 
arbeitung der Angst betrachten kann. Das wird klarer, wenn wir uns nun 
die Angst im traumatischen Zustand und ihre nachmalige Bändigung durch 
das Ich, wie sie Freud in „Hemmung, Symptom und Angst" gezeichnet 
hat, noch einmal vor Augen führen. 

i) Freud: Hemmung, Symptom und Angst, Ges. Sehr., Bd. XI. 

22* 



340 Otto Fenichel 



Die Angst kann als eine mit einem bestimmten Syndrom körperliche*, 
Abfuhrvorgänge einhergehende Qualität des Erlebens nur vom Ich erlebt 
werden. „Das Ich ist die Angststätte". Aber ursprünglich erlebt das Ich, bezw. 
der noch' nicht in Ich und Es differenzierte, die Funktionen des nachmaligen 
Ichs miterfüllende psychische Apparat die Angst passiv als etwas, was 
automatisch sich einstellt, wenn Es*Regungen keinen Abfluß finden, wenn 
eine Bedürfnisstauung statthat. Die Angst kann dann als eine Dennoch*Ab* 
fuhr der gestauten Erregung, der der Abfluß über die Skelettmuskulatur ge* 
sperrt ist, auf dem Wege des vegetativen Nervensystems aufgefaßt werden 
oder, richtiger, als die Art, wie das Ich eine solche Dennoch*Abfuhr erlebt. 

Die sogenannte „Bändigung* 1 dieses mächtigen Affektes mit Hilfe der sich 
ausbildenden Urteilsfunktion des Ichs ist ein Spezialfall der Funktion des 
Ichs überhaupt, Vertreter der Außenwelt zu sein. Die Entwicklung des Lusfe 
prinzips zum Realitätsprinzip, d. h. motorisch gesehen der Ersatz bloßer 
Abfuhraktionen durch Handlungen, das Erlernen einer gewissen Spannungs* 
toleranz, das „Binden" primitiver Reaktionsimpulse durch Gegenbesetzungen 
— setzt außer der Beherrschung der körperlichen Apparatur auch die Aus** 
bildung der Urteilsfunktion voraus, d. h. der Fähigkeit einer gewissen Vor* 
wegnähme der Zukunft in der Vorstellung, des „Probierens", das das Wesen 
des Denkens überhaupt ist. Der Ausdruck „Gefahr" besagt, daß das ur* 
teilende Ich von einer Situation, die noch keine traumatische ist, erklärt, sie 
könnte zu einer traumatischen werden. „Das Ich entwickelt gegenüber der 
Außenwelt eine Reizschutzfunktion", heißt nichts anderes als: es j entwickelt 
die Fähigkeit, Gefahren zu beurteilen, d. h. ein traumatisches Übermaß an 
Erregung, wenn möglich, vorauszusehen und dadurch zu vermeiden. Ein 
solches Urteil aber stellt offenbar im Es analoge Bedingungen her wie der 
Eintritt der traumatischen Situation selbst, nur in geringerem Ausmaße. Auch 
dies muß das Ich als Angst erleben. Die zweckmäßige Komponente einer 
in einer Gefahr (oder vermeintlichen Gefahr) auftretenden Angst, die Ein* 
leitung von Abwehrmaßnahmen, ist also dem urteilenden Ich zu verdanken. 
Die unzweckmäßige Komponente, die gelegentlich die Abwehrmaßnahmen 
durch Lähmung vereitelt, ist dem Umstände zu verdanken, daß das Ich die 
Angst nicht produziert, sondern nur benutzt, und daß ihm kein zweck* 
mäßigeres Mittel zur Verfügung steht, da sein Urteil „Gefahr" „trauma* 
analoge" Zustände schafft. 

Diskutieren wir gleich den Fall, daß diese Analogie zu weit geht. Es kommt 
sowohl bei wirklicher Gefahr als auch bei neurotischer Angst vor, daß das 
„Signal" gar nicht den Eindruck einer „kleinen Dosis" macht, sondern daß 
das Individuum sich in der Gefahr oder vermeintlichen Gefahr so benimmt, 
als wäre eine traumatische Situation da. Es beantwortet die Situation mit 
einem großen Angstanfall, mit etwas, was mit Gewalt und absolut gegen 
den Willen des Ichs über dieses, das sich dabei in passiver Haltung befindet, 






Der Begriff „Trauma** in der heutigen psychoanalytischen Neurosenlehre 341 

hinwegbraust. Offenbar ist die Intention des Ichs zu einem Signal mißlungen. 
Das Ich hat mit dieser Intention etwas ins Werk gesetzt, was es nicht beherr* 
sehen kann. Die Bedingung, die die Intention zum Angstsignal so mißlingen 
läßt, ist das Vorhandensein einer durch chronische Abfuhrhemmungen enfc* 
standenen Libidostauung, die das neu hinzukommende Angstsignal wirken 
läßt wie ein Zündholz im Pulverfaß. 2 Daß ein Angstanfall eines Angst* 
hysterikers wirklich trauma^analog ist, sieht man auch daraus, daß ihm nach* 
trägliche Bewältigungsversuche folgen, die denen etwa nach einem Auto* 
Unfall durchaus entsprechen. Das hat auch Edoardo Weiss in einer Ar* 
beit über das Trauma ausgeführt, die sonst von unseren Gesichtspunkten 
so sehr abweicht, daß wir sie nicht weiter heranziehen wollen. 3 

Erst diese Möglichkeit, daß das, was vor dem traumatischen Zustande 
schützen soll, unter Umständen selbst einen herbeiführt, macht es notwendig, 
daß das Ich nun auch Veranstaltungen treffen muß, um die Unlust der Angst 
abzuwehren. Es ist zwar selbstverständlich, daß der Mensch jede Angst als 
Unlust vermeiden will; aber ein möglichst klein gehaltenes Angstsignal, das 
vor größerer Unlust bewahrt, müßte vom Realitätsprinzip als brauchbare 
Institution bejaht werden. Erst die Unsicherheit darüber, ob das Angst* 
signal nicht mehr und unangenehmer wirkt, als beabsichtigt, erklärt die be* 
kannten ungeheuren Aufwände an Gegenbesetzung, die zur Angstersparnis 
verwendet werden. 

Stellen wir nun noch zur Klärung fest, daß die Angst nicht die einzige 
Antwort auf solche Erregungssteigerung bei relativ insuffizienter Abfuhr ist. 
Erscheinungen der Einstellung von Ich*Funktionen — das primitivste Schutz* 
mittel des Organismus, das vielleicht selbst wieder Stauungen herstellt und 
so die Not der Spannung noch erhöht (Kardiner) 4 — und gewaltige 
Dennoch*Abfuhr* Versuche jeder Art kommen dazu, nicht nur im Bereich 
des vegetativen Systems, sondern auch mit Hilfe der Skelettmuskulatur (inkl. 
des Kehlkopfes), die, was sie nicht auf einmal bewältigen können, durch' die 
berühmten Wiederholungen im Traum und im Wachen nachträglich abzu* 
führen oder zu binden suchen. 5 Ferenczi hat sicher mit seinem Hinweis 
recht, daß der normale Traum auch dieser Funktion dient. 6 Bekanntlich er* 
höht die Unerwartet hei t eines Traumas seine Wirkung. Die „Erwar* 
tungsangst" stellt Gegenbesetzungsquanten zur Bindung bereit, wodurch 
später das ungebundene, nach Abfuhr drängende Erregungsquantum ver* 

a) Vgl hiezu Fenichel: Über Angstabwehr durch Libidinisierung. Int. Ztschr, f. 
Psa., Bd. XXI, 1935. 

3) Weiss: Die Straßenangst und ihre Beziehung zum hysterischen Anfall und zum 
Trauma. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934. 

4) Kardiner: The Bio^Analysis of the Epileptic Reactton, Psa. Quarterly, Bd. I, 1932. 

5) Vgl. Freud: Jenseits dts Lustprinzips. Gts. Sehr., Bd. VI. 

6) Ferenczi: Gedanken über das Trauma. Int. Ztschr. t Psa., Bd. XX, 1934. 



342 Otto Fenichel 



mindert wird (Freud). 7 Das Wesen des Ichs ist Zukunftsvorwegnahme. 
Unerwartete, nicht „vorweggenommene* 1 Ereignisse sind daher a priori Ichs* 
überwältigend. Doch möchte ich mich Ferenczi weder darin anschließen, 
daß die Angst „dem Gefühl der Unfähigkeit entspricht, sich der Unlust des 
Traumas (welcher? Etwa dem Schmerz?) zu entziehen" (diese Unlust selbst 
ist vielmehr schon die Angst), noch darin, daß er den Bewußtseinsverlust 
als eine Selbstzerstörung durch den Todestrieb auffaßt, die dem „stillen 
Dulden" vorgezogen werde; 8 ich möchte darin vielmehr eine Selbst bewahr 
rung regressiver Art erkennen, wie sie ja auch sonst häufig ist, — eine 
Flucht in die Zeit vor der Differenzierung des Ichs. — Man könnte streiten, ob 
man alle vegetativen Dennoch* Abfuhren der „Angst" subsumieren 
soll. Nicht gerechtfertigt aber scheint es mir, den Ausdruck „Angst" für 
traumatisch bedingte vegetative Unlust ganz zu vermeiden und für vom Ich 
intendierte geringergradige Angst zu reservieren, und in jenem Falle von 
„Schreck" zu sprechen. 9 Die intensivst unlustvollen Sensationen eines großen 
Angstanfalles werden mit diesem Worte nicht wiedergegeben. Allerdings ist 
richtig, daß das Erlebnis des Schrecks an sich Verwandtschaft mit dem 
„Trauma" hat (vegetative Sensationen, die plötzlicher unerwarteter Erre* 
gungszufuhr entsprechen). 

Kehren wir nach dieser langen Einleitung zu unserem Ausgangspunkte 
zurück. Die übermäßige Spannung als Ausgangssituation jeder Neurose kann 
also durch ein eigentliches Trauma oder durch Stauung mittels Triebabwehr 
bedingt sein. Der zweite Fall ist analytisch der bekanntere;, theoretisch aber 
der kompliziertere, da bei ihm auch noch die Psychogenese der Triebabwehr 
studiert werden muß. Beginnen wir deshalb mit dem ersten. 

Daß ein erschütterndes Erlebnis (plötzliche unerwartete starke äußere Reize 
auf allen Sinnesgebieten) nicht gleich bewältigt werden kann, ist leicht ver* 
ständlich. Wozu hier bemerkt sei, daß die nicht absolut, sondern relativ er* 
schütternden Erlebnisse, diejenigen, die nicht lebenswichtige Fakten betreffen, 
sondern nur in der Zeiteinheit zu viel an Erregung bringen, etwa ein Hirv 
fallen oder auch nur ein Stolpern, die beste Gelegenheit zur Selbstbe* 
obachtung der Traumafolgen in kleiner Dosis sind, nämlich der Regression 
der gesamten Muskeltätigkeit inkl. der des Kehlkopfs (ich erinnere an die 
Arbeit von Miss Searl über das in diesem Zusammenhange sicher sehr 
bedeutsame kindliche Schreien) 10 von der Handlung zur bloßen sinnlosen 
Abfuhraktion der vegetativen Sensationen und der nachträglichen Bewältig 
gung durch Wiederholung im Traum und in der Phantasie. Gibt es einen 

7^ Freud: Jenseits des Lustprinzips, Ges. Sehr., Bd. VI. 

8) Ferenczi: Gedanken über das Trauma. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934. 

9) Reik: Der Schrecken. Int. Psa. Verl., Wien, 1929. 

io) Searl: The Psychology of Screaming. Int. Journal of PsA., Bd. XIV, 1933. 



, 



Der Begriff „Trauma" in der heutigen psychoanalytischen Neurosenlehre 343 

plötzlichen unerwarteten Erregungszuwachs von innen her, der ebenso wirkt, 
wie in solchem Fall der äußere Erregungszuwachs? 

Bei plötzlich einsetzenden Schmerzen, die ja ebenfalls mit Einstellung 
von Ich^Funktionen (Ohnmacht), ziellosen muskulären (lautlichen) und vege* 
tativen Abfuhraktionen und nachträglichen Bewältigungsversuchen beant* 
wortet werden, 11 ist ja nicht so leicht zu sagen, ob wir von „äußeren" ödes 
von „inneren" Erregungsquellen sprechen sollen. Wie aber ist es bei den 
Trieben? Nach Freud fließen dem Organismus Erregungen eben yon 
zweierlei Quellen zu: von außen durch die Wahrnehmungen, von innen 
durch die Triebe. 12 Wir wollen zunächst feststellen, daß diese Unterscheidung 
auch ihren Sinn behält, wenn wir Landmark recht geben wollen, der uns 
gemahnt hat, hier in der Formulierung vorsichtiger zu sein und zu bedenken, 
daß die biologische Veränderung, die wir Triebspannung nennen, nicht eine 
der äußeren Wahrnehmung entgegengesetzte innere Wahrnehmung sei, son* 
dern nur eine als solche nicht wahrnehmbare Sensibilisierung, die den Aus** 
schlag darüber gibt, ob nachfolgende Wahrnehmungen — innerer oder 
äußerer Art — mit „Aufforderungscharakter" erlebt werden oder nicht 13 
Denn die Erregung, die immer von Wahrnehmungen ausginge, kann dann 
einmal durch das Wesen des wahrgenommenen Objektes selbst bestimmt 
sein, ein anderes Mal durch das, was wir durch das wahrgenommene Objekt 
zu tun oder zu ersehnen angeregt werden. 

Bei der Trieberregung nun scheint zunächst die Möglichkeit einer trauma* 
tisch wirkenden Quantität geringer als bei der Wahrnehmungserregung. Die 
Trieberregungen nämlich sind im allgemeinen allmählich sich steigernde Vor* 
gänge, die in einem biologischen Rhythmus zur Befriedigungsaktion führen, 
nach der die Triebspannung verschwunden ist, um erst nach einer Ruhe* 
pause allmählich sich wieder herzustellen. Die Triebspannung ist — 
wenigstens bei den sexuellen Trieben, aber vielleicht ist hier nur deutlicher, 
was bei anderen Trieben auch vorhanden ist — , solange die Hoffnung auf 
endliche Entspannung da ist, solange die Spannungsunlust mit dieser Hoff* 
nung in der Phantasie konfrontiert wird, selbst lustvoll und hat „Vorlust 4 * 
Charakter. Nur unter zwei Bedingungen — scheint es — kann die Trieb* 
Spannung zu traumatischen Zuständen führen, also eine eigentliche „Trieb* 
gefahr" eintreten, wenn wir „Gefahr" definieren, wie wir es oben taten: 

1. Wenn die Außenwelt bei der Triebhandlung unlustvoll einzugreifen 
droht. Der Triebanspruch ist dann nicht an sich eine Gefahr, sondern nur 
darum, weil er eine äußere Gefahr mit sich bringt. 

n) Man kann auch — ganz analog der Angst — von einer »Bändigung" des Schmerzes 
durch das Ich und von einem abwehreinleitenden „Schmerzsignal" sprechen. 

12) Freud: Triebe und Triebschicksale. Ges. Sehr., Bd. V. 

13) Landmark: Der Freudsche Triebbegriff und dit erogenen Zonen. Imago, 
Bd. XXI, 1935. 



344 Otto Fcnichel 



2. Wenn eine somato* oder psychogene, chronische oder akute I n s u £ £ h* 
zienz der Triebbefriedigungsapparate besteht, so daß die Befriedigung und 
dann auch schon während der Erregung die Hoffnung auf sie verschwindet. 
Und dieser Fall ist es, der spezielles Studium verdient 

Der Mensch wird viel hilfloser geboren als die anderen Säugetiere. Weder 
sein Perzeptionsapparat, noch sein motorischer Apparat sind ausgebildet Er 
hat bei der Geburt noch kein Ich, ist nicht nur der Einwirkung der Außen** 
weit ausgesetzt, sondern auch nicht imstande, auftretende Bedürfnisse selbst 
zu befriedigen. Da die das Ich ersetzende pflegende Außenwelt nicht 
immer automatisch zur Verfügung stehen kann, sind traumatische Situa* 
tionen biologisch unvermeidbar. Diese traumatischen Situationen sind es 
zweifellos, die die Möglichkeit der für spätere Neurosen* und Cha* 
rakterbildung so wesentlichen Auffassung, Triebe wären Gefahren, setzen, 
denn das Urteil „Gefahr" ist ja immer die Erinnerung an einen einmal 
erlebten traumatischen Zustand. 

Es waren zuerst Melanie Klein und andere englische Autoren, die in dieser 
Tatsache den wesentlichen ätiologischen Faktor der Neurosen sahen, die 
damit unter Unterschätzung des sozialen Momentes ihrer Ätiologie biologisiert 
wurden. 14 Das Ich werde durch Erinnerungen an Triebspannungen, bei denen 
die Außenweltshilfe ausblieb (oder gar wegen Unerfüllbarkeit der Triebziele 
ausbleiben mußte), zum Feind seiner Triebe und suche sie zu verdrängen, um 
der Wiederholung von solchen Situationen zu entgehen. Nun ist sicher 
richtig, daß spätere Erlebnisse nur bei Gegebenheit bestimmter, biologischer 
Eigenheiten des seelischen Apparates zu Neurosen führen können. Aber die 
spätere faktische Triebabwehr ist noch nicht dadurch erklärt, daß man sie 
auf die erste Gelegenheit, bei der Triebspannungen als unangenehm emp^ 
funden wurden, zurückführt. Die Neurosen sind, und gerade das war die 
Entdeckung der Psychoanalyse, die Folgen dieser späteren Erlebnisse. — Zwar 
nicht als einziges Motiv für die Entwicklung von Triebabwehren, aber als 
eines, das neben die „Realangst* ' und die Liebesverluste und Kastrationserwar^ 
tungen, die später zur „Gewissensangst* 4 verinnerlicht werden, als weiteres 
Triebabwehrmotiv hinzutritt, meint nun auch A n n a F r e u d eine „Angst vor 
der Quantität der Triebe** überhaupt, die die Ich^Organisation wieder au£* 
lösen könnten, annehmen zu müssen, eine „primäre Trieb feindlichkeit des 
Ichs**, 15 Sie meint wohl ebenfalls Erinnerungsspuren an die damaligen ersten 
traumatischen Zustände bei Insuffizienz der Befriedigungsapparate. Wir 
kommen darauf zurück, meinen aber schon hier, daß nach Ausbildung 
dieser Apparate der Mensch eigentlich keinen Grund zu einer solchen Angst 
mehr hätte. (Nur wird er, da bei der psychischen Entwicklung das Ältere 
immer hinter und neben dem Neueren auch noch erhalten bleibt, wenn 

i4) Vgl. z. B. Klein: Die Psychoanalyse des Kindes. Int. Psa. Verl., Wien, 1932. 
i5) Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Int. Psa. Verl., Wien, 1936. 



Der Begriff „Trauma" in der heutigen psychoanalytischen Neurosenlehre 345 

er später aus anderen Gründen Angst entwickelt, immer irgendwie auch jene 
alten Erinnerungsspuren wieder mitmobilisieren.) 

Zunächst wollen wir nun noch mehr Material vorbringen, das uns vor 
Augen führt, wievielerlei Erscheinungen auch in gewöhnlichen Psycho* 
neurosen für die Einwirkung der Erinnerung an Traumen im eigentlichen 
Sinne, besonders in der Art der abwehrenden Ängste, sprechen. Der Neuro* 
tiker hat aus Angst vor den Folgen sexueller Betätigung Teile seiner Sexua* 
lität unglücklich abgewehrt, aus dem Zusammenhange mit seinem Ich gelöst 
und daher im Unbewußten in infantiler Form erhalten. Während als Ursache 
für diese Abwehr, bezw. für die sie motivierende Auffassung von schlimmen 
Folgen der Triebhandlungen früher von der Theorie traumatische Erlebnisse 
verantwortlich gemacht wurden, traten später für die Psychoneurosen be* 
sonders auch Einwirkungen von chronischen Sexualverboten der erziehenden 
Umgebung hinzu. Die Triebabwehr ging auf die gesamte Kindheitsgeschichte 
zurück und einige „traumatische" Erlebnisse hatten nur mehr die Bedeutung 
von markanteren Stellen in einem kontinuierlichen Verlauf. 

Die Analyse weist dementsprechend nach, daß das Unheil, dem durch 
Vermeidung von Sexualhandlungen, durch Triebabwehr gesteuert werden 
soll, in der Regel von außen droht. Historisch können wir die Wirkung 
der Triebverbote außer aus vernünftigen Erfahrungen (das gebrannte Kind 
scheut das Feuer) aus der Situation des selbst noch nicht handlungsfähigen 
Kindes ableiten; da es die „Ich^Hilfe" von der Außenwelt braucht, ist die 
Angst vor dem Liebesverlust, die Angst, verlassen zu sein oder zu werden, 
was in dieser Zeit auch Ichgefühlsverlust bedeutet, die erste allgemeine Vor** 
Stellung einer von außen drohenden Gefahr. Diese erste allgemeine Angstvor^ 
Stellung ergänzt sich dann durch konkrete phantastische Vorstellungen von 
dem, was böse Objekte in der Außenwelt zufügen könnten. Für die Bildung 
dieser Körperbeschädigungsängste, die sich später zur Kastrationsangst forte 
entwickeln, ist das „animistische Mißverständnis der Welt" von ausschlage 
gebender Bedeutung. 

Zu diesen „Gefahrsituationen des unreifen Ichs" (Searl), 16 Liebesverlust 
und Körperbeschädigung, die von außen drohen, kommt dann eine mit ihnen 
eng verbundene Bedrohung von innen. Die Befürchtung des Ichs, ein einmal 
erlebter traumatischer Zustand könnte wiederkommen, ist der eigentliche In^ 
halt jeder Angst. Das Erleben der gefürchteten vegetativen Sensationen kann 
daher auch schon sehr frühzeitig zu einer Angst vor 'Erregungen im eigenen 
Innern überhaupt führen, so daß etwa sexuelle, aber auch aggressive Sensal 
tionen nur bis zu einem gewissen Grade der Erregung als lustvoll erlebt 
werden, darüber hinaus aber angstvoll werden. Die Brücke, über die sich die 
Angst vor der prägenital verkannten Außenwelt mit der Angst vor der Er** 

1 6) Searl: Gefahrsituationen dts unreifen Ichs. Int. Ztschr. f. Psa. t Bd. XVI, 1930. 



346 Otto Fenichsl 



regimg im eigenen Körperinnern verbindet, ist der Mechanismus der Intro* 
jektion, mit der das in der prägenitalen Denkwelt lebende Kind sich den 
Gefahren, die in der Außenwelt drohen, entziehen will; das Erlebnis der ge* 
fürchteten Sensationen wird dann unbewußt dem Wirken eines „introji* 
zierten bösen Objektes" zugeschrieben. 

Wir wollen nun erst Beispiele für diese Angst ansehen und dann ihre 
Beziehung zum Trauma untersuchen: 

Wir wissen, daß der Angsthysteriker, der bestimmte Situationen phobisch 
meidet, damit der Versuchung aus dem Wege geht und vor allem vermeiden 
will, daß er in sexuelle (und aggressive) Erregung gerät. Wir wissen aller* 
dings auch aus der Analyse, daß er dabei die von der Außenwelt oder dem 
Übersieh im Falle der Triebhandlung drohenden Gefahren fürchtet. Auch 
wenn mancher Angsthysteriker mit seinen Angstsituationen kokettiert, sie in 
leichten Graden geradezu aufsucht, kurz, ein ambivalentes Verhalten zu ihnen 
zeigt, kann das entweder einem Heilungsversuch nach der überkompen* 
sierenden Methode des Demosthenes entsprechen oder auch einfach an* 
zeigen, daß die aggressiv erlebte sexuelle Situation, die dit Angstsituation 
unbewußt bedeutet, vom Es erstrebt, nur vom Ich aus Strafangst gleichzeitig 
abgelehnt wird. Hier haben wir also noch keinen Beweis dafür, daß die 
Trieberregung als solche gefürchtet ist, obwohl es so sein könnte. Es gibt 
aber andere Erscheinungen, die das deutlicher zeigen. 

Ich darf einen Fall zitieren, der die krankhafte Unfähigkeit, sexuelle Er* 
regung über einen gewissen Grad hinaus zu erleben, ohne daß sie in trauma* 
tische Angst umschlüge, nicht auf einem Ich*Gebiet zeigte, das unbewußt 
sexuelle Bedeutung hatte, sondern auf dem Gebiete der Sexualität selbst. Ich 
habe ihn in meiner Arbeit „Zur Psychologie der Langeweile" 17 beschrieben 
und dort gesagt: 

„Er litt an einer akuten Libidostörung von der Art, daß er, wenn er mit 
einer Frau beisammen war, das Beisammensein normal einleitete, auch nor* 
male Wollust empfand, bis die Erregung einen gewissen Grad erreicht hatte; 
dann trat — oft vor, manchmal auch nach Einführung des Gliedes — ein 
plötzlicher Umschlag ein. Er empfand nicht Lust, sondern intensive Unlust 
allgemeiner Art, wußte nicht, was er nun machen sollte, und wurde auf die 
Frau ,böse\ weil er meinte, sie müßte ihn durch irgend ein Eingreifen mo* 
mentan aus seiner unangenehmen Lage befreien". Diese allgemeine Unlust 
verwandelte er dann weiter in eine masochistisch*motorische Unruhe oder 
in eine quälende Langeweile, die sich als tonische Bindung der gleichen moto* 
rischen Unruhe herausstellte. Die Unlust hatte die Bedeutung eines „Angst* 
Signals": wenn er die sexuelle Erregung weiterlaufen ließe, dann träte, sieht* 
bar im Zusammenhang mit ihrer aggressiven Note, ein „traumatischer Zu* 



17) Imago, Bd. XX, 1934. 



Der Begriff „Trauma" in der heutigen psychoanalytischen Neurosenlehre 347 

stand* 1 ein. Durch seine Unruhe, durch seinen Appell um Hilfe an das Ob* 
jekt (auf den wir später zurückkommen), vermeidet er noch dieses Eintreten, 
Dieses aber, nicht Kastration oder Liebesverlust, ist der eigentliche Inhalt 
seiner (begründet aussehenden) Angst: er verträgt sexuelle Erregung nur bis 
zu einem gewissen Intensitätsgrade, von da an geht sie nicht mehr als zuneh^ 
mende, sich mehr und mehr auf das Genitale konzentrierende Wollust, son* 
dem als vegetativer Anfall mit Angst und Unlust weiter. 

In einer anderen Arbeit 18 beschrieb ich das merkwürdige Benehmen einer 
frigiden Patientin: „Die Patientin war nicht völlig erregungslos, sondern die 
Erregung schwand, wenn sie eine gewisse Höhe erreicht hatte. Es war nicht 
schwer, zu zeigen, daß die Patientin vor der Steigerung ihrer eigenen Erre* 
gung Angst hatte. Als Kind hatte sie in der Turnstunde eine üble Gewohnt 
heit. Wenn sie, sich mit den Händen an den Ringen festhaltend, schaukelte, 
ließ sie regelmäßig plötzlich los und fiel herunter. Gutes Zureden und Strafen 
von Seiten der Lehrerin waren gleich erfolglos. Nun war die Patientin auch 
sonst der Gleichgewichtserotik besonders zugänglich. Es ist also kein Zweifel, 
daß sie während des Schaukeins besondere erotische Sensationen und ent* 
sprechende Phantasien hatte. Ihr plötzliches Loslassen war also der Vor** 
lauf er ihrer Frigidität. Wenn die Erregung eine gewisse Höhe erreicht hatte, 
mußte sie loslassen, wie gerne sie auch festgehalten hätte, weil eine Steige* 
rung der sexuellen Erregung ein zu schlimmes Ereignis mit sich gebracht 
hätte/' Es interessiert in unserem heutigen Zusammenhange weniger, daß 
dieses Ereignis das Bettnässen war, resp. die Angst, wegen Bettnässens be* 
straft zu werden, obwohl das typische Bedeutung zu haben scheint, und 
die Angst vor der eigenen Erregung, dargestellt als Angst vor einer Explo* 
sion, vor dem Platzen, vor dem Fallen oder dgl. — besonders bei Personen 
weiblichen Geschlechtes — immer mit der Idee verknüpft scheint, Urin oder 
Stuhl zu verlieren. (In Klammern: Bei Erregungsüberfülle werden alle Ab* 
fuhrapparate in Bewegung gesetzt, also auch regressiv die anakurethralen. 
Die Kontrolle über sein Ich verlieren, heißt auch, die Kontrolle über die 
Sphinkteren verlieren; die Angst davor ist berechtigt, soferne die „Trauma^ 
Erwartung" berechtigt ist; auch Erwachsene nässen und koten bei Angst 
und Schreck ein oder haben wenigstens den Drang dazu.) Wichtiger ist, daß 
die Angst nicht als Bestrafungsangst, sondern als Angst vor der Erregung, 
als Unfähigkeit, die Erregung weiterlaufen zu lassen, erlebt wurde. 

Es ist kein Zweifel, daß diese beiden Beispiele nichts Besonderes dar* 
stellen. Diese Form der Sexualstörung ist unter Neurotikern offenbar gang 
und gäbe. Setzen wir fort: 

Eine andere Patientin hat in der Untergrundbahn den Zwangsimpuls, die 
Türe aufzureißen und hinauszuspringen. Auch das ist kein seltenes Symptom. 
Es bedeutet, wie wir wissen, in typischer Weise die Vermeidung und Den* 

18) Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934. 



348 Otto Fenichel 



noch^Durchsetzung von gefürchteten sadomasochistischen Phantasien, 19 auch 
in diesem Falle, dessen unbewußtes Sexualziel das Geschlagenwerden war. 
(Immer wieder fällt die aggressive Beimischung zur Sexualität solcher Pa^ 
tienten auf.) Die eingehendere Analyse aber zeigte, in welcher Form Ver^ 
meidung und Dennoch^Durchbruch im Symptom gebunden waren, nämlich 
genau so wie beim Schaukeln beim vorigen Falle. Die rasche Bewegung der 
U-Bahn mit ihrem Vibrieren versetzte die Patientin in sexuelle Erregung, 
der sie sich (mit unbewußten Phantasien) erst wollüstig hingab- Aber nur 
bis zu einer bestimmten Höhe der Erregung, dann hieß es gebieterisch: Nun 
mußt du um jeden Preis aussteigen — aussteigen aus der erregen* 
den U-Bahn, d. h. aussteigen aus der Erregung selbst. Läßt man sie weiter 
laufen, so kommt der traumatische Zustand. (Wenn man aus der fahrenden 
U-Bahn aussteigt, so fällt man. Die vegetativen Sensationen des trauma* 
tischen Zustandes sind Sensationen des Gleichgewichts* und Raumsinnes. 
Die neurotische Fallangst fürchtet dasselbe; wer aus Angst vor der Er* 
regung irgendwo hinaus* oder hinunterspringt, dem kehrt das Abgewehrte 
in der Abwehr wieder.) 

An dieser Stelle sei mir ein kleiner Exkurs über die der Fallangst ver* 
wandte Klaustrophobie gestattet: Eine außerordentlich schöne kli* 
nische Studie von Lewin hat uns unlängst über die unbewußten Sexual* 
wünsche aufgeklärt, deren Abwehr typischer Inhalt dieser seltsamen Neu* 
rose ist. 20 Es sind Sexualphantasien, die auf einer unbewußten Identifizie* 
rung des Patienten mit einem Embryo im Mutterleib beruhen und die dank 
infantilen Sexualwünschen in bezug auf den Mutterleib und Phantasien des 
Kindes über das intrauterine Dasein bestimmte Gestalt erhalten. In einem 
Referate wies ich darauf hin, daß der Weg, der von der Abwehr derartiger! 
Phantasien zum klinischen Bilde der Klaustrophobie führt, durch ;zwei 
physiologische Umstände besonders geebnet sei: erstens wird das Einge* 
schlossensein von den Kranken vor allem erlebt als Bewegungsbehinderung. 
Eine solche aber scheint an und für sich und ganz allgemein die Ent* 
wicklung von Angstzuständen zu begünstigen, offenbar, indem die äußere 
Behinderung von Abfuhrbewegungen die Triebstauung erhöht; natürlich 
wirkt dann die Vorstellung einer Bewegungsbehinderung wie diese selbst. 
Zweitens geht das Gefühl der Angst physiologisch mit der Empfindung des 
„Beengt seins" einher. Dadurch kann umgekehrt eine äußere Beengung (oder 
die Vorstellung einer solchen) die Ekphorie des ganzen Angstsyndroms er* 
leichtern. Ich möchte heute ein drittes solches Moment hinzufügen: Das 
Eingeschlossensein wird nicht als so bedrückend empfunden, wenn man 
die Vorstellung hat, es durchbrechen zu können. Die Angst steigert sich 
aber auf das höchste beim Gedanken, daß der Fall eintreten könnte, daß 

19) Freud: Hemmung, Symptom und Angst. Gzs. Sehr., Bd. XI, S. 111. 

20) Lewin: Claustrophobia. Psa. Quarterly, Bd. IV, 1935. 



Der Begriff „Trauma" in der heutigen psychoanalytischen Neurosenlehre 349 

man plötzlich den Raum verlassen müßte und es dann nicht könnte; Eisen* 
bahn*, Schiffs* und Flugzeugängstliche geben an, daß die Unmöglichkeit 
auszusteigen, falls sie es wünschen sollten, das Schlimmste sei, und retten 
sich etwa auf einer Eisenbahnfahrt von Station zu Station. Diese Ängste sind 
so gebaut, wie jene U*Bahn*Angst. Der eigene Erregungsablauf ist in das 
Fahrzeug projiziert und das Bedürfnis nach plötzlicher Flucht aus einem 
Räume, in dem man eingeschlossen ist, ist ein Bedürfnis nach Flucht aus 
der eigenen Erregung, wenn diese eine gewisse Höhe erreicht hat. Es sei in 
diesem Zusammenhange auch erwähnt, daß sich Personen mit gesteigerter 
oder verdrängter Gleichgewichtserotik zu derartigen Ängsten und Sensa* 
tionen besonders eignen. Verschiedene Formen der organisch bedingten 
■Seekrankheit haben — dank der Verwandtschaft dieser durch Gleich* 
gewichtssensationen bedingten vegetativen Erregungen mit der Angst — mit 
jenen Ängsten viel zu tun, sei es, daß Leute mit derartigen Ängsten auch 
mehr zur Seekrankheit neigen, sei es, daß umgekehrt das lEHebnis einer 
Seekrankheit die Erinnerung an solche Ängste aktiviert und wie ein an Ur* 
Szenen erinnerndes Trauma wirkt. 

Daß das, was in der übergroßen Erregung gefürchtet wird, eine Art „Zu* 
sammenbruch des Ichs" ist, ist leicht zu zeigen, Ein Patient produzierte 
Automobilangst nur, wenn ein anderer, nicht, wenn er selbst chauffierte, 
„Warum sollte ich mich fürchten* 1 , sagte er, „wenn ich jederzeit bremsen 
und stehen bleiben kann?" Der Verlust der willkürlichen Verfügung über 
das eigene Ich ist es also, der in den unabhängig vom Wunsche des Passat 
giers dahinfahrenden Fahrzeugen, im Raum, der nicht nach freiejn Willen 
verlassen werden kann, im zum unwillkürlichen Orgasmus sich steigernden 
Sexualablaufe gefürchtet wird. Und es erscheint nun einfach, anzugeben, an 
welcher Stelle für solche Kranke der Sexualablauf nicht mehr wollüstig, son* 
dem angstvoll wird. Reich hat in seiner Analyse des normalen und patho* 
logischen Ablaufes der Sexualerregung dargestellt, daß einer Phase der will* 
kürlichen Bewegungen eine der unwillkürlichen Zuckungen der Becken* 
bodenmuskulatur und der genitalen Konzentrierung des Sexualablaufes folge, 
in der dieser nicht mehr ohne schwere Unlust willkürlich unterbrochen wer* 
den kann, welches Stadium Voraussetzung für die ökonomisch ausreichende 
Abfuhr im Orgasmus ist. 21 Dieser „Ich* Verlust" in der hohen sexuellen Er* 
regung ist normalerweise auch der Höhepunkt der Wollust Manche Iche — 
— es sind die „orgastisch Impotenten" nach Reich — empfinden diese 
Wollust nicht, sondern ihnen schlägt sie in Angst vor dem Verlust der Ich* 
Kontrolle 22 und in Unlust um. 

Bevor wir uns nun nach den Gründen dieses Umschlagens fragen, stellen 

21) Reich: Die Funktion des Orgasmus. 1927. 

22) Bei Analerotikern sind im Unbewußten Verlust der Ich^Kontrolle und Verlust 
der Sphinkterenbeherrschung gleichgesetzt. 



350 Otto Fenichel 



wir noch fest, wie Ansätze zu solcher Angst vor der eigenen Erregung noch 
in zahlreichen anderen neurotischen Angstformen, unabhängig davon, daß 
sie ihrem Inhalte nach gleichzeitig Kastrations* oder Liebes verlustängste sind, 
nachgewiesen werden können. Der Zwangsneurotiker, der einen besonderen 
Gegenbesetzungsaufwand auf Isolierung ausgibt, der dafür sorgt, daß 
Vorstellung und zugehöriger Affektbetrag voneinander getrennt bleiben, der 

— aus Angst vor seinen Trieben — den Akzent seiner Persönlichkeit auf die 
den Trieben ferne Wort* und Begriffswelt legt (wohin ihm allerdings die 
abgewehrten Triebe nachfolgen, etwa aus einem Triebkonflikt einen Zwangs* 
zweifei machend), 23 fürchtet damit den Verlust der Selbstkontrolle, 
welche Furcht ihm u. a. das freie Assoziieren so schwer fallen läßt. Das Be* 
streben, in Systemen die ganze Welt zu erfassen, in den täglichen Hand* 
hingen nach vorher festgelegtem und überschaubarem Programm zu handeln, 
zielt immer dahin, Plötzlichkeit und Überraschungen zu vermeiden, ein Aus* 
setzen der Kontrolle durch das Ich zu verhindern. Auch bei solchen zwangs* 
neurotischen Charakteren scheint die Triebangst des Ichs dann unspezifisch, 
von Sexualverboten bestimmter Art auf die Sexualität überhaupt irradiiert 

— wie bei den zur Askese neigenden Pubertätskindern. 24 Auch wenn eine 
mehr hysterische Patientin ihr Leben mit unruhiger Hast erfüllt, die sie 
immerfort etwas tun, ein Unternehmen irgendwelcher Art ins Werk setzen 
und unausgesetzt fragen läßt: „Was soll ich jetzt tun, was jetzt?", ergab die 
Analyse als Ursache für diese Sucht des Ichs einzugreifen eine allgemeine Angst 
vor Spontanabläufen, die über das Ich hinweggehen könnten. Ein intellek* 
tueller Patient, der sein Leben zu einem erheblichen Teil auf Reaktionsbü* 
düngen auf eine frühe Dummheitsangst aufgebaut hatte, indem er sich nun* 
mehr als gescheiter Lehrer erweisen wollte, erwies den Reaktionsbildungs* 
charakter sowohl seiner Lebenstüchtigkeit als auch seiner Sexualerlebnisse 
durch kleine phobische Erscheinungen wie Angst vor Schwimmen in tiefem 
Wasser, Angst vor dem Überschreiten der Waldgrenze im Hochgebirge und 
vor gewissen Sportübungen — welche Ängste das Eintauchen in ein 
Größeres, das das Ich fortschwemmen, mit dem Winde forttragen könnte, 
gemeinsam hatten. Kein Zufall, daß die erste Kinderangst dieses Patienten, 
die in der Analyse zum Vorschein kam, eine Todesangst gewesen ist. 
Das Phänomen der neurotischen Todesangst nämlich, das an sich sehr kom* 
pliziert ist und von verschiedenem Typus sein mag, von dem man sich auch 
überzeugen kann, daß Freuds Behauptung richtig ist, sie habe etwas mit 
dem Verhältnis des Ichs zu seinem Über*Ich, mit der Angst, des Schutzes 
durch das Über*Ich verlustig zu gehen, zu tun, 25 — scheint doch außerdem 

2 3) Vgl* Freud: Hemmung, Symptom und Angst. Ges. Sehr., Bd. XL 

2 4) Vgl. Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Int. Psa. Verl., Wien, 
1936. 

25) Freud: Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI, S, 404. 



Der Begriff „Trauma" in der heutigen psychoanalytischen Neurosenlehre 351 

typischerweise einen einfacheren Sinn zu haben: der Tod erweist sich als 
etwas unentrinnbar Mächtiges gedacht, das über das arme kleine Ich, es 
zu seinem Spielball machend, hinweggeht; neurotische Todesangst ist Angst 
vor der die Ich^Kontrolle wegschwemmenden Erregung (Reich). Die auch 
von Reich so betonten und häufigen Angstvorstellungen des Zerplatzens, 
Ausfließens, vor allem des Fallens und anderer Körpersensationen gehören 
gleichfalls hierher. Eine Angst vor dem Wahnsinnigwerden, die verdichtet 
war mit einer Angst vor Schmerzen und Körpersensationen, erwies sich eben** 
falls als Angst vor der eigenen Erregung, verstärkt durch das Mißverständnis, 
die einzige zu sein, die sexuelle Sensationen habe. (Während nämlich die Er* 
wachsenen die Illusion festzuhalten suchen, daß die Kinder keine sexuellen 
Sensationen kennten, meinen viele Kinder, daß so etwas „Schlimmes" wie 
sexuelle Sensationen nur bei Kindern, nicht aber bei Erwachsenen vorkäme.) 
Zur Beziehung zur Hypochondrie, die sich von hier aus ergibt (Angst vor 
den inneren Körpervorgängen), verweise ich auf meine Bemerkung von vor* 
hin, daß das Erlebnis der gefürchteten Sensationen oft unbewußt dem 
Wirken eines introjizierten Objektes zugeschrieben wird. 

Sind nun diese Phänomene Beweis dafür, daß vor der Angst vor Kastration 
und Liebesverlust, vor der Erkenntnis von Gefahren in der Außenwelt eine 
andere primitive Angst da war, die hier ihre Spuren zurückgelassen hat, — 
eine Angst des Ichs vor der Quantität seiner Triebe überhaupt, eine primäre 
Triebfeindlichkeit des Ichs? Ich glaube, daß ein solcher Begriff eingehender 
Kommentierung bedürfte, die uns zu unserem Problem vom Wesen des 
Traumas zurückführen wird. 

Da die unwillkürliche Phase der Sexualerregung und der „traumatische 
Zustand" bei allen großen Unterschieden (hier der Höhepunkt der Unlust, 
da der Lust im menschlichen Leben) doch ein Gemeinsames haben, nämlich 
das Mit* und Umgerissenwerden des Ichs durch einen biologischen Ablauf, 
der ohne sein Zutun erfolgt, — so läge es bei Annahme jener primitiven 
Trieb feindlichkeit des Ichs nahe, die Frage so zu stellen: Wovon hängt es 
nun ab, ob die Angst jedes Ichs vor der vollen Quantität seiner Triebe. bis 
zur Möglichkeit des Orgasmusgenusses überwunden wird oder nicht? Uns 
scheint es zweckmäßiger, zunächst die Naturgegebenheit einer solchen Angst 
zu bezweifeln, die Fähigkeit zum Genüsse des Ichverlustes im Orgasmus für 
normal zu halten und die analytischen Erfahrungen bei derartig Gestörten 
zu befragen. 

Es sind zweierlei Ereignisse denkbar, die für eine derartige Störung ver* 
antwortlich sein könnten und die fließend ineinander übergehen: 1. Reale 
oder dank dem projektiv^magischen Mißverständnis der Welt vermeint* 
liehe Triebverbote. Die Vorstellung einer bei Triebbetätigung von außen 
drohenden Gefahr muß nämlich nicht nur das Ich zu Abwehrmaß* 
nahmen gegen den Trieb veranlassen, sondern diese Abwehrmaßnahmen 



352 Otto Fenichel 



haben wieder zur Folge, daß das Ich die normale Abfuhrbahn der Erre* 
gung sperrt, sie deshalb physiologisch in vegetative Bahnen drängt und damit 
die Voraussetzung für das Erlebnis von Angst und traumatischer Unlust 
schafft, das dann seinerseits vom Ich als Realisierung der von der Außen* 
weit gefürchteten Ich* Vernichtung gedeutet wird. Vielleicht ist diese Deu* 
tung die klinische Grundlage dessen, was Jones „Aphanisis" nannte: 26 
wenn man einmal in Kastrationserwartung ist, deutet man jedes Erlebnis der 
Machtlosigkeit des Ichs als die gefürchtete Ich* Vernichtung, kann sich nicht 
mehr an der Wollust, in der das Ich aufgeht, erfreuen, weil jeder Beginn 
eines solchen Aufgehens als vollzogene Kastration gewertet wird. 

2. Erlebte Traumen im engeren Sinne, die im Augenblick höhere Erre* 
gungsquanten bringen, als der endogene Trieb spontan hätte erzeugen 
können, vor allem Verführungen und Urszenen. Sie setzen die erwähnten 
unvermeidbaren Traumen der Säuglingszeit, die die Auffassung „Triebe sind 
Gefahr 4 vorbereitet hatten, fort. Wir kommen auf die Möglichkeit von 
„sexualtraumatischen Neurosen" im engeren Sinne noch zurück, wollen hier 
nur bemerken, daß offenbar derartige Urszenenerlebnisse auch die vorhin 
geschilderte trauma*analoge Wirksamkeit von nachfolgenden Sexualverboten 
erhöhen, während auch umgekehrt vorangegangene Sexualverbote folgenden 
Urszenen einen besonders traumatischen Charakter zu geben Imstande sind. 
Der Inhalt der beteiligten Sexualkomponenten scheint nicht spezifisch. Wir 
wollen nur unsere Bemerkungen über die Bedeutung der Anak und der 
Gleichgewichtserotik noch durch den Hinweis ergänzen, daß bei Männern 
die Angst vor dem Umgerissenwerden des Ichs sicher größer ist, wenn 
passiv^feminine Sexualwünsche unbewußt im Vordergrunde stehen, ferner, 
daß bei beiden Geschlechtern sadistische Sexualkomponenten im gleichen 
Sinne wirken. 

Hier müßte man die Frage einschalten, wie es sich mit der „Angst vor der 
Triebquantität" bei den Destruktionstrieben verhält. Ist es nicht vielleicht so, 
daß das Gesagte für die Sexualität zutrifft, während eine Angst des Ichs vor 
den eigenen Aggressionsneigungen primär wäre? Dies scheint unwahrschein^ 
lieh. In den in Betracht kommenden Fällen erweisen sich sexuelle und aggres* 
sive Erregung immer als unlöslich miteinander verbunden; es handelt sich 
immer um in ihrer Genitalität gestörte, prägenital orientierte Menschen. Auch 
theoretisch muß ja für die Aggression dasselbe gelten wie für die Sexualität: 
auch befriedigte Aggression müßte sich nicht aufstauen wie unbefriedigte, 
auch eine Wut „tobt sich aus" und ist nachher verschwunden. 

Wir kommen zu unserem Ausgangspunkt zurück: Bei Insuffizienz der Ab* 
fuhrapparate, die durch zu großen Zufluß an Erregung (eigentliches Trauma) 

26) Jones: Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XIV, 1928. 



Der Begriff „Trauma" in der heutigen psychoanalytischen Neurosenlehre 353 

oder zu geringe Abfuhr der Erregung (Sexualverbote) entsteht, ist die 
Folge eine automatisch sich einstellende schwere Angst, die später zu „Angst* 
Signalen" oder angstfreien neurotischen Symptomen verarbeitet werden kann. 
Die Erfahrung traumatischer Zustände liegt allem Urteil über Gefahr, d. h. 
aller Realangst zugrunde, „traumatische große Angst", Realangst und 
Gewissenangst stellen genetisch eine Entwicklungsreihe dar. 

Ist aber der Abfuhrapparat suffizient und hat das Ich nicht in Trauma** 
erinnerungen und Sexualverboten Grund, durch Abwehrvorgänge eine 
Insuffizienz aktiv zu erzeugen, so hat das Ich, das zur passageren Über* 
rumpelung seiner Organisation im Orgasmus durch eine besonders hohe Lust 
primär bestochen wird, so wenig Grund, scheint uns, die Quantität der Triebe 
an sich zu fürchten, wie etwa den Schlaf, bei dem auch seine Organisation 
aufgelöst wird. 27 (Schlafängste sind Todesängste und gehen wie diese auf 
durch Traumen oder Triebverbote erzeugte Angst vor dem Ichverlust zurück.) 

Die Sexualtriebe nämlich sind periodische Vorgänge. Es ist nicht wahr, 
daß das Ich, würde es nicht dauernd Triebabwehren durchführen, von allen 
Trieben überschwemmt würde. Es würde ja nur zu einer befriedigenden 
Triebhandlung getrieben werden. Nach der Befriedigung schwände der 
Triebanspruch, um erst nach einiger Zeit allmählich sich wieder zu melden. 
Erst die durch Unfähigkeit zur befriedigenden Handlung bedingte Stauung 
gibt der Sexualität den Charakter der Unersättlichkeit, den der Erzieher so 
fürchtet. Wir konnten uns nicht davon überzeugen, daß es für die aggres* 
siven Triebe anders wäre. 

Wenn Anna Freud für die Pubertät eine allgemeine Abwehrneigung 
gegen alle Triebe ohne Ansehung ihrer Qualität beschrieben hat, 28 so können 
ihre Befunde gewiß nicht bezweifelt werden. Aber es bedarf eines ein* 
gehenden Studiums des Pubertätlebens anderer Gesellschaften, um sicher zu 
sein, daß bei anderer Sexualerziehung in der Kindheit, bei reicht so tiefer Be* 
einträchtigtheit der Befriedigungs möglichkeiten, das Ich auch in solchem 
Maße seine Triebe fürchten müßte, ihnen primär feindlich sein müßte, was 
doch unwahrscheinlich scheint angesichts des Umstandes, daß es eben die 
Hingabe an diese Triebe ist, die dem lustgierigen Ich die höchste Lust ver^ 
schafft. Die Quantität der Triebe fürchte das Ich? Aber die Quantität 
wird durch die Befriedigung besser abgebaut als durch Abwehr! Nur 
vorher eingetretene Angst vor dem Erlebnis dieser Befriedigung läßt die 
Möglichkeiten der Ich^Auflösung im Erwachsenenleben — die lustvolle der 
Sexualbefriedigung und des extremen Wutanfalles und die unlustvolle des 

27) Nur insofern Angst überhaupt Folge der in der Säuglingszeit von jedermann er* 
lebten traumatischen Situationen ist, lebt als Erinnerungsspur an die Zeit, wo die Abfuhr* 
apparate insuffizient waren, in jedem Menschen eine Spur solcher Angst vor der Über* 
wältigung durch die eigenen Triebe fort. 

28) Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Int. Psa. Verl., Wien, 1936. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXIII/3 23 



354 Otto Fenichcl 



traumatischen Angstanfalles — zu einer einzigen zusammenschmelzen: zur 
unlustvollen. 

Die enge Beziehung zwischen traumatischem Angsterleben und hoher 
Sexualerregung mache uns nun noch eine nähere Betrachtung der Rettungs* 
mittel, die die auf solche Weise Gestörten versuchen, klar. 

Die 'früheste Steuerung des Selbstgefühls erfolgt bekanntlich durch das 
Geliebtwerden. Das kleine Kind fühlt sich im Selbstgefühl herabgesetzt, 
wenn ein Liebesverlust eintritt, und umgekehrt. Auf dieser Stufe fallen narzi& 
tische und erotische Bedürftigkeit noch völlig zusammen. (Beide gehen auf 
die Sehnsucht nach Sättigung als auf ein Urvorbild zurück.) Kleine Kinder 
und oral Fixierte haben nur einen Ausweg aus Ichkränkung und ^Schwächung 
aller Art, die Anklammerung an einen Größeren. Ein Kind, das traumatische 
Angst hat, will von der Mutter ins Bett genommen werden, und das Fürchten 
liehe an der Urszene ist, daß die Mutter das nicht tut, sondern das Kind mit 
seiner unbewältigbaren Erregung allein läßt. Gegen das Gefühl, in unlusfc* 
voller Weise das Ich zu verlieren und von einem Größeren mitgerissen zu 
werden, schützt so paradoxerweise am ehesten das Gefühl, in lustvoller Weise 
sein Ich in einem Größeren bergen zu können. Die Frage ist, wovon es ab^ 
hängt, ob dieses Größere als feindlich oder als schützend empfunden wird. 
Der „Langeweile^Patient" jedenfalls verlangte als Schutz vor seiner Angst vor 
der sexuellen Erregung oraksexuelle Handlungen der Partnerin, die ihm die 
Aktivität abnehmen mußte, wurde böse, wenn sie es nicht tat, und erhöhte 
durch Abwehr dieser Aggressionsneigung das Gefühl, innerlich zerstört zu 
werden. Merkwürdig ist so die Identität der Gegensätze, des Sexualerlebens, 
das gefürchtet wird, und des Sexualerlebens, das schützen soll. Die Angst 
vor dem Akt der Hingabe an das Erleben kann durch die Phantasie der schon 
vollzogenen Hingabe überwunden werden. Wir kennen das von Patienten, 
die sich mit oraksadistischen Konflikten herumzuschlagen haben. Vor der 
Angst vor dem Gefressenwerden schützt die Phantasie dts Gefressenseins 
(Mutterleibssehnsucht), vor der Angst vor dem Fressen die Phantasie des 
Gefressenhabens (etwa bei Frauen vor der Angst vor dem oralen Penisraub 
die Phallusmädchen^Phantasie.) Ein Patient, der nach einem akuten Angst* 
anfall als erste phobische Bedingung die unerfüllbare klaustrophobe Forde* 
rung empfand: „Du sollst nie mehr unter ein Dach gehen, mußt nun immer 
im Freien bleiben", erzählte von der Wollust, die ihn erfüllte, als er, die Angst 
überwindend, in ein Zimmer ging und sich zu Bett legte, und sich nun in 
Zimmer und Bett — in der Mutter und von ihr geschützt — endlich ruhig 
fühlen konnte. Es sind die Patienten mit Todesangst, die unter ^anderen 
quantitativen Umständen die Hingabe an die Müdigkeit und den allmäh* 
liehen Bewußtseinsverlust des Einschlafens wollüstig genießen können. 

Wenn Patienten mit derartigen Sexualstörungen nun die Bedingungen, die 
ihnen Angst machen, die direkte oder die symbolische Sexualerregung, 



Der Begriff „Trauma" in der heutigen psychoanalytischen Neurosenlehre 355 

immer wieder aufsuchen, so wird uns das ebensowenig wie bei den Phobia 
kern, die mit ihren Angstbedingungen „kokettieren", viel Kopfzerbrechen 
machen. Das Es treibt sie hin, das Ich weg. Ihr „Wiederholen" ist nicht 
„jenseits des Lustprinzips 1 ', sondern Folge der somatischen Neuproduktion 
des Sexualverlangens; sie streben ja immer wieder Lust an; nur "das unter 
dem Einflüsse der Außenwelt (Traumaerinnerungen und Sexualverbote) 
stehende Ich schiebt jedesmal immer dasselbe Hindernis vor, was aus physio* 
logischen Gründen dann immer wieder das gleiche unlustvolle Ergebnis 
zeitigt. Von der gleichen Art scheint übrigens die Wiederholung des unluste 
vollen Unterganges des Ödipuskomplexes in der Übertragung. 29 Das Ver* 
langen nach Wiederholung braucht nicht jenseits des Lustprinzips zu sein, 
sondern geht von dem unerledigten luststrebigen Ödipuswunsch aus. Daß 
auch das Scheitern wiederholt wird, entspricht dann einem Eingreifen 
des außenweltsgebundenen Ichs vom Charakter eines Angstsignals: „Er=* 
innere dich, wie es dir damals erging I 44 ; das immer wieder andrängende 
Sexualverlangen läßt aus dem Bestreben zur Vermeidung der Wiederholung 
— eine Wiederholung entstehen. i 

Könnte die Wiederholung der Angstsituation nicht auch anders erklärt 
werden, nämlich analog den Wiederholungssymptomen der traumatischen 
Neurose und des Kinderspiels, als Bestreben, das, was das erstemal an Er* 
regung unbewältigbar blieb, durch nachmalige aktive, vom Ich ins Werk ge* 
setzte Wiederholung nachträglich in die Gewalt zu bekommen? (Die Me* 
thoden, wie Kinderspiele urszenenartige Eindrücke nachträglich verarbeiten 
können, verdienten eine eigene Untersuchung.) Ja. Diese beiden Erklärungen 
widersprechen einander keineswegs, sondern ergänzen sich. Auch die 
Wiederholung zum Zwecke nachträglicher Abfuhr und Bindung erfolgt 
letzten Endes mit dem* Ziel der Unlustersparnis, die allmählich auch erreicht 
wird. Das Wiederdurchmachen der Unlust des traumatischen Erlebens muß 
relativ die geringere Unlust sein gegenüber dem Ertragen der andauernden 
„tonischen 44 Erschütterung unbewältigter Erregungsmassen. 

Manche Patienten, die auf solche Weise zu Angst führende Sexualerre* 
gungen immer wieder aufsuchen, kriegen es, sagten wir, durch bestimmte 
quantitative Verhältnisse fertig, nach der großen Angst doch relative Ente 
Spannung zu erlangen. Vermutlich haben wir hier eine ökonomische Be* 
dingung zum Zustandekommen der paradox erscheinenden Angstlust vor 
uns. Bei dem normalen Sexualablauf ist bekanntlich die der Entspannung 
vorangehende erregte Spannung selbst lustvoll, und zwar wahrscheinlich im 
Zusammenhang mit der phantasierenden Vorwegnahme der nachmaligen 
Endlust. Wenn ein Mensch, dem sich die sexuelle Erregung immer in Angst 
wandelt, schließlich doch zu einer relativen Entspannung kommt und diese 

2 9) Vgl. Freud: Jenseits des Lustprinzips. Ges. Sehr., Bd. VI. 

23* 



356 Otto Feniche! 



Erfahrung sich ihm einschärft, so kann er wohl schließlich dazu kommen, 
die Angst selbst als Vorlust zu empfinden und zu bejahen, weil sie für ihn 
das einzige Tor ist, durch das der Weg zur relativen Endlust offen ist. Es 
ist das übrigens keineswegs der einzige und meist gewählte sekundäre Ab* 
wehrversuch des Ichs gegen solche Angst. Es gibt genug individuell 
variierende angstausschaltende oder ^schwächende Bedingungen (z. B. per* 
verse), bei deren Einhaltung relative (aber nie ökonomisch ausreichende) 
Sexualbefriedigung dennoch möglich wird. 

Nun wollen wir noch einmal zu unserer Unterscheidung zwischen trauma* 
iischen Neurosen und Psychoneurosen, von der wir ausgingen, zurückkehren, 
um ihre Relativität zu erkennen. 

Ist bei jener Kategorie die Erregungszufuhr zu groß, bei dieser die Erra* 
gungsabfuhr zu klein, so können wir nicht übersehen, daß praktisch die Neu* 
rosen Kombinationen beider Möglichkeiten darstellen. Die sogenannten 
„echten 44 traumatischen Neurosen, bestehend in Ichfunktions* Verlusten, Angst 
und anderen vegetativen Zuständen bis zu epileptischen Reaktionen und 
nachträglichen Wiederholungsaktionen und ^Sensationen, — die leider noch 
zu wenig studiert sind — sind sicher niemals ganz unbeeinflußt von den 
Triebkonflikten des betreffenden Individuums. Die Diskussion über die 
Kriegsneurosen 30 brachte genug Beispiele dafür, wie das Trauma alte in* 
fantile Sexualkonflikte wieder zum Aufflammen brachte, sei es, daß das 
Trauma unbewußt als Kastration aufgefaßt wurde und so das Gleichgewicht 
zwischen verdrängten Trieben und Abwehrkräften störte, sei es, daß es als 
Versuchung für unbewußte sadistische Triebe wirkte. Umgekehrt können 
wir die Psychoneurosen insofern ganz allgemein als eine Abart der trauma*! 
tischen Neurosen auffassen, als das Motiv der zur Stauung führenden Trieb* 
abwehr letzten Endes allemal Angst ist, diese aber, nämlich das Urteil, jes 
bestehe eine Gefahr, eine Art von Erinnerung an einmal durchlebte trauma* 
tische Zustände ist Es heben sich aber unter den Psychoneurosen eine An* 
zahl von Fällen — und zwar mit Symptombildern aus sämtlichen Neurose* 
formen — heraus, die im besonderen Sinn eine Kombination mit trauma* 
tischen Neurosen darstellen, nämlich solche, deren wirksame Sexualabwehren 
ihre Wirksamkeit durch bestimmte infantile Sexualtraumen — reale Ver* 
führungen oder Urszenen — erlangt haben und in deren Symptombild nicht 
nur die Verdichtung von Kastrations* oder Liebes Verlustvorstellungen mit 
Selbstwahrnehmungen eigener gefürchteter Erregungszustände vorliegt, wie 
wir es geschildert haben, sondern auch eine Konkurrenz zwischen Dennoch* 
Durchbrüchen verdrängter Triebe und Wiederholungen jener Traumen, 
denen wir — wie bei echten traumatischen Neurosen — die Funktion zu* 
schreiben müssen, ihre Erregung nachträglich allmählich abzubauen. 

30) Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Int Psa. Verl,, Wien, 1919. 



Der Begriff „Trauma" in der heutigen psychoanalytischen Neurosenlehre 357 

Die Träger solcher Neurosen, die man als Kombinationen zwischen 
Psychoneurosen und traumatischen Neurosen bezeichnen kann, sind dabei 
schlimmer dran als die echten traumatischen Neurotiker, und zwar infolge 
der physiologischen Eigenschaften der Sexualerregung. Hat jemand ein 
äußeres Trauma bei relativer Unbeteiligtheit seiner Triebe erlitten, etwa einen 
Autounfall, so wird er eine Zeitlang von dem Unfall träumen, kein Auto be* 
treten können, beim Anblick eines Autos zu zittern beginnen u.dgl., solange, 
bis die Abfuhr der unerledigten Erregungsmenge nachgeholt, die einge* 
klemmte Erregung „abreagiert" ist. Nach einiger Zeit ist alles vorüber. Wo 
sind die „Schüttler" geblieben, die in den ersten Jahren nach dem Weltkrieg 
die Straßen der Großstädte füllten? Das Schütteln hat aufgehört. Ist aber 
das Trauma von solcher Art, daß es das Ich zu dem Urteil gebracht hat, 
„sexuelle Erregung, bezw. der Ichverlust dabei ist Gefahr", so bringt dies 
Urteil das Ich jedesmal zum Einschreiten gegen den normalen Sexualablauf, 
der vom Genitale weg ins vegetative Nervensystem gelenkt wird und so aufs 
neue den unheilvollen Irrtum des Ichs über die Gefährlichkeit der sexuellen 
Erregung bestätigt. Der Umstand, daß die sexuelle Erregung sich vom Soma* 
tischen her immer wieder erneuert, nachdem sie einmal abgeflaut war, läßt 
eine solche Neurose nie wieder zur Ruhe kommen. Sie ist in einen circulus 
vitiosus hineingeraten. Die nachträgliche Bewältigung der Erregung gelingt 
niemals, weil jeder Versuch zur Bewältigung neuerlich zu traumatischen Er* 
fahrungen führt, also so verläuft, wie wenn derjenige, der sich nach einem 
Autounfall entschlösse, endlich» wieder ein Auto zu besteigen, immer wieder 
einen neuen Autounfall erlebte. 

Es gibt Neurosen, bei denen der Eindruck, daß sie zeitlebens vergebens 
sich bemühen, Urszenenerregungen nachträglich zu bewältigen, über den, daß 
hier aus Kastrationsangst abgewehrte Triebe gegen die Abwehr revoltieren, 
prävaliert. Darf ich statt einer Krankengeschichte ein literarisches Beispiel 
bringen? 

Ich meine den merkwürdigen und, wie mir scheint, künstlerisch sehr be* 
deutungsvollen Roman von Gel ine „Reise ans Ende der Nacht". Die 
Kritiken haben über dieses sonderbare Dichtwerk die verschiedensten Ur* 
teile gefällt. Am häufigsten wurde es als Sozialkritik gekennzeichnet. Die 
Trostlosigkeit, in die das Einzelindividuum im Chaos der heutigen gesell* 
schaftlichen Ordnung und der Widersprüche der Wirtschaft gerät, die Aus* 
weglosigkeit, in die die Menschen durch die von ihnen selbst her* 
gestellten und nun wie Naturkräfte weiterwirkenden Beziehungen etwa 
in Krieg und Kolonialausbeutung geraten, werde da ergreifend geschildert. 
Der psychologisch orientierte Leser hat bald den Eindruck, daß eine solche 
Auffassung an der Oberfläche bleibt. Schon äußerlich könnte sie weder den 
Umstand erklären, daß die Natur selbst als ebenso schaurig geschildert 
wird, noch die romantisch^phantastischen Elemente, wie die unheim* 



358 Otto Fenichel 



liehen Doubletten des Autors. Man spürt, daß tiefe unbewußte Regungen 
hier um Ausdruck ringen. Die unheimliche Wirkung des Buches, die sich 
etwa jener der Werke von Kafka vergleichen läßt, brachte auf den Ge^ 
danken, das Werk auch ähnlich zu deuten: Bei Kafka handelt es sich 
zweifellos um eine ergreifende, von innen erfolgende Selbstdarstellung 
schizophrener Erlebnisse. War es nicht in analoger Weise das Wirken einer 
großen Depression, der das Ich hilflos ausgeliefert ist, in das uns hier Ein* 
blick geboten wird? Nein, mußte man sich sagen, denn die Art, wie die Welt 
und unser Dasein in ihr hier erlebt wird, hat zwar manche Züge einer typfe 
sehen Depression an sich, nämlich die Selbstverständlichkeit, mit der sich 
nur die traurigen Seiten der Wirklichkeit aufdrängen, und das ewig vergebe 
liehe Bemühen, durch immer mißlingende hingebungsvolle Objektbe* 
Ziehungen dieser Schrecken Herr zu werden, hat auch andere Züge der söge* 
nannten „melancholia agitata\ nämlich die Unruhe, die den Helden durch 
die ganze Welt treibt, und die Angst, die die grausige Wirklichkeit sich zu 
noch grausigeren Wahngebilden steigern läßt; aber es fehlt jeder Selbstvor* 
wurf, jede Entzweiung zwischen Ich und Übersieh. Es war richtig, daß hier 
das Weltbild einer psychosenahen Erlebniswelt geschildert wird, aber die 
Diagnose Depression oder Melancholie war falsch. Wesentlich ist: eine 
ewige Unruhe und Angst, die dem Helden keinen Augenblick Ruhe gönnt, 
treibt ihn auf der Flucht vor etwas unsagbar Schrecklichem vorwärts. Diesem 
unsagbar Schrecklichen aber kann er nicht entgehen, denn das Dasein selbst 
hat für ihn diesen Charakter angenommen. In Krieg und Kolonien droht 
objektiv Vernichtung seines Selbst; aber auch anderswo fürchtet er unaus^ 
gesetzt diese Vernichtung, ja, es scheint, als ob er Krieg und Tropen nur au£* 
suchte, um diese Erwartung zu rationalisieren, wie der Verbrecher aus Schulde 
bewußtsein die Tat aus Reue begeht. 31 Das Dasein auf der Welt hat für ihn 
den Charakter der ständigen Vernichtungsdrohung, wobei diese Vernich* 
tung überall prägenitalen und sadistischen (kannibalistischen) Charakter hat. 
Und nur einen Schutz, den er nie erreichen kann, sucht er vor diesem ewigen 
Schrecken: Ruhe in den Armen einer mütterlichen Frau, die ihm jene „Liebe 
gibt, die so stark ist, daß sie den Tod überwindet." Es sind genug Stellen, 
die die Richtigkeit der Deutung belegen : Eine sadistisch perzipierte 
U r s z e n e hat dem Helden den Charakter der Welt verändert, so daß er 
zwischen Erwartung vor Wiederholung dieses Traumas 
und tatsächlicher Wiederholung, die die alte Erregung 
endlich meistern will, aber niemals meistern kann, hin* 
und herschwankt. 

Daß solche Mischneurosen in therapeutischer Hinsicht den Psychoneu* 
rosen und nicht den traumatischen Neurosen zuzurechnen sind, ist klar. 

31) Freud: Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein. Ges. Sehr., Bd. X. 



Der Begriff „Trauma" in der heutigen psychoanalytischen Neurosenlehre 359 

Wollte man sich wie bei ihnen damit begnügen, eine spontane Heilung ab* 
zuwarten, so wartete man vergebens. Daran, daß eine nachträgliche BewäL* 
tigung nie gelingt, ist das Eingreifen des triebabwehrenden Ichs schuld, das 
sich durch unbewußte Unheilserwartung leiten läßt. Gelingt es — wie in 
den Psychoneurosen — durch Psychoanalyse die Abwehr aufzuheben, den 
Anschluß der aus der Ich^Organisation ausgeschlossenen Sexualitätsanteile 
an das übrige Ich und damit die Verwandlung der infantilen Sexualität in 
erwachsene orgasmusfähige genitale Sexualität zu bewirken, so wird die Er* 
fahrung der Möglichkeit einer lustvollen Unwillkürlichkeit in der sexuellen 
Befriedigung die beste Gewähr für die Möglichkeit zur Überwindung auch 
der seit der Kindheit unbewältigten Erregungsmassen der seinerzeitigen un* 
lustvollen Unwillkürlichkeit. Die Aufhebung der pathogenen Abwehr, die 
nur durch Psychoanalyse erreicht werden kann, wirkt also ebenso wie bei 
den echten Psychoneurosen, die ja — wie gesagt — prinzipiell von solchen 
Mischgebilden gar nicht verschieden sind, da a 1 1 e Triebabwehr aus Angst 
erfolgt und alle (sekundäre) Angst Bemühen des Ichs zur Vermeidung 
von traumatischen Erlebnissen ist. 



Die libidinöse Struktur des kriminellen 
Psychopathen 1 

Von 

Fritz Witteis 

New York 

Wenn wir an dem altbewährten und grundlegenden psychoanalytischen 
Prinzip festhalten, daß die Sexualität (und deren Struktur) der Neurose (auch 
der Psychopathie) ihre Form aufzwingt: Wo finden wir das sexuelle Ur* 
bild des Psychopathen? Der klassische Don Juan soll uns Aufklärung 
bringen. Die „Don Juan^Gestalt" wurde psychoanalytisch erklärt, als ob 
sie ohne Ende ihre Mutter suchte, eine Art „Ewiger Jude" des Ödipus* 
komplexes, der immer wieder die Mutter erobern und den Vater töten 
müsse; so besonders in einer Arbeit von Otto Rank, 2 die auf Bemerk 
kungen Freuds zurückgeht S t e k e l 3 hat als erster gezeigt, daß der Don 
Juan homosexuelle Tendenzen abwehren muß, die ihn unbewußt bedrängen. 
Auch diese Entdeckung geht auf Freuds Auffassung der Erotomanie 4 
zurück. Diese Erklärungen ruhen beide auf klinischer Beobachtung, gelten 
jedoch nur für den neurotischen, den mittelalterlich^christlichen Don Juan. 
Der klassische Don Juan der Renaissance, wie er uns in Mozarts Oper 
entgegentritt, kennt keine Furcht und keine Abwehr innerer Gefahren. 
(Ranks Abhandlung steht in diesem Punkte zu den Tatsachen im Widern 
spruch.) Er tötet den Gouverneur nicht aus Ödipusmotiven, sondern so wie er 
jeden töten würde, der ihm mit der Waffe in der Hand entgegentritt. Das ist 
ja gerade das Schreckliche an ihm, daß er einen Vater nicht kennt; er ist 
präödipal. Den steinernen Gast lädt er ohne jede Reue und Furcht zum Gaste 
mahl ein und fährt schließlich zur Hölle unter großartiger Ablehnung jedes 
Schuldgefühles und jeder Buße, Er kennt auch keine Mutter, hält Elvira, 
die ihm mütterlich entgegenkommt, auf die grausamste Weise zum besten 
— grausam ohne Bosheit, wie ein Tier oder ein kleines Kind. Er ist offenbar 
potent wie der Teufel, genießt das Leben auch sonst in vollen Zügen — 
Weiber sowohl wie Essen und Trinken, Musik und Tanz. 

Mozarts Don Juan singt Baß und spielt den animalischen Mann nicht 
nur: er ist es. Ich weiß nicht, warum Rank behauptet, daß Mozarts Don 
Juan von seinen Frauen nicht geliebt wird. Freilich gewinnt er sie oft mit 
List, aber sie sind doch — in der Oper wie im Leben — jederzeit bereit, ihm 
zu verzeihen, auch nachdem sie erkannt haben, wer und wie er ist. Das gilt 

i) Vortrag, gehalten in der New York Psychoanalytic Society am 15. Dezember 1936, 

2) Die Don Juan^Gestalt, Int. Psa. Verlag, Wien, 1924. 

3) Störungen des Triebe und Affektlebens, Bd. II, 1921 und vorher. 

4) Ges. Sehr., Bd. VIII, S. 415, oft zitiert. 



Die libidinöse Struktur des kriminellen Psychopathen 361 



besonders von Elvira und Zerline, jedoch bis zu einem gewissen Grade auch 
von Donna Anna, deren getreuer, hoch kultivierter Oktavio keinen leichten 
Stand hat Die Arien „Reich mir die Hand, mein Leben" und „Hör auf 
den Klang der Zither" sind allerdings von einem Dämon gesungen, aber von 
einem unbeschwerten Dämon der Lust und keineswegs von einem gequälten 
Neurotiker und Besessenen. Die Reihenbildung der verlassenen Frauen, die 
sich zu einem — merkwürdig wirkungslosen — Chor der Rache zusammen* 
tun, sie lieben ihn nämlich alle noch immer, diese Reihenbildung schafft 
nicht Don Juan aus etwelchen masochistischen Gründen, sondern sie ist 
eine unvermeidliche Folge der juanesken Tausendunddrei und trägt zum 
Charakterbild des klassischen, das ist des genuin narzißtiscta*phallischen 
Mannes, nichts bei; sie belästigen ihn wie Fliegen. 

Angst wird von Mozart allerdings erzeugt; aber nicht in seiner klassischen 
Figur, sondern in uns, den kulturellen Zuschauern, deren tief verdrängter 
Wunsch nach allmächtiger Lust gewaltig angeschlagen wird. Was wir fühlen, 
ist: Zwar holt ihn schließlich und endlich der Teufel; es geht ihm aber ver* 
dämmt gut, solange er lebt. Wir hören, daß Mozart die Ouvertüre seines 
Meisterwerkes erst knapp vor der Uraufführung in einer einzigen Nacht, an^ 
geblich in Gegenwart zechender Kumpane komponiert hat. Vorher wollte sie 
nicht gelingen. Hier galt es, den Übergang zu schaffen vom schreckhaften, der 
Strafe gewärtigen Kulturmenschen zu dem Renaissancehelden, der alle Bande 
der Kultur sprengt. Dieser Übergang ist dem Genie Mozarts in einem über** 
menschlichen Meisterstück gelungen. Mozarts und seines Textdichters Da* 
ponte Don Juan ist der Höllenfürst. Nicht der neurotische Luzifer, auch 
nicht der zynische und sarkastische Mephisto, sondern Satan, die lachende 
Überbestie. 

Nur eine Eigentümlichkeit vermissen wir in der Gestalt Mozarts und Da* 5 
pontes: die weibliche Komponente, die dem Don Juan, sowohl dem neuro* 
tischen wie dem psychopathischen, niemals fehlt. Es lag offenbar nicht im 
Genie Mozarts, der diese Komponente in scherzhaft entzückender Weise oft 
dargestellt hat (Cherubin), sie in der Gestalt seines Höllenfürsten glaubhaft 
herauszuarbeiten. Der Text Dapontes gibt hiefür auch keine Gelegenheit. 
Immerhin mag man sie aus der Musik hier und da heraushören. Der Don 
Juan, dem wir im Leben begegnen, zeigt die feminine Komponente — wie 
ich schon an anderer Stelle ausgeführt habe — ganz deutlich. Sie ist von seiner 
Männlichkeit abgespalten. Die beiden Komponenten sind desin** 
tegriert und liegen nebeneinander. Im Gegensatze zum neuron 
tischen Don Juan fürchtet er sich nicht vor seiner Weiblichkeit, sondern 
freut sich ihrer und der Wirkungen, die von ihr ausgehn. Er ist putzsüchtig 
und elegant, niedlich und zierlich, versteht sich mit Frauen in allen ihren 
weiblichen Interessen, wie Kleidern, Frisur, Kochen und häuslicher Hand* 
arbeit. Er besitzt weibliche Feinfühligkeit, kann mit Frauen lachen und 



362 Fritz Witteis 



weinen, sich ihnen unterwerfen und ihnen dienen. Er tanzt mit weiblicher 
Grazie und erobert die Frau .unter Einsetzung aller seiner Weiblichkeit. Man 
darf sagen, daß er die Frau auf Grund ihrer lesbisch^mütterlichen Kompo* 
nente gewinnt, darin nicht unähnlich dem Cherubin aus Mozarts Figaro. 
Frauen, die eine solche Art der Annäherung nicht schätzen, und besonders 
Männern, die diesem Gaukelspiel zusehen, ist er zuwider und sogar ekelhaft. 

Er ist aber zuzeiten auch brutal wie ein Gorilla, sucht Händel, fürchtet 
sich vor niemandem und nichts und befriedigt die Frau mit ungebrochener 
Potenz. Von ihm gilt Freuds herausforderndes Wort, daß nur der die 
volle Potenz des Mannes erreicht, der jede Angst vor Inzest, vor Vater und 
Mutter überwunden hat 5 — oder, wie ich hinzufügen möchte, nicht 
kennt. Im Sinne der Libidotheorie kann man sagen, seine Libido sei 
beweglicher als die des normalen Kulturmannes und besetzt einmal die 
eigene männliche und dann wieder die eigene weibliche Komponente. 
Er hat Einschränkung und Fixierung an ein einziges Geschlecht nicht 
gelernt, weil er nicht durch die Nöte der Kastrationsangst gegangen 
ist. Wenn man fragt, warum er dann nicht auch aktiv homosexuell ist, 
so ist die Antwort: häufig ist er das und fast immer macht er den Ein** 
druck, als ob er homosexuell wäre. Der ganze Mann sieht aus wie ein Penis 
und zieht nicht nur Frauen an, sondern auch gewisse Männer. Er wird solchen 
Männern ebenso untreu wie seinen Frauen und beide Geschlechter tragen 
ihm wenig nach. Sie vergessen seine Aggression, daß er sie auffressen und 
zerstören will, weil sie das Kind in ihm fühlen und lieben. Seine Opfer gehen 
zwar zugrunde, wenn sie nicht seinesgleichen sind, oder müssen wenigstens 
schwer leiden, aber er meint es nicht böse und die Opfer wissen das. Für 
gewöhnlich ist dieser Typ nicht aktiv homosexuell, sondern zieht das weib* 
liehe Geschlecht vor, weil der Tisch da reichlicher gedeckt ist. Er lebt seine 
Komponenten beide am Weibe aus. 

Wir sehen den klassischen Don Juan nicht im Ordinationszimmer. Er 
ist mit sich und seinem Leben zufrieden und kommt nicht zur Behandlung. 
Das ist vermutlich der Grund, warum der rein narzißtische Don Juan nicht 
schon längst beschrieben wurde. Wie jeder Psychopath ist er der Gefahr der 
Neurose (Psychose) ausgesetzt und selbst die wenigen reinen Formen, die 
man beobachtet, haben nur kurze Blütezeit. Lange bevor sie der steinerne 
Gast holt, holt sie die Kastrationsangst, die vermutlich phylogenetisch — 
man sollte vielleicht lieber sagen: biologisch — in ihnen steckt, auch wenn 
man nur wenig oder nichts davon in ihrer individuellen Lebensgeschichte 
nachweisen kann. 

Der klassische (rein psychopathische) Don Juan geht zugrunde, wenn ihn 
der steinerne Gast von außen packt. Der neurotische Don Juan tut nur so, 



5) Ges. Sehr., Bd. V, S. 206. 



als besäße er keine Kastrationsangst; der steinerne Gast steckt doch in ihm. 
Er ist psychopathisch und neurotisch. Man kann die folgende provisorische 
Unterscheidung versuchen: der neurotische Psychopath hat vor seiner Bi^ 
Sexualität Angst bekommen — während der reine Psychopath sich seiner 
phallisch^narzißtischen Genußfähigkeit ohne Einschränkung erfreut: der zit* 
ternde und der triumphierende Phalliker. 



Noch seltener als der phallische Mann ohne neurotische Legierung ist 
das phallische Weib, das weibliche Gegenstück zum klassischen Don Juan. 
Nicht sehr glücklich hat man es nach der römischen Kaiserin Messalina 
genannt. Was wir von Messalina wissen, stammt von Juvenal und anderen 
feindlich eingestellten Autoren. 6 Drei Haupteigenschaften werden von ihr 
berichtet: ungeheurer Verbrauch an Männern, Grausamkeit und Habgier. 
Ihre Morde waren vornehmlich Giftmorde, sie war also oral, anal und phal* 
lisch, entsprechend unseren Voraussetzungen über den präödipalen Psycho* 
pathen. Diese Voraussetzungen sind, daß die drei narzißtischen Phasen der 
Libidoentwicklung unter Umständen ungebändigt erhalten bleiben, wobei sie 
einander überlagern und schließlich in der phallischen Phase endgültigen 
Ausdruck finden. Die phallische Phase — darüber herrscht wohl kein Zweifel 
— ist durchaus narzißtisch, obwohl die sexuelle Betätigung ein Objekt der 
Außenwelt verwendet. Die so vorgetäuschte Objektlibido „erkennt" ihr 
Objekt nicht und kennt infolgedessen auch keine Fixierung an das Objekt. 

Die Frage bleibt offen, ob die historische Messalina wirklich so war, wie 
die Überlieferung sie haben will. Ihr Typ wiederholt sich nicht nur oft in der 
Weltgeschichte, sondern fast jedesmal ist Zweifel an den Motiven der Be* 
richterstatter sehr angebracht. Wohlbekannt ist Lucrezia Borgia. Man nimmt 
heute an, daß sie von ihrem verlassenen Gatten Sforza und dessen bezahlten 
Kreaturen verleumdet worden ist. Weniger bekannt ist Anula, eine Fürstin 
auf der Insel Ceylon, die 42 v. Chr. starb und der feindselige Mönche alle 
Messalina^ Ausschreitungen nachgesagt haben. Theodora gar, Kaiserin von 
Byzanz, hat in Prokopius* giftgeschwollener Feder einen ziemlich Unglaube 
würdigen Biographen gefunden, der sie als lasterhaft, mörderisch und hab^ 
gierig hinstellt. Man muß sich über die häufige Wiederkehr dieser Trias 
wundern. Vielleicht hat es diese Messalinen, wie sie in der Überlieferung der 
christlichen Ära leben, historisch ebenso wenig gegeben wie den Don Juan, 
der — wie bekannt — nicht auf irgend eine historische Persönlichkeit zurück* 
geht. Wir erhalten die Figur von mönchischem Hasse verzerrt und erfahren 

6) Ausführliche Darstellung der traditionellen Messalina in den beiden historischen 
Romanen von Robert Graves: „I, Claudius 11 und „Claudius, the God", besonders in 
letzterem. 



364 Fritz Witteis 






so mehr von den Komplexen der Mönche als von denen ihres Modelies. In 
der Schaffung der Don Juan^Gestalt wird der Wunsch nach triumphaler 
Überwindung des Ödipusschreckens lebendig; in der Schaffung des weib* 
liehen Gegenstückes, geschaffen von masochistischen Männern, der Wunsch, 
vom Vampir gefressen zu werden. Die phallischen Frauen, denen man in der 
Natur begegnet, zeigen oft auffallend wenig Sadismus, weil sie die beiden ersten 
präödipalen Phasen zugunsten der dritten aufgegeben haben. Sie fallen aller* 
dings leicht in die ihnen nahe stehenden oralen und analen Möglichkeiten 
zurück. 

Das phallische Weib kann auf drei von einander verschiedene Typen 
(Idole) zurückgeführt werden: Messalina: oral, anal, phallisch; Lucre* 
zia Borgia: oral und phallisch; und einen dritten, rein phallischen Typ, 
dem man den Namen der trojanischen Helena geben mag, des besonderen 
Lieblings Aphroditens. Goethe hat in Faust, IL Teil, Helena als klas* 
sisehe und unverantwortliche Schönheit besungen, die schon im Alter von 
zehn Jahren von Theseus entführt wurde und hernach von Hand zu Hand 
ging. Genannt werden Kastor, Pollux, Patroklus, Menelaus, Paris, Dei* 
phobos und sogar der tote Achilles, der aus dem Schattenreich zu ihr zurück* 
kam, und viele andere. So viele waren ihrer, daß der Mythus sie in zwei Per* 
sonen aufspaltete, von denen eine in Troja, die andere in Ägypten lebte. 
Furchtbare Kriege wurden ihretwegen entfesselt, Tod und Zerstörung folgten 
ihrem Weg, doch hat sie an aller Verwüstung keinerlei aktiven Anteil: sie 
lächelt nur und gibt sich hin. Über die in Schönheit konvertierte Aggression 
und Männlichkeit habe ich an anderer Stelle berichtet. 7 Der Mythus ver* 
schweigt die maskuline Komponente der Helena ebenso, wie Daponte und 
Mozart die weibliche des Don Juan. Wir wissen aber, daß alle diese der 
Helena verfallenen Männer nicht ohne ihr aggressives Hinzutun in das Netz 
geraten: sie packt an. 

Das phallische Weib bringt an ihren Trieben die kulturellen Korrekturen 
nicht an. Sie fürchtet sich nicht vor inneren Gesetzen, hat wohl keine und 
baut infolgedessen keine Abwehr gegen unverträgliche Polaritäten auf. Weder 
wehrt sie sich gegen ihre narzißtischen Tendenzen, noch gegen ihre Bisexua* 
lität, die ganz ähnlich aussieht wie beim Don Juan, den sie auch mit großer 
Schnelligkeit als ihresgleichen erkennt. Auch sie ist weiblich und männlich 
in so desintegrierter Form, daß sie sich zuzeiten ganz männlich gebärdet, zu 
anderen Zeiten ganz weiblich. Dem normalen Weibe ebenso wie dem nor* 
malen Manne gelingt eine tragbare, „der Realität angepaßte 4 * Harmonie der 
beiden sexuellen Komponenten. Der Neuro riker läßt einen Teil verkümmern, 
weil er sich vor ihm fürchtet. Die phallische Psychopathin trägt beide Teile 

7) Mona Lisa und weibliche Schönheit. Eine Studie über Bisexualität. Image, Bd. XX, 
1954. 



Die libidinöse Struktur des kriminellen Psychopathen 365 

nebeneinander zur Schau — wie schon oben in der Psychologie des Don 
Juan ausgeführt — , weil sie sich vor ihrer Gegensätzlichkeit nicht fürchtet. 
Sie spielt auf beiden Instrumenten. In ihrer weiblichen Phase ist sie von 
schrankenloser Hingebung, inbrünstig bereit, sich einem geliebten Manne zu 
opfern, und sehr befähigt, ihn sexuell glücklich zu machen. Als männliches 
Wesen, in das sie sich verwandeln kann, ist sie mutig bis zur Verwegenheit, 
aggressiv, brutal und ohne jede weibliche Scham. Noch deutlicher als dem 
Don Juan steht ihr die Bisexualität ins Gesicht geschrieben. Wie der Don 
Juan das Weib mit seiner weiblichen Komponente erobert, so sein weib* 
liches Gegenstück den Mann mit ihrer männlichen. Don Juan schätzt das 
Weib gering, weil er ja psychisch selbst alles hat, was es ihm bieten kann. 
Die protophallische Frau schätzt aus dem nämlichen Grunde den Mann 
gering, bis sie, und das ist die Regel, am Penisneid neurotisch wird. Wenn 
und solange sie dieser Gefahr entgeht, ist sie zuzeiten weiblicher als irgend 
ein anderes Weib (das „Urweib"), weil sie alle männlichen Schlacken reinlich 
davon abgelöst hat. Androgyne Frauen eignen sich auf der Bühne und im 
Film ganz besonders zur Darstellung destillierter, holder Weiblichkeit. In 
einer großen Stadt des Westens gab es in den letzten Jahren drei Schau* 
Spielerinnen, die als Julia in Shakespeares Tragödie ganz besonders hin* 
reißend waren. Alle drei waren als lesbisch bekannt . . . 



Während wir beim sexuellen Psychopathen Bisexualität ganz deutlich an 
der Arbeit sehen, werden die eine oder die andere Komponente, oft auch 
beide vom kriminellen Psychopathen desexualisiert. Man könnte an den Be* 
griff der Sublimierung denken, wenn dieses Wort nicht ausschließlich für 
gesellschaftlich erwünschte Desexualisierung in Gebrauch stünde. Wesent* 
lieh ist jedenfalls, daß nicht Angst das treibende Motiv des Psychopathen 
und seiner Desexualisierung ist. Er desexualisiert, weil sein Wunsch, der in 
frühester Kindheit wurzelt, auf dem sexuellen Gebiet nicht erfüllt wurde 
oder werden konnte. Er nimmt sich deshalb das Zweitbeste statt des Besten. 
Was er sich nimmt, hat mit dem ursprünglichen Wunsch gemeinsam, daß 
es verboten und im allgemeinen nicht leicht erreichbar ist. Die verbrecherische 
Tendenz ist überaus häufig mit Homosexualität und Inzest gepaart. 1908 hat 
Hans W. Maier in Zürich in seiner Doktordissertation über fünf Fälle von 
psychopathischen Verbrechern berichtet. Vier davon zeigen bisexuelle und 
inzestuöse Ausschreitungen in erstaunlich frühem Alter. Einer koitierte seine 
kleine Schwester und verübte Päderastie an seinem kleinen Bruder, als er 
selbst erst sechs Jahre alt war. Ein anderer wurde im Alter von fünf Jährten 
antisozial und ist es geblieben. Im Alter von sechzehn Jahren koitierte er 
seine neunjährige Stiefschwester. Und so geht das weiter. Dieser Bericht 
erschien zu einer Zeit, als die kausale Verbindung zwischen abnormem 



366 Fritz Wiitels 






Sexualleben und Neurose entweder noch nicht bekannt oder jedenfalls noch 
nicht anerkannt war. 

S t e k e 1 war der erste, der erkannt hat, daß Kleptomane sich einen Penis 
stehlen. Hier haben wir also eine Verschiebung sexueller Bedürfnisse ins 
Kriminelle. Nach Stekel (1908 und 1922) sind für Kleptomanie wesente 
lieh: sich einen verbotenen Genuß zu verschaffen; etwas Verbotenes in die 
Hand zu nehmen. Andere psychoanalytische Forscher, 8 unter ihnen ich 
selbst, 9 haben eine große Anzahl von Kleptomanen studiert und sind zu 
dem Resultat gekommen, daß Kleptomanie alle narzißtischen Wünsche 
auszudrücken, alle zu ersetzen vermag, wobei von diesem Symptom wie von 
allen anderen neurotischen Symptomen gilt, daß es im Laufe des 
Lebens seinen Inhalt verändert, und zwar so, daß die alten Inhalte nie* 
mals ganz verloren gehen. Auf der oralen Stufe bedeutet das Stehlen Mutter* 
milch, auf der analen Stuhl, auf der phallischen den Penis. Kleptomanie tritt 
vikariierend auch für Masturbation, Nägelbeißen, Enuresis, Stottern, Lügen 
ein. Es geht schließlich in rationales, berufsmäßiges Verbrechertum über. 
Was aber besonders hervorgehoben werden muß: triebhaftes Stehlen ist innig 
verknüpft nicht nur mit Pseudologie, sondern auch mit Hochstapelei und 
allen anderen Arten der Verwahrlosung bis zu Raub, Mord und Totschlag. 
Deshalb wird heute Delbrücks Pseudologia phantastica (1891) als noso* 
logischer Begriff von allen Kennern abgelehnt und in den allgemeinen Be* 
griff der Verwahrlosung als Symptom eingereiht. Es wird wohl selten einen 
Don Juan oder dessen weibliches Gegenstück geben, der ohne Lügen und 
Schwindeln sein Auskommen fände. Diebstahl und Totschlag gehört auch 
dazu und Selbstmord ganz gewiß. Diese psychopathischen Aktivitäten stehen 
beim Don Juan zunächst im Dienste der Sexualität. Sie werden aber oft 
desexualisiert und der Zusammenhang zwischen dem triebhaften Vergehen 
und dem Sexualleben wird dann nicht mehr so leicht erkannt. Ein besonders 
hübsches Beispiel hiefür ist Z u 1 1 i g e r s Cecile. 10 

Cecile ist fünfzehn, hübsch, intelligent, das Kind reicher Eltern. Sie ist 

8) Stekel: Jean Jacques Rousseau, Störungen d. T. u. A., Bd. V, 1922. 

A. Kiel holz; Giftmord und Vergiftungswahn. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVII, 1931. 
Ä. Kielholz: Weh dem, der lügt — Fall Walter. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIX, 1933. 
Zu lüg er: Berichte etc. — Fall Cecile. Ztschr. f. psa. Päd., Bd. IX, 1935. 
Zu llig er: Ein Diebskleebiatt. Ztschr. f. psa. Päd., Bd. VI, 1932. 
Ernst Schneider: Neurot. Depression und Stehlen. Ztschr. f. psa. Päd., Bd. VII, 1933. 
Charles Baudouin: Ein Fall von Kleptomanie. Ztschr. f. psa. Päd., Bd. IV, 1930. 
Berta Bornstein: Enuresis und Kleptomanie. Ztschr. f. psa. Päd., Bd. IV, 1930. 
Oskar Pfister: Gewohnheitsdieb etc. Ztschr. f. psa. Päd., Bd. V, 1931. 
EMa M. Terry: Stottern und Stehlen. Mit Bemerkungen vom M. Schmideberg. Ztschr. 
f. psa. Päd., Bd. V, 1931. 

Karl Abraham: Die Geschichte eines Hochstaplers. Imago, Bd. XI, 1925. 
Siehe Literatur bei Kielholz, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIX, 1933. 

9) Die Welt ohne Zuchthaus. Bern (vorher Stuttgart), 1928. 
io) Vgl. Anm. 8. 






Die libidinöse Struktur des kriminellen Psychopathen 367 

puppenhaft hergerichtet, hat Verhältnisse mit Männern, die sie sammelt „wie 
ein Indianer Skalpe." Briefe schreibt sie wie „Kurtisanen aus dem siebzehnten 
Jahrhundert/* Sie lügt phantastisch und mit bemerkenswerter Erfindungs* 
kraft. Sie schwindelt, betrügt, stiehlt, fälscht Unterschriften, alles ist ihr zu* 
zutrauen. Ihre schauspielerische Begabung ist bedeutend, ihre Bühne ist das 
Leben. Bei alledem gelingt es ihr immer wieder, sich einzuschmeicheln, ein 
die Menschen gewinnendes Benehmen wird vorangetragen. Man weiß manch* 
mal nicht, ob man ihre Erfindungen Lüge oder Dichtung nennen soll. Wenn 
sie beim Lügen oder auch beim Stehlen ertappt wird, ist sie so wenig verlegen 
wie ein Kind, das man beim Spielen unterbricht. 

Obgleich Zulliger eine- Art von Übertragung herstellen konnte, sah er 
keine Möglichkeit haltbarer Therapie. Zu keinem Berufe passen diese Cha* 
raktere. Vielleicht am ehesten für Sport oder Schauspielkunst; aber auch 
hier ist Disziplin vonnöten, die diesem narzißtischen — wir fügen hinzu: 
bisexuell unentschiedenen — Typ mangelt. Vielleicht wäre es, meint Zul* 
1 i g e r, am besten, diese Typen in ein unbekanntes, unzivilisiertes und sogar 
lebensgefährliches Land zu bringen, wo sie entweder ihren Narzißmus ein* 
schränken oder zugrunde gehen müssen. Da dieser Vorschlag — mehr der 
Seufzer eines gequälten Erziehers als ein Vorschlag — , den Engländern nash* 
empfunden, die Verbrecher ehemals nach Australien verbannten, offenbar 
untunlich ist, bleibt für Zulliger nur eine ungünstige Prognose übrig: 
narzißtische Psychopathen müssen untergehen, „wie es das Schicksal des 
Narkissos folgerichtig verlangt hat." Man kann hier hinzufügen, daß 
„schwarze Schafe 4 * im neunzehnten Jahrhundert oft nach Amerika verschickt 
wurden. Viele, vielleicht die Mehrzahl, sind dort verkommen. Das Zucht* 
haus, Alkohol, Tuberkulose und Syphilis haben ganze Arbeit verrichtet. 
Andere sind hochgekommen in der Atmosphäre des „ Frontier spirit", der 
damals noch in Blüte stand. Die innere Wandlung, die das ermöglichte, war 
teilweise negativ bedingt: räumliche Entfernung von der Familie; und teil* 
weise positiv: glückliche Gründung einer eigenen Familie, oftmals unter In* 
anspruchnahme von Freuds „Herabsetzung des Liebeslebens/' 

Wie solche Möglichkeiten (Gründung einer Familie) auf den Phalliker 
wirken, geht aus Abrahams Studie eines Hochstaplers 11 hervor, die er 
noch kurz vor seinem frühzeitigen Ableben veröffentlichen konnte. Ein zwei* 
undzwanzigjähriger Mann erreicht unter Zuhilfenahme seiner femininen 
Komponente die unglaublichsten Hochstaplererfolge. Er stiehlt, unterschlägt, 
fälscht, betrügt, aber niemand kann ihm böse sein. Er ist in kriegsgericht* 
licher Untersuchung, und um eine Flucht aus dem Gefängnis zu verhüten, 
verfügt das Gericht, daß ständig drei besonders zuverlässige und intelligente 
Gefreite vor seiner Zelle Wache halten sollten. Abraham kommt zehn 



11) Vgl. Anm. 8. 



368 Fritz Witteis 



Minuten (sie!) nach der Einlieferung, um zu kontrollieren, und was sieht 
er? „Zu meinem Erstaunen fand ich vor dem Zimmer keine Wache, sondern 
nur ein paar Stühle. Beim Eintritt in das Zimmer aber bot sich mir ein un^ 
erwartetes Bild. N. saß zeichnend an einem Tisch. Einer seiner Wächter saß 
ihm Modell zu einer Zeichnung und die beiden anderen schauten zu. Es 
ergab sich, daß N. seine Wächter bereits auf dem Wege zum Lazarett für 
sich gewonnen hatte, indem er von seiner Zeichenkunst erzählte und sie zu 
porträtieren versprach/ 4 Ist es nötig, neuerdings darauf hinzuweisen, daß 
solche Faszination von der homosexuellen Komponente ausgeht? 

Abraham stellte die Prognose auf unheilbar. Zu des Autors Über* 
raschung trat aber eine vollkommene Veränderung N.s zum Guten ein und 
Abraham sah ihn wieder, als seine Wandlung in ein soziales Individuum 
schon vier Jahre gedauert hatte (1923). Ob später Rückfälle eintraten, er* 
fahren wir nicht. N. hatte eine unglückliche Kindheit hinter sich. Er war 
spät geboren, ungewollt von beiden Eltern und seinen um vieles älteren Ge* 
schwistern. „Die regelrechte Entwicklung des Ödipuskomplexes unterblieb/* 
Im Alter von 26 Jahren lernte er eine Frau kennen, älter als er, die an ihm 
Gefallen fand und ihm mütterliche Fürsorge erwies. „Beweise der Liebe 
gesellen sich hinzu. Niemand steht dieser Liebe zwischen Mutter und Sohn 
hindernd im Wege, denn der Ehemann jener Frau ist längst verstorben. Da 
sind aber ein paar Sohne, die doch schon lange vor N. ein Recht auf die 
Liebe der Mutter hatten. Doch sie bevorzugt i h n, der so spät in ihr Leber* 
eintritt, vor den anderen Söhnen, heiratet ihn und bietet damit ihm, nicht 
den leiblichen Söhnen, den Platz des verstorbenen Gatten !" 

Abraham nennt das mit Recht die vollkommene Erfüllung einer in* 
fantilen Wunschsituation. Wir möchten hinzufügen, daß die Erledigung des 
Ödipuskomplexes hier schon aus dem Grunde unterblieb, weil N. kaum 
mehr Gelegenheit hatte, in diesen Komplex einzutreten. Er ist präödipal an 
die Mutter fixiert, die er später, losgelöst von allen männlichen Rivalen* 
Vater und Geschwistern, also präödipal, im Leben wiederfindet. Wir er* 
fahren, daß seine antisozialen Handlungen schon in „frühester Zeit" her* 
vortraten. Im Alter von fünf Jahren ist er ein ausgelernter Hochstapler! Im 
Alter von 26 Jahren gibt er seine rein narzißtische Einstellung auf und ihm 
gelingt eine Libidoübertragung auf die Mutter — ohne Schuldgefühle, wie 
Abraham hervorhebt. Der Fall ist nicht analysiert worden, wir wissen 
also nicht, wie weit solche Schuldgefühle vorher vorhanden waren. Wie mir 
scheint, hat der phallische Psychopath nur wenig Schuldgefühl. Er ist, wie 
oben ausgeführt, männlich und weiblich zugleich und fürchtet sich nicht 
davor. Diese Bisexualität desexualisierte N. zu kriminellen Handlungen, 12 
weil er bei Eltern und Geschwistern keine Gegenliebe fand. Er ist dann ent* 

xa) Man kann auch sagen: er sexualisierte seine kriminellen Handlungen, da er sie ja 
offenbar mit Libido besetzte. 



Die libidinöse Struktur des kriminellen Psychopathen 369 

zückend und niederträchtig zugleich. Der Umschwung beruht auf seiner 
Rückkehr in die phallische Situation zu „Mütterchen 14 , die zu dieser Zeit noch 
als mannweiblich erkannt und begehrt wird. 

Dem Falle Abrahams stellt A. K i e 1 h o I z 13 einen Dieb, Vagabunden 
und Betrüger gegenüber (Walter Bäumler), der heiratete und sich dann 
durch sechs Jahre ohne Delikte hielt; hernach wurde er rückfällig. Kiel* 
holz wundert sich über die Besserung seines Falles, weil hier neben einer 
anscheinend glücklichen Ehe gleichzeitig ein Freundschaftsverhältnis zu 
einem homosexuellen Psychopathen bestand, den Walter im Gefängnis 
kennen gelernt hatte. Walter wurde in dem Moment rückfällig, als sich dieser 
Freund von ihm abwandte. Er stahl 10.000 Franken aus einer verschlossenen 
Lade und verbrauchte das Geld für kostspielige Reisen — ohne seine Frau. 

Kielholz, der für das Wesen des Psychopathen außerordentliches Ver* 
ständnis zeigt, macht uns vielleicht nicht genügend klar, daß Walter noch 
deutlicher als Abrahams Fall durch sechs Jahre in der Erfüllung der 
bisexuellen phallischen Wünsche lebt. Er hat Beziehungen zu einer Frau und 
zu einem Manne. Sowie dieses Dreieck zusammenbricht, kann er sich nicht 
länger sozial halten. Kielholz kommt zu folgenden Feststellungen. Bei 
acht kurz skizzierten Psychopathen aus seiner Praxis und sieben weiteren 
Fällen, die er heranzieht, vermißt er „den eindeutig heterosexuellen Trieb." 
„Die krankhaften Lügner lügen wie Kinder, die über die Art ihres Ge* 
schlechtes noch nicht ins Klare gekommen sind." „Der Einfühlung ist er 
deswegen in höherem Maße fähig, weil er durch seine bisexuelle Veran* 
lagung und Triebrichtung sich mit Personen beiderlei Geschlechts besser 
zu identifizieren vermag als der Normale." 

August Aichhorn u. a. sind zu ähnlichen Resultaten gekommen; denn 
die bisexuelle Anlage des Psychopathen kann nicht übersehen werden. Nur 
trennen die Autoren ödipale (posteödipale) Über^Ich^Tendenzen nicht ge* 
nügend von der entfesselten triebhaften Grundlage. Eine Unterteilung der 
phallischen Phase scheint mir nötig, um diesen praktisch und theoretisch 
bedeutsamen Unterschied so klar wie möglich zu machen. Das ist auch 
wiederholt versucht worden, hat sich aber im psychoanalytischen Lehrge* 
bäude nicht so eindeutig durchgesetzt wie Abrahams Unterteilungen der 
oralen und analen Phase. Die Unterteilungen der phallischen Phase haben 
auch niemals so eindeutig und sicher auf physiologischem Grunde geruht 
wie die von Abraham. Van Ophuijsen gelangte 1931 zu drei Unter* 

k stufen, die er präphallisch, eigentlich phallisch und postphallisch nannte. 1932 
hat E. Jones eine Teilung in protophallische und deuterophallische Phase 
vorgeschlagen, die er aber dann in seiner Ausführung — wie ich glaube — 
unnötig kompliziert hat, so daß sie jedenfalls für den in dieser Arbeit er* 
*3 



*3) Vgl. Anm. 8. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXIII/3 24 



370 Fritz Witteis 



strebten Zweck nicht brauchbar sind. Die Grundidee der Unterteilung halte 
ich aber für wichtig. Man sieht deutlich eine postphallische Phase, die 
sich an die eigentlich phallische unmittelbar anschließt. Das Kind tritt in 
die phallische Phase ein, wenn der genitale Primat erreicht, der 
Unterschied der Geschlechter jedoch noch nicht wesentlich für es ist Ödipus* 
komplex und Kastrationsangst werden noch nicht verstanden. Wir sehen 
das Kind auf dem Höhepunkt seines ersten Libidovorstoßes und nahe dem 
„tragischen" Wendepunkt zu einer Phase, die wir mit van Ophuijsen 
postphallisch nennen mögen. Diese Phase enthält dann den Gegenstoß des 
Ödipuskonfliktes mit allen seinen Zugehörigkeiten. Der kriminelle 
Psychopath ist an die erste phallische Phase fixiert. Die 
Vermischung der Psychopathie mit Hysterie entsteht durch einen zweiten 
Fixierungspunkt in der postphallischen Phase. 

Das Übersieh des Psychopathen weicht erheblich ab von dem des Nor* 
malen und des Neurotikers. Wie wir wissen, wird ein gutes Stück Aggresa 
sion des normalen Menschen ins Übersieh verarbeitet. Der Psychopath erhält 
seine Aggression auf der narzißtischen Stufe, ohne sein Übersieh damit zu 
laden. Er sieht und versteht Gefahren nur außen. Innere Gefahren, Ge* 
wissensbisse kennt er nicht. Wenn man so etwas ausspricht, muß man sich 
dessen bewußt sein, daß man in bedenkliche Nähe von Lombrosos uomo 
delinquente kommt. Warum soll man aber, nachdem wir neurotische Angst, 
Kastration und Gewissensangst analytisch durchforscht haben, leugnen, daß 
es doch auch Fixierungsstufen in einer Vorkastrationsperiode gibt? 

Die Taten der kriminellen Psychopathen zeigen statt der sexuellen eine 
desexualisierte Polarität. Sie stehlen, was ihnen nicht gehört: Polarität mein 
und dein. Sie lügen: Polarität wahr und unwahr. Sie spielen, was sie nicht 
sind: Ich und ein anderer. Sie sind aggressiv: aktiv gegen passiv. Am gefähr^ 
lichsten sind sie, wenn sie morden. Sie morden eine ihrer beiden Kompo* 
nenten, die sie nach außen projizieren. An anderer Stelle habe ich ausge* 
führt, daß der psychopathische Selbstmord auf einem ähnlichen tragischen 
Irrtum beruht. Sie wollen eine ihrer beiden Komponenten töten und gehen 
dabei zugrunde. Den Unterschied zwischen dem phallischen Mord und dem 
phallischen Suizid kann man auch so ausdrücken: der andere wird gemordet, 
als ob er ein Teil von mir wäre. Selbstmord wird verübt, als ob er nur einen 
Teil von mir beträfe. Die Frage ist berechtigt, warum denn solche Mörder 
und Selbstmörder eine ihrer Komponenten — in sich selber oder nach 
außen projiziert — loswerden wollen, wenn kein neurotischer Konflikt be* 
steht, und noch dazu so gewaltsam. Die Antwort ist: weil sie auf narzißtischer 
Stufe stehen, das heißt, den Tod nicht anerkennen, ob sie nun sich selbst 
oder ein anderes Opfer ausersehen. Ihre Gewaltsamkeit ist die des sadi^ 



Die Iibidinöse Struktur des kriminellen Psychopathen 371 

stischen Narzißten auf analer oder oraler Grundlage. Ihre Einsicht aber ist 
die des Erwachsenen, der einmal so sein möchte wie ein ganzer Mann, wie 
die anderen, die er sieht. 

Ein Beispiel für phallischen Mord. Karfreitag 1936 wurde die verheiratete, 
junge Schriftstellerin Mrs. Nancy T. in New York tot in ihrer leeren Bade* 
wanne aufgefunden. Die Leiche war fast nackt und mit ihrem eigenen Unter* 
zeug stranguliert, ihre Hände waren mit einer Tapeziererschnur gefesselt. 
Merkmale von Notzucht wurden festgestellt. Mrs. T. war klein und zierlich, 
wog kaum 45 kg, lebte zurückgezogen und einfach. Zwei Wochen später 
wurde der Tapezierergehilfe Fiorenza, 26 Jahre alt, als ihr Mörder verhaftet. 
Fiorenza, ein kleines, schwaches Männchen, auffallend nett gekleidet, war 
wegen wiederholten Diebstahles von Automobilen und anderen Gegen* 
ständen vorbestraft und mit Bewährungsfrist aus der Strafanstalt entlassen 
worden. Er war das einzige Kind seiner verwitweten Mutter, als Tagträumer 
bekannt und muß ein empfehlendes, sogar einschmeichelndes Auftreten ge* 
habt haben. Obwohl sein Arbeitgeber wußte, daß er ein entlassener Sträfling 
war, nahm er ihn als Arbeiter an und hatte ihn gern, ebenso wie seine 
Frau. Beide konnten nicht glauben, daß er einer so furchtbaren Tat fähig sei. 
Das Auto brauchte er, um Mädchen auszuführen, immer andere; man sah 
ihn selten zweimal mit derselben. Seine Freunde berichteten, daß er sich mit 
lüsternen Blicken nach allen Mädchen umsah: ein rudimentärer Don Juan. 
Andererseits hatte er sich kurz vor seiner Tat mit einem ordentlichen Mäd* 
chen aus der Vorstadt verlobt. Zerfallende Bisexualitat ist ihm deutlich ins 
Gesicht geschrieben. Zu Mrs. T. kam er zuerst beruflich im Auftrag seines 
Meisters. Am folgenden Tag schlich er sich bei ihr ein und attackierte sie 
mit tödlichem Ausgang. Als sein Motiv gab er an, die Frau sei so schön 
gewesen, daß er sich vor Liebe nicht fassen konnte. Trotz seines ausführ* 
liehen Geständnisses ist der Hergang der Tat nicht ganz aufgeklärt worden. 
Er war klein und zart, sie aber war noch schwächer und so war die Möglich* 
keit des Angriffes gegeben. In die Wanne zwängte er die bewußtlose Frau 
vermutlich, um Tod durch Ertrinken vorzutäuschen, führte aber diesen Plan 
nicht zu Ende, sondern lief davon. Psychiater erklärten ihn für zurechnungs* 
fähig im Sinne des Gesetzes und so wurde er zum Tode verurteilt. Lange 
vor seiner Mordtat war er wiederholt von Psychiatern untersucht worden, die 
ihn als Psychopathen und sogar als einen „potentiellen Psychotiker" be* 
schrieben. 

Nach allem, was wir über den bisexuellen Selbstmörder und den aggres* 
siven (paranoiden) Homosexuellen wissen, ist die Vermutung gestattet, daß 
Fiorenza in seinem Opfer seine eigene feminine Komponente, seine eigene 
nach außen projizierte Weiblichkeit ermordet hat. Er liebte sie, weil sie ein 
Teil seines eigenen Ichs war. Er will sie aber auch los werden, weil sie ihn 
aus dem Unbewußten bedrängt. Das schwache Persönchen bat ihn mit auf* 

24* 



372 Fritz Witteis 



gehobenen Händen, ihr nichts zuleide zu tun. Das verstärkte seine Aggres** 
sion. Sie war schwach, so war er stark: jetzt schien die Zeit gekommen, um 
das Weib, die Weiblichkeit los zu werden. 

Typisch für diese Gruppe — nicht nur von Mördern sondern für alle 
Psychopathen dieser Art — ist das Doppelleben, die Dr. JekylkHyde^Figur, 
die man immer wieder beobachten kann. Fiorenza ist ein braver, Hebens^ 
würdiger Arbeiter, der ein ehrsames Mädchen zum Altare führen will und 
den alle schätzen/Vorher war er ein Dieb, nachher wird er zum Mörder. 
Keiner kann den ehrlichen Mann so überzeugend spielen wie der Hoch* 
Stapler. Er schaut uns gerade in die Augen, schüttelt uns kräftig die Hand, 
eine Stütze der Gesellschaft durch und durch. Dieser Zustand kann sogar 
ohne Unterbrechung Jahre lang dauern. Aber das ist selten. Jedenfalls war 
er vorher und ist er nachher ein Gauner. 



1908 hat Freud einen Aufsatz über „Hysterische Phantasien und ihre Be* 
ziehung zur Bisexualität" veröffentlicht. Dort lesen wir, daß das hysterische 
Symptom der Ausdruck einerseits einer männlichen, andererseits einer weib* 
liehen, unbewußten sexuellen Phantasie sei. Dies aber sei nicht immer der 
Fall, weil das hysterische Symptom nicht immer diese komplizierte Struktur 
erreicht. „Oft lassen sich die Symptome der Hetero* und der Homosexualität 
so scharf von einander scheiden, wie die hinter ihnen verborgenen Phan* 
tasien/' Diese niedrigere (noch nicht unifizierte) Stufe der Symptombildung 
geht — wie ich glaube — auch auf eine niedrigere Stufe der Fixierung zurück: 
außer der ödipalen Vollhysterie gibt es auch die präphallische Form. Dieser 
mehr unbändigen, von wenig Verdrängung umlagerten Triebstufe ist wohl 
auch zuzuschreiben, was Freud in dem gleichen Aufsatz hervorhebt, näm* 
lieh der „Fall, daß Hysteriker ihre Phantasie nicht als Symptom, sondern 
in bewußter Realisierung zum Ausdruck bringen und somit Attentate, Miß* 
handlungen, sexuelle Aggressionen fingieren und in Szene setzen/' 

Hier haben wir ja unseren präphallischen Psychopathen und von hier führt 
auch ein Weg zu psychoanalytischem Verständnis des Verbrechers im allge* 
meinen. Die Frage, warum sich Neurotiker mit ubw phantasierten ,Ver* 
brechen begnügen, andere diese universellen Tendenzen auf das Großartigste 
sublimieren wie etwa Dostojewski, wieder andere jedoch wirkliche Ver* 
brecher werden, ist in der Psychoanalyse bisher immer nur metapsychologisch 
und ganz allgemein dahin beantwortet worden, der Unterschied liege in der 
Ökonomie. Ob nicht der Unterschied darin liegt, daß der Verbrecher 
in der präphallischen Phase wurzelt, in der die Triebhaftigkeit 
und die Bisexualität des kleinen Menschen die höchste Stärke erreicht, ohne 
noch viel vom normalen Ödipuskomplex und der Vaterautorität zu wissen, 
die manchmal Übersieh genannt wird? Das wäre natürlich nur die einfachste 



r 



Die libidinöse Struktur des kriminellen Psychopathen 373 

Form von Verbrechern. Der Verbrecher aus Schuldgefühl, der berufsmäßige, 
der Ödipusverbrecher und die anderen auf später Stufe sich entwickelnden 
Verbrecher haben eine kompliziertere Struktur. Zur Tat schreiten aber wahr* 
scheinlich alle auf dem Wege einer Regression zur Phallik. 



Die Erkenntnis des Fixierungspunktes der mehr oder weniger kriminellen 
Psychopathen in der präphallischen Phase hat große praktische Bedeutung 
für Prophylaxe und Therapie. Die Prophylaxe muß sich dem Lebensalter 
zwischen drei und fünf Jahren zuwenden und dort Schwierigkeiten erkennen 
und beseitigen. Auffallend häufig sind Psychopathen einzige Kinder, Älteste, 
die lange einzig blieben, spät Geborene, die dann entweder unerwünscht 
kamen oder im Gegenteil übermäßig verhätschelt wurden. Wesentlich ist 
die Beachtung des Wunsches nach doppelter Triebbefriedigung, die in der 
bisexuellen Anlage begründet ist. Da wir in unserer Kultur Homosexualität 
zu vermeiden wünschen, muß die sexuell unerwünschte Komponente besonn 
ders behandelt werden. Das gilt wohl für alle Kinder, aber für das phallisch 
bedrohte Kind besonders. Es braucht ein gewisses Ausmaß von Zärtlichkeit 
und daneben lustvoll empfundene Aktivität. Koedukation beider Geschlechter 
ist durchaus zu befürworten. Moderne Erziehung geht ja ohnehin nach dieser 
Richtung und ich wiederhole nur, was wir bei Pädagogen lesen und hören 
können. Neu ist vielleicht die bewußte Erkenntnis, daß wir einem bisexuellen 
Drang gegenüberstehen, der in die erwünschte fixierte Heterosexualität über^ 
geleitet werden muß. 

Viel schwieriger ist die Therapie des erwachsenen PhalHkers. Sie wird, wie 
wir gehört haben, von manchen Kennern für hoffnungslos erklärt 14 Das 
stimmt nicht ganz mit meinen Erfahrungen überein. Man wird niemals im** 
stände sein, aus einem Phalliker einen zwangsneurotischen Pflichtmenschen 
zu machen. Aber das ist ja nicht nötig. Wir wollen zunächst Fälle von 
„Spontanheilung 44 ansehen. In zwei von den zitierten Fällen trat mindestens 
lang dauernde Normalisierung ein, als die phallischen Wünsche in glück* 
liehen Ehen zur Erfüllung gelangten (Fälle Abraham und Kielholz). 
Erfüllung allein kann aber nicht dauernd heilen, weil phallische Wünsche 
selbst nicht dauerhaft sind, sondern aufgegeben werden. Auch die Er* 
füllung wird dem Phalliker „zu dumm 44 , weil er schwach ist in Erkennung 
und Fixierung an das Objekt. Eine gewisse Erfüllung werden wir wohl an** 
zustreben haben, denn Verzicht und Versagung kann der Phalliker viel 
schlechter vertragen als der Normale. Es muß aber noch etwas Fixierendes 
hinzukommen, das ist: ein Über*Ich*Ersatz, 

14) Unbegreiflich ist mir Wilhelm Reichs strahlender Optimismus (siehe seine „Cha* 
rakteranalyse", 1933, S. 232 f). Aber er meint wohl überhaupt mit seinem „phallisclv 
narzißtischen Charakter" etwas anderes, als was hier beschrieben wird. 



11 ■■ 



374 Fritz Witteis 



Dieser Ersatz muß naturgemäß von außen wirken und der Phalliker muß 
sich vor ihm fürchten. Wenn er sich zu viel fürchtet, läuft er davon, verübt 
wohl auch gelegentlich Selbstmord. Er muß libidinös in seiner Furcht ver* 
strickt sein. Wie man das macht, hat Aichhornin seiner unnachahmlichen 
Art wiederholt gezeigt. Es gibt Ehegatten, Männer und Frauen, die diese 
Bürde, ein Leben lang das Übersieh zu ersetzen, tatsächlich auf sich ge* 
nommen haben. Sie konnten das tun, weil sie ihre psychopathischen Frauen 
dder Männer liebten. Liebenswürdig genug sind ja diese Typen oft, Hebens* 
würdig und unerträglich, wenn man sie nicht liebt. Solche Ehen 
sind stürmisch und es geht dabei nicht so zu, wie bürgerliche Moral 
das wünschen würde. Man muß solchen Frauen ein größeres Ausmaß sexu* 
eller Freiheit gewähren (und sie dazu sogar ermutigen), als die normale Ehe 
es verträgt. Das gleiche gilt vom präphallischen Mann, dem etwa mit Eifer* 
sucht zu kommen ganz verfehlt wäre. 

Phalliker müssen erfolgreich sein und glänzen. Berufe wie Theater, Politik, 
Rednerglanz kommen in Frage. Sie taugen ja eigentlich für keinen Beruf; 
manchmal sind sie erfolgreich, gespornt von ihrem Liebespartner, von dem 
sie sich nicht frei machen können, weil sie sadomasochistisch verstrickt sind. 
Sogar die Prostitutierte ist ihrem Zuhälter folgsam, die hysterische Prima* 
donna einem geliebten und furchtbaren Regisseur. Wenn dieses optimale 
Verhältnis zwischen dem Psychopathen und seinem Bändiger lange anhält, 
zehn Jahre, zwanzig Jahre, dann kann eine verspätete Einwanderung des 
Über*Ichs erlebt werden; aus dem Psychopathen ist ein Mensch geworden. 

Der Psychopath ist oft hochbegabt. Den spanischen Stiefeln der Erziehung 
ist er entkommen und so bewahrt er den ungebrochenen Verstand eines ge* 
scheiten Kindes, wenn er ein gescheites Kind war. So hat er oft beruflichen 
Erfolg mit seinen Versuchen» so kurzlebig sie auch sind. Manchmal verdient 
er viel Geld und erwirbt anale Fixierungen. Oder er triumphiert in anderen 
Formen der Aggression, die von der Gesellschaft honoriert werden. Es hat 
sogar Psychopathen gegeben, die bis an das Ende ihrer Tage eine glänzende 
Rolle gespielt haben. 

Diese dem Leben abgelauschte Heilmethode werden wir Psychothera* 
peuten so weit als möglich nachzuahmen haben. Die klassische Psychoanalyse 
ist beim Phalliker ohne Zweifel anwendbar, insoferne er unbewußte Kon* 
flikte hat, die man bewußt machen kann. Sie reicht aber nicht aus, weil der 
Phalliker nicht aus einer normalen Realität in die Neurose flüchtet, sondern 
aus einer psychopathischen, in die er zurückfällt, wenn man seine neuro* 
tischen Hemmungen abbaut. Er hat alle Ursache, sich vor solcher Befreiung 
zu fürchten. Ausgenommen sind leichte und flüchtige, gewöhnlich mono* 
symptomatische Fälle in der Pubertät und kurz danach oder gar Kinder, bei 
denen Psychoanalyse Erfolge erzielt. Später ist besondere Kunst vonnöten 
und wird oft zuschanden. Das sind die Analysen, die endlos lang sind und 



Die Iibidinöse Struktur des kriminellen Psychopathen 



375 



für deren Dauer wir oft getadelt werden. Die Übertragung trägt den Psycho*» 
pathen, solange er in Analyse ist, und nicht länger. Er weiß das und klammert 
sich an seinen Arzt. Wir wünschten, die Übertragung sähe anders aus! Der 
Enderfolg hängt davon ab, ob er imstande ist, seine zerfallenden Polaritäten 
zu einer Gesamtpersönlichkeit zu binden. Solcher Enderfolg, wenn er über* 
haupt kommt, kommt spät. In der Regel dauern Analysen von Psychopathen 
sehr kurz. Sie brechen aus, bevor irgend eine Übertragung entwickelt ist, die 
diesen Namen verdient. 



Die Rolle der „Verschiebung" bei der Straßen* 

angst 

Von 

Anny Katan^Angel 

Wien 

Die nachfolgende Arbeit beschäftigt sich mit einer Abwehrmethode, die, 
wie mir scheint, sowohl in einer bestimmten Phase der psychischen Entwick* 
lung Gesunder, als auch bei bestimmten Neurosen eine wichtige Rolle spielt. 

Ich möchte mit einer analytischen Beobachtung beginnen. 

Ein 14Vs jähriges Mädchen ist seit 3V 2 Jahren mit sehr großen Unterbrechung 
gen in Analyse. Sie war wegen Verwahrlosungserscheinungen und Freßsucht zum 
Therapeuten gebracht worden, die Behandlung hatte einen günstigen Verlauf ge* 
nommen und die kleine Patientin hatte ihre Symptome verloren. Die Pubertät 
setzte plötzlich und stürmisch ein; mit 14 Jahren machte die Patientin einen 
voll entwickelten Eindruck. In der Analyse war im wesentlichen die Mutterbe* 
ziehung im Vordergrund gestanden (es handelt sich um ein mutterloses Kind). 
Die größten Schwierigkeiten hatte die Besprechung der Onanie bereitet. Die Pa* 
tientin war gezwungen, sie zu leugnen. Erst im letzten Halbjahr leugnete sie sie 
nicht mehr, ohne sie aber schon völlig zugeben zu können; doch begann sie Träume 
und Onaniephantasien zu berichten, die sehr deutlich zeigten, wie stark das MäcU 
chen sich nun mit ihrem Vater beschäftigte. Zugleich hatte sie Beziehungen zu 
Jungen angeknüpft und konnte mir bald von einer gegenseitigen Verliebtheit 
berichten. Die Beziehung zu mir war eine ausgezeichnete, sehr vertrauliche, und 
man konnte erwarten, die Analyse werde rasch vorwärtsgehen und bald beendet 
sein; da geschah etwas Unerwartetes: Strahlend liebenswürdig, mitten im besten 
Einvernehmen kündigte die kleine Patientin die Analyse. 

Es gebe Phantasien mit dem Jungen, sehr schöne, sehr angenehme, sie werde 
sie mir auf keinen Fall mitteilen. Sie seien einfach zu privat dazu, vielleicht einmal 
viel später, heute aber wisse sie sicher, es sei unmöglich. Darin werde und könne 
sie sich einfach nicht stören lassen. Und da sie wisse, daß eine Analyse dann 
nicht gehen könne, wenn man etwas zurückhalte, es schade wäre um ihre und 
meine Zeit, schlage sie vor, jetzt einmal abzubrechen. Während sie sonst bei ahn* 
liehen Anlässen nach Überwindung der gewöhnlichen Widerstände; bereit war, 
ihre zurückgehaltenen Phantasien mitzuteilen, schien sich hier eine neue 
Schwierigkeit zu erheben. 

Zuerst war ich freilich versucht, im Verhalten der Halbwüchsigen einen ihrer 
früheren Widerstände zu sehen, den man bald imstande sein würde, zu be* 
siegen. Bald aber mußte ich den Irrtum einsehen; es handelte sich offenbar nicht 
um einen der gewöhnlichen Widerstände. Dagegen sprach vor allem das Ver* 
halten der Patientin mir gegenüber und in der Außenwelt. Weder die Beziehung 
zu mir, noch die zur Pflegemutter hatte die leiseste Trübung erfahren, noch war es 
zu irgendwelchen Konflikten in der Schule oder sonstwo gekommen, wie es zu 
solchen Zeiten sonst unweigerlich bei ihr der Fall gewesen wäre. Sie hatte auch 
volle Einsicht für die Situation, dachte gar nicht daran, sich eines ihrer gewohnten 



Die Rolle der „Verschiebung" bei der Straßenangst 377 

Abwehrmechanismen zu bedienen. In aller Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit 
blieb sie unerschütterlich fest und überzeugt, sie wolle jetzt nicht gestört werden. 
Es blieb gar nichts anderes übrig, als sich im besten Einvernehmen zu trennen 
und die Türen für den Rückweg der Patientin in die Analyse möglichst weit 
offen zu halten. 

Das Merkwürdigste bei der Sache war, daß ich selbst immerfort dasi Ge** 
fühl nicht los wurde, die halbwüchsige Patientin könne gar nicht anders han* 
dein, sie habe sozusagen recht, keineswegs mutete das Verhalten der Kleinen 
pathologisch an, sondern ausgesprochen gesund. 

In dem Gefühl, das Verhalten meiner Patientin entspreche ihrer Pubertäts* 
entwicklung, wurde ich noch bestärkt, als ich erfuhr, daß Kollegen mit Puber* 
tätsf allen ganz Ähnliches erlebt hatten; der Abbruch der Behandlung in 
diesem Alter und unter ähnlichen Umständen schien also häufig, vielleicht 
sogar typisch zu sein. Und doch hätte ich von mir aus die Analyse keines?* 
wegs abbrechen wollen. Zu gut kannte ich das Stück Weg, das noch unbe* 
schritten war und zurückgelegt werden sollte. 

Was aber war bei meiner Patientin also vorgegangen? Es schien zunächst 
naheliegend, die Flucht gelte mir, dem Inzestobjekt in der Übertragung. 
Wäre das der Fall gewesen, so hätte aber die Beziehung der Patientin zu mir 
keinesfalls ungestört bleiben können; sie hätte böse werden oder SchuIcU 
gefühle oder Ähnliches mehr zeigen müssen. 

Dann war die Versuchung groß, all das sehr selbstverständlich und die 
Frage sehr überflüssig zu finden. Das Mädchen war ja eben im Begriffe, 
erwachsen zu werden, das heißt sich vom ursprünglichen Inzestobjekt los* 
zulösen und ein neues Objekt zu finden. 

Aber warum hatte die Analyse sie dabei so sehr gestört, daß sie das außer* 
halb der Behandlung vollbringen mußte? 

Keineswegs konnte es Mißtrauen oder Angst mir gegenüber sein; die Be* 
ziehung war ausgezeichnet, die Patientin hatte mich seit ihrem Abbruch in 
einer schwierigen Frage, die mit der Liebesgeschichte nichts zu tun hat, von 
selbst aufgesucht, die Lage und ihre Konflikte besprochen und bereitwillig den 
Rat befolgt, den ich ihr in dieser aktuellen Situation gegeben hatte. Sie hatte 
keine Gelegenheit versäumt, Grüße zu schicken, Blumen zu bringen, mich 
vertraulich und offen zu begrüßen. Es war bald klar, daß man, um zu ver* 
stehen, was meiner Patientin an dieser Stelle die Analyse unmöglich ge* 
macht hatte, untersuchen mußte, welche Vorgänge die Loslösung vom Inzest* 
objekt und die neue Objektfindung zustandebringen. 

Es ist bekannt, daß es in der Pubertät zu einer Neuauflage des Ödipus** 
konfliktes kommt. Die Gefahr, in die das Ich des Jugendlichen dabei gerät, 
scheint außerordentlich groß zu sein. Seine erstarkten Triebe drängen zur Be* 
friedigung, seine Phantasien und Wünsche drängen zum Bewußtsein. In 
dieser bedrängten Situation, in der dem Ich von Übersieh, Es und Außen** 



378 Anny Katan= Angel 



weit Gefahr droht, kann das Ich seine Abwehr in zweierlei Weise betätigen: 
Gegen den Trieb und gegen das Objekt. 

Wir finden im Buche AnnaFreuds „Das Ich und die Abwehrmecha* 
nismen" 1 den schweren Kampf geschildert, den das Ich in der Pubertät gegen 
seinen Trieb führt, und mannigfache Abwehrmethoden, deren es sich dabei 
bedient. Bedingung der gesunden Entwicklung des Jugendlichen ist aber 
das Mißlingen dieser Abwehr gegen seinen Trieb. Die Abwehr des 
gesunden Pubertäts*Ichs muß in einem gewissen Sinne mißlingen und der 
Trieb schließlich im Kampf siegreich bleiben. 

Erinnern wir uns an dieser Stelle daran, was zwar nicht das einzige, aber 
das Hauptmotiv für die Triebabwehr des Jugendlichen ist. Es ist die Ver* 
bindung seines Triebes mit den Inzestphantasien. Durch die mißlungene 
Triebabwehr des gesunden Jugendlichen müßte also gerade das eintreten, 
wogegen er sich am meisten wehren muß: der Inzest Diese Aussöhnung mit 
dem Trieb, wie wir sie erwarten, kann nur unter anderer Bedingung vor sich 
gehen, der endgültigen Veränderung des Triebobjektes. Das Ich bedient 
sich bei dieser Abwehr gegen das Inzestobjekt der Verschiebung. 
Die Trieb wünsche werden vom Inzestobjekt auf fremde Objekte verschoben. 
Erst wenn diese Abwehr gelungen ist, kann man von einer Loslösung des 
Jugendlichen von seinen alten Objekten und einer neuen Objektfindung 
sprechen. 

Die notgedrungen schematische Darstellung dieser Vorgänge könnte zur 
irrigen Meinung führen, ich denke an eine zeitliche Aufeinanderfolge dieser 
Abwehrmethoden. Ich glaube, daß eine solche Ansicht falsch wäre, und 
könnte mir am ehesten ein Hin und Her und Ineinandergreifen des Kampfes 
der verschiedenen Triebvorgänge vorstellen. 

Bei näherer Überlegung und Beschäftigung mit diesem Verschiebungs* 
Vorgang, dem eine so wichtige Rolle in der Entwicklung Gesunder zuzufallen 
scheint, stellen sich bald Zweifel ein, ob der oben beschriebene Abwehr* 
Vorgang sich wirklich mit dem völlig deckt, was wir gewohnt sind unter 
Verschiebung zu verstehen. Beim Vorgang der Verschiebung finden wir 
keine bestimmte vorgezeichnete Richtung, in der verschoben werden muß. 
Wir kennen Verschiebungen vom Inzestobjekt weg auf andere fremde Ob* 
jekte; aber wir kennen Verschiebungen auch in umgekehrter Richtung, Fälle, 
bei denen Ärger, Zorn oder andere Affekte, gleichgültigen Objekten gel* 
tend, dort nicht erlebt werden, sondern erst etwa auf die Mutter rückver* 
schoben, sich Luft machen. Bei dem Abwehrvorgang in der Pubertät hin* 
gegen handelt es sich um einen einmaligen Vorgang der Verschiebung in 
einer ganz bestimmten Richtung, nämlich weg vom verbotenen Inzestobjekt 
auf fremde, gefahrlose Personen. Es ergibt sich bei näherer Betrachtung noch 



i) Int. Psa. Verlag, Wien, 1936. 



Die Rolle der „Verschiebung" bei der Straßenangst 379 

ein weiterer Unterschied in Bezug auf das Verschobene. Während es sich 
nämlich bei der Verschiebung um ein Hin* und Herverschieben aller Arten 
von Affekten und Konflikten handelt, scheint es sich bei dem Pubertätsvor* 
gang ausschließlich um die Abwehr von Inzestwünschen zu handeln, die 
bei steigender Triebgefahr, da die Realisierung der Inzestbeziehung droht, auf 
fremde Objekte verlegt werden müssen. Ich würde also vorschlagen, für diesen 
speziellen Fall von Verschiebung den Ausdruck „Wegverlegen" zu ge* 
brauchen. 

Es scheint wohl berechtigt, einen neuen Ausdruck für den beschriebenen 
speziellen Vorgang zu verwenden. Es handelt sich hier nicht um die Beweg* 
lichkeit oder Verschiebbarkeit der Libido an und für sich, im Sinne des 
Primärvorganges, sondern um einen einmaligen Schub, der im Normalfall 
überhaupt nicht mehr in die Richtung des Inzestes rückgängig gemacht wird. 

So wie es sich in der ersten Libidoentwicklung des Kindes, bei seinem Hin* 
und Herschwanken zwischen den einzelnen prägenitalen Richtungen, nicht 
nur um ein Hin* und Herschwanken, Flüchten und Ausweichen handelt, 
sondern im großen und ganzen um "aneinandergereihte Entwicklungsschübe, 
so meine ich, kann man auch in der Pubertät bei dem von mir beschriebenen 
Vorgang der Objektfindung nicht einfach von Verschiebung sprechen. Der 
Fortschritt von der inzestuösen Objektwahl zur Auswahl eines „fremden" 
Liebesobjektes bedient sich zwar dieses alten Mechanismus der Verschiebung 
(man könnte auch sagen, der dem primitiven Trieb eigenen Fähigkeit, sich 
verschieben zu lassen); was zustandekommt, ist zwar, von Seite der Verv* 
gangenheit gesehen, Bewältigung einer vorangegangenen Phase, von der 
Gegenwart des Jugendlichen aus gesehen aber ein Entwicklungsvorstoß in 
der Richtung der endgültigen Gestaltung des erwachsenen Sexuallebens. 
Im Idealfall wären bei der Objektfindung des Herangewachsenen kaum mehr 
infantile Züge beteiligt, sondern ein Vorgang käme zustande, der weitgehend 
befreit vom infantilen Vorbild den realen und aktuellen Bedürfnissen des 
Individuums angepaßt wäre. 

Wie man also das Fortschreiten von der oralen zur analen Stufe nicht er* 
klären kann aus einem Widerstand gegen die ursprüngliche Besetzung, son* 
dem aus einer vorgezeichneten Verlockung des Neuen, so schreitet der ge* 
sunde Jugendliche weg von der Vergangenheit auf eine neue Stufe fort, die 
Stufe einer neuen Objektfindung. 

Freud weist in einer Fußnote in „Hemmung, Symptom und Angst" 2 
darauf hin, daß er in seiner Studie über den Untergang des Ödipus* 
komplexes auf den Unterschied zwischen der bloßen Verdrängung und der 
wirklichen Aufhebung eines alten Wunsches aufmerksam geworden sei. 

Es beginnen sich nach diesen Überlegungen Zweifel zu regen, ob in der 

2) Ges. Sehr., Bd. XI, S. 83. 



!' 



380 Anny Katan* Angel 



Kindheit eine wirkliche Aufhebung dieser Wünsche stattgefunden haben 
kann. Wäre dies der Fall, könnte es in der Pubertät nicht normalerweise zu 
einer Neuauflage der Ödipuswünsche kommen. Darnach müßte man an* 
nehmen, daß es in der Kindheit im besten Fall zu einer gelungenen Ver* 
drängung dieser Inzeststrebungen kommt, die im Unbewußten erhalten 
bleiben. Erst in der Pubertät, nach Bewältigung der Neuauflage des ödipus* 
komplexes also, werden die alten Strebungen mit Hilfe des von mir geschil* 
derten Vorganges wirklich verlassen, d. h. sie verlieren nicht nur ihre Wirk* 
samkeit, soweit das bewußte Leben reicht. Die Veränderung erstreckt sich 
diesmal bis in das Bereich des Unbewußten. Der Fortschritt vollzieht sich 
auch im Es. Die alten Objekte werden der ihnen anhaftenden Besetzung 
entkleidet und rücken dadurch in ihrer Bedeutung für das Sexualleben in 
den Hintergrund. 

Nicht immer natürlich gelingt dem Jugendlichen dieses Wegverlegen völlig 
und gleich. Seine ersten Liebesobjekte tragen noch oft die Spuren des Inzest* 
objektes; mehr oder weniger deutlich kommt es zur Wahl nach dem ur* 
sprünglichen Vorbild; oder aber wir finden eine Gegensatzwahl: das Objekt 
darf nicht einen Zug des ursprünglichen aufweisen, muß den vollkommene 
sten Gegensatz desselben darstellen. Im ersteren Fall würden wir eine gerinn 
gere Abwehr vermuten, während die Wahl des betont Fremden, Gegensatz* 
liehen auf eine stark abgewehrte, noch bestehende Bindung eines Teiles der 
Libido an das Inzestobjekt schließen läßt. Wir wissen, wie oft diese Wahl 
nach Typen im Leben weiter bestehen bleibt und zur Liebesbedingung wird. 
Diese Fälle bilden den Übergang zwischen der normalen Objektfindung und 
der völligen Störung dieses Vorganges. 

Nehmen wir nun den Fall eines neurotischen Jugendlichen, der mit seinem 
Trieb verfeindet ist und bleibt. Gelingt seine Abwehr gegen den Trieb mit 
Hilfe der Verdrängung nur weitgehend genug, wobei die sinnlichen Stre* 
bungen unbewußt werden und nur die zärtlichen zum Bewußtsein zugelassen 
sind, dann kann er sich die Wegverlegung sparen, er bleibt im realen Leben 
an sein ursprüngliches Objekt fixiert. Für das Bewußtsein sind Trieb und 
Objekt getrennt, der Inzest vermieden, im Unbewußten sind Trieb und Ob* 
jekt vereint und der Inzest zustandegekommen. 

Wir haben den aus der Praxis so wohlbekannten Fall vor uns, ; des „Mutter* 
söhnchens" etwa, um ein Beispiel herauszugreifen, das in kindlich harmloser 
und völlig infantiler Weise an seiner Mutter hängt und bei dem es im Ex* 
tremfall niemals zur Findung eines Objektes, oft niemals zum Sexualver* 
kehr gekommen ist. 

Wir kennen andere Fälle, meist noch schwerere, in denen die Abwehr sich 
gegen beides richtet; die in gleicher Weise mit ihrem Trieb und dem ur* 
sprünglichen Objekt verfeindet zur Einsamkeit gezwungen sind. 




Die Rolle der „Verschiebung" bei der Straßenangst 381 

Der entgegengesetzte Fall wäre, daß der Jugendliche nichts abwehrte, 
weder Trieb, noch Objekt. Das Resultat in solchen Fällen wäre eine Inzest* 
beziehung, die ja dann und wann vorkommt. 

Große Schwierigkeiten bietet uns oft die Behandlung gerade jener Neu* 
rotiker, die an ihr Inzestobjekt völlig fixiert erscheinen. In manchen Fällen, 
in denen etwa die Mutter noch am Leben ist und der Sohn mit ihr zusammen 
lebt, bringt der Patient kaum eine tragfähige Übertragung zustande. £s 
kommt die Analyse erst in Gang, wenn es gelungen ist, eine räumliche Tren* 
nung zwischen dem Patienten und seinem Inzestobjekt herbeizuführen. 

Wir kennen aber auch Fälle völlig anderer Art; ich meine jene Patienten, 
die ganz besonders stürmisch auf den Analytiker übertragen, ihre Trieb* 
wünsche merkwürdig ungehemmt an ihn geheftet äußern, aber jedem Ver* 
such von Seiten des Arztes, den Übertragungscharakter dieser Wünsche auf* 
zuzeigen, sie also von ihm auf das ursprüngliche Objekt zurückzuverlegen, 
den energischesten Widerstand entgegensetzen. 

Dies scheint mir eine Bestätigung für die früher geschilderten Verhält* 
nisse. Das eine Mal ist der Trieb verdrängt. Der Patient kann bei seinem In* 
zestobjekt bleiben, aber in der Analyse hat er den Trieb zur Übertragung 
nicht zu seiner Verfügung. Im anderen Fall ist der ganze Trieb frei und sucht 
ein fremdes Objekt, das sich ihm dann in der Person des Analytikers bietet. 

In diesen Fällen ist der Mechanismus der Verschiebung der Übertragung 
zugute gekommen und der Patient setzt sich mit aller Energie gegen das 
Rückgängigmachen dieses Mechanismus zur Wehr. Wir wissen, daß >so 
mancher Patient in diesem Kampfe siegt und die Analyse scheitert. 

Aber nicht nur die Übertragungsdeutung, sondern die von uns ange* 
wendete analytische Technik überhaupt zwingt unsere Patienten, Wege, die 
sie in bestimmter Richtung gegangen sind, in umgekehrter Richtung zurück* 
zulegen. So viel unserer analytischen Technik richtet sich gegen den Verschie* 
bungsvorgang. Das Hinausverlegte wird an den zentralen Ort zurückgeführt. 
Die ganze Übertragungsdeutung richtet sich gegen den Mechanismus der Ver* 
Schiebung. Wir sprechen ja auch von einem Zurückführen, Zurückdeuten 
des aktuellen Neuen auf das ursprüngliche alte Erleben. 

Bei Analysen in allen Lebensaltern finden wir diese der Analyse zuge* 
hörigen Schwierigkeiten, in der Pubertät bekommt man es mit der ganzen 
Stärke des Entwicklungsschubes zu tun, der der Analyse entgegenwirkt. 

Es ist nun an der Zeit, zu unserer Vierzehnjährigen zurückzukehren. Die 
Analyse hatte zu einer weitgehenden Aussöhnung der kleinen Patientin mit 
ihrem Triebleben geführt, es kam zu einer normalen Pubertätsentwicklung. 
Das Zustandekommen der Verliebtheit war ein Erfolg der Objektverlegung. 
Die Analyse dieser Verlegung aber hätte die Rückverlegung auf das Inzest* 
objekt bedeutet; sie hätte ihr also den Anteil ihrer Liebe bewußt gemacht 




382 Anny Xatsn- Angel 



und vor Augen gehalten, der Reproduktion ist, damit wäre aber das, was an 
Inzestangst diesen gesunden Vorgang bedroht, in den Vordergrund gerückt 
worden. 

Auch bei völlig Gesunden kommt es normalerweise in der Pubertät zu 
einem Schwanken zwischen dem infantilen Alten und dem gesunden Neuen, 
Viel stärker müssen wir dieses Schwanken bei unseren, wenn auch weit* 
gehend triebbefreiten, jugendlichen Patienten finden. Das Bewußtmachen 
der Inzestwünsche meiner kleinen Patientin hätte als Versuchung oder Ver* 
lockung zum Rückfall gewirkt und somit als Gegenkraft gegen das gesunde 
Verlassen der alten Objekte. Die Analyse kann nur den Anteil des Vor** 
ganges gebrauchen, der Reproduktion ist, die Patientin aber erlebte das Pro* 
gressive, Produktive des Vorganges. Es war Progression und Flucht in einem. 

Man versteht nach dieser Betrachtung, warum diese Flucht von Anfang 
an einen gesunden Eindruck gemacht hatte. 

Ich glaube, daß meine Ausführungen geeignet sind, ein Streiflicht zu 
werfen auf den Unterschied zwischen Übertragungsliebe und Liebe im ge* 
wohnlichen Sinne. 

Mit Ausnahme von Jekels und Bergler, die in ihrer Arbeit „Über* 
tragung und Liebe 1 * 3 die Auffassung vertreten, die Übertragungsliebe unter* 
scheide sich von der Liebe sehr wesentlich dadurch, daß das Objekt der 
Übertragung nicht allein Liebes*, sondern in vielleicht noch höherem Maße 
Angstobjekt sei, nimmt man in der analytischen Literatur keine wesent* 
liehen Unterschiede zwischen Übertragungsliebe und Liebe an. Zu ent* 
scheiden, wie weit die Feststellung von Jekels und B e r g 1 e r meine Auf* 
fassung bestätigt, möchte ich der Diskussion überlassen. 

Ich möchte hier die Unterschiede unterstreichen, die mir am wichtigsten 

erscheinen. Während, wie ich oben ausgeführt habe, der gesunde Jugend* 

liehe, der zu lieben beginnt, eine neue Stufe seiner Entwicklung erreicht mit 

Hilfe eines Vorganges, der infantile Strebungen verlassend der realen Außen* 

w r elt zugewendet ist, liegt es ja gerade im Wesen der Übertragung, die Ver* 

gangenheit möglichst naturgetreu zu reproduzieren. Im Idealfall der Been* 

digung unserer Analysen erwachsener Neurotiker müssen wir fordern, daß 

dieser von mir beschriebene Pubertätsentwicklungsvorgang nachgeholt werde. 

Statt zu übertragen, d. h. zu reproduzieren, soll der geheilte Patient die Fähig* 

keit erhalten haben, zu lieben. 

* 

Ich habe mich bisher mit einem Vorgang der normalen Pubertatsentwick* 
lung beschäftigt, der im Idealfall zum Verlassen der alten infantilen Ob* 
jektbeziehungen führt. Ich schildere nun einen Fall, der statt des Gelingens 
das Mißlingen derselben und ähnlicher Vorgänge in der Objektbesetzung 



3) Imago, Bd. XX, 1934. 



Die Rolle der „Verschiebung" bei der Straßenangst 383 

illustrieren kann. Ich lasse bei der Beschreibung des Falles daher meinen 
neuen Terminus wieder fallen und bediene mich wieder des uns geläufigen 
Ausdruckes der Verschiebung, 

Es handelt sich um einen Fall von Straßenangst und ich möchte, um mich ver* 
ständlich zu machen, so kurz wie möglich einiges schildern. 

Eine heute 41jährige Patientin ist bei mir seit einer Reihe von Jahren wegen 
schwerster Straßenangst in Behandlung, die seit dem 14. Jahr besteht. Die 
Gründe, warum sie die Behandlung erst so spät aufsuchte, lagen darin, daß sie 
selbst ihre Angst mit der Onanie in Beziehung brachte, die Angst ihr als Strafe 
oder Folge derselben erschien und jedes Geständnis ihres Symptoms für sie dem 
Onaniegeständnis gleichkam. Sie bekämpfte die Angst durch weitgehende Ver* 
meidungen, gab allmählich Beruf, Vergnügungen und Geselligkeit auf, bis 
schließlich die Angstanfälle auch in ihren vier Wänden aufzutreten begannen 
und sie, aus ihrer letzten Zufluchtsstätte vertrieben, die Analyse aufsuchte. 

Die Behandlung, deren genauen Verlauf zu schildern ich mir hier versagen 
muß, gestaltete sich äußerst schwierig und langwierig, da die Patientin außerdem 
noch an einer schweren Pseudodemenz litt, die es ihr ermöglichte, Deutungen 
oder Erklärungen überhaupt nicht zu verstehen. Die Analyse dieses Symptoms, 
das sich zum Widerstand besonders eignete, mußte vorangehen und war außer* 
ordentlich zeitraubend. 

Die Geschichte ihrer Angst war etwa folgende: 

Schon als drei* bis vierjähriges Kind hatte sie schwere Angstanfälle bei Nacht, 
Angstträume und nächtliches Schreien. Sie schlief bis zum zehnten Jahr im 
Schlafzimmer der Eltern. Von da an im Nebenzimmer hinter einer dünnen Tür. 
Von dieser Zeit an erinnerte sie sich, den Koitus der Eltern bewußt unter furcht* 
barer Angstentwicklung und Schweißausbrüchen belauscht zu haben. In ihren 
frühkindlichen Angstanfällen pflegte sie durch ihr Schreien den Vater an ihr 
Bett zu rufen, der sie dann durch Zärtlichkeiten beruhigte. 

Mit acht Jahren wurde sie von einer Schulkollegin zur Onanie verführt, die 
sie kurze Zeit allein, dann aber mit einem etwas jüngeren Mädchen betrieb. Bei 
diesen Spielen wurde der Koitus nachgeahmt, wobei meine Patientin immer die 
weibliche Rolle hatte. Im Alter von 14 Jahren hatte sie eine Pubertätsschwär* 
merei für eine Lehrerin. In einer Schulstunde, die ein Lehrer hielt, bekam sie 
plötzlich Angst, eilte aus der Klasse und hatte zum erstenmal den Gedanken: wie 
komme ich nach Hause. Zum erstenmal war die Vorstellung des Auf*die*Straße* 
gehens als Angstmoment aufgetaucht. In diesem Alter war das Spiel mit dem 
Mädchen aufgegeben worden. Sie onanierte allein und es tobte ein sehr typischer 
und fruchtloser Abgewöhnungskampf. Die Analyse dieser Schulsituation ergab, 
daß die Patientin sich in den Lehrer, der einen Bart trug, wie ihr Vater, verliebt 
hatte, und dies Gefühl, sowie die Untreue an der geliebten Lehrerin, ergaben den 
Konflikt, der dem Ödipuskonflikt nachgebildet und daher so unerträglich war, 
daß er mit Angst abgewehrt werden mußte. Warum die Verschiebung auf die 
Straße erfolgte, ist damit noch nicht erklärt. 

Die Angst war noch schwach, äußerte sich eher als Unbehagen, das sie auf der 
Straße empfand, sie vermochte es zu überwinden und alle Wege allein zu gehen. 
Im Alter von 16 Jahren trat die große Verschlimmerung ein. Die Patientin sollte 
eine Theatervorstellung besuchen, vor der sie Angst empfand, da sie den Inhalt 
des Stückes ungefähr kannte. Es dauerte lange in der Analyse, bis es gelang fest* 
zustellen, daß es sich um eine Reinhardtaufführung des „König Ödipus" im 



384 Anny KatansAngel 



Zirkus Busch handelte. Die Patientin, ihre um eineinhalb Jahre ältere Schwester 
und ein junger Mann nahmen an dem Theaterbesuch teil. Dieser junge Mann 
hatte zuerst unserer Patientin den Hof gemacht, war ihr aber dann von der 
Schwester abspenstig gemacht worden. Die drei Sitze im Theater waren nicht 
nebeneinander, sondern zwei waren nebeneinander, der dritte davon getrennt. 
Die Patientin überließ sofort dem jungen Mann und der Schwester die beiden 
Sitze und saß allein. Sie beobachtete von ihrem Platz aus die Zärtlichkeiten der 
beiden. Als die Gewissensangst des Ödipus anstieg, bekam die Patientin einen 
Angstanfall und empfand die Unmöglichkeit, länger zu bleiben. Sie mußte das 
Gebäude verlassen. Sie wollte aber das Paar keinesfalls stören, sondern eilte 
allein auf die Straße, Sie lief nun vor Angst hin und her taumelnd auf :den 
Praterstern, dort wollte sie jemanden ansprechen mit der Bitte, sie nach Hause 
zu begleiten. Sie traf auf ein Paar und sprach den Mann an. Aus diesem Grunde 
und wegen ihres Gebarens wurde sie offenbar von diesen Leuten für eine be* 
trunkene Dirne gehalten und als solche beschimpft. Sie taumelte in furchtbarer 
Angst nach Hause. Und von dem Erlebnis an datiert die vollausgebildete 
Straßenangst. Die Erklärung ihres Verhaltens konnte keine großen Schwierig* 
keiten machen. In ihrer frühkindlichen Angst hatte sie, wie wir schon früher 
gehört haben, durch Geschrei den Vater an ihr Bettchen gerufen. Dies hatte den 
Zweck, die Eltern zu trennen, einen Liebesakt zwischen ihnen zu verhindern. Es 
diente aber zugleich auch der Erfüllung ihrer eigenen verpönten Wünsche, der 
Vater solle mit ihr etwas ähnliches machen, wie mit der Mutter, ein Wunsch, der 
mit Angst abgewehrt werden mußte, zumal er mit dem Todes wünsch gegen die 
damals noch sehr geliebte Mutter verbunden war. Die weitere Analyse korri* 
gierte den Eindruck, als hätten die Kindheitsszenen einen so glücklichen Verlauf 
genommen, wie sie zuerst schilderte. Die Trennung der Eltern war für sie, wie 
wir später sehen werden, mit Angst und Schmerz verbunden. 

Während ihr nun bei der Ödipusvorstellung auf der Bühne die Gewissens* 
quälen des ödipus vorgeführt wurden, erlebte sie gleichzeitig die Konfliktsitua* 
tion ihrer frühen Kindheit nochmals. Sie muß enttäuscht und einsam zusehen, 
wie Schwester und Freund miteinander zärtlich sind. Während aber in der Kind* 
heit die Wünsche, den Vater von der Mutter zu trennen und für sich zu haben* 
sich noch weitgehend durchsetzten, werden sie nun zunächst von der Patientin 
abgewehrt. Sie läßt die beiden Partner vereint und flieht. Allein auf der Straße 
setzt sich das Abgewehrte dennoch durch. Sie trifft ein Paar und begeht die 
Symptomhandlung, den Mann anzusprechen. Das Verlangen, die beiden zu 
trennen und den Mann für sich zu haben, wird von diesen fremden Leuten 
offenbar verstanden und sie wird gröblich beschimpft. 

Eine Brückenangst der Patientin, die in der Analyse eine große Rolle spielte, 
ermöglichte die Aufdeckung einer offenbar traumatischen Urszene. In ihrer 
Angst zeigte sie beim Übergang über Brücken ein stereotypes Verhalten. Sie 
kann über die Brücke nicht gehen, sie muß laufen, wie gehetzt, wie verfolgt. Aber 
das Laufen fällt merkwürdig schwer; sie taumelt, stoßt immer wieder ans Ge* 
länder an, stolpert, ist knieweich, droht jeden Moment zu fallen. Später ergänzt 
sie : das Laufen sei so unsicher, als würde sie auf weicher Unterlage laufen 
müssen. Am anderen Ufer angekommen, fällt die Angst von ihr ab. Es ist, als 
wäre sie einer furchtbaren Gefahr entronnen. 

Die Kindheitsszene, die es gelang aufzufinden, war folgende: Sie ist ganz klein, 
erwacht nachts in dem Gitterbett im Schlafzimmer der Eltern. Sie beobachtet 
den Verkehr, beginnt zu schreien. Der jähzornige Vater stürzt zum Gitterbett 



Die Rolle der „Verschiebung" bei der Straßenangst 385 

(der Brücke mit Geländer), um die Kleine zu züchtigen, sie läuft auf weicher 
Unterlage, taumelnd, ans Geländer stoßend, die paar Schritte vor ihm davon, die 
Länge des Bettchens, bis er sie ergreift und prügelt. Der Vater, der nach dieser 
Szene offenbar große Schuldgefühle hatte, eilte von da ab immer geduldig an das 
Bett des Kindes, sobald es nachts schrie, und streichelte und liebkoste es, um es 
zu beruhigen. Meine Patientin kam also der Erfüllung ihres ödipus Wunsches 
damals beängstigend nahe. Es war gelungen, Vater und Mutter zu trennen, den 
Gewaltakt, den der Vater ihrer Phantasie nach sonst mit der Mutter ausführte, 
auf sie selbst zu ziehen, doch blieb die Erfüllung mit Angst und Schmerz ver* 
knüpft. Diese pathogene, anal^sadisrische Erfüllung ihrer Ödipuswünsche war aus 
dem Gedächtnis verdrängt worden, die zärtlichen Szenen hatten sich um so fester 
in ihrem Bewußtsein festgesetzt. In ihrer mit Heftigkeit einsetzenden Abwehr 
wurde sie durch die immer weiter folgenden nächtlichen sexuellen Szenen, die sie 
beobachten mußte, immer wieder gestört. Diese folgten aufeinander die ganze 
Latenzzeit hindurch, bis zur Pubertät. Die Pubertät brachte die erhöhte Trieb* 
gefahr. Ihre Angstausbrüche wurden immer stärker, wenn sie die Eltern be* 
lauschte. Der Durchbruch der Inzestwünsche drohte. Da verschob die Patientin 
zunächst den Konflikt auf etwas fremdere Personen: Lehrer und Lehrerin. Doch 
auch diese Abwehr konnte nicht genügen. Der Lehrer trug deutlich die Züge 
des Vaters. Das Verschieben mußte gründlicher geschehen. Nein, nicht im 
Schlafzimmer der Eltern werden sich ihre verbotenen 
Lieb es wünsche auf den Vater (und Todeswünsche gegen die 
Mutter) richten, der ganz fremde Mann auf der Straße ist es, 
den sie an sich locken muß, wie sie es bei Dirnen gesehen hat. Das war 
der Wunsch, den sie von nun an mit Angst abwehren mußte. 

Freud hat schon sehr früh, andere Autoren nach ihm, auf die Rolle hin* 
gewiesen, die die Versuchungen der Straße in dieser Neurose spielen. Helene 
Deutsch 4 hält die in der Ödipuskonstellarion bedingte Identifizierung mit 
dem Objekte, dem die feindseligen Tendenzen gelten, für das CharakterL* 
stische der Platzangst und fügt dann am Schluß ihrer Arbeit wörtlich hinzu : 
„Ob diese Fälle eine volle Klärung der Frage, warum die Straßenangst nur 
auf der Straße auftritt, ermöglichen, weiß ich nicht Natürlich besteht da 
immer eine Angstbereitschaft, die unter bestimmten, an die Straße gebun* 
denen Bedingungen auftritt. Diese Bedingungen hatte F r e u d im Verlust der 
schützenden Obhut des Hauses gesehen, andererseits in den Versuchungen 
der Straße. Diese Versuchung tritt dort auf, wo das Liebesleben durch regres* 
sive Momente zum Dirnentum erniedrigt .wird . . . usw." 

Außerdem biete die Straße noch besondere Gefahr für die exhibitionistl* 
sehen Triebregungen. 

Ein Fall von Straßenangst, den Franz Cohn beschrieben hat, 5 scheint mir 
einige Ähnlichkeit mit meinem Fall zu zeigen. Ich will hier nur einige seiner Aus* 
führungen über den sehr kompliziert strukturierten Fall herausgreifen und werde 
einzelnes wörtlich zitieren: 

IEs handelt sich um eine Patientin, die ebenfalls von Kind an, die ganze Latenz* 
1 
Bd. 



4) Deutsch, Helene: Zur Genese der Platzangst. Int. Ztschr. f. Psa„ Bd. XIV, 1928. 

5) Franz Cohn: Aus der Analyse eines Falles von Straßenangst. Int. Ztschr. f. Psa. 
Bd. XIV, 1928. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXIH/3 25 



386 Anny Katan= Angel 



periode hindurch, Gelegenheit hatte, den Koitus ihrer Eltern zu beobachten. 
Koitusphantasien mit dem Vater waren ihr bewußt. Sie hatte die Gewohnheit, 
bis zum 17. Jahr jeden Nachmittag mit dem Vater auf dem Diwan zu liegen und 
Siesta zu halten. Als kleines Mädchen war sie vom Vater aufs Klosett mitge^ 
nommen worden und durfte dort auf seinen Knien sitzen, während er defäzierte. 
Ihre Phantasie war, den Vater durch Flatus zu verführen und zur analen Be* 
friedigung auf das Gesäß geschlagen zu werden. Mit zwölf Jahren erinnerte sie 
sich beim Vater geschlafen und sein Glied berührt zu haben. In diese Zeit fiel 
dann ein seltsames Erlebnis: Sie fand sich in einem Badeort bei großer Mittags* 
hitze mit geschlossenen Augen schlafwandelnd auf der Straße, wo sie eine fremde 
Dame als Mutter ansprach und dann aufwachte. Es soll um die Zeit des ge* 
wohnten Liegens beim Vater gewesen sein. 

Mit 13 Jahren begann eine Reihe von Erlebnissen im Treppenhaus, wo sie 
sich von Freunden der Brüder am Genitale berühren ließ und ihnen diese Gunst 
verkaufte. Von da an war die Patientin, trotz strengster Bewachung durch* die 
Mutter, nicht zu halten. Sie bewohnte ein Zimmer an der Straße und verständigte 
sich mit ihren Freunden vom Fenster aus. Ihr Benehmen war so dirnenhaft, daß 
die Brüder sich schämten, mit ihr zusammen gesehen zu werden. Der Ausbruch 
ihrer Krankheit erfolgte, als sie sich in den Revolutions tagen 1918, ihrer Schau* 
lust folgend, an einem exponierten Platze aufgestellt hatte. Es begann damals eine 
Schießerei und in Todesangst mußte die Patientin, von ihrem Mann gefolgt, 
fliehen. Damals setzten Schwindelanfälle auf der Straße ein. Die Straßenangst 
trat erst einige Monate später auf, und zwar im Zusammenhang mit einer sexu* 
eilen Verfolgung durch einen Mann, der zuerst ihre Schwester begehrt hatte 
und dann sich ihr zuwenden wollte. In diesem Fall widerstand sie dem Verführer, 
um ihrer geliebten Schwester keine Konkurrenz zu machen, brach aber dann auf 
der Straße vor Angst zusammen. 

Dieser Fall scheint mir weitgehende Ähnlichkeiten mit meiner Patientin 
aufzuweisen. Leider hatte es in diesem Falle, da die Behandlung nach ein* 
einhalb Jahren abgebrochen wurde, nicht zur Aufdeckung von Urszenen 
und nicht zur völligen Klärung der Straßenangst kommen können. 

Auch diese Patientin war die ganze Latenzzeit hindurch sexuellen Ver* 
fuhrungen und Träumen ausgesetzt gewesen. Mit zwölf Jahren ver* 
schob sie ihre Wünsche auf die fremden Männer der Straße. Daß sie schlaf* 
wandelnd, mit geschlossenen Augen, auf der Straße herumging, scheint auf 
eine Urszene zu deuten, die sie gesehen hat. Sie mußte das Sehen ab* 
wehren, indem si^ die Augen schloß, und die sexuellen Wünsche, indem sie 
die Mutter zur Hilfe herbeirief. Mit 13 Jahren kam der Pubertätsschub, das 
Bewußtwerden der Koitusphantasien mit dem Vater. Und nun realisierte 
sie ihre sexuellen Wünsche, erst mit halbfremden Jungen im Stiegenhaus. 
Doch das bildete nur die Zwischenstation und sie wendete sich an die 
fremden Männer der Straße. Es ist bei dieser Patientin zu einem Triebdurch* 
bruch gekommen, abgelenkt auf fremde Objekte, Das Dirnentum erwies sich 
bei ihr deutlich als Inzestabwehr. 

In der Analyse zeigte der Autor den Zusammenhang auf, der zwischen der 
Szene ihrer Flucht vor dem Maschinengewehrfeuer im November 1918 und einem 



Die Rolle der „Verschiebung" bei der Straßenangst 387 



passiven Schlageerlebnis bestand. „Der Schreck, der Angriff von hinten, auch 
das Geschlagenwerden findet sich hier, da ihr Mann sie vor sich hergestoßen 
hatte, als sie davonliefen/ 1 

Es wurde auch hier der Zusammenhang mit der Klosettszene aufgedeckt: „Das 
Schießen und Schreien auf der Flucht entsprach dem verführenden Flatus. Für 
sie war dieser aufregende Vorfäll eine Wiederholung des analen Genusses mit 
dem Vater." Der Autor ist der Ansicht, daß die Phantasie aus dem Klosett auf 
die Straße verlegt worden sei. „Die Straße war so zum Klosett geworden." 

Ich meine, daß bei dieser Patientin ein reales erregendes Erlebnis auf der 
Straße das Verschieben eines Teiles ihrer analen Wünsche erleichterte. Der 
Ausbruch der vollen Straßenangst erfolgte aber erst in sehr ähnlicher Weise 
wie bei meiner Patientin. Sie war in Konkurrenz mit einer anderen Frau um 
einen Mann, brachte den Verzicht zustande, mußte aber dann ihre abge^ 
wehrten Wünsche, denen sie diesmal die Realisierung versagte, auf der 
Straße an fremde Männer richten, und das erst bedeutete den Ausbruch ihres 
Symptoms. 

Bei meiner Patientin löste die Angst, von Männern für eine Dirne gehalten 
zu werden, angesprochen, vergewaltigt zu werden, die Angst im Schlafzimmer 
ab. Hinter ihrer Angst aber stand das Mißtrauen gegen ihre eigenen schlecht 
verdrängten Wünsche, Das bestätigte sich, als sie auf meine Aufforderung 
hin im Laufe der Behandlung Spaziergänge unternahm. Sie nahm sich dann 
immer Besorgungen vor, schleppte große Pakete, damit niemand auf den 
Gedanken kommen könne, sie gehe „zum Vergnügen" auf die Straße. Sie 
hätte besondere Angst vor dem Stehenbleiben, etwa dem Warten auf Autobus 
oder Straßenbahn, denn die Dirnen hatte sie oft so stehen gesehen. Auch vor 
Auslagen mochte sie nicht stehen und dije Phantasien, die die Angstanfälle 
bei solchen Gelegenheiten einleiteten, wären: ein Mann spreche sie an, da er 
ihr Stehenbleiben als Aufforderung aufgefaßt habe. Es war erstaunlich, mit 
welcher Zähigkeit die Patientin ihre Straßenangst verteidigte. Da die Ver* 
Schiebung der abgewehrten Wünsche auf die fremden Männer der Straße 
einen Schutz bedeutete vor den noch viel gefährlicheren Ödipuswünschen, 
setzte die Patientin dem Rückgängigmachen dieses Mechanismus den größten 
Widerstand entgegen. Sie hielt mit aller Energie an ihrer Angst fest, und als 
diese Zusammenhänge ihr klar zu werden begannen, wurde es ihre größte 
Angst, ihre Angst zu verlieren. Wo sie ging und stand, mußte sie sich üben* 
zeugen, daß sie sie noch habe, daß sie noch über sie verfüge. War sie eine 
kleine Strecke angstfrei gegangen, blieb sie etwa stehen, weil, wie schon er** 
wähnt, dann Angst aufzutreten pflegte, und sagte zu sich: „Gleich wird sie 
kommen, gleich, sofort". Kam sie nicht gleich und in befriedigendem Aus* 
maße, so sagte sie sich ihr Kommen für die nächste Straßenecke voraus und 
ruhte nicht eher, bis sie sie sich wieder verschafft hatte. In ihrer Analyse kam 
es in Stunden höchster Erregtheit zu wirklich grotesken Szenen, in welchen 
sie händeringend bald laut -schreiend, bald weinend flehte: „Lassen Sie mir 

25* 



388 Anny Katan-- Angel 



doch meine Angst, nehmen Sie mir sie nicht weg, die kenn ich doch schon 
so gut, was soll ich ohne sie anfangen, was an ihrer Stelle kommt, ist ente 
setzlich, ich werde es nicht ertragen können" usw. 

Ein elfjähriger Knabe, dessen Analyse uns von Steff Bornstein im 
Kinderanalysenseminar berichtet wurde, entwickelte im Laufe der Behand^ 
lung eine Stiegenangst. Aus den Phantasien des Knaben ging hervor, daß 
er die Angst vor den sexuellen Wünschen der Analytikerin gegenüber auf die 
Stiege verschoben hatte. Es scheint mir die bei Kindern so häufige Stiegen* 
angst eine Mittelstellung einzunehmen zwischen der Angst im Zimmer den 
Inzestobjekten gegenüber und der Straßenangst, wobei die symbolische Bedeu* 
tung der Stiege das Hinausverschieben erleichtern mag. 

In diesem Zusammenhang ist es interessant, welche Angstverschiebung ein 
kleiner fünfjähriger Patient vornahm. Er wurde zu mir gebracht, weil er an 
schwerster Angst litt, wenn die Mutter ohne ihn aus dem Hause ging. Es stellte 
sich bald heraus, daß seine Angst dann ausbrach, wenn er wußte, daß die Mutter 
ein Verkehrsmittel benützen würde. Dann hatte er die Phantasie, sie könnte 
gerade hiebei in Gefahr geraten; sie könnte auf Tramway oder Autobus auf* 
springen und herunterfallen, vom Wachmann dafür eingesperrt werden, ein 
nachlässiger und böser Schaffner könnte das Abfahrtszeichen zu früh geben oder 
sie gar noch vom Trittbrett stoßen oder schlagen. Er fürchtete also, daß die 
starken, imponierenden Männer, die den Straßenverkehr lenken, seiner Mutter 
ein Leid zufügen könnten, und war überzeugt, daß er sie durch seine Anwesen* 
heit beschützen könnte. Die Angst vor den imponierenden Männern der Straße 
ließ sich in der Analyse ohne Schwierigkeit auf die Phantasie zurückführen, der 
Vater füge im Schlafzimmer der Mutter ein Leid zu (der Knabe hatte mit einein* 
halb Jahren eint Urszene erlebt). Ebenso wie er auf der Straße der einzige wirk* 
same Aufpasser war, so war es im Schlafzimmer das Gleiche. Eine Bestätigung 
für die Richtigkeit dieser Deutung war, daß er es keineswegs beruhigend emp* 
fand, wenn der Vater die Mutter auf die Straße begleitete, sondern daß dies 
angststeigernd wirkte. 

Im Verlaufe dieses Analysestückes entwickelte er ein merkwürdiges Benehmen. 
Die Mutter berichtete, daß er im Stiegenhaus wie auf der Straße mit geschlos* 
senen Augen gehe. Sie habe den Eindruck, er wolle etwas nicht sehen. Der 
Knabe aber meinte, das sei ein interessantes Spiel. Mit seinen Augen lenke er 
den Straßenverkehr. Geschlossene Augen hätten die Bedeutung des roten Lichtes 
„stop", offene Augen seien dem grünen, Blinzeln dem gelben Licht gleich. Dtr 
Knabe hatte in Spielen, die er mir in der Stunde vorspielte, immer selbst die 
wilden, starken Männer, Wachmann usw. darstellen wollen; denn nur die Identi* 
fizierung mit dem „wilden Mann" in der Urszene ermöglichte ihm, seine Angst 
abzuwehren. Er mußte der mächtige Lenker des Verkehrs sein, als Wachmann, 
Verkehrsampel oder Licht. Das Auf* und Zumachen der Augen hatte wohl bei 
der Beobachtung des Koitus eine magische Rolle gespielt, eine häufige Phantasie 
bei Kindern, die meinen, durch Hinblicken oder Wegschauen das furchtbare Ge* 
schehen beeinflussen, über Leben oder Tod entscheiden zu können. Das Stiegen* 
haus schien auch hier eine Mittelstellung einzunehmen zwischen Straße und 
Schlafzimmer. In seinen Phantasien mußte der Knabe die männliche aggressive 
Rolle spielen, um seine weiblichen Wünsche dem Vater gegenüber und die damit 
verbundenen Todeswünsche gegen die Konkurrentin Mutter abzuwehren. 



Die Ro lle der „Verschiebung" bei der Straßenangst 389 

Was mich bewogen hat, das Beispiel anzuführen, ist die Identität der Elemente 
der Angst dieses Knaben mit Straßenangst. Ob die Entwicklung der Neurose 
unbeeinflußt zu einer Straßenangst geführt hätte, vermag ich natürlich nicht zu 
entscheiden. Sie läßt aber Elemente erkennen, aus denen eine spätere Straßen* 
angst sich aufbauen könnte: Verlegung des Schauplatzes vom Zimmer auf die 
Straße, die Verwandlung des bekanntesten aller Männer, des Vaters, in einen* 
völlig Fremden, die Neigung zur phobischen Bewältigung. Wie der Phobiker in 
seiner Angst vermeidet, auf die Straße zu gehen, so verbietet der Knabe seiner 
Mutter, das Haus zu verlassen. Die Parallele zu den Todeswünschen ist die Be* 
seitigung des Partners beim Verkehr, dessen Stelle er einnehmen möchte. Im 
Falle dieses Knaben ist es, seiner femininen Haltung entsprechend, die Mutter. 

Die Symbolik der Straße scheint bei der Straßenangst eine ähnliche Rolle 
zu spielen. Die symbolischen Bedeutungen der Straße sind mannigfaltig und 
je nach der Phase der Analyse wechselnd. So konnten Straße und Brücke für 
meine Patientin in einer Phase der Behandlung Penisbedeutung haben und in 
einer späteren Phase das Schlafzimmer bedeuten, wobei der Straßenverkehr 
dem elterlichen Geschlechtsverkehr gleichgesetzt war. Das Erkennen und 
Deuten dieser Symbolik hatte ebensowenig eine therapeutische Wirkung, als 
wollte man Träume nur symbolisch deuten. Erst die Deutung, daß das harte 
nackige Festhalten an ihrer Straßenangst gleichzeitig zur Sicherung gegen dit 
so gefürchtete Rückverschiebung auf die infantilen Konflikte diene, brachte 
eine therapeutische Wirkung hervor. Die eine Deutung erklärt nämlich nur 
den Inhalt der Angst, die andere Deutung deckt die Funktion der Angst 
auf und erst die Hinzufügung dieser Deutung komplettiert das Bild. 

Alle Autoren (Fenichel, H. Deutsch, F. Cohn, Bergler, Eidek 
berg), die sich mit Straßenangst beschäftigten, berichten von der großen 
Rolle, die den Exhibitionswünschen bei der Straßenangst zufällt Auch 
bei meiner Patientin war dies in hohem Maße der Fall und ich glaube, in 
meinem Fall das Entstehen und die Abwehr der Exhibitionswünsche erklären 
zu können. Es stellte sich nämlich bei der näheren Besprechung ihrer Angst 
heraus, daß sie meist auf das Töpfchen verlangt hatte, wenn sie nachts den 
Vater an ihr Bett rief. Sie gab oft Harndrang als Ursache ihres Rufens an, 
da sie ihm die wahren Ursachen nicht gestehen konnte. Diese Exhibition 
beim Urinieren stand im Dienst der Verführung des Vaters. 

Bald darauf entwickelte sich bei dem kleinen Mädchen ein Symptom, das 
von der Mutter als sehr störend empfunden wurde. Die Kleine wurde bei 
jedem Ausgang mit der Mutter auf der Straße von Harndrang befallen, 
gleichgültig, ob sie vorher zuhause uriniert hatte oder nicht Die Mutter pflegte 
dann kein öffentliches Klosett aufzusuchen, sondern ließ das Kind seine 
Notdurft vor allen Leuten auf der Straße verrichten. Dann aber pflegte die 
Patientin Scham und Angst vor den Blicken der fremden Männer zu emp* 
finden. Sie hatte ihre Exhibitionswünsche damals schon vom Vater und 
Schlafzimmer auf die fremden Männer der Straße verschoben. Gegen die 



390 Anny Katan* Angel 



Mutter richteten sich Trotz und Aggression, Vorwürfe, daß sie sie den 
Männern preisgebe, und Wunsch nach Schutz und Strafe durch sie. Es 
scheint mir also, daß die abgewehrten Exhibitionswünsche, ebenso wie bei 
der Patientin Franz Cohns etwa anale Wünsche, vom Inzestobjekt auf die 
Straße verschoben werden können. Ob dieser Abwehrmechanismus, den ich 
in diesem Fall gefunden habe, bei der Entstehung der Straßenangst die 
Hauptrolle spielt, wage ich mangels einer genügenden Zahl von Fällen nicht 
mit voller Sicherheit zu behaupten. Ich möchte aber zur Stützung dieser An* 
nähme noch einen Traum erzählen, der von einer meiner Patientinnen stammt, 
die wegen Charakterschwierigkeiten die Analyse aufgesucht hatte. 

In einer Behandlungsstunde war uns, gestützt auf zahlreiche Situationen 
und Träume, klar geworden, daß eine ihrer Hemmungen dem Manne gegen* 
über auf der Befürchtung beruhe: Wenn man mit dem Mann zu gut wird, 
muß irgendeine Frau böse werden. Am nächsten Tag brachte sie folgende 
Träume : 

1. Sie geht mit dem Mann einet Freundin eingehängt oder umarmt und die 
Frau ist irgendwo im Spital und sehr böse oder eifersüchtig. 

2. Sie ist im Theater und sieht eine Szene auf der Bühne zwischen einer Frau 
im roten Schwimmanzug und einem Mann. Er ist Krebsforscher und untersucht 
die Frau. Es ist klar, daß jene Frau seine Geliebte ist. Dann plötzlich ist die Pa s 
tientin an Stelle dieser Frau auf der Bühne. Da bekommt sie furchtbare Angst 
und eilt auf die Straße. In ihrer gräßlichen Angst, der Mann, der Krebsforscher, 
könnte sie verfolgen, spricht sie einen ganz fremden alten Mann an, er möge sie 
nach Hause begleiten. Damit er ihren Antrag nicht etwa mißverstehe, nicht als 
sexuelle Aufforderung auffasse, erklärte sie ihm, sie wolle den ganzen Weg 
nichts reden. Der Mann erwiderte, das sei ihm angenehm, denn er sei kurzatmig 
usw. 

Wir sehen hier denselben Mechanismus im manifesten Trauminhalt in 
Verwendung. Die Patientin beobachtet die Liebesszene ihrer Eltern, setzt 
sich an Stelle der Mutter. Hier muß sie heftig abwehren und verschiebt ihre 
Wünsche auf den fremden Mann der Straße, der dann wieder deutliche Züge 
des Vaters trägt. Die Patientin hat jahrelang mit ihrem Vater kein Wort 
gesprochen. Nach diesem Traum fragte ich die Patientin erstaunt, ob sie denn 
nie an Straßenangst gelitten habe. Verwundert konnte sie es kaum glauben, 
daß ihr das bis heute nicht eingefallen sei. Im Alter von 14 Jahren habe sie 
ja vor Angst auf der Straße kaum gehen können. Sie fürchtete immerfort, 
von fremden Männern angesprochen zu werden. Es war bei dieser Patientin 
in der Pubertät genau dasselbe vorgegangen, was ich bei meiner anderen Pa* 
tientin geschildert habe. Sie hatte ihre Inzestwünsche auf die Straße ver* 
schoben. Später verlor sich bei ihr das Symptom der Straßenangst. Sie litt 
aber bis zur Behandlung an heftiger Angst vor fremden Männern und ver* 
mied jede sexuelle Beziehung mit ihnen. 

Ich möchte zum Schluß die normale Pubertätsentwicklung und die Ente 



Die Rolle der „Verschiebung" bei der Straßenangst 391 

stehung der Straßenangst miteinander vergleichen. Während wir also ge* 
funden haben, daß das Wegverlegen in der normalen Pubertät eine gelungene 
Abwehr darstellt und daher einen einmaligen Vorgang, der nicht wiederholt 
werden muß, ist dies bei der Straßenangst offenbar nicht der Fall. Das Abge* 
wehrte kehrt immerfort in der Abwehr selbst wieder. So hatte meine Pa* 
tientin ihre Inzestwünsche vom Vater weg auf die fremden Männer der 
Straße verschoben, nahm dann aber gerne als Schutz vor den fremden 
Männern die Begleitung des Vaters in Anspruch, mit dem sie dann einge* 
hängt zu gehen pflegte, und so erschien ihr auch die elterliche Wohnung, die 
sie auch nach ihrer Verheiratung bewohnte, wieder als Zuflucht vor den 
Gefahren der Straße. In die Analyse wurde sie getrieben, als der Kreislauf 
geschlossen war und die Angstanfälle zu ihrem Ausgangsort zurückgekehrt 
waren. 

Was in der Pubertät die Freiheit des Triebes, die Normalität, die Ob* 
jektwahl ohne Störung durch Inzestwünsche sichert, ist das Wegverlegen 
der Wünsche aus der Gefahrenzone heraus auf fremde Objekte. 

In der Neurose der Straßenangst erscheint das in verzerrter Form. Die 
Straßenangstpatienten sind mit dem Trieb und dem Objekt verfeindet. Sie 
vermögen zwar das gefährliche Inzestobjekt gegen ein fremdes Objekt zu 
vertauschen, die Richtung der Verschiebung ist beibehalten, der Trieb wird 
aber deshalb nicht frei. Wäre der Trieb meiner Patientin frei gewesen, hätte 
sie zur Dirne werden müssen, ebenso wie. die Patientin von Franz Cohn, 
die zu Zeiten von Triebdurchbrüchen wirklich ein Dirnenleben führte. 

Dirnenphantasien finden wir normalerweise fast in jeder Pubertät. Sie 
scheinen mir einem Abwehr* Vorgang zu entsprechen und gleichsam einen 
Übergang zur Objektfindung zu bilden. Einen ebensolchen Übergang, ein 
normales Durchgangsstadium scheint bei jungen Mädchen eine leichte Straßen* 
angst als ganz passageres Symptom zu bilden. Wie viel davon auf Rech* 
nung der geschilderten Verhältnisse geht, wie viel von den mehr oder weniger 
berechtigten Warnungen der Mutter erzeugt wird, ist nicht zu entscheiden. 
Bei Knaben findet man an Stelle dieses passageren Symptoms der Straßen* 
angst häufig in der Pubertät ein stundenlanges Herumrennen auf der Straße, 
das sich als eine auf die Straße verschobene Objektsuche herausstellt. Dieses 
verträumte Herumlaufen auf der Straße mag in manchen Fällen einen Er* 
satz für die Onaniephantasien darstellen. 

Bei der Straßenangst wird also nicht der Triebwunsch hinausverschoben, 
sondern das Produkt der Abwehr wird verschoben. Statt Inzestangst entsteht 
Straßenangst. Während in der Pubertät an Stelle des wirklichen Inzestes die 
wirkliche Liebesbindung draußen entsteht. 

Der Unterschied zwischen Wegverlegen und Verschiebung tritt nun klarer 
hervor. In der Kindheit kann man nie von Wegverlegen sprechen, sondern 



392 Anny Katen* Angel: Die Rolle der „Verschiebung" bei der Straßenangst 

nur von Verschiebung, und sobald im späteren Leben des Jugendlichen oder 
Erwachsenen infantile Strebungen eine Rolle spielen, tritt der Mechanismus 
der Verschiebung auf und nicht das Wegverlegen. Bei der Verschiebung tau* 
chen die Inzestzüge auf, den Begriff der Wegverlegung aber könnte man 
reservieren für jenen Vorgang, bei dem die inzestuösen Strebungen endgültig 
untergehen. Damit ist der Jugendliche erwachsen geworden, d. h. er hat 
die Fähigkeit erreicht, als Erwachsener zu lieben. 



Bemerkungen über Platzangst und andere 
neurotische Angstzustände 

Von 

Eduard Hitschmann 

Wien 

Freud vertritt in „Hemmung, Symptom und Angst" (1926) die An^ 
sieht, der Platzangst liege die Versuchung zugrunde, erotischen Gelüsten 
nachzugeben, wobei aber, da viele andere verdrängte Triebregungen in die 
Phobie einmünden können, viele Fälle eine kompliziertere Struktur zeigen. 
In der gleichen Arbeit weist Freud darauf hin, daß wir es kaum jemals 
mit reinen Triebregungen zu tun haben, sondern durchweg mit Legierungen 
aggressiver und libidinöser Triebe. Die Unterbringung der Aggression in 
der Libidotheorie wird von Nunberg (12) auch dahin ergänzt, daß bei 
Libidostauung oder Anwachsen der Bedürfnisspannung die Destruktions* 
triebe eine Verstärkung zu erfahren scheinen; ein Teil der überschüssigen 
Energie wird von der libidinösen Triebgruppe auf die destruktive verschoben. 

Fenichel(5) hebt hervor, daß in der sado^masochistischen Phase Ag^ 
gression und Sexualität nicht zu trennen seitn und der pathogene Haß gegen 
den Vater uns ja auch im Ödipuskomplex — also in Verbindung mit sexu** 
eller Liebe zur Mutter — entgegentrete. 

Alex an der (1) hat einen Fall von Platzangst veröffentlicht, bei dem 
lebhafte Todeswünsche bewußt waren, während die die Platzangst erzeugen* 
den libidinösen Wünsche (Dirnenphantasien) unbewußt blieben. 

B e r g I e r (2) hat die ausführliche Analyse einer Platzangst, gleichfalls einer 
Frau, dargestellt, bei der neben aggressiven unbefriedigte libidinöse Wünsche 
angenommen werden konnten, obwohl die Patientin vollkommen orgastisch 
befriedigt war. Besserungen oder Genesungen infolge eines erreichten Orgas*» 
mus sind meistens nicht von langer Dauer (Weiss, 14). Wir sehen in der 
Auffassung der Genese der Agoraphobie eine zunehmende Einschätzung der 
aggressiven Grundlagen. Helene Deutsch (3) hat als erste allgemein für 
das Charakteristische der Platzangst feindselige Tendenzen erklärt, mit deren 
Objekt der Kranke sich identifiziert. 

Meine Erfahrungen aus neuerer Zeit, aber auch die Revision älterer Notizen 
über Fälle von Platzangst lassen mich die Bedeutung mehr oder weniger ab* 
gewehrter aggressiver Regungen in der Ätiologie als wesentlich erkennen. 1 
Es ist mir nicht feststellbar, ob es sich nur um eine Gruppe von Agora* 

i) Auch in der nach Abfassung dieses Aufsatzes erschienenen Arbeit von L. E i d e h 
b e r g „Zur Genese der Platzangst und des Schreibkrampfes*' (Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 
1936) heißt es : „Zweifellos spielt die Aggression bei der Genese der Platzangst eine zentrale 
Rolle". 



394 Eduard Hitschmann 



phobien handeln sollte, die der Zwangsneurose näherstehen, oder um eine 
generelle Tatsache. Der häufigste Inhalt der Angst ist der plötzliche Herztod; 
die Angst vor Schlaganfall oder vor Verrücktwerden (geistigem Tod) geht 
manchmal damit einher. In weniger stürmischen Ängsten handelt es sich nur 
um das aufsehenerregende Zusammenstürzen auf der Straße. 

Das Thema vom plötzlichen Herztod, durch das obligate Herzklopfen 
jeder Angst nähergelegt, ist so häufig durch Erlebnisse bedingt, welche die 
Identifizierung mit einem Herzkranken, Stenokardiker 
oder am Herzen plötzlich Verstorbenen erleichtern, daß diese 
Tatsache hier berichtet und erläutert werden soll. Insbesondere kommen jene 
Erlebnisse in Betracht, welche Eltern betreffen: so ergibt eine kleine Statistik 
von Platzangstfällen schon bei oberflächlicher Betrachtung in mehr als der 
Hälfte frühen oder schreckhaften Tod eines Elternteils; auf* 
fallend oft handelt es sich aber auch nur um Platzangst des Vorfahren, also 
auch hier um nur vorgebliche Herzstörung. 

Die Identifizierung bildet einen der wesentlichsten Punkte in der 
Symptomwahl dieser Neurose. Die hysterische Identifizierung, welche sonst 
bei der Konversionshysterie so im Vordergrund steht, ist auch hier von 
größter Bedeutung. Das Symptombild ist also oft ein entlehntes. 

Zumeist handelt es sich um eine nahestehende Person, die unbewußt nach* 
geahmt wird, sei es eine, zu der man im Verhältnis des Hasses, der Ambi* 
valenz oder der Liebe stand oder steht. 

Am geeignetsten wird natürlich die Person sein, bei deren Tod alte Schuld* 
gefühle sich erneuern, indem die verbotenen Todeswünsche nun erfüllt sind: 
Identifizierung aus Schuldgefühl mit Todesangst als Folge. Wo schon Angst 
da ist, erhöht die Kenntnisnahme eines Sterbens oder gar plötzlichen Sterbens 
die Angst. Platzangst zeigt oft eine Disposition aus Vererbung; die An* 
nähme einer Vererbung aber muß meist durch die Annahme einer Identifizie* 
rung eingeschränkt werden. 

Einige Details mögen hier noch angeführt werden: so sind Kinder, welche 
zum erschreckenden stenokardischen Anfall ihrer Eltern, zumal nachts, den 
Arzt, ein Medikament oder Sauerstoff holen mußten, besonders disponiert. 

Eine Schwester einer Herzkranken lief heim, um die Tropfen gegen den 
Herzanfall zu holen, kam aber zu spät, denn die Schwester war unterdessen 
auf der Straße gestorben. An dieses Erlebnis schloß sich typische Platzangst 
des Mädchens an, das vorher freilich schon zu hysterischer Angst geneigt 
hatte, deren grundlegende Bedingungen die typischen waren. 

Die besonders charakteristische Vorgeschichte eines jungen Mannes, der 
seinen Vater mit elf, die Mutter mit zwölf Jahren verloren hat, und seine An* 
fälle von Herzklopfen, Herztodangst, eingebildetem Herzleiden etc. drei Wo* 
chen nach dem unter besondern Umständen erfolgten Herztod eines Freundes 
bekam, sei hier ausführlicher angeführt. 



Bemerkungen über Platzangst und andere neurotische Angstzustände 395 

Patient ist 24 Jahre alt, leidet seit zwei Jahren an Anfällen von Todesangst, 
Atemnot und Herzhypochondrie bei gesundem Herzen. Er ist sonst gesund 
und sein Liebesleben in junger Ehe geordnet. 

Der Vater starb an Verkalkung der Herzgefäße nach Anfällen von Be* 
klemmung und Atemnot. Eines nachts mußte er nicht weniger als 42 Injek* 
tionen vom Arzt erhalten, der sich sogar einen Assistenten holen ließ, um 
Aderlaß zu machen. Etwa neun Monate später starb der Vater im Anfall, 
wobei die an Uteruskrebs eben operierte Mutter im Spital war. Die Kinder 
hatten auch früher oft nachts zum Arzt oder in die Apotheke eilen müssen; 
beim letzten Anfall kamen sie trotz größter Eile zu spät: der Vater war be* 
reits tot, bevor der Sauerstoff kam. Die Mutter starb ein Jahr später, gleich* 
falls plötzlich unter Stechen im Herzen. Dem Krankheitsausbruch der Todes* 
angst unseres Patienten aber war drei Wochen vorher die Tatsache voraus* 
gegangen, daß einem intimen Freund, der herzkrank war, das Unglück wider* 
fuhr, von dem Treppenabsatz des ersten Stockes, vermutlich in einem Herz* 
anfall, herabzustürzen und mit dem Hinterhaupt aufzufallen, so daß er tot 
am Platze blieb. Als Patient am nächsten Tag hinkam, sah er plötzlich das 
blutig verbundene Gesicht des Toten, wobei dem Patienten „schlecht" wurde. 
Dies wiederholte sich dann durch einige Tage, sooft von dem Todesfall die 
Rede war. 

Diese Art von Entstehung einer Todesangst oder Platzangst (gleich 
Straßentodesangst) gemahnt an die Entstehung von traumatischen Neu* 
rosen (14). Es kommen in solchen Fällen „übergroße Erregungsmengen** 
an den seelischen Apparat heran und „durchbrechen den äußeren Reizschutz**, 
so daß Angst nicht nur als Signal auftritt, sondern auch aus den ökonomi* 
sehen Bedingungen der Situation neu erzeugt wird (Freud). 2 

Es sei noch zur Stütze von Freuds Annahme, daß die Todesangst „als 
Analogon der Kastrationsangst aufzufassen ist**, resp. ihr sehr nahesteht und 
sich mit ihr mischt, betont, daß die Bevorzugung des Herzens als 
Sitz hypochondrisch erÄngste — von naheliegenden Gründen ab* 
gesehen — durch seine Gleichsetzung mit dem Genitale bedingt ist. Im Falle 
von Pavor nocturnus, den Jenny Wälder (13) vorbildlich analysiert hat, 
ist die unbewußte Gleichsetzung von Herz und Genitale 
mehrfach determiniert und macht es möglich, die Herzsymptome zu entwik* 
kein, die Kastrationsangst vom Glied auf das Herz zu verschieben. Die be* 
wußten Anteile betrafen die Erregung beim sexuellen Spielen, die Beobach* 
tung des pochenden Herzens eines Spielkameraden etc. Unbewußt war die 
Gleichsetzung determiniert durch den angeborenen Herzfehler der Schwester 
und das angebliche Herzleiden der Mutter als Folge des „Genitaldefektes**. 

2) Der erste Herzangstanfall oder die auslösende Ohnmacht auf der Straße dürften oft 
einer Phantasie mit Reminiszenz und Identifizierung entspringen. 



396 Eduard Hitschmann 



In einem Falle von Platzangst meiner Erfahrung mit Zwangsneurose und 
schizoidem Einschlag war diese Gleichsetzung des Herzens, dessen Er* 
krankung gefürchtet wurde, mit dem von Kastrationsangst besetzten Penis 
noch eklatanter. Eine Hundephobie aus der Kindheit, in Träumen des Er* 
wachsenen wiederkehrend, hatte den Inhalt, der Hund könnte den Penis ab* 
beißen; einmal wurde die Phantasie in der Analyse berichtet, das mit dem 
Eßbesteck das Zimmer betretende Stubenmädchen könnte den Patienten 
kastrieren. Es bestand auch intensive Syphilidophobie. Die schwere Herz* 
angst des Kranken, die dazu führte, daß er jede Woche einen Herzspezialisten 
konsultierte, um sozusagen damit immer wieder eine Exkulpation für seine 
Onanie zu erhalten (5), verriet ihre Beziehung zur Kastration durch die Angst, 
sich in der Herzgegend berührt oder gestoßen zu haben. Wie er von seinem 
Penis annahm, er sei geschrumpft, geschädigt, fürchtete er letzteres auch vom 
Herzen. Die Kastrationsangst war so sehr im Vordergrund, daß der Patient 
nach einer Zahnextraktion das Gefühl des Beraubtseins nicht überwinden 
konnte, sich fragte, ob er nicht juristisch ein Recht auf den Zahn habe, und 
ihn mitnahm. 

Seine Platzangst mit Herzhypochondrie hatte ihren Ausgang genommen 
von dem relativ plötzlichen Herztod eines Bruders seines Flirts, Nach diesem 
Todesfall einer Art von Konkurrenten bei seinem Mädchen — denn sie 
liebte diesen Bruder abgöttisch — sei ihm „wie aus dem Nichts" der 
Gedanke gekommen, er könne auch herzkrank werden; seither sei auch die 
Platzangst eingetreten. Hier hat sich also unter Variierung des Abwehrmecha* 
nismus auf eine Zwangsneurose sekundär eine Phobie aufgepfropft. 

Die große Bedeutung der Identifizierung als Mechanis* 
mus beim Entstehen einer Todesangst oder Platzangst 
wird jede genauere Anamnese oder Analyse bestätigen müssen. In den klas* 
sisch^einfachen Fällen entspricht die Todesangst immer dem Schuldgefühl aus 
dem Todeswunsch im infantilen Ödipuskomplex oder doch einer Regression 
dahin. Der Tod oder die Todesangst des gleichgeschlechtlichen Elternteils 
sind also Gegenstand der Identifizierung. Die Identifizierung mit dem ver* 
storbenen Elternteil näher zu verfolgen, ergibt nebenbei interessante Zu* 
sarnmenhänge. 

Doch zeigt eine größere Reihe von Beobachtungen, daß die Person, wel* 
che das Bild des Herzkranken, vom Herzschlag Getroffenen, plötzlich Ver* 
storbenen zum Nachahmen, besser Identifizieren, geboten hat, nicht im* 
mer eine gehaßte sein muß, nicht immer der Repräsentant des abgelehnten 
Elternteils, sondern in einer Minderzahl von Fällen — der geliebte Elternteil 
oder eine mehr oder weniger fernstehende Person sein kann. In solchen Fällen 
wird nur das Bild des Sterbens von dort entlehnt, ist die Identifizierung -mit 
dieser Person nicht durch Schuldgefühl mitbedingt. Ist der Haß ausnehmend 
gieß, der Todeswunsch intensiv, der Patient in einer besonderen Zwangslage, 



Bemerkungen über Platzangst und andere neurotische Angstzustände 397 

die nur durch den Tod der dritten Person eine Lösung finden kann — dann 
braucht es gar nicht eines Vorbildes mit klinischen Symptomen. 

Gregory Zilboorg(15)hat in seinen Selbstmördern Analysen beobachtet, 
daß der Impuls zu sterben besonders groß und zuweilen unbezwinglich bei 
Menschen war, die sich unbewußt mit einer Person identifizierten, die 
zur Zeit der Vollendung dieses Identifizierungsvorganges bereits tot war. 
Dies traf besonders zu, wenn der Tod jener Person in eine der kritischen Ente 
wicklungsphasen (Ödipusphase, Pubertät) des zukünftigen Selbstmörders 
fiel oder wenn jene Person zu jener Zeit schon tot war. In solchen Fällen 
trägt der Trieb zu sterben alle Kennzeichen des „dämonischen" Verlangens 
nach Vereinigung mit dem Toten. In dieser Identifizierung kann, wenn sie 
den Tod des andersgeschlechtlichen Elternteils heranzieht, die Neigung zum 
gemeinsamen Begrabensein, zum „Gemeinsam^Sterben" inbegriffen sein 
(Jones, Sadger). 

Ist nach Freud die (orale) Identifizierung vielleicht überhaupt die Be* 
dingung, unter der das Es seine Objekte aufgibt, so sehen wir von hier aus 
sich weitere Ausblicke ergeben. 

Auch hat Fenichel(5) festgestellt, daß man unter Menschen, die einen 
Elternteil in früher Kindheit verloren haben, außerordentlich häufig solche 
mit Anzeichen einer oralen Fixierung findet, mit der Neigung, neben und 
nach Objektbeziehungen weitgehende Identifizierungen, bzw. Einverleibung 
gen zu entwickeln. 

In den von uns hervorgehobenen Fällen ist den Vorbildern der Tod schon 
seinerzeit zugestoßen. Durch eine Wendung gegen das Ich tritt an Stelle 
eines alten oder rezenten schuldbeladenen Todes^(Kastrations^)wunsches, 
unter Befriedigung des Straf Bedürfnisses, eine Todes*(Kastrations*)angst. 

Das facettenreiche Bild des Todesthemas bei den Neurosen enthält den 
Tötungswunsch, die Todesangst und die Todessehnsucht Gleichgültigkeit 
gegen den Tod, nur vorübergehend verdüstert durch die Notwendigkeit des 
Sterbens, erscheint somit als die Einstellung des Gesunden, solange der Tod 
nicht unmittelbar droht. 

DieBedeutungder Aggression neben den libidinösen Strebun* 
gen ist dort regelmäßig nachweisbar, die Liebe^Haß^Paarung aus dem ödipus* 
komplex scheint auf. Wut, Haß und Auflehnung aktueller Natur sind oft 
bewußt oder vorbewußt; nur der Todeswunsch scheint dann der Verdräng 
gung verfallen zu sein. Eine aktuelle Wut verschlimmert oft die Angst. 

Die Ätiologie der Platzangst entspräche danach einer 
Ergänzung s reihe von überwiegender Rolle der verdrängten Libido auf 
der einen Seite und überwiegendem Aggressionskonflikt am anderen Ende 
der Reihe. Das für die Agoraphobie charakteristische Moment, daß die Angst 
nur unter Menschen auftritt, führen wir auf verdrängte Exhibitions* 



398 Eduard Hitschmann 



tendenzen zurück, sowie in einer Reihe von Fällen auf die sexuelle Versus 
chung der Straße. 

Die Sexualisierung des Gehens, die besonders ausgebildete Muskellust, die 
Regression auf die Kinderangst beim Alleingehen, die Symbolik des Hauses 
als schützender Mutterleib, die Verschiebung der Kastrationsangst vom Geni^ 
tale auf die Beine u. a. wurden ebenfalls längst nachgewiesen (5). 

Die disponierende Angst aus der Kindheit ist als Tierphobie oder Pavor 
nocturnus in Erscheinung getreten, aber auch die Zwangsbefürchtung vom 
Tode des gleichgeschlechtlichen Elternteils gehört zu den vorausgegangenen 
Neurosen. Objektangst, Träume des Verfolgtwerdens finden wir als Konv 
plikation. Mehr aber als solche interessieren hier die Zwangsimpulse, je** 
mand (d. i. den gleichgeschlechtlichen Elternteil) zu töten, und auch Impulse 
zum Selbstmord. 

Diese Zwangsimpulse beweisen die aggressiven Grundlagen am besten. 
Sie enthalten interessanterweise ebenfalls oft die Straße als Voraussetzung, 
was hier nicht mit Exhibition zusammenhängen kann. 

Die meist weiblichen Kinder und Jugendlichen, die an der Zwangsbefürch* 
tung leiden, die Mutter könnte beim Alleinausgehen sterben, fürchten be^ 
sonders das Überfahrenwerden der Mutter. 3 Die Zwangsimpulse gegen die 
Mutter bestehen im Drang, die Mutter unter ein vorüberfahrendes 
Auto zu stoßen. Es handelt sich also hier um — Straßenmordimpuls. 

Den Impuls, den gehaßten Gatten unter ein vorbeifahrendes Auto zu 
stoßen, gestand auch eine ältere Dame, die der Arzt wegen des Zwangs* 
Impulses, zum Fenster hinauszuspringen, beriet (7). 

Bei Mädchen mit der Zwangsbefürchtung, die Mutter könnte überfahren 
werden, kommt aber auch der Triebdurchbruch bis zur Tat zur Beobachtung, 
die Mutter wird „wie von ungefähr gestoßen 4 ' (6) oder es wird ihr absichtlich 
ein Stoß gegeben, wenn ein Auto vorüberfährt. 

Das Überfahrenwerden als Symbol für die Succubus^Situation kennen wir 
gut, auch aus Träumen von Knaben mit Pavor nocturnus; sollte das ( aktive 
jemanden Überfahren oder Überfahrenlassen nicht die Incubus^Situation 
symbolisieren können? Daß es auch einen Teil der Verantwortung für das 
Töten dem Lenker überträgt, mag mitspielen. 

In einem Falle ging der Platzangst die Befürchtung voraus, die Mutter 
könnte überfahren werden, aber die agoraphobische Tochter befürchtete auch, 
in der Straßenbahn fahrend, jemand (d. h. die Mutter) zu überfahren. 
Abends zu Hause, im Bette, litt sie unter peinlichen Impulsen, „je* 
mand" töten zu müssen. Hier sind also direkt Zwangssymptome neben der 
durchsichtigen Platzangst nachzuweisen. 

3) Genauer gesagt: Die Ambivalenz der Tochter wünscht aus unbewußtem Haß die 
Mutter weg und befürchtet aus bewußter Liebe ihren Verlust. 



Bemerkungen über Platzangst und andere neurotische Angstzustände 399 

Freud hat in „Das Unbehagen in der Kultur" (1930) die Ubiquität der 
nicht erotischen Aggression und Destruktion hervorgehoben und uns nahe* 
gelegt, „den Fund der Psychoanalyse zur Ableitung des Schuldgefühls auf die 
aggressiven Triebe einzuschränken/* Es heißt dort weiter: „Wenn eine Trieb* 
regung der Verdrängung unterliegt, so werden die libidinösen Anteile in 
Symptome, ihre aggressiven Komponenten in Schuldgefühle umgesetzt/' 

Für fruchtbar in diesem Sinne halte ich die Gesamtbetrachtung 
folgender fünf Neurosen: des Pavor nocturnus, der Tierphobie, der Zwangs* 
befürchtung vom Tode des gleichgeschlechtlichen Elternteils (8), der hyste* 
rischen Todesangst und der Platzangst. Das Gemeinsame besteht in ihrer 
Zurückführbarkeit auf die Aggression im Ödipuskomplex: hier ist Aggres* 
sion gegen den gleichgeschlechtlichen Elternteil mit Libido für den anders* 
geschlechtlichen vereinigt. 

Eine solche Trieb*Paarung liegt diesen fünf Neurosen zugrunde; bei den 
regelmäßig den Neurosen der Erwachsenen vorausgehenden Kindemeurosen 
ist die Kompromißbildung zwischen Trieb und Abwehr noch nicht immer 
vollzogen, „bewußt" und „unbewußt" nicht trennbar. Es sind quantitative 
Relationen, die nach Freud darüber entscheiden, ob die Kinderneurosen 
ihre Fortsetzung finden oder nicht. In der Zwischenzeit zwischen Tierphobie 
und Pavor nocturnus einerseits und den drei anderen Krankheitsbildern 
andererseits hat sich erst das Ober*Ich voll ausgebildet und ist der Begriff des 
Sterbens in vollem Umfang klar geworden. Es wird daher in der Neurose des 
Erwachsenen nicht mehr Strafe von außen, nicht mehr die Kastration ge* 
fürchtet, sondern durch Verinnerlichung peinigendes Schuldgefühl und der 
Tod, als Talion vom Über*Ich verhängt. Die Angst des Ichs vor dem strafenden 
Objekt hat sich in Angst vor dem Über*Ich verwandelt. Es ist nicht mehr 
Angst vor dem Vater, den man erbittert hat, verschoben auf ein Tier, einen 
Einbrecher, nicht mehr Angst vor Kastration. Die Angst ist nun ein Signal, 
daß vom Über*Ich verurteilte böse Triebe (innere Feinde) sich melden; das 
Ich verurteilt sich zum Leiden, zur Identifizierung mit Totgewünschten, zum 
Zugrundegehen auch wegen Selbstschwächung (Kastration). Masochi* 
stische Angstlust aber macht aus der Straferfüllung im Anfall eine 
Orgie der Triebbefriedigung. 

Wo die Theorie differenziert, hat die Praxis am lebendigen Menschen zu 
kombinieren. Wir sehen am Beispiel der Platzangst, daß es in einem Krank* 
heitsbild Zeichen der Hysterie und der Zwangsneurose geben kann. In ihrer 
Entwicklung waren die Verdrängung, aber auch andere Abwehrmechanismen 
tätig. Die Ich* Veränderung ist die der Hysterie und der Zwangsneurose. Die 
Fälle zeigen Differenzen, je nachdem Aggression oder Libido, Verdrängung 
oder andere Abwehrformen überwiegen; je nach der erreichten Stufe der 
phallischen Libido oder der prägenitalen, anal*sadistischen Regression. Auch 
die „libidinösen Typen" Freuds sind Abstraktionen; für die Platzangst 






400 Eduard Hitschmann 



müssen wir einen erotisch^zwangshaften Charakter (4) voraussetzen, der 
disponiert war, den Ödipuskomplex intensiver, folgenschwerer zu erleben. 
Auf diesen infantilen Komplex führen wir die Platzangst zurück und auf 
seine eigenartige Kombination von „Eros und Thanatos", die so vieler Varia** 
tionen fähig ist. 

Trotz oder gerade wegen dieser Kombinierung und Durchschaubarkeit ist 
die Platzangst eine der lehrreichsten Neurosen. 

Fügen wir in vergleichender Betrachtung dex Jnn£ Neu** 
r o s e n noch einige aphoristische Aussagen hinzu, so erklärt sich die größere 
Häufigkeit des Pavor nocturnus bei Knaben durch den bei ihnen be* 
greiflicheren Kastrationskomplex. Schon der Name der Neurose zeigt die 
überwiegende Beschränkung auf Nachte und Traum^Zeit an; d. i. che Zeit 
der Eltern^Koitus^Beobachtung und * Verhinderung. 

In den Träumen finden wir bereits durch Symbolik jene Verschiebung 
auf ein (beißendes) Tier, wie sie die Tierphobie aufweist. Denn die 
Angst/Fräurne des Pavor nocturnus handeln auch von Tieren — statt dts 
Vaters. Die Tier^Angelegenheit kann ganz auf die Straße beschränkt sein, 
wie bei dem fünfjährigen Knaben, den Freu d vor 28 Jahren analysiert hat. 

Die Zwangsbefürchtung vom Tode des gleichge* 
schlechtlichen Elternteils betrifft meist Mädchen. Sie verraten in 
ihrer Überzärtlichkeit gegen die Gehaßte die hysterische Ich** Veränderung 
und im Quälenden der Überzärtlichkeit ihre Aggression. Auch eine zwangst 
neurotische Ich* Veränderung kann beobachtet werden, z. B. das Bewußtsein 
der magischen Allmacht ihrer Todeswünsche (7); ferner Todesangst beim 
Einschlafen oder Angst, nicht mehr zu erwachen. Und wie bereits berichtet: 
auf die Straße beschränkte Zwangsimpulse oder reale Triebdurchbrüche, die 
Mutter unter ein Auto zu stoßen. 

Die neurorisch^hypochondrische To des angst enthält am reinsten die 
Ichangst aus Schuldgefühl, Sterbeangst — aus Schuldgefühl über Tötungs* 
drang (10). Hier finden wir die zwangsneurotische Ich* Veränderung zu Aber* 
glauben, Dämonenfurcht etc. oft deutlich. Was endlich die Agoraphobie 
anlangt, so zeigt sie als Vorläufer die vier anderen Neurosen, Zwangsbefürch* 
tungen und *impulse als Komplikation, ferner die schon bei den anderen 
Neurosen gelegentlich erwähnte Straße als obligate Voraussetzung. Spielt 
dabei verdrängte Exhibition eine so hervorragende Rolle, so sind doch auch 
spezielle Versuchungen libidinöser Art auf der Straße mitbedingend, z. B. 
Dirnenphantasien, homosexuelle Versuchungen u. a. Weitere ätiologische 
Determinanten wurden früher angeführt. Konversionshysterische Symptome 
können sich gleichzeitig einstellen, auch leichte Depersonalisation wird be* 
obachtet. Die vergleichende Betrachtung unserer fünf Neurosen weist also 
klar auf das nur durch frühe Kinderanalyse 4 noch vertiefbare Grundproblem 

4) Vgl. die Arbeiten der englischen Schule von Klein, Jones, Glover u. a. 



Bemerkungen über Platzangst und andere neurotische Angstzustände 401 

hin: nicht überwundener Ödipuskomplex, Schuldgefühl 
durch Aggression, Todesangst durch Tötungsdrang. Der 
neurotisch gesteigerten Angst aber entsprechen beim Gesunden Mikron 
Symptome gleicher Psychogenese, wenn wir nur sehen wollen. 



Literatur: 

(1) Alexander, F. : Zur Theorie der Zwangsneurosen und Phobien. Int. Ztschr. f . 
Psa., Bd. XIII, 1927. 

(2) Bergler, E.: Psychoanalysis o£ a case o£ agoraphobia. The Psa. Review, 1935. 

(3) Deutsch, H.: Zur Genese der Platzangst. Int Ztschr. f. Psa., Bd. XIV, 1928. 

(4) Eideiberg, L,: Theoretische Vorschläge. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934. 

(5) Feniehel, O.: Psychoanalytische spezielle Neurosenlehre. Int. Psa. Verlag, Wien, 
1931. 

(6) H i t s c h m a n n, E. : Ein Fall von Zwangsbefürchtung vom Tode des gleich* 
geschlechtlichen Elternteils. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. III, 1915. 

(7) Hitschmann, E. : Vom Zwangsimpuls, zum Fenster hinauszuspringen. Ars me* 
dici, 1929. 

(8) Hitschmann, E. : Die Zwangsbefürchtung vom Tode des gleichgeschlechtlichen 
Elternteils. Ztschr, f. psa. Päd., Bd. V, 1931. 

(9) Hitschmann, E.: Über die Psychoanalyse einer hypochondrischen Todesangst. 
Biolog. Heilkunst, 1932. 

(10) H i t s c h m a n n, E. : Todesangst durch Tötungsdrang — ein neurotischer Media* 
nismus. Ztschr. f. Kinderpsychiatrie, Bd. III, 1937. 

(11) Jones, E.: Angst, Schuldgefühl und Haß. Int. Ztschr. £. Psa., Bd. XVI, 1930. 

(12) N u n b e r g, H. : Allgemeine Neurosenlehre auf psychoanalytischer Grundlage. 
Huber, Bern, 1932. 

(13) Wälder, J. : Analyse eines Falles von Pavor nocturnus. Ztschr. f. psa. Päd., Bd. IX, 
1935. 

(14) Weiss, E.: Die Straßenangst und ihre Beziehungen zum hysterischen Anfall und 
zum Trauma. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934. 

(15) Zilboorg, G.: Zum Selbstmordproblem. Int. Ztschr. f. Psa., XXI, 1935. 



Int. Zcitschr« f. Psychoanalyse, XXIII/3 26 



Wege der weiblichen Über4ch*Bildung 

Von 

Edith Jacobssohn 

Berlin 

Wiederholt hat sich Freud zu der Ansicht bekannt, daß das weibliche 
Übersieh — im Durchschnitt — , an dem des Mannes gemessen, unselb* 
ständig, unstabil, also ziemlich schwach organisiert sei. 1 Auch in der letzten 
Arbeit „Über die weibliche Sexualität" äußert sich Fr eu d in diesem Sinne; 
einleuchtend motiviert er die unvollkommene Ausbildung der weiblichen 
Gewissensinstanzen mit dem andersartigen Verlaufe des weiblichen „Kastrat 
tionskonfliktes". Da das kleine Mädchen der eigentlichen „Kastrationsangst**, 
also des stärksten Antriebsmomentes zur Überwindung des Ödipuskonfliktes 
und zur Errichtung eines Über^Ichs, entbehrte, der Liebesverlustangst nicht 
dieselbe dramatische Bedeutung zukomme wie der Kastrationsangst des 
Jungen, vollziehe sich der Abbau der weiblichen ödipuswünsche nur langsam 
und unvollständig und hinterlasse kein stabiles Übersieh als Erben des 
Komplexes. 2 

Das Studium des weiblichen Charakters wie Erfahrungen der psycho* 
therapeutischen Klinik scheinen diese Auffassung zu bestätigen. Bekannt ist 
z. B. das viel häufigere Vorkommen der Zwangsneurose beim Mann und der 
Hysterie bei der Frau. Nur wird man sich fragen müssen, wie es möglich sei, 
daß die Krankheit, die von der unerbittlichen Strenge des Über^Ichs be* 
herrscht ist, die Melancholie, überwiegend das weibliche Geschlecht befällt. 

Vollends stutzig wird man, wenn man bei der Behandlung von Frauen, 
deren Übersieh schwach und anlehnungsbedürftig, deren Maßstäbe der Um* 
weit entlehnt und schwankend erscheinen, plötzlich Durchbrüche eigener 
grausamer Über*Ich*Forderungen erlebt, die bisher abgewehrt waren. Solche 
Fälle zwingen zur Vermutung, daß die Wege der weiblichen Über*Ich*BiI* 
düng komplizierter sein mögen, als wir gemeinhin annehmen. 

Ähnlich wie in den Neurosebildern im allgemeinen zeigt sich im Laufe der 
letzten Jahrzehnte auch ein gründlicher Wandel der seelischen Struktur der 
Frauen aller Schichten, der sowohl in ihrem Liebesleben als auch in ihrer Ich* 
und Über*Ich*Organisation zum Ausdruck kommt. 

Mag es fraglich sein, ob die Häufigkeit der totalen Frigidität abnimmt: 
deutlich ist eine Tendenz zur Ausweitung des früher recht eingeengten weib* 
liehen Liebeslebens, ebenso deutlich gibt es Ansätze zum Aufbau eines an 
Sublimierungen reicheren Ichs wie eines unabhängigeren, stabileren — nicht 
etwa strengeren — Über^Ichs. 

1) Freud: Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschiedes. Ges. 
Sehr., Bd. XI. 

2) Freud: Über die weibliche Sexualität. Ges. Sehr., Bd. XII. 



Wege der weiblichen Über*IdbBildung 403 

Diese Entwicklungen haben ihre Wurzel natürlich in Vorgängen gesell* 
schaftlicher Natur, deren Erörterung nicht in unseren Bereich fällt. Jeden* 
falls müssen die Umbruchsprozesse, die nicht in allen Ländern gleichmäßig 
und gleichwertig verlaufen, mit der Loslösung der Frau aus alten Gebunden* 
heiten eine charakteristische Neuprägung des weiblichen Wesens zur Folge 
haben, die nicht einfach mit einem Schlagwort wie etwa „Vermännlichung 
der Frau" zu fassen ist. 

Gewiß kann man sagen, daß sich die moderne Frau die männlichen Vor* 
rechte einer expansiveren Sexualität aneignen möchte, daß sie mit dem Ein* 
dringen in das Berufsleben kulturelle Sublimierungen erstrebt, die früher dem 
Mann überlassen waren, und daß sie eigene kritische Instanzen und Ich* 
Ideale entwickelt, wie wir sie bei der Frau früherer Zeiten nicht gewohnt 
waren. Sicher ist auch, daß die Frauenemanzipation in den „heroischen 
Typen", wie sie Marianne Weber nannte, 3 zunächst eine Generation 
„männlicher" Frauen hervorgebracht hat. Allein es fragt sich, ob der weib* 
liehe Fortschritt letzthin in die phallische Entwicklungsrichtung führt. Wir 
würden eine solche Deutung für verfehlt halten. 

Erinnern wir uns der Arbeit von Sachs „Über einen Antrieb bei der Bil* 
düng des weiblichen Über*Ichs". 4 Der von Sachs dargestellte orale Typ mit 
mißlungener Über*Ich*Bildung war unter den Frauen der vorigen Gene* 
ration sehr häufig anzutreffen. Beim anderen Fall, in dem ein selbständiges 
Übersieh entwickelt war, handelte es sich um eine moderne, berufstätige, 
jedoch nicht unweibliche Frau mit gesundem weiblichem Liebesleben. 

Notwendig ist jedenfalls, bei einer Untersuchung des weiblichen Über* 
Ichs die Uneinheitlichkeit des weiblichen Persönlichkeitsbildes unserer Zeit 
zu berücksichtigen. 

Will man die Wege der weiblichen Über*Ich*Bildung genauer verfolgen, 
so wird man sich zuerst mit dem Problem der weiblichen „Kastrationsangst" 
auseinandersetzen müssen, das, wie wir anfangs hervorhoben, für das Ver* 
ständnis der Über*Ich*Bildung bestimmend ist. 

Ist es richtig, daß das weibliche Kind überhaupt keine „Kastrationsangst" 
wie der Knabe entwickelt? 

Dem scheint die Tatsache zu widersprechen, von der Rado in seinem 
Buch über „Die Kastrationsangst des Weibes" 5 ausgeht, daß auch im weib* 
liehen Seelenleben mindestens Abkömmlinge einer „Kastrationsangst" nach* 
weisbar sind. Aber die Auffassung Rados, der hinter der Kastrationsangst 
des Weibes ausschließlich die nach außen projizierte Angst vor der maso* 
chistischen Triebgefahr sieht, befriedigt uns nicht. Eindeutig hat uns das 

3) Marianne Weber; Typenwandel der Frau. 

4) Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIV, 1928. 

5) Int. Psa. Verlag, Wien, 1934. 

26* , 



404 Edith Jacobssohn 



Studium erwachsener Frauen wie die Beobachtung des Kleinkindes davon 
überzeugt, daß es — wie schon andere Autoren dargestellt haben 6 — auch 
beim kleinen Mädchen eine ursprüngliche Angst vor körperlicher, speziell 
genitaler Beschädigung gibt. Zum Unterschied vom Knaben beherrscht sie 
jedoch nicht die genitale ödipusbeziehung, sondern entfaltet sich schon im 
Verlaufe der präodipalen Mutterbindung, um in der folgenden Entwicklungs* 
zeit bestimmten Modifikationen zu unterliegen. 

Melanie Klein ist der Ansicht, daß die tiefste Angst des Mädchens die 
vor der „Zerstörung" und „Beraubung" ihres Körperinnern ist, eine Ver^ 
geltungsangst auf Grund der gegen den Körper der Mutter gerichteten de** 
struktiven Impulse. 7 Dieser richtige Befund ist aber erst auszuwerten, wenn 
man die Wandlungen dieses Angstinhaltes im Laufe der infantilen Trieb* 
entwicklung genauer verfolgt. 

Die Angst, des Körperinnern beraubt zu werden, finden wir — beim 
Knaben wie beim Mädchen — in den ersten, von der Prägenitalität be* 
herrschten Lebensjahren. In dem Maße, in dem sich die Genitalität des 
kleinen Mädchens in Klitorisonanie und phallischen Strebungen der Mutter 
gegenüber durchsetzt, konzentrieren sich auch die Strafängste auf das Genital* 
organ und erreichen mit der Entdeckung des Geschlechtsunterschiedes ihren 
Höhepunkt. Diese führt das Mädchen im allgemeinen keineswegs sofort zu 
dem einfachen Schreckensurteil: „Ich bin also kastriert". Das traumatische Er* 
lebnis ist gewöhnlich viel reicher und differenzierter, zeitlich viel ausge* 
dehnter. Der peinlichen Feststellung folgt vielfach eine vermehrte Be* 
schäftigung mit dem Genitale, häufig eine Zeit verstärkter Masturbation. 
Denn das erschrockene kleine Mädchen, das an seiner normalen Genitalität 
zu zweifeln beginnt, versucht erst einmal, weiter zu glauben und sich z. B. 
durch Onanie und Genitalforschung Beweise dafür zu beschaffen, daß doch 
noch alles in Ordnung sei. Vermutungen und Tröstungen von derselben 
Art, wie sich auch der Knabe über den Eindruck des weiblichen Genitales 
hinwegzusetzen versucht, werden bekanntlich herbeigeholt: der Penis sei nur 
noch klein, er werde schon noch wachsen, — und vor allem: das Glied sei 
nur im Leibe versteckt, es werde schon herauskommen. Diese Vorstellung 
eines inneren unsichtbaren Gliedes, die an Introjektionen im Anschluß an 
Wünsche und Phantasien um das Leibesinnere der Mutter anknüpft, ist wohl 
regelmäßig anzutreffen und verschmilzt später mit Graviditätsphantasien. So 
wird bei Patientinnen im entsprechenden Behandlungsstadium ein demonstra* 
tives Vorwölben des Leibes nicht nur als Graviditätsdarstellung, sondern in 
tieferer Schicht als Zurschaustellung des im Leibe befindlichen Gliedes ver* 

6) Vgl. z. B. Karen Horney: Flucht aus der Weiblichkeit. Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XII, 1926. 

-j) S. z« B. Klein: Frühe Angstsituationen im Spiegel künstlerischer Darstellungen. 
Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVII, 1931. 



Wege der weiblichen ÜbersIch*BiIdung 405 

ständlich. 8 Die phantasierte Verlegung des Gliedes ins Körperinnere wandelt 
die Kastrationsangst wiederum in Angst vor Zerstörung dieses inneren Geni* 
tale. Sie steigert noch die phallischen und urethralen, wie die exhibitio^ 
nistischen Strebungen: Krampfhaft bemüht sich das kleine Mädchen, den 
innen vermuteten Penis mit dem Urinstrahl herauszupressen, um ihn vor* 
zeigen zu können. Eine von männlichen Illusionen erfüllte Patientin hoffte 
z. B., daß man wenigstens nach ihrem Tode bei der Sektion endlich ihren ver* 
borgenen Penis freilegen würde. 

Aber auch für die Entwicklung zur normalen Genitalität kann die An* 
nähme eines inneren Gliedes eine günstige Vorbereitung sein. Davon später. 

Vorläufig befindet sich das Kind etwa in der Angstsituation eines Men* 
sehen, der aus gewissen Symptomen schließt, er könnte von einer gefürch* 
teten Krankheit befallen werden. Die Angst vor Beschädigung des illusio* 
nären inneren Penis verdichtet sich mit prägenitalen Körperbeschädigungs* 
ängsten. Wir konnten keinen prinzipiellen Unterschied gegenüber der inneren 
Situation des männlichen Neurotikers finden, bei dem sich ja auch neben 
Angst vor der Kastration Befürchtungen, schon kastriert zu sein, vor* 
finden. Solche weibliche „Kastrationsangst" kann den Anstoß zur Onanie* 
abgewöhnung geben, um die sich nun das kleine Mädchen — mitunter nach 
einer Phase gesteigerter Genitalbetätigung — bemüht, wobei sie durch die 
zunehmende, der narzißtischen Kränkung entsprechende Entwertung des 
Genitales sehr unterstützt wird (Freu d). 9 

Es dauert oft ziemlich lange, bis die angstvolle Erregung jener Zeit um* 
schlägt in eine Depression: Ausdruck dafür, daß sich die Überzeugung, 
genital beraubt zu sein, durchgesetzt hat. Jetzt erst setzt die aggressive AutV 
lehnung des Kindes voll ein. Racheimpulse, Wünsche, das von der Mutter 
entrissene Organ wiederzubekommen, schießen auf, deren Versagung zur 
endgültigen Enttäuschung an der Mutter, zu ihrer Herabsetzung, zur Ab* 
wendung von ihr und zur Bindung an d^n Vater führt. Damit ist die ödipus* 
beziehung eingeleitet. 

Der Ansicht Melanie Kleins, daß der Peniswunsch sich von vorn* 
herein den weiblichen ödipuswünschen angliedere, 10 können wir uns nicht 
anschließen. Weder die frühinfantile Gleichsetzung von Penis und Mamma, 
noch das regelmäßige Vorkommen von Phantasien, sich das väterliche Glied 
aus dem Leibe der Mutter zu holen, sind zu bestreiten. Jedoch wird Kleins 
Auffassung den Einflüssen nicht gerecht, die die vorangegangene Erschütte* 
rung des weiblichen Narzißmus durch das Trauma des Kastriertseins auf die 
Ausgestaltung der weiblichen Ödipuseinstellung ausübt 

8) Vgl. Weiss: Zum psychologischen Verständnis des Are de cercle. Int. Ztschr. f. 
Psa., Bd. X, 1924. 

9) Über die weibliche Sexualität. Ges. Sehr., Bd. XII. 

10) Vgl. Klein: Die Psychoanalyse des Kindes. Int. Psa. Verlag, Wien, 1932. 



406 Edith Jacobssohn 



Die Beziehung zum eigenen Genitale gestaltet sich in der nächsten Zeit so, 
daß eine Entwertung des Genitalorgans erfolgt, die zur Frigidität disponiert 
und in Fällen, wo sie zu einem bestimmten reaktiven Narzißmus führt, das 
Zustandekommen einer Objektbeziehung zum Manne überhaupt gefährdet. 
Die Ausheilung der narzißtischen Wunde vollzieht sich weiterhin mit Hilfe 
von libidinösen Verschiebungen auf andere Körperteile oder das Körpern 
ganze; narzißtische Kompensationen wie die Ausbildung der weiblichen 
Tugendhaftigkeit, die wir später noch behandeln, oder die von H a r n i k be* 
schriebene Kultivierung der weiblichen Schönheit, 11 werden angebahnt, oder 
aber das verletzte Selbstgefühl wird durch Ausbildung „männlicher" Vor* 
züge auf anderem körperlichem oder geistigem Gebiete gestützt. 

Entscheidend für das sexuelle Schicksal und den Wiedergewinn des geni* 
talen Selbstgefühls und Empfindens ist aber, ob und wie der Ausbau der 
Liebesbindung an den Vater gelingt. Sie muß dem Mädchen helfen, auf ihr 
aggressiwmännliches Begehren allmählich zu verzichten, sich mit dem Fehlen 
des Gliedes abzufinden, die oralen Penisraubimpulse zu bewältigen und in 
vaginale Wünsche überzuführen. 

Hat die weibliche Entwicklung diesen Weg eingeschlagen, so pflegen wir 
sie als normal zu bezeichnen, obwohl sie in einem bestimmten Prozentsatz 
der Fälle der Frau für die Zukunft zwar ein gesünderes weibliches Schicksal 
als etwa der phallisch Fixierten, aber doch keine größere sexuelle Genuß* 
fähigkeit verschafft. Helene Deutsch hat das Bild solcher frigiden, aber 
sonst ganz normalen weiblichen Frauen treffend beschrieben. 12 Unleugbar ist 
die Geschlechtskälte derart verbreitet, daß es begreiflich ist, wenn auch 
Freud die Annahme vertritt, daß für die Frigidität in manchen Fallen ein 
anatomisch*konstitutioneller Faktor verantwortlich sein könnte. 13 Wir sind — 
im Gegenteil — überzeugt, daß die Häufigkeit der Frigidität erlebnismäßig 
— d. h, bei der heute typischen Natur der entsprechenden Erlebnisse: gesell* 
schaftlich — bedingt ist. Begünstigt von aktuellen Faktoren ■— wie Gravi* 
ditätsängsten — ist sie im allgemeinen Folge einer unzureichenden Verarbei* 
tung der Kastrationskonflikte, die, unterstützt vom ödipusverbot, zu regres* 
siver Besetzung phallischer und prägenitaler Positionen führte. 

Ist doch die Situation des kleinen Mädchens nach dem Kastrationstrauma 
durchaus nicht dazu angetan, ihr das gesunde Selbstgefühl wiederzugeben. 
Keine hilfreiche Aufklärung macht das Kind mit der Existenz eines voll* 
wertigen weiblichen Lustorgans vertraut, die Hoffnung auf ein zukünftiges 
Kind reicht als Trost für die Gegenwart nicht aus und die soziale Höher* 

r i) Harnik: Schicksale des Narzißmus bei Mann und Frau. Int. Ztschr. f. Psa. Bd. IX, 
1923. 

1 2) Helene Deutsch; Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur Frigid 
dität. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVI, 1930. 

13) Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Ges. Sehr., 
Bd. XII. 



Wege der weiblichen Über=IchsBildimg 407 



Schätzung des männlichen Geschlechtes sorgt dafür, daß sich die narzißtische 
Wunde nicht schließen kann. 

So fanden wir auch bei Fällen, die eine relativ normale weibliche Position 
erreichten, daß die Vagina selbst da, wo sie später libidinös besetzt wurde, 
nicht wirklich das volle Äquivalent der sexuellen Kräfte vor dem Kastrations* 
trauma geworden war. Schuld daran trug die Abdrängung, die die weibliche 
Sexualität durch das Kastrationstrauma ins Masochistische erlitten hatte. Die 
Abwehr der wieder belebten oralsadistischen Einverleibungswünsche hatte 
zum Verzicht nicht nur auf den Penis, sondern auf ein eigenes Genitalorgan 
überhaupt geführt. Das Glied wurde dem Mann — gleichsam als Sühne — 
abgetreten; nun konnte es an ihm geliebt und unzerstört erhalten und nur im 
Akt immer wieder empfangen werden, wie ehedem die Brust von der Mutter. 
War auch mit dieser Entwicklung die Erotisierung der Vaginalzone einge* 
leitet, so war trotzdem zunächst die narzißtische Entschädigung für das ente 
wertete Genitale an Stelle der Vagina der väterliche Penis, bezw. das ganze 
ihm gleichgesetzte Liebesobjekt — der Vater also — geworden. Es hatte 
eine Verlegung der narzißtischen Besetzung vom eigenen Genitale weg auf 
das Liebesobjekt stattgefunden, was im Wechsel des Angstinhaltes einen 
Niederschlag fand: die Kastrationsangst konnte sich nach Annahme des 
eigenen Kastriertsems und Herstellung der ödipusbeziehung regressiv mit 
der Liebesverlustangst verdichten. Statt der Einbuße des Gliedes wurde nun 
die des phallischen Liebesobjektes gefürchtet, zu dem sich also eine oral fun* 
dierte, narzißtische und häufig masochistische Liebeseinstellung etablierte. 
Nicht immer sind Frauen mit solcher Sexualorganisation frigid. Wie wir 
schon erwähnten, kann dabei die Vagina durch Verschiebung der oralen 
Libidobesetzung nach unten im späteren Liebesleben zum Lustorgan werden. 
Die Frauen können dann, solange sie sich des Besitzes des geliebten Mannes 
sicher fühlen, vaginal empfinden und Orgasmus produzieren, reagieren aber 
auf die Gefährdung ihres Besitzes, an dem sie angstvoll haften, mit Frigidität, 
Vaginismus, pathologischen Depressionen. Auffallend ist auch, daß solche 
Frauen zwar im Koitus vaginal empfinden, oft aber — wie wir in vier Fällen 
beobachteten — vollständig onaniegehemmt sind. Da sie ja kein „eigenes" 
Genitale besitzen, benötigen sie zur sexuellen Reizung unbedingt des mann* 
liehen Gliedes. Sie haben also, auch wenn sie im Koitus empfinden, im 
Grunde eine Scheingenitalität, indem sie das Genitale des Partners als das 
zu ihrem Körper gehörige empfinden. Solche Liebesbeziehungen sind 
durch Identifizierungen mit dem Manne und seinem Gliede gekennzeichnet. 
Je weiter die masochistische Verarbeitung der oralen Aggressionen gegen 
den Mann gegangen ist, bezw. je stärker die Raubimpulse gewesen waren, 
desto absoluter ist die Frigidität; die Erotisierung des rezeptiven Organs, der 
Vagina, wird dann überhaupt nicht mehr zugelassen. 

Man wird mit der nötigen Vorsicht sagen können, daß die hier beschrieb 



408 Edith Jacobssohn 



benen Mechanismen bei der normalen verheirateten Frau der vorigen Gene** 
ration beinahe im Durchschnitt anzutreffen waren. In der heutigen Zeit aber 
finden wir — neben vielen phallischen Typen, auf die wir nicht eingehen — 
Ansätze zu einer vom libidoökonomischen Standpunkt gesünderen Entwick* 
lung. 

Der Kastrationskonflikt wird dann so ausgetragen, daß die raschere und 
direkte Findung des weiblichen Genitales den Verzicht auf das Glied ermög* 
licht und mit dem Glauben an den Besitz eines eigenen und vollwertigen 
Organs das weibliche Selbstgefühl wiederherstellt. Die libidinöse Besetzung 
der Vagina erfolgt dann nicht nur durch Verschiebung oraler Strebungen 
nach unten, sondern auch unmittelbar. Die Phantasien über einen inneren 
Penis bilden, wie wir schon andeuteten, eine Brücke bei der Bildung der 
symbolischen Gleichungen Penis = Vagina und Penis = Kind. Denn der 
Glaube an das verborgene Organ kann schon das kleine Mädchen durcK 
energische Genitalforschung zu befriedigender Kenntnis der Vagina und der 
vaginalen Onanie führen, was besonders in Fällen gelingt, wo die Onanie 
nicht verboten ist und eine geeignete Aufklärung über den Geschlechtsunter;* 
schied nachhilft, Charakteristisch für Frauen, deren weibliches Genitalemp* 
finden aus der Annahme eines im Leib befindlichen Gliedes erwächst, ist die 
starke Erotisierung der tiefen Scheidenteile und der Portio, wie überhaupt die 
Mitbeteiligung des Uterus an der genitalen Erregung und orgastischen Be* 
friedigung. 

Ist die weibliche Entwicklung einmal in diese Bahn gelenkt, so wird sie 
auch die Beziehung zum Liebespartner auf anderen Boden stellen als 
bei dem vorher dargestellten Typ. Diese wird nicht oral, narzißtisch und 
masochistisch, sondern aktiv^genital sein, eine Wahl nach dem „An* 
lehnungstyp" 14 ermöglichen und eine gewisse Unabhängigkeit vom Liebes* 
objekt gewährleisten, da sie weniger unter dem Einfluß von Liebesverluste 
angst, sondern eher vaginaler — der männlichen Kastrationsangst analoger 
— Verletzungsängste steht, wie sie Karen Hörn ey in den Vordergrund ge* 
rückt hat. 15 Insofern diese Angst sich auch auf die inneren tiefliegenden Teile 
des Genitalorgans bezieht, trifft für die so Organisierten Melanie Klein s 
Ansicht wieder zu, daß die tiefste weibliche Angst die vor der Zerstörung des 
Körperinnern sei. 

Die Komplizierung des weiblichen Trieblebens durch Eigenart und Tiefe 
des Kastrationskonfliktes teilt sich nun natürlich auch der weiblichen Ich* 
und Über*Ich*Bildung mit. 

Zur Klarstellung bemerken wir, daß wir uns Melanie Klein s Ansicht 
nicht anschließen, derzufolge schon die ersten Introjektionen der Eltern* 

14) Freud: Zur Einführung des Narzißmus. Ges. Sehr., Bd. VL 

15) Horney: Flucht aus der Weiblichkeit Int. Ztechr. L Psa„ Bd. XII, 1926. 



Wege der weiblichen ÜbersIch=BiIdung 409 



gestalten als Beginn der Über*Ich*Bildung aufzufassen wären. 16 Wenn auch 
die frühen Identifizierungen und Ängste den Grundstein für das spätere 
Übersieh legen, in dieses eingehen und daher besonders wichtig für das Vers» 
ständnis von Über^Ich^Fehlentwicklungen sind, sollte doch die Tatsache 
nicht verwischt werden, daß die Herausbildung des Obers*Ichs als eines ge* 
schlossenen Persönlichkeitsanteils eng an den Abbau des (vollständigen) 
Ödipuskomplexes geknüpft ist. Wir möchten also von Übersieh erst jda 
sprechen, wo ein einheitliches konsolidiertes Gefüge sichtbar wird. 17 Dieser 
Zeitpunkt scheint uns allerdings beim kleinen Mädchen früher zu liegen als 
beim Knaben, um das dritte Jahr etwa, eben in der phallischen Phase, in der 
sich die Kastrationsangst durch beginnenden Zweifel an der normalen Genital* 
beschaffenheit steigert und das Kind zum raschen Onanieabgewöhnungskampf 
und zur Loslösung von der Mutter drängt. Man könnte also die erste Stufe des 
weiblichen Über^Ichs als „Erben des negativen Ödipuskomplexes" be* 
zeichnen. Denn es hängt wohl mit dem Untergange der präödipalen Mutter* 
bindung zusammen, daß der Kern des weiblichen — wie übrigens in einem 
gewissen Grade auch des männlichen — Über^Ichs ,,mütteriich*phallisch" ist. 
Denn die Mutter hat nun einmal in den ersten Lebensjahren in jeder Be* 
ziehung den Vorzug, steht als Liebes* und Identifizierungsobjekt an erster 
Stelle. Der Antrieb zur Über*Ich*Bildung hält an, ja wird zunächst noch 
stärker, wenn sich das Kind der Tatsache, „kastriert" zu sein, nicht länger 
verschließen kann. Man kann beobachten, wie es in der Zeit, die an seine 
seelische Kraft die größten Anforderungen stellt, intensive Bravheits* 
bestrebungen entwickelt und das Ich*Ideal eines bescheidenen, sanften, ge* 
horsamen oder reinlichen kleinen Mädchens — im Gegensatz etwa zum 
wilden, frechen, schmutzigen kleinen Jungen — in sich aufrichtet. 

Der Inhalt dieses ersten typisch weiblichen Tugendideals ist natürlich vom 
„Kastrationserlebnis* 4 bestimmt und bekämpft besonders die wiederbelebten 
oraksadistischen und phallisch*aggressiven Strebungen gegen Mutter und 
Vater, sowie die anale Entwertung des eigenen und des mütterlichen Genital* 
organes. Der hohe Beitrag der Oralität zur weiblichen Über*Ich*Bildung, 
auf den Sachs in der schon erwähnten Arbeit aufmerksam machte,; gehört 
hteher, Nicht nur die Züge des Verzichts, die er als charakteristische Note 
des weiblichen Über*Ichs anführt, werden in jener Zeit geprägt, überhaupt 
die weiblichen Kardinaltugenden der körperlichen und seelischen Reinheit 
und der duldenden Entsagung sind Ideale, die die Frau durch den üblichen 
Ablauf des Kastrationskonfliktes erwirbt, 

Aber in der folgenden Entwicklungsperiode schreitet die Organisation des 
weiblichen Über*Ichs nicht mit derselben Intensität fort, wie sie angebahnt 
wurde. Die Annahme des Kastriertseins scheint die moralischen Bemühungen 

16) Klein: Die Psychoanalyse des Kindes. Int. Psa, Verlag, Wien, 1932. 

17) Vgl. Yenich ei: Die Identifizierung. Int. Ztschr. f. Psa„ Bd. XII, 1926. 



410 Edith Jacobssohn 



des kleinen Mädchens so zu erschöpfen, daß im Über^Ich^Aufbau eher ein 
Rückgang bemerkbar wird. Die Hemmung steht in engem Zusammenhange 
mit der Beziehung des Kindes zum väterlichen Glied. Ein Vergleich mit der 
männlichen Entwicklung ist hier am Platz: Den Prozeß der Über*Ich*Ent* 
stehung beim Knaben kann man etwa so charakterisieren, daß dieser, statt 
sich des väterlichen Gliedes zu bemächtigen — um mit der Mutter zu ver^ 
kehren — , also statt den Vater zu „kastrieren", bestimmte phallische Eigene 
Schäften des Vaters in sich aufnimmt. Analog vollzieht sich anfangs die weib* 
liehe Über*Ich*Bildung, wobei die Identifizierungsperson die Mutter ist. 
Anders wird die Situation, wenn mit Verarbeitung des Kastrationskonfliktes 
die Vaterbeziehung aufblüht. Wie vorher die Mutter, wird er jetzt Mitteln 
punkt sowohl der objektlibidinösen als auch der narzißtischen Strebungen. 
Im Kampf zwischen beiden unterliegt der phallische Narzißmus des MäcU 
chens der Objektlibido, während der Knabe der Erhaltung seines Gliedes 
die Ödipuswünsche opfert. 

Die Eigenart des männlichen und weiblichen Narzißmus ist damit übrigens 
gekennzeichnet: Dieser geht in die Objektliebe ein, setzt sich in ihr durch, 
jener geht über die Objektliebe, setzt sie hintan. 

Die auf den Vater gerichteten kastrativen Einverleibungswünsche werden 
also, falls sich das Mädchen weiblich orientiert, nicht mit Hilfe phallischer 
Partialidentifizierung mit dem Vater in einem Übersieh abgewehrt, sondern 
durch Ausgestaltung der Objektbindung, in der der Besitz des Vaters als 
Liebesobjekt — den die Aufnahme des Penis im Akt gewährleistet — für die 
Genitalüberlassung entschädigt Der dieser Entwicklung förderliche Projekt 
tionsvorgang, der mit dem Verzicht auf das eigene Glied die narzißtische 
Genitalbesetzung auf den Vater überträgt, hat nun zur Folge, daß auch eine 
Projektion des dem begehrten Phallus gleichgesetzten Über^Ichs auf das 
Liebesobjekt eintritt, wodurch dieses zum Übersieh erhoben wird. Die weib* 
liehe Gewissensangst wird von da ab in einem gewissen Ausmaße sekundär 
zu einer „sozialen Angst 4 *; maßgeblich werden in erster Linie die Ansichten 
und Urteile des Liebesobjekts, die — wie sein Glied — immer wieder von 
ihm übernommen werden können. Anderseits bedeutet — vom libidoökono* 
mischen Gesichtspunkt aus — die projektive Anlehnung des Über^lchs an 
den Vater eine Entlastung des durch den Kastrationskonflikt überanstrengten 
Ichs des kleinen Mädchens. 

Ein kurzes Beispiel möge den Vorgang einer solchen Über^Ich^Projektion 
veranschaulichen: Eine Patientin versicherte zu Beginn der Behandlung, daß 
sie ein typischer Fall von sozialer Angst sei. Sie besitze überhaupt kein 
eigenes Werturteil, sondern übernehme die Wertungen der jeweiligen Um** 
gebung. Die Patientin schien recht zu haben. Es bestand trotz hervorragender 
Intelligenz eine hörige Abhängigkeit ihres Urteilens und Handelns von ihren 
Liebesobjekten. Aber im Laufe der Behandlung stellte sich heraus, daß die 



Wege der weiblichen Über »Ich* Bildung 411 

Behauptung, sie habe kein Werturteil, andeutete, daß sie kein Glied habe, 
daß sie „kastriert" sei. In tieferer Schicht fanden wir, daß sie mit solchem 
offenen Eingeständnis ihres Mangels ihre Penis*Introjektionswünsche, die 
Phantasie, ein Glied zu haben, verleugnen wollte. Nun erschloß sich die 
masöchistische Verarbeitung ihrer heftigen aggressiven Einverleibungs* 
impulse gegen den Phallus des Vaters, bezw. in tieferer Schicht den Leib der 
Mutter. Dem geliebten Wesen überließ sie entsagend nicht nur ihr Glied und 
jegliche Genitalbetätigung, sondern auch ihr Übersieh und entwickelte un* 
geachtet ihrer Klugheit eine kindlich*orale Einstellung zu ihren Liebes* 
partnern, die ihr vor allem ihre Liebeserlebnisse anvertrauen, also vom 
eigenen Reichtum abgeben und im übrigen jeden Schritt im Leben diktieren 
mußten. Erst nach Aufklärung dieser Zusammenhänge kamen bei der Pa* 
tientin mit dem Verlangen nach einem eigenen Genitale und Sexualleben auch 
die verleugneten, verdrängten und projektiv abgewehrten Über*Ich*Regungen 
zum Vorschein. 

Der hier besonders deutliche Mechanismus scheint typisch weiblich zu 
sein. Mit der Ausbildung einer weiblich*masochistischen und oral fundierten 
Objekteinstellung kommt es demnach in vielen Fällen zu einer Abwehr des 
Über*Ichs, besonders zu einer projektiven Anlehnung des Über*Ichs an den 
Vater, und sobald die Mutter als Rivalin wieder Identifizierungsperson wird, 
auch an die Mutter, ein Vorgang, der der weiteren Ausgestaltung eines selb* 
ständigen weiblichen Über*Ichs entgegenarbeitet und zur sexuellen Ab* 
hängigkeit der Frau vom Liebesobjekt eine des Ichs fügt, die weibliche Nei* 
gung, im Manne die Verkörperung des geopferten eigenen Ich*Ideals zu 
lieben, bezw. durch die Liebe sich auch das Übersieh des Geliebten zu eigen 
zu machen. Der eine von Sachs beschriebene orale Typ einer Frau, in deren 
Ansichten und Maßstäben die früheren Geliebten weiterlebten, die also der 
realen Einverleibung des Gliedes zur Entwicklung ihres Pseudo*Über*Ichs 
bedurfte, wird von hier aus verständlich. 

Es nimmt nicht wunder, daß Frauen mit solcher Libidoorganisation trotz 
eines scheinbar schwachen Über*Ichs an Melancholie erkranken können, ja 
durch ihre Oralität dafür sogar disponiert sind. Es wird dann bei späterer 
Überhandnähme von Introjektionsmechanismen die Projektion des Über* 
Ichs wieder zurückgezogen und das frühkindliche abgewehrte Über*Ich setzt 
sich, das Ich mit archaischen Ängsten überflutend, grausam durch. 

Viel besser gelingt der Über*Ich*Aufbau, wenn die Vagina als vollwertiges 
Genitale in ihre Rechte tritt. Je genitaler sich das kleine Mädchen im Laufe 
des Ödipuskomplexes einstellt, desto analoger ist die Ich* und Uber*Ich* 
Entwicklung der männlichen. Was hier die Kastrationsangst, leistet da die 
weibliche Genitalbeschädigungsangst. Es wird ein selbständiges Ich*Ideal er* 
richtet, in das, soweit das mütterliche Vorbild nicht ausreicht, Züge des 
Vaters einbezogen werden, ohne daß man deshalb von einem „männlichen 



412 Edith Jacobssohn : Wege der weiblichen Übet *Ich*BiIdung 

Übersieh" sprechen müßte. Unter dem Einfluß des erhöhten weiblichen 
Selbstgefühls und des besser organisierten Über^Ichs erfährt dann natürlich 
auch das Ich eine Ausweitung und Bereicherung. Man wird einwenden, daß 
die hier skizzierte Ichs* und Über^Ich^Entwicklung charakteristisch „phak 
lisch" wäre. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der anderen 
Libido^Organisation, die dieser Typ aufweist, und die in der fehlenden Riva*» 
lität zum Manne, . im gesunden sozialen und Liebesverhalten und in; der 
Herausbildung eines qualitativ vom Mann verschiedenen Ichs und Über^Ichs 
zum Ausdruck kommt. Wir verweisen nochmals auf den zweiten von Sachs 
dargestellten weiblichen Charakter, den er als normal weiblich kennzeichnet. 
Die schwierige Abgrenzung von der „männlichen Frau" erklärt sich einmal 
daraus, daß die Vorstellung eines „echt weiblichen Wesens" an traditionellen 
Begriffen klebt, dann aber aus der Tatsache, daß der weibliche „vaginale" 
Frauencharakter mit selbständigem Übersieh, starkem affektivem Ich und 
gesunder expansiver weiblicher Sexualität — historisch aus der oraknar* 
zißtisch und masochistisch eingestellten Frau auf der Linie der phallischen 
Frau entstanden — sich erst durchzusetzen beginnt, vorläufig also noch ein 
weiblicher „Zukunftstyp" ist. 



F 



KLINISCHE BEITRÄGE 



Ein Beitrag zum Fetischismus 

Von 

Michael Bälint 

Budapest 

Freud hat in seinem Aufsatz „Fetischismus" 1 darauf hingewiesen, daß der 
Fetisch in der Regel einen Penisersatz bedeutet. In dieser Mitteilung möchte ich 
zwei weitere Bedeutungen des Fetisch beschreiben, welche in einem von mir ana* 
lysierten Falle klar zutage traten und von welchen ich nach Durchsicht der Lite* 
ratur vermute, daß sie bei fast allen Fällen eine wesentliche Rolle spielen werden. 

Sicher gibt es sehr viele Leute, für deren Lieb es wähl die eine oder die andere 
Eigenschaft des Liebesobjekts von hoher Bedeutung ist, manchmal sogar eine 
conditio sine qua non darstellt. Diese Leute sind nicht ganz frei, also nicht völlig 
gesund — aber eigentlich noch nicht pervers. Fetischist im eigentlichen Sinne 
könnte nur derjenige genannt werden, der keinen Sexualpartner mehr, nur den 
Fetisch braucht und dessen sexuelle Tätigkeit nicht den Akt als Ziel vor sich setzt. 

Diese Leute sind — wie allgemein bekannt — mit ganz wenigen Ausnahmen 
Männer. Die Handlungen, welche für sie die Befriedigung herbeiführen, be* 
stehen fast immer darin, daß sie den Fetisch anziehen oder einen Körper* 
teil in den Fetisch hineinstecken. Sehr viele Fetische sind auch von Natur 
aus hohl oder werden in der perversen Handlung als Behälter. gebraucht: so 
Schuhe, Korsetts, überhaupt Kleidungsstücke und Wäsche, vor allem Unterhosen, 
dann Pelzwaren, Taschentücher und — z. B. in einem merkwürdigen, mündlich 
mitgeteilten Fall von Pfeifer — der hohle Teil von einem Kunstbein. Die 
Vagina*, bezw. Mutterleibsbedeutung dieser Objekte liegt ebenso auf der Hand 
wie die Penisbedeutung des verwendeten eigenen Körpers, bezw. Körperteils. Die 
Fetischisten wären demnach Männer, welche den Koitus nur symbolisch — durch 
zwei parallele Verschiebungen entstellt — zu vollziehen wagen. Dies wurde in 
dem von mir analysierten Falle leicht zugegeben. Schwieriger war es, bewußt zu 
machen, daß der verwendete Körperteil auch den Penis des Vaters darstellte, 
dem das Koitieren erlaubt ist, und vielleicht zutiefst den Patienten selbst, und 
zwar als ganz kleines Kind im Sinne von Ferenczis Gulliver*Phantasien. 2 
Damit sind wir bei der Kastrationsangst, bezw. deren Bewältigung, also bei der 
Deutung Freuds angelangt. 

Weibliche Fetischisten kenne ich nicht aus eigener Erfahrung. Was ich aber 
über diese ganz vereinzelt beobachteten Frauen weiß, fügt sich gut in meinen 
Gedankengang. Diese werden nämlich als sehr männliche Wesen beschrieben 
und, was ich für das Wichtigste erachte, sie machen dasselbe mit ihrem Fetisch 
wie die Männer. So bestand die perverse Handlung einer von Frau Dubovitz 

i) Ges. Sehr., Bd. XI, S. 395. 

2) Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIII, 1927, S. 379. 






414 Michael Bälint: Ein Beitrag zum Fetischismus 

behandelten Patientin darin, daß sie die Nase in das als Fetisch fungierende 
Taschentuch hineinsteckte. 

Der Fetisch hat aber noch eine Bedeutung. Bei näherer Betrachtung stellt es 
sich nämlich heraus, daß immer ein ziemlich wertloser Gegenstand zu 
dieser Würde erhoben wurde. Ich kenne wenigstens keinen Fall, wo ein wert* 
volles Schmuckstück als Fetisch fungiert hätte, und sicher keinen, wo der E i g e n* 
wert desselben eine Rolle gespielt hätte. Ja, besonders bei Kleidungsstücken 
ist es meistens ein Vorteil, daß sie alt oder wenigstens getragen sind, — wenn 
nicht eine unumgängliche Bedingung. Weiter ist der Fetisch ein lebloses Ding, 
das seinem Eigentümer leicht entwendet werden kann. Dagegen war das Gefühl 
des ungestörten Besitzes des Liebesobjekts — wenigstens für den von mir analy* 
sierten Fall — von sehr hoher Bedeutung für die Befriedigung. Zu diesem Kom* 
plex gehört auch die Bedingung, daß der Fetisch einen Geruch haben soll. Ich 
glaube, weiteres Material ist wohl überflüssig: der Fetisch bedeutet auch Kot. 
Ich kann aber — auf meinem leider nicht beendeten Fall basierend — nicht 
sagen, wie er zu dieser Bedeutung gekommen ist, und besonders nicht, wessen 
Kot er vertritt. Ich vermute bloß, daß es nicht der eigene Kot ist, sondern der 
der Eltern, und daß also der Fetisch mit der analen Theorie der Geburt und des 
Sexualaktes im innigen Zusammenhang steht. 

Mit dieser Vermutung komme ich den Erfahrungen von Melanie Klein sehr 
nahe, die sehr überzeugend dargestellt hat, 8 daß in einer ziemlich frühen Ent* 
Wicklungsperiode des Kindes in den Mittelpunkt des Interesses der Kot, bzw. 
der Leibesinhalt der Eltern, hauptsächlich aber der Mutter, gelangt und daß das 
wichtigste Sexualziel dieser Periode darin besteht, sich diesen mit magischen 
Kräften ausgestatteten Leibesinhalt mit allen möglichen Mitteln zu verschaffen. 
Die Beschreibung von Frau* Klein ist zweifellos richtig, nur sind diese wich* 
tigen Erscheinungen — meiner Ansicht nach — nicht primärer Natur. Ich möchte 
auch in diesem Falle C. D. D a 1 y beistimmen, der hinter den Kot*, bezw. Leibes* 
inhaltphantasien die viel stärker verdrängte mütterliche Vagina — von der wir 
gerne vergessen möchten, daß auch sie riecht, — vermuten würde. Mein Material 
erlaubt mir leider nur Vermutungen, keine zwingenden Schlüsse. 

Von diesen Gedanken führen zwei interessante Parallelen zu der Klepto* 
manie und zum Transvestismus. Ich glaube, daß diese beiden Perversionen 
auf derselben psychischen Basis beruhen, nur wurde bei der Kleptomanie 
der Hauptakzent auf das Besitzergreifen, bei dem Transvestismus auf das An* 
ziehen, bzw. In*den*Kleidern*stecken verschoben. Ich erachte es als einen Vor* 
teil meiner theoretischen Überlegungen, daß sie uns ermöglichen, diese drei 
Formen der perversen Sexualbetätigung auch theoretisch einander nahe zu brin* 
gen, sind sie doch der klinischen Erfahrung nach sicher verwandte Erschei* 
nungen, welche auch oft miteinander vorkommen. Allerdings müssen meine 
Überlegungen erst durch die Erfahrung bestätigt werden. 



3) Die Psychoanalyse des Kindes. Int. Psa. Verlag, Wien, 1932. 




Zar Begutachtung eines Falles von Päderosis 415 

Zur Begutachtung eines Falles von Päderosis 1 

Von 

A. Kielholz 

Königsfelden 

Vor einigen Monaten wurde uns zur gerichtlichen Begutachtung ein Fall von 
Schändung mehrerer unreifer Mädchen durch einen 36jährigen Mann über* 
wiesen, über den ich Ihnen heute referieren möchte. 

Er erinnerte uns daran, daß auf der Herbstversammlung 1922 des Schweiz. 
Psychiatervereins in Zürich Karl G r ä t e r aus Basel über zwei Fälle von Paid* 
Erotose, ihre psychoanalytische Behandlung und kriminologische Auffassung be* 
richtet und die These aufgestellt hatte, daß solche Menschen, die er als sexuell 
Perverse auffaßte, nicht mit Gefängnis bestraft, sondern zwangsweise (?) psy* 
choanalysiert werden sollten. Als Strafe hätte einzig zu gelten die möglichste 
Wiedergutmachung des Schadens dadurch, daß alle Geschädigten auf Kosten 
des Verurteilten sich dürften psychoanalytisch und psychopädagogisch behandeln 
lassen. 2 

Schon in der anschließenden Diskussion wurde damals erklärt, es gehöre recht 
viel Mut dazu, für eine günstige Prognose von Fällen einzutreten, die sich noch 
nicht in Freiheit befänden und daher noch keine Gelegenheit hatten, sich zu 
bewähren. (Anmerkung bei der Korrektur: Gräter hat seither berichtet, daß 
ein Fall rückfällig wurde, der andere nach fünf Jahren Zuchthaus sich gut hielt.) 

Krafft^Ebing betont in seiner „Psychopathia sexualis", 3 daß es unter den 
nicht pathologischen Fällen von Menschen, die sich an unreifen Kindern ver* 
greifen, außer den alten Wüstlingen eine Kategorie von jugendlichen Individuen 
gebe, die ihrer Potenz und ihrem Mute, sich mit erwachsenen weiblichen Per* 
sonen einzulassen, nicht oder noch nicht trauen. Meist seien es aber Mastur* 
banten, die mit psychischer Impotenz oder solcher durch reizbare Schwäche der 
Zeugungsorgane heimgesucht, in unzüchtigem Kontakt mit kleinen Mädchen ein 
Äquivalent für den ihnen unmöglichen Koitus suchen, zumal da die bloße wol* 
lüstige Betastung solcher Kinder ausreiche, um bei solchen relativ Impotenten 
Orgasmus und Ejakulation herbeizuführen. 

Bei den psychopathologischen Fällen, die er als Pädophilia erotica benennt, 
stellt er als ätiologische Momente Alcoholismus chronicus und Kopfverletzungen 
fest, ferner erbliche Belastung, und nimmt an, daß bei ihnen, im Gegensatz zum 
Wüstling, die Neigung zu Unreifen primär sei, daß ihre Delikte bloß in un* 
züchtiger Betastung und Onanisierung der Opfer bestehen und daß sie durch 
erwachsene Individuen unerregbar seien. Diese Perversion könne an und für 
sich unmöglich Straflosigkeit für die aus ihr resultierenden Delikte bedingen, da* 

i) Nach einem in der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse in Zürich am 
26. Oktober 1935 gehaltenen Vortrag. 

2!) Schweiz. Archiv f. Neur. u. Psych., Bd. XIII, S. 341. 
3") 12. Aufl., Stuttgart, 1903, S. 391-397. 



416 A. Kielholz 



gegen Zubilligung mildernder Umstände. Unter allen Umständen seien sie als 
gemeingefährlich zu betrachten, und es sei stete Überwachung und ärztliche Be* 
handlung notwendig. Der richtige Platz für sie wäre die Heilanstalt und: nicht 
das Strafhaus. Er will in zwei schweren Fällen Heilung beobachtet haben.. 

Auch F o r e l 4 ist der festen Überzeugung, daß es viele Fälle vonj geschlecht* 
licher Neigung zu unreifen Kindern gibt, die er als Päderosis bezeichnet, die 
auf einer speziellen angeborenen Anlage beruhen. Viele Kinderschänder seien 
auch die heute Normalen den Entwicklungsweg über die Perversionen und die 

InFreuds „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" 5 ist die Päd* 
erosis nicht speziell erwähnt. Wichtig für unser Thema erscheint der Hinweis, daß 
auch Sadisten oder Masochisten oder Urninge. 

Objektbesetzungen des Ödipuskomplexes zurückgelegt haben, ferner, daß die 
perverse Sexualität ausgezeichnet zentriert sei, daß alles Tun zu einem — meist 
zu einem einzigen — Ziel dränge, so daß in dieser Beziehung zwischen der per* 
versen und der normalen Sexualität kein Unterschied bestehe, daß es aber auch 
Fälle von perverser Sexualität gebe, die weit mehr Ähnlichkeit mit der infantilen 
haben, indem sich zahlreiche Partialtriebe unabhängig von einander mit ihren 
Zielen durchgesetzt oder, besser, fortgesetzt hätten. Man spreche in diesen Fällen 
richtiger von Infantilismus des Sexualtriebes als von Perversion. 6 

In seinem Buche über Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen 7 versucht 
Fenichel die heterosexuelle Pädophilie so zu_erklären, daß stark femin ine 
Männer, die sich in der Kindheit oder Pubertät gern als Mädchen phantasiert 
hätten, sich in kleine Mädchen verlieben, in denen sie sich selbst verkörpert 
sehen und denen sie zukommen lassen, was die Mutter ihnen versagte. So sei ein 
Patient, dessen prävalente Mutterbindung sich in Charakter und Neurose über* 
deutlich zeigte, in höchste sexuelle Erregung geraten, wenn seine Geliebte in 
seiner Gegenwart urinierte und er ihr dabei freundlich zuredete. Die Analyse 
habe ergeben, daß er seine Mutter spielte, die ihn seinerzeit auf das Töpfchen 
gesetzt hatte. 8 

Was die Prognose der psychoanalytischen Therapie bei Perversionen anbe* 
langt, so behauptet Fenichel: Wer mit seiner Perversion innerlich einver* 
standen sei, sei unanalysierbar. Der bei vielen Perversionen stark narzißtische 
Charakter erschwere die Analyse ebenfalls, fast wie bei einer Psychose. 9 

Gehen wir nun zu unserem Falle über. Vom Gutachten seien aus Raumer* 
sparnisgründen Vorgeschichte und Tatbestand übergangen, von den eigenen Be* 
obachtungen nur erwähnt, was uns der Expl. über seinen Lebenslauf berichtete. 

Der Vater sei Weihnachten 1928 an Brustfell* und Lungenentzündung, 67 Jahre alt, ge* 
storben, vorher sei er wegen Magenblutungen einmal operiert worden. Er hatte den Kauf* 
mannsberuf erlernt, war aber für diesen Beruf zu nachgiebig und hatte zu wenig Initiative ; 
er betätigte sich später als Magaziner. Als Knabe sei er verunglückt, habe einen Schädeln 

4) Die sexuelle Frage. Reinhardt, München, 1905, S. 259. 

5) Gts. Sehr., Bd. VII, S. 350. 

6) a, a. O., S. 336—337. 

7) Int. Psa. Verlag, Wien, 1931. 

8) a. a. O., S. 21. 

9) a. a. O., S. 43. 



1 



Zur Begutachtung eines Falles von Päderosis 417 

brach erlitten und daher einen Sprachfehler gehabt, so daß er oft die Worte nicht recht 
hervorbrachte« Wegen einer Rückenverkrümmung, die mit dem Unfall zusammenhing, 
sei er nach dem Tode seiner Frau 22 Monate krank gelegen, habe dadurch seine Stelle 
verloren und dann eine solche im Kanton Z. antreten müssen. Er sei ein solider, stiller 
Mann gewesen, ein weicher, unauffälliger Charakter; der Expl. sei immer gut mit ihm aus* 
gekommen. Die Mutter wurde 38 Jahre alt und starb an einem chronischen Nierenleiden, 
als der Expl. achtjährig war. Sie war energisch, lebhaft, dirigierte die ganze Haushaltung, 
obwohl sie den ganzen Tag in der Fabrik arbeitete, viel kränkelte und nachts häufig an 
Asthma litt. Die einzige Schwester, welche sieben Jahre älter ist als der Expl., erbte den 
energischen mütterlichen Charakter. Der Großvater mütterlicherseits war der letzte Flößer* 
meister von L. und der letzte seines Geschlechtes. Er hatte einen rauhen Charakter, war 
aber gutherzig, trank gelegentlich zuviel und wurde 86 Jahre alt. Der Großvater väter* 
licherseits war Kaufmann und Wirt. Ein älterer Bruder des Vaters lebt heute noch achtzig* 
jährig, war energisch, hat es aber doch zu nichts gebracht. Ein zweiter Vatersbruder hat 
die vierte Frau, die er als lediger Bursche schon schwängerte. Von den vier Schwestern 
des Vaters, die jetzt alle gestorben sind, war eine vorübergehend irrsinnig und wollte da* 1 , 
"mals in den Rhein springen. Ein naher Verwandter sei auch ein verrückter Kerl gewesen, 
von Beruf Maler. Der Vater des Expl., der auch gut zeichnen konnte, durfte deswegen 
nicht seinem Wunsche entsprechend Maler werden. Der Expl. sei, wie ihm sein Vater er* 
zählte, ein Siebenmonatskind gewesen. Ein Schwesterchen sei mit drei Monaten gestorben 
und zwei Zwillingsgeschwister seien tot zur Welt gekommen. Mit der älteren Schwester 
habe er sich immer gut vertragen. Sie hätten aber nur ein Vierteljahr lang zusammen ge* 
wohnt. An die Kindergartenzeit erinnere er sich mit Unlust, weil man dort gehorchen 
mußte, und er das nie gern tat. Er war ein Durchschnittsschüler, gut in Zeichnen, Ge* 
schichte, Geographie, Aufsatz, Naturkunde, schlecht im Rechnen. Die erste Klasse Bezirks* 
schule mußte er repetieren, hauptsächlich wegen Französisch. Er hatte keine Freude daran 
und machte keine Aufgaben. In der Lehre in S. habe er sich anfänglich Mühe gegeben,, 
dann sei es ihm zeitweise verleidet gewesen. Es gehe ihm mit allem so, zuerst habe er einen! 
Feuereifer, dann stürze das Strohfeuer zusammen. Der Lehrmeister schrieb damals seinem 
Vater, es fehle ihm am Willen. Er arbeitete dann einen Monat in Z., dann ein Jahr lang 
in der Heimatstadt L., bei Meister G., bei dem er auch später wieder aushalf, aber nie lange. 
Bei Meister G. in W. wurde er nach fünf Monaten entlassen, weil er in einer Wirtschaft Fri* 
vatarbeit angenommen hatte. Nach einem vierzehntägigen Aufenthalt im Süden arbeitete er 
eineinhalb Jahre lang bei der Gotthardelektrifizierung. Er strich Masten und kontrollierte 
Rollwagen und war einmal drei Wochen lang an einer Brustfellentzündung erkrankt. Ins 
Trinken sei er schon am Ende der Lehrzeit hineingeraten. Von Pfingsten 1920 an hielt 
er sich drei Monate bei der Schwester in M. auf, die dort Gemeindepflegerin war. Als 
diese sich verheiratete, malte er ihr die Wohnung aus und kehrte dann im Dezember 
1920 in die Heimatstadt zurück, wo er sich in einem Gasthof einlogierte. Er fand keine 
Berufsarbeit, arbeitete im Walde, vorübergehend im Kraftwerk und mußte so Schulden 
machen. Als im Juli 1921 der Gasthof abbrannte, sei seine Wäsche mitverbrannt. Der Wirt 
wurde vom Brandplatz weg verhaftet. Der Täter sei ein alter Mann gewesen, der neben^ 
ihm logierte und der beim Zubettegehen eine Zigarette wegwarf, wodurch eine Tür vorläge 
in Brand geriet. Der Betreffende sei seither gestorben. Er gebe seinen Namen nicht an. Als 
Mitte Oktober keine Arbeit mehr vorhanden war, und da er wußte, daß ihn der Gemeinde* 
rat und der Pfarrer forthaben und versorgen wollten, weil er hauptsächlich unter der 
Jugend kommunistische Ideen verbreitete, habe er sich fälschlich als Brandstifter ange* 
zeigt. Er sei während seines Aufenthaltes in L. der kommunistischen Partei beigetreten, 
vorher war er nur Mitglied der Gewerkschaft. Imponiert habe ihm vor allem die Idee des 
gleichen Rechtes. Ein armer Teufel könne sich in den hier herrschenden Verhältnissen 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XXHI/3 27 



418 A. Kielholz 



nickt entwickeln, weil ihm das Geld fehle oder weil ihn seine Umgebung daran verhindere. 
Er gründete dann eine kommunistische Jugendsektion. Die Alten waren bei der sozial* 
demokratischen Partei. Er hatte mit einzelnen von ihnen Streit. Man drohte ihm deswegen 
in einer Partei Versammlung mit Prügeln. Er wußte selbst nicht recht, was er eigentlich 
wollte. Er war eben noch jung. Im Anschluß an die falsche Anschuldigung habe man ihn 
laufen lassen, ihn aber nach einer Woche wieder verhaftet und dann wegen liederlichen 
Lebenswandels zu eineinhalb Jahren Zwangsarbeit verurteilt. 

Zu den Akten» betreffend di^ Schädigung, berichtete der Expl. hier f ol* 
gendes: Er habe nur mit Minderjährigen Verkehr gehabt. Er hatte einen Trieb, sie nackt 
zu sehen, besonders ihre Geschlechtsorgane. Das gehe weit zurück. Schon mit sieben 
Jahren gelüstete ihn darnach, als er noch nicht zur Schule ging. Unsittlichkeiten habe er 
nur in der Heimatstadt begangen, 1917, mit 18 Jahren, zum ersten Male. Er beobachtete da* 
mals einige Mädchen beim Baden, veranlaßte sie, ihre Badekleider auszuziehen, und zog sich 
selber auch nackt aus. Es handelte sich um zwei ungefähr zwölfjährige Mädchen. Er habe 
ihre Geschlechtsorgane betastet, weiter sei nichts vorgekommen. Es wäre auch nicht möglich 
gewesen, weil es zu gefährlich war, da sich immer Leute in der Nähe befanden. 

Schon während der Schulzeit, als er acht* bis neunjährig war, passierte etwas ähnliches 
mit einer gleichaltrigen Schulkameradin. Sie versuchten miteinander den Geschlechtsver* 
kehr. Man konnte damals bei den Italienern während der Kraftwerkbauzeit versteckt 
öfters solche Dinge beobachten. Es geschah in einer kleinen Scheune im Heu. Die Part* 
nerin war ein Italienermädchen, dessen Namen er vergessen hat. Kurz vorher habe ihn 
eine erwachsene Italienerin gerufen, die wie er auf einer Rheininsel badete. Sie zog ihm 
und sich die Badekleider aus, legte ihn auf sich und küßte ihn am ganzen Körper. Das 
habe ihn gereizt, ohne daß es ihm recht zum Bewußtsein kam. Er habe dann das Italiener* 
mädchen veranlaßt, mit ihm in die Scheune zu kommen, und habe mit ihr das gleiche ver* 
sucht wie die Erwachsene mit ihm. Das Kind habe sich nicht gesträubt, sondern ihn nur 
ausgelacht und ihm gesagt, andere hätten tin größeres Glied als er. Seither habe er da 
und dort, wenn er Gelegenheit hatte, kleinen Mädchen an die Geschlechtsorgane gegriffen, 
z. B. beim Versteckspiel auf dem Schloßberg. Die Zwölfjährigen hatten offenbar nur 
Angst, sie könnten dabei von den Leuten beobachtet werden, sonst wären ihnen diese 
Handlungen (gleichgültig gewesen. 

Auswärts habe er nie so etwas getrieben, mit einer Ausnahme in M., während er 1920 
bei der Schwester wohnte. Da hob er in einem Kellerraum, wo die Farbtöpfe aufbewahrt 
wurden, einer etwa zehnjährigen Italienerin oder Tessinerin den Rock auf und besichtigte 
die Geschlechtsteile. Sonst machte er nichts an ihr. Das Mädchen habe es ruhig ge* 
schehen lassen, habe aber vielleicht etwas Angst gehabt. Es hatte ein kleines Schwesterchen 
bei sich, das es urinieren ließ. Dadurch sei er gereizt worden. Das sei etwa zweimal vor* 
gekommen. Er bekam dabei ein steifes Glied und habe nachher onaniert. Bei den zwölf* 
jährigen Baderinnen habe er schon vorher onaniert. Mit Kameraden in der vierten oder 
fünften Klasse sei beim Baden öfters Onanie betrieben worden. Es waren auch ältere 
Knaben dabei. Daheim habe er oft alle Tage ein paarmal masturbiert, wenn er irgendwo 
ein schönes Weib gesehen habe. Er habe solche Sachen nie gebeichtet und habe sich dts* 
wegen nicht viel Gewissensbisse gemacht. Er hatte auch schon damals Konflikte mit dem 
Pfarrer, der furchtbar streng und wunderlich war, weil er kränkelte und schwere Ope* 
rationell zu überstehen hatte. Er sei gegen Andersgläubige eingenommen gewesen, habe 
sich abfällig über diese geäußert. Deswegen sti er, der Expl., einmal aufgestanden und 
habe protestiert, da sein Vater Altkatholik und er selber als solcher getauft war. Anfang* 
lieh einer der besten Schüler, sei er nachher vom Pfarrer geprügelt und geohrfeigt worden. 
Der Vater habe ihm dann brieflich geraten, den kirchlichen Unterricht nicht mehr zu 
besuchen. Im Jahre 1921 hatte er mehrmals mit einem sechzehnjährigen deutschen Dienst* 



Zur Begutachtung eines Falles von Päderosis 419 



mädchen, das in seiner Nähe wohnte, Geschlechtsverkehr. Es sei schwer zu sagen, wer die 
Initiative dazu ergriffen habe. Er brachte ihr jeweils Schokolade. Sie hatte schon andere 
vor ihm, lachte ihn beständig aus, er könne nichts, es sei nichts mit ihm. Das dauerte den 
Sommer hindurch, bis er dann sich fälschlich der Brandstiftung bezichtigte und in die 
Zwangsarbeitsanstalt kam. Nach der Entlassung aus derselben arbeitete er da und dort, 
mehrmals auch bei Maler G., mit dem er aber nicht auskam. Das sei der nämliqhei veri* 
rückte Kerl wie er selber, ein verstörtes Huhn. 1924 und 25 habe er in B. bei Maler KL, 
gearbeitet. Er lernte dann einen tüchtigen Kollegen kennen, der ihm 1926 oder 27 Arbeit 
in W. verschaffte. Dort sei dann in einem Chalet wieder ein Fall passiert. Er habe sich 
nach Arbeitsschluß gewaschen und sich dabei nackt vor einem noch nicht schuld 
Pflichtigen Mädchen ausgezogen. Wahrscheinlich hatte er vorher zuviel Most getrunken. 
Das verhielt sich auch in den früheren Fällen manchmal so. Er habe nichts gemacht an, 
dem Kinde, das erzählte aber davon und er wurde vom Meister sofort ausbezahlt und mt* 
lassen. Gerichtliche Folgen habe dieser Fall keine gehabt. Den Winter über sei er jeweils 
zwei bis drei Monate daheim bei der Tante verblieben, mit der er aber nicht auskam. Ein 
Vierteljahr lang habe er einmal in einem Heuschober übernachtet. Aus den Jahreszahlen 
werde er nicht mehr klug, Weihnacht 1928 starb der Vater, 1929 im Frühjahr die eine 
Tante, die andere 1930 nach längerem Spitalaufenthalt. So begann er für sich zu arbeiten, 
schaffte sich Werkzeug an, betätigte sich bei den Bauern in der Umgebung, hatte freie 
Kost und vier bis sechs Franken Taglohn und logierte in einer Wirtschaft. Erst seit Frühjahr 
1935 habe er wieder ein Privatzimmer gehabt. Wenn er keine Arbeit hatte, habe er wieder 
hie und da Mädchen getroffen, mit denen er den Blödsinn trieb. In etwa der Hälfte der 
Fälle sei er dabei unter der Wirkung des Alkohols gestanden. Eines der Mädchen namens 
L. war das erstemal etwa zehn Jahre alt. Es geht jetzt noch in die Schule. Es lief ihm 
nach, brachte ihm auch noch andere Mädchen mit. Er habe ihnen oft Schokolade oder 
Geld gegeben, ohne daß er etwas an ihnen machte. Sie bettelten ihn immer an. Es gab 
auch Buben, die das machten, obwohl er mit solchen nie etwas Unsittliches getrieben 
habe. Er wurde nur der „Albertli" genannt. Ein Mädchen B., elfjährig, mußte ihm am 
Abend Zigarren holen, als er angetrunken war und nachdem er tagsüber nichts gearbeitet 
hatte. Es mußte sich in seinem Zimmer ausziehen, und er brauchte es. Es erzählte daheim 
davon und er wurde am nächsten Tage verhaftet. 

Er habe schon Gefängnisstrafen abgesessen für Bußen, die er wegen Ubersitzen in den 
Wirtschaften oder für Radfahren ohne Licht bekam, dann mußte er in der Kaserne Z. für 
nicht bezahlte Militärsteuern eine Strafe absitzen. Sein Dienstbüchlein habe er zweimal 
in dtn Abort geworfen. Seit 1929 besitze er keines mehr. Er habe auch seinen Heimatschein 
nicht mehr, den er 1927, als er in einem Rausch im Wald übernachtete, benutzte, als 
er Durchfall bekam. Ein Jahr später habe man ihm wieder einen gegeben, der jetzt auf 
der Gemeindekanzlei deponiert sei. Einen Ersatz für den verlorenen Schein habe er auf 
der Gemeindekanzlei W. zurückgelassen und sich so dort um die Steuern drücken können. 
Mit dem Gelde habe er nie umgehen können. Wenn er solches hatte, konnte er es nicht 
einteilen. An wievielen Kindern er sich schon vergangen habe, könne er nicht sagen» Er 
habe darüber in seinen Tagebüchern nichts geschrieben. Er habe nie viel Geld zum Ver^ 
trinken gehabt, aber es sei ihm viel bezahlt worden. Als er sein Zimmer im „wilden Mann" 
hatte, habe er nie Kinder auf sein Zimmer genommen. Bei der Arbeit sei er immer schnell 
ermüdet gewesen und habe dann aussetzen müssen. Es zappelte oft in ihm wie Ameisen. 
Auch wenn er nur wenig trank, sei das so gewesen. Als Lehrling habe er das Holzmase* 
rieren nie gelernt. Der Meister habe ihm das nie gezeigt. Am meisten Schwierigkeiten 
mache ihm das Tapezieren. Er hänge dabei alle Rahmen schief auf und komme darum 
nicht vorwärts. 

Aus einem schriftlichen Lebenslauf, den der Expl. hier anfertigte, erwähnen wir noch 

27» 



420 A. Kielholz 



folgende Stellen: „Bis zu meinem zwölften Jahre hatte ich überhaupt keinen eigentlichen 
Hodensack. Die Hoden waren stets in der Bauchhöhle. Schon als Knabe lachten mich 
die anderen stets aus, wenn sie mein Glied sahen, das auch eine verminderte Entwicklung' 
aufweist. Überall schien mir, daß man mich zurücksetzte, vernachlässigte. Und darum 
suchte ich mich stets auf andere Art in den Vordergrund zu drängen. Allerdings nicht 
bewußt Mein Charakter mußte sich wohl unter solchen Umständen zwangsläufig nach 
dieser Richtung entwickeln. Ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl in mir schrie einfach wild 
und naturhaft nach irgend welchem Ersatz. Heiße Wut und grimmiger Neid flammten 
in mir auf, wenn ich sah, wie die jungen Mädels auf jeden muskelstarken Trottel reagierten. 

Und nun möchte ich einen weitern und ganz eigenartigen Trieb in mir schildern. Es 
ist der seltsame Trieb, Dinge zu tun, von denen ich weiß, daß sie mir unter keinen Um* 
ständen Nutzen bringen können. Im Gegenteil. Einem solchen Trieb entsprang wohl die 
Selbstbezichtigung beim Gasthofbrand. Andere Fälle sind meine konsequenten Weige* 
rungen, Militärsteuer zu zahlen. 

Manchmal beseelte mich eine wahre Lust, von mir reden zu machen. Dieselbe wurde 
von meinen Mitmenschen hauptsächlich in L. geschürt durch eine Ablehnung aller meiner 
ernsten Bestrebungen. Meine lieben Mitbürger liebten eben mehr die lächerliche Seite an 
mir, als mein ernstes Suchen nach dem Schönen und Edeln zu unterstützen." 

Wir haben von dem Expl. einen sogenannten psycho biologischen Frage« 
bogen nach Dr. Magnus Hirschfeld ausfüllen lassen und erwähnen daraus fol* 
gende Antworten: Der Expl. hatte mehr Sympathien für die Mutter als für den Vater. Er 
habe als Kind an nervösem Zusammenzucken im Schlaf gelitten, habe einen Hang ge* 
habt zum Herumtreiben, zum Lügen und Stehlen und zu übermäßigem Weinen. Mit 
anderen Kindern habe er nur gespielt, wenn er der Erste sein konnte. Zuweilen habe er 
sich ganz zurückgezogen in die Einsamkeit. Vor der Pubertät sei er mädchenhaft gewesen. 
Er habe als Kind oft geträumt und dabei Mädchen beim Spiel gesehen und beim Baden,, 
auch sei er im Traum oft in große Tiefen gefallen, aber ganz langsam. Von seinen Lehrern 
habe er oft Tatzen bekommen und sonst Prügel, die er jedoch verdient habe. Die Tante, 
die ihn auf erzog, habe ihn mit Kostentzug und Einsperren gestraft. Er habe stets nur sich 
selbst am meisten geliebt. Eine Zeitlang habe er mit dem Vater im gleichen Zimmer ge? 
schlafen. Nach dem Erlebnis mit der Italienerin beim Baden auf der Rheininsel habe er 
angefangen zu onanieren (mit elf oder zwölf Jahren), wozu er durch gleichaltrige Käme* 
raden verführt worden sei. Anfänglich drei* bis viermal monatlich, später häufiger. Er 
stellte sich dabei ein nacktes Weib vor. Die erste Pollution erfolgte mit 13 bis 14 Jahren, 
der Stimmbruch mit 15 Jahren. Den ersten Versuch eines Geschlechtsverkehrs machte 
er siebenjährig mit einem Mädchen von sechs Jahren bei der Bahn hinter einer Bretter* 
beige. Wenn er nicht arbeite, so wandere er am liebsten. Er sei linkshändig, leide an 
Mattigkeit, schlechtem Schlaf, Unruhe, Zittern, an der Mißbildung seiner Geschlechts* 
teile. Seine Gemütsart sei mehr weich, er lache gern, sei leicht gerührt, weine selten vor 
anderen, aber allein etwa bei rührenden Stellen in Büchern. Er sei launisch, oft sehr 
niedergedrückt, oft ausgelassen heiter, etwas jähzornig. Er sei empfänglich für Bewunde* 
rung und Beifall, habe einen Hang aufzufallen, sei zeitweise redselig, eher leichtgläubig, 
glaube aber an keine kirchlichen Dogmen. Er sei versöhnlich, habe wenig Energie. Wenn 
er sich aber etwas in den Kopf sttzc t dann gehe es. Er habe einen Hang zur Bequemlichkeit, 
rauche und trinke gern, könne auch ziemlich viel vertragen. Er habe literarische und künst* 
lerische Veranlagung, lese viel, hauptsächlich Zeitungen, lieber tragische Sachen, sei ein 
großer Freund der Musik, spiele aber nur etwas Mundharmonika. Er habe keine Ideale 
mehr, höchstens erhoffe er einen Zustand der Menschheit ohne Krieg und Haß. Sozia* 
iismus und Kommunismus betrachte er nur als Wege dazu, da die beiden Bewegungen 
ebenfalls in einigen Generationen veralten. Er habe Neigung zum Flobertschießen, für 



Zur Begutachtung eines Falles von Päderosis 421 

Kunst, Natur und Politik. Sein Beruf befriedige ihn. Er lebe gern in der Kleinstadt und 
auf dem Lande, sei beliebt als Gesellschafter. Er wisse keine besonderen Leistungen aufzu* 
weisen, als vielleicht seine besten Gedichte. Er habe einen sehr starken Geschlechtstrieb, 
der stets derselbe geblieben und auf das weibliche Geschlecht gerichtet sei. Die obere 
Altersgrenze der Personen, die ihn anziehen, sei 20 bis 25 Jahre, da er aber doch keine 
solchen bekam, habe er Kinder genommen. Der halbbekleidete Körper reize ihn beson* 
ders. Er sei dem männlichen Geschlecht gegenüber unbefangener. Seine Neigungen seien 
mehr flüchtig. Er getraue sich nicht, sie zu zeigen. Er habe noch nie einen Freund; ge<* 
habt. Wenn er sich jemandem anschloß, so war er, wenn er ihn dann verließ, zu faul, 
ihm zu schreiben. Er halte seinen Geschlechtstrieb auf die Dauer für unüberwindlich. 
Er habe ihn durch Selbstbefriedigung gestillt. Er hatte noch nie normalen Geschlechts* 
verkehr, da er von dtn Mädchen ausgelacht wurde. Seit er diese Abneigung der Großen 
bemerkte, also seit ungefähr 1917, bestand die Neigung zu unreifen Mädchen. Er neige 
auch dazu, sich vor anderen zu entblößen, womit er im AJter von 18 Jahren begonnen 
habe. Schon als Schüler wurde er sexuell vom eigenen Körper erregt, er besichtigte sich 
im Spiegel und bekam dann Erektionen. Er hatte auch die Neigung, andere Burschen in 
den Wirtschaftsaborten beim Urinieren zu beobachten, hauptsächlich, um die Große ihres 
Gliedes festzustellen. Die Lust zum Lecken an den Geschlechtsteilen habe er nur beim 
Kind L. verspürt, offenbar weil dieses aktiver gewesen sei als die anderen Mädchen .und 
sich stärker an ihn gedrängt habe, wie eine Frau. Er führt sein krankhaftes geschlechte 
liches Verhalten auf eine abnorme Anlage zurück. An einen Arzt habe er sich deswegen 
nie gewendet. Er hatte Angst, die Sache würde dann angezeigt werden. Er habe auch 
nicht fest gegen den Trieb angekämpft, habe sich aber deswegen oft sehr unglücklich ge* 
fühlt und an Lebensüberdruß gelitten, aber sich nie getraut, sich das Leben zu nehmen, 
wenn er auch daran dachte. Er sei durch seinen Trieb mit seiner religiösen und sozialen 
Anschauung in Konflikt gekommen. Er halte seinen Trieb für naturwidrig, sich teilweise 
für schuldig, teilweise für krank. Er wünschte, daß seine Natur geändert würde, und sei 
mit sich äußerst unzufrieden. Er kenne einzelne andere junge Männer, die es auch auf 
siebzehnjährige Mädchen abgesehen hätten, bezw. die eben nehmen, was sie finden. Er 
könne sich nicht vorstellen, was diese Anlage für einen Sinn habe. Er glaube nicht, daß 
zwischen seinen religiösen Ansichten und der Veranlagung ein Zusammenhang bestehe, 
er glaube aber an eine Art Seelenwanderung, daß man in einem anderen Leben untei? 
besseren Voraussetzungen existieren werde. 

Das eigentliche Gutachten lautet folgendermaßen: Albert P. stammt aus 
einer mit Trunksucht und Geisteskrankheit belasteten Familie. Ob die mehr*» 
fachen Heiraten eines Urgroßvaters, eines Großonkels und eines Onkels väter* 
licherseits auf eine vererbte Verstärkung des Geschlechtstriebes schließen lassen, 
sei dahingestellt. 

Die Eltern waren beide kränklich. Die Energielosigkeit des Vaters konnte dem 
Expl. so wenig zum guten Vorbild dienen, wie die Neigung des Großvaters, der 
ihn in der frühesten Jugend betreute, zum Trinken. 

Der Expl. war eine Frühgeburt, wurde mit großer Mühe aufgepäppelt und, 
wie wohl alle diese Kinder, verwöhnt. Diese Verwöhnung hat sicher, wie die 
mangelhafte Erziehung durch den Großvater und später durch die ledigen 
Tanten, die für das Wesen des lebhaften, fahrigen, phantastischen Buben nicht 
das nötige Verständnis besaßen, den Charakter des Expl. in ungünstigem Sinne 
beeinflußt, so daß sich bei ihm ein ungesunder Geltungstrieb entwickelte, die 
Sucht, sich überall vorzudrängen und bemerkbar zu machen, wenn es auch, nur 






422 A. Kielholz 



durch lächerliche Züge und läppisches Benehmen gewesen wäre. 

Der Expl, litt von klein auf und leidet heute noch an einer Verbildung der 
Genitalien, einem sogenannten Kryptorchismus, verursacht durch Verbleiben des 
einen Hodens in der Bauchhöhle. Der Hodensack ist daher unansehnlich, ebenso 
der Penis. Zweifellos hat diese Anomalie, die schon früh von den! Schulkame* 
raden bemerkt wurde, beim ExpL seit der Schulzeit starke Minderwertigkeits* 
gefühle erzeugt, und diese haben dazu beigetragen, daß sein Geltungsdrang kom* 
pensatorisch verstärkt wurde und er sich noch mehr in der Richtung des Spaß* 
machers entwickelte, der sich über die Schwächen der Mitmenschen lustig macht, 
um sich und andere so über seine eigenen Schwächen hinwegzutäuschen. Diese 
Verbildung der Geschlechtsteile hat aber auch von früh an die Aufmerksamkeit 
des Expl. in ungesunder Weise auf alle Äußerungen des Geschlechtslebens bei 
sich und anderen gelenkt. Die prüde Erziehung durch die ledigen Tanten, die ihn 
ängstlich vor allen diesen Dingen zu hüten suchten, weckte zudem seinen 
Widerspruchsgeist und steigerte noch seine Neugier und das Verlangen, sich da 
eigene Erfahrungen zu sammeln. Wir halten auch seine Darstellung der Ver* 
hältnisse, die durch den Kraftwerkbau und das Zusammenleben mit den früh* 
reifen Italienerkindern in der Schule und in der Freiheit geschaffen wurden, 
für glaubwürdig, wenn auch vielleicht manches Detail durch seine lebhafte Phan* 
taste ausgeschmückt worden sein mag. Die Verführung durch die Italienerin und 
seine Versuche, nachher mit Gleichaltrigen ähnliche Liebesspiele zu* üben, er* 
scheint wahrscheinlich, wenn auch da Einzelheiten verschieden dargestellt 
werden. 

Von großer Bedeutung erscheint uns auch der Unfall, den der Expl. mit etwa 
zwölf Jahren erlitt, wodurch er am linken Auge erblindet ist — von großer Be* 
deutung deswegen, weil der ExpL dadurch für seinen späteren Malerberuf in 
schwerer Weise beeinträchtigt wurde. Wenn er gewisse Arbeiten, wie z. B. das 
Tapezieren, nie recht erlernte, wenn er rasch ermüdete, bei der Arbeit nervös 
und zappelig wurde, nur langsam arbeiten konnte, so daß viele Meister mit ihm 
rasch die Geduld verloren, so ist das sicher zum größten Teil die Folge seiner 
halbseitigen Blindheit. Dadurch kam aber der ExpL sofort nach der Lehrzeit in 
ein unstetes Herumziehen und damit in Mittel* und Arbeitslosigkeit hinein, ,er 
wurde ein Wirtshaushocker und Trinker. 

Als er in der Pubertät seine ersten Annäherungsversuche an gleichaltrige 
Mädchen machte, stieß er angeblich infolge seiner kleinen Genitalien dabei auf 
Hohn und Spott, so daß er sich später nicht mehr an geschlechtsreif e Mädchen 
herangetraute und sich dann eben an unreife Mädchen heranmachte. Auch diese 
Entwicklung erscheint nach Erfahrungen mit ähnlichen Fällen recht glaubhaft, 
wenn wir auch da den Aussagen des Expl. mit großer Vorsicht begegnen müssen. 
Nach den Andeutungen in seinen Tagebüchern und Gedichten könnte man näm* 
lieh annehmen, daß er ein großer Liebhaber und erfolgreicher Mädchenjäger 
auch bei Erwachsenen gewesen wäre. Aber der Expl. gibt hier offen zu, daß 
diese Schilderungen und Poesien reine Phantasien und nur der Ausdruck seiner 
Wünsche waren, die eben nie in Erfüllung gingen. 

Der unsittliche Verkehr mit unreifen Mädchen, der vielfach unter Alkohol* 



Zur Begutachtung eines Falles von Päderosis 423 



Wirkung stattfand und mit allerlei perversen Handlungen verbunden war, wie 
Exhibitionismus, Beobachtung und Besichtigung der Genitalien, sogar Beleckung 
derselben, nachfolgende Onanie, erzeugte in dem Expl. mit seinem großen 
Minderwertigkeitsgefühl ein heftiges Schuldbewußtsein, und wir vermuten, daß 
dieses ihn hauptsächlich getrieben hat, sich fälschlich als Brandstifter anzuzeigen, 
die dann über ihn verhängte eineinhalb jährige Strafe in der Zwangsarbeitsanstalt 
ohne Protest abzusitzen und während der Haftzeit noch Gedichte zu verfassen. 
Hat er uns doch angegeben, daß er im Sommer vor dieser falschen Anzeige mit 
einem jungen deutschen Dienstmädchen sexuell zu verkehren versucht habe und 
von diesem ausgelacht worden sei. Vorher hatte er aber auch schon in M. mit 
einem zehnjährigen Italienermädchen unsittliche Entblößungen vorgenommen. 

Durch den Tod des Vaters und seiner Tanten ist der von jeher haltlose 
Mensch noch um den letzten Halt gekommen. Er fängt an, in Wirtshäusern zu 
logieren, arbeitet, wenn es ihm paßt, bei Bauern gegen Taglohn, betätigt sich 
daneben eifrig politisch, was auch wieder Wirtshaussitzungen bedingt, und 
macht außerdem den Spaßmacher, der sich überall freihalten läßt und dann auch 
den anderen wieder zu trinken zahlt. Die Kinder des Städtchens kennen ihn als 
Fastnachtspfarrer, sie nennen ihn mit dem Kosenamen „Albertli", er beschenkt 
sie mit Süßigkeiten und Geld und lockt sie so an sich, um mit ihnen unzüchtige 
Spielereien zu treiben, die schließlich in Schändungsakte ausarten. 

Als die Sache ruchbar und er verhaftet wird, gesteht er sofort in vollem Um? 
fang. Man bekommt sogar den Eindruck, daß er sich vielfach noch mehr be* 
lastet als der Wirklichkeit entspricht. Es zeigen sich Widersprüche zwischen den 
Aussagen der betroffenen Mädchen, die vielfach weniger zugeben als der Expl. 
Teilweise mag das damit zusammenhängen, daß die Kinder, die sich offenbar oft 
aktiv an den Expl. herangemacht haben, nun sich möglichst zu entlasten suchen, 
teilweise aber hat der Expl. sich auch oft unter der Wirkung des Alkohols 
und einer sexuellen mit Tagträumereien verbundenen Erregung in einer ver* 
änderten Bewußtseinslage befunden, an die er sich nachträglich nicht mehr genau 
zu erinnern vermochte. Wir halten seine Angabe, daß er sich jeweils an Stelle 
der Kinder reife Weiber vorgestellt und mit diesen Geschlechtsverkehr zu üben 
vermeint habe, für wahrscheinlich, denn sie entspricht ganz seinem phantasti* 
sehen, zu Wunschträumen und dichterischer Ausgestaltung derselben geneigten 
Wesen. 

Die Beobachtung des Expl. in der hiesigen Anstalt ergab auf körperlichem 
Gebiete einen eigenartigen Körperbau, dessen Dysplasie wir mit Kretschmer 
wohl als einen Ausdruck und Kennzeichen eines auch entsprechend verbildeten 
Charakters auffassen dürfen. Wir können nicht mit Sicherheit entscheiden, wie 
weit dabei die schiefe Kopfhaltung, die Asymmetrie des Gesichtes Teilerschei* 
nungen dieser Dysplasie, wie weit sie Folgen des Schädelbruchs sind, den der 
Expl. im zwölften Jahre 'erlitten und wobei er die Sehkraft seines linken Auges 
eingebüßt hat. Zittern der Zunge und der Finger und Urobilinspuren im 
Urin wiesen auf Alkoholismus hin, Dermographie und Reflexstörungen auf be* 
stehende Nervosität. Auf psychischem Gebiete waren an den intellektuellen 
Funktionen keine erheblichen Defekte nachzuweisen. Der Expl. ist aber ein 



424 A. Kielholz 



recht schlechter Rechner, und seine Assoziationsfähigkeit erweist sich durch 
sogenannte Komplexe teilweise gehemmt. Über die Ursachen seiner Delikte 
macht sich der Expl. ein recht gutes Bild. Es fehlt ihm so wenig an Selbster* 
kenntnis als an Scham und Reue für seine verbrecherischen Handlungen. Er 
sieht die verderbliche Rolle des Alkohols ein, versteht die Gefahren der Ein* 
samkeit und der Träumerei und ist sich bewußt, daß seine Neigung, den Bajazzo 
zu spielen, einem falsch orientierten Geltungsbedürfnis entspringt und ihn der 
Gemeinschaft gegenüber in eine schiefe und gefährliche Stellung gebracht hat. 
Seine Triebe und ihre Auswirkungen taxiert er nicht übel als teils krankhaft, 
teils verdorben und daher strafbar. Trotz dieser weitgehenden Einsicht hat der 
Expl. aber infolge seiner angeborenen und durch eine verfehlte Erziehung man* 
gelhaft beeinflußten Willensschwäche und Fahrigkeit nicht die Kraft aufgebracht, . 
seinen krankhaften Trieben zu widerstehen. Er hat sich nie aufraffen können, 
längere Zeit der Alkoholabstinenz treu zu bleiben, obwohl er selbst festgestellt 
hat, daß er sich während der Zeit, wo er sich in alkoholfreien Kreisen aufhielt, 
wohl und glücklich fühlte und von seinen Trieben wenig oder gar nicht geplagt 
wurde. 

P. ist somit ein schwerer, willensschwacher Psychopath mit Neigung zu 
Trunksucht, zu phantastischen Tagträumereien und einem durch seine Verbil* 
düng der Geschlechtsorgane bedingten, hochgradigen Minderwertigkeitsgefühl, 
das er durch einen krankhaften Geltungstrieb als Hanswurst zu kompensieren 
versucht hat. Durch halbseitige Erblindung ist er in seinem Beruf stark beein* 
trächtigt und vermindert leistungsfähig und hat daher Mühe gehabt, Stellen zu 
behalten. 

Es handelt sich um größtenteils angeborene oder in frühester Jugend erwor* 
bene Defekte, bei denen eine Heilung durch Psychotherapie um so mehr ausge* 
schlössen erscheint, weil der Expl. ja trotz seiner Einsicht in die Zusammenhänge 
und die Ursachen seines Tuns (die allerdings nicht mit einer durch Analyse jge* 
wonnenen gleichgesetzt werden darf) doch nicht imstande war, seine Delikte 
zu verhüten. Durch eine operative Behandlung seiner Keimdrüsen würde 
sein Minderwertigkeitsgefühl sicher noch gesteigert werden und sein Geschlechts* 
trieb, der jetzt schon weitgehend im Gehirn verankert ist, was seine vielfachen 
diesbezüglichen Phantasien beweisen, kaum beeinflußt werden. 

Der Expl. muß mit Rücksicht auf seine angeborene krankhafte Veranlagung, 
seine mangelhafte Erziehung und seine Unfallsfolgen als weitgehend vermindert 
zurechnungsfähig erklärt werden. Er kann aber nicht als völlig unzurechnungs* 
fähig angesehen werden. 

Er sollte nach abgebüßter Strafe zur Alkoholabstinenz verpflichtet und unter 
die Schutzaufsicht des kantonalen Fürsorgers gestellt werden, und es wäre ihm 
eine dauernde Internierung in Aussicht zu stellen, falls er sich nicht halten 
könnte oder versuchen sollte, sich der Aufsicht zu entziehen. Von einer Bevor* 
mundung würden wir vorderhand abraten, da auch diese Maßnahme voraussieht* 
lieh seine Minderwertigkeitsgefühle verstärken und unerwünschte Trotzreak* 
tionen zur Folge haben könnte. Es wäre dagegen zweckmäßig, wenn der Expl. 
am Schlüsse der Strafhaft sich einer erneuten psychiatrischen Beobachtung unter* 



Zur Begutachtung eines Falles von Päderosis 425 

stellen und eventuell verpflichtet würde, sich einer dauernden spezialärztlichen 
Kontrolle zu unterziehen. 

Vom Verhalten und den Angaben des Expl. nach Abgabe unseres Gut*» 
achtens an das Gericht sind noch folgende Daten von Interesse: 

Es treibe ihn dazu, Menschen, die ihm nahestehen und die ihn lieben, zu kränken, 
z. B. seine Schwester. Den Vater habe er so zum Weinen gebracht, indem er ihm sagte,, 
er sei ihm nicht dankbar, daß er ihn auf die Welt gesetzt Seine Träume drehen sich meist 
um das gleiche Thema wie auch seine Gedanken am Tage, um religiöse Gedanken von 
der Seelenwanderung. Er dachte, daß er schon auf einem anderen Stern lebte, schon als 
Tier. Das hänge wahrscheinlich mit der Lektüre von freidenkerischen Schriften über die 
Entwicklung des Menschen, des Embryo, zusammen. So erzählte er einmal seinen Genossen, 
daß eine Mumie aus Ägypten, die in London liege, sein Leichnam sei. Möglich wäre die 
Seelenwanderung schon. Der Mensch sollte die Möglichkeit haben, in einem späteren Dasein 
das Gute zu tun, was er jetzt nicht könne. Wie ihm berichtet wurde, suche sich die Seele: 
des Kindes seine Eltern aus, wie das von Buddha erzählt wurde, der immer wieder in 
einem Menschen geboren werde. Er erzählte dann noch von einem Unfall, den er Ende 
Januar 1934 erlitt, als er nach einer durchzechten Nacht am Morgen eine Kuh streichelte 
und dabei von ihr einen Hornstoß gegen die Nase bekam, so daß er nachher drei Wochen 
lang im Spital liegen mußte. 

Einmal träumte ihm von nackten Weibern, die in der Luft herumflogen, worauf eine 
Pollution erfolgte. In seinem Tagebuch erwähnte er die Szene, wie er der Mutter, als er 
von den Schulkameraden ausgelacht wurde, heulend vorwirft, sie habe ihm den Hodensack 
gestohlen. Jetzt erinnerte er sich nicht mehr an diese Episode, aber von diesem Zeitpunkt 
an habe er den unbezwingbaren Drang gehabt, nackte Menschen zu sehen, um zu ver<* 
gleichen, um den idealen Menschen zu sehen. Der Lehrmeister in S. habe ein dreizehn«* 
jähriges Töchterchen gehabt, das ihn reizte. Es zog sich z. B, vor dem Abort halb aus, 
wenn er unten auf der Treppe saß, und sang dazu. Einmal kam es ganz nackt aus dem 
Schlafzimmer in die Stube und zeigte seiner Mutter ein Bobo am Bein. Als er auf diese 
Reize nicht reagierte, habe es ihn verklagt, er arbeite langsam und sei faul. Er interessierte 
sich auch eine Zeitlang für den „Lichtbund", aber nur theoretisch, er hätte sich geniert, 
mitzumachen. Vielfach träumte ihm auch schon, daß er Millionär sei, einmal von den 
Goldvögeln des lieben Gottes, der im Wald die Herbstblätter in Gold verwandelt und es 
ihm schenkt. Er ist chronisch obstipiert und leidet infolgedessen viel an Unterleibs* 
schmerzen und Bauchkrämpfen, hat nur alle drei bis vier Tage Stuhl. Wenn er Millionär 
wäre, würde er alle die Projekte ausführen, welche die Bürger der Heimatstadt verworfen 
haben, und würde dann diese Baulichkeiten ihnen schenken, damit sie sie unterhalten 
müßten. Die Lisa** und Elsa^Lieder hängen vielleicht mit seinem „Mutterkomplex" zu* 
sammen — er selbst brauchte diesen Ausdruck — , die Mutter hieß auch Elise, wie die 
Schwester. Jene hat er nie nackt gesehen, aber diese einmal, als sie sich den Oberleib 
wusch, in M. Er trat unvermutet in ihr Zimmer. Das war vor dem Erlebnis mit dem 
Italienerkind in M. Hingegen habe er den Großvater oft nackt gesehen. Der pflegte meist 
ohne Hemd zu schlafen; wenn er berauscht heimkam, auch ohne Decke. Auch die 
Schwester habe ihn oft so gesehen. 

In den letzten Tagen vor der Gerichtsverhandlung war der Expl. stärker deprimiert. Er 
äußerte verschiedenen Mitpatienten gegenüber, er werde sich erhängen; man fand auch 
einen Strick bei ihm, den er entwendet hatte. Er gab auch, von den Ärzten zur Rede ge* 
stellt, sein Vorhaben zu. 

Das Kriminalgericht verurteilte den P. wegen wiederholter Schändung 




426 A. Kielhoiz 



sowie wiederholter unsittlicher Handlungen mit Kindern zu 15 Monaten Zucht? 
haus, den Kosten und zu Genugtuungssummen von 200 bis 500 Fr. an die miß? 
brauchten Mädchen (die Maximalstrafe für Schändung beträgt acht Jahre Zucht? 
haus). Der Staatsanwalt hatte in der Begründung seiner Anträge die mehrfache 
Begehung des Verbrechens an mehreren Mädchen und den nicht gerade guten 
Leumund des Angeklagten als Erschwerungsgründe, das Geständnis, die weit* 
gehend verminderte Zurechnungsfähigkeit, die schlechte Erziehung, die ungün? 
stige Beeinflussung durch sexuelle Erlebnisse in frühester Jugend und die Ver? 
dorbenheit der mißbrauchten Kinder als Milderungsgründe gewertet. 

Der Verteidiger machte geltend, daß im Antrag des Staatsanwaltes zu wenig 
zum Ausdruck komme, daß der Angeklagte ein schwer debiler Mensch sei, dessen 
Zurechnungsfähigkeit mehr als um die Hälfte vermindert einzuschätzen sei. Die 
körperliche Zurücksetzung infolge der verfrühten Geburt, Augenverletzung und 
Anomalie der Geschlechtsorgane haben bei ihm nach einem perversen Geltungs? 
bedürfnis gerufen. Der Angeklagte sei das klassische Beispiel eines Sexual* 
Psychopathen, wie er in der Literatur genau beschrieben werde. Sogar die typi? 
sehe Selbstanzeige fehle nicht bei ihm. Alkoholismus und Arbeitslosigkeit hätten 
dann noch ein Übriges getan, um ihn straucheln zu lassen. Daß er nicht nur 
schlechte, sondern auch sehr gute Eigenschaften besitze und feiner Gefühle fähig 
sei, gehe aus seinen schriftlichen Aufzeichnungen hervor. Deshalb sollte mit ihm 
der Versuch einer Besserung gemacht werden, was aber nur geschehen könnte, 
wenn er zur totalen Alkoholabstinenz verpflichtet und der Aufsicht eines Psy? 
chiaters unterstellt werde. Dazu aber sollte ihm der bedingte Straferlaß gewährt 
und er unter Schutzaufsicht gestellt werden. 

Über das Verhalten in der Strafanstalt nach Antritt der Zuchthausstrafe be? 
richtete uns die dortige Direktion wiederholt, P. habe sich ganz ordentlich ein? 
gestellt, er zeige viel guten Willen und habe keinerlei Selbstmordabsichten mehr 
geäußert. 

Gestatten Sie mir zum Schlüsse noch einige Ausführungen zur Genese, zur 
Diagnose, zur Therapie und zur Prognose des Falles vom psychoanalytischen 
Standpunkt aus. Seine Darstellung in Ihrem Kreise erschien mir gerechtfertigt 
einmal, weil sich, abgesehen von den beiden Patienten G r ä t e r s, mit dessen 
psychoanalytischen Auffassungen wir nicht einig gehen können, und der kurzen 
oben erwähnten Notiz Fenichels, keine Fälle von Päderosis in der Literatur 
vorfinden. Dann ist uns bei der auffälligen Einsicht, die der Delinquent in die 
ganze Entstehung seines krankhaften Triebes und seines ganzen Wesens zeigt, 
bei dieser Selbsterkenntnis, die offenbar in erster Linie mit seinem ausgeprägten 
Narzißmus zusammenhängt, jenes 1927 erschienene Buch Alfred Seidels „Be? 
wußtsein als Verhängnis 11 , 10 herausgegeben aus dem Nachlaß von Hans Prinz? 
Korn, dem scharfen Kritiker und Bekämpfer der Psychoanalyse, wieder ein? 
gefallen. Doch zeigt gerade unser Patient, daß dieses weitgehende Verständnis 
des eigenen Wesens mit seinen Schwächen und Absonderlichkeiten und ihren 
Ursachen nicht gegen seine Gefahren zu schützen vermag, weil es nicht identisch 
ist mit dem Erfassen der unbewußten Determinanten des eigenen Tuns, die wir 
unten besprechen. 



io) Friedrich Cohen, Bonn, 1927. 



Zur Begutachtung eines Falles von Päderosis 427 

Zur Ätiologie und Genese der bei P. festgestellten Psychopathie möch* 
ten wir bemerken, daß bei ihm eine Belastung nicht nur durch Psychose, Trunk* 
sucht und Triebhaftigkeit bei seinen Vorfahren besteht, sondern ebensosehr 
durch die infantilen Eindrücke, welche diese Faktoren auf ihn gemacht haben. 
Die Verwöhnung, die er als Säugling und als Kleinkind durch die sorgsame 
Aufpäppelung des Siebenmonatskindes erfuhr — die Schwester gab uns auch 
an, er sei ein schönes Kind gewesen und daher von Frauen und Mädchen be* 
ständig verhätschelt und bewundert worden — , verstärkte einen Narzißmus, der 
später durch die unverständige Erziehung einer prüden Tante häufige Kränkung 
gen erlitt, so daß der Bub anfing, fortzulaufen und sich in seine Tagträume ein* 
zuspinnen. Dazu kam als weitere Kränkung, die ihn noch weiter in diese Rieh* 
tung trieb, die Erkenntnis seiner anormal gebauten Genitalien. Die feindseligen 
Gefühle gegen seine unverständige Erzieherin reagierte er gegen ihr Kätzchen 
ab, das er grausam zu Tode marterte; die durch diese symbolische Handlung aus* 
gelösten Schuldgefühle führten zur Selbstbestrafung durch den Unfall, bei dem 
er sich einen Schädelbruch mit seinen weitreichenden Folgen zuzog. Dürfen 
wir nicht annehmen, daß er durch diesen Unfall sich gleichzeitig auch mit dem 
Vater identifizierte, der ebenfalls durch eine Schädelverletzung für sein ganzes 
Leben geschädigt worden war, so wie er sich später durch seinen Alkoholismus 
mit dem trunksüchtigen Großvater und dessen Exhibitionismus identifizierte? 
Bildete nicht auch seine Betätigung als Fastnachtspfarrer eine Identifikation mit 
dem erst bewunderten, dann verhaßten Stadtgeistlichen? Die durch den Unfall 
erzeugte Blindheit des linken Auges mußte seinen Kastrationskomplex noch er* 
heblich verstärken. Der psychologische Zusammenhang von Auge und Genitale, 
ihre Gleichsetzung im Unbewußten ist bekannt. Möglicherweise wurde durch 
das Schädeltrauma nicht nur der Sehnerv, sondern auch die Hypophyse ge* 
schädigt (vgl. Bing 11 ) und es entstand daraus der kuriose Körperbau des 
Erwachsenen, der an eine Dystrophia adiposogenitalis erinnert. 

Damit kommen wir zur Diagnose. Es besteht im Kryptorchismus und in der 
einseitigen Blindheit unzweifelhaft eine organische Grundlage. 

Aus der Verwöhnung entstand der vermehrte Geltungstrieb des Narziß* 
mus. Dieser äußert sich vor allem in seinem Bajazzospiel, das gleichzeitig 
eine Überkompensation seines tiefen, von ihm selbst so genannten Minderwertig* 
keitsgefühls darstellt. 

Zum Verderben ist ihm seine Perversion, die Päderosis, geworden. Aber 
es besteht bei ihm nicht nur der perverse Trieb, seine Libido mit unreifen Mäd* 
chen zu befriedigen, sondern daneben noch eine Reihe anderer Perversionen: 
Exhibitionismus, Schaulust, Masochismus — wir erinnern an seine Unfälle, 
ferner an die von ihm geschilderte Szene, wo er stundenlang die Wundmale 
eines Kruzifixes küßte, bis er ohnmächtig zusammenbrach — , Autoerotismus 
mit Onanie, Cunnilingus, Analsadismus. Der Expl. scheint uns damit zu jenen 
von Freud erwähnten Fällen zu gehören, wo man besser von Infantilis* 
mus als von Perversität spricht, weil der Trieb nicht auf ein einziges Sexual* 



n) Bing; Lehrbuch der Nervenkrankheiten, 3. Aufl, Wien, 1924, S. 538. 



428 A. Kielholz 



ziel konzentriert ist, sondern weil wie beim Kinde verschiedene Partialtriebe 
und Triebziele nebeneinander bestehen. 

Albert P. hat aber auch ausgesprochene neurotische Erscheinungen auf* 
zuweisen. Wir denken da an sein Aufschrecken im Schlafe, seine Depressionen 
bis zum Lebensüberdruß, sein Schuldgefühl, das zu falschen Selbstanschuldigun* 
gen führt, wie im Falle des Wirtshausbrandes, seine nervöse Unruhe bei der 
Arbeit, sein Fortlaufen und tagelanges Herumstreifen im winterlichen Walde, 
dessen Zusammenhang mit Inzestphantasien wahrscheinlich ist. 12 

Zur Perversion und Neurose kommt bei ihm noch die Sucht. Er ist dem 
Trunk ergeben und ein leidenschaftlicher Raucher. Das Vorbild des Großvaters, 
der ihn bis zur Schulzeit aus der Milchflasche trinken läßt, ist dafür wohl eben* 
so bestimmend geworden wie die erbliche Belastung und später Umwelt und 
Trinksitte. Durch die Sucht beseitigt er die Hemmungen, die seinen perversen 
Neigungen im Wege stehen, und sucht sich von seinen Schuldgefühlen zu ent* 
lasten. 

Aber es sind bei ihm schließlich auch noch ernsthafte Sublimierungs* 
versuche vorhanden. Wir rechnen dazu seine politische Betätigung als kom* 
munistischer Jugendführer, in der er seinen Ödipuskampf gegen staatliche und 
kirchliche Autoritäten durchzuführen sucht, die ihn als Kind enttäuscht und 
zurückgestoßen haben, eine Betätigung, in der es ihm offenbar gelungen ist, 
seine homosexuellen Neigungen zu sublimieren. Dann seine Dichtungen, in denen 
er vor allem, neben der Anfeuerung zum politischen Kampf, Landschaft und 
Heimatstädtchen als anhänglicher Liebhaber verherrlicht und besingt. Seine Elsa* 
und Lisa*Lieder, die zum Thema die verlangende, erfüllte und enttäuschte Liebe 
zu phantasierten Schönen haben, führt er in weitgehender Selbsterkenntnis auf 
seinen von ihm selbst so bezeichneten Mutterkomplex zurück. Wir möchten 
genauer sagen: es sind Versuche, seine Inzestliebe zu sublimieren. Schließlich ist 
es ihm auch gelungen, in seinen Karikaturen zeichnerisch aggressive und ex* 
hibitionistische Tendenzen, wie das E. Kris 13 in seinem Kongreßvortrag in 
Luzern analysiert hat, zu bewältigen. 

Zur Therapie wäre etwa folgendes zu sagen: Wir waren nie so optimistisch 
wie G r ä t e r in seinem Referat 1922. Auch die kriminologische Psychoanalyse 
hat in den zwölf Jahren seither ihre Ansprüche und Hoffnungen reduziert. 
Wir erinnern an das Heft der Imago 1931, in dem sich speziell Staub, Fromm 
und H a u n mit dem Problem der Strafe oder Behandlung von neurotischen und 
psychopathischen Kriminellen befaßten und zum Schlüsse kamen, daß nach den 
heute geltenden Gesetzen die Strafen nicht umgehbar, höchstens in ihrer Form 
und in ihrem Vollzug affektloser zu gestalten seien und dann nicht unter allen 
Umständen schädlich wirken. Sie haben auch darauf hingewiesen, daß es sich 
vom psychoanalytischen Standpunkte aus nicht lediglich darum handeln könne> 
bei solchen Fällen die Ätiologie, Entstehung und Motivation der Delikte aufzu* 
klären und womöglich alle Fälle als unzurechnungsfähig und der analytischen 
Behandlung bedürftig zu betrachten. Bei Albert P. erschien uns eine solche 

12) Vgl L. May er: Der Wandertrieb. Ref. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935, S. 450. 

13) Zur Psychologie der Karikatur. Imago, Bd. XX, 1934, S. 450. 



Zur Begutachtung eines Falles von Päderosis 429 



kaum Erfolg versprechend mit Rücksicht auf die erhebliche organische und here* 
ditäre Verankerung, ferner auf den starken Narzißmus mit seiner recht autisti* 
sehen und oberflächlichen Affektivität, die die Möglichkeit einer Übertragung 
recht gering einschätzen ließ, dann auch mit Hinblick auf die weitgehende Ein* 
sieht in die psychologischen Mechanismen seiner Delikte, welche daran erinnert, 
wie häufig Schizoide uns ihre Komplexe auf dem Präsentierteller darbieten, 
ohne daß durch dieses weitgehende Bewußtsein der verhängnisvolle Zerfall ihrer 
Persönlichkeit aufgehalten werden kann. 

Uns erschien in diesem Falle der wichtigste und aussichtsreichste Angriffs* 
punkt die Sucht und deren Beseitigung und Vermeidung. Die entsprechende Ab* 
stinenzkur kann bei einsichtigem und humanem Strafvollzug während der Straf* 
haft so gut durchgeführt werden wie in einer anderen geschlossenen Anstalt. 
Die Hauptsache ist, daß der Mann nachher unter Schutzaufsicht des Trinker* 
fürsorgers bleibt und vor der endgültigen Entlassung auf freien Fuß nochmals 
zur Kontrolle und erneuten Beobachtung nach Königsfelden zurückkehrt, so 
daß wir Psychiater mit dem Fürsorger zusammen eventuell weitere Schutzmaß* 
nahmen vorsehen können. Mit der ausdrücklichen Zurückweisung der Bevof* 
mundung und einer eventuellen Kastration haben wir erneute Kränkungen des 
Narzißmus und eine sich wiederholende Verstärkung seiner Kastrationsängste 
und Minderwertigkeitsgefühle vermeiden wollen. 

Die Prognose erscheint uns zweifelhaft. Der Mann wird nach seiner Ent* 
lassung aus der Strafhaft trotz aller Fürsorge und Schutzaufsicht große Mühe 
haben, eine passende Gemeinschaft zu finden, die ihn ohne Kränkung auf* 
nimmt und ihm die Möglichkeit gibt, irgendwo mit seinen 37 Jahren noch zu 
verwurzeln, und er wird voraussichtlich vor den sich zeigenden Schwierigkeiten 
sehr rasch in die Geborgenheit des Klosters Königsfelden flüchten oder — in 
das Nirwana Buddhas. (Anmerkung bei der Korrektur: P. hat seither seine 
Zuchthausstrafe abgebüßt, ohne irgendwelche Änderung seines psychischen Ver* 
haltens, wie das zu erwarten stand. Er hat sich freiwillig unter Vormundschaft 
gestellt und wäre am liebsten dauernd in der Heil* und Pflegeanstalt geblieben.) 

Zur Dynamik und Therapie 
des chronischen Alkoholismus 1 

Von 

Robert P. Knight 

Topeka, Kansas 

In den letztvergangenen Jahren habe ich selbst zehn alkoholsüchtige 
Männer behandelt und gemeinsam mit anderen Anstaltsärzten der Klinik dreißig 
weitere Fälle von Alkoholsucht bei Männern beobachtet. Von den zehn selbst be* 

i) Nach einem auf dem XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Marien* 
bad (2. bis 8, August 1936) gehaltenen Vortrag; aus dem Englischen übersetzt von 
Dr. Margarete Kolischer, Wien. 



430 Robert P. Knight 



handelten Fällen wurden sieben einer Analyse unterzogen, doch ist keiner dieser 
Fälle bisher abgeschlossen. Insgesamt wurden für diese Behandlungsmethode 
1000 Behandlungsstunden aufgewendet. 

Auf Grund dieser Studien habe ich hier eine vorläufige Formulierung der 
Ätiologie, der seelischen Grundlagen und spezieller therapeutischer Vorschläge 
hinsichtlich der Alkoholsüchtigkeit versucht, 

Ätiologie. 

Die Alkoholsüchtigkeit ist mehr als ein Symptom anzusehen denn als eine 
Krankheit. Wenn wir sie hier dennoch als besondere diagnostische Kategorie fest* 
halten, so geschieht dies lediglich aus Bequemlichkeitsgründen, um jene Fälle zu 
bezeichnen, bei welchen unmäßiges Trinken das augenfällig zur Schau getragene 
Symptom darstellt. Trotz der Überzeugung der meisten Alkoholiker, daß sie ganz 
normal wären, wenn sie nur aufhören könnten zu trinken, wird man doch niemals 
einen Alkoholiker finden, der psychisch gesund ist. Immer liegt eine Störung der 
Persönlichkeit zugrunde, die in sichtlichen neurotischen Charakterzügen, Ge* 
fühlsunreife oder Infantilismus und oft auch in anderen neurotischen Symptomen 
in Erscheinung tritt. In vielen Fällen — wenn nicht in allen — finden sich nur 
schwach verhüllt Spuren psychotischen Charakters — besonders paranoide und 
schizoide Züge, Im Symptom des unmäßigen Trinkens erscheint sowohl die 
regressive Handlung auf Grund unbewußt libidinöser und sadistischer Triebe 
als auch der pro gressive Versuch einer Lösung oder Heilung des Konflikts durch 
Einverleibung einer pharmakologisch wirksamen Substanz, welche demnach zu* 
gleich verwendet wird, um verbotene Genüsse zu erzielen und sonst unterdrückte 
Feindseligkeiten (ichfremde Impulse) in die Tat umzusetzen, wie auch als Mittel 
zur Befreiung von Hemmungen und Angstgefühlen (Heilmittel). Da es bei den 
meisten Alkoholikern besonders auffällt, daß sie in der Lage sind, sich vorüber* 
gehend von den Ansprüchen der Wirklichkeit zu befreien und in eine Willkür* 
liehe zeitweilige Psychose (die dann manchmal zur echten Psychose wird) zu 
flüchten, wird man gerne G 1 o v e r s Meinung beipflichten, daß Alkoholsüchtig* 
keit — ebenso wie andere Rauschgiftsüchte — einen psychiatrischen Grenzfall 
darstellt. 

Die ätiologischen Wurzeln der Sucht ruhen in den tiefsten Schichten des Unbe* 
wußten. Da echte Trunksucht gewöhnlich bald nach dem zwanzigsten Lebens* 
jähr einsetzt — gelegentlich sogar schon in der Mitte der Pubertätszeit — , wird 
es notwendig sein, jene Faktoren, die den Beginn dieses Symptoms begleiten, 
herauszuarbeiten und sie mit den unbewußten infantilen Wurzeln in Überein* 
Stimmung zu bringen, die sozusagen die prädisponierende Ätiologie darstellen. 

In den Arbeiten von R a d o und G l o v e r über die Ätiologie der Rauschgift* 
sucht wird die elterliche Konstellation, in welcher der Süchtige aufwuchs, 
nirgends erwähnt. Wiewohl bei den beobachteten Süchtigen die oberflächlichen 
neurotischen Konfliktsituationen eine große Mannigfaltigkeit aufweisen, sind ge* 
wisse gemeinsame Züge in allen Fällen kenntlich, und es scheint, daß der eine 
allen gemeinsame Zug — nämlich das übermäßige Trinken — selbst ätiologisch 
erklärt werden müßte. Mit anderen Worten : Warum trinken diese Leute so un* 



i 



Zur Dynamik und Therapie des chronischen Alkoholismus 431 

mäßig, statt eine andere Form neurotischen oder psychotischen Gehabens zu 
entwickeln? Obwohl bei den Alkoholikern die gleichen Konflikte aufscheinen, 
die auch bei anderen Neurosen zu finden sind, in denen die Süchtigkeit nur eine 
kleine oder überhaupt keine Rolle spielt, müssen doch bestimmte Gründe nach* 
weisbar sein, warum bei Leuten, die süchtig werden, diese besondere Form der 
Lösung versucht wird. R a d o und G 1 o v e r haben diese Überlegungen keines* 
wegs außer acht gelassen, aber ihre Ausführungen befassen sich weder mit den 
aktuellen Eigenschaften und Verhaltensweisen der Eltern des Süchtigen diesem 
gegenüber während dessen Säuglingszeit und Kindheit, noch mit der Art, in der 
das Kind auf dieses Verhalten und diese Behandlung reagiert. 

Bei den untersuchten Fällen fanden wir zu unserer Überraschung eine sehr 
häufig wiederkehrende typische Elternkonstellation. In jedem der von mir selbst 
behandelten zehn Fälle — und ebenso in den meisten der von anderen Anstalts* 
ärzten beobachteten und behandelten Fälle — gab es eine allzu nachgiebige, allzu 
verzärtelnde Mutter. Wir finden häufig in den Krankheitsgeschichten erwähnt, 
daß die Mutter das Kind gewohnheitsmäßig verzog, indem sie ihm besondere 
Vergünstigungen zuteil werden ließ oder als Anwalt des Kindes beim Vater 
auftrat und diesen dazu bewog, solche Vergünstigungen zu gewähren. In der* 
artigen Fällen pflegte dann natürlich das Kind die Mutter gegen den Vater aus* 
zuspielen und, wenn es vom Vater etwas erreichen wollte, seinen Feldzugsplan 
oft so zu entwerfen, daß es sich zuerst an die Mutter wandte und sie seine Sache 
beim Vater vertreten ließ. Eine Reihe von Patienten gab an: „Ich konnte bei 
meiner Mutter alles erreichen. " Bevor wir diese Mutter*Sohn*Beziehung weiter 
analysieren, sei es mir gestattet eine weitere Beobachtung über die ebenfalls 
typischen Väter anzuführen. Wir konnten fast ausnahmslos feststellen, daß diese 
Väter kalt und lieblos waren und daß sie ihren Familien gegenüber herrisch, 
ihren Söhnen gegenüber inkonsequent, bald streng, bald nachgiebig auftraten, 
— von ihrer Haltung gegenüber ihren Frauen ganz zu schweigen. 

Wir wollen nun sehen, welche Folgerungen aus dieser regelmäßigen Eltern* 
konstellation ein Kind zieht, das sich im späteren Verlauf zu einem Alkoholiker 
entwickelt. Wir wissen aus der analytischen Praxis, daß die erste Methode, 
welche dem Kinde zur Verfügung steht, um Kummer und Angst zu lindern, die 
orale Befriedigung ist. Wenn also ein Mensch in seinem späteren Leben auf eben 
diese Technik zurückgreift, so bedeutet dies jedenfalls, daß er das infantile Er* 
lebnis des Gesaugtwerdens ganz besonders ausgebeutet hat. Da das Kind seine 
oralen Wünsche ohne die Mitwirkung der Eltern — besonders der Mutter — 
nicht befriedigen kann, ist man wohl berechtigt, für seine Kindheit gewisse Be* 
handlungsmethoden als gegeben anzunehmen, obwohl ja die wirklichen Säug* 
Imgserfahrungen für die Krankheitsgeschichte nicht zugänglich sind und man nur 
Schlüsse aus dem aus der späteren Kindheit bekannten Material zu ziehen in der 
Lage ist. Daher wollen Sie mir eine kurze Betrachtung über diesen Punkt ge* 
statten. 

Eine Mutter, wie ich sie beschrieben habe — allzu nachgiebig und allzu ver* 
zärtelnd — , wird gewiß ihrem kleinen Sohne reichlich Gelegenheit geboten 
haben, seine Situation als Säugling auszunützen. Indem sie seinen natürlichen 
Wünschen nach oraler Befriedigung allzusehr entgegenkam, ermutigte sie ihn 



432 Robert P. Knight 



zu weiteren Forderungen und der seinerseits ganz natürlichen sicheren Erwartung, 
daß diese Forderungen erfüllt würden. Wir wissen auch aus der analytischen 
Erfahrung» daß solche Wünsche, wenn sie ermutigt werden, immer so weit gehen, 
daß sie die tatsächlichen Möglichkeiten der Befriedigung überschreiten, so daß 
zum Schlüsse selbst die allzu nachgiebige Mutter sich in die Unmöglichkeit ver* 
setzt sieht, mit den an sie gestellten Anforderungen Schritt zu halten. Und nun 
fühlt sich das Kind unvermeidlich enttäuscht Seine Zornausbrüche über eine 
solche Versagung veranlassen möglicherweise die Mutter, ihre Bemühungen, es 
zufriedenzustellen, noch zu verdoppeln, bis schließlich ein Lebensstil der über* 
mäßigen Abhängigkeit und Passivität, der maßlosen Forderungen und Wutaus* 
brüche bei notwendigen Versagungen in die Persönlichkeit des Kindes eingebaut 
ist. Die Entwöhnung eines solchen Kindes macht ungewöhnliche Schwierig* 
keiten und wirkt, einmal erreicht, sicher traumatisch. Auch wird — unabhängig 
von der Geburt eines jüngeren Geschwisters, das es entthront und seinen 
Groll noch erhöht, — die Ambivalenz des Kindes sehr gesteigert, wobei die 
Feindseligkeit gegen die Mutter besonders heftig wird. Dann gibt es noch einen 
weiteren Punkt, der zwar noch sehr problematisch ist, den ich aber vielleicht 
auf Grund von Tatsachenmaterial werde beweisen können: das ist die eigene 
Ambivalenz der Mutter ihrem Sohne gegenüber. Wir sind aus der Psychoanalyse 
gewöhnt, die allzu heftige Reaktion, die wir an einer solchen Mutter bemerken, 
als verdächtig zu betrachten und unter dem Deckmantel einer solchen Über* 
kompensation wie der eifersüchtigen und erdrückenden Natur ihrer Liebe die zu* 
grundeliegende unbewußte Feindseligkeit und Abneigung gegen ihr Kind zu er* 
kennen. Es mag sein, daß diese Haltung der Mutter durch die Kälte und Lieb* 
losigkeit ihres Gatten verursacht oder doch zumindest gesteigert wird; jedenfalls 
ist es aber ziemlich wahrscheinlich, daß der Sohn diese Abneigung unbewußt 
bemerkt und darauf reagiert. 

Wenn der Sohn, der sich von seiner Mutter unbewußt enttäuscht, zurück* 
gestoßen und verraten fühlt, sich in seinem Verlangen um Liebe und Zärtlich* 
keit an den Vater wendet, muß er natürlich noch mehr enttäuscht werden. Dieser 
Vatertypus — eigensüchtig, herrisch, oft streng — versucht seinen Sohn dadurch' 
zur Selbständigkeit zu zwingen, daß er ihn allzu streng auf die Anforderungen 
der Wirklichkeit verweist, um die von ihm verpönte, allzu nachgiebige Haltung 
der Mutter wettzumachen. Der Sohn ist dieser Enttäuschung nicht gewachsen, 
die Mutter interveniert, bittet um Nachsicht, schützt den Sohn vor der väter* 
liehen Strafe für verbotene Befriedigungen, die sich der Sohn doch auf irgend 
eine Weise verschafft hat, — und dann gibt der Vater oft genug nach. (Ein 
Alkoholiker erzählte mir, daß er nie gewußt habe, was von seinem Vater zu 
erwarten sei, wenn er ihn um Geld bat. Manchmal gab es der Vater zu des Sohnes 
Überraschung und Freude, ohne viel zu fragen, manchmal schlug er es ihm will* 
kürlich und in endgültiger Form ab, ein andermal wieder erfüllte er seine Bitte 
nach einer langen Aussprache, in welcher er dann vergangene Zugeständnisse und 
vergangene Mißbräuche dieser Zugeständnisse von seiten des Sohnes einer 
Betrachtung unterzog.) Jedoch trotz den offenkundigen Bemühungen des Vaters, 
seinen Sohn aus einer Passivität zur Selbständigkeit emporzureißen, finden wir 
bei näherer Untersuchung, daß er im Unbewußten die Befürchtung hegte, 



Zur Dynamik und Therapie des chronischen Alkoholismus 433 

daß der Sohn heranwachsen und eine Gefahr für ihn werden möge. Man könnte 
in fast jedem Fall viele Umstände anführen, die zeigen, wie solche Väter ent* 
weder durch verblüffende Inkonsequenz dem Kinde gegenüber, oder indem sie 
ihm scheinbar Gleichberechtigung und Männlichkeit zubilligten und dann plötz* 
lieh wieder entzogen, selbst viel dazu beitrugen, den Zug oraler Abhängigkeit 
und Passivität bei ihren Söhnen fortbestehen zu lassen. So machte zum Beispiel 
einer meiner Patienten, der Geschäftsteilhaber seines Vaters war, die Erfahrung, 
daß er manchmal zu seiner Freude neue Rechte innerhalb des Geschäftes zuge* 
sprochen erhielt, aber nur, um später festzustellen, daß sein Vater auch weiterhin 
seine eigenen Befehle erteilte und die Anordnungen seines Sohnes durch Gegen* 
befehle aufhob, ohne mit dem Sohn darüber zu sprechen. Derselbe Vater hatte 
in den Zeiten des Wohlstandes seinem Sohne Obligationen im Werte von einigen 
tausend Dollar gegeben; als aber der Finanzkrach kam, rief er seinen Sohn zu 
sich und verlangte von ihm ganz lakonisch, er möge ein bereits vorbereitetes" 
Schriftstück unterschreiben, auf Grund dessen all diese Obligationen wieder in 
den Besitz seines Vaters übergingen. Der Vater eines anderen Patienten er* 
weckte während der Jünglingszeit seines Sohnes den Anschein, als wollte er 
ihn zu Unabhängigkeit und Männlichkeit dadurch erziehen, daß er ihn in ge* 
schäftlichen Angelegenheiten um Rat fragte, sich von ihm begleiten ließ und ihn 
für seine Hilfe bezahlte, so daß der Sohn schließlich ein Bankkonto von einigen 
hundert Dollar besaß, auf das er sehr stolz war. Da übersiedelte die Familie in 
eine andere Stadt, der Vater ließ die Konti auf eine Bank in dem neuen ,Wohn* 
ort übertragen, wobei er, ohne etwas davon zu sagen, das Konto seines Sohnes 
seinem eigenen einfach einverleibte. Der Sohn war bestürzt, grollte — aber 
schwieg. Solche Begebenheiten liefern uns das Material, aus dem wir vermutlich 
gültige Annahmen über die Haltung der Väter gewinnen können, angesichts 
deren die Söhne zu Unabhängigkeit und Männlichkeit heranreifen sollen. 

Auf diese Weise wird von beiden Eltern — unbewußt natürlich, denn bewußt 
wünschen beide, daß ihr Sohn ein erwachsener Mann werde, — eine psychische 
Situation geschaffen und festgehalten, welche es dem Sohne fast unmöglich 
macht, aus seiner Passivität herauszukommen. So wird ein Hang zu oraler Ab* 
hängigkeit, zu oralen Forderungen und unterdrückter Wut ob deren Vereitelung, 
ferner das Gefühl, von beiden Eltern zurückgestoßen zu sein, und doch zugleich 
eine intensive, oral eingestellte Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit in der 
Persönlichkeit des Sohnes verwurzelt. Gleichzeitig damit entsteht im Sohn ein 
Schuldgefühl wegen seines Hasses und ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl wegen 
seiner Abhängigkeit und Passivität. Kommt nun der Sohn in die Pubertätsjahre, 
so werden alle diese Gefühle gesteigert, besonders die Gefühle der Minderwertig* 
keit, des Neides auf die männliche Kraft, wie sie sich im Vater darstellt, und 
der Angst, von seinen Gefährten als feminin angesehen zu werden. Ein solcher 
Junge ist für das Trinken psychisch prädisponiert und überaus leicht zugänglich 
für dasselbe. Wenn er kurz vor dem zwanzigsten Lebensjahr oder zu Beginn 
der Zwanzigerjahre fast unvermeidlich mit Alkohol in Berührung kommt, trifft 
er auch auf eine besondere soziale Einstellung, die für Amerika mehr oder 
weniger bezeichnend ist. Er findet, daß es als ein Zeichen mangelnden Er* 
wachsenseins, als weibisch gilt, nicht zu trinken, und daß unmäßiges Trinken 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XXIH/3 Ä 



434 Robert P. Knight 



und „Drahrereien" mit den anderen jungen Leuten als Beweise der Männlichkeit 
und Kraft angesehen werden. Auf diese Weise wehrt er seine Passivität durch 
eine an der Oberfläche zur Schau getragene Männlichkeit ab und befriedigt zu* 
gleich in tieferer Schichte die derart abgewehrte orale Passivität. Frühe Er* 
fahrungen mit dem anderen Geschlecht, besonders mit Prostituierten, gehören 
oft zu einer solchen Reaktion, aber es ist leicht zu erkennen, daß der junge 
Mensch nur eine Scheinmännlichkeit zur Schau trägt. Er ist jedoch außerstande, 
dies selbst richtig einzuschätzen, und das Trinken dient nicht nur der Abwehr 
der Passivität, sondern hilft ihm auch, Hemmungen zu überwinden, Ängstlich* 
keit niederzuringen, und gibt ihm ein Mittel an die Hand, seine jugendliche Ver* 
achtung und Empörung zum Ausdruck zu bringen. Schon nach einigen Gläsern 
fühlt er sich stark, kann sein beleidigtes Selbstgefühl wiederherstellen und ge* 
winnt für kurze Zeit das infantile Allmachtsgefühl wieder — und dann geht es 
gewöhnlich Schritt für Schritt weiter auf dem Weg zum chronischen AI* 
koholismus, ein Vorgang, der nur von vergeblichen, von vornherein zum Miß* 
erfolg verurteilten Bemühungen unterbrochen wird, Selbständigkeit und Mann* 
lichkeit auf dem Boden der Wirklichkeit zu gewinnen. 

Die dynamischen Zusammenhänge, 

Im letzten Abschnitt dieses Aufsatzes beabsichtige ich, verschiedene Abwei* 
chungen von diesen Verhältnissen sowohl hinsichtlich des Beginns als auch der 
Intensität des Trinkens zu behandeln. Hier will ich jedoch von dem dynamischen 
Bilde sprechen, wie es sich in den schwereren Fällen zeigt. 

Der vorausgehende ätiologische Bericht hat bereits die psychischen Triebfedern 
kurz gestreift. Der typische erwachsene Alkoholiker ist — trotz seiner Passivität 
und der Abhängigkeit in seinen Beziehungen — ein sehr geselliger, freundlicher 
und liebenswürdiger Mensch. Sein innerer Drang, geliebt zu werden und seine 
Ansprüche an Menschen befriedigt zu sehen, veranlaßt ihn häufig, sich unbewußt 
eine bestimmte Technik zurechtzulegen, um sich beliebt zu machen. In fast allen 
schweren Fällen findet man ihn mit 30, 35 oder 40 Jahren noch finanziell &b* 
hängig. Durch sein unmäßiges Trinken und die sich daraus ergebende Unzu* 
verlässigkeit hat er viele Arbeitsmöglichkeiten eingebüßt, sich viele Freunde ent* 
fremdet, gewöhnlich in einer oder mehreren Ehen Schiffbruch erlitten und seine 
Eltern und Freunde zur Verzweiflung gebracht. Unaufhaltsam scheint er ganz* 
licher Selbstzerstörung zuzutreiben, obwohl er dies in nüchternen Augenblicken 
selbst einsieht. 

Sein Geschlechtsleben scheint bei oberflächlicher Betrachtung normal zu sein, 
denn er ist dem anderen Geschlecht gegenüber meist ziemlich aktiv. Aber schon 
eine etwas eingehendere Befragung ergibt eine schwere Anomalie und geschlecht* 
liehe Unreife. Oft findet sich die bewußte oder fast bewußte Angst, als feminin 
angesehen zu werden. So berichtete mir ein Alkoholiker, daß er sich nach einem 
Gelage stets beunruhigt fühlte, ob er sich nicht während des Zechens ganz offen* 
kundig homosexuell benommen habe. Zu der Angst, für feminin gehalten zu 
werden, gesellt sich die innere, nur widerstrebend zugegebene Überzeugung, in 
Wirklichkeit physisch feige und schwach zu sein und in einem physischen Kampf 



Zur Dynamik und Therapie des chronischen Alkoholismus 435 

zu unterliegen. Auch befürchten fast alle behandelten Patienten — trotz ihren 
aktiven Beziehungen zum anderen Geschlecht, die wir lediglich als männliche 
Überkompensation erkennen — , daß sie impotent seien, und tatsächlich leiden 
viele an Ejaculatio praecox und anderen Symptomen der Impotenz. Infolge der 
frühen bedeutungsvollen Störung seiner Beziehungen zur Mutter scheint der 
Kranke außerstande, seine zärtlichen und seine rein sexuellen Gefühle auf ein 
und dieselbe Frau zu konzentrieren. Daher sind seine vor* und außerehelichen 
Erlebnisse vom Typus der sexuellen Erniedrigung, mit Prostituierten als Part* 
nerinnen, und mit starkem Trinken und sexuell*perversem Verhalten verbunden. 

In dieser sexuellen Eigenart und Haltung finden wir eine starke Identifizierung 
mit der Mutter — gewöhnlich mit der schlechten Mutter, der verhaßten Mutter* 
imago. Der Patient wird genau so unzuverlässig, wie er seine Mutter — und 
seinen Vater — in ihrem inkonsequenten Betragen ihm gegenüber zu sehen 
glaubte. Es erfolgt auch eine teilweise, aber unentwickelte Identifizierung mit 
dem in seinen Augen übermächtigen Vater. Als Resultat dieser einander wider* 
streitenden Identifizierungen ergibt sich für sein eigenes eheliches Leben, daß er 
sich oft eine Frau erwählt, die besondere Anziehungskraft auf viele Männer aus* 
übt, in der Hoffnung, seine eigene Potenz dadurch zu beweisen, daß er sIq ge* 
winnt; gleichzeitig aber empfindet er heftige Eifersucht auf ihre gesellschaft* 
liehen Beziehungen zu anderen Männern — Beziehungen, die ihn anderseits als 
unbewußter Ersatz befriedigen. Da er sich ein Mädchen ausgesucht hat, dem die 
Männer auch weiterhin nachstellen, kann er ihnen und sich selbst seine Potenz 
durch ihren Besitz beweisen und sich gleichzeitig an den ihr erwiesenen Aufmerk* 
samkeiten erfreuen, — eine unbewußte Befriedigung, die oft von heftiger Eifer* 
sucht überdeckt wird. In seinen realen sexuellen Beziehungen zu seiner Frau 
beeinträchtigt seine tiefe unbewußte Feindschaft ihr gegenüber seine eigene 
Potenz und bewirkt, daß er sich vor Demütigungen ihrerseits fürchtet. 

Wenn wir uns der Frage zuwenden, wie er seine aggressiven Triebe erledigt, 
so bemerken wir, daß er im Zustande der Nüchternheit nur fähig ist, unter* 
drückten Zorn und Groll über Geringschätzung und Versagungen zu empfinden; 
denn er war nie imstande, mit Erfolg gegen die mächtige Gestalt des Vaters anzu* 
kämpfen. Er zeigt nur kindische Rebellion oder passive Feindseligkeit. Im trun* 
kenen Zustande jedoch kommt es manchmal zu einer sado*masochistischen Orgie. 
Das Trinken selbst — antisozial und zugleich eine Enttäuschung für seine Eltern, 
die hoffnungsvolle Wünsche auf ihn gesetzt haben, — ist ein Teil seiner unge* 
lösten jugendlichen Empörung; und wenn einmal die Hemmungen sich unter 
dem pharmakologischen Einfluß des Alkohols lockern, verübt er allerhand 
Feindseligkeiten gegen seine Eltern, seine Familie und seine Freunde. Durch 
seine erniedrigenden und demütigenden Ausschweifungen sowie durch die da* 
durch provozierten Vergeltungsmaßnahmen von selten der Außenwelt richtet 
er sich allmählich zugrunde. Vier von meinen zehn Patienten haben im trun* 
kenen Zustande schwere Automobilunfälle mit körperlichen Verletzungen er* 
litten. 

Ich will nunmehr den ziemlich typischen verhängnisvollen Kreislauf neuro* 
tischen Verhaltens, kompliziert durch übermäßiges Trinken, zur Darstellung 
bringen, wie er sich bei schwereren Patienten zeigt und aus dem sie sich äugen* 

28* 



436 Robert P. Knight 



scheinlich nicht befreien können. Nach einer gewissen Zeit ist das Bild äußerst 
kompliziert geworden, da der Alkoholismus das ganze Gefühlsleben verändert 
hat und mannigfachen psychischen Tendenzen dienstbar gemacht wurde. Wir 
wollen mit dem Haß wegen Versagungen, den aus der oralen Abhängigkeit und 
Passivität stammenden Minderwertigkeits* und Unzulänglichkeitsgefühlen, den 
unterdrückten Feindseligkeiten und den sie begleitenden Schuldgefühlen wegen 
gegenwärtiger oder vergangener Haßregungen und Aggressicmstendenzen be* 
ginnen; denn hier setzt oft das Trinken ein. Der Kranke möchte sich wohler 
und freier fühlen, und die Illusion des Wohlbefindens, wie sie durch Trinken 
hervorgerufen werden kann» scheint einen starken Reiz auszuüben. Alle ver* 
gangene Qual, Reue und Ekel während seiner letzten anfallsfreien Zeit sind 
vergessen oder die Erinnerung daran ist weggeschoben; er erinnert sich nur, daß 
er manchmal in vergangenen Zeiten fähig war, "dies wunderbare Gefühl der Er* 
leichterung, des Wohlbefindens und der wiederhergestellten Selbstachtung zu 
erreichen und eine Weile festzuhalten. Vielleicht ist er dieses eine Mal sogar ent* 
schlössen, nur so lange zu trinken, bis er dieses wunderbare Gefühl wieder ge* 
wonnen hat. Es ist dies, wie wir ja schon gesehen haben, das alte infantile Ver* 
langen nach der Brust. Er sagt, er habe das Bedürfnis nach einem Trunk. 
Trotz einigen bangen Ahnungen trinkt er ein Glas, denn sein Verlangen wird 
noch durch seine Verachtung der menschlichen Gesellschaft (seiner Eltern!) und 
seine Männlichkeits wünsche gesteigert. Das warme Gefühl in seinem Magen be* 
ruhigt ihn, und er fühlt etwas Erleichterung, noch bevor irgend eine pharmako* 
logische Wirkung überhaupt einsetzen kann. Selbstachtung und Selbstvertrauen 
kehren im gleichen Maße zurück, in dem die Angst weicht. Immerhin bleibt noch 
etwas Furcht und Schuldgefühl, weil er so trotzig die verbotene Flasche (Brust, 
Penis) genommen hat. Er glaubt, daß noch ein bis zwei Gläser auch hier eine 
Besserung bewirken können. Er trinkt weiter, und sein Gefühl der Unzulänglich* 
keit und Minderwertigkeit verschwindet. Nun beginnt er aus unterdrückten Im* 
pulsen heraus so zu handeln, wie ich es oben beschrieben habe. Die Verkleidung 
der Homosexualität wird durchsichtig und seine gesellschaftliche Einstellung 
gegenüber seinen männlichen Gefährten wird deutlicher homoerotisch. Sobald 
die pharmakologische Wirkung eintritt und die höheren Urteils* und Unterschei* 
dungsfunktionen sowie den Wirklichkeitssinn lähmt, wird er ganz unverant* 
wortlich. Schließlich endet er in Volltrunkenheit, gänzlicher Passivität — sym* 
bolischem Tode. Er hat sich gegen die Welt aufgelehnt, die ihn enttäuschte, und 
zwingt nun infolge seiner vollkommenen Passivität, seines alkoholischen Stupors 
die anderen, sich seiner anzunehmen. Ein Alkoholiker zum Beispiel erwachte nach 
jedem Trunkenheitsexzeß in einem Hotel, wohin ihn seine Freunde gebracht 
hatten, stztt ihn nach Hause zu führen ; er telephonierte dann um eine Kranken* 
pflegerin, die Tag und Nacht um ihn sein mußte, und ließ sich den Arzt kommen. 
In ihrer Obhut blieb er dann einige Tage, bis er nüchtern war, worauf er zu 
seiner Familie zurückkehrte. Wenn der Patient nun aus seiner Trunkenheit er* 
wacht, verfällt er in seinen früheren neurotischen Zustand — nur noch viel 
schlimmer. Er ist niedergedrückt, sehr reumütig, voll Ekel über sich selbst. Er 
ist nun wirklich entsetzt über die gefährliche, zerstörerische Handlungsweise, 
der er sich wieder überlassen hat. Er ist von Soxge erfüllt, was er wohl während 



Zur Dynamik und Therapie des chronischen Alkoholismus 437 

seines Trunkenheitsexzesses angestellt haben könnte, da er gar keine Erinnerung 
an diese Zeit hat. Er fühlt, daß nun der Augenblick gekommen ist, dem Trinken 
ganz und für immer abzuschwören. Und da er jetzt nüchtern genug ist, um sich 
noch minderwertiger, schuldiger und unzulänglicher zu fühlen, — in einer noch 
schlimmeren Lage, da er finanziell ganz entblößt dasteht und aus allen möglichen 
Unannehmlichkeiten herauskommen muß, in die er sich gebracht hat, — schließt 
sich der verhängnisvolle Kreis: er ist nun bereit, seinem Laster neuerlich zu ver* 
fallen. Sein großartiges Vertrauen in die Magie des alkoholischen Getränks er* 
innert angesichts der Tatsache, daß er während der Anfallspausen stets voll 
erfaßte, welche Enttäuschungen dem Trinken folgen, an die ähnliche Anhäng* 
lichkeit an seine beiden Eltern — besonders aber an die Mutter. Auch 1 sie ver* 
führte ihn, nur um ihn nachher zu enttäuschen, und dennoch konnte er sich von 
ihr nicht freimachen. 

Zu der Frage, warum es unter den Frauen so wenig Alkoholiker gibt, wäre zu 
sagen, daß sie, auch wenn sie in der Kindheit die gleichen oralen Befriedigungen 
und Enttäuschungen erlebten, doch mehr sozial angepaßte Wege zur Verfügung 
haben als der Mann, um ihrer Passivität nachzugeben; sie werden daher nicht auf 
das Trinken als einzige Lösung verfallen. Außerdem äußern sich bei ihnen die 
Wirkungen der Kastrationsangst anders. Wie jedoch Abraham darlegt, kann 
bei Vorhandensein einer starken homosexuellen Komponente ein starker Mann* 
lichkeitskomplex dahin wirken, daß sie trinken, um mit dem Manne zu wetteifern. 

Über Klassifizierung und Prognose. 

Es dürfte wohl allen, die mit Alkoholikern zu tun hatten, klar sein, daß die 
oben gegebene Darstellung der Trunksucht und ihrer dynamischen Grundlagen 
nicht für alle Fälle Gültigkeit besitzt. Ich habe selbst einen Patienten beobachtet, 
dessen Trinkanfälle nach einem ganz stereotypen Schema vor sich gehen, das 
wesentlich von dem oben beschriebenen abweicht. Er nimmt eine Flasche Alkohol 
und ein gutes Buch auf sein Zimmer und dort liest und trinkt er ganz allein, bis 
er gerade noch fähig ist, sein Bett zu erreichen. Er hat keinerlei Bedürfnis, „die 
Hölle loszulassen' 4 , noch sucht er die Gesellschaft von Frauen oder Männern. 
Es ließen sich noch manche andere Abweichungen hinsichtlich Art und Grad des 
Trinkens beschreiben, und ich möchte darauf verweisen, daß ich nur die 
schwerste Form der Trunksucht beschrieben habe. 

Da hinsichtlich Grad und Art des Trinkens und auch bezüglich der Charakter* 
eigenschaften des Trinkers große Unterschiede bestehen, scheint es mir ratsam 
zu versuchen, bestimmte Kriterien für eine Klassifizierung und Prognosestellung 
zu gewinnen, was eine frühe Orientierung seitens des Analytikers über den je* 
weiligen besonderen Fall gestatten würde. Alle übermäßig Trinkenden werden 
Alkoholiker genannt; dennoch sind manche unter ihnen viel reifer als andere, 
manche können ohne besondere Maßnahmen privat analysiert werden, andere 
wieder als Ambulanzpatienten mit der Anstalt im Hintergrund für den Fall, daß 
eine Internierung notwendig wird; schließlich gibt es Fälle, die nur bei Unter* 
bringung in einer geschlossenen Anstalt analysiert werden können. 

Die Entscheidung für eine dieser Möglichkeiten kann in hohem Grade schon 



438 Robert P. Knight 



auf Grund der Krankengeschichte und der ersten Beobachtungen am Patienten 
während der Vorbesprechungen erfolgen. Wie bei anderen Krankheitstypen ist 
es auch hier von Wichtigkeit, zu beurteilen, wie weit der Patient in seiner psycho* 
sexuellen Entwicklung gekommen ist. Obwohl die orale Fixierung schon durch 
die Natur der Krankheit klar hervortritt, zeigt bei genauerer Betrachtung eine 
Reihe von Fällen Gradunterschiede bezüglich der Schwere derselben. Die oben 
gegebene Schilderung der Persönlichkeit des Alkoholikers und des Trinkmodus 
bezog sich auf die schwersten Fälle dieser Gruppe. Diese Fälle scheinen über 
die orale Stufe kaum hinausgekommen zu sein. Sie sind wirtschaftlich und in 
ihrem Gefühlsleben vollkommen abhängig, und bringen es auch nur bestenfalls 
temporär zu finanzieller Unabhängigkeit. Man beobachtet auch das vollständige 
Fehlen aller Charakterzüge, die sich aus dem zweiten analen Stadium ableiten, wie 
etwa Ausdauer, Retentionstendenzen, Beherrschung des Objekts. Mit anderen 
Worten: sie haben sich nie ausdauernd mit den Aufgaben der Wirklichkeit — 
z. B. Absolvierung einer Schule, Ausharren in einer Stellung, Ersparung ver* 
dienten Geldes — beschäftigt. Sie haben noch vor Abschluß des zweiten Lebens* 
Jahrzehnts zu trinken begonnen, ohne daß ein Zusammenhang mit irgendwelchen 
manifesten, auslösenden oder beschleunigenden, realen Umständen gegeben war. 
Nur selten gelingt es ihnen, Freunde durch längere Zeit festzuhalten oder eine tit? 
fere Beziehung zu ihnen herzustellen, es sei denn eine orale, abhängige. Ihre Cha* 
rakterzüge sind vorwiegend oralen Ursprungs: orale Abhängigkeit, orale Wün* 
sehe, das Streben nach Lust unter geringer Bedachtnahme auf die Anforderungen 
oder Möglichkeiten der Wirklichkeit. Dieser Mangel an Wirklichkeitssinn zeigt 
sich in ihrer Unzuverlässigkeit, Verantwortungslosigkeit und besonders in ihrer 
Lügenhaftigkeit und ihrem allgemeinen Mangel an Wahrheitsliebe. Ein anderes 
Merkmal, das sich bei Fällen dieser Gruppe häufig findet, ist das Vorhandensein 
von Magen*Darm*Symptomen und vielfältigen Formen oraler Befriedigung. 
Diese Patienten erstreben ein wohliges warmes Gefühl im Magen — sie v e r* 
langen nach einem Trunk. Ihre Eßgewohnheiten geraten leicht in Unordnung, 
besonderer Wert wird auf bestimmte Speisen für bestimmte Zwecke gelegt und 
sie vertilgen große Mengen von Getränken und Nahrungsmitteln aus nach* 
weisbar psychischen Gründen. Es ist ihnen nicht besonders wichtig, was sie zu 
trinken bekommen, sie werden jeden Trank schlucken, der es „in sich" hat. 
Häufig werden auch verschiedene flüssige Medikamente und Schlafmittel regel* 
mäßig genommen, ja diese scheinen tatsächlich mit zum Trinken zu gehören. Ein 
Patient nahm regelmäßig nach jedem Zechgelage eine starke Dosis eines be* 
kannten Purgativs, um sich zu „reinigen". Derselbe Patient trank an seinem 
Hochzeitsmorgen ein Viertelliter Sauerkrautsaft, weil er gehört hatte, daß dies 
die Potenz sichere. Er wußte wohl, daß auch einige Whiskys seine Potenzangst 
zerstreut hätten, aber er hätte es doch nicht gewagt, nach Alkohol duftend zum 
Altar zu schreiten. 

Es ist wohl gerechtfertigt, diese Fälle in eine besondere Kategorie einzureihen; 
sie erlauben sogar bei einer gründlichen Analyse nur eine unsichere Prognose. 
Man könnte sie als „Fixierungs*Süchtigkeit u (fixation addiction) oder „echte AI* 
koholsüchtigkeit" (essential alcohol addiction) bezeichnen. Ich selbst ziehe die 
Bezeichnung „echte Alkoholsüchtigkeit" vor. Ein anderer passender Terminus 



wäre die Bezeichnung „Alkoholikerpersönlichkeit" (alcoholic pevsonality). Vom 
prognostischen Standpunkt aus ist es sehr zweifelhaft, ob diese Patienten jemals 
imstande sein werden, mäßig zu trinken. Sie müssen vollkommene Abstinenten 
werden, und man darf ihnen nicht die Hoffnung vorspiegeln, daß sie nach Ab* 
Schluß der Analyse in mäßiger Weise werden trinken dürfen. Auf sie ist der 
Spruch gemünzt: „Einmal ein Alkoholiker, immer ein Alkoholiker oder aber ein 
Abstinent'*. Auch darf man sie keineswegs außerhalb einer Anstalt behandeln. 
In unseren Beobachtungen bildet diese Gruppe glücklicherweise nur einen kleinen 
Prozentsatz — zwei von meinen eigenen zehn Fällen und etwa sechs oder sieben 
der anderen beobachteten 30 Fälle. 

Im Gegensatz zu dieser Gruppe „echter Alkoholiker" finden wir zahlreiche 
Personen, die unmäßig trinken, und die gewöhnlich unter die gemeinsame Be* 
Zeichnung „chronische Alkoholiker" miteinbezogen werden, die aber bei ge* 
nauerer Betrachtung gewisse charakteristische Züge größerer psychosexueller 
Reife aufweisen. Von besonderer Wichtigkeit ist der Nachweis, daß sie die 
zweite, anale Stufe ausgeprägt zeigen. Dies findet in manchen Fällen in einer 
Art von Zwangs charakter seinen Ausdruck, so daß das gelegentliche Trinken 
mehr den Charakter einer zeitweiligen Dekompensation und einer Regression 
in die (orale) Passivität aufzuweisen scheint. Bei anderen gelangt man zu dieser 
Einordnung auf Grund von Charakterzügen der Verläßlichkeit und Verant* 
wortlichkeit, die deutlich erkennbar sind, wenn der Patient nicht gerade einem 
Anfall von Trunksucht unterworfen ist. In der Lebensgeschichte wird sich der 
Nachweis finden lassen, daß ein gewisser Grad von Unabhängigkeit erreicht 
wurde. Diese Patienten haben gewöhnlich ihren Lehrgang beendet, haben durch 
hinreichend lange Zeit Arbeitsplätze innegehabt — dies oft trotz unmäßigem 
Trinken während des Wochenendes. Magen^Darm^Symptome treten selten als 
Begleiterscheinung auf, höchstens gelegentlich chronische Verstopfung. Sie legen 
wenig oder gar keinen Wert auf das warme Gefühl im Magen, es finden sich nur 
geringe Anzeichen von Übererotisierung des Essens, es werden nur wenig oder 
gar keine Rauschgifte oder andere Medikamente nebenher eingenommen. Außer* 
dem findet man, daß sie erst zu einem späteren Zeitpunkt ihrer Laufbahn zu 
trinken begannen, z. B. mit ca. 20 Jahren, in manchen Fällen erst zu Beginn der 
Dreißiger jähre, in einem der beobachteten Fälle sogar mit 55. Ein weiterer Faktor, 
welcher die Prognose günstiger gestaltet, wenn man ihn neben den anderen ange* 
führten Merkmalen findet, ist das Vorhandensein eines auslösenden Ereignisses 
oder Momentes, ob es der Patient nun als solches erkennt oder nicht. So begann 
zum Beispiel ein scheinbar unabhängiger, aggressiver und in seinem Beruf erfolg* 
reicher Alkoholiker in der Nacht zu trinken, in der seine Frau ihrem ersten 
Kinde das Leben schenkte. 

Diese Gruppe könnte man als „reaktive Alkoholsüchtigkeit" oder „regressiven 
Alkoholismus" bezeichnen; sie umschließt wohl die Mehrzahl all jener Fälle, die 
zu Psychiatern oder Analytikern in Behandlung kommen. Auch hier gibt es 
natürlich Abstufungen, und vielleicht ließen sich innerhalb dieser Gruppe selbst 
noch weitere Unterabteilungen feststellen; aber im allgemeinen ist die Prognose 
günstiger, und es besteht mehr Aussicht dafür, daß die Patienten später in der 
Lage sein werden, sozusagen im normalen Ausmaß zu trinken. Auch können zu* 



440 Robert P. Knight 



mindest die weniger schweren Fälle dieser Gruppe als Ambulanzpatienten oder 
in der analytischen Privatpraxis behandelt werden. 

Zur Methode der Behandlung. 

Unter diesem Titel möchte ich lediglich einige Punkte hervorheben, die ich auf 
Grund meiner eigenen Fehler und Erfolge feststellte oder aus dem Meinungs* 
austauscht mit anderen Analytikern gewann. 

Die sogenannte orthodoxe Technik, auf welche manche Analytiker zwangst 
läufig eingeschworen sind, bedeutet oft nur das entschlossene Festhalten an einer 
ganz unpersönlichen, passiven und zurückhaltenden Haltung des Analytikers. 
Alkoholiker, die eine Analyse beginnen, können diese Haltung oft nicht er* 
tragen, und je schwerer ein Fall ist, desto weniger wird er sie ertragen können. 
Die enge Beziehung der Alkoholikerpersönlichkeit zum Krankheitsbild der 
Schizophrenie wird schon nach kurzer Beobachtung offenkundig; sie haben ein 
tief eingewurzeltes Gefühl des Zurückgestoßenseins und sind daher stets über* 
empfindlich für jedes Anzeichen einer Verurteilung durch den Analytiker. Daher 
muß der Analytiker viel aktiver sein und darf vor allem weder Kritik noch 
Verurteilung ihres früheren Trinkens noch auch der Ausschweifungen, die wäh* 
rend der Behandlung vorkommen, merken lassen. Auch wenn der Patient Reue 
wegen seines Trinkens zeigt, muß der Analytiker immer eine anhaltend wohl* 
wollende, gütige und freundliche Haltung ihm gegenüber bewahren. Die Aus* 
dauer und Geduld des Analytikers werden wohl oft sehr auf die Probe gestellt 
werden, aber selbst wenn das Trinken und Agieren besonders deutlich in Er* 
scheinung getreten sind und man glaubt, daß es unerläßlich ist, auf einige Mo* 
mente der Realität hinzuweisen, die der Patient vergessen zu haben scheint, so 
muß diese Kritik sehr gemäßigt und in Ton und Worten so gehalten sein, daß sie 
keine Verurteilung oder Ablehnung andeutet. Bei einigen solchen Gelegenheiten 
habe ich versuchsweise den Patienten bei seinem Vornamen oder Kosenamen 
angesprochen, wenn ich ihm Vorhaltungen machte, und habe bisher gefunden, 
daß dies dazu beiträgt, den Eindruck von Ablehnung zu vermeiden, die ihn nur 
noch tiefer in seine Verzweiflung und sein Trinken hineinzutreiben geeignet 
wäre. 

Schon zu Beginn der Behandlung, da der Patient auf die leisesten Anzeichen 
einer Verurteilung besonders achtet und dafür besonders empfindlich ist, ist es 
wichtig, daß der Analytiker seine Fragen und sein Interesse nicht auf das Trinken 
an und für sich konzentriert. Tatsächlich sollte während der ganzen Analyse die 
Wichtigkeit des Trinkens selbst nicht allzu stark betont werden, indem man es 
zu sehr in den Brennpunkt der Beobachtung und Interpretation stellt. Das 
Trinken beinhaltet ja für den Patienten eine ganze Reihe symbolisch sexueller 
Werte, die man nicht verurteilen, sondern ans Tageslicht bringen will, um sie 
analysieren zu können. Auf eine Verurteilung wird der Patient wahrscheinlich 
masochistisch mit schweren Ausschweifungen reagieren. Um die Analyse in Fluß 
zu bringen, wird es nützlich sein, eine ganze Reihe von anamnestischen Vorbe* 
sprechungen mit dem sitzenden Patienten zwecks Kennenlernen abzuhalten» 
Während dieser Sitzungen kann der erste Kontakt hergestellt, durch geschicktes 



Zur Dynamik und Therapie des chronischen Alkoholismus 441 



Fragen kann viel wichtiges Material frei gemacht und dem Patienten ins Be* 
wußtsein gebracht werden; dann kann man es nach und nach dahin bringen, daß 
der Patient sich auf den Diwan legt, um die Analyse weiterzuführen. 

Bei einigen Patienten, die von der Polizei in das Sanatorium überstellt oder 
von Verwandten in trunkenem Zustande mit Gewalt dorthin gebracht worden 
waren, die die Mitarbeit verweigerten, über die Zumutung einer analytischen Be* 
handlung empört waren und behaupteten, daß „sie nicht darauf hereinfallen 
würden", habe ich gar keine Versuche unternommen, sie vom Wert oder der 
Notwendigkeit der Analyse zu überzeugen; ich habe sie weiter besucht und habe 
sogar mit ihnen im Sanatorium Tennis, Bridge oder Golf gespielt. 

Das Bedürfnis der Alkoholiker nach Zärtlichkeit und Nachsicht ist so groß, 
daß es notwendig erscheint, diesem Verlangen irgendwie zu entsprechen, 
und nicht einfach zu analysieren und zu deuten. Wenn der Patient im Beginn 
dazu gebracht werden kann, eine Beziehung zärtlicher Abhängigkeit zum freund* 
lich^nachsichtigen Analytiker anzuknüpfen, so kann diese gefühlsmäßige Be* 
Ziehung teilweise zum Ersatz für das Trinken werden und das Bedürfnis nach 
Alkohol herabsetzen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, daß der Analytiker an* 
fangs keine Forderungen oder Einschränkungen geltend macht. Statt dessen ist 
es förderlich, dem Patienten nahezulegen, daß er wegen der pharmakologischen 
Wirkung des Alkohols, sobald er das Bedürfnis nach einem Getränk spüre, ver* 
suchen solle, Milch, Orangensaft, Malz^Milch oder Kola zu trinken. Auf diese 
Weise gibt man ihm etwas, einen harmlosen Ersatz, statt daß man Forderungen 
an ihn stellt oder ihn einer Befriedigung beraubt. Aus eben diesem Grunde 
muß man auch mit dem Vorschlag, das Trinken einzuschränken oder aufzugeben, 
sehr sparsam umgehen. Es ist ein Fehler, dem Patienten zu Beginn zu sagen, daß 
er nach Abschluß der Analyse wird mäßig trinken dürfen. Das kann man erst 
viel später wissen, und wenn der Patient diesbezüglich direkt fragt, so muß man 
antworten, daß man noch nicht wisse, ob dies möglich sein werde. Später, wenn 
der Analytiker die Überzeugung gewonnen hat, daß der Patient ein „echter" 
Alkoholiker ist, wird es wahrscheinlich notwendig sein, ihm zu sagen, daß er 
niemals wieder ein alkoholisches Getränk zu sich nehmen dürfe, nicht einmal 
Bier, und daß er sich mit dieser Tatsache abfinden müsse. 

Wenn der Patient von der Stufe einer bescheidenen Besserung in eine längere 
Periode des Trinkens und Versagens zurückfällt und daran verzweifelt, sich je 
wieder rehabilitieren zu können, wird es sich als wertvoll erweisen, sein Ich da* 
durch wieder aufzurichten, daß man sein Selbstgefühl hebt, indem man ihn häufig 
an seine Fähigkeiten und Möglichkeiten, wie sie sich aus früheren Leistungen 
ableiten lassen, erinnert und die Zuversicht ausspricht, daß diese Möglichkeiten 
noch vorhanden sind und er fähig sein wird, sich mit Hilfe der Behandlung 
wieder aufzurichten* 

Hinsichtlich der schwach verhüllten Homosexualität muß man bei der Analyse 
hier noch vorsichtiger sein als in den gewöhnlichen Fällen, bis der Patient in 
der Behandlung weit genug fortgeschritten ist und aus eigenem Antrieb darüber 
zu sprechen beginnt. Es ist sehr leicht, einen Alkoholiker von der Analyse abzu* 
schrecken oder ihn in heftige Abwehrstellung zu versetzen, wenn man zu früh 
auf die Homosexualität oder auf Einzelheiten der homosexuellen Züge in seiner 



442 Robert P. Knight : Zur Dynamik und Therapie des chronischen Alkoholismus 

Krankengeschichte oder in seinem Benehmen zu sprechen kommt Aus diesem 
Grunde ist es ratsam, ihn nicht in liegende Stellung zu bringen, bevor er 
mit dem Analytiker nicht genügend vertraut geworden ist. 

Die oben angeführten Punkte sollen nicht als Ersatz für eine wirkliche Analyse 
gelten, sondern lediglich als Einschränkungen oder Hilfsmethoden in der 
Behandlung schwerer Fälle, die sonst (d. h. bei Anwendung der streng „ortho* 
doxen" Methode) eine Analyse entweder gar nicht beginnen oder doch nicht 
lange durchhalten würden. In dem Maße, als ein Fall weniger schwer erscheint 
oder in der Analyse bereits Fortschritte gemacht hat, wird es möglich sein, die, 
reguläre Technik zur Anwendung zu bringen. 



REFERATE 



Aus der Literatur der Grenzgebiete 

SPEIJER, N.: Bijdrage tot de kennis van de energetischspsychologische grondslagen van 
den Zelfmoord, De Voorpost, Rotterdam, 1937, 205 S. 

Dieses Buch ist eine psychiatrische Dissertation; in der der Autor die Rolle des Todes«* 
triebes im Problem des Selbstmordes klarzustellen versucht. 

Im dritten Kapitel werden einige Spekulationen über den Todestrieb gegeben, die jedoch 
so weit von der analytischen Betrachtungsweise wegführen, daß wir sie besser unbesprochen 
lassen können. 

Aus neun mitgeteilten Fällen kommt der Autor zu der Schlußfolgerung, daß der Ernst 
des Suizidversuches abhängt von der Größe der vorangegangenen und gegen die Außen** 
weit gerichteten Aggression. Er konkludiert, daß das Individuum durch seine aggressiven 
Handlungen seine Persönlichkeitsstruktur zu ändern versucht, so daß eine Struktur ente 
stehe, bei der ein Suizidversuch Erfolg haben könne (S. 151). Meiner Meinung nach 
bekommt das Individuum hier wohl einen überpersönlichen, außerhalb der Instanzen 
fallenden Charakter. 

Diese Strukturänderung energetisch zu fassen, ist dann die Zielsetzung des fünften 
Kapitels. Es kann nur zum Selbstmord kommen, wenn ein starker Sadismus des Ich^Ideals 
mit einem genügend starken primären Masochismus zusammentrifft. Dazu versucht der 
Autor die Gesetze aufzuspüren, nach denen die zurückgewendete Aggression auf das Ich** 
Ideal und den primären Masochismus verteilt wird. Er meint, daß die beiden letzteren über 
eine quantitative und qualitative Anziehung verfügen. 

a) Die quantitative Anziehung: Die rückgewendete Aggression wird nach der rela* 
tiven Stärke des schon im Ich^Ideal und primären Masochismus befindlichen Todestriebes 
angezogen. 

b) Bei der Geburt wird der größte Teil des Todestriebes auf einmal nach außen 
gewendet. Davon werden allmählich kleine Quanten zur Bildung des Ich*Ideals 
wieder zurückgenommen. Deshalb gibt es eine qualitative Anziehung: Große Mengen frei 
gewordener Todestrieb kehren zum primären Masochismus und nicht zum Ich^Ideal, kleine 
Mengen nur zum Ich^Ideal zurück. 

Der Verf. berechnet nach diesen Prinzipien, daß ein Selbstmord nur bei einer Struktur 
erfolgt, bei der der Sadismus im IdMdeal über den primären Masochismus überwiegt 
und nur ein kleines Quantum Todestrieb nach innen gewendet wird. 

Ich möchte dazu bemerken, daß die Anziehung, welche verschiedene Mengen Todes* 
trieb auf einander ausüben, ein neuer Begriff ist, der einer näheren Beschreibung bedarf. 
Freud hat zwar bei der Verdrängung von Anziehung dos Ubw gesprochen, aber damit 
ist ganz etwas anderes gemeint. 

Der Name „qualitative Anziehung' 4 schein außerdem unangebracht zu sein, denn ob* 
zwar diese Anziehung sich von der ersteren unterscheidet, so handelt es sich auch hier 
nur um quantitative und nicht um qualitative Unterschiede. Physisch betrachtet ist es bei 
der qualitativen Anziehung eine Unmöglichkeit, daß die Menge der zugeführten Energie 
darüber entscheidet, ob sie entweder dem einen oder dem anderen System zufließen und 
nicht über beide verteilt werden wird. Auch scheint es, daß die beiden Prinzipien nicht 
gleichzeitig wirksam sein können. So wird z. B. im Falle eines starken Ich4deals eine 
große Menge Todesrrieb wohl nach der quantitativen Anziehung, nicht aber nach der 
qualitativen aufgenommen. Das würde zur Erklärung noch eine weitere Spekulation fordern. 



444 Referate 

Nun fehlt eine Beschreibung der beiden Mechanismen von der psychologischen Seite 
her. Eine Erschwerung in der Beurteilung ist es auch, daß primärer Masochismus und Maso** 
chismus des Ichs vom Verfasser offenbar für identisch gehalten werden. Dadurch werden 
Sadismus des Ich^Ideals und primärer Masochismus als gleichwertige Begriffe vorgestellt, 
die sie nicht sind. 

Die vom Autor aufgestellten Mechanismen stützen sich beide auf die Regression, die 
qualitative Anziehung aber mehr als die quantitative. Man könnte den Vorgang der 
„qualitativen Anziehung" so beschreiben, daß eine kleine Menge freigewordener Aggres* 
sion noch vom Übersieh bewältigt werden kann, während dies bei einer großen Menge 
nicht mehr der Fall wäre und diese jetzt durch eine Regression zum primären Masochismus 
zurückkehrt. Dieser Vorgang ist aber, falls er vom Autor gemeint sein sollte, nicht in der 
Form der „qualitativen Anziehung" energetisch zu erfassen. Und es müßte dann auch noch 
die klinische Richtigkeit dieses Vorganges aufgezeigt werden. 

Wenn ich somit auch manche Einwände vorzubringen habe, so anerkenne ich trotz* 
dem gerne die Originalität des Verfassers und hoffe, daß dieser Arbeit bald eine psycho*» 
logische Ergänzung folgen wird, M. Katan (Haag) 



Aus der psychiatrisdi^neurologischen Literatur 

BERSOT, H.: Die Fürsorge für die Gemüts« und Geisteskranken in der Schweiz. Mit 
131 Figuren und fünf farbigen Tafeln. Verlag Huber, Bern, 1936. 

In Wort und Bild, graphischen Darstellungen und geographischen Karten wird eine 
umfassende Schilderung der psychiatrischen Fürsorge in der Schweiz gegeben. Der Leser 
gewinnt den Eindruck, daß dieses glückliche kleine Land für seine 15.500 Geisteskranken 
(38 Anstaltsinsassen auf das Zehntausend der Bevölkerung) Vorbildliches leistet. 

M.Grotjahn (Topeka, Kansas) 

Die Grundlagen des Wesens und des Betragens des Menschen. Symposion, abgehalten 
unter dem Vorsitz von Dr. Adolf Meyer auf der 91. Jahresversammlung der American 
Psychiatric Association, Washington, D. C., 13. — 17. Mai 1935. 

Dieses Symposion ist insoferne von Bedeutung, als es wirklich die Situation der vorge* 
schrittensten amerikanischen Psychiatrie aufzeigt. Mit Ausnahme eines einzigen trug jedes 
Mitglied Arbeiten aus seinem Spezialgebiet zu dem Symposion bei. Die Ausnahme bildete 
der Biochemiker, der sein Fach beiseite ließ, um den Einfluß verschiedener Gefühle auf 
das Betragen zu beschreiben. Im allgemeinen wurden besondere Anstrengungen gemacht, 
um Dr. Meyers Prinzip der „Tatsachenannäherung" („factual approach") für das Ver* 
standnis der Persönlichkeit zu entsprechen, und man gab greifbaren Tatsachen den Vorzug. 

Es wurden sechs Arbeiten vorgetragen: Professor Walter R. Miles repräsentierte die 
Psychologie, Dr. William Malamud die allgemeine Psychopathologie und Psycho** 
therapie, Dr. Sandor R a d o die Psychoanalyse, Dr. Stanley C o b b die Physiologie, Neu* 
rologie und Endokrinologie, Dr. John Whitehorn die Biochemie und Dr. Lametta 
Bender brachte Material aus Autopsie und Organik. 

Professor Miles meint, daß der Patient mit den Begriffen der Lehre von der Ge* 
Samtpersönlichkeit völlig verstanden werden könne, daß man aber, ehe man zu dieser 
Synthese gelangt, versuchen müsse, die Persönlichkeit in einzelne Verhaltensschemen oder 
Modelle des Betragens zu zerlegen. So erfaßt er die Persönlichkeit in Begriffen von 
physischen, intellektuellen, affektiven und willensmäßigen Funktionen. Er stellt fest, daß 



Referate 445 

jetzt mehr psychologische Verfahrensweisen, als notwendig sind, für die Anwendung auf 
den Patienten zur Verfügung stehen. Seine Schlußfolgerung berücksichtigt das Bedürfnis 
des Psychologen nach Normen und Techniken und anerkennt, daß dabei die Mysterien 
der Zuverlässigkeit und der wissenschaftlichen Geltung vereinigt werden sollen. 

Dr. M a 1 a m u d skizziert die Persönlichkeitsfunktionen in der Psychopa thologie und 
stellt die Gruppenvarianten den individuellen Verschiedenheiten und die Situation sbe* 
dingten Nachteile den situationsbedingten Vorteilen gegenüber. Für seine Auffassung der 
Psychotherapie beruft er sich vielfach auf von der Psychoanalyse hergeleitete Einsichten. 

Dr. Rado bietet eine systematische Darstellung der Psychoanalyse, arbeitet ihre allge* 
meinen Grundsätze und Arbeitsweisen heraus und hebt hervor, daß die Psychoanalyse mehr 
als irgendeine andere Methode der Persönlichkeitsforschüng dit Psychiatrie vorwärts ge* 
bracht hat auf ihrem Wege, „der Ingenieur für die Leistungsfähigkeit 
der menschlichen Seele" („efficiency engineer of the human mind il ) zu werden. 
Er zieht den Schluß, daß es die Aufgabe der unmittelbaren Zukunft sei, maßgebenden 
psychoanalytischen Forschern in psychiatrischen Heilanstalten Arbeitsstätten zu schaffen. 

Dr. C o b b betont die praktische Bedeutung des Begriffs der Integration (Ganzheit) 
und bietet eine Formulierung für die Integration des Zentralnervensystems, des autonomen 
Nervensystems, des Blutkreislaufs und der psychischen Fähigkeiten. Er hebt die diagno* 
stischen Schwierigkeiten hervor, die bei der Unterscheidung gewisser Fälle von organischen 
Leiden, bei denen psychogene Ursachen nicht vermutet werden, und Krankheitsfällen, bei 
denen organische Schädigungen nicht vermutet werden, bestehen. Er rät streng von solchen 
Theorien ab, die den Tatsachen zu sehr vorauseilen, und fügt hinzu, daß wir noch nicht 
genug über die „Persönlichkeit*' wüßten, um die Dogmen irgendeiner Theorie oder Schule 
zu akzeptieren. 

Dr. Whitehorn hebt die Schwierigkeiten hervor, die Persönlichkeit aus der Per* 
spektive der Biochemie zu verstehen, und entwickelt sta.tt dessen die Theorie von den 
„Sentiments" (Disposition der Verhaltensweisen, determiniert durch angeborene Anlagen 
und Erfahrung) als geeignete Hilfe, um das Verhalten des Patienten im aktuellen Leben 
greifbar erfassen zu können. Er bietet klinisches Erfahrungsmaterial. 

Dr. Bender betont, wie dringend wichtig es wäre, neuropathologische Erscheinungen 
im Lichte vorangegangener Erkenntnisse über die normale und abwegige Entwicklung der 
Persönlichkeit zu interpretieren. Sie bringt . klinische Daten und Autopsiebefunde und 
weist Beziehungen auf zwischen Persönlichkeitsfunktionen im Leben und strukturellen 
Veränderungen nach dem Tode. Sie unterscheidet Krankheitsfaktoren, die die Peripherie 
der Persönlichkeit beeinflussen und Wahrnehmung, Gedächtnis und Aufmerksamkeit, so* 
wie das Zeitbewußtsein zu schwächen geeignet sind, und solche Krankheitsfaktoren, die 
das Zentrum der Persönlichkeit oder die Impulse, Triebe und autonomen Rhythmen und 
Bewußtseinszustände treffen. 

Dr. Meyer stellt in seiner Zusammenfassung des Symposions die Forderung nach 
ergänzenden Methoden und gibt seiner Überzeugung Ausdruck, daß die Persönlichkeit, 
oder, wie er sie mitunter nennt, das „Er" oder das „Sie" nicht gänzlich begriffen werden 
kann mittels einer einzigen Annäherungsmethode. Er hebt nochmals die Bedeutung der Tat* 
Sachenfeststellung (,,/acf finding") hervor und die Notwendigkeit der Kritik durch den ge* 
sunden Menschenverstand. Er definiert den Begriff „Tatsache" als etwas, dessen Anwesen* 
heit oder Abwesenheit als ein Faktor in einer gegebenen Situation einen Unterschied aus* 
macht. Das ganze Symposion hindurch fordert er, sehr auf Kosten der diversen bekannten 
^Annäherungen" („approadies"), sich immer wieder neu mit den Tatsachen zu beschäftigen. 
Er bezeichnet die bedauerliche subjektive Fehlerquelle, die notwendigerweise in der Person* 
lichkeit jedes Forschers gelegen ist, als „eine unvermeidliche Schwierigkeit". Versuchen wir, 
die Haltung Meyers in Begriffen der Laboratoriumsmethode zu beschreiben: Für jedes 



446 Referate 

erfolgreiche Experiment geht er neu vom Versuchsmaterial aus und setzt dabei bewußt \ 
Unvollkommenheiten des Experimentators voraus und überwacht zugleich argwöhnisch 
jede von ihm bevorzugte Annäherungs* (d. h, Verarbeitungs*)methode. 

Ich meine, daß die Grundrichtung dieses Symposions, wenngleich es großen Wert legt 
auf die Erhaltung der Entwicklungsstufe, die die Psychiatrie in den Vereinigten Staaten in 
den vergangenen vierzig Jahren erreicht hat, doch eine kleine Hoffnung erlaubt auf eine 
Beschleunigung der Geschwindigkeit, mit der der amerikanische Psychiater auf sein Ziel 
zuschreitet, auf das Ziel, der „leitende Ingenieur der menschlichen Seele" zu werden. 

John M. D o r s e y (Ann Arbor, Mich.) 

WEYGANDT, WILHELM: Der jugendliche Schwachsinn. Seine Erkennung, Behandlung 
und Ausmerzung. Verlag Enke, Stuttgart, 1936. 

In 34 Kapiteln wohlgeordnet, marschiert das Heer der Schwachsinnigen auf, eine un* 
geheuere Fülle von Einzelfällen umfassend. Den endogenen Entwicklungsstörungen 
(Mangel größerer Hirnteile, Entartungsformen, Sklerosen, Oligophrenien) werden die exo* 
genen Entwicklungsstörungen gegenübergestellt (meningitisch^syphilitisch, endokrin, 
traumatisch bedingter Schwachsinn). Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses 
gibt die Handhabe zur eugenischen Bekämpfung, eine merkliche Verminderung der Zahl 
dieser Ballastmenschen wird bereits für das Jahr 1950 erwartet Der Schwachsinn ist die 
einzige im Gesetz vorgesehene Krankheit, bei der der Nachweis der Erbbedingtheit nicht 
erforderlich ist, sondern wo lediglich die angeborene Natur nachgewiesen werden muß. 
Der klinische Teil des Buches ist ausgezeichnet, das Kapitel über psychische Symptome 
beschränkt sich auf leistungspsychologische Schilderungen und Feststellungen. Das unge^ 
heuer interessante Kapitel über die Persönlichkeitsentwicklung der Schwachsinnigen ist 
wieder einmal nicht geschrieben. Jeder, der mit heranwachsenden Schwachsinnigen zu 
tun gehabt hat, wird erlebt haben, wieviel diese Menschen von sich selbst wissen — \ 
sogar von der Tatsache ihres Schwachsinnes — und wie ungewöhnlich ihre Reaktions«* 
bildungen und Über^Ich^Bildungen oft sind. 

M« Grotjahn (Topeka, Kansas)' 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

BRIERLEY, MARJORIE: Specific Determinante in Feminine Development. Int. Jour* 
nal of PsA., XVII/2. 

Die typischen Formen dts Ineinanderspiels der drei Variabein Es, (entstehendes) Ich und 
Außenwelt in den frühesten Entwicklungsstadien, und die Frage, ob sich schon dabei für 
die weibliche Entwicklung spezifische Faktoren erkennen lassen, sind der Gegenstand 
dieser Arbeit. Sie trägt trotz eingestreuter klinischer Beispiele einen sehr theoretischen und 
wohl etwas zu systematischen Charakter, der ein kurzes Referat sehr schwierig macht. 

Was das Es anlangt, so hält B. es für sicher, daß beim weiblichen Säugling gleich* 
zeitig mit der Befriedigung der Mundzone auch Sensationen am Genitale, ja, in der 
Scheide erlebt werden. Diese (mit der Oralerotik stets verbundene) frühe weibliche Geni^ 
talität sei eine spezifische Determinante der weiblichen Sexualität. Andere Komponenten, 
die beiden Geschlechtern gemeinsam sind, können die Weiblichkeit fördern oder hemmen. 
So stelle eine „angeborene Betonung des Oralsadismus" ein Hindernis für die Befriedigung 
dos Säuglings und damit auch für die sexuelle Entwicklung dar, und SQi so ein „größerer 
Nachteil* 4 als „orale Versagungen, dit von der Außenwelt auferlegt sind", — „Welche 



Referate 



447 



Rolle immer in der Entstehung der Frigidität spätere Komplikationen spielen mögen, nach 
meiner Erfahrung ist eine Vagina, die nicht frei saugen kann, weil ihr geheimes sexuelles 
Ziel /destruktives Beißen ist, frigid/' 

Über konstitutionelle Eigenheiten des Ichs wisse man wenig, nur, daß es verschieb 
dengradige Angsttoleranzen gebe. Jedenfalls aber ist die Ich*Entwicklung für die Per* 
sönlichkeit (für die Weiblichkeit) von ebenso großer Bedeutung wie die Triebentwick* 
lung, insbesondere die Formen der Koordination verschiedener Abfuhrsysteme und ihr Ver* 
haltnis zu den Objektbeziehungen. Vereinigungen und Verschiebungen von Funktions* 
eigenheiten verschiedener erogener Zonen können sich nur stabilisieren durch Organisa* 
tion in sogenannten „Ich*Systemen". Was dynamisch als Trieb Verschiebung imponiert, 
sei strukturell eine Ich*Modifikation, sei dsLS } was G 1 o v e r einen „Ich*Kern" genannt 
hat. Die Autorin meint: „Vom Standpunkt der Triebverbindungen aus können wir bei 
Frauen mindestens drei große Gruppen von Ich*Kernen unterscheiden, oro^vaginale, oro* 
urethrale, und oro*anale, die sich relativ unabhängig voneinander entwickeln, und zwar, 
wenn nicht gleichzeitig, so unmittelbar nacheinander." Ref. möchte die G 1 o v e r sehe 
Definition der „Ich*Kerne" dahin verstehen, daß das Ich sich mit Objektfindung und 
Koordination und Organisierung der Abfuhrwege (aber nicht auch und vor allem der 
Abfuhrhindernisse?) bildet. B. bespricht nun diese drei wesentlichen „Ich*Kerne u im 
besonderen. 

Für das Schicksal des oro*vaginalen Ich*Systems sei entscheidend, wie weit es sadistisch 
gefärbt ist Reizung während einer oralen Versagung gebe der vaginalen Aktivität einen 
die Sexualität störenden beißenden Charakter, Reizung auf der Höhe der oralen Befriede 
gung einen die Sexualität fördernden, saugenden; ja, die Autorin meint, vaginale Erre* 
gung während des glücklichen Saugens sei eine Vorbedingung für störungsfreie Weib* 
lichkeit. 

Über das oro*urethrale System meint B., daß seine ungenügende Integration „viel mit 
Sterilität zu tun" habe. Mit Ferenczi meint sie (womit Ref. nicht übereinstimmen 
kann), daß man alle ausstoßenden Tendenzen „urethral", alle zurückhaltenden „anal" 
nennen könne, und meint nun, daß ein Überwiegen des urethralen, d. h. ausstoßen* 
wollenden Momentes Empfängnis verhüten und Fehlgeburten fördern könne. Besondere 
Verbindungen der oro*vaginalen und oro*urethralen Systeme mit sadistischem Charakter 
seien wichtig für manche Formen der Homosexualität. Ein relativ hochbesetztes oro* 
urethrales System pflege während des ganzen Lebens bestehen zu bleiben und manifeste 
Homosexualität oder eine sublimierte homosexuelle Aktivität zu erzeugen. Der Penisneid 
sei oft ein solches Mischgebilde aus oralem und urethralem Neid, zurückgehend auf die 
Erfahrung, daß die Brust der Mutter dem Willen des Säuglings nicht unterstand; gegen* 
über dieser Erfahrung sei die Entdeckung der eigenen Penislosigkeit durch das Mädchen 
nur von sekundärer Bedeutung. 

Das oro*anale System müsse für eine normale weibliche Entwicklung stärker entwickelt 
sein als das oromrethrale, weil die Retention für eine glückliche Weiblichkeit wichtig sei-t 

Der Einfluß der Außenwelt zeige sich darin, daß das Verhältnis der Ich*Kerne 
zueinander natürlich von äußeren Erlebnissen abhänge. Außenwelteinflüsse beginnen wahr* 
scheinlich schon intrauterin sich unliebsam bemerkbar zu machen; die Autorin glaubt, dies 
aus gewissen Träumen beweisen zu können. Ereignisse bei der Geburt können gewiß 
schon als Außenweltsfaktoren die weitere Entwicklung in einem bestimmten Sinne beein* 
Aussen. So glaubt B. zum Beispiel, eine gesteigerte Empfindlichkeit der Nabelgegend einer 
Patientin letzten Endes auf die Nabelschnurdurchschneidung zurückführen zu können. 
Solche Erlebnisse seien zwar nicht geschlechtsspezifisch, können aber, insoferne sie den 
Mutterleib „gefährlich" machen, für Mädchen von größerer Bedeutung werden als für 



448 Referate 

Jungen. Die weitere Ich*Entwicklung wird erst unter ständiger Beachtung des Einflusses 
der Außenwelt verständlich. Die Autorin versucht diesen Einfluß durch eine Übersicht 
über diese Entwicklung darzulegen. Von unseren gewohnten Vorstellungen weicht diese 
Darlegung vor allem im Gebrauch der Termini „Projektion" und „Introjektion" ab. B. 
meint, daß diese Termini für zwei verschiedene Sachverhalte gebraucht werden. Wenn 
wir meinen, daß alle unsere Objekte „psychisch" sind, so „müssen wir annehmen, daß die 
Wahrnehmung nicht nur eine primäre Projektion enthält, sondern auch eine psychische, 
Entsprechung des Objektes, d. h. eine primäre Introjektion." Insoferne wir es sind, die 
wahrnehmen, hätten wir demnach alles Wahrgenommene „introjiziert." B. macht selbst 
darauf aufmerksam, wie sehr ein derart weit gefaßter Begriff sich von dem Begriff der 
„Introjektion" als Abwehrmechanismus unterscheidet, hält aber trotzdem am Gebrauch des 
Terminus auch für jenen weiten Begriff fest: „Das Kind weiß nichts von psychischen Ob* 
jekten. Es fühlt und benimmt sich, wie wir auf der Wahrnehmungsstufe des Bewußtseins 
alle tun, als ob es das reale Objekt wäre, was es liebt und haßt; es mag dieses Objekt in 
der Außenwelt oder in seinem eigenen Körper lokalisieren, psychologisch ist eine Lokali* 
sierung im Körper ebenso die Sache einer Projektion, wie eine Lokalisierung 
in der Außenwelt; die nur psychischen Objekte sind in der Seele, sind „intro* 
jiziert" im primären Sinne, aber nicht alle Objekte sind verinnerlicht im Aowehrmecha* 
nismus*Sinne." Wie sich dank Projektion und Introjektion diese „psychischen" Objekte 
von den „realen" unterscheiden, darin folgt B. M. Klein; ebenso in der Meinung, daß 
diese „psychischen Objekte" nicht nur in ihrer Beziehung zu den sich bildenden Ich* 
Kernen, sondern auch als potentielle Über*Ich*Kerne erfaßt werden müssen; entsprechend 
der Unterscheidung von „guten" und „bösen" Objekten gibt es dann gute, mit dem Ich 
kooperierende Über*Ich*Kerne (die sich nicht scharf vom Ich differenzieren lassen) und 
böse, strenge Über*Ich*Kerne. Die Autorin meint, daß Identifizierungen im Ich nur mit 
geliebten, im Übersieh nur mit gehaßten Objekten entstehen. 

Normaler Weiblichkeit entspreche eine Identifizierung mit einer „guten Mutter" und 
eine Gleichsetzung von Penis und „guter Mutterbrust". Da jedes Kind sowohl „gute" 
als auch „böse" Mutterbrustvorstellungen habe, werde es weitgehend vom Verhalten des 
Vaters abhängen, ob der Penis endgültig als „gut" oder als „böse 11 empfunden wird; aber 
auch der beste Vater könne den Penis nicht mehr „gut" machen, wenn vorher die Mutter* 
brüst durch zu großen Sadismus zu „böse" erschien. Nicht nur auf die Natur der oralen 
Ich*Kerne, sondern mehr noch auf die Verbindung der verschiedenen Ich*Kerne unter* 
einander und auf den Zeitpunkt, an dem diese Verbindungen sich bilden, komme es an. 

Es hänge mit der intimen Verbindung von oralen und vaginalen Ich*Systemen, die für 
die normale Weiblichkeit Voraussetzung sei, zusammen, daß Charaktere und Wirklichkeits* 
Beziehungen von Frauen oft einen kindlichen, ja babyhaften Charakter tragen. Dabei sei 
bisher die Bedeutung des Erlebens der Menstruation als einer „Inkontinenz" unterschätzt 
worden. Auch die Abhängigkeit des kleinen Kindes von der seinem Willen nicht unter* 
worfenen Mutterbrust lebe weiter in der Abhängigkeit der Frau vom Liebespartner, die 
insoferne biologisch sei, als die Befriedigung der Frau von der Erektion des Mannes ab* 
hänge, während der Mann zur Befriedigung kommen kann, gleichgültig, ob die Frau 
dabei etwas empfindet. In allen Eigenschaften, die als spezifisch weiblich gelten, sei das 
orale Moment unverkennbar. Dieser Umstand erkläre auch die Eigenarten des weiblichen 
Uber*Ichs. 

Die Autorin betont, daß sie mit ihrer Hervorhebung der Bedeutung der allerersten 
Lebenszeiten für das Schicksal der Weiblichkeit den Einfluß späterer Erlebnisse nicht etwa 
leugnen wollte. 

O. Fenichel (Prag) 



Referate 449 

COCHRANE, A. L«: „A Little Widow is a Dangerous Thing". Int Journal of PsA 
XVII/4. 

Die Tabus und andere Bestimmungen, denen Witwen in verschiedenen Kulturkreisen 
unterworfen sind, weichen weit voneinander ab und sind nicht leicht unter einen gemein* 
samen Nenner zu bringen. Witwen erscheinen im allgemeinen als sexuell besonders an* 
ziehend, aber gefährlich, nämlich in (bedrohender, manchmal aber auch beschützender) 
Nähe des Geistes dts verstorbenen Gatten. Vergleiche der Erklärungen der Ethnologen 
mit den Ausführungen Freuds in „Totem und Tabu" und mit Analysengeschichten 
moderner Neurotiker bestätigten, daß die Witwe vor allem die Mutter (nach 
der Realisierung der gegen den Vater gerichteten Todeswünsche) bedeutet, während die 
Witwenzeremonien Unterdrückung und Dennoch^Durchbruch inzestuöser Wünsche zum 
Inhalt haben. . O. F e n i c h e 1 (Prag) 

FEIGENBAUM, DORIAN: On Projectum. Psa. Quarterly, V/3. 

Die Probleme der Projektion werden von Feigenbaum in eingehendem 
Studium untersucht. Er charakterisiert die Projektion als eine vorwiegend aktive und zentri* 
fugale Abwehrreaktion — im Gegensatz zu passiven zentripetalen Abwehrmechanismen, 
wie etwa der Verdrängung. Ihr Auftreten werde begünstigt durch eine narzißtische Fixier 
rung oder Regression, durch besondere Gefühlsambivalenz und durch eine Unsicher* 
heit der Ich^Grenzen ,* aktuelles Auftreten von Projektionen werde erleichtert durch Situa* 
tionen, die die Wiederherstellung einer Besetzung als unumgänglich erscheinen lassen, 
durch Schuldgefühle, die nach dem Typus „nicht ich, sondern $ie iL abgewehrt werden, und 
durch übergroßes Liebesbedürfnis. Alle diese Bedingungen werden detailliert besprochen. 
— Als Beispiele für Projektionen beim Normalen werden gewürdigt: das animistisehe 
Denken, Projektionen in Träumen, die phantastische Literatur, religiöse und abergläubische 
Sitten und Gebräuche (Sündenbock) gewisse Vorurteile (Antisemitismus) und die anthropo* 
morphistische Auffassung der Maschinen. 

Feigenbaum unterscheidet endosomatische und exosomatische Projektionen, je nach** 
dem, ob die Projektion auf den eigenen Körper oder auf ein Objekt außerhalb desselben 
erfolgt. Er will die hypochondrische Phase, die bei Paranoikern oft der eigentlichen 
(exosoma tischen) Projektion vorangeht, als eine endosomatische Vorphase auffassen. Beide 
Projektionsformen sind auch in verschiedenen Neurosen, im Verlaufe depressiver Psy* 
chosen und bei bestimmten Charakterhaltungen zu beobachten. 

Im letzten Abschnitt vergleicht Feigenbaum drei psychische Situationen, in denen 
Projektionen vorkommen: In Endphasen von Analysen gebe es oft nach Zerschlagung 
des neurotischen Gleichgewichtes ein eindrucksvolles letztes Aufflackern der Symptome 
mit einer kurzen Periode von Pessimismus, Resignation, Zweifel, die durch weitere Ana^ 
lyse mit dem Aufbau neuer Ideale zum Schwinden kommt. — Beim Ausbruch einer Psy* 
chose stürzen bisherige Charakterhaltungen und Reaktionsbildungen zusammen, aber nicht 
um neuen Idealen Platz zu machen, sondern zugunsten eines eruptiven Durchbruchs des 
Unbewußten, bis zum Aufbau einer phantastischen Ersatzwelt. — Bei bestimmten Krimi* 
nellen sieht man den Ersatz primärer Ideale durch „Introjekte zweiter Ordnung". — Bei 
allen drei Situationen spielen Projektionen bei der Zerstörung der bisherigen Ideale (Intro* 
jekte) eine große Rolle — eine Re4ntrojektion bringt dann neue Ideale, bzw. prägenitale 
Phantasiewelten, bzw. „Introjekte zweiter Ordnung". 

Debilität und manisch^schizophrene Endzustände scheinen durch den Mangel der beim 
Normalen vorhandenen Fähigkeit zur Projektion charakterisiert. 

O. F e n i c h e 1 (Prag) 

Int. Zaitschr. f ." Psychoanalyse, XXm/3 29 






450 Referate 

HENDRICK, IVES: Ego Development and Certain Character Problems. Psa. Quarterly, 
V/3. 

Charakterstörungen, die durch Beibehaltung oder Wiederaufnahme archaischer Ent* 
Wicklungsstufen, bzw. Funktionsweisen des Ichs gekennzeichnet sind, können nicht mit 
den Kriterien der Libidostörungen, die für Übertragungsneurosen ausreichend sind, ver* 
standen werden. Hendrick setzt auseinander, daß es sich bei ihnen regelmäßig um 
die Insuffizienz bestimmter Identifizierungen handelt, mit denen in den präödipalen Ente 
Wicklungsphasen Ängste, die primitiven Zerstörungsimpulsen entsprechen, überwun* 
den werden. Es gibt nach ihm verschiedene Gruppen solcher präödipaler Identifizier 
rangen, deren jede bestimmte Funktionen in der Ich^Entwicklung erfüllt, und jeweils 
den Phantasien und den speziellen Organen zugeordnet ist, die während dieser Entwick* 
Iungsphase dominieren. Dysfunktionen solcher Identifizierungen lassen infantile Ängste 
Situationen (präödipale Vergeltungsängste) ungelöst und stören in jeweils spezifischer 
Weise alle späteren Objektbeziehungen. Die Abwehrarten, mit denen die Patienten ihren 
ungelösten infantilen Angstsituationen zu begegnen suchen, sind archaische, noch nicht 
nach dem Verdrängungstypus gebaute, wie einfache Hemmung, Projektion, Flucht vor 
den realen Objekten zu geheimen Spielen und Phantasien. — Alle diese Lehrmeinun* 
gen erscheinen als das Fazit aus der ausführlichen klinischen Untersuchung zweier analy* 
tisch er Krankengeschichten von ichdefekten Patienten (einem passiv^femininen Mann und 
einer schizoiden Frau) unter eingehender Diskussion ihrer Probleme. Am bemerkens* 
wertesten in dieser Diskussion, die der analytischen Charakterlehre viele Anregungen 
bringt, ist der Versuch zu einem Schema, das die dynamischen Zusammenhänge zwischen 
Triebentwicklung, Ich^Entwicklung und normalen und pathologischen Ich^Funktionen 
des Erwachsenen übersichtlich darstellen soll. 

O. Fenichel (Prag) 

JEFFREYS, HAROLD: The Unconseious Significance of Numbers. Int. Journal of PsA., 
XVII/2. 

Die Arbeit ist ein Beitrag zu den schon oft von psychoanalytischer Seite behan** 
delten Problemen der Zahlensymbolik. Gerade Zahlen gelten dem Unbewußten als weib* 
lieh, ungerade als männlich. Die „Männlichkeit" werde offenbar von der Zahl 3 auf höhere 
ungerade Zahlen verschoben. Daß der Zahl 5 im allgemeinen keine besondere magische 
Bedeutung zukommt, will der Autor dadurch erklären, daß eine Verschiebung der phak 
tischen Qualität von 3 auf 5 deshalb nicht erfolgen könne, weil die Zahl 5 an die fünf 
Finger und damit in Verbindung mit Phallusgedanken an die Masturbation erinnere, wes* 
halb 7 die erste in Betracht kommende Ersatzzahl für 3 sei. Immerhin hätten Pentagramm, 
fünfzackiger Stern und fünfblättrige Rose phallische Bedeutung, aber Pentagramm, Stern 
und Rose seien besonders handunähnlich. — Die Zahl 7 wecke urethrale Assoziationen, 
was der Autor durch Exkurse auf die Gebiete der Astrologie und der Lautsymbolik 
stützt. — Die Unglücksbedeutung der Zahl 13 sei nicht im christlichen Mythos entstand 
den, sondern werde an ihm nur exemplifiziert. J. meint, daß die Unglücksbedeutung 
einer ungeraden Zahl in bezug auf eine Mahlzeit daran denken lasse, daß von drei Men* 
sehen immer zwei sich zusammentun könnten, die dann stärker wären als der dritte, und 
ihn überwältigen und fressen könnten. — Die geraden, „weiblichen" Zahlen haben weniger 
spezifische Bedeutungen. — Die Mystik der Primzahlen gehe darauf zurück, daß sie 
einerseits (ungerade, also) männlich, andererseits (unteilbar, also) unzerstörbar sind. — 
Vorliebe für Zahlen wie 36, 48, 120, 240 entsprechen der Eigenschaft dieser Zahlen, teik 
bar und damit auch zusammensetzbar zu sein, so daß an ihnen sadistische, aber auch Wie** 
dergutmachungstendenzen haften. — Das Verhältnis zum Dezimalsystem — und daher bei 



Referate 451 

uns, wo das Dezimalsystem herrscht, zu Rechnen und Mathematik überhaupt — hänge 
beim einzelnen Menschen von seiner unbewußten Einstellung zu Handtätigkeiten (Mastur* 
bation) ab. O. F e n i c h e 1 (Prag) 

LAFORGUE, R.: A Omtribution to the Study of Schizophrenia. Int. Journal of PsA., 
XVII/2. 

Eine 25jährige, sehr negativistische Patientin mit katatonen Symptomen, die lange Zeiten 
hindurch völlig geschwiegen, die Nahrungsaufnahme verweigert und Suizidversuche ge* 
macht hatte, konnte in einer zwei Jahre langen Behandlung weitgehend gebessert werden, 
so daß sie wieder sozial angepaßt wurde. Die Behandlung war eine von der klassischen 
Technik abweichende, auf alle Eigenheiten der Patientin liebevoll eingehende, auch plan* 
mäßige Milieuänderungen (inklusive einer Analyse der Schwester der Patientin) und an* 
dere aktive Eingriffe (etwa Lesenlassen von Liebesgedichten bei bestehender extremer 
Sexualablehnung) mitbenutzende Psychoanalyse; sie machte oft von tiefen Deutungen der 
Inhalte der unbewußten Konflikte der Patientin — vor allem einer Sexualangst aus sadi* 
stisch perzipierten Urszenenerlebnissen, die der Patientin das Fühlen überhaupt verboten 
hatte — Gebrauch. Deutlich wird in dieser Krankengeschichte besonders die Rolle des 
Verschwindens und Wiederkommens der Affektivität für alle seelischen Funktionen. 

O. Fenichel (Prag) 

LEVIN, MAX: The Activation of a Repressed Impulse under Apparently Paradoxical 
Circumstances. Int. Journal of PsA., XVII/3. 

Ein Patient träumte einen Inzesttraum gerade zu einer Zcit t da er aktuellen Anlaß 
hatte, seine Mutter zu hassen. Der Autor führt aus, wie gerade dieser Haß die ökonomische 
Grundlage war, die den Durchbruch der unbewußten Liebe in das manifeste Trauma 
bild ermöglichte: er bot dem Ich genug Garantien dafür, daß es keine Realisierung der 
bewußtwerdenden Inzestimpulse zu fürchten brauche. 

O. Fenichel (Prag) 

RIVIERE, JOAN: A Contribution to the Analysis of the Negative Therapeutic Rea* 
tion. Int. Journal of PsA., XVII/3. 

R i v i e r e untersucht den Widerstandstypus der „negativen therapeutischen Reaktion" 
mit Hilfe der theoretischen Annahmen von Melanie Klein über die „depressive Po* 
sition" als ein Stadium, in dem das Ich von dem Bestreben erfüllt sei, seine „introjizier* 
ten guten Objekte" vor der Zerstörung durch seine eigenen oralsadistischen Impulse 
zu retten. — Sie meint, daß die negative therapeutische Reaktion besonders bei jenem 
von Abraham beschriebenen narzißtischen Widerstandstypus vorkomme, der nicht frei 
assoziieren kann, weil er seine „Isolierungsgegenbesetzungen" nicht aufgeben kann, son* 
dem immer „vernünftig" bleibt und programmgemäß spricht. Dieser Typ werde erst durch 
die Auffassung verständlich, daß es in der unbewußten Vorstellung aller Menschen „ein«* 
verleibte Objekte" gibt, denen gegenüber das Subjekt. Liebe und Haß empfinden kann 
(welche „Objektbeziehungen" bisher undifferenziert dem Narzißmus subsumiert wur* 
den) und die von „Identifizierungen" zu unterscheiden seien. Die depressive Angst* 
Situation, die für das Wohlergehen der introjizierten Objekte fürchtet, habe wieder ihren 
spezifischen Abwehrmechanismus, die manische Reaktion, die Leugnung der psychischen 
Realität mit Hilfe der Alimacht. Und nur von der manischen Reaktion her sei der 
Widerstand der negativen therapeutischen Reaktion zu verstehen. Die Unzugänglichkeit, 
die solche Patienten Deutungen gegenüber zeigen, sei eine Form ihres „Leugnens". 

29* 



452 Referate 

Es kommt dann darauf an, ein solches Abwehrsystem von manischem Typus nicht ge* 
legentlich einmal, sondern als ein organisiertes System mit all seinen Erscheinungsformen 
in Symptomen, Charakter* und Verhaltensbild des Patienten konsequent zu deuten. 

Die Autorin versucht nun, aus der angenommenen spezifischen Angstsituation der „de* 
pressiven Position* 4 zu erklären, warum ein solches manisches Verteidigungssystem so leicht 
zu einem ausgesprochenen Krankheitswillen und zu einem Widerstand gegen jede „Ge* 
sundungsgefahr" führt. Der Krankheitswille entspreche in Wahrheit nur der Absicht, 
den Status quo zu halten; jede Veränderung werde, weil sie Unbekanntes bringen könnte, 
mehr gefürchtet, als das gegenwärtige Leiden. Der Patient fürchte, daß dit ihm in Aus* 
sieht gestellte „Gesundheit" nicht besser, sondern schlechter wäre, und zwar schlechter 
nicht so sehr für den Patienten selbst, als für seine Objekte inklusive dem Analytiker; 
der Patient fürchte eben, daß die „depressive Position 1 ', die er in seiner gegenwärtigen 
Neurose manisch abwehre, wiederkommen könnte, eine Situation, in der alle verinner* 
lichten „guten Objekte" verloren, zerstört und zerstückelt werden könnten. Es seien die 
„Objektbeziehungen" zu den einverleibten Objekten, die dem „Narzißmus" dieses Typus 
Form und Inhalt geben. Die analytischen Versuche, ihm zu helfen, faßt der Patient 
als Versuchung auf, seine „inneren Objekte" zu töten, so daß in seiner Abwehr eine Art 
„unbewußter Altruismus" wirksam sei. Obwohl dieser unbewußte Altruismus mit einem 
extremen bewußten Egoismus vereinbar sei, sei doch die Hoffnung, durch Gesundung 
vielleicht seine gefährdeten Lieben besser schützen zu können, das einzige Gesundungs* 
motiv solcher Fälle, eine Hoffnung, die freilich gering ist, da der Patient seine eigene 
Zerstörungswut kenne und mißtrauisch sei. Es sei die ständige Beschäftigung mit den ver* 
innerlichten Objekten, die solche Patienten insuffizient in bezug auf die Realität mache. 

Die Sorge um die verinnerlichten Objekte sei nicht identisch mit dem, was Freud 
Schuldgefühl nennt, sondern liege ihm zugrunde. Diese Sorge müsse in der Analyse ausge* 
graben werden. Da der Analytiker solchen Patienten immer ein verinnerlichtes Objekt 
repräsentiere, sei es die positive Übertragung, die aufgedeckt werden müsse, und 
zwar in ihrer archaischen Form; hinter dem Schuldgefühl müsse die Liebe entdeckt 
werden. Man müsse sich hüten, dem Patienten eine Stärkung seiner manischen Leugnungs* 
Sicherheit an Stelle einer Auflösung seiner dahinter liegenden depressiven Ängste zu 
geben; der heuchlerische Charakter der oberflächlicheren und deutlicher zur Schau ge* 
tragenen Schichten des Übertragungsverhaltens sei es, der die Behandlung solcher Fälle 
so ^schwer mache. 

Der Leser, dem die Ansichten Melanie K 1 e i n s nicht so selbstverständlich ge* 
worden sind wie der Autorin, wird ihren Gedankengängen nicht immer leicht folgen 
können. Er spürt zwar, daß hier reiche klinische Erfahrung spricht, bedauert aber, daß das 
klinisch Erfahrene und seine theoretische Interpretation nicht deutlicher getrennt sind. 
Er wird auch den Verdacht haben, daß es neben dem hier geschilderten Typ der negaj* 
tiven therapeutischen Reaktion noch anders und einfacher gebaute gibt. 

O. Fenichel (Prag) 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



Tätigkeitsberichte der psychoanalytischen 
Ambulatorien 1936 



Wie aus den folgenden Berichten zu ersehen ist, arbeiten die klinischen Institute nach 
Ihren bisherigen Richtlinien. Die interessantesten Neuigkeiten kamen dieses Jahr aus Frank* 
reich. Nach langen arbeitsreichen Vorbereitungen wurde in Paris eine Klinik gegründet, 
welche nun ihre Tätigkeit aufgenommen hat. Das psychoanalytische Institut in Berlin ging 
im „Deutschen Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie" auf. Um das 
neue Institut nicht zu sehr zu belasten, wurde die frühere Liste der vorgemerkten Fälle auf 
das geringste Ausmaß gekürzt. Dr, Boehm wurde in der Beratungsarbeit durch Dr. Grotjahn 
unterstützt, welcher auch eine Stellung in der Kinderabteilung der Charite innehatte. Die 
maßgebende Meinung unserer Berliner Kollegen ist, daß die psychoanalytische Tätigkeit 
sich als der wesentliche Kern der neuen Organisation erweisen wird. Das Jahr 1936 be* 
deutet den Abschluß einer zehnjährigen Arbeitsperiode der Londoner psychoanalytischen 
Klinik. Herr Dr. Ernest Jones, welcher die Klinik begründete und während dieses Zeitraums 
leitete, legte bei dieser Gelegenheit sein Amt als Leiter zurück. Der leitende Vorstand des 
Instituts beschloß einmütig, Herrn Dr. Jones den Dank auszusprechen, zugleich wurde 
Dr. Jones zum ersten Ehrenvorstand der Klinik gewählt. Seine letzte offizielle Tätigkeit als 
Leiter bestand darin, einen Zehnjahresbericht über die Tätigkeit der Klinik herauszugeben. 
Dr. Edward Glover, früher Direktor^Stellvertreter, wurde zum Direktor und Dr. Stoddart 
zum Direktor^Stellvertreter an Stelle Dr. Glovers ernannt. 

Mit der Zunahme der Zahl der klinischen Institute macht sich bei den verschiedenen 
Leitern ein immer größeres Bedürfnis geltend, einen Kontakt herbeizuführen. Man emp* 
findet lebhaft den Wunsch nach einer Gelegenheit, die Probleme der Organisation, die 
Prinzipien der Auswahl der Fälle, der statistischen Methoden, der Prinzipien der Behand* 
lung, der Forschungsmethoden usw. gemeinsam zu diskutieren. Der kommende Kongreß 
wird zweifellos Gelegenheit bieten, die verschiedenen Gesichtspunkte miteinander zu ver* 
gleichen. 



454 Korrespondenzblatt 



Berlin 

Der folgende Bericht ist im wesentlichen eine gekürzte Wiedergabe des Berichtes, 
den der Leiter des Ambulatoriums, Dr. Boehm, auf der Generalversammlung der 
„Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft" am 27. Februar 1937 erstattete: 

. . f Unsere Ausbildungskandidaten, welche am Institut Falle behandeln, wurden dazu 
verhalten, ausführliche Krankengeschichten abzufassen, so daß wir über ein gutes, wenn 
auch leider sehr beschränktes, Material von Krankengeschichten verfügen. Verschiedene 
Falle werden als wesentlich gebessert von mir geführt, welche mancher Psychotherapeut 
für einen weitgehend geheilten Fall halten würde. In meiner kurzen Statistik wird Ihnen 
die hohe Zahl der als abgebrochen bezeichneten Fälle auffallen, was darauf zurück* 
zuführen ist, daß im Laufe des letzten Berichtsjahres, welches für unser Ambulatorium 
vom 19. Oktober 1935 bis 10. Oktober 1936 läuft, eine große Anzahl von Mitgliedern 
ausgetreten ist und die von ihnen durchgeführten Behandlungen infolgedessen abgebrochen 
werden mußten. Zum Teil haben wir über diese Fälle keine Abschlußberichte mehr er* 
halten können, so daß wir über diese Fälle auch nicht aussagen können, ob und inwieweit 
dieselben gebessert oder geheilt worden sind. 

In meinem letzten Jahresbericht habe ich kritische Fragen zu der von uns eingeführten 
sogenannten „psychischen Beratung*' aufgeworfen. Ich muß heute sagen, daß diese Ein* 
richtung sich durchaus bewährt hat und meines Erachtens in jedem Falle, in welchem eine 
wirkliche, psychotherapeutische P andlung nicht in absehbarer Zeit durchgeführt werden 
kann, durchaus notwendig ist. \ sind gewohnt, uns alle Kranken, welche sich hier vor* 
stellen, zwei bis dreimal anzusehen, anzuhören; und selbstverständlich haben die Patienten 
bei der Gelegenheit bereits Näheres über ihren seelischen Zustand erfahren. Und dann 
möchte ich noch bemerken, daß viele Behandlungen, welche zuerst den Charakter einer 
psychischen Beratung tragen, allmählich in eine wirkliche Tiefenbehandlung übergehen. 
Ganz besonders bewährt hat sich bei uns die psychische Beratung bei der Behandlung von 
Kindern. Wir halten es nach unseren Erfahrungen für fast unerläßlich, daß die Eltern der 
uns anvertrauten Kinder in eingehenden Beratungen über die von ihnen gemachten pädago* 
gischen Fehler aufgeklärt werden; vielfach zeigt sich dabei, daß entweder der Vater oder 
die Mutter oder auch beide psychoanalytisch behandelt werden müssen, damit das er* 
krankte Kind wirklich gesunden kann. 

Die Zahl der „erledigten Konsultationen' ' ist relativ sehr hoch und zwar deswegen, 
weil wir es bei der Überführung des „Psychoanalytischen Instituts" in das „Deutsche 
Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie" nicht für ratsam gehalten haben, 
das neue Institut mit allzuvielen Vormerkungen aus dem früheren Institut zu belasten. 



1. Oktober 1935 bis 15. 


Oktober 1936 






M 


w 


Konsultationen in der Sprechstunde 172 






Laufende Analysen 


22 


20 


Laufende Beratungen 


3 


4 


Abgebrochene Analysen 


18 


13 


Beendigte Analysen: wesentlich gebessert 


4 


3 


gebessert 


— 


2 


geheilt 


— 


1 


Erledigte Konsultationen 


45 


39 


Vormerkungen 


5 


1 



Korrespondenzblatt 455 



Die Zahl der Konsultationen im Vergleich zum Vereinsjahr 1934/35 hat sich wesentlich 
gehoben, nämlich 172 statt 120 Fälle. Zu der Zahl der laufenden Analysen, 22 Mannet 
und 20 Frauen, möchte ich bemerken, daß mir diese Zahl angesichts von gegenwärtig nur 
17 in Berlin wohnenden Mitgliedern relativ hoch zu sein scheint. Auffallen wird uns die 
geringe Zahl von beendeten Analysen, nämlich nur 10, das ist aber einerseits dadurch zu 
erklären, daß, wie ich schon vorhin sagte, soviele, Analysen durch den Austritt vieler Mit* 
glieder vorzeitig abgebrochen sind, und daß wir an eine beendete Behandlung nach wie 
vor sehr hohe Ansprüche gestellt haben. 

Dr. C. MüllersBraunschweig 



Budapest 



Der ärztliche Stab der Klinik blieb unverändert. Honorare wurden von sieben Patienten 
eingehoben, d. i. für 29 Sitzungen wöchentlich. Die übrigen Mittel wurden teils seitens 
der Counteß H. Sigray, teils durch die Beiträge der Mitglieder aufgebracht. 

Zahl der Neuanmeldungen: 

M w 

Erwachsene 39 51 = 90 

Kinder _Jl 14 = 25 

Zusammen 115 

Am 11. November 1936 standen in Behandlung: 

M W 

Erwachsene 23 36 = 59 

mit 213 Wochenstunden. 



Am 31. Dezember 1936 standen auf der Vor m-e r k 1 i s t e : 









M w 


Erwachsene 






49 35 = 89 


Im Jahre 1936 


aus der Analy 


s e 


en tlassen: 
M W 


geheilt 


Erwachsene 




3 2 


gebessert 


»> 




— 1 


probeweise entlassen 


»» 




— 2 


in Privatbehandlung übernommen 


>> 




1 1 


ungeheilt 


** 




2 7 






6 13 zus. 19 



456 



Korrespondenzblatt 



Die im Jahre 1936 in Behandlung stehenden Fälle, nach Diagnosen 

geordnet: 

M 



W 



Potenzstörung 


7 




— 


Frigidität 


— 




1 


Homosexualität 


2 




1 


Exhibitionismus mit Phobie 


1 




— 


Hysterie mit paranoischen Zügen 


— 




1 


Hysterie mit Zwangssymptomen 


— 




2 


Angstzustände mit Potenzstörungen 


1 




— 


Zwangsneurose 


2 




1 (Kind) 


Zwangsneurose mit psychotischen Zügen 


— 




1 


Depression, Melancholie 


2 




5 


Paranoide Psychopathie 


1 




— 


Charakterstörung 


3 




13 


Pseudologie mit Eßstörungen 


1 


(Kind) 


— 


Stottern 


1 


(Kind) 


— 


Enuresis mit Angstsymptomen 


1 


(Kind) 


— 


Didaktische Analyse ohne Diagnose 


3 




4 




Zusammen 


54 








Dr. M. Bälint 



Chicago 

Während d&s Berichtsjahres, 6.3ls im September 1936 endigte, wurden von den Ärzten 
und Kandidaten des Institutes 50 Analysen durchgeführt, davon 45 zu Forschungszwecken. 
Diese 45 Fälle verteilten sich auf folgende Krankheitsgruppen: 



1. Psychogene Organerkrankungen: 

16 



Allergische Erkrankungen 
(davon: Asthma: Erwachsene 9, Kinder 4 

Allerg. Hautkrankheiten: Erwachsene 9) 
Gastro^Intestinale Störungen 
Erhöhter Blutdruck 
Frauenleiden 

Epilepsie, Migräne und MuskekDyskine *" 
Endokrine Störungen 



14 
1 
1 
4 
2 



38 



2. Sonstige Fälle: 



Paranoia, Manisch-depressive 
Selbstmordtendenz 



45 
Dr. Franz Alexander 



London 

Die Gesamtzahl der während dieses Jahres untersuchten Patienten betrug 76 (45 m. t 
31 w.) gegenüber 98 im letzten und 98 im vorletzten Jahr. Davon waren 69 Erwachsene? 
(39 m.» 30 w.) und 7 Kinder (6 m., 1 w.). 



Korrespondenzblatt 



457 



Erwachsene. Die 69 Erwachsenen wurden wie folgt aufgeteilt: 

M 

Beraten 30 16 

Zur Behandlung empfohlen 39 23 

davon: in Behandlung genommen 9 4 

vorgemerkt 30 19 



W 
14 
16 
5 
11 



Diagnose: Für die 39 zur Behandlung empfohlenen Patienten ergaben sich folgende 
provisorische Diagnosen, die nach Beginn der Behandlung einer Revision unterzogen 
wurden : 



Angsthysterie 

Konversionshysterie 

Stottern 

Zwangsneurose 

Neurotischer Charakter 

Neurasthenie 

Charakterstörungen 

Charakterhemmungen 

Hemmungen 

Arbeitshemmungen 

Sexualhemmungen 

Fetischismus 

Impotenz 

Manisch^Depressive 

Ejaculatio praecox 

Epilepsie 

Kriminelle 

Homosexualität 



15 
4 
1 
2 
1 
2 
1 
1 
1 
1 
1 
1 
1 
2 
2 
1 
1 
1 



Kinder. Die 7 Kinder wurden wie folgt aufgeteilt: 
Zur Behandlung empfohlen 7 

In Behandlung genommen 1 

Vorgemerkt 6 



M 

6 
1 
1 
1 
1 
2 
1 



1 

1 
1 
1 
1 
2 
1 
1 
1 



9 
3 



Diagnose : 

Angsthysterie 2 11 

Phobie .11 — 

Bettnässen 11 — 

Sprechhemmungen 11 — 

Konvulsionen 11 — 

Dementia praecox 1 1 — 

Warteliste: Die Zahl der vorgemerkten Personen betrug am Ende des Jahres 92, 
davon 72 Erwachsene und 20 Kinder. 

In Behandlung: Gegenwärtig stehen 5S Fälle in Behandlung. 

Dr. Edward Glover 

Paris 

Im April 1936 wurde unserem Institut eine Poliklinik angeschlossen, die von den 
Drs. Leuba und Cenac geleitet wird. Die beiden Leiter halten jeden Donnerstag abwech* 



458 



Korrespondenzblatt 



selnd im Institut Sprechstunden für die Ambulanzpatienten ab. Diese werden von den 
verschiedenen Pariser Spitälern zugewiesen. Sit werden nach Maßgabe der verfügbaren 
Zeit und entsprechend der Eignung und den besonderen Interessen der Analytiker auf die 
verschiedenen ausübenden Analytiker unserer Gruppe verteilt. Die Behandlungen finden 
entweder am Institut oder in den anderen Spitälern oder in der Ordination des Analytikers 
statt. Die Zahl der seit Gründung der Polyklinik behandelten Kranken beträgt 12 und zwar 
5 Frauen (3 davon wegen Frigidität, 1 wegen Hysterie und 1 wegen Hypochondrie) und 
7 Männer (4 wegen Zwangsneurose, 1 wegen Impotenz, 1 wegen Angstneurose und 
1 wegen Hysterie mit phobischen Erscheinungen). 

Marie Bonaparte 

Wien 

Insgesamt wurden im Ambulatorium während desBerichtsjahres 271 Fälle (147 Männer, 
124 Frauen) behandelt. 

M W 

Nur beraten 82 74 

Zur Behandlung bestimmt 53 33 

Zur Behandlung zugeteilt 12 17 

Auf Warteliste 41 16 



Diagnosen (vorläufig) 



Konversionshysterie 


— 


12 


Phobien und Angstneurosen 


8 


12 


Zwangsneurosen 


3 


6 


Sexuelle Störungen 


45 


19 


Arbeitsstörungen 


4 


3 


Charakterstörungen 


3 


3 


Befargenheitsneurose 


10 


4 


Unklare neurot. Beschw., aktuelle Konflikte 


6 


6 


Traumatische Neurosen 


1 


— 


Organneurosen 


14 


3 


Erythrophobie 


3 


2 


Perversionen 


2 


1 


Homosexualität 


7 


— 


Psychopathien 


9 


11 


Depressionen 


5 


15 


Melancholie 


2 


9 


Schizophrenie . 


6 


5 


Paranoia 


2 


3 


Epilepsie 


1 


1 


Organische Störungen 


6 


4 


Hypochondrie 


10 


5 



147 
Am 31. Dezember 1936 standen 36 Fälle in Behandlung. 






124 



Dr. Otto Isakower 
















THE 




THE 






PSYCHOANALYTIC 




INTERNATIONAL 






QUARTERLY 




JOURNAL OF 






Sixth year of piiblication 




PSYCHO-ANALYSIS 






THE QUARTERLY 










is devoted to original contributions 




Directed by 






in the field of theoretical, clinical and 








applied psychoanalysis, and is 




SIGM. FREUD 






published four times a year. 










The Editorial Board of the QUAR- 




Edited by 






TERLY consists of Drs. . Bertram 








D. Lewin, Gregory ZUboorg, Henry 




ERNEST JONES 






Alden Bunker, Jr., Raymond Gosselin, 










Lawrence S. Kubie, Monroe A.Meyer 










and Carl Binger. 










CONTENTS FOR APRIL 1917: 




This Journal is issued quarterly. 






Erik Homburger: Configuraüons in Play. — 
Clinical Notes. — Helene Deutsch: Don Qui- 




Besides Original Papers, Abstracts 






xote and Don Quixotism. — Lawrence S.K ubie: 
Resolution of a Traffic Phobia in Conversations 




and Reviews, it contains the 






Between a Father and Son. — J. F. Brown: 




Bulletin of the International 






Psychoanalysis, Topological Psychology and 










Experimental Psychopathology. — I. F. Grant 
Duff: A One-Sided Sketch of Jonathan Swift. 




Psycho - Analytical Association, 






— Book Reviews. — Current Psychoanalytic 
Literat ure, — Notes. 




of which it is the Official Organ. 






Editorial Communications should be 










sent to the M anaging Editor, Room 




Editorial Communications should be 






1404, ff West jy th Street, Neiv York, 




sent to Dr. Ernest Jones, 81 Harley 






N. Y. 




Street, London, W, 1. 






Foreign subscription price is ,$ 6,5 0. 




The Annual Subscription is 50s per 






A limited number of back copies are 




volume of four parts. 






available; volumes in original binding 










S 7JO. 




The Journal is obtainable by sub- 
scription only, the parts not being 






Business correspondence should he sent 




sold separately. 






to : 




Business correspondence should be 






THE PSYCHOANALYTIC 




addressed to the publishers, Balliere, 






QUARTERLY PRESS 




Tindall & Cox, 8 Henrietta Street, 






372-374 BROADWAY, ALBANY, 




Covent Garden, London, W. C. 2., 






NEW YORK 




who can also supply back volumes. 













Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Band XXIII, Heft 3 

(Ausgegeben im September 1957) 
INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 
Otto Fenicheh Der Begriff „Trauma" in der heutigen psychoanalytischen 

Neurosenlehre • 539 

Fritz Witteis: Die libidinöse Struktur des kriminellen Psychopathen . . 360 
Anny Katan- Angel: Die Rolle der „Verschiebung 1 bei der Straßenangst . . 376 
Eduard Hitschmann : Bemerkungen über Platzangst und andere neurotische Angst- 
zustände 393 

Edith Jacobssohn: Wege der weiblichen Über-Ich-Bildung , 402 

KLINISCHE BEITRÄGE 

Michael Bdlint: Ein Fall von Fetischismus » 413 

A, Kielholz: Zur Begutachtung eines Falles von Päderosis . .... 415 

Robert P. Knight: Zur Dynamik und Therapie des chronischen Alkoholismus 429 

REFERATE 

Aus der Literatur der Grenzgebiete 

Speijer: Rijdrage tot de kennis van de energetisch-psychologische grondslagen van den Zelfmoord 

(Katan) 443. 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

Bersot: Die Fürsorge für die Gemüts- und Geisteskranken in der Schweiz (Grotjahn) 444. — Die 
Grundlagen des Wesens und des Betragens des Menschen (Dorsey) 444. — Weygandt: Der jugendliche 
Schwachsinn (Grotjahn) 446, 

Aus der psychoanalytischen Literatur 

Brierley: Specific Determinants in Feminine Development (Fenichel) 446. — Cochraner „A Little 
Widow is a Dangerous Thing" (Fenichel) 449. — Feigenbaum: On Projection (Fenichel) 449. — 
Hendrick: Ego Development and Certain Character Problems (Fenichel) 450. — Jeffreys: The Uncon- 
scious Significance of Numbers (Fenichel) 450. — Laforgue: A Contribution to the Study of Schizo- 
phrenia (Fenichel) 451. — Levin: The Activation of a Repressed Impulse under Apparently Paradoxical 
Circumstances (Fenichel) 451. — Riviere: A Contribution to the Analysis of the Negative Therapeutic 
Reaction (Fenichel) 451. 

KORRESPONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 
Tätigkeitsberichte der psychoanalytischen Ambulatorien 1956 453. 



Preis des Heftes Mark 7.50. Jahresabonnement Mark 28.— 

Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 600 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXII. Band (1956), sowie zu allen 
früheren Jahrgängen: in Leinen Mark 2.50, in Halbleder Mark 5. — 

Eigentümer und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien IX, Berggassc 7 
Herausgeber: Prof. Dr. Sigm. Freud, Wien, — Verantwortlich für die Redaktion: Dr. Edward Bibring, Wien VII, Siebensterngasse 31 

Druckt Jakob Weiß, Wien II, Große Sperlgasse 40 
Printed in Austria 




Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Band XXIII, Heft 3 



(Ausgegeben im September 1937) 

INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 
Der Begriff „Trauma" in der heutigen psychoanalytischen 

Neurosenlehre 339 

Die libidinöse Struktur des kriminellen Psychopathen . . 360 
Die Rolle der „Verschiebung 14 bei der Straßenangst . . 376 
Bemerkungen über Platzangst und andere neurotische Angst- 
zustände • 393 

Wege der weiblichen Über-Ich-Bildung .... ... 402 

Ein Fall von Fetischismus 413 

Zur Begutachtung eines Falles von Päderosis . ■ . . - 415 

Zur Dynamik und Therapie des chronischen Alkoholismus 429 



Otto Fenicheh 

Fritz Witteh; 
Anny Katari- Angel: 
Eduard Hitschmann: 

Edith Jacobssohn: 

KLINISCHE BEITRÄGE 

Michael Bdiint: 
A. Kiel holz: 
Robert P. Knight: 



REFERATE 

Aus der Literatur der Grenzgebiete 

Speijer: Bijdrage tot de kennis van de energetisch-psychologische grondslagen van den Zelfmoord 

(Kutan) 445. 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

Bersot: Die Fürsorge für die Gemüts- und Geisteskranken in der Schweiz (Grotjakn) 444. — Die 
Grundlagen des Wesens und des Betragens des Menschen (Dorsey) 444. — Weygandt: Der jugendliche 
Schwachsinn (Grotjahn) 446. 

Aus der psychoanalytischen Literatur 

Brierley: Specific Determinants in Feminine Development (Fenichel) 446. — Gochrane: „A Little 
Widow is a Dangerous Thing" (Fenichel) 449. — Feigenbaum: On Projection (Fenichel) 449. — 
Hendrick: Ego Development and Certain Character Problems (Fenichel) 450. — Jeffreys: The Uncon- 
scious Significance of Numbers (Fenichel) 450. — Lafprgue: A Contribution to the Study of Schizo- 
phrenia (Fenichel) 451. — Levin: The Activation of a Repressed Impulse under Apparently Paradoxical 
Circumstances (Fenichel) 451. — Kiviere: A Contribution to the Analysis of the Negative Therapeutic 
Reaction (Fenichel) 451. 

KORRESPONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 
Tätigkeitsberichte der psychoanalytischen Ambulatorien 1936 453. 



Preis des Heftes Mark 7.50. Jahresabonnement Mark 28.— 

Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 600 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXII. Band (1936), sowie zu allen 
früheren Jahrgängen: in Leinen Mark 2.50, in Halbleder Mark 5. — 



M r- , Elge u t " m 1 ? r ™ nd Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien IX, Berggasse 7 

Herausgeber: Frot. Dr. Signa. Freud, Wien. -- Verantwortlich für die Redaktion: Dr. Edward Bibring, Wien VlI,Siebensterngasse 31 

Druck: Jakob Weiß, Wien II, Große Sperlgasse 40 
Printed in Austria 



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XXIII. Band 



1937 



Heft 3 



Internationale Zeitschritt 
für Psychoanalyse 



Offizielles Or S an der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Herausgegeben von 

Sigm* Freud 



Felix Boehm 

Berlin 

Lewis B Hill 

Baltimore 

Kiyoyasu Marui 

Sendai 



G. Böse 

Kalkutta 

S. Holl6s 

Budapest 

F. P. Muller 

Leiden 



Unter Mitwirkung von 

M. Eitingon J. E. G. van Emden Thomas M. French 



Jerusalem 

Ernest Jones 

London 

M. W, Peck 

Boston 



Harald Schjelderup 

Oslo 



Alfhild Tamm 

Stockholm 



Haag 

J. W. Kannabich 

Moskau 

Edouard Pichon 

Paris 

Edoardo Weiss 

Rom 



Chicago 

Bertram D. Lewin 

New York 

Philipp Sarasin 

Basel 

Y. K. Yabe 

Tokio 



redigiert von 
Edward Bibring Heinz Hartmann 



Wien 



Wien 



Otto Fenichel . 



.... Der Begriff „Trauma" in der heutigen psycho* 
analytischen Neurosenlehre 

Fritz Witteis Die libidinöse Struktur des kriminellen Psycho* 

pathen 
Anny Katan* Angel ... Die Rolle der „Verschiebung" bei der Straßen* 

angst 
Eduard Hitschmann . . Bemerkungen über Platzangst und andere 

neurotische Angstzustände 
Edith Jacobssohn .... Wege der weiblichen Über*Ich*Bildung 

Michael Bälint Ein Beitrag zum Fetischismus 

A. Kielholz Zur Begutachtung eines Falles von Päderosis 

Robert P. Knight .... Zur Dynamik und Therapie des chronischen 

Alkoholismus 



Referate